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Yasmina Khadra Herbst der Chimären scanned 07-2006 3. Band der Commissaire-Llob-Trilogie. ISBN: 3-85218-358-8 Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe Nachwort von Beate Burtscher-Bechter Verlag: Haymon Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2000 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! Buch Commissaire Llob wird nach 35 Dienstjahren vor- zeitig in Pension geschickt. Man hat entdeckt, daß er auch als Schriftsteller tätig ist, und seine Krimi- nalromane, die unter dem Pseudonym Yasmina Khadra erscheinen, erregen wegen ihrer scho- nungslosen Offenheit an höchster St...
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Yasmina Khadra Herbst der Chimären

scanned 07-2006 3. Band der Commissaire-Llob-Trilogie. ISBN: 3-85218-358-8 Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe Nachwort von Beate Burtscher-Bechter Verlag: Haymon Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2000 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!, Buch Commissaire Llob wird nach 35 Dienstjahren vor- zeitig in Pension geschickt. Man hat entdeckt, daß er auch als Schriftsteller tätig ist, und seine Krimi- nalromane, die unter dem Pseudonym Yasmina Khadra erscheinen, erregen wegen ihrer scho- nungslosen Offenheit an höchster Stelle Mißfallen. Ihm wird vorgeworfen, hohe Persönlichkeiten an- zuschwärzen und Algerien in Mißkredit zu brin- gen. Tatsächlich hatte Llob in seiner Doppelrolle als Polizist und Autor einen Mehrfrontenkrieg zu führen: gegen gewöhnliche Verbrecher, gegen Ter- roristen aus dem Umkreis fundamentalistischer Gruppen und gegen viele der Mächtigen im Land wegen ihrer korrupten Praktiken. Davon handeln Morituri und Doppelweiß, die ersten beiden Com- missaire-Llob-Romane. In Herbst der Chimären hat Llob keinen kompli- zierten Kriminalfall mehr zu lösen. Aus dem Amt geschieden, wird er selbst zum Verfolgten. Es pas- siert Mysteriöses: Seine Wohnung wird durch- sucht, ein Freund benimmt sich verdächtig, im Stammcafé gehen Handgranaten hoch. Llob weiß nicht einmal, von welcher Seite die Bedrohung kommt. Und wer steckt dahinter, als ihm plötzlich die Rehabilitierung angeboten wird? Herbst der Chimären ist wohl der politischste der Commissaire-Llob-Romane von Yasmina Khadra, von denen jeder einzelne ein eindringliches Bild der kaum durchschaubaren Zustände im heutigen Algerien zeichnet., Autor Yasmina Khadra, Pseudonym des 1956 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier der algerischen Armee konnte er seine literarischen Analysen über die Tragödie sei- ner Heimat nicht unter eigenem Namen publizie- ren. In einer ähnlichen Situation wie sein Commis- saire Llob nahm er im Herbst 2000 seinen Ab- schied und ging nach Frankreich ins Exil. Im Haymon-Verlag erschienen 1999 und 2000 die ersten beiden Bände der Commissaire-Llob- Trilogie Morituri und Doppelweiß., Französische Erstausgabe: L’Automne des chimères © Éditions Baleine, Paris 1998 Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Khadra, Yasmina Herbst der Chimären. Roman / Yasmina Khadra. Aus dem Franz. Von Regina Keil-Sagawe. – Innsbruck: Haymon- Verlag, 2001 Einheitssacht.: L’Automne des chimères ‹dt.› ISBN 3-85218-358-8 © der deutschen Ausgabe: Haymon-Verlag, Innsbruck 2001 1. Auflage: August 2001 2. Auflage: November 2001 Alle Rechte vorbehalten Satz und Umbruch: Haymon-Verlag Umschlag: Benno Peter Druck und Bindung: Wiener Verlag, Himberg, Für Helga Anderle, Beate Burtscher-Bechter und Guy Dugas Denen, die nicht mehr unter uns weilen, den Frauen, den Soldaten und den Polizisten meines Landes gewidmet,

I

Ich werde dich ausspeien aus meinem Munde. Du ( …) weißt nicht, daß du bist elend und jäm- merlich, arm, blind und bloß. Apokalypse des Johannes 3, 16-17 Von allen Genies auf Erden widerfährt den unseren die größte Schmach. Sie sind die Stiefkinder der Gesellschaft. Von den einen werden sie verfolgt, von den anderen verkannt. Ihr Leben ist, solange es währt, eine dramatische Hetzjagd durch die Ab- gründe der Willkür und Absurdität. Wer nicht der Stahlklinge zum Opfer fällt, wird vom Bannstrahl sozialer Achtung getroffen oder geht an Verbitte- rung zugrunde. Verendet im Irrenhaus oder im Nirgendwo, um das Haupt eine Dornenkrone, die Adern zerstört vom Alkohol. Und der Moment, da man ihn bestattet, ist der einzige Moment, da je Bericht über ihn erstattet wird. Sein Mausoleum ist im erstbesten Friedhof das erstbeste Grab, sein Ruhm gründet allein in der Kühnheit, mit der er es wagte, Talent zu zeigen zu Zeiten, da nur zu Ehren kam, wer nicht den geringsten Funken Genie be- saß. Arezki Naït-Wali ist ein Genie. Der Beweis? Er, hat sich in einer Sackgasse in den Tiefen Bab El- Oueds* [* wörtlich „Tor zum Fluß“, Teil der Altstadt von Algier, sehr volkstümlich, Hort der Armut und Zentrum der Islamisten] verkrochen, hinter dem Geplärr der Kin- derhorden und den Wäschebergen wimmelnder Familienclans. Hätte er andernorts das Licht der Welt erblickt, hätte sein Ruhm vermutlich hell wie tausend Sonnen gestrahlt. Hier aber gilt er als Schattengestalt. Ein Wohnhaus, das nur so starrt vor Schmutz, ein Treppenhaus, das ausschaut wie eine öffentliche Bedürfnisanstalt, und schon kommt hinter der Tür mit der Nummer 13 ein ärmlicher Greis hervor, zittrig und schlotternd wie Aspik. Arezki hat den tragischen Gesichtsausdruck der algerischen Intellektuellen. Ein bleiches Gespenst mit zwei Augen, daß es einem das Herz durch- bohrt, dazu die Hände eines Gefolterten. „Wie hast du es geschafft, mich hier zu finden?“ „Ich habe die Fundamentalisten nach dem Weg gefragt.“ Er lächelt, wobei seine Nase, die ohnehin schon Halbmast zeigt, sich fast ganz über seinen Mund herabsenkt. Er weicht beiseite wie ein schlaffer Vorhang. Hätte ich die Wahl zwischen ewigen Höllenqualen und dem Anblick des Elends, der sich da vor mir auftut, im Interesse meines Seelen- friedens zögerte ich keine Sekunde, für alle Zeiten in der Hölle zu schmoren. „Meine Putzfrau ist krank“, flunkert er mich an,, um das Gesicht zu wahren. Mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte, um das meine zu wahren. Mein Schweigen ist für uns beide peinlich. Er blickt sich um, als gäbe es da etwas, an dem er sich festhalten könnte, entdeckt in einer zugemüllten Zimmerecke ein Bündel, nimmt es unauffällig an sich und macht mir ein Zeichen, daß er startklar ist. Ich nicke und sage: „Ich warte im Auto auf dich.“ Wir durchqueren, ohne es zu merken, die ganze Stadt, ich nervös auf mein Lenkrad eintrommelnd, er mit seinem Bündel im Arm. Nicht ein einziges Mal bekundet er Interesse für das Menschenge- wühl, das ziellos die Gehwege überflutet, noch für die Autofahrer, die uns rücksichtslos in wildem Slalom überholen. Zusammengesunken sitzt er da, sein Blick klebt an der Windschutzscheibe, seine Lippen sind wie vernarbt. Trotz der glühenden Sommerhitze hat er noch nicht mal daran gedacht, die Scheibe herunterzukurbeln. Ich weiß nicht wa- rum, doch als ich ihn so sehe, steigt plötzlich Groll gegen die ganze Welt in mir auf. Nach einer guten Stunde Fahrt, als wir eben in den Pfad der Verderbnis einbiegen, der weit von jeder überwachten Straße wegführt, höre ich, wie er den Griff um sein Bündel lockert. Ich spähe aus den Augenwinkeln nach ihm, warte auf eine Reak- tion. Ich hatte gedacht, er würde auf das Armatu- renbrett einschlagen oder den Boden des Fahrzeugs, mit Tritten traktieren, doch nicht die geringste brüske Bewegung. Nur sein Adamsapfel zuckt im kahlen Hals auf und ab, dann, Sekunden später, klingt seine Stimme in einem pathetischen Gurgeln auf: „Hat er sehr gelitten?“ „Andere haben Schlimmeres durchgemacht.“ Sein Atem gerät einen Moment aus dem Takt, wird wieder regelmäßig. „Ich habe dich gefragt, ob er gelitten hat!“ „Jetzt leidet er nicht mehr.“ „Schußwaffe?“ „Das macht ihn auch nicht wieder lebendig.“ Plötzlich sind seine Hände auf dem Lenkrad und nötigen mich zu einer Vollbremsung am Straßen- rand. „Ich will es wissen!“ Ich stoße ihn wütend auf seinen Sitz zurück. „Was willst du wissen, Arezki Naït-Wali? Liest du keine Zeitungen, hörst du kein Radio? Wir sind im Krieg. Dein Bruder ist tot, Punkt und Schluß.“ Er umklammert wieder sein Bündel, starrt weiter auf die Windschutzscheibe. Eine Minute lang ver- sucht er, dem Beben seiner Kinnspitze Einhalt zu gebieten. „Ich möchte es auf keinen Fall erst im Dorf erfahren, Brahim. Für mich ist es wichtig, hier und jetzt Klarheit zu haben.“ Er seufzt, und in diesem Seufzen liegt so viel an Kummer und Leid, daß meine Hand sich wie von selbst auf seine legt. Ich nehme all meinen Mut zusammen, bevor ich, antworte: „Klinge.“ Mir ist, als könnte ich die Explosion wahrneh- men, die ich tief in ihm drin ausgelöst habe. Lang- sam, ganz langsam schrumpft er zusammen, wird so klein, daß ich den Eindruck habe, ich könnte ihn von Kopf bis Fuß mit meiner hohlen Hand umfan- gen. „Neiiin!“ Aufstöhnend läßt er sich nach hinten fallen. Und beginnt zu weinen. * * * Die Beerdigung findet auf dem alten Friedhof von Igidher* [* Berberdorf in der Kabylei (östlich von Algier) – Kabylen (von. arab. „qibla“ = Stamm) heißen die algeri- schen Berber, die 20-30 Prozent der Gesamtbevölkerung Algeriens ausmachen. Sie gelten traditionell als „rebellisch“ und stehen in Opposition zum totalitären Regime, das ihre sprachliche und kulturelle Besonderheit unterdrückt.] statt. Viele sind gekommen, wollten es sich nicht neh- men lassen, den Toten zu seiner letzten Ruhestätte zu geleiten. Aus der ganzen Gegend sind sie her- beigeströmt. Würdige Greise, stattliche Männer, junge Leute, sichtlich unter Schock. Idir Naït-Wali war keiner von den Notabeln. Ge- wiß, er hatte einen der bedeutendsten Maler des ganzen Landes zum Bruder, gewiß, sein Name erhob den Stamm in den Rang einer Nation, doch als Philosoph, der um den Wahn weltlicher Eitel- keit wußte, war es ihm gelungen, eine aufrechte,, zurückhaltende Gestalt zu bleiben, wie schon sein Vater, sein Großvater und seine Ahnen es gewesen waren. Ein geborener Hirte und unrettbarer Träu- mer, Künstler nach Lust und Laune und Krieger wider Willen. Sein Leben spielte sich im Schatten seiner Ölbäume ab, nie sah man ihn anders als mit dem Turban auf dem Kopf und der Flöte in Reich- weite seiner Seufzer. Er besaß rund zwanzig Scha- fe, denen er hingebungsvoll beim Grasen zusah, ein Fleckchen Land am Ausgang vom Dorf und die warme Zuneigung der Seinen. Er war primitiv, weil er authentisch war, und seine Tage spulte er ab wie andere die Perlen an ihrem Rosenkranz, ohne Getue, ohne Tamtam, ohne weltbewegende Überzeugungen, überzeugt wie er war, daß das Glück – jedwedes Glück – eine Frage der Mentali- tät sei, weiter nichts. Gerade spricht der Imam: „Das schlimmste Un- recht, das man dem lieben Gott antun kann, besteht darin, jemandem das Leben zu nehmen. Denn nir- gends zeigt sich die Großzügigkeit des Herrn ein- drucksvoller als im Geschenk des Lebens.“ Neben mir steht Arezki und reibt sich pausenlos die Hände an den Hüften trocken. Er hört nicht, was der Imam sagt, sieht nicht die Vögel, die sich in den verkümmerten Bäumen die Seele aus dem Schnabel schreien. Von Zeit zu Zeit fällt sein ver- störter Blick auf den weißumhüllten Körper seines Bruders. Und erst dann faltet er, der so zerbrech- lich und zerrupft aussieht, die Hände vorm Bauch, und beugt das Genick noch ein wenig mehr vorn- über. Kaum sind die ersten Schaufeln Erde auf den Leichnam gefallen, hat Arezki sich schon abge- wandt. Ich folge ihm bis zur Straße, durch die sich zahllose Risse ziehen, und weiter hinauf bis auf den Hügel, auf den er als Kind immer mit seinem Bruder lief, um von dort oben Echos über das zer- klüftete Land zu werfen. Selbstvergessen lehnt er an einem Feigenbaum, einen Arm auf dem Stamm ausgestreckt, den Kopf gegen den Handrücken gestützt, selbstvergessen, eine Ewigkeit lang. Mir fehlen die Worte. Stumm verharren wir dort, zwischen Himmel und Erde, winzig und stumm, zwei Staubkörnern gleich. Um uns herum, so weit das Auge reicht, verwüstetes Land. Mein Blick fällt auf ausgedörrte Obstgärten, kahle Hügelkuppen und Geisterflüsse, die dabei sind, ihrer Verlassenheit von Gott und der Welt Gestalt zu geben. Am Fuß des Bergs, hin- ter seinen Elendshütten verschanzt, modert Igidher in der Sonne vor sich hin, undurchdringlich wie die Wege des Herrn. Meine Heimat ist nur noch ein unermeßlicher Schmerz … Hier bin ich geboren, vor sehr langer Zeit. Man nannte es die Zeit der Kolonien. Damals waren die Felder so unermeßlich weit, daß jenseits des Bergs, so schien es mir, das Nichts begann. Der Weizen stand mir bis zu den Schultern, und doch hatte ich ständig Hunger, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ich, verstand schon damals nicht, aber es war mir egal: Ich hatte das Glück, ein Kind zu sein. Wenn ich dem Flug der Libelle zusah und mir dabei selber Flügel wuchsen, wenn die Kaskaden meines La- chens ins plätschernde Wasser der Brunnen tropf- ten, wenn ich wie toll durchs Farnkraut tobte, ob- wohl jeder Schritt wie ein Zweikampf war, wußte ich: ich war als Dichter geboren wie der Vogel als Sänger, und wie dem Vogel so fehlten auch mir nur die Worte, es zu sagen. Und heute, da verstehe ich noch immer nicht. Ich taste mich vorwärts wie ein Blinder im hellen Ta- geslicht. Zwar habe ich die Fesseln längst abge- streift, doch der Lorbeer des Freigelassenen ist mir wie eine Scheuklappe. Mein Prophetenblick hat jeden Halt verloren. Fast schäme ich mich für den Erwachsenen, der aus mir geworden ist, und erwar- te mein Alter mit demselben Argwohn wie andere den Gerichtsvollzieher, denn die Dinge hienieden machen mich längst nicht mehr träumen. Die Nacht zieht schwarzgallig über dem alten Stammland der Naït-Wali herauf. Einst ein wun- dervoller Augenblick. Die Sterne waren zum Grei- fen nah. Die heiligen Schutzpatrone der dechra* [* Dorf, Gemeinde] wachten über uns. Wir schauten dem Tanz der Irrlichter über der Öllampe zu und waren mit allen Dingen und Wesen versöhnt. Wir waren arm, aber nicht unglücklich, lebten für uns, aber nicht vereinsamt, waren ein Stamm und wuß-, ten, was das hieß. Die Faszination der Ferne, die Verheißungen der Großstadt, die lockenden Ge- sänge der Chimären … nichts davon kam dem Schellenklang an den Hälsen unserer Ziegen gleich. Wir waren eine Rasse freier Männer, und wir hielten uns fern von der Welt, ihren Bestien und Höllenhunden, ihren Machern und Machen- schaften, ihren Protesten und Manifesten, ihrem Industrielärm und ihrem Investitionsgeschrei … Heute hat der Abend sämtliche Lichter ver- schluckt. Schaudernd erbleichen die Sterne am Himmel von Igidher. Das Höllentier ist da. In der Stille des Untergrunds schickt es sich an, uns das Leben zu verdüstern. „He, Brahim, du stößt gleich mit einem Satelliten zusammen!“ Ich schrecke hoch. Mohand läßt sich neben mich fallen, das Gewehr zwischen die Schenkel geklemmt. „Komm auf die Erde zurück, alter Freund“, fügt er hinzu. „Das Spiel läuft hier.“ Er kramt eine Schachtel Zigaretten hervor, hält mir eine hin: „Rauchst du?“ „Nein, danke.“ Er betätigt das Feuerzeug, macht drei gierige Lungenzüge und atmet durch die Nase aus. Unten in der Ferne, am Fuß des Hügels, schimmert der Weiler Imazighène wie eine Ansammlung von Glühwürmchen. Ich lege einen Stein mit der Schuhspitze frei und, befördere ihn in den Graben. Mohand dreht sich zu mir um, sucht meinen Blick. Er bläst mir seinen weingeschwängerten Atem ins Gesicht. „Schnupperst du wieder am Korken?“ „Die Landluft ist auch nicht mehr, was sie mal war.“ „Was genau ist passiert?“ „Wir haben ihn in seinem Gemüsegarten gefun- den, mit durchschnittener Kehle.“ „Und weiß man, wer’s war?“ „Da muß man nicht lang suchen.“ „Warum ausgerechnet Idir?“ „Er war zufällig da, weiter nichts. Seit ein paar Tagen wird vor einer Gruppe von Marodeuren hier in der Gegend gewarnt. Sie haben sich den Erstbes- ten, der ihnen über den Weg lief, geschnappt. Ihre Art, uns wissen zu lassen: Hallo! Wir sind wieder da!“ Mohand betrachtet das glühende Ende seiner Zi- garette, bevor er sie auf einem Stein ausdrückt. Der Abendwind bläst die Funken durchs Gebüsch. Wir verstummen für einen Moment und lauschen dem nächtlichen Grillengezirpe. „Glaubst du, sie werden wiederkommen?“ „Die sollen nur kommen, wir sind bereit.“ Wie- der sucht er meinen Blick. „Wie lange wird das noch so weitergehen, dieser Mummenschanz, Bra- him?“ „Das fragst du mich?“, „Igidher ist nicht Algier. Hier hat man keine Zeit, das alles zu verstehen.“ „Drüben in Algier weiß man auch nicht mehr, welchem Teufel man noch vertrauen kann. Es ist die Hölle, Mohand, ein heilloses Durcheinander, der größte Schwindel, den du dir nur vorstellen kannst.“ Er stampft mit dem Gewehrkolben auf den Bo- den. „Was um alles in der Welt machen denn unse- re Verantwortlichen?“ Jetzt bin ich es, der sich zu ihm umdreht. Und was ich in seinen ausgemergelten Zügen lese, ver- stört mich gewaltig. Er ist verdammt alt geworden, der gute Mohand. Als ich ihn das letzte Mal sah, da hatte er kein einziges weißes Haar. Drei Jahre spä- ter, und schon auf der Schwelle zum Greisenalter. Hat mehr Falten als ein altes Pergament, und der Blick seiner Augen, der früher so packend war, brennt heute unerträglich. „Die Verantwortlichen? Welche Verantwortli- chen? Meinst du die Komiker, die man in den Nachrichten sieht, diese hoffnungslosen Hanswürs- te? In unserem Land, Mohand, gibt es nichts als Schuldige und Opfer. Wenn du ein Problem hast, ist es dein Problem.“ Meine Direktheit schockiert ihn. Er steht auf, umklammert wütend sein Gewehr und stapft mit gebeugtem Rücken davon. Ich sehe ihm nach, bis er die Piste erreicht. Ein ratloses Gespenst. Dann stehe ich ebenfalls auf, klopfe mir den, Staub vom Hosenboden und gehe hinauf in den Patio, wo die Alten und Freunde einem gramerfüll- ten Arezki Beistand leisten. Gegen Mitternacht beginnt das Lamento allmählich zu verebben. Einer nach dem anderen verlassen Verwandte und Bekannte das Haus, auf leisen Soh- len, ein wenig verschämt, den Künstler in seinem Kummer allein zu lassen. Ehe Mohand sich als letzter zum Gehen anschickt, schaut er sich das zerknitterte Foto des Verblichenen, das an der Wand hängt, aus der Nähe an. Seine Mundwinkel zucken, vermutlich um seine aufsteigende Wut zu unterdrücken. Er wiegt den Kopf, bemerkt: „War ein zawali* [* armer Kerl], einer der Stillen im Lande, der sich mehr um das Wohlergehen seiner Schafe als um die eigene Krebskrankheit sorgte. Ich bin sicher, er fand es noch nicht einmal der Mühe wert, sich ge- gen seine Mörder zur Wehr zu setzen.“ Ich betrachte mit ihm zusammen Idirs Porträt. Er war ein eingefleischter Junggeselle, dem nichts über seine Unabhängigkeit ging. Lebte wie ein in sich versponnener Einsiedler, der sein Glück in der heiteren Stille der Waldwiesen fand. Jetzt, da er tot ist, frage ich mich, ob er jemals wirklich existiert hat. Mohand schaut auf seine Armbanduhr. „Zeit für die Patrouille. Meine Männer sind bestimmt schon unruhig … Seid Ihr sicher, daß Ihr hierbleiben, wollt?“ „Gute Nacht!“ rufe ich ihm zu und ziehe mir de- monstrativ die Schuhe aus. „Gut, dann gehe ich jetzt. Ich werde drei oder vier Männer in der Nähe postieren, für den Fall, daß es diesen Irren einfallen sollte, an den Ort ihres Verbrechens zurückzukehren.“ Ich zeige auf meine dicke Knarre. „Wir sind ge- wappnet.“ Mohand nickt und zieht sich zurück, nicht ohne sorgfältig die Tür hinter sich zu schließen. „Versuch zu schlafen“, brumme ich Arezki zu und mache mich auf einer Strohmatte lang. Ich rücke das Kopfkissen gegen die Wand, lasse meine Faust einmal drauf niedersausen, damit es sich be- quemer liegt, schiebe meine 9mm-Pistole darunter und verschränke die Hände im Nacken, so daß ich Arezki im Blickfeld habe. Der Bürgermeister hat uns eingeladen, die Nacht in seinen Räumlichkeiten zu verbringen, aber A- rezki wollte unbedingt im ärmlichen Loch seines Bruders bleiben, zwischen den vorsintflutlichen Möbeln, die in ihrer schlichten Archaik das Herz anrühren, und den nicht greifbaren Erinnerungen. „Soll ich dir vielleicht noch ein Wiegenlied sin- gen?“ Arezki blickt mich strafend an. „Du hast aber auch vor nichts Respekt.“ „Hör auf mit dem Gejammer! Idir schläft längst. Versuch, es ihm nachzutun. Morgen fahren wir in, aller Früh zurück. Ich habe nicht die Absicht, einen Kran anzuheuern, um dir auf die Beine zu helfen.“ Arezki ist außer sich. „Ich fahre nicht mit.“ „Aber sicher fährst du mit.“ „Mein Platz ist hier.“ „Sei so gut und mach endlich das Licht aus. Die- se unmögliche Glühbirne geht mir auf den Geist.“ Er löscht das Licht. Ich ziehe mir die Decke übers Gesicht und die Knie bis zur Nasenspitze hoch, dann rühre ich mich nicht mehr. Nichts hilft besser als die Dunkelheit, einem Mann die Last von der Seele zu nehmen. „Schon zurück, Kommy?“ Lino setzt die Sonnen- brille ab, sieht mich an und macht dabei ein Ge- sicht wie eine Springmaus, die in ihrem Bau unver- sehens eine Schlange entdeckt. „Hast wohl gehofft, ich würde für immer in der Pampa verschwinden?“ „Ich dachte, du bleibst noch ein paar Tage, um aufzutanken.“ „Gib schon zu, daß du auf den Geschmack ge- kommen bist!“ Lino stößt die Tür mit dem Absatz zu und läßt sich auf den Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch, fallen. Er wischt sich die Brille am Hemd ab und setzt sie wieder auf. „Und, wie läuft es so in der Heimat?“ „So wie überall.“ „Und dein Freund, der Künstler?“ „War ein schwerer Schlag für ihn. Ich mußte ihn in der Zwangsjacke nach Algier zurückschleifen. Im Dorf hätte er eine prima Schießscheibe abgege- ben.“ „Und unterwegs ist nichts passiert?“ „Wir hatten bloß Glück. Nächstes Mal fordere ich Geleitschutz an.“ „Aha.“ Lino mustert eingehend seine Fingernä- gel, die Augenlider halb geschlossen. Sein Mangel an Enthusiasmus läßt in mir alle Alarmglocken läuten. Ich verstehe, daß während meiner Abwe- senheit irgend etwas passiert sein muß. Ich schiebe das Telefon beiseite, um den auswei- chenden Blick des Leutnants einzufangen. Er wen- det sich ab und tut so, als interessiere er sich bren- nend für die Dienstanweisungen, mit denen die Wand tapeziert ist. „Schieß schon los!“ ermuntere ich ihn. „Ich bin immun.“ Er verzieht nur den Mund. Fünf Sekunden lang knetet er seine Finger durch, unfähig, sich zu ent- scheiden, ob er die Katze am Schwanz oder am Schopf packen oder besser gar nicht erst aus dem Sack lassen soll. „Ich war doch nur zwei Tage weg“, schimpfe ich., „Du willst mir doch wohl nicht weismachen, ich hätte den Höhepunkt meiner Laufbahn in so kurzer Zeit verpaßt!“ Er mobilisiert alle seine Kräfte, um mir schließ- lich mit schwankender Stimme zu antworten: „Du bist nicht auf dem laufenden?“ „Kommt darauf an.“ „Im Sekretariat vom Chef liegt ein Umschlag für dich.“ „Wenn man dich so hört, könnte man meinen, es handle sich um meinen Totenschein.“ „Ziemlich gut getroffen.“ Ich spüre, wie meine Innereien sich unentwirrbar verknoten. Lino fährt fort, seine Finger zu traktieren. Seine Backenknochen hüpfen auf und ab, seine Lippen haben sich olivgrün verfärbt und beben verdächtig. Da klingelt plötzlich das Telefon und versetzt mich auf der Stelle in eine Art Starrkrampf. Als ich ab- hebe, spüre ich, wie meine Hand zittert. Am Ende der Leitung näselt die Stimme des Di- rex und gibt mir den Rest. „Brahim?“ „Ja, Herr Direktor.“ „Hast du eine Minute Zeit?“ „Sofort, Herr Direktor.“ Zwei Anläufe brauche ich, bis der Hörer wieder ordentlich auf der Gabel liegt. Peinlich berührt von meiner Beklommenheit, macht sich Lino daran, seine 08/15-Brille auf Schönheitsfehler hin abzusuchen., „Es geht ja schon los …“, stammle ich. „Ich fürchte ja“, nickt er betrübt. Ich schnappe meine Jacke und sause über den Korridor. Die Belegschaft weicht vor mir zurück wie vor einem Leichenzug. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, daß sich alle hinter mir bekreuzigen. Ab dem zweiten Stock lassen mich meine Beine im Stich. Ich muß mich am Geländer hochziehen. Dabei war ich doch schon immer aufs Schlimmste gefaßt. Und jetzt, wo es passiert ist – die blanke Panik. Abgemagert ist er, der Direktor. Vor drei Tagen hatte er noch blendend ausgesehen. Woraus ich schließe, daß er eine kräftige Abreibung hinter sich hat. Seine bleiche Miene verstärkt mein Unbeha- gen. Schon von weitem weist er mir mit schlaffem Gestus einen Sessel zu. Mit trockener Kehle und rauchenden Ohren nehme ich Platz. „Da hast du dich mächtig in die Nesseln gesetzt, Brahim!“ kanzelt er mich oberlehrerhaft ab. „Und ich kenne kein Mittel, das gegen diese Brandblasen hilft.“ Ich versuche, die Stirn zu runzeln – vergeblich. Meine Stimmbänder drohen, beim geringsten Laut zu zerreißen. Also verschränke ich nur still die Hände und warte ab, daß das Unwetter über mich hereinbricht. Der Direktor greift nach einem Blatt, schleudert, es mir ins Gesicht. Ich fange es ab und überfliege es hastig, ohne den Inhalt recht zu begreifen. „Vorladung zum Großen Manitu“, klärt er mich auf. „Es spricht alles dafür, daß du dort sämtliche Federn lassen wirst.“ Ich schlucke krampfhaft. Er fügt vorwurfsvoll hinzu: „Du bist stur wie ein Maulesel, Kommissar. Ich habe dich oft genug gewarnt.“ „War es das?“ „Reicht dir das nicht?“ Ich lege das Papier auf den Schreibtisch zurück und stehe auf. Er steht ebenfalls auf, bringt mich zur Tür. Dort faßt er mich bei der Schulter und vertraut mir an: „Ich weiß zwar nicht, wie weit mein Einfluß reicht, aber ich möchte, daß du weißt, daß ich meine Leute nicht so einfach fallenlasse.“ Ich nicke und entferne mich im Gefühl, einen Weg mit ungewissem Ausgang anzutreten, auf dem ich mich auf Schritt und Tritt ein Stückchen mehr auflöse. Sobald man sich in Algier hinter seinem Schreib- tisch hervor- oder aus seinem Loch herauswagt, ist man in Feindesland. Man versuche bloß nicht, beim Taxifahrer auf Mitleid zu machen, dem, Schalterbeamten ein freundliches Wort zu entlo- cken, das Mitgefühl des Pförtners zu wecken – es ist schon ein Wunder, wenn er einen überhaupt zur Kenntnis nimmt. Wo immer man sich mit seinem Weltschmerz blicken läßt, man fühlt sich wie ein Aussätziger. Nirgendwo zeigt sich Entgegenkom- men. Nirgends wird einem ein aufmunterndes Lä- cheln zuteil. Stattdessen wird man überall kurz abgefertigt, abgewürgt und angeschnauzt, daß ei- nem alsbald das Herz in die Hose sinkt und man sich mit der Zeit daran gewöhnt, seine Würde an der Garderobe abzugeben und seinen Stolz auf der Fußmatte abzulegen, denn dort, wohin es einen verschlagen hat, sollte man sich gefälligst ducken. Als jemand, der diese Spielchen kennt, lasse ich, kaum habe ich den Vorraum der Délégation betre- ten, mit stoischem Gleichmut die Arroganz der Türsteher, das Mißtrauen der Sicherheitsdienstler, die Verachtung der Unter-Unter-Untergebenen über mich ergehen. Nachdem sie mich gründlich durchgecheckt ha- ben, schubsen sie mich in eine Art Verlies und ü- berlassen mich stundenlang mir selbst, ohne eine Tasse Kaffee, ohne jeden Kommentar. Nicht ein- mal einen Aschenbecher gibt es, um sich wenigs- tens am Glimmstengel festzuhalten. Der Verschlag ist gerade mal zwei Quadratmeter groß, trübselig, grau, mit niedriger Decke und fensterlos: ideal, um bei einem Tier einen Koller auszulösen, bis es vor Erschöpfung tot zusammenbricht., Der Herr Kabinettsdirektor entsinnt sich erst dann meines Martyriums, als ich schon anfange, wie ein Ragout in meiner Nachtwächterjacke vor mich hin zu schmoren. „Hier entlang, Monsieur Llob“, bittet mich ein Sekretär mit der zuvorkommenden Höflichkeit des Scharfrichters, der dem Schelm den Weg zum Schafott weist. Eine turmhohe Tür geht auf und gibt den Blick frei auf einen riesigen Saal, der nur so starrt vor Trophäen, Wappen und Monumentalgemälden. Eine Falltür, unter der mein Verderben klafft. So kommt mir das vor. Fast hätte ich mir den Knöchel auf dem Teppich verstaucht. Nicht wegen der ge- stampften Erde, die ich tagaus tagein unter meinen Füßen habe, sondern einfach, weil ich mich nie- mals an die sumpfigen Gefilde in dieser Höhenlage werde gewöhnen können. Monsieur Slimane Houbel thront inmitten seiner Kommandozentrale, umgeben von Telefonschnick- schnack, Glückwunschkarten und angeberischen Aktenbergen – man muß die Besucher doch glau- ben machen, daß ein hoher Beamter bis zum Hals in Arbeit versinkt und nicht so hopplahopp wieder daraus auftauchen kann. Er lockert seinen Krawattenknoten, breitet seine Geierflügel aus und versinkt für einen Moment in Meditation – ein Gott, der nicht versteht, warum die Welt, die er geschaffen hat, ihm plötzlich ent- gleitet., Mit mir ist gar nichts los. Immer, wenn ich vor einem Vorgesetzten stehe, befällt mich das fatale Gefühl, etwas Schreckliches angestellt zu haben. Trotz meiner unterm Strich untadeligen Reputation beschleicht mich ein vages Schuldbewußtsein, und ich ertappe mich dabei, wie ich den Kopf einziehe, mich geradezu demütig aufführe. Monsieur Houbel liest in meinem Blick, wie ich mich innerlich vor ihm ducke, fühlt sich ermutigt und schiebt mir, statt mir erstmal einen Platz anzu- bieten, sofort ein Buch zu. „Was soll das sein, Kommissar?“ Ich schlucke, aber der Kloß in meinem Hals löst sich nicht auf. Nach einer titanischen Anstrengung höre ich mich hervorpressen: „Ein Buch.“ „Diese Fäkalie nennen Sie Buch?“ Jetzt spielt mein Adamsapfel verrückt. Er setzt sich auf Höhe meines Gaumens fest und bleibt stur da stecken. Slimane Houbel fletscht die Zähne mit der Schamlosigkeit eines Esels, der den Schwanz hebt. Er mustert mich eingehend von Kopf bis Fuß, un- schlüssig, ob er mich anspucken oder einen Scheu- erlappen aus mir machen soll. „Halten Sie sich denn tatsächlich für einen Schriftsteller, Monsieur Llob?“ Mit sorgfältig manikürtem spitzen Finger stößt er mein Opus* [* „Morituri“, dt. im Haymon-Verlag, 1999] von sich, als handle es sich um Unrat: „Dieses gro- teske Machwerk hat nicht seinesgleichen, es sei, denn die Niedertracht seines Verfassers. Sie versu- chen die Gesellschaft, in der Sie leben, bloßzustel- len und haben sich dabei doch nur selbst blamiert und den letzten Rest Wertschätzung, den ich für Sie noch zu haben glaubte, mit Erfolg vernichtet.“ „Monsieur …“ „Ruhe!“ Ein Spritzer Spucke landet dicht unter meinem Auge. Er erhebt sich. Seine wohlgenährte Statur über- ragt mich bei weitem, läßt mich in seinem Schatten verschwinden. Er ist der Boß. Und bei uns hat Macht nichts mit Kompetenz zu tun. Ihre Stärke liegt in der Bedrohung, die von ihr ausgehen kann. Zu seiner Linken blinkt ein Licht. Er drückt auf einen Knopf und wiehert ins Mikro: „Ich bin für niemanden zu sprechen, Lyès. Nicht einmal für den Raïs* [* Staatspräsident].“ So einfach ist das! Der Boden vibriert, als er um den Schreibtisch herumkommt, um mir ins Weiße vom Auge zu sehen. Und wenn er sich zehnmal mit Dior be- stäubt, sein Atem wirft mich fast um. „Ich hoffe, ich teile Ihnen nichts Neues mit, wenn ich Ihnen sage, daß der letzte Trottel Ihr Gesudel dem analen Stadium der Literatur zuordnen würde, Monsieur Llob. Ihre Stilübung hat mehr mit Hirn- wichserei als mit einem echten geistigen Impuls zu tun. Es wäre geradezu ein Kompliment, Sie einen Schreiberling zu schimpfen.“, Jetzt macht er mich so richtig fertig. Das ist sein Vorrecht als Chef. So ist das bei uns: Man kann der größte Kriegs- held sein, doch ein niedriger Dienstgrad hat sich an den Tressen und am IQ zu zeigen. Als Untergebe- ner hat man die verdammte Pflicht und Schuldig- keit, seinen Geist unter Verschluß zu halten. Ich schaue mir den Despoten an – eine reinrassi- ge Ausgeburt der Zarenrepublik: jung, reich, breit- schultrig genug, das himmlische Manna aufzufan- gen, niemals gefährdet, niemals bedürftig, an je- dem Finger eine Intrige und in jedem Palast eine Suite, dazu zwei Füße, um mich in Grund und Bo- den zu stampfen. Und ich, Brahim Llob, ein Monument an Loyali- tät, doch auf tönernen Füßen, mit achtundfünfzig fast schon senil, bald als Sprungbrett, bald als Fuß- abtreter mißbraucht, ich, der ich meine Nächte in kalten Autos und meine Tage am Schießstand verbringe, ich stehe stramm und lasse mich fertig- machen wie ein Köter, ich, der ich fröhlich jeden Tag, den Gott geschaffen hat, meine Haut riskiere, damit Heuchler wie er, undankbar und selbstherr- lich, weiterhin ungestraft wüten können. Slimane Houbel nimmt sich Zeit, ein Staubkörn- chen von seinem Hemd zu entfernen. Er benetzt einen Finger mit der Zungenspitze und macht sich daran, es mit umständlicher Besessenheit wegzu- putzen. Er brummt: „Monsieur le Délégué hat mich be-, auftragt, Ihnen mitzuteilen, wie sehr die Lektüre Ihres Machwerks ihn angewidert hat. Wären da nicht Ihre langen Dienstjahre und Ihre Vergangen- heit als Freiheitskämpfer …“ „Monsieur Houbel“, unterbreche ich ihn aufge- bracht, „warum haben Sie mich kommen lassen?“ Da fährt er auf, der Herr Kabinettschef. Seine Brauen ziehen sich zusammen, seine Nüstern be- ben wie der Beutetrichter eines Ameisenlöwen. „Ja, was glauben denn Sie, Kommissar, weshalb Sie hier sind? Haben wir früher vielleicht zusam- men Kühe gehütet?“ „Sie sagen es.“ Er merkt, daß ich anfange, die Situation in den Griff zu kriegen, und ist eine Spur verunsichert. Er weicht meinem Blick aus und klopft auf das Buch: „Was soll dieser Mist?“ „Das ist kein Mist!“ „Und ob! Ein Riesenmist sogar, mit sämtlichen Ingredienzien: Schamlosigkeit, Dämlichkeit …“ „Ich schulde Ihnen Rechenschaft als Polizist, nicht als Schriftsteller.“ „Schweigen Sie!“ Einen Millimeter näher heran, und sein Gesabber wäre mir voll ins Auge gespritzt. Ich habe die Kanonen der Artillerie donnern hö- ren, doch Slimane Houbels Gebrüll ist weit ein- drucksvoller: Er verfügt über die Abschreckungs- gewalt des Amtsmißbrauchs. Er schnäubt sich geräuschvoll, um seine Wut ein-, zudämmen. Seine Augen springen gleich auf mich los: „Ich erinnere Sie daran, daß Sie Staatsbeamter sind und sich folglich eine gewisse Zurückhaltung auferlegen sollten. Wir haben Ihnen bislang er- laubt, Ihre Eseleien zu veröffentlichen, doch wir sind nicht bereit, Verirrungen solchen Ausmaßes hinzunehmen. Sie sind zu weit gegangen. Sie ha- ben sich viele Leute zu Feinden gemacht. Niemand wäre jetzt gern an Ihrer Stelle, nicht um allen Dich- terlorbeer der Welt.“ Er ist widerwärtig puterrot angelaufen. „Ihr Machwerk ist schändlich, einfach abscheu- lich. Ich habe schon immer gewußt, daß Sie bloß ein abgedrehter Phrasendrescher sind, ein übereif- riger Schreiberling, aber wie hätte ich ahnen kön- nen, daß Sie sich zu solchem Schwachsinn verstei- gen …! Ich bin überzeugt, daß Sie sich in Ihrer Naivität nicht einmal der Tragweite Ihrer Phantas- tereien bewußt sind.“ Weißschäumender Schleim breitet sich in seinen Mundwinkeln aus, und sein stinkender Atem kriecht bis in den letzten Winkel des Raumes. „Daß Sie ein unfähiger, frustrierter Griesgram sind, gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, Ihre Vorgesetzten zu verleumden und Ihr Land in den Schmutz zu ziehen. Sie in Ihrer Position sollten schließlich Schwarz und Weiß unterscheiden kön- nen. Natürlich kommt es vor, daß wir Fehler ma- chen, aber doch aus Versehen, nicht aus Prinzip. Algerien ist nicht ganz im Lot. Aber wenn es hier, und da ins Straucheln gerät, heißt das doch nicht, daß es völlig ins Schleudern kommt. Es ist das Schicksal junger Nationen wie der unseren, die ihren Weg suchen, Rückschläge zu erleben, Mißgriffe zu tun. Aus seinen Fehlern kann man nur lernen. Auf diesem Weg sind die Großmächte zu dem geworden, was sie heute sind. Ihr Verdienst liegt darin, daß sie stark genug waren, Widrigkei- ten in den Griff zu bekommen, das Beste daraus zu machen …“ Das Problem mit den Erbauern von Totempfäh- len liegt darin, daß sie felsenfest glauben, sie könn- ten mit einem einzigen Baumstamm den ganzen Wald verdecken und gleichzeitig noch die Wild- diebe abschrecken. „Monsieur …“ „Schweigen Sie! Sie haben weder das Zeug zum Märtyrer noch sind Sie aus dem Stoff, aus dem die Helden sind, Kommissar. Sie sind nicht einmal so lächerlich wie Ihre eigenen Figuren. Wenn Sie der Meinung sind, wir würden eine klägliche Gestalt abgeben, dann flößen Sie uns doch ein wenig von Ihrer aufrechten Gesinnung ein, vielleicht hilft uns das auf die Beine und wieder in die Gänge. Unser Volk ist erschöpft, enttäuscht, orientierungslos. Es gefiele uns gar nicht, wenn unsere Elite nur aus Schwarzsehern bestünde. Was wir brauchen, ist ein guter Stern, an den wir glauben, in dessen Licht wir unseren Weg gehen können. Miesmacherei ist nicht das, was uns derzeit begeistert. Das Stim-, mungsbarometer verlangt nach anderem.“ Plötzlich merkt er, daß sich mein Buch in seinen Händen schon halb aufgelöst hat, wackelt mit dem Haupt, wie das ein Sultan angesichts seiner un- dankbaren Eunuchen tut und fällt plötzlich in sich zusammen: „Es schmerzt mich für Sie, Kommissar … Monsieur le Délégué hat mich auch noch beauf- tragt, Sie in Kenntnis zu setzen, daß Sie sich ab heute im vorgezogenen Ruhestand befinden … Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen.“ Ein schizophrener Chef rechtfertigt noch lange keinen Aufstand, und so schlage ich die Hacken zusammen, mache auf dem Absatz kehrt und schi- cke mich an zu gehen. „Kommissar!“ Ich wende mich um. Er drückt mir den Finger aufs Brustbein: „Da gibt’s ein Sprichwort: Willst du voran, zieh nicht zu großes Schuhwerk an.“ „Stammt von mir.“ Er macht ein Gesicht, als wäre ich ihm auf den kleinen Zeh getreten. Ich war schon auf der Rue Larbi Ben M’hidi ange- langt, als mir einfiel, daß ich mein Auto auf dem Parkplatz der Délégation vergessen hatte. Ich habe, ein Taxi konfisziert und bin nochmal zurückfahren. Erst als ich hinterm Steuer sitze, kommt mir mei- ne Einsamkeit in vollem Ausmaß zu Bewußtsein. Mina und die Kinder sind noch immer in Béjaïa, und die paar Freunde, die ich habe, haben mit sich selber genug zu tun. In meiner wachsenden Ver- zagtheit finde ich nicht den Mut, ins Büro zurück- zukehren und meine Sachen abzuholen. Schlagartig kommt mir Algier so unergründlich wie eine Paral- lelwelt vor. So gebe ich Gas und fahre drauflos, immer wei- ter, durch die Gluthitze der Straßen, mit leerem Blick, hohlem Kopf, taub für das Getöse rundum, nicht wissend woher noch wohin. „Bist du farbenblind oder was, du Idiot?“ brüllt ein LKW-Fahrer mich an und zeigt auf eine Am- pel, die längst auf Grün umgesprungen ist. Seine Stimme dringt tausendfach gefiltert zu mir durch. Ich verheddere mich mit dem Schaltknüp- pel, würge mehrfach hintereinander den Motor ab. Als ich durchstarten will, springt die Ampel gerade wieder auf Rot. Ich fahre mit aufheulendem Motor los, löse ein schrilles Hupkonzert und eine gräßli- che Lawine von Flüchen aus … Willst du voran, zieh nicht zu großes Schuhwerk an! sagt die Stim- me in meinem Kopf … Ich habe dich oft genug gewarnt, näselt eine andere … Schweigen Sie … Die Stimmen jagen einander, überschlagen sich, belagern mich, hämmern auf meine Schläfen ein, gehen mir durch Mark und Bein … Wenn man dich, so hört, könnte man meinen, es handle sich um meinen Totenschein … Ziemlich gut getroffen … Monsieur le Délégué hat mich beauftragt … wie sehr … angewidert … Meine Reifen quietschen: Ich wache auf, zwei Zentimeter vor meiner Stoßstange eine Frau, die mich aus riesigen Augen anschaut und schleunigst über die Straße läuft, ihre Einkaufstasche furcht- sam gegen ihre Brust gedrückt. Die Nacht überrascht mich auf der Strandpromena- de, wie ich an einem Geländer lehne und zwischen den Lichtern des Hafens meinen Gedanken nach- hänge. Eine Polizeistreife, die ich nicht habe kom- men sehen, umstellt mich wortlos, die MPs im An- schlag, bei der kleinsten Bewegung einsatzbereit. Ein Brigadier fährt mir mit dem Schein seiner Ta- schenlampe übers Gesicht und verlangt dann meine Papiere. „Ist kein guter Platz hier, Kommissar!“ empfiehlt er mir, „es wurde ein verdächtiges Fahrzeug hier im Sektor gesichtet.“ „Wie spät ist es?“ „Ziemlich spät. Fahren Sie nach Hause.“ Ich bedanke mich und steige wieder in mein Au- to. Kaum stehe ich vor meiner Wohnungstür, klin- gelt drinnen das Telefon. Ich beeile mich ohne zu wissen warum. Vom anderen Ende der Leitung springt mich die, heisere Stimme meines Freundes Dine an: „Ich versuche schon seit einer Ewigkeit, dich zu errei- chen.“ „Die Neuigkeiten sprechen sich ja schnell her- um.“ „Vor allem die unangenehmen. Wo hast du denn gesteckt?“ „Am Strand. Hab den Kopf in den Sand ge- steckt.“ „Gefällt mir gar nicht, wenn du so redest, Bra- him. Ich baue darauf, daß du einen kühlen Kopf behältst.“ „Ich werde ihn gleich in den Kühlschrank ste- cken“, verspreche ich ihm. „Sehen wir uns morgen? Ich bin ab zehn im Café En-Nasr. Falls du meinst, ein Freund sei dazu da, einem zur Seite zu stehen, wenn man in Schwie- rigkeiten steckt, dann weißt du wenigstens, wo du ihn finden kannst.“ „Nett von dir.“ Ich lege auf. Erst als ich mich aus meiner Jacke schäle, wird mir bewußt, daß ich seit dem Morgen keinen Bis- sen zu mir genommen habe. Im Küchenschrank finde ich Brot und Käse, braue mir einen Kaffee zusammen und verziehe mich ins Wohnzimmer, um mir weiter das Hirn zu martern. Ich lasse mich in einen Sessel am Fenster fallen. Hinter den stau- bigen Scheiben sehe ich die Oberstadt, die im Nir- wana schwebt. Algier lockt keinen Nachtschwär- mer mehr an. Nur Gespenster geistern noch durch, seine Nächte. Die Stadt hat den Glauben an den Abend verloren, der sich vor schlechtgelaunten Schlaflosen prostituiert, wittert in der Ruhe nach dem Sturm schon die Ruhe vor dem nächsten … Das Klirren von Geschirr schreckt mich auf. Ich bin im Sessel eingenickt. Lino sitzt da, auf dem Sofa neben mir, hält sich an einer Tasse Kaffee fest und schaut mich ganz komisch an. „Wie bist du denn hier reingekommen?“ „Nichts einfacher auf der Welt: Du hast verges- sen, die Tür zu schließen.“ „Sieh an!“ Er setzt die Tasse auf dem Beistelltisch ab und beugt sich über meine Augenringe. Er ist besoffe- ner, als die Polizei erlaubt. „Wenn sie dich wirklich rausschmeißen, dann geb ich meinen Dienstausweis zurück“, tut er soli- darisch kund. „Ich kann mir aber keinen Fahrer leisten.“ „Das ist das letzte, worüber ich mir den Kopf zerbrechen würde. Begabung, Können, Vorbehalte, das zählt doch alles gar nichts mehr. Das einzige Beförderungskriterium, das sie uns gelassen haben, ist die Intrige. Und da werde ich mich zurückhal- ten!“ Lino glaubt nicht wirklich, was er da sagt. Er ist mein Zögling. Ich habe ihn im Geist der Sunna und der Empfehlungen der verbürgten Hadiths* [* arab. „Rede, Gespräch, Erzählung, Bericht“ – Verbürgter Aus- spruch des Propheten Mohammed. Die Hadith-Sammlungen, reflektieren die Lebensgewohnheiten („Sunna“) des Prophe- ten und gelten neben dem Koran als Hauptquelle des Islam.] erzogen. Wenn er sich jetzt so gehenläßt, dann nur, weil er leidet. Das ist seine Art von Protest. Ich schiebe ihn freundlich beiseite und gehe mich umziehen. Als ich zurückkomme, steht er am Fens- ter, drückt sich die Nase an der Scheibe platt, hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ich stel- le mich neben ihn und klopfe ihm auf die Schulter, ein kleiner Schwindel, damit er glaubt, daß Brahim Llob ein hartgesottener Bursche ist, der Tiefschlä- ge wegsteckt wie nichts. Er wendet sich um und liest in meinem Blick. Seine Stirn legt sich in Sor- genfalten. Ich begreife, daß die Haltung, die ich mir da aufzwinge, offenbar nicht sonderlich glaubwürdig wirkt. „Was gedenkst du zu tun?“ quetscht er hervor. „Nachdenken.“ „Darf ich daraus folgern, daß ich dich in Ruhe lassen soll?“ „Ich bin stolz auf deinen Scharfsinn!“ Er blickt auf seine Schuhspitzen. „Die Sache trifft mich völlig unvorbereitet. Ich weiß nicht, wie ich angemessen reagieren soll.“ „Davon geht doch die Welt nicht unter, Lino.“ Er nickt. „Du sollst wissen, daß du mich jederzeit anrufen kannst.“ „Würde ich mir nie verzeihen, wenn ich daran zweifeln würde.“ Er hebt zögernd die Hand zum Gruß und trollt sich davon., * * * Wie immer, wenn ich nicht mehr weiter weiß, er- tappe ich mich dabei, wie ich Kurs auf Da Achour nehme. Er ist mein Tranquilizer. Ich treffe ihn auf der Veranda am Meer an, wie er friedlich in seinem Schaukelstuhl döst; aus dem offenem Hemd quillt sein Elefantenbauch, während die Ohren unterm Strohhut verschwunden sind. Als er mich mit mei- ner tristen Miene auftauchen sieht, beugt er sich übers Radio, um den Ton leiser zu drehen, und trifft Anstalten, mich mitsamt meinem Welt- schmerz in Empfang zu nehmen. Ich setzte mich neben ihn auf einen Schemel und lasse meinen Blick über die Wellen schweifen. Der Strand ist belebt. Die Rufe der Kinder schwirren hinter den Schreien der Möwen einem Himmel zu, der purer nicht sein könnte. Jugendliche Schwim- mer wagen sich weit aufs Meer hinaus, um junge Damen, die sich scheinbar gleichgültig im Schatten ihrer Sonnenschirme räkeln, zu beeindrucken, und spotten der Aufregung der Rettungsschwimmer. Auf Felsen, die wie Geysire schäumen, mühen sich Angler, widerspenstige Fische an die Leine zu be- kommen. Das ist der algerische Sommer, zwar mit Höhen und Tiefen, aber wild entschlossen, keine Zugeständnisse zu machen. Müßte ich auf einer Leinwand die Essenz des Lebens festhalten, dann in den Farben dieses Sommers, dieses Waffenstill-, standes. Da Achour spitzt die Lippen: „Ich habe schon gestern mit dir gerechnet.“ „Dann bist du also im Bilde?“ „Es gibt heutzutage keine Geheimnisse mehr. Das ganze Leben wirkt wie eine Fernsehaufzeich- nung.“ Er schiebt gemächlich die Krempe seines Stroh- huts hoch und schaut mir ins Gesicht. „Und?“ „Ich krieg’s schon irgendwie in den Griff.“ „Gut so. Die modernden Gewässer im Teich vermochten noch nie die Reinheit der Seerose zu trüben.“ „Aber sie erheben sie auch nicht in den Rang ei- ner Krone.“ „Kronen kümmern sie nicht. Sie ist sich selbst Majestät genug.“ Ich blicke skeptisch. Er fügt hinzu: „Ich habe mir Sorgen um dich ge- macht.“ „Hattest du Angst, ich würde mir eine Kugel in den Kopf jagen?“ „So unberechenbar, wie du bist …“ Ein großer Fußball landet neben der Veranda. Zwei Kinder kommen schüchtern näher, um ihn zu holen, und beobachten uns furchtsam aus den Au- genwinkeln. Mein Lächeln schlägt sie schneller in die Flucht als die Grimasse vom Schwarzen Mann. „Und? Was meinst du? Hab ich eine Dummheit gemacht?“, „Wenn du anfängst, an dir zu zweifeln, bist du keine Bohne wert.“ „Ich zweifle ja gar nicht.“ Da Achour schiebt seinen Hut definitiv hoch und rappelt sich mühsam auf, um mir von Angesicht zu Angesicht zu erklären: „Ein Dichter macht keine Dummheiten. Ein Dichter deckt die Dummheiten der anderen auf. Ist doch logisch, daß das nicht jeden begeistert. Ich habe dein Buch gelesen. Es ist der Mühe wert, glaub mir.“ „Sie haben mich einfach abserviert. Nach fünf- unddreißig Jahren, in denen ich mich täglich mit diesen Idioten habe herumschlagen müssen. Nach fünfunddreißig Jahren, in denen ich mich grün und blau geärgert habe, in denen ich felsenfest an Recht und Ordnung geglaubt habe, an das Vorhandensein von Prinzipien, an Loyalität – allen Lügen, aller Demagogie, allen schmutzigen Machenschaften zum Trotz. Ich wollte mich schon längst pensionie- ren lassen, da kam mir dieser bekloppte Krieg in die Quere. Ich dachte, der brave Mann verläßt sein Schiff nicht, wenn es zu kentern droht, er versucht alles, um den Mast wieder aufzurichten. Und dann, eines Morgens, zeigen sie dir den Hinterausgang und verlangen von dir, die Fliege zu machen, ohne jede Vorwarnung …“ „Denn sie wissen nicht, was sie tun. Die Welt wird immer prosaischer. Die schlichten Freuden von einst, die Freude am Schönen, das ist heute aus der Mode gekommen. Das einzige Drama, das man, kennt, ist das Drama des Mißerfolgs, der einzige Glaube, der noch gilt, der Glaube ans Investment. Der Mensch hat anstelle eines Gewissens nur noch eine fixe Idee: Money Money Money … Er ist ü- berzeugt, daß die Grundwerte allein von einem abhängen: dem Börsenbarometer. Daher bewegt der Tod eines Gelehrten, der Brand einer Biblio- thek oder der Mord an einem Künstler die Herzen sehr viel weniger als eine unprofitable Geldanla- ge.“ „Wenn ich dich recht verstehe, soll ich jetzt wohl auch diesen Kurs einschlagen.“ „Ganz und gar nicht. Genau hier trittst du ja auf den Plan.“ „Als Spielverderber …“ „Der Dichter ist kein Brandstifter, doch sein Kummer wirkt wie eine Katharsis. Dein Buch sagt die Wahrheit. Das zählt mehr als alles andere. Der ganze Rest: der Ärger, den du hast, die Anwürfe und Drohungen, kurz, das ganze wilde Gefuchtel, das du auslöst, das darf dich nicht einschüchtern. Dieser grauenhafte Krieg hat zumindest ein Gutes: Er reißt uns die Maske vom Gesicht. Erst vor uns selbst, dann vor der Welt. Jeder suhlt sich in sei- nem Element. Die Demagogen geifern vor Eifer, die Intriganten werfen alle Hemmungen über Bord, und die Aasgeier müssen nicht mehr so tun, als stamme das Fleisch ihrer Brüder, über die sie her- fallen, vom Metzger. Die Monster, die in uns ge- schlafen haben, stolzieren schamlos vor aller Au-, gen einher. Und über diesem ganzen stinkenden Morast, da schwebst du. Wie ein Gott, der seine Welt überblickt, es ist fabelhaft. Hättest du nicht gewagt, deine Wut und deinen Abscheu laut hi- nauszuschreien, hättest du dich geduckt, damit die- se Mistkerle ungestraft ihre Phantasien ausleben können, wäre ich furchtbar enttäuscht gewesen.“ Plötzlich verfärben sich seine Hängebacken feu- errot. „Hör auf, wie ein getretener Hund dreinzuschau- en, Brahim, und zwar sofort. Oder kannst du mir unter den Tausenden von Opfern, mit denen die Wege unseres Wahnsinns gepflastert sind, auch nur eines nennen, das es verdient hätte, wie ein Tier abgeschlachtet zu werden? Kannst du mir in der ganzen Horde gottloser Kannibalen auch nur einen zeigen, der es wert wäre, daß man ihm verzeiht? Du hast dir nichts vorzuwerfen. Sie haben dich vor die Tür gesetzt, na und? Tausend andere Türen stehen dir offen, und meine zuallererst. Du hast deine Pflicht gewissenhaft erfüllt. Du warst erfolg- reich! Diese Hurensöhne wissen das, deshalb zit- tern sie jetzt. Sie hielten sich für gerissener, sie dachten, es wäre ihnen das perfekte Verbrechen gelungen. Aber das Böse ist nie vollkommen. Vollkommenheit gibt es nur im Zusammenhang mit der Gerechtigkeit.“ Er unterbricht sich, ist völlig atemlos, sinkt mit hervortretenden Augen und schäumenden Lippen in seinen Korbstuhl zurück. Während sein Bauch, sich heftig hebt und senkt, verliert sein Blick sich zwischen den Schaumkronen im Meer. Ich nehme weder das Kindergeschrei noch das Klatschen der Wellen wahr; ich höre allein das Quietschen des Schaukelstuhls, der aufs neue zu schwingen be- gonnen hat. Zwei Minuten schwebe ich in einer Luftblase, als hätte mir einer einen Schlag in den Nacken verpaßt, dann spüre ich wieder Bodenhaf- tung, unbestimmt erleichtert durch Da Achours Abgeklärtheit. Nehme plötzlich wachen Sinnes den Luftzug wahr, der sein Hemd leise bläht, den Schweiß, der um seinen Nabel perlt, den Schatten um seine Augen und dazu diese Unbekümmertheit, die von seinen schlenkernden Armen ausgeht und mich, als wär’s ein Zeichen, ermutigen will, die Dinge mit größerer Gelassenheit anzugehen. „Danke“, sage ich. „Dein Pech, wenn du dich über meinen Besuch nicht freust!“ schleudert Dine mir entgegen und fährt wie ein Tornado zur Tür herein. „Zwei volle Stunden habe ich im Café gewartet, und wer nicht kam, warst du. Da gibt’s nur zwei Möglichkeiten, habe ich mir gesagt: Entweder der Vollidiot hat in seinem Badezimmer Harakiri begangen, oder ich bin sein alter Kumpel nicht mehr. Ich bin herge-, kommen, um mir Klarheit zu verschaffen.“ Er schiebt mich mit der Hand zur Seite, inspiziert die Zimmer, kommt zurück und drängt mich durch den Korridor. „Auf den ersten Blick“, stellt er fest, „kein Grund zur Panik. Keine demolierten Möbel, keine zer- schlagenen Fensterscheiben. Was beweist, daß du hart im Nehmen bist, worüber ich froh bin … Und jetzt?“ fügt er hinzu und breitet die Arme aus, „wollen wir hierbleiben und Trübsal blasen, oder wollen wir lieber essen gehen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, nimmt er mei- ne Jacke vom Stuhl und drückt sie mir in die Hand … „Ganz schön triste bei dir. Komm, wir gehen uns amüsieren und pfeifen den Bullen eins.“ Ich mache Anstalten, mich zu zieren. Seine Schlägerfaust befördert mich ins Treppenhaus. „Sonst verpassen wir noch den Höhepunkt des Spektakels, mein Lieber.“ Im Handumdrehen befinde ich mich auf der Stra- ße. Dine schubst mich in eine fette, funkelnde Li- mousine, schwingt sich hinters Lenkrad und ruft: „Na, wie gefällt dir meine Kutsche? Jetzt bist du erst mal platt, was? Hast wohl erwartet, mich tags- über Rosenkranz beten und abends in den Kneipen rumhängen zu sehen? Fehlanzeige! Mit dem Ruhe- stand hat ein neues Leben begonnen, ein zweiter Frühling. Rassehengste sterben mitten im Orgas- mus, mein Schatz. Das Alter ist bloß was für, Maulesel und Ackergäule.“ Dine ist derart enthusiastisch, daß ich mich am Ende wirklich etwas entspanne. Ich lasse mich in den Sitz fallen und atme tief durch. Der Wagen spurt lautlos über den Asphalt. Am Himmel, an dem es millionenfach funkelt, lacht der Mond. Ich schließe die Augen und gestatte dem Fahrtwind, mein Haar zu zerzausen und mein Hemd aufzu- plustern. Dine führt mich ins Corail, ein pompöses Luxus- restaurant inmitten eines vier Hektar großen Parks, den gepflasterte Alleen und schmiedeeiserne La- ternenpfähle durchziehen. Das Meer ist gleich ne- benan, mit einem paradiesischen Streifen Strand voller Felsskulpturen. Einige Pärchen schlendern laut lachend über den feinen Sand, nur in den Win- keln, in die kein Scheinwerfer reicht, verstummen sie kurz. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab und erstürmen eine Eingangshalle, die nicht minder blitzt und funkelt als der monströse Kron- leuchter, der von der Decke strahlt. Hinter einem Tresen aus granatrotem Mahagoni fingert der Emp- fangschef erst einmal seine Fliege zurecht, bevor er uns mit einem Lächeln bedenkt, dessen Professio- nalität etwas Beunruhigendes hat. „Guten Abend, Monsieur Dine. Welch eine Freu- de, Sie heute abend unter unseren Gästen begrüßen zu dürfen!“ Er schiebt seine Hand auf eine Klingel. Alsbald kommt von man weiß nicht woher ein Vogel ange-, stelzt, der steif und hochmütig dreinblickt. „Ist Monsieur Dines bevorzugter Tisch frei?“ „Ja, Monsieur.“ „Nun, dann nehmen Sie ihn in Ihre Obhut.“ „Sehr wohl, Monsieur.“ Der Lakai zeigt uns gehorsamst den Weg, mit starrem Genick und strengem Frack stolziert er voran, die Nase wie einen Feuerhaken in die Luft gereckt. „Wo habt ihr denn diese Antiquität aufgegabelt?“ flüstere ich Dine ins Ohr. Dine stößt mir den Ellenbogen in die Rippen, um mir klarzumachen, daß ich jetzt besser die Klappe halte. Der Lakai führt uns an einen blumengeschmück- ten Tisch direkt an der Fensterfront, rückt uns die Stühle zurecht und löst sich in Luft auf. „Der Ruhestand scheint dir nicht schlecht zu be- kommen“, bemerke ich zu Dine. „Könnte man so sagen …“ „Hast du dich ins Geschäftsleben gestürzt?“ „Ich habe mir während meiner Dienstzeit nicht nur Feinde gemacht. Ein paar Freunde haben sich erinnert, daß ich ihnen mal nützlich war. Sie haben mir die Leitung eines kleinen Betriebs in der Le- bensmittelbranche angeboten, und da habe ich zu- gegriffen.“ Ich sehe mich im Saal um, entdecke den einen oder anderen alten Bekannten, ein paar Neureiche, die ihren Harem vorführen, ein paar hochgestellte, Persönlichkeiten, die ganz in ihre Verhandlungen mit ausländischen Geschäftspartnern vertieft sind, und im Hintergrund die Verbrechervisage von Haj Garne* [* Figur aus „Morituri“] an einem Tisch mit Soraya K. der örtlichen Madame Claude** [** Be- rühmte Organisatorin von Sexorgien in Frankreich], die mich beide mit hämischem Grinsen mustern. „Du erinnerst dich noch an Kader Laouedj?“ fragt Dine und zeigt verstohlen auf einen gedrun- genen Fettsack zu unserer Linken. „Der hat aber zugelegt.“ „In jeder Hinsicht. Man munkelt, daß er dem- nächst die Leitung des Komitees der Rechtschaffe- nen übernehmen soll.“ Fast hätte ich mein Gebiß verschluckt. „Soll das ein Witz sein?“ „Klingt so, ist aber so gut wie offiziell.“ Wirklich ein guter Witz! Ich kannte Kader Lao- uedj schon, als er seine ersten propagandistischen Zungenschläge am nationalen Fernseh- Konservatorium absolvierte. Ein Schleimscheißer erster Güte. Er hatte die höchsten Funktionäre in seiner Sendung zu Gast. An jenen Abenden blieb der Nation weiter nichts übrig als blindlings draufloszuzappen, auf die Gefahr hin, daß der Fernseher explodierte. Wer keine Satellitenschüs- sel hatte, machte kurzen Prozeß und schaltete aus. Und als er dann fürs Parlament kandidierte, stimm- ten alle Leute für ihn. Sie hatten keine andere Wahl. Es war das einzige Mittel, ihn davon abzu-, halten, ihnen weiterhin ihren Fernsehabend zu versauen. Aber der Abgeordnete Laouedj hat nicht lange gebraucht, bis er wieder auf dem Bildschirm auftauchte. Nach knapp einem Jahr stand er fünf staatlichen Ausschüssen vor, bis er über eine schmutzige Korruptionsaffäre im Zusammenhang mit der Veruntreuung von Volkseigentum stolper- te. Die Presse hat sich mit dem Mut der Meute auf ihn gestürzt und ihn wochenlang auf die Titelseite gezerrt. Der Ärmste hat sich von Prozeß zu Prozeß geschleppt, von Skandal zu Skandal, von Depressi- on zu Depression, und ist schließlich ganz von der Bildfläche verschwunden. Nachdem der Sturm sich gelegt hat, taucht er mit einem herzzerreißenden Schuldbekenntnis, das er sich von einer Schar ge- kaufter Journalisten hat zusammenzimmern lassen, wieder aus der Versenkung auf, kommt in den Ge- nuß der hohen Ehre, eine mickrige Benefizsendung zu moderieren, die ihn rehabilitieren soll, und wird schließlich auf den Posten des Dorfbürgermeisters in einem friedlichen Kaff gehievt. Nur zwei Jahre später startet er auf hohem Roß als Gründungsmit- glied einer Pipifaxpartei sein politisches Come- back. Laouedj bemerkt, daß ich ihn anstarre, hebt mir sein Glas zum Gruß entgegen und hat mich schon wieder vergessen. Eines ist sicher: Der Typ bringt es noch mal weit. Er ist von grenzenloser Schamlo- sigkeit und weiß, daß man in einem undurchschau- baren System um so schneller nach oben kommt, je, weniger Skrupel man hat. Und ist man erst oben, steht man den Göttern in nichts nach. Der mieseste Charakter wird als originell eingestuft und frühere Fehltritte werden als Heldentat verbucht. Wer in der einen Hand das Geld und in der anderen die Macht hält, für den ist das Himmelreich nicht der Rede wert. „Hör auf, ihn so anzustarren, du wirst ihn noch verärgern.“ Ich fange mich. Der Kellner kommt, nimmt unsere Bestellung entgegen und zieht wieder ab. Erneut ertappe ich mich dabei, wie ich Laouedj beobachte, seinen Pariser Anzug, seine frischen Wangen und seine geschmeidigen Bewegungen. Das ist bloß ein Misthaufen von einem Gauner, sage ich mir. Außen hui und innen pfui. Auf einen Misthaufen werde ich doch nicht neidisch sein. Eine Dame mit futuristischem Kopfputz tritt in Erscheinung. Sie ist hochgewachsen und feinglied- rig wie ein Elektromast und aufreizend reizvoll in eine Robe gegossen, deren Rückenausschnitt bis zum Ansatz ihres Popos reicht. Einen Moment lang bleibt sie reglos zwischen den Tischen stehen, ihr Täschchen fest an den Busen gepreßt, und wartet hoheitsvoll, daß man sich ihrer annehmen möge. Schon kommt ein Lakai herbeigeeilt, bittet sie, ihm zu folgen und weist ihr den Tisch neben unserem zu. Gleich beginnt Dine, sich den Schnauzer zu zwirbeln. Die Dame dankt dem Lakai, nickt uns, unmerklich zu, verschränkt ihre Rosenfinger un- term porzellanenen Kinn und versinkt alsbald in tiefe Kontemplation der Deckengemälde. „Schau dir nur dieses Kunstwerk an!“ ruft Dine mit fiebernder Stimme aus. „Madame Zhor Rym, die schönste Witwe von ganz Algier.“ „Ich kenne sie.“ „Du kennst sie wirklich?“ „Naja, wie man sich so kennt.“ Er zerquetscht mir fast das Schulterblatt: „Machst du mich mit ihr bekannt?“ „Du hast eine prima Frau, Dine. Fände ich nicht gut, wenn du das vergißt.“ Er zerknüllt seine Serviette und zieht schmollend seinen Oberkörper zurück. Hinten im Saal macht Haj Garne dem Lakai Zei- chen näherzukommen, flüstert ihm etwas ins Ohr und steht auf. Er umrundet umständlich den Tisch, um Soraya K. beim Aufstehen behilflich zu sein. Seine Galanterie nach Art einstiger Eseltreiber ist so umwerfend, daß fast ein Gedeck dabei zu Bruch gegangen wäre. Soraya blitzt ihn schwarzäugig an und schwebt, ganz große Dame, davon. Haj Garne, leicht ver- stört, checkt schnell ab, ob die am Nachbartisch auch nichts gemerkt haben, dann hastet er hinter seiner Gefährtin her. Soraya rauscht hochnäsig an mir vorbei, während Haj Garne stehenbleibt, um Dine zu begrüßen, und dann meinen Jackenkragen anspricht: „Entzückt zu, hören, daß sie dich rausgeschmissen haben, Llob. Da kriegt man ja fast Respekt vor der Polizei.“ „Wenn es dir Spaß macht.“ „Und ob! Es kommt mir jedesmal, wenn ich nur daran denke! Llob gefeuert, was braucht’s mehr zum Glück?“ Er breitet die Arme aus zum Zeichen äußerster Glückseligkeit und jubelt drauflos: „Einfach geil …!“ „Und dein Dinner, das läßt du sausen wegen mir?“ „Dir kann man nichts vormachen. Ich hielt den Ort hier bisher für clean.“ Er reibt sich die Hände. Das Geräusch, das seine rauhen Handflächen dabei von sich geben, klingt einfach abstoßend. „Soso, Yasmina Khadra nennst du dich jetzt! Damit wolltest du wohl die Jury vom Prix Fémina verführen und deine Gegner gleich mit hinters Licht?“ „Dem Mut der Frauen wollte ich meinen Respekt bezeugen. Wenn es überhaupt jemanden in unse- rem Lande gibt, der nicht den Schwanz einzieht, dann die algerische Frau.“ Sein Gesicht verzieht sich zu einer häßlichen Fratze: „Willst du die Wahrheit wissen, Llob? Du bist einem Transvestiten aufgesessen!“ „Komm endlich!“ ruft Soraya ihm von der Trep- pe aus zu. Haj Garne bittet sie um noch etwas Geduld,, kramt eine Visitenkarte hervor und legt sie mir auf den Teller: „Man kann nie wissen! Wenn du mal Lust hast, Nachtwächter zu spielen, kannst du dich melden. Ich habe am Stadtrand zwei leere Lager- hallen stehen.“ Er schaut mich sechs Sekunden lang schief an, sagt noch: „Mann, geht’s mir heute prächtig!“ Und trabt seiner Schickse ins Treppenhaus nach. „Mir hat es ungemein gefallen“, piepst Madame Rym, deren Kinn noch immer auf ihren Krällchen ruht, während ihr Blick nach wie zur Decke geht. Weder Dine noch mir ist klar, ob sie sich an uns gewandt oder einfach nur laut gedacht hat. „Wie bitte, Madame?“ Ihre riesengroßen Vestalinnenaugen senken sich auf mich herab. „Ich sagte, daß es mir ungemein gefallen hat, Monsieur Llob. Ich spreche von Morituri.“ „Zu liebenswürdig von Ihnen.“ „Es ist nicht meine Art, hinter Türen zu lauschen, aber dieser Flegel hat ja so laut geredet, daß das ganze Restaurant mithören konnte.“ „Vermutlich, weil er etwas schwerhörig ist.“ „Und schwer von Begriff dazu.“ „Kein Grund zur Sorge: das war bei dem schon immer so.“ Sie flechtet ihre Finger auseinander und wendet uns ihr Gesicht zu. Faszinierend, mit welcher Ele- ganz sich ihr Hals wie in Zeitlupe dreht. Ein wah- res Wunder, diese Frau. Die Raffinesse ihrer Toi-, lette und die Anmut ihrer Bewegungen fügen ihrer Schönheit jenes gewisse Etwas hinzu, durch das ein Meisterwerk sich von der Fälschung unter- scheidet. „Möchten Sie nicht an unseren Tisch übersiedeln, Madame Rym?“ schlägt Dine vor. „Sehr freundlich von Ihnen. Aber ich bin bereits verabredet … Dessen ungeachtet, Monsieur Llob, würde ich mich freuen, wenn Sie mich besuchen kämen, falls es Sie eines Tages mal nach Hydra verschlägt. Ich habe mir schon immer gewünscht, einmal Gelegenheit zu haben, mit Ihnen zu plau- dern. Ich verehre die Schriftsteller.“ „Wir werden nicht versäumen, bei Ihnen vorbei- zuschauen!“ flötet Dine mit erstaunlich melodi- scher Stimme. „Am Montag gebe ich einen kleinen Empfang. Nichts Besonderes, ein schlichtes Treffen unter Freunden.“ „Um nichts in der Welt würden wir das verpassen wollen“, verpflichtet Dine sich feierlich. „Na, wunderbar, dann bis Montag, ab zwanzig Uhr.“ Sie lächelt und versenkt sich erneut in die Kon- templation der Deckengemälde. Unsere Unterredung ist hiermit beendet. Die Hose bis auf die Knöchel herabgelassen, die Krawatte über die Schulter geworfen, so steht Ka- der Laouedj in der Herrentoilette und wäscht sich, die Hände. Er ist schon im Zustand fortgeschritte- ner Trunkenheit und hat Mühe, seine Bewegungen auf die Reihe zu kriegen. Er fährt sich mit feuchten Fingern durchs Haar, dann übers Gesicht. Als er sich aufrichtet, sieht er mich im Spiegel. Mein An- blick stimmt ihn mißvergnügt. „Gute Reise, Sam!“ ruft er mir zu, während ich die Tür zum WC aufstoße. Er wendet sich schwankend um, um mir mit un- sicherer Hand Bye Bye zuzuwinken. „Und gutes Geschäft!“ Ich beachte ihn nicht weiter und schließe die Tür hinter mir. Als ich herauskomme, steht er noch immer da, stützt sich mit wankenden Knien am Becken ab, ist kurz davor zusammenzusacken. Er wischt sich die Hände an der Krawatte ab, macht versuchsweise einen Schritt nach vorn, doch sein schwerfälliges Hinterteil hält ihn zurück, und er lehnt sich haltsuchend an die Wand. „Du hast vergessen, hinter dir abzuziehen, Sam.“ „Sie verwechseln mich mit jemandem, guter Mann. Ich heiße Llob, Brahim Llob.“ Sein Finger sagt nein, und seine Fettmassen be- ginnen zu wogen: „Du bist Sam. Du gehörst in die Kloake. Du kannst gleich reinspringen und hinter dir abziehen, und wenn du’s nicht tust, tu ich’s für dich.“ „Da passe ich doch gar nicht durch!“ Er schnaubt so heftig, daß es ihm fast die Nasen- löcher zerreißt, und trompetet los: „Du Saftsack, du, Arschloch, du Mistkerl! Hast du nichts Besseres zu tun gehabt, als uns vor unseren Gegnern bloßzu- stellen? Wolltest du dein Publikum mit deinen käuflichen Scherzen amüsieren oder was? Wenn Algerien dir zum Hals raushängt, dann verpiß dich doch, und zwar dalli! Die Überläufer und Bastarde da drüben warten schon auf dich, auf der anderen Seite vom Meer!“ Es liegt keine Verwechslung vor. Kader Laouedj meint zweifelsfrei mich. Er spuckt offenbar alles an Gift und Galle aus, was ihm beim Lesen meines Buches hochgekommen ist. Sein Gesicht ist violett verfärbt und bebt in schäumender Wut, die ihm schon aus den Mundwinkeln quillt. Er taumelt, klammert sich am Waschbecken fest und zeigt mit dem Finger auf den Spiegel hinter sich. „Wetten, der Spiegel zerspringt beim bloßen Ge- danken daran, dein Bild wiedergeben zu müssen. Du bist widerlich, Sam. Der größte Mistkerl aller Zeiten. Algerien wird die, die ihm die Treue halten, zu erkennen wissen. Und die Verräter, früher oder später kriegen wir sie alle zu fassen und ficken sie an Ort und Stelle in den Arsch.“ „Sie sollten nicht ganz so dick auftragen, Monsi- eur Laouedj.“ „Man kann gar nicht dick genug auftragen, sonst reißt es dir noch was auf, du Aasgeier. Aber du hast auf die falsche Beute gesetzt. Algerien ist ein Herrenland, ein uneinnehmbares Heiligtum. Und, die echten Algerier, das sind alles stolze Herren. Sie halten der Katastrophe stand. Sie wanken und sie weichen nicht. Keine Gewalt, und sei sie noch so mächtig, vermag sie in die Knie zu zwingen. Wir gehören zur Rasse der Unbezwingbaren, Sam. Wenn der Donner des Himmels uns nichts anhaben kann, dann wird uns dein Gesudel erst recht nicht aus der Fassung bringen. Du bist ein Vollidiot, ein elender Trottel, ein rettungsloser Dummkopf!“ Er versucht, mich anzuspucken, doch besoffen, wie er ist, bleibt ihm der Speichel an den Lippen kleben und tropft dann langsam übers Kinn. Er stützt sich gegen die Wand, krümmt sich in verbis- sener Anstrengung und schnellt mit gestreckter Faust nach vorn. Ich weiche ihm aus. Sein Schwung reißt ihn mit und er torkelt ins WC. Er klammert sich an der Klosettschüssel fest, krampf- haft bemüht, sich wieder aufzurichten; doch seine Schuhe rutschen auf den Fliesen weg, und schon fällt er wieder hin. Man könnte fast Mitleid mit ihm kriegen. „Es ist aus mit dir, Sam. Wir machen dich fertig, du Verräter, du Überläufer!“ Ich verlasse die Herrentoilette. Seine Säufer- stimme verfolgt mich noch lange: „Aus mit dir … du bist ein toter Mann, Sam!!! Saftsack …! Arsch- loch …! Mistkerl …!“ Es sollte noch besser kommen. Nach dem Essen paßt uns der Geschäftsführer des Corail an der, Rezeption ab. Erst schüttelt er Dine die Hand, dann zieht er seine Hand demonstrativ zurück, um mich nicht grüßen zu müssen, fährt sich mehrmals mit der Zunge über die Lippen und sagt schließlich: „Monsieur Dine, unser Haus steht Ihnen jederzeit offen. Sie sind ein besonders gern gesehener Gast. Dennoch wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie künftig auf Ihren Umgang achten wollten. Wir sind ein Privatclub. Unsere Gäste sind anspruchsvoll. Wir können es uns nicht leisten, unseren guten Ruf aufs Spiel zu setzen.“ „Was ist denn bloß los, Monsieur Abbas? Gefällt Ihnen die Nase meines Freundes nicht?“ „Um ehrlich zu sein: Ihr ganzer Freund gefällt mir nicht.“ Dine blickt erst ihn an, dann mich, dann wieder ihn, und seine Wangen zucken verdächtig. Seine Faust krümmt sich und beginnt gefährlich zu be- ben. „Komm, wir gehen“, sage ich zu ihm. „Einen Moment!“ ereifert er sich und schüttelt meine Hand von seinem Arm. „Was wollen Sie mir da zu verstehen geben, Monsieur Abbas?“ „Ich dachte, ich hätte mich deutlich genug ausge- drückt.“ „Mag sein, aber ich habe es nicht recht begrif- fen.“ Der Geschäftsführer schnippt mit den Fingern. Schon kommen zwei Gorillas angetrabt, direkt aus einem Horrorzoo entlaufen., „Wenn Sie die beiden Herren bitte hinausbeglei- ten würden.“ Die zwei Gorillas packen uns, ehe wir auch nur reagieren können, schieben uns zum Ausgang und schmeißen uns raus. Der Geschäftsführer mustert uns zwei Sekunden lang verächtlich, dann rät er uns in einem Ton, der zu denken gibt, nie wieder auch nur einen Fuß in die Nähe seines Etablisse- ments zu setzen. Und bevor er uns definitiv den Rücken zukehrt, bemerkt er noch zu mir: „Manch kleiner Mann wär gerne groß, Monsieur Llob. Doch kein Zwerg wird größer, höchstens älter. Vorausgesetzt, er bleibt am Leben.“,

II

Das Schlimmste ist, um seine Dummheit zu wis- sen und sich nichts daraus zu machen. Brahim Llob Als es an der Tür klingelte, sann ich gerade darüber nach, was Lino mir eines Abends auf der Küsten- straße gesagt hatte. Wir waren in einem Grillroom und schoben uns was zwischen die Kiemen. Lino gab mit fettriefendem Kinn und Beulen in den Ba- cken folgende tiefsinnige Bemerkung von sich: „Die vernünftigste Art, einer Sache zu dienen, be- steht nicht darin, für sie zu sterben, sondern sie zu überleben.“ Damals fühlte Algerien sich noch ge- sund und kräftig an, ich platzte fast vor Patriotis- mus und neigte nicht dazu, den Äußerungen eines Untergebenen Beachtung zu schenken. Aber heute, da trifft es mich wie ein Bumerang. Mit der Wucht einer Wahrheit aus Kindermund. Stundenlang brüte ich schon darüber nach. Ein harter Brocken. Un- verdaulich. Einfach furchtbar. Mein Leben lang habe ich immer daneben gele- gen. War der ewige Brummbär, der Karikatur nä- her als dem Wald, durch die allgegenwärtige Nie- dertracht in eine Art größenwahnsinniger Starre, versetzt, die mich blind und taub machte. Es wider- te mich an, meine Umgebung fröhlich hinter einer Pappnase hertrotten zu sehen. Doch heute, da weiß ich: der Grauschleier, der mir den Blick verstellte, der bittere Groll, der mir die Eingeweide zerfraß, all das kam daher, daß ich nicht zuhören konnte. Ich war betäubt von meinem Groll, dem Groll des Unbestechlichen, verblendet von meinem Ekel vor allem, was meiner Vorstellung vom Wahren und Guten widersprach. Vielleicht war es nur der Ver- such gewesen, mich zu retten vor den Machen- schaften des Teufels, der überall lauern konnte, oder mich abzugrenzen vor den intriganten Um- trieben, wie sie in den Zentren der Macht florier- ten, denn mein Kokon erschien mir als das denkbar beste Alibi. Welch Utopie! Einmal mehr hatte ich nichts begriffen. Gewiß, tröstete ich mich, in jeder Mülltonne fin- den sich Dinge, die noch heil sind. Aber, so ver- zagte ich gleich darauf, was ist das schon, ein hei- les Ding in einer Mülltonne? Ob es nun von einem Penner herausgepickt wird oder auf der Deponie landet, der Welt des Unrats entgeht es nicht … Voll daneben! Könnte ja sein, daß es recycelt wird! Heute bin ich überzeugt, daß die modernden Ge- wässer im Teich der Reinheit der Seerose keinen Abbruch tun. Ich hatte die Wahl zwischen zwei Wegen, mich meiner Aufgabe gegenüber der Gesellschaft zu entledigen: ihr zu Diensten zu sein oder sie mir zu, Diensten zu machen. Ich habe mich für den Weg entschieden, der mir als das kleinere Übel erschien. Es war hart, aber ich bereue nichts. Ich frage mich noch immer: Muß man seiner Überzeugung bis zuletzt die Treue halten? Oder soll man sein Män- telchen lieber nach dem Winde hängen? Und was heißt das: bis zuletzt? Bis an den Galgen, bis in den Untergrund oder bloß bis in die Moschee, wo man unter lauter Tattergreisen vermodert, wie es sich für brave Pensionäre gehört? Lino hatte recht gehabt. Er hatte mit übervollem Mund gesprochen, an jenem Abend auf der Küs- tenstraße, aber nicht nur wegen der Fleischspieß- chen. Sterben ist der schlimmste Dienst, den man einer guten Sache erweisen kann. Denn über allen Trümmern und Opfern tummeln sich unweigerlich irgendwelche Aasgeier, die listig genug sind, sich als Phönix auszugeben. Und die werden nicht eine Sekunde zögern, mit der Asche der Märtyrer ihre privaten Paradiesgärten zu düngen, die Grabsteine der Gefallenen in Monumente für sich selbst zu verwandeln und die Tränen der Witwen auf ihre Mühlen umzuleiten. Und das, das kann ich nicht ertragen. Vielleicht habe ich deshalb so lange gebraucht, bis ich auf das Klingeln reagiert habe. „Hast du dein Hörrohr verlegt oder was?“ wie- hert Dine auf dem Treppenabsatz. „Ich läute schon seit gut zehn Minuten.“ Angesichts meiner tristen Miene dämpft er den, Ton und grinst mich stumm an mit seinem Pferde- gebiß. Dann pocht er mit seinem nikotingelben Fingernagel eindringlich auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr, um mir klarzumachen, daß wir zu spät zu unserer Verabredung kommen werden. Ich nehme lustlos meine Proletarierjacke vom Haken und hole ihn am Fuß der Treppe ein. Dine ist so erregt, daß man meinen könnte, er wäre angespitzt. Er hat seinen besten Anzug an, dazu italienische Schuhe, und ist derart üppig mit Eau de Toilette bestäubt, daß es sogar einen Leich- nam im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung wieder annehmbar duften lassen würde. Um sich den Anschein von Seriosität zu geben, hat er sich eine gigantische Hornbrille auf die Nase geklemmt, die sein halbes Gesicht verdeckt. „Hör zu, mein Schatz“, warnt er mich, als er mir den Wagenschlag öffnet, „wenn du vorhast, den ganzen Abend über so muffig zu bleiben, bleiben wir besser gleich zu Hause. Vergiß nicht, daß wir eine Dame besuchen. Also bitte, ein bißchen Hal- tung – und nicht so eine Trauermiene!“ fügt er hin- zu und knallt die Wagentür hinter mir zu. Kein Wort dringt aus meinem Mund während der ganzen Fahrt. Meine Bitternis hat etwas, das einem alle Freude auf Erden vergällen kann, Dines Freude zuallererst. Er hat inzwischen gemerkt, daß es sinn- los ist, den Clown zu spielen, um mir ein Lächeln zu entlocken. Meine Unleidlichkeit beginnt auf ihn überzuschwappen wie ein giftiger Nebel. Einmal, hätte ich ihn fast gebeten, anzuhalten und mich aussteigen zu lassen. Ich wollte zu Fuß nach Hause zurück. Nicht um mir die Beine zu vertreten oder den Geist zu lüften, sondern einfach, weil ich fin- de, daß sogar Dine mich jetzt mächtig zu nerven beginnt. Und überhaupt, ich habe schließlich ein Recht darauf, mich in meinen vier Wänden zu ver- graben, meine Gedanken zu sortieren, ein wenig Abstand zu gewinnen, um zu sehen, wie es um mich steht. Was weiß Dine denn schon von meiner Einsam- keit? Warum schleppt er mich zu dieser Witwe, obwohl ich gar nicht darauf brenne, sie wiederzu- sehen? Wenn er sich für sie interessiert, was habe ich damit zu tun? Wenn man so will, benutzt Dine mich nur. Seit langem schon finde ich Feten nicht mehr zum Lachen. Die Ursache dafür liegt in der Kind- heit, die man mir gestohlen, der Jugend, um die man mich gebracht hat, und heute sind die Zeiten auch nicht danach, das wieder ins rechte Lot zu rücken. Als ich ein Junge war, war immer diese Glas- scheibe zwischen mir und meinen Träumen auf der einen Seite, der Ausgelassenheit des Feierns auf der anderen. Auf dem Hof der Guillaumets, wo ich als Mäd- chen für alles verdingt war, blieb keine Zeit für Zerstreuungen. Ich war ständig im Dreh, hin- und hergerissen zwischen Haushaltspflichten und Bo-, tengängen, war bemüht, mein Geld auch wert zu sein, und ertrug mit stoischem Gleichmut alle Hö- hen und Tiefen – ganz wie die Schwalben, bei de- nen sich das Weiß der Bäuche wunderbar mit dem Schwarz auf ihrem Rücken verträgt. Gott hat zwei- erlei Sorten von Menschen geschaffen, lehrte man mich: reiche und arme. Wenn das Haus meiner Herrschaft mit Girlanden geschmückt war und aus allen vier Himmelsrich- tungen knatternde Automobile und Kutschen ein- trafen, wenn der Lärm des Festes bis auf den Berg emporschallte und das Lachen der Frauen sich am Firmament brach, dann gab ich mich mit einer Astgabel oder einem Plätzchen im Schatten zufrie- den und betrachtete das Glück der anderen wie durch ein Aquarium hindurch. Stundenlang blieb ich so hocken, starr vor Kälte und Staunen, die Nase bis zum Morgengrauen gegen die Scheibe gedrückt, und nicht eine Sekunde verübelte ich es den Leuten von Igidher, daß sie nichts taten, meine Kinderaugen wenigstens ein bißchen zum Leuch- ten zu bringen. Damals waren es immer die französischen Sied- ler, die etwas zu feiern hatten. So war es, damit mußte man leben. Und deshalb verkrieche ich mich bis auf den heutigen Tag immer, wenn sich ir- gendwo die Freude breitmacht, sofort in eine Ecke, in der ich mich ausgeschlossen fühlen kann. Wir kommen mit vierzig Minuten Verspätung in, Hydra an. Eine Straßenschlacht zwischen Polizei und einer Terroristengruppe hatte uns zu einem Umweg genötigt. Madame Rym bewohnt ein imposantes Herren- haus an der Rue de la Paix, gegenüber einem Platz voller Palmen, der wie eine Oase wirkt. Die Ge- gend scheint idyllisch. Kein einziges Auto am Straßenrand, keinerlei Lärm. Eine Gruppe Jugend- licher albert unter einer Mimose herum. Ihre Ge- sichter sind rosig, manche haben sich die Schläfen ausrasiert, andere haben einen Pferdeschwanz, bei allen funkelt ein Ring im linken Ohr. In Algier nennt man sie die Tchitchi-Bruderschaft. Sie sind in der Lage, einen Krieg zu durchleben, ohne das Geringste davon mitzubekommen. Madame Rym ist erleichtert, als sie uns endlich auftauchen sieht. Sie wollte schon fast die Hoff- nung aufgeben, gesteht sie uns, während sie mich am Arm nimmt, um uns ihren Freunden vorzustel- len, die sich sichtlich wohl fühlen inmitten all der Pracht. Da gibt’s Miezen, die sind so liebreizend wie Brokatstickerei, Frauen wie gefüllte Puten und Herren von distinguiertem Äußeren. Hier und da lagern ältere Damen mit der Reglosigkeit heiliger Kühe auf dem Diwan, damit beschäftigt, ihr fettes Vermögen wiederzukäuen und Gleichgültigkeit gegenüber dem Charme ihrer Gigolos zu heucheln, die bereit sind, ihnen für ein wenig Taschengeld den Hengst zu machen. Weiter hinten dann die Crème de la Crème, darunter, soweit ich erkennen, kann, Baha Salah, ein Großindustrieller, der ein Erdbeben auslöst, wenn er sich nur einmal schneuzt; Amar Bouras, ein verstockter Regiona- list, der es verstanden hat, in der richtigen Sippe das Licht der Welt zu erblicken und sich strikt an den Wahlspruch der Seinen hält: sich schnell be- reichern und lange herrschen. Er steht an der Spitze einer mafiösen Partei. Sodann Doktor Lounes Ben- di, renommierter Gelehrter und eingefleischter Op- portunist, der nicht zögern würde, seine eigene Mutter den Flammen auszuliefern, nur um von sich reden zu machen; Omar Daïf, heruntergekommener Filmemacher, den man auf jeder Szene-Soiree trifft, wo er mit beharrlichem Schielen nach einem Mäzen Ausschau hält; Scheich Alem, glühender Befürworter des Volksaufstands von 1992, der mächtig stolz auf seine sechs Monate Internie- rungslager ist und seinen subversiven Bart so wür- devoll wie ein Stachelschwein seine Stacheln zur Schau stellt. Und natürlich der unvermeidliche Kader Leuf, ein aufrechter Journalist, hellsichtig, unbestechlich und objektiv, dem alle Welt ein- stimmig so viel Charakter wie einem französischen Käse zuspricht. Wie Achtzigjährige, die in die Schlacht ziehen, schreiten wir die Front ab: hier ein Neureicher, dort eine vermögende alte Witwe. Ein Herr ist derart beschäftigt, sich die Würmer aus der Nase zu zie- hen, daß er nicht eine Sekunde für uns erübrigen kann. In der Tat: eine höchst bedeutungsvolle Ex-, pedition. Zwischen gestelzten Artigkeiten und flüchtigen Salamaleikums lavieren wir uns durch diesen Jahrmarkt, an dessen Ausgang uns die Gast- geberin uns selbst überläßt, um den nächsten Troß Neuankömmlinge unter ihre Fittiche zu nehmen. „Eine Wucht!“ jauchzt Dine, der Madame Rym mit den Augen verschlingt. „Ihr Reichtum?“ „Sie selbst, na hör mal!“ schimpft er aufgebracht. Ich gestehe ihm mildernde Umstände zu und ha- ke das Thema ab. Mostéfa Haraj läßt seinen Archipel dienstbarer Geister im Stich und kommt zu mir herüber, um mir mit seinem Scotch on the Rocks unter der Nase herumzuscheppern. Haraj ist Bankier. Wir haben uns bei einem Verhör kennengelernt, das er mir bis heute nicht verziehen hat. Er ist untersetzt und bös- artig, hat eine Visage wie ein Galgenstrick und würde eher einen Kredit riskieren als einem Unbe- kannten zulächeln. Ein widerlicher Kerl! „Sehe ich Gespenster oder was?“ kläfft er mich an mit einer Stimme wie ein Abführmittel: „Bra- him Llob unter der Elite, wer hätte das gedacht?“ „Ihr Enthusiasmus richtet mich auf.“ Da legt sich sein großes Maul in Falten: „Liegt nicht in meiner Absicht, Sie aufzurichten. Wenn Sie wüßten, wie abscheulich ich Sie finde … Lei- der fehlen mir die Worte.“ „Leider ist das nicht das einzige, was Ihnen fehlt!“, Sein Blick durchbohrt mich wie ein Degen. Er schwenkt arrogant seinen Drink und sagt: „Ich ha- be einen Freund in Paris. Den werde ich mal bitten nachzusehen, ob nicht ein Wasserspeier an Notre- Dame fehlt.“ „Nicht nötig, ihn zu behelligen. Ich habe hier doch einen – in Reichweite meines Speichels!“ Das hat gesessen! Die Adern auf seiner Glatze schwellen grauenvoll an. Doch eine gigantische Detonation läßt das Haus erbeben und beendet jäh unser Gespräch. Mostéfa Haraj macht sich den ungestümen Zwischenfall zunutze, um sich unauf- fällig zu Seinesgleichen auf die Veranda zu verzie- hen. In der Ferne markiert eine Rauchsäule den Schauplatz der Tragödie, die die Stadt einmal mehr heimgesucht hat. „Achtundsiebzig“, gluckert Scheich Alem und schafft es nicht, den morbiden Triumph zu unter- drücken, der in seinen Pupillen funkelt. Schon die achtundsiebzigste Bombe, die über Algier explo- diert! Ich gehe zum Balkon, um die Feuerzungen zu sehen, die an den Rockzipfeln der Nacht hochle- cken. In der reglosen Stille nimmt das höhnische Kichern des Bärtigen schaurige Ausmaße an. Mei- ne Hand setzt sich ganz von selbst in Bewegung, kriegt ihn am Kragen seiner Soutane zu fassen und schiebt ihn unsanft beiseite. „Du entschuldigst …“ Er versucht, die Stirn zu runzeln. Meine Finger schließen sich um seinen Nacken zusammen, tun, ihm weh. Er zieht sich katzbuckelnd zurück, ein- gehüllt in seine Niedertracht: ein feiger, scheinhei- liger Scharlatan, von dessen Zurückweichen ein eigentümlicher Glanz ausgeht, als hätte man einen Dämon exorziert. Einige Minuten später dringt das Geheul der Si- renen wie ein apokalyptischer Chor zu uns herauf. Eine Dame, geschminkt wie eine japanische Schauspielerin, ringt in melodramatischem Gebet ihre schmuckbestückten Finger und sucht einen himmlischen Ansprechpartner, der gefällig genug ist, sie ernstzunehmen. „Wir sollten nicht hier draußen bleiben“, bemerkt Baha Salah. „Du hast recht“, stimmt Amar Bouras zu. „Wir werden uns doch nicht von solch miesen Kerlen die Laune verderben lassen.“ Einige Partygäste folgen dem Industriellen in den Saal. Die übrigen bleiben noch eine Weile im Frei- en, mehr oder weniger aufmerksam auf die Geräu- sche in der Ferne lauschend. Doktor Bendi zündet mit olympischer Ruhe sein Pfeifchen an und betrachtet dann – eine Hand in der Tasche, in der anderen die Pfeife – die Rauch- wolke, als wär’s ein Kunstwerk. „Mein Gott, dieser Krieg, den man wie eine schändliche Krankheit verbirgt!“ seufzt Omar Daïf. „Langsam macht mich das verrückt.“ Den renommierten Gelehrten läßt das kalt. Der Filmemacher ballt beherrscht die Faust. In, seinen zerknitterten Zügen steht die Ratlosigkeit etwas deutlicher geschrieben. „Wie lange wird das noch gehen, Doktor?“ „Ich habe meine Kristallkugel im Büro liegenlas- sen.“ Der Ton des Doktors ist barsch. Omar Daïf versinkt in tiefes Nachdenken und bemerkt schließlich bekümmert: „Andernorts ge- nügt ein einziger Schuß, ein Knallfrosch, ein Ge- fängnisausbruch, und schon wird die ganze Nation mobilisiert. Beim geringsten Zwischenfall gibt der Präsident in der Minute darauf eine offizielle Er- klärung ab. Und bei uns, da werden kleine Mäd- chen erst vergewaltigt, danach enthauptet, Kinder werden von Sprengsätzen zerfetzt, ganze Familien Nacht für Nacht mit der Axt massakriert, und man tut so, als sei alles in bester Ordnung.“ Der Doktor zieht lange an seiner Pfeife, bläst dem Filmemacher den Rauch ins Gesicht und kehrt zu den Neureichen im Salon zurück. Omar Daïf wendet sich an die alte Dame neben ihm: „Ich habe doch recht. Zum Beispiel das Fern- sehen. Wann immer Sie es einschalten, stoßen Sie auf eine Sendung, die himmelweit von der Tragö- die in unserem Land entfernt ist.“ Die alte Schachtel runzelt die Stirn in Richtung ihrer Höflinge, als ob sie sich fragte, warum man ausgerechnet sie zur Zielscheibe der Anklage macht, rümpft die Nase und zieht an der Spitze einer Heerschar von Gigolos von dannen. „Wir sollten nicht dramatisieren!“ schaltet Kader, Leuf sich jetzt ein und faßt den Filmemacher he- rablassend am Ellenbogen. „Der Krieg in unserem Land ist Teil der Umwälzungen, die sich auf allen Kontinenten vollziehen. Ein ganz normaler Ablauf. Wir sind kein Sonderfall. Man denke nur an Zaïre, Ruanda, Bosnien, Tschetschenien, den Mittleren Osten, Irland, Afghanistan, Albanien … Was sich hier bei uns abspielt, ist letztlich biologisch kondi- tioniert. Unser Land will erwachsen werden. Es ist auf der Suche nach sich selbst. Eine schlichte Pu- bertätskrise.“ Ich bin jetzt ganz allein auf der Veranda, übers Gelände gesunken, halb weggetreten. Da kommt Madame Rym angeschlängelt. Sanft legt sich ihre Hand auf meine. „Warum haben Sie mich zu diesem Karneval der Beknackten geladen, Madame Rym?“ „Damit Sie wissen, was ich Woche für Woche auszustehen habe.“ „Dazu zwingt Sie doch keiner.“ „Deshalb versuche ich ja auch, neue Freunde zu gewinnen.“ „Ach tatsächlich?“ „Absolut. In meiner Welt spricht man nur über Profit, Politik und Finanzgeschäfte, nie über andere Dinge. Ich bin es leid. Ich bin eine Träumerin, Monsieur Llob. Am liebsten säße ich irgendwo an einem Flußufer und würde alles vergessen, schlös- se einfach die Augen und stellte mir vor, daß Mär- chen wahr werden: Sogar einen Frosch würde ich, dafür auf sein feuchtes Maul küssen. Manchmal packt mich die Lust, einfach die Tür zuzuknallen und in den Büschen meine Träume aufzustöbern. Ich bin ein Mädchen vom Land, Monsieur Llob. Mein Vater besaß eine Hütte am Waldrand. Er ist nur deshalb in die Stadt übersiedelt, weil er fürch- tete, man könnte mir hinter einem Baum auflauern. Ich bin leidenschaftlich gern durch die Wälder ge- streift.“ Ihre Finger haben sich mittlerweile in meiner Hand eingenistet. Ihre Augen, in denen sich das Laternenlicht spiegelt, funkeln wie zwei Juwelen. Ihr Parfüm ist stärker als alle Düfte, die aus dem Garten aufsteigen. „Ich bin wie meine Rosen, die ich hingebungs- voll pflege. Aber das fällt keinem meiner Gäste auf. Alle kommen sie nur hierher, um zu feiern. Und im Morgengrauen, wenn sie wieder gehen, glänzen Tränen in meinen Augen, als wären es Tautropfen auf den Blütenblättern.“ Sie faßt mich um die Taille, und ich spüre deut- lich den Druck ihrer Brüste gegen meine Rippen. „Kommen Sie, mein Freund, lassen Sie uns zu Tisch gehen.“ Ich folge ihr. „Mögen Sie Blumen, Monsieur Llob?“ „Unter anderem.“ „Haben Sie eine Vorliebe für eine bestimmte Sorte?“ „Nun, sagen wir, ich sehne mich nach jener, die, ich wohl kaum noch werde pflücken können.“ „Nämlich?“ „Der Jugendblüte.“ Das Dinner wird in einem riesigen, mit Samttape- ten ausgeschlagenen Saal serviert. Das Bankett erstreckt sich über mindestens zwanzig Meter Län- ge. Es ist so üppig, daß man davon eine ganze Sip- pe zwei Tage lang satt bekäme. Ich werde zwi- schen zwei knusprige Damen an die Mitte der Ta- fel plaziert, zu meiner Linken Madame Baha Salah, rechts von mir Madame Haraj. Den Vorsitz macht Amar Bouras. Jeder andere hätte mich überrascht. Da er meint, er sei auf einem Kongreß, leiert er einen unverständlichen Diskurs herunter und bittet uns, massenhaft seiner Bewegung für die Wieder- herstellung von Frieden und Wohlstand in Algerien beizutreten. Sein Politbüro klatscht eifrig Beifall. Das ist das Signal für die wackeren Kämpen: Im Sturm werden die Suppentassen eingenommen. „In welcher Partei sind Sie denn, Monsieur Llob?“ fragt mich meine Nachbarin zur Rechten. „In meiner Familie, Madame.“ „Da haben Sie recht. Aber wo ist denn Ihre Frau?“ „Zu Hause. Sie bereitet gerade mein Bad vor.“ „Kleiner Heimlichtuer. Während Ihre Frau Ihnen das Bad zubereitet, suchen Sie krampfhaft nach einer Rechtfertigung dafür.“ Eine zweite Detonation läßt uns hochfahren., Doch gleich nimmt Baha Salah das Heft in die Hand: „Kümmert Euch nicht um diese Idioten, liebe Freunde. Schlemmen wir bis zum Gehtnicht- mehr!“ Die Selbstsicherheit des Industriellen entspannt die Atmosphäre. Hinter einer dicken Dame aus der Bourgeoisie versteckt, hat Scheich Alem mich im Visier. Kaum wende ich den Kopf ab, schmettert er los: „Neunundsiebzig!“ „Schäm dich, Scheich!“ empört sich der Filme- macher. „Ein Hadsch wie du, mit einem Bein schon im Grab! Wie kannst du dich nur freuen, dein eigenes Land in Flammen aufgehen zu se- hen!“ „Daran ist nur die Armee schuld!“ deklamiert der Bärtige. „Sie hätte den Wahlprozeß nicht unterbre- chen dürfen.“ „Die Armee hat nur ihre Pflicht getan. Hätten die deutschen Offiziere damals denselben Mut bewie- sen, um Adolf Hitler den Weg zu versperren, dann hätte das in Deutschland sicher einen Bürgerkrieg ausgelöst, doch der Welt wären Holocaust, Mas- sendeportationen und Gaskammern erspart geblie- ben.“ „Wir hatten nie die Absicht, einen Weltkrieg aus- zulösen!“ protestiert der Scheich. „Und die kulturelle Säuberung, die der FIS ange- kündigt hat? Und der Galgen, den er den Intellek- tuellen in Aussicht gestellt hat? Und der Totalita- rismus, für den er sich stark gemacht hat? Ich bin, überzeugt, das Land hätte im Falle eines Wahlsiegs des FIS einen Genozid ungeahnten Ausmaßes er- lebt. Zum Glück hat der FIS den taktischen Fehler begangen, zum bürgerlichen Ungehorsam aufzuru- fen …“ Das ist der Moment, in dem Doktor Lounes Ben- di, um sich Gehör zu verschaffen, mit dem Löffel gegen den Tellerrand klopft. Mit ungeheurer Kon- zentration und vernichtendem Lächeln blickt er abwechselnd den Scheich und den Filmemacher an. „Etwas mehr Niveau, meine Herren, wenn ich bitten darf. Wir sind hier doch nicht am Stamm- tisch.“ In der Gewißheit, die ganze Tafelrunde in seinen Bann gezogen zu haben, legt er den Löffel nieder und lehnt sich gemächlich zurück. Mit zwei Fin- gern liebkost er seine Lacoste-Krawatte. Neben mir beginnt Madame Baha Salah wie eine läufige Sau zu zittern. Seit wir zu Tisch sitzen, läßt sie ihn nicht mehr aus den Augen. Und immer, wenn sich ihre Blicke kreuzen, erbebt sie von Kopf bis Fuß. Der Doktor holt tief Luft und donnert wieder los: „Wie konnte es kommen, daß der FIS, der kurz vor einem glanzvollen Wahlsieg stand, sich von heute auf morgen in die Illegalität begeben hat? Wozu der Aufruf zum zivilen Ungehorsam? Der FIS war das virtuelle Parlament. Warum hat er schlagartig alles hingeworfen, um im Gefängnis zu enden?“ Die Fragen des Doktors wandern einmal um die, ganze Tafel, doch niemand mag sie aufgreifen. „In der Tat“, zwitschert zuletzt ein kurzsichtiges Fräulein, „das macht keinen Sinn. Das Volk war doch auf seiner Seite. Aus allen Umfragen ging er mit einer Mehrheit von über 80 Prozent hervor, Wahlbetrug hin oder her.“ „Je länger man darüber nachdenkt, umso seltsa- mer kommt es einem vor!“ bestätigt ein Schönling wohl nur deshalb, um alle Blicke auf sich zu zie- hen. Der Doktor sieht ein, daß er die Latte zu hoch gehängt hat, und lächelt noch eine Spur überhebli- cher, bevor er erklärt: „Die Sache mit dem bürgerlichen Ungehorsam hat weder Hand noch Fuß. Damit nahm der Schwindel seinen Lauf. Der FIS entlarvte sich als ausführendes Organ. Alles war seit Jahren im De- tail geplant. Der FIS ist nicht gekommen, um zu regieren, sondern um Krieg zu führen. Die No- menklatura hat allen Sand in die Augen gestreut. Ihr schmutziges Geld quoll hinter der Fassade des Sozialismus hervor und begann, sie zu verraten. Sie fürchtete, hinweggeschwemmt zu werden von der Welle der Empörung, die ihr Gemauschel und ihre Spekulationen auslöste. Was sie brauchte, war neuer Lebensraum. Und das so schnell wie mög- lich. Es ärgerte sie, daß ihr Geld in die Banken im Ausland floß, daß sie Milliardensummen einfrieren mußte. Sie wollte ihr Beutegeld zurück, wollte hier, im eigenen Land investieren, einem Eldorado,, das brachlag. Aber die Sache hatte einen Haken. Jedesmal, wenn man durchblicken ließ, daß dieses oder jenes hohe Tier ein großes Projekt lancieren wollte, tuschelte es im Volk: Minn ayna laqa ha- da? Wie kommt der zu so viel Geld?’ So ging das nicht weiter. Man mußte ihr das Maul stopfen, die- ser Nation von Nichtstuern … Aber wie? Nichts einfacher als das! Ein Krieg mußte her! Eine Krise, eine richtig schöne beschissene Krise, aber eine Krise, die sich von A bis Z steuern ließ … Auf die Berberkarte setzen? Zu riskant fürs Vermögen. Die Karte der Arabisierung? Die Intellektuellen sind schlechte Söldner. Es galt ja, den Laden in die Luft zu jagen, alles abzufackeln, dem nationalen Ge- dächtnis ein Trauma einzuimpfen, die Nichtstuer, die ‚Immobilisten’, zur Vernunft zu bringen und dieses Volk undankbarer und verstockter Subven- tionsempfänger solange auszuhungern, bis es sich nicht mehr scheute, um Brot für seine Kinder zu betteln, sich für den letzten Job zu prostituieren. Dann hat die Stunde der Nomenklatura geschlagen, die zynisch beteuert: ‚Wie gerne würde ich inves- tieren, doch die Leute werden munkeln …’ ‚Zum Teufel mit dem Gemunkel der Leute!’ wird man dann sagen. ‚Ist uns ganz gleich, von wem ihr euer Vermögen habt. Nur nehmt sie, die kaputten Fabri- ken, baut ein Imperium auf! Euch stören die Trümmer? Kein Problem, wir fegen bis vor eure Tür. Alles, was wir wollen, ist Arbeit!’ Simsala- bim, so leicht geht das. Ein Kinderspiel., Und während die Theoretiker woanders ihren Chimären nachjagen, brennt das Land. Die Feuer- wehrleute, die ihre Hilfe anbieten, sind in Wahrheit die Brandstifter selbst. Sie haben auf die richtige Karte gesetzt: den Fundamentalismus. Die Bruder- schaft war einsatzbereit, stand Gewehr bei Fuß, tief frustriert und total indoktriniert. Gestern hat sie den Haß kultiviert, heute ist sie ein unterhaltsamer Zeitvertreib. Man bringt seinem Vater doch nicht bei, wie man Kinder macht!* [* Weitverbreitetes un- übersetzbares Wortspiel, das vom Gleichklang des französi- schen Wortes für „Sohn“ – fils – und der Abkürzung FIS für „Front Islamique du Salut“ („Islamische Heilsfront“) – lebt.] Die offizielle Zulassung der Parteien mit reli- giösem Charakter wurde mit dem ausschließlichen Ziel betrieben, den Aufstand zu legitimieren. Erst hat man die Islamistenbewegung in den Rang einer Prophezeiung erhoben, dann hat man sie wieder abserviert. Logisch, daß die Geprellten zu den Waffen gegriffen haben. Als erster der MIA** [** „Mouvement islamique armé – Bewaffnete islamische Bewe- gung“], der bewaffnete Flügel des FIS. Dann der GIA*** [*** „Groupe islamique armé – Bewaffnete islami- sche Gruppe“], die eiserne Faust des Vaters. Dieser Krieg ist weiter nichts als eine Baustelle, die die Polit- und Finanzmafia fröhlich unter sich aufteilt. Wenn sich ihr Imperium konsolidiert hat, wird sie mit den Fingern schnipsen – und wie im Traum kehrt wieder Ruhe ein. Und der arme Steuerzahler wird darüber so was von erleichtert sein, daß er für alle Zeiten die Lust an jeder Polemik verliert.“, Spricht’s, schiebt seinen Teller zurück und steht inmitten einer betäubenden Stille auf, holt seine Pfeife hervor und macht einen heroischen Abgang, ohne die Zuhörer auch nur eines Blickes zu würdi- gen. Drei Minuten lang sind wir sprachlos, fühlen uns schuldig, so wenig auf der Höhe dieses Monumen- tes an Intelligenz gewesen zu sein. Madame Baha Salahs Fingergelenke sind ganz milchig verfärbt, so heftig hat sie ihre Serviette gepreßt. Dine, der mir gegenüber sitzt, ringt vergeblich um Atem. Alle blicken einander an, und niemand wagt ein Wort zu sagen. Zuletzt bin ich es, der das erste Lebenszeichen von sich gibt, indem ich zwei Schluck Wasser trinke, die im abgrundtiefen Schweigen so laut in meiner Kehle dröhnen wie die zwei Bomben, die heute abend explodiert sind. „Phantastereien!“ ruft Kader Leuf vom Ende des Tisches. „Hmmm …“ brummt Baha Salah, „der hält sich wohl für den Nero der Weisheit.“ „Goebbels hatte schon recht. Wenn einer nur ein Buch hervorzieht, sollte man gleich den Revolver ziehen“, spottet Haraj. „Zum Teufel, diese Intellektuellen! Halten sich für schlauer als alle und sind doch die ersten, die angeschmiert sind!“ bemerkt ein kräftiger Typ mit einer Stirn wie ein Rammbock. „Sei so gut, mein Lieber, und reich mir mal das Silbertablett.“ „Man muß nur mal sehen, was für Leidensmie-, nen sie in den ausländischen Fernsehsendern zur Schau tragen, die Intellektuellen. Sühneopfer, de- nen nicht zu helfen ist. Sie haben Angst, schlafen schlecht, werden verfolgt, können ihr Auto nicht vom Parkplatz holen, man will sie umlegen, sie sind allein, sie schlagen sich an allen Fronten zugleich …“ „Was man nicht alles für eine elende Aufent- haltsgenehmigung auf sich nehmen muß!“ „Aber hallo!“ ergreift Amar Bouras das Wort: „Manche haben damit Erfolg. Ich kannte mal einen Schreiberling, der sich fürchterlich quälte, bis er einen Satz zu Papier gebracht hatte. Jetzt ist er ein großes Licht und staubt an jeder Straßenecke einen Literaturpreis ab.“ „Mir scheint, die im Westen sind leicht plem- plem. Man muß ihnen nur erzählen, man sei zum Tode verurteilt, und schon fühlen sie sich schul- dig.“ „Zum Tode verurteilt? Was soll das heißen, zum Tode verurteilt? Die armen Teufel, die auf der Landstraße, im Douar, unter den Augen ihrer Kin- der abgeschlachtet werden, waren die vielleicht zum Tode verurteilt?“ „Astaghfirou Llah!* [* Arabisch: „Bitte Gott um Ver- gebung!“]“ seufzt Scheich Alem mit eingezogenem Hals. „Hört mal zu, Leute!“ schimpft Baha Salah und deutet mit ausladendem Gestus auf die Berge von Lebensmitteln. „Wir sind zwar hier, um einen, drauf zu machen, aber man soll’s nicht übertreiben. Vergeßt jetzt bitte mal diese Hunde!“ „Und wenn sie noch so kläffen, die Karawane zieht auf alle Fälle weiter“, ergänzt Haraj. In spontaner Choreographie greifen Arme nach Schüsseln, verwandeln Münder sich in dunkle Lö- cher, ergießt sich eine Symphonie aus Gabelge- klimper und Schmatzgeräuschen in den Saal. „Der Lachs ist unsäglich saftig“, gluckst eine scharfe Maid und leckt sich wollüstig die Finger. „Madame Rym“, wirft ein blondgesträhnter Playboy ein, „Ihre Crème Anglaise ist, mit Ver- laub, einfach göttlich!“ „Queen Elizabeth hat sie höchstpersönlich für mich zubereitet!“ Allgemeines Gelächter, und schon sind Doktor Bendi, die Bomben und das Elend dieser Welt wieder vergessen. Madame Baha Salah nutzt das Stimmengewirr, um sich auf leisen Sohlen davonzustehlen. Meine Nachbarin zur Rechten forscht unter dem Tisch nach meinem Bein. „Essen Sie denn gar nichts, Monsieur Llob?“ „Ich denke an mein Übergewicht.“ Ihre Hand tätschelt mein Knie, wandert über meinen Oberschenkel, verlustiert sich bergauf, bergab. Ihre Kühnheit trifft mich ohne jede Vor- warnung. Ihr gelassener Blick entwaffnet mich. Ich erstarre. Sie nimmt das als stillschweigende Zu- stimmung und setzt ihre Erkundung durch Regio-, nen fort, die im allgemeinen tabu sind. „Es ist zwecklos, sich weiter vorzuwagen, Ma- dame. Mein Senkrechtstarter ist seit Urzeiten ein- gerostet.“ „Ich bin sehr fingerfertig, wissen Sie? Ich krieg das im Handumdrehen wieder hin.“ „Gewiß, aber es besteht keine Notwendigkeit.“ Sie zieht ihre Hand zurück, holt sie wieder nach oben, auf den Tisch. Noch immer lächelnd sieht sie mich lange an und gesteht mir zuletzt: „Sie sind verteufelt sexy.“ „Sieht nur so aus, meine Liebe. In Wahrheit halte ich’s mit der Melone: je mehr Bauch, desto weni- ger Stiel.“ Damit werfe ich das Handtuch und stehe auf. „Sie nehmen’s mir doch nicht übel, Madame?“ Madame zwinkert mir zu. Fair play. Dine läuft mir schimpfend nach: „Du bist wirk- lich unmöglich. Was ist denn jetzt schon wieder? Kannst du nicht mal eine Sekunde lang stillsitzen?“ „Ich will nach Hause.“ „Verdammt, ich bin gerade dabei, ein Geschäft einzufädeln.“ „Laß dich nicht stören. Ich nehme ein Taxi.“ „Kommt nicht in Frage. Wir sind zusammen her- gekommen, wir werden zusammen wieder gehen. Bitte sei kein Spielverderber, verdammt! Bei dir zu Hause bläst du doch nur wieder Trübsal. Laß mir wenigstens noch ein Stündchen.“ „Eine halbe Stunde, Dine. Ich halt’s keine Minu-, te länger hier aus.“ „Okay.“ „Gibt’s hier denn keine Ecke, in die ich mich so- lange verkriechen könnte? Der Anblick dieses gol- denen Packs ist die reinste Folter für mich.“ „Geh in die Bibliothek: den Gang runter, bis du in eine Halle kommst. Dann gleich links. Da kannst du dich abregen. Es gibt tolle Bücher, einen Rie- senfernseher und ein Videogerät.“ Ich nicke und gehe bis zur Halle vor. Links führt eine massive Polstertür in einen Saal von den Ausmaßen einer Turnhalle. Er ist vollgestopft mit Ledersofas, Silbergerätschaften und endlosen Re- galen voller Bücher. Ich zünde mir eine Zigarette an und halte Ausschau nach einem interessanten Schriftsteller. Als ich mich gerade für Nagib Mach- fus entscheide, höre ich ein Stöhnen. Ich drehe mich um. Der Raum ist leer. Ein zweites Stöhnen lenkt mich zu einer hinter der Hausbar versteckten Tür. Ich gehe näher heran, werfe einen Blick durch den offenen Türspalt und sehe jemanden in einem Sessel sitzen, die Arme auf den Polsterlehnen, die Beine ausgestreckt: Es ist Doktor Bendi, der Ma- dame Baha Salah eine prachtvolle Erektion darbie- tet. Sie legt ihm zu Füßen einen frenetischen Strip- tease hin und verpaßt ihm dabei eine Fellatio, bei der einem Hören und Sehen vergeht. Jetzt reicht’s mir wirklich., „Bist du neidisch, weil’s für mich so gut läuft, oder was?“ knurrt Dine, der wie ein Irrer fährt. „Ich stand kurz davor, das Geschäft meines Lebens un- ter Dach und Fach zu bringen.“ Ich lasse ihn wettern, soviel er will. Meinen Ge- danken kommt mein Überdruß gerade recht, um den Abgrund zu vertiefen, in dessen Sog ich bin. Ich verspüre keinerlei Bedürfnis, mich noch ir- gendwo anzuklammern, schlimmer noch: Ich lasse mich fallen, widerstandslos, mit einer Art innerem Frieden, der bewirkt, daß die Dinge dieses Lebens mich nur noch anwidern. Was hatte ich bloß bei Madame Rym verloren? Was sollte diese primitive, skandalös dämliche Maskerade? Muß ich mich definitiv damit abfinden, daß nichts, absolut nichts, dem Mammon widersteht, daß alles, absolut alles, käuflich ist? Ich bin zutiefst verstört. Jetzt habe ich schon die dritte Zigarette in knapp fünfzehn Minuten intus und bin noch immer nicht hinreichend betäubt. Dine brettert an einem Stopschild vorbei und läßt in einer scharfen Kurve die Reifen quietschen. Er ist außer sich. Seine Faust trommelt aufs Lenkrad, malträtiert den Schaltknüppel. Ich find’s nicht be- sonders amüsant. In einer Biegung kommt der Wa- gen wegen eines Schlaglochs ins Schleudern, und, es wirft mich gegen die Scheibe. Dine bemerkt nichts von alledem. Er hat an meinem überstürzten Aufbruch aus der Villa von Algiers schönster Wit- we zu knapsen und reagiert seinen Zorn mit durch- gedrücktem Gaspedal ab. „Mein Lieber, wenn du weiter so muffig drein- blickst, wirst du dein Schicksal kaum freundlicher stimmen!“ schimpft er. „Sieh zu, daß sich ein Schönheitschirurg deiner Visage annimmt. Du bist schlicht zum Verzweifeln.“ Verzweifelt, das dürfte es treffen. Verzweifelt darüber, zusehen zu müssen, wie meine Welt sich im Hauch der Chimären auflöst; verzweifelt, im fortgeschrittenen Alter feststellen zu müssen, daß nichts blieb von den Hoffnungen, die ich hartnä- ckig nährte, die mein Bollwerk waren gegen alle Anfeindungen, gegen den barbarischen Ansturm der Opportunisten und Arrivisten. Ach, Dine, wo sind sie hin, die unbeschwerten Jahre, in denen du dir täglich was Neues ausdachtest, um bis zum Monatsende über die Runden zu kommen? Was ist aus dem tollen Burschen geworden, dessen Hun- gerlohn seinen aufrechten Gang nicht anzufechten vermochte? Dabei gab es vieles, bei dem man schwach werden konnte. Es war so leicht, es wie alle zu machen, sich ein Plätzchen an der Sonne zu sichern, jemandes Einfluß zu nutzen, um eine fette Rente zu ergattern, die in Reichweite aller Geld- beutel war. So verrottet war das Land, daß es schon zum Himmel stank. Doch manch einer mochte, nicht dem Schwur der Gerechten entsagen, wollte seine Prinzipien nicht für trügerische Privilegien verhökern. Manch einer hat seine Ehre höher als den Reichtum gehalten, hat sich im trübsten Tüm- pel nicht in den Schlamm ziehen lassen. Meine vierte Zigarette schickt mich auf Reisen, 27 Jahre zurück, in ein kleines Kommissariat in El Hamri, einem Armeleuteviertel von Oran. Eines Morgens im April war ich dort aufgetaucht, in der einen Hand mein Köfferchen, in der anderen ein Dokument. Es regnete Bindfäden an jenem Tag, der Himmel entlud seine Wut. Ich war fremd in einer fremden Stadt. Und dann war da plötzlich dieser joviale Typ hinter seinem altersschwachen Schreibtisch. Der beim Reden nicht anders konnte als jeden Satz mit lautem Gelächter zu beenden. Sein Lächeln heiterte das Gewitter auf, das draußen tobte. Er hieß Dine. Wir wurden Freunde vom ers- ten Handschlag an und sind es jahrelang geblieben, trotz der Wechselfälle dieses Hundelebens, das sich Laufbahn nennt. Doch offensichtlich gibt es solide Fassaden, die plötzlich, bei der geringsten Berührung, einstürzen. Wir sind vor dem Haus angelangt, in dem ich wohne. Die Straße ist ausgestorben. Die paar klap- perdürren Laternen, die sich am Straßenrand rei- hen, sehen wie bettelnde Gespenster aus. Bleiches Licht hüllt ihren Kopf in einen verblüffenden Hei- ligenschein. Vorbei die schöne Zeit von einst. Ver- schwunden die jungen Tunichtgute, die sich einst, lärmend in den Torfluchten trafen. Die Händler machen mit Einbruch der Nacht die Läden dicht. Dann treibt sich hier nur noch der Wind herum, die Hunde streunen, die Unsicherheit lauert der Straße auf. „Nun gib dir mal ’nen Ruck!“ brummt Dine. „Im Leben muß du dich entscheiden: Entweder du steigst aus oder du gibst Vollgas und ziehst an den anderen vorbei.“ „Was glaubst du, wieviel das ausmacht, sieben- undzwanzig Jahre Freundschaft – abzüglich der Steuern?“ Meine tonlose Stimme überrumpelt ihn, haut ihn regelrecht um. Er läßt das Lenkrad los, weicht bis zur Tür zurück, sieht mir schließlich ins Gesicht. Sein Schnauzer bebt. „Wie bitte?“ „Was für ein Spiel spielst du?“ Ich setze ihm den Zeigefinger auf die Brust. Er begreift zwar nicht, aber er merkt, daß da irgendwas faul ist. „Was soll der Quatsch, Brahim?“ „Was für ein Spiel spielst du?“ Er schluckt. „Ich kann dir nicht folgen.“ „Wie auch, wo ich’s doch bin, der dir ständig wie ein kleiner Hund nachläuft.“ Er blickt vor sich hin, bekundet vages Interesse für eine Katze, die gerade einem Müllsack ans Eingemachte geht. Er versucht, seinen Atem unter Kontrolle zu bekommen, seine Gedanken in den Griff. Dann endlich wendet er sich mir zu. Doch diesmal folgen seine Augen nicht., „Bist du sicher, daß alles okay ist?“ stammelt er. „Absolut sicher. Aber ich glaube nicht, daß was Vernünftiges dabei herauskommt.“ „Olala, du lavierst hart am Rande des Wahnsinns, wenn du meine Meinung hören willst.“ Mit gespreizten Fingern bitte ich ihn, nicht vor- zugreifen. „Hör zu, Dine. Stimmt, ich habe heftig eins über die Rübe gekriegt, aber deshalb mußt du noch lan- ge nicht meinen, ich hätte den Verstand verloren, das ist gar nicht nett … Zunächst einmal: Du bist bei mir aufgekreuzt und schleppst mich, ohne Wi- derspruch zu dulden, in das nobelste Lokal der Stadt. Und ganz zufällig sitzt Madame Rym am Nebentisch.“ „Reiner Zufall.“ „Na schön. Als nächstes fährst du heute abend schnurstracks bis zu ihrem Haus, ohne nur einmal zu zögern oder nach dem Weg zu fragen.“ „Ich habe sie heute im Lauf des Tages angerufen, um mir den Weg beschreiben zu lassen.“ „Angerufen?“ „Sie ist doch keine Außerirdische. Ihre Nummer steht im Telefonbuch.“ Ich nicke, völlig entspannt. „Bis hierher ziehst du dich nicht schlecht aus der Affäre. Sehen wir mal, ob du auf alles eine Ant- wort hast … Du willst mir zu verstehen geben, daß du vorher noch nie einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt hast?“, Irritiert setzt er seinen Suchkopf in Bewegung, um eine Schwachstelle in seinen Plänen zu orten. Seine Brauen ziehen sich zusammen. Als er nichts Kompromittierendes finden kann, schaut er mir wieder offen ins Gesicht, mit einer gewissen Ag- gressivität. „Genau.“ „Du hast also vor heute abend noch nie einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt?“ Erneut trübt der Zweifel seine Züge, doch schnell faßt er sich wieder und beteuert: „Noch nie!“ „Dann erklär mir doch bitte, woher du wissen konntest, daß sich die Bibliothek am Ende vom Gang befindet, in der Halle links, mit tollen Bü- chern, einem Riesenfernseher und einem Videoge- rät drin!“ Ein Detail nur, ein winziges, albernes, belangloses Detail … Dine wird aschfahl. Als wäre er von eben auf jetzt völlig verdorrt. Sein Mund zittert, unfähig, auch nur ein Wort zu artikulieren, sein Adamsapfel bleibt ihm wortwörtlich im Hals stecken. Mit Daumen und Zeigefinger mache ich „paff!“ und steige aus. Ich bin schon im dritten Stock an- gelangt, als ich ihn anfahren höre. * * * Jemand hat mir einen Besuch abgestattet, während ich bei Madame Rym war. Er hat vergessen, hinter sich das Licht auszumachen. In meinem Wohn- zimmer herrscht Chaos: Die Sessel sind umge-, stürzt, die Lampenschirme zerfetzt, der Teppich umgedreht. Mein klappriger Bücherschrank liegt am Boden, die Bücher sind übel zugerichtet, die Papiere aus den Schubladen überall verstreut. Im Schlafzimmer hat jemand ins Bett gepinkelt und Schweinekram an die Wände gekritzelt. Mit Lip- penstift hat man eine zweisprachige Nachricht hin- terlassen: Auf Arabisch fordert man mich auf, Ver- bindung mit dem nächsten Totengräber aufzuneh- men; auf Französisch beschimpft man mich als Hurensohn und üble Brut. Während ich noch die Schäden sichte, taucht ein Schatten in meiner Diele auf. Ich ziehe mein Schießrohr und spurte in den Korridor, den Finger am Abzug. „Nicht schießen, Onkel Brahim.“ Es ist Fouroulou, der halbwüchsige Sohn einer Witwe aus dem sechsten Stock. Er hebt die Hände hoch, leichenblaß, zu Tode erschreckt von meinem Schießeisen. „Für gewöhnlich klopft man, ehe man eintritt. Ich hätte dich umlegen können.“ Er nickt zustimmend und läßt die Arme wieder sinken. Fouroulou ist eine Art Hans-Dampf-in-allen- Gassen. Es heißt, er schlafe nie. Ist erst siebzehn und schon ziemlich verbittert. Zu alt für die Schule, zu jung für eine feste Anstellung, zu allen Schand- taten bereit. Früher schaute er regelmäßig bei uns vorbei, um meinem Jüngsten lukrative Gelegen-, heitsjobs anzutragen, wie zum Beispiel den Handel mit Klamotten aus Marseille. In letzter Zeit hat er sich auf Zigaretten verlegt. Als fliegender Händler. Er betreibt an der Straßenecke einen zum Kleinki- osk umgebauten Schubkarren. Von früh bis spät klebt er auf seinem Hocker, mit ewig dudelndem Kassettenrekorder, macht die Mädels an und ge- währt den Arbeitslosen aus der Siedlung großmütig Kredit. Ich schiebe meine Pistole wieder ins Koppel. „Hast du sie gesehen?“ Er fährt sich mit den Fingern durch seinen Karot- tenschopf und nickt. „Wie spät war’s denn?“ „Hmm …“ Ich schließe erst einmal die Tür ab, damit uns keiner stören kommt und biete ihm einen Küchen- stuhl an. Er schenkt sich ein Glas Wasser ein, leert es in einem Zug aus und wischt sich mit dem Handgelenk über den Mund. Er wirkt verstört. Ich warte, bis er sich gefangen hat, ehe ich zu fragen beginne: „Wie viele waren es denn?“ „Vier … drei waren in der Wohnung, der vierte hat unten an der Treppe Wache geschoben.“ „Und wo warst du?“ „Im fünften Stock. Ich habe meine Einnahmen gezählt. Sie waren zu Fuß, ich habe weder beim Kommen noch beim Gehen ein Auto gehört. Die Typen haben nicht lange auf dem Treppenabsatz, rumgemacht. Sie hatten alle Schlüssel. Ich wollte erst die Nachbarn alarmieren, aber sie waren be- waffnet.“ „Kannst du sie mir beschreiben?“ „Sie waren verkleidet …“ „Wie denn?“ „Riesige Nasen, geschwungene Schnauzbärte, aufgeklebte Augenbrauen und Baskenmützen. Ei- ner von ihnen hat kurz seine Perücke angehoben, um sich am Kopf zu kratzen. Die reinsten Kleider- schränke. Der Schwächste hätte noch immer locker hundert Kilo und mehr auf die Waage gebracht. Sie sind gut zehn Minuten drinnen geblieben und dann mit einem Einkaufskorb wieder rausgekommen. Sie hatten es kein bißchen eilig.“ „Haben sie irgend etwas geredet?“ „Eigentlich kaum.“ „Und was für Waffen hatten sie?“ „Ge…“ Er stockt, hat Mühe zu schlucken, gießt sich noch ein Glas Wasser ein und kippt es hinunter. Er schwitzt. Der Schweiß rinnt ihm von den Schläfen die Wangen hinunter und läuft am Kinn, welches lang ist und spitz, quasi trichterförmig, wieder zu- sammen. „Ich kann sie nicht identifizieren, Onkel Brahim. Kenn mich nicht aus mit Waffen.“ „Macht nichts.“ Sein Gesicht, das von Sommersprossen übersät ist, läuft feuerrot an. Er springt fast auf, während er, spricht: „Wenn ich ein Schießeisen dabei gehabt hätte, dann hätte ich sie garantiert durchlöchert. Ich habe mich so geschämt, tatenlos rumsitzen zu müs- sen, während die alles kaputtgemacht haben. Ich habe nicht mal ein Telefon, sonst hätte ich die Po- lizei gerufen.“ Ich tätschele ihm die Wange zum Beweis, daß ich ihm das wirklich nicht übelnehme. „Du hast dir nichts vorzuwerfen, mein Junge. Diese Typen, das waren keine gewöhnlichen Ta- schendiebe. Die lassen sich von keiner Polizeisire- ne in die Flucht schlagen. Das waren Killer. Eiskal- te Tötungsmaschinen, die jeden umlegen, ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht. Die hätten nicht gezögert, dir den Schädel zu spalten, wenn du dich hättest blicken lassen. Du hast dich klug ver- halten, ich kann dir nur gratulieren. Und jetzt hoch zu deiner Mutter. Und zu keinem ein Wort.“ „Ich bin ihnen nach, weißt du?“ Er läßt nicht lo- cker, als schaffte er es nicht, sich von seinem Schuldgefühl zu befreien. „Hinter der Fußgänger- brücke hat ein Lieferwagen auf sie gewartet. Ein Renault J-5. Beige. Ich habe mir die Nummer no- tiert.“ Der polizeiliche Erkennungsdienst rückt in aller Herrgottsfrühe in meiner Bude an. Ich habe nichts angerührt. Um sie nicht zu behindern, verziehe ich mich in die Küche und tue so, als gäbe es mich nicht., Lino kommt mit hängenden Mundwinkeln zu mir rüber. Meine Pechsträhne geht ihm derart nah, daß er nicht weiß, wie er die Sache anpacken soll. Er fürchtet meine Reaktion. Er setzt sich verkehrt her- um auf einen Stuhl, stützt das Kinn auf die Lehne und versucht sich darin, meinen Blick zu bändigen. Ich spüre seinen Kummer. Kein Zweifel, er leidet unter meiner Amtsenthebung, als wäre es eine Amputation. Wieviele Jahre sind wir jetzt zusammen? Zehn, zwölf? Wieviel Leid haben wir schon geteilt, und wieviel Freud? Er hat sich an mein Gebrüll gewöhnt, an meine Sprunghaftigkeit, meine Sprüche und mein Tempe- rament, das Temperament eines Mannes, der frust- riert ist, der nicht immer vernünftig handelt, aber immer aufrecht und unbeugsam. Gewiß, ich habe ihn automatisch zum Prügelknaben gemacht, habe ihm jedesmal, wenn mir die Dinge entglitten, die Schuld in die Schuhe geschoben; gewiß, ich habe ihn immer als kleinen Fisch behandelt und ihm jedes Verdienst aberkannt, aus dem einfachen Grund, weil man meine Verdienste auch ignorierte, doch ich bin ihm von Herzen zugetan, und das weiß er. Die Kluft, die seine Generation von meiner trennt, die ewigen Konflikte, die sich daraus erga- ben, meine ländliche Erziehung, die seinem coolen Charakter zuwiderlief, dem Charakter des Städters, der mit dem Nuckelfläschchen aufwuchs: All die, Unvereinbarkeiten in Mentalität und Laune brach- ten uns letztlich, statt uns zu entzweien, einander nah, so nah, daß wir fast miteinander verschmol- zen. Klar, ich war sein Chef, aber zuallererst war ich sein Kumpel, sein alter „Kommy“, mit allem, was dazugehört an Vertrautheit und Intimität, und mein schwieriger Charakter rührte ihn mehr, als daß er ihn störte. Es gibt Geschichten von Männern, die sind schlicht legendär. Die unsere ist von legendärer Schlichtheit. Es ist die Geschichte einer Freund- schaft im Rohzustand, die so starrköpfig wie die Liebe ist, so solidarisch wie die Komplizenschaft; ein zartes Band, um einen kräftigen Schaft aus So- lidarität geschlungen, das sich bei heftigem Ge- genwind wie eine Standarte am Himmel entrollt. Ich schwör’s, man kommt über die schlimmsten Tiefschläge hinweg, sobald man sie über den Köp- fen knattern hört. Wenn ich mich nächtens dabei ertappe, wie ich mein Hundeleben an mir vorbeiziehen lasse, in der heimtückischen Stille der Nacht, wenn ich so gar nichts finde, mit dem ich zufrieden sein könnte, wenn ich nicht anders kann, als mir das Ausmaß meiner Irrtümer und Fehler einzugestehen – ich, der ich stets Meister in der Kunst des Verkompli- zierens war –, dann kann ich zu meiner Ehrenret- tung weiter nichts als diese Freundschaft anführen, die mich vor dem Allerschlimmsten bewahrt. „Hast du eine Ahnung, wer deine Poltergeister, sein könnten?“ Ich verziehe den Mund. „Ahnungen habe ich jede Menge.“ „Vielleicht waren es auch bloß Einbrecher …“ „Bis zu den Zähnen bewaffnet?“ „Das ist heute so Mode.“ Ich schüttle den Kopf: „Das waren keine Diebe.“ „Dann wollten sie dich also umlegen.“ „Die wußten, daß ich nicht zu Hause war.“ Er schiebt den Unterkiefer hin und her, das ist ihm alles zu hoch. „Was haben sie denn mitgehen lassen?“ „Ein Manuskript, an dem ich gerade gesessen ha- be.“ „Magog?“ „Unter anderem. Außerdem mein Diensttagebuch und zwei Kladden mit Notizen, dazu Fotos von meiner Familie und ein paar Zeitungsrezensionen, die ich ausgeschnitten und gesammelt habe …“ „Wie sieht’s mit Schmuck aus?“ „Mina hatte ja schon alles mitgenommen.“ „Kohle?“ „Ja, meine Ersparnisse. Unwesentlich. Mehr, um uns auf eine falsche Fährte zu locken, als um einen Reibach zu machen. Hast du die obszönen Schmie- rereien an den Wänden gesehen?“ „Ich habe den Fotografen angewiesen, Aufnah- men zu machen. Die Botschaft ist nicht signiert. Was meinst du, stammt das von einem Emir* [* So werden in Algerien die Anführer der Isla-, mistengruppen genannt.]?“ „Schon möglich. Ich störe, ich bringe die Kacke zum Dampfen. Das kann echt jeder gewesen sein: die Mafia, die Politiker, die Fundamentalisten, die Nutznießer der Revolution, die Tempelwächter mitsamt den Verfechtern der nationalen Identität, die meinen, das einzige Mittel, die arabische Spra- che zu befördern, bestünde darin, alles kaputtzu- machen, was Französisch spricht. Ich bin Schrift- steller, und als Schriftsteller, Lino, bist du fast je- dermanns Feind.“ Lino steht auf, durchmißt mit langen Schritten den Raum, die Stirn in tiefe Falten gelegt, schlägt mit der geballten Faust unablässig gegen die flache Hand. „Verflucht und zugenäht! In welchem Land leben wir eigentlich?“ „Die Frage stellt sich nicht.“ Da kommt ein Polizist und teilt uns mit, daß der beige Renault J-5 in Hafennähe aufgefunden wor- den ist. Unbemannt. Ich nicke ihm dankend zu. Er grüßt unbeholfen und zieht ab. „Ewegh* [* Stößt in „Doppelweiß“ zu Llobs Team, Ange- höriger des Volks der Tuareg] ist gar nicht da!“ bemer- ke ich. „Der ist unten geblieben.“ „Und wieso?“ „Was weiß ich? Der ist aus Granit. In den schaut keiner rein. Wenn du meine Meinung wissen willst, die Art, wie sie dich verabschiedet haben, ist, ihm übel aufgestoßen. Er redet zwar nicht drüber, aber seit er Wind von deiner Entlassung gekriegt hat, ist er irgendwie seltsam.“ Hadi Salem hat mich zu sich ins Büro bestellt. Ich bin nicht gerade an die Decke gesprungen. Er ist exakt von der Sorte, der man am frühen Morgen gerne aus dem Wege geht, wenn man noch was vom Tag haben will. Aber er kann sich rühmen, ein dicker Freund von Slimane Houbel aus der Déléga- tion zu sein. Er hat sein Sultanat am Ende der Rue des Trois-Horloges installiert, im letzten Stock- werk eines finsteren Gebäudes ganz in der Nähe eines wimmelnden Souks. Da der Aufzug den Ho- noratioren vorbehalten ist, nehme ich ohne zu mur- ren die hundertzehn Stufen bis zum Schafott auf mich. Auf dem Gang stellt sich mir eine Art Gefäng- niswärterin mit Hijab* [* Arabisch: „Schleier, Kopfbede- ckung“ – Das traditionelle Gewand der iranischen Frauen hat in den letzten Jahren durch die Islamisten als Ausdruck starker Religiosität auch Einzug in Algerien gehalten, wo es im Gegensatz zur Vielfalt der regionalen Trachten steht.] und Brüsten groß wie Airbags in den Weg, kontrol- liert meine Papiere und schiebt mich unsanft bis zum Chef des Sekretariats vor sich her. Der ver- staut, als er mich kommen sieht, flugs etwas in, seiner Schublade. Erst als er merkt, daß mein ver- schlissener Anzug nicht eben der Kleiderordnung der hohen Tiere entspricht, kehrt wieder Frieden in sein Habichtsgesicht ein. Mit einem Fingerzeig verabschiedet er meine Wärterin und weist mir einen Platz auf einem Metallstuhl an, der speziell für zufällig des Weges kommende Underdogs da- steht. „Sie haben sich verspätet, Monsieur Llob.“ „Wie die ganze Nation.“ Er findet meinen Vergleich nicht sehr komisch und macht sich daran, in ein Heft zu kritzeln, um mir weiszumachen, hier werde schwer geschuftet. Ich greife nach meinen Zigaretten. Sofort zeigt er auf ein Rauchverbotsschild. Ich füge mich und verschiebe die Luftverschmutzung auf später. Der gute Mann hört auf zu kritzeln und lehnt sich zurück, um sein Geschreibsel in Augenschein zu nehmen. Zufrieden beugt er sich wieder vor und versenkt sich erneut in seine Hieroglyphen, wobei er bei jedem Großbuchstaben die Zunge in den Mundwinkel klemmt. Allmählich wird mir die Zeit lang. Ich wende meine Aufmerksamkeit den Möbeln zu. In der E- cke ein Tresor, ein durchgesessenes Sofa neben einer vorhanglosen Fenstertür, ein chinesischer Aschenbecher auf einem Beistelltisch und an der Wand – vermutlich ein Familienporträt –, ein ange- staubtes Stilleben mit Birnenkorb. „Hat Monsieur Salem Besuch?“, Ohne den Kopf zu heben, deutet er mit der Blei- stiftspitze auf die Wanduhr. Es ist dreizehn Uhr dreißig. „Ach, er ist noch nicht da?“ Sein Stift schwenkt herum und weist mich auf ein rotes Lämpchen links über der Polstertür hin. „Würd’s Ihnen was ausmachen, mir ein Licht aufgehen zu lassen?“ „Es ist die Stunde des Dohr, Monsieur Llob. Monsieur Salem verrichtet sein Gebet.“ Meine Zudringlichkeit hat seinen Inspirationsfluß gehemmt. Er liest seinen Text, findet nicht mehr in den alten Schwung zurück, reißt das Blatt heraus, zerknüllt es und befördert es in einen überraschend leeren Papierkorb. Feindseliges Schweigen macht sich zwischen uns breit. Zwei Minuten später fällt ihm seine Schubla- de wieder ein, er holt eine Tasse Kaffee daraus hervor, stellt sie vor sich hin und entdeckt eine kleine Küchenschabe in der braunen Brühe. Gelas- sen taucht er einen Finger zur Rettung des Tier- chens hinein und schnipst es kraftvoll einmal quer durch den Raum. Das Licht wechselt von Rot auf Grün. Ohne die geringste Eile an den Tag zu legen, drückt der Sek- retär auf einen Knopf und kündigt mich an. „Lassen Sie ihn herein.“ Hadi Salem sitzt im Schneidersitz auf seiner Ge- betsmatte, ähnlich einem Frosch auf seinem see- grünen Blatt. Er hat alles so inszeniert, daß ich ihn, mitten in seiner falschfrommen Gymnastik überra- sche. Aber mich bewegt allein die Frage, wie er es angestellt hat, zu seinem Schreibtisch zu kommen, das Licht auf Grün umzuschalten und ins Interphon zu sprechen, ohne sich aus seiner Rumpfbeuge zu erheben. Ich muß mich gedulden, bis er mit seinem Gemurmel fertig ist. „Ich werde dir die Nase langziehen, bis deine Ohren im Kopf verschwunden sind!“ ruft er beim Aufstehen. Und schon springt er mich an, um mich demonst- rativ zu umarmen. „Du Oberschlawiner!“ jubelt er. „Immer muß er seinen Rüssel in Dinge stecken, die ihn nichts angehen! Unverbesserlicher Dreckskerl von Aufrührer, du! Eine Zwangsjacke allein reicht nicht aus, dich zu zähmen.“ Er schiebt mich von sich weg, um mich zu be- trachten, zieht mich wieder an seine Catcherbrust und sabbert mir das Gesicht voll. Ich fühle mich wie im Auge des Orkans. Schnell hat ihn seine Warmherzigkeit erschöpft. Mit größter Behutsamkeit verstaut er mich in ei- nem Sessel und geht einen Schritt zurück, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Als ob er es nicht fassen könnte! Er bleibt vor mir stehen, froh und gerührt, mich bei sich zu haben, vor seinen Augen, in Fleisch und Blut – er, der die miesesten Berichte über mich verfaßt hat, er, der meinen Direktor be- drängt hat, mir das Rückgrat zu brechen, er, der keine Sekunde gezögert hat, den Daumen nach, unten zu richten, wenn ich mal wieder hilflos am Boden lag und alle Viere von mir streckte. „Heiliger Hurensohn einer verdammten Nutte! Du ahnst nicht, wie froh ich bin, dich wiederzuse- hen. Ist schon eine Weile her, stimmt’s?“ Salem und ich sind vom selben Examensjahr- gang. Wir haben 1963 zusammen den Fortbil- dungskurs für Ermittler besucht. Er ist überall durchgefallen und wurde in die Verwaltung ver- setzt. Er war jahrelang fürs Sozialwesen der Trup- pe zuständig und hat, sowohl für sich selbst wie für seine Chefs, in allen Städten Paläste errichtet. Er hatte von Anfang an kapiert, wo’s langging. Alge- rien war in zwei Freihandelszonen aufgeteilt. Hier das Revier der Intriganten, der Schleimscheißer und Roßtäuscher, dort das der Erleuchteten, der Sauertöpfe und Kinderfresser. Er hat sein Lager gewählt und nie Grund zur Klage gehabt. Während ich Verbrechern nachstellte, ging er in trüben Ge- wässern fischen. Und in Ermangelung jeder Kom- petenz – der Mutter aller Scherereien –, übte er sich nicht ohne Erfolg im Fälschen von Rechnun- gen und in Korruption. Resultat: Er ist steinreich, hat eine Abteilung unter sich, deren Arm weit in die Délégation hineinreicht, und der Schrott, der aus seinem Munde kommt, steht im Rang eines unanfechtbaren Prophetenworts. Er setzt sich mit halbem Hintern auf die Schreib- tischkante, verschränkt die Finger überm Knie und fährt fort, mich anzuhimmeln: „Der gute alte Bra-, him! So ein sturer Bock! Was muß man nicht alles in Bewegung setzen, um ihn endlich einmal zwi- schen die Finger zu kriegen! Du hast dich kein Jota geändert, du Mistkerl! Erinnerst du dich noch an unseren Fortbildungskurs im Ausbildungszentrum von Soumaa? A propos, was wohl aus dieser Putz- frau geworden ist, die wir uns von früh bis spät streitig machten? Wie hieß sie doch gleich? War- dia? Du erinnerst dich doch noch an ihr Fahrge- stell? Verdammt, bei der habe ich nicht einen Gro- schen beiseitelegen können.“ Er lacht polternd. „Und Kada, der Brigadier? Bei Gott, den hast du vielleicht an der Nase rumgeführt! Du hättest ihn fast in die Klapsmühle gebracht …“ Plötzlich wird sein Teint fahl. „Du warst ein richtiger Scherzkeks, Brahim. Ein- same Spitze. Was ist bloß in deinem Kopf passiert, daß du dich um 180 Grad gewendet hast?“ „Das kommt vom Wind, Hadi, alles nur vom Wind.“ „Der Wind dreht sich, und die Wetterhähne auch.“ „Nicht der Wind der Reden und Parolen.“ Seine Finger lösen sich, kriechen über seinen Schenkel. Seine Miene verdüstert sich. „Brahim, wir sind doch Freunde, oder nicht?“ „Wenn du das so siehst.“ „Ganz recht, das seh ich so. Mein Blick ist scharf. Er reicht weiter als deine Schnod- derschnauze, mit der du dir nur Ärger einhandelst., Es ist der Blick eines Mannes, der sich auskennt, der weiß, woher er kommt, wohin er geht, was er selbst will und was er besser anderen überläßt, was er kann und was nicht. Du dagegen, du rast mit Volldampf auf den Abgrund zu, mit Scheuklappen, die sich vor lauter dummer Gedankenlosigkeit ganz verhärtet haben … Es schmerzt mich zu sehen, was dir widerfährt. Noch hast du dir nicht alles Wohl- wollen verscherzt: ich wäre untröstlich, wenn die Polizei ein Element deiner Güte einbüßen müßte. Das wäre Verschwendung, Brahim, eine giganti- sche Verschwendung.“ Ich höre zu. „Vor drei Tagen hatte ich eine Unterredung mit Slimane Houbel. Der hat die Krise gekriegt, als ich nur deinen Namen erwähnte. Ehrlich gestanden, ich finde, du bist mit deinem beschissenen Buch einfach zu weit gegangen. Es ist von bestürzender Unüberlegtheit. Ich sage nicht, daß du kein Talent hast. Im Gegenteil, deine Feder müßte man mit Gold aufwiegen …“ „Und wieviel wiegt eine Feder?“ „Laß uns bitte beim Thema bleiben! Ich bemühe mich gerade, das, was du verbockt hast, wieder zurechtzubiegen. Versuch, dich nicht undankbar zu erweisen. Ich habe zwei gräßlich lange Stunden gebraucht, um Slimane zu überzeugen. Ich hätte weniger lange gebraucht, einen Mullah zur Ver- nunft zu bringen, das weißt du. Den jüngsten In- formationen zufolge wurde dein Pensionierungs-, schreiben zurückgehalten. Ohne Wissen des großen Manitu. Wir sind ein wahnwitziges Risiko einge- gangen. Enttäusch uns jetzt nicht.“ Als er sieht, daß ich nicht gerade begeistert bin, fährt er fort: „Wenn alles gut geht, nimmst du noch vor Monatsende den Dienst wieder auf. Deine Männer sind völlig demoralisiert. Dein Leutnant hat seine Versetzung beantragt. Ich habe einen Kommissar in die Zentrale abgeordnet. Da geht es zu wie im Sterbehaus. Sogar dein Direktor hat um eine Audienz ersucht, damit du wieder zurück- kommst.“ Ich bitte um Erlaubnis zu rauchen. Er bewilligt es mir. „Bin tief gerührt“, sage ich, während ich ihm den Rauch ins Gesicht blase. „Im Gegenzug muß ich jetzt Wohlverhalten an den Tag legen, nehme ich an.“ Er kommt hinter seinem Schreibtisch hervor. Ein entscheidender Augenblick. Er verschränkt geziert beide Hände unter seinen Lippen und richtet seinen scharfen Blick auf mich. Lastendes Schweigen macht sich breit, nur ganz leise von den Geräu- schen unterlegt, die gedämpft vom Souk hochdrin- gen. „Bevor du mir antwortest, nimm dir Zeit und denk nach. So sensibel und impulsiv wie du bist, ziehe ich es vor, zur Not eine ganze Woche auf deine Antwort zu warten. Um Himmels willen, Brahim, sag bloß nicht sofort etwas. Nimm alles in, dich auf und gehe nach Hause, denk drüber nach. Laß es gut sein für heute.“ „Ich bin bereit.“ Er atmet tief durch, tupft sich nervös den Schweiß mit einem Taschentuch ab. Man könnte meinen, seine Karriere, sein Vermögen, sein gan- zes Schicksal hingen von meiner Entscheidung ab. „Du mußt öffentlich anerkennen, daß du dich ge- irrt hast, daß dein Buch eine unglückselige Unter- nehmung war, Ausfluß einer schwierigen Phase … Ich bitte dich, sag jetzt nichts. Das ist doch alles halb so schlimm. Man verlangt doch nichts Un- mögliches von dir. Eine kurze Erklärung für die Presse, ohne großes Tamtam. Wenn du willst, kannst du auch ins Fernsehen. Noureddine Boudali ist bereit, dich in seiner Sendung zu begrüßen. Das ist ein Profi, der richtet dir alles nach Wunsch. Es reichen schon zwei Worte, Brahim, zwei elende Worte: Ich bedaure …“ Diesmal ist das Schweigen total. Fast kann man das Blut in Hadis Schläfen pochen hören. Selbst die Geräusche vom Souk sind verstummt. Hadi Salem schwimmt in seinem Schweiß. Sein Ta- schentuch ist triefnaß. Ich drücke meine Zigarette im Aschenbecher aus und stehe auf. Hadi Salem klebt mir an den Lippen, mit flehendem, verzweifeltem Blick. Alles, was ich sage, ist: „Ich bedaure nur eines: überhaupt hierher gekommen zu sein.“ Da gerät er in Bewegung. Seine Angst verwan-, delt sich schlagartig in Wut. Seine Pupillen, die einen Moment lang glasig wirkten, glühen auf in Haß. Er stützt sich auf den Schreibtisch, lehnt sich weit im Sessel zurück und betrachtet mich ein- dringlich, ehe er hervorstößt: „Wenigstens werde ich ein ruhiges Gewissen haben.“ Ich brauche keine Nachhilfe, um zu begreifen, was er damit andeuten will. * * * Es ist ein roter Wagen mit getönten Scheiben. Und einer breiten Schramme am rechten Seitenflügel. Ich glaube, ich habe ihn heute morgen schon mal gesehen, er parkte gegenüber der Werkstatt, aus der ich meine alte Karre abgeholt habe. Mit einem Schatten drin, der sich vage bewegte. Ich habe nicht weiter darauf geachtet. Und jetzt ist er wieder da, der Wagen, an der E- cke ist er geparkt, mit zwei Reifen auf dem Geh- weg und zweien im Rinnstein. Ich verziehe mich ins erstbeste Café. „Kann man hier mal telefonieren?“ frage ich. „Die Post ist auf dem Platz draußen“, entgegnet der Inhaber. Er wienert wie wild den Tresen blank, direkt vor meiner Nase. „Sind Sie krank?“ fragt er mich. „Nicht direkt.“ Er sieht mich von der Seite an: „Sie sind bleich,, und Ihre Hände zittern.“ „Vielleicht eine Erkältung.“ „Bei dieser Hitze?“ Er traut mir nicht über den Weg. Kein Wunder, bei all den Bomben Marke Eigenbau, die manch einer gern gut getarnt unterm Tresen vergißt. Ein Hüne taucht im Türrahmen auf. Hinter seinen Rausschmeißer-Schultern verschwindet der Raum im Schatten. Im Schutz seiner Sonnenbrille wendet er den Kopf erst nach rechts, dann nach links, mus- tert mich eingehend und gibt dann die Tür wieder frei, wodurch sich ein ganzer Lichtschwall in den Raum ergießt. „Was darf es sein?“ „Mineralwasser.“ Ich erfrische mich unter dem immer ängstliche- ren Blick des Inhabers, bezahle und setze meinen Weg fort. Draußen wimmelt es nur so von Menschen. Der rote Wagen hat sich in Luft aufgelöst. Zwei Tage später liegt er wieder auf der Lauer, am Boulevard Mohamed V. Gerade beschließe ich, der Geschichte ein für allemal auf den Grund zu gehen, da verschwindet er mit lautem Getöse um die nächste Kurve. Das Spielchen dauert eine Woche an. Offensicht- lich möchte man auffallen. Ein roter Wagen, im- mer derselbe, immer so geparkt, daß man ihn nicht übersehen kann … Man will mir Angst einjagen., Wollte man mich umlegen, würde man es anders anstellen. Am achten Tag kreuzt er in meinem Rückspiegel auf. Diesmal ist es zuviel. Ich fahre in eine Vor- stadtsiedlung, lasse meine Karre in einem Hinter- hof stehen, verschwinde in einem Hochhaus und gelange auf der gegenüberliegenden Seite durch den Notausgang wieder ins Freie. Ich umrunde zwei Wohnblocks und pirsche mich von hinten an. Der rote Wagen steht in einer menschenleeren Seitenstraße, zweihundert Meter von meinem ent- fernt. Ich schleiche auf Zehenspitzen näher, immer eng an der Mauer entlang, die Hand unter der Ja- cke. „Keine Bewegung!“ brülle ich und reiße die Fah- rertür auf, die Pistole im Anschlag. Der Typ rührt sich nicht. Er ist über dem Lenkrad zusammengesunken, mit hängenden Armen und hervorquellenden Augen. Jemand ist mir zuvorge- kommen, hat ihm den Hals umgedreht. Am selben Abend stolpere ich, verstört vom Lauf der Ereignisse, über einen jungen Mann auf mei- nem Treppenabsatz. Er ist schmutzig und zerlumpt, hat ein Faunsgesicht und einen Dreitagebart. Ich habe ihn nie zuvor hier in der Umgebung gesehen. Ohne lang zu überlegen, stürze ich auf ihn und drücke ihm meine 9mm-Pistole gegen die Schläfe. „Onkel Brahim!“ schreit Fouroulou und kommt die Treppe heruntergerast. „Das ist mein Cousin., Er ist ein bißchen zurückgeblieben.“ Da ist er, so will mir fast scheinen, nicht der ein- zige. Ich lasse ihn laufen und verkrieche mich in mei- nem Bau. Seit einer Stunde sitze ich schon hier und beobach- te durch die Fensterfront eines Teesalons die schlafwandelnde Menschenmenge, die um die Hauptpost herum wogt, ohne auch nur ein bekann- tes Gesicht zu entdecken. Die Leute kommen und gehen in heftigen Brandungswellen und merken gar nicht, daß sie einander anrempeln. In ihrem Blick, dem Blick von Schiffbrüchigen, taucht nicht die kleinste Insel auf. Die Gefahr, die ihnen schon hinter der nächsten Biegung auflauern kann, scheint sie nicht im mindesten zu beunruhigen. Letzte Woche ist hundert Meter von hier eine Au- tobombe hochgegangen. Die zerfetzten Körper konnte man hinterher mit der Handschaufel aufle- sen. Kaum waren die Feuerwehrsirenen verstummt, ging das Leben weiter, als wäre nichts passiert. Wenn der Tod erst einmal zum Alltag gehört, wird er zur Randerscheinung unter Randerscheinungen. Verdächtig wirkt allenfalls die Ruhe, die auf ihn folgt., Mir gegenüber sitzt eine grellgeschminkte Dame und macht mir schöne Augen. Sie klammert sich an ihr Glas Zitronenlimonade, als wär’s das Leben selbst, doch auf ihrem Gesicht ist eine Falte, die nicht täuscht. Diese Frau ist allein, sie sucht einen Freund. Sie spürt meine Einsamkeit, darum zeigt sie Mitgefühl. „Hätten Sie wohl eine Zigarette für mich?“ Ehe meine Hand in der Hosentasche nachfor- schen kann, verläßt sie schon ihren Tisch und kommt zu mir herüber, ihr Glas wie eine Trophäe in der Faust. „Ich warte auf jemanden“, informiere ich sie. „Wir alle warten auf jemand, wir wissen nur nicht auf wen.“ Sie zieht eine Zigarette aus der Packung, die ich ihr reiche, und dreht sie zerstreut zwischen ihren knochigen Fingern hin und her. Sie lächelt, aber es ist ein trauriges Lächeln. „Ich beobachte Sie schon seit einiger Zeit“, be- kennt sie. „Um ehrlich zu sein, ich hab’s gleich gemerkt.“ „Sie mußten annehmen, daß ich Sie anmachen wollte.“ „Oh, das wäre zuviel der Ehre.“ Sie wühlt in einer armseligen Handtasche, beför- dert ein Wegwerffeuerzeug zutage, zündet die Zi- garette an und wendet sich ab, um den Rauch aus- zuatmen. „Ich bin keine Nutte.“, „Habe ich auch nicht gesagt.“ „Aber gedacht … Ich sehe zwar so aus, aber ich bin keine Prostituierte, Monsieur Llob. Ich habe einen Beruf, der dem Laster ähnlich ist. Man raucht, man schläft manchmal außer Haus, aber man geht nie auf Kundenfang.“ „Kennen wir uns?“ Sie läßt die Hand kreisen, als imitiere sie den Flug eines Schmetterlings: „Wir kannten uns mal …“ Sie betrachtet sinnierend das rotglühende Ende ihrer Zigarette. „Wir haben sogar einmal ein gan- zes Wochenende lang zusammengearbeitet.“ „Sie sind von der Polizei?“ „Nicht direkt: Ich bin Journalistin … naja, ich war es mal.“ Ich suche in ihren zerquälten Zügen nach einem Detail, das meine Erinnerung auffrischen könnte, versenke mich in ihren Blick. Nirgends in meinen Hirnwindungen stoße ich auf ihre Spur. „Malika“, hilft sie mir auf die Sprünge, erbost über meine Gedächtnislücke. Aber das bringt mich auch nicht voran. Ich mus- tere ihr verwaschenes Kleid, das auf der Schulter ungeschickt geflickt ist, ihre eingefallenen Wan- gen, ihren Mund, dem das Lachen längst vergan- gen sein dürfte, ihr rebellisches Haar, das ihr etwas Dämonisches verleiht, die Verzweiflung, die ihr aus jeder Pore strömt … „Die Bankaffäre von 1978“, seufzt sie. „Die bei-, den Leichen im Tresor.“ Meine Hand schlägt kurz und heftig gegen die Stirn. „Malika Sobhi! Wie konnte ich das nur verges- sen?“ „Wie soll man sich auch erinnern bei all dem Chaos, das unseren Alltag aufmischt? Ist ja auch schon eine Ewigkeit her. Es war die Zeit der Revo- lutionen, der Hexenverfolgungen und der Hatz auf die Reaktionäre … Ich habe Sie trotzdem gleich erkannt“, konstatiert sie fingerschnipsend. „Stimmt, Sie sind etwas fülliger geworden, an den Schläfen etwas weiß überpudert, aber im großen und ganzen sind Sie unverändert.“ „Ich muß zugeben, ich hatte nicht denselben scharfen Blick.“ „Ist auch nicht dasselbe. Meine eigene Mutter muß zweimal hinsehen, um mich zu erkennen. Die Krankheit hat mich gezeichnet.“ Sie klopft sich mit dem Finger an den Kopf. „Zwei Depressionen, zwei Jahre unter einem Dach mit den Verrückten. Ich bin nackt durch die Straßen gelaufen. Es war hart, sehr hart … Ich habe meinen Mann bei einem Attentat verloren und den größten Teil meines Verstandes in der Vereinigung der Terrorismusop- fer, in der ich noch immer aktiv bin.“ „Tut mir leid.“ „Da sind Sie der einzige, das können Sie mir glauben. Wenn Sie wüßten, wie wir behandelt werden. Sie haben mich sogar geschlagen.“ Sie, schüttelt ihre Mähne über meine Arme, um mir eine Narbe am Kopf zu zeigen. „Sie haben gesagt, ich sei eine Agitatorin, Monsieur Llob. Sie haben versucht, es mir mit dem Gummiknüppel in den Schädel einzuhämmern.“ Ein Kellner mit Krawatte nähert sich, entschul- digt sich höflich bei mir, packt die Frau unsanft am Arm und sagt: „Sie stören den Herrn. Wenn Sie sich bitte wieder an Ihren Tisch setzen wollen.“ „Und Sie? Stören Sie vielleicht nicht?“ schnauze ich ihn an. Er verhaspelt sich, schluckt krampfhaft seinen Speichel hinunter und erklärt: „Diese Frau belästigt ständig unsere Gäste, Monsieur.“ „Ich bezahle alle meine Getränke“, protestiert Malika. „Ihr Geld interessiert uns nicht, Madame. Das hier ist ein Teesalon, keine Nachtbar.“ Ich bitte ihn, es gutsein zu lassen. Er mustert ge- hässig die Frau, schüttelt den Kopf und legt den Rückwärtsgang ein. „Dieser Mistkerl“, schimpft Malika. „Der hält mich für bekloppt. Der hat keine Ahnung, daß in unserem Land jeder von heute auf morgen plötz- lich ganz unten sein kann.“ Ich nehme ihre Hände, um sie zu trösten. „Kann ich irgend etwas für Sie tun?“ Ohne es zu beabsichtigen, habe ich offenbar ei- nen höchst wunden Punkt berührt. Sie reißt entsetzt die Augen auf, bebt von Kopf bis Fuß. Ihre Wan-, genknochen, die ohnehin schon kantig sind, treten noch schärfer hervor. „Wie bitte? Was haben Sie da gerade gesagt?“ Sie stößt meine Hände fort und steht polternd auf. „Ihr Scheißmitleid brauche ich nicht, Monsieur Llob. Ich habe nur jemanden zum Reden gesucht.“ „Ich bitte Sie, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wollte Sie nicht kränken.“ „Sind alle gleich!“ „Hören Sie, Malika …“ „Pfoten weg, dreckiger Bulle!“ Der ganze Teesalon erstarrt in der Bewegung, um uns zu beobachten. Malika Sobhi ist jetzt weiter nichts als eine Jammergestalt mit struppiger Mäh- ne, Schaum vor dem Mund und verdrehten Augäp- feln. Sie schleudert mir ihre Zigarette ins Gesicht, greift nach ihrer Handtasche und läuft davon. Ich versuche, sie einzuholen. Sie taucht in die Menge ein und ist verschwun- den, ohne sich noch einmal umzudrehen. „Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, daß die nicht richtig tickt“, schnaubt mir der Kellner in den Na- cken, zufrieden, das letzte Wort gehabt zu haben. * * * Ich bin ans Meer hinunter und habe zugesehen, wie es mit den Felsen kämpft, während die Möwen mit spitzen Schreien über der Gischt hinwegzischen. Die Wellen sind derart hysterisch, daß sie die Fi-, scher zum Rückzug in Richtung alte Landungsbrü- cke zwingen. Der Strand ist überflutet, und in der Bucht tost es zum Fürchten. Ich weiß nicht, wieviel Zeit ich so herumgebracht habe, ehe ich ziel- und lustlos weitergelaufen bin. Ich habe nicht mitbekommen, wie sich die Sonne abgesetzt hat, noch wie der Abend bei Einbruch der Nacht immer finsterer blickte. Ich weiß nicht einmal, wie ich am Ende zu Sid Alis Garküche gekommen bin. Sid Ali schwenkt wie bei einer Zeremonie einen Fächer über seinem Grill. Um sich in Stimmung zu versetzen, zieht er in vollen Zügen den Rauch sei- ner Grillwaren durch die Nüstern ein und leckt sich die Lippen. Als er mich auf der Türschwelle stehen sieht, hält er inne, legt seinen Fächer zur Seite und wischt sich seine fleischigen Finger an der Schürze ab, auf der die Sauce unübersehbare Spuren hinter- lassen hat. „Was! Dich gibt es auch noch!“ ruft er aus und kommt wie eine Woge auf mich zugerollt. Er klatscht mir voll aufs Gesicht, und ich gehe unter der Wucht seiner Zuneigung in die Knie. Der Geruch verbrannten Fleisches, der von ihm aus- geht, verschlägt mir den Atem. „Bist du sauer auf mich? Du läßt dich ja über- haupt nicht mehr blicken!“ „Ist auch besser so.“ Er runzelt die Stirn. „Warum sagst du denn so ei- nen Mist?“, „Scheint, daß meine Visage zum Heulen ist.“ „Na und? Freunde sind doch nicht nur zum Fei- ern da.“ „Mein Vater hat mir geraten, meine Freude mit anderen zu teilen und meinen Kummer für mich zu behalten.“ „Da war er im Irrtum.“ Er tritt zurück, blickt mich abwägend an, drückt mir einen Finger in die Wampe. „Du siehst aus wie ein geschrumpfter Gummiball“, stellt er fest, wäh- rend er mir einen Stuhl zurechtrückt. „Bist du auf dem Sprung oder willst du was essen?“ „Beides.“ „Ich mache in einer knappen Stunde den Laden dicht. Was hältst du davon, wenn du bei uns zu Hause zu Abend ißt? Die Kinder werden sich freu- en, dich wiederzusehen.“ „Laß gut sein. Mir ist nicht danach. Und außer- dem kreuzt gleich Lino hier auf. Mach mir ein hal- bes Dutzend Merguez mit massig Senf und schreib an, ich bin total abgebrannt.“ Er kümmert sich um zwei Kunden hinten im Raum und kommt wieder nach vorne geschlurft. „Wo warst du denn die ganze Zeit?“ „Du weißt noch gar nichts?“ Er zieht einen Flunsch. „Mir sagt ja keiner was.“ „Sie haben mir meine Dienstmarke weggenom- men.“ Er weicht sekundenlang meinem Blick aus, kratzt sich am Schädel und läßt sich auf den Stuhl neben, mir plumpsen. „Ach …!“ „Scheint dich nicht sonderlich zu überraschen.“ Er macht eine undefinierbare Handbewegung. „Ich habe zwar nur eine Garküche und bin nicht sonderlich gebildet, aber das heißt noch lange nicht, daß ich einen Fußball zwischen den Schul- tern sitzen habe. Wozu letztlich der Krieg gegen die fundamentalistischen Bösewichte, wenn nicht, um einen Krieg gegen die fundamental Guten aus- zulösen? Du bist weder der erste noch der letzte, den es erwischt. Um die Wahrheit zu sagen, ich sprech lieber nicht darüber. Ich habe mich die gan- zen letzten Jahre über so sehr ausgekotzt, daß ich heute nicht mehr auf den Topf brauche. Und au- ßerdem, bei deinem Alter, was hast du dir denn vorgestellt? Daß sie dir die Uniform gleich mit wegnehmen?“ Er legt seinen resignierten Tonfall ab und stößt mir den Ellenbogen in die Seite. „Los, lächle mal. Kennst du den schon? Wie nennt man ein Kängu- ruh, das nicht zurückkommt?“ „Wenn du einen Bügel meinst, bist du echt der letzte Trottel.“ Er schmeißt sich mit einem Stehaufmännchenla- chen nach hinten und läßt seine Speckfalten tanzen. „Kanntest du den schon?“ Zehn Minuten später lädt er ein ramponiertes Tablett voller Fleischspießchen, Zwiebelscheiben, Pepperoni und Brot nebst einem Krug mit einem, absolut widerwärtigen, selbstgebräuten Gesöff vor mir ab und quetscht sich mir gegenüber auf die Bank, das Gesicht in die Hände vergraben, um mir beim Mampfen zuzusehen. „Irgendwelche Pläne?“ „Erstmal meine Pechsträhne überwinden.“ „Also bitte, trag bloß nicht so dick auf. Davon geht doch die Welt nicht unter. Es gibt auch noch was anderes als die Polente im Leben. Hast du nicht längst genug, nach all den Jahren? Mach mir die Freude und zieh einen Strich unter dieses Kapi- tel. Es bringt eh nichts, die Welt verbessern zu wollen. Sie ist, wie sie ist. Der Messias persönlich würde sie nicht ändern können. Der Beweis? Er will erst am allerletzten Tag wiederkommen. Ist ja nicht so, daß ich dich nicht verstehen könnte. Du steckst den Kopf in den Sand. Du bist nicht der Anwalt der Armen und noch weniger der Rächer der Enterbten, den der Himmel uns schickt. Du bist ein kleiner Funktionär, bestenfalls eine Handvoll Groschen wert. Du machst deinen Job und ab in die Federn, aus und basta. Ich sage ja nicht, daß es dich nichts anginge, oder daß man noch nicht mal den kleinen Finger rühren sollte. Ich sage nur, daß es nicht ratsam ist, über den eigenen Hintern hin- aus zu furzen. Worauf es ankommt, ist, daß man keine krummen Dinger dreht. Und du, hast du je ein krummes Ding gedreht? Nie im Leben. Wenn die anderen es tun, was geht’s dich an? Vor dem Herrgott steht jeder mit seinem Gewissen allein.“, „Sid Ali, um Himmels willen, siehst du nicht, daß ich esse?“ „Ißt du neuerdings vielleicht mit den Ohren? Und außerdem, wie soll ich bitte schön den Mund hal- ten, wenn du die ganze Zeit über kein Wort von dir gibst?“ * * * Lino hat seinen Zopf abgeschnitten. Er hat sich die Schläfen ausrasieren und die Strähne auf der Stirn eindrehen lassen. Zum Ausgleich hat er seit unse- rem letzten Treffen die Bartstoppeln stehen lassen. Mit seinem Tropenhemd, seiner an den Knien ab- gewetzten Jeans und seinen falschen Markenturn- schuhen sieht er aus wie ein Luppy vom Lande, der frisch in der Großstadt eingetroffen ist. Er winkt lässig zu Sid Ali hinüber und macht mir Zeichen, zu ihm zu kommen. Hinter ihm steht Ewegh Seddig und hat die Stra- ße fest im Blick. Seine Kolossalstatur verdeckt fast das Auto. Die Arme über der Brust verschränkt, die Beine fest in den Boden gerammt, beherrscht er den Gehweg so undurchdringlich wie seine schwarze Sonnenbrille. Einmal habe ich ihn ge- fragt, warum er nachts eine Brille trägt, die eigent- lich als Schutz vor der Sonne gedacht ist. Um die anderen vor seinem Blick zu schützen, hat er ge- sagt. Ich wische mir Mund und Hände mit einem Lap-, pen ab und sprinte zum Auto. Lino setzt sich ans Steuer. Eweghs Blick sucht die Gegend ab, ehe er sich auf die Rückbank zwängt. „Wie geht’s denn so?“ frage ich ihn. „Hmmm …“ Lino chauffiert uns bis hinter Bab El-Oued, vor- bei am Platz des 1. Mai, und rast dann die Küsten- straße entlang, eine Hand am Steuer, die andere im offenen Fenster. Er schweigt. Ab und zu, um das Schweigen zu überwinden, tut er so, als interessie- re er sich für die Gaffer am Straßenrand, fixiert sie auch noch im Rückspiegel und hat sie ein paar Me- ter weiter schon wieder vergessen. Lino ist gar nicht gut drauf. Wir kommen zu einem erleuchteten Teesalon in der Nähe vom Märtyrerdenkmal. Am Fuß des Hü- gels leuchtet Algier nach Kräften, um die Finster- nis daran zu hindern, sich definitiv in den Köpfen einzunisten. Wir suchen uns einen Ecktisch, von dem aus wir gleichzeitig den Raum und den Parkplatz mit unse- rem Auto im Blick haben. Ein adretter Kellner fragt nach unseren Wünschen. Lino bestellt drei- mal Orangensaft und drei Schoko-Croissants. „Wie wär’s, wenn du endlich Schluß machst mit deinem Theater?“ schlage ich entnervt vor. Lino zieht den Spaß in die Länge. Er haucht hin- gebungsvoll auf seine Brillengläser, reibt sie am Hemd sauber und schiebt sich das Gestell über die Augenbrauen., „Mir geht’s nicht gut.“ „Mir auch nicht.“ Der Kellner kommt mit einem Tablett zurück und teilt Gebäck und Getränke aus, wobei er sich von der Statur des Targi sichtlich beeindruckt zeigt. Lino beruhigt ihn: „Der beißt nicht.“ Der Kellner schüttelt den Kopf und zieht ab, oh- ne auf seinem Trinkgeld zu beharren. Lino verkündet im Tonfall tiefsten Abscheus: „Wir haben den Typen identifiziert, der dir nachge- stellt hat. Er hieß Farhat Nabilou.“ „Und? Paßt dir sein Name nicht?“ „Seine Akte paßt mir nicht. So nichtssagend wie eine offizielle Ansprache. Ich hatte gehofft, wir würden ein paar Einzelheiten erfahren, um über ihn an seine Hintermänner heranzukommen. Nichts. Farhat Nabilou, am 27. Februar 1965 in Algier geboren. Trödler in El Harrach. Keinerlei politi- sche Aktivitäten. Kein Strafmandat. Keinerlei Kon- takte. Der perfekte Einzelgänger. Hallo, wie geht’s und tschüß. Die Nachbarn wissen fast nichts über ihn. Hat seinen Laden täglich zur selben Zeit dicht gemacht und ist gleich danach ab nach Hause.“ „Er war doch bewaffnet …“ „Genau das ist der Punkt. Das Schießeisen hat einem Brigadier gehört, der vor zwei Jahren in Sidi Moussa ermordet wurde. Für die Kollegen vom Labor ist das sonnenklar. Und es ist genau die Waffe, mit der Anfang des Monats drei Einwohner von Rouiba umgelegt wurden.“, „Warum?“ „Hatten keine Lust mehr, sich weiter erpressen zu lassen.“ „Warst du in Rouiba?“ „Mit Ewegh, gestern und noch heute früh. Wir sind von Tür zu Tür gelatscht, doch kein Mensch hat Nabilou auf dem Foto wiedererkannt.“ „Und der Wagen?“ „Wurde vor drei Wochen in Chief gestohlen. Gut getarnt, neu gespritzt, falsches Nummernschild, gefälschter Fahrzeugbrief, neue Reifen, aufgemotzt mit Radkappen und Stoßstange … Für einen unbe- scholtenen Bürger ein prima Job.“ Er verleibt sich das halbe Glas Saft und die Hälfte seines Schoko- Croissants ein und meint noch: „Der muß ganz frisch angeworben sein.“ „Praktizierender Gläubiger?“ „Man hat ihn nie in der Moschee gesehen. Aber das will heutzutage nichts mehr heißen. Der Krieg hat es mit sich gebracht, daß sie inzwischen jeden rekrutieren.“ „War er verheiratet?“ „Geschieden, kinderlos. Die Mutter tot, der Vater impotent. Die reinste Sackgasse.“ Ich drehe nachdenklich das Glas in meinen Hän- den. Ewegh hat seines noch nicht angerührt. Er sitzt stocksteif da und überwacht, was sich draußen tut – eine Kobra, die auf Beute lauert. „Wer hat ihm bloß das Genick gebrochen?“ wer-, fe ich beiläufig ein. „So viel ich weiß, findet seit 1962 kein Jahrmarkt mehr statt. Aus welchem Zir- kus mag dieser Herkules entlaufen sein?“ Ewegh zuckt mit keiner Wimper. Lino dagegen scheint das irgendwie unangenehm zu sein. „Ich bin gerade mal um die Wohnblocks herum. Das hat vielleicht fünf oder sieben Minuten gedau- ert. Und schon finde ich ihn zusammengesackt überm Lenkrad liegen. Kannst du mir das erklären, Leutnant?“ „Der ist auch von einem beschattet worden, ist doch klar.“ Mein Finger zeigt auf den Targi: „Das warst du!“ „Sein Hals ist mir unter den Fingern weg- geknackst“, gibt Ewegh ohne Umstände zu, als handle es sich um ein dummes Malheur. „Ich woll- te ihn eigentlich nur aus dem Auto ziehen.“ Lino seufzt, gibt sich geschlagen und erklärt: „Der Direx hatte Ewegh beauftragt, dich zu über- wachen. Nach der Geschichte mit den Poltergeis- tern in deiner Wohnung ging ein Anruf in der Zent- rale ein. Anonym. Der Typ ließ durchblicken, daß sie dich umlegen wollten. Vielleicht nur ein Scherz, aber der Direktor zog es vor, auf Nummer Sicher zu gehen. Ewegh wollte ihn wirklich nur festnehmen. Lebendig hätten wir einiges aus dem rausgekriegt, kannst du dir ja denken … War halt ein Unfall.“ Ewegh rührt sich noch immer nicht. Er über- wacht den Parkplatz, sonst interessiert ihn nichts., Lino wechselt plötzlich den Ton: „Willst du mir einen Gefallen tun, Kommy? Fahr zu Mina und den Kindern nach Béjaïa, oder geh nach Igidher zurück, oder laß von mir aus in Oran Gras über die Sache wachsen, aber häng nicht weiter hier herum. Ich bin überhaupt nicht beruhigt. Kein Mensch ist beruhigt …“ Ich will ihm gerade zu verstehen geben, was ich – ehrlich gestanden – von seinen Ratschlägen halte, da zerplatzt plötzlich die Fensterfront in Millionen von Splittern. Ein Sog erfaßt mich und schleudert mich nach hinten. Um mich herum wildes Ge- schrei. Ich habe Mühe zu begreifen, was passiert ist. Ich liege am Boden, völlig entkräftet, zu schlapp, den Tisch, der auf mir liegt, wegzuschie- ben. Neben mir Lino, mit aufgerissenen Augen. Ewegh, alle Viere in der Luft, versucht, sich unter dem Berg von Stühlen, in den es ihn verschlagen hat, hochzurappeln. Im Teesalon herrscht blankes Chaos. Wer nahe der Eingangstür saß, ist unter Trümmern begraben. Unter den gliedlosen Marionetten erkenne ich den Kellner wieder. Er entdeckt soeben voll Entsetzen, daß sein Arm keine Rückmeldung gibt. Er kann es nicht fassen, ist leichenblaß, glaubt nicht, was er sieht. Eine Frau taumelt durch den Qualm, eine Kreatur wie aus einem Gespensterfilm, die Arme weit von sich gestreckt, das Gesicht von der Explo- sion weggerissen. „Wo ist meine Tasche?“ ruft ein Mädchen blut-, überströmt und wühlt verzweifelt im Staub. Den entstellten Mann vor ihrer Nase scheint sie nicht wahrzunehmen, und auch nicht das verstüm- melte Bein, aus dem sich das Blut über ihre Waden ergießt. „Eine Bombe! Eine Bombe!“ ruft jemand wie im Delirium. Ewegh steht als erster wieder auf, wirbelt eine Staublawine hoch. Er schiebt den Tisch, der mich fast erdrückt hat, zur Seite und hilft mir hoch. „Bist du okay?“ Abgesehen von den Glassplittern im Arm habe ich nicht den Eindruck, verletzt zu sein. Lino stöhnt. Sein Fuß ist gräßlich verrenkt. „Mir tut mein Knöchel weh!“ ächzt er. Ein Mann taucht aus dem Rauch auf, mit schwärzlichem Gesicht, torkelt und bricht zusam- men, der Rücken verkohlt. Eine Frau sitzt auf ei- nem Stuhl, wundersamerweise unverletzt, blickt sich nur immerzu um, begreift nicht. Hinter dem Tresen züngelt eine Flamme empor, schlängelt sich an einem Vorhang hinauf und hat im Nu die Decke erreicht. Das Dach knistert, bricht auseinander und kracht mit Getöse zusammen. Draußen ist der Teufel los. Schatten bewegen sich, laufen ineinander, durcheinander, ein halluzi- nierendes Schauspiel. Ihre Schreie vereinen sich zu einer ohrenbetäubenden, irrwitzigen, alles mitrei- ßenden Sturzflut. „Wo ist mein Sohn?“ ruft flehentlich ein Vater,, dem nur noch Fetzen am Leibe hängen, und klam- mert sich an die Leute. „Eben war er noch da. Ge- rade hier. Wo ist er?“ „Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr!“ murmelt unablässig kopfschüttelnd ein Greis. „Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr …“ Das Feuer greift auf den Parkplatz über, ver- schlingt das erste Auto und beginnt, die anderen in einer surrealen kakophonen Geräuschkaskade exp- lodieren zu lassen. Menschliche Fackeln schwan- ken durch die Nacht, Irrlichtern gleich, und ihre Bewegungen sind herzzerreißender als ihr Schrei- en. Innerhalb weniger Minuten hat sich der Belvédè- re in einen Alptraum verwandelt, und die Hölle erscheint mir gnädiger als das Fegefeuer, das hier wütet.,

III

Vergeblich versucht sie Auf einem Grashalm zu landen Schwerfällige Libelle Wandermönch Matsuo Bashô (1644-1694) Zu sterben ist die größte Gemeinheit, die man sei- nen Freunden antun kann. Da Achour ist nicht mehr von dieser Welt. Er hat für vier gegessen, hat seine Zwanzig-Uhr- dreißig-Zigarette exakt um zwanzig Uhr dreißig geraucht, es sich in seinem Schaukelstuhl bequem gemacht, die Füße gegen die Balustrade gestützt, mit einem kleinen Hüftschwung den Stuhl in Be- wegung gesetzt, und sich dann, die Lichter eines Frachters auf hoher See fest im Blick, still und lei- se rülpsend davongemacht. Wäre ich in der Nähe gewesen, hätte ich sicher zwischen den Sternen den lieben Gott gesehen, der sich freut, ihn endlich unter den Seinen begrüßen zu können. Er war, wenn man so will, meine Familie. Hatte in seinem Blick den dämmernden Abglanz des Heimwehs bewahrt. War ein Hort der Weisheit, war mein Igidher, meine verlorenen Jahre. Gott hat mit ihm ein gutes Geschäft gemacht, und ich, ich, weiß nicht wohin. Schon beginnt das Meer sein Klagelied, sammelt sich die Stille, ist die Welt öde und leer. Da Achour war einer der Gerechten. Er wird mir ungeheuer fehlen. Er pflegte zu sagen: „Die Rassen, das sind nicht die Weißen, die Schwarzen, die Roten, die Gelben. Die Menschen wissen die Gaben der Natur nicht zu schätzen. Sie schauen mit Vorurteilen auf ihre Un- terschiede und nennen es Rassentrennung. Aber die Rassen, das sind nicht die Araber, die Juden, die Slawen, die Tutsis. Die Menschen ziehen keine Lehre aus der Zeit. Stattdessen teilen sie die Ethnien in Kampftruppen ein. Sie trennen die Menschheit in oben und unten auf, um ihre eigene Nichtigkeit zu überspielen, darüber hinwegzutäu- schen, wie ordinär sie selber sind … Wahre Rassen gibt es nur zwei: die Rasse der Aufrichtigen und die Rasse der Ruchlosen, die Ehrenwerten und die Ehrlosen. Seit Anbeginn der Zeiten stehen sie ein- ander gegenüber, bekämpfen sich gnadenlos, das ist das Gleichgewicht der Dinge. Sie waren schon immer da, lange vor dem ‚Licht’, lange vor dem ersten Prophetenwort, und sie werden alle Zivilisa- tionen überdauern. Seit wir auf der Welt sind, lehrt man uns die Zwietracht und führt uns auf Irrwege, fern der Wahrheit. Man lehrt uns den Haß auf alles Andere, alles Abwesende, alles Fremde: ein künst- licher, wohlfeiler, auf Abruf verfügbarer Haß. Und sieh nur, Brahim, sieh: Wer setzt heute unsere, Schulen in Brand, tötet unsere Brüder und Nach- barn, enthauptet unsere Gelehrten, überzieht unser junges Land mit Feuer und Blut? Sind es Außerir- dische, sind es Malaien, sind es Animisten, sind es Christen? Es sind Algerier, niemand sonst als Al- gerier, dieselben Algierer, die vor noch nicht allzu langer Zeit lauthals in den Stadien die National- hymne sangen, die in Scharen den Geschädigten zu Hilfe eilten, die sich von den Benefizveranstaltun- gen im Fernsehen mobilisieren ließen. Und sieh sie dir heute an. Erkennst du dich in ihnen wieder? Ich nicht im geringsten … Die Menschen meiner Ras- se, Brahim, das sind all jene, die es rund um den Globus entschieden ablehnen, daß solchen Mons- tern Pardon gewährt wird.“ Er war mein Allerheiligstes: Da Achour, er war der letzte Schutzpatron dieser Stadt. Wir haben ihn auf dem Friedhof von Igidher beige- setzt. Fünfzig Gräber vom Grab von Idir Naït-Wali entfernt. Alles frische Gräber, die sich wie braune Geschwülste aus der Erde wölben. Zweimal war der Stamm in der Zwischenzeit Opfer tragischer Vorfälle geworden. Erst hatte eine Gruppe Funda- mentalisten eine Polizeisperre an der Straße nach Sidi Lakhdar vorgetäuscht. Sie nahmen den Bus ohne Vorwarnung unter Beschuß. Das Fahrzeug fing Feuer, die Fahrgäste sind bei lebendigem Lei- be verbrannt. Etwas später wurden sieben Frauen und dreizehn Kinder aus der Nähe des Marabout* [*, Für den Maghreb typisches Kuppelgrab eines islamischen Heiligen] Sidi Méziane entführt. Zwei Tage später fand man sie in einer Lichtung auf, alle erdolcht. Mohand fragt, ob ich etwas zum Gedächtnis des Verstorbenen sagen wolle. Ich schüttle nur den Kopf. „Na schön. Dann werdet ihr jetzt mit dem Auto nach Imazighène gebracht. In einer knappen Stun- de treffen wir uns alle da unten wieder.“ Ich bedanke mich bei ihm. Er sieht zu, daß er fortkommt, zu seinen bewaffneten Männern. Die Menge zerstreut sich schweigend. Greise humpeln auf Lieferwagen zu, andere zu ihren E- selskarren. Die Jüngeren laufen zu Fuß den steilen Hügel nach Imazighène hinunter. Arezki Naït-Wali sitzt selbstvergessen auf einem großen Stein vor dem frischen Grab. Sein naß- geschwitztes Hemd dampft in der Hitze. Er hat seine purpurrote Nase in ein Taschentuch gepreßt und wartet, daß ich ihn abholen komme. „Los, komm“, muntere ich ihn auf. Er schüttelt das Kinn und erhebt sich. Ich lege ihm den Arm um die Schultern und schiebe ihn vor mir her. „Wollen wir den Wagen nehmen?“ „Ich gehe lieber zu Fuß.“ „Ist aber ein ganzes Stück.“ „Halb so schlimm, geht ja immer bergab.“ „Na schön. Dann wollen wir mal.“, Imazighène ist ein Geisterdorf, einige Kabellängen von Igidher entfernt. Einst wurden dort die Wider- spenstigen des Stammes einquartiert, die sich wei- gerten, zu den Zuaven zu gehen* [* hier allgemein: sich in die französische Armee einberufen zu lassen. – Zoua- ven oder Zuaven (benannt nach einem algerischen Berber- stamm, der besonders tapfere Soldaten für das türkische Heer, dann für die Franzosen stellte) hießen die Mitglieder eines später nicht mehr ausschließlich aus Berbern bestehen- den französischen Kolonialcorps in türkischer Tracht.]. Während des Krieges fiel das Nest an die SAS** [** „Section administrative spécialisée“ = in etwa „Sonderver- waltungseinheit“, 1955 von den Franzosen zur psychologi- schen Kriegsführung gegen die Bevölkerung geschaffen.]. Nach 1962 beschloß es, weiterhin ein Ort der Aus- grenzung zu bleiben und ist seitdem von einer ge- radezu pathologischen Verweigerungshaltung. Keine Kinder, die schreien, keine Töpfe, die scheppern. Da liegt er, der Ort, am Ende eines Pfades, und verbirgt seine Misere verschämt hinter einem Bollwerk aus Feigenkakteen, so trostlos wie ein indianischer Friedhof. Seine Bewohner sind nach einem Massaker fortgezogen und haben den Fun- damentalisten ihre klägliche Herde und ihre armse- ligen Gerätschaften zurückgelassen. Ein Großteil der Hütten hat schon kein Dach mehr. Die Fassa- den der Innenhöfe sind rissig geworden und brö- ckeln im Wind. Alles ist still, nur die Zugluft schlägt munter über die Stränge, läßt Türen klap- pen und Fenster quietschen. Die Ratten haben die, modrigen Räume zu ihrem Reich erkoren. Und die Spinnen ihre hängenden Gärten von einer Mauer zur anderen gespannt, über das ganze Mobiliar hinweg. Außer einigen Greisen, die geisterhaft in den Eingängen hocken, klammert sich nur eine Handvoll Familien störrisch an ihren Bau, das Ge- wehr geschultert, das Auge waidwund. „Wir haben ihnen angeboten, sich nach Igidher zurückzuziehen, aber sie wollen ihre Gemüsegärten nicht aufgeben“, erklärt mir ein junger Patriot* [* „Patrioten“ oder „Selbstverteidigungsgruppen“ nennen sich in Algerien die von staatlicher Seite bewaffneten Milizen, die die Bevölkerung vor den islamistischen Terroristen beschüt- zen bzw. selbst Anschläge und militärische Offensiven gegen die Terroristen durchführen. In einigen Gegenden ersetzen sie faktisch die Sicherheitskräfte.] . „Tagsüber tun sie, was sie können, und nachts schieben sie Wache.“ „Wenn das noch lange so weitergeht“, bemerkt der Imam, „dann sterben sie, falls die roten Khmej** [** Unrat, Dreck] sie nicht vorher umbrin- gen, entweder an Angst oder an Schlaflosigkeit.“ Der junge Mann streichelt seine Kalaschnikow und erklärt: „Wir patrouillieren von Zeit zu Zeit hier in der Gegend. Aber manchmal sind wir tage- lang zum Durchkämmen ganzer Gebiete weg, und dann fehlen uns die Leute.“ Ich bleibe stehen, um einen Eindruck vom Aus- maß der Verluste zu gewinnen. Imazighène ist ein Symbol der Entsagung, malträtiert, traumatisiert, mißtrauisch geworden, und seine Gassen sind von einem wachsenden Übel verseucht: der Feindselig-, keit. Es ist die Feindseligkeit einer aus dem Sattel geworfenen Bevölkerung, deren Nerven bloßliegen und die sich weigert zu glauben, daß man schlicht aus Versehen in ihrem Ort landen kann. Als Kind kam ich oft hierher, um heimlich Loun- ja zu beobachten. Sie wohnte in einem Häuschen, das heute dem Erdboden gleich ist, dort auf der Anhöhe, hinter dem Kaktusstreifen. Jeden Morgen schlug sie den Weg zur Quelle ein, mit einem Ge- wand in den Farben des Sommers angetan, den Wasserkrug in vollendetem Gleichgewicht auf ih- rer flammenden Mähne balancierend. Lounja war elf Jahre alt und hatte einen azurblauen Blick. Wenn sie ihr kristallklares Lachen in die Lüfte warf, huschten mir seltsame Schauer über den Rü- cken. Der Imam wischt sich mit einem Zipfel vom Turban übers Gesicht. Er ist puterrot, als würde er gleich explodieren. Er beugt sich zu Arezki hinüber und erzählt: „1994 sind vierzig Hundesöhne aus den Wäldern dort drüben hervorgestürmt. In weniger als einer Stunde hatten sie alles geplündert. Bevor sie wie- der abgezogen sind, haben sie alle Familien auf dem Dorfplatz versammelt und ihnen eine Predigt gehalten. Dann haben sie als abschreckendes Bei- spiel den Muezzin und seinen Sohn erdolcht und sie kopfüber am Eingang der Moschee aufgehängt. Du erinnerst dich sicher noch an Haj Boudjemaa. Er hat zur Zeit der Besatzung an der Koranschule, von Igidher unterrichtet.“ „Ich erinnere mich nicht an ihn.“ „Er war sehr eng mit deinem Vater befreundet.“ „An den erinnere ich mich auch nicht mehr.“ „Schon möglich, du warst ja noch sehr jung … 1995 sind sie dann wiedergekommen. Am Vor- abend vom Aïd* [* Aïd el-Kebir, das große Opferfest, wichtigstes muslimisches Fest] , kannst du dir das vor- stellen? Sie haben die Häuser der ehemaligen Mu- dschaheddin** [** Gemeint sind die Kämpfer im algeri- schen Befreiungskrieg gegen die Franzosen (1954-1962)] in Brand gesetzt und Amrane und seine Familie in der Gesundheitsstation verbrannt. Du erinnerst dich doch noch an Amrane, den Pferdehändler?“ Arezki schneidet eine ausweichende Grimasse. Der Imam runzelt die Brauen: „Du erinnerst dich nicht an Amrane?“ „Es tut mir wirklich leid.“ „Ich hoffe, daß du dich wenigstens an mich erin- nerst?“ Arezki blickt zu Boden: „Ich bin sehr früh von hier fort.“ Der Imam ist enttäuscht. „Warum haben sie ihn verbrannt?“ frage ich nach. Der Imam wendet die offenen Handflächen zum Himmel. „Wer weiß das schon? An Amrane war nichts Besonderes, er war unauffällig, fast nichts- sagend als Person. Wenn ihr mich fragt, sie haben ihm vermutlich vorgeschlagen, eine gestohlene, Viehherde auf dem Souk abzusetzen, und er hat nicht mitgemacht.“ Wir kommen beim Haus der alten Taos an. Sie empfängt uns im Innenhof ihres ärmlichen Ge- höfts, den sie üppig mit Teppichen und alten Kis- sen ausgelegt hat, und lädt uns ein, uns an den Tischchen niederzulassen, die rund um einen Jo- hannisbrotbaum aufgestellt sind. „Lalla* [* „Gnädige Frau“, „Madame“: übliche Anrede für ältere Damen]“, murmelt der Imam mit begehrli- chem Blick auf das ‚Festmahl’, „wir sind zutiefst betrübt, dich noch ärmer zu machen.“ „Mein guter Imam“, unterbricht sie ihn, „du hast schon deine liebe Not, mich am Freitag in der Mo- schee zu beschwatzen, da wirst du mir doch nicht heute unter meinem eigenen Dach was vormachen wollen!“ Der Imam lacht leutselig und macht sich daran, ein Plätzchen in den Reihen der Alten zu suchen. Lalla Taos ist die ältere Schwester von Da A- chour. Die Last des Alters scheint ihr nicht das Geringste anzuhaben. Von der Höhe ihrer sechs- undachtzig Jahre herab hat sie nach wie vor alles fest im Griff, robust und klarsichtig, und ihre Be- wegungen sind so flink wie ihr Mundwerk, aus dem mitunter herrlich frivole Scherze sprudeln. Sie ist witzig und voll Temperament, hat Autorität, ohne autoritär zu sein, und alle Welt liegt ihr zu Füßen. Sie steht aufrecht im Sturm wie die Eiche neben einem Marabout: Die Mühlen des Alltags,, die sie aufreiben könnten, die Sorgen und Plagen, die an ihr zehren wollen, werden nie bis zu ihrer Seele vordringen. Sie hat ein Jahrhundert voller Umwälzungen, hat die verheerendsten Epidemien und die Trauer um den Verlust ihrer Nächsten mit seltener Gefaßtheit überlebt und scheint durch die Wechselfälle des Lebens hindurchzugleiten wie die Nadel durch den Stoff. Für sich allein verkörpert Lalla Taos die ruhige Stärke der unwandelbaren Kabylei. Ich küsse sie aufs Haupt. Sie umschlingt mich mit ihren mageren Armen und weicht ein wenig zurück, um mich anzusehen: „Was soll jetzt aus dir werden, Brahim, ohne dei- nen alten Freund?“ Sie bangt mehr um mich als um den Entschlafe- nen. Sie war es, die mich aufgezogen hat. Ich war ihr Augapfel. Meine Streiche heiterten sie auf, meine schlechte Laune betrübte sie. Sie liebte mich so sehr, daß sie nicht zögerte, tagtäglich den steilen Hügel hochzuklettern, um meine Mutter aufzufor- dern, mich in Ruhe zu lassen, wenn ich mich wie- der über sie geärgert hatte. „Er war ein Heiliger“, antworte ich ihr. „Um ihn mache ich mir keine Sorgen. Er war an- ständig. Garantiert genießt er da oben jetzt schon das süße Leben. Manchmal hat er sich zwar wie ein schlimmer Schlingel aufgeführt, aber Burschen wie er haben sich im großen und ganzen nicht viel vor-, zuwerfen. Der liebe Gott wird ihm höchstens die Ohren langziehen, um da oben keinen Neid auf- kommen zu lassen, und ihn dann für den Rest der Ewigkeit in Ruhe lassen … Gedanken mach ich mir um dich!“ „Na, dann zieh mir doch auch die Ohren lang und fertig.“ Die Trauergäste haben sich rings um die Tische verteilt und sind wacker dabei, die Berge von Kuskus abzutragen. „Komm“, tuschelt sie mir ins Ohr, „ich möchte dir was zeigen.“ Sie nimmt mich bei der Hand und führt mich in ein Zimmer mit rissigen Wänden. „Damit wir uns gleich richtig verstehen“, bereitet sie mich vor: „Es bleibt alles hier.“ „Ich schwör’s dir.“ Mein Wort reicht ihr nicht aus. Sie verschränkt ihre Finger mit meinen und läßt uns mit den Hän- den schlenkern, weit ausholend, und dazu ein Schwur aus Kindertagen – wie in der guten alten Zeit. Jetzt erst ist sie ganz beruhigt, beginnt in den Tiefen eines vorsintflutlichen Schranks zu kramen, befördert ein Messingkästchen mit Vorhängeschloß ans Licht und macht es vor meinen Augen auf. „Na, was ist das wohl?“ jauchzt sie auf und hält mir triumphierend eine Steinschleuder hin. „Mein astak!“ „So ist es. Hab ich dir damals eigenhändig gebas- telt. Mein Gott! Was warst du neidisch auf die an-, deren Jungen! Und das da? Erinnerst du dich?“ fragt sie weiter, während sie ein an allen vier Sei- ten zugenähtes Ledertäschchen hochhält. „Das war der Talisman, den du immer am Arm getragen hast. Er hat dich vor dem bösen Blick und vor üblem Umgang beschützt … Und das? Das errätst du nie. Das sollte deine allererste Chéchia werden, aber du hast sie nie getragen. Ich bin diesem verflixten Hausierer aufgesessen. Ich hatte ja im Leben noch nie einen Büstenhalter gesehen. Ich dachte, daß das zwei Käppis sind und habe ihn gebeten, mir eines für dich abzuschneiden. Achour hat sich fast die Milz aus dem Leib gelacht, als ich es ihm gezeigt habe.“ Sie noch immer über diese Anekdote lachen zu sehen, die sich vor fünfzig Jahren zugetragen hat, sie dabei zu erleben, wie sie eines nach dem ande- ren die Relikte meiner Kindheit wie geweihte Reli- quien hervorholt, unsere gemeinsame Geschichte wie ein Märchenbuch aufblättert und in höchste Verzückung gerät bei der Erinnerung an derart schlichte, naive Begebenheiten – welch ein Gefühl! Zuletzt zieht sie mit unendlicher Zärtlichkeit und Behutsamkeit etwas hervor, was sie für ihr bestes Stück zu halten scheint, versteckt es hinter ihrem Rücken und spricht glänzenden Auges: „Rate mal, rate mal, was ich hier habe, mein Großer!“ Und ich sehe ihre Augen, die aus ihrer Grisaille erwachen, sehe, wie die Tätowierungen auf ihrem Gesicht zu blühen beginnen, ihre ausgemergelten Schultern, vor Begeisterung beben … „Erinnerst du dich?“ Und sie schwingt ein ver- gilbtes, fast gänzlich verblichenes Foto. „Erinnerst du dich?“ Das auf dem Foto ist sie, wie sie auf einem Maulesel sitzt, die Augen geschlossen in der glei- ßenden Sonne, das Kleid bis über die Knie hochge- rafft, und sie strahlt, überglücklich, völlig hingeris- sen von diesem zerlumpten Bengel, der lachend neben ihr auf einem Baumstumpf steht. „Mein Gott! Was war ich damals häßlich!“ „Du warst überhaupt nicht häßlich, Brahim. Du warst wunderbar.“ Sie fährt mir mit der Hand über meine stachligen Backen, legt den Kopf schräg in den Nacken und murmelt mütterlich, zärtlich, gerührt: „Du warst der Beste überhaupt.“ Mohand hat uns eindringlich davor gewarnt, uns über den hellgrauen Grat hinauszuwagen, der den Berg wie eine Messerklinge teilt. Hin und wieder tauchten Fundamentalisten im Dickicht auf, um das Dorf zu überwachen oder einen einsamen Hirten zu entführen. Sie zögerten auch nicht, hat er gesagt, auf alles zu schießen, was sich in Reichweite ihrer Gewehre befände, ehe sie wieder im Wald ver-, schwänden. Sie benutzten diese List, um die Pat- rioten in verheerende Fallen zu locken. Jetzt, wo ihre Tricks nichts mehr fruchteten, begnügten sie sich damit, die Leute auszuspähen und Unvorsich- tige, vor allem Kinder, die sich verlaufen haben, anzugreifen. Seit dem Morgen werden Arezki und ich aus der Ferne von zwei Schutzengeln bewacht, während wir uns von unseren Erinnerungen treiben lassen. Ich habe sie gleich gesehen, aber ich spiele den Ahnungslosen, um sie zu beflügeln. Wir erklimmen einen unförmigen kleinen Erdhü- gel, der unter unseren Schritten wegbröckelt. Die verdorrten Halme kratzen uns die Waden auf. Arezki macht tollkühne Anstrengungen, um sich nicht abhängen zu lassen – umsonst. Er muß alle hundert Meter eine Pause machen, um wieder zu Kräften zu kommen. „Und da redest du von Erho- lung!“ japst er. „Ist anstrengend, tut aber gut.“ „Kannst du mir mal helfen?“ Ich strecke ihm meinen Stock hin und ziehe ihn daran zu mir hoch. „Noch eine winzige Anstrengung. Der Ausblick ist die Mühe wert.“ Er läßt sich mir direkt vor die Füße fallen, mit aufgelöster Miene, ausgedörrter Kehle. „Reich mir mal deine Flasche. Ich brenne inwendig noch aus.“ Ich lasse mich neben ihn zu Boden gleiten. Links von uns liegt der Obstgarten, in dem wir, Lausebengel regelmäßig unsere Streifzüge unter- nahmen, so behende, daß keiner uns je zu fassen bekam. Heute ist er ein Schatten der Legenden, die wir um ihn rankten. Sein Schweigen ist das eines Friedhofs. Seine Spatzen sind längst auf und da- von. Und selbst die Esel wagen sich heute nicht mehr hierher. Damals war der ganze Hügel zur Zeit der Mandelbaumblüte bis an die Pforten des Hori- zonts wie mit Schnee überzogen. Auch Arezki betrachtet still, was vom alten Obstgarten übrig ist: verkrümmte, mickrige Bäu- me, die ihre Äste in verzweifeltem Gebet gen Himmel recken. „Erinnerst du dich noch, wie du einmal wie ein Wilder da bergab gesaust bist, auf der Flucht vor dem Wächter?“ Arezki schaudert leise und kauert sich zusam- men. „Normalerweise hat er ein Auge zugedrückt. Er ließ mich immer in Ruhe.“ „Um das Lämmchen anzulocken, es in Vertrauen zu wiegen. Wenn du mich fragst, dann hat ihn der Wind, der die Gandoura über deinem drallen Popo hochgeweht hat, auf krumme Gedanken gebracht.“ Arezki schüttelt verlegen den Kopf. Er war schon immer sehr schamhaft. Meine Unverblümtheit ge- niert ihn. „Weißt du, warum es zu stinken beginnt, sobald du nur den Mund aufmachst?“ „Weil mein Verstand im A… ist.“, „Du hast es erfaßt.“ Ich lache. „Ich habe keinen Hasen je so schnell fortsausen gesehen.“ „Naja!“ Arezki greift nach einem trockenen Zweig, zer- bricht ihn zwischen den Fingern. Sein Mund läßt sich zur Andeutung eines rätselhaften Lächeln her- bei. Mit meinem Stock wühle ich in einem Haufen herum und schrecke ein Heer von Kleinstgetier auf. Am Fuß des Erdhügels hat der Fluß tiefe Furchen in den Boden gegraben. Die Kieselsteine erinnern an fossile Eingeweide. Einst kamen die Frauen in Scharen hierher, um ihre Wäsche zu waschen. Das Wasser sprudelte in Kaskaden vom Berg herunter und verlief sich fern in der Ebene. Das Schilf stand dichtgedrängt am Ufer, um den Oleander zu beein- drucken. Stellenweise war der Fluß richtig tief. Wir planschten nach Herzenslust drin herum, in einem Aquarell aus Zurufen und funkelnden Spritzern. Manchmal taten wir so, als würden wir ertrinken, um unsere jungen Hunde jaulen und aufgeregt auf der Böschung hin und her springen zu sehen, ehe sie es wagten, sich uns in tollkühnen Kopfsprüngen zuzugesellen. Ich selber schwamm eher selten. Ich zog es vor, mich im Schilf zu verstecken und stun- denlang Lounja zuzusehen, wie sie bis zu den Knien im Wasser stand, während ihr Haar sich als goldener Strom über ihren Rücken ergoß und ihr nasses Kleid ihr auf der Haut klebte und die kei- menden Brüste erkennen ließ, die schön wie zwei, gekräuselte Sonnen waren. „An dieser Stelle habe ich meine allererste Lein- wand bemalt“, erinnert sich Arezki. „Mit bunten Kreideresten, die ich in Milch getaucht hatte. Mei- ne Mutter hätte mich fast erwürgt, als sie sah, was ich mit dem einzigen Bettlaken, das sie besaß, an- gestellt habe.“ „Du warst schon damals ein Genie.“ Ein Traktor kommt die staubige Piste entlangge- tuckert. Er rumpelt unbeholfen die Fahrrinnen ent- lang, verschwindet hinter einem Wäldchen und taucht am Fuß der Anhöhe wieder auf. Der Bür- germeister bedankt sich beim Fahrer und springt mit geschultertem Karabiner herab. Das Gefährt macht stotternd kehrt und entfernt sich mit grotes- kem Geholper. „Ein schönes Paar seltener Vögel gebt ihr ab!“ ruft der Bürgermeister uns zu. Er kommt trotz seiner sechzig Jahre behende den Hang heruntergeeilt und läßt sich uns gegenüber ins Gras fallen. Aldi Uld Ameur war Bauunternehmer, ehe die Kalifen der Apokalypse das Regiment an sich ris- sen. Eines Nachts haben vermummte Monster ohne Vorwarnung seinen Gerätepark in Brand gesetzt. Einige Wochen später waren sie wieder da und wollten Geld von ihm erpressen. Er hat sie gleich mit dem Gewehr begrüßt. Ein Salut nach den Re- geln der Résistance. Am Tag darauf hat er den ers- ten Patriotentrupp der ganzen Region aufgestellt, und sich bereiterklärt, die Leitung des Rathauses, das die Fundamentalisten in Schutt und Asche ge- legt hatten, zu übernehmen. „Störe ich euch?“ „Nicht im geringsten.“ Er zieht gewissenhaft sein Hemd über den nack- ten Nabel. „Na?“ ruft er aus, während sein Arm einen Schwenk über den Horizont beschreibt. „Ist es nicht schön, unser Land? Wie kann man nur in einer derart häßlichen Stadt leben, überall dieser furchtbare Asphalt und Beton, dazu Lärm und ver- schmutzte Luft bei Tag und Nacht?“ „Indem man die Augen schließt und sich die Na- se zuhält.“ Er stützt sich auf einen Ellenbogen, legt den Ka- rabiner neben seinem ausgestreckten Bein ab und läßt seinen Blick umherschweifen. „Früher war es einfach fabelhaft! An den Feier- tagen sind die Leute aus den Nachbardörfern hier zusammengekommen. Sie haben ihre Decken aus- gebreitet und friedlich gepicknickt. Die Jungen haben Fußball gespielt. Es war herrlich!“ „Damals war man sich seines Glücks gar nicht richtig bewußt.“ „Da hast du recht, man nahm das einfach so hin. Es gibt Leute, die merken gar nicht, was für ein Glück sie haben.“ „Nietzsche sagt: Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selber, her!“ „Und wer ist Nietsch?“ „Ein Bruder im Geiste.“ Aldi sucht sein Gedächtnis des langen und brei- ten nach dem Bruder ab, dann gibt er auf. „Ach ja“, erinnert er sich plötzlich, „dein Direk- tor hat auf der Post eine Nachricht für dich hinter- lassen. Du möchtest zurückkommen.“ „Ist es dringend?“ „Am Dienstag sollst du dich bei der Zentrale melden.“ „Dann bleiben ja noch vier Tage, uns ein Visum zu beschaffen“, sage ich zu Arezki. „Du sprichst für dich. Mich wird diesmal der stärkste aller Kräne nicht von hier fortbewegen … Bab El-Oued, damit ist’s aus. Ich möchte inmitten der Meinen den Geist aufgeben.“ „Recht hast du!“ stimmt Aldi energisch zu. „Die ganze Pracht des Ozeans läßt den Lachs nicht sei- nen guten alten Fluß vergessen.“ * * * Akli hat uns zu einem Essen in seine Residenz ge- laden. Er hat alle Welt eingeladen. Um den Künst- lern Ehre zu erweisen, hat er ein Porträt von Tahar Djaout* [* Algerischer Journalist und Schriftsteller, 1993 ermordet. In „Morituri“ zitiert Commissaire Llob als Recht- fertigung für seine Unbeugsamkeit dem Terror gegenüber einen Ausspruch von Djaout: „Wenn du redest, stirbst du, wenn du schweigst, stirbst du. Also rede und stirb.“] zwi-, schen zwei Damaszenerklingen an der Wand auf- gehängt. Ich mochte Tahar gern. Er war ein Junge mit vollendeten Manieren. Wenn die Höflichkeit eines Tages Gestalt annehmen sollte, dann die von Ta- har. Der studierte Mathematiker, der aus Pflichtge- fühl beim Journalismus gelandet ist, war ein talen- tierter Poet. In einem geschmiedeten Bronzerah- men schaut er mich aus unruhigen Augen an, als verstünde er nicht, was er in diesem Glaskasten verloren hat, er, der in die Welt geboren wurde, um sie zu erobern. Er sieht regelrecht entfremdet darin aus … Die schönste Chinavase kann der Blume keine Wiese ersetzen. „Immer, wenn er in der Gegend war, ist er auf ei- nen Sprung nach Igidher gekommen“, erzählt Akli. „Er hat Stunden im Zwiegespräch mit dem Berg zugebracht. Hier hat er seine ersten Texte ge- schrieben.“ Ich betrachte den seligen Tahar. Mit seinen ge- zwirbelten Schnurrbartenden sieht er aus wie ein Jüngling aus der Blütezeit der Bohème. Es fällt mir schwer zu glauben, daß die Knarre, die seinen Ta- gen ein Ende gesetzt hat, angesichts von so viel Schlichtheit nicht den Dienst verweigert hat. Aber in einem Land, in dem man sogar die Säuglinge in der Wiege zerstückelt, wäre es wohl zu viel ver- langt, von der Barbarei wenigstens einmal Anstand und Benimm einzufordern. „He! Herr Bürgermeister!“ ruft ein krausköpfiger, Mops beim Betreten des Saals. „Sie sollten Ihre Hunde besser anbinden!“ „Ich habe gar keine Hunde.“ „Woher stammt denn dann dieser Hundedreck draußen auf dem Weg?“ schreit er und zeigt mit dem Finger auf einen Gecken im Drillichanzug. „Ich bin kein Hundedreck. Paß auf, was du re- dest, du aufgeblasenes Arschloch.“ Allgemeines Gelächter begleitet den Auftritt die- ses hinreißenden Gespanns. Der Dickmops macht sich daran, die Greise fromm auf ihren Turban zu küssen, nur den Imam läßt er absichtlich aus … „Du hast vergessen, den Scheich auf den Kopf zu küssen“, tadelt Mohand. „Dazu müßte er erst einmal einen haben.“ „Was heißt, ich müßte erst einen haben?“ „Du bist dreimal in eine vorgetäuschte Straßen- sperre geraten. Wenn du einen hättest, hätten die roten Khmej das längst gemerkt.“ Eine neue Lachsalve ist die Antwort. Der Dickmops beendet seine Begrüßungsrunde, macht es sich auf einer mit Matratzen ausgelegten Bank bequem und beginnt erneut, den Uniformier- ten zu necken, der mürrisch und griesgrämig im Türrahmen steht. „He! Du Oberfastenrambo! Stimmt es, daß du dein Fallschirmspringerabzeichen dafür gekriegt hast, daß du einen Baumstamm heruntergerutscht bist?“ „Eher dafür, daß ich aus dem Bett deiner, Schwester gerutscht bin!“ „Danke für deine Begleitung. Jetzt raus mit dir. Das hier ist nur was für Honoratioren!“ Akli nutzt die allgemeine Heiterkeit, um mir ins Ohr zu flüstern: „Unsere Dick und Doof. Der Di- cke, das ist Bachir. Hat sein Studium an der Uni- versität von Tizi Ouzou aufgesteckt, um unsere Reihen zu verstärken. Ist im Untergrund eine echte Dampfwalze. Das Wort ‚Angst’ hat er aus seinem Wortschatz gestrichen. Der Kleine ist Amar. Sie sind Cousins und außerdem verschwägert. Halten die Moral der Truppe hoch. Unsere Kämpfer him- meln sie an.“ Ein junger Mann bahnt sich einen Weg durch die Tische und beugt sich zum Bürgermeister vor. Akli runzelt die Stirn, nickt und sagt: „Aber natürlich, laß sie herein.“ Der junge Mann geht in den Hof und kommt mit einer Gruppe Dorfwachen zurück, die in ihrer blauen Tunika vor Demut ganz pathetisch wirken. „Die Patrouille von Sidi Lakhdar“, erfahre ich von Akli. „Sie kommen gerade von einem Erkun- dungsgang zurück.“ Die Dorfwachen stellen ihre Waffen in einer Mauernische ab und mischen sich unter die Gäste. Ein paar Jugendliche bringen Tabletts mit Schei- ben vom Hammelspießbraten, Salatblättern und Zwiebeln herein. Bachir klatscht Beifall und leckt sich gierig die Lippen. „Und jetzt füllt euch den Wanst!“ donnert, er los, und das läßt sich keiner zwei Mal sagen. Mohand fährt uns gegen halb fünf in der Früh zum Haus von Idir zurück. Unsere Köpfe flirren vor Lachen und Scherzen. Arezki hat nicht durchgehal- ten. Die langen Jahre des Ausgeschlossenseins haben ihren Tribut gefordert. Todmüde schwankt er, von den kaputten Stoßdämpfern durchgerüttelt, auf dem Rücksitz des alten Autos hin und her. Am bläulichen Himmel der Naït-Wali steht der Sichelmond wie ein abgekauter Fingernagel, den ein Gott dort vergessen hat. Ein schimmernder Kratzer tief unten am Horizont kündet von der Fehlgeburt des neuen Tages. Es ist eine schöne Nacht, die mit schnellem Flügelschlag über die flaumigen Täler und Hügel enteilt, während der Wind verspielt oder nur unentschlossen sich die Zeit vertreibt, indem er das Zirpen in den Tiefen der Büsche zum Schweigen bringt. Wir nehmen die Hauptstraße durchs Dorf, die von grellen Laternen mit bunten Lichtern übertupft ist. Slimanes Café hat noch offen. An den Tischen sitzen Patrioten, Zigarette im Mundwinkel und Gewehr auf den Knien. Hier und da sieht man Gruppen von Jugendlichen, die die Schwüle wach- hält, schwatzend oder kartenspielend auf Treppen- aufgängen hocken. In Igidher wacht man bis tief in die Nacht. Sicherheitshalber. Das Auto biegt in einen Obstgarten ein, eine kläf-, fende Hundemeute hinterher. Ein Hirt steckt den Kopf aus seiner Hütte heraus. Er erkennt das Fahr- zeug und macht sich daran, seine Tiere zu beruhi- gen. „Hier wollen wir eine Schule bauen“, erklärt Mohand. „Unsere Kinder beklagen sich darüber, daß die alte zu eng ist. Es wird einen Spielplatz geben und, sobald wir das Wasserreservoire repa- riert haben, sogar Duschen. Dann müssen unsere Sportler nicht mehr nach Sidi Lakhdar ausweichen. Wir haben eine selbstgebastelte Bombe von drei- undvierzig Kilo unter der Chaussée entdeckt. Eine Stunde, ehe der Gemeindebus hier durchkam. Was für eine Katastrophe, wenn sie explodiert wäre. Im Bus waren sechzig Schüler. Auf Klassenfahrt.“ „Ihr leistet euch heutzutage Klassenfahrten?“ „Na und ob! Wir versuchen, unseren Kindern ein möglichst normales Leben zu bieten.“ Seine Hand krampft sich ums Steuer. „Vorher waren das keine Kinder mehr. Ihr hättet sie sehen müssen, wie sie in den Ecken kauerten, zitternd und verstört, sie brüllten schon los, wenn man sie nur ansah. Wie verängstigte Tiere. Ein knatternder Auspuff löste die wildeste Panik aus. Unmöglich, sie in diesem Zustand zu lassen. Sie wären früher oder später verrückt geworden. Mein Junge fing zu weinen an, sobald ich nur im Nebenzimmer verschwand, um etwas zu holen. Er klammerte sich Tag und Nacht an meinen Schatten. Wir haben die Hölle hinter uns.“, Sein Ton wird aufgeräumter, als wir auf freies Feld gelangen: „Hier wollen wir ein Jugendhaus bauen und vielleicht sogar ein kleines Stadion mit einer offiziellen Tribüne und Stufenreihen. Wir haben eine Menge Projekte für unsere Gemeinde. Das ist unsere Art, die Herausforderung anzuneh- men. Wir bauen auf, was der Fundamentalismus zerstört hat, und gewinnen täglich Terrain hinzu. Die beste Verteidigung ist noch immer der Angriff, hat der Capitaine gesagt.“ Der Wagen poltert krachend in eine Ackerfurche. Mohand reißt schnell das Lenkrad herum, um nicht im Graben zu landen. „Du hast es selbst gesagt, Brahim: ‚Wenn du ein Problem hast, ist es dein Problem.’ Wer soll uns helfen, wenn nicht wir uns selbst. Und bisher klappt es ganz gut.“ Da taucht Idirs Haus hinter den Bäumen auf, ver- hutzelt und pittoresk mit seinem Schieferdach und seinen Mauern aus Lehm und Stroh. Ich rüttele Arezki wach. Der Maler schreckt hoch und hampelt auf der Suche nach dem Türgriff wild herum, ohne fündig zu werden. Mohand springt heraus, eilt auf die andere Seite, um ihm den Wa- genschlag zu öffnen und stützt Arezki mit beiden Händen. „Der ist fertig“, sage ich. „Wird nicht mehr lange dauern, und wir müssen ihm bei seinen rituellen Waschungen helfen.“ „Die Luft seiner geliebten Berge wird ihn schnell, wieder auf die Beine bringen“, verheißt Mohand und schiebt seine Arme unter den ungelenken Kör- per des Greises. „Wir werden ihn hätscheln und päppeln.“ Ich mache das Licht im Schlafraum an. Mohand legt seine Last auf einer Matratze nieder, zieht A- retzki die Schuhe aus und deckt ihn zu. „Ein hübsches Leichentuch!“ unke ich. „Ich an deiner Stelle würde es machen wie er. Ich würde mit Madame und den Kindern in den Schoß der Sippe zurückkehren und alles andere vergessen … Jetzt muß ich aber los. Im Kühlschrank sind Getränke, und da im Schlauch ist frisches Quell- wasser.“ „Du hast nicht zufällig ein oder zwei Zigaretten übrig? Ich habe meine Vorräte beim Bürgermeister aufgebraucht.“ Er reicht mir eine Packung Rym. „Kannst du be- halten.“ Plötzlich geht er nah ans Fenster heran und horcht. „Was ist denn los?“ Seine Hand bedeutet mir zu schweigen. Ich spitze die Ohren. Außer Grillenzirpen und dem Gesäusel des Windes höre ich nichts Besonderes. Mohand geht in den Hof hinaus, klettert auf einen Steinhau- fen und horcht in die Ferne, die Hand wie einen Trichter ums Ohr gelegt. Ganz fern, von den Windstößen verfälscht, ein Knattern …, „Schüsse?“ „Pst!“ Eine einzelne, kaum hörbare Detonation, dann eine Salve von Feuerstößen … „Das ist sicher die Patrouille von Sidi Lakhdar, die einen Zusammenstoß mit einer Gruppe Terro- risten hat.“ „Ich habe vorhin alles mit den Soldaten durchge- checkt. Die Dorfwachen waren um null Uhr zwan- zig zurück in ihrem Quartier.“ Die Schüsse werden lauter, aber es ist unmöglich, sie in der Dunkelheit zu orten. Da kommt ein Lastwagen ohne Licht vom Dorf herauf. Mohand läuft querfeldein, um ihn abzufan- gen. Als er zurückkommt, ist er blaß. „Das ist Aldis Gruppe. Sie fahren zu Punkt 21.“ „Was ist los?“ „Angriff auf Imazighène!“ Eiswasser peitscht mir den Rücken entlang. In meinem Geist blitzt das gepeinigte Gesicht der alten Taos auf. Meine Knie werden weich, mein Herz hämmert wie wild gegen mein Brustbein. „Diese Feiglinge!“ schreie ich. „Die Feigheit ist algerisch. Die Tapferkeit ist al- gerisch. Für beide zusammen hat dieses Land kei- nen Platz. Wir sind entschlossen, den Teufel zur Strecke zu bringen, wenn nötig in der Hölle.“ Er springt in seinen Wagen. „Du bleibst hier, Bra- him.“, „Du machst wohl Witze.“ Im Dorf ist alles in Alarmbereitschaft. Die Haupt- straße ist menschenleer. Auf den Dächern bewegen sich Silhouetten, sichern ihre Kampfpositionen, erkennbar an den Sandsäcken, die sich auf den Terrassen stapeln. Am Ortsausgang leuchten Scheinwerfer die umliegenden Felder aus. Aus den Häusern schwirren Befehle, die die Frauen ermah- nen, ruhig Blut zu bewahren. Mohand stellt sein Auto neben einem Bewässe- rungsbecken ab und stößt zu seinem Trupp, der sich im militärischen Kampfdress auf einer Lich- tung versammelt hat. Ein magerer Rotschopf umreißt die Lage: „Wir wissen nicht, wie viele es sind. Wir sind bereit. Bachir hat auf Punkt 18 Posten bezogen, Ramdane auf Punkt 24. In fünf Minuten wird Akli an Punkt 21 sein.“ „Bestens.“ Mohand inspiziert schnell seine Leute, kontrol- liert die Waffen und die Erste-Hilfe-Ausrüstung, befiehlt einem Greis, seine Uhr abzulegen. Der gehorcht auf der Stelle. „Diesmal entkommen sie uns nicht.“ Die Männer nicken steif, in martialischer Hal- tung. Tapfer, mythisch und schön wie nur der Krieg sie zu formen weiß, um sie für das Unrecht zu entschädigen, daß er ihnen in der nächsten Mi- nute zufügen wird., „Vorwärts!“ Die Gruppe setzt sich in Marsch wie ein einziger Mann. Kein Zweifel: Wenn manche Nationen noch nicht zusammengebrochen sind, dann nicht, weil sie ei- nen Kopf auf den Schultern, sondern weil sie soli- de Beine haben. Als wir den Hügel hinabsteigen, ertönt eine grau- envolle Detonation. Unten am Hang brennen die Häuser. Der Anblick wirft mich um. Taos! Ohne mir dessen bewußt zu sein, rase ich wie ein Irrer auf den Weiler zu. Eine zweite Explosion löst einen Strudel an Staub und Flammen aus, der den oberen Teil von Imazighène verschluckt. Aus ei- nem Maschinengewehr dringt ein langgezogener Klagelaut, der die schüchternen Salven aus dem Dorf überdeckt. Abgehackte Schreie dringen an mein Ohr. Ich renne, renne blindlings drauflos, taub gegen- über den Zurufen Mohands. Ich spüre, wie mein Gesicht von Zweigen zerkratzt wird. Taos! Ich glaube, ihre Stimme inmitten von Donner und Ge- schrei zu hören, ich sehe nichts als ihr Gesicht im flammenden Inferno. Mein Fuß stößt jäh gegen ein Hindernis. Ich krei- sele um mich selbst und stürze in einen Graben. Mohand holt mich ein, außer sich: „Was hat dich denn gepackt? Man stürzt nicht so drauflos durch die Dunkelheit! Unsere eigenen Leute könnten dich, aus Versehen erschießen. Wir haben unsere Erken- nungszeichen und Anweisungen, an die wir uns strikt zu halten haben.“ Die Gruppe setzt sich wieder in Bewegung, in ra- schen Sprüngen auf den Ort des Zusammenstoßes zu. Der Rotschopf fragt, ob wir eine Bahre brauchen. Ich beruhige ihn, und schon eilt er der Gruppe hin- terher. Mohand hilft mir auf die Beine. „Bist du sicher, daß es geht?“ „Beeilen wir uns, sonst bringen sie noch alle um.“ Jetzt kann man deutlich die kräftigen Feuerstöße erkennen, die aus dem Dickicht oberhalb des Wei- lers kommen. Leuchtkugeln jagen auf blitzenden Bahnen hintereinander her. Das Geschrei der Frau- en und Kinder übertönt den Choral des Bleis. „Das Militär ist im Anmarsch“, gibt der Funker bekannt. „Der Capitaine bittet um Geleit.“ „Aldi wird ihn führen. Wir dürfen keine Zeit ver- lieren. Sonst treten die Khmej noch den Rückzug an und entwischen uns zwischen den Fingern.“ Wir laufen querfeldein, säbeln die Barrikaden aus Feigenkaktus um. In nächster Nähe, links von uns, gehen Schüsse los. Hinter mir bricht jemand zu- sammen. Der Rotschopf. Es hat ihm die Schulter weggerissen. Er rollt sich zur Seite, sucht nach Deckung. Er hat keinen Laut von sich gegeben. Mohand kriecht zu ihm hin., „Kümmert euch nicht um mich“, flüstert der Rot- schopf. „Ich komme schon durch.“ Plötzlich, finsterster Vorzeit entsprungen, greift mich ein alptraumhaftes Wesen an, mit donnern- dem allahou aqbar* [* Arabisch: „Gott ist groß“], am ausgestreckten Arm eine geschwungene Axt. Eine Salve mäht ihn um, er schlägt vor mir zu Boden, mit offenem Mund und aufgerissenen Augen. Im Sturz hat das Monster einen ganzen Kaktus mitge- rissen. Ein Koloß von mindestens 120 Kilo, mit bodenlangem Haar und einem Bart, der ihm bis zum Nabel reicht. Er glotzt mich haßerfüllt an, versucht, sich wieder aufzurichten. Sein Gestank lähmt mich. Da nagelt ihn eine zweite Salve am Boden fest. Er röchelt. Blut sprudelt aus seinem Mund, sein Kopf rollt zur Seite. Als ich wieder zu mir komme, stelle ich fest, daß Mohands Gruppe schon die ersten Häuser von I- mazighène inspiziert. In einen Hof, der ihnen ver- dächtig vorkommt, werfen sie eine Handgranate. Nach der Explosion stürmen zehn Männer, wäh- rend die anderen im Zickzack weiterlaufen. Leuchtzeichen blinken von einem Gebäude her- ab. Mohand antwortet mit der Taschenlampe. Wir stürzen unter ohrenbetäubendem Kugellärm auf den Dorfplatz. „Sie ziehen ab, sie ziehen ab …“ „Sie ziehen sich in die Wälder zurück …“ In der Ferne löchern die Lichter des Militärkon- vois die Finsternis., Mohand informiert Bachirs Gruppe über Funk und befiehlt ihm, die Terroristen abzufangen, falls sie versuchen, ihren Rückzug in seiner Richtung anzutreten. Und schon beginnen die Waffen aufs neue, einander anzuspeien. Die brennenden Häuser erleuchten das Dorf tag- hell. Zwei zerlumpte Körper liegen am Boden, ihre filzigen Bärte sträuben sich im Wind. Ein anderer liegt zerfetzt unter einem Baum. Die Luft ist vom Brandgeruch menschlichen Fleisches erfüllt. Hinter einem Vorhang aus lehmgelbem Rauch sitzt auf einer Türschwelle eine stöhnende Frau, die sich den Bauch mit beiden Händen hält, um das flie- ßende Blut einzudämmen. Die ersten Zivilisten wagen sich aus ihren Verstecken hervor, tauschen entsetzte Zurufe aus; andere eilen zu den Trüm- mern, um Verletzten beizustehen. Ein Greis kommt vorüber, die Arme wie schlaf- wandelnd ausgestreckt. Ein Patriot hebt ihn auf die Schultern und trägt ihn auf den Platz. Vereinzelt lassen sich ein paar Frauen blicken, Kindern klammern sich an ihre Gewänder. Wie im Wahn blicke ich auf die rauchenden Rui- nen. Zerfetzte Haustiere wälzen sich in riesigen Blutlachen. Federn kreiseln in der knisternden Glut. Das Haus meiner Taos gibt es nicht mehr. Nur eine Mauer ist stehengeblieben. Gleich einer Stele, in die der Blitz gefahren ist. Ein Lastwagen, ver- mutlich voll Dynamit, hat einen Krater im Hof, aufgerissen. Er ist umgekippt und völlig zerstört, mit deformiertem Fahrgestell und herausgerisse- nem Motor. Ich betrete den verwüsteten Patio, wie man in geistige Umnachtung sinkt. Ich habe das Gefühl, durch die Vorhölle zu irren. Ein Schatten unter den Schatten des Weltuntergangs … Taos … Taos … Wie ein Besessener beginne ich, Balken beiseite- zuschieben, Dielen und Steine anzuheben und mir die Hände im heißen Geröll aufzuschürfen. „Hier bin ich!“ meckert in meinem Rücken ein Stimmlein. Ich drehe mich ungläubig um … Und da sitzt sie, auf dem Stamm von etwas, das Minuten zuvor noch ein prachtvoller Johannisbrotbaum war. Da sitzt sie, meine Taos, gesund und munter, und in den Händen hält sie ihr Messingkästchen. „Mein Vater sagte immer zu mir: Geh nur, Taos, du bist ein gutes Mädchen. Wohin auch immer dich deine Schritte lenken, meine Baraka* [* Ara- bisch: Segen Gottes] begleitet dich. Du wirst wie eine Huri* [* Paradiesjungfrau] sein: Du wirst all deine Feinde sehen, aber keiner von ihnen sieht dich.“ Erst jetzt zuckt mir ein heftiger Schmerz durchs Bein, und der Boden rutscht unter meinen Füßen weg., Der Direx hat sich extra für mich in Schale ge- schmissen. Heitere Krawatte auf seidigem Hemd, Anzug von Pierre Cardin, dazu Krokoschuhe, ge- striegelte Mähne und rosige Wangen. Ein optischer Hochgenuß! Er ist höchst zufrieden mit sich und trägt die Hal- tung von einem zur Schau, der eine frohe Botschaft überbringt. In seinem zügellosen Enthusiasmus bemerkt er weder den Stock, auf den ich mich stüt- ze, noch mein Humpeln. Er reißt die Arme auseinander und ruft: „Welch eine Freude, dich wiederzusehen, Brahim! Ich dachte schon, du wärst mir böse.“ Sein Jauchzen hört sich fast so an, daß man Lust hat, es für bare Münze zu nehmen. Er lädt mich ein, es mir auf dem Ledersofa unter der algerischen Fahne bequem zu machen, der Kuschelecke für privilegierte Besucher, und nimmt im Sessel daneben Platz. Seine Hypochonderhand klopft mir mutig aufs Knie. Es sollen freundschaftliche Klap- se sein, bleiben aber die des Bosses, der sein räudi- ges Schaf zu zähmen sucht. „Willkommen an Bord, Kommissar. Auf allen Decks herrscht Festtagsstimmung.“ „Ist mir nicht entgangen.“ Ich fühle mich unwohl unter seinem brennenden Blick. Er steht unvermittelt auf. „Tee oder Kaffee?“ „Beides.“ Er lacht schallend. „Du änderst dich wohl nie?“, „Dann hielte ich mich am Ende noch für jemand anderen.“ „Recht hast du … Und, was macht die Sippe?“ „Zahlt den Preis fürs Kosmopolitentum.“ Er wird nervös. Wenn der Direx etwas nicht ka- piert, wird er nervös. Seine Antennen sind hyper- sensibel wie bei allen, die nur von ihren Beziehun- gen leben, und schalten, sobald etwas zu hoch für ihn ist, auf Alarm. „Aber sie wird schon noch auf ihre Kosten kom- men.“ „Ah ja …“ Er hat noch immer nicht begriffen. Was schon das einzige wäre, das ihm zur Ehre gereicht. Er läutet dem Amtsdiener, der auf der Stelle auf- taucht. „Kaffee und Tee für den verlorenen Sohn.“ Der Amtsdiener buckelt besonders ehrerbietig, um mir zu beweisen, wie glücklich er ist, mich wiederzusehen, und rauscht davon. „Der gute alte Azziz“, macht der Direx gerührt, „er schätzt dich ganz enorm.“ Ich schaue vielsagend auf die Uhr. Der Direktor klatscht in die Hände, zufrieden mit sich und der Welt … „Ende gut, alles gut, nicht wahr, Brahim? Man darf die Hoffnung nie aufge- ben.“ Ein großes Wort! Hatte ich je welche? Ich denke nicht. Geglaubt habe ich an die Hoffnung, hartnä- ckig und verbissen wie die alternde Konkubine, die an die Rückkehr des Geliebten glaubt, der eines, Abends Zigaretten holen geht und nicht mehr zu- rückkommt. Aber ich bin keine Konkubine. Ich habe gelernt, den Hängebrücken, die die Philoso- phen über den Abgrund spannen, mit Mißtrauen zu begegnen. Es ist wie mit altbackenem Brot, das man unter die Hungernden verteilt, um sie glauben zu machen, man denke an sie. Wenn es der laut- stark inszenierten Barmherzigkeit auch gelingt, falsche Samariter in den Rang des Herrgotts zu erheben, so holt der Hunger die Welt doch schnell wieder ein, und die Hoffnung wird ihr zum Ver- hängnis. Was ist Hoffnung anderes als ein Euphe- mismus für Resignation, ein schillernder Verzicht, eine langsame, sanfte Agonie, in der die letzte Aussicht auf echte Hilfe und Überwindung des eigenen Mittelmaßes dahingeht? „Ich habe sie niemals aufgegeben, Monsieur. Wie kann man aufgeben, was man nie besaß?“ „Aber, aber, Brahim, jetzt verdirb uns nicht die- sen herrlichen Tag.“ „Noch etwas, das mir nicht gehört.“ Meine Verbitterung wirft ihn in den Sessel zu- rück. Er ist aus dem Takt geraten, tastet nach ei- nem Argument … Seine Hand ist verstört, wagt sich nicht mehr an mein Knie heran. Ich kann mir schon denken, was ich für ein Bild abgebe: Einge- schnappt und verbiestert sitze ich da, mit einem dicken Flunsch, und gebe mir keine Mühe, das zu verbergen. „Verstehe“, sagt er müde. „Man hat sich dir ge-, genüber nicht korrekt benommen? Du fühlst dich hintergangen, verraten? Hör mal, Brahim, nicht jeder weiß zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, richtig und falsch. Slimane Houbel hat seine Befugnisse überschritten. Er ist größen- wahnsinnig. Er denkt, er könne sich alles erlauben, ist überzeugt, er könne seine Nase selbst in Dinge stecken, die ihn nichts angehen. Du sollst wissen, daß nicht wenige sein Verhalten mißbilligt haben. Seine Vorgesetzten haben ihn schroff in seine Schranken verwiesen. Sicher, er hat sich zu recht- fertigen versucht. Er ist nicht davor zurückge- schreckt zu fordern, daß man dich vor einen Dis- ziplinarausschuß stellt, symbolisch, zur Abschre- ckung für alle, die in Versuchung geraten könnten, deinem Beispiel zu folgen. Ich habe da nicht mit- gemacht. Und glaub mir, ich war nicht der einzige. Wir haben unsere Forderungen gestellt: Brahim Llob muß voll und ganz rehabilitiert werden, in seinen Rechten als Polizeibeamter wie in seinem Ruf als Schriftsteller. Und wir haben uns durchge- setzt. Du bekommst nicht nur deinen Posten zu- rück, außerdem bist du vorgeschlagen für die Poli- zeimedaille.“ Ich rülpse ungehalten. Diesmal knallt die Hand des Direx mit voller Wucht auf meinen Schenkel nieder: „Die Inquisiti- on, die kann uns mal, Brahim! Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter. So viele Algerier lassen heute ihr Leben – und auf welche Weise lassen sie, es! Doch wohl nicht dafür, daß solche Operetten- despoten nach Lust und Laune mit uns umspringen können!“ „Herr Direktor!“ unterbreche ich ihn. „Ich werde Ihnen nie genug für Ihre Unterstützung danken können. Ich weiß, Sie haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich zurückzubekommen, nur: Ein echter Berber ist wie ein Karabiner. Wenn er einmal losschießt, gibt’s kein Zurück.“ „Das wirst du uns doch nicht antun …“ „Hören Sie, lassen Sie uns eine Sekunde lang vernünftig miteinander reden. Ich schleppe mich auf meine sechzig Lenze zu, bin schon fast ein alter Knabe, immer schwieriger zu bändigen. Wird lang- sam Zeit für mich, das Feld zu räumen. Ich bin es leid, hinter kleinen Ganoven herzurennen, während die großen Gauner über alle Zweifel erhaben sind. Es macht mir keinen Spaß mehr. Ich strecke die Waffen, ich will nach Hause. Ich habe Kinder, die sollte ich mal wieder aus der Nähe sehen, und auch etwas öfter als sonst, und eine Frau, die mehr ist als nur ein Arbeitstier, auch wenn ich das fast verges- sen habe, und vielleicht schaffe ich es und sie ver- zeihen mir, daß ich sie für trügerische Gedanken- spiele verschachert habe. Ich will mich ausruhen, Monsieur Menouar, mich mit den einfachen Din- gen des Lebens aussöhnen, mich tagelang hinter einem Buch verkriechen oder auch einmal verrei- sen, die Welt kennenlernen. Es tut mir aufrichtig leid. Nicht daß ich gar keine Lust mehr hätte, aber, ich bin nicht mehr mit dem Herzen dabei. Bei uns zu Hause, in den Bergen der Naït-Wali, besteigt kein Reiter mehr ein Roß, das ihn einmal abgewor- fen hat.“ Die Krankenschwester ist sehr nett. Nicht eben von der Natur verwöhnt, dafür ein Herz wie ein Schif- ferklavier. Sieht aus wie ein altertümlicher Klei- derschrank, der bis vor kurzem noch beim Trödler stand, leicht angestaubt, mit Fettwülsten zwischen Schultern und Ellenbogen und einem massigen, gutmütigen Gesicht. Sie walzt mit der Eleganz ei- nes Eisbrechers durch die Menge und wird im Vorbeirauschen von neckischen Zurufen begrüßt. „Die Leute hier scheinen Sie ja mächtig zu mö- gen!“ bemerke ich. „Umgekehrt auch.“ „Sie sind bestimmt völlig überlaufen.“ „In den anderen Krankenhäusern ist noch weni- ger Platz. Wir rücken halt zusammen. Nicht son- derlich bequem, aber so hält man sich aufrecht.“ Im Gang wimmelt es vor Leuten, die meisten Op- fer terroristischer Anschläge. In einem überfüllten Raum läßt sich ein Junge von den Zauberkunst- stückchen eines alten Arztes unterhalten. Er hat einen grotesken Verband um den Kopf und ein, Bein amputiert. Sein Gesichtchen funkelt wie ein Leuchtreif inmitten der allgemeinen Konfusion. „Sie waren zu elft in der Familie“, berichtet die Krankenschwester. „Er ist als einziger übriggeblie- ben, und auch das nur zum Teil. Innerhalb von wenigen Minuten hat er Vater und Mutter, fünf Schwestern und drei Brüder verloren. Alle bestia- lisch ermordet. Er selbst hat einen Schlag mit der Machete auf den Kopf gekriegt, einen anderen ü- bers Knie und wurde als tot liegengelassen. Er hat die Nacht im Blut seiner Familie verbracht. Er hat noch kein einziges Wort gesagt. Wir versuchen, ihn abzulenken. Er macht zwar mit, aber alles nur an der Oberfläche. In Wirklichkeit hat sich sein Geist in die tiefsten Schichten seines Ich zurückge- zogen und weigert sich hochzukommen.“ „Hat er keine Verwandten mehr?“ „Wir sind noch am Suchen …“ Ein Verletzter hüpft auf seiner Prothese umher und macht mir begeistert Zeichen. „He! Kommis- sar!“ Der Mann ist groß und kräftig gebaut, mit flecki- gem Gesicht. Er muß so um die Dreißig sein, sieht aber zehn Jahre älter aus. Sein rechtes Auge wird ganz von seiner geschwollenen Wange verdeckt. Ich strenge mich an, ihn in meinem Gedächtnis zu orten – umsonst. Er kämpft sich recht und schlecht durchs Chaos und ist sichtlich erfreut, mich hier anzutreffen. „Erkennst du mich nicht wieder? Wahab aus Bir, Mourad Raïs. Ich war im Team von Leutnant Cha- ter.“ „Ach ja!“ entgegne ich, um ihn nicht zu kränken. Seine feuchte Hand vergißt sich in meiner. Sein Lächeln wird schmal. „Molotow-Cocktail“, erklärt er verbittert. „Früher habe ich mir nichts dabei gedacht, wenn jemand vom ‚Einfallen der Nacht’ sprach. War ganz nor- mal für mich. Jetzt weiß ich, was es wirklich heißt. Die Nächte fallen ein, Kommissar, so wie Men- schen fallen. Und das macht so einen Krach da drin“, fügt er hinzu, wobei er sich mit dem Finger an die Schläfe tippt. „Ich schwör’s Ihnen, man hört einen deutlichen Widerhall … Eines Abends, als wir auf Patrouille waren, fing unser Panzer plötz- lich Feuer und rutschte in den Straßengraben. Und die Nacht fiel in den Graben ein. Schwer zu erklä- ren. Aber ich hab’s erlebt. Meine Kollegen sind auch gefallen. Einer nach dem anderen. Hatten keine Alternative. Entweder rauskommen und im Kugelhagel sterben, oder in den Flammen um- kommen. Sie haben beides erlebt … Alternative – ich weiß jetzt, was das wirklich heißt. Alles andere als eine Vergnügungsfahrt …“ Die Krankenschwester kneift mich unauffällig, gibt mir zu verstehen, daß der Knabe nicht ganz dicht sei. Ich bin verunsichert. Ich wage weder meine Hand, die allmählich steif wird, zurückzu- ziehen, noch ein tröstendes Wort zu sagen. Der Polizist macht nicht den Eindruck, als erwarte er, Mitgefühl. Wie Malika Sobhi. Er will nur, daß man zuhört, solange er redet. „Jetzt achte ich mehr auf diese Dinge. Die Be- deutungsnuancen treten viel schärfer hervor. Die Worte haben einen tieferen Sinn …“ „Ist gut, Wahab“, schaltet die Schwester sich ein. „Wir reden später weiter. Ehrenwort.“ Der Verletzte nickt überzeugt. „Einverstanden. Wir reden später weiter. Ehrenwort?“ „Du weißt doch, daß ich Wort halte.“ „Stimmt, du hältst Wort.“ Zögernd, Millimeter um Millimeter, gibt er mei- ne Hand frei. „Wahab aus Bir Mourad Raïs, Kommissar. An den wirst du dich noch erinnern …“ „Und ob!“ „Du wirst ihn in deinem nächsten Buch erwäh- nen, Kommissar. Wahab, ein Kerl wie Dynamit, so einer war das. Ein Haudegen.“ Er weicht zur Seite, um uns vorbeizulassen. Ich höre, wie er in meinem Rücken lautstark mit sich zu schimpfen beginnt: „Hör auf mit dem Theater, Wahab! Am Ende wirst du noch richtig verrückt. Alles hat seine Grenzen, Wahab. Vorsicht … Hör auf, die Leute in Verlegenheit zu bringen. Mein Rat …“ Die Schwester erklärt: „Er ist nicht immer in die- sem Zustand. Nur ab und zu. Er hat einen Schuld- komplex. Er ist der einzige Überlebende der gan- zen Patrouillenmannschaft.“, Wir gelangen in den Innenhof des Krankenhau- ses. Lino sitzt unter einer Platane im Schatten und blättert in einer Zeitschrift. Den Fuß hat er in Gips. „Ein prachtvoller Kerl!“ vertraut die Schwester mir an. „Und so witzig. Er hat eine eiserne Moral.“ Ich bedanke mich bei ihr. Sie zerquetscht meine Finger in ihrer Faust und kehrt zu ihren Patienten zurück. Lino schlägt seine Lektüre zu, schiebt die Brille hoch und mustert ausgiebig meinen Krückstock. „Kriegsverletzung oder Hundescheiße?“ „Krieg …“ „Na, dann sind wir ja quitt. Seit wann bist du zu- rück?“ „Seit gestern abend.“ Er verzieht dramatisch das Gesicht, während er sein Bein bewegt. Er ist gut drauf. Man könnte meinen, er sei reifer geworden, oder vielleicht ist es auch nur der Ansatz eines Schnurrbartes, der ihn älter wirken läßt. Ich fahre ihm durchs Haar. Er weicht meiner verniedlichenden Geste aus. Ich weiß, wie sehr er es haßt, daß man seine Frisur berührt, die direkt aus der Haarpflegemittelwer- bung zu stammen scheint, aber ich hatte schon immer eine diebische Freude daran, ihn auf die Palme zu bringen. „Na, was macht die Verstauchung?“ „Das ist keine Verstauchung!“ „Ist es schlimm?“ „Der Doktor denkt, da man einem Affen beibrin-, gen kann, Fahrrad zu fahren, dürfte sein Nach- komme mit Leichtigkeit lernen, wie man einen Rollstuhl bedient.“ Doch gleich beruhigt er mich: „Alles halb so wild. In ein paar Wochen werde ich problemlos einem parlamentarischen Dickhäuter in den Arsch treten können.“ „Wenn du meinst, daß du ihn dadurch von sei- nem Sitz wegkriegst … Dafür braucht’s einiges mehr. – Ich habe dir Schweizer Schokolade mitge- bracht.“ „Oh, vielen Dank.“ Er legt die Tafel auf den Tisch. Seine Nase wirkt irgendwie schlaff. Er macht sich Sorgen. Ich setze mich vor ihn hin und studiere die Mädchennamen, die zwischen Zeichnungen und esoterischen For- meln in den Gips gekritzelt sind. „Deine Jagdtrophäen?“ „Damit man mich nicht auch noch für lenden- lahm hält, wenn ich schon fußlahm bin.“ Er macht sich mehr als nur Sorgen, der gute Li- no, er ist kreuzunglücklich. Ich kann mir denken, daß er dabei ist, Zeit zu schinden, um das unver- meidliche Ende hinauszuzögern. Seine Bemühun- gen sind absurd, das weiß er. Das ist ihm klar ge- worden, sobald er mich gesehen hat. Er weigert sich nur, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Sein Finger fährt nervös über den Schnurrbart, bleibt an einem Pickel im Mundwinkel hängen. Neben uns landet ein Sperlingspärchen, vergnügt sich ein Weilchen am Fuß eines Baums und schwingt sich, dann in schwindelerregenden Spiralen in den Himmel hinauf. Lino räuspert sich, zaudert noch ein wenig, dann bricht es aus ihm heraus: „Ewegh hat mir eine phantastische Nachricht überbracht … Ich hoffe, du hast nicht gerade alles wieder kaputtgemacht.“ „Tut mir leid.“ Er wirft den Kopf in den Nacken. Am strahlend blauen Himmel spielen die zwei Spatzen Fangen, trennen sich, verfolgen einander und finden im gleißenden Licht des Tages wieder zusammen. Lino sitzt mit verkniffenen Lippen da. Nach einem endlosen Schweigen sagt er schluckend: „Ich habe es ja geahnt. Wenn einer mehr Stolz als gesunden Menschenverstand hat …“ „Für beides gibt es in diesem Land keine Ver- wendung mehr.“ Sein Blick schweift hoch zum Wipfel der Plata- ne, über die Umfassungsmauern, hin zu den Gene- senden, die über die verbrannte Erde schlendern. Er ballt die Faust. Ein paar Tische weiter dudelt hawzi-Musik* [* Algerische Musikrichtung, die aus dem klassischen und volkstümlichen Repertoire gleichzeitig schöpft] aus dem Transistor und füllt die Luft mit schwerer Melancholie. „Deine Entscheidung ist … unwiderruflich?“ „Das ist keine Kurzschlußhandlung, Lino. Ich habe es mir reiflich überlegt, Für und Wider sorg- sam gegeneinander abgewogen, alles bis ins Detail durchdacht …“, Seine Faust knallt auf die Lehne nieder. „Schei- ße! Das wird der reinste Saftladen …“ „So darfst du nicht reden. Die Guten gehen, die Besseren rücken nach …“ „Jetzt redest du schon wie diese Idioten von Ab- geordneten.“ „Hör doch …“ „Stop! Bitte mach’s nicht noch schlimmer. Das war doch schon dein letztes Wort. Es reicht, glaub mir.“ „Lino …“ „Was Lino? Du mußt dich nicht rechtfertigen. Du hast beschlossen auszusteigen, bitte, das ist dein gutes Recht. Was auch immer du jetzt noch sagst, es wäre pure Heuchelei. Und außerdem, wer bin ich denn, um dich zur Rechenschaft zu ziehen? Wer bin ich schon, kannst du mir das mal sagen? Du hast deine Gründe, ist doch klar. Du bist frei zu handeln, wie es dir beliebt. Allerdings wäre es an- gebrachter, wenn du sie für dich behieltest, deine guten Gründe, findest du nicht? Es wäre anständi- ger, angemessener … Die anderen, was geht die das denn an? Die anderen, die können dich mal.“ Er schiebt sich die Krücke unter die Achsel, lehnt schroff jede Hilfe ab und steht auf. Seine Lippen beben. Er merkt, daß Worte seinem Groll nicht gerecht werden können und verzichtet darauf, mir noch weiter welche entgegenzuschleudern. Er zürnt mir so sehr, daß er so tut, als hätte er die Schweizer Schokolade vergessen, die ich extra für ihn gekauft, habe. Er dreht sich nicht einmal um, während er sich immer weiter entfernt, einem großen Portal hinten im Hof entgegen. Alle sind sie gekommen: die Freunde und Sympa- thisanten, die Orthodoxen und die Protestler … Sie stehen dichtgedrängt, um sich einen Logenplatz zu sichern, die einen, weil es was zu gaffen gibt, die anderen, um denen, die nicht da sind, was voraus zu haben. Der große Konferenzsaal im Unterge- schoß der Zentrale ist brechend voll. Es ist ein his- torischer Augenblick. Sie werden dabeisein, wenn man eine Legende entmystizifiert, ein freches Mundwerk stopft, einen taktlosen und rettungslos rückfälligen Polizeikommissar endlich aus dem Dienst entläßt.* [* Die meisten der im folgenden erwähn- ten Personen, Gegner oder Freunde von Llob, spielen in „Morituri“ und/oder „Doppelweiß“ eine Rolle.] Sogar Haj Garne ist da. Hat ihn Überwindung gekostet, sich seinem Serail der Lesben und Schwuchteln zu entziehen, aber gekommen ist er. Um nichts in der Welt würde er das verpassen wol- len. Hämisch leckt er sich sein fransiges Maul, fährt wieder und wieder mit seiner belegten Zunge darüber, um sein Aspiklächeln zu schmieren. Er fühlt sich wie im Himmel: Eine reife Leistung für einen alten Faun, der sich im allgemeinen in den, stinkenden Abgründen der Gosse suhlt. Gleich neben ihm Sofiane Malek, der nur so schlottert vor Glück. Das liebe Miststück, Ghouls vergötterter Neffe, ein kultivierter Paranoiker, der an der Insulinnadel hängt und unentwegt eine Krawatte lockert, die nur in seiner Phantasie exis- tiert, seit er als junger Spund wegen eines alters- schwachen Lüsters einen Selbstmord verpatzt hat. Auch er ist gekommen, um mit eigenen Augen die offizielle Amtsenthebung des in der Stadt am meis- ten verschrienen Polypen zu sehen, und müßte er darüber an Unterzuckerung krepieren. Mit jedem Schritt, den ich näherkomme, beginnen seine Na- senflügel stärker zu beben. Seine Lippen verflu- chen mich. Der Blick aus seinen Glubschaugen verbrennt mich fast. In diesem ganz besonderen Moment gäbe er alles, könnte er der entfesselte Blitz des Himmels sein, die vernichtende Wut des Mutanten, der sich für befähigt hielt, die Götter mal eben in die Knie zu zwingen, bis ein ordinärer Süßwasserpolyp daherkam und seinen Olymp wie ein Kartenhaus auffliegen ließ. „Du bist museumsreif, alte Haut!“ keucht er mir ins Gesicht. „Ich fühle mich sehr wohl, da, wo ich bin“, kon- tere ich, „in deinen Alpträumen nämlich. Nacht für Nacht werde ich dich im Schlaf heimsuchen. Es wird so gräßlich für dich sein, daß du kein Auge mehr zubekommst.“ „Das werden wir ja sehen, du Ex.“, „Vor mir aus kann es gleich heute nacht losge- hen.“ Unsere Wimpernspitzen stoßen klirrend gegen- einander, wir stehen Nase an Nase, Atem in Atem. Das Grinsen erstarrt zur Grimasse, und seine Säu- fervisage beginnt unkontrolliert zu zucken. „Laß gut sein, mit toten Männern spricht man nicht“, besänftigt ihn Haj Garne. „Exakt!“ pflichtet Sofiane bei, kurz vor dem endgültigen Zusammen- bruch. „Was macht man mit Aas? Man pißt drauf, dann bleibt’s schön frisch.“ Mit einem ekligen Nachgeschmack auf der Zun- ge setze ich meinen Weg fort. Unter den Anwesenden entdecke ich Gesichter von Verbündeten. Sie sind gerührt. Und ich bin nicht mehr allein. Ewegh steht ganz außen in der ersten Reihe, stocksteif, mit vorgerecktem Kinn. Er blickt starr auf die Tribüne, hochmütig und schweigsam wie ein Waran, der reglos oben auf seiner Sanddüne lauert. Rechts von ihm stellt Lino den Rest seiner Würde zur Schau. In seinem gra- natroten Yves-Saint-Laurent-Imitat sticht er aus der Menge hervor. Von seinem Gips befreit sieht er aus, als wolle er der ganzen Welt in den Hintern treten. Er äugt verstohlen in meine Richtung und wendet den Kopf schnell wieder ab, doch nicht schnell genug, um das unstete Glänzen in seinen Pupillen verbergen zu können. Baya, meine gute Sekretärin, ist bemüht, sich mit ihrer roten Nasen- spitze hinterm Taschentuch zu tarnen. Ich zwinkere, ihr aufmunternd zu, doch umsonst. Ihre Schultern werden von einem Krampf geschüttelt, und schon fängt sie wieder zu schluchzen an. Vorne angelangt, nimmt mich Omar Rih in Emp- fang. Er ist fürs Protokoll zuständig. Ein charman- ter Kerl von übertriebener Zuvorkommenheit. Bit- tet man ihn um ein Glas Wasser, bringt er die gan- ze Quelle angeschleppt. Rät man ihm, kaltblütig zu bleiben, nimmt er ohne zu klagen eine Unterküh- lung in Kauf. Er drückt mir warmherzig die Hand und bittet mich aufs Podium. Mourad Smaïl verzieht keine Miene, als er mei- ner ansichtig wird. Ich schätze, Rang und Vermö- gen entheben ihn der Pflicht, sich fürs Fußvolk zu interessieren. Er ist der gefürchtete Oberboß der ganzen Polizei. Allein sein Name ist ein Trauma. Wo immer man ihn ankündigt, fehlt es bald an Tranquilizern. Er wird gehaßt wie die Pest. Ständig schikaniert er seine Höflinge, ist mit nichts zufrie- den und versucht unter dem Vorwand, daß klare Vorstellungen nicht zwangsläufig transparent sein müssen, selbst auf den Glatzen Haare zu spalten. Er ist größenwahnsinnig und von grenzenloser Gewissenlosigkeit. Aus dem Nichts, konkret dem muffigen Büro eines schon halb dienstuntauglich erklärten Aktensortierers hervorgekrochen, fand er sich dank der Gunst man weiß nicht welch bösen Geistes plötzlich als Oberhaupt einer sagenhaften Armada wieder und treibt sie mit dem Stock vor sich her, als wär’s der elterliche Viehbestand., Mein ehrwürdiger Vater, seines Zeichens Kadi und lebenskluger Philosoph, pflegte zu sagen: ‚Es gibt keinen schlimmeren Tyrannen als einen Spucknapfausleerer, der zum Sultan avanciert ist.’ Hätte ich ihm nur länger zugehört. Mourad Smaïl thront nicht allein auf der Tribüne, wiewohl man sich diese Bemerkung besser ver- kneifen sollte. Wenn Mourad Smaïl nämlich ir- gendwo zu weilen beliebt, duldet er niemanden neben sich, selbst Gottvater nur mit Müh und Not. Er ist von einer Bande vollgefressener Buddhas umgeben, Statisten, die ihrer Rolle im Halbschlaf frönen, mit Augenlidern, die fast auf den Lippen hängen und Händen, feierlich über dem Bauch ge- faltet, was ihrer betonten Askese jene postdigestive Nonchalance verleiht, die den Schlafmützen unter den Königen so teuer ist. Leicht zurückversetzt, auf seinem Nachbeter- platz, benimmt sich Hédi Salem wie ein Abklatsch vom Boß. Niest, wenn dieser sich schneuzt, kratzt sich wie er am Hals und paßt andächtig auf, daß keine seiner Gesten oder Taten jene des Monster- wesens vor ihm verfälscht oder übertrifft. Omar Rih weist mir einen Stuhl am Ende der Reihe zu. Der Direx streckt unterm Tisch seine Hand zu mir vor, um mich freundschaftlich zu tät- scheln. Wer glücklich leben will, muß versteckt leben. Der Direx versteckt sich, um zu überdauern. Mourad Smaïl säuft ein Glas Mineralwasser leer, während Hédi Salem hinter ihm wie ein Karpfen, schluckt, und schnippt zweimal kurz gegen das Mikro. Der Lärmpegel sinkt. Wer vorn sitzt, wen- det den Hals und bittet die Hintermänner, die Klappe zu halten. Endlich Schweigen im Saal. Eine Fliege beginnt in der Stille zu surren. „Na schön!“ dröhnt Mourad Smaïl los. „Trompe- ten und Fanfaren sind nicht meine Sache, Lobge- sänge auch nicht. Ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube. Ich sage es, wie es ist: ich bin enttäuscht!“ Ringsum schütteln die Buddhas bekümmert ihre Häupter. „Es ist mir ausgesprochen unangenehm, einem Kollegen in einem Moment Adieu zu sagen, wo die angespannte Sicherheitslage die Mobilisation sämt- licher Kräfte verlangt.“ Hier und da unterdrücktes Murren im Saal, das sich schnell im empörten „Psst!“ der ersten Reihen verliert. Mourad Smaïl betupft sich die Lippen mit einem Papiertaschentuch und läßt sein Auge dro- hend über den Herd des Aufruhrs schweifen. Lang- sam kehrt wieder Ruhe ein. Und die Fliege dazu. „Ich bin kein Diplomat!“ donnert er los. „Meine Schule war die der Härte und Unbeugsamkeit. Das hinterläßt Folgen, doch es schmiedet einen Mann. Ich bin so einer!“ stellt er klar und spaltet mit un- sichtbarem Säbel die Luft. In den vorderen Reihen werden die Kehlen tro- cken und die Hälse rutschen zwischen die Schul- terblätter., „Wer vom fahrenden Zug springt, riskiert, einen Teil seines Gesichts auf dem Schotter zu lassen. Kommissar Llob weiß das. Deshalb erwartet er von mir auch kein Lob.“ Ich bin entgeistert. Was am meisten an diesem krankhaft anmaßen- den Fettkloß verblüfft, ist nicht die unglaubliche Autorität, die er verströmt, auch nicht die entwaff- nende Selbstsicherheit, die er seiner Baraka ver- dankt, der Aura göttlichen Schutzes, die Men- schenfresser seines Formats in der Regel umgibt; was am stärksten frappiert, ist sein Gesicht, das nie den leisesten Zweifel, den leisesten Ausdruck von Bedauern verrät, eine Physiognomie, die einem Totem gleicht, ein Katalysatorengesicht, in dem die Kräfte des Bösen und das krankhafte Bedürfnis es auszuüben zusammenkommen, als ob die einzige Art der Selbstinszenierung darin bestünde, seine Umwelt in Angst und Schrecken zu versetzen, be- vor man sie unter einem Schwall ätzender Spucke in Nichts auflöst. „Kommissar Llob verläßt uns. Das ist bedauer- lich. Aber es ist nicht der Weltuntergang. Algerien kennt keine Wechseljahre. Glücklicherweise und Gottseidank.“ Er hält kurz inne, verjagt eine Fliege, boykottiert sein Wasserglas. Ihm gegenüber schweißnasse Stirnen, fliehende Blicke. „Es liegt mir fern, näher auf seine Laufbahn ein- zugehen. Wir werden dafür bezahlt, daß wir unsere, Arbeit tun. Kein Mensch erwartet von uns Barm- herzigkeit. Ich schätze, ein jeder weiß, was er tut. Jeder ist selbst verantwortlich. Vor seinen Kolle- gen und vor der Geschichte. Das Vaterland wird die Seinen schon erkennen … Ich nutze die Gele- genheit, die mir unsere kleine Zusammenkunft bietet, um alle, die dazu neigen, es zu vergessen, daran zu erinnern, daß der Krieg nicht vorüber ist und daß man die Chancen, ihn zu gewinnen, nicht dadurch vergrößert, daß man sich aus dem Staub macht …“ Die Buddha-Riege wiegt fromm das Haupt. „Der Kommissar ist keine zwanzig mehr. Da ist er übrigens nicht der einzige. Er hat es für richtig gehalten, sich aus dem Rennen zurückzuziehen. Das ist sein gutes Recht. Er wird seine Gründe ha- ben, andere mögen finden, er sei im Unrecht. Im einen Fall wie im anderen betrifft es, trifft es nur ihn … Glück kann ich ihm abschließend keines wünschen. Seinem Glück hat er gerade einen Tritt gegeben. Ich wünsche ihm viel Mut, denn die Pen- sion ist kein leichter Job für einen, der jede Menge Gespenster hinter sich herschleift …“ Er nimmt einen Schluck Wasser und sagt: „Mon- sieur Menouar, Sie sind an der Reihe. Und bitte machen Sie es kurz.“ Der Direx ist bleich. Mit einem derart kurzen Prozeß hat er nicht gerechnet. Er ist völlig über- rumpelt, und die Rede, die er sorgsam auf drei Blatt zu Papier gebracht hat, kommt ihm mit einem, Mal ganz unwirklich vor, dubioser als eine Alchi- mistenformel. „Bitte, Monsieur Menouar!“ Mourad Smaïl wird ungeduldig. Der Direx taut nur mit Mühe aus seiner Erstar- rung auf. Er wankt ans Rednerpult und betastet linkisch das Mikro, bis Omar Rih ihm schließlich zu Hilfe kommt. Als nächstes verheddert er sich auf der Suche nach einem unauffindbaren Taschen- tuch, gibt irgendwann auf und wendet sich seinen Blättern zu, die überflüssig geworden sind und nur stören. Die Schlinge des Schweigens zieht sich enger zu, macht ihn noch nervöser. Er räuspert sich, um einen hartnäckigen Kloß aus dem Hals zu entfernen, atmet tief durch und fängt mit unsicherer Stimme an: „Der Herr Generaldirektor hatte recht, nicht näher auf die Laufbahn von Kommissar Llob einzugehen. Sinnigerweise fällt diese Aufgabe, so undankbar sie sein mag, mir zu.“ Jetzt hat er keine Puste mehr. Er verhaspelt sich, konzentriert sich, steigt in die tiefsten Tiefen seines Ich herab, um von dort einen Mut hochzuholen, dem er vor langen Jahren abgeschworen hat, da er nicht die Empfindsamkeit einer Hierarchie verlet- zen wollte, die an die Unterwürfigkeit und stumme Ergebenheit ihrer Subalternen gewöhnt ist. Der Direx ist sich des Risikos bewußt, das er im Begriff ist einzugehen. Ich ahne, wie er unter Schmerzen den Stein des Sisyphus vor sich herrollt, aber er läßt nicht los und erklimmt, Stufe um Stufe, den, Berg der Unsicherheiten. Mit schweißnasser Stirn und ausgedörrter Kehle ringt er nach Worten inmit- ten des Sturms. Seine Hände sind feucht vom Um- klammern der allgemeinen Aufmerksamkeit, seine Adern geschwollen unter der Blicke Last. Er holt Luft, tief und tiefer, hebt die Augen auf und läßt den Blick über die versammelte Zuhörerschaft glei- ten, dann hin zu mir. Ich lächele ihm zu, und wie von Zauberhand befreit er sich aus den Klauen der Angst und legt los: „Es ist höchst anmaßend, über andere urteilen zu wollen. Vorausgesetzt, man ist ihnen überhaupt ebenbürtig, ist es wert, sie zu führen, hat ihren Ge- horsam und ihr Vertrauen verdient. Chef zu sein, setzt voraus, den anderen etwas voraus zu haben, Weisheit vielleicht, mehr Diensteifer oder größere Weitsicht; etwas im guten Sinn Überlegenes, das ihre Bereitschaft rechtfertigen kann, den verschro- bensten Anweisungen Folge zu leisten, nicht zu meckern und gewisse Überschreitungen hinzuneh- men, die jemand begeht, den Vorschriften und Konventionen als unantastbar hinstellen. Mit Bra- him war das keine leichte Sache. Ich war ein gutes Jahrzehnt lang sein Chef, und unser Verhältnis war nicht immer ungetrübt. Wir haben uns manchmal angebrüllt, bis uns die Stimme versagt hat, wir ha- ben oft gar nicht mehr miteinander geredet. Die grauen Haare auf meinem Kopf, die habe ich ihm zu verdanken. Ich habe mir wegen ihm manche Abreibung geholt. Und was bleibt jetzt von alle-, dem? Eine Abschiedsrede, die ich improvisieren muß, denn die Worte, die ich gestern vorbereitet habe, sind heute schon Makulatur … Was sagen über Kommissar Llob, hier und jetzt, ganz spontan, auf die Gefahr hin, sich ungeschickt auszudrücken oder vielleicht resigniert zu klingen? Werden mei- ne Worte auf der Höhe seiner Taten sein? Ich fürchte nein. Und so wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir vergeben wollten, falls auch ich nicht im- mer auf der Höhe des Augenblicks sein sollte. War Brahim ein guter Polizist? Ich glaube schon. Ein schwieriger Untergebener, das ja, aber ein hervor- ragender Polizist. Hatte er recht, das eine zuguns- ten des anderen zu vernachlässigen, hatte er un- recht? Eines ist gewiß: Er horchte auf sein Gewis- sen, und das ist alles andere als selbstverständlich. In einem Algerien, das verzweifelt auf der Suche nach sich selber war, ging Brahim, gleich ob im Schatten oder im Rampenlicht, während jeder um seinen Platz an der Sonne buhlte, aufrecht und ge- radlinig seinen Weg. Verführerische Angebote, Aussicht auf Profit, gute Gelegenheiten, die an- dernorts Diebe machen, all dem ist er nie erlegen. Und das wird man ihm nie verzeihen. Brahim hielt unbeirrbar Kurs auf das, was ihm loyal und gerecht erschien; alles andere hatte wenig Bedeutung für ihn. Er legte von Anfang an seine Marschroute fest und hat sie sein Leben lang eingehalten, couragiert und uneigennützig. Heute hat er nichts zu bereuen. Er war erfolgreich. Er ist mit sich und seinem Ge-, wissen im reinen, und das, das können leider Got- tes nicht viele unter uns von sich behaupten … Was soll man sagen über einen Mann, der eine Laufbahn als Ordnungshüter angetreten hat, um tatsächlich ein Hüter der Ordnung zu sein, der mit aller Kraft an Recht und Gerechtigkeit geglaubt und schwer geschuftet hat, um ihr würdiger Diener zu sein, während andere sie schamlos für sich selbst zurechtbogen, der elementarsten Regeln von Anstand und Sitte spottend? Nichts. Man sagt nichts. Man schweigt und schaut zu. Das Schamge- fühl verlangt, daß man vor so viel aufrechtem Sinn verstummt. Vor allem, wenn er einem selber ab- geht.“ Er dreht sich zu mir um, sieht mich eindringlich an. Seine Augen glänzen, die Blätter in seiner Hand sind völlig zerknüllt: „Brahim, mein Freund, falls es überhaupt jeman- den gibt, der es verdient hat, Polizist zu sein, mit einem P, das so hoch wie eine Säule ist, dann du.“ Der hintere Teil vom Saal erbebt in einer ohren- betäubenden Ovation. Die Euphorie setzt sich nach und nach bis in die vorderen Reihen fort, über- schwemmt zuletzt die Tribüne. Einer der Buddhas steht plötzlich auf und klatscht so ungestüm Bei- fall, daß er sich fast die Handflächen wundreibt. Reihe für Reihe erhebt sich der Saal in schallen- dem Gejohle. Lino pufft Ewegh in die Seite, um ihn aufzuwecken, und zwinkert mir zu. Bayas Ju- beltriller spritzen hoch auf wie Wasserstrahlen. Der, Direktor kommt mir mit weitgeöffneten Armen entgegen, und das trotz der vergrätzten Miene von Mourad Smaïl. Ich erhebe mich, um mich mit ihm ins Getümmel zu stürzen. „Vielen Dank“, stammle ich. „Ich bin zutiefst ge- rührt.“ Nach der Zeremonie wollen Leutnant Chater und sein Ninja*-Trupp [* algerische Spezialeinheit zur Terro- ristenbekämpfung] unbedingt Erinnerungsfotos mit mir im Hof der Zentrale schießen. Andere Wegge- fährten kommen hinzu, um mich zu beglückwün- schen und moralisch aufzurüsten. Capitaine Berrah von der Geheimdienstzentrale, der den Höhepunkt des Spektakels aufgrund einer technischen Panne verpaßt hat, stößt dazu, als ich mich gerade verab- schieden will. Sein Rochengesicht hat er hinter einer Sonnenbrille versteckt, was mich ungemein beruhigt. Eweghs Ausrutscher** [** siehe die Szene in „Doppelweiß“, in der Ewegh den Geheimdienstoffzier Ber- rah zusammenschlägt] ist dabei, sich in eine halb ver- gessene falsche Bewegung zu verwandeln, denn die Plattnase nimmt langsam wieder Gestalt an. Er läßt sich sogar fotografieren, erst mit mir, dann zwischen Lino und den Targi geklemmt, wodurch ein sinnloses Ressentiment begraben wird. Inspek- tor Bliss nähert sich schüchtern lächelnd auf Ze- henspitzen. Er wartet geduldig, bis der Fotograf seine Utensilien verstaut hat, dann baut er sich vor mir auf. Seine Nagetierhand betastet einen Sticker, in den algerischen Nationalfarben, den er am Ja- ckettkragen trägt. „Ich frage mich bloß, an wem ich mich jetzt schadlos halten soll, wo du mir zwischen den Fin- gern durchflutschst, Kommissar.“ Es ist das erste Mal, daß er mich Kommissar nennt. Er ist sichtlich bewegt. „Dich habe ich lieber als jeden anderen verpfiffen“, schiebt er mit beleg- ter Stimme nach. Er löst den Sticker mit flatternder Hand vom Revers und steckt ihn mir an die Brust. „Hat mir mein Sohn an einem 5. Juli geschenkt. Heute schenke ich ihn dir. Ich nehme nicht den ersten Platz in deinem Herzen ein. Ich werde mich mit einem Quadratzentimeter auf deiner Jacke be- gnügen. Mehr braucht’s nicht, um mich glücklich zu machen, glaub mir.“ Er legt mir die Hände auf die Schultern, küßt mich flüchtig. „Wirst mir fehlen.“ Und macht sich aus dem Staub, unfähig, seine Rührung zu unter- drücken. Während er sich betrübt seinen Weg durch die Menge bahnt, frage ich mich, ob Feindschaft letzt- lich vielleicht nur auf einem banalen Mißverständ- nis beruht, einem fatalen Kommunikationsproblem. Lino schlägt vor, im Rimmel weiterzufeiern, ei- nem schicken Restaurant an der Küste. Ich erkläre ihm, daß mir sehr viel mehr danach zumute ist, mich einfach treiben zu lassen. Es ist ein prachtvol- ler Tag, und es täte mir gut, eine Weile Zwiespra- che mit meinem Schatten zu halten. Er dringt nicht, weiter in mich und verspricht, gegen Abend bei mir vorbeizuschauen. „Versuch dich nicht schon vorher zu besaufen.“ „Werde tun, was ich kann …“ Ich habe mich durch eine kleine im Efeu versteckte Tür abgesetzt, meinen Wagen vom Parkplatz ge- holt und bin den ganzen Vormittag durch die Stra- ßen gekurvt. Gegen Mittag bin ich in einem Bistro zu Füßen des Märtyrerdenkmals eingekehrt und habe drei Sandwiches mit Merguez verdrückt, ein halbes Dutzend Zigaretten gequalmt und mir da- nach einen anständigen Kaffee auf der Terrasse vom Oasis genehmigt, im Schatten regenbogenfar- bener Sonnenschirme. Gegen fünfzehn Uhr bin ich zur Moutonnière* [* Name der Schnellstraße, die nahe der Küste vom Flughafen zur Stadt führt] zurück und habe einer Gruppe Clochards beim Streiten zugesehen. Ihr unverständliches Gezänk sprudelte aus den Wellen hoch und zerfranste weit hinten am Hori- zont, aufgesogen vom Tumult des Mittelmeers. Das Meer ist in Trance. Es wirft seine Sturms- trupps ans Ufer, versucht, die Felsen zu zerbrö- ckeln, macht Vorstöße und Rückzieher, die nie- manden täuschen. Eines schönen Tages werde ich mir Angeln kaufen und von der alten Landungs- brücke herab den Fischen auflauern. Ich werde mir einen Sonnenhut überstülpen und von früh bis spät mit meinen Kindern plaudern. Mina wird mir zuse- hen, wie ich unermüdlich meine Köder auswerfe,, einen immer weiter als den anderen, und jede mei- ner Handbewegungen wird unter ihrem Blick zu einer Heldentat. Später werden wir am Strand die gefangenen Fische grillen. Der Abend wird es nicht leicht haben, uns aus unseren Träumen zu reißen. Ein Spaziergänger fragt mich nach der Uhrzeit. Seltsamerweise ist meine Uhr um fünf nach halb vier stehengeblieben. Ich werfe mir die Jacke über die Schulter und mache mich Richtung Stadt auf den Weg, entlang der Küstenpromenade, quer durch Bab El-Oued und die Kasbah, und parke zuletzt an der Place des Martyrs. Auf der Suche nach ich weiß nicht was. Algier ist manchmal wie eine Dunkelkammer. Ein einziger Lichtstrahl könn- te alles verderben. Ich muß an Serdj denken, den sie in einer vorge- täuschten Straßensperre einen Kopf kürzer ge- macht haben, an seinen Jüngsten, der bei der Trau- erfeier hinter einem Fahrradreifen herlief, ohne zu begreifen, warum so viele Leute im Haus waren. Einen Seufzer weiter steht mir eine zertrümmerte Bar vor Augen. Selbstgebastelte Bombe. Eine Schule erinnert mich daran, daß sie auf Schüler geschossen haben, die kaum den Windeln ent- wachsen waren. Eine Toreinfahrt erzählt mir die Geschichte des jungen Rekruten, der nie die Pensi- onärsfreuden des Kegelns kennenlernen wird. Nichts als Tragödien auf meinem Weg, nichts als tragische Mißverständnisse … Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich zum, ersten Mal den Fuß nach Algier gesetzt habe. Es war ein Freitag. Der ächzende Bus, der mich auf dem Umweg über Ghardaïa aus Igidher entführt hatte, kam genau in dem Moment auf dem Place du 1er Mai zum Stehen, als der Muezzin zum Dohr- Gebet rief. Ich hatte meinen Koffer am Eingang der Moschee abgestellt. Nach dem Gebet stand er immer noch da, nur eine Spur zur Seite geschoben, um den Zutritt in den Gebetsraum freizuhalten. Das war 1967, zu einer Zeit, da man die Nacht verbrin- gen konnte, wo sie einen überraschte, ohne um seinen Geldbeutel bangen zu müssen, geschweige denn um sein Leben. An jenem Freitag übertraf der Frühling sich selbst. Die Balkons standen in vollem Blüten- schmuck, und die Mädchen, eingehüllt in milchige Siegesbanner, dufteten wie Blumenwiesen. Es war die Zeit, da der Zufall die Tage nach dem Vorbild des lieben Gottes schuf – glückliche Tage. Die Straßen luden mich ein, an ihrem Glück teilzuha- ben, breiteten Geschäfte, Schaufenster, Grillbuden und lauschige Plätze vor mir aus; und ich, der kes- se Bauernjunge in seinem billigen, übergroßen Tergalanzug, der mit seinen breiten Streifen wie ein Sträflingshemd wirkte, in seinem Hemd, dessen gestärkter Kragen das halbe Revers verdeckte, ich paradierte stundenlang umher, mächtig stolz auf mein Cowboy-Koppel mit der mächtigen Gürtel- schnalle, auf der zwei versilberte Winchester prangten. Mein Herz schlug beim kleinsten Lä-, cheln auf Frauenlippen höher, ich war in jeden weiblichen Vornamen verliebt. Mit meinem Gesicht eines Dorfgigolos und mei- nen nagelneuen Inspektorstressen machte ich mich daran, die Herzen zu erobern. Ich war achtund- zwanzig und hatte genausoviel Gründe, die mich glauben ließen, Algerien sei mein. Und eines Tages, während ich mich als Liebha- ber von ganz Algier fühlte, begegnete ich Mina. Im hintersten Winkel der Kasbah, bei einem Färber. Ich war gekommen, um mir eine Krawatte für den Samstagabend auszuleihen. Sie war schon da und wartete auf den Burnus ihres Vaters. Es war ein magischer Moment, von höchster Intensität. In ihren weißen Schleier gepfercht und von meinen dreisten Blicken verschreckt, suchte sie mich mit ihrem Blick in die Schranken zu weisen, wie es sich für Töchter aus besserem Hause geziemt. Aber Mina hatte keinen Blick, sondern riesengroße Au- gen, die mich rettungslos verzauberten. Seither sehe ich immerzu diese Augen vor mir, wenn die Sonne aufgeht, wenn sich ein hinreißender Anblick auftut, diese Augen, die so schön sind, daß ich mich von ihnen überzeugen ließ, daß die Liebe zu einer einzigen Frau alle Liebe der Welt umfaßt. Und heute, was blieb vom Algier jener Tage üb- rig? Die Geschichte wird von der Tragödie Alge- riens die Erinnerung an den Irrweg eines Volkes bewahren, das wie unter Zwang stets dem falschen Guru nachlief, und die Erinnerung an eine Affen-, horde, welche, die Gunst der Stunde nutzend, sich mangels Stammbaum auf Brotbäume und Galgen spezialisierte. In einem Land, mit dem sich alles machen ließ – nur kein Staat. * * * Es ist zwanzig Uhr zehn, als Leutnant Lino in der Rue des Frères-Mostefa eintrifft. Die Gehwege sind schwarz vor Menschen. Lichter von Polizeiau- tos kreisen langsam durch die Nacht, lassen ihren bläulichen Schein über die Fassaden huschen. Von den Balkonen herab beobachten die Familien in unerträglichem Schweigen das Treiben auf der Straße. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“ brummt Lino und stellt sein Auto eilig am Bordstein ab. Ein Polizist macht ihm Zeichen, zu verschwinden. Lino zückt seine Dienstmarke. „Was ist hier los?“ Ohne auf Antwort zu warten, steigt er aus und geht auf die Menge zu, immer schneller, je näher er dem Ort des Geschehens kommt, läuft schließ- lich mit wild klopfendem Herzen drauflos. Er schiebt die Gaffer zur Seite, bahnt sich seinen Weg bis zum Gebäude mit der Hausnummer 51. Der Anblick, der sich bietet, verschlägt ihm den Atem. „Nein, das ist nicht wahr“, stammelt er ungläu- big, während ihm der Boden unter den Füßen weg-, rutscht. Ein Mann liegt am Boden: Es ist Kommissar Llob. Er hat die Augen verdreht, den Mund weit aufgerissen, den Brustkorb grauenvoll zerfetzt. Lino tastet nach einem Halt, lehnt sich gegen die Mauer, um nicht zusammenzusinken. Doch seine Beine geben nach; er rutscht in Zeitlupe zu Boden, vergräbt den Kopf in beiden Händen und krümmt sich zusammen. Aus weiter Ferne hört er, wie je- mand sagt: „Sie haben aus einem vorbeifahrenden Wagen auf ihn gefeuert. Sie haben ihr ganzes Magazin leergeschossen. Sie ließen ihm keine Chance.“,

Bilder eines „unsichtbaren“ Krieges

Nachwort von Beate Burtscher-Bechter Als in Frankreich im März 1997 mit Morituri (dt. Morituri, 1999) der erste Band der Kriminalromantrilogie um Commis- saire Llob unter dem weiblichen Pseudonym Yasmina Khadra erschien, wurden bereits erste Zweifel laut, ob die in rauhem Ton geschilderten Ereignisse und die ungeschminkte Darstellung blutiger Auseinandersetzungen tatsächlich aus der Feder einer Frau stammten. Hartnäckig hielten sich auch nach der Veröffentlichung von Double blanc (1997, dt. Dop- pelweiß, 2000) und L’Automne des chimères (1998, dt. Herbst der Chimären, 2001), dem zweiten und dritten Band der Trilogie, die unterschiedlichsten Gerüchte um die Identi- tät des Autors. Die Überraschung war dennoch groß, als Yasmina Khadra im September 1999 in einem Exklusivinterview für die fran- zösische Tageszeitung Le Monde gestand, daß sich hinter dem weiblichen Pseudonym ein Mann verberge, der sich nach wie vor in Algerien aufhalte und aus Sicherheitsgründen zur Anonymität verurteilt sei. Noch größer war das Erstaunen, als der Autor im Jänner 2001 vor die französische Öffentlichkeit trat und seine wahre Identität preisgab: Mohammed Moulessehoul – so der richti- ge Name des Autors – diente bis zu seiner Emigration im Herbst 2000 als hoher Offizier in der algerischen Armee. Parallel dazu war er viele Jahre hindurch als Schriftsteller tätig und hatte in Algerien bereits mehrere Romane unter seinem richtigen Namen publiziert. Als er sich Ende der achtziger Jahre aufgrund eines dementsprechenden Erlasses gezwungen sah, seine Schriften vor der Veröffentlichung einer Zensurbehörde zu unterwerfen, entschied er, eher mit dem Schreiben aufzuhören, als sich solchen Maßnahmen unterzuordnen. Schließlich gab der Autor seine Werke ab diesem Zeitpunkt unter einem Pseudonym heraus. So erschienen Anfang der, neunziger Jahre zwei Kriminalromane (Le Dingue au bistou- ri, 1990, und La Foire des enfoirés, 1993) unter dem Namen Commissaire Llob in Algerien. Daß die folgende Kriminal- romantrilogie unter einem weiblichen Pseudonym veröffent- licht wurde, ist anderen Umständen zuzuschreiben: Da sich die Ehefrau des Autors um die Veröffentlichung seiner Wer- ke im Ausland kümmerte (aufgrund der angespannten Lage und der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in Algerien war es undenkbar geworden, die Werke im Land selbst zu publizieren), mußten die Verleger annehmen, es mit einer Autorin zu tun zu haben. Die Gattin des Autors nahm aber nicht nur dessen Geschäfte in die Hand, sie „schenkte“ ihm auch ihren Namen: „Tu m’a donnée ton nom pour la vie, je te donne le mien pour la postérité. – Du hast mir deinen Namen fürs Leben gegeben, ich gebe dir den meinen für die Nachwelt.“ Auch wenn die Identität des Autors heute bekannt ist, hat er sich dafür entschieden, seine Werke weiterhin unter dem Pseudonym Yasmina Khadra zu veröffentlichen; dies aus Dankbarkeit, aber auch aus Respekt vor dem Mut und der Tapferkeit, die die algerischen Frauen im gegenwärtigen Konflikt aufbringen. So sind nach den zuvor genannten Büchern drei weitere Romane des Autors unter dem Namen Yasmina Khadra er- schienen: In Les Agneaux du Seigneur (1998) und A quoi rêvent les loups (1999, dt. Wovon die Wölfe träumen, 2002) setzt er die in seinen Kriminalromanen begonnene Beschrei- bung und Analyse der Kriegsereignisse in Algerien fort; in L’Ecrivain (2001), jenem autobiographischen Roman, den er parallel zur Preisgabe seiner Identität im Jänner 2001 veröf- fentlichte, zeichnet er seinen militärischen Werdegang nach, der im Alter von neun Jahren begann, als sein Vater ihn in der Kadettenschule von El Mechouar allein zurückließ. Die fünf Werke, die Yasmina Khadra in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre veröffentlicht hat, bilden eine themati- sche Einheit, ging es dem Autor doch darum, unterschiedli- che Aspekte des blutigen Konflikts, der seit mehr als einem, Jahrzehnt Algerien erschüttert, ans Licht zu bringen und unverblümt zu dokumentieren. So entlarvt er in seinen Kri- minalromanen die Rolle korrupter Regierungsmitglieder, die aufgrund ihrer Inkompetenz und Bestechlichkeit den Aufstieg der algerischen Finanzmafia ermöglichten, und macht deut- lich, daß die Mitglieder dieser kriminellen Organisation wichtige Schaltstellen innerhalb des Staatsapparates besetzen und als die wahren Drahtzieher des Konflikts anzusehen sind. In Les Agneaux du Seigneur beschreibt Khadra, wie die Hoffnungslosigkeit weiter Bevölkerungsteile zur Plattform fundamentalistischen Gedankenguts wird und ein ganzes Dorf in die Maschinerie der Gewalt stürzt. Aus der Sicht eines fundamentalistischen Führers stellt der Autor in A quoi rêvent les loups schließlich die Motive dar, die einen jungen Mann zu einem grausamen Mörder im Namen Gottes ma- chen. Explizit thematisiert Yasmina Khadra die kriegerischen Auseinandersetzungen in Algerien, die den Angaben des derzeitigen algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zufolge schon über 100.000 Menschenleben gefordert haben. Diese literarischen Darstellungen erweisen sich als um so interessanter, als dieser Konflikt sowohl für Analysten als auch für Außenstehende immer undurchsichtiger und verwor- rener erscheint, je länger er andauert. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, daß dieser Krieg nur wenige Anhaltspunkte bietet, die eine kohärente Darstellung ermöglichen. So gibt es beispielsweise kein ein- deutiges Ereignis, das den Beginn der Auseinandersetzungen markiert. Der Ausbruch des Krieges erfolgte schrittweise und reicht bis 1988 zurück, als sich im Oktober der aufgestaute Zorn der algerischen Bevölkerung in einem spontanen Auf- stand entlud. Auf offener Straße protestierten die Algerier gegen Korruption und Mißwirtschaft des seit der Unabhän- gigkeit im Jahr 1962 allein regierenden FLN (Front de libé- ration nationale – Nationale Befreiungsfront). Das Volk verlangte politische und wirtschaftliche Reformen und for-, derte Freiheit und Demokratie. Angesichts der massiven Proteste wurde ein Prozeß einge- leitet, der eine Liberalisierung des Parteiensystems nach sich zog und zu einer Legalisierung des bis dahin verbotenen FIS (Front islamique du salut – Islamische Heilsfront) führte. Der überlegene Wahlsieg dieser neuen Oppositionspartei bei den Kommunalwahlen des Jahres 1990 und der hohe Stimmenan- teil, den der FIS im ersten Wahlgang der Parlamentswahlen 1991 für sich verbuchen konnte, brachten die Unzufrieden- heit weiter Bevölkerungskreise mit dem immer noch regie- renden FLN und seinem korrupten Beamtenapparat erneut zum Ausdruck. In der Folge wurde Präsident Chadli Benjedid am 11. Jän- ner 1992 von der Armee zum Rücktritt gezwungen und der zweite Wahldurchgang annulliert. Neben den Oktoberauf- ständen des Jahres 1988 markiert dieses Datum einen weite- ren Schritt hin zu jener bewaffneten Auseinandersetzung, die bis heute andauert. Nach der Übernahme der Macht durch das algerische Mili- tär wurde ein Haut Comité d’Etat (Hohes Staatskomitee) eingesetzt, um die Staatsgeschäfte zu lenken. Mit Mohamed Boudiaf trat ein ehemaliger Befreiungskämpfer im Unabhän- gigkeitskrieg gegen die französische Kolonialmacht und historischer Führer des FLN an die Spitze dieses Komitees, um die dringend notwendigen Reformen im Land einzuleiten. Die Ermordung von Mohamed Boudiaf am 29. Juni 1992 in Annaba durch ein Mitglied des Sicherheitsdienstes stürzte das Land endgültig ins Chaos und bildet somit die letzte Etappe auf dem Weg Algeriens in den Bürgerkrieg. In den Sommermonaten des Jahres 1992 erschütterte eine erste Welle von Terroranschlägen das Land, die in einen bewaffneten Kampf zwischen verschiedenen militanten Gruppierungen der Fundamentalisten und der Armee münde- ten. Unter General Liamine Zéroual, der 1994 zum Staatsprä- sidenten ernannt wurde, erreichten der blindwütende Terror und die Kämpfe zwischen den Fundamentalisten und den, Militärs einen weiteren traurigen Höhepunkt. Mit seinem Aufruf zur nationalen Aussöhnung und der Begnadigung Tausender inhaftierter Fundamentalisten ließ der im April 1999 neu gewählte Staatschef Abdelaziz Bouteflika Hoff- nung auf eine Aussöhnung aufkommen. Die Terroranschläge in der ersten Hälfte des Jahres 2001 machten diese Hoffnun- gen aber weitgehend zunichte. Die Tatsache, daß sich die Fronten zwischen der algeri- schen Regierung und den Militärs auf der einen Seite und den fundamentalistischen Gruppierungen auf der anderen Seite im Laufe des Konflikts mehr und mehr verwischt haben und es sich auch nicht um einen „klassischen“ Bürgerkrieg han- delt, in dem sich zwei Interessensgruppen oder deren organi- sierte Armeen gegenüberstehen, macht eine Einschätzung der Situation sehr schwierig. Wie bei vielen innerstaatlichen Auseinandersetzungen sind auch in diesen verworrenen Krieg zwischen den algerischen Militärs und den Fundamentalisten zahlreiche andere Konflikte verwoben, ohne deren Kenntnis eine umfassende Beurteilung der Lage unmöglich ist und die die Gesamtsituation noch undurchsichtiger erscheinen lassen: So spielen bei den kriegerischen Auseinandersetzungen Machtkämpfe unterschiedlicher Clans eine wesentliche Rolle; weiters wird der Krieg maßgeblich von wirtschaftlichen Inte- ressen mitbestimmt, vor allem von jenen der großen Konzer- ne, die die Erdölförderung im Süden des Landes kontrollie- ren; schließlich spiegelt sich im Konflikt auch die lange Ge- schichte eines Landes, die von Gewalt gekennzeichnet ist. Hinzu kommt, daß sich in Algerien im Verlauf vieler Jahre eine mächtige Finanzmafia durch Korruption und Gewinne im Erdölgeschäft ein regelrechtes Imperium aufbauen konnte und bis heute ihren Einfluß und ihre Macht auf höchster poli- tischer Ebene geltend macht. Ihre Angehörigen sind die wah- ren Regenten des Landes, und sie nehmen auch innerhalb des Konflikts eine einflußreiche Position ein. Die blutigen Kämp- fe haben all diese Probleme nach und nach ans Licht ge- bracht. Dennoch bleiben die Interessen, die in den bürger-, kriegsähnlichen Auseinandersetzungen verfolgt werden, weitgehend undurchschaubar. Das grausame Morden entbehrt jeder Logik, und es bleibt unmöglich, den wahren Grund für das Blutvergießen festzumachen. Wie bei jedem Konflikt profitieren einige wenige von den Auseinandersetzungen; die Vermutung dürfte stimmen, daß vor allem sie es sind, die den Krieg, in dem es längst nicht mehr um konkrete Inhalte geht, aus skrupelloser Profitgier in Gang halten. Darüberhinaus hat der Konflikt mittlerweile eine große Eigendynamik entwi- ckelt, die es noch schwieriger macht, dem Grauen ein Ende zu bereiten. Die „Undurchsichtigkeit“ des Konflikts wird durch seine „Unsichtbarkeit“ verstärkt, wie der bekannte Historiker und renommierte Algerienspezialist Benjamin Stora in seinem jüngst erschienen Buch La guerre invisible. Algérie, années 90 (Paris 2001) verdeutlicht. Obwohl die kriegerischen Aus- einandersetzungen zwischen der algerischen Armee und den unterschiedlichen fundamentalistischen Gruppierungen schon mehr als zehn Jahre andauern, bleiben die Bilder, die an die Öffentlichkeit dringen, auf einige Ausnahmen beschränkt. Nur wenige Fotos und Filmaufnahmen dokumentieren die Situation in dem krisengeschüttelten Land und die Grausam- keit, mit der dieser Krieg geführt wird. In einer Zeit, die von einer medialen Bilderflut geprägt ist, wirkt ein Krisenherd, von dem es kein Bildmaterial gibt, unfaßbar und suspekt. Angesichts des Fehlens von Bildern scheint sich der Konflikt irgendwo in einer unsichtbaren Welt abzuspielen, und die Berichte von blutigen Attentaten und grausamen Massakern, die an die Öffentlichkeit gelangen, werden von einer Aura der Unsicherheit, der Irrealität und des Zweifels umgeben. Die verfeindeten Gruppen in Algerien sind durchaus daran interessiert, daß der Krieg weiterhin „unsichtbar“ bleibt. Für ausländische Berichterstatter ist es nahezu unmöglich, ein Visum zu erhalten, und die Journalisten, die sich vor Ort befinden, werden durch restriktive Gesetze und Erlässe in Schach gehalten. Neben den Verboten, die von Seiten der, algerischen Regierung ausgesprochen werden, sind sie den Drohungen der Fundamentalisten ausgesetzt und damit auch auf diese Art zum Schweigen verurteilt. Dennoch – oder gerade deshalb – sind im vergangenen Jahrzehnt so viele Werke algerischer Autoren und vor allem Autorinnen erschienen wie nie zuvor. Vor allem Frauen ha- ben ihre Kriegserlebnisse in autobiographischen Schriften verarbeitet und Zeugnis abgelegt von den Greueln dieses Konflikts. Viele von ihnen sind zwischenzeitlich wieder verstummt, war doch für sie das Schreiben weniger ein litera- rischer Akt als vielmehr eine Möglichkeit, die Erlebnisse persönlich zu verarbeiten. Parallel dazu brachte der Konflikt aber auch eine neue Generation von Autoren hervor, welche für die algerische Literatur ungewöhnliche Darstellungswei- sen wählten, um die Grausamkeit und die Undurchsichtigkeit dieses Krieges zu vermitteln. Zu letzteren zählt auch Yasmina Khadra, greift der Autor mit der Gattung des Kriminalromans doch zu einem für Algerien untypischen Genre, um die Hin- tergründe des Blutvergießens zu beleuchten. Die Anfänge des algerischen Kriminalromans in französi- scher Sprache finden sich zu Beginn der siebziger Jahre, als eine Reihe von Spionageromanen den Grundstein für die Verankerung der Gattung in Algerien legte. Erst zwei Jahr- zehnte später erreichte das Genre mit den Romanen von Y- asmina Khadra sprachlich, inhaltlich und formal ihren ersten Höhepunkt. Mit dem roman noir, einer Untergattung des Kriminalromans, in dem die beiden Handlungsstränge von Verbrechen und deren Aufklärung parallel verlaufen, fällt die Wahl des Autors auf ein Genre, das sich weiters dadurch auszeichnet, daß die Ermittlungen mit der Enthüllung und Darstellung spezifischer soziokultureller Aspekte verknüpft werden. Die Gattung enthält also ein kritisches Potential, das Yasmina Khadra vor allem in Morituri und Doppelweiß für die Darstellung des Konflikts in Algerien voll ausschöpft. Diese littérature de temps de crise (Literatur der Krisenzeit), wie Jean-François Vilar den roman noir bezeichnet, bringt im, Vergleich zum klassischen Rätselroman à la Agatha Christie auch keine definitiven Lösungen mehr, und es gelingt den Helden am Ende der Romane nur noch vereinzelt, die wahren Täter zu fassen und die alte Ordnung sowie die damit ver- bundene Sicherheit wieder herzustellen. Ermittlungen können meist nur noch punktuell erfolgreich abgeschlossen werden, aber auch in diesen Fällen sind Schuld und Gerechtigkeit relativ, und bei den Ermittlern bleiben am Ende immer Zwei- fel und ein Gefühl von Bitterkeit zurück. Zieht man diese Gattungsmerkmale in Betracht, wird evident, daß Yasmina Khadra im roman noir ein maßgeschneidertes Genre gefun- den hat, um die verworrene und ausweglose Situation in Algerien zu verarbeiten. Daß es in Algerien keine „Wahrheiten“ mehr gibt, sondern nur noch Bedrohung, Verrat und Korruption, führt Yasmina Khadra dem Leser in Herbst der Chimären noch drastischer vor Augen als in den vorausgegangenen Bänden. Zunächst fällt auf, daß es sich nicht mehr um einen roman noir im eigentlichen Sinn handelt. Der Ermittler und vor allem der Schriftsteller Llob wird in diesem Roman selbst zum Gejag- ten, wobei bis zum Schluß offen bleibt, wer den Protagonis- ten zum Schweigen bringen will. Auf der Ebene der Gattung kommt es dadurch zu einer interessanten Verknüpfung zwi- schen roman noir und roman à suspense. Letzterer zeichnet sich dadurch aus, daß die Handlung aus der Perspektive des bedrohten Opfers erzählt wird. Damit setzt der Autor die undurchsichtigen Verhältnisse, die den Algerienkonflikt charakterisieren, auf der Ebene der Gattung um. Der Kriminalroman bietet sich auch auf ästhetischer Ebene für die Darstellung des blutigen Konflikts an und ermöglicht dem Autor, „Bilder“ von den Ereignissen in Algerien zu vermitteln, die normalerweise nicht an die Öffentlichkeit dringen. Der schnelle Rhythmus, die kurzen Sätze und knap- pen Beschreibungen, der effiziente und oft nervöse Stil, ty- pisch für den roman noir ganz allgemein, erinnern an Mo- mentaufnahmen, die Kriegsberichterstatter oft im Verborge-, nen und in aller Eile machen müssen. Wie die Bilder eines Fotografen, der keine Zeit hat, lange zu überlegen und auf dem Objekt zu verweilen, bevor er auf den Auslöser drückt, so präsentieren sich auch die Momentaufnahmen der kriege- rischen Auseinandersetzungen in Algerien bei Yasmina Khadra. Die knappen aber äußerst präzisen Beschreibungen von Anschlägen und Opfern, die literarischen „Bilder“ ma- chen den Konflikt „sichtbar“. Das hat nichts mit Voyeuris- mus oder Sensationslust zu tun, vielmehr geht es dem Autor um eine möglichst authentische Darstellung: „Mes romans sont durs à l’image de la réalité algérienne. Je rends compte d’une tragédie. Une tragédie insoutenable. – Meine Romane sind hart, weil das der algerischen Realität entspricht. Ich lege Rechenschaft ab über eine Tragödie, die unerträglich ist“, sagt Yasmina Khadra im Anhang zur deutschen Ausgabe Doppelweiß. Indem der Autor jene „Bilder“ des Krieges in Algerien in seine Romane einfügt, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden, trägt er dazu bei, daß dieser Konflikt auch von den nicht unmittelbar Betroffenen wahrgenommen wird und daß dieser Krisenherd auch außerhalb Algeriens in den Köpfen der Menschen Gestalt annimmt und zu existieren beginnt. Der Suche nach der „Wahrheit“, die das Genre des Krimi- nalromans charakterisiert, kommt in Zusammenhang mit der Algerienkrise eine besondere Bedeutung zu. So geht es Yas- mina Khadra nicht vorrangig darum, Mordfälle und Verbre- chen aufzuklären; vielmehr stehen der blutige Konflikt und seine Hintergründe im Zentrum der Untersuchungen, die Commissaire Llob, der brummige, aber sensible Protagonist der Serie, dessen Name auf Arabisch soviel bedeutet wie „harter Kern, weiches Herz“, durchführt. Diesem Auftrag kommt Brahim Llob in einer Doppelrolle nach, nämlich als Kriminalbeamter und als Schriftsteller. Der Ich-Erzähler Llob wird als gefeierter Autor präsentiert, der aber in Herbst der Chimären wegen der Veröffentlichung von Morituri vorü- bergehend vom Polizeidienst suspendiert wird. Dieses selbst-, reflexive Spiel gibt dem realen Autor die Möglichkeit, die Aufnahme seiner Romane in Algerien zu kommentieren und durch die Einbindung kritischer Stellungnahmen den Zünd- stoff, den die Romantrilogie enthält, herauszustreichen. Es gab ihm zum Zeitpunkt des Erscheinens der Romane in Frankreich aber auch Gelegenheit, auf die Gefahren aufmerk- sam zu machen, denen er sich selbst als schreibender Offizier ausgesetzt hatte. Je undurchdringlicher die Lage und je aussichtsloser die Ermittlungen für Llob als Kommissar werden, um so mehr Raum nehmen die kritischen Stellungnahmen des Schriftstel- lers Llob in den Romanen ein. Wenn im Herbst der Chimä- ren nicht nur der Kommissar, sondern auch der Autor Llob scheitert, wird auf sehr eindringliche Art deutlich, daß es in Algerien keinen Platz für kompromißlose Idealisten und auch kaum Aussicht auf ein Ende des Konflikts gibt. Diese Hoffnungslosigkeit spiegelt sich in Herbst der Chi- mären auch in der Wahl der Handlungsschauplätze wider. Während sich die blutigen Auseinandersetzungen in den vorhergehenden Romanen auf die Hauptstadt Algier be- schränken, spielen sich die Kämpfe im dritten Band auch im Hinterland ab. Dieser für den Kriminalroman untypische Handlungsschauplatz fern von der Hauptstadt gibt ebenfalls Aufschluß über die drastische Situation in Algerien und die Einschätzung der Lage. Während im Kriminalroman das Verbrechen normalerweise die Stadt aus den Fugen geraten läßt, bleibt das Hinterland von den Missetätern für gewöhn- lich verschont und bietet dem Ermittler einen Ort, an den er fliehen kann, um klare Gedanken zu fassen. Ein solches Re- fugium existiert in Herbst der Chimären nicht mehr. Das Hinterland, symbolisiert durch Llobs Heimatdorf Igidher, ist von den grausamen Ereignissen ebenso betroffen wie die Hauptstadt Algier selbst. Überall herrschen Terror, Krieg und eine bedrückende Ausnahmesituation. Dennoch, trotz der Aussichtslosigkeit der Lage und des ho- hen Preises, den der Kommissar und Schriftsteller am Ende, von Herbst der Chimären bezahlt, kann der Weg, den Com- missaire Llob in der Romantrilogie von Yasmina Khadra geht, als eine mögliche – wahrscheinlich die einzige – Ant- wort auf die Frage nach dem Ausweg aus der Krise gelesen werden: „Dans une Algérie qui se cherchait désespéremment, parmi les angles morts et les feux de la rampe, alors que chacun s’enrageait à se frayer une place au soleil, Brahim marchait droit. – In einem Algerien, das verzweifelt auf der Suche nach sich selber war, ging Brahim, gleich ob im Schat- ten oder im Rampenlicht, während jeder um seinen Platz an der Sonne buhlte, aufrecht und geradlinig seinen Weg.“ Innsbruck, im August 2001]
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