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In der Reihe der Ullstein Bücher: Ullstein Buch Nr. 3073 Science-Fiction-Stories im Verlag Ullstein GmbH, Band 1 bis Band 40 Frankfurt/M – Berlin – Wien Titel der Originalausgabe: Science-Fiction-Romane »Brain Twister« aka Poul Anderson: »That Sweet Little Old Lady« (1959) Feind aus dem All (2990) Randall Garrett & Laurence M. Janifer Die fremden Sterne (3047) Fredric Brown: Aus dem Amerikanischen Sternfieber (2925) von Otto Kuehn Samuel R. Delaney: Sklaven der Flamme (2828) Umschlagillustration: Fawcett Cyril Judd: Übersetzung © 1974 Die Rebellion des Schützen Cade (2839) by Verlag Ullstein G...
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In der Reihe der Ullstein Bücher: Ullstein Buch Nr. 3073 Science-Fiction-Stories im Verlag Ullstein GmbH, Band 1 bis Band 40 Frankfurt/M – Berlin – Wien Titel der Originalausgabe: Science-Fiction-Romane »Brain Twister« aka Poul Anderson: »That Sweet Little Old Lady« (1959) Feind aus dem All (2990) Randall Garrett & Laurence M. Janifer Die fremden Sterne (3047) Fredric Brown: Aus dem Amerikanischen Sternfieber (2925) von Otto Kuehn Samuel R. Delaney: Sklaven der Flamme (2828) Umschlagillustration: Fawcett Cyril Judd: Übersetzung © 1974 Die Rebellion des Schützen Cade (2839) by Verlag Ullstein GmbH, Murray Leinster: Frankfurt/M – Berlin – Wien Die Irrfahrten der »Spindrift« (2917) Printed in Germany 1974 Im Reich der Giganten (2937) Scan by Brrazo 05/2006 C. C. MacApp: Gesamtherstellung: Söldner einer toten Welt (2968) Augsburger Druck- und Larry Maddock: Verlagshaus GmbH Gefangener in Raum und Zeit (2857) ISBN 3 548 03073 4 Andre Norton: Geheimnis des Dschungel-Planeten (3013) H. Beam Piper: Null-ABC (2888) Eric Frank Russell: Planet der Verbannten (2849) Gedanken-Vampire (2906) Der Stich der Wespe (2965) So gut wie tot (3007) Vergangenheit mal 2 (3055) James H. Schmitz: Dämonenbrut (3022) Das Psi-Spiel (3061) Richard S. Shaver: Zauberbann der Venus (2944) Bart Somers: Zeitbombe Galaxis (2872) Welten am Abgrund (2893) L. Sprague de Camp: Vorgriff auf die Vergangenheit (2931) Der Turm von Zanid (2952) Der Raub von Zeï (2977) Die Rettung von Zeï (3000) Thalia – Gefangene des Olymp (3038) Jeff Sutton: Die tausend Augen des Krado 1 (2812) Sprungbrett ins Weltall (2865) Wilson Tucker: Die letzten der Unsterblichen (2959) Die Unheilbaren (2981) Geheimwaffe Mensch (3030) Manly W. Wellman: Insel der Tyrannen (2876) Invasion von der Eiswelt (2898) Robert Moore Williams: Zukunft in falschen Händen (2882),

Mark Phillips Die Lady

mit dem 6.

Sinn

SCIENCE-FICTION- Roman Herausgegeben von Walter Spiegl ein Ullstein Buch, Schon während Kenneth J. Malone sich im Bett her- umwälzte und aufstand, fragte er sich, was der Tag bringen würde. Eines war absolut sicher. Er würde entsetzlich werden. Wie immer. Es gelang ihm nur mit Mühe, auf den Beinen zu bleiben, und er schwankte, als er quer durch den Raum zum Spiegel ging, um sich wie jeden Morgen zu betrachten. Sich als erstes am Morgen gleich ins Gesicht sehen zu müssen, machte ihm wenig Freude, aber er sagte sich, daß jeder FBI-Agent diese Proze- dur durchmachen mußte. Man muß den Widerwär- tigkeiten dieses Lebens ins Gesicht sehen können, tröstete er sich selbst, und das noch vor dem Früh- stück. Er blinzelte mit den Augen, als er in den Spie- gel starrte. Sein Spiegelbild blinzelte ihn an. Er versuchte zu lächeln. Schauderhaft, dachte er – aber das lag sicherlich an der leicht gewellten Glas- oberfläche, die alles verzerrte. Malones Gesicht sah nämlich so aus, als hätte er damit die ganze Nacht auf dem Waffeleisen gelegen. Außerdem war es noch sehr früh am Morgen, und um diese Zeit fiel es schwer, den Blick zu konzen- trieren. Er versuchte sich an die vorangegangene Nacht zu erinnern. Es war sein letzter Urlaubstag gewesen,, und ihm fiel ein, daß er ihn gebührend gefeiert hatte, in der Gesellschaft von zwei – oder waren es drei? – ausgesucht hübschen weiblichen Wesen, die ihm ganz zufällig in der Stadt über den Weg gelaufen wa- ren. Die Stadt hieß Washington und war noch immer die Hauptstadt des Landes der Freien und Aufrech- ten. Laut Statistik kamen hier auf einen Mann fünf- einhalb Frauen. Er hatte sein Soll also nicht ganz er- füllt. Aber es war die klassische Party gewesen, mit allem, was dazugehörte, und natürlich sehr, sehr viel Alkohol. Malone mußte zugeben, daß nicht das Spiegelglas Fehler hatte, sondern daß dieser Fehler irgendwo in seinem Gehirn stecken mußte. Trüben Blickes starrte er in sein unrasiertes Gesicht. Unmöglich, dachte er, niemand konnte so entsetz- lich aussehen wie sich Kenneth J. Malone in diesem Augenblick selbst sah. Etwas Schlimmeres konnte es gar nicht geben. Er ignorierte die leise, aber desto drängendere Stimme, die ihn immer wieder fragte: »Warum denn nicht?« und kehrte dem Spiegel den Rücken, um nach seinen Kleidungsstücken zu suchen. Er wollte sich Zeit lassen, um sich fürs Büro zu rüsten, denn schließlich konnte ihm niemand einen Vorwurf ma- chen, wenn er am ersten Tag nach dem Urlaub zu spät zum Dienst erschien. Schließlich wußte jeder, wie kräfteverzehrend so ein Urlaub sein konnte., Und außerdem: Was konnte schon groß passiert sein? In letzter Zeit er erinnerte sich nur zu gern dar- an, war es ohnehin sehr ruhig gewesen. Die Böse- wichte schienen die Lust am Verbrechen verloren zu haben, und vielleicht würde er Gelegenheit haben, sein technisches Wissen etwas aufzufrischen oder auf dem Schießstand Pistolenschießen zu üben. Als er sich das Krachen der Schüsse vorstellte, merkte er plötzlich, wie sehr sein Kopf schmerzte. Mindestens fünfzig Gartenzwerge schienen sein Ge- hirn mit kleinen Hämmern zu bearbeiten oder damit beschäftigt zu sein, Löcher zu graben. »Ihr werdet nichts finden«, sagte Malone. »Also gebt’s doch auf.« Aber die Gartenzwerge arbeiteten wie besessen weiter. Er schloß die Augen und versuchte sich zu entspannen. Die Zwerge hatten kein Verständnis da- für. Jetzt begannen sie auch noch an den Nerven- strängen zu zerren. Es gab Leute, hatte man Malone erzählt, die spran- gen morgens mit einem Satz aus dem Bett und be- grüßten den jungen Tag mit einem fröhlichen Lä- cheln. Er hielt das für unmöglich, aber andererseits gab es auch eine ganze Menge unmöglicher Leute. Malone versuchte seine rotierenden Gedanken zu bremsen, öffnete die Augen, zuckte zusammen und begann sich anzuziehen. Wenigstens würde er im Büro Ruhe haben, dachte er., Sekunden später erschreckte ihn das widerliche Summen der Sprechanlage: »Der Teufel soll dich holen!« wünschte er dem Gerät, aber das Summen ging weiter, obwohl die Sperre eingeschaltet war. Das bedeutete, das es ein dringender Anruf von der Dienststelle war, vielleicht sogar von seinem Chef. Unter Umständen sogar von jemand, der über seinem Chef stand. »Ich habe mich ja noch gar nicht verspätet«, maul- te Malone. »Es wird sich nicht vermeiden lassen, aber noch ist es nicht so weit. Also wozu das Thea- ter?« Es gab natürlich eine Möglichkeit, das zu erfahren. Mühsam schleppte er sich durch das Zimmer, schnippte den kleinen Hebel herum und sagte: »Ma- lone.« Im stillen fragte er sich, ob es auch stimmte. Es schien ihm, als wäre er gar nicht vorhanden. We- der hier noch sonst wo. Eine blechern klingende Stimme drang aus dem Lautsprecher: »Malone, kommen Sie sofort her!« Die Stimme gehörte Andrew J. Burris. Malone seufzte aus tiefstem Herzen und dankte zum wieder- holten Male seinem Schöpfer, der ihm eingegeben hatte, auf das Monitor-Zusatzgerät zu verzichten, sonst hätte sein Chef ihn jetzt in diesem grauenerre- genden Zustand sehen können. So etwas gehört ein- fach nicht mit zum Dienst. »Ich ziehe mich gerade an«, sagte er ins Mikro-, phon. »Ich bin in –« »Kommen Sie, wie Sie sind«, sagte Burris. »Die Sache ist eilig.« »Aber Chef –« »Und nennen Sie mich nicht Chef!« »Okay«, sagte Malone. »Dann wollen Sie also, daß ich im Adamskostüm angetrabt komme?« »Ich möchte, daß Sie –« Burris brach ab. »Na schön, Malone. Wenn Sie unbedingt kostbare Zeit verplempern wollen, während Ihr Vaterland vor die Hunde geht, dann machen Sie ruhig weiter. Ziehen Sie sich gemächlich an. Wenn ich sage, es ist drin- gend, dann –« »Dann ziehe ich mich eben nicht an,« entgegnete Malone. »Wie Sie wünschen.« »Tun Sie doch endlich etwas!« rief Burris ver- zweifelt. »Ihr Vaterland ruft Sie zu den Fahnen. Kommen Sie im Pyjama, wenn’s nicht anders geht. Malone, wir stecken in einer Krise.« Sich mit Burris zu unterhalten, überlegte Malone, war noch nie einfach gewesen. »Ich bin gleich dort«, sagte er. »Ausgezeichnet«, entgegnete Burris, dann zögerte er. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Malone, haben Sie wirklich gar nichts an?« »Nein, ich schlafe immer so.« »Dann ziehen Sie sich in Gottes Namen an, aber machen Sie schnell. Ich möchte nicht, daß einer mei-, ner Männer als Exhibitionist aufgegriffen wird.« Und mit diesen Worten schaltete er ab. Malone stierte fast eine Minute lang auf das Gerät, bevor auch er abschaltete. Er achtete nicht länger auf die Gartenzwerge unter seiner Schädeldecke und zog sich an. Krise hin, Vaterland her, wenn er nicht an- ständig angezogen war, würde er nie ein Taxi be- kommen. »Sie können überall herumschwirren«, rief Andrew J. Burris. Erbitterung und Angst stritten sich auf sei- nem Gesicht. »Sie können hinter unserem Rücken ihr Unwesen treiben. Und wie wir sie fassen sollen, weiß der liebe Gott.« Er stieß seinen Stuhl zurück und stand hinter sei- nem Schreibtisch auf. Burris war klein und dick, hatte wasserblaue Augen und große Hände. Er ging zum Fenster, blickte hinaus auf Washington und kam wie- der zurück. Der Büroklatsch wollte wissen, er sei nur aus Pietätsgründen zum FBI-Direktor ernannt worden, weil in seinem Namen – wie bei dem seligen J. Edgar Hoover – zufällig ein »J« vorkam. Im Falle Burris bedeutete das »J« allerdings die Abkürzung von Je- remias. Und im Augenblick klang seine Stimme mindestens so kläglich wie sämtliche Klagelieder des alttestamentarischen Propheten gleichen Namens., »Wir sind hilflos«, behauptete er und sah den jun- gen Mann mit dem kurzgeschnittenen braunen Haar an, der vor dem Schreibtisch saß. »Ganz und gar hilf- los sind wir.« Kenneth Malone versuchte, sein Gesicht in beru- higende Falten zu legen. »Sie brauchen mir nur zu sagen, welche Sache ich für Sie anpacken soll, Chef«, meinte er. »Sie sind ein tüchtiger Agent, Kenneth«, lobte Burris. »Sie gehören zu meinen besten Leuten. Des- halb hat man auch auf Sie zurückgegriffen. Ich selber habe Sie ausgesucht. Sie können mir glauben, daß so etwas wie diese Sache noch nicht dagewesen ist.« »Ich werde mein Bestes tun«, versicherte Malone aufs Geratewohl. »Das weiß ich«, sagte Burris. »Und wenn jemand diese Nuß knacken kann, Malone, dann sind Sie es. Mir will nur nicht in den Kopf, daß die ganze Ge- schichte so restlos unmöglich klingt. Unsere ewigen Konferenzen haben daran kein bißchen geändert.« »Konferenzen?« wiederholte Malone. Er wünsch- te, der Chef würde langsam zur Sache kommen. Ganz egal, zu welcher Sache. Er setzte sein sanfte- stes Lächeln auf und gab sich alle Mühe, fähig zu wirken und beruhigend dreinzuschauen. Die Miene des Chefs veränderte sich nicht. »Was ist? Lachen wir vielleicht?« »Nein, Sir«, sagte Malone., »Kann ich Ihre Gedanken lesen?« Malone zögerte. Schließlich sagte er: »Meines Wissens nicht, Sir.« »Eben«, schnappte Burris. »Niemand kann Gedan- ken lesen. Da haben Sie die Nuß, die Sie knacken sollen, und jetzt versuchen Sie sich daran.« Diesmal dauerte die Stille länger. Dann fragte Ma- lone: »Worum geht es, Chef?« »Um Gedankenlesen«, sagte Burris. »Auf unserem Versuchsgelände in Nevada verbirgt sich ein Spion, Kenneth. Und dieser Spion ist ein Telepath.« Die Bildaufzeichungen waren klar und sehr ausführ- lich. Es waren sehr viele Bänder, und es wurde ein langer Tag und ein langer Abend. Nach neun Uhr sagte sich Kenneth Malone, daß er genug hatte. Er entschloß sich, eine Pause einzulegen und frische Luft zu schnappen. Es gab in Washington immer noch ein paar Straßenzüge, wo man nachts allein und unbehelligt Spazierengehen konnte, und Malone ging gern zu Fuß. Manchmal behauptete er, und redete sich das auch selbst ein, daß er beim Spazierengehen am besten nachdenken könne. Er wußte allerdings, daß dies nicht stimmte. Seine besten Einfalle bekam er immer, wenn die Situation es erforderte, und sie schienen dann aus dem Nichts heraus zu kommen. Reine Glücksache. Und Malone schien das Glück gepachtet zu haben. Seine Kollegen glaubten ihm das, nicht. Seine Erfolge, selbst bei einer Behörde wie das FBI es war, waren einfach zu aufsehenerregend, und selbst Burris, sein Chef, hielt ihn für einen Wunder- knaben. Malone ließ ihn in diesem Glauben. Was hätte er auch anderes tun können. Er hatte das Pensionsalter noch lange nicht erreicht, und außerdem machte es Spaß und war aufregend, für das FBI zu arbeiten. Da konnte man Dienstreisen unternehmen und kam überall herum, und so was war doch interessant. Die Bezahlung war übrigens auch nicht schlecht. Das Kreuz war nur, daß, sofern er nicht seinen Abschied einreichte, er nach einem Telepathen su- chen mußte. Ein Spion mit telepathischer Begabung, diese Vorstellung benagte Malone überhaupt nicht. Daß es Telepathie geben konnte, damit hatte er sich inzwischen abgefunden, im Gegensatz zu vielen Normalbürgern, denn in seinem Beruf begegneten ihm Dinge, von denen andere verschont blieben. Und die Wissenschaft machte täglich Fortschritte, von denen die wenigsten sich etwas träumen ließen. Aber die Tatsache, daß man einen Telepathie- Detektor entwickelt hatte, stand im krassen Gegen- satz zu seinen Vorstellungen von Anstand und Wür- de. Aus war es mit der Intimsphäre. Und so etwas war einfach unanständig. Gab es denn im Leben ei- nes Menschen überhaupt nichts mehr Unantastbares, überlegte er aufgebracht., Er blieb stehen und hob den Blick. Er befand sich auf der Pennsylvania Avenue. Etwas weiter vorn lag das Weiße Haus. In dieser Richtung wollte er nicht weitergehen. An der nächsten Ecke verließ er die Pennsylvania Ave- nue. Was hätte er schon mit dem Präsidenten bespre- chen sollen? Nichts, zumindest jetzt noch nicht. Es herrschte so gut wie kein Verkehr. Fußgänger waren um diese Zeit ohnehin selten. Ich habe meine besten Einfalle, während ich spazieren gehe, überleg- te Malone. Aber die Muse ließ ihn ungeküßt. Nach einer Weile begann er, über die Ampex-Aufzeich- nungen nachzudenken. Das erste Band hatte eine Aufzeichnung erhalten, nach welchem Prinzip der Telepathie-Detektor funk- tionierte. Malone hatte die Aufzeichnung noch deut- lich vor Augen. Sein Gedächtnis war schon immer bemerkenswert gut gewesen. Burris hatte die Sitzung eröffnet und mit kühler, sachlicher Stimme das Aktenzeichen genannt. Sein Gesicht wirkte ausdruckslos. Er glich genau dem FBI-Direktor, den die Leute gewöhnt waren, auf den Fernsehschirmen zu sehen. Malone überlegte, was wohl bis zu dem Zeitpunkt in ihm vorgegangen war, an dem er ihn hatte rufen lassen. Monoton und schnell rasselte Burris die Eingangs- floskel herunter. »Alle unbefugten Personen und, Agenten haben dieses Protokoll sofort abzuschalten. Zuwiderhandlungen werden strafgesetzlich geahn- det.« Er blickte nach links und stellte vor. »Dr. Tho- mas O’Connor von den Westinghouse Laboratorien. Würden Sie bitte vor die Kamera treten, Dr. O’Connor?« Der Wissenschaftler kam langsam in das erleuch- tete Schirmrechteck geschritten und blickte sich um. »Ich finde das äußerst fesselnd«, sagte er und blin- zelte in das Scheinwerferlicht. »Ich wußte gar nicht, daß Sie so strikte Vorschriften haben.« Er mochte zwischen fünfzig und sechzig sein, war groß und hager und wirkte mit seiner fast durchsich- tigen Haut wie eine wandelnde Röntgenaufnahme. Er hatte blaßblaue Augen und fahles weißes Haar. Wenn je ein Wettbewerb für das bestaussehende Ge- spenst ausgeschrieben werden sollte, dachte Malone, dann würde Dr. Thomas O’Connor ihn im Schlaf gewinnen. »Die nationale Sicherheit machen sie erforder- lich«, entgegnete Burris streng. »Oh, darüber bin ich mir natürlich klar«, sagte Dr. O’Connor schnell. »Ich zweifle nicht daran. Keines- wegs.« »Dann können wir beginnen?« fragte Burris. O’Connor nickte. »Gewiß.« »Nun denn«, sagte Burris und hielt einen Augen- blick inne. Dann begann er von neuem. »Also, Dr., O’Connor, würden Sie uns bitte die Wirkungsweise des Gerätes kurz umreißen?« »Selbstverständlich«, sagte Dr. O’Connor. Er lä- chelte in die Kamera und räusperte sich: »Wie ich annehme, legen Sie dabei keinen Wert auf eine ge- naue Erläuterung der technischen Vorgänge.« »Nein«, wehrte Burris ab. Es klang, als hätte er gesagt ›Um Himmelswillen‹. »Keinesfalls. Uns in- teressieren nur die Resultate.« »Ähem«, begann er, »sehr vereinfacht ausge- drückt, zeigt das Gerät an, ob die gedanklichen … ähem … Prozesse eines Menschen von äußeren … von außen her beeinflußt werden.« Wieder lächelte er leicht in die Kamera. »Wenn Sie gestatten, werde ich das an Hand des Gerätes selbst vorführen.« Er verschwand aus der Reichweite des Kameraob- jektivs. Als er zurückkehrte, schob er eine große, schwere Kiste vor sich her. Drähte und alle mögli- chen Anhängsel baumelten von der Metallverklei- dung herab. Ein langes Kabel führte von der Kiste aus über den Boden. »Ähem«, sagte Dr. O’Connor. Scheinbar aufs Gera- tewohl hob er eine Leitung hoch. »Diese Elektrode …« »Einen Augenblick noch, Doktor«, mischte sich Burris ein. Er beäugte die Kiste mit einer Mischung aus Argwohn und Ehrfurcht. »Sie sprachen gerade von äußerer Beeinflussung. Was wollten Sie damit ausdrücken?«, Bedauernd ließ O’Connor die Leitung fallen. »Ich meinte damit Telepathie«, sagte er. »Äußere Einflüs- se, die direkt auf den Geist einwirken, wie beispiels- weise Telepathie oder Gedankenlesen.« »Ich verstehe«, meinte Burris. »Sie können mit diesem Gerät einen Telepathen aufspüren.« »Ich fürchte …« »Auf jeden Fall eine Art Gedankenleser«, unter- brach Burris ungeduldig. »Wir wollen uns nicht in Wortklaubereien verlieren.« »Nein, gewiß nicht«, nickte Dr. O’Connor. Das Lächeln, mit dem er Burris bedachte, war so kalt und leer wie eine unbemannte Raumsonde. »Was ich sa- gen wollte, war – wenn Sie mir gestatten, fortzufah- ren –, daß es uns nicht möglich ist, mit diesem Gerät einen Telepathen oder Gedankenleser zu entdecken. Offengestanden wünschte ich mir, wir könnten das; es würde unsere Schwierigkeiten wesentlich verklei- nern. Die Gesetze, denen die außersinnliche Wahr- nehmung folgt, scheinen diesem Bemühen jedoch einen Riegel vorzuschieben.« »Aber was bewirkt das Gerät denn dann?« fragte Burris. Seine Züge verrieten seine Verwirrung. Flüchtig bedauerte Malone seinen Chef. Er konnte sich noch recht gut erinnern, wie hilflos er selber da- gesessen hatte, wenn einer der Professoren an der Universität ihn mit einer besonders verzwickten Fra- ge piesackte., »Dieses Gerät«, dozierte O’Connor würdevoll, »entdeckt die geringen Veränderungen, die in der geistigen Tätigkeit eintreten, wenn die Gedanken ei- nes Menschen gelesen werden.« »Wenn also jemand gerade jetzt meine Gedanken lesen würde …« »Nicht gerade jetzt«, widersprach O’Connor. »Die Hauptmasse des Zubehörs befindet sich in Nevada; die gesamte Maschine ist zu schwer und zu empfind- lich, um transportiert zu werden. Außerdem …« »Ich meinte rein theoretisch«, unterbrach Burris. »Rein theoretisch«, lächelte Dr. O’Connor, »wür- de das Gerät feststellen, wenn jemand Ihre Gedanken liest, vorausgesetzt, es ist funktionsfähig und alle weiteren Vorbedingungen sind erfüllt. Sehen Sie, Mr. Burris, ein Mensch kann ein noch so schlechter Telepath sein, aber er besitzt trotzdem immer die Fä- higkeit – allerdings sehr schwach ausgebildet –, zu entdecken, daß seine Gedanken belauscht werden.« »Meinen Sie damit etwa, ich würde merken, wenn jemand meine Gedanken zu lesen versuchte?« ver- gewisserte sich Burris. Seine Züge verrieten, daß er O’Connor ganz offensichtlich nicht glaubte. »Sie würden es merken«, erwiderte Dr. O’Connor. »Aber es würde Ihnen nicht zu Bewußtsein kommen, daß Sie es bemerkt haben. Um Ihnen das näher zu erläutern: Jeder normale Mensch, etwa Sie oder so- gar ich selbst, verspürt eine leichte, fast unbewußte, Gereiztheit, wenn seine Gedanken gelesen werden. Diese Gereiztheit wird er wahrscheinlich auf irgend- welche Sorgen zurückführen, die ihn bedrücken. Ein Arzt könnte Schwankungen im hormonalen Gleich- gewicht vermuten. Unter hormonalem Gleichge- wicht, Mr. Burris, versteht man …« »Besten Dank«, sagte Burris mit deutlichen An- zeichen der erwähnten Gereiztheit. »Was Hormone sind, werde ich wohl noch wissen.« »Ähem. Schön«, meinte Dr. O’Connor gleichmü- tig. »Um aber fortzufahren: Die erwähnten Empfin- dungen werden von dem Gerät als Anzeichen dafür gedeutet, daß ein … ähem … ›Horcher‹ sich in den gedanklichen Prozeß eingeschaltet hat.« Die Anführungszeichen, mit denen Dr. O’Connor diesen unwissenschaftlichen Ausdruck versah, ließen sich fast greifen, dachte Malone. »Ich verstehe«, nickte Burris. Er sah enttäuscht drein. »Aber wieso entdeckt das Gerät keinen Tele- pathen? Haben Sie überhaupt jemals Versuche mit einem Telepathen durchgeführt?« »Natürlich haben wir das getan«, sagte O’Connor. »Wie hätten wir sonst Gewißheit erlangen sollen, daß das Gerät die Anwesenheit eines Telepathen verrät? Unsere theoretischen Kenntnisse über diese Fähig- keit sind noch nicht weit genug entwickelt, um uns in den Stand zu setzen …« »Ich begreife«, warf Burris hastig ein. »Einen, Moment bitte.« »Ja?« »Sie verfügen also über einen wirklichen Gedan- kenleser? Sie haben einen echten Telepathen gefun- den? Einen, der nicht versagt hat?« Dr. O’Connor schüttelte traurig den Kopf. »Ich fürchte, ich hätte vielleicht richtiger sagen sollen, daß wir bis vor kurzem einen Telepathen hatten, Mr. Burris«, gab er zu. »Leider war er schwachsinnig. Sein geistiges Alter lag, soweit wir feststellen konn- ten, zwischen fünf und sechs Jahren.« »Ein Schwachsinniger?« staunte Burris. »Aber wie war es Ihnen denn möglich …« »Er konnte das, was ein anderer dachte, Wort für Wort wiederholen«, sagte Dr. O’Connor. »Natürlich fehlte ihm gänzlich die Fähigkeit, die Bedeutung der Sätze zu begreifen. Er schwatzte einfach nach, was man dachte. Auf die Dauer konnte er einen damit aus der Fassung bringen.« »Kann ich mir vorstellen«, meinte Burris. »Er war also tatsächlich geistesschwach? Und es gab keine Aussicht …« »Ihn zu heilen?« ergänzte O’Connor. »Leider nein. Wir gelangten zu der Vermutung, daß er in seiner Kindheit einen geistigen Zusammenbruch erlitten hatte. Möglicherweise war er während seines ersten Lebensjahres noch normal. Aber wir konnten keine genauen Angaben darüber zusammentragen und uns, niemals endgültige Gewißheit verschaffen. Daß die Aussagen, die wir erzielten, sich widersprachen, ist weiter kein Wunder. Ein telepathisch begabter Schwachsinniger erscheint jedem normalen Erwach- senen so ungewöhnlich, daß er wahrscheinlich zö- gern würde, diese Begabung zuzugeben. Einen zwei- ten Telepathen haben wir noch nicht gefunden, und wir werden tatenlos abwarten müssen, bis uns der Zufall in die Hände spielt.« Burris seufzte. »Diese Schwierigkeit leuchtet mir ein«, sagte er. »Der Junge ist vor einem halben Jahr verschieden, als er gerade fünfzehn war. Er – gab auf und starb.« »Er gab auf?« »Eine bessere Erklärung konnte unsere medizini- sche Abteilung nicht liefern, Mr. Burris. Sein Le- benswille war verbraucht, und irgendein Organ setzte aus. Als er das Leben nicht mehr bewältigen konnte, gab er auf.« »Gut«, sagte Burris nach einer Weile. »Ihr Tele- path ist tot, und andere gibt es nicht. Oder falls es sie gibt, wissen Sie nicht, wie Sie sie finden sollen. So weit, so gut. Um aber wieder auf Ihr Gerät zurückzu- kommen: Es konnte die Befähigung des Jungen nicht nachweisen?« O’Connor schüttelte den Kopf. »Ich fürchte nein. Wir haben lange versucht, dieses Problem zu lösen, Mr. Burris, aber bis jetzt ist es uns nicht gelungen,, eine Methode zu entwickeln, um Telepathen tatsäch- lich aufzuspüren.« »Somit können Sie nur feststellen …« »Ja«, sagte Dr. O’Connor. »Wir können die Tatsa- che feststellen, daß die Gedanken eines Menschen gelesen werden.« Er hielt inne, und sein Gesicht überschattete sich plötzlich. Als er weitersprach, klang seine Stimme, als ob er ein Geständnis ablegte, das ihm Schmerzen bereitete. »Natürlich können wir nicht verhindern, Mr. Burris, daß jemandes Gedan- ken gelesen werden. Wir können nichts dagegen tun.« Er versuchte sich in einem Grinsen, das ver- krampft wirkte. »Aber zumindest«, sagte er, »weiß man, daß man belauscht wird.« Burris verzog das Gesicht. Während er schwieg, streichelte Dr. O’Connor versunken die Metallkiste, als ob sie das Haar seiner Geliebten wäre. Schließlich sagte Burris: »Wie sicher können Sie sich Ihrer Feststellungen eigentlich sein, Dr. O’Connor?« Der Blick, den er als Antwort erhielt, ließ die vo- rausgegangene Unterhaltung vergleichsweise so har- monisch und gemütlich wie eine diamantene Hoch- zeit erscheinen. Malone hatte den Eindruck, daß die Luft in diesem Zimmer zu einem Eisblock erstarrte, von dem man später zur Erinnerung Stücke abhacken konnte. Allerdings erst, wenn Dr. O’Connor gegan- gen war und man nicht mehr Gefahr lief, von seinem, Blick tiefgekühlt zu werden, wenn man den Raum betrat. »Mr. Burris«, sagte Dr. O’Connor in einem Ton- fall, der seinem Blick an Eiskälte nicht nachstand, »bitte erinnern Sie sich an unseren Wahlspruch.« Malone seufzte. Er suchte in seinen Taschen nach Zigaretten, fand die Packung und holte eine heraus. Er steckte sie in den Mund, und dann begann er, nach dem Feuerzeug zu suchen. Wieder seufzte er. Um ehrlich zu sein, Zigarren wären ihm lieber gewesen. Diese Vorliebe hatte er schon frühzeitig entwickelt, als es bequemer und bil- liger gewesen war, sich aus der Kiste seines Vaters zu bedienen. Aber zu seinem persönlichen Bild von einem einsatzfreudigen FBI-Agenten paßte eine be- häbige Zigarre genausowenig wie eine Blockflöte zu einem Verkehrspolizisten, und er hatte auch noch nie, weder im Fernsehen noch im Kino, einen zigar- renrauchenden FBI-Mann gesehen. Also hatte er sich aufs Zigarettenrauchen verlegt. Das war ja auch ein vergleichsweise kleines Opfer. Endlich hatte er das Feuerzeug gefunden, und indem er die Flamme vor dem frischen Wind mit der hohlen Hand schützte, zündete er seine Zigarette an. Dann blickte er über das Wasser des Sees zum Jefferson Denkmal hinüber und staunte, daß er eine so weite Strecke zurückgelegt hatte. Während er rauchte, kon-, zentrierte er sich wieder auf sein Problem. Das neuentwickelte Gerät der Westinghouse Labo- ratorien war natürlich sofort zum allergeheimsten Staatsgeheimnis erklärt worden. Heutzutage nahm das ja nicht weiter wunder. Die Gruppe von Wissen- schaftlern, die den Apparat gebaut hatte, hatte man unverzüglich nach Yucca Flats, Nevada, auf das Ver- suchsgelände der Vereinigten Staaten umgesiedelt. Malone vermutete, daß es da draußen vermutlich wenig zu tun gab. Man saß mitten in der Wüste und konnte höchstens ein bißchen an dem Gerät herum- spielen. Und natürlich den Ausblick auf die Land- schaft genießen. Aber wer eine Wüste kennt, dachte Malone unmotiviert, der kennt alle. Also hatten die Wissenschaftler an der Maschine herumgespielt und dabei eine Entdeckung gemacht, mit der sie nicht im Traum gerechnet hatten. Jemand zapfte fleißig die Gehirne der Wissen- schaftler an. Nicht der Leute, die an dem Telepathiegerät arbei- teten. Und auch nicht der Leute, die an einer Reihe anderer Projekte tätig waren, die sich auf diese Erde beschränkten. Nein, nur die Gedanken der Wissenschaftler wur- den gelesen, die sich in Yucca Flats mit der Entwick- lung des neuen, geheimen Raumschiffantriebs befaß- ten, der auf das Rückstoßprinzip verzichtete. Mit anderen Worten, in Yucca Flats trieb ein tele-, pathischer Spion sein Unwesen. Wie aber findet man einen Telepathen? Malone stöhnte leise. Herkömmli- chen Spionen, die sich der üblichen Verbindungska- näle bedienten, war schon schwer genug beizukom- men. Ein telepathischer Spion war der höchste Grad der Gemeinheit. Eines mußte man Andrew J. Burris dabei lassen – er wußte auf alles eine Antwort. Malone dachte an die Worte seines Chefs: »Gauner fangt man am be- sten mit Gaunern. Und ich weiß auch, wer einen Te- lepathen findet, wenn O’Connors Maschine nicht will.« »Wer?« hatte Malone sich erkundigt. »Ganz einfach«, hatte Burris erwidert. »Ein zwei- ter Telepath. Irgendwo mußte es ja einen geben. Schließlich hatte O’Connor einen und die Russen haben immer noch einen. Da haben Sie Ihre Antwort, Malone. Und jetzt verschwinden Sie und finden Sie einen Telepathen.« Eine kleine Frage blieb allerdings noch zu beant- worten: Wo sollte er seinen Telepathen suchen? Früh am nächsten Morgen wachte Malone in einem Flugzeug auf, das quer über den Kontinent nach Ne- vada flog., Er war immer noch damit beschäftigt, sich selber zu bedauern, als der Clipper sein Landegestell aus- fuhr und nicht weit von Yucca Flats auf dem Flug- platz zum Stehen kam. Malone seufzte und kletterte im Schneckentempo aus der Kabine. Ein Wagen war- tete am Ende der Rollbahn auf ihn. Malone beglück- wünschte sich, daß er wenigstens so schlau gewesen war, am Abend vorher Dr. O’Connor anzurufen. Als er jedoch das Tor in dem hohen Doppelzaun erreichte, der die 200 Quadratkilometer des Ver- suchsgeländes umgab, wurde ihm klar, daß nicht einmal ein FBI-Agent so ohne weiteres Zugang zu Onkel Sams Heiligtümern hatte. Seine Papiere wur- den mit einer Sorgfalt geprüft, die nach Malones An- sicht höchstens einem umstrittenen Meisterwerk in einer Gemäldegalerie zukam. Nur äußerst widerstre- bend gestatteten ihm die Wachposten, so weit einzu- dringen, daß er immerhin das Büro des Sicherheitsof- fiziers betreten konnte. In seinem Dienstzimmer musterte der Sicherheits- offizier selbst Malone mit schlecht verhehltem Arg- wohn, während er beim FBI-Hauptquartier in Wa- shington anrief und sich mit Burris verbinden ließ. Burris bestätigte dem Sicherheitsoffizier nach ei- nem Blick auf den Monitor, daß er in der Tat Malone vor sich hätte. Der Sicherheitsoffizier, der nunmehr einen leicht enttäuschten Eindruck machte, dankte dem FBI-Direktor und drückte einen Stempel auf, Malones Passierschein. Damit hatte Malone zu allen Sehenswürdigkeiten freien Zutritt. Ohne weitere Umstände wurde er in Dr. O’Connors Büro geführt. Der Raum war fichten- braun tapeziert. Der Wissenschaftler saß hinter ei- nem riesigen schwarzen Schreibtisch. Ein solches Ungetüm hatte Malone bisher in keinem FBI-Büro erblickt. Nicht das geringste Stückchen Papier lag auf der Schreibtischplatte. Der fast durchsichtige Thomas O’Connor war dahinter beinahe unsichtbar. Er wirkte hier mindestens genauso blaß und farb- los wie auf den Protokollfilmen des FBI. Malone schloß die Tür hinter sich, sah sich nach einem Stuhl um und fand keinen. In Dr. O’Connors Büro saß of- fenbar nur einer – eben Dr. O’Connor. Die Besucher hatten gefälligst zu stehen. Malone nahm den Hut ab. Er griff über den Schreibtisch, um dem Wissenschaftler die Hand zu schütteln. O’Connor hielt ihm seine schlaffen, zer- brechlichen Finger hin. »Vielen Dank, daß Sie mir Ihre sicherlich knapp bemessene Zeit widmen«, sagte Malone. »Ich weiß das durchaus zu schätzen«. Er lächelte über den Schreibtisch. Seine Füße taten ihm jetzt schon weh. »Nicht der Erwähnung wert«, sagte Dl. O’Connor. Er hatte sein eisgekühltes Lächeln aufgesetzt. »Ich weiß wohl, wie wichtig die Arbeit des FBI für uns alle ist, Mr. Malone. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«, Malone verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. »Ich fürchte, ich habe mich gestern abend nicht sehr klar ausgedrückt«, sagte er. »Ich wollte am Te- lefon nicht auf Einzelheiten zu sprechen kommen. Mir ist die Klärung der – äh – telepathischen Vor- kommnisse übertragen worden.« Dr. O’Connors Augen weiteten sich kaum merk- lich. »Ich verstehe«, sagte er. »Nun, soweit es mir möglich ist, werde ich Sie selbstverständlich unter- stützen.« »Sehr schön«, sagte Malone. »Dann wollen wir am besten sofort zur Sache kommen. Zunächst hätte ich gern einiges über Ihren Detektor gewußt. Meines Wissens ist er zu groß, um transportiert zu werden. Besteht die Möglichkeit, ein kleineres Modell zu bauen?« »Kleiner?« Dr. O’Connor gestattete sich ein leich- tes Auflachen. »Ich fürchte, Mr. Malone, das läßt sich nicht machen. Gern, sehr gern sogar würde ich Ihnen eine kleinere Ausführung der Maschine zur Verfügung stellen, wenn wir darüber verfügten. Sie käme mir selbst wie ich hinzufügen darf, äußerst ge- legen. Aber leider, Mr. Malone …« »… haben Sie keine. Das wollen Sie doch sagen?« vollendete Malone den Satz. »Richtig«, bestätigte Dr. O’Connor. »Mehrere an- dere Faktoren kommen noch dazu. Die Versuchsper- son muß in einem besonders abgeschirmten Raum, sitzen, wie er zu enzephalographischen Messungen verwandt wird. Jede andere Gehirntätigkeit in der Umgebung würde sonst die Unterhaltung beeinflus- sen«. Er runzelte die Stirn. »Ich wünschte, wir wüß- ten etwas mehr über psionische Meßapparate. (Mit Psionik bezeichnet man die Messung der Fähigkeit zur außersinnlichen Wahrnehmung auf mechani- schem Wege). Bei dem augenblicklich vorhandenen Gerät bereitet uns, offengestanden, die Tatsache Kopfschmerzen, daß es zum Teil psionischer und zum anderen Teil elektronischer Natur ist. Die Gren- zen zwischen beiden Gebieten verwischen sich, so daß wir nicht mit Sicherheit sagen können, wo ein Teil aufhört und der andere beginnt. Äußerst mißlich. Wirklich äußerst mißlich.« »Kann ich mir vorstellen«, nickte Malone mitfüh- lend und wünschte sich, er verstünde, wovon Dr. O’Connor sprach. Der Wissenschaftler seufzte. »Nun, wir arbeiten jedenfalls an der Verbesserung des Gerätes«, sagte er. Dann sah er Malone abwartend an. Der Agent zuckte die Achseln. »Wenn ich es also nicht mit mir herumtragen kann, läßt sich das nicht ändern«, sagte er. »Weiter im Text! Ist Ihnen viel- leicht der maximale Wirkungsbereich eines Telepa- then bekannt? Ich meine: Wie weit darf er sich höch- stens von einem entfernen, um noch Gedanken lesen zu können?«, Dr. O’Connor runzelte erneut die Stirn. »Genaue Angaben darüber liegen uns nicht vor«, sagte er. »Unsere Versuche mit dem bedauernswerten kleinen Charlie gestalteten sich recht schwierig. Er war eben nicht imstande, in irgendeiner Weise von sich aus etwas dazu beizutragen.« »Charlie?« »Der Telepath, der uns als Versuchsperson diente, hieß Charles O’Neill«, erläuterte Dr. O’Connor. »Ach so«, sagte Malone. Der Name war in einem Protokoll aufgetaucht, aber Malone war nicht auf den Trichter gekommen, Charles O’Neill mit »Klein- Charlie« in Verbindung zu bringen. Jetzt fühlte er sich gerade so, als wäre er von seinem Lehrer ohne Hausaufgaben gemacht zu haben, erwischt worden. »Wie sind Sie denn auf ihn gestoßen«, erkundigte er sich. Wenn er wußte, wie Dr. O’Connor zu seinem Telepathen gekommen war, besaß er vielleicht einen Anhaltspunkt, um seinerseits einen zweiten zu fin- den. Probieren ging auf jeden Fall über Studieren. »In Charlies Fall war das nicht schwer«, sagte O’Connor. Er lächelte. »Das Kind plapperte dauernd vor sich hin.« »Sie meinen, er sprach von seiner telepathischen Begabung?« Dr. O’Connor schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nein«, sagte er. »Charlie schwatzte. Er plapperte im Sinne des Wortes. Unter meinen Akten müßte sich, noch eine Aufnahme davon finden.« Er stand auf und ging zu dem großen grauen Aktenschrank, der in ei- nem fernen Winkel des Zimmers ein beschauliches Dasein führte. Er zog einen Ordner heraus, entnahm ihm ein Tonband und kam wieder zurück. »Eine visuelle Aufnahme kann ich Ihnen leider nicht bieten«, sagte er. »Wir hielten sie für unnötig.« Er schob ein Schreibtischfach auf und legte die Ton- bandspule ein. »Falls Sie die restlichen Tonbänder ebenfalls hören möchten …« »Vielleicht später«, unterbrach Malone. Dr. O’Connor nickte und drückte auf den Ein- schaltknopf. Einen Augenblick lang herrschte Stille in dem Zimmer. Dann erscholl eine Männerstimme. »Westinghouse Versuchswerke«, sagte sie. »Sech- zehnter April neunzehnhundertsiebzig. Versuchslei- ter Dr. Walker. Testperson Charlie O’Neill. Chrono- logisches Alter vierzehn Jahre drei Monate. Geistiges Alter annähernd fünf Jahre. Weitere Angaben kön- nen der Akte ›O’Neill‹ entnommen werden.« Eine kurze Pause folgte. Die Stimme setzte ein: »… Mikrophon eingeschaltet … letzten Mittwoch im Park, das war … vielleicht müßte man die Anord- nung … der arme Kerl bringt einfach keinen Sinn in die … die Sonne schien, und Gras und Bäume … einfach elektronisches Zubehör für die Reduzierstufe, nehmen … bei Anwesenheit anderer vermindert vor- aussagbar … sollte doch mal wieder mit Sally ins Bett …« Die Stimme klang hell und kindlich und schwatzte in endloser Eintönigkeit. Sie zögerte einen Augen- blick lang, noch ehe ein Satz beendet war. Dann plapperte sie eine neue, gänzlich zusammenhanglose Folge von Worten. Aussprache und Redeweise än- derten sich von Satz zu Satz, aber der Tonfall blieb gleich. Weder Gefühl noch Anteilnahme an dem Ge- sprochenen lagen darin. »… psychozerebrale Impulse werden als … Un- sinn von vorne bis hinten … vielleicht morgen, spä- testens Samstag könnte die Kleine ja … die Röhre ließe sich ersetzen, wenn nur nicht … müßte jetzt endlich etwas tun … klar, es bleibt bei Samstag … morgen abend nehme ich mir nochmal die Konstruk- tionspläne …« Dr. O’Connor schaltete das Bandgerät aus und blickte auf. »Ziemliches Durcheinander«, meinte Malone. »Immerhin besitzt der Junge für einen Schwachsin- nigen einen verflixt gebildeten Wortschatz.« »Wortschatz?« wiederholte Dr. O’Connor ge- dehnt. »Na klar«, sagte Malone. »Welcher Schwachsin- nige kennt schon Wörter wie psychozerebral? Ich weiß ja selber kaum, was man darunter versteht.«, »Ach so«, sagte O’Connor. »Sie dürfen aber nicht vergessen, daß dieser Wortschatz in Wirklichkeit gar nicht von Charlie stammt. Er wiederholt einzig und allein die Gedanken der Leute, die sich in seiner Nä- he aufhalten. Dabei springt er geistig von einem zum anderen, und was er aufschnappt, gibt er wieder.« Er verzog das Gesicht, als hätte er einen schlechten Ge- schmack im Mund. »Auf diese Weise haben wir ihn auch gefunden, Mr. Malone«, sagte er. »Oder wür- den Sie sich nicht wundern, wenn Sie einen komplet- ten Idioten vor sich hätten, und dieser Idiot wieder- holte auf einmal genau den Gedanken, der Ihnen ge- rade durch den Kopf gegangen ist?« Plötzlich kam Malone ein Gedanke. »Wäre es viel- leicht möglich, daß der Spion, nach dem wir suchen, überhaupt kein Spion ist?« »Wie bitte?« »Angenommen, wir hätten es mit einem zweiten Schwachsinnigen zu tun? Ein Schwachsinniger wäre doch eigentlich kein Spion?« Dr. O’Connor schien diesen Einfall abzuwägen. Nach einer Weile sagte er: »Ich vermute, diese Mög- lichkeit besteht. Allerdings hat sich bei den Ablesun- gen an der Maschine ergeben, daß der Zeitfaktor im Vergleich zu Charlie einer beträchtlichen Variation unterworfen war.« »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen«, gestand Malone. In Wahrheit schien es ihm, als ob er, ungefähr fünf Kilometer hinterherhinke. Aber viel- leicht würde sich doch noch alles aufklären. Am meisten machte ihm die Feststellung zu schaffen, daß seine Füße vom Stehen ständig mehr weh taten. »Der größeren Anschaulichkeit halber beschreibe ich Ihnen am besten einen unserer Versuche«, sagte Dr. O’Connor. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zu- rück. Malone verlagerte das Gewicht zur Abwechs- lung auf den rechten Fuß und nahm den Hut in die linke Hand. »Wir setzten eine unserer Testpersonen in einen isolierten Raum«, führte Dr. O’Connor aus, »und schlossen sie an den Detektor an. Die Versuchsper- son las in einem Buch. Um die Möglichkeit auszu- schalten, daß jemand in der Nähe das gleiche Buch las, oder bereits früher gelesen hatte, wählten wir ein Werk, das nicht alltäglich war. Wir entschieden uns für ›Blut bringt den Tod‹ von Hieronymus Melanch- thon, das, wie Sie vielleicht wissen, zu den äußerst seltenen Büchern gehört.« »Sicher, sicher«, sagte Malone. Er hatte noch nie von dieser Schwarte gehört, aber trotzdem war er bereit, Dr. O’Connor Glauben zu schenken. Der Wissenschaftler fuhr fort: »Die Versuchsper- son las langsam und sorgfaltig, ohne etwas auszulas- sen oder zu überfliegen. Die Bewegung ihrer Augen wurde von Kameras festgehalten. Auf diese Weise konnten wir später den Aufnahmen entnehmen, wel-, che Stelle die Testperson in einem beliebigen Au- genblick gelesen hatte. Das wiederum versetzte uns in die Lage, den Gedankenprozeß der Testperson in Wechselbeziehung zu dem Ausschlag der Instrumen- te zu setzen.« Malone nickte hilflos. »Gleichzeitig«, redete Dr. O’Connor unbeirrt wei- ter, »brachten wir Charlie in einen nahegelegenen Raum und hielten sein Geschwätz auf Tonband fest. Von Zeit zu Zeit zitierte er Stellen aus ›Blut bringt den Tod‹, und diese Zitate stimmten wörtlich mit den jeweiligen Absätzen überein, die unsere Versuchs- person gerade las, und außerdem mit den ungewöhn- lichen Ausschlägen des Detektors.« O’Connor machte eine Pause. Malone begriff, daß eine Antwort von ihm erwartet wurde. Rasch wog er mehrere ab und entschied sich für die einfachste. »Ich verstehe«, sagte er. »Von größter Bedeutung war dabei der Zeitfak- tor«, sagte Dr. O’Connor. »Charlie brachte es nicht fertig, sich ständig zu konzentrieren. Er konnte mit seinen Gedanken nur einen Augenblick lang einem anderen Gedankengang zuhören. Dann sprang er weiter zum nächsten. Der tatsächliche Zeitraum, während dessen er sich zu einem beliebigen Zeit- punkt auf einen beliebigen Gedankenprozeß konzen- trierte, wechselte zwischen einem Minimum von eins Komma drei und einem Maximum von zwei Komma, sechs Sekunden. Wurde dieser Zeitfaktor für eine gegebene Periode von Monaten graphisch dargestellt, so erhielt man eine Parabel, deren Häufungspunkt bei zwei Komma null Sekunden lag.« »Aha«, machte Malone und überlegte krampfhaft, ob eine Parabel etwas mit einer Parabellum zu tun hatte. Und wenn nicht, wieso nicht. »Die Tatsache, daß dieser Zeitfaktor plötzlich va- riierte«, fuhr Dr. O’Connor unbarmherzig fort, »überzeugte uns, daß sich ein neuer Telepath in un- sere Versuche eingeschaltet haben mußte. Wir führ- ten gerade eine zweite Testreihe durch, die in sämtli- chen Anordnungen der ersten glich, und zu Beginn ergaben sich im wesentlichen die gleichen Zahlen. Dann aber …« Er hielt inne. »Ja?« fragte Malone. Er trat vom rechten Fuß auf den linken und entschied sich dann, doch weiter auf dem rechten zu stehen. Aber das hatte genauso wenig Zweck. »Ich muß noch erwähnen«, sagte Dr. O’Connor, »daß wir zu dieser Testreihe neue Versuchspersonen herangezogen hatten, nämlich einen Teil der Wissen- schaftler, die hier in Yucca Flats arbeiten. Wir woll- ten feststellen, ob der Intelligenzgrad der Versuchs- personen die Kontaktzeit beeinflussen würde. Natür- lich achteten wir darauf, die beiden Wissenschaftler auszuwählen, bei denen sich schöpferisches Genie mit höchster Intelligenz vereinigte.« Er räusperte, sich. »Ich selbst sah von einer Teilnahme ab, da ich den Experimenten als unparteiischer Beobachter bei- wohnen wollte.« »Selbstverständlich«, nickte Malone ohne Überra- schung. »Die beiden anderen Kapazitäten«, sagte Dr. O’Connor, »gehörten zu der Gruppe, die sich mit dem sogenannten Projekt Inselsand befaßt – einem Vorhaben, über dessen Funktion ich nicht weiter ori- entiert bin und das mich auch nicht sonderlich inter- essiert.« Malone nickte. Projekt Inselsand – hinter dieser Bezeichnung verbarg sich der rückstoßlose Raum- schiff antrieb. Streng geheim, kaum bekannt und den wenigstens zugänglich. »Zunächst«, sagte Dr. O’Connor, »registrierte un- ser Gerät die gleichen Zeiträume geistiger Fühlung- nahme wie zuvor. Dann aber begannen Unregelmä- ßigkeiten aufzutreten. Das Gerät zeigte an, daß die Gedanken der Versuchspersonen in Zeiträumen bis zu zwei und drei Minuten gelesen wurden. Die Sätze dagegen, die Charlie gleichzeitig wiederholte, bewie- sen, daß seine eigene Kontaktzeit sich nicht geändert hatte. Sie fiel nach wie vor mit der von uns festgeleg- ten Parabel zusammen, und bei Aufzeichnung der Phasenlänge blieb der Häufungspunkt der gleiche.« »Hm-m-m«, meinte Malone, der das Gefühl hatte, er müßte von Zeit zu Zeit etwas sagen., Dr. O’Connor beachtete ihn gar nicht. »Zunächst nahmen wir an, das Gerät hätte versagt«, redete er weiter. »Das bereitete uns Sorgen, da unser Wissen um die Arbeitsweise des Detektors bis heute be- grenzt ist. Wir glauben mit Sicherheit, daß es mög- lich sein müßte, einen Teil des elektronischen Zube- hörs durch entsprechende Elemente der Psionik zu ersetzen, wie sie in den rein psionischen Teilen des Geräts bereits Verwendung gefunden haben. Bis jetzt ist es uns jedoch nicht gelungen, einwandfrei zu klä- ren, welche psionischen Komponenten an Stelle wel- cher elektronischen Teile zu treten haben.« Malone schwieg diesmal und nickte nur. Das Ge- fühl überwältigte ihn, daß Dr. O’Connors Redefluß sich in ein Meer von wissenschaftlichem Kauder- welsch verwandelt hatte, in dem er, Malone, ret- tungslos ertrinken mußte. »Charlie starb dann kurz darauf«, sagte Dr. O’Connor und rief Malone damit wieder in die Ge- genwart zurück, »und wir entschlossen uns, das Ge- rät weiter zu überprüfen. Dabei stellten wir schließ- lich fest, daß jemand anders die Gedanken unserer Versuchspersonen las – manchmal nur wenige Se- kunden, hin und wieder aber auch mehrere Minuten lang.« »Aha«, sagte Malone zufrieden. Langsam ergab zwei und zwei wieder vier. Jemand anders. Das muß- te der Spion sein., »Als ich die Versuchspersonen genauer befragte«, sagte Dr. O’Connor, »ergab sich, daß sie auf zwei Bewußtseinsebenen dachten. Sie lasen das Buch me- chanisch, nahmen die Worte und ihren Sinn auf und verstauten sie in ihrem Erinnerungsvermögen, ohne wirklich darüber nachzudenken. Ihre wirklichen Ge- danken beschäftigten sich inzwischen mit Einzelhei- ten des Projekts Inselsand.« Es entstand eine kurze Pause. »Mit anderen Worten«, sagte Malone, »jemand hat sie belauscht, um sich ein genaues Bild vom Projekt Inselsand zu verschaffen?« »Richtig«, bestätigte Dr. O’Connor und lächelte dabei frostig. »Dieser Jemand war imstande, sich wesentlich länger zu konzentrieren, als Charlie das jemals fertigbrachte. Er scheint den Kontakt so lange aufrechterhalten zu können, wie die Gedanken, die er liest, ihn mit nützlichen Kenntnissen versorgen.« »Einen Augenblick«, bremste Malone. »Wenn dieser Spion so gerissen ist, weshalb hat er dann nicht Ihre Gedanken gelesen?« »Höchstwahrscheinlich hat er das sogar getan«, entgegnete O’Connor. »Was hat das damit zu tun?« »Wenn er weiß«, sagte Malone, »daß Sie und Ihr Stab sich mit Fragen der Telepathie befassen und seine Fähigkeiten aufdecken können, warum hat er dann nicht einfach darauf verzichtet, die Gedanken der beiden Kapazitäten in der Zeit zu lesen, in der sie, getestet wurden?« Dr. O’Connor runzelte die Stirn. »Ich fürchte, ich kann mir von seinen Beweggründen kein klares Bild machen«, sagte er, und seinem Tonfall war zu ent- nehmen, daß, wenn Dr. Thomas O’Connor das schon nicht fertigbrachte, jemand anders erst recht keine Aussicht hatte, dabei etwas zu bewerkstelligen. »Ich habe eine Theorie«, fügte er hinzu. Malone wartete geduldig. »Er muß unsere Grenzen kennen«, sagte O’Connor. »Er muß sich darüber völlig im klaren sein, daß wir nicht das geringste gegen ihn unter- nehmen können. Wir sind weder imstande, ihn auf- zuspüren noch seine Tätigkeit zu unterbinden. Wieso soll er sich also den Kopf zerbrechen? Er kann es sich leisten, uns glatt zu ignorieren. Er weiß ganz genau, daß wir hilflos sind.« Malone dachte, daß das bestimmt die unerfreulich- ste Feststellung war, die er seit langem gehört hatte. »Sie erwähnten vorhin, daß Sie über einen isolier- ten Raum verfügen«, sagte der FBI-Agent nach einer Weile. »Können die Wissenschaftler ihre Konstruk- tionspläne nicht darin überdenken?« Dr. O’Connor seufzte. »Der Raum ist gegen ma- gnetische Felder und elektromagnetische Strahlung abgeschirmt. Für telepatische Phänomene ist er eben- so durchlässig wie für die Erscheinungen der Schwerkraft.«, »Oh«, sagte Malone. Er begriff, daß er seine Frage unüberlegt gestellt hatte, weil schließlich sämtliche Versuche in dem isolierten Raum durchgeführt wor- den waren. »Ich möchte Ihre Zeit nicht zu lange in Anspruch nehmen, Doktor«, sagte er nach einer Pau- se, »aber ich habe noch einige weitere Fragen.« »Stellen Sie sie ruhig«, ermunterte ihn Dr. O’Connor. »Ich denke bestimmt, daß ich Ihnen hel- fen kann.« Malone hätte dem Wissenschaftler am liebsten entgegengehalten, daß er ihm bis jetzt nur eine höchst geringe Hilfe gewesen war. Er verbiß sich den Wunsch. Warum sollte er O’Connor grundlos verär- gern? Statt dessen fragte er: »Haben Sie irgendeine Vorstellung, wie wir einen weiteren Telepathen fin- den könnten? Dazu möglichst einen, der nicht schwachsinnig ist?« Gereiztheit trat an die Stelle der geduldigen Weis- heit, die bisher in Dr. O’Connors Zügen gelegen hat- te. »Ich wünsche, das wäre möglich, Mr. Malone. Ich wünschte es wahrhaftig. Wir brauchen einen Telepa- then in Yucca Flats, um mit unserer Arbeit weiterzu- kommen – ganz zu schweigen von Ihrer Arbeit, die zweifellos gleichfalls wichtig ist. Ich fürchte aber, daß wir keinerlei Möglichkeiten sehen, einen neuen Telepathen aufzutreiben. Daß wir auf Charlie gesto- ßen sind, war ein reiner Glücksfall – ein reiner Glücksfall, Mr. Malone.«, »Aha«, sagte Malone. »Sicher, sicher. Gewiß.« Er überlegte schnell und merkte, daß ihm keine Fragen mehr einfielen. Außerdem hatte er schon ein halbes Dutzend Fragen gestellt und konnte sich kaum noch an die Antworten erinnern. »Ich glaube, das wär’s dann fürs erste, Doktor«, sagte er. »Wenn Sie noch auf irgend etwas Wichtiges stoßen, geben Sie mir bitte auf jeden Fall Bescheid.« Er langte über den Schreibtisch und hielt dem Wissenschaftler die Hand hin. »Und vielen Dank für Ihre Bemühungen«, fügte er hinzu. Dr. O’Connor stand auf und schüttelte ihm die Hand. »Keine Ursache«, sagte er. »Sollte sich noch etwas ergeben, dann erhalten Sie von mir Nachricht.« Auf dem Rückflug nach Washington hatte Malone seinen ersten halbwegs vernünftigen Geistesblitz. Charles O’Neill, der schwachsinnige Knabe, war der einzige Telepath, den die Burschen in Yucca Flats bisher aufgetrieben hatten. Schön. Angenommen, es gab noch einen von sei- ner Sorte. Schwachsinnige waren nicht schwer zu finden. Die meisten hatte man in Anstalten unterge- bracht, und über die restlichen existierten bestimmt Akten. Vielleicht kam dabei doch jemand ans Tages- licht, den man als Werkzeug benutzen konnte, um dem telepathiebegabten Spion auf die Schliche zu kommen., Möglicherweise erwies sich sogar einer davon als hochgradiger Schwachkopf oder gar als Idiot. Dann hatte Dr. O’Connor wenigstens jemanden, mit dem er weiterarbeiten konnte, dachte Malone müde. Nachdem er in Washington eingetroffen war, er- stattete er Burris Bericht, umriß kurz seine Unterre- dung mit Dr. O’Connor und erwähnte den Gedanken, der ihm unterwegs gekommen war. »Scheint mir nicht allzu erfolgversprechend«, ur- teilte Burris, leicht enttäuscht, »aber versuchen kön- nen wir’s ja mal.« Das war ein besseres Urteil, als Malone sich im stillen erhofft hatte. Befehle ergingen an alle FBI- Agenten in den Vereinigten Staaten. Lautlos und schnell setzte sich die gutgeölte Maschinerie des Fe- deral Bureau of Investigation in Bewegung. Agenten schnüffelten in den Unterlagen der Gesundheitsbe- hörden und steckten ihre Nasen in jede Heil- und Pflegeanstalt in den fünfzig Staaten. Und Kenneth J. Malone übertraf sie alle an Aktivi- tät. Erst hatte es geheißen, er solle in Washington bleiben, um die einlaufenden Berichte zu sichten und zu bearbeiten, aber das erschien ihm weniger verlok- kend, als Nervenheilanstalten zu besuchen. »Sie brauchen mich doch nicht, um die Schreibarbeit zu erledigen«, hatte er zu Burris gesagt. »Betrachten wir die Sache doch realistisch, Chef. Wenn einer unserer, Leute einen Telepathen entdeckt, dann wird er uns das melden. Wenn er nichts findet, dann meldet er auch das. Eine Kontoristin würde genügen, um die Berichte zu sortieren.« Burris hatte ihn eine Weile angesehen. »Also gut, Malone. Und Sie sollen mich doch nicht immer Chef nennen.« Daß der Mann in so sanftem Ton sprach, verriet Malone, welch große Sorgen er sich machte. Er machte sich also auf den Weg, um die erste Nerven- heilanstalt zu besuchen, die auf seiner Liste stand. Sein Weg führte ihn nach Westen, in die ländliche Umgebung der Großstadt. Das Sanatorium hatte den hübschen Namen Rice Pavillon. Es war ein kleines, weiß gestrichenes Gebäude, im pseudoklassizistischen Stil erbaut, wie so vieles in Washington. Die große Eingangstür bestand aus Milchglas, und nachdem Malone die Stufen hinauf- gegangen war, die zum Eingang führten, läutete er. Die Tür wurde unmittelbar darauf geöffnet. »Ja, bitte?« fragte der Mann, der in der Türöffnung stand, ein großgewachsener Mann mit beginnender Glatze, der einen weißen Arztmantel trug und ein unsagbar trauriges Gesicht machte, einem Bluthund nicht unähnlich. »Ja«, sagte Malone automatisch. »Vielmehr – ich heiße Kenneth J. Malone.«, »Und ich Blake«, sagte das Bluthundgesicht. »Doktor Andrew Blake.« Eine kurze Pause. »Können wir etwas für Sie tun?« fuhr der Doktor fort. »Schon möglich«, sagte Malone. »Ich suche Leu- te, die Gedanken lesen können.« Das schien Blake gar nicht zu überraschen. Er nickte. »Natürlich«, sagte er. »Ich verstehe schon.« »Ausgezeichnet«, entgegnete Malone. »Wissen Sie, ich hatte schon gedacht daß es nicht ganz ein- fach sein würde –« »Ich bitte Sie, das ist doch kein Problem«, fuhr Blake fort. Er wirkte trauriger denn je. »Und Sie ha- ben sich genau an die richtige Adresse gewandt, das können Sie mir glauben – äh –« »Malone«, sagte Malone. »Kenneth J. Offen ge- sagt hatte ich nicht damit gerechnet, schon gleich beim ersten Versuch richtig zu liegen. Sie standen auf meiner Liste ganz oben an und –« Dem Arzt schien erst jetzt aufzufallen, daß sie sich zwischen Tür und Angel unterhielten. »Kommen Sie doch bitte herein«, sagte er und machte eine einla- dende Handbewegung. Er trat zur Seite, und Malone ging durch die Tür. Kaum war er drinnen, da wurde er von drei Män- nern ziemlich unsanft ergriffen. Erst war Malone über diesen ungewöhnlichen Empfang überrascht, doch dann wehrte er sich mit allen Tricks, die einem FBI-Mann zur Verfügung, stehen. Aber die drei Kerle hatten das Überra- schungsmoment auf ihrer Seite, und ein Kräftever- hältnis drei zu eins war doch ein wenig ungünstig für den einen, trotz seiner unbestrittenen Qualitäten. Es dauerte nicht lange, da war sein Hals einge- klemmt zwischen Ober- und Unterarm eines der Männer, jemand hielt ihm die Beine fest, und Malone konnte nur noch die Arme bewegen, was er denn auch ausgiebig tat. Dazu brüllte er: »He, was soll denn das? Was geht hier vor?« Dr. Blake beobachtete das Gerangel aus einigen Metern Entfernung. Sein Ausdruck hatte sich kein bißchen verändert. »Es geschieht nur zu Ihrem Besten, Mr. Malone«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Bitte, glauben Sie mir das.« »Meine Güte!« sagte Malone. Er traf mit der Hand jemanden ins Gesicht, dann wurde diese Hand ergrif- fen und mit unwiderstehlicher Gewalt nach hinten gebogen. Jetzt stand ihm nur noch ein Arm zur freien Verfügung, und den benützte er nach Kräften. Aber nicht mehr lange. »Ihr glaubt wohl, daß ich spinne!« brüllte er, als einer der drei Männer eine Zwangsjak- ke hervorzog und man sich mit vereinten Kräften bemühte, Malone hineinzustecken. »Wartet doch!« schrie er, als die Riemen zugezogen wurden. »Sie sind auf dem Holzweg! Sie begehen einen entsetzli- chen Fehler.«, »Gewiß doch«, sagte Dr. Blake. »Aber sobald Sie sich beruhigt haben, können wir Ihnen helfen.« Der Zwangsjacke war nicht zu entkommen. Malo- ne fühlte sich darin wie ein großer Schmetterling in einem viel zu engen Kokon. Er begann einzusehen, daß er sich tatsächlich wie jeder normale Irre aufge- führt hatte. Die Wärter und den Arzt anzuschreien, alles sei ein großer Irrtum, sie machten einen Fehler, das galt in diesen Kreisen als nichts Neues. Schließ- lich behauptete jeder Irre von sich selbst er sei völlig normal. Allerdings war sein Fall, überlegte Malone, tat- sächlich eine Ausnahme. Nur, wie sollte er das den Leuten klarmachen? »So, jetzt ganz ruhig,« sagte Dr. Blake. »Sie kön- nen doch gehen, Mr. Malone. Dann folgen Sie mir jetzt bitte in Ihr Zimmer –« »Mein Zimmer?« fragte Malone. »Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Doktor. Wenn Sie mir nicht sofort dieses Narrenkostüm ausziehen, dann verspreche ich Ihnen, daß der Präsident davon hören wird. Und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, wie er darauf reagiert, wenn sich jemand in seine Belange einmischt.« »Der Präsident?« fragte Blake. »Welcher Präsi- dent, Mr. Malone?« »Der Präsident der Vereinigten Staaten von Ame- rika, zum Teufel noch mal!« brüllte Malone. »Hm«, sagte Blake., So ging es also auch nicht, erkannte Malone. Es gab zu viele Irre, die mit dem Präsident auf Duzfuß standen. Oder mit jemandem, der gleich nach dem Präsidenten kam. Sich auf einflußreiche Leute zu be- rufen, war ein beliebter Bluff. Aber schließlich war er Agent des FBI. Hierherge- kommen in einer ganz besonders wichtigen Mission. Das sagte er denn auch. »Aber, aber, Mr. Malone«, sagte Blake. »Wir soll- ten jetzt wirklich in Ihr Zimmer gehen, dann können wir uns über alles unterhalten.« »Ich kann es beweisen!« sagte Malone. Da griffen die drei Wärter zu und hoben ihn kurzerhand vom Boden hoch. »Mein Ausweis steckt in meiner –« »Wirklich?« fragte Blake. Sie begannen, ihn den Gang hinunterzutragen. »Sie brauchen mir nur dieses Ding auszuziehen, damit ich in die Tasche langen kann,« sagte Malone. Aber sogleich sah er ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht weiterkam. »Es ausziehen?« sagte Blake. »Aber natürlich, Mr. Malone, ganz gewiß. Sobald wir es Ihnen gemütlich gemacht haben.« Die ganze Geschichte war einfach lächerlich, sagte sich Malone, während ihn die Männer dahintrugen. So etwas gab es doch gar nicht: ein FBI-Agent, den man für einen Idioten hielt und in eine Zwangsjacke geschnallt in die Gummizelle schleppte., Trotzdem, lächerlich oder nicht, genau das ge- schah. Und es gab nichts, was er dagegen hätte tun kön- nen. Wäre er doch lieber in seinem Büro geblieben, um auf die Berichte zu warten, sagte sich Malone. Auf einmal verspürte er keinen größeren Wunsch, als hin- ter einem Schreibtisch zu sitzen und Berichte zu sor- tieren. Aber er hatte ja unbedingt den Helden spielen müssen. Sie waren inzwischen vor einer kleinen Tür ange- langt. Dr. Blake öffnete, und die drei Wärter schlepp- ten Malone hinein. Behutsam legten sie ihn auf den Fußboden. Dann wurde die Tür zugeschlagen. Endlich allein, dachte Malone. Am liebsten hätte er geschrien. Eine Minute verging, während der er sich bittere Vorwürfe machte. Dann überlegte er sich, was er al- les anstellen könnte, um hier herauszukommen. Er könnte zum Beispiel um Hilfe rufen. Aber auf seine Schreie hin würden nur die Wärter kommen, und wahrscheinlich auch Dr. Blake, und von einer weite- ren Unterhaltung mit dem Doktor versprach sich Ma- lone gar nicht viel. Er wußte, daß sie ihn früher oder später doch lau- fen lassen mußten. Schließlich war er FBI-Agent. Oder?, Ganz allein in dem kleinen kahlen Raum, einge- schnürt in die Zwangsjacke, kamen ihm plötzlich Zweifel. Vielleicht hatte Blake doch recht? Vielleicht war er, Kenneth J. Malone, total übergeschnappt. Absurd, sagte er sich. Aber war es wirklich so ab- surd? Langsam verging die Zeit. Dann kamen die drei Wärter zurück. Sie öffneten die Tür und schlichen hintereinander herein. Dabei achteten sie sorgfältig darauf, nicht in seine Nähe zu geraten. Malone beobachtete sie inter- essiert. Sie schlossen die Tür und schauten ihn an. »Also«, sagte einer von ihnen. »Wir nehmen Ihnen jetzt die Jacke ab, und Sie versprechen uns, daß Sie ganz brav sein werden.« »Klar«, sagte Malone. »Und wenn Sie mich ganz ausgezogen haben, dann schauen Sie bitte mal in meine Anzugtasche.« »Die Taschen?« »Da werden Sie nämlich meinen FBI-Ausweis finden«, sagte Malone. Das klang so, als glaubte er fast selbst nicht mehr daran. Die Wärter nickten, und es sah fast feierlich aus. »Natürlich werden wir das tun«, sagte einer von Ihnen. »Aber nur, wenn Sie ganz brav sind und kei- nen Zirkus mehr machen. Einverstanden?« Malone nickte. Zwei Männer begannen, die Zwangsjacke aufzu-, schnallen, während der dritte dabei stand, um im Notfall eingreifen zu können. Aber Malone machte keinen Zirkus. Fünf Minuten später hatte er keinen Fetzen mehr auf dem Leib. Sämtliche Kleidungsstücke, mit denen er hergekommen war, befanden sich in den Händen der drei Wärter. Und die beobachteten ihn immer noch sehr miß- trauisch. »Sehen Sie doch in den Taschen nach«, sagte Ma- lone. »Sicher«, sagte der eine. Der Mann, der die Jacke hielt, griff in die Brusttasche und ließ das gute Stück so plötzlich fallen, als habe er in ein Nest mit Flöhen gelangt. »He!« rief er betroffen. »Der Kerl hat eine Kano- ne.« »Eine Kanone?« fragte der zweite. Der andere zeigte auf den Boden, wo die Jacke jetzt lag, und empfahl seinem Kollegen: »Schau doch selbst nach. Das Ding ist echt. Ich hab’s fühlen kön- nen.« Malone hatte sich an die Wand gelehnt und tat so unbefangen, wie ein nackter Mensch eben unbefan- gen tun konnte. Er bekam langsam wieder Oberwas- ser. »Greifen Sie doch mal in die andere Tasche«, schlug er vor., Der erste Wärter blickte ihn ausdruckslos an. »Und was haben Sie da versteckt? Die dicke Berta?« »Du meine Güte«, sagte der zweite Wärter und machte keine Anstalten, sich dem Jackett zu nähern. »Jetzt lassen sie die Irren schon bewaffnet ‘rumlau- fen. In was für einer Welt leben wir überhaupt?« »Schauen Sie doch endlich mal in der Tasche nach,« drängte Malone. Eine Sekunde verging. Langsam bückte sich der erste Wärter, hob das Jackett auf und steckte die Hand in die andere Brusttasche. Er holte die Briefta- sche heraus und öffnete sie. Die anderen beiden blickten ihm über die Schulter. Eine Minute verging, und keiner sagte etwas. »Ach du meine Güte«, sagte der zweite Wärter. Er schien über keinen sehr besonders reichhaltigen Wortschatz zu verfügen. Malone seufzte. »Also,« sagte er. »Ich hab’s euch doch gesagt. Jetzt gebt meine Klamotten her, und dann reden wir tacheles.« Es brauchte alles seine Zeit. Erst mußten die Wärter Dr. Blake holen, dann wurde alles mehrmals erzählt und wiederholt, so daß Malone am liebsten schreiend in die Gummizelle zu- rückgelaufen wäre. Aber schließlich war er angezo- gen und stand mit Dr. Blake draußen auf dem Gang. Er hatte zwar immer noch weiche Knie, aber zu- sammen mit seinen Kleidungsstücken hatte er auch, sein Selbstvertrauen zurückbekommen. »Mr. Malone«, sagte Blake, »ich kann Ihnen gar nicht oft genug versichern, wie peinlich –« »Ist schon gut«, sagte Malone voll Verständnis. »Aber eines hätte ich doch ganz gern gewußt. Be- handeln Sie alle Besucher so, die hierher kommen? Ich meine den Postboten, Angehörige von Patien- ten –« »Es kommt nur selten jemand her, der angibt, vom FBI zu sein«, erklärte Blake. »Und als ich Sie drau- ßen stehen sah, nun, da hielt ich Sie für einen Patien- ten, der das Gefühl hatte, er müsse sich freiwillig in unsere Obhut begeben. Ja, Sie werden es nicht glau- ben, aber so was gibt es.« »Natürlich. Ich verstehe schon, Doktor.« Im stillen hegte er doch Zweifel an dieser Theorie. Zumindest die Art und Weise, wie hier mit Leuten verfahren wurde, erschien ihm ungewöhnlich. Dr. Blake nickte. »So. Und jetzt erzählen Sie mir einmal, worüber Sie mit mir sprechen wollten.« »Moment noch.« Malone schloß die Augen. Er hatte Burris gesagt, daß er im Büro anrufen würde. Dieser Anruf wäre längst fällig gewesen. »Kann ich bei Ihnen telefonieren?« »Aber sicher«, sagte Blake und führte ihn in den Gang hinunter in eine kleines Büro. Malone trat ans Telefon und wählte, bevor Blake die Tür geschlossen hatte., Auf dem Monitor erschien sofort Burris’ Gesicht. »Malone, wo zum Teufel haben Sie gesteckt?« brüll- te er. »Sie hätten sich längst melden sollen.« »Tut mir leid«, sagte Malone. »Ich war verhin- dert.« »Was heißt hier verhindert!« brüllte Burris. »Wis- sen Sie, daß ich drauf und dran war, Sie von der Po- lizei suchen zu lassen? Ich dachte, die hätten Sie er- wischt.« »Wer?« fragte Malone interessiert. »Wer ist ›die‹?« »Woher soll ich das wissen?« rief Burris. »Also die haben mich nicht erwischt«, sagte Ma- lone. »Ich bin zum Rice Pavillon gefahren, genauso wie es geplant war.« »Warum haben Sie dann nicht zurückgerufen, als Sie dort eintrafen?« fragte Burris. Malone seufzte. »Weil man mich nicht gelassen hat«, sagte er und berichtete dann, was vorgefallen war. Burris hörte mit Engelsgeduld zu. Als Malone fertig war, sagte Burris: »Sie kommen jetzt sofort zurück.« »Aber –« »Kein Aber«, sagte Burris. »Wenn Sie sich so et- was gefallen lassen, dann sind Sie nicht der richtige Mann für so einen Auftrag. Außerdem sind mehr als genug von unseren Leuten unterwegs. Da brauchen Sie nicht auch noch –«, Malone fühlte sich erleichtert. Er hatte Schlimme- res erwartet. »Also schön dann«, sagte er. »Aber las- sen Sie mich die Sache hier zu Ende bringen, ja?« »Meinetwegen«, entgegnete Burris. »Anschlie- ßend fahren Sie sofort hierher.« Malone versprach es und schaltete ab. Dann ging er hinaus, um Dr. Blake zu suchen. An die Krankenblätter der Klinik heranzukommen, war gar keine leichte Aufgabe. Die unantastbare Schweigepflicht des Arztes erstreckte sich auch auf Übergeschnappte und Verrückte. Aber Malone be- fand sich wegen der ihm widerfahrenen unwürdigen Behandlung Dr. Blake gegenüber im Vorteil, und diesen nützte er schamlos aus. Aber der Erfolg seiner Nachforschungen war nie- derschmetternd. Er hätte die Zeit genausogut in der Gummizelle verbringen können. Nicht ein einziges Wort deutete daraufhin, daß man in Rice Pavillon Patienten behandelt hatte, die über telepathische Fä- higkeiten verfügt hätten. »Sind Sie auch ganz sicher, das Sie das und nichts anderes suchen?« fragte Blake Malone, nachdem ei- nige Stunden vergangen waren. »Absolut sicher«, entgegnete Malone. »Wenn man die Spreu des Unmöglichen vom Weizen des Wahr- scheinlichen, so unwahrscheinlich es zunächst auch aussehen mag, scheidet, bleibt schließlich doch die Wahrheit übrig.«, »Oh«, sagte Blake. Und nach einer Sekunde fügte er hinzu: »Und was bedeutet das im Klartext?« Malone zuckte die Achseln. »Eine alte Bauernre- gel«, sagte er dem Arzt. »Sie braucht nicht unbedingt etwas zu bedeuten, es hört sich bloß gut an.« »Oh«, sagte Blake noch einmal. Bald darauf verließ Malone die sterilen Hallen des Rice Pavillon und fuhr nach Washington zurück. Dort, sagte er sich, würde es weniger hektisch zuge- hen als in der Klinik. Und so war es auch. Es ging nicht nur nicht hek- tisch zu, es war geradezu enttäuschend. Buchstäblich jeder der ausgesandten Agenten hatte Schwierigkeiten in den Krankenhäusern gehabt – denn nicht einmal FBI-Agenten war es gestattet, Einblick in die Patientenkartei der Ärzte zu nehmen. Aber die Männer im Außendienst hatten sich red- lich bemüht, und so war dann auch das Ergebnis we- niger niederschmetternd, als es auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Malone verbrachte zwei Wochen hinter dem Schreibtisch, um die eingehenden Berichte zu sich- ten. Der Gesamteindruck war allerdings deprimie- rend. Es gab in den Vereinigten Staaten von Amerika mehr geistig unterbemittelte Leute, als Malone für möglich gehalten hätte. Jetzt konnte er sich auch er- klären, warum einige der letzten Wahlen so und nicht anders ausgegangen waren. Und etwas anderes als, eine große Zahl geistig Minderbemittelter hatten die extensiven Recherchen auch nicht zu Tage befördert. Genauso wie es Malone im Rice Pavillon ergangen war, hatte keiner der Agenten eine irgendwie geartete telepathische Begabung entdeckt. Gegen Ende der zweiten Woche war Malone da- von überzeugt, daß die ganze Aktion ein Schlag ins Wasser gewesen war. Ihn hatte man in eine Gummi- zelle gesperrt, die Tätigkeit der anderen Agenten hat- te in den vergangenen vierzehn Tagen kein anderes Ergebnis gezeitigt, als daß es mehr Verrückte, Spin- ner und Übergeschnappte gab, als man gemeinhin angenommen hatte. Und während der ganzen Zeit hatte der Spion in Yucca Flats unbehelligt die Gehir- ne der am Projekt Inselsand beteiligten Fachleute anzapfen und ihnen geheime Informationen wie die Würmer aus der Nase ziehen können. Und es war auch gar nicht ausgeschlossen, daß er sich ins Fäust- chen lachte, während er die verzweifelten Bemühun- gen des FBI verfolgte. Wer könnte das nur sein? Jeder, sagte sich Malone. Praktisch jeder. Der Hausmeister, ein Wachmann am Tor, ein Techniker, der in einer ganz anderen Abteilung arbeitet, aber auch jemand, der sich außerhalb der Anlage herum- trieb. Waren telepathische Kräfte überhaupt in ihrer Reichweite beschränkt? Der Spion konnte genauso-, gut in einem fernen Land sitzen und über tausende von Kilometern hinweg Informationen aus den Ge- hirnen der Männer, die am Projekt Inselsand arbeite- ten, herausholen. Diese Vorstellung war, gelinde ausgedrückt, de- primierend. Malone mußte einfach davon ausgehen, daß sich der Spion auf dem Staatsgebiet der Vereinigten Staa- ten aufhielt. Sonst hätte er die ganze Sache gleich aufgeben können. Von dieser Voraussetzung ausgehend, leitete er seine nächsten Schritte ein. Er wies alle Agenten, die an diesem Fall arbeiteten, an, Ermittlungen darüber anzustellen, wie der Spion die Geheiminformation außer Landes schaffte. Malone hegte zwar keine großen Hoffnungen, daß dabei etwas herauskommen würde, aber es bestand die Möglichkeit, und die mußte wahrgenommen werden. Im Grunde war es die einzige Hoffnung, die Malone noch hatte, denn daß die Agenten in den Ir- renhäusern ein telepathisches Talent aufspüren wür- den, damit rechnete keiner mehr. Und er hatte recht mit seiner Annahme. Die Such- aktion blieb erfolglos., Das Telefon summte. Malone wälzte sich auf der Couch von der einen Seite auf die andere und murmelte vier Wörter vor sich hin. Mußte es denn unbedingt sein, daß man ihn um sieben Uhr morgens anrief? Mit der einen Hand griff er nach dem Hörer, mit der anderen nahm er die Zigarre aus dem Aschenbe- cher. Es war schlimm genug, gestört zu werden, wenn man gerade schlief, aber es war nachgerade unverzeihlich, jemanden zu behelligen, der über- haupt nicht geschlafen hatte. Seit fünf Uhr morgens war er wach und machte sich Gedanken über den telepathischen Spion. In sei- nem augenblicklichen Zustand brauchte er Schlaf dringender als jeden Telefonanruf. Er knurrte etwas in die Sprechmuschel, dann wur- den seine Augen jedoch groß, als sich eine weibliche Stimme meldete: »Mr. Kenneth J. Malone?« »Wer ist dort?« fragte Malone, der sich dazu durchgerungen hatte, verständlich zu sprechen. »Ferngespräch aus San Francisco«, sagte die Stimme. »Von wem denn in San Francisco?« Eine kurze Pause, dann fuhr die weibliche Stimme fort: »Mr. Thomas Boyd. Er sagt, es sei ein ver- schlüsseltes Gespräch.«, Malone zog an seiner Zigarre und schloß die Au- gen. Natürlich war die Sache verschlüsselt. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte ihn der Mann direkt an- gewählt, anstatt über die Vermittlung. »Mr. Boyd sagt, er sei Leiter der FBI-Außenstelle San Francisco«, sagte die Stimme. »Womit er ganz recht hat«, sagte Malone. »Also gut, verbinden Sie.« »Einen Augenblick bitte.« Pause, Knacken, Pause, Knacken. Endlich sagte die Telefonistin: »Die Ver- bindung ist hergestellt, Sir.« Wieder kam eine lange Pause. Malone starrte auf das Gerät und begann vor sich hinzupfeifen. »Hallo? Malone?« »Hier bin ich, Tom«, sagte Malone. »Ich bin’s. Was ist denn los?« »Was los sein soll?« fragte Boyd. »Gar nichts ist los. Das heißt, nicht viel. Vielleicht aber doch. Ich weiß es nicht.« Malone blickte stirnrunzelnd auf das Gerät, und zum ersten Male wünschte er, einen Bildübertra- gungsanschluß zu haben, bloß damit Boyd den Aus- druck auf seinem Gesicht hätte sehen können. »Jetzt hören Sie mal«, sagte er. »Hier in Washing- ton ist es sieben Uhr, und es ist entschieden zu früh. Bei euch ist es jetzt vier Uhr morgens, und um diese Zeit ruft man nicht an. Was ist also wirklich los?« Er wußte natürlich ganz genau, daß Boyd nicht, ohne Grund anrief. Der Mann war ein viel zu fähiger Geheimagent. Aber warum dann zu so früher Stun- de? Malone murmelte etwas vor sich hin, drückte die Zigarre aus und zündete sich eine Zigarette an. Boyd sagte: »Ken, ich glaube, wir haben gefunden, was Sie suchen.« Es wäre riskant gewesen, mehr zu sagen, selbst in einem verschlüsselten Gespräch. Aber Malone ver- stand sofort. »Tatsächlich?« fragte er und setzte sich auf die Kante der Couch. »Sind sie sicher?« »Tja«, sagte Boyd, »eigentlich nicht. Jedenfalls nicht absolut. Aber ich finde, es ist die Sache wert, daß Sie persönlich einen Blick darauf werfen.« »Hm«, machte Boyd. »Ein Irrer?« »Nein«, sagte Boyd. »Kein Irrer. Ganz bestimmt nicht. Eigentlich das ganze Gegenteil.« Malone blickte auf seine Uhr und berücksichtigte den Zeitunterschied zwischen Washington und San Francisco. »Ich werde um neun Uhr Ortszeit in San Francisco sein«, sagte er. »Holen Sie mich mit dem Wagen am Flughafen ab.« Wie gewöhnlich schlief Malone im Flugzeug besser als daheim. Er hatte sogar so fest geschlafen, daß er noch ganz benommen war, als er zu dem wartenden Wagen ging., »Nett, Sie mal zu sehen, Ken«, sagte Boyd, wäh- rend sie sich die Hände schüttelten. »Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Tom«, ent- gegnete Malone schläfrig. »Also, was ist los?« Er blickte sich mißtrauisch um. »Hoffentlich habt ihr keine Abhörgeräte im Wagen.« Boyd brachte den Motor auf Touren und fuhr zum San Francisco Freeway. »Hoffentlich nicht«, sagte er. »Sonst fliegt der Mechaniker.« »Schießen Sie los«, sagte Malone und lehnte sich in die Polster. »Wo steckt das Genie, und wer ist es. Und wie haben Sie es gefunden?« Boyd schien sich nicht ganz wohl zu fühlen in sei- ner Haut. Man sah es ihm an. »Zum ersten«, sagte er, »es ist kein Mann. Zum zweiten weiß ich nicht ge- nau, wer es eigentlich ist. Und drittens, Ken, habe ich es nicht gefunden.« Es entstand eine kurze Pause. »Jetzt sagen Sie bloß nicht, daß es sich um ein te- lepathisches Pferd handelt, Tom. Ich mag telepathi- sche Pferde nicht.« »Nein«, sagte Boyd hastig. »Nein. So ist es auch nicht. Jedenfalls kein Pferd. Es ist eine Frau. Das heißt, eine Dame«. Er nahm den Blick von der Straße und richtete ihn auf Malone. Seine Augen schienen eine Bitte auszudrücken, um Verständnis zu werben. »Ich möchte Ihnen lieber nichts erzählen, bevor Sie die Person nicht selbst gesehen haben. Dann können, Sie sich ein eigenes Bild machen. Einverstanden?« »Einverstanden«, sagte Malone. »Wie Sie wün- schen. Wie weit ist es?« »Eine Fahrtstunde«, sagte Boyd. »Mehr nicht.« Malone machte es sich bequem und zog den Hut über die Augen. »Wecken Sie mich, wenn wir dort sind.« Er war hundemüde, konnte aber trotzdem nicht einschlafen. Er hätte im Flugzeug eine Tasse Kaffee trinken sollen. Vielleicht würde er sich jetzt besser fühlen. Nach einer Weile schob er den Hut zurück und setzte sich aufrecht. »Wäre es möglich, daß es hier im Wagen irgendwo eine Flasche mit Alkohol gibt?« fragte er. »Oder hat der Mechaniker dafür gesorgt, daß sie leer ist?« »Lieber nicht«, antwortete Boyd, »sonst fliegt er.« Er grinste, ohne den Kopf zu drehen. »Hinter der Klappe in der Türfüllung, gleich neben den Patronen und der Maschinenpistole.« Malone öffnete die Klappe und holte die Flasche heraus. Es war Brandy. Bourbon wäre ihm lieber gewesen. Aber dies war der falsche Platz, um wähle- risch zu sein. Außerdem schmeckte der Brandy gar nicht schlecht. Boyd blickte ihn kurz an, während Malone den Schraubverschluß der Flasche zudrehte. »Nein«, beantwortete Malone die unausgespro-, chene Bitte. »Sie fahren.« Dann machte er es sich wieder bequem und zog den Hut in die Stirn. Er konnte auch jetzt nicht schlafen. Das wußte er ganz genau. Aber dann schienen nur zwei Sekunden vergangen zu sein, als Boyd sagte: »Hier ist es, Ken. Wachen Sie auf.« »Was heißt hier aufwachen?« fragte Malone un- deutlich. »Ich habe gar nicht geschlafen.« Er schob den Hut zurück und setzte sich auf. »Wo sind wir?« »In der neurologischen Klinik von Bayview«, sag- te Boyd. »Sie wird bekanntlich von Dr. Harman ge- leitet.« »Was heißt hier bekanntlich?« fragte Malone. »Ich kenne den Doktor jedenfalls nicht. Oder sollte ich? Wer ist dieser Dr. Harman eigentlich?« Sie befanden sich bereits auf dem Gelände der Klinik und fuhren zwischen großen Rasenflächen auf das Gebäude zu. Boyd gab Auskunft, ohne den Blick vom Weg zu nehmen. »Nun«, sagte er, »dieser Dr. Wilson Harman hat uns gestern angerufen. Einer meiner Leute vom Au- ßendienst hat ihn routinemäßig aufgesucht. Später hat uns Dr. Harman angerufen. Er sagte, er habe je- mand, der mich vielleicht interessieren könne. Ich fuhr also hin – das war gestern nachmittag –, da wir ja Anweisung hatten, jeder nur einigermaßen erfolg- versprechenden Spur nachzugehen.« »Ich weiß«, sagte Malone. »Die Anweisung, stammt von mir.« »Oh«, machte Boyd. »Na schön. Ich habe mit der Frau gesprochen, mit der Lady.« »Und?« »Sehr lange gesprochen«, sagte Boyd. »Glauben Sie mir, ich weiß nicht mehr, woran ich bin. Aber – nun ja, Sie müssen sich die Sache selbst ansehen.« Er fuhr auf den Parkplatz, hielt unbekümmert un- ter einem Schild, auf dem NUR FÜR DEN CHEF- ARZT stand, und rutschte hinter dem Steuer hervor, während Malone auf der anderen Seite ausstieg. Sie gingen die breiten Stufen hinauf und traten durch den Eingang an die verglaste Portiersloge her- an. Boyd zog seinen goldenen, unregelmäßig gezack- ten Stern hervor. »FBI«, sagte er. »Dr. Harman er- wartet uns«. Das Büro war klein, aber hell. Dr. Wilson Harman saß hinter einem Schreibtisch aus Kastanienholz. Er war klein und dick, hatte kurzgeschnittenes, blondes Haar und trug eine randlose Brille, die schon einige dreißig Jahre hinter sich zu haben schien. Nach ei- nem Blick auf das Gesicht des Mannes schätzte Ma- lone den Arzt selber zehn bis fünfzehn Jahre älter. »Treten Sie näher, meine Herren«, dröhnte Dr. Harman. Er besaß eine dieser seltenen, zugleich lau- ten und hohen Tenorstimmen. »Dr. Harman«, stellte Boyd vor, »Dies ist Mr. Ma-, lone, mein Vorgesetzter. Wir hätten uns gern mit Miss Thompson unterhalten.« »Das hatte ich erwartet«, meinte Dr. Harman. »Miss Thompson befindet sich im angrenzenden Zimmer. Haben Sie Mr. Malone erklärt, daß …« »Ich habe ihm nichts erklärt«, warf Boyd schnell ein. In gewollt beiläufigem Tonfall setzte er hinzu. »Mr. Malone möchte sich sein eigenes Bild von Miss Thompson machen, ohne durch eine vorgefaßte Mei- nung beeinflußt zu werden.« »Ich verstehe«, nickte Dr. Harman. »Schön, meine Herren. Hier entlang bitte.« Er öffnete rechter Hand eine Tür, und Malone warf einen Blick hindurch. Der Blick zog sich be- trächtlich in die Länge. Denn nebenan, in das ge- stärkte Weiß einer Krankenschwester gekleidet, stand die atemberaubendste Blondine, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Trotzdem wirkte nicht allein die körperliche An- ziehungskraft des Mädchens so stark auf ihn. Es kam etwas anderes hinzu, das er nicht in Worte kleiden konnte – Charme vielleicht, Persönlichkeit oder gar Seele. Dieses Mädchen hatte es. Sie hatte alles, hatte ge- nug davon, um die gesamte Menschheit damit zu versorgen. Malone lächelte das Mädchen an und sie lächelte zurück. »Guten Tag, Miss Thompson«, sagte er mit, wie er, hoffte, gewinnender Stimme. Das Lächeln verschwand. Es war, als ginge die Sonne unter. Das Mädchen wirkte bekümmert. Malone stand schon im Begriff, ihr seine Hilfe anzubieten – wenn nötig, für die nächsten siebzig Jahre –, als sie von selbst sprach. »Ich bin nicht Miss Thompson«, sagte sie. »Sie ist eine unserer Krankenschwestern«, warf Dr. Harman ein. »Miss Wilson, Mr. Malone. Und Mr. Boyd. Miss Thompson, meine Herren, sitzt dort drüben.« Malone drehte sich um. In einer Ecke des Zimmers saß eine alte Dame. Sie war klein, mit apfelroten Bäckchen und fröhlich zwinkernden Augen. Sie hielt ihr Strickzeug in den Händen und lächelte die Beamten des FBI an, als wä- ren sie ihre Enkel, die am Sonntagnachmittag zu Kaffee und Kuchen gekommen waren. Ihr schneeweißes Haar stand in dem hellen Licht wie eine Krone um ihre runzlige Stirn. Malone rieb sich die Augen. Aber die alte Dame verschwand nicht. »Sie sind Miss Thompson?« fragte er. Die alte Dame lächelte freundlich. »Du meine Gü- te, nein«, sagte sie. Für längere Zeit trat Schweigen ein. Malone sah sie an. Dann blickte er die verwirrende Miss Wilson, an. Dann schaute er auf Dr. Harman und schließlich auf Boyd. »Aha«, sagte er. »Ich begreife. Du bist Miss Thompson.« »Einen Augenblick, Malone«, sagte Boyd. »Was heißt einen Augenblick«, erboste sich Ma- lone. »In diesem Zimmer sind vier Leute, mich aus- genommen. Ich weiß, daß ich nicht Miss Thompson bin. Ich war es nie, auch nicht als kleines Kind. Dr. Harman ist es nicht, und Miss Wilson ist es nicht, und die Oma ist es auch nicht. Wer außer dir bleibt da noch übrig? Oder Miss Thompson ist nicht hier, ist unsichtbar, oder ich bin verrückt.« »Du bist das nicht«, sagte Boyd. »Ich bin was nicht?« »Das ist ja verrückt«, stöhnte Boyd. »Schön«, fauchte Malone, »aber ich bin nicht übergeschnappt. Will mir denn jetzt bitte endlich je- mand sagen …« Die kleine alte Dame räusperte sich. Schweigen trat ein. Als alles ruhig war, sprach sie. Ihre Stimme klang so gütig und freundlich, wie Malone noch kei- ne gehört hatte. »Sie dürfen mich mit Miss Thompson anreden«, sagte sie. »Zumindest im Augenblick. Alle hier tun das. Es ist ein Deckname, den ich benutzen muß.« »Ein Deckname?« staunte Malone. »Also«, sagte Malone. »Sie sind zwar Miss, Thompson, aber eigentlich doch nicht, weil Sie einen Decknamen verwenden müssen.« Er sah die kleine alte Dame an. »Warum?« »Aber sonst würden die Leute doch hinter mein kleines Geheimnis kommen«, sagte sie. »Ihr kleines Geheimnis«, nickte Malone. »Ja«, sagte die kleine alte Dame. »Ich bin nämlich unsterblich.« Malone sagte: »Oh.« Dann schwieg er lange, und es schien ihm, als atmete niemand in dem Zimmer. »Oh«, wiederholte er, aber es klang nicht besser als beim ersten Mal. Darum versuchte er es mit ei- nem ganzen Satz. »Sie sind unsterblich«, sagte er. »Das stimmt«, bestätigte die kleine alte Dame vol- ler Liebreiz. Malone biß grimmig die Zähne zusammen und stellte die einzig mögliche Frage. Sie kam etwas un- deutlich heraus, aber die alte Dame nickte. »Mein wirklicher Name?« wiederholte sie. »Elisa- beth, natürlich. Elisabeth Tudor. Ich war einst Köni- gin.« »Von England«, brachte Malone matt hervor. »Hör mal, Ken …«, setzte Boyd an. »Laß mich«, wehrte Malone ab. »Ich bin kräftig genug. Ich kann eine Menge vertragen.« Er drehte wieder den Hut in den Händen und wandte sich von neuem an die kleine alte Dame. »Sie sind unsterblich, und Sie sind in Wahrheit, nicht Miss Thompson, sondern Königin Elisabeth I.?« fragte er langsam. »Ja«, nickte sie. »Wie klug von Ihnen. Als der kleine Jim – ich meine den Jungen meiner Base Ma- ry – behauptete, ich wäre tot, und den Thron für sich beanspruchte, entschloß ich mich, meinen Namen und Titel abzulegen. Das tat ich auch, aber ich bin Elisabeth Regina.« Sie lächelte und blinzelte fröh- lich. Malone starrte sie lange an. Burris wird sich freuen, dachte er. »Oh, das ist schön«, sagte die kleine Dame. »Mei- nen Sie wirklich? Mr. Burris wird mir ganz bestimmt auch gefallen. Ihr FBI-Leute seid alle sehr reizend. Wie der arme, arme Essex.« Die Jagd war zu Ende, dachte Malone. Er hatte ei- ne Telepathin gefunden. Und sie war nicht schwachsinnig. O nein. Das wäre auch zu einfach gewesen. Das lange Schweigen wurde von Miss Wilson gebro- chen. »Mr. Malone«, sagte sie, »Sie denken wohl nach.« Sie hielt inne. »Ich meine, Sie waren so ruhig.« »Ich bin gern ruhig«, sagte Malone geduldig. »Außerdem …« Er brach ab und wandte sich an die kleine alte Dame. Können Sie wirklich meine Ge- danken lesen? dachte er scharf und deutlich und füg- te nach einer Sekunde hinzu: Euer Majestät?, »Wie lieb von Ihnen, Mr. Malone«, sagte sie. »Seit Jahrhunderten hat mich niemand mehr so genannt. Aber natürlich kann ich das. Obwohl es eigentlich nichts mit Lesen zu tun hat. Das wäre ja ebenso, als wenn Sie mich fragen würden, ob ich Ihre Stimme lesen kann.« Boyd mischte sich ein. »Hör mal, Ken«, sagte er, »würde es dir etwas ausmachen, mir zu erklären, was hier eigentlich vorgeht?« »Das ist doch ganz einfach«, sagte Malone. »Miss Thompson – Verzeihung, ich meine Königin Elisa- beth I. – ist tatsächlich eine Telepathin. Weiter nichts. Ich glaube, ich möchte mich gern etwas hin- legen, bis es vorbeigeht.« »Bis was vorbeigeht, Mr. Malone?« fragte Miss Wilson. Malone starrte sie an, aber er sah sie kaum. »Al- les«, sagte er. Er schloß die Augen. »Meine Güte«, sagte die kleine alte Dame nach ei- nem Augenblick. »Der arme Mr. Malone ist ja furchtbar erschüttert.« Sie stand auf, mit dem Strick- zeug in der Hand, und ging zu Malone. Vor den er- staunten Augen des Arztes, der Krankenschwester und des Außenstellenleiters klopfte sie dem FBI- Agenten auf die Schulter. »Nun, nun, Mr. Malone«, sagte sie, »es wird schon alles in Ordnung gehen. Machen Sie sich keine Gedanken.« Dann kehrte sie zu ihrem Stuhl zurück., Malone Öffnete die Augen. Er wandte sich an Dr. Harman. »Sie haben Boyd angerufen«, sagte er, »und ihm erklärt, Miss … ähem … Miss Thompson wäre eine Telepathin. Woher wußten Sie das?« »Ich habe bestimmt nichts dagegen, wenn Sie mich jetzt im Augenblick Miss Thompson nennen«, warf die kleine alte Dame von ihrem Stuhl her ein. »Danke«, murmelte Malone matt. Dr. Harman nahm die Brille ab und sah Malone mit offenem Mund an. »Sie wollen doch nicht sagen, daß sie tatsächlich …« Sein Tenor klang schrill, als er abbrach. Dann gewann er seinen beruflichen Gleichmut zurück. »Ich möchte das Befinden der Pa- tientin nicht in ihrer Gegenwart erörtern«, sagte er. »Wenn Sie bitte in mein Büro kommen würden, Mr. Malone …« »Ach, Unsinn, Dr. Harman«, sagte die kleine alte Dame entschieden. »Ich wünschte wirklich, Sie wür- den Ihrer eigenen Königin etwas mehr zutrauen. Sich selbst halten Sie doch nachgerade für scharfsinnig genug.« »Nun, nun, Miss Thompson«, beschwichtigte der Arzt mit unfehlbar wirksamer, garantiert ärztekammer- geprüfter Visitenstimme. »Sie sollen sich doch …« »… nicht aufregen«, beendete sie den Satz an sei- ner Stelle. »Wirklich, Doktor, ich weiß, was Sie sa- gen wollen.«, »Aber Miss Thompson, ich …« »Sie hätten wahrhaftig nicht gedacht, daß ich eine Telepathin bin«, nickte die kleine alte Dame. »Du lieber Himmel, als ob wir das nicht wüßten. Sie wer- den ihnen jetzt erzählen, ich hätte schon lange be- hauptet, ich könnte Gedanken lesen … oh, seit Jah- ren schon. Und deshalb dachten Sie, Sie könnten das FBI ja immerhin über mich aufklären. Das war nicht sehr nett von Ihnen, Doktor, ehe Sie überhaupt wuß- ten, weshalb das FBI nach Telepathen suchte.« Miss Wilson ging zu der kleinen alten Dame und legte einen Arm um ihre Schulter. »Aber, aber, Miss Thompson«, sagte sie, und Malone wünschte sich eine kurze Sekunde lang, er wäre an Stelle der klei- nen alten Dame. Vielleicht mußte man erst als Pati- ent in das Sanatorium aufgenommen werden, um so behandelt zu werden. Er überlegte, ob sich das unter Umständen arran- gieren ließe. Dann dachte er, ob es sich wohl lohnen würde, wenn man nicht richtig im Oberstübchen war. Aber natürlich. Hatten nicht alle, die hier herumstanden, ihn eingeschlossen, einen Tick? »Niemand wird Ihnen weh tun«, sagte Miss Wil- son zu der alten Dame. »Sie brauchen sich überhaupt keine Kopfschmerzen zu machen.« »Aber das weiß ich doch«, sagte die kleine alte Dame. »Sie wollen mir nur helfen, Liebes. Sie sind, so gut zu mir. Und diese FBI-Beamten wollen mir wirklich kein Leid zufügen. Aber das hat Dr. Harman nicht gewußt. Er hält mich für verrückt, und das ge- nügt ihm.« »Bitte, Miss Thompson …« setzte der Arzt an. »Für verrückt«, bekräftigte die kleine alte Dame, »und das genügt ihm.« Sie wandte sich eine Sekunde lang ab, und niemand sagte etwas. Dann drehte sie sich wieder um. »Wissen Sie, was er jetzt denkt?« fragte sie. Dr. Harman lief purpurn an, aber sie küm- merte sich nicht um ihn. »Er fragt sich, weshalb ich mir nicht schon vor Jahren die Mühe gemacht habe, Ihnen dies alles zu beweisen. Und außerdem hätte er gern …« »Miss Thompson«, bat Dr. Harman. Sein ärztli- cher Gleichmut hatte ihn verlassen, und seine Stim- me klang rauh und angespannt. »Bitte.« »Ja, ja, schon gut«, sagte sie ein wenig verdrieß- lich. »Wenn Sie es unbedingt für sich behalten wol- len.« Aber jetzt mischte sich Malone ein, den der gerade ausgesprochene Gedanke faszinierte. »Weshalb ha- ben Sie eigentlich nicht früher den Beweis erbracht, daß Sie Telepathin sind?« wollte er wissen. Die kleine alte Dame lächelte ihn an. »Weil sie mir doch nicht geglaubt hätten«, sagte sie. Sie ließ die Stricknadeln sinken und faltete die Hände im Schoß. »Niemand wollte mir glauben«, sagte sie und, schnupfte. Miss Wilson machte eine nervöse Bewe- gung, und sie blickte auf. »Und sagen Sie mir nur nicht, es würde schon alles gut werden. Ich weiß, daß es gut werden wird. Ich werde dafür sorgen.« »Malone zum Lohne«, murmelte Dr. Harman. »Hmm. Meine Güte. Na denn.« Er drehte sich um und schien überrascht zu sein, daß Malone tatsäch- lich neben ihm stand. »Ja«, sagte er. »Mr. Lohne… Malone … oder wie Sie nun eigentlich heißen, wür- den Sie bitte mit in mein Büro kommen?« Malone sah die kleine alte Dame an. Sie kniff ein Auge zusammen und zwinkerte ihm zu. Malone grinste sie, wie er hoffte, aufmunternd an. »Gut«, sagte er zu dem Psychiater, »gehen wir.« Mit leisem Bedauern drehte er sich um, und Boyd folgte ihm. Sie ließen die kleine alte Dame und leider auch die aufregende Miss Wilson allein und begaben sich in Dr. Harmans Büro. Der Arzt schloß die Tür und lehnte sich eine Se- kunde lang dagegen. Er machte den Eindruck, als hätte ihm gerade jemand eröffnet, die Welt wäre rechteckig. Aber als er sprach, klang seine Stimme fast gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren«, sagte er und deutete auf mehrere Stühle. »Ich bin wirklich … ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Die ganze Zeit über, jahrelang, hat sie meine Gedanken gele- sen! Meine Gedanken. Wie in einem offenen Buch, hat sie in meinem Verstand geblättert oder was es auch sein mag.« »Was es auch sein mag?« erkundigte sich Malone, ehrlich interessiert. Er hatte sich dankbar auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch des Arztes sinken lassen. »Was mein Verstand auch sein mag«, murmelte der Psychiater. »Gedankenleserin! Herr des Him- mels!« »Dr. Harman«, begann Malone, aber der Mann starrte ihn an, ohne ihn zu sehen. »Begreifen Sie nicht?« sagte er vor sich hin. »Sie ist eine Telepathin!« »Wir …« Das Telefon auf Dr. Harmans Schreibtisch läutete. Er bedachte es mit einem Blick und sagte: »Ent- schuldigen Sie. Das Telefon.« Er nahm den Hörer ab und fragte: »Ja?« »Andrew J. Burris«, sagte die Stimme. »Befindet sich Mr. Kenneth J. Malone bei Ihnen?« »Mr. Malone?« fragte der Psychiater. »Ich meine, Mr. Burris? Mr. Malone ist hier. Ja. Oh, du meine Güte. Wollen Sie ihn sprechen?« »Nein«, sagte die Stimme. »Ich will nur wissen, ob er sich alles unter den Nagel gerissen hat, was zu holen war.« »Unter den Nagel gerissen?« Dr. Harman lächelte den Monitor plötzlich an. »Ein Scherz«, kicherte er. »Sie machen einen Scherz, nicht wahr? Wissen Sie,, nach allem, was sich hier ereignet hat, weiß man nie, ob …« »Wir haben einen Telepathen gefunden«, sagte Malone. Burris’ Augen weiteten sich. »Noch einen?« »Was heißt noch einen?« fragte Malone. »Wir ha- ben einen. Hat jemand anders weitere Exemplare aufgetrieben?« »Nun«, entgegnete Burris, »ich habe gerade einen Bericht erhalten, daß noch ein zweiter gefunden wurde. Außer Ihrem, meine ich.« »Ich hoffe nur, daß er in besserer Verfassung ist als unserer«, knurrte Malone. Er holte Luft und legte los. »Unserer ist eine kleine alte Dame. Sie hält sich für die Königin Elisabeth I. Sie mag eine Telepathin sein, aber einen Vogel hat sie trotzdem.« »Königin Elisabeth?« erkundigte sich Burris. »Von England?« »Ja«, nickte Malone und hielt den Atem an. »Verdammt«, explodierte Burris, »die Engländer haben doch schon eine.« Malone seufzte. »Hier handelt es sich um die er- ste«, sagte er. »Sie behauptet übrigens auch, sie wäre unsterblich.« »Sie meinen, sie lebt ewig?« staunte Burris. Dann machte er ein besorgtes Gesicht. »Sagen Sie, Malo- ne, doch nicht etwa wirklich?« »Ob sie wirklich ewig lebt, meinen Sie?« fragte, Malone. Burris nickte. Malone schüttelte zuversicht- lich den Kopf. »Natürlich nicht.« Dann überlegte er sich die Sache, und ihm kamen Zweifel. Am Ende war sie tatsächlich unsterblich. Er warf Dr. Harman einen Blick zu. »Wie steht’s?« fragte er. »Könnte sie unsterblich sein?« Der Psychiater verneinte entschieden. »Sie ist seit mehr als vierzig Jahren hier, Mr. Malone. Und wir haben ihre Geburtsurkunde. Völlig unmöglich.« Malone seufzte und wandte sich wieder dem Mo- nitor zu. »Klar, sie ist nicht unsterblich, Chef«, sagte er. »Nur Verrückte können das sein.« »Das hatte ich befürchtet«, nickte Burris. »Befürchtet?« wiederholte Malone. »Allerdings«, bestätigte Burris. »Hier in Washing- ton sind wir nämlich an einen Zwangsjackenfall ge- raten, falls er sich nicht als telepathische Niete er- weist. Verfolgungswahn, Paranoia und ein Dutzend anderer Zustände, die ich nicht aussprechen kann. Auf jeden Fall schicke ich ihn unter Bewachung nach Yucca Flats. Vielleicht haben Sie Verwendung für ihn.« »Jawohl, Sir«, sagte Malone. »Noch etwas?« »Im Augenblick nicht«, sagte Burris. »Falls sich etwas Wichtiges ereignet, erhalten Sie Bescheid von mir.« Malone legte auf. Das Gesicht verblaßte auf dem, Schirm. Er blickte Dr. Harman an. »Gut«, sagte er, »das wäre das. Was muß ich unternehmen, damit Miss Thompson entlassen wird?« Harman starrte ihn an. »Aber Mr. Malone«, sagte er, »das ist nicht möglich. Wirklich. Miss Thompson steht unter staatlicher Aufsicht. Ohne richterlichen Beschluß kann ich sie nicht entlassen.« Malone dachte nach. »In Ordnung«, sagte er schließlich. »Das sehe ich ein.« Er wandte sich an Boyd. »Das ist deine Aufgabe, Tom«, sagte er. »Ruf den Richter an, von dem glaubst, daß er am schnell- sten auf unser Ansinnen eingeht.« »Hm-m-m«, überlegte Boyd. »Das wäre wohl Richter Dunning. Schneller Arbeiter und sehr für das FBI eingenommen.« Die Tür zum Nebenraum ging plötzlich auf. Die drei Männer drehten sich um und erblickten Miss Wilson, die eine Sekunde lang in der Türöffnung stand, dann hereinkam und die Tür hinter sich schloß. »Entschuldigen Sie, wenn ich störe«, sagte sie. »Sie stören nicht«, sagte Malone. »Ganz im Ge- genteil. Es ist ein Vergnügen, Sie bei uns zu wissen. Kommen Sie bald wieder.« Er lächelte. Die junge Frau schien das gar nicht komisch zu finden. »Doktor«, sagte sie, »Sie sollten sich mit Miss Thompson unterhalten. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist eine neue Situation eingetreten.«, »Neue Situation?« fragte er. Die Sorgenfalten auf seinem Gesicht wurden immer tiefer, aber er sprach mit ruhiger Stimme. »Das arme Wesen glaubt, daß sie jetzt aus der Kli- nik entlassen wird«, sagte Miss Wilson. »Aus ir- gendeinem Grunde ist sie davon überzeugt, daß das FBI ihre Entlassung veranlaßt hat, und –« Als sie den Ausdruck auf dem Gesicht der drei Männer sah, brach sie ab. »Was ist los?« fragte sie. »Miss Wilson«, sagte Malone, »wir – darf ich Sie mit Ihrem Vornamen anreden?« »Natürlich, Mr. Malone«, entgegnete sie. Es entstand eine kurze Pause. »Miss Wilson«, sagte Malone, »wie heißen Sie denn mit Vornamen?« Jetzt lächelte sie sehr sanft. Malone hatte auf ein- mal das Gefühl, die höchsten Gipfel erstürmen zu können. Er war etwas verwirrt, aber es war ein schö- nes Gefühl. »Barbara«, sagte sie. »Wie hübsch«, entgegnete er. »Also Barbara – und bitte nennen Sie mich Ken. Das ist die Abkürzung für Kenneth.« Ihr Lächeln wurde breiter. »Habe ich mir schon gedacht«, sagte sie. »Also«, wiederholte Malone. »Von jetzt an Ken. Ich bin Kenneth, Sie sind Barbara.«, Boyd räusperte sich, es klang unnötig laut. »Hm«, machte Malone. »Ja. Natürlich. Also, Bar- bara – also, genau das haben wir eigentlich vor. Wir wollen Miss Thompson mitnehmen. Wir brauchen sie – dringend.« Dr. Harman hatte die ganze Zeit nichts gesagt, hat- te sich kaum bewegt. Er starrte auf eine Stelle auf seinem Schreibtisch. »Sie kann unser Gespräch nicht mitangehört haben«, murmelte er. »Diese Tür ist ge- räuschundurchlässig. Sie kann uns nicht gehört ha- ben.« »Aber Sie können Miss Thompson doch nicht mitnehmen«, sagte Miss Wilson. »Wir müssen, Barbara«, sagte Malone mit so et- was wie Zärtlichkeit in der Stimme. »Versuchen Sie zu verstehen. Es geht um die Sicherheit unserer Na- tion.« »Sie hat unsere Gedanken belauscht«, murmelte Dr. Harman. »Das muß es sein. Sie hat unsere Ge- danken gehört. Durch die geräuschundurchlässige Tür. Sie kann in Ihre Gehirne blicken. Sogar in meins.« »Die Frau ist krank«, sagte Barbara. »Aber verstehen Sie doch –« »Von vitaler Bedeutung«, schaltete sich Boyd ein. »Absolut vital.« »Trotzdem«, meinte Barbara. »Sie kann Gedanken lesen«, flüsterte Dr. Harm an, ergriffen. »Sie weiß es. Alles. Sie weiß, daß sie alles weiß.« »Das ist völlig ausgeschlossen«, entgegnete Bar- bara. »Ob es Ihnen nun paßt oder nicht, Miss Thompson verläßt die Klinik nicht. Was sollte sie draußen auch wollen. Sie ist seit vierzig Jahren nicht ein einzigesmal hinausgegangen! Und mehr noch, Mr. Malone –« »Kenneth«, stellte Malone richtig. In diesem Au- genblick ging die Tür wieder auf. »Ken, wollte ich sagen.« Die kleine alte Dame steckte den Kopf ins Zim- mer. »Nun, nun, Barbara«, sagte sie. »Verderben Sie doch nicht alles. Lassen Sie diese beiden netten Männer ruhig bei Ihrem Vorhaben. Es wird alles in Ordnung gehen, glauben Sie mir. Außerdem bin ich öfter draußen gewesen, als Sie ahnen.« »Draußen?« wiederholte Barbara. »Natürlich«, sagte die kleine alte Dame. »In den Gedanken anderer. Sogar in den Ihren. Ich kann mich noch an diesen netten jungen Mann erinnern … wie hieß er doch gleich?« »Das ist doch unwichtig«, warf Barbara schnell ein und errötete heftig. Malone war augenblicklich eifersüchtig auf sämt- liche netten jungen Männer. Er war kein netter jun- ger Mann; und er rauchte mit Vorliebe Zigarren und trank auch gern mal über den Durst., Man sollte alle netten jungen Männer schleunigst in häßliche alte Männer verwandeln, entschied er. Dann hätten sie ihr Fett weg. Er bemerkte, wie die kleine alte Dame ihm zulä- chelte, und gab sich hastig Mühe, an etwas anderes zu denken. Aber sie sagte nichts. »Jedenfalls«, meinte Barbara, »fürchte ich, wir können nicht …« Dr. Harman räusperte sich gebieterisch. Es war ein äußerst eindrucksvolles Geräusch und jedermann drehte sich um und blickte ihn an. Sein Gesicht war grau, aber sonst wirkte es wie ein feister römischer Kaiser in Blond. »Einen Augenblick«, sagte er würdevoll. »Mir scheint, Sie tun den Vereinigten Staaten von Ameri- ka großes Unrecht, Miss Wilson – und Miss Thomp- son auch.« »Wie meinen Sie das«, fragte Barbara verwirrt. »Ich glaube, es wäre gut für sie, von mir – ich meine, von hier fortzukommen«, sagte der Psychia- ter. »Wohin, sagten Sie, bringen Sie sie?« fragte er Malone. »Nach Yucca Flats«, sagte Malone. »Aha.« Die Antwort schien dem Arzt zu gefallen. »Das ist weit weg von hier, nicht wahr? Einige hun- dert, vielleicht sogar einige tausend Meilen. Ich bin sicher, das wird das Beste für mich sein … ich meine natürlich für Miss Thompson. Ich werde dem Gericht, empfehlen, einen entsprechenden Beschluß zu fas- sen.« »Doktor …« Aber Malone erkannte, daß sogar Barbara eines einsah: Mit Dr. Harman sich auseinan- derzusetzen, hatte keinen Zweck. Sie versuchte es mit einem letzten Angriff. »Doktor, wer soll sich denn um sie kümmern?« Malone ging ein Licht von der Größe des Mount Everest auf. Fast hätte er laut aufgelacht. Aber er brachte es fertig, seine Stimme zu beherrschen. »Was Miss Thompson braucht«, sagte er, »ist eine ausge- bildete Krankenschwester.« Barbara Wilson warf ihm einen Blick zu, der das Weiße Haus in Schutt und Asche gelegt hätte, aber das kümmerte Malone wenig. Sie würde sich mit der Zeit schon eines Besseren besinnen, sagte er sich. »Nein, das war aber lieb von Ihnen, daran zu den- ken«, sagte die kleine alte Dame. Malone sah sie an und wurde mit einem neuen Blinzeln belohnt. »Ich bin wirklich froh, daß sie an Barbara gedacht haben«, fuhr die kleine alte Dame fort. »Sie begleiten mich doch, Liebes, nicht wahr? Ich werde Sie dafür zur Herzogin ernennen. Wären Sie nicht gern Herzo- gin, Liebes?« Barbara blickte von Malone auf die kleine alte Dame und weiter zu Dr. Harman. Was sie sah, mach- te sie augenscheinlich nicht gerade glücklich. »Wir werden es ihr an nichts fehlen lassen, Barba-, ra«, versprach Malone. Sie gab ihm keine Antwort. Nach einem Augenblick sagte Boyd: »Nun, ich denke, damit wäre alles geklärt. Wenn ich Ihr Tele- fon benutzen darf, Dr. Harman, rufe ich Richter Dunning an.« »Nur zu«, sagte Dr. Harman. »Nur zu.« Die kleine alte Dame lächelte versonnen, ohne je- manden anzusehen. »Ist das nicht herrlich!« flüsterte sie. »Endlich bin ich anerkannt worden. Mein Land steht im Begriff, mir seinen Dank für meine Dienste zu erweisen. Meine treuen Untertanen …« Sie hielt inne und wischte sich eine Träne aus den kornblu- menblauen Augen. »Nun, nun, Miss Thompson«, sagte Barbara. »Ich bin nicht traurig«, sagte die kleine alte Dame und lächelte zu ihr auf. »Ich bin nur so überglück- lich. Jetzt erhalte ich endlich meine verdiente Beloh- nung von meinen getreuen Untertanen. Sie werden es erleben.« Sie sprach nicht weiter, und Malone fühlte, wie eine schwache, aber eisige Furcht ihn anwehte. »Nein, wie wird das herrlich werden!« sagte die kleine alte Dame. »Sie sind wo?« fragte Andrew J. Burris. Malone sah das entgeisterte Gesicht des FBI-, Direktors auf dem Monitor und verwünschte sich, daß er ihn angerufen hatte. Er mußte natürlich Be- richt erstatten – aber hätte er nur ein bißchen Grips besessen, dann würde er Boyd befohlen haben, das an seiner Stelle zu tun. Grips oder nicht, jetzt war es zu spät. »Ich bin in Las Vegas«, erklärte er seinem Chef behutsam. »Ich habe schon gestern abend versucht, Sie zu erreichen, aber leider …« »Las Vegas«, wiederholte Burris. »So, so. Las Vegas.« Sein Gesicht verdüsterte sich, und seine Stimme wurde unnötig laut. »Weshalb sind Sie nicht in Yucca Flats?« brüllte er. »Weil sie darauf bestanden hat«, sagte Malone. »Die alte Dame. Miss Thompson. Sie behauptete, es gäbe hier noch einen Telepathen.« Burris schloß die Augen. »Na gut, das ist ja eine Erleichterung«, sagte er schließlich. »Wahrscheinlich jemand aus den Spielhöllen. Schön, Malone.« Ohne Pause fuhr er fort. »Zwei haben wir mittlerweile noch gefunden. Keiner davon ist auch nur annähernd normal.« Er öffnete die Augen. »Wo steckt Ihr neuer Mann?« fragte er. Malone seufzte. »Im Irrenhaus«, antwortete er. Burris machte die Augen wieder zu. Malone war- tete, ohne etwas zu sagen. Endlich knurrte Burris: »Na schön. Holen Sie ihn heraus.« »Ja«, sagte Malone. »Gut.«, »Und sagen Sie mal«, erkundigte sich Burris, »warum wollte Miss Thompson denn unbedingt, daß Sie nach Las Vegas fahren? Diese Sache hätte doch auch jemand anders erledigen können. Sie hätten bei- spielsweise Boyd damit beauftragen können.« »Chef«, fragte Malone langsam, »wie steht es ei- gentlich um den Geisteszustand der übrigen Telepa- then?« »Schlecht«, sagte Burris. »Sehr schlecht sogar.« Er hielt inne. »Was hat das damit zu tun?« wollte er wissen. »Ich dachte mir nur«, sagte Malone, »wir sollten die Thompson vielleicht besser mit Samthandschu- hen anfassen – zumindest so lange, bis wir einen Te- lepathen erwischen, der alle seine Tassen noch im Schrank hat.« Von Barbara Wilson erwähnte er nichts. Schließlich konnte er dem Chef ja nicht mit jeder Kleinigkeit kommen. »Der Teufel holt Sie, wenn Sie das nicht tun«, drohte Burris. »Sie behandeln die alte Dame, als wä- re sie die Königin selber, verstanden?« »Keine Sorge«, sagte Malone. »Das tun wir so- wieso schon.« Er zögerte. »Sie hat uns zwar verspro- chen, uns bei der Suche nach dem Spion zu helfen, aber wenn wir uns nicht nach ihren Mucken richten, will sie nicht mitmachen.« »Dann richten Sie sich eben nach ihren Mucken«, sagte Burris. »Der Spion muß …«, »Sind Sie ganz sicher, Chef?« Burris starrte ihn an. »Also, worin bestehen die Mucken?« verlangte er dann zu wissen. Malone holte tief Atem. »Erstens«, sagte er, »mußten wir hierherfahren und diesen William Lo- gan aus seinem Privatsanatorium herausholen. Miss Thompson will sämtliche Telepathen um sich ver- sammeln und eine Art geistigen Kaffeeklatsch veran- stalten.« »Alle behämmert«, murmelte Burris. »Klar«, sagte Malone. »Jahresversammlung der Verrückten. Und ich mitten dazwischen. Hören Sie, Chef…« »Später«, wehrte Burris ab. »Wenn alles vorüber ist, können wir unseren Abschied nehmen. Aber noch steht die Sicherheit der Nation auf dem Spiel, Malone. Vergessen Sie das nicht.« »Schon gut«, seufzte Malone. »Schon gut. Aber wenn es nach ihr geht, landen wir in Kürze mit sämt- lichen Idioten im Land in Yucca Flats.« »Und wenn schon«, fuhr Burris ihn an. »Halten Sie sie bei guter Laune. Bis jetzt ist sie unser einziger Rettungsanker, um dem Burschen das Handwerk zu legen, der in Yucca Flats sein Unwesen treibt. Also, richten Sie sich gefälligst nach ihr, Malone.« »Aber Chef…« »Unterbrechen Sie mich nicht«, fauchte Burris. »Wenn sie wie eine Königin behandelt werden will,, dann behandeln Sie sie wie eine. Das ist ein Befehl, Malone!« »Jawohl, Sir«, sagte Malone bekümmert. »Aber Chef, wir sollen ihr außerdem noch neue Kleider kaufen.« Burris riß der Geduldsfaden. »Ist das alles? Neue Kleider? Dann kaufen Sie den Plunder, Mensch und setzen Sie ihn auf die Spesenrechnung. Als ob es auf ein paar Kleider ankäme!« »Sie meint aber, wir brauchten auch neue Klei- der.« »Vielleicht hat sie sogar recht!« sagte Burris un- geduldig. »Was glauben Sie wohl, wozu Sie ein Ausgabenkonto zu Ihrer Verfügung haben? Meinen Sie, ich würde Ihnen wegen ein paar Dollar den Kopf abreißen?« »Tja…« »Besorgen Sie die Kleider. Belästigen Sie mich doch nicht mit solchen Einzelheiten, Malone. Regeln Sie diese Dinge selber – schließlich liegt die Leitung der Ermittlungen bei Ihnen. Und sehen Sie zu, daß Sie so bald wie möglich nach Yucca Flats kommen.« Malone gab es auf. »Jawohl, Sir«, sagte er. »Rufen Sie mich morgen wieder an«, befahl Burris abschließend. »Inzwischen viel Glück, Malone. Und Kopf hoch.« Malone sagte: »Ja, Sir«, und wollte schon nach dem Schalter greifen. Aber Burris’ Stimme ließ ihn, in der Bewegung innehalten. »Und noch eins«, sagte Burris. »Ja, Chef?« Burris runzelte die Stirn. »Und geben Sie nicht mehr Geld als unbedingt nötig für Kleidungsstücke aus«, sagte er. Malone nickte und schaltete ab. Das Bild des Direktors war verblaßt, als Malone aufstand und zum Fenster des Hotelzimmers ging. Draußen machte ein riesiges Werbeschild ihn und alle Welt darauf aufmerksam, daß er im Thunder- bird-Hilton-Zeckendorf-Hotel abgestiegen war. Ma- lone schenkte ihm keinen Blick. Er wußte auch ohne Schild, wo er stand, oder richtiger, saß. Nämlich mitten in der Tinte. Hinter ihm ging die Tür auf. Malone drehte sich um, während Boyd ins Zimmer kam. »Einen Kostümverleih habe ich aufgetrieben«, sagte er. »Großartig«, sagte Malone. »Der Chef hat zuge- stimmt.« »Was?« Boyd riß die Augen auf. »Wir sollten ihr kaufen, was sie haben will, und sie wie eine Königin behandeln.« »Das tun wir ja schon dauernd«, beschwerte sich Boyd. »Wem sagst du das?« murmelte Malone. »Wenigstens nützt uns der Kostümverleih nichts«,, stellte Boyd befriedigt fest. »Er kann uns höchstens mit den Cowboyanzügen und den Matadorkostümen dienen, in denen seine Kunden im Karneval herum- laufen.« »Und damit hast du dich zufrieden gegeben?« wollte Malone wissen. Boyd schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht«, sagte er. »Ken, das geht doch wohl alles auf Spesenkonto, oder?« »Klar«, sagte Malone. »Was dachtest du?« »Ein Glück«, meinte Boyd erleichtert. »Der Besit- zer hat auf meine Weisung in New York angerufen und ihre Maße durchgegeben.« »Er soll gleich zwei Kostüme kommen lassen«, ordnete Malone an. »Der Chef meinte, wir sollten ihr jeden Wusch von den Augen ablesen.« »Ich gehe gleich morgen noch mal ‘rüber. Dem Besitzer habe ich gesagt, wir brauchen die Sachen mit dem Nachmittagsflugzeug.« »Gib ihm auch gleich Barb… Miss Wilsons Maße, und deine und meine dazu. Er soll zusehen, daß er etwas Passendes für uns auftreibt.« »Für uns?« Boyd erblaßte. »Für uns«, wiederholte Malone grimmig. Boyd biß die Zähne zusammen. »Nein«, sagte er laut. »Hör zu, Tom«, sagte Malone, »glaubst du, mir macht das Vergnügen? Aber wenn ich meinen Ab-, schied nicht nehmen kann, mußt du auch durchhal- ten. Die Kostüme werden wir auch noch überste- hen.« »Aber«, begann Boyd. Dann sagte er gar nichts mehr. Nach einer Weile erkundigte er sich schüch- tern: »Malone … Ken … FBI-Beamte sollen doch meines Wissens unauffällig wirken?« Malone nickte. »Wie unauffällig, glaubst du wohl, werden wir mit diesem Plunder aussehen?« »Der Einwand ist nicht übel«, anerkannte Malone. »Aber er langt nicht. Wir sollten in erster Linie Miss Thompson bei guter Laune halten, das bedeutet, daß wir uns in Kostüme werfen müssen. Außerdem«, fügte Malone hinzu, »wird sie von jetzt an mit ›Euer Majestät‹ angeredet.« »Ken«, sagte Boyd, »du hast einen Knall.« Malone schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Aber ich wünschte ich hätte einen. Das wäre direkt eine Wohltat.« Boyd ging zur Tür. Dort drehte er sich um. »Wäre ich doch bloß schon wieder in San Francisco«, sagte er. »Warum mußte sie ausgerechnet mich mitneh- men?« »Der Bart ist schuld«, sagte Malone. »Mein Bart?« Boyd prallte zurück. »Ganz richtig«, sagte Malone. »Sie behauptet, er würde sie an einen Bekannten erinnern. Offen ge-, standen, mich erinnert er auch an jemanden. Ich weiß bloß nicht an wen.« Boyd schluckte. »Ich rasiere ihn sofort ab«, sagte er mit der Miene eines Mannes, der sein Äußerstes getan hat, um die Götter zu besänftigen. »Untersteh dich«, drohte Malone. »Wenn du dei- nem schwarzen Kinn ein Haar krümmst, ziehe ich dir das Fell vom Leibe.« Boyd zuckte zusammen. »Geh jetzt zurück zu dem Kostümverleih und sieh zu, daß alles klappt«, sagte Malone. »Hier.« Er wühl- te in seinen Taschen, brachte einen zerknüllten Zettel zum Vorschein und gab ihn Boyd. »Da hast du meine Maße. Hol dir von Ba… Miss Wilson die gleichen Angaben.« Boyd nickte. Malone glaubte, ein Fun- keln in seinen Augen zu bemerken. »Von selber messen war keine Rede«, sagte er sicherheitshalber. »Du wirst sie nur danach fragen.« Boyd kratzte sich seinen Bart und nickte langsam. »Meinetwegen«, sagte er. »Aber ich will nicht schuld sein, wenn wir nicht zum Ziel kommen.« »Wenn du zu deinem Ziel kommst, skalpiere ich dich und lasse dich mit der Glatze und Bart auf die Menschheit los«, warnte Malone. »Ich habe doch nicht von Miss Wilson gespro- chen, Ken«, wehrte sich Boyd. »Ich meinte im all- gemeinen.« Er verschwand mit der Miene eines Mannes, den das Leben bitter enttäuscht hat. Von, hinten erweckte er den Eindruck, als ginge er zum Schafott. Die Tür schloß sich. An wen erinnert mich nur dieser Bart? dachte Ma- lone. Wer von meinen Bekannten zählt auch zu Miss Thompsons Bekannten? Und was habe ich davon, wenn ich das weiß? Immerhin stellte der Bart, den Boyd sich da her- angezüchtet hatte, eine beachtliche Leistung dar. Seit Bärte in den sechziger Jahren wieder populär gewor- den waren und FBI-Beamte die Erlaubnis erhalten hatten, sie zu tragen, hatte Malone daran gedacht, sich einen stehen zu lassen. Aber am Ende war er immer wieder davon abgekommen. Jetzt begann er sich, wieder mit dem Gedanken zu befassen. Er zuckte die Achseln. Im Moment gab es Wichti- geres zu tun. Er griff nach dem Telefon und rief beim Portier an. »Bitte verbinden Sie mich mit dem Sanatorium Desert Edge«, sagte er. Der blutrote Sonnenball tauchte die Wüste schon in Purpur- und Orangetöne, als die kleine Karawane das Sanatorium, einen quadratischen weißen Bau mehre- re Kilometer außerhalb von Las Vegas, erreichte. Malone, der im ersten Wagen saß, überlegte? was für, Patienten wohl hier behandelt würden. Leute, die noch nachts im Bett »Achtzehn – zwanzig – passe«, riefen? Reiche Witwen, die am Roulett-Tisch über- geschnappt waren? Kartenhaie, die an Zwangsvor- stellungen von leeren Spielsälen litten? Malone saß neben Boyd, der steuerte. Königin Eli- sabeth Thompson und Lady Barbara, die Kranken- schwester, hatten geruht, sich im Fond niederzulas- sen, und Ihre Majestät schwatzte wie ein Buch. »Sobald das Parlament zusammentritt und meine Anerkennung beschließt«, sagte sie gerade, »werde ich Euch die Herzogwürde verleihen. Mittlerweile kann ich Euch lediglich zu Rittern schlagen, was selbstverständlich keine ausreichende Anerkennung darstellt. Aber ich denke, ich werde Sir Kenneth zum Herzog von Columbia ernennen.« Malone begriff, daß mit Sir Kenneth er gemeint war. Er überlegte, wie er sich wohl als Herzog von Columbia gefallen würde. Würde der Präsident über- rascht sein! »Und Sir Thomas«, fuhr die Königin fort, »wird Herzog von – nun? Sir Thomas?« »Ja, Euer Majestät?« fragte Boyd und versuchte, seiner Stimme dabei einen eifrigen und ehrerbietigen Klang zu geben. »Welches Herzogtum käme Euch gelegen?« woll- te sie wissen. »Oh«, meinte Boyd nach einem Augenblick, »was, Euer Majestät gefallt.« Aber seine Gedanken verrie- ten ihn offenbar. »Ihr stammt aus dem Norden des Staates New York?« forschte die Königin. »Wie hübsch! Ich wer- de Euch zum Herzog von Poughkeepsie machen.« »Euer Majestät sind sehr gütig«, sagte Boyd. Ma- lone glaubte einen Anflug von Stolz in seiner Stim- me zu entdecken, und warf ihm einen Seitenblick zu. Aber der Agent steuerte mit gleichmütigem Gesicht und sparsamen Bewegungen. Herzog von Poughkeepsie! dachte Malone. Ha! Er lehnte sich zurück und zog seinen pelzbesetzten Rock zurecht. Die Feder, die von seinen Hut herun- terwallte, kitzelte ihn im Nacken, und Malone kratzte sich. Alle vier Wageninsassen waren nach der Mode des späten 16. Jahrhunderts gekleidet. Sie trugen Samtgewänder mit Spitzenbesatz und breiten Hals- krausen. Sir Thomas und Sir Kenneth schwitzten in den engen Hosen und langen Überröcken mit ge- schlitzten Puffärmeln. Ihre Majestät und Lady Barba- ra machten Staat mit weiten Röcken und kleinen Häubchen. Malone hatte bereits festgestellt, daß die weitausgeschnittenen Kleider jener Zeit Barbara kei- neswegs übel zu Gesicht standen. Außerdem waren die vier samt und sonders bis zum Zusammenbre- chen mit Juwelen beladen. Natürlich waren die Edelsteine Talmi. Aber, schließlich, dachte Malone, war die Königin ja auch nicht echt. Am Ende glich sich alles wieder aus. Während sie dem Sanatorium näher kamen, sandte Malone innerlich ein Dankgebet zum Himmel, daß er den Chefarzt angerufen und auf den Mummenschanz vorbereitet hatte. Andernfalls hätte er sich nicht einmal in dunkler Nacht an dem Sanatorium vorübergetraut. Der Chefarzt, Dr. Frederic Dowson, erwartete sie auf den Eingangsstufen des Gebäudes. Er wirkte groß, hager und ausgezehrt, mit schütterem Haar und tiefliegenden Augen. Ein harter, unnachgiebiger Ausdruck stand in seinem Gesicht. Er verzog keine Miene, als der prachtvoll ausstaf- fierte Boyd hinter dem Steuer hervorrutschte, den Fond des Wagens öffnete, seinen Hut zog und ihn mit einer tiefen Verneigung schwenkte. »Wir sind angelangt, Euer Majestät«, sagte er. Ihre Majestät hob beim Aussteigen besorgt die umfangreichen Röcke hoch, um sich nicht damit am Trittbrett zu verfangen. »Wissen Sie, Sir Thomas«, sagte sie, als sie im Freien stand, »mir scheint, wir müssen miteinander verwandt sein.« »Ach?« erkundigte sich Boyd unsicher. »Ich bin mir dessen sogar gewiß«, fuhr Ihre Maje- stät fort. »Ihr ähnelt meinem armen Vater ganz ver- blüffend. Ich wage zu behaupten, daß Ihr einer linken Seitenlinie unserer Familie entstammt. Möglicher-, weise seid Ihr ein entfernter Halbbruder von mir.« Malone grinste und wandte sich ab. Boyd machte erst einen verwirrten, dann einen leicht gereizten Eindruck. Daß er gerade auf diese Art unehelich zur Welt gekommen sein sollte, hatte ihm bisher noch keiner nachgesagt. Aber Ihre Majestät hatte völlig recht, dachte Ma- lone. Der Agent hatte ihn immer an jemanden erin- nert, und jetzt wußte er endlich auch an wen. Aller- dings hätte sein Haar rot und nicht schwarz sein müssen. Ansonsten aber glich Boyd in der Kleidung des elisabethanischen Zeitalters bis aufs i-Tüpfelchen dem Abbild Heinrichs VIII. Malone ging die Treppe hinauf und blieb vor Dr. Dowson stehen. »Ich bin Malone«, sagte er. »Ich hatte Sie heute nachmittag angerufen. Ist dieser William Logan auf- bruchfertig? Wir können ihn im zweiten Wagen mit zurücknehmen.« Dr. Dowson preßte die Lippen zusammen und machte ein besorgtes Gesicht. »Kommen Sie herein, Mr. Malone«, sagte er. Er drehte sich gerade um, als die zweite Wagenladung von FBI-Beamten sich über den Vorplatz ergoß. Der ganze Zug pilgerte in die Anstalt hinein, wo- bei die Agenten aus Las Vegas den Schluß bildeten. Da sie nicht zum Hofstaat Ihrer Majestät gehörten,, brauchten sie auch keine Kostüme zu tragen. Mit der Zeit taten sie Malone direkt leid. Er dachte, daß er in seinem Aufzug doch ein beeindruckendes Bild abgab – fast wie Tony Curtis in dem Film »Der eiserne Rit- ter von Falworth.« Allerdings ließ es sich nicht leugnen, daß die Pro- zession einen eigenartigen Eindruck machte. Schwe- stern und Angestellte blieben stehen und gafften den vier herausgeputzten Ankömmlingen und ihren nor- mal gekleideten Begleitern nach. Um ihre Gedanken zu lesen, bedurfte es keiner telepathischen Fähigkei- ten. Ein ganzer Schwarm von Verrückten auf einmal, dachten sie. Die beiden am Schluß wollen sie wohl bei Dr. Dowson abliefern. Malone achtete darauf, gerade und würdevoll aus- zuschreiten. Er begriff wirklich nicht, weshalb elisa- bethanische Kleidung überhaupt außer Mode ge- kommen war. Letzten Endes war Elisabeth doch zu- rückgekehrt. Entweder Elisabeth II., die auf dem Thron saß, oder Elisabeth I., die hinter ihm ging. Von welcher Seite man die Geschichte auch betrach- tete … Als alle in das Wartezimmer getreten waren, fragte Dr. Dowson: »Was soll das eigentlich alles bedeu- ten?« Er rieb seine langen Hände aneinander. »Ich sehe in Ihrem Vorgehen durchaus nichts Humorvol- les.«, »Humorvolles?« wunderte sich Malone. »Sie müssen wissen, Doktor …«, begann Barbara Wilson. »Diese lächerlichen Kostüme!« entrüstete sich Dr. Dowson und zeigte mit dem Finger auf sie. »Sie scheinen zu glauben, es sei ein Riesenspaß, den Schwachsinn ins Lächerliche zu ziehen. Ich muß schon sagen, Mr. Malone …« »Aber davon kann doch überhaupt keine Rede sein!« rief Boyd. »Und außerdem wollen Sie uns noch Mr. Logan wegholen«, fuhr Dr. Dowson mit gesteigerter Laut- stärke fort. »Mr. Logan ist sehr krank, Mr. Malone. Er bedarf der ständigen Aufsicht und Pflege.« »Ich versichere Ihnen, daß wir ihm jede Pflege an- gedeihen lassen werden«, erwiderte Malone ernst. Die altmodische Kleidung mochte ja im Freien ihre Vorteile besitzen, aber in einem geheizten Zimmer kam man damit ins Schwitzen. »Sie gestatten, daß ich daran zweifle«, sagte Dr. Dowson und warf einen bissigen Blick auf die Ko- stümierung. »Miss Wilson«, beruhigte Malone ihn, »ist als Krankenschwester in einer Heil- und Pflegeanstalt ausgebildet worden.« Barbara trat in ihrem Samtgewand einen Schritt vor. »Ich versichere Ihnen, Dr. Dowson«, sagte sie, »daß diese Kostüme einen Zweck …«, »Und nicht nur das«, sagte Malone. »Im St.- Elisabeth-Krankenhaus in Washington wird man in jeder Weise für Ihren Patienten sorgen.« Von Yucca Flats und Telepathie erwähnte er nichts. Wozu überflüssige Worte machen? »Aber ich verstehe nicht, welches Interesse das FBI an einem Irrsinnigen haben kann«, beharrte Dr. Dawson. »Ich bin nicht berechtigt, Ihnen darüber Auskunft zu geben«, entgegnete Malone. Er griff in den pelz- besetzten Rock, zog ein gesiegeltes Schriftstück her- vor und verkniff sich den Wunsch nach einer tiefen Verneigung. »Dieser Gerichtsbeschluß«, sagte er, »weist Sie an, uns die Person eines gewissen William Logan, welche der beigefügten Beschreibung entspricht, un- verzüglich auszuhändigen.« Er hielt dem Arzt das Schriftstück unter die Nase. »Damit«, sagte er, »ist William Logan Ihrer Befugnis entzogen.« Dr. Dowson nahm den Gerichtsbeschluß entgegen, studierte ihn stirnrunzelnd und blickte dann zu Ma- lone auf. »Trotzdem trage ich die Verantwortung für Mr. Logan«, sagte er. »Und ich bezweifle, ob Sie wissen, wie krank er tatsächlich ist. Wir haben uns sämtliche Unterlagen über ihn kommen lassen und uns seit längerer Zeit mit ihm befaßt.« »Aber …« setzte Barbara Wilson an. »Ich darf wohl sagen, daß wir im Begriff sind, die, Ursachen zu verstehen, die zu seiner Erkrankung ge- führt haben«, fuhr Dr. Dowson fort. »Die Weiterfüh- rung dieser Arbeit durch eine Ärztegruppe, die weni- ger mit Mr. Logan vertraut ist, könnte seine Krank- heit verschlimmern und unter Umständen einen Rückfall herbeiführen. Unsere ganze Arbeit würde damit zunichte gemacht.« »Bitte, Doktor …« begann Barbara Wilson erneut. »Ich fürchte, ich muß auf der Ausführung des Ge- richtsbeschlusses bestehen«, sagte Malone. Insge- heim empfand er Bedauern für Dr. Dowson, der als gewissenhafter Arzt offenbar versuchte, das Beste für seinen Patienten zu tun. Aber … »Es tut mir leid, Dr. Dowson«, sagte er. »Wir hof- fen, daß Sie unseren Ärzten Ihre Unterlagen zur Ver- fügung stellen werden. Das Wohlbefinden des Pati- enten liegt uns nicht minder am Herzen als Ihnen. Das FBI legt es nicht darauf an, seine Beamten in den Ruf der Nachlässigkeit geraten zu lassen.« Er hielt inne und überlegte, welchen Köder er dem Arzt noch vorwerfen konnte. »Ich bezweifle nicht, daß man im St.-Elisabeth-Krankenhaus Ihre Mitarbeit gern annehmen wird«, sagte er endlich. »Unsere Pflicht läßt uns jedoch keinen Ausweg, fürchte ich. William Logan wird uns begleiten.« Dr. Dowson sah ihn verdrießlich an. »Muß er sich vielleicht auch herausputzen wie im Karneval?« Ehe Malone antworten konnte, fügte der Psychiater hin-, zu: »Im übrigen weiß ich nicht einmal, ob Sie tat- sächlich FBI-Beamte sind. Weshalb soll ich die An- ordnung von Männern befolgen, die ich nicht kenne und die in lächerlicher Weise verkleidet sind?« Malone sagte nichts. Er stand auf und ging zu ei- nem kleinen Tisch an der Wand, auf dem ein Telefon stand. Eine Tür befand sich daneben, und Malone fragte sich mit einem unbehaglichen Gefühl, wohin sie wohl führen mochte. Vielleicht hatte sich Dr. Dowson dahinter ein kleines Arsenal angelegt, um seine Patienten in Fällen wie diesem beschützen zu können. Er wählte Burris’ Privatnummer in Washington. Als das Gesicht des Direktors auf dem Schirm er- schien, sagte Malone: »Mr. Burris, würden Sie mich bitte gegenüber Dr. Dowson identifizieren?« Er warf Dowson einen Blick zu. »Mr. Andrew J. Burris er- kennen Sie wohl?« fragte er. Dowson nickte. Seine grimmige Miene verriet Un- sicherheit. Er ging zu dem Monitor, und Malone trat zurück, um ihm mit Burris sprechen zu lassen. »Mein Name ist Dowson«, sagte er. »Ich bin Chef- arzt des Sanatoriums Desert Edge, Ihre Leute …« »Meine Leute haben Befehl, in Ihrer Anstalt einen gewissen William Logan abzuholen«, sagte Burris. »Das stimmt«, sagte Dowson. »Aber …« Während sie miteinander sprachen, schob sich Königin Elisabeth I. leise an Malone heran und tippte, ihm auf die Schulter. »Sir Kenneth«, wisperte sie kaum hörbar. »Ich weiß, wer Euer telepathischer Spion ist. Und ich weiß auch, wo er sich befindet.« »Wer?« fragte Malone. »Was? Wieso? Wo?« Er riß die Augen auf und fuhr zu ihr herum. Das konnte nicht wahr sein. Der Fall konnte unmöglich so eine leichte Lösung finden. Aber in den Zügen der Königin lag majestätische Gewißheit. »Da habt Ihr ihn«, sagte sie und deutete nach vorn. Malone folgte ihrem Finger. Der wies kerzengerade auf das schwach flimmern- de Bild von Andrew J. Burris, dem Direktor des FBI. Malone riß den Mund auf und klappte ihn wieder zu, ohne ein Wort hervorzubringen. Er starrte von Burris zu der Königin und wieder zurück. Dann rang er nach Atem und stieß gedämpft hervor. »Der Spion?« »Natürlich«, sagte Ihre Majestät. »Aber das ist doch …« Malone blieb die Spucke weg. »Das ist der Leiter des FBI«, brachte er endlich hervor. »Wollt Ihr im Ernst behaupten, er wäre der Spion?« Burris schloß gerade seine Rede: »Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit, Dr. Dowson, in der, wir keine Verzögerung dulden können. Sie haben den Gerichtsbeschluß gesehen. Befolgen Sie ihn!« »Schön, Mr. Burris«, knurrte der Arzt. »Da Sie darauf bestehen, werde ich den Patienten unverzüg- lich Mr. Malone übergeben.« Malone konnte den Blick immer noch nicht vom Monitor lösen. »Ihr seid tatsächlich davon überzeugt, daß Andrew J. Burris der telepathische Spion ist?« fragte er. »Herrje!« flüsterte Ihre Majestät in offensichtli- cher Bestürzung. »Du lieber Himmel! Ist das Mr. Burris auf dem Bildschirm?« »Allerdings«, entgegnete Malone. Ein Seitenblick überzeugte ihn, daß weder Burris noch Dowson das Gespräch mitbekommen hatten. Trotzdem dämpfte er vorsichtshalber die Stimme noch mehr. »Das ist der Direktor des FBI«, wisperte er. »Das ist etwas anderes«, sagte Ihre Majestät. »Wenn Mr. Burris Direktor des FBI ist, kann er selbstredend kein Spion sein. Nein, nein, natürlich ist er keiner. Er wäre auch gar nicht der Typ dafür. Ver- geßt, was ich über Mr. Burris gesagt habe.« »Kann ich nicht«, murmelte Malone. »Schließlich arbeite ich für ihn.« Er schloß die Augen. Das Zim- mer drehte sich immer noch. »Sind Euer Majestät wirklich sicher, daß er kein Spion ist?« erkundigte er sich schwach. »Selbstverständlich«, erwiderte sie hoheitsvoll., »Zweifelt Ihr am Wort Eurer Königin, Sir Kenneth?« »Nicht direkt«, meinte Malone. Bei sich war er nicht so sicher. Aber schließlich brauchten Königin- nen nicht alles zu wissen. »Schämt Euch, Sir Kenneth!« schalt sie. »So et- was solltet Ihr nicht einmal denken. Bin ich Eure Herrscherin, oder nicht?« Zornig schien sie aber doch nicht zu sein, denn sie lächelte leicht. »Gewiß«, sagte Malone. »Nur …« »Malone!« Burris’ Stimme drang aus dem Monitor herüber. Der Agent fuhr herum. »Nehmen Sie Mr. Logan mit«, befahl der FBI-Direktor, »und beeilen Sie sich! Es hat schon genug Verzögerungen gege- ben.« »Gewiß, Sir«, nickte Malone eifrig. »Sofort, Sir. Sonst noch etwas?« »Das ist alles«, sagte Burris. »Guten Abend.« Der Schirm wurde dunkel. »Also Doktor«, sagte Boyd. Er wirkte jeder Zoll wie ein König, und Malone wußte auch, wie welcher. »Lassen Sie ihn holen.« Dr. Dowson seufzte tief. »Meinetwegen«, sagte er. »Jedenfalls mißbillige ich Ihr anmaßendes Vorgehen aufs schärfste und werde mich über Sie beschweren.« Er drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch. »Führen Sie Mr. Logan herein«, sagte er ins Mikro- fon der Sprechanlage. Die angedrohte Beschwerde bereitete Malone kei-, ne Kopfschmerzen. Burris würde sich schon damit befassen, und außerdem hatte er andere Sorgen. Die Tür zum angrenzenden Zimmer hatte sich ge- öffnet. Zwei kräftige weißgekleidete Wärter brachten eine Gestalt herein, die in einer Zwangsjacke steckte. Die langen Ärmel der Jacke waren auf dem Rücken zusammengeknotet. Die Arme hielt der Irre über der Brust gekreuzt. Er ließ sich willenlos führen, aber seine Augen sahen nichts und niemanden in dem Raum. Sie starrten ins Leere, in eine wesenlose Ferne außerhalb jedes Begriffvermögens. Malone rann ein Frösteln über den Rücken. Zum erstenmal stand er unverhülltem Irrsinn in seiner grauenhaften Ausprägung gegenüber. Königin Elisa- beth Thompson mochte sich komisch und letzten Endes doch liebenswert betragen. Mit William Lo- gans Eintritt dagegen wehte ein eisiger Hauch durch den Raum. Logan war kein Mann, sondern noch ein Junge von kaum neunzehn Jahren. Malone hatte das natür- lich gewußt, aber trotzdem bestürzte ihn der Anblick. Der Anblick der schmächtigen, unbeholfenen Gestalt in der Zwangsjacke krampfte ihm den Magen zu- sammen, aber furchtbarer noch kam ihm das leere, teilnahmslose Gesicht vor. Keine Drohung lag darin, kein Entsetzen, weder Wut noch Angst. Es barg – nichts. Diese Züge waren nicht menschlich. Ihre masken-, hafte Gefühllosigkeit stempelte sie zu dem Gesicht eines Schlafwandlers – oder eines fremden Wesens. Malone sah den Jungen an und wandte den Blick ab. Konnte Logan wissen, was er dachte? Antworte mir! dachte er scharf und fordernd. Der Junge schwieg. Seine Antwort blieb aus. Ma- lone zwang sich, den Blick von ihm zu lösen. Die Kälte in dem Zimmer schien noch zuzunehmen. Die Wärter waren neben Logan stehengeblieben. Einen endlosen Augenblick lang regte sich niemand. Dann griff Dr. Dowson in ein Schreibtischfach und zog mehrere Papiere hervor. »Ehe Sie Mr. Logan mitnehmen, unterzeichnen Sie bitte diese Formulare«, sagte er. »Mehr kann ich offenbar leider nicht tun – trotz meiner begründeten Einwände …« »Es tut mir leid«, entgegnete Malone. Er brauchte den Jungen nun einmal, auch wenn er selbst sich des- sen nicht mehr so sicher war. Aber die Königin hatte die Entlassung Logans gefordert, und ihr Wunsch war zumindest vorübergehend Befehl! Malone nahm die Papiere entgegen und überflog ihren Wortlaut. Er sah, daß es sich lediglich um die üblichen Vordrucke handelte, die das Sanatorium Desert Edge ab sofort jeglicher Verantwortung für William Logan unter jedweden Umständen enthoben. Dr. Dowson warf Malone einen Blick zu, der besag- te: Schön, Mr. Malone, ich spiele Pilatus und wasche, meine Hände in Unschuld; aber glauben Sie nur nicht, ich täte es gern. Für einen einzigen kurzen Blick sprachen seine tiefliegenden Augen Bände. Und ihr Glitzern verriet, daß der Arzt mit seinen stummen Vorwürfen noch nicht am Ende war. Malone versuchte nervös, sich auf die Papiere zu konzentrieren, und las sie zum zweitenmal durch. Schließlich unterschrieb er sie und gab sie zurück. »Besten Dank für Ihr Entgegenkommen, Dr. Dow- son«, sagte er kurz. »Keine Ursache«, antwortete der Arzt bitter. »Ich vertraue Mr. Logan jetzt Ihrer Obhut an und muß mich darauf verlassen, daß Sie sich in angemessener Weise um ihn kümmern werden.« »Soweit nur irgend möglich«, versicherte Malone. Er gab den beiden FBI-Beamten in Zivil ein Zei- chen. Sie ergriffen Logan bei den Schultern und führten ihn hinaus. Mit Malone an der Spitze, mar- schierte der Zug, der aus Sir Kenneth Malone, künf- tigem Herzog von Columbia, Königin Elisabeth I. Lady Barbara, künftige Herzogin eines noch nicht näher bestimmten Lehens, und Sir Thomas Boyd, künftigem Herzog von Poughkeepsie, bestand, zu dem Wagen des Distriktchefs zurück. Malone, der dieses Lied für angemessen hielt, summte beim Ge- hen vor sich hin: »Ich bin der König auf meiner In- sel.« Sie stiegen in den Wagen. Sir Thomas übernahm, das Steuer, Malone setzte sich neben ihn, und die beiden Damen ließen sich auf dem Rücksitz nieder. Boyd ließ den Motor an, sie wendeten und brausten davon. »Damit wären wir also zu sechst«, bemerkte Ihre Majestät wohlgefällig. Malone verrenkte sich den Kopf und zählte die In- sassen des Wagens. Er kam auf vier. »Zu sechst?« erkundigte er sich verwirrt. »In der Tat, Sir Kenneth«, bestätigte Ihre Majestät. »Ihr habt mich richtig verstanden. Zu sechst.« »Ihr meint, zu sechs Telepathen?« forschte Sir Thomas in ehrerbietigem Tonfall. »Gewiß doch«, erwiderte Ihre Majestät. »Wissen Sie, wir Telepathen müssen zusammenhalten. Des- halb habe ich auch dafür gesorgt, daß der arme Wil- liam aus diesem Sanatorium herauskam. Die übrigen werden natürlich auch noch zu uns stoßen.« »Es wird Zeit für Euer Schläfchen, meine Liebe«, warf Lady Barbara plötzlich mahnend ein. »Wofür?« Ganz augenscheinlich fühlte sich Ihre Majestät durch die Bemerkung nicht gerade ergötzt. »Für Euer Schläfchen, meine Liebe«, meinte Lady Barbara unschuldig. »Nennt mich nicht ›meine Liebe‹!«, fauchte Ihre Majestät. »Verzeihung, Majestät«, murmelte Barbara. »Aber wirklich, Ihr …«, »Ich bin kein Kind mehr«, wurde sie von Ihrer Majestät belehrt. »Ich bin Eure Königin. Ihr sollet Euch wirklich Mühe geben und ein wenig mehr Ehr- erbietung an den Tag legen. Shakespeare sagte im- mer zu mir – aber das gehört nicht hierher.« »Dann haben die anderen Telepathen …« setzte Sir Thomas an. »Richtig, die Telepathen«, erinnerte sich Ihre Ma- jestät. »Ja, wir müssen zusammenhalten. Die Patien- ten, die bei uns in der Heilanstalt mit Elektro- Schocks behandelt werden, pflegten vorher immer zu sagen: ›Wenn wir nicht zusammenhalten, fallen wir gleich auseinander.‹ Versteht Ihr, Sir Thomas?« »Aber wieso sechs?« fragte Sir Kenneth, der den Versuch nicht aufgab, zu dem alten Gesprächsthema zurückzukehren. Er hatte im Geist nachgerechnet. Burris hatte von drei weiteren Schwachsinnigen ge- sprochen, die inzwischen entdeckt worden waren. Mit Königin Elisabeth und William Logan ergab das nach Adam Riese fünf. Falls die Königin ihn nicht einbezogen hatte. Trif- tige Gründe, die dagegen sprachen, gab es eigentlich nicht. »Aber nein.« Ihre Majestät lachte trillernd. »Nicht Ihr, Sir Kenneth. Ich meinte Mr. Miles.« »Mr. Miles?« erkundigte sich Sir Thomas Boyd. »Ja«, nickte Ihre Majestät. »Er heißt Barry Miles und wurde vor einer Stunde von FBI-Beamten in, New Orleans ausfindig gemacht. Sie schaffen ihn jetzt nach Yucca Flats, wo wir ihn treffen werden. Ist das nicht süß?« Lady Barbara räusperte sich. »Es ist wirklich nicht nötig, daß Ihr versucht, mei- ne Aufmerksamkeit zu wecken, Liebes«, tadelte die Königin. »Ich weiß doch schließlich, was Ihr denkt.« Lady Barbara biß sich auf die Lippen. »In aller Ehrerbietung möchte ich vorschlagen«, begann sie, »daß Ihr jetzt doch Euer Schläfchen …« »Mein liebes Kind«, unterbrach sie die Königin mit leiser Ungeduld, »ich bin keineswegs müde, und dieser Tag ist so aufregend, daß ich keine Minute davon versäumen möchte. Außerdem habe ich be- reits zum Ausdruck gebracht, daß es mich nicht nach einem Schläfchen verlangt. Es ziemt sich nicht, daß Ihr Eure Königin drängt, selbst wenn Ihr noch so überzeugt von Eurer Meinung seid. Mit der Zeit werdet Ihr das gewiß noch verstehen lernen, meine Liebe.« Lady Barbara öffnete den Mund und schloß ihn wieder. »Du meine Güte!« sagte sie dann. »So ist es recht«, meinte Ihre Majestät anerken- nend. »Überlegt Euch vorher Eure Worte, dann spart Ihr sie Euch. Sie sind wirklich überflüssig, da ich ja weiß, was Ihr denkt.« Malone machte sich wieder bemerkbar. »Haben unsere Beamten den neuen Telepathen, diesen Barry, Miles, vielleicht auch in einer …« »… in einer Klapsmühle gefunden?« ergänzte Ihre Majestät unbeeindruckt. »Aber natürlich, Sir Ken- neth. Ihr hattet ganz recht mit Eurer Annahme, daß Telepathen irrsinnig werden, weil sie eine Eigen- schaft besitzen, von der sie keinen Gebrauch machen können und die ihnen niemand glaubt. Wie würdet Ihr Euch vorkommen, wenn Euch niemand abneh- men würde, daß Ihr sehen könnt?« »Einigermaßen seltsam«, gab Malone zu. »Da habt Ihr’s«, sagte Ihre Majestät. »Telepathen werden eben wahnsinnig. Es ist so eine Art Berufs- krankheit bei ihnen. Natürlich erfaßt sie nicht jeden.« »Nicht jeden?« Schwache Hoffnung regte sich in Malone. Vielleicht würde das FBI doch noch auf ei- nen Telepathen stoßen, der geistig völlig gesund und vernünftig war. »Nein«, sagte Ihre Majestät. »Ich zum Beispiel bin davon verschont geblieben.« Lady Barbara schluckte hörbar. Boyd sagte nichts. Er umkrampfte das Steuer nur noch fester. Und Malone dachte daran, daß es auf alle Fälle ei- nen normalen Telepathen gab. Aber das Wissen dar- um war nicht dazu angetan, seine Stimmung zu he- ben. Denn dieser normale Telepath war der Spion. Wie viele Gedankenleser würden wohl überhaupt gefunden werden? überlegte Malone bei sich., »Oh, fast alle sind schon entdeckt«, meinte die Königin. »Die letzte liegt in einer Heilanstalt in Ho- nolulu. Eure Männer werden sie frühestens morgen finden.« Boyd wandte den Kopf. »Könnt Ihr etwa auch die Zukunft voraussagen?« brachte er mühsam hervor. »Behalten Sie die Augen am Steuer und die Hände auf der Straße!« kreischte Lady Barbara. »Wie bitte?« staunte Boyd. Ein fürchterlicher Hupton gellte in ihre Ohren, und ein schwerer Lastzug raste in entgegengesetzter Richtung an dem FBI-Wagen vorbei. Der vierschrö- tige Fahrer, ein häßlicher Bursche mit kahlem Schä- del, lehnte sich aus dem Fenster, um das Quartett zu verfluchen. Als er die vier in ihrer Kleidung sah, ver- schlug es ihm die Sprache. Er riß den Mund auf und sagte keinen Ton, während der Lastzug vorbeibrau- ste. »Was war denn das?« fragte Boyd schwach. »Das war ein Lastwagen«, fauchte Malone. »Und wir können dem lieben Gott auf den Knien danken, daß wir nicht mit ihm zusammengerasselt sind. Bar- bara hat ganz recht. Behalte gefälligst die Augen am Steuer und die Hände auf der Straße.« Er brach ab. »Was habe ich eben gesagt?« fragte er dann. »Lady Barbara war vor Aufregung etwas durch- einander«, erklärte die Königin ruhig. »Es ist schon vorbei, Liebes.«, Lady Barbaras Kopf tauchte wieder auf. »Ich hatte Angst«, murmelte sie. »Keine Sorge«, beschwichtigte die Königin. »Ich gebe schon auf Euch acht.« »Das ist ja zum Kranklachen«, knurrte Malone vor sich hin. Boyd bog um eine scharfe Kurve und konzentrier- te sich grimmig auf die Straße. Nach einem Augen- blick sagte die Königin: »Da ihr immer noch über Eure Frage nachdenkt, will ich sie beantworten.« »Über welche Frage?« erkundigte sich Malone verblüfft. »Sir Thomas wollte wissen, ob ich die Zukunft voraussagen könnte«, erläuterte die Königin. »Natür- lich nicht. Ich bin zwar eine Telepathin und unsterb- lich, aber deshalb noch lange keine Prophetin.« »Wieso habt Ihr dann behauptet, unsere Agenten würden morgen das Mädchen in Honolulu finden?« fragte Boyd. »Weil sie daran denken, die Heilanstalt morgen aufzusuchen«, antwortete die Königin. »Bei dieser Gelegenheit werden sie das Mädchen sicherlich ent- decken.« »Oh«, murmelte Boyd und schwieg. Dafür riß Malone der Geduldsfaden. »Warum habt Ihr mir nichts von den anderen Telepathen gesagt?« erregte er sich. »Ihr hättet dem FBI damit eine Men- ge Arbeit erspart.«, »Herr des Himmels, Sir Kenneth!« rief Ihre Maje- stät. »Wie konnte ich denn? Schließlich mußten erst die notwendigen Vorsichtsmaßregeln getroffen wer- den. Ich habe Euch doch gesagt, daß alle übrigen wahnsinnig sind. Ohne die entsprechenden Maßnah- men wären sie keinen Augenblick lang sicher.« »Vielleicht solltet Ihr auch besser in die Heilan- stalt zurückkehren«, sagte Barbara und fügte gerade noch rechtzeitig hinzu: »Euer Majestät.« »Wenn ich das täte, Liebes«, sagte Ihre Majestät, »dann wären alle Eure Aussichten dahin, Herzogin zu werden, und das wäre doch gar nicht hübsch. Au- ßerdem macht mir diese Fahrt viel zuviel Vergnü- gen.« Sie lachte perlend. Ganz abgesehen davon, daß Ihr eben wichtig für die Sicherheit des Landes seid, dachte Malone. »Natürlich, Sir Kenneth«, bestätigte die Königin. »Mein Land braucht mich, und ich bin glücklich, ihm dienen zu können. Der Dienst am Volk ist der Le- bensinhalt des Herrschers.« »Fein«, meinte Malone in der stillen Hoffnung, daß dem tatsächlich so war. »Das wäre also geklärt«, sagte Ihre Majestät. »Und jetzt haben wir noch eine ganze Nacht vor uns, Sir Kenneth. Was haltet Ihr davon, wenn wir das ausnutzen?« »Was meinen Eure Majestät damit?« forschte Ma- lone besorgt., »Ich habe vor, mir Las Vegas anzusehen«, gab Ih- re Majestät bekannt. Lady Barbara schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, das geht nicht, Euer Majestät«, sagte sie. »Und warum nicht, bitte sehr?« fragte Ihre Maje- stät. »Ah, ich sehe schon, was Ihr denkt. Ihr meint, es sei nicht sicher, mich durch fremde Straßen ziehen zu lassen, noch dazu wenn diese Stadt Las Vegas heißt. Meine Liebe, ich versichere Euch, daß Eure Sorge gänzlich unbegründet ist.« »Wir haben eine Menge Arbeit vor uns«, bemerkte Boyd. Malone sagte nichts. Er starrte finster auf die Mo- torhaube des Wagens. »Ich habe meine Wünsche geäußert«, erklärte die Königin. »Aber …« wandte Lady Barbara ein. Boyd jedoch wußte, wann er nachzugeben hatte. »Ja, Euer Majestät«, sagte er. Sie lächelte ihm huldvoll zu und antwortete Lady Barbara nur mit einem leichten Heben ihrer königli- chen Brauen. Malone hatte an etwas völlig anderes gedacht. Er drehte sich um. »Eine Frage«, sagte er. »Euer Maje- stät können doch meine Gedanken lesen?« »Aber natürlich, Sir Kenneth«, sagte Ihre Maje- stät. »Ich dachte, das hätte ich Euch zur Genüge be- wiesen. Und was Eure Frage angeht …«, »Bitte, nicht!« sagte Malone. »Ich möchte sie erst stellen, ehe Ihr sie beantwortet. Sonst komme ich restlos durcheinander. Einverstanden?« »Gewiß, Sir Kenneth«, sagte die Königin. »Wie Ihr wollt.« Sie faltete die Hände im Schoß und warte- te ruhig. »Ausgezeichnet«, sagte Malone. »Wenn Ihr also meine Gedanken lesen könnt, dann müßt Ihr auch wissen, daß ich in Wirklichkeit nicht daran glaube, Ihr seid Königin Elisabeth I. von England.« »Mr. Malone«, schaltete sich Barbara Wilson ein, »ich muß doch sehr …« »Schon gut, mein Kind«, winkte die Königin ab. »Was er sagt, macht mir wirklich nichts aus. Aber ich wünschte, Ihr würdet ihn mit Sir Kenneth anre- den. Er hat schließlich ein Recht auf seinen Titel.« »Genau darauf will ich hinaus!« rief Malone. »Warum sollen wir ständig so tun, als ob wir Euch glaubten, wo Ihr doch wißt, daß das Gegenteil der Fall ist?« »Weil alle Menschen so tun«, entgegnete die Kö- nigin gelassen. »Die wenigsten Leute glauben, daß ihre Vorge- setzten ihnen wirklich überlegen sind. So gut wie niemand ist tatsächlich überzeugt davon.« »Na, na«, wandte Boyd ungläubig ein. »Doch«, beharrte die Königin, »und wir müssen lernen, dieser unangenehmen Wahrheit ins Auge zu, sehen, sonst kommen wir nicht zur Vernunft.« Lady Barbara erlitt einen Hustenanfall, aber Ihre Majestät redete unbeeindruckt weiter: »Fast jeder ergibt sich der törichten Meinung, er wäre jedem anderen ge- wachsen, wenn nicht gar überlegen. Du meine Güte, wo kämen wir hin, wenn das zuträfe?« »Tja, wer weiß?« murmelte Malone, der das Ge- fühl hatte, etwas sagen zu müssen. »Jeder richtet sich nur nach seinem Vorgesetzten, weil es die allgemeine Sitte vorschreibt«, fuhr die Königin fort. »Ihr zum Beispiel, Sir Kenneth, seid Euch keineswegs völlig im klaren, wie Ihr über Mr. Burris denkt.« »Er ist ein netter Kerl und ein brauchbarer FBI- Direktor«, erwiderte Malone. »Sicher«, sagte die Königin. »Trotzdem glaubt Ihr, Ihr könntet den Posten, den er bekleidet, wenigstens ebensogut ausfüllen, wenn nicht besser.« »Nie im Leben!« rief Malone ärgerlich. Ihre Majestät schwieg würdevoll. Nach einer Weile fragte Malone: »Und wenn ich das wirklich glaubte?« »Nichts«, erwiderte Ihre Majestät. »Ihr seid nicht überzeugt, daß Mr. Burris schlauer oder fähiger ist als Ihr, aber Ihr behandelt ihn so, als wärt Ihr dieser Meinung. Ich verlange nichts weiter als dieselbe Be- handlung.« »Wenn wir aber doch nicht glauben …«, begann, Boyd. »Herrje«, sagte Ihre Majestät. »Eure Denkweise kann ich nicht ändern, Sir Thomas, aber auf Euer Handeln habe ich als Königin einigen Einfluß.« Malone dachte eine Weile nach. »Damit habt Ihr nicht ganz Unrecht«, gab er schließlich zu. »Aber warum …«, begann Barbara. »Eben, Sir Kenneth«, sagte die Königin. Lady Barbaras Einwurf schien sie zu ignorieren. Vielleicht war sie noch wegen des angetragenen Schläfchens wütend, dachte Malone. »Daran liegt es nicht«, sagte die Königin. »Woran liegt was nicht?« wollte Boyd wissen, der nicht ganz mitkam. »An dem Schläfchen«, sagte die Königin. »Schläfchen?« wunderte sich Boyd. Malone meinte: »Ich dachte bloß …« »Macht nur so weiter«, knurrte Boyd. »Ich fahre ja. Um mich herum schnappt alles über, aber ich fah- re.« Vor dem Wagen sprang eine Ampel auf Rot. Boyd trat mit unnötiger Wucht auf die Bremse, und Malo- ne flog nach vorn. Hinter ihm ertönten zwei hohe, damenhafte Aufschreie. Malone richtete sich auf. »Haben Sie sich verletzt, Barbara?« rief er. Dann erst fiel ihm die Königin ein. »Macht nichts«, sagte Ihre Majestät. »Ich kann Eure Sorge um Lady Barbara verstehen.« Sie lächelte, Malone zu, der sich umgedreht hatte und sie anstarr- te. Sie mußte natürlich wissen, was er über Barbara dachte, weil sie seine Gedanken lesen konnte, und augenscheinlich war sie auf seiner Seite. Immerhin eine kleine Beruhigung, überlegte Malone. »Wie steht es nun mit heute abend?« fragte die Königin plötzlich. »Mit heute abend?« »Ja, natürlich«, sagte die Königin. Sie lächelte und strich ihr weißes Haar unter dem Käppchen glatt. »Ich glaube, der Palast würde mir am besten gefal- len«, setzte sie hinzu. »Schließlich gehört eine Köni- gin auch dorthin.« »Etwa nach London?« explodierte Boyd. »Nach England?« »Du liebes bißchen!« begann die Königin, und Barbara erklärte: »Ich fürchte, das kann ich unter keinen Umständen gestatten. Nach Übersee …« »Ich meinte doch nicht nach Übersee, Liebes«, sagte Ihre Majestät. »Bitte, Sir Kenneth, erklärt, wo- von ich sprach.« Malone wußte, daß der Palast, den sie erwähnt hat- te, eigentlich den Namen Goldpalast trug. Er zählte zu den größten Spielhöllen an dem berühmten Strip und stand jedem offen, der mit vollen Taschen in Las Vegas eintraf. Der Palast war ein wirbelndes Chaos von Rouletträdern, Spielautomaten, Karten- und, Würfeltischen. Malone teilte den anderen sein Wis- sen mit und überlegte dabei, welchen Reiz der Palast wohl auf Miss Thompson ausüben mochte. »Nicht Miss Thompson, Sir Kenneth, bitte!« tadel- te Ihre Majestät. »Was ist denn nun schon wieder mit Miss Thomp- son?« rief Boyd. »Sie liest meine Gedanken«, versetzte Malone. »Dann soll sie für sich behalten, was sie darin liest«, fauchte Boyd. Der Wagen sprang mit einem Satz nach vorn, und die Insassen kugelten von neuem übereinander, als die Ampel die Fahrt freigab. »Um Eure Frage zu beantworten, Sir Kenneth …«, fuhr Ihre Majestät fort. »Welche Frage, Eure Majestät?« erkundigte sich Lady Barbara gefaßt. Die Königin schenkte ihr ein würdevolles Nicken. »Sir Kenneth fragte sich, weshalb ich den Goldpalast aufsuchen will«, sagte sie. »Meine Antwort darauf lautet: Meine Gründe haben Euch nicht zu interessie- ren. Schließlich ist mein Wunsch Befehl – oder etwa nicht?« Darauf gab es wohl keine stichhaltige Antwort, dachte Malone traurig. Er schwieg und stellte zu sei- ner Erleichterung fest, daß von den anderen gleich- falls niemand sprach. Dann aber fiel ihm etwas ein. »Euer Majestät«, sagte er und wählte seine Worte, sehr sorgfältig, »wir müssen morgen in Yucca Flats sein. Wißt Ihr das noch?« »Allerdings«, sagte die Königin. »Mein Gedächt- nis ist recht gut, besten Dank. Aber erst morgen früh. Es ist jetzt kurz nach neun, und wir haben die ganze Nacht zur Verfügung.« »Was, schon so spät?« fragte Barbara bestürzt. »Noch später«, knurrte Boyd verdrießlich. »Später als ihr glaubt.« »Und die Zeit verrinnt ständig«, ergänzte Malone. »Bald wird die Sonne erlöschen und alles Leben auf der Erde ein Ende nehmen. Dann haben wir endlich unseren Frieden.« »Darauf freue ich mich jetzt schon«, sagte Boyd. »Aber ich nicht«, sagte Barbara. »Ich brauche heu- te nacht Schlaf, sonst bin ich morgen nicht zu ge- brauchen.« Malone hätte ihr gern widersprochen, aber er schwieg. Er fühlte, wie der Blick der Königin auf ihm ruhte, drehte sich jedoch nicht um. Schließlich stand sie auf seiner Seite. Zumindest sagte sie nichts. »Vielleicht wäre es das beste«, fuhr Barbara fort, »wenn Euer Majestät und ich unverzüglich schlafen gingen. Ein andermal, wenn wir am nächsten Tag nichts Wichtigeres vorhaben, könnten wir dafür …« »Nein, wir könnten nicht«, sagte die Königin. »Wie oft muß ich Euch noch an die Pflicht erinnern, Lady Barbara, die Ihr Eurer Herrscherin schuldet,, und zu deren vornehmsten unbedingter Gehorsam zählt?« »Auf jeden Fall…« meldete sich Malone. »Auf jeden Fall«, unterbrach ihn die Königin und blinzelte ihn vielsagend an, »wollt ihr einen neuen Einwand gegen den Besuch vorbringen, den wir dem Palast abstatten werden, nicht wahr?« Malone gab zu, daß er diese Absicht hatte. »Ich glaube wirklich, wir sollten …« Ihre Majestät bedachte ihn plötzlich mit einem kalten Blick. »Wenn ich noch weitere Widersprüche höre, Sir Kenneth, werde ich Euch nicht nur die Rit- terwürde aberkennen und Euch Euer Herzogtum verweigern, sobald ich vom Parlament in meiner Herrschaft bestätigt werde, sondern auch jede weite- re Mitarbeit am Projekt Inselsand ablehnen.« Malone zuckte zusammen. Er brauchte erst gar nicht in den Rückspiegel zu blicken, um zu wissen, daß er bleich geworden war. Er dachte daran, was Burris mit ihm anstellen würde, wenn er den Fall nicht aufklärte, der ihm übertragen worden war. Er mochte nicht die Fähigkeiten besitzen, die Bur- ris ihm zutraute, aber er liebte seinen Beruf und ver- spürte keine Lust, aus dem FBI entlassen zu werden. Und Burris hatte ihm ausdrücklich eingeschärft: »Richten Sie sich in jeder Hinsicht nach ihr.« Er schluckte und versuchte, seine Fassung zurück- zugewinnen. »Also gut«, sagte er. »Schön. Wir ge-, hen in den Palast.« Dann gab er sich Mühe, die Bestürzung zu überse- hen, die sich in dem Wagen ausbreitete. Die Aufseher und Bankhalter im Goldpalast versahen ihren Dienst seit langen Jahren. Sie hatten magere und fette Zeiten gesehen, und jeder glaubte, er hätte so ziemlich alles erlebt, was man auf dieser Welt er- leben konnte. Wer neu war, fühlte sich zumindest verpflichtet, so dreinzuschauen, als könnte ihn nichts mehr erschüttern. Als deshalb Königin Elisabeth I. mit ihrem Gefol- ge in den großen Saal geschlendert kam, riß niemand Mund und Nase auf oder zeigte gar mit Fingern. Trotzdem hielt das Personal die Gruppe unauffällig unter Beobachtung. An Betrunkene, Millionäre und Araberscheichs war man gewöhnt. Ein Quartett aber, das aussah, als wäre es aus dem 16. Jahrhundert ent- sprungen, mußte man erst noch verkraften. Malone stolzierte hoch aufgerichtet an den Ti- schen vorüber. Er war sich der Seitenblicke wohl bewußt, die den vieren zugeworfen wurden. Aber den Hauptanziehungspunkt bildete doch Sir Thomas. Konnte man sich mit der Vorstellung von Leuten, die sich in eigenartigen Kostümen geworfen hatten, im- merhin noch abfinden, so bewirkte ein originalge-, treuer König Heinrich VIII. denn noch ungläubiges Augenzwinkern. Mehreren anwesenden Damen fiel bei Boyds Anblick ein, daß sie dieselben Vornamen trugen, wie die eine oder andere geköpfte Favoritin des finsteren Königs. Von plötzlichen bohrenden Kopfschmerzen gepeinigt, verließen sie daraufhin fluchtartig den Saal. Malone war inzwischen ein Licht aufgegangen, weshalb er nicht die ihm gebührende Aufmerksam- keit erregte. Trotz des beträchtlichen Gewichts trug er sein Kostüm mit Wohlgefallen und schauderte schon bei dem Gedanken an den Tag, an dem er ge- zwungen sein würde, wieder schlichte Einreiher und weiße Oberhemden anzuziehen. Einzig und allein das Fehlen eines blitzenden Schwertes erfüllte ihn mit Kummer. Statt dessen hing ein 44er Magnum im Schulter- halfter unter seiner Achselhöhle. Und ein Magnum erschien ihm weit weniger romantisch als eine fun- kelnde Schwertklinge. Malone konnte sich gut vor- stellen, wie Ritter Kenneth seinem Diener mit klir- render Stimme befahl: »Reich mir mein Schwert, Knappe, und gürte mir den Lenden!« Er war eben im falschen Jahrhundert auf die Welt gekommen. Viel lieber wäre er auf schäumendem Roß und mit geschlossenem Visier in die Schranken ritterlicher Turniere gesprengt oder hätte in Stratford on Avon mit Shakespeare und seinesgleichen ge-, zecht. Er überlegte, ob Sir Richard Greene wohl auch dort in fröhlicher Runde sein Ale geschlürft hatte. Dann überlegte er, wer Sir Richard Greene eigentlich war. Hinter Sir Kenneth wandelte Sir Thomas Boyd einher und blickte majestätisch drein, als stünde er im Begriff, goldgefüllte Börsen unter das Volk zu werfen. Und so war es ja auch, dachte Malone. Nichts anderes hatten sie vor. Pralle Börsen voll guten gemünzten amerikani- schen Goldes. Auf Sir Thomas folgten Königin Elisabeth und Lady Barbara Wilson, ihre Hofdame. In ihrem pomphaften Aufzug gaben sie ein prächtiges Bild ab. »Zum Roulettetisch!« befahl Ihre Majestät würde- voll. »Schreitet voran.« Sie drängten sich durch die Menge. Die meisten Gäste waren aufgeregt genug oder betrunken genug oder auch beides, um nichts Ungewöhnliches an den Vertretern der Königsfamilie zu finden, die da den Goldpalast betreten hatten. Kaum jemand schien die Gruppe überhaupt zu bemerken. Die hier ausharrten, waren Roulettspieler mit Leib und Seele. Die grünbespannten Tische und wirbeln- den Räder bildeten ihren Lebensinhalt. Malone hätte gern gewußt, was sie dachten, aber er unterdrückte das Verlangen, Königin Elisabeth danach zu fragen. Ihre Majestät nahm eine Handvoll Spielmarken., Malone wußte, daß die Handvoll genau fünftau- send Dollar wert war. Dieser Betrag sollte wohl ei- nen Abend lang reichen, dachte er. Im Zentrum des Strips, innerhalb der eigentlichen Stadtgrenzen von Las Vegas, wären sie billiger davongekommen, aber ihre Majestät wollte nun einmal den Goldpalast ken- nenlernen. Malone begann zu lächeln. Das es ihm nicht ge- lungen war, sich um den Abend zu drücken, hatte er sich vorgenommen, ihn zu genießen. Im Grunde be- reitete es ihm sogar Spaß, eine harmlose, nette alte Dame zu verwöhnen. Bis zum nächsten Morgen hät- ten sie ohnehin nichts anfangen können. Sein nachsichtiges Lächeln erlosch plötzlich. Ihre Majestät warf die Handvoll Chips – fünftau- send Dollar! dachte Malone benommen – auf den Tisch. »Fünftausend«, sagte sie kühl und gemessen. »Auf eins.« Der Croupier verneigte sich leicht. »Jawohl, Euer Majestät«, sagte er. Bei allem Entsetzen verspürte Malone ein kurzes Dankgefühl, daß er im Goldpalast angerufen und mitgeteilt hatte, eventuelle Spielschulden Ihrer Maje- stät würden von der Bundesregierung gedeckt. Die Königin würde unbegrenzten Kredit erhalten – und mit ehrfürchtiger, wenn auch verwunderter Hochach- tung behandelt werden. Mit gemischten Gefühlen verfolgte Malone, wie, der Croupier das Rad in Gang setzte. Fünftausend Dollar hingen an der kleinen Kugel. Aber schließlich war Ihre Majestät telepathisch begabt. Ob das eine Rolle spielte? Er war sich noch nicht im klaren darüber, als das Rad langsamer wurde und die Kugel in eines der Lö- cher fiel. Dann nahmen ihm die Ereignisse das Den- ken ab. »Vierunddreißig«, sagte der Croupier gleichgültig. »Rot.« Unbeteiligt harkte er die Spielmarken mit seinem Rechen zusammen. Malone hatte das Gefühl, seine eigene Gallenblase verschluckt zu haben. Boyd und Lady Barbara, die in der Nähe stehengeblieben waren, trugen ausdrucks- lose Gesichter zur Schau. Malone brauchte keinen Telepathen, um zu wissen, daß es den beiden nicht besser erging als ihm. Sie waren völlig unfähig, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Majestät aber zuckte nicht mit der Wimper. »Kommt, Sir Kenneth«, sagte sie. »Gehen wir weiter zu den Pokertischen.« Sie rauschte hinaus. Taumelnd schloß ihr Gefolge sich an. Malone sah immer noch die fünftausend Dollar vor sich. Burris hatte zwar befohlen, der alten Dame freie Hand zu lassen. Mußte sie aber unbe- dingt um fürstliche Einsätze spielen?, »Ich bin eben eine Königin«, flüsterte sie, wobei sie sich halb zu ihm umwandte. Malone dachte an die Staatsschulden. Er fragte sich, wieviel eine Million Dollar mehr oder minder dabei ausmachen würden. Bestimmt würden in ir- gendeinem Kongreßkomitee unangenehme Fragen gestellt werden. Er versuchte sich vorzustellen, wie er den versammelten Senatoren den Verlauf des Abends erklärte. »Tja, meine Herren, das Roulettrad drehte sich, und dann …« Er gab es auf. Ihm fiel ein, in welcher Zwickmühle er steckte, und aus reiner Notwehr hörte er überhaupt auf zu denken. Im angrenzenden Saal waren in Abständen Karten- tische aufgestellt. An einem davon war eine Poker- partie in vollem Gange. Nur fünf Spieler beteiligten sich, von denen der vorderste an seinem weißen Hemd, den schwarzen Hosen und dem grünen Au- genschirm mühelos als Bankhalter zu erkennen war. Von den übrigen trug einer einen kompletten Cow- boyanzug. Das königliche Quartett brach von einem Augenblick zum nächsten über den Tisch herein. Der Bankhalter sah auf und fast wäre ihm die Zigarette aus dem Mundwinkel gefallen. »Wir haben kein Geld mehr, Euer Majestät«, wis- perte Malone. Sie lächelte ihn an und zog ihn zur Seite. »Wenn, Ihr ein Telepath wäret«, fragte sie, »wie würdet ihr dann pokern?« Malone ließ die Sache eine Minute lang durch den Kopf gehen. Dann drehte er sich um und hielt nach Boyd Ausschau. Aber bei Sir Thomas bedurfte es keiner besonderen Anweisung. »Noch fünfhundert?« fragte er. Ihre Majestät rümpfte die Nase. »Noch fünftau- send!« befahl sie mit einer königlichen Geste. Mit einem kleinen Seufzer wandte Boyd sich ab und ging zum Kassenschalter. Drei Minuten später kehrte er mit einem Stoß Spielmarken zurück. »Fünftausend?« flüsterte Malone. »Zehn«, sagte Boyd. »Ich weiß doch, wann ich auf Gewinn setzen kann.« Ihre Majestät begab sich an den Tisch. Der Bank- halter hatte seine Fassung wiedergewonnen und warf ihr einen kurzen Blick zu. »Wissen Sie, ich wollte schon längst einmal einen Spielsaal aufsuchen«, bemerkte die Königin leicht- hin. »Aha«, nickte der Bankhalter. »Verständlich.« »Kann ich mich beteiligen?« Der Bankhalter musterte die Begleiter Ihrer Maje- stät. »Und Ihre Freunde?« erkundigte er sich vorsich- tig. Die Königin schüttelte den Kopf. »Die kiebitzen lieber.«, Zum erstenmal war Malone froh über die telepa- thische Begabung Ihrer Majestät. Mit Boyd und Barbara Wilson bil- dete er einen Kreis um den Stuhl, auf dem die Köni- gin sich niederließ. Boyd reichte ihr die Spielmarken und wurde mit einem huldreichen Lächeln belohnt. »Wir spielen Poker, gnä’ Frau«, erläuterte der Bankhalter. »Weiß ich, weiß ich«, sagte Ihre Majestät leicht gereizt. »Ran an die Bouletten!« Der Bankhalter riß die Augen auf. Der Cowboy neben ihr wandte sich um. »Sie stammen hier aus der Gegend, gnä’ Frau?« fragte er. »Aber nein«, erwiderte die Königin. »Ich komme aus England.« »Aus England?« wunderte sich der Cowboy. »Man hört aber gar keinen Akzent, wenn Sie spre- chen, gnä’ Frau.« »Den habe ich längst verloren«, sagte die Königin. »Ich bin schon seit einer Reihe von Jahren in den Staaten.« Malone hoffte nur, daß sie nicht auch noch die Zahl der Jahre erwähnen würde, die ihrer Meinung nach vergangen waren. Er war direkt dankbar, als der Cowboy das Gespräch in seinem nasalen Tonfall fortsetzte. »Öl?« fragte er. »Nein, nein«, schüttelte Ihre Majestät den Kopf., »Dieses Geld stammt aus dem Staatshaushalt.« »Aus dem Staatshaushalt?« »Gewiß«, sagte Ihre Majestät. »Aus dem Budget des FBI.« Allgemeines Schweigen trat ein. Endlich fragte der Bankhalter. »Fünf Karten pro Blatt, gnä’ Frau?« »Bitte!« sagte Ihre Majestät. Der Bankhalter zuckte die Achseln und empfahl wohl innerlich seine Seele dem Schutzpatron der Spieler. Er mischte und teilte mit der Miene eines Mannes aus, der sich endgültig entschlossen hat, dem Sündenbabel dieser Welt den Rücken zu kehren. Die Königin nahm ihr Blatt auf. »Der Einsatz ist zehn Dollar, gnä’ Frau«, sagte der Bankhalter. Ohne aufzublicken, zog Ihre Majestät einen Chip aus dem Haufen vor sich und warf ihn in die Tisch- mitte. Der Bankhalter öffnete den Mund, schwieg aber. Inzwischen spähte Malone der Königin über die Schulter. Sie hielt zwei Neunen, eine Drei, eine Vier und ei- nen Buben in der Hand. Der Spieler zur Linken des Bankhalters grunzte: »Ich kann nicht eröffnen.« Sein Nebenmann grinste. »Zwanzig«, sagte er. Malone schloß die Augen. Er hörte den Cowboy, sagen. »Zwanzig halte ich« und öffnete die Augen wieder. Die Königin schob zwei Spielmarken zur Mitte. Der Nächste warf die Karten hin, und der Bank- halter blickte in die Runde. »Wieviel?« Der Spieler, der nicht eröffnet hatte, nahm drei Karten. Sein Nebenmann, der zwanzig geboten hatte, verzichtete. Malone schüttelte sich innerlich. Seiner Schätzung nach bedeutete das mindestens einen Straight. Und Königin Elisabeth Thompson stieg mit einem Paar Neunen gegen einen Straight ein. Zum erstenmal kam Malone der Gedanke, daß ein Telepath nicht unbedingt ein guter Pokerspieler zu sein brauchte. Er konnte wissen, welche Karten jeder andere am Tisch in der Hand hielt, und trotzdem ei- nen Fehler nach dem anderen begehen. Er blickte nervös auf Königin Elisabeth hinunter, aber ihre Miene blieb gleichgültig. Offenbar hatte sie den Überlegungen ihrer Mitspieler gelauscht und seine Ketzerei nicht beachtet. Ein zentnerschwerer Stein plumpste Malone vom Herzen. Zum erstenmal seit Tagen las niemand mehr in seinen Gedanken, wie in einem offenen Buch. Der Cowboy nahm zwei Karten und damit war die Reihe an Ihrer Majestät. »Zwei«, verlangte die Königin. Sie legte die Drei und die Vier ab und behielt Pik-Neun, Herz-Neun und den Karo Buben in der Hand., Der Bankhalter gab ihr Kreuz-Sechs und Herz- Drei. Malone schloß die Augen. Dreißig Dollar, dachte er. Immerhin, es hätte schlimmer kommen können. Natürlich warf Ihre Majestät sofort die Karten hin. Sie kannte die Blätter der übrigen Spieler und wußte, daß sie keine Chance mehr hatte. Aber risikofreudig war sie, dachte Malone. Wo hatte man schon gehört, daß jemand versuchte, aus zwei gleichen Karten ein Full House zu zaubern? Langsam vergingen die Minuten, und der Stoß Spielmarken vor der Königin schrumpfte zusammen. Nur einmal gewann sie ihrem Gegenspieler seinen Einsatz ab, als der Mann einen hoffnungslosen Ver- such unternahm, einen Straight zusammenzubekom- men. Aber stets blieb seine Miene ruhig und gelas- sen. Malones Gesichtsmuskeln machten dafür Über- stunden. Hätte die Königin nicht so offensichtlich verloren, dann hätte der Bankhalter annehmen kön- nen, Malone wollte durch sein aufgeregtes Mienen- spiel regelwidrige Zeichen geben. Eine Stunde verstrich. Barbara begab sich ins Rauchzimmer, um sich dort auf einer Couch auszu- ruhen. Malone und Boyd harrten wie angewurzelt aus, während Runde sich an Runde reihte und die zehntausend Dollar auf die Hälfte zusammenschmol-, zen, auf ein Drittel, ein Viertel… Ihre Majestät bekleckerte sich beim Pokern nicht gerade mit Ruhm. Der Einsatz war mittlerweile erhöht worden. Die Königin verlor bei jedem Spiel hundert Dollar, noch ehe überhaupt geboten wurde. Aber sie zeigte keine Neigung, aufzuhören. »Wir müssen morgen früh aufstehen«, erklärte Malone laut und deutlich, als er glaubte, keine Vier- telstunde mehr überstehen zu können. »Leider«, seufzte Ihre Majestät bedauernd. »Also gut. Noch ein Spiel.« »Zu schade, daß Sie aufhören müssen«, bedauerte der Cowboy. Seit die Königin sich am Spiel beteilig- te, gewann er unaufhörlich. Malones Meinung nach hatte er wahrhaftig allen Grund, der Regierung in Washington auf den Knien zu danken. Allerdings hegte der Agent begründete Zweifel an der Dankbar- keit des Cowboys. Malone überlegte, wie er die Königin am Weiter- spielen hindern könnte. Er schätzte, daß noch rund zweitausend Dollar vor ihr auf dem Tisch lagen. Die Karten wurden ausgeteilt. »Zweihundert«, sagte der erste Spieler an. Malone warf einen Blick auf das Blatt der Köni- gin. Sie hielt Kreuz-As, Zehn, König, Dame – Pik Sieben in der Hand. Nein! dachte er entsetzt. Sie konnte doch unmög-, lich im Sinn haben, ihr Blatt zu einem Flush aufzu- füllen. Er wußte dabei nur zu gut, daß sie genau diese Absicht hatte. »Und noch zweihundert«, sagte der zweite Spieler. Gelassen warf die Königin mit ihrem Einsatz fünfhundert in den Pott. Der Cowboy murmelte etwas vor sich hin. Dann hielt er mit. »Und noch fünfhundert mehr«, sagte die Königin ruhig. Malone wäre am liebsten im Boden versunken. Stattdessen mußte er ausharren und zusehen, wie ein- tausend Dollar in den Pott wanderten. »Karten?« fragte der Bankhalter. »Eine«, sagte der erste Spieler. Wenn er auf einen Straight oder Flush gereizt hat- te, dachte Malone, würde er vielleicht Pech haben. Und möglicherweise würde den übrigen Spielern noch im letzten Moment etwas zustoßen. Das war aber auch der einzige Weg, auf dem Ihre Majestät noch gewinnen konnte. Der Spieler erhielt die Karte. Sein Nebenmann winkte ab. Malone rutschte das Herz endgültig in die Hosen. Der Cowboy verlangte eine Karte, nahm sie entgegen und lehnte sich mit ausdruckslosem Gesicht zurück. »Eine«, forderte die Königin. Warum hatte sie sich, nur nicht ins Kunstfliegen vernarrt, dachte Malone oder in Großwildjagd. Aber nein, es mußte Poker sein. Die Königin warf die Pik-Sieben ab und zeigte damit mehr Verstand, als Malone ihr nach dem bis- herigen Spielverlauf zugetraut hatte. Die erhaltene Karte ließ sie liegen, ohne sie überhaupt anzusehen. Sie lächelte zu Boyd und Malone hoch. »Gefahr macht den Reiz des Lebens aus«, sagte sie fröhlich. Malone lachte hohl. Der letzte Spieler zog gleichfalls eine Karte. Dann wurde geboten. Im Handumdrehen waren die letzten tausend Dol- lar der Königin den Weg der übrigen Spielmarken gegangen. Sie drehte sich um. »Noch fünftausend, Sir Thomas«, sagte sie. »Und bitte sofort.« Boyd gab keine Antwort, ging aber trotzdem zum Kassenschalter. Malone stellte fest, daß er weder so federnd noch so zuversichtlich ausschritt wie zu An- fang. Er selbst hätte es nicht fertiggebracht, auch nur einen Fuß zu heben. Er versuchte sich vorzustellen, wie er Burris und einem Senatsausschuß den Verlust von zwanzigtau- send Dollar plausibel machte. Ehe es soweit kam, hoffte er, daß der Erdboden sich auftun und den Goldpalast verschlingen würde. »Gehen die Herren bei fünftausend mit?« fragte, die Königin. »Ich bin dabei«, sagte der Bankhalter. »Einver- standen?« wandte er sich an die übrigen. Unterdrückte Gier lag in den vier Grunzlauten, die er als Antwort erhielt. Die Königin nahm die Spiel- marken von Boyd entgegen und schob sie mit einer sorglosen Handbewegung in die Mitte des Tisches. »Tja, Senator, das kam so«, murmelte Malone vor sich hin, dem seine Rechtfertigung keine Ruhe ließ. Im Unterbewußtsein erwartete er, daß einer der Spie- ler noch höher gehen würde. Aber dazu schien keiner Lust zu haben. Letzten Endes mußte jeder in der Runde davon überzeugt sein, daß er ein Trumpfblatt in der Hand hielt. Zwar hatte man sich bisher ständig überboten, doch jetzt bestand Gefahr, um eine Win- zigkeit zu weit zu gehen und damit die übrigen abzu- schrecken. »Sie decken auf!« sagte der Bankhalter zu dem er- sten Spieler. »Ganz recht«, erwiderte der Mann und breitete zwei Asse, zwei Dreien – und eine Vier auf dem Tisch aus. Eine der Dreien und die Vier waren Kreu- zen. Die ohnehin schon unwahrscheinliche Möglich- keit, daß die Königin einen Flush in der Hand hielt, verringerte sich damit noch weiter. »Tut mir leid«, sagte der zweite Spieler und legte mit einer einzigen Handbewegung einen Straight auf den Tisch. Höchste Karte war die Neun. Der Straight, enthielt keine Kreuzen, wofür Malone ein Dankgebet zum Himmel schickte. Der Spieler griff bereits nach dem Pott, als die Augen des Bankhalters sich weiteten. Der fünfte Mitspieler hatte einen zweiten Straight aufgedeckt. Höchste Karte war diesmal die Zehn. Die Kreuz- Neun lag daneben, und Malone drehte sich der Ma- gen um. Der Cowboy, der sich bisher nicht gerührt hatte, blätterte nacheinander Karo-König, Herz-König, Ka- ro Bube, Pik-Bube und – Herz-Bube auf den Tisch. Full House. »Das war’s wohl«, sagte der Cowboy. »Einen Augenblick noch«, meldete sich die Köni- gin. Der Cowboy, der die Hand nach den Spielmarken ausgestreckt hatte, hielt auf halbem Weg inne. Die Königin legte ihre vier Kreuzen – As, König, Dame, Zehn – auf den Tisch und drehte die fünfte Karte um. Es war der Kreuz-Bube. »Mein Gott!« hauchte der Cowboy, und es klang wie ein Gebet. »Ein Royal Flush!« »Natürlich«, sagte die Königin, »was sonst?« Ohne sichtbare Erregung raffte sie den Berg Spielmarken vom Tisch auf. Der Cowboy ließ die Hände sinken. Fünf Münder standen so weit offen, daß ein Zahnarzt seine helle Freude gehabt hätte. Ihre Majestät erhob sich. Sie lächelte die Männer, liebenswürdig an. »Vielen Dank, meine Herren!« sagte sie. Die Spielmarken übergab sie Malone, der sie mit gefühllosen Fingern entgegennahm. »Bis das Parlament zusammentritt, ernenne ich Euch hiermit zum vorläufigen Schatzkanzler, Sir Kenneth«, sagte sie. Malone brachte keinen Laut hervor. In seinem Kopf hatte nur der Gedanke Platz, daß die Chips al- lerwenigstens einen Gegenwert von fünfunddreißig- tausend Dollar darstellten. Ohne ein Wort ging er schnurstracks zum Kassen- schalter und löste die Spielmarken ein. Wahrschein- lich zum erstenmal seit 1776 hatte es die Regierung fertiggebracht, Geld so anzulegen, daß sie sogar noch Gewinn daraus zog, dachte er dabei. Solche Investi- tionen empfahlen sich öfter; dann würden die Staats- schulden binnen weniger Tage der Vergangenheit angehören. Er kehrte mit dem Geld zurück. Boyd und die Kö- nigin warteten auf ihn, nur Barbara fehlte noch. »Sie ist schon unterwegs«, bemerkte die Königin. Und tatsächlich, kaum eine Minute später tauchte sie auf. Malone lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Dann begann der Weg zum Ausgang des Goldpalastes, der sich zwangsläufig langsam und würdevoll gestaltete. Die Menge schien kaum bereit, ihnen Platz zu ma- chen. Malone bekam nie heraus, wie die Nachricht vom Gewinn Ihrer Majestät sich so schnell verbreitet, hatte. Jeder schien darüber Bescheid zu wissen. Meh- rere tiefe Verneigungen und einige demütige Kratz- füße begleiteten den Weg Ihrer Majestät, und als sie endlich bei der Tür angelangt waren, grüßte der Por- tier höchst ehrerbietig: »Guten Abend, Euer Maje- stät!« Die Königin strahlte ihn an, und Sir Kenneth stell- te zu seiner großen Überraschung fest, daß er dassel- be tat. Es war fast vier Uhr morgens, als sie in den Wa- gen stiegen und zum Hotel zurückfuhren. Malone sprach als erster: »Woher wußten Sie, daß Sie den Kreuz-Buben bekommen hatten?« erkundig- te er sich. »Er spielte falsch«, versetzte die kleine alte Dame ruhig. »Der Bankhalter?« vergewisserte sich Malone. »Zu Ihren Gunsten?« »Er kann doch unmöglich gemogelt haben«, wi- dersprach Boyd gleichzeitig. »Welches Interesse sollte er daran haben, daß Ihnen das ganze Geld zu- floß?« Die kleine alte Dame schüttelte den Kopf. »Das war auch nicht seine Absicht«, sagte sie. »Er wollte den Mann im Cowboyanzug gewinnen lassen. Dieser Spieler heißt übrigens Elliot – Bernard L. Elliot. Er stammt aus Weekawken, aber er gibt sich als Westler aus, damit niemand Argwohn gegen ihn schöpft. Er, steckt mit dem Bankhalter unter einer Decke – sagt man nicht so?« »Ja, Eurer Majestät«, sagte Boyd. »So sagt man in der Tat.« Seine Stimme klang ehrfürchtig und re- spektvoll, und die kleine alte Dame nickte ihm zu und verwandelte sich wieder in Königin Elisabeth I. »Der Bankhalter und dieser Elliot steckten, wie gesagt, unter einer Decke«, fuhr sie fort. »Der Bank- halter wollte Elliot die Karten zuschieben, aber er vertat sich und gab mir den Kreuz-Buben. Ich beo- bachtete ihn und wußte natürlich, was er dachte. Al- les andere war einfach.« »Einfach!« wiederholte Malone. »Herr des Him- mels!« »Hat sie gewonnen?« wollte Barbara wissen. »Und ob sie gewonnen hat«, gab Malone zur Ant- wort. Die bloße Feststellung dieser Tatsache erschien ihm schamlos untertrieben. »Gut«, versetzte Barbara und verlor augenblick- lich jedes Interesse. Bereits vor Minuten hatte Malone die Scheinwer- fer eines Wagens im Rückspiegel erblickt. Als er sich jetzt umsah, hatten sie sich bereits dicht heran- geschoben. Hundert Meter weiter setzte der Wagen, ein schwerer Buick, zum Überholen an. Langsam glitt er an dem Lincoln der FBI-Agenten vorbei. Da bemerkte Malone die Mündung der Maschi- nenpistole, die aus dem Buick ragte. Sekunden bevor, ein Stakkato von Schüssen aufbellte, stieß er einen warnenden Schrei aus. Boyd, der den Wagen lenkte, warf keinen einzigen Blick zur Seite. In blitzartiger Reaktion trat er voll auf die Bremse. Die Tachonadel schnellte zurück, der Lincoln, eine FBI-Spezialkonstruktion, verlor sofort seine Geschwindigkeit. Die gebogene Wind- schutzscheibe zersplitterte unter den abgehackten Feuerstößen der MP, die über den Kühler des Lin- coln ins Leere pfiffen. Malones Hand zuckte zum Griff der 44er Magnum unter seiner Achsel. Flüchtig fuhr ihm durch den Kopf, daß er froh und dankbar sein konnte, kein Schwert zu tragen. Die beiden Frauen saßen wie ver- steinert auf dem Rücksitz. »Deckung!« brüllte er und hörte, wie sie sich auf den Boden warfen. Inzwischen hatte auch der Buick sein Tempo ver- ringert. Die Maschinenpistole schwang zurück. Ihre dunkle Mündung starrte Malone an. Der Buick und der Lincoln lagen jetzt auf gleicher Höhe. Malone riß den Revolver heraus und hatte gefeu- ert, ehe er sich dessen überhaupt bewußt wurde. Bar- bara kreischte schrill auf, aber er hatte keine Zeit, sich nach ihr umzudrehen. Eine 44er Magnum zählt zu den schwersten Hand- feuerwaffen. Ein normaler Wagen hat gegen sie auch nicht die Spur einer Chance, viel weniger noch das Fensterglas eines normalen Wagens., Die erste Kugel durchschlug die Scheibe des Heckfensters und bohrte sich in den Kopf des Gang- sters. Knappe zwei Zentimeter neben dem Einschuß- loch fand Malones zweite Kugel ihr Ziel. Mit einem letzten Zucken krampfte sich der Finger des grobschlächtigen Gangster um den Abzug der Maschinenpistole. Die ungezielten Garben durch- siebten das Verdeck des Lincoln. Ein zweiter Lauf tauchte im Rückfenster des Buick auf. Zu langem Zielen blieb keine Zeit. Die Luft wurde zusehends bleihaltiger. Malone überlegte schneller als jemals in seinem Leben und entschied sich, zuerst den Fahrer auszuschalten. Der Verbrecher auf dem Rücksitz des Buicks hatte offenbar den gleichen Einfall. Malone gab zwei Schüsse auf den Fahrer des Mordwagens ab. Gleich- zeitig feuerte der Gangster aus dem Heckfenster des Buick auf Boyd. Aber Boyd hatte seine Taktik geändert. Erst hatte er scharf gebremst. Jetzt trat er das Gaspedal bis zum Boden durch. Die Schreie, die aus dem Fond des Lincoln dran- gen, übertönten fast das Donnern der Schüsse. Seit Malone zum erstenmal abgedrückt hatte, schrie Bar- bara unausgesetzt. Kein Mensch, der so kreischte, konnte ernstlich verletzt sein. Der Lincoln machte einen Satz nach vorn. Wieder und wieder feuerte Malone. Die schweren Kupfer-, mantelgeschosse sprühten aus dem Revolverlauf und trafen den Körper des Buickfahrers. Der Wagen schleuderte und brach seitlich aus. Die Kugel, die der Killer auf dem Rücksitz Boyd und Malone zugedacht hatte, pfiffen so knapp an ih- nen vorbei, daß die beiden Beamten den Luftzug spürten. Dann herrschte plötzliche Stille. Das Peitschen der MP-Garben und das Dröhnen der Revolverschüsse war verklungen. Entschlossenheit und Treffsicherheit hatten den Kampf zugunsten der FBI-Agenten ent- schieden. Der schleudernde Buick raste die Böschung hinun- ter. Er landete im Straßengraben, wurde hochgewir- belt und überschlug sich. Knallend barst das gequälte Metall. Dann explodierte der Tank, und im Nu stand der Buick in Flammen. Boyd trat die Bremse durch. Mit kreischenden Reifen kam der Lincoln zum Stehen. Schweigend verfolgten die beiden Beamten, wie der Buick aus- brannte. »Himmel!« stöhnte Boyd. »Meine Ohren!« Malone begriff sofort. Er hatte die rauchende Ma- gnum, die er noch in der Hand hielt, die ganze Zeit über unmittelbar neben Boyds Kopf abgefeuert. Kein Wunder, daß dem Agent die Trommelfelle schmerz- ten. Verwunderlich war im Gegenteil höchstens, daß er nicht stocktaub war., Boyd unterdrückte seine Schmerzen und zog seine Dienstwaffe aus dem Schulterhalfter, während er aus dem Wagen kletterte. Malone schickte sich an, ihm zu folgen. »Jetzt können wir wohl wieder aufstehen?« fragte hinter ihm die Königin. »Das müßt Ihr doch selbst am besten wissen«, sag- te Malone. »Ihr braucht nur festzustellen, wer noch am Leben ist.« Schweigen trat ein, während Königin Elisabeth ei- nen Augenblick lang angestrengt die Stirn runzelte. Ein schmerzlicher Ausdruck flog über ihr Gesicht. »Mit einer Ausnahme haben alle den Tod gefunden«, sagte sie dann. »Und der letzte …« Sie brach ab. »… liegt im Sterben«, schloß sie. »Er kann euch nicht mehr gefährlich werden.« Malone schob seine Magnum ins Schulterhalfter und wandte sich an Boyd. »Ruf die Polizei herbei, Tom!« sagte er. »Sie sollen sich beeilen.« Er kletterte den Abhang zu dem brennenden Buick hinunter, während Boyd sich wieder in den Wagen setzte und den Hörer der Funksprechanlage abnahm. Bei dem Buick angelangt, versuchte Malone ver- geblich, die Tür zu öffnen und die Insassen heraus- zuziehen. Die Hitze, die der glühende Wagen ausstrahlte, trieb Malone zurück. An eine Rettung des sterbenden Gangsters auf dem Rücksitz war nicht zu denken., Malone saß im Fond, als die Wagen der Highway Patrol von Nevada neben dem Lincoln hielten. Bar- bara Wilson schrie nicht mehr. Sie weinte nur noch leise vor sich hin. »Nicht doch, nicht doch«, versuchte Malone sie zu trösten. Er kam sich äußerst fehl am Platze vor. »Ich habe noch nie mit angesehen, wie jemand umkam«, schluchzte sie leise. »Es ist alles vorbei«, murmelte Malone besch- wichtigend. »Niemand tut Ihnen etwas zuleide. Ich bin ja bei Ihnen und beschütze Sie.« Er meinte es ernst mit seinen Worten und kam sich nicht im geringsten albern dabei vor. Das Mädchen schnupfte und sah zu ihm hoch. »Mr. Malone …« »Ken«, verbesserte er. »Verzeihen Sie mir, Ken«, schluckte sie. »Ich hat- te solche Angst. Ich sah, wie Sie einen der Männer erschossen – es war entsetzlich.« »Denken Sie jetzt nicht mehr daran«, bat Malone. Er konnte sich vorstellen, wie eine Schießerei auf jemanden wirken mußte, der keine bewaffneten Aus- einandersetzungen gewohnt war. »Sie sind so tapfer«, brachte das Mädchen hervor. Malone zog sie an sich. »Sie können sich immer auf mich verlassen, Barbara«, sagte er. »Ich bin im- mer für Sie da.« Ein uniformierter Polizist trat an den Wagen her-, an. »Mr. Malone?« fragte er. Verblüfft starrte er auf das Kostüm, das der Agent trug. »Ja, natürlich«, sagte Malone. Er wies seinen Aus- weis und den blaugoldenen Stern vor. Der Polizist sah abwechselnd den FBI-Ausweis und Malone an. »Was hat denn das zu bedeuten?« fragte er. »FBI«, sagte Malone kurz und, wie er hoffte, überzeugend. »Dienstsache.« »In diesem Aufzug?« »Was kümmern Sie die Einzelheiten?« wurde er von Malone angefahren. »Er ist Beamter des FBI«, mischte sich das Mäd- chen voll Eifer ein. »Und wer sind Sie?« erkundigte sich der Polizist. »Vielleicht Maria Stuart?« »Ich bin Krankenschwester in einer Heil- und Pflegeanstalt«, sagte Barbara. »Ach, für Verrückte?« »Für Geistesgestörte«, verbesserte das Mädchen. Der Polizist dachte nach. »Ihren Ausweis und den Stern habe ich gesehen«, sagte er schließlich. »Viel- leicht haben Sie Ihre Gründe, um sich zu verkleiden. Wie soll ich das wissen? Ich bin ja nur ein einfacher Polizist.« »Wenn Sie mit Ihrem Geschwätz fertig sind«, fauchte Malone, »können wir vielleicht zur Sache kommen.« Der Polizist starrte ihn an. »Ja, Sir«, sagte er dann., »Natürlich, Mr. Malone. Ich bin Leutnant Adams. Würden Sie mir bitte erzählen, was sich hier abge- spielt hat?« Knapp und sachlich berichtete Malone, wie der Buick das Feuer auf sie eröffnet und was sich im An- schluß daran zugetragen hatte. Währenddessen hatten sich die übrigen Polizisten mit dem Autowrack be- faßt. Als Malone seine Erzählung beendet hatte, klappte Leutnant Adams sein Notizbuch zu und be- dachte den Buick mit einem kurzen Blick. »Das wäre wohl alles, Sir«, sagte er. »Was mich betrifft, haben Sie in berechtigter Notwehr gehandelt und brauchen sich nicht zu verantworten. Ist Ihnen der Grund für den Mordversuch bekannt?« Malone dachte zurück an den Goldpalast. Dort mochte das Motiv zu finden sein – oder auch nicht. Und warum sollte er einem harmlosen Polizisten mit Einzelheiten über einen FBI-Fall belasten? »Ich kann Ihnen nichts weiter darüber sagen«, gab er zur Antwort. »Ihr Chef wird von uns informiert werden.« Der Leutnant nickte. »Ich werde morgen einen Be- richt schreiben müssen, aber …« »Ich weiß«, sagte Malone. »Danke. Können wir jetzt zu unserem Hotel fahren?« »Ich denke doch«, meinte der Polizist. »Fahren Sie nur. Wir kümmern uns um alles Weitere. Sie werden wahrscheinlich noch von uns angerufen werden.«, »Gut«, sagte Malone. »Identifizieren Sie die Gangster, versuchen Sie festzustellen, für wen sie gearbeitet haben, und leiten Sie mir die Unterlagen möglichst bald zu.« Leutnant Adams nickte. »Sie müssen unseren Staat doch wohl nicht in nächster Zeit wieder verlas- sen?« erkundigte er sich noch. »Ich kann Sie natürlich nicht daran hindern – schließlich gehören Sie zum FBI. Aber es wäre für alle Beteiligten einfacher …« »Wenden Sie sich notfalls an Burris in Washing- ton«, sagte Malone. »Er weiß, wo ich zu erreichen bin. Der Staatsanwalt soll sich gleichfalls mit Burris in Verbindung setzen, falls er noch meine Aussage braucht. In Ordnung?« »Sicher«, sagte Leutnant Adams. Er konnte den Blick nicht von Malone wenden. »Hören Sie«, sagte er, »dieses Kostüm, das Sie da tragen …« »Wir sind hinter Heinrich VIII. her, weil er Anna Boleyn ermordet hat«, unterbrach Malone ihn mit höflichem Lächeln. »Okay?« »Ich habe ja nur gefragt«, versetzte Leutnant Adams. »Fragen wird man doch wohl noch dürfen.« Malone stieg wieder in den Wagen. »Rufen Sie mich also an«, sagte er. Der Motor heulte auf. »Zu- rück zum Hotel, Sir Thomas!« befahl er, und der Lincoln brauste davon., Yucca Flats verdiente wahrhaftig seinen Namen, dachte Malone. Die weite Ebene war so flach wie eine Tischplatte und mit Millionen und Abermillio- nen nutzloser Yucca-Kakteen bewachsen, Sie moch- ten irgendeinen verborgenen Sinn besitzen, aber Ma- lone kam nicht dahinter. Die Einöde hätte genausogut Cactus Flats heißen können, aber normale Kakteen erreichten nicht die gewaltigen Ausmaße der Yuccas. Oder sagte man Yucceen zu diesen Dingern? Am besten taufte man sie einfach Yuckse. Die Ungeheuer nahmen und nahmen kein Ende. Malone war sicher, daß er nie wieder in seinem Le- ben eine Yucca anschauen würde. Dankbar vermerkte er lediglich, daß der Sommer vorbei war. Hätte er in der Augusthitze im geschlos- senen Wagen und in sein Kostüm verpackt durch die Wüste von Nevada fahren müssen, er wäre ohne Zö- gern zum Anhänger der Nacktkultur geworden. Das was man hier Winter nannte, reichte ihm gerade noch. Die Sonne strahlte hell vom wolkenlosen Himmel und wurde blendend von der Straße zurückgeworfen. Sir Thomas Boyd blinzelte durch eine unförmige Sonnenbrille, und Malone überlegte müßig, ob nun die Brille oder aber die übrige Welt fehl am Platze, waren. Sir Thomas jedoch starrte grimmig auf die Fahrbahn und raste mit hundertfünfzig Stundenkilo- metern den Versuchsanlagen von Yucca Flats entge- gen. Malone drehte sich auf seinem Sitz, um und blick- te an den beiden Frauen vorbei durch das Rückfen- ster des Lincoln. Er konnte den zweiten Wagen er- kennen, der in einigem Abstand mit dem neuesten Uhu aus Sir Kenneth Malones Sammlung seltener Vögel nachfolgte. »Schämt Euch, Sir Kenneth«, schalt Ihre Majestät plötzlich. »Diese Menschen sind arm und krank. Wir müssen ihnen nach bestem Vermögen helfen, aber nicht törichte Namen für sie ersinnen. Pfui!« »Ich glaube auch«, bestätigte Malone müde. Er seufzte und fragte zum fünften Male an diesem Tag: »Und Euer Majestät haben keine Ahnung, wo der Spion sich jetzt aufhält?« Die Königin zögerte kaum merklich. »Es ist wirk- lich nicht ganz einfach, Sir Kenneth«, sagte sie dann. »Gedankenlesen unterliegt, wie alle anderen Er- scheinungen bestimmten Gesetzen. Sogar jedes Spiel folgt schließlich gewissen Grundsätzen. Meine tele- pathischen Fähigkeiten halfen mir beim Pokern nicht das mindeste – ich mußte trotzdem erst die Spielre- geln lernen. Ebenso richtet sich die Telepathie nach bestimmten Grundvoraussetzungen. Ein Telepath, der sich ihrer bedient, kann einen anderen Telepathen, mit Leichtigkeit von seiner Fährte abbringen.« »Aha«, sagte Malone. »Habt Ihr denn schon Kon- takt mit seinen Gedanken?« »Ja, natürlich«, versetzte Ihre Majestät fröhlich. »Und was er schon an Informationen gesammelt hat – du meine Güte!« Malone stöhnte leise. »Aber wer ist der Spion?« fragte er. Die Königin starrte zum Verdeck des Wagens hin- aus und schien angestrengt zu überlegen. »Er hat bisher noch nicht seinen Namen gedacht«, sagte sie. »Zumindest hat er ihn nicht vor mir erwähnt. Ihr habt wirklich keine Ahnung, Sir Kenneth, wie schwierig das alles ist.« Malone schluckte mühsam. »Könnt Ihr mir dann wenigstens sagen, wo er sich aufhält?« wollte er wis- sen. Ihre Majestät wirkte untröstlich vor Kummer. »Ich weiß es nicht mit Sicherheit«, gestand sie. »Ich bin mir wirklich nicht sicher, wo er zu finden ist. Er be- wegt sich dauernd von einem Fleck zum anderen. Ihr dürft nicht vergessen, daß er nicht entdeckt werden will. Er hegt gewiß nicht die Absicht, sich vom FBI finden zu lassen – würde es Euch anders gehen?« »Euer Majestät«, sagte Malone, »ich bin das FBI.« »Natürlich«, sagte die Königin, »aber angenom- men, Ihr wärt es nicht? Er tut sein Bestes, um im Ver- borgenen zu bleiben, wie bei einem Versteckspiel.«, »Einem Versteckspiel!« Ihre Majestät schaute zerknirscht drein. »Glaubt mir, Sir Kenneth, Ihr erfahrt seinen genauen Aufent- haltsort in dem Augenblick von mir, in dem ich ihn kenne. Ich verspreche Euch das bei meiner Unsterb- lichkeit.« »Na schön«, sagte Malone notgedrungen. »Okay. Aber verliert keine Minute. Sagt es mit sofort,, wenn Ihr es wißt. Wir müssen den Spion finden und ihm das Handwerk legen.« »Macht Euch keine unnützen Sorgen, Sir Ken- neth«, sagte Ihre Majestät, »Eure Königin tut, was in ihren Kräften steht.« »Ich weiß, Majestät«, sagte Malone. »Ich zweifle nicht daran.« Bei sich überlegte er, wieviel selbst die Königin überhaupt tatsächlich zu tun imstande war. Dann begriff er ungefähr zum zehntausendsten Male, daß keine Rede mehr davon sein konnte, für sich al- lein zu überlegen. »Sehr richtig, Sir Kenneth«, lächelte die Königin huldvoll. »Es wird Zeit, daß Ihr Euch daran ge- wöhnt.« »Was ist denn los?« wollte Boyd wissen. »Liest da schon wieder jemand Gedanken?« »Allerdings, Sir Thomas«, sagte die Königin. »Ich habe mich mittlerweile damit abgefunden«, sagte Boyd fast fröhlich. »Bald wird man mich holen kommen, aber das macht mir nichts mehr aus.« Er, riß den Wagen scharf um eine Straßenbiegung. »Man wird mich zu denen stecken, die noch normal sind, und die Klapsmühleninsassen werden unser Land überschwemmen. Aber mich kann das nicht erschüt- tern.« »Sir Thomas!« hauchte Ihre Majestät schockiert. »Sagen Sie doch Mr. Boyd«, lud der Agent sie mit täuschender Zuvorkommenheit ein. »Lassen Sie den Leutnant weg und nennen Sie mich einfach Mr. Boyd. Oder Tom, wenn Sie wollen.« »Sir Thomas«, sagte Ihre Majestät, »ich kann beim besten Willen nicht verstehen, was Euch zu dieser plötzlichen …« »Wenn Sie’s nicht verstehen können, lassen Sie’s eben bleiben«, schrie Boyd. »Ich habe den Kanal endgültig voll von Leuten, bei denen eine Schraube locker sitzt.« Bestürzendes Schweigen trat in dem Wagen ein. »Bitte, Tom«, versuchte Malone es mit Güte. »Versuch nur nicht, mich zu beschwichtigen«, fauchte Boyd. Malone zog die Augenbrauen hoch. »Schön«, sag- te er. »Dann eben nicht. Ich befehle dir hiermit, die Klappe zu halten, weiterzufahren und Ihrer Majestät den gebührenden Respekt zu erweisen.« »Ich werde …« begann Boyd. Dann schwieg er. »So ist es schon besser«, sagte Ihre Majestät zu- frieden., Lady Barbara setzte sich neben der Königin be- quem zurecht. »Müssen wir noch lange fahren?« fragte sie. »Nicht mehr lange«, schüttelte Malone den Kopf. »Das Versuchsgelände ist nicht mehr weit.« »Es tut mir leid, daß ich mich so dumm benom- men habe«, entschuldigte sich das Mädchen. »Wieso dumm benommen?« »Ich meine, daß ich geheult und mich so albern angestellt habe, als der andere Wagen anfing, auf uns zu feuern.« »Aber das macht doch nichts«, sagte Malone. »Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber.« »Ich habe Ihnen bloß Ärger bereitet«, murmelte Barbara. Ihre Majestät tippte dem Mädchen auf die Schul- ter. »Er denkt gar nicht an den Ärger, den Ihr ihm bereitet«, sagte sie. »Natürlich nicht«, knurrte Malone. »Aber ich …« »Mein liebes Kind«, sagte Ihre Majestät, »mir scheint, daß Sir Kenneth sich zu einem guten Teil in Euch verliebt hat.« Malone riß die Augen auf. Sie hatte völlig recht – er begriff es selbst erst jetzt. Gelegentlich war es doch von Nutzen, einen Telepathen an der Hand zu haben, dachte er. »Verliebt – hat …« schluckte Barbara., »Und Ihr, meine Liebe …« begann Ihre Majestät. »Bitte nicht, Majestät«, unterbrach Lady Barbara hastig. »Nicht jetzt.« Die Königin lächelte vor sich hin. »Natürlich, Lie- bes«, sagte sie. Der Wagen raste dem weiten Komplex der Ver- suchsanlagen von Yucca Flats entgegen, die sich in der Ferne über die Wüste erhoben. Daß die Gebäude am Horizont aufgetaucht waren, hatte noch nichts zu bedeuten. Malone konnte sie schon seit einer Viertel- stunde erkennen, und doch sah es aus, als wären sie ihnen um keinen Millimeter näher gekommen. Ent- fernungen in der Wüste trügen. Endlich jedoch kam das Haupttor in Sicht. Boyd bog vom Highway ab und fuhr volle sieben Meilen durch das Sperrgebiet, ehe er vor dem Tor bremste, das Zugang zu den eigentlichen Versuchswerken gewährte. Zum zweitenmal sah er sich einer Armee argwöhnischer Posten und Sicherheitsbeamten ge- genüber. Die Kleidung der Ankömmlinge erhöhte das Miß- trauen der Wachen beträchtlich. Malone mußte unge- fähr sechsmal nacheinander erklären, daß die Kostü- me auf eine geheime FBI-Dienstsache zurückzuführen seien, daß er seinen FBI-Stern nicht gestohlen hätte, daß Boyds Ausweis auch Boyds Ausweis wäre und daß sie allesamt weder Irre noch Spione noch Spaß- vögel wären, die sich einen Witz erlauben wollten., Malone hatte das alles vorausgesehen und stand die endlosen Verhöre erschöpft, aber ohne Verwun- derung durch. Auf die Überraschung, die ihn hinter dem Tor erwartete, war er allerdings nicht vorberei- tet. Als er jeden seiner Begleiter glücklich zum sech- sten oder siebenten Male identifiziert hatte und sich anschickte, wieder in den Wagen zu steigen, zuckte er beim Klang einer vertrauten Stimme zusammen. »Eine Sekunde, Malone«, rief Andrew J. Burris. Wie ein rächender Engel kam er aus der Wachstube gefegt, dicht gefolgt von einem hageren Mann mit kurzgeschnittenem braunen Haar, großen Händen, einer Hornbrille und einem Oberlippenbärtchen. Ma- lone sah ihm erstaunt entgegen. »Wo brennt’s denn, Chef?« fragte er. Burris kam zum Wagen. Sein dürrer Begleiter hüpfte wie auf Eiern hinter ihm her. »Ich weiß es selbst nicht«, gestand Burris, als er die Wagentür er- reicht hatte. »In Washington war ich mir noch klar darüber, aber in der Wüste verliert man jede Über- sicht.« Er rieb sich die Stirn. Dann warf er einen Blick in den Wagen. »Hallo, Boyd«, sagte er freundlich. »Tag, Chef«, sagte Boyd. Burris musterte ihn eingehend. »Boyd, Sie sehen aus wie Heinrich VIII.«, sagte er, mäßig überrascht. »Nicht wahr?« fragte Ihre Majestät auf dem Rück-, sitz. »Ich finde auch, die Ähnlichkeit ist geradezu erstaunlich.« Burris bedachte sie mit einem kleinen Lächeln. »Ah, Majestät!« sagte er. »Ich bin …« »Andrew J. Burris, Direktor des FBI«, ergänzte die Königin. »Ja, ich weiß. Wie hübsch, daß ich Euch endlich kennenlerne! Vom Fernsehen her seid Ihr mir schon ein Begriff. Schade, Ihr laßt Euch schlecht fotografieren.« »Tatsächlich?« meinte Burris. Offenbar beherrsch- te er sich gewaltig. Er tat Malone ein wenig leid – aber nicht beson- ders. Burris sollte ruhig einen Eindruck davon be- kommen, dachte der Agent, was er und seine Beglei- ter in den letzten Tagen durchgemacht hatten. Ihre Majestät hatte sich inzwischen über ihr könig- liches Wohlgefallen, das sie an Burris fand, und über die ehrenvolle Erhebung in den Ritterstand ausgelas- sen. Malones Aufmerksamkeit wurde wieder wach, als sie gerade sagte: »Und somit sollt Ihr hinfort …« Sie brach plötzlich ab, drehte sich um und forderte. »Reicht mir Eure Waffe, Sir Kenneth.« Malone zögerte, aber nur einen Augenblick lang. Dann sah er den Blick, den Burris ihm zuwarf und der mühelos zu deuten war. Er zog seine Magnum aus dem Schulterhalfter und ließ die Patrone herausspringen – wobei er sich vor- nahm, den Revolver nachzuladen, sobald er ihn zu-, rückerhielt. Dann reichte er der Königin die Waffe mit dem Griff voran. Sie nahm den Revolver in die rechte Hand, beugte sich aus dem Wagenfenster und befahl: »Kniet nie- der, Andrew!« Mit geweiteten, erstaunten Augen verfolgte Malo- ne, wie Andrew J. Burris, Direktor des FBI, sich mit einer langsamen und feierlichen Bewegung auf ein Knie niederließ. Königin Elisabeth Thompson nickte zufrieden. Der Revolverlauf berührte Burris auf beiden Schultern. »Hierdurch schlage ich Euch zum Ritter«, sagte Ihre Majestät. Dann räusperte sie sich. »Meine Güte, ist diese Wüstenluft trocken – erhebt Euch, Sir Andrew, und wißt, daß Ihr hinfort das Leib-FBI Eu- rer Königin befehligt.« »Danke, Euer Majestät«, murmelte Burris ergeben. Schweigend stand er auf. Die Königin zog den Kopf in den Wagen zurück und reichte Malone sei- nen Revolver. Er schob Patronen in die Kammer der Trommel und lauschte geistesabwesend. »Euer Majestät«, sagte Burris, »Dies ist Dr. Harry Gamble, Leiter des Projekts Inselsand. Ihre Majestät, die Königin; Lady Barbara Wilson, ihre – ähem – Hofdame; Sir Kenneth Malone; und König Hein… ich meine Sir Thomas Boyd.« Er bedachte alle vier mit einem strahlenden künstlichen Lächeln. Dann richtete er den Blick auf Sir Kenneth Malone., »Kommen Sie einen Augenblick mit, Malone«, sagte er. »Ich möchte mit Ihnen reden.« Malone stieg aus und ging um den Wagen herum. Besorgt folgte er dem Direktor ein Stück zur Seite. Er hatte noch in der Nacht einen langen, verschlüs- selten Bericht aufgesetzt und nach Washington ge- schickt. Mit Burris’ Auftauchen in Yucca Flats hatte er nicht gerechnet. Er konnte sich keinen Grund da- für denken. Und wenn kein Grund vorhanden ist, kombinierte Malone scharfsinnig, dann muß etwas Unangeneh- mes geschehen sein. »Wo drückt der Schuh, Chef?« fragte er. Burris seufzte. »An allen Ecken und Enden«, sagte er. »Die Polizei von Nevada hat uns Meldung erstat- tet. Wir haben die Gangster identifiziert, die Sie er- schossen haben, aber das hat uns nicht weitergehol- fen. Es waren gekaufte Berufskiller.« »Und wer hat sie gekauft?« wollte Malone wissen. Burris zuckte die Achseln. »Jemand mit einem dicken Bankkonto«, antwortete er. »Kerle dieses Schlages bringen ihre eigene Großmutter um, wenn man ihnen genügend zahlt – das wissen Sie selbst. Unsere Ermittlungen sind im Sand verlaufen.« Malone nickte. Das waren schlechte Neuigkeiten. Aber wann hatte er zum letztenmal mit guter Nach- richt aufwarten können? »Von der Verhaftung des telepathischen Spions, sind wir heute noch genauso weit entfernt wie am Anfang«, fuhr Burris fort. »Sind Sie wenigstens ein Stückchen vorangekommen, wenn auch nicht be- trächtlich?« »Nein, Sir«, mußte Malone zugeben. »Wie steht’s mit der alten Dame – wie hieß sie doch gleich noch? Ach ja, Thompson. Kann sie uns einen Ansatzpunkt liefern?« Malone zögerte. »Sie hat sich gedanklich an den Spion herangetastet«, erwiderte er langsam, »aber sie scheint nicht in der Lage zu sein, ihn dadurch gleich zu identifizieren.« »Was will sie denn noch?« fragte Burris. »Wir ha- ben sie zur Königin gemacht und ihr ein kostümiertes Gefolge beigegeben; sie hat mit unserem Geld gepo- kert und Roulett gespielt. Spürt sie etwa noch das Verlangen nach einer Massenhinrichtung? Ich könnte ihr ein Dutzend Senatoren dafür zur Verfügung stel- len, Malone. Das ließe sich bestimmt mühelos ein- richten.« Er sah den Agenten scharf an. »Vielleicht könnte ich ihr sogar einen oder zwei FBI-Beamte ausliefern«, fügte er drohend hinzu. Malone schluckte. »Ich tue bestimmt mein Bestes, Sir«, sagte er. »Wo sind denn die übrigen Telepa- then?« Burris verzog das Gesicht. »Kommen Sie mit«, sagte er. »Ich werde es Ihnen zeigen.« Als Sie zum Wagen zurückkehrten, unterhielt sich, Dr. Gamble angeregt mit Majestät über Roger Ba- con. »Er muß ein interessanter Mann gewesen sein«, meinte die Königin gerade, »wenn ich ihn auch nicht mehr gekannt habe. Mit Marlowe habe ich mich oft und lange unterhalten, nachdem er seinen ›Faust‹ veröffentlicht hatte. Seine Forschungen auf dem Gebiet der Alchi- mie …« »Ich bitte um Verzeihung, Majestät«, wurde sie von Burris unterbrochen, »aber wir müssen weiter- fahren. Vielleicht könnt Ihr Eure – ähem – Audienz später fortsetzen.« Er wandte sich an Boyd. »Sir Thomas«, befahl er, »fahrt sofort zu den Westing- house-Anlagen. Dort entlang.« Er deutete auf eine Abzweigung. »Dr. Gamble fährt mit Euch. Wir kommen mit dem zweiten Wagen nach. Vorwärts!« Er trat zurück, und der Leiter vom Projekt Insel- sand stieg ein. Während der Wagen davonbrauste, ging Burris mit Malone zu dem zweiten Lincoln. Auf dem Rücksitz hatten zwei Beamte Platz genommen. Eine reglose Gestalt saß zwischen ihnen. Malone zuckte zusammen, als er William Logan und die Agenten erkannte, die er mit der Begleitung des Telepathen beauftragt hatte. Logans Ausdruck hatte sich nicht im geringsten verändert, seit Malone ihn zuletzt gesehen hatte. Insgeheim fragte sich Ma- lone, ob dieses starre Gesicht überhaupt Muskeln besitzen mochte., Er quetschte sich hinter das Steuer. Burris setzte sich neben ihn. »Zu den Westinghouse-Anlagen«, ordnete Burris an. »Und ein bißchen Tempo, wenn ich bitten darf.« »Gemacht«, erwiderte Malone und ließ den Motor an. »Wir haben nicht die kleinste Spur«, knurrte Bur- ris. »Ich hoffte immer noch, Sie wären doch auf ir- gendeinen Hinweis gestoßen. Ihr Bericht erwähnte natürlich die Schießerei und die vorangegangenen Ereignisse, aber ich dachte trotzdem, Sie würden nicht mit ganz leeren Händen kommen.« »Mir blieb nichts anderes übrig«, entgegnete Ma- lone. »Wir können nur versuchen, Ihre Majestät dazu zu überreden, uns …« »Daß Sie es nicht einfach hatten, weiß ich«, sagte Burris. »Trotzdem scheint mir …« Als sie vor dem Verwaltungsgebäude der We- stinghouse-Anlagen hielten, wünschte Malone ir- gendeinen unerwarteten Zwischenfall herbei. Und wenn der Blitz einschlagen würde, dachte er, oder ein Erdbeben Yucca Flats verschlänge! Er hatte die Nase plötzlich gestrichen voll. Vier Tage später stand ihm der Fall, mit dem Burris ihn betraut hatte, immer noch bis zum Hals. Außer-, dem war er erschöpft und übermüdet. Die sechs Psy- chopathen – einschließlich Ihrer Majestät, Königin Elisabeth I. – waren zusammen mit vier hypernervö- sen, von den Sicherheitsbehörden auf Herz und Nie- ren geprüften Psychiatern aus Washington in einem eilig geräumten Bau auf dem Versuchsgelände un- tergebracht worden. Der Klapsmühlenkongreß, wie Malone ihn getauft hatte, war in vollem Gange. Malones schlimmste Be- fürchtungen trafen ein. Fünf der sechs Telepathen – Ihre Majestät bildete die einzige Ausnahme – waren restlos weltentrückt. Die Psychiater beurteilten jede bekannte Heilmethode als aussichtslos und verbrach- ten ihre meiste Zeit damit, über Mittel und Wege nachzugrübeln, um sie in die Wirklichkeit zurückzu- holen. Den fünf Patienten, deren Geist sich völlig ver- wirrt hatte, ging Malone aus dem Weg. Das sinnlose Geschwätz des fünfzigjährigen Barry Miles raubte ihm die Fassung. Es erinnerte ihn an das zusammen- hanglose Geplapper Charlie O’Neills, aber Dr. O’Connor meinte, hier läge ein gänzlich andersgear- teter Fall vor. William Logans maskenstarres Gesicht flößte dem Agenten Entsetzen ein, und das beständi- ge Kichern Ardith Parkers, die unverständlichen Mu- ster, die Gordon Macklin gedankenverloren mit den Fingern in die Luft malte, und Robert Cassidays un- ablässiges tonloses Summen überstiegen Malones, Fassungskraft. Zusammengenommen boten die fünf Geisteskranken ein Bild hoffnungslosen Irrsinns, das Malone mehr quälte, als er sich selbst eingestand. Als die siebte Telepathin aus Honolulu eintraf, suchte Malone sie gar nicht erst auf. Er überließ es den Psychiatern, sich mit ihr zu befassen, und mied ihre Zusammenkünfte. Königin Elisabeth dagegen schloß er mehr und mehr in sein Herz. Die Psychiater bestätigten die Vermutung, die sie selbst gehegt hatte und auf die auch Malone verfallen war. Die Tatsache, daß sie eine Fähigkeit besaß, deren Vorhandensein niemand anerkannte, hatte ihre Willenskraft mehr und mehr zerrüttet. Dazu kam ein leichter Persönlichkeitsver- lust, den der fortgesetzte Einfluß anderer Gedanken hervorgerufen hatte und der bei jedem Fall telepathi- schen Wahnsinns eine entscheidende Rolle zu spie- len schien. Die Königin hatte sich vor den ständigen Enttäu- schungen, mit denen ihr Geist nicht mehr fertig wur- de, auf die einfachste Weise geflüchtet. Sie hatte ihre Persönlichkeit gegen eine andere eingetauscht und sich in einen Wahn hineingesteigert, der hinfort ihr Handeln beherrschte: sie wäre Königin Elisabeth I. von England, zu Unrecht ihres Throns beraubt und immer noch am Leben. »Eine so lückenlos aufgebaute Wahnvorstellung ist mir selten begegnet«, begeisterte sich einer der, Psychiater gegenüber Malone. »Die Frau hat sich ihre gesamte Existenz folgerichtig bis ins Letzte zu- rechtgelegt. Sie hat ihre Persönlichkeit ausgetauscht, und aus dieser trügerischen Voraussetzung ergibt sich logisch ihr weiteres Handeln. Ein einzigartiger Fall.« Malone erkannte, daß die Königin zwar verrückt sein mochte; aber von Einfältigkeit könnte keine Re- de bei ihr sein. Alle Voraussetzungen, die zur Lösung des Falles führen konnten, hatte das FBI somit geschaffen. Trotzdem waren die Beamten der Entlarvung des Spions nicht näher als drei Wochen zuvor. Bei fünf gänzlich nutzlosen Helfern und Königin Elisabeth als einzigem Strohhalm, an den sie sich noch klammern konnten, nahm es Malone nicht wunder, daß Fort- schritte auf sich warten ließen. Er hatte erfahren, daß die Telepathin aus Honolulu nicht mehr Anlaß zur Hoffnung bot als ihre fünf Leidensgenossen; die Psychiater sprachen von einem »juvenilen Identitäts- verlust-Syndrom«, in das sie zurückgesunken wäre. (Mit Syndrom bezeichnet man in der Medizin mehre- re Symptome, die wiederholt zusammen auftreten, ohne daß ihre gemeinsame Ursache bekannt ist. Un- ter »juvenil« versteht man Erscheinung, die sich auf die Kindheit beziehen.) Malone konnte sich darunter nichts vorstellen, aber die Bezeichnung allein mutete ihm unheilvoll an., Dr. Harry Gamble, der Chef von Projekt Inselsand, magerte vor Sorge fast stündlich ab. Und Malone dachte, daß gerade er sich das am allerwenigsten lei- sten konnte. Burris, Malone und Boyd hatten sich einen provi- sorischen Büroraum in einem Gebäude eingerichtet. Der Direktor hatte seinem Stellvertreter in Washing- ton die Leitung des FBI übergeben. Immer wieder betonte er, daß nichts so wichtig war wie das Auffin- den des Spions, der das Projekt bedrohte. Boyd schien das eingesehen zu haben. Er lief im- mer noch mit mürrischem Gesicht herum, aber er begehrte nicht mehr auf. Am vierten Tag fragte Burris: »Was unternehmen wir jetzt?« »Wir könnten uns erschießen«, schlug Boyd prompt vor. »Jetzt hör mal zu«, begann Malone, aber Burris kam ihm zuvor. »Boyd«, sagte der Direktor, »es würde mit leid tun, Sie von der Erlaubnis ausnehmen zu müssen, die den FBI-Beamten das Tragen von Bärten gestattet. Noch eine solche Bemerkung, und Sie können hin- gehen und sich einen Rasierapparat kaufen.« Boyd legte schützend sein Hand über sein Kinn und sagte nichts mehr. »Sollte es denn wirklich keinen einzigen vernünfti- gen Telepathen auf der Welt geben?« fragte Malone., »Jedenfalls haben wir keinen entdeckt«, versetzte Burris. »Also müssen wir uns damit abfinden …« Jemand klopfte an die Bürotür. »Wer ist da?« rief Burris. »Dr. Gamble«, antwortete der Bariton des Wissen- schaftlers. »Kommen Sie herein, Doktor!« Die Tür ging auf. Dr. Gambles schmales Gesicht wirkte übernächtigt. »Mr. Burris«, sagte er und brei- tete beide Hände aus, »läßt sich denn wirklich nichts tun?« Malone hatte Gamble schon bei anderen Gele- genheiten während des Sprechens beobachtet und fragte sich, ob der Mann wohl überhaupt reden konn- te, wenn man ihm die Hände auf den Rücken fest- band. Der Agent zweifelte stark daran. »Wir nähern uns bei Projekt Inselsand einem kriti- schen Stadium«, fuhr der Wissenschaftler fort und hieb mit der rechten Faust in die linke Handfläche. »Wenn noch mehr nach außen dringt«, er machte eine ausholende Bewegung mit beiden Armen, »dann können wir unsere Ergebnisse auch gleich in der Zei- tung veröffentlichen.« Burris trat einen Schritt zurück. »Wir tun unser Bestes, Dr. Gamble«, versicherte er. In Anbetracht der Umstände konnte sein Versuch, Zuversicht zu verbreiten, fast als Erfolg gewertet werden. »Schließlich wissen wir schon eine ganze Menge mehr, als vor vier Tagen«, fuhr er fort. »Miss, Thompson hat uns versichert, daß der Spion sich in- nerhalb der Grenzen des Versuchsgeländes von Yuc- ca Flats befindet. Ich habe das ganze Gebiet herme- tisch abriegeln lassen und bin sicher, daß zur Zeit keine Nachricht nach außen dringen kann. Miss Thompson pflichtet mir darin bei.« »Miss Thompson?« fragte Dr. Gamble und strich sich über seinen Bart. »Die Königin«, erläuterte Burris. Gamble nickte und legte einen Finger auf die Na- se. »Ach ja«, meinte er. »Natürlich.« Er rieb sich den Nacken. »Aber wir können diese Absperrung nicht ewig aufrechterhalten.« Mit der linken Hand machte er eine Bewegung, als würfe er ein Stück Papier weg. »Früher oder später müssen wir unsere Techniker und Wissenschaftler entlassen.« Er ließ die Arme sinken. »Wenn wir den Spion nicht finden, können wir einpacken.« »Wir werden ihn finden«, erklärte Burris zuver- sichtlich. »Aber …« »Lassen Sie sich Zeit«, mahnte Burris. »Lassen Sie ihr Zeit. Bedenken Sie ihren Geisteszustand.« »Rom wurde auch nicht von Idioten erbaut«, murmelte Boyd. Burris warf ihm einen bitterbösen Blick zu, sagte aber nichts. Malone überbrückte das Schweigen, in- dem er meinte: »Wir wissen, daß er sich in unserer, Mitte aufhält, und wir werden ihn eines Tages erwi- schen. Solange er seinen Auftraggebern kein Materi- al liefern kann, sind wir vor ihm sicher.« Er warf ei- nen Blick auf seine Armbanduhr. »Aber …« wandte Dr. Gamble ein. »Ts, ts, schon fast Mittag«, staunte Malone. »Jetzt muß ich aber schleunigst gehen und mit Ihrer Maje- stät speisen. Vielleicht weiß sie schon wieder etwas Neues.« Dr. Gamble wurde erfolgreich abgelenkt. »Hof- fentlich, hoffentlich«, bemerkte er nur noch. »Tja«, sagte Malone, »entschuldigen Sie mich.« Er schlüpfte aus Jackett und Hose und zog das Samtwams und die engen Hosen an, die im Büro- schrank hingen. Dann fuhr er in den pelzbesetzten Rock mit den geschlitzten Ärmeln, rückte an dem federgeschmückten Barett, bis er zu seiner Zufrie- denheit saß, und bedachte Burris und die übrigen Anwesenden mit einer kleinen Verbeugung. »Ich gehe zur Audienz bei Ihrer Majestät, meine Herren«, sagte er mit ernster, wohlklingender Stim- me. »Ich hoffe, in Bälde zurück zu sein.« Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich. Auf der Treppe leistete er sich den Luxus eines tiefen Seufzers. Er überquerte die staubige Straße und ging zu der Baracke, in der Ihre Majestät und die restlichen Te- lepathen untergebracht waren. Niemand schenkte, ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit, und er vermißte fast die erstaunten Blicke, die sein Kostüm früher auf sich gezogen hatte. Jetzt war jeder daran gewöhnt, Leute in elisabethanischer Kleidung he- rumlaufen zu sehen. Ihre Majestät hatte strikte Re- geln eingeführt. Niemand, der nicht entsprechend gekleidet war, wurde zur Audienz bei ihr vorgelassen. Selbst die Psychiater, die sie zu ihren königlichen Leibärzten ernannt hatte, mußten Kostüme tragen. Im Gehen dachte Malone über den Fall nach – zum tausendsten Male, wie er sich voller Bitterkeit sagte. Wer konnte der telepathische Spion sein? Es war die Suche nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen. Dr. Harry Gamble? Der Chef von Pro- jekt Inselsand würde wohl kaum seinen eigenen Leu- ten nachspionieren, zumal er bereits alles wußte, was es zu wissen gab. Das schloß nicht aus, daß er Spio- nage im Auftrag Dritter trieb. Malone ging weiter. Dr. Thomas O’Connor, der Sachverständige für Psionik, stand als nächster Kan- didat auf seiner Liste. Vor der Entdeckung Ihrer Ma- jestät hatte Malone geargwöhnt, O’Connor könnte die ganze Geschichte nur erfunden haben, um das FBI auf die falsche Fährte zu locken und die Nach- forschungen zu verwirren. Auf diese Weise hätte der echte Spion unentdeckt bleiben können, während das, FBI hinter Phantomen herjagte. Was aber, wenn der Spion O’Connor hieß? Wenn der Wissenschaftler Telepath war und sich so fest darauf verließ, das FBI ablenken zu können, daß er tatenlos zugesehen hatte, wie die übrigen Telepathen entdeckt wurden? Ein zweites Argument sprach da- für: Die Entdeckungen des Gerätes hätte er auf jeden Fall melden müssen, weil zu viele Assistenten und Kollegen davon wußten. Dagegen ließ sich die Tatsache ins Feld führen, daß der Leiter eines Forschungsauftrages, den die Regierung erteilt hatte, gründlich überprüft wurde. Konnte dieser Durchleuchtung eine Verbindung mit der Sowjetunion – selbst eine telepathische – entge- hen? Malone zweifelte daran. Er dachte an die Psychiater. Es existierten keiner- lei Beweise, die für oder gegen ihre Schuld sprachen. Malone überlegte, ob Boyd wohl auch die Tatsa- che in Betracht ziehen mochte, daß er, Malone, der Spion sein konnte. Umgekehrt war das zumindest der Fall. Boyd … Unsinn. Dann konnte er auch gleich Andrew J. Burris in den Kreis der Verdächtigen einbeziehen. Lächerlich. Einfach lach… Immerhin hatte es aber so ausgesehen, als wäre Königin Elisabeth ihrer Sache sicher, als sie in Dr. Dowsons Büro auf ihn zeigte. Und wenn sie sich’s, dann auch anders überlegt hatte, wie weit konnte man sich auf sie verlassen? Wenn sie sich bei Burris geirrt hatte, konnte sie sich auch geirrt haben, als sie behauptete, der Spion hielte sich in Yucca Flats auf. Dann gute Nacht, dachte Malone beklommen. Aber an dem Fehler, den die Königin begangen hatte, ließ sich nicht rütteln. Sie hatte auf Burris ge- zeigt und ihn den Spion genannt. Dann hatte sie er- klärt, sie hätte sich vertan. Entweder war Burris ein Spion, oder er war keiner. Eine dritte Möglichkeit schied aus. Wieso eigentlich? dachte Malone. Und plötzlich fiel ihm ein, wie Burris selbst etwas geäußert hatte, daß … Mich laust der Affe! dachte er. Er blieb mitten auf der Straße stehen. Ruckartig überfiel ihn die Erleuchtung. Sämtliche Steinchen des Falles, die er so lange um und um gedreht hatte, fugten sich auf einmal zu einem lückenlosen Mosaik zusammen. Malone öffnete den Mund. In diesem Augenblick wußte er, wer der Spion war. Ein Jeep hupte mißtönend und wich in weitem Bogen aus. Fluchend beugte sich der Fahrer vor und starrte Malone nach, der schon wieder halb im Büro war. Unterwegs betrat er einen anderen kleinen Raum,, in dem sich die beiden FBI-Agenten aus Las Vegas niedergelassen hatten. Er erteilte eine Reihe schneller Befehle und hatte die Genugtuung zu bemerken, wie einer der Beamten nach dem Telefon griff. Endlich war die Zeit des untätigen Wartens vorbei. Burris, Boyd und Dr. Gamble unterhielten sich immer noch, als Malone eintrat. »Das war ja ein schnelles Mittagessen«, frotzelte Burris. »Hat Ihre Majestät inzwischen einen Kellner angestellt?« Malone überhörte den Spott. »Meine Herren«, sag- te er feierlich, »Ihre Majestät ersucht uns, geschlos- sen zu ihrer Audienz zu kommen. Sie hat uns äußerst wichtige Tatsachen mitzuteilen, die keinen Aufschub dulden.« Burris riß die Augen auf. »Hat sie etwa …« be- gann er und brach mit offenem Mund ab. Malone nickte ernst. »Ich glaube, meine Herren«, sagte er, »daß Ihre Majestät im Begriff steht, uns die Identität des Spions zu enthüllen, der Projekt Insel- sand verraten hat.« Geschlagene drei Sekunden lang herrschte Schweigen. »Los!« stieß Burris dann hervor. Im Nu waren die Männer an der Tür. »Meine Herren!« Malones Stimme klang entsetzt. »Ihre Kleidung!« »Nein«, flehte Boyd, »doch nicht jetzt.«, Burris erwiderte kurz: »Sie haben völlig recht, Malone. Ziehen Sie sich um, Boyd – ich meine na- türlich Sir Thomas.« Während Burris, Boyd und Dr. Gamble in Wams und Hose schlüpften, rief Malone Dr. O’Connor an und ersuchte ihn, sich in zehn Minuten in voller Kriegsbemalung bei Ihrer Majestät einzufinden. Ver- ständlicherweise meuterte Dr. O’Connor zunächst. Aber Malone redete auf ihn ein, bis der Wissen- schaftler schließlich knurrend zustimmte. Dann führte er ein zweites Telefongespräch mit den Psychiatern, an die er die gleiche Bitte richtete. Sie waren ausgefallene Wünsche von Seiten ihrer Patienten gewöhnt und erklärten sich ohne weiteres einverstanden. Zufrieden dachte Malone, daß er damit das Not- wendigste veranlaßt hatte. Zehn Minuten später standen neun Männer in mittel- alterlicher Kleidung vor der Tür des Zimmers, in dem die Königin Hof hielt. Dr. Gambles Wams war ihm zu kurz, und die Ärmelkrausen saßen knapp un- terhalb seiner Ellbogen. Die vier Psychiater wirkten wie eingemottete Statisten aus einem alten Stumm- film. Malone musterte sie ironisch. Er kannte nicht nur die Lösung des Problems, das sie seit Wochen bis in die Träume verfolgt hatte, sondern sein Ko- stüm saß wie angegossen., »Ich möchte nicht, daß mir jemand dazwischen- pfuscht«, schärfte Malone den Psychiatern ein. »Ich weiß, worauf es ankommt, und denke, das Notwen- digste ohne große Mühe erfahren zu können.« »Ich hoffe, Sie werden die Patientin nicht beunru- higen, Mr. Malone«, sagte einer der Psychiater. »Sir Kenneth!« fauchte Malone. Der Psychiater wirkte verlegen und besorgt zu gleicher Zeit. »Verzeihung!« entschuldigte er sich. »Bitte«, sagte Malone. »Ich will auf jeden Fall versuchen, Ihre Majestät nicht über Gebühr zu beun- ruhigen.« Die Psychiater berieten sich. Schließlich trat einer von ihnen vor und erklärte: »Gut, handeln Sie nach eigenem Ermessen. Sollten Sie aber – ähem – zu weit gehen, würden wir uns gezwungen sehen, einzugrei- fen.« »Damit bin ich einverstanden«, sagte Malone. »Gehen wir also.« Er öffnete die Tür. Sie betraten einen Raum, der mit Kunststoffen und synthetischen Seidengeweben wie ein prunkvolles Boudoir des 16. Jahrhunderts eingerichtet worden war. Seine aufdringliche Farbenpracht erweckte den Eindruck einer Hollywoodkulisse, was weiter kein Wunder war, da das FBI zu diesem Zweck dem Farb- fernsehen zwei Bühnenbildner wegengagiert hatte. Am anderen Ende des Raumes stand unter Lüstern, und Gobelins ein mächtiger Thron, auf dem Ihre Ma- jestät Platz genommen hatte. Lady Barbara lehnte zu ihren Füßen an den Stufen. Malone bemerkte den Ausdruck Ihrer Majestät. Er hätte Barbara gern vorbereitet, aber dazu blieb keine Zeit. Er sammelte sich und dachte scharf in Richtung auf die Königin: Lest meine Gedanken! Ihr wißt inzwischen, daß ich die Wahrheit kenne – aber prüft mich genauer! Der Gesichtsausdruck der Königin wandelte sich plötzlich. Sie lächelte ein trauriges, sanftes kleines Lächeln. Lady Barbara, die aufgeblickt hatte, als Sir Kenneth mit seinem Gefolge hereinkam, lockerte ihre Haltung wieder. Nur ihr Blick blieb auf Malone haften. »Es sei Euch gestattet, näher zu kommen, meine Lords!« sagte die Königin. Sir Kenneth führte die Prozession an, dicht gefolgt von Sir Thomas und Sir Andrew. O’Connor und Gamble schritten hinter ihnen, und die vier Psychia- ter bildeten den Schluß. In einigem Abstand von den Stufen, die zu dem Thron hinaufführten, blieben sie auf dem roten Teppich stehen und verneigten sich gemeinsam. »Erklärt Euch, Sir Kenneth!« befahl Ihre Majestät. »Majestät sind sich im klaren über die Bedingun- gen?« vergewisserte sich Malone. »Restlos«, nickte die Königin. »Beginnt!«, Barbara machte ein verwundertes, leicht er- schrockenes Gesicht. Malone schenkte ihr keine wei- tere Beachtung, sondern wandte sich an O’Connor. »Dr. O’Connor, welche Pläne haben Sie mit den Telepathen, die hierher gebracht worden sind?« Die schnelle Frage traf den Wissenschaftler unvorberei- tet. »Nun – ähem – wir legen auf ihre Mitarbeit bei unseren weiteren Forschungen, die – ähem – zum Ziel haben, die eigentlichen telepathischen Vorgänge aufzuhellen. Vorausgesetzt natürlich«, er hüstelte, »vorausgesetzt, daß sie sich – ähem – zugänglich zeigen. Miss – ich meine natürlich, Ihre Majestät – hat uns bereits sehr wesentlich geholfen.« Er warf Malone einen sonderbaren Blick zu, der zu besagen schien: Was kommt nun? Malone nickte ihm kurz zu und sagte: »Vielen Dank, Doktor.« Der drehte sich zu Burris um und fühlte Barbaras Blick auf sich, als er fragte: »Was sind Ihre Absichten, Chef? Was geschieht mit Ihrer Majestät, wenn wir den Spion entlarvt haben? Sie haben doch wohl nicht vor, ihr danach die gebühren- de Huldigung zu versagen?« Burris starrte ihm offenen Mundes entgegen. Nach einer Weile brachte er hervor: »Aber nein, Sir Ken- neth, natürlich nicht. Das heißt«, er sah zu den Psychiatern hinüber, »falls die Ärzte meinen …« Eine hastige Beratung setzte ein, deren Ergebnis, die unsichere Erklärung bildete, daß eine Behand- lung, die sich als therapeutisch wertvoll erwiesen hat, nicht abgebrochen werden sollte, wenn natürlich auch immer die Möglichkeit bestand, daß … »Danke, meine Herren«, unterbrach Malone. Er verstand ihre Nervosität und konnte sich vorstellen, wie schwer es ihnen fiel, über einen Patienten in des- sen Anwesenheit zu sprechen. Aber sie hatten bereits begriffen, daß das nicht die geringste Rolle spielte, da ihre Gedanken ja ohnehin ein offenes Buch für die Königin bildeten. Lady Barbara fragte: »Sir – ich meine, Ken … ha- ben Sie denn vor …« »Was hat das alles zu bedeuten?« schnappte Bur- ris. »Einen Augenblick, Sir Andrew«, sagte Malone. »Ich möchte den Ärzten gern noch eine Frage stel- len.« Er drehte ich um. »Wie ich vermute, ist keiner der Telepathen vor dem Gesetz für seine Handlungen verantwortlich. Trifft das zu?« Eine neuerliche eilige Besprechung. Die Psychia- ter erinnerten Malone allmählich an eine Fußball- mannschaft, die sich in der Pause beriet. Schließlich trat einer der Nervenärzte vor. »Sie haben recht. Vor dem Gesetz sind die hier Anwesen- den wahnsinnig und können daher nicht zur Verant- wortung gezogen werden.« Er brach ab und schluck- te. »Mit den Anwesenden meinte ich natürlich nur, die Telepathen, nicht etwa das FBI und uns.« Nach einer neuerlichen Pause: »Oder Dr. O’Connor und Dr. Gamble.« »Oder mich«, ergänzte Lady Barbara und lächelte ihn liebreizend an. »Oh«, sagte der Psychiater. »Gewiß. Natürlich.« Verwirrt zog er sich zu seinen Kollegen zurück. Malone sah zu dem Thron hinauf. Ruhig und hei- ter erwiderte Ihre Majestät seinen Blick. Barbara sagte plötzlich: »Aber das ist doch … Sie denken doch nicht etwa …« und schloß den Mund. Malone warf ihr rasch einen Blick zu und wandte sich dann wieder an die Königin. »Nun, Euer Majestät?« fragte er. »Ihr habt die Ge- danken jedes einzelnen von uns gelesen. Welchen Eindruck habt Ihr gewonnen?« Spannung und zugleich Erleichterung drückten sich in ihrer Stimme aus. »Im Grunde lassen Sie sich alle von Güte und Menschlichkeit leiten«, sagte sie. »Und glauben Uns. Das ist das Entscheidende, daß sie Uns glauben, wie Ihr es bei unserer ersten Begeg- nung tatet. Dieser Glaube hat Uns gefehlt …« Sie schwieg und schien sich in Gedanken zu verlieren. Barbara hatte sich umgedreht und blickte zu Ihrer Majestät auf. Malone machte einen Schritt vorwärts, aber Burris hielt ihn zurück. »Was ist denn nun mit dem Spion?« fragte er., Dann weiteten sich seine Augen. Boyd, der neben ihm stand, beugte sich vor. »Darum hast du also er- wähnt, ein Wahnsinniger könnte nicht zur Verant- wortung gezogen werden«, flüsterte er, »weil …« »Nein«, rief Barbara, »nein, sie ist keine …« Aller Blicke waren jetzt auf Ihre Majestät gerich- tet. Die Königin saß kerzengerade auf dem Thron und erwiderte sie. Ihr weißes Haar schimmerte im Glanz der Lüster. »Sir Kenneth«, sagte sie, und ihre Stimme bebte nur ganz unmerklich, »sie denken alle, ich wäre der Spi- on.« Das Mädchen erhob sich. »Hören Sie«, stieß sie hervor, »am Anfang mochte ich Ihre Majestät nicht leiden. Sie war eine Patientin, weiter nichts, und als sie dann Launen bekam … Aber seit ich sie besser kenne, habe ich sie gern, weil sie gütig und freund- lich ist und weil – weil sie niemals eine Spionin sein könnte, ganz gleich, was Sie glauben – auch Sie, Sir Kenneth!« Sekundenlang herrschte Schweigen. »Wir haben uns also geirrt?« wollte Burris wissen. »Ja«, erwiderte Malone. »Vor Wochen sagten Sie zu mir, Telepathen finge man am besten mit Telepa- then. Wissen Sie das noch?« »Nun ja …« begann Burris. »Daran hat Ihre Majestät sich erinnert«, sagte Ma- lone, »und danach hat sie gehandelt.«, Barbara war stehengeblieben. Sie ging zu der Kö- nigin hin und legte einen Arm um die Schulter der kleinen alten Dame. Ihre Majestät erhob keine Ein- wände, »Ich wußte es ja«, sagte das Mädchen, »Ihr hättet unmöglich eine Spionin sein können.« »Pst«, machte die Königin. »Sir Kenneth hat die Wahrheit durchschaut. Hört ihm zu.« »Ihre Majestät hat den Spion nicht nur entdeckt, sondern sie hat ihn sogar in unsere Hände geliefert«, erklärte Malone. Er drehte sich um und ging über den langen roten Teppich zur Tür zurück. Ich sollte mir wirklich ein Schwert zulegen, dachte er und sah nicht, wie Ihre Majestät lächelte. Er öffnete schwungvoll die Tür und rief: »Bringt ihn rein, Jungs!« Die FBI-Agenten aus Las Vegas marschierten her- ein. Zwischen ihnen ging ihr Gefangener, ein Knabe mit ausdruckslosem Gesicht, der in einer Zwangsjak- ke steckte und mit seinen Gedanken in weiter Ferne zu weilen schien. Der da von den FBI-Beamten her- eingeführt wurde, war William Logan. »Unmöglich«, murmelte einer der Psychiater. Malone drehte sich auf dem Absatz um und kehrte zum Thron zurück, von Logan und seinen Bewa- chern gefolgt. »Da habt Ihr den Gefangenen, Euer Majestät!« sagte Malone. »Richtig, Sir Kenneth«, bestätigte die Königin an-, erkennend. »Willie ist der Spion. Ihr werdet doch hoffentlich nicht zu streng mit dem Armen verfah- ren?« »Ich denke nicht, Euer Majestät«, sagte Malone. »Schließlich und endlich …« Burris platzte der Kragen. »Einen Moment mal! Woher haben Sie das überhaupt gewußt?« Malone verneigte sich vor Ihrer Majestät und blin- zelte Barbara zu. Er wandte sich an Burris. »Ich wußte um einen Anhaltspunkt«, sagte er, »den keiner von Ihnen zur Verfügung hatte. Als wir im Sanatori- um Desert Edge waren, wurden Sie von Dr. Dowson angerufen. Wissen Sie das noch?« »Natürlich«, gab Burris zur Antwort. »Und?« »Bei dieser Gelegenheit sagte Ihre Majestät zu mir«, fuhr Malone fort, »sie wüßte, wo der Spion sich aufhielte. Als ich fragte …« »Warum haben Sie mir das nicht gesagt?« schrie Burris. »Sie haben es die ganze Zeit über gewußt und mit keinem Wort erwähnt.« »Immer langsam«, sagte Malone. »Ich fragte, wo – und Ihre Majestät antwortete: ›Da habt Ihr ihn.‹ Da- bei zeigte sie auf Ihr Bild auf dem Monitor.« Burris öffnete den Mund. Er brachte keinen Laut hervor. Er versuchte es zum zweitenmal. Endlich kam ein Wort über seine Lippen. »Ich?« krächzte er. »Sie«, nickte Malone. »Erst später wurde mir klar,, daß Sie gar nicht gemeint waren. Die Königin hatte auf William Logan gezeigt, der im Nebenzimmer stand.« »Stimmt das, Euer Majestät?« wisperte Barbara. »Aber ja, meine Liebe«, versetzte die Königin ru- hig. »Würde ich Sir Kenneth denn anlügen?« »Ihr, Sir Andrew, sagtet vorhin, es gäbe keine ver- nünftigen Telepathen«, redete Malone weiter. »Und da ging mir ein Licht auf. Ihrer Majestät zufolge be- fand sich jeder Telepath der Vereinigten Staaten hier in Yucca Flats. Sie sagte es zu mir, und ich habe es nicht einmal begriffen.« »Macht Euch keine Vorwürfe, Sir Kenneth«, warf die Königin ein. »Ich habe mein Bestes getan, um Euch in die Irre zu führen.« »Und ob«, sagte Malone. »Später, auf der Fahrt hierher, habt Ihr dann behauptet, der Spion ›bewege sich dauernd von einem Fleck zum anderem. Das konnte man wohl sagen; schließlich saß er in dem Wagen, der uns folgte, und raste mit hundertfünfzig Stundenkilometern durch die Wüste.« Barbara starrte ihn mit großen Augen an, und Ma- lone empfand tiefe Befriedigung über diesen Blick. Aber noch war er nicht am Ende angelangt. »Dann habt Ihr erklärt, der Spion befände sich hier in Yucca Flats«, fuhr er fort, »nachdem wir ihn sel- ber hierhergeschafft hatten. Also mußte er zu den anderen sechs Telepathen gehören.«, Der Psychiater, der zuvor »Unmöglich« behauptet hatte, murmelte das gleiche Wort immer noch vor sich hin. »Als mir schließlich einfiel, daß Ihre Majestät auf Sie gedeutet und bloß dazu gesagt hatte ›Da habt Ihr ihn‹«, schloß Malone, »war ich mir meiner Sache sicher. Sie waren nur als Bild auf dem Monitor zuge- gen, aber Logan hielt sich im angrenzenden Zimmer auf.« Burris hatte die Sprache wiedererlangt. »Gut«, sagte er. »Das erkenne ich an. Wieso hat die Königin Sie aber in die Irre geführt, und weshalb hat sie uns ihre Feststellung nicht sofort mitgeteilt?« Malone wandte sich Ihrer Majestät auf dem Thron zu. »Ich glaube, das erklärt sie Ihnen am besten selbst – wenn sie will.« Königin Elisabeth Thompson nickte langsam. »Ich … ich wollte nur, daß man mich respektierte und mich gebührend behandelte«, sagte sie. Ihre Stimme schwankte, und in ihren Augen standen Tränen. Lady Barbara legte den Arm noch fester um die Schulter der Königin. »Wir respektieren Euch bestimmt«, versicherte sie. Die Königin lächelte ihr zu. Malone wartete. Nach einem Augenblick fuhr Ihre Majestät fort. »Ich hatte Angst, man würde mich in die Heilan-, stalt zurückschicken, sobald Willie gefunden war«, sagte sie. »Und den sowjetischen Agenten konnte er nichts mehr verraten, nachdem er hierher geschafft worden war. Deshalb wollte ich … wollte ich den Dingen so lange wie möglich ihren Lauf lassen. Das … ist alles.« Malone nickte. Dann fragte er. »Ihr seht doch wohl ein, daß wir Euch jetzt unmöglich noch zurück- schicken können?« »Ich …« »Ihr kennt sämtliche Staatsgeheimnisse, Euer Ma- jestät«, sagte Malone. »Und wir sähen es nicht gern, wenn Dr. Harman in San Francisco oder jemand an- deres versuchen würde, sie Euch zu entlocken.« Die Königin lächelte zaghaft. »Ich weiß wohl zu- viel, wie?« fragte sie. Dann hörte sie auf zu lachen. »Armer Dr. Harman«, sagte sie. »Wieso armer Dr. Harman?« »Ihr werdet bald von ihm hören«, sagte sie. »Ich habe seine Gedanken belauscht. Er ist sehr krank.« »Krank?« erkundigte sich Lady Barbara. »O ja«, sagte die Königin. Das Lächeln erschien wieder auf ihrem Gesicht. »Er glaubt, sämtliche Pati- enten in der Klinik könnten seine Gedanken lesen.« »Ach du meine Güte«, sagte Lady Barbara – und begann zu lachen. Es war das hübscheste Geräusch, das Malone je gehört hatte. »Vergessen Sie Harman«, schnappte Burris. »Wie, wurden Logans Informationen aus dem Lande ge- schafft? Existiert ein Spionagering?« »Um den habe ich mich schon gekümmert«, sagte Malone. »Desert Edge ist auf meine Veranlassung hin umstellt worden, sobald ich wußte, was gespielt wurde.« Er blickte einen der beiden Agenten an, die Logan hielten. »In spätestens einer halben Stunde sitzt das Perso- nal samt und sonders im Gefängnis von Las Vegas«, bestätigte der Beamte. »Dr. Dowson war doch wohl darin verwickelt, Eu- er Majestät?« erkundigte sich Malone. »Natürlich«, sagte die Königin. Ihre Augen waren plötzlich kalt. »Ich hoffe nur, er versucht, bei seiner Festnahme zu fliehen.« Malone konnte sich vorstellen, was sie empfand. Einer der Psychiater meldete sich plötzlich. »Das verstehe ich nicht«, sagte er. »Logan verharrte ohne Unterbrechung in einem katatonen Zustand∗. Selbst wenn er imstande ist, Gedanken zu lesen, wie kann er Dowson mitteilen, was er erfahren hat? Das ergibt doch keinen Sinn.« »Erstens«, sagte die Königin geduldig, »kann von kataton überhaupt keine Rede sein. Willie ist ledig- ∗ Mit »kataton« werden schizophrene Formen der Geistes- krankheit bezeichnet, bei denen Auffälligkeiten der Bewe- gung – also etwa Muskulaturverkrampfungen – das Bild be- herrschen., lich beschäftigt. Er ist noch ein Knabe und verab- scheut seinen Zustand. Deshalb besucht er die Ge- danken anderer Menschen, lebt sich darin ein und verwandelt sich im Geist eine Zeitlang in den Betref- fenden.« »Aber wie ist Dowson zu seinen Informationen gelangt?« fragte Malone. »Alles andere konnte ich mir erklären, nur das nicht.« »Ich weiß«, sagte die Königin, »und ich bin stolz auf Euch. Ich gedenke, Euch für Euer Werk mit dem Hosenbandorden auszuzeichnen.« Unerklärlicherweise schwoll Malones Brust vor Stolz. »Was nun Dr. Dowson angeht«, sagte die Königin, »so hat dieser Verräter Willie schlimme Schmerzen zugefügt. Aber Willie wird darüber hinwegkom- men.« Der harte Ausdruck war aus ihren Augen ver- schwunden. »Willie wollte gar nicht spionieren«, sagte sie. »Aber er ist noch ein halbes Kind, und es muß ihm sehr aufregend vorgekommen sein. Wenn er Dowson alles erzählte, was er herausfand, durfte er wieder mit seinen Gedanken wandern.« Langes Schweigen trat ein. »Damit hätten wir’s dann«, sagte Malone. »Noch Fragen?« Er sah sich um, aber ehe ihm jemand antworten konnte, erhob sich Ihre Majestät. »Die Fragen können warten«, sagte sie. »Ich bin, wirklich sehr müde. Meine Lords, Ihr seid entlas- sen.« Sie streckte eine Hand aus. »Kommt, Lady Barbara«, sagte sie. »Ich glaube, ich kann jetzt wirk- lich ein Schläfchen gebrauchen.« Malone schob mit großer Sorgfalt die Manschetten- knöpfe in sein Hemd und dachte, daß sie es waren, die seiner Kleidung das gewisse elisabethanische Etwas verliehen. Er trug inzwischen allerdings kein mittelalterliches Wams mehr, sondern war mit einem dunkelblauen Maßanzug und einem blütenweißen Hemd bekleidet. Aus dem Schrank wählte er dazu eine Krawatte mit prachtvollem Pfauenaugenmuster. Boyd lag auf dem Bett an der rechten Wand und gähnte faul. »Gehst du aus?« fragte er. »Darauf kannst du Gift nehmen«, sagte Malone, während er den Hemdkragen umschlug und den Krawattenknoten band. »Kenne ich die Glückliche?« »Ich treffe mich mit Lady Barbara, falls es dich in- teressiert«, erwiderte Malone. »Mach’s halblang«, schlug Boyd vor. »Steig von deinem Roß herunter. Ich habe sowieso noch eine Frage an dich. Ihre Majestät, sie lebe hoch, hat bei ihren Erklärungen eine Kleinigkeit vergessen.« »Nämlich?« erkundigte sich Malone. »Wer hat die Gangster gekauft, die versucht ha-, ben, uns abzuknallen?« wollte Boyd wissen. »Und warum?« »Dowson«, sagte Malone. »Er wollte uns töten und dann Logan aus dem Hotel entführen. Aber wir haben schneller geschossen als seine Gangster und ihm seinen Plan verpatzt. Ehe er sich etwas Neues ausdenken konnte, waren wir längst nach Yucca Flats unterwegs.« »Toll«, staunte Boyd. »Und woher hast du diese Weisheiten? Es sind doch keine Berichte mehr aus Las Vegas eingelaufen, oder?« »Nein«, sagte Malone. »Na schön«, seufzte Boyd. »Ich gebe mich ge- schlagen, Meisterdetektiv.« Malone wünschte sich, daß Boyd aufhören würde, ihn mit diesem Spitznamen zu belegen. Anscheinend fand sich außer ihm niemand zu dem Eingeständnis bereit, daß er wirklich kein ausnehmend großartiger FBI-Agent war. Sogar Barbara hielt ihn für etwas Besonderes. Er aber wußte, daß er nur Glück gehabt hatte. »Ihre Majestät hat es mir verraten«, sagte er. »Ach …« Boyd riß den Mund auf wie ein Karp- fen, der auf den Köder zuschwimmt. »Sie hat das gewußt?« »Nun ja«, meinte Malone. »Sie wußte, daß die Burschen in dem Buick nicht zu den härtesten Kali- bern zählten, und von den Besonderheiten des ge-, panzerten Lincoln, den wir fuhren, hatte sie durch unsere Gedanken erfahren.« Er knöpfte sein Jackett zu und ging zur Tür. »Außerdem war ihr klar, daß wir beide aus hartem Holz geschnitzt sind. Das hatte sie auch durch unsere Gedanken erfahren.« »Aber«, begann Boyd. Nach einer Sekunde setzte er nochmals an: »Aber«, und fragte dann: »Aber warum hat sie denn nichts gesagt?« Malone öffnete die Tür. »Die Königin wünschte Ihrer Majestät Leib-FBI im Einsatz zu erleben«, sagte Sir Kenneth Malone.]
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