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F C. M. Kornbluth starb 1958 im Alter von 35 Jahren und hinterließ, darin sind sich Literaturkritiker und Science-Fiction-Fans einig, eine nur schwer zu füllende Lücke nicht nur innerhalb der Science Fiction, sondern bei der amerikanischen Literatur im allgemeinen. Mary G. Kornbluth, seine Witwe, hat in diesem Band zehn seiner besten Erzählungen gesammelt, die den hohen Rang seines Talents und die seinem Werk zugrundeliegende Mischung aus Humor und Pessimismus deutlich machen. Wir leben in einer Welt, möchte der Autor mit seinen Storys klarmachen, die aus den Angeln geraten ist, und wo der Bös...
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, C. M. Kornbluth starb 1958 im Alter von 35 Jahren und hinterließ, darin sind sich Literaturkritiker und Science-Fiction-Fans einig, eine nur schwer zu füllende Lücke nicht nur innerhalb der Science Fiction, sondern bei der amerikanischen Literatur im allgemeinen. Mary G. Kornbluth, seine Witwe, hat in diesem Band zehn seiner besten Erzählungen gesammelt, die den hohen Rang seines Talents und die seinem Werk zugrundeliegende Mischung aus Humor und Pessimismus deutlich machen. Wir leben in einer Welt, möchte der Autor mit seinen Storys klarmachen, die aus den Angeln geraten ist, und wo der Böse und der Unschuldige ein gleiches Maß an Leiden aufgebürdet bekommt. Korn- bluth ist ein großartiger Erzähler, der ein feines Ohr für den Dialog und die Gabe einer differenzierten Charakterzeichnung in seinem Werk zum Be- weis stellt. Kenner und Freunde der Science-Fiction-Literatur werden den vorliegenden Band mit Erzählungen des berühmten amerikanischen Au- tors zu schätzen wissen. Goldmanns WELTRAUM Taschenbücher im Urteil der Presse: »...sind spannend geschrieben und tadellos übersetzt; sie vermeiden die vielfach übliche Schablone ihres Genres.« Bücherei und Bildung »...sie sind auch Mahnung, Warnung und Vorbereitung auf die Umwälzun- gen, mit denen die Menschheit zu rechnen hat.« Telegraf, Berlin »Diese Darstellungen der Zukunft basieren, selbst in den Nebensächlich- keiten, auf den sorgfältig beachteten Erkenntnissen der modernen Wis- senschaft... Das macht die mitreißende Dramatik und die ungewöhnliche Spannung dieser Bücher aus.« Kölnische Rundschau, GOLDMANNS WELTRAUM TASCHENBÜCHER Band 0108 –––––––– C. M. Kornbluth • Herold im All, Dieses Buch wird unter der Bedingung verkauft, daß es ohne Zustimmung des Verlages weder in Leihbibliotheken eingestellt noch gewerbsmäßig weiter- verkauft, vermietet oder auf ähnliche Weise genutzt wird. Die vom Verlag gewählte Ausstattung darf weder durch einen festen Einband noch durch einen besonderen Umschlag noch in sonstiger Weise verändert werden., C. M. KORNBLUTH

Herold im All

Utopisch-technische Erzählungen WILHELM GOLDMANN VERLAG

MÜNCHEN

, 60910 • Ungekürzte Ausgabe • Made in Germany • I © 1968 by Mary C. Kornbluth. © 1969 der deutschen Über- setzung by Wilhelm Goldmann Verlag, München. Scan by Brrazo 06/2006. Titel des amerikanischen Originals: Best Science Fiction Stories of C. M. Kornbluth. Ins Deutsche übertragen von Hans-Ulrich Nichau. Herausgegeben unter wissenschaftlicher Beratung von Dr. Herbert W. Franke. Al- le Rechte, auch die der fotomechanischen Wiedergabe, vor- behalten. Jeder Nachdruck bedarf der Genehmigung des Verlages. Umschlagentwurf: Eyke Volkmer. Gesetzt aus der Linotype-Garamond-Antiqua. Druck: Presse-Druck- und Verlags-GmbH. Augsburg. WTB 0108 • Rh/hf,

Herold im All

Der junge Alen, einer unter tausend Schülern in dem riesigen Speisesaal, aß gedankenverloren, als die Stimme des Dozenten in die Stille des Raums hin- eindröhnte. Die heutige Lektion: Vokabeln der see- fahrenden Bevölkerung des Planeten Thetis VIII. »Tlon – ein Schiff«, posaunte der Dozent. »Rtlo – einige Schiffe unbekannter Zahl. Long – einige Schiffe bekannter Zahl, stets modifiziert durch Grundzahl. Ongr – ein Schiff in einem Geschwader von Schiffen, stets modifiziert durch Ordnungszahl. Ngrt – erstes Schiff in einem Geschwader von Schif- fen, Ausnahme zu Ongr …« Ein Laienbruder trat auf Zehenspitzen an Alens Seite und flüsterte ihm zu: »Der Rektor wünscht dich zu sprechen …« Alen überließ sich keiner Panik, obwohl das bei einem Novizen, der zum Rektor beordert wurde, die normale Reaktion war. Er stand auf, ging hinaus und eine Viertelmeile in nördliche Richtung den Korri- dor entlang. Er suchte zunächst seine Zelle auf, de- ren Mobiliar aus einer Pritsche, einem einfachen Stuhl, einem Waschständer und einem Schreibpult mit zwei Briefbeschwerern bestand. Eilig, doch nicht überstürzt, wechselte er seine schmucklose Kleidung. Er war sich nicht bewußt, gegen eine der, komplizierten Ordensregeln verstoßen zu haben; aber er zog die Möglichkeit in Erwägung, daß er unwissentlich zuwidergehandelt hatte. Vielleicht, dachte er, sehe ich die Zelle zum letztenmal … Er hoffte jedoch, wenigstens die Tonbandkasset- ten im Regal nicht zum letztenmal zu sehen. Sein Blick streifte zärtlich die Beschriftungen ›Nicholson: Marsianische Verben‹, ›Venusianisches Lexikon‹, das umfangreiche ›Deutsch-Ganymedische Wörter- buchs in sechs Bänden, vor langer Zeit im fernen Leipzig publiziert. Auch Werke neueren Datums wa- ren vorhanden, beispielsweise die ›Sprachen der Ga- laxis – ein Beitrag zur Klassifizierungs ›Eine ver- kürzte Grammatik des Zepheannischen‹, ›Wegani- sches Lexikon mit Ausspracheregeln‹ und all die anderen, nicht zu vergessen ›Il Principe‹ von Ma- chiavelli, eine schon recht abgegriffen aussehende Kassette. Alen kämmte seinen sorgfältig gestutzten Bart, trat dann wieder in den Korridor hinaus und ging in südliche Richtung. An der nächsten Kreuzung bog er nach Osten ab und stand wenige Minuten danach vor dem Sekretär des Rektors. »Du solltest dein lyranisches Vokabular auffri- schen«, sagte der Sekretär respektlos. »Da drinnen ist ein Reisender, der einen billigen Herold für einen Schacherausflug nach Lyra VI sucht.«, Nun wußte Alen, daß er keinen Grund zur Be- sorgnis hatte; man würde ihn vielmehr zum Gesellen ernennen. Doch als Herold durfte er seine enorme Erleichterung nicht verraten. Immerhin befolgte er den Rat des Sekretärs und ging die wichtigsten Vo- kabeln blitzschnell im Gedächtnis durch. Er war mitten an einer Deklination, als sich die Stimme des Rektors – und wie mild diese Stimme war! – in der Sprechanlage des Sekretärs meldete. »Der Novize Alen soll eintreten«, befahl der He- roldsmeister. Über dem Schreibtisch des Rektors prangte das dia- mantblitzende Ordenszeichen. Ein Fremder war an- wesend – vermutlich der Reisende, den der Sekretär erwähnt hatte. Ein Bursche mit schwarzem Bart, dessen vierschrötige Gestalt nicht recht zu seinem weganischen Mantel paßte. »Novize«, sagte der Rektor, »dies ist die Krone deiner Ausbildung, wenn du bereit bist…« Er wand- te sich höflichkeitshalber dem Reisenden zu, der nur die Achseln zuckte. »Mir egal. Hauptsache, ich komme billig weg. Ich brauche jemanden, der die Zunftsprache dieser die- bischen lyranischen Edelsteinhausierer kennt, und vor allem brauche ich ihn sofort. Das Schiff wartet. Jede Minute kostet Geld. Unterwegs wird meine idiotische Mannschaft ohnehin viel zuviel kostbaren, Treibstoff verschwenden. Und wenn wir gelandet sind, werden mich diese durchtriebenen Lyraner auch noch um den Profit bringen. Barmherziger He- roldsmeister, geben Sie mir den Jungen billig, dann haben Sie meinen Segen.« Die zottigen Augenbrauen des Rektors zogen sich zusammen. »Händler«, sagte er mit ernster Stimme, »unsere galaktische Mission hat nichts mit Ihrem Profitstreben zu tun. Prüfen Sie diesen Jungen, neh- men Sie ihn, falls er sich eignet, als Herold auf Ihre Reise mit. Er wird Ihnen stets zu Diensten sein, das hat er gelernt. Er weiß, daß es unser Bestreben ist, alle Lebewesen im Kosmos zu verbrüdern. Geben Sie sich aber nicht der Täuschung hin, daß der He- roldsorden lediglich die Aufgabe hat, Ihre Ge- schäftsmanipulationen zu unterstützen.« »Sehr gut gesagt«, brummte der Händler und wandte sich in gebrochenem Lyranisch an Alen: »Junge, wie du machen weganische Steine dreidi- mensional, so daß lyranische Frauen kaufen, immer wieder kaufen?« Alen antwortete akzentfrei: »Die dreidimensiona- len weganischen Steine erfreuen sich auf Lyra – na- mentlich bei den Frauen – größter Beliebtheit. In größerer Form als Knöchelring, wenn klein, dann als Daumenring und speziell im Muster der ›Glückli- chen Fünf‹ arrangiert.« Er war sehr froh darüber, daß er sich vor kurzem mit dem lyranischen Edel-, steinhandel auseinandergesetzt hatte. Der Händler strahlte und sprach in Zepheanisch weiter, wahrscheinlich seine Muttersprache. »Das war gut gesagt, Herold. Ich möchte nun wissen, ob du mutig genug bist, dich gegen die diebischen so- genannten Zolleintreiber von Eyolfs Realm zwi- schen hier und Lyra tatkräftig zur Wehr zu setzen.« Alen wußte, daß die Augen des Rektors ihn ansa- hen, und sprach erwartungsgemäß: »Der noble Auf- trag unseres Ordens verbietet die Benutzung jeglicher Waffe – es sei denn, die Waffe der Wahrheit –, weil uns in erster Linie daran gelegen ist, die Gemein- schaft kosmischer Zivilisationen zu fördern. Nein, Händler, ich werde keine Ihrer Waffen benutzen.« Der Schwarzbärtige zuckte die Achseln. »Ich muß nehmen, was ich bekomme. – Nennen Sie den Preis, Heroldsmeister.« Der Rektor sagte leichthin: »Ich sehe in diesem Auftrag für unsern Novizen einen praktischen Aus- bildungskursus. Die Gebühr entspricht dem Nomi- nalwert – sagen wir fünfundzwanzig Prozent Ihres Reinverdienstes zum Zeitpunkt des Starts von Lyra. Die Einnahmen werden überprüft, und zwar durch den Heroldsgesellen Alen.« Die Luft in dem riesigen Raum schien zu zittern, als der Händler losbrüllte: »Das ist nicht fair! Wer außer euch räuberischen Schurken, mit euerm Orden und eurer jahrelangen Ausbildung, könnte die Spra-, chen der Galaxis lernen? Welch eine Chance hat schon ein anständiger Kaufmann, der seinen erbärm- lichen Lebensunterhalt verdienen will, das Kauder- welsch jeder Rasse zu begreifen? Halsabschneider seid ihr, und das werde ich bis zu meinem letzten Atemzug behaupten!« »Sehen Sie doch selbst, wie Sie zurechtkommen, wenn Sie unsere Bedingungen nicht akzeptieren wollen«, entgegnete der Rektor. »Der Orden läßt nicht mit sich feilschen.« »Das ist mir bekannt«, seufzte der Händler mit gebrochener Stimme. »Ich hätte mich an mein eige- nes System halten sollen. Aber nein! Ich mußte aus- gerechnet auf Wega mit einem Edelsteinhandel an- fangen! Genug davon – geben Sie mir den Kontrakt, ich unterschreibe.« Die Augenbrauen des Rektors wölbten sich. »Von einem Kontrakt ist nicht die Rede«, sagte er. »Ge- genseitiges Vertrauen zwischen Herold und Händler ist das Fundament, auf dem ein kosmosweites freundschaftliches Verständnis gebaut wird.« »Und fünfundzwanzig Prozent für einen unerfah- renen Schnösel«, murmelte der Schwarzbärtige auf zepheanisch vor sich hin. Keiner der Instruktoren hintertrieb den Auftrag: Nun hatte Alen die Beförderung zum Heroldsgesellen in Aussicht, bereitete sich auf den Start vor und räumte, seine Zelle. Er nahm an, sie wußten, ob seine zwan- zigjährige Ausbildung erfolgreich gewesen war oder nicht. Der Händler, der Alen zu dem wartenden Schiff begleitete, war weniger klug. »Das Geheimnis einer erfolgreichen Verhandlung«, belehrte er wichtigtue- risch seinen Herold, »ist ein bereitwilliges Zurück- stecken. Ich weiß, es klingt paradox, doch wenn ich zurückstecken sagte, so gilt das selbstverständlich nur für unwichtige Einzelheiten. Streiten Sie sich mit ihm über den Liefertermin oder den Kredit und kommen Sie ihm auf diesem Gebiet entgegen. Aber weichen Sie keine Haaresbreite von dem geforderten Preis ab, es sei denn …« Alen ließ ihn weiterreden, während sie durch die Außenbezirke der Lehranstalt fuhren. Er war froh, daß der Wagen offen war. Zum erstenmal zog man vor ihm den Hut – Postulanten im fünften Jahr und Novizen, zu denen er sich noch vor wenigen Stun- den selbst zählte, grüßten ihn so respektvoll wie den Rektor persönlich. Dieses Zeremoniell fiel dem Händler auf, und als der Wächter ein großes Tor öffnete und respektvoll zur Seite trat, sagte er einigermaß gereizt: »Die scheinen alle einen Mordsrespekt vor dir zu haben, Junge.« »Nennen Sie mich am besten Herold«, sagte Alen ruhig., »Die Pest soll das College und den Orden befal- len! Wollen Sie mir vielleicht Manieren beibringen? Natürlich nenne ich einen Herold ›Herold‹, aber Sie arbeiten für mich. Was soll denn aus der Schiffsdis- ziplin werden, wenn ich vor Ihnen einen Bückling machen muß?« »Es werden keine Probleme entstehen«, sagte Alen. Der Händler brummte etwas, trat wütend auf das Gaspedal, und sagte endlich: »Das ist mein Schiff. Heißt Starsong. Es ist auf Wega registriert, da kom- men wir möglicherweise besser durch Eyolfs Realm, obwohl mich das eine Unsumme Bestechungsgelder kostet. Und dann habe ich noch eine Mannschaft von acht faulen, lächerlichen Nichtsnutzen, die –« Er sprach den Satz nicht zu Ende. »Ich traue meinen Augen nicht!« Der Wagen stoppte ruckartig. Der Schwarzbärtige stieg aus, rannte die Treppe hinauf und verschwand in der Luke. Alen folgte ihm in das Raumschiff und wurde Zeuge, wie er seinen Chefingenieur zusammen- stauchte, der – seiner Ansicht nach – wertvollen Treibstoff verschwendete. Alen konnte sich entsin- nen, ein winziges Dampfwölkchen gesehen zu ha- ben. »Sie Tölpel!« schrie der Händler wutentbrannt. »Ist Ihnen nicht bekannt, daß wir Elektrizität an, Bord haben? Und die Aggregate werden ausschließ- lich mittels Elektrizität vorgewärmt! Anscheinend haben Sie auch noch nie gehört, daß ein Chefingeni- eur für eine rationelle Arbeitsweise aller Mechanis- men seines Schiffs verantwortlich ist!« Der Chefingenieur, ein eingeschüchtert wirkender Zepheaner, nahm mit Erleichterung Alens Anwe- senheit zur Kenntnis und lüftete seine Mütze. Der Herold nickte ernst, und der Händler zeterte: »Solche Verbeugungen sind für den Rest der Reise überflüssig!« »Natürlich, Sir«, sagte der Chef. »Natürlich … Ich wollte den Herold nur an Bord begrüßen. – Will- kommen an Bord, Herold. Ich bin Chefingenieur Elwon, Herold, und ich freue mich, einen Herold unter uns zu wissen.« Er warf dem Händler einen verstohlenen Blick zu. »Ich habe schon mit und ohne Herolde Fahrten gemacht und muß sagen, daß ich mich sicherer fühle, wenn Sie an Bord sind.« »Kann ich meine Kabine sehen?« fragte Alen. »Ich richte Ihnen eine Kabine ein, Herold«, sagte der Chef. »Wird nicht sehr groß sein, aber gemütlich und die beste Unterkunft, die ein kleines Schiff zu bieten hat.« Der Händler ließ sich seufzend in einen Sessel fal- len, während der Chefingenieur, von Alen gefolgt, nach hinten ging. »Sie müssen das Benehmen unseres Herrn und, Meisters schon entschuldigen, Herold. Er hat noch keine interstellaren Erfahrungen und kennt auch nicht die Beschaffenheit der Aggregate. Aber wir werden schon gegen ihn ankommen.« Alen inspizierte die ihm zugedachte Kabine und war zufrieden. Als die Leute sie halbwegs wohnlich hergerichtet hatten, entließ er sie mit einem Kopf nicken und nahm auf der Koje Platz. Er hatte gelernt, sich eisern zu beherrschen, doch wenn er in sich hineinhorchte, so fühlte er sich ver- stört und allein. Nicht einmal der alte Machiavelli schien ihm einen Trost oder einen Rat geben zu kön- nen: ›Nichts ist schwieriger, gefährlicher oder un- gewisser, als sich mit den erfolgversprechenden Fak- ten eines neuen Aufgabengebiets vertraut zu ma- chen.‹ So ungefähr hieß es im sechsten Kapitel. Und wie hieß es im sechsundzwanzigsten Kapi- tel? ›Ein starker Wille räumt mancherlei Schwierig- keiten aus dem Weg …‹ Starsong war kein fröhliches Raumschiff. Die Flü- che des Schwarzbärtigen schwebten wie eine Gewit- terwolke über den Häuptern der Mannschaft, doch Alen tat, als störe er sich nicht daran. Er wanderte täglich zwei Stunden im Schiff herum, grüßte die Mannschaftsangehörigen jeweils im heimatlichen Dialekt und verhielt sich im übrigen so reserviert, wie der Orden es befahl. Schade, er hätte sich mit, den Leuten gern einmal über ihre Heimatplaneten unterhalten, mit ihnen gegessen und Gespräche von Mann zu Mann geführt. Wiper Jukkl stammte bei- spielsweise von einem Planeten des dekadenten Si- riussystems. Er übertraf die normale Schlamperei einer rein männlichen Besatzung bei weitem. Schlamperei war nicht Alens Geschmack. Er be- schäftigte sich, bügelte und brachte seine Kleidung in Ordnung. Ein Herold durfte keinerlei Schwächen zeigen. Der Schwarzbärtige respektierte Alen allmählich auch ein wenig. Man merkte es daran, daß er grü- ßend an seine Mütze tippte. Aber das war keine Ehr- furcht vor Alens Persönlichkeit, sondern vielmehr vor seinem Talent, die komplizierten Eintragungen in den Handelsbüchern blitzartig entschlüsseln zu können. Es wäre leicht gewesen, diese Eintragungen übersichtlicher zu gestalten – Edelsteine wurden auf Wega billig eingekauft und mit einem gecharterten Raumschiff nach Lyra geflogen in der Hoffnung, sie dort möglichst teuer zu verkaufen. Doch gerade die- se unübersichtlichen Eintragungen verrieten die wahre Geschichte. Die Kunden konnten dem Händ- ler nicht nachweisen, was er an diesen Steinen ver- diente, selbst wenn man ihnen einen Blick in diese ›Geschäftsbücher‹ gestattete. Alen fiel nicht darauf herein. Am fünfzigsten Tag nach dem Start klopfte Chef-, ingenieur Elwon respektvoll, aber nachdrücklich, an Alens Kabinentür. »Bitte, Herold, würden Sie freundlicherweise zur Kommandozentrale kommen?« »Stören Sie meine Meditationen nicht«, sagte Alen ernst. »Ich bin in zehn Minuten da.« Und zehn Minuten lang polierte er behutsam ein angelaufenes Glied der massiven Goldkette seiner Robe. Dann warf er sich die Robe über, denn es schien sich um eine dienstliche Angelegenheit zu handeln. Der Händler schrie und tobte. Chefingenieur Elwon blätterte unglücklichen Gesichts in seinem Bord- buch. Astronavigator Hafner stand vor dem Kurs- computer, der Flugbahnen auf einen Bildschirm pro- jizierte und sie in regelmäßigen Zeitabständen erlö- schen ließ. Ein flüchtiger Blick verriet Alen, daß es sich um Höchstgeschwindigkeitswerte der ›Aus- weichklasse‹ handelte. »Herold«, sagte der Händler grimmig, »jemand hat uns anvisiert. Ich denke, man wird uns in Kürze überholen. Sind Sie bereit, Ihre fünfundzwanzig Pro- zent zu verdienen?« Alen überhörte diese grobe Tonart und fragte sei- nerseits: »Haben Sie Farbfernsehempfang?« »Ja.« »Dann werde ich für meinen Klienten tun, was ich kann.«, Er nahm vor dem noch leeren Bildschirm Platz. Das Spiegelbild seines Gesichts war in Ordnung, obwohl er bedauerte, sein Bärtchen nicht gekämmt zu haben. Ein Licht blitzte auf, und Hafner ging zum Detek- tor. »Groß, stark und näherkommend«, sagte er ge- spannt. »Sie benutzen ein Peilgerät, das viel Energie verbraucht …« Der Lautsprecher meldete sich. »Was sind Sie für ein Schiff?« fragte eine Stimme auf weganisch. »Wir sind ein Zollkreuzer von Eyolfs Realm. Was sind Sie für ein Schiff?« »Heizen Sie diesem Wichtigtuer ein«, sagte der Händler mit gedämpfter Stimme zu dem Chefinge- nieur. Elwon blickte Alen an, der den Kopf schüttelte, und sagte entschuldigend: »Tut mir leid, Sir. Der Herold –« »Wir sind das Frachtschiff Starsong«, sprach Alen in das Mikrophon. »Wega-Registrierung. Wir trans- portieren weganische Edelsteine nach Lyra.« »Wir haben sie schon auf dem Hals«, sagte der Astronavigator verzweifelt und las seine Instrumente ab. Der Bildschirm wurde hell und zeigte ein arrogan- tes, vierkantiges Gesicht, das von einer zerknittert aussehenden Marinemütze gekrönt war. »Lyra – sieh mal einer an! Für Lyra haben wir un-, sere eigenen Pläne. Sie werden uns sofort an Bord nehmen und –« Der Offizier brach mitten im Satz ab, als er Alen bemerkte. »Oh, Verzeihung, Herold«, sagte er sarkastisch. »Wollen Sie den Schiffseigen- tümer bitte veranlassen, uns zwecks Kontrolle an Bord zu nehmen? Wir sind Zolleinnehmer und wol- len unseren beruflichen Pflichten nachkommen. Na- türlich wissen Sie, daß Ihr Schiff zum gegenwärti- gen Zeitpunkt Eyolfs Realm durchquert.« Die akzentuierte weganische Aussprache des Mannes erinnerte stark an Algol IV. Alen schaltete auf diesen obskuren Slang um und sagte: »Das ist uns nicht bekannt. Aber ist Ihnen bekannt, daß die Ladung weganischer Frachtschiffe nur dann zollab- gabepflichtig ist, wenn sie einen Hafen von Eyolfs Realm anfliegen?« »Sie sprechen algolianisch, nicht wahr? Ihr He- rolde werdet nicht unterschätzt, aber versucht nicht, euch herauszulügen. Natürlich weiß ich, daß ein sol- ches Abkommen besteht. Wir werden an Bord kommen, wie ich sagte, und eine Steuerabschätzung vornehmen. Es steht Ihnen frei, sich später an den Beschwerdeausschuß zu wenden. Drehen Sie jetzt bei!« »Ich habe nicht gelogen«, sagte Alen, »und ich spreche die reine Wahrheit, wenn ich antworte, daß wir bis zum letzten Mann kämpfen werden, wenn Sie den Versuch machen, uns auszuplündern.« Er, blätterte im Geiste im Buch der algolianischen Le- bensgewohnheiten: Ahnenkult, Verehrung der Mut- ter, Messerkämpfe Mann gegen Mann, geläufiger Gruß: ›Mögest du nie einen schwachen Gegner nie- derschlagen‹ Volksheld Gaarek fälschlicherweise beschuldigt, einen Krüppel geschlagen zu haben, und verbannt, aber das war ein Komplott des Fein- des … Ein Schatten huschte über das Gesicht des Offi- ziers, als Alen improvisierte: »Natürlich werdet ihr uns alle töten, doch bevor das geschehen ist, werde ich dem Heroldsamt die Begleitumstände schildern. Man wird Ihre Familie davon unterrichten, und dann wird man sich an Ihren Namen wie an den Namen Gaareks erinnern, obwohl nicht in der gleichen Wei- se. Algolianische Kampfschiffe mit hundert Mann Besatzung vernichten einen unbewaffneten Frachter mit nur acht Mannschaftsmitgliedern. Das würde sich bestimmt nicht sehr hübsch anhören.« Das Gesicht des Offiziers wurde dunkelrot vor Zorn. »Sie sind ein Teufel!« fauchte er. »Lassen Sie meine Familie aus dem Spiel! Ich komme an Bord und bringe eine entsprechende Anzahl von Leuten mit. Dann sind die Karten gleichmäßig verteilt.« Alen schüttelte bedauernd den Kopf. »Die Regeln meines Ordens verbieten Gewalttätigkeiten«, sagte er. »Die einzige Waffe, die man uns gestattet, ist die Waffe der Wahrheit.«, »Ich komme an Bord«, beharrte der Offizier. »Meine Leute werden Ihrer Mannschaft nichts tun. Wir werden nur Zollabgaben fordern. Schießen Ihre Leute zuerst, so werden meine Männer sie lediglich kampfunfähig machen.« Alen lächelte und sprach ein, zwei algolianische Sätze. Der Offizier riß den Mund auf und stieß gepreßt hervor: »Ich schneide Sie in Streifen! Das dürfen Sie nicht von meiner Mutter sagen, Sie –« »Beruhigen Sie sich«, sagte Alen ernst. »Ich ent- schuldige mich wegen meiner widerwärtigen Be- merkungen und meines unheroldischen Benehmens. Aber ich wollte nur etwas klarstellen. Sie hätten mich jetzt umgebracht, wenn Sie dazu in der Lage gewesen wären. Ich wollte Sie nur testen und fest- stellen, ob Ihnen die kulturellen Werte Ihrer Welt etwas bedeuten. Kommen Ihre Leute zu uns an Bord, so werde ich sie dem gleichen Test unterzie- hen. Denn jede Rasse kennt Beleidigungen, die nur mit Blut gerächt werden können. Schicken Sie Ihre Männer an Bord mit dem Auftrag, niemanden zu tö- ten; aber ich werde sie in eine mörderische Wut ver- setzen. Sie werden uns massakrieren – und dann wird man Sie dafür zur Rechenschaft ziehen und von Ih- rem Planeten verbannen.« Alen hoffte, daß die Leute des Offiziers barbarisch und undiszipliniert waren; dann konnte dieser sich nicht auf sie verlassen., Anscheinend war das der Fall. Der stolze Algolia- ner kam zu dem Schluß, es lieber nicht zu riskieren und fauchte wieder: »Sie Teufel!« Dann wieder we- ganisch: »Ich stelle fest, daß ich mich geirrt habe und Ihr Frachter Starsong sich nicht im Bezirk von Eyolfs Realm befindet. Sie dürfen Ihren Weg fort- setzen.« Der Astronavigator sagte ungläubig: »Er zieht sich zurück … Er beschleunigt. Was haben Sie ihm erzählt, Herold?« Der Schwarzbärtige war über die Entwicklung der Dinge noch begeisterter und nahm respektvoll seine Mütze ab. Alen nickte kurz und kehrte in seine Ka- bine zurück. Der Händler weiß nicht, dachte er, daß sein Frachter soeben einen Entscheidungskampf ge- gen ein Schlachtschiff mit hundert Mann Besatzung gewonnen hat … Lyras größter Raumflughafen machte einen ziemlich unwirtlichen Eindruck, aber die Landung verlief oh- ne Komplikationen. Alen, in voller Heroldstracht, verließ das Schiff und begrüßte eine Handvoll Raumfahrtbeamten. »Irgendwelche Metalle an Bord?« fragte einer von ihnen. »Nicht zum Verkauf«, sagte Alen. »Wir haben weganische Steine, hauptsächlich dreifach geschlif- fen.«, Er wußte, daß auf diesem öden, kleinen Planeten Metalle knapp waren, doch merkwürdigerweise schienen die Leute etwas gegen einen Metallimport zu haben. »Lassen Sie Ihre Leute die Fracht zum Zollhaus bringen«, sagte der Beamte, in den Papieren blät- ternd. »Die anderen warten hier.« Alle, Alen ausgenommen, trugen numerierte Säckchen und Kästchen in das flache Ziegelgebäude. Dem Händler wurde gestattet, eine Handvoll Proben einzustecken, bevor der Schuppen versiegelt wurde – eine komplizierte Angelegenheit. Ein Ziegelstein wurde auf die Klinke der eisenbeschlagenen Tür ge- legt. Dann kam ein Klacks Lehm darauf, in den das Siegel der Raumfahrtbehörde gedrückt wurde. Dann wurde der Lehmklumpen erhitzt, beziehungsweise mit einer primitiv aussehenden Gebläselampe ge- trocknet. »Herold«, sagte der Beamte zu Alen, »der Händ- ler soll hier unterschreiben und seine Fingerabdrük- ke hinterlassen.« Alen studierte das Dokument, ein einfaches Iden- tifizierungsformular. Der Schwarzbärtige unter- schrieb mit dem roten Federhalter, den man ihm reichte, und drückte seine Fingerspitzen auf das Do- kument. Nach zwei Wochen im Weltraum brauchte er seine Finger zu diesem Zweck gar nicht erst zu schwärzen., »Sagen Sie ihm, daß wir die Edelsteine jetzt frei- geben. Er darf sie jedem lyranischen Bürger verkau- fen. Sagen Sie ihm auch, daß dieses Kontrollsystem nötig ist, um einen Schmuggel mit Metallen zu ver- hindern. Bitte, entfernen Sie alle Metalle aus Ihrer Kleidung und verstauen Sie diese in Ihrem Schiff. Dann werden die Metalle versiegelt und unter Be- wachung gestellt, bis Sie wieder startbereit sind. Wir bedauern, Sie durchsuchen zu müssen, aber wir kön- nen es uns nicht leisten, unsere Wirtschaft durch il- legale Einfuhr von Metallen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.« Alen hatte nicht geglaubt, daß man es so genau nehmen würde. Nach einer sorgfältigen Durchsuchung, die mit der Beschlagnahme von Uhren, Nadeln und derglei- chen endete, tauschte der Händler ein Päckchen Geldscheine in die lyranische Landeswährung ein und entlohnte seine Mannschaft. Er wünschte den Leuten viel Vergnügen und machte sie darauf auf- merksam, sich morgen bei Sonnenuntergang wieder im Raumschiff einzufinden; wahrscheinlich würde man dann wieder starten. Alen und der Händler fuhren in einem höchst merk- würdigen Vehikel stadteinwärts. Als sie auf freier Strecke waren, fragte der Fahrer verstohlen, ob sie vielleicht irgend ein Metall loszuwerden wünschten., Der Händler fragte in gebrochenem Lyranisch: »Wozu Sie brauchen Metall? Wo verkaufen? Welch ein Zweck?« Der Fahrer machte sich in der gleichen holperigen Sprechweise verständlich. »Wissenschaftler auf schwarzem Markt zahlen viel, sehr viel für kleines Metall. Sie studieren. Politiker sagen, daß kein Me- tall sein soll; aber warum ich kümmere mich um Po- litiker? Aber Sie niemand erzählen, Gentlemen.« »Wir erzählen nichts«, sagte Alen. »Aber wir ha- ben auch kein Metall für Sie.« Der Fahrer wackelte mit den Schultern. »Was halten Sie davon, Herold?« fragte der Schwarzbärtige. »Ich wußte nicht, daß es politische Hintergründe hat. Wir befassen uns nur mit der Lebensweise der Leute, nicht mit ihren Weltanschauungen, die natür- lich variabel sein können. Der Planet hat keine Schwermetalle, was bedeutet, daß den Lyranern praktisch keine Metalle zur Verfügung stehen, aus- genommen die leichteren Metalle, mit denen sie we- nig anzufangen wissen. So haben sie sich auf die keramische Industrie konzentriert. Selbstverständ- lich gibt es keine Elektrizität, keinen Raumflug und keinen Flug überhaupt.« »Ich verstehe«, sagte der Händler. »Und natürlich haben die Leute eine Heidenangst vor Metallen. Darum haben sie Gesetze, die Einfuhr und Verarbei-, tung von Metallen verbieten.« »Das ist doch unerhört«, grunzte der Händler. »Wer kann jemandem verbieten, etwas zu importie- ren, womit sich Geld verdienen läßt?« Wenig später setzte der Fahrer sie vor einer Pen- sion ab. Es war eine Art Fachwerkgebäude, das vor- nehmer aussah als die üblichen Ziegelbauten. Der Fußboden war mit angerauhten Glasplatten ausge- legt. Alen bekam ein Doppelzimmer mit einem gu- ten Ausblick. »Was ist das für ein Ding?« fragte der Händler, als er aus dem Fenster sah. Das ›Ding‹ war eine Struktur, die weit über die Schieferdächer der Stadt hinausragte – ein runder Ziegelturm, fünfundzwanzig Meter hoch, und weite- re fünfzehn Meter aus Holz darüber. Während sie den Turm betrachteten, erschien oben auf dem Bau- werk so etwas Ähnliches wie ein riesiges Ohrenpaar und begann wild herumzufuchteln. »Ein Semaphor – ein Turm mit verstellbarem Flü- gelsignal zur optischen Zeichengebung.« Eine Minute später fragte der Schwarzbärtige aus dem Badezimmer: »Wie stellt man es an, diesem Hahn hier Wasser zu entlocken? Ich habe schon al- les mögliche versucht, aber nichts passiert.« »Drehen«, sagte Alen und machte es ihm vor. »Und das Ding hier ziehen Sie scharf nach unten. Ein wenig festhalten und dann loslassen.«, »Barbarisch«, murmelte der Händler. »Barbarisch …« Ein ältliches Zimmermädchen trat ein, war ihnen beim Anbringen der Hängematten behilflich und bat um ein Stückchen Metall – als Souvenir, wie sie hin- zufügte. Sie schickten sie hinaus und bereiteten sich aus ihren eigenen Vorräten eine Mahlzeit. Sie hatten keine Lust, ein öffentliches Speiselokal aufzusuchen. Dann richteten sie sich für die Nachtruhe ein. Es klappt gut, dachte Alen verschlafen, sehr gut sogar. Er wachte abrupt auf, machte aber keine Bewegung. Es war dunkel im Raum, und ganz in der Nähe wa- ren verstohlene Geräusche zu hören. Hundert Ge- danken bezüglich der Zwielichtigkeit der Lyraner durchkreuzten sein Gehirn. Er öffnete vorsichtig die Augen und sah in dem schwachen Lichtschein des großen Fensters eine dunkle Gestalt. War es ein Ein- brecher, so hatte er auf diesem Gebiet noch keine Erfahrungen gesammelt. Jetzt bewegte sich auch der Händler in seiner Hängematte und schrie unterdrückt: »Diebisches Gesindel!« Er wollte aus der Hängematte auf den Eindringling losspringen, blieb aber mit den Füßen hängen und landete bäuchlings auf dem Boden. Der Einbrecher, wenn es einer war, rannte nicht spontan zur Tür, sondern blieb stehen und sagte re-, signiert: »Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich leiste keinen Widerstand.« Alen wälzte sich aus der Hängematte und half dem Händler auf die Beine. »Er sagt, daß er keinen Widerstand leisten will.« Der Schwarzbärtige packte den Eindringling und schüttelte ihn wie eine Ratte. »Ein Feigling ist dieser Schurke auch noch!« brüllte er. »Machen Sie das Licht an, Herold.« Alen klappte die Zunderbüchse auf, blies die Glut an und pumpte eine Drucklampe auf, bis ein feiner Strahl pulverisierter Kohle aus der Mündung sprühte und sie entzündete. Während der ganzen Zeit redete der Händler in gebrochenem Lyranisch auf den Mann ein. »Was machen du hier, Dieb? Warum bei uns stehlen?« Der Herold trat mit der zischenden Drucklampe ans Fenster. Der Eindringling hatte nicht das unge- sunde, neurotische Gesicht eines Kriminellen; es war vielmehr ein diszipliniert und intelligent wirkendes Gesicht. »Was wollen Sie hier?« fragte Alen. »Metall«, war die simple Antwort. »Ich dachte, Sie hätten ein Stück Eisen.« Zum erstenmal hatte ein Lyraner eine Metallart namentlich genannt. »Warum Eisen?« fragte der Herold. »Ich habe gehört, daß es gewisse Eigenschaften, besitzt. Vielleicht können Sie mir etwas erzählen, bevor Sie mich der Polizei übergeben. Ist es wahr – nach allem, was wir gehört haben –, daß eine Ei- senmasse, deren Kristalle mit einem scharfen Schlag gespalten wurden, andere Eisenstücke anzieht?« »Das ist wahr«, bestätigte der Herold und betrach- tete das Gesicht des Mannes, der ihn erwartungsvoll ansah. »Es wird für das Auge noch deutlicher sicht- bar, wenn man die Eisenkristalle in ein elektrisches Feld legt – das ist ein Kraftfeld, das erzeugt wird durch den Fluß eines Elektronenstroms durch einen Konduktor.« Einige seiner Worte hatte er weganisch ausgesprochen, denn für Elektrizität, Elektronik oder Konduktor gab es keine lyranische Bezeichnung. Der Eindringling machte ein langes Gesicht. »Ich habe mich bemüht, diese Erscheinung zu begreifen«, gab er zu, »doch leider vergeblich. Ich habe mich schon bei anderen Raumfahrern erkundigt. Ohne Erfolg. Aber ich danke Ihnen, Sir. Sie waren sehr freundlich. Ich werde Sie nicht mehr stören und war- ten, bis Sie die Wache benachrichtigt haben.« »Sie geben zu leicht auf«, sagte Alen, »für einen Wissenschaftler allzu leicht. Wir werden Sie nicht der Wache übergeben, das hätte für uns nur langwie- rige Verhöre zur Folge. Unsere Zeit auf Ihrem Pla- neten ist begrenzt.« Der Händler legte eine Hand auf die Schulter des Mannes und brummte: »Wir haben nicht Eisen. Su-, chen nur nach, wir nicht stören. Entschuldigen Sie meine Grobheit. Hier, für Sie.« Er griff in die Ta- sche, zog einer Handvoll Edelsteinproben heraus und gab ihm einen großen geschliffenen Stein. »Sie nicht ärgerlich auf mich sein«, radebrechte er und legte den Stein in die Hand des Lyraners. »Ich – ich kann ihn nicht annehmen«, sagte der Wissenschaftler. Der Händler drückte ihm die Finger zu. »Ich ge- ben, Sie nehmen. Vielleicht können damit Eisen kaufen, wie?« »Ich danke Ihnen, Gentlemen«, sagte der Lyraner. »Ich danke Ihnen.« »Sie jetzt gehen«, sagte der Händler. »Sie gehen, wir weiterschlafen.« Der Wissenschaftler verbeugte sich respektvoll und verließ das Zimmer. »Ihr Götter des Weltalls!« sagte der Händler. »Unvorstellbar, daß ein Bursche wie dieser Jukkl von meiner Schiffsbesatzung mehr über Elektrizität und Magnetismus weiß, als dieser an sich schlaue Kopf!« »Und gerade diese Kräfte sind das A und O der Physik«, sagte Alen nachdenklich. »Ein Physiker ist hier für alle Zeiten in einer Sackgasse, weil er für seine Experimente nur Isoliermaterial zur Verfügung hat: Glas, Ton, Holz.« »Das ist wirklich komisch«, gähnte der Schwarz-, bärtige. »Haben Sie beobachten können, wie ich ihn – kaum daß ich auf den Beinen stand – sofort im Griff hatte? Blitzschnell, wie? Gute Nacht, Herold.« Er kletterte wieder in seine Hängematte und überließ es Alen, die zischende Lampe zu löschen und die Zunderbüchse zu schließen. In dem öffentlichen Speiselokal frühstückten sie eine Art geröstetes Hühnerfleisch. Die strengen Or- densregeln verboten Alen, den roten Wein zu genie- ßen, der dazugehörte. Der Händler ließ sich den Wein gut schmecken und meinte zufrieden: »Sehr feinfühlige, wenn auch rückständige Leute. Und wenn Sie sich jetzt nach der Geschäftsstelle dieser Juwelenkäuferbande erkundigen wollen, können wir mit den Verhandlungen beginnen. Ich hoffe, daß bis morgen abend alles erledigt ist.« »So rasch?« fragte Alen und kam nicht umhin, seine Verwunderung zur Schau zu stellen. »Ich habe den Frachter gechartert, lieber Herold. Noch für dreißig Tage. Aber wer weiß schon, was im Raum alles passieren kann? Und dann geht das ganze Geld drauf, das ich verdient habe.« Alen brachte in Erfahrung, daß der ›Edelstein- markt‹ sich in Gromegs Taverne befand. Sie stiegen wieder in eine der kuriosen ›Kutschen‹ und fuhren über das Ziegelpflaster der Straßen. Die Taverne erinnerte eher an einen Schuppen. Am einen Ende des Raums war eine offene Küche, zu sehen, am anderen standen die Tische und Stühle. An den Tischen saßen kleine Männer mit scharfge- schnittenen Gesichtern, schwatzten miteinander und tranken Wein. »Ich bin der Heroldsgeselle Alen«, gab Alen be- kannt, »und ich habe weganische Edelsteine zum Kauf anzubieten.« Die Männer verstummten, blieben aber scheinbar uninteressiert. Dann stieß einer von ihnen einen mürrischen Grunzlaut aus und sagte: »Weganische Steine … Ladenhüter! Weg mit ihnen, Herold! « Alen sagte in der Sprache der Lyraner zu dem Händler: »Gehen wir. Die Edelsteinhändler von Lyra interessieren sich nicht für Ihre Waren.« Er ging zur Tür. Einer der Männer sagte träge: »Wartet einen Au- genblick. Ich habe gerade nichts anderes zu tun und werde mir die Steine ansehen.« »Sie ehren uns«, sagte Alen. Er nahm mit dem Händler am Tisch des Sprechers Platz. Der Händler griff in die Tasche und zählte mit Nachdruck die Steine auf die Tischfläche. »Nun«, sagte der Interessent, »ich weiß nicht, ob ich mich belustigt oder beleidigt fühlen soll. Ich bin Garthkint, der Edelsteinhändler – kein Hausierer, der mit Glasperlen handelt. Schön, ich fühle mich nicht gekränkt. Einen Schluck für Ihren die Stirn krausen- den Freund, Herold?« Das Getränk stand schon auf, dem Tisch, einer der klotzigen Wächter hatte das Glas serviert. Alen schob dem Händler Garthkints eigenen Weinkrug zu und erklärte höflich: »Auf dem Hei- matplaneten meines Meisters, Zepheus, ist es für einen Gast ehrenvoll, den Wein zu trinken, den der Gastgeber angetrunken hat. Ein schöner Brauch – nicht wahr?« »Schön vielleicht, aber unhygienisch«, murmelte Garthkint und rührte das Getränk, das er für den Schwarzbärtigen bestellt hatte, nicht an. »Ich verstehe kein Wort«, knurrte der Händler auf zepheanisch. »Will diese kleine Ratte mich vergif- ten?« »Nein«, antwortete Alen, »er will Sie nur betrun- ken machen.« Und Garthkint erklärte er auf lyra- nisch: »Der gute Händler sagt, daß er sich sofort verabschieden möchte. Ich bin seiner Meinung.« »Einen Augenblick«, sagte Garthkint, »vielleicht kann ich etwas von diesem – diesem Tand gebrau- chen. Für ein paar junge Leute, die billige Ringe kaufen wollen.« »Er kommt allmählich zur Sache«, verriet Alen dem Händler. »Höchste Zeit!« Alen sprach lyranisch weiter: »Der Händler läßt Ihnen mitteilen, daß er nur in Mengen von minde- stens fünfhundert Steinen verkauft.«, »Das ist eine knappe Sprache, Zepheaner«, sagte Garthkint mit zusammengekniffenen Augen. Er an- gelte mit dem Zeigefinger einen besonders schönen Stein heraus und sagte mürrisch: »Das ist wohl von all den minderwertigen Steinen der beste. Und jetzt bin ich wirklich neugierig auf den Preis, den Sie für fünfhundert gleichwertige Steine fordern. Von die- sen armseligen Dingern hier gar nicht zu reden.« »Dies ist der erste Besuch des Händlers auf Ihrem hübschen Planeten«, sagte Alen. »Ihm ist sehr daran gelegen, daß seine Person zumindest in guter Erin- nerung bleibt. Aus diesem Grund ist der Preis gera- dezu lächerlich niedrig, denn guter Wille zählt mehr als eine ertragreiche Reise. Zweitausend lyranische Kredite.« »Absurd«, schnaufte Garthkint. »Mit Ihnen kann ich keine Geschäfte machen. Sie sind entweder ver- rückt, raubgierig oder, was den wirklichen Wert Ih- rer Ware betrifft, in die Irre geführt worden. Meine Großzügigkeit ist bekannt, aber angesichts Ihres An- gebots hoffe ich, daß Sie nicht beleidigt sein werden, wenn ich Ihnen sage, daß fünfhundert dieser kleinen, trüben und alles andere als formschönen Objekte nicht mehr als zweihundert Kredite wert sind.« »Wäre das wirklich Ihr Ernst«, sagte Alen er- staunt, »so würde es uns nicht im Traum einfallen, Sie weiter zu belästigen. Aber das kann unmöglich Ihr Ernst sein, sonst würden wir mit unseren Waren, zum Planeten Zepheus zurückkehren und die Steine den kleinen Kindern schenken, damit sie mit ihnen Murmel spielen können. Entschuldigen Sie, daß wir Ihre kostbare Zeit verschwendet haben. Vielen Dank für Ihre freundliche Gastfreundschaft im allgemei- nen und den Wein im besonderen.« Und auf zephea- nisch sagte er: »Wir beginnen jetzt zu feilschen. Zweitausend gegen zweihundert. Stehen Sie auf, wir wollen gehen.« »Und was passiert, wenn er uns wirklich gehen läßt?« grunzte der Schwarzbärtige mißtrauisch. Doch er stand ebenfalls auf. »Mein Händler spricht sein Bedauern aus«, sagte Alen auf lyranisch. »Leben Sie wohl.« »Noch einen Augenblick«, sagte Garthkint. »Mein weiches Herz gegenüber Fremden ist wohlbekannt. Ein großzügiger Mann bietet fünfhundert und ver- sucht, über den unvermeidlichen Verlust hinwegzu- kommen. Sollten Sie eines Tages mit Steinen zu- rückkehren, die man wirklich als Edelsteine be- zeichnen kann, werden Sie sich hoffentlich meiner Großzügigkeit erinnern und sich erkenntlich zei- gen.« »Nobler Lyraner«, sagte Alen, offenbar tief ergrif- fen. »Ich werde Ihren Scharfsinn, der sich mit Groß- zügigkeit paart, gewiß nicht bald vergessen. Eine Lektion für alle Händler, eine Lektion auch für mich. Aber ich schneide meinem Händler praktisch, den Hals ab, wenn ich auf achtzehnhundert Kredite heruntergehe. Und wie soll ich ihm das beibringen?« »Was ist jetzt los?« wollte der Schwarzbärtige wissen. »Fünfhundert gegen achtzehnhundert«, sagte Alen. »Wir können uns wieder setzen.« »Aufstehen, setzen, aufstehen, setzen«, brummte der Händler. Sie nahmen Platz, und Alen sagte auf lyranisch: »Mein Händler ist wider Erwarten mit achtzehnhun- dert einverstanden und sagt: ›Besser etwas als alles zu verlieren‹ – eine alte zepheanische Redensart. Und er verbietet sich jede weitere Preisherabset- zung.« »Wollen wir den Bogen doch nicht überspannen«, schwatzte Garthkint weiter. »Man muß ein wenig geben, ein wenig nehmen. Jeder weiß, daß er nicht immer nur geben oder nur nehmen kann. Ich biete runde, gute achthundert Kredite, und das Geschäft ist gemacht. Pilquis, hole Federhalter und Tinte!« Einer der Wächter war sofort mit Tintenfaß und Federhalter zur Stelle. Garthkint zog ein Zollformu- lar aus seiner Rocktasche und trug Größe und Quali- tät der Edelsteine ein. »Was ist jetzt?« fragte der Händler den Herold. »Achthundert.« »Gemacht!« »Garthkint«, sagte Alen bedauernd, »Sie werden, der Stimme meines Händlers angemerkt haben, daß er fest entschlossen ist. Was kann ich tun? Ich spre- che nur für ihn. Er ist ein harter Mann, aber viel- leicht kann ich ihn später herumbekommen. Ich bie- te Ihnen die Steine zu wahrhaft ruinösen fünfzehn- hundert Krediten an.« »Kommen wir uns auf halbem Wege entgegen«, sagte Garthkint resigniert. »Elf-fünfzig.« Der Schwarzbärtige verstand. »In Ordnung«, sag- te er strahlend zu Alen und trank einen Schluck aus Garthkints Weinkrug. »Er soll auf seinem Formular ›Sack 18‹ eintragen.« Garthkint zählte dreiundzwanzig Fünfzigkreditno- ten ab; dann unterzeichnete der Händler und hinter- ließ seine Fingerabdrücke. »Bitte, bleiben Sie jetzt hier«, sagte Garthkint. »Ich fahre indessen zum Raumflughafen und hole mir mein Eigentum ab.« Drei, vier Wächter waren plötzlich in unmittelba- rer Nähe. »Sie werden feststellen«, sagte Alen trocken, »daß unsere kommerzielle Moral nicht niedriger ist als die Ihre.« Garthkint lächelte höflich und verschwand. »Noch ein Interessent?« fragte Alen in den Raum hinein. »Ich sehe mir die Steine einmal an«, sagte ein an-, derer Mann und nahm am Tisch Platz. Das Eis war gebrochen, die Transaktionen wurden schneller abgewickelt. Als der erste Käufer zurück- kehrte, hatte Alen ein Dutzend Abschlüsse getätigt. »In Ordnung«, sagte Garthkint. »Wir wurden zwar schwer hereingelegt, aber Ihre Steine sind, was sie sind. Ich gratuliere Ihnen, Herold. Es war ein harter, aber fairer Handel.« »Was soviel bedeutet, daß ich mehr hätte verlan- gen können«, seufzte Alen, worauf die Wächter sich wieder in ihre Ecken zurückzogen. Sie nahmen ihr Mittagessen ein und schlossen weite- re Verträge ab. Gegen Abend verkaufte Alen den Rest der Steine und wurde zum Essen eingeladen. Der Händler zählte ein umfangreiches Päckchen lyranischer Kreditscheine, handgedruckt, und schüt- telte den Kopf. »Wir sollten vor Sonnenuntergang starten, Herold«, sagte er zu Alen. »Zeit ist Geld, Zeit ist Geld …« »Sie bestehen hartnäckig darauf.« »Und ich bin auch sehr hartnäckig. Bedanken Sie sich bei den Kaufleuten, bevor irgend etwas anderes meine Unkosten noch weiter in die Höhe treibt.« Tatsächlich kam etwas dazwischen. Es war ein Stadtposten mit einer blutenden Nase und einer auf- gesprungenen Lippe. »Haben Sie das Kommando über diesen Wahnsinnigen, der Elwon heißt?« fragte, er den Herold. Garthkint flüsterte Alen ins Ohr: »Überlegen Sie sich Ihre Antwort!« Alen brauchte diese Warnung nicht; er kannte die Gesetze von Lyra. »Was hat Chefingenieur Elwon getan?« parierte er. »Das sehen Sie.« Der Posten deutete auf seine Verletzungen. »Er hatte auch Ärger mit drei anderen Leuten, bevor wir ihn aus einer demolierten Wein- schenke geholt hatten, um ihn in die Burg zu sper- ren. Sind Sie für alle verantwortlich?« »Lassen Sie mich mit meinem Händler sprechen. Wollen Sie einen Krug Wein trinken?« Er winkte einen der Wächter heran. »Ich kann einen Schluck gebrauchen«, sagte der Stadtposten. Alen wandte sich an den Schwarzbärtigen. »Wir haben Ärger«, teilte er ihm mit. »Der Chefingenieur ist in der ›Burg‹, so heißt das Gefängnis. Wegen Trunkenheit und aufsässigen Benehmens. Nach den lyranischen Gesetzen sind Sie als sein Vorgesetzter für sein Verhalten verantwortlich. Sie müssen ent- weder seine Geldstrafe zahlen oder die Strafe für ihn absitzen. Oder Sie können ihn auch ›verstoßen‹, was zwar unehrenhaft, aber manchmal nötig ist. Zahlen Sie die Geldstrafe oder gehen Sie für ihn ins Ge- fängnis, dann sichern Sie sich das Pfandrecht auf seine weiteren Dienste, ohne Bezahlung – aber na-, türlich können Sie so etwas nur im Bereich von Lyra durchsetzen.« Der Schwarzbärtige schwitzte ein wenig. »Fragen Sie den Polizisten, wie lange das dauern könnte. Ich will Elwon nicht hier zurücklassen, und ich will so rasch wie möglich starten. Lenken Sie den Mann ab; ich habe etwas zu erledigen.« Der Händler zog sich in eine dunkle Ecke der Ta- verne zurück und winkte Garthkint und einen Wäch- ter heran. »Guter Bewahrer des Friedens«, sagte Alen zu dem Stadtposten, »sicher möchten Sie noch einen Krug trinken.« Der ›Bewahrer des Friedens‹ hatte nichts dagegen. »Mein Händler möchte wissen, welch eine Strafe den unglücklichen Chefingenieur Elwon erwartet.« »Will er ihn im Stich lassen?« fragte der Posten höhnisch. »Einen feinen Meister haben Sie!« Einer der Männer am Tisch unterstrich diese Be- merkung mit den Worten: »Wenn Ihr Fremden nicht zu euern Verpflichtungen stehen könnt, warum kommt ihr dann hierher? Was wird aus den Geschäf- ten, wenn ein Meister seinen Untergebenen zum Stehlen und Betrügen ausschickt und dann sagt: ›Ich habe keine Schuld – das war seine Tat!‹« Alen erklärte geduldig: »Auf anderen Planeten, gute Lyraner, fühlt sich der Untergebene seinem Meister nicht so sehr verpflichtet, als daß er nur auf, seinen Befehl stehlen und betrügen würde.« Sie schüttelten murmelnd die Köpfe. Das schien ihnen unfaßbar. »Guter Wächter«, bohrte der Herold weiter, »mein Händler möchte Chefingenieur Elwon nicht verstoßen. Welch eine Art von Buße wäre in diesem Fall nötig? Und wie lange würde eine Verhandlung auf dieser Ebene dauern?« Der Mann griff nach dem dritten gefüllten Wein- krug, für den Alen gesorgt hatte, und murmelte: »Das ist nicht leicht zu schätzen. Für meine Verlet- zungen würde ich mindestens hundert Kredite for- dern, und die anderen Leute, die von Ihrem Wahnsinnigen verletzt wurden, dürften kaum weni- ger verlangen. Die Zerstörungen in der Taverne be- laufen sich leicht auf fünfhundert Kredite. Auch der Besitzer wurde angegriffen, aber das steht auf einem anderen Blatt.« »Keine Gefängnisstrafe?« »Oh, natürlich gibt es Prügel …« Alen wußte, daß diese ›Prügelstrafe‹ eine mehr symbolische Bedeu- tung hatte und aus leichten Rohrstockhieben auf die bekleideten Schultern bestand. »Aber Richter Krarl ist ein Reformer mit moder- nen Ansichten, Fremder. Er glaubt unter anderem, daß eine Geldstrafe ungerechtfertigt ist, weil die Reichen dann Verbrechen begehen und sich freikau- fen können.«, »Ist das nicht auch so?« fragte Alen unwillkürlich und erntete mitleidiges Gelächter. »Sehen Sie«, sagte der Mann freundlich, »der gute Posten hat Schläge bekommen, der verrückte Zepheaner oder sein Meister wird wegen Sachbe- schädigung bestraft, und der Wächter bekommt sein Schmerzensgeld. Was wäre das für eine Gerechtigkeit, wenn man den verrückten Zepheaner, ohne ihn mit einer Geld- strafe zu belegen, in die Zelle sperren würde?« Der Wächter nickte zustimmend und sprach: »Das ist gut gesagt. Glücklicherweise haben wir einen Haftrichter der alten Schule, Seine Ehren Richter Treel. Streng, aber gerecht. Sie sollten ihn hören! ›Fünfzig Kredite! Einhundert Kredite und die Rute! Ein Schiff beraubt, wie? Zweitausend Kredite!‹« Ehrfürchtig sprach er in seinem persönlichen Tonfall weiter: »Für einen Mord veranschlagte er nie weni- ger als zehntausend Kredite.« Und wenn der Mörder nicht zahlen kann, dachte Alen, ›dann bekommt er eine öffentliche Auflage‹, ist ›dem Staat unterworfen‹ ein Sklave, genauer ge- sagt. Kann er zahlen, läßt man ihn frei. »Und Richter Treel führt heute abend die Schnell- gerichtsverhandlungen?« fragte er. »Können wir so rasch wie möglich vor ihm erscheinen und die Geld- strafe zahlen?« »Um ehrlich zu sein, Fremder: Ich wäre ein Narr,, wenn ich bis morgen warten würde.« Der Wein hatte dem Mann ein wenig die Zunge gelockert, was ihm offenbar selbst auffiel. »Genug«, sagte er. »Über- nimmt Ihr Meister für den Zepheaner die Verantwor- tung? Wenn das so ist, dann kommen Sie beide mit, und wir werden die Sache erledigen.« »Danke, guter Posten. Wir kommen mit.« Er ging zu dem Schwarzbärtigen, der jetzt allein in seiner Ecke stand, und sagte: »Es ist in Ordnung. Wir können uns mit ungefähr tausend Krediten los- kaufen und dann starten.« Der Händler murmelte düster: »Lyranische Recht- sprechung oder nicht, Elwon wird es spüren, wenn er seinen Lohn bekommt. Dieser verdammte Narr!« Die Turbinenkutsche ratterte durch die dunkle Stadt. Der Wächter saß neben dem Fahrer, der Händler und Herold Alen saßen auf dem Rücksitz. »Es riecht verbrannt«, sagte Alen, in der Luft schnuppernd. »Diese stinkende Kiste –«, setzte der Schwarzbär- tige an. »Oh …« Er schlug mit der flachen Hand auf seine Manteltasche. »Warten Sie, Händler«, sagte Alen. Er drehte das Futter des Mantels nach außen und rieb mit seinem Daumen über eine kreisrunde, schwelende Fläche. Er sah auch den Gegenstand, der diesen ›Brand‹ ausgelöst hatte. Es war eine sehr fragwürdig ausse- hende Handfeuerwaffe – eine Bezeichnung, die man, in diesem Fall sehr wörtlich nehmen konnte. »Die habe ich vorhin einem Posten abgekauft«, erklärte der Schwarzbärtige leicht verlegen. »Ich brauchte einige Zeit, um es ihm begreiflich zu ma- chen. Garthkint half mir dabei.« Er schloß den Dek- kel der Zunderbüchse fester. »Eine jämmerliche Waffe«, fuhr er fort. »Der Abzug ist kein Abzug und die Sicherung keine Sicherung. Man drückt zunächst einige Male, um den nötigen Druck zu erzeugen. Die aufgestaute Luft bläst dann den Zunder an. An- schließend spannen Sie das Ding und schieben den Sicherungsbügel zurück. Dann fliegt zunächst Koh- lenstaub in die Brennkammer, und wenn der Explo- sionsdruck stark genug ist, geht die Kanone los. Paff! Allerdings muß man sich an die Reihenfolge halten und darf keinen Arbeitsvorgang vergessen. – Glücklicherweise bekam ich auch ein Messer.« Er klopfte auf sein Genick und erklärte: »Die Messer werden hier getragen, in einer kleinen Scheide zwischen den Schulterblättern. Ideal für ei- nen raschen Griff und einen raschen Wurf. Übrigens ist die Messerklinge aus schwarzem Glas. Das Mes- ser ist sehr scharf und liegt gut in der Hand. Und diese diebischen Lyraner haben ihre Chance wahr- genommen: Siebentausendfünfhundert Kredite für das Messer und den Revolver, wenn man das Ding so bezeichnen kann – und das Halfter. – Von Rechts wegen sollte ich Elwon privat verklagen. Aber trotz-, dem ist es besser, ihn freizukaufen, als häßliche Ge- fühle zurückzulassen, wie?« »Unvergleichlich besser«, bestätigte Alen. »Ich wundere mich, daß Sie auch nur mit dem Gedanken spielten, einen bewaffneten Überfall auf das Ge- fängnis zu unternehmen. Und wenn Chefingenieur Elwon ein paar Tage im Gefängnis sitzen muß? Wä- re das schlimmer, als sich selbst und allen Händlern für die Zukunft die Chancen auf Lyra zu nehmen? Ich kann keine Waffengewalt zulassen und selbst- verständlich auch keine Garantien geben.« »Was soll das heißen?« protestierte der Händler. »Sie setzen sich für das friedliche Zusammenleben aller Zivilisationen ein, nicht wahr? Aber sieht nicht alles anders aus, wenn man mich zwingt, einen mei- ner Leute zurückzulassen?« Alen ignorierte dieses kindische Argument und hüllte sich in finsteres Schweigen. Er fragte sich, ob eine Geschäftsreise und seine Rolle als Herold sich überhaupt miteinander vereinbaren ließen. War das Heroldsamt einfach eine Institution von Gimpeln, angeführt von zynischen alten Leuten, die sich nur für ihren eigenen Luxus interessierten? Derartige Gedanken waren ihm seit langem nicht in den Sinn gekommen. Er war auch zu beschäftigt gewesen, hatte seinen Kopf vollgestopft mit den Sprachen, der Lebensart, der Kultur und den Sitten und Gebräuchen Hunderter galaktischer Völker – zu, welch einem Zweck? Damit dieser Bursche verdie- nen und das Heroldsamt einen Profit von fünfund- zwanzig Prozent einstreichen konnte? Nur Metalle konnten Lyra die Zivilisation bringen. Wenn die Ly- raner eine Abneigung gegen Metalle hatten, mußte man sie vom Gegenteil überzeugen. Was sagte Machiavelli? ›Die Grundfesten aller Staaten sind gute Gesetze und gute Waffen, und es kann keine guten Gesetze geben, wenn der Staat nicht gut gerüstet ist. Folglich gibt es dort gute Ge- setze, wo man gut gerüstet ist …‹ Merkwürdig, daß die Lehrer so rasch darüber hinweggegangen waren, obwohl das doch sehr wichtig war, und statt dessen die geistige Integrität des sich für die Waffenlosig- keit einsetzenden Heroldsamts unterstrichen hatten. Die Ernüchterung, die ihn plötzlich überkam, war beängstigend. »Die Burg«, sagte der Wächter über seine Schul- ter hinweg, und der Wagen hielt rasselnd vor einem großen, nichtssagenden Ziegelgebäude mit vier Stockwerken. »Sie warten«, sagte der Händler zu dem Fahrer, nachdem sie ausgestiegen waren. Er gab ihm zwei Fünfzigkreditscheine. »Sie warten und bekommen dann viel, viel mehr Geld. Warten – verstanden?« »Ich warte gern!« rief der Fahrer entzückt. »Ich warte die ganze Nacht, den ganzen Tag, Sie großar- tiger Meister. Ich warte, warte …«, »In Ordnung«, brummte der Händler. »Sie warten also.« Der Wächter führte sie in eine von zischenden Drucklampen erleuchtete Vorhalle, in der ein paar Männer in Uniformen zu sehen waren, die Polizei- knüppel trugen. Er öffnete die Tür eines mittelgro- ßen und hellen Raums, in dem zwanzig Leute ver- sammelt waren, blickte hinein und stieß einen Seuf- zer aus. Ein Mann, der auf einem thronartigen Sessel saß, sagte scharf: »Sind das diese Sternfahrer? Nun, dann stehen Sie nicht herum und lassen Sie sie eintreten!« »Ja, Euer Ehren Richter Krarl«, sagte der Wäch- ter. »Es ist der falsche Richter«, flüsterte Alen dem Händler zu. »Dieser verhängt Gefängnisstrafen.« »Tun Sie, was Sie können«, murmelte der Händ- ler. Der Wächter stellte sie der Persönlichkeit im Ses- sel vor, deutete auf zwei flache Hocker, verbeugte sich vor dem Richter und zog sich in den Hinter- grund des Raums zurück. »Euer Ehren«, sagte Alen, »ich bin der Herolds- geselle Alen, Herold für das Wandergewerbe und –« »Reden Sie, wenn Sie dazu aufgefordert werden«, sagte der Richter scharf. »Sie haben uns warten las- sen, Sir, was der üblichen Ungezogenheit reicher Leute entspricht. Ich fasse das nicht als eine persön-, liche Beleidigung auf; das hätte auch Richter Treel passieren können, den ich vertrete, weil er zu un- serm Bedauern plötzlich erkrankte, oder jeder ande- ren Person auf der Richterbank. Aber als Beleidi- gung unserer Justiz können wir diesen Vorfall nicht übersehen. Ich erteile Ihnen einen Verweis, Sir. Nehmen Sie beide Ihre Plätze ein. Wächter, führen Sie den Zepheaner vor.« »Setzen«, flüsterte Alen dem Händler zu. »Das wird eine böse Geschichte, fürchte ich.« Ein Wächter führte Chefingenieur Elwon vor, der einen ziemlich zerrupften Eindruck machte. Er lä- chelte Alen und dem Händler mit verlegener Miene zu, als der Wächter ihn auf einen Stuhl plazierte. Der Händler funkelte ihn wütend an. Richter Krarl murmelte die einleitenden Worte: »Die Parteien sind zur Entscheidung Mann gegen Mann in diesem Streit erschienen; keiner stelle Un- seren unparteiischen Richterspruch zugunsten der überlegenen Partei in Frage.« Dann forderte er Alen auf, für die Angeklagten zu sprechen. Ich will es versuchen, dachte Alen und sagte: »Euer Ehren, Chefingenieur Elwons Vorgesetzter untersteht nicht der Gerichtsbarkeit von Euer Ehren. Er ist jedoch bereit, mit den betroffenen Parteien in einem Kampf Mann gegen Mann – « »Was soll diese Beleidigung?« schnaubte der Richter und sprang von seinem Sessel auf. »Die bar-, barischen Sitten anderer Welten beeinflussen dieses Gericht in keiner Weise! Wer sprach vom Kampf Mann gegen Mann?« Er klappte den Mund zu, nahm wieder Platz und sagte ruhiger zu Alen: »Offenbar haben Sie eine bloße Formalität mißverstanden. Die- sen Vorschlag macht man doch nicht im Ernst. Im übrigen – und das zu Ihrer Information: Auf unse- rem fortschrittlichen Planeten wurde seit Generatio- nen kein Prozeß mehr mit einem Kampf Mann ge- gen Mann, einem sogenannten ›Gottesurteil‹, ent- schieden.« Alen sagte höflich: »Vieles auf Lyra ist mir fremd, Euer Ehren, aber die ausgezeichneten Lehrer unseres Heroldsordens machten mich mit den Prin- zipien Ihrer Gesetze vertraut. So heißt es zum Bei- spiel: ›Das schwerste Verbrechen gegen eine Person ist Mord, das schwerste Verbrechen gegen die Ge- sellschaft ist der Bruch eines Versprechens.‹« Der Richter wurde purpurrot im Gesicht. »Wollen Sie vielleicht mit mir über Recht und Gesetz disku- tieren, Sie glattzüngiger Fremder? Wollen Sie mir weismachen, daß ich ein Versprechen gebrochen habe? Zu Ihrer Information: Ein Versprechen ist ein Angebot – etwas, das man nach reiflicher Überle- gung abgibt. Die fünf wesentlichsten Elemente sind das Versprechen, der Versprechensempfänger, das Angebot, das Wesentliche selbst und das Motiv.« »Verzeihen Sie einem Fremden«, sagte Alen und, spürte plötzlich, daß er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »Ich behaupte, daß Sie den strei- tenden Parteien Ihre Dienste anboten, um als unpar- teiischer Richter den Sieger beim Gottesurteil anzu- erkennen.« »Das ist doch nur eine leere Floskel«, fauchte der Richter. »So wie ein wesentliches Angebot von je- mandem an niemanden kein Versprechen sein kann, oder ein Angebot ohne Motiv von jemandem an je- manden kein Versprechen ist, so war auch mein An- gebot kein Versprechen, denn es enthielt kein Mo- tiv.« »Euer Ehren, muß es denn immer zwischen dem Versprechensempfänger und dem Versprechenden ein Motiv geben?« »Natürlich nicht. Das Motiv kann von dritter Seite kommen.« »Mit allem Respekt behaupte ich dann, daß Ihr Angebot ein Versprechen war, denn eine dritte Par- tei – die Regierung – zahlt Ihnen das Gehalt, damit Sie Streitigkeiten gemäß den Formeln des Gesetzes schlichten.« »Wächter«, sagte der Richter mit heiserer Stim- me, »sorgen Sie dafür, daß alle überflüssigen Perso- nen den Raum verlassen.« Während dieses Vorgangs weihte Alen den Händ- ler und den Chefingenieur in die Verhandlung ein. Der Schwarzbärtige grinste, als Alen den ungleichen, Kampf erwähnte, und der Ingenieur blickte beunru- higt drein. Als die Tür geschlossen und die neun Personen unter sich waren, sagte der Richter verbittert: »Wo haben Sie nur diese teuflischen Tricks gelernt, He- rold?« Alen antwortete ruhig: »Der Heroldsorden hat mich gut ausgebildet, Euer Ehren. Auf einem fernen Planeten hat es in einem Land mit dem Namen ›Eng- land‹ in einer Epoche, die die Viktorianische ge- nannt wird, einmal einen ganz ähnlichen Fall gege- ben. Schon lange Zeit war eine richterliche Ent- scheidung durch Gottesurteil nicht mehr der Rechts- brauch gewesen – aber die Gesetze, die diese Mög- lichkeit zuließen, hatte man noch immer beibehalten. Ein Kläger gewann ein hoffnungsloses Verfahren, indem er seinen Gegner zum Zweikampf herausfor- derte – er war schwerbewaffnet vor Gericht erschie- nen! Sein Gegner weigerte sich, die Herausforde- rung anzunehmen, und verlor dadurch den praktisch schon gewonnenen Prozeß. Der englische Premier- minister, ein gewisser Disraeli, bestürmte anschlie- ßend das Parlament und ließ das Gesetz rasch än- dern.« »Und die Folge davon ist«, lamentierte der Rich- ter, »daß ich mich jetzt selbst vor dem Gesetz schwer schuldig mache, wenn ich es nicht zulasse, daß ihr alle fünf euch gegenseitig in Stücke schlagt., Und am Schluß muß ich auch noch als Unparteii- scher den Sieger ermitteln!« Der Tavernenbesitzer machte seine Ansprüche geltend. Er beteuerte, daß er ein friedfertiger Mann sei, aber ein Schmerzensgeld stünde ihm wohl zu. »Ruhe!« donnerte der Richter. »Sind die Kläger bereit, die Klage zurückzuziehen, sofern die finanzi- elle Seite zur allseitigen Zufriedenheit geklärt ist?« Sie waren bereit. »Dann können Sie mit den Leuten verhandeln, Herold.« Die vier Wächter forderten pro Kopf hundert Kre- dite und bekamen sie. Der Tavernenbesitzer forderte geistesgegenwärtig tausend. Alen erklärte ihm, daß sein schwarzbärtiger Herr von einem primitiven Pla- neten stamme und möglicherweise außer sich vor Wut gerate, wenn er, Alen, ihm diese Forderung übersetzen würde, und dann wiederum würde er ihn, den Tavernenbesitzer, zu Brei schlagen. So begnügte sich der Tavernenbesitzer mit der Hälfte, die er auch bekam. Nachdem der Richter ihn entlassen hatte, ging der Mann nach einer devoten Verbeugung hin- aus. »Sie sehen«, sagte Alen zu dem Schwarzbärtigen, »daß Ihr Waffenkauf überflüssig war, zumal das ge- sprochene Wort bedeutend mehr –« Der Richter lächelte spöttisch und sagte: »Aus diesem Dilemma wären wir also heraus. Wächter,, verhaften Sie die drei Planetenreisenden und über- führen Sie sie ins Gefängnis!« »Euer Ehren!« rief Alen ernüchtert. »Mit Geld können Sie jetzt nichts mehr anfangen. Die Anklage lautet auf Landesverrat.« »Diese Anklage ist ohne Rechtskraft, und –« Der Heroki unterbrach seinen Satz, als er die Rachsucht des Richters begriff. »Ja, sie ist ohne Rechtskraft«, bestätigte der Rich- ter. »Derartige Anklagen müssen dem Parlament anläßlich einer Routinezusammenkunft vorgelegt werden. Diese Zusammenkunft findet erst in zwei- hundert Tagen statt. Sie werden es noch bedauern, mich zum Narren gehalten zu haben. Man wird Sie freilassen, und ich werde einen Verweis bekommen, aber Sie können zweihundert Tage nachdenken! – Abführen!« »Eine frei erfundene Anklage«, sagte Alen rasch zu dem Händler, als der Wächter sich in ihre Rich- tung bewegte. »Warum Waffen kaufen?« höhnte der Schwarz- bärtige, seine Zähne zeigend. Sein linker Arm zuckte hoch und wieder abwärts – ein schwarzer Blitz fuhr durch die Luft – dann hatte das schwarze Glasmes- ser die Kehle des Richters durchbohrt und ihn an die Sessellehne genagelt. Schon hatte der Händler den klobigen Revolver gezogen. Er muß ihn unter seinem Rock gespannt, haben, dachte Alen betäubt und sagte geistesgegen- wärtig zu den Wächtern: »Zurück zur Wand und umdrehen!« Sie leisteten Folge. Der grinsende Schwarzbärtige, der den Richter mit einer kurzen Bewegung seines Arms außer Gefecht gesetzt hatte, war eine furcht- einflößende Gestalt. »Gut gemacht, Herold«, sagte der Händler. »Neh- men Sie ihnen die Schlagstöcke ab, Elwon. Zwei für Sie, zwei für den Herold. Keine Widerrede, Alen! Ich mußte den Richter töten, ehe er Alarm schlug. Nur der Tod konnte ihn zum Schweigen bringen. Vielleicht werden Sie auch töten müssen, bevor wir aus allem heraus sind. Nehmen Sie die Stöcke.« Er gab den klobigen Revolver Elwon und befahl: »Hal- ten Sie die Burschen damit in Schach. Das Ding, das wie ein Sicherungsbügel aussieht, ist in Wirklichkeit der Abzug. Schießen Sie, wenn jemand eine ver- dächtige Bewegung macht. Alen, sagen Sie dem letzten Burschen, er soll sich langsam umdrehen und zu mir kommen.« Alen übersetzte die Worte. Der Schwarzbärtige zog dem Wächter den Rock vom Körper, riß ihn blitzschnell in Streifen, fesselte und knebelte den Mann. Die anderen Wächter unterzog er der glei- chen Behandlung, und in weniger als zehn Minuten war alles erledigt. Der Händler ließ sich von Elwon den Revolver, zurückgeben und zerrte die Wächter in eine Ecke, wo sie von der Tür aus nicht sofort zu sehen waren. Er steckte auch sein Messer wieder ein, nachdem er die Klinge gesäubert hatte. Alen mußte ihm helfen, den Leichnam hinter der Sessellehne zu verstecken. »Versteckt auch die Schlagstöcke«, mahnte der Schwarzbärtige. »Ernste Gesichter. Wir gehen jetzt.« Sie gingen hintereinander durch die nur halbge- öffnete Tür. Alen war der letzte Mann und sagte zu dem livreetragenden Türposten in der Halle: »Seine Ehren Richter Krarl möchte nicht gestört werden.« »Ist das vielleicht eine Neuigkeit?« fragte der Ge- richtsdiener herablassend. Er legte eine Hand auf Alens Arm. »Erst gestern hielt er mir eine Standpau- ke, weil ich ihm einen Krug Wasser brachte. ›Eine unerhörte Störung nannte er das. Dabei hatte er selbst Wasser verlangt. Was halten Sie davon?« »Furchtbar«, erwiderte Alen hastig und holte den Händler und den Chefingenieur ein. Neugierige Blicke starrten sie an, als sie auf den wartenden Wa- gen zugingen. »Ich warte!« sagte der Fahrer laut. »Ich warte lan- ge, sehr lange. Sie zahlen mehr und mehr?« »Wir zahlen mehr«, antwortete der Händler. »Fahren Sie los!« Der Start war eine umständliche Prozedur. Zu- nächst mußte der Fahrer die Drucklampe anzünden,, um die Turbine vorzuwärmen. Er pumpte einige Mi- nuten lang und betätigte mit der anderen Hand ein Schwungrad, ehe der Rotor seine Arbeit aufnahm. »Zum Raumflughafen«, sagte Alen. Die Kupplung kreischte kurz auf, dann setzte sich die Turbinenkutsche in Bewegung. Während der ganzen Zeit hatte der Schwarzbärti- ge die aufgeregten Fragen Elwons ignoriert. Elwon wollte mit einem Mord nichts zu tun haben, beson- ders nichts mit einem Mord an einem Richter. »Kein Wort mehr«, sagte der Händler. »Drehen Sie sich lieber um und sehen Sie nach, ob uns jemand folgt. Machen Sie den Fahrer nicht mißtrauisch. Und wenn wir ohne Schwierigkeiten gestartet sind, behalten Sie Ihre Geschichte für sich.« Er lehnte sich zurück. Alen verfiel in ein düsteres Schweigen. Der junge Herold hatte einen zu großen Respekt vor dem Schwarzbärtigen, als daß er ihm Fragen gestellt hät- te. Der Mann war nicht nur unberechenbar, sondern auch gefährlich. Die Fahrt zum Raumflughafen verlief ohne Zwi- schenfälle. Die Mannschaft hielt sich im Gebäude des Zollamts auf und hatte ein Feuer angezündet, um sich daran zu wärmen. »Wir möchten sofort starten«, sagte der Händler zu dem leitenden Flughafenbeamten. »Können Sie meine lyranische Währung wechseln?«, Der Beamte stotterte Entschuldigungen, es sei schon spät und der Tresor bereits plombiert. »Gut, dann wechsle ich das Geld auf Wega. Das fällt auf Sie zurück. Ziehen Sie die Posten ein, geben Sie unser Schiff frei.« Sie folgten dem Beamten zum Raumschiff. Er zerschlug den Lehmklumpen mit dem Siegel. Einer der Posten hielt eine flackernde Drucklampe. Alen stand der Schweiß auf der Stirn. Schon un- terwegs hatte er am Horizont zwei grünlich schim- mernde Sterne gesehen, die sich dicht beisammen befanden, plötzlich hochruckten und Kreise be- schrieben. Der Semaphor! Der Signalbeamte im Verwaltungsgebäude würde diesen Semaphor auch beobachten. Noch schien ihn keiner der den Start vorbereitenden Leute zu bemer- ken. Die Lichter kreisten weiter. Alen bedauerte, daß er von diesem Signalsystem keine Ahnung hatte. Nach ungefähr zwanzig Signalzeichen verharrten die Lichter auf der Stelle. Der leitende Beamte gab eine Reihe von Vorschriften bekannt: Startrichtung, Höchstgeschwindigkeit, Menge des atomaren Treib- stoffs innerhalb der Atmosphäre. Alen sah jemanden aus dem Verwaltungsgebäude stürzen und über den Startplatz laufen. Die Wächter waren noch da und hatten sich auf ihre langen Gewehre gestützt. Alen löste sich unauffällig von der Gruppe und, ging über das dunkle Flugfeld auf die sich nähernde Gestalt zu. Er grüßte den Mann auf lyranisch und in einer legeren militärischen Art. »Sergeant«, sagte der Signalbeamte im Flüsterton, »geben Sie den Leuten den Befehl ein paar Schritte von den Raumfahrern zurückzutreten. Das Schiff darf nicht starten, sie sollen die Fremden in Schach halten und sofort schießen, falls –« Sekunden später beugte sich Alen über die reglose Gestalt des Mannes. Er versteckte seinen Schlag- stock wieder, kehrte ohne Eile zum Schiff zurück und fragte sich, ob er dem Lyraner damit den Schä- del gespalten hatte. Die Luke war inzwischen geöffnet. Die Mann- schaft stieg ein, Alen als letzter. »Sofort die Luke schließen!« sagte er zu dem Händler. »Ich war ge- zwungen –« »Ich habe Sie gesehen«, grunzte der Schwarzbär- tige. »Ein Semaphorsignal?« Er schloß die Luke. »Astronavigator und Ingenieur, übernehmen Sie!« kommandierte er. »Alle Leute auf die Plätze!« befahl Astronaviga- tor Hafner. »Wir starten sofort.« Alen suchte seine Kabine auf und schnallte sich fest. Das Donnergetöse des Starts betäubte ihn wie üblich und schüttelte seine Knochen durcheinander. Nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, stieß, das Schiff in den Weltraum vor und beschleunigte sanft seinen Flug. Alen fühlte sich wieder besser. Der Schwarzbärtige klopfte an die Kabinentür, trat ein und schnallte ihn los. »Wollen Sie jetzt gleich mit der Überprüfung der Geschäftsbücher be- ginnen«? »Nein«, entgegnete Alen mit noch schwacher Stimme. »Das kann auch warten«, sagte der Händler. »Die Bücher sind ohnehin der nebensächlichste Teil. Wir haben einen schrecklichen Krieg abgewendet.« »Krieg? Wir?« fragte Alen verblüfft. »Krieg zwischen Eyolfs Realm und Wega. In den Botschaften und Handelsmissionen wird seit langem davon gesprochen, daß beide Regierungen ein Auge auf Lyra geworfen haben. Man will die Wirtschaft von Lyra stören, indem man Metalle liefert – mit Gewalt, wenn nötig. Wir haben Eyolfs Realm und Wega den Vorwand genommen, Lyra anzugreifen und einen Krieg zu entfesseln. Lyra bekommt jetzt sein Metall, und ohne imperialistische Einmi- schung.« »Ich habe keinerlei Metall gesehen«, sagte der Herold verdutzt. »Sie werden sich fragen, weshalb ich es so eilig hatte, Lyra zu verlassen. Das liegt daran, weil unsere weganischen Steine höchst ungewöhnliche Steine waren. Ich bin kein Techniker, aber soviel ich weiß,, rufen diese Steine eine gewisse Wirkung hervor.« Der Schwarzbärtige warf einen Blick auf seine Arm- banduhr und sagte verträumt: »Lyra bekommt Me- tall. Unsere ›Edelsteine‹ sind imstande, die Ton- und Steinwaren in ihre Bestandteile Aluminium, Silizi- um und Sauerstoff aufzulösen. Glas und Glasmateri- al wird ebenfalls zersetzt. Es entstehen Kalzium, Zink, Barium, Pottasche, Chrom und – Eisen. Ge- bäude zerkrümeln, Hosen rutschen herunter, weil die keramischen Gürtelschnallen zersetzt werden …« »Das hat ein Chaos zur Folge!« protestierte Alen. »Es bedeutet Zivilisation und Frieden, so paradox es klingt! ›Wenn man weder das Eigentum noch das Ehrgefühl eines Menschen berührt, lebt er in den meisten Fällen zufrieden.‹« »›Il Principe‹ – neunzehntes Kapitel. Sie sind –« »Die Reise hatte noch einen weiteren wichtigen Zweck«, sagte der Händler grinsend. »Das wird Sie interessieren.« Er händigte Alen ein Dokument aus, auf dem das Siegel des Heroldsamts zu sehen war. Alen las betäubt: ›Prüfer 19 an den Rektor … Letzte Aufgabe des Novizen …‹ Stolz las er einen Absatz, aus dessen Inhalt her- vorging, daß er beim Täuschungsmanöver des Schlachtkreuzers von Eyolfs Realm ›Mut und Um- sicht‹ bewiesen und eine Situation gemeistert habe, die nicht nur persönlichen Mut, sondern auch eine genaue Berechnung der Reaktionen und charakterli-, chen Eigenarten der Bewohner eines verhältnismä- ßig primitiven Planeten voraussetze. Weniger stolz las er: ›… neigt zu übertriebenem Selbstbewußtsein, was in seinem Alter ein wenig lächerlich wirkt, obwohl sein Verhalten die Mann- schaft beeindruckt…‹ Und: ›… erzielte er einen sehr günstigen Preis für unsere Edelsteine; eine Leistung von nicht zu unter- schätzender Wichtigkeit, denn der Heroldsorden muß sich immerhin selbst erhalten …‹ Und: ›… nahm die letzte und entscheidende Hür- de mit einiger Verwirrung, aber er nahm sie. Nach zwanzigjähriger Unterweisung in unrealistischer Gewaltlosigkeit sah er sich mit einer Situation kon- frontiert, in der ihm nur Gewaltanwendung übrig- blieb. Er schätzte auch diese Situation richtig ein und praktizierte Gewalt, indem er einen lyranischen Signalbeamten niederschlug. Er zeigte eine Fähig- keit zu lernen und gesunden Menschenverstand, der besonders hoch einzuschätzen ist…‹ Und am Schluß einfach: ›Zur Ausbildung emp- fohlene »Ausbildung?« fragte Alen erstaunt. »Geht das noch weiter?« »Nicht für die meisten, Junge, nicht für die mei- sten. Die Masse von uns ist das, was sie zu sein scheint: ölig, flintenscheu, unentbehrliche Gehilfen, die unser Nest mit Prozenten schmücken. Wir brau-, chen diese Prozente und flintenscheue Herolde.« Alen zitierte langsam: »›Neben den anderen Übeln, die Waffenlosigkeit mit sich bringt, wird man deswegen auch noch verachtete« »Vierzehntes Kapitel«, sagte der Schwarzbärtige mechanisch. »Wir haben solche Hinweise zwanzig Jahre lang auf ihre Nachttische gelegt, und sie haben es nicht bemerkt. Für die wenigen, die es bemerkt haben, gibt es eine weitere Ausbildung.« »Werde ich lernen, wie Sie mit einem Messer zu werfen?« fragte Alen, angewidert und fasziniert zu- gleich. »Das liegt an Ihnen. In der Hauptsache stehen Moral und Ethik auf dem Stundenplan – Sie müssen selbst wissen, ob Sie Messerwerfen lernen wollen.« »Ethik! Moral!« »Wir begannen als Missionare, wie Sie wissen.« »Das weiß jeder. Aber die große utilitaristische Reform –« »Einige von uns«, sagte der Schwarzbärtige trok- ken, »halten so etwas weder für groß noch für utili- taristisch oder für eine Reform.« Alen hielt diese Gedanken für reichlich ver- schwommen und protestierte: »Aber wir verbreiten doch noch Lehre von einer utilitaristischen Zivilisa- tion! Wenn nicht – was hat denn das alles für einen Sinn?« Der Schwarzbärtige sagte es ihm: »Wir haben un-, sere verschiedenen Motive. Einer ist ein aufrichtiger Utilitarier, der andere ist ein Spieler und glücklich, wenn er sich in Gefahr befindet und sein Puls rast. Wieder ein anderer ist stolz darauf, wenn er die Leu- te hereinlegen kann. Nicht wenige gefallen sich in der Rolle eines Dieners der Menschheit.« Er stand auf. »Ruhen Sie sich noch ein bißchen aus.« »Aber was sind Sie?« fragte Alen. »Ich?« Er grinste. »Sie werden mich im sechs- undzwanzigsten Kapitel finden – und vielleicht fin- den Sie noch etwas anderes.« Er ging hinaus und schloß die Kabinentür. Alen vergegenwärtigte sich das sechsundzwanzig- ste Kapitel und entdeckte verblüfft die Textstelle. Sie kam ihm merkwürdig bekannt vor, als habe sie schon immer in seinem Unterbewußtsein ge- schlummert und auf ihre Wiedererweckung gewar- tet. Und laut sagte er in der engen Kabine des Raum- schiffs: »Gott ist nicht bereit, alles zu tun und uns somit unseres freien Willens zu berauben und des Anteils an Ruhm, der uns gehört.«,

Opfer für die Menschheit

Für einen Jugendlichen hat er schon eine ganz hüb- sche Whiskynase, dachte ich zunächst, doch als ich in den Lichtschein der Lampe über der Registrier- kasse trat und den Barkeeper um Feuer bat, fielen mir nicht nur die Nase, sondern auch die blauen Äderchen in seinen Wangen und die merkwürdigen Augen auf. Der Junge am Ende der Theke mußte meinen Blick gesehen haben; er zog sich rasch aus dem Lichtkreis zurück. Der Barkeeper schüttelte meine Bierflasche wie ein schweizerischer Glockenschwinger, so daß der Inhalt hinter dem grünen Glas zu schäumen begann. »Noch eine Flasche, Sir?« fragte er. Ich verneinte. Er wandte sich an den sonderbaren Jungen am Ende der Bar – der Bursche trank Whis- ky mit Soda oder so etwas – und hatte mehr Erfolg. Innerhalb von zehn Minuten hatte er ihm drei Whis- ky mit Soda verkauft. Als er ihm das vierte Glas servieren wollte, gab sich der Junge einen Ruck und sagte: »Ich werde mich schon melden, Jack.« Es war kurz vor neun Uhr, und die Bar füllte sich langsam. Der Geschäftsführer, ein typischer Vertre- ter seines Berufs, nahm höchstpersönlich neben der, Tür Aufstellung, um die alten Stammgäste zu begrü- ßen und die Oberschüler der höheren Klassen abzu- wimmeln. Aber auch Mädchen sickerten herein – mit ihren kleinen Make-up-Köfferchen, ihren Turm- frisuren und ihren starren Gesichtern mit den perfekt nachgezogenen Lippen. Ein Mädchen sagte etwas zu dem Geschäftsführer, entschuldigte sich wegen ir- gend etwas, und er antwortete: »Das ist peinlich. Gehen Sie mal in den Waschraum.« Das Bartrio hinter dem Vorhang der kleinen Büh- ne stimmte die Instrumente; noch ein Barkeeper er- schien hinter der Theke und hatte auch gleich beide Hände voll zu tun. Meistens wurde, wie mitten in der Woche, Bier getrunken. Ich trank den Rest und mußte einige Minuten warten, bis die nächste Fla- sche vor mir stand. Alle schienen darauf erpicht zu sein, so nahe wie möglich an der Bühne zu sitzen, um sich die Striptease-Girls anzusehen und die fünf- zig Cent, die sie für ihre Flasche Bier bezahlt hatten, voll auszunutzen. Mir fiel auf, daß sich niemand in die Nähe des Jungen setzte, und war das wirklich einmal der Fall, so zog er sich zurück. Das interes- sierte mich. Ich nahm meine Flasche und mein Glas und setzte mich einfach auf den Stuhl zu seiner Lin- ken. Überraschenderweise sah er mich an und fragte: »Was ist das hier für ein Laden?« Sein ganzes Ge- sicht war mit einem Netzwerk kleiner Äderchen, überzogen. Und dann dieser merkwürdige Blick in seinen Augen – oder waren das Kontaktlinsen? Ich versuchte, weder hinzusehen noch wegzublicken. »Der Laden ist okay«, sagte ich. »Auch die Show ist gut, wenn der Lärm Sie nicht allzu sehr stört.« »Ich bin Raumfahrer«, sagte er, steckte eine Ziga- rette in den Mund und bot mir das Päckchen an. »Oh!« Ich nahm eine seiner Zigaretten. Er ließ sein Feuerzeug schnippen und fügte hinzu: »Venus.« Ich bemerkte, daß das Zigarettenpäckchen keine blaue, sondern eine gelbe Banderole hatte. »Ist das nicht widersinnig?« fragte er. »Man kann nicht rauchen und bekommt ein Feuerzeug als Sou- venir. Aber es ist ein gutes Feuerzeug. In der ver- gangenen Woche bekamen wir auf dem Mars diese billigen Kugelschreiber.« »Sie bekommen auf jeder Fahrt etwas anderes, wie?« Ich trank einen kräftigen Schluck, und er leer- te sein Whiskyglas. »Bei jedem Schuß«, stellte er richtig. »Eine Fahrt oder einen Flug nennt man ›Schuß‹.« Eines der Mädchen kam näher und wollte auf dem Hocker zu seiner Rechten Platz nehmen. Dann sah sie ihn an und überlegte es sich anders. Schließlich umschnurrte sie mich und fragte, ob ich ihr nicht einen kleinen Drink bestellen wolle. Als ich nein sagte, machte sie sich an den nächsten heran. Ich, hatte den Eindruck, als zittere der junge Bursche. Als ich ihn ansah, stand er auf und ging zur Tür. Ich folgte ihm. Der Geschäftsführer grinste mechanisch und sagte zu uns: »Gute Nacht, Jungs.« Auf der Straße blieb der Junge stehen und sagte zu mir: »Sie brauchen nicht hinter mir herzulaufen, Papa.« »Nicht so stürmisch. Ich kenne einen Platz, wo Sie sich wohler fühlen werden.« Er riß sich zusammen und machte einen Witz dar- aus. »Diesen Platz möchte ich sehen«, murmelte er. »Gleich in der Nähe?« »Einige Blocks weiter.« Wir setzten uns in Bewegung. Es war eine ange- nehme Nacht. »Ich kenne diese Stadt überhaupt nicht«, sagte er. »Ich bin aus Covington, Kentucky. Dort wird zu Hause getrunken. Solche Bars wie hier haben wir nicht.« Er meinte das ganze Vergnügungsviertel. »Dort ist es gar nicht so übel«, sagte ich. »Ich war längere Zeit in Covington.« »Tatsächlich? Ich meine, ein Mann wie Sie würde zu Hause Frau und Kinder haben.« »Habe ich auch. Zum Teufel damit.« Er lachte wie ein richtiger Junge, und ich nahm an, daß er noch nicht einmal fünfundzwanzig war. Trotz der vielen Whisky-Sodas war sein Schritt ge- rade und sicher. Ich gab meiner Verwunderung dar-, über Ausdruck. »Ich habe einen guten Gleichgewichtssinn«, ant- wortete er. »Den muß man als Raumfahrer haben – da verbringt man eine Unmenge Zeit im Rauman- zug. Und wer die Orientierung verliert, ist nichts wert.« »Wie meinen Sie das?« »Oh, das ist nicht leicht zu beschreiben. Man steht auf dem Kopf und weiß es nicht einmal. Aber wer einen guten Gleichgewichtssinn hat, der paßt sich den Bewegungen der Büchse an. Ich meine das Raumschiff.« »Es muß viele Dinge geben, die sich nicht leicht beschreiben lassen«, murmelte ich. Wir gingen eini- ge Zeit schweigend nebeneinander her. Dann sagte ich: »Das hier ist Gandytown. Und dies ist die Knei- pe.« Es war in der zweiten Woche des Monats, und die alten Eisenbahner, die hier verkehrten, vertranken lustig ihre Pension. Um diese Zeit hatten sie aller- dings meist schon nicht mehr allzuviel übrig. Im- merhin war es bei Oswiak beachtlich voll. Die Enkel der Pioniere sangen den ›Mann-vom-Mars-Song‹ und der alte Paddy Shea tanzte mitten im Raum her- um. Er hatte ein volles Bierseidel in der rechten Hand, und sein leerer linker Rockärmel flatterte da- bei herum. Der Junge blieb zögernd an der Tür stehen. »So, verdammt hell«, sagte er. Ich zuckte die Achseln und trat ein. Er schloß sich an. Wir nahmen an einem Tisch Platz. Bei Oswiak konnte man auch an der Bar trinken, aber keiner machte davon Gebrauch. Paddy hüpfte zu uns herüber und sagte: »Will- kommen daheim, Doktor.« Er war irischer Abstam- mung, aber seine Heimat war Liverpool. Solche Leute reden wie Schotten, heißt es, aber ich finde, daß Brooklyn ein besserer Vergleich ist. »Hallo, Paddy«, grüßte ich. »Ich habe jemanden mitgebracht, der noch häßlicher ist als du. Nun?« Paddy tanzte im Halbkreis um den Jungen herum; sein linker Ärmel flatterte. Dann trank er einen gro- ßen Schluck aus seinem Bierseidel, setzte sich und fragte: »Ist das möglich?« Sein Gesicht verzog sich zu einem ehrfürchtigen Grinsen, wobei er seine rest- lichen drei Zähne zeigte. Der Junge lachte und wollte wissen: »Zum Teufel, weshalb haben Sie mich hierher geschleppt?« »Paddy sagt, er will alle Gäste freihalten, sobald jemand kommt, der häßlicher ist als er.« Oswiaks Frau kam auf uns zugewatschelt und fragte, was wir zu trinken wünschten. Ich entschied mich für einen doppelten Whisky. Nach der zweiten Runde erzählte Paddy, wie sie ihm ohne Betäubung und nur mit dem Inhalt einer Flasche Gin den Arm abgenommen hatten, weil die, Fracht, für die er verantwortlich war, nicht warten konnte. Weitere Leute, die Geschichten zu erzählen hatten, kamen an den Tisch. Blackie Bauer hatte in einem Güterwagen geses- sen und die Beine durch die Tür gestreckt. Da hatte der Zug angeruckt, und die Tür war genauso ruckar- tig zugerollt. Alle lachten über Blackie, weil er so dumm gewesen war, und er wurde wütend. Sam Fireman litt an einer Schüttellähmung. In dieser Woche behauptete er zur Abwechslung, Uhr- macher gewesen zu sein, bevor er zu zittern begann. Die Woche davor wollte er Gehirnchirurg gewesen sein. Eine Frau, die ich nicht kannte, kam auch her- über und begann von ihrer Schwester zu erzählen, die einen Griechen geheiratet hatte. Aber sie ver- schwand bald wieder, und wir erfuhren nicht, wie ihre Geschichte ausging. Jemand wollte wissen – ich glaube, es war Bauer, der wieder an den Tisch zurückgekehrt war –, was mit dem Gesicht des Jungen los sei. »Kompression und Dekompression«, antwortete der Junge. »Man steigt dauernd in den Anzug und aus dem Anzug. An Bord ist die Luft nur dünn. Da bekommt man ein rotes Gesicht. Die Blutäderchen platzen. Zum Teufel mit dem Geld, sagt man sich dann, nur noch eine Reise. Aber ich verdiene in mei- nem Alter eine Menge Geld! Und so sagt man das so lange, bis man nichts anderes als Raumfahrer sein, kann. Die Augen sind nur noch Sehschlitze.« »Sie nehmen alle Angebote an?« fragte Oswiaks Frau höflich. »Alle, Ma’am«, antwortete der Junge seufzend. »Aber ich werde bald Schluß machen, bevor ich ei- nen Bowman-Kopf bekomme.« Ich trank einen Schluck Whisky. »Ich finde, er ist ganz nett«, sagte Maggie Rorty. »Verglichen mit –« setzte Paddy an, aber ich ver- setzte ihm unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein. Wir sangen eine Weile, und als wir uns dann für eine weitere Weile Witze erzählt hatten, stellte ich fest, daß der Junge und Maggie sich ins Hinterzim- mer zurückgezogen hatten – die Tür war verschlos- sen. Oswiaks Frau fragte verwundert: »Warum müssen die denn auch zu den Planeten fliegen?« »Liegt an der verdammten Regierung«, sagte Sam Fireman. »Warum nicht?« fragte ich. »Sie haben nun mal das Bowman-Triebwerk, die Bowman-Raketen. Man muß eben Erfahrungen sammeln.« Ich trank wieder einen Schluck und fügte hinzu: »Geschieht ihnen recht. Zwanzig Jahre Erfahrung, dann finden sie Dinge heraus, die sie noch nicht wissen. Zwanzig Jahre später haben sie wieder etwas entdeckt. Viel- leicht werden sie dann, wenn es in jeder amerikani-, schen Wohnung eine Badewanne, und in jeder ame- rikanischen Stadt eine Heilanstalt für Alkoholiker gibt, eine ganze Menge Dinge herausgefunden ha- ben, die noch unbekannt sind. Und jeder amerikani- sche Jüngling wird ein glotzäugiges, rotgeädertes Wrack sein, weil er seine Fähigkeiten überschätzt hat.« »Liegt an der verdammten Regierung«, wieder- holte Sam Fireman. »Wie meinen Sie denn das mit dem Alkoholis- mus?« fragte Paddy leicht gereizt. »Ich persönlich kann trinken oder es bleiben lassen.« So sprachen wir eine Weile über dieses Thema und alle Anwesenden waren der Ansicht, daß sie das Trinken ohne weiteres bleiben lassen konnten. Es war gegen Mitternacht, als der Junge wieder am Tisch auftauchte. Er sah ziemlich zerknautscht aus. Ich war betrunkener, als ich das gegen Mitter- nacht für möglich gehalten hatte, und sagte, ich würde einmal frische Luft schnappen. Der Junge schloß sich mir an, und wir setzten uns wenig später auf eine Bank am Screwball Square. Die Dauerred- ner auf ihren provisorischen Rednerpulten waren noch in Hochform. Es war, wie ich schon sagte, ein schöner Abend. Nach einiger Zeit setzte sich eine dickbauchige alte Tante zu uns, der das Gesicht des Jungen gleichgültig war, und wollte ihm ein paar Radierungen zeigen. Der Junge verstand sie nicht, richtig, und ich machte ihn rasch auf einen der Red- ner aufmerksam, um Ärger zu vermeiden. Einer dieser Leute war ein gefühlsduseliger Evan- gelist. »Wenn ich, meine lieben Freunde«, sagte er, »durch die Luke eines Raumschiffs blicke und die Wunder des Firmaments betrachte –« »Sie sind ein stinkender. Lügner!« schrie der Jun- ge ihn an. »Sagen Sie noch ein Wort davon, und ich schlage Ihnen ein ganzes Raumschiff auf den Kopf. Wenn Sie so ein begeisterter Raumfahrer sind – wo ist denn Ihr rotgeädertes Gesicht, he?« Die Leute wußten nicht genau, was er redete, aber das mit dem rotgeäderten Gesicht hatten sie verstan- den und gingen. Der Alkohol begann plötzlich zu wirken. Nach ei- ner Weile beruhigte er sich wieder und fragte: »Hät- te ich Miss Rorty nicht vielleicht besser Geld geben sollen, Doktor? Sie verlangte ein Erinnerungsstück. Ich gab ihr mein Feuerzeug. Sie schien sich wirklich sehr darüber zu freuen. Vielleicht habe ich sie auch in Verlegenheit gebracht, weil ich sie so direkt frag- te, ob sie Geld haben wolle … In Covington, Kentu- cky, gibt es so etwas nicht. Oder vielleicht gibt es doch so etwas, und ich weiß nichts davon. Aber was hätte ich zu Miss Rorty sagen sollen?« »Genau das, was Sie gesagt haben«, antwortete ich. »Wäre sie auf Geld aus gewesen, hätte sie Ihnen das gleich am Anfang verraten. – Wo wohnen Sie?«, »Im CVJM«, sagte er, beinahe im Halbschlaf. »In Covington, Kentucky, war ich Mitglied des CVJM. Bin ich noch immer. Sie müssen mich hineinlassen, weil ich Mitglied bin … Raumfahrer haben allen möglichen Ärger, Doktor. Ärger mit den Frauen, Ärger mit den Hotels, Ärger mit den Angehörigen, Ärger mit der Religion. Ich bin getaufter Baptist – aber wo ist der Himmel, nicht wahr? – Ich habe den Pfaffen gefragt, als ich zum letztenmal zu Hause war und die roten Streifen so dick wurden. – Doktor, ich hoffe, ich habe Sie nicht beleidigt.« »Sie haben mich nicht beleidigt«, sagte ich. Ich begleitete ihn zur Avenue und wartete auf ein Taxi. Das dauerte beinahe fünf Minuten. Ich bug- sierte den Jungen hinein und sagte zu dem Fahrer: »Bringen Sie ihn zum CVJM. Hier haben Sie Geld. Begleiten Sie ihn am besten hinein.« Dann schlenderte ich wieder über den Screwball Square. Ein paar junge Burschen machten sich über den alten Charlie lustig, den letzten unentwegten Redner. »Zum Teufel, ich spreche über die Atombombe!« brüllte Charlie. »Dort oben – seht ihr?« Und er deu- tete auf den Mond. Es war eine angenehme Nacht, aber die Wirkung des Alkohols ließ allmählich nach, was weniger an- genehm war. Gleich hinter der Ecke war eine Kneipe. Ich ging, hinein und stärkte mich für den Weg zum Klub. Dort wartete noch eine Flasche auf mich. Ich stieg in das nächstbeste Taxi. »Zum Athletenklub«, sagte ich zu dem Fahrer. »In den vornehmen Hundezwinger, wie?« fragte der Fahrer und stellte sein ›Große-Persönlichkeit- Lächeln‹ zur Schau. Ich sagte nichts, und er startete den Wagen. Natürlich hatte er recht. In den Hundezwinger … Aber eines Tages würde ich nach Hause kommen, Lisa und Tom einen Schrecken einjagen und ihnen zeigen, wie der liebe Papa aussieht. Unten im Institut, da war ich auch im Hunde- zwinger. ›Mein Gott‹, sagte im Institut jeder zu jedem, ›ich weiß wirklich nicht, was in diesen Mann gefahren ist. Hat eine Familie und eine hübsche Frau, die ihn vor die Wahl ›Entweder gehst du, oder ich gehe‹ stellen mußte. Und wie er trinkt, und wie! Ich will ja nichts sagen, aber es ist doch wohl eine bekannte Tatsache, daß ein Neurotiker schlechte Gesellschaft sucht, um seine Schuldgefühle zu kompensieren. Und diese Spelunken, in denen er sich herumtreibt. Doktor Francis Bowman, der Pionier der Raumfahrt; der Mann, nach dessen Plänen auf dem Mond eine Raketenabschußbasis errichtet wurde … Wirklich, ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist.‹ Ah, zum Teufel mit allen!,

Die Sauregurkenzeit

Es war ein heißer Sommernachmittag im Omaha- Büro des World Wireless-Pressedienstes, und das Zentralbüro in New York wollte unbedingt einen Bericht von mir haben. Aber weil es ein heißer Som- mernachmittag war, stand mir kein Bericht zur Ver- fügung. Während der Hundstage passiert nun mal nicht viel. Die Politiker machen Ferien, die Einbre- cher sind zu müde, um etwas zu unternehmen, und die Frauen bringen ihre Männer nicht um. Ich blätterte in einigen Nachrichten und las den Text: ›Wissen Sie, daß führende Physiologen von Maine bis Kalifornien für die heiße Jahreszeit Limo- nade nachdrücklich empfehlen? Die Zitrusanbauver- einigung gab heute bekannt, daß – nach einer Um- frage von 2500 Physiologen in 57 Städten mit über 25 000 Einwohnern – 87 Prozent der Bevölkerung Limonade trinkt, wenigstens eine Flasche täglich zwischen Juni und September, und daß weitere 72 Prozent dieses kühle und gesundheitsfördernde Ge- tränk nicht missen möchten …‹ Ein weiterer Papierstreifen schob sich aus dem Fernschreiber. Die Anfrage kam aus New York und lautete: ›960 M-HW KICKER? ND SNST-NY.‹ Die Leute in New York forderten einen knalligen Bericht an, und zwar schnellstmöglich. Meine Rück-, antwort lautete: ›96 NY-UPCMNG FU MINS-OM.‹ Aus der Zitrusgeschichte konnte man nichts ma- chen. Ich blätterte weiter. Es war hoffnungslos. Kei- ne Meldung über Fliegende Untertassen, keine Mon- stren in den Everglades von Florida, keine die Stadt terrorisierenden Chloroformbanditen – und ich brauchte dringend einen Stoff. Die Fliegenden Untertassen? Nein, die konnte ich nicht mehr zum Leben erwecken, denn sie waren schon vor Jahren in Vergessenheit geraten, nur nicht bei den Zeitungsleuten. Auch um die Riesenschild- kröte im Lake Huron war es still geworden. Das Ra- dioteleskop der Universitätswarte hatte merkwürdige Signale aus dem Weltraum empfangen … Ja, das war wenigstens etwas. Ich spannte einen Bogen Konzeptpapier in die Schreibmaschine, nahm Platz, starrte das Blatt an und ärgerte mich über die Saure- gurkenzeit. Da tickte plötzlich der Western Union- Fernschreiber neben meinem Schreibtisch. Ich las: ›FT HICKS ARK 22. AUGUST – Stadtmarshai Pinkney Crawles während einer An- gelpartie in der Nähe der kleinen Stadt Rush City heute auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekom- men. Nach Zeugenaussagen wurde er von einer ›glä- sernen Kuppel‹ verbrannt. Rush City benachrichtigte sofort Fort Hicks. Der Polizist P. C. Allenby aus Rush City sah ›sieben gläserne Kuppeln von der, Größe eines Hauses‹ auf einer Lichtung südlich der Stadt. Keiner der Bewohner von Rush City wagte sich heran. Man warnte Crawles, aber er hörte nicht darauf und erlitt tödliche Verbrennungen. P. C. Al- lenby ließ die Leiche von Marshai Crawles nach Fort Hicks überführen …‹ Die Meldung stammte von Edwin C. Benson, den ich gut kannte, und war genau das, was mir der Arzt verschrieben hatte. Ich arbeitete sie aus und gab sie nach New York weiter. Dann rief ich Fort Hicks an und telefonierte so lange, bis ich Benson erwischt hatte. Was er im Augenblick mache, wollte ich wis- sen. »Zur Zeit in Fort Hicks«, sagte er. »Bin weit he- rumgekommen. War Gerichtsreporter in Little Rock, schrieb für die AP in New Orleans, aber das machte mir keinen Spaß. Kurzes Gastspiel bei der Chicago Tribune, von dort aus ins Washingtoner Büro der Zeitung, um zur New York Times überzuwechseln. Sie ernannten mich zum Kriegsberichter; ich wurde verwundet. Zurück nach Fort Hicks. Ich arbeite jetzt für Magazine. Willst du eine Fortsetzung der Rush City-Story haben?« »Selbstverständlich«, sagte ich, »aber ich will auch Tatsachen. Könnte das nicht auch ein ausge- machter Schwindel sein?« »Ich habe vor einigen Minuten die Leiche des Marshals gesehen. Beim Beerdigungsunternehmer., Und ich habe mich bei dieser Gelegenheit mit Al- lenby aus Rush City unterhalten. Pickney erlitt tödli- che Verbrennungen, das stimmt, und Allenby hat sich diese Geschichte nicht ausgedacht.« Nach einigem Hin und Her legte ich auf. Ist er so schwer verwundet worden, dachte ich, daß er auf eine brillante Reporterkarriere verzichten und sich in den Ozarks vergraben mußte? Dann kam ein Anruf von Gottvater persönlich, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des WW-Pressedienstes. Er angelte in Kanada, wie alle guten Aufsichtsräte während der Sauregurkenzeit, hatte aber eine Mel- dung aufgeschnappt, die sich auf meine Rush City- Story bezog. Er hatte ein Telefon in seinem Wohn- wagen und konnte innerhalb von Sekunden meinen Urlaubsplan zerstören und die Dienstzeiten durch- einanderbringen. Er beorderte mich nach Rush City; ich sagte ja und scheuchte den Redaktionsstab auf. Ich rief unter anderem den Lufttaxidienst an, bestell- te einen Hubschrauber und den besten Piloten, der mit Kartenmaterial von Arkansas ausgerüstet sein mußte. Inzwischen trafen zwei weitere Glaskuppel- Meldungen von Benson ein. Der Nachtredakteur kam; ich machte ihn mit der Story bekannt. Dann hörte ich den Hubschrauber auf dem Dach landen und ging nach oben., Ein Gewittersturm zog auf. Wir mußten die Wol- kendecke durchstoßen, und als der Pilot wieder auf Sicht fliegen konnte, hatte er die Orientierung verlo- ren. Wir kreisten während der restlichen Nacht ratlos herum; erst gegen Morgen hatte sich der Pilot einen Überblick verschafft. Als wir endlich in Fort Hicks landeten, wurde es schon hell. Der Flugwart konnte mir sagen, wo Benson wohnte, und ich machte mich auf den Weg. Es war ein weißes Fachwerkgebäude. Eine ruhig wirkende Frau mittleren Alters – Mrs. McHenry, Bensons verwitwete Schwester – öffnete die Tür. Sie bot mir Kaffee an und sagte, sie habe die ganze Nacht auf Edwins Rückkehr aus Rush City gewartet. Gestern abend um acht Uhr sei er abgefahren, mit dem Wa- gen seien es nur zwei Stunden. Sie machte sich Sor- gen. Wir unterhielten uns recht angeregt, als ihr Bruder eintraf. Nun wußte ich, weshalb er seine Reporter- karriere unterbrochen hatte. Er war blind. Abgese- hen von einer langen, braunen Narbe, die ihm von der linken Schläfe bis ins Gesicht reichte, war er ein gutaussehender Bursche Mitte Vierzig. »Wer ist da, Vera?« fragte er. »Mr. Williams, der Gentleman, der dich gestern von Omaha aus anrief.« »Hallo!« sagte er und fügte hinzu: »Bleib nur sit- zen.« Vermutlich hatte er den Sessel knarren gehört,, als ich mich nach vorn beugte, um aufzustehen. »Das hat lange gedauert, Edwin«, sagte seine Schwester erleichtert und vorwurfsvoll zugleich. »Howie, dieser Esel, holte mich erst so spät ab. Aber ich habe mich auch länger in Rush City auf- gehalten als geplant.« Er setzte sich und blickte in meine Richtung. »Tja, Williams«, sagte er, »es gibt verschiedene Meinungen, was diese gläsernen Kup- peln betrifft. Die Leute von Rush City behaupten, daß sie existieren, und ich behaupte das Gegenteil.« Seine Schwester brachte ihm eine Tasse Kaffee. »Schildere mir alles ganz genau«, sagte ich. »Dieser Allenby nahm mich und ein paar Leute aus Rush City mit, um uns die Kuppeln zu zeigen. Sie erzählten mir, wie die Dinger aussahen: sieben halbkugelförmige Gebilde auf einer Lichtung, groß wie ein Haus und das Licht der Scheinwerfer reflek- tierend. Aber sie waren nicht da, nicht für mich und nicht für jeden anderen blinden Menschen. Ich weiß genau, wenn ich vor einem Haus oder einem anderen großen Objekt stehe. Ich spüre dann eine leichte Spannung der Gesichtshaut. Eine unbewußte Reak- tion, auf die ich mich jedoch verlassen kann. Wir Blinden sehen die Welt gewissermaßen mit dem Ge- fühl. Empfinden wir eine leichte Luftbewegung, wissen wir, daß wir an einer Hausecke stehen. Stär- kere Luftströmungen sind eine belebte Straße. Eini- ge von uns können über eine Hindernisbahn gehen,, ohne ein Hindernis auch nur zu berühren. Ich bin nicht so gut, vielleicht liegt das daran, weil ich noch nicht lange genug blind bin. Aber zum Teufel, ich weiß genau, ob sieben Objekte von der Größe eines Hauses vor mir stehen – und dieses Gefühl hatte ich auf jener Lichtung bei Rush City eben nicht!« »Na ja«, seufzte ich, »dann ist das eine Zeitungs- ente, wie sie nur in der Sauregurkenzeit aus dem Ei schlüpfen kann. Dann möchte ich nur noch wissen, was den Leuten von Rush City eigentlich eingefallen ist. Ich meine, warum haben die sich so etwas aus- gedacht?« »Das ist kein Witz. Mein Fahrer hat diese Kup- peln schließlich auch gesehen – und vergiß nicht den verstorbenen Marshal. Crawles hat sie nicht nur ge- sehen, sondern auch berührt. Es ist ganz einfach so: die Leute haben sie gesehen, ich nicht. Wenn diese Kuppeln existieren, dann ist das eine Existenz, der ich noch nicht begegnet bin, solange ich lebe.« »Ich werde selbst mal hinfahren«, beschloß ich. »Das Beste, was du machen kannst«, sagte Ben- son. »Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Du kannst meinen Wagen nehmen.« Er schilderte mir die Richtung. Ich gab ihm eine Reihe von An- weisungen – wir brauchten noch heute den Befund des Leichenbeschauers, einen Augenzeugenbericht von seinem Fahrer, dann ein wenig Hintergrundma- terial und ein paar Aussagen von den wichtigsten, Leuten Rush Citys. Ich stieg also in Bensons Wagen und traf zwei Stunden später in Rush City ein. Das war ein Dorf mitten in dem großen Wald, der die ganzen Ozarks überzog. Die ungestrichenen Wohnhäuser standen planlos herum und machten einen irgendwie ge- langweilten Eindruck. Das einzige Telefon der Ort- schaft war im General Store. Ich nahm an, daß der Hörer qualmte, denn todsicher hatten inzwischen alle möglichen Zeitungen und Nachrichtendienste angerufen. Ein Staatspolizist in einer auffallenden Uniform lehnte bei meinem Eintritt an der mit Flie- gendreck übersäten Ladentheke. »Ich bin Sam Williams vom WW-Pressedienst«, stellte ich mich vor. »Sind Sie auch gekommen, um sich diese Kup- peln anzusehen? Der WW brachte diese Nachricht, nicht wahr?« fragte er mit einem Blick, den ich nicht definieren konnte. »Stimmt. Unser Mann in Fort Hicks gab die Mel- dung durch.« Das Telefon klingelte. Der Mann nahm den Hörer ab. Er schien auf ein Ferngespräch mit der Dienst- stelle des Gouverneurs gewartet zu haben. »Nein, Sir«, sagte er. »Nein, Sir. Alle beschwören, daß die Geschichte wahr ist, aber ich habe nichts gesehen. Ich meine, die Leute behaupten, daß sie jetzt nichts mehr sehen, wollen die Erscheinungen aber gesehen, haben und geben an, sie seien jetzt verschwunden.« Er sagte noch einige Male »Nein, Sir« und legte den Hörer auf. »Und seit wann werden die Kuppeln nicht mehr gesehen?« erkundigte ich mich. »Ungefähr seit einer halben Stunde. Ich bin gera- de zurückgekommen.« Das Telefon klingelte wieder, und er nahm den Hörer ab. Es war Benson, der sich nach mir erkun- digte. Ich bat ihn, Omaha zu benachrichtigen und das Verschwinden der Kuppeln bekanntzugeben. Dann suchte ich den Polizeibeamten Allenby auf, der freundlicherweise in den Wagen stieg und mich zu der Lichtung dirigierte. Zu der Lichtung führte ein oft benutzter Pfad, an dessen Ende allerdings eine Enttäuschung wartete. Die Lichtung war tatsächlich leer. Ein paar kleine Jungen standen respektvoll am Waldrand und er- zählten sich die wildesten Geschichten über das Ver- schwinden der Kuppeln. Ich notierte mir die wir- kungsvollste Version und erinnere mich, daß von ›bläulichen Blitzen‹ und einem ›merkwürdigen Schwefelgestank‹ die Rede war. Ich fuhr Allenby wieder nach Rush City. Dort war inzwischen ein Kamerateam des Fernsehens einge- troffen. Ich begrüßte die Leute, wartete, bis ein AP- Mann seinen Bericht durchgegeben hatte, und griff dann selbst nach dem Hörer, um Omaha die letzten, Neuigkeiten mitzuteilen. Das Dorf füllte sich zuse- hends mit den Reportern der Nachrichtendienste und großen Zeitungen, desgleichen mit Rundfunk- und Fernsehleuten. Die haben das Nachsehen, dachte ich, die Story ist ja schon zu Ende. In der Imbißecke des Ladens – zwei Tische und ein paar Stühle – trank ich eine Tasse Kaffee und fuhr dann nach Fort Hicks zurück. Benson hatte indessen pausenlos telefoniert. Ich erklärte ihm, er könne es sich wieder gemütlich ma- chen, dankte ihm für seine Mitarbeit, verabschiedete mich und ging zum Hubschrauber. Dort erwartete mich nicht nur der Pilot, sondern auch eine gepfef- ferte Rechnung. Auf dem Rückflug nach Omaha hörte ich mir die Radiomeldungen an und war nicht sonderlich über- rascht. Nach Baseball waren die glänzenden Kup- peln das Hauptthema. Im übrigen waren diese Kup- peln schon in zwölf Staaten gesehen worden, und zwar in allen Farben und Größen. Einige sollten merkwürdig ›vibriert‹ haben, andere hatten eine ebenso merkwürdige Beschriftung. Eine war angeb- lich durchsichtig gewesen, man hatte im Inneren deutlich ›große grüne Männer und Frauen‹ gesehen. In Little Rock tankte der Pilot auf; ich nutzte die Zeit und kaufte mir zwei Nachmittagszeitungen. Die Kuppeln beherrschten bei beiden die erste Seite. Ei- ne Nachricht stammte vom WW-Pressedienst, das, andere Blatt war offenbar kein Abonnent des WW, doch mit Unterstützung anderer Dienste, Sonderkor- respondenten und telefonischen Anfragen im Gene- ral Store von Rush City lag die Zeitung praktisch mit uns auf gleicher Höhe. Beide Zeitungen brachten auf der ersten Seite hastig gezeichnete Skizzen. Wir landeten in Omaha, und ich suchte sofort mein Büro auf. Die Story lief gut. Unsere Abonnen- ten stürzten sich auf jede Kleinigkeit und forderten weiteres Material an. Ich stöberte im Archiv herum und blätterte in den Ordnern »Fliegende Untertas- sen«, »Huron-Lake-Riesenschildkröte« und »Der Vampir von Bayou«. Ich suchte noch ein paar weite- re Kuriositäten zusammen, breitete alle die alten Zeitungsausschnitte auf meinem Schreibtisch aus und versuchte, sie mit den Kuppeln in Zusammen- hang zu bringen. Dann meldete sich unser Mann in Owosso, Michigan, und berichtete, daß eine Mrs. Lettie Overholtzer, 61, um Mitternacht in ihrer eige- nen Küche eine glänzende Kuppel gesehen habe. Die Kuppel habe sich aufgebläht wie eine riesige Seifenblase, sei so groß geworden wie der Kühl- schrank und dann plötzlich verschwunden. Ich ging zu dem Redaktionsgehilfen und sagte: »Geschichten im Stil von Mrs. Overholtzer können wir im Augenblick nicht gebrauchen. Wenn wir das alles weitergeben, gehen die echten Kuppeln unter.« »Meinen Sie, daß es diese Kuppeln allen Ernstes, gibt?« fragte der Mann. »Keine Ahnung. Vielleicht. Ich für meine Person habe keine gesehen, und der einzige Mann, dem ich vertraue, kann sich nicht entschließen, die Kuppeln für Realität zu halten. Wie dem auch sei, füttern Sie die Abonnenten einstweilen mit Kuppeln.« Ich ging nach Hause, um ein wenig Schlaf nach- zuholen. Als ich wieder an die Arbeit zurückkehrte, hatte das Interesse längst nachgelassen. Die anderen Nachrichtendienste schienen nicht zu glauben, daß in Rush City etwas Außergewöhnliches passiert war. Sie verbreiteten einfach Nachrichten wie die von Mrs. Overholtzer und boten Funkbilder an von Plät- zen, auf denen man die Kuppeln gesehen haben wollte. Wir beteiligten uns an diesem Rennen. Noch vor Ende der Woche tauchten ›Kuppelmützen‹ auf, diesmal nur auf dem Bekleidungsmarkt für Jugend- liche. Es waren Kopfbedeckungen aus glänzendem Plastik, die fest aufgesetzt wurden. Wir mußten uns damit abfinden. Ich hatte diesem Wahnsinn den Weg geebnet, jetzt mußte er sich totlaufen. Schließlich starben die Kuppeln dann auch. In stillschweigendem Übereinkommen stellten alle Pressedienste jene Meldungen ein, wonach wieder einmal eine Kuppel gesehen worden war, und in Wirklichkeit nur irgendeine hysterische Frau ihren Namen in der Zeitung lesen wollte. Und weil wir die, Kuppeln unter den Tisch fallen ließen, sahen die Leute auch keine mehr. Die internationale Spannung stieg, es passierte wieder überall etwas, und eine dicke Mappe mit der Beschriftung ›Kuppeln, glän- zend‹ wurde dem Archiv einverleibt. Sicher dauerte es nicht mehr lange, dann würden sich die Psycholo- giestudenten diese Mappe ausleihen. Immerhin, wir hatten wieder einmal einen an sich ereignislosen Sommer überbrückt. Dann hatte diese Geschichte mit den glänzenden Kuppeln auch den Vorteil, daß ich bei dieser Gelegenheit meine Freundschaft mit Ed Benson wieder auffrischen konnte. Das Baseballspiel wurde vom Football abgelöst. Die Wahl am Jahresende hielt uns in Trab. Bald kam die Weihnachtszeit – mit ihren vielen Berichten, Repor- tagen und Betrachtungen. An Material war kein Mangel. Dann war Weihnachten auch schon vorbei. Das neue Jahr begann. Wir faßten die spannendsten Ereignisse des verflossenen Jahres zusammen. Es gab vielerlei; in den Great Plains und den ›Rockies‹ wurde ein Rekordschneefall gemeldet. Springfluten in Ohio und im River Valley in Columbia. Wieder Baseball, Muttertag, Derby-Tag und so weiter. Und dann traf ein Brief von Ed Benson ein. Ein störender Brief. Nicht, daß mich sein Inhalt aus dem Gleichgewicht brachte, ich dachte nur, daß kein, normaler Mensch so etwas geschrieben haben kön- ne. Benson mußten die Gäule durchgegangen sein. Er behauptete nämlich, daß die glänzenden Kuppeln – oder etwas in der Art dieser Kuppeln – eine zweite Vorstellung geben würden. Natürlich glaube er nicht an Gespenster, schrieb er, es sei nur eine Mutma- ßung von ihm, basierend auf einer Studie der Machtpolitik und Aesops Fabeln. ›Und wenn das eintrifft, kam er zum Schluß, ›dann wird es kein Mensch glauben – oder?‹ Ich dachte, er mache sich über mich lustig, war aber nicht sicher. Wie dem auch sei, Ende Juli tauchte etwas auf, das den glän- zenden Kuppeln sehr ähnlich war. Zu diesem Zeit- punkt hatte eine Hitzewelle das Land überfallen. Diesmal waren es große, schwarze Kugeln, die durch die Gegend rollten. Die Kugeln wurden von einer Baptistengemeinde in Zentralkansas gesehen. Die Gemeinde hatte sich in der Prärie versammelt, um dort um Regen zu beten. Ungefähr achtzig Bap- tisten schworen hoch und heilig, daß sie große, schwarze Kugeln – einige drei Meter hoch – über die Prärie hatten rollen sehen. An einem Mann waren sie in nur fünf Schritten Entfernung vorbeigerollt. Die anderen Leute waren davongestoben, kaum daß sie diesen Anblick halbwegs verdaut hatten. Der WW-Pressedienst eröffnete zwar nicht den Reigen, aber nach der ersten Meldung eines anderen Pressedienstes stiegen wir sofort ein. Ich, der in der, Hauptabteilung des WW nunmehr der anerkannte Sauregurken-Spezialist war, flog sofort nach Kansas. Im wesentlichen war dort alles so, wie es in Arkan- sas gewesen war. Die Baptisten glaubten wirklich, diese Dinger gesehen zu haben – mit einer Ausnah- me. Diese Ausnahme war ein alter Herr mit einem patriarchalischen Bart. Er war der einzige Mann, der stehengeblieben war, obwohl die Kugeln gefährlich nahe an ihm vorbeirollten. Er war blind wie Ed Ben- son und erklärte ziemlich erregt, daß er – ob blind oder nicht – sofort gewußt haben würde, daß schwarze Kugeln in fünf oder auch fünfundzwanzig Meter Abstand an ihm vorbeigerollt wären. Der alte Mr. Emerson, das war sein Name, sprach nicht von Luftströmungen und Wirbeln wie Benson. Er be- hauptete, Gott habe ihm das Augenlicht genommen und ihm statt dessen einen anderen Sinn verliehen, der zur Not genüge. »Stellen Sie mich einmal auf die Probe, mein Sohn«, sagte er mit schriller Stimme. »Stellen Sie sich neben mich und heben die Hand. Dann bewegen Sie die Hand auf mein Gesicht zu, und ich sage Ih- nen, wann Sie diese Bewegung machen, so vorsich- tig Sie auch sein mögen.« Er sagte es dreimal genau richtig, so oft versuchte ich es, und nahm mich dann mit auf die Hauptstraße dieser kleinen Präriestadt. Da standen mehrere Wagen vor einem Getreideauf-, zug. Er ging um die Wagen herum und zwischen ihnen hindurch, ohne auch nur einmal anzustoßen. Mr. Emerson und Benson schienen zu beweisen, daß diese schwarzen Kugeln etwas mit den glänzen- den Kuppeln zu tun hatten. Ich notierte mir diese Feststellung und kehrte nach Omaha zurück. Wir ließen den schwarzen Kugeln die übliche Be- handlung angedeihen; aber die Geschichte dauerte diesmal nicht so lange. Die Zeitungen hatten sie bald satt – nur ein paar alte Jungfern hatten schließlich die Kugeln gesehen … Die Leute bezeichneten die schwarzen Kugeln glatt als Zeitungshysterie, und zwei intellektuelle Magazine brachten Artikel, in denen von der ›verantwortungslosen Presse‹ die Re- de war. ›Es stimmt schon‹, schrieb Benson an mich, ›daß eine gelegentliche Entfaltung des Sinnes für Wunder etwas Erfrischendes an sich hat; doch das dauert nicht ewig. Der eingewurzelte amerikanische Zy- nismus gegen alle Medien der öffentlichen Informa- tion hat auf die schwarzen Kugeln genauso entzük- kend naiv reagiert wie auf die Vorläufer, die glän- zenden Kuppeln. Nichtsdestoweniger sage ich vor- aus – und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich dann daran erinnern würden –, daß man im nächsten Sommer wieder etwas erleben wird, das mit den Kuppeln und diesen schwarzen Dingern in Zusam- menhang steht. Und ich sage weiter voraus, daß die-, ses neue Phänomen von blinden Personen, sofern sich welche in der Nähe befinden, nicht wahrge- nommen werden kann.‹ Nun, ich wartete ein Jahr ab. Eine Vorbereitung auf das prophezeite Ereignis war nicht nötig, denn ich kannte das Schema schon in- und auswendig. Redaktionsmitglieder bekamen Magengeschwüre, kündigten, zogen sich in den Ruhestand zurück, wurden gefeuert; einer unserer Redaktionsvolontäre erhielt ein Stipendium der Harvard-Universität, einer unserer Telegraphen zerquetschte sich in einer Wa- gentür die Finger, sprang von einer Brücke und überlebte es, wenn auch mit einem gebrochenen Rückgrat. Mitte August, als der Wetterdienst korrekt ›sonni- ger und wärmer‹ voraussagte, und daß es sechzehn Tage lang schön bleiben würde, trat das Ereignis ein. Die Schüler und Lehrkräfte des Seminars unserer Universität hielten sich wegen der fürchterlichen Hitze draußen auf. Zwölf Lehrer bestätigten, daß sie plötzlich in eine Anzahl kreisrunder Löcher in der Rasenfläche gesehen hätten. Ein Loch war dicht vor den Fußspitzen des Professors gewesen. Sie bestätig- ten auch, daß der Professor mit einem erstaunten Gesicht und einem herzzerreißenden Schrei in dieses kreisrunde Loch gestürzt sei. Weiter bestätigten sie, daß die Löcher ungefähr dreißig Sekunden zu sehen gewesen waren. Dann waren sie einfach weg. Die, dürre Grasdecke hatte sich nicht verändert. Die Lö- cher waren nicht mehr da, der Professor war nicht mehr da. Ich interviewte jeden einzelnen. Alle waren er- wachsene Männer und Frauen, die ihre sich einander gleichenden Aussagen machten, wie man es von hochintelligenten jungen Leuten erwartete. Die Polizei reagierte hingegen unerwartet und verhaftete die zwölf Lehrer auf den Verdacht hin, daß sie ihren Professor ermordet hatten. Doch nie- mand wußte eine Erklärung dafür, weshalb sie so etwas getan haben sollten. Nun, die Reaktion der Polizei war typisch für die Art und Weise, in der die Öffentlichkeit davon Kenntnis nahm. Die Zeitungen, die mit den glänzen- den Kuppeln und später mit den schwarzen Kugeln wahre Artikelorgien gefeiert hatten, verhielten sich vorsichtig. Einige versuchten es im alten Stil mit den kreisrunden Löchern, konnten damit aber keinesfalls die Auflage erhöhen. Die Leser behaupteten, die Zeitungen würden nur ihre Intelligenz beleidigen, und außerdem hatten sie diese und ähnliche Wun- dererscheinungen gründlich satt. Schlimm erging es den wenigen Zeitungen, die es sich nicht hatten verkneifen können, die kreisrunden Löcher im Universitätsgelände zu schildern. Sie wurden von den seriösen Blättern lautstark unter Be- schuß genommen., Unser WW-Pressedienst teilte seinen Regionalbü- ros mit, sie möchten doch von weiteren derartigen Meldungen Abstand nehmen und das Material vor- erst auf Eis legen. Ich schrieb Benson über diese Entwicklung und fragte ihn demütig, was er für den nächsten Sommer prophezeie. Er antwortete fröhlich daß wenigstens noch eines dieser sommerlichen Phänomene zu er- warten sei, vielleicht auch zwei, aber dann sei Schluß damit. Ein Jahr verging. Ich nahm drei Pfund zu, trank zuviel, hatte Ärger mit meinen Mitarbeitern und be- kam eine Gehaltserhöhung. Ein Telegraphist bekam während der Weihnachtsparty im Büro mit mir Streit, und ich entließ ihn. Meine Frau und die Kin- der trafen nicht im April ein, wie ich es erwartet hat- te. Ich rief Florida an; und meine Frau sagte, sie ha- be das Flugzeug versäumt. Nach weiteren verpaßten Maschinen und weiteren Telefonaten erklärte sie mir endlich, daß sie überhaupt nicht zurückkehren wolle. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden, hielt viel- mehr die bevorstehende Sauregurkenzeit rein intuitiv für wichtiger als die Frage, wer mit wem verheiratet sei. Im Juli traf eine Meldung ein – der neue Mann in der Nachrichtenzentrale nahm sie entgegen. Sie kam aus Hood River, Oregon. Unser dortiger Verbin-, dungsmann berichtete, man habe in und um einen Obstgarten herum über hundert ›grüne Kapseln‹ von ungefähr dreißig Meter Länge beobachtet. Der neue Mann war nicht so neu, als daß ihm nicht die Nach- richtenpolitik der Sauregurkenzeit eingefallen wäre. Er nahm die Meldung nicht ernst, legte sie aber auf meinen Schreibtisch, damit ich sie morgens belustigt zur Kenntnis nehmen konnte. Vermutlich spielte sich in jedem Nachrichtendienst dasselbe ab. Um halb elf sah ich die Grüne-Kapsel-Meldung. Ich ver- suchte, mit Portland zu telefonieren, bekam aber kei- ne Verbindung. Dann klingelte das Telefon, und ei- ner unserer Korrespondenten in Seattle begann auf mich einzubrüllen – und dann war die Leitung tot. Ich zuckte die Achseln und rief Benson in Fort Hicks an. Er war gerade im Polizeirevier und fragte nur: »Ist es so weit?« »Genau«, antwortete ich, las ihm die Meldung aus Hood River vor und erzählte ihm von der Leitungs- störung während meines Telefonats mit Seattle. »Und das ist die Wendung, wie?« »Welch eine Wendung?« »Ich weiß nicht, wer diese Eindringlinge sind, aber … Wie in der Geschichte vom Schafhirten. Immer drohte er den Schafen mit dem bösen, bösen Wolf. Bis der Wolf wirklich –« Dann war die Leitung tot. Aber er hatte schon recht, es war eine Wendung., Die Menschen waren die Schafe. Wir Zeitungsleute und Nachrichtenmänner waren die Hirtenjungen. Aber diese schlauen Wölfe hatten uns überlistet. Wir hatten so oft Alarm geschlagen, daß es niemand für bare Münze nahm, als allerhöchste Alarmstufe war. Die Wölfe, die dann – ohne auf Widerstand zu stoßen – von den Ozarks aus die Erde zerstörten und brandschatzten, waren die Marsbewohner, unter de- ren Joch und Knute wir jetzt eine erbärmliche Exi- stenz führen müssen.,

Menschenfreund

Wenn wir ihm schon einen Namen geben wollen, so nennen wir ihn am besten Smith. Er hatte in der Vergangenheit auf diesen und auf andere Namen gehört. Ein Flüchtling von Beruf. Seine Flucht, das ist wahr, wurde seit Tagen immer langsamer, hatte sich in ein Kriechen verwandelt. Aber er bewegte sich noch – ein grauer Punkt auf der ungeheuren, öden, roten Fläche eines Planeten, der nicht seine Heimat war. Niemand verfolgte Smith, manchmal war er sich darüber im klaren, und er ruhte sich dann aus, aber nicht lange. Nach einer Minute oder auch nach einer Stunde stellte die Angst ihn wieder auf die Beine. Die Gruppe der Verfolger bewegte sich mit ihm. Vielleicht war ganz hinten ein Mitschüler von ihm, eine verschwommene Silhouette. Smith war von Ju- gend an nie ein fairer Kämpfer gewesen. Deutlicher und fester umrissen waren die Bilder seines ersten kommerziellen Unternehmens, des Überfalls. Ein Lastwagenfahrer, an seiner Seite ein Polizist ohne Gesicht. Auch Winkle, der die Sache beinahe der Polizei verpfiffen hätte, marschierte, den Hals in ei- ner Drahtschlinge, hinter ihm her. »Petzer!« schrie Smith abrupt und erschrak vor seiner eigenen Stimme. Zitternd schloß er die Au-, gen, aber Winkle trottete weiter hinter ihm her. Das Ende der Drahtschlinge um seinen Hals schlenkerte bei jedem Schritt. Ein bulliger Wachmann mit durchbohrter Kehle zog seine Kreise um ihn; neben dem Wachmann ent- deckte er den Schatten des wieder auferstandenen Henderson. Die ganze zwölfköpfige Besatzung des gekaperten Leichters marschierte, wie nicht anders zu erwarten, in militärischer Formation, und alle Leute bluteten aus Ohren und Augen, wie das bei Leuten der Fall sein mochte, die ohne Raumanzüge ins All geschos- sen wurden. Das konnte er leidlich ertragen, aber die erste Per- son in der Gruppe gefiel ihm nicht. Sie hatte hier nichts verloren! Wenn das Gespen- ster waren, warum war sie dabei? Soviel er wußte, hatte er sie nicht umgebracht. Amy lebte noch im Freiquartier von Portsmouth. Das ist nicht fair, dach- te Smith, schob sich weiter über die öde Fläche, und Amy folgte ihm mit den Augen. Smith war, kaum auf dem Planeten eingetroffen, zum Freibezirk gegangen und hatte festgestellt, daß sein Ruf ihm vorausgeeilt war. Kleine Männer mit Fuchsgesichtern zollten ihm ihren Respekt; sie hat- ten von seinem Job gehört. Er schüttelte sie ab. Smith hatte die mädchenhaft scheue, grauäugige, Amy im Büro der Transportgesellschaft entdeckt. Sie war mit einem jungen Abteilungsleiter verlobt, Tochter des Aufsichtsratsvorsitzenden, die stolz auf ihren Mut war, in diesem primitiven Büro im Hafen zu arbeiten. Ihren Verlobten zu verscheuchen, das war ein Kinderspiel und ging wie gewohnt reibungslos über die Bühne. Der junge Bursche hatte sich bereitwillig von einem talentierten jungen Mädchen aus dem Freibezirk verführen lassen und war so komisch er- staunt gewesen, als die Fotos dann am Nachrichten- brett des Büros erschienen! Er hatte mit dem nächsten Frachter den Hafen verlassen, und Amys traurig blickende, graue Augen waren feucht gewesen. Die Gruppe, dachte Smith vage, kommt näher, was soviel bedeutet, daß ich praktisch schon tot bin. Ein rascher Tod war vielleicht gar nicht einmal so schlecht. Zu dumm, dachte er weiter, jetzt sind sie wieder vor mir … Aber es war nicht die Gruppe, sondern eine spin- deldürre, kompliziert gebaute Gestalt. Er starrte sie eine Minute lang an und erkannte einen Eingebore- nen des Planeten. Smith überlegte, während er auf das Wesen starr- te, aber ihm fiel nichts ein. Es war eines von den wenigen Problemen, die er nicht berücksichtigt hat-, te. Wäre dieses Wesen ein Polizist gewesen, würde Smith gehandelt haben; er hätte angesichts jedes menschlichen Wesens gehandelt, aber das hier … Ihm fiel nichts anderes ein, als sich hinzulegen, die Kapuze über das Gesicht zu ziehen und einzu- schlafen. Er erwachte in einer unterirdischen Kammer, groß genug für ein halbes Dutzend Leute. Die Kammer war eiförmig und kühl. Das rötliche Sonnenlicht sik- kerte durch die obere Hälfte. Er berührte die Fläche. Es waren Marmorsteine, die mit einer durchsichtigen Plastikmasse verkittet waren. Er kannte diese Ge- steinsart, die rote Wüste war voll davon. Der Wind von Jahrtausenden hatte sie glattpoliert, aber nicht alle waren so gleichförmig wie diese. Sie mußten mit Sorgfalt zusammengelesen worden sein. Die un- tere Hälfte des eiförmigen Käfigs war ein Mosaik aus flachen Steinen und dem gleichen Plastikkitt. Smith stellte fest, daß er erstaunlich klar denken konnte. Die Verfolgergruppe war verschwunden, er war normal und hatte einen Eingeborenen vor sich gesehen, und das hier mußte die Unterkunft des Ein- geborenen sein. Er war hier als ›Lebensmittel‹ auf- bewahrt worden; also mußte er den Eingeborenen töten und wahrscheinlich dessen Körperflüssigkeit trinken, denn seine Feldflasche war schon lange leer. Er zog sein Messer und fragte sich, wie er ihn töten, würde, seine Augen auf die dunkle, kreisförmige Öffnung gerichtet, die zur Oberfläche führte. Die Öffnung füllte sich mit den wirren Gliedma- ßen der Kreatur, und in der Mitte erschien kurioser- weise eine Fünfliterbüchse der Standard-Trans- portgesellschaft. Die STG-Beschriftung war schon verblichen, aber unverkennbar. Wasser? Die Kreatur schien ihm die Büchse ent- gegenzuhalten. Er griff zu und bekam sie mühelos frei. Er klappte den Deckel auf und trank in großen Schlucken das fade, destillierte Wasser. Er spürte, wie sich sein Magen füllte, spürte auch die ersten Anzeichen eines unvermeidlichen Kramp- fes. Der Eingeborene bewegte sich nicht, doch et- was, das wie ein Auge aussah, richtete sich auf ihn. »Salz?« fragte Smith. Seine Stimme klang in der dünnen Luft entsprechend dünn. »Ich brauche Salz mit Wasser.« Die Kreatur rieb zwei ihrer Gliedmaßen, dann hörte er eine wimmernde, an Grillenzirpen erinnern- de Stimme sagen: »Saaah?« »Salz«, wiederholte Smith. Diesmal hörte es sich schon besser an. »Saatz.« Die Kreatur verschwand, und Smith lehnte sich zurück. Sein Magen revoltierte, und er brach das Wasser aus, das er getrunken hatte. Es versickerte spurlos im Boden. Smith krümmte sich zusammen, und stöhnte laut. Dieses Stöhnen erleichterte weder seinen Körper noch seinen Geist; er würde nicht mehr stöhnen, sondern sich den Schmerzen überlas- sen. Nichts – außer allem, was nützlich ist, war schon immer sein Motto gewesen. Während seiner Armee- zeit hatte er keinen falschen Schritt gemacht. Als Amys Verlobter abgehängt war, hatte Smith gewar- tet, bis ihr Vater sich auf eine seiner Inspektionsrei- sen begab. Smith war ihr von einem gemeinsamen Freund vorgestellt worden. Mit Präzision hatte er sie nach und nach, dabei vollkommen unauffällig, so weit gebracht, daß sie aus Neugierde Optol einnahm. Der Abend war sehr lustig gewesen. Sie kam bald wieder und erkundigte sich – natürlich nur neugierdehalber – nach dem Zeug. Nun, die Wirkung stellte sich rasch ein, und er drehte einen hübschen Film von ihr. Als die Wir- kung verflogen war, schilderte sie entzückt, wie ›an- ders‹ alles gewesen sei und wie herrlich sie getanzt habe … »Saaatz!« gab der Eingeborene durch die Öffnung bekannt. Er rollte ihm ein paar Salzbrocken zu. Smith griff nach einem davon, leckte daran und trank vorsichtig Wasser. Er betrachtete dabei den Eingeborenen und steckte schließlich sein Messer ein. Die Kreatur kam in die Höhle gekrochen und pflanzte sich Smith gegenüber auf., Smith trank langsam weiter und dachte: Die Krea- tur kennt ein Messer, kennt auch Wasser und Salz und hat Ahnung von der Sprache. »Kannst du mich verstehen?« Und die Kreatur zirpte: »Aaan-nnn-nathan …« »In Ordnung«, sagte Smith. »Danke.« Er wußte nicht genau, woher das Wasser stammte, nahm jedoch an, daß es innerhalb des Körperbezirks der Kreatur destilliert worden war. Immerhin hatte er beobachtet, daß die Kreatur undefinierbare Kri- stalle in eine Öffnung schob, die offenbar der Mund war. Er wußte auch nicht, womit die Kreatur ihren Le- bensunterhalt verdiente. Sie lag stundenlang in völ- liger Erstarrung da, verschwand plötzlich, brachte ihm Wasser und Nahrung und kehrte die Höhle mit einem besonderen Arm aus. Es dauerte Tage, bis Smith die Kreatur ›richtig‹ sah. Er verglich seinen eigenen Körper mit ihr und kam sich minderwertig vor. Die zahlreichen Gelenke der Gliedmaßen, die bewundernswerte Konstruktion des Auges und die zweckmäßige Anordnung des äußeren Muskelsystems waren in der Tat erstaun- lich. Dann und wann kehrten in der Nacht die Verfol- ger zurück, wenn er träumte, und er wußte beim Er- wachen, daß er geschrien hatte. Er spürte eines der, zahlreichen Glieder der Kreatur auf seiner Stirn, war ihr wegen dieser beruhigend menschlichen Geste dankbar, und er hatte begonnen, in der Versorgung mit Wasser und Nahrung etwas Selbstverständliches zu sehen. Die Unterhaltung mit der Kreatur war so wunder- lich wie nur irgend etwas. Einer von jenen seltenen Samaritern, die sich nicht im mindesten um das Pri- vatleben des hilflosen Wanderers kümmerten. Er erzählte der Kreatur von dem Leben in den Städten des Planeten, und sie zirpte höflich, daß die Städte tatsächlich sehr groß seien. Er erzählte ihr auch von den Freuden der Menschenwesen, was ihm ebenfalls bestätigt wurde. Wachte er nachts auf und fragte die Kreatur, weshalb sie sich um ihn kümme- re, bekam er die Antwort: »Schchlaaf stääärkt Gai- iist.« Schlaf kräftigte den Geist, der Geist koordinierte die Organe des Körpers. Jedenfalls war die Kreatur freundlich, er wußte es, und er kam sich niederträch- tig und verkommen vor, wenn er an eine Person wie – sagen wir Amy, dachte. Amy war nicht gefallen, sie war geführt worden, behutsam an der Hand. Und sie war fröhlich zugrun- de gegangen, Nacht um Nacht. Sie steuerte dem un- vermeidlichen Zusammenbruch entgegen – und ihr Vater kehrte bald von seiner Inspektionsreise zu- rück. Der ganze Prozeß hatte fünfzig Tage gedauert., Ihr Vater, dieser Tölpel … Ein Projektionszim- mer. Ein Schwindel! »Fünfzigtausend, in kleinen, nicht gekennzeichneten …« Das flackernde Bild auf der Projektionsfläche. »Es kann nicht sein!« – »Die Narbe sollten Sie kennen.« – »Ich bringe Sie um!« – »Dann existieren noch die Kopien.« Die Lichter. »Nein, ich glaube es nicht…« – »Fünfzigtausend.« – »Ich bringe Sie um!« Aber er hatte nicht ihn, sondern sich selbst umge- bracht. Smith konnte sich das nicht erklären. So war dieses Unternehmen mißglückt. Darauf ließ Smith zahlreiche Kopien von dem Film herstellen, verkauf- te sie und erhielt beinahe seine Auslagen zurück. Nachdem er sich eine Woche lang intensiv mit die- sem Geschäft befaßt hatte, kam ihm der Gedanke, sich nach Amy zu erkundigen. Sie hatte einen schweren Zusammenbruch gehabt und ihren Arbeitsplatz verloren, nachdem ihr Vater tot war; ihr wirklich skandalöses Benehmen konnte einfach nicht übersehen werden. Sie bekam einen unkonventionellen Job im Freibezirk, gab ihn wieder auf und trieb sich in den Läden der STG herum. Die Wachmänner hatten Anweisung, sie davonzujagen. Sie erschien aber immer wieder und bekam eines Tages das, was sie offenbar gesucht hatte. »Bringe mich hin, wo du mich gefunden hast – mitten in die Wüste.« »Durrrstiggg!« zirpte die Kreatur. »Aamy durrr-, stiggg auchch …« Amy auch durstig. Ein zirpender Moralist. Smith mußte zugeben, daß ihm das irgendwie unter die Haut ging. Eine Welle echten Gefühls rollte über die Welt seiner kalt und nüchtern ausgeklügelten Kon- zepte und Pläne. Es hat mich erwischt, dachte er, endlich erwischt. Er hatte das schon bei anderen erlebt und stets zuge- geben, daß es ihm auch passieren könne – aber es war wie ein Schock. Zögernd, weil es ihm fremd war, fragte er, ob er nicht irgendwie die Wüste in Richtung Portsmouth durchqueren könne. Die Kreatur zirpte beifällig, hol- te Sand in die Höhle und zeichnete mit einem ihrer vielfältigen Glieder etwas, das wie eine Landkarte aussah. Ja, er würde es tun. Er würde versuchen, sich wieder reinzuwaschen, er, der immer eine Abnei- gung gegen den Schmutz gehabt und bis jetzt nicht eingesehen hatte, daß sein Leben ekelhafter als das einer Made und abscheulicher als Aas gewesen war. Er beugte sich über die Zeichnung. Ja, er würde die- sen unglaublich strapaziösen Weg zurücklegen und Amy um Verzeihung bitten. Wer hätte gedacht, daß eine nicht menschliche Kreatur wie diese so etwas fertigbringen würde? Er fühlte sich wieder jung und energiegeladen. Er hatte sein Leben noch vor sich, ein Leben, in dem er zwi-, schen Gut und Böse wählen konnte. Er lachte selbst- bewußt. Doch nun ans Werk! Gute Absichten genügen nicht. Er mußte sich diese Zeichnung genau einprä- gen, mußte sich die Marschausrüsung und den Pro- viant beschaffen … Er folgte mit dem Zeigefinger den Linien der Zeichnung. Die Kreatur führte seine Hand und legte einen ihrer fühlerartigen Arme um seine Schultern. Es juckte ein wenig, aber Smith war entschlossen, diesen Fühler nicht von seiner Schulter zu streifen, um den Bahnbrecher seines neuen Lebens nicht zu beleidigen. Er würde Amy zu einer Kur verhelfen, ihr Geld geben, ihre Vorwürfe standhaft ertragen. Sie würde nicht sofort begreifen, daß er ein anderer und besse- rer Mensch geworden war, daß sich seine zweifel- haften Talente in ehrliches Bemühen – Die Zeichnung im Sand verschwamm vor Smiths Augen. Als er wieder klarer sehen konnte, waren die Zeichnung und der Sand verschwunden. Er blickte zu der hellroten Decke seiner eiförmigen Höhle em- por, wollte sich bewegen und konnte es nicht. Das Jucken auf seinem Rücken war eine Qual. Die Krea- tur blickte nicht mehr auf den zusammengekrümm- ten Insassen dieser Kammer, als sie wieder an die Oberfläche kroch. So etwas Ähnliches wie ein feiner Humor schwebte durch ihre Gedankenwelt, als sie, an ihre Jungen und deren Ungeduld dachte. Heiho! Sie hatte alles getan, hatte auf die kleinen Bissen verzichtet und gewartet, bis dieser große Brocken daherspaziert kam. Sie hatte ihn gefüttert und in gu- ter Laune gehalten, aber dafür würde er auch viele Monate reichen. Die Kleinen hatten zu essen, wür- den wachsen und essen, essen. Heiho! Nas Leben geht weiter, dachte die Kreatur, und man muß eben das Beste daraus machen.,

Die kleine schwarze Tasche

Der alte Dr. Full spürte den kommenden Winter buchstäblich in seinen Knochen, als er die schmale Seitenstraße entlanghinkte. Er war nicht zur Vorder- tür hinausgegangen, hatte statt dessen wegen der braunen Papiertüte unter dem Arm die Hintertür und die Seitenstraße vorgezogen. Er wußte sehr gut, daß die flachgesichtigen, struppig aussehenden Frauen und ihre zahnlückigen, säuerlich riechenden Männer sich nicht daran stören würden, wenn er eine Flasche billigen Wein in seine Wohnung mitnahm. Sie alle tranken dieses Zeug selbst, und außerdem noch Whisky, wenn sie den Lohn für Überstunden ausge- zahlt bekommen hatten. Aber Dr. Full war nicht wie sie; er schämte sich. In dieser schmutzigen Seiten- straße aber passierte das Mißgeschick. Einer der Hunde dieser Gegend – ein niederträchtiger, kleiner, schwarzer, den Dr. Full kannte und haßte, weil er stets die Zähne fletschte und knurrte – kam durch ein Loch im Bretterzaun geschossen und fuhr auf seine Beine los. Dr. Full zuckte zusammen und holte dann mit einem Fuß aus, um dem Köter einen Tritt in die mageren Rippen zu versetzen. Aber er traf nicht den Hund, sondern einen Stein und krümmte sich flu- chend zusammen. Als er den ausgelaufenen Wein roch und feststellte, daß er die braune Papiertüte, fallengelassen hatte, hörte er spontan zu fluchen auf. Der knurrende, schwarze Hund spielte jetzt für Dr. Full nur eine Nebenrolle. Er saß auf dem schmutzigen Pflaster und öffnete mit steifen Fingern die braune Papiertüte, deren Ränder der Kolonialwarenhändler kunstvoll gefalzt hatte. Ein früher herbstlicher Abend war angebro- chen; Dr. Full konnte nicht genau feststellen, was noch übriggeblieben war. Er zog vorsichtig die unte- re Hälfte der Flasche heraus; der obere Teil war zer- brochen. Immerhin war in der unteren Hälfte noch ein guter Schluck vorhanden – und nur das zählte in diesem Augenblick. Alles zu seiner Zeit, zunächst einmal die Flasche. Der Hund kam näher, knurrte drohender. Da pack- te Dr. Full den Flaschenhals und schleuderte ihn nach dem Hund, der jaulend durch das Loch im Zaun zurückkroch. Dr. Full setzte den scharfen Rand der halben Flasche an seine Lippen und schlürfte vorsichtig. Er setzte zweimal ab, doch innerhalb ei- ner Minute hatte er den Rest getrunken. Er wollte aufstehen und weitergehen, doch es war angenehm, hier zu sitzen und sich ganz dem wohltu- enden Einfluß der Wärme zu überlassen, die vom Magen ausgehend langsam seinen ganzen Körper ausfüllte. Ein drei Jahre altes Mädchen in einem billigen Wintermantel zwängte sich durch das gleiche Loch, im Bretterzaun, von dem aus der Hund auf Dr. Full losgesprungen war. Das Mädchen trottete auf Dr. Full zu, schob einen schmutzigen Zeigefinger in den Mund und inspizierte den Mann. Das Glück Dr. Fulls war beinahe vollkommen – er hatte jemanden, der ihm zuhörte. »Ah, meine Kleine«, sagte er heiser. Und dann: »Eine absurde Beschuldigung. ›Wenn Sie das einen Beweis nennen‹, hätte ich sagen sollen, ›dann sollten Sie sich aber sehr vorsehen.‹ Ich hätte sagen sollen: ›Ich war noch vor der Kreismedizinalbehörde hier, jawohl. Und der Lizenzbeamte konnte mir nie etwas nachweisen. Also, Gentlemen, genügt das nicht? Ich appelliere an Sie als Kollegen in einem großen Beruf …‹« Das kleine Mädchen nahm gelangweilt eine Glas- scherbe vom Boden und zog sich wieder durch das Loch im Zaun zurück. Dr. Full hatte sie sofort ver- gessen und redete allein weiter: »Aber bei Gott, sie können mir nichts beweisen. Hat ein Mensch denn keine Rechte mehr?« Er dachte über diese Frage nach, deren Beantwortung im Prinzip so einfach war. Doch für die Kreismedizinalbehörde war die Beantwortung genauso einfach. Die Kälte kroch wieder in seine Knochen, und er hatte nichts mehr, weder Geld noch Alkohol zur Verfügung. Dr. Full redete sich ein, daß irgendwo in der fürchterlichen Unordnung seines Zimmers noch eine, Flasche Whisky auf ihn wartete. Das war ein alter grausamer Trick, den er anwandte, um auf die Beine und überhaupt wieder nach Hause zu kommen. An- derenfalls wäre er sitzengeblieben und erfroren. In seinem Zimmer würden zwar die Wanzen über ihn herfallen, der ekelhafte Gestank aus dem Spülstein würde ihm in die Nase dringen, aber er würde we- nigstens nicht frieren und von den Hunderten von Weinflaschen träumen, die er noch vor sich hatte, den Tausenden von Stunden glückseliger Zufrieden- heit, die er noch genießen würde. Er konzentrierte sich auf die Flasche Whisky, die irgendwo … War sie vielleicht hinter dem Haufen medizinischer Fachzeitschriften? Nein, da hatte er schon neulich nachgesehen. Oder unter dem Spülstein hinter dem rostigen Abflußrohr? Der Trick wirkte, er bildete sich ein, daß die Flasche tatsächlich existierte. Ja, dachte er mit wachsender Zuversicht, ja, das könnte durchaus möglich sein. Mein Gedächtnis ist eben nicht mehr so gut; ich weiß ganz genau, daß ich die Flasche gekauft habe, und ich habe sie für einen Au- genblick wie diesen hinter das dicke Abflußrohr ge- stellt. Die bernsteinfarbene Flasche, der beim Auf- schrauben knisternde Verschluß, dann dieses erfri- schende Aroma in der Kehle, die Wärme im Magen, das dunkle, glückliche Vergessen – all das waren anspornende Verheißungen. Du kannst das alles ha-, ben – alles für dich allein! Du kannst es haben, dach- te er, und die Whiskyflasche hinter dem Abflußrohr wurde allmählich zur Gewißheit. Natürlich hast du sie dort hingestellt, dachte er, natürlich. Und er stützte sich auf das rechte Knie. Als er das tat, hörte er hinter sich einen Aufschrei und sah sich verwun- dert um. Es war das kleine Mädchen, das sich mit der Glasscherbe in den Finger geschnitten hatte. Ei- ne böse Sache. Dr. Full sah das Blut über ihren hel- len Wintermantel rieseln und auf den Boden tropfen. Er war beinahe geneigt, ihretwegen die bernstein- farbene Flasche zu vergessen, aber eben nur beinahe. Er wußte, daß die Flasche da war – unter dem Spül- stein hinter dem Abflußrohr versteckt. Erst einmal nach Hause, einen Schluck trinken und dann die Schnittverletzung des kleinen Mädchens behandeln. Er stützte sich auf das andere Knie, richtete sich ganz auf und trabte auf seine Wohnung zu. Dort konnte er mit gelassenem Optimismus nach der Fla- sche jagen, die nicht da war; erst heiter, dann wild, verzweifelt und schließlich voll gefährlicher Wut. Er würde alle Gegenstände durcheinanderwirbeln, Bü- cher um sich werfen und mit den Fingerknöcheln gegen die Wand trommeln, so daß die alten Narben wieder aufplatzten und das zähflüssige Blut über die Hände rieselte. Und endlich würde er wimmernd auf dem Boden sitzen und in einen Abgrund von Alp- träumen sinken, die seinen Schlaf durchsetzten,, wenn er nicht die nötige Menge getrunken hatte. Nach zwanzig Generationen unentschlossenen Zö- gerns und ›Wir werden die Brücke überqueren, wenn wir erst da sind‹, war der menschliche Genius in eine Sackgasse geraten. Verbissene Biometriker hatten mit einer unwiderlegbaren Logik ausgeführt, daß auch geistig Unterentwickelte geistig Normale und Supernormale hervorbrachten, und daß man die- se Exponentenkurve statistisch verfolgen konnte. Alle Fakten bewiesen die Richtigkeit der Ausfüh- rungen der Biometriker und führten zu dem konse- quenten Schluß, daß die menschliche Art dadurch sehr bald in eine zunächst paradox erscheinende Klemme geraten würde. Das war natürlich eine Art latender Effekt, her- vorgerufen von jener anderen Exponentenfunktion, der Häufung technologischer Vorrichtungen. Ein an der Rechenmaschine ausgebildeter Schwachsinniger schien ein geschickterer ›Computer‹ zu sein, als ein mittelalterlicher Mathematiker, der mit Hilfe seiner Finger gerechnet hatte. Ein Schwachsinniger, der im einundzwanzigsten Jahrhundert eine Zeilensetz- und Gießmaschine bedienen konnte, schien ein besserer Typograph zu sein als ein Drucker der Renaissance, der auf wenige Sätze beweglicher Typen angewiesen war. Und das galt auch für die medizinische Praxis. Es war eine komplizierte Angelegenheit, die sich, aus vielen Faktoren zusammensetzte. Die Super- normalen ›verbesserten das Produkt‹ mit größerer Geschwindigkeit, als es die geistig Unterentwickel- ten herabsetzen konnten, doch in kleinerem Umfang, weil die gründliche Ausbildung ihrer Kinder auf nach Maß angelegter Basis bewerkstelligt wurde. Der Fetisch höherer Bildung hatte in der zwanzig- sten Generation einige geradezu gespenstische Aus- wüchse gezeitigt. Colleges, in denen keiner der ›Studenten‹ auch nur ein einziges dreisilbiges Wort lesen konnte, ›Universitäten‹, in denen solche Grade wie ›Bakkalaureus des Maschinenschreibens‹, ›Mei- ster der Kurzschrift‹ und ›Doktor der Kartothek‹ mit dem bei der Ernennung üblichen traditionellen Pomp gefeiert wurden. Die Handvoll Supernormaler be- nutzte eine solche Einrichtung, um den Eindruck zu erwecken, daß diese Ernennungen ein gesellschaftli- ches Ereignis darstellten. Eines Tages würden die Supernormalen erbar- mungslos die Brücke überqueren; in der zwanzigsten Generation standen sie unentschlossen davor und fragten sich, was mit ihnen geschehen sollte. Und die Geister von zwanzig Generationen Biometriker kicherten boshaft. In dieser zwanzigsten Generation gab es einen gewissen Doktor der Medizin, mit dem wir uns be- fassen wollen. Sein Name war Hemingway – John Hemingway, praktischer Arzt. Er hielt nicht viel da-, von, daß die Patienten mit jeder Kleinigkeit zum Spezialisten liefen, und pflegte ungefähr zu sagen: »Sie brauchen einen guten, alten, praktischen Arzt. Wissen Sie, was ich meine? Nun, ein guter, alter Doktor behauptet nicht, alles über Herz, Lunge und so weiter im Detail zu wissen. Aber der praktische Arzt ist der Mann für alles, und den brauchen Sie, einfach einen Allround-Arzt, das ist es.« Aber man glaube nun nicht, daß Dr. Hemingway nur ein schlechter Arzt war. Er war Geburtshelfer, konnte die Mandeln oder den Blinddarm entfernen, konnte korrekte Diagnosen bei Hunderten von Lei- den stellen und diese Leiden ebenso korrekt behan- deln. Tatsächlich gab es in seinem Beruf nur eins, was er nicht konnte: gegen die alten kanonischen Gesetze der medizinischen Ethik angehen. Und Dr. Hemingway versuchte es erst gar nicht. Eines Abends, Dr. Hemingway plauderte mit ei- nigen Freunden, geschah etwas, das ihn schlagartig in den Mittelpunkt unserer Geschichte rückt. Er hat- te einen harten Tag in der Klinik hinter sich und den Wunsch, sein Freund, der Physiker Walter Gillis, würde endlich einmal den Mund halten. Aber Gillis redete in seiner gestelzten Art weiter: »Eins muß man dem alten Mike neidlos einräumen; er hat nicht das, was wir gemeinhin ›wissenschaftliche Methode‹ zu nennen pflegen, aber er hat das, was nötig ist. Ich sehe ihn da mit Glaskram herumhantieren und frage, ihn, nur so zum Scherz: ›Wie wär’s denn mit einer Zeitmaschine, Mike?‹« Dr. Gillis wußte es nicht, aber Mike hatte einen Intelligenzquotienten, der sechsmal höher war als sein eigener. Dabei war Mike lediglich sein Hand- langer. Mike stach sie alle aus, diese Pseudo- Physiker in den Pseudo-Laboratorien, aber er hatte die Aufgabe, die Flaschen, Kolben und Gläser sau- ber zu spülen. Das war eine soziale Ungerechtigkeit, aber wie bereits erwähnt, standen die Supernormalen noch vor der Brücke. Ihre Unentschlossenheit führte zu vielen derartigen, grotesken Situationen. Kurz und gut, Mike spülte im Labor die Flaschen, fand diese Tätigkeit immer langweiliger und war boshaft genug – aber lassen wir das Dr. Gillis erzählen … »Da nannte er mir diese Röhrennummern und sag- te: ›Serienschaltung‹. Und nun lassen Sie mich in Frieden. Bauen Sie sich ihre verdammte Zeitmaschi- ne, setzen Sie sich ‘rein und schalten Sie ein. Mehr verlange ich nicht, Doktor Gillis, mehr verlange ich nicht.« »Sie erinnern sich aber sehr gut, nicht wahr Dok- tor?« sagte eine hübsche, lebhafte Blondine und sah ihn mit einem gefühlvollen Lächeln an. »Nun ja«, sagte Gillis bescheiden, »ich erinnere mich immer gut. Eine angeborene Fähigkeit. Jeden- falls erzählte ich das meiner Sekretärin, die alles auf- schrieb. Ich lese vielleicht nicht so gut, aber ganz, gewiß kann ich mich gut erinnern. – Wo war ich ste- hengeblieben? « »Bei den Röhren – oder den Flaschen.« »Sie sagten etwas von ›Zeit‹ und ›Maschine‹.« »Sie sprachen auch von einem ›Schalter‹ – nicht wahr?« »Schalten – nicht Schalter.« Dr. Gillis wölbte seine noblen Augenbrauen. »Von einer Zeitmaschine – ja. Einer Zeitreise – was man unter einer Reise durch die Zeiten versteht. Dann nahm ich die Seriennummern, die er mir gab, und brachte sie nach seinem Schema an. Und hier ist meine Zeitmaschine. Sie befördert die Objekte wirk- lich gut durch die Zeit.« Er zeigte ein kleines Kästchen. »Was ist da drin?« fragte die hübsche Blondine. »Zeitreise«, sagte Dr. Hemingway zu ihr. »Beför- dert Objekte durch die Zeit.« »Sehen Sie!« Gillis, der Physiker, nahm Dr. He- mingways kleine schwarze Tasche und legte sie auf den Kasten. Er schaltete ein – die kleine, schwarze Tasche war verschwunden. »Das ist – hmhm! – beachtlich«, meinte Dr. He- mingway. »Und jetzt möchte ich sie wiederhaben.« »Was?« »Mein kleine, schwarze Tasche will ich wieder- haben.« »Die Objekte kommen nicht wieder«, erklärte Dr., Gillis. »Ich habe es schon umgekehrt versucht, aber sie kommen nicht wieder. Ich denke, dieser Eierkopf von Mike hat mich hereingelegt.« Alle verdammten Mike, aber Dr. Hemingway nahm nicht daran teil. Er hatte das vage Gefühl, et- was unternehmen zu müssen, und sprach: »Ich bin Arzt, und ein Arzt muß seine kleine, schwarze Ta- sche haben. Wenn ich die Tasche nun nicht bekom- me – bin ich dann kein Arzt mehr?« Absurd, dachte er. Er wußte ja schließlich, daß er Arzt war. Also liegt es an der Tasche. Unsinn! Morgen würde er sich in der Klinik eine neue Tasche besorgen. Von dieser Attrappe namens Al. Er konnte einiges, aber er war nur eine Attrappe, mit der man sich nicht in- telligent unterhalten konnte. Al war ziemlich ungehalten, was die verschwun- dene kleine, schwarze Tasche betraf, aber Dr. He- mingway konnte sich nicht mehr genau an alles er- innern … Der alte Dr. Full wechselte aus den Alpträumen der Nacht in die Alpträume des Tages über. Seine kleb- rigen Augenlider begannen zu flattern. Er saß in ei- ner Ecke seines Zimmers, und irgend etwas verur- sachte ein leises trommelndes Geräusch. Er kam sich sehr alt und verkrampft vor. Er blickte an sich herab und lachte krächzend. Sein linker Schuhabsatz machte dieses Geräusch! Das Delirium macht sich, wieder bemerkbar, dachte er leidenschaftslos. Er wischte sich mit seinen blutigen Knöcheln den Mund ab, und das Zittern wurde stärker, das Trom- meln lauter und langsamer. Heute morgen habe ich eine Chance, dachte er sarkastisch, eine Gnadenfrist, wenn eine Gnadenfrist für seinen alten Körper mit den infernalischen endlosen Kopfschmerzen und der rostigen Steifheit in den Gelenken noch etwas war, wofür man dankbar zu sein hatte. Da war doch etwas mit einem kleinen Kind, dach- te er verschwommen. Er wollte ein Kind behandeln. Seine glasigen Augen blickten auf die kleine, schwarze Tasche in der Mitte des Zimmers, und er vergaß das Kind wieder. »Ich könnte schwören«, sagte Dr. Full, »daß ich die Tasche vor zwei Jahren ins Pfandhaus gebracht habe!« Er beugte sich vor, griff nach der Tasche und stellte fest, daß es die Ta- sche eines Fremden war. Wie war sie nur in sein Zimmer gekommen? Er öffnete versuchsweise das Schloß. Es sprang auf, und die Tasche sah plötzlich unwahrscheinlich groß aus. An allen vier Seiten wa- ren Reihen und Reihen von Instrumenten und Medi- kamenten. Er wußte nicht, wie man eine Tasche der- art falten konnte, daß das alles darin Platz hatte. Si- cher ein Patent der Herstellerfirma. Diesmal, dachte er zufrieden, werde ich im Pfandhaus mehr Geld be- kommen. Eingedenk der alten Zeiten ließ er seinen Blick, und seine Finger über die Instrumente gleiten. Dann klappte er die Tasche gefühllos zu, um sie zum Pfandhaus zu tragen. Manche Instrumente waren ihm fremd, doch er kannte die Messer, Lanzetten, Knochenzangen und Wundhaken, Nadeln und Injek- tionsspritzen … Flüchtig kam ihm der Gedanke, die Injektionsspritzen und -nadeln gesondert einigen Rauschgiftsüchtigen zu verkaufen. Lassen wir das, dachte er und betrachtete noch einmal die Tasche. Er blieb stehen und vergaß bei- nahe, daß er mit ihr zum Pfandhaus wollte. Wirklich, die Tasche interessierte ihn eigentlich gar nicht. Er hatte ein Ziel vor Augen, so fiel es ihm nicht einmal allzu schwer, auf die Beine zu kommen. Ich gehe durch die Vordertür, dachte er, und dann den Bürgersteig entlang. Aber zuerst – Er stellte die Tasche auf den Küchentisch und öff- nete sie noch einmal. Jetzt interessierten ihn im we- sentlichen die verschiedenen Fläschchen und Röhr- chen. »Alles da, worauf das autonome Nervensy- stem anspricht«, murmelte er. Die Röhrchen waren numeriert, und ihr Verwendungszweck war auf einer Plastikkarte gesondert angegeben. Auf der linken Seite waren die Systeme aufgeführt – vaskulär, muskulär, neural. Er folgte der letzten Eintragung nach rechts. Dort waren Angaben wie ›stimulierend‹ ›depressiv‹ und so fort. Unter ›Nervensystem‹ und ›Depression‹ entdeckte er Nummer 17, ein kleines, Glasröhrchen. Es enthielt hübsch aussehende blaue Pillen. Er nahm eine heraus und schluckte sie hinun- ter. So mußte einem Menschen zumute sein, den ein Blitz getroffen hatte! Dr. Full hatte das Gefühl des Wohlbefindens so lange vermißt, abgesehen von den relativ kurzen Augenblicken der Trunkenheit, daß er vergessen hat- te, was für ein Gefühl das eigentlich war. Zunächst bekam er einen Schreck, als dieses ungewohnte Ge- fühl sich bis in die Fingerspitzen in seinem Körper ausbreitete. Dann richtete er sich verwundert auf. Seine Schmerzen waren verflogen, sein Bein zitterte nicht mehr. Großartig, dachte er, denn jetzt konnte er sogar im Schnellschritt zum Pfandhaus, die kleine, schwarze Tasche verpfänden und eine Flasche Whisky kaufen. Er ging die Treppenstufen hinunter. Nicht einmal die helle Morgensonne stach ihm in die Augen. Die kleine Tasche in seiner linken Hand hatte ein Ge- wicht, das man als angenehm bezeichnen konnte. Er ging aufrecht, wie er feststellte, und nicht so ge- krümmt und irgendwie verstohlen, wie es ihm wäh- rend der verflossenen Jahre zur Gewohnheit gewor- den war. Ein wenig Selbstachtung, dachte er, genau das brauche ich. Wenn man unten gelandet ist, so bedeutet das noch lange nicht, daß man ewig – »Doktor, bitte, kommen Sie!« rief jemand und, zupfte an seinem Ärmel. »Das kleine Mädchen hat sich verbrannt!« Die Frau war eine von jenen unzäh- ligen flachgesichtigen, struppig aussehenden Slum- bewohnerinnen; sie hatte sich ein ausgefranstes Tuch umgeworfen. »Ich praktiziere nicht mehr«, sagte er heiser, aber sie ließ sich nicht abschütteln. »Kommen Sie mit hinein, Doktor!« sagte sie, ihn in eine Tür ziehend. »Sehen Sie nach dem Mädchen. Ich habe zwei Dollar – kommen Sie nachsehen!« Das ließ die Angelegenheit schon in einem ande- ren Licht erscheinen. Die Frau zog ihn in eine unordentlich aussehende, nach Kohl riechende Wohnung. Er kannte die Frau – besser gesagt, er wußte, wer sie war – eine Neue, die gestern abend eingezogen war. Die Leute hier zogen gewöhnlich in der Dunkelheit ein oder aus, packten ihr Mobiliar auf die wackligen Lastwagen von Freunden und Bekannten und fluchten und tranken bis in die Nacht hinein. Sie war neu hier, deshalb hatte sie ihn angehalten. Sie wußte nicht, daß der alte Dr. Full ein versoffener Kerl war, dem niemand traute. Die kleine, schwarze Tasche war sein Aus- hängeschild gewesen. Dann blickte er auf ein dreijähriges Mädchen her- ab, das – so vermutete er – eben in ein frisch bezo- genes Bett gepackt worden war. Der Himmel wußte, auf welch einer muffigen, schmutzigen Matratze sie, normalerweise schlafen mußte. Er schien sie wieder- zuerkennen, als er den blutverkrusteten Verband an ihrer rechten Hand sah. Zwei Dollar, dachte er… Ihr dünner Arm wies eine häßliche Rötung auf. Er be- rührte mit dem Finger die Ellenbogenbeuge, spürte kleine Pusteln unter der Haut. Dabei verschob sich der Verband. Das kleine Mädchen begann dünn zu wimmern, und die Mutter neben dem Bett weinte auch. »Gehen Sie hinaus«, sagte er, und die Frau schlurfte, noch immer schluchzend, davon. Zwei Dollar, dachte er … Gib deine Vorstellung, nimm das Geld und gib ihr den Rat, das Mädchen zur Klinik zu bringen. Das war keine Verbrennung, sondern eine Blutvergiftung. Kein Wunder, bei so einer schmutzigen Seitenstraße. Ein Wunder viel- mehr, daß aus den Kindern hier überhaupt noch Er- wachsene wurden. Er setzte die kleine, schwarze Ta- sche ab und drückte auf das Schloß. Sie klappte so- fort auf. Er nahm eine Verbandschere, schob die un- tere flache Klinge unter den Verband und schnitt ihn vorsichtig durch. Es war erstaunlich, wie gut die Schere schnitt – fast von allein. Zweifellos hat sich seit meiner Zeit die Technik enorm verfeinert, dachte er. Er steckte die Schere wieder in die Schlaufe und beugte sich über die Wunde. Angesichts der häßlichen Verletzung stieß er einen leisen Pfiff aus. Die Infektion hatte rasch, von dem mageren Körper des Mädchens Besitz er- griffen. Also – was war nun weiter zu tun? Seine Hände betasteten unsicher die Instrumente in der Tasche. Wenn er die Wunde schnitt, so daß der Eiter abfloß, dann glaubte die Frau sicher, er habe seine Arbeit getan, und er bekam die zwei Dollar. Aber in der Klinik würde man wieder wissen wollen, wer diese Operation vorgenommen hatte, und am Ende noch einen Polizeibeamten schicken. Mal sehen, vielleicht war etwas in der Tasche, das … Er entdeckte auf der linken Seite der Plastikkarte die Spalte ›lymphatisch‹, und auf der rechten die Spalte ›Infektion‹. Das kam ihm merkwürdig vor; er sah noch einmal genauer hin, aber es stimmte. In dem Kästchen, wo sich die beiden Spalten kreuzten, las er die Bezeichnung ›IV-g-3 cc‹. Er konnte kein Fläschchen mit römischen Zahlen finden, doch dann stellte er fest, daß das die Bezeichnung der Infekti- onsnadeln war. Er zog Nummer IV aus der Schlaufe. Die Nadel war schon angebracht, auch das Serum war schon im Glaszylinder. Was für eine Art, diese Dinger so herumzutragen! So – 3 cc von dem, was in der Injektionsspritze war, mußte gegen die Infektion im Lymphsystem etwas ausrichten. Und es war eine Infektion des Lymphsystems, soviel stand fest. Doch was bedeutete das ›g‹? Er betrachtete den Glaszylin- der und sah dann auf dem oberen Zylinderverschluß eingravierte Kleinbuchstaben von ›a‹ bis ›i‹. Er stell-, te auch fest, daß sich diese Buchstaben auf einem flachen Drehknopf befanden, und die gleichen Buchstaben tauchten noch einmal auf dem Glaszy- linder auf, und zwar gegenüber der Kalibrierung. Achselzuckend drehte der alte Dr. Full den Knopf auf ›g‹ und hob die Injektionsspritze in Augenhöhe. Als er auf den Kolben drückte, sah er nicht die übli- che dünne Fontäne aus der hohlen Nadel spritzen und stellte bei näherer Betrachtung fest, daß die Na- delspitze anscheinend nicht geöffnet war. Er drückte noch einmal und sah ein feines Serumtröpfchen, das aber sofort wieder verschwunden war. Vielleicht ist das die erforderliche Menge, dachte er und stach versuchsweise in seinen eigenen Arm. Ja, die Stelle rötete sich leicht, obwohl er den Einstich nicht ge- spürt hatte. Was immer auch in dem Glaszylinder war, es konnte nichts schaden, wenn die Beschrif- tungen übereinstimmten. Er injizierte sich mit 3 cc, zog die Nadel heraus. Es entstand eine kleine Schwellung – schmerzlos, aber durchaus normal. Dann gab er dem fiebernden Mädchen eine Injek- tion. Sie wimmerte weiter vor sich hin, als die Nadel in die Haut drang und die Schwellung sichtbar wur- de. Einige Minuten später atmete sie plötzlich heftig ein und war dann ganz still. Eine jähe Panik erfaßte ihn. Nun ist es passiert, dachte er mit kaltem Entsetzen; du hast sie mit die- sem Zeug umgebracht!, Dann richtete sich das Mädchen auf und fragte: »Wo ist meine Mama?« Verwundert griff Dr. Full nach ihrem Arm und betastete den Ellenbogen. Kein Zweifel, die Infekti- on war abgeklungen, die Temperatur schien völlig normal zu sein, der Puls war stärker geworden und nicht schneller als bei einem fieberfreien Kind. In der plötzlichen Stille hörte er draußen in der Küche die Mutter des Mädchens schluchzen. Und er hörte auch die süßliche Stimme einer jungen Frau: »Wird sie wieder gesund, Doktor?« Er drehte sich um und sah eine hagere, schmut- zigblonde Schlampe von ungefähr achtzehn Jahren im Türrahmen lehnen. Ihre Augen blickten ihn belu- stigt und verächtlich an. »Doktor Full«, sagte sie, jede Silbe betonend, »ich habe von Ihnen gehört. Versuchen Sie bloß nicht, von der alten Dame Geld zu kassieren. Sie können ja noch nicht mal ’ne kran- ke Katze kurieren.« »Tatsächlich?« brummte er. Diese junge Person hatte dringend eine Lektion nötig. »Aber vielleicht sehen Sie sich meine Patientin einmal an.« »Wo ist meine Mama?« fragte das kleine Mäd- chen, und die Blonde riß erstaunt den Mund auf. Dann ging sie ans Bett und fragte vorsichtig: »Alles in Ordnung, Teresa?« »Wo ist meine Mama?« fragte Teresa. Dann deu- tete sie mit ihrem verletzten Arm auf den Doktor., »Du hast mich gepiekt!« warf sie ihm vor und ki- cherte grundlos. »Nun, Doktor«, sagte die Blonde, »ich glaube, ich muß das zurücknehmen. Aber die geschwätzigen Frauen hier in der Nachbarschaft behaupten, Sie hät- ten keine … Ich meine, sie sagen, Sie wären über- haupt kein richtiger Arzt.« »Ich praktiziere nicht mehr«, sagte er. »Ich vertre- te nur einen Kollegen. Ihre Mutter sah mich auf der Straße und –« Ein geringschätziges Lächeln. Er drückte auf das Schloß und die Tasche faltete sich zusammen. »Die Tasche haben Sie doch gestohlen«, sagte das Mädchen flach. Er begann herumzustottern. »Niemand vertraut Ihnen so eine Tasche an. Die muß eine Menge wert sein. Sie haben sie gestohlen. Ich wollte Sie schon zurückhalten, hatte aber den Eindruck, daß Sie Teresa nichts Böses antaten. Na ja, aber als Sie von einer ›Vertretung‹ redeten, wußte ich sofort Bescheid. Geben Sie mir ‘nen Anteil, sonst gehe ich zur Polizei. So etwas muß wenigstens seine dreiundzwanzig Dollar wert sein.« Schüchtern trat die Mutter ein. Ihre Augen waren gerötet, aber sie stieß einen Freudenschrei aus, als sie das kleine Mädchen quietschvergnügt im Bett sitzen sah. Sie fiel auf die Knie, betete, sprang wie- der auf, küßte Dr. Full die Hand und zerrte ihn in die, Küche, wobei sie ununterbrochen redete, während die Augen der Blonden immer kälter blickten. Dr. Full ließ sich in die Küche zerren, lehnte aber eine Tasse Kaffee, einen Teller mit Anisplätzchen und Johannisbrot ab. »Dann versuche es doch mal mit Wein, Mama«, sagte das Mädchen mit boshaftem Unterton. »Hurra!« rief die Frau entzückt. »Trinken Sie ein Glas Wein, Doktor?« Schon stand eine Karaffe mit einer purpurroten Flüssigkeit vor ihm, und die Blon- de kicherte, als seine Hand danach zuckte. Aber er zog die Hand zurück und malte sich die altvertrauten Vorgefühle aus, die Blume, den Geschmack und die magen- und gliederwärmende Glut. Und nebenbei stellte er Berechnungen an, denn die entzückte Frau würde gar nicht merken, daß er zwei Gläser trank, und wenn er ihre Begeisterung schürte, so hatte er noch einmal zwei volle Gläser vor sich. Doch zum erstenmal seit Jahren schwenkte er plötzlich um und betrachtete den Alkohol aus einer anderen Perspektive: Er war wütend auf das blonde Mädchen, das ihn durchschaut hatte, und er war stolz auf die geglückte Behandlung der kleinen Pati- entin. Er staunte, daß er seine Hand von der Karaffe zurückgezogen hatte, und hörte sich souverän sagen: »Nein, danke. Ich habe nicht vor, schon so früh am Tag zu trinken.« Verstohlen beobachtete er das Ge- sicht der Blonden und nahm befriedigt zur Kenntnis,, daß sie sich wunderte. Dann drückte ihm die Mutter schüchtern zwei Dollar in die Hand und sagte: »Ist ja nicht viel Geld, Doktor, aber – aber Sie werden doch noch mal nach Teresa sehen kommen?« »Ich werde diesen Fall selbstverständlich weiter- verfolgen«, sagte er. »Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß wirklich gehen.« Er griff nach der kleinen, schwarzen Tasche und stand auf. Er flüchtete praktisch – vor dem Wein und dem blon- den Mädchen. »Warten Sie, Doktor«, sagte die Blonde, »ich ge- he in die gleiche Richtung.« Sie folgte ihm hinaus und die Straße entlang. Er ignorierte sie, bis er ihre Hand auf der schwarzen Tasche spürte. Da blieb er stehen und versuchte, reinen Tisch zu machen. »Sehen Sie, meine Liebe, vielleicht haben Sie recht. Möglicherweise habe ich die Tasche gestoh- len. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, wie ich an sie gekommen bin. Aber Sie sind jung und können Ihr Geld auf andere Weise –« »Halb und halb«, sagte sie, »oder ich gehe zur Po- lizei. Und wenn Sie noch ein Wort darüber verlieren, dann ist es sechzigvierzig, und Sie wissen, wer das kürzere Ende bekommt, Doktor!« Er gab sich geschlagen und marschierte zum Pfandhaus. Ihre unverschämte Hand lag noch immer auf der schwarzen Tasche, und ihre Schuhabsätze klapperten den gleichen Takt., Doch im Pfandhaus erwartete beide eine Enttäu- schung. »Das ist keine Standardtasche«, sagte der Pfand- leiher. »So etwas habe ich noch nicht gesehen. Ir- gendein Import aus Japan, wie? Versuchen Sie’s mal anderswo. Ich kann so etwas nie verkaufen.« Im nächsten Pfandhaus machte man ihnen ein Angebot von einem Dollar. Sie hörten die gleiche Klage: »Ich bin kein Sammler, Mister. Ich nehme an, was ich wieder verkaufen kann. Und wem könn- te ich die Tasche verkaufen? Einem Chinesen viel- leicht, der von medizinischen Instrumenten keine Ahnung hat? Jedes Stück sieht so merkwürdig aus – hm! Sind Sie sicher, daß Sie das nicht alles selbst gemacht haben?« Sie nahmen das Eindollarangebot nicht an. Das Mädchen war verärgert und fühlte sich zum Narren gehalten. Auch Dr. Full fühlte sich zum Nar- ren gehalten, aber er triumphierte. Er hatte immerhin zwei Dollar, und das Mädchen hatte nur die Hälfte von dem, was niemand haben wollte. Aber plötzlich wunderte er sich – er hatte mit dem Inhalt dieser Ta- sche das kleine Mädchen schlagartig heilen können – oder nicht? »Wollen Sie nicht aufgeben?« fragte er die Blon- de. »Sie haben ja gesehen, daß die Tasche praktisch wertlos ist.« Sie dachte angestrengt nach. »Fliegen Sie nur, nicht gleich davon, Doktor. Ich begreife das zwar alles nicht, aber irgend etwas geht hier vor … Ob diese Burschen wertvolles Zeug kennen, wenn sie es sehen?« »Bestimmt. Sie leben davon. Wo diese Instrumen- tentasche auch herkommen mag –« »Aber Sie wissen’s nicht, wie? Nun, vielleicht kann ich es herausfinden. Kommen Sie mit hinein. Ich lasse nicht locker. Da steckt Geld drin. Irgend- wie. Ich weiß nicht wie, aber da steckt Geld drin.« Er folgte ihr in ein Selbstbedienungsrestaurant und dort in eine fast leere Ecke. Sie achtete nicht auf die Blicke und das Gekicher der anderen Gäste, als sie die schwarze Tasche öffnete und gründlich durchstöberte. Sie nahm einen Wundrandhalter aus einer der Schlaufen, betrachtete ihn, warf ihn ver- ächtlich weg, nahm ein Spekulum, warf auch das weg und hielt dann eine Pinzette vor ihre jungen scharfen Augen – und sah, was die trüben alten Au- gen des Arztes nicht gesehen hätten. Alles, was der alte Dr. Full wußte, war, daß sie die Pinzette betrachtete und plötzlich weiß im Ge- sicht wurde. Sehr sorgfältig packte sie das Instru- ment wieder ein und legte auch den Wundrandhalter und das Spekulum auf ihre Plätze zurück. »Nun?« fragte er. »Was haben Sie entdeckt?« »Made in USA«, antwortete sie heiser. »Patent angemeldet – Juli 2450.«, Er wollte ihr sagen, daß sie den Warenaufdruck falsch interpretiert hatte, daß es ein Versehen war, daß es – Aber er wußte, daß es stimmte. Die Verbandsche- re hatte seine Finger förmlich geführt. Die Injekti- onsnadel, die keine Öffnung hatte. Die hübsche blaue Pille, die ihn mobilisiert hatte wie ein Donner- schlag. »Wissen Sie, was ich machen werde?« fragte die Blonde, plötzlich munter geworden. »Ich gehe in eine Charmeschule. Das gefällt Ihnen – was, Dok- tor? Wir werden uns nämlich noch öfter sehen.« Der alte Dr. Full antwortete nicht. Er hatte gedan- kenverloren mit der Plastikkarte aus der Instrumen- tentasche gespielt und dabei die Zahlen- und Buch- stabenreihen betrachtet, nach denen er sich erfolg- reich gerichtet hatte. Die Karte hatte eine leichte Wölbung, die man hin und her drücken konnte. Er bemerkte verblüfft, daß nach jedem ›Schnapp‹ ein anderer Text auf der Karte erschien. Schnapp: ›Das Messer mit dem blauen Punkt auf dem Heft ist nur für Tumore bestimmt. Diagnostiziere Tumore mit Instrument 7; dem Tumortester. Setze den Tumorte- ster –‹ Schnapp: ›Eine Überdosis der rosafarbenen Pillen in Flasche 3 neutralisiert man mit einer wei- ßen Pille aus Flasche –‹ Schnapp: ›Halte die Sutur- nadel am lochlosen Ende. Berühre damit einen Rand der Wunde, die geschlossen werden soll, und lasse, los. Ist der Knoten da, dann –‹ Schnapp: ›Halte den oberen Teil der Zange in Nähe der –‹ Schnapp. Der Programmierer sah in der oberen linken Ecke der Kopie ›Flannery 1 – Medizin‹, kritzelte ›auf 75 trimmen‹ darauf und schob sie über den hufeisen- förmigen Kopiertisch Piper zu, die sich mit Edna Flannerys Klatschspaltenexpose beschäftigt hatte. Sie ist sehr hübsch, dachte er, aber wie alle jungen Leute schreibt sie ein bißchen übertrieben. Daher auch ›trimmen‹. Piper fütterte eine Rathausgeschichte ein, hielt mit der einen Hand Flannerys Feature fest und tippte mit der Bleistiftspitze, jedesmal Tippen ein Wort, im gleichen steten Rhythmus wie ein Fernschreiber. Zunächst las er nicht genau und betrachtete nur die Buchstaben und Worte, um festzustellen, ob sie auch dem Heraldstil entsprachen. Das regelmäßige Tip- pen des Bleistifts wurde gelegentlich von Pausen unterbrochen, wenn die Spitze beispielsweise einen schwarzen Strich durch das Wort ›Brüste‹ zog und es durch ›Brust‹ ersetzte, oder wenn ein hochflie- gender Buchstabe zurückgeholt oder Buchstaben zusammengerückt werden mußten, weil Flannery versehentlich auf die Leertaste gedrückt hatte. Als er das Blatt gelesen hatte, begann er noch einmal von vorn. Am Ende des Textes ›Flannery Add 2 – Medizin‹, stoppte der Bleistift. Der Programmierer, er war die- ses Geräusch gewohnt, blickte sofort auf. Er sah Pi- per ratlos auf den Text starren. Ohne ein Wort zu verschwenden, schob der Korrektor das Blatt über den Hufeisenschreibtisch dem Chef zu, bekam eine Polizeistory zugeschoben, beugte sich darüber und begann mit dem Bleistift zu tippen. Der andere Mann las bis zum vierten Absatz, sagte zu Howard: »Vertreten Sie mich«, und stampfte durch die Lokal- redaktion zu dem Glasabteil, wo der Redakteur saß. Er legte ihm Flannerys Artikel vor und sagte: »Sie behauptet, das sei kein Schwindel.« Der Redakteur las: »Das trübe Kapitel der Quacksalberei, das der He- rald in dieser Artikelserie zu durchleuchten versucht, wurde heute erfreulicherweise aufgelockert. Die Re- porterin kann zur Abwechslung berichten, daß es sich bei Dr. Bayard Full – obwohl er sich unortho- doxer Praktiken bedient, die das Mißtrauen der mit Recht überempfindlichen Kreismedizinalbehörde auf sich gezogen haben – um einen echten ›Heiler‹ han- delt, der in vorbildlicher Weise die Ideale seines Be- rufes in Ehren hält. Die Reporterin erfuhr den Namen Dr. Fulls vom Komitee einer Medizinalbehörde und brachte weiter in Erfahrung, daß er am 18. Juli 1941 aus der Ärzte- vereinigung ausgeschlossen worden war, weil er an- geblich zahlreiche Patienten ausgenommen bezie-, hungsweise ihnen Krankheiten vorgeschwindelt hat- te. Nach Zeugenaussagen zu urteilen, redete er sei- nen Patienten unter anderem Krebsleiden ein und gab vor, eine lebensverlängernde Behandlungsme- thode zu kennen, die natürlich viel Geld kostete. Nach seinem Ausschluß aus der Ärztevereinigung verschwand Dr. Full zunächst einmal, und man hörte erst wieder von ihm, als er in einem Sandsteinge- bäude, das seit Jahren ein Logierhaus gewesen war, ein ›Sanatorium‹ eröffnete. Nun, die Reporterin fuhr zu diesem Sanatorium in der 89. Straße. Sie war darauf gefaßt, unordentliche Räumlichkeiten und vernachlässigte Instrumente vorzufinden, wie sie das bei dem Dutzend Kurpfu- scher, die dem Leser bereits vorgestellt wurden, er- lebt hatte. Sie irrte sich! Dr. Fulls Sanatorium war geradezu ein Musterbei- spiel von Sauberkeit und Hygiene, angefangen von der außerordentlich geschmackvollen Empfangshalle bis zu den glänzenden weißen Behandlungsräumen. Die attraktive blonde Empfangsdame, die die Repor- terin begrüßte, machte einen korrekten Eindruck. Sie erkundigte sich nach Namen und Adresse und der Art der Beschwerden. Die Reporterin sprach, wie üblich, von ›nagenden Rückenschmerzen‹ worauf das Mädchen ihr sofort Platz anbot. Kurze Zeit spä- ter wurde sie in einen Behandlungsraum im ersten, Stock geführt und Dr. Full vorgestellt. Dr. Fulls turbulente Vergangenheit, wie sie der Sprecher der Ärztevereinigung schilderte, kann man sich angesichts seiner gegenwärtigen Erscheinung kaum vorstellen. Ein weißhaariger, gepflegt ausse- hender Mann Mitte Sechzig, mittelgroß, offenbar in ausgezeichneter körperlicher Verfassung, klarer Blick. Seine Stimme war angenehm und freundlich, nicht zu vergleichen mit dem unterwürfigen, schmei- chelnden Tonfall, den die Reporterin nur allzugut kennengelernt hatte. Die Empfangsdame verließ nicht den Raum, als er – nach einigen Fragen bezüglich der Natur der Schmerzen – mit der Untersuchung begann. Schon nach einer Minute stellte er die erstaunliche Diagno- se: ›Sie haben keine eigentlichen Schmerzen, junge Frau. Ihnen wird bekannt sein, daß gewisse seelische Erschütterungen Schmerzen verursachen können. Sollten die Schmerzen nicht verschwinden, so su- chen Sie am besten einen Psychologen oder einen Psychiater auf. Weil Ihre Schmerzen nicht physi- scher Natur sind, kann ich nichts für Sie tun.‹ Seine direkte Art raubte der Reporterin den Atem. Wußte er, daß sie als – sagen wir, Spionin gekom- men war? Sie versuchte es also noch einmal: ›Viel- leicht möbeln Sie mich ein bißchen auf, Doktor. Ich fühle mich auch irgendwie zerschlagen. Sicher brau- che ich ein Kräftigungsmitteln Ein Hinweis, auf den, bisher noch alle Kurpfuscher hereinfielen. Wie die Reporterin bereits in den vorangegangenen Artikeln erwähnte, unterzog sie sich vor ihrer ›Quacksalber- jagd‹ einer gründlichen Untersuchung. Laut Befund ist sie in bester Kondition, mit Ausnahme einer Nar- be an der unteren Spitze des linken Lungenflügels. Diese Narbe stammt von einem tuberkulösen Anfall, den sie als kleines Mädchen hatte. Auch eine leichte Überaktivität der Schilddrüse wurde festgestellt. Dr. Full willigte in eine gründliche Untersuchung ein und nahm dabei eine Anzahl tadellos blitzender Instrumente zur Hilfe; die meisten waren der Repor- terin unbekannt. Das erste Instrument war eine Röh- re mit einem gewölbten Zifferblatt auf dem oberen Ende, und an beiden Enden waren Drähte ange- bracht, die in runden Scheiben endeten. Eine dieser Scheiben legte er auf den rechten Handrücken der Reporterin, die andere auf den linken Handrücken. ›Notieren Sie‹, sagte er zu der aufmerksamen Emp- fangsdame, die die von ihm genannten Angaben in ein Formular eintrug. Diese Prozedur wurde noch einige Male an allen möglichen Körperstellen wie- derholt. Der Reporterin war eine derartige Untersu- chungsmethode unbekannt, so daß sie letzten Endes doch glaubte, es mit einem ausgemachten Quacksal- ber zu tun zu haben. Dann ließ Dr. Full sich das ausgefüllte Formular reichen, wechselte ein paar Worte mit der Dame und, sagte zur Reporterin: »Ich habe eine leichte Überak- tivität Ihrer Schilddrüse festgestellt, junge Frau. Au- ßerdem hat die Spitze ihres linken Lungenflügels eine kleine Narbe. Es ist nichts Ernstes, aber ich möchte mir diese Narbe einmal genauer ansehen.« Er nahm ein Instrument, das der Reporterin als so- genanntes Spekulum bekannt war – ein scherenför- miges Instrument zum Auseinanderhalten der Wän- de von Hohlräumen, beispielsweise des Ohrs oder der Nase, damit der Arzt genauer hineinblicken kann. Wie dem auch sei, das Instrument war zu groß, um ein Ohren- oder Nasenspekulum zu sein; es war aber auch zu klein, um etwas anderes vorzustel- len. Als die Reporterin des ›Herald‹ diesbezügliche Fragen stellen wollte, sagte die Dame: ›Es ist bei uns so üblich, daß den Patienten während einer Lungen- untersuchung die Augen verbunden werden. Darf ich?‹ Die Reporterin, einigermaßen befremdet, ließ sich mit einer tadellos sauberen Bandage die Augen verbinden und wartete nervös auf die weitere Ent- wicklung der Dinge. Sie kann immer noch nicht mit Sicherheit sagen, was geschah, als sie die Binde vor den Augen hatte. Sie spürte etwas Kaltes auf der linken Seite des Brustkorbs – eine Kälte, die in ihren Körper einzu- dringen schien. Plötzlich war dieses Gefühl ver- schwunden, und sie hörte Dr. Full mit sachlicher Stimme sagen: ›Sie haben eine alte tuberkulöse Ka-, verne, an sich bedeutungslos, aber ein aktiver Mensch wie Sie braucht viel Sauerstoff. Bleiben Sie noch kurze Zeit ruhig liegen.‹ Dann stellte sich wieder diese Kälte ein und dau- erte diesmal ein wenig länger. Danach nahm man der Reporterin die Binde von den Augen. Die Repor- terin sah nicht die kleinste Narbe, und doch sagte der Arzt zu ihr: ›Wir haben einige Bindegewebsfasern entfernt und ein paar sogenannte Alveoli einge- pflanzt – das sind winzige Vorrichtungen, die die Funktion der Lungenbläschen übernehmen. Sie ho- len den Sauerstoff aus der Luft, der über die Lunge dann ins Blut gelangt. Was Ihre Schilddrüsenfunkti- on betrifft, so haben Sie sich mit Ihrer ganzen Per- sönlichkeit darauf eingestellt. Nun zu Ihren Rücken- schmerzen. Erkundigen Sie sich bei der Kreismedi- zinalbehörde nach einem guten Psychiater. Und neh- men Sie sich vor Quacksalbern in acht, junge Frau, von denen gibt es mehr als genug.‹ Die Reporterin erkundigte sich nach der Höhe der Untersuchungsgebühr und erfuhr, daß sie fünfzig Dollar zu zahlen habe. Wie immer zögerte die Re- porterin die Bezahlung hinaus, um zunächst die auf der Rechnung aufgeführten ärztlichen Leistungen zur Kenntnis zu nehmen. Doch Dr. Full schrieb ganz einfach: ›Für die Entfernung von Bindegewebe aus der linken Lungenspitze und eingesetzte Alveoli be- rechnen wir …‹ Dann unterschrieb er., Natürlich hatte die Reporterin nichts Eiligeres zu tun, als nach dem Verlassen des Sanatoriums sofort den Lungenspezialisten aufzusuchen, mit dem sie während ihrer Ermittlungen zusammenarbeitete. Ein Vergleich der Röntgenaufnahmen, so dachte sie, würde diesen Dr. Full als König aller Scharlatane und Quacksalber entlarven. Der Spezialist lachte schallend, als die Reporterin ihm von dieser ›Operation‹ erzählte, aber er lachte nicht mehr, als er die neue Röntgenaufnahme mit der alten verglich. Er machte an jenem Nachmittag noch sechs Röntgenaufnahmen von der Lunge der Repor- terin – mit dem gleichen Ergebnis. Die Herald- Reporterin hat somit den authentischen Beweis, daß ein vor achtzehn Tagen festgestellter Tuberkulose- herd verschwunden und durch gesundes Gewebe ersetzt worden ist. Der Spezialist erklärte, dieser Fall habe in der Geschichte der Medizin keine Parallele. Er teilt jedoch nicht die Überzeugung der Reporte- rin, daß allein Dr. Full für diese Veränderung ver- antwortlich ist. Die Herald-Reporterin sieht hingegen nur diese eine Möglichkeit. Sie zieht den Schluß, daß Dr. Bayard Full – wie immer seine Vergangenheit aus- sehen mag – zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein zwar unorthodoxer, doch außerordentlich erfolgreicher Arzt ist, in dessen Hände die Reporterin sich im Dringlichkeitsfall jederzeit begeben würde., Wesentlich anders liegen die Dinge im Fall von ›Reverend‹ Annie Dimsworth – eine habgierige Schwindlerin, die unter der Maske der Redlichkeit die leidenden Unwissenden ausbeutet, die in ihren ›Heilungssalon‹ kommen, um sich helfen zu lassen, und in Wirklichkeit nur ›Reverend‹ Annie Dims- worth helfen, eine reiche Frau zu werden. Annies Bankkonto weist zur Zeit die stattliche Summe von 53 238,64 Dollar auf. Im morgigen Artikel wird die Reporterin mittels Kopien und eidesstattlichen Aus- sagen den Beweis erbringen, daß –« An dieser Stelle ließ der Redakteur Edna Flanne- rys Bericht über die Randerscheinungen der Medizin sinken, tippte mit dem Bleistiftende gegen seine Vorderzähne und versuchte, unbeeinflußt zu denken. Schließlich sagte er zu dem Korrektor: »Streichen Sie die Story aus der Kurpfuscherserie, meiner Auf- fassung nach gehört sie da nicht hinein.« Das Haustelefon surrte, ein rotes Licht flammte auf, was soviel bedeutete, daß der Herausgeber und der Chefredakteur der Zeitung ihn zu sprechen wünschten. Der Redakteur dachte kurz, daß man über diesen Dr. Full möglicherweise einen Sonder- bericht bringen könne, dachte aber im gleichen Atemzug, daß es niemand glauben und man ihn am Ende noch für einen Aufschneider halten würde. Er piekte die Story auf den ›toten‹ Haken und beant- wortete den Anruf., Dr. Full hatte an Angie beinahe Gefallen gefunden. Als seine Praxis sich ausdehnte, immer größer wur- de und sich schließlich in das bekannte Sanatorium verwandelte, schien Angie gewissermaßen mitzu- wachsen. Oh, natürlich haben wir unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten, dachte er. Das Mädchen interessierte sich beispielsweise zu sehr für das Geld. Sie hatte sich auf die kosmetische Chirurgie spezialisieren wollen – die Runzeln alter reicher Frauen entfernen und so weiter. Zunächst waren sich beide nicht darüber im klaren, daß sie nicht die Eigentümer, sondern nur die Verwahrer der kleinen, schwarzen Tasche mit ihrem wunderbaren Inhalt waren. Er hatte versucht, die Instrumente zu analysieren, doch vergeblich. Alle waren leicht radioaktiv, ein Geigerzähler sprach auf sie an, aber kein Elek- troskop. Ihre magnetischen Eigenschaften waren wi- dersinnig. Manchmal reagierten die Instrumente stark auf Magnetfelder, manchmal weniger, manch- mal überhaupt nicht. Er hatte schon einmal geglaubt, daß die Instrumente irgendeinen winzigen Mecha- nismus enthalten müßten, doch eine Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen zeigte ein negatives Ergebnis. O ja, sie waren auch immer sterilisiert und rosteten nicht. Der Staub glitt einfach von ihnen ab, wenn man sie nur ein wenig bewegte. Nun, das konnte er, verstehen; sie ionisierten den Staub, ionisierten sich vielleicht selbst – oder irgend so ein Vorgang. Er hatte in dieser Richtung etwas gelesen, das mit Schallplatten zu tun hatte. Sie weiß so etwas natürlich nicht, dachte er stolz. Sie führte die Bücher, korrekt übrigens, und spornte ihn an, wenn er sich nach Bequemlichkeit sehnte. Der Umzug in ein vornehmeres Stadtviertel und spä- ter das Sanatorium waren ihre Idee gewesen. Gut, gut, damit vergrößerte sich seine nutzbringende Tä- tigkeit. Sollte sie doch ihren Nerzmantel und ihr Ka- briolett haben. Er selbst war zu beschäftigt und zu alt, um an Vergnügungen denken zu können. Und er hatte auch eine Menge gut zu machen, wie ihm schien. Dr. Full dachte glücklich an seinen größten Plan. Das würde ihr zwar nicht gefallen, aber sie würde die Logik dieses Entschlusses erkennen. Dieses wunderbare Geschenk, das ihnen zuteil geworden war, mußte weitergegeben werden. Ja, und Angie würde einsehen, daß es richtig war, diese kleine, schwarze Tasche der gesamten Menschheit zur Ver- fügung zu stellen. Er würde sie wahrscheinlich der Chirurgischen Fakultät überreichen, ganz unauffällig und beschei- den – nun ja, vielleicht im Rahmen einer kleinen Ze- remonie –, und er hätte auch gern eine kleine Erin- nerung gehabt, vielleicht einen Pokal oder eine ein-, gerahmte Urkunde. Sollten die Giganten der Heil- kunst entscheiden, wer den Nutzen davon haben sollte. Er für seine Person war froh, die Tasche aus der Hand geben zu können. Ja, Angie würde das ver- stehen, denn sie war ein gutherziges Mädchen. Es war großartig von ihr, daß sie sich in neuester Zeit so sehr für die chirurgische Seite interessiert hatte. Sie erkundigte sich nach den Instrumenten, las auch stundenlang die Instruktionskarten und prakti- zierte sogar an Meerschweinchen. Wenn etwas von seiner Liebe zur Menschheit auf sie übergegangen ist, dachte der alte Dr. Full sentimental, dann habe ich nicht umsonst gelebt. Dr. Full hielt sich im Behandlungsraum des Sand- steingebäudes auf. Durch das Fenster konnte er den Vorplatz überblicken. Er sah Angies gelbes Kabrio- lett vor dem Portal halten. Er liebte es, sie die Trep- pe heraufsteigen zu sehen. Ja, ein sensibles Mädchen wie sie würde seinen Entschluß verstehen. Da stieg noch jemand aus dem Kabriolett, eine dicke Frau, aufgetakelt und launisch wirkend, schnaufte die Treppenstufen hinauf. Was sie wohl wollte? Dann trat Angie, gefolgt von der dicken Frau, in den Behandlungsraum. »Doktor«, sagte das blonde Mädchen ernst, »darf ich Ihnen Mrs. Coleman vorstellen?« »Oh, Doktor, Miss Aquella hat mir soviel von Ih- nen und Ihren Behandlungsmethoden erzählt!« spru-, delte Mrs. Coleman hervor. Ehe er etwas sagen konnte, warf Angie ein: »Wol- len Sie uns einen Augenblick entschuldigen, Mrs. Coleman?« Sie griff nach dem Arm des Arztes und führte ihn in die Empfangshalle. »Hören Sie, Doktor«, flüsterte sie rasch. »Ich weiß, daß es Ihnen gegen den Strich geht, aber ich konnte mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich traf diese alte Schnepfe in der Gymnastikklasse bei Elizabeth Barton. Niemand un- terhielt sich mit ihr. Sie ist Witwe. Ihr Mann war so ein Neureicher, denke ich, und sie hat einen Haufen Geld. Ich erzählte ihr, Sie hätten ein System, mit dem Sie die Falten und Runzeln wegmassieren kön- nen. Mein Vorschlag ist, ihr die Augen zu verbinden und mit einem Hautserienmesser den Hals aufzu- schneiden. Ein Schuß Firmol in die Muskeln, dann mit einem Abschabinstrument etwas von diesem Walfischspeck wegkratzen und alles mit diesem Hautstraffungsspray behandeln. Sie zahlt fünfhun- dert Dollar. Jetzt sagen sie nur nicht nein, Doktor. Lassen Sie mich das machen. Nur einmal. Ich habe lange genug mit Ihnen gearbeitet und kenne mich aus.« »Nun gut«, sagte Dr. Full. Er wollte ihr in abseh- barer Zeit von seinem größten Plan erzählen und be- schloß, ihr diesmal ihren Willen zu lassen. Sie kehrten wieder in den Behandlungsraum zu-, rück, und Mrs. Coleman hatte sich die Geschichte inzwischen durch den Kopf gehen lassen. Sie fragte sofort: »Ihr System ist doch permanent – oder nicht?« »Es ist permanent, Ma’am«, sagte er kurz. »Wol- len Sie sich bitte hier hinlegen? Miss Aquella, eine keimfreie Augenbinde für Mrs. Coleman.« Er kehrte der dicken Frau den Rücken zu, um eine Unterhal- tung zu vermeiden. Er tat, als richte er die Lampen. Angie legte der dicken Frau die Augenbinde an, während Dr. Full die Instrumente bereitlegte. Er gab dem Mädchen ein Paar Wundrandhalter und sagte: »Einfach hineingleiten lassen, wenn ich schneide und –«. Sie blickte ihn alarmiert an und deutete auf die liegende dicke Frau. Er dämpfte seine Stimme. »Ziehen Sie die – die Halter weg, wenn ich es sage …« Dr. Full hielt das Hautserienmesser dicht vor sei- ne Augen und stellte den Schieber auf drei Zentime- ter Tiefe. Er seufzte leise, als ihm der Gedanke kam, daß diese Klinge einen ›inoperablen‹ Halstumor ent- fernt hatte. »Sehr gut«, murmelte er, sich über die Frau beu- gend. Die Klinge verschwand unter der Haut, schob sich durch das Gewebe wie ein Finger durch Queck- silber und hinterließ keine Wundspur. Nur die Wundrandhalter konnten den Schnitt auseinander- halten., Mrs. Coleman bewegte sich und plapperte: »Das ist so ein eigenartiges Gefühl, Doktor. Sind Sie si- cher, daß Sie richtig reiben?« »Vollkommen sicher, Ma’am«, antwortete Dr. Full mürrisch. »Wollen Sie nun versuchen, während der Massage nicht zu sprechen?« Er nickte Angie zu. Die Klinge sank tiefer und durchtrennte wunderbarerweise nur das Gewebe, ohne die Blutadern zu verletzen. Dr. Full wußte nicht, woran das lag, hatte es noch nie gewußt, aber in diesem Fall fühlte er sich gedemütigt und ernied- rigt. Angie schob den Wundrandhalter in den Ein- schnitt, als er das Messer herauszog. Sie sah einen blutlosen Muskelstrang mit blaugrauen Sehnen. Der Arzt griff nach einer Injektionsspritze – Nummer IX, auf ›g‹ eingestellt – und hob sie in Augenhöhe. Ja, es hatte alles seine Richtigkeit. Er schob die Nadel in den Muskelstrang. Er nahm dann ein kleines Ab- schabinstrument, beförderte das gelbliche Fettgewe- be heraus, warf es in den Verbrennungsapparat und nickte Angie zu. Sie zog den Wundrandhalter her- aus, und die Schnittflächen schoben sich, jetzt ein- fallend, nahtlos zusammen. Der Arzt hielt schon ei- nen mit einem Hautstraffungsmittel gefüllten Zer- stäuber bereit und sprühte kurz. Die Haut straffte sich zu einer neuen faltenlosen Halslinie. Als er die Instrumente zur Seite gelegt hatte, nahm Angie Mrs. Coleman die Augenbinde ab und, gab fröhlich bekannt: »Wir sind fertig, Mrs. Cole- man! In der Empfangshalle ist ein großer Spiegel.« Mrs. Coleman ließ sich das nicht zweimal sagen, tastete mit den Fingerspitzen über die Haut ihres Halses und rannte in die Halle. Dr. Full zog eine Grimasse, als er ihren Entzückensschrei und Angie mit einem verhaltenen Lächeln sagen hörte: »Ich lasse mir von ihr den Scheck geben und komplimen- tiere sie hinaus. Sie werden nicht mehr von ihr belä- stigt werden.« Er war ihr sehr dankbar für diesen Hinweis. Angie folgte Mrs. Coleman in die Empfangshalle, und Dr. Full betrachtete mit verträumtem Blick die Instrumente. Gewiß, eine kleine Feier, dazu war er berechtigt. Nicht jeder, dachte er, übergibt eine so sichere Geldeinnahmequelle der Allgemeinheit. Aber wenn man ein Alter erreicht hat, in dem das Geld keine sehr große Rolle mehr spielt, und wenn man seine Vergangenheit noch einmal überdenkt, so sieht man viele Dinge mit anderen Augen. Der Arzt war kein religiöser Mensch, aber nun, da die Zeit nahte, dachte man doch an dieses und an jenes … Angie kam mit einem Scheck in der Hand wieder. »Fünfhundert Dollar«, sagte sie sachlich. »Und Sie wissen doch, nicht wahr, daß wir sie auch weiterhin behandeln können. Zentimeter um Zentimeter – je- der fünfhundert Dollar!« »Über das Geld wollte ich mich mit Ihnen unter-, halten, Angie«, sagte er und dachte: In ihren Augen steht Furcht geschrieben – aber warum? »Sie waren ein gutes und verständnisvolles Mädchen, Angie«, sprach er weiter, »aber wir können nicht in alle Ewigkeit praktizieren.« »Reden wir ein andermal davon, jetzt bin ich mü- de«, erwiderte sie. »Nein – ich habe wirklich das Gefühl, daß wir die Instrumente hinreichend für unsere persönlichen Zwecke benützt haben. Darum werde ich all diese Instrumente –« »Halt, Doktor!« fauchte sie. »Sagen Sie das nicht, sonst tut es Ihnen bestimmt leid!« Und in ihren Au- gen war jener Blick, der ihn an die hagere, hohläugi- ge, schmutzigblonde Kreatur erinnerte, die sie ein- mal gewesen war. Unter dem dünnen Lack, den die ›Schule für Charme‹ über sie gegossen hatte, kam die Straßengöre zum Vorschein, die ihre Kindheit auf einer schmutzigen Matratze verbracht hatte. »Ich habe den Entschluß gefaßt«, sagte Dr. Full gereizt. »Ich werde die Instrumente der Chirurgi- schen Abteilung der Universität übergeben. Sie ha- ben uns genug Geld eingebracht. Wir können uns ein Haus kaufen. Ich habe selbst schon an ein wärmeres Klima gedacht.« Er ärgerte sich über sie und war daher völlig unvorbereitet auf das, was im nächsten Augenblick geschah. Angie schnappte sich die kleine, schwarze Tasche, und rannte, Panik in ihren Augen, auf die Tür zu. Er stolperte hinter ihr her, bekam ihren Arm zu fassen und drehte ihn in jäher Wut herum. Fluchend zer- kratzte sie ihm mit den Fingernägeln der freien Hand das Gesicht. Bei dieser Szene berührte jemand das Schloß der schwarzen Tasche. Sie klappte auf; ein halbes Dutzend Instrumente fielen auf den Fußbo- den. »Sehen Sie, was Sie getan haben!« brüllte Dr. Full sie an. Ihre Hand hatte den Griff der Tasche wie ein Schraubstock umklammert, aber sie blieb auf der Stelle stehen und zitterte ebenfalls vor Wut. Er bück- te sich steif, um die Instrumente aufzulesen. Unver- nünftiges Geschöpf! dachte er verbittert. Macht noch eine Szene – Da spürte er zwischen seinen Schulterblättern ei- nen jähen Schmerz und stürzte mit dem Gesicht nach unten. Es wurde dunkel. »Unvernünftiges Ge- schöpf!« krächzte er. »Aber sie werden wissen, daß ich die Tasche …« Angie blickte auf seine hingestreckte Gestalt. In seinem Rücken steckte noch das Messer-Nummer 6, Brandserie … durchschneidet alle Gewebe. Für Am- putationen. Außerordentliche Vorsicht in Nähe le- benswichtiger Organe, Arterien und Nervenstränge geboten!‹ »Das wollte ich nicht tun«, flüsterte Angie, blaß vor Entsetzen. Jetzt würde der Kriminalbeamte kom-, men, der unerbittliche Kriminalbeamte. Sie würde laufen, sich drehen und winden, aber der Kriminal- beamte würde sie finden. Und dann der Gerichtssaal, der Richter, die Geschworenenbank, der Anwalt würde reden, aber die Geschworenen nicht überzeu- gen können, und die Schlagzeilen der Zeitungen würden gellend schreien: ›Blonde Mörderin schul- dig!‹ Dann vielleicht der Gang zum elektrischen Stuhl … Ein kahler Korridor … Ein Sonnenstrahl in der staubigen Luft … am Ende des Korridors eine eiserne Tür. Ihr Nerzmantel, ihr Kabriolett, ihre Kleider und der husche junge Mann, den sie heiraten wollte, nichts mehr, nichts mehr… Der Nebel dieses Kinoklischees verschwand, und sie wußte, was als nächstes zu tun war. Der Verbren- nungsapparat … Man warf etwas hinein und drückte auf den Knopf; dann hörte man ein scharfes Zischen, öffnete man wieder die Klappe, dann war der Inhalt verschwunden. Angie nahm ein anderes Messer der gleichen Serie und machte sich an die Arbeit. Wie gut, daß dabei kaum ein Tropfen Blut floß. Innerhalb von drei Stunden hatte sie ihre grausige Arbeit be- endet. Sie schlief nicht gut in jener Nacht. Schreckensbil- der quälten sie. Doch am Morgen war ihr zumute, als habe der Arzt nie existiert. Sie frühstückte und kleidete sich mit der üblichen Sorgfalt an. Es hat, sich nichts verändert, dachte sie. Du tust genau das, was du immer getan hast, und nach ein, zwei Tagen kannst du die Polizei benachrichtigen. Dann erzählst du ihr, er wollte etwas trinken gehen und sei dann nicht mehr wiedergekommen. Nur nichts überstür- zen, Baby, nur nichts überstürzen. Mrs. Coleman sollte um zehn Uhr erscheinen. Angie war überzeugt gewesen, den Arzt zu einer weiteren Fünfhundertdollarbehandlung überreden zu können. Jetzt mußte sie das selbst bewerkstelligen – nun ja, früher oder später hätte sie ohnehin damit beginnen müssen. Die Frau traf schon früher ein, und Angie sagte geschmeidig: »Der Arzt hat mich gebeten, heute selbst die Massage vorzunehmen, Mrs. Coleman. Der Gewebefestigungsprozeß hat nämlich schon be- gonnen; der Masseur muß nur die spezielle Methode des Arztes kennen.« Während sie sprach, streifte ihr Blick die Instrumententasche – offen! Sie verfluchte sich selbst wegen dieser Unvorsichtigkeit, als die Frau auch schon ihrem Blick folgte und zusammen- zuckte. »Was sind das für Instrumente?« fragte sie angst- voll. »Wollen Sie mich schneiden? Ich dachte mir doch, daß etwas –« »Bitte, Mrs. Coleman«, sagte Angie. »Bitte, mei- ne liebe Mrs. Coleman, das sind die – die Massage- instrumente!«, »Massageinstrumente – um Himmels willen!« rief die dicke Frau mit schriller Stimme. »Dieser Doktor hat mich operiert. Mein Gott, er hätte mich umbrin- gen können!« Angie nahm wortlos eines der kleineren Hautmes- ser und stach die Klinge in ihren Unterarm. Das soll- te diese alte Kuh überzeugen, dachte sie. Es überzeugte sie nicht, jagte ihr jedoch einen Schrecken ein. »Was haben Sie gemacht? Ein Scherzartikel, wie? Die Klinge gleitet einfach ins Heft zurück, nicht wahr? Ja, das ist es!« »Sehen Sie einmal genau hin, Mrs. Coleman.« Angie dachte verzweifelt an die fünfhundert Dollar. »Sehen Sie ganz genau hin. Dieses – eh – Unter- hautmassagegerät bearbeitet die Muskulatur auf di- rektem Wege. Das ist das ganze Geheimnis der Me- thode des Arztes. Und wie könnte eine Außenmas- sage die Wirkung haben, die wir gestern nachmittag erzielten?« Mrs. Coleman beruhigte sich allmählich. »Es hat geholfen, das ist wahr«, gab sie zu und streichelte ihren nun fast glatten Hals. »Aber zwischen Arm und Hals ist schließlich ein Unterschied. Versuchen Sie es doch mal an Ihrem Hals!« Angie lächelte … Al kehrte nach einem ausgezeichneten Essen, das ihn beinahe mit den drei weiteren Dienstmonaten aussöhnte, in die Klinik zurück. Bevor er seinen, Platz einnahm, warf er einen routinemäßigen Blick auf die Taschen-Anzeigetafel. Was er sah, ließ ihn verwundert aufstehen. Neben einer der Nummern brannte ein rotes Licht – zum erstenmal, solange er zurückdenken konnte. Er las die Nummer ab und murmelte: »Okay, 674101, damit hätten wir sie.« Er drückte diese Nummer in eine Karteitastatur und hatte wenige Sekunden später die Karte in der Hand. Hemingways Tasche! Dieser Strohkopf wußte nicht, wie und wo er sie verloren hatte. Keiner von ihnen wußte so etwas. Hunderte von Taschen flogen in der Gegend herum. In solchen Fällen ließ Al die Tasche angeschaltet. Die Instrumente arbeiteten praktisch von allein, und es war auch praktisch unmöglich, daß sich jemand verletzen konnte. Fand sie jemand in der Not, dann konnte er sie benutzen. Aber rotes Licht bedeutete fahrlässige Tötung. Er blickte vorsichtig herum, um sich zu vergewissern, daß kein Mediziner in der Nä- he war, schaltete die Sprechanlage ein und verlangte den Polizeidirektor zu sprechen. »Es liegt hier eine fahrlässige Tötung vor«, sagte er, »ausgeführt mit einem Instrument aus der Tasche 674101. Sie ging vor einigen Monaten verloren. Ge- hört einem meiner Leute, einem Doktor John He- mingway. Er konnte über die Begleitumstände keine ausführliche Erklärung abgeben.« Der Polizeidirektor seufzte tief und sagte: »Ich, werde ihn rufen lassen und ihm die nötigen Fragen stellen.« Al blieb einen Augenblick vor der Taschen- Anzeigetafel stehen und betrachtete das rote Licht. Eine elementare, doch schon schwindende Kraft hat- te es aufblitzen lassen. Der letzte Akt. Die Warnung, daß die Instrumententasche 674101 sich in den Hän- den eines Mörders befand. Mit einem Seufzer zog Al den Stecker aus der Fassung, und das rote Licht er- losch. »Pfui!« höhnte Mrs. Coleman. »Sie spielen mit dem Messer an meinem Genick herum, aber Ihren eige- nen Hals wagen Sie nicht anzurühren!« Angie lächelte selbstbewußt – ein Lächeln, das selbst hartgesottene Leichenhausbedienstete mit Grauen erfüllt hätte. Sie stellte das Messer der Haut- serie auf drei Zentimeter ein, bevor sie sich selbst die Klinge quer über den Hals führte. Lächelnd und wissend, daß die Klinge nur die äußerste Schicht der Haut durchdringen und auf wunderbare, unerklärli- che Weise das Muskelgewebe und alle Blutadern zur Seite schieben würde, führte sie den Schnitt aus. Sie lächelte noch immer, als die Klinge unter der Haut ihres Halses verschwand und mühelos das Muskelgewebe, die Blutgefäße und die Schlagader durchtrennte. Angie hatte sich selbst die Kehle durchgeschnitten., Das schrille Kreischen von Mrs. Coleman brachte innerhalb von wenigen Minuten die Polizei auf den Plan. Als die Polizei eintraf, waren die Instrumente mit Rost bedeckt und der Inhalt der Fläschchen, Glasröhrchen und Ampullen in Verwesung überge- gangen. Alles hatte sich in einen schwarzen Schleim verwandelt, der einen faulen Gestank verbreitete, wenn man einen der Behälter öffnete.,

Mit diesen Händen

Halvorsen wartete im Kanzleibüro, während Monsi- gnore Reedy sich um die drei Personen kümmerte, die vor ihm eingelassen worden waren. Er fühlte sich etwas schwindlig vor Hunger und sah nur ver- schwommen, wie der Sekretär des Prälats ihm zu- winkte. Er stand auf, als der Sekretär die Tür zu Monsignore Reedys Zimmer öffnete und abwartend daneben stehenblieb. Der Künstler durchquerte den Raum und vergaß seine an den Stuhl gelehnte Mappe. Vor der Tür fiel sie ihm wieder ein, und er machte verlegen noch einmal kehrt. Der Sekretär sah ihn ohne jeden Vor- wurf an. »Danke«, murmelte Halvorsen, als die Tür sich schloß. Der Prälat machte einen sonderbaren Eindruck auf den Künstler. »Ich habe die Entwürfe für die Stationen mitge- bracht, Pater«, sagte er, die Mappe öffnend und auf den Schreibtisch legend. »Schlechte Nachrichten, Roald«, sagte der Mon- signore. »Ich weiß, daß Sie schon damit gerechnet haben, der Kommission …« »Hat jemand anders den Auftrag bekommen?« fragte der Künstler und stützte sich auf die Schreib-, tischkante. »Ich dachte, seine Eminenz hätte endgül- tig entschieden, daß ich –« »Das ist es nicht«, erwiderte der Monsignore, »aber der Diözese ist – nach einem bischöflichen Dekret – ein Stereopantograph zugewiesen worden. Und seine Eminenz –« »Diese widerlichen Imitationen eines Stereopan- tographen!« protestierte Halvorsen. »So natürlich wie ein Glasauge! Da steckt nichts dahinter. Sie wis- sen das, Pater!« »Tut mir leid, Roald«, sagte der Monsignore. »Ih- re Arbeiten sind – wenigstens in meinen Augen – besser als die eines Stereopantographen. Aber da gibt es noch andere Überlegungen, und –« »Geld!« fauchte der Künstler. »Ja, Geld«, gab der Prälat zu. »Seine Eminenz möchte noch vor seinem Tod die Beendigung des St.-Xavier-Bauprogramms erleben. Ist das etwa falsch, Roald? Und da sind unsere Schulen, unsere Stiftungen und unsere Venus-Mission. Der Stereo- pantograph bedeutet eine sehr wesentliche Ersparnis. Selbst wenn es mir möglich wäre, würde ich nicht widersprechen.« Der Prälat betrachtete die Entwürfe zu den Stationen des Leidensweges und murmelte: »Ihre heilige Veronika. Sehr hübsch. Erinnert mich an eine der abgehärmten Heiligen von Caravaggio. Ich hätte sie gern in Bronze bewundert.« »Ich auch«, sagte Halvorsen heiser. »Behalten Sie, die Zeichnungen, Pater.« Er ging zur Tür. »Aber das kann ich nicht –« »Schon in Ordnung.« Der Künstler ging blindlings an dem Sekretär vorbei, aus der Kanzlei und hinaus in den Frühlings- sonnenschein der Fifth Avenue. Er hoffte, daß Mon- signore Reedy an den Zeichnungen Gefallen finden und sich seiner Worte schämen würde. Und er, Hal- vorsen, war froh, nicht mehr die schwere Mappe schleppen zu brauchen. Alles war in letzter Zeit so schwer – Meißel, Hammer, Palette. Vielleicht ließ ihm der Prälat etwas zukommen, in Form von Spe- sen oder einem Vorschuß, wie das in der Vergan- genheit schon der Fall gewesen war. Halvorsen ging die Avenue hinauf. Nein, es wür- de keinen Vorschuß mehr geben. Seine letzte Ein- nahmequelle war versiegt – wegen einer Erklärung im Osservatore Romano. Der religiöse Konservati- vismus hatte auf künstlerischem Gebiet die äußerste Grenze erreicht. Als ganz Europa schon auf dem neuen, ungeripp- ten Papier schrieb, kritzelte die Kirche noch auf altes Papyrus. Als alle Architekten und städtischen Denkmalkomitees sich dem Stereopantographen zuwandten, hielt sich die Kirche an die gediegene Skulptur. Aber das war jetzt vorbei. Er kam an einem SPG-Salon vorbei, in dem jetzt einer seiner ehemaligen Schüler arbeitete. Doch in, der Hauptsache setzte sich die Belegschaft aus trä- gen, launischen Mädchen zusammen. Halvorsen, über sich selbst verwundert, trat ein und ging an den halbnackten, durchsichtigen Plastikstatuen vorbei, die ihm eine Gänsehaut über Nacken und Rücken rieseln ließen. Blödsinn! dachte er. Wie kann man nur so etwas –? »Darf ich – oh, hallo, Roald. Was führt Sie denn hierher?« Erst jetzt wußte er, was ihn hierher geführt hatte. »Kann ich einen kleinen Vorschuß auf den Unter- richt im nächsten Monat haben, Lewis? Ich bin blank.« Er blickte nervös in dieser Schreckenskam- mer herum, um den Blick des Mannes zu vermeiden. »Genügen zehn Dollar? Damit kämen Sie bis zum Fünfundzwanzigsten über die Runden, wie?« »Sicher, sicher. Okay.« »Sehen Sie sich einmal um. Ich weiß, daß Sie nicht viel von Stereopantographen halten, aber jetzt ist es gerade ruhig, und da können Sie unsere Ar- beitsmethoden kennenlernen. Ich will nicht behaup- ten, daß es Kunst mit einem großen ›K‹ ist, aber es ist eine Kunst – etwas, das die Leute zu einem Preis kaufen, den sie sich leisten können. Kennen Sie das hier?« Er hörte sich sagen: »Ja. Die ägyptischen Bild- hauer benutzten so etwas, als sie die Skulpturen der Pharaonen schufen.«, »So? Das wußte ich gar nicht. Gibt nichts Neues unter der Sonne, wie? Aber das hier ist das Herz des Stereopantographen.« Der Jüngling öffnete stolz ei- ne Tür. Halvorsen sah eine elektronische Apparatur, deren Röhren ihn düster anzwinkerten. »Das Ästhetikon?« fragte er teilnahmslos. Dabei war er nicht teilnahmslos und wollte nur seinen Är- ger nicht zur Schau stellen. Er war wütend auf die- sen seelenlosen Mechanismus, der in der Lage war, den Bildern die gewünschte Wirkung zu verleihen und einen Künstler von Format brotlos zu machen. »Das Ästhetikon«, bestätigte der junge Mann. »Wir können es überall anwenden: primitiv, grob, sexy, geistig, intellektuell oder alles zusammen. Es liefert den ›Geist‹, den wir gerade brauchen. Und es macht die schönsten Reproduktionen, die vom Ori- ginal nicht zu unterscheiden sind. Schade, daß heute kein derartiger Auftrag läuft. Es ist faszinierend, die- ses Ding bei der Arbeit zu beobachten. Man gibt ihm nur die Farben ein, und dann ist das Werk praktisch schon vollendet. Wir stellen hier hauptsächlich Por- trätbüsten her, aber Wilgus, der Vormann, arbeitete in einer Monumentfabrik in Brooklyn. Er hat auch dieses riesige Kriegerdenkmal am East River Drive geschaffen. Für die Zentralfigur stand ihm das Fern- sehgirl Garda Bouchette Modell. Und was für eine Figur! Er verriet mir, daß er die Ästhetikonplatten auf drei Viertel sexy und ein Viertel geistig gestellt, hat. Und hier ist auch etwas sehr Interessantes – eine stehende Statuette von Orin Ryerson, dem Bankier. Er hat gleich zwölf Stück bestellt. Statuetten kom- men an. Sie würden sich wundern, wenn Sie wüßten, in welchen Posen …« Halvorsen atmete auf, als er – die zehn Dollar in der Tasche – zur Sixth Avenue ging und in einem billi- gen Restaurant Platz nahm. Er trank eine Tasse Kaf- fee, machte ein Nickerchen und schreckte hoch, als er den Lärm auf der gegenüberliegenden Straßensei- te hörte. Ein Gebäude wurde hochgezogen. Er beo- bachtete einige Zeit die großen Maschinen, die Fuß- böden und Wände gossen. Alles ging vollkommen automatisch vor sich; die Arbeiter stiegen nicht ein- mal von ihren kleinen Wagen, mit denen sie hin und her fuhren, um diese oder jene Tätigkeit auszufüh- ren. Halvorsen spürte eine wilde Entschlossenheit. Er ging zu dem Automaten neben der Restauranttür und zog eine Zeitung. Dann zapfte er noch eine Tasse Kaffee, kehrte auf seinen Platz zurück und studierte den ›Stellenmarkt‹. Eine Vielzahl der verschiedensten Institute prie- sen ihre Dienste an. ›Wollen Sie mehr verdienen? Dann werden Sie Konstrukteure – ›Werden Sie Rohrlegermaschinist!‹ – ›Werden Sie Servolastfah- rer!‹ – ›Werden Sie Holzverwertungstechniker!‹ –, ›Lernen Sie Gießmaschinenwartung!‹ – ›Verdienen Sie mehr Geld!‹ Eine Art Panik überkam ihn. Er sprang wieder auf und rannte in die Telefonzelle an der Wand. Der kleine Bildschirm blieb drei Läutezeichen lang dun- kel. Dann erschien das Gesicht eines alten Mannes und sagte: »Hallo, Halvorsen. Was kann ich für Sie tun«? Halvorsen konnte nicht sagen: ›Ich wollte nur mal sehen, ob Sie noch da sind, Mr. Krehbeil.‹ Er schluckte kurz und improvisierte: »Hallo, Mr. Kreh- beil! Es handelt sich um das Treppengeländer in meinem Flur. Das ist ziemlich wackelig. Vielleicht können Sie ‘rüberkommen und es reparieren?« Krehbeil blinzelte ihn aus dem Bildschirm heraus mißtrauisch an. »Das könnte ich tun«, sagte er lang- sam. »Ich habe nicht viel Arbeit. Aber Sie können genauso gut tischlern wie ich, Mr. Halvorsen. Ehr- lich gesagt, Sie zahlen auch nur sehr langsam, und Schreibtischarbeit behagt mir im Augenblick mehr. Ich bin kein junger Mann mehr, der gern auf einer Leiter herumturnt. Aber wenn Sie keinen anderen finden, übernehme ich den Auftrag. Zunächst brau- che ich allerdings eine Anzahlung – für das Material, verstehen Sie? Und es ist gar nicht so leicht, gutes Holz zu bekommen.« »In Ordnung, Mr. Krehbeil«, sagte Halvorsen. »Vielen Dank. Ich lasse noch mal von mir hören,, wenn ich keinen anderen bekomme.« Er legte auf und kehrte an den Tisch zu seiner Zeitung zurück. Sein Gesicht brannte vor Ärger – wegen des Zögerns des Alten und seiner eigenen närrischen Panik. Krehbeil wußte offenbar nicht, daß sie beide in dem gleichen lecken Boot saßen, oder er wollte es nicht zugeben. Der bildete sich in seinem senilen Stolz ein, daß auch in dieser Zeit ein Kunst- tischler mit einem simplen Werkzeugkasten auf ei- nen Künstler herabblicken konnte, der vielleicht bes- ser tischlern konnte als er selbst! Halvorsen überflog die restlichen Seiten der Zei- tung und wußte, daß er keinen Job bekommen würde – und bekam er einen, dann hielt er es nicht lange aus. Gewiß, der Gedanke an den Hungertod war schrecklich, aber was nützte es, wenn ihn alles – au- ßer der Kunst – langweilte? Er sah ein Foto von der Rückkehr des letzten Ve- nus-Raumschiffs, daneben die ganz durchschnittlich aussehenden Expeditionsteilnehmer. Titel: ›Austin Malone und seine Mannschaft können zufrieden lä- cheln. Malone sagt, daß die Kolonien auf der Venus Menschen und Maschinen brauchen. Lesen Sie den ausführlichen Bericht auf Seite 2!‹ Halvorsen ließ die Zeitung einfach unter den Tisch rutschen und ging hinaus. Was hatte die Raumfahrt mit ihm zu tun? Urlaubsreisen auf den Mond und Expeditionen zur Venus und zum Mars, waren nur ein Teil des tödlichen Angriffs auf seine künstlerische Existenz. Er fuhr mit der U-Bahn nach Passaic, stieg aus und ging die noch immer belebte Straße entlang zu sei- nem Studio, das sich mitten in den Slums, in einem der wenigen noch bewohnten Gebäude befand, gleich in der Nähe des Güterbahnhofs. Einst hatte man auf einer Tafel lesen können: ›F. Labuerre, Bildhauer – Skulpturen und architektoni- sche Arbeitend Jetzt hieß es: ›Roald Halvorsen – Kunstunterricht. Preiswerte Gebühren‹ Es war ein verrußt aussehendes, einstöckiges Gebäude mit ei- nem Ladenraum und einem Schaufenster, in dem seine Schüler Kohlezeichnungen und Stilleben in Öl ausgestellt hatten. Er wohnte oben, unterrichtete un- ten und arbeitete auf der Rückseite des Gebäudes hinter einem schmutzigen, bis zur Decke reichenden Vorhang. Als er eintrat, fiel ihm auf, daß er schon wieder vergessen hatte, die Tür abzuschließen. Er knallte sie verärgert zu. Bei diesem Geräusch rief jemand hinter dem Vorhang: »Wer ist da?« »Halvorsen!« schrie er in plötzlicher Wut. »Ich wohne hier! Kommen Sie vor! Was wollen Sie hier?« Die Vorhänge bewegten sich, und ein Mädchen kam zum Vorschein., »Ihre Tür war doch offen«, sagte sie. »Und es ist auch ein Laden. Ich bin gerade zwei Minuten hier. Ich wollte mich zum Unterricht anmelden, aber ich glaube nicht, daß ich mich noch dafür interessiere, zumal Sie so schlechter Laune sind.« Man sollte auf keinen Schüler schimpfen, dachte er, besonders jetzt nicht. »Tut mir schrecklich leid«, sagte er. »Ich habe ei- nen schweren Tag in der Stadt hinter mir. An sich gehe ich nicht gern mit Mißerfolgen hausieren, aber ich habe einen Auftrag nicht bekommen. Verstehen Sie das? Das dachte ich mir, ja. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Nein, nicht dort – hier. Der warme Hintergrund des Stillebens bringt Ihre Farben besser zur Geltung – hübsche Farben. Hat man Sie schon einmal gemalt? Sie haben ein interessantes Gesicht, müssen Sie wissen. Eines Tages möchte ich – nun ja, Sie sprachen vom Unterricht. Am Dienstagabend haben wir figürlichen Unterricht, männliche und weibliche Modelle wechseln ab. Der ganze Kursus von zwölf Stunden beträgt sechzig Dollar. Zugege- ben, nicht gerade billig, aber die Modelle müssen bezahlt werden. Am Samstagnachmittag wird in Stilleben unterrichtet. In Öl. Für Anfänger. Da kostet die Stunde nur zwei Dollar, aber es ist am besten, Sie entschließen sich für eine Serie von sechs und zahlen zehn Dollar im voraus, womit Sie zwei Dol- lar gespart hätten. Für ein paar talentierte Amateure, gebe ich selbstverständlich auch Privatstunden.« »Stilleben klingt recht interessant«, sagte sie und hob selbstbewußt den Kopf, so wie das alle taten, wenn er seine Bedingungen gestellt hatte. Es war ein hübscher Kopf, die Halsmuskeln locker, aber nicht schlaff. »Ich habe dort hinten ein paar interessante Arbei- ten gesehen«, sagte sie. »Ihre eigenen Werke?« Sie stand auf und rechnete offenbar damit, daß er ihr sein Studio zeigen würde. Ihr Körper war lang und schmalbrüstig, wie ihn die Präraffaeliten bevorzug- ten. »Nun ja –« Halvorsen schien zu zögern und lä- chelte dann, um die Vorhänge zur Seite zu ziehen. Sie wanderte herum, inspizierte die Utensilien ei- ner kleinen Bildhauerwerkstatt. »Die gefällt mir«, sagte sie, auf eine einen halben Meter hohe Venus deutend, die er in Bronze gegossen hatte, als er – das war schon einige Jahre her – bei Labuerre studierte. »Was kostet sie?« Eine ehrliche Antwort hätte sie nur erschreckt, und kaufen würde sie sowieso nicht. »Ich stelle mei- ne eigenen Arbeiten kaum zum Verkauf auf«, erklär- te er leichthin. »Nur eine kleine Studie. Ich über- nehme heute nur Auftragsarbeiten.« Sie denkt, ich bin nicht ehrlich; nun gut, dann will ich ehrlich sein. »Sechshundert Dollar«, fügte er nüchtern hinzu., Das Mädchen stellte die Figur sofort auf ihren Platz zurück und sprach halb verärgert und halb be- lustigt: »Das begreife ich nicht. In einem Monat ver- diene ich nicht soviel. Ich könnte mir dann auch eine SPG-Statue kaufen, genauso hübsch, und für zehn Dollar. Wofür haltet ihr Künstler uns eigentlich?« Halvorsen dachte über eine passende Antwort nach: Ein SPG-Techniker lernt eine Woche, und ich ha- be ein ganzes Leben lang gelernt. Ein SPG-Techniker drückt nur auf die Tasten; ich übernehme für meine Arbeit die volle Verantwortung. Ein SPG-Techniker arbeitet mit einer weichen Plastikmasse; ich arbeite mit Bronze, was kompli- zierter ist, als Sie sich vorstellen können. Ein SPG-Techniker kann keinen Orpheusbrunnen machen; ich – »Orpheus«, murmelte er und kippte um. Halvorsen erwachte in seinem Bett im oberen Stock des Gebäudes. Seine Fingerspitzen und Zehen vi- brierten elektrisch, sein Kopf war völlig klar. Das Mädchen und ein Mann, unverkennbar ein Arzt, beobachteten ihn. »Sie scheinen keiner Krankenversicherung anzu- gehören, Halvorsen«, sagte der Arzt. »Keine Karte von Ihnen vorhanden. Keine rote, keine blaue, keine grüne, keine braune Karte.«, »Ich hatte eine grüne Karte, ließ sie aber verfal- len«, antwortete der Künstler. »Nun sehen Sie, was Sie davon haben.« »Machen Sie ihm keine Vorwürfe, Doktor!« sagte das Mädchen energisch. »Ich zahle Ihnen die Be- handlungsgebühr.« Sie griff in die Tasche. »Hier sind fünf Dollar; aber hören Sie auf, ihm Vorwürfe zu machen! « »Unterernährung«, murmelte der Arzt. »Norma- lerweise würde ich ihn in ein Krankenhaus einwei- sen – aber ohne Karte? Ich nehme das Geld und hin- terlasse dafür ein paar Vitaminpräparate. Die braucht er – Vitamine. Und Lebensmittel natürlich.« »Ich werde mich um ihn kümmern«, sagte das Mädchen. Der Arzt verabschiedete sich. »Wie lange haben Sie nichts mehr gegessen?« fragte sie Halvorsen. »Ich – ich habe heute Kaffee getrunken«, antwor- tete er. »Ich habe die Entwürfe zu einem Auftrag vorgelegt. Sie wurden abgelehnt. Das erzählte ich Ihnen bereits. Es war ein Schock für mich.« »Ich bin übrigens Lucretia Grumman«, sagte sie und ging hinaus. Er nickte ein und hörte sie zurückkommen. Sie hatte einen Armvoll Lebensmittel mitgebracht. »Ein ziemlich langer Anmarschweg«, beklagte sie sich., »Dies war einmal Labuerres Atelier«, sagte er. »Er überließ es mir, als er starb. Damals sah es noch nicht so heruntergekommen aus. Er war mein Leh- rer, einer der letzten, und sagte immer: ›Die Leute wollen Statuen nicht haben, aber sie schämen sich auch, mich verhungern zu lassen.‹ Doch mich wür- den sie ohne weiteres verhungern lassen, meinte er. Aber ich war hartnäckig, und so nahm er mich als Schüler an.« Halvorsen trank etwas Milch und aß ein wenig Brot. Er dachte an das Wechselgeld von den zehn Dollar in seiner Tasche und beschloß, es nicht zu erwähnen. Dann fiel ihm ein, daß der Arzt seine Ta- schen durchsucht hatte. »Ich kann bezahlen«, sagte er. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber Sie brauchen nicht zu denken, daß ich völlig blank bin. Ich hatte zuviel zu tun, und da –« »Natürlich«, sagte das Mädchen. »Nennen wir es einen Vorschuß. Ich möchte bei Ihnen Unterricht nehmen.« »Das freut mich.« »Oder belästige ich Sie? Als Sie ohnmächtig wur- den, sagten Sie etwas Seltsames – Orpheus.« »Sagte ich das? Dann muß ich an den Orpheus- brunnen in Kopenhagen gedacht haben. Ich kenne nur Fotos und war selbst noch nicht dort.« »In Deutschland?«, »Kopenhagen ist in Dänemark.« »Ich möchte so gern reisen«, sagte sie. »Ich bin noch nie aus der Stadt herausgekommen. Ich möchte meinen Urlaub einmal auf dem Mond verleben. Bei dieser geringen Schwerkraft muß man doch herrlich tanzen können, nicht wahr?« Raumfahrt? Geringe Schwerkraft? Das waren die Schlagwörter in dieser abscheulichen, elektronisch gesteuerten Welt, in der für ihn kein Platz mehr war. »Sehr interessant«, sagte er und schloß die Augen, um seine Abscheu zu verbergen. »Ich belästige Sie nur. Darum werde ich jetzt ge- hen. Aber am Dienstagabend komme ich zum Unter- richt. Wann soll ich kommen, und was soll ich mit- bringen?« »Um acht Uhr. Bringen Sie Kohlestifte mit. Zei- chenpapier können Sie bei mir kaufen. Und denken Sie an den Arbeitskittel.« »Okay. Ich nehme auch den Ölgemäldeunterricht. Ich werde ein paar Leute mitbringen, die sich für Ihre Arbeiten interessieren. Zum Beispiel Austin Malone. Er ist eben von der Venus zurückgekehrt und ein guter Freund von mir.« »Lucretia … Oder soll ich Sie ›Lucy‹ nennen?« »Lucy.« »Wollen Sie diese kleine Bronzefigur mitnehmen? Auf diese Weise möchte ich Ihnen danken.« »Das kann ich nicht tun!«, »Bitte. Ich meine es ernst.« Sie nickte errötend und rannte beinahe hinaus. Warum habe ich das getan? dachte er. Vielleicht lag es daran, weil er Lucy Grumman so sympathisch fand. Am Dienstag kam sie wieder, eine halbe Stunde frü- her, und trug einen Kittel. Halvorsen stellte sie for- mell den anderen vor, die nach und nach eintrafen. Gelangweilt dreinblickende junge Mädchen zumeist, die, so vermutete er, draußen bei jeder Gelegenheit von ihrer ›künstlerischen Ausbildung‹ sprachen, obwohl sie hier nur herumsaßen. Die Stunde verfloß wie üblich. Es wurde ge- schwatzt, diskutiert und gestritten. Zwei Mädchen gerieten sich fast in die Haare, weil sie sich über ei- ne Pose des Modells – ein muskelbepackter junger Mann – nicht einigen konnten. Ein drittes Mädchen hatte sich zufällig mit Picassos kubistischer Periode befaßt und behauptete arrogant, sie ›fühle‹ nicht die richtige Perspektive. Nach dem Unterricht versuchte er, seine Schüler zum Aufräumen zu bewegen. Es sah nicht so wüst aus wie an den Samstagen, da wurde mit Öl gemalt. Als er einladend die Tür öffnete, hielt gerade ein großer Straßenkreuzer vor dem Haus. »Das ist Austin Malone«, gab Lucy bekannt. »Er holt mich ab und sieht sich bei dieser Gelegenheit, Ihre Arbeiten an.« Auf so etwas hatten ihre Mitschülerinnen nur ge- wartet. »Austin Malone …« »Lucy, Liebling, ich wollte schon immer mal ei- nem Raumfahrer die Hand drücken.« »Roald, es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich noch ein wenig bleibe?« »Ob Sie etwas dagegen haben oder nicht, Roald, ich bleibe hier!« Malone war schon eine imposante Erscheinung. Halvorsen dachte: Der sieht aus, als wäre er durch ein Ästhetikon geschleust worden, das auf ›kernig‹ und ›entschlossen‹ geschaltet war. Lucy machte viel Aufhebens mit ihm, das galt erst recht für die ande- ren Mädchen, aber der Raumfahrer ließ sich nicht aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Mit klarer Stimme sagte der Raumfahrer zu Hal- vorsen: »Ich möchte nicht Ihre kostbare Zeit ver- schwenden. Lucy erzählte mir, Sie hätten ein paar Arbeiten zu verkaufen. Kann ich mir diese Arbeiten einmal ansehen? Wo es ruhig ist, meine ich.« Die Schülerinnen begriffen und trollten sich da- von. »Hier hinten«, sagte Halvorsen. Das Mädchen und Malone folgten ihm durch den Vorhangschlitz. Der Raumfahrer sah sich langsam im Atelier um und schien gegen eine Frage anzu-, kämpfen. Schließlich setzte er sich und sagte: »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, Halvorsen. Es setzt mich sozusagen in Erstaunen. Wissen Sie, daß Sie noch im finstersten Mittelalter leben?« Leute, die nie einen Gedanken an Chartres und St. Michel verschwendet hatten, nannten es finsterstes Mittelalter, dachte Halvorsen trocken. Er fragte: »In technischer Hinsicht, meinen Sie? Oh, durchaus nicht. Mein Gips ist besser, meine Farben sind bes- ser, mein Metall ist besser – mein Werkzeugmetall, nicht das Gießmetall.« »Ich meine die Handarbeit«, sagte der Raumfah- rer. Halvorsen zuckte die Achseln. »Es gab da ver- rückte technische Neuerungen, auch wirklich inter- essante Sachen, doch auf die Dauer bewährten sie sich nicht – in künstlerischer Hinsicht. Fällt Ihnen etwas besonders ins Auge?« »Diese Delphine.« Der Raumfahrer deutete auf ein Terrakottarelief an der Wand. »Die würden sich über dem Kamin in meiner Stadtwohnung gut aus- nehmen. Gefallen sie dir, Lucy?« »Ich finde Sie wundervoll«, sagte das Mädchen. Halvorsen erzählte ihm die Geschichte dieser Delphingruppe. »Sie wurden von einem Architekten in Auftrag gegeben. Später konnte er sich den Preis von dreihundertsechzig Dollar nicht leisten.« Malone grunzte: »Scheint aber nicht unvernünftig, zu sein, wenn Sie Ihrer Inspiration einen derart gro- ßen Wert beimessen.« »Lassen wir die Inspiration«, sagte Halvorsen ru- hig. »Aber ich war zwei Tage und zwei Nächte auf den Beinen, damit das Feuer in meinem Brennofen auch die richtige Temperatur verbreitete.« »Ich nehme die Delphine«, sagte der Raumfahrer herablassend. »Sagen Sie, Halvorsen, wie macht sich Lucy? Glauben Sie, daß sie Unterricht nehmen soll- te?« »Sei doch nicht so grob, Austin! Wie kann er das gleich am ersten Tag wissen?« »Sie kann noch nicht richtig zeichnen«, lenkte der Künstler behutsam ein. »Ich weiß auch noch nicht, ob wirklich ein echtes Interesse vorhanden ist.« »Ich interessiere mich«, sagte Lucy mit fester Stimme. »Nun ja«, warf Malone ein, »aber warum Zei- chenunterricht, wenn man sich doch einen Fotoappa- rat oder eine Kamera kaufen kann? Das ist doch ab- surd.« »Formulieren wir das so«, sprach Halvorsen. »Es ist Kunst, zu wissen, wie man einen Strich an die richtige Stelle setzt.« »Denken Sie doch praktisch. Es gibt diese Kunst nicht mehr. Ich bin weit herumgekommen und habe nur Fotos und SPG’s gesehen. Es wird nicht mehr gemalt und geschnitzt.«, »Es gibt noch die Kunst, Malone. Meine Schüler – jedenfalls zwei von ihnen – sind sehr begabt. Und im ganzen Land gibt es noch weitere.« »Aber ich für meine Person bin Techniker, Hal- vorsen. Wir machen es uns einfacher. Auf diese Weise bin ich zum Mars und zur Venus gekommen und werde auch noch zum Ganymed fliegen. Sie machen es sich zu schwer. So etwas hat keinen Platz mehr in dieser Welt. Da! Sie haben eine Fingerspitze verloren. Ein Unfall, nehme ich an.« »Das habe ich noch gar nicht –«, setzte Lucy an und stieß ein leises ›Oh!‹ aus. Halvorsen drückte den linken Mittelfinger in die Handfläche – das tat er meistens, um das fehlende erste Glied des Fingers nicht zu zeigen. »Unfälle kommen natürlich vor«, sagte er gepreßt. »Halten Sie sich an Ihre Methoden, ich halte mich an die meinen; aber Sie werden mit mir nicht kon- kurrieren können.« Seine Betonung war der Beweis, daß er nicht nur von der Technik sprach. »Sollen wir jetzt gehen, Lucy? Hier ist meine Kar- te, Halvorsen. Schicken Sie mir diese Delphine zu, dann bekommen Sie den Scheck.« Am nächsten Tag ging Halvorsen das halbe Dutzend Blocks entlang zu Mr. Krehbeil. Der Alte saß im Kellergeschoß seines muffigen Hauses und feilte die, Zähne einer Säge. »Mr. Krehbeil!« rief Halvorsen durch das metal- lene Kreischen. Der Tischler drehte sich um sah ihn mit wäßrigen Augen an. »Sie wünschen?« »Ich brauche eine gute Kiste – anderthalb mal an- derthalb.« Das Gesicht des Alten leuchtete auf. »Wollen Sie mir dafür meine Säge schärfen? Meine Sägen, besser gesagt. Für Sie ist das doch nur eine Stunde Arbeit. Ihre Augen sind noch vollkommen in Ordnung.« Halvorsen seufzte tief. »Also gut…« Der Tischler führte Halvorsen durch sein kleines Holzlager und wählte die Bretter für die Kiste, in der das Relief verpackt werden sollte, sorgfältig aus. Er lud Halvorsen sogar zu Kaffee und Kuchen ein, be- vor der Künstler sich über die niedrige Werkbank beugte, um die Sägen zu schärfen. Am Küchentisch konnte Halvorsen sich nicht die Frage verkneifen: »Der Geschäftsbetrieb hat bei Ihnen auch nachgelas- sen, wie?« »Die Leute waren schon immer Narren. Sie wis- sen solide Handwerkskunst nicht zu schätzen. Aber warten Sie nur ab, eines Tages werden diese von Maschinen gebauten Häuser alle einstürzen. Im gan- zen Land! Sogar mein Sohn arbeitet an so einer när- rischen Betonmaschine. Sein Haus soll über ihm ein- stürzen wie all die anderen.«, Halvorsen wußte, daß der Sohn den Alten finanzi- ell unterstützte, und wechselte das Thema. »Haben Sie schon mal wieder einen Schrank gezimmert?« »Alberne Frauen! Die wissen ja nicht mal, was Biedermeier ist. Die bringen mir manchmal altes Gerümpel zur Reparatur. Nun, ich lasse sie ble- chen.« »Ich frage mich, wie die Welt heute aussehen würde, wenn von dem alten Europa noch etwas üb- riggeblieben wäre.« »Die Leute sind immer Narren, Mr. Halvorsen«, sagte der Tischler entschieden. »Wollten Sie nicht noch die Sägen schärfen?« »Ja, richtig, richtig …« Und Halvorsen schärfte zwei Stunden lang die Sägen. Dann nahm er die fertige Kiste auf die Schul- ter und kehrte in seine Wohnung zurück. Lucy war da. Sie hatte ihm etwas Eßbares gebracht. Er stellte polternd die Kiste ab und fragte: »Warum arbeiten Sie heute nicht?« »Freier Tag«, antwortete sie. »Austin hat mir das Geld für die Terrakottadelphine mitgegeben.« Sie hielt ihm einen Umschlag entgegen, während er sie schweigend betrachtete. Dann nahm er ihr den Umschlag ab, zählte drei- hundertsechzig Dollar und steckte das Geld in die Rocktasche. »Das verdanke ich Ihnen«, sagte er., »Vielen Dank also. Bitte, gehen Sie jetzt, ich habe zu arbeiten.« Sie starrte ihn ungläubig an. »Ich habe zu arbeiten!« wiederholte er energi- scher. »Austin hat recht«, sagte sie kläglich. »Sie küm- mern sich nicht um die Gefühle der Leute. Hauptsa- che, Sie bekommen etwas von ihnen!« Sie rannte hinaus, und Halverson mußte sich be- herrschen, um nicht hinter ihr herzulaufen. Langsam ging er in sein Atelier und betrachtete dort weniger seine fertigen Arbeiten, sondern viel- mehr die Handwerkszeuge. Wie wäre es, dachte er, wenn ich mir mit der Hälfte des Geldes Rohmaterial zur Herstellung von Handwerkszeugen kaufe? Sie würde wiederkommen, oder er würde nachge- ben und sie um Verzeihung bitten. Dann begann die ganze Komödie wieder von vorn, wie damals mit dieser manisch-depressiven Elmira, mit der er drei Jahre verheiratet gewesen war. Nein, das durfte sich nicht wiederholen! Aalesund, an der Atlantikküste Norwegens, lag auf der Leeseite des verwüsteten Kontinents. Ein Ar- chäologe mehr machte keinen Unterschied aus, so- lange er die internationalen Warnschilder mit der Beschriftung ›Radioaktiv verseucht‹ beherzigte und wußte, was jedem Schuljungen über Schutzkleidun-, gen und der Anwendung eines Geigerzählers be- kannt war. Halvorsen mietete einen Wagen, um sich das strahlenverseuchte Oslo anzusehen. In zwölf Stun- den konnte er wieder zurück sein. Aber dann fuhr er an Oslo vorbei, Richtung Wen- nersborg und Göteborg, an der Kattegat-Küste ent- lang nach Helsingborg und verließ seinen Wagen an der Grenze von Dänemark. Auch hier sah er die in- ternationalen Schilder, die vor radioaktiver Verseu- chung warnten. Er zog seinen Schutzanzug und die schweren Schuhe aus. Er nahm auch seine Gesichtsmaske ab und kümmerte sich nicht mehr um das warnende Ticken des Geigerzählers. Die Stille war gespenstisch, als er gegen Mittag in Kopenhagen eintraf. Er wußte nicht, ob sich die er- sten Anzeichen von Radioaktivität in seinem Körper bemerkbar machten oder ob es nur an seiner Müdig- keit und dem Hungergefühl lag. Seine Gedanken schienen die eines Fremden zu sein, der ihn nur beo- bachtete. Ich werde mein eigener Gefolgsmann sein, dachte er, und ich werde einen Schlußstrich unter mein Le- ben setzen, solange man noch von Leben reden kann. Und dann tauchte vor ihm, inmitten von Schutt und Unkraut, Milles Orpheus-Brunnen auf., So etwas können nur Menschenhände schaffen, dachte er; ein Ästhetikon bringt das nicht fertig. Or- pheus und die Seelen waren klassisch, der dreiköpfi- ge Zerberus war archaisch. Der Höllenhund wußte, daß Orpheus nie mehr mit Eurydike zurückkehren würde … Halvorsen stolperte unschlüssig auf den Brunnen zu. Etwas zerbrach in ihm, und er spürte eine selt- same Schwere in seiner Lunge. Während er durch das hohe Unkraut auf den Brunnen zustolperte, kümmerte er sich nicht um das wissende Grinsen des dreiköpfigen Höllenhundes, der auf ihn herabblickte. Er hatte die Akkorde der Leier gehört…,

Der Marsch der Idioten

Ein paar Dinge hatten sich nicht verändert. Eine Töpferscheibe war immer noch eine Töpferscheibe, und Ton war immer noch Ton. Efim Hawkins hatte seine Werkstatt in der Nähe des Goose Lake errich- tet. Der See hatte einen Streifen guten, fetten Ton- mergels und ein schmales Ufer mit weißem Sand. Efim Hawkins hatte drei butzköpfige Brennöfen in Betrieb, die er mit Weidenholzkohle speiste. Der Wald war gleich in der Nähe. Dort konnte er auch lange Spaziergänge machen, wenn die Öfen sich ab- kühlten. Hielt er sich bei diesem Vorgang in ihrer Nähe auf, öffnete er sie meistens zu früh, weil er es nicht abwarten konnte, und dann sprang – peng! – die neue Form in Stücke. In seiner Werkstatt, einer bescheidenen Ziegelhüt- te mit roten Dachpfannen, war eine geschäftliche Verhandlung im Gange, als die Passagierrakete Chi- cago-Los Angeles über die Hütte hinwegfegte – sehr spitz, sehr geräuschvoll und mit feurigen Düsen, ge- formt wie ein schlanker, durch die Luft schießender Barrakuda. Der Käufer vom Warenhaus Marshall Field drehte eine schwarzglänzende Karaffe von Li- tergröße hin und her und nickte beifällig. »Wirklich hübsch«, sagte er zu Hawkins und seinem Sekretär Gomez-Laplace. »Diese Karaffe hat das, was man, ästhetisch nennt. Ja, wirklich sehr hübsch.« »Wieviel?« fragte der Sekretär den Töpfer. »Fünfundsiebzig als Dutzendware«, sagte Haw- kins. »Ich habe im vergangenen Monat fünfzehn Dutzend gebrannt.« »Ein wirklich ästhetischer Anblick … Ich nehme alle.« »Ich glaube nicht, daß das möglich sein wird, Doktor«, sagte der Sekretär. »Sie würden uns 1350 Dollar kosten. Dann bleiben uns noch 532 Dollar. Und wir wollen nach East Liverpool, um billiges Tafelgeschirr einzukaufen.« »Tafelgeschirr?« fragte der Käufer. »Tafelgeschirr. Die Abteilung ist schon seit zwei Monaten darauf aus. Mr. Garvy-Seabright regte sich gestern darüber auf. Erinnern Sie sich?« »Garvy-Seabright«, sagte der Käufer verächtlich. »Diese dickköpfige Blaunase! Er versteht nichts von ästhetischen Prinzipien. Warum läßt er mich in mei- ner Abteilung nicht machen, was ich für richtig hal- te?« Sein Blick fiel auf ein Exemplar der ›Whambo- zambo Comic Strips‹. Er griff danach, nahm Platz und begann darin zu blättern. Gelegentlich lachte er oder stieß einen verwunderten Grunzlaut aus. Indessen schloß der Sekretär des Käufers mit dem Töpfer einen Kaufvertrag für zwei Dutzend Literkaraf- fen ab. »Ich wollte, wir könnten mehr nehmen«, sagte der Sekretär, »aber Sie hörten ja, was ich sagte.«, Der Käufer blickte auf und brummte: »Habt Ihr Strohköpfe euch endlich lange genug unterhalten, was? Ich möchte wissen, was ich mit einem Sekretär anfangen soll, der mir nicht diesen Kleinkram ab- nehmen kann!« »Alles erledigt, Doktor. Können wir fahren?« Der Käufer brummte mürrisch, ließ die Zeitung auf den Boden fallen und ging den Knüppeldamm ent- lang in Richtung Straße. Sein Wagen wartete am Rand des Betonstreifens. Der Wagen lag zu tief – wie alle zeitgenössischen Fahrzeuge –, um den Knüppel- damm befahren zu können. Der Doktor stieg ein und warf den beachtlich lärmenden Motor an. »Gomez-Laplace!« rief der Töpfer unter der Tar- nung des Lärms. »Ist etwas aus dem Strahlungspro- gramm geworden, an dem gearbeitet wurde, als ich meinen letzten Dienst am Pol hatte?« »Der gleiche alte Schwindel«, sagte der Sekretär düster. »Sie treten auf der Stelle: Mutation, Auslese, Spaltung, und jetzt auch in der Hypnose.« »Nun, in neun Tagen bin ich wieder an der Reihe. Ich werde mich jetzt um die Öfen kümmern. Ich ver- suche es mit einer neuen Glasur…« »Sie werden mir fehlen. Man hat mich ›beurlaubt‹ – ich werde das Zeichenbüro der New Century En- gineering Corporation in Denver leiten. Sie wollen ein zweihundertstöckiges Bürogebäude hochziehen, und da muß natürlich jemand dabeisein.«, »Natürlich«, sagte Hawkins mit einem säuerlichen Lächeln. Der Käufer hupte ungeduldig. »Ich komme schon, Doktor!« rief der Sekretär diensteifrig. Er kletterte in den Wagen, dessen Gas- turbine aufheulte und ihn davonfauchen ließ. Der Töpfer wanderte über den Knüppeldamm zu- rück zu seinen sich abkühlenden Brennöfen. Der Wind in den raschelnden Zweigen dämpfte das Kni- stern der schrumpfenden Ziegel. Hawkins dachte an den zweiten Ofen. Hatten die Krüge den richtigen Glanz? Konnte es etwas schaden, wenn er einen kur- zen Blick –? Aber der gesunde Menschenverstand war stärker als die Neugier. Er ging zum Geräteschuppen, nahm eine Spitzhacke und begab sich damit auf ein Feld, in dem er Tonvorkommen vermutete. Der lange Anmarschweg brachte ihn in Schweiß. Auf einem Hügel schlug er fast aufs Geratewohl mit der Spitzhacke zu. Er traf einen Stein, den er aus- buddelte. Auf dem Stein las er die verwitterte Be- schriftung: ›- ersität von Chic – ogisches Laborat – Gedenken an den – storben in –!‹ Der Töpfer fluchte leise. Er hatte schon gehofft, das Feld möge ein Friedhof sein, am besten einer jener ›vornehmen‹ Friedhöfe voll massiver Bronze- särge, die in Zinn- und Kupferoxyde zerbröckelt wa- ren., Zum Teufel, vielleicht gab es in der Nähe so et- was. Er schlenderte hoffnungsvoll zu dem zweiten grö- ßeren Hügel hinüber und schwang wieder die Spitz- hacke. Auch hier wuchtete er einen Stein los, dies- mal nicht vergeblich. Er nahm eine Handvoll Erde und schnupperte daran. Kupfersalze! Als er wieder zuschlug, berührte die Spitze Metall. Er wuchtete eine rostfreie Stahlplatte hoch, die ebenfalls beschriftet war. Sie schien sich von einer Bronzeplatte gelöst zu haben, nach dem Grünspan auf der Rückseite zu urteilen. Der Töpfer wischte mit seinem Hemdsärmel die Oberfläche blank, dreh- te sie der Sonne zu und las die winzigen Buchstaben: ›Der Ehrenwerte John Barlow konfrontierte die me- dizinische Wissenschaft mit einem Problem, das bisher noch nicht gelöst werden konnte: die Wieder- belebung von Scheintoten. Im Jahre 1988 suchte Mr. Barlow, ein führender Grundstücksmakler aus Evanston, seinen Zahnarzt auf, um einen Weisheitszahn behandeln zu lassen. Sein Zahnarzt bat um die Erlaubnis, versuchsweise das von der Universität entwickelte Narkosemittel Cycloparadimethanol-B-7 anwenden zu dürfen. Nach der Anwendung dieses Mittels setzte der Zahnarzt seine Bohrung fort. Durch ein Mißgeschick entstand in der Bohrmaschine ein Kurzschluß, der, den Körper des Patienten mit 220 Volt unter Strom setzte. Mr. Barlow konnte sich nicht mehr aus dem Behandlungsstuhl der zahnärztlichen Praxis erheben. Als Todesursache wurde Vergiftung oder elektri- scher Stromstoß angenommen, möglicherweise bei- des. Später entdeckte man während der Einbalsamie- rung, daß Mr. Barlow zwar nicht mehr lebte, aber auch nicht tot war. Die Universitätsklinik wurde be- nachrichtigt und eine Serie umfangreicher Tests vorgenommen, einschließlich der Versuche, diesen totenähnlichen Schlaf bei freiwilligen Versuchsper- sonen herbeizuführen. Nachdem sieben Fälle mit dem endgültigen Tod der Versuchspersonen ihren Abschluß gefunden hatten, verzichtete man auf wei- tere Tests. Mr. John Barlow war lange Zeit ein Ausstellungs- stück des Universitätsmuseums und das Maskott- chen der »Blue Crushers«, einer Footballmannschaft der Universität. Aber die Grenze des guten Ge- schmacks wurde entschieden überschritten, als im Jahre 2003 ein Komplott geschmiedet und Mr. John Barlow aus seiner nur schwach bewachten Glasvitri- ne im Museum entführt und in den Duschraum des Rachel Swanson Memorial-Mädchengymnasiums transportiert wurde. Die »Kidnapper« waren Ange- hörige der Studentenvereinigung Sigma Delta Chi. Am 22. Mai 2003 erließ die Universitätsleitung, folgendes Dekret: ›Mit einmütiger Billigung wird Mr. John Barlow aus dem Museum der Universität entfernt und in das biologische Laboratorium über- geführt, wo er in einer besonders präparierten Kam- mer untergebracht wird, die nur von qualifizierten Angehörigen des Lehrkörpers, die sich im Besitz einer schriftlichen Genehmigung befinden, betreten werden darf. Die Universitätsleitung faßte diesen Entschluß angesichts kürzlich erschienener Berichte und Fotos, die ein denkbar schlechtes Licht auf die Universität geworfen haben …‹ Das war zwar nicht sein Gebiet, aber Hawkins konn- te sich die Zusammenhänge gut vorstellen – eine Stümperei auf dem Gebiet der Anästhesie. Heute gab es eine simple Methode der Wiederbelebung, die Injektion einer Salzlösung in den Trigeminus- nerv. Interessant. Aber nun zu der Bronzeplatte … Er hob die Spitzhacke und ließ sie, keinen Wider- stand erwartend, in das grüne Salz sausen. Beinahe hätte er sich dabei sein Handgelenk gebrochen. Da unten war etwas Kompaktes, Hartes. Er begann das Oxyd zur Seite zu scharren. Nach halbstündiger Arbeit stieß er auf ein Gehäu- se aus witterungsbeständigem Metall, das sich über Jahrhunderte gehalten hatte. Er hackte weiter, immer um den Rand des Metallgehäuses herum. Schade, daß kein Archäologe in der Nähe ist, dachte er, doch, andererseits dachte er auch nicht daran, in seine Werkstatt zurückzukehren und telefonisch einen Spezialisten herbeizubeordern. Er war ein All- roundmann, Töpfer in seiner Freizeit, Elektroniker und Atomphysiker, dem auch Architektur und Psy- chologie keine fremden Gebiete waren. Er rief nicht sofort nach einem Spezialisten, wenn ihm etwas Un- erklärliches begegnete. Es war eine große, rechteckige Bronzemasse, die aufregend hohl klang. Ein langer Streifen bröckeli- gen Metalls blätterte von einer der langen, vertikalen Außenplatten ab. Hawkins sah roten Rost. Es muß eine innere Glashülle gegeben haben, dachte er, die im Laufe der Jahrhunderte kristallisierte und beim ersten Hieb mit der Spitzhacke zu Staub zerfiel. Wahrscheinlich war der Inhalt unter Vakuumver- schluß gehalten. Er wußte nicht, wie sich ein Vakuum auf einen Scheintoten auswirken würde, wußte auch nicht, was ein Grundstücksmakler war, aber er fand seine Ent- deckung recht interessant. Und alles konnte mit dem Thema Nummer eins zusammenhängen. Er warf seine Spitzhacke aus dem Graben, kletter- te heraus und lief im Trab zu seiner Werkstatt. Er rumorte in einem Schrank herum, entdeckte eine In- jektionsspritze und in der Küche einen Plastikbehäl- ter mit einer Salzlösung. Wieder zurückgekehrt – er hatte eine Schaufel, mitgenommen –, schippte er eine halbe Stunde und legte den Deckel des Gehäuses frei. Die Scharniere schlug er mit der Spitzhacke ab. Er verlängerte den verstellbaren Stiel der Spitz- hacke, um von dessen Hebelkraft Gebrauch zu ma- chen. Nach fünf Versuchen konnte er in die Kammer hineinblicken und sah etwas, das Ähnlichkeit mit einer verstaubten Statue hatte. Nach fünf weiteren Hebelkraftanwendungen sah er, daß es sich um die nackte Gestalt von John Barlow handelte, dem Grundstückmakler aus Evanston, an dem die Zeit spurlos vorübergegangen war. Der Töpfer suchte mit der Spitze der Injektions- nadel den Trigeminusnerv und gab ihm eine Injekti- on von 60 Kubikzentimetern Salzlösung. Nach einer Stunde bewegte sich Barlows Brust- korb, und nach einer weiteren Stunde keuchte er: »Hat es gewirkt?« »Ob es gewirkt hat!« murmelte Hawkins. »Hm!« Barlow öffnete die Augen, bewegte sich, blickte an sich herab und schlug die Hände vor die Augen. »Ich werde Sie verklagen!« schrie er. »Meine Klei- der! Meine Fingernägel!« Ein fürchterlicher Ver- dacht spiegelte sich in seinem Gesicht. Die Hände wechselten auf seinen haarlosen Kopf über. »Mein Haar!« jammerte er. »Mein Haar! Das wird Ihnen den letzten Penny kosten! Habe ich mich vielleicht verpflichtet, mein Haar, meine Kleidung und meine, Fingernägel abnehmen zu lassen, wie?« »Wächst alles wieder nach«, beruhigte ihn Haw- kins. »Auch Ihre Haut. Das sind blutlose Dinge und wurden daher nicht erhalten wie Ihre anderen Kör- perteile. Daß Sie keine Kleider mehr haben, tut mir natürlich leid.« »Was ist das hier?« fragte Barlow. »Die Universi- tätsklinik?« »Wie kommen Sie denn auf so etwas?« fragte Hawkins ruhig. »Ein Telefon! Nein, Sie telefonieren. Sagen Sie meiner Frau, daß alles in Ordnung ist. Dann benach- richtigen Sie Sam Immerman – das ist mein Anwalt – und sagen ihm, er soll sofort herüberkommen. Greenleaf 7-4022. Au!« Er hatte sich aufrichten wol- len. »Zum Teufel, was habt ihr mit mir vor?! Wollt ihr mich bei lebendigem Leib kochen? Oh, wartet nur ab! Wenn das ein Scherz sein soll, werdet ihr ihn bitter bereuen!« »Alles in Ordnung«, sagte Hawkins, »alles in Ordnung. Wird alles wieder nachwachsen. In einer Klinik sind Sie allerdings nicht. Sehen Sie her.« Er reichte Barlow die rostfreie Stahlplatte, die am Sarg befestigt gewesen war. Barlow blickte ihn mißtrauisch an und begann zu lesen. Dann legte er die Platte langsam zur Seite und schwieg einige Zeit. »Arme Verna«, sagte er end- lich. »Wissen Sie zufällig, ob –«, »Nein«, unterbrach ihn Hawkins. »Ich weiß nur das, was auf der Platte zu lesen ist. Ich wußte auch, wie ich Sie zum Leben erwecken konnte. Der Zahn- arzt gab Ihnen eine Dosis von dem, was wir heute eine Schock-Anästhesie nennen. Diese Methode wurde seit Jahrhunderten nicht mehr angewendet. Sehr wirksam, aber zu gefährlich.« »Jahrhunderte …« Barlow versank in Nachden- ken. »Ich wette, Sam hat sie nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. Arme Verna. Wie lange ist das her? Ich meine, was für ein Jahr haben wir.« Hawkins zuckte die Achseln. »Wir nennen es 7- B-936. Das hilft Ihnen nichts. Es dauert sehr lange, bis diese Metalle oxydieren.« »Wer hätte das gedacht«, murmelte Barlow. »Ar- me Verna!« »Wie viele Kinder hatten Sie?« fragte der Töpfer. »Keine. Meine Frau wollte keine, aber Verna wollte eins – wollte eins – aber wir wollten warten, bis – wir wollten warten, bis –« »Ich verstehe«, sagte der Töpfer und hatte den Wunsch, ihn einfach davonzujagen, damit er mit sei- ner Arbeit fortfahren konnte. »Ich habe nicht viel Zeit«, sagte er mürrisch. »Kommen Sie mit.« Barlow blickte wütend auf. »Wie können Sie so grob zu mir sein? Ich bin ein Mensch wie –« Die Passagierrakete Los Angeles – Chicago don- nerte über sie hinweg, und Barlow hörte sofort zu, jammern auf. Er blickte hoch, verfolgte die Rakete und sagte atemlos: »Einfach phantastisch …!« Er kletterte aus seinem Sarkophag heraus, zu in- teressiert, als daß er sich um die Schrammen in sei- ner zarten Haut gekümmert hätte. »Immerhin«, sagte er lebhaft, »das kann auch seine gute Seite haben. Ich habe nie viel gelesen, aber es ist wie eine von diesen Geschichten. Und ich sollte Geld daraus ma- chen, nicht wahr?« Er blickte Hawkins verschmitzt an. »Sie brauchen Geld?« fragte der Töpfer. »Hier.« Er gab ihm eine Faustvoll Münzen und Geldscheine. »Ziehen Sie meine Schuhe an. Wir müssen eine Viertelmeile laufen.« Er gab Barlow, der noch im- mer aufgeregt das Geld zählte, seine Hose. »Fünfundachtzig … sechsundachtzig … und es sind auch Dollars! Ich dachte, es wären Kredite oder wie man diese Währung auch nennt. ›E Pluribus Unum‹ und ›Liberty‹ – nur andere Aufschriften. Sa- gen Sie, ist das wirklich echtes Geld, oder kann man damit nur die Wände tapezieren?« »Echtes Geld«, bestätigte Hawkins. »Aber kom- men Sie jetzt mit, ich hab’s eilig.« Der Mann plapperte vor sich hin, als sie zur Werkstatt gingen. »Wohin wollen wir denn, hm?« »Ich möchte Sie einigen Leuten vorstellen.« »Ich werde bestimmt eine Menge daraus machen., Eine Menge! Ich könnte Bücher schreiben. Irgendein junger Mann wird den Inhalt schon richtig zurecht- stutzen. Lauter Bestseller!« »Heute wird nicht mehr allzuviel gelesen, aber wir werden schon etwas für Sie finden.« In der Werkstatt verpaßte Hawkins Barlow einen seiner Anzüge, schickte ihn in den Warteraum und rief die Zentrale in Chicago an. »Holt ihn ab«, bat er nach kurzer Erklärung. »Er plappert und plappert. Ich habe ihm noch nichts erzählt. Vielleicht sollten wir ihn einfach frei herumlaufen lassen. Mal sehen, wie er sich einordnet, aber es gibt eine Möglichkeit –« »Das Problem, das ist es«, kam die Antwort. »Ja, es gibt eine Möglichkeit.« Der Töpfer entzückte Barlow, indem er ihm mit einem Würfel, der sich nicht nur in kaltem Wasser auflöste, sondern das Wasser außerdem zum Kochen brachte, eine Tasse Kaffee zubereitete. Um die Zeit zu überbrücken, sprach Hawkins von der Rakete, die Barlow bewundert hatte, und mußte sich kurzfassen – fast hätte er dem Makler die Spitzengeschwindig- keit verraten. Er bedauerte auch, ihm so mir nichts dir nichts zweihundert Dollar gegeben zu haben. Der Mann schien von der Furcht besessen zu sein, daß sie wert- los waren. Hawkins war ganz nervös geworden und froh, als ein Fremder von der Zentrale eintraf., »Tinny-Peete von Algeciras«, stellte sich der Fremde vor. »Psychologe bei der Bevölkerungszu- wachsüberwachung mit dem Auftrag, Barlow zu übernehmen.« »Dem Himmel sei Dank«, sagte Hawkins und dann zu dem Mann aus der Vergangenheit: »Dies ist Tinny-Peete, Barlow. Er wird sich um Sie kümmern und Ihnen helfen.« Der Psychologe blieb noch auf eine Tasse Kaffee, dann begleitete er den Grundstücksmakler den Knüppeldamm entlang zu seinem Wagen und ließ Hawkins mit der Frage zurück, ob es an der Zeit war, einen Blick in den zweiten Brennofen zu wer- fen. Der Töpfer gab sich einen Ruck und öffnete die Tür einen Spaltbreit. Die ihn anspringende Hitzewel- le und der Rauchgeruch begeisterten ihn. Eine Ecke des gebrannten Kruges glühte kirschrot und färbte sich dunkel, als die Hitze durch die offene Tür strömte. Er zog den Krug mit einem Holzschieber heraus. Die Glut versengte die Haare auf seinen Handrücken. Der glühend heiße Krug knisterte, und Hawkins stieß einen Seufzer der tiefsten Zufrieden- heit aus. Die Wismut-Resinatmischung hatte eine perfekte Glasur zustande gebracht, einen schwarzsilbernen Film, von dem ein seltsam bläulicher Glanz ausging, als er den Krug im abgekühlten Zustand hin und her, drehte. Das Bevölkerungsproblem war, so kam es Hawkins vor, völlig bedeutungslos geworden. Barlow und Tinny-Peete erreichten den am Straßen- rand parkenden Wagen. »Was für ein – ein Boot!« staunte der Mann aus der Vergangenheit. »Boot? Nein, das ist mein Wagen.« Barlow betrachtete ehrfurchtsvoll das Fahrzeug. Eine vollendete Stromlinienform, kiloweise Chrom. Er strich mit den Fingerspitzen über die Tür – oder war das keine Tür? Eine Klinke konnte er auch nicht entdecken. »Wie schnell fährt der Wagen?« fragte er plump. Tinny-Peete antwortete langsam: »Zweihundert- fünfzig Meilen. Sie können sich am Geschwindig- keitsmesser orientieren.« »Donnerwetter! Mein alter Chewy schaffte gerade hundert auf ebener Straße. Sie sind mir meilenweit voraus, Mister!« Irgendwie öffnete Tinny-Peete die niedrige Tür. Barlow stieg ein und versank in dem dicken Polster. Er war zu fasziniert, als daß er sich um seine Haut- abschürfungen gekümmert hätte. Auf dem Armatu- renbrett war eine wunderbare Wildnis von Ziffer- blättern, Anzeigern, Lichtern, Skalen und Schaltern. Tinny-Peete glitt in den Fahrersitz und bewegte kurz seine Füße. Der Motor sprang an wie der Blitz., Barlow wälzte sich herum und sah im Rückspiegel eine gewaltige Auspuffwolke mit glitzernden weißen Fünkchen. »Gefällt Ihnen das?« fragte Tinny-Peete. »Ungeheuer!« rief Barlow. Ein Sturm fegte über Barlows Kopf, obwohl die Fenster anscheinend geschlossen waren. Eine nahe- zu groteske Geschwindigkeit. Er entdeckte auf dem Armaturenbrett den Geschwindigkeitsmesser, sah die Nadel von neunzig bis zweihundert klettern. »Ich denke, das ist schnell genug!« rief Tinny- Peete durch den Lärm, und Barlow nickte eifrig. »Radio?« Er reichte ihm einen überraschend leichten Ge- genstand, der wie ein Sturzhelm aussah, und deutete auf eine Reihe Knöpfe. Barlow sah keinerlei Drähte. Er setzte den Helm auf, war froh, nicht mehr den Lärm in den Ohren zu haben, und drückte auf einen Knopf. »Paßt es zusammen?!« brüllte ihm eine Stimme in die Ohren. Er riß den Helm vom Kopf und sah den Fahrer be- leidigt an. Tinny-Peete grinste und drehte an einem Knopf. Der Mann aus der Vergangenheit stülpte den Helm wieder auf und stellte fest, daß die Stimme des Ansagers leiser geworden war. »Die Show der Shows! Die Supershow! Die drei- dimensionale Show! Das Quiz aller Quizspiele!, ›Paßt es zusammen?‹« Barlow hörte schrilles Gelächter. »Und unsere Kandidaten stehen schon bereit. Sie kennen unser kleines Spiel. Ich gebe jedem Kandi- daten einen dreieckigen Ausschnitt. Jetzt haben wir hier diese Karten, die ebenfalls Dreiecke aufweisen, nur daß sie verschiedene Größen haben. Der erste Kandidat, dem es gelingt, dem richtigen Dreieck eben das richtige Dreieck einzupassen, ist der Ge- winner. So, und nun möchte ich unsere erste Kandi- datin einem kurzen Interview unterziehen. Ihr Na- me?« »Name? Hum …« »Hallo, wie gefällt Ihnen das? Sie erinnert sich nicht mehr an ihren Namen! Ha! Ha! Ha! Sollen wir ihr das glauben?« Die Zuhörer kreischten, heulten und pfiffen. Ein ziemlich blödsinniges Spiel, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachten kann, dachte Barlow und drückte, eine Hand am Lautstärkeregler, auf einen anderen Knopf. »… hören Sie die neuesten Meldungen aus Wa- shington. Senator Hull-Mendoza attackiert noch immer die Abteilung ›Fischerei‹ im Wirtschaftsmi- nisterium. Der nordkalifornische Syndikus behaup- tet, eidesstattliche Erklärungen zu besitzen, wonach John Kingsley-Schultz eine eingefleischte Blaunase ist. Er veröffentlichte diese eidesstattlichen Berichte, nicht, weist aber darauf hin, daß Kingsley-Schultz im staatlichen College Oregon und später in der Universität Florida bei Blaunasenzusammenkünften anwesend war. Kingsley-Schultz behauptet, in Ore- gon die Wurfangelei studiert und in Florida seinen Doktor der Meeresfischerei gemacht zu haben. Und hier ein Zitat von Kingsley-Schultz: ›Hull-Mendoza weiß nicht, was er redet. Er soll tot umfallen!‹ Wört- lich zitiert. Hull-Mendoza behauptet, er wolle die eidesstattlichen Erklärungen nicht veröffentlichen, um nicht deren Quellen zu verraten. Er sagt ledig- lich, daß diese Erklärungen von drei ehemaligen Angestellten der Abteilung ›Fischerei‹ stammen, die im Rahmen gewisser Kompetenzstreitigkeiten von Kingsley-Schultz entlassen wurden. Überall gab es die üblichen Verkehrsunfälle. Bei mehreren Auffahrunfällen kamen auf der Bundes- straße 66 zwölf Menschen ums Leben. Die Morgen- rakete Chicago – Los Angeles stürzte ab und bohrte sich in den Sand der Mohave – Mojavvy – wie man diese Wüste auch nennen mag. Alle vierundneunzig Passagiere kamen ums Leben. Die neueste Meldung aus New York! Ein Schlep- per rammte im Hafen die Backbordseite des Luxus- schiffs S. S. Placentia. Nach Augenzeugenberichten sank das Schiff in Minutenschnelle und riß dabei schätzungsweise hundertachtzig Passagiere und fünf Mannschaftsangehörige in die Tiefe. Sechs Taucher, wurden zu dem Wrack hinuntergeschickt, aber sie ertranken ebenfalls, denn ihre Taucheranzüge hatten lauter kleine Löcher. Soeben erreicht uns eine Meldung aus Denver. Es hat den Anschein, als –« Barlow nahm fassungslos den Helm ab. »Das klingt alles so brutal!« rief er dem Fahrer zu. »Ich hörte gerade die Nachrichten …« Tinny-Peete schüttelte den Kopf und deutete auf seine Ohren. Das Brüllen des Fahrtwindes war oh- renbetäubend. Barlow krauste die Stirn und blickte aus dem Seitenfenster. Glühende Neonbuchstaben riefen: ›MOOGS! – Ist Ihnen das einen Vierteldollar wert?‹ Er wußte nicht, was mit ›Moogs‹ gemeint war, aber unter den Neonbuchstaben war ein unglaublich proportioniertes Mädchen, das zu neunundneunzig- kommaneun Prozent nackt war. Die Reklamen rechts und links der Straße nahmen kein Ende – und alle Werbesprüche waren mit nack- ten Mädchen garniert. Barlow blickte verlegen auf seine Füße. »Wir kommen jetzt nach Chicago!« rief Tinny- Peete. Andere Wagen tauchten auf, alle waren Traum- boote. Während Barlow sie beobachtete, fragte er sich,, ob er auch genau wußte, was ein Kilometer war. Sie fuhren jetzt offenbar langsamer; er hätte schwören können, daß sie mit fünfundzwanzig Meilen dahin- krochen. Aber da war der rauschende Fahrtwind. Egal, wie lang war ein Kilometer? Vor ihnen türmte sich die Stadt in den Himmel. Nichts schien sich verändert zu haben. Hohe Wol- kenkratzer mit Landungsplätzen für Hubschrauber … Seine Finger gruben sich ins Polster. Diese beiden Hubschrauber … sie flogen … sie flogen … Er sah nicht, ob sie zusammenstießen, denn plötz- lich hielt der Wagen hinter einem gigantischen Ge- bäude, hielt mit einem Ruck vor einer roten Ampel. »Zum Teufel, was geht hier vor?« fragte Barlow mit einer schrillen, ängstlichen Stimme. Obwohl der Bremsweg des Wagens gleich Null war, wurde er nicht gegen das Armaturenbrett geschleudert. Das war ihm unheimlich. »Was ist denn los?« fragte der Fahrer. Es kam grünes Licht. Der Wagen startete, war schon wieder in voller Fahrt. Barlow hatte nach dem Türöffner gegriffen und ließ ihn nicht mehr los. Die Stadt rückte näher; verstreute Gebäude, Wohnsiedlungen, höhere Gebäude und wieder eine Verkehrsampel, die rot zeigte. Der Wagen hielt; das Rauschen der Luft verstummte eine Sekunde. Da war Barlow auch schon aus dem Wagen gesprungen, und rannte wie ein Wahnsinniger den Bürgersteig entlang. Sie werden mich verfolgen, dachte er keuchend. Eine Angelegenheit der Geheimpolizei. Sie werden mich erwischen – Maschinen, die Gedanken lesen können, Fernsehen, Augen überall; sie haben Angst, daß man ihren Sklaven etwas von der Freiheit er- zählt. Das wollen sie mit aller Gewalt verhindern – wie in jener Geschichte, die ich einmal gelesen habe. Nach Luft schnappend verlangsamte er sein Tem- po, ging dann im Schritt und gratulierte sich, daß er den Mut aufbrachte, sich nicht umzudrehen. Denn darauf achteten sie besonders! Doch wenn er gelas- sen weiterging, so war er nur einer unter Hunderten. Er würde bald in Sicherheit sein, in Sicherheit – Eine Hand packte seine Schulter und Worte spru- delten aus dem Mund eines wütend verzerrten Ge- sichts. »Was fällt Ihnen ein, die Leute anzurem- peln?« Es war weder der verrückte Topf er noch der verrückte Fahrer. »Verzeihung, was sagten Sie?« Barlow hatte nicht richtig verstanden. »Ich frage nur einmal!« schnarrte der Fremde, auf die Antwort wartend. »Na?« Barlow hatte das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, und fragte seinerseits: »Na?« Der Fremde ließ seine Schulter los, und zupfte seinen Rock zurecht., »Ha!« schnaufte der Fremde noch verächtlicher und boshafter. Dann feuerte er eine weitere Fluchti- rade ab, die Bärlow ebenfalls nur zur Hälfte verste- hen konnte, wackelte mit den Schultern, ballte die Fäuste. Barlow ging weiter. Er zitterte am ganzen Körper. Vor einer Verkehrsampel blieb er stehen, während die langen, flachen Wagen an ihm vorüberdonner- ten. Jetzt setzten sich die Fußgänger auf dem Bür- gersteig in Bewegung und bahnten sich einen Weg durch den Verkehrsstrom. Bremsen kreischten, Stoßstangen knallten zusammen. Heisere Flüche flogen zwischen Fahrern und Fußgängern hin und her. Er sprang zurück, als ein Wagen einem anderen bis auf den Bürgersteig auswich. Die Ampel wechselte auf grün. Der Wagenstrom versickerte langsam. Barlow überquerte vorsichtig die Straße und lehnte sich, heftig atmend, gegen ei- nen Warenautomaten. Mache einen unauffälligen Eindruck, hämmerte er sich ein, tue etwas völlig Normales, ziehe etwas aus dem Automaten … Er tastete nach dem Wechselgeld in seiner Ta- sche, zog eine Zeitung, ein Taschentuch und einen Schokoladenriegel. Das Schokoladenaroma ließ ein jähes Hungerge- fühl in ihm aufsteigen. Er wollte das Papier entfer- nen, auf dem ›CRIGGLIES‹ zu lesen war, aber es, gelang ihm nicht – und dann öffnete die Verpackung sich von allein. Er hatte drei gute Bissen, zog noch zwei weitere Riegel und verschlang sie heißhungrig. Er spürte Durst und zog ein Orangengetränk. Als er die Tüte öffnen wollte, schwappte der Inhalt über und auf seine Hose. Barlow kam zu dem Schluß, daß er sich lange genug auf einer Stelle aufgehalten hat- te, und ging weiter. Die Schaufenster waren Schaufenster. Die Men- schen trugen noch immer Kleidung, rauchten, kauf- ten Tabak, aßen und kauften Lebensmittel. Und sie gingen noch immer ins Kino; er sah die Neonbuch- staben ›BIJOU‹. Dort schien ein dreiteiliger Film gezeigt zu wer- den: ›Kinder sind schrecklich! – Schaffen Sie sich keine Kinder an! – Canali Kid!‹ Er konnte nicht widerstehen, kaufte sich eine Ein- trittskarte für einen Dollar und ging hinein. Er bekam gerade noch den Schluß von ›Canali Kid‹ mit, ein dreidimensionaler Farb- und Duftfilm. Es schien sich um eine interplanetarische Story zu handeln, die mit einer Verfolgungsszene und der Versöhnung von Held und Heldin endete. Die Strei- fen ›Kinder sind schrecklich‹ und ›Schaffen Sie sich keine Kinder an‹ waren phantastische Argumente gegen die Elternschaft – die grotesk übertriebenen Gefahren einer Geburt in Schmerzen, boshafte Kin- der und alte Eltern, die von ihren boshaften Spröß-, lingen auf sadistisch Weise gequält wurden. Barlow stellte erstaunt fest, daß die Zuschauer seelenruhig Süßigkeiten knabberten und keinerlei Mißfallens- kundgebungen laut wurden. Die ›Vorschau‹ trieb ihn ins Foyer. Die Fanfaren schmetterten, die grellen Farben blendeten und die Düfte schlugen auf den Magen. Als seine Augen sich an das trübe Licht gewöhnt hatten, nahm er in einem Sessel Platz und schlug die Zeitung auf, die er gekauft hatte. Es war eine Renn- sportzeitung, und er sah auf der Titelseite oben links, daß Churchill Downs und Empire City noch immer von sich reden machten. Er überflog die Ergebnisse der verflossenen Ren- nen. Sie benutzten keine Abkürzungen mehr, alles war in einer Rubrik untergebracht. Aber war sonst noch alles dasselbe? Er sah ein Erstlingsrennen, eine Dreiviertelmeile um dreizehnhundert Dollar. Unglaublich, der Bahn- rekord lag bei zwei Minuten und zehnkommafünf- unddreißig Sekunden. Zu Barlows Zeit hätte es selbst der langsamste Gaul in einer Minute und fünf- zehn Sekunden geschafft. Für die anderen Distanzen galt dasselbe, nur daß die Unterschiede noch un- glaublicher waren. Zum Teufel, was war geschehen? Er orientierte sich über die Form einer fünfjähri- gen Fuchsstute und wurde nicht klüger. Die Stute, hatte wahllos gewonnen und verloren. Wieder galt für alle anderen Pferde dasselbe. Kein einziges da- von konnte man als Klassepferd bezeichnen. Jemand nahm neben ihm Platz und sagte: »Das ist also die Story.« Barlow sprang spontan auf und erkannte Tinny- Peete, seinen Fahrer. »Ich wollte Ihnen nicht gleich alles erzählen«, sagte der Psychologe, »aber inzwischen haben Sie wohl einen Teil der Wahrheit kennengelernt. Regen Sie sich nicht auf. Es ist schon alles in Ordnung.« »Dann haben Sie mich also …« »Ich habe Sie?« »Reden Sie mir nichts ein. Ich kann zwei und zwei zusammenzählen. Sie sind von der Geheimpo- lizei. Sie und die anderen Aristokraten leben in Lu- xus und von dem Schweiß all dieser unterdrückten Sklaven. Sie fürchten sich vor ihnen, denn Sie för- dern ihre Unwissenheit.« Der Psychologe gab ein bellendes Gelächter von sich, das ein paar andere Leute im Foyer die Köpfe herumschnellen ließ. Doch das Gelächter hörte sich irgendwie herzlich an. »Gehen wir hinaus«, sagte Tinny-Peete, noch immer lachend. »Sie sind vollkommen im Irrtum.« Er griff nach Barlows Arm und führte ihn auf die Straße. »Tatsache ist, daß Millionen arbeitende Menschen im Luxus leben – auf Kosten einer Hand-, voll Aristokraten. Ich werde wahrscheinlich schon vor der Zeit an Überarbeitung sterben, es sei denn –« Er blickte Barlow fragend an. »Vielleicht können Sie uns helfen.« »Diesen Witz kenne ich«, höhnte Barlow. »Ich habe zu meiner Zeit Geld gemacht, und wer Geld machen will, der muß die Leute auf seiner Seite ha- ben. Erschießen Sie mich, wenn Sie wollen, aber Sie werden keinen Narren aus mir machen!« »Sie widerwärtige, undankbare Kreatur!« fauchte Tinny-Peete, dessen Stimmung jäh umgeschlagen war. »Dieser verdammte Schlamassel ist nur Ihre Schuld – und die Schuld von Leuten Ihresgleichen. Jetzt kein Unsinn mehr, verstanden? Kommen Sie mit!« Er zerrte Barlow bis in die Vorhalle eines Büro- gebäudes und in einen Lift, der wie eine Rakete nach oben stieg. Barlows Knie waren weich, als der Psy- chologe ihn aus dem Liftkäfig herauszerrte, mit ihm einen Korridor entlangging und in einen Büroraum bugsierte. Ein habichtsgesichtiger Mann erhob sich von ei- nem einfachen Stuhl, als sich die Tür hinter ihnen schloß. Nach einem verärgerten Blick auf Barlow fragte er Tinny-Peete: »Wurde ich vielleicht vom Südpol zurückgerufen, nur um diesen – diesen –?« Der Psychologe redete in einer Sprache auf ihn ein, die Barlow völlig fremd war. Er glaubte jedoch,, das Wort ›Bevölkerungszuwachsproblem‹ halbwegs deutlich verstanden zu haben. »Das bezweifle ich«, grunzte der habichtsgesich- tige Mann. »Versuchen Sie es«, schlug Tinny-Peete vor. »Gut, gut. – Mr. Barlow, soviel ich weiß, hatten Sie und Ihre Betrauerte keine Kinder.« »Betrauerte … Was soll diese Frage?« »Sie waren ein blinder, selbstsüchtiger, stupider Esel, daß Sie ökonomische und gesellschaftliche Bedingungen tolerierten, die Schwangerschaft von den Klugen und Vorausblickenden mit einer Strafe belegen läßt. Ihr habt aus uns gemacht, was wir heu- te sind, und Sie sollen wissen, daß wir damit kei- neswegs zufrieden sind. Verfluchte Raketen! Ver- fluchte Autos! Verfluchte Städte mit Dachlandeplät- zen!« »Wie ich die Dinge sehe«, sagte Barlow, »ziehen Sie die beste Show des Jahrhunderts ab. Sind Sie verrückt?« »Die Raketen sind keine Raketen. Sie sind Turbo- jets, gute alte Turbojets; die Verzierungen rund her- um sind nur Ballast. Die Wagen haben eine Spitzen- geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern – ein Kilometer ist, wenn ich mich meiner Paläolin- guistischen Kenntnisse entsinne, drei Fünftel einer Meile – und die Geschwindigkeitsmesser sind so eingerichtet, daß die Fahrer glauben, zweihundert-, fünfzig zu fahren. Die Städte sind lächerlich, kost- spielig, unsanitär und voller Leute, die besser dran und produktiver wären, wenn sie das Land besiedeln würden. Wir brauchen die Raketen, Tricktachometer und Städte, weil Sie und Ihre Art so klug und weise waren, sich keine Kinder zuzulegen. Die herumzie- henden Arbeiter, Slumbewohner und Farmpächter waren denkfaul und kurzsichtig. Und sie hatten Kin- der. Mein Gott, wie viele Kinder!« »Einen Augenblick«, warf Barlow ein. »Auch in Ihren Kreisen gab es doch haufenweise Leute, die zwei oder drei Kinder hatten.« »Der Verschleiß durch Unfälle, Krankheiten und Kriege glich das aus. Ihre Intelligenz ging verloren. Es gab Kinder, für die es besser gewesen wäre, nicht geboren worden zu sein. Und sie sind in der Mehr- heit. Der durchschnittliche Intelligenzquotient ist jetzt bei fünfundvierzig!« »Aber wer seid ihr?« »Nur Menschen – richtige Menschen. Vor einigen Generationen entdeckten die Genetiker endlich, daß ihnen kein Mensch zuhörte. So setzten sie ihre Wor- te in die Tat um. Sie gründeten eine geschlossene Gemeinschaft mit dem Ziel, eine Auslese zu züch- ten. Wir sind ihre Nachkommen, sind ungefähr drei Millionen; aber von den anderen gibt es fünf Billio- nen; folglich sind wir deren Sklaven.« »Das begreife ich nicht. Warum lassen Sie die, Leute nicht zum Teufel gehen?« Der Mann zog eine Grimasse. »Wir haben es ein- mal drei Monate lang versucht. Wir hielten uns am Südpol auf und warteten. Sie merkten es nicht. Ein paar Techniker fehlten, Regierungsbeamte fehlten und so weiter. Die Folgen? In einer Woche spürten die Leute Hunger, nach zwei Wochen gab es Hun- gersnot und Seuchen, nach drei Wochen Krieg und Anarchie. Wir brachen das Experiment ab. Erst eine Generation später war alles wieder halbwegs im Gleichgewicht.« »Aber sie hätten sich doch gegenseitig umbringen können«, sagte Barlow. »Fünf Billionen Leichen bedeuten fünfhundert Millionen Tonnen verwesendes Fleisch.« Barlow kam ein anderer Gedanke. »Wie wäre es dann mit einer Sterilisation?« »Zweieinhalb Billionen Menschen? Außerdem vermehren sie sich ständig – die Arbeit würde kein Ende nehmen.« »Ich verstehe. Wie die marschierenden Chine- sen.« »Teufel, was sind denn das für Leute?« »Das war zu meiner Zeit eine – eh – Redensart. Jemand hatte errechnet, daß alle Chinesen der gan- zen Welt, müßten sie in Viererreihen an einem be- stimmten Punkt vorbeimarschieren, immer weiter und weiter marschieren würden – wegen der Babies,, die während dieser Zeit geboren werden und auf- wachsen, ehe sie diesen bestimmten Punkt errei- chen.« »Das ist richtig. Aber stellen Sie sich statt dieses ›bestimmten Punkts‹ Operationssäle vor.« »Diese Filme über die Vorteile der Kinderlosig- keit«, sagte Barlow, »gehören sie zu Ihrer Propagan- da?« »Ja. Aber sie kümmern sich nicht darum. Wir ha- ben die gezielte Propaganda gegen einen biologi- schen Trieb aufgegeben.« »Nun, wenn Sie den biologischen Trieb in die gewünschte Richtung lenken –« »Ich kenne nur keine wirksamen Möglichkeiten.« Barlows Gesicht wurde starr und maskenhaft, das Resultat jahrelanger sorgfältiger Disziplin. »Kennen Sie nicht, wie? Sie sind das große Gehirn – und Ih- nen fällt nichts ein?« »Fällt Ihnen vielleicht etwas ein?« fragte der Psy- chologe. »Kommt darauf an. Ich habe zehntausend Morgen sibirische Tundra verkauft – über eine Strohfirma natürlich –, nach der Teilung von Rußland. Die Käu- fer dachten auch, sie würden in den Außenbezirken von Kiew bessere Wohnungen bekommen. Das war bedeutend schwieriger als dieser Job.« »Warum?« fragte der habichtsgesichtige Mann. »Damals hatte ich es mit normalen, mißtrauischen, Kunden zu tun, und das hier sind Schwachsinnige, geborene Tölpel. Da brauchen Sie sich doch nur et- was einfallen zu lassen. Die sind viel zu dumm, um der Sache auf den Grund zu gehen.« Auch Tinny-Peete und er habichtsgesichtige Mann konnten sich beherrschen. Niemand blickte den anderen hoffnungsvoll an. »Sie scheinen an etwas Bestimmtes zu denken«, sagte Tinny-Peete. Barlows Pokergesicht wurde noch glatter. »Viel- leicht … Ich habe allerdings noch nicht Ihr Angebot gehört.« »Da wäre beispielsweise die Befriedigung zu wis- sen, daß Sie die Erde vor einer totalen Ausplünde- rung bewahren«, führte der habichtsgesichtige Mann aus, »daß Sie die Rasse vor der Vernichtung schüt- zen.« »Hmhm!« machte Barlow. »Wenn Sie wirklich eine Methode haben«, sagte der Psychologe gedehnt, »so wäre dafür kein Preis zu hoch.« »Geld«, sagte Barlow. »Soviel Sie wollen.« »Mehr als Sie wollen«, fügte der habichtsgesich- tige Mann hinzu. »Prestige«, erklärte Barlow. »Eine Menge Publici- ty. Mein Bild und mein Name täglich in den Zeitun- gen, im Rundfunk und im Fernsehen. Denkmäler, von mir in den Parks, Städten und Straßen. Gebäude und Plätze mit meinem Namen. Ein ganzes Kapitel im Buch der Geschichte!« Der Psychologe zog eine Grimasse, die sagen sollte: Um Himmels willen, was soll das alles? Der habichtsgesichtige Mann warf ihm einen be- ruhigenden Blick zu. »Das ist nicht zuviel verlangt«, lenkte Tinny- Peete ein. »Und Macht!« sagte Barlow. »Macht?« wiederholte der Habichtsgesichtige ver- blüfft. »Ein eigenes Atompotential, wie?« »Ich meine ein Weltdiktatur – mit mir als Dikta- tor!« »Nun, das wäre allerdings –«, setzte Tinny-Peete an, aber der habichtsgesichtige Mann unterbrach: »Dann werden wir beim Kongreß eine besondere Genehmigung einholen müssen, doch die Situation erfordert es. Ich denke, diese absolute Vollmacht kann garantiert werden.« »Können Sie uns Ihren Plan kurz schildern?« »Haben Sie schon einmal etwas von den Lem- mingen gehört?« »Nein.« »Sie sind – oder sie waren, weil Sie noch nicht von ihnen gehört haben – kleine Nagetiere. Alle paar Jahre wandern sie in großen Schwärmen zur Küste, schwimmen ins Meer hinaus und ertrinken. Ich stelle, mir vor, daß man eine Art Lemming-Trieb in die Bevölkerung pflanzen könnte …« »Wie?« »Das spare ich mir auf, bis ich alles schriftlich habe.« Der habichtsgesichtige Mann sagte: »Sie können mich als Ihren Mitarbeiter betrachten, Barlow. Mein Name ist Ryan-Ngana.« Er streckte eine Hand aus. Barlow betrachtete zuerst die Hand und dann das Gesicht des Mannes. »Ryan – was?« »Ngana.« »Hört sich an wie ein afrikanischer Name.« »Es ist auch einer. Der Vater meiner Mutter war ein Watussi.« Barlow nahm nicht die Hand. »Ihre dunkle Haut- farbe fiel mir gleich auf. Ich will Sie nicht verletzen, aber ich glaube kaum, daß ich mit Ihnen auf wir- kungsvolle Weise zusammenarbeiten kann. Nun, ich bin sicher, daß es jemanden gibt, der über die glei- chen Qualifikationen verfügt.« Jetzt warf der Psychologe dem habichtsgesichti- gen Mann einen beruhigenden Blick zu. »Sehr gut«, sagte Ryan-Ngana zu Barlow. »Wir werden für dieses Arrangement sorgen.« »Nicht daß ich Vorurteile habe, wohlverstanden –« »Denken Sie nicht weiter darüber nach, Mr. Bar- low. Jeder, der die Leute dazu veranlassen kann, sich wie die Lemminge zu benehmen, ist für uns nützlich.«, Und er wird nützlich sein, dachte Ryan-Ngana, als Tinny-Peete sich mit Barlow auf dem Weg zur Hub- schrauberetage befand. Ja, er wird nützlich sein. Das Bevölkerungszuwachsproblem war bisher nicht zu lösen gewesen. Neue Gegenmaßnahmen würden ir- rational oder subrational sein. Diese Kreatur aus der Vergangenheit mit seiner Lemming-Legende und seinen ›besseren Wohnungen‹ war dagegen ein Quell von selten bösartigem Egoismus. Er konnte nützlich sein. Ryan-Ngana seufzte und reckte sich. Er mußte nach San Francisco. Er war schon früh vom Südpol zurückbeordert worden, um sich mit Barlow zu be- fassen. So konnte er sich nicht mit seiner hübschen Theorie beschäftigen. Er hatte gerade an einer n- dimensionalen Geometrie gearbeitet, deren Funda- mente und Aufbauten der Intuition nichts schuldig blieben. Barlow warte auf dem Dach auf den Hubschrau- ber und erklärte Tinny-Peete, daß er nichts gegen Neger habe, und Tinny-Peete wünschte sich etwas von Ryan-Nganas Unerschütterlichkeit. Der Hubschrauber brachte sie zum International- Airport, wo Tinny-Peete Barlow vorschlug, er solle zum Südpol weiterfliegen. Der Mann aus der Vergangenheit wußte nicht ge- nau, ob ihm die Kälte und das Eis behagen würden. »Es ist alles in Ordnung«, sagte Tinny-Peete., »Durchaus zivilisiert, warm und angenehm. Dort werden Sie besser arbeiten können. Sie haben alles zur Hand, eine gute Sekretärin und –« »Ich brauche einen großen Stab«, sagte Barlow, der bei tausend wichtigen Geschäftsverhandlungen gelernt hatte, nie auf das erste Angebot einzugehen. »Ich meine eine diskrete Sekretärin, auf die man sich verlassen kann«, fügte Tinny-Peete hinzu. »Im übrigen können Sie so viele haben, wie Sie wollen. Wenn Sie wirklich einen Arbeitsplan haben, so steht Ihnen jede gewünschte Unterstützung zur Verfü- gung.« »Vergessen wir nicht die uneingeschränkte Dikta- tur«, sagte Barlow. Er wußte nicht, daß der Psychologe ihm genauso bereitwillig die Ernennung zu einem göttlichen We- sen versprochen haben würde, um ihn bei guter Lau- ne in die Passagierrakete zu überführen. Tinny-Peete hatte keine Lust, in Stücke gerissen zu werden; er wußte sehr gut, daß es so enden würde, wenn sich dieser Anachronismus herumsprach und die Bevöl- kerung erfuhr, daß es eine kleine Elite gab, die sich den anderen haushoch überlegen fühlte. Die Tatsa- che, daß ihr Überlegenheitsgefühl berechtigt war, und die Tatsache, daß diese Elite trotz ihrer Überle- genheit alle vorkommenden Arbeiten zu verrichten hatte, würde man nicht berücksichtigen. Schließlich hatte Tinny-Peete Barlow an Bord der, Rakete gebracht. Es waren noch dreißig Leute da – richtige Leute –, die zum Südpol flogen. Barlow war während des ganzen Fluges luftkrank, weil Tinny-Peete ihm einen posthypnotischen Befehl gegeben hatte: Er sollte die anderen Passagiere nicht mit seiner aggressiven, geschwätzigen Art belästi- gen. Während des ersten Tages am Südpol erinnerte sich Barlow an seinen ersten Tag bei der Army. Aber er schwenkte das Steuer herum und übernahm selber das Kommando – und das war der Unter- schied. Die Sergeanten benahmen sich nicht wie Soldaten, sondern wie Hotelburschen. Alles war bedeutend schöner, als er es sich vorge- stellt hatte. Vor allem versagte man einem Gast aus der Vergangenheit nicht den nötigen Respekt. Gegen Abend zog er sich in seine gemütliche Un- terkunft zurück und dachte nach. Oben heulte der Schneesturm mit einer Geschwindigkeit von sechzig Stundenkilometern. Wie in den alten Zeiten, dachte er, wie der Wett- bewerb auf dem Grundstückmarkt, wenn man die Konkurrenz am Hals hatte, wenn die Miete um 50 Prozent erhöht wurde und man verdammt genau wußte, daß die Mieter nicht ausziehen konnten, wenn man beim Frühstücksorangensaft lächelnd eine Zeitungsmeldung las, wonach der Stadtrat beschlos- sen hatte, eine Schule auf dem Grundstück zu bauen,, das man von der Stadt gekauft hatte … Und es war einfach. Er würde den selbstmörderischen Lemmin- gen ›Tundra-Gebäude‹ verkaufen, mehr brauchte es nicht, um dieses Problem zu lösen. Natürlich mußten die genauen Einzelheiten aus- gearbeitet werden – aber wozu hatte man seine Un- tergebenen? Er brauchte Spezialisten auf allen Ge- bieten, Technik, Werbung, Verbindungen. Wußten Sie etwas über Hypnose? Das konnte nützlich sein. Wenn nicht, mußten eine Menge Bestechungsgelder gezahlt werden, aber er wollte sich zunächst verge- wissern, daß die finanziellen Reserven unbegrenzt waren. Den Lemmingen einfach Häuser verkaufen … Kurz vor dem Einschlafen bedauerte er, daß die arme Verna nicht bei ihm sein konnte. Das war das größte Unternehmen seines Lebens. Verna … Sam Immerman, dieser Betrüger, mußte sie schwer her- eingelegt haben … Es begann am folgenden Tag, als die Leute ihn aufsuchten. Sie boten ihre Dienste an und fragten, wie er das Problem zu beseitigen gedenke. Er sagte ihnen, er sei zu alt, um sich ›einfangen‹ zu lassen, und sie würden erst dann Auskunft bekommen, wenn der Polarpräsident und der Polarkongreß ihm die Vollmachten eines Diktators verliehen hätten. Er erhielt das Beglaubigungsschreiben. Er legte sein Programm vor, wurde gefragt, ob sein Gewissen, sich nicht dagegen auflehne, und erklärte kurz, daß ein Abkommen ein Abkommen sei und jeder, der nicht klug genug sei, sich selbst zu schützen, keinen Schutz verdiene. Er gab bekannt, daß er sich weder um die Schwachsinnigen noch um deren intelligente Sklaven schere; er nannte ihnen seinen Preis, und mehr interessierte ihn nicht. Würden Sie einverstanden sein oder nicht? Der Polarpräsident erklärte sich bereit, zu Barlows Gunsten zurückzutreten, allerdings mit der Ein- schränkung, daß er vom Polarkongreß wiederge- wählt würde, wenn Barlow es für richtig halte. Bar- low forderte den Titel eines ›Weltdiktators‹, eine völlige Kontrolle der Weltfinanzen, Gehaltshöhe nach eigenem Ermessen, eine Publicity-Kampagne und den sofortigen Beginn der historischen Auf- zeichnungen. »Und was die Ermächtigungsgesetze betrifft«, fügte er hinzu, »so sind sie weder als vorübergehend noch als begrenzt zu betrachten.« Jemand wollte darüber diskutieren in der Hoff- nung, daß Barlow seine Forderungen modifizieren möge. Doch Barlow sagte nur: »Sie haben den Vorschlag zur Kenntnis genommen. Ich lasse nicht einmal zehn Prozent nach.« »Und wenn der Kongreß nicht damit einverstan- den ist, Sir?« fragte der Präsident., »Dann können Sie hier auf dem Südpol bleiben und versuchen, selbst eine Lösung zu finden. Ich werde von den Schwachsinnigen bekommen, was ich will. Ein schlauer Geschäftsmann wie ich schließt keine Kompromisse. Ich habe in diesem ganzen schieläugigen, schwachsinnigen Zeitalter keinen einzigen Konkurrenten.« Der Kongreß stimmte ab, und Barlow gewann überlegen. »Sie haben mit dem Feuer gespielt«, sagte er an- läßlich seiner ersten offiziellen Rede. »Entweder ich bekomme, was ich will, oder ich biete meine Dienste anderweitig an. Zunächst einmal muß für mich ein neuer Palast gebaut werden. Kein anspruchsloser Palast, wohlgemerkt! Die besten Maler und Bildhau- er beginnen an meinen Porträts und Statuen zu arbei- ten. Inzwischen stelle ich meinen Stab zusammen.« Damit entließ er den Polarpräsidenten und den Po- larkongreß und sagte, er würde jeden über die näch- ste Versammlung rechtzeitig informieren. Eine Woche später lief das Programm an. Nord- amerika war das erste Angriffsobjekt. Mrs. Garvey ruhte sich nach dem Essen ein wenig aus, bevor sie sich der Strapaze unterzog, den Ge- schirrspüler anzuschalten. Natürlich lief der Fernse- her, und jemand sagte: »Oooh!« Ein langer, zittern- der, ekstatischer Seufzer – Auftakt einer Parfüm-, Reklameeinblendung. »Mädchen«, röchelte der An- sager heiser, »wollt ihr einen Mann? Das ist denkbar einfach – einfach wie eine Reise zur Venus.« »Hm?« machte Mrs. Garvey. »Was ‘s denn los?« schnaufte ihr Mann, aus sei- nem Halbschlaf erwachend. »Hörst du das nicht?« »Ha?« »Er sagte: ›Einfach wie ‘ne Reise zur Venus‹.« »So?« »Ich dachte, man könnte nicht zur Venus. Ich dachte, die hätten bloß diese eine Rakete, die auf dem Mond zerschmetterte.« »Ah, ihr Frauen seid nicht informiert«, sagte Gar- vey frei heraus und nickte wieder ein. »Oh!« hauchte seine Frau unschlüssig. Am nächsten Tag tauchte in der TV-Serie ›Henrys zweite Geliebte‹ ein neuer Typ auf: Buzz Rentshaw, Venus-Raumschiffkapitän. Mrs. Garvey starrte er- staunt, als Buzz ihre verschwommenen Vorstellun- gen bestätigte. Mona: Liebling, es ist so schön, daß du wieder da bist… Buzz: Du weißt nicht, wie sehr ich dich auf die- sem öden Venusflug vermißt habe. Mona: War es so schlimm, mein Liebster? Buzz: Sprechen wir jetzt nicht über meinen lang-, weiligen Job, Liebling, sprechen wir über uns … Die Jalousien wurden heruntergelassen und der Türschlüssel herumgedreht. In der Dunkelheit knarr- te das Bett. Nun, das Programm war wieder normal. An jenem Abend fragte Mrs. Garvey ihren Mann noch einmal, ob es diese Raumschiffe tatsächlich gäbe; aber er war schon eingenickt. Und dann kam die nächste Reklameeinblendung, in der ein Waschmittel angepriesen wurde, das zwar nicht so gut wie die Seifenwurzeln auf der Venus sei, aber seinen Zweck erfülle; es habe eben nicht jeder das Glück, auf der Venus zu leben. Schon wie- der war von der Venus die Rede! Ich bin nicht ganz normal, dachte Mrs. Garvey. Sie wollte ihren Mann nicht aufregen und meldete sich am nächsten Tag bei ihrem Hauspsychiater an. Im Wartezimmer griff sie nach der neuesten Aus- gabe des ›Readers Pablum‹ und legte es mit leichtem Herzklopfen sofort wieder zur Seite. Sie hatte nur den Titel des Leitartikels gelesen: ›Ein Venusianer, den man nicht vergißt‹. »Der ›Freud‹ erwartet Sie«, sagte die Schwester, und Mrs. Garvey stolperte ins Sprechzimmer. Seine traditionelle Brille und sein Schnurrbart wirkten beruhigend auf sie. Mrs. Garvey stieß ge- preßt hervor: »Verzeihen Sie, Freud, aber ich habe eine Neurose.«, Seine Stimme rutschte eine Oktave tiefer. »Wo fehlt es Ihnen, mein liebes Mädchen?« »Als hätte ich ein Loch im Kopf«, stammelte sie. »Ich scheine alles mögliche zu vergessen. Dinge, die jeder andere weiß, nur ich nicht.« »Nun, das passiert jedem einmal, meine Liebe. Ich schlage Ihnen eine Erholungsreise auf die Venus vor.« Der Psychiater starrte offenen Mundes auf den leeren Stuhl. Die Schwester trat ein und fragte: »Ha- ben Sie gesehen, wie sie verschwand? Was war los mit ihr?« Er nahm nachdenklich seine Brille ab. »Keine Ahnung. Ich empfahl ihr einen Erholungsurlaub auf der Venus.« Er zog eine Schublade auf und nahm die neueste Ausgabe einer Fachzeitschrift heraus. Er hatte sie nur überflogen, denn sie war erst heute morgen zugestellt worden. Er schlug den Artikel auf: ›Die Vorzüge des Planeten Venus hinsichtlich einer Liegekur‹. »Hier steht’s«, sagte er. Die Schwester blickte hin. »Ganz gewiß«, gab sie zu, »ganz gewiß. Warum auch nicht?« »Das Problem dieser Neurotiker ist«, sagte der Freud, »daß sie immer gegen die Wirklichkeit an- kämpfen müssen. Lassen Sie den nächsten Patienten eintreten, Schwester.« Er setzte seine Brille auf und vergaß Mrs. Garvey, und ihr seltsames Benehmen. »Verzeihen Sie, Freud, aber ich – ich habe eine Neurose.« »Wo fehlt es Ihnen, mein liebes Mädchen?« Wie so viele Kuren geistiger Entgleisungen, war auch die von Mrs. Garvey im wesentlichen Selbst- behandlung. Sie versuchte, sich energisch von dem Wahn zu befreien, daß es bisher nur ein Raumschiff gegeben hatte, das auf dem Mond zerschellte. Und bald war sie in der Lage, von der Venus zu sprechen, jenem herrlichen Planeten, auf dem man seinen Le- bensabend verbringen konnte. Und schließlich flog sie zur Venus. Alle ihre Freunde und Bekannten versuchten, Überfahrten zu buchen – beim Abendstern- Reisebüro und anderen Unternehmen. Die Nachfra- ge war erdrückend. Sie pries sich glücklich, einen Platz für eine zweiwöchige Sommerkreuzfahrt zu bekommen. Das Raumschiff sollte sich von Los Alamos, Neu-Mexiko, abheben. Es sah genauso aus wie alle Raumschiffe im Fernsehen und den Maga- zinen, und es war auch – wie sie feststellte – außer- ordentlich komfortabel eingerichtet. Mrs. Garvey versammelte sich vor dem Start mit ungefähr fünfzig Mitpassagieren. Sie kamen aus al- len Himmelsrichtungen, und Mrs. Garvey hatte den untrüglichen Eindruck, daß es sich überwiegend um, Intellektuelle handelte. Der Kapitän, ein stattlicher Mann mit markantem Gesicht, hieß Ryan-Soundso. Er begrüßte die Passagiere an Bord und versprach, daß ihr Flug in jeder Hinsicht einmalig sein würde. Leider, sagte er, würde es während der ›Meteoriten- saison‹ nichts zu sehen geben, die Luken würden geschlossen bleiben. Das war enttäuschend, aber die Gesellschaft sei bestrebt, jedes Risiko zu vermeiden. Es gab die erwarteten kleinen Unannehmlichkei- ten beim Start, die monotone zweitägige Reise bei geschlossenen Luken, Man spielte Karten oder wür- felte. Die Landung ging einigermaßen holprig von- statten, und die Passagiere mußten Tabletten schluk- ken, und einige Minuten auf deren Wirkung warten. Dann wurde die Luke geöffnet, und die Venus ge- hörte ihnen. Die Gegend sah wie eine tropische Insel auf der Erde aus, abgesehen von einer Wolkendecke. Aber man hatte nicht nur das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, sondern man war es tatsächlich. Die zehn Tage waren von einem Schleier des Ge- heimnisvollen umgeben. Es gab auch die herrlich schäumenden Seifenwurzeln – die Reklame hatte nicht übertrieben. Das Obst, meist tropischen und irdischen Ursprungs, schmeckte köstlich. Die einfa- chen Hütten, für die die Reisegesellschaft gesorgt hatte, reichten für diese wunderbar lauen Tage und Nächte vollkommen aus., Alle Erholungssuchenden bedauerten aufrichtig, daß sie wieder das Raumschiff besteigen mußten, und daß wieder Tabletten verteilt wurden, um mög- licherweise vorhandene Bazillen und Viren abzutö- ten, damit sie nicht auf die Erde eingeschleppt wur- den. Erholung war eine Sache, Machtpolitik eine ande- re. Am Südpol saß ein kleiner Mann in seinem schalldichten Zimmer. Sein Gesicht war totenblaß, sein Körper steif. Im amerikanischen Senat sagte Senator Hull- Mendoza: »Mr. Präsident – Gentlemen! Ich würde meine Pflichten vernachlässigen, würde ich das Ho- he Haus nicht darauf aufmerksam machen, daß eine gefährliche Situation entstanden ist. Die Perfektion des Raumflugs hat uns diese Situation beschert, eine Situation, die ich nur als ›mit größten Gefahren durchsetze bezeichnen kann. Mr. Präsident – Gent- lemen! In einer Zeit, in der unsere Raumschiffe den Verkehr mit unserm nächsten Nachbarplaneten auf- genommen haben, möchte ich erfahren, welche Schritte unternommen werden können, um die Ve- nus zu kolonisieren, den Planeten zu einem Vorpo- sten patriotischer Bürger zu machen. Mr. Präsident – Gentlemen! In dieser Welt gibt es Nationen, neiderfüllte Nationen – ich nenne nicht Mexiko –, die mit faulen Mitteln versuchen werden,, der Freiheitsstatue die Fackel der Freiheit des Uni- versums zu entwinden. Und dies ist mein Programm: Ich schlage vor, daß eine Stadt mit hunderttausend Einwohnern geschlossen zur Venus fliegen sollte. Das Los wird in diesem Fall entscheiden. Die Bürger dieser glücklichen Stadt dürfen sich auf der Venus ihr Land nach Belieben aussuchen und es ihrer Nachkommenschaft vererben. Natürlich entstehen den auserwählten Bürgern keinerlei Transportkosten. Und dieses Programm sollte fortgesetzt werden. Stadt um Stadt sollte folgen, bis auf der Venus so viele Bürger abgesetzt sind, daß unsere Ansprüche auf diesen Planeten verteidigt werden können. Ich höre schon die Stimmen der Kritiker, die ein- wenden, daß nicht genügend Stahl vorhanden ist. Aber ich sage, daß für eine Stadtbevölkerung genü- gend Stahl zur Venus transportiert werden kann – und mehr benötigen wir nicht. Ist das eine Preisgabe von Werten? Nun, gewiß; aber es ist die ruhmreich- ste Preisgabe in der Geschichte der Menschheit! Mr. Präsident – Gentlemen – es ist keine Zeit zu ver- schwenden: Die Venus muß amerikanisch werden!« Black-Kupperman auf dem Südpol öffnete die Augen und sagte leise: »Der Stil war etwas holprig. Glauben Sie, daß das jemandem auffallen wird?« »Das haben Sie erstklassig gemacht, Junge, erst- klassig«, versicherte ihm Barlow. Hull-Mendozas Antrag wurde Gesetz., Die Zeichenmaschinen auf dem Südpol arbeiteten vierundzwanzig Stunden täglich; die Stahlwerke in Pittsburg produzierten Millionen Tonnen Stahlplat- ten, die zum Raumflughafen Los Alamos transpor- tiert wurden. Aus logischen Gründen mußte Los Angeles die ausgeloste Stadt sein, und die drei quali- fiziertesten Psychokinetiker mischten sich unter die Kongreßmitglieder in Washington, um zu gewähr- leisten, daß Los Angeles in die Finger des Senators glitt, der mit verbundenen Augen das Los zu ziehen hatte. Los Angeles war begeistert. Ein Wald von Raum- schiffen begann in der Wüste zu blühen. Es waren keine sehr guten Raumschiffe, aber das brauchten sie auch nicht zu sein. Am Südpol arbeitete unter Barlows Anweisung ein Team an einem Postvertrieb. Es mußten Briefe zur und von der Venus befördert werden, ohne daß jemand den leisesten Verdacht schöpfte. Der Start ›Los Angeles‹ verlief wie vorgesehen. Rundfunk, Fernsehen, Wochenschau, Reporter – alle Medien der Nachrichtenübermittlung waren vertre- ten. Die Welt feierte die tapferen Bewohner von Los Angeles, die zu ihrem patriotischen Flug in das Land aufbrachen, in dem Milch und Honig floß. Dann stieg der Wald von Raumschiffen in die Luft und verschwand mit einem unbeschreiblichen Getöse aus dem Blickfeld. Billionen beneideten die Bewohner, von Los Angeles, obwohl sie in ihren Raumschiffen bei knapper Verpflegung und in qualvoller Enge die- se Reise machten. Der Präsident von Mexiko, hypnotisch alarmiert angesichts dieser Ausdehnung des ›Yankee- Imperialismus‹ jenseits der Stratosphäre, startete sein eigenes Venus-Kolonisationsprogramm. Jenseits des Atlantiks fanden Wettrennen zwi- schen England und Irland, Frankreich und Deutsch- land, China und Rußland und Indien und Indonesien statt. ›Lieber Ed, wie geht es Dir? Sam und mir geht es gut, und wir hoffen, daß es Dir auch gut geht. Ist das da oben wirklich so ein Schlaraffenland? Gestern fuhr ich an Springfield vorbei, und da sah es ohne Gebäude recht komisch aus; aber wir müssen die Mexikaner zurückhalten. Habt ihr auf der Venus Schwierigkeiten mit ihnen? Schreibe bald mal. Dei- ne liebe Schwester Alma.‹ ›Liebe Alma, mir geht es gut, und ich hoffe, daß es Dir auch gut geht. Es ist sehr schön hier. Ein an- genehmes Klima und ein angenehmes Leben. Der Arzt sagte mir heute, ich würde zehn Jahre jünger aussehen. Er glaubt, hier liegt etwas in der Luft, das die Leute jung hält. Mit den Mexikanern haben wie hier keine Schwierigkeiten. Die bleiben unter sich. Wir müssen sie nur zahlenmäßig übertreffen und das beste Land für die Amerikaner abstecken. In einer, Bucht im Süden habe ich für Dich und Sam eine hübsche kleine Insel mit herrlichen Wolldecken- bäumen und Schinkensträuchern reserviert. Ich hof- fe, Dich und Sam bald hier begrüßen zu können. Dein lieber Bruder Ed.‹ Sam und Alma waren in Kürze unterwegs. Die Bevölkerungsdichte lockerte sich zusehends, und die Leute, die zu Hause geblieben waren, fühl- ten sich immer einsamer. Auch sie wollten zur Ve- nus auswandern, scheuten vor keiner Bedingung zu- rück und ließen sich bereitwillig ausplündern. Black-Kupperman nahm sich noch einmal Präsi- dent Hull-Mendoza vor – der letzte Auftrag, den die- ses Genie unter den Hypnotiseuren im Rahmen des Venus-Kolonisierungsprogramms ausführte. Hull-Mendoza, von Panik erfüllt bei der Vorstel- lung, daß er bald über eine fast menschenleere Nati- on herrschen würde, schloß sich dem Emigranten- strom an. Die ›Independence‹ – ein Raumschiff, das alle Regierungsmitglieder aufnehmen konnte – war das größte und komfortabelste aller bisher gebauten Raumschiffe. Es gab sogar eine Salonkabine, zwar klein, aber gemütlich, desgleichen Schlafkabinen und Garderobenräume für die Senatoren und Reprä- sentanten. Nun, es schlug den gleichen Kurs ein, den alle Raumschiffe eingeschlagen hatten. Black- Kupperman beging Selbstmord und hinterließ eine kurze Notiz, aus der hervorging, daß er nicht mit, seinem Gewissen leben könne. Nach der ›Abreise‹ des amerikanischen Präsiden- ten geriet Barlow in eine heidnische Wut. Alle Do- kumente des Venus-Kolonisierungsprogramms gin- gen über seinen Spezialschreibtisch, doch von der Emigration des Präsidenten und des gesamten Re- gierungsstabes erfuhr er erst einen Tag später. Er ließ seinen Statistiker Rogge-Smith kommen. Rogge-Smith schien an allem schuld zu sein. Rogge-Smith hatte noch nicht ganz die Tür geöff- net, als Barlow ihn anbrüllte: »Was soll das alles bedeuten? Warum hat man mich nicht konsultiert? Eine unerhörte Eigenmächtigkeit! Sie hatten die Un- verschämtheit, ein Projekt in die Wege zu leiten, von dem ich absolut nichts wußte!« »Ich wollte Sie nicht belästigen, Chef«, sagte Rogge-Smith. »Ich sah darin mehr oder weniger eine rein technische Angelegenheit – eine Art Schluß- punkt, wenn man so sagen kann. Wollen Sie sich bitte persönlich von meiner Arbeit überzeugen? Dann werden Sie zugeben müssen, daß es sich um einen durchaus logischen Abschluß handelt.« Ein wenig beruhigt folgte Barlow dem Statistiker in den Korridor hinaus. »Trotzdem hätten Sie nicht ohne meine ausdrückliche Zustimmung handeln dür- fen«, brummte er. »Was hättet ihr wohl ohne mich gemacht, wie?« »Das ist richtig, Chef. Allein wären wir niemals, fertig geworden. Unser Verstand arbeitet nicht so logisch. Denken Sie an den armen Black-Kupper- man.« Sie standen in einem verhältnismäßig großen Ma- schinenraum vor einer leicht schrägen Wand. Es war kalt. Rogge-Smith drückte auf einen Knopf. Ein Mo- tor sprang an. Gleißendes arktisches Licht flutete in den Raum, als das Dach sich langsam zurückschob. Da sah Barlow ein kleines Raumschiff mit einer of- fenen Einstiegluke. Barlow riß erstaunt den Mund auf, als Rogge- Smith vollkommen respektlos nach seinem Ellenbo- gen griff und die übrigen Mitarbeiter in Erscheinung traten: Swenson-Swenson, der Ingenieur; Tsutsugi- mushi-Duncan, der Koordinierungsmann; Kalb- French, Venuspropaganda. »Steigen Sie ein, Chef«, sagte Tsutsugimushi- Duncan. »Ihre Zeit ist gekommen.« »Aber ich bin der Weltdiktator!« »Der sind Sie, Chef. Ihr Name wird auch in die Geschichte eingehen, darauf können Sie sich verlas- sen –, aber es ist erforderlich, tut mir leid.« Dann fiel die Luke zu. Die Beschleunigung schmetterte Barlow brutal auf den metallenen Fuß- boden. Er hatte das Gefühl, von dem Fuß eines Rie- sen zertreten zu werden. Etwas Feuchtes, Salziges rieselte aus seinen Mundwinkeln. Durch eine kleine- re Luke drang das arktische Sonnenlicht wie ein glü-, hender Stab in seine Augen. Barlows letzter Gedanke war, daß sich einige Din- ge nicht verändert hatten; der Henker wurde nie zum Essen eingeladen, gleichgültig, wie gut man ihn für seine Arbeit bezahlte. Mord blieb noch immer nicht ungesühnt, und ein Verbrechen zahlte sich nach wie vor nur vorübergehend aus. Die letzte Erkenntnis seines rasch fliehenden Le- bens war, daß der Tod das Ende aller Qualen bedeu- tete.,

Was wir lernen

Der Professor zählte sozusagen – obwohl er nicht diese Redensart der Schauspieler kannte – die Köpfe im Zuschauerraum. Er blickte nämlich durch den Spion in der Tür, durch die er im nächsten Augen- blick in das Klassenzimmer treten würde. Der An- blick gefiel ihm. Die Schüler in den Bankreihen hat- ten ihre Hefte aufgeschlagen, schwatzten miteinan- der und blickten zu der Tür herüber, an der er seine Nase plattgedrückt hatte. Sie warteten auf den Be- ginn eines angenehmen Zwischenspiels, das unter der Bezeichnung ›Archäo-Literatur 203‹ bekannt war. Der Professor trat zurück, glättete seinen Rock, klemmte die vier Bücher fester unter seinen Arm und trat ein. Er machte vier rasche Schritte, die ihn zum Pult führten, und ließ seinen Blick, wie wohl schon einige tausendmal, über die Köpfe der Schüler schweifen. Dann lächelte er ein wenig und dachte wie immer, daß das Pult einige Zentimeter höher sein müßte. Er zeigte seine Verärgerung nicht; er war darauf aus, seine Zuhörer zu gewinnen, und schaffte es auch. Totenstille, der höchste Tribut an seine Person, erfüllte ihn mit Genugtuung. Das Licht im Raum erlosch, aber die Lampe auf dem Pult wurde hell., Er begann zu sprechen. »Ihr jungen Herren des Weltreichs, ich möchte vorausschicken, daß diese und die folgenden Lektio- nen einen außerordentlichen – sagen wir, umstürzle- rischen Charakter haben werden.« Ein leises, unruhiges Rascheln wurde laut, aber die Pultlampe brannte jetzt hell genug, zeigte das humorvolle Zwinkern seiner Augenwinkel, obwohl die Mundwinkel sich nicht verzogen. Vereinzelte Lacher stiegen auf; die Schüler rückten ihre Schreibhefte zurecht. Er wartete, bis sich dieser ›Windstoß‹ gelegt hatte. »Umstürzlerisch«, wiederholte er mit Nachdruck. »Umstürzlerisch deshalb, weil ich mir alle Mühe geben werde, beide Seiten unserer historischen An- fänge mit allen Erkenntnissen der Archäologie und dem, was mein Spürsinn in unserer epischen Litera- tur entdeckt hat, zu berücksichtigen. Es gab zwei Seiten, wie Sie wissen – schwierig auszuloten, wenn wir die alte Epik allein beurteilen, eine Epik wie das noble und ungestüme ›Lied des Remd‹, die Fragmente von ›Kralls Reisen‹ oder das blutige, von der Zeit überholte Epos ›Die Schlacht um die zehn Sonnen‹!« Er legte eine wirksame Pau- se ein, während die Kugelschreiber der Schüler über die Heftseiten glitten. »Wie dem auch sei«, fuhr er fort, »die Epik wird gekennzeichnet von dem, was ich das wiederent-, deckte Ethos nennen möchte.« Jeder Schüler konnte aus der Stimme des Profes- sors schließen, daß diese Wendung so sicher wie der Tod und die Steuern bei der Examensarbeit auftau- chen würde. Die Kugelschreiber kritzelten emsig. »Ich meine damit das Erwachen eines Verbrüde- rungsgeistes mit dem Home-Suns-Volk, der einmal eine Realität war, und zwar in der Pionierzeit unse- rer Ahnen. Dieses Gefühl schlug jedoch in Verach- tung um, als dieses Volk zahlenmäßig immer größer wurde. Die Mittel-Epiker verachteten das Home-Suns- Volk so wenig wie die Barden der antiken Epik. Vielleicht lag es daran, weil sie es nicht mehr nötig hatten, zumal ihr langer Krieg gegen das Home- Suns-Volk sich seinem siegreichen Ende näherte. Über Neue Epik werde ich wenig zu sagen haben. Sie war ein literarisches Steckenpferd, eine Pose, und eine einfältige dazu. Geschrieben in historischen Zeiten, verschimmeln diese beiden pseudo-epischen Zeugnisse jetzt in den Zylindern, wo sie hingehören. Unsere sich ständig weiterentwickelnde Zivilisation konnte sich nicht mit der epischen Form integrieren. Unser Geist wandte sich vielmehr der Lyrik und der Romandichtung zu. Soviel im Augenblick über die Literatur. Welch eine Rolle, so muß man sich fragen, spielen archäo- logische Studien bei einer Untersuchung der Kriege,, aus denen unsere Ahnen hervorgingen? Die Archäologie bietet eine Überprüfung der hi- storischen Gegebenheiten der Epik, bestätigend oder verneinend. Zweitens bietet sie uns die Möglichkeit, die verschiedenen epischen Formen auf ihre künstle- rischen oder patriotischen Motive zu untersuchen. Drittens bietet sie Beweise, die verlorengegangen waren, was die fragmentarische Natur einiger frühe- rer Epen betrifft.« All das feuerte er lebhaft und sich ergötzend auf sie ab. Er wollte weder für einen verträumten Litera- turhistoriker noch für einen schalen Pedanten gehal- ten werden; aber er hielt sie gewissermaßen in der Schwebe – sie wußten nicht, was als nächstes kom- men würde. Er gab ihnen reichhaltigen Stoff für Dis- kussionen während und nach der Stunde. »Untersuchen wir zunächst, mittels unserer ar- chäoliterarischen Technik das zweite Buch des ›Lied des Remd‹. Sie, als ausgewählte Jugend des Welt- reichs, werden natürlich einiges darüber wissen. Nun, viele Vorstellungen sind falsch, einige sind richtig, und ein großer Teil ist belanglos. Sie wissen, daß uns das erste Buch mitten in die Ereignisse hin- einführt – an Bord des Schiffs mit Algan und Remd, seinem großen Kapitän, nachdem eine Festung des Home-Suns-Volkes auf dem Planeten Telse vernich- tet worden ist. Wir verfolgen Remd bei seinen Ab- lenkungsmanövern, die die gegnerische Flotte in, zwei Hälften spalteten. Doch bevor wir die Vernich- tung dieser beiden Einheiten durch die ›Horde von Algan‹ miterleben, erfahren wir im zweiten Buch von der Schlacht um Telse.« Er öffnete eines seiner mitgebrachten Bücher, leg- te es auf das Pult, ließ seinen Blick wieder über die Köpfe der Schüler schweifen und las mit sonorer Stimme: »›Anbricht die Schlacht, Und hoch hinauf zerstiebt Der Explosionen Feuer. Die Menschen, blind vor Angst In ihren Höhlen kauern. Der große Remd ist zornig …‹« Oder in weniger aufwendigen Worten: Es wurde ei- ne Atombombe gezündet oder ein riesiger Bomben- teppich abgeworfen. Eine unvorbereitete und unor- ganisierte Bevölkerung dachte nicht daran, sich zu verstreuen; sie erwartete vielmehr tatenlos und zu- sammengedrängt Algans Soldaten und den Tod, den sie brachten. Eines der Dinge, die Sie glauben, weil Sie die Volksschulausgabe von ›Remd‹ gelesen haben, ist die Angabe, daß Telse der vierte Planet von Sol war. Die Archäologie bestreitet das allerdings und weist darauf hin, daß der vierte Planet – übrigens in Wirk-, lichkeit Mars genannt – in jenen Tagen eine Wol- kendecke und wahrscheinlich auch einen besonders dicken ›atmosphärischen Mantel‹ hatte. Ihnen als potentiellen Kriegern dürfte bekannt sein, daß man spaltbares Material nicht an einen derartigen Mantel verschwendet. Es wird auch nicht erwähnt, daß zu diesem Zweck chemische Explosivstoffe verwendet wurden. Darum kann der Planet Mars nicht der Schauplatz des Kampfes gewesen sein. Welch ein Planet es war? Man fand die Antwort mittels Röntgenradarstrahlen, verschiedener Sub- stanzanalysen und anderer Hilfsquellen, die die Wis- senschaft noch heute als ›Sonden‹ bezeichnet. Wir wissen es und können es beweisen, daß Telse der dritte Planet von Sol war. Befassen wir uns nun mit dem dritten Gesang, dem Sturm auf den Palast der herrschenden Dynastie: ›Sie trugen den Herrscherpurpur, Sie kamen trunken vom Fest, Die Wänste vollgefressen, Und trachteten nicht nach dem Kampf …‹ Und so weiter. Wie ich anfangs ausführte, gehört ›Remd‹ der Alten Epik an; der Dichter gab sich kei- ne Mühe, fair zu sein. Das unorganisierte Durchein- ander der Bevölkerung von Telse legte man als Feig- heit aus und dachte nicht daran, es als mangelhaften, Selbstschutz zu betrachten. Das trifft auch beim drit- ten Gesang zu. Videosonden zeigten auf dem Grundstück des Palastes eine Hekatombe von Toten in einstmals purpurroter Livree, aber sie zeigten auch objektiv, daß ihre Mägen nicht übermäßig vollgestopft waren und die Verdauung ihrer letzten Mahlzeit schon fortgeschritten war. Die neuesten Forschungsergebnisse rücken die Leute von Telse in ein weit besseres Licht, möchte man meinen. Diese Studie ist noch nicht abgeschlossen.« Der Professor sah seinen Schülern an, daß die neuesten Forschungsergebnisse sie langweilten. Er schaltete um. »Aber wäre der Schleier der Zeit, der die Jahre zwischen uns und den Home-Suns-Leuten verdeckt, zerrissen worden – wieviel mehr hätten wir lernen können? Würden wir das Home-Suns- Volk verachten, wie das bei jenen Pionieren, unseren Vorfahren, der Fall war? Oder würden wir rufen: ›Dies ist unsere geistige Heimat – diese Welt von Rang und Ordnung, diese Welt der formalen Dich- tung und der Vielfalt der Künste!‹?« Wenn der Schleier der Zeit zerrissen würde –? Wir können versuchen, ihn zu zerreißen … Geschwaderkommandeur Arris hörte das Schrillen des Radarnetzalarms, als er gerade von einem Fisch träumte. Er wälzte sich aus seinem zu tiefen, zu wei- chen Bett, zog seine purpurne Unterjacke an,, schnallte seinen Gürtel mit dem Pistolenhalfter um und beobachtete den Radarschirm. Was ihn in Tä- tigkeit gesetzt hatte, war entweder zu klein oder zu weit entfernt, als daß man es hätte erkennen können. Er klingelte nach seinem Adjutanten und prüfte den Sitz seiner Uniform im Wandspiegel, während er auf ihn wartete. Seine Raumbräune begann zu verschwinden, wie er feststellte, und er nahm sich vor, sie im Kosmetiksalon auffrischen zu lassen. Er ging in den Korridor hinaus, als Evan, sein Adjutant, gerade auf die Tür zukam. Evan war jünger, ge- bräunter im Gesicht, schlanker, aber der gleiche Of- fizierstyp, der die Besatzung des Geschwaders zu dem machte, was sie war. Arris nahm es mit Befrie- digung zur Kenntnis. Evan salutierte zackig, und Arris erwiderte. Sie stiegen in den Lift, der nach unten schwebte und sie in einen großen, kühlen, dunklen Raum trug. Ihre Gesichter schimmerten grün im Licht der Radar- schirme und der Beleuchtung der Auswertungsti- sche. »Achtung!« schrie jemand. Hacken knallten zusammen. »Rühren«, sagte er und nahm die Mel- dung des Wachhabenden entgegen, der mit monoto- ner, präziser Stimme sagte: »Auf dem Hauptschirm wurde ein Objekt gesichtet, Sir!« Er studierte einige Sekunden den anderthalb Qua- dratmeter großen Schirm und entdeckte den einge- fangenen Punkt, der, während er ihn noch beobach-, tete, rasch größer wurde. »Angenommen, der Punkt bewegt sich mit Höchstgeschwindigkeit«, sagte er zu dem Wachha- benden, »wie lange wird es dauern, bis er in Schuß- weite ist?« »Sieben Stunden, Sir.« »Sind die Auffänger benachrichtigt?« »Ja, Sir!« Arris griff nach dem Hörer des Fernsehtelefons. Sofort erschien am anderen Leitungsende ein ju- gendliches Gesicht unter einem Raumfahrerhelm. »Fangen Sie den Kerl ab, Efrid«, sagte der Ge- schwaderkommandeur. »Ja, Sir!« Efrid salutierte und fühlte sich unge- mein geehrt, weil Arris ihn namentlich angesprochen hatte. Nicht nur das, er hatte ihm den Befehl zu ei- nem erstklassigen Einsatz erteilt. Arris schaltete ab, ehe der Junge das Lächeln se- hen konnte, das sich auf seinem Gesicht abzuzeich- nen begann. Er sah auf einem Bildschirm Efrids Jagdstaffel starten und zog sich in eine dunkle Ecke zurück. Dort war sein Platz, bis der Meteor oder was immer es war, zum Abdrehen gezwungen wurde. Evan trat an seine Seite, und sie beobachteten schweigend die flüssigen, disziplinierten Bewegun- gen der Radarwache – Arris mit Befriedigung, Evan zweifellos auch. Der Adjutant brach das Schweigen und fragte:, »Nehmen Sie an, daß es sich um ein Vorpostenschiff handelt, Sir?« Er bemerkte den Blick des Geschwa- derkommandeurs und korrigierte überstürzt: »Ich meine natürlich ein Rebellenschiff, Sir.« »Dann hätten Sie das sofort sagen müssen. Nennt ihr Kadetten diese Schurken immer so?« Evan schluckte einige Male und sagte verstört: »Rein gewohnheitsmäßig, ohne Überlegung, Sir.« »Ich werde einen entsprechenden Vermerk ma- chen. Wie kommen Sie zu dieser sonderbaren Ge- wohnheit?« »Nun, Sir, Sie haben so etwas Ähnliches wie eine Flotte und die Regulusgestirne übernommen.« Was ist nur in diesen Burschen gefahren? dachte Arris verwundert. Freilich, im Prinzip war es ganz verständlich. Sie hatten ein paar Schiffe – die genaue Zahl wußte man nicht –, und sie hatten vorüberge- hend einige Systeme besetzt. Er wandte sich von seinem Adjutanten ab, der sich rasch in den Anblick des Schirms vertieft hatte. Die Briganten hatten gewiß eine fragwürdige Liga gegründet, aber das bedeutete noch nicht… Der Ge- schwaderkommandeur verfolgte den Gedanken nicht zu Ende, denn auf dem Radarschirm erschienen jetzt die Punkte der Jagdstaffel, die sich auf das Objekt zubewegten. Er stellte fest, daß es drei Punkte ge- worden waren. Ein tiefes Summen lenkte ihn ab. Fiel es einem dieser Burschen etwa ein, während des, Dienstes zu singen? Das war doch ausgeschlossen! Eine schwankende Silhouette tauchte in der Dun- kelheit auf, grölte ein Lied und verströmte einen starken Alkoholduft. Er erkannte Glen, den Archiv- vorsteher. »Sie befinden sich auf dienstlichem Gelände«, sagte Arris zu Glen. »Hallo, Arris«, grüßte der kleine, rundliche Zivi- list und blinzelte ihn an. »Ich komme regelmäßig hier hinunter – regelmäßig gegen die Regeln –, um meine regelmäßigen Unregelmäßigkeiten mit der Weinflasche verfliegen zu lassen. Das ist doch voll- kommen in Ordnung, nicht wahr?« Er war betrunken und diskussionsfreudig. Arris fühlte sich in die Enge getrieben. Er konnte Glen nicht höflich hinauskomplimentieren, ohne sich lä- cherlich zu machen, und er konnte Glen auch nicht hinausschmeißen, denn er schrieb an einer Biogra- phie über den Oberhofmeister und konnte sich einst- weilen an jede Person im Palast wenden, falls er Auskunft wünschte. Arris nahm seufzend Platz, und Glen setzte sich schwerfällig neben ihn. »Ist das die Flotte der Vorposten-Liga?« erkun- digte sich der kleine Mann. Er deutete auf den großen Schirm. Arris betrach- tete nicht sein Gesicht, hatte aber das Gefühl, daß Glen boshaft grinste. »Ich kenne keine Organisation, die sich ›Vorpo-, sten-Liga‹ schimpft«, sagte Arris. »Wenn Sie diese Schurken meinen, die unlängst im galaktischen Osten ihr Unwesen trieben, können Sie sie wenig- stens beim richtigen Namen nennen.« Diese Zivili- sten, dachte er, also wirklich! »Tut mir leid«, murmelte Glen förmlich. »Aber diese Briganten sollen den Regulusschwarm besetzt haben, nicht wahr?« Diese Bemerkung verstieß gegen alle Geheimhal- tungsvorschriften. Arris sah ihn ernst an und sagte, jede Silbe betonend: »Ich kann Ihnen keine Befehle geben, Mister. Sie genießen hier augenblicklich so etwas wie eine Sonderstellung. Aber ich möchte Sie bitten, Ihre Worte etwas sorgfältiger zu wählen – schon in Ihrem eigenen Interesse. Wie haben Sie das von den Briganten herausgefunden?« »Ich habe es von Rom erfahren«, antwortete der kleine Mann mit einem sonnigen Lächeln. Arris kramte in seinem Gedächtnis. »Sie meinen, daß Staffelkapitän Romo die Schweigepflicht gebro- chen hat? Das kann ich nicht glauben!« »Nein, Kommandeur, ich meine Rom – ein Platz – eine Zeit – eine Zivilisation. Ich erfuhr es auch von Babylon, Assyrien, dem Großmogul. Natürlich ver- stehen Sie mich nicht, wie?« »Ich verstehe nur, daß Sie fahrlässig mit den Dienstgeheimnissen umgehen und ein kleiner, fetter, gewissenloser Schreiberling sind!«, »Oh, Kommandeur!« protestierte der Archivar. »Ich bin nicht so klein, wie Sie glauben!« Er stand auf und schlenderte lachend davon. Arris versuchte, die Kette der Geheimhaltung auf ein schwaches Glied zu prüfen, konnte aber keins entdecken. Sein Adjutant meldete: »Auffänger in Schußposi- tion, Sir«. »Danke«, sagte der Geschwaderkommandeur und war froh, wieder in seinem Element zu sein. Aus dem Objekt, das sich erst in drei Objekte verwandelt hatte, waren jetzt erstaunlicherweise achtzehn ge- worden. Sie waren groß und wurden noch größer. Arris’ Gesicht war keinerlei Erregung anzumer- ken, als er den Befehl gab: »Lunar-Relais einschal- ten!« »Ja, Sir!« Arris wußte, was die Kraftanlage des Palastes lei- sten konnte, aber er wollte es ausprobieren. Wenn er nicht den Leuchtmarken der Radarschirme glauben konnte, dann vielleicht einem Fernsehschirm. Auf dem großen, grünen Kreis näherten sich die achtzehn – nein, es waren jetzt vierundzwanzig Ob- jekte – den sechsunddreißig kleinen Punkten, den von dem eifrigen jungen Efrid geführten Auffän- gern. »Lunar-Relais-Test, Sir!« sagte der Wachhaben- de., Der Geschwaderkommandeur wandte sich einem Dreißigzentimeterschirm zu; die Besatzung der Ra- darstation versammelte sich hinter ihm und blickte über seine Schultern. Das Bild auf dem Schirm war in der Tat sehenswert. Der Chef ließ Quecksilber in einen dickwandigen Tank füllen. Es prasselte kurz, dann war der Kontakt hergestellt. »Gut gemacht«, sagte Arris. »Ausgezeichnete Sicht.« Er sah oben links ein regelrechtes Gewölbe aus Schiffen – und aus was für Schiffen! Einige waren Dienstschiffe mit zusätzlichen Geschütztürmen, an- dere waren orthodoxe Frachter, die ebenfalls vor Waffen strotzten. Wieder andere waren plumpe Kä- sten, doch nicht weniger bewaffnet. Arris hörte neben sich seinen Adjutanten mur- meln: »Das geht schief, Sir. Sie haben keine Sam- melschiffe, sie haben keine Lazarettschiffe. Was passiert, wenn einer von den Eindringlingen ange- schossen wird?« »Das, was eben passiert, Evan!« fauchte der Ge- schwaderkommandeur. »Sie fliegen im Raum, bis sie in ihren Anzügen ausgedörrt sind. Oder wenn sie mit einem simplen Bootshaken an Bord gezogen werden, erhalten sie keinerlei medizinische Behand- lung. Es sind Briganten, das wissen Sie doch!« Er walzte dieses Thema aus. »Ihre Moral muß, vergli- chen mit der Moral unserer Leute, unbedeutend sein., Wenn unsere Leute ihren Dienst tun, dann wissen sie auch, daß man sich um sie kümmert, wenn sie ver- letzt werden. Hätten wir keine Sammel- und Laza- rettschiffe, dann würden die Männer nicht –« Fast hätte er ›kämpfen‹ gesagt, aber er verbesserte sich. »Dann würde das den Männern nicht gefallen.« Evan nickte und reckte seinen Hals, um besser den Bildschirm beobachten zu können. Er stieß da- bei den Geschwaderkommandanten an, der grimmig sagte: »Machen Sie, daß Sie wegkommen!« Evan ließ sich das nicht zweimal sagen. Die Auffängerstaffel kam ins Blickfeld. Eine schlanke tödliche Nadel von Schiffen in perfekter Formation mit einer kleinen Wolke von Sammel- schiffen im Gefolge. Weiter achtern war ein weißes Lazarettschiff mit dem traditionellen roten Kreuz. Der Angriff erfolgte plötzlich und wie ein Schock. Eines der Rebellenschiffe wurde getroffen, feuerte aber aus allen Rohren und rammte schließlich noch ein Auffängerschiff der Staffel. Alle Leute vor dem ersten Schanzkleid mußten sofort tot gewesen sein, aber achtern setzte sich das Schiff noch zur Wehr. Dann bekam es einen Torpedotreffer in die Back- bordseite; trotzdem feuerten die Steuerbordgeschüt- ze noch weiter. Dann wurde es von den anderen Schiffen abgeschnitten. Es war nur noch ein Wrack, hatte zwei Auffängerschiffe zerstört, zwei weitere beschädigt – und kämpfte weiter., Schließlich schien es davonzutreiben. Zwei weite- re Schiffe der phantastischen Rebellenflotte traten in Aktion, aber der entsetzte Blick des Geschwader- kommandeurs war auf das erste Wrack gerichtet. Es hatte eine bestimmte Richtung … Das Schiff näherte sich dem dünnwandigen, un- gepanzerten Lazarettschiff, rammte es mittschiffs und genau in einem der roten Kreuze. Dann explo- dierte es und vernichtete somit auch das Lazarett- schiff. Der erschütterte Geschwaderkommandeur hätte diese Szene in einer späteren, poetischen Version wohl kaum wiedererkannt: ›Sie blieben tapfer auf dem Kurs Sie wußten, voll des edlen Muts, Nicht achtend ihres Untergangs, Dem Ende trotzend, heldenhaft, Daß sie der Rettung Hort zerstört. Heil! Männer ohne Gnade ihr, Vom Rand des Firmaments!‹ Das Lunar-Relais flackerte aus, als die überlasteten Schmelzsicherungen sich in Dampf auflösten. Arris taumelte in die dunkle Ecke zurück und sank in ei- nen Sessel. »Tut mir leid«, hörte er Glen neben sich sagen. »Das war zweifellos ein schwerer Schock für Sie.«, »Für Sie nicht?« fragte Arris verbittert. »Nicht für mich.« »Wie haben die da draußen das nur gemacht?« fragte der Geschwaderkommandeur in einem ge- dämpften, verzweifelt klingenden Flüsterton. »Sie tragen nicht einmal 45er. Der Nachrichtendienst hat herausgefunden, daß ihre angeworbenen Leute die Offiziere sogar schlagen, ohne daß man sie zur Re- chenschaft zieht. Sie ›wählen‹ Schiffskapitäne! Was soll das alles bedeuten, Glen?« »Das bedeutet«, sagte der kleine, dicke Mann, sei- ner Stimme einen schicksalsschweren Klang verlei- hend, »daß sie zurückgekehrt sind. Sehen Sie, Kom- mandeur, immer gibt es irgendwo eine reiche, mäch- tige Stadt, eine Nation oder eine Welt. Dort leben auch Leute, die nicht damit zufrieden sind. Sie müs- sen die Gefahr suchen und sich behaupten. Sie zie- hen hinaus in die Wüsten, auf andere Planeten oder Sterne. Sie sind stark und werden inmitten von Ge- fahren noch stärker. Sie verändern sich. Sie singen neue Lieder. Sie kennen neue Helden. Und dann kehren sie eines Tages in ihre alte Heimat zurück. Sie kehren in die reichen, mächtigen Städte oder Na- tionen oder Welten zurück. Sie kämpfen gegen de- ren Bewacher, wie sie gegen andere Planeten oder Sterne gekämpft haben. Dann plündern sie die Städ- te, Nationen oder Welten und singen Lieder, die von ihren Taten künden. Das haben sie schon immer ge-, tan und werden es zweifellos weiterhin tun.« »Ja, aber was sollen wir tun?« »Wir sollten uns ducken, Kommandeur. Sie wer- den Bomben werfen, und wir werden sterben – eini- ge tapfer, andere nicht. Vielleicht können wir den Palast noch ein paar Stunden verteidigen. Aber Sie werden noch Rache nehmen können.« »Wie?« fragte der Geschwaderkommandeur mit gehetztem Blick. Der kleine, dicke Mann kicherte und flüsterte dem Offizier etwas ins Ohr. Arris reagierte wie auf einen fadenscheinigen Witz. Er glaubte es nicht. Als er wenige Stunden später von einem Söldner Algans erschossen wurde, glaubte er es noch immer nicht. Der Unterricht des Professors näherte sich dem En- de. Es war gerade noch Zeit für einen geistvollen Witz, damit die Schüler das Klassenzimmer in guter Laune verließen. Er wollte diesen Witz soeben vom Stapel lassen, als ein Bote erschien und ihm zwei Blätter überreichte. Der Professor war insgeheim wütend, daß man ihm den Abgang verdorben hatte, und gab mit einer ziemlich giftig klingenden Stimme bekannt: »Ich habe noch zwei Meldungen zu verlesen. Eine Mel- dung stammt von den Streitkräften General Siegs. Aus ihr geht hervor, daß der sogenannte auswärtige Aufstand unter Kontrolle gebracht wurde, so daß, kein Grund zur Beunruhigung besteht. Zweitens werden alle Herren, die Angehörige des Raumoffi- ziersausbildungskorps sind, aufgefordert, sich zur Stunde 1375 – was immer das auch in Ihrer Code- Sprache bedeuten mag – zwecks Überprüfung der Ausrüstung im Waffenarsenal zu melden. Der Unter- richt ist beendet.« Mürrisch stieg er vom Pult und ging zur Tür hin- aus.,

Gomez

Jetzt, wo ich ein schrulliger alter Mann bin. kann ich mir die Bemerkung leisten, daß mir die jüngere Ge- neration der Wissenschaftler in tiefster Seele zuwi- der ist. Sie erledigen kurzfristige Zerstörungsaufträ- ge, die man ihnen sozusagen durch das kleine Fen- ster zuruft, beispielsweise: »Eine Atombombe mit Kobalt 60!« Und sofort fabrizieren sie das ge- wünschte Modell. Sie sind das Geschrei der Leute gewohnt, die sich dagegen auflehnen. Das war nicht immer so. Früher gab es Genies, die sich gegen die Bevormundung durch ihren Auftrag- geber, den Staat, immer wieder auflehnten: Wiener, Urey, Szilard, Morrison – alle schon tot und, was schlimmer ist, nicht mehr in Mode. Von dem größ- ten unter ihnen werden Sie nie etwas gehört haben. Selbst Admiral MacDonald konnte er hinters Licht führen. Er hieß Julio Gomez, und die Zusammen- hänge um seinen Tod wurden von einem Mann auf- geklärt, den meine jüdischen Freunde Malach Ha- movis, den ›schwebenden Todesengel‹, nennen. Ein schwarzumrandeter Brief von Rosa brachte mir die Nachricht, daß Malach Hamovis mit ausgefahrenen Landeklappen auf Rollbahn 6 aufsetzte, und Julio im Alter von neununddreißig nach einer schweren Lun- genentzündung mit sich nahm., ›Aber‹, schrieb Rosa betrübt, ›Julio wollte Sie wissen lassen, daß er nicht allzu unglücklich gestor- ben ist nach einem zwar kurzen, doch guten Leben …‹ Nun, er ist jetzt vielleicht noch glücklicher, wenn er weiß, daß seine Lebensgeschichte zuguterletzt doch bekannt wird. Es begann vor zwanzig Jahren mit einem Routi- neauftrag an einem frischen Oktobermorgen. Ich war mit Dr. Sugarman verabredet, dem Chef der Physi- kalischen Abteilung der Universität. Es wurde ir- gendein Jubiläum gefeiert: Der erste Atommeiler, die Atombombe auf Nagasaki – ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls brachten die Zeitungen einen Artikel darüber. Ich hatte den Auftrag, die drei, vier Kapazitäten der Universität zu interviewen. Ich fand Sugarman in seinem Büro ganz oben im gotischen Turm über dem Physikalischen Institut. Er blickte nachdenklich durch das Spitzbogenfenster in den hellen, herbstlichen Himmel. Sugarman war ein rundlicher kleiner Bursche. Ich war ihm seit zwei Jahren auf Pressekonferenzen und dergleichen Ver- anstaltungen begegnet, nahm aber nicht an, daß er sich an mich erinnern würde. Aber er erinnerte sich und kannte sogar meinen Namen. »Mr. Vilchek?« strahlte er. »Von der ›Tribune‹?« »Das stimmt, Doktor. – Und wie geht es Ihnen?« »Gut, gut. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Nun,, worüber wollen wir uns unterhalten?« »Ich möchte gern Ihre Meinung zur Atomkontrol- le und so weiter hören. Was ist – Ihrer Ansicht nach – der wichtigste Faktor dieser allgemeinen Atom- probleme?« Seine Augen zwinkerten; er wollte mich offenbar überraschen. »Die Erziehung«, sagte er und lehnte sich zurück, um mein verwundertes Gesicht zu be- trachten. Und ich blickte tatsächlich verwundert drein. »Wie meinen Sie das genau, Doktor?« »Erziehung – technische Erziehung ist der Schlüs- sel zu unserer Zeit. Ja, ich bin tief besorgt über die Unwissenheit der Öffentlichkeit, was die Wissen- schaften angeht. Die Leute unterschätzen uns – un- terschätzen die Wissenschaften –, weil sie die Wis- senschaften nicht begriffen haben. – Warten Sie, ich zeige Ihnen etwas.« Er raschelte einen Augenblick mit den Papieren auf seinem Schreibtisch und reich- te mir ein liniertes Blatt, das mit einer krakeligen Handschrift bedeckt war. »Ich habe unlängst diesen Brief bekommen«, sagte er dazu. Ich betrachtete das Gekritzel und entzifferte: ›Sehr geehrter Doktor Sugarman, verzeihen Sie ei- nem jungen Mann von siebzehn Jahren, der sich mit mathematischer Physik beschäftigt, bei einem Atomwissenschaftler Ihres Ranges vorstellig zu, werden. Meine englischen Sprachkenntnisse sind begrenzt, denn ich stamme aus Puerto Rico und wohne erst seit einem Jahr in New York. Meine El- tern sind arm, und ich verdiene den Lebensunterhalt als Tellerwäscher in einem Restaurant. Ich habe lange gezögert, bis ich mich entschloß, Ihre wertvollen wissenschaftlichen Kenntnisse in Anspruch zu nehmen. Vielleicht können Sie sich gelegentlich mit meinem Problem befassen. Ich habe Schwierigkeiten beim Neutronen-Wirkungsquer- schnitt von Borstahl im Reaktor – das ist die Theo- rie, mit der ich mich beschäftige. Die Erzeugungsre- aktoren fordern u= x + x5 + x10 + x16 +… für Borstahl, verglichen mit dem Neutronen-Wir- kungsquerschnitt von v= x2/5 + x + x2 + x3 + … für jede mir bekannte Masse. Das steht aber im Wi- derspruch mit v5 = u * ( I – 2u + 4u2 – 3u3 + u4)/ (I + 3u + 4u2 + 2u3 + u4) Sie werden verstehen, daß mich eine Klärung dieses, Widerspruchs beschäftigt, und ich bitte Sie, mir Auskunft zu geben, wo mein Fehler zu suchen ist. Im voraus meinen aufrichtigsten Dank. J. Gomez c 10 Proto Bello Lunchroom 124. Straße, St. Nicholas Avenue New York – N. Y. Ich lachte und sagte anerkennend zu Dr. Sugarman: »Der Witz ist gut. Ich wollte, unsere Spaßvögel würden mit uns auf postalischem Wege in Verbin- dung bleiben. Bei einer Zeitung schneien sie einfach hinein und wollen den Herausgeber sprechen. Übri- gens – könnte ich das haben? Die Leser sollten sich das zu Gemüte führen.« Er zögerte kurz und sagte dann: »Nun gut – wenn Sie nicht meinen Namen veröffentlichen. Schreiben Sie einfach ›ein prominenter Physiker‹. Ich halte es nicht für allzu komisch, kann mich aber in Ihre Ge- fühle versetzen. Der Junge mag etwas schwachsin- nig sein – wahrscheinlich ist er das tatsächlich –, aber er glaubt, wie zu viele Leute, daß die Wissen- schaft nur ein Sack voller Tricks ist, in dem jeder normale Durchschnittsbürger herumkramen kann.« Und so weiter und so fort. Ich kehrte in die Redaktion zurück und hatte das Interview in zwanzig Minuten ausgearbeitet. Aber ich brauchte wesentlich länger als zwanzig Minuten,, um den Chefredakteur zu überreden, Gomez’ Brief auf der Sonderseite zum Jubiläum der Atomfor- schung zu veröffentlichen. Schließlich war er dann meiner Meinung. Ich mußte den Brief säuberlich abtippen, denn hätte ich ihn im Original der Setzerei übergeben, dann würden die Leute zweifellos ge- streikt haben. Am Sonntagmorgen, Viertel nach sechs, weckte mich ein Trommelwirbel von Fäusten an der Tür meines Hotelzimmers. Ich zog die Pantoffeln an und den Bademantel über und stolperte verschlafen durch den Raum. Sie warteten nicht, bis ich die Tür geöffnet hatte, sondern traten einfach ein. Ich sah einen der Hotelangestellten, den Sonntagsredakteur, einen frostig dreinblickenden alten Mann und drei hartgesichtige, hartäugige junge Männer. Der Hotel- angestellte murmelte etwas und zog sich zurück, während die anderen auf mich zukamen. »Chef«, sagte ich verblüfft zum Redakteur, »ich möchte gern wissen, was –« Einer der hartgesichtigen Männer stellte sich mit dem Rücken zur Tür, der andere mit dem Rücken zum Fenster, und der dritte blockierte die Badezim- mertür. Der frostige alte Mann unterbrach mich mit der an den Redakteur gerichteten Frage: »Erkennen Sie in diesem Mann Vilchek?« Der Redakteur nickte. »Durchsuchen!« kommandierte der alte Mann., Der Bursche am Fenster kam auf mich zu und durchsuchte meine Taschen nach Waffen, während ich laut fluchte und der Redakteur meinen Blick vermied. Als diese Prozedur beendet war, sagte der frostige alte Knabe zu mir: »Ich bin Konteradmiral MacDo- nald, Mr. Vilchek. Ich bin hier in meiner Eigenschaft als Bevollmächtigter der Sicherheitsabteilung, US- Atomenergiekommission. Haben Sie das geschrie- ben?« Er hielt mir einen Zeitungsausschnitt vor das Gesicht. Ich las verdutzt: ›Was ist so schwierig an der Atomwissenschaft? Ein junger Tellerwäscher hat eine Frage. – Ein Brief, den unlängst ein prominenter Atomwissenschaftler erhielt, scheint sich mit der Beschwerde Dr. Sugar- mans zu decken (s. angrenzende Rubrik), daß die Öffentlichkeit nur wenig von der Arbeit eines Wis- senschaftlers weiß. Den Text des Briefes – komplett mit den mathematischen Formeln‹, natürlich Hirnge- spinsten, – drucken wir hier ab: Sehr geehrter Dok- tor Sugarman, verzeihen Sie einem jungen Mann von siebzehn Jahren –‹ »Ja«, sagte ich zu dem Konteradmiral, »ich habe den Artikel geschrieben – nur der Titel ist nicht von mir. Was ist damit?« Er fauchte: »Der Brief ist – angeblich – von einem Jungen aus New York. Ich vermisse die Adresse.«, Ich sagte geduldig: »Wir pflegen keine Adressen zu veröffentlichen. Was soll das alles?« Er ignorierte meine Frage. »Wo ist das Original dieses Briefes?« Ich dachte angestrengt nach und sagte: »Ich glau- be, ich habe es in die Hosentasche gesteckt. Einen Augenblick, ich –« Ich wollte auf den Stuhl zuge- hen, über dessen Lehne meine Hose hing. »Moment, Mister!« sagte der junge Mann an der Badezimmertür und sah persönlich nach. Er fand den Brief von Gomez und gab ihn dem Konteradmi- ral. Er verglich Wort für Wort mit dem Zeitungsaus- schnitt und steckte beides in seine eigene Tasche. »Ich möchte Ihnen für Ihre Mitarbeit danken«, sagte er kühl zu dem Redakteur und mir. »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß dieser Vorfall nicht zur Veröffentlichung bestimmt ist. Die nationale Sicher- heit hat in hohem Maße damit zu tun. Guten Tag.« Als er mit den Leuten zur Tür ging, erwachte der Redakteur aus seiner Apathie und sagte: »Das wird morgen in der ›Tribune‹ auf der ersten Seite stehen, Admiral!« Der Admiral wurde blaß und sagte nach langem Schweigen: »Sie sind sich doch darüber im klaren, daß dieses Land jeden Augenblick in einen Krieg von globalen Ausmaßen verwickelt werden kann. Täglich sterben einige unserer Leute bei Grenzzwi- schenfällen. Sterben sie etwa für Zivilisten Ihres-, gleichen, die sich den Teufel um die nationale Si- cherheit scheren?« Der Redakteur nahm auf der Kante meines zer- knautschten Bettes Platz und zündete sich eine Ziga- rette an. »Das weiß ich alles, Admiral«, sagte er, »ich weiß aber auch, daß wir in einem freien Land leben, und wie wir diese Freiheit erhalten können. Indem wir nämlich derartige Fälle einer ungerecht- fertigten Durchsuchung ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rücken!« Der Admiral sagte: »Ich persönlich kann Ihnen bei meiner Ehre als Offizier versichern, daß Sie Ih- rem Land – sollten Sie diesen Vorfall publizieren – einen schlechten Dienst erweisen.« »Ihre Ehre als Offizier …« Der Redakteur lächelte milde. »Sie sind immerhin ohne Haussuchungsbe- fehl in dieses Zimmer eingedrungen. Verstoßen Sie damit nicht bereits gegen das Gesetz? Und ich habe einen Ihrer Leute nach der Waffe greifen sehen, als Mr. Vilchek auf den Stuhl zugehen wollte.« Ich begann bei diesen Worten nachträglich zu schwitzen, aber der Admiral schwitzte noch stärker. Er riß sich zusammen und sagte: »Ich muß mich wohl wegen meiner Schroffheit und Unhöflichkeit entschuldigen. Doch wie ich schon erwähnte, han- delt es sich um eine wichtige Sicherheitsmaßnahme. Darf ich hoffen, daß Sie, meine Herren, schweigen werden?«, »Unter einer Bedingung«, sagte der Redakteur. »Ich möchte, daß meine Zeitung das Exklusiv- Veröffentlichungsrecht an der Gomez-Story be- kommt. Ich möchte, daß Mr. Vilchek die Story übernimmt – mit Ihrer vollen Unterstützung. Umge- kehrt geht der Artikel durch Ihre Zensur.« »Ein fairer Vorschlag«, sagte der Admiral ver- drießlich. Er schien plötzlich zu begreifen, daß der Redakteur schon die ganze Zeit an eine derartige Vereinbarung gedacht hatte. In der Maschine nach New York weihte mich der Admiral in die Vorgänge ein. »Ich wurde heute morgen um drei Uhr durch ei- nen Telefonanruf des Vorsitzenden der Atomener- giekommission aus dem Schlaf gerissen. Er war sei- nerseits von einem Anruf Dr. Monroes, eines wis- senschaftlichen Beirats, geweckt worden. Dr. Mon- roe hatte bis spät in die Nacht hinein gearbeitet und vor dem Einschlafen in der Sonntagsausgabe der ›Tribune‹ gelesen. Da entdeckte er den Brief von Gomez und sprang in die Höhe. Denn diese mathe- matische Formel, Mr. Vilchek, war seine eigene Ar- beit! Außerdem handelt es sich um das am besten bewachte Atomgeheimnis der Nation. Wahrschein- lich ist dieser Gomez rein zufällig darüber gestolpert – als Portier, Schließer, oder was weiß ich –, und jetzt schmeichelt es seiner Eitelkeit, sich als ›Atom- wissenschaftler‹ zu produzieren.«, Ich kratzte mein unrasiertes Kinn. »Admiral«, sagte ich, »Sie wollen mich doch nicht etwa zum Narren halten. Wie können drei Gleichungen das wichtigste Atomgeheimnis darstellen?« Der Admiral zögerte. »Ich kann Ihnen nur sagen, daß die Brutreaktoren dabei eine maßgebliche Rolle spielen.« »Sie meinen, daß Gomez sich diese Formeln nicht nur zu eigen gemacht hat, sondern tatsächlich weiß, was sie bedeuten?« »Jemand muß unglaublich fahrlässig gehandelt haben«, murmelte der Admiral. Er ließ mich darüber nachdenken, während die Maschine über New Jersey hinwegdonnerte. »Wir landen in fünf Minuten, Sir!« gab der Pilot bekannt. »Newark hat Landeerlaubnis erteilt.« »Gut«, sagte der Admiral. »Fordern Sie gleich ei- nen Zivilwagen an, damit wir keine Zeit verlieren.« »Zivilwagen?« fragte ich. »Natürlich einen Zivilwagen«, fauchte der Admi- ral. »Niemand darf ahnen, daß dieser Gomez und sein Brief etwas Ungewöhnliches sind. Natürlich sind ein paar Exemplare der ›Tribune‹ bereits auf dem Weg zur Sowjetunion. Eine Routinesache. Sie lesen alle amerikanischen Zeitungen und Magazine, die sie nur bekommen können. Würden wir den Ver- trieb der ›Tribune‹ stoppen, so würden sie gleich wissen, was es damit auf sich hat.«, Wir landeten und stiegen zu fünft in einen neuen, aber unauffälligen Wagen um. Einer der Männer des Admirals löste den Fahrer ab. Während der Fahrt von Newark nach New York, sprachen wir nicht viel. Einmal zündete sich der Admiral eine Zigarette an, warf sie jedoch nach zwei hastigen Zügen wieder durch das Seitenfenster. Der Porto Bello-Lunchroom war ein Restaurant mitten in einem schäbigen Mietwohnungsblock in Spanish Harlem. »Sehen Sie mal nach, ob es einen Hintereingang gibt, Higgins«, sagte der Admiral. Einer der Leute stieg aus, ging um den Block her- um und an den neugierigen Blicken der einen schwarzen Umhang tragenden Frauen vorbei, die auf der Treppe saßen. Nach fünf Minuten kam er wieder und schüttelte den Kopf. »Vilchek und ich werden hineingehen«, sagte der Admiral. »Higgins, Sie nehmen neben der Vordertür Aufstellung und halten jeden auf, der hinausgelaufen kommt. Gehen wir, Herr Reporter. Und denken Sie immer daran, daß ich das Wort führe.« Als wir eintraten, blickten die Gäste an den zehn Tischen auf. Der Admiral sagte zu einer Frau, die an einer vorsintflutlichen Registrierkasse saß: »Wir kommen von der Gesundheitskommission, Senora.« »Ah!« entgegnete sie verärgert. »Por favor, no aqui! Gehen Sie schon hinein.« Sie winkte einer, hübschen Kellnerin zu, die die Kasse übernahm, und führte uns in eine dunstige Küche, in der wir gerade Platz hatten. Der Admiral und die Frau unterhielten sich auf Spanisch. Er spielte seine Rolle sehr gut. Ich für meine Person musterte fasziniert den Geschirr- spüler, der irgendwie in den Besitz der wichtigsten Atomgeheimnisse Amerikas gekommen war. Gomez war siebzehn, sah aber wie fünfzehn aus. Er war ziemlich mager und hatte eine Hautfarbe, die an den hellen Virginiatabak in englischen Zigaretten erinnerte. Sein Haar war glatt, schwarzglänzend und ein wenig lang. Er arbeitete wie der Leibhaftige, spülte und trocknete mit der Präzision einer Maschi- ne, doch er sah keineswegs deprimiert oder verärgert aus. Er lächelte kaum merklich, und man brauchte nur seine Augen zu sehen, um zu wissen, daß seine Gedanken woanders waren. Ich glaube, Gomez be- merkte nicht einmal, daß wir eingetreten waren. »Como se llama, chico?« fragte ihn der Admiral. Erst jetzt schien er aufzuwachen, stellte den Teller weg, den er gerade gespült hatte, und sagte: »Julio Gomez, Sir. Por que, por favor? Que pasa?« Er zeigte sich nicht im mindesten verstört. »Gesundheitskommission«, sagte der Admiral. »Con su permiso –« Er nahm Gomez’ Hände und inspizierte sie ernsten Gesichts. Dann: »Vamanos Julio. Siemento mucho. Usted esta muy enfermo.« Alle begannen auf einmal zu reden. Die Frau fühl-, te sich in ihrer Sauberkeitsehre gekränkt, der Koch fürchtete, seinen Geschirrspüler zu verlieren, und Gomez ärgerte sich über die verlorene Zeit. Der Admiral redete beruhigend auf alle ein, und fünf Minuten später führten wir Gomez aus dem Re- staurant. Die Gäste hoben wieder die Köpfe. Die hübsche Kellnerin an der Kasse sagte nervös: »Ju- lio?«, als wir an ihr vorbeigingen, aber Julio nahm nicht von ihr Notiz. Gomez setzte sich, noch immer leise lächelnd, in den Wagen, und seine Augen blickten in eine Ent- fernung von Millionen Meilen, als der Wagen zum Foley Square rollte. Der Admiral sah nicht so aus, als würde er gern meine Fragen beantworten. Wir stiegen vor dem Gebäude des Bundesministeriums für Atomfragen aus. Erst jetzt sagte Gomez verwun- dert: »Das ist ja gar nicht das Krankenhaus!« Keiner antwortete … Wir führten ihn die Treppe hinauf und umkreisten ihn im Lift. Das hätte jeden nervös gemacht, jeden, der etwas auf dem Gewissen hatte, doch der Junge kümmerte sich offenbar nicht darum. An der Glastür war zu lesen: ›US-Atom- energiekommission, Sicherheitsabteilung‹. Die An- gestellten blickten entgeistert, als der Admiral und sein Anhang hereinmarschierten. Er schickte den Sekretär hinaus und nahm hinter seinem Schreib- tisch Platz, während Gomez den Besuchersessel an-, geboten bekam. Wir anderen standen etwas gezwun- gen herum. Die Unterhaltung begann. Der Admiral zeigte den Brief und fragte auf englisch: »Haben Sie das schon einmal gesehen?« Er hielt den Brief so, daß Gomez ihn nicht in die Hände bekommen konnte. »Si, seguro. Ich habe ihn in der vergangenen Wo- che geschrieben. Das ist alles sehr komisch. Dann bin ich nicht richtig krank?« »Nein. Wie kommen Sie an diese Gleichungen?« Gomez antwortete stolz: »Ich habe sie ausgearbei- tet.« Der Admiral lachte perplex. »Verschwenden Sie nicht meine Zeit. Wie kommen Sie an diese Glei- chungen?« Gomez regte sich langsam auf. »Ich bin kein Lüg- ner, Sir! Ich bin nicht so klug wie die großen Physi- ker, und vielleicht mache ich Fehler. Vielleicht habe ich die Zeit des Professors verschwendet, aber er hat nicht das Recht, mich zu verhaften. Ich habe kein Verbrechen begangen – und Sie haben kein Recht!« Der Admiral machte ein gelangweiltes Gesicht. »Dann erklären Sie mir, wie Sie diese Gleichungen ausgearbeitet haben«, sagte er. »Okay. Sie wissen, daß Professor Oppenheimer die Zufallsbahnen des Neutrons mit den Mitteln der Matrizenmechanik ausgedrückt hat. Ich transformie- re die Gleichungen von der Bahndarstellung in die, Ausdrucksweise der Wirkungsquerschnitte und inte- griere über die Absorptionsbereiche. Das ergibt die u- und v-Serien. Und so gesehen ist die u-v- Verwandtschaft doch offensichtlich, nicht wahr?« Der Admiral machte noch immer ein gelangweil- tes Gesicht und fragte: »Haben Sie das begriffen?« Ich bemerkte, daß einer seiner Leute einen Steno- block gezückt hatte. »Ja«, sagte er. Der Admiral griff nach dem Telefonhörer, melde- te sich und befahl: »Geben Sie mir sofort Doktor Mines aus Brookhaven!« Zu Gomez sagte er: »Dok- tor Mines ist der Chef der Abteilung AEC- Theoretische Physik. Ich werde mich bei ihm erkun- digen, was er von Ihren Gleichungen hält. Zweifel- los wird er bestätigen, daß Sie eine Menge Unsinn reden, und dann werden Sie mir genau erklären, wie Sie wirklich an diese Formeln gekommen sind.« Gomez machte ein verblüfftes Gesicht, und der Admiral sprach wieder ins Telefon. »Doktor Mines? Ja, hier spricht Admiral MacDonald. Ich möchte gern Ihre Meinung hören über –« Er schnippte un- geduldig mit den Fingern, und der Stenograph gab ihm das Blatt. Der Admiral las ihm den Brief nebst den Gleichungen vor. In der Stille des Raums hörte ich am anderen Lei- tungsende ein gedämpftes Gemurmel. Dann wurde der Admiral feuerrot im Gesicht. Als das Gemurmel aufhörte, sagte er langsam und eindringlich?“‘, »Nein, die Formeln stammen nicht von Fermi oder Szilard. Können Sie sofort zu mir kommen? Ich – ich brauche Ihre Hilfe. Es ist ungemein eilig!« Er legte den Hörer auf und murmelte: »Ein Fall erster Ordnung …« Dann ging er wie betäubt hinaus. Die Leute starrten sich erstaunt an. »Fünf Jahre«, sagte einer, »und –« »Nix«, sagte ein anderer, auf mich deutend. »Was geht eigentlich vor?« fragte Gomez. »Ich finde das alles sehr komisch.« »Beruhigen Sie sich«, sagte ich. »Sieht so aus, als –« »Nix«, sagte der andere wieder. Ich hielt den Mund und wartete. Nach einiger Zeit brachte jemand Kaffee und Sandwiches. Wir aßen. Dann kam der Admiral mit Dr. Mines wieder. Mines war ein weißhaariger Mann, der aus Connecticut stammte. Ich wußte nicht viel von ihm, erfuhr aber bald, daß er ein ausge- zeichneter Wissenschaftler war. »Mr. Gomez?«.sagte er freundlich zu dem Jungen. »Der Admiral erzählte mir, daß sie entweder ein her- vorragend ausgebildeter russischer Meisterspion oder der hervorragendste autodidaktische Atomwis- senschaftler sind, den es je gegeben hat. Ich soll he- rausfinden, welche dieser beiden Möglichkeiten zu- trifft.« »Russisch?« rief Gomez wild. »Er ist verrückt!, Ich bin ein Bürger der Vereinigten Staaten!« »Kann schon sein«, sagte Dr. Mines. »Der Admi- ral sagte, daß Sie die u-v-Relation als ›offensicht- lich‹ bezeichnen. Ich würde das als seltsame Abwei- chung in der Theorie der komplexen Multiplikation bezeichnen.« Gomez warf wieder mit Zahlen um sich und frag- te schließlich mit leuchtenden Augen: »Por favor, kann ich ein Blatt Papier haben?« Sie gaben ihm einen ganzen Stapel Blätter, und es ging los. Zwei volle Stunden kritzelten und unterhielten sich Gomez und Dr. Mines. Wir anderen sahen und hörten nur zu. Schließlich stand Dr. Mines auf und sagte: »Mehr kann ich nicht verdauen, Gomez. Ich muß zunächst einmal darüber nachdenken.« »Nun?« fragte der Admiral düster. Dr. Mines lächelte entschuldigend. »Er ist ein Physiker«, sagte er. »Kein Zweifel …« Gomez setzte sich aufrecht hin. »Bringen Sie ihn ins Nebenzimmer, Higgins«, sagte der Admiral. Gomez ließ sich wie ein Schlafwandler abführen. »Sicherheit!« Dr. Mines lachte. »Sicherheit!« »Wollen Sie mir nun, bitte, Ihre Meinung erklä- ren?« Dr. Mines hörte zu lachen auf. »Wenn ich ehrlich sein soll, so hatte ich einige Mühe, mit Gomez, Schritt zu halten.« Er räusperte sich. »Das passierte wohl schon einmal … Haben Sie jemals etwas von einem Ramanujan gehört?« »Nein.« »Srinivasa Ramanujan?« »Nein!« »Nun, dieser Mann wurde 1887 geboren und starb 1920. Er war ein armer Hindu, der im College zweimal versagte und schließlich als Regierungsan- gestellter endete. Aber er war ein mathematisches Genie. Im Jahre 1913 schickte er einem Professor in Cambridge eine Abhandlung. Daraufhin rief man ihn nach England und bedachte ihn mit allerlei Ehren und Auszeichnungen.« Der Admiral schüttelte den Kopf. »Es kommt vor«, sagte Dr. Mines. »O ja, es kommt vor. Aber dies ist New York. Gomez hat Zu- gang zu allen mathematischen Lehrbüchern. Und selbst wenn man das berücksichtigt, bleibt er ein – ein Genie!« Der Admiral konnte sich nicht die Frage verknei- fen: »Wollen Sie damit sagen, daß er ein besserer Physiker ist als Sie?« »Ja«, antwortete Dr. Mines, »sogar ein wesentlich besserer.« Der Admiral nahm am Schreibtisch Platz und stützte den Kopf in die Handflächen. Dann blickte er auf und sagte zu einem seiner Leute: »Verbinden Sie, mich mit dem Präsidenten der Kommission!« Der Mann kam der Aufforderung nach. »Wo stehen wir jetzt, Admiral?« erkundigte ich mich. »Wie? Ach so … Ein Fall von Spionage scheint es nicht zu sein. Natürlich müssen wir eine zweckdien- liche Verwendung für Gomez finden …« »Ihn wie eine Rechenmaschine einsetzen?« fragte ich angewidert. Seine blauen Augen sahen mich starr an bei den Worten: »Wie eine Waffe.« Natürlich hatte er recht. Ob ich keine Ahnung hät- te, daß Krieg sei? Natürlich hatte ich eine Ahnung. Ich kratzte mein unrasiertes Kinn und trat ans Fen- ster und blickte hinaus. Der Foley Square lag in sonntäglichem Frieden. Nur ein Mädchen schlender- te auf dem Platz hin und her. Ihr Gang hatte etwas Schleppendes, Tragisches. Plötzlich erkannte ich sie wieder. Die kleine, hüb- sche Kellnerin aus dem Porto Bello. Sie mußte in ein Taxi gestiegen und den Männern gefolgt sein, die Julio Gomez hierher gebracht hatten. Dein Julio, dachte ich, ist nicht mehr nur ein gutaussehender Bursche, sondern ein militärischer Faktor. Geh nur ruhig wieder nach Hause … Als hätte sie meine Gedanken gehört, führte sie ein Taschentuch zu ihrem Gesicht, machte plötzlich kehrt und rannte auf den U-Bahn-Eingang am Ende, des Blocks zu. In diesem Augenblick klingelte das Telefon. »MacDonald«, meldete sich der Admiral. »Ich möchte Ihnen über die Affäre Gomez berichten, Sir.« Gomez war noch minderjährig, also unterzeichneten seine Eltern den Vertrag. Die Art dieses Vertrages ist unwichtig, aber Gomez bezog ein sehr gutes Ge- halt. Auch ich unterzeichnete einen Vertrag als ›In- formationsspezialist‹. Eine Bezeichnung hatte unser Team nicht; wir waren nur fünf Personen in einem Haus mit fünfzehn Zimmern, das sich in den Außen- bezirken von Milford in Jersey befand. Die obere Etage war für Julio Gomez reserviert, dem alle Bü- cher technischen und mathematischen Inhalts zur Verfügung standen. Einmal wöchentlich kam Dr. Mines. Da waren noch die drei Leute von der Si- cherheitsabteilung – Higgins, Dalhousie und Leitzer, die Bewachungsfunktionen ausübten, und da war ich. Gomez arbeitete bis zu achtundvierzig Stunden ununterbrochen, aß kaum etwas und entspannte sich dann ein, zwei Tage. Er erzählte mir über seine Kindheit in Puerto Rico und seine Jugend in New York. Er brachte mir ein bißchen Spanisch bei und bat mich, ihm zum Ausgleich grammatikalisch rich- tiges Englisch beizubringen., »Möchten Sie nicht gern hier heraus?« fragte ich ihn eines Tages. Er grinste. »Warum, Beel? Hier kann ich gut es- sen und meinen Eltern Geld schicken. Vor allem kann ich hier lernen.« »Haben Sie eine Freundin?« Er blieb mir die Antwort schuldig und wechselte das Thema. Dr. Mines kam und trug, wie immer, eine dicke Aktentasche bei sich. Wir tauschten ein paar Höf- lichkeitsfloskeln aus; dann ging er mit Gomez nach oben und hielt sich fünf Stunden in seinem Studio auf – ein Rekord. Als er wiederkam, sagte er zu mir: »Wir haben uns über mathematische Probleme un- terhalten. Ich gab ihm ein paar Anhaltspunkte, mehr konnte ich nicht dazu beitragen. Er ist von seiner Arbeit besessen.« Das stimmte, denn Julio kam nicht zum Essen herunter. In jener Nacht wachte ich auf und hörte oben ein polterndes Geräusch. Ich ging im Pyjama die Treppe hinauf. Gomez lag, völlig angekleidet, auf dem Fußbo- den. Er war über eine Fußbank gestolpert und schien es nicht einmal gemerkt zu haben, denn seine Lippen bewegten sich und seine Augen schienen durch mich hindurchzublicken. »Alles in Ordnung, Julio?« fragte ich und wollte ihm auf die Beine helfen., Er stand von allein auf und murmelte: »Wie kommen Sie hier herein. Beel? Ist schon Zeit zum Essen?« »Zum Frühstücken, Julio«, sagte ich. »Es ist vier Uhr morgens. Wollen Sie nicht endlich schlafen?« Nein, er sei noch nicht müde und habe im übrigen noch ein bestimmtes Problem zu durchdenken und zu berechnen. Ich ging wieder nach unten und hörte ihn, bis ich eingeschlafen war, auf und ab gehen. Aber dieses bestimmte Problem hielt ihn wesent- lich länger als achtundvierzig Stunden fest. Eine Woche lang brachte ich ihm die Mahlzeiten nach oben. Er aß geistesabwesend und nur mit einer Hand, während er mit der anderen Hand Zahlen auf das Blatt eines Blocks malte. Manchmal brachte ich ihm das Mittagessen und stellte fest, daß er noch nicht gefrühstückt hatte. Er hatte keinen starken Bartwuchs, aber er ließ seinen Bart eine Woche lang wachsen. Rasieren war Zeitverschwendung, auch essen und schlafen spielten für ihn nur Nebenrollen. Überkam ihn die Müdigkeit, so schlief er kurze Zeit in einem Sessel. Ich fragte Leitzer besorgt, ob wir nicht irgend et- was tun könnten. Er rief seine Dienststelle an, erfuhr aber nichts von Bedeutung. Ich nahm an, daß Dr. Mines einen Arzt benachrichtigen würde, aber auch er kam nur, ging nach oben und kehrte zwei Stunden, später wie ein Schlafwandler wieder. »Was halten Sie von ihm?« fragte ich. Er sah mich an und sagte trotzig: »Ich möchte sei- ne Arbeit unter keinen Umständen unterbrechen.« »Er hat eine wichtige Arbeit, nicht wahr?« Er zuckte die Achseln. »Das ist die Arbeitsmetho- de einiger Wissenschaftler. Newton war so, auch Sir William Rowan Hamilton –« »Aber er muß doch schlafen und essen«, unter- brach ich ihn. »Sie wissen nicht, wie das ist«, murmelte Dr. Mi- nes. »Wen ein Problem dieses Ausmaßes gepackt hat, den läßt es nicht mehr los.« »Aber vielleicht können Sie mir verraten, wie das ist?« Er schwieg einige Zeit und sagte dann: »Ich will es versuchen. Der Junge da oben arbeitet mit seinem Gehirn. Er hat Millionen von Fakten bezüglich der theoretischen Physik im Kopf. Er siebt diese Fakten, bringt sie miteinander in Beziehung, dreht sie hin und her, vergleicht sie, behält sie im Gedächtnis und holt andere Fakten heran.« »Ja, aber worauf will er hinaus?« fragte ich. »Ich glaube, er beschäftigt sich mit der Quanten- theorie«, sagte er langsam. »Wie Sie wissen, ent- wickelte sich die mathematische Wissenschaft wel- lenartig. Im Mittelalter gab es die algebraische Wel- le, dann folgten dichtauf Navigation, Waffentechnik, und so weiter. In der Renaissance gab es die Analy- sis, die man heute Differentialrechnung nennt. Spä- ter kamen die mechanischen Berechnungen und die Elektrizität mit ihren neuartigen Formeln hinzu. Die Welle der modernen Mathematik, seit 1875, brachte uns die Atomenergie, und vielleicht bringt der Junge dort oben die nächste große Welle ins Rollen.« Er stand auf und griff nach seinem Hut. »Einen Augenblick, Doktor«, sagte ich und wun- derte mich, daß meine Stimme ruhig klang. »Was kommt wohl als nächstes? Kontrolle der Schwer- kraft? Kontrolle der Persönlichkeit? Kontrolle des menschlichen Reaktionsvermögens?« Dr. Mines blickte zur Seite und sah plötzlich alt und irgendwie zusammengeschrumpft aus. »Machen Sie sich keine Sorgen um den Jungen«, sagte er nur und verabschiedete sich. An jenem Abend brachte ich Gomez eine Geflü- gelpastete und einen alkoholfreien Punsch. Er be- dankte sich kurz, trank einen Schluck und malte wei- ter seine Zeichen auf das Papier. Ich ging besorgt die Treppe hinunter. Am späten Nachmittag des folgenden Tages er- schien Gomez plötzlich in der großen Küche und sah aus wie ein halbverhungerter Rikschakuli. Er strich sein Haar aus der Stirn, fragte: »Was gibt es zu es- sen, Beel?« und kippte der Länge nach auf den Lino- leumbelag. Leitzer stürzte herein, als ich schrie. Er, fühlte Gomez fachmännisch den Puls, rollte ihn auf eine Decke und legte eine zweite über ihn. »Nur eine Ohnmacht«, sagte er. »Bringen wir ihn zu Bett.« »Wollen Sie keinen Arzt rufen, Mann?« »Ein Arzt könnte auch nicht mehr tun«, sagte er stur. »Und ich bin aus Sicherheitsgründen dagegen. Fassen Sie mit an.« Wir brachten ihn gemeinsam nach oben. Als wir ihn ins Bett gelegt hatten, wachte er auf und sagte dann entschuldigend: »Tut mir leid. Ich war wohl ein wenig überanstrengt.« »Ich hole Ihnen etwas zu essen«, sagte ich grin- send. Er aß alles und mit gutem Appetit. Als er fertig war, fragte ich ihn, ob er seine Arbeit beendet habe. »Der schwierigste Teil liegt hinter mir«, antworte- te er. »Wollen Sie mitkommen?« Ich folgte ihm in sein Arbeitszimmer. Er nahm, die Augen auf eine Tafel mit Ziffern und Formeln gerichtet, in einem Sessel Platz. Ich begriff nichts davon, und als Gomez mir alles erklärt hatte, begriff ich noch weniger. »Es ist alles so einfach«, murmel- te Gomez, »zu einfach.« »Die größten Ideen waren im letzten einfach«, sagte ich. »Wie wäre es, wenn Sie einmal Ihre Eltern in New York besuchen und sich ein wenig entspan- nen würden?« »Man hat mir davon abgeraten, und –« Er sprach, den Satz nicht zu Ende. »Aber Sie haben verdammt recht, Beel. Fahren wir zusammen nach New York. Ich ziehe mich an. Sie sprechen indessen mit Leit- zer, okay?« Ich sprach mit Leitzer, der fast an die Decke sprang. Aber wir waren schließlich weder bei der Armee noch im Gefängnis. Ich machte ihm klar, daß uns niemand daran hindern könne, das Gebäude zu verlassen. Er rief seine Dienststelle in New York an, und anscheinend erteilte New York, wenn auch mit Bedauern, die Erlaubnis. Wir fuhren um vier Uhr fünf ab. Higgins und Dalhousie folgten uns in respektabler Entfernung. Gomez bemerkte die beiden Männer nicht, und ich kam auch nicht auf sie zu sprechen. Gomez’ Eltern wohnten in einem sehr ordentli- chen Drei-Zimmer-Apartment. Der größte Teil des Mobiliars sah nagelneu aus, und ich wußte, wer es bezahlt hatte. Seine Eltern sprachen nur spanisch und murmelten schüchtern etwas, als ›mi amigo Beel‹ ihnen vorgestellt wurde. Ich hatte eine ziem- lich stockende Unterhaltung mit Julios Vater, wäh- rend Julio sich angeregt mit seiner Mutter unterhielt, die ihn in die Rippen stieß und jammerte, daß er nicht genug esse. Der Vater dachte natürlich, Julio sei im Pentagon Portier oder so was ähnliches. Ich ließ ihn in diesem Glauben. Als Mutter Gomez den Tisch decken woll-, te, entbrannte ein kleiner Streit. Gomez wollte aus- wärts essen. Seine Mutter bestand darauf, daß wir dann im Porto Bello essen sollten, das sei ein solides Lokal. Dann könne er auch Rosa wiedersehen. Vater Gomez verriet mir, daß Rosa ein sehr nettes Mäd- chen sei. Das Lokal war voll, und das hübsche Mädchen saß an der Kasse. Als Gomez sie sah, überfiel ihn einen Augenblick lang Panik. »Leider kein Tisch mehr frei«, sagte er. »Gehen wir anderswo hin …« Ich zerrte ihn praktisch hinein. »Wir werden so- fort einen Tisch bekommen.« »Julio«, hauchte das Mädchen an der Kasse. »Hallo, Rosa«, sagte er verlegen. »Ich bin mal wieder da …« »Ich freue mich, dich wiederzusehen«, murmelte sie schüchtern. »Ich auch … Das hier ist mein Freund Beel. Wir arbeiten zusammen in Washington.« »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Ro- sa«, sagte ich. »Können Sie mit uns essen? Ich glau- be, Sie und Julio werden sich eine Menge zu sagen haben.« »Mal sehen, ob ich wegkomme … Dort ist gerade ein Tisch frei geworden!« Dann saßen wir zu dritt an dem Tisch und ließen uns arroz con polio, Hühnerfleisch mit Reis, und andere, Dinge schmecken. Rosas Schüchternheit legte sich; ich verstand kaum ein Wort von ihrer Unterhaltung mit Julio, störte mich aber nicht daran. Beim Dessert schaltete ich mich in die Unterhaltung ein und sagte: »Warum machen Sie nicht einen kleinen Stadt- bummel, Julio? Ich werde im Madison Park-Hotel sein.« Ich notierte die Adresse und gab ihm den Zet- tel. »Ich besorge Ihnen auch ein Zimmer.« Ich tippte sein Knie an und schob ihm vier Zwanzigdollar- scheine zu, denn ich wußte nicht, ob er Geld bei sich hatte. »Danke«, sagte er verlegen, während ich väterlich dreinblickte. Ich hatte einen jungen Mann beobachtet, der al- lein in der Ecke saß und in einer Zeitung blätterte. Er hatte ungefähr Julios Figur und trug auch eine ähnli- che Sportjacke. Und draußen auf der Straße war es schon recht dunkel geworden. Jetzt stand der junge Mann auf und ging zur Kas- se. »Viel Vergnügen, Julio«, sagte ich, und verließ hinter dem jungen Mann das Restaurant. Ich blieb ihm auf den Fersen. Wir hatten ungefähr anderthalb Blocks zurückgelegt, als er sich umdrehte und schnarrte: »Warum laufen Sie hinter mir her? Ver- schwinden Sie!« »Okay«, sagte ich lächelnd, machte kehrt und stand Higgins und Dalhousie gegenüber. Sie starrten mich an, begriffen und rannten, von mir gefolgt,, zum Porto Bello zurück. Aber Julio und Rosa waren schon gegangen. »Er wird keine Schwierigkeiten bekommen«, sag- te ich zu den beiden Männern, die aussahen, als würden sie mich im nächsten Augenblick ermorden. »Er ist nur mit seiner Freundin ausgegangen.« Dalhousie atmete hörbar ein und sagte zu Higgins: »Sehen Sie sich in der Nachbarschaft um. Ich beglei- te Vilchek.« Zu mir sagte er kein Wort. Ich zuckte die Achseln, stieg in ein Taxi und fuhr zum Madison Park-Hotel, ein gemütliches, altmodisches Haus mit großen Räumen. Ich ließ zwei angrenzende Zimmer reservieren, eins für mich, das andere für Gomez. Dann sah ich mich einige Zeit in der Nachbar- schaft um und trank zwei Bier in einer typisch iri- schen Kneipe in der Third Avenue. Anschließend schlenderte ich ins Hotel zurück, legte mich zu Bett und schlief ungefähr drei Stunden. Viertel nach vier klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und vernahm Julios vergnügte Stimme. »Sie können uns gratulieren, Beel! Wir haben ge- heiratet!« »Geheiratet?« fragte ich verschlafen. »Rosa und ich. Wir nahmen uns ein Taxi und fuh- ren zum Friedensrichter.« »Herzlichen Glückwunsch«, sagte ich, endgültig aufwachend. »Aber Sie sind noch nicht volljährig, und da gibt es eine Wartezeit bis –«, »Nicht in diesem Staat«, lachte er. »Hier gibt es keine Wartezeiten – und ich bin einundzwanzig, wenn ich es sage.« »Nochmals herzlichen Glückwunsch, Julio. Sagen Sie Rosa, daß sie eine Menge Glück gehabt hat.« »Danke, Beel«, sagte er schüchtern. »Ich rufe Sie nur an, damit Sie sich keine Sorgen machen, wenn ich heute nacht nicht nach Hause komme. Außerdem müssen wir zunächst alles unsern Eltern berichten.« »Okay, Julio. Alles Gute. Machen auch Sie sich keine Sorgen, ich werde alles erledigen.« Ich legte lachend den Hörer auf und schlief sofort wieder ein. Um halb acht rüttelte mich die starke Hand Admi- ral Mac Donalds aus dem Schlaf. Es war ein sonni- ger New Yorker Morgen. Dalhousie hatte Gomez nirgendwo entdecken können, war in Panik geraten und hatte es einer höheren Instanz gemeldet. »Wo ist er?« stieß der Admiral gepreßt hervor. »Er wird jedenfalls bald hier sein«, sagte ich. »Er hat nämlich geheiratet.« »Um Himmels willen!« entfuhr es dem Admiral. »Das hat uns noch gefehlt. Wir müssen etwas unter- nehmen!« »Was denn?« sagte ich. »Will es Ihnen nicht in den Kopf, daß er noch ein Junge ist und Sie sein ganzes Leben ruinieren, wenn Sie ihn verwenden wie eine Wissen produzierende Maschine? Ich bin nur ein Laie, aber habt Ihr Profis schon einmal daran, gedacht, daß ein Zuviel einen Kurzschluß auslösen kann?« Er sah mich durchdringend an und antwortete nichts. Ich zog mich an und ließ mir das Frühstück brin- gen. Der Admiral und Dalhousie warteten grimmig bis um die Mittagszeit. Dann rief Julio an. »Kommen Sie ‘rauf, Julio«, sagte ich müde. Er kam hereingeschneit, seine errötende Braut am Arm. Der Admiral erhob sich automatisch und be- gann spontan auf ihn einzureden. Seine Stimme klang eher besorgt als verärgert. Er versuchte, Go- mez begreiflich zu machen, daß er sein Land sehr schlecht behandle, und daß sein Benehmen unver- antwortlich sei. Sein Talent, führte er aus, gehöre den Vereinigten Staaten, und seine privaten Wün- sche seien nicht das Wichtigste im Leben. »Mr. Gomez«, kam er zum Schluß, »ich möchte, daß Sie sich sofort hinsetzen und an den Formeln weiterar- beiten, die Sie entwickelt haben! Im übrigen möchte ich es beinahe als kriminell bezeichnen, daß Sie Formeln von einer derartigen Wichtigkeit einfach Ihrem Gedächtnis anvertraut haben. Bitte, holen Sie das sofort nach. Hier!« Er schob dem Jungen Blei- stift und Papier zu. Gomez blickte verdutzt und ratlos drein. Die klei- ne Rosa war den Tränen nahe. Sie wußte nicht, was das alles zu bedeuten hatte., Gomez nahm Bleistift und Papier und setzte sich an den kleinen Schreibtisch. Ich griff nach Rosas Arm. Sie zitterte. »Keine Angst«, sagte ich zu ihr, »niemand kann ihm etwas anhaben.« Der Admiral feuerte einen grimmigen Blick auf mich ab und sah wieder Gomez an. Gomez murmelte etwas. Dann wurden seine Au- gen ganz groß; er raufte sich die Haare und sagte: »Dios mio! Esta perdido! Olvidado!« Und das bedeutete: Mein Gott. Es ist weg. Ver- gessen! Die braune Gesichtshaut des Admirals wurde grau. »Nun, mein Junge«, sagte er langsam und be- ruhigend. »Ich wollte Ihnen keinen Schreck einja- gen. Entspannen Sie sich zunächst einmal, und den- ken Sie dann in aller Ruhe nach. Natürlich wissen Sie noch alles. Wie kann ein Mensch mit Ihrem Ge- dächtnis auch nur irgend etwas vergessen? Lockern Sie sich mit einer simplen Aufgabe auf. Schreiben Sie – sagen wir, eine allgemeine quadratische Glei- chung nieder.« Gomez sah ihn nur an, und es dauerte einige Zeit, bis er mit einer merkwürdig erstickt klingenden Stimme sagte: »No puedo. Ich kann es nicht. Auch das habe ich vergessen. Ich habe nicht mehr an Ma- thematik oder Physik gedacht, seit –« Er blickte Ro- sa an und wurde ein wenig rot im Gesicht. Sie lä-, chelte verlegen und blickte auf ihre Schuhspitzen herab. »So ist es«, sagte Gomez heiser. »Seither nicht mehr … Immer hatte ich nur Mathematik und Phy- sik im Kopf, aber – aber seither nicht mehr.« »Mein Gott«, murmelte der Admiral, »kann so etwas überhaupt passieren?« Er tastete nach dem Telefonhörer. Nun, der Admiral fand heraus, daß so etwas sehr wohl passieren konnte. Julio Gomez kehrte nach Spanish Harlem zurück und kaufte sich mit seinen Ersparnissen einen Anteil des Porto Bello. Ich kehrte zur Zeitung zurück und kaufte mir von meinen Ersparnissen einen neuen Wagen. MacDonald brachte die Sache nie ins reine; so hatte der Sonntagsredakteur die Genugtuung, ei- nen Admiral in die größte Verlegenheit gebracht zu haben. Allerdings bekam er nicht seine Exklusiv- rechte. Julio und Rosa schickten mir später eine Karte, auf der sie mir die Geburt eines gesunden Stamm- halters von sechs Pfund mitteilten. Ein prächtiger Junge, den sie auf den Namen Francisco, so hieß Julios Vater, hatten taufen lassen. Ich hob mir die Karte auf, und als mich ein Auftrag nach New York führte – eine Tagung der Kurzwarengrossisten, denn Kurzwaren sind in unserer Stadt ein wichtiger Arti-, kel –, besuchte ich die beiden auf einen Sprung. Julio wirkte etwas ›männlicher‹ und reifer und machte auch einen wohlhabenderen Eindruck. Rosa – o weh! – war schon molliger geworden, aber sie war noch immer ein sehr hübsches Ding und ihrem Mann treu ergeben. Auch das Baby sah reizend aus. Es war nett, die Familie glücklich vereint zu sehen. Julio bestand darauf, mir arroz con polio zu ser- vieren. Dieses Gericht hatten wir auch an jenem Abend gegessen, als ich Julio praktisch in Rosas Arme bugsierte. Aber zunächst mußte eingekauft werden. Ich ging mit. In dem Lebensmittelgeschäft an der Ecke besorgte Julio die Zutaten zum Festmahl. Der alte Ladenbe- sitzer kritzelte die einzelnen Posten auf eine Tüte und begann sie mühsam zusammenzuzählen, wäh- rend Julio mir erzählte, daß der Porto Bello-Lunch- room sich mächtig herausgemacht habe und man daran denke, den angrenzenden Ladenraum auszu- bauen. »Siebzehn Dollar und zweiundvierzig Cent«, sag- te der Ladenbesitzer endlich. Julio warf nur einen flüchtigen Blick auf die Zif- fern und sagte vorwurfsvoll: »Das sollten doch sieb- zehn Dollar und neununddreißig Cent sein. Zählen Sie noch einmal zusammen.« Der Ladenbesitzer krauste die Stirn und begann noch einmal von vorn. »Sie haben recht«, sagte er, dann, »siebzehn Dollar und neununddreißig.« Er be- gann die Waren in die Papiertüte einzupacken. »Hallo!« sagte ich zu Julio. Wir haben nie darüber gesprochen. Julio sagte nur: »Erzählen Sie es niemandem, Beel«, und zwin- kerte mir zu.,

Der Gedankenfresser

Der stattliche Matrose und die hübsche Kranken- schwester mochten sich beide lange gegen ihre Ge- fühle gewehrt haben, aber das blaue Wasser des Ozeans, die milden tropischen Nächte, das schmale Boot und die völlige Abwesenheit aller anderen jun- gen Paare taten ihr Werk. Am 30. Juni blickten sie durch geschwärzte Glä- ser auf den grellen Blitz über dem Atoll. Ihre mani- kürten Finger griffen aufgeregt und ängstlich nach seinem Arm. Unfühlbar sickerte die Strahlung in ihre Lenden. Ein Magazinverwalter namens Bielaski hatte das junge Paar mit größerem Interesse beobachtet als den Atombombentest. Immerhin hatte er zwanzig Dollar auf die Standhaftigkeit der hübschen Kran- kenschwester gesetzt, aber in jener Nacht verlor er sie an einen Oberbootsmannsmaat, der auf das Tem- perament des Matrosen gesetzt hatte. Im Laufe der Zeit wurde die Krankenschwester unter nicht sehr ehrenvollen Bedingungen entlassen. Der junge Matrose, der nicht gern Briefe schrieb, rief sie von Manila aus an und sagte, das sei eine verdammte Schande. Als sie nähere Einzelheiten über seinen gegenwärtigen Aufenthalt erfahren woll- te, schien die Leitung plötzlich gestört zu sein, und, er meldete sich auch nicht mehr wieder. Sie bekam ein Baby, einen Jungen, sorgte dafür, daß er in ein Findlingsheim kam, verschwand damit aus seinem Leben, arbeitete in verschiedenen gutbe- zahlten Berufen und heiratete schließlich. Der Junge wuchs auf. Er war schwächlich, dumm, eigensinnig, habgierig und in jeder Beziehung schlecht. Zu dem fröhlichen, jungen Direktor des Heims sagte er plötzlich: »Sie hassen mich! Sie den- ken, ich färbe auf alle anderen Jungen ab!« Der Direktor lachte einfach und erzählte später bei einer Tasse Kaffee dem Arzt: »Ich weiß schon, wie ich die Kinder behandle. Sie passen auf wie die Luchse. Sie empfinden einen Blick oder eine Geste wie einen Schlag ins Gesicht. Ich möchte nur wis- sen, wie er auf diese Idee gekommen ist…« »Du hast in diesem Monat drei Pfund abgenom- men«, sagte der Arzt zu dem Jungen. »Aber wie wä- re es, wenn du deinen Teller jeden Tag leer essen würdest? Kannst doch nicht nur von Fleisch leben, mußt auch Gemüse essen.« Da fragte der Junge: »Was ist ›Neurasthenie‹?« Der Arzt sagte später zu dem Direktor: »Ich be- kam eine Gänsehaut. Ich sah mir diesen spindeldür- ren Jungen an und sagte, er müsse essen, damit er groß und stark werde, und dachte daran, daß man ihn früher einmal einen Neurastheniker genannt haben, würde – und da sprach er es aus. Was sollen wir tun? Sollten wir nicht etwas tun? Vielleicht verschwindet es wieder. Ich weiß nichts von diesen okkulten Din- gen. Ich kenne auch niemanden, der etwas darüber weiß.« »Er liest die Gedanken, wie?« fragte der Direktor. »Ich möchte meinen Urlaub in diesem Jahr ein we- nig früher nehmen, Doktor. Ob jemand Interesse hat, den Jungen zu adoptieren?« »Nicht diesen Jungen. Er war keine Schönheit, als wir ihn bekamen, und ist auch jetzt ein besonders häßlich aussehendes Kind. Sie wissen doch selbst, daß die Leute in erster Linie nach dem äußeren Ein- druck urteilen.« »Es gibt kinderlose Eltern, die einfach jedes Kind nehmen würden. Das sagte man mir jedenfalls.« »So einfach ist das nicht.« »Übrigens, in welchem Flügel ist er unterge- bracht, Doktor?« »Im Westflügel«, brummte der Arzt und verließ das Büro. Der Direktor rief ein paar Freunde an – einen Richter, ein Ehepaar, das der Richter ihm empfohlen hatte, und einen Gerichtsbeamten. Dann ging er zum Westflügel des Gebäudes. Der Junge hielt es bei den Berrymans drei Monate aus. Die Frau war eine schwere Trinkerin, liebkoste ihn und schrie ihn Sekunden später an. Edward woll-, te ein guter Vater sein, verlor aber sehr rasch jegli- ches Interesse an ihm. So vagabundierte der Junge im Juni los, immer die Straße entlang. Er trug eine Pfadfinderuniform und fiel daher nicht sonderlich auf. Das Geld, das er mitgenommen hatte, hielt ei- nen Monat vor. Den letzten Penny hatte er schon vor drei Tagen ausgegeben, als er über eine Prärie in Nebraska schlenderte. Er hatte die letzte kleine Stadt verlassen, weil sich die Polizei für ihn zu interessie- ren begann. Die Stadt befand sich Meilen hinter ei- ner zweispurigen Schnellstraße, und von den weni- gen Wagen hielt keiner an. Vor ihm lag ein um diese Jahreszeit ausgetrockne- tes Flußbett mit einer Straßenüberführung. Ein paar Männer lungerten im Schatten herum. Er hatte Hun- ger. Es waren häßliche, verkommen aussehende Män- ner, deren wirre Gedanken der Abglanz ihrer äuße- ren Erscheinung waren. Sie nannten ihn ›Shorty‹, gaben ihm eine Brotkruste und ein paar stinkende Ölsardinen. Die Gedanken des einen Burschen wa- ren weniger verworren. Der sprach mit den anderen Burschen, die vor Gelächter brüllten. Als die Burschen auf ihn zukamen, konnte er ihre Gedanken deutlich lesen. Eine jähe Wut stieg in ihm auf – und plötzlich lag einer der Burschen tot auf dem staubigen Boden. Die anderen wichen zurück, nun erschrocken und nicht mehr erschreckend wirkend., Er hatte keinen Hunger mehr und fühlte sich durchaus wohl. Er stand auf und ging auf die ande- ren Burschen los, die kehrtmachten und entsetzt da- vonrannten. Der letzte Bursche dachte: Teufel, er hat den bösen Blick! Wir wollten doch nur – Wieder umschlossen die Gedanken des Jungen die Gedanken des Burschen und drosselten sie ab. Es war alles so einfach … Dann durchsuchte er die Taschen der Toten und raubte drei Dollar und vierundzwanzig Cent. Danach eilte ihm sein Ruf voraus wie der Wind des Todes. Zwei Jahre auf der Straße, und er hatte genug von den stupiden Geistern, die ihm dort be- gegneten. Er ging in die nördlichen Städte, ein Jahr hierhin, ein Jahr dorthin, ein ruhiger, unauffälliger und vorsichtiger junger Mann – ein Feinschmecker, was die Morde betraf. Sebastian Long erwachte plötzlich. Der nächtliche Nebel hatte sich verzogen, wie er erfreut feststellte. Heute würde er mit der Demeterschale beginnen! Wenigstens hatte er Zeit und Geld – sechshundert- dreiundzwanzig Dollar auf der Bank. Die drei Dut- zend Cocktailgläser mit Mrs. Klausmans Initialen hatte er gestern abgeschickt. Er mußte mit dem Geld des letzten Auftrags so lange auskommen, bis er die Schale fertig hatte. Er kleidete sich an, trank eine Tasse Kaffee und, kochte ein Ei, konnte es aber vor lauter Aufregung nicht essen. Er ging in seinen Laden, der gleichzeitig seine Werkstatt war, prüfte, ob er die Tür auch ver- schlossen hatte und stellte feierlich eine beschriftete Tafel ins Schaufenster. Die Worte lauteten: ›Bis auf weiteres werden keine neuen Aufträge angenom- men‹. Er öffnete einen Schrank und nahm behutsam ei- nen eingehüllten Gegenstand heraus, den er vorsich- tig auf seine Werkbank stellte. Es war eine Glas- schale – aber was für eine Glasschale! Das klarste schwedische Glas, sein heimlicher Schatz seit dem verrückten Tag, an dem er es für sechs Monatsver- dienste gekauft hatte. Seine Frau hatte ihm deswe- gen die Hölle heiß gemacht bis zu ihrem Todestag. Dann holte er eine mit Skizzen gefüllte Mappe. Er lächelte angesichts des ersten geblümten Entwurfs im Rokokostil. Nein, dieses Konzept paßte nicht zu der klassischen Form des Glases. In vielen Jahren hatte er Hunderte von Skizzen angefertigt, und die letzte Skizze war die endgültige. Das wußte er erst in diesem Augenblick. Plötzlich und sicher begann er mit seiner Arbeit. Mit einer brennenden Kerze schwärzte er einen ova- len Bezirk auf der Außenseite der Schale und über- trug mit einer haarfeinen Nadel das Muster. Als das erledigt war, machte er das Schleifgerät betriebsfer- tig. Er setzte ein kleines Kupferrädchen ein, schalte-, te an und hielt es probeweise gegen einen gespalte- nen Aschenbecher, für den er keine Verwendung mehr hatte. Das Rädchen arbeitete glatt und splitter- frei. Erstreckte die Hände aus, um zu prüfen, ob seine Finger zitterten. Dann hob er die große Schale hoch und drückte sie gegen das Schleifrädchen; der erste winzige Schliff von Millionen – ein Muster, das ein Meisterwerk war. Jemand klopfte an die Tür und rüttelte an der Klinke. Sebastian Long blickte nicht einmal auf. Der Kunde würde die Tafel im Schaufenster lesen und weitergehen. Aber das Klopfen und das Rasseln der Türklinke nahm kein Ende. Er setzte die Schale ab, trat ans Fenster und schwenkte die Tafel. Er konnte nicht das Gesicht des Kunden erkennen. Dieser Idiot ging einfach nicht weiter! Schließlich öffnete Sebastian Long einen Spalt breit die Tür und fauchte: »Mein Laden ist geschlos- sen. Ich kann auf Monate hinaus keinen Auftrag mehr annehmen. Bitte, stören Sie mich jetzt nicht!« »Es handelt sich um die Demeterschale«, sagte der Eindringling. Sebastian Long starrte ihn an. »Zum Teufel, was wissen Sie von der Demeterschale?« Der Mann war ihm völlig fremd, nicht sehr groß, mittleren Alters … »Es ist wichtig. Bitte!«, »Was wissen Sie von meiner Demeterschale?« fragte Sebastian Long. Er schob seine Daumen hin- ter den Gürtel seiner Drillichhose. Der Fremde nutz- te die Gelegenheit, öffnete die Tür ganz und glitt hinein. Sebastian Long dachte flüchtig, es könne sich nur um einen Alptraum handeln. Der Mann geisterte in der Werkstatt herum und warf alles zu Boden, was nicht niet- und nagelfest war. Dann packte er einen Schraubenschlüssel, warf ihn aber nicht auf den Bo- den, sondern zertrümmerte die Schale damit. Sebastian Long stand da wie erstarrt. Er sah alles, aber er begriff es nicht. Dann stieg ein Zorn in ihm auf, wie er ihn noch nie gekannt hatte. Der Fremde lächelte erwartungsvoll. Sebastian Long knickten die Beine ein; er stürzte zu Boden und war tot. »Dolores!« rief ihre Mutter auf Spanisch. »Willst du den ganzen Tag da drinnen verbringen?« Sie hatte gerade vor dem Badezimmerspiegel ein sexbetontes Lächeln einstudiert, kam herausgestürmt und schrie auf englisch: »Wie oft soll ich dir noch sagen, daß ich diesen albernen Namen nicht mehr hören kann?!« »Dolly«, höhnte ihr Mutter. Das Mädchen rief ihr ein spanisches Schimpfwort zu und rannte die Treppe hinunter. Sie würde am Ende noch zu spät kommen!, Sie trat von einem Fuß auf den anderen, als sie nicht sofort die belebte Straße überqueren konnte. Dann geschah das Wunder. Beinahe wie im Kino! Ein Kabriolett hielt in ihrer Höhe; der Fahrer öffnete die Tür und sagte: »Sie scheinen es eilig zu haben. Kann ich Sie irgendwo hinfahren?« Sie lächelte geistesgegenwärtig ihr sexbetontes Lächeln, sagte: »Oh, vielen Dank«, und stieg ein. Er war nicht Garry Grant, hatte aber das gleiche Haar. Er war auch nicht sehr groß, aber das war sie auch nicht. Junge, und die mit Leopardenfell überzogenen Sitzpolster … Das Kabriolett ordnete sich in den Verkehrsstrom ein. »Es ist so ein herrlicher Tag«, flötete sie. »Zu schön, um zu arbeiten.« Der Fahrer lächelte – beinahe wie James Stewart, aber nicht so gekonnt, und sagte: »Wie wäre es dann mit einem Bummel über Long Island?« »Herrlich!« rief sie aus. »Was machen Sie beruf- lich?« »Ich bin Reklamefachmann.« »Reklamefachmann!« Das hätte mir von vornher- ein klar sein müssen, dachte sie. Man soll den Glau- ben an einen Märchenprinzen niemals aufgeben. Re- klamefachmann, mit Leopardenfell überzogene Sitz- polster … Was konnte sich ein hübsches Mädchen mit einer guten Figur anderes wünschen?, Sie erfuhr, daß er Michael Brent hieß – genau der richtige Name. Sie schämte sich ein wenig daß sie nur Dolly Gonzalez hieß, aber er sagte: »Dolly ist der entzückendste Name, den ich kenne!« In Medford hielt er an. Sie aßen in einem kleinen gemütlichen Restaurant. Man ging zunächst eine Treppe hinunter, trat ein und sah auf den Tischen brennende Kerzen stehen. Einfach bezaubernd! Sie sagte ›Michael‹ zu ihm und er sagte ›Dolly‹ zu ihr. Es war himmlisch. Sie verließen das kleine Restaurant und fuhren weiter die Südküste entlang. Michael Brent bestritt den größten Teil der Unterhaltung. Er war weit in der Welt herumgekommen, hatte auch den Krieg mitgemacht und war leicht verwundet worden. Er war achtunddreißig, war schon einmal verheiratet gewesen, doch seine Frau war gestorben. Er hatte keine Kinder und war allein in der Welt. Er war al- lein in seiner großen Stadtwohnung, seinem Land- haus in Westchester, seiner Jagdhütte in den Wäl- dern von Maine. Und alles, was er ihr erzählte, trug sie auf einer Woge des Glücks höher und höher. Als sie Montauk Point erreicht hatten, den letzten Sandzipfel vor dem blauen Ozean, ging die Sonne unter und die ersten Sterne funkelten über den dunk- len Horizont des Wassers. Sie stiegen aus dem Wagen und schlenderten über die Sandfläche. Plötzlich blieb Michael Brent ste-, hen, und ihr Herz machte einen glückseligen Hüpfer, als er sie in seine Arme zog und fragte: »Willst du mich heiraten, mein Liebling?« »O ja, Michael!« antwortete sie überstürzt – und starb. Der Gedankenmörder fühlte plötzlich den scharfen, dolchartigen Stich der Gefahr. In der Riesenstadt warf er seine Gedanken wie Fangarme aus: ›… sterben, wenn sie mich nicht läßt…‹ ›… sechs und sechs macht zwölf, eins gemerkt, eins und drei ist vier …‹ ›… blablabla madre de dios pero soy blablabla …‹ ›… spiel’ ich aus, und da kommt der Kerl mit der Sau und sticht meine grüne Dame …‹ ›… schmelze Harz zusammen mit Silberchlorid und löse das Ganze in Lavendelöl auf, lasse es zwei Stunden stehen, sprühe es mit Düse 012, so bekom- men Sie schimmernden Glanz auf die Tapeten …‹ ›… o Gott, wie schmerzt es mich, daß ich Dich durch meine Sünden betrübt habe …‹ ›… redet wie ein Kommunist…‹ ›… blablablablablabla für zwei Dollar fuffz’ch Verstand blabla …‹ ›… nur einen Schluck, und dann füll’ ich sie mit Wasser wieder auf und putz’ mir die Zähne …‹ ›… wirklich wissen, ich bin Euer Gott, aber Angst haben, ihre Sünden zu bekennen …‹, ›… dreckiger lausiger wasserköpfiger plattfüßiger klupschäugiger rotznäsiger hirnrissiger lahmarschi- ger Sohn einer …‹ ›… schreibe an die Wand, Alfie ist ein Stinktier, und dann …‹ ›… soll denken, es ist ein Fernsehapparat, aber ich weiß, es ist ‘ne Bombe drin, aber ich weiß es genau, und wer soll mir jetzt helfen, wo ich so allein bin …‹ ›… blabla was ich weiß nicht was ich weiß blabla geh bei Broadway blablabla …‹ ›… hat mein’ Tochter Rosie so ‘nen Kerl blabla- blablabla…‹ ›… vielleicht ist’s der, der sich nicht umgedreht hat…‹ ›… mit ihr zusammen gesehen im Medfordrestau- rant…‹ Der Gedankenmörder blieb an diesem Gedanken hängen. ›… kein einziges Zeichen an ihr, aber die Ge- richtsmediziner haben sich schon öfter geirrt, und Herzversagen bedeutet gar nichts. Versuchen Sie, mit ihrer alten Dame zu sprechen und die Genehmi- gung zur Autopsie zu bekommen. Nehmen Sie Pan- cho, der kleine Kerl spricht das beste Spanisch …‹ Der Gedankenfresser wußte, er muß weg von hier – bald. Es tat ihm leid; einige der Gedanken, auf die er gestoßen war, hörten sich gut an … Schuldbewußt warf er noch einmal sein Netz aus:, ›… mit Chartreuse, dem Stoff, nicht dem Likör, übrigens könnt’ ich einen Drink brauchen …‹ ›… Riep – biep – riep – biep riepiddy – biepiddy – biet bop Mann was für ‘n Schlag …‹ Zum Teufel, was war das? Der Gedankenfresser zog sein Netz zurück, in fiebriger Hast. Die Nachricht klang drohend, es übertönte sogar die lautesten Gedanken. Erschüttert und betroffen beschloß er abzureisen. Er brauchte mehr, als dieses unselige Mädchen ihm hatte liefern können, er würde es wahllos machen müssen. Er hätte keine Zeit mehr gehabt, Leute in höchsten see- lischen Krisen aufzuspüren oder sie in eine solche Krise zu treiben. Es wäre ein stumpfsinniges Schlachten geworden. Der Gedankenfresser trank ein Glas Wasser, um wenigstens seinen Stoffwechsel zu versorgen. ›Acht Personen tot im Kino aufgefunden!‹ Acht Personen, unter ihnen drei Frauen, wurden am Mittwochabend auf dem Balkon des ›Odeon‹ Ecke Broadway und 117. Straße tot aufgefunden. Die Todesursache ist noch unbekannt. Die Polizei sucht einen Mann, den der Platzanweiser Michael Fenelly, 18, mit den Worten ›Er benahm sich wie ein Frauenbelästiger‹ beschrieb. Fenelly entdeckte den ersten Toten, nachdem er den Mann mehrfach den Platz wechseln gesehen hat-, te. Er ging auf die Frau zu, neben der der Mann ge- sessen hatte, um zu fragen, ob sie belästigt worden sei. Sie war tot. Dann hörte der Platzanweiser, fast im gleichen Augenblick, einen Schrei, den – auf einer anderen Sitzreihe – Mrs. Sadie Rabinowitz, 40, ausgestoßen hatte, als das nächste Opfer neben ihr vornüber kipp- te. I. J. Marcusohn, der Kinobesitzer, ließ die Vor- stellung unterbrechen und versuchte, die Gäste bis zum Eintreffen der Polizei zum Bleiben zu bewegen. Doch fast alle Zuschauer waren verschwunden, als der Ambulanzwagen des Harlem-Krankenhauses eintraf, um die Opfer dieser Tragödie aufzunehmen. Die Todesursache ist noch unbekannt. Ein Spre- cher der Polizei gab zu verstehen, daß die Opfer we- der Vergiftungserscheinungen noch Spuren einer Gewalttat aufweisen. Er fügte hinzu: ›Es ist so gut wie sicher, daß alle diese Todesfälle die gleiche Ur- sache haben.‹ Polizeileutnant John Braidwood vom 24. Bezirk sagte: ›Wir haben eine verhältnismäßig genaue Be- schreibung dieses Mannes und sind sicher, daß wir ihn bald gefunden haben …‹ Ratata – ta, ratata – ta, ratata – ta sangen die Gleise. Der Gedankenfresser saß in seinem bequemen Ab- teil., Ein paar Leute kamen vorbei, auf dem Weg zum Speisewagen. Einer dachte: ›Komischer Kerl, a: Er ist pervers; b: Er ist nicht pervers und krank, b strei- chen: Atmung normal, Hautfarbe gesund, kein Zit- tern der Gliedmaßen, gut gekleidet. Ist pervers: Er- stens in der bekannten Weise, zweitens anderweitig. Erstens streichen – er zeigt kein außergewöhnliches Interesse, wenn ich … Merkwürdig! Er rennt nach der Toilette! Unerwartet, denn …‹ Der Gedankenfresser, in der Toilette verbarrika- diert, fragte sich, wo der Zug das nächstemal halten würde. Auf der nächsten Station stieg er aus – nicht in Panik, nur vorsichtig. Du mußt ihnen nur ent- kommen, geh’ ihnen aus dem Weg, und alles ist okay. Wirf nur nicht deine Fangarme aus, ehe der Zug weit weg ist. Er stieg in einer Industriestadt West Virginias aus dem Zug und verließ wenig später das rauchge- schwärzte Gebäude der Station. Er verstand nicht die Sprache der Städter, die aus allen möglichen osteu- ropäischen Ländern stammten. Doch die Gedanken eines jungen Mannes, der im Lichtschein einer Stra- ßenlampe stand und offensichtlich auf jemanden wartete, konnte er ziemlich klar lesen. ›… diesen Casey Oswiak könnte ich umbringen. Bestimmt ist er mit ihr ausgegangen, bestimmt!‹ Das war eine Möglichkeit. Der Gedankenfresser, ging auf den jungen Mann zu und sagte: »Hallo.« »Was wollen Sie?« »Casey Oswiak läßt Ihnen sagen, daß Sie nicht auf Ihr Mädchen zu warten brauchen – er geht heute abend mit ihr aus.« Die Wut zeichnete sich im Gesicht des blonden Mannes ab und blitzte aus seinen Augen, aber das war die letzte Gefühlsregung seines Lebens. Der Gedankenmörder beschloß, einige Tage in dieser Stadt zu bleiben, und nahm in einem Hotel an der Hauptstraße ein Zimmer. Es schien hier nicht viel zu geben, aber immerhin wenigstens etwas. Es war wie Fasan nach Hühnchen, wie Wildbret nach dem ewigen Rindfleisch. Die düstere, passende Umgebung? Oder die lange Entsagung? Der Gedan- kenfresser schlenderte die Straße hinunter. Ein Mäd- chen kam vorbei. ›… Oh, aber das nächstemal mache ich ihn ganz verrückt, noch mehr als letztes Mal, ist ja ziemlich eifersüchtig, aber nett, wird mich noch mal ganz ka- putt machen vor Eifersucht, heut’ werd’ ich mal nett zu ihm sein, da lehnt er ja am Laternenpfahl, mein Gott, sieht der komisch aus, du liebe Zeit, er ist doch nicht betrunken, sieht aus, als ob er schläft oder boz- he moi blablablablabla …‹ Ihre Gedanken gingen in eine dem Gedankenfres- ser unbekannte Sprache über. Der Gedankenfresser, angeregt von der unge-, wöhnlichen Qualität der letzten Nahrung, beschloß, ein paar Tage zu bleiben. Er nahm ein Zimmer in einem Hotel an der Main Street. Grübelnd warf er sein Netz aus; ›… blablablabla whampiehrblablablablabla …‹ ›… nimm ihn ‘runter in’ Keller un’ schlag den verdammten Tschechen, den Dieb, bring ihm das Fürchten bei, zeig ihm, er kann nich’ in ‘nem Gü- terwagen einbrechen in unserer Gegend …‹ ›… ruf den ollen Mister Ryan in Chikago an und er wird ihnen ein paar ordentliche Kerle schicken, die auf ihn aufpassen, aber zahl nich’, wenn de nich’ auch wirklich was davon hast…‹ Der Gedankenfresser folgte diesem Gedanken ein bißchen, es klang als ob es zu Geld führen würde, für den Fall, daß er länger in der Stadt zu bleiben beabsichtigte. Als er am nächsten Morgen in der Zeitung blätter- te, stellte er fest, daß der Tod des jungen Mannes nicht erwähnt wurde. Er glaubte, man habe nicht da- von Notiz genommen. Tatsächlich hatte nur die Zei- tung diesen Fall nicht aufgegriffen. Aber in jener anderen Stadt nahm man den Mord zur Kenntnis … Doch der Gedankenfresser wußte das nicht. In jener Nacht wurde ein junges Straßenmädchen sein Opfer. Er hatte sie zuvor mit einer Handvoll Zehndollarscheine in helles Entzücken versetzt. Wieder stand am nächsten Tag nichts davon in der, Zeitung; man leugnete anscheinend die Existenz von Straßenmädchen. Doch in der anderen Stadt, jener Stadt ohne Ge- setz und Gesetzeshüter, schwirrten, was der Gedan- kenfresser nicht wußte, wilde Gerüchte. Man schick- te eine Delegation in die Industriestadt in Virginia, und die Leute bekamen zu hören, daß es ein reiner Aberglaube sei; solche Dinge würden hier nicht pas- sieren. Er ließ seine Gedanken durch die Stadt streifen, ging herum und beteiligte sich unter anderem an ei- nem Pokerspiel in der Hotelhalle. Er war nicht be- sonders gut, aber nach und nach gelang es ihm, sechs Spieler um ungefähr dreihundert Dollar zu er- leichtern. Einer von ihnen rannte zum Polizeirevier und bezichtigte den Unbekannten der Falschspiele- rei. Dann kam die Nacht, kam der Hunger … Er ging die Straßen entlang. Sie waren leer. Merkwürdig. Er streckte seine Gedankenfühler aus. ›… blablabla whamppierblablabla …‹ ›… hat mich diese verrückte alte Mama einge- sperrt, damit ich nicht ins Kino gehen kann, aber dann gehe ich hinten hinaus, ich weiß wo der Schlüssel ist…‹ Das war nahe und hörte sich vielversprechend an. Er verfolgte diesen Gedankengang. ›… ja, er ist schon ein Mann, dieser Stanley, aber, er sieht mich, Vera Kowalik, nicht an, und ich möchte ihm eins auswischen und …‹ Es war einen halben Block weiter, dann eine Sei- tenstraße entlang. Ziegelhäuser mit einem Stock- werk und Hinterhöfen. Dort würde sie auftauchen … Wie seltsam still es in der Seitengasse war. Aber sie war nahe und kam noch näher. ›… werde ich es ihr schon zeigen. Sie hält mich noch für ein kleines Kind, aber ich werde ihr zeigen, daß Vera Kowalik …‹ Näher, noch näher … Trotz ihres Mutes bekam sie einen Schreck, als er plötzlich »Hallo!« sagte. »Wer – wer – wer?« stammelte sie nur. Sie war tot, ehe sie noch einen Schrei ausgestoßen hatte. ›blablablabla blablabla whampier …‹ Die unzähligen Augen der anderen Stadt mit mehr als zweitausend Jahren Erfahrung in diesen Dingen waren ihm gefolgt. Was er als bedeutungsloses Stimmengewirr, als ›blabla‹ wahrgenommen hatte, war in Wirklichkeit ein leidenschaftlicher Gefühlsaus- bruch in einem fast dunklen Haus in der Nähe. »Narren! Narren! Jetzt hat er sich ein unschuldi- ges Mädchen geschnappt! Ich sagte doch, daß wir nicht lange warten dürfen. Was sollen wir ihrer Mut- ter erzählen?« Ein alter Mann mit nach unten zeigenden Schnurr-, bartenden sagte mit schleppender Stimme: »Mein Herz ist mit ihr gestorben, Casimir. Aber wir dürfen nichts überstürzen. Es wäre furchtbar, in solch einer Angelegenheit einen Fehler zu machen.« Die anderen alten Männer, die sich möglicherwei- se an schon lange zurückliegende Fehler erinnerten, nickten zustimmend, und einer von ihnen murmelte: »Das wäre schrecklich, schrecklich …« Der Gedankenfresser schlenderte in sein Hotel zu- rück und legte sich auf das Bett. Das prickelnde Ge- fühl einer sich nähernden Gefahr weckte ihn schlag- artig auf. Und ganz deutlich hörte er: ›Blablablawampier … Wampier … Vampir … VAMPIR!‹ Nahe! Nahe und tödlich! Da flog die Zimmertür auf, und die bärtigen alten Männer stürmten herein. Ihre Gedanken waren ein Durcheinander fremder Laute, die seine Gedanken nicht festhalten konnten. Sie waren verzerrt und zer- flossen in alle Richtungen. Der spitze Pflock drang in sein Herz, und die Sensenklinge durchbohrte seinen Hals, ehe er noch begriffen hatte, daß er nicht der erste seiner Art war, und daß die klügeren Leute noch nicht gelernt hat- ten, was bei einigen durchschnittlichen Leuten nicht völlig in Vergessenheit geraten war.

ENDE

,

Inhalt

Herold im All (That Share of Glory) 7 Opfer für die Menschheit (The Altar at Midnight) 65 Die Sauregurkenzeit (The Silly Season) 77 Menschenfreund (Friend to Man) 98 Die kleine schwarze Tasche (The little black Bag) 110 Mit diesen Händen (With these Hands) 159 Der Marsch der Idioten (The Marching Morons) 184 Was wir lernen (The only Thing we learn) 236 Gomez (Gomez) 255 Der Gedankenfresser (The Mindworm) 291]
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