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Wolfgang Jeschke DAS CUSANUS-SPIEL Roman Droemer Besuchen Sie uns im Internet: www.droemer.de Die Einschweißfolie ist biologisch abbaubar. Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier ge- druckt. Copyright © 2005 bei Droemer Verlag. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München Scan by Brrazo 05/2006 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden. Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Umschlagillustration: FinePic, München Satz: Ventura Publisher im Verlag Druck und Bindun...
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Wolfgang Jeschke

DAS CUSANUS-SPIEL

Roman Droemer, Besuchen Sie uns im Internet: www.droemer.de Die Einschweißfolie ist biologisch abbaubar. Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier ge- druckt. Copyright © 2005 bei Droemer Verlag. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München Scan by Brrazo 05/2006 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden. Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Umschlagillustration: FinePic, München Satz: Ventura Publisher im Verlag Druck und Bindung: C.H. Beck, Nördlingen Printed in Germany ISBN-13: 978-3-426-19700-4 ISBN-10: 3-426-19700-654321, Für Julian und Rosi, »DIE ZEIT IST EINE AUSFALTUNG GOTTES.« Nicolaus Cusanus »DAS FASZINIERENDE AM PRINZIP DES KALEIDOSKOPS IST, DASS ES SCHON GENÜGT, EIN SPLITTERCHEN DER WIRKLICHKEIT IN EINE ANDERE LAGE ZU KIPPEN, UM NEUE, ÜBERRASCHEND VIELGESTALTIGE PHANTASIE- WELTEN ZU ERZEUGEN, DIE DAS AUGE UND DEN GEIST ENTZÜCKEM.« Jeremias Wolf »DIE WELT IST ALLES, WAS DER FALL IST, UND AUCH ALLES, WAS DER FALL SEIN KANN.« Anton Zollinger, ERSTES BUCH,

I DAS PFERD IN DER VIA GARIBALDI

»FRÜHER GLAUBTE ICH EINMAL, DIE WAHR- HEIT SEI EHER IM DUNKELN ZU FINDEN. ABER DIE WAHRHEIT IST VON GROSSER MACHT. DAS KÖNNEN-SELBST LEUCHTET HELL IN IHR AUF. SIE SCHREIT AUF DEN STRASSEN … MIT GRO- SSER GEWISSHEIT ZEIGT SIE SICH, VON ÜBER- ALL HER IST SIE LEICHT ZU FINDEN.« Nicolaus Cusanus Hinter der hochgeschichteten Sandsackbarriere tauch- te ein Mann auf. »Halt!« rief er. »Halt, Signorina! Sie können da nicht rüberfahren!« Er hatte ein Gewehr unterm Arm und trotz der Hitze eine gestrickte blaue Wollmütze auf dem Kopf. Ich wollte links auf den Ponte Sisto einbiegen, aber der Motor starb ab. Die Anzeige blinkte rot. Ich gab dem Akku einen Tritt, aber das Ding war restlos leer. Der Mann kam über die Straße gerannt, ging seitlich, die rechte Schulter etwas vor- geschoben – wahrscheinlich wegen seiner Waffe –, und hinkte ein bißchen. Schnaufend packte er den Lenker meines Lectric und hielt ihn fest. »Lassen Sie sofort los!« schrie ich und trat nach, seinem Knie, aber er wich aus und festigte seinen Griff. »Hören Sie, Signorina! Ich meine es wirklich gut mit Ihnen. Sie können da nicht rüber. Sehen Sie doch selbst.« Erst jetzt bemerkte ich, daß drüben, auf der ande- ren Seite des Flusses, an der Einbiegung zur Piazza Trilussa, ein Schützenpanzer stand, und auf dem Lungotevere della Farnesina waren zwei weitere ge- panzerte Fahrzeuge dicht hintereinander aufgefahren. Soldaten in hellblauen EuroForce-Kampfanzügen standen dabei, schwerbewaffnet und mit technischem Gerät auf dein Rücken. Ich stieg ab, zog mir den Sturzhelm vom Kopf, schüttelte das Haar aus und schaute zurück. Die Straße lag wie ausgestorben vor mir. »Aber ich wohne da drüben«, sagte ich, »in der Via Garibaldi.« Der Mann schüttelte den Kopf, zog eine zerdrück- te Packung Nazionali aus der Hemdtasche, fischte eine heraus und klemmte sie zwischen die Lippen, kramte ein uraltes Camel-Zip-Feuerzeug hervor, ließ es aufschnappen und zündete sich die Zigarette an. Gierig sog er den Rauch ein. Der ist sicher ziemlich krank, dachte ich beiläufig. Die Wangen waren blaß und eingefallen und mit grauen Bartstoppeln be- deckt. Fettige graue Locken hingen unter dem Rand seiner Wollmütze hervor, die vorn das Emblem von, Juventus trug. Er hob das Gesicht, bleckte gelbe Zähne und ließ den Rauch dazwischen hervorströ- men. »Berittene«, sagte er, hob die Armbeuge vor den Mund und hustete. »Berittene«, wiederholte er in ei- nem Ton, als spreche er von etwas besonders Ab- scheulichem. Mit dem Gewehr deutete er zum ande- ren Ufer hinüber. »Drei oder vier. Bewaffnet. Moros, mitten in der Stadt – am hellichten Tag. Es wäre Zeit, die Brücken zu sprengen.« »Und Sie meinen, das hielte sie auf?« fragte ich. »Der Fluß ist verschwunden.« Er wiegte den Kopf. »Hier kommt jedenfalls keiner rüber. Dafür sorgen wir«, bekräftigte er und deutete mit dem Daumen über die Schulter. Ich sah, daß über der Barriere aus sandgefüllten grauen und schwarzen Plastiksäcken und aus den Fenstern im ersten und zweiten Stock Gewehrläufe ragten. Die Schaufenster des Sportgeschäfts im Erd- geschoß waren mit Schränken und umgekippten Ti- schen verrammelt. »Rund um die Uhr«, versicherte er. Entlang des linken Ufers hatte man auf dem Trot- toir vor den Häusern bis auf Schulterhöhe ähnliche provisorische Barrikaden aus Sandsäcken und Auto- reifen aufgeschichtet. Zu den Hauseingängen gelang- te man jeweils nur seitwärts durch eine Art labyrin-, thischer Schleuse. All die Sandsäcke zu füllen war ja kein Problem, denn überall in der Stadt hatte der heiße Südwind in den Monaten der Trockenheit an den Außentreppen und in den Hauseingängen hellen Flugsand aus der Sahara abgelagert, der sich nun an den Fuß verrußter Mauern schmiegte – an manchen Stellen sogar me- terhoch. Der Mann mit der Wollmütze hob plötzlich den Kopf, als nehme er Witterung auf. Vom Petersplatz her, auf dem eine Einheit der leichten Luftkavallerie von EuroForce stationiert war, hörte ich das Ge- räusch anfliegender Helikopter. Man patrouillierte von dort aus durch die Stadt und flog Einsätze, um den südlichen Autobahnring zu sichern und den Konvois Feuerschutz zu geben. Tagsüber – bei Nacht traute sich niemand mehr, den südlichen Grande Raccordo Anulare zwischen der Via Aurelia und der Via Appia zu benutzen, wenn auf den Fahrbahnen Autoreifen brannten und mit dem Beschuß von Hek- kenschützen zu rechnen war. Manchmal roch man den Gestank von verbranntem Gummi bis ins Traste- vere. Das peitschende Geräusch schwoll an; zwei Schat- ten in graubrauner Tarnlackierung tauchten hinter- einander im Tiefflug aus dem Dunst auf und nahmen über dem Ponte Mazzini Gestalt an. Die trichterför- migen Doppelläufe der ShriekGuns ragten aus dem, Bauch nach unten wie die Stacheln eines monströsen Insekts. Ohrenbetäubend schwobbten die Rotoren und trieben Staub aus dem knochentrockenen Fluß- bett, der die Luft noch mehr trübte und mit dem Ge- stank von altem Tod belud. Die Helikopter stiegen nun plötzlich hoch und leg- ten sich in eine steile Rechtskurve. Nur kurz sah ich die weißen Helme mit den heruntergeklappten Da- tenvisieren zwischen den Reflexen auf den Plastik- blasen der Cockpits schimmern, dann waren die Ma- schinen hinter den Pinien auf der Höhe des Gianicolo verschwunden. Darauf kreischten minutenlang die Sonarwaffen. Der Mann schnippte seine Kippe in den Rinnstein und nickte mir zu. »Jetzt können Sie rüber. Signorina«, sagte er und beäugte anerkennend mein geschnürtes Wildleder- wams, als gestatte er sich jetzt erst, den Blick auf et- was anderes zu werfen als die vermeintliche Frontli- nie. Der Schweiß tröpfelte mir zwischen den Brüsten hinab und rann mir über den Bauch. Ich wischte mir mit der Hand über die Stirn. »Sie sollten sich eine andere Wohnung suchen«, sagte er. »Man hat das Trastevere aufgegeben, seit die Polizeistation in der Via Garibaldi geschlossen wurde. Dort drüben sind Sie nicht mehr sicher. Das sollten Sie sich klarmachen, Signorina. Der Westen der Stadt ist längst in der Hand der Moros. Im Vati-, kan ist es zu Plünderungen gekommen. Trotz der Bewachung durch EuroForce.« Er spuckte aus. »Seit Papa Hasenfuß sich nach Salzburg abgesetzt hat, kümmert sich kein Schwein mehr darum, was hier passiert.« »Viel ist sicher nicht mehr zu holen«, sagte ich. »Das meiste wurde doch längst nach Wien und Bu- dapest gebracht.« »Dann sollten Sie mal sehen, was die Amerikaner und Japaner wegschaffen.« »Im Auftrag der UNESCO.« »Daß ich nicht lache«, sagte er, zog sich die Wollmütze vom Kopf und wischte sich das Gesicht damit ab. Ich zuckte die Achseln und versuchte den Motor zu starten, aber die Anzeige des Akkus blinkte rot. Ich hatte schon auf der Via del Cerchi kurz vor der Piazza Bocca bemerkt, daß er fast leer war. Er hatte sich in der Nacht nicht aufgeladen: Stromausfall – wie mittlerweile jeden zweiten Tag. »Leben Sie allein?« erkundigte sich der Mann. »Hier im Haus gibt’s noch Wohnungen. Sichere Wohnungen. Ich bin Hausmeister hier. Fragen Sie nach Dino, wenn Sie Interesse haben.« »Danke, Signore!« rief ich über die Schulter, hängte den Helm an den Lenker und schob mein Lectric zwischen den einbetonierten Pfählen hin- durch auf den Ponte Sisto hinauf. »Ich komme be-, stimmt darauf zurück.« »Sie können gern bei mir einziehen, meine Lie- be!« rief er und lachte meckernd. »Ich werde es mir überlegen.« * Die Soldaten auf der Piazza Triluzza winkten mich durch. Mit ihren hellblauen Keramikpanzern und - helmen, ihren heruntergeklappten VR-Visieren, La- ser-Zielgeräten, Peitschenantennen und schweren Handwaffen sahen sie aus wie aufrecht gehende Kru- stentiere. Als ich in die Via Garibaldi einbog, sah ich, daß man sie auf halber Höhe mit Rollen von Klingen- draht gesperrt hatte. Ein Offizier hob die Hand und hielt mich auf. Er war um die Dreißig, mittelgroß; mit seinem kurz gestutzten Vollbart und den braunen Locken unter dem hellblauen Barett sah er wirklich gut aus. Aus dem Funkgerät in der Brusttasche seiner tarnfarbenen schußsicheren Weste plapperte eine aufgeregte Stimme. »Wohin wollen Sie, Signorina?« fragte er. Dem Dialekt nach stammte er aus dem Norden, wie die meisten. Bologna vielleicht, oder Modena. »Ich wohne dort oben – rechts, gegenüber vom Kloster del Sette Dolori.« »Dann sollten Sie Ihre Koffer packen. Ziehen Sie, besser über den Fluß. Hier tauchen immer häufiger Typen auf, die mit einem jungen Mädchen wie Ihnen kurzen Prozeß machen.« »Die gibt’s drüben auf der anderen Seite auch.« Er lachte sarkastisch. »Da haben Sie wohl recht. Aber das hier ist nicht länger eine gesicherte Zone. Sie gehen auf eigene Gefahr rein, das sollten Sie wissen.« Er zog an einem Hebel, und in der Drahtrolle bil- dete sich eine Lücke. Ich schob mein Lectric zwi- schen den gefährlich aussehenden brusthohen Schlingen hindurch, die im Abstand von einer Hand- breite mit rasiermesserscharfen Klingen besetzt wa- ren. Die Barriere schloß sich hinter mir. In dem Moment waren oben auf dem Giamcolo kurz hintereinander drei Explosionen zu hören, dann eine vierte, und wieder brach das infernalische Ge- heul der ShriekGuns los. Ich blieb stehen. Der Schweiß rann mir in Strömen über die Rippen. Das kam nicht nur von der Hitze, die seit Monaten über der Stadt lastete wie ein erstickendes staubiges Kis- sen, es war schiere Angst. Ich spürte, wie sich meine Gedärme zu einem Knoten zusammenballten und die Knie unter mir nachzugeben drohten. »Gehen Sie weg, Signorina! Runter von der Stra- ße!« schrie der Offizier hinter mir. Ich konnte keine unmittelbare Gefahr erkennen. Immer wieder tauchte mit flirrenden Rotoren ein He-, likopter über den Pinien auf, und sein Motorenge- räusch, das wie das Knattern von Geschoßgarben klang, wurde vom gellenden Kreischen und subsoni- schen Wummern seiner Sonarkanonen begleitet, das an den Knochen rüttelte und mir den Schädel zu zer- sprengen drohte; dann verschwand er wieder. Der Berg schien in Rauch gehüllt, als hätten die dürren Baume auf seinem Gipfel Feuer gefangen. »Weg, Signorina, weg!« Ich drehte mich um. Herrgott, was wollte der Kerl?! Die Stimme in seiner Brusttasche quäkte auf- geregt. Er fuchtelte mit den Armen. »Gehen Sie in Deckung!« Ich lehnte mein Lectric an eine Umfriedung aus aufgebockten Blumentrögen, in denen blaßrosafar- bene Rhododendren in rissiger harter Erde verendet waren, und suchte Schutz im Eingang einer ehemali- gen Gaststätte, deren Tür mit Brettern vernagelt war. Plötzlich hörte ich Hufgetrappel und blickte über- rascht auf. Von der Porta Pancrazia her kam den Ab- hang herab in vollem Galopp ein reiterloses Pferd gesprengt, ein schweres Bauernpferd; ein Falbe – mit rollenden Augen, wehender Mähne und gestrecktem Schweif – preschte, durch den Lärm wie von Sinnen, an mir vorbei und auf die Barrikade zu, wollte sie überspringen, zögerte im letzten Moment, erschreckt durch die Soldaten, die beiderseits der Straße stan- den, glitt funkenstiebend auf dem Kopfsteinpflaster, aus, das dort im weichen Asphalt eine Insel bildete, konnte seinen Lauf nicht mehr abbremsen und stürz- te mit wirbelnden Vorderbeinen mitten in die Draht- rollen. Wie es schrie! Ich hatte nicht gewußt, daß Pferde zu solchen Lauten fähig sind. Es war ein an- haltendes schrilles Wehklagen wie von einem Men- schen, der aufs äußerste gepeinigt wird. Die Soldaten, die zu Hilfe eilen wollten, prallten erschrocken vor den auskeilenden Hufen zurück. In seiner Panik verhedderte sich das Tier immer hoff- nungsloser in die Drahtbarriere. Die rasiermesser- scharfen Klingen wühlten sich immer tiefer in seinen Leib, Blut strömte auf das Pflaster. Der Offizier rief einen Befehl und zog seine Pistole. Geduckt näherte er sich dem Tier und schoß ihm einen Laserstrahl ins weit geöffnete Maul. Eine weißlich-rote Fontäne brach zwischen den Ohren hervor und färbte das Rückenfell mit dunklen Tupfern. Das Tier ver- stummte und schien ungläubig den Kopf zu schüt- teln, dann sank sein Unterkiefer zwischen die zuk- kenden Vorderläufe auf den Drahtverhau. Es roch plötzlich nach angesengtem Haar und verbranntem Fleisch. Die Augen des Pferdes sahen aus wie ge- schälte hartgekochte Eier. Ich mußte mich abwenden und setzte mich benommen auf einen der beiden Plastikstühle, die, einstmals weiß, nun aber vergilbt und grau vom Staub und von der ätzenden Luft, zwischen den aus-, getrockneten Blumentrögen vergammelten. Royal Pub stand in vergoldeten Buchstaben auf einem moosgrünen Schild, dessen Farbe abgeblättert war. Renata und Marco waren manchmal hier gewe- sen, wenn sie mich besucht hatten. Und Carl- Antonio, der Mutant, der »Junge mit seinem schlau- en Rucksack«, wie ihn die Studenten gutmütig nann- ten. Für andere waren die siamesischen Zwillinge das »Monster von Cattenom«. Während Antonio abge- wandt dasaß und dumpf auf die Straße starrte, hatte Carl, sein »Rucksack«, mit uns geplaudert. CarlAn- tonio waren das Liebenswerteste, was das dunkle Herz Europas uns hinterlassen hatte. Der Royal Pub hatte im vergangenen Herbst ge- schlossen und nie mehr geöffnet. Ich stand auf und vermied es, das tote Pferd anzu- sehen. Die Via Garibaldi war immer noch wie ausge- storben. Ein Dutzend Leute schaute aus den Fen- stern. Früher wären es Hunderte gewesen; Schaulu- stige hätten den Kadaver umschwärmt wie Fliegen, so daß die Soldaten Mühe gehabt hätten, sie fernzu- halten. Wo waren alle diese Menschen hingegangen? Wenn man abends kaum ein erleuchtetes Fenster sah, war das nicht nur auf die Angst der Leute vor Hek- kenschützen zurückzuführen – sie waren inzwischen weggezogen. Das Trastevere war fast so leer wie vor tausend Jahren, als nur ein paar Fischer und Viehhir- ten am Ufer des Tiber lebten., * Ich trug mein Lectric die Treppe zur Haustür hoch. Im Hausflur das übliche Chaos: aufgebrochene, ver- bogene Blechbriefkästen, einige zum Bersten vollge- stopft mit Prospekten und Stadtteilzeitungen. Der Boden war übersät mit einer Schicht elektronischer Konfettis, Dot-Chips und VidDiscs und schmutzigen, auf der Suche nach Bargeld aufgerissenen Briefum- schlägen. Keine Nachricht von Mutter. Ob Großmutter noch lebt? Weshalb hat sie immer noch kein IKom, damit man sie anrufen könnte? Warum schickt sie keine Mail ans Institut, wie ich sie immer wieder beschwo- ren habe? – der einzig verläßliche Weg in Zeiten wie diesen. Aber sie zieht es vor, im letzten Jahrhundert zu leben. Hält nach dem Briefträger Ausschau. Man brauchte eine Zeitmaschine, um mit ihr in Verbin- dung zu bleiben. War sie früher auch schon so? Wahrscheinlich hat Vater sie schon altmodisch ge- funden. Ich weiß es nicht. Er war stets mit allem ver- traut, was gerade Mode war. Das war sein Job. Ach, Vater. Ich stöpselte das Lectric ans Ladegerät im Flur, machte es mit der Kette fest und steckte einen 100- Euro-Chip in den Schlitz. Das Auge des Akkus leuchtete beruhigend grün; es gab also Strom., »Sind Sie’s, Signorina Ligrina?« »Ich bin’s, Stavros.« Er tauchte aus den Schatten und lehnte seine Utzi ins Eck. Ein Bär von einem Mann, barfuß, nur mit Bermudas bekleidet, blau-weiß in den Farben seiner Heimat. HELLAS stand auf einem Hosenbein, PA- TRIA auf dem anderen. Er trocknete sich mit einem grauen Handtuch den Stiernacken und den kurzge- schorenen Schädel ab. »Könnte man hier nicht mal ein bißchen sauber- machen?« fragte ich ihn. Er schaute sich um, als sähe er das Chaos im Hausgang zum ersten Mal, ließ sein Glasauge darü- berschweifen, als müsse er das Bild der Unordnung erst einscannen, um es überhaupt wahrzunehmen. Er rieb sich die von Laserschüssen verwüstete Brust, auf der zwischen Tümpeln aus glattem, wie geschmolzen wirkendem Zartrosa buschige Inseln aus grauem und schwarzem Haar wuchsen – sein schmerzhaftes An- denken an die verlorene Seeschlacht um Ikaria. »Wozu?« nuschelte er mit schleppender Stimme. »Es wohnt niemand mehr hier.« »Bin ich niemand?« »Scusi, Signorina.« Sein unversehrtes schlehen- blaues Auge lächelte. Er nahm mich in den Arm und tätschelte mir väterlich die Schulter. Er roch schreck- lich nach Knoblauch und Schweiß. Manchmal, wenn er ein bißchen betrunken war, machte sich seine, Zungenprothese selbständig; sie kroch aus dem Mundwinkel wie ein neugieriger fleischfarbener Lurch, gespickt mit Tausenden von glitzernden Na- nosensoren, und erkundete seine stoppelbedeckte Wange und sein Kinn. In türkischer Gefangenschaft hatte man ihm die Zunge herausgeschnitten. »Imaste dio …« plärrte das Kofferradio hinten in seiner Kammer. Ich mochte ihn, fühlte mich sicher, wenn er im Hause war. * Das Wasser war braun und roch abgestanden. Als ich aus dem Bad kam, hörte ich das grummelnde Moto- rengeräusch einer schweren Maschine unten auf der Straße. Ich spähte durch den Vorhang. Man versuch- te, den Kadaver des Pferdes mit Hilfe eines Kranwa- gens aus der Barriere zu heben, aber die Gedärme hatten sich so in den Schlaufen des Klingendrahts verheddert, daß sie nicht zu trennen waren. Man mußte die Eingeweide losschneiden. Kot und Kör- perflüssigkeiten ergossen sich aufs Pflaster. Mein Magen krampfte sich zusammen zu einem kleinen harten Ball, zu einer Faust, die nach oben stieß. Ich rannte zurück ins Bad, schob das feuchte Haar aus dem Gesicht und hielt es im Nacken mit der Faust zusammen, während ich in die Kloschüssel erbrach. »Anigho to stoma«, sang Mikis Theodorakis mit lau-, ter Stimme, Stavros’ patriotischer Freund. Mein Gott, hatten die Griechen in viertausend Jah- ren nur einen Komponisten? Wir hätten ihnen leicht zwei oder drei Dutzend abgeben können. * Gegen Morgen brannte es im Trastevere, unten an der Piazza Bernardino da Feltre. Es dauerte fest eine Stunde, bis die Feuerwehr da war, weil erst Straßen- sperren beseitigt werden mußten, die ängstliche An- wohner errichtet hatten, um sich zu schützen. * Als ich am Nachmittag von der Uni kam, war die Via del Fori Imperiali gesperrt, ebenso die Cavour und die Piazza del Colosseo. Nicht von der Polizei, auch nicht vom Militär – weit und breit waren keine Uni- formen zu sehen –, sondern von Helfern der Praeto- rianer. Der Konvoi fuhr in Richtung Piazza Venezia: Laster voll mit elektronischem und holooptischem Gerät, flankiert von Fahrern in schwarzem Leder auf Harleys ohne Auspuff. Glatzköpfige, farbig tätowier- te Schädel, schwartige Nacken, feiste Gesichter, mit Kreide geschminkt und schwarzen Streifen quer über die Augen. Leibwächter. Auf einer rollenden Platt- form war ein bizarrer, sänftenartiger Käfig aufge-, baut, von dem unter farbigen Markisen Bänder in den Landesfarben flatterten. Darin war eine junge dunkelhäutige Frau angekettet, ein graziles Mädchen mit glattem schwarzem Haar, das auf ägyptische Weise zu einem Helm frisiert war. Sie war nackt und trug einen silbernen Ring, den man ihr durch die Na- se gezogen hatte. Sie schüttelte den Kopf und reckte stolz das Kinn. Ruckartig versuchte sie aufzustehen, aber eine Bewegung des Gefährts warf sie in die Kis- sen zurück. Die Praetorianer bereiteten eine ihrer Holoshows vor. Schon den ganzen Vormittag über waren von der Piazza Venezia her laute Musikfetzen zu hören gewesen. Wagner, vermutete ich – sicher eine Kopie der »künstlerisch umstrittenen« Inszenierungen des »Rings« durch Sigurd Wagner und Lutz-Loki von Stein, in der man angeblich auf offener Bühne Eber kastriert hatte. Ich mußte einen Umweg nach Süden über die Amba Aradam und die Terme di Caracalla fahren und kam schließlich bei der Via Aventino heraus. Es war früher Nachmittag. Der Himmel war durch stau- bigen Smog verhüllt, in dem seit Wochen eine diffus scheinende Sonne nistete. Sie schien näher gerückt und aufs Dreifache angeschwollen. Ich stieg ab, lehn- te mein Lectric ans Geländer des Ponte Palatina und blickte ins ausgetrocknete Flußbett hinab. In den Ufermauern gähnten die Mündungen vergessener, Siele, aus denen stinkende Sekrete tröpfelten, die zu Pfützen aus organischem Pech erstarrten – jahrtau- sendealte Adern im Leib der Stadt, die sich der Kar- tographie der Leitungskataster entzogen. Selbst die tiefsten Stellen des Flußbetts waren zu rissigem Mo- rast verbacken. Die Hunde und Katzen, die sich auf der Suche nach Wasser unter die Bögen des Ponte San Fabricio an der Isola Tibertino und des Ponte Rotto wagten, hatten kaum Chancen gegen die Rat- ten oder wurden Opfer der Raben, die von den ver- trockneten Platanen entlang der Pierloni-Promenade aus ihr Revier im Auge behielten. Die Kuhlen und Mulden zwischen den von Vogelkot verkrusteten Steinen waren mit Schädeln und Skelettresten kleiner Säuger übersät – meist Haustiere, die von ihren Be- sitzern ausgesetzt wurden, als sie wegzogen. Stille umgab mich. Kein Laut war zu hören, mitten in der Stadt. Nicht ein einziges Fahrzeug fuhr auf den Uferstra- ßen. Sie waren spurlos verschwunden, die schönen Autos mit den zauberhaften Namen: die Alfa Romeo und Lamborghini, die Jaguar und Mercedes-Benz, die Porsche und die Fiat Lux, die Chevrolet und die Bugatti. Früher waren sie lärmend durch diese Stra- ßen gebraust, doch nun klangen ihre Namen eher wie die vornehmer, längst ausgestorbener Geschlechter. Die Quellen waren versiegt, aus denen sie ihre Kraft schöpften. Benzin gab es nur noch für Fahrzeuge der, öffentlichen Dienste und für das Militär – oder für Gruppen wie die Praetorianer, die gute Beziehungen zu den Militärs hatten. Kein Luftzug regte sich. Die Platanen der Uferal- lee hatten ihre vertrockneten Blätter abgeworfen. Mir schien, als hielten sie den Atem an. Plötzlich hörte ich ein leises Winseln hinter mir. Ich wandte mich um und erblickte einen Killerhund. »Hilf mir!« krächzte er. Seine Lebenslinie auf dem Schädeldach war fast geschlossen. Nur ein kleines fingerbreites Stück schimmerte trübrot, und sein kurzhaariges dunkelbraunes Fell hatte sich bereits verfärbt; Unterkiefer und Ohren zeigten das typische geisterhafte Blauweiß des nahenden Todes. Von sei- nen Lefzen triefte malvenfarbener Speichel. Sein klebriges Fell roch nach nassem Kot, und sein ras- selnder Atem stank nach innerer Fäulnis. Die Absto- ßung des implantierten Kehlkopfes hatte begonnen. »Hilf mir«, wimmerte er. Die Rute hatte er zwi- schen die Hinterläufe geklemmt. »Ich kann dir nicht helfen. Geh zu deinem Herrn«, entgegnete ich rüde. Er hob den Kopf und bellte heiser. War es ein kraftloses Husten? Ein trauriges Lachen? Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten vor Hunger und Erschöpfung. Die Zunge hing ihm aus dem Maul. Seine blutunterlaufenen Augen starr- ten mich kläglich an. Ich wandte mich ab. Diese, genmodifizierten Tiere schafften mich. Sicher hatte er Menschen getötet. Dafür wurden sie gemacht. La- borprodukte. Intelligente Killer. Er war ein Hund, aber er trug auch ein kleines Stück Mensch in sich, das sie ihm eingepflanzt hatten. Wenn diese Tiere nutzlos wurden, vergaste man sie oder spritzte sie ab. Doch sie waren gerissen, und manche machten sich rechtzeitig davon. Das half ihnen aber nichts, denn sie hatten eine eingebaute Uhr, die ihr Ablaufdatum anzeigte. Der Tod setzte von innen ein. Ich kramte im Korb am Lenker und fand einen weichgewordenen Riegel Schokolade. Ich legte ihn vor ihm auf den Boden, um nicht mit seinem Spei- chel in Berührung zu kommen, denn man konnte ja nicht wissen, welche Viren man ihnen geschneidert hatte, um ihre Lebensspanne zu kontrollieren. Er schnupperte an dem Riegel und ließ seine fast durch- sichtige Zunge darübergleiten, dann verschlang er ihn gierig. »Danke«, keuchte er; ein dünner Blutfaden rann ihm aus dem Mundwinkel. Es war klar: Bald würden die Raben kommen. Plötzlich waren im Osten über der Innenstadt ohrenbetäubende Donnerschläge zu hören, und eine Eruption von farbigem Laserlicht stieg in den Himmel; sie flackerte durch den Dunst, als hätte die Sonne nun endlich die Erde erreicht und wäre mit der Atmosphäre in Wechselwirkung getre- ten. Kaskaden aus Feuer fluteten herab und stiegen, wieder empor wie Fackeln aus einer Corona. Und darüber waren die schrillen Schreie und das Geläch- ter der Walküren zu vernehmen, die, in flatternde Gewänder aus gleißenden Farben und Schatten ge- hüllt, auf ihren Rossen in wildem Galopp durch den Himmel stürmten. Heiaha! Heiaha! Hojotoho! Hojo- toho! Heiaha! Der Dunst über dem Flußbett verwan- delte sich in ein kreisendes, kreischendes Inferno aus Weiß und Grau, als plötzlich Hunderte von Möwen einfielen. Und im Nu waren auch die Raben da – Dutzende von ihnen, die mit klatschenden Flügeln aus den Platanen aufflogen, um in gemeinschaftli- cher Aktion ihr Revier zu verteidigen. Und so rasch wie er gekommen war, war der Vogelspuk auch wie- der verschwunden. Ein paar weiße Federn flatterten herab. * Der Himmel über der Stadt hatte sich stahlblau ver- färbt. Kupferfarbene Laserblitze durchzuckten den Dunst; zwischen grauschwarzen Graphitschrofen zog träge der grelle orangefarbene Glutfluß aus Lava nach Osten. Sonnenmaterie. Aufschießende Protube- ranzen, gleißende Filamente. Moosgraue Kuppeln wölbten sich auf, von flüssi- gem Silber überlaufen, unter denen sich schemenhaft Berittene in brünierten Rüstungen sammelten. Mäch-, tige Rosse von zwanzig Metern Schulterhöhe. Schnauben, das laut von den Häuserfronten wider- hallte, als stünde man zwischen den Tieren, das Äch- zen und Knarren von Lederzeug, Waffengeklirr. Schwere Helme, geschmückt mit Kuhhörnern oder Bussardflügeln – geschlossene Visiere. Ein Signal wurde gegeben, und schon ging die Jagd weiter. Die infernalisch laute Musik schwang sich empor, sank herab, schwang sich wieder empor. Hojotho! Ho- jotho! Heiaha! Heiaha! Ich haßte diese Faschisten, doch eines mußte man ihnen lassen: Sie verstanden es immer wieder, sich zu inszenieren. Indem sie bestimmte, besonders pompöse Opernszenen auswählten und bis zur Per- version aufdonnerten, schufen sie sich den Hinter- grund für ihr überzogenes Lebensgefühl. Ihre Darbie- tung war, wie immer, eindrucksvoll und technisch perfekt, aber in ihrer mythischen Aufgeblähtheit un- menschlich und manchmal ekelhaft. Ich erinnerte mich an einen Abend im vergange- nen Herbst, als ich mit Bernd, meinem Freund, in eine Aufführung der Aida geraten war, die der be- rüchtigte Condottiere Sergio persönlich inszeniert hatte. Die Nordseite der Piazza Navona hatte er in ein Stadttor von Theben verwandelt – die großen steinernen Gesichter der Monumentalstatuen streng und würdevoll, noch unversehrt von den koptischen und islamischen Bilderstürmern und den Sandstür-, men aus der Libyschen Wüste. Während vom Nil her immer dichtere Nebelschwaden heranzogen und das Tageslicht schwand, hoben sich immer deutlicher die Kolossalstatuen hervor, zwischen denen sich unter elektronisch vervielfältigtem Fanfarenklang der Tri- umphzug hereinwälzte, Radames voran, gefolgt von seinen Offizieren in absurden Prunkuniformen; da- hinter Sklaven, die reiche Beute schleppten – Gold und Elfenbein. Auf der Empore, ganz in Gold gekleidet und unter einem Baldachin aus Pfauenfedern, inmitten von Priestern und Würdenträgern: el re – mit Krummstab und Geißel als Herrschaftsinsignien und bekrönt mit der Sonnenscheibe zwischen den Hörnern Hathors, umgeben von seiner Leibwache aus vogelköpfigen Osiris-Kriegern mit metallisch schimmernden Hals- federn und stahlblauen Schnäbeln. An seiner Seite Seth im scharlachroten Gewand, Göttin der Gewalt und der Vergewaltigung. »Trema, vil schiava.« Das Gesicht des Herrschers erschien in Nahauf- nahme, war optisch aufgeblasen zur Größe eines vierstöckigen Hauses. »Salvator della patria«, schmetterte er, während sich in seinen Augenhöhlen Fenster öffneten wie auf einem Bildschirm – als hätte man rechteckige Löcher hineingestanzt. Schwärze dahinter, dann plötzlich dunkle Haut, Sklavenhaut, so stark vergrößert, daß man jede Pore, jedes Här- chen sah, jede Schweißperle, und dann – blitzartig –, eine niedersausende Peitschenschnur. Risse in der Haut, Blutperlen traten aus. Der nächste Hieb sauste nieder. Die Perlen spritzten auseinander. »Nulla te negate sara in tal«, schrie der wie amputiert wirken- de der Vergewaltigung, »Io giuro per la corona mia, pei sacri Numi.« Der Klang seiner tausendfach ver- stärkten Stimme donnerte bis hinunter zum Ponte Parione und war sicher bis hinauf nach Tiburtino und Salario zu hören, während das Echo vom Capitolino und Aventino zurückbrandete. Als die nackten Tempeltänzerinnen dem König und den Priestern die Schätze der Besiegten dar- brachten, wurde das Bild plötzlich von einer an- schwellenden Projektion überlagert: Il Condottiere selbst, der einer angeketteten schwarzen Sklavin sein erigiertes Glied in den Mund schob. Es war eine Liveaufnahme. Die Zuschauer hielten den Atem an; nur wenige, angewidert von der Darbietung, wandten sich ab. Manche konnten ihre Erregung nicht verheh- len, kramten mit der Hand in der Hosentasche. Eini- ge der weißgeschminkten Mädchen kreischten vor Begeisterung und fummelten an ihrem Lederzeug, während der Triumphmarsch seinen Fortgang nahm. »Beiß ihm den Schwanz ab!« schrie ich. Nein, ich schrie es nicht. Ich kuschte wie alle anderen – nahm sie hin, diese ekelhafte Provokation, diese Travestie einer Fellatio, diese beispiellose Erniedrigung einer Frau. »Tu prostata nella polvere.« Ich nahm sie hin, aus Angst vor den genmodifizierten Rottweilern, die ungeduldig knurrend an ihren Ketten rissen, weil sie die Erregung der Zuschauer witterten. Aber sie wur- den zurückgehalten von den grinsenden Leibwäch- tern, die ein wachsames Auge auf das Publikum hat- ten und genau kontrollierten, ob sich irgendwo Wi- derstand regte. »Tod, Tod«, keuchten die Tiere hei- ser, und ihre Lebensnaht auf dem Schädel glänzte frisch. »Komm, Bernd«, sagte ich. »Laß uns bitte gehen.« Er hörte mich nicht. »Komm«, flehte ich. Ja, es war laut, aber er starrte fasziniert hin, als der Condottiere zum Höhepunkt kam und sieghaft beide Arme hob. Und während er sein Glied in die schwar- ze Ledermontur zurückstopfte, erbrach sich das Mädchen auf die Bühne. Graugelber Schleim rann ihr übers Kinn. Der Triumphmarsch schien kein En- de zu nehmen. Diese Schweine! Aber es war typisch für sie: Sie heizten ihr Publikum an mit lasertechnischen Special Effects und einem betäubenden Sound, gingen bis an die Grenze – und dann einen Schritt darüber hinaus, um die Zuschauer zu testen, ob sich Widerstand reg- te. Geschah dies, schlugen sie zu – hart und erbar- mungslos –, ließen ihre grausamen Hunde von der Leine und entfachten den nackten Terror. Ich spürte, wie Tränen über meine Wangen flossen, wandte, mich um und eilte davon. Bernd bemerkte es nicht einmal. Am Abend zirpte das IKom an meinem Revers. »Ja, Luigi?« »Ein Gespräch für dich, Domenica.« »Wer ist es?« »Keller, Bernd.« »Nein!« Eine Minute später zirpte es wieder. »Ja?« »Ein Gespräch für dich, Domenica.« »Wer ist es?« »Keller, Bernd. Soll ich annehmen?« »Nein!« Wieder zirpte es. »Wir sind incommunicado, Luigi!« befahl ich. »Wenn du das sagst, Domenica.« Das Zirpen verstummte. »Ich will ihn nicht mehr sehen!« schrie ich mein Spiegelbild an. »Geilt sich auf, wenn eine miese Faschistensau ei- ne Frau auf offener Bühne demütigt, indem er sie benutzt wie … wie ein Urinal!« An jenem Abend spürte ich, wie fremd er mir ge- worden war. Oder war er mir fremd geblieben, und ich hatte es bloß nie gemerkt? *, Die Praetorianer waren damals schon die wahren Herrscher in der Stadt. Wo sie auftraten, war nie eine Uniform zu sehen, weder Polizei noch Militär und auch keine von EuroForce. Sie beherrschten die Straße, donnerten mit ihren schweren Motorrädern die Via Appia Nova oder den Corso d’Italia entlang und fegten den anderen Verkehr rücksichtslos beisei- te. Niemand schritt ein, niemand wagte es, sich ihnen entgegenzustellen. Selbst EuroForce scheute davor zurück, sich mit ihnen anzulegen. Gerüchten zufolge machten die Offiziere Geschäfte mit ihnen: Treib- stoff, Waffen, Laser, High-Tech-Elektronik im Ge- genzug für schmutzige Aktionen gegen angebliche Moros im Mezzogiorno, an der Linie Gaeta – Termo- li, die genausowenig zu halten war wie die frühere Linie Salerno – Brindisi. Oder an der Küste, wenn wieder mal über Nacht ein paar Dutzend Afrikaner, Griechen oder Albaner, Kroaten oder Montenegriner mit Schnellbooten der Mafia versucht hatten, illegal einzureisen. Und mancher Offizier hatte nichts dage- gen, eine der angeketteten langbeinigen Schönheiten aus dem Senegal oder dem christlich-äthiopischen Mandatsgebiet des ehemaligen Sudan zu besteigen, denen man dabei in den Kopf schießen konnte, wenn einem in Casinolaune danach war, ohne daß groß jemand danach fragte. Was hatten sie wohl diesmal für eine Schweinerei, ausgeheckt, um den Leuten einen Kick zu verschaf- fen? Würden sie einen Menschen ausweiden? Ir- gendeinen illegalen Einwanderer vom Balkan oder aus Afrika, den ihre Hunde nur gestellt, aber nicht getötet hatten, in eine Rüstung stecken und mit Mi- krowellen braten, um ihn dann aus dem Gehäuse zu schälen wie einen gesottenen Hummer? Mich schau- derte. Das Gelächter der Walküren war verstummt, die Glut am Himmel erloschen. Ich spuckte über das Geländer ins ausgetrocknete Flußbett und wandte mich um. Der Hund war ver- schwunden. Ich schob mein Lectric über die Brücke. Dann startete ich den Motor und fuhr den Anguilara und den Sanzio entlang nach Hause. Einbahnstraßen. Ich fuhr in der falschen Richtung. Aber wer kümmerte sich noch um so was. * In dieser Nacht träumte ich von einem Hund. Er lag im ausgetrockneten Flußbett. Sein sandfarbenes Fell war verdreckt. Ein Rabe hatte sich in seinen Kopf verkrallt und zerrte an seinen dunklen Lefzen. »Hilf mir«, sagte der Rabe. Der Hund sah mich aus leeren Augenhöhlen an und lächelte.,

II CARLANTONIO

»FANGEN WIR AN, DARÜBER NACHZUDENKEN, WIE VIEL TAUSEND EINZELHEITEN NÖTIG WAREN, UNSERE SITUATION HIER UND JETZT ZUSAMMEN- ZUBRINGEN, UND WIE VIEL TAUSEND EINZELHEI- TEN, DIE NICHT EINGETRETEN SIND, DIES HÄTTEN VERHINDERN KÖNNEN, DANN GEWINNT DAS GE- WISSESTE, WAS WIR KENNEN, NÄMLICH UNSERE SITUATION JETZT UND HIER, EINEN ABENTEUER- LICHEN GRAD AN UNWAHRSCHEINLICHKEIT.« Alexander Demandt Die Studenten meiner Generation waren stolz darauf, sexuell besonders freizügig zu sein und keine festen Bindungen einzugehen – allenfalls für kürzere Zeit. Wir gingen unseren Neigungen nach, zogen mal mit dem zusammen, mal mit dieser, bis sich wieder eine interessante Beziehung ergab – aber in Bernd hatte ich mich wirklich ein bißchen verliebt. Er war ein hübscher Bursche mit seinem langen, dunkelblonden Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, einem schlanken, sehnigen Körper, der sich hinreißend an- fühlte, seiner hellen Haut, die nach ein paar Tagen Sonne wie Bronze aussah und die ich nicht müde wurde, zu streicheln und mit den Fingerspitzen zu, liebkosen. Er sah aus wie seine Schwester Birgit, die vier Jahre älter war als er, genauso groß und schlank und so athletisch. Ja, Birgit … »Du schläfst mit ihr«, unterstellte ich ihm mit vor Eifersucht vergällter Stimme. »Ständig gehst du zu ihr ›heim‹! Ständig säuselst du mit ihr über Koni! Bist du ihr hörig oder was?! Deiner eigenen Schwe- ster?« Verwirrt starrte er mich an – beunruhigt wie ein in die Enge getriebenes Tier. »Gib’s doch wenigstens endlich zu! Es ist mir egal! Hörst du? Scheißegal!« Es war mir nicht egal. Überhaupt nicht egal. »Spinnst du?« schrie er mich zornig an. »Du ver- stehst überhaupt nichts!« Nein, ich verstand nichts. Was wußte ich damals von Fixierungen? Von den Nöten eines kleinen Jun- gen, der Vater und Mutter verloren hatte? Der sich an seine ältere Schwester klammerte, weil sie sein ein- ziger Fluchtpunkt war in einer unbegreiflichen, feindlichen Welt? Ich wußte nur, daß Birgit eine au- ßerordentlich schöne Frau war. Jeder Mann begehrte sie, aber keiner von ihnen konnte sich rühmen, es bei ihr »geschafft« zu haben. Keiner. Es hätte sich he- rumgesprochen wie ein Lauffeuer. Und dann die fast schmerzliche Ähnlichkeit mit Bernd …, Nein, ich verstand nichts. Sie stammten aus Wiesbaden und waren mit ihren Eltern an der Adria im Urlaub, als sich das Unglück ereignete. Den Urlaubern aus den am schlimmsten betroffenen Gebieten hatte man von einer Rückkehr »abgeraten«, bis »die Dinge unter Kontrolle seien«. Doch Städte wie Wiesbaden, Worms oder Mainz würden nie mehr »unter Kontrolle« kommen, zumin- dest nicht mehr in diesem Jahrhundert. Wie sollte man 180 Kilogramm Plutonium 238 »unter Kontrol- le« bringen, das sich zerstäubt über Tausende von Quadratkilometern verteilt hatte und dessen Halb- wertszeit 87 Jahre betrug? Es hätte noch schlimmer kommen können, hatten einige Wissenschaftler die Stirn zu versichern, denn Plutonium 239 braucht 24000 Jahre, bis auch nur die Hälfte davon zu Uran zerfallen ist. Aber beide sind schon in Bruchteilen von einem Millionstel Gramm hochgradig strahlen- toxisch und krebserregend, wenn sie eingeatmet werden. Von den radioaktiven Strontium- und Caesi- um-Isotopen ganz zu schweigen, die bei der Explosi- on auch freigesetzt und vom Wind in Richtung Osten getragen worden waren, bis weit ins Böhmische und Polnische hinein. Man hatte die Menschen, die in Italien in Urlaub gewesen waren, als es passierte, in Lagern bei Rimini und Livorno untergebracht und sie im unklaren ge- lassen über das wirkliche Ausmaß der Katastrophe., Also hatten viele von ihnen versucht, auf eigene Faust in die Heimat zurückzukehren, um sich selbst ein Bild von den Geschehnissen zu machen und um wenigstens ein paar Wertsachen zu retten und wich- tigen Familienbesitz – Urkunden, Fotos, Sparbücher und andere Dokumente. So war auch Bernds und Birgits Vater eines Tages aufgebrochen. Als er nicht zurückkehrte und keine Nachricht kam, ließ die Mut- ter die beiden Kinder bei Bekannten zurück und brach nach Norden auf, um nach ihm zu suchen. Man hörte nie mehr etwas von ihr. Das Militär machte wenig Federlesens und keinen Unterschied zwischen Plünderern und ehemaligen Bewohnern, die illegal in Sperrgebiete eindrangen. Die meisten waren in kür- zester Zeit so vergiftet und verstrahlt, daß man sie gar nicht mehr in die »freien« Gebiete zurückkehren ließ. Sie wurden interniert, erhielten eine notdürftige medizinische Versorgung und siechten dahin. Die Totenbücher von Osnabrück, Magdeburg, Bayreuth und Würzburg verzeichnen längst nicht alle, die in den Massengräbern der »Grenzstädte« Kassel, Hei- delberg, Bad Neustadt, Schweinfurt und Jena liegen. Bei vielen war eine Identifizierung nicht möglich, und sie mußten rasch beigesetzt werden. Damals war Bernd zwei Jahre alt und Birgit sechs. Ein reicher Deutscher suchte sich ein Dutzend Kin- der aus, deren Eltern vermißt waren. Bernd und Bir- git, die ja sehr schöne Kinder waren, gehörten dazu;, sie wuchsen in einem Landhaus bei Siena auf und erhielten eine Ausbildung mit modernsten Lehrpro- grammen. Irgend etwas mußte dann mit Birgit passiert sein, daß sie Männern gegenüber so abweisend war, aber beide verloren nie ein Wort darüber. Birgit floh mit ihrem Bruder aus dem Haus ihres »Gönners« – sie muß damals elf oder zwölf gewesen sein. Sie schlu- gen sich durch, lebten ein paar Jahre lang in einer Kommune der »Acqua è Vita«-Bewegung, die nachts Rasensprenger auf Golf- und Kricketplätzen demo- lierte und Schläuche durchschnitt. Mit dem zuneh- menden Wassermangel wurden ein paar Splitter- gruppen der AèV dann immer gewalttätiger, und als man die ersten Millionärsfamilien ertränkt im Swimmingpool ihrer gesicherten Anlagen fand, grif- fen die Anti-terror-Einheiten hart durch. Sie stürmten die Kommunen der Bewegung und lösten sie auf. Bernd und Birgit hatten Glück. Sie wurden nicht er- schossen wie viele der Anhänger, sondern landeten im Gefängnis – für ein paar Wochen nur, denn der Staat hatte schon genug Leute durchzufüttern. Schließlich kamen sie nach Rom, machten ihre Aufnahmeprüfung an der Uni und erhielten eine Stu- dienerlaubnis an der Facoltà de Scienza. Beide wähl- ten Biologie mit Schwerpunkt botanische Ökotech- nik. Dort lernten wir uns kennen., * »Hast du eine ältere Schwester?« fragte sie mich. »Nicht daß ich wüßte«, erwiderte ich. »Ich habe keine Geschwister.« »Seltsam«, sagte Birgit; sie umfaßte mein Kinn und bewegte es hin und her. »Das Haar trug sie et- was kürzer, aber der gleiche Gesichtsschnitt« – sie fuhr mir mit dem Daumen über Wange und Kinn – »genau gleich.« »He! Was soll das?« Unwillig schüttelte ich ihre Hand ab. Ich mochte es nicht, wenn man mich so vertraulich berührte – und von ihr erst recht nicht. »Laß sie in Ruhe, Birgit«, sagte Bernd. »Du hörst doch, daß sie keine Schwester hat.« Sie wandte sich heftig zu ihm um. Ihr straff ge- flochtener Zopf peitschte ihre Schulter, und ihr schön geschwungener Mund verzog sich spöttisch, aber sie sagte nichts. Sie hatte diesen breiten, ausdrucksvol- len Mund, diese beweglichen Lippen und Mundwin- kel, mit dem manche Menschen alles sagen können, ohne ein Wort zu äußern. Und der Mund sagte: »Ich werde ihr schon nichts tun, deiner kleinen Henne«, während ihre großen blaugrauen Augen ihn belustigt musterten. Arrogantes Miststück!, Ihre langen Ohrringe aus roten Glaskugeln, die nach Größe gestaffelt auf dünnen Silberkettchen auf- gereiht fast bis auf die Schultern herabhingen, schau- kelten, als sie sich mir wieder zuwandte. Sie hob die Augenbrauen in einen steileren Winkel. »Es war nur eine Frage. Ist doch seltsam, oder? Frag den Rucksack. Der war dabei.« Sie deutete mit einem Nicken auf Carl Antonio, wandte sich ab und ging mit diesen anmutigen, ge- schmeidigen Bewegungen davon, wie sie Läuferin- nen oder Hochspringerinnen eigen sind, um sich an- deren Gästen ihrer Party zu widmen. Birgit war bestimmt einsfünfundachtzig groß, alles an ihr war groß, aber es beeinträchtigte ihre Weib- lichkeit nicht im geringsten. Ihre Figur war ideal proportioniert. Bernd und sie hätten Zwillinge sein können, aber sie war nicht nur älter als er, sie war auch reifer. Sie hatte früh ihre Erfahrungen gemacht, machen müssen. Die Männer, sosehr sie sich von ihr angezogen fühlten, hatten Angst vor ihr; sie fürchteten, daß sie abschätzige Bemerkungen machen könnte, denn ihr Sarkasmus war ätzend. Wenn sie ihr Haar offen trug, umrahmte es ihr Ge- sicht in weichen dunkelblonden Wellen. Sie schien dann eine andere Frau zu sein: zugänglicher, sinnli- cher, verletzlicher. Vielleicht flocht sie es straff aus dem Gesicht, damit es ihre breiten Backenknochen, betonte, ihr eine strenge, unnahbare Ausstrahlung verlieh. Es war, als ob sie Wälle hochzöge, von de- nen herab sie uns musterte. Auch die Farbe ihrer Au- gen schien dann verändert, ein kühles Grün mischte sich in das Blaugrau ihres Blicks. Augen wie das Meer nordwestlich von St.Kilda, wie Marcello be- hauptete – Wikingeraugen. »Woher weißt du eigentlich, wie das Meer bei St.Kilda aussieht?« hatte Renata Marcello gefragt, der damals leidenschaftlich in Birgit verliebt war und sich zu diesem schwärmerischen Vergleich hatte hin- reißen lassen. Er runzelte ärgerlich die Stirn und sah Renata abschätzend an. Sie hatte aber ganz ernsthaft gefragt, mit unschuldig hochgezogenen Augenbrau- en. »Ihr habt alle nie einen Wikinger-Roman gelesen, wie?« Er funkelte uns zornig an. Alle musterten ihn spöttisch, das brachte ihn noch mehr auf. »Keine Ahnung von Rode Orm oder Eric Brighteyes. Von nichts!« »Ah, daher hast du das«, sagte Renata und nickte verstehend. »Ihr seid schreckliche Banausen!« rief er, warf die Hände hoch und schüttelte verständnislos seine schwarzen Locken. Auch ich bewunderte Birgit, obwohl sie mich nicht mochte. Vielleicht liebte ich sie sogar ein we- nig, aber ihr Anblick tat mir auf seltsame Weise weh., Und ich war eifersüchtig, weil ich von Anfang an spürte, daß Bernd sich niemals von ihr würde trennen können. Lange wollte ich es nur nicht glauben. * »Du hast tatsächlich keine Schwester?« fragte Carl, griff nach hinten und tippte Antonio auf die Schulter, damit er stehenblieb. »Wie schade.« »Jetzt fängst du auch noch damit an!« Er musterte mich prüfend mit seinen lebhaften dunkelbraunen Augen, umfaßte mit Daumen und Zeigefinger sein schmales, dreieckiges Kinn, das auf dem Brustbein ruhte, als könnte er es so aus seiner knöchernen Verankerung reißen, und spitzte nach- denklich die Lippen. Antonio, geduldig wie ein Maultier, mampfte ein Sandwich. Eibrösel und Ma- yonnaise hingen ihm am Kinn. »Wirklich schade«, sagte Carl. »Die hätten wir gerne kennengelernt. Sie sah dir wirklich unglaublich ähnlich. Vielleicht nicht ganz so hübsch wie du« – er musterte mich abschätzend –, »aber genauso flott angezogen.« »Hör auf, du alter Charmeur.« Er grinste. »Naja, ein bißchen reifer, so Anfang Dreißig, schätze ich. Laß es dir erzählen. Wir saßen im Ema-, nuele an der Santa Maria Maggiore. Kennst du ja. Birgit, Marcello und wir. Haben Kaffee getrunken. Wir dachten, du seist es, als wir ›dich‹ von weitem sahen, und – komisch – wir hatten alle das Gefühl, die kennt uns, hätte uns beinahe gegrüßt, es sich im letzten Moment aber anders überlegt. Oho, dachten wir, so reißt also unsere Domenica reiche Onkels auf.« Er lachte. »Es war nämlich ein älterer Herr dabei, so Ende Fünfzig. Nicht mehr ganz so frisch, aber ein flotter Typ; taubengraue Hose, dunkelblaues Sakko, Stroh- hut, Sonnenbrille. Machte was her, kann man nicht anders sagen. Jetzt geniert sie sich, dachten wir erst; sie will ihn uns nicht vorstellen. Hat sich rausgeputzt und auf älter geschminkt. Aber dann sahen wir, daß du es doch nicht sein konntest. Die Frau war tatsäch- lich älter als du. Und ihr Haar war kürzer als deins, so halblang geschnitten.« Er wackelte mit dem Kopf. »Es muß wohl ihre ältere Schwester sein, sagten wir uns. Die hat sie uns bisher verheimlicht.« Antonio, der schweigend sein Sandwich verzehrt hatte, wollte weitergehen, aber Carl griff nach hinten und knuffte ihn energisch, worauf er stehenblieb. »Wollt ich dir nur sagen, Domenica.« »Von einer Schwester weiß ich nichts, obwohl … wer weiß? Mein Vater soll ein sehr rühriger Mann, gewesen sein. Er hat nichts anbrennen lassen – be- hauptet jedenfalls meine Mutter.« Carl grinste und wiegte anerkennend den Kopf. »Lebt eigentlich deine Mutter noch?« fragte er. »Ich hoffe. Habe seit Monaten nichts von ihr ge- hört. Und ich kann sie nicht erreichen, weil sie kein IKom trägt.« »Gibt’s das? Ist doch Vorschrift.« Ich hob die Schultern. »In Genua nimmt man es wohl nicht so genau. Weißt du, sie gehört zu den Leuten, die noch im letz- ten Jahrtausend leben. Wirklich. Sie hält nach Brief- trägern Ausschau. Mit Mail will sie nichts zu tun ha- ben. Davon verstehe sie nichts, sagt sie. Weißt du, meine Mutter schreibt mir Briefe und steckt sie wahrscheinlich in einen Briefkasten, den schon seit Jahren niemand mehr leert.« »Soll’s geben«, sagte Carl. »Aber Briefträger gibt’s noch. Uns zum Beispiel. Antonio!« Er schnippte mit dem Finger. Antonio, der inzwischen irgendwelche Nüsse oder Kartoffelchips ergattert hatte, hielt mit Kauen inne, drehte den Kopf und wandte mir sein grobes, knollennasiges Profil zu. »Wisch dir’s Maul ab und gib Domenica ihr Ku- vert.« Mit angestrengtem Stirnrunzeln kramte Antonio in seiner abgeschabten braunen Umhängetasche, die er über dem unförmigen Poncho geschnallt trug, der, den beiden als gemeinsames Kleidungsstück diente, und reichte ein halbes Dutzend identischer Kuverts über die Schulter. Carl nahm sie ihm ungeduldig aus der Hand und reichte mir seufzend eins davon. Es trug die vatikanischen Insignien. »Persönlich«, stand darauf. »Danke«, sagte ich. »Die kamen heute im Institut an. Ein ganzes Bün- del. Direkt vom Heiligen Vater in Salzburg.« Er nickte. »Na, jedenfalls vom Heiligen Stuhl. Für alle, die sich letztes Jahr bei diesem Rinascita-Projekt bewor- ben hatten.« Der Inhalt des Kuverts fühlte sich nach einem VidChip an. »Viel Glück«, sagte Carl, trank mit einem kräfti- gen Ruck seines Torsos das Glas aus, fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen und reichte es über die Schulter, damit Antonio es abstellte. Ich wußte, daß Carl Unmengen Rotwein trank. Er mußte ja auch buchstäblich für zwei trinken, wäh- rend Antonio mehr für die Ernährung ihres gemein- samen Körpers zuständig zu sein schien. »Wir müssen weiter. Haben noch ‘n paar Briefe auszutragen«, sagte er lächelnd und patschte Antonio mit der flachen Hand auf den kahlen Schädel. Anto- nio trollte sich, und Carl spähte angestrengt über sei- ne Schulter an den dicken, abstehenden Ohren vorbei, nach vorn, um ihn zu dirigieren. Antonio und sein »Rucksack« Carl. Nach dem Unglück waren zahllose Fälle von Mutationen aufge- treten, doch das Zwillingspaar war sicher das grau- sigste aller Monster – aber auch das sympathischste. Viele mißgebildete Kinder – man sprach vage von »einigen Zehntausend« –, die nach der Katastrophe von 2028 auf die Welt kamen, waren stillschweigend als »Totgeburten« registriert worden. Man hatte eine Frühgeburt eingeleitet und die Föten entfernt, um das Leben der Mütter zu retten. CarlAntonios Mißbil- dung war indes einmalig, derart grotesk und wissen- schaftlich so interessant, daß man lieber das Leben der Mutter opferte, um das Objekt des medizinischen Interesses für die Forschung zu retten. Jedenfalls hielten die Arzte im Klinikum der Barmherzigen Brüder der Universität Regensburg diese Entschei- dung für richtig, und da es eine gute katholische Universität war, wurde das Monstrum sogar getauft: Die siamesischen Zwillinge erhielten die Namen Karl und Anton. Ihre Mutter stammte aus Offenbach, das, wie Frankfurt, unmittelbar am Rand der Todes- schneise lag; sie hatte in einem der großen Flücht- lingslager der südlichen Oberpfalz gelebt. Die Deformierung war in der Tat grotesk. Beide Brüder hatten einen voll entwickelten Kopf und Oberkörper, verschmolzen aber unterhalb der Schul- terblätter und waren am Rückgrat vom Os sacrum bis, zum Steißbein zusammengewachsen. Während An- tonio einen voll ausgebildeten – einige Frauen be- haupteten, einen bemerkenswert ausgebildeten – Körper hatte, war Carls Brust schmal und steil vor- gewölbt. Sein Kopf saß halslos auf dem Torso, der Unterkiefer war mit dem Brustbein verwachsen, was seiner Haltung etwas Unterwürfiges und gleichzeitig Aufsässiges verlieh und seiner Stimme etwas Ge- preßtes, Asthmatisches gab. Sein kleines Becken stand im rechten Winkel über dem Gesäß von Anto- nio ab und bildete eine hautige, sackartige Vertie- fung, die von den rudimentären Beinchen und über- dimensionalen Füßen, die an die Paddeln von Rob- ben erinnerten, verschlossen wurde, wenn er sie em- bryonenhaft anwinkelte. Dahinter hatten die Chirur- gen einen künstlichen Durchgang geschaffen, wo Carls nur halb ausgebildeter Verdauungstrakt nun in den von Antonio mündete. Nur so hatte der Zwilling überleben können. Andererseits hätte man Antonio trotz modernster medizinischer Technik den »Ruck- sack« nicht einfach abnehmen können, weil sich Nervenbahnen beider Körper im unteren Bereich kreuzten – was seltsame physische und auch psychi- sche Reaktionen zur Folge hatte. Darüber hinaus brauchten sie sich gegenseitig auch noch auf andere Weise. Was hätte der schwer- mütige, plumpe, etwas zurückgebliebene Antonio ohne seinen »Rucksack« voll Intelligenz, Witz,, Temperament und Phantasie tun sollen? Was wäre Carl ohne Antonio, der ihn mit seinem gesunden Ap- petit und seinem robusten Körper mitversorgte, an dem er gedieh und von dem er zehrte wie ein exoti- scher Epiphyt? Es gab Frauen, die sich von der monströsen Physis sexuell angezogen fühlten, aber es bedurfte einiger Geschicklichkeit – und der Mithilfe Carls, indem er dem gemeinsamen Körper zu dem nötigen Alkohol- spiegel verhalf –, um Antonio aus seiner Apathie herauszuholen, ihn zu stimulieren und seine dumpfe Triebhaftigkeit zu wecken. Während Antonio sich schließlich stumm und ausdauernd abrackerte, kreischte, so erzählte man, Carl auf seinem Rücken wie ein aufgeregter Schimpanse; er warf den Kopf so heftig hin und her, daß ihm der Speichel von den Lippen sprühte, und krümmte sich, als wolle er sich von seinem Zwilling losreißen. Und wenn Antonio endlich grunzend zum Höhepunkt gelangt war, hatte sich Carls Unterleib in eine geschwollene Masse ver- wandelt, die aussah wie das Sitzfleisch eines Pavi- ans, und ein fingerlanges Gebilde, blaurot und dünn, entragte seinen Lenden. CarlAntonio lebten vor allem davon, ein Monstrum zu sein; einige Dottores im Policlinico an der Piazza Sassari lebten ihrerseits davon – und wahrscheinlich besser. Nebenbei machten die beiden Brüder Boten- gänge fürs Botanische Institut der Universität., CarlAntonio. Damals lebten sie noch. Sie waren gerade zwanzig geworden, wenn ich mich recht erin- nere. Aber kurz darauf passierte es. Die Hobbits lau- erten ihnen auf, diese Rassisten in ihren grauen Lo- denjoppen und Lederbundhosen und ihren spitzen grauen Filzhüten, an die sie Federn getöteter Vögel steckten, diese selbsternannten Hüter des genetischen Erbes und der Reinerhaltung der arischen Rasse. Carl lebte noch, als man sie fand. Er hatte ja sein eigenes Herz und seine eigenen Lungen. Sie hatten es mit dem Messer gemacht. Hobbits machen es im- mer mit dem Messer, mit Hirschfängern oder Schlachtermessern, die sie großspurig »Schwerter« nennen. Sie hatten Antonio den Bauch aufgeschlitzt und nicht vergessen, ihn zu verstümmeln, sie hatten ihn geblendet und ihm das Gesicht zerhackt, wie sie es immer machen, weil sie nicht dulden, daß ein Un- termensch – ein Nichtmensch – ein menschliches Gesicht hat. Carl gab alles zu Protokoll, aber die Polizei würde nichts unternehmen, da waren wir uns alle sicher. Man sah es an den Gesichtern der Beamten; sie wa- ren nicht anders als die Hobbits, Sympathisanten aus tiefstem Herzen – ihre Uniformen konnten uns nicht täuschen. Carl hatte wenig gesehen, hatte nur den schrecklichen Schmerz gespürt. Seine Stimme war matt und klanglos. Es war, als hätte sich die Seele seines Bruders im Augenblick des Entsetzens in ihn, herübergerettet, in seinem Kopf Zuflucht gesucht, mit all ihrer Dumpfheit und Lethargie. Und allmäh- lich kam auch der Tod herübergekrochen und nistete sich ein in seiner Brust und wuchs zur erstickenden, dunklen Last. Aber es dauerte Stunden, bis sie ihn erdrückte. Das Ende kam mit einem verzweifelten Aufbäumen, als wollte er sich doch noch losreißen von dem erkaltenden Körper seines Bruders, und rö- chelnd schlug er um sich. Als wir schon alle glaubten, es sei überstanden, verlangte er nach einem Spiegel, damit er noch ein- mal das Gesicht seines Zwillings sehen könne. Der Stationsarzt entsprach seinem Wunsch. Er ließ zwei Spiegel bringen und sie so aufstellen, daß seine Bitte erfüllt wurde. Carl weinte, als er das geschundene Gesicht seines Bruders sah. Eine Viertelstunde später starb auch er. * Ich faltete meinen abgewetzten Flexomon auseinan- der, strich ihn glatt und drückte ihn an die Wand, schob das TV-Modem in mein IKom und ließ es ein- rasten. Luigis Input-Zunge schnellte heraus, ich legte den päpstlichen Chip darauf, und Luigi schluckte ihn wie der Frosch die Fliege. Die goldenen Schlüssel auf blauem Grund erschienen auf dem Flexomon. »Sie sind Domenica Ligrina«, sagte eine ange-, nehme Männerstimme. »Darf ich mich vorstellen? Ich bin Bertolino Fal- cotti vom Istituto pontificale della Rinascita della Creazione di Dio, San Franceso. Bitte warten Sie ei- nen Moment.« Das Signal auf dem Monitor wechselte in den IA- Modus. »Wünschen Sie Sichtverbindung?« »Ja bitte«, erwidere ich. »Moment.« Ich pinnte die Kamera in die Mitte des Flexomon. Ein roter Punkt erschien am oberen Monitorrand, gleich darauf ein zweiter. Das päpstliche Emblem verschwand, und ich blickte in ein Arbeitszimmer, sah einen Schreibtisch mit Stapeln von Büchern und Zeitschriften, dazwischen eine dicke, brennende Ker- ze. »Ich freue mich, daß Sie immer noch an einer Zu- sammenarbeit interessiert sind, Signorina Ligrina.« Der Mann, der hinter dem Schreibtisch saß, nickte mir freundlich zu. Er war lässig gekleidet, trug ein schwarzes Button-down-Hemd, die Ärmel über die Ellbogen hochgekrempelt. Anfing vierzig, schätzte ich; das an den Seiten leicht ergraute Haar ließ ihn jedoch älter erscheinen. Eine Brille blitzte. Grübchen formten sich in den Wangen, als er lächelte. Das machte ihn irgendwie sympathisch. Er hätte Assi- stent an der Uni sein können. Jedenfalls sah er nicht wie die Geistlichen aus, mit denen ich vorher zu tun, hatte. Hinter ihm, an der gekalkten Wand, erkannte ich eine Ikone, deren Gold aus der Düsternis hervor- leuchtete. »Ich möchte Ihnen, wenn Sie erlauben, zunächst ein paar persönliche Fragen stellen.« Er sprach leise und gepflegt. »Zuvor muß ich Sie darauf aufmerk- sam machen, daß dieses Gespräch aufgezeichnet wird. Sind Sie trotzdem einverstanden, Fragen zur Person zu beantworten?« Ich hob die Schultern. »Wem wird die Aufzeich- nung zugänglich gemacht, Signore Falcotti?« »Nur dem Gremium, das über Ihren Antrag ent- scheidet.« »Und wer ist das?« »Diese Frage kann ich leider nicht beantworten.« »Sie dürfen sie nicht beantworten.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Für mich besteht da kein Unterschied.« »Gut, ich bin einverstanden.« Er nickte und bürstete sich mit den Fingerspitzen das kurzgeschnittene Haar zurück; flüchtig betastete er eine leichte Unebenheit an der linken Schläfe. Ein Implantat? Er hatte ein schmales, ebenmäßiges, bei- nahe jungenhaft hübsches Gesicht. Die Brille gab ihm etwas Distanziertes, und vielleicht trug er sie aus genau diesem Grund. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß beide interaktiven Datenträger am Ende unseres Gesprächs ROM sind. Sie erhalten damit den, Charakter eines Dokuments, das ohne Ihr ausdrückli- ches Einverständnis Unbefugten nicht zugänglich ist.« »Außer dem Gremium.« »Dem haben Sie bereits zugestimmt.« »Das ist richtig.« »Aber genug der Formalitäten.« Er rief eine Datei auf. Ein Fenster öffnete sich auf meinem Flexomon, und das Bild meines Vaters er- schien. Die Aufnahme mußte Jahre vor seinem Tod gemacht worden sein. Ein dunkelblaues Hemd, ein weißer Einreiher. Keck blitzten seine Augen unter der Krempe des Panamahuts hervor. »Autorisiertes Material von den Meldebehörden«, erklärte Falcotti. Beiläufig registrierte ich, wie ich dem Foto auf dem Bildschirm zulächelte, und riß mich gleich zu- sammen. »Der Name Ihres Vaters ist Giacomo?« »Nein – er hieß Jacopo! Er lebt nicht mehr.« Falcotti hob den Blick und sah mich prüfend an. War zuviel Heftigkeit in meiner Stimme gelegen? Oder Trauer? Weshalb hätte ich sie verhehlen sollen? Auch wenn es mehr als zehn Jahre her war. Ich hatte ihn geliebt, schon als kleines Kind. Und später hatte ich ihm nicht böse sein können, als ich hörte, daß er häufig Verhältnisse gehabt hatte. Er war viel unter- wegs gewesen und kam als Textilvertreter ständig, mit schönen Frauen zusammen – Models, Besitze- rinnen von Boutiquen. Im Gegenteil, ich war stolz auf ihn gewesen. Er war … ein Mann von Welt. Gut- aussehend, immer elegant gekleidet. Mußte er sein. Und er machte immer Spaße, die Mutter entweder nicht begriff oder nicht begreifen wollte, weil sie viel zu nüchtern und humorlos war, als daß sie Sinn für unsere Albernheiten gehabt hätte. Ich war begeistert, wenn er mir unter der Krempe seines Panamahuts hervor verschwörerisch zublinzelte, und kugelte mich vor Lachen. Ich genoß es, wenn er mit mir aus- ging, ins Holo, zum Eisessen oder ins Museum. Ich kam mir dabei vor wie eines seiner »Flittchen«, wie Mutter sie mit giftigem Blick und schriller Stimme nannte, obwohl ich keine Ahnung hatte, was sie da- mit meinte. Die Frauen mochten ihn, und er mochte sie. Ich konnte nicht begreifen, weshalb Mama so oft weinte. »Er starb bei einem Unfall?« »Er kam bei dem Attentat auf den Expreß Neapel – Rom bei Mondragone im September 2039 ums Le- ben, bei dem es so viele Tote gab.« »Ich erinnere mich. Es war schrecklich.« Man hatte allen Reisenden aus dem Mezzogiorno, die ihren Wohnsitz südlich der Linie Gaeta-Termoli und keine Sondererlaubnis für die Reise nach Norden hatten, in Neapel Fahrkarten und Reservierungen verweigert und sie mit Gewalt daran gehindert, zu, den Bahnsteigen zu gelangen, an denen die Züge nach Rom abfuhren. In der Stadt brodelte es, und die Stazione Centrale glich einer belagerten Festung. Sondereinheiten der Polizei gingen hart gegen die Demonstranten vor und riegelten den Bahnhof her- metisch ab. Die Neapolitaner waren empört darüber, mit den Moros auf eine Stufe gestellt zu werden. Un- ter strengen Sicherheitsmaßnahmen rollte der Expreß Neapel – Rom schließlich aus dem Bahnhof. Eine halbe Stunde später, kurz nach Falciano-Mondragone wurde bei der Einfahrt in einen Tunnel im ersten Waggon des vollbesetzten Hochgeschwindigkeits- zugs eine Sprengladung gezündet. Man hatte nie feststellen können, wie viele Menschen in dem Infer- no starben, denn trotz aller Kontrollen waren viele Reisende an Bord gewesen, die keine Reservierung hatten. In den amtlichen Verlautbarungen war von 412 Toten die Rede gewesen, aber Schätzungen zu- folge mußten dabei mehr als 500 Menschen ums Le- ben gekommen sein. Man fand keine Leichen, nur eine komprimierte Masse aus Stahl, Aluminium, ver- kohltem Plastik und Protein, die sich in der Tunnel- röhre zu einem harten Pfropfen zusammengeballt hatte. In wochenlanger Arbeit musste er herausge- bohrt werden. Im selben Jahr begann der Bombenter- ror in Rom gegen Behörden und Politiker, aber die Regierung blieb hart. Sie hielt an einem Konzept fest, das von Süden nach Norden eine Art gestaffel-, tes Staustufen-System gegen die Migration vorsah, um die Menschenflut aus dem Mezzogiorno einzu- dämmen. Dabei flossen die Flüchtlingsströme längst die Küsten entlang daran vorbei. »Was war Ihr Vater von Beruf?« »Er war Vertreter für Textilien. Zuletzt vor allem für Holotextilien einer koreanischen Firma, die da- mals sehr in Mode waren.« Falcotti schmunzelte. Er kannte also diese grellen, geilen Glitzerröckchen mit den eingenähten Chips, die Anfang der Dreißiger aufkamen und der absolute Hit wurden: schamlose HoloClips, die man mit ei- nem geschickten Rucken der Hüfte abfahren konnte, die sekundenlang den Stoff wegzauberten und alles an Intimszenen im Programm hatten, von der harm- losen Fummelei eines Kuschelpornos über Fellatio bis zur knallharten Penetration – und das in leuch- tendem Metallic und Signalfarben. Mutter sorgte dafür, daß Vater sie zu Hause nie aus seinen Musterkoffern holte, weil sie das »eklige Zeugs« aus tiefster Seele verabscheute. »Wir leben davon«, hatte Vater achselzuckend erwidert. »Es ist heute nicht einfach, glaub mir.« »Ihre Mutter lebt noch?« fragte Falcotti. Ein Bild meiner Mutter erschien. Eine ansehnliche Frau, die in ihrer Jugend bestimmt sehr sexy gewe- sen war – »rassig« sagte man damals –, bevor Gram und Enttäuschung ihren Charme verzehrt hatten. Ein, blasses Gesicht, das mit der Zeit vielleicht ein wenig teigig geworden war. Die Blässe wurde noch betont durch das lockige schwarze Haar, das sie auf altmo- dische Weise hinten hochgesteckt trug und von dem seitlich immer ein oder zwei Korkenzieherlocken herabhingen. Ach ja, ihr leicht fliehendes Kinn, die ständig weinerlich geschürzten Lippen, der traurige, immer etwas vorwurfsvolle Blick, der winzige Biß von Bitterkeit im linken Mundwinkel, der sich mit den Jahren vertieft hatte … Ob ich mal so aussehen würde, fragte ich mich unwillkürlich. Die Ähnlich- keit war unübersehbar, aber die Augen hatte ich von Vater und das Kinn auch! Falcotti beobachtete mich. Ich runzelte die Stirn und seufzte. »Ja. Sie ist vor ein paar Jahren nach Genua gezo- gen, zu ihrer Mutter, als Großvater starb.« Großvater! Wie fern waren die Zeiten, als ich bei ihm meine Ferien verbringen durfte? Er war ein so liebenswerter Mann gewesen, der sich trotz allem seinen Humor bewahrt hatte. Er schien mir damals steinalt zu sein, obwohl er noch keine sechzig war, und er ging mühsam an Krücken. Ein paar Schläger von der Mafia hatten ihn übel zugerichtet, als er noch sein Café an der Piazza Caricamento in der Nähe des Palazzo S. Giorgio am Hafen hatte. Er hatte sich ge- weigert, ihnen Schutzgeld zu bezahlen, weil er schon einen Vertrag mit den Moros hatte. Die Mafiosi gin-, gen damals aufs Ganze – der Süden entglitt ihnen immer mehr, also versuchten sie mit Gewalt, im Norden die Oberhand zu gewinnen. Ein verzweifeltes Unterfangen, zumindest in Genua, denn seit mehr als sechzig Jahren hatten die Afrikaner die Stadt fest in der Hand. Die Moros waren großzügig; sie ersetzten ihm den Schaden und bezahlten die Operationen. Ich begriff damals noch nicht, was Schüsse in die Knie bedeu- ten. Mein Großvater verlor nie ein Wort über die Schmerzen, die ihm diese barbarische Verletzung auferlegte, und er hätte kein Mitleid geduldet, aber er genoß meine Zuneigung. Ich liebte ihn – und am meisten seine großen fleischigen Ohren, die ich mit einer Mischung aus Scheu und Bewunderung berühr- te, wenn er es mir erlaubte. Und ich liebte es, mit ihm zum Einkaufen zu fahren. Ich saß auf seinem Schoß, und wir schnurrten im Rollstuhl die Straße entlang und über den großen Parkplatz zum Super- markt. Bei dieser Erinnerung stieg mir der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase, den seine Kleider aus- strömten, weil er den ganzen Tag hinter der Theke saß und die Espressomaschine bediente, die damp- fenden Metallfilter abzog, an der Kante einer alten kaffeegetränkten Holzlade ausklopfte und sie be- dächtig mit frisch gemahlenem Kaffee füllte. Von der Entschädigung der Moros hatte er sich ein, kleines Terrassencafé oberhalb der Stadt und das da- zugehörige Haus kaufen können. Es lag an einer ru- higen Straße, die durch den Bau der Autobahn ihre Bedeutung verloren hatte. Meine Mutter zog nach Vaters Tod dorthin, weil es in Frascati für eine al- leinstehende Frau mit einer heranwachsenden Toch- ter zu gefährlich geworden war. Eigentlich hatte sie aber damit einen Vorwand, ihrer Mutter im Haushalt und Großvater im Café zu helfen, die allein nicht mehr zurechtkamen. Die Sommer wurden mit jedem Jahr überwälti- gender. Tag für Tag sah man den hoffnungslosen Einsatz von Löschflugzeugen, von Feuerwehren und Freiwilligen. Brennende Wälder auf Sardinien, Kor- sika und Korfu. Flammenmeere auf der Peloponnes und dem Balkan, aschegetrübter Himmel und Men- schen auf der Flucht. Hubschrauber mit Lebensmit- teln und Trinkwasser in von Bränden eingeschlosse- nen Gebieten. Die Berge oberhalb von Genua waren herrlich. Meist wehte schon am Vormittag eine Brise vom Meer herauf und linderte die Hitze, während es ei- nem in der Stadt unten den Atem verschlug. Am spä- ten Nachmittag erwachte der Wind von den Bergen, der den Abend mit dem Duft von Kräutern und küh- len Piniennadeln erfüllte. Wir hatten alle Hände voll zu tun. Meist war die Terrasse schon gegen zehn Uhr vormittags voller Gäste – Tagesausflügler aus den, Städten an der Küste und nach Sonnenuntergang all jene, die nach einem Atemzug und einem kühlen Schluck gierten. Die Geschäfte gingen gut. Wenn die letzten Gäste gegangen waren und das Wetter es erlaubte, schob ich Großvater mit seinem Rollstuhl hinaus auf die Terrasse, und er zeigte mir die Sterne. »Du mußt mal in den Weihnachtsferien zu uns kommen, Domenica, dann könnten wir hineinblicken in die Galaxis. Der Sagittarius-Arm liegt dann vor uns, vollbesetzt mit Sternen. Jetzt, im Sommer, sind nur ein paar Nachbarn zu sehen, die wie wir zum Orion-Arm gehören: die Wega, der Deneb, der Anta- res, der Atair, der Arcturus und die Spica, und die hellsten drüben im Perseus-Arm. Dahinter beginnt die große Leere«, erklärte er mir begeistert. Er kannte alle jene seltsam anmutenden Namen der Sterne, welche die Araber erfunden hatten: Sirr- rah, Algorab, Algenib, Schedir, Albireo, Achernar, Alamak, Sadalmelik, Merak, Alcyone, Dubhe, Zuben Elschemali, Zuben Elgenubi, Zuben Elakrab, Ras AJhague, Aldebaran, Alderamin, Hadar, Enif, Furud, Sulaphat, Sadalsuud – Namen, so glatt und glitzernd wie geschliffene Edelsteine. »Diese Menschen lebten unter einem nahen Him- mel«, erläuterte Großvater. »Sie brauchten nur den Blick zu heben, wenn sie nachts in der Wüste lager- ten.«, Und ich malte mir das Bild eines Karawanenlagers in einer mondlosen Nacht aus. Das Schnauben der Kamele irgendwo in der Dunkelheit, der letzte Tee, stark gesüßt und mit einem Sträußchen frischer Min- ze im Glas, war längst getrunken, die Glut des Feuers hatte sich verzehrt, der Sand war kühl, der Himmel hatte seine Schätze ausgebreitet. Ja, ich verdankte Großvater den Himmel. Er hatte ihn mir zugänglich gemacht, und mein Interesse dar- an war nie erloschen. Ich konnte in sternklaren Näch- ten stundenlang im Freien sitzen und mit den Augen auf Reisen gehen, Zehntausende von Lichtjahren weit durch die Tiefen des Alls, die den meisten ver- schlossen bleiben, weil ihnen niemand den Schlüssel zu dieser Schatztruhe ausgehändigt hat. Ferien in Genua. Das alles lag inzwischen fünf- zehn Jahre zurück. Großvater war schon lange tot. Wie mochte es heute dort aussehen? »Haben Sie Kontakt mit ihr?« fragte Falcotti. »Wie?« »Mit Ihrer Mutter.« »Ich habe seit etwa drei Monaten nichts von ihr gehört. Ich habe sie immer wieder mal angerufen, wenn ich durchkam, aber … nun ja, wir hatten uns nie allzuviel zu sagen.« Sie telefonierte nur selten. »Ich werde dir schrei- ben«, sagte sie. »Was willst du mir schreiben? In Rom gibt es längst keine geregelte Postzustellung, mehr.« – »Was für ein Unfug. Überall werden noch Briefe ausgetragen.« – »Mutter, glaub mir, hier nicht.« – »Ich werde dir schreiben«, sagte sie und legte auf. Manchmal dachte ich, daß sie nicht mehr richtig im Kopf war. Vielleicht war alles ein wenig zuviel für sie. Sie kam nicht mehr mit. »Lieben Sie sie?« »Sie hat es mir immer sehr schwer gemacht. Wenn Sie mich so direkt fragen – ich mag sie, aber lieben … hm, eigentlich nicht.« Er machte sich eine Notiz in seinem Computer. »Sie haben Geschwister?« »Nein.« »Sonst irgendwelche Verwandte? Onkel, Tanten?« »Nein.« »Die Großeltern väterlicherseits?« »Gestorben.« »Freunde, die Ihnen besonders nahestehen?« »Freunde, ja. Kommilitonen. Aber nichts Festes.« Bernd erwähnte ich nicht. Wir hatten damals gera- de drei- oder viermal miteinander geschlafen. Ich hatte keine Ahnung, wie sich unser Verhältnis ent- wickeln würde. Falcotti nickte. »Sie scheinen ein Mensch zu sein, der gut allein zu- rechtkommt. Das ist wichtig.« »Weshalb?«, »Es handelt sich bei unserem Projekt um Einsätze, bei denen die betreffende Person manchmal ganz auf sich gestellt operieren muß. Womöglich ohne Hilfe von außen.« »Feldarbeit?« »Ja, so etwas in der Art.« Das war ungewöhnlich. »Feldarbeit wird doch meist von Teams durchge- führt«, hakte ich nach. Falcotti legte die Fingerspitzen aneinander. »Das wird in diesem Fall leider nicht möglich sein.« »Wird es eine Tätigkeit im Ausland sein? Ich mei- ne, außerhalb Italiens?« »Ja. Hauptsächlich. Aber ich bitte Sie, zu verste- hen, Signorina Ligrina, daß ich Ihnen keine Einzel- heiten mitteilen kann, bevor man nicht entschieden hat, Sie in die engere Wahl zu ziehen.« »Hört sich sehr geheimnisvoll an, Signore Falcotti.« Er hob vielsagend die Schultern. »Wäre das eventuell eine feste Anstellung?« »Es wäre eventuell eine feste Anstellung.« Sollte ich mir Hoffnungen machen? Es wäre ver- früht – die Enttäuschung dann um so größer. »Das wäre es für heute, Signorina Ligrina. Ich danke Ihnen, daß Sie so offen meine Fragen beant- wortet haben. Ich weiß Ihre Kooperation zu schätzen, um so mehr, als es mir verwehrt ist, Ihnen nähere, Auskunft zu geben, worum es sich bei unserem Vor- haben handelt. Sollte das Gremium, das die Voraus- wahl trifft, sich für Sie entscheiden, werden wir ein persönliches Gespräch vereinbaren. In der Zwischen- zeit möchten wir Sie bitten, sich zu einer gründlichen medizinischen Untersuchung im Poliklinikum an der Piazza Sassari einzufinden. Fragen Sie nach Profes- sor Pietro Dalmatini und lassen Sie sich einen Ter- min geben. Die Untersuchung ist selbstverständlich unentgeltlich. Die Kosten trägt das Institut.« * Es war mir nicht vergönnt, Professor Dalmatini per- sönlich kennenzulernen. Ich mußte mich mit einem jungen Assistenzarzt namens Dolfredi begnügen, der einen dünnen überhängenden Schnäuzer trug und nur Augen für seine Geräte hatte. Eine ältere Kranken- schwester, die ihre verschwenderische Mütterlichkeit über mich ausgoß, betätschelte mich in einem fort. Ich mußte mich nackt in eine mit weißem Plastik ausgekleidete Konturwanne legen, dann gab mir der Arzt eine Injektion in den Handrücken. Ich sah gera- de noch, daß ich durch ein chromblitzendes Portal ins Innere eines Geräteschlunds glitt, dann war ich auch schon weggesackt. Als ich nach zwei Stunden Bewußtlosigkeit aufwachte, lag ich geborgen und behaglich in einem Ruheraum auf einem Rollbett., Meine Kleider lagen neben mir auf einem Stuhl. Je- mand hatte mich vorsorglich mit einer Steppdecke zugedeckt. Doktor Dolfredi? Ich schleuderte die Decke von mir und zog mich an. Er klopfte tatsächlich, bevor er hereinkam. »Und?« fragte ich unwirsch. Doktor Dolfredi sah mich verwundert an, dann blickte er fragend auf den Bildschirm seines Compu- ters am Handgelenk. »Oh, das wird ein paar Stunden dauern«, sagte er und hielt einen Chip hoch. »Die wollen eine Menge über Sie wissen.« »Wer?« Er prüfte eingehend das Etikett des eingeschweiß- ten Chips. »Istituto pontificale della Rinascita della Creazio- ne di Dio, San Francesco«, las er vor. »Der Papst persönlich!« Sein Schnäuzer hob sich zu einem Lächeln und entblößte einen Schmatzmund mit weichen rosafar- benen, speichelbefeuchteten Lippen, wie ich sie bei Männern noch nie ausstehen konnte. Er bleckte seine Hasenzähne, zwischen denen die zermatschten Reste eines Tramezzino klebten. »Wenn er überhaupt von diesem Istituto weiß«, fügte er hinzu. Ich starrte ihn finster an. Sein widerliches Lächeln erlosch., * Darauf hörte ich viele Monate lang nichts. Man musste den Eindruck gewinnen, daß das ganze Ri- nascita-Projekt zu Grabe getragen worden war. Meines Wissens war die Initiative dazu seinerzeit von Johannes XXIV. ausgegangen, der großes Enga- gement in Umweltfragen an den Tag gelegt hatte. Sein Nachfolger Paul VII. hatte an der Creazione di Dio sicher wenig Interesse gehabt, als er die Tiara trug, die er mit Spendengeldern von einem verarmten Scheich im Exil zurückgekauft hatte. Er machte sich vielmehr daran, Castel Gandolfo zu einer unein- nehmbaren Festung auszubauen, ließ tiefe Stollen in die Bergwände rings um den See treiben, in denen er die Schätze der Vatikanischen Museen einlagern wollte, um sie vor den Gefahren der neuen Völker- wanderung zu schützen und für die Nachwelt zu be- wahren. Sein Baueifer war zu groß für sein schwa- ches Herz. Paul VIII. schließlich lagen weder die Creatio noch die Kunstschätze sonderlich am Herzen; es ging ihm vielmehr um seine persönliche Sicherheit. Gleich nach Amtsantritt verlegte er seine Residenz nach Mantua, um kurz darauf nach Salzburg zu über- siedeln. Als Ungar fühlte er sich dort wahrscheinlich eher zu Hause. In Osterreich brandete Jubel auf; Süd-, tirol, Friaul und Slowenien waren dem Staatsgebiet angeschlossen worden, und nun residierte auch noch der Heilige Vater in Salzburg. Für die Römer hinge- gen war der Papst von Stund an tot wie seine Vor- gänger, und einige italienische Kardinäle forderten seine Absetzung. Die kleinen Leute nannten ihn Papa Coniglio, den Papa Hasenfuß. Vielleicht hatte er sich entschlossen, das Rinasci- ta-Projekt aufzugeben. Und Falcotti war mit anderen Aufgaben betraut worden. Ich sprach mit Kommilitonen, die sich ebenfalls beworben hatten. Alle hatten sie nichts mehr davon gehört, und alle Anfragen nach einem vatikanischen Institut dieses Namens gingen ins Leere. Auch im Net war nichts zu finden. Es schien nicht mehr zu existieren, war spurlos verschwunden – und mit ihm Bertolino Falcotti. Ein »päpstliches Wunder« meinte Birgit spöttisch. Ich machte mir zwar auch keine Hoffnungen mehr, aber irgendwie vermochte ich nie ganz zu glauben, daß Signore Falcotti sich auf diese unhöfliche Weise von uns verabschiedet hatte. War ihm etwas zugesto- ßen? War er auf Reisen?,

III WÜSTUNGEN

»NICHTS IST NÄMLICH IN DER ZEIT ZU FINDEN ALS DAS JETZT.« Nicolaus Cusanus Wie viele der Bewohner Roms mochten geblieben sein? Hunderttausend? Fünfhunderttausend, wie das Capitol behauptete? Oder waren es nur noch fünfzig- tausend? Tatsache war, daß die Wasser- und Strom- versorgung in den südlichen Stadtteilen zusammen- gebrochen war. Die grünen Tankwagen der AMNU fuhren mit bewaffnetem Begleitschutz nach Borgata, Ostiense und Garbatella, und die Feuerwehr jagte zwar mit Getöse die Christofero Colombo entlang, machte aber meistens unverrichteter Dinge kehrt, weil sie beschossen wurde. Über Cecchignola und Torrevona standen oft schwarze Rauchsäulen, und immer wieder roch es bis in die Innenstadt nach brennenden Autoreifen. Das Leben ging weiter, zumindest im Zentrum, aber in den Quartieri der Peripherie war es dörflicher geworden. Die Leute rückten zusammen, scharten sich um öffentliche Brunnen, kleine Märkte, Kirch- sprengel, bildeten Versorgungs- und Schutzgemein- schaften. Dazwischen Wüstungen. Und niemand wußte genau, wie viele Menschen, noch hinter den hohen Mauern und schmiedeeisernen Gittertoren der zahllosen winzigen Klöster lebten, wo sie ihre Reliquien, Akten und Folianten behüte- ten. Das Undenkbare war ganz allmählich denkbar ge- worden: Das Caput Mundi, der Mittelpunkt der Welt, könnte eines Tages aufgegeben werden müssen. Für viele eine ungeheuerliche Vorstellung. Und diesmal kamen die Heerzüge aus dem Süden. Man sagte, es seien die Moros, die Schwarzen, die Afrikaner, aber es waren Menschen aus dem Mezzogiorno, denen die Glut die Weinberge verdorrt und das Vieh hinwegge- rafft und der Atem der Wüste die Felder zugeweht hatte. * Wenn der heiße Wind die Via di San Grigorio her- aufwehte und das Colosseo sich wie eine düstere Fe- stung vor dem zimtfarbenen Himmel abhob, in dem die Sonne keinen festen Ort mehr hatte, wurde das Atmen in den Hörsälen und Labors zur Qual. Schon früh um acht stand das Thermometer auf 40 Grad. Wir nahmen unsere Wallet-PCs und Notepads, stapf- ten durch den Sand zwischen den vertrockneten Pal- men vor der Facolta di Ingegneria an der Via Eudo- siana, der »Scuola di ingegneria aerospaziale« – welch hochfliegende Pläne hatten wir einst! –, hiel-, ten uns im Schatten der Mauer hinter den verstaubten Autowracks, auf deren Dächern verwilderte Katzen schliefen, und suchten Zuflucht auf den kühlen Marmorplatten von San Pietro in Vincoli. Während draußen der heiße Atem der Zukunft zu spüren war, der von der Ankunft Afrikas kündete, wehte einen im Innern der kühle Hauch der Vergangenheit an. Dort, Nico, bin ich dir zum ersten Mal begegnet, wo unter der hellen Grabplatte, eingefaßt aus einem Band aus schwarzem und rosa Marmor deine Gebei- ne liegen. NICOLAI DI CUSA CARD. Ein Wappen an der Wand, das einen feisten roten Edelkrebs zeigt, serviert auf einem spatenförmigen Tablett, das auf einem netzartigen Set aus roten Schnüren und Quasten steht: Cryfftz, Krebs, ein Astacus astacus, der längst aus den Flüssen Mitteleu- ropas verschwunden ist – und mit absoluter Sicher- heit aus der Mosel. Darüber, auf dem breiten farbi- gen Basrelief von Andrea Bregno, kniest du, links, mit gefalteten Händen, zu Füßen deines Herrn – den Reisehut, groß wie ein Wagenrad, gegen den Leib gelehnt. Dir gegenüber ein Engel mit goldenen Flü- geln und froher Botschaft. Dies war mein Lieblings- platz: Das Grab des Kardinals Nicolaus Cusanus – so nannte er sich nach seinem Geburtsort Kues., * Unser Institut war nach dem Auszug aus der Città Umversitaria an der Piazzale San Lorenzo zuerst in der kleinen Schachtel von Haus am Fuß des Ge- schlechterturms der Borgia an der Nordwestecke der Piazza di San Pietro in Vincoli untergebracht, wo früher die Kollegen von der Facolta di impianti nu- clean ihre Labors hatten. Hier hatte auch Ettore Ma- jorama geforscht, der geniale Kernphysiker, der auf mysteriöse Weise verschwand und dessen Schicksal nie geklärt wurde. Wir waren in das Kloster auf der Westseite der Pi- azza eingezogen, das christlichen Libanesen Zuflucht während der fundamentalistischmuslimischen Ver- folgungen in Beirut geboten hatte. Sie waren nach dem Frieden von Rabat in ihre Heimat zurückge- kehrt, und die Technische Universität hatte das Ge- bäude dazugekauft. Mit den großen Schlafsälen, den geräumigen Korridoren und Treppen wirkte es eher wie ein Hospital aus dem vorletzten Jahrhundert. Von den stuckverzierten hohen Decken hingen orien- talische Ampeln aus durchbrochenem Messingblech, die weniger der Beleuchtung als der Archivierung in Jahrzehnten umgekommener Insekten dienten. In den Kellergängen standen Dutzende von hohen Betten aus Messingrohr herum, die nach dem genia-, len System eines Hausmeisters platzsparend über Kreuz bis zur Decke gestapelt waren. Zahllose Ma- tratzen moderten still vor sich hin. Zwei oder drei von den Betten waren immer betriebsbereit, denn seit der Parco Traiano, früher ein beliebtes »Ausflugs- ziel« für die Studenten, zur Wüste geworden war, in der kein Grashalm mehr wuchs, verzogen sie sich, wenn sie ungestört sein wollten, in den Keller. Oder sie schlichen sich in die Kirche San Pietro, wo es den streng katholisch Erzogenen einen zusätzlichen Kick verschaffte, es zu Füßen des gehörnten Moses zu treiben, der, die Gesetzestafeln unter den Arm ge- klemmt und indigniert über soviel Sündhaftigkeit, mit umwölkter Stirn darüber hinwegsah. Ich lag rücklings auf der kühlen Marmorplatte. Bernd saß neben mir und tippte auf seinem Palmtop herum, während ich meinen Gedanken nachhing. Dieser Nico – war er wie Bernd gewesen, als er jung war? Ich stellte mir ihn groß und schlank vor; schma- les Gesicht, gerade, aristokratische Nase. Dabei war er der Sohn eines Flußschiffers gewesen, eines zu Wohlstand gekommenen Handelsmanns namens Krebs – Cryfftz in seiner heimatlichen Mundart ge- schrieben. Er hatte den Namen bewahrt, den Krebs im Wappen geführt. Er war immer stolz auf seine einfache Herkunft gewesen. Schließlich war er von Papst Pius II. zum Kurienkardinal und Generalvikar von Rom ernannt worden; damit hatte er als Stellver-, treter des Papstes das zweithöchste Kirchenamt inne. Was bewog solche Männer, Geistliche zu werden, sich in den Dienst der Kirche und des Heiligen Stuhls zu stellen? Auf Frau und Kinder zu verzich- ten? Sicher war es zu seiner Zeit für einen begabten jungen Mann der einzige Weg gewesen, um studie- ren zu können und Bildung zu erwerben und in der Hierarchie der Gesellschaft aufzusteigen. Oder war es seine Religiosität gewesen, der Entschluß, etwas für Gottes Schöpfung zu tun, für die Kirche, die, ver- antwortlich für sein Reich auf Erden, zu jener Zeit in einem desolaten Zustand war, zu versagen drohte, dem Auftrag Gottes zu entsprechen? Ich nahm mir vor, mich intensiver mit dem Leben und dem Werk dieses eindrucksvollen Mannes zu beschäftigen. Wenn er mir hier und jetzt begegnete … Ich schloß die Augen und ließ meine Hand über Bernds schlanken, gebräunten Schenkel wandern, auf dem seidiges blondes Haar sproß. »He!« sagte Bernd und rückte von mir ab, als ich meine Finger in seine Shorts gleiten ließ. »Nimm mich«, sagte ich. Er blickte mich in einer Mischung von Abscheu und Entsetzen an. »Sag mal, spinnst du?« »Wir wären nicht die einzigen …«, entgegnete ich und deutete mit einem Nicken hinüber zu Rita, die mit geschlossenen Augen auf Eduardos Schoß saß, und die mageren Hütten kreisen ließ. Bernd starrte in das Halbdunkel des Kirchenschiffs und brauchte eine Weile, bis er begriff, was auf der anderen Seite unter dem Nebenaltar mit dem Gemäl- de des hl. Augustinus von Guercino vor sich ging. Er sprang auf. »Ihr seid ja wohl alle völlig durchgeknallt! Hier in der Kirche!« fauchte er, raffte seine Sachen zusam- men und rannte zum Eingang. »Sie werden dich noch zum Papst wählen!« rief ich ihm hinterher, frustriert und enttäuscht – und är- gerlich auf mich selbst. Rita drehte den Kopf in meine Richtung, ohne auch nur einen einzigen Moment lang in ihrem woh- ligen Rhythmus innezuhalten. Ich ließ mich zurück- sinken auf den kühlen, glatten Stein und atmete tief. Gleich würde mir der Astacus astacus zur Strafe die Scheren ins sündige Fleisch schlagen. Ich wandte den Blick nach links – und sah, daß der geflügelte Sensenmann an der Wand auf dem Mo- nument des Cinzio Aldobrandini mich mit glühenden Augen anstarrte, die knöchernen Finger seiner Rech- ten würgend um ein Stundenglas geschlungen. Ich fuhr erschrocken hoch. Es mußte an den Lichtver- hältnissen im Kirchenraum liegen, daß die Augen- höhlen in hellem Weiß glühten. Er sah zum Fürchten aus. Rita und Eduardo strebten zum Ausgang; Rita, versunken lächelnd, Eduardo mürrisch mit dem Handballen an einem Samenfleck auf seinen Jeans reibend. * Sommersonnenwende. Wie jedes Jahr veranstalteten die Hobbits große Aufmärsche. Zelte, Lagerfeuer, Lieder. Hobbits traten nur in »Rudeln« auf oder in »Rotten«. Nie allein. Allein waren sie feige. Vereint waren sie grausam und gefährlich. Sie »säuberten« die Stadt, machten Jagd auf »Moros«. Und die Prae- torianer unterstützten sie dabei. Die Polizei blieb un- sichtbar. EuroForce hielt sich zurück. Seit einigen Nächten schon war das dumpfe Trommeln und Singen der »Rudel« auf dem Gianico- lo zu hören. Die Feuer loderten, Mahnwachen wur- den gehalten. An den Resten des Abendlands? Hob- bits zuhauf mit spitzen grauen Filzhüten, erdfarbenen Lodenjoppen oder Umhängen, mit Messern in den breiten Ledergürteln über den Lederbundhosen: Hirschfänger, Armeemesser und zweischneidige Kurzschwerter, um gegen die Moros zu ziehen, sie zu jagen, zu verstümmeln und zu töten. Tagsüber war keiner von diesem Zwergenvolk zu sehen. Hockten sie da in ihren dumpfen Höhlen, im Wurzelwerk kruder nordischer Mythologie, in ihrer Comicwelt mit den elektronischen Ikonen des ewig, Gestrigen und ewig Wiederauferstehenden? Ihr un- terirdisches Reich war das ausgedehnte Labyrinth des vatikanischen Busbahnhofs im Innern des Giani- colo, ein dunkles, verlassenes System von Betonka- vernen, in denen liegengebliebene Buswracks aus den Staaten des europäischen Ostens vor sich hin ro- steten. In ihnen hatten sie uralte, blutgetränkte, halb vermoderte Fahnen entdeckt, Reliquien längst ver- gessener Schlachten, die Pilger aus Polen und dem Baltikum mitgebracht hatten, um sie vom Papst seg- nen zu lassen, die aber nach dem Tod von Johannes Paul II. ungesegnet geblieben waren. Mit ihnen be- deckten sie ihre »gefallenen Helden«, und auf ihnen schworen sie ihren Führern Treue und Gehorsam. In der Nacht zum 22. Juni wurde die Jagd eröffnet. Nach Einbruch der Dunkelheit begann das Schießen, und es dauerte die ganze Nacht hindurch. Immer wieder war vom Gianicolo oben Geschrei und frene- tisches Hundegebell zu hören und ein wildes Trom- meln, das von Synthesizern aufgenommen und so verstärkt wurde, daß die Fenster klirrten und man es fast mit der Haut zu spüren meinte. Früher hatte sich zwischen dem Hinterhof des Hauses, in dem ich wohnte, und dem Berggipfel ein botanischer Garten befunden, der zu unserem Institut gehört hatte, aber irgendwann hatte man die Bäume alle gefällt. Sie seien krank gewesen von den Abga- sen, wurde behauptet, aber Stavros hatte den Kopf, geschüttelt und gesagt, daß man von der Polizeistati- on aus freies Schußfeld hatte haben wollen, damit sich niemand bis auf Wurfweite hätte heranschlei- chen können. Jedenfalls waren die Bäume ver- schwunden – und die Polizeistation inzwischen auch. Bernd war bei mir geblieben. Wir hatten uns im Dunkeln geliebt. Kein Mensch schaltete nachts noch das Licht ein, um nicht Feuer auf sich zu ziehen – und sei es nur von Hobby-Heckenschützen in der Nachbarschaft. Manchmal fuhren sengende Licht- blitze über die Dächer und in die Fassaden der Häu- ser, und grelle Reflexe schraffierten die Zimmerdek- ke mit stroboskopischen Mustern. Um Mitternacht öffneten wir eine Flasche Sekt. Er war handwarm, weil den ganzen Tag über der Strom ausgefallen war. Der Alkohol, die Lichtblitze und das unaufhörliche Trommeln machten uns an. Erst gegen Morgen schlief ich erschöpft ein. Das Jaulen von Ambulanzen weckte mich. Es nahm kein Ende – ein halbes Dutzend. Sie mußten ganz in der Nähe abgestellt sein. Das rhythmische Blinken ihrer roten Lichter wischte über die Zim- merdecke. Das Trommeln war verstummt. Das Schießen hatte aufgehört. Bernd schlief. Ich stand auf und öffnete den Vorhang einen Spaltbreit. Es war ein Bild des Grauens. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Man brachte die Opfer des nächtlichen Kampfes vom Berg herunter. Es mußte eine richtige, Schlacht gewesen sein, ein Krieg. In der Via Gari- baldi waren sieben weiß-rote Ambulanzen vom Poli- clinico der Città Universitoria drüben in der Via Ti- burtina in einer Reihe hintereinander geparkt. Arzte und Helfer eilten hin und her. Im Klosterhof küm- merten sich Ärzteteams um die Verletzten. Die Non- nen – nur acht oder zehn wohnten noch in dem aus- gedehnten Anwesen – hatten das schmiedeeiserne Tor geöffnet. Der kleine Vorhof, der sonst Gästen und Besuchern als Parkplatz diente, hatte sich in ein provisorisches Lazarett verwandelt. Ein Priester schritt von einer Trage zur anderen, bevor sie aufge- hoben und in die Fahrzeuge geschoben wurden. Auf der Straße hatte man entlang der Klostermau- er unterhalb der Einfahrt die Toten aufgereiht. Die Reihe wurde immer länger. Einige von ihnen hatten keine Gesichter mehr, andere waren bis zu den Hüf- ten hinunter verkohlt; geschwärzte Rippen stachen durch die aufgeplatzte Haut des Brustkorbs. Man hat- te ihnen die Hände mit Draht auf dem Rücken gefes- selt, ihnen einen benzingefüllten Autoreiten um den Hals gehängt und angezündet. »Kentucky« hieß die- se scheußliche Hinrichtungsart – nach den amerika- nischen Brathühnchen. Stavros hatte mir das erklärt; ich hatte es nicht glauben wollen. Er war unten, ging an der Reihe der Toten entlang und musterte jeden einzelnen mit fachmännischem Blick. Plötzlich spürte ich, daß Bernd hinter mich getre-, ten war. Er schob seine Hände unter mein T-Shirt und massierte meine Brüste, während er mir sein steifes Glied zwischen die Beine drängte und erregt zu schnaufen begann. Ich entwand mich ihm und schrie vor Ekel lauter als beabsichtigt: »Laß mich los! Du bist um kein Haar besser als diese Faschi- sten!« Mit einer heftigen Bewegung wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. »Das geilt dich auf, was?« Er starrte mich verdattert an, und seine Erektion schwand dahin. »Moment mal! Was ist denn mit dir los?« »Wie kannst du beim Anblick dieser Toten ans … ans Ficken denken?« Er schob sich die langen blonden Haare aus dein Gesicht und sah mißmutig aus dem Fenster. »Die meisten dieser Leute sind Plünderer und Mörder. Moros. Sie machen seit Wochen die Stadt unsicher.« »Die meisten dieser Leute sind einfältige Bauern- burschen aus dem Mezzogiorno, die durch die Dürre von ihrem Land vertrieben worden sind. Sie waren verzweifelt und hatten Hunger«, hielt ich ihm entge- gen. »Dann sollten sie sich bei einer der Hilfsorganisa- tionen melden. Sie erhalten Lebensmittelkarten und einen Platz in einem der Auffanglager.« »Das sagst ausgerechnet du? Du solltest es doch, wahrhaft besser wissen! Die Bevölkerung Europas nimmt jedes Jahr um zwei Millionen ab. Was pas- siert mit all den vielen Menschen?« »Die meisten sterben an Krebs.« »Und Tausende sterben jeden Monat an der Küste. Angeblich von verwilderten Hunden angegriffen und getötet. Dabei dirigieren die Praetorianer die Bewe- gungen dieser halbintelligenten Killer-Bestien inzwi- schen mit dem Computer.« Bernd zuckte die Achseln. »Man hält sich die illegalen Immigranten vom Hals, macht sich die Hände dabei nicht schmutzig und spart sich auch noch das Futter für die Tiere.« »Pfui Teufel!« Bernd breitete die Hände aus. »So ist das eben. Was können wir daran ändern?« »Was ist das für ein Land geworden! Ich schäme mich. Die Menschen werden kaltblütig ermordet. Wie die hier. Sieh sie dir an! Niemand dachte auch nur daran, sie zu schützen. Oder hast du heute nacht einen Helikopter von EuroForce gehört?« »Sie waren wahrscheinlich anderweitig beschäf- tigt.« »Da bin ich sicher. Keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus. Die stecken alle unter einer Decke. Und diese armen Menschen hat man den Hobbits und den Praetorianern mit ihren Killerhunden überlassen. Macht doch Spaß, so eine Hatz! Sie haben ihre Opfer, mit Vibrasound entnervt und mit Gefechtsfeldholos so genarrt, daß sie Deckung suchten, wo gar keine Deckung ist, und sie dann wie Hasen abgeknallt. So läuft das doch!« schluchzte ich. Bernd sah mich ratlos an. »Du hast recht. So läuft das«, sagte er matt. Eine Frau drüben im Klosterhof war neben einer Trage auf die Knie gesunken, hatte die Fäuste ankla- gend gehoben und stieß Verwünschungen aus. Eine der Nonnen legte den Arm um sie und versuchte sie zu trösten. Hintereinander starteten die Ambulanzen und fuhren mit heulenden Sirenen davon. Weitere trafen ein. »Auf jeden Fall kannst du da nicht länger wohnen, Domenica. Du kannst zu mir ziehen. Birgit hat sicher nichts dagegen.« »Oh, ich danke dir für die hochherzige Einladung. Hast du sie denn um Erlaubnis gefragt?« Der Gedanke an seine arrogante Schwester, die grundsätzlich nur deutsch mit ihm sprach, verstärkte meinen hilflosen Zorn nur noch mehr. Manchmal, wie jetzt, konnte ich es mir vorstellen, wie sie es mit- einander trieben, er und dieses schöne Weib, auf das alle Männer scharf waren, das aber keinen an sich heranließ. »Ich lasse es lieber nicht darauf ankommen, daß sie mir die Tür vor der Nase zuknallt. Ich finde schon was.«, Er zuckte die Achseln und zog sich an. »Ich helf dir beim Umzug.« »Nicht nötig. Ich komme schon zurecht.« Den ganzen Morgen über fuhren die Ambulanzen und brachten unter Sirenengeheul die Verletzten weg. Es mußten mehr als hundert sein. Dann – sehr viel leiser – die Toten. Es waren sechsundvierzig gewesen, sagte mir Stavros später. Hauptsächlich Italiener aus dem Süden, vielleicht ein Dutzend Al- baner und Afrikaner. * Es war nicht schwierig, eine Wohnung zu finden. Luigi erledigte das für mich. Er fragte nach meinen Wünschen und tauchte ab ins Netz. Schon fünf Mi- nuten später nannte er mir ein halbes Dutzend Adres- sen. Ich traf die Wahl, und er machte den Vertrag mit dem IKom des Vermieters perfekt. Die Wohnung lag nur zehn Minuten vom Institut entfernt in der Via Merulana, gleich hinter der Terme di Traiano. Der Hausherr, ein Signore Paolini, war froh, ein Drei-Zimmer-Apartment für vierhundert Euro zu vermieten, für das er zehn Jahre zuvor noch das Fünffache bekommen hätte. Er hatte seine Frau und seine beiden kleinen Töchter bei Verwandten in Bergamo untergebracht – aus Sicherheitsgründen, wie er mir anvertraute – und vergnügte sich mit einer, Österreicherin, die eine unerbittliche Frohnatur zu sein schien, mit hoch aufgetürmten blonden Ringel- löckchen, immer lächelnd, trällernd und kichernd – und in scheußlich gemusterte babyrosa Hosenanzüge gekleidet. Aber ihr gelang es trotzdem nicht, die tiefe Traurigkeit zu vertreiben, die in den dunklen Augen Signore Paolinis und in den Winkeln seines herab- hängenden Schnäuzers nistete. »Rom stirbt«, sagte ich zu ihm, als ich am näch- sten Morgen die Miete bezahlte. Signore Paolini zählte das Geld nach; die Zigarette im Mundwinkel qualmte ihm in die Augen, und er blinzelte angestrengt. Er sah mich an und nickte, war aber mit den Gedanken ganz woanders. Seine kno- chige Gestalt füllte den abgeschabten kaffeebraunen Bademantel nur zur Hälfte aus. »Gern hab ich die Frau’n geküßt …« schmetterte ein kesser Tenor auf deutsch aus dem elenden Laut- sprecher eines Kofferradios auf einem Tischchen mit gehäkelter Decke neben der Küchentür. »Wer stirbt?« fragte die Freundin aus der Küche. Mein Vermieter tat ihre Frage mit einer matten Handbewegung ab und gab ein rasselndes Husten von sich. »Wer stirbt?« wollte sie wissen. Er sah mich mit traurigem Blick an, blies den Rauch aus den Nasenlöchern und drückte die Ziga- rette in einem überfüllten Aschenbecher aus. Seine, Finger waren gelb von Nikotin. »Ich«, knurrte er, »wenn du mich dauernd mit dei- nen Fragen löcherst.« Seine Freundin steckte den Kopf aus der Küchentür. »Hallo«, sagte ich. Sie wedelte mir mit frisch lackierten Nägeln einen Gruß zu. »Du Griesgram«, sagte sie zu Signore Paolini. »Zünd mir eine Zigarette an.«,

IV IMASTE DIO

»UHREN HATTEN MEINER ANSICHT NACH ZWEI FUNKTIONEN. ERSTENS, DEN LEUTEN ZU SAGEN, WIE SPÄT ES IST, UND ZWEITENS, MICH MIT DEM GEHEIMNIS ZU DURCHDRINGEN, DASS DIE ZEIT EIN RÄTSEL IST, EIN ZÜGELLOSES, MASSLOSES PHÄNOMEN, DAS SICH DEM VERSTÄNDNIS ENT- ZIEHT UND DEM WIR, MANGELS BESSERER MÖG- LICHKEITEN, DEN SCHEIN DER ORDNUNG GEGE- BEN HABEN. ZEIT IST DAS SYSTEM, DAS DAFÜR SORGEN SOLL, DASS NICHT ALLES GLEICHZEITIG GESCHIEHT.« Cees Nooteboom Ich rief ein Taxi und fuhr in die Via Garibaldi, um den Rest meiner Habseligkeiten zu holen. Der Fahrer war nicht zu bewegen, auf mich zu warten, sondern fuhr los, kaum daß ich ausgestiegen war. Überrascht stellte ich fest, daß der Abfall im Korridor ver- schwunden war. Die überfüllten Briefkästen waren ausgeleert, der Boden war nicht nur gefegt, sondern sogar gewischt. »Stavros! Haben Sie das gemacht? Sie haben eine Flasche Ouzo verdient.« Keine Antwort. Ich ging nach hinten und warf ei- nen Blick in sein kleines Kabuff, das ihm als Wohn-, raum und Schlafzimmer diente. Stavros war nicht da. Er war sicher einkaufen gegangen oder trank irgend- wo einen. Ich ging hinauf und packte den Rest meiner Sa- chen in zwei große Reisetaschen, Kleider, Schuhe, Wäsche in die eine, Computer, Bücher, DVDs, CDs und Chips in die andere. Für meine Küchenutensilien hatte ich mir einen Umzugskarton organisiert, oben- auf die große Porzellanvase, die ich seit vielen Jahren mit mir herumschleppte. Sie war mitternachtsblau glasiert, mit prächtigen weißen Reihern, die von Bambuszweigen beschirmt einherstolzierten – ein Andenken an meinen Vater. Er hatte sie irgendwann einmal von einer Reise mitgebracht; vielleicht hatte ein koreanischer Geschäftspartner sie ihm geschenkt. Ich hielt sie jedenfalls in Ehren. Im Herbst füllte ich sie immer mit langen trockenen Gräsern, im Frühjahr mit Ginster, um den Frühling vor der Zeit anzulok- ken. Als ich alles hinuntergetragen hatte, war Stavros immer noch nicht da. Sollte ich ihm eine Nachricht hinterlassen? Nein, ich wollte mich persönlich von ihm verabschieden, ihm danken und eine Flasche Ouzo überreichen, die Vasilios, ein griechischer Stu- dent, durch Beziehungen für mich besorgt hatte. Die Straße lag verlassen unter dem heißen, dunsti- gen Himmel. Irgendjemand hatte das Blut, die Asche und den Ruß der Toten vom Pflaster gewaschen. Das, Wasser war längst verdunstet. Irgendwo weinte eine Frau. Das Tor zum Kloster stand offen. Es ist sonst immer verschlossen, deshalb trat ich neugierig hin- durch. Es war Schwester Anna, das Gesicht tränen- überströmt. Bei ihr standen zwei Geistliche mit ern- ster Miene, die beruhigend auf sie einredeten. Ein dunkler Wagen parkte im Hot. Sie hatten mich noch nicht bemerkt. Ich wich zu- rück und wandte mich zum Gehen. »Signorita Ligrina!« rief Anna mir nach. »Da sind Sie ja.« Ich blieb stehen, wandte mich um und ging auf sie zu. »Ja, Schwester?« »Sehen Sie sich an, was geschehen ist«, schluchzte sie. »Es ist schrecklich.« Sie nahm mich am Arm und führte mich durch den Eingang in den Klosterkorridor. Der mit blaugrauen und weißen Marmorkacheln geflieste Boden war mit Glassplittern übersät. Die gesamte Fensterfront zum Klostergarten hin war zerstört; die Wand gegenüber von Einschüssen zersiebt. In der Empfangsloge links vom Eingang, neben der hölzernen Telefonzelle, sah ich einen großen schwärzlichen, klebrigen Fleck, auf dem sich Fliegen versammelt hatten. »Hier haben sie Signore Vulgaris erschossen.« »Stavros?« keuchte ich. Mir schnürte es die Brust zusammen. Ich sah mich, erschrocken um. Überall lagen Glassplitter. Irgend- jemand hatte mit Signalorange den Umriß seines Kopfes und Oberkörpers an die Wand gesprüht, auf die Fliesen die Umrisse seiner Beine und seiner Waf- fe. Hier war er gestorben, keine drei Meter von der Kom-Anlage des Klosters entfernt. »Wie, um Him- mels willen, ist das passiert? Wer war das?« fragte ich bestürzt. »Das wissen wir nicht. Wir wurden heute morgen überfallen. Welch gottlose Barbaren! Sie haben Schwester Oecononnca in ihrem Büro umgebracht und das ganze Geld genommen. Schwester Carlotta und die kleine Magdalena haben sie in der Küche niedergeschossen. Sie sind in die Klinik gebracht worden.« Von einem Glasschrank aus Kirschholz, in dem das Jesuskind gestanden hatte – die Figur eines etwa zehnjährigen blonden Jungen in Lebensgröße mit Heiligenschein und einer Schärpe über dem segnend erhobenen Arm – waren nur noch Trümmer übrig. Satinfetzen hingen an den wurmstichigen Latten der zerschmetterten Rückwand. Teile des vergoldeten Strahlenkranzes lagen über den Boden verstreut, die Statue war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Die weiße Schärpe, in die mit goldenen Buchstaben IO SONO L’AMORE gestickt war, lag über einer abge- trennten Hand. »Sie haben den Heiland getötet«, schluchzte die, Schwester. »Er ist für mich gestorben.« Ich sah, daß sie am ganzen Leib zitterte. Es war nicht Angst, es war ein Anfall von religiöser Ekstase. Sie kniete auf die Scherben nieder und bekreuzigte sich. »Er trägt meine Wunden«, erklärte sie schrill und breitete die Arme aus. »Es ist ein Wunder!« Meine Brust wurde mir eng. Ich spürte, wie alles Mitleid in mir erstarb, denn ich konnte solche Gefüh- le nicht teilen. »Schwester, ich … Es war zuviel für Sie. Kommen Sie«, sagte ich. Ich half ihr auf die Füße und stützte sie. Sie taumelte neben mir her. Wir gingen den Kor- ridor entlang. Glas knirschte unter meinen Schuhen. Nüchtern nahm ich die Zerstörungen in Augen- schein. Eine weitere Blutlache mit den Umrissen ei- ner menschlichen Gestalt in Signalorange. Weiter hinten, vor der Tür zum Büro der Oberin, eine dritte. Die Plünderer mußten über eine unglaubliche Feu- erkraft verfügt haben. Die Wände wiesen Hunderte von Einschüssen auf. Ich warf einen Blick in einen der nischenartigen kleinen Räume. Ein großer Glas- sturz, der eine blau-weiß-golden bemalte Madonna mit Kind und ein staubiges Sträußchen Trockenblu- men beherbergt hatte, war ebenfalls zerstört. Das Je- suskind war verschwunden. Der Madonna fehlte der Kopf. Wurmstichige Holzsplitter ragten ihr aus Brust und Hals. Daneben ein uralter ausgeschlachteter, Fernsehapparat; ein frommer Bastler hatte die Bild- röhre durch ein Glasfenster ersetzt, hinter der eine Darstellung der Verkündigung zu sehen war. Er war unversehrt. Wir kehrten in den Eingangsraum zurück. Weit oben an der Wand hing ein Doppelbildnis: zwei von einem vergoldeten Rahmen umgebene Ovale von Jesus und seiner Mutter im Stil der verkitschten Herz-Jesu-Verehrung. Christus zog mit den Händen sein rotes Gewand auseinander und entblößte sein durchbohrtes Herz. Stavros trug seine Wunden nicht vor sich her. Das zerschundene Schlachtfeld des Ägäischen Krieges, das er auf der Brust trug, war von neuem umgepflügt worden. »Was für eine Welt!« schluchzte Anna. »Was für eine Zeit! O Heilige Muttergottes, steh uns bei.« Im Klostergarten plätscherte ein Springbrunnen. Vögel zwitscherten. Die Klematis nickte in der leich- ten Zugluft, die durch die zerschossenen Fenster strich. Die von den Schwestern so liebevoll gepfleg- ten Rosenbüsche standen in voller Blüte und ver- strömten ihren Duft. Wie viele Nachmittage hatte ich auf dieser Insel der Stille inmitten der Stadt ver- bracht, an einem der Steintische gesessen und gele- sen? Zerstört. Man würde das Kloster schließen. Es waren vier Männer gewesen. Stavros mußte, den Überfall bemerkt haben und war zu Hilfe geeilt. Drei von ihnen hatte er gestellt und erschossen. Der vierte mußte sich im Klostergarten versteckt gehabt haben und hatte ihm aufgelauert, als er sich zum Te- lefon durchzukämpfen versuchte, um Hilfe herbeizu- rufen. Wie oft hatte ich ihm gesagt, er solle sich ein IKom anstecken. Er hätte einen automatischen Not- ruf anordnen und in Deckung bleiben können. So hatte der vierte ihn durchs Fenster abgeknallt und war entkommen. Es waren keine Moros gewesen, sondern ganz si- cher Spezialisten vom Balkan, die im Auftrag von Galerien und Privatsammlern in Fernost und Übersee in Rom Sakralkunst raubten, speziell Meßgeschirr, Altargemälde, Statuen und Inkunabeln. Was sie sich von dem Überfall auf dieses ärmliche kleine Kloster versprochen hatten, das seit zweihundert Jahren Rompilger beherbergte und beköstigte, war ein Rät- sel. Billiges Altargeschirr aus Zinkblech, Statuen aus Holz und Gips, liebevoll bemalt, aber ohne jeden künstlerischen Wert. »Rom stirbt«, sagte ich heiser zu den beiden Geist- lichen, die auf dem Parkplatz im Klosterhof standen und auf Anna warteten. Sie blickten mich verständ- nislos und ein wenig tadelnd an. Dann forderten sie Anna auf, ihre persönlichen Sachen zusammenzu- packen. Man würde sie vorübergehend in einem an- deren Haus unterbringen, bis entschieden sei, was zu, geschehen habe. Anna und ich legten zum Abschied die Wangen aneinander. Endlich konnte auch ich weinen. * Ich durchstreifte das große Haus und läutete an jeder Wohnungstür. Niemand öffnete. Ein paar Wohnun- gen waren unverschlossen; sie standen leer. Ratten waren eingezogen; sie hatten Kartons und Plastiktü- ten zernagt, um Nester zu bauen. Überall schlug mir der scharfe Geruch ihrer Ausscheidungen entgegen. Auf den fleckigen Teppichböden lagen vertrocknete Kötel. In den Bädern raschelten Kakerlaken. Ich öff- nete das Fenster im Treppenhaus. Der Hinterhof war mit Dutzenden von glänzenden schwarzen Plastik- Müllsäcken bedeckt, die das Zeichen AMNU der Stadtverwaltung trugen und wohl nie mehr abgeholt würden. Viele der Säcke waren angenagt; ihr Inhalt war in Fäulnis und Verwesung übergegangen. Da- zwischen buckelten Ratten. Es stank entsetzlich. Dicke Fliegen summten herum wie Querschläger und knallten gegen die Scheibe. Ich hielt die Luft an und schloß eilig das Fenster, aber das ganze Haus hatte den Brodem längst eingeatmet. Er schien in die Wände gekrochen zu sein und an den Tapeten zu haf- ten wie eine klebrige Aushauchung. Es schüttelte mich., Ich ging hinunter in Stavros’ Wohnung und steck- te die CDs mit den patriotischen Gesängen seines Lieblingskomponisten ein. Mir lag daran, auf diese Weise sein Andenken in Ehren zu halten. Als ich auf die Straße trat, waren drei Halbwüch- sige dabei, mit einem AeroBlaster auf meine Vase zu schießen, die sie aus dem Hausgang geholt und auf die Eingangstreppe gestellt hatten. »Was soll das denn?« schrie ich sie an. »Wollen Sie sie kaufen, Signora?« fragte der An- führer grinsend, ein Bürschchen von vielleicht vier- zehn. Die Schneidezähne standen ihm wie Spatenblätter im Oberkiefer seines schmalen, pickligen Gesichts. Seine linke Faust war mit einem blauen Skorpion tätowiert. Er reckte ihn mir entgegen, als wollte er mich mit dieser Geste in den Bann schlagen. »Sie gehört mir«, herrschte ich ihn an. Die Jungs lachten. »Fünfhundert Euro«, forderte der Anführer unge- rührt und pumpte seine Waffe. Ich bezähmte meine Wut und beschloß, das Spiel- chen mitzumachen. »Okay«, sagte ich. »Ich gebe euch fünfzig Euro. Ihr kauft euch ein Eis und laßt meine Vase in Ruhe. Einverstanden?« »Fünfhundert.« »Fünfzig.«, Die Vase zerbarst. Bambuszweige stürzten aus dem mitternachtsblauen Himmel und begruben die stolzierenden Reiher. Ich schrie auf vor Wut und Schmerz, eilte hin und packte den Hals der Vase, der unversehrt geblieben war. »Tausend«, sagte der Junge, pumpte seine Waffe erneut und richtete sie auf mich. Plötzlich bekam ich Angst. Jetzt schießt er, dachte ich. Die winzigen Shu- riken aus Hartplastik, von Luftdruck geschleudert, vermochten zwar nicht tief in die Haut einzudringen, aber sie verursachten selbst durch die Kleidung schmerzhafte Prellungen. Und wenn sie das Auge traten … Mit einem Aufheulen schleuderte ich ihm den Hals der Vase ins Gesicht – mit der absoluten Ge- wißheit, im selben Moment zu spüren, wie das schar- fe Plastikgranulat mir die Haut von den Wangen fetz- te. Nichts geschah. Ich öffnete die Augen. Der Junge leckte sich das Blut aus dem Mundwinkel, wo ihn die Scherbe getroffen hatte. Er hatte die Waffe gesenkt. Die beiden anderen Burschen waren ein paar Schritte zurückgewichen. Stille. »Wirst einen tapferen Hobbit abgeben!« rief ich höhnisch. Er grinste mich an und reckte mir die Faust mit dem Skorpion entgegen. »Ich bin Praetorianer«, erklärte er, zu stolz, um sich das Blut vom Kinn zu wischen, machte kehrt, und ging davon. Seine Kumpane schlossen sich ihm an. Leibstandarte. Führergehabe. O Gott! Immer wie- der die gleichen dummen Männerspiele. Weinend saß ich über den Scherben meiner Vase auf der Treppe zu einem leeren Haus. »Ruf mir ein Taxi«, sagte ich schluchzend zu Luigi. »Bitte wiederholen«, erwiderte er. Er konnte meine verheulte Stimme nicht identifi- zieren. Ich räusperte mich und versuchte, normal zu sprechen. »Ruf mir ein Taxi, Luigi« »Ja, Domenica.« Erst der dritte Taxifahrer erklärte sich bereit, ins Trastevere zu kommen. Am Abend betrank ich mich mit Stavros’ Ouzo und spielte Stavros’ CDs mit voller Lautstärke. Die Gesänge von Theodorakis. Weshalb hatten wir Italie- ner in fünfhundert Jahren nicht einen solchen Kom- ponisten hervorgebracht? »Rom stirbt!« schrie ich trunken aus dem Fenster. Es war nach Mitternacht. Niemand hörte mich. Niemand antwortete. Eine Glocke läutete irgendwo, dumpf und eingehüllt, wie vom Meeresgrund herauf, von einem gesunkenen Schiff. Im Süden war der Dunst von tiefroten Blitzen erhellt. Ein Wetterleuch- ten? Ein Hitzegewitter? Oder war es Mündungsfeu- er? Hatte die Beschießung Roms begonnen? Stand die Erstürmung der Stadt unmittelbar bevor?,

V HEXENBRAND

»WARUM ERINNERN WIR UNS AN DIE VERGAN- GENHEIT, ABER NICHT AN DIE ZUKUNIT?« Stephen Hawking Kardinal Nicolaus Cusanus zählte die Lederbehälter, die an den Tragsätteln der Packtiere befestigt waren. Er hatte in Brüssel modernstes astronomisches Gerät und in Löwen einige wissenschaftliche Handschrif- ten erwerben können und sie für die Reise sorgfältig verpacken lassen. Beruhigt stellte er fest, daß noch alle vorhanden waren. Der Morgen graute. »Steht auf!« rief der Hauptmann der Stadtwache. Drei dunkel gekleidete Gestalten, die neben der Landestelle gekauert hatten, erhoben sich. Ihre Klei- der waren schmutzig, die Schläfenlocken kräuselten sich unter den Hüten hervor und hingen ihnen bis auf die Brust. Man hatte die drei Männer mit dünnen Ketten aneinandergefesselt, den älteren zwischen zwei jüngere. Sie trugen elendes Schuhwerk; einem lugten die Zehen unter der Kappe hervor. Zwei Klocken von der Stadtwache schoben sie mit ihren Piken vor sich her. Die drei Gefangenen musterten die Waffen schweigend und teilnahmslos. Sie zitter- ten in der morgendlichen Kälte., »Sie wissen seit mehr als zwanzig Jahren, daß sie sich nachts nicht in der Stadt aufhalten dürfen«, er- klärte der Hauptmann niemand Bestimmtem, als müsse er sich ob seiner Amtshandlung entschuldi- gen, »aber sie versuchen es immer wieder.« Als kei- ner ihn beachtete, blaffte er: »Los! Oder muß ich euch Beine machen?« »Du führst hier nicht das große Wort!« rief der Fährherr. »Die Fähre ist von Deutz. Wir Fährherren unterstehen nicht dem Rat der Stadt Köln, sondern dem Erzbischof. Merk dir das. Nimm den Männern die Ketten ab!« In dem Moment kroch zwischen den Holzbohlen eine Ratte hervor, ein enorm großes Tier von unge- wöhnlicher Farbe, eher grauweiß und rötlich ge- scheckt als graubraun. Schnüffelnd trippelte sie an den Rand des Stegs. Einer der Klocken stieß mit der Pike nach ihr – eher spielerisch, nicht um sie aufzu- spießen, sondern um sie zu verjagen. Wie der Blitz war die Ratte auf die Waffe gesprungen, hatte im Nu die Stange erklommen und fauchte eine Handbreit vom Gesicht des Klocken entfernt: »Wag’s nicht!« Der Mann fuhr erschrocken zurück und warf den Spieß von sich. »Der Teufel!« schrie er, bleich vor Entsetzen, tat einen stolpernden Schritt zurück und plumpste auf den Hintern. »Der Teufel!« Die Pike polterte zu Boden, und die Ratte verschwand zwi- schen den Bohlen über dem Wasser., Der Kardinal drehte sich verwundert um. »Der Teufel?« fragte er neugierig und musterte den Mann, der auf dem Boden saß und mit schreckgeweiteten Augen um sich starrte. »Entschuldigt, Eminenz«, sagte der Hauptmann und bedeutete dem Klocken mit einer schroffen Kopfbewegung, sich endlich aus seiner unwürdigen Haltung aufzurappeln, dann machte er sich daran, den Gefangenen die Ketten aufzuschließen und sie ihnen abzunehmen. Er warf sie sich mürrisch über die Schulter. Dann wandte er sich ab und spuckte in den Fluß. Nicolaus musterte die Gefangenen, die den Vorfall mit der Ratte gar nicht bemerkt zu haben schienen. Sie machten einen apathischen Eindruck, während die Klocken sie mit ihren Piken auf die Fähre scho- ben. Er hatte die Vertreibung der Juden aus der Stadt gutgeheißen, aber die Maßnahme hatte nicht die Lö- sung gebracht, die man allgemein erhofft hatte. Der Streit zwischen dem Rat und dem Erzbistum schwel- te weiter, und hussitisch beeinflußte Prediger heizten die gereizte Stimmung zwischen den Konfessionen und religiösen Strömungen immer wieder an. Das Wort Roms galt vielen nichts mehr. Niemand schien noch gehorchen zu wollen. Die Welt war in Auflö- sung begriffen. Der Kardinal nickte seinem Reitknecht zu, die Pferde auf die Fähre zu führen. Die Hufe polterten, über die Bohlen, und der Mann band die vier Tiere nebeneinander am Geländer fest. Sie waren unruhig und beäugten ängstlich das dahinschäumende dunkle Wasser des Flusses. Der Fährherr rief ein Komman- do, und das plumpe, schwere Gefährt legte ab. Die Ruderknechte schoben es mit ihren langen Rudern weg von der schwankenden hölzernen Anlegestelle. Es begann sich zu drehen. Der Fluß führte bereits Hochwasser, obwohl erst Mitte März war. Im Schwarzwald und in den Vogesen hatte vermutlich Tauwetter eingesetzt. »Rudert!« rief der Fährherr seinen Knechten zu. »Oder wollt ihr in Düsseldorf anlegen, statt in Deutz? Rudert!« Der Kardinal wandte sich seinem jungen Begleiter zu, der auf dem dichten schulterlangen Haar ein blaues Barett trug, an das er sich, zum Zeichen seines Berufs, keck drei Schreibfedern gesteckt hatte. »Nun?« fragte Nicolaus, um das schon länger unter- brochene Gespräch fortzusetzen. »Was tat sich sonst noch alles?« »Mit Verlaub, Eminenz, was sollte sich in Köln schon viel ereignen?« fragte Geistleben, löste sein Felleisen von den Schultern und ließ es neben sich auf den Boden fallen. »Eine Handvoll römische Mönchlein ist angekommen, die aus Konstantinopel geflohen sind, weil der Türke vor die Tore rückt. Sie lamentieren und faseln vom Weltuntergang und, schnorren und betteln um Pfründe. Ja, und an Maria Lichtmeß hat man auf dem Alten Markt ein Hexlein verbrannt. Aber davon hat man Euch sicherlich be- richtet.« »Mit keinem Wort«, entgegnete Nicolaus und schüttelte unmutig den Kopf. »Greift sie auch hier um sich, diese scheußliche Narretei, Frauen zu quä- len und zu Tode zu bringen?« »Ja, gewiß. Es wird allenthalben schlimmer. Die Menschen haben Angst vor den Ausgeburten des An- tichrists, die an den Gliedern der Kirche nagen und sich tiefer und immer tiefer in ihr Herz fressen.« »Was sind das für Reden, Geistleben? Nicht der Antichrist nagt, es nagt die Raffgier, es nagt die Ei- telkeit, es nagt die Wollust im Fleisch unserer Brüder und Schwestern.« »Nun, in der Tat, das ist Euer Geschäft, hoher Herr. Davon versteht Ihr wohl mehr …« »Wohl wahr.« »Aber der Osten wird fallen, Eminenz. Das halbe Reich …« »Wär’s anders zu erwarten? Ich sah’s mit eignen Augen, Geistleben. Katakomben voller Schriften, angehäuft in Jahrhunderten, mit dem Wissen von Jahrtausenden aus aller Welt. Doch keiner liest’s, kann’s auch nur ordnen! Darüber das Rattengewim- mel von Ränkeschmieden und hohlköpfigen Gelehr- ten. Jeder nagt an jedem. Oftmals am eigenen, Fleisch. Je nun, was Wunder, wenn die Feinde lau- ern? So ist’s doch überall. Auch hier in unseren Lan- den. Es war oft schmerzlich, was ich sah auf meiner Reise nach Flandern und in die Niederlande. Es er- füllt mich mit Bitternis und Groll. Was allerdings den Erzbischof betrifft – wir sprachen uns täglich während des Konsiliums, doch er erwähnte mit kei- nem Wort, daß er einen Hexenprozeß hat führen las- sen.« »Nun, Eminenz, er schien sich anfangs keineswegs sicher gewesen zu sein. Schon einmal lag er im Zwist mit dem Papst, der Alte von Moers. Nach fast vierzig Jahren im Amt einfach exkommuniziert.« »Das war Papst Eugen. Er nahm’s ihm übel, weil er auf dem Konzil gegen ihn gestimmt hatte.« »Doch war’s eine tiefe Erschütterung für ihn auf seine alten Jahre.« »Papst Nicolaus hat ihm sein Amt wiedergegeben. Ihm wird nichts mangeln.« »Gewißlich nicht.« »Als ich zu Weihnachten und auf Neujahr hier weilte, hörte ich gerüchteweise von einer Frau, bei der man eine wunderliche Sammlung von Kräutern gefunden habe. War’s die nämliche?« »Das war sie.« »Und der Prozeß? Weshalb das harte Urteil?« »Was den Prozeß betrifft, Herr, die Dinge entglit- ten ihm. Es gab wieder Streit mit dem Rat der Stadt, über die Gerichtsbarkeit. Die Gemüter erhitzten sich. Er wollte Weisung und Beistand erbitten an höchster Stelle. Eine Kommission sollte kommen aus Rom, den Fall zu prüfen, ob tatsächlich Teufelswerk im Spiel …« »Weshalb hat man die Frau nicht Urfehde schwö- ren lassen und aus der Stadt verbannt, wie üblich? Weshalb mußte man sie zu Tode bringen?« »Es wurden Hetzreden geführt. Ein junger Geistli- cher war sehr rührig, ein Eiferer aus dem Schwäbi- schen, Bartolomäus von Dillingen ist sein Name – er ist Predikant an Sankt Maria im Kapitol. Die Leute nennen ihn den ›Hexenbartel‹. Mit Verlaub, Emi- nenz, ein übler Schnüffler. Er hat sie wochenlang auf Schritt und Tritt beobachtet. Nach seinen Predigten zog jedesmal eine erregte Menschenmenge zum Al- ten Markt und forderte kurzen Prozeß. Sie wurde schließlich dem Greven übergeben, denn der Erzbi- schof bestand auf der Hauptgerichtsbarkeit, wie es das Gesetz will. Ein Knecht, der ihr im Sommer an der Mosel begegnet war, sagte aus, sie habe ihn, oh- ne ihn zu berühren, mit Hilfe von Teufelskraft mit solcher Macht zu Boden geworfen, daß er am ganzen Körper grün und blau gewesen sei und wochenlang Schmerzen in der Brust gespürt habe. Er habe ein Lachen gehört, das wie das Meckern eines Bocks geklungen habe, und deutlich sei der Gestank von Schwefel zu riechen gewesen. Eine Bürgerin, bei der, sie wohnte, sagte aus, sie habe ihr erzählt, daß man in einer Stunde von Köln nach Rom fliegen könne. Und als man sie der hochnotpeinlichen Befragung unterzog, redete sie sich um Kopf und Kragen. Sie gestand, selbst schon durch die Luft geflogen zu sein. Den Ausschlag gaben freilich die Kräuter.« »Wie das?« »Sie hatte den ganzen Sommer über eine Samm- lung von Sämereien zusammengetragen – Körner von Getreide und Obst, Blüten von allen möglichen Blumen und Pflanzen. Zu Heilzwecken, wie sie be- hauptete. Diese Sämereien waren in Leinensäckchen säuberlich sortiert und mit lateinischen Wörtern be- zeichnet und beschriftet. Aber diese Wörter waren unverständlich. Eine Art geheimes Ordnungsprinzip, Eminenz, das … nun ja, mir schien es so, auf merk- würdige Weise sinnvoll war, von dem aber noch nie jemand gehört hatte, wie die beigezogenen Professo- ren der Medizin von der Universität bestätigten. Diese Ordnung deutete auf häretisches, arkanes Wissen hm und konnte unmöglich göttlichen Ursprungs sein …« »Also teuflischen …« »Zu diesem Schluß kam die Kommission der Pro- fessoren. Die junge Frau war nicht zu retten. Es er- gab sich eins ums andere. Es geschah alles sehr schnell. Und die Bürger waren’s zufrieden, als das Urteil erging und spornstreichs vollstreckt wurde. Und der Erzbischof wusch seine Hände in Unschuld, wie weiland Pontius Pilatus.« »Man machte also wahrlich kurzen Prozeß.« »Nun, es war freilich ihr selbst zuzuschreiben. Sie log das Blaue vom Himmel herab. Verstieg sich gar zu der Behauptung, der Heilige Vater selbst habe sie ausgeschickt, um Körnchen und Blümchen einzu- sammeln.« »Der Heilige Vater?« »Ja, um die Schöpfung zu retten, versicherte sie.« Der Kardinal schüttelte den Kopf. »Sie war gewiß verwirrt. Ein bedauernswertes Ge- schöpf. Man hätte die Frau nicht auf diese Weise be- handeln dürfen. So etwas ist schändlich.« »Du meiner Seel, so seh ich’s freilich auch. Zumal sie mehr Bildung hatte, als sie dem Teufel zuzumu- ten ist, und – ganz mit Verlaub – dem Erzbischof erst recht.« »Wie das? War sie Nonne? Von welchem Orden?« »Das glaub ich nicht. Ich weiß nicht recht; so hätte keine geredet, die das Gelübde der Demut abgelegt hat. Und ihr Latein, o weh …« »Von Adel dann?« »Niemals!« »Ein schlichtes Weib? Ihr macht mich neugierig.« »Ihr werdet Euch noch mehr verwundern, Emi- nenz, wenn ich Euch sage, daß sie Euch Briefe schrieb. Aus denen geht hervor, daß sie Euch recht gut zu kennen schien.«, »Wie, sie kannte mich? War sie von hier? Von Koblenz? Von der Mosel?« »Nein, gewißlich nicht. Kein Mensch weiß so recht, woher sie stammte. Einige behaupteten, sie sei aus Amsterdam gekommen. Andere wiederum, sie sei von Schweden, sei dort die Gehilfin eines Hof- medicus gewesen. Der Augenschein, die Rede deute- ten eher auf eine Römerin, vielleicht Florenz, Siena … wer weiß? Doch keineswegs vom Lande. Beileibe nicht. Sie war gebildet. Wußte Dinge, von denen selbst ich noch nie gehört. Zuweilen dünkte es mich, als wäre sie …« »Nun?« »… aus einer anderen Welt gekommen.« »Ihr meint, von fernen Ländern?« »Sehr fernen Ländern, Eminenz. Von denen wir noch nichts wissen.« »Eine Sibylle vielleicht, aus dem Orient?« Der Scholar wägte unschlüssig den Kopf. »Diese Seherinnen sprechen dunkel. Sie eher mit dem Lichte der Gewißheit. Mich dünkte mehr – wie soll ich’s sagen –, als sei die Dunkelheit, mit Ver- laub, eher in unseren Köpfen denn in ihren Worten, wenn Ihr versteht, was ich meine, Euer Eminenz.« Der Kardinal senkte nachdenklich den Blick. »Woher mag sie mich gekannt haben? Ist sie mir je begegnet? Hat sie mit mir gesprochen? In Rom vielleicht? Doch ich erinnere mich nicht, ein Weibs-, bild solcher Art je …« »Den Anschein hat es nicht. Ich glaub, sie kannte Euch nicht von Angesicht. Es ist vielmehr – wie soll ich sagen –, als hätte sie Eure Schriften gekannt und Euch als hochberühmten Mann.« »Ihr sprecht in Rätseln, Geistleben. Wie soll sie meine Schriften gekannt haben? Und ich ein hochbe- rühmter Mann? Das bin ich nicht, weiß Gott. Sie muß wahrhaftig wirr im Kopf gewesen sein.« »Ein Wunder wär’s nicht gewesen. Hatte sie doch Monate im Kerker verbracht. Die Eiseskälte hatte ihr zugesetzt. Sie war krank und verzweifelt. Ohne Freunde und Bekannte. Am Schluß muß ihr der Tod wie eine Erlösung erschienen sein.« »Welch eine Barbarei, die Frau bei lebendigem Leibe zu verbrennen! Ich hätt’s dem Alten von Moers nicht zugetraut. Saß lammfromm an meiner Seite während der Synode. Als hätte er nie ein Wäs- serchen getrübt. Sieh da, der alte Dietrich! Vielleicht hat er deshalb mit keinem Wort auch nur erwähnt, daß er … Hat sie sich Euch persönlich offenbart?« »Nein. Ich sah sie nur flüchtig das eine oder ande- re Mal, als man zum Verhör sie brachte. Ich las die Protokolle.« »Man hat Euch Einblick gewährt?« »Nun … als Schreiber in der Kanzlei des Erzbi- schofs konnte ich nicht umhin, Kenntnis davon zu nehmen. Hab fast ein Jahr lang bei ihm gearbeitet., Bin fix im Schreiben und weithin fehlerlos, müßt Ihr wissen. Doch nun treibt mich die Langeweile wei- ter.« »Die Briefe an mich …?« »Sind bei den Akten. Man wird sie Euch – so nehm ich an – irgendwann zustellen, weil der Fall beschlossen ist. Aber damit Ihr nicht zu lange harren müsst, hab ich mir erlaubt, den einen oder anderen Briet, der mir vor Augen kam, für Euch zu kopieren, Eminenz.« »Habt also Akten kopiert, die unter Verschluß sind und – wie ich denke – geheim …?« »Nun, so geheim wohl nicht. Weit eher unver- ständlich, rätselhaft – doch äußerste Aufmerksamkeit erweckend.« »Ihr tragt die Kopien bei Euch?« »Ja freilich. Ich holte sie aus dem Versteck, als die Synodalen aufbrachen und auch Eure Abreise bevor- stand. Ich eilte Euch nach, um auf der Fähre zu sein, mit der Ihr übersetzt.« »Und gedenkt die Kopien mir jetzt zu verkaufen, nehm ich an, nachdem Ihr meine Neugier gebührend angestachelt habt.« »Nicht doch, Eminenz! Ihr steht im Ruf, ein kun- diger Kaufmann zu sein, besonders was seltene Stük- ke anbetrifft.« »Kopien obskurer Briefe eines angeblichen Hex- leins, das, wirr im Kopf, sich anheischig machte,, mich zu kennen. Fürwahr, Geistleben, ein seltenes Stück. Das muß ich Euch lassen.« »Ich sah’s voraus: Es gäbe keine Möglichkeit, mit Euch zu feilschen, Eminenz. Ich schenk sie Euch. Ihr seid landauf, landab als großzügiger Mann bekannt. Eure Großherzigkeit ist sprichwörtlich.« »Nun, nun! Spottet nicht. Ich weiß, was die Leute reden über mich …« »Nichts liegt mir ferner! Ihr werdet’s einem armen Schreiberlein und reisenden Scholaren gewiß vergel- ten, hoher Herr.« »Wie wär’s, Geistleben? Ich sah Euch fleißig bei der Arbeit während der Synode. Ich kann immer ei- nen Schreiber brauchen, der fix ist mit der Feder und von aufgewecktem Geist wie Ihr. Gut im Kopieren von Schriften aller Art und Zunge …« »Habt tausend Dank, Eminenz, für Euer Vertrauen und Euer großherziges Angebot, aber mich treibt’s hinweg. Möcht endlich weiterziehen. Erst Straßburg, dann Paris, um dortselbst die Lullische Kunst zu stu- dieren, von der ich hörte.« »Ihr meint die Kunst dieses Mallorkiners, mit ei- nem kleinen Mechanismus – ritsche, ratsche – Wis- sen zu erschaffen, ohne den Geist zu bemühen und – aus eins mach zwei mach drei – die Weisheit der Schöpfung Gottes zu errechnen?« »Mit Verlaub, Eminenz, das könnt aber, wie mich dünkt, die wahre Zukunft allen Philosophierens sein:, das Zählen, Messen, Wägen, Rechnen. Nicht Irrwe- ge, Besserwisserei und Dispute über Autoritäten von einst und jetzt. Das Computieren! Das Hexlein schreibt’s an einer Stelle: Man wird’s Euch einst als Verdienst zuschreiben, dies insonderheit befördert zu haben.« »Ich selbst? Das ist so kühn wie unglaubhaft, Geistleben. Zwar habe ich, lang ist es her, ich glaube, es war anno ‘26, als ich noch Sekretär von Giordano Orsini gewesen bin, mich mit dem Werk des Rai- mundus befaßt. Ich fand es beim Stöbern hier in Köln unter vielen anderen Schriften. Der Kardinal wies mich darauf hin, daß es hier eine umfangreiche, noch fast gänzlich unerforschte Bibliothek gäbe. Er hatte eine Nase für solche Dinge.« »Auch ich hab’s hier entdeckt. Es hat mich neu- gierig gemacht.« »Ich fertigte mir damals Exzerpte an, doch fand ich die Muße nie, mich ernsthaft mit dieser Ars Ma- gna zu befassen, wie ihr Schöpfer sie so eitel nannte. Nur habe ich Vorbehalte, das Philosophieren den Mechanikern und Uhrmachern zu überlassen. Wie- wohl … Nun, in der Tat, ich schrieb in Val de Castro bei den Camaldulensern nach einem Disput mit Tos- canelli ein paar Gedanken übers Wägen nieder, die … Werd ich’s dereinst vertiefen, wenn’s die Zeit er- laubte … Doch nein, wie sollte dieses Weib …?« »Weiß einer, was die Zukunft bringen wird, Emi-, nenz? Außer Gott vielleicht der Teufel … und ein Hexlein dann und wann?« »Macht fest!« rief der Fährmann den Ruderknech- ten zu. Am Ufer waren zwei junge Männer herbeigeeilt und fingen die Seile auf, die ihnen zugeworfen wur- den. Man schirrte Pferde an, ein Dutzend oder mehr, um das schwere Gefährt stromaufwärts zur oberen Anlegestelle zu treideln, denn die Abdrift betrug ge- wiß dreitausend Fuß. Der Atem der Tiere dampfte in der morgendlichen kühlen Luft. Judenkinder standen oben an der Böschung im nassen Gras. In Lumpen gehüllt – barfuß. Sie folgten den Pferden in gebüh- rendem Abstand, denn die Treidelknechte schwangen ihre Peitschen weit. Eine bläßliche Sonne stieg zwi- schen Wolkenbänken auf und verwandelte Tiere und Menschen in goldumsponnene Silhouetten. »Ich hoffe, bis zum Sommer wieder in Rom zu sein, Geistleben«, sagte der Kardinal. »Wenn Eure Reiselust Euch dahin führen sollte, seid Ihr ein gern- gesehener Gast.« »Ihr seid zu gütig, Eminenz. Euer Angebot ehrt mich.« »Ihr müßt mir dann berichten von der Lullischen Kunst, wenn man sie Euch in Paris gelehrt hat.« »Es wird mir ein Vergnügen sein, Eminenz.« Der Pferdeknecht führte die Tiere an den Zügeln die Anlegestelle hinauf, hielt den Steigbügel und half, dem Cusaner beim Aufsitzen. Der Kardinal hob die festgeschnürte Rolle mit den Briefen. »Habt Dank!« rief er dem Scholaren zu, der sein Felleisen geschultert hatte. »Gott segne Euch.« »Lebt wohl, Eminenz.« »Wir brechen auf«, befahl der Kardinal und ergriff die Zügel. »Ich will zur Sext in Heisterbach sein bei den Zisterziensern und zur Vesper in Andernach. Der Tag ist kurz, und ich hasse es, im Dunkeln zu rei- sen.« Der Pferdeknecht nickte, schwang sich in den Sat- tel und machte die Zügel der Packpferde fest. Dann ritten sie los. Die Stimmen der Kinder, hell in der kühlen Morgenluft, blieben hinter ihnen zurück. Ein Paar Gänse flog dicht überm Uferschilf den Fluß ent- lang. Ihr schwerer rhythmischer Flügelschlag klang wie das lustvolle Stöhnen zweier Liebender. Der Pferdeknecht wandte das Gesicht ab und grinste.,

VI IN VINCOLI

»DIESES SPIEL, SAGE ICH, DEUTET HIN AUF DIE BEWEGUNG UNSERER SEELE VON IHREM REICH DES LEBENS; IN DEM IST RUHE UND EWIGE SE- LIGKEIT. IN SEINEM MITTELPUNKT THRONT UN- SER KÖNIG UND LEBENSSPENDER CHRISTUS JE- SUS. ALS ER UNS ÄHNLICH WAR, BEWEGTE ER DEN GLOBUS SEINER PERSON SO, DASS ER IN DER MITTE DES LEBENS ZUR RUHE KOMMT. DAMIT HAT ER UNS DAS VORBILD HINTERLASSEN, SO ZU TUN, WIE ER GETAN HAT, UND UNSER GLOBUS SEINEM FOLGE, OBWOHL ES UNMÖGLICH IST, DASS EIN ANDERER GLOBUS IN DEMSELBEN MIT- TELPUNKT DES LEBENS, WO DER GLOBUS CHRI- STI RUHT, DIE RUHE ERLANGT. INNERHALB DES KREISES SIND NÄMLICH UNENDLICH VIELE RÄU- ME UND WOHNUNGEN.« Nicolaus Cusanus Die Vorlesung war ausgefallen. Ich hatte eine Stunde Zeit und schlenderte über den Platz vor San Pietro in Vincoli. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass diese alte Kirche eher wie eine Markthalle aussah, deren Gitter an verkaufsfreien Tagen teilweise ge- schlossen sind. Mit Mühe nur war im Schatten des Vorbaus das Portal zu erkennen. Ich ging um die, nördliche Seite der Kirche herum; von hinten sah das Bauwerk noch abenteuerlicher aus: Ein architektoni- sches Durcheinander von Um- und Anbauten, daß man kaum die Apsis ausmachen konnte. Eine alte gerundete Ziegelmauer ragte bis auf halbe Höhe des Hauptgebäudes auf und war von einer Dachschräge gekrönt. Ein erblindetes, notdürftig geflicktes Fenster war darüber angebracht. Es hätte sich genausogut um einen Treppenturm oder das Silo eines alten Maga- zins handeln können. Der ganze Komplex schien sich im Laufe vieler Jahrhunderte mit einer Panzerung umgeben zu haben wie ein mutiertes Krustentier, in deren Rillen und Löchern Regenrinnen und Wasser- leitungen aus Blei, Abflußrohre aus Plastik sowie ein wirres Geflecht aus Stromkabeln, Blitzableitern und Antennendrähten eingewachsen waren wie vergesse- ne Drainagen und Meßfühler am Leichnam eines vergeblich Operierten. Abgestorbene Kletterpflanzen hingen herab wie verrottetes Verbandszeug. Ich ging zurück und bog um die Ecke in die Via Eudossiana, wo im Sommer immer ein fahrbarer Ki- osk Eis und Getränke an Studenten und Touristen feilbot. Er stand auch an diesem Tag an seinem Platz, doch die Geschäfte gingen schlecht. Die meisten In- stitute der Universität nebenan waren aufgelöst wor- den. Die Touristen blieben aus. Nur selten verirrte sich ein Grüppchen Chinesen oder Japaner hierher, um den gehörnten Moses zu bewundern., Hier hatte ich im Jahr zuvor Bernd kennengelernt. »Dart ich dich zu einem Eis einladen?« hatte er mich gefragt. Ich hatte ihn lächelnd angeschaut, denn er wirkte schrecklich schüchtern. Er war Anfang Zwanzig und sah gut aus mit seinen langen blonden Haaren. Es war ihm offensichtlich schwergefallen, mich anzusprechen. Als ich ihn prüfend musterte, wurde er doch tatsächlich rot. »Also wenn schon, dann lieber eine Limonade«, sagte ich. Wir waren eine Stunde lang in den Tenne di Traiano spazierengegangen. Dort sah es damals schon schlimm aus. Das Gras war zu einem gelb- braunen Filz verdorrt, die Sträucher waren kahl. Nur die Bäume fanden noch etwas Wasser in der Tiefe, hatten aber einen Großteil ihrer Blätter abgeworfen, um die Verdunstungsfläche zu verringern. Selbst die Pinien hatten einen ungewöhnlich dicken Nadeltep- pich gestreut. Grüne Eidechsen huschten über den Weg; ihre bizarr gezähnte Körperzeichnung hätte von einem japanischen Lackkünstler entworfen sein können. Das war vor einem Jahr gewesen. Nun wurde der Park von Wanderdünen heimgesucht, und nach Ein- bruch der Dämmerung war es gefährlich, ihn zu be- treten, weil die Praetorianer dort ihre Rudel von halbintelligenten, genmodifizierten Hunden trainier- ten. Bernd studierte Ökotechnik und absolvierte seine, Kurse in Botanik in unserem Institut. Erwies mich auf das Rinascita-Projekt hin, und viele von uns Bo- tanikern hofften, dort einen Job zu bekommen. Wir sahen darin eine einmalige Chance, denn wozu wur- den noch Botaniker gebraucht, wenn die Pflanzen starben? * Das auf der Südseite der Piazza San Pietro hinter ho- hen Mauern gelegene Kloster der Piccole Sorelle del Poveri nannten wir die »Voliere«, denn es war be- wohnt von weißen Vögelchen. Der Orden war eine französische Gründung, und die meisten der kleinen Schwestern kamen immer noch aus Frankreich. Sie waren merkwürdigerweise alle zierlich und klein- wüchsig, als wären sie speziell für dieses Kloster ge- züchtet worden, und sie traten immer in kleinen zwitschernden Gruppen auf. Nie sah man eine allein. Morgens schwärmten sie aus zu ihren Verrichtungen in der Stadt. Wahrscheinlich waren die meisten von ihnen als Sprachlehrerinnen tätig. Am späten Nach- mittag kehrten sie zurück und verschwanden in der Voliere hinter den hohen Mauern. Abends war das Tor zum Kloster fest verschlossen und mit einer dik- ken Kette gesichert. Als ich am 30. Juni nachmittags zum Institut fuhr – es war der letzte Tag des Semesters –, schien ganz, Rom endgültig in Verwesung übergegangen zu sein. Ein ekelerregender süßlicher Leichengeruch stieg aus der Kanalisation auf, als hätten sich durch eine seis- mische Verschiebung uralte, nie entdeckte Katakom- ben geöffnet; und aus den aufgesperrten Mäulern der Kellerfenster drang der Gestank von Moder und Fäulnis. Die Luft fühlte sich talgig an – schmeckte ranzig, als hätte sie einen schmierigen, schweißigen Aggregatzustand angenommen. Der Himmel verdü- sterte sich bleiern. Ich fuhr über die Piazza an der Voliere vorbei zum Parkplatz, sicherte mein Lectric und wollte zum In- stitut gehen, als mir Gina entgegenkam und sagte: »Wir sind alle in der Kirche.« Sie warf einen beun- ruhigten Blick zum Himmel. Ich schloß mich ihr an, und gemeinsam betraten wir den Kirchenraum. Eben wollte ich mich auf »meinem« von Rosenmarmor eingefaßten Platz, die kühle Platte auf dem Grab von Nicolaus Cusanus niederlassen, als ich Nässe spürte. Die Marmorfliesen und Grabplatten waren von ei- nem schimmernden Glanz überzogen, und mit den Fingerkuppen spürte ich einen Feuchtigkeitsfilm. Der weit nach Süden abgelenkte Ausläufer eines Island-Tiefs leckte über Frankreich ins westliche Mittelmeer herein. Seine Kaltluftzunge schob sich unter die lastende staubige Dunstglocke, die sich in anderthalb Jahren Trockenheit angesammelt hatte, und hob sie ein paar Meter hoch. Das genügte., Ein Donnerschlag rollte über die Stadt, lauter als alles, was die Praetorianer je an Dezibel produziert hatten. Wir eilten ms Freie. Mittlerweile war es so dunkel, als fände eine Sonnenfinsternis statt. Die Luft war wie erstarrt; ein grauer Bodennebel bildete sich, der aus der Kanalisation gekrochen kam. Ein Blitz zuckte, erhellte den ganzen Himmel wie das Innere einer Gasentladungslampe, und wieder rollte ein Donnerschlag über die Stadt. Und dann begann das Tier, das mehr als ein Jahr lang über der Stadt gelegen und sie erstickt hatte, sich zu erbrechen. Erst waren es unwirklich große schwarzgelbe Kleckse, die in den Sand und auf das Pflaster klatschten wie Vogelkot. Im Nu war der Boden gesprenkelt und dann überzogen von dieser klebrigen Substanz. Dann begann es in der Höhe zu brausen wie ein Katarakt, und ein paar Sekunden später stürzte Wasser herab, als bildete es eine zusammenhängende Masse. Und plötzlich war der Boden übersät von Millionen schaumiger Blasen wie graubrauner Krötenlaich, die im nächsten Moment zersiebt wurden durch den Aufprall eines Stroms von glasklaren Geschossen; sie zerbarsten in weißen Explosionen und warfen ei- nen flüchtigen Krater neben dem anderen auf. Un- aufhörlich erhellten Blitze die Dunkelheit, und die Donnerschläge verschmolzen zu einem betäubenden Crescendo, wie ich es noch nie erlebt hatte. Wir beo- bachteten eine Gruppe der Piccole Sorelle, die am, höhlenartigen Niedergang der Via di Francesco di Paola auftauchte. Die Nonnen liefen mit gerafftem Habit aufs Tor der Voliere zu wie eine Schar weißer Zwerghühner. Sie glitten immer wieder aus auf der glitschigen Masse, die das Pflaster bedeckte, und hat- ten Mühe, sich durch die Wassermassen zu kämpfen, die von einer Minute zur anderen den Platz überflute- ten und in der Südwestecke einen gewaltigen See entstehen ließen. Früher hätte das Wasser ungehin- dert durch eine kleine Gasse zur Via degli Annibaldi in Richtung Colosseo abfließen können, aber um die Jahrhundertwende hatte irgendein kurzsichtiger Be- amter der Baubehörde genehmigt, daß das Gäßchen durch eine Mauer verschlossen wurde, mit dem Er- gebnis, daß sich die Fluten einen anderen Ausgang suchen mussten; sie fanden sie sehr schnell im Tun- nel der Via di Francesco di Paola, der ihn wie eine durstige Gurgel verschlang, bis der Sand sie ver- stopfte. Das Gewitter zog weiter, aber der starke Regen hielt an. Das monotone prasselnde Geräusch versetz- te mich in eine träumerische Stimmung, und ich hatte das Gefühl, als höbe sich der Platz wie ein geräumi- ger Aufzug dem Himmel entgegen. Es regnete den ganzen Abend und die halbe Nacht hindurch. Immer wieder waren die Sirenen von Ret- tungs- und Feuerwehrfahrzeugen zu hören. Die mei- sten Studenten verbrachten diese Nacht im Betten-, keller des Instituts. Der Hausmeister gab mürrisch seine Einwilligung und beäugte tadelnd die Weinfla- schen, die wir im Supermarkt geholt hatten. Ich bot ihm eine davon an. Er musterte mich streng, strich sich seufzend mit der Hand über den grauen Haar- kranz, dann lächelte er, griff zu und ließ sie in der Tasche seines grauen Arbeitsmantels verschwinden. Das erste Tageslicht versetzte uns in eine andere Welt. Sie war mit Blau ausgeschlagen. Die Sonne hatte wieder ihren Platz; die Luft war kühl wie Seide und durchspülte die Lungen mit belebender Frische. So mußte ein Lachs sich fühlen, sagte ich mir, wenn er die stinkenden Mündungsgewässer überwunden hat und sich der Quelle nähert. Die Palmen vor dem Institut glitzerten und glänzten unter einem hellen, klaren Himmel; die Fassaden der Häuser, gestern noch von Schwefelakne zernagt und vom Smog ver- finstert, wirkten wie frisch getüncht. Der Geschlech- terturm der Borgia sah stattlich und fast ein bißchen restauriert aus. Die Sandverwehungen an den Trep- pen und entlang der Mauern waren verschwunden, dafür wirkte die Piazza wie eine Oase in der Wüste oder vielmehr wie ein Sandplatz mit einer mächtigen seichten Pfütze. Und die Via di Francesco di Paola gab es nicht mehr. Verschwunden war das Straßen- schild, auf dem sich Generationen von Studenten mit ihren Initialen verewigt hatten, verschwunden das blinde weiße Auge im Strahlenkranz unter der ural-, ten Funzel, das einem blicklos entgegenstarrte, wenn man die Via Francesco – eigentlich kein Weg, son- dern ein höhlenartiger Durchlaß mit Treppen – zur Via Gavour hinunterstieg; verschwunden auch die alte Funzel. Sie war von den hindurchgleitenden Sandmassen weggeschmirgelt worden. Der Durchlaß selbst hatte sich in einen kompakt mit Sand gefüllten Stollen verwandelt. Da man keinen Bagger einsetzen konnte, mußte der Sand herausgegraben und von der Feuerwehr abgesaugt werden. Wir Studenten halfen mit, und man holte vierzehn große Lastwagen voll Sand aus dem Loch – und eine der netten kleinen weißen Schwestern. Sie hatte es offenbar nicht geschafft, den Rest der Treppe gegen die Wucht des herabschießenden Wassers zu erstei- gen, und war von den mitgeführten Sandmassen be- graben und erstickt worden. Sie wirkte winzig, als man sie auf die Tragbahre bettete, und ihre Beinchen, die aus dem schmutzigweißen Habit ragten, sahen aus wie die eines Vögelchens. Arme Sorella, dachte ich, als die Helfer sie über den Platz zum Kloster trugen, wie zerbrechlich sie doch sind. So war es ein trauriger Tag, obwohl seit vielen Monaten zum ersten Mal das Licht durchbrach und der Welt die Farben zurückgab. Und über uns schrammten die Mauersegler mit ihren Klingenflü- geln an dem frischen Blau entlang, mit dem der Himmel ausgekleidet war. Der Abend füllte den Ho-, rizont mit orangefarbener Schmelze, in der stahl- graue Flöße aus schorfiger Schlacke trieben, dahinter öffnete sich eine weite Lagune aus Zyan und Kobalt, über der ein zartes Limonengrün schwebte wie ein Hauch – traumverlorene Küsten über dem Horizont, von verirrten Photonen auf unsere Netzhaut gezeich- net, narrende Luftgebilde, binnen Minuten von Dun- kelheit überspült und verschlungen. In dieser Nacht sahen wir seit langem zum ersten Mal wieder die Sterne. Doch schon am Tag darauf stieg die Temperatur wieder auf 40 Grad. Der uner- bittlich heiße Atem Afrikas hauchte uns ins Genick, und die Wüste kehrte zurück, um von neuem die Stadt zu belagern. * Als wäre die Peristaltik eines längst Verstorbenen nach einem energischen Klistier unversehens wieder in Gang gesetzt worden, war der Fluß wieder da. Unbeschreiblich was er alles mit sich führte. Am Ponte Rotto hatte sich eine Barriere aus Hausrat, Ma- tratzen, Plastiksäcken, Einkaufswagen, Fahrrädern, Asten, Brettern und verluderten Kadavern von Tieren und Vögeln gebildet, die sich zu einer drei Meter ho- hen Klippe auftürmte, an der sich das Wasser staute. Die ungeheuren Sandmengen hatten neue und von tiefen Ablaufrinnen zerfurchte Inseln gebildet. Die, halbe Sahara muß in den Straßen Roms gelegen ha- ben. Der staubfeine Sand hatte binnen Minuten alle Abwasserleitungen verstopft. Bald stieg in Zehntau- senden von Kellern und tiefgelegenen Wohnungen eine eklige Brühe hoch, und was sich dort angesam- melt hatte, begann nun zu stinken. Es breitete sich ein Miasma aus, neben dem die Ausdünstungen der Pontinischen Sümpfe wohl als die Atmosphäre eines Luftkurorts hätten gelten können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Gelbfieber, Malaria und Fälle von Ruhr auftraten, denn die Dreckbrühe war sicher auch in viele Brunnen geschwappt. Der kariöse Zahnstumpf der Engelsburg, der seine geballte Häßlichkeit für einige Tage zur Schau ge- stellt hatte, hüllte sich in einen kränklichen Dunst, um ganz allmählich wieder in eine Art virtuellen Zustand überzugehen, der es ihm erlaubte, in ein Parallel- universum hinüberzugleiten. Das Rom unserer Wirk- lichkeit starb weiter, aber irgendwie wurden die Grenzen zwischen den Dimensionen unschärfer. * Die kurzzeitige Wiederbelebung schien auch Auswir- kungen auf die vatikanische Peristaltik gehabt zu ha- ben, denn wie aus einer Parallelwelt tauchte das spur- los verschwundene Istituto pontificale della Rinascita della Creazione di Dio, San Francesco wieder auf., Mein IKom zirpte. »Ja, Luigi?« »Ein Gespräch, Domenica.« »Wer?« »Falcotti, Bertolino.« »Das darf doch nicht wahr sein!« »Willst du es annehmen?« »Ja.« »Haben Blitz und Donner Sie wieder zum Leben erweckt, Signore Falcotti?« fragte ich gerade heraus. Er lachte. »Sind Sie noch an der Mitarbeit interessiert, die ich Ihnen seinerzeit in Aussicht gestellt habe?« »Ich habe meinen Abschluß, Gott sei Dank, hinter mir. Die Botanik war die letzte Fakultät, die hier im Frühjahr noch ordnungsgemäße Prüfungen abgehal- ten hat.« »Ich weiß. Die meisten Kollegen haben sich längst nach Norden abgesetzt.« »Ich brauche also dringend einen Job. Mein Sti- pendium ist mit diesem Semester abgelaufen. Ich kann es mir nicht leisten, wählerisch zu sein.« »Nun, es … es ist kein Job in diesem Sinne. Es handelt sich, wie ich damals schon sagte, um eine … längerfristige Tätigkeit.« »Um so besser. Im Ausland?« »Innerhalb Europas, ja.« »Kein Problem, Signore Falcotti.«, »Sehr schön. Ich bin übermorgen an der Universität. Wenn Sie Zeit für ein persönliches Gespräch hätten?« »Ich habe alle Zeit der Welt.« »Wie beneidenswert.« Wir verabredeten einen Termin. * Ich war noch nie im obersten Stockwerk der Uni ge- wesen. Auf dem Gang standen ausrangierte Möbel: uralte Pulte, in denen in dem schmalen Brett über dem Deckel noch gläserne Tintenfässer eingelassen waren; die Klappsitze waren so winzig und eng, als hätten sie einst Erstkläßlern oder Liliputanern ge- dient. Daneben reihten sich häßliche Stühle aus Stahlrohr mit abgewetzter und aufgeschlitzter weißer Plastikpolsterung, aus der das gelbe Füllmaterial quoll wie altes Fett. Hatte ich mich in einen Trakt verirrt, der nicht mehr benutzt wurde? Nein, die Zimmernummer, die Signore Falcotti genannt hatte, stimmte. Ich klopfte an – keine Reaktion. Ich drücke die Klinke nieder; die Tür war unverschlossen. Nachmittagslicht ström- te durch halb gekippte Jalousien in den großen Raum. An der gekalkten Wand hinter dem Schreib- tisch leuchtete das Gold aus einer düsteren Ikone. Es war der Raum, den ich in der Vid-Verbindung bei unserem ersten Gespräch gesehen hatte. Auf dem, Schreibtisch brannte eine dicke gelbe Wachskerze, die einen anheimelnden Honigduft verströmte. Aus versteckten Lautsprechern drang leiser Chorgesang, der etwas seltsam Leichtes, Tänzerisches hatte. Auf der großen Tischplatte sah ich einen aufgeklappten Laptop, umlagert von Bücherstapeln und Zeitschrif- ten. Zuoberst lag ein Fisch als Briefbeschwerer, eine verblüffend echt nachgebildete Dorade. Sie hatte den hohen Kopf grimmig gereckt und sich auf die Bauch- flossen aufgestützt. »Hallo!« rief ich, aber es schien niemand da zu sein. Ich wollte mich eben zurückziehen, als ich hin- ter mir auf dem Gang eine Stimme hörte. Signore Falcotti war kleiner und zierlicher, als das Bild auf dem Monitor hatte vermuten lassen. Die kleine rechteckige Lesebrille war ihm fast bis auf die Na- senspitze gerutscht. Er trug ausgebeulte schwarze Jeans, ein offenes weißes Hemd, dessen Ärmel er halb aufgekrempelt hatte, darüber eine abgeschabte hellbraune Lederweste. Mit beiden Händen umfaßte er meine ausgestreck- te Hand, als wären wir alte Bekannte. Er war von na- türlicher Herzlichkeit, ohne jene seelsorgerische Atti- tüde übertriebener Zuwendung, die mir schon immer zuwider war. »Bitte nehmen Sie doch Platz, Signorina Ligrina«, sagte er und wies auf einen Ledersessel, der vor dem Schreibtisch stand., »Danke.« Ich setzte mich und schlug unwillkürlich die Beine übereinander, bevor mir klar wurde, daß das dem ge- gebenen Anlaß nicht eben angemessen war, daß mein Benehmen zu wünschen übrig ließ, was womöglich die Entscheidung hätte negativ beeinflussen können. Wie hatte ich nur so gedankenlos sein können, zu ei- nem Vorstellungsgespräch bei einem Kleriker einen knielangen Rock anzuziehen? Zu spät. Und ein züch- tiges Zupfen am Rocksaum hätte die Aufmerksamkeit erst recht darauf gelenkt. Ich hoffte, daß er das Ent- blößen meiner Knie nicht mißverstand, sondern es als Zeichen meiner Ungezwungenheit interpretierte. Signore Falcotti schien es gar nicht wahrgenom- men zu haben; sein Blick war auf den Monitor seines Laptops fixiert. Wahrscheinlich war er dabei, meine Daten aufzurufen. Ich merkte, daß ich innerlich an- gespannt war. Der Honigduft der Kerze machte mich etwas benommen, und beiläufig fragte ich mich, ob er den kurz gestutzten Bart schon trug, als wir über VidKom sprachen? Nein, ich hatte ein gutes Ge- dächtnis für solche Dinge; er mußte ihn sich haben wachsen lassen in der Zwischenzeit, und er stand ihm wirklich gut. »Stört Sie die Musik?« fragte er plötzlich und sah mich an. »Nein, ich finde sie interessant. Bei allem Ernst ir- gendwie heiter.« Er nickte., »Perotin. Zwölftes Jahrhundert.« Er hob den Briefbeschwerer von der aufgeschla- genen Zeitschrift und klappte sie zu. »Die Dorade sieht ja wirklich wie echt aus«, sagte ich. Er betrachtete das Gebilde in seiner Hand. »Sie werden es kaum glauben, aber sie ist echt.« »In Kunstharz eingegossen?« »Nein. Sie ist irgendwie selbst zu Kunstharz ge- worden. Sie hat irgendeine geheimnisvolle Transsub- stantiation durchgemacht. Ein Bekannter hat sie mir aus Venedig mitgebracht.« »Was man heute alles zuwege bringt.« Er nickte und legte die Finger zu einem Giebel zu- sammen. »Sie haben also immer noch Interesse an der Tä- tigkeit?« »Die Auswahl ist nicht groß für uns Studienab- gänger. Mein Stipendium ist ausgelaufen.« »Ich meine echtes Interesse, der Schöpfung Gottes zu dienen.« »Wenn ich mir unsere Welt so ansehe … ja, Si- gnore Falcotti.« Er nickte. Mein Blick blieb an seiner linken Schlä- fe haften. Wie ich vermutet hatte, trug er tatsächlich ein Implantat, das sich unter der Haut abzeichnete. Es war ein schlankes, etwa vier Zentimeter langes Kreuz. Die Brille blitzte auf in einem Streifen Son-, nenlicht, das durch die Jalousie fiel, und ich konnte seine Augen nicht erkennen. Falcotti schien es völlig ernst zu meinen: die Schöpfung Gottes … Nun, er glaubte daran. Aber ich fragte mich, ob ich daran glaubte, und zuckte unwillkürlich die Achseln. »Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht mehr damit ge- rechnet, von diesem Projekt noch etwas zu hören. Es ist jetzt fast zwei Jahre her, daß ich mich beworben habe.« »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er und schürzte unbehaglich die Lippen, »es gab einige … äh … Umverteilungen in den Zielsetzungen durch den … äh … Wechsel im Amt des Heiligen Vaters.« Das konnte ich mir vorstellen. Unter Paul VII. war sicher alles abgewürgt worden, was Johannes XXIV. im Bereich Umwelt initiiert hatte. Aber ich hätte nicht erwartet, daß Paul VIII. an Bestrebungen dieser Art Interesse haben könnte. Er war kunstsinnig, ein Musikliebhaber, aber eine Wiederbelebung der Schöpfung Gottes in der Nachfolge des hl. Franzis- kus, wie Johannes es propagiert hatte, das traute ich ihm nicht zu. Vielleicht liebte er Blumen, aber da reichten die Anlagen von Hellbrunn sicher aus. Es mußte also mehr dahinterstecken. »Wir hatten aber auch gravierende technische Pro- bleme.« »Geld?« »Geld ist immer ein Problem, in unserem Fall wa-, ren die Probleme jedoch eher physikalischer und lo- gistischer Art. Aber lassen wir das. Ich wollte Sie nun endlich einmal persönlich kennenlernen und Ih- nen noch ein paar Fragen stellen«, sagte Falcotti. »Soll das heißen, ich bin in der engeren Wahl für eine Anstellung?« Er legte beide Hände auf die Schreibtischplatte und sagte mit einem entschiedenen Nicken: »Ja.« »Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt, Signore?« fragte ich ihn mit etwas schriller Stimme. Freude verschlug mir den Atem. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte dankbar seine Hand um- faßt. Ich hatte mich halb erhoben, doch er gebot mir mit einer sanften Geste, wieder Platz zu nehmen, und tippte etwas in seinen Laptop. »Noch ist die endgültige Entscheidung nicht ge- troffen, Signorina Ligrina«, sagte er, faltete die Hän- de und fuhr etwas förmlicher fort: »Gab es einen konkreten Anlaß für Ihr Interesse an der Natur, der Sie bewog, Botanik zu studieren?« »Ja«, sagte ich zögernd. »So seltsam es sich an- hört: Es war ein Bild in den Vatikanischen Museen, das mich als Kind tief beeindruckt hatte. Ich erinnere mich deshalb so genau, weil ich mit meinem Vater dort war. In der Woche bevor er starb.« *, Mein Vater war mit mir schon um sieben Uhr nach Rom gefahren, um den Besuchermassen zuvorzu- kommen, und wir waren die ersten, die eingelassen wurden. Ich hatte mich sehr auf diesen Ausflug ge- freut. Ich freute mich immer riesig, wenn Vater et- was mit mir unternahm – er hatte ja so selten Zeit. Aber nachdem wir drei Dutzend Säle durchstreift hatten, war ich doch – mein Gott, ich war gerade zwölf! – ziemlich gelangweilt von den vielen Ge- mälden und Statuen, die auf mich einstürmten, den zahllosen Madonnen, den Engeln, den finster drein- blickenden Aposteln, den gemarterten Gestalten der Heiligen und am Schluß von den gefirnißten dunklen Globen und alten Landkarten. Da sah ich plötzlich das Bild. Es hing nicht weit vom Ausgang entfernt in einem kleinen Raum und übertraf alle anderen durch seine Farbigkeit und Schönheit. Es hieß Adam und Eva im irdischen Paradies. Ein Künstler namens Pe- ter Wenzel hatte es gemalt. Sein Porträt hing an der hinteren Wand des Raums. Ein älterer Herr mit milchweißem, kragenlangem Haar, blassem Teint, bekleidet mit einem weißen Rüschenhemd und einem schwarzen Frack. Er mustert den Betrachter mit ei- nem kühlen, forschenden und doch ein wenig ängst- lichen, auf Distanz bedachten Blick aus hellblauen Augen. In der seltsam mißgestalteten Rechten hält er einen Strauß von Pinseln. Das Paradies war auf den ersten Blick mein Lieb-, lingsbild. Ich wollte mir immer eine Replik davon besorgen, aber es hatte sich dann während des Studi- ums nie ergeben. Und als ich Jahre später wieder einmal im Vatikan war, fand ich es nicht mehr. Man hatte es abgehängt und in Sicherheit gebracht wie die meisten anderen Bilder auch. Ich war fasziniert von dem Gemälde. Je länger ich es betrachtete, desto mehr Einzelheiten konnte ich erkennen. Mein Vater wurde schon ungeduldig, klopfte sich mit dem fest zusammengerollten Corrie- re gegen den Schenkel. »Wie kann man etwas so Schönes erfinden?« frag- te ich. »Erfinden?« erwiderte mein Vater und hob er- staunt die Brauen. »Das ist nicht erfunden, Domeni- ca. Solche Tiere und Pflanzen gibt es. Jedenfalls hat sie’s mal gegeben.« »Wo?« »Was weiß ich«, sagte er und zuckte die Achseln. »Da mußt du Großvater fragen. Der kennt sich mit diesen Dingen besser aus als ich und hat eine Menge Bücher darüber.« »Können Sie sich noch an Einzelheiten auf dem Gemälde erinnern?« fragt Falcotti. »Oh, das ist über zehn Jahre her!« »Versuchen Sie es trotzdem.« »Also gut. Ich schätze, es ist über zwei Meter hoch und vielleicht dreieinhalb Meter breit. Es stellt eine, idyllische Flußlandschaft dar. Ich erinnere mich an einen großen schattigen Baum links im Vorder- grund.« »Sehen Sie diesen Baum vor sich?« »Hm … doch, ja«, sagte ich zögernd. Ich sah jede Einzelheit vor mir. Es fiel mir leicht, intensive optische Eindrücke aus meinem Gedächtnis aufzurufen. »Es ist ein Weinbaum; große blaue Weintrauben wachsen daran. Sie sind reif.« »Ein Weinbaum? Ich dachte, Weintrauben wach- sen an Rebstöcken.« »Ja, aber nur weil die Pflanze jedes Jahr zurückge- schnitten wird. Ließe man sie sich natürlich entfal- ten, dann wüchse der Vitis viuifera zu einem Baum heran, wie man ihn auf dem Bild sieht: zwanzig Me- ter hoch und mit einem Stamm, der mindestens an- derthalb Meter dick ist.« »Das wußte ich nicht. Woran erinnern Sie sich noch?« »Unter dem Vitis viuifera steht ein Dromedar. Zwei Rinder lagern rechts davon. Hinter ihnen sieht man einen Tiger; vor ihnen schreiten eine Löwin und ein Löwe vorbei, aber die Rinder sind nicht im ge- ringsten beunruhigt. In der Mitte öffnet sich der Blick auf die Windungen eines Flusses, an dessen Ufern Palmen und Weiden wachsen. Ein Hirsch und ein Zebra sind zu sehen. Rechts im Vordergrund, steht ein weiterer großer Baum – ein Apfelbaum, wie es sich fürs Paradies gehört. Wenn ich mich recht erinnere … hm, ich würde sagen, ein Malus sylve- stris oder domestica. Eva hat eben einen Apfel ge- pflückt und reicht ihn dem am Boden sitzenden Adam. Eine Boa constrictor hängt von einem Ast; auf einem anderen gestikuliert aufgeregt ein Schim- panse. Überall sind bunte Vögel zu sehen, Papageien, Aras. Sie sitzen auf den Ästen oder fliegen durch die Luft. Vorn rechts steht ein weißes Pferd, es ist von hinten zu sehen und … ja, ein Hahn. An einen Hahn erinnere ich mich. Und an einen riesigen Elefanten rechts im Hintergrund, der den Rüssel hebt … Aber sagen Sie, ist das wichtig, Signore Falcotti?« Er blickte auf, denn er war in die Betrachtung sei- nes Monitors vertieft gewesen. Hatte er das Bild ab- gerufen, um mein Erinnerungsvermögen zu testen? Das Kreuz in seiner Schläfe schien zu pulsieren. »Wie meinen Sie?« fragte er. »Ist es wichtig für meine Tätigkeit, daß ich mich an ein Bild erinnere, das ich vor mehr als einem Jahrzehnt gesehen habe?« Er strich sich nachdenklich mit der Hand über den Bart. »Ein gutes optisches Erinnerungsvermögen ist sehr wichtig bei der vorgesehenen Tätigkeit«, erklär- te er zögernd. »Das kann einem manchmal das Leben retten.«, Das Argument war nicht von der Hand zu weisen. »In der Wildnis?« fragte ich. »In der Wildnis, ja. Aber es ist wirklich eine Gna- de Gottes, ein gutes optisches oder gar ein eideti- sches Gedächtnis zu besitzen. Ich beneide jeden, der darüber verfügt. Es ist ein Rätsel, wo das Gehirn die- se ungeheuren Datenmengen speichert. Wie machen Sie das?« Ich mußte lachen. »Ich weiß nicht.« * Ich erzählte ihm nichts von dem merkwürdigen Er- lebnis, das wir, Vater und ich, hatten, als wir vor dem Bild standen. Vielleicht hatte sich das Gemälde mir deshalb so deutlich eingeprägt. Ich war immer noch beim Betrachten der Einzelheiten, als eine Frau hin- ter uns in den Raum trat. Sie stieß einen unterdrück- ten Schrei aus, was mich veranlasste, mich umzudre- hen. Sie hatte die Hand auf den Mund gepreßt und starrte mit großen Augen das Bild, dann mich und dann Vater an. Sie sah gut aus, trug ihr dunkles Haar halblang geschnitten und hatte eine entfernte Ähn- lichkeit mit meiner Mutter, war aber jünger als sie. Sie wirkte irgendwie verstört. Ihre dunklen Augen waren schreckgeweitet. Ihr intensiver Blick jagte mir derart Angst ein, daß es nur den Magen zusammenzog., »Du …« sagte sie und hob die Hand mit einer fah- rigen Bewegung an die Stirn. Ich fühlte plötzlich po- chende Kopfschmerzen, und eine gellende Stimme schrie in meinem Schädel: Nein! Nein! Nein! »Ist Ihnen nicht gut, junge Frau?« fragte Vater sie. »Brauchen Sie Hilfe?« »Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht«, flüsterte sie. »Bitte verzeiht.« Sie war blaß wie eine Wand, wich taumelnd zu- rück und tastete nach einem Halt. Nein! Nein! Nein! gellte es in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl, als müßte er zerspringen. Ich hob die Fäuste an die Schläfen und begann zu schluch- zen. Vater blickte mich verwirrt an, nahm mich in die Arme und hielt mich fest. »Geht es dir nicht gut, Gara?« fragte er mich be- sorgt und führte mich zu einer Bank. »Setz dich ei- nen Augenblick hin.« »Ich gehe«, versicherte die Frau und schüttelte heftig den Kopf, als wollte sie schlimme Gedanken verscheuchen. »Ich gehe …« Aber dazu schien sie nicht imstande zu sein. Schwäche drohte sie zu überwältigen; sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und taumelte ge- gen die Wand. Ein Wächter kam aus dem Neben- raum geeilt und stützte sie, bot ihr einen Stuhl an und wollte über sein Sprechgerät ärztliche Hilfe rufen, aber sie lehnte ab., Ich krümmte mich vor Schmerz zusammen. Meine Gedärme fühlten sich an, als wären sie mit kalten Steinen gefüllt. Ich schüttelte den Kopf, wußte keine Antwort. Durch die offene Tür sah ich, wie der Wär- ter die Frau im Nebenraum zu einer Bank führte, auf der sie sich niederließ. »Beruhige dich, mein Kleines«, sagte mein Vater immer wieder und streichelte mir übers Haar. »Es ist die Hitze, nicht wahr? Die schlechte Luft hier. Die vielen Leute. Komm, wir gehen in die Caféteria. Sie ist gleich gegenüber vom Ausgang. Komm, Domeni- ca.« Wir gingen. Nur langsam wich der Druck von meiner Brust. Die Stimme in meinem Kopf verhallte allmählich, und der Krampf in meinem Bauch ließ nach. Vater war so liebevoll besorgt um mich. Ich spürte seine warme Zuneigung – ich liebte ihn. Eine Woche später war er tot. * Ich legte die Hände in den Schoß. Falcotti sah mich reglos an. Wir schwiegen beide. Schließlich nickte er und räusperte sich. »Gab es noch weitere Beweggründe, weshalb Sie sich schon so früh für die Natur interessierten?« »Ja, aber das ist eine lange Geschichte.« »Erzählen Sie sie mir, Signorita Ligrina. Wir ha-, ben alle Zeit der Welt, wie Sie so schön sagten. Und ich höre Ihnen gern zu.« »Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie hören sich an wie ein Psychologe.« »Oh, ich bin Psychologe«, erklärte er lächelnd und hob die Augenbrauen, als hätte ihn meine Unwissen- heit erstaunt. »Ich arbeite sozusagen als Rekrutie- rungsbüro. Es gehört zu meinen Aufgaben, die rich- tigen Menschen für unsere Missionen zu finden und sie kennenzulernen. Meine Auftraggeber sind sehr streng. Sie stellen hohe Ansprüche.« Ich grinste ihn an, und er lächelte zurück. »Erzählen Sie«, forderte er mich auf. »Na gut. Als Kind durfte ich jedes Jahr die Som- merferien bei den Eltern meiner Mutter in Genua verbringen. Sie hatten ein kleines Ausflugscafé ober- halb der Stadt. Gelegentlich vermieteten sie ein Zimmer an Dauergäste. Einer dieser Gäste – es könn- te im Jahr daraufgewesen sein, im Sommer 2040 – war eine Amerikanerin. Sie führte irgendwelche bo- tanische Feldforschungen durch …« * Sarah! Sie imponierte mir maßlos, weckte meine kindliche Begeisterung. Nicht daß sie mir als Frau ein Vorbild gewesen wäre – um Himmels willen –, aber sie zeigte mir, daß die Pflanzen direkt vor unse-, rer Nase, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, ringsum, eine faszinierende Welt bilden, in der die meisten Menschen verständnislos herumstolpern. Sie machte mir klar – damals verstand ich meist noch nicht, was sie meinte –, daß dies alles um uns her – Pflanzen, Tiere aller Art – für uns Menschen lebens- wichtig ist, weil wir ohne sie überhaupt nicht existie- ren können. Das wurde uns im Mezzogiorno schon viele Jahre zuvor demonstriert. Trotzdem begriff es keiner so recht – wollte es keiner begreifen. Sie gaben der Re- gierung die Schuld, die zu lasch sei, es an der gebo- tenen militärischen Härte fehlen und sich von der UNO erpressen lasse. Im Fernsehen sah man lodern- de Olivenbäume und Rebstöcke, auch Häuser und Fahrzeuge, manchmal Menschen. Die Moros seien schuld, war die generelle Meinung. Darauf immer wieder Schießereien, Jagd auf Fremde und Massaker an Flüchtlingen aus dem Süden und vom Balkan. Doch weshalb sollten die Immigranten das Land verwüsten, das ihre einzige Überlebenschance war? Es waren die zurückweichenden Truppen, die nach dem Prinzip der verbrannten Erde die Häuser anzün- deten, um Schlupfwinkel zu beseitigen und freies Schußfeld zu schaffen. Die Wälder waren trocken wie Zunder; die Ernte auf den Feldern erbärmlich niedrig und verdorrt. Ein Funke genügte, um ganze Landstriche in Flammenhöllen zu verwandeln. Und, wenn der Wind aus Südosten wehte, verdunkelten dichte Rauchschwaden den Himmel über der Bucht von Genua; die Sonne schien wie ein kränkliches, gerötetes Auge. Und dann fiel Asche herab wie ein lautloser grauer Regen, auf die Terrasse, auf die Tischtücher, auf unsere Haut. Die Asche von Bäu- men, die Asche von Häusern, und – ja, manchmal wohl auch – die Asche von Menschen. Die Leute im Süden glaubten, ihr Land an die Mo- ros zu verlieren, dabei verloren sie es an die Sonne. Afrika selbst schob sich heran – unaufhaltsam wie seine Kontinentalscholle, die seit Jahrmillionen ge- gen den Süden Europas drängt, langsam – mit der Geschwindigkeit, wie Fingernägel wachsen –, aber unerbittlich. Sarah gehörte zu jenem Typ von Amerikanerin- nen, deren Begeisterung für ihre Forschertätigkeit keine Grenzen kennt. Sie lebte für ihre Aufgabe, al- les andere war ohne Bedeutung. Sie arbeitete an ir- gendeinem jener »Arche Gaia«- oder »Arche Noah«- Projekten mit, die es um die Zeit zu Dutzenden gab, um angesichts des sich beschleunigenden Artenster- bens weltweit rasch noch alles an genetischer Vielfalt einzusammeln, was sich für die Zukunft retten ließ. Sarah – sie schien immer dasselbe schwarze, viel zu große T-Shirt anzuhaben, mit weißen Schweiß- rändern bis zur Taille und so weit ausgeschnittenen Ärmellöchern, daß man ihre Brüste sah; winzig klei-, ne Gebilde, die ihr trotzdem schlapp von den Rippen hingen. Sie hatte immer eine sonnenverbrannte rote Nase, von der sich die Haut abpellte, weil sie sich von früh bis spät im Freien aufhielt. Und ihre krau- sen Haare – sie hatte nur Haare, keine Frisur, wie man es häufig bei amerikanischen Studentinnen sieht – band sie achtlos zu einem buschigen Pferde- schwanz zusammen. Dabei war sie keine Studentin mehr, sondern hatte sich mit einer Arbeit über neue aride mediterrane Ökologien in der Fachwelt einen Namen gemacht. Manchmal tauchten Gelehrte von irgendwelchen Umweltinstituten in Rom oder Bolo- gna bei uns auf, Herren im dunklen Anzug und Kra- watte, die etwas verwirrt reagierten, wenn sie sich ihnen vorstellte. Als ich sie zum ersten Mal sah, saß sie da in ihren ausgebleichten, zerrissenen Jeans und den dreckver- krusteten Joggingschuhen, rührte in ihrem Cappucci- no und lachte vergnügt hinter ihrer kleinen runden Drahtbrille. »Domenica! Welch ein schöner Name«, sagte sie mit ihrer durchdringenden hellen Stimme. »Aber Kleines, glaub mir, niemand in den Staaten käme auf die Idee, seine Tochter ›Sunday‹ taufen zu lassen.« Der Geruch ihres T-Shirts mischte sich in den des frischen Kaffees. Meistens saß sie schon am frühen Morgen auf der Terrasse. Die zusammenfaltbare Sa- tellitenschüssel stand auf der Zementmauer; die aus-, gerollte Solarzellenfolie glitzerte in der Sonne, und das Laserauge starrte nach Süden in den geostationä- ren Orbit. Sie scharrte mit dem Datengriffel ihres Notebooks im Haar herum und diktierte in quengeli- gem Englisch ihren Bericht an die Künstliche Intelli- genz ihres Instituts in San Diego, von dem ich kein Wort verstand. Sarah hielt sich, wenn sie nicht gerade auf einer ihrer Exkursionen unterwegs war, meist bei uns auf. Sie hatte Großvater um Erlaubnis gebeten, seine Bi- bliothek zu benutzen, wenn sie das Internet im Stich ließ, aber das meiste, was sie in den Nachschlage- werken fand, bezeichnete sie rundheraus als »Bull- shit«. In den zwei Monaten, während Sarah bei uns war, entwickelte sich zwischen ihr und mir ein seltsames Verhältnis. Ich sah ihr zu, wie sie ihre Funde und Proben – meist Pflanzenteile, Samen, Blätter oder Blüten – in Plastikbeutel verstaute, die sie von einer kompakten Rolle abriß; wie sie mit ihrem Griffel Fundort, Datum und Art in ihr Notebook schrieb, das dann winzige selbstklebende Etiketten ausspie; und wie sie die Beutel mit einem Thermoelement an der Kante ihres Geräts verschweißte. Mit welch primiti- ven Mitteln ich später die gleiche Arbeit durchführen mußte! Manchmal nahm Sarah mich auf ihren Exkursio- nen mit. Wenn sie sich ein neues Areal vornahm,, nahm sie ihre Brille ab und putzte sie, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, stand zunächst zehn oder fünfzehn Minuten lang schwei- gend da und musterte aufmerksam die Umgebung. Sie schien in Gedanken dieses oder jenes im Gelände einzukreisen und zu markieren. »Du mußt dir zunächst über den mutmaßlichen geologischen Untergrund klarwerden, den du vor dir hast. Kleines«, erklärte sie mir. »Das kannst du an- hand von Indikatoren: Bäume, Büsche, so was. Dann die Geländebeschaffenheit: Wo fließt das Wasser und wohin? Wo wird es festgehalten? Dann weißt du, wo das, was du suchst, zu Hause ist. Suchen ko- stet viel zuviel Zeit und führt meistens zu nichts. Du mußt darauf zugehen und sagen: Wenn es hier wächst, dann nur da und nirgendwo sonst. Nur so kannst du dir ein Gespür für das lokale Ökosystem erwerben.« Und sie zeigte mir Beispiele: Freundschaften unter Pflanzen, Not- und Schutzgemeinschaften, Aversio- nen, Unausstehlichkeit. Bei einer dieser Exkursionen, Sarah arbeitete am Hang einer kleinen versteckten Meeresbucht, ent- deckte ich den toten weißen Wal. Ich sah ihn plötz- lich durch die Zweige der absterbenden Bäume hin- durch dicht am Ufer treiben. Ich stieg zu dem schma- len Kiesstrand hinunter und starrte fasziniert den Ka- daver an. Der Wal war vielleicht zehn oder zwölf, Meter lang und mußte schon eine ganze Weile tot sein, denn sein Verwesungsgeruch schwängerte die Luft. Die ganze Bucht war in einen süßlichen Dunst gehüllt. Doch das störte mich nicht. Ich dachte an Captain Ahab und sein Wüten gegen den berüchtig- ten Albino, den Veteranen der Meere mit einem hal- ben Dutzend verbogener Harpunen im Nacken, wie ich es in dem alten Film mit Gregory Peck gesehen hatte. Der Kadaver sah aber eher friedlich aus. Das Tier war einer der wenigen Meeressäuger, der den mörderischen Walfang im letzten und das Plankton- sterben in den südlichen Meeren und der Arktis in diesem Jahrhundert überlebt hatte. Und nun war er hier elend umgekommen. Weshalb hatte der einsame Wanderer die Bucht von Genua aufgesucht, um hier zu sterben? Hatten ihn die schwarzen unterseeischen Gletscher faszi- niert, die sich achtzig Jahre zuvor aus der brennenden Haven über die Schulter des Ligurischen Meeres er- gossen hatten? Dort auf dem Meeresgrund erstreckte sich eine tote Landschaft, die jeden in die Abgründe fallenden Lichtstrahl aufsaugte. Das ausgehärtete Pech gab dem Wasser einen eigenartigen Ge- schmack, den fast alle Lebewesen mieden. War mein weißer Wal in diese dunkle, abgestorbene Welt vor- gedrungen, um sie zu erkunden? Hatte er, der Lichte, in dieser Finsternis den Tod gesucht? »Er stinkt!« stellte Sarah mit schriller Stimme fest, und hielt sich die sonnenverbrannte Nase zu. »Ein weißer Wal«, sagte ich wehmütig. »Ein Physalus«, erklärte sie, »ein Finnwal. Das Weiße, das du da siehst, ist nicht Haut, sondern der Blubber, seine Fettschicht. Die Haut haben die Vögel und die Meerestiere weggefressen. Jetzt mästen sie sich am Speck.« Ob sie mir meine Enttäuschung ansah? »Von den Finnwalen soll es hier früher ganze Herden gegeben haben. Auch große Tümmler und Schmalschnabeldelphine. Die Bucht von Genua war früher berühmt für ihren Garnelen- und Fischreich- tum. Die Meeresgraswiesen von Cinque Terre und Portofino waren einzigartige Laichgründe. Alle mög- lichen Schwämme und Algen, sogar Korallen. Be- liebte Weidegründe für Meeressäuger. Vorbei«, sagte sie achselzuckend. »Zu spät für eine Arche«, sagte ich. »Für den auf jeden Fall«, erwiderte Sarah und deu- tete mit einem Kopfnicken auf den dümpelnden Ka- daver. »Deshalb sollten wir retten, was noch zu ret- ten ist. Wenn eine Klimaänderung so rasch vonstat- ten geht wie diesmal, haben die Pflanzen keine Zeit, abzuwandern. Sie werden überrannt. Wenn es so weitergeht, wird es in hundert Jahren hier aussehen wie in der Sahel-Zone. Das kannst du mir glauben, Kleines.« Im Herbst verließ Sarah uns, um ihre Forschungen, in Slowenien fortzusetzen. Sie hatte den Samen in mich gelegt. Und er war auf fruchtbaren Grund gefal- len. * Natürlich erzählte ich Falcotti nichts von dem wei- ßen Wal – allein schon weil ich mich schämte, da- mals einen halb verwesten Kadaver mit Moby Dick verwechselt zu haben. Das paßte einfach nicht in den Lebenslauf einer angehenden Biologin. »Eine Frage zum Schluß, Signorina Ligrina. An- genommen, ich hätte die Macht, die Zeit anzuhalten und zurückzudrehen. In welche Situation wünschten Sie zurückversetzt zu werden, damit Sie eine Ent- scheidung rückgängig machen, beziehungsweise eine andere Weichenstellung vornehmen könnten?« Ich blicke ihn überrascht an. Mir war nicht klar, was er damit meinte? War es ein psychologischer Test? »Eine seltsame Frage«, sagte ich. Falcotti hob die Schultern. »Antworten Sie ganz spontan«, drängte er. »Also gut. Ich würde mir wünschen, am 16. Sep- tember 2039 um 16 Uhr auf dem Napoli Centrale zu sein. Dann würde ich meinen Vater daran hindern, in den Unglückszug nach Rom zu steigen. Das heißt, nein. Ich würde natürlich versuchen, die Behörden, vor dem geplanten Anschlag zu warnen …« Ich stockte. Er lächelte und nickte mir aufmun- ternd zu. »… wenn so etwas wie Zeitreise je möglich wäre. Aber wie sollte so etwas möglich sein?« »Ja, natürlich.« Falcotti nickte und schrieb eine Notiz. »Und wenn ich die Macht hätte, Sie in ein beliebi- ges Jahrhundert zu versetzen, welches würden Sie wählen?« Das Gespräch wurde immer abstruser, doch ich entschloß mich, das Spiel mitzumachen. »Das 15. Jahrhundert«, sagte ich. »Eine interessante Zeit. Das Jahrhundert von Leo- nardo und Michelangelo, von Botticelli und Bosch, von Alberti und Ariost, von Savonarola und Machia- velli …« »Und von Nicolaus Cusanus.« Er hob überrascht den Blick und nickte. »Ein höchst interessanter Mann. Er war ein Ver- trauter des Heiligen Vaters Pius II., Kardinal und päpstlicher Legat. Haben Sie sich mit seinem Werk beschäftigt?« Ich schüttelte den Kopf. »Er ist sozusagen unser Nachbar hier. Liegt um die Ecke begraben.« »In San Pietro in Vincoli, ja. Das war seine Kir- che. Er stammte aus Deutschland.« »Ich weiß. Aus Kues, einer kleinen Ortschaft an, der Mosel. Nicht weit von Cattenom. Kues liegt mit- ten in der Todeszone.« »Das habe ich mir nie klargemacht. Natürlich«, erwiderte er und nickte. »Dort hegt sein Herz begraben. Es war sein Wunsch, denn er hat seine Heimat sehr geliebt.« »Er starb in Todi, soviel ich weiß. In Umbrien.« »Ich dachte, er sei hier in Rom gestorben.« »Nein, er starb an einer Seuche, wie sein Freund, Papst Pius II., und viele andere, die sich dort zum Kreuzzug versammelt hatten, um Konstantinopel den Türken zu entreißen. Das Unternehmen mußte abge- brochen werden. Das war 1464, wenn ich mich recht erinnere. Er war erst 63 Jahre alt«, sagte Falcotti. »Man sagt, er habe fast alle Einkünfte darauf ver- wandt, die besten Weinberge in der Gegend um Kues aufzukaufen, um sein Lebensziel zu sichern: eine Stiftung für bedürftige alte Menschen einzurichten. Sie existierte übrigens immer noch, als das Unglück geschah. Fast sechs Jahrhunderte lang.« »Wie ich sehe, haben Sie sich doch mit ihm be- schäftigt, Signorina Ligrina.« »Nicht ernsthaft. Ich habe mir nur die DVD ange- sehen, die man in San Pietro an die Touristen ver- kauft. Ich habe in seine philosophischen Schriften hineingeschaut, aber ich finde mich nicht hinein in das Denken jener Zeit. Es kommt mir so … so laby- rinthisch vor, als ginge man ständig im Kreis und, käme nirgendwohin. Aber was ich über ihn in Wis- senschaftsgeschichte gehört habe, gab mir immer das Gefühl, er sei seiner Zeit weit voraus gewesen.« »Sagten Sie, ›im Kreis‹?« Falcotti wies mit einem Kopfnicken auf einen niedrigen Tisch am anderen Ende des Raums. »Kennen Sie das?« Die Fläche des Tisches, etwa zwei Meter fünfzig im Quadrat, war von einer niedrigen Bande eingefaßt und bestand aus einer hellen polierten Holztafel, auf der eine Art Zielscheibe in dunklem Holz eingelegt war. Falcotti erhob sich. »Kommen Sie«, forderte er mich auf. Bei näherer Betrachtung sah ich, daß die Holztafel konzentrische Kreise aufwies. Die Kreisflächen wa- ren von außen nach innen mit den Ziffern 1 bis 9 ge- kennzeichnet, der Kreis im Zentrum trug keine Zahl. Auf der Bande lagen Holzkugeln, groß wie Orangen. Falcotti ergriff eine davon, holte aus und warf sie mit leichtem Schwung fast parallel zum äußeren Kreis auf die Scheibe. Sie beschrieb eine bizarr gekrümmte Bahn nach innen und blieb auf der Acht liegen. »Probieren Sie.« Er reichte mir die Kugel, die er mit einem kleinen Holzrechen aus der Spirale gefischt hatte. Es war keine gleichmäßige Kugel, wie ich sofort feststellte, sondern sie hatte auf der einen Seite eine Auskeh- lung, als hätte man aus der größeren Kugel eine klei-, nere herausgebohrt, wodurch der Schwerpunkt des Körpers aus der Mitte weit in den konkaven Teil des Gebildes verlagert wurde. Deshalb die erratische Bahn, die sie beschrieb. »Was ist das?« fragte ich. »Eine raffinierte Art von Boccia oder Boule?« »Es ist das Globusspiel, das hido globi, das Nico- laus Cusanus kurz vor seinem Tod erfunden hatte. Derjenige gewinnt, dem es gelingt, bei seinen Wür- fen möglichst nahe ans Zentrum heranzukommen. Jeder Versuch, die Mitte direkt anzuvisieren und zu erreichen, scheitert zwangsläufig. Aber man kann mit der Zeit eine gewisse Fertigkeit erreichen, auf Um- wegen dem Ziel nahe zu kommen. Versuchen Sie’s!« Ich setzte die »Kugel« viel zu heftig auf die Scheibe. Sie eierte weit am Ziel vorbei und kam auf der gegenüberliegenden Seite auf der Eins zu liegen. »Versuchen Sie’s noch einmal!« Diesmal rollte das Gebilde knapp am Zentrum vorbei, kam aber wieder auf der Eins zur Ruhe. »Nicht aufgeben!« sagte Falcotti lächelnd. »Das ist – unter anderem – der Sinn der Sache.« Diesmal setzte ich noch sanfter auf, parallel zu den Kreislinien, mit der konvexen Seite zum Rand, und tatsächlich rollte der globus auf stark gekrümmter Bahn Richtung Zentrum, bis er auf der Acht zum Stillstand kam. »Das ist schon ganz gut«, sagte Falcotti. »Sie ler-, nen schnell.« »Und was lerne ich?« »Es gibt verschiedene Deutungen dieses Spiels. Cusanus selbst hat ihm schon mehrere Eigenschaften zugemessen. Eine der wichtigsten ist, daß es den Spielenden Spaß macht, sie heiter stimmt und sie lehrt, Niederlagen leichten Sinnes und mit Humor zu ertragen. Tatsache ist nämlich, daß die Bewegung des globus prinzipiell nicht vorhersagbar ist. Selbst wenn die Ausgangsbedingungen genau die gleichen wären, ist doch jeder Wurf verschieden. Cusanus will uns damit sagen, daß zwei Vorgänge sich niemals völlig gleichen, daß also exakte Prognosen niemals möglich sind. Der tiefere Grund ist freilich symboli- scher Natur: In der Mitte des Feldes, im zehnten, dem innersten Kreis, der keine Zahl trägt, ist Chri- stus. Ihm direkt nachzufolgen ist prinzipiell unmög- lich, dazu sind wir Menschen zu versehrt – will sa- gen: Jeder von uns hat seine Delle. Wir kommen auf unserer Lebensbahn unweigerlich von unserem Weg ab, selbst wenn wir fest danach trachten, ans Ziel zu gelangen, zu Gott. Aber wenn wir uns bemühen und es mit Geduld angehen, können wir unserem Ziel doch recht nahe kommen.« Er holte aus und brachte den globus auf einen Kurs, der weitab vom Ziel über die Zwei und die Drei eine Bahn mit zunehmender Krümmung be- schrieb, die schließlich auf der Neun endete., »Ich sehe, Sie werden es eines Tages schaffen, Si- gnore Falcotti.« Er zuckte lächelnd die Achseln und blickte mich über den Rand seiner Brille hinweg an. »Keine Prognosen, Signorina Ligrina! Wer weiß, vielleicht sind Sie schon dabei, mich zu überholen.«,

VII EIN HÜHNCHEN FÜR CUSANUS

»ALLE DIESE VERSCHIEDENEN SICHTBAREN FORMEN SIND BESCHLOSSEN IN DER WELT; UND DENNOCH WÜRDE, WENN ES MÖGLICH WÄRE, DASS JEMAND AUSSERHALB DER WELT HINGESTELLT WERDE, DIE WELT UNSICHTBAR EÜR IHN SEIN.« Nicolaus Cusanus »Ach je! Verzeiht, Eminenz. Wir haben Euch noch nicht erwartet. Wir dachten, Ihr weiltet noch in Köln. O Gott, ich wollte morgen früh zum Markt und etli- che Dinge kaufen, die Ihr mögt und schätzt, wie ich von früher weiß. Ach, Eminenz. Wie steh ich da vor Euch? Laßt Euch …« »Aber, Katrin! Willst du allen Ernstes vor mir auf die Knie sinken? Erheb dich und laß dich umarmen. Und nenn mich nicht Eminenz! Wie sagtest du immer zu mir, als ich noch Dechant an Sankt Florin war?« »Ich wag’s nicht.« »Nico, sagtest du und warst wie eine Mutter zu mir. Dabei wollen wir doch bleiben, Katrin.« »Aber Ihr seid ein so hoher Herr geworden. Käm’t gleich nach dem Heiligen Vater, sagt Helwicus.«, »Nun, ist’s nicht so?« warf der Dechant ein. »Man sagt, Papst Nicolaus sei Euer Freund und schätze Eu- ren Rat.« »Fürwahr, wir sind in vielem einer Meinung.« »Wie steh ich da?« klagte die alte Haushälterin und breitete die Hände aus. »Gänzlich unvorbereitet. Ein Hühnchen hätt ich anzubieten, in Butter und Rosmarin gebraten, aber kalt. Das Brot ist frisch.« »Ich bin nicht hungrig. Wir sind heute nach dem Mittagsmahl erst losgeritten von Andernach. Ich hat- te dort am Morgen noch einen dringenden Brief zu diktieren ans Kapitel von Sankt Johann in Osna- brück. Doch mich dürstet. Ein Glas Wein könnt ich wohl vertragen.« »Wein von zu Hause?« »Ja. Hast du welchen aus den Weinbergen meines Vaters?« »Freilich, alle Jahr schickt uns Euer Bruder Johan- nes ein Fuder die Mosel herunter. Es ist der beste Wein weit und breit.« »Dann bring mir davon einen Krug, Katrin, damit ich wenigstens einen Mund voll Heimat schmecke.« »Wie, Ihr reitet nicht hinauf nach Kues?« fragte der Dechant. »Ich tät’s von Herzen gern, doch fehlt mir die Zeit, Helwicus. Man erwartet mich in Frankfurt. Und nächsten Monat soll ich schon wieder in Brixen sein. Ich wäre gern hinaufgeritten nach Kues, um nach, dem Rechten zu sehen und wie weit die Pläne gedie- hen sind fürs Stift, doch ich habe vertrauensvolle Leute unter der Aufsicht meines Bruders, die meine Sache befördern und gut verwalten.« »Das nämliche hörte ich auch.« »Hörtet Ihr auch von der Hinrichtung in Köln, an Maria Lichtmeß? Von der jungen Frau, die man der Hexerei überführt zu haben glaubte und auf dem Scheiterhaufen verbrannte?« »Ja, ich hörte davon. Tilman von Linz war bei den Verhandlungen dabei als Berater Dietrichs. Es gab wieder viel Streit zwischen dem Rat und dem Erzbi- schof, wie üblich, diesmal in Sachen Gerichtsbarkeit. Und die Bevölkerung war ganz aus dem Häuschen, wollte endlich mit eigenen Augen eine Hexe brennen sehen.« »Diese Frau schrieb mir Briefe.« »Höre ich recht? Sie schrieb Euch Briefe?« »Ja, seht! Ich werde mir jetzt endlich die Zeit nehmen, sie zu lesen«, sagte der Kardinal und warf die verschnürte Rolle auf den großen Tisch. »Es sind Abschriften. Ein Schreiber des Erzbischofs gab sie mir. Geistleben ist sein Name. Er setzte mit der glei- chen Fahre nach Deutz über wie ich.« Der Kardinal nahm ein Federmesser und schnitt die Schnüre auf, goß den bereitgestellten Becher voll Wein und trank daraus mit kleinen prüfenden Schlucken., »Der Wein ist gut«, sagte er und nickte anerken- nend; dann begann er zu lesen. Später brachte Katrin ihm eine Kerze. Und als die- se heruntergebrannt war, zündete sie eine zweite für ihn an und legte weitere Kerzen daneben. Und Nicolaus Cusanus las und las. * »Ihr habt das Hühnchen nicht einmal angerührt, Herr. Ich wußte doch, daß es nicht nach Eurem Ge- schmack war.« »Nein, Katrin«, sagte der Kardinal gedankenverlo- ren. »Das heißt ja.« Er wandte sich ab. »Östlich von Cattenom ist das Land schwarz, bis weit ins Böhmische und Polnische hinein«, murmelte er, »wie man vom Orbit aus sehen kann.« »Ich bring Euch warme Milch.« »Ist Helwicus schon auf?« »Ja. Soll ich ihn rufen?« »Ich bitte dich.« »Wißt Ihr, wo Cattenom liegt, Helwicus?« fragte erden Dechanten. »Oh, ich glaube, so heißt ein Weiler ganz oben an der Mosel, im Lothringischen, unweit von Metz. Ich weiß es nicht genau, doch Adrien, der Fischer, der uns jeden Donnerstagabend seinen Fang bringt,, stammt aus dieser Gegend. Ich werde ihn fragen.« »Im Lothringischen?« wiederholte der Kardinal versonnen. »Östlich von Cattenom ist das Land schwarz …« »Ich verstehe nicht …« Der Kardinal fuhr mit dem Fingernagel unter das erstarrte Wachs der niedergebrannten Kerzen und löste es von der Tischplatte ab. »Rätselhaft das alles«, murmelte er. »Was das Hexlein Euch schrieb?« »Das war keine Hexe, die man da gerichtet hat. Es war eine merkwürdige Frau. Verrückt vielleicht, aber kenntnisreich und voller Scharfblick. Sie sah eine Zukunft voraus, die wir uns überhaupt nicht vorstel- len können.« Der Kardinal sah erschöpft aus nach der durch- wachten Nacht. Er wandte sich zum Fenster und rieb sich das Kinn. Inzwischen war es Tag geworden, aber dichter Nebel verhüllte den Fluß, so daß man das gegenüberliegende Ufer nicht erkennen konnte. »›Östlich von Cattenom ist das Land schwarz‹, schreibt sie, ›bis weit ins Böhmische und Polnische hinein, wie man vom Orbit aus sehen kann.‹ – Was meint sie mit ›Orbit‹? Den Erdkreis? Einen Kreis über der Erde? Es müßte ein Vogel sein, der sich hinaufzuschwingen vermöchte bis zur Sphäre des Mondes, um so weit blicken zu können. Ein Engel …?«, Ratlos schüttelte der Kardinal den Kopf. »Die schwarze Klinge, die ins Herz des Kontinents gefah- ren war.« Die Pest? Ein Brand? Ein vom Himmel gestürztes Feuer? Eine schwärende Wunde der Erde selbst? Der Cusaner schaute hinaus über die Mün- dungsauen der Mosel, die sich fast bis hinunter nach Andernach erstreckten. Ein ausgedehntes Sumpfge- biet, aus dem im Sommer Myriaden von Stechmük- ken aufstiegen. Eine Plage für Mensch und Tier, wie er sich erinnerte. Welch sorglose Zeit war das gewe- sen, als er noch hier an St. Florin seinen Dienst als Dechant versah! Nebel stieg auf wie Rauch von erloschenen Feu- ern. Ein Heerlager von Gespenstern, die weitergezo- gen waren durch die Zeit. Der Kardinal zog die Schultern hoch, als hätte ihn ein Frösteln überkom- men. »Todi«, murmelte er. »Wie?« fragte der Dechant irritiert. »Sie schreibt: ›Hütet Euch vor Todi.‹ Was sollte dort auf mich warten? Was meinte sie damit?« Er wandte sich vom Fenster ab und blickte Helwi- cus müde an. »Nicht Richter und Mediziner hätten sie verneh- men sollen, sondern Gelehrte. Man hätte feststellen müssen, woher sie kam und bei wem sie studiert hat- te. Sie muß aus einem Teil der Welt gekommen sein, von dem wir nichts wissen, dessen weise Männer, aber sehr wohl Kenntnis von uns zu haben scheinen. Der Fall dieser Frau hätte in Rom entschieden wer- den müssen. Nun ist es zu spät.« Er wart die Kopien auf den Tisch und rieb sich die Augen. In jungen Jahren hatte auch er, unter dem Eindruck der Worte von berühmten Autoritäten und geängstigt von Berichten über die bösen Einflüsse der superstitio, die Ausrottung der Hexen und Ma- gier gefordert. Mit Unbehagen erinnerte er sich sei- ner Predigt Ibatit in agi, die er am Dreikönigstag des Jahres 1431 gehalten hatte. Nun, zwanzig Jahre spä- ter, dachte er anders über diese Dinge. Er hatte die Angst vor dem Teufel bezwungen, ihr die Klarheit seines Denkens entgegengesetzt, die ihm aus dem Glauben erwuchs. Die Dunkelheit schreckte ihn nicht mehr. »Ich werde versuchen, ein paar Stunden zu schla- fen«, seufzte er und blies die Kerze aus.,

VIII LICHTCLIPPER

»DIE EINBILDUNGSKRAFT IST OFFENBAR EINE

FORM DER VIRTUELLEN REALITÄT. ES IST VIEL-

LEICHT NICHT SO OFFENSICHTLICH, DASS AUCH UNSERE ›UNMITTELBARE‹ ERFAHRUNG DER WELT DURCH UNSERE SINNE EINE VIRTUELLE REALITÄT IST. UNSERE EXTERNEN ERFAHRUNGEN SIND JE- DOCH NIEMALS UNMITTELBAR. WIR NEHMEN NICHT EINMAL DIE SIGNALE UNSERER NERVEN DI- REKT WAHR – WIR WÜRDEN JA GAR NICHT WISSEN, WAS WIR MIT DEM ELEKTRISCHEN GEKNATTER, DAS SIE ÜBERMITTELN, ANFANGEN SOLLTEN. WAS WIR UNMITTELBAR ERFAHREN, IST EINE VIRTUEL- LE REALITÄT, DIE UNSER UNBEWUSSTES ZU UNSE- RER BEQUEMLICHKEIT ERZEUGT, UND ZWAR AUS

SINNESDATEN UND KOMPLIZIERTEN ANGEBORE-

NEN ODER GELERNTEN THEORIEN (ALSO PRO- GRAMMEN) DARÜBER, WIE SIE ZU DEUTEN SIND. (…) JEDES NOCH SO KLEINE STÜCKCHEN UNSERER EXTERNEN ERFAHRUNG GEHÖRT ZUR VIRTUELLEN

REALITÄT. UND JEDER NOCH SO KLEINE TEIL UN-

SERES WISSENS – EINSCHLIESSLICH UNSERES WIS- SENS ÜBER DIE NICHT-PHYSIKALISCHEN WELTEN DER LOGIK, MATHEMATIK ODER PHILOSOPHIE, DER IMAGINATION, FIKTION UND PHANTASIE – IST IN FORM VON PROGRAMMEN IN DEM WIRKLICH- KEITSSIMULATOR VERSCHLÜSSELT, DEN UNSER

GEHIRN DARSTELLT.« David Deutsch

, »Das ist vielleicht ein komischer Typ, dieser Falcot- ti«, sagte Birgit empört, als wir uns ein paar Tage später zu einer Party bei Marcello traten und uns über unsere Bewerbungsgespräche unterhielten. »Er wollte den Großinquisitor spielen, meinst du nicht auch? Ein Schnüffler ist das! Über meine privaten Verhältnisse wollte er mehr wissen als über meine fachliche Qualifikation. Ich habe ihm gesagt, daß ihn das nichts angehe. Er hat nur blöd gegrinst und sich Notizen gemacht. Was soll das denn?« Bernd blickte unbehaglich drein wie immer, wenn seine Schwester in Fahrt war. Und sie schäumte ge- radezu, als sie weiter von ihrem Gespräch mit Falcot- ti berichtete. »›Okay‹, sagte ich zu ihm, ›ich bin wirklich an dem Job interessiert, aber ich möchte zunächst wis- sen, worum es geht. Sie reden hier ständig um den heißen Brei herum, und ich soll Ihnen alles mögliche über mein Privatleben erzählen. Ich erzähle Ihnen überhaupt nichts, bevor Sie mir nicht sagen, was Sie überhaupt von uns wollen, was es mit dieser Renas- cita auf sich hat, wieviel im Monat dabei rausspringt und wohin die Reise gehen soll. Wenn es nämlich darauf hinausläuft, daß ich im Schutzanzug zwischen Mainz und Frankfurt mutierte Schimmelpilze ein- sammeln soll, bis ich hoffnungslos versievert bin, dann können wir’s vergessen,‹ sagte ich zu ihm., ›Dort war ich nämlich schon, und es hat mir gereicht, das kann ich Ihnen versichern.‹ –›Wie kommen Sie denn auf so was?‹ fragte er mich mit großen Augen. ›Weil man für so was immer wieder Freiwillige sucht. Ich habe Leute gesehen, die man nur für ein paar Tage da reingeschickt hatte. Sie sahen hinterher aus, als hätte die Hölle sie ausgespuckt. Das werde ich nie vergessen.‹ – ›Sie haben sicher recht‹, ent- gegnete er, ›aber unsere Aufgabe besteht nicht darin …‹ – ›Ich höre‹, sagte ich zu ihm. ›Wir würden Sie niemals in ein verstrahltes Gebiet schickem, meinte er und sah mich auf diese engelsfromme Art an, die ich überhaupt nicht ausstehen kann. ›Aber wenn Sie Bedenken haben …‹ – ›Ja, ich habe Bedenken‹, er- widerte ich. ›Was soll diese Geheimnistuerei? Ich möchte ein klares Wort von Ihnen.‹ Er hob die Schultern. ›Tut mir leid‹, sagte er, ›damit kann ich Ihnen in dieser Phase des Gesprächs nicht dienen.‹ – ›Dann tut’s mir auch leid‹, sagte ich ihm, und damit war unser Gespräch beendet. Ich schätze, damit war ich von der Liste. Soviel zur Rinascita della Creazio- ne. Scheiß drauf!« Sie trank mit einem Zug ihr Glas aus und knallte es so heftig auf den Tisch, daß Bernd und ich zu- sammenzuckten. »Warst du tatsächlich schon in einem verstrahlten Gebiet?« fragte ich Birgit. »Ja.«, »Heimlich?« Sie zog auf diese für sie typische Weise die Mundwinkel herunter. Ein bitteres Lächeln. »Natürlich. Oder glaubst du, die veranstalten Sightseeingtours in die Todeszone?« entgegnete sie schroff. Birgit zuckte heftig die Achseln. Ich bemerkte, daß sie Tränen in den Augen hatte. Das hatte ich bei ihr noch nie gesehen. »Ihr macht euch überhaupt keinen Begriff, wie die Umwelt dort versaut ist. Das Land ist schlimmer als tot. Es ist dazu verdammt, kein normales Leben mehr zu tragen. Dort hat sich echt das Chaos eingefressen. Ich hatte diese Berichte immer für einen Fantasy- Scheiß gehalten: Die Schattenwelt, die uns bedroht, die sich ausbreitet, sich vom Rand her immer tiefer in unsere Wirklichkeit hineinfrißt. Aber verdammt, es ist tatsächlich so! Es ist, als wärst du überhaupt nicht mehr auf der Erde! Die Pflanzen wissen nicht mehr, wie sie auszusehen haben; sie haben verges- sen, welche Farbe sie haben sollen. Die Form ihrer Blüten, die Zeit ihrer Reife – alles ist außer Kontrol- le! Es ist das genetische Chaos. Hast du schon schwarze Klematis gesehen? Oder schwarzen Ritter- sporn? Rote Baumschwämme, groß wie Satelliten- schüsseln? Und bei manchen Pflanzenmonstern, die da wachsen, kämst du nur mit einer Genanalyse da- hinter, woraus sie sich entwickelt haben.«, Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als wolle sie sich selbst zum Schweigen bringen. Niemand sagte etwas. Einen solchen Ausbruch hatten wir alle bei Birgit noch nicht erlebt. Marcello brach endlich die unbehagliche Stille. »Was hast du denn da gemacht?« fragte er. »Ich meine … du hast dabei doch dein Leben riskiert. Weshalb …?« Sie wandte sich ab. Ihr Zopf fegte die Schulter. »Ich habe nach unseren Eltern gesucht.« »Und hast du was erfahren können?« Sie schüttelte den Kopf, wischte sich Tranen aus dem Augenwinkel. Alle sahen schweigend aneinan- der vorbei. Was ist das für eine miese Party, dachte ich. Um Himmels willen! »Dann habe ich den Job eben nicht«, entfuhr es ihr. »Was soll’s?« »Ich habe auch abgelehnt«, sagte Bernd. Ich schaute ihn entgeistert an. »Man hat dir einen Job angeboten, und du läßt ihn einfach sausen? Herrgott, wir wissen doch alle, wie schwer es ist, heute überhaupt was zu kriegen. Zum Teufel, wir können es uns nicht leisten, wählerisch zu sein!« Er wich meinem Blick aus. »Ich finde schon was anderes«, sagte er wegwer- fend. »Und Birgit auch.«, Bernd schien erleichtert, daß er seine Bewerbung zurückgezogen hatte. Mir wurde innerlich ganz kalt. Ich hatte insgeheim immer gehofft, daß wir irgend- wie zusammenarbeiten könnten. Er hatte es einfach hingeschmissen. Wollte er nicht, daß wir in Verbin- dung blieben? Je länger ich darüber nachdachte, de- sto deutlicher wurde mir, daß das nicht persönlich gegen mich gerichtet war, daß vielmehr seine Schüchternheit und Zurückhaltung, die ich so an ihm mochte, nichts anderes waren als der Ausdruck sei- ner Unentschlossenheit. Er hatte nie eine Entschei- dung treffen müssen, und er würde nie eine Ent- scheidung treffen. Das würde immer Birgit für ihn tun. »Ihr tut ja so, als käme das Angebot von der Ma- fia. Es kommt aus dem Vatikan, verdammt noch mal!« rief ich. »Wer sagt denn, daß sie uns nach Deutschland schicken wollen?« Alle sahen mich an. »Weil dort die Schöpfung wirklich tot ist. Wenn sie das mit der Rinascita ernst nehmen, dann müssen sie dort ansetzen«, erwiderte Birgit heftig. »Und was den Vatikan betrifft: Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen der schon für seine Zwecke verheizt hat? Menschen guten Glaubens?« »Hört doch auf.« riet Bernd. »Was soll das denn?« entgegnete ich hitzig. »Es gibt eine Menge Orte auf dieser Erde, wo die Schöp-, fung dringend einer Wiedergeburt bedarf. Außerdem glaube ich nicht, daß sich der Vatikan dazu berufen fühlt, die Schäden zu beseitigen, den die Franzosen angerichtet haben.« »Woher weißt du das?« fragte Birgit spöttisch. »Soviel ich weiß, sind sie selbst dabei, dort aufzu- räumen.« »Na ja. Dann sind sie ja für die nächsten dreihun- derttausend Jahre beschäftigt.« »Alle helfen mit. Es ist eine Aufgabe für die ganze Welt«, wart Marcello besänftigend ein. »Jeder hat das Recht, selbst zu entscheiden, ob er mitmacht oder nicht. Und wenn ich dorthin geschickt werden sollte, werde ich gehen.« »Braver Junge«, entfuhr es Birgit. »Laß dir aber vorher ein paar Stammzellen einfrieren.« »Ich glaube es einfach nicht, daß wir dorthin ge- schickt werden sollen«, entgegnete ich hartnäckig, aber plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher. »Ich auch nicht«, sagte Renata. »Was könnten wir denn dort noch tun als Botaniker?« »Life counts«, warf Bernd ein. »Schadenserhe- bung.« »Blödsinn«, fuhr ihn Renata an. »Dort ist doch al- les gelaufen.« »Ich würde mir an eurer Stelle auf jeden Fall das Kleingedruckte sehr genau ansehen«, riet Birgit. »Ich hatte von Anfang an das Gefühl, daß da etwas nicht, ganz koscher ist. Was soll diese Geheimniskräme- rei?« »Habt ihr bemerkt, daß dieser Falcotti an der Schläfe ein kleines Kreuz als Implantat trägt?« fragte Marcello. »Ist ja nicht zu übersehen«, sagte Birgit. »Direktkontakt nach oben«, höhnte Bernd. »Hör mal«, sagte ich zu ihm. »Das ist seine Sache. Darüber sollten wir uns nicht lustig machen.« Birgit sah mich an und lächelte kalt. »Und warum nicht?« fragte sie. »Ich habe das bei Jesuiten übrigens schon öfter ge- sehen«, wart Renata ein. »Früher trugen sie es am Kragen.« »Könnte ein BCI sein«, sagte Marcello. »Ein was?« fragte ich. »Eine Brain-Computer-Interface«, erklärte er. »Ei- ne implantierte Schnittstelle. Damit hat man direkten Zugang zu den Netzen.« Ich zuckte die Achseln und sah Renata fragend an. Sie nickte. »Ein Fenster in den Cyberspace.« »Na, wenn schon«, sagte Birgit. »Computerge- stützte Klugscheißer.« »Wurdet ihr auch gefragt, in welche Zeit ihr gern versetzt werden wollt, wenn das möglich wäre?« fragte Marcello, um dem Gespräch eine andere Rich- tung zu geben., Birgit winkte ab. »Das gehörte sicher zu irgendeinem psychologi- schen Test. Wißt ihr, was ich darauf geantwortet ha- be? Eine Woche vor dem Cattenom-GAU, mit einer gut bewaffneten Eingreiftruppe, habe ich gesagt. Um die Idioten dort rechtzeitig kaltzustellen.« Bernd nickte. Seine Augen leuchteten. Ach, Bernd, dachte ich. »Ich kann mir keine Aufgabe vorstellen, bei der solche bunt zusammengewürfelte Gruppen eingesetzt werden sollten«, sagte Marcello. »Wieso?« fragte ich. »Ernesto haben sie auch ein Angebot gemacht.« »Welchem Ernesto?« »Ernesto Caputi. Er hat Physik studiert.« »Der kriegt den Geigerzähler umgehängt«, erklärte Birgit und lachte ein bißchen zu laut. »Ist doch klar.« Sie war traurig – und ein wenig betrunken. »Und Marco ebenfalls.« »Welcher Marco?« »Marco Brescia. Ich glaube, du kennst ihn, Dome- nica.« »Ja, ich erinnere mich.« »Bei dem bin ich mir sicher, daß er keine Akelei von einer Mohrrübe unterscheiden kann«, sagte Bir- git. »Er ist Mediaevist.« Ich hatte das Gerede satt und ging in die Küche hinaus. Renata schnitt Brot auf mit einem großen, Küchenmesser. Dabei sah ich zum ersten Mal, daß ihr am kleinen und am Ringfinger der linken Hand jeweils ein Glied fehlte. Sie bemerkte, daß ich auf die Verstümmelung starrte. »Du solltest vorsichtiger mit dem Messer umge- hen«, beeilte ich mich leichthin zu sagen und deutete mit einem Nicken auf ihre Hand. Sie hob sie hoch und hielt sie mir vor die Augen. »Peng«, sagte sie. Ich blickte sie fragend an. »Hast du schon mal Gittermasten fliegen sehen?« fragte sie. »Wie fallende Engel. Mit ausgebreiteten Schwingen und Blitze um sich schleudernd.« »Du warst bei den Alto Adige? Hast du auch Starkstromleitungen gesprengt?« Sie nickte und betrachtete ihre verstümmelten Fin- ger. »Glück gehabt«, sagte sie. »Ich hab nur fünf Zen- timeter geopfert. Die Österreicher haben mich nie erwischt. Sonst wäre es wohl schlimmer ausgegan- gen.« Sie hob das Brotmesser an die Kehle. Die hellen Fleckchen in ihren dunkelbraunen Augen blitzten wie Bernsteinsplitter. Ihre Wangen waren gerötet. Ich hatte sie noch nie so vergnügt erlebt. »Du freust dich, daß du auch einen Job in Aussicht hast.« Renata nickte; ein glückliches Lächeln erhellte ihr rundes, fast ein wenig bäuerliches Gesicht. Ihr ver-, haltener Liebreiz erschloß sich erst auf den zweiten Blick. Sie hatte schön geschwungene Brauen und einen kleinen, herzförmigen Mund, den sie nie schminkte; ihre kleinen regelmäßigen Zähne gruben sich unwillkürlich in die Lippe, wenn sie scharf nachdachte. Ihr gelocktes Haar trug sie schlicht nach hinten gekämmt, in einen lockeren Knoten geschlun- gen und mit einer Art Spange gefaßt – einem glatten, knubbeligen Stück Zirbelholz, das wie eine kleine, halb geöffnete Faust aussah, in der es mit einem lan- gen spitzen Dorn festgesteckt war. Der gewölbte »Handrücken« des Gebildes war himmelblau und von einem naiven Künstler ihrer Heimat mit Alpen- blumen bemalt. Sichtlich ein sehr altes Stück. Renata stammte aus der Gegend von Bolzano. Sie hatte sich nach der »Volksbefragung« und dem »An- schluß« Südtirols der Freiheitsbewegung Alto Adige angeschlossen und war vor der Verfolgung durch den österreichischen Sicherheitsdienst nach Venedig ge- flohen, wo sie sich mit verschiedenen Jobs durchge- schlagen und ihr Abitur gemacht hatte. Schon als Kind hatte Renata gelernt, sich unter den Augen der Besatzer zu verstellen und unauffällig zu bewegen. Ich erinnere mich, wie überrascht ich war, als ich sie zum ersten Mal berührte. Renata hatte häufig vor mir gesessen in den Vorlesungen. Eines Tages fiel mir auf, wie ärmlich sie gekleidet war. Ih- re Kleidung war sauber, aber fadenscheinig und, mehrfach geflickt; offenbar konnte sie sich nichts Neues kaufen. Das war eine ungewohnte Erfahrung für mich, denn ich hatte nie auch nur einen Gedanken an Kleidung verschwenden müssen. Vater hatte Be- ziehungen zu Textilfirmen und Modeateliers gehabt; Mutters Schränke quollen über von Kostümen, Klei- dern, Röcken, Hosen, Blusen und Pullovern, die sie nicht ein einziges Mal getragen hatte, weil sie ihr zu modisch waren und sie, wie sie sich ausdrückte, nicht wie »so ein Flittchen« herumlaufen wollte, mit denen er zu tun hatte – rein beruflich, wie er betonte. Ich hatte mich in den Jahren meiner Schulzeit und des Studiums gedankenlos aus diesem Fundus bedient und nur selten etwas kaufen müssen. Als ich das nächste Mal nach Hause fuhr, packte ich eine große Plastiktüte voll Kleidungsstücke zusammen, die Re- nata einigermaßen passen mochten, und brachte sie ihr mit. Sie sah mich prüfend an, sagte aber nichts. »Wenn du das Zeug haben willst«, sagte ich, »ich brauche es wirklich nicht.« Sie warf nicht einmal einen Blick in die Tüte, sah mich nur schweigend an. »Ich wollte es schon längst herschenken«, sagte ich und zuckte die Achseln; fast war mir, als müßte ich mich für das Geschenk entschuldigen. Endlich wischte sie sich mit einer raschen Hand- bewegung, die mir schon ein paarmal an ihr aufgefal- len war. über Oberlippe und Nasenspitze, als würde, sie schniefen. Dann griff sie nach der Tüte, legte mir den Arm um die Schultern und flüsterte: »Danke.« Es klang so, als wäre sie gerührt, aber vielleicht war es einfach nur der kehlige Klang ihres heimatlichen Dialekts. Ich nahm sie in den Arm, selbst wohl am meisten überwältigt von meiner Großzügigkeit und Herzensgüte – und dabei stellte ich verwundert fest, wie zierlich und zartknochig sie sich anfühlte. Sie wog bestimmt keine fünfzig Kilo und war geschmei- dig wie eine Katze. Meine Renata. Wieviel leichter wäre es gewesen, wenn wir hätten zusammenbleiben können. * Von den etwa dreißig Bewerbern waren fünf übrig- geblieben: Renata Gessner und Marcello Tortorelli – beide Botaniker, die mit mir das Examen gemacht hatten –, Ernesto Caputi, der Theoretische Physik studierte und sich auf Grenzschicht-Quantenphäno- mene spezialisiert hatte, Marco Brescia, der seinen Abschluß in Europäischer Geschichte des ausgehen- den Mittelalters gemacht hatte – und ich. Alle ande- ren hatten sich nicht qualifizieren können oder waren wie Birgit und Bernd abgesprungen, als das Gerücht aufkam, das Istituto della Rinascita wolle die Ange- worbenen in die Todeszone schicken, um eine Be- standsaufnahme der Verwüstungen vorzunehmen., * »Ein Gespräch, Domenica.« »Wer?« »Keller, Bernd.« »Annehmen – Ja, Bernd?« Er druckste herum. »Du solltest den Vertrag nicht unterschreiben, Domenica.« »Was soll das denn? Willst du, daß ich die Chance ausschlage? Du weißt genau, wie schwierig es für uns ist, eine Anstellung zu finden. Also lass mich in Ruhe, ja? Ich akzeptiere deinen Entschluß, obwohl ich ihn bedaure. Ich habe mir immer vorgestellt, wir könnten gemeinsam losziehen und … Aber okay. Du hast deine Entscheidung getroffen. Wenn du sie überhaupt getroffen hast. War es denn deine eigene Entscheidung?« »Domenica … Das ist nicht so wichtig …« »Doch, verdammt noch mal! Das ist sehr wich- tig!« entfuhr es mir. »Du hast dich wieder hinter ih- rem Rücken versteckt. Wie immer. Ich wette, du rufst mich heimlich an.« »Sei doch nicht gleich so aufgebracht. Ich will dir nur einen Rat geben …« »Und was rätst du mir? Den Vertrag nicht zu un- terschreiben. Aus welchem Grund? Nenn mir einen Grund!«, Er schwieg. Dann sagte er: »Das kann ich nicht. Es muß aus freiem Willen geschehen. Du mußt aus freiem Willen ablehnen oder dich dafür entschei- den.« Allmählich wurde ich zornig. »Was soll der Quatsch, Bernd?« »Ich habe dich … Sie machen etwas mit euch. Et- was Schlimmes. Etwas Monströses. Ich habe heute gesehen, was sie …« Seine Stimme zitterte. Er brach ab. »Was hast du gesehen?« fragte ich befremdet. So kannte ich ihn nicht. Er war verstört. »Ich kann es dir nicht sagen.« »Hör zu, Bernd. Wir kennen uns nun schon so lange. Was ist los?« »Bitte, laß es sein, Domenica. Bitte … um deinet- willen …« »Jetzt red endlich!« »Ich kann es dir nicht sagen, Domenica. Glaub mir, ich kann es nicht.« »Und weshalb kannst du das nicht?« »Es … es würde die Welt zerstören.« »Sag das noch mal.« »Es würde die Welt zerstören. Unsere Welt.« Ich atmete ein paarmal tief durch. »Spinnst du?« »Nein.« Das Schweigen dehnte sich., »Gut, Bernd. Ich danke dir für deinen Rat.« »Es muß aber wirklich dein absolut freier Wille sein, was immer du tust.« »Ich verstehe.« Kein Wort hatte ich verstanden. * »Wer hat eigentlich dieses Schauermärchen aufge- bracht, wir würden euch in radioaktiv verseuchte Gebiete schicken?« fragte uns Falcotti bei der Ab- schlußbesprechung. »Ich weiß es nicht«, erwiderte ich ausweichend. »Ich habe es vor. Birgit Keller gehört«, sagte Mar- cello, »einer Kommilitonin aus der Botanik. Sie hatte sich auch beworben.« Falcotti nickte. »Nun, das Gegenteil ist der Fall«, betonte er. »Wir werden Sie einzeln in Gebiete Europas schicken, die noch absolut unverschmutzt und kaum berührt sind – zumindest was die Feldarbeit betrifft. Die Physiker und Historiker werden jeweils in der Basis benötigt werden, von der aus wir operieren, um die Leute draußen zu unterstützen und ihre Rückkehr zu si- chern. Deshalb werden Sie eine recht unterschiedli- che Ausbildung zu absolvieren haben. Sie wird in Venedig durchgeführt werden, weil wir hier in Rom nicht über die erforderlichen technischen Einrichtun-, gen verfügen. Ihr späterer Einsatzort wird Amster- dam sein. So merkwürdig es klingen mag, aber das Zentrum des Istituto pontificale della Rinascita della Creazione di Dio ist dort im Aufbau begriffen. Es handelt sich um ein ökumenisches Projekt und dient ausschließlich wissenschaftlich-technischen Zwek- ken. Es geht um die Rettung der Schöpfung Gottes, die Rettung der Zukunft, ja« – er breitete in einer umfassenden Geste die Arme aus –, »um die Erhal- tung dieses unseres Universums.« »Oho«, sagte Renata sarkastisch. »Dann nichts wie ran. Wir haben meines Wissens nur das eine.« Falcotti blickte sie nachdenklich an und nickte. »Sie haben ganz recht, Signorina Gessner. Wir schon.« * »Ein Gespräch, Domenica.« »Wer?« »Ligrina, Maria.« »Annehmen! – Mutter! Endlich!« Ich machte gleich zu Anfang wieder den Fehler, sie zu fragen, wie es ihr gehe. Es rutschte mir so raus, und im selben Moment wußte ich, daß ich es nicht hätte tun sollen, denn wie üblich begann sie zu klagen. Es sei alles zuviel für sie, das Haus und das Café, und Großmutter sei ihr keine Hilfe, im Gegen-, teil, sie müsse sich immer mehr auch noch um die alte Frau kümmern. »Mutter, ich habe einen Job!« unterbrach ich ihr Lamento. »Eine feste Anstellung für mindestens zwei Jahre! Ich gehe nach Venedig und dann nach Amsterdam.« »Was willst du im Ausland, Kind? Wie kann man in diesen unsicheren Zeiten nur auf den Gedanken verfallen, ms Ausland zu gehen? Jetzt, wo es überall drunter und drüber geht, seit es die EU nicht mehr gibt und die Moros und andere Ausländer uns von allen Seiten bedrohen.« »Mutter, ich muß beruflich weiterkommen. Als Botanikerin heute eine Stellung zu finden, ist schwer.« »Komm nach Genua. Hier gibt es noch genug Bäume und Pflanzen zu studieren. Hier bist du gut aufgehoben.« Mir schoß durch den Kopf um die Wohnung zu putzen, die Terrasse zu fegen und die Tische abzuwischen und bis in die späte Nacht Gaste zu bedienen, die dir jedesmal den gleichen bescheu- erten Quatsch erzählen und erwarten, daß man über ihre blöden Witze sich vor lauter Lachen nicht mehr einkriegt. »Mutter, ich muß endlich mein eigenes Geld ver- dienen …« »Dieses Gerede kenne ich. Du bist eben doch ganz die Tochter deines Vaters. Er hatte auch immer wie-, der irgendwelche Ausreden gehabt, um sich davonzu- stehlen. Er hatte nie Rücksicht auf mich genommen. Ich hätte es mir denken können, daß auch du mich im Stich lassen würdest.« – Hatte sie schon eine tränener- stickte Stimme? – »Immer stehe ich allein da …« Ja, sie weinte tatsächlich. O Gott! »Du kannst mich immer und überall unter diesem Code erreichen, Mutter. Von wo aus rufst du an? Hast du jetzt endlich auch ein IKom?« Natürlich, mußte sie ja, sonst hätte mein Gerät sie ja nicht identifizieren können. »Die Verbindung wurde vom Gesprächspartner unterbrochen, Domenica. Möchtest du, daß ich mei- nerseits die Verbindung für dich …?« »Nein, danke, Luigi. Mir reicht’s für heute.« * Es war noch finster, als wir zum Flughafen Leonardo da Vinci hinausführen. Wir hatten nur Handgepäck dabei; unsere übrigen Sachen waren als Bahnfracht vorausgeschickt worden, denn wenn wir alle auch nicht viel hatten, es kam doch einem kleinen Umzug gleich. Es sei besser, unsere Wohnungen aufzulösen, hatte Falcotti uns geraten. Signore Paolini, mein Vermieter, hatte die Kündigung mit einem stummen Achselzucken zur Kenntnis genommen und nur einen seiner traurigsten Blicke zugeworfen., Jeder von uns döste auf einer Sitzbank in dem kleinen Bus, der früh um drei wispernd vor dem In- stitut vorgefahren war. Wir hatten dort Abschied ge- feiert mit viel zuviel Rotwein. Weder Bernd noch Birgit waren erschienen. – Das hatte ich nicht erwar- tet, aber damit hast du nur den Abschied sehr viel leichter gemacht, Bernd. Die Brennstoffzelle arbeitete lautlos; nur das Fahrgeräusch der Reifen war zu hören, als wir durch die stillen, leeren Straßen rollten. Die Ampeln waren abgeschaltet oder zerstört, viele wahrscheinlich schon seit Jahren. Selten sah man ein erleuchtetes Fenster. Nur auf der Via della Magliana brannten in unregelmäßigen Abständen ein paar Straßenlaternen. Am Rand der Autobahn nach Fiumicino waren im- mer wieder ausgebrannte Fahrzeugwracks zu sehen, die unsere Scheinwerfer aus der Dunkelheit rissen und wieder zurücksinken ließen. Drohnen kamen herbeigehuscht wie Fledermäuse, schwebten kurz über uns und überprüften die Kennung des Fahrzeugs und unsere IKom-Chips, um dann wieder davonzu- schießen auf ihrer nächtlichen Jagd. Der Flughafen war weiträumig abgesperrt und mit doppeltem Klingendraht und zusätzlich durch einen Hochspannungszaun gesichert. Alle hundert Meter stand ein Schützenpanzer. Wir mußten drei Kontrol- len passieren. Jedesmal steckte ein Uniformierter den Kopf herein, starrte auf seinen Palmtop und glich, unsere IKoms mit den Chips der Begleitpapiere ab, die ihm unser Fahrer aushändigte. Beim dritten Mal sprang Marcello auf und stürzte zur Tür. »Bleiben Sie hier! Nicht aussteigen!« blaffte der Sicherheitsbeamte. Marcello ignorierte den Befehl, drängte sich an ihm vorbei, polterte hinaus – und blickte in den Laut einer Maschinenpistole, die auf seinen Kopf gerichtet war. »Stehenbleiben!« Ein weiterer Uniformierter eilte herbei und entsi- cherte seine Waffe. Sie versuchten Marcello zurück in den Bus zu treiben, der sich aber plötzlich zusam- menkrümmte und sich erbrach. Die Sicherheitsleute prallten zurück, damit ihre Uniform nicht besudelt wurde, packten ihn links und rechts an den Oberar- men und schleiften ihn zum Straßenrand, wo er sei- nen Mageninhalt ins tote graue Gras kotzte. Das Er- brochene sah im aggressiven eisblauen Xenon-Licht, das schräg vor uns plötzlich aus dem Himmel herab- stach, aus wie Blut. Mich schauderte. Wie aus dem Nichts tauchte eine militärische Drohne über dem Bus auf und umkreiste das Fahrzeug. Die beiden Rotoren des Fluggeräts schwirrten lautlos, was das Gefühl der Bedrohung noch verstärkte, während es die doppel- läufige Bordwaffe bei seinen ruckartigen, libellenhaf- ten Bewegungen ständig auf uns gerichtet hielt. »He! He! He!« rief unser Fahrer, warf die Arme hoch und ließ sie aufs Lenkrad fallen., Sie stießen Marcello in den Wagen. Einer der Si- cherheitsleute winkte mit der Maschinenpistole. »Weiterfahren!« rief er. Die Türschloß sich seufzend. Marcello ließ sich auf seinen Sitz fallen. Sein Gesicht war aschfahl und von Schweiß bedeckt. Er rang nach Atem. Renata packte ihn von hinten an den Schultern. »Das darfst du nie machen!« schrie sie und schlug ihn mit den Fäusten auf die Schultern. »Nie! Nie! Nie!« Marcello wandte unmutig den Kopf und versuchte sie abzuwehren. »Hätte ich den Bus vollkotzen sol- len, oder was?« »Das ist ganz egal. So kann man leicht sterben, hörst du? Diese Burschen haben Angst. Sie sind ner- vös. Das geht sehr schnell, glaub mir! In einer sol- chen Situation muß man ganz ruhig bleiben. Nicht bewegen. Nur nicht bewegen.« »Ach, laß mich in Frieden«, murmelte er. Wieder überkam ihn Brechreiz. Er wandte den Kopf ab und preßte die Hand auf den Mund. »Laß ihn«, sagte ich zu Renata und legte beruhi- gend den Arm um sie. Sie zitterte am ganzen Körper. Ich hatte sie noch nie so erregt gesehen. »In solchen Situationen habe ich schon manchen Freund …« Sie brach ab. »Beruhige dich, Renata. Es ist nichts passiert.« Der Bus fuhr langsam weiter. Wir kamen an einem, ausgebrannten Lieferwagen vorbei, der auf der linken Fahrspur stand. Das Blech war ausgeglüht und sah gespenstisch fahl aus; der hintere Reifen rauchte noch. Der Abwind von den Rotoren einer schweben- den Drohne trieb das schwarze Gekräusel über den Asphalt. Stroboskopartig fuhr das grelle Licht ihrer Scheinwerter über unsere Gesichter, um sie in ir- gendwelchen elektronischen Katakomben abzulegen. * Die Abfertigung auf dem Flughafen zog sich endlos hin. Inzwischen dämmerte bereits der Morgen. Unse- re Reisepapiere wurden doppelt und dreifach über- prüft. Da und dort wurden Proteste unter den warten- den Passagieren laut. Sie blieben ohne Wirkung. Ich fühlte mich an die Fernsehberichte über die Situation in Neapel erinnert, als die Linie Gaeta – Termoli er- richtet wurde. So weit hatte sich also der afrikanische Kontinent in zwölf Jahren bereits nach Norden ge- schoben. Wir Römer waren unversehens zu Moros geworden. Ich blickte durch die große Scheibe aus Sicher- heitsglas hinaus auf die neue Startanlage. Bald würde die Sonne aufgehen. Ein Lichtclipper kauerte dunkel glitzernd auf einem Stratolifter am Ende der Rampe des Linearbeschleunigers, als hätte sich die Finster- nis der Nacht mit ihrem Sternengeglitzer zu einer, eleganten Skulptur verdichtet. Die breiten, weitaus- ladenden Schwingen des Nurflüglers waren überkru- stet von einer aufgesprühten Solarzellenschicht, die das Licht restlos absorbierte. Die Panoramafenster an den Flügelkanten waren hell erleuchtet und sahen aus wie dicht an dicht angeordnete Facettenaugen, die wachsam in den heller werdenden Himmel starrten. Langsam setzte er sich in Bewegung und glitt immer schneller auf der in einer sanften Kurve aufsteigen- den Monorail der Magnetschwebebahn dahin. Sie beschleunigte die Maschine auf 500 km/h, dann zün- deten mit einem blauen Blitz die Doppeltriebwerke des ferngesteuerten Wasserstoffboosters am Heck des Stratolifters, der das Flugzeug hochtrug. Der Lif- ter brannte mit seiner gleißenden Flamme einen so steilen Kondensstreifen in den Morgenhimmel, daß es aussah, als setze sich die Rampe der Magnetbahn fort bis in die hohe Atmosphäre in Form eines dicken weißen Zopfes, den der Wind zusehends nach Nor- den bauschte. In einer Höhe von 35 000 Metern wür- de der Lifter abkoppeln und zurückkehren. Dann würde das Flugzeug, die Sonne auf den dunklen Schultern, mit dem Tag um die Wette fliegen, nach New Caracas, nach Sidney oder Tokio, oder bis auf die Deiche von Singapur. Inzwischen wurde die zweite Maschine mit ihrem vollgetankten Lifter auf das Katapult gehoben, und eine dritte und vierte wurden startfertig gemacht. Die, Lichtclipper mußten bei Tagesanbruch den Himmel erklimmen, die über die weiteste Distanz als erste. Wir mußten warten, bis der erste Lifter wieder zu- rück war. Er kam herunter, ganze Büschel von Fahr- werken nach unten gestreckt, setzte auf und stieß cm halbes Dutzend wild tanzender Bremsfallschirme. Endlich durften wir starten. Wir flogen mit einer zweimotorigen Turboprop mit Fiat-Wasserstoffmotoren. Die Maschine war für achtzig Passagiere ausgelegt und bis auf den letzten Platz besetzt. Sie schnurrte fast lautlos mit 300 km/h Richtung Norden. Aus dieser Höhe war deutlich er- kennbar, daß die Waldschäden in den Abruzzen wei- ter fortgeschritten waren, als die letzten Satellitenfo- tos vermuten ließen, die ich im Institut gesehen hatte. Ernesto schlief auf dem Nebensitz. Ich fragte mich zum wiederholten Mal, was wohl ein Quantenphysi- ker zur Rinascita della Creazione di Dio beitragen könne. »Das ist ganz einfach zu beantworten«, hatte er mir einmal gesagt, als ich ihn danach fragte. »Die Schöpfung besteht nun mal aus Quanten. Vielleicht sollen wir sie nur wieder in ihre gottgewollte Ord- nung bringen.« Er wußte es also auch nicht. Wir waren schon über dem Podelta, als Ernesto endlich erwachte. Das im Vormittagslicht glitzernde Wasser und die schwimmenden Farmen darauf sahen aus wie schimmernde, mit dunklen Rechtecken be- druckte Naturseide., »Was sind das für technische Einrichtungen in Venedig, die es in Rom nicht gibt?« Er blickte mich schläfrig an und hob die Schultern. »Seit Anfang dieses Jahrhunderts ist Venedig die Welthauptstadt der Virtual Reality. Dort wird Spit- zenforschung betrieben: Optik, Holographie, Simula- tion. Und seit zehn Jahren haben die Japaner dort ei- nen High-Tech-Stützpunkt: Das NNTR restauriert die Stadt buchstäblich von Grund auf.« »NNTR?« »Nippon NanoTech Research. Sie setzen verschie- dene Nanotechniken ein, um das morsche Holzfun- dament im Untergrund in eine tragfähige und wider- standsfähige Substanz zu verwandeln. Bisher mit mäßigem Erfolg und einigen überraschenden Neben- effekten. Im Mittelalter wurden ja ganze Wälder in den Schlamm der Lagune gerammt, die sich einst zwischen Pula und der Peloponnes erstreckten. Viel- leicht braucht man euch Botaniker dazu, die Holzarten zu bestimmen, die man damals verwendet hat, um ihre Minimaschinchen richtig zu programmieren.« »Botanik beschäftigt sich nur ganz am Rande mit Hölzern, Ernesto«, entgegnete ich. »Hölzer sind Na- turprodukte, Kadaver einst lebender Wesen sozusa- gen. Interessant allenfalls zur Altersbestimmung im Zusammenhang mit paläobotanischen Fragen.« Er gähnte. Du könntest wenigstens ein bißchen In- teresse heucheln, du arroganter Eierkopf, dachte ich., »Und dann sind noch Toshiaki Ishida und sein Team dort. Nummer Eins in RT.« »Was ist das?« »Ray Tracing. Oberflächen werden mit mikrosko- pischen optischen Elementen überzogen, die compu- tergesteuert Strukturen vortäuschen. Damit wird ein ähnlicher Effekt erzielt, wie ihn manche Tiere wie die Chamäleons oder die Kraken mit ihren Hautzel- len zustande bringen.« »Wozu das?« Er zuckte die Achseln und fuhr fort: »Oder es werden computergestützt beliebige Objekte in holo- graphischer Darstellung generiert. Sie bauen Virtual Realities auf, die du von der Wirklichkeit nicht un- terscheiden kannst. Das fing in den 1980er Jahren beim Film an. Lucas-Studios waren die ersten. Die Unterhaltungsbranche hatte eine Menge Geld in die- se Forschungen gesteckt, um die Animationen immer wirklichkeitsgetreuer zu gestalten. Dann hat die U.S. Army die Forschung auf diesem Gebiet weiter vo- rangetrieben – denk nur an die Gefechtsfeldholos, um gegnerische Aufklärung zu narren. Plötzlich gab es Gelder in Hülle und Fülle. Trotzdem sind die Ja- paner heute führend auf diesem Gebiet der Optik. Kannst du dich an den Film Final Fantasy von Hiro- nobu Sakaguchi erinnern? Er entstand um die Jahr- tausendwende.« »Nein, den kenne ich nicht.«, »Eine reine Computerproduktion von unglaubli- cher Detailtreue. Du meinst echte Menschen zu se- hen. Jedes einzelne Haar, jede Unreinheit der Haut. Absolut perfekt! Ishida war sein Schüler. Dieser Film ist absolute Spitze. Da sehe ich übrigens auch eine Verbindung zu den Niederlanden, wo man am CIA ähnliche Forschungen betreibt.« »Die CIA?« fragte ich verwirrt. »Nicht die Amis, um Himmels willen. Das Casi- mir-Institut in Amsterdam. Es nennt sich Zentrum für Quantengravitations- und multidimensionale Grenz- schichtenforschung.« »Dann sollen wir vielleicht die Welt mit holo- graphischen Blumen bepflanzen und mit virtuellen Bäumen aufforsten«, meinte ich scherzhaft. Ernesto lachte nicht. Vielleicht unterschied sich unter quantenphysikalischem Aspekt so eine Welt überhaupt nicht von der wirklichen. Muster im Pho- tonengestöber, bewegte Atome, molekulare Ballun- gen und Interaktionen, das Zerren von Kernkräften und Gravitation. Die Wirklichkeit entsteht im Ge- hirn, Projektionen auf dem inneren Bildschirm mit vagen Entsprechungen in der realen Welt, soviel war mir klar, es sind verzerrte Abbildungen, allenfalls Parallelitäten. So wie die Stifte in der Walze einer Spieluhr im Verhältnis zur Melodie? Wo hatte ich das einmal gelesen? Trotzdem waren dies erstaunli- che Referenzen. Analoge Effizienzoptimierung: Hier, hatte die Evolution des Bewußtseins die höchste Schwelle überwinden müssen, hatte die Selektion gnadenlos gewütet. Nur wer das beste Bild seiner Umwelt im Kopf herumtrug, vermochte zu überle- ben. Die Schnittstelle war zur Perfektion entwickelt worden, so daß das Bewußtsein den Eindruck hat, direkt hinter den Augen zu sitzen wie ein Pilot im Cockpit, der unmittelbar in die Wirklichkeit hinaus- blickt. Ein Trugschluß als Überlebenstrick, denn die- se nur vermeintlich reale Welt existiert nur innerhalb des Schädels. Die tatsächliche reale Welt ist eine ganz andere, etwas absolut Fremdartiges. – Oder et- wa doch nicht? Ich erinnerte mich an die Vorlesungen in Wahr- nehmungsphysiologie. Das Blau des Himmels: Es gibt keine blauen Photonen. Nichts am Licht ist blau. Es gibt keine Blaufärbung der Netzhaut – keine Spur von Blau an dem Signal, das durch den Sehnerv ins Gehirn schießt. Das Blau des Himmels ist aus- schließlich im Kopf des Betrachters, ist der in eine Farbempfindung umgesetzte Impact einer elektroma- gnetischen Schwingung von bestimmter Wellenlän- ge, das Resultat einer Kollision von subatomaren Partikeln – eine Entsprechung in verschiedenen Wirklichkeitsmedien. Vielleicht gab es zwischen den Wirklichkeitsmedien des Innen und Außen doch mehr Entsprechungen, als die Neuro- und Kogni- tionswissenschaftler glaubten. So weit liegen wir al-, so gar nicht auseinander, mein lieber Ernesto, sagte ich mir, wir Biologen und ihr Quantenphysiker. Ernesto hatte das Chamäleon erwähnt. Dieses Tier hatte schon immer die Kunst beherrscht und als Sinnbild für den Gedankenschritt gedient, die innere Wirklichkeit in die äußere umzustülpen, sie sozusa- gen zurückzuübersetzen. Es lieferte sozusagen die Gegenprobe: außen – innen – außen. Und noch frap- pierender war der Krake, der in Sekundenschnelle ein ganzes Spektrum von äußeren Merkmalen produ- zierte, als verfuge er über die Zauberkräfte eines Ge- staltwandlers. Die Natur ist voller Täuschungsmanö- ver, hatte Richard Fortey schon vor einem halben Jahrhundert festgestellt, doch der Mensch ist das ein- zige Lebewesen auf der Erde, dem es Vergnügen be- reitet, sich selbst zu täuschen. Er ist geradezu verses- sen darauf, diese Kunst zu absoluter Perfektion zu entwickeln. Aber wozu? Ist das ein sinnvoller Schritt der Evo- lution oder ein Schritt in den Abgrund? Fragen über Fragen …,

IX DIE GRENZE

»EIN LAND IST NIEMALS ÄRMER, ALS WENN ES VON REICHTUM ÜBERRZUQUELLEN SCHEINT.« Lao-tse Der Karawanenführer blickte auf das Gerät an sei- nem Gürtel und wies den Männern, schnauzbärtigen Gesellen mit Turbanen oder um den Kopf geschlun- genen Tüchern, die Richtung. Sie legten ihre staubi- gen Teppiche ins Gras und rollten sie nach Südosten aus. Nachdem die Männer ihr Gebet verrichtet hat- ten, erhoben sie sich und verbeugten sich ein letztes Mal gegen die dunkle Hälfte des Himmels. Die Abendluft war feucht und kühl. Die Bahn der Sonne lag noch tief, aber man ahnte schon, daß sie sich von ihrem Winterlager erhob, jeden Tag einen Finger breit; vorerst war sie aber noch zu schwach, um die Nebel wegzubrennen, die im Winter über der Poebe- ne lagen. Aber der Staub und die Asche in der hohen Atmosphäre verhießen schwelgerische Sonnenunter- gänge. Die Nacht zuvor hatte die Karawane an einer Ge- birgsoase unterhalb des Monte Scarabello gelagert; es war eine kalte Nacht gewesen. Nun war der Rand der Ebene erreicht, wo das Tal der Baganza sich nach Norden öffnet. Bei Marzolara, in Sichtweite der, Grenze, schlugen sie ihr Lager auf. Sie waren am Ziel angelangt. Die Treiber hatten die Kamele von ihren Lasten befreit und im Flußbett getränkt, wo zwischen flachen Felsblöcken Wasser aus dem Bo- den trat. Nun weideten die Tiere am grasbewachse- nen sanften Westhang, an dessen Fuß die Männer inzwischen ein Feuer entzündet hatten. »Dort drüben beginnt, wie manche behaupten, das gelobte Land«, sagte der Karawanenführer und deu- tete mit dem Kinn nach Norden in die dunstige Ebe- ne. Nach zwanzig Tagen Steppe, kahlen Gebirgen und Wüstenstreifen tat das Grün der Vegetation dem Auge wohl. »Aber es ist nicht unser Land«, fuhr er fort, »und wir haben dort nichts verloren.« Er ging vor den Männern auf und ab, die nun am Feuer saßen und Wasserkessel auf die Steine gestellt hatten, um Tee aufzubrühen. Das Abendlicht quoll korallenrot durch die Wolkenbänke über dem westli- chen Horizont und verglomm nur ganz allmählich. »Manche wollen das nicht glauben«, fuhr er fort. »Jedesmal führe ich auch Männer hierher, die sich für schlau genug halten, um die Grenze zu überwinden und in dieses vermeintliche Paradies zu gelangen. Sie wiegen sich in dem Glauben, sie könnten dort Asyl finden.« Der Karawanenführer faßte die jungen Männer ins Auge., »Laßt euch gesagt sein: Das hat noch nie einer ge- schafft. Die Grenze ist nicht zu überwinden. Und sie ist tödlich.« Er spuckte ins Feuer und fuhr mit dem Finger un- ter den Stirnrand des Turbans, um ihn zu lockern. »Manche behaupten, hinter der Grenze liege ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Das ist Un- sinn. Die Menschen dort leiden zwar keinen Hunger, ja, sie sind im Vergleich zu uns unermeßlich reich, aber sie teilen nicht mit uns, weil sie wissen, daß ih- nen nicht genug davon bliebe, worauf sie Anspruch erheben. Also verteidigen sie ihren Reichtum mit Zähnen und Klauen. Sie leben in Angst, denn sie hal- ten ihr Land für eine Insel im Chaos. Und sie haben Angst, diese Insel könnte untergehen, es könnten Sturmfluten hereinbrechen und sie hinwegfegen. Deshalb haben sie sich mit einem Wall aus Waffen umgeben, der vom eisigen Nordmeer über den Osten Europas bis hierher und von hier aus nach Westen zum großen Meer reicht, der dem Biskaya-Damm, dem Wales-Irland-Damm und dann dem Nordsee- Bogen folgt und sich wieder hinauf zum Nordmeer erstreckt. Diese Insel Europa ist eine Welt für sich, die nichts zu tun hat mit der Welt, die wir kennen.« In der aufsteigenden Dunkelheit hörte man die Tiere, die begierig das saftige Gras rupften. Sie hat- ten sich satt getrunken und rülpsten kollernd. »Hinter diesem Wall leben mehr alte Menschen, als in der ganzen übrigen Welt zusammengenom- men. Und für viele dieser alten Menschen vergeht die Zeit nicht mehr. Sie haben beschlossen, daß die Zeit stillzustehen habe, und sie glauben, sie könnten den Fluß der Zeit anhalten. Sie verfugen über viele technische Möglichkeiten, die wir gar nicht verste- hen. Manchmal bekommen wir jedoch ein wenig da- von ab. Darauf gründet sich unser Geschäft. Denn wir haben wiederum Dinge anzubieten, die sie mit all ihrer Technik nicht herzustellen vermögen.« Der Karawanenführer deutete auf die Traglasten. »Gewürze«, sagte er. »Kaffee, Kakao, Tabak. Das sind die Dinge, die sie von uns brauchen. Und des- halb sind wir hier.« Er erhob sich. »Dafür erhalten wir von ihnen Solartechnik, Funktechnik, medizini- sche Geräte, Arzneimittel, Impfstoffe.« Ein paar der Männer lachten halbherzig, entblöß- ten Zahnlücken. »Aber was sie uns nicht geben, das sind Waffen«, sagte er und nickte bekräftigend. »Und in der Waf- fentechnik sind sie unübertroffen. Deshalb ist diese Grenze unüberwindlich und tödlich. Diese vielen al- ten Menschen, die nicht sterben wollen und vielleicht nicht sterben können, geben ihren Reichtum dafür aus, immer perfektere Waffen entwickeln zu lassen. Denn die Angst geht unter ihnen um, daß sich doch etwas ändern könnte. Daß irgend etwas von außen eindringen könnte. Daß die Zeit wieder in Fluß gera-, ten könnte und das Unheil seinen Lauf nähme.« Er stieß mit seinem derben Stiefel einen glimmen- den Ast zurück ins Feuer und machte eine umfassen- de Geste mit der Hand nach Norden und Westen hin. »Auch wenn ihr nirgends jemanden seht, könnt ihr doch sicher sein, daß wir unter ständiger Beobach- tung sind. Denen entgeht keiner unserer Schritte, keine Bewegung. Ihr könnt keiner Libelle, keiner Fliege trauen, denn sie könnte ein MAV, eine Mini- Drohne sein.« Einige der Männer lachten unbehag- lich. »Lacht nicht!« fuhr Bakhtir, der Chef der Treiber auf, der seine Wasserpfeife stopfte. »Emilio hat recht. Nicht mal euren Filzläusen könnt ihr hier trauen.« Hakim, sein Sohn, der neben ihm kauerte und den Glasbehälter der Pfeife mit frischem Wasser füllte, kicherte. Sein Vater versetzte ihm einen leichten Fußtritt. »Du sollst nicht lachen, habe ich gesagt.« »Ihr habt keine Ahnung«, fuhr der Karawanenfüh- rer fort, »was Gefechtsfeldholos sind, und ich werde auch gar nicht erst versuchen, euch das zu erklären. Nur soviel: Wenn ihr ein Haus seht, dann braucht da weit und breit kein Haus zu stehen, aber ihr könnt sicher sein, daß ganz in eurer Nähe eine tödliche Fal- le lauert, ein Fleischwolf, der mit Stahlzähnen nach euch schnappt, oder ein Knochenbrecher, der euch zu Brei zermalmt.«, Bakhtir nickte bekräftigend, während er seine Pfeife entzündete. »Dasselbe gilt für Bäume und Bü- sche«, erklärte Emilio und reichte seinen Blechbe- cher einem Treiber, der aus einer großen rußigen Kanne Tee eingoß. »Weit und breit braucht kein Baum oder Busch zu wachsen. Ihr könnt aber sicher sein, daß ganz in der Nähe ein Laser auf euch gerich- tet ist, der euch zu Asche verbrennt. Also seid ge- warnt!« Als der messingfarbene Himmel seinen letzten Glanz verloren hatte und die Nacht hereingebrochen war, sah man im Nordwesten ein farbiges Lichter- bündel aufsteigen und dem Zenit entgegenstreben. Ein Lichtstrahl stach zur Erde herab, an dem das Ge- bilde befestigt schien wie ein Drache an einer straff gespannten Schnur. Als es den Zenit erreicht hatte, riß diese Schnur und erlosch, und das Lichterbündel driftete in Richtung Südosten über den Himmel da- von, bis es im Erdschatten verschwand. Es war ein Sonnensatellit der ESA, der seine Ausbeute bei einer der europäischen Bodenstationen abgeladen hatte. Sechzehn solcher Energiefarmen betrieb die ESA derzeit im mittleren Orbit, um die unersättliche Gier des alten Kontinents nach elektrischem Strom zu be- friedigen – der zum Betrieb seines elektronischen Herzens, seines komplizierten Netzes innerer Organe und seiner tödlichen Peripherie gebraucht wurde. Die Treiber, die das Schauspiel mit einer Mi-, schung aus Neugier und Ehrfurcht beobachtet hatten, hüllten sich nun gegen die aufkommende Kälte in ihre Dschellabas. Sie saßen am Feuer und rauchten. Der Karawanenführer stand auf, ging ein paar Schrit- te in die Dunkelheit hinein und setzte sich auf einen Stein. Er zog ein kleines Gerät, das mit einem Kett- chen gesichert war, aus der Brusttasche seiner Jacke und aktivierte es, indem er eine Taste am Rand ein- drückte. In einigen Kilometern Entfernung erstrahlte ein winziges, aber unglaublich helles blaues Licht. Weitere Lichtsignale in Rot und Gelb blinkten da und dort in der Ebene auf. Die LED-Anzeige des Ge- räts wurde hell. Er drückte mit dem Daumen darauf. Ein heller weißer Punkt erschien weit im Norden, stieg mit rasender Geschwindigkeit in den Himmel, stand plötzlich still und brannte einige Sekunden lang in grellem Licht, dann erlosch er. »Hallo, Emilio«, sagte eine Stimme aus dem Ge- rät. »Du bist zurückgekehrt. Willkommen an der Grenze. Wie geht es dir?« »Mir geht es gut, André. Ich habe siebenundsech- zig schwerbeladene Tiere bei mir. Ich konnte fast alles beschatten, was angefordert wurde. Aber das weißt du ja alles längst.« André lachte. »Wir verladen heute nacht deine Fracht. Der Aus- tausch wird wie immer zwei Stunden nach Sonnen- aufgang erfolgen. Einverstanden?«, »Einverstanden.« Sie waren von Reggio di Calabria aus die alte Via Francigena entlanggezogen, die mittelalterliche Stra- ße der Franken, die spätere A 12 – über Civitavec- chia, Tarquinia, Grosseto, Livorno, Pisa, Viareggio, Massa und Carrara, weil in der Küstenebene noch immer Wasserstellen zu finden waren und das Ge- lände eher überblickbar war. Bei Aulla waren sie nach Norden abgebogen, das Magra-Tal hinauf ins Gebirge, an Pontrémoli und Berceto vorbei, dann über den Passo della Cisa und dem Lauf der Baganza folgend bis Marzolara, wo sich das Tal in die Poebe- ne öffnete und kurz vor Parma die alte Straße von der Grenze blockiert wurde. Zweiundzwanzig Tage hat- ten sie für die Strecke gebraucht. »Wir haben diesmal wieder die sichere Route durch die Küstenebene gewählt.« »Ich weiß. Wir hatten euch natürlich die ganze Zeit unter Satellitenbeobachtung. Wenn wir Zeichen eines Hinterhalts festgestellt hätten, wäre sofort Un- terstützung unterwegs gewesen. Wir haben an der Südgrenze ständig Überschalldrohnen in der Luft; die könnten in zehn Minuten in Rom, in fünfzehn in Neapel und in zwanzig in Reggio sein.« »Ich weiß, André, aber auf meiner Seite der Welt fließt die Zeit langsamer. So viel Eile würde meine Männer nur unnötig ängstigen. Außerdem brauche ich Wasserstellen und Lagerplätze; ich muß mir die, Gunst und das Wohlwollen der lokalen Herrscher sichern. Wir reisen unter dem Schutz des Emirs von Perugia. Er ist ein mächtiger Herr, und er ist gefürch- tet für seine Strafexpeditionen.« »Er läßt sich diesen Schutz teuer bezahlen.« »Dafür sind seine Soldaten verläßlich. Er wirbt seine Truppen unter den muslimischen Bosniaken an. Da kann er sich darauf verlassen, daß sie mit den Serben und Kroaten oder den albanischen Warlords, die in den Abruzzen lauern, nicht gemeinsame Sache machen.« »Ich verstehe, Emilio. Du weißt das besser als ich. Du kennst deine Welt. Also, bis morgen.« »Gute Nacht, André.« »Gute Nacht.« Emilio schaltete das Gerät aus. »Er ist wieder da«, sagte Bakhtir, der neben ihn getreten war, leise und wies mit einem Nicken auf den Hügel im Südosten. Emilio hob das Fernglas an die Augen. Im schwindenden Licht konnte er die Gestalt ausma- chen, die reglos auf der Kuppe stand und sie beo- bachtete. »Für wen mag er spionieren?« fragte Bakhtir. »Keine Ahnung«, erwiderte Emilio. »Er hat auch wieder sein Maskottchen dabei. Was mag das für ein Vieh sein?« »Sieht aus wie eine Ratte«, sagte Bakhtir., Emilio schüttelte zweifelnd den Kopf. »Dafür ist es zu groß.« Er ließ das Glas sinken. Als er es wieder an die Augen hob, war die Gestalt verschwunden. * In der Nacht erwachte Emilio vom Wopp-wopp der schwachen Repellateure. Vielleicht waren Tiere in die Grenzüberwachung geraten. Als er dann das Wummern und Grollen schwerer Repellateure und das Jaulen der Vortexwerfer hörte, stand er auf und trat vor das Zelt. Der Mond stand im Westen. Plötzlich hörte er im Lager einen Schrei, dann lau- te, heftige Worte. Bakhtir kam außer sich vor Wut auf ihn zugestiefelt; mit Fußtritten und Faustschlägen trieb er zwei junge Männer vor sich her. Sie wirkten benommen und versuchten gar nicht, den Tritten und Schlägen des obersten Treibers auszuweichen. Gha- mal und Pietro; sie standen unter Schock. Emilio packte einen Armvoll Aste und warf sie in die Glut, um ein Feuer anzufachen. Die Jungen hatten beide blutige Nasen und Blutergüsse im Gesicht und an den Armen – Spuren der Repellateure. »Sie haben wenigstens einen solchen Schreck ge- kriegt, daß sie umgekehrt sind«, rief Bakhtir mit ei- ner Stimme, als sei ihm die Kehle zu eng, »aber Ibrahim und Hakim …«, Er brach ab und versuchte vergeblich, ein Schluchzen zu unterdrücken. »Dein Sohn?« fragte Emilio. Bakhtir nickte stumm. Emilio packte ihn an der Schulter. »Ihr geht in euer Zelt!« herrschte er die beiden jungen Männer an, die vor ihm hockten und sich die schmerzenden Schädel hielten. »Wir sprechen morgen darüber.« Sie rappelten sich hoch und stolperten davon. »Dieser verrückte Ibrahim!« rief Bakhtir, es klang wie ein Heulen. »Er hat Hakim und die beiden ande- ren zum Mitkommen überredet. Ich hätte diesen Kerl in Ketten legen sollen.« Er stieß wütend einen Stein ins Feuer. »Versuch dich zu beruhigen, Bakhtir«, sagte Emi- lio. »Wir werden erfahren, was passiert ist.« »Denkst du, es besteht noch Hoffnung?« Der Karawanenführer zuckte schweigend die Ach- seln und blickte zu Boden. »Hakim!« rief Bakhtir hinaus in die Ebene. Dort hatte sich der Nebel ausgebreitet wie ein milchiger See, aus dem die Wipfel der Bäume ragten. »Hakim!« Keine Antwort. Die Lichter waren erloschen. Das Heulen der Wolle und das Grollen der Repellateure waren verstummt. Das neu entfachte Feuer loderte und hob die Gesichter der Männer aus der Dunkel- heit. Bakhtir weinte., * Anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang tauchte das Luftschiff auf Als es über dem Lagerplatz schwebte, erstarb das Winseln der Jets, und es sank herab. Kurz vor dem Aufsetzen fauchten sie noch einmal kurz auf, und der elastische hellgraue Plastikleib des Zep- pelins, der auf dem Rücken und an den Flanken mit einer glitzernden Schicht bedeckt war, brach unten auf wie eine weiche Schote und gab Container frei, die sich in zwei Reihen anordneten. Die Treiber machten sich daran, die Container zu entleeren. Sie waren mit abgepackten Traglasten ge- füllt, die in silbrige Plastikfäden eingesponnen wa- ren. Sie wurden nun gegen die von der Karawane mitgebrachten Waren ausgetauscht. Emilio kontrol- lierte mit seinem Gerät die elektronische Kennung der Frachtstücke. Auf dem LED erschienen Num- mern, Stückzahlen und Warenbezeichnungen sowie Namen und Anschrift der jeweiligen Adressaten. Die Männer waren bereits dabei, die Tiere zu bela- den und die Lasten festzuzurren, als in der Öffnung am vorderen Teil des Zeppelins die Gestalt eines Mannes in einem euroblauen Schutzanzug erschien. Sein pola- risiertes Helmvisier ließ kein Gesicht erkennen. Er hob die Hand und rief: »Hallo, Emilio!« Er deutete auf Bakhtir. »Sind Sie der Vater des einen Jungen?«, »Ja«, sagte Bakhtir heiser. Ein Hoffnungsfunke glomm in seinen Augen auf. »Kommt beide mal mit.« Er stieg die Aluminiumleiter ins Cockpit hinauf. Emilio und Bakhtir folgten. Hinter ihnen zogen Ser- vos die Container in den Frachtraum und befestigten sie in ihren Schaumstoffmulden. Emilio traute seinen Augen nicht; das Cockpit war weit geräumiger, als es die Abmessungen von außen erwarten ließen. An der Längswand des Raums stand eine Rolltrage. Darauf lag Hakim. »Bahbah!« rief er mit kläglicher Stimme. »Junge«, sagte Bakhtir und wollte auf ihn zustür- zen, aber Emilio packte ihn an den Schultern und hielt ihn fest. Er sah, daß der Junge ein gebrochenes Rückgrat hatte. Sein Körper war von der Brust abwärts reglos. Nur Kopf und Arme waren in Bewegung; auf den Ellbogen versuchte er von der Trage zu kriechen, aber breite elastische Bänder hielten den gelähmten Körper darauf fest. »Bahbah!« wimmerte er. Bakhtir sah ihn mit wachsendem Entsetzen an. »Von dem anderen«, sagte der Mann im Schutzan- zug, »ist leider nichts übriggeblieben. Er ist voll in ei- nen Laserfächer gerannt. Ihm« – er deutete mit einer Kopfbewegung auf Hakim – »hat ein schwerer Repel- lateur alle Knochen gebrochen. Auch die Wirbelsäule.«, »Mein Sohn«, sagte Bakhtir zärtlich, zog den Re- volver aus dem Gürtel und hielt ihn Hakim an den Kopf. Der Junge starrte ihn entsetzt an; sein Wimmern wurde lauter. »Lassen Sie den Quatsch, Mann!« rief der Pilot im Schutzanzug. »Sie könnten da, wo Sie sich befinden, eine Menge sündteurer Elektronik beschädigen und damit die Selbstverteidigung auslösen, wenn Sie rumballern! Also stecken Sie das Ding weg!« Bakhtir sah mit Entsetzen, daß er den Lauf seiner Waffe zur Hälfte in den Schädel des Jungen gescho- ben hatte. Erschrocken riß er sie zurück, richtete sie auf den Piloten und feuerte zwei Schüsse auf die Brust des Mannes ab. Der Doppelkranz der Euroster- ne blieb unversehrt, aber eine Alarmsirene blökte los, und irgendwo war das Zischen von ausströmendem Gas zu hören. »Halt den Mann zurück, Emilio!« schrie der Pilot und patschte mit dem Handschuh auf die großen Schaltfelder an der linken Schulter seines Schutzan- zugs. »Er glaubt allen Ernstes, wir seien leibhaftig hier. Verdammt, und jetzt so schnell wie möglich raus! Ich habe von hier aus keine Kontrolle über den Selbstschutz der Maschine.« »Bahbah!« rief Hakim kläglich, warf verzweifelt den Kopf hin und her und starrte durch sie hindurch, als wären sie plötzlich unsichtbar geworden., Im nächsten Moment war die Rolltrage ver- schwunden, ebenso der Mann im Schutzanzug. Der Raum hatte sich auf ein Drittel seiner Länge redu- ziert und füllte sich vom Boden her mit weißlichem Rauch. An der Wand, wo die beiden Geschosse ein- geschlagen waren, knisterte und knackte es, und die Alarmsirene wollte nicht aufhören zu blöken. Der Rauch wurde dichter. Bakhtir hustete und krümmte sich zusammen, wodurch ihm noch mehr Gas in die Lungen strömte. »Raus! Raus! Raus!« schrie Emilio. Er packte Bakhtir an den Schultern, drängte ihn zur Luke, stieß ihn hinaus und sprang hinterher. Mit einem Schnappen schloß sich dicht hinter ihm das Schott des Cockpits. Sie krochen unter dem Luft- schiff hervor – keine Sekunde zu früh, denn die Triebwerke feuerten bereits, und die Maschine hob ab. Emilio und Bakhtir bewarfen sich gegenseitig mit Sand, um die Flammen zu ersticken, die an ihren Dschellabas züngelten, dann hockten sie sich hin, erbrachen sich und husteten sich die Seele aus dem Leib. »Wir haben den Jungen in die Klinik von Mantua gebracht. Er wird hier bleiben, bis er geheilt ist. Dann könnt ihr ihn mitnehmen, wenn ihr das nächste Mal wiederkommt«, sagte die Stimme des Mannes im Schutzanzug aus dem Gerät an Emilios Gürtel. »Und noch was, Karawanenführer: Schärf deinen, Leuten immer wieder ein, daß wir hier keinen Aben- teuerspielplatz betreiben. Dies ist eine Grenze, die nichts und niemand durchdringen kann. Es ist die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft.« Emilio spuckte aus, um den scharfen, brennenden Geschmack im Mund loszuwerden. »Und auf welcher Seite liegt die Zukunft?« fragte er. André lachte. »Bei uns gehen die Uhren schneller, und das seit mehr als fünfhundert Jahren. Schau auf deinen Ka- lender, Emilio. Er zeigt das Jahr 1425. Wir hier leben in der Mitte des 21. Jahrhunderts.« »Dann haben wir noch viel Zeit«, erwiderte der Karawanenführer. Der Mann jenseits der Grenze antwortete nicht. Und Emilio sah, daß das Licht erloschen war. Die Verbindung war unterbrochen., ZWEITES BUCH,

I DIE KRÖTE IM CASTELLO

»ALSO IST DAS UNIVERSUM ENDLICH UND DIE WELT IST EINE – ALS DARAUS FOLGT: ALSO WER- DEN DIE AFFEN OHNE SCHWANZ GEBOREN, ALSO SEHEN DIE EULEN NACHTS OHNE BRILLE; ALSO MACHEN DIE FLEDERMÄUSE WOLLE. AUCH WIRD MAN … NIEMALS SCHLIESSEN KÖNNEN: DAS UNI- VERSUM IST UNENDLICH, DER ERDEN SIND UN- ENDLICH VIELE …« Giordano Bruno Ich schreckte hoch aus einem beklemmenden Traum, der binnen Sekunden in Wirrnis zerfiel und mir ent- glitt. Asche, dachte ich. Asche. Ich mußte es laut ausgesprochen haben, denn Ernesto sah mich be- fremdet an. Sein IKom, das er als Piercing an der Braue trug, glühte im Gegenlicht wie ein frischer Blutstropfen an seiner Schläfe. Die Maschine war bereits im Landeanflug, sie schwebte über Mestre ein und zog am Nordufer der Lagune entlang. Venedig, rechts von uns – eine Masse aus Ziegeldächern schutzsuchend um das sil- berne Fragezeichen des Canal Grande geballt –, war von einem gestaffelten Ring wurstförmiger Gummi- flöße umgeben, über denen Nebel lag. Weit im Osten, der Lido-Damm, der die Lagune wie ein langer dün- ner Arm gegen die Adria abschirmte. »Mein Gott, wie häßlich«, sagte ich und deutete hinunter auf die schwimmenden schmutzig-weißen Gebilde. Ernesto beugte sich vor und sah hinaus. »Aber notwendig«, erklärte er. »Eine Kryobarriere.« »Damit der Dreck von Mestre nicht in die Stadt schwappt?« »Nein, wohl eher damit die Nanomaschinchen nicht hinauskönnen und sich in alle Welt verabschie- den. Verdammt heikle Geschichte, die sie hier zum ersten Mal in großem Stil durchführen. Aber es scheint zu funktionieren. Ein Teil des Untergrunds soll bereits restauriert sein.« Wir setzten dicht neben dem Wasser auf. AERO- PORTO MARCO POLO stand auf der weißen Fas- sade des luftigen neuen Flughafengebäudes. Am Ausgang erwartete uns ein untersetzter, fröh- lich grinsender Japaner, der ein Schild mit unseren Namen hochhielt und sich als Kazuichi Inoue vor- stellte. »Die U-Bahn zum Arsenal ist noch immer außer Betrieb«, sagte er entschuldigend. »Wir müssen ei- nen Umweg machen.« Wir fuhren mit dem Flughafenbus am Nordufer der Lagune entlang und über den Ponte della Libertà zum Ospedale Santa Chiara, wo uns ein Motorboot, abholte. Es surrte auf dem Canal Grande entlang, bog an der Santa Geremia links ab in den Canale di Can- naregio und fuhr durch das Getto, an alten kleinen Häusern vorbei, in denen viele Jahrhunderte lang jü- dische Geschäfte, koschere Schlachtereien und Kramläden gewesen waren. Nun hatte man dort An- tiquitätengeschälte, Internetcafés und winzige Re- staurants eingerichtet. Dann ging es hinaus in die Lagune. Ein frischer Nordostwind blies uns entge- gen; es war kühl, obwohl die Sonne schien. Die Luft roch feucht und salzig vom aufgewühlten Wasser. Möwen stürzten sich herab und flogen schreiend wieder auf. Wir fuhren an der Sacca della Misericor- dia und der Fondamenta Nuove entlang und an einem hellblauen Kasten am Ende eines schwimmenden Stegs vorbei, der in den Wellen schlingerte. Ospeda- le stand in schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund über den Fenstern. Kurz dahinter bogen wir in den Rio di Santa Giustina ein, einen Kanal, an dessen anderem Ende über den Häusern eine mächtige dü- stere Ziegelburg dräute. Ihre riesigen halbrunden, nach oben gewölbten Fenster überschauten die Stadt wie die scheinbar schläfrigen Augen einer monströ- sen lauernden Kröte, die sich zwischen die alten Häuser des Castello gezwängt hatte. »Was ist das denn?« fragte ich. »Eine Kirche?« Der Anblick des Bauwerks war bedrückend. »Das ist der Hundezwinger«, erläuterte Renata, und rümpfte die Nase. »San Lorenzo. Der Domini- kaner-Konvent. Das Hauptquartier der Hunde Gottes. Hier herrschte früher die Inquisition in dieser Stadt.« »Wurden hier auch Ketzer verbrannt?« »Nein. Die Signoria hätte es nicht geduldet, wenn sich die Inquisition so viel Macht angemaßt hätte. Aber sie hatte auch hier ihre Spitzel und Handlanger. Die Gelehrten taten jedenfalls gut daran, nicht aufs Festland zu gehen. Doch selbst hier in der Stadt wa- ren sie nicht sicher. Giordano Bruno war fast ein Jahr lang in San Lorenzo eingekerkert. Ein hiesiger Kaufmann hatte ihn in die Falle gelockt und an die Dominikaner verraten. Später wurde er an den Vati- kan ausgeliefert.« »Das habe ich nie verstanden. Er war doch ein Ge- lehrter, der in ganz Europa bekannt war …« »… für seine antiautoritäre Haltung und seine un- konventionellen Ansichten«, unterbrach mich Renata und zuckte die Achseln. »Aber was galt er einem ve- nezianischen Kaufmann? So mußt du fragen, Dome- nica. Ein abtrünniger Dominikaner, aufsässig dazu, weil er sich frech seinem Orden widersetzte; ein Mönchlein, das die Stirn hatte, Jesus einen orientali- schen Zauberer zu heißen, und das von bewohnten Welten jenseits des Mondes faselte, mit denen es un- ter den gegebenen Umständen auf absehbare Zeit bestimmt unmöglich war, irgendwelchen Handel zu treiben. Warum sollte man sich für so einen windi-, gen Gesellen Schwierigkeiten mit dem Papst einhan- deln? Weg mit ihm! Ab nach Rom! Sollen die im Vatikan mit ihm machen, was sie wollen. Und das haben sie ja dann auch getan.« Renata hatte recht. Ich hatte lange genug in der Nähe der Piazza Campo de’ Fiori gewohnt, wo das Grauen der Scheiterhaufen noch heute greifbar ist, wo, wie ein Statistiker errechnet hatte, der Boden von den Aschemolekülen der Brandopfer so gesättigt sein soll, daß die Atemluft immer noch Moleküle von ihnen enthielt. Der Gedanke, Reste des hier ver- brannten Giordano Bruno einzuatmen, hatte mir je- desmal einen Schauder über den Rücken gejagt, und ich hatte die Luft angehalten, wenn ich über den Platz ging, bis mir schwindelig wurde. »Ein scheußlicher Schuppen«, sagte ich. »Dabei hat man den Bau erst zu Beginn des Jahr- hunderts von Grund auf renoviert.« »Warum hat man ihn nicht abgerissen?« »Hier wird nie etwas abgerissen, Domenica. Hier steht alles unter Denkmalschutz. Kulturerbe.« Das Boot machte vor einem Gebäude fest, auf des- sen Marmorfassade in einer seltsamen Mischung aus Klassizismus und Barock, wie sie nur das 19. Jahr- hundert in seinem maßlosen Historismus hervorbrin- gen konnte, über mächtigen, von ionischen Säulen flankierten Portalen stand:, ISTITUTO TECNICO PAOLO SARPI Auf der rechten Seite, neben dem tunnelartigen Durchgang der Calle San Francesco, wurde es von einem seltsamen Gebäude flankiert, in dessen Re- naissancefassade man in luftiger Höhe drei Marmor- sarkophage in die Wand eingefügt hatte – vielleicht die letzten Ruhestätten von hochverdienten Ingenieu- ren und Erfindern. Die eigenwillige architektonische Lösung wirkte aber weniger erhaben, sondern eher lächerlich, denn sie mutete an wie eine bizarre, verti- kal angeordnete Badestube, in deren steinernen Wannen sich verschwitzte Techniker den Rücken schrubben lassen konnten. Es handelte sich um die ehemalige Kirche von San Giustina, in der man ein Museum für Technikgeschichte eingerichtet hatte, wie ich später erfuhr. Durch das von Säulen flankierte Portal aus polier- tem dunklem Holz betraten wir eine andere Welt. Nur den alten Marmorfußboden hatte man belassen, alles andere war Glas und Helligkeit durch raffinierte indirekte Beleuchtung. Tröge mit Palmen und Papy- rus verströmten Frische. Ein leichter Hauch von ver- blühender Franchipani lag in der Luft. War es ein schattiger Garten? Narrte ein Duft-Synthesizer meine Nase mit Vibrationen? Wasser plätscherte irgendwo. Rechts neben dem Eingang loderte eine Bougainvil- lea. Ich fuhr heimlich mit dem Handrücken über die, Blütenblätter. Sie war echt. Gleich am Eingang stand zwischen Palmen eine Skulptur. Sie stellte einen knienden alten kahlköpfi- gen Mann dar, der mit einer Toga bekleidet war. Sein Mund war in einem schmerzlichen Aufschrei geöff- net; die Arme hatte er tröstend um die Schultern ei- nes jüngeren Mannes geschlungen, der halb aufge- richtet vor ihm auf dem Boden lag, eine Hand in sei- ner Qual vors Gesicht geschlagen. Offenbar war er geblendet worden. An der Wand dahinter hing ein ovales Bild. Es zeigte das Porträt eines mönchisch gekleideten Man- nes in mittlerem Alter, mit klaren, wissend blicken- den Augen unter dünnen, weit geschwungenen Brau- en. Der Mund war von einem dunklen Bart umrahmt, die Nase sprang weit hervor, die Stirn war breit ge- wölbt unter kurzgeschnittenem braunem Haar. Fra Paolo Sarpi stand auf dem kleinen Messing- schild darunter. »Der Lehrer von Galilei«, erklärte Ernesto, der neben mir stehengeblieben war. »Er hatte mehr Glück als Bruno. Als gebürtiger Venezianer genoß er den Schutz der Stadt, aber die Fundamentalisten hat- ten ihn dann trotzdem erwischt und ihm das Gesicht mit Messern so zerfleischt, daß er sich nie mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen konnte.« Ich dachte an CarlAntonio. »Er war unser bedeutendster Naturwissenschaftler, im 16. Jahrhundert. Bekannt wurde er aber als Histo- riker, denn« – er hob seufzend die Schultern – »in Venedig haben die Naturwissenschaften nie viel ge- golten.« »Das hat sich mit Professor Ishida geändert, wie ich hörte.« Ernesto warf mir einen überraschten Blick zu, dann lachte er. »Kann man wohl sagen.« Wir warteten. * Professor Toshiaki Ishida lege Wert darauf, uns per- sönlich zu begrüßen, gab uns unser Begleiter zu ver- stehen. Mit wehendem offenem Labormantel kam er endlich durch die lautlos beiseite gleitende Glastür geeilt, ein zierlicher kleiner Mann um die Fünfzig, die VR-Brille lässig auf die Stirn geschoben, als wollte er demonstrieren, daß auch ein höchst wichti- ges Experiment ihn nicht daran hindern konnte, uns willkommen zu heißen. »Meine jungen Freunde!« rief er in perfektem Ita- lienisch und breitete die Arme aus. »Willkommen in dieser schönen Stadt! Willkommen an unserem Insti- tut! Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.« Dann wiederholte er die Begrüßungsgeste stumm auf japanisch; er legte die Fingerspitzen zusammen und verbeugte sich mehrmals., Er hatte kurzgeschnittenes graues Haar und trug einen fast weißen Backenbart, der eine Handbreit von der Peripherie seines Gesichts abstand wie eine hochgerutschte, groteske Halskrause. Seine lebhaften schwarzen Augen funkelten triumphierend. »O Gott«, flüsterte Marcello. »Sieht aus wie ein Yaccuza-Makake.« »Dann nimm dich in acht vor ihm«, sagte Renata kichernd. »Makaken sind flink – und sie beißen.« Ich hatte Mühe, nicht laut loszuprusten. »Schscht!« zischte Kazuichi. »Tatsächlich. Er ist sein eigenes Logo«, raunte Er- nesto. Mir fiel auf, daß seine Haut mit einer Creme oder einem Öl eingefettet war, wodurch sich je nach Lichteinfall irisierende Farbmuster darauf abzeichne- ten. »Ich weiß, daß man sich in Europa üblicherweise mit Handschlag begrüßt«, erklärte Ishida und hob beide Hände, die plötzlich in allen Regenbogenfar- ben schimmerten. »Darauf verzichten wir hier im Institut grundsätzlich. Nicht aus Unhöflichkeit« – er reckte das Kinn, die Halskrause sträubte sich noch weiter ab – »auch nicht aus hygienischen oder ande- ren medizinischen, sondern ausschließlich aus tech- nischen Gründen. Das werden Sie alles noch verste- hen. Sie sind übrigens alle hier ganz in der Nähe un- tergebracht. Es ist das rote Haus vorne rechts am, Rio, Nr. 2821 N, etwa hundertfünfzig Meter von hier. Herr Kazuichi Inoue, einer meiner Assistenten – Sie kennen ihn ja bereits –, wird sich um Sie küm- mern. Er wird Ihnen gleich Ihre Apartments zeigen. Ihr Gepäck befindet sich bereits dort. Wir werden alles tun, damit Sie sich bei uns wohl fühlen. Aber machen Sie sich erst einmal mit der Stadt bekannt, soweit Sie sie nicht schon kennen.« Und einen schil- lernden Finger in die Höhe hebend, fügte Professor Ishida hinzu: »Lassen Sie sich einen Pathfinder täto- wieren. Hier in Venedig kann es Ihnen nämlich leicht passieren, daß Sie in einer Sackgasse oder gar in ei- nem Canale landen.« Renata schnaubte geringschätzig. Professor Ishidas erhobene Handflächen leuchte- ten auf, und er verbeugte sich zum Abschied. »Ich danke Ihnen.« Die Glastür schnalzte beiseite und schloß sich hinter ihm. Eine wehende weiße Silhouette verblaßte dahin- ter. Der Professor eilte an sein Experiment zurück. Plötzlich merkte ich, daß ich todmüde war. »Woher könnt ihr Japaner alle so fabelhaft italie- nisch?« fragte Marco unseren Begleiter, als wir die Fondamenta San Giustma entlang zu unserer Unter- kunft gingen. »Ha«, erwiderte Kazuichi grinsend. »Reingepfif- fen.« »Reingepfiffen?«, Er senkte ruckartig den dicken Kopf. Ich mußte mich erst an seine Art zu nicken gewöhnen. »SimStim«, erläuterte Kazuichi. »Simulierte Sti- mulation. Gezielt induzierte Imaginationen. Am be- sten durch das Brain-Computer-Interface.« Er tippte sich an die Schläfe, und ich bemerkte, daß er, von seinem borstigen schwarzen Haar halb verdeckt, unter der Haut ein Implantat von der Größe eines Eurocent trug. Mir graute; schon lange stand mein Entschluß fest, mir nie einen von diesen Hirn- schrittmachern einsetzen zu lassen. Wie sollte man wissen, wo die eigenen Erinnerungen aufhörten und das Netz anfing? »Wenn du kein eigenes BCI tragen willst«, sagte er, als könnte er mit dem Ding meine Gedanken le- sen, »mußt du dich einer indirekten SimStim- Behandlung unterziehen. Das ist umständlicher und dauert, bis man dir die Datenpakete einzeln zugeführt hat. Man klebt dir ein paar Elektroden auf die Stirn und schiebt dich in eine Röhre. Nach einigen Tagen fängst du dann an, in der gewünschten Sprache zu denken, und redest drauflos: Usbekisch, Westgotisch, Mittelhochdeutsch, Aramäisch, Marsianisch – was das Herz begehrt.« »Das gibt’s doch nicht«, entfuhr es mir voller Staunen. »Das gibt’s schon lange«, sagte er und nickte mir zu. »Man kann sich inzwischen auch Sinneseindrük-, ke von Tieren implementieren lassen, von Delphinen oder Raubkatzen oder von Vögeln. Das ist nur kom- plizierter und nicht ganz ungefährlich. Kennst du nicht den Flug des Condors von Luciero Montalban? Die Mentalsinfonien von Fautin und Norrevang?« Er schüttelte lachend den Kopf, als er sah, daß wir ihn ratlos anschauten. »Wo kommt ihr her, Leute?« fragte er. »Ich war der Meinung, das sind VR-Spektakel«, warf Marco mißtrauisch ein. Vielleicht dachte er, unser Tutor nehme uns auf den Arm. »Die VR liefert nur das Bühnenbild«, erklärte Ka- zuichi. »Der Geruch, der Geschmack, das Körperge- fühl, der eigentliche Kick, der kommt aus dem Indu- cer. Über BCI oder herkömmliches SimStim.« »Experimentiert ihr hier damit?« Wieder dieses übertriebene Nicken. »Ich dachte, ihr beschäftigt euch mit Hologra- phie.« »Das gehört alles zusammen«, erwiderte Kazuichi und kratzte sich an der Schläfe, wo sich der Cent un- ter der Haut abzeichnete. »Realitätsmodelle. Dazu gehört auch Photonenmanipulation – räumlich, zeit- lich …« »Licht?« erkundigte sich Marco stirnrunzelnd und strich sich über den schmalen kahlrasierten Schädel. Es war nicht sein Gebiet, meines auch nicht. Ernesto, der auf der anderen Seite des Japaners ging, lächelte, nachsichtig über soviel Unwissenheit. Plötzlich hatte ich den Eindruck, als horche Kazuichi in sich hinein. Lauschte er der Stimme seines Herrn? Oder dem Ge- flüster des Netzes? »Du meinst Optik?« fragte er Marco zerstreut. »Ja, Optik natürlich auch. Wir arbeiten an der wirklichen Wirklichkeit«, erklärte er. »Das wirst du schon noch merken.« Ich war stehengeblieben und blickte nach rechts. Unmittelbar hinter dem Altbau des Instituts schloß sich ein gewaltiger Gebäudekomplex an, der in sei- ner Kahlheit und Konturlosigkeit einem Flugzeug- hangar oder einer militärtechnischen Anlage ähnelte. Er erstreckte sich nach Osten bis zur Kirche San Francesco und nördlich fast bis zum Wasser der La- gune. »Oh«, sagte unser japanischer Führer und musterte den weißen Klotz. »Da hat mal wieder jemand an einem Schalter herumgespielt.« Belustigt schüttelte er den Kopf. Ich verstand die Bemerkung nicht, aber ich war zu müde, um mich nach ihrem Sinn zu erkundigen. * Unsere Apartments lagen an der südwestlichen und nordwestlichen Seite des vierstöckigen Hauses. Die Ecken des Gebäudes hatte man als Balkons gestaltet,, von denen aus man einen Blick sowohl auf die nordwestliche Lagune mit San Michèle als auch nach Süden über die Stadt hatte. Die Aussicht interessierte mich jedoch wenig. Ich beschloß, meine Koffer un- geöffnet stehenzulassen, und legte mich für eine Stunde hin. Als ich Renata später in ihrem Apartment im vier- ten Stock besuchte, stand sie mit einem Glas Oran- gensaft am Balkongeländer. Ernesto saß in einem Lehnsessel im Wohnraum. »Soll ich dir auch ein Glas Saft bringen?« fragte er mich. »Ja, bitte. Wo sind Marcello und Marco?« »Ich glaube, sie haben sich hingelegt«, antwortete er. Ich trat neben Renata. Sie schaute zu den fernen Bergen hinüber, die sich aus dem graugrünen Dunst der Ebene erhoben und deren helle Gipfel sich schwach gegen den klaren weißblauen Nachmittags- himmel abzeichneten. »Heimweh?« fragte ich. Sie runzelte die Stirn und zog die Stupsnase kraus. Nach einem Moment des Zögerns schüttelte sie wort- los den Kopf, doch ich bemerkte den Schmerz hinter ihrer Entschlossenheit, sich nicht von Emotionen überwältigen zu lassen. Rasch wechselte ich das Thema. »Ist das Schnee?« fragte ich und deutete mit einem, Nicken auf die Gebirgskette. »Ich habe noch nie Schnee gesehen. In Wirklichkeit, meine ich.« »Kalk«, sagte Renata. »Kalkstein?« »Die Korallen und Muscheln des Thetis-Meeres – zusammengeschoben und in den Himmel gestemmt. Es ist die einstige Küste Nordafrikas. Dort komme ich her«, sagte sie lächelnd. »Das hat mich als Kind immer fasziniert. An der Nordküste Afrikas geboren zu sein.« »Eine verkappte Moro«, sagte Ernesto. »Ich hatte dich schon lange im Verdacht.« »He!« rief ich erschrocken, als mein Blick nach Südosten schweifte. »Das gibt’s doch nicht!« Der kahle, fensterlose Klotz des Instituts war ver- schwunden. Statt dessen erstreckte sich die Architek- tur des alten Istituto Teenico Paolo Sarpi in ihrer langweiligen Regelmäßigkeit aus schwarzfleckigen Gesimsen und hohen, doppelt übergiebelten Fenstern weit nach Osten bis zu dem schlanken Ziegelbau des Campanile von San Francesco. Ernesto kam auf die Loggia heraus. »Schau dir das an«, sagte ich. »Ich schwöre, hier stand vor einer Stunde ein glatter weißer Klotz von mindestens zweihundert Metern Länge.« »Bist du sicher?« »Absolut.«, Er fuhr sich mit der Hand über sein kurzgeschore- nes braunes Haar, das sich am Scheitel schon stark lichtete, und nickte mir zu. »Ray-Tracing«, erklärte er. »Das ist ein optischer Trick.« »Wie machen die das?« »Das ist gar nicht so neu. Sascha Migdal, ein rus- sischer Quantenphysiker, hat das bereits in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts patentieren las- sen. Er nannte es ›Metaflash‹ oder ›Metastream‹, ei- ne computergestützte Nachbildung dreidimensionaler Oberflächen. Es war eine Trixeltechnik.« »Holographisch?« fragte Renata. »Ja, so ähnlich, bloß raffinierter. Fernsehen arbei- tet mit Pixeln – zweidimensional. Hier sind drei Ko- ordinaten eines Bildpunkts gespeichert. Heute arbei- tet man mit weiteren Dimensionen. Subtile Informa- tionen über Oberflächenbeschaffenheit.« »Das sind doch Spielereien«, warf ich ein. Ernesto nickte, hatte aber gar nicht zugehört. »Die Militärtechniker nennen es WaveCam – Wel- lencamouflage. Oder Overlay, weil es über echte oder projizierte Oberflächen gelegt wird. Das sicht- bare Licht wird durch unsichtbares moduliert. Damit kannst du eine rauhe Oberfläche spiegelblank er- scheinen lassen oder eine glatte strukturiert. Du kannst sie mit einem Fell überziehen, mit Pflanzen überwuchert darstellen oder ganz der Umgebung an-, passen.« »Nun krieg dich wieder ein«, sagte ich. »Das Chamäleon macht das seit mehr als fünfzig Millio- nen Jahren.« »Manche Kraken auch«, bemerkte Renata. »Und die Fasanenbarsche. Hast du schon mal gesehen, wie die das machen? Es ist unglaublich! Sie werfen einen Blick auf den Untergrund, und ihre Körperoberfläche verwandelt sich einen Sekundenbruchteil später in sein fotografisches Abbild.« »Nanos machinulis«, sagte Ernesto; es klang fast andächtig. »Was hat das mit Nanos zu tun?« fragte sie stirn- runzelnd. »Man hat die Oberfläche des Gebäudes mit Smartdust besprüht. Die Partikel übernehmen die Funktion von Monitoren. Sie gruppieren sich zu Bildpunkten. Mit dem Computer kannst du damit jede Struktur simulieren und sie ständig verändern. Seht ihr die Schatten der Gesimse und Laibungen? Sie folgen exakt dem Stand der Sonne.« »Hatte der Professor sich vielleicht mit so etwas eingesprüht?« fragte ich. »Er sah aus, als hätte er ei- ne Art Creme aufgetragen.« »Eklig sah das aus«, sagte Renata und rümpfte die Nase. »Und dann dieser Strohstern von einem Bart. Ein komischer Kauz.« »Diese irisierende Schicht auf der Haut?« überleg-, te Ernesto. »Kann schon sein. Vielleicht simulieren sie damit taktile und haptische Eindrücke« – er wur- de ganz aufgeregt – »Natürlich! Daß ich da nicht frü- her draufgekommen bin. Der Tastsinn ist nämlich am schwierigsten zu simulieren. Ishida versucht das mit Smartdust zu machen. Direkt auf der Haut. Wahr- scheinlich ist die Substanz graphithaltig und reagiert auf elektromagnetische Felder. Das ist genial!« Wir arbeiten an der wirklichen Wirklichkeit, hatte Kazuichi erklärt. Das wirst du schon noch merken. »Aber was, um Himmels willen, hat das mit Bota- nik zu tun?« »Nun, man versucht offensichtlich, die Wirklich- keit so genau wie möglich nachzubilden. Dazu gehö- ren natürlich auch Bäume, Büsche, Gras …« mut- maßte er, aber es hörte sich nicht sehr überzeugend an. »Dazu müßten doch Fotos oder Videos genügen«, erwiderte ich. »Denk an ausgestorbene Pflanzen. Angenommen, die wollen einen Urzeitdschungel simulieren, mit Riesenfarnen, Riesenschachtelhalmen und anderen Pflanzen. Da muß man doch genau wissen, wie diese Pflanzen einmal ausgesehen haben.« »Ernesto, kein Mensch weiß, wie diese Pflanzen einmal wirklich ausgesehen haben. Was wir in den Lehrbüchern sehen, sind Rekonstruktionen, die man anhand von Versteinerungen und im Vergleich mit, heutigen Arten angefertigt hat, die als ihre Nachfah- ren oder Verwandten gelten.« »Mag sein. Aber vielleicht genügt das. Vielleicht muß die Simulation gar nicht so exakt sein. Viel- leicht genügt eine Näherung.« »Hm.« »Das erinnert mich an diese zahllosen alten Juras- sic Parc‹-Filme«, warf Renata ein. »Warum nicht?« erwiderte Ernesto. »Aber nicht als Film, sondern als SimStim-Gesamtkunstwerk, in dem du die Kadaver dieser Biester riechen und ihr Blut schmecken kannst.« »Naja«, sagte ich. »Wer so etwas mag …« »Du glaubst ja gar nicht, wie viele ganz versessen auf solche Sinneseindrücke sind.« »Früher soll das Gelände, auf dem jetzt das Institut steht, ein riesiges leeres Areal gewesen sein, auf dem zwei uralte verrostete Gaskessel standen«, sagte Re- nata. »Das erzählten mir die alten Leute hier. Ich hab ein paar Monate lang ganz in der Nähe gearbeitet.« »Im Ospedale?« fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf. »Im Ospedaletto von der Chiesa di Santa Maria del Dereletti. Das ist ein Al- tersheim an der Calle Barbaria delle Tole. Inzwi- schen wird es aufgelassen sein. Man hatte damals schon keine Alten mehr aufgenommen. In diese Kir- che dort drüben bin ich immer gern gegangen.« Sie deutete auf den schlanken Campanile jenseits, des Institutsgebäudes. »Das ist San Francesco de la Vigna. Früher wurde hier Wein angebaut. Manchmal ist der Klostergarten geöffnet. Es ist absolut still dort. Man glaubt wirk- lich, sich in einem Garten zu befinden, in dem vor Jahrhunderten die Zeit stehengeblieben ist«, sagte sie träumerisch und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Bis einen der Glockenschlag vom Campanile wieder in die Gegenwart zurückholt.« Sie lächelte mich an und fügte hinzu: »Übrigens: Mit dem Totengeläut von San Franceso wird am Fa- schingsdienstag um Mitternacht der venezianische Karneval zu Grabe getragen.« »Oh«, sagte Ernesto, aber wir sahen ihm an, dass er mit dieser Information wenig anzufangen wusste. Ich hatte damals noch keine Ahnung, wieviel Zeit ich in diesem Klostergarten verbringen würde – mit bangem Herzen und verzweifelter Hoffnung.,

II SCARABEO

»RAUM UND ZEIT SIND EHER AKTEURE IN EINER RELATIONALEN WELT ALS DIE BÜHNE IN EINER ABSOLUTEN.« Lee Smolin Dies also war das herrliche Venedig – etwas alt und morsch und angefault aus der Nahe besehen, sagte ich mir, aber dank des Consorzio Venezia Nuova, der Association of International Private Committees for the Saveguarding of Venice, der UNESCO und japa- nischer High-Tech auf dem Weg der Besserung. Auch hier verschränkte sich die Zeit, war die Ver- gangenheit mit der Gegenwart verzahnt wie in Rom und in anderen alten italienischen Städten. Aber auf mich wirkte diese Stadt auf den ersten Blick absolut unitalienisch, fremdartig, orientalisch. Freilich, war sie doch jahrhundertelang ein – oft undankbarer – Bastard Ostroms gewesen. Aber dieser erste Eindruck täuschte. Sie war kei- neswegs von jener erhabenen byzantinischen Faul- heit, jener schläfrigen Gleichgültigkeit und träumeri- schen Saumseligkeit geprägt, sondern vielmehr von Raffgier und Raffinement. Man brauchte nur an ei- nem normalen Wochentag den Canal Grande zu beo- bachten, das emsige Hin und Her der Lieferanten,, Zusteller und Abholer, dann spürte man den Motor der Unrast, der Geschäftigkeit und des Erwerbssinns. Hinter den prächtigen Fassaden der Palazzi wurden – damals wie heute – immer knallhart Profite gemacht. Das war und ist der Stolz dieser Stadt, der Kern ihrer Geschichte. Venedig hatte durch seine geographische Lage nie Landfahrzeuge benutzt. Der Nerv der Moderne führt nur zur Peripherie bei Santa Lucia. Dort wurde er gekappt. In der Stadt selbst war, wie seit Jahrhunder- ten, nur das Trappeln und Schlurfen menschlicher Füße zu hören. Das erzeugt diese nostalgische Illusi- on der Zeitlosigkeit, der man als Heutiger, vom Lärm gestresst, nur zu leicht erhegt. Und auch daraus hat- ten die Bewohner dieser Insel ein Geschäft gemacht. Dies also war die vielbesungene Räuberbraut der östlichen Meere, üppig aufgetakelt, doch beileibe nicht ohne Geschmack und, in die Jahre gekommen, zunehmend auf die Zuwendungen ihrer Verehrer an- gewiesen. * Man ließ uns reichlich Zeit zur Eingewöhnung. Ka- zuichi kümmerte sich um uns. Zwei Tage nach unse- rer Ankunft wurden wir von ihm mit unserem Ar- beitsgerät ausgestattet. »Das ist der Scarabeo«, erklärte er und händigte, uns ein Wristtop aus, ein flaches durchsichtiges Ge- rät mit einer Armspange und einer metallisch be- schichteten Oberfläche. »Er ist mit jedem IKom kompatibel. Das heißt, ihr könnt über euren IKom anfragen; er beschafft euch die Antwort aus dem Web oder woher auch immer. Der Scarabeo ist das Beste, was derzeit an Servertechnik verfügbar ist; er ist mit den modernsten semantischen und ontologi- schen Suchprogrammen ausgestattet und beschafft euch alle Daten, die ihr braucht. Wenn vokal nicht genügt, dann gibt es hier ein Vid« – er tippte auf den winzigen Bildschirm – »Reicht die Größe nicht, dann klebt ihr das da irgendwo hin« – er faltete ein Stück Folie auseinander, klatschte es an die Wand und strich es glatt. »Auf Wunsch gibt es Animation. Das Slicing hat drei Präsentationslevel: Infotainment, High und Top – bei Bedarf auch mit VR-Optik oder als Holo. Der Scarabeo hat Zugang zu allen öffentli- chen Nets, verfügbar sind also auch sämtliche Filme, Opern, Operetten, Musicals und das ganze Tralala bis zur Folklore. Okay? Shunts für Institutsnetze oder andere exklusive oder arkane Infopools mit Sonder- genehmigung sind selbstverständlich eingebaut. Al- les klar?« Ich nickte zögernd. »Ich arbeite mit dem BCI«, sagte Kazuichi und tippte sich an die Schläfe. »Das ist nicht jedermanns Sache, ich weiß. Ich habe mich jedoch so daran ge- wöhnt, daß ich ohne das Ding nicht mehr leben, könnte. Wie in einer Dunkelzelle käme ich mir vor – sensorische Deprivation. Ich brauche das Netz um mich, wie eine Spinne. Wenn ich nicht ständigen Zugriff auf alle Daten habe – ohne jede Zeitverzöge- rung –, dann werde ich krank.« Renata sah mich an. Ich hob die Schultern. »Ich habe schon mit einem ähnlichen Ding gear- beitet«, sagte Ernesto und drehte den Scarabeo zwi- schen den Fingern. »Wir nannten sie Minatore. Browser für die Bibliothekscomputer. Man steigt mit ihnen in die Bergwerke des Wissens ab.« »Wie pathetisch«, sagte Kazuichi ohne eine Spur Ironie. »Der Scarabeo ist die nächste Generation; er hat etwa die zehntausendfache Kapazität. Er heißt so, weil er den Mist durchstöbert, den die menschliche Zivilisation in zehn Jahrtausenden Schriftkultur auf- gehäuft hat – von den Tontafeln bis zu den Info- flashs. Er scharrt zusammen, was du brauchst, und dreht ihn in mundgerechte …« »He! Pfui Teufel!« rief Renata. »Na ja – handling, okay?« sagte Kazuichi und grinste, »in handliche Portionen. Wie sich’s für einen Mistkäfer gehört. Ihr solltet ihn immer bei euch tra- gen. Bei der Arbeit, meine ich. Oder auch privat …« Wollte ich immer alles wissen? Wollte ich je auf ei- ner Datenmülldeponie leben? O Gott, nein. Mir war das IKom schon manchmal eine Last. Aber dem konnte ich befehlen, mich in Ruhe zu lassen und alle, Anrufe abzuwimmeln. Unerreichbar sein – zumin- dest für kurze Zeit, bevor man vom Net angemahnt wurde, sich wieder einzuklinken. Es war leider nur ein Privileg der Mächtigen und Reichen, nicht stän- dig und überall ansprechbar zu sein. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, daß mir dieses Privileg bald zuteil werden sollte. Länger, als mir lieb war. * Mein Scarabeo überraschte mich mit einem detail- lierten Ausbildungsplan für die nächsten Wochen: Spezialisierung auf die Ökologie und Flora Mitteleu- ropas. Gleichzeitig standen Sprachkurse auf dem Programm. Holländisch ganz oben. Wir sollten in Amsterdam unsere Spezialausbildung erhalten und möglicherweise dort auch zur Feldarbeit eingesetzt werden – weit jenseits der Todeszone. Die Befürch- tungen Bernds waren unbegründet gewesen. Auf meinem Handgelenk erblühten Kornrade und Brachschöterich. »Agrostemma githago …« souf- flierte Luigi aus dem Wissensschatz des Scarabeo. »Erysimum repandum.« Sie waren derart präsent, daß ich ihren wilden erdigen Geruch wahrzunehmen glaubte. Es formten sich die fiedrigen Pinsel der Wiesenkuhschelle (Pulsatilla pratensis) und die schwellenden Lippen des Frauenschuhs (Cypripedi-, um calceolus). Der Stolze Heinrich (Chenopodium bonus-henricus) reckte mir seine stramme Dolde ent- gegen. Die Kohlrabmistel (Cirsium oleraceum) de- monstrierte trutzig-kratzige Wehrhaftigkeit. Das Zot- tige Weidenröschen (Epilobium hirsutum) wuchs hervor in seinem bestirnten Kardinalspurpur. Die zaghaften Rotspitzchen des Bembrechs (Narthecium ossifragum), der raffinierte Schador des Mittleren Wegerichs (Plantago media), die klingenden weißen Schellen des Nickenden Wintergrüns (Ortilia secun- do) und die tuschelnden Häubchen des Gescheckten Eisenhuts (Aconitum variegatum), die blauen Augen der Gemeinen Wegwarte (Cichorium intybus) blick- ten mich an und die goldenen des Leberblümchens … »Hepatica nobilis …« »Danke, Luigi«, sagte ich. »Das reicht als Pensum für heute. Wir gehen es später noch einmal durch.« Die meisten dieser schönen fragilen Geschöpfe hatten sich längst aus der Wirklichkeit verabschiedet. Manche waren bereits im 20. Jahrhundert ausgestor- ben, viele hatte der Schrecken des 21. dahingerafft. So viele Tote – ausgeknipst, für immer verloren. Der Scarabeo zauberte sie aus alten Pflanzenbüchern her- vor, aus botanischen Fachwerken und Enzyklopädien und ließ sie in detailgenauen Holographien vor mir erstehen, pflückte sie für mich im Hortulus des Wa- lahfrid Strabo und mit Beslers Hilfe in den Gärten des Johann Conrad Freiherr von Gemmingen, einst, Fürstbischof von Eichstätt. Ob Sarah nun auch mit so einem Ding arbeitete? Wahrscheinlich brauchte sie das nicht, weil sie schon immer alles besser wußte. Was wohl aus ihr gewor- den war? Wahrscheinlich war sie längst in ihre Hei- mat zurückgekehrt, hatte einen Lehrstuhl oder leitete ein Institut. Ich nahm mir vor, nach ihrer Website suchen zu lassen, konnte mich aber nicht an ihren Nachnamen erinnern. * Dr. Mondoloni war ein freundlicher, rücksichtsvoller und leiser Mann – Mitte Dreißig. Er war einen Kopf größer als ich, schlank und fast kahl. Den Rest seiner Haare hatte er millimeterkurz schneiden lassen. Seine dichten dunklen Brauen lagen wie Raupen über zwei sanft blickenden dunkelbraunen Augen. »Er ist schwul«, sagte Marco, der viel mit ihm zu tun hatte, weil man ihm in Form von Intensivbehand- lungen scheffelweise mittelalterliche Dialekte ins Gehirn stopfte. Ich zuckte die Achseln. »Herrgott, da kann man doch heute was dagegen tun«, entfuhr es Marco. »Weshalb sollte er«, erwiderte ich. »Ich mag ihn so, wie er ist.« Dr. Mondolonis Sprachlabor befand sich im Keller, des Altbaus vorne am Fondamento. Durchs Fenster hörte man Kindergeschrei und das Tuckern der Käh- ne auf dem Rio San Giustino. Er hätte mein IKom abfragen können, ohne mir etwas zu sagen, aber das wäre ihm unhöflich erschienen, so wie ich ihn ein- schätzte. Er setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl, lächelte mir aufmunternd zu, nahm einen Schreibblock und einen Kugelschreiber zur Hand, befragte mich und machte sich Notizen. »Haben Sie schon mit Dream Screens gearbeitet, Signorina Domenica?« fragte er mit leiser Stimme. »Noch nie. Ich wußte gar nicht, daß es so etwas gibt.« Er hob die dichten schwarzen Augenbrauen und nickte. »Es handelt sich um eine Art Wachträume und beruht, wie viele Interface-Techniken heute, auf simulierter Stimulation von Sinneseindrücken, Sim- Stim genannt, also auf induzierten Erinnerungen an Erlebnisse, die Sie nicht selbst gehabt haben. Aber keine Angst, ich werde nicht auf unverantwortliche Weise in Ihrem Gedächtnis herumpfuschen. Meine Aufgabe ist es, Ihnen Sprachkenntnisse zu vermit- teln. Sie werden nach ein paar Sitzungen das Gefühl haben, als würden verschüttete Kindheitserinnerun- gen wieder zugänglich. Und diese Erinnerungen sind an sprachliche Erinnerungen gekoppelt. Es wird für Sie so sein, als wären Sie als kleines Kind in einem anderen Sprachraum aufgewachsen, als hätten sie, diese Sprache auf natürliche Weise gelernt, aber in- zwischen wieder vergessen. Und plötzlich setzt die Erinnerung wieder ein.« Ich mußte mich auf einer schmalen Liege aus- strecken, und Dr. Mondoloni befestigte mir Elektro- den an Stirn und Schläfen. Die Berührungen seiner Finger war so behutsam und sanft, als streiften mich Daunen. Ich blickte bang hinauf zur Kuppel seines Schädels. An die hundert lebendige und tote Spra- chen waren darin abgelegt, hatte Marco versichert. Die dicken schwarzen Raupen seiner Augenbrauen krochen aufeinander zu, hoben sich, senkten sich, krümmten sich, wichen voreinander zurück und nä- herten sich von neuem wie in einem bizarren Liebes- spiel – reduziert auf ein streng spiegelbildlich arran- giertes Ballett. Er bemerkte meinen Blick und lächel- te. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Einkaufsbum- mel in Amsterdam, Signorina Domenica.« »Wie meinen Sie das …?« fragte ich noch, dann … * Ich stand auf dem Noordermarkt, einen Einkaufskorb am Arm, wie ihn Mutter mir immer mitgab. Die Uhr am Kirchturm gegenüber schlug zweimal – halb zwölf also. Ich war spät dran. Ich ging an den auf der Seite der Prinsengracht gelegenen Ständen mit Ge-, flügel und Käse entlang zum Nordende des Platzes, wo die Gemüse- und Obsthändler ihre Waren anbo- ten. Die Stände waren schon halb leer gekauft. Fas- ziniert blieb ich vor den Blumenständen stehen. Die- se geballte Leuchtkraft der Astern: Gelb, Orange, Rot und Braun – ausklingende Fröhlichkeit des Sommers. Ein letztes Aufgebot von Wärme und be- reits ein herbstlicher Duft von Schwere und Feuch- tigkeit, von Reife. Ich wußte, daß die Frau, deren Stand vor der Kir- che zu finden war, immer die größte Auswahl an Äp- feln hatte. Sie zog ihre kräftigen roten Hände unter der grünen Schürze hervor und wandte sich mir zu. »Kan ik u helpen?« fragte sie. »Ik wil appels kopen. Welke zijn goed?« »Ik heb nieuwe Elstars.« »Geeft u mij maar een kilo.« Die Marktfrau klaubte die Apfel in die Tüte und wog sie ab. Ich legte die Tüte in den Korb und be- zahlte. »U spreekt mijn taal absoluut perfekt. Waar heeft u dat geleerd?« fragte sie mich. Man sah es mir also an, daß ich nicht aus dieser Gegend stammte. »Datzelfde zou ik u kunnen vragen«, erwiderte ich und war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob wir uns zuvor auf holländisch oder italienisch verständigt hatten. Ein Papagei schrie: »Kan ik u helpen?«, Neben dem Obststand hatte ein Schausteller sein Zelt aufgebaut. Davor stand eine Drehorgel, auf wel- cher der Papagei angekettet saß. Ein Junge in Latz- hosen, der trotz der bereits herbstlichen Kühle barfuß ging, trug eine Kiste Äpfel durch den Zelteingang, aus dem in dem Moment der Schausteller trat. Er war wie ein Clown geschminkt, trug ein grob schwarz- weiß kariertes Hemd, eine buntscheckige Weste und eine Pumphose aus schwarzem Samt, mit breiten Ho- senträgern aus dem gleichen Material. Der Schausteller ging an die Drehorgel und setzte sie in Bewegung. Eine volkstümliche Melodie be- gann zu schrillen. »Kan ik u helpen?« schrie der Pa- pagei und trippelte auf seiner Stange beiseite. Der Mann kam mir seltsam bekannt vor und neugierig ging ich auf ihn zu. Er wandte das Gesicht halb ab, doch ich sah deutlich, daß sich an der Schläfe unter der kreideweißen Schminke das kleine schlanke Kreuz abhob, das er unter der Haut trug. »Signore Falcotti!« entfuhr es mir. »Wie ist das möglich?« Er drehte weiter an der Kurbel und blickte mich dabei mit seinen schwarzumrandeten Augen an. Ein Lächeln verzog seinen großen, grellrot geschminkten Mund. »Sie haben mich gleich erkannt?« fragte er. »Ja.« Der Junge schleppte eine weitere Kiste Äpfel ins Zelt. Seine Beine waren braungebrannt, seine Füße, schmutzig. Er griff sich einen Apfel heraus, warf ihn zwischen den Händen drei-, viermal hin und her, zwinkert mir verschwörerisch zu und biß hinein. Ich wußte in jedem Moment, daß alles um mich herum nicht Wirklichkeit war. Mir schien eher, als spielte ich in einem Theaterstück mit, stünde auf der Bühne oder in einer Filmkulisse, aber es existierte kein Text- oder Drehbuch. Es war alles so absurd. Die Drehorgel war verstummt. »Gehen wir rein«, sagte Falcotti und hielt die Pla- ne am Eingang hoch, um mich einzulassen. In der Mitte des Zeltes stand ein Holztisch, auf dem der Junge sechs oder sieben Kisten voller Apfel abge- stellt hatte. Ich fühlte mich an meine frühe Kindheit erinnert: Hinter meinem Elternhaus erstreckte sich ein großer Garten mit einigen Apfelbäumen. Einer davon stand nahe beim Haus, und seine Äste ragten über das Ge- länder des Balkons im ersten Stock. Zur Blütezeit schwärmten die Bienen zu Tausenden um die Bäu- me, und die Blüten waren voll von diesen summen- den Insekten. In einem unbeaufsichtigten Augenblick war ich, damals zwei oder drei Jahre alt, durch die Tür vom Schlafzimmer meiner Eltern auf den Balkon hinausgegangen, hatte arglos nach den Blüten ge- grapscht und war prompt von einer Biene gestochen worden. Der Schreck über den plötzlichen, unerwar- teten Schmerz war elementar – wie ein starker, Stromschlag. Entsetzt rannte ich ins Zimmer, ver- hedderte mich in den Stores an der Tür und fiel hin. Mein Vater stand vor dem Spiegelschrank. Mit ei- nem Blick erfaßte er die Situation, eilte zu mir, hob mich hoch und drückte mich an seine Brust. Ich konnte nicht sprechen, nicht einmal schreien. »Es wird gleich wieder gut, mein Kleines«, sagte er dicht an meinem Ohr. »Es wird gleich wieder gut.« Es wurde nicht gleich wieder gut. Ein Notarztwa- gen brachte mich ins Krankenhaus, weil ich mit ei- nem anaphylaktischen Schock reagierte. Fast wäre ich gestorben, hatte mir mein Vater später erzählt. Als Kind verstand ich nicht, was der Tod bedeutet, aber das Entsetzen, das wie ein spitzer Keil bis in mein Innerstes drang und mich erstarren ließ, daß ich nicht einmal schrie, steckte tief in meiner Seele. Ich hatte zum ersten Mal kreatürliche Angst gespürt. So muß der Tod sein, der dich plötzlich anspringt, sagte ich mir später oft. Und seither schnürte es mir immer die Kehle zu, wenn ich Bienen oder Wespen in mei- ner Nähe sah. Falcotti musterte mich abwartend. »Sie sehen lustig aus«, log ich. »Finden Sie?« Sein Haar war mit Gel versteift und stand in Zak- ken ab. Die bunte, mit Flicken benähte Weste war schäbig, und der speckige Stehkragen des Hemds war unterm Ohr eingerissen. Er hob Entschuldigung, heischend die Schultern. »Als Psychologe ist man gezwungen, zuweilen seltsame Rollen zu übernehmen. In Ihrem Fall habe ich es aber gern getan«, sagte er und zerrte mit zwei Fingern an der geschminkten Unterlippe. »Was meinen Sie damit?« Falcotti betrachtete schweigend die geröteten Fin- gerkuppen. Seine dunklen Augen blickten durch die weiße Schminke wie durch die Gucklöcher einer Maske. Da bemerkte ich, daß er den Bart abrasiert hatte. Er nahm ein kleines gekrümmtes Messer zur Hand, ergriff einen der Äpfel und schnitt ihn ausein- ander. Plötzlich war seine Hand und sein Unterarm mit Bienen bedeckt, die auf seiner Haut durcheinan- derwimmelten. »Vorsicht!« schrie ich entsetzt. Falcotti betrachtete seine Hand. Das Gekrabbel schien ihn nicht im mindesten zu stören. »Sie tun mir nichts«, versicherte er. »Waren die Biester in dem Apfel drin?« fragte ich verblüfft. »Nein, in der Blüte«, erwiderte er. »Nun ja, aber …« »Ich weiß: Sie meinen, das ist eine Weile her. Die Zeit dazwischen – das erscheint Ihnen rätselhaft. Aber es gibt eine Erklärung. Ich werde sie Ihnen ge- ben, aber ich muß Sie bitten, darüber absolutes Still- schweigen zu bewahren.«, Eine Biene kroch ihm über die Wange. Er streifte sie ab. Plötzlich waren die Bienen durch irgend et- was beunruhigt und fingen an zu schwärmen. Ihr drohendes Summen erfüllte das Zelt. Ich machte auf dem Absatz kehrt, rannte hinaus und prallte gegen die Drehorgel. Sie fing an zu spielen … Da zerfiel die Welt, verformte sich zu einer polier- ten metallischen Röhre, in der sich Schatten vierdi- mensionaler Gestalten bewegten. »Kann ik u helpen?« schrie der Papagei, aber er hatte sich bereits aufgelöst, wie die Kette, die Dreh- orgel, der ganze Noordermarkt. * Langsam kam ich zu mir und verspürte pochende Kopfschmerzen. Ich hörte Stimmen, Menschen, die lachten und miteinander schwatzten, aber so leise, daß ich kein Wort verstand. Eine Kirchturmuhr schlug an der Grenze der Hörbarkeit. Ich fuhr mit den Händen über die Stirn, um die schmerzenden Schläfen zu massieren – und griff in eine Spinnwebe von Elektroden, die sich unter der Berührung zurückzogen wie beinahe substanzlose unterseeische Lebewesen. Die Stimmen verschwan- den. Irgendwie schien ich einen Alarm ausgelöst zu haben, denn das Gesicht Dr. Mondolonis tauchte am Eingang der Röhre auf., »Alles in Ordnung?« fragte er und schob die röh- renförmige Apparatur zurück. »Kann ich nicht sagen«, murmelte ich. »Em biß- chen Kopfschmerzen.« »Das ist normal«, erklärte er, sprühte eine ätheri- sche Substanz auf seine Fingerkuppen und begann mit kreisenden Bewegungen meine Stirn und die Schläfen zu massieren, während seine Raupenbrauen ihr Paarungsritual wieder aufnahmen. Ich konnte ih- nen nicht zusehen und schloß die Augen. In Sekun- denschnelle löste sich der Schmerz auf, aber ich ge- noß die Berührung seiner Finger. »Das war schon komisch«, sagte ich. »Komisch?« »Ja, eine groteske Situation.« Dr. Mondoloni hielt inne und richtete sich auf. Ich erhob mich ebenfalls und zupfte meine Frisur zu- recht. »Können wir morgen wieder eine Sitzung ma- chen? Es ist besser, wenn wir anfangs …« »Wenn Sie mir versprechen, nicht wieder Bienen auf mich loszulassen, Doktor.« »Bienen?« fragte er sichtlich verblüfft. Er hielt den Chip, den er der Konsole entnommen hatte, gegen das Licht, als könnte er darin ein Insekt entdecken, eingeschlossen wie in einem Bernstein. »Sagen Sie bloß, das wüßten Sie nicht.« »Nein, das weiß ich wirklich nicht«, betonte Mon-, doloni und räusperte sich verlegen. »Das hat nicht unmittelbar mit der Sprachlektion zu tun, Signorina Domenica. Es handelt sich um eine Art Impfung für Ihre Ausbildung – individuell zugeschnitten und vom Chef persönlich zusammengestellt. Ich kenne die Rezeptur nicht. Ich weiß nur, daß sie Ihrem Schutz dient.« »Sie hatten mir versprochen, nicht in meinem Ge- hirn herumzupfuschen.« »Davon kann auch gar keine Rede sein«, sagte er und schaute mich treuherzig mit seinen sanften, trau- rigen Augen an. »Wir haben lediglich Ihre eigenen Abwehrkräfte mobilisiert. Ihre Erinnerungen wurden aufgerufen und verstärkt, die sie irgendwann auf na- türliche Weise erworben haben und die in Ihnen schlummerten.« »Hm. Das kann man wohl sagen« – ich blickte ihn nachdenklich an – »Eine Art Blockierung?« »Eher eine Konditionierung. Sie ist leider notwen- dig.« »Erhält die jeder?« »Selbstverständlich. Sie ist Voraussetzung, wenn man hier am Institut arbeitet.« Ich zog meinen Anorak an. Er beeilte sich, mir hineinzuhelfen. »Also dann, bis morgen. Ohne Bienen, Doktor. Ich verlasse mich auf Ihr Wort. Ich hasse nämlich diese Biester.«, »Das dachte ich mir schon«, erwiderte Dr. Mondo- loni traurig lächelnd. * »Da schmeißt der dämliche Kerl die Benzinflasche um. Natürlich hat es sich sofort entzündet. Im Nu stand alles in Flammen, und auf dem Tisch lag kilo- weise Sprengstoff herum. ›Raus hier!‹ schrie ich. ›Raus!‹ Aber der glotzte mich nur erschrocken und total begriffsstutzig an. Ich packte ihn an der Schul- ter, stieß ihn aus dem Zelt und warf mich zu Boden. In dem Moment krachte es auch schon. Das Zelt lö- ste sich auf. Brennende Fetzen flogen über den gan- zen Platz und landeten auf den Marktständen rings- um und auf dem Pflaster … Puh!« Renata betrachtete ihre verstümmelte Hand, als müßte sie nachsehen, ob sie nicht neuerlich Verlet- zungen davongetragen hatte. »Ganz schön raffiniert, dieser alte Fuchs«, sagte sie. »Ishida? Da kannst du Gift drauf nehmen«, bestä- tigte ich. Renata nickte. »Tiefsitzende Ängste. Bei dir sind es Bienen, bei mir Feuer, Explosionen. Der Halunke hat uns eine Gehirnwäsche verpaßt.« »Mondoloni sprach von einer notwendigen Kondi- tionierung.«, »Das ist nur ein anderer Ausdruck daflir. Aber wo- für wurden wir konditioniert?« »Das werden wir sicher bald feststellen.«,

III Der Henker am Ponte

del Paradiso »WIE DAS SICHTBARE ABER IN WAHRHEIT IST, DAS SIEHST DU NICHT; DAS GLEICHE GILT VOM GEHÖR UND VON DEN ANDEREN SINNEN (…) DARUM IST VON SINNEN, WER DA GLAUBT, ER WISSE ETWAS IN DER WAHRHEIT UND DABEI VON DER WAHRHEIT GAR KEIN WISSEN HAT.« Nicolaus Cusanus Von meinem Balkon aus hatte ich einen herrlichen Blick nach Nordwesten. Im Vordergrund lag die Iso- la di San Michèle, die im seichten Wasser der Lagu- ne für die Ewigkeit auf Grund gelaufen war. Dahin- ter, in der Ferne, ragten die hellen Gipfel der Karni- schen Alpen auf; sie schwammen über dem Dunst der Ebene wie eine Flotte unter vollen Segeln. Vom Institut zum Campo Santi Giovanni e Paolo vor der mächtigen Backsteinkirche und dem Ospeda- le waren es zu Fuß durch schmale Gassen und über kleine Plätze sieben oder acht Minuten; von dort noch mal zwölf bis fünfzehn bis San Marco. Marcello und Kazuichi waren mitgekommen. Treppauf, treppab trabten wir über Brückchen, mal links, mal rechts – Kazuichi voran, mit geradezu, schlafwandlerischer Sicherheit. »Reingepfiffen?« fragte ich ihn. »Den Stadtplan, meine ich.« Er blieb stehen und hob den kleinen Finger. Er sah fettig aus, als hätte er ihn in Öl getaucht. Kazuichi drehte den Körper nach rechts – der Finger spreizte sich nach links ab. Er drehte den Körper nach links – der Finger behielt die Richtung bei und kroch unter den Ringfinger. »Funktioniert er als Kompaß?« fragte ich. Kazuichi schüttelte lachend den Kopf. »Nein, das ist mein Pilot. Mein Pathfinder. Der kennt sich in jeder Stadt aus, wenn ich die Daten vom Satelliten abrufe.« Er deutete vage zum südlichen Himmel hinauf. »Nanotechnik?« »Ja, vibrotaktile Induktion«, bestätigte er. »Darf ich mal anfassen?« Kazuichis Finger fühlte sich überhaupt nicht fettig an. Eher wie glasiert – und heiß, als wären in der Schicht auf der Haut emsige Aktivitäten im Gange. »Smartdust?« fragte Renata. Kazuichi nickte. Marcello inspizierte den Finger mißtrauisch. Seine frisch gewaschenen schwarzen Ringellöckchen glänzten. Er schüttelte den Kopf. »Sachen gibt’s.« »Das ist noch gar nichts«, sagte Kazuichi. »Ihr werdet hier noch ganz andere Dinge kennenlernen., Ihr werdet top ausgerüstet sein, wenn ihr zu euren Exkursionen ausrückt.« »Und wo wird es hingehen?« versuchte ich auf den Busch zu klopfen. »Das weiß ich nicht«, sagte er. »Das wird man euch in Amsterdam sagen. Von dort aus finden alle botanischen Aktivitäten statt. Hier in Venedig gibt es in dieser Hinsicht nichts. Wir arbeiten hier gewissermaßen nur für den Hausge- brauch.« »Und von Amsterdam aus – geht’s da in alle Welt?« »Ja, auch in alle Welt. Aber vorher müßt ihr ler- nen, euch im Gelände zu bewegen, das wir für euch schaffen. Das ist unsere Aufgabe.« Mir fiel Sarah ein. Sie hatte das Gelände sondieren können wie niemand sonst – das natürliche Gelände. »Holographisches Gelände?« »Ja, ja.« – Er nickte nachdrücklich. – »Wir arbei- ten an der wirklichen Wirklichkeit, der universalen Realität. Und ihr müßt euch absolut sicher darin be- wegen können, damit ihr uns nicht verlorengeht. Ab- solut sicher.« »Wie dein Finger hier in der Stadt.« »Ha! Wie in jeder Stadt«, erwiderte er und kicher- te. Marcello starrte blaß und etwas angewidert auf den irisierenden Finger, der ein rätselhaftes Eigenle- ben zu führen schien., * Renata hatte mich gewarnt. »San Marco erschlägt dich«, hatte sie gesagt. »Du mußt die Details ins Au- ge fassen. Wo du auch immer hinblickst, siehst du Schönheit, perfekte Handwerkskunst, liebevoll Ge- staltetes und phantasievoll Komponiertes.« Wir schlenderten durch die Merceria Orologia, und plötzlich hatten wir sie vor uns. Sie erschlug mich mit ihrer überladenen Pracht, wie nur unermeßlicher Reichtum sie aufbieten kann. Eine überquellende Schatztruhe, vollgestopft mit den Beutestücken zahlloser Raubzüge, eine aufgedonner- te, mit Schmuck überhäufte Piratenbraut, der man zum Spaß noch vier Pferde ins Dekollete gesteckt hatte. Ich blieb stehen und hielt den Atem an. Die Prä- senz dieser Basilika war überwältigend. Renata, die ebenfalls stehengeblieben war, nickte mir lächelnd zu. »Ich habe dich gewarnt«, sagte sie. Kazuichi war vorausgegangen und steuerte auf ein Café namens Chioggia auf der Piazzale gegenüber dem Palazzo Ducale zu, wo an einem Tisch zwei Ja- paner und drei Westeuropäer saßen und diskutierten. Ein hochgewachsener rothaariger Mann – wohl Mitte bis Ende dreißig – schien der Wortführer zu sein., Kazuichi trat an den Tisch und machte Anstalten, uns vorzustellen; da drehte sich der Rothaarige um, stand auf, kam auf mich zugeeilt und schloß mich in die Arme, als wären wir alte Freunde. »Hallo, Domenica. Wie geht’s dir?« Ich versteifte mich. »He. Moment mal«, sagte ich etwas ärgerlich, weil ich solche Annäherungen noch nie ausstehen konnte. »Kennen wir uns überhaupt?« »Oh«, sagte er verlegen mit unverkennbar hollän- dischem Akzent und rieb sich das rotstoppelige Kinn. »Was nicht ist, kann ja noch werden.« Ach, von der Sorte bist du also, dachte ich. Nein, mein Lieber, wir sind uns noch nie begegnet. Daran würde ich mich erinnern. Fast wäre ich allerdings darauf reingefallen, so ehrlich hörte sich das an. Er streckte mir seine große schmale Hand entge- gen. Einen Moment lang zögerte ich, dann ergriff ich sie. »Wie ich heiße, wissen Sie offenbar schon. Wie ist Ihr Name?« »Das ist Frans van Hooft«, sagte Kazuichi. »Einfach Frans«, sagte er und grinste mich an. Er tat immer noch so, als wären wir alte Bekannte. »Frans arbeitet auch an unserem Institut«, fuhr Kazuichi fort. »Wenn er die Zeit dazu findet.« Dann stellte er die anderen am Tisch vor. Die bei- den Europäer waren ebenfalls Holländer, der eine, vom Christiaan-Huygens-Institut in Den Haag, der andere vom ›CIA‹, das Ernesto erwähnt hatte. Die beiden Japaner am Tisch schienen vom hiesigen NNTR zu sein. »Manchmal bin ich … äh … ein bißchen unüber- legt«, sagte Frans entschuldigend und schob noch einen Tisch und Stühle heran, damit wir uns zu den anderen setzen konnten. »Wir sind uns noch nicht begegnet, nicht wahr?« vergewisserte ich mich. »Wer weiß?« sagte er. »Es ist oft merkwürdig. Die Zeiten bringen es manchmal so mit sich.« »Die Zeiten?« Er wiegte den Kopf. »Verzeih mir, Domenica. Das ist ein Scherz. Okay?« »Wir können beim Du bleiben, ich habe nichts da- gegen«, sagte ich. »Das sind wir doch alle hier, wenn ich das richtig verstanden habe. Aber erlaub mir eine Frage: Machst du das immer auf die Art?« »Immer«, versicherte er. »Das paßt aber nicht zu dir. Ehrlich.« »Ich habe mir nichts dabei gedacht. Weißt du, Holland ist klein. Da kennt jeder jeden«, sagte er, sichtlich um eine plausible Erklärung bemüht. Ich musterte ihn, während er sich den anderen am, Tisch widmete. Frans sah wirklich gut aus; er war mehr als einen Kopf größer als ich, vielleicht eins- neunzig, hielt sich etwas gebückt, wie das häufig bei Menschen ist, die schon als Kind durch ihre über- durchschnittliche Länge auffallen, war schlank, fast mager, hatte graugrüne Augen und halblanges röt- lichblondes Haar. Sein Händedruck hatte sich gut angefühlt – warm und kräftig, irgendwie vertrauen- erweckend. Er war mir nicht unsympathisch, im Ge- genteil, aber irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Seine Begrüßung war ehrlich und spontan gewesen. Trotzdem … ich war mir völlig sicher, ihn noch nie gesehen zu haben, und dennoch schien er mir ir- gendwie vertraut. Wie war das möglich? Mich über- kam ein Gefühl der Unsicherheit. Hol’s der Teufel, sagte ich mir, der Bursche hat es doch tatsächlich geschafft, daß ich mir Gedanken über ihn mache. »Was wollt ihr trinken?« fragte er, als der Kellner erschien. »Geht auf Kosten der Stadt.« »Wieso das?« fragte ich Kazuichi. »Wenn Frans nicht für uns unterwegs ist, arbeitet er für die Stadt. Unser Institut hilft dabei, das alte Venedig in neuem Glanz erstehen zu lassen. Restau- ro e Risanamento Conservative«, erklärte er pathe- tisch. »Dafür werden internationale Gelder zur Ver- fügung gestellt. Venedig ist seit Jahrhunderten pleite. Aber es lebt sich gut hier.« Ich bestellte mir einen Campari Soda mit Eis. Auf dem Tisch lag ein halbes, Dutzend Plastikbeutel, die mit handbeschriebenen Etiketten versehen waren. Larix, las ich und Quercus Ilex. In den Beuteln waren Holzstückchen und -späne sowie kleine Brocken Baumrinde. Einer der beiden anderen Japaner am Tisch – höflich, aber ziemlich schweigsam – raffte sie zusammen und ließ sie in der Aktentasche verschwinden, als er mein Interesse be- merkte. Er gab vor, rasch Platz zu machen, weil der Kellner mit unseren Getränken kam. Dann tranken beide ihre Kaffeetassen leer, standen auf, verab- schiedeten sich mit einem Kopfnicken und gingen. Kazuichi rief ihnen etwas auf japanisch nach. »Sind die beiden auch am Institut tätig?« fragte ich. Kazuichi schüttelte den Kopf. »Nein, sie gehören zwar auch zum NNTR, befas- sen sich aber mit angewandter Nanotechnik und ar- beiten an den Fundamenten.« »Am allerwichtigsten«, sagte Frans eben zu seinen Landsleuten, »ist es, sich die relevanten Details gut einzuprägen. Möglichst unverwechselbare Details. Seht ihr die zinnenartigen Hauptgesimse da oben auf der Dachkante des Palazzo Ducale?« fragte er und deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Wie viele sind es?« »Sechsunddreißig«, sagte der eine Holländer, den er als Kees vorgestellt hatte. »Ja, sechsunddreißig«, sagte der andere – er hieß, Laurens –, der ebenfalls hinaufgeblickt und stumm gezählt hatte. »Falsch!« sagte Frans triumphierend. »Wettet je- mand dagegen?« Die beiden sahen sich irritiert an. »Ihr habt beide gleich zwei Fehler gemacht. Ihr habt die Zinnen auf der linken Seite bis zum Giebel abgezählt – achtzehn – und dann einfach aufs Dop- pelte extrapoliert. Ihr hättet aber alle Zinnen abzäh- len müssen. Es sind nämlich siebenunddreißig und nicht sechsunddreißig. Auf der rechten Seite ist es eine mehr.« Alle blickten nach oben und zählten nach. Ich ebenfalls. Tatsächlich, er hatte recht. Links, zwischen dem zierlichen Ecktürmchen und dem Giebel über dem Löwen, der seine Pranke in einen Folianten ge- schlagen hatte, und einem knienden Männlein davor: achtzehn; rechts davon: neunzehn. »Wieso zwei Fehler?« fragte Kees stirnrunzelnd. Frans wandte sich ihm zu und entgegnete: »Die wahre Meisterschaft in der Architektur liegt nicht in der Symmetrie, sondern in der geringfügigen Abwei- chung davon. Manche behaupten, darin unterscheide sich das menschliche Maß vom mathematisch- physikalischen. Das stimmt aber nicht. Die Symme- triebrechung gehört zu den konstituierenden Grund- bedingungen des Universums. Ohne sie gäbe es un- seren Kosmos gar nicht, er wäre eine Nanosekunde, nach seiner Entstehung zu Energie zerstoben und wieder im Quantenozean versunken.« »Wie das?« murmelte Marcello überrascht. »Das stimmt«, sagte ich. Frans sah mich lächelnd an und nickte. »Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert haben Phy- siker das herausgefunden«, sagte er. »Die Künstler hingegen scheinen es schon immer gewußt zu haben. An den Bauten berühmter Architekten wirst du im- mer solche subtilen unsymmetrischen Eigenwillig- keiten finden. Du mußt nur genau hinsehen.« – Er lehnte sich zurück. – »Ich habe damit keine Schwie- rigkeiten. Der liebe Gott – oder die Gene meiner El- tern – haben mich mit einem fotografischen Ge- dächtnis ausgestattet. Deshalb setzt man mich ja als eine Art reisender Fotoapparat ein. Und das wird auch der Job sein, für den ihr ausgebildet werdet«, setzte er an alle gewandt hinzu. »Ihr müßt euch im- mer eure unmittelbare Umgebung genau einprägen. Euer Leben kann davon abhängen.« Renata schaute mich an und schüttelte fragend den Kopf. »Genau dasselbe hat Falcotti zu mir gesagt«, sagte ich zu ihr gewandt. »Es scheint eine Voraussetzung für unseren Job zu sein. Orientierung im Gelände, meinte er.« Kazuichi kicherte plötzlich. Fand er das etwa lus- tig? Frans blickte ernst drein. Wenn dieser Kerl,, dachte ich mir, mit seinem geschulten Auge und sei- nem fotografischen Gedächtnis tatsächlich glaubte, mir schon begegnet zu sein, dann … Unsinn, es war also doch nur eine charmante Anmache gewesen. Ein Scherz. »Kennst du Venedig?« fragte er mich. »Nein, ich war noch nie hier. Schande, nicht wahr?« »Heute ist das alles nicht mehr so leicht wie noch vor dreißigjahren. Die Freizügigkeit ist passé in Eu- ropa. Früher – ja, das war schön.« »Du redest, als hättest du das noch erlebt.« Er nickte. Über San Giorgio erschien die prächtige rot-weiß- rote Erzherzog Leopold und fuhr über die Lagune auf ihrem Weg von Ragusa oder Triest nach Madrid oder Lissabon. Der schwarze Doppeladler spähte drohend herab. Vom Bug und den beiden Fahrgastgondeln hingen lange, schmale Wimpel, die sich im Wind bauschten. Die Turbinen winselten mit voller Kraft. »Venedig ist eine schöne Stadt«, sagte Frans seuf- zend. »Und soll noch schöner werden, wie ich hörte«, warf ich ein. Er hob Schultern und Hände, als wehre er ein Kompliment ab, das ihm persönlich gegolten hätte. »Wir tun alle unser Bestes.« Er neigte den Kopf und lächelte mir zu., »Wenn ich dir bei der Erkundung behilflich sein darf? Es wäre mir ein Vergnügen, Domenica.« Ich schenkte ihm ein wohldosiertes Lächeln und erwiderte: »Das ist ein Vorschlag, dem ich nicht wi- derstehen kann.« »Dann werden wir uns in den nächsten Tagen dar- anmachen, sobald uns Professor Ishida Zeit dazu läßt.« »Frans kennt die Stadt wie kein anderer«, versi- cherte Kazuichi. »Er war von Anfang an dabei als … äh … Berater für historische Fragen …« Er brach ab, als Frans sich räusperte, und lächelte plötzlich etwas gequält. »Hast du Kunstgeschichte studiert?« fragte ich. Frans warf Laurens und Kees einen hilfesuchen- den Blick zu. »Eigentlich weniger«, entgegnete er. »Eher … hm … historischtechnisch. Architekturgeschichte … in die Richtung.« »Frans hat sich auf Hölzer spezialisiert«, erklärte Kees, der junge Mann vom CIA. »Unter uns befin- den sich nämlich Millionen und Abermillionen Baumstämme. Hölzer aus einem Umkreis von mehr als tausend Kilometern – aus den Venetianer Alpen, aus Slowenien, Istrien, Kroatien, Dalmatien, Albani- en, die ganze Küste hinunter bis nach Griechenland. Ja sogar aus dem Taurusgebirge und dem Libanon. Eine Restaurierung der Fundamente kann nur Erfolg, haben, wenn wir genau wissen, um welche Hölzer es sich jeweils handelt, die beim Bau eines Palazzo oder eines Hauses verwendet wurden, damit die Nanos entsprechend programmiert werden können.« »He, das interessiert mich«, warf ich ein. »Ich bin Botanikerin. Wie stellt ihr das fest? Die Stämme stecken doch seit Jahrhunderten im Schlamm.« »Eher Geröll und Sand. Caranto nennen sie es hier.« »Meinetwegen. – Sie müssen sich doch in Stadien zunehmenden Verfalls befinden. Das kann doch nur noch versteinertes oder verfaultes, salzdurchsetztes Gewebe sein.« Frans fuhr sich unbehaglich mit der Hand über die Stirn und blies die Backen auf. »Es werden Proben … äh … heraufgeholt und analysiert.« »Waren das solche Proben, die eure Kollegen mit- genommen haben?« Frans nickte. »Wollt ihr uns auf den Arm nehmen oder was?« fuhr ich ärgerlich auf. »Das war doch frisches Holz. Lärche und Steinei- che.« Frans hob die Schultern, gab aber keine Ant- wort. »Nein, nein«, beschwichtigte mich Laurens, der andere junge Holländer. »Das sind Proben vom glei- chen Holz, das damals verwendet wurde. Die Mole- kularstruktur wird untersucht, das Genom entschlüs- selt. Dann bauen die Japaner ihre kleinen schlauen, Nanos, die sie auf die Fundamente loslassen, damit sie sie Zelle für Zelle restaurieren.« »Ach so«, sagte Marcello. Kazuichi hob seinen Pfadfinder-Finger und be- trachtete ihn. Frans starrte auf die Tischplatte. »Man wird euch das alles noch genau erklären«, sagte er. »Aber wir wollen Professor Ishida nicht vorgreifen. Das müßt ihr verstehen.« * »Ich habe das Gefühl, daß man uns etwas Wichtiges verschweigt. Das macht mich ganz kribbelig. Immer wieder stoße ich auf merkwürdige Ungereimtheiten. Und man speist uns mit Andeutungen, ausweichen- den Antworten und Lügen ab.« Renata zog ihre letzten Linguine mit Muscheln in der Zitronensauce hin und her und spulte sie auf die Gabel. »Sie haben Weisung, ihrem Guru nicht vorzugrei- fen. Frans hat es doch deutlich gesagt. Profesor Ishi- da wird es sich nicht nehmen lassen, uns persönlich in unseren Aufgabenbereich einzuweisen, Gockel, der er ist. Er wird eine Show daraus machen, du wirst sehen.« »Mein Gott, wir haben einen Vertrag geschlossen! Weshalb schenkt man uns nicht endlich reinen Wem ein?«, Renata hob die Schultern. »Ich habe das Gefühl, daß wir immer noch getestet werden. Und wenn sie uns schon das Gehalt bezah- len, dann kann ich es abwarten, was dabei heraus- kommt.« »Trotzdem …« Ich blickte zum Himmel. Es war schon dunkel, obwohl es noch früher Abend war. In der Ferne grollte Donner, Wind kam auf. Irgendwo klapperte ein loser Fensterladen. Ein Leintuch, losgerissen von einer hohen Wäscheleine zwischen den Fenstern, se- gelte über den Campo San Lio wie ein harpunierter Rochen und blieb flappend zwischen Drähten hän- gen. »Wir zahlen mal besser«, schlug ich vor. »Wes- halb buchen sie es nicht von unseren IKoms ab, wie sie es sonst überall machen?« Renata lachte. »Nicht im Olandesc Volante, Do- menica. Die nehmen nur Bargeld, wie vor hundert Jahren. Und schreiben die Rechnung noch mit der Hand. Gehört zum Image. Aber die Pasta machen sie auch noch von Hand, wie vor hundert Jahren.« »Da habe ich nichts dagegen.« Die anderen Gäste hatten schon das Weite oder Schutz im Innern des Lokals gesucht. Zwei Kellner bargen die Gedecke und das Besteck von den drei kurzen Tischreihen, die man zwischen dem Eingang und dem Pozzo auf dem kleinen Platz aufgebaut hat-, te. FREIHEIT FÜR FRIAUL UND ALTO ADIGE hatte jemand mit ungelenker Schrift und häßlichem Schwefelgelb auf den grauen Sandstein des Pozzo gesprüht. Ich winkte dem Kellner, legte das Geld auf die Tischdecke und beschwerte die Scheine mit dem Teller. »Glaubst du, wir kommen noch trocken heim?« »Wenn nicht, trinken wir auf dem Campo Formosa oder beim Colleone noch einen Espresso und warten ab, bis sich das Gewitter verzogen hat.« Wir schafften es nicht. Als wir um die Ecke in der Salizada San Lio waren, brach das Unwetter los. »Ich weiß eine Abkürzung!« schrie Renata durch das Platschen des Regens und rannte los. Ich hinter- her, wieder um die Ecke und die Galle del Paradiso entlang. Über mir wurden eilig Läden zugeklappt und verriegelt. Vor mir war eine Treppe, Renata hat- te sie bereits erklommen und eilte auf der anderen Seite hinab. Ich verlor sie aus den Augen. Über mir, schräg nach links abgekippt, quer über der Gasse, sah ich ein schlankes filigranes Dreieck aus Stein. Ich hastete die Treppe hinauf, blind vom Regen. Es war eine Brücke. Unter ihr das schwarze Wasser eines Kanals. Plötzlich sah ich ein Gesicht – nur für den Sekun- denbruchteil eines grellen Blitzes, dem unmittelbar ein kurzer knallender Donnerschlag und Dunkelheit folgten –, das schauerliche bärtige Gesicht eines, Henkers unter einem Turban, das mir gleichgültig entgegenblickte. Der Henker hob die Axt … Ich weiß nicht, ob ich vor Schreck aufgeschrien habe. Ich taumelte mit weichen Knien die Treppe hinunter, wagte nicht mehr aufzublicken, stolperte nach rechts, den Fondamento entlang und dann nach links durch eine enge Gasse hinaus auf den Campo Santa Maria Formosa. Der Platz war menschenleer. Renata war nirgends zu sehen. Der Regen schlug Blasen in den Pfützen. Das Café da Egidio, das wir zum Ziel gehabt hatten, war unbeleuchtet. Plötzlich überfiel mich die Angst, durch ein Versehen vom Weg abgekommen und in einer fremden Welt gelandet zu sein. Ich blickte mich um. Niemand war zu sehen auf dem ausgedehnten Campo. Ich kam mir plötzlich vor wie der letzte Mensch auf diesem Planeten. Alle anderen hatten ihn verlassen. Auf das Blechdach vom Kiosk und die Plane des Vorbaus an dem Haus rechts von mir trommelte der Regen. »Wo bleibst du?« rief Renata und tauchte unter dem Vordach des Al Burchiello auf. Sie hatte sich eine Plastiktüte wie einen Dreispitz über den Kopf gezogen und winkte. Ich hetzte auf sie zu, voller Todesangst. »Was ist passiert?« Ich glitt in einer Pfütze aus. Sie fing mich auf. Wasser rann ihr übers Gesicht. Ich barg meins an ih-, rer Schulter und schluchzte, klammerte mich an ihr lest, als sei sie der letzte Halt in einem unbekannten Universum. »Was ist denn los mit dir, Domenica?« »Ich bin meinem Henker begegnet«, keuchte ich. »Deinem Henker?« fragte sie verständnislos. Renata hielt mich mit ihren kleinen, kräftigen Händen fest und schob mich von sich, bis sie mir ins Gesicht sehen konnte. »Er hob die Axt.« »Du bist ja ganz durcheinander, Mädchen. Laß uns einen Grappa trinken.« Der scharfe Geschmack tat gut. Allmählich kam ich zu mir und hörte auf zu zittern. Ich schloß die Augen und atmete tief durch. »Das kann nur der Kopf über dem Tor am Ponte del Paradiso gewesen sein. Der schaut aber eher et- was doof als bedrohlich«, sagte Renata lachend. »Und wie soll er eine Axt heben? Es ist doch nur ein Kopf.« »Er hob die Axt«, beharrte ich.,

IV Hexenbriefe

»DEN EVOLUTIONISTISCHEN HISTORISMUS AUF DEN PUNKT GEBRACHT: DIESE VERGANGENHEIT GEHÖRT NICHT ZU DEN VORFAHREN UNSERER GEGENWART.« Jeremias Wolf Der Kardinal zählte die Lederbehälter, die an den Tragsätteln der Packtiere befestigt waren. Er hatte in Brüssel modernstes astronomisches Gerät und in Löwen einige wissenschaftliche Handschriften er- werben können und sie für die Reise sorgfältig ver- packen lassen. Beruhigt stellte er fest, daß noch alle vorhanden waren. Der Morgen graute. »Steht auf!« rief der Hauptmann der Stadtwache. Drei dunkel gekleidete Gestalten, die neben der Landestelle gekauert hatten, erhoben sich. Ihre Klei- der waren schmutzig, die Schläfenlocken kräuselten sich unter den Hüten hervor und hingen ihnen bis auf die Brust. Man hatte die drei Männer mit dünnen Ketten aneinandergefesselt, den älteren zwischen zwei jüngere. Sie trugen elendes Schuhwerk; einem lugten die Zehen unter der Kappe hervor. Zwei KJocken von der Stadtwache schoben sie mit ihren Piken vor sich her. Die drei Gefangenen musterten, die Waffen schweigend und teilnahmslos. Sie zitter- ten in der morgendlichen Kälte. »Sie wissen seit mehr als zwanzig Jahren, daß sie sich nachts nicht in der Stadt aufhalten dürfen«, er- klärte der Hauptmann niemand Bestimmtem, als müsse er sich ob seiner Amtshandlung entschuldi- gen, »aber sie versuchen es immer wieder.« Als kei- ner ihn beachtete, blaffte er: »Los! Oder muß ich euch Beine machen?« »Du führst hier nicht das große Wort!« rief der Fährherr. »Die Fähre ist von Deutz. Wir Fährherren unterstehen nicht dem Rat der Stadt Köln, sondern dem Erzbischof. Merk dir das. Nimm den Männern die Ketten ab!« In dem Moment kroch zwischen den Holzbohlen eine Ratte hervor, ein enorm großes Tier von unge- wöhnlicher Farbe, eher grauweiß und rötlich ge- scheckt als graubraun. Schnüffelnd trippelte sie an den Rand des Stegs. Einer der Klocken stieß mit der Pike nach ihr – eher spielerisch, nicht um sie aufzu- spießen, sondern um sie zu verjagen. Wie der Blitz war die Ratte auf die Waffe gesprungen, hatte im Nu die Stange erklommen und fauchte eine Handbreit vom Gesicht des Klocken entfernt: »Wag’s nicht!« Der Mann fuhr erschrocken zurück und warf den Spieß von sich. »Der Teufel!« schrie er, bleich vor Entsetzen, tat einen stolpernden Schritt zurück und plumpste auf den Hintern. »Der Teufel!« Die Pike, polterte zu Boden, und die Ratte verschwand zwi- schen den Bohlen über dem Wasser. Der Kardinal drehte sich verwundert um. »Der Teufel?« fragte er neugierig und musterte den Mann, der auf dem Boden saß und mit schreckgeweiteten Augen um sich starrte. »Entschuldigt, Eminenz«, sagte der Hauptmann und bedeutete dem Klocken mit einer schroffen Kopfbewegung, sich endlich aus seiner unwürdigen Haltung aufzurappeln, dann machte er sich daran, den Gefangenen die Ketten aufzuschließen und sie ihnen abzunehmen. Er warf sie sich mürrisch über die Schulter. Dann wandte er sich ab und spuckte in den Fluß. Nicolaus musterte die Gefangenen, die den Vorfall mit der Ratte gar nicht bemerkt zu haben schienen. Sie machten einen apathischen Eindruck, während die Klocken sie mit ihren Piken auf die Fähre scho- ben. Er hatte die Vertreibung der Juden aus der Stadt gutgeheißen, aber die Maßnahme hatte nicht die Lö- sung gebracht, die man allgemein erhofft hatte. Der Streit zwischen dem Rat und dem Erzbistum schwel- te weiter, und hussitisch beeinflußte Prediger heizten die gereizte Stimmung zwischen den Konfessionen und religiösen Strömungen immer wieder an. Das Wort Roms galt vielen nichts mehr. Niemand schien noch gehorchen zu wollen. Die Welt war in Auflö- sung begriffen., Der Kardinal nickte seinem Reitknecht zu, die Pferde auf die Fähre zu führen. Die Hufe polterten über die Bohlen, und der Mann band die vier Tiere nebeneinander am Geländer fest. Sie waren unruhig und beäugten ängstlich das dahinschäumende dunkle Wasser des Flusses. Der Fährherr rief ein Komman- do, und das plumpe, schwere Gefährt legte ab. Die Ruderknechte schoben es mit ihren langen Rudern weg von der schwankenden hölzernen Anlegestelle. Es begann sich zu drehen. Der Fluß führte bereits Hochwasser, obwohl erst Mitte März war. Im Schwarzwald und in den Vogesen hatte vermutlich Tauwetter eingesetzt. »Rudert!« rief der Fährherr seinen Knechten zu. »Oder wollt ihr in Düsseldorf anlegen, statt in Deutz? Rudert!« Der Kardinal wandte sich seinem jungen Begleiter zu, der auf dem dichten schulterlangen Haar ein blaues Barett trug, an das er sich, zum Zeichen seines Berufs, keck drei Schreibfedern gesteckt hatte. »Nun?« fragte Nicolaus, um das schon länger un- terbrochene Gespräch fortzusetzen. »Was tat sich sonst noch alles?« »Mit Verlaub, Eminenz, was sollte sich in Köln schon viel ereignen?« fragte Geistleben, löste sein Felleisen von den Schultern und ließ es neben sich auf den Boden fallen. »Eine Handvoll römische Mönchlein ist angekommen, die aus Konstantinopel, geflohen sind, weil der Türke vor die Tore rückt. Sie lamentieren und fiseln vom Weltuntergang und schnorren und betteln um Pfründe. Ja, und man ist dabei, einem Hexlein den Prozeß zu machen. Aber davon hat man Euch sicherlich berichtet.« »Mit keinem Wort«, entgegnete Nicolaus und schüttelte unmutig den Kopf. »Greift sie auch hier um sich, diese scheußliche Narretei, Frauen zu quä- len und zu Tode zu bringen?« »Ja, gewiß. Es wird allenthalben schlimmer. Die Menschen haben Angst vor den Ausgeburten des An- tichrists, die an den Gliedern der Kirche nagen und sich tiefer und immer tiefer in ihr Herz fressen.« »Was sind das für Reden, Geistleben? Nicht der Antichrist nagt, es nagt die Raffgier, es nagt die Ei- telkeit, es nagt die Wollust im Fleisch unserer Brüder und Schwestern.« »Nun, in der Tat, das ist Euer Geschäft, hoher Herr. Davon versteht Ihr wohl mehr …« »Wohl wahr.« »Aber der Osten wird fallen, Eminenz. Das halbe Reich …« »Wär’s anders zu erwarten? Ich sah’s mit eignen Augen, Geistleben. Katakomben voller Schriften, angehäuft in Jahrhunderten, mit dem Wissen von Jahrtausenden aus aller Welt. Doch keiner liest’s, kann’s auch nur ordnen! Darüber das Rattengewim- mel von Ränkeschmieden und hohlköpfigen Gelehr-, ten. Jeder nagt an jedem. Oftmals am eigenen Fleisch. Je nun, was Wunder, wenn die Feinde lau- ern? So ist’s doch überall. Auch hier in unseren Lan- den. Es war oft schmerzlich, was ich sah auf meiner Reise nach Flandern und in die Niederlande. Es er- füllt mich mit Bitternis und Groll. Was allerdings den Erzbischof betrifft – wir sprachen uns täglich während des Konsiliums, doch er erwähnte mit kei- nem Wort, daß er einen Hexenprozeß will führen las- sen.« »Nun, Eminenz, er scheint sich gar nicht so sicher zu sein. Er möchte keinen Fehler machen. Schon einmal lag er im Zwist mit dem Papst, der Alte von Moers. Nach fast vierzig Jahren im Amt einfach ex- kommuniziert.« »Das war Papst Eugen. Er nahm’s ihm übel, weil er auf dem Konzil gegen ihn gestimmt hatte.« »Doch war’s eine tiefe Erschütterung für ihn auf seine alten Jahre.« »Papst Nicolaus hat ihm sein Amt wiedergegeben. Ihm wird nichts mangeln.« »Gewißlich nicht.« »Als ich zu Weihnachten und auf Neujahr hier weilte, hörte ich gerüchteweise von einer Frau, bei der man eine wunderliche Sammlung von Kräutern gefunden habe. Ist’s die nämliche?« »Das ist sie.« »Und man will einen Prozeß führen gegen sie?«, »Der Erzbischof hat Weisung und Beistand erbe- ten an höchster Stelle. Eine Kommission soll kom- men aus Rom, den Fall zu prüfen, ob tatsächlich Teufelswerk im Spiel …« »Weshalb hat man die Frau nicht Urfehde schwö- ren lassen und aus der Stadt verbannt, wie üblich?« »Es wurden Hetzreden geführt. Ein junger Geistli- cher war sehr rührig, ein Eiferer aus dem Schwäbi- schen, Bartolomäus von Dillingen ist sein Name – er ist Predikant an Sankt Maria im Kapitol. Die Leute nennen ihn den ›Hexenbartel‹. Mit Verlaub, Emi- nenz, ein übler Schnüffler. Er hat sie wochenlang auf Schritt und Tritt beobachtet. Nach seinen Predigten zieht jedesmal eine erregte Menschenmenge zum Al- ten Markt und fordert kurzen Prozeß. Sie wurde schließlich dem Greven übergeben, denn der Erzbi- schof besteht auf der Hauptgerichtsbarkeit, wie es das Gesetz will. Er hat sie verhören lassen. Man hat sie für schuldig befunden, aber er unternimmt nichts. Er wartet ab.« »Was haben die Verhöre erbracht?« »Ein Knecht, der ihr im Sommer an der Mosel be- gegnet war, sagte aus, sie habe ihn, ohne ihn zu be- rühren, mit Hilfe von Teufelskraft mit solcher Macht zu Boden geworfen, daß er am ganzen Körper grün und blau gewesen sei und wochenlang Schmerzen in der Brust gespürt habe. Er habe ein Lachen gehört, das wie das Meckern eines Bocks geklungen habe,, und deutlich sei der Gestank von Schwefel zu rie- chen gewesen. Eine Bürgerin, bei der sie wohnte, sagte aus, sie habe ihr erzählt, daß man in einer Stunde von Köln nach Rom fliegen könne. Als man sie der hochnotpeinlichen Befragung unterzog, redete sie sich um Kopf und Kragen. Sie gestand, selbst schon durch die Luft geflogen zu sein. Den Aus- schlag gaben freilich die Kräuter.« »Wie das?« »Sie hatte den ganzen Sommer über eine Samm- lung von Sämereien zusammengetragen – Körner von Getreide und Obst, Blüten von allen möglichen Blumen und Pflanzen. Zu Heilzwecken, wie sie be- hauptete. Diese Sämereien waren in Leinensäckchen säuberlich sortiert und mit lateinischen Wörtern be- zeichnet und beschriftet. Aber diese Wörter waren unverständlich. Eine Art geheimes Ordnungsprinzip, Eminenz, das … nun ja, mir schien es so, auf merk- würdige Weise sinnvoll ist, von dem aber noch nie jemand gehört hat, wie die beigezogenen Professoren der Medizin von der Universität bestätigten. Diese Ordnung deutet auf häretisches, arkanes Wissen hin und kann unmöglich göttlichen Ursprungs sein …« »Also teuflischen …« »Zu diesem Schluß kam die Kommission der Pro- fessoren. Die junge Frau log das Blaue vom Himmel herab. Verstieg sich gar zu der Behauptung, der Hei- lige Vater selbst habe sie ausgeschickt, um Körnchen, und Blümchen einzusammeln.« »Der Heilige Vater?« »Ja, um die Schöpfung zu retten, versicherte sie.« Der Kardinal schüttelte den Kopf. »Sie ist gewiß verwirrt. Ein bedauernswertes Ge- schöpf. Man sollte die Frau nicht auf diese Weise behandeln. So etwas ist schändlich.« »Du meiner Seel, so seh ich’s freilich auch. Zumal sie mehr Bildung hat, als sie dem Teufel zuzumuten ist, und – ganz mit Verlaub – dem Erzbischof erst recht.« »Wie das? Ist sie Nonne? Von welchem Orden?« »Das glaub ich nicht. Ich weiß nicht recht; so wür- de keine reden, die das Gelübde der Demut abgelegt hat. Und ihr Latein, o weh …« »Von Adel dann?« »Niemals!« »Ein schlichtes Weib dann? Ihr macht mich neu- gierig.« »Ihr werdet Euch noch mehr verwundern, Emi- nenz, wenn ich Euch sage, daß sie Euch Briefe schrieb. Aus denen geht hervor, daß sie Euch recht gut zu kennen scheint.« »Wie, sie kennt mich? Ist sie von hier? Von Ko- blenz? Von der Mosel?« »Nein, gewißlich nicht. Kein Mensch weiß so recht, woher sie stammt. Einige behaupten, sie sei aus Amsterdam gekommen. Andere wiederum, sie, sei von Schweden, sei dort die Gehilfin eines Hof- medicus gewesen. Der Augenschein, die Rede deuten eher auf eine Römerin, vielleicht Florenz, Siena … wer weiß? Doch keineswegs vom Lande. Beileibe nicht. Sie ist gebildet. Weiß Dinge, von denen selbst ich noch nie gehört. Zuweilen dünkte es mich, als käme sie …« »Nun?« »… aus einer anderen Welt.« »Ihr meint, von fernen Ländern?« »Sehr fernen Ländern, Eminenz. Von denen wir noch nichts wissen.« »Eine Sibylle vielleicht, aus dem Orient?« Der Scholar wägte unschlüssig den Kopf. »Diese Seherinnen sprechen dunkel. Sie eher mit dem Lichte der Gewißheit. Mich dünkte mehr – wie soll ich’s sagen –, als sei die Dunkelheit, mit Ver- laub, eher in unseren Köpfen denn in ihren Worten, wenn Ihr versteht, was ich meine, Euer Eminenz.« Der Kardinal senkte nachdenklich den Blick. »Woher mag sie mich kennen? Ist sie mir je be- gegnet? Hat sie mit mir gesprochen? In Rom viel- leicht? Doch ich erinnere mich nicht, ein Weibsbild solcher Art je …« »Den Anschein hat es nicht. Ich glaub, sie kennt Euch nicht von Angesicht. Es ist vielmehr – wie soll ich sagen –, als kenne sie Eure Schriften und Euch als hochberühmten Mann.«, »Ihr sprecht in Rätseln, Geistleben. Woher soll sie meine Schriften kennen? Und ich ein hochberühmter Mann? Das bin ich nicht, weiß Gott. Sie muß wirr im Kopf sein.« »Ein Wunder wär’s wahrhaftig nicht. Hat sie doch Monate im Kerker verbracht. Die Eiseskälte hat ihr zugesetzt. Sie ist krank und verzweifelt. Ohne Freun- de und Bekannte.« »Hat sie sich Euch persönlich offenbart?« »Nein. Ich sah sie nur flüchtig das eine oder ande- re Mal, als man zum Verhör sie brachte. Ich las die Protokolle.« »Man hat Euch Einblick gewährt?« »Nun … als Schreiber in der Kanzlei des Erzbi- schofs konnte ich nicht umhin, Kenntnis davon zu nehmen. Hab fast ein Jahr lang bei ihm gearbeitet. Bin fix im Schreiben und weithin fehlerlos, müßt Ihr wissen. Doch nun treibt mich die Langeweile wei- ter.« »Die Briefe an mich …?« »Sind bei den Akten für die Kommission aus Rom. Man wird sie Euch – so nehm ich an – irgend- wann zustellen, sobald der Fall beschlossen ist. Aber damit Ihr nicht zu lange harren müßt, hab ich mir erlaubt, den einen oder anderen Brief, der mir vor Augen kam, für Euch zu kopieren, Eminenz.« »Habt also Akten kopiert, die unter Verschluß sind und – wie ich denke – geheim …?«, »Nun, so geheim wohl nicht. Weit eher unver- ständlich, rätselhaft – doch äußerste Aufmerksamkeit erweckend.« »Ihr tragt die Kopien bei Euch?« »Ja freilich. Ich holte sie aus dem Versteck, als die Synodalen aufbrachen und auch Eure Abreise bevor- stand. Ich eilte Euch nach, um auf der Fähre zu sein, mit der Ihr übersetzt.« »Und gedenkt die Kopien mir jetzt zu verkaufen, nehm ich an, nachdem Ihr meine Neugier gebührend angestachelt habt.« »Nicht doch, Eminenz! Ihr steht im Ruf, ein kun- diger Kaufmann zu sein, besonders was seltene Stük- ke anbetrifft.« »Kopien obskurer Briefe eines angeblichen Hex- leins, das, wirr im Kopf, sich anheischig macht, mich zu kennen. Fürwahr, Geistleben, ein seltenes Stück. Das muß ich Euch lassen.« »Ich sah’s voraus: Es gäbe keine Möglichkeit, mit Euch zu feilschen, Eminenz. Ich schenk sie Euch. Ihr seid landauf, landab als großzügiger Mann bekannt. Eure Großherzigkeit ist sprichwörtlich.« »Nun, nun! Spottet nicht. Ich weiß, was die Leute reden über mich …« »Nichts liegt mir ferner! Ihr werdet’s einem armen Schreiberlein und reisenden Scholaren gewiß vergel- ten, hoher Herr.« »Wie war’s, Geistleben? Ich sah Euch fleißig bei, der Arbeit während der Synode. Ich kann immer ei- nen Schreiber brauchen, der fix ist mit der Feder und von aufgewecktem Geist wie Ihr. Gut im Kopieren von Schriften aller Art und Zunge …« »Habt tausend Dank, Eminenz, für Euer Vertrauen und Euer großherziges Angebot, aber mich treibt’s hinweg. Möcht endlich weiterziehen. Erst Straßburg, dann Paris, um dortselbst die Lullische Kunst zu stu- dieren, von der ich hörte.« »Ihr meint die Kunst dieses Mallorkmers, mit ei- nem kleinen Mechanismus – ritsche, ratsche – Wis- sen zu erschaffen, ohne den Geist zu bemühen und – aus eins mach zwei mach drei – die Weisheit der Schöpfung Gottes zu errechnen?« »Mit Verlaub, Eminenz, das könnt aber, wie mich dünkt, die wahre Zukunft allen Philosophierens sein: das Zählen, Messen, Wägen, Rechnen. Nicht Irrwe- ge, Besserwisserei und Dispute über Autoritäten von einst und jetzt. Das Gomputieren! Das Hexlein schreibt’s an einer Stelle: Man wird’s Euch einst als Verdienst zuschreiben, dies insonderheit befördert zu haben.« »Ich selbst? Das ist so kühn wie unglaubhaft, Geistleben. Zwar habe ich, lang ist es her, ich glaube, es war anno ‘26, als ich noch Sekretär von Giordano Orsini gewesen bin, mich mit dem Werk des Rai- mundus befaßt. Ich fand es beim Stöbern hier in Köln unter vielen anderen Schriften. Der Kardinal, wies mich darauf hin, daß es hier eine umfangreiche, noch fast gänzlich unerforschte Bibliothek gebe. Er hatte eine Nase für solche Dinge.« »Auch ich hab’s hier entdeckt. Es hat mich neu- gierig gemacht.« »Ich fertigte mir damals Exzerpte an, doch fand ich die Muße nie, mich ernsthaft mit dieser Ars Ma- gna zu befassen, wie ihr Schöpfer sie so eitel nannte. Nur habe ich Vorbehalte, das Philosophieren den Mechanikern und Uhrmachern zu überlassen. Wie- wohl … Nun, in der Tat, ich schrieb in Val de Castro bei den Camaldulensern nach einem Disput mit Tos- canelli ein paar Gedanken übers Wägen nieder, die … Werd ich’s dereinst vertiefen, wenn’s die Zeit er- laubte … Doch nein, wie sollte dieses Weib …?« »Weiß einer, was die Zukunft bringen wird, Emi- nenz? Außer Gott vielleicht der Teufel … und ein Hexlein dann und wann?« »Macht fest!« rief der Fährmann den Ruderknech- ten zu. Am Ufer waren zwei junge Männer herbeige- eilt und fingen die Seile auf, die ihnen zugeworfen wurden. Man schirrte Pferde an, ein Dutzend oder mehr, um das schwere Gefährt stromaufwärts zur oberen Anlegestelle zu treideln, denn die Abdrift be- trug gewiß dreitausend Fuß. Der Atem der Tiere dampfte in der morgendlichen kühlen Luft. Judenkinder standen oben an der Böschung im nassen Gras. In Lumpen gehüllt – barfuß. Sie folgten, den Pferden in gebührendem Abstand, denn die Trei- delknechte schwangen ihre Peitschen weit. Eine bläßliche Sonne stieg zwischen Wolkenbänken auf und verwandelte Tiere und Menschen in goldum- sponnene Silhouetten. »Ich hoffe, bis zum Sommer wieder in Rom zu sein, Geistleben«, sagte der Kardinal. »Wenn Eure Reiselust Euch dahin führen sollte, seid Ihr ein gern- gesehener Gast.« »Ihr seid zu gütig, Eminenz. Euer Angebot ehrt mich.« »Ihr müßt mir dann berichten von der Lullischen Kunst, wenn man sie Euch in Paris gelehrt hat.« »Es wird mir ein Vergnügen sein, Eminenz.« Der Pferdeknecht führte die Tiere an den Zügeln die Anlegestelle hinauf, hielt den Steigbügel und half dem Cusaner beim Aufsitzen. Der Kardinal hob die festgeschnürte Rolle mit den Briefen. »Habt Dank!« rief er dem Scholaren zu, der sein Felleisen geschultert hatte. »Gott segne Euch.« »Lebt wohl, Eminenz.« »Wir brechen auf«, befahl der Kardinal und ergriff die Zügel. »Ich will zur Sext in Heisterbach sein bei den Zisterziensern und zur Vesper in Andernach. Der Tag ist kurz, und ich hasse es, im Dunkeln zu rei- sen.« Der Pferdeknecht nickte, schwang sich in den Sat-, tel und machte die Zügel der Packpferde fest. Dann ritten sie los. Die Stimmen der Kinder, hell in der kühlen Morgenluft, blieben hinter ihnen zurück. Ein Paar Gänse flog dicht überm Uferschilf den Fluß entlang. Ihr schwerer rhythmischer Flügelschlag klang wie das lustvolle Stöhnen zweier Liebender. Der Pferdeknecht wandte das Gesicht ab und grinste. * »Ach je! Verzeiht, Eminenz. Wir haben Euch noch nicht erwartet. Wir dachten, Ihr weiltet noch in Köln. O Gott, ich wollte morgen früh zum Markt und etli- che Dinge kaufen, die Ihr mögt und schätzt, wie ich von früher weiß. Ach, Eminenz. Wie steh ich da vor Euch? Laßt Euch …« »Aber, Katrin! Willst du allen Ernstes vor mir auf die Knie sinken? Erheb dich und laß dich umarmen. Und nenn mich nicht Eminenz! Wie sagtest du immer zu mir, als ich noch Dechant an Sankt Florin war?« »Ich wag’s nicht.« »Nico, sagtest du und warst wie eine Mutter zu mir. Dabei wollen wir doch bleiben, Katrin.« »Aber Ihr seid ein so hoher Herr geworden. Käm’t gleich nach dem Heiligen Vater, sagt Helwicus.« »Nun, ist’s nicht so?« warf der Dechant ein. »Man sagt, Papst Nicolaus sei Euer Freund und schätze Eu- ern Rat.«, »Fürwahr, wir sind in vielem einer Meinung.« »Wie steh ich da?« klagte die alte Haushälterin und breitete die Hände aus. »Gänzlich unvorbereitet. Ein Hühnchen hätt ich anzubieten, in Butter und Rosmarin gebraten, aber kalt. Das Brot ist frisch.« »Ich bin nicht hungrig. Wir sind heute nach dem Mittagsmahl erst losgeritten von Andernach. Ich hat- te dort am Morgen noch einen dringenden Brief zu diktieren ans Kapitel von Sankt Johann in Osna- brück. Doch mich dürstet. Ein Glas Wein könnt ich wohl vertragen.« »Wein von zu Hause?« »Ja. Hast du welchen aus den Weinbergen meines Vaters?« »Freilich, alle Jahr schickt uns Euer Bruder Johan- nes ein Fuder die Mosel herunter. Es ist der beste Wein weit und breit.« »Dann bring mir davon einen Krug, Katrin, damit ich wenigstens einen Mund voll Heimat schmecke.« »Wie, Ihr reitet nicht hinauf nach Kues?« fragte der Dechant. »Ich tät’s von Herzen gern, doch fehlt mir die Zeit, Helwicus. Man erwartet mich in Frankfurt. Und nächsten Monat soll ich schon wieder in Brixen sein. Ich wäre gern hinaufgeritten nach Kues, um nach dem Rechten zu sehen und wie weit die Pläne gedie- hen sind fürs Stift, doch ich habe vertrauensvolle Leute unter der Aufsicht meines Bruders, die meine, Sache befördern und gut verwalten.« »Das nämliche hörte ich auch.« »Hörtet Ihr auch von der Hexe, der man zu Köln den Prozeß machen will?« »Ja, doch nichts Genaues. Es gehen viele Gerüchte um in Köln. Ich denke, es wird so ausgehn wie anno ‘46 mit jener Zauberin. Der Rat der Stadt ließ sie Ur- fehde schwören. Ein glimpfliches Urteil für die Frau.« »Diesmal vielleicht nicht, so wie die Dinge lie- gen.« »Mag sein. Ich hört, ein Streit brach aus darüber zwischen dem Erzbischof und dem Rat. Tilman be- richtete davon, der ihm als Berater zur Seite steht. Nun wartet man auf eine Kommission aus Rom, die sich des Falles annehmen soll.« »Diese Frau schrieb mir Briefe.« »Höre ich recht? Sie schrieb Euch Briefe?« »Ja, seht! Ich werde mir jetzt endlich die Zeit nehmen, sie zu lesen«, sagte der Kardinal und warf die verschnürte Rolle auf den großen Tisch. »Es sind Abschriften. Ein Schreiber des Erzbischofs gab sie mir. Geistleben ist sein Name. Er setzte mit der glei- chen Fähre nach Deutz über wie ich.« Der Kardinal nahm ein Federmesser und schnitt die Schnüre auf, goß den bereitgestellten Becher voll Wein und trank daraus mit kleinen prüfenden Schlucken., »Der Wein ist gut«, sagte er und nickte anerken- nend; dann begann er zu lesen. Später brachte Katrin ihm eine Kerze. Und als die- se heruntergebrannt war, zündete sie eine zweite für ihn an und legte weitere Kerzen daneben. Und Nicolaus Cusanus las und las. * »Ihr habt das Hühnchen nicht einmal angerührt, Herr. Ich wußte doch, daß es nicht nach Eurem Ge- schmack war.« »Nein, Katrin«, sagte der Kardinal gedankenverlo- ren. »Das heißt ja.« Er wandte sich ab. »Östlich von Cattenom ist das Land schwarz, bis weit ins Böhmi- sche und Polnische hinein«, murmelte er, »wie man vom Orbit aus sehen kann.« »Ich bringe Euch warme Milch.« »Ist Helwicus schon auf?« »Ja. Soll ich ihn rufen?« »Ich bitte dich.« »Wißt Ihr, wo Cattenom liegt, Helwicus?« fragte er den Dechanten. »Oh, ich glaube, so heißt ein Weiler ganz oben an der Mosel, im Lothringischen, unweit von Metz. Ich weiß es nicht genau, doch Adrien, der Fischer, der uns jeden Donnerstagabend seinen Fang bringt, stammt aus dieser Gegend. Ich werde ihn fragen.«, »Im Lothringischen?« wiederholte der Kardinal versonnen. »Östlich von Cattenom ist das Land schwarz …« »Ich verstehe nicht …« Der Kardinal fuhr mit dem Fingernagel unter das erstarrte Wachs der niedergebrannten Kerzen und löste es von der Tischplatte ab. »Rätselhaft das alles«, murmelte er. »Was das Hexlein Euch schreibt?« »Das ist keine Hexe. Es ist eine merkwürdige Frau. Verrückt vielleicht, aber kenntnisreich und vol- ler Scharfblick. Sie sieht eine Zukunft voraus, die wir uns überhaupt nicht vorstellen können.« Der Kardinal sah erschöpft aus nach der durch- wachten Nacht. Er wandte sich zum Fenster und rieb sich das Kinn. Inzwischen war es Tag geworden, aber dichter Nebel verhüllte den Fluß, so daß man das gegenüberliegende Ufer nicht erkennen konnte. »›Östlich von Cattenom ist das Land schwarz‹, schreibt sie, »›bis weit ins Böhmische und Polnische hinein, wie man vom Orbit aus sehen kann.‹ – Was meint sie mit ›Orbit‹? Den Erdkreis? Einen Kreis über der Erde? Es müßte ein Vogel sein, der sich hinaufzu- schwingen vermöchte bis zur Sphäre des Mondes, um so weit blicken zu können. Ein Engel …?« Ratlos schüttelte der Kardinal den Kopf. Die schwarze Klinge, die ins Herz des Kontinents gef- thren war. Die Pest? Ein Brand? Ein vom Himmel, gestürztes Feuer? Eine schwärende Wunde der Erde selbst? Der Cusaner schaute hinaus über die Mün- dungsauen der Mosel, die sich fast bis hinunter nach Andernach erstreckten. Ein ausgedehntes Sumpfge- biet, aus dem im Sommer Myriaden von Stechmük- ken aufstiegen Eine Plage für Mensch und Tier, wie er sich erinnerte. Welch sorglose Zeit war das gewe- sen, als er noch hier an Sankt Florin seinen Dienst als Dechant versah! Nebel stieg auf wie Rauch von erloschenen Feu- ern. Ein Heerlager von Gespenstern, die weitergezo- gen waren durch die Zeit. Der Kardinal zog die Schultern hoch, als hätte ihn ein Frösteln überkom- men. »Todi«, murmelte er. »Wie?« fragte der Dechant irritiert. »Sie schreibt: ›Hütet Euch vor Todi.‹ Was sollte dort auf mich warten? Was meint sie damit?« Er wandte sich entschlossen um. »Frankfurt muß warten. Ich werde einen Boten senden, daß ich drei oder vier Tage später komme. Ich reite heute noch zurück nach Köln. Ich muß mit dieser Frau sprechen. Nicht Richter sollten sie ver- nehmen, sondern Gelehrte. Man muß teststellen, wo- her sie kommt und bei wem sie studiert hat. Sie muß aus einem Teil der Welt stammen, von dem wir nichts wissen, dessen weise Männer aber sehr wohl Kenntnis von uns haben. Der Fall ist zu wichtig, als, daß man ihn dem Rat der Bürgerschaft zu Köln oder Dietrich von Moers überlassen könnte. Ich muß mit dem Erzbischof reden, muß ihn beschwören, nichts Übereiltes zu unternehmen. Der Fall muß in Rom entschieden werden.« »Sehr wohl, Eminenz«, sagte der Dechant. »Katrin, ruf mir den Reitknecht des Erzbischofs, der gestern mit mir geritten ist. Er soll die Pferde sat- teln und mich zurück nach Köln begleiten.«,

V Nanos Machinulis

»DIE NATUR LIEGT IM STERBEN, DAS NATÜRLI- CHE GLEICHGEWICHT ZERBRÖSELT UNTER UNSE- REN EILIGEN FÜSSEN. WIR WAREN ZU SEHR MIT UNS SELBST BESCHÄFTIGT, UM DIE LANGFRISTI- GEN FOLGEN UNSERES TUNS VORHERZUSEHEN. ABER WENN WIR UNS NICHT RASCH VON UNSEREN TRÜGERISCHEN ILLUSIONEN BEFREIEN UND ENERGISCH NACH EINER LÖSUNG SUCHEN, WER- DEN WIR EINEN BEISPIELLOSEN VERLUST ER- LEIDEN. WISSENSCHAFT UND TECHNIK HABEN UNS IN DIESE KRISE HINEINMANÖVRIERT. NUN MÜSSEN WISSENSCHAFT UND TECHNIK UNS DA- BEI HELFEN, EINEN AUSWEG ZU FINDEN.« Edward O. Wilson »Es gibt immer noch eine Menge Touristen hier«, sagte ich. »Aber längst nicht mehr so viele wie früher. Nur noch etwa zwanzig Prozent der Anträge werden be- willigt«, entgegnete Frans. »Warum sperrt man Venedig nicht ganz, solange es eine Baustelle ist?« »Wovon sollten die Leute leben, die hier noch wohnen?« erwiderte er und breitete die Anne aus. »Es sind ohnehin nur noch fünfzigtausend. Früher, waren es viermal so viele. Es würde den Niedergang bedeuten. Die Sozialstruktur zerbräche. Die Stadt muß weiterleben.« »Aber sie ist krank.« »Um so mehr müssen wir dafür sorgen, daß sie weiterlebt. Freilich, man könnte ein Museum daraus machen, aber das wäre nicht mehr Venedig, sondern eine Art Disneyland, das morgens geöffnet und in dein abends das Licht ausgeschaltet wird.« Wir gingen zum Rialto und nahmen den Vaporet- to. Die Sonne schien, aber sie stand tief im Südwe- sten, und die Luft am Wasser war feucht und kalt. Einige der Palazzi entlang des Canal Grande sahen aus, als hätte man sie von den Fundamenten geho- ben, diese gegen neue ausgetauscht und die Gebäude dann wieder draufgesetzt. Die Steinstufen und Anle- gestellen sahen wie neu aus; der Schmutz und der glitschige Algenbewuchs waren verschwunden. Um so schlimmer sahen nun diejenigen aus, bei denen die nanotechnische Erneuerung noch nicht stattge- funden hatte. Bei San Stae stiegen wir aus und gingen die Saliz- zada entlang, bogen halbrechts ab, wo die Gasse sich auf ein Gewirr von Brückchen öffnet, die kreuz und quer ein System abzweigender Kanäle überspannen. Frans blieb plötzlich stehen und blickte sich um. Dann stieg er zum Wasser hinunter und musterte prü- fend die Mauern knapp oberhalb des Wasserspiegels., An die feuchte Ziegelfassade des Hauses an dem kleinen Platz hatte jemand ein Graffito gesprayt: ein grünes wanzen- oder asselartiges Monster mit einem Schlangenkopt, aus dessen Maul zwischen spitzen blutigen Fangzähnen eine gespaltene Zunge hervor- schnellte. Die Augen leuchteten bösartig in Signalrot. NO NANOS! stand darüber, und darunter ITALIA NOSTRA. Ich stieg zu Frans hinunter, der auf einer Treppe knapp über dem Wasser kauerte. »Siehst du das?« fragte er. »Was ist das?« fragte ich angewidert. »Sieht aus wie eitriger Rotz.« Er hob den Finger. »Das sind einige Milliarden tote Nanos.« »Einige Milliarden?« Ich blickte mich im ungewissen Licht der Dämme- rung um und sah, daß an der Wasserlinie zwischen den Steinen der Fundamente der Häuser ringsum ei- ne ginstergelbe Schmiere hervorquoll, als würden die alten Gemäuer eitern. Er aktivierte sein IKom. »Ich bin hier am Campo San Boldo. Jemand hat hier was abgelassen. Ja, ich glaube, eine ganze Menge, so wie’s aussieht. Das könnte sich bei der Flutung heute nacht durch die westlichen Kanäle verbreiten. Ich glaube, ihr solltet gleich ein paar Rushtrooper herschicken.« »Rush …?« »R.U.S.H. Das ist die schnelle Eingreiftruppe vom, NNTR«, erklärte er, an mich gewandt. »Sie heißt so wegen ihrer Rucksackhelikopter.« Frans bückte sich, kratzte mit dem Fingernagel an der klebrigen Abson- derung und roch daran. Er verzog das Gesicht. »Chloracetatamid«, sagte er. »Das übliche. Ver- mutlich vierzig, fünfzig Liter.« Er blickte an der Fassade hoch. »Parochia San Giacomo da l’Orio. Ja, ihr könnt hier landen. Der Platz ist groß genug. Pozzo in der Mitte. Nein, kein Problem. Ende.« Er wischte sich den Finger an einem Papierta- schentuch ab. »Damit töten diese Dummköpfe die Nanos ab, die das Holz der Pilotierung stabilisieren sollen«, erklär- te er. »Es kostet viel Mühe, diese kleinen Biotechni- ker zu entwickeln. Jeder ist ein Spezialist für eine ganz bestimmte Holzart. Er spricht auf ganz be- stimmte genetische Strukturen an. Die geben ihm das Signal, das seine Programmierung in Gang setzt. Und die sagt ihm, was er zu tun hat.« »Die Gene von Steineichen und Lärchen?« »Theoretisch ja. Aber es gibt Abweichungen, je nachdem, woher das Holz stammt, wo es gewachsen ist. Außerdem waren in Zeiten starker Bautätigkeit diese Hölzer sehr teuer. Also mischten manche Bau- meister heimlich andere Hölzer darunter. Das macht die Sanierung so schwierig.« »Woher weißt du das alles?« fragte ich ihn., »Ich bin seit sechs Jahren bei dem Verein.« »Du bist aber doch kein Nanotechniker.« »Nein. Auch kein Linologe. Leider. Eher eine Art Reisender.« »In Hölzern?« »So etwas Ahnliches.« »Ich dachte, du seist Architekturhistoriker. Hast du jedenfalls behauptet.« »Das schließt sich doch nicht aus, oder?« »Du machst dich lustig über mich.« »Nein, Domenica. Ich …« »Hör zu, Frans. Wir brauchen uns doch wirklich nichts vorzumachen. Ich weiß nicht, was das soll. Ich bin als Botanikerin unter Vertrag genommen worden, um an einem Umweltprojekt mitzuarbeiten. Okay? Aber seit mehr als einem Monat stoßen wir, meine Kommilitonen und ich, nur aufmerkwürdige Ge- heimnistuerei. Das nervt. Wir werden hingehalten, vertröstet, mit Halbwahrheiten abgespeist, manchmal vermutlich sogar angelogen …« »Nein, Domenica. Damit zwischen uns ein für al- lemal klargestellt ist: Es gibt hier keine Halbwahrhei- ten und erst recht keine Lügen. Hast du vielleicht schon mal darüber nachgedacht, daß das alles zu eu- rer Ausbildung gehören könnte?« »Eine Geduldsprobe?« »So etwas Ähnliches. Jedenfalls ist der Auslese- prozeß noch nicht abgeschlossen. Grund für die strik-, te Geheimhaltung ist, daß es im Zusammenhang mit dem Rinascita-Projekt eine Menge höchst sensibler Daten gibt, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Sie dürfen unter keinen Umständen an die Me- dien gelangen oder publik werden, weil sie unsere Welt von Grund auf verändern würden.« Das kam mir irgendwie bekannt vor. Ich erinnerte mich an den seltsamen Anruf von Bernd in Rom. Hatte man da eine Art Schweigekartell aufgebaut? So etwas ließ sich doch nicht aufrechterhalten. Auf Dauer war das unmöglich. Es sei denn … Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr klar denken zu kön- nen. »Das klingt alles ziemlich dramatisch. Findest du nicht?« sagte ich. »Es ist dramatisch, Domenica, und könnte in seinen Weiterungen wirklich gefährlich sein. Außerdem ist es nicht meine Aufgabe, dich in deine Mission einzuweisen. Das behält sich Professor Ishida ganz persönlich vor. Aber er wird es erst dann tun, wenn eure Konditionierung abgeschlossen ist.« »Du meinst, unsere Gehirnwäsche?« »Herrgott, nein! Ich sagte ›Konditiomerung‹. Es ist doch in unser aller Interesse, wenn so wenige Menschen wie möglich von unseren Missionen wis- sen. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die manchmal alles von uns fordert.« »Tauchen und Holzproben aus den Fundamenten der Gebäude zu kratzen?«, Frans blickte mich verständnislos an, dann lachte er laut auf und legte den Arm um mich. Weshalb mu- tete mich diese Berührung so vertraut an? Plötzlich hörte ich über uns ein leises Schnurren und sah vier Gestalten in gelben Schutzanzügen an blinkenden Tragschraubern von Osten her anfliegen. Zwei unbemannte Fluggeräte mit Ausrüstung kamen hinterher. Sie gingen zwischen den Häusern nieder. »Laß uns essen gehen«, sagte Frans. Wir waren weiter durch enge Gassen geschlendert und auf den großen Campo San Giacomo hinausge- treten. Inzwischen war es dunkel geworden. Wir gin- gen quer über den Platz auf eine Trattoria zu: Capi- tan Uncino. Auf dem Schild prangte das Bild eines Musketiers, der mit einem Ausfallschritt drei Fische auf seinen Degen gespießt hatte; den linken empor- gereckten Arm zierte ein goldener Haken, der die abgetrennte Hand ersetzte. Das Lokal war fast leer. Es schien schon bessere Zeiten gesehen zu haben, aber es sah gemütlich aus. Hinten, neben dem Eingang zur Küche, stand eine mannsgroße Standuhr mit halbrundem Aufsatz und einem Zifferblatt aus getriebenem Messing. Die Zei- ger wiesen auf Viertel vor sechs. Der Wirt, ein rundlicher, fast kahlköpfiger Mann, tauchte aus der Küche auf und hob grüßend die flei- schige Pranke. Er trug ein unter den Armen weit aus- geschnittenes Shirt und hatte sich eine häßliche graue, Plastikschürze vor den Bauch gebunden, an der Blut und Reste von Fischinnereien klebten. »Hallo, Frans!« rief er laut. »Woher hast du dieses hübsche Engelchen?« »Es ist erst kürzlich vom Himmel herunterge- kommen und heißt Domenica.« »Hallo, Domenica. Guten Abend.« Der Wirt ging in die Küche zurück und trällerte vor sich hin. Eine junge Frau bediente uns. Sie hatte schwarzgeschminkte Lippen und kurzgeschorenes, karottenrot gefärbtes Haar, das aussah wie das Plastik- fell eines Schmusetiers. Die schwarze Jeans spannte über ihrem fülligen Hintern. Als wir die Pasta gegessen hatten, kam der Wirt an unseren Tisch und begrüßte uns mit Handschlag. Sein feistes Gesicht glänzte, auf seiner bleichen Stirnglatze standen dicht an dicht Schweißperlen wie vollgesogene durchsichtige Egel. »Du ißt bestimmt wie immer einen Fisch, den ich dir empfehle«, sagte er zu Frans und patschte ihm vertraulich auf die Schulter. »Ich hab heute etwas ganz Spezielles für dich.« Er ging hinaus in die Küche und kam mit einer schmierigen gelben Plastiktüte zurück. Er hatte sich ein Paar Küchenhandschuhe angezogen. Vorsichtig hob er einen etwa 35 Zentimeter langen Fisch heraus und legte ihn vor Frans auf eine Serviette. »Sieh dir diese wunderschöne Lucerna an«, sagte, er. »Möchtest du sie lieber gegrillt oder gedünstet?« Der Fisch lebte noch, aber seine Bewegungen wa- ren irgendwie eingeschränkt. Er zappelte nicht, wie man das von frisch gefangenen Fischen gewöhnt ist, sondern wand sich träge, wie in Zeitlupe. Die junge Frau, die gerade unseren Tisch decken wollte, stieß einen leisen Schrei aus, ließ das Körbchen mit dem Brot und das Besteck auf den Tisch fallen und stie- felte eilig auf ihren Plateausohlen zum Eingang. »Bleib hier!« rief der Wirt barsch. Sie hielt inne, blieb aber an der Tür stehen. Die Rückenflosse des Fisches war aufgerichtet und wirkte wie eine gezackte Klinge. Er gab ein leises Ächzen von sich, das fast wie ein Knurren klang. Ich streckte den Finger aus. »Nicht anfassen!« sagte Frans hastig. Er selbst schien keine Scheu zu haben, zog ein kleines Messer mit gekrümmter Klinge aus der Ta- sche, klappte es auf und legte sich den Fisch zurecht. Die Kiemen öffneten und schlossen sich in verlang- samtem Rhythmus. Das Maul arbeitete mühsam, die Augen waren von einem grauweißen Schleier ge- trübt. Frans stach die Klinge unterhalb der Kiemen ein und zog sie nach hinten. Das Körpergewebe setz- te seinen Bemühungen sichtlich Widerstand entge- gen, obwohl das Messer sehr scharf zu sein schien. Am Anfang trat noch Blut aus, aber am Hinterleib schien der Bauch die Konsistenz von Hartgummi und, noch weiter hinten von Kunstharz zu haben, dem mit einem Messer nicht mehr beizukommen war. Frans’ Finger und die Klinge waren von einer glitzernden Schicht bedeckt, die an Blattgoldpartikel erinnerte. Der Wirt hatte schmunzelnd seine Bemühungen verfolgt. »Na«, sagte er. »Ist das nicht ein Prachtexem- plar?« Einige der Gäste, die sich inzwischen eingefunden hatten, waren an unseren Tisch getreten und sahen zu. In ihren Gesichtern spiegelte sich eine Mischung von Abscheu und Neugier. »Ihr macht einen ganz schönen Scheiß hier mit die- sem Nanozeug bei eurer Restauratio«, sagte der Wirt. Ein alter Mann mit einem weißen Schnauzbart nickte grimmig. Frans rieb die Kuppen von Daumen und Zeigefin- ger aneinander, mit denen er den Fisch festgehalten hatte, als prüfe er, ob sich auf seiner Haut auch be- reits eine aushärtende Schicht bildete. Seine Finger sahen aus wie vergoldet. »Es können Programmierfehler auftreten, und es können immer wieder Mutationen auftreten, Paolo«, erwiderte er. »Das hat das NNTR von Anfang an klargemacht. Der Stadtrat hat das Risiko geprüft und zugestimmt. Oder etwa nicht?« »Der Magistrat«, schnaubte einer der Gäste ver- ächtlich. »Dieses Pack von Sesselfurzern!«, »Alle gekauft von den Japanern«, brummte ein anderer. »Die Japsen brauchen sich bei mir überhaupt nicht mehr sehen zu lassen. Ich schmeiß sie raus«, versi- cherte der Wirt. »Die haben hier nichts zu suchen. Ist doch wahr«, sagte einer, und einige andere bekräftigten: »Aber wirklich! Recht hast du, Paolo!« »Seid nicht ungerecht, Leute«, sagte Frans. »Die Wissenschaftler tun ihr möglichstes. Das Wasser der Lagune ist immer noch ziemlich dreckig. Da kann so etwas passieren. Das ist unvermeidlich. Die meisten Mutanten sind harmlos, aber es gibt eben dann und wann Ausreißer …« »Ausreißer!« schnaubte der alte Mann mit dem weißen Schnauzbart erbost; er wandte sich über die Schulter nach seiner Frau um und grollte: »Er hat ›Ausreißer‹ gesagt, hast du gehört?« »… die in der Lage sind, eine gesunde Lucerna binnen Stunden in ein polymeres Holzimitat zu ver- wandeln.« »Oder Schlimmeres!« grollte der Alte und stieß herausfordernd seinen Spazierstock auf den Boden. »Enzo«, mahnte seine Frau leise. »Polymeres Holzimitat«, murmelte der Wirt und stupste den Fisch an, der sich trotz seiner geöffneten Leibeshöhle immer noch träge wand. »Wenn’s wenig- stens echtes Gold wäre. Ich habe bar dafür bezahlt.«, »Der Fisch stirbt bei lebendigem Leib an innerer Erstarrung«, sagte Frans zu mir. »Während sein Kör- per eine wundersame Transsubstantiation von einem lebendigen Organismus zu einem nahezu unzerstör- baren Artefakt durchläuft.« »Dann bring dieses Fakt den Japsen, damit sie sich die Zähne daran ausbeißen«, sagte Paolo. Ich erinnerte mich an den Briefbeschwerer, den ich auf dem Schreibtisch Falcottis in der Universität in Rom gesehen hatte. Sagte er nicht, ein Bekannter hätte ihn aus Venedig mitgebracht? »Und was war mit dem Jungen im Frühjahr?« frag- te der alte Herr; er hob die Stimme und schlug mit seinem Stock gegen das Tischbein. »Hat der etwa auch eine wundersame Transsubstantiation durch- gemacht, wie?« »Enzo«, klagte seine Frau. »Bitte!« Doch er fuhr unbeirrt fort und schnaubte: »Der Kleine war in einer Stunde tot!« Seine Frau legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm, aber er schüttelte sie ab. »Ein Scheiß ist das!« »Das war ein echter Killer«, räumte Frans ein. »Es hat den Jungen umgebracht.« »Ja, so war’s«, sagte der alte Herr zu nur. »Genau- so war’s.« Die Bedienung spähte über drei Tische hinweg mit Grausen auf den Fisch, dessen Maul sich in Zeitlupe öffnete und schloß. Frans wickelte ihn in die Serviet-, te und schob ihn zur Seite. »Und wer bezahlt mir den?« fragte der Wirt und deutete mit einem Nicken darauf. »Die NNTR wird dir das Zehnfache dafür bezah- len«, sagte Frans. »Von denen will ich nichts.« »Sei gescheit. Er ist wichtig für die Forschung, damit in Zukunft wenigstens diese Mutation nicht mehr auftritt.« »Dann nimm ihn mit. Ich schenk ihn dir.« »Und sagen Sie diesen Japsen, junger Mann, sie sollen dafür sorgen, daß das Gesicht nicht mehr über Murano erscheint«, sagte der alte Herr mit dem Schnauzbart. »Weshalb tun sie das, wie? Die Öster- reicher werden da nicht mehr lange zusehen. Sie werden uns bombardieren.« »Aber Enzo.« »Sie haben Venedig schon einmal bombardiert«, fuhr er seine Frau an. »Sie wollten Santa Lucia tref- fen. Haben sie es getroffen? Natürlich nicht. Statt des Bahnhofs haben diese Tölpel Gli Scalzi beschädigt.« Er spitzte die Lippen, als wolle er ausspucken. Seine Frau ergriff ihn am Ärmel und versuchte halbherzig, ihn wegzuziehen, aber er stand wie ein Denkmal. »Die Österreicher werden sich das auf Dauer nicht bieten lassen. Das sag ich Ihnen. Die werden nicht lange fackeln. Mit diesem Affen, der ihnen Grimas-, sen schneidet, diesem grinsenden Schlitzauge, wie? Sie haben die Lufthoheit über Venetien. Ja, haben sie. Fahren mit ihren blöden Luftschiffen sowieso schon viel zu niedrig über unsere Stadt hinweg. Mit dieser Prinz Eugen und der Erzherzog Maximilian Franz und der Kaiserin Maria Theresia und der Erz- herzogin Maria Amalia« – und bei jedem Namen hieb er mit seinem Gehstock gegen das Tischbein – »und der Großherzog Leopold und der Kaiser Joseph und der Erzherzog Leopold Wilhelm und der Kaiser Franz und wie diese habsburgischen Kretins alle ge- heißen haben …« »Enzo«, flehte seine Frau und zerrte ihn am Är- mel, aber er schien neben unserem Tisch festbeto- niert zu sein. »Das machen die nicht zum Spaß«, versicherte er mit Nachdruck. »Sie wollen uns wieder einmal de- mütigen. Das glauben Sie nicht, wie, junge Frau? Lassen Sie sich das gesagt sein: Dieses lächerliche Gesicht über Murano muß weg! Sonst müssen wir alle dafür büßen.« Er stieß den Gehstock auf den Zementboden und stapfte mit grimmig erhobenem Kinn zur Tür. »Tss, tss, tss«, flüsterte seine Frau entschuldigend und eilte hinter ihm her. Wir blickten den beiden nach, und als sich die Tür geschlossen hatte, brachen alle in schallendes Ge- lächter aus. Die Leute kehrten an ihre Tische zurück., »Das ist Enzo«, sagte der Wirt und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Das dichte Haar, das ihm büschelweise aus den Schultern und aus der blassen Haut des Nackens sproß, glänzte wie schwarze Drahtwolle. Er roch nach gegrilltem Fisch, Knoblauch und Schweiß. »Paolo hat sicher auch Fische, die noch nicht zu Artefakten geworden sind«, sagte Frans zu mir und fuhr mit dem Finger über die Speisekarte, die bei der Berührung aufleuchtete und Unterwasseraufnahmen von Fischgründen zeigte. »Ich nehm nur einen Salat«, erklärte ich hastig. Während Frans seine Äsche zerlegte und mit Zitro- ne beträufelte, deutete er mit einem Nicken auf mei- nen Salat, in dem ich herumstocherte, und sagte lä- chelnd: »Das wird dich nicht davor schützen, dir die Zähne auszubeißen, im Gegenteil. Die Nanos wurden eigentlich für pflanzliches Gewebe entwickelt, um verfallendes Holz in Kunstharz zu verwandeln.« Ich legte das Besteck weg. »Willst du mir den Appetit vollends verderben?« fragte ich ihn. »Entschuldige. Das war gedankenlos von mir. Du brauchst keine Angst zu haben, Domenica. Die Ma- gensäure macht ihnen den Garaus. Sie setzt ihnen noch mehr zu als die Kälte.« »Hat man deshalb diese Eisbarriere um die Stadt gelegt?«, Frans nickte. »Damit sich die Fische in der Adria nicht alle in Plastik verwandeln. Aber im Ernst. Nur mit diesen maßgeschneiderten Maschinchen läßt sich diese Stadt retten. Mit ihnen sollen die Millionen Baum- stämme, die man in den Caranto gerammt hat, in so- lide Kunstharzpfeiler verwandelt werden, die ein paar Jahrtausende halten werden. Wenn das Experi- ment scheitert, geht Venedig unter.« »Das hat offenbar seinen Preis.« Er zuckte die Achseln und sah sich unbehaglich um. »Wie war das mit dem Jungen?« fragte ich. »Das passierte drüben in Giardino«, erklärte Frans mit leiser Stimme. »Der Junge war etwa zwölf. Er hatte beim Baden irgendwas ins Auge gekriegt und schrie vor Schmerzen. Dann verlor er das Bewußt- sein. Bevor sie ihn in Vicenza in die Augenklinik gebracht hatten, war das Auge nur noch eine Schmie- re, und bevor sie ihn zur Notoperation vorbereitet hatten, war der Junge tot. Als sie bei der Obduktion den Schädel öffneten, war das Gehirn nur noch eine bröselige Masse – wie alter Stilton. Dieser Mutant hatte sich im Glaskörper explosionsartig vermehrt und war über das Gewebe des Sehnervs ins Gehirn gelangt. Sie haben den Leichnam sofort eingeäschert und alle unter Quarantäne gestellt, die mit ihm zu tun gehabt hatten. Die ganze Gegend war in Aufregung., Gott sei Dank ist so etwas seither nicht mehr pas- siert.« »Eins versteh ich nicht: Diese Nanos sind doch Maschinen. Wie können sie mutieren?« fragte ich. »Du darfst dich von dem Begriff ›Maschine‹ nicht täuschen lassen«, erklärte Frans. »In diesem Größen- bereich verhalten sich organische und anorganische Strukturen gleich. Es ist eine Art molekulare Mecha- nik auf der Basis elektrischer Ladungsverteilungen; die Funktionen sind in beiden Fällen identisch – und die Fehlfunktionen auch. Deshalb wäre es eine kata- strophale Fehlentscheidung, in den radioaktiv ver- seuchten Gebieten Mitteleuropas Nanos einzusetzen, wie es immer wieder gefordert wird. Es wäre die schiere Katastrophe! Dabei kämen nicht nur ein paar Plastikfische heraus. Da würden Killermutanten her- vorbrechen und Amok laufen, denen wir nichts ent- gegenzusetzen hätten« – er trank sein Glas aus – »NNTR ist dabei, immer bessere Notbremsen zu entwickeln, aber dem sind Grenzen gesetzt. Und auch bei solchen Programmen können Fehlfunktio- nen auftreten. Materie ist nun mal etwas Elastisches, Wandelbares. Und lebendige Materie erst recht, sonst gäbe es kein Leben. Aber wem sage ich das?« Ich deutete auf die Serviette mit dem sterbenden Fisch. »Wie sieht so eine Notbremse in diesem Fall aus?« fragte ich. »Man muß sie doch ziehen können, bevor, ein befallener Organismus in die Weltmeere ent- kommt.« »Ein Selbstmordprogramm. Eine Art Apoptose, programmierter Zelltod.« Frans legte das Handgelenk flach auf den Tisch und schob die Schutzabdeckung seines Scarabeo zu- rück, rief ein Programm auf und schaltete die Holo- projektion ein. »Hier hast du das Protokoll einer Notbremsung«, erklärte er, als sich die kleine Schautafel aufgebaut hatte und mit Zeichen füllte. »Pro Sekunde treten rein statistisch zwischen tausend und zehntausend Mutationen im Kubikmeter Wasser auf. Je nach Umweltbedingungen.« »So viele?« »Das ist ein sehr niedriger Prozentsatz. Du mußt bedenken, daß in einem Kubikmeter Lagunenwasser etwa sechzig bis achtzig Billionen Lins tätig sind.« »Lins?« »Langzeitstabile intelligente Nano-Strukturen, so nennen die Techs ihre Maschinchen mit Top- Qualität. Die Mutation äußert sich in fehlerhaften Ablesungen bei der Strukturerkennung in der mole- kularen Architektur. Der Ausfall wird hervorgerufen durch Toxine im Wasser: Industrieabwässer von Me- stre, Düngemittel, Herbizide, Pestizide, Weichma- cher, Waschmittel; dazu kommen Sonneneinstrah- lung im UV-Bereich, durchschlagende kosmische, Strahlung, Radioaktivität. Hier kannst du einen erkennen: Das ist ein ange- hender Mutant. Erste Error-Cluster bilden sich: Der Tector, das Nanomaschinchen, erkennt sein Tecto- plast – das, was er umbilden soll – nicht mehr ein- deutig. Hier siehst du die aufschießende Fehlerkumu- lation – exponentiell. Die Error-Cluster weiten sich explosionsartig aus. Er ist so weit mutiert, daß er ein falsches Tectoplast für das richtige hält und umbildet – wie im Fall unseres Fisches. Deshalb muß, bevor es soweit kommen kann, das Selbstmordprogramm aktiviert werden. Das sieht schematisch so aus.« In der Holographie erschien eine leuchtend rote scrollende Schrift. ⇐ TECTOPLAST NEGATIVE → ERROR ⇒ TECTOPLAST NEGATIVE → ERROR- ERROR ⇐ TECTOPLAST NEGATIVE → ERROR – ERROR – ERROR ⇐ TECTOPLA ST NEGATIVE → ERRORCLUSTER – ESCAPE! ⇐ TECTOPLAST POSITIVE NEGATIVE POSITI VE

NEGATIVE

→ ERRORCLUSTER EXPONENTIAL – ESCAPE! ESCAPE!, ⇓ ESCAPE ⇓ EXCAPE ⇓ EXIAPE ⇓ EXIAUS ⇓ EXITUS ⇓ EXIT ⇓ EX ⇓ … ⇐ REPROGRAMMING? → FAILED ⇐ EXITUS → POSITIVE »Das ist das Schema, aber natürlich wird dieser Dia- log in der Molekularsprache der Chemie geführt. Nur sie ist den Tektoren verständlich«, erläuterte Frans. Inzwischen hatte sich das Lokal fast ganz gefüllt. Einige Gäste sahen neugierig zu uns herüber. Frans schaltete seinen Scarabeo ab und hob die Serviette an, in die der verwandelte Fisch eingeschlagen war. Das Maul öffnete und schloß sich immer noch wie in extremer Zeitlupe. Man mußte schon sehr genau hin- sehen, um die Bewegung wahrzunehmen. Der Gold- schimmer bedeckte jetzt fast den ganzen Leib. Nur der häßliche Kopf hatte noch seine rötliche Farbe. Selbst das ausgetretene Blut hatte eine goldene Ober- fläche., »In diesem Fall hat das Selbstmordprogramm ver- sagt«, stellte ich fest. Frans hob die Schultern und entgegnete: »Der Mu- tant müßte immer noch die Eisbarriere und die Schleusentore der Lagune überwinden, um ins offene Meere zu gelangen.« »Besteht die Gefahr, daß er es schafft?« »Die Chancen sind sehr gering. Die Alternative wäre ein umfassendes Tötungsprogramm. Das hieße, Quadrillionen von braven arbeitsamen Nanos umzu- bringen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Massenmord. Und das Projekt würde um Monate zurückgeworfen. Die Fischer sollten endlich damit aufhören, in der Lagune Netze auszuwerfen. Die Stadt hat für teures Geld Fischgründe außerhalb der Litorali gepachtet, um sie zu entschädigen.« Paolo, der eben am Tisch vorbeikam, nachdem er eine Bestellung aufgenommen hatte, blieb stehen. Er mußte gehört haben, was Frans gerade gesagt hatte, denn er spitzte belustigt die Lippen, deutete mit ei- nem Nicken auf den Fisch in der Serviette und mein- te: »Ich bring dir gleich eine saubere Plastiktüte. Dann kannst du dein Geschenk mitnehmen. Was ich dir zu sagen vergaß, mein Freund: Er wurde südlich von Sottomarino gefangen, unterhalb der dritten Schleuse, in der Nähe der Adige-Mündung.« Frans warf mir einen Blick zu und blies die Bak- ken auf. »Ach, du Scheiße«, flüsterte er., Als wir gingen, zeigte die Standuhr immer noch Viertel vor sechs. »Sie ist stehengeblieben«, sagte ich. Frans warf einen Blick darauf. »Ja, aber schon vor hundert Jahren.« * Am Steg von Rialto kramte Frans ein paar zusam- mengerollte Plastikstiefel aus seiner Umhängetasche und zog sie über Schuhe und Hose. »So was mußt du dir auch besorgen«, sagte er. »Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand hier. Nachts sind die Straßen meistens überschwemmt.« »Trotz des Lido-Damms?« »Über das Schleusensystem streitet man sich schon seit mehr als fünfzig Jahren. Dabei steigt der Spiegel der Adria seit hundert Jahren immer weiter an. Aqua alta, damit hat man hier zu leben gelernt. Aber es wird immer brenzliger. Das Gibraltar- Damm-Projekt ist am Veto von Indonesien und Ja- pan gescheitert, und seit der Süden von Bangladesch und die Malediven evakuiert werden mußten, hat es überhaupt keine Chance mehr, auch nur auf die welt- politische Tagesordnung zu kommen. Also läuft den Wasserbau-Ingenieuren hier die Zeit davon. Dabei ist die Lagune mit einem genialen Schleusensystem ausgerüstet, dem sogenannten Mose. Es stammt aus, den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Lagune läßt sich mit ferngesteuerten Modulen auto- matisch gegen das Hochwasser abschotten, aber sie muß regelmäßig geflutet werden, sonst stirbt sie ab, und Venedig würde in Fäulnis und Dreck ersticken. Aqua alta oder Aqua morte lauten die Alternativen. Also versucht man zwischen beiden hindurchzuma- növrieren. Und die Öffnung zur Adna hin birgt so ihre Getahren, wie du siehst.« – Er hob den Plastik- beutel mit dem Fisch. – »Eine Filteranlage für Nanos – so etwas wird es nie geben. Dazu sind sie zu klein. Nur die chemische Keule. Und die trifft auch immer wieder mal daneben.« Der Campo San Bartolo war knietief überflutet. Frans stopfte den Plastikbeutel in seine Tragetasche, faßte mich um die Taille und hob mich auf den Holz- steg, der an den Hauswänden entlang verlief und auf dem man trockenen Fußes zur Calle Stagneri gelan- gen konnte, während er rauschend neben mir durchs Wasser stapfte. * Frans hatte eine winzige Wohnung im ersten Stock eines Hauses am Rio di Sant’Agostin, unmittelbar im Schatten der Backsteinkröte von San Lorenzo. »Was hat der alte Herr eigentlich mit dem Gesicht gemeint, über das sich die Österreicher angeblich so, ärgern?« fragte ich. »Hast du das noch nicht gesehen?« »Nein.« »Es ist der Meister persönlich. Professor Ishida als Cherub – nur sein Kopf und sein ulkiger Bart. Groß wie San Michèle schwebt er manchmal über der nördlichen Lagune. Bisher hat noch keiner rausge- kriegt, wie er das anstellt, niemand nachvollziehen können, wie es funktioniert. Wahrscheinlich ist es eine Holographie, für die er die Luftfeuchtigkeit be- nutzt, denn bei dunstigem Wetter ist es besonders deutlich zu sehen.« »Und warum tut er das?« fragte ich. Frans zuckte die Achseln. »Ishida ist nun mal ein schrulliger Kerl – und darüber hinaus furchtbar ei- tel.« »Das ist mir nicht entgangen.« »Übrigens kannst du den Ishida-Cherub inzwi- schen als Glaskunst kaufen. Ein Student, den er hat durchfallen lassen, hat ihn in Murano in Auftrag ge- geben und an Physiker in alle Welt verschickt.« »Das wird ihn gewurmt haben.« »Nicht die Spur! Inzwischen verschickt er das Ding selber. Das fördert die Popularität, sagt er.« * Vor dem Einschlafen überlegte ich mir, wie dieser, Fisch seine allmähliche Erstarrung erlebte. Es mußte wie eine Art Zeitdilatation sein. Die Umwelt mußte sich auf alptraumhafte Weise beschleunigen, wäh- rend die Zeit für ihn allmählich zum Stillstand kam. Als ich dachte, er schliefe längst, fragte Frans plötzlich: »Weißt du, woher ich die Holzproben ho- le?« »Aus dem Untergrund.« »Ach was. Wenn du es niemandem weitererzählst, verrate ich es dir.« »Ich kann schweigen wie ein Grab.« »Aus der Vergangenheit.« »Du Spinner.« Er gab keine Antwort darauf. An seinen Atemzü- gen merkte ich, daß er eingeschlafen war. Der Tod eines Fisches und der Tod eines Nanos. Beide waren sie aus unserem Universum verschwun- den. Ihr Ereignishorizont hatte sich um sie geschlos- sen. * Frans war ein zärtlicher, aber kein sehr aufmerksa- mer Liebhaber. Ständig schien er mit irgend etwas beschäftigt zu sein, auch wenn wir zusammen waren. Oft war er nervös, gestreßt und manchmal bis zur Erschöpfung ausgelaugt. Er pendelte dauernd zwi- schen dem NNTR und den städtischen Behörden hm, und her, saß oft stundenlang mit Ishida und seinen Assistenten zusammen oder hatte im Studio zu tun, wo er die Techniker beim Aufbau von Simulationen beriet, die mit Computerunterstützung holographisch bis ins kleinste Detail ausgetüftelt wurden. »Weshalb gibt man sich so große Mühe, künstli- che Realitäten zu schaffen?« fragte ich ihn. »Das ist ein uralter Traum, Domenica. Der Mensch ist bereit, sehr viel dafür zu investieren, wenn man ihm die Möglichkeit gibt, eine Welt zu bereisen, nach der er sich sehnt, die aber jenseits sei- nes Erlebnisraums liegt. Sie braucht gar nicht wirk- lich zu sein, sondern sie muß ihm nur hinlänglich real erscheinen. Das Gehirn läßt sich leicht täuschen. Und das wäre wohl kaum der Fall, wenn es sich nicht gern täuschen ließe. Nichts ist für ihn reizvoller, als andere Welten zu durchstreifen.« »Andere Welten? Die meisten kommen ja nicht einmal mit der zurecht, in der sie leben.« Frans lachte. »Das ist ja der Grund.« »Also der reine Eskapismus.« »Nein, Domenica. Das wird aus ganz praktischen Erwägungen getan.« »Um Geld zu verdienen?« »Das auch. Aber nicht nur. Es ist ein Multimilliar- denmarkt. Und er ist ungeheuer wachstumsträchtig. Mit einer gut erzählten Geschichte fing es an. Heute, kannst du deine Wirklichkeit buchstäblich verlassen. Die Technik macht es möglich.« »Das sind doch Tricksereien.« »Nein, sondern Simulationen, die von der Wirk- lichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind. Zumindest nicht für die menschlichen Sinne. Sie gehen inzwi- schen weit über das Optische und Akustische hinaus. Das Problem der olfaktorischen Komponente ist ebenfalls gelöst, und im Bereich des Haptischen ha- ben wir hier bereits einiges mit Hilfe der Nanotech- nik bewältigt. Denk an Kazuichis Finger und an Ishi- das Hände.« »Du hast gesagt: ›Aber nicht nur.‹« Frans nickte und sah mich prüfend an. »Das hat etwas mit Adressieren zu tun«, erklärte er. »Da sind wir Holländer daraufgestoßen. Durch weitgehende Entsprechung lassen sich zeitübergrei- fend Wirklichkeiten miteinander verbinden.« »Dann hast du also, als du angedeutet hast, du würdest die Proben aus der Vergangenheit …« »Ja.«,

VI Die Astronautin

»DIE FÄHIGKEIT, ANDERE WAHRNHHMUNGS- UND DENKWEISEN ZU ERZEUGEN, IST WICHTIGER ALS DIE GEWONNENEN ERKENNTNISSE.« David Böhm »Natürlich gab es damals schon SimStims«, erzählte Heloise Abret. »Ohne die wäre ich verrückt gewor- den. Ich wäre gestorben wie Chris, nur daß ich vor Langeweile gestorben wäre. – Abe, heb mich etwas an, ich kriegja kaum Luft. Siehst du das nicht? Wie soll ich da erzählen können? Ja, danke, gut so. – Worüber sprachen wir gerade? Ach ja, richtig. Am liebsten mochte ich den Vogelflug, klar. Außerdem ist er in der Schwerelosigkeit ideal zu simulieren, ohne technischen Aufwand. Kinder, ich sage euch, es ist herrlich. Am Morgen bei Sonnenaufgang über einen Fluß zu schweben, der sich knapp unter dir strudelnd dahinwälzt, wenn der Morgennebel sich hebt, der Himmel golden wird – immer dicht über der Wasseroberfläche dahin. Die Lichtreflexe machen dich high, flickflick – flickflick- flick. Ich bin stundenlang mit Wildgänsen geflogen, habe mit ihnen gefischt, mich mit ihnen gepaart. Na- türlich war das alles noch ein bißchen primitiv da- mals, vor dreißig Jahren. Inzwischen hat sich viel, getan auf dem Gebiet. Wißt ihr, wie das alles anfing? Die Anregung lieferte der amerikanische Philosoph Thomas Nagel. Anfang der siebziger Jahre des letz- ten Jahrhunderts – ich glaube, es war 1974 – schrieb er einen Aufsatz für die Physical Review: ›Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?‹ Das war eine interessante Herausforderung für die Neuro- und Kognitions- wissenschaftler. Jedenfalls ließ diese Idee sie nicht mehr los: Die ›Interspezies-Transkription mentaler Modelle der Wirklichkeit‹, so nennt man das heute, wenn ich mich nicht irre. Auf sehr verwirrende Weise vermengen sich dabei Sinneseindrücke von der Außenwelt und tief schlummernde Emotionen, das kann ich euch versi- chern. Für viele war das ein Fluch, wie sich bald her- ausstellte. Wie eine Droge. Für uns Astronauten war es aber ein Segen. Es half uns, diesen ungeheuren Berg aus Zeit abzutragen, der sich unversehens vor uns aufgetürmt hatte. Er öffnete uns, die wir in die- sen winzigen Kosmos eingesperrt waren, in diese enge Kapsel, in der wir überdauern mußten, Erleb- nisraum – Weite.« Heloise breitete die Hände aus, und ihr Blick folg- te den sichelförmigen schwarzen Schatten der Mau- ersegler, die sich vom mächtigen Ziegelturm der Santi Giovanni e Paolo herabstürzten und durch den Nachmittagshimmel schossen. Ihr faltiges Gesicht- chen verzog sich zu einem glücklichen Lächeln., »Der Flug eines Vogels. Dieses herrliche Gefühl des Gleitens. Man spürt jede Feder, die sich aufstellt, die sich krümmt – wie sie in die Ströme der Luft hi- neingreift und sie zerteilt, wie sich das Wechselspiel der Kräfte auf den Körper überträgt, wie dieser dar- auf mit ökonomischen Gegenbewegungen reagiert, wie er kippt und sich windet, sich wieder aufrichtet und strafft. Das kann man zwar alles mathematisch ausdrücken und in Vektoren darstellen, aber du mußt es spüren – erleben! Das Bad einer Schwalbe am frühen Morgen in dem kühlen, klaren Wasser einer Oase, bevor die Tiere zur Tränke geführt werden und die Palmen ihre Schatten für den Mittag zusammenraffen. Wenn dei- ne Brust für einen kurzen Moment durchs Wasser pflügt, das ist … das ist wie ein Klirren – ein heller, durchdringender Laut, der dich hochschleudert und in den Tag hineinträgt. Ich sehe, ich komme ins Schwärmen, Mädchen. Verzeiht einer alten Frau. Aber Heli, sagte ich mir damals immer und immer wieder, das ist deine einzi- ge Chance. Nur so hältst du durch. Und so war es auch. Nicht wahr, Abe?« »Ja.« »Er sagt ja und hat keine Ahnung. Oder hast du eine Ahnung, was vier Jahre in der Schwerelosigkeit bedeuten? In Kälte und Einsamkeit? Niemand hat eine Ahnung, der das nicht selbst erlebt hat. Ich war, damals etwa so alt wie ihr jetzt, Mädchen. ›Woher hast du die Kraft genommen?‹ fragten sie mich. ›Ich habe Kraft‹, versicherte ich ihnen. ›Ich habe einfach nicht aufgegeben‹, sagte ich. Am Schluß – nun ja –, da war es hart. Ich schlüpfte ms Gefieder eines Ad- lers, der einen harten Winter zu überdauern hat. Das machte es ein wenig leichter …« Heloises Blick verlor sich in der Ferne, und ihre zarten kleinen Hände lagen reglos im Schoß. Ihre Fingernägel waren ungewöhnlich lang, wie Vogel- krallen. »Ich glitt über verschneite Wälder hin, über Glet- scher und schneebedeckte Hänge, über Firn auf Gip- feln unter einem schwarzen Himmel und beobachtete die Bahn der fernen Sonne. Die NASA hat ja alles Menschenmögliche für uns getan. Aber die beste Idee war, uns diese Datenpakete nachzusenden. Die Übermittlung einer einzigen Stunde SimStim-Pro- gramm dauerte mehrere Tage. Unmengen von Daten. Wir löschten alles aus den Speichern, das mit dem Scheitern der Mission überflüssig geworden war, und luden sie voll mit SimStim. Wir brachten eine Menge unter, denn der Bordcomputer des Schiffes war mit Millipede-Nanospeichern ausgerüstet, die kurz nach der Jahrtausendwende entwickelt worden waren und in denen man unglaubliche Datenmengen ablegen konnte.« Heloise winkte mit der Hand und sagte: »Abe, ich, möchte mich etwas zurücklehnen. Ich bin erschöpft. Ja, so ist es gut.« Sie schwieg lange. Ich dachte schon, sie sei einge- schlummert, und warf Renata einen fragenden Blick zu, ob wir uns diskret zurückziehen sollten, doch da fuhr sie fort und sagte: »Die Menschheit wächst mit jedem technischen Abenteuer, auch mit einem ge- scheiterten. Nur ich bin kleiner geworden.« Sie kicherte. * »Ich besuche heute eine alte Bekannte. Hast du Lust mitzukommen?« hatte Renata mich gefragt. »Gern. Wenn ich nicht störe.« »Sagt dir der Name Heloise Abret etwas?« Irgendwie kam mir der Name bekannt vor, aber mir fiel nicht ein, in welchem Zusammenhang. Ich schüttelte den Kopf. »Erinnerst du dich an die gescheiterte Mars- Mission im Jahr 2022?« »Ich erinnere mich nur an gescheiterte Mars- Missionen«, erwiderte ich. »Ich meine die bemannte, die erst nach vier Jahren zurückkehrte, weil das Raumschiff erst ein ganzes Stück Richtung Jupiter fliegen und dann einen riesi- gen Umweg machen mußte, bevor es wieder in Erd- nähe gelangte.«, »Das war vor meiner Zeit.« »Heloise ist die einzige Überlebende von den sechs Missionsteilnehmern. Ich lernte sie kennen, als ich hier gearbeitet habe, bevor ich nach Rom ging zum Studieren. Sie hatte sich Venedig als Alterssitz gewählt und wohnte hier im Ospedaletto. Ich habe sie betreut.« »Du hast als Pflegerin gearbeitet?« Sie nickte. »Ich war damals für STOP aktiv, aber das brachte mir nichts ein, war eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ich brauchte einen Job nebenher. Also wurde ich Altenpflegerin.« »Was war STOP?« »›Save Terra from Over-Population.‹« »Nie gehört.« »Kondome für die Welt. Internetseiten in allen Sprachen der Dritten Welt über Familienplanung und Empfängnisverhütung. Hat nicht viel genützt. Aber wir sagten uns, wenigstens haben die Kinder ihren Spaß, die Kondome zu Luftballons aufzublasen.« »Und du hast hier im Castello gewohnt?« »Ja, ich hatte ein Zimmer im Ospedaletto. Das ist ganz in der Nähe. Ich zeige es dir.« Wir gingen die Calle Barberia delle Tole entlang in Richtung des Campo de Santi Giovanni e Paolo, bogen aber kurz davor rechts ab und betraten ein von außen recht unscheinbar wirkendes Gebäude direkt neben der pompösen Barockfassade der Chiesa di, Santa Maria del Derelitti. »Das Ospedaletto war früher ein Waisenhaus«, er- klärte Renata, »aber es war berühmt für seine Musik- darbietungen im Sala Musica im ersten Stock. Es gibt auch heute noch Konzerte dort, aber leider nur selten.« Dann zeigte sie mir eine architektonische Beson- derheit: eine spiralförmige Wendeltreppe aus großen Steinplatten in einem Rundturm hinten am Gebäude. »Das ist die Chiocciola. Der einstige Besitzer die- ses Bauwerks imponierte seinen Gästen damit, indem er hoch zu Roß im dritten Stock erschien, nachdem er sein Pferd diese Spirale hatte erklimmen lassen.« Der Turm und die umliegenden Gebäude beher- bergten nun ein Altenpflegeheim, das dem Ospedale Civile in der Nähe angegliedert war. Die Gebäude- flügel umgaben einen geräumigen Innenhof, in dem man eine Caféteria eingerichtet hatte. »Setzen wir uns. Sie wird bald kommen«, sagte Renata. »Als ich hier arbeitete, haben sie in diesem Hof Leichen gewaschen und eingesargt. Die Bewoh- ner konnten vom Fenster aus zusehen, wenn einer ihrer Mitbewohner das Zeitliche gesegnet hatte.« »Schauerlich.« Ich blickte mich um. Den Mittelpunkt des gepfla- sterten Hofes bildete ein marmorner Pozzo mit einem rostigen Deckel. Er stand auf einer niedrigen achtek- kigen Marmortreppe und wurde von einem schmie-, deeisernen Zierbogen bekrönt, an dem eine Laterne hing. Unter den weißen Sonnenschirmen standen schmiedeeiserne Tische mit schweren weißen Mar- morplatten. Die Nordseite des Hofs wurde von vier Steinfiguren flankiert. Drei von ihnen stellten, wie mir schien, die Genüsse des Lebens dar, während die vierte, links außen, im Schatten einer Zypresse, wohl die Allegorie arroganter Gelehrsamkeit sein sollte. Plötzlich war über uns ein Scharren und Schleifen zu hören, das ich nicht einordnen konnte. War es ei- ne Art Kehrmaschine oder ein Reinigungsroboter? Das Geräusch hielt etwa zehn Minuten lang an und schien näher zu kommen, dann tauchte am Eingang zum Turm mit der Wendeltreppe das wunderlichste Gebilde auf, das mir je begegnet war. Es sah aus wie ein aus kräftigem Silberdraht gesponnener Sessel, oder eher ein Strandkorb, der mit den wallenden Be- wegungen seiner Drahtbürsten oder Tentakel oder wie man die sich windenden, wogenden dünnen Bar- ten aus elastischem Stahldraht bezeichnen sollte, die- ses scharrende, kratzende Geräusch erzeugte. Eingebettet in die Mitte dieses Kokons lag – wie ein Ei im Nest – eine winzige, zierliche Gestalt in einem blaßblauen Overall. Auf den ersten Blick hätte man sie für eine Puppe halten können. Sie sah schrecklich hinfällig und kraftlos aus, bis sie einen Finger hob, mit energischer Geste auf uns deutete und kommandierte:, »Dahin!« Der Korbstuhl richtete die Sehzelle am oberen En- de auf uns, straffte seine Drahtbürsten und setzte sich in unsere Richtung in Bewegung. »Renata«, rief sie, »wie schön, dich wiederzuse- hen! Wie ist es dir ergangen, Mädchen? Ich sehe, du hast eine Freundin mitgebracht.« »Domenica Ligrina. Sie hat mit mir studiert. Wir sind beide in diesem Frühjahr fertig geworden.« »Biologie, wenn ich mich nicht irre.« »Botanik.« »Wie schön.« »Ich bin der einzige noch lebende Mensch, der jenseits des Mars gewesen ist«, sagte Heloise Abret und reichte mir die Hand. Die fühlte sich an wie ein winziges scheues Tier, und ich ließ sie sofort wieder los, um ihr nicht weh zu tun. Sie deutete über die Schulter. »Abe, mem Lebensgefährte.« Was meinte sie damit? Hinter ihr stand niemand. Meinte sie etwa das ausgefahrene Kameraauge ihres beweglichen Sessels, das über ihrem Kopf aufragte und auf uns gerichtet war? In ihren dunklen Augen blitzte Energie, während ihr Körper, zermürbt von der langen Schwerelosig- keit und ausgedörrt von der harten Strahlung wie ein Herbstblatt, schlaff in der zärtlichen Umarmung der Maschine hing. »Wie geht es dir, Heli?« fragte Renata., »Die NASA sorgt für mein Wohlergehen«, sagte sie und fletschte ihr Gebiß. »Ob sie will oder nicht. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig. – Laß mich nicht so durchhängen, Abe! Ich krieg ja keine Luft mehr.« Abe winselte und richtete sich scharrend auf. Heloise öffnete mit zitternden Händen den Reißverschluß ihres Overalls ein Stück weit. Ich hatte noch nie ei- nen so ausgemergelten menschlichen Körper gese- hen. Ihre Haut war fast schwarz und von hellen Flek- ken übersät, wo das Pigment zerstört war. »Was wollt ihr trinken, Schätzchen?« fragte sie. »Geht alles auf Kosten der NASA. Sie schuldet mir mein Leben. Aber ich will nicht hadern. Mir geht es den Umständen entsprechend hervorragend – was man von der Weltraumbehörde ja nicht eben behaup- ten kann.« Und das feine Gespinst am Rand ihrer Liegemulde tätschelnd fügte sie hinzu: »Und Abe paßt gut auf mich auf. Was führt euch in diese schö- ne Stadt? Wird Rom bereits evakuiert?« Wir erzählten Heloise von unseren Verträgen bei dem Rinascita-Projekt und daß wir hier in Venedig eine Ausbildung beim NNTR bekommen sollten. »Aber man hat euch noch nichts Konkretes ge- sagt.« Sie nickte und kaute auf der Unterlippe. »Wahrscheinlich sind noch Eignungsprüfungen fällig. Medizinische Untersuchungen. Wir Astronau- ten wußten auch oft am Abend vor dem Start noch, nicht, ob wir wirklich dabei sein würden.« Heloise schwieg eine ganze Weile, dann sagte sie: »Da muß es sich um etwas völlig Neues handeln. Der Heilige Stuhl, das NNTR, das CIA, das CHI, der Papst und Ishida in einem Boot – welch unheilige Allianz! Das sind ja ganz ungewöhnliche Verbin- dungen. Da tun sich ganz neue Dimensionen auf! Hättest du das gedacht, Abe?« »Nein«, sagte Abe. Sie schloß die Augen und ließ sich in ihr ausge- kleidetes Nest aus Drahtwolle zurücksinken. »Komm, Abe«, sagte sie. »Ich bin erschöpft. Lebt wohl, ihr beiden. Und besucht mich bald wieder.« Abe erhob sich und setzte sich schleifend und schurrend in Bewegung. Noch Minuten lang waren die Geräusche auf den Steinplatten der Wendeltreppe zu hören, bevor sie oben im dritten Stock verstumm- ten. * »Seppia d’Oro«, die »goldene Tinte« nannten die Venezianer die Nanos. Mittags lag die Lagune schwarz unter der Sonne, wenn sie schwärmten und sich vermehrten. Inzwi- schen mußten es Quadrillionen sein. Die Wasser- oberfläche schimmerte golden. Im Norden lag San Michèle, das große Totenfloß der Stadt, wo Zehntau-, sende von Leibern im kalten Schlamm eingebettet oder in Steintrögen und von Akazien beschatteten Nischen auf den Jüngsten Tag warteten. Was würde geschehen, wenn dieses Gewimmel sie erfaßte und die große Transsubstantiation der Toten begann? Tagsüber, wenn der Wind von den Eisdämmen hereinwehte, war es angenehm kühl in der Stadt, und die Bewohner öffneten Fenster und Türen. Abends, wenn er vom Festland her wehte, trug er manchmal Schwärme von Stechfliegen und Moskitos heran von den zahllosen Kanälen und Mündungsarmen. Dann schlossen die Straßencafés zeitig, und niemand hielt sich ohne Not im Freien auf. Überall sah man Flie- gengitter in Türen und Fenstern. Sie werden die Stadt retten und an die Malaria verlieren, sagte ich mir. Oder sie werden neue Nanos austüfteln, die dieses Ungeziefer in Diamanten verwandeln, indem sie die Chitinpanzer dieser Insekten einfach in kristallinen Kohlenstoff transformieren. Am Morgen waren die Korallenriffe des Thetis- Meers in Dunst gehüllt, dafür hing Ishida als Cherub über den Wassern jenseits von San Michèle. Die Prinz Eugen fuhr hindurch wie durch eine Wolke, und für eine Minute waren die Augen des Professors zu sehen, wie sie auf der Ballonhülle nach hinten rutschten und von den Turbulenzen der Motoren ins Wallen gerieten, bevor sie wieder an ihren Platz zu-, rückfanden. Dann blickte er wieder lächelnd herab wie ein zufriedener Gottvater, der nach getaner Ar- beit am siebten Tag seine Schöpfung ins Auge faßt. * »Ein Anruf für dich, Domenica«, sagte Luigi. »Wer denn?« »Keller, Bernd.« »Okay, ja. – Hallo, Bernd! Ist das eine Überra- schung!« »Ganz meinerseits, Domenica. Du weilst also noch unter uns.« »Was meinst du damit?« »Noch nicht durch Raum und Zeit geschickt?« »Was soll das heißen?« Eine Biene ließ sich auf dem Rand meines Glases nieder und kroch die Krümmung entlang. Ich sprang auf und stieß versehentlich meinen Stuhl um. Die Gäste am Nebentisch warfen mir einen erstaunten Blick zu. Ich ging ein paar Schritte auf den Platz hin- aus. Der Wirt des Cavailo hob fragend den Kopf. Ich bedeutete ihm, daß ich telefonierte. »Tu nicht so, Domenica«, sagte Bernd. »Es gibt inzwischen einige Gerüchte über die Aktivitäten die- ses fabelhaften Istituto della Rinascita.« »Zum Beispiel?« »Man benutzt Tunnel, durch die man in die Ver-, gangenheit kriechen kann.« »Kriechen? Das ist das erste, was ich höre. Dann weißt du mehr als ich«, antwortete ich. »Du darfst nicht darüber reden. Das ist mir schon klar.« »Natürlich kann ich darüber sprechen. Ich wüßte nur nicht was.« Hatte er mir nicht mehr zu sagen? Das Gespräch nervte mich zunehmend. Ich konnte mich nicht auf seine Worte konzentrieren. »Weil man dir eine Gehirnwäsche verpaßt hat.« »Hör mal, Bernd …« »Du hast es wahrscheinlich nicht einmal ge- merkt.« Sein lauernder Tonfall und sein besserwisserisches Gehabe ärgerten mich. Weshalb sollte ich mit ihm überhaupt darüber diskutieren? Er hatte es vorgezo- gen auszusteigen. Das war seine Entscheidung gewe- sen. Oder vielmehr die seiner Schwester. Was wollte er also? Ich hatte keine Lust mehr, mit ihm über die- ses Thema zu diskutieren. Ich wollte mit überhaupt niemandem darüber diskutieren. Es machte mich nervös. »Rufst du mich deshalb an, Bernd? Ich versteh nicht recht, was du willst. Möchtest du mich vor et- was warnen – oder …?« fragte ich ihn. »Ja … Das heißt nein. Es ist deine ganz persönli- che Entscheidung. So muß es auch sein.«, »Das sagtest du mir schon einmal, aber ich verste- he immer noch nicht, was du damit meinst.« Meine Ungeduld wuchs. »Es ist auch besser so. Du wirst nicht verlorenge- hen wie so viele andere. Du wirst wieder zurück- kommen. Ich bin jetzt auch ganz sicher, daß du keine ältere Schwester hast. Das bist du selbst. Ich bin dir begegnet«, sagte Bernd. »Wo?« »Auf dem Bahnhofsplatz. Vor Termini.« »Wann?« »Am zweiundzwanzigsten Juni. Ich habe dich da- mals angerufen.« »Ich erinnere mich an deinen Anruf. Er kam mir ziemlich konfus vor«, entgegnete ich. »Ja. Ich war damals ziemlich durcheinander. Du hattest mir einen ziemlichen Schreck eingejagt, denn du warst völlig verändert – älter. Und du hattest so komisches Zeug geredet. Aber inzwischen habe ich eins und eins zusammengezählt …« »Und dabei hoffentlich zwei herausgekriegt.« »Ich glaube nicht.« Wir schwiegen beide. Also würde ich ihn irgend- wann einmal auf der Piazza del Cinquecento treffen, weil ich ihn dort getroffen hatte. Das war zwar ab- surd, aber durchaus folgerichtig. »Wie geht es dir? Wie geht es Birgit?« fragte ich. »Es geht uns gut.«, »Habt ihr eine Stelle gefunden?« »Noch nicht. Ich mache noch ein freiwilliges Se- mester, soweit das überhaupt noch möglich ist. Die Fakultät befindet sich in Auflösung, aber sie haben mir noch ein Stipendium bewilligt. Birgit jobt in ei- nem Café an der Piazza della Rotonda«, antwortete Bernd. Ich nickte. Das alte Lied. »Grüß sie von mir. Und mach’s gut, Bernd.« »Mach du’s auch gut, Domenica.« * In dieser Nacht hörte ich Geschrei und das Geräusch rennender Menschen in den Gassen. Tausende schwarzer Leiber waren aus der Lagune an Land ge- krochen und versuchten, die alten Ziegelmauern zu überwinden, die das östliche Castello und das Arse- nal säumen. Einige hatten es schon bis in die Stadt geschafft, ehe sie entdeckt und erschlagen wurden. Sie sahen aus wie menschengroße schwarze Nackt- schnecken, und viele von ihnen trugen verfaulte Kleidungsreste oder verrottete Bahrtücher. Kaum hatte man sie erschlagen, verwandelten sich diese Wesen in Pfützen aus stinkendem schwarzem Schleim, deren Oberfläche golden schimmerte. Eine aufgebrachte Menschenmenge hatte sich vor dem Institut versammelt und versuchte, mit Pflaster-, steinen die Scheiben der Fenster einzuwerfen, doch jedesmal verschwanden die Fenster, und die Steine polterten wirkungslos gegen das nackte Mauerwerk. Später in der Nacht ging ein Hagelschauer nieder. Die Hagelkörner sprühten über die Dächer und sam- melten sich in den Straßen und auf den Plätzen. Im Licht des Vollmonds blitzten sie wie Milliarden Bril- lanten. Als ich erwachte, prasselte Regen gegen die Scheiben. Ich öffnete die Fliegengittertür zur Loggia, trat hinaus und atmete tief die kühle, feuchte Nacht- luft ein. Im Osten sah man die Blitze eines abziehen- den Gewitters. Die Wolken brachen auf. Ein abneh- mender Mond hatte den Zenit erklommen und hing klein wie der Schädel einer Katze zwischen drei ein- samen Sternen. Die Lagune schien wie mit Teer aus- gegossen, und die Riffe des Thetis-Meeres schim- merten am Horizont wie Totengebem. Die Mauern von San Michèle ragten auf wie ein dunkles Kastell, von wachsamen Zypressen gesäumt. Mich fröstelte, und ich floh zurück in die behagli- che Geborgenheit meines Bettes.,

VII Solitone

»ALSO KANN GEGENSTAND JEDES ERKENNTNIS- VERMÖGENS NUR DIE GLEICHHEIT SELBST SEIN, DIE SICH IN IHRER ÄHNLICHKEIT OFFENBAREN KANN. DAHER IST NUR DIE GLEICHHEIT GEGEN- STAND DER SINNLICHEN WIE AUCH DER VORSTEL- LENDEN UND DER VERNUNFTHAFTEN ERKENNT- NIS. VON NATUR ERKENNT DAS VERMÖGEN DEN IHM ENTSPRECHENDEN GEGENSTAND. ERKENNT- NIS ABER KOMMT DURCH ÄHNLICHKEIT ZUSTAN- DE. DAHER IST GEGENSTAND ALLER ERKENNT- NISVERMÖGEN DIE GLEICHHEIT, DEREN ÄHN- LICHKEIT ALLE ERKENNTNISVERMÖGEN IN DIE WIRKLICHKEIT ÜBERFÜHRT. … JEDE ÄHNLICH- KEIT ABER IST ERKENNTNIS – BILD ODER ZEI- CHEN DER GLEICHHEIT.« Nicolaus Cusanus »Dabei ist es ja überhaupt nicht schwer, in der hohen Atmosphäre des Mars ein Airbreaking durchzufüh- ren. Viel leichter als in der Erdatmosphäre. Stellt euch ein Insekt vor, das durch eine Jalousie fliegen muß, um in ein Zimmer zu gelangen: Es muß in ei- nem ganz bestimmten Winkel zwischen zwei Lamel- len hindurch. Während auf der Erde die Lamellen der, Jalousie nur wenig Zwischenraum haben, stehen sie auf dem Mars weit auseinander, bilden also praktisch kein Hindernis. – Massier mir ein wenig den Rücken, Abe. Aber vorsichtig. Mein Rückgrat ist ganz ver- spannt. Ja, so ist’s gut. – Wo war ich stehengeblie- ben?« fragte Heloise Abret. »… bilden also praktisch kein Hindernis«, sagte Abe. »Was?« »Während auf der Erde die Lamellen der Jalousie nur wenig Zwischenraum haben, stehen sie auf dem Mars weit auseinander, bilden also praktisch kein Hindernis«, wiederholte Abe. »Danke, Abe. – Ich übertreibe etwas, meine Lie- ben. Aber die Skalenhöhe der Atmosphäre ist im Fall des Mars viel ausgeprägter. Das heißt, die Marsatmo- sphäre ist viel dünner als die der Erde, aber wegen der geringeren Schwerkraft reicht sie viel höher hinauf in den Raum. Sie nimmt in ihrer Dichte nur alle zehn Kilometer um die Hälfte ab, anstatt alle fünf, wie bei der Erde. Außerdem hat die Marsatmosphäre das drei- fache Molekulargewicht, weil der Anteil schwerer Gase höher ist. Also geradezu – nicht so fest, Abe –, geradezu ideal für eine Luftbremsung und noch eine – touché! – touché!« sagte Heloise und schnitt mit ih- rem perlmuttbesetzten Taschenmesserchen, an dem ein Silberkettchen baumelte, schräg in die Schale der Orange, die sie in der Linken hielt., »Und dann hätten wir auf unserem schön geka- chelten Bauch hinuntergleiten sollen wie ein Stück Seife in die Badewanne. Aber wir schafften es nicht und kreiselten heran auf einer erratischen Bahn wie eine Bola, deren Schnüre sich verheddert haben. Und das buchstäblich. Als wir nämlich die Trosse ab- sprengen wollten, die uns mit der Aufstiegsstufe ver- band – den ›tether‹ nennen sie es bei der NASA –, machte es nicht peng, sondern nur plopp. Und als wir unser Gegengewicht endlich los waren, trudelten wir derart, daß der Computer außerstande war, die Lage vor der ersten Bremsung unter Kontrolle und den Hitzeschild in Position zu bringen. ›Ihr seht sehr gut aus‹, versicherte uns Houston immer noch, als bei uns schon seit zehn Minuten die Hölle los war, und als uns endlich die zeitversetzte Reaktion der Flug- kontrolle erreichte, verebbten erregte Schreckensrufe in entsetztem Schweigen. Sie konnten uns beim be- sten Willen nicht helfen, die Sesselfurzer in Houston; sie lebten hoffnungslos in unserer Vergangenheit. Dann flogen wir in den Funkschatten hinein, und der Kontakt brach ganz ab. Wir mußten den Anflug abbrechen. Klar. Mit ein wenig Glück wären wir knapp an der äußersten At- mosphäre entlanggeschrammt und auf einer freien Rückkehrbahn geblieben. Einen äußeren Planeten fliegt man immer in seiner Bewegungsrichtung auf der sonnenabgewandten Seite an. Wenn es schief-, geht, dann PAMAO. Das hört sich an wie ein tropi- sches Urlaubsparadies, nicht wahr? Im NASA- Kauderwelsch heißt das Passing Mars Abort Option und bedeutet die Höllenvariante von Apollo 13. Aber immerhin: Man bekommt einen Schubs, der einen wieder ins Systeminnere trägt. Das Glück hatten wir aber nicht. Wir produzierten einen Abpraller an der Atmosphäre wie ein Kiesel auf einem Teich, das heißt, der Mars versetzte uns einen Schwinger, der uns aus der Bahn warf und ins äußere System schleuderte. Das bedeutete, daß der Mars und die Sonne das Bremsen übernehmen mußten, und das dauerte elend lange.« Heloise blickte in die Ferne. Der Perlmuttgriff ih- res Messerchens funkelte, das Kettchen blitzte. »Das Vallès marineris zog unter uns dahin. Es sah aus wie eine schreckliche Axtwunde im Schädel ei- nes erschlagenen Kriegers. Dort unten hätten wir landen sollen, zwischen dem westlichen Einzugsbe- reich des Grabenbruchs und dem Fuß des mit Mon- stervulkanen besetzten Tharsis-Rückens. Dort ver- muteten die Wissenschaftler des Geological Survey interessante Funde. Es handelte sich zwar um eine unter Areologen ziemlich umstrittene Hypothese, aber immerhin: Sie war geeignet, private Geldgeber anzulocken, und die NASA benötigte ihr Geld drin- gend für die Mars-Missionen. Man vermutete, daß es sich beim Hellas-Becken auf der gegenüberliegenden, Seite des Mars um den Einschlagkrater eines größe- ren Planetoiden handelte, der, was weiß ich« – sie stach mit dem Zeigefinger in die Frucht –, »ein paar hundert Millionen Jahre nach der Planetenbildung die Kruste durchbrochen hatte und tief in den Mantel eingedrungen war. Die Stoßwelle des Zusammen- pralls, so ergaben Modellrechnungen, hatte sich demnach quer durch den Planeten fortgepflanzt und einen Plume aus Kernmaterie aufgetrieben. Dieser wölbte schließlich den Tharsis-Rücken auf und war Ursache für die riesigen Schildvulkane, die sich über ihm auftürmen.« Heloise drehte die Orange um und betrachtete sie von der anderen Seite. »Durch sie musste, vermuteten die Befürworter dieser Theorie, einiges Material aus dem Kern bis an die Oberfläche befördert worden sein – eine Menge schwerer Elemente wie Uran, Platin, Gold und selte- ne Erze, die für eine Besiedelung des Mars und den Aufbau einer Raumfahrtindustrie in situ von eminen- ter Bedeutung sein würden. Gigantische Lavahöhlen voller unermeßlicher Schätze, gut verborgen vor den Blicken aus dem All. Wir hätten sie nur aufzusam- meln und zur Erde zu bringen brauchen. Tja, daraus wurde nun aber nichts. Mars adieu! Wir flogen vorbei und hinaus in die Nacht und die Sonnenferne Kälte. Die halbe Strecke zum Planetoi- dengürtel lag vor uns, bis wir unseren Umkehrpunkt erreichen würden, bis unsere Geschwindigkeit aufge-, zehrt wäre und wir zurück ins innere System fielen. Die K-Strahlung peitschte uns manchmal derart ins Gesicht, daß wir wenig Hoffnung hatten, jemals wieder lebend nach Hause zu kommen. Auf die künstliche Schwerkraft mussten wir auch verzichten, nachdem wir uns von der Aufstiegsstufe getrennt hatten. Mission Control rechnete und rechnete. Sie trauten sich gar nicht, es uns zu sagen, denn was sie uns präsentieren konnten, war ein deprimierender Schnittmusterbogen von Hohmannbahnen: weit hin- aus, dann weit hinein und an der Venus vorbei – so daß es mehr als drei Jahre dauern würde, bis wir wieder in Erdnähe kamen. Nicht wahr, Abe?« »Um ehrlich zu sein, Heli, solche Berechnungen übersteigen die Rechenkapazitäten, für die ich ausge- legt bin, bei weitem.« »Was solltest du dich auch mit solchem Zeug be- lasten?« sagte sie und winkte gutmütig ab. »Die Techniker in Houston fanden den Fehler übrigens rasch, der zu der Panne geführt hatte. Sein Auftreten wäre leicht vermeidbar gewesen, aber technische Vorgänge, die man hundertmal im Computer simu- liert hat, gelten als sicher. Um diese Zeit entdeckte ich die Segnungen des SimStim; ich flog mit den Wildgänsen und den Schwalben und am Schluß mit den Adlern. Aber, meine beiden Lieben, die Zeiten wurden hart. Grausam hart.« Heloise schlitzte die Frucht mit dem Fingernagel, auseinander und schob sich ein Segment in den Mund. »Die Rationen wurden auf das absolute Minimum gesenkt. Es war barbarisch. Und wie recyceltes Was- ser schmeckt, kann nur der ermessen, der es probiert hat. – Kannst du nicht mal die Schalen hier ver- schwinden lassen, Abe?« Abe fuhr zwei Tentakel aus, klaubte die Orangen- schalen zusammen und ließ sie irgendwo im Innern seines Körpers aus Drahtgeflecht verschwinden. »Ja, so war das, meine Lieben«, sagte Heloise und zupfte in Erinnerungen versunken am Kettchen ihres Messers herum. »Mars wurde zur Sichel und die Sonne immer kleiner. Es war bedrückend. Dieses blasse, kraftlose Lichtlein sollte uns aufhalten und zurückholen können? Vielleicht drifteten wir ja allen physikalischen Gesetzen zum Trotz hinaus in die in- terstellare Nacht? Manchmal, wenn ich in der Dun- kelheit wach lag, glaubte ich schon das Grollen der zermalmenden Stürme auf dem Jupiter zu hören. Schließlich krochen wir nur noch dahin – noch ei- ne Lichtsekunde und noch eine. Der Umkehrpunkt war wie eine Wintersonnenwende: Der fernste Punkt war zwar überwunden, aber der lange kalte Winter lag noch vor uns. Um diese Zeit entdeckte Chris das Melanom auf seiner Schulter. Er ging einfach hinaus, überlistete die Schleusen-Anzug-Sicherung und stieg aus. ›Lebt wohl und kommt gut nach Hause‹, hatte er, auf dem Bildschirm hinterlassen. Er reiste hundert- zwanzig Millionen Kilometer weit an unserer Seite – bis zur ersten Kurskorrektur für den Venus-Swingby. Da verließ er uns.« Heloise beschirmte die Augen und blickte in den Himmel über dem Ospedaletto, der vom mächtigen Turm von Santi Giovanni e Paolo beherrscht wurde. Im gnadenlosen Herbstlicht war ihr Gesicht wie ein von der Erosion der Zeit zerklüftetes altes Land, aus- gezehrt von Entbehrung und Dürre – eine zu Trok- kentälern und Dünen geformte Epidermis. Doch ihr Lächeln schob alle Häßlichkeit beiseite. Heiter sagte sie: »Er ist immer noch irgendwo da oben, vielleicht noch einige hunderttausend Jahre lang. – Abe, was soll das? Habe ich dich um irgend etwas gebeten?« »Entschuldigung, Heli. Ich habe dich in den Schat- ten gerückt.« »Danke, Abe. Das ist sehr aufmerksam von dir. – Nun, eine Nase zum Atmen und ein Mund zum Es- sen weniger, das kam uns natürlich zugute. Wir ha- ben es ja schließlich auch geschafft. Aber es war nicht mehr viel von uns übrig, als sie uns fünf Licht- sekunden von hier mit einem Shuttle auffischten. Wir mußten ja damals noch ein halbes Jahr vor der Haus- tür ausharren, auf der alten, nie ganz fertig geworde- nen ISS, bis wir in der Zentrifuge gelernt hatten, auf- recht im Rollstuhl zu sitzen, bis wir die Kraft hatten, daß uns der Kopf nicht bei einem halben Ge auf die, Brust sank«, sagte sie und seufzte. »Inzwischen sind sie ja alle tot: Natascha und Caroline, Brad und Ra- phael. Gehirntumor, Anämie, Knochenkrebs. Wir sind einfach nicht optimal konstruiert für so etwas. Oder noch nicht«, setzte sie hinzu. »Aber ich lebe!« rief sie und hieb mit der kleinen Faust auf die Armliege, daß sich Abe erschrocken aufrichtete. »Ich bin glimpflich davongekommen. Irreversible Atropie der Muskulatur und fortgeschrit- tene Osteoporose. Abe muß mich transportieren wie ein rohes Ei, nicht wahr, Abe?« »Oh … hm. Wenn du das sagst. Um ehrlich zu sein, ich war noch nie mit dem Problem konfrontiert, ein rohes …« »Laß gut sein, Abe. Wir wollen das Thema nicht vertiefen.« »Wenn du meinst.« Sie schlitzte mit dem Daumennagel weitere Seg- mente der Frucht auseinander und riß den Rest der Orange in Stücke. »Jetzt wird man also Menschen nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit schicken«, sagte Heli. »He, Vorsicht! Ist hier irgendwo ein Kurzschluß oder was?« rief Renata und hob den Kopf; sie schnüffelte und musterte prüfend das Metallgeflecht um die ausgepolsterte Sitzmulde. »Einen Moment lang dachte ich, etwas hätte Feuer gefangen.«, Heloise hatte in ihren Bewegungen innegehalten und blickte sie an. »Es ist alles in Ordnung, Schätz- chen. Du brauchst mir nichts zu sagen. Überhaupt nichts. Und du auch nicht«, sagte sie zu mir. »Nicht daß hier wirklich etwas Feuer fängt oder gar noch Schlimmeres passiert« – sie schob sich kichernd ei- nen Orangenschnitz zwischen die runzligen Lippen und mummelte feixend. – »Ich weiß doch, wie so etwas gemacht wird. Es ist harmlos. Man hat euch beigebracht, die Zunge im Zaum zu halten.« Renata und ich sahen uns an. »Mir erschien Zeit immer als etwas Ungeheuerli- ches, etwas Unbesiegbares. Wie eine Planierraupe, die uns langsam, aber mit unerbittlicher Grausamkeit in die Zukunft schiebt. Manchmal qualvoll langsam, wie in meinem Fall.« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Jetzt ist auch sie besiegt. Oder kann man das nicht so sagen?« »Es ist wohl erst ein Anfang«, wollte ich sagen, aber meine Kehle war wie zugeschnürt. »Habt ihr Angst, Mädchen?« fragte Heloise plötz- lich. »Ja«, sagte Renata. Ich nickte. »Ich hatte auch Angst damals. Eine Scheißangst.« »Es geht ja nicht immer alles schief«, sagte Renata munter; die Bernsteinsplitter in ihren Augen blitzten unternehmungslustig. »Inzwischen leben mehr als, hundert Leute allein in Port Abret.« Heloise winkte geringschätzig ab. »Das hätten sie sich sparen können, eine Siedlung nach mir zu benennen. Zuviel der Ehre. Ich hab den Mars ja nie betreten. Was sagst du dazu, Abe?« »Nichts«, erwiderte Abe. »Du hast wie immer recht, mein Goldstück.« Sag- te sie und reckte das Kinn. »Was nun diese Zeitreise- Experimente betrifft, ich weiß seit Jahren, daß da et- was im Busch ist. Pläne gibt es seit langem. Ich hatte genügend Muße, mich mit den mathematischen Ar- beiten von Hla Thilawuntha zu beschäftigen, den man für den wiedergeborenen Ramanujan hält – was übrigens gar keine so abwegige Vermutung ist, wenn es um Zeitreise geht.« Ich sah, wie sich eine Biene auf ihrem Handrücken niederließ. Heloise und Renata schienen das Insekt nicht zu bemerken. Ich war mir sicher, daß es nur in meiner Vorstellung existierte, aber der Zwang, es zu vertreiben, war schier übermächtig, und es kostete mich Überwindung, ruhig sitzen zu bleiben. »Dieser Frans«, sagte sie, »den sie angeblich zum Holzholen schicken … Ich wundere mich seit Jahren, woher plötzlich die Baupläne des einen oder anderen Palazzo kommen, die in letzter Zeit aufgetaucht sind. Sie galten seit Jahrhunderten als verschollen. Ich konnte mir keinen Reim daraufmachen. Du, Abe?« »Nein«, sagte Abe., Ihre Hände waren in den Schoß gesunken, und ihr Blick ruhte auf mir. Ich glaube, sie blinzelte nicht einmal. Ihre sonst so lebhaften dunklen Augen waren ganz starr. Mir war, als seien alle Geräusche um uns herum erstorben, und die Zeit hätte sich verlangsamt. Nichts schien sich mehr zu bewegen. Selbst das Licht schien irgendwie schwächer geworden zu sein, als hülle uns ein unsichtbarer Dunst ein. Furcht über- kam mich. Plötzlich hob sie ihre kleine krallenartige Hand und deutete mit ihrem Messer auf mich. Der Perl- muttgriff funkelte, und das hin und her baumelnde Silberkettchen blitzte. »Dir wird nichts geschehen«, krächzte sie, »solan- ge du dich nicht zu weit von dir selbst entfernst. Es wird nicht immer leicht sein, aber du kannst in deine Welt zurückkehren. Du mußt es nur wollen. Sieh mich an, ich habe es auch geschafft. Das gilt auch für dich, Renata. Denkt immer daran.« Sie schloß die Augen und ließ sich in ihre gepol- sterte Ruhemulde zurücksinken, als hätte sie dieser Ratschlag völlig erschöpft. »Komm, Abe«, sagte sie leise, »bring mich nach oben.« Abe erhob sich, setzte sich knisternd und schar- rend in Bewegung und strebte auf den Eingang des Treppenhauses zu., * »Wir sind hier lediglich mit dem Adressieren befaßt, meine Damen und Herren«, sagte Ishida; er lehnte sich auf seinem Dozentenplatz am Kopfende des al- ten Hörsaals zurück und verschränkte die Hände im Nacken. Wir saßen in einem lichtdurchfluteten Halbrund und kamen uns etwas verloren vor zu viert auf den ansteigenden Sitzbänken. Der Professor trug ein ze- remonielles Gewand im klassischen japanischen Stil aus schwerem dunkelblauem Stoff mit silbernen Bor- ten und hatte mit untergeschlagenen Beinen auf einer schneeweißen Tatami Platz genommen. »Diese Adressen bestehen aus Datenpaketen, von denen jedes eine hinreichend genaue Szene aus der Vergangenheit eines speziell ausgesuchten Ortes wiedergibt: dem Zielzeitpunkt für den Reisenden. Ich sage ausdrücklich ›hinreichend‹, nicht ›exakt‹. Eine exakte Nachbildung ist prinzipiell unmöglich, aber auch nicht erforderlich, wie sich gezeigt hat. Es geht nicht um die Herstellung von Identität, sondern um die Herstellung von Gleichheit, genauer gesagt: um die Herstellung von Assoziation. Assoziation ist – wie in der Kunst auch – das verbindende Element. Vor allem – aber nicht nur – geht es dabei um opti- sche Entsprechung. Sie wird durch holographische und andere Simulationstechniken erreicht. Um es, salopp auszudrücken: Wir stellen den Passer her, der das Hier und Jetzt mit dem Dort und Damals zur Deckung bringt – rein technisch gesehen. Bei einer hinreichenden Assoziation tritt zwischen den beiden raumzeitlichen Zuständen, dem simulier- ten Zustand und dem wirklichen, eine Art Ver- schränkung auf. Ungeachtet des zeitlichen und räum- lichen Abstands zwischen den beiden Punkten wird eine Verbindung hergestellt, die wir zu benutzen ge- lernt haben – auch wenn wir nicht verstehen, wie sie zustande kommt. Man kann diese Verbindung mit einer EPM-Brücke vergleichen, einer Ein- stein/Podolski/Rosen-Brücke, wie sie im subatoma- ren Bereich auftritt. Einstein nannte das Phänomen übrigens eine spukhafte Fernwirkung – und es liegt mir fern, ihm zu widersprechen. Daß so ein ähnliches Phänomen auch im makroskopischen Bereich mög- lich sein könnte, ahnte vor Hla Thilawuntha nie- mand.« Die Tatami hatte sich aus dem Brennpunkt des Saals erhoben und war auf halber Höhe zum Still- stand gekommen. »Die optische Entsprechung oder Assoziation scheint die wichtigste Voraussetzung für diese Brük- ke zu sein, die es einem Reisenden erlaubt, an den ausgewählten Ort in einer ausgewählten Zeit zu ge- langen. Die Wichtigkeit der optischen Entsprechung hat ihren Grund möglicherweise in der Tatsache, daß, Photonen zueinander in einem instantanen Verhältnis stehen. Das heißt, für sie existiert keine Zeit. Die strukturelle Ähnlichkeit von optischen Szenarien führt dazu, daß – so die hypothetische Annahme – die Zeit dazwischen quasi aufgehoben wird. Diese Theorie stützt sich auf eine Tradition, die auf Leibniz und Mach, Boltzmann und Barbour zu- rückgeht. Sie lehnt die Annahme eines Newtonschen Zeit-›Flusses‹ ab, der eindimensional einem Zeitpfeil folgt, und definiert Zeit als sequentielle Ähnlichkei- ten in der Anordnung der Materie im Universum, als strukturelle Assoziationen. Demzufolge stellt man sich ein Gebirge aus Momenten vor, die wie Ge- steinsschichten übereinandergelagert sind. Diese Momente sind jedoch keine Zeiteinheiten, sondern sozusagen Momentaufnahmen derselben Landschaft aus verschiedenen Perspektiven. Jede Momentauf- nahme ist somit eine Zustandsbeschreibung des Uni- versums, welche die jeweiligen Koordinaten sämtli- cher Teilchen in diesem Universum zueinander ent- hält – gesehen aus einem bestimmten Blickwinkel. Diese Koordinaten bilden Strukturen, die sich ihrer Ähnlichkeit nach aneinanderlagern. Ihre Aufeinan- derfolge interpretiert das menschliche Bewußtsein als Zeit-›Fluß‹, aber es sind nur Pfade, die sich das Bewußtsein durch den Wust aus Sinnesdaten, das heißt durch das Koordinatengebirge bahnt. Es gibt jedoch eine Menge solcher Pfade durch die Gebirgs-, landschaft. Unsere Aufgabe hier ist es, nach den Ab- kürzungen zu suchen und sie begehbar zu machen.« Ishida hob abwägend die Hände. Seine Handflä- chen schillerten in den Farben des Regenbogens. »Diese Theorie ist umstritten«, fuhr er fort. »Die meisten Branenphysiker lehnen sie rundweg ab und halten an der Vorstellung des klassischen Raumzeit- Kontinuums von Einstein fest. Sie fuhren das Phä- nomen der Transition vom Hier und Jetzt zum Dort und Damals auf eine Nebenwirkung beim Durchgang sogenannter Zeit-Solitonen zurück, das sind Wellen- fronten, die in unregelmäßigen Abständen unsere Gegenwart in Richtung Vergangenheit und in Rich- tung Zukunft passieren und dabei die Raumzeit ver- formen. Diese Verformungen erzeugen sogenannte gap-junctions in der p-Membran, von der unser Uni- versum eingehüllt ist. Sie brechen also die Grenz- schichten des Hier und Jetzt auf und machen sie für kurze Zeit durchlässig, sowohl in Richtung der Zeit- dimension als auch senkrecht dazu in die sogenann- ten Everett-Welten, das heißt in die Paralleluniver- sen, die ständig entstehen und sich an der Peripherie unserer Wirklichkeit anlagern wie Moleküle bei wachsenden Kristallen. Die Vertreter dieser Theorie stellen sich die Bewegung der Zeitreisenden als eine Art Surfen auf diesen Solitonen vor und halten unse- re Tätigkeit hier tatsächlich nur für ein Adressieren, damit dieser geheimnisvolle Zustelldienst weiß, an, welchem Strand der Surfer abgesetzt werden soll. Wahrscheinlich enthalten beide Annahmen einen Teil der Wahrheit. Jedenfalls lassen sich die Arbeiten des myanmarischen Mathematikers Hla Thilawuntha, die in den zwanziger Jahren im Web erschienen und in der Fachwelt damals großes Aufsehen erregten, in beiden Richtungen interpretieren.« Ishida rieb sich die Hände. Er schwebte inzwi- schen über uns und blickte auf uns herab. Wir blick- ten andächtig zu ihm auf. »Im Grunde sind dies alles natürlich reine Mutma- ßungen, denn wir wissen weder, wie die Transition- stechnik, die wir benutzen – oder besser: die uns mit- zubenutzen gestattet ist –, funktioniert, denn sie wur- de ja nicht in unserer Gegenwart entwickelt, sondern in der Zukunft. Wahrscheinlich in ferner Zukunft, um im klassischen Sprachgebrauch zu bleiben, oder, um syntaktisch konsequent zu sein: Sie wird erst entwickelt werden. Ihre Anwendung erstreckt sich auf unsere Gegen- wart und auf die Vergangenheit. Durch Zufall haben wir die Möglichkeit der Transition entdeckt und ge- lernt, uns ihrer zu bedienen. Den Schlüssel dazu lie- ferte die Mathematik Thilawunthas. Wir sind also im Grunde Nutznießer einer fremden Technik, die wir noch nicht in allen Einzelheiten durchschauen. Das ist keineswegs ungewöhnlich: Wir bedienen uns seit zwei Jahrhunderten der elektrischen Energie, ohne, bisher die Natur des Elektrons restlos enträtselt zu haben. Das nur nebenbei.« Ernesto lachte. Wir lachten mit. Ishida wedelte mit der bunt schillernden Hand. »Unser Wissen über die Transitionstechnik ist, wie gesagt, ziemlich lückenhaft, aber das, was wir über sie herausgefunden haben, ist äußerst kompliziert. Ich werde diese theoretischen Ausführungen nicht vertiefen. Darüber werden Sie – oder zumindest die Physiker unter Ihnen – am CIA, dem Hendrik- Casimir-Institut für Quantengravitations- und multi- dimensionale Grenzschichtenforschungen in Am- sterdam, und am Christiaan-Huygens-Institut für temporale Stratimetrie und strukturale Virtualität in Den Haag, wo Sie Ihre praktische Ausbildung haben werden, noch genug erfahren. Dort werden Sie Be- kanntschaft machen mit Kakus quantenmechanischen Spaghettis und Ed Wittens Katzenwiegen, mit Stringschleifen kleiner als Protonen, aber mit der Masse von Sonnen und anderen Monstern der Quan- tengravitation. Man wird Sie auch quälen … mit der Berechnung des Vergangenheitsendpunkts einer Nullgeodätischen der universalen Hyperbolizität, der Entwicklung eines Zukunfts-Cauchy-Horizonts und mit terminal unzerlegbaren Vergangenheitsmengen. Das Vergnügen, meine Damen und Herren, wird ganz auf Ihrer Seite sein.« Er hob lächelnd das Kinn, und seine Bartkrause, leuchtete im Gegenlicht auf wie ein verrutschter Hei- ligenschein. »Wir wissen auch nichts über die Erfinder und Betreiber dieser Zukunftstechnik. Es gibt Zeitreisen- de, die behaupten, auf ihren Exkursionen seltsamen Wesen aus ferner Zukunft begegnet zu sein, aber las- sen Sie uns bedenken, daß diese Menschen meist un- ter extremer Stressbelastung stehen. Legen wir also ihre Worte nicht auf die Goldwaage, wenn sie von Engeln und sprechenden Ratten berichten. Weshalb reisen wir nicht in die Zukunft, um uns Klarheit zu verschaffen? Ganz einfach: Die Zukunft ist uns nicht zugänglich, weil wir dort über keine korrespondierenden optischen Koordinaten verfugen. Es ist uns unmöglich, eine hinreichende Assoziation zu simulieren. Wir wissen also schlichtweg nicht, wer diese Zukunftsbewohner sind, die uns das Tritt- brettfahren gestatten – ob ferne Menschenabkömm- linge oder Aliens, ob Cyborgs oder Supercomputer, ob es sich um intergalaktische Intelligenzcluster han- delt oder schlichtweg nur um ein automatisches Re- paraturprogramm des Multiversums zur Selbsterhal- tung der Zukunft, das unablässig an seiner Optimie- rung wirkt. Das wird Ihnen Professor Auerbach in Amsterdam mit Begeisterung erklären, und Professor Waalen wird Ihnen seine fabelhafte ›Ausbürst‹- Theorie des Multiversums erläutern, die er sich aus- gedacht hat., Was wir hingegen wissen – und das ist für unsere praktische Arbeit wichtig –, ist das starke Interesse der – nennen wir es, was immer es sein mag, das da in der Zukunft sitzt – INSTANZ an einem grundsätz- lich ungestörten Ablauf der Historie auf dieser Erde, bei Tolerierung von Abweichungen innerhalb einer gewissen Bandbreite – was tatsächlich auf eine Art selbsttätiges Reparaturprogramm schließen läßt. Das heißt, wird durch einen Zeitreisenden eine Verände- rung der überlieferten historischen Wirklichkeit an- gestrebt oder versehentlich herbeigeführt, welche die vorgegebene Bandbreite sprengt, findet die Transiti- on in die Vergangenheit nicht statt, auch wenn alle übrigen Voraussetzungen gegeben sind. Die Logik ist klar: Es tritt ein Paralleluniversum in Existenz, in dem die Transition erfolgt. Das unerwünschte Er- gebnis tritt ein; es wird post factum verworfen; in unserem Universum findet die Transition ad hoc nicht statt. Die Transition findet auch dann nicht statt, wenn uns bei der Adressierung der raumzeitlichen Zielko- ordinaten ein gravierender Fehler unterläuft oder wenn die Person, die befördert werden soll, nicht hinreichend in den Zielzeitpunkt eingepaßt ist. Die- selbe Logik tritt in Aktion: Parallelwelt / Beurteilung der Situation post factum / Verwerfen des Ergebnis- ses / Verweigerung ad hoc. Interessant dürften Grenzfalle sein, bei denen es zu, einem Oszillieren im Grenzbereich der vorgegebenen Bandbreite kommen könnte. Das würde eventuell zu wiederholter Entstehung von Parallelwelten fuhren. Allerdings ist uns bisher kein derartiger Fall bekannt. Das war’s für heute. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren.« Ishida breitete die Hände aus und verschwand in einem veilchenfarbenen Lichtblitz. Ein Gong ertönte wie in einem Shinto-Tempel, und es roch plötzlich nach Räucherstäbchen. »War der gar nicht da?« fragte Renata verblüfft. »Das gehört zur Show«, versicherte Ernesto. Marcello kicherte und sagte: »Und ich fragte mich schon die ganze Zeit, wie er das schafft mit der Lévi- tation.« »Spaß beiseite«, warf ich ein. »Habt ihr das ver- standen?« Mir schwirrte der Kopf. Ernesto wiederum zuckte die Achseln. »Hast du Probleme damit? Das war doch nicht schwer zu ver- stehen.« »Naja, bei dir setze ich das voraus«, sagte ich. »Erklär mir mal, was ein Soliton ist.« »Schick deinen Scarabeo zum Buddeln, Domeni- ca«, forderte er mich auf. »Okay, das werde ich tun. Aber ich muß mir das alles noch einmal genau anhören.« »Das kann nie schaden.«, »Hör auf mit deinen Klugscheißereien, Ernesto«, führ Marcello auf. »Schon gut.« »Mir kommt das absolut unwirklich vor«, sagte Renata kopfschüttelnd. »Du gehst in eine Art Holo- show, dann kommt eine Welle und spült dich ins Mittelalter oder sonstwo hin.« Ernesto blickte sie entsetzt an. »Hast du eine Ahnung, was da alles dahinter- steckt? An Mathematik? An Branenphysik? An Kosmologie?« »Aber darauf läuft’s doch hinaus. Sie hat recht«, nahm ich Renata in Schutz. »Wir surfen ins Mittelal- ter, pflücken ein paar Blumen und sammeln von Pflanzen, die es heute nicht mehr gibt, Samen ein, warten die nächste Welle in die Gegenrichtung ab und surfen wieder zurück. Ende der Vorstellung.« Ernesto musterte mich tadelnd. »Du wirst dich noch wundern, meine Liebe«, sagte er. »Da wirst du vielleicht noch böse Überraschun- gen erleben.« Ich konnte nicht ahnen, wie recht er behalten soll- te. »Was soll schon passieren, wenn Dutzende von hochkarätigen Wissenschaftlern an den Monitoren sitzen und über dich wachen?« sagte Marcello leicht- hin. »Die können nur so lange über dich wachen, so-, lange du noch hier bist«, entgegnete Ernesto. »In dem Moment, in dem die Transition erfolgt ist, bist du ganz auf dich gestellt. Dann stolperst du im 17. Jahrhundert herum …« »Ich soll ins 18. Jahrhundert gehen.« »Nun gut. Glaubst du, das ist besser?« »Keine Zeit ist leicht«, warf ich ein. »Aber manche sind sehr schlimm«, sagte Renata. Wie recht sie hatte. »Ich beneide euch alle nicht«, versicherte Ernesto. »Aber das ist, Gott sei Dank, auch nicht mein Job.« »Ach, komm schon«, sagte Marcello. »Willst du uns angst machen? Ich werde mir eine Stellung als Hofnarr suchen und meinem Herrn kluge Ratschläge erteilen, vielleicht ein bißchen Prophet spielen und ohne viel Mühe recht behalten. Kurzum, unentbehr- lich für ihn sein. Oder ich werde als Dottore Europa bereisen, als kräuterkundiger Medicus …« »Spezialist für Liebestränklein«, schlug ich vor. »Gefährlich! Gefährlich!« »Laß dich bloß nicht aufs Goldmachen ein! Dabei kannst du leicht den Kopf verlieren«, sagte Renata. »Und halt dich mit guten Ratschlägen zurück. An den Fürstenhöfen jener Zeit herrschte die Paranoia. Du kannst leicht in den Verdacht geraten, ein Spion zu sein. Mit denen machte man kurzen Prozeß.« Marcello faßte Renata und mir ins Haar und schob uns vor sich her durch den Korridor zum Ausgang., »Ihr dürft euer Haar nicht mehr schneiden lassen, meine Lieben, sonst macht ihr euch verdächtig«, sag- te er. »Wieso?« fragte ich. »Hexen und Sünderinnen scherte man den Kopf.« Ich zauste ihm seine schwarzen Ringellöckchen. »Und was ist mit dir? Kommst du damit durch?« »Man wird ihm eine gepuderte Perücke übers Köpfchen stülpen«, erklärte Ernesto. »Wie es sich für einen Mann von Welt und ange- sehenen Gelehrten geziemt«, erwiderte Marcello und hob arrogant das Kinn. »Neidisch?« »Daß ich nicht lache. In jener Zeit läuft jeder mickrige Dorfschullehrer mit so einem verlausten Ding auf dem Kopf herum.« Wir gingen inzwischen den Fondamento San Giu- stina entlang zu unseren Quartieren. Es war ein war- mer spätherbstlicher Tag. Die Sonne schien. »Was meinte der Professor damit, daß die Zeit nicht wirklich existiert?« fragte ich Renata. »Ich werde jeden Tag älter, verdammt noch mal!« »Wahrscheinlich ist das nur eine schlechte Ange- wohnheit«, erwiderte sie lachend. * »Luigi.« »Ja, Domenica.«, »Weck unseren Scarabeo auf« »Das ist nicht notwendig. Er befindet sich immer im Standby-Modus.« »Was macht er da die ganze Zeit?« »Er testet Server, überprüft seine Verbindungen zu Datenspeichern, geht Links nach und ordnet sie zu Prioritäten-Hierarchien; er stellt auch Expertenpro- gramme zusammen und hält sie auf dem neuesten Stand. Als SuperGrid-Browser hat er natürlich Zugriff aufs Grid, und da er ein KI der Stufe 4 ist, trifft er selbständige Entscheidungen beim Aussortie- ren unwichtiger Daten.« Ich löste das Gerät vom Handgelenk und legte es auf die Tischplatte. »Ein fleißiges Kerlchen«, befand ich. »Man könnte es so ausdrücken, Domenica.« »Ich habe eine Frage an ihn: Was ist ein Soliton?« »Das Wort bezeichnet eine solitäre, also einsame Welle. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Strömungslehre. Er wurde in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in die Teilchen- und in die Quantenphysik und zu Beginn dieses Jahrhunderts in die Grenzschichten- oder Dimensionsbranenphysik eingeführt und den Erfordernissen entsprechend neu definiert.« »Ich hätte gern mehr darüber gewußt.« »Der Scarabeo läßt fragen, ob er die Daten in Info- tainment, High oder Top präsentieren soll.«, »Er soll mir einfach mal was zeigen.« Ich legte das Audiovidband über die Augen und lehnte mich auf dem Sofa zurück. Sofort türmten sich Formeln und dreidimensionale Graphiken in meinem Blickfeld übereinander und scrollten nach unten weg. »Die Form eines Solitons ist dann optimal, wenn die Summe aus potentieller und kinetischer Energie am kleinsten ist, und sie ist genau dann am kleinsten, wenn die Kurve den Wellenberg in einem Winkel überquert, der genau zwischen den Extremen liegt. Die Gleichung besagt, daß man für jeden Wert phi des Feldes die innere Energie erhält, indem man den Sinus von phi quadriert. Ein Feld, das dieser Glei- chung genügt, nennt man ein Sinus-Gordon-Feld. Auf die Quantenphysik übertragen bedeutet das, daß sich in einem Materiefeld, das an ein Yang-Mills- Feld gekoppelt ist, sich auch dreidimensionale Soli- tonen erzeugen lassen. Vierdimensionale Solitonen entstehen dann, wenn …« »Stop! – also, ich geb’s zwar nicht gerne zu, aber ich verstehe kein Wort. Ich brauche ein bißchen Ba- siswissen. Wann wurde das Soliton entdeckt? Wo war das? Wie sieht das Ding aus? Versucht’s mal mit Infotainment.« Die Graphiken und Gleichungen in meinem Ge- sichtsfeld zerstoben und rieselten herab wie Eissplit- ter, die im Nu verdampften. Nebel stieg auf, der eine, flache Landschaft einhüllte. Pappelalleen, Weiden, Erlen. Es war früher Morgen. Im ersten Moment verwirrte mich der unruhige Blickpunkt, bis ich be- griff, daß ich auf einem Pferd saß und im Halbgalopp auf einem Pfad am rechten Ufer eines Kanals oder eingedeichten kleinen Flusses entlangritt. Im dunklen, bräunlich-trüben Wasser neben mir sah ich ein merkwürdiges Phänomen: eine einzelne etwa kniehohe Welle, die sich lautlos mit einer Ge- schwindigkeit dahinbewegte, daß mein Pferd trotz der strammen Gangart kaum Schritt mit ihr halten konnte. Das seltsamste war, daß diese Aufwölbung des Wassers immer weiter und weiter glitt, ohne An- zeichen einer allmählichen Abflachung oder Ermat- tung zu zeigen – als würde sie durch eine geheimnis- volle Kraft in Gang gehalten, die von etwas ausging, das unter ihr auf dem Grund des Kanals dahineilte. Die Bewegung war völlig lautlos; nur wenn eine Un- regelmäßigkeit den glatten Uferverlauf unterbrach, war ein leises Plätschern oder Schmatzen zu hören. Um so lauter war in der morgendlichen Stille das Schnauben und hustende Keuchen des Reittiers zu vernehmen, das am Ende seiner Kräfte zu sein schien. Ich zügelte es. Die Welle glitt weiter und ver- schwand aus meinem Blickfeld. »Das Phänomen wurde zum ersten Mal 1840 von dem Wasserbau-Ingenieur John Scott Russell be- schrieben«, erläuterte eine Männerstimme aus dem, Off, »der den Glasgow Canal und den Ardrossan Ca- nal in Schottland regelmäßig inspizierte. ›Ich beo- bachtete einen Kahn‹, berichtete er, ›der von zwei Pferden durch einen engen Kanal gezogen wurde. Als der Kahn plötzlich anhielt, sammelten sich die Wassermassen, die er in Bewegung gesetzt hatte, am Bug. Sie ließen das Schiff dann plötzlich hinter sich und trieben als einzelne große Erhebung mit hoher Geschwindigkeit davon – ein gewölbter, glatter und wohlbegrenzter Wasserbuckel, der offenbar ohne Änderung der Form und ohne Verringerung seiner Geschwindigkeit durch den Kanal lief. Ich folgte ihm zu Pferd und überholte ihn, während er noch immer mit acht oder neun Meilen in der Stunde dahinglitt. Dabei behielt er seine ursprüngliche Gestalt von etwa dreißig Fuß in der Länge und einem bis anderthalb Fuß in der Höhe. Seine Höhe nahm allmählich ab, und nach einer Verfolgungsjagd über ein paar Meilen verlor ich ihn in den Windungen des Kanals aus den Augen.‹« Das Pferd war plötzlich verschwunden, und ich blickte aus einem Hubschrauber auf das Delta eines Flusses hinab. Die Stimme fuhr fort: »Das Phänomen wurde in- zwischen häufig beobachtet. Es tritt vornehmlich in trichterförmigen Flußmündungen im Zusammenhang mit starkem Tidenhub auf. Diese Wellen, in der Hy- drodynamik ›Gezeitenboren‹ genannt, können über, Stunden hinweg unermüdlich viele Kilometer fluß- aufwärts laufen und beträchtliche Zerstörungen an- richten, wie etwa die Mascaret auf der Seine, die Po- roroca auf dem Amazonas oder die gewaltige Bore auf dem Qiantang bei Hangzhou. Auch in der Aero- dynamik sind Solitonen bekannt; so bildet sich etwa zu Anfang des Sommers in den frühen Morgenstun- den regelmäßig eine mächtige Bore in der Mars- atmosphäre über dem Tharsisrücken aus. Unter dem Aspekt der Teilchenphysik bezie- hungsweise der Quantenphysik betrachtet, ist das Soliton ein Energiepaket, das sich zwar fortbewegen, aber nicht im Raum verteilen kann, weil seine Vaku- umzustände topologisch so angeordnet sind, daß sich sein Feld nicht zu einem einzigen, im ganzen Raum übereinstimmenden Vakuumswert erweitern läßt. Das Ergebnis ist eine stabile Feldstörung. So gesehen hat es den Charakter eines Teilchens. Im Jahr 2024 wurde der Begriff des Solitons von dem myranmarischen Mathematiker Hla Thila- wuntha erstmals auch in der Grenzschichtenbezie- hungsweise Branenphysik verwendet. Er bezeichnete damit Störungen des Zeitflusses, die man bis dahin nicht wahrgenommen hatte, weil sie nur indirekt nachzuweisen sind. Erst aufgrund seiner theoreti- schen Arbeiten und Voraussagen gelang im Jahr dar- auf Folkert Jensma und Koos van Laere am Christi- aan-Huygens-Institut in Den Haag der Nachweis der, sogenannten Zeit-Solitonen, wie Thilawuntha sie vorausgesagt hatte. Diese Störungen durchwandern den Zeitfluß in beiden Richtungen, das heißt, sie ru- fen bei ihrem Durchgang momentane Stauungen und Beschleunigungen in der Zeitdimension hervor. Sie verformen somit die Struktur der Raumzeit, sind aber für einen Beobachter, der sich innerhalb dieser Struk- tur – also innerhalb unseres Universums – befindet, eo ipso nicht direkt feststellbar. Sie lassen sich aber indirekt nachweisen, weil ihr Durchgang von Gravi- tationswellen unterschiedlicher Stärke begleitet ist. Worum es sich bei diesen Störungen handelt, ob um eine Überformung durch eine weitere, verborge- ne Zeitdimension oder um eine künstliche, mögli- cherweise durch gezielten Einsatz von Superstrings herbeigeführte Manipulation, ist umstritten. Nach Berechnungen ist die Passage jedes Solitons mit dem Durchgang von Energiemengen im Peta- und Exa- Elektronenvolt-Bereich verbunden. Das Masseäqui- valent beträgt demnach das Mehrfache der Masse unseres Universums.« * Wovon reden die? fragte ich mich. Es schien eine hitzige Diskussion zu sein, denn ich sah, wie sie er- regt die Hände hoben und wieder sinken ließen. Weshalb sprachen sie so leise? Sie tuschelten und, flüsterten. Wollten sie nicht, daß ich es hörte? Ver- dammt noch mal, es ging mich doch schließlich auch etwas an! Wo war das Pferd geblieben? Sicher graste es ir- gendwo in der Nähe. Ich mußte eingenickt sein. Es war kühl geworden. Irgend etwas kitzelte mich am Kinn. Ich schlug danach. Das Audiovid war mir vom Gesicht gerutscht. Benommen richtete ich mich auf. Es war niemand da. Die erregte Diskussion wurde von der Caprifoliacea geführt, die im Blumenkasten meines Balkons wurzelte und den weißen Verputz von Wand und Decke mit einem wirren Muster aus dunklen Formeln bedeckt hatte. Die handförmigen Blätter, von einer Brise bewegt, ihr fortwährendes Rascheln und Schaben an der Wand hatten mir das Flüstern von Stimmen vorgegaukelt. Die Fliesen auf dem Balkon waren kalt. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Wolken aus dem Nor- den lagen wie Kohlenflöze über herbstlich aus- gebleichtem Blau. … ist die Passage jedes Solitons mit dem Durch- gang von Energiemengen im Peta- und Exa- Elektronenvolt-Bereich verbunden. Das Masseäqui- valent beträgt demnach das Mehrfache der Masse unseres Universums. Mich fröstelte. Ich machte die Balkontür zu. Waren es die Sprachimplantate des Dottore Ercole Mondolino, die mich so erschöpften? Die mein Den-, ken zerstückelten und parzellierten? Ich war tagsüber oft hundemüde; ich schlief in letzter Zeit auch schlecht und hatte seltsame Träume. Sie müssen aus- reichend essen, hatte mir der Doktor eingeschärft. Ihre grauen Zellen leisten jetzt Schwerstarbeit. Es sind Milliarden neuer Verknüpfungen zu installieren. Manchmal war mir, als machten sich nachts in meinem Gehirn ungebetene Gäste breit, die meine Abwesenheit schamlos ausnutzten, um es für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Gehörte auch das zu unse- rer Konditionierung? Oder waren es die zahllosen Nanos, die man hier in Venedig mit jedem Atemzug in sich aufnahm und die ihre chemischen Befehle abluden, bevor sie abstarben? Die Luft über der Stadt war geschwängert mit diesen winzigen mechani- schen Pollen, die das Sonnenlicht aus der Wasser- oberfläche der Lagune schlug und aufwirbelte wie feinen Staub. Frans lachte, als ich ihn darauf an- sprach. »Denk an die zahllosen Winzlinge aus der Bio- sphäre, die in jeder Sekunde in deine Atemwege ein- dringen«, sagte er. Nun gut, aber die Sauerstoffatmer hatten 250 Mil- lionen Jahre Zeit gehabt, sich mit ihnen zu arrangie- ren. Mir fiel der kleine Junge ein, dessen Gehirn sich binnen einer Stunde in bröseligen Stilton verwandelt hatte. Fragen., * »Kann man sich diese Solitone als Wellen vorstellen, die an der Zeitdimension beziehungsweise am Raumzeit-Kontinuum entlanglaufen und dieses dabei verformen? Schau mich bitte nicht so herablassend an, Frans! Ich versuche dieses Phänomen zu begrei- fen. Ich habe in Physik eigentlich immer gute Noten gehabt.« »Ich schau dich nicht herablassend an«, entgegne- te er. »Wenn also dieses Soliton näher kommt, dann ver- geht die Zeit schneller – oder langsamer? Gut, das verstehe ich. Das Gefühl ist mir nicht fremd, je nachdem, ob ich mich langweile oder ob ich es eilig habe. Trotzdem weiß ich, daß meine Uhr immer gleich schnell geht. Soweit richtig? Aber ihr meint etwas anderes damit.« Frans nickte belustigt. »Dann sag schon, wie stellt ihr fest, ob ein Soliton kommt? Doch irgendwie mit Uhren … Atomuhren oder so«, setzte ich hilflos hinzu. Er machte ein Ge- sicht, als hätte er in einem Nußhörnchen auf ein Stück Schale gebissen, und schüttelte den Kopf. »Nein, Domenica. Selbst mit der genauesten Uhr ließe sich das nicht messen. Unser Raumzeit- Kontinuum ist ein geschlossenes System. Wir und, alle unsere Uhren befinden sich im Innern. Läuft die Zeit schneller oder langsamer, dann gehen unsere Uhren entsprechend schneller oder langsamer, dann schwingen die Atome schneller oder langsamer. Du hast keinen unabhängigen Maßstab, mit dem du das messen könntest. Wir müßten unser Universum ver- lassen und von außen betrachten, um diese Unregel- mäßigkeiten festzustellen.« Wir saßen im Il Cavallo auf der Südseite des Campo Santi Giovanni e Paolo, zu Füßen des Col- leone, keine zweihundert Meter vom Ospedaletto entfernt, in dem Heli Abret lebte. Sie war weiter ge- reist als jeder Mensch vor ihr und nach ihr. Sie war mit den Vögeln übers Meer gezogen und nun endlich in den Armen Abaelards zur Ruhe gekommen. Es war kalt geworden. Nur im Il Cavallo standen noch Tische und Stühle draußen. Wir waren die ein- zigen Gäste; beide hatten wir den Kragen unserer Jacke hochgeschlagen und harrten trotzig aus. »Wie wißt ihr dann, wann so eine Welle näher kommt?« »Es gibt ein indirektes Indiz: Wir stellen ein ver- stärktes Auftreten von Gravitonen fest, ein allmähli- ches, dann immer steiler werdendes Ansteigen. Das sind virtuelle Teilchen, sie deuten auf Massen von Trillionen Elektronenvolt hin, die mit den realen Gravitonen in Wechselwirkung treten.« »Aber die Masse eines Gravitons ist doch winzig, klein, wenn ich mich recht erinnere.« »Ein Tausendstel Elektronenvolt.« »Wo, um Himmels willen, sind dann diese riesi- gen Massen?« Frans zuckte die Achseln. »Es sind ihre Zwillinge in den Paralleluniversen, die mit ihnen in Kontakt treten. Gravitonen scheinen die einzigen Teilchen zu sein, für welche die Grenz- schichten der Universen kein Hindernis darstellen. Sie können zwischen den Membranen wechseln, in denen die Universen eingebettet sind, tauchen in un- serem auf und verschwinden wieder. Das geschieht vor allem beim Durchgang der Solitone. Ob sie ein Sekundäreffekt sind oder unmittelbar mit diesen Wellen zu tun haben, das wissen wir nicht.« »Hm. Ihr wißt eigentlich wenig von den Dingen, mit denen ihr herumspielt.« »Wir lernen dazu. Wir können grob abschätzen, welche Energiemengen entlang der Zeitdimension unterwegs sind. Sie sind gigantisch. Es sind mächtige Tsunami, die auf gewaltige, tiefer liegende Erschüt- terungen schließen lassen.« Frans schob unsere Tassen beiseite, als wolle er Platz für eine dieser Wogen machen und fügte hinzu: »Sie haben so viel Energie, daß sie ganze Universen auslöschen können.« »Oder neue erschaffen.« Er sah mich überrascht an und nickte., »Oder neue erschaffen.« »Und wir merken nichts davon, obwohl sie durch uns hindurchgehen?« »Manche Zeitfahrer behaupten zu spüren, wenn sie kommen«, sagte er. »Du nicht?« »Ich bin mir nicht sicher, Domenica. Die Wahr- nehmung spielt einem da leicht ein Schnippchen. Sie fluten jedenfalls durch jedes Atom deines Körpers, durch jedes Neuron deines Gehirns. Aber dann denke ich mir, das ist blanker Unsinn. Wie willst du spüren, was in den Atomen deines Körpers vor sich geht? Oder gar im subatomaren Bereich? Das ist absurd. Dafür haben wir keine Sinnesorgane. Aber trotzdem« – Frans seufzte – »Das alles sind nichts als Mutma- ßungen, meine Liebe.« »Aber es funktioniert, wenn man sie dazu benutzt, Massen zu versetzen, sie durch die Zeit zu beför- dern.« »Sie verformen mit ihrer ungeheuren Energie die Membran, die unser Universum enthält, unser Raum- zeit-Kontinuum«, bestätigte Frans. »Sie öffnen für einen kurzen Moment das Hier und Jetzt und erlau- ben den Zugang in andere Räume und Zeiten.« Ich blickte zum Turm von Santi Giovanni e Paolo hinauf. »Ich dachte immer, die Grenze unseres Univer- sums sei weit draußen, vierzehn Milliarden Lichtjah-, re von uns entfernt«, sagte ich. »Aber nein, Domenica. Sie ist nur den winzigen Bruchteil eines Millimeters entfernt.« »Wo?« Er breitete lächelnd die Hände aus. »Überall. Die Membranen, die das Multiversum bilden, sind dicht an dicht gepackt wie Zellen in ei- nem Organismus. Zwar ist jede eine Welt für sich, aber der Austausch von Botenstoffen zwischen ihnen scheint lebenswichtig zu sein. Der Durchgang der Solitone macht diesen Austausch möglich. Er be- wirkt, um im Bild zu bleiben, daß die Zellwände kurzzeitig durchlässig werden.« Ich spürte, wie die Kälte in mich hineinkroch. Eine Kälte, die mich wie aus verschatteten Abgründen anwehte. »Die Vorstellung macht mir irgendwie angst«, ge- stand ich. »Oh. Die Membranen schützen uns. Wir sind si- cher in unsere Dimensionen eingepackt.« »Gehen wir«, sagte ich. »Mir ist kalt.« Er bezahlte über sein IKom, und wir standen auf. Ich kroch tief in meine Jacke hinein. Die Sonne war verschwunden. Vom Rio Mendicanti zog Nebel her- ein. Die Membran der Wirklichkeit löste sich auf, und der Colleone ritt hindurch.,

VIII Die Serenissima

»NACH DEM TURING-PRINZIP IST EIN UNIVER- SELLER WIRKLICHKEITSSIMULATOR MÖGLICH, DER AUF JEDE PHYSIKALISCH MÖGLICHE UMWELT PROGRAMMIERT WERDEN KANN. DESHALB KÖNNTE ER INSBESONDERE DARAUF PROGRAM- MIERT WERDEN, JEDE UMWELT ZU SIMULIEREN, DIE ES PHYSIKALISCH EINMAL GEGEBEN HAT. (…) WIEDERGABETREUE BEDEUTET IN DER VIRTUEL- LEN REALITÄT DIE ÄHNLICHKEIT DES SIMULIER- TEN VERHALTENS MIT DEM VERHALTEN, DAS DIE URSPRÜNGLICHE UMWELT ZEIGEN WÜRDE, WENN DIE REZIPIENTEN IN IHR WÄREN. NUR ZU BEGINN DER SIMULATION MUSS DER ZUSTAND DER SIMU- LIERTEN UMWELT DEM ORIGINAL ENTSPRECHEN. DANACH MUSS NICHT SEIN ZUSTAND GETREU WIEDERGEGEBEN WERDEN, SONDERN SEINE RE- AKTION AUF DIE TATEN DES BENUTZERS.« David Deutsch Ich erinnerte mich an einen Traum, der mich oft heimsuchte, als ich ein Teenager war. Es war ein lei- denschaftlicher sexueller Traum, in dem mich in der Dunkelheit ein Liebhaber besuchte. Sein Körper war mir vertraut, seine Stimme, seine Berührungen, seine Zärtlichkeiten, mit denen er mich zum Höhepunkt, brachte – all das ließ auf eine äußerst intime Vertrau- lichkeit schließen. Doch nie sah ich sein Gesicht. Er betrat in der Dunkelheit mein Zimmer, kam in mein Bett und umfing mich … Und wenn ich erwachte, war er verschwunden. Diese nächtlichen Erlebnisse waren so realistisch, daß ich am Morgen meinen Körper und das Bett auf Spuren meiner nächtlicher Liebesabenteuer unter- suchte – natürlich ohne Ergebnis. Aber manchmal zweifelte ich an meinem Verstand und ertappte mich dabei, wie ich auf der Straße oder im Café Männer musterte, die als heimliche nächtliche Besucher in Frage hätten kommen können. Ein typischer Jungmädchentraum, gewiß – Back- fischsehnsüchte, sexuelle Wunschphantasien –, aber für mich war das eine höchst beunruhigende Erfah- rung, die mich immer wieder von neuem beschämte. Nie hatte ich jemandem etwas davon erzählt. Es war mir unheimlich, daß ich mit einem Mann so selbst- verständlich intim war, von dem ich nicht wußte, wie er aussah, wie er hieß oder wo er wohnte. Manchmal hegte ich den Verdacht, daß er sich aus einer Paral- lelwelt einschlich und sich nach unserem heimlichen Stelldichein wieder aus meiner Wirklichkeit davon- stahl, um in seiner Welt sein Leben zu führen, viel- leicht an der Seite einer Frau, mit der er zusammen- lebte oder verheiratet war. Oder lebte in seinem Universum eine andere Ver-, sion von mir, mit der ich gelegentlich mein Ich tauschte? Die mich an ihrem Leben, an ihrem Glück teilnehmen ließ? Tat sie, diese andere, dies wissend? Oder war ich eine Art nächtlicher Vampir, der sich heimlich an ihrem Glücksgefühl mästete, um mich am Morgen zurück in meine Welt zu schleichen – gesättigt und erfüllt? Dieses Gefühl, das ich seit vielen Jahren überwun- den zu haben meinte, dieses anheimelnde und zu- gleich erschreckende Gefühl einer Vertrautheit, die sich eigentlich nicht hatte einstellen können, war plötz- lich wieder da, als ich zum ersten Mal mit Frans schlief. Er war mir auf unheimliche Weise körperlich vertraut, als würde ich ihn bereits seit Jahren kennen. Er hatte sich mir gegenüber so überraschend vertraut benommen, als wir uns auf der Piazzetta kennenlern- ten. War das der Auslöser dafür gewesen, daß sich die- ses merkwürdige, beunruhigende Gefühl wieder einge- stellt hatte? Und diese Vertrautheit hatte sich beängsti- gend gesteigert, als wir zum ersten Mal intim wurden. Ging dieses Gefühl von ihm aus? War ich ihm derart vertraut? Mein Körper? Aber wie sollte so et- was möglich sein? »Du gibst mir Rätsel auf, mein Lieber«, sagte ich zu ihm. Er runzelte fragend die Stirn. »Du gehst mit mir um, als würdest du mich schon seit Jahren kennen., Dabei haben wir uns doch erst kürzlich zum ersten Mal gesehen.« Er sah mich lange an, dann strich er mir übers Haar. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Manchmal ist das so.« * »Hast du Lust auf eine Spazierfahrt mit dem Vapo- retto?« fragte er mich eines Morgens beiläufig. Ich hatte bei ihm übernachtet, und wir räumten gerade das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine. »Wohin?« »Canal Grande«, sagte er. »Ich muß einen Besuch machen. Bei einer Dame.« »Da solltest du besser allein hinfahren.« »Erstens ist es eine alte Dame, zweitens eine kran- ke Dame, und es könnte, drittens, für dich sehr inter- essant und lehrreich sein.« »Wenn du darauf bestehst«, erwiderte ich. Ich ging rasch nach Hause, und wir trafen uns eine halbe Stunde später in seinem Büro im Institut. Er trug ein elegantes hellgraues Sakko und hatte sich eine Krawatte mit rotem Paisley-Muster umgebun- den. Über der Stuhllehne lag ein Mantel aus dunkel- blauer Kaschmirwolle. »He!« rief ich. »Du hättest ein Wort sagen können. Schau mich an! Kann ich überhaupt so gehen?«, Ich blickte an mir hinunter: grauer Pullover, schwarze Cordhosen, mein alter grüner Anorak. Er war gerade dabei, sich Gesicht und Hände mit Smartdust einzusprühen. »Weshalb nicht?« fragte er überrascht. »Du hast dich so in Schale geworfen.« »Das gehört zu unserem Spiel. Die Dame erwartet das von mir.« »Von mir nicht?« »Hm«, machte er ratlos. »Nein.« Er reichte mir den Zerstäuber mit der rotgoldenen Flüssigkeit und nickte auffordernd. »Muß das sein?« »Wäre besser. Wenigstens die Handflächen. Als Vorsichtsmaßnahme.« »Vorsichtsmaßnahme?« »Ja. Es ist sicherer. Wenn du etwas berührst.« Kopfschüttelnd sprühte ich mir die Handflächen ein. Der kühle Hauch auf der Haut verflog im Nu. Sie irisierte und sah aus, als sei sie leicht eingeölt, fühlte sich aber nicht fettig an. Es war eher so, als hätte sie sich gestrafft und sei berührungsempfindli- cher geworden. »Bist du soweit?« Ich nickte. Wir gingen durchs Studio auf eine Seitentür zu. Ein Techniker, der neben dem Ausgang saß, hatte die Augen auf einen Monitor gerichtet, auf dem Frans, und ich zu sehen waren. Ich sah Kazuichi hinter der Glasscheibe im Regieraum am Hauptpult sitzen. Er hob den Daumen. Frans winkte ihm zu. »Moment«, sagte der Techniker neben der Tür und hob die Hand. Dem Sticker an seiner Brusttasche zu- folge hieß er Kenichiro Akabane. Der junge Mann sah uns nicht an, sondern hielt den Blick unverwandt auf seinen Monitor gerichtet. Dann griff er nach einer Datenbrille und setzte sie auf. Das Licht über der Tür wechselte von Rot auf Grün. »Okay«, sagte er und ließ die Hand sinken. »Es kann losgehen.« Wir traten durch die Tür und gingen einen düsteren, nur von einer Notbeleuchtung erhell- ten Korridor entlang. Eine schwere Stahltür öffnete sich automatisch, und wir traten ins Freie. Es war ein diesiger Wintertag. Nicht richtig kalt, aber feucht und unangenehm. Ich rammte die Fäuste in die Taschen meines Anoraks und stapfte neben Frans her. Durch die Calle Sagredo, vorbei an häßli- chen grauen Mietshäusern, die zum größten Teil un- bewohnt waren und bald einem weiteren Komplex des Instituts würden weichen müssen, gelangten wir zur Haltestelle – einem hellblauen Kasten, der am Ende eines schwimmenden Stegs auf einem Ponton stand und in den stehenden Wellen schlingerte. Actv Celestia stand schwarz auf gelbem Grund über den verschmierten großen Fenstern. Das Vaporetto steu-, erte heran und machte mit einem schrecklichen Knir- schen daran fest. Die Bootsfrau schlang das Tau um die H-förmigen Rundeisen und schob das Geländer aus Metallrohr auf. Eine Frau im Pelzmantel mit ei- ner Einkaufstasche watschelte von Bord, und drei Jungen, die schreiendbunte Schultornister auf dem Rücken trugen, rannten, sich gegenseitig anrem- pelnd, über den Steg. Wir gingen an Bord. Frans machte keine Anstal- ten, die Fahrgastkabine zu betreten, und blieb im Freien stehen. Mir soll’s recht sein, dachte ich seuf- zend, schob die Fäuste noch tiefer in die Jackenta- schen und rieb unwillkürlich meine Handflächen ab. Das Seil wurde gelöst, der Elektromotor winselte, und wir fuhren an der langen geschwärzten Ziegel- mauer des Arsenale entlang. Ein steifer Nordwind trieb die Wellen vor sich her, die gegen die Funda- mente schwappten. Merkwürdigerweise war er kaum zu spüren, obwohl wir im Freien standen. Trotzdem klappte Frans den Mantelkragen hoch. Das Wasser war kabbelig und spritzte bis über die Reling hoch, aber das Boot schwankte nicht und be- wegte sich erstaunlich ruhig und gleichmäßig. Der Bootsführer saß reglos auf seinem erhöhten Sitz im Heck – seine rote Mütze tief in die Stirn gezogen und einen schwarzen Schal um den Kopf geschlungen, der nur die Augen frei ließ. Der Fahrgastraum war leer bis auf ein junges Paar, das sich selbstvergessen, umschlungen hielt und mit Zärtlichkeiten beschäftigt war. Das Boot zog eine Schleife, bis die Ampel über dem flachen Bogen in der zinnenbewehrten Mauer Grün zeigte und wir die Einfahrt zum Arsenal passie- ren konnten. Links dümpelten kleine Boote in den geräumigen Hallen der ehemaligen Werften. Einige der Fassaden hatte man verglast und mit großen Roll- toren versehen; an anderen hingen verrottete Netze von Stangen, die man quer in die Bögen eingefügt hatte. Zwischen den Gebäuden sah man die massigen, von Vogelkot bekleckerten Körper alter militärischer Anlagen und stumpfkegelige Munitionsbunker, die vom Rost ihrer halb zerfressenen Metallteile verfärbt waren. Dazwischen wild aufgewachsenes Buschwerk sowie Kiefern und Pinien, ein schmuckloser Flachbau rechts und ein repräsentatives Gebäude mit einer üp- pigen Steinmetzarbeit über dem Eingang. Ich war die Strecke noch nie gefahren und sah mich neugierig um. Wir passierten die Zwillingstür- me der Haupteinfahrt. Die drei Uhren des rechten Turms zeigten drei verschiedene Zeiten an. An der Tana ging das junge Paar von Bord. Die Frau war sehr klein, und ich bemerkte, daß sie geschnürte Stie- fel mit abnorm hohen Plateausohlen trug, mit denen sie kaum laufen konnte. Dann fuhren wir unter der niedrigen Bogenbrücke hindurch und in einer weiten Rechtskurve hinaus ins, Bacino di San Marco. Plötzlich brach im Südosten für einen Moment die Sonne durch. Rechts neben dem Bricole der südlichen Hafeneinfahrt, auf San Sevolo zu, war ein Flackern und Blitzen auf dem Wasser zu sehen, und aus dem Nebel traten, dicht gedrängt, Masten und Aufbauten hervor – Wimpel und Standarten aus blauer Seide, blanke Messingbe- schläge, schlanke Galeeren neben behäbigen Chelan- dien mit Wurfmaschinen auf dem hohen Bord und Gatti mit verkleideten Belagerungstürmen – und zwi- schendrin mit seinem gewaltigen Baldachin der Bu- cintoro des Admirals. »Drehen die da einen Film?« fragte ich. »Einen Film?« erwiderte Frans verwundert. »Bei dem Wetter?« »Ja!« rief ich. »Sieht aus, als hätte man die ganze Flotte aufgeboten!« »Wo?« sagte Frans und wandte den Kopf. Ich deu- tete in die Richtung, doch die Schiffe waren ver- schwunden. Die Nebelwand in der Hafeneinfahrt hat- te sich wieder geschlossen. »Mir war eben, als hätte ich die venezianische Flotte gesehen.« Frans gab keine Antwort, blickte schweigend wie- der geradeaus. Ich musterte ihn von der Seite; er wirkte sehr konzentriert, als müßte er selbst das Boot durch den Nebel steuern. Ein großes Schiff tutete ganz in der Nähe. Die, dunkle schemenhafte Silhouette einer Autofähre glitt vorüber. »Ich dachte, die großen Schiffe dürfen nicht mehr in die Lagune«, sagte ich. Das Vaporetto stampfte in der Bugwelle und dreh- te nach rechts in Richtung San Marco. Frans hob die Schultern und entgegnete: »Es gibt immer wieder Ausnahmen. Man braucht eine Son- dergenehmigung.« Der Klang einer Orgel drang vom Ufer herüber. Von Santa Maria della Pietà? Ein Knabenchor über- nahm die Melodie. Stimmen von einer fast schmerz- haften Klarheit und Frische. Vor dem Danieli war ein kleiner Rummelplatz aufgebaut: ein Kinderkarussell und einige Buden. Das kurzatmige Schmettern einer alten Drehorgel war zu hören und das flache Patschen von Luftge- wehrschüssen. Vor zwei Tagen war ich hier entlang- gegangen. Da war die Mole noch leer gewesen. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Schausteller bauten ihre Attraktionen oft über Nacht auf. Mich übermannte eine seltsame Benommenheit. Ich faßte nach der Reling – und zog erschrocken die Hand zurück. Sie hatte sich warm und weich ange- fühlt wie Haut, als hätte ich unversehens einen Arm berührt oder ein Bein. Ich musterte die Reling miß- trauisch; sie sah aus wie ein ganz normales, weißge- strichenes Metallrohr. Hatte ich mich getäuscht?, Vorsichtig griff ich von neuem danach. Ich mußte mich getäuscht haben: Es fühlte sich kalt und hart an, wie ein ganz normales, dick mit weißer Farbe bepin- seltes Metallrohr. Ich hielt mich fest und atmete tief durch. Die Luft kam mir plötzlich warm und stickig vor, wurde aber sofort besser, als wir am Palazzo Ducale vorbei waren und in den Canal Grande ein- fuhren. »Komisches Wetter heute«, sagte ich. Frans hob den Kopf und blickte nach oben, als su- che er die Sonne. Aber sie war nicht auszumachen. Er nickte mir aufmunternd zu. »Wir sind gleich da.« Das Boot schien jetzt schneller voranzukommen. Wir fuhren unter der Rialto-Brücke hindurch und stiegen am Ca’ D’oro aus. Frans drückte den weißen Knopf in einer runden, blankpolierten Messingschale neben einer schweren dunklen Holztür mit mächtigen schmiedeeisernen Beschlägen. Sie öffnete sich mit einem leisen Schnappen und schwang lautlos auf. Niemand war zu sehen. Wir betraten einen kleinen Innenhof, der mit alten Marmorplatten ausgelegt war. Im Zentrum stand ein schön behauener Pozzo aus hellem Stein. Eine alte ausgetretene Treppe mit einem geschnitzten Gelän- der führte die Hauswand entlang in den ersten Stock. Das untere Ende des Handlaufs bewachte ein kleiner Löwe aus Bronze. Sein Kopf war durch die Berüh-, rung von Hunderttausenden von Händen zu einer glänzenden Kugel abgeschliffen. Frans stieg voran. Er zog an einem Steigbügel aus Messing, der an einer dünnen Kette neben der Tür hing. Es war kein Geräusch zu hören, aber die Tür wurde augenblick- lich von innen geöffnet. Eine junge dunkelhäutige Frau in Schwesterntracht bat uns schweigend herein. Wir betraten einen hohen Vorraum. Von der kunstvoll geschmückten Stuckdecke hingen zwei prächtige Glaskandelaber. Den Boden bedeckte ein Läufer mit floralem Muster in Hellblau, Tabak und Safran. An den Wänden links und rechts hingen gro- ße Bilder in wuchtigen dunkelblauen Holzrahmen, aber der Firnis war so gedunkelt, daß man nicht er- kennen konnte, was sie darstellten. Rechts an der Wand stand ein altes zierliches Goldlack-Tischchen mit geschwungenen Beinen, darauf ein halbhoher Glassturz, der eine Madonna in blauem Gewand be- schützte. Merkwürdigerweise hielt sie statt des Je- suskinds eine Korngarbe im Arm. Wir traten auf eine geräumige Terrasse, die zum Canal Grande hin offen war, mit einem Boden aus roten und schwarzen Marmorplatten und überwölbt von luftigen, durchbrochenen Bögen. Die Decke aus mächtigen, dunkel gebeizten Holzbalken, deren Kan- ten mit einem Zopfmuster beschnitzt waren, hing un- ter der Last der oberen Stockwerke durch. Durch die seitlichen Fenster aus bleigefaßten Butzenscheiben in, veschiedener Dicke und Wölbung warf das Sonnen- licht ein mannigfaltiges Muster auf die Gardinen aus blasser Rohseide. Die Sonne schien sich inzwischen durch den Nebel gekämpft zu haben, denn das Was- ser des Canal glitzerte und malte zitternde Reflexe in die Laibungen der Bögen. Die Schwester bedeutete uns, einen Moment zu warten, und schlüpfte durch eine Tür. Sie wurde von zwei steinernen Löwen flankiert, die mit aufgerisse- nem Maul und erhobener Pranke den Eintritt ver- wehrten. Eine Minute später wurde die Tür geöffnet. »Die Signora hat sich erhoben und läßt bitten«, sagte die Schwester. Wir traten ein – und ich sah mich der merkwürdigsten Frauengestalt gegenüber, der ich je begegnet war. Sie war – bizarr. Von zwei kräftigen jungen Krankenpflegern ge- stützt, stand die ältere Frau vor uns, auf schrecklich dicken bandagierten Beinen. Obwohl sie vor weni- gen Minuten erst das Krankenlager verlassen haben mußte, war sie vollständig bekleidet. Sie trug ein knöchellanges, aber trotz ihrer Behinderung bis zum Oberschenkel geschlitztes Kleid aus blauem Brokat, in den goldene Sternmuster eingestickt waren; dar- über einen weiten Pelzumhang mit baumelnden wei- ßen … ja, es mußte tatsächlich Hermelin sein! Ihr langes dunkelblondes Haar war hoch aufgetürmt und mit Perlmuttkämmen festgesteckt. Herabfallende, Locken umrahmten ein hoheitsvolles Gesicht, das einst sehr schön gewesen sein mußte und einer weit jüngeren Frau zu gehören schien, als der hinfällige Körper vermuten ließ. »Spola!« rief sie freudig überrascht, hob die stark geschminkten Augenbrauen und breitete die Arme aus. Frans trat auf sie zu, und sie drückte ihn in über- triebener Herzlichkeit an sich. »Wie geht es dir, mein Junge?« fragte sie. »Es geht mir gut, Signora. Euch auch, wie ich se- he. Ihr seht blendend aus!« entgegnete er über das ganze Gesicht strahlend. »Darf ich vorstellen, Signo- rina Domenica Ligrina«, fugte er etwas lahm hinzu und wies auf mich. Wie peinlich, dachte ich und machte unwillkürlich einen Knicks. Aber die Signora hatte nur ein un- merkliches Nicken für mich übrig, während sie Frans’ dargebotenen Arm nahm und sich daraufstütz- te. Während sie mit Frans plauderte, kam ich mir schrecklich überflüssig vor. Ich bedauerte, daß ich mitgekommen war. Es fiel mir schwer, meinen Un- mut über die Nichtachtung zu verhehlen, mit der die- se aufgetakelte Matrone mich behandelte. Ich sah mich in dem Raum um. Er mußte früher als Salon gedient haben, war aber zu einer Art Inten- sivstation umgewandelt worden, mit einem moder-, nen funktionalen Krankenbett, flankiert von zwei mobilen Stationen voller elektronischer Überwa- chungsinstrumente, an denen die beiden Pfleger und die Krankenschwester herumhantierten. Ich blickte in einen der hohen schmalen Spiegel an der Wand. Er war derart verformt und erblindet, daß er nur schemenhafte Reflexe zurückwarf, aber jede Bewegung wurde durch irgendeinen Effekt der Wi- der- und Gegenspiegelung so vervielfältigt, als wür- den mit jeder Geste ganze Heerscharen von Gespen- stern aufgescheucht, die durch milchig-trübe Korri- dore ins Unendliche davonstoben. Ich fühlte eine zunehmende Beklemmung in der Brust und wäre am liebsten hinaus auf die Terrasse entflohen, doch das verbot die Höflichkeit, also ver- suchte ich mich zu beruhigen und streifte mit der Hand über einen Strauß gelber Seidenrosen. Die Blumen fühlten sich fast substanzlos an, wie flockige Asche. Trotzdem zerfielen sie nicht unter der Berüh- rung. Als ich versehentlich mit den Knöcheln über den Rand der blauen Porzellanvase fuhr, in der sie steckten, spürte ich eine so scharfe, aggressive Vibra- tion, daß ich erschrocken zurückfuhr. Als ich sie je- doch prüfend mit den Fingerspitzen berührte, um festzustellen, was das gewesen sein könnte, fühlte sie sich kühl, glatt und ganz normal an. Eine kleine Glasvase mit Maiglöckchen stand auf einem Bord unter einem der blinden Spiegel. Mai-, glöckchen um diese Jahreszeit? Ich nahm sie in die Hand und roch an den Blumen. Sie dufteten intensiv, waren also tatsächlich echt. Durch eine ungeschickte Bewegung rutschten drei oder vier der Blütenrispen über den Rand der Vase und fielen zu Boden. Ich wollte mich bücken und sie aufheben – aber sie wa- ren verschwunden. Ich konnte sie weder auf dem Teppich noch auf den Bodenfliesen entdecken. Die Vase in meiner Hand verlor plötzlich ihre Substanz, wurde glibberig, als sei sie aus einer weichen was- sergefüllten Folie gemacht. Ich balancierte die wab- belnde Schale mit der Flüssigkeit und den restlichen Maiglöckchen darin erschrocken zwischen beiden Handflächen und versuchte sie auf das Bord abzuset- zen, aber das glibberige Gefäß löste sich nicht von meinen Händen, es schien an meiner Haut zu haften. Ich geriet in Panik, aber allmählich nahm es wieder seine ursprüngliche Form an, und ich konnte es end- lich an seinen Platz zurückstellen. Was war das für ein seltsames Material? Inzwischen geleitete das Pflegepersonal die Signo- ra wieder zu ihrem Bett, machte aber keine Anstal- ten, sie von ihrem protzigen Ornat aus Brokat und Hermelin zu befreien. Während Frans sich mit einer Verbeugung verabschiedete, murmelte ich einen Gruß und floh durch den Ausgang und die Treppe hinunter. Ich atmete auf, als wir endlich wieder unter freiem, Himmel waren und auf das Vaporetto warteten. Die Sonne hatte sich offenbar nicht durchsetzen können; Santa Maria di Salute war im Nebel versunken und kaum noch zu erkennen. Rund um uns war das Schnurren und Tuckern von Booten zu hören, die wie Schemen vorüberglitten. Meine Laune war auf dem Tiefpunkt. Ich empfand es als Zumutung, daß Frans mich auf diese Exkursi- on mitgenommen hatte. Trotzig verharrte ich in Schweigen, aber er schien das gar nicht zu bemerken. Ich betrachtete die kräftigen Hände der Bootsfrau, die beim Anlegen an einer Station mit geübten Bewegun- gen das vor Belastung knarrende Seil um den Beleg- nagel schlang und wieder löste. Mit welcher schlich- ten Eleganz, Präzision und Effizienz sie ihre Arbeit verrichtete. Ich lächelte ihr zu, aber sie erwiderte das Lächeln nicht. Sie sah mich an – nein, sie sah durch mich hindurch, als wäre ich für sie unsichtbar. Die Uhren an den Zwillingstürmen des Arsenale zeigten noch immer dieselben Zeiten an, von denen keine richtig sein konnte. »Wie spät ist es, Luigi?« fragte ich. Er reagierte nicht. Ich schnippte mit dem Finger gegen die Mikrophonknospe an meinem Revers. »Es ist elf Uhr vierzehn«, sagte Frans. »Irgend etwas stimmt nicht mit meinem IKom.« »Ja«, erwiderte er, als wäre das die selbstverständ- lichste Sache der Welt., Ich war drauf und dran, ihn wütend anzufahren, aber sein Lächeln entwaffnete mich. »Seltsam, der dichte Nebel um die Mittagszeit heute. Vorhin dachte ich, die Sonne sei durchgekommen.« »Schien mir auch so.« »Merkwürdiger Kosename, mit dem diese komi- sche Amsel dich bedacht hat«, sagte ich. »Spola.« »Findest du?« »Ja, finde ich. Für einen Mann jedenfalls. Es sei denn …« Ich hielt inne, denn die Implikationen waren doch zu grotesk. Frans hob die Schultern und sagte: »Oh, ich tue sehr viel für sie. Bin ihr zu Diensten.« Er grinste herausfordernd. Du blöder Kerl, dachte ich, ich laß mich von dir nicht provozieren. »Ich hoffe, sie weiß das zu schätzen.« »O ja.« Der Nebel lichtete sich etwas, als wir die Calle Sa- gredo entlang zum Hintereingang des Instituts gingen. »Wer ist diese kauzige Signora überhaupt?« fragte ich ihn. »Hast du sie nicht erkannt?« »Nein. Sollte ich sie kennen?« Frans steckte seinen Schlüsselchip in die Automa- tik der Stahltür. »Es gibt von ihr Dutzende von Darstellungen.«, Jemand über uns rief: »Sequenz drei vier drei sechs acht – Ende.« Ich blickte nach oben, sah aber nur die Fassade des Instituts. »Es war die Signoria persönlich, die uns empfan- gen hat«, sagte Frans. Er öffnete die Tür. Ich drückte mit dem Ellbogen dagegen, spürte aber keinen Wi- derstand und sah mit Entsetzen, daß mein halber Arm in das Stahlblech eingesunken und verschwun- den war, während zwanzig Zentimeter entfernt mein abgetrennter Unterarm herausragte. Mit einem Schrei riß ich mich los und preßte den Arm an den Körper. Ich fühlte keinen Schmerz; mein Arm schien unver- sehrt. Die Wände des Korridors vor mir hatten plötz- lich die Konsistenz von Spinnweben, die in Sekun- denschnelle zerfielen und sich in Nichts auflösten. Frans legte den Arm um mich und tätschelte beru- higend meine Schulter. »Hab keine Angst, es ist ganz normal«, sagte er. Kinichiro Akabane saß immer noch auf dem Platz neben dem Eingang, hatte die Datenbrille vor den Augen und berührte mit den Fingern Leuchtfelder auf seinem Kontrollbord. Die Stahltür löste sich kni- sternd in einem Schauer von Funken auf, die sofort erloschen. Ich starrte verständnislos die mit Fotosen- soren beschichtete Wand des Studios an. »Ihr wart schon besser, Jungs!« rief Frans zur Re- gie hinüber., Kazuichi in der verglasten Kanzel hob die Schul- tern und breitete bedauernd die Hände aus. Akabane schob sich die Datenbrille auf die Stirn und rieb sich die Augen. Er schien während der ganzen Zeit unse- rer Abwesenheit an den Kontrollinstrumenten Dienst gehabt zu haben, denn er sah übermüdet aus und hat- te Mühe, in die Wirklichkeit des Studios zurückzu- finden, die nun die verblassenden Konturen des Cy- berspace auf seiner Netzhaut überlagerte. »Sie können Ihr IKom jetzt wieder benutzen, Si- gnorina«, sagte er und nickte mir freundlich zu. »Tut mir leid, ich mußte es für die Dauer der Simulation blockieren. Es stört die Signale des Holo-Pro- gramms, verstehen Sie.« Nein, ich verstand nicht. »Wir führen hier Simulationen auf verschiedenen Abstraktionsebenen durch«, erklärte Frans. »Bis hin zur Gestaltebene.« Allmählich dämmerte mir, was sich hier abgespielt hatte. »Sie … die Signora war eine Simulation?« fragte ich entgeistert. Akabene sah mich überrascht an, dann lachte er. »Das wußten Sie nicht?« »Es war ein Test«, erklärte Frans, und zu mir ge- wandt fuhr er fort: »Sie war die Serenissima, die Stadt selbst, Domenica. Die sinnliche Repräsentation von Milliarden und Abermilliarden von Fakten, die, diese Stadt betreffen. Ein computerisierter Avatar sozusagen.« »Und ich habe mich über ihre schlechten Manie- ren geärgert. War sogar ein bißchen eifersüchtig. Auf eine Simulation!« Frans grinste. »Alles war eine Simulation, Domenica: die Fahrt, der Palazzo … Nur wir beide waren echt. Alles ande- re waren holographische Projektionen – allerdings von sehr hoher Dichte – und andere sensorische Si- mulationen. Wir haben keinen Schritt aus diesem Studio getan.« Ich konnte es nicht glauben. Aber es hatte Momente gegeben … »Manchmal hatte ich so ein merkwürdiges Gefühl der Unwirklichkeit. Als ob mit meiner Wahrneh- mung irgendwie etwas nicht stimmte.« »Oh, deine Wahrnehmung ist ausgezeichnet. Ich habe dich genau beobachtet. Du hast den Test glän- zend bestanden. Wenn du auf Lücken in der Simula- tion gestoßen bist – und es gab einige –, hast du sie augenblicklich geschlossen. Deine Begabung für Synästhesie und Konfabulation ist ausgezeichnet.« »He! Ich bin Botanikerin, keine Psychologin.« »Hm«, murmelte er und spitzte die Lippen. »Es ist so« – er tippte sich an die Schläfe – »das menschli- che Gehirn produziert ständig ein Modell der Umge- bung, das es alle drei Sekunden auf den neuesten Stand bringt. Treffen von den Sinnesorganen zwei-, felhafte Daten ein, geht es vorrangig darum, das Mo- dell unter allen Umständen zu komplettieren. Was macht das Gehirn? Es mogelt ein bißchen, indem es die Sinnesdaten korrigiert, und es flunkert sich was vor, indem es welche erfindet, nur damit alles glaub- haft zusammenpaßt. Das Hören springt fürs Sehen ein und umgekehrt. Das ist Synästhesie, und es hat sich in der Evolution offenbar bewährt. Lieber mo- geln als zweifeln. Es scheint uns jedenfalls das Über- leben zu erleichtern.« »Und Konfabulation?« »Auch so ein betrügerischer Trick, um Lücken zu stopfen. Hier erfinden wir dazu, was wir überhaupt nicht wahrgenommen haben.« »Bei einem geistig gesunden Menschen?« »Aber ja! Das kannst du an dir selbst beobachten.« »Ich wüßte nicht, wie.« »Ein Beispiel: Du siehst jeden Abend eine Fernse- hansagerin hinter ihrem Pult. Sie ist hübsch, hat eine gute Figur …« »Okay. Einverstanden.« »Eines Abends – die Nachrichten sind vorüber – bleibt die Kamera auf sie gerichtet. Sie erhebt sich nicht, um den Raum zu verlassen; ein Assistent eilt herbei und ist ihr behilflich. Er schiebt sie im Roll- stuhl hinter dem Pult hervor. Sie ist beinamputiert. Du hast das nicht gewußt, hast für sie – oder besser: für dich – Abend für Abend Beine dazu erfunden. Du, kannst zwar nicht sagen, ob dicke oder schlanke Bei- ne, aber Beine. Es trifft dich wie ein Schock, daß gar keine da sind.« »Hm. Kapiert. Ich glaube, ich schmeiße meinen Scarabeo weg. Du machst das viel besser«, sagte ich. Frans lachte. »Du hättest die Simulation noch überzeugender ge- funden, wenn du dich nicht nur an den Händen mit Smartdust eingesprüht hättest, dann wäre die Korrela- tion zwischen deinen haptischen und deinen optischen Sinneswahrnehmungen besser korreliert gewesen, und du hättest nicht das Gefühl der Unsicherheit und Be- klemmung gehabt, das dich manchmal überkam.« »Hat man das bemerkt?« »Ich hab’s bemerkt.« Ich sah auf meine irisierenden Handflächen hinab. »Man hätte mich also noch wirkungsvoller über- tölpeln können.« Frans seufzte. »Mir ist einfach unheimlich bei dem Gedanken, daß auf meiner Haut Milliarden von Robotern her- umwuseln, tut mir leid«, sagte ich. »Reine Gewöhnung, Domenica. Auf deiner Haut siedeln mehr Mikroorganismen, als es Menschen auf der Erde gibt. Das weißt du besser als ich. Ver- schwendest du einen Gedanken daran?« »Erlaube mal, ich wasch mir regelmäßig die Hän- de und dusche jeden Tag.«, »Du weißt, was ich meine.« »Ja, du Schlauberger. Du hast ja recht.« »Übrigens ist diese unwillkürliche Mitarbeit des menschlichen Gehirns für solche Simulationen uner- läßlich. Sie wären gar nicht möglich ohne diesen no- torischen Hang des Menschen zur Selbsttäuschung.« »Ist das eine Erkenntnis des weisen Toshiaka Ishi- da?« fragte ich. »Nein, das hat man schon herausgefunden, als man die ersten VR-Programme schrieb. Das Problem beim Cyberspace ist die sogenannte kombinatorische Explosion. Um eine echte Smello-feelo-SimStim durchzuführen, wachsen die Datenmengen ins Astro- nomische. Trotz Datenkompression und vorgefertig- ter Senso-Bausteine wäre das selbst mit den modern- sten optischen Computern nicht zu bewältigen. Ohne die hilfreiche Unterstützung des schnellsten Rech- ners im Sonnensystem sähe es ziemlich finster aus mit Ishidas Zauberkunststückchen.« »Mein Gehirn?« »Unser Gehirn, ja. Es ist begierig darauf, die Lük- ken zu füllen, die unsere Technik wegen mangelnder Kapazität offenlassen muß.« »Mein Gehirn. Wir sprachen von meiner Kunst der Synästhesie und Konfabulation.« Frans lachte. »Einverstanden. Dein Gehirn.«, * Kazuichi öffnete die Tür des Regieraums und kam auf uns zugeeilt. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er horchte angestrengt nach innen; wahr- scheinlich plapperte sein Implantat. »Die ESA hat vor etwa einer Stunde ein Signal von LISA erhalten, inzwischen melden auch LIGO und VIRGO das Nahen eines Solitons. Amsterdam hat es eben bestätigt.« »Wann wird es durchlaufen?« fragte Frans. »Gegen Nullzweidreinull. Vielleicht etwas spä- ter.« Er wirkte gestresst, und ich bemerke, daß er Mundgeruch hatte. »Dann bleibt mir nicht viel Zeit für die Vorberei- tung. Sieh zu, daß ab Zweidreinullnull jemand von der Maske da ist. Wieder die gleiche Tour: Ende des Tunnels?« »Fünfzehnhundertzweiundsiebzig. Wir haben mit dem Aufbau bereits begonnen. Bis Mitternacht müß- te die Simulation stehen. San Francesco. Auf der großen Bühne.« »Entschuldige mich bitte, Domenica. Ich muß weg«, sagte Frans. »Man schickt dich … auf die Reise?« fragte ich. »Ja.« »Darf ich … darf ich zuschauen?«, Frans sah Kazuichi fragend an. Der hob die Schul- tern und sagte: »Warum nicht?« »Was mußt du tun?« »Holz holen«, sagte Kazuichi. Beide lachten. Wie kleine Jungen, dachte ich mir. * Am Nachmittag durchstreifte ich die Stadt – ziellos. Ein paarmal mußte ich mich hinsetzen, weil ich ganz krank war vor Angst. Ich hatte Magenschmerzen, und mir wurde plötzlich bewußt, daß ich seit dem Morgen nichts gegessen hatte. Also kaufte ich mir in einem Café einen Sandwich, brachte aber keinen Bissen hinunter. Schließlich verfutterte ich ihn an die Fische im Giustina. Kurz nach Mitternacht ging ich ins Studio, und man wies mir einen Platz zu. Als Frans aus der Mas- ke kam, sah er aus wie ein Statist in einem Holly- woodfilm der sechziger Jahre des vorigen Jahrhun- derts. Er trug enge Pantalones und Schnabelschuhe aus weichem Leder und ein weites, über der Brust verschnürtes Hemd aus Rohleinen mit einem breiten Ledergürtel; darüber den Cucullus, das graue Kapu- zenkleid. So also sah ein Venezianer Mitte des 16. Jahrhunderts aus, der im Hafen herumlungern, Holz-, proben abschnippeln, Erkundigungen einziehen und Beobachtungen anstellen konnte, ohne aufzufallen. Ich musterte ihn von oben bis unten. »Ist das alles, was du für die Reise brauchst?« fragte ich ihn. »Alles, was ich brauche, trage ich im Kopf. Viel mehr könnte ich gar nicht mitnehmen, sonst käme keine Transition zustande«, entgegnete er. Man hätte meinen können, er führe nur für eine Nacht mit den Fischern hinaus, die es nicht gern sa- hen, wenn man Platz im Boot mit persönlichen Hab- seligkeiten verschwendete. »Hast du keine Angst?« fragte ich und ärgerte mich über den Anflug von Beunruhigung in meiner Stimme. »Nein«, sagte er, drückte mich kurz an sich und gab mir einen Kuß auf die Stirn. Meine Lippen suchten seinen Mund, aber Frans war nicht so zärtlich wie sonst, sondern innerlich ge- strafft – unaufmerksam. Als wäre er schon unterwegs. »Wann kommst du zurück?« »Ich hoffe bald«, erwiderte er. »Aber man kann unmöglich voraussagen, wo einen das zurückkehren- de Soliton absetzen wird, früher oder später. Es kann zwei, drei Tage dauern, aber ebenso zwei, drei Wo- chen.« »Verdammt, Frans. Ich hab dich lieb. Paß gut auf dich auf!«, Er lächelte und strich mir flüchtig übers Haar; er war innerlich schon abgereist. »Ich bin bald wieder da.« Ich bemerkte, daß sich meine Finger in den Lei- nenstoff seiner Jacke verkrallt hatten. Es bedurfte einer Willensanstrengung, sie zu lösen. Frans wandte sich ab und betrat die Schleuse, die zur Simulations- bühne hinter der transparenten Trennscheibe führte. Der Morgen dämmerte über einem Klostergarten – etwa fünfzehn mal fünfundzwanzig Meter. Allmäh- lich traten die Kolonnaden des Kreuzgangs aus der Dunkelheit hervor. Ein Brunnen plätscherte im Mit- telgrund – er war neu. Der Sockel aus Ziegelsteinen in der Mitte des Innenhofs war frisch aufgemauert, die Figur des San Francesco hatte man noch nicht aufge- stellt. Der Rasen war zertreten, fast ganz verschwun- den unter Bauschutt und Müll. In einer Ecke waren zerbrochene Ziegel aufgehäuft, Holzabfälle lagen herum. Palladios Fassade von San Francesco de la Vigna war soeben fertiggestellt worden. Eine wichti- ge Zeitmarke für die Reisenden, hatte Frans mir er- klärt: das Jahr 1572. Der Klosterhof diente jahrelang den Zimmerleuten und Steinmetzen als Lagerplatz. Nach getaner Arbeit war man dabei, ihn aufzuräu- men. Die Arbeiten gingen schleppend voran. Über dem schmucklosen eingeschossigen Bau des Klosters blitzte die Studiodecke wie eine diamantene Kruste aus Lasermündungen, Reflektoren und Filtern., Das Studio war erfüllt vom Wispern und Summen, das über die Kontrollautsprecher übertragen wurde. Es hörte sich an, als rüsteten sich Dutzende von Bie- nenvölkern zum Ausschwärmen. Das Geräusch machte mich noch nervöser, als ich es ohnehin schon war. Unwillkürlich kratzte ich mir die Unterarme. Frans schlenderte über den Innenhof und betrat den dunklen Kreuzgang. In der Simulation selbst war er nicht mehr zu sehen; auf den Monitoren, die ein kon- trastverstärktes Bild zeigten, war er jedoch sichtbar. Er stand mit verschränkten Armen im Schatten und blickte zu mir herüber. Ob er mich durch die Trenn- wand erkennen konnte? Ich winkte; er reagierte nicht. Ich hatte noch nie so viele Techniker, Ingenieure und Assistenten im Regieraum gesehen. Es waren vierzehn oder fünfzehn, die an den Kontrollpulten saßen, mindestens weitere zehn standen herum. Ka- zuichi hatte am Pult des Mission Controlers Platz genommen, flankiert von zwei Assistenten. Weshalb war Ishida nicht anwesend? Die Reisen waren inzwi- schen Routine, hatte man mir erklärt, und es war jetzt mitten in der Nacht. »Noch fünf Minuten bis zur Transition«, sagte ein Techniker über Lautsprecher. Frans trat aus den Schatten heraus, ging zur Mitte des Innenhofs und legte die Hand an den leeren Sockel des Denkmals. Er schien tatsächlich keine Angst zu haben. Es war seine dreiundsechzigste Reise, hatte er mir gesagt. Er, nickte zur Regie hin und gab mit einem Handzeichen zu verstehen, daß er die Durchsage verstanden hatte. Er durfte kein elektronisches Gerät an sich tragen. Die Nervosität im Regieraum wuchs, obwohl sich jeder betont gelassen gab. Irgendjemand rief etwas auf japanisch – knapp und hart. Es klang wie ein Erschießungsbefehl. Kazuichi nickte und tastete etwas in seine Konsole. Ein Monitor zeigte eine hellblaue Graphik, eine steil aufschießende Kurve. Die Woge nahte. Ich glaubte ein Grollen zu hören, das die Fundamente zum Erzittern brachte, aber niemand schien Notiz davon zu nehmen. Das Morgen- licht über der Simulation war heller geworden. Im Klo- sterhof waren nun alle Einzelheiten zu erkennen. Frans stand inmitten des zerbrochenen und weg- geworfenen Baumaterials und Gerümpels. Werkzeug lehnte an den Wänden, dazwischen Bretter, halb zu- gehauene Steinsimse, primitives Hebezeug mit gro- ben Hanfstricken. Über Lautsprecher erfolgte nun der Countdown: »… zwölf … elf … zehn … neun …« Das Donnern der Woge schwoll an. Ich hielt mir die Ohren zu. Mir schien, als verzerrte sich das Bild der Simulation. In der Mitte des Bühnenraums nahm ich eine Trübung wahr, als würde ich durch eine transparente Plastikfolie blicken, die der Wind ver- formte. Aber es lag wohl an meinen übermüdeten Augen, die schon zu lange in die Holographie ge-, starrt hatten. Ich hörte auch kein Grollen, nur die Stimme des Technikers und das Zirpen und Klicken der Instrumente aus der Regie. Frans reckte den Daumen in die Höhe und nickte. »… zwei … eins … null!« Ein Gong ertönte. Dort, wo Frans gestanden hatte, etwa zwei, drei Schritte von dem gemauerten Sockel des Denkmals entfernt, wallte eine Staubwolke auf, als hätte je- mand einen Kricketball weggeschlagen, als zupfte eine kleine Windhose an den Blättern der Büsche. »Wir haben einen Wash out!« rief eine Stimme tri- umphierend. Ein Durcheinander von Stimmen erhob sich, Erleichterung, bestätigende Zurufe. Die Gesich- ter der Techniker leuchteten freudig erregt. Kazuichi kam aus dem Studio, wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Der Transit hat geklappt«, sagte er. »Wo ist er jetzt?« fragte ich ihn. »Ich hoffe, am Ziel«, erwiderte er erschöpft. »Wenn alles planmäßig verlaufen ist, hat ihn das So- liton an einem Sommermorgen des Jahres 1572 im Klostergarten von San Francesco abgesetzt.« »Er ist schon dort? Ich meine … er ist nicht noch unterwegs?« »Zeit ist keine Strecke, Domenica. Zeit ist eine Schwelle. Ein Nichts.« »An einem … Sommermorgen?«, Der Japaner blickte zur Studiodecke hinauf, als prüfte er die Helligkeit des Himmels. Die Zeit schien erstarrt. Es wurde nicht heller. Kein Blatt, kein Gras- halm regte sich. »Die Simulation ist jetzt eingefroren. Sie bleibt stehen, bis er sie wieder betritt. An einem anderen Sommermorgen. Drei, vier Tage später. Vielleicht in einer Woche oder in zwei Wochen. So lange er eben braucht. Aber nicht zu lange. Es darf sich nicht zu- viel verändern«, sagte er und deutet auf das Gerüm- pel, das im Klostergarten herumlag. »Dann erscheint er wieder.« »Er kann jeden Moment wieder erscheinen. Die Länge seines Aufenthalts hat keinen Einfluß auf den Zeitpunkt seiner Rückkehr. Der ist einzig und allein abhängig davon, wo ihn das Soliton absetzt, das ihn zurückbringt. Das kann in ein paar Stunden sein oder morgen, oder in einer Woche. Wann immer ein Soli- ton aus der Vergangenheit kommend durchläuft auf seinem Weg in die Zukunft.« Das Atmen fiel mir plötzlich schwer. Die Luft im Studio war verbraucht und stickig. Im Querbau des Klosters war leise ein Chor zu hören. Mönche, die sich zur Morgenandacht versammelt hatten? »Macht das Radio aus!« rief Kazuichi in den Re- gieraum. »Entschuldigung«, sagte er zu mir und tät- schelte mich am Arm. »Keine Bange, Domenica, wir schaffen das schon. Wir holen ihn dir zurück.«, Ich hatte es eilig, aus dem Studio zu kommen. Im Vorraum drängten sich Techniker lärmend um einen Getränkeautomaten. Es roch nach billigem Pulver- kaffee. Die Nacht war klar und kalt. Ich ging an dem Fon- damento Giustina entlang und versuchte vergeblich die Tiefe der Zeit zu ermessen, die Frans und mich nun trennte. Zeit ist keine Strecke, Domenica. Zeit ist eine Schwelle. Ein Nichts. Vom Balkon aus blickte ich über die Stadt. Venedig schlief. Jenseits des Lido er- goß sich die Milchstraße ins Meer, kam Licht an sein Ziel, das Abgründe von Jahrhunderten durchmessen hatte – in genau jenem Moment. Der Campanile von San Francesco de la Vigna wies wie der Zeiger eines Astrolabiums senkrecht hinauf in die dunklen Weiten der Nacht irgendwo zwischen Sirius und Tureis, in die Milliarden Jahre tiefen Abgründe, aus denen, für das menschliche Auge unsichtbar, fossiles Licht hervorsickerte. Ich starrte hinauf und versuchte mir bewußtzumachen, daß ich über das Meer der Zeit hinweg Inselgruppen sah, die Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende aus- einanderlagen und sich zu Konstellationen zusam- menschoben – und zu einem Mosaik aus Zeitschnip- seln. Plötzlich begriff ich, was Ishida mit den geordne- ten Fotos gemeint hatte, die dem Menschen den Ab-, lauf der Zeit vorgaukeln. Die Vergangenheit ist eine Collage, eine in Schichten angeordnete Galerie, die auf einen zweidimensionalen Bildschirm projiziert wird. Die Fotos sind übereinanderkopiert auf einen einzigen Film. Die Dimension der Tiefe wird ausge- blendet. Nicht die planimetrische Projektion narrt den Verstand, sondern seine Vorstellung der Tiefe. Man muß die Tiefendimension negieren, und die im Raum gestaffelten Entfernungen ordnen sich auf der Fläche an wie Geländeformationen auf einer topo- graphischen Karte. Der Himmel ist ein riesiger Bild- schirm, auf der die Geschichte des Universums dar- gestellt ist: Eine Zusammenfassung sämtlicher Erei- gnisse, die je in ihm stattgefunden haben, von Beginn an. Unser Kosmos bietet sich uns dar als eine Benut- zeroberfläche. Ähnliche Fotos werden mit dem Cur- sor übereinandergeschoben. Dann wird die negierte Dimension wieder geöffnet. Die Transition hat statt- gefunden. So ist das Universum der Photonen be- schaffen, die Milliarden Lichtjahre überbrücken kön- nen und ihr Ziel bereits erreicht haben, bevor sie sich auf den Weg machen. So funktioniert das Tricktrack- Spiel von Raum und Zeit. Es war phantastisch. Hla Thilawuntha hatte diese Regeln durchschaut und mit seiner Mathematik den Zugang dazu eröff- net. Nur wurde das Spiel in Wirklichkeit in höheren Dimensionen gespielt. Wir Primaten vermochten es, mit unserem Savannengehirn zwar zu erahnen, aber nicht wirklich zu begreifen. Frans hatte tatsächlich nur einen Schritt über die Schwelle getan, nur lag diese Schwelle außerhalb unserer Alltags Wirklich- keit.,

IX DER KLOSTERGARTEN VON SAN FRANCESCO DE LA VIGNA

»DEN REST MEINES LEBENS WERDE ICH DARÜBER NACHSINNEN, WAS LICHT IST … – FÜNFZIG JAHRE INTENSIVEN NACHDENKENS HABEN MICH DER ANTWORT [AUF DIE FRAGE], WAS LICHTQUANTEN SIND, NICHT NÄHER GE- BRACHT.« Albert Einstein Das Soliton war in Richtung Vergangenheit durchge- laufen. Es war aus der Zukunft herabgerollt, hatte uns mit seiner Universen zermalmenden Kraft so sanft berührt, daß wir seine Nähe nur indirekt be- merken konnten. Es hatte die Membranen unserer Wirklichkeit umspült und sie für einen Moment durchlässig gemacht, hatte uns durchströmt, wie die Physiker versicherten, weil es alle Dimensionen durchquerte, die entfalteten ebenso wie die im Planckraum eingerollten – wie viele das immer auch sein mochten. Es wanderte weiter in die Tiefe der Vergangenheit, bis es nach 15 Milliarden Jahren den Anfang erreichen und den Nadir des Kontinuums, überqueren würde, wie eine Dünung den Nordpol überquert, um darauf, seine Bewegungsrichtung un- verändert beibehaltend und doch um 180 Grad in die Gegenrichtung verkehrt, seinen Weg hinauf in die Zukunft zu suchen, zum Ende der Zeit, wo es viel- leicht – niemand wußte es – durch ein hohes Tor strömend auf ähnliche Weise umgewendet wurde und wieder hinab in die Vergangenheit zog, ange- trieben von unvorstellbaren Kräften. Niemand wußte, wie lange einer dieser kosmischen Tsunami brauchte, um die Oberfläche der Raumzeit entlangzuwandern. Vielleicht war die Frage sinnlos, denn er bewegte sich außerhalb des Kontinuums, so wie ein Elektron sich an der Oberfläche eines Leiters entlangbewegt. Niemand wußte auch, wie viele dieser unvorstell- baren Energiepakete auf dem kosmischen Ozean un- terwegs waren und ob irgendein Zusammenhang zwischen ihnen bestand. Ihren Bewegungen war zu entnehmen, daß es keine Interferenzen zwischen ih- nen gab. Sie schienen sich nicht zu berühren, wenn sie sich begegneten, ja, sie reagierten nicht einmal aufeinander, wenn die eine durch die andere hin- durchglitt wie ein Neutrino, das nicht auf die Erde reagiert und sie durchdringt, wenn sie seinen Weg kreuzt. Eine dieser Wogen würde Frans wieder zurück in meine Gegenwart tragen. Doch niemand konnte mir sagen, wann dies geschehen mochte. Tag für Tag, ging ich ins Studio und starrte durch die Glaswand auf die Bühne, auf der man die Simulation eingefro- ren hatte: den Klosterhof von San Francesco de la Vigna an einem Sommermorgen vor 480 Jahren kurz vor Sonnenaufgang – ein Splitter herausgebrochener Zeit, in Glas eingegossen, um zu überdauern, fest- gehalten von den Computern im Regieraum, deren Anzeigen geduldig glühten in Erwartung des Mo- ments, da der Bann gebrochen sein und die Zeit sich wieder in Bewegung setzen würde. Manchmal überkam mich die Vorstellung, daß nur ein paar Schritte entfernt die Mönche des Klosters bei ihrer Morgenandacht erstarrt waren wie auf ei- nem alten Gemälde. Und dann wieder, wenn ich die Augen schloß, glaubte ich ihren Gesang zu hören, die Laudes, die aus der Tiefe der Jahrhunderte herauf- drangen wie aus einem dunklen Gewölbe. »Wann kehrt er zurück?« fragte ich Kazuichi je- desmal voller Ungeduld, obwohl ich wußte, daß es sinnlos war, ihn danach zu fragen. »Du hast es mir versprochen, ihn zurückzuholen.« »Beim nächsten Durchgang nach oben«, erwiderte er lachend, denn am Anfang war es mehr ein Spiel, »spätestens beim übernächsten.« »Wann wird der nächste sein?« »Schwer zu sagen. Manchmal haben wir in der Woche drei oder gar vier, manchmal gar keinen.« »Und wie viele waren es seit seiner Abreise?«, Kazuichi hob die Hand und streckte die Finger. »Fünf«, sagte er. »Er hat es bisher immer in kürze- ster Zeit geschafft. Manchmal vergeht nur ein Tag, eine Woche, manchmal dauert es etwas länger. So schnell wirst du keine alte Frau, Domenica.« Er kicherte. Mir war aber nicht nach Lachen zu- mute. »Mach dir keine Gedanken. Es ist völlig normal, glaub mir«, sagte er und nickte mir aufmunternd zu. * »Wie viele von diesen Tunneln gibt es eigentlich?« fragte ich Ernesto. »Soviel ich weiß, vier. Und weitere zwölf sind in Planung. In Amsterdam befindet sich der längste, dann kommt der Venedig-Tunnel. In Oakland und Johannesburg ist man noch nicht weit vorgedrungen. Ins 19. Jahrhundert oder so, wenn ich richtig infor- miert bin. Das erfährt man nur unter der Hand. Vor allem die Amerikaner machen eine schreckliche Ge- heimniskrämerei daraus. Jede wissenschaftliche Ver- öffentlichung muß von einem Sonderausschuß ge- nehmigt werden, in dem Vertreter der Regierung, des Militärs und der Geheimdienste sitzen, die keine Ah- nung von der komplexen Mathematik Thilawunthas haben. Ihr Institut in Oakland gleicht einer Festung, und ist stärker gesichert als das Pentagon, haben die Holländer, die es besuchen durften, mir erzählt.« »Sie müssen sich wahrscheinlich die militanten Kreationisten vom Hals halten«, vermutete ich. Ernesto nickte. »Das Militär und die Geheimdienste bewachen das Institut mit finsterer Entschlossenheit. Der Gedanke, irgendwelche Ratten könnten in den Katakomben der Vergangenheit an den Fundamenten der USA nagen, ist ihnen unerträglich. Sie betrachten es als einen un- verzeihlichen Mißgriff Gottes, daß er die Erfindung des Zeittunnels nicht ihnen, sondern den Holländern in den Schoß gelegt hat. Dabei haben sie deren For- schungen von Anfang an ausspioniert, aber lange als hirnrissige Spinnerei abgetan.« »Die Amerikaner hatten schon immer ein etwas problematisches Verhältnis zur Realität.« »Ja, weil sie die Wirklichkeit mit ihrem Way of Life verwechseln. Ihre Weltsicht ist mehr durch die Wunsch- und Angstvorstellungen geprägt, mit denen sie Hollywood bedient, als durch die Fakten der Rea- lität, in der sie leben – von der Realität der Welt au- ßerhalb den USA ganz zu schweigen.« Ich dachte an Sarah. »Das stimmt nicht ganz, Ernesto.« Er winkte ab. »Ich weiß, es gibt Ausnahmen. Vor allem unter den Wissenschaftlern, aber die meisten, vor allem, viele Politiker, scheinen tatsächlich in einem anderen Universum zu leben.« »Hast du eine Ahnung, weshalb das Renascita- Institut uns durch den Amsterdam-Tunnel schicken will?« »Das kann ich dir sagen. Erstens reicht der weiter in die Vergangenheit; zweitens hat man dort die mei- ste Erfahrung mit Reisen; und drittens ist er am be- sten ausgebaut, das heißt, man hat eigene Leute ent- lang der Trasse stationiert, die den Reisenden helfen können, wenn sie in Schwierigkeiten geraten.« »Was hier in Venedig nicht der Fall ist.« »In neuerer Zeit schon, aber die Tunnelarbeiten ins 16. Jahrhundert gehen nur schleppend voran. Darü- ber kann dir Frans sicher einiges erzählen.« »Tut er aber nicht. Deshalb frage ich ja dich.« Ernesto lächelte geschmeichelt. »Also, es ist so: Hier in Venedig hat man ein paar gut dokumentierte Orte. Etwa San Francesco de la Vigna. Man weiß ziemlich genau, was sich im Hof des Klosters verändert, von Woche zu Woche, manchmal sogar von Tag zu Tag. Alle Details sind gespeichert und können bei Bedarf abgerufen und holographiert werden. Das erlaubt natürlich ein ge- naues Zielen. Der Reisende kommt zu dem ins Auge gefaßten Zeitpunkt an. Auf die Woche, ja auf den Tag genau. Das Ganze hat aber einen gravierenden Nachteil: Es müssen unglaublich viele Daten gespei-, chert werden. Die Lage jedes Steins, den jemand achtlos im Klosterhof hingeschmissen hat, jedes Bretts, das an die Wand gelehnt wurde, jedes Werk- zeugs, das ein Handwerker irgendwo in der Gegend vergessen hat – alles muß dokumentiert und abrufbar sein, um im Studio die Simulation zu bauen. Ver- stehst du?« »Ja, ich verstehe.« »In Amsterdam tun sie sich wesentlich leichter, vor allem bei der Simulation einer mittelalterlichen Szene. Das Südufer der Zuidersee war bis ins späte 16. Jahrhundert eine gottverlassene Gegend. Jäger, die im Modder herumwateten, um nach Enten zu stö- bern, manchmal ein Fischer, der seine Reusen kon- trollierte, dann und wann ein paar Bauern, die sich frisches Reet für ihre Hausdächer schnitten. Sonst weit und breit kein Mensch. Da kann man natürlich nach Herzenslust tunneln. Aber es gibt auch einen Nachteil: Das Zielen ist ungeheuer schwierig. Da kann es schon passieren, daß der Reisende ein Jahr früher oder später abgesetzt wird.« Plötzlich zirpte sein IKom. »Entschuldige«, sagte er, stand auf und ging zum Fenster, um halblaut ein Gespräch zu füh- ren. Die Caféteria des Institus lag im ersten Stock des alten Trakts, in dem es echte Fenster gab. Hinter den Fondamenta Nuove war San Michèle zu erkennen, nahegerückt im klaren herbstlichen Mittagslicht. Die, Zypressen standen wie eine Postenkette entlang der südlichen Umfassungsmauer, als müßten sie die To- ten bewachen und an einem neuerlichen nächtlichen Ausbruch hindern. Ernesto brachte zwei Espressi mit vom Automa- ten, als er zum Tisch zurückkehrte. Die braune Brühe roch eklig, wie immer im Institut. Weshalb ließen sich die Leute das gefallen? Waren sie schon so an Simulationen gewöhnt, daß sie den Geruch und Ge- schmack von wirklichem Kaffee überhaupt nicht mehr kannten? Wir arbeiten an der wirklichen Wirklichkeit – daß ich nicht lache! »Danke«, sagte ich. »Ihr habt also die Vergangen- heit im Computer gespeichert, wenn ich das richtig verstanden habe.« »Das nicht«, entgegenete er. »Eher in dem Sinne, wie … na ja, wie etwa dein Leben in den Fotos ge- speichert ist, die man von dir seit deiner frühesten Kindheit gemacht hat. Diese Fotos sind der Tunnel.« Er kratzte den Zucker aus dem Pappbecher und leck- te den Plastiklöffel ab. »Die Bilder, die ihr braucht, die bringen euch die Reisenden mit.« »Genau. Natürlich keine Fotos, höchstens mal eine Kohle- oder Rötelzeichnung. Die Transition funktio- niert nicht, wenn man etwa versucht, einen Fotoap- parat in die Vergangenheit mitzunehmen, weil das, womöglich die Welt verändern könnte.« »Die Welt verändern? Das höre ich immer wieder. Was bedeutet das?« Ernesto seufzte. »Ja. So ist das nun mal. Ständig entstehen neue Paralleluniversen. Der heilige Everett steh uns bei. Das wirst du alles noch am eigenen Leib erfahren, bevor man dich losschickt.« »Und wer befindet darüber, was als Reisegepäck durchgeht und was nicht?« fragte ich. »So genau weiß das kein Mensch. Falcotti würde wahrscheinlich sagen, das bestimmt der liebe Gott. Professor Auerbach vom CIA meint, es sei eine Art Supercomputer mit einem Selbsterhaltungsprogramm der Zukunft, der darüber entscheidet. Aber man hat bald herausgefunden, daß es zumindest ein ehernes Gesetz gibt: Kein technisches Artefakt läßt sich in Richtung Vergangenheit transportieren, damit keine Anachronismen auftreten. Keine Kameras, keine modernen Waffen, ja nicht einmal Details an der Kleidung wie Druckknöpfe oder Reißverschlüsse.« »Die Zukunft des Universums hängt an Druck- knöpfen und Reißverschlüssen? Das ist doch wohl ein Witz.« »Leider nicht, wie die Erfahrung zeigt. Wir sind darauf angewiesen, und zwar ausschließlich, was die Reisenden« – er tippte sich an die Schläfe – »hier transportieren können.«, Ich nickte und schob unauffällig den Becher mit dem kalt gewordenen Kaffee beiseite. »Das geht folgendermaßen vor sich: Beispiel Am- sterdam. Ein Reisender kehrt vom Ende des Tunnels zurück. Zusammen mit dem Visualisten baut er ein Bild von dem, was er zwölfhundertnochwas – so weit sind die vom CIA inzwischen vorgestoßen – gesehen hat. Er reist von neuem, sucht vorsichtig Kontakt mit Zeitheimischen und erkundigt sich: Wurde hier in der näheren Umgebung im letzten Winter ein Baum gefällt? Wo genau? Aha. Die Hütte da drüben, sie ist neu, nicht wahr? Seit wann steht die schon? Wurde im vergangenen Herbst gebaut? Hat es sonst hier irgendwelche Veränderungen gege- ben? Nicht? Mit diesen Informationen kehrt er zu- rück. Wieder wird an der Simulation gearbeitet. Der Baum wird wieder an seinen Platz gesetzt, die neue Hütte entfernt. Und wieder geht die Reise ins 13. Jahrhundert. Tatsächlich! Da steht der alte Baum, die Hütte dagegen noch nicht. Wieder ein halbes Jahr geschafft. Nächster Sprung … Das ist der Job der Tunnelwühler, Domenica. So wird immer weiter und weiter gebuddelt. Mal geht’s schneller, mal geht’s langsamer. Manchmal schaffen sie vierzig, fünfzig Jahre pro Jahr. Und irgendwann werden die Amster- damer auf ein Schild stoßen, auf dem steht: Schöp- fungstag. Ende der Ausbaustrecke.« Ernesto kicherte, verschränkte die Arme hinter, dem fast kahlen Kopf und streckte die langen Beine von sich. »So mühselig habe ich mir das nicht vorgestellt.« »Mühselig? Das ist kinderleicht! Hier in Venedig ist es mühselig. Es gab Jahre, da haben sie es gerade mal geschafft, einen Monat weiter in die Vergangen- heit vorzudringen. In einem ganzen Jahr! Das ist ech- te Knochenarbeit. Die Visualisten sind oft völlig ver- zweifelt, so viele Details sind zu berücksichtigen. Es ist ein ständiges Hin und Her.« »Den Eindruck habe ich aber ganz und gar nicht.« »Du meinst wegen Frans?« – Er winkte ab. – »Das kann vorkommen. Eine Frage der Zielgenauigkeit. Mach dir keine Gedanken.« »Verdammt noch mal! Jeder hier sagt mir, ich soll mir keine Gedanken machen, aber je mehr ich mich mit den technischen Grundlagen befasse, desto schwindliger wird mir bei der Vorstellung, auf welch dünnem Eis ihr euch bewegt.« Ernesto blies die Backen auf und rieb sich nervös die Stirnglatze. »Ich bestreite ja nicht, daß es noch viel zu tun gibt.« »Nur daß du gemütlich im Sessel vor deinem Mo- nitor im Regieraum sitzt, während Frans im sech- zehnten Jahrhundert herumschleicht und Kopf und Kragen riskiert.« »Die Reisenden brauchen uns. Müssen sich auf uns verlassen können …«, »Das ist doch wohl klar. Und ich hoffe, du machst deine Sache gut, Ernesto.« * Tagelang habe ich das Studio gemieden. Ich wollte das Bild der Simulation nicht mehr sehen. Es lahmte mich, denn es hatte sich dreiundzwanzig Tage lang nicht verändert. Dann hatte ich mich doch wieder hin- gewagt und einen Blick in die Schatten des Kreuz- gangs geworfen. Nichts. Nicht die geringste Bewe- gung. Im Regieraum war ein einsamer Techniker, der reglos dem Flüstern seines Schädelimplantats lauschte. »War er schon einmal so lange weg?« fragte ich Kazuichi. »Ja, ja«, erklärte er lächelnd. »Er war schon mal einen ganzen Monat weg. Die Rückreise hat nicht auf Anhieb geklappt, weil er irgend etwas Sperriges dabeihatte.« »Etwas Sperriges?« »Kopien von Bauplänen irgendeines Palazzo. Ich weiß nicht mehr, welcher es war.« »Glaubst du, daß er auch diesmal …?« »Nein, nein. Er hat inzwischen viel Erfahrung«, versuchte Kazuichi mich zu beruhigen. *, Dreißig Tage waren mittlerweile vergangen und vier weitere Solitone waren nach oben durchgelaufen, hörte ich, aber keine erlöste den Hof von San Fran- cesco aus seiner Starre. Mir schien, als blickte Ka- zuichi etwas besorgt. Der Gesichtsausdruck dieser Japaner war so schwer zu deuten. Alles mögliche könnte Frans passiert sein. Ich hat- te meinen Scarabeo über 1572 befragt. Welch eine unruhige und gefährliche Zeit! Im Arsenale hatte es im Juni 1569 gebrannt. Vier fast fertige Galeeren gingen verloren; mehr als ein Dutzend Schiffe wur- den beschädigt. Man vermutete Brandstiftung; erhöh- te Wachsamkeit wurde angeordnet. Man hatte ein Auge vor allem auf Fremde, die sich in der Nähe he- rumtrieben. 1570 ging Zypern verloren. Die Demüti- gung von Famagosta erhitzte noch immer die Gemü- ter. Die Osmanen hatten Martinengo, der wagemutig das Entsatzheer in die belagerte Stadt geführt hatte, nach Verrat und Gefangennahme öffentlich gehäutet. Zwischenzeitlich hatte man sich bei Lepanto zwar Genugtuung verschafft und die Schmach gerächt, indem die osmanische Flotte versenkt wurde, aber die bange Ahnung, daß dies womöglich der letzte Prankenschlag des Löwen von San Marco gewesen sein könnte und der Stern unwiderruflich im Sinken war, verbreitete ein Gefühl der Nervosität und Unsi- cherheit. Die Signoria setzte auf eine Politik der »Bi- lancia«, des subtilen Gleichgewichts. Eine schändli-, che Politik fauler Kompromisse mit der Hohen Pfor- te, sagten viele Patrioten. »Die Herren im Palazzo ducale katzbuckeln, als sei unsere Flotte bei Lepanto unterlegen gewesen«, murrten sie und beobachteten mit Mißtrauen das Kommen und Gehen der päpstli- chen und kaiserlichen Delegationen, die um Geld und Unterstützung feilschten, die Machtansprüche bekräftigten und ihren Einfluß zu vermehren trachte- ten – angelockt wie Hyänen, die den nahenden Tod einer fetten Beute wittern. In der Stadt wimmelte es von Spionen, Informanten und Denunzianten, die auf den Plätzen und in den Palazzi, in den Kneipen und den Hurenhäusern herumschnüffelten, und die Rich- ter im »Purgatorio« und im »Inferno« machten kur- zen Prozeß mit jedem, auf den auch nur der Schatten eines Verdachts gefallen war. Wie leicht konnte Frans als Fremder zwischen die Mühlsteine geraten, wenn so viele Zeitheimische zwischen ihnen zerrieben wurden. Spione wurden mit dem Schwert gerichtet. Oder hat man sie er- hängt? Aufs Rad geflochten? Ertränkt? Oder sie ein- fach in den Bleikammern vermodern lassen? Ich schlief schlecht. * Luigi hatte eine Überraschung für mich. Er meldete eine positive Veränderung meines Kontostands. 5000, Euro »monatliche Ausbildungsbeihilfe«, rückwir- kend seit Juli. Das Geld war überwiesen worden von einer Firma namens Timelink Manpower in Den Haag via Banca Ambrosiana, die wie durch ein Wunder un- ter Paul VII. wiedererstanden war. Ich hatte ein Ver- mögen von 25000 Euro auf dem Konto! So etwas war mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert! »Soll ich es für dich anlegen?« fragte Luigi für- sorglich. »Du kannst damit machen, was du willst, nur nicht verprassen.« »Ich werde es für dich verwalten, Domenica. Wir müssen aber eine Vollmacht speichern und hinterle- gen.« »Du nervst mich.« »Tut mir leid, aber es ist meine Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.« »Führ mich lieber zum Essen aus.« »Du meinst, ich soll eine Reservierung für dich vornehmen?« »Ja, und eine Verabredung mit allen Römern, die noch da sind. Ich gebe einen aus.« »Es liegt übrigens eine Einladung vor.« »Von wem?« »Von Ernesto Caputi. Er gibt seinen Abschied.« *, Ernesto sollte am 12. Dezember nach Amsterdam abreisen. Er sollte dort am Hendrik-Casimir-Institut seine weitere Ausbildung erhalten, der einstigen Wir- kungsstätte des legendären Hla Thilawuntha aus My- anmar. Manche sahen in diesem genialen Mathemati- ker einen Wiedergänger Ramanujans, der Anfang des letzten Jahrhunderts von Indien nach Cambridge kam und die Mathematiker in aller Welt verblüffte. »Ich freue mich darauf«, sagte Ernesto mit glän- zenden Augen. »Das ist nicht zu übersehen«, spottete Renata. Ernesto blickte verdutzt in die Runde, als wir alle lachten, und dann lachte er mit. Er hatte uns zum Abschied ins Madonna eingela- den, ein altes traditionsreiches Lokal in einer über- dachten Seitengasse südwestlich der Rialto-Brücke, das aus einem Dutzend ineinander übergehender Speiseräume bestand und ein familiäres Ambiente ausstrahlte. Die Fischsuppe war hervorragend, der Orate eben- so, und der Wein des Hauses, ein trockener Prosecco aus Valdobbiadene, war Spitzenqualität. Trotzdem kam keine rechte Stimmung auf. Vielleicht lag es an mir, weil ich sie alle mit meinen Sorgen und meinem Trübsinn ansteckte. Aber auch Marcello blickte trau- rig auf seinen Teller und sprach kaum ein Wort. »Was ist mit dir, Marcello?« fragte ich. »So kenne ich dich gar nicht.«, »Seine Hormone sind ein bißchen durcheinander«, warf Renata ein. »Ich glaube, wir lassen ihn besser in Ruhe.« »Ist er verliebt?« fragte ich. »Das ist er doch immer. Nein, er ist in die Hände der Mediziner gefallen. Sie sind dabei, ihn fürs 18. Jahrhundert umzurüsten. Sie haben ihn Buckies vol- ler Nanos gespritzt, das schlägt ihm aufs Gemüt.« Marcello warf mir aus dunklen Augen einen leiden- den Blick zu. »Das steht uns beiden auch noch bevor«, erklärte Renata. Ernesto ließ sich in seiner erwartungsvollen Stim- mung nicht beeinträchtigen. Er hatte Seligkeit im Blick und Schweißperlen auf der Stirnglatze, wäh- rend er von »CIA Mission Control« schwärmte, wel- che die Aktivitäten von zwei Dutzend Zeitreisenden gleichzeitig überwachen konnte. »He«, sagte Renata, »nun bleib mal auf dem Tep- pich! Ihr schaut Trittbrettfahrern zu, wie sie auf einen durchfahrenden Zug aufspringen, und hofft darauf, daß sie einen Gegenzug erwischen, der sie irgend- wann wieder zurückbringt.« »Nun, ganz so ist es nicht«, erwiderte Ernesto. »Professor Ishida neigt nun mal zu solchen Späß- chen. Stimmt doch, oder?« Er blickte Kazuichi um Unterstützung heischend an, aber der grinste nur unergründlich., »Das stimmt«, sagte ich. »Ihr glaubt gar nicht, wie lustig ich diese Späßchen finde.« »Nun laß mal«, sagte Renata. »Ich bin schuld. Ich habe Unsinn geredet. Verzeih mir. Es ist seine Party.« Sie deutete mit einem Nicken auf Ernesto, der et- was verständnislos von einem zum andern blickte. »Ein Hoch auf Mission Control!« rief ich und trank mein Glas leer – und dann noch eins … und noch ein paar. Ich wußte nicht mehr genau, wie wir nach Hause gekommen waren. Ich konnte mich nur an dichten Nebel erinnern, an menschenleere Gassen und an Lichtpfutzen auf feuchtem Pflaster und daß wir ki- chernd an Kazuichis Kompaßfinger herumrätselten, aber nicht schlau aus seiner Anzeige wurden, weil der Japaner ebenso betrunken war wie wir alle. Schließlich hatten wir uns doch verlaufen und er- schrocken Arm in Arm schwankend von einer schmalen Stufe ins schwarze Wasser eines Kanals gestarrt, der sich plötzlich vor uns aufgetan hatte. Um ein Haar wären wir hineingestolpert. * 18. Dezember. Frans war immer noch nicht zurück- gekehrt. Zweiunddreißig Tage war er nun schon auf Reisen. Am Morgen hatte ich Renata zum Bahnhof ge-, bracht. Sie fuhr über Milano, Domodossolo, Bern, Basel und Köln nach Amsterdam, weil sie mit Si- cherheit in den Fahndungscomputern der Österrei- cher gespeichert war. Irgendwo auf einem Bahnhof, in einer Fußgängerpassage oder einem belebten Platz hätte eine der allgegenwärtigen Beobachtungskame- ras ihr Gesicht in der Menge identifizieren und einen Alarm auslösen können. Wir fuhren mit dem Vaporetto nach Santa Lucia. Es war ein klarer Morgen. Die Farben der Fayencen an den Fassaden der vornehmen Palazzi entlang des Canal Grande strahlten auf in der niedrig stehenden Sonne. Das Gold in den Fresken erglühte, Gesichter von Heiligen erwachten zum Leben, Augen erwider- ten unvermutet den Blick des Betrachters. Doch die Zeichen des Verfalls, der Schäbigkeit und Hinfälli- gleit waren unübersehbar in dem schonungslosen Licht der noch tief stehenden Sonne. In der großen verglasten Caféteria des Bahnhofs lärmte eine Schulklasse. Etwa dreißig Zwölf- bis Vierzehnjährige in häßlich ockerfarbenen, rot paspe- lierten Schuluniformen lümmelten hingefläzt auf den Bänken und warteten auf ihre Abreise. Der obligato- rische Venedigbesuch war zu Ende. Anoraks und Käppis türmten sich auf dem Boden. Smarte Reiseta- schen lagerten in einer Gruppe wie eine Herde grell- bunter Robben, die sich in ungewohnter Umgebung angstvoll zusammendrängen. Ihre Chips waren auf, die IKoms ihrer Besitzer programmiert, damit sie nicht verlorengehen konnten oder vergessen wurden. Sie setzten jedesmal zu einer halbherzigen Bewe- gung an, wenn dieser den Platz wechselte oder zu einem der Kioske ging. Fast alle Schüler trugen sen- soelektronische BioPets auf der Brust oder an den Oberarmen, wo sie sich festklammerten und wim- mernd ihre Herren um Futter und Zuneigung anbet- telten. Aber sie mußten wie alle empfindenden We- sen die Qualen erdulden, die ihre unbarmherzigen Götter ihnen auferlegten. Einige der Jungen und Mädchen hatten ihre Spiel- module zu kleinen Holovid-Arenen zusammengeschal- tet, in denen sie Tiere gegeneinander kämpfen ließen. Kingkongs, Godzillas, Riesenskorpione; Brontosaurier richteten sich brüllend auf und stapften aufeinander los. Kirschrote Fontänen sprühten ins Nichts, abgetrennte Körperteile wirbelten davon und verschwanden an der Peripherie. Es roch nach warmem Blut. »Immer wieder der gleiche grausame Scheiß«, sagte Renata ärgerlich. Die rudimentären KIs der Pets gerieten in Panik. Die Halbwesen zappelten, zerrten und kreischten in heller Aufregung. Ich schaute fasziniert zu. Die Emo- tionen schaukelten sich auf. Einige Reisende drehten sich schimpfend nach den Schülern um. Die Verkäu- ferinnen an der Theke der Caféteria riefen irgend et- was, das in dem Tumult unterging., »Hört auf!« Wie eine allmächtige Obergottheit erschien plötz- lich das resolute Gesicht einer Lehrerin auf den Ho- lobühnen, unterdrückte die Spieleprogramme, mach- te dem Gemetzel ein Ende und fegte die Chimären ins Nichts. Das hysterische Fiepen und Schnattern der Pets ebbte nur allmählich ab. Sie mußten durch Streicheln und Zureden beruhigt werden. »Los jetzt! Macht euch fertig!« Ich drehte mich um, konnte das Original der ener- gischen Dame aber nirgends entdecken. Vielleicht betreute sie die Exkursion von ihrem Schreibtisch in Turin oder Bologna aus und dirigierte ihre Schüler- schar über Satellit. Die Schüler rappelten sich mürrisch auf, fischten sich ihre Jacken aus dem Durcheinander und setzten ihre Käppis auf. Die Herde der Reisetaschen wurde unruhig; sie nahm elektronisch Witterung auf und setzte sich drängelnd und rempelnd zum Ausgang in Bewegung. Eine stieß ein schluchzendes Blöken her- vor, weil sie zwischen einem Stuhl und einem Tisch- bein festgekeilt war. Der Fußtritt eines Jugendlichen befreite sie aus ihrer mißlichen Lage, und sie beeilte sich, den Anschluß an die anderen zu finden. Ich schloß Renata in die Arme, froh darüber, daß die meisten Leute den Raum inzwischen verlassen hatten, denn ich konnte die Tränen nicht zurückhalten., »Gute Reise«, schniefte ich. »Wir sehen uns in Amsterdam.« Sie nickte. Ich spürte, wie sich ihre verstümmelten Finger in meine Schulter bohrten. »Paß auf dich auf, Domenica.« »Ja, du auch«, erwiderte ich. Als ich sie auf die Wange küßte, merkte ich, daß auch sie heulte. »He!« sagte sie und fuhr mit dem Handrücken über Lippen und Nase. Dann drückte sie ihre Holzspange fester ins Haar und grinste mich tap- fer an. Da wurde mir bewußt, wie gern ich sie hatte. »Grüß Frans von mir. Er muß ja bald zurück sein«, sagte sie und knuffte mich aufmunternd. »Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Sei so gut und schau bei Heli im Ospedaletto vorbei.« Renata kramte ein handgroßes, viereckiges, in Goldpapier gewickeltes und mit einer roten Schleife verziertes Päckchen aus der Tasche ihres Anoraks. »Gib ihr das bitte. Es ist ein Weihnachtsgeschenk für sie. Ich hab es zufällig aufgetrieben, aber keine Zeit mehr gehabt, es ihr selbst vorbeizubringen.« »Was ist es denn, wenn ich fragen darf?« »Es ist ein kleines Stückchen Mars.« »Darüber freut sie sich bestimmt.« »Ja, ich glaube auch,« Ich winkte ihr lange nach, als der Zug den Bahnhof verließ und auf den Damm nach Mestre hinausfuhr., * Auf dem Rückweg ging ich zum Markt am Rialto. Neben der Anlegestelle des Traghetto schaukelte ein Floß im Canal, auf dem gerade eine Krippe mit le- bensgroßen Figuren aufgebaut wurde – offenbar die Anbetung der Könige. Es ging auf Mittag zu, trotzdem war auf dem Fischmarkt noch reger Betrieb. Möwen kreischten. Sie forderten ihren Tribut, trippelten zu Dutzenden auf den Simsen, drängten sich auf den warmen Stel- len der Dächer und belagerten die Kamine. Auf dem naßgespritzten Boden lagen übereinandergeworfen schmierige weiße Styropor-Behälter mit Resten von blutgesprenkeltem Eisgrieß. Fettige Zinkblechwan- nen auf Holzgestellen, halb gefüllt mit graublauem Sepiagewölk, ineinandergeballt wie ausgelöstes Hirn voll dunkler Erinnerungen. Fischdärme wurden von glitschigen Holzplatten gescharrt. Breite Klingen glitten durch hellrotes, aufklaffendes Gewebe, schab- ten über schmirgelrauhe Fischhaut, knirschten durch Knorpel und Fischbein. Zerteilte Körper, kurz auf die Waagschale geworfen, glitschten in durchsichtige Plastiktüten. Am Rand einer Filetiertafel waren ab- geschnittene Schwertfischköpfe senkrecht aufgereiht zu einem Staketenzaun. Jedesmal, wenn ich hierherkam, beobachtete ich mit einer Mischung aus Grausen und Faszination das, Töten ringsum. Die Verwandlung von Lebewesen in Nahrungsmittel, diskret, sauber – von ein paar Blut- spritzern abgesehen. Das Offnen und Ausräumen von Leibeshöhlen, die kundige, kundengerechte Ver- stümmelung. Wenn ich die Augen schloß, hörte ich Gewisper an der Grenze des Hörbaren. Weißes Rau- schen? Kleine Schreie? Oder war es nur das Tosen meines eigenen Blutes im Innenohr? Mir fiel ein junger Mann mit kahlrasiertem Schä- del auf, der unruhig um sich blickte. Ein Verkäufer reichte ihm eine pralle gelbe Plastiktüte voller Fische hinterm Ladentisch hervor, die er schnell in seinem abgeschabten Matchbeutel verschwinden ließ. »Sucht die Signorina etwas Bestimmtes?« fragte mich der Verkäufer laut und etwas zu forsch. »Bron- zini, Mormore, Dendici? Ganz frisch. Alle heute nacht gefangen.« In der Lagune? Er trug eine schwarze Wollmütze und eine neue ro- te Plastikschürze, die mit Fischschuppen gesprenkelt war wie mit Pailletten aus Perlmutt. Zu lange hatte ich die Plastiktüte angestarrt. Sie enthielt keine toten Fi- sche; ich hatte die trägen Bewegungen auf Anhieb erkannt. Es waren gelähmte, von durchgedrehten Na- nos infizierte Exemplare. »Goldene Fische« – Oros, die unter Sammlern inzwischen ihren Preis wert waren. Der Händler hackte mit einer schweren, handbrei- ten Klinge einem Rochen die Flossensäume ab und warf den verstümmelten Körper auf einen Haufen, halb zugerichteter Fische, in denen noch Leben war, das vor Schmerz erschauerte. »Da!« rief der Händler und warf eine abgetrennte Flosse in meine Richtung. Aber er hatte den Wurf angetäuscht; sie landete ein paar Meter neben mir zwischen den Styroporbehältern auf dem Boden. Ei- ne Möwe mit buckligem Hals und groß wie eine Gans packte das Stück, flatterte plump mit der Beute auf und schleppte ihre großen gelbroten Füße hinter sich her wie Lappen. Der Fischhändler lachte laut über den gelungenen Scherz und wischte sich schnie- fend die Nase am Ärmel. Die Verkäufer an den Stän- den ringsum grinsten. Der junge Mann mit dem Matchbeutel war längst in der Menge verschwunden. Es schauderte mich. Mir wurde klar, daß die Wis- senschaftler längst die Kontrolle verloren hatten. Dieses nanoverseuchte Zeug ging längst von Hand zu Hand; es landete in Souvenirshops, in Regalen und Vitrinen, als Wandschmuck in Wohnzimmern auf der ganzen Welt – und auf dem Schreibtisch Fal- cottis in Rom. Und ich bezweifelte, daß sie bei ihren Isolationsmaßnahmen auch die Vögel bedacht hatten, die ihre Beute aus der Lagune holten und weiß Gott wohin schleppten? Oder waren sie das Risiko ganz bewußt eingegangen? Ein ungenierter Freilandver- such größeren Ausmaßes? Klar war jedenfalls, daß dieser Geist sich durch nichts und niemanden mehr in die Flasche zurückstopfen ließ.,

X SAND VOM MARS

»LEBTEN WIR WIRKLICH AUF EINER BRAN IN EI- NER RAUMZEIT MIT ZUSÄTZLICHEN DIMENSIO- NEN, WÜRDEN SICH DIE GRAVITATIONSWELLEN, DIE DIE BEWEGUNG VON KÖRPERN AUF DER

BRAN ERZEUGTEN, IN DIE ANDEREN DIMENSIO-

NEN AUSBREITEN. GÄBE ES EINE ZWEITE BRAN, WÜRDEN DIE WELLEN VON IHR REFLEKTIERT WERDEN UND ZWISCHEN DEN BEIDEN BRANEN GEFANGEN SEIN. GÄBE ES DAGEGEN … NUR EINE

BRAN UND WÄREN DIE ZUSATZDIMENSIONEN UN-

ENDLICH AUSGEDEHNT, KÖNNTEN DIE GRAVITA- TIONSWELLEN GANZ ENTWEICHEN UND AUS UN- SERER BRANWELT ENERGIE DAVONTRAGEN.

DAS WÄRE EIN SCHWERER SCHLAG FÜR EINES

UNSERER PHYSIKALISCHEN GRUNDGESETZE: DEN

ENERGIEERHALTUNGSSATZ, NACH DEM DIE GE-

SAMTENERGIE IM UNIVERSUM IMMER GLEICH BLEIBT; SIE KANN WEDER ZU- NOCH ABNEHMEN.

ALLERDINGS SCHEINT ES NUR EIN VERSTOSS GE-

GEN DAS GESETZ ZU SEIN, WEIL UNSERE SICHT DER EREIGNISSE AUF DIE BRAN BESCHRÄNKT IST.

EIN ENGEL, DER DIE ZUSATZDIMENSIONEN SEHEN

KÖNNTE, WÜSSTE, DASS SICH DIE ENERGIEMENGE NICHT VERÄNDERT, SONDERN NUR ANDERS VER- TEILT HÄTTE.«

Stephen Hawking

, Im Studio bemerkte ich, daß man in Atelier Zwei ei- ne weitere Simulation generiert hatte und in Atelier Drei eine dritte vorbereitete. Waren das Notmaß- nahmen? Die zweite Bühne zeigte ebenfalls das eingefrore- ne Bild des Klosterhofs im Morgenlicht, doch einige Details hatten sich verändert: Die Steine und Ziegel- brocken waren verschwunden, ebenso die Holzabfäl- le und die Werkzeuge. Die Grasflächen zwischen den Kreuzgängen hatten sich erholt, das Gras war ge- wachsen. Was hatte das zu bedeuten? Kazuichi hatte mir erklärt, daß man das Arrange- ment des Zielpunkts unverändert gelassen hätte, um die »Assoziation« zu gewährleisten. Sie sei Voraus- setzung für die sichere Rückkehr. Man versuchte jetzt offensichtlich, denselben Zielpunkt zu einer späteren Zeit zu simulieren – das Bild des Kloster- hofs im Spätsommer oder Herbst des Jahres 1572, der als Ergebnis einer zurückliegenden Reise im Computer gespeichert war –, um für Frans einen Noteingang in den Tunnel zu schaffen, wenn er sich aus irgendeinem Grund verspätet hatte oder an einer rechtzeitigen Rückkehr zum Zielort gehindert wor- den war. Man habe einen »virtuellen Fächer« geöff- net, erklärte mir eine der anwesenden Technikerin- nen, eine junge sommersprossige Holländerin. Sie war groß und schlank, fast mager, hatte aber bemer- kenswert große Brüste. Über der rechten stand auf, einem weißen Sticker mit roter Schrift »Riet Swee- linck« auf dem hellblauen Overall. Der Computer baue nun nacheinander verschiedene Eventualitäten von späteren, gut dokumentierten Zeitpunkten auf und biete sie dem Reisenden an, erklärte sie mir. Mein Einwand, das sei doch ein reines Glücks- spiel, ließ sie nicht gelten. Der ursprüngliche Ziel- punkt bleibe erhalten, und die Alternativzeitpunkte habe Mr. Hooft im Kopf. Außerdem bereite man ei- nen zweiten Ort vor. Sie wies auf die Bühne im drit- ten Atelier, auf der aber noch nicht viel mehr zu se- hen war als ein unbewohntes, halb verfallenes einge- schossiges Gebäude, dessen Fensterstöcke herausge- rissen waren und dessen Dachstuhl offenbar durch ein Feuer zerstört worden war. Davor nahm ein von Unkraut überwucherter Streifen Land Gestalt an. »Wo, um Himmels willen, ist das?« »Das ist das im 15. Jahrhundert aufgegebene Klo- ster auf der Insel San Francesco del Deserto südlich von Burano«, erklärte sie. »Erst im 19. Jahrhundert haben sich dort wieder Mönche angesiedelt.« »Weshalb werden die Reisenden nicht gleich an diesen unauffälligen Ort geschickt?« Sie zuckte die Achseln. »Wie wollen Sie denn dort ein Ziel eingrenzen, wenn sich jahrzehntelang nichts ändert?« fragte sie mich lachend. »Mr. Hooft müßte sich zunächst er- kundigen, in welchem Jahrhundert er gelandet ist., Außerdem, wie sollte er dort wegkommen, ohne Auf- sehen zu erregen? Die Fischer würden ihn aufgreifen und den Behörden übergeben, weil sie hoffen, eine Belohnung zu ergattern. Auf Spione sind Kopfgelder ausgesetzt. Mit den Zeitheimischen ist das gar nicht so einfach hier, das kann ich Ihnen sagen. Da haben wir es in Amsterdam leichter. Unser Tunnel ist durch un- sere eigenen Leute gesichert, bis tief ins Mittelalter hinein. Da ist immer jemand in der Nähe.« Sie wies mit einem Nicken auf den halbverfalle- nen Bau des Klosters in der Simulation und fugte hinzu: »Für eine Rückkehr ist der Platz freilich ideal. Deshalb haben wir ihn ja in Reserve.« »Kennen Sie Marcello Tortorelli?« fragte ich die Holländerin. »Den mit den schwarzen Locken, der im Herbst aus Rom zu uns gekommen ist? Ja, den kenne ich«, entgegnete sie und errötete. Schau mal an, dachte ich. Dieser Schlingel. »Er wird hier als Tunnelwächter arbeiten, hat er mir erzählt. Im 18. Jahrhundert«, sagte sie knapp. Sicher eine interessante Aufgabe, überlegte ich mir, aber bestimmt nicht einfach. Marcello würde lernen müssen, sein Temperament zu zügeln. All das Wissen zu haben und es nicht anwenden zu dürfen, das würde ihm besonders schwerfallen. Gelegentlich würde er eine Heimreise ins 21. Jahrhundert unter- nehmen, um Dampf abzulassen und nebenbei die, Früchte seiner botanischen Exkursionen der Rinasci- ta della Creatione zugänglich zu machen. Wie mein Job wohl aussehen mochte? sinnierte ich. Sicher so ähnlich. Nur dreihundert Jahre früher. »Ich sehe, du magst ihn.« Die junge Technikerin blickte auf ihre ausge- latschten Turnschuhe und lächelte. »Er sieht gut aus, ja«, sagte sie achselzuckend, und fügte ein bißchen schnippisch hinzu: »Aber er muß noch viel lernen.« »Ob Frans bald zurückkommt?« fragte ich. Sie blickte mich überrascht an. »Der geht nicht verloren«, erwiderte sie lachend. »Der doch nicht.« * »Hallo, Mama! Buon natale!« »Buon natale, Kind! Wo bist du?« »In Venedig.« »Was tust du da? Weshalb bist du die Feiertage über nicht bei uns?« »Ich habe zu tun, Mama. Ich habe eine Arbeit an- genommen. Dafür werde ich hier in Venedig ausge- bildet. Wie geht es dir, Mama?« »Ich habe auch viel zu tun. Wenn ich Chalid nicht hätte …« »Wer ist Chalid?«, »Ein reizender Mensch. Er wohnt bei uns. Wir ha- ben jetzt auch im Winter Zimmer vermietet. An Dau- ergäste, weißt du? Das Geld reicht sonst nicht. Und Chalid hilft mir ein bißchen im Café. Er ist ein so liebenswürdiger Mensch.« »Wie geht es Oma?« »Ach, ihr geht es gut, aber sie lebt jetzt mehr zu- rückgezogen. Sie ist lieber in ihrem Zimmer.« »Aha.« »Sie mag Chalid nicht so gern. Dabei hat sie über- haupt keinen Grund dazu. Aber du kennst ja ihre Vorurteile. Ein bißchen starrsinnig, du weißt schon. Sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste.« »Grüß sie von mir. Ich wünsche ihr alles Gute.« »Ja, mein Kind. Es hat sich viel verändert hier in Genua …« Sieht ganz so aus, dachte ich mir. »Das solltest du sehen. Die Altstadt steht halb unter Wasser, trotz des Damms, den sie im vergangenen Sommer an der Hafenpromenade gebaut haben. Du erinnerst dich doch, wo wir früher das Café hatten – nein, da warst du noch zu klein –, unten an der Piazza Caricamento. Da ist jetzt ein Antiquitätenhändler drin. Alles kaputt. Die ganzen alten Möbel und Bilder. Aber das kann uns ja egal sein. So ein Hochwasser hat es zeit ihres Lebens nicht gegeben, sagen die Leute. Wahrscheinlich kommt das durch die vielen Flücht- lingsschiffe, die im Hafen liegen – behaupten sie je-, denfalls. Die ganze Bucht ist voll davon. Wo die nur überall herkommen? Hauptsächlich Moros, aber von der minderen Sorte. Chalid ist da ganz anders.« »Wo kommt er denn her?« »Oh, er ist Italiener. Obwohl da deine Oma etwas andere Ansichten hat. Seine Eltern stammen aus Bengasi. Aber er ist hier geboren und aufgewachsen. Ein typischer Italiener. So freundlich und hilfsbereit. Ich wüßte nicht, was ich ohne ihn täte. Es hängt ja jetzt alles an mir.« Saß dieser Chalid an der Kasse? Oder auf dem er- höhten Platz neben der Espressomaschine, vor der warm durchfeuchteten, intensiven Kaffeeduft ver- strömenden Kipplade, an deren dicken Holzbohlen Großvater tagaus, tagein zahllose Kaffeesatzladun- gen aus den Metallfiltern geklopft hatte? Ich schloß die Augen, hörte das dumpfe Pochen von Metall auf feuchtem Holz und roch den Duft, der sich augen- blicklich verbreitete, wenn der Dampf mit unter- drücktem Seufzen in den mit gemahlenem Kaffee vollgepackten Metallzylinder gepreßt wurde, sah die dunkelfleckige Lederschürze, die er über seine zer- schmetterten Knie gebreitet hatte. »… gar nicht zu?« »Doch, Mama. Ich hör dir zu. Ich wünsche euch allen ein schönes Fest …« Was soll’s? fragte ich mich. Gönn ihr das bißchen Glück mit ihrem Chalid! »… und grüß auch Chalid von mir, unbekannter-, weise.« »Das werde ich tun, Kind. Und auch dir schöne Tage, wenn du schon nicht kommen kannst.« »Ein andermal, Mama. Ciao!« * Es war Weihnachten; 48 Tage waren seit Frans’ Auf- bruch vergangen, und die Bemühungen im Institut, ihn zurückzuholen, waren bislang ergebnislos geblieben. »So wenige Durchgänge wie derzeit hatten wir noch nie«, sagte Kazuichi bekümmert, als ich ihn auf dem Weg zu Mondolinos Sprachlabor im Institut traf. »Wir hatten im Dezember insgesamt nur acht – fünf nach unten in die Vergangenheit und ganze drei nach oben. Erfahrungsgemäß müßte aber nun eine Phase erhöhter Aktivität folgen.« Sein Optimismus war aber weniger überzeugend als sonst. Oder bildete ich mir das nur ein? * Am späten Vormittag ging ich zum Ospedaletto, um Heloise Abret zu besuchen und ihr Renatas Weih- nachtsgeschenk zu überbringen. Als ich den Gang durch den Wirtschaftstrakt nach hinten zur Caféteria ging, kam mir Abe entgegen – leer. »Hallo, Abe«, sagte ich. Er blieb stehen., »Entschuldigen Sie bitte, aber ich sollte Sie ken- nen, nicht wahr?« sagte er mit leiser Stimme. »Man hat bei mir leider nicht viel in das optische Erken- nungssystem investiert. Bedauerlicherweise kann ich deshalb nicht …« »Ich bin Domenica Ligrina. Ich war einige Male zu Besuch bei Madame Abret.« »Jetzt erkenne ich Ihre Stimme, Signorina Ligrina. Auf das Audiosystem hat man mehr Sorgfalt ver- wendet.« »Ist Madame Heloise da?« fragte ich ihn. »Das weiß ich leider nicht. Man hat sie wegge- bracht, und seither habe ich keinen Kontakt mehr mit ihr.« »Kennen Sie sich mit diesem Ding aus?« fragte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und sah mich einem kleinen gedrungenen Mann im schwarzen An- zug gegenüber. »Welchem Ding?« fragte ich. »Mit diesem Krankenstuhl.« Er patschte mit der Hand auf das Drahtgeflecht der Rückenlehne von Abe. »Nein«, sagte ich. »Es schlurft seit drei Tagen durchs Haus. Niemand getraut sich, es abzuschalten, aus Angst, etwas ka- puttzumachen. Das Ding sei sündhaft teuer, hat man mir gesagt, und ich habe allen eingeschärft, um Himmels willen die Finger von der Elektronik zu las-, sen. Jemand von der NASA soll kommen und es ab- holen, aber das kann Wochen dauern.« »Madame Abret ist meines Wissens darauf ange- wiesen …« »Nein. Nicht mehr. Sie ist gestern gestorben. Wir hatten sie zwei Tage drüben im Ospedale auf der In- tensivstation. Herzversagen. Wußten Sie, daß diese Frau kaum noch die Hälfte ihrer Knochenmasse hat- te? Sie ist uns fast unter den Händen zerbröselt, als sie umgebettet werden mußte. Die Arme hat ge- schrien wie am Spieß, bevor die Sedierung anschlug. Na … egal. Sind Sie eine Angehörige? Mein Beileid. – Nein? Nun, sie hat ausgelitten. Aber ich frage Sie, muß das ausgerechnet zu Weihnachten sein, wenn hier der Teufel los ist? Entschuldigen Sie mich bitte, Signorina«, sagte er, winkte ab und eilte davon. Abe hatte unser Gespräch gehört, aber offenbar nicht ganz begriffen. »Wann wird es möglich sein, wieder Kontakt mit Heloise aufzunehmen?« »Das wird … Tut mir leid, Abe, aber das wird wahrscheinlich nicht mehr möglich sein.« »Oh …« sagte Abe. »Aber sie braucht mich doch.« »Ich furchte …« Ich konnte nicht weitersprechen. Als ich später vor dem Portal auf der Barbaria del- le Tole stand, kamen mir die Tränen, und meine, Hand krampfte sich um das Geschenkpäckchen in meiner Jackentasche. Was mußte dieser Roboter auch für blöde Fragen stellen! Zu Hause zog ich die Schleife auf und packte das Geschenk aus. Es war eine jener kleinen Halbkugeln aus Plastik, die früher Häuschen in einer winterlichen Landschaft überkuppelt hatten. Wenn man sie schüt- telte, schneite es dicke Flocken aus dem Himmel. Diese war anders: Ein paar langgestreckte, tropfen- förmige Gebäude, die halb im Boden einer kahlen, rostbraunen Landschaft eingelassen waren. Wenn man die Halbkugel schüttelte, wurde ihr Inneres un- durchsichtig von aufwallendem rotem Staub, der sich nur ganz langsam niedersenkte. PORT ABRET, stand auf einem Schildchen an der hölzernen Basis, und SAND VOM MARS – mit einer Echtheitsgaran- tie der NASA. * Am Nachmittag unternahm ich eine Pilgerfahrt zur Santa Maria Gloriosa. Sie ist meine liebste Kirche. Welch großherzige Gönner müssen die Frari in die- ser raffgierigen, filzigen Krämergesellschaft gehabt haben! Ich betrat das riesige Kirchenschiff. Der Tizian- Altar leuchtete unter dem Lettner hervor. Die Ge- wänder der Asunta standen in Flammen, schienen, glühend nach oben zu fliegen. Ich ging unter den vom Licht zu silbriger Seide gebeizten Balken auf sie zu und ließ meine Hand über das polierte Holz des Coro dei Frati gleiten. Im hohen Fenster über dem Altar funkelten sechs Sterne im Licht der tiefstehen- den Sonne grün, blau und rot wie die Muster in ei- nem Kaleidoskop. »Bitte«, sagte ich stumm. »Behüte ihn und mach, daß er zurückkommt.« Ich hatte seit dem Tod meines Vaters nicht mehr gebetet – aus Protest, denn das habe ich Gott nie ver- ziehen. Nun kroch ich zu Kreuze und kam mir vor wie eine Verräterin. Ich blickte mich um. Zahlreiche ins Gebet versunkene Menschen. Alles Frauen. Einige weinten. »Bitte«, flüsterte ich. In einer Seitenkapelle zündete ich Kerzen an: eine für Frans, eine für Renata, eine für Heloise, eine für Abe und eine für mich. * Ich wanderte weiter zum Campo San Giacomo dall’Orio. Das Uncino, in dem ich mit Frans gewesen war, hatte bis zum 6. Januar geschlossen. Ich spähte durch das Glas der Eingangstür in die leere Gaststu- be. Die Zeiger der großen Uhr im Hintergrund des Lokals standen immer noch auf dreiviertel sechs., Hinter mir knurrte ein Hund. Ich fuhr erschrocken herum, aber es war kein modifiziertes Tier, sondern ein ganz ordinärer, wichtigtuerischer kleiner Kläffer, den meine Anwesenheit störte. Als ich den Platz verließ, fiel mein Blick zufällig ins Schaufenster eines winzigen Schreibwarenladens, in dem Postkarten mit Fotos der Stadt aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt waren. Plötzlich erkannte ich auf einem von ihnen Frans. Mir stockte der Atem vor Überraschung. Es war die Aufnahme einer Szene am Hafen. Unter dem Mast eines Fischerboots saßen und kauerten drei Fischer und sortierten ihren Fang in flache geflochtene Körbe. Einer der Männer stand am Mast und hielt sich mit der Linken an herabhän- genden Tauen der Takelage fest – Frans! Er hatte den Kopf zwar gesenkt – er schaute den anderen bei der Arbeit zu –, so daß nur sein verkürztes Profil sichtbar war, aber an der lässigen, etwas gebückten Körper- haltung, der Körpergröße und der Hand, die das Bündel Taue hielt, hatte ich ihn auf Anhieb erkannt. Es war eindeutig Frans! Er trug Fischerkleidung, eine gestreifte grobe Hose, vorn durch kräftige Schnüre verstärkt, in dicke Kniestrümpfe aus weißer Wolle gezogen, eine halb zugeknöpfte Weste, eine lange Jacke aus hellgrauem weichem Stoff und auf dem Kopf eine wollene Zipfelmütze mit einem dicken Bommel, der bis auf die Brust herabhing. Wie die drei anderen Männer auch hatte Frans eine lange, dünne Meerschaumpfeife zwischen den Zähnen. Die Tür des Schreibwarenladens war verschlossen. Es war Feiertag. In dem Moment, als ich mich ab- wandte, um weiterzugehen, wurde die Tür des Cafés an der Ecke gegenüber geöffnet, und ein blasser, ält- licher Mann kam über die Straße geschlurft. Er kramte einen Schlüssel aus der Hosentasche. »Kann ich etwas fiir Sie tun, Signora?« fragte er. Er roch nach Pfefferminzlikör. »Ich hätte gern diese Postkarte«, sagte ich. Der Mann schloß auf, und wir betraten den winzi- gen Laden; bis zur Decke war er mit Waren vollge- stopft, und es roch überwältigend nach Mottenku- geln. Er holte die Karte aus dem Schaufenster. »Was sind das für Aufnahmen?« fragte ich. Der Schreibwarenhändler betrachtete das Foto, als nähme er es zum ersten Mal bewußt in Augenschein, und versuchte vergeblich mit dem Fingernagel ein paar Pünktchen Fliegendreck abzukratzen, die auf der Beschichtung festgebacken waren. Es mußte schon seit Jahren im Schaufenster ausgeharrt und auf mich gewartet haben. Er drehte die Karte um. »Archivio Filippo. Vecchie immagini di Venezia«, las er von der Rückseite ab. »Ein historisches Foto vom Hafen. Hm. Fischer«, sagte er achselzuckend. Ich kaufte ihm die Karte ab. *, Kazuichi lächelte, als ich ihm später das Foto zeigte. »Ich erinnere mich«, sagte er. »Er hat uns damals allen eine von diesen Pfeifen mitgebracht. Sie waren in der Zeit, in der er zu tun hatte, sehr beliebt. Muß um 1896 gewesen sein. Es war gerade eine Sendung Sepiolith mit einem Frachter aus Bursa eingetroffen. Von dort kommt der beste Meerschaum; er wird in Eskisehir abgebaut. Frans ließ gleich zwei Dutzend von den Dingern von einem Nürnberger Pfeifen- schnitzer anfertigen, die er mitbrachte und am Insti- tut verschenkte.« »Was hat Frans da für Schnüre vor dem Hosen- stall? Ich kann mir keinen Reim drauf machen. Ist das ein Käfig?« fragte ich. Kazuichi besah sich das Detail. Seine Augen ver- engten sich zu Schlitzen, und er stieß ein kurzes schrilles Kichern aus. »Vielleicht eine Sicherheits- maßnahme. Da mußt du ihn schon selber fragen.« »Leicht gesagt«, seufzte ich, dann schwiegen wir beide eine ganze Weile. »Es sind mittlerweile acht- undfünfzig Tage vergangen. Ich weiß nicht mehr, was ich davon halten soll. Ist jemals ein Reisender so lange ausgeblieben?« Kazuichi warf mir einen unbehaglichen Blick zu. »Hier nicht. Aber in Amsterdam hatten sie einmal den Fall – es ist lange her –, da ist ein Reisender erst nach einem Jahr zurückgekommen. Sie hatten ihn, längst aufgegeben, aber die Simulation sicherheits- halber stehenlassen.« »Ein Jahr!« Kazuichi nickte. »Dreihundertzweiundvierzig Tage. Dabei war er subjektiv nur etwa zwei Wochen gealtert. Nur so lan- ge hatte er sich in der Vergangenheit aufgehalten.« »Und die andere Zeit?« »Zielzeitpräsenz und die Spanne zwischen den Transitionen sind nicht proportional.« Ich sah ihn fragend an. »Die subjektiv in der Vergangenheit verbrachte Zeit und die Zeitspanne, die sich im Hier und Jetzt zwischen der Abreise und der Rückkehr auftut, sind nicht kongruent.« Kazuichi führte die eine Hand in einem großen Bogen über die andere hinweg, die reglos auf dem Tisch lag. »Es kann sich einer einen Tag in der Vergangen- heit aufhalten, und er bleibt ein Jahr aus«, fuhr er fort, »ein anderer ist am nächsten Tag zurück und ist ein Jahr älter geworden, weil er ein Jahr in der Ver- gangenheit zugebracht hat. Da gibt es keinen Zu- sammenhang. Das macht das Reisen so schwierig und nervenaufreibend.« »Das weiß ich inzwischen.« Kazuichi nickte. »Also weiter warten.«, »Ja«, sagte er. Er schloß die Augen und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Ich hatte es noch nie bewußt aus so unmittelbarer Nähe betrachtet. Seine wim- pernlosen Lider waren geformt wie Gehäuse einer Eischnecke, sanft gerundet und glatt wie Porzellan. Er wirkte erschöpft. Sein bartloses Gesicht war ein- gefallen, und er sah aus der Nähe älter aus, als er sonst den Eindruck machte. Über den Mundwinkeln sprossen aus einem Dutzend vertiefter Follikel drah- tige schwarze Haare, die herabhingen wie die Barteln eines Wels. Befähigten sie ihn dazu, im Schlamm der Realität kosmische Ordnungsmuster aufzuspüren? »Tatsächlich können wir nur sehr wenig tun, Do- menica«, sagte er mit ungewöhnlich leiser Stimme. »Wir dürfen uns nichts vormachen. Genau besehen sind wir in der Rolle von Hunden, die es gelernt ha- ben, mit der U-Bahn zu fahren. Wir haben keine Ah- nung von den Fahrplänen und dem Streckennetz; wir wissen nicht, was die Züge antreibt und wie sie ge- steuert werden. Wir wissen nur, daß wir zusteigen müssen, wenn sich die Türen öffnen, und daß wir mit ihnen an Orte gelangen können, die sonst für uns un- erreichbar wären. Unser Tun ist rein parasitär.« Seine schwarzen Augen funkelten mich unter den schweren Lidern hervor an. »Was wir tun können – und was wir tun –, ist fol- gendes«, fuhr er fort. »Wir minimieren die Details., Sie sind für die Zielgenauigkeit bei der Hinreise wichtig, für die Rückreise eher hinderlich. Der Rei- sende tut dies, soweit es für ihn machbar ist, auf sei- ner Seite, vor Ort. Wir verändern auf unserer Seite entsprechend die Simulation. Die Schritte der Detail- reduzierung sind genau abgesprochen. Sie erleichtern die Angleichung, die Assoziation. Es kann natürlich der Fall eintreten, daß sich am Zielort etwas unver- sehens verändert, wovon wir nichts wissen und wor- auf er keinen Einfluß nehmen kann. Wenn es ihm aus irgendwelchen Gründen unmöglich ist, sich zum Zielort durchzuschlagen, muß er einen anderen fest- gelegten Ort aufsuchen, den wir als Notausgang für ihn offenhalten.« »Und wenn ihm auch diese Möglichkeit versperrt ist?« fragte ich besorgt. »Dann wird es etwas schwieriger. Wenn eine nicht dokumentierte Veränderung am Zielort eingetreten ist, besteht die Gefahr, daß er in eine Wirklichkeit abgleitet, die nicht unsere Vergangenheit ist. Es han- delt sich dann um eine Everett-Abweichung, einen Ableger unseres Universums, ein sich entwickelndes Paralleluniversum. Das bezeichnete früher eine theo- retische Lösung des Quantenparadoxons. Inzwischen weiß man, daß diese Abweichungen Realität sind. Wenn auch nicht unsere Realität.« »Wenn er dort hineingeraten ist, dann ist er verlo- ren.«, »Nein. Es ging noch kein Reisender verloren. Es wurden inzwischen mehr als zweitausend Transitio- nen erfolgreich durchgeführt. Alle Reisenden sind bisher in unser Universum zurückgekehrt. Diese Everett-Abweichungen unterliegen einer Regression. Das heißt, sie werden sozusagen wieder in den Hauptstrang eingegliedert, wenn die entstandenen Alternativen nicht so gravierend sind, daß sie ein Ei- gengewicht erhalten. Du mußt dir das so vorstellen« – er wölbte beide Hände und legte sie aneinander – »du hast zwei Seifenblasen, die aneinanderkleben. Plötzlich ist die trennende Membran zwischen ihnen verschwunden. Sie haben sich vereint. Dem Multi- versum scheint eine Kraft innezuwohnen, die der Everett-Inflation entgegenwirkt. Dorit van Waalen hat schon im Jahr 2028 die Hypothese aufgestellt, daß die Solitonen genau das bewirken. Er nannte es ›Uitborstelen‹, ›Ausbürsten‹. Jedenfalls sind alle Rei- senden, die in eine eindeutig abweichende Realität abgeglitten waren, von den Solitonen nach Hause getragen worden ins Hier und Jetzt.« »Aber es gibt keine Garantie, daß es nicht doch ir- gendwann passieren könnte«, beharrte ich. Kazuichi zuckte die Achseln. »Garantie? – Nein. Gibt es nicht«, sagte er und schob kämpferisch das Kinn vor. »Es könnte aber auch sein, daß seine Reise absolut unproblematisch verlief.«, »Verlief? Habe ich richtig gehört: Verlief?« »Du hast richtig gehört. Er ist längst zurück, nur hat ihn das Soliton ein Stück weit in die Zukunft ge- tragen und dort abgesetzt. Das ist genau das, was ich dir zu erklären versucht habe« – er blies die Luft aus seiner breiten Nase, daß seine Barteln flatterten – »Zielzeitpräsenz und die Spanne zwischen den Tran- sitionen sind nicht proportional.« »Soll das heißen, daß er … daß er jetzt vielleicht in der Zukunft lebt?« fragte ich. Kazuichi stieß sein schrilles Lachen aus. »Nein, Domenica. Er lebt nicht in der Zukunft. Das bedeutet vielmehr, er wird in der Simulation auf- tauchen, wenn wir den Zeitpunkt erreicht haben wer- den, zu dem er abgesetzt wurde. Es ist schwierig zu verstehen, ich geb’s zu. Die Grammatik unserer Sprachen eignet sich nicht dazu, solche Sachverhalte auszudrücken. Du mußt es dir bildlich vorstellen.« »Daß er uns, die wir zu Fuß gehen, überholt oder gewissermaßen – überflogen hat?« fragte ich. Kazuichi nickte. »Genau! Er ist dabei, sozusagen über uns hinweg- zusurfen« – er führte erneut die eine Hand in einem Bogen über die andere hinweg –, »Frans beschreibt einen Bogen in einer höheren Dimension, bevor er wieder auf unserer gewohnten eindimensionalen Zeitlinie landet. Er ist jetzt irgendwo da oben, quasi über uns. Irgendwo außerhalb. Kein Problem.«, Ich nahm seine Hand zwischen beide Hände und drückte sie. »Es ist lieb von dir, Kazuichi, daß du mir Mut ma- chen willst, aber ich sehe es dir an, daß auch du dir große Sorgen machst.« »Nein, nein, nein«, beteuerte er heftig, und seine Barteln sträubten sich, als nähme er Witterung auf. Hunde in der U-Bahn. * Der ganze Januar verging. Frans tauchte nicht auf. Es wurde Februar. Ich besuchte nun immer häufiger den Kreuzgang von San Francesco de la Vigna, den ech- ten. Stets wandte ich mich dem heiligen Francesco zu, der in seinem Kapuzengewand, flankiert von zwei alten Zypressen und Oleanderbüschen, auf dem hohen Ziegelpodest stand und betete. Manchmal schloß ich mich seinem Gebet an. Zuweilen war mir, als hätte Frans jeden Moment aus dem Halbdunkel des Kreuzgangs treten müssen, die Bommelmütze auf dem Kopf und die Meer- schaumpfeife zwischen den Zähnen. Ich war vor Er- wartung ganz aufgeregt – bereit, aufzuspringen und ihm über den Kiesweg entgegenzueilen. Aber nie- mand erschien, auch keine Touristen. Der Zugang zum Klosterhof ist ihnen verwehrt. Der Küster ließ mich ein, weil er mich kannte. Ich hatte ihm erzählt,, daß ich hier auf jemanden warten würde. Er hatte nachdenklich die Stirn gerunzelt und dann verständ- nisvoll genickt. Er glaubte, ich wäre nicht ganz rich- tig im Kopf, aber er hatte Mitleid mit mir. Was hatte Renata über die Glocken des Campanile von San Francesco de la Vigna gesagt? Sie läuteten den Aschermittwoch ein? In jener Nacht, sagte ich mir, würde ich unterwegs sein. Vielleicht würde un- ter einer der Masken, die traditionell um Mitternacht abgenommen wurden, Frans’ Gesicht auftauchen. Nein, es tauchte nicht auf. Die Glocken waren ver- klungen.,

XI TOTENFLOSS

»DIE ZEIT VERZWEIGT SICH BESTÄNDIG ZAHLLO- SEN ZUKÜNFTEN ENTGEGEN. IN EINER VON IHNEN BIN ICH IHR FEIND.« Jorge Luis Borges Renata rief an. Es gefiel ihr gut in Amsterdam, sagte sie. Es gebe eine Menge sehr netter und hilfsbereiter Kollegen im CIA. Sobald ihre medizinische Kondi- tionierung abgeschlossen und ihre Garderobe fertig sei, werde man mit ihr den ersten Transitionstest durchführen. Einen Sprung in die Mitte des 15. Jahr- hunderts und zurück. Sie sei ziemlich nervös, ge- stand sie. Nun sei sie dabei, noch einmal alle Be- kannten anzurufen, weil in Kürze ihr IKom stillge- legt und sie in den NEA-Status erhoben werde. »Ich hätte nie gedacht, daß ich dieser Gnade einmal teilhaftig werde«, sagte sie. »Nicht mehr elektronisch erreichbar zu sein wie ein berühmter Showstar oder ein bedeutender Politiker. Ich bin einfach nicht mehr erreichbar, No Electronic Access, kein Schnüffler von der Sicherheit kann mehr meine persönlichen Daten abfragen. Ganz schone Karriere für eine ehemalige Terroristin, Domenica. Findest du nicht?« Ich erzählte ihr, daß Heloise Abret zu Weihnach- ten gestorben sei., »Hast du ihr noch mein Geschenk gegeben?« frag- te sie. »Nein, ich hab’s zu Hause.« »Möchtest du es behalten?« »Nein«, sagte ich. »Vielleicht sollten wir es Abae- lard als Andenken schenken.« »Den wird man längst umprogrammiert haben. Er kann sich wahrscheinlich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern«, sagte sie. »Dann sollten wir es als Andenken an sie behalten. Ich bringe es mit nach Amsterdam.« »Wann kommst du endlich? Ich freu mich darauf, dich wiederzusehen.« »Soviel ich weiß, bald, aber man hat mir noch kei- nen genauen Termin genannt.« »Wie geht’s Marcello?« fragte Renata. »Er hat eine Freundin hier. Eine Krankenschwe- ster, glaube ich. Er läßt sich nur noch selten sehen.« »Bei Ernesto ist es ähnlich, aber der hat ein Ver- hältnis mit seinem Computer bei Mission Control.« Wir lachten beide. »Frans ist immer noch nicht zurück, nicht wahr?« fragte Renata nach einer Pause. »Nein«, erwiderte ich und mußte mich zusammen- reißen, um nicht zu weinen. »Entschuldige, wenn ich dir das jetzt so unver- blümt sage, Domenica, aber es ist nicht gut, wenn man in diesem Job feste Bindungen eingeht.«, »Du meinst, weil man leicht jemanden verlieren kann«, entgegnete ich. »Ja, aber nicht in dem Sinn, wie du vielleicht meinst. Frans wird irgendwann zurückkehren. Bisher ist noch nie jemand abhanden gekommen, soviel ich weiß. Nein, das ist es nicht. Aber ich habe hier in Amsterdam beunruhigende Dinge über Reisende ge- hört. Sie gehen nicht nur in eine fremde Zeit, sondern betreten auch eine fremde Welt; sie sehen unglaubli- che Dinge, schreckliche Dinge, die sie oft verhindern könnten durch ihr Wissen, aber sie dürfen nicht ein- greifen. Das macht andere Menschen aus ihnen. Du hast nicht die Gewähr, daß derjenige, der zurück- kommt, noch der ist, der sich von dir verabschiedet hat – auch wenn du ihn noch so lange gekannt hast. Da haben sich schon Tragödien abgespielt.« Ich schwieg. »Denk darüber nach«, bat sie. »Bleib um Himmels willen so, wie du bist, Renata. Ganz gleich, wo sie dich auch hinschicken. Ich möchte dich nicht auch noch verlieren.« »Ich werde mir die größte Mühe geben. Kannst du dich noch erinnern, was Heli dir mit auf den Weg gegeben hat? Sie hat gesagt: ›Dir wird nichts gesche- hen, wenn du dich nicht zu weit von dir selbst ent- fernst. Es wird nicht immer leicht sein, aber du kannst in deine Welt zurückkehren. Du mußt es nur wollen.‹ Und sie wußte, wovon sie sprach. Sie hat, die längste und weiteste Reise hinter sich gebracht, die je ein Mensch unternommen hat.« »Ja. Ich erinnere mich.« »Viel Glück, Domenica.« »Dir auch viel Glück, Renata.« * An einem nebligen Morgen Ende Februar fuhr ich nach San Michèle hinüber, getrieben von einer unbe- stimmten Ahnung und inneren Unruhe. Es war naß- kalt; ein Kälteeinbruch hatte den Träumen vom Vor- frühling ein Ende gemacht. Die Brücken an den Fon- damenta Nuove waren mit Rauhreif bedeckt, die Planken der Anlegestelle glitschig. Die Fähre tauchte aus dem Nichts auf, die Positionslampen waren von Halos umgeben. Venedig verschwand hinter uns, und zehn Minuten später machten wir an der Anlegestelle von San Mi- chèle fest. Die Zypressen ragten in den Nebel; ihre Wipfel waren unsichtbar. Über eine Stunde lang schritt ich an Gräbern entlang und studierte die Na- men: die Ruhestätten der Caragiani, der Zorzi und Brazzoduro, der Saccomani und der Pasinetti-Zanchi. Keiner der Namen sagte mir etwas. Wie sich die bär- tigen Gesichter glichen – wohlgenährt, die Stirn rechtschaffen erhoben in Bürgerstolz und Selbstzu- friedenheit. Die Salzhändler und Zuckerbäcker, die, Strumpfwirker und Seidenhändler, Notare und Ban- kiers, alle heischten sie nach einem Stückchen Un- sterblichkeit. Bei den einfacheren Grabstätten im Osten saßen drei Totengräber neben einem kleinen Bagger auf einem Brett und einer umgedrehten Schubkarre. Sie aßen Brot und Salami und tranken heißen Tee mit Rum aus einer großen Thermoskanne. Der Duft der alkoholischen Beigabe war kräftig. »Können wir Ihnen helfen, Signorina?« fragte ei- ner und stand auf. »Gibt es hier irgendwo Gräber aus dem 16. Jahr- hundert?« Sie schüttelten alle drei den Kopf. »Nein«, sagte der eine, »die ältesten sind vom En- de des 18. Jahrhunderts, vorn bei der Kapelle.« »Suchen Sie das Grab einer bestimmten Person?« fragte ein anderer. »Ja, das Grab eines Holländers. Er hieß Frans.« »Das kenne ich«, sagte der dritte. »Es ist ein ziem- lich neues Grab. Hier ganz in der Nähe. Ich zeig’s Ihnen, Signora.« Er ging voraus. So ein Unsinn, sagte ich mir. Weshalb sollte er in einem neuen Grab liegen? Es war ein frisches Grab mit einem Holzkreuz und einer kleinen Tafel, auf der in schlichten amtlichen Buchstaben stand:, FRANS VAN DEN BOOGARD 6.3.1998-8.11.2052 Der Mann war an dem Tag gestorben, an dem Frans abgereist war. »Nein, das ist er nicht. Ich suche einen Frans van Hooft.« Der Totengräber scharrte mit den Gummistiefeln verlegen im reifbedeckten Gras und hob die Schul- tern, als müsse er sich entschuldigen, daß er nicht mit dem gesuchten Grab aufwarten konnte. »Vielleicht habe ich mich getäuscht«, sagte ich. »Ich habe mich bestimmt getäuscht. Entschuldigen Sie bitte. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Der Mann verzog sein braunes faltiges Gesicht zu einem Lä- cheln. »Vielleicht lebt er noch«, sagte er achselzuckend. »Totgesagte leben länger. Sagt man doch, oder?« * Auf der Rückfahrt hatte sich die Sonne durch den Nebel gekämpft. Das Grau der Lagune war von Schlieren marmoriert, hervorgerufen durch die Strö- mungen zwischen den zahllosen Untiefen. Ich be- wunderte immer wieder die Wasserbauer der vergan- genen Jahrhunderte, die mit aufgeblasenen Schweins- därmen und Holzstückchen statt mit Computern und Strömungsdiagrammen ein perfektes System der Ver-, sorgung und Entsorgung entwickelt hatten. Venedig sah wieder einmal aus, wie Turner es gemalt hatte, in zerfließenden Farben und Formen, durchwirkt von einem goldenen Licht, das keine Schatten warf, sondern von den Gegenständen selbst auszugehen schien. Als ich am Rio dei Mendicanti entlangschlenderte, verdichtete sich der Nebel wieder. Die Teams der Notarztboote mit ihren gelbgrünen und orangefarbe- nen SANITRANS-Uniformen standen am Anlege- steg und rauchten. Einer pfiff mir hinterher, die ande- ren lachten. Das Wasser im Kanal roch frisch, als hätte die Stadt in der Nacht tief durchgeatmet und ihre Kiemen mit klarem Wasser gespült. Halb erfroren betrat ich das Cavallo; es war voller Lärm. Das halbe Viertel schien sich dort zu drängen, doch gelang es mir, einen Platz am Tresen zu ergat- tern. Ich bestellte einen Espresso macchiato und dann gleich noch einen. Fabrizio zapfte einen Cognac ex- tra und stellte ihn neben meine Tasse. Ich kippte ihn hinunter. Allmählich wurde mir wärmer. »Ist dein fliegender Holländer immer noch nicht zurück? Er hat sich schon ewig nicht mehr sehen las- sen. Ist verreist, hörte ich!« rief mir Fabrizio über den Lärm hinweg zu. Ich nickte. »Ich wette, er kommt heute zurück. Ich habe so ein Gefühl!« schrie er., »Ich finde diese Späßchen nicht sonderlich lustig, Fabrizio.« Jemand hielt mir von hinten die Augen zu und knurrte mir ins Haar: »Wer ist das?« Ich fuhr herum. »Frans!« »He! Du erwürgst mich.« »Wo hast du so lange gesteckt? Du warst über drei Monate weg!« »Für mich waren es weit mehr als drei Monate, meine Liebe. Das aufsteigende Soliton hat mich diesmal ein ganzes Stück übers Ziel hinausgetragen.« »Und ich habe heute nach deinem Grab gesucht.« »Was hast du?« »Ich war drüben auf San Michèle und habe auf den Grabsteinen nach deinem Namen Ausschau ge- halten.« Frans lachte nicht. Er nickte. »Ich kenne das Gefühl«, sagte er halblaut, mehr zu sich selbst. »Aber jetzt wird gefeiert!« verkündete er, und dann flüsterte er mir ins Ohr: »Ich habe Weihnachten und Neujahr nachzuho- len.« Auch ich, wollte ich sagen, aber ich schwieg. *, Frans hatte einen harten, bitteren Zug um den Mund, an den ich mich nicht erinnerte. Hatte ich ihn früher nicht bemerkt? Ich spürte einen Hauch von Fremdheit an ihm, nachdem er zurückgekehrt war, und ich dach- te daran, was Renata über die Reisenden gesagt hatte, die aus der Vergangenheit zurückkamen und Schwie- rigkeiten hatten, mit ihrer eigenen Vergangenheit fer- tig zu werden. Hatte er dort, wo er gewesen war, eine andere Frau kennengelernt? Ich war mir nicht sicher. Eine gewisse Entfremdung war jedoch eingetreten, die wir beide spürten, die ich aber nicht zu benennen vermochte. Wenn er zärtlich zu mir war, mir zulächel- te, wich jede Bitterkeit aus seinen Zügen, und ich war mir fast sicher, daß ich mich getäuscht hatte. Dann aber gab es wieder Momente, in denen ich spürte, daß wir unaufhaltsam auseinanderdrifteten, Momente, die ich nicht wahrhaben wollte, weil ich ihn liebte. »Wie sind die Frauen – damals?« fragte ich ihn, und es schnürte mir den Hals zu. »Damals?« »Dort, wo du gewesen bist.« Er blickte über mich hinweg in die Ferne. »Fremd«, sagte er. »Und ein bißchen unwirklich. Weil man weiß, daß sie inzwischen längst tot sind.« »Sind sie schön?« fragte ich. »Ja«, erwiderte er, »manche schon. Aber man sieht sie auf andere Weise. Wie Blüten, kurz bevor der Frost kommt.«, »Wie elegisch.« Frans blickte mich nachdenklich an und nickte. »Die Zeit ist eine Wildnis, Domenica. Du wirst es erleben.« Ich fragte nicht weiter. * »Was ist das?« fragte ich und legte den Finger behut- sam auf die frisch verheilte Narbe unter seinem lin- ken Schlüsselbein. Ich spürte, wie er mir entglitt, oh- ne daß einer von uns zum Höhepunkt gelangt war. Frans hob den Kopf vom Kissen und öffnete die Augen. »Irgend so ein Kerl wollte mich umbringen«, sagte er. »Ein eifersüchtiger Ehemann?« fragte ich. Er seufzte. »Ein Patriot, der mich für einen Spion hielt.« »Du warst also in Schwierigkeiten. Ich hatte die ganze Zeit, während du weg warst, das ungute Ge- fühl, dir sei etwas zugestoßen. Weshalb hast du mir nichts davon erzählt?« »Man hat auch mich konditioniert, meine Liebe. Vergiß das nicht.« Ich rutschte nach unten, streichel- te seinen straffen flachen Bauch und nahm sein Glied zwischen die Lippen. Doch alle Mühe war verge- bens., »Was ist mit uns beiden los, Frans?« fragte ich und richtete mich auf. Er zuckte die Achseln. »Verzeih mir«, sagte er. »Ich bin zur Zeit nicht gut drauf.« Ich wollte nicht weiter in ihn dringen, streichelte seine Brust und betastete das weiche runzlige Gewe- be der Narbe. »War das ein Stich?« fragte ich ihn. »Mit einem Dolch, ja. Aber meine Nanotecten ha- ben die Wunde schnell heilen lassen. Keine Infekti- on. Nichts.« »Deine Nanotecten? Hast du dieses Zeug auch in dir drin?« fragte ich angewidert. »Jeder Reisende hat sie in sich. Was glaubst du, was dir alles begegnet an Erregern. Der Dreck über- all. Die Verwesung. Ohne Nanos hast du wenig Chancen zu überleben, wenn dir etwas Ernsthaftes zustößt. Mir haben sie jedenfalls rasch wieder auf die Beine geholfen«, sagte Frans. »Dann laß dir mal weiter von ihnen aufhelfen.« »Ich liebe deinen Sarkasmus, Domenica.« »Oh, ich meine es durchaus ernst.« Er faßte nach meinen Händen und hielt sie fest. »Was ist?« fragte ich. Er seufzte. »Die Psychologen scheinen leider im- mer wieder recht zu behalten.« »Keine festen Bindungen für den verantwortungs- vollen Reisenden.« Er nickte., Ich versuchte, mir mit den nackten Schultern die Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen. Es gelang mir nicht. »Ich dachte, bei uns beiden wäre es anders. Ich hatte es mir so gewünscht. Und ich war mir auch ganz sicher, aber …« Er wandte das Gesicht ab. »Weshalb, um Himmels willen, sollte es ausge- rechnet bei uns beiden anders sein als bei allen ande- ren?« fragte ich ihn. »Weil …« Er brach ab. »Eines Tages wirst du es verstehen.«, DRITTES BUCH,

I HIGHGATE

»FALLS ES ZUM KOLLAPS KOMMT, BEVOR ALLE STERNE ERLOSCHEN SIND, KÖNNTEN UNSERE FERNEN NACHKOMMEN SICH IN EINEM UNIVER- SUM BEFINDEN, IN DEM KOSMISCHE UND LOKALE ZEITPFEILE IN UNTERSCHIEDLICHE RICHTUNGEN ZEIGEN.« Martin Rees Er kehrte immer wieder gern nach Highgate zurück, der Mann, den manche Zeitheimische, die ihm auf seinen weiten Reisen begegnet waren, den Engel nannten. Er schätzte diese Welt, weil sie uralt war und geheimnisvoll – voller interessanter Phänomene. Er mochte sie am liebsten von allen, und er hatte in seinem Leben wahrhaft sehr viele Welten gesehen. Er liebte es, am frühen Morgen, wenn die Vegeta- tion noch einmal tief durchatmete und die Luft mit Billiarden chemischer Botschaften belud, bevor sie sich verschloß und gegen den Ansturm des Lichts wappnete, die hochgebauten Städte und zum Himmel strebenden Schlösser zu durchstreifen und die kunst- voll ziselierten Arkaden zu durchfliegen; wie fein geklöppelte Spitze aus Stein und Glas boten sie sich der aufgehenden Sonne dar und brachen ihr Licht in, bunte Fächer, die die schattigen Innenräume mit flüchtigen Farben füllten. Er hatte einen Saal im luf- tigen Palast von Kabati entdeckt, dessen Fresken sich regeneriert und zu ihrer ursprünglichen Pracht zu- rückgefunden hatten. Sie waren im Stil einer sehr frühen Epoche dieses Planeten ausgeführt, wie sie heimkehrende Zeitreisende geschildert hatten: zwei- dimensionale Darstellungen von erstaunlicher Aus- druckskraft, in denen eine Welt wiedererweckt wur- de, die seit Milliarden Jahren vergangen war. Dort verweilte er oft lange und betrachtete die Kunstwer- ke, studierte die Intensität der Farben bei wechseln- der Helligkeit und die Nuancen ihres Erlöschens, wenn Schatten über sie fiel. An den Arabesken der Bogen und Türme des Pala- stes rankten sich Pflanzen empor, herbstlich verfärbt in Siena und Karmin, um von neuem zu ergrünen, wenn die Gezeiten wechselten. Dann kehrten die bunten Blüten zurück, vom Wind herbeigeweht, und sammelten sich wie Scharen von Schmetterlingen zwischen dem frischen Laub, bevor sie sich zu Knospen falteten und in jugendlich straffende Ran- ken zurückzogen. Millionen Jahre lang war auf Highgate gebaut worden. Junge Architekten aus allen Teilen der Ga- laxis hatten ihre Visionen verwirklicht – oder sie verwirklicht vorgefunden, denn manch einer, der mit großen Plänen angereist und genialisch trunken in, die Wildnis hinausgezogen war, um in den weiten Ebenen oder auf den wuchtigen Resten einstiger Ge- birge einen Standort für seine ehrgeizigen Bauten zu suchen, war entmutigt in die Hauptstadt zurückge- kehrt und hatte zerknirscht berichtet, daß er seine Pläne von fremder Hand realisiert gesehen habe – längst in allen Einzelheiten ausgeführt und bereits vom Verfall gezeichnet. Die Unglücklichen hatten sich den Kopf an überwucherten Mauern blutig ge- schlagen vor Verzweiflung und berichteten in wirren Worten, wie sich ihre Visionen auf seltsame Weise in Erinnerungen verwandelt hätten, wie in ihren Träumen Bilder sie heimsuchten von einstürzenden Baugerüsten, von bitteren Opfern, die sie brachten, von Triumphen und unerhört wagemutigen Lösun- gen, mit denen sie unüberwindlich scheinende Pro- bleme bewältigten. Beim Wein grübelten sie nach über die Jahre, die ihnen unversehens abhanden ge- kommen waren, während andere sich auf rätselhafte Weise irgendwie ihrer Ideen und ihres Lebens be- mächtigt und ihre Pläne verwirklicht hatten. Sie begegneten den Kosmologen, die eigens nach Highgate gekommen waren, um die Verhältnisse ent- lang der temporalen Verwerfungen zu studieren. Skepsis und Ablehnung keimten in ihnen auf, wenn diese ihnen zu erklären versuchten, daß sie es wegen der verworrenen Zeitmuster auf diesem Planeten durchaus selbst gewesen sein könnten, die diese, Bauwerke irgendwann in der Zukunft errichtet hät- ten. Manche, die das hörten, tippten sich an die Stirn und fragten lachend: »Wie soll denn das möglich sein?« Ein alter Gelehrter jedoch, der schon viele Jahr- hunderte auf Highgate lebte, hob die Hand und sagte: »Die Wissenschaftler haben recht. Wir müssen ler- nen, von der Zukunft zu erzählen, so als wäre sie gewesen, sonst entgleitet uns die Welt.« »Aber man kann doch nur von der Vergangenheit erzählen«, hielt ihm einer entgegen. »Von dem, was geschehen ist. Was man erlebt hat.« Der alte Gelehrte dachte eine Weile über diesen Einwand nach, dann schüttelte er entschieden den Kopf. »Was weißt du wirklich von der Vergangenheit?« fragte er. »Wie willst du wissen, was wirklich ge- schehen ist? Bist du dir dessen, was du erlebt hast, so sicher, daß du sagen kannst: ›So war es wirklich und nicht anders?‹ Denk gut darüber nach! Ich behaupte, nur das ist wirklich, was erzählt wird. Und auch das nur für kurze Zeit.« * Der Mann, den manche Zeitheimische, die ihm auf seinen Reisen begegnet waren, den Engel nannten,, liebte es auch, über den trockenen weißen Grund des verschwundenen Ozeans zu fliegen. Manchmal sah er dabei eines der Gehirne, diese weichen, halb durchsichtigen Gebilde, die irgendwann die Kraft gefunden hatten, sich in die Luft zu erheben – gewal- tige gallertartige Geschöpfe, die aus Millionen von Einzelwesen bestanden. Seit Urzeiten hatten sie die Meere des Planeten bevölkert, und als das Wasser immer nahrhafter wurde durch das wuchernde Leben an Land, vermehrten und vermehrten sich die Wesen, bis schließlich ganze Buchten und Meeresbecken an- gefüllt waren mit ungeheuren Massen ihrer zarten, schönen Protoplasmakörper. Die Walherden fraßen sich in rauschhaften Orgien durch sie hindurch, bis sie darin erstickten und eingeschlossen in Milliarden Tonnen von proteinhaltiger Nahrung keinen Ausweg mehr fanden. Um diese Zeit galt der Planet längst schon als un- bewohnbar, und seine ursprüngliche Bevölkerung hatte ihn verlassen. Nur wenige waren geblieben, wie immer ein paar bleiben und ausharren, ganz gleich, was kommen mag. Und bald tauchten Besucher auf – Nachfahren jener, die weggegangen waren –, um nach den Spuren ihrer Vorfahren zu graben. Doch auch sie gingen wieder, denn die Vergangenheit war Staub geworden, und der Wind, der unablässig die gestrandeten Kontinentalsockel schliff, hatte längst alle Spuren verweht., Und schließlich kamen die Architekten, die stets auf der Suche nach Orten schwindender Schwerkraft waren, um die kühnsten aller Bauwerke zu errichten und ihre ehrgeizigen Visionen zu verwirklichen – aber davon wurde schon berichtet. Nur die Mollusken blieben und nutzten auf ihre Art die Verhältnisse. Während der Jahrmillionen hat- ten sie sich zu ungeheuren Geschöpfen zusammenge- schlossen: den Gehirnen, die zu beachtlichen Intelli- genzleistungen fähig waren. Sie trieben über die Kontinente hinweg, geballten Wolkenmassen gleich, milchig weiße, halb durchsichtige Gebilde, von röt- lich geäderten Schädeldächern überkuppelt gegen die Strahlung einer erbarmungslos gewordenen Sonne, die wütend durch eine ausgedünnte Atmosphäre brannte. Das Sonnenlicht war jedoch zugleich ihre Nahrung; es gab ihnen die Kraft, sich zu erheben und träge zu manövrieren, um gefährliche Schwerkraft- senken zu meiden. Millionen von Sehorganen hatten sich in ihrem Nadir versammelt und bildeten dort ein großes dunkles Auge. Gleichmütig starrte es herab; es hielt Ausschau nach den letzten feuchten Senken, die sich als Legeplatz und Siedlungsraum für ihre Brut eignen mochten – für ihre Jungen, die eine Zeit- lang ein eigenes Leben führten, bevor sie aufstiegen und sich unter dem Schädeldach des Mutterkörpers schutzsuchend anlagerten. Manchmal, wenn die untergehende Sonne durch, die gewaltigen Körper der Gehirne schien, sah man die eine oder andere eingekapselte Walherde, die darin seit vielen Jahrtausenden begraben war. Sie seien mumifiziert, behaupteten die einen. Doch es gab Gelehrte, die der festen Überzeugung waren, die- se urzeitlichen Säuger seien nur in einem lange wäh- renden Schlaf erstarrt und würden eines Tages erwa- chen und hervorbrechen, wenn das Meer wiederkehr- te, um hineinzutauchen in ihr angestammtes Element. Einige von diesen Forschern glaubten, gelegentlich Bewegungen registriert zu haben, die darauf hinwie- sen, daß die Eingeschlossenen sich bereits in Rich- tung Stirn hindurchfraßen, um eines nicht zu fernen Tages ihr zu entspringen – um die Welt mit neuem Leben zu befruchten, denn in ihren Genen, versicher- ten sie, trugen sie das Erbe der gesamten Ökosphäre des Planeten. Manchmal freilich strandete eins der Gehirne; es geriet in Schwerkraftsenken und wurde zu Boden gezwungen. Wenn es nicht mehr die Kraft fand, sich zu erheben, sank es unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Sonne und Wind brauchten nicht lange, um es zu erodieren. Was übrigblieb, waren Ablage- rungen einer zähen glitzernden Substanz, die sich verhärtet und in eine Insel aus bräunlichen Spiegel- scherben verwandelt hatte – und darin Hügel aus weißem, ineinander verhaktem, zusammengepreßtem Walbein., Highgate galt als die seltsamste Welt in der alten Galaxis. Wissenschaftler, die von weither angereist waren, hielten sie für die Welt im Universum, auf der Anzeichen zu entdecken waren, daß die Zeit sich er- füllt hatte und sich anschickte, ihre Richtung zu än- dern. Es war, als hätte das Universum seine größte Ausdehnung erreicht, und in einigen Randregionen schien das fraktale Muster des Kosmos in seinem Jahrmilliarden währenden Prozeß der Entfaltung und Ausdehnung innegehalten zu haben, um nun zögernd umzukehren und in sich selbst zurückzusinken, wäh- rend der Zeitpfeil wie eine Kompaßnadel über dem Magnetpol orientierungslos vage in diese oder in je- ne Richtung wies. Highgate stand in einer dieser Regionen am äußer- sten Rand der Zeit, wo die Solitone herumschwan- gen, um wieder in die Vergangenheit zurückzustür- zen. Es gab auf dem Planeten sogenannte Chronoto- pe, in denen der Zeitfluß sich staute oder ganz zum Erliegen kam. Es waren Gegenden, in denen Berich- ten zufolge die Sonne seit Jahren nicht mehr unter- gegangen war, sondern auf erratischer Bahn hierhin und dorthin gezogen sei und immer wieder unschlüs- sig innegehalten habe, wo ihr Licht wie ein honigfar- bener Dunst über dem Land lag und das Felsgestein mit einer braunen Glasur überzog, wo die Natur in traumversunkener Reglosigkeit verharrte. Anderswo schien die Lebenswelt schon fest zur Umkehr ent-, schlossen, die Pflanzen rafften ihre Blätter zusam- men, Bäume zogen sich über Nacht ins Erdreich zu- rück wie vor drohendem Unheil, und die Jungvögel in den Nestern spien ihren Eltern die Nahrung in den Schnabel und hüllten sich in die Splitter ihrer Eier, als seien sie der Welt schon beim ersten Anblick überdrüssig. Dies jedenfalls berichteten die Gelehr- ten, die solches beobachtet zu haben glaubten. Sie erzählten auch von aberwitzigen Riten, welche die Menschen zelebrierten, die in jenen Gegenden lebten – etwa die Auferweckung ihrer Toten oder die Heimkehr jener, deren Leben sich erfüllt hatte, in den Leib ihrer Mutter, wo sie das Licht der Welt hinter sich erlöschen sahen und sich zusammenkrümmten, um alsbald wieder vom Nichts aufgenommen zu werden. Diese Einheimischen erzählten den Besu- chern auf eine über die Maßen seltsame Weise in al- len Einzelheiten von der Zukunft, als hätten sie leb- hafte Erinnerungen daran, während sie von ihrer Vergangenheit nur ungenaue Vorstellungen hatten, als ob das Gedächtnis darüber sie völlig im Stich lie- ße, was nun wohl Wirklichkeit gewesen sei und was nicht. Solche Berichte wurden nur von wenigen belä- chelt, denn auf Highgate war alles möglich. Auch traten regelmäßig einheimische Propheten auf, die eine Wiederkehr des Mondes verkündeten. Highgate habe einst einen großen Mond gehabt, be- haupteten die Astronomen schon seit langem. Doch, der habe seine Umlaufbahn verlassen und sei ir- gendwann von der Sonne angezogen und von ihr einverleibt worden. Er würde aus der Sonne wieder- geboren werden, erklärten jene, die sich an das spek- takuläre Ereignis in der Zukunft erinnerten. Er würde glühend aus der Sonne emporsteigen und, nachdem er sich hinreichend abgekühlt habe, seinen ange- stammten Platz am Himmel wieder einnehmen. Er würde bald auch wieder seine Herrschaft über die Gezeiten antreten, denn auch das Meer würde zu- rückkehren. Es würde sich zunächst ein Dunst in der hohen Atmosphäre ansammeln, allmählich konden- sieren und dann herabsinken, und irgendwann wür- den die gewaltigen Senken, die früher Ozeane gewe- sen waren, sich wieder mit Wasser füllen. Die Men- schen schenkten diesen Propheten Glauben, wie man Propheten schon immer Glauben schenkte – nur halb und nicht ohne Spott und doch mit einem heimlichen Funken Hoffnung und einen Anflug von Furcht. So war es auf Highgate, und der Mann, den man- che Zeitheimische den Engel nannten, liebte diese Welt, die, wie er von vielen Reisen aus eigener An- schauung wußte, die älteste aller Menschenwelten war. Und er lebte dort mit seinem Freund Don Fer- nando, der es vorzog, in der Gestalt einer großen Ratte zu verweilen, einer Papagomys. Von Kind an war dies sein Wunsch gewesen, denn er genoß es, von Dummköpfen gehaßt und von Vorurteilen ver-, folgt zu werden und ein Leben zu führen, das durch Findigkeit, Mut, Schlagfertigkeit und Entschlossen- heit geprägt war. * Es war Mittag auf Highgate; die Zeit, in der die Glut ihren Höhepunkt erreichte. Licht brach aus der Sabka hervor, ein scharfes, bitteres Licht – wie die Evapori- te des ausgetrockneten Ozeans selbst –, das die Rän- der der Wirklichkeit verätzte, sie auflöste und die Fragmente zu zittrigen Chimären zusammenschob, die auf perlmuttfarbenen Pfützen zu schwimmen schienen, bevor sie schmolzen und im Sand versik- kerten. Der Mann, den manche Zeitheimische, die ihm auf seinen Reisen begegnet waren, den Engel nannten, liebte diese Stunde. Er saß im Schaukelstuhl auf der schattigen Veranda und blickte in die Ferne. Manchmal, aber nur selten, verdüsterte ein Schat- ten die Landschaft, wenn ein Gehirn über ihn hin- wegzog und mit seinem Auge gleichgültig herab- starrte. Er genoß es, sich auszuruhen auf diesem schmalen Saum zwischen alles zermalmendem Licht und der eisigen Leere und Dunkelheit, in die der helle, weite Himmel unmerklich überging, nicht weit über ihm. Er wußte, daß er sich im ungesicherten Niemands-, land zwischen Chaos und Entropie befand, aber hätte Leben je eine größere Chance haben können? Hier war es entstanden. Hier hatte es sich entfaltet. Hier hatte es überdauert dank seiner ihm eigenen Zähig- keit und seines Erfindungsreichtums. Er schloß die Augen und gab sich dem Gefühl der fragilen Geborgenheit hin. Er hörte den Ruf Don Fernandos und richtete den Blick nach oben. Der Himmel barst, brach auf, als wäre eine festge- frorene Luke aufgestemmt worden. Eisbrocken lö- sten sich und stürzten herab. Ein kalter Hauch wehte ihm ins Gesicht. Eine Blüte zersprang und rieselte zu Boden wie zersplittertes Glas. Über dem Horizont war eine zweite Sonne er- schienen, blauweiß gleißend, doch so kraftlos wie ein Lichtjahre entfernter Stern. Wind fegte über geriffel- te Schneefelder, und der Mann, der geradewegs aus der fernen Sonne zu kommen schien, warf einen lan- gen dünnen Schatten – ebenso wie sein Begleiter, der Wolf. Fahle Nebensonnen erhellten die aufgebrochene Welt; von ihren Rändern sprühten elektrische Entla- dungen, um sich mit denen von Highgate zu überlap- pen. »Ich habe es geahnt«, seufzte Don Fernando und trippelte erwartungsvoll auf der geschliffenen Stein- platte des Tisches hin und her. »Ich habe es geahnt.« Sie warteten schweigend, bis die beiden Gestalten, sich genähert hatten und stehenblieben. Der bis über die Nase vermummte Mann aus dem Eis öffnete den Verschluß seines Gewandes und zog ein verschnürtes Bündel heraus, das er vor der Brust getragen hatte. Schnee stäubte von seiner Kleidung. Seine Augen glommen wie düstere, von Staub und Dunst umwölk- te Protosonnen unter der reifbedeckten Kapuze her- vor. Er warf das Bündel auf den Tisch. Der Wolf knurrte. An seinem Bauchfell hingen Eisperlen, die nun tauten. »Fang bloß nicht auch noch an zu pinkeln«, sagte Don Fernando. »Halt deine freche Schnauze, du miese Ratte«, knurrte der Wolf, »sonst …« »Ja, laß dir mal was Neues einfallen, du räudiger Köter«, erwiderte Don Fernando gelangweilt. Der Wolf schnappte nach ihm, aber mit einem Satz hatte sich Don Fernando auf den Schoß des En- gels gerettet. »Habt ihr das gesehen?« fragte Don Fernando em- pört. »Er wandelt schon so lange in dieser scheußli- chen Gestalt, daß er sich aufführt wie ein Tier!« »Scheußlich? Das sagst ausgerechnet du Drecks- vieh?« grollte der Wolf. »He! Was erlaubst du dir? Du bist ja schon so ver- blödet, daß du nicht einmal mehr deinen Namen in den Schnee pissen kannst«, stichelte Don Fernando. »Hört auf!« sagte der Vermummte, schob die Ka-, puze zurück und wischte sich den tauenden Frost von den Brauen. »Es scheint tatsächlich der unwahr- scheinliche Fall einer Oszillation eingetreten zu sein.« Seine Stimme klang dumpf durch die Kältemaske. »Das muß ich mir ansehen«, sagte der Mann, den manche den Engel nannten. »Eine weitere Variante, nehme ich an.« Der Mann aus der Kälte nickte. »Kommt, Sir Whitefang!« sagte er zu seinem Be- gleiter, dem Wolf. »Laßt uns nicht säumig sein.« Don Fernando sah fasziniert zu, wie der Mann aus dem Eis und sein Begleiter, der Wolf, sich rückwärts gehend entfernten. Dabei löschten sie ihre eigene Spur aus, denn der vom Wind geriffelte Schnee war unberührt, sobald der nächste Schritt getan war. Sie stapften über das Eisfeld davon; ihre Schatten wur- den länger und länger, während die kraftlos gleißen- de Sonne sich zum Horizont zurückzog und langsam unterging. Eisbrocken bildeten sich aus Schmelzwasser, lö- sten sich aus dem Gras und stiegen aus den Büschen auf, schossen empor und froren an den Kanten des Himmels fest, während er sich knirschend schloß. Der von blauen elektrischen Entladungen umzüngel- te Riß verschmolz mit dem Abendhimmel, an dem ein paar Wolkenschleier aufglühten und dann zerfie- len., »Zeig her«, sagte Don Fernando und machte sich’s bequem auf der Schulter des Engels. Der schnürte das feuchte Bündel auf und strich die Blätter glatt. »Sehen wir uns diese Variante an.« Schrift stieg vor ihnen auf.,

II DIE CUSANISCHE ACCE- LERATIO

»WER DEN MÖGLICHKEITSSINN BESITZT, SAGT BEISPIELSWEISE NICHT: HIER IST DIES ODER DAS GESCHEHEN, WIRD GESCHEHEN, MUSS GESCHE- HEN; SONDERN ER ERFINDET: HIER KÖNNTE, SOLLTE ODER MÜSSTE GESCHEHN; UND WENN MAN IHM VON IRGEND ETWAS ERKLÄRT, DASS ES SO SEI, WIE ES SEI, DANN DENKT ER: NUN, ES KÖNNTE WAHRSCHEINLICH AUCH ANDERS SEIN. SO LIESSE SICH DER MÖGLICHKEITSSINN GERA- DEZU ALS DIE FÄHIGKEIT DEFINIEREN, ALLES, WAS EBENSOGUT SEIN KÖNNTE, ZU DENKEN, UND DAS, WAS IST, NICHT WICHTIGER ZU NEHMEN ALS DAS, WAS NICHT IST.« Robert Musil Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß man ausgerechnet Nicolaus Cusanus, den päpstlichen Le- gaten und persönlichen Freund von Papst Pius II., zum Beschützer und Bewahrer der abendländischen Wissenschaft gegenüber einer aufklärungs- und fort- schrittsfeindlichen Kirche hochzustilisieren versucht hat, als hätte es Tendenzen solcher Art seitens des Klerus jemals gegeben. Freilich gab es zuweilen, Meinungsverschiedenheiten und Dispute über astro- nomische und kosmologische Detailfragen, aber die- se Diskussionen sind Ausdruck und Zeichen eines lebendigen Wissenschaftsbetriebs, ja dessen Voraus- setzung. Wer sonst als die Kirche hat seit dem Nie- dergang des Römischen Reiches über viele Jahrhun- derte hinweg die Schätze griechischer, römischer und morgenländischer Gelehrsamkeit sorgsam bewahrt? Wer die unschätzbar wertvollen Werke der Altvorde- ren vervielfältigt und verbreitet? Wer ihre Inhalte studiert, interpretiert und gelehrt? Die wissenschaft- liche Beschäftigung mit der Schöpfung hat in der Kirche eine lange, ungebrochene, ehrwürdige Tradi- tion. Es hat keines Cusanus und keiner »Acceleratio« bedurft, um, wie Diderot schrieb, »der Wissenschaft eine Gasse zu hauen« und »dem technischen Fort- schritt den Weg zu ebnen«. Das ist, mit Verlaub, eine historische Fiktion, wie sie in jenen virtuellen ge- schichtlichen Konstruktionen, die heute zunehmend in Mode kommen, immer mehr um sich greifen, die aber nur geeignet sind, die Tatsachen zu vernebeln und den Blick auf die Wirklichkeit zu verfälschen. Betrachten wir die Fakten: zwei Briefe aus der Fe- der des Kardinals, beide geschrieben am 12. März des Jahres 1452 während eines kurzen Aufenthalts in seiner ehemaligen Pfarrei Sankt Florin zu Koblenz. Einer an Dietrich von Moers, den Erzbischof von Köln, in dem er diesem rät, päpstlichen Beistand zu, erbitten in einem Prozeß, in dem eine Frau unbe- kannter Herkunft der Ketzerei angeklagt ist. Ein wei- terer an Papst Nicolaus V. in dem er die Gründung einer wissenschaftlichen Akademie durch den Heili- gen Stuhl vorschlägt, die sich speziell mit ungewöhn- lichen Naturerscheinungen befassen soll. Was hat man nicht alles hineingeheimnist in jene letzten Februartage, die der Kardinal, von Brüssel über Löwen und Maastricht kommend, in Köln ver- bracht hat, um dort ein Provinzialkonzil zu eröffnen! Von einem »Paulus-Erlebnis« ist die Rede (als wäre er je ein Saulus gewesen!); von merkwürdigen Brie- fen, die ihm von einem geheimnisumwitterten Scho- laren ausgehändigt worden seien; von der Begegnung mit einer rätselhaften Schönen aus einem fernen Land, die ihn betört und ihm die Zukunft geweissagt habe. Tatsächlich hatte sich Cusanus als päpstlicher Di- plomat und Reisender in Sachen Neuordnung und Organisation der Kirche bis dahin – wohl schon al- lein aus Zeitgründen – wenig um die Förderung der Wissenschaften gekümmert, ja nicht kümmern kön- nen, obwohl er in Fragen der Astronomie und Kos- mologie, wie man heute weiß, seiner Zeit voraus war, Experimentalphysik betrieb und sich als erster ernsthaft mathematisch mit dem Begriff der Unend- lichkeit beschäftigte. Aber zu seiner Bemühung um eine verstärkte Institutionalisierung von Forschung, und Lehre seitens der Kirche bedurfte es weder ge- heimnisvoller Scholaren noch betörender Sibyllen. Es war ein Erfordernis der Zeit, und der Kardinal von Kues an der Mosel war gewiß nur einer von vielen, welche die Zeichen der Zeit richtig zu deuten wuß- ten. Die Cusanische Acceleratio, wie Leibniz sie po- stuliert hat, ist eine Schimäre. Die Behauptung, der Cusanes allein sei es gewesen, der »eine schläfrige, in lächerlichen Glaubensdingen zerstrittene Kirche aufweckte«, wie Voltaire es auszudrücken beliebte, ist eine Fiktion. Das Donnern der modernen Artille- rie, die Sultan Mehmet II. im Jahr darauf vor den To- ren von Konstantinopel in Stellung brachte, deren Feuerkraft der Westen nichts entgegenzusetzen ver- mochte, war laut genug, um das gesamte Abendland aufzurütteln – und letztlich zu einen. Diese Lesart kann zwar nicht als offizielle Stellung- nahme des Vatikans im neu aufgeflammten Gelehr- tenstreit um die sogenannte Cusanische Acceleratio gelten, doch sie dürfte seiner Billigung sicher sein. Chronistenpflicht ist es, die wichtigsten Fakten der vergangenen fünf Jahrhunderte festzuhalten, die den heutigen Zustand der Welt, insbesondere des Abend- landes, mitgeprägt haben. Hier sind sie: 1460 Im Auftrag von Papst Pius II. gründen der päpstliche Legat Nicolaus Cusanus und Julius Pom-, ponius Laetus das humanistische Forschungsinstitut Accademia Romana. 1461 Johannes Regiomontanus wird zum Leiter der Accademia berufen. 1462 Auf Anregung von Nicolaus Cusanus führt Johannes Regiomontanus eine »Weltvermessung« durch. Das Ergebnis bestätigt die Angaben des Era- tosthenes von Kyrene (276 bis 195 v.Chr.), der aus den abweichenden Schattenlängen auf dem Meridi- anbogen zwischen Syene (Assuan) und Alexandria einen Erdumfang von 40 000 Kilometern errechnete. 1464 Tod von Papst Pius II. und Nicolaus Cusanus in Todi, Umbrien, während des Aufbruchs zu einem Kreuzzug zur Rückeroberung Konstantinopels. 1467 Papst Paul II., Nachfolger von Pius II., be- treibt die Schließung der Accademia Romana, die er bei aller Sympathie für die Wiederbelebung des hu- manistischen Erbes für eine ketzerische Geheimge- sellschaft hält. Iulius Pomponius Laetus wird der Gotteslästerung angeklagt, ein weiteres Mitglied, Bartolomeo Piatina, wird gefoltert. Johannes Regio- montanus und einigen seiner Mitarbeiter gelingt die Flucht nach Mailand, wo die Sforza sie unter ihren Schutz stellen. 1470 Leonardo da Vinci wird Mitglied der Sa- pienza, wie die ehemalige Accademia Romana sich seit ihrem Exodus nennt. Sie gilt als Zentrum huma- nistischer Bildung und Forschung und wird zum Ziel, zahlreicher Gelehrter, Handwerker und Studenten aus aller Welt. 1475 Einführung des Magnetsteins auf den Schif- fen des Italischen Bundes. 1476 Nach dem Tod von Johannes Regiomontanus wird Leonardo zum Leiter der Sapienza gewählt. 1478 Erfindung des »Brennkreisels« in der Sa- pienza durch Corbinian Seeshaupter, einem Büch- senmacher aus dem Salzburgischen. Zunächst mit Naphta befeuert, später mit Petroleum und seinen Derivaten, stellt der »Kreisel« eine Art Turbine dar, die als »mechanischer Sklave« bald auf allen Gebie- ten Anwendung findet, sei es als Antrieb von Fahr- zeugen oder Pumpen, sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie und zunehmend im Ver- kehrswesen. 1480 Erneuerung des Italischen Bundes zwischen Venedig, Mailand, Florenz, Neapel, Montferrat und Savoyen für weitere 25 Jahre. Beitritt Genuas. 1481 Albertis Gesang der mechanischen Sklaven wird in Mailand uraufgeführt. 1484 Papst Sixtus IV. erklärt, daß es im westlichen Meer unentdeckte Länder geben müsse. Eine gegen- teilige Auffassung, wie sie von einigen irregeleiteten Gelehrten verbreitet werde, die glaubten, das legen- däre Cathay Marco Polos sei in westlicher Richtung nur durch einen Ozean von unserer Welt getrennt, würde eine Unausgewogenheit der Schöpfung vor-, aussetzen. Das wäre unchristlich, ketzerisch. 1486 Giovanni Caboto, ausgesandt von der Signo- ria seiner Heimatstadt Genua auf die Suche nach neuen Ländern im westlichen Teil der Welt, erreicht am Christophorustag (24. Juli) die Mündung des De- laware. Auf seiner zweiten Expedition (1488-1490) erkundet er die Küste zwischen der Mündung des Savannah und der des San Lorenzo. Auf der dritten Reise (1492 – 1495), die der Errichtung von befestig- ten Stützpunkten und Handelsniederlassungen dient und auf der ihn sein Sohn Sebastiano begleitet, findet er bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Eingeborenen von Terranova den Tod. Er wird auf dem nach ihm benannten Capo Caboto beigesetzt. Sein Sohn Sebastiano führt die Expedition erfolg- reich zu Ende. 1489 Während die Galeonen des Großherzogs der Toskana die Mississippi-Mündung und die Küste von Yucatan erkunden, legen venezianische Handelskapi- täne im Auftrag ihrer Signoria an der Nordküste der südlichen Terranova befestigte Handelsplätze an, die sich zunehmend räuberischer Überfälle durch portu- giesische und spanische Seefahrer erwehren müssen, nachdem die Kunde von reichen Goldfunden nach Europa gedrungen ist. 1492 Erster erfolgreicher Abschuß eines »Milan«, auch »Feuerbremse« genannt. Es handelt sich um eine Rakete, die von einem mit flüssigem Treibstoff, befeuerten »Brennrohr« angetrieben wird. In den Schmieden der Sapienza hergestellt und von einem Katapult in steilem Winkel gestartet, legt das Ge- schoß zwanzig Stadien oder zweieinhalb römische milia zurück und trägt eine bomba mit einem Mastel- lo Naphta ins Ziel. 1494 Einfall König Karls VIII. von Frankreich in die Lombardei auf dem Weg nach Neapel. Am 23. September Treffen am Ticino. Das vereinte italische Heer unter dem Befehl Francesco Gonzagas bereitet den Franzosen eine vernichtende Niederlage. Der Florentiner Staatsmann und Historiker Francesco Guicciardini schreibt in seiner Storia d’Italia: »Die so gefurchtete moderne französische Artille- rie wurde völlig überrumpelt. Das infernalische Krei- schen der mailändischen Feuerbremsen, die durch den Himmel rasten, Naphtafeuer verspritzten und das Schlachtfeld in wenigen Minuten in Rauch und Flammen hüllten, fuhr wie der Zorn Gottes zwischen die Feinde, deren Aufmarsch bald jede Schlachtord- nung vermissen ließ. Als zur Kavallerie-Attacke ge- blasen wurde, war die Reiterei hoffnungslos zersto- ben, und die Bauern in Savoyen ließen ihre Äcker im Stich, um die in weitem Umkreis verstreuten gesat- telten Pferde einzufangen und sie für gutes Geld al- lenthalben auf den Märkten zu verkaufen. Francesco ließ die schönen neuen französischen Kanonen, von denen nicht wenige keinen einzigen, Schuß hatten abfeuern können, nach Mailand brin- gen, um sie in den Erzgießereien untersuchen zu las- sen …« 1510 Copernicus lehnt eine Berufung an die Sa- pienza ab. 1512 Michelangelo: »Überall in den Provinzen hört man tagsüber und nächtens das Fauchen und Schnarren der Brennkreisel. Dahin ist die bukolische Ruhe unserer Heimat. Die Luft ist voll Rauch und Gestank verbrannten Naphtas. Über den Auen liegt ein ungesunder Nebel, ein Miasma, das einem den Atem beraubt.« 1576 Giordano Bruno wird zum Präsidenten der Sapienza gewählt. 1613 Johannes Kepler gelingt die Flucht vor den Nachstellungen der Gegenreformation in Deutsch- land. Gemeinsam mit seiner Mutter reist er über Wien und Venedig nach Mailand. 1614 Nicht Galilei, sondern Kepler wird zum Nachfolger Brunos als Leiter der Sapienza gewählt. Galilei verläßt demonstrativ die Akademie und zieht sich in sein Landhaus in Arcetri zurück. 1620 Endgültiges Scheitern der Gegenreformation in Europa. Verbot und Enteignung des Dominikaner- ordens. 1626 Protestantische Truppen belagern vergeblich Rom. Der Papst flieht über Budapest nach Krakau. 1627 Niederlage des durch Seuchen dezimierten, nordischen Heeres in den Schlachten bei Orvieto und Bologna. Rückkehr des Papstes nach Rom. 1630 Beendigung des Glaubenskrieges im Frieden von Prag. Neuordnung Europas. 1672 Leibniz prägt den Begriff der »Cusanischen Acceleratio« der Wissenschaften. Bau der ersten funktionierenden mechanischen Rechenmaschine. 1674 Seeschlacht von Chalkis. Befreiung Grie- chenlands. 1676 Rückeroberung von Konstantinopel. 1682 Ein Söldnerheer unter dem Befehl des Con- dottiere Alessandro Tarvisio schlägt die Türken bei Tarsus und Mersin. Befreiung von Aleppo, Damas- kus, Jerusalem und Kairo im Zweiten Heiligen Krieg. Sicherung der Petroleumquellen in Mesopo- tamien. 1705 Vollendung des Suezkanals. 1708 Besetzung von Oman und Jask an der Straße von Hormus durch ein italienisch/deutsch/britisches Expeditionsheer, um die Schiffahrtsstraße zu den Pe- troleumhäfen im Persischen Golf zu sichern. 1710 Verstärkter Bau von Schiffen, insbesondere hochseetüchtigen Petroleumfrachtern, mit leistungs- fähigen Brennkreisel-Motoren durch die europäi- schen Großmächte. 1712 Die Militär-Signoria von Kairo gestattet aus »Sicherheitsgründen« nur noch motorbetriebenen Schiffen die Durchfahrt durch den Suezkanal. Segel-, schiffe sind gezwungen, wie früher den beschwerli- chen Weg um Afrika zu nehmen. 1715 Der Brand des Petroleumfrachters Amalfi äschert Piräus ein. 1720 Untergang des Petroleumfrachters Haven in der Bucht von Genua. Fisch- und Krabbenbestände werden in weitem Umkreis vernichtet. Die Altstadt von Genua muß für mehrere Monate evakuiert wer- den. 1738 Bau des ersten Luftschiffs mit Wasserstoff- Füllung durch lan Mclnnes. 1752 Der Glory of Glasgow unter Kapitän Seamus Shaw gelingt als erstem Luftschiff die Überquerung des Atlantik. 1758 Leonhard Euler veröffentlicht sein bahnbre- chendes Werk Calculationes zur Erreichung des Weltenraumes vermittels reactiver Flugapparate. 1763 Erste erfolgreiche Flugversuche George Rauschles mit dem Motorflugzeug Skylark of Massa- chusetts. 1780 Die Neuenglandstaaten entscheiden den Un- abhängigkeitskrieg für sich durch die Luftüberlegen- heit ihrer wendigen, von Robert Fulton konstruierten Arrow-Motorflieger über die schwerbewaffneten, aber verletzlichen Schlachtkreuzer der Royal Air Navy. Bombardierung von Boston und Norfolk. Zer- störung von Philadelphia durch Luft-Boden-Raketen mit Phosphor-Naphtalin-Sprengköpfen. Verheerende, Niederlage der Briten in der Luftschlacht über Long Island. 1795 Erster regelmäßiger Transatlantik-Luftdienst zwischen Amsterdam und Boston sowie zwischen Rom und Genua Nova über Ponta Delgado und Ber- muda. 1814 Eine Flutkatastrophe in Holland fordert über 100 000 Menschenleben. 1819 Stürme bis Windstärke 12 suchen die deut- sche Nordseeküste heim. Dämme auf einer Länge von vierzig Kilometern gebrochen. Hamburg muß wegen Überflutung evakuiert werden. Auch Holland wieder schwer betroffen. Pläne für ein gemeinschaft- liches nordwesteuropäisches Damm-Projekt schei- tern an den immensen Kosten. 1822 Schätzungsweise eine Million Tote durch den schwersten Taifun seit Menschengedenken in Bengalen. Drei Millionen Menschen fliehen aus den überfluteten Gebieten. 1825 Weltweit wird ein Ansteigen des Meeres- spiegels registriert. Die Gelehrten stehen vor einem Rätsel. Einige von ihnen sagen einen »tropischen Äon« voraus, der durch höhere Temperaturen und stärkere Luftbewegungen in der Erdatmosphäre ge- kennzeichnet sei. Saint-Léonard-de-Noblat Joseph Gay-Lussac, der bekannte französische Atmosphä- renforscher, äußert die Vermutung, daß zwischen der exzessiven Verbrennung von Petroleum seit nunmehr, 300 Jahren und der Veränderung des Weltklimas ein ursächlicher Zusammenhang bestehen könnte. 1830 Orbitale Trajektorien in den Planetenräu- men von Carl Friedrich Gauß und Heinrich Olbers erscheint. 1845 Die Computersprache ADA, erfunden von Ada Lovelace, der Tochter Lord Byrons, verhilft den elektrischen Pascal-Rechenapparaten endlich zum Durchbruch. Das Zeitalter der sogenannten Daten- verarbeitung beginnt. 1854 Publikation der Gauß-Riemannschen Allge- meinen Gravitationstheorie, die ein durch Masse geometrisch verformtes raumzeitliches Kontinuum postuliert. 1866 Der letzte Stützpunkt im Sultanat Male muß aufgegeben werden. Die evakuierten Bewohner er- halten Siedlungsrechte an der Koromandelküste. 1871 Nach den Monsunstürmen zu Jahresbeginn melden die Piloten der Durban-Bombay Line die Überflutung der letzten Malediven-Inseln. 1873 Entdeckung des Masse-Energie-Prinzips durch William Clifford. 1878 Erster Überschallflug eines Raketenclippers von Savannah nach Sidney in weniger als sechs Stunden. 1881 Erster Orbitalflug mit Erdumrundung durch Major Brian McLaughlin mit dem Raketenflugzeug Thunder., 1883 Schätzungsweise eine halbe Million Tote in den ausgedehnten und dichtbesiedelten Urlaubsge- bieten entlang der Küsten von Sumatra, Surabaya, Siam und Malaysia durch eine Flutkatastrophe unbe- schreiblichen Ausmaßes, hervorgerufen durch den Ausbruch des Krakatoa-Vulkans in der Sundastraße. Richard Burton, der bekannte englische Forschungs- reisende und Literat, der sich um die Zeit in Bandung aufhielt und tags darauf die Südküste Surabayas, des heutigen Java, mit einem Helikopter bereiste und das Unglücksgebiet in unmittelbaren Augenschein nahm, schrieb angesichts der ungeheuren Verwüstungen: »Es war, als sei die Faust eines zornigen Gottes über das Land gefegt.« (London Times vom Donnerstag, dem 30. August 1883) 1886 »Unerschöpfliche Energie aus dem Nichts« verkündet die Washington Post in ihrer Ausgabe vom 28. April 1886 anläßlich der Einweihung der ersten mit den in der Materie schlummernden Max- well-Kräften betriebenen Anlage zur Elektrizitätsge- winnung in New York. Thomas Alva Edison, der Er- bauer der Anlage, wurde vom Präsidenten der Ame- rikanischen Föderation, Stephen Grover Cleveland, mit dem Thomas Jefferson Award geehrt, der höch- sten Auszeichnung für einen Wissenschaftler. 1897 Die Länder der Nordamerikanischen Födera- tion, allen voran Kalifornien, beschließen den Bau zahlreicher Maxwell-Kraftwerke, mit deren Hilfe, gigantische Bewässerungsprojekte in Angriff ge- nommen werden sollen, um der zunehmenden Trok- kenheit in den landwirtschaftlichen Gebieten des Kontinents entgegenzuwirken. 1899 Dürrekatastrophe in Indien. Das dritte Jahr in Folge bleibt der Monsunregen aus. 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Hilfslieferungen aus aller Welt vermögen die Not nicht zu lindern. Der Welt- staatenbund erzwingt angesichts des Massensterbens mit Waffengewalt die Öffnung der Grenzen nach Birma und Siam. 1906 Erdbeben in San Francisco. Zwei Maxwell- Kraftwerke schwer beschädigt. Samuel Ruben, der Präsident von Kalifornien, ruft den nationalen Not- stand aus und bittet die Nachbarstaaten um Hufe. 1907 Eine rätselhafte Seuche breitet sich von West nach Ost über den nordamerikanischen Kontinent aus. Die Länder des Mittelwestens schließen ihre Grenzen und ergreifen rigorose Quarantänemaßnah- men, nachdem mit dem Verbot von Viehtransporten keine Wirkung erzielt werden konnte. Die Seuche bewirkt nicht nur Siechtum und Mißbildungen bei Tieren, sondern auch zunehmend bei Pflanzen und sogar bei Menschen. Die Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel. 1908 Ernest Rutherford, Professor in Manchester, der bis vor kurzem an der McGill University in Mon- treal lehrte und der in diesem Jahr mit dem Nobel-, preis für Chemie ausgezeichnet wurde, behauptet, daß zwischen der freigesetzten Strahlung aus den zerstörten Maxwell-Kraftwerken von San Francisco und dem Auftreten von tödlichem Siechtum bei Mensch und Tier sowie Mißbildungen bei Neugebo- renen und bei Pflanzen ein unmittelbarer Zusam- menhang bestehen muß; daß es sich also keineswegs um eine Infektionskrankheit handle, sondern um eine »Strahlenkrankheit«, die medizinisch zwar noch un- erforscht, aber keineswegs ansteckend sei. Trotzdem kommt es in ländlichen Gebieten immer wieder zu Pogromen an Sterbenden und Kranken unter dem Deckmantel von »Schutzmaßnahmen«. 1909 »Politischer Schachzug oder technische Pan- ne?« fragt der Manchester Guardian in seiner Aus- gabe vom 26. Oktober. Die deutsche Mondexpediti- on endete in einem Desaster. Der unter monatelanger Geheimhaltung vorberei- tete Start der Helmuth von Moltke verlief offensicht- lich planmäßig. Das Raumschiff setzte nach dreitägi- gem Flug im Mare Imbrium wohlbehalten auf, aber ein Rückstart zur Erde wurde nicht versucht oder mißlang. Vermutungen einiger ausländischer Exper- ten, die behaupteten, eine Rückholung der vier Mondmatrosen sei überhaupt nicht geplant, ja tech- nisch kaum möglich gewesen, traten die deutsche Admiralität und das Reichsmarineamt mit aller Schärfe entgegen. Politische Beobachter gehen eben-, falls von einer technischen Panne aus und halten die Mutmaßungen für absurd. Sie vermuten, daß das Ri- siko sträflich unterschätzt wurde, weil man dem Kai- ser dieses technische Propagandaunternehmen nicht auszureden wagte. Der überraschende Rücktritt des Reichskanzlers Fürst Bernhard von Bülow brachte freilich kein Licht in die dubiose, von Kaiser Wil- helm II. mit Aplomb verkündete, aber blamabel ver- laufene »Eroberung des Mondes durch das Deutsche Reich«. Aus Potsdam selbst ist keine Stellungnahme zu erhalten. 1914 Hungerflüchtlinge aus Afrika und Asien strömen nach Europa. Italien und Spanien richten ein dringendes Hilfeersuchen an die übrigen europäi- schen Staaten. Erste Paneuropa-Konferenz in Genf 1915 Trotz massiver Proteste durch den Weltstaa- tenbund verschärfte Ausländerregelungen in den eu- ropäischen Ländern. Vermehrte Abschiebungen; Schließung der Außengrenzen. Pogrome gegen ille- gale Zuwanderer vor allem in Österreich, Deutsch- land, Frankreich und der Schweiz. 1917 Zweite Paneuropa-Konferenz in Wien. Ge- meinsame Ausländerpolitik beschlossen. Ausnahme- regelungen nur für »Heimkehrer« aus den Ländern der ehemaligen Nordamerikanischen Föderation und der Südafrikanischen Republik, die als rassisch und genetisch unbedenklich eingestuft werden. Konkrete Pläne für eine Wirtschafts-, Währungs- und Vertei-, digungseinheit. Beschluß zur Errichtung eines Nord- atlantik-Damms. 1918 Dritte Paneuropa-Konferenz in London. Winston Churchill als »Einiger Europas« gefeiert. Die Forderung des Weltstaatenbunds nach Lockerung der europäischen Einwanderungsbestim- mungen wird einstimmig abgelehnt, der Vorschlag »Öl für Immigration« als Erpressungsversuch zu- rückgewiesen. 1923 In München kommt es bei einer antieuropäi- schen Kundgebung zu einer bewaffneten Auseinan- dersetzung zwischen militanten Nationalisten, dem sogenannten Kampfbund, und den Ordnungskräften. Dabei finden die Rädelsführer der Radikalen, Erich Ludendorff, Max von Scheubner-Richter und Adolf Hitler, den Tod. 1924 Die Vierte Paneuropa-Konferenz in Berlin verabschiedet Autarkie-Maßnahmen. Die Berliner Beschlüsse sehen vor, eine Flotte von Orbitalkraft- werken zu bauen, um die Energieversorgung sicher- zustellen und gegen »Erpressungen« seitens des Weltstaatenbunds gewappnet zu sein. 1925 Gründung von Eurospatial in Paris. Beschluß zum Bau der ersten ständig bemannten Orbitalstation. 1933 Feierliche Unterzeichnung der Gründungsur- kunden der Vereinigten Staaten von Europa in Ver- sailles. 1936 Rückzug der »Freischärler«-Verbände unter General Francisco Franco aus Ceuta und Tanger und, der Truppen des Feldmarschalls Benito Mussolini aus dem Mezzogiorno. Errichtung einer »Sicheren Grenze« in Mittelitalien (Linie Gaeta-Termoli), die später an den südlichen Rand der Poebene verlegt wird (Abruzzen-Wall). 1936 Verstärkter Ausbau der Bastion Midi an der spanisch-französisch-italienischen Mittelmeerküste, des Südlichen Atlantikwalls und des Santiago-Walls an der portugiesischen und der spanischen Westküste sowie das Ostwalls zwischen der Adria und dem Finnischen Meerbusen (Linie Triest – Lemberg – Helsinki). 1944 Errichtung eines flutsicheren Atlantikdamms am Rande des europäischen Festlandssockels zwi- schen Bilbao und Kristiansund, an Brandon Head und Erris Head vorbei, die Hebriden und Shetlands umschließend, nach fünfundzwanzigjähriger Bauzeit abgeschlossen. 1945 Europapräsident Charles de Gaulle erklärt den Alten Kontinent zur »uneinnehmbaren Festung«. In seiner Festrede bezeichnet er Europa als »Arche, die unsere Kultur des Abendlandes in die Zukunft tragen wird«. * Don Fernando tippte mit der Pfote in die Asche, zu der die Aufzeichnungen zerfallen waren. Er schnup-, perte an den grauen Flocken und leckte sie von den Krallen. »Echtes Papier«, sagte er anerkennend. »Was für ein Kauz!« Der Mann, den manche Zeitheimische den Engel nannten, wischte mit der Hand über den Tisch. Der Wind trug die Asche davon. »Wir werden noch einmal zurückkehren müssen«, sagte er. »Wahrscheinlich noch öfter«, sagte Don Fernando. »Es ist, als hätte ich’s gerochen.« Der Mann, den manche den Engel nannten, lehnte sich in seinem Schaukelstuhl zurück und schloß die Augen. »Wir müssen vorsichtig zu Werke gehen«, sagte er. »Das Gewebe ist sehr dünn an dieser Stelle.« Er spürte das Nahen eines Solitons und wandte den Kopf. »Bist du bereit?« »Allzeit«, erwiderte Don Fernando. Der Ozean war zurückgekehrt. Eine Woge brandete an den Strand. Und schon hob die nächste ihr Haupt, stieg auf, neigte den Scheitel, um sich zu brechen, doch sie stürzte nicht nieder. Sie hielt inne. Es war, als hätte sie sich plötzlich entschlossen, den Aggre- gatzustand zu wechseln; sie wurde zähflüssig und erstarrte zu einem Gebilde, das eingefroren war in, der Zeit, wie er es auf einer der Replikationen im Pa- last von Karabati gesehen hatte. Die Woge, die in ihrer Bewegung innegehalten hatte, warf nun die Mähne zurück und sank rückwärts hinein ins Meer, aus dem sie aufgestiegen war. Die Küste war sumpfig und mit Schilf bewachsen. Das Meer, nun weiter entfernt, rauschte kraftlos ans Ufer. Es war ein kaltes Meer. Auch die Luft war kalt. Über den Himmel ausgegossen waren Sterne; fremde Konstellationen. Dünner Nebel lag über den Niede- rungen landeinwärts. Irgendwo heulte ein Wolf. »Trag mich«, bat Don Fernando. Der Engel hob ihn auf und barg ihn an der Brust. Das dumpfe Geräusch von Hufen auf weichem Untergrund war zu hören, dann das ängstliche Schnauben eines Pferdes. Ein Schimmel. Zwei Jun- gen saßen auf seinem Rücken; sie hatten das Pferd gezügelt und starrten herüber. Wieder heulte der Wolf, diesmal näher. »Altes Scheusal«, zischte Don Fernando. »Hör auf, mir mit deinen kalten, nassen Pfoten die Brust zu zerkratzen, Fernando«, sagte der Engel. »Verzeih.« Der Schimmel warf den Kopf herum und wandte sich zur Flucht. Der Junge, der ihn ritt, straffte die Zügel, der ande- re hielt sich an seinem Begleiter fest und blickte miß- trauisch über die Schulter., »Fürchtet euch nicht!« rief der Engel den beiden zu. »Wir sind angekommen«, sagte er dann zu Don Fernando. »Das will ich doch hoffen.« Sie erreichten die Hütte. Der Vermummte trat her- aus und schob die Kapuze zurück. »Willkommen«, sagte er.,

III PADANIEN

»ZIEH DAS UHRWERK FALSCH HERUM AUF, UND DIE TÄNZER WERDEN SICH RÜCKWÄRTS BEWE- GEN, DIE MUSIK WIRD RÜCKWÄRTS SPIELEN – UND VERGANGENE NÄCHTE WERDEN WIEDER- KOMMEN …« Gene Wolfe Meine Abreise wurde auf den 17. April festgesetzt. Ich sollte zunächst nach Salzburg fahren. Falcotti würde dort sein und mir persönlich letzte Weisungen des Istituto della renascita für meine Mission über- geben und erläutern. Dies habe unter vier Augen zu geschehen, stand in der Mail. Frans brachte mich nach Santa Lucia. Er verstaute mein Gepäck und setzte sich mir gegenüber. »Am liebsten würde ich mitfahren«, gestand er. »Manchmal habe ich ein bißchen Heimweh. Mein Vertrag hier läuft Mitte des Jahres aus, dann komme ich nach Amsterdam und werde dir ein paar Tricks zeigen, wie man sich auf eine Transition einstimmt.« Ich hatte Mühe, mich auf die Abreise »einzustim- men«. Der Zug war abfahrbereit, und Frans mußte sich beeilen, um rechtzeitig aus dem Waggon zu kommen. Als der Zug langsam anfuhr, klopfte er von außen an die Scheibe, aber das Fenster ließ sich nicht, öffnen. »Wir sehen uns in Amsterdam!« rief er. Ich las es ihm von den Lippen ab. Der Zug fuhr schneller. Frans trabte ein Stückweit nebenher, dann blieb er zurück. Hinter Mestre begann altes Kulturland. Alte Gehöf- te zogen vorbei, umbrafarbene Ziegelbauten mit ein- gesunkenen Dächern, dazwischen moderne Agrarfa- briken. Zypressen säumten Auffahrten zu Landsitzen und Villen, abgeschirmt durch Mauern und Parks. Al- te Weidenbäume standen entlang gewundener Bäche, in frisches Grün gekleidet und von der Frühlingssonne vergoldet. Dann tauchten immer öfter die blitzenden, schnurgeraden Kanäle eines lückenlosen Bewässe- rungssystems auf, dazwischen Felder mit Turboreis, geballt angewandte Genetik, Quadrillionen von Na- nomaschinchen, die aus Wasser, Luft und Sonnenlicht Zucker spannen – jedes ein submikroskopischer Ro- bot-Mechaniker, der Moleküle demontierte und auf seine Weise anders zusammensetzte. An den Rändern der Städte von Padova über Ve- rona bis Trento stapelten sich Tausende von Wohn- containern mit Flüchtlingen aus dem Alto Adige. Dazwischen hatte man Tragluftkuppeln errichtet. Weinstöcke mit hocherhobenen Ranken wie Kolon- nen von Verzweifelten säumten den Bahndamm. Die Visionen von Padanien hatten sich zerschlagen – Notstandsgebiet, bedrängt aus dem Süden und aus dem Norden., Hinter Trento wurde die Welt enger. Eine Gruppe von vier rot-weiß gestrichenen Git- termasten stand eng aneinandergedrängt auf einer Felsnase über dem Tal; mir schien, als hätten sie sich bei einer Überschwemmung dorthin geflüchtet und harrten der Rettung. Ich dachte an Engel, die funken- stiebend zu Tal stürzten wie Luzifer, und an Renatas verstümmelte Hand. Der Zug fuhr langsamer. Wir näherten uns der Grenze. In Bolzano mußte ich umsteigen. Die öster- reichische Magnetschwebebahn thronte auf einem erhöhten Bahnsteig. Überall rot-weiß-rote Fahnen mit dem ausgezehrten Adler. Sie hätten ihren Adler längst gegen den der Deutschen eintauschen müssen, hatte Renata einmal spöttisch gesagt. Der fette Vogel stünde ihnen inzwischen besser. BOZEN. Auf den übermalten Stationsschildern schlug das alte BOLZANO durch die Deckfarbe. Die Überprüfung von IKom, Reisedokumenten und Gepäck dauerte seine Zeit. Der ältere Beamte mit seiner grauen Dienstmütze nickte mir lächelnd zu, als auf seinem Bildschirm der päpstliche Visum- vermerk erschien. Mein Gepäck wurde gebracht. Of- fenbar hatte man es genauer durchgemustert. Ein Be- amter in Zivil legte den Briefbeschwerer mit dem Marssand auf den Tresen. »Was ist das?« »Steht drauf«, sagte ich mürrisch., Der Grenzbeamte erinnerte mich an meinen Erd- kundelehrer im Gymnasium, den ich nie hatte leiden können. Der gleiche arrogante Typ: schlank, kurzge- schnittenes graues Haar, graumelierter Schnäuzer, spöttische blaue Augen. Und ebenso eitel. Er schnippte mit dem Finger gegen den Boden des Briefbeschwerers. Roter Sand stob auf zwischen den Kuppeln und verdunkelte den Himmel über Port Abret. »Hübsch«, sagte er und setzte die Hemisphäre auf dem Tresen ab; seine Fingernägel waren sehr ge- pflegt. »Ein Souvenir«, erklärte ich. »Ein Geschenk.« »Von Renata Gessner?« O verdammt! Verdammt! Verdammt! »Gewebespuren von ihrer Haut«, sagte er spitzlip- pig und fugte mit beiläufiger Herablassung hinzu: »Auch wir haben unsere smarten Nanobots.« Ich spürte dieses Kribbeln in den hinteren Ober- schenkelmuskeln, das mich stets in Paniksituationen überfiel. Ein Fluchtreflex? Was konnte der Kerl mir schon anhaben? Ich hatte mich ja nicht strafbar ge- macht, nur weil ich dieses Ding im Gepäck hatte. Trotzdem fühlte ich Kälte in den Eingeweiden. Er genoß meine Schockreaktion und beobachtete mich spöttisch. »Wir haben lange nichts mehr von Frau Gessner gehört«, sagte der Grenzbeamte. »Geht’s ihr gut?«, »Doch, ja«, stammelte ich eingeschüchtert. »Sie wird Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten mehr machen, glaube ich«, setzte ich blöde hinzu und haß- te mich dafür. »Schwierigkeiten?« Er verzog seinen Schnäuzer zu einem spöttischen Lächeln. »Das glaube ich kaum, Fräulein Ligrina. Gute Reise!« Der Grenzbeamte wandte sich ab und verschwand durch eine Glastür. Fräulein. Ich zog hastig am Reißverschluß meiner Reisetasche; er verhedderte sich. Der freundliche äl- tere Beamte half mir, sie zuzudrücken. Dann eilte ich zur Rolltreppe, die zum Bahnsteig der Österreichi- schen Staatsbahn führte. * Der Magnetschwebebahn-Expreß nach Salzburg war luxuriös und geräumig. Die taubenblau gepolsterten Sitze ließen sich in Liegestühle verwandeln. Auf dem Bildschirm vor mir erschien eine Streckenkarte mit Zeit- und Entfernungsangaben. Österreich-Ungarn war inzwischen ein großes und wohlhabendes Land; es gab keinen Grund, das Licht des nationalen Stolzes unter den Scheffel zu stellen. Seit dem EU-Austritt, dem Anschluß Ungarns, Slo- weniens, Friauls und Südtirols unter einer freiheitli- chen Regierung ging es aufwärts. Wien war es ge-, lungen, anderthalb Jahrhunderte zu überspringen und an den zweifelhaften Glanz der alten k.u.k.-Monar- chie anzuknüpfen, ja, wie manche meinten, sogar an den Glanz des Heiligen Römischen Reiches Deut- scher Nation. Wir tauchten in einen Tunnel und wieder heraus, schossen einen Berghang hinauf und segelten in ein Gebirgspanorama hinein. Zehn Minuten später hiel- ten wir in Brixen. Die Bahntrasse führte quer über die Stadt hinweg. Der neue Bahnhof schwebte wie ein Blimp zwischen Dom und Kloster hoch über den Häusern. Ich blickte hinunter auf naß glitzernde Schieferdächer und die zahllosen rußigen Mäuler der Kamine. Die Schatten der Wolken eilten darüber hin. Es war eine kleine Welt: die Gassen und Plätze, das Kloster, der Dom. Ein böiger Nordwestwind fiel über den Monte Quai- ra herab und zerrte an den Trossen des Bahnhofs. Für einen Moment wurde mir schwindlig. Ich fühlte mich wie ein Insekt, das in ein Spinnennetz geraten ist, und blickte mich unwillkürlich um, als müßte von irgendwo die Spinne herangehuscht kommen, um ihre Beute zu töten. Ganz in der Nähe schlug eine Glocke – ein einzel- ner heller Schlag. Die Luft hat einen anderen Ge- schmack hier, rauh und doch glatt und kühl wie eine Klinge. Lag es an der Höhe? Ein Zeppelin, die Erz- herzog Ferdinand, hatte zwischen zwei futuristisch, gestylten Pylonen aus Kohlefaserverbundstoffen festgemacht und ihre Passagiergondel auf eine Platt- form abgefiert. Die lasergesteuerten Luftschrauben kämpften mit dem Wind und wechselten ständig die Drehzahl, um das Luftschiff in Position zu halten. Sein Schatten fiel aufs Ostufer des Isarco. Die Platt- form wimmelte bereits von Menschen, und es folgten noch weitere durch die Verbindungsröhre zum Bahn- hof Jenseits des großen Talkessels erstreckten sich Weinberge an den Südhängen. Sie wirkten wie ener- gisch grob schraffierte Schwarzweiß-Zeichnungen. Das Licht der Sonne war blaß, es vermochte keine Farben zu entzünden. Von Sonne und Schnee silbrig gebeiztes Holz. Trutzige Häuser, geduckt, nach innen gekehrt. Hier herrschte Enge, Abweisung. In diesem Kessel zog die Welt durch, hier kam sie nie hin. »Hier sind wir«, sagten die Bewohner dieser Täler. »Fremde bleiben draußen, bleiben Fremde.« Diese Enge hatte auch Nicolaus Cusanus erfahren müssen, wie ich inzwischen wußte. Er, ein Mann von Welt, mit weitem Blick und grenzenüberschreitenden Ideen, hatte als erster moderner Denker über eine experimentelle Wissenschaft nachgedacht, über die mathematische Unendlichkeit und die Gottes, über die Unendlichkeit der Welt und die Natur von Zeit und Ewigkeit. Mit diesen Leuten hier kam er nicht zurecht. Er, der Intellektuelle, wollte sie zu einem christlichen Lebensstil anhalten, sie mit Kirchenstra-, fen dazu zwingen. Er, der Theoretiker, begriff nicht, daß er keine Christen vor sich hatte, daß ihre Kreuze, ihre Prozessionen und Wallfahrten nur Tünche wa- ren, Firnis auf jahrtausendealten heidnischen, mili- tanten Traditionen. Sie mochten ihn nicht, diesen – Deutschen? – Römer? – Fremden jedenfalls! Diesen angeblichen Freund des Papstes. Er dachte ihnen zu- viel, wußte zuviel, durchschaute zuviel, mutete ihnen zu, über Dinge nachzudenken, die sie gar nicht be- griffen, gar nicht begreifen wollten. Sie widersetzten sich ihm, ignorierten seine Anweisungen, sabotier- ten, hintergingen und denunzierten ihn. Sie machten lieber gemeinsame Sache mit seinem Gegenspieler, dem Habsburger, den sie zwar noch mehr haßten, dessen Habgier sie aber begreifen, dessen Winkelzü- ge sie berechnen konnten, weil sein herrisch-auf- brausender, jähzorniger Stil ihrem Naturell eher ent- sprach. Der Cusaner blieb ihnen unbegreiflich, ver- störend, unheimlich. Er lebte und agierte in einer Welt, deren Horizont weit jenseits ihrer Berggipfel lag, hinter denen für sie jeden Tag die Sonne unter- ging. Trotzdem harrte er hier sieben Jahre lang als Erzbischof aus und verzehrte sich, weil er kein Pro- blem ungelöst zur Seite legen konnte. Hier war er gescheitert, bis sein Freund, Papst Pius II., ein Einse- hen hatte. 1458 berief er ihn nach Rom und wies ihm Aufgaben zu, die seinem Genius würdiger waren als der Kleinkram einer kirchlichen Provinzverwaltung., Der Zug war weitergeglitten, während ich dem Gelehrtengeschwätz lauschte, das mein Scarabeo zu- sammengetragen hatte. Ein wüster, ignoranter Hau- fen, von dem du abstammst, Renata, das muß ich schon sagen! * Hinter Brixen, Richtung Norden, hatte ich das eigen- artige Gefühl, nicht auf den Hauptkamm der Alpen zu, sondern aus den Bergen hinaus zu fahren. Doch der Eindruck täuschte. Franzensfeste war schon im- mer ein Sinnbild der Enge und Abriegelung, das ideale Nadelöhr für Militärs und Wegelagerer. Man brauchte nur noch archtitektonisch einen Stopfen hineinzuquetschen, um das Tal unpassierbar zu ma- chen. Quergestellte Wände aus gemauertem Stein, durchbrochen von Schießscharten und Geschützpfor- ten, sind zwischen die engen Felswände gekeilt wor- den wie die verbissenen Kiefer von Kampfhunden, die selbst im Tod nicht mehr voneinander zu lösen sind. Franzensfeste – ein Denkmal für die Raserei und Idiotie vergangener Kriege. FORTEZZA war unter der neuen blauen Farbe auf den Schildern noch schemenhaft zu erkennen. Ein Grenzpolizist in Zivil ging durch den Waggon, den Blick auf die elektronische Anzeige an seinem Wristtop gerichtet. Er fragte erneut die IKoms der, Reisenden ab, und absurderweise erzeugte das in mir ein Gefühl – nein, nicht eigentlich der Furcht, son- dern einer unbestimmten Schuld. Die Welt wurde noch enger und dunkler. Der Zug bewegte sich auf kurzen Strecken wie ein Geschoß durch den Laufeiner Waffe. Plötzlich sah ich zum ersten Mal in meinem Leben echten Schnee! Wie Deckweiß klebte er an den nördlichen Hängen der schroffen Gipfel. Ein Gong ertönte. Der Purser, ein sympathischer junger Mann im Frack – er stellte sich als Magister Bosnitschek vor –, erschien auf dem Bildschirm an meinem Sitz. Er sprach mich persönlich mit meinem Namen an und lud mich zum Dinner im Speisewagen ein. Sein Italienisch war nicht »reingepfiffen«, aber passabel, und ich bedankte mich unwillkürlich für die nette Einladung. Da bemerke ich jedoch, daß al- len meinen Mitreisenden durch einen Trick des Computersystems die gleiche Ehre einer persönli- chen Einladung in ihrer jeweiligen Landessprache zuteil wurde. Es gab Fiakergulasch mit Semmelknödeln, Tafel- spitz mit Apfelkren und Erdäpfeln sowie Wiener Va- nillenbraten mit Häuptel- und Paradeisersalat. Zum Nachtisch empfahl er Topfenobersnockerln, Maril- len-Palatschinken oder Liwanzen mit Obers. Was hatte das alles zu bedeuten? Signor Mondolino, ich dachte, Sie hätten mir perfektes Deutsch beigebracht!, Dabei verstand ich nun kein Wort! Aber es schmeck- te himmlisch. Während wir auf der West-Ost-Transversale von Bregenz nach Budapest mit vierhundert Stundenki- lometern zwischen den Bergen dahinflogen, hatte ich Mühe, mit den Hauptpunkten der Speisekarte zu Rande zu kommen, bevor der Zug im Anflug auf Salzburg abbremste. Sogar der Espresso war tadellos – ein »kleiner Brauner«. Der Ober versicherte aller- dings, daß dieser Name nicht auf Rassismus oder gar Ressentiments gegenüber uns Moros schließen lasse. * Man hatte für mich im Hotel Altstadt ein Zimmer reserviert. Am Bahnhof war es Luigi unmöglich, ein Taxi zu bekommen. »Wir haben hier seit etwa einem Jahrhundert eine Baustelle«, sagte mir ein hilfsbereiter älterer Herr, »und seit sich der Vatikan auch noch hier einquartiert hat, ist es mit Gottes Hilfe noch schlimmer gewor- den. Ihr IKom, oder wie dieses Gerät heißt, werfen Sie hier am besten gleich weg. Die meisten Österrei- cher haben das Ding schon beim EU-Austritt wegge- schmissen. Es gibt bei uns noch Telefone. Oder es gibt sie wieder, wie man’s nimmt.« »Und wie weisen Sie sich aus?« fragte ich ihn. Er lachte hämisch., »Braucht nicht jeder alles zu wissen«, erwiderte er. »Aber reden wir besser nicht darüber.« Er hob seinen Spazierstock und winkte ein Taxi heran. »Droschke!« rief er gebieterisch. »Aber subito!« Der Taxifahrer, ein massiger, stiernackiger Mann mittleren Alters mit einem Doppelkinn und fettigem blondem Haar, roch überwältigend nach Knoblauch, Schweiß und einem synthetischen Patschuli, das er offenbar als flächendeckendes Deodorant einsetzte. Vergeblich. »Wo soll’s denn hingehen?« quetschte er schnau- fend hervor, indem er über die Schulter blickte. »Hotel Altstadt.« »Rudolfskai. Nicht die schlechteste Adresse«, murmelte er anerkennend. »Wie meinen Sie das?« fragte ich ihn. »Da wird was geboten, Werteste. Wenigstens den Texanern und den Schlitzaugen, hört man«, sagte er glucksend. »Hört man.« Wir fuhren eine Straße entlang, gesäumt von Ban- ken und teuren Geschäften. »Woher kommt die Dame?« Wieder verrenkte er den Nacken, um mich ins Au- ge zu fassen. »Europa«, sagte ich forsch. Und dreh dich, um Himmels willen, schleunigst wieder um!, flehte ich stumm und hielt den Atem an., »Europa«, prustete der Taxifahrer. »Wollen’s mich pflanzen, Gnädigste? Euroland ist abgebrannt.« Er patschte mit seiner dicken Hand vor Vergnügen auf das schaffellbezogene Lenkrad. »Aber Euros nehmen Sie doch?« »Logisch«, schnaufte er. »Ich nehme alles außer Marka Bavarese und böhmische Kronen. Die neh- men Ihnen nicht mal die Hausierer ab. Spielzeug- geld.« Er trat fluchend auf die Bremse, als aus einer Sei- tenstraße eine Pferdekutsche hervorbrach. »Na, na!« rief er. Endlich gelang es mir, ein Fenster herunterzukur- beln. Kühle feuchte Luft strömte herein, mit einem Hauch von Pferdeäpfeln. Wir fuhren über einen rasch dahinströmenden graugrünen Fluß im Abendlicht, dann bogen wir links auf eine schmale Straße ab, die das Hochufer entlangführte. Nach etwa zweihundert Metern hielten wir an. Unter einem Bogen mit einem ornamentalen Gitter aus Schmiedeeisen gähnte eine dunkle Höhlenöff- nung. Über dem plumpen massiven Unterbau erhob sich ein helles vierstöckiges Gebäude, an dessen Fas- sade lange rot-weiß-rote Fahnen herabhingen. Der Fahrer machte keine Miene auszusteigen, also hob ich selber meinen Koffer und meine Reisetasche aus dem Kofferraum, in dem alles mögliche Gerümpel herumkollerte. Ein junger Hotelangestellter kam aus, dem Eingang geeilt und half mir. Er trug eine moos- grüne Schürze unter einer schwarzen Weste. Hatte man ihn von der Gartenarbeit geholt, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich umzuziehen? »Dreißig Euro«, forderte der Fahrer. »Ganz schön viel für die kurze Strecke«, sagte ich. »Paßt schon«, wies er mich zurecht. »Sie sind in Salzburg junge Frau, und im Vatikan dazu: Was woll’n S’ mehr? Ich bitt’ Sie!« Dem jungen Mann schien die Szene peinlich zu sein. Sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab, aber er sagte keinen Ton. Ich reichte dem Fahrer das Geld durchs Fenster. »Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Er lachte ungerührt. »Viel Spaß!« sagte er und fuhr davon. Eine teppichbelegte Steintreppe führte steil nach oben in eine Schatzkammer aus dunklem Holz – ein Ambiente in gediegener Rokoko-Imitation. »Roblacher. – Herzlich willkommen bei uns, Fräu- lein Ligrina«, sagte ein junger, wohlgenährter Mann im dunklen Anzug an der Rezeption, reckte mir agil eine kurzfingrige Hand über den Tresen und gönnte mir ein geschäftsmäßig-gewinnendes Lächeln aus dem Mundwinkel; aus dem anderen knarzte er in Richtung Hotelboy: »Vierhundertacht.« Der schlaksige Junge nickte beflissen und führte mich über teure Teppiche an lindgrün lackierten, Schmuckvitrinen und grün-orange gestreiften Fau- teuils vorbei zu einem Aufzug, dessen Auskleidung mit punziertem Messingblech eindrucksvoll funkelte. Signor Falcotti schien den Vatikan für mich in Unkosten stürzen zu wollen. Auf der anthrazitfarbenen Bodenmatte in der Ka- bine stand »Mittwoch«. »Wird das jeden Tag gewechselt?« fragte ich mei- nen Begleiter. »Selbstverständlich. Nach Mitternacht.« »Darf ich fragen, wie Sie heißen?« fragte ich ihn. »Janez.« Die Akne auf seinen blassen Wangen flammte auf. »Sie sind kein Österreicher.« »Doch. Aus Marburg«, erwiderte er. »Marburg an der Drau«, fügte er hinzu. »Maribor?« fragte ich. Er zuckte die Achseln und blickte zur Decke. Wir stiegen unter einem Glasdach aus, von dem Vogelkäfige herabhingen. Es überspannte das Trep- penhaus und schien nachträglich eingefügt worden zu sein, denn die Treppe führte an der Außenmauer eines Hauses entlang nach oben, die von Fenstern durchbrochen war, wie sie sonst zur Straße hinaus- gingen. An der Wand gegenüber hing ein frommes Bild, das der Form nach früher Teil eines Flügel- altars gewesen sein mußte. Im Zentrum war eine Monstranz zu sehen, über der Gottvater in den Wol-, ken schwebte. Eine barocke eucharistische Darstel- lung, wahrscheinlich geschaffen von einem lokalen Künstler. In einem der Käfige stieß ein Ara einen ohrenbe- täubenden Schrei aus. »Sie Hai!« kreischte er. »Was soll das sein?« fragte ich amüsiert. Janez warf mir einen irritierten Blick zu. »Das ist unser Joseph«, erklärte er. »Was für ein schlichter Name für einen so farben- prächtigen Vogel.« »Die meisten finden das witzig«, erwiderte er gleichgültig. »Aha.« Ich wurde neben der »Kaisersuite« einquartiert, wie ich den großen Messinglettern auf einer Mar- mortafel entnehmen konnte. Zimmer 408 war dage- gen eher klein, aber behaglich, wenn man von den mächtigen dunklen Balken absah, die an der Decke dräuten, zumal sie von einem noch mächtigeren Querbalken getragen wurden, der quer über das Kopfende des Doppelbetts verlief. Das Bad war ein verschwenderischer Luxus in Gold, Marmor und flauschigem weißem Frottee. Ich genoß ihn und zog mich um. Als ich aus dem Bad kam, bemerkte ich plötzlich, daß irgendjemand versehentlich eine Tür geöffnet hatte, die in die Kaisersuite nebenan führte. Vorher, hatte ich überhaupt nicht bemerkt, daß es eine direkte Verbindungstür gab. Stimmen waren zu hören, ein verhaltenes Kichern und Kieksen und leise Musik. Eindeutig Mozart – ich glaubte Cosi fan tutte zu er- kennen. Vermutlich war eben jemand eingezogen, vielleicht ein frisch verheiratetes Paar, das seine Flit- terwochen hier verbrachte, und es hatte die verse- hentlich unverschlossene Verbindungstür geöffnet. Ich wollte sie leise zudrücken, konnte es mir aber nicht verkneifen, einen kurzen Blick in die Suite zu werfen. Es war ein geräumiges Schlafgemach mit einem riesigen quadratischen Bett, auf dem mit gerafften Röcken und gespreizten Beinen eine vollbusige jun- ge Frau lag. Ihr Gesicht war stark geschminkt und mit Schönheitspflästerchen verziert. Auf dem Kopf trug sie eine weiß gepuderte Perücke. Ihr Geschlecht, das sie einladend darbot, war rasiert und schien eben- falls geschminkt zu sein. Es sah aus wie ein Schnitt, der im weißen Fleisch zwischen ihren Schenkeln klaffte. Am Fußende des Bettes führte ein junger Mann, der ebenfalls eine Perücke und einen roten Frack trug, einen Spitzentanz auf – eine Art Ballett, das den Klängen der Musik folgte. Aus seiner geöffneten Ho- se ragte ein langes, dünnes Geschlecht, das hin und her zuckte wie die Zunge eines hungrigen Ameisen- bären. Der Tänzer hatte die Augen geschlossen und, bewegte die Arme, ganz der Musik hingegeben, wäh- rend er um das Fußende des Bettes herum sich seiner Partnerin näherte. Schließlich sank er mit einem Jauchzen in ihre Arme und vereinigte sich mit ihr, während die Musik sich zu einem Höhepunkt auf- schwang und dann verstummte. Doch dann traute ich meinen Augen nicht: Das kopulierende Paar war plötzlich verschwunden, das Bett makellos glatt. Verlegen bemerkte ich, daß ich nicht als einzige Zeuge dieser erotischen Darbietung gewesen war. Mindestens sechs weitere Gäste hatten, neugierig wie ich, durch halb geöffnete Türen in die Kaisersuite gespäht. Männer, Frauen, hauptsächlich Touristen – einige nur halb bekleidet oder im Frot- teemantel mit dem Emblem des Hotels auf der Brust- tasche. Alle waren sie nun hastig bestrebt, sich so dezent wie möglich zurückzuziehen. »Liebe Gäste und Freunde des Hauses«, gurrte ei- ne Frauenstimme mit seidenweicher Hingabe aus ei- nem verborgenen Lautsprecher. »Seien Sie herzlich willkommen bei unserer heuti- gen Amadeus-Party. Das war eine kleine Kostprobe unserer gegenseitigen Darbietungen. Die eigentliche Veranstaltung beginnt um zweiundzwanzig Uhr. Zum Kennenlernen treffen wir uns eine halbe Stunde vorher im Rokoko-Saal zu einem zwanglosen Um- trunk auf Kosten des Hauses. Jeder ist herzlich ein- geladen. Bis dann!«, Und eine Männerstimme, in der ich bei allem Be- mühen um ein samtiges Timbre die des forschen Chefs der Rezeption wiedererkannte, fugte hinzu: »Die Teilnahme kostet zehntausend Schilling pro Person. Zu einem Aufpreis stellen wir Ihnen auf Wunsch gerne die nötige VR-Ausrüstung zur Verfu- gung, meine Damen und Herren.« Ich wollte die Tür vollends ins Schloß drücken, doch meine Hand berührte nur den kühlen Verputz der Wand. O Gott! Frans hatte recht: Es war ein Milliarden- geschenk, mit dem Toshiaki Ishida und Konsorten die Menschheit beglückt hatten – das Geschenk, jedwede wünschbare Möglichkeit zur sinnlichen Sensation, zum wirklichkeitsnah erlebbaren Surrogat der Wirklichkeit werden zu lassen. Ich erinnerte mich an Richard Forteys Buch über die Entwicklung des Lebens: »Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf der Erde, dem es Vergnügen bereitet, sich selbst zu täuschen. Er ist geradezu versessen darauf, diese Kunst zu absoluter Perfektion zu entwickeln.« Ich setzte mich aufs Bett und bat Luigi, unseren Scarabeo einzuspannen. Dann unternahmen wir eine Rundfahrt durch Salzburg und seine Geschichte. Wir besuchten die Salz- und die Sklavenmärkte von einst, die Paläste und Bürgerhäuser, die Festung und die Katakomben. Ich lernte die herrischen, eitlen, prunk- süchtigen Erzbischöfe kennen, die sich phantastische, Schlösser bauen und von ihren Mätressen Dutzende von Kindern gebären ließen. Und dann Mozart, im- mer wieder Mozart: Mozart Vater, Mozart Sohn und Mozart Heiliger Geschäftstüchtiger Geist. Später in der Nacht hörte ich wunderschöne Mu- sik, die irgendwo im Haus erklang, hörte das Kichern und die Lustschreie von Damen mit gepuderten Pe- rücken und Schönheitspflästerchen auf den ge- schminkten Gesichtern, und ich träumte von einem hungrig züngelnden Ameisenbären, der wie trunken in einem aufgebrochenen Granatapfel nach Beute stöberte. Und immer wieder hörte ich das irre Lachen von Tom Hulce in Milos Formans uraltem Film Amadeus, den mein Großvater so geliebt hatte, daß er ihn sich ansah, wann immer er Zeit dazu fand.,

IV DIE SALZKARAWANE

»ES GIBT KEINEN BESONDERS HERVORGEHOBE- NEN UND AUSSERORDENTLICHEN ZUSTAND DER VERGANGENHEIT, … SONDERN EINE UNERMESS- LICHE ZAHL AN VERGANGENHEITEN, DIE ALLE- SAMT IHRE JEWEILIGE UNVERGLEICHLICHE BE- DEUTSAMKEIT BESITZEN. … UND EIN JEGLICHER AUGENBLICK DER ZEIT, FÜR WIE KURZ AUCH IM- MER WIR IHN HALTEN MÖGEN, WIRD IN DER AB- FOLGE DER EREIGNISSE AUFGESPALTEN UND VER- GABELT SICH WIE DER STAMM EINES BAUMES IN ZWEI EINZELNE, MITEINANDER VERWANDTE, ABER GETRENNT VERLAUFENDE VERZWEIGUN- GEN.« André Malraux Das Fenster meines Zimmers ging auf die Altstadt hinaus: Judengasse, las ich. Über der grünen Kuppel des Doms hob sich die Festung vor einem schiefer- grauen, regnerischen Himmel ab. Sie war keineswegs so imposant, wie mir die Reiseführer weismachen wollten, auf die unser Scarabeo zugegriffen hatte. Ich empfand sie ganz und gar nicht wie ein Symbol der Herrschaft übers Land, sondern eher wie das Sinn- bild einer überstürzten Flucht nach oben – ein Auf- flattern vor einer Bedrohung von unten, wie ein, schlampig zusammengenagelter Verschlag, der das Federvieh vor dem Raubzeug schützen sollte. Als ich mein Zimmer verließ, trippelte Joseph alarmiert ans hintere Ende seiner Sitzstange und be- äugte mich mißtrauisch. Aus einem Fenster schaute ich über die Salzach zum Kapuzinerberg hinüber: eine Landschaft wie in Blei geprägt; weiche Kontu- ren, an denen der Blick keinen Halt fand. Ein Licht, das durch eine graue Eisscholle zu sickern schien. Die Luft schmeckte klamm, wie von der schalen Feuchtigkeit eben aufgehängter Wäsche geschwän- gert, mit einem Zusatz an Chemie. Ein Gefühl der Beklemmung überkam mich. Wie konnte der Papst seinen Sitz von Rom hierher verlegen? fragte ich mich. Wie konnte Mozart hier diese himmlische Mu- sik komponieren? Das war doch ein Ambiente für Blasmusik und Trachtenkapellen. An der Rezeption nahm ich mir einen der Regen- schirme, die büschelweise in einem mächtigen Be- hälter aus getriebenem Messingblech steckten – für die Gäste des Hauses – und machte mich auf, zu Fuß die Altstadt zu erkunden. Der Dom, von Bomben im Zweiten Weltkrieg zer- stört und – wie der Reiseführer es nannte – »in kom- promißloser Schlichtheit wiedererstanden«. Nun, hat- te es die Schlichtheit einer Reitsporthalle sein müs- sen, fragte ich mich, als ich vom Residenzbrunnen aus das Längsschiff betrachtete. Doch als ich auf den, Domplatz trat und die Fassade sah, war ich doch sehr beeindruckt. Sehr schnell entdeckte ich auch die ausgesprochen schönen Seiten Salzburgs. Mitten in der Stadt fand ich unter einer Felswand einen kleinen Friedhof mit Bäumen, alten Häusern und einem Kirchlein wie in einem abgelegenen Gebirgsdorf Dann kehrte ich gleich daneben in ein wuchtig gebautes Wirtshaus mit gemütlichen Stuben ein, wo ich hervorragend zu Mittag aß. Völlig ahnungslos bestellte ich mir zum Nachtisch Salzburger Nockerln, weil mir die Be- zeichnung so lustig erschien, und wurde dann mit einer Gebirgskette aus aufgeschäumtem, überbacke- nem Eiweiß konfrontiert, vor der ich nach dem ersten Gipfel kapitulieren mußte. Der Kellner, der ein Bru- der von Janez hätte sein können, versicherte mir, daß das Lokal schon seit mehr als einem Jahrtausend St. Peter heiße und der Name nichts zu tun habe mit dem kürzlichen Zuzug des Heiligen Vaters. Der Wein des Hauses versöhnte mich vollends mit der Stadt. Den Rest des Nachmittags streifte ich weiter durch die Straßen Salzburgs, konnte mich jedoch nicht überwinden, den Fuß in das berühmte Festspielhaus zu setzen. Das höhlenartige Innere, halb in den Fels gehauen, schreckte mich ab. Bernd hatte mir einmal erzählt, daß die Nazis mit Vorliebe in Höhlensyste- men ihre scheußlichen Kriegswaffen produzieren, ließen. Tausende von Kriegsgefangenen verloren dort auf schreckliche Weise ihr Leben. Ich warfeinen Blick in das abgedunkelte Foyer, in dem Hologra- phien von Bühnenszenen aufgebaut waren – ein ge- spenstischer Reigen erstarrter Gestalten in düsteren Verliesen. Ich wandte mich schaudernd ab. Welch ein Unfug, schalt ich mich, aber die Beklemmung wollte nicht weichen. Später saß ich auf einer Bank vor der Residenz und sah den Kutschern und ihren Pferden zu; den feinen Regen, der sie unablässig näßte, schienen sie überhaupt nicht zu bemerken. Da erreichte mich plötzlich ein Anruf von Falcotti aus Rom. Er werde noch aufgehalten, erklärte er und schien in Eile. Erst am Montag würde er in Salzburg sein, um ein Ge- spräch mit mir zu führen. Mir gehe es gut, versicher- te ich ihm; Salzburg sei eine wunderbare Stadt, und ein verlängerter Aufenthalt sei mir höchst angenehm. Einer der Kutscher, ein älterer Mann mit einem grünen Lodenjanker und einem schwarzen Filzhut, wie ihn die römischen Hobbits trugen – mit einem dicken Gamsbart daran –, sah mich feindselig an. Störte ihn mein Italienisch? Er hielt eine Zigarette in der hohlen Hand und zog daran, während er mit der anderen einen Apfel an sein kleines struppiges Kut- schenpferd verfutterte. Einem Impuls folgend rief ich Renata an. Sie ist im NEA-Status, meldete ihr IKom., »Ist sie verreist?« fragte ich. »Ich kann dir darüber leider keine Auskunft geben, Domenica. Willst du eine Nachricht für sie hinterlas- sen?« »Grüß sie von mir, wenn sie zurück ist. Geht es ihr gut?« »Wenn du Auskunft haben willst, kann ich deine Fragen ans Hendrik Casimir weiterleiten. Ich bin derzeit der KI des Instituts unterstellt und habe nur beschränkte Entscheidungsbefugnis. Soll ich dich verbinden, Domenica?« »Nein, danke. Ende.« Auch Frans hatte NEA. »Ist er schon wieder auf Reisen?« »Nein, aber er möchte nicht gestört werden«, be- schied mich sein IKom. »Sag ihm, daß ich es bin, Domenica.« »Das ist mir bekannt, aber er möchte von nieman- dem gestört werden. Tut mir leid, so lautet seine Anweisung.« »Dann möchte ich wirklich nicht stören«, sagte ich ärgerlich und unterbrach die Verbindung. Der Kutscher hatte es aufgegeben, auf Kundschaft zu hoffen, und kletterte auf den Kutschbock. »Für heut leckt’s mi«, sagte er zu seinem Nach- barn, einem kräftigen jüngeren Mann mit einem bäu- rischen roten Gesicht, schwang die Peitsche und fuhr davon., »Sie Hai!« kreischte mir der Ara entgegen, als ich aus dem Aufzug trat. »Irgendwann, wenn die Salzach Hochwasser hat, wird einer hier reingeschwommen kommen und dich fressen, du blödes Vieh!« schnauzte ich ihn an. * Es mußte nach Mitternacht sein. Die letzten elegant gekleideten Besucher des Festspielhauses hatten in Taxis Platz genommen oder ihre Autos aus der Tief- garage geholt und waren nach Hause gefahren. Die Pforten waren geschlossen, die Lichter gelöscht. Es hatte aufgeklart. Ein heller Mondschein tauchte die Straße in Licht und ließ die Felswand noch dunkler erscheinen. Ein kalter Wind fiel von den Bergen her- ab. Ich fror. Hätte ich mich nur wärmer angezogen. Im Dunkel eines Hauseingangs, zu dem ein halbes Dutzend ausgetretener Steinstufen heraufïuhrten, hat- te ich mich zusammengekauert und starrte über die Straße. Kein Mensch war zu sehen. Es mußte jeden Moment soweit sein. Und tatsächlich, da begann es. Es war, als ob die grauen Steine der Fassade sich verformten und menschliche Gestalt annähmen. Sie lösten sich aus dem Gemäuer des Festspielhauses, waren grau wie das Gestein – graue Schultern, graue Gesichter, graue Arme. Ausgemergelte, zerlumpte Gestalten, zehn, oder zwölf aneinandergekettet, sie lösten sich aus dem Fels und schlurften, taumelnd vor Erschöpfung, hinüber zur Pferdeschwemme, lautlos, in gespensti- scher Stille. Nur das Wasser plätscherte. Sie wuschen sich, tranken aus den hohlen Händen. Dann wurden sie wieder weggeführt, durch den Stein hindurch. Sie verschwanden im Fels, während die nächste Kolonne zum Brunnen geleitet wurde. Ich zitterte vor Kälte. Plötzlich spürte ich eine Hand auf der Schulter. Ich fuhr herum. »Glauben Sie allen Ernstes, Sie könnten sich vor uns verstecken?« fragte mein Erdkundelehrer, dem ich an der Grenze begegnet war. Er hob die kleine Hemisphäre und schüttelte sie. Sie war voller Dun- kelheit. Ich erwachte mit einem Schrei. * Der nächste Tag brach sich mit einem strahlenden Morgen Bahn. Ich blickte aus dem Fenster in die Ju- dengasse hinab. Es waren erst wenige Menschen un- terwegs. Ich beobachtete einen dürren alten Mann, dem ein beigefarbener Sarong um die Waden schlab- berte. Auf seinem Kopf thronte ein braunen Turban, und über die Schultern hatte er eine zerschlissene graue Wolldecke gelegt. Auf einen langen Wander-, stab gestützt, schritt er gemessen vom Waagplatz herüber, begleitet von einem dunkelhäutigen, viel- leicht zwölf Jahre alten Jungen, der mit beiden Hän- den ein zusammengeschnürtes, kofferartiges Gepäck- stück aus Holz schleppte. Es war so schwer, daß er es immer wieder absetzen mußte. Der Alte deutete mit seinem Stock auf einen Platz neben dem Eingang zu unserem Hotel und sah zu, wie der Junge das Gebilde aufschnürte und auseinanderklappte. Es schien eine Art Bettstatt zu sein. Gedachte der Alte etwa dort mitten auf der Straße zu kampieren? Als ich durch die grün lackierte Eingangstür trat, ruhte der Alte auf seiner Liegestatt, die – ich wollte meinen Augen nicht trauen – dicht an dicht mit Nä- geln gespickt war. Die Decke lag zusammengefaltet unter seinem Kopf. Die Rippen seines Brustkorbs hoben sich unter der Haut ab wie die Spanten einer Reuse, und seine dürren Beine sahen aus, als hätten sie seit Jahrzehnten in trockener Erde gewurzelt. Er blickte mich mit tabakgelben Augen todtraurig an, als hätte er sich zum Sterben niedergelegt. »Jessas, der Fakir ist da!« sagte Roblacher, unser Portier, der hinter mir durchs Tor getreten war. »Wie geht’s dir, du alter Halunke?« Der Alte machte eine matte Geste in Richtung des Jungen, der neben der Bettstatt kauerte, und gab einen Laut von sich, als sei er zu erschöpft, um zu sprechen. »Er meint, es geht ihm nicht gut«, sagte der Junge., »Das heißt«, sagte der Portier, »wenn ich das rich- tig verstehe, ihr habt noch nicht gefrühstückt.« Beide nickten. Der Junge sah mich mit dunklen Augen an und schob ein flaches Körbchen auffordernd in meine Richtung. Ich kramte in meiner Handtasche und warf eine Zwei-Euro-Münze hinein. Der Portier tauchte wieder auf und reichte jedem ein Hörnchen. »Da habt’s ein Kipferl«, sagte er. Der Alte streckte gebieterisch die Hand aus, und der Junge reichte ihm gehorsam seinen Teil. Die bei- den Hörnchen verschwanden unter dem gelbflecki- gen Schnurrbart des Alten. »Sind das Zigeuner?« fragte ich den Portier. Er schüttelte den Kopf. »Nein, Bangladeschi«, sagte er. »Sie sind mit der Salzkarawane gekommen.« »Salzkarawane?« fragte ich verblüfft. »Ja. Die Salzkarawane kommt jedes Jahr um diese Zeit. Diese Leute halten einen Markt ab auf dem Re- sidenzplatz. Das müssen Sie sich ansehen, junge Frau. Sie bieten hübsche Sachen an: Töpferwaren, Körbe, Schnitzereien, vor allem aber auch Saatgut und Setzlinge. Da verstehen die was davon. Erste Qualität. Und Artisten sind auch dabei.« »Aber wieso Salz?« »Für den Erlös kaufen sie Salz ein. Garantiert rei- nes Salz, mit dem päpstlichen Siegel, der Tiara, das, sie dann im Böhmischen und vor allem im Polni- schen verkaufen. Es ist wunderbar gesundes Salz junge Frau, das dürfen Sie mir glauben«, erklärte er lachend. »Wundersalz sozusagen, gegen alle Gebre- chen. Sogar gegen Radioaktivität. Die Leute im Osten sind ganz wild darauf. Vor allem die Polacken. Die zahlen jeden Preis dafür.« »Und woher kommen diese Leute?« »Wo kommt ihr her?« fragte er den Jungen. »Saxan Analt«, sagte der Junge leise. »Die hier kommen aus der Gegend zwischen Hal- berstadt und Quedlinburg. Sie leben dort in Wehrdör- fern, wegen der Nazis, der ASEN und Kicobs. Die UNO hat sie dort angesiedelt. Thüringen, Sachsen, Erzgebirge. Die verseuchten Gebiete, aus denen die Bewohner geflohen sind.« »Ich dachte, diese Regionen sind unbewohnbar«, sagte ich. »Diese Leute kommen erstaunlich gut zurecht, wie man hört. Sehen Sie selbst. Lieber radioaktiv ver- seuchtes Land als gar keins. Ihre Heimat ist nämlich abgesoffen.« Roblacher kicherte. »Ich weiß.« »Na also. Erdöllieferungen nur gegen die Auf- nahme von Flüchtlingen. Sie kennen doch die Devise der UNO. Was soll die auch sonst tun?« »Und hier in Österreich-Ungarn?«, Der Portier hob beide Hände. »Wir quellen über vor Tschuschen junge Frau, wenn Sie entschuldigen. Die Bangladeschi sind mir noch die liebsten.« Der Alte strich sich mit gemessenen Bewegungen die Krümel aus dem Bart. Er rülpste und schloß die Augen. Die Nägel schienen ihn nicht sonderlich zu peinigen. Ich sah, daß sie nicht sehr spitz waren. Der Satyrkopf über dem Eingangstor sah grinsend auf uns herab. * Der Residenzplatz war nicht wiederzuerkennen. Beim Brunnen standen etwa zwei Dutzend Kamele und tranken schnaubend aus Plastikwannen. Entlang der Fassade des Glockenspiels und des Doms hatte man große, mit Wimpeln geschmückte Armeezelte und davor Marktstände aufgebaut, an denen in bunte Sarongs gekleidete Asiatinnen Waren feilboten. Zwi- schen Brunnen und Residenz montierten Männer mit Turbanen und Baseballmützen eine große Bühne aus Fertigteilen. Zwei städtische Beamte in weißen Schutzanzügen, das gelbe propellerartige Gefahrensymbol für Radio- aktivität auf dem Rücken, gingen zwischen den Marktständen umher, fuhren mit ihren Meßhand- schuhen über die ausgelegten Waren und lasen die, Werte von den kleinen Monitoren auf dem Handrük- ken ab. Sie schienen keine Beanstandungen zu ha- ben. An den Ecken des Platzes standen Einsatzwagen der Gendarmerie, die Übergriffe von militanten Ras- sisten im Keim ersticken sollte; um sich in Szene zu setzen, ließen sie sich solche Veranstaltungen ja sel- ten entgehen. Mich interessierte natürlich vor allem das Angebot an Pflanzen. Es reichte von Blumen über Setzlinge, Ziergewächse, Gemüse und Obst bis hin zu Küchenkräutern und Gewürzen; einheimische Arten ebenso wie Exoten, die sie offenbar aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, aber auch Züchtungen und Mutanten, die ich nicht kannte. Wahrscheinlich genetisch geschneiderte Kreationen. Ich hörte zu, wie Kunden ihre Erfahrungen mit früheren Käufen austauschten und ihre Zufriedenheit, ja Begeisterung äußerten, was den Ertrag, den Ge- schmack und die Resistenz gegen Schädlinge und Krankheiten betraf. Ich brauchte nicht lange, um festzustellen, daß ich hier Produkte von Fachleuten vor mir hatte, von Künstlern der Haute Couture auf dem Gebiet der botanischen Genetik. Ich zupfte mir eine Spreite von einer fiedrigen Pflanze ab, die wie eine Variante der Brunnenkresse aussah. Sie gehörte jedoch weder der Nasturtium of- fizinale noch der allotetraploiden Form der Nasturti- um microphyllum an, aber auch nicht der triploiden Sippe der x sterile, wie sie in England gezüchtet und, jenseits des Atlantiks in Virginia kultiviert wurde. Ich zerrieb die Spreite zwischen den Fingern und schnupperte daran; sie strömte einen kräftigen, her- ben Geruch aus. Es war eindeutig Brunnenkresse, aber diese Form war mir unbekannt. »Findet man das in der Gegend, wo ihr lebt, oder ist das geschneidert?« fragte ich die Frau am Stand. »Wer sucht, der findet«, sagte sie abweisend und zog ihren Schador vor den Mund; ihre Wangen wa- ren von Strahlenakne zerklüftet. Ich ließ mich jedoch nicht abwimmeln, zupfte mir ein Zweiglein ab und betrachtete es prüfend. Es trug sechs Fiederpaare anstatt vier. »Kennen Sie Dreierbrunnen?« fragte sie. »Bei Er- furt? Das ist Dreierbrunnenkresse, junge Frau, wenn Sie’s genau wissen wollen.« Ich schüttelte den Kopf. »Nicht diese Form«, sagte ich. »Ich wollte nur wissen, ob diese Pflanze ein gentechnisches Produkt ist oder ein Mutant durch den Plutonium-Fallout?« »Was reden Sie da? Wollen Sie uns die Kund- schaft vertreiben?« zischte sie empört. »Unsere Wa- ren sind behördlich geprüft. Die Beamten haben ge- messen und nichts beanstandet. Also hören Sie auf, solche Fragen zu stellen!« »Entschuldigen Sie bitte«, murmelte ich. Freundlich lächelnd wandte sie sich einer Kund- schaft zu., »Verstehen Sie was von Genetik?« fragte eine männliche Stimme hinter mir. Ich wandte mich um. Es war ein Herr mittleren Al- ters mit einem teigig blassen Gesicht und schütterem blondem Haar. Sein Bauch wurde von einem breiten ledernen Hosenträger mit Querverstrebungen im Zaum gehalten, an dem eine Kniebundhose aus grau- braunem Hirschleder hing. Ein grausiges Bündel aus gelben Zähnen, Geweihspitzen und Krallen schützte seinen Hosenlatz. Er drehte verlegen einen flachen schwarzen Filzhut in den Händen, an dessen doppel- ter Kordel sich der gewaltigste Gamsbart bauschte, den ich je gesehen hatte. »Wie man’s nimmt«, sagte ich vorsichtig. »Ich bin Botanikerin.« »Ach so«, sagte er enttäuscht. »Ich hörte, wie Sie was über Mutanten sagten.« Sein grauer Strickjanker mit Zopfmuster und Kne- beln aus beschnitztem Gewaff roch intensiv nach Tierhandlung. Er schien begütert, machte aber einen irgendwie hilflosen Eindruck auf mich. »Worum geht’s denn?« fragte ich. »Mehr um Viecher«, erwiderte er. »Genauge- nommen um Vögel.« Daher also der Geruch. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen da von Nutzen sein kann.« »Schade«, sagte er. »Ich brauche nämlich einen, Rat. Da dachte ich, daß Sie vielleicht … Wissen Sie, ich bin Geschäftsmann. Mein Laden liegt ganz in der Nähe, in der Goldgasse.« »Sie haben eine Tierhandlung«, mutmaßte ich. Er blickte mich traurig an und fragte seufzend: »Man riecht’s, nicht wahr? Ja, da kann man nicht viel dagegen tun.« »Hm.« »Nein, keine Tierhandlung, gnädige Frau. Es ist eine Taschnerei und ein Fachgeschäft für Jagd- und Forsthaus-Accessoires. Ein Traditionsgeschäft – Fa- milienbetrieb seit Generationen …« Bevor ich es mich versah, ging ich an seiner Seite über den Platz, und wir bogen in die Goldgasse ein. Der Mann blieb vor einer Glastür stehen und schloß sie umständlich auf. Im Schaufenster hingen breite, mit Edelweiß bestickte Ledergürtel und pompöse Handtaschen, benäht mit Silbermünzen und silberge- faßten Grandein, sowie handgroße herzförmige, mit Karabinerhaken versehene Behälter, deren Funktion mir schleierhaft war. »Sie sind Ausländerin, nicht wahr?« sagte er und öffnete die Tür. »Das ist Ansichtssache«, erwiderte ich. »Ich komme aus Rom.« Er nickte. »Dann werden Sie wohl kaum Interesse dafür auf- bringen. Es ist nämlich mehr eine … eher nationale,, eine historische Angelegenheit.« »Jetzt machen Sie mich aber neugierig.« Im Innern des Ladens schwappte mir eine Flut folkloristischer Schaustücke entgegen: Pulverhörner für Schnupftabak, weitere Handtaschen in alpenlän- dischen Jägerlook, noch mehr Grandein in Silber, weiterer schick zurechtgemachter Tod für atavisti- sche Neigungen beiderlei Geschlechts – ganze Vitri- nen waren voll davon. Und an den Wänden Dutzende von Gehörnen in Doppelreihe, Perückenböcke, Kreuzböcke, Korkenziehergehörn, im düsteren Hin- tergrund ganze Köpfe, luxuriös präpariert, mit auf- merksam blickenden Glasaugen: Rehe, Sauen, schau- rig grinsende Hechte, ein balzender Auerhahn, flan- kiert von zwei Fasanen. Ich folgte dem Besitzer nach hinten. Als er eine Tür öffnete, raubte mir der entgegenströmende Ge- ruch den Atem. Ich sah einen Brutschrank, an dem kleine rote und grüne Leuchtanzeigen glommen. Daneben stand ein stabiler Gitterkäfig, in dem un- deutlich ein gefiedertes Etwas zu erkennen war. »Ich habe mich da in letzter Zeit auf etwas einge- lassen, das mich schon eine Menge Geld gekostet hat«, gestand er und streifte einen dicken Lederhand- schuh über. »Aber es wirft nichts ab, obwohl ich Kunden habe, die mir mit Vergnügen hunderttausend Schilling auf den Tisch blättern würden, um so etwas ihren Partygästen zeigen zu können. Aber es funktio-, niert nicht so recht.« Ich gab keine Antwort, atmete vorsichtig durch den Mund und preßte die Nase in die Armbeuge meines Anoraks. Der Mann öffnete den Käfig, und im ersten Moment dachte ich, er zöge einen volumi- nösen Vogelbalg heraus, doch das Ding entfaltete kräftige Schwingen und stieß ein klägliches Kräch- zen aus. Ich sah eine milchige Nickhaut, die beiseite glitt und ein glänzendes, herrisch blickendes Auge entblößte. Es war ein junger Steinadler, ein echter Aquila chrysaetos, aber irgend etwas war nicht in Ordnung mit ihm. An seinem Hals hatte sich eine Geschwulst gebildet – ein Gewächs wie der Latz ei- nes Truthahns, das schlapp hin und her baumelte. Der Hals … Plötzlich erkannte ich es: Das war keine Geschwulst. Es war ein zweiter Kopf, unterentwik- kelt und kraftlos, der herabhing und vergeblich ver- suchte, sich aufzurichten – den Schnabel zu einem Schrei geöffnet. Er war es, der diese matten Schreie ausstieß. »Ich beziehe die befruchteten Eier aus einem Gen- labor in Klagenfurt. Es ist der Doppeladler, der ur- sprüngliche Reichsadler. Und die Forscher in Kärn- ten versichern mir …« Ich war zu keiner Antwort mehr fähig, preßte die Faust auf den Mund, um mich nicht über die Vitrinen voller Leichenteile zu erbrechen, und rannte hinaus auf die Straße., * Nach Sonnenuntergang begann auf dem Residenz- platz das Treiben der Schausteller. Auf der Bühne traten Akrobaten auf, die mit Tellern jonglierten, Feuer spien und sich lange Säbel in den Rachen schoben. Schmalgliedrige Kinder in bunten Bodys wurden mit einer Wippe hochgeschleudert und bilde- ten eine lebende Pyramide. Eine schöne junge Frau in einem glitzernden Kostüm und mit einem phanta- stischen Kopfschmuck aus Glas und Spiegelchen stand auf einem Kamel, das mit maulbeer- und ta- bakfarbenen Teppichen behängt war. Sie ritt eine Runde und hielt eine Tafel mit Leuchtschrift hoch, auf der jeweils die nächste Attraktion angekündigt wurde. Ein Orchester spielte bengalische Musik: Ta- blarhythmen und Sitarklänge – eine tranceartige End- losschleife. In der Abenddämmerung kam ein Seiltänzer wie vom Himmel herab auf einem Seil, das man schräg zwischen dem Turm des Glockenspiels und dem Brunnen gespannt hatte. Er war noch nicht bis zur Hälfte herabgestiegen, als ein Schuß krachte. Die Zuschauer fuhren mit einem Schrei des Entsetzens hoch. Ein Moment atemloser Stille und bangen Ent- setzens, doch die erstarrte Gestalt auf dem Seil wankte zwar, stürzte aber nicht aufs Pflaster herab., Ein paar Sekunden vergingen, dann setzte sie tastend den rechten Fuß vor und bewegte sich weiter. An den Enden der Balancierstange glühte abwechselnd ein rotes und ein grünes Licht. Ein Keuchen der Erleich- terung ging durchs Publikum. Gehörte der Schuß zur Show? Viele Menschen bevölkerten den Platz, nicht nur Pilger und Touristen, sondern auch zahlreiche Be- wohner der Stadt und Familien aus den umliegenden Landgemeinden. Als es Nacht wurde, erschienen auf- fallend viele junge Burschen, die sich in den Kneipen Mut angetrunken hatten und darauf aus schienen, ei- ne der jungen Exotinnen aufzureißen, die sich in kleinen Gruppen unter die Zuschauer gemischt hat- ten. Immer wieder sah ich zwei oder drei von ihnen mit Männern in ein Taxi steigen und davonfahren. Es standen nur drei Kutschen an der Durchfahrt zum Domplatz. Die Pferde waren nervös durch die Nähe der Kamele. Noch unruhiger wurden sie, als ein älteres Männchen, das in eine braune Kutte ge- kleidet war, aber weder ein Mönch noch ein Geistli- cher zu sein schien, auf einen Kutschbock kletterte und sich mit schriller Stimme in einer Moralpredigt über die Sittenlosigkeit der Jugend ausließ. »Begreift ihr denn nicht«, schrie er und raufte sich verzweifelt den Bart, der ihm schütter auf die Brust hinabhing, »daß sie nur auf euer Wertvollstes aus sind, daß sie Samenräuberinnen sind, daß sie euch euren, Samen stehlen, eure Gene plündern und davontragen?« »Tät’st dich auch gern a bisserl plündern lassen, oder?« rief einer der Kutscher gutmütig. Die Umstehenden lachten. »Die Glock’n rührt sich aber nimmer, wenn man am Seil zieht!« rief ein anderer und knallte so laut mit der Peitsche, daß die Pferde scheuten und der Prediger fast vom Kutschbock gestürzt wäre. »Wißt ihr, was die in ihren geheimen Laboratorien mit eurem Samen machen?« schrie er unbeirrt weiter und klammerte sich fest. »Schimären und Affen und Dämonen! Das machen sie daraus!« Nun, das wohl nicht, dachte ich, aber das Konzept hat etwas für sich. »Da gehen sie hin, unsere jungen Männer, unwis- send, dumm und verblendet, und lassen sich ficken von diesen … diesen … Affenweibern!« »Jetzt reicht’s!« rief der Kutscher und zerrte ihn von seinem Gefährt. Der Prediger taumelte und plumpste mit dem Hin- tern aufs Pflaster. »Ficken!« schrie er noch einmal aus Leibeskräf- ten, sträubte den Bart und atmete fauchend durch die Zähne. »Hau endlich ab!« herrschte der Kutscher ihn an und hob die Peitsche. »Laß ihn«, sagte sein Nachbar und hielt ihn am Arm fest., Es war der mit dem bäurischen, pausbäckigen Ge- sicht, der auch am Tag vorher hier gestanden hatte. * Im Café Glockenspiel kaufte ich mir ein Eis und ließ es mir einpacken, um es mit aufs Hotelzimmer zu nehmen. Das Nagelbett vor dem Eingang war zu- sammengeklappt und verschnürt. Der Junge saß dar- auf und bewachte es. Er sah hungrig aus. Voller Mit- leid reichte ich ihm das Eis. »Das ißt du jetzt!« sagte ich, als er zögerte. Als ich mich an der Tür umwandte, sah ich, daß er es gierig löffelte. Wahrscheinlich hatte er den ganzen Tag an der Seite des Alten ausgeharrt und nichts ab- bekommen. In der Hotelbar saß der Fakir mit Roblacher, hatte ein großes Cognacglas in der Hand und lächelte et- was entrückt. Seine Augen glänzten. Der Turban war ihm in die Stirn gerutscht. Die Nippesfiguren mit ihren Rokoko-Kostümen in den Vitrinen entlang des Korridors, die am Morgen noch harmlose bukolische Schwelgereien gezeigt hatten, waren offenbar ausgetauscht worden, um die Gäste auf einen weiteren ausgelassenen Abend ein- zustimmen. Die Szenen hatten nun ganz eindeutig erotischen Charakter, und einige der Gestalten stell- ten monströse priapeische Attribute zur Schau. Aus, dem Augenwinkel glaubte ich sexuelle Bewegungen zu erkennen. Tatsächlich! Mein inzwischen geschul- tes Auge erkannte an den fast unmerklich flackern- den Farbrändern, daß es sich um bewegte Hologra- phien handelte, die eine kleine computergesteuerte Orgie in Szene setzten. Dezenter Mozart rieselte aus verborgenen Lautsprechern. Die Hochzeit des Figaro. * Kaum war ich eingeschlafen, wurde ich von Schüs- sen geweckt. Aber das hier war doch nicht Rom. Aus der Ferne hörte ich auch dumpfes Trommeln, aber es war nicht das Wummern der Hobbits. Ich war hier nicht in Rom, sondern in Salzburg. Und die Geräu- sche kamen von der anderen Seite des Flusses, vom Kapuzinerberg her. Ich öffnete die Zimmertür und blickte durch die Glaskuppel. Es war ein Feuerwerk – das Kreischen und Schnarren von Raketen und ande- ren Feuerwerkskörpern. Farbige Fächer stoben auf, Pusteblumen erblühten am Himmel und übergossen für einige Sekunden die Stadt mit unwirklichem Licht. Im Hotel schien es hoch herzugehen, doch es hörte sich nicht nach einer Mozartparty unten im Rokoko- Saal an, sondern das Geschrei und das Lachen dran- gen aus der Kaisersuite nebenan. Sektkorken knall- ten, Gläser klirrten gegen die Wand. Unverschäm- heit! Mitternacht war inzwischen vorbei., Der Eingang der Kaisersuite wurde geöffnet, lau- tes Stimmengewirr, Gelächter und ein Schwall rauch- und alkoholgeschwängerter Luft drang heraus. Ein Kellner im Frack trat rückwärts gehend aus der Tür; er hatte ein Tablett mit schmutzigen Gläsern in der Hand und eine Serviette überm Arm. Dann ver- beugte er sich vor den Gästen im Innern der Suite und unterstrich diese Geste, indem er mit einer komi- schen scherenartigen Bewegung der Füße die Absät- ze seiner Schuhe gegeneinanderschlug, wodurch ein hartes, schnappendes Geräusch erzeugt wurde. Ein Ausdruck von Höflichkeit? Eine Unterwerfungsge- ste? Ein Balzritual? Ich konnte es nicht deuten. Dann schloß er die Tür und wandte sich mir zu. Ich kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie im Hotel gesehen. Ein großer, dünner, kahlköpfiger Mann, dessen Glatze im Licht des Treppenhauses wächsern glänzte – wahr- scheinlich eine Aushilfskraft, die für eine Privatfeier engagiert worden war. Sein schmales Gesicht wirkte kränklich blaß. Er hob die Augenbrauen, als er mich gewahrte. Dann musterte er mich von oben bis unten, als mißbillige er, daß ich einen Bademantel und Pan- toffeln trug, und fragte: »Kann ich etwas für Sie tun, Fräulein?« »Darf ich wissen, was hier so ausgelassen gefeiert wird?« fragte ich ihn. Seine Augenbrauen rutschten noch höher. »Sie sind keine Deutsche, nicht wahr?«, Der Kellner zupfte an der Serviette, die über sei- nem Arm hing. »Nein«, sagte ich. »Aber was hat das mit meiner Frage zu tun?« »Heute ist der 20. April.« »Hat die Grundsteinlegung des Vatikans stattge- funden?« »Die was?« Er beugte sich vor und neigte den Kopf, als hätte er nicht richtig gehört. »Drüben auf dem Kapuzinerberg. Man sagte mir, daß man dieser Tage den Grundstein für den Bau des neuen Vatikans legen wolle.« Jetzt schien er wirklich konsterniert. »Drüben auf dem Kapuzinerberg?« vergewisserte er sich. Dann warf er den Kopf zurück und stieß ein wie- herndes Lachen aus, daß ihm fast das Tablett entfal- len wäre. »Das ist der beste Witz, den ich seit langem gehört habe«, keuchte er. »Der Vatikan!« – Er schüttelte den Kopf, als müsse er um Fassung ringen. – »Man wird die Gauhalle abreißen, und das Gauhaus gleich mit, und das Gauforum schleifen, um dort den Vatikan zu bauen! Die beiden Ottos drehen sich im Grabe um.« Er schloß die Augen und krümmte sich zusammen vor Lachen. »Das ist gut! Das muß ich denen erzählen!« sagte er und deutete mit einem Nicken auf die Tür der Kai-, sersuite. »Nein, Fräulein, heute ist Führers Geburts- tag.« »Welches Führers?« Der Mann wurde schlagartig ernst. »Nun mal halblang«, sagte er streng und blickte tadelnd auf mich herab. »Sie sind Italienerin, wie? Der Führer ist zwar seit über hundert Jahren tot, aber wir wahren sein Andenken. Er bedeutet uns Deut- schen etwas.« Plötzlich wurde mir schwindlig. Wieder zerbarsten in der Suite unter Geschrei Gläser an der Wand. »Sie Hai!« rief der Ara. Der Kellner wandte sich dem Käfig zu. »Das ist unser Joseph. Was sagte der alte Knabe einst? ›Unser Ende wird das Ende des Universums sein‹ – ein bißchen großspurig wie immer. Wer weiß, was er damit gemeint hat.« Er bleckte seine langen gelben Zähne. »Wußten Sie, daß der alte Hengst auf mehr als hundert Kinder und Enkel herabblicken konnte, als er starb? Es gibt ein Foto von ihm und seiner ganzen Sippschaft an seinem 99. Geburtstag. Er in der Mitte, im Rollstuhl, umgeben von einer Brut fleißiger Rammler. Das war sein Universum.« Der Mann schnippte mit dem Finger gegen die Kä- figstangen. »Sieg Heil!« sagte er und machte wieder dieses seltsame schnappende Geräusch mit den Ab- sätzen, dessen Sinn mir schleierhaft blieb.,

V DER NEUE VATIKAN

»IST DAS UNIVERSUM AM ENDE SELBST EIN EIN- ZIGER GIGANTISCHER COMPUTER, DER REVERSI- BLE UND IRREVERSIBLE ZEITENTWICKLUNGEN ZULÄSST?« Klaus Mainzer »Nun, eine Pilgerherberge ist es nicht gerade, das gebe ich zu«, sagte Falcotti und lächelte mich unter der Krempe seines Panamahuts hervor an, »aber ich hoffe, Sie schlafen trotzdem gut.« »Ich schlafe schlecht und habe noch schlechtere Träume«, erwiderte ich. »Wobei ich mir nicht einmal ganz sicher bin, ob es Träume sind.« Er beugte sich überrascht vor. Lag Besorgnis in seinem Blick? »Wie meinen Sie das?« fragte er. »Ich kann es nicht so recht einordnen«, gestand ich. »War es eine Art Wachtraum? Jedenfalls war mir, als erwachte ich mitten in der Nacht durch Schüsse. Aber es war ein Feuerwerk.« »Ein Feuerwerk? Ich habe nichts von einem Feu- erwerk gesehen oder gehört.« Ich blickte ihn entgeistert an. »Es gab kein Feuerwerk heute nacht? Drüben, über dem Kapuzinerberg?«, »Nicht daß ich wüßte.« »Dann muß ich auch das geträumt haben. Aber das war erst der Anfang eines eigenartigen Erlebnisses, auf das ich mir keinen Reim machen kann.« Ich berichtete ihm von meiner nächtlichen Begeg- nung mit dem gespenstischen Kellner, von der Nazi- feier, deren Zeugin ich geworden zu sein glaubte. Ich schilderte ihm meine Verunsicherung, als ich mich am Morgen bei der Hotelleitung über die nächtliche Ruhestörung beschwerte und mir kopfschüttelnd ent- gegnet wurde, daß in der Kaisersuite in der Nacht keine Party stattgefunden habe. Roblacher, der Mann von der Rezeption, war mit mir hinaufgefahren, und ich hatte einen Blick in die Räume geworfen. Ich mußte es tatsächlich geträumt haben. Auch ein Kell- ner, auf den meine Beschreibung gepaßt hätte, war im Hause unbekannt. Roblacher hatte mich befrem- det angesehen und ratlos die Achseln gezuckt. Falcotti hörte mir mit wachsender Besorgnis zu. »Nur dieser Joseph, der ›Sieg Heil‹ schreiende Ara, trippelte auf seiner Stange im Käfig ängstlich von mir weg, als ich nähertrat. Sehen Sie, Signore Falcotti, das ist ein Punkt, den ich nicht begreife: Woher wußte ich plötzlich, daß mit ›Joseph‹ auf den Nazi Joseph Goebbels angespielt wurde? Und plötz- lich verstand ich auch, was dieses Biest kreischte. Ich kann mich nicht erinnern, daß irgendjemand im Ho- tel mir einen Hinweis darauf gegeben hätte – außer, dieser Hilfskellner, den es angeblich gar nicht gibt. Kann man so etwas träumen? Das ist doch nicht möglich. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mir das erklären soll.« Falcotti biß sich nachdenklich auf die Unterlippe, starrte hinüber auf die andere Seite des Platzes und schob seine VR-Brille auf der Tischplatte hin und her. Die beiden einklappbaren dunklen Bildschirme sahen wie kleine Scheuklappen aus. »Es gibt eine weitere Seltsamkeit. Ein Gauforum, sagten Sie?« hakte Falcotti nach. »Der Kellner erwähnte nicht nur ein Gauforum, sondern auch eine Gauhalle und ein Gauhaus. Und er sagte, die beiden Ottos würden sich im Grabe um- drehen.« »Das ist wirklich merkwürdig. Es gab nämlich tat- sächlich Pläne dieser Art für eine Bebauung des Ka- puzinerbergs vor mehr als hundert Jahren, während des Dritten Reiches.« »Das war zur Zeit dieses Führers?« »Ja. Adolf Hitlers. Das sogenannte Dritte Reich. Die Nazizeit. Und es gab damals einen detaillierten Plan einer Imbergverbauung. Ich habe ein Modell gesehen. Die Pläne stammten von« – er schloß die Augen – »von einem Otto Strohmayr und einem Otto Reitter, wenn ich mich nicht irre.« »Die beiden Ottos!« Falcotti nickte und sah mich ernst an., »Diese Pläne – sie wurden aber nie realisiert«, sagte ich und zuckte unbehaglich die Achseln. Falcotti schüttelte den Kopf, griff nach seiner Tas- se und trank einen Schluck von seinem »großen Braunen«, der inzwischen kalt geworden war. »Gott sei Dank nicht! Es sollten eindrucksvolle Monumentalbauten werden. Sie hätten Salzburg ein völlig anderes Gesicht gegeben. Diese Architektur hatte etwas … etwas Bombastisches. Die geplanten Bauwerke überstiegen alles menschliche Maß, ließen aber trotzdem jede Erhabenheit vermissen.« Er setzte vorsichtig die Tasse ab. »Aber sagen Sie, Domenica, haben Sie je von diesen Bauprojekten gehört oder irgendwelche Fotos von den Modellen gesehen, in einem Museum hier, in einem Reiseführer oder einer Stadtgeschichte?« »Nein.« »Oder haben Sie Ihren Scarabeo befragt?« »Das schon, aber von solchen geplanten Bauten habe ich weder etwas gesehen noch gehört«, sagte ich. »Sind Sie da ganz sicher?« fragte Falcotti. »Abso- lut.« Sein Blick wanderte zu den Giebeln der Häuser auf der anderen Seite des Makartplatzes, über denen sich der Hang des Kapuzinerbergs erhob, als müsse er sich vergewissern, daß das kleine Kloster wirklich noch an Ort und Stelle stand. Er war sichtlich nervös., »Beunruhigt Sie etwas?« fragte ich ihn. Er blies die Backen auf, hob die Schultern und er- widerte: »Allerdings.« »Geben Ihnen meine Träume Anlaß zur Beunruhi- gung?« »Wenn es Träume waren – nein. Aber ich furchte, Domenica, es waren keine.« »Wie meinen Sie das?« »Erinnern Sie sich an das Spiel, das wir in meinem Büro in der Universität miteinander gespielt haben? Das Globus-Spiel?« »Ja, ich erinnere mich. Das Cusanus-Spiel mit den verrückten Kugeln.« »Sie sind offenbar auf einem ziemlich erratischen Kurs, Domenica.« »Wohin?« »Das weiß niemand. Aber es macht mir ein biß- chen angst.« »Angst? Wieso das?« Falcotti breitete die Hände aus. »Haben Sie schon vom sogenannten Goldfaden- Hargitai-Effekt gehört?« fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Worum handelt es sich dabei?« fragte ich ihn. »Um ein ganz eigenartiges psychisches Phänomen. Eine Art von Empathie. Man hat es früher für eine seltsame Form von Schizophrenie gehalten, und noch heute wird der Effekt von vielen Psychologen fälsch-, licherweise mit Heautoskopie verwechselt. Es ist aber keine Projektion des eigenen Körperbilds nach außen, wie das in der Regel bei Doppelgänger- Erscheinungen der Fall ist. Die Heautoskopie tritt häufig bei starkem Streß auf und bei Angst- und Er- schöpfungszuständen. Sie kann auch ihre Ursache in physischen Defekten haben: Läsionen in der rechten Hirnrindenhälfte, Tumoren an der Hypophyse oder bei Schläfenlappen-Epilepsie. Das alles ist bei G.H. aber nicht der Fall.« »Ich verstehe leider nur wenig von solchen Er- krankungen«, räumte ich ein. »Entschuldigen Sie mein Psychologenlatein«, sag- te Falcotti. »Es handelt sich bei G.H. um keine disso- ziative Störung, wie André Goldfaden und Urban Hargitai schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahr- hunderts nachgewiesen haben, sondern um eine sel- tene Begabung, die … Nun, es ist schwer zu erklä- ren. Es ist die Begabung einer Person, in gewissen Momenten Kontakt mit ihren Doppelgängern in Par- alleluniversen aufzunehmen, sozusagen an ihrem Er- leben teilzuhaben oder gar das Bewußtsein mit ihnen zu tauschen.« Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sehen mich skeptisch an, Domenica, aber das sind Tatsachen. Der Effekt macht uns bei Zeitreisen oft sehr zu schaffen. Wenn Reisende durch mehrfa- che Transitionen ihren Doppelgängern nahe sind, oder ihnen gar begegnen, kann das zu einer unerträg- lichen psychischen Belastung werden, da Interferen- zen zwischen den Hirnfunktionen auftreten.« »Aber was hat das mit dem nächtlichen Erlebnis im Hotel zu tun?« »Es könnte zu einem kurzzeitigen Austausch von Wahrnehmungen zwischen Ihrem hiesigen Ich und einem anderen gekommen sein, das in einer paralle- len Zeitdimension lebt – einem Universum, in dem die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs einen anderen Verlauf genom- men hat.« Mich überlief ein Schauder. Also gab es eine Aus- gabe von mir, die in dieser schrecklichen Welt leben mußte. Empfand sie so wie ich? Teilte sie auch mei- ne Empfindungen? Ich erinnerte mich an den verstö- renden Traum mit dem unbekannten, aber seltsam vertrauten nächtlichen Besucher, der mich als Teena- ger häufig heimgesucht hatte. Hatte ich an der Lust einer Doppelgängerin teilgehabt? »Sie brauchen keine Angst zu haben, Domenica. Sie werden lernen, mit diesen ungewöhnlichen Er- lebnissen umzugehen«, sagte Falcotti. Das Kreuz in seiner Schläfe pochte. Er schnippte mit dem Zeige- finger gegen den Henkel seiner Tasse, dann sagte er kopfschüttelnd: »Vielleicht sind unsere Schwierig- keiten auf die Tatsache zurückzuführen, daß Sie über ein außerordentlich starkes G.-H.-Talent verfugen., Die Voraussetzungen dafür sind bei Ihnen gegeben. Wenn ich mich recht erinnere, ist Ihr rechter Schlä- fenlappen sehr ausgeprägt.« »Woher wollen Sie das wissen?« fragte ich. »Schon bei den medizinischen Voruntersuchungen der Kandidaten werden auf derlei Dinge geachtet. Ausgeprägtes optisches Gedächtnis und derglei- chen.« Falcotti lüftete den Hut und rieb sich mit den Fin- gerkuppen die Schläfe, in der er sein Kreuz- Implantat trug. »Sie sprachen von Schwierigkeiten, Signore Fal- cotti. Betreffen die mich oder meine geplante Tätig- keit?« Bedächtig wiegte er den Kopf. »Es gibt keinen Grund, es Ihnen zu verschweigen. Wir sind bei unseren Vorbereitungen für das Renas- cita-Projekt in letzter Zeit auf ein paar Fakten gesto- ßen, mit denen die Techniker in Amsterdam Proble- me haben. Wir haben aus historischen und geogra- phischen Gründen den Nordwesten Europas um die Mitte des 15. Jahrhunderts als Einsatzgebiet für euch Botaniker ausgesucht. Die Zielzeit liegt nach den großen Pestgängen und vor den exzessiven Hexen- verfolgungen, die, wie wir feststellen mußten, eine extreme Gefährdung für Zeitreisende im 16. und 17. Jahrhundert darstellen. Hinzu kommt, daß um die Mitte des 15. Jahrhunderts noch eine unverfälschte, europäische Pflanzenwelt zu finden ist: Das Zeitalter der Entdeckungen ist noch nicht angebrochen; aus Asien sind kaum, aus Amerika noch überhaupt keine Arten eingeführt worden. Wir haben ein Höhenprofil von den Marschen der Nordsee bis zu den Hochlagen der Eifel und der Mittelgebirge ins Auge gefaßt: eine ziemlich unverfälschte Ökologie. Außerdem ist die Region politisch ruhig. Der Fall von Konstantinopel könnte, von Gent oder Köln aus gesehen, ebensogut auf dem Mond stattfinden – und trotzdem treten bei den Transitionen in diese Zielzeit ständig Schwierig- keiten auf, die sich die Techniker des Amsterdam- Tunnels nicht erklären können.« »Aber was sollte das alles mit mir zu tun haben? Ich bin doch noch nicht gereist«, sagte ich. Er lächelte nachsichtig. »O doch, Domenica. Das sind Sie längst – chrono- logisch gesehen. Wenn alles nach Plan verläuft, haben Sie vor sechshundert Jahren schon einmal in diesem Universum existiert – und vielleicht noch öfter in der inzwischen vergangenen Zeit. Sie haben wichtige Ar- beit geleistet, um die Zukunft dieser Welt zu sichern.« Ich blickte ihn verblüfft an. Aber … klar. Was er sagte, war völlig logisch – und trotzdem unfaßbar. Doch was bedeutete das schon? Ich schüttelte den Kopf. »Dann braucht man mich doch gar nicht mehr ins 15. Jahrhundert zu schicken, wenn ich… Ich meine…«, Mir ging auf, daß der Einwand, den ich im Begriff war vorzubringen, absolut sinnlos war, und brach ab. Ich würde reisen müssen, um … Falcottis Lächeln war erloschen. »Das wäre zwar theoretisch möglich, aber dann befänden wir beide uns jetzt in einem anderen Uni- versum. Einem Universum, das vielleicht keinen Be- stand hätte.« »Und was genau sind das für Schwierigkeiten?« fragte ich. »Immer wieder erweisen sich gut durchdachte und akribisch vorbereitete Transitionen als undurchführ- bar oder gelingen zeitlich nicht präzise. Entweder der Tunnel öffnet sich überhaupt nicht, obwohl alle Ein- stellungen korrekt zu sein scheinen, oder die Reisen- den kehren zurück und berichten, daß sie ihr Ziel um Jahre verfehlt haben. Es ist, als handle es sich bei der Zielzeit von 1450 um eine ›sophisticated area‹, wie die Tunnel-Techniker das nennen. Den Theoreti- schen Physikern am Hendrik-Casimir-Institut ist das ein Rätsel. Die Computer arbeiten an Dutzenden von Simulationen, um die Ursache herauszufinden.« »Und ich könnte die Ursache dieser Schwierigkei- ten sein, meinen Sie?« »Das ist nicht auszuschließen«, entgegnete Falcotti und hob die Schultern. Ich hatte das Gefühl, daß er zwar besorgt, aber auch irgendwie stolz auf mich war. »Da ist vieles noch nicht erforscht, Domenica., Über das Everett-Multiversum gibt es zahllose Spe- kulationen. Jeder von uns scheint in vielen, wahr- scheinlich sehr vielen Paralleluniversen gleichzeitig zu leben. Diese Universen legen wahrscheinlich nur Nanometer auseinander, und die Membranen zwi- schen ihnen sind vielleicht nur Plancklängen dünn, und doch ist den meisten Menschen ein Kontakt mit seinen anderen Bewußtseinen, die jenseits der Bar- rieren existieren, unmöglich. Es gibt jedoch Men- schen …« »Wie mich.« Falcotti nickte und fuhr fort: »G.-H.-Talente, die diese Barrieren durchdringen können, meistens im Traum, aber manchmal auch in der Realität – wenn der Begriff Realität da überhaupt noch einen Sinn ergibt. Sie scheinen irgendwie die Symmetrie des Multiversums zu stören. Freilich kann es auch etwas ganz anderes sein, das den Technikern Schwierigkei- ten bereitet: historisch wichtige Ereignisse in Paral- lelwelten, die in unserem nicht zu verzeichnen sind, aber Turbulenzen in unserem Universum verursa- chen. Es könnten aber auch Ereignisse von histori- scher Tragweite sein, die irgendwann in unserem Universum geschehen sind, die aber nachträglich korrigiert wurden und deshalb nie geschehen, nie aufgezeichnet wurden oder aus unseren Aufzeich- nungen verschwunden sind.« »Das ist mir zu hoch, Signore Falcotti«, warf ich, ein. »Entschuldigen Sie, aber ich verstehe kein Wort von dem, was Sie da jetzt gesagt haben. Wie soll et- was aus historischen Aufzeichnungen verschwinden. Fehlt da plötzlich ein Abschnitt auf einer Seite, oder ein ganzes Blatt in den Büchern?« »Es ist sehr viel komplizierter«, erwiderte er. »Aber grundsätzlich ist es so: Die Vergangenheit ist nicht in Stein gehauen, Domenica. Wir müssen ler- nen, sie als einen lebenden Organismus zu begreifen, der atmet und lebt, der sich verändert, sich erneuert und ständig Verzweigungen austreibt. Wir sind Teil eines Multiversums, das wie eine langgestreckte Pflanze, eine Ranke oder Liane, durch die Raumzeit wächst. Manche Kosmologen vergleichen es mit ei- nem Korallenriff, das sich über Hunderte von Kilo- metern erstreckt, von dem aber jeder Zentimeter ei- nen eigenständigen Lebensraum mit komplexer Ar- chitektur bildet, an der weitergebaut wird.« Falcotti fingerte an seiner Brille herum und richte- te den Blick erneut hinauf zur grünen Kuppe des Ka- puzinerbergs, an dessen Hang die roten Dächer des kleinen Klosters nun im Sonnenlicht lagen. »Ich kann mir da oben ein Gauforum und eine Gauhalle ebensowenig vorstellen wie Sankt Peter«, sagte ich seufzend. Er nickte. »Aber was den Neuen Vatikan betrifft: Die Grundsteinlegung hätte bereits zu Ostern stattfinden, sollen. Nun hat man sie für Pfingsten festgesetzt, um allen Kardinälen ausreichend Zeit für die Anreise zu geben. Es wird eine große Zeremonie werden. Der Heilige Vater wünscht es so. Er will zeigen, daß die Kirche lebt und nicht an Rom gebunden ist.« »Hm.« »Und tags darauf werden bereits die Erdarbeiten beginnen. Der ganze Berg soll ausgehöhlt werden, um alles unterzubringen. Man hat lange darüber dis- kutiert, ob hier ein Nachbau von Sankt Peter errichtet werden soll. Der Heilige Vater hat sich jedoch nach reiflicher Überlegung dagegen entschieden, und nun hat man sich auf eine moderne Lösung geeinigt: Es soll ein offenes Glaubenszentrum werden, ein Treff- punkt für alle, die Gott suchen, wo immer sie auch herkommen, von der Erde, von anderen Welten oder aus anderen Zeiten. Es wird auch nicht Sankt Peter heißen. Sankt Peter soll Rom vorbehalten bleiben, zumal es hier bereits eine traditionsreiche Kirche die- ses Namens gibt.« »Und eine traditionsreiche Gastwirtschaft«, warf ich ein. Falcotti lachte. »Damit wären es der guten Dinge zu viele gewe- sen«, sagte er und schob seine leere Tasse in die Tischmitte. »Wahrscheinlich werden wir völlig neue Wege gehen. Sie haben doch sicher von der Matthias- fahrt gehört.«, »Von der Matthiasfahrt? Ich weiß nur, daß die vie- len Menschen hier zu seinem Schrein im Dom pil- gern.« »Seine Gebeine ruhten jahrhundertelang in Trier. Das liegt inmitten des am schlimmsten verstrahlten Gebiets. Ein paar beherzte Gläubige aus Westfalen drangen 2030 von Belgien her nach Trier vor. Es ge- lang ihnen, alle Absperrungen und Sicherheitsvor- kehrungen zu überwinden. Sie opferten ihr Leben bei dieser tapferen Tat; schon zwei Jahre später waren sie alle tot. Es gelang ihnen aber, den Schrein nach Paderborn zu bringen. Da die Behörden in Brüssel die Stadtverwaltung drängten, die verstrahlte Reli- quie herauszugeben, und gar damit drohten, sie zu beschlagnahmen und in Gorleben in einem Salzstock endzulagern, wurde sie heimlich nach Salzburg ge- bracht. Zwischen Paderborn und Salzburg bestanden schon immer sehr gute Verbindungen. Nun ruht der Apostel Matthias hier im Dom in einem doppelwan- digen Bleisarkophag. Er wird – wie wir alle hoffen – im Neuen Vatikan seine endgültige Ruhestätte fin- den. Die Pilger strömen heute schon aus ganz Europa hierher, um an seinem Grab zu beten. Böse Zungen behaupten freilich, sie kämen nicht nur des Apostels wegen in hellen Scharen nach Salzburg. Nun ja. Je- denfalls sind es inzwischen in jeder Woche mehr, als früher im ganzen Jahr nach Trier pilgerten. Er gilt jetzt auch als der Schutzheilige der Strahlenkranken, und Erbgeschädigten und erfreut sich lebhafter Für- bitte.« Falcotti setzte seine Datenbrille auf und erhob sich. »Domenica, ich muß leider zurück in mein Büro. Ihren Reisechip habe ich Ihnen ins Hotel schicken lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß noch irgend etwas schiefgehen könnte. Sollte es jedoch an der Grenze unerwartete Schwierigkeiten geben, kann Ihr IKom mich jederzeit erreichen.« »Danke, Signore Falcotti. Danke auch für das Ge- spräch.« »Vielleicht sehen wir uns in Amsterdam, bevor Ihr Einsatz beginnt.« »Ich werde auf dem Noordermarkt nach Ihnen Ausschau halten.« »Diesmal komme ich nicht als Clown«, sagte er lächelnd und hob zum Abschied die Hand. »Gute Reise, Domenica. Gott sei mit Ihnen.« * Ich hatte Falcotti auf den ersten Blick gar nicht er- kannt, als ich ihm begegnete. Er sah aus, als sei er in den Süden gefahren, um Urlaub zu machen, anstatt in den Norden, um zu arbeiten. Er trug einen breitkrem- pigen Strohhut, eine weite hellgraue Hose und einen dunkelblauen Blazer mit Einstecktuch – ein bißchen, altmodisch, wie ich fand. In seinem legeren Outfit an der Uni in Rom hatte er mir besser gefallen. Und was mich am meisten verblüffte, war die Tatsache, daß er rauchte! Er paffte eine lange, dünne Zigarre, die aus- sah wie die verhutzelte Ranke einer Viorna, einer Clematis vitalba. Seine Augen konnte ich kaum er- kennen, weil er eine dieser dunklen VR-Brillen trug, bei denen man kleine Bildschirme vor die Augen klappen konnte. Er hatte sich gleich nach seiner An- kunft in Salzburg mit mir in Verbindung gesetzt, und ich hatte ihm angeboten, tags darauf in die päpstliche Residenz im Schloß Mirabell zu kommen. Ich ging über den Makartsteg hinüber in die Neu- stadt, am Landestheater und am Hotel Bristol vorbei in den päpstlichen Bezirk, doch der Palast war abge- sperrt. An den Eingängen standen Doppelposten der Schweizer Garde. In ihren bunten Uniformen sahen sie aus wie Statisten der Festspiele, aber wenn man ihnen unmittelbar gegenüberstand, merkte man, daß es Profis waren: Coole durchtrainierte Typen, im Nahkampf geschulte Bodyguards, die schnell und hart durchgreifen und bestimmt auch töten konnten, wenn es die Situation erforderte. Ich wurde mit dem Strom der Gläubigen vom Hauptportal abgedrängt und sah, daß kein Durch- kommen war. Also wies ich Luigi an, sich mit dem IKom Falcottis abzustimmen, und wartete unter den Bäumen am Portal von Sankt Andrä. Zehn Minuten, später stand er vor mir. Falcotti breitete entschuldi- gend die Hände aus, als er meinen verwunderten Blick bemerkte, mit dem ich seine elegante Erschei- nung musterte. »Ich hätte Sie fast nicht erkannt«, gestand ich. »Der Heilige Vater wünscht etwas mehr südländi- sches Flair in dieser Stadt«, sagte er. »Kann sicher nicht schaden«, sagte ich. »Aber ich sehe, Sie pflegen ein Laster, das man heute kaum noch sieht.« Ich deutete mit einem Nicken auf seine Zigarre. »Ein unappetitliches, ich weiß. Deshalb nutze ich die Gelegenheit, wenn ich mal im Freien bin«, ge- stand er und betrachtete die Havanna in seiner Hand. »Würde es Sie stören, wenn ich …?« »Ich bitte Sie! Nein, ich finde es interessant. Mein Vater hat diese Dinger auch geraucht. Vielleicht nur deshalb, weil er meine Mutter damit ärgern konnte.« »Ich kann einfach nicht widerstehen und genieße es«, gestand Falcotti und zündete sie umständlich mit einem Streichholz an. »Seit die Österreicher die Füh- ler nach Mittelamerika ausstrecken und in Havanna investieren, um es in altem Glanz erstrahlen zu las- sen, gibt es hier ganz hervorragende Zigarren zu kau- fen. Originalimport. Außerdem den besten Rum und die feinsten Hüte.« Er tippte an die Krempe seines Panamas. Wir schlenderten nach Osten und betraten den Mi-, rabell-Garten. Besucher drängten sich auf den Kies- wegen und auf dem Rasen vor der Fontäne, hinter der man in einem riesigen Rahmen einen Flexmon aufgespannt hatte. Der Bildschirm war von muskulö- sen Marmorathleten flankiert, die übergewichtige Sabinerinnen wegschleppten. Unter den blühenden Kastanien auf der linken Seite gab eine Jugend- Trachtenkapelle ein Promenadenkonzert. Etwa drei- ßig Jungen und Mädchen in hellgrünen Lodenjankern und mit flachen schwarzen Hüten saßen auf Alumi- nium-Klappstühlen um einen älteren Dirigenten und spielten eine ernste, getragene Melodie. Wir betraten einen kleinen, auf der Westseite des Schlosses gelegenen Park, der für die Besucher eben- falls gesperrt war. Der Posten am Eingang ließ uns passieren, nachdem er einen Blick auf seinen Moni- tor am Handgelenk geworfen hatte. Ein steinerner Zwerg mit einer Pickelhaube hielt mir mit der Linken in einer Mischung von Vorwurf und Ekel den rui- nierten Erdball entgegen. Seine Rechte steckte bis zur Achselhöhle in einem gefährlich aussehenden Panzer, mit dem er in seinem ohnmächtigen Zorn sichtlich gern zugeschlagen hätte. »Sie haben mir in dieser Amsterdam-Simulation einen Mordsschreck eingejagt, Signore Falcotti«, sagte ich. »Mit den Bienen, die auf meinem Arm herum- krabbelten?«, »Ja. Ich habe eine Phobie, was diese Biester be- trifft.« Er stippte die Asche von seiner Havanna. »Dann war das wohl so beabsichtigt, Domenica.« »Es gehörte zur Konditionierung, nehme ich an.« Falcotti nickte. »Wir Psychologen sind Ungeheuer.« Für einen Moment hatten wir uns auf eine Bank gesetzt. Die mißgestalteten Zwerge hatten uns einge- kreist – und ich fröstelte. »Es ist noch zu kalt zum Sitzen hier im Schatten«, sagte Falcotti mitfühlend und stand auf. »Gehen wir in ein Café auf den Makartplatz, solange die Leute noch auf den Auftritt des Heiligen Vaters warten. Danach wird alles überfüllt sein.« Der Schweizer Gardist am Eingang war ein Riese, und sein Gesicht wirkte so steinern wie die Gesichter der Zwerge unter den Bäumen. Wir schritten einen von Geißblatt überwucherten Laubengang entlang, der so raffiniert angelegt war, daß man der optischen Täuschung erlag, er würde sich mehrere hundert Me- ter weit in die Dunkelheit erstrecken. Die Trachtenkapelle, die inzwischen zu lebhafte- ren Weisen übergegangen war, hörte plötzlich auf zu spielen. Die Menschen drängten sich auf dem Rasen vor dem Monitor, auf dem nun der Heilige Vater zu sehen war: Ein agiler kleiner Mann mit schwarzen Augen und lebhaften Gesten. Er hob segnend die, Hände und nickte lächelnd. Einige der Besucher san- ken vor dem Bildschirm auf die Knie. Wir strebten zum Eingang des Parks. Immer mehr Menschen strömten herein, und es war schwierig durchzukommen. »Ihr Zug fährt morgen früh zeitig ab, Domenica«, eröffnete mir Falcotti. »Darf ich fragen, weshalb wir die umständliche Reise mit dem Zug quer durch Europa machen müs- sen? Mit dem Flugzeug wären es knapp zwei Stun- den bis nach Amsterdam und mit dem Luftschiff vier oder fünf. Ist es wegen der Kosten?« Er schüttelte den Kopf. »Das gehört ebenfalls zur Konditionierung. Das Gremium hat beschlossen, daß alle Kandidaten des Renascita-Projekts durch die verheerten Landstriche reisen sollen, damit sie sehen, was dort Gottes Schöp- fung angetan wurde. Auf diese Weise wird Ihnen al- len Ihre Aufgabe eindringlich vor Augen geführt.« Wir fanden einen freien Tisch im Café des Hotel Bristol und bestellten uns beide einen großen Brau- nen. Falcotti klappte einen der kleinen Bildschirme an seiner Brille vors Auge, an dem ein stecknadelkopf- großes Licht blinkte. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, erstickte die Glut seiner Havanna im Aschenbecher und preßte den Zeigefinger auf das kleine Kreuz in seiner Schläfe., »Das sieht gut aus«, sagte er nach einer Weile. »Ich danke Ihnen.« Er nahm die Brille ab und legte sie auf die Tisch- platte. »Sind Sie auch schon gereist?« fragte ich. »Nach Amsterdam?« »Nein, in der Zeit.« Er musterte mich einen Moment lang, bevor er antwortete. »Nur wenn es unbedingt notwendig ist. Aber ich sollte ebensowenig darüber reden wie Sie, Domeni- ca. Auch mich hat man konditioniert. Sprechen wir lieber von etwas anderem. Wie gefällt Ihnen das Hotel Altstadt?« Ich erzählte es ihm. * Ich mußte vor Tagesanbruch am Bahnhof sein. Ein verschlafener Janez holte mein Gepäck vom Zimmer und brachte es zum Taxi, das Luigi nach langem Hin und Her aufgetrieben hatte. Er hatte sich unbefugt in ein lokales Netz einklinken und sich mit der städti- schen Zentrale in Verbindung setzen müssen. In Osterreich schien nichts mehr über internationale Sa- telliten zu gehen. Joseph Goebbels strafte mich mit Nichtachtung. Ich klopfte gegen die Käfigstangen., »Kein ›Sieg Heil‹ zum Abschied?« fragte ich den Vogel. Er ließ sich zu keiner Antwort herab. Ein Bus brachte die zwei bis drei Dutzend Reisen- den, die sich versammelt hatten, zur Grenze. Am Zollamt von Dax warteten mindestens hundert Last- wagen auf die Abfertigung, dazwischen standen Busse voller Pilger, die nach Deutschland zurück- kehren wollten. »Was riecht hier so verbrannt?« fragte ich meinen Nachbarn, einen jungen Mann, der auf der Heimfahrt nach München war. Er trug sein IKom als Ohrring. »Das ist das Sägemehl«, erklärte er. »Ganze Ge- birge von Sägemehl drüben beim alten Container- bahnhof. Die kokeln schon seit Jahren vor sich hin. Einige behaupten, die Bayern hätten sie mit Absicht in Brand geschossen, mit Leuchtraketen. Es waren aber bestimmt zündelnde Kinder.« »Warum löscht man das nicht?« »Das läßt sich nicht löschen. Jedenfalls hat man es schon mehrmals vergeblich versucht. Tief innen drin schwelt die Glut weiter, und es raucht und stinkt be- stialisch. Bei Föhn riecht man es bis hinüber zum Chiemsee.« Ich sah zum Fenster hinaus. Der Morgen sickerte durch eine bleifarbene Wolkenschicht, die tief über der Stadt hing und sich zwischen den Berghängen verhakt hatte wie eine schmutzige Eisscholle in einer, Klamm. Sie schnitt das Panorama nach oben hin ab. Die obere Hälfte des Schloßbergs war verschwun- den, der Hühnerstall hochgezogen. Vom Kapuziner- berg war nur der untere Teil zu sehen. Die Kuppe – mit Gauburg oder Vatikan – war durch eine Mem- bran abgetrennt. Es war, als hätte man die Stadt aus einem Alptraum herausgestanzt. Eine halbe Stunde später fuhren wir über eine Brücke. Auf beiden Sei- ten standen Wachtürme mit LasGuns. »Sehen Sie sich das an«, sagte mein Nachbar. »Auf beiden Seiten der Saalach Klingendraht bis ins Wasser, mobile Minen, automatische Laser-Schuß- anlagen. Nicht zu glauben, daß man vor fünfzehn Jahren hier nach Belieben rüber und nüber konnte. Als ich noch klein war, war ich mit meinem Vater oft beim Fischen an dieser Stelle. Niemand wußte, daß es in grauer Vorzeit da mal eine Grenze gegeben hat- te. Jetzt ist es wieder wie in der Steinzeit. Echt zum Kotzen.« »Ich dachte immer, die Blauen verstünden sich so gut mit den Schwarzen.« »Na ja«, seufzte er. »Da war mal was dran. Aber es war so wie eine spontane Verlobung im Bierzelt. Als man wieder nüchtern war und es zur Sache ging, war’s vorbei mit dem feierlich beschworenen Alpen- bund. Bayern war vollgestopft mit vier Millionen Strahlenflüchtlingen aus Thüringen und Sachsen. Wissen Sie, was das heißt?« – Er breitete die Arme, aus und blies die Backen auf. – »Sie boten den Öster- reichern ein paar Kontingente davon an, aber die winkten ab. ›Bleibt uns mit diesen Piefkes vom Lei- be! Wir haben schon eine Million Tschuschen und den halben Balkan am Hals, trotz Klagenfurter Be- schlüssen und verschärftem Rückführungserlaß. Es kommen mehr rein, als wir rückführen können.‹ Also schlossen sie die Grenze zwischen Bregenz und Pas- sau.« Mein Nachbar machte eine wegwerfende Geste und starrte verdrießlich zum Fenster hinaus. »Italienerin?« fragte er plötzlich. »Ja.« Er schnalzte mit den Fingern. »Hübsch.« »Daß ich Italienerin bin oder daß Sie richtig gera- ten haben?« lag mir auf der Zunge zu fragen. »Oder finden Sie mich hübsch?« Aber ich hielt den Mund. Ich hatte lernen müssen, daß solche spöttischen Ge- genfragen manche Männer verwirrten. »Danke«, sagte ich deshalb und schenkte ihm ein Lächeln. Der Mann lächelte zurück. Auf bayerischer Seite stauten sich noch mehr Pil- gerbusse, einen Kilometer lang aufgereiht vor der Zufahrt zur Brücke. »Soviel Frömmigkeit?« fragte ich aufs Gerate- wohl., Mein Nachbar blickte mich vielsagend an. »Heiliger Matthias!« schnaubte er. »Nichts als Hamsterpilger! Österreich ist ein reiches Land. Hier kann man alles kaufen, was es in Bayern schon längst nicht mehr gibt.« »Aber nicht für Marka Bavarese«, zitierte ich den Taxifahrer bei meiner Ankunft. »Das war wohl der größte Blödsinn unserer Staats- regierung, nach einer Volksbefragung die Mark wie- der einzuführen. Außerhalb Bayerns akzeptiert die niemand, nicht einmal die Albaner. So bescheuert kann ja wohl auch keiner sein.« Er tippte sich an die Stirn. Sein IKom schaukelte am Ohrläppchen. »Hamsterpilger. Jeden Tag solche Massen?« »Klar«, erwiderte er. »Das ist der Segen des heili- gen Matthias und des Heiligen Vaters. Man kann ei- nem frommen Menschen den Zugang zu den Stätten seines Glaubens nicht verwehren. Aber man kann ihm das Fell über die Ohren ziehen und ihm sein Geld ab- nehmen. Das war doch schon immer so, oder?« »Ich denke schon.« * In Freilassing stand ein moderner Express für uns bereit, ein stromlinienförmiger Gliederzug, kiefern- grün und rehbraun lackiert, mit dem weiß-blauen, bayerischen Staatswappen auf jedem Waggon und der Aufschrift BAYERISCHE STAATSBAHNEN – FREISTAAT BAYERN. Trotz des stromlinienför- migen Outfits wirkte er irgendwie sehr gediegen und kolossal traditionsreich. Obwohl der Zug nur Erste Klasse führte, war er völlig überfüllt. Auf den Gepäckablagen und in den Gängen türmten sich die Kartons, Körbe und Säcke der Hamsterpilger. Ich sah Kanister mit Olivenöl, Plastiktüten mit Schachteln voll Spaghetti und ande- ren Teigwaren, Fleisch- und Fischkonserven, Kaffee, Rohrzucker, Bananen und Orangen, Palmfett, ja, und Alkohol – Rum, Sliwowitz, Grappa. Viele der Reisenden sprachen ein Deutsch, das zu verstehen ich Mühe hatte. Einige warfen mir abwei- sende Blicke zu, als ich meinen reservierten Platz beanspruchte. Sie zeigten eine Mischung von befrie- digter Habgier und grimmiger Verteidigungsbereit- schaft – die Hände fest in die Besitztümer auf dem Schoß verkrallt. Nach Weihwasser und Devotionali- en hielt ich vergeblich Ausschau. Mehr Hamster als Pilger. Die vorbeiziehende Landschaft wirkte sehr frucht- bar. Sie sah fruchtbar aus. Satte Grüntöne, Wiesen, Weideland. Immer schon hatte ich mich gefragt, weshalb Grün auf uns beruhigend wirkt, weshalb uns der Anblick einer Flur in sattem Grün mit einem Ge- fühl der Gelassenheit und des Friedens erfüllt. Sind, es die Gene in unseren Chromosomen, die wir mit den Weidetieren gemeinsam haben, die uns signali- sieren: Gemach, alles ist in bester Ordnung. Futter im Überfluß vorhanden? Aber der erste Eindruck täuschte. Wir fuhren über ein Schlachtfeld: Niedergang allenthalben. Hochge- züchtete Monokultur in Auflösung. Ökologische Ka- tastrophen. Es folgten immer mehr Streckenabschnit- te, wo man beiderseits der Bahntrasse die Vegetation abgefackelt, Bäume gefällt und massiv Herbizide und Fungizide eingesetzt hatte. Es sah schauerlich aus und brachte nichts. Die einheimische Flora blieb auf der Strecke. Die Mutanten erhoben sich wieder, formierten sich neu. Zum ersten Mal erblickte ich Clematis vitalba ni- gra, die schwarzgrüne Variante der Gemeinen Wald- rebe, die nach dem Plutonium-Unfall von Cattenom am Mittelrhein erstmals aufgetreten war. Ich wußte, daß die »Viorna«, wie wir Italiener sie nannten, schon vor der Jahrtausendwende ihren Siegeszug quer durch Europa vollendet und fast alle Bahndäm- me zwischen dem Kattegatt und dem Golf von Mes- sina besiedelt hatte. Von manchen wurde sie die »Graue Kralle« genannt, wegen der graubärtigen krallenförmigen Blütenstände, die den Winter über- dauern. »Old Man’s Beard« nannten sie die Englän- der – und kurioserweise »Traveller’s Joy«, obwohl sie alles andere als einen erhebenden Anblick bot., Die Variante Nigra übertraf die ursprüngliche Form noch an Robustheit und Wachstum. Sie überwucher- te die andere Vegetation und drückte sie durch ihr schieres Gewicht zu Boden. »Todesmantel« nannten sie deshalb neuerdings manche Leute, oder fälschli- cherweise »Schwarzer Efeu«, und sie beschränkte sich schon längst nicht mehr auf die Hänge beider- seits der Bahnlinien. Unaufhaltsam drang sie in Obst- gärten, Mischwälder, Flußauen und Brachen ein, um alles unter sich zu begraben und zu ersticken. Der Zug durchfuhr Schächte aus Betonfertigteilen, die man in Metallrahmen eingehängt hatte. Auch sie längst erobert und überklettert, und wenn der Blick frei wurde auf die Landschaft, sah ich auf den Wie- sen groß wüchsige Varianten der Urticaceae, der Schwarzen Brennessel, und in den Niederungen Ko- horten von gewaltigen Heracleum mantegazzianum, dem Riesenbärenklau, die sich wie Fähnlein von Eli- tetruppen zum Sturmangriff formierten. Am schlimmsten war jedoch der unsichtbare Feind, der längst eingesickert war und nun seine Macht entfaltete: die Sporen mutierter, aggressiv gewordener Pilze, die nicht nur der Schienen- und Straßenverkehr durchs Land verbreiteten, sondern vor allem der Wind. Ich sah Maisfelder, deren Jung- pflanzen, kaum zwei Handbreit hoch, bereits welk und braun wurden, und Winterweizen, der in der Frühlingssonne verrostete. Weitgehend unbeschadet, schien noch das Gras, doch dicht bestirnt mit dem prächtigen Dottergelb des Löwenzahns – Zeichen ruinierten Bodens durch Überdüngung und einer ge- netisch hochgezüchteten und geschwächten Vegeta- tion. Die Höfe zeugten vom Stolz ihrer einstigen Er- bauer. Ihre Nachfahren schienen weniger Anlaß da- für zu haben. In den Ortskernen der Dörfer drängten sich breite, solide Häuser, die den Wohlstand mit überladenen Holzfassaden und protziger Balkonar- chitektur zur Schau stellten. Zur Peripherie hin herrschten billige Fertighäuser vor. Bayern hatte schon bessere Zeiten erlebt. Auch hier hatte immer wieder das Viehsterben gewütet. Ein Schauer zwischen zwei sonnigen Abschnitten. Dünner Regen schraffierte die Fenster, zeichnete Ge- schwindigkeitsdiagramme. Die gestrichelten Linien näherten sich der Vertikale – der Zug hielt. Rosen- heim. Ein wunderschöner Name! Doch nicht eine Rose war zu sehen weit und breit. Häßliche vierecki- ge, aus Flußkieseln und Beton gegossene Tröge reih- ten sich auf dem Bahnsteig. Darin steckten von Luft- verschmutzung und Rostpilzen dahingeraffte Krüp- pelkiefern; die kahlen Stellen im Erdreich dazwi- schen waren mit Stiefmütterchen bepflanzt – im Herbst ausgesetzt, im Winter erfroren. Längs der Gleise scharten sich triste niedrige Ge- bäude in Rot und Gelb, von denen die Farbe abblät-, terte; zerknickte Rollos vor den Fenstern. Ein rosti- ger Metallsteg auf dünnen Betonstelzen überspannte Gleise und Bahnsteige; zu beiden Seiten der Aufgän- ge standen verdreckte Abfallcontainer, die mit radi- kalen Parolen der ASEN und Kicobs übersprüht und von Hunderten schmieriger Flaschen und blauer Müllsäcke umlagert waren. Auf dem Nebengleis rangierte ein Güterzug mit Panzern, die mit tarnfar- benen Planen abgedeckt waren. Wir rollten weiter. Die kleinen Häuser waren viel zu nahe an die Strecke gebaut; Kinderplanschbecken, mit Folie ab- gedeckte Holywood-Schaukeln in winzigen Vorgär- ten. Ich konnte mir den verzweifelten Abwehrkampf der Eigentümer vorstellen, wie sie sich mit Gift und Gartenschere der heranbrandenden Vegetation ent- gegenstemmten. Aber wahrscheinlich waren sie schon längst überrannt von hyperaktiven Ameisen, die ihre Trassen durch Wohn- und Schlafzimmer an- legten und Vorräte plünderten, von Fadenwürmern und Euchyträen, Tausendfüßern, Wenigfüßern und Zwergfüßern, von Spinnen und anderen Kerbtieren, Spring- und Doppelschwänzen, Asseln, die in feuch- ter Dunkelheit zusammengedrängt auf ihre Stunde warteten, von adaptierten Termiten, die unsichtbar den Bewohnern das Haus über dem Kopf und unter den Füßen wegfraßen. Lange schon vor der Ankunft in München bemerk-, te ich die auswuchernde Stadt: Wohncontainer, drei- fach, zeilenweise gar vierfach übereinandergestapelt – die oberen über Außentreppen erreichbar. Dazwi- schen erstreckten sich schnurgerade Lagerstraßen bis zum Horizont, von Peitschenlampen und provisori- schen Trottoirs gesäumt. Bushaltestellen, Kinder- spielplätze, Sportplätze, Traglufthallen. Bahnhöfe: Eglharting, Zorneding. An den Mauern längs des Gleisstrangs klebten Plakate: WIR MITTELDEUT- SCHEN PROTESTIEREN GEGEN DEN AUS- VERKAUF UNSERER HEIMAT und DIE EU HAT UNS VERRATEN. WIR FORDERN UNSER RECHT AUF HEIMAT. Brückenpfeiler, Betonwän- de und Container waren mit Graffiti besprüht, häß- lich und aggressiv: ASEN – die erhobene Faust. KI- COB – das herabsausende Kurzschwert. »Lassen Sie sich von dem Anblick nicht täu- schen«, sagte der junge Mann aus dem Bus, der plötzlich in der Abteiltür lehnte, »München ist immer noch schöner als Kalkutta oder Mexico City. Wir sind zur Zeit zwar etwas zugeschüttet mit Sachsen, aber sie sprechen inzwischen schon etwas Deutsch.« Unter den Reisenden im Abteil erhob sich lauter Protest. Der Mann blinzelte mir zu; erst jetzt fiel mir auf, daß ihm ein Schneidezahn fehlte. Wahrschein- lich hielt er öfter solche Reden. »Hören Sie es?« fragte er grinsend hinter theatra- lisch vorgehaltener Hand. »Sie verstehen mich schon, ganz gut. Sind ja tüchtig, die Leute. Wir schaffen das schon. Gute Reise!« Er hob den Daumen zum Gruß und stieg aus. München Ost stand auf den Schildern. Dann rollten wir weiter und kurz darauf über einen seichten, in der Sonne glitzernden Fluß. »Isoh«, erklärte die Frau, die mir am Fenster ge- genübersaß, und nickte mir etwas reserviert, aber nicht unfreundlich zu. * In Neu-Ulm mußten sich die Reisenden aus dem Württembergischen die Füße abtreten. Sie durch- querten eine Halle, aus der übelriechende chemische Dämpfe wallten. BAYERISCHES ROTES KREUZ stand in roten Buchstaben auf einem großen Schild. Darunter in drohendem Schwarz: DESINFEKTI- ONSANLAGE. BETRETEN VERBOTEN. EIN- GANG NUR RÜCKWÄRTS. Ich verstand den Hinweis nicht so recht, aber der Schaffner wies mich daraufhin, daß ich als Süd- Nord-Reisende im Gegensatz zu den Nord-Süd- Reisenden davon nicht betroffen sei, sondern direkt zum anderen Teil des Bahnhofs durchgehen könne. »Vorwärts?« fragte ich sicherheitshalber. Er schien mich nicht zu verstehen, nickte aber. Ich verließ also den rehbraun-kieferngrünen Zug, der Bayerischen Staatsbahn und begab mich zu einem gelb-schwarzen, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah, nur daß er der BADEN-WÜRTTEM- BERGISCHEN LANDESBAHN gehörte und drei nach links gewandte Löwen im Wappen trug. Kurz darauf rollten wir über die Donau. Rechts über der Stadt ragte das Münster auf im Mittagslicht; ein Turm wie aus gefältelter Spitze, starr und grau vom Alter. Zwei verschiedene Länder, doch mir bot sich das gleiche Bild: aufgelassene Kleinbetriebe in allen Sta- dien des Verfalls, überbelegte Hochhäuser, Wäsche- fächer aus Draht und Plastikleinen vor den Fenstern, abblätternde Fassaden, an denen altmodische Anten- nen wie Baumschwämme wucherten. Übereinander- gestapelte Wohncontainer mit schmutzigweißer Pla- stikbeschichtung, braunfleckig von Abwässern und Rost, von Kalk verkrustete Rohrleitungen und ge- rippte Schläuche, Leitern, an denen spielende Kinder herumturnten. Der Zug schlängelte sich in ein schmales Tal hin- ab. An den Hängen frisches Buchengrün, ein glaskla- rer Himmel darüber, von erfrischendem Lichtblau. Absonderlich putzige Namen, wie aus einem Fanta- sy-Spiel: Geislingen, Süßen, Eislingen, Uhingen, Plochingen, Untertürkheim, Feuerbach, Zuffenhau- sen, Pforzheim … Endlich: Heidelberg – Endstation. Lange Zeit Außenposten der von Menschen be- wohnten Welt an der Grenze zur Todeszone, zum, »siedlungsfreien Raum«, wie die Behörden es offizi- ell nannten. »Siedlungsfrei« würde er wohl noch für die nächsten zwanzig, dreißig Jahre bleiben, auch wenn die Dekontaminierung weiter planmäßig ver- lief und die dafür erforderlichen Kosten von schät- zungsweise fünftausend Milliarden Euro aufgebracht wurden. »Siedlungsfrei« für die nächsten zwanzig- bis dreißigtausend Jahre in der Kernzone zwischen Saarbrücken und Erfurt, wie die Pessimisten ins Feld führten. »Heidelberg«, sagte die Lautsprecherstimme. »Endstation. Alles aussteigen!«,

VI DER KRAKE

»DIE GESCHICHTE ÜBERHAUPT UND DASS WIR ES SO HERRLICH WEIT GEBRACHT HABEN, VERDAN- KEN WIR DOCH DER TATSACHE, DASS IMMER DIE RICHTIGE SEITE GESIEGT HAT, DIE RICHTIGEN

ENTSCHEIDUNGEN GETROFFEN WURDEN, DIE

RICHTIGEN LEUTE GELEBT HABEN. GLORIA! VIC- TORIA! HISTORIA! DIES ALLES UMDENKEN ZU WOLLEN, IST DAS NICHT EINE ÜBERFLÜSSIGE, FRI- VOLE UNDANKBARKEIT GEGEN DIE NORNEN? …

NUR EIN UM SEINEN FRUCHTBARSTEN TEIL ZU-

RÜCKGESCHNITTENER GESCHICHTSBEGRIFF BE- GNÜGT SICH MIT DEM REALEN. WENN DER SINN DER HISTORIE DARIN LIEGT, UNS AUS DEM GE- FÄNGNIS DER GEGENWART ZU BEFREIEN, DANN TUT SIE EIN ÜBRIGES, INDEM SIE UNS AUS DER EN- GEN WELT DES WIRKLICHEN IN DEN GROSSEN

RAUM DES MÖGLICHEN HINEINBLICKEN LEHRT.

HLER IST EINE GANZE DIMENSION ZU GEWINNEN.«

Alexander Demandt Noch mehr Kadaver – vierzehn oder fünfzehn zählte Fingerhut. Sie lagen auf einer Viehweide entlang des Bachs. Sinnlos abgeknallt. Dunkelbraune Haufen aus Fell, Hufen und gebleckten Zähnen.

, »Weshalb töten sie die Kamele?« schrie Fingerhut über das Rotorengeräusch hinweg. Der Pilot wandte ihm den Kopf zu. »Das sind Tie- re, die nicht hierher gehören!« schrie er zurück. »Sie sagen, daß es unnatürliche, völlig degenerierte Tiere sind.« »Sind Sie auch der Meinung?« rief Fingerhut. Der Pilot zuckte die Achseln. Fingerhut kontrollierte auf dem Monitor vor sei- nem linken Auge, ob die frei fliegende Kameradroh- ne, die ihnen folgte, die toten Kamele gut im Blick- feld hatte. Er griff an seinen Steuerkragen und zoom- te einen der Kadaver heran. »Sie scheinen sich zum Ziel gesetzt zu haben, die- se Tiere auszurotten.« »Und ihre Besitzer gleich mit«, fügte der Pilot la- chend hinzu. »Hören Sie, Mister, ich setze Sie jetzt hier irgendwo ab.« »Sie fliegen mich zu dem Treffpunkt«, erwiderte Fingerhut bestimmt. »Wenn wir das vereinbarte Si- gnal erhalten, landen wir. So ist es abgemacht.« »Moment! Es war von Wettin die Rede, gleich hinter der Autobahn zwischen Löbejün und Lett- witz«, wehrte der Pilot ab. »Die Autobahn ist die Grenze für Hubschrauberflüge. Inzwischen sind wir über die Saale hinweg und fast im Bereich Eisleben. Da im Süden sehe ich schon den Süßen See. Ich darf nicht weiter nach Westen fliegen. Außerdem hat es, seit Wochen nicht geregnet. Der Rotor wirbelt so viel Radioaktivität auf, daß zwischen Oslo und Helsinki die Geigerzähler ticken. Ich bin doch nicht ver- rückt!« »Ich habe Ihnen eine Menge Geld bezahlt, damit Sie mich in dieses Gebiet bringen«, drohte Fingerhut. »Geld! Geld!« jammerte der Pilot in sächsischem Singsang. »Ich riskiere meine Lizenz, Mister. Das kann ich mir nicht leisten.« Fingerhut schnippte das Mikro vor den Mund. »Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie ha- ben es selbst gehört. Wir fliegen inzwischen über stark radioaktiv verseuchtem Gebiet. Wir sind in der sogenannten Todeszone. Der Pilot weigert sich, tiefer in das Sperrgebiet einzudringen; es ist ihm zu ris- kant. Er will seine Gesundheit nicht aufs Spiel set- zen. Er ist jung. Er will gesunde Kinder zeugen. Das ist ein Argument, das uns einleuchtet und das wir respektieren sollten.« »Ich habe nur gesagt, daß ich meine Lizenz nicht aufs Spiel setzen will. Von Gesundheit habe ich nichts gesagt«, widersprach der Pilot mürrisch. Fingerhut hatte jedoch das Außenmikro so weit heruntergeregelt, daß man den Einwand nicht verste- hen konnte, und fuhr fort: »Trotzdem leben in die- sem Gebiet inzwischen Zehntausende von Menschen, Flüchtlinge aus Bangladesch, Indonesien und Sri Lanka, aus Ländern, deren Küstenregionen in den, letzten Jahren ein Raub der steigenden Ozeane wur- den – aus Mikronesien und von den Malediven, die inzwischen im Meer versunken sind. Sie haben sich freiwillig bereit erklärt, nach Mitteleuropa zu kom- men, um hier gegen die Radioaktivität zu kämpfen und sie zu besiegen. Sie haben das Strahlungsrisiko bewußt auf sich genommen, und sie haben es auf sich genommen, dem ihnen ungewohnt kalten Klima dieser Erdregion zu trotzen. Wie ich Ihnen, meine Zuschauerinnen und Zuschauer, bereits gezeigt habe, kommen diese tapferen Leute mit diesen Herausfor- derungen erstaunlich gut zurecht. Der schlimmste Feind, der sich ihnen hier entgegenstellt, ist jedoch weder die Kälte noch die Radioaktivität, sondern es sind Menschen mit extrem rassistischer Gesinnung, die mit äußerster Brutalität gegen sie vorgehen. Es sind kleine paramilitärische Einheiten, allen voran der ASEN, der Arischen Söhne des Europäischen Nordens, und der KICOBs, einer internationalen ra- dikalen Splittergruppe des in den USA wiederer- starkten Ku-Klux-Clan, der sein Ziel als Namen vor sich her trägt: Kill the Colored Breed. Sie werden finanziell unterstützt von internationalen rassisti- schen Organisationen und – was trotz erdrückender Beweise abgestritten wird – von den mitteldeutschen Flüchtlingsverbänden.« Der Pilot flog im Kreis und hielt angestrengt Aus- schau nach unten. Er war inzwischen ziemlich nervös., »Wenn alles nach Plan verläuft, werden Sie, ver- ehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, heute einige von diesen Verteidigern ihrer Rasse und ihres Vater- landes kennenlernen und eventuell Zeugen eines Ge- sprächs mit einem ihrer Anführer werden.« »Sehen Sie da vorn?« rief der Pilot. »Sie sind da- bei, ein Dorf niederzubrennen.« Der Hubschrauber überflog zerstörte Gewächshäu- ser. Die Plastikbespannungen waren aufgeschlitzt, mit Laserschüssen waren große Löcher hineinge- brannt, deren schwarz verschrumpelte Ränder aussa- hen wie die klaffenden Münder von Toten. »Näher ran!« befahl Fingerhut; er fingerte an seinem Steuerkragen und korrigierte den Kurs seiner Drohne. »Ich setze Sie hier ab. Wenn die in Gefechte ver- wickelt sind, riskiere ich, von einer Boden-Luft- Rakete getroffen zu werden. Die sind doch alle ver- rückt. Die sind krank, sage ich Ihnen.« »Haben Sie gehört, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer? Wir sind hier in Gefahr, von einer Bo- den-Luft-Rakete getroffen zu werden …« »Sagte ich doch.« »Was meinen Sie mit krank?« »Dieses Virus, mit dem sie sich gegenseitig an- stecken, diese Blödmänner. Beim Geschlechtsver- kehr oder bei ihren hirnrissigen Ritualen. Blutsbrü- derschaft, Treue bis in den Tod … Was weiß ich? Sagt man jedenfalls.«, »Sie sind also der Meinung, daß diese Leute infi- ziert wurden?« »Ich habe ein Signal!« rief der Pilot; sein schmales Gesicht in dem schwarzen Ganzschalenhelm war blaß. »Gut«, sagte Fingerhut und deutete nach unten. »Landen Sie!« »Da drüben sehe ich Bewegung.« Der Pilot wies auf eine Baumgruppe. »Das wird das Kommando sein. Geben Sie das verabredete Zeichen.« »Habe ich schon.« »Und holen Sie mich in drei Stunden wieder hier ab«, befahl Fingerhut und blickte auf den Monitor an seinem Gerätekragen. »Achtzehndreißig. Okay? Spä- ter ist das Licht nicht mehr zu gebrauchen. Acht- zehndreißig. Haben Sie verstanden?« »Verstanden, Mister.« Fingerhut war kaum herausgeklettert, als der Pilot die Maschine auch schon wieder hochzog und be- schleunigte. Es waren zwei Jungen, nicht älter als fünfzehn oder sechzehn. Sie trugen grün-braune Tarnanzüge und schwarze Skimasken mit der geballten Faust, dem ASEN-Logo, auf der Stirn. Jeder hatte eine LasGun in der Armbeuge liegen. Sie bedeuteten dem Reporter mit einem Kopfnicken, ihnen zu folgen. Die Kameradrohne schwebte unschlüssig über ihnen. Durch das Sirren der Minirotoren aufmerksam ge-, worden, blickte einer der jungen Männer nach oben und hob seine Waffe. »Nicht!« heulte Fingerhut auf. Der Junge ließ die Waffe sinken. »Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer …« »Schnauze!« sagte der andere. »Hören Sie …« »Ich sagte Schnauze!« Fingerhut breitete die Hände aus. »Okay, okay. Ganz ruhig, meine Herren«, mur- melte er. * Der Rudelführer schob die Stiefelspitze unter die Hüfte der Leiche und drehte sie auf den Rücken. Die magere Brust des Mannes war eine verschmorte, schwarz eingeschrumpelte Masse. Aus unmittelbarer Nähe mußte der Laserschuß auf ihn abgefeuert wor- den sein. Die Augen des Toten waren schreckgewei- tet. Der zum Schrei geöffnete Mund ließ den grauen- haften Schmerz des Mannes erahnen. Er hatte ein lückenhaftes Gebiß; seine langen gelbbraunen Schneidezähne ragten fast waagrecht unter der dunk- len, lederigen Oberlippe hervor. Vermutlich war er der Dorfälteste oder Sprecher der Siedler gewesen. Das Zeichen seines Amtes, einen langen geschnitzten Stab, hielt er auch im Tod noch in der Hand., Fingerhut zoomte die Wunde heran und ging dann mit einem Schwenk auf das Gesicht. Er hielt den Kopf gesenkt und biß die Zähne zusammen, um den zielführenden Sensor seiner Schulterkamera ruhig zu halten. Auf einen Kommentar verzichtete er. Die Bilder sprachen für sich. »Sie wollten doch ein Action-Interview, wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Fingerhut«, sagte der Rudelführer mit seiner hellen, jugendlichen Stimme. Er betonte den Namen, schien ihn lustig zu finden. »Haben Sie auch einen Namen, Herr Rudelfüh- rer?« fragte Fingerhut und ärgerte sich, daß seine Stimme vor Anspanung etwas schrill, fast ein wenig piepsig klang. Wie ein Anfänger, sagte er sich. Wie ein blutiger Anfänger! Aber der Kerl jagte ihm wirk- lich Angst ein. Unberechenbar. Ein Psychopath. »Der tut hier nichts zur Sache«, sagte der Rudel- führer. »Wir dienen alle einer größeren Aufgabe.« Sein Blick richtete sich in eine unbestimmte Ferne. Fingerhut hatte ihn ganz nahe und im Profil. Er hatte ein weiches, fast bartloses Gesicht, tief sonnenge- bräunte Haut und sehr kurz geschorenes Kraushaar – weißblond gefärbt. Der Rudelführer wies auf die fast niedergebrann- ten Häuser ringsum. Es war windstill. Der Rauch stieg fast senkrecht auf. Das Holz der herabgestürz- ten Dachbalken prasselte und knackte., »Wir sind das reinigende Feuer«, sagte er in seiner gedehnten Sprechweise, als stünde er unter Drogen, doch seine Augen blitzten kalt und wachsam, und seine Gesten waren sanft und präzise. »Wir rotten den Wildwuchs aus, das Niedere. Wir tilgen das Überflüssige aus, das Nichtsnutzige.« »Ach ja. Und die Entscheidung, was von Nutzen ist und was überflüssig, die treffen Sie.« »Es ist die Vorsehung, die uns zu Wissenden macht. Die Großen von oben haben uns auserwählt, die Erde für ihre Ankunft vorzubereiten. Sie haben, wie ich sehe, keine Ahnung, Mister Fingerhut. Aus der Asche wird das Neue erstehen, eine neue, größe- re Welt. Haben Sie je Blavatsky gelesen? Helena Pe- trowna Blavatsky? Oder Gurdjiefï? Nie gehört, wie?« Er nickte spöttisch. »Aber Aleister Crowley müßten Sie doch wenigstens kennen. Oder Bulwer- Lytton. Engländer wie Sie. Sie sind doch Engländer. Oder sind Sie Amerikaner?« »Amerikaner.« »Schafft ihn weg!« rief der Rudelführer den bei- den jungen Männern zu und deutete auf den Erschos- senen. Erst jetzt fiel dem Reporter auf, daß der Mann elegante Handschuhe aus feinem taubengrauem Wildleder trug. Weshalb trägt er Handschuhe? fragte sich Fingerhut. Scheut er sich, diese Welt zu berüh- ren, bevor sie nicht von allem »Niederen« gereinigt ist? Blavatsky. Gurdjieff. O ja, er kannte sie. Nicht, ihre Werke, aber ihre Namen. Und ihre paranoiden Ideologien. Von Sebottendorf, Jörg Lanz von Lieben- fels, Guido von List, Hanns Hörbiger und wie diese protofaschistischen Mystiker des Übermenschentums und der Welteislehre alle hießen, die Anfang des vo- rigen Jahrhunderts nicht nur die kleinen Geister eines Hitler oder Heß vernebelt, sondern ganz Europa mit dem Dunst ihrer abstrusen Ideen verpestet hatten. Wa- ren sie hier und jetzt wieder auferstanden? Zwei der jungen Leute packten den Leichnam an den Füßen und zerrten ihn quer über die Straße. Es war, als schüttle der alte Mann in einem letzten Auf- wallen von Protest den Kopf, während er über den Asphalt geschleift wurde. In einem Vorgarten hatten sie mit einer Planier- raupe ein flaches Grab ausgehoben. »Gott der Ge- rechte«, flüsterte Fingerhut entsetzt, als er sah, daß dreißig oder funfunddreißig Leichen darin lagen – Alte, Junge, Männer, Frauen, Kinder, wahrscheinlich alle Bewohner der kleinen Siedlung. Ihm zitterten die Knie, während er die Kamera auf die Toten richtete. Er brachte die Drohne in zehn Metern Höhe in Posi- tion und kontrollierte auf dem Monitor die Totale. Der Rudelführer sah ihm lächelnd dabei zu. Er war kein großer Mann, aber ungewöhnlich schlank, und die enganliegende schwarze Uniform mit den silber- nen Fäusten auf den Kragenspiegeln machte ihn noch größer. Die Uniformjacke trug er über dem schwar-, zen Hemd aufgeknöpft. Im Hosenbund hatte er eine alte Faustfeuerwaffe stecken, mit der man Explosi- onsmunition verschießen konnte. Er ist stolz auf die- ses abgeschmackte SS-Image, sagte sich Fingerhut, dieses Klischee eines Nazi-Schergen, das wir ihm aus Hollywood geliefert haben. Vor einem Schuppen in der Nähe stand die gelb- lackierte Planierraupe, mit der man das Massengrab gescharrt hatte. Das Gebäude war als einziges noch nicht niedergebrannt worden, doch das Reetdach schwelte bereits. Aus dem Innern waren Schreie zu hören. Sie haben also doch nicht alle umgebracht, sagte sich Fingerhut. Vielleicht haben sie ein paar von den Kindern verschont. »Sind die noch nicht fertig mit denen da drinnen?« rief der Rudelführer. Zorn und Verachtung lagen in seiner Stimme; er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Bringt sie endlich raus und macht Schluß!« Und an Finger- hut gewandt sagte er: »Jungen Wölfen muß man ge- legentlich Fleisch zum Reißen geben, sonst verlieren sie ihre natürlichen Instinkte.« Drei junge Männer zerrten zwei Mädchen ins Freie. Man hatte ihnen die Kleider vom Leib geris- sen. An ihren Schenkeln klebte Blut. Sie schleppten die Mädchen hinüber zum Rand des Massengrabs. Beide waren sie zu geschwächt und benommen, um zu begreifen, was mit ihnen geschah., Fingerhut zitterte am ganzen Leib. »Tun Sie es nicht!« rief er schluchzend. »Bitte, tun Sie es nicht! Ich schalte die Kameras aus. Gott im Himmel, tun Sie es nicht!« Niemand kümmerte sich um seinen Protest. Zwei der jungen Männer hielten die Mädchen fest, wäh- rend der dritte ungerührt die Las-Gun pumpte, sie an den Hinterkopf hielt und abdrückte. Erst bei der ei- nen, dann bei der anderen. Der Schädel schien von innen her zu erglühen, bevor er in einem fächerför- migen Dampfschwall explodierte und der enthaupte- te Körper in die Grube stürzte. Der Gestank von verbranntem Haar stieg Finger- hut in die Nase. Sein Magen rebellierte. Er biß die Zähne zusammen, konnte aber nicht verhindern, daß Erbrochenes aus seinem Mund quoll und den Geräte- kragen besudelte. Er wischte es mit der Hand weg und schluckte krampfhaft. Ihm drohte das Bewußt- sein zu schwinden. Taumelnd drehte er sich um und bemerkte, daß der Rudelführer ihn lächelnd musterte. »Sie haben vergessen, Ihre Kameras abzuschalten, Fingerhut«, sagte er sarkastisch mit herabgezogenen Mundwinkeln. »Ich sehe, auch Sie erfüllen Ihre Pflicht mit – Leidenschaft.« »Ich verabscheue Sie, Kommandant. Und ich ver- abscheue zutiefst, was Ihre Leute hier getan haben. Ich hoffe, daß Sie gefaßt, nach Den Haag gebracht und vor den Internationalen Gerichtshof gestellt wer-, den. Eine halbe Milliarde Zuschauer auf der ganzen Welt ist auf meinen Satelliten geschaltet. Alle sind sie Zeugen dieser beiden Morde, dieser scheußlichen Bluttat geworden, und sie werden gegen Sie aussa- gen. Deshalb – und nur deshalb – habe ich die Kame- ras nicht ausgeschaltet …« »Reden Sie keinen Stuß, Fingerhut! Nicht deshalb haben Sie Ihre Kameras weiterlaufen lassen, sondern weil Sie genau wissen, daß Sie jetzt vielleicht mit einer Milliarde Zuschauer rechnen können. Und ich auch. Natürlich müssen Sie jetzt vor Ihren Zuschau- ern den Empörten mimen. Aber Sie verstehen nichts, Fingerhut. Glauben Sie allen Ernstes, dieses blutige Geschäft macht uns Spaß? Es ist eine widerwärtige und schmutzige Pflicht!« Die Handschuhe, dachte Fingerhut. Er trägt ele- gante, weiche, taubengraue Wildlederhandschuhe. Sauber und makellos. Der Rudelführer legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter. »Fingerhut«, sagte er. »Ein komischer Name.« »Sie meinen – lustig?« »Ich meine – jüdisch.« »Meine Vorfahren waren Deutsche.« Der Rudelführer drückte ihn an sich und murmel- te: »Was heute so alles als deutsch durchgeht.« Und er führte ihn hinüber an den Rand des Mas- sengrabs. Fingerhut konnte nicht verhindern, daß er, in der Umarmung haltlos zitterte. »Sie wollten wissen, welche Botschaft ich für die Welt habe? Hier, Fingerhut, zoomen Sie sich die Ge- sichter heran, soweit sie überhaupt noch welche ha- ben. Wie viele Zuschauer, sagten Sie?« »Eine halbe Milliarde, weltweit.« »Wunderbar. Vielleicht sind es inzwischen schon zwei Milliarden. Zeigen Sie ihnen das! Zeigen Sie ihnen, was sie erwartet, wenn sie hierher kommen! Und zeigen Sie ihnen, wer sie erwartet! Das ist unse- re Botschaft.« Und mit seinem makellosen Handschuh wies der Rudelführer in die Runde. Ein Massengrab voller Leichen. Brennende Hütten im Hintergrund. Davor junge Männer, Kinder fast. Ein elender Haufen, martialisch herausgeputzt, jäm- merliche Klischees nachäffend. Die schreckliche Ba- nalität der Gewalt. »Das ist unsere Botschaft«, wiederholte der Rudel- führer, zog seine Pistole aus dem Hosenbund und schoß Fingerhut in den Hinterkopf. Das Explosivge- schoß trat an der rechten Schläfe aus und riß eine faustgroße Bresche. Er hielt Fingerhut am Geräte- kragen fest. Die grünen LEDs zeigten an, daß die Optiken und der Übertragungscomputer weiterarbei- teten, während der Körper des Reporters zwei, drei Schritte auf der Stelle tänzelte und dann erschlaffte. Der Rudelführer schob die Pistole zurück in den, Hosenbund und zerrte mit den Fingern das Steuerim- plantat aus der Schläfenwunde des Reporters. Es schien sich zurück in die schützende Höhlung des Schädels flüchten zu wollen. Mit einem Ruck riß der Rudelführer das Gebilde heraus. Silberne Tentakel bewegten sich und schlangen sich um sein Handge- lenk. Er roch daran, schleuderte es angewidert zu Boden und zertrat es mit dem Stiefelabsatz. Die An- zeigen an dem Gerätekragen, die auf Rot gewechselt hatten, erloschen. Der Rudelführer ließ Fingerhut los, und der Leichnam des Reporters stürzte kopfüber in die Grube. Die Kameradrohne, die bisher lautlos in etwa zehn Metern Höhe gearbeitet hatte, schien plötzlich Schwierigkeiten mit der Steuerung ihrer Gyroskope zu haben. Sie brummte mit schlenkernder Optik hin und her wie eine zornige Hornisse, bis sie schließlich mit einem schrillen Kreischen herabstürzte und sich in den Leichenhaufen bohrte. Ein paar der Jungen lachten. Dann warfen sie Holz, Stroh und zerbrochene Möbel in die Grube und setzten den Haufen mit ein paar Laserschüssen in Brand. Dunkler Rauch wallte auf. Der Rudelführer hielt den blutbeschmierten Handschuh vor Mund und Nase und befahl den Abzug. Die Polizei erschien erst eine Stunde später. Ob- wohl das Gebiet sofort weiträumig abgesperrt wor- den war, konnte das ASEN-Kommando entkommen., Längst vor der Polizei waren Schaulustige und ein paar Reporter vor Ort, die den Mord an dem bekann- ten TV-Berichterstatter im Fernsehen über Satellit mitverfolgt hatten. Sie machten Holos und Videos von den Ruinen des Dorfes und den halb verbrannten Leichen und empfingen die Polizei mit Pfiffen, höh- nischen Zurufen und Gelächter, als die Mannschaften in Strahlenschutzanzügen aus den Helikoptern spran- gen, die Schaulustigen zurückdrängten und das Areal mit rot-weißen Plastikstreifen abgrenzten. Kurze Zeit später trafen vier Löschzüge der Feuerwehr ein, die ihre Schläuche ausrollten und die letzten rauchenden Balken mit Wasser bespritzten. Die Spurensicherung mußte abgebrochen werden, als die Dunkelheit he- reinbrach. Als am nächsten Tag die Spurensicherung abge- schlossen war, barg ein Spezialkommando die Lei- chen und verpackte sie in graue Plastiksäcke, die mit einem Hubschrauber ins Gerichtsmedizinische Insti- tut von Magdeburg gebracht wurden. Von Fingerhut war wenig übriggeblieben, aber seine sterblichen Überreste konnten anhand des Gerätekragens seiner TV-Ausrüstung identifiziert werden. Am späten Nachmittag erschienen zwei Lastwagen mit Lade- armen und sammelten die Kadaver der erschossenen Kamele ein. Sie wurden in die TKV Dessau ge- bracht, wo sie eingeäschert wurden. Weder den Beamten von der Polizei und der Ge-, richtsmedizin noch den Männern vom Technischen Hilfswerk fiel der junge Mann auf, der seit dem Morgen das Gelände sondierte, die verschiedenen Tatorte genau vermaß und mit Hilfe eines Wristtops eine exakte Planskizze über den Hergang des Massa- kers erstellte. Er hätte auch schwerlich jemandem auffallen können, denn er war ein Krake. Er trug ei- nen Tarnanzug der Speziellen Eingreiftruppe vom Amsterdam-Tunnel, eine mit optischen Mikroele- menten beschichtete Kleidung, die von den NNT- Labors in Kobe entwickelt worden war. Sie nahm automatisch in Farbe und Struktur das Aussehen des Hintergrunds an, vor dem ihr Träger sich befand. Er hätte sich zwei Meter von einem in seine Richtung blickenden Passanten entfernt vor einer Hauswand, einem Baum oder einem Zaun aufhalten können, er wäre völlig unsichtbar gewesen – bis auf die Augen natürlich, die zu seiner Orientierung unbedeckt blei- ben mußten. Doch wer hält schon Ausschau nach Augen im Verputz einer Hauswand, der Rinde eines Baums oder den Brettern eines Gatters? Wenn er sich rasch bewegt hätte, wäre einem aufmerksamen Be- obachter eine Art Nachzieheffekt aufgefallen, eine minimale Randunschärfe in Form einer wandernden Welle, hervorgerufen durch eine winzige Verzöge- rung beim Bildaufbau in der Simulation des Hinter- grunds durch das optische System. Da die Männer der Einsatzgruppe vom AT aus-, schließlich allein arbeiten konnten, war diese Tar- nung unerläßlich. Völlig auf sich allein gestellt und häufig mit einem gut bewaffneten und zahlenmäßig überlegenen Gegner konfrontiert, mußten sie prak- tisch aus dem Nichts zuschlagen können. Ihr weiterer Vorteil war, daß sie die Absichten ihres Gegners ge- nau kannten. Das galt selbstverständlich nur für den ersten Zug, das Gambit, denn der zweite fand bereits in einer veränderten Welt statt, einer Alternativwelt, die durch ihr Eingreifen entstanden war. Deshalb mußte das Gambit akribisch geplant und der Erst- schlag so entschlossen und präzise erfolgen wie der erste Schnitt mit dem Skalpell bei einem chirurgi- schen Eingriff. Der alte Dorit van Waalen vom Hendrik-Casimir- Institut für Branenforschung bezeichnete diese Akti- vitäten als »Uitborstelen«, als »Ausbürsten«, »Strie- geln«, die Geschichte »tegen de hären instrijken«, »gegen das Fell bürsten«. Das klang fast zärtlich und traf die Wirklichkeit nur selten. Meist war es eine invasive Operation, bei der in der Regel augenblick- lich Blut floß. Hla Thilawuntha selbst hatte diese kurzfristigen Eingriffe in die Vergangenheit angeregt, bevor er in seine Heimat zurückkehrte. Die meisten Wissen- schaftler am CIA waren skeptisch gewesen, daß un- ter solchen Umständen sich überhaupt Transitionen öffnen würden. Laßt es uns doch einfach versuchen,, hatte Thilawuntha vorgeschlagen, und sie hatten es versucht. Es hatte sich gezeigt, daß Eingriffe in die unmittelbare Vergangenheit, wenn sie hinreichend exakt vorbereitet wurden, sich leichter durchführen ließen als solche in der ferneren Vergangenheit. Die Grenzschicht-Theoretiker am CIA sahen die Erklärung darin, daß die Membranen zwischen Paral- lelwelten, die sich noch nicht weit voneinander ent- fernt hatten, durchlässiger waren als solche zwischen Welten, die schon länger nebeneinander existierten oder sich schon weiter voneinander entfernt hatten. Und diejenigen, die eher in botanischen Kategorien dachten, wie Dirk Straets, sagten: »Ganz klar, ein frischer Sproß läßt sich leichter kappen als ein aus- gewachsener Ast.« So wurde die Eingreiftruppe der Kraken gegrün- det. * »Wenn du einen Trieb abschneiden willst, dann mußt du dir den Zweig erst einmal genau ansehen«, hatte sein Lehrer Dirk Straets ihm während der Ausbil- dung eingeschärft, »und zwar von allen Seiten. Dann mußt du die Schnittstelle festlegen. Laß dir Zeit da- bei. Zeit spielt für uns überhaupt keine Rolle, nur der richtige Zeitpunkt. Der ist das Entscheidende. Und der richtige Ort natürlich. Der richtige Raumzeit-, Punkt. Dann setzt du an, ganz ruhig, und dann – be- herzt und mit Entschlossenheit: schnipp! So ist es zu schaffen.« Also ließ der Krake sich Zeit mit der Ausarbeitung seines Plans. Sorgfältig studierte er die Aufnahmen Fingerhuts: stop, go, Zeitlupe, zurück – wieder und immer wieder; vor allem die Totalen, die dieser mit Hilfe seiner Kameradrohne gemacht hatte. Dann machte er sich an die Ausarbeitung seiner Strategie und eines genauen Zeitplans. Einen Monat später legte er seinen Entwurf der Kommission zur Prüfung vor. Einen weiteren Monat später wurde er vorgela- den. Sein Plan wurde in allen Einzelheiten erläutert; es wurden Einwände erhoben, Verbesserungen ange- regt, und schließlich billigte man sein Vorhaben. Die Aussichten auf eine Transition wurden positiv einge- schätzt. Das Wehrdorf war eingenommen worden, weil die Bewohner durch eine simple List übertölpelt worden waren. Das ASEN-Kommando hatte drei Mädchen aufgelauert; nach der Mittagspause waren sie ohne bewaffnete Begleitung an ihre Arbeit in den Ge- wächshäusern zurückgekehrt, wo sie Pflänzlinge für den Transport mit einer Karawane in den Süden vor- bereiten sollten. Zwei der Mädchen wurden getötet, das dritte hatte man entkommen lassen, und es war erwartungsgemäß ins Dorf zurückgelaufen. Die auf- gebrachten Bauern waren daraufhin bewaffnet in, Richtung der Gewächshäuser ausgerückt und hatten das Dorf schutzlos zurückgelassen. Dann hatte das Rudel gegen die mehrheitlich unbewaffneten Be- wohner, die daheimgeblieben waren – Frauen, Kin- der und Alte –, losgeschlagen und sie massakriert. Auf den Lärm hin hatten die Bauern kehrtgemacht und waren zurückgeeilt. Dabei gerieten sie dann in einen Hinterhalt. Die Aktionen des Kraken mußten also zeitlich ge- nau abgestimmt über ein größeres Gelände verteilt werden. Zunächst galt es, die Mädchen vor dem Tod zu bewahren und damit den Plan der ASEN zu durchkreuzen, ohne daß sie genau wußten, weshalb ihr Einsatz nicht planmäßig verlief. Sodann mußte er den Moment der Unsicherheit und Umstrukturierung nutzen und den Rudelführer ausschalten. Schließlich mußte mit Hilfe der alarmierten Dorfbewohner der Rest des Rudels überwältigt werden. Um nicht vor den Zeitheimischen in Erscheinung zu treten, mußte er also zusätzlich zu seinem persönlichen Einsatz die Regie über den Vorfall übernehmen, um den Hand- lungsverlauf in neue Bahnen zu lenken. Und dann – schnipp! * »Hier ist kein ASEN-Rudel durchgezogen!« schrie der Pilot über den Rotorenlärm hinweg., »Woher wollen Sie das wissen?« schrie Fingerhut zurück. »Diese komischen Viecher da«, erwiderte der Pilot und deutete nach unten. »Die hätten sie alle umge- legt.« Fingerhut blickte hinunter. Auf einer Wiese ent- lang des Bachufers knabberten zottige dunkelbraune Kamele an dem trockenen Gras vom vergangenen Jahr. Längs einer Hecke hatte man Heu für sie ausge- streut, weil sie kaum frisches Futter fanden, doch sie zogen es vor, in den braunen Büscheln nach frischen Trieben zu stöbern. »Weshalb sollten sie diese Tiere töten?« fragte Fingerhut. Der Pilot wandte ihm den Kopf zu und entgegnete: »Das sind Tiere, die nicht hierher gehören. Sie sagen, daß es unnatürliche, völlig degenerierte Tiere sind.« »Sind Sie auch der Meinung?« rief Fingerhut. Der Pilot zuckte die Achseln. »Diese Typen, die das machen, sind doch krank«, bemerkte er kurz angebunden. Fingerhut kontrollierte auf dem Monitor vor sei- nem linken Auge, ob die frei fliegende Kameradroh- ne, die ihnen folgte, die weidenden Kamele gut im Blickfeld hatte. Er griff an seinen Steuerkragen und zoomte eines der Tiere heran. »Sie töten also allen Ernstes diese Kamele, weil sie nicht hierhergehören? Das ist doch ein Witz.«, »Und ihre Besitzer gleich mit«, fügte der Pilot la- chend hinzu. »Hören Sie, Mister, ich setze Sie jetzt hier irgendwo ab.« »Sie fliegen mich zu dem Treffpunkt«, erwiderte Fingerhut bestimmt. »Wenn wir das vereinbarte Si- gnal erhalten, landen wir. So ist es abgemacht.« »Moment! Es war von Wettin die Rede, gleich hinter der Autobahn zwischen Löbejün und Lettwitz«, wehrte der Pilot ab. »Die Autobahn ist die Grenze für Hubschrauberflüge. Inzwischen sind wir über die Saa- le hinweg und fast im Bereich Eisleben. Da im Süden sehe ich schon den Süßen See. Ich darf nicht weiter nach Westen fliegen. Außerdem hat es seit Wochen nicht geregnet. Der Rotor wirbelt so viel Radioaktivi- tät auf, daß zwischen Oslo und Helsinki die Geiger- zähler ticken. Ich bin doch nicht verrückt!« »Ich habe Ihnen eine Menge Geld bezahlt, damit Sie mich in dieses Gebiet bringen«, drohte Fingerhut. »Geld! Geld!« jammerte der Pilot in sächsischem Singsang. »Ich riskiere meine Lizenz, Mister. Das kann ich mir nicht leisten.« Fingerhut schnippte das Mikro vor den Mund. »Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie ha- ben es selbst gehört. Wir fliegen inzwischen über stark radioaktiv verseuchtes Gebiet. Wir sind in der sogenannten Todeszone. Der Pilot weigert sich, tiefer in das Sperrgebiet einzudringen; es ist ihm zu ris- kant. Er will seine Gesundheit nicht aufs Spiel set-, zen. Er ist jung. Er will gesunde Kinder zeugen. Das ist ein Argument, das uns einleuchtet und das wir respektieren sollten.« »Ich habe nur gesagt, daß ich meine Lizenz nicht aufs Spiel setzen will. Von Gesundheit habe ich nichts gesagt«, widersprach der Pilot mürrisch. Fingerhut hatte jedoch das Außenmikro so weit heruntergeregelt, daß man den Einwand nicht verste- hen konnte, und fuhr fort: »Trotzdem leben in die- sem Gebiet inzwischen Zehntausende von Menschen, Flüchtlinge aus Bangladesch, Indonesien und Sri Lanka, aus Ländern, deren Küstenregionen in den letzten Jahren ein Raub der steigenden Ozeane wur- den – aus Mikronesien und von den Malediven, die inzwischen im Meer versunken sind. Sie haben sich freiwillig bereit erklärt, nach Mitteleuropa zu kom- men, um hier gegen die Radioaktivität zu kämpfen und sie zu besiegen. Sie haben das Strahlungsrisiko bewußt auf sich genommen, und sie haben es auf sich genommen, dem ihnen ungewohnt kalten Klima dieser Erdregion zu trotzen. Wie ich Ihnen, meine Zuschauerinnen und Zuschauer, bereits gezeigt habe, kommen diese tapferen Leute mit diesen Herausfor- derungen erstaunlich gut zurecht. Der schlimmste Feind, der sich ihnen hier entgegenstellt, ist jedoch weder die Kälte noch die Radioaktivität, sondern es sind Menschen mit extrem rassistischer Gesinnung, die mit äußerster Brutalität gegen sie vorgehen …«, Der Pilot flog im Kreis und hielt angestrengt Aus- schau nach unten. »Wenn alles nach Plan verläuft, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, werden Sie heute einige von diesen Vaterlandsverteidigern ken- nenlernen und eventuell Zeugen eines Gesprächs mit einem ihrer Anführer werden.« »Hier sind keine ASEN durchgekommen!« rief der Pilot. »Sieht alles ganz friedlich aus. Kein Rauch, nichts.« »Sind wir auch wirklich in der richtigen Gegend?« fragte Fingerhut verdrossen. »Wofür halten Sie mich, Mister?« »Hm.« Das lief auf eine Luftnummer hinaus; dabei hatte er die Reportage seit Tagen groß angekündigt. Ver- dammte Scheiße! »Haben Sie immer noch kein Signal?« »Nein, ich habe kein Signal. Aber irgend etwas scheint in dem Dorf da vorn los zu sein.« »Was meinen Sie damit? Was sehen Sie?« fragte Fingerhut. »Die Bauern sind nicht bei ihrer Arbeit, sondern stehen auf der Straße herum. Da liegen auch ein paar Gestalten auf dem Boden, vielleicht Verletzte oder Tote. Da muß etwas passiert sein. Ich erkenne einen Hubschrauber vom Rettungsdienst, der auf dem Dorfplatz steht.« »Dann fliegen Sie mich, um Himmels willen, end-, lich hin!« schrie Fingerhut. »Landen Sie auf dem Dorfplatz oder irgendwo ganz in der Nähe. Beeilen Sie sich!« Als der Helikopter landete, war er im Nu von ei- nem halben Dutzend dunkelhäutiger junger Männer umstellt. Flinten und gespannte Armbrüste waren auf die Pilotenkanzel gerichtet. Die Leute schienen alle sehr aufgeregt zu sein und schrien laut durcheinan- der. Der Dorfälteste – er trug als Zeichen seiner Würde einen langen beschnitzten Stab – bedeutete dem Piloten, den Motor abzustellen. »Wer sind Sie?« rief er und hob den Stab über den Kopf. »Was wollen Sie?« Er bleckte lange gelbe Zähne, die waagrecht unter seiner Oberlippe hervorstanden. »Ich bin Fingerhut. Ich berichte von der Situation hier. Weltweit. Über Satellit.« »Ja«, sagte der Alte. »Ja, tun Sie das. Wir wurden überfallen.« »Von wem?« Der alte Mann breitete die Arme aus. Das Dach eines Hauses hatte offenbar gebrannt, war aber gelöscht worden. Es hatte auch Verwundete gegeben, die von dem Notarzt und seinen beiden Helfern versorgt wurden. Fingerhut sah bei den Dorfbewohnern ein paar schlimme Verbrennungen durch Laserschüsse. Er drängte sich mit geübten Be- wegungen nach vorn und zoomte sich die Verletzten, heran, während er aus dem Augenwinkel die Totale der Drohne überwachte. »Pech, Mister Fingerhut«, sagte eine heisere Stimme neben ihm. Auf der Trage vor dem Ambulanzhubschrauber lag ein schlanker junger Mann in einer schwarzen Uniform. Er hatte sehr kurz geschnittenes Kraushaar, das weißblond gefärbt war, und ein schmales, son- nengebräuntes Gesicht, das von den Schmerzen, un- ter denen er litt, grau wirkte. Er hing am Tropf einer Blutkonserve. Man hatte ihm den Brustteil seiner Uniformjacke und des schwarzen Hemdes wegge- schnitten und seine Brust mit blutstillenden Kom- pressen bedeckt, dazwischen ragten die Schäfte zweier Metallpfeile heraus, die seine Lungen durch- bohrt hatten. Sein schmaler Brustkorb hob und senk- te sich in heftigen Stößen. Sein Atem ging rasselnd. »Ich hatte Ihnen ein Action-Interview für Ihre Zu- schauer versprochen«, keuchte er, »aber es ist wohl nichts daraus geworden.« »Bitte sprechen Sie nicht mit ihm«, sagte der jun- ge Arzt und versuchte Fingerhut zurückzudrängen, doch der, den Nacken in den Gerätekragen geduckt, stand wie festgewurzelt und war keinen Millimeter zu bewegen. »Ich habe nur ein paar Fragen«, drängte er. »Tut mir leid. Das kann ich nicht dulden.« »Lassen Sie ihn, Doktor. Ich hab’s ihm verspro-, chen«, sagte der Rudelführer. »Und was biete ich ihm nun? Nicht einmal einen Heldentod.« Er kicherte. Schaumiges Blut quoll ihm aus dem Mundwinkel. Mit seinem taubengrauen Wildleder- handschuh wischte er es ab, dann hielt er ihn vors Gesicht und betrachtete verwundert die Blutschmie- rer darauf. Weshalb trägt er Handschuhe? fragte sich Finger- hut und machte ein Makro davon. Er sah, daß das Licht nachließ und die Farbtemperatur nicht mehr ganz stimmte. Das Taubengrau hatte einen Blaustich, und das Blutrot changierte ins Schwarze. Er haßte diese Unzulänglichkeiten der Technik. »Nicht einmal ein totes Kamel kann ich Ihren Zu- schauern bieten«, sagte der Rudelführer. »Weshalb töten Sie diese Tiere?« fragte Fingerhut. Der Rudeltührer lachte und keuchte vor Schmerz, als seine Brust sich bewegte. »Ich werde es Ihnen verraten. Haben Sie sich mal die Physiognomie eines Kamels oder Dromedars ge- nau angesehen, Fingerhut? Es sollen die Abkömm- linge der Juden sein, die nicht mit Mose ausgezogen sind, weil sie ihre Gründe hatten, in Ägypten zu blei- ben.« »Witzig.« »Nicht von mir. So etwas kann nur ein Jude erfin- den«, murmelte der Rudelführer; er schloß für ein paar Sekunden die Augen und atmete flach., »Bitte lassen Sie ihn. Er ist sehr geschwächt«, sag- te der Arzt. »Ich kann ihm die Pfeile nicht entfernen. Er würde sonst noch mehr Blut verlieren. Wir haben keine Konserve mehr für ihn, denn er hat Blutfakto- ren, die man hier in Nordeuropa selten findet. Wir müssen ihn nach Magdeburg in die Klinik bringen. Ich habe einen Helikopter angefordert.« »Haben Sie den Mond gesehen heute nacht, Fin- gerhut?« fragte der Rudelführer. »Er ist größer ge- worden.« »Es ist Vollmond.« Der Rudelführer hob matt die Hand. »Nein, Sie verstehen nicht. Er ist größer gewor- den. Er nähert sich der Erde. Eine neue Zeit bricht an. Die Zeit des hohen Mondes ist vorbei. Nun muß Raum geschaffen werden für den neuen Menschen, eine neue Menschenrasse. Das Kleinzeug ringsum muß verschwinden. Wir ASEN sind auserwählt, den Boden für die neue Rasse vorzubereiten.« Blavatsky, Gurdjieff, von Liebenfels, von Sebot- tendorf, Haushofer, Crowley, Bulwer-Lytton – er steckt bis oben hin in diesem mystischen Sumpf aus Welteislehre und Übermenschentum, dachte Finger- hut. Diese hirnrissigen Phantasien, immer und immer wieder. »Sie haben nichts begriffen, Fingerhut«, fauchte der Rudelführer und hob den Kopf. »Geben Sie’s zu. Nichts.«, »Was habe ich nicht begriffen?« »Daß wir nur Dreck am Stiefel derer sind, die nach uns kommen werden. Sie – und ich.« »Er halluziniert«, sagte der Arzt. »Er halluziniert nicht«, erwiderte Fingerhut seuf- zend. »Ich hab’s versucht, aber gegen einen Kraken hat man keine Chance«, sagte der Rudelführer. »Wogegen?« »Er kennt deine Absichten genau. Er ist dir einen Schritt voraus. Aber nur einen. Beim zweiten schon hast du eine Chance – theoretisch. Da kannst du ihn vielleicht erwischen und besiegen. Aber du mußt viel Glück haben.« »Er halluziniert«, sagte der Arzt. »Ich weiß nicht«, sagte Fingerhut. »Wovon spricht er?« Fingerhut breitete die Hände aus. »Eine Legende«, sagte er. »Keine Legende«, flüsterte der Rudelführer er- schöpft. »Sie kommen aus der Zukunft.« »Ich dachte, die Zukunft gehört den Übermen- schen«, gab Fingerhut zu bedenken. Der Rudelführer runzelte die Stirn und warf Fin- gerhut einen stumpfen, etwas fiebrigen Blick zu. Er schien angestrengt nachzudenken. »Das ist es, was mich verwirrt«, sagte er leise, und nach einer Pause fuhr er fort: »Goebbels hat gesagt, unser Ende wird, das Ende des Universums sein. Wenn wir sterben – wir, die wir an den Übermenschen glauben –, dann hat das Universum keine Zukunft. Sie brauchen uns, damit wir ihnen den Weg bereiten.« »In diesem Universum möchte ich nicht leben«, sagte der Reporter. Der Rudelführer lachte und verzog vor Schmerz das Gesicht. »Dieser Sorge hätte ich Sie enthoben, Fingerhut.« Er wischte sich mit dem blutbesudelten Hand- schuh die Stirn. »Lassen Sie ihn jetzt bitte in Ruhe«, sagte der Arzt. »Seht ihr die Augen dort?« rief der Verwundete und deutete auf die Hauswand; sein fiebriger Blick huschte hin und her. »Er bewegt sich.« Fingerhut und der Arzt wandten sich um, konnten aber nichts entdecken. »Der Krake«, ächzte der Rudelführer. »Er kann mich nicht täuschen. Er ist ganz in der Nähe. Ich spüre ihn.« Der Arzt lud seine Injektionspistole, hielt sie dem Rudelführer an den Hals und drückte ab. »Tut mir leid«, sagte er. * »Was hat es eigentlich mit dieser Krankheit auf sich, an der diese ASEN angeblich leiden?« fragte Finger-, hut, als sie an der Reihe der Gefangenen entlanggin- gen, die man gefesselt Seite an Seite im Gras neben der Straße aufgereiht hatte. Man hatte ihnen die Ski- masken vom Kopf gezogen. Kindergesichter waren darunter zum Vorschein gekommen. Einige waren völlig apathisch; einer weinte, ein anderer spuckte trotzig in Richtung Kamera. Er erntete dafür einen Fußtritt von einem der Bauern, die sie bewachten. »Sie meinen das Fenris-Virus?« fragte der Arzt. »Manche nennen es ein Indoktrinationsvirus. Ich hal- te das nicht nur für eine irreführende, sondern auch für eine gefährliche Bezeichnung. Man weiß noch zu wenig darüber. Es sei HIV-ähnlich, sagen die Immu- nologen von der Charité, gleiche Verbreitungswege: Blut, Sperma. Möglicherweise ist es ein gentechni- sches Produkt, mit voller Absicht geschneidert. Bei den sogenannten Blutriten infizieren sie sich bewußt damit. Kameradschaftstreue, Blutsbrüderschaft … sie sitzen diesem mystischen Blödsinn auf« »Und die Symptome?« »Das Virus überwindet die Hirnschranke und be- fällt den Nucleus caudatus und den Hippocampus. Es wirkt lähmend auf die Amygdala, das Angstmodul im limbischen System. Furchtlosigkeit ist die Folge. Das heißt, die Angstschwelle wird herabgesetzt, und die sozialen Verhaltensmuster werden unterdrückt. Das Ergebnis sind Kadavergehorsam, Todesverachtung und eine entsetzliche Erbarmungslosigkeit.«, »Wer, um Himmels willen, setzt so etwas in die Welt?« fragte Fingerhut. Der Arzt zuckte die Achseln. »Bestimmte Kreise des Militärs werden sicher ent- zückt darüber sein.« »Gibt es eine Therapie?« fragte Fingerhut. »Puh – allenfalls in Ansätzen. Keine Medikation bisher, das wird dauern. Man arbeitet sozusagen mit dem Holzhammer. Ausbrennen, buchstäblich. Der Infizierte muß mindestens achtzig Stunden bei einer Körpertemperatur von 42 Grad gehalten werden. Das bringt die meisten um. Aber die Jungs hier« – er wies auf die Reihe der Gefesselten – »scheinen stark und gesund zu sein. Ein paar werden es sicher überle- ben.« Das Geräusch eines anfliegenden Helikopters war zu hören. Er setzte neben den beiden anderen zur Landung an. Die Kanzel war mit einem roten Kreuz bemalt. Zwei Männer sprangen heraus und schoben die Trage mit dem Rudelführer hinein. Der Arzt eilte hin und gab ihnen Anweisungen. Dann stiegen drei Männer und eine Frau aus dem Dorf zu, die Brand- verletzungen davongetragen hatten. Als die Maschine gestartet war, kam der Arzt zu Fingerhut zurück. »Eine Bemerkung am Rande«, sagte er, »falls es Sie interessiert.« »Mich interessiert alles.«, »Die Blutanalyse von diesem Patienten …« »Diesem Rudelführer?« »Ja. Seine Allele, die Form seiner HLA-Gene für die Immunabwehr, deuten auf einen seltenen Enzym- Gendefekt hin. Man bezeichnet ihn als Mutation A des G6PD-Gens.« »Und was heißt das?« »Der Mann hat seine rassischen Wurzeln eindeutig im südlichen Afrika. Herero, würde ich sagen.« »Oho! Ich hielt es für Sonnenbräune.« Der Arzt lächelte triumphierend. Fingerhut sah, daß er älter war, als er auf den ersten Blick ange- nommen hatte. »Vielleicht Deutsch-Südwest«, sagte er. Fingerhut nickte. »Soll vorkommen.« * Der Bach gluckerte. Langes graues Gras vom letzten Jahr hing von den Ufern. Es war noch früh im Jahr, doch die letzten Schneereste an den schattigen Stel- len waren inzwischen verschwunden. Die Erlen und Pappeln träumten noch, vom Winter befangen. Nur die Weiden strahlten in mattem Gold, als sei es her- übergeweht worden von den flüchtigen Gestaden über dem südwestlichen Horizont, in denen die Son- ne früh versank. Der Krake blickte sich um. Die Kamele schnaub-, ten und kollerten; sie stöberten zwischen den Bäu- men nach erstem Grün und zermahlten das Heu, das man ihnen hingeworfen hatte. Manchmal hoben sie den Kopf und blickten zu ihm herüber. Ihre Reaktion ließ jedoch nicht daraufschließen, daß sie ihn wahr- nahmen, daß sie in ihm etwas anderes erblickten als eine alte Weide am Bach. Weshalb sollte eine Kopf- weide keine Augen im Knubbelgesicht unter den Ge- schwülsten ihrer Stirn haben? Eine Elster flog krei- schend auf und schoß davon. Hatte sie seine Anwe- senheit gespürt? Es war wieder ein klarer Tag gewesen. Regen war ausgeblieben. Am Abend würde es Nebel geben. Es war auch ein erfolgreicher Tag gewesen. Dann spürte der Krake, wie das Soliton sich näher- te. Er empfand es wie ein fast unhörbares Knistern in seinem Körper, als ob ein elektrischer Strom die Mo- leküle in ihrer Bewegung beschleunigte. Das Kni- stern steigerte sich zu einem Brausen. Als es ganz nahe war, schloß er die Augen. Und einen Sekun- denbruchteil später war da nur noch die Weide.,

VII PRINZESSIN BRAMBILLA

»FÜR UNS GLÄUBIGE PHYSIKER HAT DIE SCHEI- DUNG ZWISCHEN VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT NUR DIE BEDEUTUNG EINER – WENN AUCH HARTNÄCKIGEN – ILLUSION.« Albert Einstein »Bist du sicher, daß das kein Gefängnis ist?« fragte ich Luigi, als das Tor in dem hohen Gitterzaun klik- kend vor mir aufsprang. »Es ist das Bahnhofshotel, Domenica«, klärte er mich in seiner humorlosen Art auf. Das stand auch auf einem vornehmen Messing- schild neben dem Eingang. Offenbar hatten mir meine persönlichen Daten Einlaß verschafft. Mein Reisechip im IKom hatte meine Ankunft signalisiert. Das Hotel wirkte aber eher wie eine Batterie Schließfächer für sperriges Gepäck, denn es bestand aus einer Ansammlung von weißlackierten Wohncontainern, die man nebenein- ander angeordnet hatte. Eine zweite über Gittertrep- pen und Laufstege aus Metall erreichbare Lage war darübergestapelt. »Gibt es hier keine Rezeption?« fragte ich bang, als die Gittertür hinter mir mit einem satten Klank einrastete., »Nein, aber ich stehe mit einer KI in Verbindung; sie übt diese Funktion aus«, sagte Luigi. Ich hatte es also mit einer dieser High-Tech-Bewahranstalten zu tun, mit denen die Chinesen die Welt überschwemm- ten. Hier begegnete man allenfalls anderen Gästen, Personal gab es nicht. Schon sehnte ich mich nach dem Hotel Altstadt am Rudolfskai und Herrn Robla- cher zurück, obwohl mir die Gespenster von Salz- burg noch immer kalt im Nacken saßen. Die Nummer 024 lag im ersten »Stock«. Ich muß- te meine beiden smarten Reisetaschen selbst hinauf- schleppen, denn sie gehörten nicht zu den geländegän- gigen Modellen. Meine Besorgnis, in der Röhre Platz- angst zu kriegen, erwies sich als unbegründet. Die hel- len Farben, indirekte Beleuchtung und raffiniert an- gebrachte Spiegel wirkten jedem Anflug von Klau- strophobie entgegen. Ich hatte den Eindruck, mich in der Kabine eines modernen Kreuzfahrtschiffes zu befinden. Die Unterkunft war geräumig. Mir stand ein Wohnzimmer zur Verfugung, ein geräumiges Schlafabteil für zwei Personen und ein Bad mit WC. »Kann man hier irgendwo etwas zu essen krie- gen?« fragte ich Luigi. »Es gibt einen Service durch Restaurants in der Nähe. Darf ich dir etwas bestellen?« »Laß gut sein, Luigi.« Ich hatte mir in Ulm vor- sichtshalber ein paar Sandwiches gekauft; das reichte mir für den Abend., * Mitten in der Nacht erwachte ich von einem Ge- räusch, als klettere jemand auf meiner Unterkunft herum. Versuchten Einbrecher die Container zu knacken und die Gäste auszurauben? Waren es Mu- tanten aus der Sperrzone, über die schauerliche Ge- rüchte verbreitet wurden, oder wilde Tiere, die aus den zoologischen Gärten entwichen waren, weil man bei der überstürzten Evakuierung nicht alle hatte tö- ten können? Ich bat Luigi, sich mit der KI in Verbindung zu setzen. Sie versicherte mir, daß ihre Bewegungsmel- der nichts entdecken könnten, daß es sich um ganz natürliche Geräusche handelte, hervorgerufen durch Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht in der Aufhängung der Container und in den Versor- gungs- und Entsorgungsleitungen. »Kann ich dem trauen, Luigi?« »Ich glaube schon.« Ich lauschte bang dem Pochen und Knarren um mich her, wagte es aber nicht, durch die Scheibe an der Tür zu blicken oder gar die Verriegelung zu öff- nen, um nachzusehen. Irgendwann mußte ich dann wieder eingeschlafen sein. Die KI weckte mich mit der Musik eines lokalen Senders. Draußen auf dem Gittersteg polterten, Schritte, dann wurde etwas in die Schleuse an meiner Tür geschoben. Ich stand auf und blickte durch die winzige Linse, die einen Weitwinkelblick erlaubte. Es war bereits Tag. Ich sah einen Mann in einer wei- ßen Uniform, der einen gelben Sturzhelm mit einem Drachenemblem trug – ein Farbiger, der Frühstücks- pakete anlieferte. Er stieg aufsein Elektrofahrzeug und fuhr auf dem Weg vor den Containern entlang. Draußen am Maschendrahtzaun drängelten sich bet- telnde Kinder in zerlumpter Kleidung. Der Mann be- achtete sie nicht. An seiner Hüfte baumelte ein Schlagstock. Wahrscheinlich mußte er seine Fracht verteidigen, wenn er das Gehege verließ. Ich holte den Pappcontainer aus der Schleuse. Er enthielt eine selbsterhitzende Trinknuß mit misera- blem Kaffee, einen schlappen Croissant mit abge- packter Butter Marke »Butterfäßle«, Aprikosenkonfi- türe »Sonniges Reichenau« und eine Papierserviette mit dem Aufdruck einer imposanten Burgruine und dem Schriftzug »O Heidelberg, du Feine« und »Wir wünschen unseren Gästen guten Appetit«. Wer wa- ren »wir«? Ich schüttete den Rest des Kaffees ins Waschbek- ken, stopfte die Trinknuß zu dem übrigen Zeug in den Karton und machte mich nach dem Duschen auf den Weg zum Bahnsteig. Luigi hatte inzwischen mit der KI abgerechnet. Kaum war ich durch das Tor, wurde ich auch, schon von einer Horde Kinder umringt. Ich reichte ihnen den Frühstückskarton. Ein kleiner Kerl entriß ihn mir und rannte wieselflink davon. Ein ganzes Rudel stürmte ihm schreiend hinterher. Einige waren jedoch stehengeblieben und streckten mir unterwür- fig winselnd die Hände entgegen. Weiter entfernt blickten mich ein paar ältere Kin- der lauernd an. Sie alle waren schrecklich schmutzig und verwahrlost, hatten langes wirres Haar, und eini- ge von ihnen wiesen körperliche Gebrechen durch Erbschäden auf. Die Todeszone war nahe. »He! Ihr könnt euch was verdienen, wenn ihr mein Gepäck zum Zug tragt«, rief ich ihnen zu. Sie rea- gierten nicht, starrten mich nur verständnislos an. »Na, dann eben nicht. Ist vielleicht besser so«, murmelte ich, schaltete die Servos meiner Reiseta- schen aus und packte sie mit festem Griff an den Handschlaufen. * Heidelberg war zwanzig Jahre lang Grenzstadt gewe- sen und wurde immer wieder umkämpft. Plünderer, die in das aufgegebene Mannheim und auf linksrhei- nisches Gebiet vorgedrungen waren und geglaubt hatten, nach ihren Raubzügen wieder in den Flücht- lingsströmen untertauchen zu können, um ihre Beute unerkannt in die freien Gebiete zu bringen, hatten bei, ihrer Entdeckung häufig Geiseln genommen und sich Schießereien mit den Grenztruppen geliefert. Der Querbau über den Gleisen war von Granaten zerstört und durch eine Behelfsbrücke aus aufgeschäumtem Karbonplastik ersetzt worden. Rings um den Bahn- hof sah man Ruinen, ausgebrannte Gebäude, die man noch nicht wieder instand gesetzt hatte. Auch auf dem Steg und auf dem Bahnsteig trieben sich Scharen von jugendlichen Bettlern herum, die mir die Hand entgegenstreckten und ihre Mißbildun- gen zur Schau stellten. Ein kleines Mädchen hob mir ihre Hand entgegen. An der Handwurzel ihrer rech- ten entsprang eine zweite winzige Hand, gekrümmt und schwarz wie eine Vogelkralle. Der Zug sollte um sieben Uhr abfahren, aber die Reisenden mußten sich schon um sechs Uhr einfin- den und ihre reservierten Plätze einnehmen. RHEINEXPRESS stand auf den Waggons des schnittigen grauen Gliederzugs, dessen Lackierung arg zerkratzt war. Die Stromabnehmer der beiden Triebköpfe waren heruntergeklappt. Hinten und vorn war je eine Diesellok angekoppelt. Die erste Klasse war kaum besetzt, während sich in den übrigen Waggons die Reisenden drängten. Auf dem Fensterplatz in meinem Abteil hatte sich eine zierliche ältere Dame niedergelassen, die mich mit einem Kopfnicken und einem kurzen prüfenden Blick begrüßte. Sie trug ein hellblaues Leinenkostüm, über einer durchbrochenen weißen Bluse und einen breitkrempigen dunkelblauen Hut, dessen Band mit eurogroßen Metallplättchen besetzt war. An ihrem IKom, das sie am Handgelenk trug, hingen ein halbes Dutzend Spezialmodule wie Ferkel an den Zitzen einer Sau. Die Frau war elektronisch bis an die Zäh- ne bewaffnet. Man hätte daraus schließen können, daß sie eine Bildberichterstatterin oder Filmemache- rin war, auch weil sie ihre aufwendige Ausrüstung nicht verbarg, scheinbar unabsichtlich breitete sie jedoch ihren hellgrauen Schal über die Hand, die in ihrem Schoß ruhte. Ich musterte verstohlen ihr Profil, während sie zum Fenster hinausblickte. Sie hatte eine mit runden Spiegelchen besetzte Brille auf, die mit einklappbaren Monitoren versehen war und kaum Halt fand auf der kleinen Stupsnase. Das Märchen von Prinzessin Brambilla fiel mir ein, die sich mit ihrer Zauberbrille, die es ihr erlaubte, hinter die Wirklichkeit zu blicken, auf die Suche nach ihrem assyrischen Prinzen Cornelio machte. Die Frau wandte sich mir zu und fragte freundlich: »Wie weit fahren Sie?« »Amsterdam«, sagte ich, nicht sonderlich begierig auf ein Gespräch schon am frühen Morgen. »Eine schöne Stadt«, seufzte sie. »Ich war früher häufig dort.« »Jetzt nicht mehr?« fragte ich, eher der Höflichkeit halber., »Wo denken Sie hin? Es ist nicht mehr so einfach für uns Deutsche, ein Visum zu bekommen.« »Als Deutsche brauchen Sie ein Visum für die Niederlande?« »Deutsche brauchen überall ein Visum. Sie könn- ten ja illegale Einwanderer sein oder unerlaubt eine Arbeit suchen. Außerdem gibt es gesundheitspolizei- liche Bedenken – genetische Probleme. Wir Deutsche gelten als genetische Krüppel. Für Ehen mit Auslän- dern brauchen wir ein ganzes Bündel medizinischer Nachweise. In den meisten Ländern bekommt ein Deutscher überhaupt keine Heiratserlaubnis.« »Das wußte ich nicht.« »Sie sind Italienerin, nicht wahr?« fragte die Frau. »Ja«, sagte ich. »Aus Rom.« »Wie gern würde ich wieder einmal nach Italien reisen. Rom, Neapel …« »Nicht ungefährlich«, sagte ich. Sie nickte. »Ich verfolge es in den Nachrichten. Es ist schrecklich. Aber wenigstens Venedig«, sagte sie sehnsüchtig. »Da komme ich gerade her.« »Wie interessant! Stimmt es, daß es bald wieder in altem Glanz erstrahlen wird?« »Oh, ich glaube, das wird noch eine Weile dau- ern.« »Ist es immer noch so schwierig, eine Besuchser- laubnis zu bekommen?«, »Für Sie als Reporterin kann das doch kein Pro- blem sein.« »Reporterin?« fragte sie stirnrunzelnd. Ich deutete mit einem Nicken auf ihre Ausrüstung am Handgelenk. »Ach so«, sagte sie und lächelte. »Früher einmal, ja … Es scheinen endlich alle eingestiegen zu sein. Wir haben das Abteil also ganz für uns«, sagte sie, wobei sie den Blick nach draußen wandte. »Sie ha- ben mit dem Abdichten begonnen.« Arbeiter in signalorangefarbener Kleidung, mit Atemmasken und gelben Bauhelmen auf dem Kopf und Tornistern auf dem Rücken verkleisterten die Ritzen um die Türen mit Schaumstoff. Es roch herb nach Lösungsmittel. »Das machen sie wegen des radioaktiven Staubs, den die Räder aufwirbeln«, sagte Prinzessin Brambilla. Schmutzige Kinderhände patschten gegen die Scheiben. Die Kinder wußten, daß es ihre letzte Chance war, etwas zu ergattern, bevor die Reisenden isoliert waren. »Ich dachte, für die Katastrophenopfer und ihre Hinterbliebenen wird gesorgt«, sagte ich. »Es wird für sie gesorgt. Diese Kinder sind ausge- rissen. Sie wollen sich nicht in Heime einsperren las- sen; offenbar streunen sie lieber herum.« Die kleinen Hände hinterließen Schmierer auf der Scheibe., »Viele von ihnen sind nicht richtig im Kopf«, setz- te sie nach einer Pause hinzu. »Mangelernährung, genetische Defekte. Sie sind wie Tiere. Sprachlos. Man kann nicht mit ihnen reden. Sie verstehen einen nicht.« Ein kleiner agiler Mann in weißen Hosen, roter Uniformjacke und roter Schirmmütze kontrollierte unsere Reisechips. RHEINEXPRESS stand in golde- nen Lettern auf seiner Brusttasche. »Fenster und Türen sind während der Fahrt nicht zu öffnen«, erklärte er. »Das Ein- und Aussteigen auf den Bahnhöfen ist nur durch die gekennzeichnete Tür in der Mitte des Zuges und unter der Aufsicht des Zugpersonals gestattet. Mit Getränken und Mahlzeiten werden Sie während der Dauer der Reise versorgt. Die Caféteria befindet sich in der Mitte des Zuges. In der ersten Klasse wird auch im Abteil ser- viert. Sie brauchen Ihr IKom nur entsprechend an- zuweisen. Ich wünsche gute Fahrt.« Ein paar Abteile weiter schien es kurz darauf zwi- schen Schaffner und einem Reisenden zu einem Dis- put zu kommen. Er kam mit einem finster dreinblik- kenden Mann den Gang entlang. »Tut mir leid, aber die Angabe Ihres Geburtsorts scheint nicht korrekt zu sein«, sagte der Schaffner. »Ich muß das überprüfen.« »Das ist doch Unsinn«, sagte der Mann aufge- bracht. »Ich bin nicht von hier.«, »Wegen des Geburtsorts?« fragte ich die Prinzes- sin kopfschüttelnd. »Was soll das denn?« »Leute, die in der Todeszone geboren sind, erhal- ten keine Reiseerlaubnis«, klärte sie mich auf. »Wahrscheinlich hat er sie zu erschleichen versucht. Das kommt häufig vor.« »Ja, und wenn?« »Es hat immer wieder gefährliche Zwischenfälle gegeben, bei denen uneinsichtige Menschen die Not- bremse gezogen und versucht haben, den Zug zu ver- lassen, um in ihren ursprünglichen Heimatort zu ge- langen. Sie gefährden natürlich alle anderen Reisen- den, wenn sie Fenster zertrümmern oder Türen auf- brechen.« »Und weshalb tun sie das? Ich meine, das ist doch auch für sie selbst höchst gefährlich.« »Manche unterschätzen die Gefahr. Glauben, sie sei inzwischen vorüber. Sie wollen nachsehen, was von ihrem Hab und Gut oder dem Besitz ihrer Eltern noch da ist. Häufig wurden Wertsachen oder Bargeld zurückgelassen. Sie wollen es holen, bevor es Plün- derern in die Hände fällt oder es sich die Sanierer in die Tasche stecken.« Es war sieben Uhr. Der Zug setzte sich pünktlich in Bewegung. Die Kinder rannten neben dem Zug her, als hofften sie immer noch auf Geschenke. Dann blieben sie zurück. Längs der Strecke erstreckten sich verrostete, Bahngleise; Stacheldrahtzäune waren überwuchert von Clematis vitalba und Brombeerranken. Dazwi- schen Abfall, geborstene, zurückgelassene Gepäck- stücke in allen Stadien der Auflösung, verrottete Puppen, Kinderspielzeug, Hausrat – wahrscheinlich war all dies von den Grenzern als verstrahlt aussor- tiert und weggeworfen worden. Verbeulte Schilder warnten eindringlich mit dem Symbol für Radioakti- vität und der Aufschrift ACHTUNG! ENDE DER SICHERHEITSZONE BETRETEN VERBOTEN!

LEBENSGEFAHR

Hinter den Sperranlagen sah ich weitere zerstörte und ausgebrannte Gebäude. Links der Strecke ragte ein Ziegelturm mit einem flachen Kupferdach auf, die Fassade war von Einschüssen zernarbt. Aus einer mannshohen runden Öffnung, die früher wohl eine Uhr enthalten hatte, ragten die Reste einer schweren Laserwaffe hervor. Hier am Rande der Todeszone war am erbittertsten gekämpft worden, erzählte mir die Mitreisende. Vie- le Menschen aus den umliegenden Gegenden be- trachteten die Grenzziehung als Willkür, als behörd- liche Schikane. Und diese kaum verseuchten Gebiete hatten Plünderer natürlich besonders angezogen und, waren deshalb von ihren Bewohnern nur mit sehr rigorosen Maßnahmen zu räumen gewesen, weil sie nicht einsahen, weshalb sie ihre Häuser verlassen sollten, während andere, ein paar Straßen weiter, bleiben durften. Baufällige Wachtürme, ein verlasse- nes, halb überwuchertes Barakkenlager, das sich über mehrere Quadratkilometer erstreckte. Hier hatte man die Flüchtlingsströme aus dem Westen aufgefangen und gefiltert. Hier wurde selektiert. Die stark Strah- lenbelasteten verlegte man in die Feldlazarette von Karlsruhe und Rastatt, wo die – wie hatte Birgit sie genannt? – hoffnungslos Versieverten »endgelagert« wurden. Die anderen durften in den sicheren Süden und Südosten Weiterreisen. »Da hat sich Schreckliches abgespielt«, sagte die Prinzessin. »Die Familien mußten von ihren schwe- rer betroffenen Angehörigen Abschied nehmen; mußten sie zurücklassen. Können Sie sich das vor- stellen?« Ich nickte. Konnte ich mir das wirklich vorstellen? Der Zug rollte durch eine monotone flache Land- schaft. Links erblickte ich ein hohes Gebäude mit einem Pyramidendach. Eine abgeblätterte Fassade mit den Resten eines Gemäldes verkündete: BADI- SCHER WEIN. VON DER SONNE VERWÖHNT. Links tauchte ein Hochhaus auf, in den Boden ge- rammt wie eine zweischneidige Klinge, dann rechts ein behäbiger Palast aus rostbraunem Sandstein mit, dreieckigen Giebeln über den Fenstern und einer steinernen Balustrade auf den Dächern der wuchtigen Türme auf beiden Seiten. Das Weiß um die Fenster leuchtete frisch. Auf die Betonwänden längs der Bahnstrecke wa- ren franzosenfeindliche Parolen gesprüht: GOTT STRAFE EUCH, IHR WELSCHEN HUNDE! AUCH EUCH SCHLÄGT BALD DIE LETZTE STUNDE! und DER FRANZOSEN NIEDERTRACHT HAT UNS UM DIE PFALZ GEBRACHT! Es war eine verhängsnisvolle Verkettung unglückli- cher Umstände gewesen, das wußte jeder. Eine Fahr- lässigkeit, vielleicht – aber niemals Absicht. Der Haß hatte sich jedoch tief eingefressen, vor allem in den Herzen der Heimatvertriebenen. Und die Rechten verstanden es, ihn zu instrumentalisieren und auf ihre Propagandamühlen zu lenken. Immer wieder auf dem nackten Beton: ASEN – die geballte Faust; KI- COB – das herabsausende Schwert. »So ein Unfug«, sagte Brambilla. »Die verun- glückte Charge stammte aus Deutschland, aus Ha- nau. Sie sei falsch deklariert gewesen, behaupteten die Franzosen. Aber Berlin dementierte. Von Hanau, sei nie ein Transport nach Cattenom gegangen, son- dern ausschließlich nach La Hague.« Prinzessin Brambilla zuckte die Achseln. »Ein Gutes hat die Katastrophe dennoch gehabt: Der Glaube an die billige Nuklearenergie wurde end- gültig beerdigt. Aber wissen Sie, was das Irrste ist?« fuhr sie fort. »Die Leute hängen plötzlich an diesen schrecklichen Ruinen. Sie protestieren dagegen, daß sie abgerissen werden. Es soll allen Ernstes Bestre- bungen geben, den scheußlichen Betonsarkophag von Tschernobyl zum Weltkulturerbe zu erheben! Können Sie sich das vorstellen?« »Nein«, entgegnete ich. Doch, ich konnte es mir vorstellen. Links erblickte ich ein Auf und Ab von Hochstra- ßen und Unterführungen. Und immer wieder rot über- malte Hinweisschilder: GESPERRT! GESPERRT! GESPERRT! Dann rollte der Zug auf eine Brücke: der Rhein. Ein tief im Wasser liegender Frachter schob eine große Bugwelle vor sich her. Am anderen Ufer er- streckten sich Industrieanlagen, dazwischen standen Wohnblocks und als Unterkünfte umfunktionierte Bürobauten. Behängte Wäschestangen ragten aus den Fenstern wie Flaggenmasten. Nach fünfundzwanzig Jahren erlaubten die Behör- den Mannheim die Wiederauferstehung. Man sah repa- rierte Dächer, neu verglaste Fenster, Vorhänge, Blu-, men auf den Balkons und in den Vorgärten spielende Kinder. Autos, Busse, Menschen an Bushaltestellen, belegte Parkplätze. Viele Bäume waren frisch ge- pflanzt worden, vor allem Platanen und schnell wach- sende Eukalyptusbäume. Da und dort sah ich neuange- pflanzte Gehölze – vor allem Picea omorica, die Serbi- sche Fichte, die widerstandsfähiger war gegen Um- weltgifte und besser mit der zunehmenden Erwärmung zurechtkam als ihre Schwester, die Picea abies. Das Leben kehrte zurück. Der Zug hielt auf freier Strecke. Von draußen drang gedämpft Vogelgezwitscher herein. »Hören Sie das?« fragte meine Mitreisende. »Das ist immer ein gutes Omen. Zwanzig Jahre waren sie hier nicht mehr zu hören. Singvögel sind ein zuver- lässiges Zeichen. Wo sie auftauchen, können auch Menschen leben. Wenn Sie tote Singvögel sehen, ist es höchste Zeit, die Gegend zu verlassen. Das wuß- ten schon die Bergleute in früheren Zeiten. Die Vö- gel spüren das Unheil.« Kanarienvögel sind immer ein zuverlässiger Indi- kator für Grubengas gewesen. Bei Radioaktivität je- doch würde das wohl kaum funktionieren. Sie haben dafür ebensowenig ein Organ wie der Mensch. »Bei Raben ist das anders. Denen scheint die Strahlung nichts auszumachen. Das weiß ich aus Er- fahrung«, sagte sie und blickte gedankenverloren aus dem Fenster., Der Zug rollte weiter – hinaus ins linksrheinische Gebiet. Die Grenze war nicht markiert, aber unver- kennbar. Sie wanderte; jeden Tag einen Schritt, oder zehn … Das Land war plötzlich menschenleer. Zwei Reihen Hochspannungsmasten, denen man die Lei- tungen abgenommen hatte, standen unschlüssig in der Gegend, ihrer Aufgabe beraubt. Sie breiten be- dauernd die Arme aus wie entlassene Diener. Rechts und links der Bahngleise erstreckten sich von Pla- nierraupen niedergewalzte und zusammengeschobe- ne Schrebergartenkolonien. Gelbe Tanklaster mit der Aufschrift DECONTAMINATION standen im kah- len Gelände. Langbeinige spinnenartige Roboter staksten durch die Landschaft wie in H.G.Wells Krieg der Welten; ferngesteuert sprühten sie mit ih- ren dünnen schwenkbaren Rüsseln Aerosolteppiche, bis sie sich wieder am Tanklaster einfanden, um sich vollzusaugen wie monströse Insekten. »Sie werden es nicht für möglich halten«, sagte Prinzessin Brambilla, »aber seit hier von den Franzo- sen in großem Stil dekontaminiert wird, sind die Grundstückspreise in Hessen und Rheinland-Pfalz aufs Zehnfache hochgeschossen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich lebe davon.« »Sie sind Grundstücksmaklerin?« »Nein, das nicht, aber die Interessenten brauchen dank meiner Arbeit nicht mehr ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen aufs Spiel zu setzen. Ich, schieße ihnen mit meiner Drohne jede gewünschte Aufnahme. Ich fahre jede Woche die Strecke zwei- mal ab. Mein Sender hat etwa fünfzig Kilometer Reichweite. Ich fotografiere ihnen zwischen Pirma- sens und Kassel jeden Schuppen und sende die Bild- daten per Satellit direkt zu meinem Computer da- heim.« Sie reichte mir ein Kärtchen: IPMAS – Image Pro- vider & Mapping Service, Margit Bodmer. »Mein Name ist Domenica Ligrina. Ich bin Bota- nikerin.« Sie nickte ernst. »Dann machen Sie sich auf etwas Schreckliches gefaßt, das jetzt gleich auf uns zukommt.« »Das ist der Zweck meiner Reise.« »Eine Studienreise sozusagen?« »Ja. Für meine Arbeit.« »Dann schauen Sie genau hin. Es ist schlimm. Sehr schlimm.«,

VIII DER INNERE KREIS DER HÖLLE

»KEIN STERN WAR DA UND KEINE SPUREN DER SONNE FERN AM HORIZONT ALS LEUCHTE IN DEN ZAUBERFLUREN, VOM EIGNEN FLAMMENSCHEIN BESONNT! UND ÜBER DIESER WELT VERLOREN KREIST (NEUER SCHRECKEN WEIT UND BREIT: DEM AUGE ALLES, NICHTS DEN OHREN!) EIN SCHWEIGEN TIEFER EWIGKEIT. Charles Baudelaire Ich blickte aus dem Fenster unseres Abteils. Das Land wurde buchstäblich geschunden, seine grüne Haut abgeschält bis aufs Geröll der rheinischen Schotterzunge. Riesige Bulldozer schoben den Acker- boden vor sich her wie braune Wogen. Schwarzen Dieselrauch senkrecht in den Himmel röhrend, stemmten sie das Erdreich auf gigantische Laster, die es dann in würfelförmige Betoncontainer kippten. Diese wurden versiegelt quer durch Frankreich an die Küste transportiert, wo das kontaminierte Erdreich dazu verwendet wurde, den neuen Europadamm auf- zumauern., Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Die Fahrer der Erdbewegungsmaschinen saßen in ihren vollkli- matisierten Cockpits wie in Raumkapseln oder ope- rierten mittels Telepräsenz aus dem Schutz ihrer mo- bilen Einsatzzentralen. Manchmal erblickte ich am Wegrand oder in einer Senke ein paar Bäume: Erlen, Eschen, Ahorn, Pap- peln oder Weiden, aber trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit trugen sie kein Grün. Ihre Rinde war ge- schwärzt. Sie waren tot. Die Obstbäume wurden sy- stematisch beseitigt, geschreddert und zu Kleinholz- halden aufgetürmt. Ich sah haushohe Barrieren aus zusammengeschobenen Weinstöcken; knorriges, verkrümmtes Holz, das darauf wartete in die klaffen- den Mäuler der Häcksler zu wandern. Es musste sehr tief vergraben werden und vertorfen, denn würde es verbrannt, wäre die Radioaktivität wieder in der Luft und käme an anderer Stelle herunter. Kilometerlange Schrotthaufen reihten sich entlang der Bahnstrecke: Autos – sechsfach, achtfach über- einandergestapelt, Wohnwagen, Traktoren, Erntema- schinen, Busse und Straßenbahnen, Lackreste in Weiß, Türkis und Lindgrün. Der Rost hatte die Re- klameaufschriften nur zum Teil getilgt. Ich sah noch die Nummern, die Namen von Stadtteilen, in denen niemand mehr lebte. Komplette städtische Fuhrparks mit modernster Verkehrstechnik lagerten dort –, strahlender Schrott. Eisenbahnwaggons, Eurotrans- Container, Tankwaggons, Gabelstapler, Werkzeug- maschinen, Teile von Baukränen, Antennen, Rasen- mäher, zerschnittene Rohrleitungen, herausgerissene Heizkörper, Metallrahmen von Dächern und Ge- wächshäusern und dazwischen immer wieder Dünen von zerschmettertem Glas. Plötzlich krallte sich mein Blick an einem zerleg- ten Kinderkarussell fest, die bunten Kutschen mit Pferden, Doppeldeckerbusse, Boote, ein Schwan – die Flächen der Krone bemalt mit Giraffen, Kamelen, Nilpferden und Delphinen. Diese zerbrochene Kin- derwelt stimmte mich trauriger als die ganze übrige Zerstörung ringsum. Alles wurde zum Abtransport entlang der Bahnli- nie aufgereiht. Wahrscheinlich würde es irgendwann zusammengepreßt und, auf Züge verladen, in Rich- tung Meer rollen, um unter dem Betonmantel des Eu- rodamms endgelagert zu werden, wo es in den näch- sten Millionen Jahren seine Radioaktivität ausdünsten konnte. Der Eurodamm als Sarkophag europäischer Spitzentechnik, ein Mahnmal für die Ewigkeit. Links auf einer Anhöhe ragten zwei Kirchen in den Himmel, eine davon war ausgebrannt. Der Turm aus rotem Backstein war halb eingestürzt. Die mei- sten Häuser der Ortschaft waren von Räumkomman- dos gesprengt worden. Überall türmten sich Schutt- haufen, auf denen schwarzes Unkraut hochgeschos-, sen war, monströser Huflattich, mannshohe Disteln. OPPENHEIM las ich auf einem rostigen Schild. Der Himmel war fast wolkenlos. Die Sonne schien, aber das Licht war seltsam dunstig, zu trüb, um Schatten zu werfen. Die Dinge waren ohne Kontur, grau in grau. Birgit hatte uns das zu beschreiben versucht: Die verseuchten Gebiete hatten sich in ein diffuses Schattenreich verwandelt, über das die Mächte der Dunkelheit ihren Mantel gebreitet zu haben schienen. Plötzlich tauchte rechts von uns wieder der Fluß auf: verwilderte Uferauen, Altwasser, verschlammte Kuhlen, in denen Boote vermoderten, niedergebro- chene Bäume, eingestürzte Hütten. Wir überholten einen Militärkonvoi – Räumwerkzeug vorneweg, da- hinter ein Dutzend Lastwagen in Euroweiß; die Fah- rer und Beifahrer trugen glotzäugige Gesichtsmas- ken. Sie blickten herüber. Einer winkte. Ich winkte zurück, obwohl er mich durch die getönte Scheibe wahrscheinlich nicht sehen konnte. Plötzlich zirpte Luigi. »Ja?« »Nimm bitte den Knopf«, sagte er mit minimaler Lautstärke. Ich löste den Hörer von der Spange und drückte ihn ins Ohr. »Ganz in der Nähe hat ein starker Sender den Be- trieb aufgenommen. Ich habe erhebliche Störungen in der Kommunikation.«, Ich blickte zu Brambilla hinüber. Während ich zum Fenster hinausgestarrt hatte, war IPMAS in Be- trieb gesetzt worden. Die Monitoren hatte sie vor die Augen geklappt, an ihrem Handgelenk im Schoß glühten grüne und bernsteinfarbene Lichter. Ihre Finger führten steuernde Bewegungen mit einem un- sichtbaren Joystick aus. Sie sah wirklich grotesk aus: die zierliche Figur, die schlanken bestrumpften Bei- ne, die Knie aneinandergelegt, das elegante Kostüm, das halblange blonde Haar unter der Hutkrempe, die dunklen Rechtecke vor der Brille und die mecha- nisch zuckenden Hände. »Tutto bene, Luigi«, flüsterte ich. »Wenn du das sagst, Domenica.« Der Zug hielt, doch ich sah keinen Bahnhof. Ne- ben der Bahnlinie stand ein häßlicher, völlig mit Gra- fitti bedeckter Flachbau mit löcherigem Dach. Im Osten spannte sich eine Eisenbahnbrücke aus schlichtem Gitterwerk über den Rhein. Das Segment am jenseitigen Ufer war herabgestürzt; von dichtem Buschwerk überwuchert ragte es ein Stück weit in den Fluß hinein. »Die Brücke hat man gesprengt, weil ständig Plünderer von Frankfurt nach Mainz herüberkamen«, bemerkte plötzlich Brambilla, die ihre Arbeit unter- brochen hatte. »Es ist ja nie gelungen, Frankfurt zu evakuieren. Selbst durch das Militär haben sich die Bewohner nicht einschüchtern lassen. ›Leckt uns im, Arsch!‹ hatten sie auf Bettlaken geschrieben und sie aus den Fenstern gehängt.« Sie lachte. »Sind Sie mit Ihrer Arbeit schon fertig?« Sie hatte einen der Bildschirme weggeklappt und musterte mich mit einem Auge. »Die erledigt mein Computer. Ich lege vorher die Flugbahn der Drohne fest, damit sie die angepeilten Objekte ansteuert. Manchmal ist ein bißchen Feinar- beit nötig, um die richtige Perspektive zu wählen, aber eine direkte Steuerung über Telepräsenz ist un- möglich, schon wegen der vielen Tunnel hier.« Der Zug rollte langsam weiter. Die Auffahrt zur Brücke wurde von zwei runden Ziegeltürmen be- wacht. Die Gleise auf dem Bahndamm, die zwischen ihnen hindurch zur Brücke führten, waren nur noch parallele Rostspuren auf Betonschwellen, zwischen denen hohes Gras wuchs. Ein Mückenschwarm stand darüber wie eine Rauchwolke. »Frankfurt hatte ja auch längst nicht soviel abge- kriegt wie diese Gegend hier. Wissen Sie, wie es passierte?« fragte mich Brambilla. »Nur was ich darüber gelesen habe.« »Dann lassen Sie sich’s erzählen.« Sie blickte zum Fenster hinaus und klappte auch den anderen Bild- schirm an ihrer Brille zur Seite. »Der 28. Juli 2028 war ein heißer Tag. Es wehte ein leichter Westsüd- west, der später auf Südwest und schließlich auf, Südsüdwest drehte. Gegen zehn Uhr, als die Dreck- wolke aus Cattenom hier eintraf, war das Rheintal noch wenig aufgeheizt. Also herrschten Fallwinde. Das Zeug kam herunter und landete vor allem auf dem Ostufer, hier zwischen Oppenheim und St.Goar. Mainz hat es am schlimmsten erwischt.« »Ist das hier Mainz?« fragte ich. »Ja, wir sind kurz davor.« »Frankfurt liegt doch hier ganz in der Nähe, nicht wahr?« Ich erinnerte mich an Birgits Erzählung über ihre Exkursion in die Todeszone auf der Suche nach ihren Eltern. »Es liegt etwa dreißig Kilometer nordöstlich von hier. Als die Wolke um die Mittagszeit den Raum Frankfurt erreichte, war über der Stadt zum Glück bereits eine kräftige Thermik. Die hat das Dreckzeug nach oben gerissen wie ein Kamin. Es kam erst wie- der zwischen Fulda und Leipzig verstärkt herunter, verseuchte eine etwa zweihundert Kilometer breite Schneise zwischen Potsdam und Karlsbad und dünn- te dann allmählich aus bis hinüber nach Posen«, sag- te sie und schüttelte den Kopf. »Ich habe das nie ver- gessen, in all den Jahren.« »Haben Sie hier gelebt?« Sie nickte. »In Gießen. Glücklicherweise waren damals viele in Urlaub gefahren, wie wir auch. Vor allem viele, Kinder, die hatten nämlich Schulferien; sonst hätte es noch mehr Opfer gegeben.« »Und die, die zu Hause geblieben waren?« Sie winkte ab. »Nach denen fragen Sie mich lieber nicht.« »Sie starben.« »Es war schrecklich. Viele starben nicht gleich. Erst später in den Auffang- und Durchgangslagern an der Peripherie: Heidelberg, Schweinfurt, Osnabrück, Braunschweig, Magdeburg. Es gab vor allem viele Tote unter denen, die den Evakuierungsaufrufen zu spät gefolgt waren. Sie wurden gar nicht mehr in si- chere Gebiete gebracht. Der Zustand der meisten war hoffnungslos. Am schlimmsten traf es jedoch diejeni- gen, die einfach zu Hause geblieben waren, meist älte- re Leute, die gar nicht begriffen, was los war. Es gab ja noch eine Zeitlang Strom, Gas und Wasser. ›Wir haben einen Anspruch auf Hilfe‹, sagten sie sich. ›Wir haben schließlich unser Leben lang gearbeitet, unsere Steuern bezahlt, unsere Versicherungen, unsere Ab- gaben. Also muß doch, verdammt noch mal, irgend- wann jemand kommen – von der Feuerwehr, vom Technischen Hilfswerk, vom Roten Kreuz oder einem anderen Notdienste Also blieben sie in ihrem Sessel vorm Fernseher sitzen, aber bald verstanden sie die Sendungen nicht mehr so ganz wegen der Kopf- schmerzen, der Übelkeit und allgemeinen Mattigkeit in den Gliedern. ›Nichts als langweilige Filme über, Flüchtlinge irgendwo und medizinische Notversor- gung, immer wieder Sondersendungen über Radioak- tivität und diesen Plutoniumstaub aus Frankreich. Wen interessiert das schon? Und das – was für ein Scheißprogramm überall! – auf sämtlichen Kanälen.‹ Sie begriffen nicht, daß das live war und auch sie be- traf. Und so starben sie, mit der Fernbedienung in der Hand – wenn sie Glück hatten. Für jene, die das Glück nicht hatten, wurde es vollends surreal. Erst kamen die Fliegen, angelockt durch den Geruch des Blutes, das ihnen aus den Körperöffnungen rann, und der Lymphe, die durch die brüchig gewordene Haut sickerte. Fortschreitende radiogene Fibrose. Und dann, irgendwann, kamen die Ratten …« Ich fuhr zusammen vor Schreck. Plötzlich kratzten und streiften Äste und Blattwerk am Waggon ent- lang. Der Zug schob sich durch einen Tunnel in der Vegetation. Es wurde immer dunkler. Ein Tunnel? Das Schleifen und Scharren hielt an. Wieder ein Ab- schnitt Halbdunkel – wie eine Lichtung im Dschun- gel. So nahe hatte ich die Clematis vitalba nigra noch nie gesehen. Ihre dunklen Krallen glitten hung- rig über das Fenster; sie tasteten den Zug ab, suchten nach einer Ritze, einem Zugang. Wieder wurde es finster. Der Zug rollte im Schritttempo. Das Fenster war von Chlorophyllschleim, weißem Sekret von Wolfsmilchgewächsen und zerquetschten schwarzen Blättern besudelt. Einen Moment lang glaubte ich die, huschende Bewegung von etwas Pelzigem gesehen zu haben – das Gesicht eines Lemuren. Erneut fuhr der Zug in einen Tunnel ein, diesmal war es ein langer. Dann folgte wieder eine Dschun- gellichtung, die allmählich die Gestalt eines Bahn- hofs annahm. Dahinter reihten sich halb überwucher- te Flachbauten. Durch das Fenster auf der anderen Seite sah ich ein ehemaliges Parkhaus voll dunkler, strotzender Vegetation. War das mutierter Efeu? Ich hatte noch nie Archiaceoe mit derart großen Blättern gesehen. An den Betonrippen wucherten Baum- schwämme wie übereinandergestapelte Antennen- schüsseln aus fauligem Fleisch. Darüber erhob sich ein runder, zerschmetterter Glasturm wie die Kuppel eines Gewächshauses, aus dem sich wahnsinnig ge- wordene Gummibäume in einer vegetabilen Eruption befreit hatten. Dazwischen hatten Rafflesia ihre me- tergroßen weißbestirnten dunkelroten Kissen ausge- breitet. Der Zug hielt. MAINZ HBF Auf dem Nebengleis standen zwei zusammenge- spannte Dieselloks, davor ein Tieflader-Geräteträger mit zwei gegenläufigen Rotoren, höher als ein Zug. Eine Art Hochleistungshäcksler. Das Ding hatte uns offenbar einen Weg durch die Vegetation gebahnt. Die Loks waren mit zerfetzten Pflanzenteilen und einem schleimigen grünen Schaum aus Chlorophyll überzo- gen. In den Schutzgittern vor den Sichtscheiben hatten, sich Büschel von Zweigen verfangen, in denen Reste von Vögeln hingen – und der abgetrennte Arm eines Affen. Ich betrachtete die Vegetation ringsum und fühlte mich auf einen fremden Planeten versetzt. Manche der Pflanzen hatten die Kunst der Photo- synthese vergessen – ihre grundlegende Lebensfunk- tion seit mehr als drei Milliarden Jahren. Sie bauten in ihre Eiweißmoleküle Elemente ein, die ihnen gro- ße Bereiche des Spektrums blockierten. In ihrem ab- normen Hunger nach Licht suchten sie nun einen Ausweg in Riesenwuchs und immer größeren Blät- tern, um schließlich in einem genetischen Chaos aus Vielfalt und Formlosigkeit zu ersticken. Am Haupteingang des mit Folien und Schaumstoff abgedichteten Bahnhofsgebäudes entfaltete sich ein ziehharmonikaähnliches Gebilde; es wuchs quer über den Bahnsteig auf unseren Zug zu und dockte an. Zwei unförmige Gestalten mit Tornistern auf dem Rücken stapften hindurch und besprühten die Ab- dichtung der Waggontür. Ein paar Minuten später schritten sechs verzerrte dunkelgraue Gestalten durch den gerippten Plastikkorridor herüber. Kurz darauf kamen zwei Frauen und vier Männer durch unseren Waggon auf der Suche nach ihrem Abteil. Ihre hell- grauen Papertex-Overalls raschelten und verströmten einen aseptisch frischen Duft. Der Geruch von Seife wehte mir in die Nase. Die jungen Leute schienen sich gründlich geschrubbt zu haben. Sie waren un-, gewönlich blaß und hatten Akne an Hals und Wan- gen. Um den Hals hatten sie alle Dosimeter hängen. »Es gibt noch Idealisten«, sagte Brambilla und nickte anerkennend. »Sie kommen aus aller Welt, um zu helfen – die meisten aus Frankreich. Es geht ihnen um Wiedergutmachung. Den ›Monat in der Hölle‹ nennen sie es. Sie bekommen einen Orden dafür, der weltweit als Studien-Bonus anerkannt wird. Es springt also etwas dabei heraus. Aber sie tun sicher gut daran, vorsorglich Stammzellen und Sperma be- ziehungsweise Eier einfrieren zu lassen.« »Kommen viele?« »Ja. Obwohl sie in Kauf nehmen müssen, von manchen Deutschen angespuckt zu werden.« »Ich habe diese dummen Parolen gelesen.« Sie zuckte die Achseln. »Für die wirklich harten Aufgaben werden sie nicht eingesetzt. Dafür gibt es Spezialisten: Gerichts- mediziner, Militärärzte, Pathologen. Die nehmen sich ein Haus nach dem anderen vor, Stockwerk um Stockwerk, Wohnung um Wohnung, um die Skelette und die Mumien und das, was die Ratten übriggelas- sen haben, zu fotografieren, um DNA-Proben zu nehmen, einzusammeln und einzutüten. Eine schreckliche Arbeit. Die Behörden halten die Auf- zeichnungen unter Verschluß. Aber ich habe ein paar Fotos gesehen. Ich kann Ihnen sagen …« Mich schauderte., »Die Freiwilligen werden vor allem bei der Dekon- tamination eingesetzt. Ein Monat im Schutzanzug«, fuhr Brambilla fort und deutete mit einem Nicken in die Richtung, in die die jungen Leute gegangen sind. »Sie haben’s hinter sich.« »Wie lange wird das dauern, bis diese Entgiftung abgeschlossen sein wird?« fragte ich. »Die Schätzungen liegen zwischen dreißig und dreitausend Jahren«, erwiderte Brambilla. »Ich habe mich schon oft gefragt, ob sie sich nicht mit den Asia- ten zusammentun sollten. Die haben, so hörte ich, ei- ne Pflanze, die den radioaktiven Dreck auf harmlose Weise beseitigt. Ein Papyrus oder so etwas Ahnliches aus Indien. Er hat diese Fullerene in den Zellen, in denen das strahlende Material eingeschlossen wird wie in einen Käfig. Wenn die Pflanze verfault, wird es weggeschwemmt. Harmlos. Sie setzen es angeblich seit Jahren längs der Saale ein. Sie als Botanikerin müßten das eigentlich besser wissen als ich.« »Davon habe ich noch nichts gehört.« Der Wunderpflanze mußte ich nachgehen. Wahr- scheinlich handelte es sich um ein Gerücht. Wunsch- denken. Andererseits wußte ich, daß die Asiaten die Forschungen am Botanischen Institut von Gardele- gen mit großem Erfolg betrieben. Ein Büfettwagen wurde durch den Waggon ge- schoben: Sandwiches, Tofu mit Reis und Getränke waren im Fahrpreis inbegriffen. Und es gab Trink-, nüsse mit diesem elenden Kaffee, den ich schon in Heidelberg verabscheut hatte. Für solche Spin-offs brauchten wir die Raumfahrt wahrhaftig nicht. Plötzlich entdeckte ich eine Fliege auf dem Rand meines Tellers. »Sehen Sie sich das an!« sagte ich zu meiner Mit- reisenden. Dir Prinzessin nahm die Brille von der Nase und beugte sich vor. »Eine Fliege.« »Ja, aber schauen Sie genauer hin!« Trotz der Abschirmung war das Insekt mit den jungen Leuten in den Zug gelangt: ein großer schwarzer Brummer mit einem grünmetallisch schimmernden Hinterleib. Die vorderen Gliedmaßen erschienen mir jedoch sonderbar; dunkle perlenför- mige Auswüchse baumelten daran. »Sie hat ein zusätzliches Paar Augen an den Vor- derbeinen«, stellte ich fest. Das Insekt versuchte immer wieder, das mutierte Beinpaar zu einer putzenden Bewegung über den Kopf zu heben. Vergeblich. »Oh, es gibt Schlimmeres, junge Frau.« Das war mir klar – und unwillkürlich dachte ich an CarlAntonio, die siamesischen Zwillinge, und an das kleine Mädchen auf dem Bahnsteig in Heidelberg, dem eine kleine schwarze Vogelkralle aus dem Handgelenk sproß., Von hinten näherte sich ein Heulen. Die beiden Dieselloks mit dem Häcksler zogen auf dem Neben- gleis vorbei. Die Rotoren wirbelten drohend. Für die Weiterfahrt Richtung Norden mußte also auch eine Schneise freigefräst werden. Endlich fuhr der Zug weiter. Links der Gleisanlagen sah ich fünfstöckige Bürgerhäuser vom Beginn des letzten Jahrhunderts. Ausgebrannt. Schwarze Fensterhöhlen. Rechts erho- ben sich zwei sehr nahe aneinandergebaute Wohn- türme – siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Stockwerke hoch, mit Panoramafenstern wie Schieß- scharten. Die meisten Scheiben waren zu Bruch ge- gangen. Ranken von Efeu und wildem Wein hatten es schon bis ins fünfzehnte Stockwerk geschafft und waren durch die Öffnungen ins Innere vorgedrungen. Ich malte mir Szenen im Innern aus: die Bewohner tot in ihren Fernsehsesseln sitzend, umrankt von Parthenocissus tricuspidata, die knochigen Schläfen geschmückt mit blühender Hedera helix, und Au- genhöhlen, in denen Spinnen nisten. Tausende von Raben flogen über den Dächern, schwärmten hierhin und dorthin. »Sehen Sie die Raben?« fragte Brambilla. »Vor denen muß man sich in acht nehmen. In riesigen Schwärmen machen sie Jagd auf Tiere. Sie sind teuf- lisch intelligent geworden, vielleicht weil sie sich an Menschenfleisch gemästet haben. Sie kamen ur- sprünglich aus dem Osten, aus Polen und dem Balti-, kum, sagt man. Dann sind sie hiergeblieben. Kein Wunder bei dem reichen Nahrungsangebot. Die Wälder und Fluren waren ja übersät mit Tierkada- vern. Wer wollte die alle einsammeln? Man hat ja bei weitem nicht alle toten Menschen bergen und verbrennen können. Und diese Vögel haben sich un- glaublich vermehrt hier, trotz der Radioaktivität.« »Wie die Ratten.« »Wie die Ratten«, bestätigte sie kopfnickend. Die Strecke führte nun am Fluß entlang. Ein Fahr- gastschiff lag mit dem Bug halb auf der Uferbö- schung – die Prinzessin von Rheinhessen. Das Heck fehlte. Was in den Fluß hineinragte, war abgetrennt worden. Das Schiff ruhte hoch auf der Böschung. Der Wasserspiegel war also erheblich gesunken, vermutlich wegen des Abschmelzens der letzten Gletscher in den Schweizer Alpen. »Es waren Schiffer, die als erste die Todeszone durchfahren haben«, sagte meine Reisegefährtin. Sie berichteten, daß zwischen Mainz und Koblenz mehr als dreißig gesunkene Passagierschiffe die Fahrrinne blockierten. Sie waren von Flüchtlingen gestürmt worden und untergegangen. Über ein Jahr hat es ge- dauert, bis der Fluß wieder schiffbar war. Nun ist er seit zwanzig Jahren wieder offen, aber es gibt immer noch einige Partikuliere, die es nicht wagen, ihn zu befahren. Abergläubische Leute; sie haben Furcht vor Gespenstern – Loreley und so …«, Brambilla lächelte, dann klappte sie mit einem Ruck beide Monitore vor die Augen. »Verdammte Biester!« fauchte sie. »Sie greifen wieder mal meine Drohne an.« »Wer?« fragte ich irritiert. »Die Raben«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Aber da werden sie Federn lassen.« Ihre Finger zuckten hin und her. Brambilla schien ganz mit ihrer Aufklärungsarbeit beschäftigt zu sein. Ich blickte zum Fenster hinaus. Es war bereits später Nachmittag. Eine verlassene Ortschaft reihte sich an die andere. Hotels, Pensio- nen, Restaurants, Bootsanlegestellen – herunterge- kommen, verfallen. Morsche Zäune, eingesunkene Dächer. Unbekämpft hatten Feuer gewütet, von ei- nem Haus aufs andere übergegriffen und sich durch ganze Zeilen alter Fachwerkhäuser gefressen. Die schwarzen Dachbalken ragten aus dem Schutt wie die Rippen großer, halb verbrannter Ungeheuer. Gelegentlich sah ich Spezialschiffe, die Flußwas- ser in hohem Bogen über Gebäude und in die Straßen spien, um den Fallout auszuschwemmen. Wahr- scheinlich ferngesteuert; Menschen waren nirgends zu sehen. Der Unterbau der Gleise war stellenweise so schlecht, daß der Zug sich schaukelnd bewegte wie ein großes, behäbig dahintrottendes Tier. Wieder hielten wir an. Wahrscheinlich kam die, Tunnelfräse nur langsam voran. Die Vegetation der Uferauen hatte zum Sturm auf den Bahndamm ange- setzt und ihn stellenweise überrannt. Umgestürzte Bäume lagen beiderseits des Zuges, begraben unter dem Leichentuch der allgegenwärtigen Nigra. BIN- GEN las ich. Auf der Anhöhe des gegenüberliegen- den Ufers stand eine riesige dunkle Bronzefigur, die Faust drohend nach Westen gereckt. Das Tal wurde enger. Stadtruinen säumten den Fluß, dahinter verwilderte Weinberge, abgesackte Mauern, Breschen von Murenabgängen. Die Straßen waren unpassierbar durch Schlamm und Flugsand, in dem Brombeerdickichte aufquollen. Das späte Nachmittagslicht, das durch Wolkenlücken im We- sten brach, schälte Details am Osthang heraus: hier eine Burgruine, da ein Hotel, dort eine poröse Fels- wand, ein Haus, ein löcheriges Schieferdach. Plötzlich erblickte ich mitten im seichten Flußbett ein Wasserschlößchen. Es war frisch gekalkt, und das Dach war mit neuen Holzschindeln gedeckt. Die Fensterläden waren rot gestrichen, hellblaue Wimpel hingen von den Erkern, und der Hauptturm trug eine frische, rotgolden funkelnde Kupferhaube. War dies die erste verkaufte Immobilie? »Was ist das denn?« fragte ich meine Reisegefähr- tin. »Das ist die Zollfeste Pfalzgrafenstein. Sie gehört einem chinesischen Reeder aus Singapur. Stinkreich., Er hat das Schlößchen herrichten lassen. Von asiati- schen Gastarbeitern.« »Kann man denn hier leben?« »Manche mögen’s heiß«, sagte sie achselzuckend. Die Insel war von Treibholz belagert, auf dem dichtes Buschwerk wucherte. Es sah wie Sorharia aus, aber ich konnte sie nicht eindeutig identifizieren. Die fiedrigen Blätter waren dunkelgrün bis schwarz – ein Landungstrupp, der einen Brückenkopf gebildet hatte. OBERWESEL. Der Blick auf den Fluß war von dichten Auwäldern verstellt. Das Tal machte eine 90- Grad-Kehre nach rechts. Den Osthang hatte es schlimmer erwischt als den westlichen. Das Steilge- lände war von abgestorbenen Rebstöcken schraffiert – verkrümmt, als wären sie unter Schmerzen gestor- ben. Dagegen hatten die Flechten einen unverhofften Evolutionsschub erfahren. An manchen Stellen bilde- ten sie große, zusammenhängende, rotbraune Flek- ken, als hätte sich ein Riese über die Hänge erbro- chen. HOTEL LORELEY las ich im düsteren Abend- licht. Ein Disney-Totenland. Das Abendessen wurde serviert. Geflügelsalat mit Erbsen, Mais, Karotten und Mayonnaise. Truthahn? Hühnchen? Oder irgend etwas dazwischen? »Biotechfraß«, murrte Brambilla angewidert, aß aber trotzdem., Ich sehnte mich zurück nach Tafelspitz, nach Va- nillenbraten und Fiakergulasch, nach den Salzburger Nockerln von Sankt Peter, von denen ich einen Dop- pelgipfel hatte zurückgehen lassen müssen. Mit ei- nem Zug trank ich eine Flasche Mineralwasser leer, bevor ich überhaupt einen Bissen hinunterbrachte. Mir schien, als hätte ich Asche im Mund, als müßte ich den Plutoniumstaub in meiner Kehle und die Ausdünstung einer außer Rand und Band geratenen Vegetation, die sich auf meine Schleimhäute gelegt hatte, hinunterspülen. Schwermut senkte sich über die Landschaft. Es war die Minute nach Sonnenun- tergang, in der das letzte Licht des Tages die Farben aus den Dingen zu saugen scheint und sie über den Himmel verschmiert, bevor alles eingeschmolzen wird in Dunkelheit. Der Zug fuhr nun schneller. Es wurde Nacht. Draußen Leere, kein Mensch, keine Bewegung, kein Auto, kein erleuchtetes Fenster. Nur der Widerschein der Zugfenster schleifte wie eine blasse Kette über den Bahndamm; manchmal sprang er an eine Mauer hoch, dann wieder hetzte er die Tunnelwände entlang. Das Land beiderseits des Rheins, Siedlungsgebiet seit dreißigtausend Jahren. Hier hatten seit unvor- denklichen Zeiten Lichter gebrannt; Lagerfeuer hat- ten geflackert, um die Menschen saßen. Nun war es zurückgestürzt durch die Zeit in tiefe vorgeschichtli- che Dunkelheit. Nur gelegentlich tauchten auf dem, Fluß blasse rote und grüne Lichter auf, lautlos, ge- spenstisch, wie von Zeitschiffen, die ihren Kurs durch die Abgründe suchten. * Ein Schurren und Prasseln, Zischen und Trommeln weckte mich. Waren wir in der wild gewordenen Ve- getation steckengeblieben. Versuchten die Lokomo- tiven mit vergeblicher Schubkraft, den Zug aus der Verstrickung zu befreien? Brachen die Äste und Ranken bereits durch die Fenster, um unser habhaft zu werden? Die Scheiben waren undurchsichtig, von einer weißen schaumigen Schmiere bedeckt. Rotie- rende Bürsten wabbelten ihn weg. Unser Zug durch- fuhr eine Waschstraße; er wurde von dem radioakti- ven Fallout, der an ihm haftete, gereinigt. Harte Wasserstrahlen peitschten gegen Blech und Glas, donnerten von unten gegen die Bodenverkleidung und die Fahrgestelle. Ich schaute auf die Uhr: drei Uhr morgens. Drau- ßen war es stockfinster. »Ist das Koblenz?« fragte ich. »In Koblenz waren wir kurz nach Mitternacht. Sie haben fest geschlafen, meine Liebe. Jetzt sind wir fast in Köln.« Mein Gott! Ich hatte Koblenz verschlafen! Dabei war ich so neugierig gewesen auf die Stadt, die Tür-, me von Sankt Florin, in der Nicolaus Cusanus De- chant gewesen war. »Sie haben nichts versäumt«, sagte die Prinzessin. »Koblenz ist immer noch eine leere Stadt. Weitge- hend gesäubert zwar, doch es wird noch ein paar Jah- re dauern, bis man dort wieder wohnen kann.« Ich blickte hinaus und sah Portalkräne, an denen Scheinwerfer brannten, Container, Güterzüge. KÖLN EIFELTOR stand auf einem der Kräne. Ein Trupp Arbeiter mit Atemschutzmasken sprühte Lö- sungsmittel auf die Versiegelung der Türen. »Köln mußte auch für zehn Jahre aufgegeben wer- den. Wissen Sie, wie viele Ratten man nach dem Be- gasen der Häuser eingesammelt hat? Über zwei Mil- lionen! Können Sie sich das vorstellen? Ihnen hat die Radioaktivität nichts ausgemacht, im Gegenteil. Kaum ein krankes Exemplar. Die Wissenschaftler glauben, daß die erkrankten von den gesunden Art- genossen aufgefressen wurden. Nur die besten und gesündesten überlebten. Aber es sollen schauerliche Mutanten darunter gewesen sein, erzählt man. Groß wie Biber und teuflisch intelligent. Diesen Biestern gehört die Zukunft, meine Liebe. Nicht uns.« »Warten wir’s ab.« »Warten? Worauf? Auf einen Fingerzeig Gottes?« fragte sie und schüttelte den Kopf. »Wenn das kein Fingerzeig war, junge Frau!« Brambilla hatte recht. Zufrieden zog sie die Modu-, le aus den Kontakten an ihrem IKom und verstaute sie in ihrer Handtasche. »Haben Sie die Raben in die Flucht geschlagen?« »Aber sicher. Ich habe da inzwischen einige Tricks auf Lager. Laserblitze. Noch haben sie Re- spekt. Aber wie lange?« Wir traten hinaus auf den Bahnsteig. Die Luft war frisch und kalt. Mich fröstelte. Gleisanlagen erstreckten sich in die Dunkelheit. Scheinwerfer gossen gleißendes Licht über Contai- nerstapel. Kräne wummerten und surrten. Und von allen Seiten hörte ich das Ächzen und Kreischen von aneinanderschabendem Metall. Brambilla hielt ihren Hut fest, als ein Elektrokarren wimmernd an uns vor- beisauste. In der Nähe war der Pfiff einer Lokomoti- ve zu hören. * Eine halbe Stunde später wurden wir aufgefordert, einen rotlackierten neuen Vorortzug zu besteigen, der uns nach Köln bringen sollte. Die Polsterung war neu und strömte den leichten Salmiakgeruch frischer Kunstfasern aus. Als wir Köln Hauptbahnhof erreichten, graute der Morgen. Trotz der frühen Tageszeit wimmelte es von Menschen. Auf den Bahnsteigen war fast kein Durchkommen. Ein reges Stimmengewirr, vor allem, Französisch. Reiseleiter versuchten mit Geschrei und Wimpelschwenken ihre Gruppen zusammenzuhalten und durch die Menge zu lotsen. »Was tun die vielen Leute hier am frühen Mor- gen?« fragte ich meine Begleiterin. »Das sind Ursulinenpilger. Die einen sind eben angekommen, die anderen fahren heim. Jeden Tag verkehren mehr als ein Dutzend Sonderzüge.« »Ursulinen?« »Kennen Sie die Ursula-Legende nicht?« »Aber ja«, sagte ich und erinnerte mich an die Bil- der von Carpaccio, die ich in der Academia gesehen hatte. »Die mit ihren elftausend Jungfrauen nach Köln gezogen war, wo sie alle von den Hunnen nie- dergemetzelt wurden.« »Das ist die mittelalterliche Legende; es gibt aber eine neue. Ihr zufolge fanden die ersten Menschen, die sich um 2035 wieder in die Stadt wagten, die Heilige in ihrer Kirche betend vor dem Altar. Sie be- tete für die Seelen aller, die durch das Unheil gestor- ben waren, und um die Seelen derer, die das Unheil durch ihre Unachtsamkeit und ihren Leichtsinn über die Menschen gebracht hatten.« »Die Franzosen …« »Es ist ein hysterisches Sühnebedürfnis entstan- den, das in Frankreich eine Welle tiefer Religiosität ausgelöst hat. So reagieren diese Menschen ihre übersteigerten Schuldgefühle ab. Sehen Sie die Phio-, len, die manche von ihnen um den Hals tragen?« Ich bemerkte, daß viele der abreisenden Pilger klei- ne Glasbehälter umhängen hatten, die wie verschlosse- ne Reagenzgläser aussahen und etwas Schwarzes ent- hielten, eine dunkle Flüssigkeit oder Staub. »Sie werden es nicht glauben, diese Menschen nehmen eine winzige Spur verseuchter Erde mit nach Hause.« »Das darf doch nicht wahr sein!« »O doch, meine Liebe. Und jedem ist damit ge- dient. Jeder Pilger kann sich das Gefühl eines Marty- riums en miniature verschaffen. Er entsorgt brav Alt- lasten nach dem vermeintlichen Verursacherprinzip und bringt ein bißchen von dem Dreckzeug außer Landes. Und fragen Sie mich nicht, wieviel die daran verdienen, die diese phantastische Idee hatten.« »Aber die Kirche …« »… hat garantiert einen erklecklichen Anteil an dem Geschäft. Sie brauchen sich nur den Dom anzu- sehen. Er erstrahlt in neuem Glanz.« »Kann man ihn von hier aus sehen?« »Schlecht. Obwohl er sich unmittelbar neben dem Bahnhof befindet. Aber wenn Sie nachher über den Rhein fahren, werfen Sie einen Blick zurück.« Wir waren die Treppe hinabgestiegen in das ge- räumige Geschoß unter den Bahnsteigen. Hier herrschte noch dichteres Gedränge – und es roch nach allen Garküchen Asiens. Die Gastronomie, ringsum war tatsächlich fest in außereuropäischer Hand: Thailand, Vietnam, Kambodscha, Pakistan, Indien und Indonesien hatten ihre kulinarischen Kon- sulate eingerichtet. Ein Türke und ein Grieche hatten sich behauptet. Nur das Brauereigewerbe schien noch in europäischer Hand zu sein. Wir ergatterten einen Stehplatz und eine heiße Nudelsuppe, die nach Galgant, Zitronengras und fri- schem Koriander schmeckte. Mißtrauisch beäugte ich die Fleischbrocken, die bläßlich zwischen den Nudeln schwammen. »Das können Sie getrost essen«, versicherte die Prinzessin. »Es ist Flapo.« »Es ist was?« »Flat Porc. Echtes Schweinefleisch. Allerdings nicht auf Knochen gewachsen, sondern auf Nähr- stoffolie gezüchtet. Die Belgier kriegen das hin.« Brambilla wies mit einem Nicken auf ein Poster in der kleinen dampfgeschwängerten Küche, in der zwei dunkelhäutige Köche schufteten. Es zeigte ein fröhlich lächelndes Schwein von etwa zehn Metern Länge mit einem vierblättrigen Kleeblatt im Maul, einem Dutzend Beinpaaren und einem Ringel- schwanz am Ende. Brussels pigs stand darüber. Ich kostete vorsichtig. Es war etwas schwammig, aber es schmeckte tatsächlich nach Schweinefleisch. Die Gene schienen zu stimmen. Ich löffelte hungrig. Plötzlich schnitt eine Melodie durch das Stimmen-, gewirr und die von Gewürzen und Bratenduft bela- dene Luft, blitzend und scharf wie ein Messer. Bach? Vier junge Leute hatten mitten in der Menge Stellung bezogen und ließen Flöte, Klarinette und Trompeten erschallen. Die Gespräche verstummten, alle lausch- ten. Am Schluß brandete Beifall auf, und die Münzen klingelten in die Instrumentenkästen. »Grüßen Sie mir Amsterdam«, sagte Prinzessin Brambilla zum Abschied. »Das werde ich tun«, erwiderte ich. »Ich danke Ihnen. Sie haben mir viel über Ihre Heimat erzählt.« »Ich bin immer froh, wenn ich jemanden finde, der mir zuhört. Das haben Journalisten so an sich.« Ohne ihre High-Tech-Brille wirkte sie wie eine nette Oma. Ich hatte das Gefühl, wir mochten uns beide. * Eine halbe Stunde später saß ich in einem Schnellzug der Nederlandske Sporwagen und trank endlich einen genießbaren Kaffee. Der Dom am jenseitigen Ufer sah unwirklich aus im Morgenlicht – irgendwie zart und brüchig. Mich überkam jedoch eine eigenartige Beklemmung beim Anblick der spitzen Zwillings- türme und des gewaltigen Schiffs, und ich war froh, als die Bäume, die den Bahndamm säumten, ihn meinen Blicken wieder entzog. Was würde mich bei meiner Reise in die Vergangenheit erwarten, wenn, ich diese Stadt besuchen würde, lange bevor dieser Dom auch nur zur Hälfte errichtet worden war? Eine Stunde später erreichte der Zug Holland. Auf den Wiesen lagen Nebelflöße, in denen schwarz- weiß gefleckte Rinder standen, eingesunken bis zum Bauch. Satte Weiden dampften in der Morgensonne. Nach dieser Fahrt durch die Apokalypse war es wohltuend, endlich wieder unversehrte Natur zu se- hen. Falcotti hatte recht gehabt: Man muß es mit ei- genen Augen gesehen haben, wie gefährdet die Schöpfung ist – wie schrecklich einfach es ist, der Dunkelheit Tür und Tor zu öffnen. Ich wußte freilich, daß der Schein trog. Auch hier hatte es immer wieder ein großes Töten gegeben, als die Nahrungskette, hin und her gezerrt von Habsucht und Gier, sich hoffnungslos verheddert hatte und man von vorn anfangen mußte, soweit das überhaupt noch möglich war auf der schmalen genetischen Ba- sis nach Jahrzehnten unbekümmerter und verantwor- tungsloser Monokultur. Nachdem die Hoffnungen auf Rückzüchtungen in Rauch aufgegangen waren, sahen sich die Genetiker ratlos an. Die Tiere hatten unter dem Druck der Aus- lese offensichtlich einige Überlebenstricks entwik- kelt, die eben nicht in den Genen gespeichert waren, sondern in den Mitochondrien, in der internen Öko- logie des mütterlichen Organismus oder gar außer- halb des Phänotyps im sozialen Verhalten der Her-, dentiere. Nur ein weltfremder Phantast konnte an- nehmen, daß man ein Lebewesen aus dem Reagenz- glas ziehen und erwarten kann, es würde sich sozu- sagen im luftleeren Raum zu einem überlebenstüch- tigen, fortpflanzungsfähigen, autarken Organismus entwickeln. Allmählich zeichnete sich das ganze schreckliche Ausmaß der Artenvernichtung ab, die man so sorglos betrieben hatte. Die Vielfalt war ver- loren, vernichtet, unwiederbringlich dahin. Hier be- gann unsere Aufgabe und die des Istituto pontificale della Rinascita della Creazione di Dio, San Frances- co, denn plötzlich hatte sich unversehens eine Mög- lichkeit eröffnet. Offenbar hatte das Leben selbst ir- gendwann in der Zukunft eine Möglichkeit gefunden, zeitübergreifend zu wirken, um seine eigene Existenz zu sichern und im Rückgriff auf die Vergangenheit ein Selbstreparaturprogramm zu starten – und wir waren seine Werkzeuge. Es ging nicht nur darum, ins 15. Jahrhundert zu reisen, um ein paar Sämereien und Gewebeproben ausgestorbener Arten zu beschaffen, damit man die verödeten Wegränder wieder mit Blümchen schmük- ken konnte. Es ging um einen Auftrag, dessen Gelin- gen den Fortbestand des Lebens auf Erden sichern sollte. Erst in diesem Moment eröffnete sich mir die ganze Tragweite dessen, was Falcotti gemeint hatte, als er uns ins Vertrauen zog. Die Vision war über- wältigend.,

IX NACHRICHT VOM KÖLNER HEXLEIN

»DIE QUANTENPHYSIK LEHRT UNS, UNSEREN WIRKLICHKEITSBEGRIFF ZU ERWEITERN. DAS GANZE DER PHYSIKALISCHEN REALITÄT, SO LEGT SIE NAHE, MUSS ALS MULTIVERSUM GESEHEN WERDEN, DAS EINE VIELZAHL PARALLELER UNI- VERSEN ENTHÄLT.« David Deutsch Der Kardinal zählte die Lederbehälter, die an den Tragsätteln der Packtiere befestigt waren. Er hatte in Brüssel modernstes astronomisches Gerät und in Löwen einige wissenschaftliche Handschriften er- werben können und sie für die Reise sorgfältig ver- packen lassen. Beruhigt stellte er fest, daß noch alle vorhanden waren. Der Morgen graute. »Steht auf!« rief der Hauptmann der Stadtwache. Drei dunkel gekleidete Gestalten, die neben der Landestelle gekauert hatten, erhoben sich. Ihre Klei- der waren schmutzig, die Schläfenlocken kräuselten sich unter den Hüten hervor und hingen ihnen bis auf die Brust. Man hatte die drei Männer mit dünnen Ketten aneinandergefesselt, den älteren zwischen zwei jüngere. Sie trugen elendes Schuhwerk; einem, lugten die Zehen unter der Kappe hervor. Zwei Klocken von der Stadtwache schoben sie mit ihren Piken vor sich her. Die drei Gefangenen musterten die Waffen schweigend und teilnahmslos. Sie zitter- ten in der morgendlichen Kälte. »Sie wissen seit mehr als zwanzig Jahren, daß sie sich nachts nicht in der Stadt aufhalten dürfen«, er- klärte der Hauptmann niemand Bestimmtem, als müsse er sich ob seiner Amtshandlung entschuldi- gen, »aber sie versuchen es immer wieder.« Als kei- ner ihn beachtete, blaffte er: »Los! Oder muß ich euch Beine machen?« »Du führst hier nicht das große Wort!« rief der Fährherr. »Die Fähre ist von Deutz. Wir Fährherren unterstehen nicht dem Rat der Stadt Köln, sondern dem Erzbischof. Merk dir das. Nimm den Männern die Ketten ab!« In diesem Moment kroch zwischen den Holzboh- len eine Ratte hervor, ein enorm großes Tier von un- gewöhnlicher Farbe, eher grauweiß und rötlich ge- scheckt als graubraun. Schnüffelnd trippelte sie an den Rand des Stegs. Einer der Klocken stieß mit der Pike nach ihr – eher spielerisch, nicht um sie aufzu- spießen, sondern um sie zu verjagen. Wie der Blitz war die Ratte auf die Waffe gesprungen, hatte im Nu die Stange erklommen und fauchte eine Handbreit vom Gesicht des Klocken entfernt: »Wag’s nicht!« Der Mann fuhr erschrocken zurück und warf den, Spieß von sich. »Der Teufel!« schrie er, bleich vor Entsetzen, tat einen stolpernden Schritt zurück und plumpste auf den Hintern. »Der Teufel!« Die Pike polterte zu Boden, und die Ratte verschwand zwi- schen den Bohlen über dem Wasser. Der Kardinal drehte sich verwundert um. »Der Teufel?« fragte er neugierig und musterte den Mann, der auf dem Boden saß und mit schreckgeweiteten Augen um sich starrte. »Entschuldigt, Eminenz«, sagte der Hauptmann und bedeutete dem Klocken mit einer schroffen Kopfbewegung, sich endlich aus seiner unwürdigen Haltung aufzurappeln, dann machte er sich daran, den Gefangenen die Ketten aufzuschließen und sie ihnen abzunehmen. Er warf sie sich mürrisch über die Schulter. Dann wandte er sich ab und spuckte in den Fluß. Nicolaus musterte die Gefangenen, die den Vorfall mit der Ratte gar nicht bemerkt zu haben schienen. Sie machten einen apathischen Eindruck, während die Klocken sie mit ihren Piken auf die Fähre scho- ben. Er hatte die Vertreibung der Juden aus der Stadt gutgeheißen, aber die Maßnahme hatte nicht die Lö- sung gebracht, die man allgemein erhofft hatte. Der Streit zwischen dem Rat und dem Erzbistum schwel- te weiter, und hussitisch beeinflußte Prediger heizten die gereizte Stimmung zwischen den Konfessionen und religiösen Strömungen immer wieder an. Das, Wort Roms galt vielen nichts mehr. Niemand schien noch gehorchen zu wollen. Die Welt war in Auflö- sung begriffen. Der Kardinal nickte seinem Reitknecht zu, die Pferde auf die Fähre zu führen. Die Hufe polterten über die Bohlen, und der Mann band die vier Tiere nebeneinander am Geländer fest. Sie waren unruhig und beäugten ängstlich das dahinschäumende dunkle Wasser des Flusses. Der Fährherr rief ein Komman- do, und das plumpe, schwere Gefährt legte ab. Die Ruderknechte schoben es mit ihren langen Rudern weg von der schwankenden hölzernen Anlegestelle. Es begann sich zu drehen. Der Fluß führte bereits Hochwasser, obwohl erst Mitte März war. Im Schwarzwald und in den Vogesen hatte vermutlich bereits Tauwetter eingesetzt. »Rudert!« rief der Fährherr seinen Knechten zu. »Oder wollt ihr in Düsseldorf anlegen, statt in Deutz? Rudert!« Der Kardinal wandte sich seinem jungen Begleiter zu, der auf dem dichten schulterlangen Haar ein blaues Barett trug, an das er sich, zum Zeichen seines Berufs, keck drei Schreibfedern gesteckt hatte. »Nun?« fragte Nicolaus, um das schon länger unterbrochene Ge- spräch fortzusetzen. »Was tat sich sonst noch alles?« »Mit Verlaub, Eminenz, was sollte sich in Köln schon viel ereignen?« fragte Geistleben, löste sein Felleisen von den Schultern und ließ es neben sich, auf den Boden fallen. »Eine Handvoll römische Mönchlein ist angekommen, die aus Konstantinopel geflohen sind, weil der Türke vor die Tore rückt. Sie lamentieren und faseln vom Weltuntergang und schnorren und betteln um Pfründe. Ja, und man ist dabei, einem Hexlein den Prozeß zu machen. Aber davon hat man Euch sicherlich berichtet.« »Mit keinem Wort«, entgegnete Nicolaus und schüttelte unmutig den Kopf. »Greift sie auch hier um sich, diese scheußliche Narretei, Frauen zu quä- len und zu Tode zu bringen?« »Ja, gewiß. Es wird allenthalben schlimmer. Die Menschen haben Angst vor den Ausgeburten des An- tichrists, die an den Gliedern der Kirche nagen und sich tiefer und immer tiefer in ihr Herz fressen.« »Was sind das für Reden, Geistleben? Nicht der Antichrist nagt, es nagt die Raffgier, es nagt die Ei- telkeit, es nagt die Wollust im Fleisch unserer Brüder und Schwestern.« »Nun, in der Tat, das ist Euer Geschäft, hoher Herr. Davon versteht Ihr wohl mehr …« »Wohl wahr.« »Aber der Osten wird fallen, Eminenz. Das halbe Reich …« »Wär’s anders zu erwarten? Ich sah’s mit eignen Augen, Geistleben. Katakomben voller Schriften, angehäuft in Jahrhunderten, mit dem Wissen von Jahrtausenden aus aller Welt. Doch keiner liest’s,, kann’s auch nur ordnen! Darüber das Rattengewim- mel von Ränkeschmieden und hohlköpfigen Gelehr- ten. Jeder nagt an jedem. Oftmals am eigenen Fleisch. Je nun, was Wunder, wenn die Feinde lauern? So ist’s doch überall. Auch hier in unseren Landen. Es war oft schmerzlich, was ich sah auf meiner Reise nach Flan- dern und in die Niederlande. Es erfüllt mich mit Bit- ternis und Groll. Was allerdings den Erzbischof be- trifft – wir sprachen uns täglich während des Konsili- ums, doch er erwähnte mit keinem Wort, daß er einen Hexenprozeß will führen lassen.« »Nun, Eminenz, er scheint sich gar nicht so sicher zu sein. Er möchte keinen Fehler machen. Schon einmal lag er im Zwist mit dem Papst, der Alte von Moers. Nach fast vierzig Jahren im Amt einfach ex- kommuniziert.« »Das war Papst Eugen. Er nahm’s ihm übel, weil er auf dem Konzil gegen ihn gestimmt hatte.« »Doch war’s eine tiefe Erschütterung für ihn auf seine alten Jahre.« »Papst Nicolaus hat ihm sein Amt wiedergegeben. Ihm wird nichts mangeln.« »Gewißlich nicht.« »Als ich zu Weihnachten und auf Neujahr hier weilte, hörte ich gerüchteweise von einer Frau, bei der man eine wunderliche Sammlung von Kräutern gefunden habe. Ist’s die nämliche?« »Das ist sie.«, »Und man will einen Prozeß führen gegen sie?« »Der Erzbischof hat Weisung und Beistand erbe- ten an höchster Stelle. Eine Kommission soll kom- men aus Rom, den Fall zu prüfen, ob tatsächlich Teufelswerk im Spiel …« »Weshalb hat man die Frau nicht Urfehde schwö- ren lassen und aus der Stadt verbannt, wie üblich?« »Es wurden Hetzreden geführt. Ein junger Geistli- cher war sehr rührig, ein Eiferer aus dem Schwäbi- schen, Bartolomäus von Dillingen ist sein Name – er ist Predikant an Sankt Maria im Kapitol. Die Leute nennen ihn den ›Hexenbartel‹. Mit Verlaub, Emi- nenz, ein übler Schnüffler. Er hat sie wochenlang auf Schritt und Tritt beobachtet. Nach seinen Predigten zieht jedesmal eine erregte Menschenmenge zum Al- ten Markt und fordert kurzen Prozeß. Sie wurde schließlich dem Greven übergeben, denn der Erzbi- schof besteht auf der Hauptgerichtsbarkeit, wie es das Gesetz will. Er hat sie verhören lassen. Man hat sie für schuldig befunden, aber er unternimmt nichts. Er wartet ab.« »Was haben die Verhöre erbracht?« »Ein Knecht, der ihr im Sommer an der Mosel be- gegnet war, sagte aus, sie habe ihn, ohne ihn zu be- rühren, mit Hilfe von Teufelskraft mit solcher Macht zu Boden geworfen, daß er am ganzen Körper grün und blau gewesen sei und wochenlang Schmerzen in der Brust gespürt habe. Er habe ein Lachen gehört,, das wie das Meckern eines Bocks geklungen habe, und deutlich sei der Gestank von Schwefel zu rie- chen gewesen. Eine Bürgerin, bei der sie wohnte, sagte aus, sie habe ihr erzählt, daß man in einer Stunde von Köln nach Rom fliegen könne. Und als man sie der hochnotpeinlichen Befragung unterzog, redete sie sich um Kopf und Kragen. Sie gestand, selbst schon durch die Luft geflogen zu sein. Den Ausschlag gaben freilich die Kräuter.« »Wie das?« »Sie hatte den ganzen Sommer über eine Samm- lung von Sämereien zusammengetragen – Körner von Getreide und Obst, Blüten von allen möglichen Blumen und Pflanzen. Zu Heilzwecken, wie sie be- hauptete. Diese Sämereien waren in Leinensäckchen säuberlich sortiert und mit lateinischen Wörtern be- zeichnet und beschriftet. Aber diese Wörter waren unverständlich. Eine Art geheimes Ordnungsprinzip, Eminenz, das … nun ja, mir schien es so, aufmerk- würdige Weise sinnvoll ist, von dem aber noch nie jemand gehört hat, wie die beigezogenen Professoren der Medizin von der Universität bestätigten. Diese Ordnung deutet auf häretisches, arkanes Wissen hin und kann unmöglich göttlichen Ursprungs sein …« »Also teuflischen …« »Zu diesem Schluß kam die Kommission der Pro- fessoren. Die junge Frau log das Blaue vom Himmel herab. Verstieg sich gar zu der Behauptung, der Hei-, lige Vater selbst habe sie ausgeschickt, um Körnchen und Blümchen einzusammeln.« »Der Heilige Vater?« »Ja, um die Schöpfung zu retten, versicherte sie.« Der Kardinal schüttelte den Kopf. »Sie ist gewiß verwirrt. Ein bedauernswertes Ge- schöpf. Man sollte die Frau nicht auf diese Weise behandeln. So etwas ist schändlich.« »Du meiner Seel, so seh ich’s freilich auch. Zumal sie mehr Bil- dung hat, als dem Teufel zuzumuten ist und – ganz mit Verlaub – dem Erzbischof erst recht.« »Wie das? Ist sie Nonne? Von welchem Orden?« »Das glaub ich nicht. Ich weiß nicht recht; so wür- de keine reden, die das Gelübde der Demut abgelegt hat. Und ihr Latein, o weh …« »Von Adel dann?« »Niemals!« »Ein schlichtes Weib dann? Ihr macht mich neu- gierig.« »Ihr werdet Euch noch mehr verwundern, Emi- nenz, wenn ich Euch sage, daß sie Euch Briefe schrieb. Aus denen geht hervor, daß sie Euch recht gut zu kennen scheint.« »Wie, sie kennt mich? Ist sie von hier? Von Ko- blenz? Von der Mosel?« »Nein, gewißlich nicht. Kein Mensch weiß so recht, woher sie stammt. Einige behaupten, sie sei aus Amsterdam gekommen. Andere wiederum, sie, sei von Schweden, sei dort die Gehilfin eines Hof- medicus gewesen. Der Augenschein, die Rede deuten eher auf eine Römerin, vielleicht Florenz, Siena … wer weiß? Doch keineswegs vom Lande. Beileibe nicht. Sie ist gebildet. Weiß Dinge, von denen selbst ich noch nie gehört. Zuweilen dünkte es mich, als käme sie …« »Nun?« »… aus einer anderen Welt.« »Ihr meint, von fernen Ländern?« »Sehr fernen Ländern, Eminenz. Von denen wir noch nichts wissen.« »Eine Sibylle vielleicht, aus dem Orient?« Der Scholar wägte unschlüssig den Kopf. »Diese Seherinnen sprechen dunkel. Sie eher mit dem Lichte der Gewißheit. Mich dünkte mehr – wie soll ich’s sagen –, als sei die Dunkelheit, mit Ver- laub, eher in unseren Köpfen denn in ihren Worten, wenn Ihr versteht, was ich meine, Euer Eminenz.« Der Kardinal senkte nachdenklich den Blick. »Woher mag sie mich kennen? Ist sie mir je be- gegnet? Hat sie mit mir gesprochen? In Rom viel- leicht? Doch ich erinnere mich nicht, ein Weibsbild solcher Art je …« »Den Anschein hat es nicht. Ich glaub, sie kennt Euch nicht von Angesicht. Es ist vielmehr – wie soll ich sagen –, als kenne sie Eure Schriften und Euch als hochberühmten Mann.«, »Ihr sprecht in Rätseln, Geistleben. Woher soll sie meine Schriften kennen? Und ich ein hochberühmter Mann? Das bin ich nicht, weiß Gott. Sie muß wirr im Kopf sein.« »Ein Wunder wär’s wahrhaftig nicht. Hat sie doch Monate im Kerker verbracht. Die Eiseskälte hat ihr zugesetzt. Sie ist krank und verzweifelt. Ohne Freunde und Bekannte.« »Hat sie sich Euch persönlich offenbart?« »Nein. Ich sah sie nur flüchtig das eine oder ande- re Mal, als man zum Verhör sie brachte. Ich las die Protokolle.« »Man hat Euch Einblick gewährt?« »Nun … als Schreiber in der Kanzlei des Erzbi- schofs konnte ich nicht umhin, Kenntnis davon zu nehmen. Hab fast ein Jahr lang bei ihm gearbeitet. Bin fix im Schreiben und weithin fehlerlos, müßt Ihr wissen. Doch nun treibt mich die Langeweile wei- ter.« »Die Briefe an mich …?« »Sind bei den Akten. Für die Kommission aus Rom. Man wird sie Euch – so nehm ich an – irgend- wann zustellen, sobald der Fall beschlossen ist. Aber damit Ihr nicht zu lange harren müsst, hab ich mir erlaubt, den einen oder anderen Brief, der mir vor Augen kam, für Euch zu kopieren, Eminenz.« »Habt also Akten kopiert, die unter Verschluß sind und – wie ich denke – geheim …?«, »Nun, so geheim wohl nicht. Weit eher unver- ständlich, rätselhaft – doch äußerste Aufmerksamkeit erweckend.« »Ihr tragt die Kopien bei Euch?« »Leider nein. Ich wollte sie aus dem Versteck ho- len, als die Synodalen aufbrachen und auch Eure Ab- reise bevorstand. Ich eilte Euch nach, um auf der Fähre zu sein und sie Euch zu übergeben. Aber die Kopien waren verschwunden.« »Wie das?« »Ich weiß es nicht genau, doch hab ich einen No- vizen in Verdacht. Einen Kerl, der sich blöde gibt, mir aber recht gerissen scheint. Er hat sich in das Weib vergafft, lungert herum, wo sie auch ist, und starrt sie sabbernd an. Dabei hat der Kerl ein Gesicht – mit Verlaub, Eminenz – wie eine Wildsau unterm Schwanz. Er ist von abgrundtiefer Häßlichkeit, und fragt man ihn etwas, so grunzt er nur und buckelt sich davon wie eine Ratte.« »Könnt’s sein, daß er’s dem Erzbischof hinter- bracht? Dann seid Ihr in ernsthaften Schwierigkeiten, das wißt Ihr wohl. Nun hat Euch der Mut verlassen, und Ihr macht Euch rasch davon in aller Herrgotts- frühe.« »Ihr habt wohl recht. Ich kann’s nicht ausschlie- ßen, daß er mich angeschwärzt hat. Doch könnt’s auch sein, daß er sie so verehrt und vorlieb nimmt mit allem, was ihre Hände angerührt, erst recht was, sie niederschrieb. Es sind denn auch die Lumpen ver- schwunden, die sie auf dem Leibe trug, bevor man ihr ein frisches Gewand gab, als man sie zum Verhör führte. Vielleicht hat er das Zeug im Stroh versteckt, in dem er schläft, der Kerl. Nun, wie dem auch sei, es schien mir an der Zeit, aufzubrechen. Möcht end- lich weiterziehen. Erst Straßburg, dann Paris, um dortselbst die Lullische Kunst zu studieren, von der ich hörte.« »Ihr meint die Kunst dieses Mallorkiners, mit ei- nem kleinen Mechanismus – ritsche, ratsche – Wis- sen zu erschaffen, ohne den Geist zu bemühen und – aus eins mach zwei mach drei – die Weisheit der Schöpfung Gottes zu errechnen?« »Mit Verlaub, Eminenz, das könnt aber, wie mich dünkt, die wahre Zukunft allen Philosophierens sein: das Zählen, Messen, Wägen, Rechnen. Nicht Irrwe- ge, Besserwisserei und Dispute über Autoritäten von einst und jetzt. Das Computieren! Das Hexlein schreibt’s an einer Stelle: Man wird’s Euch einst als Verdienst zuschreiben, dies insonderheit befördert zu haben.« »Ich selbst? Das ist so kühn wie unglaubhaft, Geistleben. Zwar habe ich, lang ist es her, ich glaube, es war anno ‘26, als ich noch Sekretär von Giordano Orsini gewesen bin, mich mit dem Werk des Rai- mundus befaßt. Ich fand es beim Stöbern hier in Köln unter vielen anderen Schriften. Der Kardinal, wies mich darauf hin, daß es hier eine umfangreiche, noch fast gänzlich unerforschte Bibliothek gebe. Er hatte eine Nase für solche Dinge.« »Auch ich hab’s hier entdeckt. Es hat mich neu- gierig gemacht.« »Ich fertigte mir damals Exzerpte an, doch fand ich die Muße nie, mich ernsthaft mit dieser Ars Ma- gna zu befassen, wie ihr Schöpfer sie so eitel nannte. Nur habe ich Vorbehalte, das Philosophieren den Mechanikern und Uhrmachern zu überlassen. Wie- wohl … Nun, in der Tat, ich schrieb in Val de Castro bei den Camaldulensern nach einem Disput mit Tos- canelli ein paar Gedanken übers Wägen nieder, die … Werd ich’s dereinst vertiefen, wenn’s die Zeit er- laubte … Doch nein, wie sollte dieses Weib …?« »Weiß einer, was die Zukunft bringen wird, Emi- nenz? Außer Gott vielleicht der Teufel … und ein Hexlein dann und wann?« »Was schrieb sie sonst noch in den Briefen?« »Sie bat Euch um Einflußnahme höheren Orts. Ich nehme an, sie meint den Heiligen Vater selbst.« »Der hat, weiß Gott, andere Dinge zu tun, als sich mit den wirren Auslassungen einer Frau zu befassen, die man im fernen Köln der Hexerei verdächtigt. Was schrieb sie sonst?« »Ihr solltet die Hand halten über die Academia Romana …« »Academia Romana? Nie davon gehört.«, »Ihr Gründer sei … Wie war sein Name? Pompo- nius Laetius oder Laetus …« »Ich kenn ihn nicht.« »Von einem Regiomontanus schrieb sie, der nach Rom gerufen werden soll.« »Ein Königsberger? Ein Gelehrter? Er ist mir nicht bekannt.« »Auch ich hab nie von einem Gelehrten dieses Namens gehört.« »Was weiter?« »Nun, also, soweit ich mich besinne, viel wirres Zeug. Von einem Ort insonderheit, an dem eine schlimme Pest ausbricht, an der oberen Mosel.« »An der Mosel? Nannte sie den Ort?« »Cattelon … Cattenom oder so ähnlich.« »Cattenom … Es könnte sein, daß ich einen Ort solchen Namens schon einmal hörte. Eine Pest sagt Ihr?« »Wovon die Erde schwarz wird bis weit ins Böh- mische, ja ins Polnische hinüber, die Mensch und Tier verheert und Baum und Strauch vergiftet und verdirbt, daß man nicht leben kann mehr in diesem Land.« »Eine Sibylle also, die wie Kassandra, von der Ai- schylos berichtet, sieht, was kommen wird?« »Werdet Ihr Euch für sie verwenden, Eminenz? Es könnte sehr wohl sein, daß das Gericht der Stadt sie wegen Zauberei verurteilt und verbrennt. Der Erzbi-, schof wird, so wie ich ihn kenne, keinen Finger rüh- ren.« »Ich werde Dietrich einen Brief schreiben, von Frankfurt aus, wohin ich in wenigen Tagen aufbre- chen muß. Ich werde in Sankt Florin mit Tilman re- den, wiewohl wir nicht auf bestem Fuße stehen …« »Propst Tilman Joel von Linz?« »Ja. Er ist Berater des Erzbischofs seit vielen Jah- ren.« »Ich hatte die Ehre, ihn kennenzulernen, Emi- nenz.« »Macht fest!« rief der Fährmann den Ruderknech- ten zu. Am Ufer waren zwei junge Männer herbeige- eilt und fingen die Seile auf, die ihnen zugeworfen wurden. Man schirrte Pferde an, ein Dutzend oder mehr, um das schwere Gefährt stromaufwärts zur oberen Anlegestelle zu treideln, denn die Abdrift be- trug gewiß dreitausend Fuß. Der Atem der Tiere dampfte in der morgendlichen kühlen Luft. Judenkinder standen oben an der Böschung im nassen Gras. In Lumpen gehüllt – barfuß. Sie folgten den Pferden in gebührendem Abstand, denn die Trei- delknechte schwangen ihre Peitschen weit. Eine bläßliche Sonne stieg zwischen Wolkenbänken auf und verwandelte Tiere und Menschen in goldum- sponnene Silhouetten. »Ich hoffe, bis zum Sommer wieder in Rom zu sein, Geistleben«, sagte der Kardinal. »Wenn Eure, Reiselust Euch dahin führen sollte, seid Ihr ein gern- gesehener Gast.« »Ihr seid zu gütig, Eminenz. Euer Angebot ehrt mich.« »Ihr müßt mir dann berichten von der Lullischen Kunst, wenn man sie Euch in Paris gelehrt hat.« »Es wird mir ein Vergnügen sein, Eminenz.« Der Pferdeknecht führte die Tiere an den Zügeln die Anlegestelle hinauf, hielt den Steigbügel und half dem Cusaner beim Aufsitzen. Der Kardinal hob die Hand. »Habt Dank!« rief er dem Scholaren zu, der sein Felleisen geschultert hatte. »Gott segne Euch.« »Lebt wohl, Eminenz.« »Wir brechen auf«, befahl der Kardinal und ergriff die Zügel. »Ich will zur Sext in Heisterbach sein bei den Zisterziensern und zur Vesper in Andernach. Der Tag ist kurz, und ich hasse es, im Dunkeln zu rei- sen.« Der Pferdeknecht nickte, schwang sich in den Sat- tel und machte die Zügel der Packpferde fest. Dann ritten sie los. Die Stimmen der Kinder, hell in der kühlen Morgenluft, blieben hinter ihnen zurück. Ein Paar Gänse flog dicht überm Uferschilf den Fluß entlang. Ihr schwerer rhythmischer Flügelschlag klang wie das lustvolle Stöhnen zweier Liebender. Der Pferdeknecht wandte das Gesicht ab und grinste., VIERTES BUCH,

I DER NEUE DAMM

»ICH SETZE RAUM UND ZEIT IN VERGLEICH MIT DEM OZEAN. VERÄNDERUNGEN IN RAUM UND ZEIT SIND WIE MEERESWELLEN. AUS GROSSER HÖHE BETRACHTET, SIND VERÄN- DERUNGEN AUF DER WASSEROBERFLÄCHE GAR NICHT ERKENNBAR. DAS MEER SIEHT RUHIG UND FLACH AUS. ERST WENN MAN SICH IHM NÄHERT, WERDEN WELLEN UND SCHAUM SICHTBAR. – DAMIT KOMME ICH ZU DEM UNAUSWEICHLICHEN SCHLUSS: AUCH IM WELTALL, IN RAUM UND ZEIT, MÜSSEN SICH SCHAUMÄHNLICHE STRUKTUREN BILDEN.« John Wheeler In der Umkleidekabine roch es nach feuchtem, son- nenwarmem Holz und Urin. Als ich mich umwandte, sah ich ein weit aufgerissenes Auge in dem Loch, das ein Spanner durch die Holzwand gebohrt hatte. »He, du Lausejunge! Hier ist keine Peepshow!« rief ich und klatschte den nassen BH meines Bikinis gegen die Öffnung. Gleich darauf hörte ich die ren- nenden Füße zweier Jungen auf dem Holzrost hinter der Kabine., Renata war schon angezogen und saß an einem Tisch unter dem Sonnenschirm der angrenzenden Caféteria. Ich schlenderte zu ihr hinüber. Vom Alten Meer wehte ein angenehm kühler Wind herein; die Hitze, die den ganzen Tag lang über dem hellen, breiten Sandstrand geflimmert hatte, wurde nun er- träglicher. Meine Haut brannte vom Salzwasser und den Einschlägen von Milliarden und Abermilliarden Photonen, die an diesem Sommertag durch das riesi- ge Ozonloch ungefiltert auf uns niedergegangen wa- ren. Renata war schon tags zuvor nach Zandvoort hi- nausgefahren und hatte bei Grit übernachtet. Grit hat- te bereits ein halbes Dutzend Einsätze im 15. und 16. Jahrhundert absolviert; sie sollte uns als angehende Reisende beraten und helfen. »Schade, daß Grit nicht mitkommen konnte«, sag- te ich. »Sie bekommt Besuch heute abend und mußte noch einiges einkaufen und vorbereiten.« Zwei Jungen, vielleicht zwölf oder dreizehn, wa- ren in einiger Entfernung stehengeblieben, lutschten an ihrem Eis und starrten zu uns herüber. Drohend hob ich den Finger, was ihnen allerdings nur ein Grinsen entlockte. Der eine steckte den Daumen zwi- schen Zeige- und Mittelfinger durch und wackelte mit den Hüften. »Schau dir diesen kleinen Saukerl an!«, Renata blickte sich irritiert um, dann lächelte sie zaghaft. Sie wirkte erschöpft, und ich hoffte, daß die Seeluft ihr gut tat. »Frans kommt also nicht«, bemerkte sie. »Er hat seinen Vertrag in Venedig verlängert. Sie brauchen ihn dringend, sagte er mir. Eigentlich hatte ich schon damit gerechnet. Denn gleich nach der Rückkehr von seiner letzten Reise spürte ich bereits, dass ich ihm fremd geworden war. Dabei hatte ich so um ihn gebangt und war so glücklich, als er endlich zurückkehrte.« Renata nickte. »Ich habe dich gewarnt, Domenica. Mit Zeitfah- rern darf man keine festen Bindungen eingehen oder erwarten, daß sie Bestand haben. Reisende leben in einem eigenen Universum; sie bewegen sich auf erra- tischen Bahnen. Wenn sie sich dir nähern, ist es wie auf einer Parabel. Es gibt einen Punkt, da sind sie dir ganz nahe, aber dann trägt es sie wieder davon«, sag- te sie und legte ihre Hände auf meine. »Es wird uns bestimmt genauso ergehen. Hinzu kommen diese rät- selhaften Zeiteffekte. Wenn sie heute durch die Tran- sition gehen und kehren nach ein paar Tagen zurück, haben sie oft Wochen, Monate, manchmal Jahre in der Vergangenheit zugebracht. Manchmal haben sie Schreckliches durchgemacht und noch Schreckliche- res gesehen, und sie sind vielleicht dort, wo sie sich aufhielten, trotz aller Vorsätze Bindungen eingegan-, gen. Wenn sie dann zurückkehren, tauchen sie in ei- ne ihnen fremd gewordene Welt ein, in der alles, was sie eben noch kannten oder sogar liebten, sich verän- dert hat oder gar vergangen ist. Sie führen ein buch- stäblich zerrissenes Leben. Ihre Biographie ist von Klüften und Abgründen durchzogen. Wie willst du da Kontinuität erwarten?« »Das habe ich mir noch nie so recht klargemacht«, entgegnete ich. »Wolltest du wahrscheinlich auch nicht. Aber es muß so sein. Manche sind daran ka- puttgegangen und haben den Kontakt zur Realität verloren. Man braucht ein dickes Fell, wie Frans es hat, um ein solches Leben über Jahre durchzuhal- ten.« Ich nickte. »Allmählich finde ich mich damit ab, daß ich bei den Männern, zu denen ich mich hingezogen fühle, nicht das große Glück finde.« Renata lachte. »Wenn man so aussieht wie du? – Komm, nimm das Taschentuch und wisch dir die Tränen ab, Herr- gott noch mal!« »Meine Mutter will übrigens wieder heiraten. Ei- nen echten Moro«, sagte ich, bemüht, das Thema zu wechseln. »Wie schön für sie. Wann?« »Zu Weihnachten.« »Bis dahin sind wir beide bestimmt längst zurück. Dann machen wir Urlaub in Italien.«, »Bernd und Birgit wollen übrigens ein Psycholo- giestudium beginnen. Sie haben irgendein Waisen- Stipendium verliehen bekommen.« »Das wird ihnen nicht schaden. Und wenn wir ei- nen Knacks abkriegen« – sie tippte sich an die Stirn – »können wir auf sie zurückgreifen.« »Besser nicht.« »Hältst du immer noch Kontakt zu ihnen?« »Ich habe noch rasch einen Rundruf gemacht, be- vor ich Luigi in den zeitweiligen Ruhestand schicken mußte«, sagte ich. »Dann genießt du jetzt auch das Privileg, NEA zu sein. Unerreichbar für Krethi und Plethi.« »Hm.« »Inzwischen schätze ich es, für niemanden er- reichbar zu sein – wie meine Vorfahren, wenn sie im Winter in den Bergen von der Außenwelt abgeschnit- ten waren. Am Anfang fiel es mir aber schwerer, als ich gedacht hatte. Man gewöhnt sich an die mühelose Datenbeschaffung. Das wird uns natürlich fehlen.« »Glaubst du, daß unser Einsatz hart werden wird?« fragte ich Renata. »Ja, glaube ich schon. Wir werden in eine Welt transferiert werden, die fremdartiger ist als der Mars. Aber wir werden es schaffen. Wir ha- ben das Zeug dazu und wurden ja auch lange genug getestet.« »Vorige Woche war ich bei einer Wahrsagerin«, gestand ich. »In der Sint Annenstraat.«, »Ich wußte gar nicht, daß du von solchen Dingen etwas hältst«, sagte Renata. »Tu ich auch nicht. Es war so ein spontaner Ein- fall.« »Und was sagte sie?« »Sie betrachtete meine Hände, machte ein bißchen Hokuspokus mit einer Glaskugel und sagte: ›Ich sehe Sie vor einem Spiegel stehen, aber …‹ Plötzlich hielt sie entsetzt inne. ›Was ist?‹ fragte ich, und sie flü- sterte: ›Der Spiegel zeigt kein Bild. Er ist leer!‹ Dann starrte sie mich an und schrie: ›Gehen Sie! Gehen Sie sofort!‹ Und dann hat sie mich praktisch rausge- schmissen. Sie wollte auch kein Geld nehmen.« Re- nata schüttelte den Kopf. Lange saßen wir schwei- gend da. Weit draußen am Horizont erhob sich eine undeutliche Höhenlinie: die Krone des Neuen Damms, der nordwestlich von Terschelling über Te- xel bis zum Westgat errichtet wurde und der eines Tages von Cherbourg bis zum Skagerak reichen soll- te. Der »Atlantikwall« witzelten die einen, den »Sar- kophag der europäischen Atomindustrie« nannten ihn andere, aber den meisten verging der Spott ange- sichts der anrennenden Fluten im Frühjahr und im Herbst. Das Wasser in den Ozeanen stieg unerbitt- lich, und ganz Holland lag inzwischen unter dem Meeresspiegel. Die Holländer lebten bereits seit Jahrhunderten mit dieser Bedrohung; häufig hatten sie sich mit dem auserwählten Volk Israels vergli-, chen, das auf Gott vertrauend durchs Rote Meer ge- zogen war. Eines war allen klar: Würde die Nördli- che Assoziation, die sogenannte Rumpf-EU, nicht gewaltige Anstrengungen unternehmen und alljähr- lich mehr als zweihundert Milliarden Euro in das Projekt des Neuen Damms stecken, der bis zur Jahr- hundertwende von der Normandie bis Jutland reichen sollte, würde die Nordsee bald in die Kölner Bucht hineinschwappen. In Zandvoort schlappte das Alte Meer, wie man es inzwischen nannte, mit kleinen Wellen gegen den breiten, flachen Sandstrand. Die Kinder konnten ge- fahrlos darin planschen, und das Wasser war im Juni schon warm gewesen wie in einer Badewanne. Tat- sächlich kam man sich, wenn man bei klarem Wetter nach Westen blickte, angesichts des erhöhten Hori- zonts, den das in den Himmel wachsende Bauwerk bildete, wie auf dem Boden einer gewaltigen Schüs- sel vor; auf ihrem Rand krabbelten unaufhörlich Ko- lonnen von Wanderameisen entlang – die ferngesteu- erten Einhundert-Tonnen-Robolaster, die ihre La- dung zu den Bauabschnitten karrten und an Ort und Stelle absetzten. Wenn uns die Ausbildung Zeit ließ, fuhren Renata und ich gewöhnlich heraus nach Zandvoort. Manch- mal war auch Grit dabei. Dann erzählte sie uns von den Erfahrungen, die sie und andere auf ihren Reisen durch die Zeit gemacht hatten., »Darf ich dich zu einem Portwein einladen?« frag- te ich Renata. »Nein danke, Domenica. Das ist lieb von dir, aber ich möchte keinen Alkohol trinken. Die medizinische Behandlung macht mir mehr zu schaffen, als ich dachte. Ich fühle mich, als würde ich eine Grippe kriegen – mit rasenden Kopfschmerzen.« »Ist das normal?« »Nichts Außergewöhnliches, meint Dr. Hekking. Ich reagiere heftig, aber das sei nur gut so. Ich bin allerdings froh, wenn ich es endlich hinter mir habe.« »Wann?« »Ich soll, wenn alles nach Plan läuft, am 18. Au- gust meine erste Transition versuchen. Hin und so- fort wieder zurück. Das ist in zwei Wochen«, erwi- derte Renata. »Und deswegen die ganze Quälerei?« »Nein, die medizinische Konditionierung hält für den Rest deines Lebens. Du darfst bei der Rückkehr nur nicht vergessen, gleich die erforderlichen Medi- kamente einzunehmen, damit du gegen Infektionen gewappnet bist.« »Wenn ich Grit recht verstanden habe, dann geht die Gefahr doch von uns aus«, warf ich ein. »Das ist richtig«, sagte Renata. »Sie können uns in unserer normalen Verfassung nicht einfach in die Vergangenheit schicken. Für die Menschen im 15. Jahrhundert hätten wir die Wirkung von Bio-Waffen,, sagt Dr. Hekking. Wir haben die Pest an Bord – die Masern, die Pocken, den Scharlach und weiß Gott was alles. Aber diese ganzen widerlichen Erreger sind in unserem Körper so von Abwehreinheiten um- stellt, daß sie uns nicht schaden können. Die Men- schen in jener Zeit haben diese Antikörper jedoch nicht. Sie wären den Erregern schutzlos ausgeliefert, so wie seinerzeit die Indianer, als die europäischen Eroberer, und erst recht, als die schwarzen Sklaven aus Afrika kamen. Wir würden eine Schneise des Todes ziehen, erklärte der Doktor. Also müssen wir gewissermaßen entschärft werden. Das Immunsy- stem wird heruntergefahren. Das bedeutet aber, daß wir nach unserer Rückkehr gefährdet sind wie HlV- Infizierte, deren Immunabwehr gestützt werden muß.« »Ich wußte gar nicht, daß du dich in Immunologie so gut auskennst, Renata«, bemerkte ich. »Habe ich dir nie davon erzählt? Bevor ich den Job im Ospedaletto an der Barbaria delle Tole be- kam, hatte ich auf der Krankenstation eines Flücht- lingslagers bei Verona gearbeitet. Da tauchte ir- gendwann ein seltsamer Grippeerreger auf; er befiel vor allem unterernährte Kinder, die ein ganz be- stimmtes genetisches Muster hatten. Es kam der Verdacht auf, daß er aus einem Labor stammte, aber niemand konnte es beweisen. Ich hatte geholfen, die gefährdeten Kinder herauszusuchen, damit sie ge-, impft wurden. Dabei hatte ich dann eine Menge über Ansteckungskrankheiten gelernt. Ich hätte gern Me- dizin studiert, aber meine Noten waren zu schlecht«, sagte sie und lächelte. »Für Botanik hat’s gereicht.« »Diese medizinische Konditionierung verunsichert mich. Ehrlich, ich habe es nicht gern, wenn man an mir herumdoktert.« »Das steht aber im Kleingedruckten unserer Ver- träge, Domenica: ›Für die bestmögliche medizinische Überwachung und Betreuung wird Sorge getragene Dr. Hekking wird dir das alles erklären, wenn du ein paar Tage lang auf seiner Station liegst. Es ist über- haupt nicht bedrohlich. Ich habe das Gefühl, daß die Mediziner des CIA die Dinge gut im Griff haben. Schließlich blicken sie auf mehr als zwanzig Jahre Erfahrung mit Zeitreisen zurück«, beruhigte mich Grit. »Trotzdem werde ich mir jetzt einen Portwein bestellen. Was möchtest du?« »Ich trink ein Bitter Lemon oder ein Tonic.« »Okay. Ich lade dich ein.« Renata nickte. Ihre Wangen waren gerötet. War es von der Sonne, oder hatte sie ein bißchen Fieber? »Im Grunde ist das alles ja noch weit komplizier- ter«, fuhr sie fort, nachdem die Bedienung die Ge- tränke gebracht hatte. »Zwischen der Zielzeit von 1450 und heute liegen ziemlich genau sechshundert Jahre. Für die Erreger ist das ein Zeitraum von eini-, gen Milliarden Generationen. Sie haben seitdem vie- le Mutationen durchgemacht. Als Reisender bege- gnest du sozusagen den Stegosauriern unter den Pestbazillen und dem Archaeopterix des Pockenvi- rus. Gefährlich, aber nicht sonderlich raffiniert. Heu- te ist das anders. Die Biester haben dazugelernt. In ihrem Genom haben sich Erfahrungen angesammelt. Hinzu kommt, daß es jedes Jahr mehr werden. Sie kommen aus zerstörten Biosphären und aus Labors, in denen gepfuscht wird. Unser Organismus wird heute von mehr als einhundertfünfzig verschiedenen Erregern bedroht, von denen die meisten erst in den letzten zweihundert Jahren aufgetaucht sind. Das ist die größte Herausforderung, der das menschliche Immunsystem in seiner Jahrmillionen langen Ent- wicklungsgeschichte je gegenübergestanden hat. Oh- ne die moderne Nano-Medizin sähe es ziemlich dü- ster aus für die Menschheit. Wir brauchen Söldner- truppen. Ohne die raffinierten Nanotecten in unseren Zellen und in unserem Kreislauf wären unsere Über- lebenschancen nicht sonderlich gut.« »Und mit solchen Nanotecten hat man dich voll- gepumpt.« Renata rieb sich die Stirn. »Ja, ich habe jetzt eine Milliarde Feuerwehrleute an Bord, die auf mich aufpassen, meine Zell-Armada auf Kurs halten und dafür sorgen, daß ich nicht zur Biowaffe werde. Ein Wachregiment an jeder Pore.«, Ich dachte mit Schaudern an die fleißigen Nano- tecten, die bei dem Jungen in Venedig Amok gelau- fen waren und sein Gehirn binnen einer Stunde in Stilton verwandelt hatten. Plötzlich hatte ich das überwältigende Bedürfnis nach einem kräftigen Schluck und leerte mein Weinglas mit einem Zug. »Mein Gott, Renata, worauf haben wir uns da ein- gelassen?« Sie lächelte und tätschelte mir die Hand. »Keine Angst«, sagte sie. Ihre Haut fühlte sich heiß und trocken an. »Dr. Hekking meint, über kurz oder lang müsse die ganze Menschheit so umgerüstet werden, wenn sie überleben will. Wir sind nur die Avantgarde.« Ein Supertanker kam aus der Hohen Schleuse vor Ijmuiden und glitt durch die abendliche See wie auf einer Landebahn aus jadefarbenem Licht nach Süden, Richtung Rotterdam. Er war eines jener alten großen Schiffe, die von der Caritas und Brot für die Welt gechartert wurden und unter der Flagge der Verein- ten Nationen führen. Das Deck war wie von Lehm überkrustet, als hätten sich Sedimente darauf abgela- gert, aus denen dürres braunes Gestrüpp wuchs. Es war ein Slum. Zwischen Rohrleitungen, Pumpen und Entlüftern lebten vier- oder fünftausend Menschen. Es waren Klimaflüchtlinge, meist aus Bangladesch, Indonesien oder von den Philippinen. Die Tanks wurden erst zur Entladung freigegeben, wenn die, Immigranten in die Lager von Landsmeer und Mo- nickendam gebracht worden waren, von wo aus sie nach ihrer Personenfeststellung und einer Gesund- heitskontrolle in die hinreichend dekontaminierten Gebiete Mitteleuropas gebracht und dort angesiedelt wurden. Erdöl gegen Einwanderungsquoten lautete die Devise der UN, seitdem sie von einer aufgebrach- ten Mehrheit von Entwicklungsländern dominiert wurde, denen das Wasser buchstäblich bis zum Hals stand. Der Tanker wurde von drei Kampfhubschrau- bern der EuroForce begleitet, um die Menschen auf Deck vor terroristischen Anschlägen der KICOB und anderer militanter rassistischer Gruppen zu schützen. »Weißt du«, sagte Renata, »ich habe das Gefühl, das gigantische Selbstreparaturprogramm des Univer- sums, von dem Auerbach überzeugt ist, beginnt zu greifen. Und es wundert mich überhaupt nicht, daß das ausgerechnet in unserer Zeit geschieht.« Der riesige Sonnenball lag auf der Krone des Neu- en Damms; er schien unter seinem eigenen Gewicht zusammenzusinken und auseinanderzulaufen. Die schweren Robolaster krochen wie eine endlose Kette von Ameisen quer durch den Glutfluß. Ein Streifen aus zitterndem Rotgold lag über dem Wasser, wie mit einem dicken Pinsel aufgetragen. Das Peitschen der Helikopterrotoren war mittler- weile verstummt. Schatten fiel über das Alte Meer. Eine dünne Mondsichel stand wie ein Siegeszeichen, über dem Sarkophag. Die Wanderameisen trugen nun Lichter vor sich her. Der Sand war kühl unter unseren Füßen, als wir über den Strand zur S-Bahn- Station gingen. An der Centralstation mußten wir in den Bus um- steigen. Noch bevor wir Java erreicht hatten, schlief Renata an meiner Schulter. Ich brachte sie ins Bett. »Das mit dem Spiegel«, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen, »macht dir das angst?« Ich zuckte die Achseln. »Nein, eigentlich nicht.« Sie nickte befriedigt und war sofort wieder einge- schlafen. Ich legte meine Hand auf ihre Stirn. Sie war heiß. Ich spürte, wie Millionen von Wächtern ausschwärmten und mit konzentriertem Abwehrfeuer meine Handfläche attackierten. Dann suchte ich mir eine Decke und bereitete mir ein Lager auf dem Sofa. Ich spielte mit dem Gedanken, noch mal kurz nach Hause zu gehen – ich wohnte im selben Block, im Haus Archimedes, während das Apartment Renatas im Haus Diogenes lag –, aber ich konnte mich nicht aufraffen. Der Wein tat seine Wirkung. Ich zog mich aus, legte mich zu ihr und kuschelte mich an sie. »Wir sollten nicht so enge Bindungen eingehen, weißt du?« sagte sie und lachte leise. »Ich weiß«, sagte ich, drückte sie an mich und ge- noß die Wärme ihres Körpers. »Halt mich fest«, flüsterte sie. Dann war sie wie-, der eingeschlafen. Die Nachtluft, die vom Ij hereinwehte, war ange- nehm kühl. Am anderen Ufer des Flusses, im Noord, sah man die hell erleuchteten Häuser des CIA, die sich bis ins Flußbett erstreckten. Früher hatte dort angeblich eine Raffinerie gestanden, aber sie war stillgelegt und abgerissen worden, als das Öl knapper wurde. Ich blickte lange auf das dunkle Wasser hin- aus, auf dem die Reflexe der vielen Lichter in ständi- ger Bewegung waren, und gab mich der hypnoti- schen Wirkung dieses Tanzes hin. Plötzlich wurde das Wasser unruhig. Strähnige Muster bildeten sich im Chaos der Reflexe. Ein Schiff zog vorbei, schattenhaft, fast lautlos; seine Maschinen waren eher zu fühlen als zu hören, wie der Puls eines großen Tiers. Als ich endlich schlief, hatte ich einen merkwürdi- gen Traum. Ich befand mich am Rand einer Sandwü- ste. Die Dünen erstreckten sich bis zum Horizont. Es war eine uralte, tote Welt. Ich stand auf dem Kamm einer hohen Düne und blickte hinab auf eine kleine Oase – einen winzigen Klecks von Grün in der schrecklichen Leere. Sie lag am Ufer eines ausge- trockneten Meeres, das steil abfiel und sich in Tiefe und Dunkelheit verlor. Der riesige Glutball der fremden Sonne sank zum Horizont. Die Steilhänge des Canons, viele tausend Meter hohe schwarze Felswände aus versteinerten, Sedimenten, an denen Matten aus hellem Flugsand hingen wie abgestorbene Flechten, überzogen sich mit einem matten Rosa. Die Schattenflut stieg. In der Tiefe dunkelte es bereits. Waren dort unten zwischen den Salzdomen auf dem Grund des Meeres Lichter zu sehen? Waren es Reflexe auf den letzten Spuren von Wasser auf dieser alten Welt? Hatten ihre Be- wohner sich in das Innere gegraben, um sich an die schwindende Wärme im Herzen ihres erkaltenden Planeten zu schmiegen. Oder waren sie längst zu den Sternen aufgebrochen? War dies die Erde in ferner Zukunft? Die Sonne war untergegangen. Ein kalter Wind erhob sich. Die Sterne brannten über der Wüste. In der Oase war kein Lichtschein zu entdecken. Kein Mond. Ich erwachte. Renata schlief tief und fest unter dem Schutz ihrer Leibregimenter. Im Westen tutete eine einsame dunkle Schiffssirene. Zwei, drei hellere antworteten. * Zwei Tage später geriet ich auf dem Dam unverse- hens in eine Demonstration. Ich hatte mir in dem großen Kaufhaus, das die Amsterdamer lustigerweise De Bijenkorf, den Bienenkorb nennen, ein paar Haushaltsgegenstände gekauft und mir Zeit gelassen,, durch die Stockwerke zu schlendern. Als ich dann wieder auf die Straße hinaustrat, waren mehr Leute als sonst auf dem großen Platz. Sie schrien durchein- ander, waren aufgeregt, aber nicht in feindseliger, sondern eher in aufgekratzter Stimmung. Vor dem Königspalast hatten sich ein paar hundert Senioren versammelt, die Transparente hochhielten mit Auf- schriften wie: WIR LASSEN UNS NICHT ABSCHIEBEN! GRATIS CYBERSEX VOOR BEJAARDEN! IHR MACHT UNS NICHT PLATT! WIR WISSEN UNS ZU WEHREN! Ich hatte wiederholt von Überfällen junger Rowdys auf Altersheime gehört. Von Todesopfern war die Rede gewesen. Eine Phiole Bakterien der Legionärs- krankheit in die Klimaanlage, und die alten Leute husteten und röchelten sich zu Tode. Vom Damrak her war das Grummeln schwerer Mo- torräder zu hören. O Gott, dachte ich, es gibt sie also auch hier schon, die Praetorianer. Nein, es war ein bunter Haufen – ein Demonstrationszug vor allem farbiger Jugendlicher. Die meisten kamen zu Fuß, ein paar Harleys als Flankenschutz und drohende Be- gleitmusik. Voraus wurden Transparente getragen:, KRATZT ENDLICH AB, IHR ALTEN FURZER! ENTSORGT EUCH! IHR STINKT UNS! IHR SCHEISSER, WOLLT IHR EWIG LEBEN? Auf der anderen Seite verschaffte sich heftige Entrü- stung Luft, als die Senioren in den vordersten Reihen die Parolen entziffern konnten. Vorneweg sah ich, dicht an dicht, eine Phalanx von Gehwägelchen; un- willkürlich dachte ich an Belagerungsmaschinen. Geschoben wurden sie von Frauen mit grauen Rin- gellöckchen und grimmig entschlossenen Gesichtern. Motorisierte Verbände flankierten das Aufgebot – es waren elektrische Rollstühle. Ihre Fahrer trugen pe- trol-farbene Baseballmützen und Westen aus grau- grünem Kevlar. Die Transparente wogten aufeinander zu, die Kon- frontation war unausweichlich. Von der Rokin und der Raadhuisstraat waren Polizeisirenen zu hören. Ich lief nach links und umrundete das wuchtige Na- tionaldenkmal aus hellem Stein. Wie ein überdimen- sionales Fruchtbarkeitssymbol wirkte es auf mich, behängt mit Wappenschildern und bewacht von zwei Jünglingen mit erhobenen Händen, die ein Frevler enthauptet hatte. Plötzlich preschte aus der Warmoesstraat ein, Mannschaftswagen der Polizei hervor und hielt mit quietschenden Bremsen. Polizisten mit mannshohen Schilden, Gummiknüppeln und heruntergeklapptem Visier sprangen herunter und stürmten über den Platz, um sich zwischen die Fronten zu werfen. Die Leute um mich her begannen zu rennen; ich wurde mitgerissen und in Richtung Grand Hotel Krasna- polsky geschwemmt. »Kommen Sie rein, junge Frau! Schnell! Schnell!« rief mir der Türsteher zu, als ich an der Treppe zö- gerte – ein großer, kräftiger Mann, dem sein mitter- nachtsblauer Anzug über Brust und Bauch spannte. Ich kämpfte mich zur Drehtür durch, während sich an meinen Fersen mit ohrenbetäubendem Knattern und Zischen ein Sicherheitsschirm entfaltete, der die Nachdrängenden zurückschob. Sie hämmerten wü- tend mit den Fäusten gegen die elastischen Plastik- segmente, die mit einem Gasgemisch prall aufgebla- sen und undurchsichtig gemacht wurden. Die schril- len Stimmen der ins Foyer geflüchteten Passanten wurden rasch gedämpft angesichts des vornehmen, klimatisierten Ambientes. Ein livrierter Boy dirigier- te uns in einen gefliesten Gang mit Sitzgelegenheiten vor einer Glaswand, die einen Wintergarten umgab. Die wenigen Bänke waren im Nu belegt von aufge- regten Menschen, hauptsächlich Touristen, die la- mentierten und in ihre IKoms plapperten, weil sie von ihren Angehörigen getrennt worden waren oder, das Versagen der Polizei beklagten. Sie beruhigten sich, als zwei Boys mit Tabletts erschienen und Was- ser und Fruchtsäfte servierten – auf Kosten des Hau- ses, wie sie versicherten, was ein lebhaftes Gedränge nach sich zog, vor allem bei den Einheimischen, wie mir schien. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um mich etwas umzusehen, und betrat einen riesigen ganz in Lind- grün gehaltenen Speisesaal, mit Dutzenden von Ti- schen, die mit Damast und Silberbesteck gedeckt und von Palmen in großen Kübeln umstellt waren. Über den Saal wölbte sich ein Glasdach, von dessen Trä- gern große Lüster im Stil des Art déco herabhingen. Ich blickte nach links und sah mich hundertfach ver- vielfältigt in endlosen beleuchteten Fluchten gespie- gelter Spiegel. Als ich eine Stunde später durch die mächtige Drehtür wieder auf die Straße hinausging, zog sich der Schutzschirm eben seufzend und scharrend in seine Bodenspalte zurück. Der Türsteher nickte mir freundlich grüßend zu. Ich bedankte mich; er nickte von neuem, schien sich aber nicht mehr an mich zu erinnern. Offenbar waren Wasserwerfer eingesetzt worden, denn das Pflaster des Platzes war naß. Das nationale Lingam war mit gelbem Schaum bedeckt, der sich auch auf den ausgebreiteten Armen der geköpften Jünglinge bauschte. Die zerfetzten Transparente hatte, man neben dem Denkmal auf einen Haufen gewor- fen. … UNS NICHT PLATT! las ich, GRATIS CY- BERSEX und … EWIG LEBEN? Das Wrack eines Gehwägelchens lag daneben. In der Luft hing ein süßlicher Geruch; wahrscheinlich eines dieser De- signer-Psychopharmaka, die man bei Unruhen als Tranquilizer zerstäubte. Ich sah eine Flotte von ei- nem Dutzend elektrischer Rollstühle mit Senioren in halsbrecherischer Geschwindigkeit über das Pflaster sausen und in geordneter Formation in der Rokin verschwinden. »Die wissen sich schon zu helfen, die Alten«, sag- te der Türsteher und nickte zuversichtlich; er ver- beugte sich formvollendet, als ein älteres Paar durch die Drehtür ins Freie trat. »Wonach riecht es hier?« fragte die elegante alte Dame, die trotz des warmen Wetters einen Nerz trug, mit einer schrillen Note in der brüchigen Stimme. Sie blieb stehen und reckte beunruhigt den runzligen Hals. Ihr Begleiter, den Trenchcoat überm Arm, ei- nen Stock mit Silberknauf in der Hand, hob witternd den weißen Schnäuzer. »Vanille«, bemerkte er verwundert. »Aber Ragni!« Der Mann öffnete und schloß die Faust vor der Nase, als pumpte er einen Gummiball. »Ich sag’s dir, Prinzessin, es ist Vanille!«, * »Bitte ziehen Sie sich aus, Fräulein Ligrina«, forder- te mich Sibyll van Campen auf. »Ganz?« »Ja, ganz. Aber wenn Sie wollen, können Sie den Slip anbehalten. Wir werden ihn uns wegdenken. Sie werden in Zukunft ohne auskommen müssen, daran führt kein Weg vorbei, meine Liebe. Ich kann Ihnen jedoch versichern, es ist eine Befreiung! Ich trage seit Jahren keinen mehr.« Nein, Sibyll van Campen trug keinen Slip, sondern einen durchsichtigen, zwischen Silber und Violett changierenden Einteiler, den sie aber unmöglich auf normale Weise angezogen haben konnte. Vielleicht war er aufgesprüht oder irgendwie durch die Haut abgesondert worden wie ein Schweißfilm. Jedenfalls lag er so eng an, daß sich ihr rasiertes Geschlecht deutlich darunter abzeichnete. Die wirre rote Lok- kenpracht ihres Haupthaars war zu einem tulpenarti- gen Gebilde zusammengerafft und aufgesteckt, und über den chirurgisch unerbittlich gestrafften Wangen saß eine kühn geschweifte, mit grellen Hologrammen geschmückte Brille, hinter der zwei außerordentlich wache grüne Augen blitzten. Sibyll van Campen war eine Stardesignerin von orbitaler Bedeutung, eine weltweit anerkannte Kory- phäe für die Moden aller Länder und Zeiten. Sie war, Direktorin des legendären Gillian-Vogelsang- Instituts für Kleidungs- und Textilgeschichte in Lei- den und höchste Instanz für historische Inszenierun- gen auf allen großen Bühnen der Welt und den Ate- liers der Unterhaltungsindustrie zwischen Hollywood und Mumbai. Für das CIA, so versicherte sie vor Eingeweihten, arbeite sie aus Leidenschaft und selbstverständlich ohne Honorar. Jede erfolgreiche Transition sei für sie eine Ehre und eine Bestätigung, denn wenn beim Outfit der Reisenden hinsichtlich des Materials oder der verwendeten Accessoires auch nur die geringste Unstimmigkeit auftrete, komme eine Transition nicht zustande. Sie umkreiste mich auf ihren langen, etwas zu dünnen Beinen wie eine Spinne, die ihre Beute be- gutachtet. »Hmm«, sagte sie und stieß ihre langen, aubergi- nefarben lackierten Krallen in die Pölsterchen, die sich in den letzten Jahren in meiner Taille angesie- delt hatten, spitzte die Lippen, faßte mir unter die Brüste und hob sie prüfend an. »Hmmm.« Sibyll van Campen nickte. »Gehen Sie mal da rüber«, befahl sie. Plötzlich war mein Körper von roten Meridianen bedeckt, die von grünen Breitenkreisen gekreuzt wurden. »Drehen Sie sich bitte. Ja, und jetzt in die andere Richtung. Bitte ganz herum. Ja, gut so. Jetzt zwei, weit ausholende Schritte« – sie machte sie mir vor – »juuub, juuub. Und jetzt bitte trippeln: Toptop-top- top-top! Gut. Jetzt bitte einen Knicks nach links – Knie gebeugt – ja, jetzt bitte dasselbe nach rechts. Danke. Sie können sich jetzt wieder anziehen.« Als ich hinter dem Paravent hervorkam, hielt ich überrascht inne, denn ich sah mich splitternackt im Raum stehen. Frau van Campen umkreiste meine Holographie und fuhr mit ihren Krallen über den Touchscreen ihres Wristtops, den sie wie ein Nadel- kissen ans Handgelenk geschnallt trug. Und plötzlich war mein holographischer Avatar mit einem sack- ähnlichen Gebilde aus Leinen bedeckt, das zwischen Brust und Taille von einem schmalen Band fest- gehalten wurde. »Was ist denn das?« fragte ich verdutzt. Sibyll van Campen musterte mich lehrerhaft ta- delnd über die Brille hinweg. »Eine Basquine«, sagte sie, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt, »allerdings aus einfachem Material, ohne Spitze.« »Ein Nachthemd?« Sie schloß die Augen und hob die Fingerspitzen an die Schläfen, als ringe sie um Fassung. »Dort, wo Sie hingehen, junge Frau, schläft man nackt, mit wem auch immer – in jedem Wirtshaus, jeder Unterkunft. Zu dritt, zu viert, zu fünft in einem Bett. Man würde sofort einen Makel oder eine, Krankheit vermuten, wenn Sie bekleidet schliefen. Das hier ist eine schlichte Basquine. Ich kann Sie nicht als Frau von Stand einkleiden, sonst müßte man für Sie eine Identität schaffen. So etwas ist aber leicht überprüfbar. Adel kommt nicht in Frage; aller- dings auch kein Gretchen vom Lande. Da wären Sie zu gefährdet, Verehrteste. Jeder Fuhrknecht, jeder Köhler würde Ihnen unter die Röcke greifen. Wir gestalten irgend etwas dazwischen: junge Bürgers- witwe auf Pilgerfahrt, ausgebüchstes Klosterfräulein, Nonne aus besserem Hause auf Dienstreise im Auf- trag ihres Ordens – in die Richtung.« O Gott! Mir sank der Mut. Ich sah mir beim Knicksen zu. Ein durchbrochenes Brusttuch lag über meinem Busen; dann verschwand es wieder. »Nein, das zeigt zu viel, ist allenfalls für besonde- re Gelegenheiten, Feste und dergleichen. Vielleicht ein Plastron?« Ein gestickter Brustlatz nahm Gestalt an. »Nicht schlecht. Ja. Aber im Alltag besser nicht so freizügig.« Ein sittsames Leibchen bedeckte meine Blöße, ein blusenartiges Oberteil folgte, ein knöchellanger Rock, ein kittelartiges Oberteil, noch ein Rock, über den anderen gezogen. »Für die kalte Jahreszeit«, erklärte Sibyll. Ein Mantel erschien auf meinen Schultern, dunkel, schwer, Schnüre und Knebel als Schließen. Eine, Haube, noch eine Haube – eine weitere. Für zu Hau- se, für den Gang zum Markt, für die Reise, eine feste Winterhaube aus Filz, beinahe ein Helm. »So, meine Liebe. Wie gefallen Sie sich?« »Ich … naja, ich finde, ich … sehe bezaubernd aus.« »Sarkasmus ist hier fehl am Platz, Kleines. Hören Sie mir gut zu! Bezaubernd wäre völlig falsch. Rät- selhaft – okay. Nichts dagegen einzuwenden. Jeder Mensch signalisiert in jener Zeit seine gesellschaftli- che Stellung durch Kleidung und ist auch verpflich- tet, das zu tun. Bis hin zur Frisur. Klar? Dazu seine regionale Herkunft. Das ist der Sinn der Tracht, ver- stehen Sie? Aber Sie sind auf Reisen. Sie haben kei- nen geographischen Ort. Sie kommen aus der Frem- de, sind also nicht eindeutig einzuordnen. Keinesfalls darf man aber zu fremdartig wirken, verstehen Sie? Die Xenophobieschwelle ist niedrig. Hinzu kommt der Neid. Also Vorsicht! Etwas Einschüchterung schadet aber nie. Nicht jedermanns – nicht jeden Mannes – Beute. Aber auch nicht herrschaftlich; das zieht Speichellecker an, Schnorrer, Parasiten, Diebe. Es wird geraubt und geklaut. Wir haben viel Lehr- geld bezahlt. Daraus haben wir gelernt. Keine Sorge, das wird man Ihnen beibringen. Für die Innenausstat- tung sind jedoch die Psychologen zuständig; ich lie- fere nur das Erscheinungsbild. Nächste Woche, Frau Ligrina. Alles muß schließlich von Hand genäht, werden, mit speziellen Zwirnen und Garnen, versteht sich«, sagte Sibyll van Campen. »Bitte keine Holzschuhe!« flehte ich; mir taten immer noch die Zehenknöchel weh von dem Ver- such, mit Grits Pantinen zu laufen. Sibyll winkte ab. »Zu bäuerlich. Außerdem werden Sie ja bis nach Deutschland reisen, sagte man mir. Dort tragen nur die Allerärmsten Holzschuhe. Es gibt genug Leder.« Ich war erleichtert. Zum Abschied reckte sie mir ihre auberginefarbe- nen Krallen entgegen. Ich ergriff sie mutig und dankbar, denn ich wußte mich in guten Händen. Ich schätzte ihre Kompetenz. »Tschü-hüss!« jubilierte Sibyll zähnebleckend. »Danke«, stieß ich eingeschüchtert hervor. »Ich danke Ihnen, Frau van Campen.« * »Der Dreck ist das Schlimmste. Am Anfang fiel es mir am schwersten, mit wildfremden Menschen in einem Bett zu schlafen – nackt!« sagte Grit mit ei- nem Kichern und zog die Nase kraus. »Sie sind un- gewaschen und putzen sich nie die Zähne. Sie stin- ken nach Schweiß und was weiß ich allem. Sie fur- zen und fummeln an dir herum, stöhnen und ram- meln neben dir, und wenn endlich Ruhe ist, kommen die Flöhe, die Wanzen und die Läuse. Aber das er-, staunliche ist – man gewöhnt sich irgendwie daran. Es ist ganz eigenartig, schwierig zu erklären; ir- gendwie stellt sich ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit ein, nachts unter Menschen zu sein. Man rückt eng zusammen, klammert sich aneinander. Draußen ist die Wildnis – und das ist wirklich noch eine Wildnis! –, drinnen schmiegen sich die Men- schen aneinander wie Welpen.« »Oder wie Ferkel«, sagte Renata. Wir lachten. Grit lachte gern und viel, obwohl sie auf ihren Reisen viel durchgemacht hatte. Als eine der ersten Forscherinnen hatte sie im späten 15. Jahrhundert Feldarbeit geleistet. Grit gehörte zu den Pionieren; als Historikerin und Soziologin war sie prädestiniert. In den Neunzigern des 15. Jahrhunderts war sie in Trier, Aachen und Worms Zeugin einiger Hexenverbrennungen gewesen und war selbst nur knapp einer Anklage wegen Zauberei entgangen. In Mainz hatte sie Urfehde schwören und dann die Stadt verlassen müssen, in der sie sich einen Stützpunkt eingerichtet hatte. Nach sechs Einsätzen war Grit in den Ausbildungskader des CIA übernommen worden und hatte nun die Aufgabe, uns Anfängerinnen zu beraten und einzuweisen. Grit war eine kleine, energiegeladene Person, kräf- tig und mit den Jahren etwas rundlich geworden. Da sie in Zandvoort lebte und sich oft am Strand auf- hielt, war sie sonnengebräunt. Ihr graues Haar trug, sie kurzgeschnitten. »Ursprünglich hatte man ja versucht, für die Rei- senden nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich Vorsorge zu treffen. Man dachte an Rasthäuser, Her- bergen und dergleichen, um wenigstens ein Mini- mum an Komfort zu bieten. Sogar die Gründung ei- nes Ordens mit päpstlichem Segen hatte man erwo- gen, doch nach einigen Simulationen wurde die Idee verworfen, außerhalb der Zielzeitstationen Anlauf- punkte zu schaffen. Solche Einrichtungen ziehen nämlich bald ganze Scharen von Bedürftigen an – darunter Bettler, Landstreicher, Diebe und alles mög- liche Gesindel. Das hat zur Folge, daß die Obrigkeit einen Blick darauf wirft und bei Händeln Recht ge- sprochen werden muß. Unweigerlich finden Untersu- chungen statt, Fragen werden gestellt. Kurzum: Es ist zu riskant, um im verborgenen ungestört zu operie- ren.« »Also sind uns nur die Leute in den Zielzeitstatio- nen des Tunnels eine Hilfe sowie die vertrauenswür- digen Zeitheimischen, mit denen sie zusammenarbei- ten«, schloß ich daraus. »Sicher aber auch die anderen Reisenden«, warf Renata ein. Grit schüttelte den Kopf. »Nein, meine Liebe. Die Einsätze dauern in der Regel nur ein, zwei Monate, längstens ein halbes Jahr. Bei den wenigen Reisenden, über das 15. Jahr-, hundert verteilt, kannst du dir ausrechnen, daß sie sich nicht gerade über die Füße stolpern. Passieren kann es natürlich schon. Jedenfalls habe ich davon gehört.« »Hast du nie daran gedacht, dort zu bleiben?« fragte Renata. Grit schüttelte den Kopf. »Nie!« »Und weshalb?« Grit dachte eine Weile nach, dann sagte sie: »Vor allem aus zwei Gründen: Erstens, es gibt so viele Krankheiten, so viel Elend, so viel Brutalität und Gleichgültigkeit Mitmenschen gegenüber, so viel besserwisserische Arroganz – und das alles hat seine Ursache in der schrecklichen Unwissenheit. Und du stehst da mit deinem um Jahrhunderte fortgeschritte- nen Wissen; du könntest helfen, könntest Leben ret- ten – und darfst es nicht.« »Und zweitens?« fragte ich, als sie nicht weiter- sprach. »Ja«, fuhr sie fort und senkte den Kopf, in ihrer Stimme lag noch mehr Bitterkeit. »Es ist eine unfer- tige Welt. Eine Welt im Rohzustand. Nur ein Bei- spiel: Ich liebe Musik. Ich glaube, daß Musik die Welt zu erwärmen vermag – sie bewohnbarer macht. Dort, wo ihr hingeht, gibt es kaum Musik. Es gibt den schlichten Bittgesang von Mönchen, das ver- zückte Gezwitscher von Nonnen. Zugegeben, mir sind auch ein paar Spielleute begegnet – lustig, frech, und genial auf ihre Weise –, aber die prismatische Klarheit Bachs, die Festlichkeit eines Gluck oder Händel, die Heiterkeit Mozarts, das Pathos Beetho- vens und der Pomp Brückners, das alles liegt noch in ferner Zukunft. Das macht diese Welt so ärmlich, so kalt, so trostlos … Jedenfalls habe ich das so emp- funden. Mich fror geradezu. Es war wie eine sensori- sche Deprivation. Ich könnte mich dort nie zu Hause fühlen.« »Mit der Malerei ist es nicht anders«, sagte ich und erinnerte mich an die Wandelgänge voller Ma- donnen aus dem Mittelalter in den Vatikanischen Museen, durch die mich mein Vater geführt hatte, bevor ich das Bild von Peter Wenzel sah – Adam und Eva im irdischen Paradies, das mir als Kind wie eine Offenbarung erschienen war. »Bestimmt«, sagte Grit, »aber in der Malerei ken- ne ich mich nicht so gut aus wie in Musik.« »Sie befreit«, sagte ich. »Sie schenkt der Welt Farbe. Und die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen. So hat es Paul Cezanne empfunden.« * Als die Sonne durchbrach, wurde das Auditorium von Netzen aus weißem Licht durchflochten, die das Wasser des Ij auf das Glasdach malte. Auerbach hob, den Blick und faßte stirnrunzelnd einen Schwarm Fische ins Auge, der gemächlich mit der auslaufen- den Flut flußabwärts nach Westen zog. Der Professor hatte, wie alle im Saal, durch das gefilterte Licht eine ungesunde Gesichtsfarbe. »Sie sind alle keine Physiker«, eröffnete er uns, »aber jeder von Ihnen weiß wahrscheinlich, was eine Weltlinie ist, die jeder Körper – auch Ihr Körper – durch das Raumzeit-Kontinuum beschreibt. Es ist die Spur seiner Existenz. In ähnlicher Weise läßt sich« – er zog einen horizontalen Strich über einen Touch- screen am Pult, der sich auf dem Wandmonitor wie ein auseinandersprotzelnder Kondensstreifen abbil- dete – »das Multiversum insgesamt schematisch dar- stellen, nämlich als eine Art Seil, das aus zahllosen dünnen, ineinander verdrillten Fasern besteht, von denen jede die Weltlinie eines einzelnen, in sich ab- geschlossenen Universums darstellt. Im Unterschied zu einem Seil aus Synthetik oder Naturfaser haben wir es hier jedoch mit einem aktiven, quasi lebendi- gen Material zu tun, das ständig Knospen austreibt, sprießt und sich verzweigt.« Er versah die Linie beiderseits mit Stacheln, bis sie einem Borstenwurm glich. »Dieses wuchernde, Seitentriebe entfaltende Ge- bilde erstreckt sich vom Anfang der Zeit« – er schrieb ein Alpha ans linke Ende –, »dem Urknall also, bis zu ihrem Ende …«, Er malte ein Omega ans rechte Ende. »Die Zeitwellen oder Solitone sind Schwingungen, die dieses Gebilde durchlaufen. Sie bewegen sich von Alpha nach Omega und wieder zurück – hin und her, unablässig. Dabei wird dieses Seil sozusagen durchgeschüttelt. Durch diesen Prozeß werden die einzelnen Fasern ständig auf ihre Haltbarkeit über- prüft. Nur die kräftigsten, das heißt die gefestigten Wirklichkeiten, halten der Belastung stand. Die Ver- zweigungen, die sich nicht stabilisieren konnten, werden abgerissen. Sie verrotten, kollabieren, rollen sich zu Planckschen Dimensionen ein und ver- schwinden. So wird der Wildwuchs im Zaum gehal- ten, der Everetts Quanteninterpretation – die Theorie der in jedem Augenblick auseinanderschießenden Wirklichkeiten – in den Augen der meisten Physiker zu einer alptraumhaft aufwendigen, um nicht zu sa- gen lächerlich aufgeblähten Hypothese machte, bei der sich jeder theoretische Physiker stets ausgespro- chen unbehaglich fühlte. Der alte J. S. Bell« – Auer- bach bleckte die Zähne –, »für seine Understatements bekannt, nannte sie ›extravagant‹, als er von ihr hör- te.« Er malte ein Gebilde auf den Touchscreen, das wie eine befruchtete Eizelle in fortgeschrittener Mitose aussah. »Everetts Multiversum wurde häufig mit Bade- schaum verglichen, wobei die entstehenden Bläschen, die Parallelwelten darstellen. Das Schaumgebilde wächst und wächst, solange hinreichend Wasser zu- fließt. Dreht man den Hahn zu, fällt der Schaum all- mählich zusammen. Bei einer bestimmten Wasserzu- fuhr halten sich Bläschenbildung und Bläschenzerfall die Waage. Der Zerfallsprozeß wird anschaulich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie wir als Kinder Seifenblasen auf die Reise schickten. Oftmals waren Doppelblasen dabei, häufig auch Triplets und nicht selten sogar Quadrupel. Blasen, die durch Adhäsion aneinanderhingen, durch Membranen im Innern von- einander abgetrennt. Diese Gebilde neigen zur Fusi- on, das heißt, die Membranen verschwinden. Aus Quadrupeln werden Triplets, aus Triplets Doppelbla- sen und schließlich einzelne.« »Wenn sie nicht vorher geplatzt sind«, sagte je- mand im Auditorium. Auerbach hob den Blick und kniff die Augen zu- sammen. »Einwände?« blaffte er. Niemand erhob Einwände. »Ich weiß, daß der Vergleich mit den Seifenblasen hinkt«, erklärte Auerbach verdrossen. »Aber jeder hat das Bild vor Augen, nicht wahr? Darum geht’s mir.« Er nickte mit Nachdruck. »Wer oder was, werden Sie fragen, verursacht nun diese Schwingungen entlang der Zeitdimension?«, Er bewegte die Hände, als zerre er an beiden En- den eines elastischen Gummibands. Ich hatte zunehmend Mühe, ihm zu folgen. Mir sanken die Lider herab. Das ständig sich bewegende, wabernde Netz aus Licht übte auf mich eine hypnoti- sierende Wirkung aus. Ich sah, daß es anderen Zuhö- rern ebenso erging. Das hatten weder die Stadtplaner noch die Architekten bedacht, als sie den kühnen Entschluß faßten, Teile des Hendrik-Casimir- Instituts am Nordufer des Ij unter Wasser zu errich- ten. Der optische Effekt von Süden, von Java aus ge- sehen, war eindrucksvoll. Die Glasfront des Gebäu- des schob sich wie eine Gletscherzunge vom Ufer herab ins Wasser hinein und leuchtete nachts zum Entzücken der Touristen wie ein unterseeischer Pa- last, bereitete aber den Benutzern wie den Amster- damer Stadtvätern nichts als Verdruß und immense Unterhaltungskosten. »… ist es eine Art kosmischer Instanz, die« – Au- erbach malte einen Kreis um das Omega – »am Ende der Zeiten sitzt und an dem Seil zerrt und rüttelt? Ei- ne unvorstellbar hochentwickelte Superzivilisation, die um ihre Existenz bangen muß, wenn ihre Ver- gangenheit zerbröckelt, zerfasert, vom Everettschen Spaltpilz befallen wird und auseinanderklafft? Wes- halb läßt diese Instanz trotzdem unsere Aktivitäten zu, die geeignet sind, die Fasern nur noch hoffnungs- loser zu verheddern, Unordnung in die Struktur zu, bringen und das empfindliche Gebilde womöglich zu schwächen? Weshalb? Uns werden Aktivitäten ge- stattet, deren Konsequenzen wir nicht überblicken können und deren Sinn uns verborgen bleibt, die aber auf irgendeine Weise positive Wirkung haben müs- sen. Vielleicht leiten unsere blinden Eingriffe wich- tige neue Wachstumsprozesse ein, mit denen Schwachstellen beseitigt werden, die Architektur verbessert und die Struktur optimiert wird. Verbes- sern wir womöglich durch unser Tun unbewußt den Zustand des Gebildes? Ja! Wir glauben, daß wir von dieser Annahme ausgehen können.« Auerbach schnaubte. »Nun gehen jedoch die Kollegen Surtees, McFar- lane und Beltrame mutig noch einen Schritt weiter in ihrer Interpretation. Sie sehen in dem Multiversum« – er verdickte mit entschlossenen Strichen seines Da- tengriffels den Borstenwurm – »ein lebendiges We- sen, dessen Evolution noch nicht abgeschlossen ist. Sie fassen es als einen vieldimensionalen raumzeitli- chen Körper auf, in dem Milliarden und Abermilliar- den Universen wie das unsere eingebunden sind wie die Zellen in einem Organismus. In diesem Körper werden ständig neue Zellen gebildet. Dieser Körper wählt diejenigen aus, die seinem Wohlbefinden zu- träglich sind, und sorgt für ihr Gedeihen, und er baut jene ab, die sein Wohlbefinden mindern. Kennt das Adrenalinmolekül seine Funktion? Hat das Endor-, phin eine Ahnung von seiner Wirkung? Kennt das Histamin seine Aufgabe? Weiß das Testosteron, was es anzurichten vermag? Das sind ihre an uns gerich- teten Fragen. Unseren Reisenden kommt ihrer Mei- nung nach die Rolle solcher Botenstoffe zu, die von den Solitonen, welche die Trägersubstanz bilden und in diesem Multiversumkörper die Funktion des Blut- kreislaufs versehen, an die Punkte geschwemmt wer- den, wo sie ihre Tätigkeit am besten entfalten kön- nen. Wird dabei durch Zufall oder Mißgeschick doch mehr Schaden als Nutzen angerichtet, läuft also die angestoßene, geplante Entwicklung aus dem Ruder, entsteht – um im Bild zu bleiben – eine Krebszelle. Daraufhin werden andere Boten auf den Weg ge- bracht, die an Ort und Stelle für Schadensbegrenzung sorgen und die unerwünschte Entwicklung abschnei- den.« Die Sonne verschwand, und der Hörsaal wirkte nun wie ein von Algen getrübtes Meeresaquarium. Das Hauptproblem der Unterwassergebäude war der unbezähmbare Algenbewuchs, der natürlich an jenen Flächen besonders gedieh, wo das Sonnenlicht her- einströmen sollte. Die Kollegen von der Meeresbio- logie hatten daraufhin eine Schneckenart angesiedelt, die GenKonuki entwickelt hatte und die Bezeichnung Noboyushi Number Twelve trug. Die Japaner hatten bei ihren unterseeischen Flughafenbauten in der Bucht von Tokio angeblich die besten Erfahrungen damit gemacht. In niederländische Gewässer umge-, siedelt, legten die kleinen, unansehnlichen Tiere al- lerdings ein ganz anderes Verhaltensrepertoire an den Tag. Statt mit ihren kleinen Raspelzungen fleißig den Algenbewuchs von den Glasflächen zu weiden, verschmähten sie das Nahrungsangebot. Hatten sie Heimweh? Schmeckte ihnen das Wasser nicht? Je- denfalls schien ihnen der Appetit vergangen zu sein. Sie ballten sich in den Ecken der Lichtgaden zu häß- lichen, klumpigen Siedlungsgemeinschaften zusam- men, siechten dahin und verwandelten sich schließ- lich in eine schwarze Schmiere, die Gänge, Hörsäle und Büros in Düsternis und Dunkelheit tauchte. Nun sollten Nanobots – ebenfalls eine japanische Kreati- on, aus den Labors des NNTR in Kobe – endlich eine Wende in Helligkeit und Sauberkeit herbeiführen, doch rätselhafterweise schienen sie die besonnten Flächen zu meiden, entweder weil sie schierer Uber- lebenstrieb bewog, sich dem Bombardement intensi- ver Bestrahlung zu entziehen, oder weil die Algen inzwischen einen Wirkstoff entwickelt hatten, der die kleinen Maschinchen das Fürchten lehrte. Die Nano- techniker rätselten noch. »So eindrucksvoll diese SMB-Interpretation – die Deutung von Surtees, Mc- Farlane und Beltrame – auch sein mag«, fuhr Auer- bach fort, »sie ist für meine – und nicht nur meine – Begriffe zu biologistisch. Davon auszugehen, daß ihre Vorstellungen, abgeleitet vom Muster irdischen Lebens, im ganzen Universum, ja in sämtlichen Uni-, versen Gültigkeit hätten, ist ein ins Absurde aufge- blähter Anthropozentrismus. Daß es sich bei den Vorgängen aber durchaus um einen Mechanismus der Selbstkorrektur, der Selbsterhaltung oder Selbst- verteidigung handeln könnte, ist indes nicht zu bestreiten. Stellen Sie sich« – nun schwang er sich sogar zu Pathos auf, was bei ihm selten vorkam – »das Multiversum als ein riesiges Datenverarbei- tungsnetz vor! Als einen Supercomputer, auf dem ein kosmisches Reparaturprogramm läuft, wenn man so will, mit dem alle möglichen Entwicklungen simu- liert und die unerwünschten ausgemerzt werden …« Mit entschlossenen Hieben kappte Auerbach bü- schelweise Borsten von seinem projizierten Bor- stenwurm. »Es findet – aber das zu beurteilen, sind wir außer- stande – möglicherweise eine permanente Redaktion statt, mit dem Ziel eines optimal redigierten Univer- sums, eine Evolution von labileren zu stabileren Zu- ständen in allen Bereichen der kosmischen Chrono- logie.« Er malte nun bogenförmige Pfeile ober- und un- terhalb des Borstenwurms. »Spötter bezeichnen es als kosmisches Fitnesstrai- ning. Sie haben gar nicht so unrecht. Professor van Waalen hingegen spricht von ›Ausbürsten‹.« Auer- bach fletschte abschätzig grinsend die Zähne. »Dazu muß man wissen, daß der Kollege van Waalen prak-, tizierender Methodist und darüber hinaus ein Kat- zennarr ist. Er stellt sich den lieben Gott vor, wie er liebevoll seine Schöpfung bürstet. Aber ich erlaube mir, ein berühmtes Wort des hochgeschätzten Kolle- gen Einstein zu paraphrasieren« – und er hob den Finger –, »Gott – bürstet – nicht!« * »Er wählt mit Vorliebe die Seifenblasen für die os- motischen Tendenzen von parallelen Wirklichkeiten. Ich finde das Bild überhaupt nicht gut«, sagte Erne- sto, als ich ihm ein paar Fragen stellte, weil ich eini- ge der Hypothesen, die uns Auerbach in der Vorle- sung an den Kopf geworfen hatte, nicht ganz begriff. »Schon mit einer einfachen Versuchsanordnung läßt sich mittels eines Lasers und eines halbdurchlässigen Spiegels für kurze Zeit ein Paralleluniversum herstel- len, das im nächsten Moment wieder verschwindet; oder präziser ausgedrückt: Beide Universen ver- schmelzen wieder zu einem.« »Das kann schon sein. Aber mir ist immer noch nicht klar, wie das funktionieren soll«, erwiderte ich. »Das ist auch nicht leicht verständlich«, bestätigte Ernesto. »Tatsache aber ist, daß die durch eine Eve- rett-Abspaltung entstandenen Realitäten, wenn sie nur marginal differieren, die Tendenz haben, sich wieder zu vereinigen – mit interessanten Unsicher-, heiten in der Faktenlage, wie man sie aus der Quan- tenmechanik kennt.« Der Schatten eines Schiffs zog über uns hinweg. Ich blickte nach oben. Die von den Turbinen erzeug- ten Blasenströme stoben im Sonnenlicht funkelnd davon. »Das Multiversum scheint so sparsam veranlagt zu sein wie eine holländische Hausfrau«, konstatierte ich völlig ermattet. Ernesto lachte. »So könnte man sagen. Das hängt damit zusam- men, daß es immer den Zustand größter Stabilität anstrebt, der bei einer gegebenen Energiemenge er- reichbar ist.« »Diese Energiemengen müssen doch gigantisch sein.« »Sicher, aber offenbar findet ein ständiger Aus- tausch mit anderen Universen statt. Es muß ein un- geheurer Energiepool vorhanden sein, aus dem für die Neubildung von Universen geschöpft werden kann«, erläuterte Ernesto. »In den die Energie zurückfließt, wenn zwei Uni- versen wieder fusionieren«, ergänzte ich. »Genau, denn dieser Energiepool des Multiver- sums, so riesig er auch sein mag, kann nicht unend- lich sein«, bestätigte Ernesto. »Es strebt größtmögliche Ordnung an, sagst du. Ich dachte immer, das Gegenteil sei der Fall – daß, die Entropie ins Chaos führt.« Ernesto schüttelte den Kopf. »Nein. Sie führt zur größtmöglichen Stabilität bei geringstem Energiegefälle. Am Ende stünde ein Kosmos voll mit Eisenatomen, wenn es ausschließ- lich nach den Gesetzen der Physik ginge. Aber of- fenbar entwickelt sich das Multiversum nach den Gesetzen des Lebens.« »Das hört sich gut an.« »Na, ich weiß nicht. Wenn es sich dabei tatsächlich um einen lebenden Organismus handelt, dann …« »Dann was?« »Dann ist es viel unberechenbarer. Wir könnten es nicht erklären.« »Diese Adhäsion der Universen – hat das etwas mit dem Goldfaden-Hargitai-Effekt zu tun?« Ernesto hob die Schultern. »Die Membranen sind für manche physikalische Phänomene durchlässig, für Gravitationswellen zum Beispiel. Manche behaupten, auch für andere Signa- le. Es gibt offenbar empathische Menschen, die be- haupten, manchmal und unter ganz bestimmten Um- ständen an den Gedanken ihrer Doppelgänger in der benachbarten Realität teilhaben zu können. Als Phy- siker kann ich dazu wenig sagen. Meßbar war so et- was bisher nicht, aber ich mag es nicht ausschließen.« »Weshalb lächelst du? Mir scheint das nicht so weit hergeholt zu sein«, bekräftigte ich., »Du scheinst ja auch über diese Begabung zu ver- fügen.« »Wer sagt das?« »Falcotti hat es angedeutet. Ich habe ihn kürzlich bei einer Konferenz im Haag getroffen. Er war ganz angetan von deinem Talent. Er schien richtig stolz darauf zu sein, dich entdeckt zu haben.« »Ich habe keine Ahnung, weshalb. Ich habe ihm von meinen Alpträumen erzählt, mehr hat mir diese zweifelhafte Gabe bisher nicht eingebracht.« Ernesto runzelte die Stirn. »Vielleicht gehörst du der neuen Generation von Zeitreisenden an, von der man munkelt. Sie benöti- gen uns Wissenschaftler und Techniker angeblich nicht mehr.« »Wie soll ich das verstehen?« Er nickte ernst. »Wart’s ab, Domenica.« In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir niemals auszumalen vermocht, was dieses Schicksal bedeute- te.,

II DAS AUGE IM HIMMEL

»WAS GESCHIEHT, DAS IST SCHON LÄNGST GE- WESEN, UND WAS SEIN WIRD, IST AUCH SCHON LÄNGST GEWESEN; UND GOTT HOLT WIEDER HERVOR, WAS VERGANGEN IST.« Prediger Salomo Die Kellner – große, kräftige Burschen in weißen Hemden, bunten Hosen und langen dunkelblauen Schürzen – hatten die drei mächtigen Stahlfelgen frisch mit Kerzen bestückt, dann hatten sie diese an- gezündet und die Wagenräder nacheinander an Ket- ten bis unter die Decke hochgezogen. Es war gegen 16 Uhr. Der Schankraum der Waag war leer; bei dem heißen Wetter saßen die Gäste lieber im Freien auf dem Vorplatz unter den großen Sonnenschirmen. Ich genoß die Ruhe, die in dem hohen schattigen Innen- raum herrschte, dessen mächtige Balkendecke nun von sanftem Kerzenlicht erhellt wurde. Renata und ich hatten Grit im Institut abgeholt, dann waren wir mit der Tunnelbahn unter dem Ij hindurch in die Innenstadt gefahren, um in der renommierten Gast- stätte, wo man haufig Leute vom CIA traf, ein Bier zu trinken. Wir hatten uns gerade niedergesetzt und un- sere Bestellung aufgegeben, als eine laute Männer- stimme über unseren Köpfen rief: »He, Grit!«, Ich blickte erschrocken nach oben. Auf einer Em- pore über der offenen Küche stand ein breitschultri- ger Mann, der durch einen Vorhang wie auf eine Bühne getreten war. In der Rechten hatte er einen fast leeren Glaskrug, während er sich mit der Linken an dem schweren burgunderroten Stoff festhielt. »Hallo, Leendert!« rief Grit hinauf. Sie schien über das Zusammentreffen nicht son- derlich begeistert zu sein. »Sind das die beiden papistischen Küken, von de- nen du mir erzählt hast?« fragte er mit lauter Stimme. Offensichtlich war der Mann angetrunken. Der Kellner, der uns das Bier brachte, blickte mit mißbil- ligendem Stirnrunzeln nach oben. Grits Bekannter zog den Vorhang vollends auf; dahinter wurde ein Raum sichtbar, dessen eine Wand ein Übermutes Bücherregal einnahm. »Kommt ihr rauf in meine Studierstube oder soll ich runterkommen?« fragte Leendert. »Wir wollen dich nicht bei der Arbeit stören«, antwortete Grit, aber er ließ sich nicht abwimmeln; vorsichtig hielt er sich am Geländer fest, tappte die steile Treppe herunter und kam an unseren Tisch. »Mir auch noch eins«, sagte er zu dem Kellner. Leendert trug eine geräumige Latzhose und ein grobkariertes Hemd. An seiner linken Schläfe be- merkte ich eine tiefe Narbe, die vom Backenknochen über den Augenwinkel zur Schädeldecke verlief und, durch den borstigen grauen Haarkranz schimmerte. Ein Unfall? Die Narbe ließ eher auf einen Säbelhieb schließen. Das Lid des linken Auges hing herab und schloß das Auge fast gänzlich, wenn er nach unten blickte. »Leendert de Hooghe«, stellte Grit ihn vor. »Ein ehemaliger Kollege.« Der korpulente Mann nickte uns zu und fuhr mit der Fingerkuppe über die Narbe. Dann ließ er sich auf einen Stuhl sinken und trank schnaufend seinen Krug aus. »Was studieren Sie hier?« fragte Renata und deu- tete mit einem Kopfnicken zur Empore. »Geschichte«, sagte er. »Sein Hobby«, erklärte Grit mit einem Achselzuk- ken. »Leendert sucht nach Zeitparadoxa; er durch- forscht alle historischen Schriften, deren er habhaft werden kann, um Beweise für das Eingreifen von Zeitreisenden zu finden. Ein aussichtsloses Unter- fangen, aber er will es nicht einsehen.« Leendert neigte den Kopf nach hinten, um das hängende Lid zu heben und sie mit beiden Augen ansehen zu können. »O Grit«, sagte er mit nachsichtigem Lächeln, »al- tes Mädchen. Darüber werden wir uns wohl bis zum Jüngsten Tag streiten.« Er löste seine goldene Rolex vom Handgelenk und legte sie auf den Tisch., »Seit mehr als zehn Jahren, seit sie einen eigenen Tunnel graben, versuchen die Amerikaner, die Nine- Eleven-Katatrophe, den Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon zu Beginn dieses Jahrhunderts, ungeschehen zu machen. Durch den Eingriff eines Zeitreisenden soll dieses Attentat ver- hindert werden. Seht euch diese Uhr an. Sie gehörte einem Mann, der bei dem terroristischen Angriff in New York ums Leben kam. Der Mann ist ver- schwunden. Seine Moleküle sind eingegangen in den harten Kern des Ground Zero, dieser verbackenen Masse aus Staub, Glas, Plastik und Metall, die beim Einsturz der Türme unter Hitze und Druck entstand. Wie durch ein Wunder ist diese Uhr erhalten geblie- ben« – er klopfte mit der Fingerkuppe auf das Glas über dem Zifferblatt –, »diese Uhr hat Kratzer und Kerben abgekriegt, aber sie ist der Zerstörung ent- gangen. Sie funktioniert heute noch. Andenkenjäger haben sie aus dem Schutt herausgemeißelt oder auf Fresh Kills Landfill auf Staten Island aus dem Schutt gesiebt und verkauft wie so viele andere makabre Fundstücke – Ringe, Krawattennadeln, Manschetten- knöpfe und Schreibgeräte. Mein Vater hatte diese Uhr im Jahr 2002 in New York gekauft. Er war stolz auf das Ding. Einige seiner Freunde beneideten ihn darum, andere hielten es für eine Geschmacklosig- keit. Sei’s drum. Ich trage sie jetzt seit vielen Jah- ren.«, Er warf den Kopf zurück und blickte in die Runde. »Ich frage euch, was geschieht mit dieser Uhr, wenn den Amerikanern ihr Vorhaben doch noch ge- lingt? Springt sie zurück ans Handgelenk des frühe- ren Besitzers?« »Dann wird sie dein Vater 2002 nicht bei einem obskuren Andenkenjäger, sondern in einer der Lu- xusboutiquen im Erdgeschoß des Centers gekauft haben«, entgegnete Grit und seufzte. Leendert schnaubte. »Diese Uhr trägt eine Seriennummer und wurde vor dem 11. September 2001 verkauft, Grit. Mein Va- ter hätte sie im Jahr darauf gar nicht kaufen können.« »Dann hätte er eine andere gekauft.« »Mit einer anderen Seriennummer?« »Klar. Und du hättest nie eine andere Seriennum- mer gekannt. Und der Anschlag hätte nie stattgefun- den. Leendert, du überschätzt das Gewicht des Fakti- schen.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, meine Liebe, du unterschätzt das Gewicht des Faktischen.« »Den Amerikanern wird es nie gelingen, dieses Faktum aus der Welt zu schaffen«, warf Renata ein. »Genau wie alle Versuche im Zusammenhang mit Cattenom auch fehlgeschlagen sind.« Plötzlich erinnerte ich mich, wie Prinzessin Bram- billa es bezeichnet hatte., »Ein Fingerzeig Gottes«, warf ich ein und bereute im selben Augenblick, es gesagt zu haben. Leendert stülpte die Lippen zu einer spöttischen Schnute. »Ein großes Wort«, erklärte er belustigt. »Das Menetekel. Die Schrift an der Wand, als Belsazar seinen Huren auf goldenem Geschirr aus dem Tem- pel in Jerusalem Hammelhoden servieren ließ. ›Me- neh tekel u pharsin.‹« Sein Bierbauch bebte vor La- chen. »Jedenfalls scheint es in diesem Universum Dinge zu geben, die nicht verändert werden dürfen, so schrecklich sie uns erscheinen mögen, weil sie die Geschichte an entscheidenden Punkten in eine ganz bestimmte Richtung lenkten«, hielt Grit ihm entge- gen. »Dinge, die Auerbachs automatisches Reparatur- programm ums Verrecken nicht repariert haben will«, erwiderte Leendert grinsend; er griff nach sei- ner Uhr und streifte sie über das kräftige sonnenge- bräunte Handgelenk. »Die Amis werden sich also an diesem vermaledeiten Nine-Eleven-O-One weiterhin die Zähne ausbeißen, und ich darf meine Uhr behal- ten. Was will ich mehr?« »Sie glauben nicht an Gott, Herr de Hooghe«, warf Renata ein. Er wandte sich ihr zu. »Junge Frau«, sagte er betont sachlich. »Ich halte, Ihnen zugute, daß dies keine Frage war, sondern eine Feststellung. Hätten Sie mich das als Naturwissen- schaftler gefragt, dann empfände ich es als Beleidi- gung, denn es liefe letztlich auf die Frage hinaus: ›Hast du den Mut, ehrlich zu sein, oder bist du auch nur ein Heuchler wie die meisten anderen?‹« Renata schüttelte den Kopf und erwiderte: »Ich wollte Sie ganz gewiß nicht beleidigen.« »Okay, vergessen wir es«, sagte er gereizt. »Leendert, muß das …?« »Grit, ich sagte, es ist okay. Aber du kennst mei- nen Standpunkt. Ich finde es nicht nur bedenklich, sondern außerordentlich gefährlich, daß das CIA sich mit dem Papst zusammengetan hat und gläubige Menschen in genau diese Zielzeit schickt. Jeder weiß, dass zu jener Zeit die Situation in Glaubens- fragen nach dem Konzil von Konstanz einem Pulver- faß gleicht.« »Aber Leendert, nun laß doch …« »Nein, verdammt noch mal!« rief er mit gerötetem Gesicht. »Du weißt, wie oft ich vor dieser Zusam- menarbeit mit den Papisten gewarnt habe. Sowohl Auerbach als auch van Waalen und Surtees habe ich meine Bedenken vorgetragen. Ach was! Ich habe sie beschworen. Aber diese blauäugigen Theoretiker wollen nicht wahrhaben, was wir damit anrichten könnten.« »Du siehst Gespenster, Leendert. Du weißt, daß, ich deine Bedenken nicht teile. Niemand teilt sie«, erregte sich Grit. »Oho!« rief er. »Sollte jemand mit der Absicht ins 15. Jahrhundert reisen wollen, die Fronten in Glaubensdingen zu ver- schärfen oder gar zu verändern, wird die Transition nicht klappen. Und sollte das wider Erwarten doch der Fall sein, dann wird sich über kurz oder lang wieder eine Pattsituation zwischen den Machtbestre- bungen ergeben, mit der die Grundstruktur der Histo- rie wiederhergestellt wird.« »Ich beneide dich um deine Zuversicht.« »Wir wurden nicht für irgendeine Missionstätig- keit engagiert«, warf ich ein. Leendert machte eine wegwerfende Handbewe- gung. »Ich meine nicht Sie beide persönlich. Aber Sie wissen, was Meme sind, nicht wahr? Und religiöse Meme sind höchst gefährlich. Sie sind menschenver- achtende Monster. Sie sind selbstsüchtig und parasi- tär – machtbesessen und auf absolute Herrschaft aus. Sie werden jede Gelegenheit nutzen, um ihre Macht auszubauen; koste es, was es wolle. Darauf sind sie programmiert. Sie können gar nicht anders, sie müs- sen sich Vorteile verschaffen. Dabei ist es höchste Zeit, daß diese Furien aus dunklen Zeiten, in denen der Mensch die Welt noch nicht verstehen konnte, endlich verschwinden. Sie haben nur Unheil über die, Erde gebracht. Aber nein, jetzt wird ihnen buchstäb- lich ein rettendes Hintertürchen geöffnet. Es werden fahrlässig Rückkopplungsprozesse ermöglicht, aus denen sie nur gestärkt hervorgehen können, um wei- teres Unheil in der Welt zu stiften.« »So muß es nicht sein«, wandte Renata ein. »So ist es aber«, entgegnete Leendert höhnisch. »Der Glaube gebiert Ungeheuer. Ich weiß, wovon ich rede.« Er fuhr sich mit dem Finger über die Narbe an der Schläfe. »Der Unglaube ebenso«, hielt ich ihm entgegen. »Denken Sie an die Nazis.« »Das waren keine Ungläubigen«, erwiderte er und schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Die hatten ihren Glauben. Nur war der so albern, daß man gar nicht darüber nachdenken mag.« »Aber wirksam«, sagte ich. »Natürlich wirksam. Eine Religion kann gar nicht albern genug sein, um Erfolg zu haben. Sehen Sie sich den Glauben islamischer Fundamentalisten an, diesen auf eine Waschanleitung reduzierten und zu gymnastischen Übungen verkommenen Monotheis- mus – frauenverachtend, selbstgerecht und von einer unfaßlichen Dämlichkeit in seinen Jenseitsvorstel- lungen. Aber effizient! Eine smarte Instant-Religion, ausgeheckt von saphitischen Zynikern und von wah- habitischen Laienpredigern in leicht faßlicher Form, den in jeder Hinsicht Minderbemittelten dieser Erde verabreicht, die ihre Zukunftsunfähigkeit spüren und ihren Haß dem Müll des globalistischen westlichen Credos entgegenschleudern.« »Oder Flugzeuge gegen Hochhäuser«, sagte Rena- ta. Ein rollendes Lachen aus tiefster Kehle. Leendert blickte beiläufig auf seine Rolex. »Das waren Voll- treffer«, bestätigte er, aber dann umwölkte sich seine Stirn sofort wieder, und er polterte: »Daran seht ihr, welche Sprengkraft religiöse Meme entfalten kön- nen.« Wütend stieß er mit den Zeigefingern seinen leer- getrunkenen Bierkrug auf der Tischplatte hin und her. »Diese archaischen Relikte sind die wahren Gei- ßeln der Menschheit. Sie produzieren hirnlose reli- giöse Eiferer, die schier ersticken an ihrer Selbstge- rechtigkeit, ihrer Glaubensgewißheit und ihrem Sen- dungsbewußtsein. Und die geifern nicht nur in Kairo, in Bagdad, in Qom oder in Islamabad, sondern ge- nauso in Washington, in Warschau und in Vilnius.« »Weiß Gott, ja. Und doch scheinen diese Meme wichtig zu sein für den Gang der Historie«, gab Grit mit einem ungeduldigen Seufzen zu bedenken. »Ja«, sagte er, und es klang fast wie ein Schluch- zen. »Wie so viele andere monströsen Dinge. Was ist das für ein Universum?«, »Wir haben nur das eine«, sagte Renata. »Wir müssen darin leben. Und wenn wir es nur fest wol- len, werden wir es verbessern.« »Wenn wir es nur fest wollen …«, äffte er sarka- stisch nach. »Was sollte daran falsch sein?« fragte ich. Sein rechtes Auge musterte mich. Es war von ei- nem überraschend hellen Blau. Das Lid des anderen hing schlaff herab, und einen Moment lang glaubte ich, er blinzle mir schalkhaft zu, aber in seinem Blick lag keine Spur von Heiterkeit. »Weil das eine törichte Vorstellung ist«, schnaubte er. »Der freie Wille ist eine der merkwürdigsten Illu- sionen, die sich das menschliche Bewußtsein er- schaffen hat. Er ist eine wissenschaftlich unhaltbare Annahme, eine Selbsttäuschung, doch sie ist überle- benswichtig, das ist nicht zu bestreiten.« »Weshalb sollte er eine Illusion sein? Ich kann mich so oder so entscheiden«, entgegnete ich. »Nein, das können Sie nicht, junge Frau. Nicht in- nerhalb eines Universums. Dort treffen Sie nur eine Entscheidung.« »Dann treffe ich die andere eben in einem anderen Universum.« »Ach ja? Der gute alte Everett läßt grüßen. Hier ein Universum, in dem Hus nicht verbrannt wird, dort eins, in dem Luther seine Thesen nicht an- schlägt, oder gar eins, in dem der Katholizismus, hinweggefegt wird – wunderbar!« ereiferte er sich und deutete mit dem Daumen über die Schulter nach oben. »Ich suche seit Jahren nach Hinweisen, nach Unstimmigkeiten in der Quellenlage, wo sich wider- sprüchliche Fakten wieder arrangiert haben könnten. Auerbach macht es sich leicht. Seine doppelten Sei- fenblasen machen plopp und sind wieder eine, und van Waalen bürstet das Fell seiner Katze, wenn sie haart. Aber so einfach, wie diese Herren meinen, lie- gen die Dinge nicht. Ich empfange keine Nachrichten aus Parallelwelten.« »Ich schon … manchmal«, behauptete ich tapfer und spürte, wie Grits und Renatas Blicke sich mir zuwandten. »Ich … ich bin mir aber nicht sicher.« Leendert warf den Kopf zurück und fixierte mich. »Du bist das also«, murmelte er nachdenklich. »Van Waalen sprach davon. Er war ganz aus dem Häuschen. ›Wenn nur Hla Thilawuntha noch unter uns wäre!‹ rief er.« Ich zuckte die Achseln und blickte Grit hilfesu- chend an. Sie nickte ernst. »Wir sollten gehen«, schlug sie vor. »Kennen Sie die Erinnerungen von Urban Hargi- tai?« fragte er. »Goldfaden-Hargitai?« »André Goldfaden war sein Großvater. Er war Arzt und Psychologe – ein ungarischer Jude, der in Wien praktizierte. Später, als die Nazis an die Macht, kamen, ging er nach London ins Exil. Sein Enkel hatte die Aufzeichnungen herausgegeben, Anfang dieses Jahrhunderts. Ziemlich versponnenes Zeug.« »Thilawuntha hat daran geglaubt«, sagte Grit. Leendert winkte ab. »Thilawuntha hat so manches geglaubt.« »Und meistens recht behalten.« »Das kann kein Mensch bestreiten«, räumte er ein. »Er war ein echtes Genie. Schade um ihn. Möchtet ihr noch etwas trinken?« »Wir gehen jetzt«, sagte Grit energisch. Leendert winkte dem Kellner zu. »Das geht auf meine Rechnung«, sagte er. »Und mir bring noch ein Bier.« »Vielen Dank«, sagte ich. »Es war mir ein Vergnügen, euch kennenzuler- nen.« An der Tür blickte ich zurück. Grit und Renata waren schon hinausgegangen. Leendert saß am Tisch und starrte mit gesenktem Kopf auf seinen frisch ge- füllten Glaskrug; dann stemmte er sich entschlossen hoch, packte sein Bier und stapfte mit festem Schritt die Treppe hinauf in die Bibliothek. »Ist etwas?« fragte Grit, die mit Renata draußen auf mich gewartet hatte. »Was für ein armer, verbitterter Mann«, sagte ich. »Nun, ein Querkopf war Leendert schon immer, aber nicht so unduldsam«, seufzte Grit. »Er ist früher, auch gereist, in die Sechziger des 16. Jahrhunderts. Er hat dort Schlimmes erlebt. Die Spanier hatten da- mals hier in der Gegend ganze Dörfer entvölkert. Er hatte sich einem Fähnlein Bauern angeschlossen, das bei Haarlem mit der Reiterei Albas aneinandergeriet. Als einziger überlebte er das Gemetzel. Manchmal, scheint mir, macht ihm die Verletzung zu schaffen.« * Es war ein heißer Tag, und im Institut war die Kli- maanlage ausgefallen. Man hatte mich in die medizi- nische Abteilung bestellt. Ich hätte mir gewünscht, daß der Termin abgesagt würde, aber als ich anrief, erklärte mir eine Frauenstimme spitz, daß sie sich von dem bißchen Wärme nicht den Terminkalender schmeißen lassen würde. Ich duschte zum zweiten Mal an diesem Vormit- tag, doch kaum war ich die paar Schritte gegangen, klebte mir das T-Shirt am Körper. »Ich soll zu Dr. Hekking kommen«, sagte ich leicht genervt. »Wissen Sie, wo er ist? Dr. Willem Hekking.« Ein massiger Schwarzer blickte vom Bildschirm auf und musterte mich schweigend. Das Weiß seiner Augen war gelb durchschossen wie bei einem Fie- berkranken. Schweißperlen bedeckten seine breite Nase und standen über seiner wulstigen Oberlippe., Mein Gott, dachte ich, wie müssen diese Leute erst schwitzen, wenn sie in einem Kanu den Kongo hin- aufrudern oder in der Karibik Zuckerrohr schneiden. »Ich bin zu Dr. Hekking bestellt; es geht um meine medizinische Konditionierung. Ist er da?« »Dann ist Ihr Name Domenica Ligrina.« »Sie wissen Bescheid?« »Klar weiß ich Bescheid.« »Würden Sie dann bitte …« Der Mann streckte mir eine Hand entgegen, die groß wie ein Spaten und erstaunlich trocken war. »Hekking«, sagte er. »Entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor«, stieß ich hervor, »aber bei dem holländischen Namen hatte ich …« »Ich bin Holländer.« »Ach …« »Sie werden das als Italienerin nicht wissen, aber Holländer gibt’s in allen Farben – schwarz, gelb, braun und ein paar weiße auch noch.« Dr. Hekking klappte seinen großen Mund auf wie ein gähnendes Nilpferd und brach in rollendes Ge- lächter aus. »Meine Großeltern waren Surinamer, aber ich bin in Duivendrecht zur Welt gekommen.« Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu. »Wird’s weh tun?« fragte ich ihn. »Ich werde Sie zerfleischen und ihre Reste den, Nanos überlassen« – sein mächtiger Bauch bebte vor Heiterkeit –, »Sie werden aber nichts spüren, das versichere ich Ihnen. Man sagt mir nach, daß ich trotz meiner Statur ein zartfühlender Arzt bin. Au- ßerdem fangen wir ganz behutsam an. Ich werde Ih- nen heute lediglich etwas Blut abnehmen, damit ich eine Basis habe, um die Cocktails zu mixen, mit de- nen ich Sie vollpumpen werde, und um den Compu- ter zu programmieren. Wenn Sie übermorgen kom- men, bin ich bereit für Sie. Richten Sie sich darauf ein, daß Sie etwa eine Woche lang stationär bleiben müssen.« Ich spürte nicht einmal den Einstich. * Zwei Tage später lag ich in einem fahrbaren Kran- kenbett. Mir wurden in beide Armbeugen Nadeln gelegt, an die Plastikschläuche angeschlossen waren. Der computergesteuerte Aphereseapparat neben mir klickte und schnalzte und sog mir wie ein High- Tech-Vampir Blut aus der rechten Vene, versetzte es mit Chemikalien und Nanotecten, um mir darauf das Gemisch in die linke Armvene einzuleiten. Aus dem Augenwinkel sah ich die Meßwerte auf dem Moni- tor. Mein gesamtes Blutvolumen wurde durch das Labyrinth der Maschine geschickt und kehrte wieder in meinen Körper zurück. Irgendwann mußte mich, das leise Pumpengeräusch so eingelullt haben, daß ich einschlief. Ich erwachte in einem abgedunkelten Kranken- zimmer. »Sie bleiben ein paar Nächte hier, damit wir Sie unter Beobachtung haben«, sagte eine Frauenstimme leise. Ich nickte und dämmerte wieder weg. Die folgenden Tage entzogen sich weitgehend meiner Erinnerung. Ich wußte danach nicht, ob ich etwas zu essen bekommen hatte oder intravenös er- nährt worden war. Das Summen und Klicken der Aphereseapparatur begleitete mich. Manchmal sah ich das Gesicht Dr. Hekkings über mir wie einen dunklen Himmelskörper, dann wieder ein helles, un- bekanntes Gesicht. Ich spürte in meinen Armvenen den leichten Druck der Nadeln, die man zwischen den Behandlungen liegen ließ. Wirre Träume suchten mich heim, aber in Erinne- rung ist mir nur einer geblieben, weil er mir tiefe Angst einjagte. Ich träumte wieder von jener alten Wüstenwelt, von der Oase am Ufer des ausgetrock- neten Meeres, dessen Steilabfall sich in dunklen Tie- fen verlor. Ich stand auf dem Kamm einer hohen Dü- ne unter einer riesigen diffusen Sonne und blickte zu der Oase hinab. Ich glaubte eine Bewegung gesehen zu haben, aber es mochte eine Täuschung gewesen sein., Plötzlich fiel ein Schatten über mich. Ich blickte hinauf- und direkt in ein riesiges Auge, das im Him- mel schwebte, ihn halb ausfüllte und kalt auf mich herabstarrte. Mir setzte das Herz aus. Ich stürzte hin, rücklings auf den Sand, und in dem Augenblick war mir, als hörte ich einen Ruf und ein Lachen. Ich er- wachte und lauschte bang in die Dunkelheit. Kein Ruf, kein Lachen. Nur das leise Summen der Über- wachungsgeräte und der matte Widerschein ihrer Anzeigen an der Decke und an den Wänden. Dieser Traum ließ mich nicht los. Hatte ich in das Auge Gottes geblickt? Es hatte mich so mitleidlos und gleichgültig angestarrt. Mich schauderte. * Ein Donnerschlag weckte mich. Als ich die Augen öffnete, sah ich Renata an meinem Bett sitzen. »Was ist mit deinem Haar passiert?« fragte ich sie verwirrt. Sie lachte. »Nichts. Ein Gewitter. Es regnet. Ich bin naß ge- worden. Wie geht es dir?« »Ich weiß nicht. Ich hatte schlimme Träume. Ich habe ins Auge Gottes geblickt.« Sie nickte. »Und ich habe Amsterdam gesehen, vor sechs- hundert Jahren.«, »Und?« »Es war eigentlich ganz so, wie ich es mir vorge- stellt hatte. Ein kleines dreckiges Kaff mit schreck- lich frommen Bewohnern.« Renata blickte mich freudestrahlend an. »Du freust dich darauf, ins Mittelalter zu kommen, wie ich sehe.« »Ja«, sagte sie und strich mir über die heiße Stirn. Plötzlich fuhr sie zurück und starrte mich mit gewei- teten Augen an. »Was ist?« fragte ich, nun meinerseits er- schrocken. »Was hast du eben gesehen?« Sie war blaß geworden. »Dein Gesicht …« flüsterte sie. »Es hat ausgese- hen, als sei es verbrannt … Meine Konditionierung – sie ist jetzt irgendwie verstärkt. Ich weiß nicht.« »Verzeih, Renata. Ich habe das nicht bedacht. Ich stelle keine Fragen mehr. Du bist gekommen, um dich zu verabschieden, nicht wahr?« Sie nickte. »Wann trittst du die Reise an?« »Morgen.« Ich tastete nach ihrer Hand. »Wir werden uns bestimmt finden«, sagte ich. »Klar«, sagte sie. »Ich werde Ausschau nach dir halten.« »Dann – bis bald, Renata!«, * Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser. »Ich bin Schwester Sietske«, sagte die Frau und zog auch die andere Hälfte des Vorhangs an der Terrassen- tür auf. »Darf ich Ihnen das Frühstück bringen?« »Ja, bitte«, sagte ich benommen. Durch die geöffnete Tür blickte ich auf den schimmernden Ij hinaus und erkannte die vertrauten Umrisse von Java und dahinter die bizarre Skyline von Zeeburg. Nach einer Weile betrachtete ich meine Armbeugen. Die Verbände hatte man wohl schon vorher entfernt; die Einstiche der Nadeln waren kaum noch sichtbar. Schwester Sietske war eine Frau in meinem Alter – vollbusig, mit einem runden, gutmütigen Gesicht und einer weichen, rosigen Haut, die Zärtlichkeit und Wärme verhieß. Allmählich klärte sich mein Kopf. Ich fühlte mich energiegeladen und voller Erwartungsfreude. Mir schien, als hätten sich meine Sinne geschärft, als hätte ich eine größere Distanz zu meinem Körper gewonnen. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, als wäre ich in der Lage, ihn auf subtile Weise fernzusteuern; als stünde ich hinter mir selbst und dirigierte mich mit einer Tele- präsenzausrüstung, die es mir erlaubte, meine Körper- bewegungen zu beschleunigen und zu verlangsamen. Dieses Phänomen war mir völlig unerklärlich., »Das ist unter anderem ein Effekt der Nanotecten, die Sie nun an Bord haben und die auf Sie aufpas- sen«, erklärte Dr. Hekking bei seiner abschließenden Untersuchung. »In Ihrem Bewußtsein ist gewisser- maßen ein weiteres Subsystem zwischengeschaltet worden, das Außenreize verstärkt oder dämpft – je nachdem, welche Aufmerksamkeit Sie den betref- fenden Details schenken wollen. Wir nennen es den Distanz-Modus. Es ist eine Art von Anosognosie. Die Nanotecten sind in Depots konzentriert. Sie kön- nen sie willentlich auf den Weg bringen. Ich werde Ihnen noch zeigen, mit welchen Übungen Sie das machen. Die Nanos besiedeln daraufhin den ventro- medialen Cortex und die somatosensiblen Rindenfel- der in der rechten Hemisphäre. Dadurch wird ein Teil der Neurotransmitter blockiert. Gleichzeitig wird die Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol durch die Nebennieren herabgesetzt. Der Effekt ist vor allem folgender: Die Schmerztoleranz wird erhöht, ohne die übrigen Sinneswahrnehmungen zu beeinflussen. Das geht einher mit einer gewissen Abflachung von Gefühlsempfindungen. Die Nanos puffern Sie gegen die Außenwelt ab. Mit anderen Worten: Sie werden an manche Dinge von jetzt an wesentlich gelassener herangehen können, die Ihnen bisher vielleicht Herz- klopfen verursacht haben.« »Ich habe manchmal ganz gern Herzklopfen«, ent- gegnete ich., Dr. Hekking fuhr mir mit seiner mächtigen Pranke zärtlich über die Wange. Mein ganzer Kopf hätte in seine hohle Hand gepaßt. »Darauf brauchen Sie nicht zu verzichten, meine Liebe. Im Gegenteil. Aber wenn Sie es nicht wollen, bleibt es außen vor. Das hat seine Vorteile. Nicht nur dort, wo Sie hingehen.« Ich nickte. »Sie sind vor Infekten geschützt, und sollten Sie Verletzungen davontragen, werden Sie rascher gene- sen. Außerdem sind Sie für die Dauer Ihres Einsatzes nicht empfängnisfähig; Ihre Regelblutungen werden also ausbleiben.« »Sie haben mich also biologisch vollständig ent- schärft.« »Als Biowaffe, ja. Aber sonst …« Er ließ sein rollendes Lachen hören. »Frau Ligrina bleibt noch zwei Tage bei uns«, sag- te er zur Schwester. »Ich muß noch ein paar Untersu- chungen durchführen.« »Sind irgendwelche Komplikationen aufgetreten?« fragte ich, als er gegangen war. »Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte Sietske und streichelte mir die Schläfen mit ihrer weichen Hand. »Es ist alles in bester Ordnung.« Mein ge- schärftes Wahrnehmungsvermögen sagte mir jedoch, daß sie irgendwie verunsichert war., * Als ich Ernesto im Institut traf, fragte ich ihn, ob mit Renatas Transition alles planmäßig verlaufen sei. Er zuckte die Achseln. »Sie hatte ein perfektes Wash out. Ich war selber nicht dabei, aber ich hörte, sie hat ein mächtiges So- liton erwischt, ein echtes Energiemonster. Vielleicht hat es sie etwas weiter getragen als ins Jahr 1450.« »Was heißt ›etwas weiten?« »Vielleicht 1448 oder 1445. So genau läßt sich das nie sagen. Aber irgend jemand ist ja vor Ort – am Zielzeitpunkt, meine ich. Der schickt sie zurück, wenn sie zu weit danebenliegen sollte. Also mach dir keine Sorgen«, beruhigte mich Ernesto. Renata tauchte nicht auf. Jedenfalls nicht in den folgenden Wochen. Also wagte ich aufzuatmen.,

III DER NACHLASS DES DOKTOR GOLDFADEN

IM TROPFEN SCHWAMM DER RADIOLAR UND SAGTE, WÄR’S NICHT WUNDERBAR, WÜRD’S AUCH NOCH ANDRE WELTEN GEBEN, IN DENEN RADIOLARIEN LEBEN. ER ERNTETE NUR SPOTT UND HOHN, WIE’S MEISTENS DER PHANTASTEN LOHN, DAS SEI ABSURD, HIELT MAN ENTGEGEN, ALLEIN DER WASSERMENGE WEGEN, EIN UNIVERSUM DRAUS ZU GIESSEN, UND ERGO SEI DARAUS ZU SCHLIESSEN: ES GIBT NUR DIESE WELT ALLEIN, DENN WO SOLLT’ SO VIEL WASSER SEIN? Nach Christian Mayer Christian, den Urban Hargitai aus seiner Studienzeit bei Professor Pfleiderer in Innsbruck kannte, hatte ihn zum Geburtstag nach Dornbirn eingeladen. »Ur- ban«, hatte er gesagt, »erzähl mir nicht, daß du keine Zeit hast. Im August ist in der Software-Branche nicht viel los, oder?« Das ganze Jahr über war noch nicht viel los gewesen, und in dem ›oder‹ steckte so, viel Sarkasmus, daß es ihm weh tat. Christian wußte natürlich, daß er bisher wenig Erfolg gehabt hatte, und sensibel, wie er war, fugte er rasch hinzu: »Ich habe meinen neuen Roman auch noch nicht verkauft, aber ge-gefeiert wird trotzdem. Es werden ein paar interessante Leute da sein, auch viele Kollegen. Du ko-kommst doch, oder?« Durch das solidarische Eingeständnis des Mißer- folgs umgestimmt, hatte Urban Hargitai zugesagt, am Wochenende des 13./14. August nach Vorarlberg zu fahren. Es war tatsächlich ein lausiges Jahr gewesen, wie die Jahre davor. Nach seinem Abschluß in Ma- thematik – und nebenbei in Astronomie – hatte er einen Job bei der Ersten ergattert und als Program- mierkuli für die Bank malocht, aber die Nachtarbeit, die erforderlich war, die abgestürzten Programme bis zum nächsten Morgen wieder lauffähig zu machen, hatte ihn zermürbt. Dann war er, wie mindestens zehntausend weitere Computerspezialisten in Wien, auf die Idee gekommen, sich selbständig zu machen. URBAN HARGITAI: SOFTWARE CONSULTING – Blau auf Silber. Die Visitenkarte war eindrucks- voll, aber offenbar nur für ihn. Der Markt war gesät- tigt mit preiswerten Spezialprogrammen für jeden nur denkbaren Bedarf. Es lief nur zäh, und der Frust nagte … Wenn ihm seine Mutter nicht immer wieder etwas zugeschossen hätte … Aber gefeiert würde trotzdem …, Der Freitag war heiß und schwül. Hargitai hatte sich am Tag vorher schon nicht wohl gefühlt. Eine Verkühlung wahrscheinlich, dachte er, eine dieser ekligen Sommergrippen, die einem das Hirn zuklei- stern, bis man zu keinem klaren Gedanken mehr fä- hig ist. Aber irgendwie hatte er das Bedürfnis, Wien schnellstens zu verlassen. Die Stadt war stickig, laut und voller verschwitzter Touristen, die sich lärmend durch die Straßen der Innenstadt schoben und die Straßencafés und Beiseln überfüllten. Hargitai kaufte sich vorsorglich am Kiosk in der Halle des Westbahnhofs eine Taschenflasche Rum und eine große Packung Papiertaschentücher, um gewappnet zu sein, dann stieg er in den IC-566 Nie- derösterreichische Tonkünstler, der gegen 19:30 Uhr in Bregenz eintreffen würde. Christian hatte verspro- chen, ihn abzuholen. Im zweiten Waggon fand er ein freies Abteil. Entgegen seinen Erwartungen war der Zug an diesem Freitagnachmittag nur schwach be- setzt; die meisten Wiener waren im Urlaub. Bereits in St. Polten bereute er es, die Reise ange- treten zu haben. Am ganzen Körper brach ihm der Schweiß aus, und die Kopfschmerzen verstärkten sich. Als der Büfettwagen durchkam, ließ er sich ei- nen Tee geben, versetzte ihn reichlich mit Rum und trank den Becher mit langsamen Schlucken leer. Dann schüttete er den Rest aus der Flasche in den Becher und trank den Rum pur., In Wels polterte ein älteres deutsches Ehepaar mit drei Koffern ins Abteil. Der Mann hielt ihm die Re- servierung unter die Nase und gab ihm zu verstehen, daß sie Anspruch auf die Fensterplätze hätten. Urban verzog sich auf den Platz an der Tür. Die beiden mu- sterten ihn angewidert, während er vor sich hin süf- felte und in Papiertaschentücher schneuzte. Sollte er sich womöglich bei ihnen entschuldigen, weil er ver- kühlt war? Finstere Gedanken dräuten in seinem Hirn: Vielleicht gelang es ihm ja, die Piefkes anzu- stecken. Er schneuzte sich ausgiebig. In Salzburg stiegen sie dann aus. Um diese Zeit fühlte sich Hargitai zunehmend be- trunken. Aber wenigstens haben die Kopfschmerzen nachgelassen, sagte er sich, legte die Füße auf den Sitz gegenüber und schloß die Augen. Offenbar war er kurz darauf eingeschlafen, denn als er zum Fenster hinausblickte, sah er, daß der Zug bereits Innsbruck erreicht hatte. Der Himmel im Westen Richtung Arlberg war schwarz, die Berge wirkten auf Hargitai, als wären sie von schwefeligem Licht übergossen. Er nahm seinen Rucksack und trat auf den Bahnsteig hinaus. Ein böiger heißer Wind, der Staub und Papierfetzen aufwirbelte, schlug ihm entgegen. Im Norden grollte Donner. Von da an verwirrten sich seine Gedanken. Hargitai stieg in den Zug zurück, schloß die Ab-, teiltür, zog den Vorhang zu und legte sich quer über die Sitze, um auch den letzten Teil der Strecke zu verschlafen. In Bregenz bin ich wieder nüchtern, sag- te er sich. Ein krachender Donnerschlag weckte ihn. Regen klatschte gegen die Scheibe. Er setzte sich auf und blickte hinaus. Blitze tauchten steile Waldhänge in kreideweißes Licht. Der Zug fuhr bergab und brem- ste vor den Biegungen der Strecke. Es war nicht ganz dunkel draußen; die Beleuchtung im Waggon brann- te. Er spähte durch das regenüberströmte Fenster hinaus – und durchlebte plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde einen Alptraum: Die vordere Lokomo- tive fuhr in einer Kurve auf eine Klamm zu, über die sich hätte eine Brücke spannen müssen. Doch die Brücke war verschwunden. Die Eisenbahnschienen ragten nach unten gebogen ins Leere und endeten mitten in der Luft. Im selben Moment hörte er ein schrilles Krei- schen. Er wurde von seinem Sitz geschleudert. Seine Knie schlugen gegen den Sitz auf der gegenüberlie- genden Seite, und er prallte mit dem Gesicht gegen die Kopfstütze darüber. Der vordere Teil des Wag- gons bäumte sich auf und krümmte sich zusammen wie eine Raupe. Das Dach knitterte mit einem knar- zenden Stöhnen und warf Falten; die Fenster zerbar- sten, und ein Hagel von Glassplittern sprühte ihm über den Kopf und den Rücken. Die Beleuchtung, erlosch. Reisende schrien. Von draußen sickerte dämmriges Licht herein. Wasser rauschte laut ganz in der Nähe. Einen Moment lang verharrte der Waggon in sei- ner Schräglage, dann sackte das Ende, in dem er sich befand, mit Knacken und Kreischen tiefer ab. Direkt vor seinen Augen öffnete sich plötzlich die Polste- rung, und durch das Gewebe schob sich das Ende eines dunklen Profileisens. Er versuchte verzweifelt den Kopf zurückzuwerfen – und bemerkte entsetzt, daß sich das Abteil derart zusammengefaltet hatte, daß er zwischen den gegenüberliegenden Sitzen ein- geklemmt war. Eiskaltes Wasser schäumte durch die zerknautschte Fensteröffnung über sein Gesicht und das Profileisen, das dicht vor seinen Augen innege- halten hatte, aber ihm drohend entgegenragte. Plötz- lich verformte sich der Waggon weiter, und das Me- tall setzte sich wieder in Bewegung. Das war das letzte, was er wahrnahm. * Die Kälte weckte ihn. Hargitai war durchnäßt und fror. Ringsum war Dunkelheit. Irgendwo in der Nähe wimmerte eine Frau. Er fühlte etwas Matschiges im Schoß und zwischen den Fingern. Schlamm? Abge- rissene Blätter? Der ganze Körper tat ihm weh, weil er in dieser verkrümmten Haltung festgehalten wur-, de. Die Beine waren von den Knien abwärts taub. Als er die Schultern zu bewegen versuchte, spürte er einen wütenden Schmerz in der Stirn, den das eisige Wasser betäubt hatte. Er schrie auf und versuchte mit den Händen an sein Gesicht zu gelangen. Vergeblich, sie steckten fest. Wieder verlor er das Bewußtsein. * Ein lautes Dröhnen holte ihn aus seiner Bewußtlo- sigkeit. Ketten schlugen rasselnd gegen den Waggon. Er hörte eine Männerstimme, die Kommandos rief. Winschenmotoren winselten, Trossen knirschten, und mit einem ächzenden Knarren wurde der Wag- gon angehoben. Plötzlich konnte er den Kopf wieder bewegen, und die Hände kamen frei. »He, da ist ja noch einer«, sagte eine Männer- stimme in der Nähe. Er wandte mühsam den Kopf in die Richtung, konnte aber nichts erkennen. »O Gott!« sagte die Stimme. * Hargitai kam auf die Füße und tappte ins Bad. Er schaltete das Licht ein und schaute in den Spiegel. Sein Gesicht oberhalb des Mundes war von einer fla- chen klebrigen Masse bedeckt, aus der ihm wie, durch eine Skimaske zwei tote Augen anblickten. Seine Beine gaben nach, und vor Entsetzen wim- mernd ließ er sich auf die Klobrille sinken. Er spürte, wie sich seine Blase entleerte, ohne daß er die Kraft gehabt hätte, seine Pyjamahose hinunterzustreifen. Die Wärme, die seine Schenkel überströmte, hatte etwas Tröstliches. Er gab sich ihr hin und spürte, wie sie ihn hinwegtrug in die Dunkelheit. * Als Hargitai wieder zu sich kam, schienen Tage ver- gangen zu sein. Dieses Eisenbahnunglück … Man hatte ihn gerettet. Er war verletzt worden, aber er spürte keinen Schmerz, fühlte sich seltsam entrückt, als wäre das Unglück nicht ihm selbst widerfahren. Er lag in einem Bett. War er in einer Klinik? Irgend- wo war ein regelmäßiges elektronisches Signal zu hören. Befand er sich auf einer Intensivstation? Viel- leicht hatte man ihn mit dem Hubschrauber nach Innsbruck gebracht. Seine Hände lagen auf glatten Laken. Dunkelheit umgab ihn. Sein Gesicht … Seine Finger ertasteten Verbände. Es war also doch wahr. Vorsichtig stand Hargitai auf und tastete sich ins Bad. Aber es war sein Bad … das Bad in seinem Apartment in der Wiedener Haupt- straße! Er schaltete das Licht ein und zupfte an den Verbänden herum. Sie zerfielen wie Spinnweben un-, ter seinen Fingern. Doch was zum Vorschein kam, war nicht sein Gesicht, war überhaupt kein Gesicht, sondern eine rosarote ovale Fläche ohne Andeutung von Augen, Nase oder Mund. Was hatten sie mit ihm gemacht? Was hatten sie mit seinem Gesicht ange- stellt? Er fuhr mit den Fingern über die seltsame Haut. Sie wirkte glatt, hatte aber eine deutliche Tex- tur; sie fühlte sich an wie Bütten, fest und doch weich. Hatte man ihn einer plastischen chirurgischen Operation unterzogen? Seinen Kopf mit künstlicher Haut bespannt? Er starrte das Gebilde an. Wie konn- te er es ohne Augen überhaupt im Spiegel sehen? Bestand diese Textur aus Sensoren, die Nervenim- pulse in sein Gehirn weiterleiteten? War er noch ein Mensch? Hargitai krümmte sich zusammen und erbrach sich in die Kloschüssel, bis die Bilge seines Magens ihm den Hals vergällte. Er wischte sich mit dem Hand- rücken den Mund; seine Lippen waren ausgetrock- net, heiß und spröde. Hatte man eine Software in den Kunstschädel implementiert, die ihm vorgaukelte, er sei noch er selbst? Dann richtete er sich auf und blickte in den Spie- gel. Er sah aber nur die weiße Tür hinter sich, an der sein blauer Bademantel hing, sonst war der Spiegel leer. War er unsichtbar geworden. Ein Fehler in der Software? »Was ist los mit mir?« wimmerte er ratlos., Hargitai öffnete die Tür – und stand im Zimmer seines Apartments. * »So ging das drei Tage lang«, sagte Hargitai. »Das ganze Wochenende über. Ich hatte Fieber und ekel- hafte Kopfschmerzen. Wahrscheinlich habe ich hal- luziniert.« »Warum hast du mich nicht angerufen?« »Entschuldige, Mama, aber ich war völlig wegge- treten. Das Telefon muß pausenlos geläutet haben. Der Anrufbeantworter war voll. Christian hat ein dut- zendmal angerufen. Er wußte, daß ich in dem Un- glückszug gesessen hatte. Aber ich muß in Innsbruck ausgestiegen sein. Ich weiß nicht, weshalb. Vielleicht wollte ich mir ein Aspirin kaufen oder ein weiteres Fläschchen Rum. Als ich auf den Bahnsteig kam, war der Intercity weg. Ich sah nur noch die Schluß- lichter der Schublok. Wie ich zurück nach Wien und in meine Wohnung gekommen bin, kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Ich habe keine Ahnung. Was ich für ein Glück hatte, daß ich den Zug ver- säumte, wurde mir erst klar, als ich am Montag einen Blick in den Standard warf.« Er schob die Zeitung vom 14. August über den Tisch., Wien/Bludenz – »Das ist die Horrorvision, die man manchmal hat«, sagt Martin Purtscher, der Landes- hauptmann: Ein Zug wird von einer einstürzenden Brücke in die Schlucht geworfen. Unten liegen die zerquetschten Waggons wie Spielzeugsteine. In ih- rem Umkreis Tote und Schwerverletzte. Freitag, knapp vor 19 Uhr. Ein heftiges Gewitter setzt eine Mure frei. Die Schlamm- und Geröll- massen bringen die Masonbachbrücke zum Einsturz. Genau zu diesem Zeitpunkt hat der IC-566 Nieder- österreichische Tonkünstler Wien-Lindau mit 200 Reisenden an Bord das Brückengelände erreicht. Der Schnellzug stürzt mit der Lok und drei Waggons et- wa 40 Meter in die Tiefe. Der vierte Waggon ent- gleist und bleibt über dem Abgrund hängen. Durch den Keil werden die hinteren acht Waggons gestoppt. 17 Personen werden schwer verletzt. Der Lokführer, eine 26jährige Vorarlbergerin und ein sechsjähriger Bub aus Niederösterreich kommen ums Leben. Hargitais Mutter warf nur einen flüchtigen Blick auf die Seite. Ihre Gedanken schienen anderswo zu sein. Er war überrascht, daß sie nicht mehr Anteilnahme zeigte. Schließlich sagte er: »Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber ich habe diesen Unfall erlebt, buchstäblich hautnah. Ich wurde dabei im Gesicht verletzt. Es war genauso, wie es hier steht. Ich habe es gesehen! Ich habe gespürt, wie ich verletzt wurde, und in dem Waggon eingeklemmt war! Wie ist das möglich?« Seine Mutter nickte nur. Er schaute sie verwundert an. »Naja, es war ja nur ein Traum«, sagte er wegwer- fend und ein wenig enttäuscht über ihre scheinbar gleichgültige Reaktion. Verstohlen beobachtete er sie, während er mit der Gabel den Apfelkuchen zerteilte und aß. Sie war im März sechzig geworden, aber immer noch eine at- traktive Frau. Ihr kurzgeschnittenes schwarzes Haar zeigte die ersten grauen Strähnen, was ihrer Frisur aber eher ein flottes Ausehen gab. Ihre dunklen Au- gen waren lebendig wie eh und je; nur über der Ober- lippe und in den Wangen über den Mundwinkeln hat- te sich die Zeit eingegraben und ein waffelfbrmiges Muster geformt, wo früher spöttische Grübchen ge- wesen waren. Seine Mutter legte nach einer Weile ihre Kuchen- gabel weg, sah ihren Sohn ernst an und sagte leise: »Nein, Urban, das war kein Traum. Ich hatte gehofft, daß es dir erspart bliebe, weil ich bei dir nie etwas davon bemerkt hatte. Aber du scheinst das Goldfa- den-Gen doch geerbt zu haben, mit dem dein Groß- vater und sein Vater und auch dessen Vater geschla- gen waren.« »Goldfaden-Gen?« fragte Hargitai verständnislos. Die große Standuhr draußen auf dem Gang setzte rasselnd zum Schlag an. Es war zwei., »Du weißt doch, daß man deinen Großvater den Traumdoktor nannte«, fuhr sie fort. »Ich kann mich erinnern, daß Vater sich manch- mal darüber lustig machte.« Sie hob den Kopf und reckte das Kinn. »Dein Vater hat sich über vieles lustig gemacht. Für ihn waren das Spinnereien. Er hatte andere Inter- essen – weiß Gott! Reden wir nicht darüber.«Sie trank ihre Tasse aus. »Möchtest du noch ein Stück Kuchen?« fragte sie ihren Sohn. »Ja, gerne. Aber was hat es mit dem Gen auf sich?« fragte Hargitai. Sie ging nicht auf seine Frage ein. »Du warst gerade zehn, als Großvater starb. Kamst ins Gymnasium. Ich hatte seine Sachen weggeräumt, und alles in den Koffer gepackt, in dem er seine Auf- zeichnungen aufbewahrte. Ich habe damals beschlos- sen, nie jemandem davon zu erzählen. Auch dir nicht. Dir erst recht nicht. Aber nun ist wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem ich dich über dieses vermaledeite Familienerbe aufklären muß.« »Wovon sprichst du, um Himmels willen?« »Es ist die Gabe, Dinge zu sehen, die nicht einge- treten sind, aber sehr wohl hätten eintreten können«, sagte sie energisch. Er sah seine Mutter mit großen Augen an. »Ich hatte öfter schon so komische Träume, aber …«, »Sie sind nicht komisch, Urban. Weiß Gott nicht«, sagte sie mit einem bitteren Lachen. »Sie sind ent- setzlich. Sie haben den Geist deines Großvaters zer- rüttet. Damals in London. Die Nazis, die Bombenan- griffe. Ich war noch klein, verstand vieles nicht. Va- ter war mit Mutter 1937 nach England geflohen, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Aber diese Entscheidung hatte ihm wenig genützt. Er war den Qualen der Konzentrationslager zwar physisch ent- ronnen, aber in seinen Träumen hatte er sie durchlit- ten, war Nacht für Nacht dabei. Er hatte es mit Lau- danum versucht, mit Schlafentzug, später mit Mor- phium.« »Es waren doch nur Träume. Alpträume, ja …« »Der Meinung war er nicht. Er hielt es für eine Form der Empathie. Er glaubte fest daran, einen Doppelgänger zu haben, der für ihn, an seiner Statt, Qual und Tod erleiden mußte, denen er sich durch Flucht entzogen hatte. Dieser Doppelgänger, davon war er überzeugt, verfügte über die Kraft, im Traum mit ihm die Seele zu tauschen.« »Entschuldige, Mama, aber das ist doch eine völ- lig abwegige Vorstellung«, warf Hargitai ein. »Nein. Großvater war nicht nur Arzt; er hatte sich immer auch für Psychologie interessiert. Ihm waren einige Fälle bekannt – er hat Aufzeichnungen dar- über gemacht –, Patienten, die ähnliche Traumerleb- nisse hatten. Ich erinnere mich noch gut an Joshua, Seidenspinner. Er kam oft zu uns, weil er keine Fa- milie hatte. Josh war ein hochaufgeschossener, ma- gerer junger Mann, der wunderbare Scherenschnitte machen konnte. Ich war fasziniert von seiner Fertig- keit. In Minutenschnelle schnippelte er ganze Gir- landen von Hasen, Pferden, Vögeln, Eidechsen, Blumen oder Gesichtern aus Verdunklungspapier. Auch er litt unter dieser Empathie, hatte die gleichen Alpträume wie Vater. Eines Tages, Anfang Mai war’s – der Krieg in Europa war gerade zu Ende ge- gangen –, stand er in der Tür, blaß und zitternd. ›Wir sind gestorben, Andre‹, sagte er zu Vater. ›Die Träume haben aufgehört.‹ Vater nickte. ›Versündigt euch nicht!‹ rief Mutter. Aber Josh ließ sich nicht beirren. Er war wie von Sinnen. Er zog ein Exemplar der amerikanischen Illustrierten LIFE aus der Man- teltasche, in der zum ersten Mal Fotos aus deutschen KZs gezeigt wurden, grauenhafte Fotos. Er schlug eine Seite auf und legte sie auf den Küchentisch und deutete mit zitterndem Finger auf das Bild eines Mannes, der sich halb unter einer Bretterwand her- vorgezwängt hatte und dabei umgekommen war. ›Das ist Daniel, mein Freund. Wir waren bis zum Schluß beisammen, als sie uns in das Lagerhaus sperrten und es anzündeten. Er meinte, wir würden es schaffen. Ich war dicht hinter ihm. Aber wir haben es nicht geschafft‹. Mutter hatte einen Blick auf das Fo- to geworfen, packte mich bei den Schultern und, drängte mich aus dem Zimmer. Die Tür war kaum hinter uns zugefallen, da hörte ich einen Schrei, wie ich ihn im Leben nie wieder gehört habe. Eine halbe Stunde später haben sie Joshua weggebracht. Ich ha- be ihn nie wieder gesehen, und meine Eltern haben ihn nie mehr erwähnt. Was von ihm blieb, waren Ha- sen, Pferde, Vögel, Eidechsen, Blumen und Gesich- ter aus schwarzem Verdunklungspapier. Mutter hatte sie dann irgendwann verbrannt, als wir unsere Sachen packten und nach Wien zurückkehrten. Sie glaubte fest, daß diese Schrecken vorbei seien, der Vergan- genheit angehörten …« Hargitais Mutter brach ab. Nach einer Weile sagte sie dann leise: »Aber sie wa- ren nicht vorbei. Nein, sie waren nicht vorbei.« »Diese KZ-Träume?« fragte Hargitai. »Es waren andere. Die Amerikaner, behauptete Vater, hätten die Bombe auf Wien geworfen. Er war Nacht für Nacht unterwegs, um die Verstümmelten und die Verstrahlten zu behandeln, den Sterbenden Erleichterung zu verschaffen und die Toten zum Franz-Josephs-Kai zu bringen, wo sie vor Tagesan- bruch eingeäschert wurden.« »Das ist doch – entschuldige Mama –, völlig ver- rückt«, entfuhr es ihm. »Das sagst du, nachdem du mir deine völlig ver- rückten Erlebnisse geschildert hast?« erwiderte sie heftig; sie presste sich die Serviette auf den Mund und wischte sich die Tränen ab., »Das Zugunglück hat schließlich stattgefunden. Aber die Amerikaner haben doch nie eine Atom- bombe auf Wien geworfen. Das ist doch wohl ein Unterschied, oder?« Sie zuckte die Achseln. »Und wenn es nicht nur eine Wirklichkeit gäbe?« »Mama, das ist doch absurd.« »Oho! Nein, mein Lieber, da täuschst du dich. Es gibt in den Aufzeichnungen deines Großvaters einen Eintrag, den er für sehr wichtig hielt. Es war ein Er- lebnis, das für ihn eine Offenbarung gewesen zu sein schien. Deshalb hat er die Szene in allen Details fest- gehalten. Es war ein Gespräch mit seinem Freund Samuel Liebermann, der aus dem Exil in den USA zurückgekommen war. Sie hatten beide das Albertus- Magnus-Gymnasium im 18. Bezirk besucht und kannten sich von daher gut. Liebermann hatte nach seiner Rückehr Ende der Fünfziger einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule. Er war Theoreti- scher Physiker – Quantenphysik, wenn ich mich rich- tig erinnere. Sie trafen sich häufig am oberen Ende des Naschmarkts auf ein Glas Sekt und ein paar Au- stern. Großvater hatte seine Praxis ein paar Schritte um die Ecke, am Getreidemarkt. Liebermann war ein lustiger Vogel – der gern ein Gläschen trank, witzig und voll unkonventioneller Ideen. Großvater mochte ihn.« »Existieren diese Aufzeichnungen noch?«, »Er hatte diese Aufzeichnungen alle in einem Kof- fer aufbewahrt. Ich habe ihn nach der Beerdigung auf den Speicher gebracht und nie mehr angerührt.« »Kann ich mir den mal ansehen?« Mit einem tiefen Seufzer erhob sich Hargitais Mutter. »Ich hatte immer gehofft, ihn dir nicht zeigen zu müssen. Aber es ist wohl besser so, damit du weißt, womit du fertig werden mußt.« Sie stiegen zum Speicher hinauf. Unter dem Dach des Einfamilienhauses hatte sich der Sommer einge- nistet. Hargitais Mutter hob vorsichtig eine glatzköp- fige, staubige Zelluloidpuppe von einem mittelgro- ßen braunen Pappkoffer mit verstärkten Ecken und drückte sie an die Brust. »Das ist Liz«, sagte sie. »Eine echte Schildkröt- Puppe. Ich habe sie aus London mitgebracht. Liz und ich haben uns in den Nächten im Luftschutzkeller Geschichten erzählt. Lange Geschichten, denn wir glaubten fest daran, daß uns, solange eine Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war, unmöglich etwas passieren könne – auch wenn die Nazis noch so viele Bomben auf uns fallen ließen.« Sie setzte Liz in einen Kinderwagen aus beigem Korbgeflecht und blies den Staub vom Kofferdeckel. »Träume« stand auf dem vergilbten Schild, das mit Leukoplast festgeklebt war, mit einer breiten Füllfe- der geschrieben in jener alten deutschen Schrift, die, nur noch ganz wenige entziffern konnten, und zwei- mal unterstrichen. Die Verschlüsse waren rostig und gaben knirschend nach. In dem Koffer befanden sich etliche Bündel von vorgedruckten gelben Patienten- karten, die zu Taschen im DIN-A5-Format gefaltet waren, wie sie die Ärzte vor der Einführung der Computer benutzt hatten. Sie waren zu Klötzen ge- ordnet und wurden von blassen Gummiringen zu- sammengehalten, die brüchig und so schmierig vom Alter geworden waren, daß sie am Karton haften blieben wie schlappe Würmer. »Nimmst du’s mit runter?« fragte sie. »Ich werfe nur einen kurzen Blick drauf.« Seine Mutter ließ ihn allein. Er begann in den Unterlagen zu stöbern. Die mei- sten waren Traumprotokolle von Patienten, alphabe- tisch geordnet. Einige trugen am Rand den Vermerk »wahrscheinlich frei erfunden«, andere »Zuordnung eventuell möglich«, beigefügt waren Zeitungsaus- schnitte, meist Meldungen von Unglücken, von un- tergegangenen Schiffen, angekreuzte Namen auf Ge- fallenenlisten. Die Bezüge der Fakten zu den Traum- schilderungen erschienen Urban sehr vage; manch- mal konnte er überhaupt keinen Zusammenhang er- kennen. Eines der Bündel enthielt Großvaters Nie- derschriften eigener Träume. Es waren zum Teil er- schütternde Texte, Bilder schrecklicher, unvorstell- bar grausamer Ereignisse, die ihn über Monate und, Jahre hinweg heimgesucht hatten. Er stieß auch auf ein Exemplar der Zeitschrift LIFE. Es war die Num- mer vom 7. Mai 1945. Die Seite 34 lag obenauf. Sie zeigte unter anderem das Foto eines jungen Mannes, der sich mit Kopf, Schulter und linkem Arm unter einer Bretterwand hervorgezwängt, ja buchstäblich durch den harten Boden gewühlt hatte in seiner To- desangst, bevor ihn die Flammen doch noch ereilt hatten – Joshua Seidenspinners Freund Daniel. Ein anderes Bündel enthielt theoretische Erwä- gungen. Urban hatte nicht gewußt, daß sein Großva- ter einen Zwillingsbruder gehabt hatte, der aber noch am Tag der Geburt gestorben war. Lange Zeit schien ihn die Idee umgetrieben zu haben, daß dieser Bruder nicht wirklich gestorben war, sondern in einer Art Zwischenwelt lebte, von der aus er im Traum Kon- takt mit ihm aufnahm. Ich bin der festen Überzeu- gung, schrieb er an anderer Stelle, daß es vielleicht nicht viele, aber doch eine beträchtliche Anzahl von Menschen gibt, die über die Gabe verfügen, mit Traumwelten in Kontakt zu stehen, in denen die Din- ge einen anderen Verlauf nehmen als in dieser unse- ren Welt; Traumwelten, in denen ihren Doppelgän- gern ein abweichendes Schicksal widerfährt. Urban hob den Kopf und schloß die Augen. Das Wechselspiel von Sonne und Wolkenschatten wurde skandiert von dem metallischen Knacken der sich dehnenden und schrumpfenden Dachrinnen in ihren, Befestigungen. Die Sklaverei der Materie unter den unerbittlichen Gesetzen der Thermodynamik, ein ständiges sinnloses Hin und Her von Energie, das blindlings den Schubkräften in Richtung Entropie gehorchte. Das waren überblickbare und nachvoll- ziehbare physikalische Fakten, aber was mochten das für Gesetzmäßigkeiten sein, die es dem menschli- chen Gehirn erlaubten, die Begrenzung seiner Wirk- lichkeit zu verlassen und wahrnehmend in andere Wirklichkeiten einzudringen? Schließlich stieß er auf die Notiz über das ent- scheidende Gespräch mit Samuel Liebermann. Ich hatte mich um die Zeit etwas in parapsycholo- gische Spekulationen verrannt, stand da, mich vor allem mit Lebensläufen lange getrennt lebender ein- eiiger Zwillinge befaßt, aber ich hatte das Gefühl, daß mich das nicht weiterbrachte. Zu Mittag hatte ich mich wieder einmal mit Sam beim Strandhaus getroffen, wir hatten einen frischen Chablis getrun- ken und waren in aufgeräumter Stimmung. Als wir in Richtung Karlsplatz schlenderten, da bemerkte ich, daß an Sams Schuh ein Schnürsenkel aufgegangen war, der durch die Pfützen schleifte. »Dein Schnürsenkel ist aufgegangen, Sam«, sagte ich. Sam blieb stehen und sah nachdenklich an sich hinab. Dann kratzte er sich den Backenbart und schüttelte den Kopf., »Zuviel des Aufwands, wenn ich ihn zubinden wür- de«, sagte er. »Wie meinst du das?« Sam machte eine theatralische Geste, welche die Silhouette der Stadt vor uns einschloß. »Eine neue Karlskirche, eine neue Secession – wenn auch leider immer noch ohne goldenes Krauthäuptel –, einen neuen Stephansdom, ein neues Wien samt Vororten, ein neues Österreich – Gott bewahre! –, ein neues Europa, am Ende ein neues Sonnensystem, von der Galaxis und dem Universum ganz zu schweigen. Sag, André, kommt dir das nicht auch etwas zu aufwendig vor? Na also.« Er latschte ungerührt weiter und zog den offenen Schnürsenkel hinter sich her. »Sag mal, spinnst du?« fragte ich. »Keineswegs«, erwiderte Sam hoheitsvoll. »Dar- auf liefe es nämlich hinaus.« »Wenn du dich bückst und dein Schuhbandel zu- machst?« »So ist es«, erwiderte er. »Gestattest du mir, daß ich es dir zubinde?« »Bitte. Damit enthebst du mich der großen Verant- wortung, mein Freund, die Welt, nein, das Univer- sum verdoppelt zu haben.« Ich ließ mich auf ein Knie nieder und band ihm den Schuh. »Also, nun mal im Ernst«, ächzte ich, als ich wie-, der aufrecht stand. »Was willst du damit sagen?« »Daß sich die Welt bei jeder getroffenen Entschei- dung vervielfältigt.« »Und du glaubst das?« fragte ich ihn. »Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, aber der Gedanke ist frappierend. Eine höchst interessante Deutung der Quantentheorie. Aufwendig zwar, aber wesentlich einfacher als die Kopenhagener Deutung, die nicht einmal Einstein versteht, oder vielmehr nicht schätzt, weil sie voraussetzt, daß der menschli- che Geist auf mystische Weise durch einen geistigen Kraftakt die Materie zu einer Entscheidung zwingen kann.« »Und ich verstehe dich nicht.« »Hugh Everett heißt der Kollege. Ein fabelhafter Mann. Ich kenne ihn persönlich. Er war Doktorand bei Wheeler in Princeton. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Aber seine Idee ist wirklich genial. Ich stimme ihm zu, obwohl die vereinte Physikergemein- de mit Ockhams Skalpell über ihn herfallen und zer- fleischen wird«, sagte Sam. »Und was behauptet dieser Wunderknabe?« »Nicht weniger als folgendes«, sagte Sam und reckte den Bart neuen Horizonten zu. »Durch jede getroffene Entscheidung entsteht ein neues Univer- sum, vollständig, komplett. Ein Universum mit offe- nem und eins mit geschnürtem Schuhbandel. Du hast die Sache sogar noch kompliziert, weil du mir die, Entscheidung abgenommen hast. Wahrscheinlich haben wir es nun mit einem oder zwei weiteren Uni- versen zu tun. Aber auf ein paar mehr oder weniger kommt es jetzt nicht mehr an.« »Ist das dein Ernst, Samuel – ich meine, als Physi- ker?« fragte ich. »Mein tiefster Ernst.« »Bedeutet das, daß ständig Universen entstehen, in denen dieselben Menschen leben wie hier?« »Die gleichen, André, nicht dieselben, denn sie haben sich vor einem Moment anders entschieden. Und von dem Moment an entfernen sie sich vonein- ander«, erwiderte Sam. »Das ist die Lösung! Aber wo könnten diese paral- lelen Welten sein?« fragte ich ihn. Sam zuckte die Achseln. »Eine Haaresbreite rechts von uns, links von uns, über uns oder unter uns. Eine Millisekunde vor uns oder hinter uns … Wer will das wissen?« »Du machst mir schrecklich angst, Samuel«, sagte ich. »Es verschlägt mir den Atem. Ich schleppe mei- nen Doppelgänger mit mir herum wie einen siamesi- schen Zwilling. Was sage ich! Es ist nicht nur ein Zwilling. Es sind deren viele. Einer lastet mir auf der Brust, einen trage ich auf dem Rücken, links und rechts von mir gehen sie, klammern sich an mich und erdrücken mich.« »Du kannst sie nicht spüren«, sagte er tadelnd., »O doch, ich spüre sie, weiß Gott!« »Das ist Unfug, André. Die Alternativen haben sich von unserer Wirklichkeit abgespalten. Sie sind unerreichbar für uns.« Ich schüttelte den Kopf. »Da hat er unrecht, dein Freund Hugh Everett. Die Grenzen der Wirklichkeit sind nicht undurch- dringlich – jedenfalls nicht für alle Menschen.« »Was sagst du da?«fragte Sam. »Ich habe es selbst leidvoll erfahren, mein ganzes Leben lang. Ich erfahre es immer wieder.« »Oho!« erwiderte Sam, hob die Augenbrauen und deutete auf mich. »Der Traumdoktor. Habe ich recht?« »Ja«, sagte ich und faßte nach seinem Arm. »Und vielleicht kann ich es eines Tages beweisen.« »Sei vorsichtig, André Goldfaden. Du stehst auf brüchigem Eis. Ich kann dir versichern, daß Everett nicht eben glücklich wäre über deine Interpretation seiner Interpretation.« Es ist wahr, hatte Urban Hargitais Großvater dar- unter geschrieben. Diese Theorie hat tatsächlich et- was Monströses. Sie ist abstoßend in ihrer hem- mungslosen Verschwendung, in ihrer grenzenlosen Aufgeblähtheit. Aber sie liefert als einzige eine plau- sible Erklärung für das, was ich immer wieder erle- be. Aber wenn ich es wirklich zu begreifen versuche, schmilzt alle Logik dahin., Nun, dachte Hargitai, das mochte ihm so scheinen. Sein Großvater hatte, wie viele um Wahrheit bemüh- te Wissenschaftler vor ihm, noch ganz in den Kate- gorien der aristotelischen Logik gedacht und gemäß dem biblischen Imperativ »Deine Rede sei ja, ja, oder nein, nein«. Aber angesichts der Quantenphä- nomene führten diese starren Denkschablonen nicht weiter. Hargitais Großvater hatte schließlich resi- gniert und seine Forschungsergebnisse in einen Pappkoffer gepackt und einen Zettel darauf geklebt, auf den er mit dem Füller »Träume« schrieb, zwei- mal dick unterstrichen. * Auch Urban Hargitai mußte erkennen, daß er mit seinen Mathematikkenntnissen und mit Hilfe ausge- tüftelter Programme nicht viel weiter kam, nachdem er die Traumprotokolle systematisiert und in den Computer eingegeben hatte, um sie mit stattgefunde- nen oder auch knapp vermiedenen Ereignissen wie vereitelten Bombenanschlägen, Beinahezusammen- stößen von Flugzeugen und ähnlichem zu korrelie- ren. Es ergaben sich Übereinstimmungen. Manchmal schien es nach den Traumprotokollen in benachbar- ten Wirklichkeiten nicht gelungen zu sein, solche Ereignisse zu vermeiden. Es bildeten sich da und dort Wahrscheinlichkeitscluster heraus, aber sie wa-, ren schwer interpretierbar. Hargitai konnte die Raster von virtuellen Realitäten über die Textur der Wirk- lichkeit legen und hin und her schieben, soviel er wollte, aber es ließen sich keine Passer ausmachen. Immer wieder tauchten neue Zwischenschichten auf, die sich nicht integrieren ließen. Er versuchte es mit den Matrizen Bernard de Vy- ses, die dieser für die Programmierung von Compu- ter-Strategiespielen entwickelt hatte. Doch ange- sichts der Noden musste er kapitulieren, denn von ihnen gingen Ereignisketten aus, die durch verschie- dene Realitätsfolien führten, über die sich wiederum Wahrscheinlichkeiten von Ereignismustern ver- schmierten. Hargitai war klar, daß ein Ereignis gleichzeitig in mehreren, ja in sehr vielen Realitäten stattfinden konnte: Das Eisenbahnunglück am Arlberg hatte unmöglich nur in dieser Wirklichkeit stattgefunden, sondern zumindest auch in zahlreichen anderen. Er hatte – wenn ihn seine vage Erinnerung nicht trog – in Innsbruck den Gegenzug bestiegen. Doch er hätte ihn ebensogut in Wörgl besteigen und nach Wien zurückehren können –, oder bereits in Salzburg, in Attnang-Puchheim, in Wels oder Linz – oder gar schon in St.Pölten oder in Hütteldorf. Er hätte die Einladung Christians absagen und ganz auf die Reise nach Bregenz verzichten können. Oder Christian hät- te ihn einzuladen vergessen oder ganz auf eine Party, verzichten können. In allen diesen Virtualitäten hätte sich das Zugunglück am Abend des 11. August 1995 ereignet und in 10 Universen dazu. Urban Hargitai sah ein, daß die polyreale Mathe- matik seine Fähigkeiten überstieg. Er packte die Un- terlagen seines Großvaters André Goldfaden wieder in den alten Pappkoffer, legte seine CDs und Disket- ten dazu, klebte mit Tesafilm das vergilbte Schild, auf dem »Träume« stand, wieder auf den Deckel und schob ihn unters Bett. * Ein paar Wochen später erreichte ihn die E-Mail ei- nes Dr. Misrun Ardita, der sich anläßlich einer Ta- gung in Wien aufhielt. Sehr geehrter Herr Hargitai, auf Umwegen habe ich erfahren, daß Sie der Enkel von Dr. André Gold- faden sind und im Besitz der Forschungsunterlagen des Verstorbenen. In Insiderkreisen – auch ich arbei- te auf dem Gebiet der Extradimensional Empathy – gilt Ihr Herr Großvater als der bahnbrechende For- scher in dieser Richtung, auch wenn er seine Ergeb- nisse nie publiziert hat. Mir ist weiterhin bekannt, daß auch Sie auf dem Gebiet tätig geworden sind. Da ich mich derzeit in Wien aufhalte, würde ich es sehr begrüßen, wenn wir uns kennenlernen resp. ein Ge-, spräch führen könnten. Schlagen Sie bitte einen ge- eigneten Ort und einen Termin vor. Vielen Dank im voraus für Ihr freundliches Entge- genkommen. Ich sehe unserem Gespräch höchst interessiert entgegen. Mit besten Grüßen Dr. Misrun Ardita Was das wohl für Umwege gewesen sein mögen, fragte sich Urban Hargitai. Seine Mutter hatte doch gesagt, daß ihr Vater nur im engsten Bekanntenkreis über seine Gabe und die Beschäftigung mit dem Phänomen der Parallelwelt-Empathie gesprochen habe. Und für ihn selbst galt dies erst recht. Neugie- rig geworden, sagte er zu. * Urban Hargitai und Dr. Ardita trafen sich an einem warmen Frühlingstag im Café Schwarzenberg. Das Wetter erlaubte es, im Freien zu sitzen. Dr. Ardita war Holländer indonesischer Abstammung, etwa dreißig Jahre alt und von einnehmender, unkompli- zierter Art, die Urban auf Anhieb für ihn einnahm. Er trug einen braun-rot gemusterten Sarong und ein blousonartiges, weites weißes Hemd. Das dichte schwarze Haar fiel ihm über die Ohren. Einen Unter-, schenkel hatte er unter das Gesäß gezogen, eine bei Asiaten verbreitete Sitzhaltung. Einigen Gästen und auch dem Kellner schien das etwas zu leger zu sein, aber Dr. Misrun Ardita ignorierte die tadelnden Blik- ke und löffelte einen Becher Schokoladeneis mit Sahne. Auf dem Stuhl neben ihm stand eine Reiseta- sche aus einem bunten exotischen Gewebe. Dr. Ardi- ta sprang auf und begrüßte Urban Hargitai wie einen alten Bekannten. Der legte den Pappkoffer auf den Tisch und ließ die Schlösser aufschnappen. Dr. Ardi- ta blätterte das Material durch und las das eine oder andere Blatt. Das Schokoladeneis schmolz dahin. »Den größten Teil habe ich auf Disketten übertra- gen«, erklärte Hargitai. Dr. Ardita nickte. »Das ist sehr hilfreich«, sagte er. »Was halten Sie von einer Publikation?« »Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sie kann sich nicht entschließen, ihre Einwilligung zu geben, was die persönlichen … nun, Erlebnisse ihres Vaters im KZ betrifft.« »Verstehe. Aber sie sind natürlich von besonderer Relevanz. Ihr Herr Großvater hatte – wie ich sehe – ein bemerkenswertes erzählerisches Talent. Darf ich Sie bitten, über diesen Punkt noch einmal mit Ihrer Mutter zu sprechen?« Aus dem Augenwinkel nahm Urban eine Bewe- gung in der Reisetasche auf dem Stuhl zwischen ih-, nen wahr. Er wandte den Kopf und erblickte eine un- gewöhnlich große buntscheckige Ratte, die sich halb aus der Tasche erhoben hatte, die Vorderpfoten auf den Reißverschluß gestützt. Sie schnüffelte in seine Richtung und musterte ihn mit klugen Augen. »Schöner Tag heute«, sagte sie. Urban Hargitai hätte um ein Haar seine Tasse fal- len lassen. »Darf ich vorstellen?« fragte Dr. Ardita, ohne den Blick von seiner Lektüre zu heben. »Don Fernando.« Die Ratte hatte sich wieder zurückgezogen. Keiner der Gäste schien etwas bemerkt zu haben. »Haben Sie das Tier dressiert?« fragte Hargitai verdattert. Dr. Ardita hob die Augenbrauen. »Don Fernando ist kein Tier. Er ist mein Freund und Partner.« »Das ist ein Scherz.« »Das ist kein Scherz«, entgegnete Dr. Ardita und lachte vergnügt. Urban Hargitai war sich nicht ganz sicher, aber er glaubte, aus der Tasche ein Kichern zu hören.,

IV DIE NEUEN KLEIDER

»BESUCHER AUS DER ZUKUNFT KÖNNTEN UNSE- RE ZUKUNFT GENAUSOWENIG KENNEN WIE WIR SELBST. SLE KOMMEN NICHT VON DORT. AßER SIE KÖNNTEN UNS ETWAS ÜBER DIE ZUKUNFT IHRES UNIVERSUMS ERZÄHLEN, DESSEN VERGANGEN- HEIT DIESELBE WAR WIE UNSERE.« David Deutsch Die gelieferten Kleider waren von eigentümlichem Reiz – fest, strapazierfähig, ein bißchen kühl und rauh auf der Haut, aber gediegen und von schlichter Eleganz. Ich trug sie in meinem Apartment, um mich an sie zu gewöhnen. Ohne Slip fühlte ich mich allerdings wie eine Exhibitionistin: ein bißchen pervers und schamlos zugänglich. Da halfen auch keine zwei oder drei Röcke, und auch kein Mantel. Ich fühlte mich einfach nackt. Die Basquine war vorne ge- schlitzt. Sie glitt von selbst herab, wenn man das Band unter der Brust löste. Welche Raffinesse! Ein Nachthemd von ganz besonderer Attraktion! Aber ich würde es ablegen müssen, und es würde mich auch schrecklich viel Überwindung kosten, mit drei, vier wildfremden nackten Weibern in einem Bett zu schlafen. Allein der Gedanke setzte mir schon zu., Ein Rock aus Barchent, einer aus Wolle, einer aus Kattun – alle erdfarben, braun, grau, unauffällig. Der Mantel war aus dunkelbrauner Wolle, weit geschnit- ten, geräumig; er wirkte fast wie eine Behausung und war mit Kaninchenfell gefüttert für die kalten Tage. »Nur für alle Fälle«, hatte Grit gesagt, »wenn die Transition nicht punktgenau klappt und du im Winter landest. Aber was soll schon eine Botanikerin im Winter? Wenn alles nach Plan geht, trennst du das Fell einfach heraus.« Auch die Stiefel waren mit Kaninchenfell gefut- tert. Die Strümpfe kratzten. Sie fühlten sich irgend- wie ranzig an. Schafwolle. Hatten sich die Biester vor dem Scheren in Disteln gewälzt, um sich zu rä- chen? »Du gewöhnst dich daran«, versicherte Grit. »Und behalt deine Kleider immer gut im Auge! Paß auf, daß sie dir niemand stiehlt! Die Menschen in jener Zeit stehlen wie die Raben.« Ja, die Raben! Sie fressen mit Vorliebe die Augen der Gehenkten, schoß es mir durch den Kopf. Als ich meinem Unbehagen Luft verschaffte, warnte mich Grit noch mal: »Geh besser nicht so nahe heran, wenn du einen Galgen siehst – oder gar einen Gal- genbaum, in dem sie zu Dutzenden hängen in allen Stadien der Verwesung. Es ist nicht nur ein entsetzli- cher Anblick, dort treiben sich auch oft verwilderte Hunde herum, die tollwütig sein können.«, Mir wurde ganz schwindlig. Ich würde mich an so vieles gewöhnen müssen. O Gott, worauf hatte ich mich da nur eingelassen? * In der Nacht suchte mich der furchterregende Traum erneut heim. Ich stand auf der hohen Düne in der endlosen Wüste. Ich blickte nach oben. Der Himmel war leer und wurde erhellt vom ersten Schein der Morgendämmerung. Unter mir, in der Oase am Ufer des verschwundenen Meeres, war ein Licht zu sehen. Dort mußten Menschen sein. Plötzlich erhob sich hinter mir ein Brausen. Als ich mich umwandte, brach ein Feuerbogen aus dem Sand hervor, eine sich wölbende Eruption. Lava floß aus der klaffenden Öffnung und breitete sich nach beiden Seiten aus; sie überschwemmte die Dünen und begrub sie unter sich. Und dann stemmte sich der Rand einer gewaltigen Sonne über den Horizont, die den ganzen Himmel zu füllen drohte. Der Photo- nensturm ihres Lichts peitschte die Dünenkämme, so daß der Sand davonstob wie Rauch. Ich fühlte den Aufprall des Sonnenwinds auf der Haut wie eine jähe heiße Bö. Entsetzt wandte ich mich ab und stolperte die Flanke der Düne hinab auf die Oase zu. »Helft mir!« schrie ich. »O Gott, helft mir!« Aber ich sah niemanden und hörte keine Antwort., * An einem der folgenden Tage war ich morgens im Botanischen Institut an der Neuwen Keizersgracht gewesen. Mittags hatte ich dann Schluß gemacht und war in Richtung Centralstation gegangen, um im Ha- vana Social Club an der Geldersekade ein Chili con carne zu essen. Ich hatte gerade an einem Tisch unter dem Son- nenschirm auf dem Trottoir Platz genommen und mir eine Limonade bestellt, als von der Prins Hendrikka- de drei elektrische Rollstühle in die Geldersekade einbogen – ein Stoßtrupp militanter Senioren. Da mußte wieder etwas im Gang sein, dachte ich mir. Sie waren die Speerspitze der Seniorenbewegung, der Grauen, wie sie sich nannten. Oft handelte es sich um Veteranen mit Kriegserfahrung aus UN- Einsätzen in Krisengebieten rund um den Globus. Mit halsbrecherischem Tempo preschten sie heran – fast lautlos; nur das leise Winseln der elektrischen Motoren der Rollstühle war zu hören. Kurz vor dem Club löste sich die Formation auf. Einer von ihnen kam auf mich zugeschossen, wirbelte sein Gefährt zwei Schritte neben meinem Stuhl um 180 Grad her- um und stoppte. Die beiden anderen bezogen ganz in der Nähe Postion. Er verständigte sich mit ihnen über sein IKom, das neben seinem Mundwinkel baumelte,, nebenbei hörte er irgendwelchen Sprechfunk ab. Der Alte wandte mir sein Gesicht zu, bleckte mit seinen Implantaten und tippte mit dem Finger an sei- ne petrolfarbene Baseballmütze. DEATHHUNTER BRIGADE war in großen roten Lettern über dem Schirm aufgenäht. Er trug eine schußsichere Weste aus graugrünem Kevlar. FUCK YOU! stand auf dem Rücken. Wie ein schmaler Pinsel ragte sein borstiges weißes Haar hinten waagrecht zwischen Mützenrand und Gummizug heraus. Er war bestimmt funfun- dachtzig, vielleicht neunzig. »Was ist denn los?« fragte ich. »Ha!« krächzte er. »Eine ganze Menge.« Ich traute meinen Augen nicht, als er die karierte Decke zurückschlug, die auf seinen Knien lag. Ich wußte, daß diese militanten Senioren häufig bewaff- net waren – Gassprays, Blendgranaten, elektrische Schlagstöcke, sogenannte Stunner –, aber was er auf seinen mageren Oberschenkeln liegen hatte, war eine doppelläufige kurze Schrotflinte aus Perlkeramik. Er fischte große Patronen aus der Brusttasche seiner Weste, knickte die Läufe ab und lud die beiden Kammern. SLAAPSCHROOT stand auf den knall- gelben Kartuschen. »Was ist denn hier los?« fragte ich erschrocken. »Keine Bange junge Frau«, erwiderte er grinsend. »Alles unter Kontrolle.« »Nun reden Sie schon!«, »Erstens sind heute ein paar verdächtige junge Leute in die Stadt gekommen«, sagte er und zählte es an den Fingern ab. »Abgekartete Sache – klar. Es geht aber nicht gegen uns diesmal. Egal. Faschisten- gesindel. Belgier sind dabei, Deutsche auch. Zwei- tens« – er reckte den Zeigefinger – »sind gestern Flüchtlinge in Rotterdam angekommen. Sechstau- send. Auf einem Tanker. Na? Sie werden sie herauf- fliegen nach Landsmeer ins Lager. Der Flug geht di- rekt über die Stadt – ziemlich genau hier.« Der Alte reckte kämpferisch das Kinn. »Eins und eins … Aha! Da ist doch was im Busch, oder? Eine Schweinerei von den KICOBs. Ganz klar.« Er verdrehte den lederigen Hals, blickte prüfend zum Himmel auf und verbarg mit einem listigen Sei- tenblick seine Schrotflinte unter der Decke. Plötzlich bog ein großer silbriger Geländewagen von der Prins Hendrikkade in die Geldersekade ein; langsam rollte er heran und parkte schließlich auf dem Radweg unter den Bäumen an der Gracht. Der Fahrer ignorierte das Klingeln der Radfahrer, die auf die Straße und das Trottoir ausweichen mußten. Die Ladefläche war mit einer blauen Plane abgedeckt. Am Steuer saß ein Mann mit einem hellen Helm; durch die getönte Scheibe konnte man ihn kaum er- kennen. Zwei Minuten später tauchten aus der anderen Richtung, von der Waag her, zwei schwere Kawasa-, ki-Motorräder auf. Die Fahrer trugen verspiegelte schwarze Helme. »Die Maschinen wollen sie zur Flucht benutzen, wetten?« krächzte der Alte grinsend. »Ha, das wer- den wir ihnen vermasseln.« Seine Zähne klickten nervös aufeinander. Ob er wohl Angst hatte? Mir wurde immer mulmiger zumute, als ich in der Ferne, im Süden der Stadt, ein dumpf pochendes Geräusch hörte, das allmählich lauter wurde. »Was wollen die? Planen die einen Überfall?« fragte ich den Kellner, der mir mein Getränk brachte. Stirnrunzelnd blickte er zu den Motoradfahrern hin- über, die nun zusätzlich den Gehweg entlang der Gracht blockierten. Er machte ein besorgtes Gesicht, während er die Flasche öffnete und das schäumende Bitter Lemon über die Eiswürfel im Glas goß, dann rief er etwas auf spanisch ins Innere des Lokals. Der Besitzer, ein großgewachsener Schwarzer, erschien im Eingang. »Merde. Ich rufe die Polizei«, murmelte er und verschwand im Innern des Lokals. Die Motorradfahrer waren abgestiegen, da öffnete sich die Tür des Geländewagens und der Fahrer stieg aus. Er trug einen weißen Euro-Force-Stahlhelm und eine verspiegelte Sonnenbrille. Langsam ging er um den Wagen herum und schlug die Plane auf der La- defläche zurück. Ich konnte nicht genau erkennen, was sich darunter befand; es sah aus wie ein Bündel dicker grauer Rohre. Das Donnern in der Luft wurde, immer lauter. Plötzlich hatten die beiden Motorrad- fahrer automatische Waffen in der Hand. Da schlug der Alte die Decke auf seinen Knien zurück. »Verdomme! Jullie fascistische klootzakken!« brüllte er und schoß beide Läufe ab. Ich konnte nicht erkennen, ob er getroffen hatte. Der Alte packte mit unerwarteter Kraft mein Hand- gelenk. Mit einem Ruck warf er seinen Rollstuhl um und riss mich dabei vom Stuhl. Ich sah noch im Fal- len, wie einer der Männer seine Waffe in unsere Richtung schwenkte, doch plötzlich hielt er nur noch einen blutigen Armstumpf hoch, während die Waffe mit der abgetrennten Hand durch die Luft flog. Ich wußte nicht, ob auf uns gefeuert worden war, denn der Lärm am Himmel war nun infernalisch. Ich spür- te keinen Schmerz, außer dem stahlharten Griff des Alten, mit dem er mein Handgelenk umklammerte. Und dann sah ich, wie plötzlich eins der Motorräder in einem Feuerball verschwand, wie der andere Mo- torradfahrer mit brennender Montur von der explo- dierten Maschine weg über den Fahrradweg taumelte und in die Gracht stürzte, während der dritte, der mit dem weißen Stahlhelm, vor der Ladefläche seines Wagens kniete und langsam vornübersank. Ringsum rannten Leute davon, Tische stürzten um, Geschirr und Gläser zerschellten auf dem Pflaster. Das Geräusch am Himmel näherte sich mit ungeheu- erlichen Druckwellen., »Halt! Halt!« rief der Alte laut. »Hier ist ein Kra- ke. Ich spüre einen Kraken!« »Lassen Sie mich los!« schrie ich ihn an, aber er hielt mich eisern fest. Über uns tauchte ein riesiger Transporthubschrauber auf; sein Schatten streifte über uns hinweg. Er flog so tief, daß man die dicht- gedrängten dunklen Gesichter hinter den Fenstern der Fahrgastkabine erkennen konnte. Mit schreckge- weiteten Augen starrten sie auf das brennende Mo- torrad herab. Aus dem Chaos aus Rauch und Flammen auf dem Radweg tauchte ein Gesicht auf. Es war absolut sur- real, als wäre es aus einem Matting herausgeschnit- ten worden, nein, als wäre es darüber hinweggeglit- ten – als hätte es sich vor einer Leinwand bewegt, auf die ein Film projiziert wurde. Es war ein hartes, junges Gesicht, und es war nicht körperlos. Ich registrierte eine flache Welle, die den Hintergrund geringfügig verschob, als würde sich ein großer Fisch unter der Oberfläche eines stillen Ge- wässers bewegen. Er trug wohl einen Tarnanzug, der sich in Sekundenbruchteilen dem Hintergrund anpaß- te, wie die Haut mancher Fische – oder der Kraken. Endlich ließ der Alte meine Hand los. Ich richtete mich halb auf und tastete nach meinem umgestürzten Stuhl. Das Gesicht kam auf mich zu. Es wurde grö- ßer, deutlicher, aber es war unmöglich, die Entfer- nung zu schätzen. Da spürte ich eine leichte Berüh-, rung an der Wange, die Berührung einer unsichtba- ren Hand. Dann war das Gesicht von einer Sekunde zur anderen verschwunden. Das Rotorengeräusch entfernte sich langsam Richtung Norden und ebbte schließlich ab. »Wollen Sie mir nicht aufhelfen?« fragte der Alte kichernd. Er lag neben seinem Gefährt, recht hilflos und auch ziemlich blaß. Ich stellte seinen Rollstuhl auf die Räder. Der Kellner half mir, ihn hochzuheben und hineinzuhieven, und reichte ihm seine Flinte. Der Alte knickte die Läufe ab und holte die leeren Kartuschen heraus. Die beiden anderen Senioren in- spizierten unterdessen den Geländewagen. »Boden-Luft!« rief einer von ihnen herüber. »Ganz schönes Kaliber. Die wollten die Flüchtlinge herunterpusten, mitten in der Stadt.« »Die haben sie heruntergepustet«, murmelte der Alte. »Wie meinen Sie das?« fragte ich ihn. »Haben Sie noch nie was von einem Kraken ge- hört? Das sind Nothelfer, aber die kommen erst – wie soll ich sagen –, wenn sich etwas bereits ereignet hat, ein katastrophales Geschehnis. Dann stellen sie die Uhr um ein paar Sekunden zurück und intervenieren, damit das Ereignis nicht eintritt.« Er drehte seinen Schildkrötenhals und sah mich an. »Genaugenom- men hat dieser Krake uns nicht das Leben gerettet,, sondern uns von den Toten auferweckt. Wahrschein- lich sind wir alle hier tot gewesen. Sonst hätte er nicht die Legitimation gehabt, so hart zuzuschlagen. Diese Drecksfaschisten waren fest entschlossen, ei- nen großen Schlamassel anzurichten – einen wirklich großen.« Von der Prins Hendrikkade war Sirenengeheul zu hören, Polizei- und Rettungsfahrzeuge bogen mit quietschenden Reifen in die Geldersekade ein, ge- folgt von der Feuerwehr. Die Senioren traten den Rückzug an. »Zeit für ein Bier in der Waag«, sagte mein alter Beschützer mit einem Augenzwinkern und grinste. »War schön, mit Ihnen von den Toten auferweckt zu werden, Mädchen.« Mir war nicht zum Lachen zumute. Die brennenden Reifen des zerstörten Motorrads verbreiteten fettigen schwarzen Rauch. Schaumlö- scher fauchten. Die Feuerwehrleute sperrten die Straße mit orange-weißen Plastikbändern ab. Qualmende Trümmer wurden zusammengescho- ben. »Sind sie tot?« fragte ich den Kellner. »Ich glaube nicht. Die beiden leben anscheinend noch. Den Mann mit dem Stahlhelm scheint der Alte mit seinem Betäubungsschrot flachgelegt zu haben«, sagte er lachend. »Den dritten werden sie gleich aus der Gracht fischen. Wenn sie ihm sofort den Magen, auspumpen, hat er vielleicht eine Chance zu überle- ben … Schade wäre es um keinen dieser faschisti- schen Drecksäcke. In ein paar Wochen sind die wie- der frei.« Weitere Wagen trafen ein – Beamte in Uniform und in Zivil. »Sie tragen kein IKom, junge Frau?« fragte mich einer mit einem Blick aufsein Wristtop. »Ich trage einen NEA-Chip.« Er nickte und ging weiter. Das also ist ein »Uitborstelen«, wie Professor Do- rit van Waalen es so launig nennt, dachte ich mir; so also wird das große Tier gestriegelt, das unser Uni- versum ist. Es kam mir aber eher wie der brutale Hieb mit einem Ochsenziemer vor, um ein Gespann auf Kurs zu halten. * »Es gibt also ein Universum, in dem ich jetzt nicht mehr lebe.« Grit kratzte ihre Pfeife über der hellblauen Schale aus, die ihr als Aschenbecher diente. »Von denen gibt es sicher eine ganze Menge«, er- widerte sie. »Und es gibt ein Universum, in dem die- ser Terroranschlag glückte.« Sie hob den Deckel von einem Porzellantopf, zupfte Tabak heraus und stopfte den Pfeifenkopf. Ein, angenehm süßer, würziger Duft stieg mir in die Nase. »Wahrscheinlich gab es Hunderte von Opfern«, fugte Grit hinzu »In einen Colossus 6006 passen an die zweihundert Personen. Und wenn der mitten in der Altstadt heruntergekracht ist …« »Gibt es jetzt dieses Universum noch, oder wurde es … ausgebürstet?« fragte ich sie. Grit hob die Schultern und zündete ihre Pfeife an. »Vielleicht nicht mehr. Wir wissen es nicht.« »Was hast du eigentlich geraucht, als du im 15. Jahrhundert warst?« Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und sah mich an. »Glaub mir, am liebsten wäre ich losgefahren und hätte selber Amerika entdeckt. Ich hatte alles mögli- che ausprobiert – Schafgarbe, was weiß ich, und mir dabei die Zunge verbrannt. Ich hatte sogar die Sten- gel von Clematis alba geraucht.« »Pfui Teufel.« »Oh, das haben wir schon als Kinder gemacht, bis wir Bauchweh hatten und Durchfall bekamen. Es gibt keinen Ersatz für Tabak. Und Cannabis ist eben anders. Man kann sich doch nicht ständig bekiffen. Außerdem kann man zu jener Zeit nur heimlich rau- chen, sonst denken die Leute, du bist ein feuerspei- ender Drache oder gar der Leibhaftige selbst, und rennen schreiend davon.« Eine Zeitlang hingen wir unseren Gedanken nach. »Weshalb kann man solche terroristischen An-, schläge nicht auf weniger gewalttätige Art verhin- dern?« fragte ich. Sie blies eine Rauchwolke von sich. »Das ist nicht so einfach. Die Geschichte ist ein chaotisches System. Es erfordert einen astronomi- schen Rechenaufwand, auch nur ein paar Schritte zu kalkulieren. Der kritische Ereignisknoten würde sich nur verlagern und woanders schürzen. Ganz abgese- hen von den Nebenwirkungen, die du unversehens in Gang setzen kannst. Du trittst irgendwo ein Stein- chen los, und im Nu wird eine Lawine daraus.« »Diese drei jungen Leute gestern … man hätte sie doch wegen illegalen Waffenbesitzes verhaften kön- nen.« »Ja. Aber wenn keine Straftat vorliegt, wären sie nach ein paar Tagen wieder auf freiem Fuß und wür- den einen neuen Anschlag aushecken. Die Kraken werden post factum tätig und versuchen, ein Univer- sum, in dem sich unerwünschte Entwicklungen an- gebahnt haben, zum Kollabieren zu bringen. Oft ge- nug ist der Eingriff aber gar nicht möglich. Zum Bei- spiel die Katastrophe von Cattenom, die Mitteleuro- pa verwüstet hat. Was glaubst du, wie viele Versuche es schon gegeben hat, diese Katastrophe zu verhin- dern. Aber niemand ist auch bloß in die Nähe dieses Datums gekommen. Kein Mensch weiß, weshalb. Im Vorfeld der Katastrophe haben ein paar Schlaue es mit Propaganda versucht. Haben sich auf Marktplät-, ze gestellt, gepredigt und Handzettel verteilt. Die Leute haben sich scheckig gelacht über die vermeint- lichen Spinner. Ruf mal ihre Berichte auf im Institut. Keiner hat ihnen auch nur ein Wort geglaubt. Die Menschen haben sich an die Stirn getippt, wenn sie überhaupt zugehört haben. Zum Heulen war diesen freiwilligen Rettern zumute. Und in die Zeit nach dem Unglück kannst du auch gelangen, wenn auch in die unmittelbare Umgebung nur auf Schleichwegen und unter Lebensgefahr wegen der radioaktiven Ver- seuchung und der Absperrungen. Aber das Ereignis selbst – die Katastrophe – steht da wie eine geheim- nisvolle dunkle Festung, uneinnehmbar. Und von diesen rätselhaften Bollwerken im Zeitstrom gibt es leider viele.« Wir saßen in Zandvoort in ihrem Wohnzimmer. Grit hatte mich übers Wochenende zu sich eingela- den. Draußen dunkelte es. Sie legte nun ihre leer ge- rauchte Pfeife in die Porzellanschale. »Ich erinnere mich an meine ersten Gehversuche«, fuhr sie versonnen fort. »Damals war Hla Thila- wuntha noch am Institut.« »Der Erfinder der Zeitreise?« Grit hob die Schultern. »Von einer Erfindung kann man eigentlich nicht sprechen. Es ist eher so etwas wie eine Überliefe- rung.« »Wieso? Hat es denn früher schon …?«, »Nun«, unterbrach sie mich, »Zeitreise gab es per definitionem schon immer. Sie wurde sozusagen aus der Zukunft importiert. Thilawuntha schuf die Ma- thematik, die uns den Zugang zu dem rätselhaften Transportsystem eröffnete.« »Was war dieser Thilawuntha eigentlich für ein Mensch? Hast du ihn persönlich kennengelernt?« »Ja, natürlich habe ich ihn gekannt. Er war ein sehr sanfter, freundlicher, bescheidener Mensch. Alle mochten ihn. Aber er war ziemlich scheu und redete nicht viel. Seine Sprache war die Mathematik. Man- che hielten ihn für einen Wiedergänger des legendä- ren Ramanujan.« »Ramanujan?« »Ein junger Mann, der Anfang des 20. Jahrhun- derts aus Indien nach Cambridge kam, mit einem Schulheft in der Tasche, in das er die wichtigsten Beweise aus dreihundert Jahren Mathematikge- schichte geschrieben hatte. Er hatte sie selbst er- bracht und nicht die geringste Ahnung, daß sie von den berühmtesten Mathematikern Europas bereits geführt worden waren. Er hatte ganz allein geschafft, wozu die Größten der Zunft Jahrhunderte gebraucht hatten. Und Hla Thilawuntha war ein noch größeres Genie, denn was er lieferte, waren Antworten auf Fragen, die bisher noch gar nicht gestellt worden wa- ren. Es war manchmal unglaublich.« »Er war Birmane, nicht wahr?«, »Aus Myanmar, ja. Seine Ausführungen tauchten zuerst im Internet auf unter dem Kürzel H.T. – und sie erregten Aufsehen unter den Fachleuten. Es dau- erte Jahre, bis man herausfand, wer sich dahinter verbarg. Eine Einladung, ans MIT zu kommen, schlug Hla Thilawuntha aus. Er ging nach Bangalore und kam später nach Amsterdam. Anfang der Vierzi- ger kehrte er in seine Heimat zurück, angeblich weil sein Vater gestorben war und er sich um seine Mutter kümmern mußte. Dort verlor sich seine Spur. In My- anmar herrschte damals Bürgerkrieg. Man vermutet, daß er 2043 bei dem Massaker an der Universität von Yangon umkam.« »Hat denn niemand versucht, Genaueres herauszu- finden? Weshalb hat man keinen Kraken hinge- schickt?« fragte ich Grit. »Seine Freunde und Mitarbeiter hatten seinerzeit alle Möglichkeiten ausgeschöpft, aber keine Spur von ihm gefunden. Das hat viel zur Legendenbildung beigetragen.« »Legenden?« »Es gibt einige Zeitfahrer, die behaupten, daß sie ihm und seiner sprechenden Ratte auf ihren Reisen in anderen Jahrhunderten begegnet sind«, erwiderte Grit. »Die sprechende Ratte … Ich las darüber.« Grit nickte. »Ja, das gehört auch zu seiner Legen- de. Man berichtet, er habe sich eine Ratte als Haustier gehalten. Ich habe sie zwar nie gesehen,, aber es soll eine echte Rattus papagomys gewesen sein, ein riesiges buntscheckiges Tier, das er aus sei- ner Heimat mitgebracht hatte. Mit ihr hat er sich, wie viele versichern, über mathematische Probleme un- terhalten.« »Er wird Selbstgespräche geführt haben.« »Es gibt Leute im Institut, die schwören, daß ihm das Tier geantwortet hat«, bekräftigte Grit und stopf- te von neuem ihre Pfeife. »Vielleicht ist er in die Zukunft gereist und hat von dort das Geheimnis der Zeitreise mitgebracht«, sagte ich. »In die Zukunft kann man nicht reisen, meine Lie- be. Man kann nur an einen Ort reisen, den man simu- lieren kann. Die Zukunft kann man nicht simulieren. Sie ist uns unbekannt.« »Aber als du aus dem 15. Jahrhundert zurück- kamst, bist du doch auch in die Zukunft gereist.« »Richtig, aber diese Zukunft war mir bekannt.« »Könnte man nicht aus der Gegenwart künftige Si- tuationen hochrechnen?« fragte ich. »In einem chaotischen System? Aber Domenica!« »Aber wenn jemand, der aus der Zukunft kommt, sie mir beschreibt, Anhaltspunkte gibt …« »Aus welcher Zukunft? Es gibt zahllose.« Schweigen breitete sich zwischen uns aus. Ich grübelte, aber ich kam mir vor wie ein Hamster in seinem Laufrad., »Wie kam dieser Thilawuntha überhaupt auf den Gedanken, daß es so etwas wie Zeitreise geben könn- te?« fragte ich. »Ich nehme an, er leitete es aus seiner Mathematik ab«, erwiderte Grit. »Aber so weit hergeholt ist die Idee ja nicht. Er ging von der Vermutung aus, daß das Zeitreisen irgendwann einmal entdeckt werden würde – sei es in tausend, in zehntausend oder in ei- ner Million Jahren. Dies vorausgesetzt, liegt die Vermutung doch nahe, daß solche Reisen, wenn sie in die Vergangenheit führen, unsere Gegenwart durchqueren müssen. Es mußte sich also sozusagen unter unseren Füßen – oder über unseren Köpfen, hinter unserem Rücken, was weiß ich? – ein höher- dimensionales Tunnelsystem befinden, in dem diese Bewegungen stattfinden. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, sich in dieses Verkehrsnetz einzuklinken, müß- te man es benutzen können.« »Als Schwarzfahrer sozusagen. Und er hat einen dieser Tunnel gefunden?« »Er hat das Prinzip dieser Tunnel entdeckt und he- rausgefunden, wie man sie benutzen kann.« »Hunde in der U-Bahn«, bemerkte ich beiläufig. »Was sagst du?« Ich erklärte ihr, was Kazuichi damit gemeint hatte, als ich auf Frans’ Rückkehr wartete. »Wir haben keine Ahnung. Wir kennen das Strek- kennetz nicht, kennen die Fahrpläne nicht, kennen, die Technik nicht und wissen nichts über die Trans- portbedingungen. Ja, das trifft den Sachverhalt sehr gut.« Grit riß ein Streichholz an und setzte ihre Pfeife wieder in Brand. »Vielleicht kam er gar nicht aus Myanmar, son- dern aus der Zukunft«, bemerkte ich. Grit hielt inne, dann, als das Streichholz ihre Fin- ger zu versengen drohte, blies sie die Flamme aus. Sie hob die Schultern und sog an ihrer Pfeife. »Die Legende behauptet es. Er selbst hat sich nie darüber geäußert.« »Ich habe die Hargitai-Biographie von Imre Enye- di gelesen. Dort wird eine Szene geschildert, in der Urban Hargitai um die Jahrtausendwende in Wien einem Mann begegnet, der ihn zur Publikation der Aufzeichnungen seines Großvaters André Goldfaden überredet. Er stellte sich als Dr. Misrun Ardita vor und be- hauptete, ein Holländer indonesischer Abstammung zu sein.« Grit spitzte die Lippen und formte ein paar Rauch- ringe. »Die Beschreibung könnte auf Thilawuntha zutref- fen«, fuhr ich fort. »Um diese Zeit war Thilawuntha noch keine zehn Jahre alt.« »Sie saßen im Freien vor dem Café Schwarzen-, berg, so schreibt Imre Enyedi. Zwischen ihnen, auf einem Stuhl, stand eine offene Reisetasche. Für einen kurzen Moment glaubte Hargitai aus dem Augen- winkel darin eine Bewegung wahrzunehmen, und als er den Kopf wandte, blickte er in die klugen Augen einer ungewöhnlich großen buntscheckigen Ratte.« »Ja«, sagte Grit. »Und was schließt du daraus?« »Thilawuntha ist ein Reisender. Er kam aus der Zukunft.« Grit nickte. * Ich wartete auf meinen Einsatz. Allmählich wurde es Herbst. Ich verbrachte die schönen sonnigen Tage im Café des Hortus Botanicus, im Schatten eines ausla- denden Quercus x turnerii neben dem Glashaus der Orangerie. Dort saß ich zwischen einem Veteranen der Evolution, einem Podocarpus macrophyllis, der seit 290 Millionen Jahren eisern die Stellung hielt, und einem zart duftenden Zitronenbäumchen, das seine letzten sonnigen Tage im Freien verbrachte, und rief mir die Formen und Farben jener Arten in Erinnerung, nach denen ich suchen sollte, die zu meinen Pfleglingen zählen würden, weil sie es nicht geschafft hatten zu überleben: das doldige Winter- lieb, die Pelzanemone, das Wanzen-Knabenkraut und die Spinnen-Ragwurz, die Kleine Teichrose und das, Federgras, der Flache Bärlapp und das Schlangen- moos, der Widerbart, die Herbst-Drehwurz und das Adonisröschen – allesamt dahingerafft während der vergangenen hundert Jahre, verschwunden. * Don Fernando hob witternd die Nase. »Sie ist in den Dünen«, sagte er. »Irgendwann müssen wir sie hereinholen. Damit sie uns nicht ver- lorengeht.« Der Mann, den manche Zeitheimische, die ihm auf seinen Reisen begegnet waren, den Engel nannten, sagte, ohne die Augen zu öffnen: »Ich weiß. Aber es ist noch zu früh. Sie wähnt sich noch in Träumen, weil die Dinge, die sie berührt, ihr so flüchtig er- scheinen. Sie vermag noch nicht zu erkennen, daß sie durch fremde, entlegene Wirklichkeiten gleitet. Doch sie wird es lernen. Sie hat die Befähigung dazu.« Sein Schaukelstuhl bewegte sich leise knisternd vor und zurück, vor und zurück. Don Fernando trip- pelte ruhelos über die dunkle geschliffene Steinplatte des Tisches und ließ sich schließlich mit einem Seuf- zer niederplumpsen. »Ja«, sagte er, »sie ist zwar noch ein bißchen naiv, aber sie hat Herzensgüte und Mitgefühl – und sie ist ein wirklich außergewöhnliches Talent. Nur weiß sie noch nichts davon. Es ängstigt sie.«, Der Mann, den manche, die ihm begegnet waren, den Engel nannten, sagte lächelnd, ohne die Augen zu öffnen: »Du hast sie in dein altes Rattenherz ge- schlossen, Fernando, gib’s zu!« Don Fernando erhob sich und trippelte erneut hin und her und her und hin, und schließlich sagte er: »Ja, du hast recht. Ich hab sie gern, und ich werde mich ihrer annehmen.«,

V TRANSITIONEN

»ES IST NICHT DIE GEGENWART, DIE DIE ZU- KUNFT BEEINFLUSST, DU NARR, SONDERN GENAU UMGEKEHRT: ES IST DIE ZUKUNFT, DIE DIE GE- GENWART FORMT. DA DIESE ZUKUNFT BEREITS FESTLIEGT, IST DIE ENTFALTUNG VON EREIGNIS- SEN, DIE SIE SICHERSTELLEN, NOTWENDIG UND UNAUSWEICHLICH.« Frank Herbert War ich durch? Ich blickte mich um. Befand ich mich noch in der Simulation? Dr. Coen war nirgends zu sehen. An der unmittelbaren Umgebung konnte ich jedenfalls kei- nen Unterschied feststellen. Die Luft war feucht. Die mannshohen Binsen raschelten im Wind. In der Nähe hörte ich das Meer rauschen. Ich stand auf einer Lichtung in trockenem, von der Winterkälte gebleichtem Gras. Ich blickte zum Himmel auf – blaßblau. Der Stand der Sonne hatte sich verändert. Sie befand sich tiefer im Südwesten, von dünnem Hochnebel verschleiert – als wäre sie in einen Kokon aus Kupferdraht einge- sponnen. Und es war deutlich kälter, stellte ich fest. Im Studio war es wärmer gewesen; dort hatte ich die Empfindung eines Vorfrühlingstages gehabt. Was, mich hier umgab, empfand ich eher wie einen Spät- nachmittag im Februar. Ich zog den Mantel enger um die Schultern und war dankbar für das Futter aus Ka- ninchenfell. Es ging ein leichter Wind von See her. Ich hatte alte Karten studiert und wußte daher, daß das Ijssel- meer nach der Sankt-Elisabeth-Flut von 1421 im Südwesten beinahe bis nach Amsterdam reichte. Wenn die Transition also geklappt hatte und ich mich im Jahre 1450 befand, lag die Stadt etwa einen Ki- lometer westlich von mir – das heißt, es war ja eher eine Kleinstadt, ein Marktflecken von vielleicht zwei Quadratkilometern Ausdehnung. Ich könne mich räumlich und zeitlich leicht an den Kirchtürmen orientieren, hatte Dr. Coen, mein Einsatzleiter, mir versichert und mir das Panorama in der Simulation vorgeführt. Die Nieuwe Kerk war 1408 erbaut worden, brannte aber während der gro- ßen Feuersbrunst von 1452 ab. Die Oude Kerk, schon Anfang des 14. Jahrhunderts errichtet, war von den Flammen verschont geblieben, und 1452 hatte man dort mit dem Bau eines Glockenturms begonnen – kenntlich an der provisorischen Holzhaube, aus der ein Kran ragte. So hatte ich es mir eingeprägt: Wenn ich im Westen die Oude Kerk nicht als Baustelle mit Holzhaube und Kran sähe und südlich davon die noch nicht abgebrannte Nieuwe Kerk, dann hatte ich meinen Zielzeitraum erreicht: 1450 oder früher. Sähe, ich eine Brandruine und südlich davon eine Baustelle mit Holzhaube und Kran, dann war ich im Jahr 1452 oder später angelangt. Ich sah aber überhaupt nichts. In der Simulation waren die Binsen längst nicht so hoch gewesen. Hier konnte ich nicht über sie hinwegsehen; weit und breit war kein Gebäude und auch kein Kirchturm zu er- kennen. Die Sonne sank und spann sich noch tiefer ein in ihren Kokon. Nebel kam auf. Es wurde kälter. Es roch nach Moder, nach Torf, nach verrottender Vege- tation. War der Geruch stärker geworden? Die Bran- dung lauter? Die Luft schmeckte nach Salz. Kam das Meer näher? Würde das Land, auf dem ich mich be- fand, überflutet werden, wenn die Dunkelheit herein- brach? Nein, sagte die Botanikerin in mir. Die Vege- tation sprach dagegen. Aber das Rauschen des Mee- res war verdammt nahe. Ich wagte nicht, auch nur einen Schritt zu tun, stand wie festgewurzelt auf dem Fleck, an dem ich abgesetzt worden war, und zitterte mehr vor Angst als vor Kälte. Es würde jemand vor Ort sein, der sich bei meiner Ankunft um mich kümmern würde, hatte Dr. Coen mir versprochen, doch ich entdeckte weit und breit niemanden. Hatte etwas nicht funktioniert? Hatte man mich irgendwo in der Zeit versiebt und nun Mühe, mich wiederzufinden? Hatte Dr. Coen, so sympathisch er war, vielleicht doch nicht die Kompe-, tenz, die er so lässig zur Schau stellte? Mußte ich mich darauf einrichten, hier eine Nacht, einige Tage oder gar Wochen zu verbringen, bevor man mich wieder aufstöberte? Im Südosten würde eine mächtige Esche stehen, leicht zu erkennen, hatte er mir versichert. Dort würde ich – nur im Fall, daß wider Erwarten wirklich etwas schiefginge – auf einen Knüppeldamm stoßen. Er würde zu einer Hütte führen, wo unser Mann vor Ort hauste. Aber ich sah keine Esche. Hatte man sie in- zwischen gefällt? Ich sah nur Cyperâceae, die mich um mehr als Haupteslänge überragten. Sollte ich ein- fach in Richtung Südosten losmarschieren? Würde ich dann aber diesen Platz hier wiederfinden, von dem aus man mich zurückholen konnte? Die Landschaft war sicher ziemlich gleichförmig; es gab bestimmt noch mehr Lichtungen dieser Art, die für mich schwer von- einander zu unterscheiden waren. Hier, wo ich stand, befand ich mich in der Sicherheit des Areals, das im Studio simuliert wurde. Würde ich mich hinausbewe- gen, wäre ich in einer anderen Welt. Sechs, acht Schrit- te entfernt begann die Wildnis. Mich schauderte bei dem Gedanken, in einem unbekannten Gelände durch Morast und kaltes Wasser zu waten. Ich verfluchte die Tunnelbauer des CIA, die nicht in der Lage waren, ei- nen trockeneren Standort für ihren Außenposten auszu- suchen. Aber vielleicht gab es so etwas in den Nieder- landen des 15. Jahrhunderts überhaupt nicht., Dunkelte es schon? Der Nebel war jedenfalls dich- ter geworden. Mußte man hier mit Raubtieren rech- nen? Wohl kaum. Aber, verdammt noch mal, mir war kalt. Wie lange würde ich mir hier die Füße ver- treten müssen, bevor mich ein Soliton aufklaubte und in die warme, behagliche Welt Amsterdams im Sommer 2053 zurücktrug? Wo war Südosten? Die Sonne beschrieb im Februar – wenn es Februar war – in diesen Breiten nur einen flachen Bogen über dem Horizont. Sie stand also den ganzen Tag über ziem- lich tief. Außerdem war sie kaum noch sichtbar, fast ganz im Nebel verschwunden. Unschlüssig ergriff ich meinen geflochtenen Rei- sekoffer – und stellte ihn verzagt wieder hin. Meine Füße schienen zu Blei geworden zu sein, meine Knie zu Gelee. Ich zitterte inzwischen am ganzen Körper. »Ist da jemand?« rief ich und erschrak über meine dünne, piepsige Stimme, die sich in dieser Weite hoffnungslos verlor. Plötzlich hörte ich das Wiehern eines Pferdes und das dumpfe Poltern von Hufen auf einem Knüppel- damm. Ein großer Schimmel tauchte zwischen den Binsen auf und blieb stehen. Zwei Jungen saßen auf seinem ungesattelten Rücken, der vordere vielleicht zwölf, der hintere zehn Jahre alt. Sie blickten auf- merksam zu mir herüber. Sie konnten unmöglich vom Außenposten des Tunnels sein. Der ältere Junge rief etwas. Ich verstand ihn nicht und ging ein paar, Schritte auf sie zu. Der Schimmel schüttelte schnau- bend den Kopf. »Kommst du vom Himmel?« rief der Altere auf holländisch. »So fühle ich mich!« rief ich zurück. »Könnt ihr mir helfen?« Er wendete das Pferd. Der kleinere Junge hielt den größeren mit beiden Armen fest umschlungen und blickte ängstlich über die Schulter zurück. Der grö- ßere hieb die nackten Fersen in die Flanken des Tiers, und im nächsten Augenblick waren sie im Ne- bel verschwunden. »Ja, verdammt noch mal!« rief ich und rannte ih- nen nach, verhedderte mich aber nach ein paar Schritten und stürzte der Länge nach ins Gras, das sich überraschend geschmeidig anfühlte. Schluchzend blieb ich liegen. »Sie sind ja schon wieder zurück!« rief Dr. Coen und teilte mit seinen langen Armen die Binsen. In einer Hand einen Pappbecher mit Kaffee, in der an- deren ein Poffertje, kam er auf mich zu geeilt. »Haben Sie sich weh getan?« fragte er, schob das Poffertje in den Mund, leckte sich die Finger ab und half mir auf die Beine. »Nein«, sagte ich und wischte mir das Haar und die Tränen aus dem Gesicht. »Helfen Sie mir lieber, meinen Koffer zu suchen. Er muß hier irgendwo he- rumliegen, wenn er mitgekommen ist.«, Er trank seinen Kaffeebecher aus, drückte ihn zu- sammen und steckte ihn in die Tasche seines Labor- mantels, blickte sich um und hob meinen Koffer aus dem Gras. »Ich habe Sie noch gar nicht zurückerwartet. Sie müssen kaum im Zielgebiet eingetroffen sein, als das nächste Soliton von unten Sie erfaßte. Hatten Sie keinen Kontakt mit unserem Mann vor Ort?« »Ich habe nur zwei Jungen gesehen, die auf einem Schimmel vorbeikamen. Ich habe stundenlang he- rumgestanden und …« »Stundenlang?« hakte er nach und hielt mit Kauen inne. »Hm. Ja. Hier sind noch keine zehn Minuten vergangen, seit ich Sie …« »Ich habe stundenlang herumgestanden und mir die Füße abgefroren!« entgegnete ich ungehalten. »Ich habe weder eine Oude Kerk gesehen noch eine Nieuwe, abgebrannt oder nicht abgebrannt, Doktor Coen. Auch keine Esche, weil die Cyperâceae …« »Die was?« »Die Binsen! Sie waren so hoch, daß ich nicht darüber hinwegsehen konnte«, erklärte ich wütend. »Die Binsen zu hoch«, murmelte er sinnend, nick- te und blickte besorgt auf mich herab. Er war zwei Köpfe größer als ich. Sein ausgeprägter Adamsapfel hob sich aufgeregt und senkte sich wieder ab. Er hob den Blick und richtete ihn in die Ferne. »Ich sehe das Problem«, sagte er., * Die Physiker behaupteten, es sei unmöglich, das Herannahen eines Solitons zu spüren. Die positiven oder negativen Gravitationswellen – je nach Rich- tung des Durchgangs –, die das Phänomen begleiten, sind ihrer Ansicht nach nur mit hochempfindlichen Laser-Interferometern wie VIRGO in Pisa, GEO in Hannover, LIGO in Hanford und Livingston oder den LISA-Satelliten im Orbit zu registrieren. Der menschliche Organismus, sagten sie, kann diese mi- nimalen Schwankungen der Gravitation, die unsere Membran durchlaufen, nicht wahrnehmen. Trotzdem versicherten viele Reisende, das Herannahen der Welle gespürt zu haben. Grit sagte, sie habe es im- mer als eine innere Anspannung empfunden, die sich schon minutenlang vorher aufbaute und in einem Ge- fühl der Befreiung gipfelte, wenn die Transition er- folgte. »Ich weiß, daß die Physiker unsere Empfindungen belächeln, aber ich glaube eher, daß sie einfach ratlos sind und keine Erklärung dafür haben. Sie behaup- ten, das sei ein psychisches Phänomen, ein Streß- Symptom. Ich glaube es nicht. Wir Reisende müssen über diese Sensibilität verfügen. Von diesem Gespür hängt manchmal dein Leben ab, wenn du dich im Areal des Referenzpunktes aufhältst, der mit der Si-, mulation übereinstimmt. Wenn Gefahr droht, mußt du wissen, ob sich ein Weg nach Hause auftut oder ob du dich besser im Gelände durch Verstecken oder Flucht in Sicherheit bringst.« * Beim ersten Mal hatte ich nichts gespürt. Ich war aber auch viel zu aufgeregt gewesen, um auf meine innere Befindlichkeit zu achten. Also lauschte ich in mich hinein, als die zweite Probetransition herannah- te. Natürlich wuchs die Anspanung während des Countdowns, aber das Näherkommen der Welle selbst fühlte ich nicht. Erst als das Wash out erfolgte, schien es mir, als hätte mich eine unwiderstehliche, aber sanfte Kraft berührt, die meinen Körper erfaßte und unmerklich hochhob – als wäre ich unversehens ins Leere getreten. Ich fand mich auf derselben Lichtung wieder, wie beim letzten Mal, aber abweichend zur Simulation war es ein klarer, kalter Wintertag. Der Himmel war wolkenlos; eine blasse, kraftlose Sonne stand tief über dem Horizont, obwohl es später Vormittag zu sein schien. »Prägen Sie sich jedes Detail im Refe- renzpunkt ein, damit Sie ihn später identifizieren können, wenn Sie sich für die Rückkehr einfinden«, hatte Dr. Coen mir eingeschärft. Leichter gesagt als getan in dieser eintönigen Landschaft. »Behalten Sie, vor allem die Himmelsrichtungen im Kopf.« Ja, die Kirchen und die Esche. Diesmal konnte ich mich ori- entieren, denn das Schilf duckte sich flüsternd unter einem eisigen Ostwind und gab den Blick frei. »Dre- hen Sie sich langsam um Ihre Achse und nehmen Sie Ihre unmittelbare Umgebung in sich auf wie den Ausschnitt im Lichtkegel einer Taschenlampe. Das ist für Sie der Zugang zum Tunnel. Sollte er durch unglückliche Umstände unzugänglich sein, bleiben Sie in der Nähe und bewahren Sie Ruhe. Es wird je- mand kommen und Ihnen helfen.« Würde ich den Mann vor Ort diesmal kennenlernen? »Diesmal ver- lassen Sie das Referenzareal, damit das nächste auf- steigende Soliton Sie nicht gleich wieder zurück- spült.« Und wieder erfaßte mich diese Beklemmung und schnürte mir die Kehle zu – die Angst, das aus der Simulation vertraute Gelände zu verlassen. Es war, als müsse ich mich über den Rand eines Rettungsflo- ßes ins Wasser gleiten lassen und hinausschwimmen in einen grenzenlosen Ozean. Plötzlich hörte ich einen Schuß, dann einen Ruf und Hundegebell. Minuten später brach ein Reiter aus dem Schilf. Er trug eine weite Jacke aus Schaf- fell und auf dem Kopf eine Wollmütze wie eine Skimaske, die Nase und Kinn verhüllte. Er hatte drei blutige Vögel am Sattelknopf hängen, Uferschnepfen mit langen spitzen Schnäbeln. Eine urtümliche Flinte, steckte in einem Futteral neben dem Sattel. Ein gro- ßer hellgrauer Hund tauchte auf. Ein Wolf? Eine wei- tere Schnepfe hing zwischen seinen blutigen Lefzen. Er legte den Vogel neben den Hufen des Pferdes ab und trottete auf mich zu. Mir blieb das Herz stehen. Er beschnüffelte meinen Mantel. Roch er die Kanin- chen, aus denen das Futter bestand? Er musterte mich mit Augen wie Gletschereis, klug und wach- sam. Mir war, als würde er jeden Moment etwas zu mir sagen, aber er war sichtlich kein modifiziertes Tier. Im Fell seines Schädels und an seiner Kehle waren keine Narben zu erkennen. Der Reiter stieg ab, hob den Vogel auf und zog die Wollmütze vom Kopf. »Gib mir den Koffer«, sagte er und befestigte ihn hinten am Sattel. Dann schwang er sich wieder hinauf und streckte mir die Hand entgegen. »Sitz auf!« befahl er knapp. »Wie stellen Sie sich das vor mit dem Mantel?« entgegnete ich unsicher. Der Reiter beugte sich herab, ich erfaßte seine Hand, und er zog mich mit einer Kraft hoch, die ich selbst einem so großen Kerl wie ihm nicht zugetraut hätte. Das Pferd schnaubte und tänzelte, aber er hielt es eisern mit den Schenkeln fest. Ich kam quer vor dem Sattel zu sitzen, die Absätze meiner Stiefel auf die geschossenen Vögel gestemmt. Ich hielt mich mit, einer Hand an der hellbraunen Mähne fest, mit der anderen an seiner Jacke. Sie roch nach Holzrauch und feuchtem Schaffell. »Erster Ausflug?« fragte der Mann. »Zweiter.« Er nickte. »Bei meinem ersten scheinen Sie nicht zu Hause gewesen zu sein.« Der Mann lachte. Er war jünger, als er im ersten Moment wegen des kurzen grauen Haars und der Bartstoppeln im Gesicht gewirkt hatte. Vielleicht Mitte Vierzig. Er trieb das Pferd mit den Fersen an. Wir trabten über einen schnurgeraden Damm aus dünnen Birkenstämmen, deren Zwischen- räume mit Torf und Binsen ausgefüllt waren, an ei- ner großen kahlen Esche vorbei und erreichten eine schilfgedeckte Hütte, die in der Art eines Blockhau- ses gebaut und mit Gras, Torf und Lehm verfugt war. Der Mann stieg ab und hob mich hinunter. »Ich bin Wouter«, sagte er. »Domenica Ligrina.« »Willkommen, Domenica«, erwiderte er und reichte mir meinen Koffer. Wouter warf die Vögel zu Boden. Gerinnendes Blut hing wie kleine Rubine in der Mähne und am Fell des Braunen. Er band das Pferd an einer Stange neben der Tür fest. Der Hund legte sich neben den Vorderbeinen nieder und musterte mich aufmerksam mit seinen Gletscheraugen. Wieder hatte ich das Ge-, fühl, als würde er jeden Moment etwas zu mir sagen. »Wie heißt er?« fragte ich. »Das ist Sir Whitefang.« Die Hütte war geräumiger, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Und es war angenehm warm im Innern. Im gemauerten Kamin gloste ein Feuer aus aufgetürmten Torfballen. Am Tisch saßen die beiden Jungen, denen ich bei der ersten Transition begegnet war. Der ältere fischte mit den Fingern fet- tige Brocken aus einer Schüssel und kaute sie schmatzend. Es war wohl Aal, den mußte es hier im Überfluß geben. Der jüngere trank Milch aus einer dunklen Holzschüssel. Zwei Rinnsale waren ihm aus dem Mundwinkel geflossen, weil das Gefäß für ihn zu groß war zum Trinken, hatten sich am Kinn zu einem Tropfen gesammelt, der ihm in den Schoß fiel, als er sich mir zuwandte. Ich begrüßte die beiden, aber sie hatten nur Augen für die dritte Person am Tisch. Er war offenbar zu Besuch, ein dunkelhäutiger junger Mann, der ein weites weißes Hemd in orientalischem Schnitt mit einem bestickten Kragen trug. Er hatte eine Hand in das geöffnete Hemd gesteckt und streichelte seine Brust. Oder trug er ein Tier mit sich herum, das er liebkoste? »Das sind Wim und Jaap«, sagte Wouter und deu- tete mit einem Nicken auf die beiden Jungen. »Es sind Zeitheimische. Ihre Eltern sind bei der letzten, Flut ertrunken. Sie leben bei mir und gehen mir zur Hand.« Die beiden Jungen starrten fasziniert den Besucher an, der ihre Blicke mit einem Lächeln erwiderte. »Und das ist …«, begann Wouter und hob das Kinn in die Richtung des Mannes. »Wer bist du über- haupt?« fragte er ihn. Der junge Mann wandte uns sein Gesicht zu. Das matte Winterlicht, das durch das pergamentbespannte kleine Fenster fiel, erleuchtete sein schönes Profil. Er hatte halblanges schwarzes Haar, ein rundes, wohl- genährtes Gesicht, auffallend lange dunkle Wimpern und jettschwarze Augen, die belustigt blitzten, als er die Hand aus dem Hemd zog und wie entschuldigend beide Arme ausbreitete. »Manche nennen mich den Engel«, sagte er und zuckte die Achseln. »Engel«, flüsterte der kleinere der beiden Jungen ehrfurchtig und hob die Milchschüssel, die er schon abgesetzt hatte, wieder an die Lippen. O Gott, ein Verrückter, dachte ich. »Wenn du wirklich ein Engel bist, dann müßtest du doch Flügel haben«, sagte der ältere Junge. »Ich habe Flügel«, versicherte der Besucher. »Dann laß sie sehen«, forderte der Junge mutig und wischte sich die fettigen Finger an der Jacke ab. Der Besucher öffnete das Hemd und schob es über die linke Schulter zurück. Ich traute meinen Augen, nicht: Er entblößte den Ansatz einer makellos weißen Schwinge. Dem Kleinen entfiel die Schüssel. Sie polterte auf die Tischplatte; Milch spritzte ihm ins Gesicht und auf die Brust. Beide Jungen starrten den Engel mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen an. »Wie machen Sie das nur?« fragte ich ihn ungläu- big. Der Besucher wandte sich mir zu, und in dem mat- ten Winterlicht schienen seine Augen plötzlich von innen heraus honigfarben aufzuleuchten, so wie es die Augen von Aliens in albernen Hollywoodfilmen manchmal tun. Trug er getönte Kontaktlinsen? »Ich muß weiter«, sagte er. Beiläufig knöpfte er sein Hemd zu; dann erhob er sich und zog seinen Mantel an, der neben ihm auf der Bank gelegen hatte – einen weiten Reisemantel, den er sich um die Schultern schlug. Er hob grüßend die Hand und ging hinaus. Zögernd war der Hund einige Schritte zur Tür gegangen und ließ nun ein Knurren vernehmen. Da stieß draußen irgendjemand ein schrilles Lachen aus. Wim und Joop waren hinausgeeilt, um dem Frem- den nachzublicken. Als ich mit Wouter vor die Hütte trat, hatten sie das Pferd losgebunden, und der Altere war schon aufgesessen. Der Damm war leer. »Wo ist er hin?« fragte ich. »In den Himmel«, sagte der Junge auf dem Pferd, und beugte sich herab, um seinem Bruder hinaufzu- helfen. »Das ist die beste Erklärung«, murmelte Wouter hinter mir. »Alles andere würde die Zeitheimischen nur verwirren. Sie verstehen nicht, was Zukunft be- deuten soll, erst recht nicht, daß sie bereits existiert.« Ich wandte mich zu ihm um. »Ist er ein Reisender?« Wouter nickte vage. »Er kommt öfter hierher.« »Aus welcher Zeit?« Wouter zuckt die Achseln. »Einmal erwähnte er Highgate. Wo immer das sein mag.« Er hob den Kopf, als nehme er Witterung auf, und ergriff meinen Koffer. »Wir müssen los«, sagte er. »Ich bringe dich jetzt besser zurück. Die Jungen haben das Pferd genom- men. Kannst du das Stück gehen?« »Es ist ja nicht weit.« Sir Whitefang erhob sich, um uns zu begleiten. »Hattet Ihr nicht auch einen Schimmel?« fragte ich Wouter, als wir den Knüppeldamm entlanggin- gen. Wouter sah mich von der Seite an. »Nein, aber ich will mir einen kaufen auf dem Pferdemarkt an Sankt Valentin. Ich hab mir das Tier schon angeschaut. Den kriegen dann die Jungen, um, unsere Besucher aufzulesen. Und ich nehme den Braunen für die Jagd.« »Das Jagen macht Euch Spaß.« »Ja. Es ist die einzige Abwechslung – abgesehen von den Besuchern.« »Es ist langweilig hier, oder?« »Aber nein. Ich liebe dieses Leben. Ich würde es dort, wo du herkommst, nicht mehr aushalten.« »Welches Datum haben wir heute?« fragte ich ihn. »Maria Lichtmeß.« »Und welches Jahr?« »1449.« »Dann komme ich bald wieder«, sagte ich mit Be- stimmtheit. * Ich spürte nichts vom Herannahen des Solitons, aber Wouter wußte offenbar, daß sich eine aufsteigende Woge näherte, denn ich hatte kaum das Referenzareal betreten, da war der kalte Wind wie abgeschnitten, und Dr. Coen bahnte sich einen Weg durch die Binsen. »Diesmal haben Sie sich aber Zeit gelassen«, sagte er. »Keine zwei Stunden war ich dort«, entgegnete ich. »Wir haben Sie vor zwei Monaten losgeschickt. Wir haben heute den 26. Oktober«, erwiderte er. Ich blickte ihn entgeistert an., »Sehen Sie, Doktor Coen, das mit den abweichen- den Zeitläufen will mir immer noch nicht in den Kopf, obwohl ich mich, weiß Gott, schon längst hätte daran gewöhnen müssen.« Er runzelte besorgt die Stirn. »Haben Sie sich verletzt?« fragte er. »Sie haben Blut am Mantel und an den Stiefeln.« »Uferschnepfen«, sagte ich. »Unser Mann vor Ort scheint ein passionierter Jäger zu sein.« »Es sind seltsame Typen dabei.« »Das letzte Mal haben Sie mich mit einem Kaffee begrüßt. Ich könnte einen gebrauchen. Es war scheußlich kalt.« »Haben wir Sie versehentlich in den Winter ge- schickt?« »2. Februar …« »Du meine Güte! Kommen Sie mit!« * »Ist Renata noch nicht zurück?« fragte ich Grit. Sie saß in ihrem Büro im Institut. Dort traf man sie selten an, denn sie haßte das »Aquarium«, wie sie es nannte. »Nein. Wann schicken sie dich los zu deinem Ein- satz?« »Am 19. November, wenn alles planmäßig ver- läuft.«, »Ich hoffe, ihr seid beide bis Weihnachten wieder zurück. Wir wollen doch zusammen feiern. Ich be- sorge rechtzeitig eine Gans.« »Glaubst du, daß das möglich ist? Ich meine, daß wir beide bis Weihnachten wieder da sind?« fragte ich sie. »Du kannst zwei Jahre in der Vergangenheit her- umstolpern und trotzdem nach zwei Stunden zurück sein. Ich habe es oft genug erlebt.« »Ich begreife es mit dem Verstand, Grit, aber es verwirrt mich trotzdem.« »Das verwirrt jeden. Das hat schon viele fertigge- macht, vor allem wenn man jemanden liebt. Ich ken- ne einen solchen Fall. Es gab mal eine Frau, die brachte ihren Freund ins Institut und verabschiedete sich von ihm; er reiste ab. Sie fuhr dann nach Hause und hatte kaum die Tür zugemacht, da klingelte das Telefon. Er war es; er war wieder zurückgekehrt. Sie fuhr ins Institut zurück, noch ganz von den Gefühlen eines liebevollen Abschieds erfüllt, der noch keine zwei Stunden zurücklag, außer sich vor Freude, daß sie nach so kurzer Zeit wieder vereint wären – und begegnete dort einem Mann, der drei Jahre in einer anderen Zeit verbracht hatte, einer schlimmen Zeit … Das haut einen um. Die beiden haben nie mehr zueinander gefunden.« »Leendert?« fragte ich leise. Sie nickte und wischte sich Tränen aus den Au-, genwinkeln. Ich nahm sie in die Arme. Die wogen- den Bänder der Novembersonne auf dem Wasser des Ij hüllten uns in ein Netz aus Licht. »Ich verspreche dir, bis zu Weihnachten zurück zu sein«, sage ich. Da fiel mir aber ein, daß Mutter zu Weihnachten heiraten wollte, und mußte Grit enttäu- schen. »Es tut mir wirklich leid«, sagte ich ihr, »ich habe es ihr fest versprochen.« »Wo soll die Hochzeit stattfinden?« »In Genua.« »Dann braten wir uns den Vogel eben früher. Als Reisende müssen wir, was die Zeit betrifft, flexibel sein. Ich fülle sie immer mit Äpfeln und Kastanien«, erwiderte sie etwas teilnahmslos. Ich küßte sie auf beide Wangen. »Übrigens – was ich dir unbedingt noch erzählen muß: Bei meinem zweiten Sprung bin ich einem merkwürdigen Menschen begegnet – wenn es über- haut ein Mensch war. Er hatte so fremdartige Augen. Ich traf ihn in der Hütte, die Wouter, unser Mann vor Ort, bewohnt.« »Wer war das?« »Ich weiß es nicht. Er war ein gutaussehender Typ. Etwas orientalisch sah er aus. Wouter schien ihn zu kennen, aber er nannte keinen Namen, deutete aber an, daß es sich um einen Reisenden handelte.« »Was für ein Zufall. Reisende begegnen sich sel-, ten«, sagte Grit stirnrunzelnd. »Und weißt du was? Er hatte ein Tier bei sich. Er trug es im Hemd mit sich herum.« »Bist du dir sicher?« »Absolut. Könnte das Hla Thilawuntha mit seiner Ratte gewesen sein?« Grit wiegte den Kopf. »Das ist nicht auszuschließen.« »Er sah zwar so aus, aber … sag, Grit, war Thila- wuntha ein Mensch?« Sie zuckte die Achseln. »Das haben wir nie herausgekriegt.« * Diesmal spürte ich, wie das Monster herankam. Ich fühlte es in jeder Faser meines Körpers – ein Vibrie- ren, dann ein inneres Aufleuchten, als erreichten die ersten Moleküle einer starken Droge das Gehirn. Ein Gefühl der Klarheit, der Euphorie, das mich hochriß und ins Chaos schleuderte. Mich umgab beißender Rauch, Flammen schlugen knisternd meterhoch empor, wo das Röhricht lichter- loh brannte. Rufe über dem Prasseln des Feuers, das ängstliche Wiehern eines Pferdes. »Hierher!« rief eine Männerstimme. »Es muß je- mand angekommen sein. Drüben auf der Lichtung. Ich komme von hier aus nicht durch.« »Ich bin hier!« schrie ich, dann würgte mir ein, Husten die Stimme ab. Ein Junge tauchte aus dem Rauch auf, Jaap, der ältere. Sein Gesicht war von Ruß geschwärzt, sein Haar voller Ascheflocken. Zwei blaue Augen funkelten mich an wie aus einer Maske. Vor Mund und Nase hielt er sich ein feuchtes Tuch. »Hier ist sie! Ich hab sie gefunden!« schrie er mit krächzender Stimme. Jaap nahm mir meinen Koffer ab und ergriff meine Hand. »Komm schnell!« sagte er zu mir und reichte mir das rußige, feuchte Tuch. Der kleinere Junge tauchte auf – Wim, ebenso von Ruß und Asche bedeckt, die Beine schlammverkru- stet. Er nahm den Rest meines Gepäcks, einen Korb. Dann zerrten mich die beiden tiefer in den Morast. Ich sah offenes Wasser vor uns, und schon war ich bis über die Knie darin versunken. Es war eiskalt, und meine Stiefel saugten sich im Schlamm fest. Ich hatte Angst, sie zu verlieren und raffte die Röcke über die Hüften hoch, um mich nicht zu verheddern. Die Jungen schleppten mich in flacheres Wasser, glitschten barfuß durch den Morast und steuerten von einer Untiefe zur anderen in einen Bereich, in dem das Feuer die Binsen bereits niedergebrannt hatte. Die Stengel schwelten noch. Die Luft hing voller gelbbrauner Rauchwolken, in denen Funken wirbel- ten. Glimmende gefiederte Rispen regneten herab. Zahllose aufgestörte Vögel flogen über uns hinweg. Die Sonne segelte wie ein bronzenes Auge zornig, blinzelnd durch den ascheverhangenen Himmel. Wir hatten Glück, der Wind trieb das Feuer an uns vorbei. Auf Umwegen erreichten wir den Knüppel- damm, der zu der Hütte führte. Pferdehufe polterten über das feuchte Holz heran. »Etwas aufregend der Empfang heute, nicht wahr?« rief Wouter, schwang sich aus dem Sattel und hob mich hinauf. Das Pferd ließ die angstgeweiteten Augen rollen und versuchte seitlich auszubrechen. Mit beiden Händen klammerte ich mich fest, um nicht hinunter- zurutschen. Wouter führte es am kurzen Zügel, legte die Hand über die Nüstern und redete beruhigend auf das Tier ein. »Wie ich sehe, haben Sie sich den Schimmel gekauft«, sagte ich mit krächzender Stimme. »Dann bin ich zur richtigen Zeit angekommen.« »Wir haben 1451, wenn du das meinst. Nächste Woche ist Ostern«, entgegnete er. Der Himmel im Südwesten war braun vom Rauch. Immer noch flohen Scharen von Vögeln über uns hinweg: Bläßrallen, Bekassinen, Säbelschnabler, Reiherenten – eine solche Vielfalt hatte ich noch nie gesehen. »Ihnen fliegen die Vögel davon«, sagte ich. Wouter musterte die abziehende Feuerfront. »In ein paar Tagen sind sie wieder da«, versicherte er. »Sie haben noch nicht gebrütet. Es ist noch zu früh. Gut, daß das Feuer so früh kam.«, »Mich hat es zwar fast erwischt, aber ich bin Ihrer Meinung.« Er lachte und hob mich aus dem Sattel. Ich sah auf meine Röcke und Stiefel hinab. Sibyll van Campen hätte ihre Kreationen nicht mehr wiedererkannt, so durchweicht und schlammbedeckt waren sie. »Das kriegen wir wieder hin«, versicherte er, als er meinen entsetzten Blick bemerkte. »Du kannst dich in der Hütte waschen. Holt Wasser!« befahl er den Jungen. »Und macht euch ebenfalls sauber.« Später saßen wir beisammen im Hauptraum der Hütte – ich am offenen Kamin, in eine Wolldecke gehüllt; er am Tisch, einen Zuber heißen Wassers neben dem Stuhl. »Sagen Sie, Wouter, ist Renata bei Ihnen gewe- sen? Renata Gessler?« fragte ich. »Ja, zweimal. Bei ihren Probetransitionen.« Er tunkte die Reiherente in das dampfende Wasser und begann zu rupfen. »Ein drittes Mal nicht?« »Zu ihrem Einsatz?« Er schüttelte bedächtig den Kopf und hob die von rotgoldenen Federn bedeckte Hand. »Das muß vor meiner Zeit gewesen sein«, sag- te er beiläufig. »Wie lange machen Sie hier schon Dienst?« »Seit Sommer vierundvierzig.« »Ununterbrochen?« »Sicher.«, »Und in den sieben Jahren ist sie nicht aufge- taucht?« »Sage ich doch.« Mich schauderte. Es war nicht die Kälte. Die glosen- den Torfballen im Kamin strahlten genug Wärme ab. »Sie werden sich mit der Zielzeit vertan haben«, bemerkte Wouter. »Vertan?« »Ja, das passiert manchmal. Es funktioniert nicht immer so, wie die Physiker am Casimir sich das aus- rechnen. Manchmal ist die Streuung größer als kal- kuliert – wenn das Soliton sehr energiereich ist und stärker durch die Branen schlägt. So ist das eben.« Ernesto hatte etwas von einer mächtigen Welle erwähnt, die bei ihrer Abreise durchgegangen sei. »Das würde bedeuten, daß sie vor 1444 hier ange- kommen ist.« Wouter nickte. »Oder sie trifft erst ein. Obwohl ich das für eher unwahrscheinlich halte.« »Gibt es denn keine Aufzeichnungen? Ihr Vorgän- ger könnte doch …« »Unsinn«, erwiderte er schroff »Es werden keine Aufzeichnungen gemacht. Das zehnte Gebot für den Reisenden: nur unvermeidbare Spuren hinterlassen. Das hat man dir bei der Einsatzvorbereitung doch eingepaukt, oder?«, »Klar.« Wouter nickte und tauchte die Reiherente in den Zuber. Ich rekapitulierte: 1. Benimm dich unauffällig. 2. Gib dich einfältig und begriffsstutzig. 3. Knüpf so wenig Kontakte wie möglich. 4. Stell nur Fragen, wenn unbedingt nötig. 5. Geh Disputen und Händeln aus dem Weg. 6. Greif bei Rat und Tat ausschließlich zu zeithei- mischen Mitteln. 7. Bedenke sorgsam das Lostreten möglicher Fol- gen, bevor du handelst. 8. Halt dich fern von allen VIPs. 9. Hüte dich davor, historische Quellen zu verun- reinigen. 10. Hinterlaß keine Spuren, außer den unvermeid- lichen deines Aufenthalts. »Ich halte diese Vorschriften für etwas übertrieben«, sagte ich, »denn wenn die Historie ernsthaft verletzt oder die Quellenlage gar verändert würde, käme eine Transition doch gar nicht zustande.« »Aha. Willst du das etwa auf die Probe stellen? Ich warne dich, Domenica. Ein paar dumme Unacht- samkeiten, und du kommst hierher zurück und fin- dest nichts mehr vor – mich nicht, die Hütte nicht,, vielleicht nicht einmal festes Land, weil du in einem anderen Universum gelandet bist, in dem vielleicht nie getunnelt wurde.« Die nassen grauen und rotgoldenen Federn der Reiherente ballten sich zwischen seinen Stiefeln zu unansehnlichen Haufen. Die nackte blaßgelbe Haut des Vogels kam zum Vorschein, dunkel gesprenkelt von den Kielresten des Gefieders. »Was ist eigentlich aus Ihrem Vorgänger gewor- den?« fragte ich Wouter. »Keine Ahnung. Eines Tages war er verschwun- den. Vielleicht ist er umgekommen. Vielleicht ist er ins Reich gegangen, um sein Glück zu machen.« »Ins Reich?« »Ins Kaiserreich, nach Deutschland hinauf. Oder vielleicht hat eine Zeitheimische ihm den Kopf ver- dreht, und er ist mit ihr irgendwohin gezogen. Wer weiß?« Er legte den nackten Vogelkadaver auf den Tisch und tauchte die zweite Ente in den Zuber. »Und Sie?« fragte ich. »Werden Sie in die Zukunft zurückkehren?« Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Mir gefällt das Leben hier. Man weiß eine Menge mehr als die Leute. Das zahlt sich aus.« »Das sechste Gebot …« Er blies sich ein paar Federn vom Handrücken und grinste., »Man muß es eben vorsichtig angehen, wie bei der Pirsch.« »Sie jagen gern, nicht wahr?« »Ja, ich jage gern«, erwiderte er. »Und hör zu. Laß das ›Sie‹. Hier sagt man ›Du‹ zueinander. Jedenfalls einfache Leute wie wir. Höhergestellte Personen mußt du mit ›Ihr‹ und ›Euch‹ anreden. Aber denen geh besser aus dem Weg. Achtes Gebot.« Wouter fuhr schweigend mit seiner Arbeit fort. Schließlich warf er den zweiten nackten Kadaver auf den Tisch, wusch sich im Zuber die Federn von den Händen und zog eine kurze gekrümmte Klinge aus dem Gürtel. Mit einem schnellen Schnitt öffnete er den Leib des Vogels und schälte die Eingeweide her- aus. Dann nahm er sich den zweiten vor. Schließlich köpfte er die beiden Vögel. Die Klinge zwängte sich knirschend zwischen den Wirbeln hindurch. Die bei- den schönen goldgefiederten Köpfe mit den langen Schnäbeln wischte er achtlos vom Tisch.,

VI EIN FRÜHLING, EIN SOMMER …

»WAS ABER HINDERT, DASS NICHT AUCH DAS GU- TE, SEIENDE UND KÖRPERHAFTE UNENDLICHE DURCHAUS STIMMIG IST? ODER WAS STEHT DEM ENTGEGEN, DASS DAS UNENDLICHE, DAS IM SCHLECHTHIN EINFACHEN UND UNTEILBAREN ER- STEN PRINZIP EINGEFALTET IST, NICHT VIELMEHR IN DIESEM SEINEM UNENDLICHEN UND UNBE- GRENZTEN ABBILD AUSGEFALTET WERDE, DURCHAUS FÄHIG DER AUFNAHME UNZÄHLIGER

WELTEN, ALS DASS ES IN SO ENGEN GRENZEN

ENTFALTET WIRD, DASS ES SCHIMPFLICH ER- SCHEINT, NICHT ZU DENKEN, DASS DIESER KÖR- PER, DER UNS SO GROSS UND WEIT ERSCHEINT, IN

ANBETRACHT DER GÖTTLICHEN GEGENWART

NICHTS IST ALS EIN PUNKT – JA, GERADEZU EIN NICHTS? … ICH DENKE DOCH, DASS ES KEINEN SO HARTNÄCKIGEN STARRKOPF GIBT, DER ES WEI- TERHIN ABSTREITEN WOLLTE, DASS MIT FUG UND

RECHT UNZÄHLIGE WELTEN SEIN KÖNNEN – AUS

DEM GRUND, DASS DER RAUM UNENDLICH IN SICH SCHLIESSEN KANN, UND AUCH AUS DEM GRUND, DASS UNENDLICH VIELE WELTEN, DIE NICHT WE- NIGER IN IHM BESCHLOSSEN SEIN KÖNNEN, ALS ES DIESE EINE SEIN KANN, DIE WIR KENNEN.«

Giordano Bruno

, »Es gibt eine Möglichkeit, über Wasserwege von hier aus zum Rhein zu gelangen?« fragte ich erstaunt. »Ich dachte, ich müßte über Land nach Utrecht oder mit dem Schiff nach Rotterdam …« Wouter schüttelte den Kopf. »Nach der großen Flut von 1421 hat der Rhein sich ein halbes Dutzend Abflüsse Richtung Nordwe- sten gegraben. Sogar der Ij und die Amstel gehörten viele Jahre lang zu seinen Mündungsarmen, und noch heute gibt es Verbindungen, die man mit fla- chen Booten befahren kann, wenn man genau weiß, wo man einfahren muß. Kaptein Mulder ist ein guter Schiffer und ein kundiger Mann. Er fährt jedes Jahr drei- oder viermal hinauf nach Köln und kennt die Wege, auf denen ein Durchkommen ist. Er weiß ge- nau, wo er sich in acht nehmen muß. Du bist sicher bei ihm, und du kannst ihm vertrauen. Außerdem hat er eine Mannschaft, die mit den Fäusten umzugehen weiß und notfalls auch mit dem Messer. Er zahlt sei- ne Leute gut. Sie halten treu zu ihm.« Wir ritten vor Tagesanbruch los – Wouter voraus, mein Pferd am langen Zügel –, und wir folgten dem Muster aus Gräben und Dämmen südwärts durch mannshohes Schilf. Nebel lag über der Ebene. Schließlich erreichten wir einen Karrenweg, der ei- nem offenen Gewässer entlang nach Westen folgte. »Ist das der Ij?« fragte ich., Wouter zügelte sein Tier. »Ja«, sagte er. »Und das ist Amsterdam.« Vor uns mündete ein Fluß von links kommend in den Ij. Die Amstel? Die Sonne brach durch den Ne- bel. Enten und Gänse schwammen auf dem Wasser. Mit schwarzem Dreck besudelte Schweine stöberten und suhlten sich am schlammigen Ufer. Kühe weide- ten auf der Böschung das welke Gras ab. Auf dem Fluß waren einige Boote zu sehen. Ich richtete mich in den Steigbügeln auf. Jenseits der Flußmündung entdeckte ich auf dem aufgeschüt- teten und mit Holzstämmen befestigten Damm eine Reihe von Häusern mit reetgedeckten Dächern. Da- vor erstreckten sich Gärten, eingehegt von Zäunen aus Reisig und geflochtenem Stroh, die wohl Schweine und Kühe von den Beeten fernhalten soll- ten. Über den Dächern war ein stattlicher Neubau zu sehen – aus Lehmziegeln errichtet und mit zahlrei- chen Giebeln, die von großen Bogenfenstern durch- brochen waren. Das mußte die Oude Kerk sein. End- lich erblickte ich sie. Der mächtige viereckige Glok- kenturm, den ich auf den Abbildungen gesehen hatte, fehlte noch. Er würde erst später hochgezogen wer- den. Etwa dreihundert Meter westlich davon war der Neubau einer zweiten Kirche zu sehen. Das schlanke Mittelschiff war von einem provisorischen Holzdach überwölbt, aus dem zwei Baukräne ragten. »Das da drüben ist die Nieuwe Kerk«, erklärte, Wouter, als er sein Pferd hinunter zur Anlegestelle lenkte. »Sie wird nächstes Jahr abbrennen. Ein gro- ßes Feuer wird ausbrechen. Die Häuser, die du da siehst, werden alle zerstört. Nur die Oude Kerk wird von den Flammen verschont werden.« Wouter sagte das gleichmütig, als wäre alles längst geschehen und unausweichlich. War es längst ge- schehen? Mein Blick flog unwillkürlich hinüber nach Osten, nach Java, wo ich wohnen würde, und nach Nordosten, wo die Gebäude des Casimir-Instituts liegen würden. Ich sah nur Wasser. Auch im Westen, wo man in einem halben Jahrtausend die Centralsta- tion bauen würde – nichts als Wasser. Der gewaltige Ij, der unmerklich dahinströmte, zurückgestaut von der auflaufenden Flut der nahen See. Zwei große flache Boote waren an der Anlegestel- le festgemacht. Sie gehörten beide Kaptein Mulder, einem gedrungenen, vierschrötigen Mann mittleren Alters, der kämpferisch den rotblonden Bart reckte. Mit lauter Stimme erteilte er Befehle und hieb mit einer kurzen geflochtenen Lederpeitsche wütend ge- gen seine Stiefelschäfte, wenn er kein anderes Ziel in der Nähe fand. Wouter redete mit ihm, dann kam er zu mir zurück. »Er wird dich nicht viel fragen, und du wirst so wenig wie möglich reden«, sagte Wouter und trug mir den Koffer und den Korb mit meinen Habseligkeiten an Bord, dazu ein Bündel mit Verpflegung und den, nötigsten Dingen, die eine Reisende brauchte: eine Decke, einen Topf, einen Becher und ein Messer. »Paß auf das Geld auf, das ich dir gegeben habe. Hast du dir den Wert der Münzen eingeprägt?« fragte er mich. »Ich habe es mir aufgeschrieben und eingeprägt. Der rheinische Gulden ist etwa fünfzig Euro wert«, rekapitulierte ich. »Der Stüber entspricht ungefähr zwei Euro, und vierundzwanzig Stüber gehen auf einen Gulden. Der Albus, der rheinische Weißpfen- nig, kommt auf zweieinhalb Stüber, also fünf Euro. Stimmt’s?« »Gut«, flüsterte er. »Du trägst zweihundert Gulden bei dir. Das ist ein Vermögen. Bis zum Herbst wird das leicht reichen. Du brauchst dich nicht um Erwerb zu kümmern und kannst dich ganz deiner Aufgabe widmen. Laß es dir nicht stehlen.« Ich tastete nach meinem Gürtel. Der Rest war im Mantel eingenäht. Sollte ich ins Wasser fallen, würde ich ertrinken. »Sieh zu, daß du bis Ende Oktober zurück bist. Die Winter kommen um diese Zeit früher als im 21. Jahrhundert, und sie sind kälter. Wir befinden uns am Beginn einer kleinen Eiszeit. Im November können schon Seitenarme des Rheins zufrieren. Die Schiffer wollen zu Hause sein, bevor es soweit ist.« »Der Herbst ist natürlich die wichtigste Zeit, um Samen einzusammeln«, gab ich zu bedenken., Wouter nickte; dann ging er zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel. Grüßend hob er die Hand und ritt davon. Mir wurde plötzlich klar, daß dieser in sich gekehrte, etwas mürrische, ja unfreundliche Mann das letzte Bindeglied zu meiner Welt, zu mei- ner Zivilisation war. Nun war diese Verbindung durchtrennt. Von jetzt an war ich ganz auf mich al- lein gestellt. Der Hals wurde mir eng. Ich hatte plötz- lich Mühe zu atmen. Ich wäre Wouter am liebsten hinterhergerannt. Aber er blickte sich nicht einmal um. Auf einer einsamen Insel im Ozean ausgesetzt zu werden, konnte nicht schlimmer sein. Ich ver- kroch mich in der Rundhütte aus geflochtenen Bin- sen, die mitten auf Deck stand. Als alleinreisende Frau durfte ich mich darin einquartieren. Üblicher- weise transportierte man Schweine darin; der Geruch war eindeutig, obwohl man sie gewässert und ge- schrubbt hatte. Ich ließ mich auf den mit Heu ge- stopften Sack sinken, der mir als Bett dienen sollte, und gab mich meinem Selbstmitleid hin. Mich quälte ein tief rührendes Heimweh nach meiner Welt. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Dutzende von Frauen und Männern hatten das schon vor mir auf sich genommen und es auch durchgestanden. Ich dachte an Grit – und an Renata. Sie befand sich ir- gendwo in dieser Welt, möglicherweise schon seit vielen Jahren. Nach Amsterdam war sie nicht zu- rückgekehrt, sonst wäre sie bei Wouter aufgetaucht., Ob ihr wohl etwas zugestoßen war? War sie in Schwierigkeiten geraten? Sie würde sich zu helfen wissen, da war ich mir sicher. Vielleicht gelang es mir, sie zu finden. Ich würde Ausschau nach ihr hal- ten und nach ihr fragen, wo immer ich hinkam, denn ihr war Feldarbeit im gleichen Gebiet zugewiesen worden wie mir: Vom Kölner Becken aus sollten wir uns nach Süden wenden und entlang der Nebenflüsse linksrheinisch in die Eifel und den Hunsrück und rechtsrheinisch ins Siebengebirge, den Westerwald, in den Taunus und den Odenwald vordringen. * Im Lauf des Vormittags frischte der Wind aus We- sten auf und vertrieb den Nebel. Kaptein Mulder gab Befehl zum Ablegen. Die Rah mit dem großen quadratischen Segel wurde am Mast hochgezogen. Es bauschte sich. Das zweite Boot folgte uns mit sechs oder acht Längen Abstand. Am- sterdam blieb hinter uns zurück. Wir segelten den Ij aufwärts in Richtung Osten und hielten uns an sei- nem Südufer. Binsen, so weit das Auge reichte. Im Norden wich das Ufer zurück; es öffnete sich zum Ijsselmeer, das sich bei der großen Flut am Tag der heiligen Elisabeth im Jahre 1421 im Herzen des Lan- des gebildet hatte. Dabei war die Hälfte der Bewoh- ner in dieser Region zu Tode gekommen. Am Nach-, mittag bogen wir nach Südosten in einen der zahlrei- chen Mündungsarme ein, in die sich der Alte Rhein aufgespalten hatte, bevor er sich endgültig weiter nach Süden verlagerte. Mulder mußte tatsächlich ein erfahrener Schiffer sein, denn es gab keine Landmar- ken, keine Anlegestellen, keine Dörfer, keine Zei- chen, an denen er sich hätte orientieren können. Ich hatte ihn jedoch beobachtet, wie er immer wieder das Wasser kontrollierte und seine Färbung überprüfte, wie er sich von einem seiner Leute mit einem kleinen Holzeimer Proben an Bord holen ließ, daran schnup- perte, davon kostete und es im Mund hin und her schwenkte, bevor er es ausspuckte. An manchen Stellen war der Flußarm so seicht, daß Mulder das Segel einholen und die Boote mit Stangen bewegen ließ, bis die Untiefe überwunden war und das Segel wieder gesetzt werden konnte. Am Abend gab es gekochten Aal mit Graupen. Ich schlang den fettigen Brei mit Heißhunger hinunter, denn ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen außer ein bißchen kaltes Geflügel am frühen Morgen, kurz bevor wir losgeritten waren. Die Bootsleute waren sehr schlichte Burschen. Sie aßen und tranken laut- stark, furzten vernehmlich und lachten viel, aber sie gehorchten Mulder aufs Wort. Mir warfen sie nur scheue Blicke aus dem Augenwinkel zu. Wahr- scheinlich hatte ihr Kaptein sie entsprechend abge- richtet und ihnen eine Abreibung mit seiner Reitgerte, in Aussicht gestellt, sollten sie mir über Gebühr Aufmerksamkeit schenken. Mir brachte er einen Holzkübel, und ich nickte ihm dankbar zu, denn ich hätte nicht gewußt, wie ich die Reling für meine Not- durft hätte benutzen sollen; die Bootsleute hatten es da leichter und urinierten ungeniert in den Fluß. Ob Mulder wohl schon öfter Passagiere, die aus dem Tunnel gekommen waren, landeinwärts befördert hatte? »Ist mit dir schon mal eine junge Frau nach Köln gereist, die Renata hieß?« fragte ich ihn. Der Kaptein dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte er den Kopf. »Wann soll das gewesen sein?« fragte er. »Vor sieben oder acht Jahren. Oder vielleicht vor neun oder zehn.« »Da ist mein Vater noch gefahren. Aber ich war meistens dabei. Nein, ich kann mich an keine Renata erinnern«, erwiderte er. Als es dunkel wurde, zog ich mich in meine Korb- hütte zurück und breitete meinen Mantel auf der Ma- tratze aus. Kälte kroch vom Wasser herauf. Ich hüllte mich mit der dünnen Decke und allem ein, was ich an Kleidern bei mir hatte. Keine Frage, ich würde mir ein Schaffell kaufen müssen. Mitten in der Nacht weckte mich wütendes Ge- schrei. Es war die Stimme Mulders, der sich mit ir- gend jemandem am Ufer stritt und ihn wüst be-, schimpfte. Ich steckte den Kopf aus meiner Behau- sung. Das Boot hatte angehalten; das Segel war he- runtergelassen. An beiden Ufern waren Fackeln und Männer mit langen Messern in den Händen zu sehen. Ein Überfall? Mulder stand im Bug und schwang drohend seine Reitpeitsche, was seine Widersacher aber nicht sonderlich zu beeindrucken schien. Neben ihm kauerte einer seiner Männer und spannte eine Armbrust. Ich zog den Kopf ein, obwohl mir klar war, daß das Binsengeflecht mir nicht den geringsten Schutz bot, wenn die Gegenseite ähnlich bewaffnet war. Soweit ich der Auseinandersetzung folgen konnte, schien es sich aber eher um Drohgebärden zu handeln und um ein handfestes Feilschen. Die Durchfahrt war mit einer Kette verlegt, und die Männer am Ufer wollten einen Wegzoll kassieren, was Mulder zunächst für unberechtigt und dann für völlig überzogen hielt. Die Wegelagerer verlangten für jedes Boot ein Fäßchen Vinho de Lamego, den portugiesischen Süßwein aus Oporto, und ein Fäß- chen spanische Oliven. Schließlich einigte man sich auf die Hälfte. Die Kette wurde ausgehakt und abge- lassen. Sie schabte unter dem Kiel entlang, und die Fahrt ging weiter. Nach fünf Tagen erreichten wir den Hauptstrom, aber da ließ uns der Wind im Stich. An ein Treideln war nicht zu denken, denn es gab keinen Uferdamm. Ringsum war nur Urwald, unwegsamer Über-, schwemmungsraum, stehende Altwasser, Morast. Mulder hatte die Boote an einer Sandbank festma- chen lassen, vielleicht um vor Überfällen vom Ufer aus sicher zu sein. Das hatte den Vorteil, daß man von Bord gehen, sich in den Sand legen und sonnen konnte. Nachts wurde es allerdings bitterkalt. Die Bootsleute fingen Fische und brieten sie an Stecken über dem Feuer, wodurch die Verköstigung etwas abwechslungsreicher wurde, die seit Amsterdam durchweg aus Aal und fettigen Graupen bestanden hatte. Ich nutzte dankbar die Gelegenheit, um für ein paar Stunden dem Gestank der Ladung zu entgehen, die neben Fäßchen mit Waltran, Wein, portugiesi- schem Salz und spanischen Oliven, aus in Bienen- wachs versiegelten und in Stroh gebetteten Käselai- ben und ein paar Dutzend Fässern mit gesalzenem Kabeljau bestand. Den durchdringenden Geruch schien aber außer mir niemand wahrzunehmen. Nun, sagte ich mir, diese Menschen waren von Kindesbei- nen an in diesem Mief aufgewachsen. Ich mußte mich eben daran gewöhnen. Es war nun einmal eine Epoche, die sich nicht durch Wohlgerüche auszeich- nete, und in den Städten, so hatte mir Grit versichert, war es in dieser Beziehung am schlimmsten. Ich stellte fest, daß die Menschen hier auch ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit hatten. Niemand war ungeduldig, keiner nervös, auch der Schiffer, nicht, obwohl die Qualität seiner Ware durch die Ta- ge, die wir festlagen, nicht eben besser wurde. Der Tag kam, der Tag ging – man wartete. Irgendwann würde der Wind wieder auf Westen drehen. Man schlief oder fischte oder würfelte. Ich betrachtete nachts den Sternenhimmel und versuchte die Kon- stellationen auszumachen, die Großvater mir gezeigt hatte, aber in dem unglaublich hellen Gewimmel wa- ren sie nur mit Mühe zu finden. Ich übte mich im Tagebuch-Schreiben, wie Grit es mir beigebracht hatte. Mit dem spatelförmigen Ende des Holzgriffels glättete ich mein Wachstäfelchen, dann schrieb ich meine Eindrücke nieder, prägte mir das Geschriebene optisch ein und glättete das Täfel- chen wieder für die nächste Seite. Nach vier Tagen schlug das Wetter um. Es war noch dunkel, als mich Rufe und allgemeine Unruhe weckten. Der Himmel war bedeckt. Man hatte Fak- keln aufgesteckt, die in dem böigen Wind loderten und fauchten, als zerrten die Flammen wütend an dem ölgetränkten Werg. Ihr unruhiges Licht erhellte die Gesichter der Bootsleute und die kahlen Bäume und Büsche am Ufer. Im Osten graute der Tag. Ein Regenschauer zog von Nordwesten übers Wasser heran. Den Mast hatten die Männer bereits aufgerich- tet, die Leinen waren gelöst und das Segel war schon hochgezogen; es füllte sich mit einem flappenden Laut. Tauwerk knarrte, und feuchtes Holz rieb mit, dumpfem Ächzen aneinander. Kommandos wurden nach hinten gerufen; auch das zweite Boot machte sich auf den Weg. Der Kahn schwankte und nahm Fahrt auf, wurde mittels langer Stangen von der Sandbank weggeschoben und in den Fluß hinausge- steuert. Ein Regenschauer peitschte übers Deck. Der Himmel war voller dunkler ausgefranster Wolken, der Rhein glich einer zernarbten bleifarbenen Fläche zwischen Nichts und Nirgendwo. Wir fuhren dicht am Ufer entlang, wo die Strömung nicht so stark war. In den kahlen Ästen der Bäume hing Treibholz und halb verrottetes Gras vom letzten Hochwasser. Hier und da hatte sich ein halb verluderter Kadaver eines ertrunkenen Schafs, einer Ziege oder eines Hun- des verfangen. Es roch nach Fäulnis und Verwesung. Boote kamen uns entgegen und zogen vorbei. Manchmal muteten sie mich an wie Dschunken auf chinesischen Tuschzeichnungen: Männer in Binsen- mänteln und mit Binsenhüten hockten triefendnaß auf Deck oder auf der hochgetürmten Ladung, die meist aus Bauholz oder Rundhölzern bestand. Mit lauten Rufen wurden Nachrichten ausgetauscht und meist mit Zoten und Gelächter quittiert. Die Stimmen trugen weit über das Wasser. Gelegentlich überschüt- teten jähe Graupelschauer den sich träge dahinwäl- zenden Fluß und überzogen ihn mit einem perlfarbe- nen Schimmer., Doch der Frühling konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. In geschützten Mulden entdeckte ich Buschwindröschen, Schneeglöckchen, Gänse- blümchen und Märzenbecher und da und dort den ersten grünen Hauch an den Weiden. Manchmal sah ich einen Fisch bei dem vergeblichen Versuch, in ein anderes Universum zu gelangen. Am elften Tag wurde die Strömung wahrnehmbar und zu stark, um gegen sie anzusegeln. Am aufge- schütteten Ufer standen Pferde und Treidelknechte bereit. Leinen wurden an Bord geworfen und festge- macht; nun wurden wir geschleppt. Am dreißigsten Tag erreichten wir endlich Köln. Schon von weitem hörte ich das dumpfe Rumpeln, Poltern und Stampfen der Walkschiffe entlang des Ufers, das Knarren und Kreischen der Kräne und das Bimmeln zahlloser Kirchenglocken. * Grit hatte mir geraten, bei der Ankunft in einer Stadt immer als erstes um Quartier in einem Kloster zu bitten, vielleicht sogar eine längere Bleibe für die Dauer des Aufenthalts zu finden, um dann von dort aus mit leichtem Gepäck Exkursionen zu unterneh- men und die Ausbeute sicher zu deponieren. In Köln hatte ich kein Glück; wo immer ich fragte, wurde ich kühl abgewiesen, in einem Fall sogar schroff. Lag es, an meinem südländischen Aussehen? Das konnte sehr wohl sein. Ich erfuhr nämlich bald, daß in den Nonnenklöstern am Niederrhein allenthalben die Angst umging und sich wachsende Aufsässigkeit ausbreitete. Es ging das Gerücht, daß Rom strengere Einhaltung der Regeln angemahnt habe und sie durchzusetzen willens sei. Befugnisse sollten be- schnitten werden, und Visitationen stünden ins Haus, um Mißstände aufzudecken und rechtliche Handha- ben für personelle Umbesetzungen zu finden. So wurden fremde Reisende besonders mißtrauisch be- äugt und von der Schwelle gewiesen, weil es leicht Schnüffler in päpstlichem Auftrag sein mochten. Überhaupt war die Atmosphäre in Köln vergiftet. Seit Jahrzehnten schon schwelte der Streit zwischen Dietrich von Moers, dem Erzbischof von Köln, der auf alte Rechte pochte und als gerissener Taktiker sei- ne Machtposition noch auszubauen trachtete, und dem Rat der Stadt, den Vertretern einer wohlhabenden und selbstbewußten Bürgerschaft, die alte Zwänge ab- schütteln und sich in Rechtsdingen nicht reinreden lassen wollte. Sie betrieb ihre eigene Politik und war bestrebt, die Privilegien des Klerus zurückzustutzen. Das schuf rechtliche Unsicherheit und eine ungute, aggressive Haltung unter den Bürgern, die sich häu- fig in handfesten Händeln und Ausbrüchen von Ge- walt entlud. Hinzu kam eine latente Hysterie, vor al- lem unter den einfachen Leuten, die von der Gelehr-, tenschaft ihren Ausgang nahm. Köln war zwar nicht Paris, aber auch hier trafen sich seit jeher die Schola- stiker verschiedener Couleur zu ihren Turnieren im Spiegelfechten und in der Haarspalterei. Es war zwar schon fast zweihundert Jahre her, daß die beiden Dominikaner Albertus Magnus, der große »Doctor universalis«, und Thomas von Aquin, der große »Doctor angelicus«, in Köln gelehrt und gewirkt hat- ten, aber ihre Autorität war in der Zwischenzeit noch weiter gewachsen. Die beiden größten Schwätzer ihres Jahrhunderts hatte Leendert de Hooghe, Grits Bekannter, sie spöttisch genannt. Das war sicher un- gerecht und so pauschal nicht aufrechtzuerhalten. Sie hatten sich große Verdienste um antikes Wissen und, im Fall von Albertus, auch in der Naturbeobachtung erworben. Ich kannte sein De vegetabilibus, für jene Zeit ein beachtliches Buch über Botanik, mit einer Menge genauer Beschreibungen. Aber beide hatten mit ihren Traktätchen über die Macht des Teufels auf Erden auch großes Unheil gestiftet und zahllose Jün- ger im Geiste gezeugt, die spitzfindig über den Tat- bestand einer durch Zauberei verursachten Impotenz, den Hexenflug und die verschiedenen Möglichkeiten des Geschlechtsverkehrs mit dem Teufel disputierten – ob »incubus« oder »succubus«, das heißt, ob der Leibhaftige während des Beischlafs darauf- oder da- runtergelegen habe. Es war eine unheilvolle Saat, die auf fruchtbaren Boden gefallen war, und sie würde, schrecklich aufgehen, wenn in den achtziger Jahren Papst Innozenz VIII. seine Bulle Summis desideran- tes affectibus herausgeben würde. Aber schon jetzt warfen die schlimmen Ereignisse ihre Schatten vor- aus. Die Menschen hatten Angst vor teuflischen Kräften und den dunklen Machenschaften seiner Handlanger. Man konnte die Exzesse der Hexenver- folgungen vorausahnen, die in Köln und Umgebung bald stattfinden würden. Es herrschte ein Klima des Mißtrauens, der gegenseitigen Bespitzelung und der Denunziation, das ich als bedrückend empfand. Ich beschloß, Köln so bald wie möglich zu verlassen und mich an meine Feldarbeit zu machen. * Es war am fünften oder sechsten Tag, als ich Zeuge einer grausamen Hinrichtung wurde. Ein Mann hatte einen Raubüberfall auf einen Tuchhändler verübt und, als dieser sich zur Wehr setzte, ihn und seinen zwölfjährigen Sohn erstochen. Er war dazu verurteilt worden, gevierteilt zu werden. Schon seit dem frühen Morgen waren Zuschauer auf dem Marktplatz zusammengeströmt, darunter viele Frauen, Jugendliche und Kinder. Sie umlager- ten die Richtstätte, als fände eine Zirkusvorstellung statt. Für mich war das Gemetzel – selbst im nano- technisch bewirkten Distanzmodus, in den ich mich, wohlweislich geflüchtet hatte – ein grauenhaftes Er- lebnis. Zu meiner Zeit war – zumindest in Europa – das Töten, auch das Schlachten von Tieren, sozusa- gen ins Off verlegt. Hier geschah es augenfällig – und man genoß ganz unbefangen die Qual der Krea- tur, wenn dieser arme Mensch mit ein paar Axthie- ben auf Fleisch und Blut, Knochen und Gehirnmasse reduziert wurde. Es war eine Szene tiefsten Entset- zens: Der blutige Kadaver, die herausquellenden Ge- därme und zerschmetterten Knochen, als die Gelenk- kapseln mit der Axt durchgehackt und die Bänder durchtrennt wurden, als der Henker vom Anus an aufwärts die Wirbelsäule in Angriff nahm, das Bek- ken spaltete, bis der Körper in vier grotesken Teilen mit je einer Gliedmaße auf der blutbespritzten Holz- bühne lag; und dann ein Mund, der nicht aufhören wollte zu schreien und noch qualvoll röchelte, bis ein letzter Hieb den Schädel öffnete. Ich fühlte mich wie erstarrt, während die Men- schen ringsum jubelten und begeistert die Augen rollten. Kleine Kinder wurden hochgehalten, damit auch sie das Schauspiel sehen konnten, und Jugend- liche schmähten den zerstückelten Leichnam und be- spuckten ihn. Sie hätten sich der Leichenteile be- mächtigt und sie im Triumph durch die Gassen ge- schleift, wären sie nicht von den Klocken, den Ge- waltrichterdienern der Stadt, mit Schlagstöcken zu- rückgedrängt worden., Schnell stahl ich mich davon und erbrach mich in einem Häuserwinkel. Ich zitterte am ganzen Körper. Am Brunnen spülte ich mir den Mund aus und wusch mir das Gesicht, als könnte ich damit die gräßlichen Bilder loswerden. Verzweifelt versuchte ich mir klarzumachen, daß in meiner Heimatwelt bei Kriegs- ereignissen, Terroranschlägen oder Verkehrsunfällen und Flugzeugabstürzen ähnliche Verstümmelungen vorkamen, doch die Medien hielten sich bei der Zur- schaustellung auf Druck der Öffentlichkeit weitge- hend zurück. Hier waren die Grausamkeiten eine öf- fentliche Lustbarkeit, ein makabres Schauspiel. Wa- ren diese Menschen animalischer, gleichgültiger, un- empfindlicher für Leid – dem Leid anderer und auch eigener Drangsal gegenüber? Sollte es doch so etwas wie eine zivilisatorische Evolution geben, ein lang- sames – viel zu langsames – Herausführen des Men- schen aus der Barbarei, oder entwickelte er nur zu- nehmend die Kunst des Make-up, um einen ange- nehmeren Anblick zu bieten, wenn er vor den Spie- gel trat? War es die allgegenwärtige, nackte Wirklichkeit eines schrecklichen Todes, die den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele bei den Menschen dieser Zeit so bestärkte? Die Seele war der unverletzliche und unzerstörbare Teil, an dem sie ihre Hoffnung festmachten. Sie war der Garant für eine Existenz über den Tod hinaus. Mit ihr war jeder einzelne, und, sei er noch so unbedeutend und unwürdig, persönlich eingebunden in die Welt- und Heilsgeschichte. Die Seele konnte nicht verlorengehen, denn sie hatte am Tag des Jüngsten Gerichts vor den Richterstuhl Got- tes zu treten und Rechenschaft abzulegen. Das gab in allen Fährnissen und angesichts des Todes die Ge- wißheit, mehr zu sein als ein verletzlicher Leib. Die- se Gewißheit war vielen von uns Nachgeborenen ab- handen gekommen. Ich suchte in mir vergeblich nach diesem Trost, dieser Zuversicht. Ich stand unter Schock und lag die ganze Nacht wach. Immer wieder traten mir die schauerlichen Bilder vor Augen. Ich starrte an die dunkle Decke, lauschte dem Trippeln und Fiepen der Mäuse und dem Knacken und Rascheln der Kakerlaken. Allmäh- lich wurde mir bewußt, daß ich in einer fremden Welt angekommen war, daß ich meinen Zielplaneten erreicht hatte – sonnenfern, düster und verhangen. Dabei hatte ich mich auf die Suche nach Helligkeit, nach Unberührtheit und Unversehrtheit gemacht. Steck dir solche Träume in die Botanisiertrommel, sagte ich mir, als endlich der Morgen graute. Wo immer der Mensch hingekommen ist, dieser unbere- chenbare und teuflisch schlaue Affe, hat er Dreck und Tod verbreitet – aber auch immer einen Funken Hoffnung auf eine bessere Welt mit sich herumge- tragen. Ich war hierhergekommen, um dieser Hoff- nung mehr Gewicht zu verleihen, etwas von dem zu, retten und wieder einzubringen, was durch Gleich- gültigkeit und Habgier, den beiden schlimmsten Gei- ßeln unserer Spezies, zerstört worden war. * Ich hatte bei einer Witwe in der Holzgasse Unter- kunft gefunden, in einem schäbigen Dielenhaus aus Fachwerk mit einem aufgesetzten, auskragenden Stockwerk. Im Erdgeschoß hatte es früher eine Bäk- kerei beherbergt, weshalb es von Mäusen und Kaker- laken wimmelte, die wohl immer noch Mehlreste un- ter den