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Fenster zur Unendlichkeit 16 Begegnungen mit der Zeit Anthologie sowjetischer Phantastik herausgegeben von Herbert Krempien Verlag Das Neue Berlin Gescannt von c0y0te. Nicht seitenkonkordant. Dieses e-Buch ist eine Privatkopie und nicht zum Verkauf bestimmt! Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten 1. Auflage • 1974 Verlag Das Neue Berlin, Berlin Lizenz-Nr.: 409-160/99/74 • LSV 7204 Schutzumschlag- und Einbandgestaltung: Hans Ticha Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30 622 194 1 EVP 8,30 Zum Geleit Seit sich der Mensch der engen Grenzen seine...
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zur

Unendlichkeit

16 Begegnungen mit der Zeit Anthologie sowjetischer Phantastik herausgegeben von Herbert Krempien Verlag Das Neue Berlin, Gescannt von c0y0te. Nicht seitenkonkordant. Dieses e-Buch ist eine Privatkopie und nicht zum Verkauf bestimmt! Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten 1. Auflage • 1974 Verlag Das Neue Berlin, Berlin Lizenz-Nr.: 409-160/99/74 • LSV 7204 Schutzumschlag- und Einbandgestaltung: Hans Ticha Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30 622 194 1 EVP 8,30,

Zum Geleit

Seit sich der Mensch der engen Grenzen seiner zeitlichen Exi- stenz bewußt wurde, und das heißt, seit er sich überhaupt als Mensch, abgesetzt gegenüber dem Tier, empfindet, hat ihn der Gedanke nicht losgelassen, diesem naturgesetzlichen Zwang vielleicht doch einmal ein Schnippchen zu schlagen. Die Aus- sicht, wenn schon nicht das „ewige“ Leben, so doch die Fähig- keit zu erwerben, frei in der Zeit zwischen Vergangenheit, Ge- genwart und Zukunft zu pendeln, scheint allzu verlockend. Wohl jeder von uns hat sich diesem Spiel der Phantasie insge- heim schon einmal hingegeben, denn in uns allen lebt der stän- dige Protest gegen das Eingespanntsein in eine winzige Phase Zeit, die mit jeder Sekunde unabänderlich und unwiederbring- lich verrinnt. Was ist das überhaupt: Zeit? Was hat es auf sich mit diesem faszinierenden und unheimlichen Phänomen? Die Naturwissenschaft vermag uns nur wenig Auskunft zu geben. Gesicherte Erkenntnis ist im Grunde nur, daß sie eine Existenz- form der sich bewegenden Materie darstellt. Engels hat es so formuliert: „Die sich bewegende Materie kann sich nicht anders bewegen als in Raum und Zeit.“ Zeit also als etwas primär Ge- gebenes, das notwendig da ist. Dabei verläuft die Bewegung der Materie in der Zeit – im Unterschied zur dreidimensionalen Bewegung im Raum – immer eindimensional, das heißt auf der Linie Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft. Zeit ist weder um- kehrbar noch wiederholbar noch vorwegnehmbar. Ein arger, Schlag für unsere phantasieträchtigen Träume, die es so gern anders hätten! Aber unbekümmert um rationale Erkenntnis träumt der Mensch weiter, und er hat sich dafür sogar ein spe- zielles Forum geschaffen: die phantastische Literatur. Auch ge- gen die wissenschaftliche Logik baut sie ihre bunten und unter- haltsamen Geschichten; um unser legitimes Phantasiebedürfnis zu befriedigen, entfaltet sie bildhaft vor uns, was geschähe oder geschehen könnte, wenn Unmögliches möglich würde. Freilich, in den meisten Fällen will diese Literatur zugleich mehr, als nur einen unverbindlichen Traum entwerfen. Sie handelt von moralischen und psychologischen Problemen, die real in der Welt von heute existieren oder sich doch irgend- wann einmal stellen könnten, wirft wesentliche ge- sellschaftliche oder politische Fragen auf. In phantastischer Gewandung strebt sie nach einer realistischen Aussage, im ver- gnüglichen Spiel soll dem Leser Bedenkenswertes vermittelt werden. Das bestimmt ihren Reiz und ihren Wert. Es erschien uns interessant, einmal ein paar Geschichten dieser Art, das heißt phantastische und zu einem geringeren Teil wissenschaft- lich-phantastische Erzählungen mit dem Generalthema „Zeit“, in einem Band zusammenzustellen. Sie wurden ausnahmslos aus der Sowjetliteratur der letzten Jahre ausgewählt, die für unsere Zwecke ein besonders reichhaltiges Angebot bereithielt, sowohl was die Vielseitigkeit der Aspekte betrifft, unter denen das Thema behandelt wird, wie auch nach Verschiedenheit der Autorenhandschriften. Unsere Auswahl vereint Schriftsteller mit bekannten Namen, die in der DDR bereits verlegt wurden, wie etwa Mejerow, Warschawski, Grigorjew, Larionowa und die Brüder Strugazki, mit jungen, nachgewachsenen Autoren, die hier erstmals vor-, gestellt werden. Sollte der Leser den einen oder anderen Na- men vermissen, möge er uns deswegen nicht grollen. Vollstän- digkeit war nicht beabsichtigt. Uns ging es um eine möglichst bunte Mischung, die Ernstes und Heiteres, Problemreiches und Unterhaltsames, Strenges und Übermütiges verbindet. Herbert Krempien Berlin, Januar 1974,

Alexander Kommen Sie Mejerow morgen!

Sie bemerkten den Fehler nicht sofort. Während der Translation hatten sie sich ausgezeichnet gefühlt. Die Koordinaten, die sie mit Hilfe des Taschengeräts erhalten hatten, bestätigten ihnen, daß sie sich am vorgegebenen Raumpunkt befanden. Das ge- wagte Experiment schien gelungen. Zweifel kamen erst später, als Met versuchte, die Zeit zu bestimmen. Die Ergebnisse waren so merkwürdig, daß er sich nicht sofort entschließen konnte, Ano davon zu unterrichten. Ano ließ seinem Freund Zeit. Er fühlte sich einfach wohl. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Er war in die auf- regende Zeit versetzt, mit der er sich so intensiv befaßt und die er während seines Studiums liebgewonnen hatte. „Met, wieviel Tage stehen mir zur Verfügung?“ „Mehr als du brauchst.“ „Wie meinst du das?“ „Die Dinge stehen, glaub ich, schlecht, Ano.“ Met, der auf einem Baumstamm saß und sich immer noch über das Gerät auf seinen Knien beugte, sprach abgehackt, ohne seine Be- rechnungen zu unterbrechen. „Ich versuch gerade, die Zeit ein, bißchen genauer zu bestimmen … Ja, du hast eine Reihe von Tagen zur Verfügung … So, jetzt versuch ich's noch mit der Kreuzprobe …“ Neugierig beugte sich nun auch Ano über das Gerät. „Sind wir zu weit gerutscht?“ „Ja.“ „Ach, halb so schlimm.“ Met stand auf und blickte sich nach allen Seiten um. „Rechts ein Wald, ein Eisenbahndamm, eine Ortschaft … Stimmt … Aber da links hinter den Türmen liegt Moskau.“ „Das ist Moskau?“ „Na ja, guck doch auf die Skala. Ist genau die Richtung.“ „Ist ja interessant! Dabei habe ich mir die Moskauer Um- gebung von damals ganz anders vorgestellt … Komisch, über der Stadt hängt eine dichte Dunstglocke. Was mag das sein?“ „Das müßtest du besser wissen. Sag mal, Ano, du hast dich doch auf das Jahrhundert der Formierung spezialisiert, nicht wahr? Wie ist es eigentlich mit den Jahrhunderten davor, zum Beispiel mit dem Ersten? Kennst du dich da auch aus?“ „Natürlich, das Jahrhundert der Großen Revolution. Wer hat denn diese Epoche nicht studiert? Ich glaub, sogar die Biophy- siker.“ „Sei nicht so bissig. Wir kennen die Epoche auch, aber nicht so gut wie ihr Historiker.“ „Natürlich, aber wieso kommst du gerade jetzt darauf?“ „Ich muß wissen, ob du dich in diesem Jahrhundert zurecht- findest.“ „Sind wir so weit gerutscht? Das ist doch schön!“ Ano wollte seinen Freund umarmen, beherrschte sich aber, weil er merkte, daß Met seine Begeisterung nicht teilte. „Was macht dir denn so zu schaffen, Met?“, „Sehr viel. Vor allem frag ich mich, ob wir überhaupt zu- rückkommen.“ „Met, was redest du! Unser Ausbilder ist doch mehrmals ge- startet und jedesmal wieder am gleichen Punkt gelandet.“ „Er kennt den genauen Code. Er und kein anderer. Nur ihm hat der Systemrat die Erlaubnis für diese Experimente erteilt.“ „Also, Met, du hast …“ „Ja, Ano, ich hab das Verbot übertreten. Ich hab's riskiert, ohne den genauen Code zu kennen, auf meine Berechnungen gestützt, und nun hab ich, wie du siehst, irgendwo einen Fehler gemacht.“ „Warum hast du's denn riskiert?“ „Du wolltest doch so gern ein Buch über das Formierungs- jahrhundert schreiben, Ano.“ „O danke, Met…“ „Ano, hier können wir nicht bleiben.“ Met klappte das kleine Gerät zu und steckte es in die Hülle. „Wir müssen so schnell wie möglich eine Stelle finden, an der bei uns Landeanlagen bereitstehen. Nur wenn wir uns dort aufhalten, können wir auf eine Rückkehr hoffen.“ „Wann findet die nächste Retranslation statt?“ „Oh, wir haben massenhaft Zeit: dreihundert Einheiten.“ „Und in Stunden ausgedrückt?“ „Etwa vier.“ „Massenhaft Zeit, sagst du?“ Jetzt beugte sich der Historiker über sein Taschengerät. „Zirka vier Stunden … Gib mal die Ko- ordinaten des Landepunktes. Ich versuch zu bestimmen, wie wir am besten dahinkommen.“ Ano führte das Programm ein, und auf dem kleinen Bildschirm begannen weiche Linien auf- zuleuchten, krümmten sich, streckten sich, rissen ab oder ver-, filzten zu bizarren Mustern. Von Zeit zu Zeit leuchteten die Muster heller auf, wechselten die Farbe, traten zurück, um wie- der von neuem aufzuflammen. „Keine Antwort“, meinte Ano beunruhigt. „Kannst du die Zeit, in der wir gelandet sind, nicht genauer bestimmen?“ „Nein. Wir sind zu weit geraten. Du weißt doch, daß der transportable Ratgeber nicht allzu präzise ist.“ „Was machen wir nun? Ich krieg nicht genügend Informa- tion.“ Die Arbeit mit dem Gerät war mühselig und zeitraubend. Das bioelektronische Gedächtnis reichte nicht aus. Ano schalte- te das Programm auf Schätzweite, um wenigstens ungefähre Daten zu erhalten. Das half: auf dem Bildschirm begannen sich die Konturen eines Stadtplans abzuzeichnen. „Groß-Moskau Mitte des Ersten Jahrhunderts. Sehr ungenau, aber immerhin … Guck mal, Met, Kreise und Halbmesser. Das stimmt.“ „Gut. Bis zum Landepunkt ist es nicht weit.“ „Luftlinie nicht. Aber es fragt sich, wie wir dahin kommen. Die gibt's erst zirka zweihundert Jahre später, Met. Ich sehe nur eine Chance. Wir müssen durch Moskau durch, und zwar auf diesem Radius.“ Ano führte einen kleinen Zeigestab über die Karte. „Durchs Stadtzentrum und dann hier weiter.“ „Dabei verlieren wir viel Zeit.“ „Wenn wir uns wirklich in der Mitte des Ersten Jahrhunderts befinden, müssen wir diesen Weg einschlagen. Vom Stadtzen- trum verliefen die Verkehrsadern zu der Zeit hauptsächlich strahlenförmig. Soviel ich weiß, gab's schon elektrische Vorort- züge und in der Stadt Untergrundbahnen.“ „Und Flugzeuge, Ano.“, „Stimmt, aber für so kurze Entfernungen wurden sie wohl nicht eingesetzt. Also, die Sache ist klar.“ „Und wenn wir's nicht schaffen?“ „Dann müssen wir eben auf die nächste Retranslation war- ten.“ „Das ist zu riskant. Die nächste ist erst dreihundert und die darauffolgende dreißigtausend Einheiten später.“ „Dann los.“ Sie stiegen eine kleine Anhöhe hinab, drangen durch ein niedriges Gestrüpp und kletterten eine grasbewachsene Bö- schung hinauf, um auf dem kürzesten Wege die Bahngleise zu erreichen. Die beiden Freunde hatten die Böschung noch nicht erklom- men, als sie einen kurzen, scharfen Pfiff hörten. Minuten später drang rhythmisch anschwellender Lärm, an ihr Ohr. In der Fer- ne tauchte ein Zug auf. „Den schaffen wir nicht.“ „Wo hält er denn?“ „Wer weiß? Wir müssen näher an die Bahn ran. Komm, wir rennen.“ Das Dröhnen nahm zu. Es schien, als wolle der Zug vor- überrasen, aber dann bremste er unerwartet und hielt vor ei- nem hohen Betonbahnsteig, auf dem bereits eine Men- schenmenge wartete. Nachdem sich die Abteiltüren automa- tisch geöffnet hatten, drängten die Fahrgäste in die Wagen. Die beiden Freunde beschleunigten ihre Schritte. Da durchschnitt ein tiefer, durchdringender Ton die Luft. Die Türen schlossen sich, der Zug fuhr lautlos an und gewann schnell an Geschwin- digkeit. Die nächste Bahn kam zwanzig Minuten später. Sie stiegen, ein, und Ano hatte die Retranslation bereits vergessen. Er sah aus dem Fenster, wobei er von einer Abteilseite zur anderen wechselte, dann wieder betrachtete er mit unverhohlenem In- teresse die Fahrgäste. Von Station zu Station füllten sich die Abteile. Jung und alt, individuell und farbenfroh gekleidet, kam ins Plaudern. Es wurde viel gelacht. Einige Fahrgäste hatten kleine Boxen bei sich, aus denen Musik ertönte. Andere waren in irgendeine Lektüre vertieft. Ano beherrschte das Altrussische vorerst zuwenig, um sich, obwohl er darauf brannte, in eins der Gespräche einzumischen. Met saß über sein Gerät gebeugt. Ihn bewegte nur eins: Wie es bis zum Beginn der Retranslation schaffen? „Met, guck mal, da vorne die großen Gebäude. Das sind si- cherlich Betriebe. Und immer mehr Großbaustellen tauchen auf. Wir sind bestimmt bald in Moskau!“ Auf den Biophysiker machte das keinerlei Eindruck. Zer- streut sah er aus dem Fenster, kniff beim unerwarteten Her- andonnern eines Gegenzuges die Augen zusammen und mein- te, als der Lärm abgeebbt war: „Wir verlieren viel Zeit mit dem Umsteigen.“ „Wir schaffen's schon“, erwiderte Ano unbekümmert. In wenigen Minuten würde er die Hauptstadt sehen, so sehen, wie sie vor vielen Jahrhunderten war! Als der Zug hielt, drängte er Met ungeduldig zum Ausgang. Der Menschenstrom trug sie auf einen sonnendurchwärmten Bahnhofsplatz. Mit großem Interesse betrachtete Ano die um- liegenden Häuser. Von unterschiedlicher Bauart, mehrstöckig, die Fenster von der untergehenden Sonne golden gefärbt oder flach und bereits im Schatten liegend, hatten sie so gar keine Ähnlichkeit mit der in Büchern abgebildeten Architektur. Sie, waren voller Leben, und pulsierendes, unbekanntes, fesselndes Leben umflutete sie. „Wenn die Untergrundbahn die Fahrgäste mit der gleichen Geschwindigkeit befördert wie die Vorortbahn, dann sind wir gerettet, Ano. Komm, wir gehen schneller!“ Ano hatte keine Lust, in die Erde zu tauchen, aber Met drängte. Er strebte einer riesigen Öffnung zu, die in einen schräg geneigten Tunnel führte, überholte geschickt die vor ihm Gehenden, bis er an eine Reihe von Pfosten kam. Als er hin- durch wollte, versperrte ihm ein Gitter den Weg, das unvermu- tet irgendwo herausfuhr. Ano holte Met ein und zog ihn beisei- te. „Guck mal, Met, die Leute stecken Münzen in die Schlitze da.“ „Geld?“ „Ja, Met, Geld.“ „Aber wie fahren wir denn nun?“ fragte Met erschrocken. „Tja, das ist ein echtes Handicap.“ „Aber ich versteh nicht, die Vorstadtbahn ist doch schon ko- stenlos, und in der Stadt…“ „Met, ich glaube, die andern Fahrgäste haben sich vorher ir- gendwo die Karten besorgt. Aber hier ist es anders. Hier muß man das Geld direkt am Eingang bezahlen.“ „Komm, Ano, die Leute werden schon aufmerksam.“ „Wo sollen wir denn hin?“ „Zum Landepunkt natürlich.“ „Aber zu Fuß schaffen wir das doch nicht.“ „Wir müssen's eben versuchen!“, Der Abend erreichte sie in dem kleinen Park am Puschkin- denkmal. Bis zur Retranslation verblieben noch vierzig Minuten. Also waren all ihre Bemühungen umsonst gewesen. Mit einemmal spürten sie die Müdigkeit des Tages. Met saß schweigend da und überlegte, wie sie in dieser so denkwürdigen Vergangen- heit unbemerkt bleiben könnten. Ano dagegen lugte interessiert in die Zeitung, die sein Banknachbar las. „Met, weißt du was?“ begann er munter. „Wir sind im Jahr neunzehnhundertsechsundsechzig gelandet!“ Der Biophysiker sah sich ängstlich um. Ano beeilte sich, ihn zu beruhigen: „Ich glaube, die verstehen unsere Sprache nicht.“ Met nickte und meinte düster: „Ich hab Hunger.“ „Und Durst“, fügte Ano hinzu und fuhr sich mit der Zun- genspitze über die ausgedörrten Lippen. „Im Formierungs- jahrhundert wäre alles leichter gewesen.“ Nachdenklich starrte er vor sich hm. Aber nicht lange. Die Furcht, unerkannte Studi- enmöglichkeiten zu verpassen, war stärker als die Sorge um den Ausgang des Experiments. Er erhob sich. „Willst du gehen, Ano?“ Met hatte keine Lust, den kleinen Park zu verlassen. In der Nähe des Denkmals fühlte er sich ru- higer, weil da etwas war, das die Jahrhunderte überdauerte, das auch in seiner Zeit noch existierte. Aber Ano hielt es nicht mehr aus. „Met, komm, wir gehen zum Kreml.“ Die baumbestandene Allee hüllte sich in Dunkel. Nur die knalligen Neonleuchtschriften bohrten sich durch die Däm- merung. Quecksilberoxydlampen an hohen Masten tauchten die Welt in ein grünliches Licht, in dem die Gesichter gleichsam gequälte Züge annahmen und eins dem anderen ähnelte. Da, ging kein weicher, augenfreundlicher Schimmer von den Ge- genständen aus, wie Ano und Met es kannten. Die vorüberhastenden Passanten begannen Met auf die Ner- ven zu gehen. Ano wollte eins der hell erleuchteten Geschäfte mit den unbekannten Waren betreten, aber Met hielt ihn zu- rück. Ano seufzte und ging auf einen von Menschen umlager- ten Getränkeautomaten an einer Hauswand zu. Ein Mann steckte eine Münze in einen Schlitz, der Automat brummte auf, es knackte, und aus einem Hahn lief ein Strahl in ein Glas. Als die klebrige Flüssigkeit über den Rand schäumte, griffen die kurzen Finger des Mannes nach dem schmuddligen Glas. In wenigen Sekunden war das Glas leer. Eine zweite Münze wan- derte in den Schlitz. Ihr folgte eine dritte, eine vierte, aber diesmal knackte der Automat nicht mehr, und kein Strahl zisch- te ins Glas. Der Mann hieb ein paarmal mit der Faust gegen den Automaten und schob sich, ohne das Glas abzustellen, ener- gisch durch die wartende Menge zum nächsten durstlöschen- den Apparat. Ano nahm ein dickwandiges, grobgeschliffenes Glas aus der Nische des Automaten, drehte es in seinen Hän- den, hielt es gegen das Licht und stellte es vorsichtig zurück. Plötzlich ertönte ein Knacken, und ein schäumender Strahl stieß ins Glas. Ano nahm es und reichte es Met. Met sah sich hastig um, trank das Glas zur Hälfte leer und reichte den Rest seinem Freund. „Met, ich muß sagen, es schmeckt!“ Aber die wenigen Schlucke von dem süßlichen Gesöff lösch- ten den Durst bei weitem nicht. Ano und Met verspürten den quälenden Wunsch, zu essen, zu trinken und auszuruhen von dem ungewohnten Lärm, von den bedrückenden Gerüchen. „Was sollen wir bloß machen, Ano? Ein paar Tage ohne In-, fradusche, ohne das gewohnte Bett, ohne Grill, und ich werde zum reißenden Wolf.“ „Kannst du's noch eine Nacht so aushalten?“ „Meinetwegen, aber dann?“ „Wir gehen zur Akademie der Wissenschaften.“ „Und was da?“ „Wir erzählen alles und … bitten um Hilfe.“ „Wir dürfen nichts erzählen.“ Met sah Ano erschrocken an. „Außerdem wird uns niemand glauben. Begreif doch, die Wis- senschaftler dieser Epoche lehnen die Möglichkeit der Zeitreise prinzipiell ab.“ „Unser Ausbilder ist bis ins Mittelalter der Christlichen Ära vorgedrungen.“ „Ja, aber unbemerkt. Davon hat kein Mensch in dem Jahr- hundert was gemerkt. Er hat das Xal-Prinzip nicht verletzt!“ „Außerdem hat er nicht gemurrt und ist ohne Infradusche ausgekommen“, sagte Ano. Met lächelte, wohl zum ersten Mal an diesem Tag. „Ohne Infradusche mag's noch gehen, ohne Geld bestimmt nicht. Es ist eben nicht das Formierungsjahrhundert. Um von der Stelle zu kommen, brauchst du Geld, um zu essen, ja selbst um einen Schluck zu trinken!“ „Bleibt also nur ein Ausweg. Wir müssen uns was ver- dienen.“ Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher. Mü- digkeit bemächtigte sich ihrer. Dazu blieb Met so unerwartet stehen, daß er von einem Mann, der mit Päckchen und Paketen beladen war, angerempelt wurde. Met zog Ano am Arm und drängte sich mit ihm durch den Strom der Passanten zum Ein- gang eines großen, hell erleuchteten Geschäfts., „Es riecht nach Brot. Nach richtigem Brot“, meinte Ano seuf- zend. „Komm.“ Der Kreml. Rubinrot leuchteten die Sterne auf den alten Tür- men, geheimnisvoll schimmerten die Ziegelwände und mach- ten die über sie hinweggegangenen Jahrhunderte gegenwärtig. „Aber Sphärenschutz überm Kreml gibt's noch nicht.“ „Der wird erst in dreihundert Jahren eingeführt“, meinte Met nachdenklich. „Tja, da wären wir also, Ano. Und was wei- ter?“ Ano lehnte sich gegen eine Hauswand. Sie war staubig und strahlte noch die Wärme des Tages aus. Der ungewohnte Teer- geruch des Asphalts zehrte Anos Tatkraft vollends aus, als sein Blick plötzlich auf die Leuchtschrift „Hotel“ fiel. „Met, das ist genau das, was wir brauchen. Ich stell mal gleich ein. Hör zu, die Übersetzung aus dem Altrussischen.“ „Gast – Besucher“, ertönte es aus dem kleinen Gerät. „Per- son, die gerufen oder ungerufen kommt, um bei jemandem ein- zukehren, um mit ihm zu feiern, seine Freizeit zu verbringen, sich zu unterhalten und so weiter. Person, die in einem Gast- haus, Hotel oder einer ähnlichen Institution wohnt… Gasthaus oder Hotel – Haus mit möblierten Zimmern für Reisende …“ Die große, flache Vorhalle war voller Menschen. Von allen Sei- ten vielsprachiges Stimmengewirr. Met rang nach Atem. Fast jeder der Anwesenden hatte ein kleines weißes Stäbchen im Mund. Die Spitze glühte und füllte den Raum mit unerträglich stickiger Luft. „Ano, hier sind zu viele Gäste.“ Die beiden Freunde ließen sich in zwei niedrigen, unbe-, quemen Sesseln nieder. Vor ihnen auf dem Tisch lagen große zusammengefaltete Bogen bedruckten Papiers. Zeitungen. Un- unterbrochen arbeiteten nun die Taschenratgeber. Es vergingen zwei Stunden. Die Halle füllte sich immer mehr. Die Freunde hatten sich ausgeruht und begaben sich zum Schalter mit der Aufschrift „Empfang“. Abgeschirmt von den Besuchern durch ein alle Hoffnungen begrabendes Schild „Keine Zimmer frei“, unterhielt sich die Empfangschefin angeregt mit zwei weiblichen Angestellten. „Wir sind Gäste“, sagte Ano nachdrücklich und ziemlich richtig. Unwillig unterbrach die Dame des Hauses ihren Plausch und spießte die beiden jungen Leute mit feindseligen Blicken auf. „Wir sind Gäste“, wiederholte Ano. „Wir wollen Sie besu- chen, um mit Ihnen zu feiern, unsere Freizeit zu verbringen, uns zu unterhalten und so weiter.“ „Und so weiter?“ meinte eine der Frauen erschrocken. „Nun ja. Wir sind müde und möchten schlafen.“ „Es sind keine Zimmer frei.“ „Sind Sie Ausländer?“ fragte die Empfangsdame nun vor- sichtig. Ano schwieg. Die Pause zog sich in die Länge. „Nein, das sind wir nicht“, stotterte Met endlich. „Towaristschi, wir haben keine Zimmer frei.“ „Aber was sollen wir machen? Wir möchten doch schlafen.“ Ano brachte das so naiv hervor, daß die Empfangschefin be- sänftigt war und sogar ihre Absage begründete. „Momentan sind alle Zimmer von Kongreßteilnehmern be- legt. Kommen Sie morgen!“ Gegen elf Uhr abends hatte sich die Hotelhalle geleert. Ein paar Nachzügler begaben sich zu den Fahrstühlen. Nur am Bü-, fett standen noch Leute, die mit Behagen einen Kaffee mit Ko- gnak tranken. Die Freunde ließen sich wieder an dem niedrigen Tisch nie- der. „Ich will dir ja keinen Vorwurf machen, Ano“, begann Met unentschlossen. „Aber ich glaube, du findest dich hier nur mit Mühe zurecht.“ „Das kommt mir auch so vor, Met. Natürlich hab ich eine Stinkwut auf mich. Stell dir vor, ich bereite mich auf die Arbeit im Koordinierungsrat vor, befasse mich intensiv mit den Pro- blemen der Vergangenheit, gerate unvorhergesehen in die Re- volutionsepoche, die dem Formierungsjahrhundert – mein Spe- zialgebiet – vorausgeht, und schon verwirren mich die elemen- tarsten Dinge. Eine Schande. Ich muß allerdings zugeben, was mich kaputt macht, ist das Gefühl einer ständigen Anspannung. Ich kann einfach nicht abschalten. Die ganze Zeit über be- klemmt mich da etwas, stört mich überall, beim Denken, beim Atmen, beim Sprechen.“ „Du, mir geht es ähnlich. Ich glaube, unsere Vorfahren kön- nen noch nicht mit elektromagnetischen Wellen umgehen. Können sie noch nicht lokalisieren, wenden sie ohne Über- legung an, wie Kinder, die mit einer gefährlichen Maschine spielen. Anscheinend haben sie noch nicht erkannt, was für eine verheerende Wirkung diese Wellen auf Biosysteme haben. Aber da kann man nichts machen. Wir müssen einfach die Zähne zusammenbeißen, Ano.“ „Und außerdem hab ich begriffen, daß alles Unbedeutende durch das Sieb der Geschichte fällt. Zum Beispiel die Zei- tungen.“ Ano nahm eine ältere Nummer der „Moskau am Abend“ vom Tisch. „Was auf der ersten Seite steht, ist mir im, wesentlichen klar. Ich hab rausgefunden, natürlich nur mit Hil- fe des Ratgebers, was die Menschen dieser Epoche bewegt. Aber auf der letzten Seite… Die Annoncen, die Rowdys und … wart mal,, gleich.“ Ano wandte sich an sein Gerät und fuhr dann fort: „Ja, Spekulanten. Und dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, was da mit diesen La-den-hü-tern gemacht wird. So manches ist nicht mal bis ins Formierungsjahrhundert gedrungen. Verstehst du, Met, wir sehen hier nicht das ganze Bild, nicht die Probleme, die die besten Köpfe dieses interessan- ten Jahrhunderts beschäftigen, sondern kleine Dinge und kleine Leute. Weißt du noch, die beiden Mädchen vor dem Schaufen- ster?“ „Die sich über ‚Klassebikinis’ ausließen?“ „Ja. Was sie da alles reingelegt haben, in so eine Bagatelle. Uns ist das unverständlich. Wahrscheinlich, weil bei uns die Befriedigung solcher Bedürfnisse kein Problem mehr ist.“ „Stimmt, Ano. Also wir dürfen deshalb nicht den Kopf ver- lieren und vor allem das Xal-Prinzip nicht verletzen.“ Als Ano sah, daß der Nebentisch frei wurde, stellte er den Aschenbecher hinüber. Das Atmen fiel nun leichter, und Ano vertiefte sich in eine Zeitschrift. Die darin veröffentlichten Er- zählungen nahmen ihn ganz und gar gefangen. Als er fertig war, schaltete er seinen Ratgeber für Met ein. Zuerst hörte Met gelangweilt zu, doch dann wuchs sein Interesse, und als die Übersetzung zu Ende war, lachte er laut los. Ano meinte ernst- haft: „Met, begreif doch, das ist überhaupt nicht komisch. Die ‚wissenschaftlich-phantastischen Erzählungen’, wie sie hier hei- ßen, handeln doch von uns, von unserer Zeit.“ Met konnte sich nicht beruhigen. Immer wieder wieherte er von neuem., „Met, mich ärgert es mächtig, daß sie sich die Zukunft so vorstellen. Sie schreiben das doch, damit die Menschen sich auf die Zukunft freuen. Und da zeigen sie eine kalte, langweilige Welt, die alles Lebendige verloren hat, eine Welt voller Roboter, die die Menschen ersetzen, und voller Menschen, die Robotern ähneln. Das stimmt doch gar nicht, Met!“ „Nein, bei uns ist das Leben viel komplizierter und inter- essanter.“ „Dann müssen wir es ihnen sagen!“ „Wir dürfen aber nicht.“ Seufzend gab Ano ihm recht. Bald darauf nickte Met in seinem Sessel ein. Ano tat kein Auge zu. Er ruckte hin und her, spürte jede Zelle der Haut, die lange nicht die erfrischende Wirkung der Infradusche genossen hatte. Die Erzählungen in der Zeitschrift ließen dem Historiker keine Ruhe. Immer wieder befragte er seinen Ratgeber und merkte dabei gar nicht, wie sich ein junger Mann an den Tisch setzte. Er lächelte Ano zu und sprach ihn in einer unbekannten Sprache an. Ano schaltete sein Gerät ein und stellte fest: Alteng- lisch. Allerdings so gebrochen, daß es fast entstellt war. Ano nahm seinen Ratgeber zu Hilfe und antwortete auf altrussisch. Der junge Mann ließ kein Auge von dem Gerät. „Transistor?“ Ano stieß Met an. „Ich weiß nicht, was er will, Met. Was ist ein Transistor?“ „Transistor… Transistor? Kommt mir irgendwie bekannt vor… Ah, jetzt weiß ich wieder. In früheren Zeiten haben sie die für irgendwelche altertümlichen Geräte verwendet. Für Elektronengeräte. Das sind solche Kristalle. Was will er damit? Du hast dich doch hoffentlich nicht verplappert?“ meinte Met, plötzlich. „Nein, nein, keine Angst.“ Der schmalgesichtige junge Mann berührte nun ehrfürchtig die opalglänzende Oberfläche des Geräts. „Aus Japan, ja?“ Er kniff ergriffen die Augen zusammen. „Verkaufen Sie's mir.“ „Wie, verkaufen?“ „Ich geb Ihnen Geld. Sowjetisches Geld. Verstehen Sie, mo- ney! Very much money. Okay?“ „Nein, nein“, erwiderte Met erregt, „das geht nicht. Wir ver- letzen das Gesetz der Kausalität.“ Bei dem Wort „Gesetz“ zuckte der geschäftstüchtige junge Mann zusammen, aber die Versuchung war zu groß, und au- genzwinkernd meinte er: „Das Gesetz ist wie ein Tele- grafenmast. Rüberspringen kann man nicht, aber ihn umgehen. Vous comprenez?“ „Ano, stell mal fest, was ein ,Telegrafenmast' ist und warum man nicht über ihn rüberspringen kann.“ „Ich glaub, das ist bloß so eine Redewendung.“ Die Transistoren der wortkargen „Ausländer“ ließen dem jungen Mann keine Ruhe. Für ein paar Minuten verschwand er, kam zurück und versuchte ihnen von neuem klarzumachen, warum sein Angebot so günstig sei. Ano und Met lächelten ver- legen, blieben aber fest. Als der hartnäckige Bursche sah, daß an die Geräte kein Herankommen war, versuchte er es mit den Schutzbrillen. Ihre ungewöhnliche Form, das unbekannte, glän- zende Material versprachen ihm ein einträgliches Geschäft. Eine Brille wanderte in den Besitz des schmalgesichtigen Burschen, und Ano zog Met sofort zum Büfett. Imbiß und Kaf- fee warfen auf diese komplizierte Welt voll ständiger Aufre-, gungen ein besseres Licht. Auch die Empfangschefin bekundete eine menschliche Regung und rief die hartnäckigen jungen Leu- te, die nun schon so viele Stunden in der Hotelhalle herumsa- ßen, zu sich. „Zufällig sind zwei Betten frei geworden. Aber nur bis mor- gen früh.“ „Können wir da schlafen?“ „Aber natürlich.“ „Gut.“ „Ihre Ausweise, bitte.“ Es war nur eine kurze Glückssträhne gewesen. Die Nacht war warm, der Lärm abgeebbt, und die müden Wanderer atmeten auf. Aber würde es gelingen, sich noch zehn Tage unbemerkt aufzuhalten? Gerade noch hatte es geschienen, als wäre das Geld das einzige, was sie brauchten, um alle Be- dürfnisse zu befriedigen. Aber da kam die Sache mit den Aus- weisen. „Und trotzdem brauchen wir Geld“, schloß Met. „Wie lange reicht das, was wir für die Brille bekommen haben?“ „Kann ich noch nicht sagen, Met. Aber ich glaube, es ist zu- wenig, wenn wir noch die Fahrt bezahlen.“ „Wir müssen was verdienen.“ „Ich glaub, ich hab was.“ Ano zog eine Zeitung aus der Ta- sche und tippte auf eine Annonce. „Hör mal zu, ich schalt dir das Gerät ein.“ Met lauschte und meinte dann lächelnd: „Also doch ein Weg, um von unserer Zeit zu berichten. Na ja, die Idee ist gar nicht so schlecht.“ Er drückte auf einen Knopf am Gerät seines Freundes, sagte, ein paar Worte und hörte: „Stehlen – sich fremdes Gut aneig- nen, jemandem etwas wegnehmen, einen Diebstahl begehen, etwas entwenden …“ Ano legte die Zeitung auf einen Mauervorsprung und brummte: „Komm schnell, Met.“ „Wohin denn?“ „Ich weiß nicht, aber ich muß irgendwo ein Plätzchen finden, wo ich in Ruhe schreiben kann.“ „Ich glaub, es hat dich ernstlich gepackt.“ „Natürlich, um so mehr, als wir dadurch zu Geld kommen.“ „Also wir müssen unbedingt zum nächsten Retranslations- punkt.“ „Na, dann los!“ Die letzte Vorortbahn brachte die Freunde etwa dreißig Ki- lometer vor die Stadt. Sobald sie den Bahnsteig verlassen hat- ten, waren sie von dichter Finsternis umgeben. Mühselig tap- sten sie an den Gleisen entlang. Von rechts kam, vermutlich aus einem Wald, feuchte Luft herüber. Linker Hand erhob sich eine Böschung, die noch die Wärme des Tages gespeichert hatte und nach frischgemähtem Gras roch. Ungefähr dreihundert Schritte weiter schaltete Met sein Gerät ein. „Die Richtung stimmt. Bald müssen wir nach rechts ab- biegen.“ „Na, dann woll'n wir mal“, meinte Ano gelangweilt. Sobald der Abhang zu Ende war, hellte sich der bewölkte Himmel am Horizont auf. Rötlich schimmerten die Lichter eines großen Werkes. Ano lebte auf. „Komm in die Richtung. Da sind Menschen.“ „Das geht nicht. Wir müssen uns rechts halten.“ „Huh, wie blöd. Es riecht so faulig aus dem Wald.“, „Nichts zu machen, Ano.“ Bald darauf lugte der Mond durch die Wolken. Der Wald hörte auf, und am Ende einer großen Wiese tauchten die ver- einzelten Lichter einer Ortschaft auf. „Da müssen wir hin“, sagte Met. Bereitwillig kletterte Ano vom Bahndamm herunter und schritt energisch über die Wie- se… aber nur bis zum nächsten Heuhaufen. Er ließ sich hinein- fallen, vergaß sein Gravitationsbett und schlief so fest ein, daß Met ihn am nächsten Morgen nur mit Mühe wach bekommen konnte. Ein heller, kühler Tag brach an. Die Luft war frisch und voll unbekannter, schmeichelnder Gerüche. Ano war gutgelaunt, tatendurstig und voller Optimismus. Auch Met hatte sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Nachdem sie, dem Beispiel eini- ger Datschenbesitzer folgend, ein Bad in einem Flüßchen ge- nommen hatten, kam ihnen das Leben ihrer Vorfahren auf ein- mal ganz sympathisch vor. Erfrischt betraten sie die Ortschaft und machten sich nach dem Retranslationspunkt auf die Suche. Die Messungen dauerten den ganzen Vormittag. Die beiden Männer landeten vor einem niedrigen, dünnen Bretterzaun. „Hier!“ sagte Met. „Komisch.“ „Eben, Jahrhunderte müssen vergehen, bevor an dieser Stelle der Start- und Landepunkt eingerichtet wird.“ Hinter dem Zaun erhob sich ein halbfertiges Blockhaus. Zwei Männer mit nackt-glänzenden, muskulösen Oberkörpern, in Leinenhosen und aus Zeitungen gefertigten Mützen, saßen auf einem Balken. Vor ihnen auf einer Zeitung lagen ausgebreitet Tomaten, Gurken, Brot und Butter. Der Jüngere von beiden blickte auf und sagte: „Guck mal, Stepan, jetzt bringen sie schon, ausländische Touristen her, damit die mitbekommen, wie wir Datschen bauen. Genieren Sie sich nicht, kommen Sie doch rein.“ „Die verstehen uns wohl nicht.“ „Sind die ulkig. Kriegen nicht mal die Pforte auf.“ „Geh doch mal hin und hilf ihnen, Wasja.“ Bevor sich Wassili erhoben hatte, war Met mit dem Riegel zurechtgekommen, und die beiden Fremden traten ein. Aber wie ein Gespräch anfangen? Endlich faßte sich Ano ein Herz: „Guten Tag, entschuldigen Sie bitte. Wir wollten nicht stören.“ Freundlich lächelnd erwiderten die Bauleute den Gruß. Der Ältere wischte sich gemächlich die Lippen und betrachtete die Ankömmlinge mit Interesse. Mühevoll legte sich Ano den nächsten Satz zurecht. „Wir haben bißchen Geld. Verkaufen Sie uns bißchen zu es- sen, zu trinken, um unseren Durst zu löschen.“ „Aber was denn!“ Stepan erhob sich. „Sie sind unsere Gä- ste.“ „Hier, setzen Sie sich auf den Baumstumpf“, lud Wassili sie freundlich ein. „Wir machen gleich noch 'ne Fischbüchse auf. Wie ist's, Stepan, wollen wir uns nicht einen genehmigen?“ „Na los, noch 'ne Flasche.“ Mit großem Appetit verzehrten alle vier den kleinen Imbiß. Das scharfe Wasser sagte Met ganz und gar nicht zu, aber Ano schluckte es tapfer. Erst als sie mit dem Essen fertig waren, fragte der Ältere: „Also, aus was für 'nem Land kommen Sie, West oder de- mokratisch?“ »Demokratisch“, antwortete Ano mit fester Stimme. Met ver- suchte, das Thema zu wechseln., ».Wir wollen uns hier ein wenig aufhalten. Nur ein paar Ta- ge. Es ist dringend. Bitte. Gerade hier.“ Das Gespräch kam nicht recht in Gang. Die Bauleute be- griffen nicht, wieso die Ausländer sich ausgerechnet ihre Par- zelle ausgesucht hatten. Aber die offenen, freundlichen Gesich- ter der jungen Leute und ihre Arglosigkeit weckten Sympathie und zerstreuten bei den gutgläubigen Leuten jeglichen Ver- dacht. Ano und Met boten bereitwillig ihre Dienste an, wenn sie nur im Schuppen übernachten dürften. „Na, meinetwegen, bleibt hier und arbeitet bei uns“, sagte Stepan. „Platz ist genug da. Wald und ein kleiner Fluß sind auch in der Nähe. Und was die Verpflegung betrifft … Mit Geld sieht's bei euch ja wohl nicht allzu rosig aus. Also, verpflegt werdet ihr von mir“, schloß der Besitzer des künftigen Holz- hauses das Abkommen. „Ist zwar einfache Kost, aber satt wer- det ihr davon.“ „Verpflegung – Beköstigung, Essen, Nahrung, Lebensmit- tel …“, hörte Ano und schnippte vor Vergnügen mit dem Schalter. Mit Feuereifer stürzten sich Ano und Met in die Arbeit. Aber bald stellte sich heraus, daß sie als Helfer wenig taugten. Sie wußten die Werkzeuge ihrer Vorfahren nicht zu gebrauchen. Sie mochten den Zimmerleuten noch so aufmerksam bei der Arbeit zusehen, um sich ihre Handgriffe anzueignen, die handwerkliche Fertigkeit, die mit der Erfahrung kommt, ließ sich nicht so schnell erwerben. Gegen Abend kam Stepans Frau mit ihrem Sohn auf die Bau- stelle. Ano wandte kein Auge von dem Jungen. Er war schmal und blaß und hatte große, dunkle Augen, in denen bereits der Kummer nistete. Mitunter sah der zehnjährige Junge wie ein, kleiner alter Mann aus. Langsam und schwerfällig ein Bein vor das andere setzend, betrachtete er neugierig seine Umwelt. Das Tagewerk war beendet. Man aß zu Abend. Unerwartet schnell hatten Ano und Met mit dem Kind eine gemeinsame Sprache gefunden. Sie führten ihre „Transistoren“ vor und plauderten mit ihm wie mit einem alten Bekannten. Als sich die Mutter des Jungen zu ihnen gesellte, schmiegte der Kleine sich an sie und lauschte der Musik aus Anos Gerät, einer unbekann- ten, fesselnden Musik, die offensichtlich etwas Neues, gar nicht mehr Kindliches in ihm aufkeimen ließ. Stille schwebte über dem Wochenendhaus. Der Abend brachte kühle, frische Luft, die die von ihrem Tagewerk ermü- deten Menschen dankbar einatmeten. Ano nahm seinen Ratgeber und machte es sich im Schuppen bequem, um zu schreiben. „Hast du also doch vor, auf die Zeitungsannonce zu ant- worten?“ „Ja, ich will's probieren.“ „Hast recht. Wir können ja nicht länger auf Kosten dieser Leute leben.“ „Weißt du, Met, daß wir in unserer fortgeschrittenen Zu- kunft eigentlich viel verloren haben?“ „Deine Sehnsucht nach der Vergangenheit ist unerschöpflich, Ano. Ob das gut ist?“ „Ich bin Historiker, Met“, bemerkte Ano sanft. „Oh, nicht nur das! Weil dich von Menschen Erlebtes an- zieht, bist du ja gerade Historiker geworden. Weißt du, mir scheint, in jeder Epoche gibt es Menschen, die in der Gegenwart aufgehen, die gerade zur richtigen Zeit geboren wurden. Und dann gibt's welche, die in die Zukunft streben, und welche, die, sich, so wie du, nach der Vergangenheit sehnen.“ „Ohne Vergangenheit gibt's keine Gegenwart, Met. Denk mal, was wir alles erreicht haben! Wir Menschen des Kosmos. Gerade wir haben die Pflicht, uns um die verborgenen Dinge zu kümmern und um etwas sehr Wichtiges – die Kontinuität. Die Menschen haben in ihrem Streben nach der vollkommenen Zu- kunft vieles versäumt. Auf der Suche nach neuen Wegen haben sie ausgemerzt, was ihnen unwichtig schien. Das ist natürlich gesetzmäßig. Ich habe nichts gegen den Prozeß, der sich histo- risch vollzogen hat, aber weißt du, wovon ich träume?“ „Na?“ „Die Archäologen, die die Scherben einer vor tausend Jahren zerbrochenen Vase oder die Trümmer eines zerstörten Gebäu- des finden, rekonstruieren aus vielen Teilen ein Ganzes, in dem Bestreben, eine Vorstellung von der materiellen Kultur der Vergangenheit zu vermitteln. Aber den Menschen, der die Vase kaputt gemacht hat, hat es nicht sonderlich interessiert, ob diese Scherben später von Archäologen gefunden werden. Groß sind auch die Verluste der geistigen Kultur. Vieles wandert auf den Schrotthaufen der Geschichte. Ich möchte etwaige Werte der Vergangenheit erhalten, möchte mit Hilfe des Translationssy- stems solche Funde vermehren und damit unsere Verluste ver- ringern.“ „Das ist wirklich interessant, Ano.“ „Wie gerne möchte ich den Menschen des Ersten Jahrhun- derts sagen“, fuhr der Historiker mit wachsender Begeisterung fort: „Haltet ein, werft nicht weg, was uns von Nutzen sein kann! Wir, Met, sind in einem Jahrhundert gelandet, in dem der Grundstein für unser Dasein gelegt wurde. Aber wie wenig vermögen wir zu erkennen, weil wir streng an das Xal-Prinzip, gebunden sind. Mich bewegt vor allem der Gedanke: Wie kommt es, daß uns viele ihrer Freuden nicht zugänglich sind?“ „Vergißt du aber auch nicht ihre Leiden, Ano? Denk dran, wie gut es ist, daß wir sie schon hinter uns haben.“ Ano schwieg einen Moment und fragte dann leise: „Du meinst den Jungen?“ „Natürlich. Unsere Kinder werden nicht mehr von der Kin- derlähmung verkrüppelt. Die Mütter unserer Zeit machen nicht mehr das durch, was diese Frau hier durchmacht.“ „Ja, aber sie kennen auch nicht mehr jene Minuten unendli- chen Glücks wie die Frauen und auch die Kinder hier. Met, ich hab diesen Jungen angeschaut und mußte daran denken, daß meine Mutter nie, verstehst du, nie so zärtlich zu mir war wie seine Mutter zu ihm. Meine Mutter hat nie mit sorgenden Hän- den Essen für mich bereitet, hat es mir nie mit so viel Liebe ge- reicht. Und wie sie ihn angesehen hat! Wie liebevoll und gedul- dig der Vater, die ganze Familie mit ihm umgeht, wie sie unter Mühen eine Datsche bauen, damit der Junge sich mehr an der frischen Luft aufhalten kann. Natürlich, sie bezahlen manchmal teuer dafür, aber was ist das dann auch für ein Glück! Ein un- wiederbringliches, einmaliges Glück, das wir fast nicht mehr kennen.“ „Anscheinend gibt's in jeder Epoche einen bestimmten Wertmaßstab.“ „Vielleicht muß es so sein … Und doch haben wir etwas Großes verloren, was sie noch besitzen. Wir sind kühler und strenger geworden, praktischer und sicherer. Ja, wir schalten ein Gerät ein, es gehorcht unseren Wünschen und Launen und errichtet uns innerhalb von drei Stunden ein schönes, zweck- mäßiges Heim am See oder in den Bergen, stellt uns eine ge-, mütliche Unterkunft auf, wenn wir für einige Zeit auf einer ab- gelegenen Insel wohnen wollen. Aber in unserer Kindheit legen uns fremde Hände schlafen. Man kümmert sich aufopferungs- voll um uns, wenn wir krank sind, aber es sind fremde Men- schen. Das Essen wird von Automaten hergestellt, und unsere Eltern sehen wir so selten, daß wir manchmal nicht mehr wis- sen, ob wir zu ihnen gehören oder nicht …“ Erst gegen Mitternacht war Ano mit dem Schreiben fertig. Am Morgen, noch bevor die Datschenbesitzer eintrafen, korri- gierte er zusammen mit Met sein Manuskript und brachte es zur Post. Auf der Baustelle stürzten sich Met und Ano mit Begeiste- rung auf jede noch so unangenehme Arbeit. Eines Tages war Stepan dabei, ein paar Bretter glattzuhobeln. Ano ließ seine an- gefangene Arbeit liegen und wich nicht mehr von Stepans Seite. Wie von selbst fuhr der Hobel über das Holz. Bei jedem Zug wand sich ein fast durchsichtiger Span lustig kringelnd heraus und füllte die Hobelbank wie Cremeschaum. „Lassen Sie mich auch mal!“ bat Ano ungeduldig. Bereitwillig reichte Stepan den Hobel hin. Ano führte ihn ein-, zweimal über das Brett, und der Stahl bohrte sich ins Holz. „Wart mal, so muß man das machen. Mit Gefühl. Das Werk- zeug muß von selbst gehen und trotzdem deinen Händen ge- horchen.“ Aber es ging nicht, wie Ano es wollte. Der Tischler brachte ein Brett auf einer anderen Hobelbank an, gab Ano einen klei- nen Metallhobel und sagte freundlich und wohlwollend wie zu einem Kind: „Probier's erst mal hier.“ Ano verließ den Schuppen mit der Hobelbank nicht eher, bis er erreicht hatte, was er wollte. Endlich war das Brett glatt. Ano, fuhr mit den Fingern über das duftende Kiefernholz. Lebendi- ges, nachgiebiges Holz. So gar nicht wie das aus sich selbst he- rauswachsende Material seiner Epoche. Der Hobel war noch warm, und Ano hielt ihn gegen die Wange. „Kannst ihn haben.“ Stepans Augen blickten freundlich. „Als Andenken. Nimm ihn nur.“ … Lange konnten die Freunde nicht einschlafen. Leichter Regen tröpfelte aufs Dach. Im Schuppen war es warm, aber nicht schwül. Der Duft von feuchten Gräsern drang durch die geöffnete Tür. Die müden Leiber lagen wohlig ausgestreckt, aber der Schlaf kam nicht. Die Ereignisse der letzten Tage woll- ten überdacht sein, und die beiden Freunde hatten den Drang zu sprechen. „Met, ich muß immerzu an unsere Gastgeber denken. Der Stepan Pawlowitsch ist doch ein feiner Kerl. Ausdauernd, ener- gisch, arbeitsam, gutherzig. Oder sein Bruder. Schuftet manch- mal bis zum Gehtnichtmehr, aber selbstbewußt und guter Lau- ne. Beide leisten anstrengende Arbeit im Betrieb, und im Ur- laub oder nach Feierabend bauen sie an ihrer Datsche für die Familie. Was ist das? Notwendigkeit oder Neigung? Wahr- scheinlich beides. Der Schaffensprozeß reißt sie mit … Weißt du, Met, mir fällt ein herrliches Thema ein. Die Arbeit, beson- ders die manuelle Arbeit. Ein vergessenes, verlorengegangenes und doch so interessantes Gebiet menschlicher Tätigkeit. Aber was kann ich als Historiker darüber erfahren? Der Bau eines Wochenendhauses ist nicht charakteristisch für diese Epoche. Ich muß wissen, wie die Einstellung zur Arbeit in den gesell- schaftlichen Einrichtungen, auf den Baustellen, in den Betrieben ist, muß erfahren, wie die Arbeit im täglichen Leben verteilt ist, und muß schließlich herausbekommen, was das Spezifische an der Arbeit in den nichtsozialistischen Ländern ist … Met, ich möchte diese Zeit und die Menschen, die in ihr leben, besser kennenlernen!“ „Dein Gebiet ist doch das Formierungsjahrhundert.“ „Ja, aber wie kann man so eine Möglichkeit ungenutzt las- sen! Versteh doch! Ich muß den Leuten aus dem Wege gehen. Und würde so gern die Produktionsstätten sehen, große Bau- stellen, Leitungszentren, wissenschaftliche Institutionen, Schu- len. Stell dir vor, was das für Begegnungen sein könnten!“ „Ich stell's mir mit Schrecken vor, und du weißt sehr gut, warum. Sag mal, Ano, was versteckst du da?“ „Ich versteck doch nichts.“ “ „Na, was trägst du denn da mit dir rum?“ „Das ist ein kleiner Hobel.“ „Ano, ich habe dich beim Start noch darauf aufmerksam ge- macht …“ „Met, er ist doch so klein.“ „Aber er ist aus Metall.“ „Stepan hat ihn mir geschenkt.“ „Willst du ihn etwa mitnehmen?“ Ano schwieg. „Das nicht, Ano. Wir können damit nicht nur uns schaden, sondern auch denjenigen, die versuchen, uns von hier wegzuholen. Das ist nicht so einfach. Du siehst, daß ich ununterbrochen Berechnun- gen anstelle. Es gelingt mir einfach nicht, die genaue Stelle und die Zeit der Retranslation festzustellen. Ich arbeite wie ein Be- sessener. Ich hoffe, daß ich den Raumpunkt richtig bestimmt habe, aber die Empfangszeit …“ „Kannst du die nicht berechnen?“ „Nein, es kann passieren, daß wir den richtigen Moment, verpassen. Die Abberufung kann früher kommen, als wir ver- muten. Wir wissen ja nicht, wann die vorherige Retranslation war. Man muß dreitausend Einheiten davon abziehen.“ „Dann dürfen wir uns also gar nicht von hier entfernen?“ „Noch ja, aber in ein, zwei Tagen ist es schon zu riskant.“ „Dann wollen wir's lieber nicht riskieren.“ Aber es kam anders. Am Sonntag versammelte sich die ganze Familie auf dem Grundstück. Jeder half, so gut er konnte. Man kam voran, und während der Mittagspause ergab sich von selbst eine kleine Feier. Da trat ein untersetzter, braungebrannter Mann in weißer Uniformbluse an den Zaun und rief Stepan Pawlowitsch zu sich. Wenig später bat Stepan Pawlowitsch Met und Ano, näher zu treten. „Also, Jungs … Seid mir nicht böse, aber ich muß euch sagen … kurz, ihr dürft hier nicht mehr übernachten …“ Der Abschied von den Leuten, die Met und Ano so lieb- gewonnen hatten, war ungewöhnlich. Die beiden Freunde konnten den Grund dieser jähen Veränderung nicht begreifen und verließen das Grundstück, das auf einmal so ungastlich geworden war. Sie hatten noch keine fünfzig Schritte zurückge- legt, als Stepans Frau sie einholte. Schweigend steckte sie ihnen ein paar in Zeitungen gewickelte Piroggen zu und sah die bei- den an wie sonst ihren Sohn. Bis zum Abend saßen sie am Fluß und taten, als angelten sie. In der Nacht aber schlichen sie sich wieder in den Schuppen, bei dem sich der Raumpunkt befand, der ihnen die Tür zur Heimat auftun sollte., Die beiden hatten nur noch wenig Geld, und so fuhren sie nach Moskau in der Hoffnung, ihre Reserven ein wenig aufzu- füllen. Sobald sie den Vorortzug bestiegen hatten, gab sich Ano in- tensiv seinen Beobachtungen hin. Um die Mittagsstunde waren nur wenig Menschen im Abteil, und Ano verstand weit besser, worüber sie sich unterhielten, als bei ihrer ersten Fahrt. Er lauschte angeregt einer interessanten Diskussion, die von vier jungen Männern lebhaft geführt wurde. Begeistert dachte Ano daran, wie nah und vertraut ihm Menschen waren. Mit seiner üblichen Ungezwungenheit und Direktheit schaltete er sich ins Gespräch ein. Met wurde wachsam. Inzwischen hatte Ano immer mehr die Sympathie der vier jungen Leute gewonnen. Der Jüngste von ihnen meinte bedau- ernd, daß er auf der nächsten Station aussteigen müsse. „Fahren Sie bis Moskau?“ Ano nickte. »Schade. Sie schlagen da interessante Dinge vor. Wirklich neu und ungewöhnlich. Ich hab noch nirgends gelesen, daß eine Synthese im Hochfrequenzfeld unter Einwirkung eines Phasenunterbrechers das gewünschte Ergebnis bringt.“ Met, Fachmann auf diesem Gebiet, hatte ebenfalls noch nie etwas Ähnliches gehört und atmete erleichtert auf. Die Kühn- heit, mit der der Historiker die Biophysiker-Vorfahren belehrte, barg keine Gefahr für das Gesetz der Kausalität. Kurz vor dem Aussteigen reichte der neue Bekannte Ano ei- nen Zettel. »Hier, die Adresse von unserem Internat. Ich würde das Ge- spräch über die Synthese der Fermente gerne fortsetzen. Viel-, leicht kommen Sie mal vorbei?“ „Wann denn?“ fragte Ano leicht verwirrt. „Na, kommen Sie morgen!“ Über zwei Stunden vergingen, bevor sie die Redaktion ge- funden hatten. Mehrmals mußten sie erklären, daß sie Verfasser von wissenschaftlich-phantastischen Erzählungen seien, die sie auf Grund einer Annonce an die Redaktion geschickt hätten. Als sie endlich am Ziel schienen, stellte sich heraus, daß Mon- tag kein Sprechtag war. „Kommen Sie von außerhalb?“ Die Freunde sahen sich an. Dann antwortete Ano mit siche- rer Stimme: „Ja, wir kommen von weit her.“ „Dann bitte zum Redakteur.“ Der Redakteur empfing sie freundlich-lächelnd. „Wir haben Ihre Erzählung gelesen. Sie ist gut geschrieben. Der Stil ist eigenwillig und ungewöhnlich. Sie haben es ver- standen, Klischees zu vermeiden und Figuren wie Handlung plastisch zu machen. Der Text liest sich leicht, auch vom sprachlich-stilistischen Standpunkt.“ Unmerklich stieß Met Ano an. „Aber ich muß Ihnen sagen“, fuhr der Redakteur fort, „daß wir die Erzählung nicht drucken können. Sie schreiben über die Zukunft. Ein wichtiges Thema. Wie aber zeichnen Sie die Zu- kunft? Die Technik und die Leistungen der Wissenschaft … gut. Eine kluge Technik, fast unglaublich, aber in der Phantastik gibt's ja alles mögliche. Doch die Menschen … Tja, in dieser Hinsicht ist die Sache danebengegangen. Vom Schriftsteller wird vor allem Kenntnis der Wirklichkeit gefordert. Sie können natürlich einwenden: ‚Ja, aber wer weiß, wie die Menschen in tausend Jahren sein werden!' Richtig, alles richtig. Keiner von, uns hat die Zukunft gesehen, aber der Verfasser phantastischer Erzählungen muß in der Lage sein, mit Hilfe seiner Lebens- erfahrung, mit seinem Wissen um die Gesetze der mensch- lichen Gesellschaft ein Bild von der Zukunft zu entwerfen. In unserer Zeit liegen die Keime der Zukunft. Die Zukunft wird heute geschaffen, und unsere Redaktion hat die Aufgabe, dem jungen Leser solche wissenschaftlich-phantastischen Erzählun- gen zu bieten, die ihn zum Kampf für diese Zukunft aufrufen. In Ihrer Erzählung aber ist die Zukunft einfach ausgedacht und erfunden, statt wissenschaftlich vorausgesehen. Das war's im wesentlichen, was ich Ihnen über Ihre Erzählung sagen wollte. Wenn Sie wollen“, schloß der Redakteur, als er sah, daß seine Besucher nicht mit der Einschätzung der Erzählung zufrieden waren, „kann ich Sie natürlich dem Chefredakteur vorstellen.“ „Jetzt gleich?“ „Nein, er hat heute keinen Sprechtag. Kommen Sie morgen.“ Nachdem sie die Redaktion verlassen hatten, gingen sie zu einem der Getränkeautomaten. Zwei Dreikopekenstücke wan- derten in den Schlitz, zwei Gläser wurden ausgetrunken. Ano wollte noch mehr, aber Met protestierte. „Sonst reicht das Geld nicht für die Bahn.“ Ano hieb mit der Faust gegen den Automaten, aber das Glas füllte sich nicht. „Müssen wir fahren, Met?“ „Ja, wir müssen.“ Die Ortschaft kam ihnen längst nicht mehr so freundlich vor. Auf dem Wochenendgrundstück war kein Mensch zu sehen. Von dem Hügel aus, auf dem sie saßen und auf die Dunkel- heit warteten, war der ganze Ort zu überblicken, die Bahngleise und dahinter die grauen, aus vielen Schloten rauchenden, Werkgebäude. Met nahm sein Gerät. „Na, was ist?“ »Schlecht steht's, Ano. Wahrscheinlich müssen wir uns hier noch zwei bis drei Tage aufhalten. Aber wir probieren weiter, vielleicht kriegen wir genauere Werte. Geh doch mal mit dei- nem Gerät bis zu dem Baum da und visiere den am weitesten links gelegenen Schornstein an. Ich wird inzwischen über den Schuppen weg den gleichen Punkt anvisieren. Schalt den Syn- chronisator ein.“ Ano erhob sich, wollte zu der Eiche gehen, aber in dem Mo- ment trat aus dem Gebüsch derselbe Mann, der tags zuvor am Zaun mit Stepan Pawlowitsch gesprochen hatte. Er hinkte auf sie zu. Aus zehn Meter Entfernung schrie er: „Fotografieren ist hier verboten.“ „Wir fotografieren nicht.“ „Ach, Sie fotografieren nicht. Dann gestatten Sie die Frage, warum Sie Ihre Apparate genau auf die Bahngleise und das Werk richten?“ „Das … das … Ano, soll ich's ihm erklären?“ „Das werden wir gleich haben“, schloß der Mann in der wei- ßen Uniformbluse, als er einen Milizionär näher kommen sah. „Bürger, ich bitte Sie um Ihre Fotoapparate.“ „Das sind keine Fotoapparate.“ „Kommen Sie mit, Bürger. Wir entwickeln den Film, und dann werden wir ja sehen.“ „Genosse Sergeant, lassen Sie die Leute nicht mehr an die Apparate. Vielleicht sind das Kameras, mit denen der Film so- fort belichtet werden kann … kann … kann … kann … kann…“ „Ano, schalt dein Gerät auf Null. Schnell!“ „Kann … kann … kann …“, wiederholte der Mann in der, Uniformbluse mit monotoner Stimme, während er sich immer weiter von Ano und Met entfernte. Der Milizionär murmelte ebenfalls etwas Unverständliches und folgte ihm. Die Freunde beschlossen, einzeln zu dem Schuppen vorzu- dringen. Met ging als erster. Ano versteckte sich auf dem Hügel in den Zweigen einer riesigen Eiche, von wo aus er die ganze Gegend um das Grundstück überblicken konnte. Mit Hilfe ihrer Geräte stellten die beiden Verbindung zueinander her und fuh- ren mit ihren Berechnungen fort. Ihnen war klar, daß sie nur eine kleine Atempause erhalten hatten. Met war mit seinen Berechnungen zufrieden und for- derte Ano auf, so schnell wie möglich zum Schuppen zu kom- men. Da entdeckte Ano mehrere Männer, die sich vorsichtig ans Wochenendgrundstück heranpirschten. „Met, hörst du mich gut? Sie umzingeln anscheinend den Schuppen.“ „Nicht so schlimm. Die Messungen reichen schon. Komm schnell. Wenn etwas nicht klappt, stell das Gerät wieder auf Null.“ „Met, ich würde gerne …“ „Ano, in wenigen Minuten ist es zu spät. Es sind eine ganze Menge Leute, und mit zwei Taschengeräten können wir nicht viel ausrichten.“ Ano sah, wie die Dorfbewohner von allen Seiten auf das Grundstück zuschlichen. Offensichtlich wollten sie die ver- dächtigen jungen Leute festnehmen. Einen Moment lang wollte Ano dem Freund zu Hilfe eilen, aber da sah er, wie sich direkt am Schuppen kaum sichtbar die Konturen eines Würfels ab- zeichneten. »Ano, schneller! Wir sind gerettet, die Retranslation be-, ginnt!“ „Ich komme nicht.“ „Ano, aber du …“ „Mach dir keine Sorgen, ich bleib bis zur nächsten Re- translation hier, ohne das Xal-Prinzip zu verletzen.“ „Alleine laß ich dich nicht hier!“ Met trat aus dem Schuppen und wollte auf Ano zurennen. Da vergrößerte sich der durch- sichtige Würfel zusehends und verschluckte Met. Ano verließ sein Versteck und begab sich zur Bahnstation.,

Kirill Hochwasser Bulytschow kommt

Vor dem Fenster trieben Wolken. So was hatte ich noch nie ge- sehen. Unten waren sie blank und glatt und spiegelten die gan- ze Stadt: Dächer, grün und violett, mit wunderlich ge- schnitztem First; verwinkelte, mit Hexaedern aus Quarz gepfla- sterte Gassen, darin Helm und Zylinder tragende Männer, al- tertümliche Automobile und Polizisten an den Kreuzungen. In der Fensterecke, hart am Rahmen, saß mein liebstes Spie- gelbild: ein Stück Hafenmauer, Angler, Pärchen, auf Geländern hockend, Mütter mit ihren Kleinen. Sowohl Häuser als auch Leute auf den Wolken waren winzig, und ich mußte mir oft hinzudenken, was ich beim besten Willen nicht zu erkennen vermochte. Der Doktor kam stets nach dem Frühstück und setzte sich an mein Bett. Er seufzte schwer und klagte mir seine zahlreichen Gebrechen. Wahrscheinlich meinte er, ein Mensch in meiner Lage höre mit Vergnügen, nicht der einzig Leidende zu sein. Ich fühlte mit ihm. Die Namen seiner Krankheiten waren oft ganz und gar unverständlich und kamen mir sehr gefährlich vor. Ein Wunder, daß er da noch durch die Korridore des Krankenhauses fegte und mit seinen Nagelschuhen die Trep- pen hoch- und runterklapperte. Sein Gebaren gab mir zu ver-, stehen: Was? Sie wollen Verbrennungen haben? Ich habe jeden- falls Zahnschmerzen, jawohl! Ist doch keine Dosis – tausend Röntgen! Ich habe das Reißen — hier, in meinem Knie … Was sind schon zweiunddreißig Brüche? Ich habe … Anfangs hatte ich bewußtlos gelegen. Und er war es ge- wesen, der mich dem ersten klinischen Tod entriß. Dem zwei- ten auch. Dann war ich zu mir gekommen und bereute es so- fort. Gewiß, sie haben wundervolle Medikamente, allein ich wußte, mit tausend Röntgen würden sie nicht fertig werden. Reine Philanthropie. Sonst nichts. „Heute früh hat ein Alter einen riesigen Fisch aus dem Fluß geholt“, sagte ich, um den Doktor von seinen Krankheiten ab- zulenken. „Einen riesigen?“ „Armlang.“ „Haben Sie das in den Wolken gelesen?“ „Ja. Was sind das überhaupt für welche?“ „Das kann man so schnell nicht sagen. Ich schon gar nicht. Werden Sie mal schön gesund, dann konsultieren Sie die Exper- ten. Die Wolken bleiben nicht das ganze Jahr. Vor Ihrer An- kunft hatten wir zwei Monate Sonnenschein. Dann Ist es anders hier.“ „Was ist anders?“ »Alles. Es landen beispielsweise Raumschiffe. Aber nur kur- ze Zeit.“ „Kommt hier selten jemand?“ „Passagierverkehr gibt es nicht. Woher auch.“ Wieso? wollte ich fragen, aber die Schwester kam. Dem-, zufolge sagte ich: „Guten Morgen, liebster Folterknecht.“ Und vergaß den Doktor sofort. Die Schwester. Also Prozeduren. Tagsüber schlief ich ein. Ich träumte wieder von der Kata- strophe. Ich träumte, ich wäre ganz und gar ergraut. Ver- mutlich würde ich niemals erfahren, ob es stimmte. Mein Kopf war dick umwickelt, nur die Augen sahen raus. „Wir haben uns mit der Erde in Verbindung gesetzt“, sagte der Doktor, als er abends zu mir hereinschaute. Er tat ziemlich fidel, obwohl uns beiden klar war, daß man von der Erde bisher ein halbes Jahr brauchte. „Na ja“, sagte ich höflich und starrte die Decke an. „Hören Sie mal. Man hat uns informiert, daß die ,Kolibri’ auf Basis 12-45 betankt wird und morgen startet. Ist es weit?“ Ich wollte den Doktor nicht ängstigen, aber erfahren würde er es ja doch. Ich sagte also: „Reichlich vierzig Tage.“ „Großartig“, erwiderte er, ohne sein dickes Lächeln zu las- sen. Aber seine Laune war angekratzt. Er begriff nun, daß ich es auch vierzig Tage nicht mehr machen würde. Allein, er war Mediziner, und deshalb mußte er etwas sagen. „Sie haben einen Arzt und Präparate an Bord. Die bringen Sie in drei Stunden auf die Beine.“ „Da ist dann keiner mehr auf die Beine zu bringen …“ In den Wolken fuhr flußauf ein riesenlanger Dampfer, mit dem Schornstein nach unten, und seine weiße Rauchfahne hing von der Wolke bis ins Fenster. „Kopf hoch“, sagte der Doktor. Ich sagte nichts, ich wollte keinen Streit. Die Nacht war lang. Ich wartete auf den Morgen, aber der kam nicht. Wie lange dauern hier Tag und Nacht? Wenn ich, nicht irre, zweiundzwanzig Stunden und etliche Minuten. Und eingeteilt sind sie in Perioden und Partikel. Das habe ich einem Handbuch entnommen. Noch auf der Basis. Endlich wurde es hell. Ich wunderte mich, daß, wie mir die Wolken verrieten, die Straßen voller Menschen waren. Ge- wöhnlich tauchten die ersten Passanten etwa in anderthalb Stunden, nachdem es hell wurde, auf. Die Tür ging auf. Der Doktor kam. „Haben Sie schon gefrühstückt?“ fragte er. „Es ist noch zu früh.“ „Aber nein“, sagte er. „Wie spät?“ fragte ich. „Dreizehn Partikel der dritten Periode“, sagte der Doktor. Mit dieser Auskunft begnügte ich mich. Dritte Periode also, da kann man nichts machen. „Ich muß Sie allein lassen“, sagte der Doktor. „Ich habe zu tun.“ Nach einer Stunde kam er wieder und inspizierte mein Krankenblatt mit Temperaturkurve, Blutdruck, Puls und ande- ren Sachen, die davon zeugten, daß ich noch am Leben war. Offensichtlich behagten sie ihm nicht, deshalb begann er scheinmunter zu pfeifen. „Nun, wie steht's?“ „Gar nicht übel. Schade nur, daß da einer Ihr Tagesregime über den Haufen geworfen hat. Dafür müßte man ihm den Kopf abreißen!“ „Warum?“ „Wegen totalen Mangels an Verantwortung. Er konnte sich nicht von ihr trennen, wissen Sie. Na ja, das erkläre ich später. Übrigens haben Sie doch nichts dagegen, wenn wir Ihnen heute, abend eine Blutübertragung machen?“ „Wird denn von einem Einwand meinerseits Notiz ge- nommen?“ Der Doktor lächelte höflich und ging. Am anderen Tag verschlechterte sich mein Zustand. Der Doktor hockte auf dem Schemel, und nichts von seinen Ge- brechen. Vor dem Fenster Schneegestöber. Gestern war es noch warm gewesen. Die ausgelegten Angelruten waren wie Spinnenbeine auf dem Wasser. Und heute Schneegestöber. „In einer halben Stunde ist das vorbei“, sagte der Doktor. „Ein Versehen.“ „Sie steuern das Klima?“ fragte ich. „I wo“, seufzte der Doktor. „Glatter Unfug. Wenn bloß die Wolken erst weg wären.“ „Sie sagten gestern was von Verantwortungslosigkeit.“ „Ach, Sie meinen den kleinen Zwischenfall? So was ist un- vermeidlich. Ein junger Mann … Was ist Ihnen?“ Mir war speiübel. Ich hörte den Doktor noch reden, konnte mich aber nicht mehr an der Oberfläche des Daseins halten. Mir war, als klammerte ich mich an seine Worte wie an dünne, glit- schige Planken, doch siehe, die Worte rutschten weg, trieben übers Wasser, und ich sackte ab und wagte nicht, den Mund zu öffnen, um tief durchzuatmen … Ich kam zu mir. Sie hatten es nicht gemerkt. Und ich hörte, was sie sagten. Der Doktor und ein anderer Arzt, ein Spezialist für Strahlenkrankheiten. „Zwei, drei Tage, länger nicht“, sagte der Spezialist. „Es steht miserabel.“ Ich wußte, sie sagten das von mir, wünschte aber sehr, die, Worte möchten keine Beziehung zu mir haben. Zum zweiten Mal erwachte ich nachts. Der Doktor hockte auf dem Schemel und hatte auf dem Schoß so was wie eine Pa- tience aus briefmarkenähnlichen Karten ausgebreitet. Mir kam er alt und eingefallen vor. Ich war ihm dankbar, dankbar dafür, daß er nicht nach Hause ging, dafür, daß er an meinem Bett saß, und selbst dafür, daß er alt und eingefallen aussah, weil auf seiner Station ein Mensch von der Erde starb, von einem völlig fremden und sehr fernen Planeten. „Schlafen Sie“, sagte der Doktor, als er merkte, daß ich die Augen offen hatte. „Ich mag nicht“, sagte ich. „Dazu komme ich noch genug.“ „Machen Sie keine Dummheiten“, sagte der Doktor. „Aus- weglose Situationen gibt es nicht.“ „Gibt es nicht?“ „Noch ein Wort, und ich verpasse Ihnen ein Schlafmittel.“ „Nicht doch, Doktor. Wissen Sie, was erstaunlich ist? Ich ha- be gelesen, daß den Leuten vor dem Tod ihre Kindheit einfällt, das Vaterhaus, sonnenflammende Wiesen … Aber mir steht immerzu so ein Kyber vor Augen, den ich repariere und den ich nicht gebrauchen kann.“ „Das besagt also, daß Sie am Leben bleiben.“ Ich schlummerte ein, wissend, daß der Doktor immer noch an meinem Bett hockte und Patiencen legte. Und wie zum Hohn träumte ich von einer sonnenflammenden Wiese, von der Wiese, über die ich als Kind gesprungen war. Sie war warm und duftig, mit Blumen übersät, voll Honiggeruch und Bienen- gesang … Dem Doktor sagte ich nichts davon. Wozu ihm die Laune verderben? Die Schwester trat ein., .Alles in Ordnung, Herr Doktor“, sagte sie. „Die Abstim- mung hat stattgefunden.“ „Nun, und?“ „Hundertsiebzehn dafür, drei Stimmenthaltungen.“ „Na wunderbar,“ sagte der Doktor. „Hab ich's doch ge- wußt.“ Er sprang auf, und die briefmarkenähnlichen Karten flat- terten auf den Fußboden. „Aber Herr Doktor!“ „Das Leben ist herrlich, junger Mann. Und die Menschen, sie sind herrlich! Spüren Sie das nicht? Autsch, mein Zahn! Sie ha- ben ja keine Ahnung … Hatten Sie jemals Zahnschmerzen? Sie kommen noch auf Ihre Wiese. Haben Sie von ihr geträumt?“ „Ja.“ „Sie kehren zurück, aber mit mir. Mein Leben lang wollte ich auf die Erde, und es hat nie geklappt. Wenn wir noch zwei Ta- ge durchhalten, dann können Sie sich drauf verlassen, dann haben wir's geschafft.“ Das war keine Lüge. Keine Beruhigungspille. Er hätte Gift darauf genommen, daß es stimmte. Merkwürdig, wo es doch keine Quelle gab, seinen Optimismus zu nähren. „Schwester, bereiten Sie die Spritzen vor.“ Der Doktor blick- te auf die Uhr. „Wann kann es losgehen?“ „In fünf Minuten.“ Durch die dicken Fensterscheiben drang vielstimmiges Sire- nengeheul. „In fünf Minuten. Wissen Sie schon?“ sagte, den Kopf ins Zimmer steckend, ein unbekannter Arzt. „Ziehen Sie die Gardine zu“, wies der Doktor die Schwester an., Die Schwester trat ans Fenster, und ich sah ein letztes Mal die silberne Unterseite der Wolken. Ich wollte darum bitten, die Gardine nicht zuzuziehen, wollte ihnen klarmachen, daß ich die Wolken brauche, aber ein unerbittlicher Brechreiz brandete mir in die Gurgel, und ehe ich mich an die girrende Doktorstimme geklammert hatte, ging ich japsend im Strudel meiner Übelkeit unter. „Dem geht's schlecht!“ „Tja“, sagte jemand auf russisch. „Dem geht's schlecht!“ Ich wußte nicht, zu welchem der bruchstückhaften Gesichte die Stimme gehörte. Sie ließ mich nicht zurücktauchen ins Ver- gessen, sondern fuhr fort, laut und lärmend zu dröhnen. Mit der Stimme verband sich ein in mir wachsender Schmerz. „Noch zwei Kubik“, befahl die Stimme. „Anfassen tun wir ihn vorläufig nicht. Gleb, schick uns das dritte Infusionsbesteck. Gleich kommt er zu sich.“ Ich beschloß, mich nicht zu widersetzen, und kam zu mir. Über mir zottelte ein schwarzer Rauschebart samt strubbligem Schnauz und Brauen. Aus dem Haarwust spähten hellblaue Äuglein. „Na also, er ist aufgewacht“, sagte der Bartmensch. „Öfter lassen wir dich nicht einschlafen. Sonst gewöhnst du dich zu sehr daran …“ „Sie sind …“ „Doktor Brodski von der ‚Kolibri’.“ Brodski richtete sich auf. Er schien größer als das Zimmer. „Kollegen“, wechselte er in die Kosmolingua. „Gestatten Sie einen Blick in die Krankengeschichte.“ Mein Doktor ergriff einen Haufen Kassetten mit Schrift- bändern., „Soso“, brummte Brodski. „Elfter Tag … vierzehnter Tag … Und wie geht es weiter?“ „Das ist alles.“ „Nein, ich wollte fragen, wo die zweite Monatshälfte ist. Er war doch nicht nur vierzehn Tage krank.“ „Doch“, sagte der Doktor, und seine Stimme kicherte. „Vor dreiundvierzig Tagen sind wir von der Basis gestartet“, dröhnte indessen Brodski. „Drei Tage haben wir unterwegs eingespart, weil wir mehr nicht einsparen konnten …“ „Ihr Assistent ist gekommen …“, sagte der Doktor. Sechs Stunden später lag ich im allergewöhnlichsten Bett, ungeschient und unverbunden. Die neue Haut juckte ein biß- chen, und ich war so schlapp, daß ich Mühe hatte, die Hand zu heben. Aber zum Rauchen verspürte ich Lust; brach sogar einen wenn auch ziemlich matten Streit vom Zaune, mit Brodski, der mir noch am folgenden Tag das Rauchen verbot. „Also los, fitzen wir uns da durch“, sagte Brodski, über mei- ne Krankengeschichte gebeugt» „Wie lange sind wir nun geflo- gen und wie lange hat der Patient bei Ihnen gelegen?“ Brodski zog eine Riesenpfeife aus der Tasche und steckte sie in Brand. „Dann rauchen Sie aber auch nicht“, sagte ich. „Sonst stehle ich Ihnen den Rotzkocher. Für einen einzigen Zug bin ich wil- lens, ein Verbrechen zu begehen.“ „Patient“, sagte Brodski eisig. „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist noch lange nicht wem erlaubt?“ „Dem Ochsen, den Patienten und den Kosmonauten“, er- widerte ich. „Ich habe Hochschulbildung.“ Mit vor Rührung schief gehaltenem Kopf lauschte mein Dok- tor unserem Dialog. Er hatte den Blick des Großvaters, dessen, Enkel eine Gabel verschluckt und es fertigbringt, sie dank eines herbeigeeilten Medizinmannes auf den letzten Drücker in der Kantine wieder abzuliefern. „Ich weiß nicht, wo beginnen“, meinte schließlich der Dok- tor. „Die Sache ist nämlich die, daß unser Planet ein überaus absurdes galaktisches Gebilde darstellt. Meistens ist er voll- kommen mit diesen Silberwolken bedeckt, die uns total von der Außenwelt abschneiden.“ „Ja, aber wir sind doch hergekommen …“ „Raumschiffe sind in der Lage, die Wolkenschicht zu durch- brechen, doch das möchte für gewöhnlich niemand tun. Und zwar aus folgendem Grunde: Die Wolken werfen bei uns ge- wissermaßen die Kausalbeziehungen über den Haufen. Sie er- innern sich, daß es vor einigen Tagen in der Stadt später hell wurde als sonst?“ „Ja, ich weiß“, sagte ich. „Ich vermeinte anfangs, zu früh aufgewacht zu sein.“ „Nein, das war der verspätete Morgen. Ein verliebter junger Mann wollte nicht von seiner Angebeteten lassen. Und was macht er? Er klettert auf den Turm, der die Hauptuhr beher- bergt, und knotet ein Gewicht an den großen Zeiger. Die Uhr fängt an nachzugehen. An jedem anderen Ort der Galaxis wäre daraufhin gar nichts passiert. Na, allenfalls käme jemand zu spät zur Arbeit. Das wär's aber auch. Auf unserm Planeten ver- zögert sich in der „Silberwolkenperiode“ der Zeitablauf. Und der junge Tag stellt sich später ein.“ Der Doktor weidete sich zur Genüge an unserer Verwun- derung, ehe er fortfuhr: „Und das Tolle ist, daß die Uhren der einen Stadt vorgehen können und der anderen nach, daß der junge Tag an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten an-, brechen kann. Was wir nicht alles unternommen haben! Das Verbot erlassen, Privatuhren in Gebrauch zu nehmen. Hängt doch die Zeit auch von ihnen ab. Einen obligatorischen Uhren- vergleich auf dem gesamten Planeten eingeführt … Doch dann sind wir von Maßregeln dieser Art abgekommen. Jeder Plane- tenbewohner ist jetzt im Besitz einer Uhr. Und da den Planeten einhundertzwanzig Millionen Menschen bewohnen, so stimmt die von den einhundertzwanzig Millionen Uhren angezeigte Durchschnittszeit. Einige Uhren gehen vor, andere nach, die dritten richtig. Klar?“ „Das heißt also“, fragte ich, „wenn Sie Ihre Uhr jetzt vor- stellen, läuft die Zeit schneller?“ „Na ja, in einem so geringen Maße, daß es niemand merkt. Und wenn die Abweichung gar zu groß wird, genügt es, die Zeiger der Hauptuhr ein ganz klein wenig zu verrücken – und alles kommt wieder ins Lot.“ „Und euer Verliebter wußte das?“ fragte Brodski. „Leider ja. Alle wissen das.“ „Passiert so was oft?“ „Selten. Wir wahren wohl oder übel Disziplin. Andererseits wissen wir, daß wir notfalls die Zeit zu steuern vermögen. So war es auch bei unserem Patienten. Der Rat des Planeten hatte den Beschluß gefaßt, den Gast zu retten. Wir wußten, er würde noch zwei, höchstens drei Tage leben. Das Raumschiff brauchte vierzig Tage. Wissen Sie noch, wie ich die Schwester bat, die Gardinen zuzuziehen?“ „Ja.“ „Damit Sie das Vorüberflimmem von Tag und Nacht nicht irritierte.“ „Aber diese Maßnahme ist für den Planeten außerordentlich, abträglich!“ „Wir haben bewußt Schwierigkeiten in Kauf genommen; mehr noch, wie sich herausgestellt hat, ist die ‚Kolibri' fünf Stunden früher als vorgesehen angekommen. Das bedeutet, daß viele Einwohner der Stadt Armbanduhren und Wecker von sich aus vorgestellt haben.“ Drei Tage später fuhren wir zum Kosmodrom. Der Doktor war mit von der Partie. Ich fühlte mich noch nicht bei Kräften und benutzte einen Stock. Leichter Schnee wirbelte aus den silber- nen Wolken und trübte ihre glatte Unterseite. Zum ersten Mal erblickte ich mein eigenes Spiegelbild. Wenn ich die Augen hob, warf auch dort ein kleines Männchen mit Stock den Kopf zurück und maß mich mit meinem Blick. Der Abschied zog sich in die Länge, und müde geworden, suchte ich Halt an einer Stange an der Wand der Wartehalle. Brodski hielt eine verdammt lange Dankesrede an den Plane- ten. „Es ist Zeit“, sagte der Kommandant der .Kolibri' neben mir. „In fünfzehn Minuten starten wir.“ Ich umarmte und entließ meine Freunde … Und da sprang in der Ferne ein undeutliches, unheilvolles Dröhnen auf, so als spielte jemand einen Riesenkontrabaß. Das Geräusch schwoll an, zerfiel in einzelne Töne und kam näher. Die Leute unterbrachen ihre Gespräche und blickten sich um. Eine Frauenstimme zitterte: „Krümel, wo bist du? Komm her.“ Mir war, als stieg am Horizont, fern bei den Bergen, eine Ne- belwand hoch. „Was ist denn?“ eiferte der Doktor. „Was ist passiert?“, Die zur Verabschiedung Gekommenen, die offensichtlich Be- scheid wußten, flüchteten in den Schutz des Kosmodroms. Wie ein Vogel drehte der Doktor seinen Kopf und stieß seinen Blick in meinen. „Nehmen sie sofort die Hand weg!“ schrie er. „Was haben Sie angerichtet!“ Ich zog die Hand weg und sah, mich umdrehend, die Stange, an der ich mich festgehalten hatte. Es war ein gewöhnliches Quecksilberthermometer. „Das ist doch keine Uhr“, scherzte ich linkisch, „sondern ein Thermometer.“ „Ja eben!“ kreischte der Doktor, der mich am Arm gepackt hatte und zum Ausgang des Gebäudes schleifte. „Sie haben die Kausalbeziehungen außer acht gelassen.“ Brodski stampfte hinterdrein, blickte sich aber dauernd nach der schon nahen Nebelwand um. Da ging mir ein Licht auf, und immer noch hoffend, es möge nicht wahr sein, fragte ich unsicher: „Was ist passiert, Doktor? Was habe ich getan?“ „Begreifen Sie denn nicht? Gucken Sie das Thermometer an. Sie haben es erwärmt und damit die Temperatur um etliche Grade angehoben. In der ganzen Stadt! Und der Schnee ist ge- schmolzen … Wir haben keine Zeit zu verlieren. Schnell in die Maschine! Es kommt Hochwasser!“,

Arkadi und Boris Das vergessene Strugazki Experiment

Der „Testudo“ machte vor dem Schlagbaum halt. Die Schranke war heruntergelassen, über ihr blinkte in regelmäßigen Ab- ständen ein grellrotes Licht. Zu beiden Seiten führten engma- schige Drahtzäune in die Dunkelheit. „Das hier ist die Biostation“, sagte Berkut. „Steigen wir also aus.“ Polessow schaltete den Motor ab. Als sie aus dem Fahrzeug geklettert waren, erlosch das Blinklicht über dem Schlagbaum, und unvermittelt setzte das schrille, anhaltende Heulen einer Sirene ein. Während sich Iwan Iwanowitsch die Beine vertrat, sagte er: „Jetzt wird gleich jemand angelaufen kommen und uns zu überreden versuchen, ja nicht Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Warum haben wir überhaupt hier angehal- ten?“ Etwa dreißig Meter rechter Hand von der Chaussee schim- merten weißlich die Mauern der Häuschen. Durch das Ge- strüpp hindurch führte ein schmaler Pfad. Eines der Fenster wurde plötzlich hell, man hörte den Rahmen knarren, jemand erkundigte sich mit heiserer Stimme: „Hast du das Novokain mitgebracht?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er zänkisch hinzu: „Hundertmal schon habe ich dir gesagt, park den Wagen weiter weg von hier, weck die Leute nicht!“ Der Rahmen knarrte abermals, es wurde still., „Hm“, sagte Iwan Iwanowitsch grienend. „Hast du das No- vokain nun mitgebracht, Berkut?“ Vor dem Häuschen tauchte eine dunkle Silhouette auf, und die Stimme von vorhin rief: „Valentin!“ „Er verwechselt uns mit irgend jemandem“, sagte Polessow. „Hm, ja“, bestätigte Iwan Iwanowitsch, „das kommt mir auch so vor. Na, was ist, wollen wir eine Rastpause einlegen oder lieber weiterfahren?“ Man hörte Schritte, zwischen den Kiefern stammen blitzte das Lichtpünktchen einer Zigarette auf. Der Lichtpunkt be- schrieb irgendwelche gewiß vereinbarten Kreise und zog dabei lange Ketten verlöschender Funken hinter sich her. „Nein“, sagte Polessow, „zuerst der Erkundungsgang.“ Der Mann mit der Zigarette hatte sich endlich durch das Ge- strüpp hindurchgearbeitet, trat auf die Chaussee hinaus und sagte: „Die verdammten Brennesseln. Hast du das Novokain, Valentin? Wen hast du denn da bei dir?“ „Sehen Sie“, begann Iwan Iwanowitsch vorsichtig. „Aber das ist ja gar nicht Valentin!“ rief der Mann mit der Zigarette aus. „Wo steckt der bloß?“ „Keine Ahnung“, erwiderte Iwan Iwanowitsch. „Wir sind vom INM.“ „Aus dem … ach so“, sagte der Unbekannte. ;,Sehr ange- nehm. Sie müssen schon entschuldigen“, er knöpfte sich dabei den Kittel zu, „aber ich bin nicht ganz angezogen. Kruglis, Lei- ter der Biostation. Ich hatte angenommen, es wäre Valentin. Sie sind also Geologen?“ „Nein“, entgegenete Berkut sanft. „Wir sind vom Institut für Nichtklassische Mechanik. Wir sind Physiker.“ „Physiker?“ Der Biologe warf die Zigarette beiseite. „Habe, ich richtig gehört … Physiker? Und sie wollen ins Epi- zentrum?“ „Ja“, sagte Berkut. „Wenn Sie gestatten, wollen wir ins Epi- zentrum. Wir hatten gedacht, Sie wüßten Bescheid.“ Der Biologe sah zu der gewaltigen schwarzen Masse des „Testudo“ hinüber. Dann ging er um Berkut herum auf das Fahrzeug zu und klopfte gegen die Panzerung. „Teufel, Teufel“, sagte er begeistert. „Ein Panzerwagen mit Superschutz, ja?“ „Ja“, bestätigte Polessow. „Na“, fuhr der Biologe fort, „da haben Sie wirklich Glück. Ich schlag mich nun schon das zweite Jahr mit Gott und aller Welt herum, krieg aber trotzdem keine Genehmigung für die Tiefenerkundung. Dabei bin ich so drauf angewiesen. Ich wür- de dort … Hören Sie, Genossen“, sagte er ohne große Hoffnung in der Stimme, „nehmen Sie mich doch mit. Was macht's Ihnen letzten Endes aus?“ „Nein“, antwortete Polessow. „Wir sind dazu nicht berechtigt“, sagte Berkut. „Es tut uns wirklich leid …“ „Verstehe“, knurrte der Biologe. Er seufzte. „Ja, ich bin in- formiert, daß Sie kommen. Nur habe ich Sie nicht so zeitig er- wartet.“ „Die Entfernung bis Lantanida haben wir auf dem Luftweg zurückgelegt“, erklärte Berkut. Tiefe, verschlafene Stille breitete sich aus, es hatte sogar den Anschein, als wäre es dunkler geworden. Dann ertönte nicht weit von ihnen ein Schrei, schauerlich und durchdringend. Im Walddickicht löste sich raschelnd ein schwerer Tannenzapfen, streifte im Fallen die dichten Zweige und schlug dumpf auf, dem Boden auf. „Ein Uhu“, sagte der Biologe. „Klingt aber gar nicht so“, erwiderte Polessow zweifelnd. Der Biologe schniefte. „Lieber Freund“, sagte er. „Haben Sie schon mal einen Uhu schreien hören?“ „Mehr als einmal.“ „Und haben Sie schon mal gehört, wie ein Uhu von der an- deren Seite schreit?“ „Wie meinen Sie das?“ „Jenseits des Kordons, meine ich. Jenseits des Schlagbaums.“ „Ich w-weiß nicht“, sagte Polessow unsicher. „Na also“, resümierte der Biologe. Die Männer verstummten, und in der Finsternis schrie aber- mals der seltsame Uhu. Der Biologe besann sich. „Was stehen wir denn hier herum?“ sagte er. „Bis zum Mor- gen ist es noch ein Weilchen hin. Kommen Sie, ich bereite Ihnen ein Nachtlager.“ „Vielleicht sollten wir wirklich …“, sagte Iwan Iwanowitsch. „Nein“, unterbrach ihn Polessow, „zuerst die Erkundung. Ich glaube, da vorn ist die Straße sehr schlecht…“ „Auf der anderen Seite gibt es überhaupt keine Straße mehr“, bemerkte der Biologe. „… und im übrigen haben wir keine Ahnung“, fuhr Poles- sow fort, „was sich hier so alles tut. Ich werde die Erkun- dungskyber ausschicken. Sie werden Informationen sammeln, und am Morgen können wir dann aufbrechen.“ Polessow kletterte in den Panzerwagen und schaltete die Scheinwerfer ein. Durch das blendendhelle Licht verdichtete sich die Finsternis ringsum noch mehr, dafür aber traten die, weißen Ringe auf dem Schlagbaum deutlicher hervor, und die Metallstäbe der Umzäunung begannen zu glitzern. Sie vernah- men ein leichtes, pochendes Geräusch; in den Lichtkreis auf der Chaussee waren ulkig aussehende, silbrig schimmernde Lebe- wesen gesprungen, die riesigen Grashüpfern ähnelten. Einige Sekunden lang verharrten sie reglos, dann rissen sie sich los, tauchten unter dem Schlagbaum hindurch und verschwanden im hohen Gras auf der anderen Seite. „Sind das die Erkundungsroboter?“ fragte der Biologe voll Hochachtung. „Ja“, antwortete Berkut. „Pjotr Wladimirowitsch!“ rief er lei- se zum Fahrzeug hin. „Wir gehen schon. Kommen Sie dann nach.“ „In Ordnung“, ließ sich Polessow vernehmen. Das Häuschen des Biologen hatte drei Zimmer. Kruglis legte den Kittel ab, zog Hosen und Pullover über und ging in die Kü- che. Berkut und Iwan Iwanowitsch richteten sich auf dem Sofa ein. Iwan Iwanowitsch hatte Mühe, nicht sofort einzudämmern. „Sie wollen also ins Epizentrum“, sagte der Biologe aus der Küche heraus. „Nun, dort gibt es natürlich einiges zu sehen. Haben Sie wenigstens eine winzige Vorstellung von dem, was dort vorgeht?“ „Ganz vage sind wir informiert“, antwortete Berkut. „Ein bißchen was haben die Flieger erzählt, aber so richtig nahe ist da ja noch niemand herangekommen.“ „Ich aber hab's selbst gesehen, mit eigenen Augen. Das Flak- kern zum Beispiel … Na ja, das Flackern haben schon viele ge- sehen. Nicht aber die Blitze, die aus der Erde heraus zum Himmel schlagen, und den blauen Nebel … Haben Sie schon mal was von dem blauen Nebel gehört?“, „Ja“, sagte Berkut. „Ich habe ihn zweimal vom Hubschrauber aus wahrgenom- men. Vor einem Monat etwa, noch vor dem Untergang der ‚Ga- lathea’. Er entsteht im Epizentrum oder irgendwo in seiner Nä- he, breitet sich in einem weiten Ring aus und löst sich etwa hundert Kilometer hinter dem Kordon auf. Was kann das nur sein, meine Herren Physiker?“ „Ich weiß es nicht, Genosse Kruglis.“ „Also niemand weiß es. Wir Biologen noch viel weniger. Klar ist nur, daß irgend etwas höchst Ungewöhnliches vor sich geht. Achtundvierzig Jahre sind seit der großen Explosion ver- strichen, die Strahlungsintensität hat sich bereits um ein Zehn- tel verringert, es sind Adhärenzien entwickelt worden, mit de- ren Hilfe der radioaktive Staub gebunden werden soll, was auch tatsächlich passiert, und plötzlich … Schluß. Auf einmal haben wir Funkenausbrüche, Brände; der Teufel und die Hölle sind los …“ Der Biologe verstummte, klapperte mit dem Ge- schirr, es war zu hören, wie der Teekessel mit dem kochenden Wasser behaglich zu pfeifen anfing. „Freilich“, fuhr Kruglis fort, „Brände gibt es schon seit einiger Zeit nicht mehr. Wahr- scheinlich ist bereits alles verbrannt, was nur irgendwie brenn- bar war. Aber diese Ausbrüche … Der erste erfolgte vor vier Monaten, Anfang Mai. Der zweite im Juni. Jetzt aber wiederho- len sie sich fast jede Woche. Es handelt sich um grelle weiß- lichblaue Eruptionen von offenbar unerhörter Intensität. Über- legen Sie doch selbst…“ Der Biologe erschien mit einem Tablett in der Tür. „Überlegen Sie doch selbst“, wiederholte er, während er ge- schickt das Geschirr verteilte. „Vom Kordon bis zum Epizen- trum sind es mehr als zweihundert Kilometer, aber der halbe, Himmel lodert davon. Und unmittelbar nach der Explosion breitet sich der hellblaue Nebel aus.“ Er machte kehrt, wollte nochmals in die Küche gehen, blieb aber an der Türschwelle stehen. „Ist Ihnen bekannt, daß der letzte Ausbruch gestern nacht stattgefunden hat?“ fragte er. „Ja, wir haben davon gehört“, sagte Berkut. „Vielen Dank.“ „Irgendwer muß ja schließlich den Anfang machen“, brummte Iwan Iwanowitsch. „Aber, wo ist eigentlich Poles- sow?“ Der Biologe zuckte die Achseln, verschwand in der Küche und kam gleich darauf mit dem summenden Teekessel wieder. „Kommen Sie, trinken wir Tee“, sagte er. „Geben Sie mir die Gläser.“ Iwan Iwanowitsch leerte bereits das zweite Glas, als die Tür aufgerissen wurde und Polessow eintrat. Er war kreidebleich und griff sich an die rechte Wange. „Was haben Sie denn, Pjotr Wladimirowitsch?“ fragte Berkut. „Irgendwas hat mich gestochen“, erwiderte Polessow. „Wahrscheinlich eine Mücke.“ „Schon möglich.“ Polessow hielt sich noch immer die Backe. „Nur muß diese Mücke statt eines Stachels ein Maschinen- gewehr besitzen!“ „Also eine Mücke von der anderen Seite“, sagte der Biologe. „Ganz einfach. Und nun setzen Sie sich, und trinken Sie Tee.“ „Und wer schreit da so jämmerlich in den Gräben? Ich dach- te schon, da ertrinkt jemand.“ „Es sind Frösche. Auch von der anderen Seite.“ Iwan Iwanowitsch stellte das Glas mit einem Ruck auf der Untertasse ab, wischte sich über das krebsrote Gesicht und frag-, te: „Mutanten?“ „So ist es“, bestätigte der Biologe. „Wir haben hier ein regel- rechtes Naturschutzgebiet mit Mutanten. Zur Zeit der Haupt- explosion und auch nachher, als das Strahlungsniveau noch sehr hoch war, wurden die Tiere in dieser Zone schrecklich in Mitleidenschaft gezogen. Verstehen Sie? Unmittelbar nach dem Ausbruch wurde das Gebiet abgeriegelt, und sie konnten es nicht mehr verlassen. Die erste Generation ist mittlerweile aus- gestorben, sämtliche Nachkommen sind mißgebildet. Wir beo- bachten diese Tiere hier nun schon das achte Jahr, manchmal fangen wir welche, mitunter stellen wir auch Kameras mit Selbstauslöser auf. Leider ist es uns untersagt, tiefer als fünf Kilometer in dieses Gebiet einzudringen … Einer unserer Mit- arbeiter hat es trotzdem riskiert. Er hat Fotos und auch einige Tiere mitgebracht, ist hinterher aber erkrankt. Teufel, wie man uns da den Kopf gewaschen hat!“ Der Biologe begann zu rauchen. „Na, Sie werden ja selbst sehen, was sich dort abspielt. Es sind völlig neue Arten entstanden, schauerlich mißgestaltete. Trotz aller Hindernisse haben wir umfangreiches Material zu- sammengetragen. Viele Arten sind inzwischen gänzlich ausge- storben. Die Bären zum Beispiel. Andere passen sich an, ob- gleich ich mir nicht sicher bin, ob dieser Terminus überhaupt angebracht ist. Genauer gesagt, sie haben Mutanten hervorge- bracht, die unter den Bedingungen der erhöhten Radioaktivität lebensfähig sind. Aber das, wissen Sie, ist …“ „Und wie reagieren sie auf ihre Umwelt?“ fragte Iwan Iwa- nowitsch. „Auf die Explosionen und alles andere?“ „Sie reagieren seltsam“, antwortete der Biologe. „Überaus seltsam. Ich fürchte, unser ‚Naturschutzgebiet’ wird nicht mehr, lange existieren. Früher haben sich die Tiere nur sehr selten bis zur Begrenzung vorgewagt. Große Tiere haben wir fast über- haupt nicht zu Gesicht bekommen. Doch im vorigen Monat sind Hunderte dieser furchtbaren Mißgeburten urplötzlich und am hellichten Tag direkt auf den Schlagbaum zugestürzt. Wahrlich kein Anblick für Leute mit schwachen Nerven. Einige von ihnen haben wir gefangen, die anderen mit Hilfe von Rake- ten zurückgescheucht. Keine Ahnung, wovor sie geflüchtet wa- ren. Ob vor den Ausbrüchen, dem blauen Nebel oder sonstwas … Wahrscheinlich vor dem blauen Nebel. Ich glaube, schließ- lich und letzten Endes werden sie alle zugrunde gehen. Und die vielen Mücken erst, die es seit den letzten Monaten hier gibt! Ganz zu schweigen von den Vögeln und Fröschen. Dieser Uhu von vorhin zum Beispiel …“ Er drückte die Zigarettenkippe im Aschenbecher aus und schloß ganz unerwartet: „Also seien Sie vorsichtig dort.“ „Keine Bange“, sagte Polessow. „Immerhin haben wir ein Fahrzeug mit Superschutzpanzerung.“ Der Biologe warf einen Blick auf dessen angeschwollene Wange und sagte: „Wissen Sie was? Ich verpasse Ihnen eine kleine Spritze. Besser ist besser …“ Polessow sah einen Augenblick unschlüssig zu Berkut hin- über und erhob sich dann. „Na, von mir aus“, brummte er. Am Morgen erwachte Berkut davon, daß irgend etwas ganz in der Nähe schauerlich zu brüllen anfing. Berkut warf hastig die Laken ab und trat ans Fenster. Vor dem Häuschen nebenan standen der Leiter der Biostation, Kruglis, und ein unbekannter Mann im weißen Kittel. Kruglis rauchte und zog die Stirn in, Falten, während der Bekittelte redete und dabei heftig gestiku- lierte. Der Morgen war sonnig. Zwischen den Kiefernstämmen schimmerte in dem rosafarbenen Dunstschleier dunkel die Sil- houette des „Testudo“. Neben dem Fahrzeug machte sich Po- lessow zu schaffen. Offenbar sind die Kundschafterroboter be- reits zurück, dachte Berkut. Er packte sorgsam das Bettzeug in eine Wandnische, nahm eine Dusche und frühstückte dann mit großem Appetit: zwei Glas kalte Milch und zwei Butterbrote mit Schinken. Der Schinken war ausgezeichnet – ganz mager, leicht rosa wie der Morgennebel und genauso zart. Auf der Vortreppe stieß Berkut fast mit Iwan Iwanowitsch zusammen. „Guten Morgen“, sagte Iwan Iwanowitsch. „Ich wollte dich gerade wecken. Die Erkundungsroboter sind zurück.“ „Etwas Interessantes?“ Iwan Iwanowitsch wollte schon antworten, da ertönte hinter dem Häuschen das gleiche dumpfe und langgezogene Brüllen. Berkut zuckte zusammen. „Das ist ein wilder Eber“, erklärte Iwan Iwanowitsch. „Man hat ihn drüben auf der anderen Seite gefangen.“ „Ich hätte eher angenommen, es handle sich um einen Bä- ren.“ „Aber nein doch“, erwiderte Iwan Iwanowitsch. „Die Bären sind hier bekanntlich ausgestorben.“ „Na, schon gut“, sagte Berkut. „Genug davon. Was haben die Kundschafter mitgebracht?“ „Wieder mal eine Überraschung. Wir gehen besser zu Po- lessow.“ Sie stapften über den Pfad, und das vom Morgentau nasse, Gestrüpp peitschte ihnen um die Beine. „Diese Brennesseln hier“, sagte Iwan Iwanowitsch, „sind keine Brennesseln, sondern die reine Strafe.“ Polessow stand da, gegen das Fahrzeug gelehnt, und drehte zerstreut einen schmalen Filmstreifen zwischen den Fingern. Seine rechte Wange war entschieden dicker als die linke. „Guten Morgen, Genosse Berkut“, sagte er und faßte sich dabei behutsam an die Backe. „Tut's weh?“ Polessow seufzte und erwiderte: „Die Roboter sind zurück. Ich habe die Information durchgesehen, und sie gefällt mir gar nicht.“ „Wieso, gibt's keine Straße?“ „Keine Ahnung.“ Polessow betastete abermals seine Wange. „Irgendwie ist das alles sehr seltsam. Hier, sehen Sie selbst …“, und er reichte Berkut den Filmstreifen. Der Film war völlig schwarz. „Belichtet?“ fragte Berkut. „Genau. Und zwar von Anfang bis Ende. Als hätte man ihn seit gestern abend im Reaktor aufbewahrt. Mir ist völlig unklar, wie so etwas passieren konnte. Das maximale Strahlungs- niveau, das die Kundschafter fixierten, beträgt an die fünfzehn Röntgen pro Stunde. Also kaum der Rede wert. Das wichtigste aber ist: Die Roboter sind aus irgendeinem Grund gar nicht erst bis zum Epizentrum vorgestoßen.“ „Nicht vorgestoßen?“ „Sie sind zurückgekommen, ohne ihren Auftrag ausgeführt zu haben. Ganze hundertzwanzig Kilometer haben sie ab- solviert, dann haben sie kehrtgemacht, als hätten sie das Kom- mando ,Zurück’ erhalten — oder als hätten sie sich er-, schrocken. Ehrlich gesagt, mir schmeckt das nicht.“ Einige Zeit schwiegen alle und blickten in die Richtung des Schlagbaums. Dahinter gab es zwar noch eine Straße, doch der Beton war bereits gesprungen und wild von gigantischen Klet- ten durchwachsen. Nicht weit von der Barriere schaukelte eine große rote Blüte auf einem dünnen langen Stengel, über ihr kreiste ein weißgeflügelter Schmetterling. Ein wenig abseits sah man an der Straße eine überhängende, ausgedörrte Espe, deren Wipfel sich in den benachbarten Bäumen verfangen hatte. Bi- zarr spreizte sie die nackten Äste auseinander. „Das heißt“, sagte Berkut nachdenklich, „wir haben so gut wie gar keine Informationen.“ Polessow wickelte den Film von der Spule und verstaute ihn in der Tasche seiner Kombination. „Wir könnten die Kyber ein zweites Mal ausschicken“, schlug er vor. „Wir haben auch so schon genug Zeit verloren“, erwiderte Iwan Iwanowitsch ungeduldig. „Brechen wir lieber auf. Wir werden uns an Ort und Stelle umsehen.“ „Man könnte die Roboter von unterwegs aus vorschicken“, sagte Polessow erneut. Er ließ nicht locker. Iwan Iwanowitsch sah gleichfalls zu Berkut hin. „Also gut“, sagte der. „Wir machen uns auf den Weg. Pjotr Wladimirowitsch, gehen Sie bitte zu den Biologens und sagen Sie ihnen, daß wir losfahren. Und sagen Sie auch vielen Dank von uns allen.“ „Zu Befehl, Genosse Berkut.“ Polessow ging in Richtung der Häuschen davon und kam ei- ne Minute später mit Kruglis wieder. „Wir brechen jetzt auf“, sagte Berkut. „Herzlichen Dank für, die Gastfreundschaft.“ „Keine Ursache“, erwiderte der Biologe langsam. „Glück- liche Reise.“ „Auf Wiedersehen“, sagte Polessow.“ „Ich werde versuchen, einen Uhu für Sie zu fangen.“ Sie kletterten in den Panzer, die Luke klappte zu. Der Bio- loge winkte und trat dann an den Straßenrand zurück. Langsam hob sich der automatische Schlagbaum. Das schwe- re Fahrzeug ruckte an, begann zu rattern und fuhr los, wobei es breite Spuren im Gestrüpp hinterließ. Der Biologe folgte dem Wagen mit den Augen. Da war der auch schon unter der über- hängenden Espe angelangt und streifte sie. Der Baum knackte, brach in der Mitte auseinander und stürzte mit einem dumpfen Aufprall quer über die Schneise, die irgendwann einmal eine Autobahn gewesen war. Der „Testudo“ stand, stark zur Seite geneigt, völlig geräuschlos und unbeweglich. Nach sechzehn Stunden Lärm und wahnsin- nigem Gerüttel erschienen die Stille und Unbeweglichkeit wie ein Trugbild, das jeden Augenblick verschwinden konnte. Die Muskeln der Männer waren noch immer angespannt, in ihren Ohren dröhnte es nach wie vor. Doch weder Polessow noch Berkut oder Iwan Iwanowitsch nahmen Notiz davon. Sie sahen schweigend auf das Armaturenbrett. Die Instrumente logen gottlos. Vor zwei Stunden, um Mitternacht, hatten die Funk- peilstationen die Koordinaten des Fahrzeugs an Polessow übermittelt: Der „Testudo“ befand sich in einer engen Talsenke etwa siebzig Kilometer südöstlich vom Epizentrum. Um null Uhr fünfzehn war erstmals der reguläre Ruf von Lantanida ausgeblieben. Die Verbindung war unterbrochen. Um null Uhr, siebenundvierzig hatte im Lautsprecher plötzlich ein „… un- verzüglich!“ aufgekreischt – allem Anschein nach war es Le- mings Stimme gewesen. Um ein Uhr zehn dann hatte starker Regen eingesetzt. Um ein Uhr achtzehn war der Infrarotprojek- tor erloschen. Polessow hatte sich an den Umschaltern zu schaf- fen gemacht, losgeflucht, die Scheinwerfer eingeschaltet und die Stirn gegen die Wildlederverkleidung des Periskops ge- preßt. Um ein Uhr fünfundfünfzig hatte er sich von dem Sehrohr losgerissen, um einen Schluck Wasser zu trinken, abermals einen Blick auf die Instrumente geworfen und das Fahrzeug zum Stehen gebracht. Die Geräte logen, wie gesagt, gottlos. Um sie her stand eine schwarze Septembernacht, es goß in Strömen, doch die Nadel des Hygrometers wies frech auf Null, und das Thermometer zeigte minus sieben Grad an. Die Zeiger des Geigerzählers huschten fröhlich über die Skala und bestä- tigten damit, daß die Radioaktivität des Bodens unter den Rau- penketten des „Testudo“ sehr schnell und in großen Sprüngen wechselte. Wollte man überdies noch den Angaben der Mano- meter Glauben schenken, so befand sich der Panzer auf dem Grund eines zwanzig Meter tiefen Wasserbehälters. „Die Instrumente spielen verrückt“, sagte Berkut betont forsch. Niemand widersprach. „Es muß sich um äußere Einflüsse handeln…“ „Ich möchte gern wissen, um welche“, sagte Polessow und biß sich auf die Lippe. Berkut sah sein Gesicht sehr gut: ein dunkles, längliches Gesicht mit einem roten Fleck auf der rech- ten Wange. „Ach, das würde Ihnen schwerlich weiterhelfen!“ sagte Iwan, Iwanowitsch. „Doch, das würde es“, widersprach Polessow. Es hätte ihm schon darum geholfen, weil er dann imstande gewesen wäre, die Geräte zu reparieren. Vor allem die In- strumente auf dem Steuerpult. Iwan Iwanowitsch konnte mit deren Angaben natürlich nicht das geringste anfangen, und Polessow sah deutlich, daß sie genauso unverschämt flunkerten wie alle übrigen Geräte. Das aber war mehr als seltsam, es war überaus gefährlich, denn die Steuerungsinstrumente galten durch die dreifache Superschutzpanzerung des „Testudo“ als vor jeglichen äußeren Einflüssen gesichert. Die Insassen des Fahrzeugs waren vor äußeren Einwirkungen gleichfalls nur durch diesen Dreifachpanzer geschützt. Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte Polessow eine widerliche Schwäche in der Magengrube. Er biß die Zähne zusammen und wiederholte: „Doch. Das würde uns sehr helfen.“ „Was ist draußen zu sehen?“ fragte Iwan Iwanowitsch. „Nichts. Nur Regen und Nebel.“ Iwan Iwanowitsch stand auf, bat Polessow, ein wenig zur Seite zu rücken, und beugte sich zum Periskop hinunter. Er er- blickte furchtbar verkrüppelte, zersplitterte Kiefernstämme, schwarze, förmlich verkohlte Äste und das dichte Gewirr zwei Meter hohen Grases. Und Nebel. Grauen, unbeweglichen Ne- bel, der, angestrahlt von den Scheinwerfern, unbeweglich über der nassen Natur hing. Einige Meter vom Panzer entfernt stan- den die Erkundungsroboter. Sie drängten ängstlich zum Fahr- zeug hin und ähnelten Hofhunden, die den Wolf gewittert ha- ben. Sie hatten nicht die geringste Lust, in den Nebel hinauszu- gehen. Genauer gesagt, sie konnten es nicht. Iwan Iwanowitsch ließ sich schwer fallen., „Der blaue Nebel“, sagte er heiser. „Wieso?“ fragte Polessow. „Was hat es damit auf sich?“ Iwan Iwanowitsch gab keine Antwort. Berkut erhob sich und sah gleichfalls durchs Periskop. Dann setzte er sich wieder und knöpfte sich den Jackenkragen auf. Er bekam nur schwer Luft. Doch dann richtete er sich steif auf und seufzte tief. Die Atem- not war vergangen. „Was werden wir tun?“ fragte Polessow. „Hören Sie, Genossen“, sagte Berkut plötzlich, „merken Sie gar nichts?“ „Was ist bloß mit den Instrumenten los“, sagte Iwan Iwano- witsch statt einer Antwort und ließ keinen Blick von den Arma- turen. Dann stockte er unvermittelt und bemerkte, an Berkut gerichtet und mit halblauter Stimme: „Nadelstiche.“ Erst jetzt verspürte auch Polessow das unangenehme Kribbeln in den Fingerspitzen. Als würde er mit mikroskopisch dünnen Nadeln gestochen, mit winzigen Bienenstacheln. Und dann fiel ihm aus unerklärlichem Grund auch das At- men schwer. Die Finger wurden taub. „Fast wie … die Bergkrankheit“, brachte er mühsam heraus. Iwan Iwanowitsch sprang auf, stieß Polessow beiseite und preßte seine kahle Stirn von neuem an das Periskop. Draußen war nichts als Nebel. Die Erkundungskyber waren verschwun- den. Iwan Iwanowitsch rang schwer nach Luft und ließ sich in seinen Sessel fallen. Seine gedunsenen Wangen glänzten vor Schweiß. „Ihr Panzer und Ihre Roboter!“ sagte er sarkastisch. „So was soll nun ein Panzer mit Superschutz sein!“ „Mit solch einem Panzer“, erwiderte Polessow gelassen, „habe ich voriges Jahr das Brennende Plateau auf dem Merkur, hinter mich gebracht.“ „Und Ihre Kyber, was ist mit denen?“ Iwan Iwanowitsch ließ nicht locker. „Sie kneifen. Das erste Mal, daß ich Roboter sehe, die feige sind. Und Ihr gelobter Superschutz?“ „Nicht doch, Iwan Iwanowitsch“, sagte Berkut beschwich- tigend. Der Superschutz hilft hier nicht, dachte Polessow. Das ver- rückte Spiel der Instrumente, die Atemnot und das Kribbeln sind nur das halbe Unglück. Richtig schlimm wird es erst, wenn der Reaktor versagt und die Magnetfelder, die das glühende Plasma im Ring zusammenhalten. Wenn diese Magnetfelder auseinanderfallen, löst sich der „Testudo“ samt seinem Super- schutz in Dampf auf. Das Gescheiteste wäre: so schnell wie möglich weg von hier. „Wir hätten es doch riskieren sollen, mit dem Turboflugzeug durchzustoßen statt mit diesem Panzer“, sagte Iwan Iwano- witsch: Die Nadeln stachen bereits in Schultern und Hüften. „Also gut“, sagte Polessow nach kurzem Überlegen. „Schnal- len Sie sich an.“ Iwan Iwanowitsch verstummte. Die Physiker schnallten sich mit breiten, weichen Riemen an den Sesseln fest. „Fertig?“ fragte Polessow. „Fertig“, antwortete Berkut. Polessow schaltete das Licht aus und führte die Hände an die Steuerungshebel. Der Motor begann dumpf zu brummen, der Panzer setzte sich in Bewegung. Irgend etwas knirschte wi- derlich unter den Raupenketten. Vor ihnen war dichter, un- durchdringlicher Nebel. Die kleinen Nadeln liefen jetzt hurtig über den Rücken. Ein scheußliches Gefühl. Das Atmen fiel nach, wie vor schwer. Der „Testudo“ erhob sich dröhnend und be- bend auf sein Heck. Höher, immer höher. Vor ihnen der Nebel. Noch höher, direkt in den Himmel hinein. Das blinde Fahrzeug kraxelte förmlich den Abhang eines endlos hohen Berges em- por, auf dessen anderer Seite sich ein Abgrund befand. Es stieg immer weiter, während im Reaktor die violette Flamme des Plasmas mit Geheul den Magnetketten zu entfliehen suchte. Gleich, jetzt gleich würde es passieren. Polessow riß den Blick vom Periskop und sah flüchtig auf die Instrumente. Wenn ihre Angaben stimmten, so mußte der Reaktor des „Testudo“ jeden Augenblick in die Luft fliegen. Doch auf die Geräte war eben keinerlei Verlaß mehr. Äußere Einflüsse, die sich allmählich durch den Dreifachschutz des Panzers vorarbeiteten, hatten ihnen den Garaus gemacht. Po- lessow fühlte, wie seine Hände abstarben; die Nadeln tanzten jetzt ganz nahe am Herzen. Sehr bald würde eine von ihnen zustechen – und dann war Schluß. Sehr bald auch würde das Plasma an die Wände des Reaktors lecken – dann war gleich- falls Schluß. Neben sich sah Polessow Berkut, willenlos wie eine Puppe, in seinen Riemen baumeln … Als Berkut wieder zu sich kam, fiel sein Blick auf den er- leuchteten Bildschirm wie auf ein Fenster, das von einem dunk- len Zimmer auf eine Waldlichtung hinausführt. Der Nebel hatte sich gelichtet. Der Illuminator arbeitete ausgezeichnet: Man sah die nassen Sträucher und das nasse Gras unterm Regen und auch den Regen selbst, der ganz gerade und in großen Tropfen fiel. Der Himmel war nicht zu erkennen. Auf der Waldlichtung erschien ein gewaltiges Tier und blieb stehen, starrte den „Te- studo“ an. Berkut begriff nicht sofort, daß es ein Elch war. Das Tier hatte den Körper eines Elchs, doch nicht dessen stolze Hal-, tung; der Kopf wurde durch die ungeheure Last der geweihar- tigen Auswüchse fast zu Boden gedrückt. Elche besitzen an und für sich ein sehr schweres Geweih, doch bei dem hier wuchs nahezu ein Baum auf dem Kopf, und der Hals hielt dieser Last von mehreren Zentnern nicht stand. „Was ist das?“ fragte Iwan Iwanowitsch, und seine Stimme klang ziemlich schwach bei diesen Worten. Berkut begriff, daß der andere gleichfalls ohnmächtig gewesen sein mußte. „Ein Elch“, antwortete er und rief: „Pjotr Wladimirowitsch!“ „Zur Stelle, Genosse Berkut!“ meldete sich Polessow prompt, auch er eigenartig unsicher. „Wie's scheint, sind wir durchgekommen?“ „Sieht so aus“, sagte Polessow, und dann: „Soll das dort et- wa ein Elch sein?“ „Ja, einer von der berüchtigten anderen Seite“, erwiderte Iwan Iwanowitsch. „Etwas für Kruglis.“ „Wie fühlen Sie sich, Genossen?“ erkundigte sich Berkut. „Ausgezeichnet“, sagte Iwan Iwanowitsch. „Mir tut die Backe weh“, meinte Polessow, „aber dafür sind die Geräte wieder in Ordnung.“ Der Elch war inzwischen schwerfällig an sie herangekom- men und stand ihnen jetzt gegenüber, witternd und mit be- benden Nüstern. Berkut konnte sein Geweih genau sehen: Es war geborsten und blutete. Weißer glibbriger Schimmel bedeck- te seine Schaufeln. „Er hat keine Augen“, sagte plötzlich Polessow mit erschrek- kend ruhiger Stimme. Das Tier besaß in der Tat keine Augen. Dort, wo sie hätten sein müssen, schimmerte dieselbe weißliche Schimmelschicht., „Verjagen Sie ihn, Pjotr Wladimirowitsch“, flüsterte Berkut, „bitte!“ Polessow schaltete die Sirene ein. Der Elch stand unbeweg- lich, witternd da, machte dann kehrt und trottete schließlich langsam, die Beine krampfhaft eins vor das andere setzend, davon. Sein Gang war quälend unsicher, ganz so, als würde er statt eines vollen Schritts jedesmal nur einen halben tun. Sein Haupt war zu Boden gedrückt, die eingefallenen Flanken glänzten feucht. „Die reinste Schildkröte“, murmelte Iwan Iwanowitsch. Die Männer sahen hinter dem Elch her, der sich durch das hohe, nasse Gras davonschleppte. Schließlich war das Tier hin- ter den Bäumen verschwunden. Um abzulenken, sagte Berkut: „Pjotr Wladimirowitsch, Sie sind einfach ein Teufelskerl.“ „Wieso das?“ fragte Polessow verwundert. „Immerhin haben Sie uns aus diesem Kessel herausge- holt …“ „Tja, der hat's in sich gehabt“, erwiderte Polessow gelassen. „Nein, im Ernst, mir ist einfach rätselhaft, wie Sie das ge- schafft haben. Ich zum Beispiel muß bewußtlos dagelegen ha- ben wie ein junges Mädchen.“ Polessow schwieg. Er startete den Motor und ließ die Er- kundungsroboter hinaus. Die Kyber sprangen aus dem Fahr- zeug, sahen sich nach allen Seiten um und drängten eilig vor- wärts. Jetzt hatten sie keine Furcht mehr. Der „Testudo“ rollte dröhnend hinter ihnen her. Am späten Morgen schleuderte der „Testudo“ den letzten Erd- haufen beiseite, der noch im Weg stand, und arbeitete sich bis zum Rand des gigantischen Talkessels vor. Die Taiga lag hinter, ihnen – dunkelgrün und naß nach dem nächtlichen Regen, still und streng unter der blendenden Sonne. Dort, wo sich der Pan- zer Bahn gebrochen hatte, war eine breite Schneise zurückge- blieben, zu deren Seiten sich verkohlte, mit weißem Schimmel verkleisterte Stämme befanden. Auf dem Grund des Kraters lagen die Überreste des La- boratoriums verstreut. Die Erde dort unten war nackt und schwarz, sie dampfte. Der Dampf verwischte die Umrisse der Gegenstände. Die schwarzen Trümmer zitterten und ver- schwammen in den erhitzten Luftschwaden. „Großer Gott“, sagte Iwan Iwanowitsch mit bebender Stim- me. „Groß-ßer Gott!“ Obwohl seit seinem letzten Besuch mehr als ein halbes Jahr- hundert vergangen war, erinnerte er sich noch sehr gut an die- sen Ort. Auf dem weiträumigen weißbetonierten Platz hatte sich, glänzend unter der Sonne, eine großartige gigantische An- lage hingestreckt – der ringförmige, zwei Kilometer lange Me- sonengenerator, umgeben von den gläsernen Türmen, die die Steuerungsanlagen beherbergten. An einem einzigen Tag je- doch, im millionsten Bruchteil einer Sekunde, die Katastrophe! All das hatte plötzlich zu existieren aufgehört! Der rote Feuer- schein war viele hundert Kilometer weit zu sehen gewesen, sämtliche seismographischen Stationen des Planeten hatten den Explosionsstoß registriert. „Trotzdem sind die Verwüstungen nicht so groß, wie ich be- fürchtete“, ließ sich, gleichsam tröstend, Berkut vernehmen. „Ich dachte schon, es gäbe außer der nackten Erde gar nichts mehr hier.“ „Groß-ßer Gott“, sagte Iwan Iwanowitsch abermals. Er strich sich mit den Fingern über das unrasierte Kinn, was wie ein, Schaben klang, und fuhr nachdenklich fort: „Da hinten hat sich die Relaisstation befunden, ich hatte sie gebaut. Und dort hat Tscheboksarow geherrscht, Friede seiner Asche … Nichts da- von ist mehr übriggeblieben.“ „Hören Sie“, sagte Polessow. „Ich hab keine Ahnung, wo und was Sie hier suchen wollen, aber ich schicke jetzt die Robo- ter los. Sie brauchen so oder so Information.“ „Ach ja, natürlich, Information“, bestätigte Iwan Iwano- witsch. „In Ordnung“, willigte Berkut ein, „und wir werden inzwi- schen frühstücken.“ Polessow machte sich an den Umschaltern zu schaffen. Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie die Erkundungskyber das Fahrzeug verließen, auf den Boden sprangen, den Abhang des Kraters hinunterliefen und schließlich in den Trümmern ver- schwanden. Dann brachte Polessow Brot und Konserven zum Vorschein, alles in strahlengeschützter Verpackung. Die drei Männer begannen zu essen; sie tranken heißen Kaffee aus Thermosbehältern dazu. „Wo hast du dich zur Zeit der Explosion eigentlich aufge- halten, Iwan Iwanowitsch?“ fragte Berkut. „In Lantanida.“ „Da hast du ja Glück gehabt.“ „Nun, Gott sei Dank nicht nur ich allein“, erwiderte Iwan Iwanowitsch. „Hier gab es fast überhaupt keine Menschen, denn das Laboratorium arbeitete telemechanisch … Sieh mal da, unser Fahrer…“ Berkut drehte sich um. Polessow schlief, den Kopf auf das Steuerpult gelegt, die Thermosflasche mit dem Kaffee zwischen die Knie geklemmt., „Der Ärmste ist völlig erschöpft“, sagte Iwan Iwanowitsch. Im selben Moment erwachte Polessow, räumte das Geschirr ab, setzte sich dann wieder in seinen Sessel und war gleich darauf erneut eingeschlafen. Doch der freudige Ausruf Iwan Iwano- witschs: „Die Roboter kommen zurück!“ brachte ihn augen- blicklich wieder zu sich. Zwischen den verglimmten Trümmern konnte man glit- zernde bewegliche Pünktchen ausmachen. Polessow rieb sich die Augen, reckte knackend die steifen Glieder. Dann beugte er sich über das Steuerpult und begann die übermittelte Informa- tion zu entziffern. „Strahlung nicht übermäßig intensiv – zwanzig bis fünf- undzwanzig Röntgen. Temperatur … Druck … Feuchtigkeit … Alles in den normalen Grenzen. Eiweiß, Bakterien …“ „Prächtig, daß Bakterien vorhanden sind“, sagte Iwan Iwa- nowitsch. „Weiter!“ „Weiter steht hier… erneut unzugängliches Gebiet. Aus- dehnung – etwa ein Hektar. Die Kyber haben das Gebiet um- kreist und wieder kehrtgemacht. Und hier ist der Film –wie könnte es anders sein? – wieder belichtet.“ „Was hat das zu bedeuten? Ist das erneut der blaue Nebel?“ „Nein. Das heißt, ich kann es nicht mit Gewißheit sagen. Es handelt sich einfach um eine irgendwie verbotene Zone.“ „Geben Sie uns die Koordinaten, Pjotr Wladimirowitsch“, sagte Berkut und sah zu Iwan Iwanowitsch hin. Der holte ha- stig einen Plan aus der Tasche und breitete ihn auf den Knien aus. Polessow begann zu diktieren. „Genau“, bestätigte Iwan Iwanowitsch. „Das ist die Stelle. Von dem Turm mit dem Mehrphasengenerator aus südlich ge-, sehen. Dort hat ehemals ein kleines betoniertes Haus ge- standen. Ein besserer Schuppen. Haargenau.“ Einige Zeit lang blickten sich Iwan Iwanowitsch und Berkut schweigend an. Polessow konnte sehen, wie die zitternden Fin- ger Iwan Iwanowitschs das feste Papier mit dem Plan zusam- menpreßten und wieder glattstrichen. Schließlich fragte Berkut: „Gehen wir hin?“ Iwan Iwanowitsch erhob sich, stieß mit dem Scheitel gegen das niedrige Kabinendach, schüttelte halb unschlüssig den Kopf und machte sich dann an dem Schrank zu schaffen, in dem die Schutzanzüge aufbewahrt wurden. „Halt mal, du willst doch nicht etwa allein?“ fragte Berkut. Und zu Polessow: „Pjotr Wladimirowitsch, würden Sie den Wagen bitte an … an diese verbotene Zone heranfahren?“ „An die verbotene Zone?“ fragte Polessow gedehnt zurück. Er sah auf den Bildschirm. Überall lagen im Schein der schon hoch am Himmel stehenden Sonne die Trümmer verstreut, schwarz und in drohendem Schweigen. Der gegenüberliegende Rand des Kraters tanzte förmlich in der heiß flirrenden Luft. Keinerlei Anzeichen für irgendwelches Leben waren zu erken- nen, keinerlei Hinweise auf etwas, das sich bewegte, weit und breit nur die unmerklichen Ströme erhitzter Luft. Unvermittelt erinnerte sich Polessow der glitschigweißen Schicht auf den Augen des Elchs. „Irgendwer muß doch den Anfang machen“, drängte Berkut. „Warum also nicht wir?“ Eine Stunde später machte der „Testudo“ hundert Meter südlich von dem ehemaligen Turm halt – jetzt freilich gab es statt dieses Bauwerks nur noch einen Berg verglühten Gesteins, aus dem die stählernen Pfeiler der Fundamente herausragten., Der Bildschirm arbeitete ausgezeichnet. Auf der verbrannten Erde war jedes Staubkörnchen zu erkennen. Der Boden erhob sich hier als flacher Wall, der das bloßgelegte Gewölbe irgend- einer unterirdischen Anlage einfaßte. Die Höhlung war von grauer Färbung, rauh, und in ihrem Zentrum gähnte eine runde schwarze Öffnung. „Ist es hier?“ fragte Berkut. „Ja“, bestätigte Iwan Iwanowitsch mit heiserer Stimme. Hastig legten sie die Schutzanzüge an. Bevor sie den mit ei- nem speziellen Sonnenschutz ausgestatteten Helm aufsetzten, sagte Berkut, an Polessow gewandt: „Sie bleiben im Fahrzeug und halten Funkverbindung mit uns. Sollte die Verbindung einmal unterbrochen sein, brauchen Sie nicht gleich in Panik zu verfallen. Vor allen Dingen folgen Sie uns nicht.“ Er hatte das sehr bestimmt gesagt, es war direkt ungewohnt. Polessow, der Berkut bisher für einen weichen, unentschlosse- nen Menschen gehalten hatte, mußte zugeben, daß der andere seine Anweisungen diesmal zielsicher traf. „Noch etwas. Sollte es Ihnen doch noch gelingen, mit Le- ming Verbindung aufzunehmen, so berichten Sie ihm, wie die Dinge liegen. Sagen Sie ihm, daß alles zur Zufriedenheit ver- läuft. Bis dann also.“ Die beiden Männer kletterten aus dem Panzer, voran Ber- kut, hinter ihm Iwan Iwanowitsch mit einer Seilrolle über der Schulter. Polessow konnte sehen, wie sie den Erdwall hinter sich brachten, über die betonierte Fläche gingen und dann vor der schwarzen Öffnung stehenblieben. In ihren gelben, faltigen Spezialausrüstungen und den großen Helmen ähnelten sie Tau- chern. Iwan Iwanowitsch warf das Seil hinunter und schlug den an seinem Ende befindlichen Eisenhaken in den Beton., „Pjotr Wladimirowitsch, hören Sie mich?“ fragte Berkut. Polessow bestätigte, daß die Verbindung gut sei. „Machen Sie sich, wie gesagt, keine Sorgen. Es wird alles klappen. Wir besichtigen nur die Räumlichkeiten da unten und kommen dann sofort zurück.“ „Gehen wir endlich“, sagte Iwan Iwanowitsch ungeduldig. Er stieg als erster hinunter, und Polessow konnte hören, wie er ächzte und halblaut vor sich hin murmelte. Berkut blieb noch oben stehen, über die Öffnung gebeugt und die Hände auf die Knie gestemmt. „In Ordnung“, sagte Iwan Iwanowitsch. „Ich bin unten. Du kannst nachkommen.“ Berkut winkte noch einmal zu Polessow hinüber und ver- schwand gleichfalls in der Höhlung. Etwa fünf Minuten lang blieb alles still. Als erster brach Berkut das Schweigen. „Was ist das hier?“ „Ein gewöhnlicher Transformator“, erwiderte Iwan Iwano- witsch, „allerdings ein sehr alter.“ Die Physiker schwiegen erneut. Polessow schien es, als atme jemand schwer ins Mikrophon. Er drehte an den Knöpfen: je- mand zog pfeifend, wie ein Asthmatiker, in gleichmäßigem Rhythmus die Luft ein und stieß sie zischend wieder aus. „Wie sieht's aus?“ fragte Polessow sicherheitshalber. Dumpf, als käme sie unter einem Kissen hervor, drang Ber- kuts Stimme an sein Ohr: „Alles in Ordnung, Pjotr Wladi- mirowitsch. Wir setzen unseren Weg fort.“ Im Empfänger knackte es, dann wurde es still. Polessow hol- te ein Röhrchen mit Sporamin aus der Tasche, schluckte eine der Tabletten und warf einen Blick auf den Bildschirm. Jenseits, des Erdwalls, nicht weit vom Waldrand, lagen unzählige Trümmer und geborstene Teile aus Metallplast umher, die grell in der Sonne glänzten. Es handelte sich um die Überreste der „Galathea“ – eines automatischen Turbobils, das vor einem Monat zu einem Erkundungsflug ins Epizentrum ausgeschickt worden war. Die „Galathea“ war mitten über dieser gefährli- chen Zone explodiert – die Gründe hierfür waren unbekannt. Seither hatte Leming sämtliche Erkundungen untersagt, die auf dem Luftweg erfolgten. Polessow fragte ins Mikrophon: „Ge- nosse Berkut, hören Sie mich? Iwan Iwanowitsch!“ Er erhielt keine Antwort und sagte sich, daß es nun wohl doch an der Zeit sei, das Fahrzeug zu verlassen. Vorher aber wollte er noch einmal versuchen, Kontakt mit dem Stützpunkt in Lantanida zu bekommen. Er betätigte die Taste. Unvermittelt wurde die Stille unterbrochen. „Testudo! Testudo!“ brüllte jemand. „Testudo, antworten!“ „Testudo hört“, erwiderte Polessow ärgerlich. „Ist dort Testudo? Hier Leming. Wo seid ihr bloß abgeblie- ben? Warum habt ihr nicht geantwortet?“ Polessow erklärte dem anderen, daß keine Verbindung da- gewesen war. „Wo haltet ihr euch jetzt auf?“ „Im Epizentrum.“ Es folgte eine kurze Pause, dann erkundigte sich Leming, nun schon bedeutend ruhiger: „Habt ihr es gefunden?“ „Was – gefunden?“ fragte Polessow seinerseits. „Was heißt hier – was? Den .Zeitmotor' natürlich. Bist du's, Berkut?“ Polessow erklärte, daß er nicht Berkut wäre, daß sich besag- ter Berkut und Iwan Iwanowitsch in irgendein unterirdisches, Gewölbe aufgemacht hätten und daß er, Polessow, nicht im geringsten begriffe, von was für einem ,Zeitmotor' hier eigent- lich die Rede sei. „Ist auch unwichtig“, unterbrach ihn Leming ungeduldig. „Also sind sie doch da runtergestiegen, die Burschen. Na, mit denen werd ich noch ein Wörtchen reden! Hör zu, Genosse, fahr den Panzer unverzüglich etwas weiter von diesem … Ge- wölbe weg und warte dort. Hast du verstanden? Zur Seite fah- ren und warten.“ „Verstanden“, wiederholte Polessow, „zur Seite fahren und warten.“ „Na mach schon. Hast du Verbindung mit Berkut?“ Polessow überlegte einen Augenblick und schaltete das Ge- rät ab. „Soso, ein Zeitmotor“, sagte er laut vor sich hin. „Auch gut.“ Er erhob sich, streifte sich den Schutzanzug über und verließ das Fahrzeug. Die Füße versanken bis zu den Knöcheln in schwarzer Asche. Schließlich war er auf der Betonkuppel ange- langt und näherte sich der Krateröffnung. Das Seil verlor sich in undurchdringlicher Finsternis. Polessow blickte sich um: „Te- studo“ stand in einiger Entfernung vom Erdwall und verfolgte seine Bewegungen mit blitzenden, vorgewölbten Scheinwerfer- augen. Der Mann hockte sich nieder und begann, die Muskeln bis zum äußersten angespannt, den Abstieg. Unten war es stockdunkel. Polessow schaltete die Laterne am Helm ein. Der Lichtschein huschte über geborstene Wände und Überreste zertrümmerter Apparaturen, über den Boden, der von einer Staubschicht, einem hauchdünnen Puder, bedeckt war. Dann bemerkte Polessow Fußspuren in dem Staub und folgte ihnen hastig. Dabei war er gezwungen, häufig irgend-, welche Trümmerhaufen zu umgehen, und blieb nicht selten an zerrissenen Drähten hängen. Und wieder vernahm er durchs Radiophon ein gleichmäßiges und ächzendes Schnaufen. Da … eine Biegung. Dann ein enger Korridor. Noch eine Bie- gung. Polessow stürzte Hals über Kopf eine Eisenleiter hinun- ter. In den Fingerspitzen verspürte er plötzlich das bekannte Kribbeln: Hunderte winziger Nadeln schienen sich ihm in die Haut zu bohren. Polessow begann zu laufen. Noch eine Leiter, ein zweiter Korridor. Das rhythmische Schnaufen in den Kopf- hörern schwoll zu einem gewaltigen wilden Brüllen an … Schweiß rann Polessow in die Augen; es zerriß ihm fast die Brust. Die feinen Nadeln stachen in Ellenbogen und Knien. Schon wieder eine Biegung. Jäh blieb Polessow stehen: ein grel- ler blauer Lichtschein hatte ihn geblendet. Kurz darauf konnte er zwei schwarze Schatten ausmachen. Er sah Berkut über Iwan Iwanowitsch gebeugt, der im Türkensitz, die Hände gegen den bläulich verfärbten Fußboden gestemmt, auf der Erde kauerte. Polessow stürzte zu ihnen und ergriff Iwan Iwanowitsch un- ter den Achseln. Der Physiker war unwahrscheinlich schwer. Seine Beine schleiften willenlos nach, von Zeit zu Zeit glitt er Polessow aus den Händen. Dennoch gelang es dem Fahrer, ihn zur Tür zu schleppen, wo er ihn sich auf den Rücken hievte. Während er sich in den angrenzenden Korridor zwängte, dreh- te er sich zu Berkut um. Der ging, halb betäubt, hinter ihm her, seine Arme baumelten wie die leeren Ärmel eines Mantels her- ab, den man achtlos übergeworfen hat. Im Hintergrund konnte Polessow noch zwei durchsichtige säulenförmige Anlagen er- kennen. In diesen Säulen schlug, langsam pulsierend, eine blaue Flamme; das Brüllen im Radiophon erfolgte im gleichen Rhythmus., Iwan Iwanowitsch, erhitzt von einem ordentlichen Glas Ko- gnak, sagte: „Tja, das war eine echte Erkundung, kann ich Ih- nen versichern.“ „Noch ein Gläschen?“ fragte Polessow. „Nein, das reicht.“ „Und Sie, Genosse Berkut?“ Der andere lächelte. „Vielen Dank, Pjotr Wladimirowitsch, ich möchte nicht. Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, mich mit Leming zu verbin- den?“ Polessow schraubte die Flasche zu und setzte sich an den Sender. Berkut lehnte sich in seinem Sitz zurück und lächelte nach wie vor. Er fühlte sich leicht und erfrischt, keine Spur mehr von der quälenden Schwäche, die ihn auf dem Rückweg aus den unterirdischen Gängen befallen hatte. „Die Verbindung ist da“, meldete Polessow. „Hallo, Leming“, sagte der Physiker ins Mikrophon. „Hier spricht Berkut.“ „Berkut?“ fragte Leming ungewöhnlich leise zurück. „War- um bist du ein solches Risiko eingegangen?“ „Nur mit der Ruhe, Leming“, erwiderte Berkut, noch immer lächelnd. „Wir sind heil und unversehrt. Und wir haben uns nicht geirrt. Hörst du, Leming? Der ,Zeitmotor’ ist ganz ge- blieben und arbeitet mit voller Kraft. Er arbeitet, hast du ver- standen?“ Nach einer kurzen Pause antwortete der andere: „Ja, ich habe verstanden.“ „Hör zu“, fuhr Berkut fort, „schick uns sofort eine Anlage zur Energieabsorption her. Und zwar so schnell wie möglich. Auch Leute brauchen wir. Soviel du entbehren kannst. Schick vor allem Kusmin, die Jessjolowa und Akopjan her. Akopjan, unbedingt. Und beeil dich, Leming, wir müssen der nächsten Explosion zuvorkommen. Allerdings kommt ihr durch den blauen Nebel mit Geländewagen nicht durch. Fordere vom In- terplanetaren Institut noch einige Panzer mit Superschutz an. Sie bieten zwar ebenfalls keine allzu große Garantie, aber im- merhin …“ „In Ordnung“, unterbrach ihn Leming, „ich habe schon selbst daran gedacht. Die entsprechend ausgerüsteten Pan- zerfahrzeuge sind bereits auf dem Weg zu euch und werden morgen früh eintreffen. Auf die Leute kannst du sogar schon in einer Viertelstunde zählen. Ich habe drei Turbobile los- geschickt.“ „Das wäre vielleicht nicht nötig gewesen.“ Berkut schielte zum Bildschirm hin, auf dem der Waldrand zu sehen war und die in der Sonne glänzenden Überreste der „Galathea“. „Wir haben hier schon ein solches Turbobil.“ „Keine Bange. Sie werden im Tiefflug entlang der früheren Autobahn fliegen. Es wird ihnen nichts passieren.“ Leming hü- stelte, dann erkundigte er sich mit betont gleichgültiger Stim- me, ob Berkut vielleicht schon irgendwelche Vermutungen betreffs dieses … na, wie hieß er doch gleich … eben dieses blauen Nebels hätte. „Jawohl“, erwiderte Berkut, „ich habe schon gewisse Ver- mutungen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich um deine geliebte quantenlose Protomaterie handelt. Genauer, um das Produkt ihres Aufeinandertreffens mit Luft oder Wasser- dampf.“ „Das dachte ich mir schon“, sagte Leming. „Also gut. Wartet ab und seid vorsichtig. Bis bald.“ Iwan Iwanowitsch lachte. Berkut, nachdem er das Mikro-, phon abgeschaltet hatte, lachte gleichfalls. Nur Polessow blieb ernst. Er sah blaß aus und eingefallen vor Erschöpfung. Er hatte eine zweite Tablette Sporamin genommen, darum wollte er noch nicht schlafen. Doch er fühlte sich ziemlich elend. Hinzu kam, daß er erstmals nicht begriff, was um ihn her vorging, und das quälte und ärgerte ihn. Er zürnte dem selbstzufriedenen Iwan Iwanowitsch und selbst dem sanften Berkut, obwohl er sich eingestand, daß das völlig absurd war. Schließlich über- wand er seinen Stolz und fragte heftig: „Was ist das eigentlich, der ,Zeitmotor’?“ Die Physiker sahen verblüfft erst ihn, dann sich an. Poles- sow fügte hinzu: „Wenn es kein Geheimnis ist, natürlich.“ Berkut wurde so flammendrot, daß es einem direkt leid tat. „Wir haben ganz vergessen … Entschuldigen Sie, Pjotr Wla- dimirowitsch …“, stotterte er. „Zuerst waren wir uns unserer Sache nicht ganz sicher, und dann dieser Erfolg … Das kam so unerwartet… Wie peinlich das doch ist! Seien Sie uns bitte nicht böse, es war nicht so gemeint… Kennen Sie sich etwas in der Quantenmechanik aus?“ Polessow schüttelte finster den Kopf. Er war noch immer wütend, fand Berkuts Reaktion aber auch diesmal sympathisch. „Nun, dann ist es ein bißchen komplizierter. Doch das macht nichts, ich werde mich trotzdem bemühen, es Ihnen zu erklä- ren.“ Er bemühte sich sehr, und auch Polessow gab sich Mühe, al- les zu begreifen. Es ging um die Eigenschaften der Zeit, um die Zeit als physikalischen Prozeß. Nach Berkuts Worten handelte es sich hier um ein ungewöhnlich kompliziertes Problem. Vor vielen Jahren hatte ein Wissenschaftler bei seinen Forschungen über die Energiequellen der Sterne erstmals eine originelle, Theorie der Zeit entwickelt: die Zeit als physikalischer und mit Energie verbundener Vorgang. So war aus der klassischen Mechanik heraus die Quanten- mechanik entwickelt worden. Ein grandioses Ergebnis dieser Quantenmechanik war, wie Berkut weiter berichtete, die Schlußfolgerung, daß es prinzipiell möglich sei, den Gang der Zeit für die Gewinnung von Energie auszunutzen. Man hatte erste Apparaturen entwickelt, die es erlaubten, diese Möglichkeit in die Praxis umzusetzen. Leider war die Produktivität dieser Vorrichtungen minimal gewesen. Sie hatten lediglich eine ganz allgemeine experimentelle Bestä- tigung der Grundtheorie gebracht. In praktischer Hinsicht hatte dieses Problem – und auch das wiederum nur allgemein – erst dann gelöst werden können, als die Quantenelektrodynamik entwickelt worden war. Und selbst die quantenelektrodynami- schen Apparaturen hatten Jahrzehnte benötigt, ehe ein positiver und halbwegs ergiebiger Energieausstoß erzielt worden war. Vor siebzig Jahren, so erklärte der Physiker, waren auf Be- schluß des Internationalen Wissenschaftlichen Rates vier sol- cher Vorrichtungen konstruiert und versuchsweise in Gang ge- setzt worden; es handelte sich um sogenannte Zeitmotoren. Ei- ner befand sich hier, in der Taiga, der zweite am Amazonas, der dritte in der Antarktis und der vierte auf dem Mond, im Tycho- Krater. Anschließend hatte man unweit der Apparatur in der Taiga ein telemechanisches Laboratorium zur Erforschung der Mesonen errichtet. Im Laufe irgendwelcher Versuche war dann vor achtundvierzig Jahren eine Explosion erfolgt. Den „Zeitmo- tor“ glaubte man zerstört, denn die Verwüstungen hatten in der Tat ein beträchtliches Ausmaß erreicht. Man hätte gern Gewiß- heit gehabt, konnte jedoch unmöglich das Territorium betreten,, auf dem sich die Apparatur befand. Die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler hatte sich deshalb auf die verbliebenen drei Vorrichtungen konzentriert, und das Experiment in der Taiga war nach und nach in Vergessenheit geraten. Vor kurzem frei- lich war die Vermutung aufgetaucht, daß der „Zeitmotor“ heil geblieben sei. Eine Annahme, die sich bestätigt hatte. Er hatte seine Tätigkeit fortgesetzt, Energie gespeichert, und nun, vor vier Monaten, war der erste Ausstoß erfolgt. „Das ist im Grunde auch schon alles.“ Berkut lächelte un- schlüssig. „Ist es Ihnen jetzt klargeworden?“ „Ja, danke“, sagte Polessow. „Und lesen Sie bei Gelegenheit mal Leming“, empfahl der Physiker. „Es gibt eine ausgezeichnete Arbeit von ihm: ,Die Quantenelektrodynamik'.“ Polessow hüstelte. „Bei den durchsichtigen Säulen in dem unterirdischen Ge- wölbe“, fuhr Berkut fort, „handelt es sich übrigens um die be- sagten Energiespeicher. Der Motor selbst befindet sich eine Eta- ge tiefer. Die Energie strömt in diese Säulen, sammelt sich dort an und wird von Zeit zu Zeit wie durch eine Explosion hinaus- geschleudert. Wie der Ausbruch konkret vor sich geht, weiß bisher niemand so ganz genau.“ „Leming weiß es“, bemerkte Iwan Iwanowitsch. Berkut warf ihm einen kurzen Blick zu und sagte dann: „Ja. Leming nimmt an, daß die Energie in Gestalt sogenannter Pro- tomaterie ausgesondert wird – der Grundlage sämtlicher quan- tenloser Elementarteilchen und Felder. Anschließend bildet sich diese Protomaterie spontan in Quantenmaterie um – und zwar zum einen in Teilchen und Antiteilchen, zum anderen in elek- tromagnetische Felder. Zu einem gewissen Teil verbindet sie, sich aber auch dem Medium, das sie umgibt. Auf diese Weise entsteht möglicherweise jener seltsame blaue Nebel. Die Pro- tomaterie verschafft sich überallhin Zugang, für sie gibt es kei- nerlei Hindernisse, sie wirkt sowohl auf die Instrumente und Kyber als auch auf unseren Organismus. Aber wahrscheinlich erkläre ich das alles ziemlich unverständlich.“ „Aber nein, wieso denn?“ entgegnete Polessow. Er erinnerte sich, wie hektisch die Zeiger jener Instrumente geflattert hatten, die die Beschaffenheit der Magnetfelder kontrollieren sollten. „Wieso denn?“ wiederholte er. „Vielen Dank. Und was machen die übrigen Zeitmotoren?“ „Die anderen drei haben sich bisher noch nicht gerührt“, antwortete Berkut. „Ein Glück auch, wir haben mit diesem hier genug zu tun.“ „Wir werden hier ein Riesenlabor errichten, eine ganze Stadt“, ließ sich Iwan Iwanowitsch vernehmen und starrte da- bei wie gebannt auf den Bildschirm. „Dann werden wir arbei- ten. Und wie wir arbeiten werden, Herrgott noch mal!“ Gleich darauf wandte er sich unvermittelt zu Polessow um und sagte: „Und was die Quantenmechanik anbetrifft, junger Mann, die muß man unbedingt kennen. Die Grundlagen dafür werden ja schon in der Schule gelehrt.“ „Das stimmt nicht“, erwiderte Polessow. „Doch, es stimmt. Mein Enkel hat es mir erzählt. Aber lassen wir das. Ich wollte Ihnen einen Vorschlag machen, Polessow. Wir brauchen hier einen Fahrer mit kräftigen Nerven.“ „Daraus wird nichts“, antwortete der andere. „Ich muß zu- rück auf den Merkur. Dort werden gleichfalls Fahrer mit kräfti- gen Nerven gebraucht.“ „Na, Sie müssen's ja wissen“, brummte Iwan Iwanowitsch, unzufrieden. „Da sind sie!“ sagte Berkut plötzlich und zeigte zum Illu- minator. Aus der Taiga tauchten lautlos einer nach dem anderen sil- bern glänzende Vögel auf. Sie glitten tief über der schwarzen Erde dahin und landeten schließlich mit angelegten Flügeln. Die Luken öffneten sich, und mehrere Leute in gelben Schutz- anzügen und gewaltigen Helmen sprangen heraus. „Da ist ja auch Akopjan“, sagte Berkut freudig. „Gehen wir und begrüßen sie.“,

Ilja Die Reise nach Warschawski Penfield

„Ich nehme lieber noch einen Kognak“, sagte Lynn Craigh. Das Tee servierende Mädchen blickte vielsagend zu Meph. Der zuckte die Achseln. „Warum trinken Sie so viel, Lynn? In Ihrer Lage…“ „In meiner Lage macht ein Glas mehr oder weniger nichts aus. Gestern hat mich Whitrow angesehen.“ „Jetzt kommen wir alleine zurecht, Mary“, sagte Meph. „Lassen Sie uns Gebäck und Kognak da.“ Er wartete, bis das Mädchen das Zimmer verlassen hatte. „Und was hat Whitrow gesagt?“ „Was ein Arzt in solchen Fällen seinem Patienten sagt. Sie gestatten?“ Craigh streckte die Hand nach der Flasche aus. „Mir bitte ganz wenig“, sagte Meph. Minutenlang drehte er schweigend das Glas zwischen den Fingern. „Sie wissen, Lynn, daß es am schwierigsten ist, Worte des Trostes zu finden. Die sind auch gar nicht immer vonnöten, schon gar nicht bei Leuten wie Sie. Aber, verstehen Sie mich recht … Es bleibt stets die Hoffnung …“, „Nicht nötig, Ezra,“ fiel Craigh ein. „Ich begreife nicht, war- um Freunde meistens bestrebt sind, den körperlichen Leiden auch noch die Folter der Hoffnung hinzuzufügen.“ „Schön. Reden wir nicht mehr davon.“ „Also, Ezra“, sagte Craigh, „das Leben hat mich nicht ver- wöhnt, aber könnte ich einen einzigen Augenblick aus der Ver- gangenheit zurückrufen …“ „Sie meinen jene Geschichte?“ Craigh nickte. „Sie haben mir niemals davon erzählt, Lynn. Das einzige was ich weiß …“ „Ich selbst habe versucht, sie zu vergessen. Leider verfügen wir nicht frei über unsere Erinnerung.“ „Es passierte in den Bergen, nicht wahr?“ „Ja, in Penfield. Genau vor vierzig Jahren. Morgen jähren sich Hochzeits- und Todestag zum vierzigsten Mal.“ Er nahm einen großen Schluck. „Eigentlich war ich nur fünf Stunden verheiratet.“ „Und Sie meinen, wenn es Ihnen gelänge, diese fünf Stunden zurückzurufen …?“ „Zugegeben, ich werde den Gedanken nicht los, daß ich da- mals … nun, mit einem Wort, mich nicht gerade bestens verhal- ten habe. Es gab Chancen, die ich nicht nutzte.“ „Das kommt einem immer so vor“, sagte Meph. „Möglich. Aber das hier ist doch wohl ein besonderer Fall. Von dem Augenblick an, als Ingrid das Gleichgewicht verlor, war es ganz offensichtlich, daß sie in den Abgrund sausen würde. Ich bin ausreichend gut im Kurvenlaufen an Steilhän- gen und hätte noch …“ „Dummes Zeug!“ entgegnete Meph. „Dieses Bild haben Sie, sich erst später gemacht. So ist nun mal die menschliche Psy- che. Unweigerlich …“ „Nein, Ezra. Ich war damals einfach einen Augenblick wie gelähmt von dem fatalistischen Vorgefühl eines unabwend- baren Unglücks, und jetzt bin ich bereit, meine Seele dem Teu- fel zu verschreiben, nur für diesen einen Augenblick. So klar steht mir vor Augen, was ich damals hätte tun müssen.“ Meph trat zum Kamin und stellte sich mit dem Rücken zum Feuer. „Tut mir aufrichtig leid, Lynn“, sagte er nach langer Pause. „Nach den Regeln der Kunst müßte ich Sie jetzt in ein Labor führen, in eine Zeitmaschine setzen und in die Vergangenheit schicken. Das gibt es leider nur in phantastischen Erzählungen. Die Zeit ist nicht umkehrbar, und selbst wenn der Teufel Sie in die Vergangenheit beförderte, wäre alles Geschehen durch die noch nicht existierende Zukunft streng determiniert. Die Zeit- schleife ist nicht denkbar denn als Schleife. Sie haben mich doch hoffentlich verstanden?“ „Habe ich.“ Craigh grinste unwirsch. „Kürzlich las ich eine Erzählung. Ein Mensch, in ferne Vergangenheit geraten, zer- drückte dort einen Schmetterling, und davon wandelte» sich die gesamte Zukunft: das politische System, die Orthographie und noch so einiges. Meinten Sie das?“ „So ungefähr. Wenngleich die Phantasten meist zur Über- treibung neigen. Die Kausalknoten können in Zeit und Raum verschieden angeordnet sein. Schwierig, sich die Folgen von Napoleons Tod im Kindesalter vorzustellen, obzwar, Lynn, wenn Ihre Urururgroßmutter einen anderen Gatten gewählt hätte, die Welt, in der wir leben, sich nur geringfügig gewan- delt hätte.“, „Ich danke Ihnen!“ sagte Craigh. „Und das ist alles, was mir der Philosoph und größte Physiker von Donomaga, Ezra Meph, zu sagen hat?“ Meph zuckte die Achseln. „Sie überschätzen die Möglichkeiten der Wissenschaft, Lynn, besonders was die Zeit betrifft. Je tiefer wir in ihre Natur ein- dringen, um so verworrener und widersprüchlicher stellt sie sich uns dar. Selbst die Relativitätstheorie …“ „Schon gut“, sagte Craigh, sein Glas leerend, „ich sehe, man hat es besser mit dem Teufel zu tun als mit Ihresgleichen. Ich will Ihnen nicht lästig fallen.“ „Darf ich Sie begleiten?“ fragte Meph. „Nicht nötig, es sind nur drei Schritt. In den zwanzig Jahren habe ich den Weg so studiert, daß ich ihn mit geschlossenen Augen gehen könnte. Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ erwiderte Meph. Lange konnte Craigh das Schlüsselloch nicht finden. Er schwankte stark. Im Hause läutete pausenlos das Telefon. Als er die Tür endlich geöffnet hatte, tapste er im Dunkeln an den Apparat. „Ja, bitte?“ „Hallo, Lynn! Hier Meph. Alles in Ordnung?“ „Ja.“ „Gehen Sie schlafen. Es ist schon zwölf.“ „Genau die richtige Zeit, sich dem Teufel zu verschreiben!“ „Schön, aber lassen Sie sich nicht übers Ohr hauen.“ Meph legte auf. „Stehe zu Diensten, Mr. Craigh.“ Lynn knipste die Schreibtischlampe an. Im Sessel am Bü-, cherschrank saß ein Unbekannter, in einem roten, die hagere Gestalt umschließenden Anzug und einem schwarzen, über die Schulter geworfenen Mantel. „Stehe zu Diensten, Mr. Craigh“, wiederholte der Fremde. „Verzeihen Sie“, sagte Craigh verlegen, „aber mir scheint …“ „Daß Sie, dem einen literarischen Klischee entronnen, ins nächste tappen, nicht wahr?“ lächelte der Besucher. „Leider ist das Problem der Zeitreisen außerhalb dieser Klischees nicht lösbar. Entweder die Zeitmaschine oder … ich. Also, womit kann ich dienen?“ Craigh fiel in einen Sessel und wischte sich die Stirn. „Keine Bange, ich bin kein Gespenst“, sagte der Gast, die Beine übereinanderschlagend. „Ja, aber …“ „Ach so?“ Er klopfte mit der Hand gegen den modisch lak- kierten Huf, der unterm Hosenbein hervorlugte. „Lassen Sie sich's nicht verdrießen. Eine längst überholte Mode. Aber be- quemer und eleganter als Schuhe.“ Craigh warf unwillkürlich einen Blick auf den Mantel, der den Rücken des Fremden verdeckte. „Denk mal an!“ sagte der andere düster und nahm den Man- tel ab. „Aber na ja, völlig begreiflich, zieht man all die Torheiten in Betracht, die sich die Pfaffen im Lauf von Jahrhunderten über uns ausgedacht haben. Ich weiß, lieber Craigh, wie roh und de- placiert sich die Inszenierung eines solchen Experiments aus- nimmt, aber wenn ich … das heißt, ich wollte sagen, wenn Sie … nun, mit einem Wort, wenn ein solches Experiment vom ethischen Standpunkt aus zulässig wäre, so würden Sie sich mit eigenen Augen überzeugen können, daß keine Anzeichen von Schwanz vorhanden sind. Nichts als freche Verleumdung!“, „Wer sind Sie?“ fragte Craigh. Der Gast nahm wieder Platz. „Ein Mensch wie Sie“, sagte er, den Mantel überziehend. „Schon mal was von der Kreislauftheorie gehört?“ „Habe ich. Spiralenförmige Entwicklung.“ „Meinetwegen spiralenförmig“, stimmte der Gast zu, „das ändert die Sache nicht. Dann befinden wir uns beide also auf verschiedenen Windungen einer Spirale. Ich, der Vertreter einer Zivilisation, die der Ihren vorausging. Was unsere Wissenschaft erreicht hat – Unsterblichkeit des Individuums, das Vermögen, die Zeit zu steuern, einige Feinheiten der Transformation –, hat in den jungfräulichen Gemütern der Leute Ihres Zyklus unwei- gerlich abergläubische Vorstellungen vom Gottseibeiuns ge- weckt. Deshalb ziehen die wenigen bis auf den heutigen Tag erhaltenen Vertreter unserer Ära es vor, mit ihrer Existenz kei- ne Reklame zu machen.“ „Unsinn!“ sagte Craigh. „Das kann nicht sein.“ „Und wenn hier an meiner Statt ein Bote aus dem Kosmos stünde“, fragte der Gast, „glaubten Sie an die Realität seines Besuches?“ „Ich weiß nicht, vielleicht. Aber der Bote aus dem Kosmos würde nicht meine Seele zu kaufen suchen.“ „Huh!“ Im Antlitz des Fremden zeichnete sich Abscheu. „Glauben Sie wirklich an diese Märchen? Kann ich – ein Vertre- ter ‚militanten Atheismus', das Schreckgespenst des gesamten Klerus – eine derartige Mystifikation betreiben?“ „Wozu sind Sie dann hier?“ fragte Craigh. „Aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich befasse mich mit dem Problem der Transportation in der Zeit und kann ohne Einwilligung des Objektes …“, „Ist das wahr?“ Craigh sprang auf, beinahe warf er den Ses- sel um. „Sie können mich vierzig Jahre zurückversetzen?“ Der Fremde zuckte die Achseln. „Warum nicht? Mit Einschränkungen allerdings. Der Deter- minismus der kausalen Verknüpfungen…“ „Das habe ich heute schon mal gehört“, fiel Craigh ein. „Ich weiß“, griente der Gast. „Also, sind Sie bereit?“ „Bin ich!“ „Ausgezeichnet!“ Er nahm seine Armbanduhr ab. „Genau vierzig Jahre?“ Craigh nickte. „Bitte sehr!“ Er stellte an den Zeigern und band Lynn die Uhr um. „In dem Augenblick, wo Sie mit der Transformation beginnen wollen, drücken Sie auf diesen Knopf.“ Craigh blickte auf das mit undechiffrierbaren Hieroglyphen verzierte Zifferblatt. „Was ist das?“ „Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen am besten erklären soll“, stockte der Fremde. „Einem abergläubischen Menschen würde ich sagen eine Zauberuhr, einem Physiker wäre der Terminus Feldgenerator der negativen Wahrscheinlichkeit näher, ob- gleich er wiederum nicht begreifen würde, was für ein Feld, aber Ihnen, lieber Craigh, kann das doch egal sein. Hauptsache ist, daß der Mechanismus, den Sie da am Arm haben, ein Transportmittel in die Vergangenheit darstellt. Ich hoffe, Sie sind zufrieden?“ „Ja“, erwiderte Craigh, nicht gerade überzeugt. „Bevor ich Sie verlasse“, sagte der Gast, „muß ich Sie über drei wesentliche Umstände in Kenntnis setzen: Erstens, bei aller Verehrung für literarische Meisterwerke komme ich nicht umhin, eine Reihe, grober Ungenauigkeiten zu vermerken, die sich der Herr Goe- the geleistet hat. Mit meiner Hilfe in den Besitz der Jugend ge- langt, hat Faust es doch nicht fertiggebracht, sich die Erfahrung des Alters zu bewahren, wovon übrigens sein absurdes Verhal- ten in der ganzen Geschichte zeugt. In unserm Experiment werden Sie, vierzig Jahre jünger geworden, sämtliches Wissen einbüßen, welches Sie in dieser Zeit erworben haben. Wenn Sie dennoch etwas im Gedächtnis behalten wollen, müssen Sie in der Transformationsphase daran denken. Zweitens, vermutlich wissen Sie, daß ein physikalischer Körper nicht gleichzeitig an verschiedenen Orten existieren kann. Deshalb machen Sie sich bitte an dem Raumpunkt an die Transformation, an welchem Sie sich vor vierzig Jahren um diese Zeit aufgehalten haben. Sonst garantiere ich für nichts. Verstanden?“ Craigh nickte. „Und zum Schluß noch etwas zu den Kausalknoten. In der alten Situation können Sie sich nun anders verhalten. Wozu das führt, ist allerdings nicht abzusehen. Hier gibt es … äh… ver- schiedene Varianten, die von der räumlich-zeitlichen Anord- nung ebenderselben Kausalknoten abhängig sind. Übrigens wissen Sie das bereits.“ Er absolvierte eine tiefe Verbeugung. „Ach, Teufel! Ich bin hier wohl ein wenig meinem Hufe aufge- sessen! Das ist, wissen Sie, eine der Unbequemlichkeiten …“ „Nicht der Rede wert!“ sagte Craigh. „Ich bitte sehr um Verzeihung. Jetzt verschwinde ich. Dann müssen Sie lüften, fürchte ich. Schwefelhaltiger Treibstoff. Lei- der hat die moderne Chemie der Transformation bisher nichts Besseres zu offerieren. Viel Erfolg!“ Craigh wartete, bis die gelbliche Rauchwolke verflogen war, und ging zum Telefon., „Taxifuhrpark? Bitte schicken Sie einen Wagen. Grenaud- straße vier. Bitte? Nein, nach außerhalb. Ich muß sofort nach Penfield.“ „Wir fahren in Penfield ein“, sagte der Chauffeur. Craigh öffnete die Augen. Das war nicht das Penfield. Hell erleuchtete Fenster in viel- stöckigen Häusern zu beiden Seiten der Straße. „Zum Hotel?“ „Ja. Kennen Sie sich hier aus?“ Der Fahrer blickte erstaunt. „Oho, und ob! Ich fahre schon jahrelang die Skiläufer hier herauf. Aus allen Wintersportgebieten.“ „Und wissen Sie auch, dort auf dem Berg wohnte ein Pfarrer. Ein kleines Häuschen ganz oben.“ „Der ist tot“, sagte der Fahrer. „An die fünf Jahre ist es her, daß sie ihn unter die Erde gebracht haben. Jetzt ist hier ein an- derer, der wohnt in der Stadt, neben der Kirche. Ich hab auch da schon Leute hingebracht … In allen möglichen Geschäften“, fügte er nach kurzem Schweigen hinzu. „Ich war gern durch die Stadt gefahren“, sagte Craigh. „Können wir machen“, stimmte der Fahrer zu. Craigh sah aus dem Fenster. Nein, das war entschieden ein anderes Penfield. „Und dort die Drahtseilbahn“, sagte der Fahrer. „Jetzt fahren viele lieber damit hoch. Die Zeiten ändern sich, und selbst der Wintersport …“ „Schön, fahren Sie mich ins Hotel“, unterbrach ihn Craigh. Vorbei huschte das altertümliche Rathausgebäude. Die Zei-, ger am Turm zeigten zwei Uhr. Craigh erkannte die Gegend wieder. Gleich rechts mußte das Hotel kommen. „Wir sind da“, sagte der Fahrer, den Wagen stoppend. „Das ist nicht das Hotel.“ „Ein anderes gibt es hier nicht.“ „Aber früher“, sagte Craigh, in das Gebäude blickend. „Ja, dies hier war früher ein Holzbau.“ „Sind Sie sicher?“ Der Fahrer zuckte die Schultern: „Meinen Sie, ich will Sie auf den Arm nehmen?“ „Gut“, sagte Craigh, „Sie können zurückfahren, ich bleibe hier.“ Er stieg aus. „Ski Heil!“ sagte der Fahrer und steckte das Geld ein. „Der Schnee ist im Moment vorzüglich. Falls Sie bessere Skier brauchen, rate ich …“ „Es reicht!“ Craigh schlug wütend die Tür zu. In der leeren Halle schlummerte die Empfangsdame. „Ich brauche ein Zimmer im zweiten Stock mit Blick auf den Platz“, sagte Craigh. „Bleiben Sie lange?“ „Ich weiß nicht. Vielleicht …“ Craigh stockte. „Vielleicht ein paar Tage.“ „Ski fahren?“ „Ist das von Bedeutung?“ fragte er gereizt. Die Empfangsdame lächelte. „Ganz bestimmt nicht. Füllen Sie bitte das hier aus.“ Sie streckte ihm ein Formular hin, auf welchem Craigh Namen und Adresse eintrug., „Ist das alles?“ „Das ist alles. Ich zeige Ihnen jetzt das Zimmer. Wo sind Ihre Sachen?“ „Die kommen morgen.“ Sie stiegen in den zweiten Stock. Die Empfangsdame nahm einen Schlüssel vom Brett und schloß auf. „Bitte schön.“ Craigh trat ans Fenster. Das Rathausgebäude stand eine Idee zu weit links. „Das Zimmer kann ich nicht gebrauchen. Wie ist es mit ne- benan?“ „Nebenan ist frei, aber noch nicht hergerichtet. Der Gast ist erst gestern abgereist.“ „Macht nichts.“ „Ja, aber im Augenblick ist kein Zimmermädchen da.“ „Ich habe gesagt, daß es nichts macht.“ „Schön“, seufzte die Empfangsdame, „wenn Sie darauf be- stehen, mach ich das Bett.“ Das war nun anscheinend das richtige Zimmer, aber das Bett stand an der verkehrten Wand. Craigh wartete, bis die Empfangsdame frisch bezogen hatte. „Danke! Das genügt. Ich leg mich schlafen.“ „Gute Nacht! Möchten Sie morgen früh geweckt werden?“ „Morgen früh?“ Es schien, als habe er nicht verstanden. „Ach so, morgen früh! Wie Sie wünschen.“ Die Empfangsdame verließ fauchend das Zimmer. Craigh schob die Gardine beiseite, rückte das Bett an die ge- genüberliegende Wand und zog sich, nachdem er das Licht ge- löscht hatte, aus. Lange lag er, auf das Tapetenmuster starrend, bis der Mond, an seinem Kopfende angelangt war. Dann drückte, er, die Au- gen zugekniffen, auf den Knopf … „Falls Sie etwas im Gedächtnis behalten möchten, müssen Sie in der Transformationsphase daran denken.“ … Den Stubben umkurvend, bog sie scharf nach links ab und ver- lor das Gleichgewicht. Als sie sich wieder aufgerichtet hatte, schrie sie auf, der Abgrund war nur ein paar Meter entfernt. Sie begriff, daß es zum Bremsen zu spät war, und fiel auf die Unke Seite. Eine dicke Schneeschicht unter ihr kam langsam ins Rutschen… Craigh erwachte mit merkwürdig schwerem Kopf. Die Mor- gensonne stach ihm in die Augen, durch die geschlossenen Li- der hindurch. Er drehte sich auf die Seite und versuchte zu re- konstruieren, was gestern passiert war. Bis zwei Uhr nachts war er wohl mit Ingrid im Mondschein Ski gelaufen. Dann, in der Halle, hatte sie gesagt… Teufel! Craigh sprang auf und begann hastig, sich den vom Vortag noch feuchten Sweater überzuzerren. An so einem Tag zu ver- schlafen! Auf der Treppe stieß er beinahe die nach oben kommende Wirtin in Häubchen und blendendweißer Schürze um. „Beeilen Sie sich, Herr Craigh!“ In ihrem Gesicht erschien ein gutmütig-pfiffiger Ausdruck. „Das Fräulein wartet schon eine Weile. Schauen Sie zu, daß Sie …“ Mit zwei Sätzen bewältigte Craigh die restlichen Stufen. „Ingrid!“ „Und damit ihr's alle wißt, ich küß ihn erst, wenn Hochzeit ist“, trällerte Ingrid, ihre Frisur zurechtzupfend. „Setz dich lie- ber, trink einen Kaffee. Ehrlich gesagt, ich dachte schon, du hät- test dich reuevoll aus dem Staube gemacht und das betrogene, Gretchen verlassen.“ … Als sie sich wieder aufgerichtet hatte, schrie sie auf … „Ich weiß nicht, was mit mir los ist“, sagte Craigh, den Zuk- ker umrührend. „Gewöhnlich steh ich schon früh auf.“ „Bist du krank?“ „N-n-nein.“ „Trauerst du um die verlorene Freiheit?“ „Wo denkst du hin, Ingrid!“ „Dann wachs meine Skier. Hoch fahren wir mit der Draht- seilbahn, und runter …“ „Nein!“ Craigh stieß die Tasse um. „Nicht auf Skiern run- ter!“ „Was ist mit dir, Lynn?“ fragte Ingrid, den Kaffee vom Kleid streifend. „Wirklich, dir ist unwohl. Seit wann?“ „Dort …“ Er deckte die Hand über die Augen. … Den Stubben umfahrend, drehte sie scharf nach links ab und verlor das Gleichgewicht… „Dort… die Stubben! Ich hab Angst, Ingrid! Ich flehe dich an, laß uns auf der Straße zurücklaufen! Wir können auch mit der Drahtseilbahn runterfahren.“ Ingrid schmollte. „Eigenartig, gestern hattest du vor keinen Stubben Angst“, sagte sie und erhob sich. „Auch nachts nicht. Du führst dich überhaupt heute komisch auf. Noch ist es Zeit …“ „Ingrid!“ „Hör auf, Lynn! Ich habe nicht die geringste Lust, drei Kilome- ter am Arm meines sittsamen und besorgten Herrn Gemahls durch die Gegend zu schleichen oder mich, mit der Drahtseilbahn runterkommend, zum Gespött der Leute zu machen. Ich geh mich umziehen. Du hast zehn Minuten Zeit zum Überlegen. Wenn es, dir gegen den Strich geht, noch gibt es die Möglichkeit …“ „Gut“, sagte Craigh, „gleich wachse ich deine Skier …“ „Willst du diese Frau ehelichen?“ … Der Abgrund war nur wenige Meter entfernt. Sie begriff, daß es zum Bremsen zu spät war, und fiel auf die linke Seite … „Ja.“ „Und du willst diesen Mann ehelichen?“ „Ich will.“ „Unterschreiben Sie …“ Die Zeremonie war beendet. „Na?“ Während sie die Skier festschnallte, sah Ingrid zu Craigh hoch, Herausforderung im Blick. „Bist du soweit?“ Craigh nickte. „Los!“ Ingrid schwenkte die Stöcke und jagte davon … Craigh schien es, als hätte er das alles schon mal geträumt: den bläulich-weißen Schnee, die Wirbelwolken, die in Kurven unter Ingrids Skiern hochstiebten, den flatternden roten Schal und die grelle Sonne, die die Augen blendete. Vorn schimmerte einsam eine alte Fichte. Ingrid tauchte ne- ben ihr auf. Weiter im Schnee mußte der Stubben hochragen. … Den Stubben umkurvend, drehte sie scharf nach links ab und verlor das Gleichgewicht … Ingrid ging in die rechte Kurve. In die rechte! Craigh atmete erleichtert auf. „Es sind gar nicht so viel Stubben“, schrie sie, scharf links abbiegend. „Deine ganze Angst …“ Als sie sich nach Craigh umblickte, verlor sie das Gleichgewicht. Der rechte Skier flog hoch. Craigh ging in die Hocke und sauste, sich mit aller Kraft mit, den Stöcken abstoßend, los, um ihre Bahn zu kreuzen. Sie stie- ßen wenige Meter vor dem Abgrund zusammen. Im Fallen hörte er Ingrids gellen Schrei. Dann tauchte die Welt in unerträglich grelles Licht. „Hier, Ihre Zeitung, Doktor Meph“, sagte das Mädchen. Ezra Meph trank seinen Kaffee aus und setzte die Brille auf. Minutenlang sah er mißbilligend die Nachrichten über die Ereignisse in Indochina durch. Dann blickte er, nachdem er ei- nen Artikel über eine neue Rheumatismus-Heilmethode über- flogen hatte, auf die letzte Seite. Sein Augenmerk fiel auf eine kleingedruckte, schwarzgerahmte Notiz. In einem Hotelzimmer des Kurortes Penfield verstarb der bekannte Philologe Doktor Lynn Craigh, Professor der staatlichen Universität Donomaga. Unsere Wissenschaft verlor in ihm … Meph faltete die Zeitung zusammen und ging ins Schlaf- zimmer. „Nein, Mary“, sagte er zu dem Mädchen, „die Jacke hängen Sie in den Schrank, ich ziehe den schwarzen Anzug an.“ „Am frühen Morgen?“ fragte Mary. „Ja, ich hab heute Trauer. Es müssen noch einige Formali- täten erledigt werden.“ „Ist jemand gestorben?“ „Lynn Craigh.“ „Der Ärmste!“ Mary holte den Anzug aus dem Schrank. „Er sah schlecht aus in der letzten Zeit. Und Sie haben ihn gestern nicht einmal nach Hause gebracht!“ „Es ist in Penfield passiert“, sagte Meph. „Vermutlich war er Skilaufen.“, „Mein Gott! In seinen Jahren! Wahrscheinlich ist er irgendwo gegengefahren!“ „Wahrscheinlich, wenn man vom Begriff des Raum-Zeit- Kontinuums ausgeht. Ach, Teufel …“ „Und was ist noch passiert, Doktor Meph?“ fragte das Mäd- chen. „Schon wieder ist der Schuhanzieher verschwunden! Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Plage ist, diese modischen Schuhe auf meine alten Hufe zu ziehen!“,

Wladimir Hätte aber Grigorjew sein können

Nein, war das ein Bengel! Sagte einer: „Zwei mal zwei?“, sagte er: „Vier.“ „Zwölf mal zwölf?“ bohrte hier und da ein Kleingläubiger. „Hundertvierundzwanzig“, kam stracks die Antwort. „Definier den Begriff des Integrals!“ stänkerten die schlimmsten Querulanten. – „Unter Integral verstehen wir …“ Sodann folgte die Definiti- on. Und das im Alter von vier. Knirps, Dreikäsehoch, der er war! Doktoren und Professoren staunten Bauklötzer. Auch ein hoher Herr von der Akademie der Wissenschaften stahl sich etliche Stunden, fragte, was er zu fragen hatte, machte aha und oho, schlug die Hände überm Kopf zusammen und verfiel ins Grü- beln; dann äußerte er laut und vernehmlich: „Unendlich ist die Natur und voller Widerspruch!“ Worauf er konzentriert die Wand anstarrte und in sich versank. „Nicht doch, Herr Professor“, entgegnete unser Bürschchen ungerührt, „die Natur ist voller Harmonie, den Widerspruch tun wir hinein …“ Das schlug dem Faß den Boden aus. Der akademische Herr sprang auf und trat den Rückzug an, türwärts, den Jungen im Auge. „Und sagen Sie's nur aller Welt: zwei mal zwei ist vier!“, rief der Bengel frisch und fröhlich anstelle von auf Wiedersehn. Das war Wanja. Wie gesagt, ein außerordentliches Kind. Um so erstaunlicher die gänzlich mißratenen Eltern. Als wä- ren's nicht seine. Jeder für sich mochte den Jungen, gut und schön, aber zusammen brachten sie's nicht über sich. Der Herr Papa nahm das Geniale an dem Kind für die Summe der Erban- lagen aus direkter väterlicher Linie. Die Frau Mama bewies das Gegenteil. Sohnemann belachte beides. Besser wurde davon nichts. Immer häufiger gerieten die Eltern aneinander. Mal für Mal, sobald es losging, wurde Wanja raus in die Rumpelkam- mer gesteckt. Doktoren und Professoren ward der Zutritt ver- wehrt, und binnen kurzem hatte die breite Öffentlichkeit das Wunderkind vergessen. Der Lümmel indes schlug allen ein Schnippchen. Die Rum- pelkammer setzte er unter Strom und spielte hingegeben „jun- ger Konstrukteur“, allerdings nur so lange, bis ihm die erste Rundfunkröhre in die Hände fiel. Als er erstmals so ein kleines Wunderwerk vor Augen hatte, fuhr er ordentlich zusammen, denn er übersah mit einem Blick, welche Möglichkeiten dieses Spielzeug barg. Spielzeug, wohlgemerkt! Wanja ging ja erst ins fünfte Jahr, und Sachen wie Radio, Fernseher, Moped, Kipper inklusive Bagger hielt er glattweg für Erwachsenenspielzeug. Wanjas Vater, Mechaniker in einer Rundfunkreparaturwerk- statt, brachte laufend defekte Röhren mit nach Hause. Der Sohn schlug sie, eine nach der anderen, kaputt, auf der Suche nach geheimen Fehlerquellen. Halbleiterelemente wurden in einer Extraschachtel gestapelt. Einmal, als der Vater einen Blick in die Rumpelkammer tat, hielt der Sohn ihm einen kleinen Kasten hin. „Hier“, sagte er, und voller Genugtuung rieb er sich die Hände, „das ist erst der, Anfang, mußt du bedenken.“ Bläulich schimmerte in der Hand des Vaters der Bildschirm eines spielzeugkleinen Fernsehers. Sprachlos vor Begeisterung, wiegte Papa Kusma sein Haupt. Dann biß er sich auf die Lippen. „Klarer Fall, der Junge kommt nach mir.“ Nächsten Morgen hielt er das Minigerät den Kollegen unter die Nase, zwinkerte pfiffig und verkündete: „Mein Werk!“ Der wahre Sinn dieser Worte blieb verborgen, und der Rund- funkmechaniker avancierte zum Brigadier. Fortan geschah's nicht selten, daß leitende Kader ihn in ein vertrauliches Ge- spräch verstrickten: „So und so. Kusma Serafimowitsch, da klappt was nicht bei uns, man müßte einiges erfinden …“ Kur- zerhand schnitt Kusma ihnen das Wort ab. „Her damit!“ Und sammelte die Zeichnungen ein. Er war ein Mensch von simpel- sinnigem Verstand und machte nicht viel Federlesens. Zu Hause wurden die Zeichnungen wortlos Wanja über- antwortet. „Überstunden“, gab der Vater bestenfalls grienend zu verstehen. Wortlos sah Wanja sich die Unterlagen an und griff zum Rotstift. „Also hier und hier …“, der Stift flog übers Papier, „und hier ändern!“ Der Junge war mit Lust dabei und beanspruchte zum Lohn nichts als defekte Rundfunkteile und Bücher über technische Novitäten. Doch eines schönen Tages erschien Papa Kusma in der Werkstatt und nahm seinerseits den Chef beiseite. „Schluß da- mit“, sagte er schlicht. Der Chef verstand kein Wort. „Schluß womit?“ „Mit der Erfinderei“, brummte Kusma Serafimowitsch und, setzte vieldeutig hinzu: „Familiäre Umstände!“ Der Chef wollte protestieren. „Ja, aber der Plan!“ „Frühestens in vier Jahren.“ Damit war die Sache erledigt. Wie sollte der Chef auch ahnen, daß Wanja sich gestern abend geweigert hatte, neue Aufträge entgegenzunehmen? „Papa“, hatte er lammfromm gesagt, „ab heute darf ich mich nicht mehr verzetteln. Habe da einen echten Einfall. Vier Jahre, und ich leg dir ein Spielzeug hin, daß du Mund und Nase auf- sperrst.“ Der Vater, der um den eisernen Willen seines Sohnes wußte, hatte gar nicht erst Einspruch erhoben, sondern mit der Miene des Komplicen lediglich zu bedenken gegeben: „Vier? Schaffen wir's nicht auch in drei?“ „Nein, noch kann ich die Zeit nicht steuern.“ Wanja bohrte sich nachdenklich in der Nase. Plötzlich warf er seinem Vater einen schnellen Blick zu. „Was ist Zeit, deiner Ansicht nach?“ „Zeit?“ Des Vaters Stirne kräuselte sich. „Zeit ist, wenn man …“ „Ach, immer diese nebelhaften Formulierungen!“ unterbrach ihn ärgerlich der Sohn. Kusma Serafimowitsch schlich bedeppert aus dem Zimmer. Was er zu hören bekam, als er die Tür vorsichtig hinter sich zuzog, schien unheimlich: „Eine Minute existiert sechzig Se- kunden, jawohl, existiert.“ Da fiel die Tür ins Schloß. Aus dem hier geführten Dialog ist dem Fachmann ohne wei- teres ersichtlich, daß der ungeheuerliche Bengel entschlossen war, ein Geheimnis zu lüften: das Geheimnis der Zeit. O ja, Wanja hatte sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet die Zeitmaschine zu basteln. Und hat's geschafft. Kaum zu glauben,, zumal nichts vorliegt an sogenannten Beweisstücken. Der ein- zige Augenzeuge, dessen Wort bei der Wahrheitsfindung gel- ten mag, bin ich. Niemand, ich betone, niemand wurde von Wanja zugelassen zu den gefährlichen Experimenten mit und an der Maschine. Ausgenommen ich, sein Nachbar und früher Spielgefährte. „Die Leute werden's zeitig genug zu wissen kriegen“, ver- sicherte er mir. Eben hatten wir einen Reihenversuch ab- geschlossen und verfügten uns auf die Straße, um die ein- fallslosen, altbacknen Spiele der Nachbarskinder mitzuspielen: Räuber und Kosaken, Dritten abschlagen. Das tat gut, machte uns – wie soll ich sagen – wieder normal. Gegen Wanjas Spiel- chen kam's uns allerdings vorsintflutlich vor. Läpperei. Vermöge unserer Maschine vermochten wir, in die zauber- haften Fernen künftiger Epochen zu entschweben oder in den Brunnen der Vergangenheit hinabzusteigen. Speziell die Ritter- turniere sagten uns zu: In Batzen flog der Dreck, von Pferdehu- fen aufgewühlt; Reiter in blanken Rüstungen bearbeiteten sich gegenseitig mit Schwert und Schild oder hieben Lanzen zu Bruch; in der Regel blieben die Beteiligten am Leben. Wir bezo- gen Posten nahebei, unsern Walter Scott im Arm, die Detail- treue zu prüfen. Klar, daß „Blindekuh“ dagegen anmuten mußte wie Höh- lenzeichnungen neben einer Filmleinwand. Apropos Höhlen- zeichnungen! Die haben wir, verschiedentlich, eignen Auges entstehen sehen. Als wir nämlich in die Steinzeit kamen. Ir- gendwelche zottelhäutigen Burschen bekratzten die Wände ihrer Unterkünfte derart, daß die Funken stoben. Nichtsdestoweniger tobten wir mit den Gören aus der Nach- barschaft. „Muß sein“, war Wanjas ständige Rede. „Konspirati-, on und nochmals Konspiration. Bloß nicht auffallen.“ Dadurch suchte er zu verhindern, daß die Maschine in halbfertigem Zu- stand Erwachsenen in die Hände fiel. „Die machen sie mir ka- putt“, beteuerte er. Ich mußte ihm beipflichten. Als die Zeit der Ausflüge in Vergangenheit und Zukunft ge- kommen war, verlegten wir unsere Vorstellungen in die Nacht- stunden. Sämtliche Hausgenossen, die in den Wirkungsbereich der Maschine gerieten, entschwebten mit. Gegen Morgen rück- ten wir den Zeithebel auf Null, und die Nachbarn, wie wenn nichts gewesen wäre, stiegen aus den Federn, um sich aufzu- machen zum Dienst. Jeder meinte, in dieser Nacht einen hinrei- ßenden Traum gehabt zu haben, bißchen abstrus womöglich, doch wer träumt nicht hin und wieder krauses Zeug. Träume sind Schäume! Die Nachbarn waren Vorsichtskandidaten, alle durch die Bank. Von merkwürdigen Träumen sagten sie lieber nichts. Ergo blieb die Sache geheim. Nur einmal muß mich der Teufel geritten haben. An der Straßenbahnhaltestelle paßte ich den langen, tranigen La- gerverwalter Klostikow ab, zwinkerte ihm mit Verschwö- rermiene zu und sagte, von hinten auf ihn zutretend: „War doch toll, der mit dem Helmbusch und dem krokodilbemalten Schild, was?“ Klostikow zuckte gehörig zusammen, glotzte mich an und sprang, ohne zu überlegen, in die nächstbeste Straßenbahn. Weg war er. Wanja hörte sich die Geschichte finster an. „Entweder wir stellen die Versuche ein, oder so was kommt nicht mehr vor!“ Ich zeigte Verständnis für den Freund. Wahrlich, er hatte es nicht leicht. Neuerdings schluderte die Maschine. Und zu Hau- se spitzte sich seine Lage auch zu. Immer häufiger lagen seine, Eltern im Streit, schlimmer noch als früher, wo ihnen Doktoren und Professoren die Türen einrannten. Und obschon seitdem hinlänglich Zeit verstrichen war, gelangten sie zu keiner Einig- keit. So waren sie eben. Wanjas Eltern. Ach, hätten sie sich beizeiten vertragen! Dann ging alles sehr schnell. Wir waren bei Wanja und wollten uns grade an die Ar- beit machen. Pustekuchen! Die Eltern lagen sich in den Haaren. Durch nichts zu besänftigen. Ein Spiegel lag bereits in Scherben. Meinem Freund zitterten die Hände. Solche Minuten haßte er. „Fragen wir ihn selbst“, schrie Papa Kusma plötzlich, als er seines Sohnes ansichtig wurde. Ich griff meine Mütze und stürmte treppab. Was dann geschah, ich kann's mir nur zusammenreimen: Die Maschine auf kleinsten Aktionsradius gestellt, Wanja rennt hin, will den Hebel rumreißen, um die Zeit mindestens zwei Stun- den zurückzudrehen. Auf die Weise hat er die Eltern schon manches Mal befriedet. Seine Hände zittern stärker als sonst. Er zerrt zu hastig, die Zeit rutscht ihm weg, rückwärts, mehr Jah- re, als Wanja alt ist. Die Maschine weg, Wanja weg. Den Eltern ist nichts weiter passiert. Bloß, daß sie zwölf, dreizehn Jahre jünger wurden und ihre Wege sich schieden. Nächsten Morgen ging ich hin, mich zu erkundigen, wie die Sache ausgelaufen sei. Ein flüchtiger Blick ins Zimmer setzte mich in Kenntnis. Gleichwohl, ich verlor den Mut nicht. Laut Wahrscheinlichkeitsrechnung mußte alles wiederkehren. Die verjüngten Eltern hatten, mathematischen Normen zufolge, die Pflicht und Schuldigkeit, sich erneut zu begegnen und … zu gefallen. Der erneut geborene Wanja hatte erneut einen großar- tigen und für die Menschheit sehr notwendigen Apparat zu basteln – die Zeitmaschine., So geschah es denn: Sie begegneten einander. Unter der Normaluhr, der nämlichen, die ihnen bereits vor dreizehn Jah- ren, beim ersten Rendezvous, als Treffpunkt gedient hatte, sah ich sie. Und jubelte. Es lief wie geschmiert. Herrlich bist du, mathematisches Gesetz, und du, eherne Logik der Ereignisse! Wanja kommt wieder! Und die Maschine auch. Doch was war das? Der junge Mann, der Wanja so er- staunlich ähnlich sah, und das Mädchen, das ganze Ebenbild von Wanjas Mutter, standen da und kriegten den Mund nicht auf. Gafften sich an, mißtrauisch, unruhig. Plötzlich – kehrt marsch! – rannten sie auseinander. Meine Stirn voll Schweiß. Scheint's hatte beider Gedächtnis die Zukunft gespeichert, die ihnen blühte. Also blieb der Junge ungeboren, und die Zeitmaschine muß- te auch dran glauben.,

Dmitri Das Bilenkin Verbot

In dem Maße, wie Stigs seinen Gedanken entwickelte, ver- finsterte sich das Gesicht des Dekans. „Linksspiralige Photonen!“ fiel er Stigs schließlich ins Wort. „Ja, ja, schon gut, Sie wollen die linksspiraligen Photonen ent- decken. Warum nicht gleich das Prinzip des Perpetuum mobi- le? Oder die Koordinaten des Tors zum Paradies? Haben Sie Gordon nicht gelesen?“ „Habe ich“, sagte Stigs, bemüht, ruhig zu bleiben. „Die Ver- suche wurden vor achtzehn Jahren angestellt, als der ,Borissow- Effekt' unbekannt war. Theoretisch besteht die Hoffnung …“ „Theoretisch!“ Der Dekan hielt seinen, Ärger nicht länger zu- rück. „Aber praktisch soll ich das Experiment finanzieren. Zwei Millionen!“ „Eine Million. Zwei Millionen haben Gordons Versuche ge- kostet. Der ‚Borissow-Effekt' erlaubt…“ „Das haben Sie schon einmal gesagt. Sie scheinen zu ver- gessen, wer Gordon ist. Oder meinen Sie, der ‚Borissow-Effekt' sei ihm unbekannt? Gordon ist nicht nur deshalb groß, weil er die universelle Feldtheorie geschaffen hat. Wissen Sie, daß er sich bisher nie geirrt hat? Wissen Sie, daß Gordons Versuche zu den linksspiraligen Photonen von Fuas, Sherrington und Bro-, dezki wiederholt worden sind? Und die haben sämtliche denk- baren Varianten durchprobiert. Das Ergebnis? Nichts! Die linksspiraligen Lichtströme sind ein Mythos, wie der Wärme- stoff oder der Stein der Weisen eine Fata Morgana …“ Der Dekan war an die Sechzig, die scharfen Falten ließen ihn seltsamerweise nicht älter, sondern jünger erscheinen. Der An- zug, den er trug, war hochelegant, aber all das hatte nicht die geringste Bedeutung. Wer der Mann auch war, der in diesem Sessel saß, wie er sich auch kleidete, nur dies zählte: Er war für Finanzbewilligungen zuständig, er leitete ein Team von vielen hundert Menschen, er war Administrator und konnte sich in dieser Eigenschaft keine kostspieligen Abenteuer leisten. Den- noch gab Stigs die Hoffnung nicht auf. Auch der große Gordon hatte sich seinerzeit gegen derlei Leutchen durchsetzen müssen. Ob Gordon so groß geworden wäre, wenn er das nicht geschafft hätte? „Meiner Ansicht nach ist alles klar, Stigs“, schloß der Dekan schroff und zog eine Mappe mit Papieren zu sich heran, wo- durch er zu verstehen gab, daß die Audienz beendet war. „Sie haben sich das Gutachten von van de Meer ja gar nicht angesehen!“ rief Stigs aus. „Von van de Meer? Ich könnte morgen zehn Gutachten von den bekanntesten Professoren haben, und jedes würde genau das sagen, was ich Ihnen gesagt habe! Gehen Sie, Stigs, arbeiten Sie ernsthaft.“ Als Stigs sich erhob, spürte er, daß ihm die Hände zitterten. „Ein Wort noch …“ Der Dekan blickte auf. „Aber, bitte keine Elogen über die Größe des Problems, die Notwendigkeit des Risikos und der- gleichen mehr.“, „Nein, nein, das hab ich nicht vor. Wenn nun Gordon selbst erklärt: Die Versuche müssen gemacht werden?“ Erstaunt lehnte sich der Dekan im Sessel zurück und schnip- ste mit den Fingernägeln. Er musterte Stigs. „Sie gedenken Gordon umzustimmen? Hm, ja … Ob er Sie überhaupt emp- fangen wird …“ „Er wird mich empfangen.“ Stigs hatte das Gefühl, als habe er dünnes Eis betreten. „Nun, wenn Gordon … Dann wollen wir sehen.“ Ein Glück, daß Gordon noch nicht gestorben ist! dachte Stigs, als er sich dem Landhaus des großen Physikers näherte. Wäre er tot, müßte ich gegen seinen Nachruhm angehen. Stigs machte sich Mut. Tage zuvor hatte er nach dem Ge- spräch mit dem Dekan zehnmal den Hörer abgenommen und zehnmal wieder aufgelegt, bevor er die Nummer wählte. Wider Erwarten war Gordon sofort einverstanden gewesen. Sofort! Ja, ein Gelehrter, wie er im Buche steht. Krank, alt, verschlossen – und reagiert sofort, wenn er um Beistand gebeten wird. Wie ein Hilferuf hatte höchstwahrscheinlich die Erklärung am Telefon geklungen, die sich Gordon schweigend angehört und auf die er einen Augenblick später – Stigs war einer Ohnmacht nahe gewesen –kurz geantwortet hatte: „Ich erwarte Sie morgen um neun.“ Morgen! Um neun! Erwartet mich! Er, ein lebender Mythos erwartet mich, Stigs, den durchschnittlichsten Durchschnitt! Die Nacht verbrachte Stigs unruhig, jedes Wort überlegte er sich, jede Nuance, und vor Verzweiflung gelangte er zu der Gewißheit, daß alles gut werden würde. Als er nun am Tor die Hand nach dem Klingelknopf aus-, streckte, spürte er entsetzt, daß sein Kopf leer war. Er hatte alles vergessen, was er sich zurechtgelegt hatte, keine zwei Worte würde er zusammenhängend hervorbringen können, wie ein Klotz würde er dastehen! Uff! Stigs ließ die Hand sinken. Ruhe, Ruhe … Wer ist denn dieser Gordon schon? Ein Genie, Einstein ebenbürtig, ja, aber nicht der römische Papst, nicht Gott – ein Gelehrter, ein Mensch… Er züchtet Rosen, ist nierenkrank, makellos ehrlich und angeblich ein guter Mensch. Stigs merkte nicht, daß er den Knopf aus Leibeskräften drückte, später erinnerte er sich nicht, wie sich das Tor auftat, wie jemand ihn ins Haus führte, ihm unterwegs etwas erklärte, wie er den Mantel ablegte, wie er die Schwelle überschritt … „Guten Tag. Nehmen Sie Platz.“ Gordon saß weit zurückgelehnt auf dem Diwan, dennoch hatte Stigs den Eindruck, als überrage ihn der Gelehrte. Als überrage ihn der Kopf, der imposant wie die Kuppel einer Ka- thedrale war, als überragten ihn die Schultern, die graue Haar- mähne – die, eine Wolke geradezu, in unerreichbarer Höhe schwebte. Und der Blick kam wie von weit her, wie von den glitzernden Eisfeldern großer Gedanken, ein Blick, der die tief- sten Geheimnisse der Natur und die Nebelweiten der Ewigkeit sah. Er gehörte selbst schon der Ewigkeit an, der Bronze der Historie, dieser helle entrückte Blick. Gordon regte sich und legte die Decke auf seinen Knien zu- recht. „Erzählen Sie.“ Stigs sprach, ohne die eigene Stimme zu hören. Wenig später unterbrach Gordon ihn mit müder Handbewegung. „Ich ver- stehe. War das nicht Ihr Artikel vor zwei Jahren in den ,Annalen der Physik'?“, „Ja, meiner …“ Stigs hatte eine trockene Kehle. „Das Problem der Fluktuierung der Gravitationsquanten ha- ben Sie vortrefflich gelöst. Warum haben Sie auf diesem Gebiet nicht weitergearbeitet?“ „Weil … Weil ich von dort aus eine kleine Brücke zu den linksspiraligen Photonen entdeckte…“ „Und das hat Sie in Begeisterung versetzt?“ „Ja … Das heißt … Nicht die Photonen selbst, sondern das, was dahintersteckt …“ „Was steckt denn dahinter?“ Stigs blickte Gordon verblüfft an. Sollte das eine Prüfung sein? Ein Scherz? Ein Katz-und-Maus-Spiel? „Die Bewegung im umgekehrten Zeitsinn“, preßte er her- aus. „Und weiter?“ Stigs war endgültig verwirrt. Was sah er, der Große, dort in seiner Ewigkeit? Welche Geheimnisse hatten sich seinem Geist aufgetan, was für verborgene Eigenschaften der Natur nahm er an diesem Begriff wahr? Gordon seufzte kaum hörbar. „Gut. Worin besteht das Ziel der Wissenschaft, was meinen Sie?“ Nein, Gordon scherzte nicht. Dazu war er am allerwenigsten geneigt – Stigs begriff das. Gordons Blick war auf ihn gerichtet, er forderte und fragte – sanft, beharrlich, streng. „Das Ziel der Wissenschaft besteht in der Erkenntnis … im Auffinden der Wahrheit.“ „Welcher Wahrheit?“ „Welcher …? Der allgemeinen Wahrheit! Die Natur …“ „Lassen wir die Natur aus dem Spiel. Erzählen Sie lieber von sich. Alles, von Anfang an.“, Gordon schloß die Augen. Stigs grübelte gehorsam. Was konnte er von sich berichten? Wie er zur Wissenschaft gestoßen sei, was ihm dies hohe Ge- werbe bedeute? Das ging schlecht an. Sein Vater war Quartals- säufer gewesen, zu Hause gab es immerfort Krach. Da hatte Stigs bei den Büchern Zuflucht gesucht. Bei Werken der Wis- senschaft hauptsächlich. Sie führten ihn in die reine Welt der Erkenntnis, wo die Seele, von Erregung beflügelt, durch die hellen Gefilde der Wahrheit streicht. Dort nahmen die Götter- gleichen, ein Newton und ein Lobatschewski, ein Darwin und ein Einstein, den Knaben Gordon bei der Hand und führten ihn in die Welt der Weisheit. Den Knaben, der sich die Ohren zu- stopfte, um das Gekreisch der Mutter, des Vaters Flüche abzu- wehren, den Knaben, der sich besudelt fühlte von Kopf bis Fuß. Wie er studierte! Mit welcher Zaghaftigkeit er an seine erste selbständige Forschungsarbeit ging! „Das Drehmoment bei ent- arteten Gravitationsquanten“. Voll Zärtlichkeit gedachte er die- ser Gravitationsquanten, wie eines geliebten Mädchens. Alles begehrte er über sie zu wissen, was es auch kosten mochte. Es gab Tage, da er wie blind durch die Straßen irrte. Und stießen Passanten ihn an, so ärgerte ihn die grobe Berührung mit der Außenwelt nicht – sie konnte seine Realität nicht treffen. Ir- gendwo in einem anderen Raum existierte der Alltag, existier- ten Fußball, Kino, gemeine Reden, Geld, Grobheit, Haß – die hoffnungslose Finsternis seiner Kindheit … Jetzt schwebte er, wenn auch unbeholfen noch, so hoch darüber, wie er es sich einst erträumt hatte. Nur – ließen sich Gefühle in Worte klei- den? Und ungewiß war, ob Gordon zuhörte, ob er eigenen Ge- danken nachhing oder druselte., Stigs blieb stumm. Gordon öffnete die Augen. „Ich muß Sie enttäuschen, mein Freund. Die linksspiraligen Photonen sind eine Illusion …“ Er redet wie der Dekan! dachte Stigs erbleichend. „… Nicht alles theoretisch Mögliche ist in der Natur zu ver- wirklichen. Ein Phantom, ein Sumpfgeist ist das linksspiralige Photon, sonst nichts. Leider sind die Straßen der Wissenschaft stets von Irrlichtern gesäumt. Ich selbst bin ihnen nachgejagt und habe dabei fünf Jahre verloren – was für Jahre! Und Fuas, Sherrington, Brodezki. Ist es nicht genug der Opfer? Sie sind jung, Ihren Artikeln nach zu urteilen begabt, vergeuden Sie nicht Ihre Zeit. Das rate ich Ihnen.“ „Aber der ,Borissow-Effekt' … Sie haben am Paradeeingang angeklopft, da ist kahle Wand … Vielleicht läßt sich durch die Hintertür …“ „Weder durch die Hintertür noch durch den Paradeeingang kommt man in etwas hinein, das es nicht gibt. Sobald Borissow seinen Effekt entdeckt hatte, überprüfte ich sämtliche Schluß- folgerungen. Ein Fehler ist ausgeschlossen. Ihr Weg ist irreal.“ „Warum denn? Wo irre ich? Zeigen Sie es mir!“ Das war beinahe Blasphemie – von Gordon, dem gebrech- lichen achtzigjährigen Gordon, Erklärungen zu verlangen. Und das, nachdem er klipp und klar zu verstehen gegeben hatte, daß an seinen Worten nicht zu rütteln sei. Aber nein, in diesem Zimmer, wo die universelle Feldtheorie entstanden war, bedeu- tete das keinen Frevel. Sie beide – Stigs und Gordon – gehorch- ten einem Gesetz, das über ihnen waltete und Gordon nötigte, den Beweis anzutreten. Er durfte es nicht verletzen, sonst ver- wandelte sich die Wissenschaft in eine Religion und er – in ei- nen Hohenpriester., „Bitte…“ Ein Stapel Papier lag auf dem Tischchen vor Gordon. Er nahm ein leeres Blatt, glättete es sorgfältig, die knotigen, steifen Finger umklammerten den Füllhalter, und unter der Feder mar- schierten in strengen Kolonnen mathematische Symbole auf. Das war das Urteil. Das Verbot zeichnete sich unerbittlich ab, der Staketenzaun aus Zahlen war stärker als Panzersperren, mächtiger als Stahlbeton. Gelassen versperrte Gordon dem Traum den Weg, der Durchlaß wurde schmaler … Stigs beo- bachtete – und ihm wurde kalt dabei – den unabwendbaren Vormarsch der Zeilen, den selbstsicheren Lauf der Feder, die harte Logik der Beweise. Gleich würde die Feder zum letzten Mal nach dem Papier piken … Da stockte die Feder, sie zitterte, zögerte… „Weiter ist es oh- nedies klar, hoffe ich“, sagte Gordon müde und schob das Blatt beiseite. Fröstelnd rieb er sich die Hände, steckte sie unter die Decke. Stigs glaubte den Verstand verloren zu haben. Das Urteil war ausgefertigt, es war unterschrieben und gesiegelt, aber in den Beweisen war eine Lücke. Winzig, kaum zu erkennen … Blitz- artig – Stigs staunte selbst – hatte er die ganze Kette der Be- weisgründe erfaßt, Gordons Gedanke war sein Gedanke ge- worden, er dachte ihn zu Ende und … Das konnte nicht sein! Unmöglich, es zu glauben! Die Lücke schloß sich nicht. Sie konnte nicht geschlossen werden. Stigs sah auf, beinahe hätte er geschrien. Vor ihm saß ein an- derer Gordon. Krumm, kraftlos, mit eingefallenem Mund, mit Altersflecken auf den schlaffen Wangen. Er überragte nieman- den mehr, die farblose Mähne schwebte nicht wie eine Wolke – Stigs sah ihn, wie er tatsächlich war, nicht, wie ihn seine Phan-, tasie gemalt hatte. Und Stigs war nahe daran, in Tränen auszu- brechen. „Haben Sie es doch erraten…“, lispelte Gordons Stimme, und der Kopf des Greises sank noch tiefer. „Sie waren mutig genug, zu zweifeln, nun … Ja, Ihr Weg ist ebenfalls real. Real, weil es linksspiralige Photonen gibt. Ich habe das vor achtzehn Jahren entdeckt …“ Stigs war sprachlos. In ihm brach eine Welt zusammen. Die Sterne sausten herab, der Himmel stürzte ein, die Götter star- ben. Er selbst verging. Wie eine schmale, runzelige Eidechse huschte Gordons Hand unter der Decke hervor und berührte Stigs Schulter. „Fassen Sie sich… Ich fragte Sie – erinnern Sie sich? –, was hinter den Eigenschaften des linksspiraligen Photons steckt. Sie haben darüber nicht nachgedacht. Ich will die Antwort geben. Worin besteht das Ziel der Wissenschaft?“ „Worin?“ echote Stigs. „Im Glück der Menschheit. Wenn die Wissenschaft die Men- schen nicht glücklicher macht, was soll sie dann? Wissen ist eine Waffe, und wenn es dem Wissenschaftler gleichgültig ist, worauf sie sich richtet, worin unterscheidet er sich dann von einem Söldner? Auch darüber haben Sie nicht nachgedacht, Stigs. Sie suchten die linksspiraligen Photonen – Teilchen, die aus der Zukunft zu uns kommen. Sie werden sie entdecken, wie seinerzeit ich sie entdeckte. Und dann? Dann kommt die Praxis. Die Leute werden ler- nen, die Zukunft zu sehen. Und sie zu steuern, soweit sich der natürliche Lauf der Ereignisse, wenn man weiß, welcher Art er ist, korrigieren läßt. Wird die Menschheit glücklicher werden? Halten Sie Umschau, Stigs! Der Bankier ist zu allem bereit, um, seine Kapitalien, der Diktator, um seine Diktatur, der Karrierist, um seinen Sessel zu behaupten. Eine Unmasse von Menschen ist an der Beibehaltung der herrschenden Ordnung interessiert. Die Zukunft ist ihr Feind, denn sie erraten, was ihnen droht … Sie versuchen sie abzuwenden – blindlings. Diesen Leuten schenken Sie Macht. Sie werden die Zukunft vernichten, Stigs. Unterbrechen Sie mich nicht. Es wird behauptet, Roger Ba- con habe, nachdem er das Pulver entdeckte, seine Entdeckung geheimgehalten, denn er habe vorausgesehen, worin sie sich verkehren würde. Eine edle, allerdings nutzlose Geste. Vor ei- nem halben Jahrhundert führten die Physiker freiwillig eine Selbstzensur ein, damit die Nazis keine Kenntnis von ihren Ar- beiten zur Kernspaltung erhielten. Nachdem sie das getan hat- ten, stellten sie ihr Wissen sogleich Amerika zur Verfügung. Das endete mit Hiroshima. Aber selbst wenn sie ihre Labarato- rien zugesperrt hätten, so wären doch andere gekommen und hätten die Bombe gemacht. Nicht unbedingt aus Patriotismus, reine Wißbegierde hätte völlig genügt. Als ich das linksspiralige Photon entdeckte, bedachte ich die Lehren der Vergangenheit und beschloß, anders zu verfahren. Ich erklärte es als nicht exi- stent. Ich bewies der Welt, daß die Suche danach sinnlos sei. Beleg waren die Ergebnisse von Experimenten – falsifizierte Ergebnisse. Und meine Autorität. Ich legte sie wie einen Klotz quer über den Pfad der Forschung. Oh, ich gab mich keinen Illusionen hin. Ich wußte, irgendwann würde ein Milchbart wie Sie auftauchen, der mein Verbot nicht respektiert. Aber mir kam es darauf an, Zeit zu gewinnen. Zum Glück erfordern die Versuche zur Entdeckung des linksspiraligen Photons Geld. Und gar nicht wenig … Die Entdeckung um jeden Preis hinaus- zögern! Denn noch ein halbes Jahrhundert – nein, weniger! –,, und die Welt wird sich frappierend wandeln. Dann werden die Menschen nur in die Zukunft schauen, um Naturkatastrophen vorauszusehen und Krankheiten vor ihrem Ausbruch zu heilen. Daran glaube ich. Ich habe gegen die Gesetze der Wissenschaft verstoßen. Nicht aber gegen die Gesetze der Moral! Und es ist nicht an Ihnen, mich zu richten.“ „Ich richte nicht …“, sagte Stigs mühsam, als ginge ihm die Luft aus. „Aber wie ist es mit Fuas, Sherrington, Brodezki?“ schrie er unvermutet. Gordon warf den Kopf zurück. „Der verstorbene Fuas, der verstorbene Sherrington und der verstorbene Brodezki waren meine Freunde“, sagte er feierlich. Plötzlich fühlte sich Stigs wieder klein – klein vor diesem Greis, dessen Blick voll stolzer Würde war, dessen Gesicht ge- nau so aussah, wie der junge Stigs es von Abbildungen in Lehr- büchern kannte.,

Michail Jemzew Der präatomare Jeremej Parnow Zustand

Das Radioteleskop stand unmittelbar am Steilufer, in der Nähe des silbrig schimmernden Leuchtturms. Wenn abends das Leuchtfeuer entzündet wurde, fiel der blaßgrüne Schein der Azetylenflamme auf die Aluminiumplatten der Spiegelschale, als erwache ein fahlblaues Zyklopenauge. Die Astronomen hatten das neue Observatorium bezogen, und in den meridialen Spalten der riesigen grauen Kuppeln funkelten die Refraktorgläser. Es war um die Zeit der weißen Nächte … Geruhsam erhob sich am grünlichen Ostseehimmel der bleiche Mond. Der Dienst der Astronomen hatte noch nicht begonnen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Skrobinski stieg die Wen- deltreppe im Turm hinauf. Dort war es still und dunkel. Das Uhrwerk tickte, winzige bunte Lampen glühten, anheimelnd summte der Spartransformator hinter dem Potentiometerstand. Walja müßte schon dasein, dachte Skrobinski und starrte ins Dunkel. Doch das Mädchen war nirgends zu sehen. Skrobinski lauschte an der Tür zum Fotolabor. Er vernahm leises Plät- schern. Vorsichtig klopfte er – keine Antwort. „Ich bin's, Mark … Entwickelst du etwa, Walena?“, „Ja.“ „Was denn?“ „Stör mich nicht.“ „Na hör mich mal! Wir haben doch gestern alles entwickelt.“ „Himmel, bist du aufdringlich! Verstehst du nicht, ich habe zu tun.“ „Na schön, von mir aus!“ Beleidigt schob Skrobinski die Un- terlippe vor und trat zurück. „Ich hab so ein merkwürdiges Leuchten geknipst“, rief Walja hinter der Tür. „Wo?“ „Genau im Sternbild Lyra.“ „Wann?“ „Eben erst. Zehn Minuten bevor du kamst. Ich wollte gerade das Gerät einschalten …“ Skrobinski trat an die Tafel und setzte den Drehmechanis- mus in Gang. Die Kuppel drehte sich. Dann richtete Skrobinski das Teleskop auf den genannten Himmelsbezirk. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie langsam. Nichts zu sehen. Seufzend löste er sich vom Okular. Unsauber trällerte er ein Liedchen über die gute Laune. Dann schaute er noch einmal. Das Liedchen blieb ihm in der Kehle stecken wie eine Gräte. Er mußte sogar heftig husten. Im halbdunklen Okularkreis flamm- te grell ein Strich auf und verging. Skrobinski verharrte re- gungslos am Apparat … Die Tür klappte. Walja trat im weißen Kittel ans Teleskop. Mit ausgebreiteten Armen trug sie einen feuchten, glänzenden Film. „Siehst du, einwandfrei“, sagte sie. „Nicht jetzt! Auf keinen Fall jetzt!“ „Wie du meinst.“, Walja nahm Plastklammern aus der Tasche und hängte den Film zum Trocknen auf. Dann wischte sie sich die Hände ab und nahm an einem runden Glastisch Platz. Dort stand ein kleines Tonbandgerät. Sie drückte die Tasten. Ins hallende Dunkel der Kuppel drang wie ein heller Strahl die Stimme von Robertino Loretti. Plötzlich rannte Skrobinski zu der ellipsenförmigen kleinen Tür, riß sie auf und stürmte auf die Plattform, die sich um die Kuppel zog. An dem dünnen Geländer hielt er sich fest, um- kreiste die Kuppel und blieb auf der Südostseite stehen. Über der Stadt lohte der Abendhimmel. Der Fernsehturm wirkte schwarz vor dem feuriggoldenen Hintergrund. Un- gefähr dort, wo das Institut für Perspektivforschung stand, stieg eine leuchtende Nadel empor, schillernd von violett bis grün. Unvermutet umzüngelten sie allenthalben spitze Flam- men, so daß sie aussah wie ein Palmentrieb mit gerippten Blät- tern. Das dauerte kaum eine Minute und endete in einem phan- tastischen goldenen Gleißen. Skrobinski glaubte funkelnde Landschaften zu erkennen. Sogar den herben Duft ferner Meere und Wälder. Er drehte sich um. Hinter ihm stand Walja. Ihre geweiteten Augen wirkten wie schwarze Gruben. Mit weißen Fingern drückte sie das Tonbandgerät an die Brust. Lorettis Stimme flog im Diskant zu den Sternen. Plötzlich brach sie ab. Das Tonbandgerät verstummte. Der rote Schein war ver- schwunden. Die Luft war durchsetzt von starkem Ozon. Mitteilung von S. M. Smirnow an die Lokalpresse Der Report der beiden Astronomen ist im Grunde genommen, der einzige Augenzeugenbericht über die Katastrophe, die sich vor drei Tagen im Laboratorium Nr. 3 des Instituts für Perspek- tivforschung ereignet hat. Als Mitglied der Untersuchungs- kommission ist mir die Dürftigkeit der uns zur Verfügung ste- henden Information besonders deutlich bewußt. Untersuchungen haben ergeben, daß die Havarielampen der kybernetischen Maschinen Punkt zwei Uhr zweiunddreißig signalisierten. Der Energieverbrauch ist zu diesem Zeitpunkt enorm angestiegen. Sechzehn Sekunden später erreichte er das Maximum, und weitere zehn Minuten später ging er rapide zurück. Interessant und rätselhaft ist, daß um zwei Uhr zwei- unddreißig die Apparate wahrscheinlich ausfielen. Anders ist kaum zu erklären, daß das Labor dann nicht mehr Energie ver- brauchte, sondern erzeugte. Und noch ein merkwürdiger Umstand. Das Labor hat keiner- lei Schaden genommen, außer daß mitten in Saal Z im Umkreis von vier Metern die gesamte Einrichtung in Atome zerfallen ist. Unmittelbar an das kreisrunde Vakuum schließt sich ein Labor- tisch an, genauer gesagt, zwei Drittel des Tisches, ein Drittel ist dem Radius entsprechend abgetrennt. Die Fachleute behaupten, daß sich nach keinem uns bekannten Verfahren Holz so tadel- los schneiden läßt. Die durch die Saalmitte verlaufenden zahl- reichen Leitungen sind alle an den Grenzen der Atomisierung abgeschnitten. Dabei ist abgeschnitten nicht das richtige Wort; wenn man sich die Leitungen ansieht, dann kann man das kei- neswegs sagen. Die Schnittflächen sind spiegelglatt. Im Saal befindet sich ein Diktiergerät. Das Band weist keiner- lei Spuren einer Aufzeichnung auf, obwohl das Gerät einge- schaltet war. Sollte die Arbeit im Labor und die Katastrophe von keinem Geräusch begleitet gewesen sein? Äußerst merk-, würdig. Der Registratur zufolge hat sich in jener Nacht im gan- zen Gebäude nur eine Person befunden: Professor Irina Losse- wa. Von ihr fehlt jedes Lebenszeichen. Nach Hause ist sie nicht zurückgekehrt. Ebenso spurlos verschwunden ist Doktor Györ- gy Losonczy, der kurz vorher bei ihr zu Besuch war. Die Mutter der Lossewa erklärt, er habe Punkt zweiundzwanzig Uhr mit ihr das Haus verlassen. Es besteht aller Grund zu der Annah- me, daß beide in dieser Nacht im Labor waren, im Saal Z. Wir wollen hoffen, daß sie nicht das Schicksal der Gegenstände in der Saalmitte teilen. Aussagen der Mitarbeiter zufolge befanden sich dort, wo jetzt der leere Fleck ist, ein riesiger Ringmagnet, zwei Gra- vitationsgeneratoren und ein neuer Apparat. Diesen Apparat hat niemand zu Gesicht bekommen. Er war noch nicht lange im Labor, Professor Lossewa hielt ihn stets unter dem schwarzen Überwurf. Ich wiederhole: Keinerlei Spuren von Zerstörung wurden ermittelt. Unwillkürlich fragt man sich, ob hier über- haupt eine Katastrophe stattgefunden hat. Jedenfalls könnte man, wären die Lossewa und Losonczy nicht auf so geheimnis- volle Weise verschwunden, von einem rätselhaften Schaber- nack sprechen. Ich halte aber nichts von Rätseln, und deshalb habe ich energisch darauf bestanden, den gesamten Raum sorg- fältig zu untersuchen. Die Untersuchung ist enttäuschend ver- laufen. An der Nordostwand des Gebäudes wurde eine Zone gerin- ger Radioaktivität entdeckt. Messungen ergaben, daß diese Zo- ne einen Kreis von vier Meter Durchmesser darstellt. Ein äu- ßerst merkwürdiger, unerklärlicher Zufall. Interessant ist auch, daß sich die Radioaktivität auf die gesamte Dicke der Wand erstreckt, als sei radioaktives Gas hindurchgesickert. Weiterhin, wurde festgestellt, daß die Decke von Saal Z eine kaum auffal- lende Öffnung aufweist, die sich durch das ganze Gebäude bis zum Dach zieht. Ihre Herkunft läßt sich nicht erklären. Feuer- einwirkung ist jedenfalls nicht nachzuweisen. Über weiteres Material verfügen wir zur Zeit leider nicht. Brief der Assistentin Valentina Korn an S. M. Smirnow Sehr geehrter Sergej Mitrofanowitsch! Das Gespräch mit Ihnen – erinnern Sie sich, das war am Tag nach der geheimnisvollen Katastrophe im Institut —, Ihre Worte, daß jede seltsame, auf den ersten Blick sogar unbedeutende Erscheinung von großer Bedeutung sein könne, lassen mir keine Ruhe. Deshalb habe ich beschlossen, Sie mit diesem Brief zu behelligen. Der Fall, von dem ich Ihnen erzählen möchte, ist vielleicht ganz uninteres- sant, dennoch steht er, so will mir scheinen, mit den Ereignissen jener Nacht in gewissem Zusammenhang. Folgendes hat sich zugetragen: Wenige Stunden vor dem denkwürdigen Ereignis bereitete ich mich auf die Prüfung in Allgemeiner Geographie vor (ich studiere am Abendinstitut). Ich erinnere mich, daß ich mir ge- rade ein Tonband mit einer Vorlesung über die Entstehung der Eisberge und ihre Verwendung zur Bewässerung von Wüsten anhörte. In der Stadt, wohin ich wenige Tage später fuhr, um die Prüfungen abzulegen, stellte ich plötzlich fest, daß ich den Abschnitt vergessen hatte, der das Schmelzen der Eisberge un- ter Wüstenbedingungen behandelt. Ich wollte mir die Lektion also noch einmal anhören. Und nun kommt das Sonderbare – das Tonbandgerät schwieg. Nicht, daß es beschädigt war. Nein,, sämtliche Bandaufzeichnungen waren weg. Und da fiel mir ein, daß es genau in dem Augenblick passiert sein mußte, als da- mals der Schein verschwand. Zufällig war es eingeschaltet ge- wesen. Trotzdem zweifelte ich. Habe ich vielleicht versehent- lich auf den falschen Knopf gedrückt und die Aufzeichnung gelöscht? Dieser Gedanke kam mir sofort. Wahrscheinlich hätte ich mich damit zufriedengegeben, wäre nicht mein Institutskol- lege Oleg Murkalow gewesen. Er ist Geophysiker und studiert im vierten Studienjahr. Oleg reparierte gerade den Informationskern eines unserer Apparate. Der Apparat war übrigens an dem bewußten Abend kaputtgegangen. Zuerst wußte Oleg nicht, wo er anfangen soll- te, weil er keine Spuren einer Beschädigung entdecken konnte. Vielleicht würde er heute noch suchen, hätte er nicht versehent- lich die Pole des Gleichstromakkumulators vertauscht. Auf einmal funktionierte der Kern. Oleg schwor, es handelte sich um einen seltsamen Zufall, der völlig unerklärlich sei, doch Mark Skrobinski (Sie kennen ihn) war anderer Meinung. Nach der Prüfung suchte ich den Leiter des Lehrstuhls für kosmische Strahlung auf. Sicherlich möchten Sie wissen, war- um ausgerechnet ihn. Weil Wactaw Lucjanowicz der einzige Physiker in unserem astrogeophysikalischen Institut ist. Wer, wenn nicht er, soll sich in den Elektronengeräten auskennen? Anfangs meinte auch er, daß er keinen Zusammenhang zwi- schen dem entmagnetisierten Band und dem beschädigten Kern sehe. Ich wollte mich schon verabschieden, da sagte er: Wissen Sie was? Lassen wir Ihr Band doch mal durch Positronenköpfe und nicht wie sonst durch Elektronenköpfe laufen.“ Darauf entgegnete ich, daß ich von solchen Köpfen noch nie gehört hätte. Da lachte er. Dann nahmen wir eine starke Gam-, ma-Strahlungsquelle und begannen damit eine Bleiplatte zu bombardieren. Ein spezieller Ring-Elektromagnet leitete die frei gewordenen Positronen in eine Vakuumkammer ab, von wo aus sie sich in einem Kondensator sammelten. So erhielten wir eine „Antistrom“-Quelle. Und was meinen Sie? Das Band be- gann zu sprechen, und ich hörte die Vorlesung über Eisberge, die ich nun nicht mehr brauchte. Waclaw Lucjanowicz sagt, er wolle diesen Effekt der Zeitschrift „Nachrichten der Akademie der Wissenschaften“ mitteilen, Oleg und ich könnten auf unsere erste selbständige wissenschaftliche Arbeit stolz sein. Vielleicht ist das alles gar nicht interessant, aber ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen davon zu schreiben. Hochachtungsvoll Valentina Korn Wieder S. M. Smirnow Mit vereinten Kräften haben die Labormitarbeiter das Dik- tiergerät schon nach zwei Stunden zum Sprechen gebracht. Für alle Fälle wurde jedes Wort, das wir hörten, noch einmal aufge- nommen. Nun verfügen wir über zwei Bandrollen mit wertvol- ler Information. Zunächst war nur Zischen und Knattern zu hören. Einige begannen schon an der „Valentina-Methode“ zu zweifeln. Da erklang Hüsteln und müdes Atmen. „Danke, Liebling. Stell das hierhin.“ Es war die Stimme von Irina Lossewa. Es polterte, als wäre ein schwerer Metallgegenstand auf den Fußboden gestellt worden. „Und nun?“ Die Männerstimme mit dem leichten Akzent, gehört sicherlich Doktor Losonczy. Die Lossewa antwortete nicht. „Worum geht es eigentlich, Irinka?“ fragte Losonczy. „Um Philosophie. Alles Philosophie, die Physik spielt hier eine zweitrangige Rolle.“ „Ich habe nie gedacht, daß die Philosophie auch Unwahr- scheinlichkeiten zu bieten hat. Du hast doch eine Überraschung versprochen.“ „Zuerst eine Frage. Ich sage im voraus, daß du noch nie dar- über nachgedacht hast. Ich kenne dich.“ Die Lossewa lachte. Nach einer kleinen Pause sagte Losonczy: „Na, wo bleibt deine Frage?“ „Nicht so ungeduldig. Ich suche die beste Formulierung. Laß mich überlegen.“ Ungefähr fünf Minuten lang herrschte Stille. Dann fragte die Lossewa: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was vor den Atomen gewesen sein mag?“ „Wie meinst du das – vor den Atomen?“ sagte Losonczy be- fremdet. „Im präatomaren Zustand der Materie … Wieso glauben wir eigentlich, die Atome wären immer dagewesen? Ewig ist allein die Materie. Sie entwickelt sich und wiederholt sich nie. Die Prozesse im All sind nicht umkehrbar. Deshalb frage ich: Was ist gewesen, bevor sich die Atome bildeten, und was wird nachher sein?“ „Was veranlaßt dich, so zu fragen?“ „Muß man für Fragen unbedingt Anlässe haben? Schau mal. Die astrophysikalischen Koeffizienten sind eng mit den rein geologischen verflochten. Die Rotverschiebung bezeugt, daß, die Galaxien auseinanderlaufen und unser Universumsbezirk eine Erweiterung erfährt. Geologische Beobachtungen beweisen eine Erweiterung, sogar ein Bersten der Erde, was man mit ei- ner Verringerung der Gravitationskonstante erklären kann. Ist es so?“ „Und was folgt daraus?“ „Die Gravitation muß einst maximal gewesen sein. Von hierher rührt die Frage – welcher Zustand der Materie ent- sprach diesem Gravitationsmaximum? Wann tritt es ein? Schließlich, was geht mit den Minima und Maxima einher: Ma- terieexplosionen oder die Umkehr von Raum und Zeit? Warum schweigst du?“ „Ehrlich gesagt, Irinka, ich weiß einfach nicht, was ich dir antworten soll. Ich habe mir darüber tatsächlich nie Gedanken gemacht. Du hast recht. Jetzt ist mir das Ziel dieses Experiments klar. Aber hast du nicht den Eindruck, daß das gefährlich sein kann?“ „Hast du Angst?“ „Nein. Ich will nur alles vernünftig abwägen und berechnen. Man muß die möglichen Folgen in Betracht ziehen.“ „Wieviel Zeit benötigst du dafür?“ „Ich weiß nicht genau. Vielleicht lange, wenn sich so ein Ex- periment überhaupt theoretisch einschätzen läßt.“ „Dann führe ich es allein durch, und zwar heute. Du kannst nach Hause gehen. Mutter ist bestimmt schon in Sorge. Sag ihr, ich hätte noch zu tun.“ „Bist du fest entschlossen?“ „Ja.“ „Warte bitte einen Augenblick, ich zieh die Jacke aus und schraube mir den Sessel höher.“, Dann gab es ein Geräusch. Wahrscheinlich … ein Kuß. Über- haupt gibt die Tonbandaufzeichnung viel persönliche Gesprä- che wieder, die in keinem Zusammenhang zu der rätselhaften Katastrophe stehen. Wir hielten uns nicht für berechtigt, diese Stellen in den vorliegenden Bericht einzubeziehen. Dann war ein immer lauter werdendes Summen zu hören, das in einen seltsamen vibrierenden Ton überging. „Was ist das, Liebling?“ Irina Lossewas Stimme war kaum zu verstehen. „Ich weiß nicht. Wir sind von einem Ring umgeben. Siehst du? Alles ist von einem sonderbaren blutroten Licht erfüllt. Es ist schwer und bildet Schwaden wie Radonemanation.“ „György! Da oben – ein strahlender Punkt.“ „Merkwürdig. Was kann das gewesen sein? Ich höre fast nichts, das Atmen fällt mir schwer.“ „Du schaust ja in die falsche Richtung! Dort, dort! Was ist das? Oh, wie schön … Sieh nur, geschmolzenes Gold ist um uns. Unsere Kabine ist wie ein Boot auf goldenen Wellen. Wundervoll!“ „Das ist der Tod!“ „Was hast du gesagt? Was ist denn? Warum sagst du nichts?“ „Ruhig Blut, Mädchen. Zieh den Rheostat – so weit du kannst. Verstärke die Gravitation maximal, dann wird sich der Raum um uns zusammenrollen. Es ist dann so, als befänden wir uns in einer Blase. Klar?“ „Und was wird aus uns?“ „Ich weiß es nicht, aber einen anderen Ausweg gibt es nicht. Nachlassen der Spannung bedeutet Explosion … Schnell, Irina, schnell! Und diesen Knopf…“, Wie oft wir das Band auch spielten, mehr vernahmen wir nicht. Jahre verstrichen. Immer wieder befaßte man sich mit dem Rät- sel dieses Verschwindens. Wenn alle Argumente erschöpft wa- ren, wurden Termini wie „vierte Dimension“ oder „Demateria- lisierung“ in die Debatte geworfen, anscheinend längst überhol- te Begriffe. Sobald sie auf energischen Widerstand stießen, stammelten ihre Verfechter verwirrt etwas von „Grenzen der Erkenntnis“. Gleichwohl bot dieser Vorfall, wie das Rätsel um den Tun- guskameteoriten, Nahrung genug für Streitgespräche und Vermutungen jeglicher Art. Und unter dem unwandelbaren Titel „Ein unenträtseltes Geheimnis“ erwachte er in den Zeit- schriften tausendfach zu neuem Leben. Irina Lossewa Zunächst hatte ich den Eindruck, als sei unser Versuch miß- glückt. Aber als ich, nachdem ich den Rheostat gezogen hatte, durchs Bullauge blickte, waren die violett lodernden Goldströ- me nicht mehr da. Etwas Unsichtbares und zugleich Undurch- sichtiges trennte uns von den Plasmaschwaden. Alles in allem dauerte das nur einen Augenblick, doch nie“ werde ich den plötzlichen schneidenden Schmerz in der Herz- gegend und die seltsame Schwere im Kopf vergessen. Es muß mir wohl gelungen sein, Györgys Hand zu drücken, bevor ich ohnmächtig wurde. Oder wurde ich gar nicht ohnmächtig? Als ich jedenfalls wieder durchs Bullauge blickte — dort war es, trüb und dunkel –, war mir, als sei höchstens eine Sekunde ver- strichen. György wischte sich mit dem Taschentuch bedächtig die Stirn. „Die Reaktion ist wahrscheinlich verlöscht. Instabilität. Da werden wir noch unsere liebe Not haben.“ Schweigend nickte ich. György streichelte meine Hand und sagte leise: „Keine Angst, Irinka. Es ist richtig gelaufen. Wir waren verpflichtet, die Reaktion zu unterbrechen. Die Zeit ist noch nicht reif für solche Experimente.“ Ich spürte, daß György recht hatte. Aber ich schämte mich der Sekunde der Angst, die mich in dem Augenblick über- mannt hatte, als die Reaktion eintrat. Deshalb trieb es mich, zu streiten, zu beweisen, zu überzeugen. Wen wollte ich zu einer anderen Ansicht bringen – mich oder ihn? Wirklich, ich weiß es nicht. „Hätte das Institut explodieren, die Erde bersten können? Vielleicht gar das Sonnensystem oder das Universum?“ Mir war, als klinge meine Stimme sarkastisch. Mein kluger und zärtlicher Freund tat, als begreife er meinen Zustand nicht. Er sagte nur: „Erst jetzt erkenne ich, wie unvernünftig dieses Experiment war. Hätte die Reaktion angefangen, Energie frei zu machen, wer weiß, was für eine Katastrophe passiert wäre.“ Wieder wurde mir angst. Ich stellte mir für einen Augenblick vor, wie ringsum das erste von uns „entzündete“ Atom ein Vernichtungsfeuer entbrannte. Wohin wurde das Universum geschleudert, wie weit vermochte sich das Feuer auszubreiten? „Alle Wetter! Wir sind schon dreizehn Minuten in der Kabi- ne“, György bot mir das Leuchtzifferblatt seiner Uhr, „Zeit, daß wir die Spuren unserer Missetat verwischen und schleunigst Tee mit Himbeerkonfitüre trinken gehen… Sonst können wir, uns auf etwas gefaßt machen.“ Als ich, auf Györgys Arm gestützt, aus der Luke auf den Fußboden sprang, ahnte ich nicht, daß sich eine Katastrophe ereignet hatte, obwohl das Labor dunkel war. „Weißt du, ob wir das Licht ausgedreht hatten, bevor wir das Experiment begannen?“ fragte ich György. „Ich glaube nicht … Vielleicht sind die Sicherungen durch- gebrannt.“ Ich beruhigte mich sofort. Ich kannte mein Labor genau. Mit schlafwandlerischer Sicherheit ging ich, die Notbeleuchtung einzuschalten. Meine Hand vermittelte mir ein neues Alarmsignal. Wo die glatte Schalttafel sein mußte, war rauhe, holprige Fläche. Ein Geflecht von Leitungen, etwas Weiches, Spinnwebähnliches, ein breiter schartiger Riß … Wie in einem Buch für Blinde las ich die Geschichte der Verteilungsschalttafel, die sich in einer läppischen Viertelstunde bis zur Unkenntlichkeit verändert hat- te. Meine Unruhe teilte sich György mit. „Ich begreife gar nichts. Wo sind die Apparate hin, der Tisch, der Stand zum Lesen von Mikrofilmen?“ Bald hatten wir uns überzeugt, daß der Saal leer war. Ich trat dorthin, wo das Fenster sein mußte. Ich streckte die Hand aus. Die Seide des Vorhangs zerfiel. Ich schüttelte das vermoderte Gewebe von den Fingern und versuchte die dicke Schicht Spinnengeweb und Staub zu entfernen, die das Glas bedeckte. Lange rieb ich zunächst mit der Hand, dann mit dem Ärmel, bis sich ein Lichtschimmer zeigte. Sollten alle diese merkwürdigen Veränderungen von der Re- aktion herrühren, die wie ein Blitz aufgezuckt war?, György bemühte sich inzwischen erfolglos, die Tür zu öff- nen. Auf dem Weg zu ihm stolperte ich. Ein massiver Eisen- träger, reichlich mit Rostschuppen bedeckt. Da ich ihn nur kurz anzuheben vermochte, rief ich György zu Hilfe. „Was ist das?“ fragte er erstaunt, während er den Gegen- stand hochwuchtete, der weiß der Himmel wie in mein Labor geraten war. Was konnte ich ihm erwidern? Ich begriff selber nichts. György richtete den Eisenträger auf und fuhr mit der Hand darüber. Rost rieselte herab. „Weißt du“, sagte er, „ein Schienenprofil. Das ist alles, was von dem Einschienengleis übriggeblieben ist, auf dem in dei- nem Labor der Versuchsstand geschoben wurde … Tja, das sind Sachen! Aber wie dem auch sei, das Ding kommt uns gut zustatten.“ György benutzte die Schiene als Rammbock. Nach einigen hallenden Stößen gab die Tür nach. Wir warfen uns gegen sie, und sie wich knarrend und kreischend zurück. Draußen ging der Tag zur Neige. Wie die Empfindungen wiedergeben, die von solchen Sommerabenden ausgelöst wer- den? Wie erkaltendes Metall im Formsand verglühen im Him- melsblau die Farben des Sonnenuntergangs. Ich weiß, daß sich nichts Ungewöhnliches ereignet an solch einem Abend. Den- noch war ich wie verzaubert. György und ich standen Hand in Hand da und schauten. Die Gräser wirkten bläulich und trau- rig. Es duftete nach weißem Tabak und ganz schwach nach Wermut. In der klingenden Luft haspelte Pappelflaum. Plötzlich fuhr György zusammen. Er wandte sich zu mir und klopfte mit dem Finger aufs Uhrglas. Es war kurz vor drei. Er- staunt blickte ich ihn an., „Begreifst du nicht?“ Zum ersten Mal sah ich ihn blaß wer- den. „Gleich drei Uhr nachts! Gegen elf sind wir ins Labor ge- kommen.“ In meiner Brust zersprang etwas. Ich betrachtete den Him- mel, das Abendrot, und begriff, daß etwas Nichtwiedergut- zumachendes geschehen war. Wie konnte es Nacht sein, da es noch so hell war. Ungefähr neun war es, nicht später. „Die Pappeln waren längst verblüht!“ Ich erkannte Györgys Stimme nicht, sie klang fremd und beängstigend. „Schon vor anderthalt Monaten hat überall Pappelflaum gelegen. Er flog in Häusern und U-Bahn-Tunneln umher, sammelte sich in den Rinnsteinen … Und jetzt – da, wieder …“ „Ist die Zeit etwa rückwärts gelaufen?“ fragte ich. „Ich weiß nicht. Schon möglich.“ Das erste, was ins Auge fiel, war der Park. Ein herrlicher, von Wohlgerüchen erfüllter Park, der rings um das Labor- gebäude rauschte. Ich war mir nicht sofort bewußt, daß ich die- sen Park zum ersten Mal im Leben sah. „Früher“, vielleicht auch „später“, wer weiß, war hier ein Feld gewesen, überwu- chert von Wermut und Melde. Der mit glitzerndem bernsteingelbem Sand bestreute Weg führte in den Park hinein. Wir spazierten an üppigen Olean- dersträuchern vorbei, immer wieder blieben wir stehen, um ein Marmorbassin zu bewundern, in dem indischer Lotos wuchs und orange-violette Amazonasfische tollten, oder ein Beet mit sonderbaren unirdischen Gewächsen, deren Blätter schillerten wie blaues Metall. Ich spürte den aufdringlich süßen und leicht giftigen Duft feuchter Magnolien. Im tiefen Blätterschatten er- glühten Phosphorkugeln. Leise summten verspätete Bienen, und der Wind brachte die Palmwedel, die wie geripptes Blech, waren, zum Tönen. Wir sprachen nicht. Gingen Hand in Hand dahin, erschreckt und verzaubert, wie Kinder in einem Märchenland. Der Weg führte auf einen prächtigen Bogen aus rauchfar- benem Bergkristall zu. Das schien der Eingang zu dem Park zu sein, aus dem wir kamen, doch ein Zaun war nirgends zu se- hen. Wir durchschritten den Bogen. Ich wollte gerade die im Abendschein leuchtenden Rhodonitstufen der abwärts führen- den Treppe hinuntersteigen, als György mich behutsam zu- rückhielt. Er wies auf die goldenen Flämmchen, die in dem Bergkristall tanzten. Sobald unsere Füße das spiegelnde schwarze Fundament berührten, richteten sich die Flämmchen wie auf Befehl zu goldenen Wortgestirnen auf. „Dieser Park ist der Erholung und der Meditation geweiht. Kein Gebäude soll in ihm errichtet, keine Energietrasse hin- durchgelegt werden. Im August des Jahres 20.. betraten Irina Lossewa und György Losonczy hier den Nullraum. Es war der erste Schritt der Menschheit zur Herrschaft über die Zeit.“ Doktor Losonczy Schon dort, im Park, am verlassenen Laborgebäude, ahnte ich, was vorgefallen war. Präatomarer Zustand … Was kommt nach den Atomen? Sollten wir die Grenzen unseres Denkens nicht erweitern können? Ich meinte, wir wären dazu imstande, doch meine Gedanken liefen ohnmächtig auseinander. Das glich dem Bau eines Turmes aus Sand. Jede neue Besonderheit, jede Wahrnehmung war ein Sandkörnchen. Wenn viele Sandkörn-, chen gesammelt sind, stürzt der Turm ein. Nun denn, mit der Zeit stimmte etwas nicht. Warum nicht? Ich wäre kein Physiker gewesen, hätte ich nicht, wenn zunächst auch nur annähernd, eine Antwort parat gehabt. Vor allem, wenn die Zeit für Irina und mich nicht so ver- laufen war wie für die anderen, und das war offensichtlich der Fall, dann waren wir aus dem allgemeinen irdischen System einfach herausgetreten. Aber wir hatten die Erde nicht verlas- sen, keineswegs waren wir Kosmonauten und Relativisten, für die – im Vergleich zu den irdischen Stunden – durch die irrsin- nige Geschwindigkeit der Sternenflüge die Zeit langsamer ab- läuft. Diese widersprüchlichen logischen Konstruktionen be- ruhten auf dem Gesetz der Einheit und des Kampfes der Ge- gensätze, die das von uns qualvoll gesuchte Geheimnis wahr- ten. Welches? Ich zwang mich, das Duell mit dem Unbekannten fortzusetzen. Ich besaß noch einen Stützpunkt – die Kettenreak- tion. Wir hatten mit der Gravitation experimentiert und folglich auch mit der Krümmung des Raums. Denn schon seit Einsteins Zeiten ist bekannt, daß die Gravitation nichts anderes ist als der Grad der Raumkrümmung. Außerdem hatten wir auch mit der Zeit experimentiert, weil der Lauf der Zeit von der Gravitation abhängt. Je stärker der Raum gekrümmt ist, desto langsamer verläuft die Zeit. Stopp! Stopp! Ich mußte innehalten und versuchen, die Schlußfolgerungen zu ziehen … Also folgendermaßen: Bei uns war etwas geschehen mit dem Verlauf der Zeit. Die Frage war nur, ob die Zeit für uns schnel- ler oder langsamer verlaufen war als für alle diejenigen, die sich während unseres Experiments außerhalb unserer Versuchska- bine befunden hatten, das heißt für alle übrigen Menschen., Die Zeit war langsamer für uns verflossen. Erstens: Unserer Uhr zufolge hatte das Experiment weniger als eine Sekunde gedauert, aber als es zu Ende war, entdeckten wir Veränderun- gen, wie sie sich in Jahrzehnten, wenn nicht in Jahrhunderten ansammeln. Aber darüber dachten wir vorläufig lieber nicht nach. Zu fürchterlich war die Annahme, daß rings um uns Jahrhunderte vergangen waren. Ich setzte meine logische Attacke fort. Zweitens also … Was war das für ein „Zweitens“, das bewies, daß die Zeit in der Ver- suchskabine beinahe stehengeblieben war? Es erwies sich, daß dieses „Zweitens“ ruhig ohne das auskommen konnte, was ich „Erstens“ genannt hatte. Es war fähig, jeden Physiker sofort zu überzeugen. Es handelte sich darum, daß wir, um uns vor der begonnenen Kettenreaktion der Entartung der Atome zu retten, den Raum rings um uns geschlossen hatten … Das heißt, wir hatten die Gravitation maximal gesteigert, und folglich hatten wir die Zeit angehalten. Ja, die Zeit angehalten! Wir hatten den präatomaren Zustand der Materie unter den Bedingungen eines extrem verzögerten Zeitverlaufs her- beigeführt. Was bedeutete das? Wie war das zu verstehen? Ich hatte sogleich eine Vorstellung, eine Hypothese, ich konnte nicht behaupten, daß sie stimmte, doch zurückzuweisen war sie vorderhand nicht. Ich hatte mir den präatomaren Zustand unter den Bedin- gungen eines verzögerten Zeitverlaufs vorgestellt, als etwas, was mit noch ungebornen virtuellen Elementarteilchen gefüllt ist. Ähnlich dem berühmten „Dirac-Meer“. Dieses „Meer“ ist eine Art Grenze, auf deren einer Seite die uns vertraute Welt mit ihrem Raum und ihrer Zeit liegt und auf der anderen – die, Antiweit mit dem Spiegelraum und dem umgekehrten Zeitver- lauf. In unserer Welt fliegen die Galaxien auseinander, in der Antiweit laufen sie zusammen. Die Grenze aber ist der präato- mare Zustand, Null-Zeit, Null-Raum. Die Menschen, die nach Irinas und meinen Zeitgenossen lebten, vielleicht sogar unsere Kollegen, mußten dieses begriffen haben. Daher die goldene Aufschrift: „Den Null-Raum betreten“. Unser Leben war nicht umsonst gewesen. Irina und ich stiegen die Rhodonitstufen hinab, dorthin, wo im blauen Dämmer die Lichter einer unbekannten Stadt flim- merten. Wie Kosmonauten nach der Rückkehr von fernen Pla- neten kamen wir uns vor. Wir waren nicht weggeflogen von der Erde, und doch war kein Mensch je weiter von ihr entfernt gewesen. Langsam schritten wir den unbekannten und doch vertrauten Menschen entgegen. „Wieso meinst du, daß sie unsere Rückkehr erwarten?“ frag- te Irina. „Sie haben einfach die Periode des Halbzerfalls der Materie in unseren Akkumulatoren berechnet“, antwortete ich. „Des- halb wußten sie, wann die Energie versiegen würde, die das geschlossene Gravitationsfeld gespeist hat. Die Elektroenergie wurde von uns nur als Anfangsimpuls benötigt, später existier- te das Feld dank der Omega-Teilchen. Aber wem sage ich das?“ Ich lachte. Irina blickte mir stumm in die Augen. „Ich weiß, daß sie auf uns warten … Sie können nicht an- ders …“,

Wladimir Nur eine Firsow Stunde

Er stand auf einem hohen Ufer, das zum Wasser hin steil abfiel. Weit hinter dem silbrigen Flußbogen reckten sich gigantische Gebäude. Oben, vor dem dunkelnden Himmelsblau, flammte im Abendrot eine Wolke. Am seltsamsten aber dünkte ihn, daß diese schöne Welt aus dem Nichts erstanden war, gleichsam der Ungewißheit eines plötzlich aufstrahlenden Lichts entris- sen. Zögernd hielt er Umschau. Die sanfte Uferbiegung rührte ihn schmerzlich an, als kennte er sie. Vergebens suchte er sich zu entsinnen, sein Gedächtnis versagte ihm den Dienst. Doch es war so unwirklich, was ihm da widerfuhr, daß er seine Unruhe sogleich vergaß. Erregt hob er die Hände und stellte verwundert fest, daß sie in straffen Handschuhen aus unbekanntem Material steckten. Da sah er prüfend an sich hinunter. Sonderbare Kleidung trug er – einen leichten Anzug von merkwürdigem Schnitt, beque- mes Schuhwerk, Halbschuhen ähnlich … Über den Baumwipfeln perlte silbernes Lachen. Er blickte auf. Gleich eleganten Libellen schwirrten Hand in Hand zwei leichte Figürchen auf durchsichtigen Flügeln über ihm. Sie, schossen abwärts, zum Wasser. Sekundenlang hallte ihr glück- liches Lachen nach, dann war es still. Wieder spähte er in die Ferne und begriff: Die Pünktchen im Blau, die Vogelschwärmen glichen, waren Menschen – Menschen wie diese beiden. Ein großes rotgelbes Blatt mit gezackten Rändern löste sich von einem Zweig und landete lautlos im Gras. Er bückte sich danach und spürte mit einemmal, daß die vertraute Färbung ihm Herzklopfen verursachte. Die goldenen Espen, die rot schimmernden Ahornbäume, die flammenden Ebereschen sag- ten ihm, daß der Herbst gekommen war. Angst regte sich in ihm, und der Grund dafür lag irgendwo dort, jenseits der schwarzen Gedächtnislücke. Jetzt konnte nicht Herbst sein! Er stand mit wachen Sinnen da, und die Sonne senkte sich hinter den Horizont. In der eintretenden Dämmerung nahm er ein fernes rubinrotes Licht wahr, das von einem nadelspitzen altertümlichen Turm zu der lohenden Wolke emporstieg. Rechts, wo sich schon fliederfarbener Nebel über die Fluß- windung breitete, tauchten nacheinander bunte Ballons aus dem Wasser. Sie stiegen hoch über die Dächer und platzten mit melodischem Klang. Immer mehr Ballons stiegen auf, ihr Tonen verschmolz zu einer ungeduldigen Melodie. Von einer kleinen Menschengruppe, die etwa zwanzig Schritt entfernt stand, löste sich ein hochgewachsener grau- haariger Mann und kam auf ihn zu. „Guten Tag, Hans“, sagte der Grauhaarige und reichte ihm die Hand. Hans lächelte unsicher, während er der schönen Stimme des Unbekannten lauschte. „Wer sind Sie?“ fragte er und verstummte. Er versuchte sei-, ner Unruhe Herr zu werden. Die bunten Ballons vereinigten sich zu einer flammenden Sonne, und nun brannten am Himmel gleich zwei Gestirne –ein untergehendes glutrotes und ein anderes, das ständig seine Farbe wechselte. Davon glitt blauer, grüner, violetter und gol- dener Schein über die Blätter, über das Gras, über die Gesichter, und die rötliche Wolke changierte ebenfalls bald blau, bald grün, bald violett, bald golden. Nach wie vor leuchtete in der Ferne das rubinrote Licht, sternförmig, wie Hans jetzt erkannte, und daneben ein zweites, drittes, viertes … Nun wußte er, wo er sich befand, und voller Staunen schaute er dem vor ihm ste- henden Mann ins Gesicht, in Augen, die traurig, zärtlich und besorgt blickten. Er sah sich selbst darin, die bunte, sinkende Sonne, die hundertgeschossigen gewichtslosen Gebäude, die rubinroten Kremlsterne. Sein Gedächtnis war wiedergekehrt. Das war so ungeheuerlich, daß er fast das Bewußtsein verlor. Ein trüber Strom von Angst und Schmerz riß ihn mit sich fort, blendete ihn, drückte ihm die Kehle zu. Entsetzt fuhr er zurück. „Was ist mit Ihnen, Hans?“ fragte der Grauhaarige und woll- te ihn stützen. „Nein!“ sagte Hans und wich ihm aus. Sein Gesicht hatte sich verzerrt. „Nein! Nein! Nein!“ Es war eine ganz gewöhnliche Wand – eine glatte, blen- dendweiß gekachelte Wand. Der Raum war ebenfalls ganz ge- wöhnlich – falls man das von einem Raum sagen kann, in den man blickt, wenn man die Wange an rauhe Fliesen preßt. Er- staunlich, wie in diesem hellen, peinlich sauberen Kabinett so viel Schmerz entstehen konnte., Wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt rann ein Blutstropfen über eine weiße Fliese. Mit einem Auge be- obachtete er dessen gemächliche Bahn. Das zweite Auge, ver- schwollen von einem Kolbenhieb, sah fast nichts. Da er nun wieder bei Besinnung war, wußte er, daß er nichts gesagt hatte und nichts sagen würde. Wußte auch, was ihn das kosten wür- de, und er nutzte die kurze Atempause, um Kräfte zu sammeln. Er durfte nicht lange ausruhen. „Aufstehn!“ schrie Oberleutnant Kranz mit sich über- schlagender Stimme, und ein jäher Schmerz von einem Tritt in die Nierengegend erschütterte den Körper des Liegenden. Müller sah den Oberleutnant mißbilligend an. Vernehmen war vor allem Arbeit. Wenn man sich jedesmal derart auf- putschte, war man nach einer Woche irrenhausreif. Der Mann auf dem Fußboden war mit der Waffe in der Hand festgenommen worden. Lange gejagt, wäre er seinen Verfolgern entschlüpft, hätte er sich nicht zum Nahkampf entschlossen gehabt. Vermutlich, um den Rückzug eines Kameraden zu dek- ken, dessen Leben er für wertvoller als das eigene hielt; wohin der andere entkommen war und mit welchem Auftrag, blieb unbekannt. Müller war überzeugt: Der Gefangene würde reden. Das Verhör war bereits in das Stadium getreten, da nicht einmal die Hartnäckigsten standhielten. Schade, daß der Oberleutnant die Nerven verloren hatte und sinnlos auf den Gefangenen ein- schlug. Müller war ein Meister seines Fachs, Pfuscherei war ihm zu- wider. Er verstand es, einen Menschen durch alle Kreise der Hölle zu führen. Er spielte komplizierte Vernehmungs- symphonien, ohne sich je zu wiederholen, stets erfand er neue,, individuell bemessene Folterqualen. Langjährige Routine ge- stattete ihm, den Schmerz genau zu dosieren. Töten war nicht schwer. Weitaus schwieriger war es, jemanden am Leben zu halten, der den Tod wie ein überirdisches Glück herbeisehnte. Kranz hätte sich nicht einmischen sollen; nun hatte er alles verpatzt. Zwei, drei Schläge zuviel, und ein Verhör kann als mißglückt betrachtet werden. Müller wußte nicht, daß der Oberleutnant den Augenblick verfluchte, da er vor General Hoffmann selbstgefällig die Ver- mutung von einem zweiten Spion geäußert hatte. „Also ist er uns durch die Lappen gegangen“, hatte der General sinnend gesagt und an Kranz vorbei ins Leere geblickt. „Bringen Sie den Gefangenen zum Reden, oder trollen Sie sich an die Ost- front …“ „Aufstehn!“ brüllte der Oberleutnant wieder und versetzte dem vor ihm liegenden Mann einen Fußtritt. Der erhob sich stöhnend und wollte sich an der Wand fest- halten. Seine Hände glitten an den weißen Kacheln ab und hin- terließen rote Streifen. Gleich zu Anfang waren ihm die Nägel von den Fingern gerissen worden. Er versuchte nachzurechnen, wieviel Stunden seit dem Au- genblick seiner Gefangennahme verstrichen waren. Daß der Verbindungsmann trotz allem entkommen war, hatte er erfah- ren, als das Verhör begann. Vielleicht war es diesem bereits ge- lungen, das Ziel zu erreichen, vielleicht lag der Geheimplan der neuen deutschen Offensive schon vor sowjetischen Generalen. Aber es konnte auch sein, daß der Verbindungsmann unter- wegs aufgehalten worden war. Also weiterhin schweigen, die Zähne zusammenbeißen und schweigen. Wenn sie wüßten, wen sie vor sich haben, dachte er., Vor Jahren war er Reichstagsabgeordneter gewesen und hat- te demzufolge Immunität genossen. Dieser Gedanke schien ihm so ungereimt, daß er mit den zerschundenen Lippen lächelte. Und Oberleutnant Friedrich Kranz, der vergebens darauf war- tete, Angst im Gesicht des Gefangenen zu lesen, ihm um Gnade betteln zu hören, verlor vollends die Fassung. Der Gedanke daran, daß General Hoffmann Wort halten würde, entsetzte ihn. Kranz sah sich schon unter den Ketten eines sowjetischen Panzers –zermalmt, in den Schmutz gestampft auf einem der zahllosen Winterwege, auf denen die geschlagenen Truppentei- le der Wehrmacht zu den Grenzen Deutschlands zurückflute- ten. Um alles in der Welt wollte er am Leben bleiben. Dafür war er bereit, zu henken, zu foltern, zu erschießen … Wenn es nur hülfe, würde er sich auch auf die Knie werfen vor diesem hart- näckigen Kommunisten, der plötzlich taumelte und zu Boden sank … Kranz trat an das vergitterte Fenster und holte ein Päckchen Zigaretten hervor. Drei Streichhölzer brachen ab, erst am vier- ten konnte er, nachdem er mit Mühe seine zitternden Finger in die Gewalt bekommen hatte, anrauchen. Er war dem Ersticken nahe. Er schob die Hand zwischen die Gitterstäbe und stieß das Fenster auf. Nebelschwaden, mit Schnee vermischt, drangen herein. Kranz vernahm fernes Grol- len. Sowjetische Artillerie. Hinter dem Oberleutnant machte sich der von Müller gerufene Arzt an dem Mißhandelten zu schaffen. Instrumente klapperten. Schließlich richtete sich der Arzt auf und säuberte die Hände mit Watte. Es roch nach Spiri- tus. „Die Nacht überlebt er nicht“, brummte er. Kranz rührte sich nicht, Kälte breitete sich in ihm aus. Es, war, als zersprang etwas in seiner Brust, und plötzlich wußte er, was zu tun war, damit Hoffmann seine Drohung nicht wahrzumachen brauchte. „Sperr ihn in den Keller“, befahl er Müller, ohne sich um- zudrehen, als der Arzt gegangen war. „Morgen früh ein Schild mit der Aufschrift ‚Deserteur’ um den Hals und aufhängen. Gestern ist aus der zweiten Kompanie ein Soldat desertiert. Er ist noch nicht gefaßt.“ Bis zur letzten Stunde blieb Friedrich Kranz ein disziplinierter Offizier der Abwehr, dem die Pflichterfüllung über alles ging. „Von dort, aus dem Keller, haben wir Sie hergeholt“, sagte Professor Swet. „Für die Technik des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts ist das eine Kleinigkeit.“ Die smaragdene Sonne, die über der Stadt schwebte, ver- färbte sich. Als fielen Aquamarinspritzer auf ihre Oberfläche und erblühten zu feurigen Kornblumen. Leises Geläut schwang in der Abendluft, dann durchbohrten Feuersäulen das Him- melsgewölbe und schlossen sich zu einem wehenden Schleier zusammen. „Was ist das?“ fragte Hans mechanisch, er dachte an etwas anderes. „Heut ist der Tag des Himmels. Da fliegen die Schüler erst- malig zum Mars“, antwortete der Professor. Eine Weile schwiegen sie. Verstohlen blickte der Professor auf die Uhr, seine Miene spiegelte Besorgnis. „Dennoch begreife ich nicht …“, sagte Hans unentschlossen. „Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf“, erwiderte Swet schnell. „Es geht hier nicht um die technischen Details, obwohl die auch sehr interessant sind. Ich bin nicht Ingenieur,, sondern Historiker, Spezialist für alte Geschichte. Ich befasse mich mit dem zwanzigsten Jahrhundert, deshalb habe ich den Auftrag, Sie zu empfangen – den ersten Menschen, der eine Reise in die Zukunft unternommen hat.“ „Warum gerade ich?“ fragte Hans. „Die Wahl wurde nicht zufällig getroffen. Ich erinnere nur an einige Episoden aus Ihrem Leben. Sie wurden neunzehnhunderteins in einer alten deutschen Arbeiterfamilie geboren. Ihr Vater war SPD-Funktionär und starb im Gefängnis an Tuberkulose. Das geschah gerade in den Tagen, da in Rußland Revolution war. Als Sie vom Tode Ihres Vaters erfuhren, legten Sie den Schwur ab, sein Werk fortzuset- zen. Seitdem war Ihr Leben der Sache des Proletariats geweiht. Die Feuertaufe erhielten Sie am sechsten Dezember neunzehn- hundertachtzehn, als Sie in der Spartakusgruppe an der Nie- derschlagung des konterrevolutionären Putsches in Berlin teil- nahmen. Am dreißigsten Dezember fand der Gründungspartei- tag der Kommunistischen Partei Deutschlands statt. Sie wurden mit Karl Liebknecht bekannt. Bald darauf wurde in Bayern die Räterepublik gebildet, und Sie kämpften für deren Unabhän- gigkeit ziemlich bis zum letzten Tag. Am ersten Mai neun- zehnhundertneunzehn wurden Sie verwundet, festgenommen und für drei Jahre ins Gefängnis geworfen. Neunzehn- hundertdreiundzwanzig halfen Sie Thälmann, den Aufstand in Hamburg vorzubereiten – den Aufstand, der dann verraten wurde. Neunzehnhundertzweiunddreißig schickte die Kom- munistische Partei Sie als Abgeordneten in den Reichstag. Im Februar des folgenden Jahres wurden Sie verhaftet. Verneh- mungen folgten, Mißhandlungen. Die Henker interessierte, wo sich Thälmann verborgen hielt, von Ihnen erfuhren sie nichts., Das Urteil lautete – zehn Jahre Zuchthaus. Nach vier Jahren gelang Ihnen die Flucht nach Frankreich. Von dort aus gingen Sie nach Spanien und kämpften in den Internationalen Briga- den. Nach dem Fall der Republik fuhren Sie in die UdSSR, und im Herbst neunzehnhunderteinundvierzig verteidigten Sie Moskau. Ein alter Genosse suchte Sie auf und schlug Ihnen vor, im deutschen Hinterland zu arbeiten. Sie führten einige schwe- re und verantwortungsvolle Aufträge aus und entkamen je- desmal wohlbehalten der Gestapo, der Abwehr und dem SD. Erst im Januar neunzehnhundertfünfundvierzig wurden Sie gefangengenommen und nach langen Folterungen gehängt.“ Hans schaute den Gesprächspartner erstaunt an, doch er wagte nicht die Kardinalfrage zu stellen. „Kommen Sie, Hans“, sagte der Professor. „Ich zeige Ihnen Moskau. Unterwegs erzähl ich weiter.“ Er legte Hans den Arm um die Schultern, und sie näherten sich einer Wendeltreppe, die in diffuses, fliederfarbenes Halb- dunkel führte. Menschen, die in ihrer Nähe gestanden hatten, folgten ihnen. „Wer sind diese Leute?“ fragte Hans. „Die haben Sie hergebracht. Introchronopiloten und …“, Swet stockte sekundenlang, suchte nach dem Wort, „Me- diziner.“ „Warum kommen Sie nicht her?“ fragte Hans und verlang- samte den Schritt. Der Professor hinderte ihn sanft. „Das geht nicht. Glauben Sie mir, Hans. Wir dürfen nicht stehenbleiben. Wir haben keine Zeit…“ Langsam stiegen sie hinab, die nächsten zwei, drei Stufen vor ihnen erglühten jeweils in mildem Licht. Hans drehte sich, um. Die Stufen hinter ihnen erloschen allmählich. Am Ende der Treppe gewahrte Hans eine schwachleuch- tende Scheibe. Sie stellten sich darauf, die Scheibe erzitterte und entschwebte gemächlich über das Wasser auf die Kremlsterne zu, von wo gedämpfte Musik und Gelächter herüberscholl. Andere Scheiben, mit Passagieren besetzt, folgten ihnen. Der Professor erriet die Gedanken des Gastes, und sogleich erschie- nen vor ihnen zwei bequeme Sessel. Neugierig betrachtete Hans die vorüberziehenden Gebäude, die Menschen, die sich an den Ufern drängten und ihm zuwinkten, das Lichtergewirr am nicht verlöschenden Abendhimmel. Von einer Brücke aus überschüttete ihn ein Mädchen mit Blumen. Er sammelte sie auf, wandte sich um, suchte das Mädchen mit den Augen, aber sie hatten die Brücke längst passiert. Vor ihnen strahlten die rubinroten Sterne. Der Professor schaute auf die Uhr und erhob sich aus seinem Sessel. „Sie müssen Nachsicht mit uns üben, Hans“, sagte er. „Aber wir haben keine Zeit. Nehmen Sie. Er hat fünfhundert Jahre auf Sie gewartet.“ Er streckte Hans die Hand hin. Darauf lag ein kleiner Ge- genstand. Der Abendschein beleuchtete die kleine Emaillefahne über dem vertrauten ährenumkränzten Emblem. Hans spürte sein Herz höher schlagen. „Ich diene der So- wjetunion!“ flüsterte er heiser die vorgeschriebene Formel, die für seinen Gesprächspartner wie eine geheimnisvolle Beschwö- rung unvorstellbar ferner Zeiten klang. In diesem Augenblick erkannten die beiden Männer, daß die fünf Jahrhunderte zwischen den Epochen, denen sie an- gehörten, sie nicht im mindesten trennten. Hans wußte aber noch nicht, daß selbst die vollkommenste, Technik außerstande war, die Kette von Ursachen und Wir- kungen zu sprengen und die Bindung an sein Jahrhundert zu lösen. Professor Swet wußte es. Und er, ein Mensch des fünf- undzwanzigsten Jahrhunderts, aufgewachsen in einer Welt oh- ne Gewalt und Furcht, begann plötzlich zu begreifen, wie schwer die Aufgabe war, die er übernommen hatte. War er ihr gewachsen? Einen Menschen in den Tod zu schicken! Der Verstand sagte Swet, daß er keinerlei Schuld trage, daß der grausame Beschluß unabänderlichen Naturgesetzen ent- sprang, vor denen selbst der mächtigste Intellekt kapitulieren mußte … Doch dieser Gedanke besänftigte ihn keineswegs. Von allen Seiten ertönten besorgte Funksignale – die Leute von den Nachbarscheiben boten ihre Hilfe an. Doch der Profes- sor antwortete nicht. Hans bemerkte den Notstand. „Was ist?“ fragte er. Schwer ließ sich der Professor in den Sessel fallen. „Was habe ich ange- richtet!“ sagte er. Der ganze, von den besten Psychologen des Planeten präzis durchdachte Gesprächsplan war ihm entfallen. „Die Sache ist die“, sagte der Professor verzweifelt, „die Sa- che ist die, daß Sie in einer Stunde zurück müssen! Zurück ins zwanzigste Jahrhundert.“ Hans begriff nicht gleich die volle Tragweite dieser Worte, und er lächelte. „Glauben Sie mir, dies ist das größte Glück für mich. Meine Augen haben die Zukunft gesehen, für die ich Zeit meines Lebens gekämpft habe. Sie können sich gar nicht vor- stellen, welche Kraft mir das gibt.“ „Nicht doch, nicht doch …“ Swet stöhnte. „Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Also … Wir können uns nicht in die Vergan-, genheit einmischen!“ Erst jetzt wurde der schreckliche Sinn des Gesagten klar. Hans fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Also in einer Stunde“, sagte er gepreßt. „Ja! In einer Stunde müssen Sie wieder in dem Keller sein …“ Geräuschlos flogen die Scheiben über Dächer und Kuppeln. Seufzend verlosch die pulsierende Sonne. Bei jedem Seufzer wechselte sie die Farbe. Manchmal zogen unten kleine Seen vorüber, wie bunte Spiegelscherben anzusehen. Die Scheiben flogen schneller, doch Hans spürte keinen Gegenwind. „Erklären Sie es mir“, sagte er, als das Schweigen beiden un- erträglich wurde. „Wie alt bin ich Ihrer Meinung nach, Hans?“ fragte der Pro- fessor. „Ungefähr fünfundvierzig. Vielleicht älter. Sie haben graue Haare.“ „Ich bin hundertachtzig Jahre alt, Hans. Und werde noch lange leben. Zweihundert Jahre ist die durchschnittliche Le- benserwartung auf unserem Planeten. Wir haben alles, was das Herz begehrt … Unter den vierzig Milliarden Bewohnern des Sonnensystems gibt es keinen einzigen rechtlosen Menschen. Wir haben die Krankheiten ausgerottet, die Lebensdauer ver- dreifacht und es gelernt, zu anderen Sternen zu fliegen. Der Schüler von heute weiß mehr als die größten Denker Ihrer Zeit. Und das danken wir unseren Vorfahren. Wir haben es niemals vergessen, auch wenn die unmittelbare Empfindung dafür mit der Zeit schwächer geworden ist. Jahrhunderte sind ins Land gegangen, und die größte Tat in der Geschichte der Menschheit ist so etwas wie ein Axiom geworden, an dessen Wahrheitsge-, halt man nicht zweifelt, über dessen tiefen Sinn man aber auch nicht nachdenkt. Vor ungefähr fünfzig Jahren wurde eine Methode entdeckt, durch die Zeit zu sehen, und plötzlich bot sich die Vergan- genheit auf den Schirmen der Introchronovisoren dar. Ich muß bekennen, die Bilder von Barbarei, Gewalt und gegenseitiger Ausrottung, von denen Jahrhunderte unserer Geschichte ange- füllt sind, weckten Schauder und Abscheu bei deren Zuschau- ern. Es wurden sogar Stimmen laut, die forderten, das Introch- ronosehen zu verbieten und die Forschung auf diesem Gebiet einzustellen. Und dann stand die Menschheit zum ersten Mal vor der Frage der Verantwortung für unsere Vorfahren. Das Ergebnis war ein Apparat für Reisen durch die Zeit. Nun haben wir die Möglichkeit, den Vorfahren wenigstens teilweise unse- ren Dank abzustatten. Vielleicht wundern Sie sich über meine Worte, Hans. Uns beiden ist bekannt, daß die Geschichte nicht nur von Helden gemacht wurde. Ich weiß, daß Sie selbst nie am Sieg Ihrer Sache gezweifelt haben. Aber diejenigen, die den Mut verloren, die ohne Glauben starben und sich verraten, betrogen wähnten…? Und all die in Krematorien Verbrannten, durch Zyklon Vergif- teten, an der Strahlenkrankheit Gestorbenen oder die Opfer der KZ-Psychose? Manches meiner Worte ist Ihnen wohl unbekannt. Das kann nicht anders sein – erst nach Ihrem Tode hat die Welt davon Kenntnis erhalten. Sagen Sie, verdient nicht jeder dieser Millio- nen namenlosen Helden, zumindest kurz, meinetwegen für ei- ne Stunde, die Zukunft zu sehen, derentwegen er den Tod auf sich genommen hat, um zu erfahren, daß er nicht umsonst ge- storben ist? Wäre das nicht ein Stückchen Dank der Nachkom-, men an diejenigen, die ihnen nicht nur Glück und Wohlerge- hen, sondern überhaupt die Existenz ermöglichten? Das ist der Grund, weshalb wir Menschen des fünfundzwanzigsten Jahr- hunderts uns schließlich zu diesem Experiment entschlossen haben. Begreifen Sie, Hans, uns trennen über fünfhundert Jahre. Dort, im zwanzigsten Jahrhundert, sind Sie schon längst ge- storben, verscharrt, und nicht einmal Ihre Asche ist mehr auf- findbar. Sie existieren nur hier, in unserer Zeit, und auch die verrinnt. Nur für eine Stunde haben wir Sie der Vergangenheit entrissen. Mehr für Sie zu tun, sind wir noch nicht imstande. Was sich vollzogen hat, läßt sich nie mehr ändern. Es steht jeden- falls nicht in unserer Macht. „Ja, ich weiß“, sagte Hans nachdenklich. Sein zum Himmel gewandtes Gesicht war starr. „Es rettet uns kein höh'res Wesen – kein Gott, kein Kaiser noch Tribun …“ „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“, setzte der Professor voller Stolz und Freude über seinen mann- haften Vorfahren fort. Sekundenlang blickte Hans auf die unter ihnen vorüber- gleitenden Lichter. „Wer hier gewesen ist, wird als ein anderer zurückkehren“, sagte Hans. Das klang wie eine Frage. „Deshalb können wir ihm auch erst kurz vor seinem Tode die Zukunft eröffnen.“ „Warum darf ich denn nicht hierbleiben? Was braucht die Vergangenheit einen namenlosen Toten?“ Der Professor schüttelte den Kopf. „In vierzig Minuten tritt im zwanzigsten Jahrhundert Gestapomann Müller in den Kel- ler, um Sie in eine Wehrmachtsuniform zu zwängen und statt des entwischten Deserteurs aufzuknüpfen. Wenn er Sie nicht, findet, schlägt er Alarm. Die im Gefängnis arbeitenden Russen und der Beauftragte der Illegalen, die einen Überfall auf die Gestapo vorbereiten, werden eingekerkert. Der Überfall schei- tert, und alle Verhafteten werden vor der Ankunft der sowjeti- schen Truppen erschossen. Das wäre die erste Folge Ihres Aus- bleibens. Die Kettenreaktion ist damit noch nicht zu Ende. Nach dem Kriege soll einer der Gefangenen Kernphysiker werden und eine große Entdeckung machen. Sie wird nicht gemacht – genauer, sie wird zunächst in Amerika gemacht, das infolge- dessen eine mächtige Waffe erhält. Der Besitz dieser Waffe treibt seine Machthaber zur Entfesselung eines thermonu- klearen Weltkriegs … Das ist das Schicksal nur eines Menschen, den Ihre Rückkehr rettet. Bei einem anderen würde das Ergebnis nicht weniger erstaunlich ausfallen. Wenn die Zukunft auch nur eine Hand- voll Ihrer Asche einbehält, so betrügt sie sich selbst, und die Folgen können katastrophal sein.“ „Mir scheint“, sagte Hans plötzlich und zum Erstaunen des Professors mit leichter Ironie, „Sie beruhigen weniger mich als sich selbst … Also gut, Professor, was sein muß, muß sein. Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen…“ Swet spürte tiefe Schamröte in seinem Gesicht. Welchen Kleinmut hatte er diesem unbeugsamen Mann unterstellt! „Sie sind großartig, Hans!“ rief er begeistert. „Ehrenwort, ich fühle mich wie ein kleiner Junge neben Ihnen!“ Hans unterbrach ihn. „Sagen Sie, warum ist mir nur eine Stunde zugebilligt? Jch muß doch ziemlich lange im Keller ge- legen haben.“ „Sie vergessen Müller und Kranz. Vier von den fünf Stunden brauchten unsere Mediziner, um die Spuren der Vernehmung, zu tilgen.“ Hans blickte auf seine Hände in den Handschuhen. „Wir haben es nicht geschafft, Nägel wachsen zu lassen“, sagte Swet. „Übrigens kann ich Ihnen mitteilen, daß sich Kranz in derselben Nacht erschossen hat. Müller wurde ein halbes Jahr später aufgehängt.“ Die Scheibe ging steil nieder und setzte zwischen Gebäuden auf. „Noch eine Viertelstunde“, sagte Swet. „Lassen Sie uns ein wenig durch die Straßen gehen. Ich werde Ihnen von Ihrem Sohn erzählen. Sie haben ihn zum letzten Mal gesehen, als er drei Jahre alt war …“ „Nun, das wär's“, sagte Swet traurig. „Die Zeit ist um. Leben Sie wohl, mein lieber Freund!“ „Lebt alle wohl“, sagte Hans zu den Menschen, die ihn um- ringten. „Nur eine Stunde eurer wunderschönen Welt habt Ihr mir schenken können. Aber diese Stunde hat mich glücklich gemacht. Ich weiß jetzt, daß ich nicht umsonst gestorben bin. Ich danke euch!“ Hans schritt zu der Luke des Introchronoplans und drehte sich um. Vor ihm standen, gespannt, ernst, die Menschen der Zukunft, die plötzlich begriffen hatten, um welch ungeheuren Preis ihre Existenz erkämpft war. Hinter ihm in der unvorstell- bar fernen Vergangenheit dröhnten die Salven der sowjetischen Artillerie. Und diese Vergangenheit rief ihn! Er hob die Faust zum proletarischen Gruß, und alle, die an der Luke standen, taten es ihm nach. Die Gestalten in dem schwarzen Lukenoval verschwammen, doch er erzitterte nicht., Er vermochte schon nicht mehr zu sagen, ob es diese wunder- bare Stunde wirklich gegeben hatte oder ob alles nur ein letztes Aufbäumen seines Lebenswillens war. Eins allerdings wußte er genau, und dieser Gedanke hielt ihn aufrecht, solange ein Fun- ke Bewußtsein in ihm glomm. Die Zukunft wird schön sein!,

Alexander Fenster zur Schalimow Unendlichkeit

„Wie haben Sie diesen Film gedreht, Herr Professor? Vieles wirkt ganz echt. Zum Beispiel die grauenhafte Szene, wo der Nachtmahr den kleinen Wilden verschlingt.“ Professor Satajana lächelte verbindlich. „Ihre Frage klingt wie ein Kompliment, Monsieur Vallon. Ich muß jedoch rich- tigstellen: Es ist alles ,echt', wie Sie sagen. Keinerlei … Tricks. So war es wirklich.“ „Aber das ist unmöglich.“ „Wenn Sie gestatten, will ich versuchen, Sie davon zu über- zeugen. Und ich verhehle nicht, daß ich auf Ihre Unterstützung hoffe.“ „Reklame für den Film?“ Mit seiner schwammigen Hand wehrte Satajana gering- schätzig ab. „Nein, ich denke vorläufig nicht daran, ihn für die Öffentlichkeit freizugeben.“ „Schade, der Film könnte ein Riesenerfolg werden.“ „Danke. Aber es geht um etwas anderes. Um etwas völlig anderes. An der Anlage muß einiges verändert werden. Ich meine den Apparat zur videomagnetischen Aufzeichnung. Ich brauche hohe Bildfrequenzen.“ „Das ist kein Problem.“ „Für mich schon. Ich brauche sehr hohe Bildfrequenzen.“ „Zum Beispiel?“, „Einige hunderttausend Aufnahmen in der Sekunde.“ „Hunderttausend?“ „Noch besser Millionen oder hundert Millionen.“ „Das ist utopisch, Herr Professor.“ „Vorläufig scheint es so zu sein. Aber zu einem Ihrer Fern- sehstudios, Monsieur Vallon, gehört ein erstklassiges Ent- wicklungsbüro, und ich dachte, daß zum Beispiel Ingenieur Jacques Esztergom …“ „Kennen Sie ihn?“ „Ich habe von seinen Arbeiten gehört.“ François Vallon, einer der größten Film- und Fernseh- produzenten der kapitalistischen Welt, maß seinen Ge- sprächspartner mit einem prüfenden Blick. Das runde, gelbliche Gesicht Satajanas verriet nichts. Nur wie stets ein verbindliches Lächeln und hinter den dicken Brillengläsern gespannte Erwar- tung. Zweifellos lauert er auf meine Antwort, dachte Vallon. Seltsam, ein Biochemiker und namhafter Psychiater interessiert sich für Filmtechnik. Dazu diese Gruselstory. Im Vergleich zu diesem Film ist jeder Horrorschinken ein Kindermärchen. Vier- zig Jahre arbeite ich schon in der Branche, und ich hatte keine Ahnung, daß man so etwas drehen kann. Unglaublich reali- stisch. „Jacques Esztergom ist ein begabter Ingenieur“, sagte schließlich der Filmproduzent. „Er hat eine Menge zur Ver- besserung der Aufnahmetechnik beigetragen, besonders beim Stereofilm. Aber Ihre Wünsche, Herr Professor … Diese Nuß wird wohl selbst Esztergom nicht knacken können.“ „Stereo – das ist es gerade, was ich brauche“, fiel ihm Sataja- na ins Wort. „Stereo und hohe Bildfrequenzen, sehr hohe Fre- quenzen … Verzeihen Sie, ich habe Sie unterbrochen.“, François Vallon zog bedauernd seine breiten Schultern hoch. „Ich habe Ihnen doch gesagt … Und außerdem, Herr Professor, will ich offen reden. Wenn ich es für möglich halte, Esztergom mit der Lösung dieser Aufgabe zu betrauen, der partiellen Lö- sung, versteht sich, denn es kann sich nur um eine Erhöhung der schon erreichten Frequenzen handeln, dann muß ich den Zweck dieser Arbeit kennen. Ihre Absicht, Herr Professor, und … meine. Mit anderen Worten: Was bringt das der Firma Fran- çois Vallon ein?“ „Diese Frage habe ich erwartet.“ Wieder lächelte Satajana höflich. „Die Antwort lautet: Filme, wie Sie eben einen gesehen haben. Sehr hohe Bildfrequenzen schaffen die Möglichkeit, na- türlich nicht ganz ohne mein Zutun, solche Filme äußerst billig herzustellen. Ich versichere Ihnen, daß diese Filme interessanter und besser sein werden, als wenn Sie eine Million geniale Drehbuchautoren beschäftigen. Sie brauchen gar keine Drehbü- cher mehr, keine Regisseure, Kameramänner und Schauspieler, keine Statisten, Dekorationen und kostspielige Außenaufnah- men. Ihre Filme werden in einem gemütlichen Labor von einem kleinen Team aufgenommen, dann von einem erfahrenen Cut- ter geschnitten, schließlich vertont, und schon kann man Kopi- en ziehen. Übrigens rechne ich damit, daß man auch die Verto- nung bedeutend verbessern, daß heißt verbilligen kann.“ Wahrscheinlich habe ich meine Zeit vergeudet, dachte Val- lon. Gleich wird er mich um Geld zur Verbesserung seines Ap- parats angehen, und ich werde ihn von der Sekretärin hinaus- geleiten lassen. Wie oft habe ich mir geschworen, mich nicht mit Leuten einzulassen, die eine fixe Idee haben … Aber der Film“ ist interessant … Vielleicht will er ihn verkaufen. Für die- sen Film konnte man schon etwas zahlen., Vallon richtete seinen Blick zur Decke und überschlug, wie- viel der Film Satajanas wert sei. „Selbstverständlich“, fuhr der Professor fort, „bleibt unsere Vereinbarung geheim. Auch Esztergom …“ „Soviel ich weiß“, unterbrach ihn Vallon leicht erregt, „haben wir bisher nichts vereinbart. Außerdem haben Sie meine Frage noch nicht beantwortet. Sie haben vergessen, Ihre Absicht zu nennen.“ Satajana antwortete mit einem strahlenden Lächeln: „Wir Wissenschaftler sind bescheiden, Monsieur Vallon. Ich glaube nicht, daß meine unerhebliche Absicht für Sie interessant sein könnte.“ „Hm … Und Ihre Bedingungen?“ „Keinerlei Bedingungen, Monsieur Vallon. Nur die Bitte, daß sich Esztergom mit der Verbesserung der Anlage beschäftigt.“ „Nun, und die weiteren Bedingungen?“ „Keine …“ „Das heißt, wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie der Firma Vallon und Co. ein Geschenk machen?“ „Sie sind zu liebenswürdig, Monsieur Vallon. Aber was Sie Geschenk nennen, sind lediglich Produktionsabfälle.“ „Produktionsabfälle?“ „Ja … Das Material, aus dem in Ihren Studios die Filme mon- tiert werden, übergebe ich Ihnen nach einer entsprechenden … Auswertung. Mit anderen Worten, die für Sie wertvollen Sze- nen erhalten Sie, wenn ich sie nicht mehr brauche. Sollte es notwendig sein, lasse ich mir Kopien anfertigen.“ „Ich verstehe nicht …“ „Sie wollen sagen, daß Ihnen die Herkunft des Materials un- klar ist, Monsieur Vallon. Der Film, den Sie eben gesehen ha-, ben, besteht aus Aufzeichnungen von Bioströmen aus dem Ge- hirn eines Menschen. Eines sehr kranken Menschen. Er befindet sich unter Kontrolle in meiner Klinik. Vor einigen Jahren … ist er geisteskrank geworden. Eine gewöhnliche Familientragödie, Monsieur Vallon. Seitdem befindet er sich bei mir. Ein äußerst interessanter Fall. Es handelt sich um Spaltung, genauer um Dreiteilung seiner Persönlichkeit. Wir haben versucht, ihn mit Elektroschocks zu behandeln, und unerwarteterweise erhielten wir Videosignale seiner Bioströme. Wir konnten sie aufzeich- nen, und das haben Sie gesehen.“ „Aber … das wirkte durchaus nicht wie die Phantasien eines Wahnsinnigen. Es war schrecklich, aber in sich logisch, sinnfäl- lig.“ „Es handelt sich um Aufzeichnungen von einem Teil seiner Persönlichkeit, der nach allgemeiner Auffassung völlig normal ist. Wir fassen als Geisteskrankheit die Störung der gesamten psychischen Persönlichkeit eines Menschen auf. Das ist übri- gens zu kompliziert, um es kurz zu erklären … Einzelne Video- signale hat man schon früher aufzeichnen können, nicht nur bei Kranken, auch bei Gesunden. Es war ein kurzes Aufflammen, etwa wie zufällige Bilder aus einem Film voll wirrer Träume. Offenbar handelt es sich um äußerst hohe Modulationsfrequen- zen. In einem gesunden Gehirn sind sie besonders hoch. Bei Erkrankungen ist die Frequenz gestört, und die Videosignale sind leichter aufzuzeichnen. Dabei werden sie deutlicher sicht- bar, besonders die Aufzeichnungen aus den kranken Teilen des Gehirns.“ „Mit anderen Worten, Herr Professor, Sie bieten mir als Ma- terial für meine Filme die Fieberphantasien Ihrer Patienten an.“ „Nicht ganz … Und nur als erster Schritt, Monsieur Vallon., Als erster Versuch … Wenn es Esztergom gelingt, die Bildfre- quenz zu erhöhen – und ich hoffe, daß es ihm gelingt –, können wir Videosignale aus dem Gehirn jedes Menschen kontinuier- lich aufzeichnen. Dann offenbaren Sie Ihren Millionen Zu- schauern die reale innere Welt des Menschen – wahrhaftig, einmalig, schrecklich …“ „Wird denn jeder sein Inneres zeigen wollen? Ich meine normale, freie Menschen.“ „Es gibt wirklich keinen Grund zur Beunruhigung, lieber Monsieur Vallon. Das Angebot wird unter allen Umständen größer sein als die Nachfrage. Menschen, die um jeden Preis Geld verdienen wollen, Prostituierte, Verbrecher, der Ab- schaum der Gesellschaft … Vergessen Sie nicht, die innere Welt jedes Menschen ist einzigartig, und keine Gattung der irdischen Kunst hat sie bisher total darstellen können. Aber Sie, Monsieur Vallon, werden diese Welt in Ihren Filmen zeigen. Sie zeigen den Zuschauern den wahren Menschen, seine nackte Seele.“ „Und Sie meinen, daß man solche Filme erlaubt?“ „Das hängt von der Montage ab. Die Filme werden vielleicht nicht jugendfrei sein, aber solche Kleinigkeiten brauchen uns heute nicht zu beschäftigen.“ „Und die Moral? Vergessen Sie nicht, ich bin Katholik.“ „Das hindert Sie aber nicht, Filmproduzent zu sein, Monsi- eur Vallon. Sind nicht neun Zehntel Ihrer Produktion das Ge- genteil von dem, was Sie moralisch nennen? Dem Wesen nach ändert sich nichts. Nur werden Sie anstelle von mehr oder we- niger gelungenen Kopien Originale verkaufen, und die Vielfalt der Originale wird unendlich sein. Niemand wird Sie der Wie- derholung, der Klischees bezichtigen können …“ Professor Satajana schwieg. François Vallon kaute an seinem, harten grauen Schnurrbart und musterte seinen Ge- sprächspartner. Das verbindliche Lächeln in Satajanas Gesicht war wie gestanzt. Er ist wohl ein zu bekannter Wissenschaftler, als daß man ihn des Betruges verdächtigen könnte, dachte Val- lon. „Soweit ich verstanden habe, Herr Professor“, sagte er laut, „wird Ihre Entdeckung nicht nur für Film und Fernsehen von Bedeutung sein, nicht wahr?“ „Selbstverständlich“, pflichtete ihm Satajana bei. „Sie ist für viele Wissensgebiete interessant, außerdem auch für Polizei, Kirche, Geheimdienst, Armee … Stellen Sie sich vor, wie sich das Verhör von Kriminellen, Spionen und Kriegsgefangenen vereinfachen würde. Auch die Loyalität der Bürger könnte kon- trolliert werden. Die Videosignale des Gehirns sind nämlich völlig objektiv, wenn man dieses Wort hier gebrauchen darf.“ „Und der Mensch ist nicht imstande, sie irgendwie zu be- einflussen?“ „Nein … Die Aufzeichnung von Videosignalen geschieht un- ter Narkose. Ich habe versucht, Videosignale auch von Testper- sonen in wachem Zustand aufzuzeichnen, aber dann erhält man zwei Aufzeichnungen – die Information, die in den Ner- venzellen kodifiziert ist, wird von der Information gelöscht, deren Wiedergabe der Mensch bewußt kontrollieren kann. Bei Menschen mit starkem Willen kann man die versteckte Infor- mation überhaupt nicht herausholen, ohne spezielle Mittel an- zuwenden …“ „Sagen Sie, Herr Professor, haben Sie sich vielleicht auch schon an militärische Stellen gewandt?“ Zum ersten Male während des Gesprächs wandte Satajana seinen Blick ab., „Sehen Sie, Monsieur Vallon, mein ganzes Leben habe ich es vorgezogen, nichts mit Militärs zu tun zu haben … Ich möchte nicht, daß meine Entdeckung – falls man das Entdeckung nen- nen kann – gleich für militärische Zwecke genutzt wird. Und soviel ich weiß, gibt es anderswo keinen Ingenieur wie Jacques Esztergom.“ „Möglich.“ Vallon schmunzelte. „Esztergom ist tatsächlich sehr tüchtig. Sein Kopf ist Gold wert. Wahrscheinlich könnte er etwas für Sie tun. Ich kann Ihnen jetzt keine endgültige Ant- wort geben … Nein … Ihr Vorschlag ist interessant, sogar sehr verlockend, aber ich muß ihn mir überlegen. Ich werde mich mit Experten beraten…“ „Aber Monsieur Vallon …“, unterbrach ihn Stajana. „Nein, nein, ich verstehe. Das Gespräch bleibt unter uns. Die endgültige Antwort erhalten Sie… in einer Woche. Aber auch bei einem positivem Bescheid bitte ich zu berücksichtigen, daß sich Esztergom erst in anderthalb bis zwei Monaten mit Ihrer Anlage beschäftigen kann. Im Augenblick arbeitet er an einem vordringlichen Projekt.“ „Schade, aber ich habe keine andere Wahl.“ „Also in einer Woche. Und noch etwas: Ich brauche Ihren Film, den von heute oder einen anderen in dieser Art. Natürlich ohne Vervielfältigungsrechte. Nennen Sie eine beliebige Summe als Kaution.“ Satajana winkte ab. „Das ist nicht nötig. Mir genügt Ihr Wort. Den Film können Sie behalten.“ Vallon erhob sich. Neben Satajana, der um zwei Köpfe klei- ner war, wirkte er hünenhaft. Als Vallon den Professor zur Tür geleitete, neigte er seinen Kopf an Satajanas Ohr und flüsterte: „Verzeihen Sie, aber ich bin vor allem Geschäftsmann. Ich, könnte vielleicht leichter entscheiden, wenn ich sozusagen den Bereich Ihrer Interessen genau kennen würde, außer der Ver- besserung der Anlage.“ Satajana sah dem Filmproduzenten direkt an und antwortete ohne das übliche Lächeln: „Selbst auf die Gefahr hin, Sie zu be- leidigen, verehrter Monsieur Vallon, kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Mich interessiert ein gewisser Teil der Information, der im Unterbewußtsein steckt. Bisher hat noch niemand diese In- formation gewinnen können, aber allem Anschein nach gibt es sie, muß es sie geben … Leben Sie wohl.“ Einige Monate waren vergangen. Die Arbeit an der Ver- besserung der Anlage für die Klinik Professor Satajanas ging äußerst langsam voran. Jedenfalls meinte das der Professor. Höflich, aber entschieden lehnte er alle Modelle Esztergoms ab. Als Satajana wieder einmal erklärte, daß ihn auch das neueste Modell nicht zufriedenstelle, brauste der Ingenieur auf. „Ich habe das Versteckspiel satt. Sie wollen höhere Bild- frequenzen der videomagnetischen Aufzeichnung, nicht wahr?“ Satajana lächelte und nickte. „Gut“, fuhr Esztergom fort. „Mit der Anlage, die in den letz- ten Monaten in meinem Büro entwickelt wurde, kann man die Frequenz um das vierzig- bis fünfzigfache erhöhen.“ „Das reicht nicht aus“, erwiderte Satajana lächelnd. „Aber solche Bildfrequenzen wurden noch nie und nirgend- wo erzielt. Damit kann man die schnellsten Gedanken auf- zeichnen und in Bilder transformieren.“ „Für mich reicht das nicht aus“, wiederholte Satajana. „Dann muß ich an Ihren … Experimenten teilnehmen“, er-, klärte Esztergom. „Vielleicht begreife ich dann, was Sie wol- len.“ „Noch höhere Bildfrequenzen. Nur das.“ „Und wie hoch?“ „Das weiß ich nicht.“ „Ich muß an den Experimenten teilnehmen“, sagte Eszter- gom kategorisch, „sonst breche ich die Arbeiten ab und setze noch heute meinen Chef davon in Kenntnis.“ „Versuchen Sie, die Frequenzen noch … um das Zehnfache zu erhöhen.“ „Sie scherzen, Herr Professor.“ „Wissen Sie, mit was für Material ich jetzt arbeite?“ fragte Sa- tajana zögernd. „Ja“, antwortete Esztergom, „Sie experimentieren mit Gei- steskranken, und Sie möchten das mit normalen Menschen tun.“ „Richtig.“ „Aber Sie haben schon Experimente mit Normalen versucht, nicht wahr? Mit der Anlage, die ich in den letzten Monaten entwickelt habe.“ „Nein …“ „Doch, Herr Professor. Und an einem dieser Experimente muß ich teilnehmen. Das ist in Ihrem Interesse.“ „Das ist unmöglich.“ „Dann breche ich die Arbeiten ab.“ „Das werden Sie nicht tun.“ „Selbstverständlich werde ich, das versichere ich Ihnen, und keine Macht der Welt könnte mich davon abhalten.“ Satajana hatte den Ingenieur die ganze Zeit aufmerksam beobachtet. „Gut“, sagte er, „Sie sollen es haben. Ich werde ver-, suchen, Ihnen an … lebendem Material zu erklären, worum es geht. Es wird sich natürlich um einen Patienten meiner Klinik handeln. Was Experimente mit mehr oder weniger gesunden Menschen betrifft … Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, lieber Monsieur Esztergom, daß ich nicht den Kreis der Perso- nen vergrößern mochte, die Zugang zu dieser Forschung ha- ben.“ „Nichts leichter, als danach das Magnetband zu löschen.“ „Natürlich … Also, wenn Sie morgen abend Zeit hätten. Sa- gen wir um zehn?“ „Einverstanden.“ „Ausgezeichnet. Ich erwarte Sie in der Klinik.“ Als Esztergom in der psychiatrischen Klinik Professor Satajanas erschien, war im Labor für pathologische Neurologie schon al- les für das Experiment vorbereitet. Ein schweigsamer Assistent in weißer Mütze, weißem Kittel und weißen Schuhen empfing Esztergom in der hell erleuchte- ten Empfangshalle. Der Ingenieur mußte sich in einer Kabine umziehen, dann folgte er dem Assistenten. Sie gingen lange durch leere, stille Korridore. Rechts und links reihte sich eine weiße Tür an die andere. Alle Türen waren geschlossen. Am Ende des Korridors befand sich eine breite Treppe. Sie gingen einige Stockwerke hinunter und kamen in einen noch längeren Korridor. Wiederum Reihen geschlossener Türen und äußerste Stille. Der Assistent ging schweigend. Auf dem Schaumgummifußboden war nicht einmal das Geräusch der Schritte zu hören. Am Ende des Korridors noch eine Treppe und wieder ein Korridor, den vorigen gleich, dann noch einer und noch einer …, Offenbar befindet sich der größte Teil der Klinik unter der Erde, dachte Esztergom. Die Empfangshalle liegt im Parterre, und wir sind zehn Stockwerke hinabgestiegen. Hier wurde ein Fahrstuhl nicht schaden. „Leider können wir keinen Fahrstuhl benutzen“, sagte der Assistent, als ob er Esztergoms Gedanken erraten hätte. „Die Motoren verursachen Störungen.“ „Man könnte sie außerhalb des Gebäudes anbringen“, wand- te Esztergom ein. „So ist es auch. Aber jetzt sind die Fahrstühle abgestellt.“ „Dort, hinter diesen Türen?“ Esztergom blickte seinen Be- gleiter fragend an. „Dort ist das Labor … und sie …“ „Die Patienten des Professors?“ „Ja.“ „Das sieht aus wie ein Gefängnis.“ „Gewissermaßen schon. Viele sind gefährlich.“ „Und warum diese Stille?“ „Stille?“ Der Assistent lächelte kaum merklich. „Wenn Sie wüßten, was sich hinter vielen dieser Türen abspielt. Hier sind alle Räume gut isoliert.“ „Kann jemand … hier wieder herauskommen?“ Esztergom spürte ein unangenehmes Kratzen in seiner Stimme und mußte sich räuspern. „Natürlich“, antwortete der Assistent barsch. „Jeder muß hier wieder heraus … Aber wir sind angelangt.“ Er zeigte auf eine Tür, die sich lautlos öffnete. Esztergom erblickte einen runden, hellen Saal. In der Mitte des Raumes lag auf einer Art Operationstisch eine menschliche Gestalt, die bis zum Kinn mit einem weißen Laken zugedeckt, war. Der Kopf geschoren, ein blasses, entkräftetes Gesicht, die Augen geschlossen. Die bläulichen Lippen waren fest zusam- mengepreßt. An den Wänden befanden sich Pulte mit Kontroll- apparaturen, Reihen von Knöpfen, Skalen, Monitoren, Lampen. Über dem Kopf des Mannes hing eine große glänzende Halb- kugel. Sie erinnerte an das Facettenauge eines gigantischen In- sekts. Neben dem Tisch stand auf einem verstellbaren Unter- satz ein weißer Kasten, der aussah wie eine Fernsehkamera oh- ne Objektive. Er war mit einem großen Monitor verbunden. Von der Halbkugel zum Kasten liefen Leitungsdrähte. Das war der Apparat zur videomagnetischen Aufzeichnung, das letzte Modell, das erst kürzlich von Esztergom fertiggestellt und ge- stern von Satajana für unbrauchbar erklärt worden war. Vor dem Monitor saß der Professor, ebenfalls mit weißer Mütze und in weißem Kittel, und lächelte Esztergom freundlich zu. Außer dem Professor befanden sich noch zwei Assistenten im Labor, auch sie weiß gekleidet. „Sie sind pünktlich“, sagte Satajana, der sich erhob und Esz- tergom begrüßte. „Darf ich Ihnen vorstellen, das sind meine Assistenten.“ Esztergom verneigte sich schweigend. „Bevor wir beginnen, muß ich Sie noch einmal warnen: Das ist ein Test. Alles, was Sie hier sehen könnten … ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie dürfen niemandem davon erzäh- len. Nicht einmal, verzeihen Sie, Ihrem verehrten Chef.“ Sataja- na lächelte fortwährend, aber seine Augen beobachteten Esz- tergom. „Mich interessieren nur Qualität und Stabilität der Video- signale“, entgegnete Esztergom. „Alles andere geht mich nichts an.“, „Ich meine die Videosignale“, sagte Satajana, „ihre Stabilität und … ihren Inhalt. Dieser Mann“, Satajana zeigte auf den Tisch, „war ein namhafter Wissenschaftler. Leider beherrschen wir im gegenwärtigen Stadium noch nicht die Auswahl der In- formationen. Ihr Apparat empfängt und dechiffriert nur einzel- ne, besonders starke Gehirnimpulse. Sie sind gewissermaßen zufällig, denn der Mann ist krank, was ich nochmals betonen möchte. Unheilbar krank bei den Möglichkeiten der heutigen Medizin, Monsieur Esztergom. Ich weiß nicht, was wir heute seinen Gehirnzellen entnehmen können. Vielleicht werden Ih- nen gewisse Bilder … seltsam erscheinen.“ „Wer ist dieser Mann?“ fragte Esztergom. Ihm kam es vor, als ob sich bei dieser Frage Satajanas Assistenten Blicke zuwar- fen. „Ich versichere Ihnen, das ist ganz unwichtig“, sagte Sata- jana freundlich. „Es ist ein Patient. Einer von vielen Patienten in meiner Klinik. Ich habe wohl schon von der Dreiteilung seiner Persönlichkeit gesprochen. Er hält sich für einen Priester des Pharaos Echnathon, und manchmal … für einen Wilden, einen gewöhnlichen Wilden in der Zeit des frühen Paläolithikums. Nur selten wird ihm bewußt, wer er in der Gegenwart war und wo er sich jetzt befindet. Dann macht er den Eindruck eines völlig gesunden Menschen.“ „Und jetzt?“ „Jetzt schläft er. Ich führe die Experimente an Schlafenden durch.“ „Für wen hielt er sich vor der Narkose?“ „Das ist bedeutungslos. Seine Gehirnzellen enthalten In- formationen, die irgendwie mit allen drei Zuständen ver- bunden sind. Wir haben Videosignale aus allen drei Teilen sei-, ner Persönlichkeit aufgezeichnet, außerdem Signale aus ande- ren Bereichen. Das menschliche Gehirn ist ein unendlich großer Raum, in dem wir uns noch nicht zurechtfinden können.“ „Dennoch haben Sie die ersten Schritte gewagt.“ „Dank Ihrem Apparat, Monsieur Esztergom. Mit seiner Hilfe hoffe ich in die Labyrinthe dieser Unendlichkeit vorzudringen. Wenigstens ein Stückchen voranzukommen.“ „Offenbar haben Sie das auch schon ohne meinen Apparat getan.“ „Das war nur ein Tasten in der Finsternis. Erst jetzt fängt es an zu dämmern. Ein schwacher Lichtstrahl in der un- durchdringlichen Dunkelheit vieler Generationen, die vor uns gelebt haben. Ja, ein riesiges Labyrinth von Raum und Zeit ist in dem Klümpchen lebender Materie kodifiziert, das wir menschliches Gehirn nennen. Wenn wir in die Geheimnisse dieses Kodes eindringen, dann können wir viel, fast alles er- kennen …“ Satajana starrte unbeweglich ins Leere. Esztergom schau- derte, ihm kam der Gedanke, daß er es mit einem Wahn- sinnigen zu tun habe. Satajanas Lippen bewegten sich weiter. Er flüsterte etwas, aber die Worte waren nicht zu verstehen. Plötzlich schüttelte er den Kopf, als ob er ein Gespenst ver- scheuchen wollte, und lächelte verwirrt. „Entschuldigen Sie, ich habe wohl wieder laut gedacht. Wenn Sie einverstanden sind, können wir beginnen. Bitte, alles fertig … Achtung… ab.“ Die nächsten Stunden kamen Esztergom vor wie ein Alptraum, in dem reale Empfindungen, Wörter und Bilder mit Erschei- nungen einer anderen, unbekannten und unheimlichen Welt zu, einem klebrigen Knäuel verflochten waren. Als man die Facettenhalbkugel auf den Kopf des Mannes he- runtergelassen und die Elektroden an Stirn, Hinterkopf und Schläfen angeschlossen hatte, flammte auf dem großen Moni- tor, der mit dem Aufnahmegerät verbunden war, Licht auf. An- fangs schwammen auf dem Monitor gestaltlose bunte Kleckse und Streifen. Dann beschleunigte sich ihre Bewegung. Sie wur- den größer, verwandelten sich in farbige Spiralen, die sich im- mer schneller drehten. Die Assistenten beugten sich über die unbewegliche Gestalt, deren Gehirn jetzt zum Objekt eines selt- samen Experiments geworden war. Satajana drehte an den Be- dienungsknöpfen und wandte den Blick nicht vom Monitor, auf den sich lautlos ein Bacchanal von Formen und Farben ergoß. Einige Minuten vergingen. Die plastischen Farbkleckse und Spiralen bewegten sich noch schneller, die Farben verflossen ineinander, wurden unklar, matt und erloschen. Jetzt züngelten auf dem Monitor perlmuttfarbene Flammen auf. Manchmal ergaben sich irgendwelche Konturen, die aber sofort von ande- ren abgelöst wurden und verschwanden, bevor man etwas er- kennen konnte. Satajana fuhr fort, mit kaum sichtbaren Bewe- gungen seiner Finger die Anlage zu steuern. Für einen Moment gelang es ihm, auf dem Monitor ein Bild festzuhalten, Eszter- gom glaubte ein Frauengesicht zu erkennen, aber die Erschei- nung verschwand sofort, verschluckt von der Perlmuttflamme. Auf Satajanas Gesicht bildeten sich Schweißtröpfchen. Wie- der flammte ein Bild auf und verschwand, bevor Esztergom erfaßt hatte, was es war. Wieder und wieder … Die Flamme auf dem Monitor verschlang die Bilder, ehe sie richtig aufgetaucht waren. Es schien, als ob der Mann auf dem Tisch qualvoll ver- suchte, sich an etwas zu erinnern, und das nicht vermochte., Esztergom blickte auf den Tisch. Der Mann lag unbeweglich. Das blasse Gesicht war ruhig. Die Augen geschlossen. Wäre nicht der Tanz der Perlmuttflamme auf dem Monitor gewesen, der die Gehirntätigkeit anzeigte, man hätte denken können, der Mann sei tot. Der Blick Esztergoms war dem Professor nicht entgangen. Satajanas Gesicht verfinsterte sich, er sagte etwas zu seinen As- sistenten. Esztergom verstand nichts, aber vielleicht gebrauchte Satajana eine Sprache, die der Ingenieur nicht kannte. Ein Assi- stent trat einen Schritt vor und schirmte so das Gesicht des Mannes ab. Es verging noch eine gewisse Zeit. Das Bild auf dem Monitor veränderte sich nicht. Die Perlmuttflamme blendete. Esztergom empfand ein leichtes Schwindelgefühl, er wandte sich vom Monitor ab. „Heute klappt es nicht“, sagte Satajana. „Man muß …“ Das Ende des Satzes verstand Esztergom nicht. Ein Assistent nahm eine Spritze und stieß die Nadel in den rechten Oberarm des Bewußtlosen. Der Mann auf dem Tisch bewegte sich nicht, aber der Monitor flammte sofort auf und erlosch. „So“, sagte Satajana, „vielleicht können wir wenigstens et- was aufzeichnen.“ Er drehte wieder an den Knöpfen der Anlage. Der Monitor wurde langsam heller. Jetzt erkannte man das Gesicht einer jungen Frau, das durch eine Grimasse wilden Schreckens ent- stellt war. Esztergom taumelte zurück … Der Mund der Frau öffnete sich zu einem stummen Schrei unsagbaren Schmerzes. Wenn in dem entzündeten Gehirn, dem Satajana jetzt dieses Bild entrissen hatte, dieser Schrei zu hören war, dann genügte das schon, um wahnsinnig zu werden. Der Blickwinkel erwei-, terte sich, und Esztergom sah, warum die Frau schrie. Sie wur- de mit glühenden Eisen gefoltert … Für einen Augenblick glaubte Esztergom, den Geruch verbrannten Fleisches zu spü- ren. Er drehte sich entsetzt um. „Etwas Neues“, sagte Satajana ruhig. „Das haben wir noch nicht fixiert. Leider nur ein Fragment.“ Esztergom sah wieder auf den Monitor. Dort züngelte die Perlmuttflamme. Gleich darauf folgte eine Kette von Bildern und Erscheinungen, die einander schnell ablösten. Palmen am Rande einer Sandwüste, von gleißendem Sonnenlicht übergos- sen … Hellblauer Himmel über Sandhügeln und eine Spur, die sich in der Ferne verlor. Gänge eines unterirdischen Gewölbes, rötlich flackernde Fackeln. Das Gesicht einer schönen Frau, of- fenbar dieselbe wie in der ersten Szene, aber jetzt strahlten die Augen vor Glück, die Lippen öffneten sich zu einem Kuß… Dunkelheit, dann wieder die Frau in weißen, duftigen Gewän- dern; sie schreitet eine Marmortreppe hinab zum Meer, das in der Sonne glitzert. Jemand erwartet sie unten. Wieder Finster- nis, schneller Wechsel von Gesichtern, die durch ihre Häß- lichkeit abstoßen. Abscheuliche Foltern … Vor Qualen sich windende Körper. Verurteilte werden zur Hinrichtung getrie- ben. Besessene Menschenmassen auf einem Platz. In der Ferne Lagerfeuer… Wölfe fliehen, und neben ihnen auf silbernen Mondwegen laufen ihre schwarzen Schatten. Ein starrer Kör- per, in Tücher gewickelt, wird in ein goldenes Grab gesenkt … Ein Gesicht, das Esztergom zu kennen glaubt. Satajana? – Ja, natürlich, Satajana blickt lächelnd vom Monitor … Wieder der Flammentanz. Ein Hörsaal. Studenten über Mitschriften ge- beugt. Zeichnungen an der Tafel … Esztergom kommt es plötz- lich vor, als ob er auch in dieser Vorlesung war. Ist er das nicht, selbst, dort in der dritten Reihe? Das Bild wechselt plötzlich. Ein Tisch vor einem weit geöffneten Fenster. Draußen nasse Äste, Regentropfen auf Herbstlaub. Auf dem Tisch Papier- blätter. Eine Hand bedeckt sie mit mathematischen Formeln … Formeln, Formeln … Sie kommen Esztergom ebenfalls bekannt vor. Er versucht, ihren Sinn zu erfassen … Wieder das Frauen- gesicht … Esztergom weiß plötzlich, weshalb es ihn so verblüfft hat. Er hat diese Frau schon einmal gesehen. Aber wann und wo? Flamme, Dunkelheit, wieder die Flamme. Ein Stöhnen reißt den halbbetäubten Ingenieur aus seiner Er- starrung. Er hebt den Kopf, blickt sich um. Der von einem Krampf geschüttelte Körper des Mannes bäumt sich über dem Tisch. Ein Assistent hält ihn an den Füßen, ein anderer an den Schultern. Das Gesicht des Bewußtlosen ist qualverzerrt. „Aufhören!“ schrie Esztergom. Er erschrak vor seiner eige- nen Stimme. „Sofort aufhören! Aufhören!“ Die Worte klangen schrill und scharf. Ein leises Knacken, und der Monitor erlosch. Satajana blickte in Esztergoms blei- ches Gesicht. „Was ist Ihnen, mein Freund?“ Esztergom wischte sich mit einem Taschentuch die feuchte Stirn. „Mir ist nichts, aber mir schien, daß er sich zu sehr quält. Was ist mit ihm?“ „Nichts, er schläft.“ „Aber er … Ich habe es selbst gesehen.“ „Beruhigen Sie sich, er fühlt nichts. Alles, was wir gesehen haben, ist tief in den untersten Schichten seines Gehirns verbor- gen. Er ahnt fast nichts von alldem. Die Zellen Ihres Gehirns enthalten vielleicht noch schrecklichere Dinge. Aber auch Sie wissen nichts davon, und das ist gut so. Wenn es anders wäre,, würden die Menschen wahnsinnig angesichts so vieler Infor- mationen, die ihnen im allgemeinen nichts nützen. Dem Men- schen genügen die Erfahrungen einer Generation.“ Esztergom stand auf, ging im Raum hin und her. Er warf ei- nen Blick auf den Tisch. Der Mann lag unbeweglich, das blasse, blutleere Gesicht war ruhig. „Auf Sie hat die Aufzeichnung gewirkt“, sagte Satajana. „Sie haben darauf bestanden, und ich mußte einwilligen. Vorläufig ist das eine Gleichung mit lauter Unbekannten. Ich wiederhole, daß ich nicht gewußt habe, was wir heute aufzeichnen wür- den.“ „Das heißt, daß mit meiner Anlage doch eine Aufzeichnung möglich ist?“ „Nein“, antwortete Satajana. „Sie haben es ja gesehen. Das sind zerrissene Fragmente, Teilchen eines Mosaiks, eines gigan- tischen Mosaiks. Ich brauche aber ein kontinuierliches Band.“ „Was für ein Band?“ „Nennen wir es Band der verborgenen Information. Sie ist in jedem von uns außerhalb des Bewußtseins vorhanden. In ihr sind die Erfahrungen vergangener Generationen gespeichert.“ „Das heißt in dem, was wir eben gesehen haben?“ „Ja, in diesen Szenen steckt die Erfahrung seiner Ahnen. Ir- gendwelcher sehr ferner Generationen. Sie sind alle längst ver- modert, aber im Gehirn der Nachkommen wird ein Kode des von ihnen Erlebten aufbewahrt. Ein realer Schatten des Ver- gangenen. Der Faden, der Vergangenheit und Zukunft mitein- ander verbindet. Die Philosophen behaupten, es gebe keine hi- storische Wahrheit, da sich die Vergangenheit keiner objektiven Prüfung unterziehen ließe. Ich werde eine neue Methode zur historischen Analyse schaffen. Die Ausgangsdaten befinden, sich in uns selbst. Man muß sie nur dechiffrieren.“ Esztergom lachte gallig. „Wenn es sich nicht um eine Fiktion handelt, ist Ihre Methode kaum besser als andere. Sie basiert auf der Analyse subjektiver Wahrnehmungen. Sie werden im Chaos ertrinken.“ „Ich werde mit der Summe dessen operieren, was Sie subjek- tive Wahrnehmung nennen. Diese Summe macht es möglich, die subjektiven Urteile zu korrigieren und einander gegen- überzustellen. Außerdem spiegelt die so gewonnene Informa- tion einst existierende objektive Zusammenhänge wider. Wenn man sie integriert, kommt man der historischen Wahrheit weit- aus näher als die Verfasser der ,Weltgeschichte’.“ „Aber auf dem Monitor war ein Chaos zu sehen. Wie kann man das für Ihre Zwecke nutzen?“ „Vergessen Sie nicht, daß Sie Informationen aus dem Gehirn eines … Kranken gesehen haben. Bei ihm sind die kausalen Zu- sammenhänge und die Grenzen gestört, die das Bewußte vom Unterbewußten trennen. Die Ursache vieler Geisteskrankheiten besteht darin, daß Informationen aus dem Unterbewußtsein zutage treten. Der Mensch setzt dann Bewußtes und Unterbe- wußtes gleich. Im Mittelalter sagte man: ,vom Teufel besessen’. Eine sehr treffende Definition. Der ,Teufel’ ist die Information, die im Unterbewußtsein steckt. Dringt ein winziger Teil ins Bewußtsein, wird der Mensch geisteskrank. Habe ich Ihnen ge- sagt, worin seine Krankheit besteht?“ Satajana betrachtete die Hände des Mannes, der auf dem Tisch lag. „Ein kleiner Teil der heute gewonnenen Information bezog sich auf seine jüngste Vergangenheit. Erinnern Sie sich an die Hand, die die Formeln schrieb? Anderes wiederum kann aus seinem zweiten Ich stammen, dem ägyptischen Priester. Das halte ich für einen, Durchbruch aus dem Unterbewußtsein. Irgendein Vorfahre von ihm hat zur Zeit Echnatons gelebt. Übrigens kann man auch von Ihren oder meinen Vorfahren in jeder vergangenen Epoche jemanden finden. Wahrscheinlich war ein direkter Vorfahre von ihm Priester in Ägypten unter dem Pharao Echnaton.“ „Und die Frau?“ „Das weiß ich leider nicht. Die heutige Aufzeichnung ist in- teressant. Es haben sich neue Aspekte ergeben. Eine andere Epoche, wahrscheinlich frühes Mittelalter.“ „Bedeutet das nicht, daß seine Krankheit fortschreitet?“ „Das glaube ich nicht … Eher eine zufällige Dechiffrierung aus seinem Unterbewußtsein.“ „Und wenn man ihn fragte?“ „Das ist unmöglich. Sie vergessen, mit wem wir es zu tun haben.“ „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Professor, kann man mit meiner Anlage auch einen gewissen Teil derjenigen Information in Bilder transformieren, die im Gehirn eines ge- sunden Menschen enthalten ist?“ „Nur die Information, die auf persönlicher Erfahrung beruht, die bewußt ist. Und das nicht bei jedem … Bei Menschen mit starkem Willen gelingt es vorläufig nicht.“ „Warum?“ Satajana musterte den Ingenieur, indem er über den Rand seiner Brille blickte. Offenbar schwankte er, ob er weiterreden solle. „Wenn Sie auf meine Hilfe rechnen, müssen Sie alles sagen“, drängte Esztergom. „Das ist ein schwieriges Problem. Es hängt von den indi- viduellen Eigenschaften des Probanden ab und von der Kapazi-, tät der Apparate zur Aufzeichnung und Transformation. Ich bin überzeugt, daß bei sehr hohen Bildfrequenzen …“ „Aber wir haben die Grenze erreicht.“ „Das heißt, man müßte völlig andere Wege einschlagen, um dieses Problem zu lösen.“ Esztergom schüttelte den Kopf. „Ich bin schließlich nur ein Ingenieur und kein Zauberer. Wir haben eben ungefähr zwei Stunden vor dem Monitor verbracht. Wieviel praktisch momen- tane Impulse aus dem Gehirn dieses Mannes haben Sie heute zu dechiffrieren versucht?“ „Nicht mehr als zehn.“ „Und wieviel Impulse haben sich dechiffrieren lassen?“ „Das habe ich nicht genau verfolgt.“ „Dann sage ich es Ihnen: zwei oder drei.“ Satajana blickte einen Assistenten fragend an. „Es wurden neun Impulse analysiert, Herr Professor. Videosignale wurden von drei Impulsen aufgezeichnet.“ „Nun also, sehen Sie!“ rief Esztergom triumphierend. „Drei praktisch momentane Impulse haben eine fast zweistündige Videoaufzeichnung ergeben. Drei zehnmilliontel Teile einer Sekunde hat mein Apparat auf fast zwei Stunden gedehnt. Wird damit nicht die Relativität der Zeit bestätigt?“ „Niemand bestreitet, daß Ihr Apparat ausgezeichnet ist“, sagte Satajana leise. „Aber begreifen Sie doch, er löst nicht das Problem. Der Film, den ich Ihrem Chef gegeben habe, ist die gelungene Dechiffrierung eines Impulses, von einem alten Ap- parat aufgezeichnet. Dort konnte ein Augenblick auf zwanzig Minuten gedehnt werden, wie Sie sich ausdrücken. Ein glückli- cher Zufall, nicht mehr. So etwas gelingt einmal bei einer Milli- on, vielleicht einer Milliarde Aufzeichnungen. Aber ich will, und kann nicht auf glückliche Zufälle warten. Ich brauche die Dechiffrierung jedes Impulses oder wenigstens der meisten. Und nicht nur von meinen Patienten, sondern von … jedem Menschen.“ „Konnten Sie schon Impulse aus dem Unterbewußtsein von psychisch gesunden Menschen dechiffrieren?“ „Von Menschen, die nicht meine Patienten sind? Nein …“ „Aber bedeutet das nicht, daß bei Gesunden die verborgene Information, die Information im Unterbewußtsein, gar nicht vorhanden ist?“ „Nein.“ „Was dann?“ „Sie haben natürlich erkannt, was das für eine Flamme auf dem Monitor war, die Flamme, aus der sozusagen die einzelnen Bilder der Videoaufzeichnung geboren wurden?“ „Wahrscheinlich ein Effekt der Interferenz, der Überlagerung verschiedenartiger Erscheinungen.“ „Richtig, und was folgt daraus?“ „Vielleicht war das der nichtdechiffrierte Teil der Video- aufzeichnung.“ „Bravo! Und zu ihrer Dechiffrierung braucht man höhere Frequenzen! Die Videoaufzeichnung von Impulsen aus dem Unterbewußtsein von Probanden, die nicht meine Patienten sind, ergibt nur eine Flamme. Eine Flamme mit noch größerer Interferenzfärbung. Ist Ihnen das jetzt klar?“ Esztergom nickte und dachte nach. Professor Satajana war- tete geduldig. „Auf dem Magnetband ist das ganze heutige Experiment aufgezeichnet, nicht wahr?“ fragte schließlich Esztergom. „Die dechiffrierten Bilder werden automatisch auf ein zwei-, tes Band übertragen. Möchten Sie es sehen?“ „Mich interessiert die vollständige Aufzeichnung im Ori- ginal. Alles, was wir auf dem Monitor gesehen haben.“ „Sie wird gelöscht, das wissen Sie doch“, wandte Satajana ein. „Aber erst, wenn man den Apparat für das nächste Expe- riment einrichtet.“ „Was soll denn da wichtig sein? Alles, was dechiffriert wer- den konnte, ist auf die Kopie übertragen worden.“ „Es ist schon wichtig. Ich brauche die vollständige Auf- zeichnung des heutigen Experiments.“ „Wir haben kein Reserveband, das wissen Sie ganz genau. Für diesen Apparat braucht man ein Spezialband. Sie haben mir nur eine Kassette gegeben, und für morgen sind weitere Expe- rimente vorgesehen.“ „Morgen früh erhalten Sie eine neue Kassette.“ „Monsieur Esztergom, ich möchte nicht, daß Aufzeichnun- gen dieser Art aus dem Laboratorium gelangen.“ „Aber Ihnen bleibt die Kopie mit der Dechiffrierung, und al- les andere löschen Sie sowieso morgen oder sogar noch heute nach Abschluß des Experiments.“ „Wozu brauchen Sie die Aufzeichnung?“ „Um genauer die Struktur der Felder zu untersuchen, die meine Anlage nicht dechiffriert hat.“ „Gibt es denn eine Möglichkeit, den Teil der Aufzeichnung zu dechiffrieren, den wir als Flamme wahrgenommen haben?“ „Ich weiß nicht … Vorläufig weiß ich es nicht. Aber um wei- terhin nach einer Lösung zu suchen, brauche ich das Original- band.“ „Gut“, sagte Satajana, „Sie bekommen es, aber …“, „Aber?“ „Wenn es Ihnen gelingt … Wenn Sie auf die Idee kommen sollten, selbst die Dechiffrierung zu versuchen … Ich muß, ich bin verpflichtet, Sie zu warnen. Das ist gefährlich, sehr gefähr- lich.“ „Herr Professor, ich bin kein Kind mehr.“ „Aber trotzdem hat das wenige, das Sie heute gesehen ha- ben…“ Esztergom lächelte verächtlich. „Auf mich gewirkt, wollten Sie sagen?“ Satajana schüttelte traurig den Kopf. „Die Menschen sind an konkrete Dinge gewöhnt, mein Freund, konkrete und vergäng- liche Dinge wie dieser Tisch, das Labor, der Apparat. Aber jetzt befinden wir uns am Rande eines Abgrundes, des Abgrundes der Unendlichkeit. Überlegen Sie es sich gut. Möglicherweise können Sie mit der Aufzeichnung nichts anfangen. Ich habe es schon auf viele Arten versucht. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, daß wir höhere Bildfrequenzen brauchen. Aber wenn man es dechiffrieren könnte …“ „Wenn man es dechiffrieren könnte …“, wiederholte Eszter- gom wie ein Echo. „… würde ein Fenster zur Unendlichkeit geöffnet – die Un- endlichkeit von Epochen, Generationen, menschlichen Schick- salen, von Leidenschaften, Taten, Charakteren des menschli- chen Lebens von der Geburt bis zum Grabe, die nackte Tragik jeden Individuums. Die Unendlichkeit des Kosmos ist nichts gegenüber dieser endlosen Kette der Vernunft. Wo sind ihre Quellen, wo ist der Ozean, in den sie sich früher oder später ergießt? Jeder von uns taucht einen Augenblick, wie ein flie- gender Fisch, aus dem unbekannten endlosen Strom empor und, verschwindet fast gleichzeitig wieder für immer darin. Das nennen wir Leben. Wir denken kaum darüber nach, was vorher war, und eigentlich rührt uns wenig, was nachher kommt. Aber der Strom fließt irgendwo außerhalb unseres Ichs … Wenn wir aus ihm auftauchen, tragen wir den Informationskode des Ver- gangenen und vielleicht des Zukünftigen in uns. Fragmente davon sind furchtbar, ungeheuerlich, sinnlos. Sie haben sich davon überzeugen können. Und das Ganze? Es ist weitaus schrecklicher. Der Verstand eines Individuums könnte eine sol- che Konfrontation nicht ertragen …“ „Trotzdem suchen Sie den Zugang zu dem Ganzen?“ unter- brach Esztergom den Professor. „Zu dem kleinen Ganzen, dem Wesen eines Individuums, und zu dem GANZEN mit großen Buchstaben – zu dem, was sich Ihrer Meinung nach im Unter- bewußtsein aller lebenden Menschen zusammengenommen befindet.“ „Das erste nicht“, entgegnete Satajana. „Mich interessiert nur das zweite. Ich möchte es sehen, obwohl ich nicht weiß, ob meine Kräfte ausreichen. Ob mein Gehirn das bewältigt … Deshalb warne ich auch Sie. Das erste trete ich voll und ganz Ihrem Chef ab. Es eignet sich nur als Material für Filme. Im wei- teren ist es möglicherweise von gewissem objektivem Wert, wenn es sich im Unterbewußtsein der Nachkommen wider- spiegelt. Es wird zu Kriterien unserer Epoche, falls die Mensch- heit weiterlebt … Aber jetzt… Wir sind übrigens vom Thema abgekommen. Ich wollte Ihnen nur sagen …“ „Er wacht auf, Herr Professor“, sagte ein Assistent. „Bringen Sie ihn in sein Zimmer“, befahl Satajana. „Einen Augenblick!“ Esztergom sah Satajana an. „Ich möchte trotzdem mit ihm sprechen.“, „Er erinnert sich an nichts, und außerdem …“ „Ich weiß. Aber ich möchte ihm einige Fragen stellen. Sie be- treffen die weiteren Lösungsversuche.“ „Sie sind ein schwieriger Kompagnon, Monsieur Esztergom. Entschuldigen Sie.“ „Das haben Sie gewußt, Herr Professor.“ „Ich habe es gewußt“, sagte Satajana ernst. „Stellen Sie Ihre Fragen. Aber nicht viele. Der Patient hat … eine Spezialnarkose bekommen. Er ist noch schwach.“ Der Mann auf dem Tisch öffnete die Augen. Sein Blick glitt durch den Raum und blieb auf Esztergom haften. „Guten Tag“, sagte Esztergom, „wie fühlen Sie sich?“ „Wer ist dieser Mann, Herr Satajana?“ fragte der Kranke mit zitternder Stimme. „Ich habe Sie gebeten, keine Außen- stehenden zu Ihren Sitzungen einzuladen. Er ist natürlich von der Presse?“ „Das ist ein Kollege“, erklärte Satajana, milde lächelnd. „Ich habe ihn zu einer Konsultation gebeten.“ „Warum? Ich verlasse mich voll und ganz auf Ihre Behand- lungsmethoden. Warum haben Sie ihn hergeholt?“ Die Stimme des Kranken wurde kräftiger, sie hörte sich scharf und krei- schend an. „Er ist ein großer Spezialist auf seinem Gebiet, und ich habe angenommen …“ „Sie denken doch nicht etwa, daß ich diese Konsultation be- zahle?“ schrie der Kranke. „Auch das noch!“ „Ich verlange kein Honorar“, sagte Esztergom. „Und ich brauche Ihre Almosen nicht!“ schrie der Kranke weiter. „Wissen Sie, wer ich bin?“ „Er weiß alles“, sagte Satajana beruhigend. „Wir möchten,, daß Sie so schnell wie möglich wieder gesund werden. Die Ar- beit, eine wichtige Arbeit, wartet auf Sie, nicht wahr?“ „Ja, natürlich“, lenkte der Kranke plötzlich ein. „Sie haben selbstverständlich recht. Ich danke Ihnen. Wie finden Sie heute meinen Zustand?“ „Es geht Ihnen besser, fühlen Sie das nicht selbst?“ „Jaja, natürlich. Und was meinen Sie?“ Jetzt waren die Au- gen des Kranken auf Esztergom gerichtet. Der Ingenieur zuckte zusammen, zuviel flehende Erwartung lag in diesem Blick. „Ich … stimme mit Professor Satajana über- ein“, erwiderte Esztergom zögernd. „Erlauben Sie, daß ich Ih- nen einige Fragen stelle?“ „Natürlich, natürlich.“ „Ich habe Professor Satajana eine neue Behandlung vor- geschlagen, aber bevor wir endgültig entscheiden, möchte ich wissen … Sagen Sie, wenn Sie an Ihre Arbeit denken, an Ihre unvollendete Arbeit, setzt dann Ihr Gedächtnis manchmal aus?“ „Nein … vorläufig nicht… Aber ich kann nicht lange den- ken… Dann beginnt der Schmerz … ein wahnsinniger Kopf- schmerz.“ „Und Sie vergessen die Formeln nicht, die Sie bei den Be- rechnungen gebraucht haben?“ „Natürlich nicht, die habe ich immer im Kopf.“ „Gut, erinnern Sie sich an eine davon. An irgendeine …“ „Ich muß sie aufzeichnen.“ Satajana gab seinen Assistenten einen Wink. Einer brachte dem Kranken eine Pappunterlage und ein Blatt Papier, ein an- derer gab ihm einen Bleistift. „Was soll ich aufzeichnen?“ fragte der Kranke., „Was Sie wollen, eine beliebige Folge von Formeln, irgend- eine Ableitung. Ich bin kein Fachmann auf Ihrem Gebiet, aber wenn es nötig sein sollte, werden wir das dann in einem Nach- schlagewerk überprüfen.“ „Das werden Sie kaum in einem Nachschlagewerk finden“, flüsterte der Kranke und bedeckte das Blatt schnell mit Reihen von mathematischen Symbolen. Esztergom verfolgte aufmerk- sam jede Bewegung. „Sie können das nehmen“, sagte der Kranke und ließ sich zu- rück aufs Kissen fallen. „Das ist eine ziemlich komplizierte Ab- leitung einer Formel über … Übrigens ist es unwichtig, was für eine Formel… Ich habe die Ableitung bewußt nicht zu Ende geführt, aber jeder Physiker wird Ihnen bestätigen, daß hier alles stimmt. Obwohl bei weitem nicht jeder erraten wird, wel- che Schlüsse man hieraus ziehen kann.“ Der Bleistift fiel ihm aus der Hand und rollte über den Fuß- boden. „Ich danke Ihnen“, sagte Esztergom und nahm das Blatt mit den Formeln. „Um Ihr Gedächtnis zu prüfen, verfahren wir so: Morgen versuchen Sie, die Ableitung zu wiederholen, ohne auf Ihre Aufzeichnungen zu sehen. Dann vergleichen wir die Re- sultate. Können Sie sich an das Geschriebene erinnern?“ „Machen Sie sich keine Sorgen, in jedem beliebigen Moment, selbst wenn Sie mich nachts wecken.“ „Ausgezeichnet. Noch eine Frage: Lesen Sie gern? Ich meine jetzt keine wissenschaftliche Lektüre.“ Der Kranke lächelte. „Schon viele Jahre habe ich keine Zeit für so etwas. Hier in der Klinik könnte ich mir das erlauben, aber Professor Satajana meint, daß mein Kopf absolute Ruhe brauche.“, „Natürlich“, sagte Esztergom. „Und jetzt sagen Sie mir bitte, wann Sie das letzte Mal in Ägypten waren.“ Satajana hob warnend die Hand, aber Esztergom tat, als ob er diese Geste nicht bemerkt hätte. „In Ägypten?“ wiederholte der Kranke verwundert. „War- um gerade in Ägypten und nicht zum Beispiel in Mexiko? Üb- rigens spielt das keine Rolle, ich war weder in Ägypten noch in Mexiko.“ „Aber Sie möchten gern einmal dorthin?“ „Darüber habe ich nie nachgedacht. Vielleicht, als ich jung war. In den letzten Jahren habe ich zuviel Arbeit. Übrigens Ägypten. Das ist interessant. Manchmal träume ich so etwas. Leider kann ich mich jetzt nicht erinnern.“ „Versuchen Sie es.“ „Genug, Herr Kollege“, sagte Satajana scharf. „Unser Patient ist müde. Für heute genügt es. Fahren Sie ihn hinaus.“ Ein wü- tender Blick traf Esztergom. Als sich die Tür des Labors hinter der Krankentrage ge- schlossen hatte, ließ Satajana seinem Unmut freien Lauf. „Sind Sie verrückt geworden?“ schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wie konnten Sie! – Entschuldigen Sie, aber warum stecken Sie Ihre Nase in Dinge, die Sie nichts angehen?“ „Aber Sie haben mir doch gestattet …“ „Ich habe Sie für klüger gehalten. Oder wollten Sie … mich überprüfen?“ „Ich habe nur mich selbst überprüft“, sagte Esztergom leise, „und ihn … Ist seine Krankheit heilbar, Herr Professor?“ „Das ist jetzt unwichtig. Mit Ihren Fragen können Sie den Persönlichkeitszerfall beschleunigen. Ich bin mir noch nicht im klaren, ob Sie es nicht getan haben. Er kennt die Diagnose nicht,, ahnt nichts von der Dreiteilung seines Bewußtseins, davon, daß er als Persönlichkeit nicht mehr existiert.“ „Aber …“ „Schweigen Sie. Ich habe ihn zu beschützen. Ich brauche ihn zur … Fortsetzung. Von jetzt an werden Sie diesen Menschen nicht mehr sehen. Die Formeln, die er auf Ihr Geheiß schreiben mußte …“ „Brauchen nicht wiederholt zu werden. Es genügt, daß er sie heute aufgezeichnet hat.“ „Erklären Sie mir wenigstens, weshalb das alles notwendig war.“ „Sie werden mir sicher nicht glauben, wenn ich sage: um Ih- nen zu helfen.“ „Das glaube ich auch nicht.“ „Schade. Ich wollte wissen, wer von uns dreien am meisten verrückt ist.“ Tatsächlich, wer von uns dreien ist am meisten verrückt? dach- te Esztergom, als er auf den menschenleeren Boulevards der noch nicht erwachten Großstadt heimging. Seine Schritte hall- ten in der nächtlichen Stille. In der Ferne waren unter Straßen- lampen einzelne verschwommene Gestalten zu sehen. Wer also? Der Unglückliche, der zum Objekt wahnwitziger Experimente eines Besessenen geworden ist? Oder Satajana mit seiner verstiegenen Manie des Allwissens, der den Menschen das letzte rauben möchte, was ihnen verblieben ist, das Recht auf ihre eigene innere Welt? Oder er, der Ingenieur Esztergom, der Konstrukteur einer elektronischen Anlage, mit deren Hilfe Satajana die Vivisektion des menschlichen Bewußtseins vor- nehmen möchte? Sie sind alle wahnsinnig. Und eine Welt ist, wahnsinnig, in der so etwas möglich ist. Satajana hat das schon begriffen. Er spricht nicht von Geisteskranken. Er teilt die Men- schen ein in seine Patienten und solche, die es noch nicht sind. Aber sie können es jeden Augenblick werden … Lüge – all das Geschwätz von der Suche nach der objektiven historischen Wahrheit: Es gibt sie einfach nicht. Vielleicht ist es auch nicht wahr, daß die auf dem Magnetband aufgezeichneten Bilder in den Tiefen des Gehirns leben. Könnten es nicht Ausgeburten der Krankheit, der Narkose sein? Satajana sprach von einer Spezialnarkose. Und außerdem, wessen Gedanken wurden heute aufgezeichnet: nur die des Mannes auf dem Tisch oder auch die Gedanken von denen, die am Experiment teilgenom- men haben? Schließlich kennt er, Esztergom, am besten die Möglichkeiten seiner Anlage. Vor dem menschlichen Geist ist vorläufig jeder Monitor machtlos. Aber die Formeln auf dem Monitor … natürlich … Als er wach war, hat er sie haargenau wiederholt. Und welche Übereinstimmung: Die Formeln dienen dazu, die Frequenz videomagnetischer Aufzeichnungen zu be- rechnen. Hat sich dieser Mann etwa mit demselben Problem beschäftigt, bevor er in Satajanas Klinik kam! Er hat die Ablei- tung nicht zu Ende geführt … Esztergom hat es auch nicht ge- tan. Nicht gekonnt. Es ergab sich keine Lösung. Aber offenbar ist dieser Mann weitergekommen. Er sprach von Schlüssen, die nicht jeder ziehen könne. Ist er ein Wahnsinniger oder ein Ge- nie? Wer ist dieser Mann, dessen Namen Satajana verschweigt? Und die Formeln … Warum wurden gerade diese Formeln de- chiffriert? Nur diese? Esztergom blieb stehen, zog das Blatt mit den Formeln aus der Tasche, überflog es. Er dachte nach, las die Formeln noch einmal. Irgendwo in der Tiefe seines Bewußtseins keimte ein, Gedanke … Er konnte sich noch nicht in mathematische Sym- bole kleiden, aber Esztergom hatte begriffen: Die Lösung war gefunden. „Ja, natürlich, es gibt noch eine Möglichkeit.“ Jetzt sprach Esztergom laut mit sich selbst. „Man braucht die Bildfrequenz nicht zu erhöhen, sondern kann einen anderen Weg gehen, ei- nen ganz anderen. Dieser Mann hat mir gezeigt … Verteufelt einfach … Genau das, was Satajana möchte. Das ist sie, die Lö- sung!“ Esztergom setzte sich auf die Bordsteinkante. Einige Zeilen, und die Gleichung war gelöst. Esztergom umrahmte das Er- gebnis mit dicken Strichen. Diese paar Symbole, das war der Schlüssel, den Satajana suchte, der Schlüssel zur inneren Welt des Menschen. Der Schlüssel, mit dem man die Tür zur Unend- lichkeit öffnen kann. Wer wird recht haben? Was befindet sich hinter der Tür: die Unendlichkeit des Allwissens oder die Un- endlichkeit undurchdringlicher Finsternis? Oder beides? Das läßt sich nun leicht nachprüfen. Mit Hilfe des videomagneti- schen Bandes aus der Klinik, des Bandes mit den Aufzeich- nungen des nächtlichen Experiments. Die Formel muß auf je- den Fall vernichtet werden … Jetzt vergißt er sie sicher nicht mehr. So schnell wie möglich ins Labor, ehe die Mitarbeiter kommen. Einen Augenblick schwankte Esztergom. Ist ihm kein Fehler unterlaufen? Steht er wirklich an der Schwelle des Un- bekannten? Wie es auch für die Menschheit und ihn ausgehen mag, er muß sich überzeugen, muß die Schwelle überschreiten. Und Satajana? Schließlich braucht er nicht alles zu wissen … Esztergom zerriß das Blatt mit den Formeln in kleine Fetzen, warf sie in die Luft und lief ins Dunkel der Straßen. Der Wind, erfaßte die Papierstückchen, trug sie über die erwachende Stadt immer höher und höher in den Morgenhimmel. Mittags wurde Professor Satajana ans Telefon gerufen. Am Ap- parat war Vallon. Satajana hörte zu, ohne Vallon zu unterbre- chen, er schüttelte nur kaum merklich den Kopf. Sein Gesicht blieb ausdruckslos. Schließlich schwieg Vallon. Auch Satajana sagte nichts. „Hallo“, rief Vallon, „haben Sie begriffen, was ge- schehen ist?“ „Natürlich“, antwortete Satajana. „Es tut mir sehr leid. Bitte nehmen Sie mein aufrichtiges Beileid entgegen, Monsieur Esz- tergom war ein begabter Ingenieur.“ „Sie glauben, daß dies schon… das Ende ist?“ fragte Vallon nach einer Pause. „Nach dem, was Sie geschildert haben, ja. Natürlich nehme ich ihn in meiner Klinik auf, aber ich kann nichts versprechen. Nichts … Sie möchten die mögliche Ursache wissen. Schwer zu sagen. Wahrscheinlich Überarbeitung. Vielleicht … Letzten En- des ist niemand von uns davor gefeit. Niemand, Monsieur Val- lon. Nein. Ich hoffe, daß unser Gentleman's Agreement in Kraft bleibt. Die Menschen gehen, aber die Probleme bleiben. Übri- gens habe ich gehört, daß Esztergom einen sehr tüchtigen Assi- stenten hat … Ja, ja … Vielleicht er?“,

Gennadi Der große Gor Schauspieler Jones

Meine Schwester Anne teilte mir, kaum daß ich den Flur betre- ten hatte, mit geheimnisvoller Miene mit: „Philipp, dich hat eben jemand am Telefon verlangt.“ „Wer war es?“ „Edgar Allan Poe.“ „Also irgendein Tagedieb.“ Annes schmales, ätherisches Gesicht nahm einen leidenden Ausdruck an, einen Ausdruck, wie er immer dann erschien, wenn ich gereizt reagierte. „Nein“, erwiderte sie leise, „dazu klang die Stimme zu ver- klärt. Eine ausgesprochen schöne Stimme war das. Es muß wirklich der Schriftsteller gewesen sein.“ „Dann schon eher Hemingway oder Faulkner. Poe ist vor mehr als hundert Jahren gestorben.“ „Er könnte doch aber einen Namensvetter haben, nicht wahr?“ „Ach was, irgendein Scharlatan oder einer, der auf Auto- gramme aus ist. Wenn ich das schon höre – schöne, verklärte Stimme!“ Ich zog den Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und ging, ohne meiner beleidigten Schwester noch einen Blick zu, gönnen, in mein Arbeitszimmer. Dort setzte ich mich an den Schreibtisch und begann in der Zeitschrift „Moderne Physik“ zu blättern. Aber wenige Minuten später war Anne schon wie- der an der Tür. „Du wirst am Telefon verlangt, Philipp.“ „Wer?“ „Wieder er.“ „Kannst du dich nicht deutlicher ausdrücken?“ „Edgar Allan Poe“, erklärte Anne mit vor Aufregung schluk- kender Stimme. „Wieder dieser Taugenichts?“ Ich ging in den Korridor, wo das Telefon stand, nahm den Hörer auf und sagte gereizt: „Am Apparat!“ Eine ungemein sympathische und nachdenklich klingende Stimme antwortete: „Guten Tag, Dadlin. Erkennen Sie mich nicht?“ „Nein, keine Ahnung.“ „Hier spricht Edgar Allan Poe.“ „Wie bitte?“ „Der Autor vom ‚Untergang des Hauses Usher’.“ „Nun hören Sie schon auf, den Clown zu spielen. Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie sprechen?“ „Weiß ich. Mit Professor Dadlin, dem Begründer der Hypo- these vom zickzackförmigen Chronos.“ „Von wo aus rufen Sie an?“ fragte ich, denn mir kam der Verdacht, daß sich vielleicht irgendeiner meiner Studenten, der durch die Zwischenprüfung gefallen war, einen Scherz mit mir erlaubte. „Die genauen Koordinaten kann ich Ihnen noch nicht nen- nen. Sie werden erst errechnet.“, In der Stimme des anderen schwang ein tragischer Unterton mit, der mir direkt unter die Haut ging. Für Bruchteile von Se- kunden schien sich mein unsichtbarer Gesprächspartner in ein Nichts aufgelöst zu haben, so als sei er in den Strudel der Zeit geraten. Doch schließlich tauchte er wieder auf. „Ich befinde mich in stetiger Bewegung“, drang es von fern an mein Ohr, „in einer sehr schnellen Bewegung. Ich eile zu Ihnen, Dadlin. Wo sind Sie? Wo kann ich Sie finden, um Him- mels willen. Nennen Sie mir Ihre Adresse.“ „Einstein, Dickensstraße 240.“ „Einstein? In welchem Land liegt die Stadt? Ich kann sie auf meiner Landkarte nicht entdecken.“ „Dämlack!“ knurrte ich. „Eine berühmtere Stadt als Einstein gibt es nicht. So was von Unwissenheit! Wer sind Sie über- haupt?“ „Ich sagte es doch schon, Edgar Allan Poe.“ „An die Auferstehung Toter glaube ich nicht.“ „Ich begreife nicht, Dadlin, warum Sie in so beleidigendem Ton mit mir reden.“ „Na, schon gut, entschuldigen Sie. Langsam geht mir ein Licht auf. Kürzlich habe ich gelesen, daß eins unserer größten Filmstudios mit den Dreharbeiten zu ,Edgar Allan Poe’ begon- nen hat.“ „Ein Filmstudio, Dadlin? Was verstehen Sie darunter? Dieses seltsame Wort höre ich zum ersten Mal.“ „Schon gut, schon gut“, sagte ich erneut. „Sie wollen sich in Ihre Rolle einspielen. Nur, was habe ich damit zu schaffen? Ich bin nicht Literaturwissenschaftler, ich bin Physiker.“ Und da ich nur den einen Wunsch hatte, meinen eigen- artigen Gesprächspartner loszuwerden, fügte ich hastig hinzu:, „Aber wie dem auch sei, ich muß jetzt leider Schluß machen, ich bin sehr in Eile.“ Dann legte ich auf. Alle, selbst die konservativsten Gelehrten, hatten meine Hypo- these anerkannt, doch bis ins letzte begriffen hatte sie im Grun- de niemand. Dutzende von Wissenschaftlern entfalteten eine rege Be- triebsamkeit in ihren Labors. Die einen, um den experimen- tellen Beweis für meine kühnen Ideen zu erbringen, die ande- ren auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich bloßzustellen und mir absolute Unfähigkeit zu bescheinigen. Besonders tat sich ein gewisser Samuel Hobbes hervor – ein Ingenieur, der sich für einen großen Fachmann hielt und mir nach außen hin Freund und Anhänger, in Wirklichkeit aber ein stiller Feind und Neider war. Weder ihm selbst noch seiner hek- tischen Begeisterung für meine Hypothese schenkte ich Ver- trauen. Dieser „Experimentator“ nämlich – aus Achtung vor den wirklichen Spezialisten setze ich dieses Wort in Anfüh- rungsstriche – gestattete sich einen reichlich freien und familiä- ren Umgang mit geschichtlichen Fakten, und das angeblich um der Wahrheit willen, einer höchst komplizierten und wunderli- chen Wahrheit. So hatte er zum Beispiel einen Schriftsteller aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „herbeordert“, hielt aber, solange sein Versuch nicht abgeschlossen war, den Namen die- ses Mannes geheim. Mir kam ein unsinniger und naiver Gedanke, der freilich eher einem Bewohner des späten Paläolithikums angestanden hätte als einem Gelehrten unserer Tage. Handelte es sich bei dem Mann, der auf „Order“ des Erfinders Hobbes hin die Zeit überwunden und mich mit seinem Anruf beglückt hatte, nicht, gar um meinen ominösen Edgar Allan Poe? Doch wie hatte es Samuel Hobbes fertiggebracht, ein Telefon zu konstruieren, das zwei verschiedene Jahrhunderte wie zwei Wohnungen mitein- ander verband? Deshalb raunte mir der gesunde Menschen- verstand zu: Dich kann nur der Schauspieler angerufen haben, der die Rolle des berühmten Schriftstellers spielt. Nebenbei gesagt, ließ sich niemand so ausgiebig und gern über den gesunden Menschenverstand aus wie gerade Samuel Hobbes. Nach seinen eigenen Worten war das der einzige Gott, dem er huldigte und den er anbetete. Zänkisches, lächerliches Männchen, das er war, hatte er den Ehrgeiz gehabt, sich einer der exaktesten und strengsten Wissenschaften zu verschreiben, der Mechanik. Im Vestibül des Instituts stieß ich direkt mit Hobbes zu- sammen. Der Ingenieur hatte ein Mondgesicht und ungemein kurze Arme, die in keinem Verhältnis zu seinem übrigen Kör- per standen. „Guten Tag, Dadlin“, grüßte er und machte Anstalten, mich mit seiner kleinen Patschhand am Arm zu fassen. „Hat sich in den letzten Tagen ein Schriftsteller aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts an Sie gewandt?“ „Edgar Allan Poe?“ Hobbes blickte verstört um sich und schüttelte dann vor- wurfsvoll den Kopf. „Aber warum denn so laut? Diesen Namen sollte man lieber nicht in den Mund nehmen. Und außerdem, entsprechend Ihrer Hypothese …“ „Über meine Hypothese reden wir ein andermal. Ja, er hat sich bei mir gemeldet.“ „Und Sie haben ihm, hoffe ich, seine Bitte nicht abge-, schlagen?“ „Mehr oder weniger doch.“ „Zwecklos! Ich habe diesen Schriftsteller herbeigeschafft, um den experimentellen Beweis für Ihre Hypothese zu erbringen. Sie müssen die damaligen Sitten und die Sensibilität des Man- nes berücksichtigen. Es liegt doch gewiß nicht in Ihrem Interes- se, den Ablauf eines so ungewöhnlichen Versuchs zu behin- dern.“ „Woher hätte ich wissen sollen, daß es sich um den echten Edgar Allan Poe handelt? Ich hatte allen Grund zu der Annah- me, der Anruf käme von dem Schauspieler, der die Titelrolle in einem Film über den Autor übernommen hat.“ „So weit sind Sie damit gar nicht von der Wahrheit entfernt“, erwiderte Hobbes und machte eine rätselhafte Geste mit seinem Kleinkinderarm. „Was soll das heißen?“ fragte ich. „Nichts weiter, als daß sowohl das eine als auch das andere stimmt. Schriftsteller und Schauspieler sind hier zu einer para- doxen Einheit verschmolzen …“ „Ein bißchen deutlicher geht's wohl nicht, Hobbes?“ unter- brach ich ihn. „Solange der Versuch noch läuft, leider nein.“ Hobbes warf einen Blick auf seine kleine Armbanduhr und dann, als traue er ihr nicht, auf die große Wanduhr im Vestibül. Er hatte es plötzlich sehr eilig fortzukommen und war gleich darauf hinter der Tür des Fahrstuhls verschwunden. Ich hatte gerade mit meiner Schwester Anne zu Abend ge- gessen und ging in den Korridor hinaus, um eine Zigarre zu rauchen. Anne konnte Tabakqualm nicht ausstehen, und so rauchte ich, wie ein Schuljunge, stets im verborgenen., Das Telefon schrillte. „Ja bitte?“ sagte ich. „Entschuldigen Sie die Störung“, vernahm ich die wohlbe- kannte Stimme, „hier spricht Edgar Allan Poe.“ „Was für ein Poe?“ fragte ich und hatte Mühe, mich zu be- herrschen. „Der echte oder der, den der Schauspieler Jones ver- körpert?“ „Welcher von beiden wäre Ihnen denn lieber?“ Seine Worte drangen an mein Ohr, als müßten sie sich mühevoll einen Weg durch Raum und Zeit bahnen. „Sie wollen mich partout dazu bringen, an Seelenwanderung zu glauben. Wissen Sie, was Sie sind? Ein Hochstapler, ein Scharlatan. Oder ein Verrückter!“ „Immer schön mit der Ruhe, Dadlin“, hörte ich. „Nicht gleich aufregen. Mit Ihnen spricht jemand, dem es gelungen ist, die Zeit zu bezwingen. Ich bin Ihnen gar nicht mehr so fern, Philipp, warten Sie's ab. Morgen um diese Stunde werde ich an Ihrer Tür klingeln.“ Den ganzen folgenden Tag verbrachte ich in Erwartung der festgesetzten Stunde. Wo ich auch war, unablässig mußte ich an ihn denken: an Edgar Allan Poe, der mir ein Zusammentreffen angekündigt hatte entgegen allen Gesetzen von Zeit und Raum. Ganz offensichtlich war ich an einen gemeinen und hart- näckigen Witzbold geraten, der sich einen Scherz mit mir und meiner Theorie vom zickzackförmigen Chronos erlaubte. Dabei muß ich bemerken, daß meine Hypothese insofern nicht vom Glück begünstigt war, als man sie zu rasch anerkannt hatte. Fast alle Gelehrten, die Experten nicht ausgenommen, sahen das Wesen meiner Ideen zu flach und zu vereinfacht. Die Expe- rimentatoren waren auf dem Holzweg, wenn sie nach einer Be-, stätigung für die Wahrheit suchten, die sich in meinem Fall höchst launisch und paradox ausnahm. Und niemand brachte mich durch sein stumpfsinniges Drauflosstürmen dermaßen in Rage wie Samuel Hobbes mit seinen kurzen Fuchtelarmen. An einem der nächsten Tage traf ich ihn abermals vor dem Fahrstuhl, als ich gerade in mein Labor hochfahren wollte. „Na, hat Edgar wieder mal angerufen?“ fragte Hobbes in verschwörerischem Flüsterton und kam dabei mit seinem Mondgesicht ganz nahe an mich heran. Er hatte einen scheußli- chen Mundgeruch, so daß ich unwillkürlich zurückwich. „Welcher Edgar?“ „Edgar Allan Poe natürlich.“ „Gestatten Sie, aber von wo, wann und wie hätte er mich wohl anrufen sollen? Oder läuft die Zeit neuerdings in um- gekehrter Richtung?“ „Und so was sagt nun Dadlin, der Begründer der Hypothese vom zickzackförmigen Chronos, einer Hypothese, die dank meiner Hilfe bald Theorie werden wird. Ihnen müßte doch am ehesten einleuchten, wozu ich den Mann hergeholt habe. Sollen sich die anderen Experimentatoren ruhig mit den Elementar- teilchen herumschlagen. Ich habe etwas gewagt, was unver- gleichlich schwieriger war. Und alles im Sinne Ihrer Idee!“ „Bliebe nur die Frage, ob Sie meine Idee überhaupt begriffen haben. Alles, was Sie bisher von sich gaben, gleicht eher einem Fieberwahn.“ Daraufhin begann mir Samuel Hobbes (er zeichnete sich we- der durch besonderen Scharfsinn noch durch gute Manieren aus) mit seinen kurzen Ärmchen vor dem Gesicht herumzu- fuchteln und sagte: „Meiner Person können Sie das vielleicht vorwerfen, nicht aber meinen Händen. Die nämlich zeichnen, sich durch eine beneidenswerte Nüchternheit und Beharrlich- keit aus. Das habe ich übrigens nicht nur einmal unter Beweis gestellt.“ Es war das beste, was er hätte erwidern können. Seine Hände beeindruckten mich in der Tat stets aufs neue. Ich betrat den Lift, drückte den Knopf und entfernte mich er- leichtert von meinem reichlich aufdringlichen Gesprächs- partner. Der Tag nahm und nahm kein Ende. Doch obwohl sich mein ganzes Inneres dagegen sträubte, schaute ich alle naselang auf die Uhr, in der Furcht, ich könnte mich zu diesem unmöglichen Treffen verspäten. Noch nie hatte ich mich auf dem Heimweg so beeilt. Anne war zum Glück nicht zu Hause. Sie war zu einer Freundin ge- gangen, wo sie wahrscheinlich den ganzen Abend bleiben wür- de. Ich saß in meinem Arbeitszimmer und horchte auf jeden Ton. Als die Türklingel schrillte, waren seit der angegebenen Zeit lediglich zwei Minuten vergangen. Ich öffnete. Vor mit stand ein untersetzter, ziemlich kleiner Mann mit dem selbstge- fälligen Dutzendgesicht eines Provinzschauspielers. Er stand da, ohne ein Wort zu sagen, und sah mich aus winzigen Schweinsäuglein an. „Wollen Sie zu mir?“ fragte ich. „Ja.“ „Mit wem habe ich die Ehre?“ „Ich bin Edgar“, hauchte er. Ich musterte ihn von oben bis unten und fragte mit un- verhohlenem Spott: „Doch wohl nicht Edgar Allan Poe?“ „Edgar Jones“, erwiderte er. „Ich spiele den Poe in dem, gleichnamigen Film.“ „Also waren Sie es, der mich angerufen hat?“ „Ja.“ Ich zuckte die Achseln und bat den Schauspieler in mein Ar- beitszimmer. Schließlich konnte ich ihm nicht gut die Tür vor der Nase zuschlagen, obwohl es mir in den Fingern juckte. Mir gefielen weder die Schweinsäuglein noch der ganze Mann. Be- sonders aber mißfiel mir seine Nase, die bläuliche Nase eines Säufers und Taugenichts. Dann betrachtete ich ihn abermals und sagte: „Sie haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit Edgar Allan Poe. Wie konn- te man Ihnen bloß diese Rolle übertragen?“ Der Gast nahm in einem Sessel vor dem Kamin, am anderen Ende des Schreibtisches, Platz und zündete sich eine Zigarre an. „Sie finden, daß ich ihm nicht ähnlich bin?“ erklärte er hei- ser. „Da ist Regisseur Ingram aber anderer Meinung. Er ist sehr zufrieden mit der Übereinstimmung. Überaus zufrieden sogar! Wenn Sie sich den Film später mal anschauen, werden Sie mich nicht wiedererkennen.“ „Alles nur Maske“, sagte ich. „Nein“, entgegnete er gleichmütig. „Hier ist es mit der Ar- beit eines fähigen Maskenbildners nicht getan. Ein bißchen Ta- lent gehört auch dazu.“ „Und was führt Sie nun zu mir, wenn ich fragen darf?“ „Der Erfinder Hobbes hat mich zu Ihnen geschickt. Mög- licherweise ist er es auch gewesen, der den Regisseur dazu be- wogen hat, mir die Hauptrolle zu übertragen. Mein Gott, wie ich die Nase von diesem Ingram und Ihrem Hobbes voll habe, vor allem von Hobbes.“ „Wieso Hobbes? Was hat denn der damit zu schaffen?“, „Das ist mir selbst ein Rätsel. Ich habe gehofft, Sie würden mir helfen, dahinterzukommen. Man hat mir gesagt, Hobbes arbeite in Ihrem Auftrag.“ „In meinem Auftrag? Das ist nicht ganz korrekt. Er sucht le- diglich nach einer experimentellen Bestätigung für meine Hypothese. Allerdings sucht er in der falschen Richtung.“ „Ich glaube nicht“, erwiderte Jones. „Wie können Sie, ein Provinzschauspieler, sich ein Urteil über die Feinheiten moderner Physik erlauben?“ „Provinzschauspieler ist gut! Wenn die Arbeit am Film abge- schlossen ist, wird mich die ganze Welt kennen.“ „Übertreiben Sie da nicht ein bißchen?“ „Nicht im geringsten.“ Ein Wölkchen von Tabakrauch umhüllte sein Gesicht. Im gleichen Augenblick sank alles in Finsternis. Eine Stimme aus dem Dunkeln fragte: „Was ist geschehen? Wieso ist es plötzlich finster?“ „Ich weiß nicht. Offenbar ist die Glühbirne durchgebrannt. Ich werde gleich mal nachsehen.“ Erst einige Sekunden später wurde mir plötzlich bewußt: Das da war eine andere Stimme gewesen. Nicht die des Schau- spielers Jones, sondern die des Mannes, der am Telefon mit mir gesprochen hatte. Vor Aufregung verweigerten mir meine Hände den Dienst. Als es mir schließlich doch noch gelang, das kleine Ersatz- lämpchen einzuschalten, geriet ich vollends aus der Fassung. Vor mir im Sessel saß nicht Jones, sondern ein völlig fremder Mann. Und diesmal war es tatsächlich Edgar Allan Poe. Die Metamorphose war nicht nur psychischer Natur, sie war auch physisch vonstatten gegangen. Große nachdenkliche Augen, waren auf mich gerichtet. Das Gesicht war länglicher, der Kör- per geschmeidiger und schlanker geworden. „Sind Sie das, Jones?“ fragte ich konsterniert. „Nein“, vernahm ich eine verklärte, angenehm klingende Stimme. „Diesmal bin ich Edgar Allan Poe.“ „Poe? Edgar Allan Poe? Aber das gibt es doch gar nicht!“ Er lächelte nur und machte keinerlei Anstalten, mich vom Gegen- teil zu überzeugen. Er saß mir gegenüber. Die Uhr an meinem Handgelenk bestätigte, daß die Zeit nicht etwa stehengeblieben war. Die Sekunden flossen dahin, wurden zu Minuten, erneuer- ten das Sein, das sich in steter Bewegung befand. Der Mann saß mit einer Miene da, als hätte er nicht das geringste zu tun – als sei er im gegenwärtigen Moment, so wie auch in der Vergan- genheit oder Zukunft, bar aller menschlichen Pflichten. Eine Stunde war vergangen, und er saß noch immer so da. Worüber er sich mit mir unterhalten hatte? Über so gut wie nichts. Zwei oder drei unbedeutende Bemerkungen, die die Nüchternheit des elektrischen Lichts betrafen. „Ich ziehe den flackernden Schein der Kerzen vor“, sagte er. „In eurer Welt ist weder ein Rembrandt noch ein Beethoven möglich. Dazu ist alles viel zu scharf umrissen … auch ich wäre hier undenkbar, hier in eurer Welt, wo es keine Schatten gibt.“ „Und in eurer Welt?“ fragte ich. Er ließ meine Frage unbeantwortet. Nach einer Pause, die sich ziemlich lange hinzog, deklamierte er einen Auszug aus seinem Gedicht „Ulalume“. Schal und traurig war unser Gespräch, Und der Reigen der trägen Gedanken, Und der Reigen der tristen Gedanken …, „Haben wir denn ein Gespräch geführt?“ fragte ich ihn. „Worüber denn?“ „Wir haben so gut wie nichts miteinander gesprochen“, er- widerte er. „Schließlich steht ein Jahrhundert zwischen uns, Dadlin.“ „Aber Sie sind doch hier“, beharrte ich. „Ich kann Sie mit meiner Hand berühren.“ „Lassen Sie das.“ Er schob meine Hand beiseite. „Ich will doch hoffen, daß Sie kein Gespenst sind?“ „Für ein Gespenst bin ich reichlich dick und gewöhnlich, meinen Sie nicht?“ Bei diesen Worten zog er ein Taschentuch aus seiner Jacke und wischte sich damit übers Gesicht, als woll- te er eine Maske entfernen. Im gleichen Augenblick hatte er sich wieder in Jones ver- wandelt, hatte es bei Lampenlicht vor meinen Augen getan, ohne Zuflucht zur Finsternis zu nehmen. Auf seinem Dutzend- gesicht spielte ein selbstgefälliges Lächeln. „Also doch“, sagte ich. „Alles nur Maske.“ „Und wenn es nun Talent ist?“ fragte er herausfordernd. „Talent, Talent. Jedermann führt dieses Wort im Munde, aber niemand hat im Grunde auch nur die geringste Ahnung, was das eigentlich ist.“ „Ein Talent braucht wie Rembrandt Schatten und Dunkel. Nun, wie habe ich gespielt?“ Ich schwieg. Wenn das hier kein Gauklertrick oder eine Sin- nestäuschung gewesen war, so saß vor mir ein Genie. Ich brachte Jones zur Tür und sah in ungläubiger Verwun- derung seiner alltäglichen und gewöhnlichen Gestalt nach., Samuel Hobbes gab mir zur Begrüßung seine dicke Patschhand und erkundigte sich, wobei er sein Gesicht vertraulich dem meinen näherte: „Nun, was macht Jones?“ „Ein hervorragender Schauspieler“, erwiderte ich. „Ach was, für meine Begriffe bloß Mittelmaß.“ „Er hat sich doch aber vor meinen Augen in Poe verwandelt. Weder auf der Bühne noch auf dem Bildschirm habe ich je eine solche Metamorphose erlebt.“ „Ein ganz gewöhnlicher Schauspieler“, sagte Hobbes. „Und dumm dazu.“ „Das mag zutreffen, solange er Jones ist. Doch wenn er sich in Poe verwandelt hat …“ „Verwandelt hat? Nicht er hat sich verwandelt, sondern ich war es, der das für ihn erledigte. Entsprechend Ihrer Hypo- these …“ „Über meine Hypothese reden wir ein andermal. Im Augen- blick interessiert mich einzig dieses Phänomen. Wer ist dieser Jones eigentlich?“ „Der Punkt, an dem sich die zickzackförmigen Linien ge- kreuzt haben. Entsprechend Ihren Berechnungen ..“ „Na, schon gut, Hobbes. Sie legen meine Hypothese reichlich großzügig und oberflächlich aus. Aber wer ist Jones, frage ich Sie, Jones, der imstande ist …“ „Was hat sein Können damit zu tun? Er ist lediglich der Punkt, an dem sich die zickzackförmigen … Aber sagen Sie, ist Ihnen denn tatsächlich nicht aufgegangen, daß in Ihrem Sessel der echte Poe gesessen hat? Entsprechend Ihren Kalku- lationen …“ „Schluß jetzt, Hobbes, Sie haben mich lange genug an der Nase herumgeführt. Ich möchte mir Ingrams Film ansehen. Ihr, Bemühen, meine Ideen experimentell zu bestätigen, schätze ich natürlich, aber Sie sind auf dem Holzweg. Also rufen Sie schon Ingram an.“ Hobbes wählte die Nummer des Regisseurs und rief in den Hörer: „Hallo, Ingram? Hier spricht Hobbes. Dadlin und ich würden ganz gern mal einen Blick auf Ihr Material werfen. Morgen erst? Nein, nein, kommt nicht in Frage. Es muß heute sein. In einer halben Stunde sind wir bei Ihnen im Studio.“ Eine halbe Stunde später waren wir dort. Ingram hatte of- fenbar kein Verlangen danach, sich mit uns abzugeben. Er be- rief sich auf seine viele Arbeit und verschwand umgehend in der Montage. Einem seiner Assistenten überließ er es, uns zu erläutern, was schwerlich in der Sprache des gesunden Men- schenverstandes und der realen Fakten zu erklären war. Samuel Hobbes ließ sich im Sessel neben mir nieder. Er machte ein Gesicht, als wäre er der Chefregisseur. „Das wichtigste“, sagte er mit einem rätselhaften Lächeln, „ist Beharrlichkeit und nochmals Beharrlichkeit. Das steht ganz außer Zweifel. Nur so ist es mir gelungen, die Gesetze der Na- tur zu bezwingen und diesen Mann den Tiefen der Vergangen- heit zu entreißen.“ „Sie sprechen von diesem Provinzschauspieler mit den Schweinsäuglein ?“ „Nein, natürlich nicht. Ich meine jenen, der gute hundert Jahre vor uns gelebt hat.“ „Fangen Sie wieder damit an! Das ist Unsinn, sage ich Ihnen, ein Hirngespinst!“ „Aber Ihren eigenen Berechnungen zufolge sind die Ko- ordinaten …“ „Schluß jetzt, verdammt noch mal! Sie haben nicht das ge-, ringste begriffen. Meine Idee hat keinen Jota mit Ihrer klägli- chen Metaphysik gemein.“ Ich sah Hobbes an. Sein Mondgesicht hatte sich zu einem spöttischen Grinsen verzogen. „Metaphysik, meinen Sie?“ sagte er. „Da werden Sie sich gleich vom Gegenteil überzeugen können.“ Und mit seinen kurzen Wurstfingern machte er eine Bewegung zur Leinwand hin. „Na, was sagen Sie jetzt?“ wandte sich Hobbes an mich, als die letzte Filmszene abgerollt war und das nüchterne elektrische Licht im Saal aufflammte. „Was soll ich da sagen? Jones ist ein Genie. Noch nie habe ich etwas Ähnliches gesehen. Es war die vollständigste Ver- wandlung in einen Menschen eines vergangenen Jahrhunderts, die mir je untergekommen ist. Es handelte sich um den echten, unverfälschten Edgar Allan Poe, der durch die unvergleichliche Meisterschaft des Schauspielers aus der Vergangenheit vor uns erstand.“ Hobbes brach in ein gespieltes Lachen aus. „Kommt Ihnen das so lächerlich vor?“ fragte ich. „Und ob“, erwiderte er. „Der Begründer der Hypothese vom zickzackförmigen Chronos kommt mir mit der Meisterschaft des Künstlers, wo es sich doch um eine rein physikalische Er- scheinung handelt, die er selbst in seiner eigenen Hypothese vorausbedacht hat. Um es Ihnen noch einmal zu sagen: Es war nicht Jones, der den berühmten Schriftsteller gespielt hat, son- dern Edgar Allan Poe in eigener Person. Eine Überschneidung der zickzackförmigen Linien im Punkte ‚J’. Im konkreten Fall ergibt das den Schauspieler Jones …“, „Genug des Geschwätzes!“ unterbrach ich ihn. „Ich kann Sie einfach nicht ernst nehmen, wenn Sie sich an die Ausdeutung meiner Ideen machen, ohne auch nur das Geringste davon be- griffen zu haben. Übrigens ist Edgar Jones selbst anwesend!“ Der Schauspieler saß seitlich neben dem Assistenten. Als er mich bemerkte, nickte er kurz. Er kam mir ein wenig verlegen vor. „Jones“, rief ich ihm zu, „Sie haben ein Wunder vollbracht.“ „Das Wunder“, erwiderte der Mann, „habe nicht ich vollbracht, sondern Samuel Hobbes. Entsprechend Ihrer Hypothese …“ „Wenn es so ist“, sagte ich, „war also ich es, der diese Ver- wandlung zustande gebracht hat. In diesem Fall kann ich dann ja wohl auf die Hälfte Ihrer Gage rechnen, nicht wahr?“ Offenbar ging Jones jegliches Gefühl für Humor ab, denn er verstand meinen Scherz nicht. Sein Gesicht nahm einen besorg- ten Ausdruck an, so als stünden wir bereits vor der Kasse, um uns das Geld auszahlen zu lassen. Regisseur Ingram betrat den Vorführsaal. Trotz seiner Größe bewegte er sich leicht und elegant. Bei mir angelangt, sagte er: „Ich fürchte, Dadlin, unser Film wird dem Publikum nicht son- derlich gefallen.“ „Wieso das?“ „Er ist zu wirklichkeitsnah und zu alltäglich. Es ist uns zwar gelungen, die Zeit mit fast dokumentarischer Genauigkeit wie- dererstehen zu lassen, es ist uns aber nicht geglückt, jene Mono- tonie zu vermeiden, die der Zuschauer auf den Tod ablehnt. Wir haben das Leben des berühmten Schriftstellers so wieder- gegeben, wie es in der Tat gewesen ist. Ohne jede Beschöni- gung.“ „Und Sie selbst, sind Sie mit dem Film zufrieden?“, „Wie soll ich es Ihnen erklären? Nicht ganz. Außerdem bin ich schrecklich zermürbt.“ Bei diesen letzten Worten warf er einen vielsagenden Blick zu Hobbes hinüber, der sich gerade mit Jones unterhielt. Dann fuhr er leise fort: „Vor allem der da war's, der mir den Rest gegeben hat. So was von Starrsinn!“ „Hobbes?“ fragte ich erstaunt. „Was hat denn der mit den Dreharbeiten zu tun?“ „Überall hat er seine Nase hineingesteckt. Und immer in Ih- rem Namen. Denn die Grundlage des Films bildet Ihre Theorie vom zickzackförmigen Chronos.“ „Wie ist denn das nun wieder zu verstehen?“ „Eine Erklärung müssen nicht Sie von mir, sondern darf eher ich von Ihnen erwarten. Hobbes ist einer Erklärung stets aus dem Wege gegangen, indem er sich auf die unwahrscheinliche Kompliziertheit Ihrer Theorie berief, die wohl eine Beziehung zum Lauf der Zeit in umgekehrter Richtung besitzt. Um es an- ders auszudrücken: Er spielte auf einen seltsamen Umstand an, er behauptete, daß die Rolle Edgar Allan Poes nicht nur durch Jones verkörpert würde, sondern durch den Schriftsteller selbst, der ihm aus der Vergangenheit zu Hilfe gekommen wäre…“ „Das ist ja ein hirnverbrannter Unsinn! Poe ist in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gestorben.“ „Ich bin der gleichen Meinung, aber Hobbes … Übrigens lohnt es nicht, ihm Vorwürfe zu machen. Nur dank seiner Hartnäckigkeit ist es uns gelungen, von Jones eine so starke und talentierte Leistung zu bekommen. Meine Assistenten vermuten, daß Hobbes irgendwelche chemischen Stimulantia verwendet hat, die auf die Einbildungskraft des Künstlers wir- ken. Vor jeder Aufnahme hat er ihm förmlich an den Fersen geklebt, Jones konnte sich keinen Schritt von ihm entfernen., Vielleicht liegt es tatsächlich an der Wirkung der Stimulantia …“ „Das bezweifle ich“, unterbrach ich ihn. „Womit könnte man die Metamorphose sonst erklären? Nur mit Talent? Nehmen Sie doch nur diesen einen Fakt: Aus den winzigen Äuglein des Schauspielers wurden die großen, klugen Augen Edgar Allan Poes. Die ganze Statur hat sich verändert. Na, Sie haben sich ja eben selbst davon überzeugen können.“ Er verstummte. In diesem Augenblick kam Hobbes auf uns zu und schleppte Jones am Ärmel hinter sich her. „Sie müssen unseren Streit schlichten“, sagte er. „Jones zürnt mir, weil ich das Experiment für noch nicht abgeschlossen hal- te. Und was das lächerlichste ist, er sagt, er will sich nicht end- gültig in Poe verwandeln, er will er selbst, Jones, bleiben.“ Meine Schwester Anne hatte stets Pech gehabt. Verteufeltes Pech. Alle jungen Männer, die hinter ihr her gewesen waren, hatten sie nach einem, spätestens nach zwei Monaten wieder verlassen. Mir war das rätselhaft. Ich hielt Anne für ein sympa- thisches und nicht unintelligentes Mädchen; sie war beschei- den, gutherzig, möglicherweise sogar selbstlos. Die Jahre waren vergangen. Anne begann unmerklich zu verblühen – ein Vorbote für schnelles und vorzeitiges Altern. Und niemand von den Verwandten und Bekannten glaubte noch daran, daß sie einmal heiraten würde. So war ich denn auch maßlos erstaunt, als sie mir eines Morgens verlegen eröff- nete: „Philipp, heute abend kommt mein Bräutigam. Ich würde dich gern mit ihm bekannt machen.“ „Dein Bräutigam?“ murmelte ich verdutzt. „Du hättest mir das ein bißchen eher mitteilen und mir seinen Namen auf- schreiben können. Du weißt doch, daß ich kein gutes Namens-, gedächtnis habe.“ „Seinen Namen wirst du schon behalten. Er ist sehr be- kannt.“ „So? Na dann heraus damit.“ „Edgar Allan Poe.“ „Du bist verrückt! Ich hab dir schon einmal gesagt, daß Poe vor mehr als hundert Jahren gestorben ist.“ „Vielleicht ist es ein Namensvetter von ihm. Übrigens bist du ja bekannt mit ihm. Er hat dich damals angerufen. Und bei an- deren Gelegenheiten, als du nicht zu Hause warst, hat er sich mit mir unterhalten. Eines Tages hat er mir dann ein Rendez- vous vorgeschlagen.“ „Und du bist darauf eingegangen?“ „Seine Stimme klang so angenehm und romantisch, da hab ich's einfach nicht übers Herz gebracht, abzuschlagen. Ich bin zu dem Treffen gegangen. Mein Gefühl hatte mich übrigens nicht getäuscht: Es ist genau der Mann, auf den ich mein Leben lang gewartet habe.“ „Moment, Anne. Da ist etwas, das ich dir unbedingt erklären muß. Es gibt überhaupt keinen Poe, es gibt lediglich den großen Schauspieler Jones, der Poe in dem neuen Film verkörpert. Er nutzt dich nur aus. Ich glaube kaum, daß er seine Rolle jetzt weiterspielen wird, wo die Arbeiten am Film abgeschlossen sind.“ „Nein, Philipp, nein, du irrst dich. Mein Bräutigam ist kein Schauspieler. Heute abend wirst du dich selbst davon über- zeugen können.“ In ihrer Stimme schwang ein ungewöhnlicher Ton mit, der lange verschüttete Gefühle in mir weckte. Anne war nicht nur meine einzige nahe Verwandte, ich hatte sie auch aufgezogen., Vater und Mutter waren zeitig gestorben, und so hatte ich ihr in gewissem Sinn die Eltern ersetzen müssen. Als sie noch ein Kind war, hatte ich mich sehr um sie gekümmert. Hatte sie ge- kleidet, ihr das Frühstück gemacht, bei den Schulaufgaben ge- holfen und sie ins Kindertheater oder auch in den Zoo geführt. Nach und nach aber, in dem Maße, wie aus dem hilflosen Kind ein junges Mädchen geworden war, zudem ein Mädchen mit Charakter, war dieses Gefühl inniger Fürsorglichkeit in mir er- loschen. Nun umhegte nicht mehr ich sie – die Rollen hatten sich vertauscht. Sie war bemüht, von mir fernzuhalten, was meiner wissenschaftlichen Arbeit im Wege stehen konnte. Seit- her hatte mich das Schicksal meiner Schwester immer weniger beschäftigt, sie war halt eine alte Jungfer, wie es viele gab … Was freilich mich selbst betraf, so war ich auch nichts anderes als ein eingefleischter Junggeselle, der den gewohnten Lebens- stil über alles schätzte und ihn nicht zu verändern wünschte. Annes Mitteilung, sie habe einen Bräutigam, versetzte mich einigermaßen in Aufruhr. Ohne mir im Innersten meinen Egoismus einzugestehen, störte es mich, daß ich meine Ge- wohnheiten wegen des Glücks meiner Schwester aufgeben soll- te. Am Abend klopfte Anne leise an meine Tür. „Er ist schon da“, sagte sie, „und er ist furchtbar verlegen. Tu mir die Liebe, Philipp, sei nett zu ihm.“ Ich erwartete, im nächsten Augenblick den Schauspieler Jo- nes zu Gesicht zu bekommen, und mir war rätselhaft, wie die- ser häßliche, gewöhnlich aussehende Mann mit seinen Schwei- neritzen meine Schwester hatte betören können. Doch statt Jo- nes erblickte ich Edgar Allan Poe. Ja, wirklich und wahrhaftig. Er saß, in tiefes Nachdenken versunken, im Sessel und sah ge-, nauso aus wie auf dem Porträt im ersten Band seiner gesam- melten Werke. Kaum daß er mich bemerkt hatte, sprang er auf und reichte mir seine feingliedrige Hand. „Zwischen uns ist die Zeit“, sagte er leise und bedeutungs- voll, „und nicht nur die Zeit, auch der Raum. Trotzdem bin ich hier mit Ihnen zusammen, Dadlin, mit Ihnen und Ihrer lieben Schwester. Das alles verdanke ich der Kunst des Erfinders Hobbes.“ „Nicht vielleicht dem Talent des Schauspielers Jones?“ „Um Himmels willen, reden Sie mir nicht von diesem Mann! Der Umstand, daß sich, entsprechend Ihrer Theorie, die zick- zackförmigen Linien im Punkte ‚J’, sprich Jones, gekreuzt ha- ben, erscheint mir wie ein Wunder, wenn auch wie eins, das von der mathematischen Logik begründet wurde. Aber dieser Schauspieler, nein, wissen Sie! Er trieft nur so von Selbstgefäl- ligkeit und Geldgier. Wissen Sie, was für eine Gage er für diese Rolle verlangt hat?“ Unvermittelt verstummte Edgar Allan Poe. Er schwieg fast eine Stunde lang, und diese Pause wurde genauso unfaßlich wie er selbst. Bevor ich mich dann verabschiedete, erfüllte er noch die Bitte meiner bedauernswerten Schwester und dekla- mierte das Gedicht „Ulalume“. Viel hitziger noch als Diana, Bewegt sie sich dort, fern von mir, Durch das triste All, fern von mir… „Wessen Grabinschrift, liebe Schwester, ist das hier“, fragte ich, schmerzerfüllt. Sie gab zur Antwort: „Es ist Ulalume,, Das Grab deiner Ulalume!“ Er deklamierte, und ich hatte das Gefühl, das All kreise zu- sammen mit dem Zimmer meiner Schwester um mich, hülle sich ein in den Nebel getragener und musikalischer Worte. Ich verließ den Raum mit der Empfindung, einen Wach- traum gehabt zu haben. In meinem Zimmer angekommen, ging ich lange auf und ab und suchte nach einer logischen Erklärung für das, was mir eben widerfahren war. Ich nahm es meiner Schwester und auch mir selbst übel, daß ich diesen Mann nicht daran gehindert hatte, ein so unstatthaftes Spiel mit der Realität und dem gesunden Menschenverstand zu treiben. Daß er mich darüber hinaus zum Narren gehalten und in meiner Überzeu- gung schwanken gemacht hatte, alles, was soeben geschehen war, sei absurd und völlig unmöglich. Keine halbe Stunde später rückte alles wieder ins rechte Licht. Ich hörte Stimmen im Korridor, ging hinaus und erblickte abermals den Gast meiner Schwester, der gerade Hut und Man- tel anzog. Er war jetzt kleiner, dicker und gewöhnlicher. In sei- nem Gesicht saßen statt der großen, nachdenklichen Augen Ed- gar Allan Poes winzige Schlitze. Ich trat auf ihn zu und sagte leise, so daß es meine Schwester nicht hören konnte: „Jones!“ „Ja …?“ „Was tun Sie da? Kommen Sie doch zur Vernunft!“ „Behindern Sie mich nicht in meinem Spiel!“ zischte er böse. Dann war er hinter der Tür verschwunden. Der Artikel von Samuel Hobbes mit der sensationellen Über- schrift „Edgar Allan Poe, aus der Vergangenheit auferstanden“, beschwor in meinem Labor einen handfesten Sturm herauf. Eli- sabeth Mab, eine meiner wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, die für ihren heftigen und unduldsamen Charakter bekannt war, reichte mir den Artikel mit der Bemerkung: „Sehen Sie sich nur an, was dieser Scharlatan aus Ihrer Theorie gemacht hat!“ Ich warf einen flüchtigen Blick auf den ziemlich grellen und geschmacklosen Umschlag der Zeitschrift. Darauf war ein Cowboy in wildem Ritt abgebildet. Es handelte sich um eine Zeitschrift, die Abenteuergeschichten, Dutzendphantastik und pseudowissenschaftliche Informationen abdruckte. Hobbes’ Artikel wurde durch zwei Fotos illustriert: die des Schauspie- lers Jones, wie er tatsächlich war, und die von Jones in der Rolle des bekannten Schriftstellers. „Was sagen Sie dazu?“ fragte Elisabeth Mab, und ihre blassen, strichdünnen Lippen verzogen sich zu einem sarkastischen Lä- cheln. „Bisher gar nichts. Erst muß ich den Artikel mal gelesen ha- ben …“ „Na, hoffentlich trifft Sie während der Lektüre nicht der Schlag.“ „Keine Bange. Ich bin nicht so leicht zu beeindrucken. Mehr als belustigen wird mich Hobbes' Artikel kaum können.“ Ich vertiefte mich in die Lektüre. Wie ich gestehen muß, war der Aufsatz gekonnt geschrieben, er war von einem Menschen abgefaßt, der sich durchaus auf die Zwiesprache mit dem Leser verstand. Offenbar hatte einer der Redakteure ihm bei der For- mulierung seiner Gedanken geholfen, so daß deren Ungereimt- heit, das Falsche daran, nicht allzusehr ins Auge stach. Ärgerlich war etwas anderes. Hobbes berichtete nicht nur, von seinem recht zweifelhaften Experiment, sondern im glei- chen Atemzug auch von meiner Hypothese. Die aber hatte we- der er begriffen, noch würden die Leser der Zeitschrift das ge- ringste damit anfangen können. Im 20. Jahrhundert gab es nicht wenige Versuche, die Relati- vitätstheorie vereinfacht und verfälscht auszulegen. Um wie vieles schutzloser war da erst meine Hypothese vom zickzack- förmigen Chronos! Sie stand in keiner Weise in Beziehung zu den Gesetzen der Makrowelt, befaßte sich vielmehr mit den Erscheinungen der diskreten und elementaren Teilchen und mit der Tatsache, daß für einige von ihnen – die erst kürzlich ent- deckt worden waren und den Gesetzen der Drehbewegungen unterlagen – eine Rückläufigkeit der Zeit möglich erschien. Um das Leserinteresse anzustacheln, begann Hobbes mit dem Schluß. Er lieferte eine Art Rezension zu dem gerade ange- laufenen Film über das Leben Edgar Allan Poes. Er machte sich über das ästhetisierende Geschreibsel der Presse lustig, das Jo- nes’ Spiel und seine wundersame Verwandlung in den berühm- ten Schriftsteller nahezu in den Himmel hob. „Spiel?“ fragte er. „Verwandlung? Warum nicht den Tat- sachen ins Auge sehen, selbst wenn sie unserer Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen? Warum die Wahrheit verheimlichen, so paradox sie ist? Auf der Leinwand war der echte Poe zu sehen. Jawohl, Poe selbst, der Verfasser zahlreicher ungewöhnlicher Geschichten. Es ist gelungen, ihn seiner Zeit zu entreißen und in unsere zu versetzen, und das dank eines komplizierten Experiments, das sich auf die theore- tischen Berechnungen des bekannten Physikers Philipp Dadlin stützt. Um die Aufmerksamkeit des uneingeweihten Lesers mit mathematischen Details nicht über Gebühr zu beanspruchen,, verzichtet der Autor darauf, den Beweis für diesen neuen dis- kreten Zeitbegriff und seine zickzackförmige Natur anzutreten. Nur soviel: Das Experiment, das in meinem Laboratorium durchgeführt wurde, eröffnet eine prinzipiell neue Seite für die Wesensbestimmung der schauspielerischen Tätigkeit. Der Mi- me spielt nicht mit der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit spielt mit ihm. Er wird vorübergehend zu einem anderen Men- schen …“ Der Artikel war ziemlich umfangreich, und ich habe nicht die Absicht, seinen Inhalt in allen Einzelheiten wiederzugeben. Ich legte die Zeitschrift beiseite und atmete erleichtert auf. Hobbes’ Artikel hatte etwas geradezu Hypnotisierendes gehabt. „Nun, was sagen Sie jetzt, lieber Dadlin?“ fragte Elisabeth Mab. „Nur in einem Punkt hat er recht“, erwiderte ich. „In jedem modernen Menschen steckt ein Schauspieler. Mich erstaunt frei- lich, daß es dieser gewöhnliche und nicht eben intelligente Hobbes vermocht hat, einen solchen Gedanken – der übrigens recht geistreich ist und von Beobachtungsgabe zeugt – so fein- sinnig darzulegen.“ „Sie äußern sich nur zu Nebensächlichkeiten“, erwiderte Eli- sabeth Mab. „Hat Sie denn nicht gestört, daß Hobbes versucht, das Wesen Ihrer physikalischen Theorie auf spießige Manier zu verflachen und zu entstellen? Er schreibt, er habe den Schau- spieler Jones davon überzeugt, daß er nicht mehr er selbst, son- dern Edgar Allan Poe sei, den man der Vergangenheit entrissen habe.“ „Und wenn er ihn nun tatsächlich überzeugt hat?“ „Aber welches Recht hatte er, so etwas zu tun? Vom ethi-, schen Standpunkt aus ist das ein Verbrechen.“ „Lassen wir die Ethik aus dem Spiel, Elisabeth. Das würde uns zu weit führen. Übrigens finde ich gar nichts Verwerfliches daran, wenn Hobbes dem Mann geholfen hat, sich in seine Rol- le hineinzufinden und sie meisterhaft zu interpretieren. Wollte man so urteilen, wie Sie das tun, dann wäre jeder Regisseur ein Krimineller.“ „Einverstanden“, sagte die Assistentin. „Das kann man den Regisseuren tatsächlich nicht in die Schuhe schieben, we- nigstens nicht allen. Aber ist Ihnen nicht noch etwas anderes aufgefallen?“ „Nein, was meinen Sie konkret?“ „Mich empört die gedankliche Inkonsequenz des Mannes. Zu Beginn seines Artikels spielt Hobbes darauf an, daß Edgar Allan Poe aus der Vergangenheit geholt worden ist, um den experimentellen Beweis für Ihre Hypothese zu liefern. Zum Ende aber wird er bescheiden und erklärt die psychologische Metamorphose des Schauspielers Jones mit dessen blindem Glauben an Ihre Theorie.“ „Na und, das ist doch nur schmeichelhaft für mich.“ „Da haben wir's“, erwiderte Elisabeth Mab resignierend, „Sie sind bereits gewillt, Hobbes zu rechtfertigen. Und damit auch den Spitzbuben Jones.“ „Sie glauben, daß Jones ein Gauner ist? Welche Gründe ha- ben Sie dafür?“ Elisabeth ließ meine Frage unbeantwortet. Aber auf ihrem Gesicht spiegelte sich ein verächtliches und spöttisches Lächeln. Von diesem Lächeln wurde mir ganz flau. Schließlich besaß die Frage, wer Jones in Wirklichkeit war, alles andere als nur akademische Bedeutung für mich. Denn Jones stattete uns nach, wie vor Besuche ab und machte in Gestalt Edgar Allan Poes meiner unglücklichen Schwester den Hof. Ich versuchte dem, so gut es ging, entgegenzuwirken, doch jedesmal zischte er bö- se: „Behindern Sie mich nicht in meinem Spiel.“ Und jedesmal trat in sein bewegtes Mienenspiel der empörte Gesichtsausdruck eines Menschen, den man von seinen Pflich- ten abhält. Auch Anne war unzufrieden mit meiner Einmischung in ihr Privatleben. „Du bist ein Egoist, Philipp“, warf sie mir vor. „Ein ganz herzloser Egoist. Früher ist mir das an dir nur nicht auf- gefallen.“ Weniger als ihre Worte war es der Tonfall ihrer Stimme, der tief in mein Inneres drang und mich lähmte. Ich kapitulierte immer wieder vor der Macht dieser Stimme, ließ geschehen, was hätte verhindert werden müssen. Der Schauspieler stattete uns weiterhin seine Besuche ab. Sosehr ich mich jedoch auch bemühte, ich fand keine Erklärung für seine eigentlichen Be- weggründe. Womit hätte meine arme Schwester ihn, die welt- bekannte Persönlichkeit, schon fesseln können? An einem Abend allerdings erfuhr ich etwas Wichtiges. Zu Hause angekommen, begrüßte mich wie immer meine Schwe- ster. Ich merkte gleich, daß sie Besuch gehabt hatte. Nach dem Tabakqualm zu urteilen, der schon in der Luft stand, war ihr Gast gerade erst gegangen. „Mir erlaubst du nicht, in deinem Zimmer zu rauchen“, sagte ich, „aber dem Schauspieler Jones ist alles gestattet.“ „Er ist nicht Jones und auch kein Schauspieler.“ „Und wer ist er dann?“, „Edgar Allan Poe.“ „Hör doch endlich auf. Das ist ja lächerlich! Absurd ist das! Schließlich kommst du nicht aus dem Busch, sondern bist eine kultivierte Frau, die Schwester eines Gelehrten.“ „Trotzdem, ist er nicht Schauspieler und nicht Jones, sondern Edgar Allan Poe.“ „Um so schlimmer“, erwiderte ich, „da macht dir also ein Gespenst den Hof, ein Wesen, jenseits von aller Realität.“ „Nein, er ist alles andere als ein Gespenst. Er ist ein lebendiger, leidender, tiefempfindender und sehr zartfühlender Mensch.“ „Das glaube, wer will! Ein Schmierenkomödiant ist er, der irgendwelche unlauteren Ziele verfolgt. Warum sollte er sonst dauernd herkommen?“ „Schweig!“ unterbrach sie mich. „Der arme Junge, wenn er diese schrecklichen Worte hören würde!“ „Dein armer Junge hat mehr als vierzig Jahre auf dem Buk- kel. Zu seiner Zeit …“ „Ich bitte dich, hör auf! Wenn du wüßtest, wie sehr er leidet und sich nach seiner Zeit zurücksehnt, aus der ihn der rohe Versuch dieses Hobbes herausgerissen hat.“ „Das ist ein Hirngespinst. Hobbes interpretiert meine Hypo- these reichlich oberflächlich und verfälscht. Begreif doch end- lich, daß dein Jones kein Elementarteilchen ist. Meine Theorie von Raum und Zeit aber bezieht sich ausschließlich auf die Mi- krowelt.“ Meine Schwester beharrte auf ihrem Standpunkt. „Der arme Junge. Er hat mir deine Theorie genau erläutert und mir auch von dem Experiment erzählt, das Hobbes mit Erfolg durch- geführt hat. Und dann bat er mich noch, daß ich dich überrede, ihm bei der Rückkehr dorthin behilflich zu sein.“, „Wohin?“ „Na, in sein neunzehntes Jahrhundert, in dem er lebte und seine Erzählungen schrieb.“ „Übrigens schrieb er mitunter recht schauerliche Geschich- ten, wenn auch talentiert, wie ich zugeben muß …“ „Trotzdem darf man mit ihm nicht so grausam verfahren, wie es Hobbes getan hat, nur weil er deine Hypothese beweisen wollte.“ „Also gut, Anne. Angenommen, ich glaube für wenige Mi- nuten an diesen Blödsinn … Aber dann erklär mir wenigstens, wieso er eine solche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Jones besitzt.“ „Das kommt dir nur so vor. Du hast es dir selbst eingeredet. Inzwischen aber …“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende und brach in heftiges Schluchzen aus. „Der arme Junge! Er fühlt sich beengt in unserer Welt. Ich habe ihm mein Wort gegeben, ihm zu helfen.“ Schon von jeher konnte ich es nicht mit ansehen, wenn eine Frau weint. Nun war es obendrein noch meine Schwester. Ihre Schultern zuckten. „Wo liegt da die Logik?“ fragte ich sie. „Du liebst ihn doch, wenn mich nicht alles täuscht.“ „Ja, ich liebe ihn. Es ist der erste Mann, den ich wirklich lie- be. Und darum flehe ich dich an: Hilf ihm, in seine Zeit zurück- zukehren, in sein Jahrhundert, zu den Menschen, aus deren Mitte ihn das grausame und rohe Experiment deines Hobbes gerissen hat.“ „Und du? Willst du nicht vielleicht mit ihm zusammen fort- gehen?“, „Nein, das wäre sinnlos und auch unmöglich. Ich bleibe hier bei dir und werde an ihn denken … Bring ihn zurück in seine Welt, Philipp, tu mir die Liebe. Ich werde dich erst in Ruhe las- sen, wenn du meine Bitte erfüllt hast.“ „Das ist ganz unmöglich, Anne. Begreif endlich: Die Zeit ist ein eindimensionaler, nicht umkehrbarer Prozeß. Die Zukunft steht uns noch bevor, die Vergangenheit aber ist vorbei, für immer und ewig.“ „Er hat mir doch aber mehr als einmal deine Theorie der Zeit erläutert. Nach deinen Berechnungen verläuft die Zeit ja gerade nicht nur in einer Richtung, sondern ist umkehrbar.“ „Schon richtig, Anne, es stimmt. Aber es trifft nur für die Mikrowelt zu, in der andere Gesetze herrschen. Wenn dein Jo- nes ein Elementarteilchen wäre …“ „Er ist nicht Jones, er ist Edgar Allan Poe. Und du mußt ihm helfen zurückzukehren. Du wirst es tun, Philipp, mir zuliebe.“ Wenn ich es doch vermocht hätte! Still, auf Zehenspitzen wie ein Dieb, verließ ich Anne und such- te mein Arbeitszimmer auf. Die Zeitungsjungen priesen lautstark ihre Ware an: „Die neuesten Nachrichten! Lesen Sie! Der bekannte Schauspieler Edgar Jones spurlos verschwunden! Selbstmord nicht ausge- schlossen!“ Ich lenkte meinen Wagen an den Bordstein, winkte einen der Jungen heran, kaufte ihm eine Zeitung ab und vertiefte mich sofort in die Lektüre. Doch die Notiz enthüllte kaum mehr De- tails, als sie der Ausruf des Jungen enthielt. Der Schauspieler habe mehrere Tage vor seinem Verschwinden all seinen Be- kannten einzureden versucht, er sei nicht Jones, sondern Edgar, Allan Poe – das Opfer eines physikalischen Experiments –, und man habe ihn nur der Vergangenheit entrissen, um eine neue und ganz „verrückte“ Hypothese zu bestätigen … Ferner wur- de mitgeteilt, Jones habe während der Dreharbeiten am „Edgar Allan Poe“ chemische Stimulantia zu sich genommen, die sehr stark auf die emotionale Sphäre wirkten. Ich wollte die Zeitung schon wegstecken, da fiel mein Blick auf eine Notiz, die mich nicht wenig verblüffte. „Dieser Tage“, hieß es dort, „entdeckte der Literatur- historiker Crenchow eine unbekannte und bislang unver- öffentlichte Erzählung Edgar Allan Poes. Die Geschichte han- delt von einer Reise in die Zeit, konkret von einer Reise aus dem 19. ins ausgehende 20. Jahrhundert. Lesen Sie auch weiter- hin unsere Zeitung, in einer der nächsten Nummern werden wir diesen sensationellen Text erstmals abdrucken.“,

Igor Begegnung Rossochowatski mit der Zeit

Blutrot stand der Abend über dem schartigen Horizont. Die Sonne verabschiedete sich von der Erde. Er stand am Fuße der gigantischen Statuen. Undeutlich spür- te er: Hier hat sich etwas verändert. Aber was? Es ließ sich nicht feststellen. Seine Unruhe blieb. Er war Archäologe. Die drahtige Gestalt wirkte jünger als sein wettergegerbtes Gesicht mit den müden, meist zu stillen Augen. Doch nun, da sie die bekannten Konturen erfaßten, wurden diese Augen lebhaft, blitzten, und der Mann schien aus dem gleichen feurigen Stoff gemacht wie die Sonne, unter der er wandelte. Jetzt hieß er Michail Grigorjewitsch Butjagin, aber als er zum ersten Mal hier war, hatte sie ihn „Mischa“ genannt, mit der Betonung auf der letzten Silbe. Vor fünf Jahren war das gewesen, als er Material für seine Dissertation sammelte und Sweta im letzten Semester studierte. Sie sagte: „Ich brauche das für meine Diplomarbeit“, und er setzte durch, daß sie die Expedition mitmachte. Überhaupt trieb sie es mit ihm. Michail Grigorjewitsch musterte die gigantischen Gestalten und versuchte sich zu erinnern, wo, an welcher Stelle sie gesagt, hatte: „Einen zu lieben wie dich, Mischa, ist schwer“, und, hef- tig das Haar zurückwerfend: „Oder bilde ich mir vielleicht nur ein, dich zu lieben?“ Michail lächelte, dann erstarrte sein Gesicht. Was hat sich hier verändert? Was kann sich verändert ha- ben? überlegte er und betrachtete den Sandhügel. Wieder rief er sich bis in alle Einzelheiten ins Gedächtnis, was damals gesche- hen war. Auf der dritten Fahrt zu den Ruinen der antiken Stadt waren vier Teilnehmer der Expedition von der Karawane ab- gekommen und hatten sich in der Wüste verirrt. Dabei hatten sie zwischen den Flugdünen die Statuen entdeckt. Die Gestalt des Mannes war etwas größer als die der Frau. Sein Gesicht stand ihm noch deutlich vor Augen: grob gemeißelt, fast ohne Nase und Ohren, mit breitem, aufgerissenem Mund. Ziemlich ungewöhnlich, fast unnatürlich in diesem Gesicht waren die scharf gezeichneten Augen. Rhombische Pupillen, eine Regen- bogenhaut mit bläulichweißen Adern, von einem starren Wim- pernkranz umgeben. Die Gestalten verblüfften durch ihre Asymmetrie. Rumpf und Arme waren lang, die Beine kurz und dünn. Sosehr die Expeditionsteilnehmer auch miteinander streiten mochten, es gelang ihnen nicht, festzustellen, zu welcher Kultur und Epoche die Statuen gehörten. Niemals würde Michael Grigorjewitsch vergessen, wie er zum ersten Mal die Augen der Skulpturen sah. Es verschlug ihm den Atem. Unfähig, den Blick von ihnen zu wenden, stand er eine Weile starr, dann ging er wie ein Schlafwandler auf sie zu, mit ausgebreiteten Armen, einer unbegreiflichen Macht ge- horchend., Erst als er mit der Brust gegen die Beine der Statue stieß, blieb er stehen und merkte, daß ihm etwas die Hüfte ver- brannte. Er steckte die Hand in die Tasche und schrie auf. Sein metallenes Zigarettenetui hatte sich erhitzt, als hätte man es ins Feuer gehalten. Michail kam zu sich. Der Professor für Geschichte stand, die Arme an den Körper gepreßt, mit weit aufgerissenen Augen da. Einer Statue ähnlicher als die Figuren. Selbst der Skeptiker Fjodorow gestand, sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. Swetlana schmiegte sich ängstlich an Michail. Ihre Schwäche gab ihm Kraft. Er fühlte sich als Beschützer, stark, standhaft, und er überwand die Angst vor den Augen der Statuen. Offenbar hatten die Leute recht, die meinten, in dem Archäo- logen Aljoscha Fjodorow stecke ein Physiker. Unbeobachtet hatte er die archäologische Todsünde begangen, ein Stückchen vom Bein der weiblichen Statue abzuschlagen, um es im Labor zu untersuchen. Das Material war ungewöhnlich, durchzogen von gewundenen Linien und bedeckt mit blaßblauen Tropfen. Tage später wurden die Expeditionsteilnehmer vom Flug- zeug aus entdeckt. Auf dem Flug nach Leninabad träumten sie von der Rückkehr in die Wüste. Dann begann der Krieg. Swetlana und Michail gingen an die Front. Der Professor fiel bei der Blockade von Leningrad. Auch Aljoscha Fjodorow kam ums Leben, bei einer Explosion im La- bor, als er den Stoff der Statue untersuchte. Nach dem Krieg nahmen Michail und Swetlana ihr altes Le- ben wieder auf. Und natürlich interessierte sie in erster Linie das Geheimnis der Statuen. Sie erfuhren, daß der Standort der Statuen 1943 von einer kleinen Expedition aufgesucht worden, war. Aber es war nicht gelungen, sie ausfindig zu machen. Möglich, daß der Flugsand sie zugeschüttet hatte. Michail Grigorjewitsch organisierte eine neue Expedition. Diesmal ohne Swetlana, die zwei Monate zuvor einen Sohn ge- boren hatte. Michail flog allein nach Leninabad. Hier erfuhr er von den Einheimischen eine Legende, die ihn aufhorchen ließ: „In alter Zeit zog das Volk der Gasruf durch die Wüste. Auf der Flucht vor feindlichen Stämmen. Hitze und Durst verdorr- ten ihre Leiber, daß sie vergingen. Da opferte der Stammesälteste den Unheilsmächten die lieb- lichste aller Jungfrauen. Und betete: ‚Wendet euch nicht von uns, Götter! Helft, Herrscher über den Wind, über die sengen- den Strahlen, den Sand und die Luft!’ Vielleicht hätte er lange noch sein heidnisches Gebet gerufen, doch sahen die Nomaden plötzlich, wie sich ein Stück von der Sonne löste und auf die Erde fiel. Es wurde zusehends größer und nahm die Gestalt eines glühenden Säbels an. Die Nomaden warfen sich mit dem Gesicht zu Boden und stopften ihre Ohren zu, um nicht das entsetzliche Pfeifen zu hören. Danach raste ein ungeheurer Orkan heran. Das alles dauerte nur Sekunden, und dann waren von dem ganzen Stamm nur noch drei Mann am Leben. Sie zogen vierzehn Tage durch die Wüste, bis sie in der Ferne Berge funkeln sahen. Diese waren völlig kahl und hatten die Form zweier gigantischer, untereinander verbundener Ringe. Da erschraken die Ungläubigen und rannten angstvoll von dannen. Sie irrten noch viele Tage durch die Wüste, und nur einem von ihnen war es beschieden, Menschen aufzuspüren, um ihnen alles zu erzählen. Und daraufhin verhängten die, Mullas das Verbot: Alle Nomaden hatten den ‚heiligen’ Ort, wo die gefürchteten Ringe lagen, streng zu meiden. Und wenn sich verirrte Wanderer den Ringen auf fünf Pfeil- fluglängen näherten, starben sie an einer unbekannten Krank- heit.“ Was könnte das sein? dachte Michail. Es war ihm gelungen, in den Skripten eines alten Historikers die Bestätigung der Le- gende zu finden. Da war zu lesen von dem Stern, der auf die Erde gefallen war, von dem Orkan und von dem Untergang des Nomadenstammes. Und dann kam dem Archäologen eine vage Vermutung: Möglich, daß damals ein kosmisches Raumschiff in der Wüste gelandet war und daß vernunftbegabte Wesen als Zeichen ihres Aufenthaltes auf der Erde auch die Statuen zurückgelassen hat- ten. Für diese Hypothese sprach das seltsame Aussehen der Sta- tuen, der rätselhafte Stoff, aus dem sie gemacht waren. Die Hypothese hat aber auch anfechtbare Stellen. Am unverständlichsten war, daß niemand jemals von ge- heimnisvollen Wesen berichtet hatte, die aus der Wüste ge- kommen wären. Sicherlich hätten sich doch die Ankömmlinge für die Bewohner des Planeten interessiert und mit ihnen in Kontakt zu treten versucht. Michail brannte darauf, seine Hypothese zu überprüfen. Dann entdeckte man vom Flugzeug aus die Statuen. Auf der Stelle machte sich eine Expedition unter Leitung Michails auf den Weg. Der Krieg hatte Michail verändert. Nun stand er wieder vor den Statuen und dachte an das, was zwischen damals und heu- te lag: Front, Angriffe, Spähtruppunternehmen, Tod, die Geburt, des Sohnes, Freunde, die zu Fremden, und Fremde, die zu Freunden geworden waren. Nur die Doktorarbeit harrte noch immer ihrer Vollendung. An der Front zählte ein Kriegsjahr für drei Armeedienstjahre, in Wirklichkeit aber kostete es an die zehn, zwanzig Jahre, das ganze Leben. Man erfuhr den Wert der Dinge und begriff, was das ist: Leben, Treue, ein Schluck Wasser. Michail lächelte, er war mit seinen Gedanken wieder bei seinem Sohn angelangt. Er erinnerte sich an die Reste der alten Stadt. In den Ruinen hatte er damals einen Frauenkopf aus Gips gefunden. Der stand jetzt in der Eremitage, und sein herrliches Gesicht bezauberte die Besucher. Das war nun alles, was von dem unbekannten Bildhauer geblieben war! Aber gerade das würde noch in Jahr- hunderten die Menschen anrühren. Was bleibt von mir, dachte er. Die wissenschaftlichen Abhandlungen, die Skizzen, meine Funde. Darin sind Bruchstücke der Geschichte bewahrt, einer- seits kompliziert, andererseits einfach und klar und immer in die Zukunft weisend. Es bleiben der Sohn, die Enkel, meine Taten. Ein Stück Sonne war noch am Horizont zu sehen. Es schien, wie wenn der Sand schmolz und als feurige Masse verströmte. Wind kam auf, und Sand rieselte. Aber die Statuen standen reg- los. Ganze fünf Jahre hatten sie so gestanden. Und nur der Wind, wütend über das künstliche Hindernis, ging sie von allen Seiten an. Wie der Sand rann auch die Zeit, die menschliche Freuden und Leiden fortträgt, an ihnen vorbei. Michail schien es, als hät- te sich etwas verändert. Aber was es war, konnte er nicht fest- stellen. Und darüber wurde er unruhig. Er nahm eine Fotogra- fie aus der Brieftasche. Er und Sweta vor den Statuen. Aber was, war das! Es konnte nicht sein! Konnte nicht … Michail sah von der Aufnahme auf die Statuen und wieder auf die Aufnahme. Der Fotoapparat konnte sich nicht täuschen. Vielleicht er? Er trat näher, wich zurück. Nein, er hatte richtig gesehen. Auf der Fotografie stand die weibliche Statue aufrecht, mit herabhängenden Armen, jetzt war ihre Stellung verändert: Sie beugte die Beine ein wenig in den Knien und streckte die Arme zu der Stelle am Bein, an der ein Stück abgeschlagen worden war. Die männliche Statue, ihr halb zugewandt, hatte einen Schritt vorwärts gemacht, wie um die Frau zu schützen. In der ausgestreckten Hand hielt der Mann einen Gegenstand. Was hatte das zu bedeuten? Michails Augen leuchteten, trotz der Sonnenbräune sah man, wie sich sein Gesicht rötete. So schien er jünger als seine Jahre. Hatte Swetlana damals nicht gesagt: Ich werde den Eindruck nicht los, daß sie leben? Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. Der Elefant lebt Jahrzehnte und einige Insektenarten nur wenige Stunden. Wenn man aber die Bewegungen, die ein Ele- fant und ein Insekt während ihres Lebens machen, zusammen- zählt, dann ist ihre Anzahl ungefähr gleich. Der Stoffwechsel der verschiedenen Arten verläuft unter- schiedlich, seine Grenzwerte können weit auseinanderfallen. So verläuft die gesamte Samenentwicklung innerhalb von fünf, sechs Wochen, jedoch vom kalifornischen Mammutbaum sagt man, er werde Tausende von Jahren alt. Immer klarer hob sich der Hauptgedanke ab. Sogar bei Le- bewesen des gleichen Zeitalters gibt es so viele Ver- schiedenheiten, daß sich ein Lebensabschnitt des einen zum gleichen Lebensabschnitt des anderen wie ein Tag zu einem, Jahrzehnt oder Jahrhundert verhalten kann. Einige Bakterien erneuern ihre Zellen zweimal in der Stunde, höhere Organismen brauchen dazu schon Tage. Jede Art hat ihren Raum, ihre Zeit, ihre Lebensabschnitte. Eine Schnecke würde einem galoppierenden Pferd als ein Kieselstein erschei- nen. Und denkt man erst an die Anabiose … Die Statuen vor ihm standen völlig unbeweglich da. Aber er sagte sich jetzt, daß ihre Starre scheinbar sein konnte und es durchaus keine Statuen sein mußten, sondern außerirdische Lebewesen von einem Stern, den die Menschen wegen ihrer begrenzten technischen Möglichkeiten nicht betreten konnten. Diese Lebewesen kamen nicht nur aus einer anderen Welt und bestanden aus einem unbekannten Stoff, sie brachten auch ei- nen ganz anderen Zeitrhythmus mit. Unsere Jahrhunderte sind für sie ein Augenblick. Offensichtlich verlaufen dort auch die Prozesse der unbelebten Natur in langsamerem Rhythmus. Fünf Jahre brauchte die Frau, um den Schmerz im Bein zu fühlen und derart zu reagieren. Fünf Jahre benötigte der Mann, um einen Schritt zu tun. Fünf Jahre – für Michail Grigorjewitsch eine ganze Epoche. Er fand und verlor in dieser Zeit Freunde, erkannte sich selbst, liebte, haßte, durchlitt tausend Qualen, Freude, Glück. Und in der gleichen Zeit informierte ein Nerven- impuls diese Frau über Schmerzen, diesen Mann über eine Ge- fahr. Michail war an die Front gegangen, verwundet worden, hat- te seine Kräfte aufgerieben, fest entschlossen, den Kampf zu bestehen. Und auch seine Frau durchlebte das alles. In der gleichen Zeit griff die weibliche Statue nach jener Stel- le ihres Körpers, an der ein Stück abgeschlagen war, hob der Mann den Fuß, um der Gefahr entgegenzutreten., Das schien unglaublich, aber Michail Grigorjewitsch wußte nur zu gut, daß in der Natur alles möglich ist. Ihre Vielfalt ist unerschöpflich. Jahrzehnte werden vergehen, dachte er. Ich werde sterben, mein Sohn wird sterben, für die Statuen wird sich nichts än- dern. Sie werden weder über mich noch über meinen Sohn et- was erfahren. Unsere Zeit umspült nur ihre Füße und rast wei- ter. Sie kann ihnen nichts anhaben. Unsere täglichen Leiden und Freuden haben für sie keinerlei Bedeutung. Eine Generati- on muß vergehen, damit wir einen Eindruck bei ihnen hinter- lassen. Und jetzt fragte er sich: Erleben sie vielleicht alles anders? Wegen des Schmerzes, der der Frau unabsichtlich vor fünf Jah- ren zugefügt wurde, beginnt der Mann jetzt die Waffe zu erhe- ben. Wann rächt er sich? Wieviel Jahre müssen bis dahin noch vergehen? Hundert, tausend? Werden die Nachgeborenen einer fernen Zukunft für die Fehler ihrer Vorfahren büßen? Und was ist das für eine Waffe? Wie funktioniert sie? Michail Grigorjewitsch hielt inne. Im Grunde genommen hatte man es mit diesen Fremden leicht. Unschwer ließ sich dem Mann die Waffe aus den Händen schlagen. Ohne Mühe ließen sich diese unbekannten Wesen mit Drahtseilen zusam- menbinden. Letzten Endes siegte der, dessen Zeit schneller ab- lief. Aber wenn man nicht mit ihnen kämpfen, wenn man mit ihnen leben wollte? Wie ließ sich etwas über ihre Heimat erfah- ren, und wie beschrieb man ihnen die Erde? Eine heute gestellte Frage erreichte ihr Bewußtsein doch erst nach Jahrzehnten, und Jahrhunderte wurden bis zu einer Antwort vergehen. Man mußte Fragen stellen, wenn auch die Verständigung schwierig war. Es würden Tausende von Jahren vergehen. Doch welche, Bedeutung hätten diese Fragen für die Nachkommen. Sie wür- den ihre eigenen Fragen stellen wollen. Und wieder würden Tausende von Jahren vergehen. Ein Augenblick für die Frem- den, eine Ewigkeit für die Erdbewohner. Michail wurde himmelangst, als er an die ihm zugeteilte Spanne Leben dachte. Wie winzig sie war, ein Tropfen im Oze- an, und doch schien sie ihm eine ganze Epoche! Und wofür leb- te er? Was würde von ihm bleiben? Michail hob den Kopf. Seine Arbeit blieb, ein Stück ver- gessener Geschichte, das er den Menschen wieder ins Ge- dächtnis gerufen hatte. Er nutzte seine Zeit, und vor ihm stand ein Beleg: das enträtselte Geheimnis der Statuen. Michail hatte das Gefühl, sich unnütz aufgeregt zu haben. Natürlich würden die Menschen einen Weg finden, mit den Fremden in Kontakt zu treten. Wie oft war Unmögliches mög- lich geworden. Der Wert des Zeitabschnitts, den das Leben eines Menschen ausmacht, hängt von ihm selbst ab. Der eine vertut sein Leben mit Nichtigkeiten, der andere gibt ihm einen Sinn. Ein „Augen- blick“ kann ein Nichts sein, und es kann eine Epoche davon ausgehen. Bestimmte nicht der Moment im Leben Newtons, in dem er das Gravitationsgesetz formulierte, das Jahrhundert? Waren die Sekunden im Leben Leonardo da Vincis oder Lomonossows nur das, was die Uhren zählten? In einer Sekunde durchläuft die Erde einen bestimmten Weg, der Wind legt eine bestimmte Strecke zurück, die Ameise über- quert irgendeinen Pfad. Der Mensch kann die Sekunden als sol- che überhaupt nicht wahrnehmen, aber er kann in einer Sekun- de eine Rakete in den Kosmos schicken, er kann vor Langerwei-, le gähnen oder ein neues Naturgesetz entdecken. Die Zeit ist Herr über die Natur, aber der Mensch ist Herr seiner Zeit. Michail dachte daran, was für ein Leben die Fremden wohl lebten. Was hatten sie zustande gebracht? Mehr als er oder we- niger? Der flammende Wüstenhorizont war verloschen, der feurige Vorhang gefallen, und nur ein rotgoldener Streif zeigte an, wo die Sonne, der unbezwinglichen Zeit gehorchend, versunken war. Lange Schatten warfen die Statuen und mischten sich mit denen Michails. Jahre waren vergangen. Der größte Saal auf der Erde, speziell für dieses Ereignis erbaut, hatte sich bis an den Rand gefüllt. Der Lärm der Menge drang ins Vestibül. Michail steckte eine Münze in den Einlaßautomaten, das Drehkreuz ließ ihn passieren, er trat in den Saal. Durch die Decke, deren Vorhänge aufgezogen waren, schimmerte ein mattblauer Himmel, ganz nahe und von Wolkenzug bewegt. Michail überflog Parkett und Ränge, dann eilte sein Blick zur Bühne: Kino- und Fernsehkameras, rennende Kameramänner und Monteure. Reihenweise Sessel, an Übersetzungsautomaten angeschlossen, darin Wissenschaftler mit weltbekannten Ge- sichtern. Michail überwand seine Scheu und machte von dem Recht Gebrauch, das ihm seine Namensplakette verlieh. Er klemmte sich in die hinterste Sitzreihe auf der Bühne. Rechts von ihm thronte ein Physiker, Träger zahlloser Preise, links ein Mathematiker, ordentliches Mitglied in- und ausländischer Akademien. Michail begegnete seinem Blick und errötete, unsi-, cher wie ein Student, der sich von der Galerie auf einen frem- den Platz gemogelt hat. Dabei ließ er die Inspektion seiner Um- gebung bewenden und starrte nur noch auf die Bühnenmitte. Michail lauschte, um ihr Kommen nicht zu überhören, aber das war überflüssig. Nicht einmal die dicken Filzläufer dämpf- ten ihre hallenden Schritte. Alle im Saal – wie viele es auch wa- ren – sprangen auf und machten lange Hälse. Sicherlich hielt an den Bildschirmen die ganze Welt den Atem an. Als sie endlich erschienen, stieg ein milliardenfacher Seufzer auf. Michail beugte sich vor und betrachtete gebannt die gigan- tischen Gestalten. Sie waren nicht so majestätisch wie im Abendlicht der Wüste. Aber dafür bewegten sie sich jetzt. Der in den Laboratorien des Vereinigten Wissenschaftlichen Erd- zentrums entwickelte „Zeitkatalysator“ beschleunigte die Stoff- wechselprozesse in den Körpern der Fremden und versetzte sie in einen dem menschlichen Leben ähnlichen Zeitrhythmus. Die Giganten blieben stehen und musterten Saal und Men- schen. Der Präsident der Akademie der Wissenschaften trat hastig ans Mikrofon und sprach die vorbereiteten Worte: „Seid ge- grüßt, Vernunftbegabte! Die Menschen der Erde sind froh, daß ihr gekommen seid!“ Die Übersetzungsautomaten übertrugen seine Worte in Ra- dioimpulse, die von den Riesen verstanden wurden. Aber ihre Gesichter blieben gelassen, als ob sie nichts verstanden hätten. Der Präsident sah auf den Chefprogrammierer, aber der zuckte nur die Achseln, als ob er sagen wollte: Die Automaten können nichts dafür. „Wir alle … alle Menschen der Erde grüßen euch“, begann der Präsident von neuem., Die Fremden blieben teilnahmslos, doch als der Präsident verwirrt fragte: „Hört ihr uns?“, ertönte die Antwort: „Wir hö- ren.“ Michail bewunderte die Wissenschaftler, die die Sprache der Fremdlinge dechiffriert und die Übersetzungsautomaten ge- macht hatten, geduldige Lehrer der Giganten, die ihnen die Erdbegriffe erklärten. Die Fremden waren lange Zeit stumm geblieben. Die verschiedensten Hypothesen kursierten, und dabei blieb es auch. Michail dachte an Swetlana und seinen Sohn. Sie saßen na- türlich aufgeregt am Fernseher. Die Fremdlinge sprachen! Swetlana spielte wohl nervös mit dem Tischtuch, und Sjoma konnte unmöglich ruhig sitzen, ohne zu fragen: „Schließen wir Freundschaft mit ihnen? Das ist aber fein! Und weshalb zeigt man Papa nicht?“ Unwillkürlich richtete Michail sich auf, damit die Seinen ihn besser sehen konnten. Die Riesen wiederholten: „Wir hören und verstehen.“ Das Studium hatte Erfolg gehabt. Es ließ sich nicht feststellen, wer von den beiden sprach. Sie bewegten nicht die Lippen, sondern sandten Radioimpulse aus, die der Automat in Worte umwan- delte. Nach einer Pause ertonte es: „Was wollt ihr von uns?“ Den Präsidenten verwirrte diese Frage mehr als das Schwei- gen. Er vergaß, für die Übersetzungsautomaten klar zu artiku- lieren, und murmelte: „Wir wollen mit euch … sprechen.“ „Warum?“ „Um mit euch in Verbindung zu treten.“ „Warum habt ihr unseren Lebensrhythmus verändert?“ Michail bemerkte, daß über das gelassene Gesicht des Riesen ein Schatten glitt. Dem Archäologen kam eine Ahnung. Er, konnte sie nicht definieren, aber irgend etwas Feindseliges ging von den Fremden aus. Der Präsident verlor ganz und gar die Fassung. Offenbar war er vom Ton der Frage betroffen. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Er wiederholte seine Worte: „Um mit euch in Verbindung zu treten.“ Michail hörte links neben sich einen Seufzer. Der Mathe- matiker flüsterte seinem Nachbarn zu: „Wir dachten, Hauptsa- che, wir finden einen Weg, um mit ihnen zu sprechen. Daß sie gar nicht mit uns sprechen wollen, darauf sind wir nicht ge- kommen. Wie sollten wir auch! Unser Menschendünkel …“ Er verstummte, weil die Fremden neue Worte formten. „Warum? Wer hat was davon?“ Jeder Zweifel schien ausgeschlossen, wer hier das Gespräch führte. Das Gesicht des Giganten hatte nur gelassen geschienen. Deutlich sah man Schatten darübergehen. Und das war kein Beleuchtungseffekt, sondern Mienenspiel. Michail lehnte sich zurück, ihn fröstelte. Indessen war der Präsident seiner Verwirrung Herr ge- worden. Er lächelte erneut, entschuldigend, etwas verlegen, wie in den Fällen, wo er seine Wissenschaftler beschwichtigen oder ihnen erklären mußte, daß keine weiteren Mittel für ihre Projek- te zur Verfügung stünden. „Wir wollen in Verbindung treten, um herauszufinden, was beiden Seiten nützlich sein kann.“ „Gibt es tatsächlich etwas, was beiden Teilen nützlich ist?“ „Wir leben in verschiedenen Zeitdimensionen, in ver- schiedenen Welten, und repräsentieren verschiedene Zivili- sationen. Wir haben aber auch gemeinsam, was alle Ver- nunftbegabten verbindet: die Erkenntnis. Berichtet, was ihr, wißt, und wir werden euch über uns informieren.“ Das klang überzeugend. Und doch merkte Michail, daß der Schatten auf dem Gesicht des Giganten größer wurde. Unheil schien sich da zusammenzubrauen. Der Gigant bestätigte Mi- chail in seiner bösen Vorahnung. Er sagte: „Wozu eure Kennt- nisse, Menschen? Sie sind kaum der Rede wert. Wie könnte es auch anders sein? Vor euch verbirgt nicht der Raum, sondern die Zeit die Wahrheit. Ihr lebt nur einen Augenblick und wagt über eine Welt zu urteilen, die im nächsten Augenblick schon anders ist. Ihr könnt nicht einmal beobachten, wie Planeten – diese Eintagsfliegen im Kreislauf der Materie – entstehen und vergehen. Was kann einer über Tag und Nacht wissen, der nach unserer Rechnung Sekunden lebt? Um auch nur etwas vom Weltall zu erahnen, muß man wissen, wie Galaxien entstehen und Sterne in feurige Kaskaden zerspringen, wie Sternensyste- me durch Dunkel und Kälte rasen, sich von Etappe zu Etappe wandelnd.“ Eine verheerende Logik sprach aus den Worten des Gi- ganten, und viele Menschen im Saal zogen die Köpfe ein. Der Saal kam ihnen plötzlich unwirklich vor, täuschend wie der blautrübe Himmel. Michail fiel der Tag ein, an dem er hinter das Geheimnis der Statuen gekommen war, die Fotografie, die- sen fixierten Ausdruck eines Augenblicks. Irgendwo hinkte die Logik des Giganten, aber wo? War diese Gedankenführung nicht sehr subjektiv? Michail wurde heiß, von der Lösung des Rätsels hing unerhört viel ab. Der Gigant schaute auf die Uhr in der Mitte des Saales und fuhr fort: „Eure Zivilisation gleicht der Larve eines Insektes. Was ist all euer Wissen wert, wenn es davon ausgeht, daß be- reits die Larve das Wesentliche ist? Hier liegt der Kardinalfeh-, ler. Denn sobald eine Larve denkt, daß sie ist, ist sie nicht mehr; sobald sie sich als Wesen empfindet, existiert sie nicht mehr. Sie ist die Vorstufe von etwas, eine Übergangsform, aus der irgend etwas entsteht, der Mythus von etwas, das längst nicht mehr existiert. Niemals wird die Larve erfahren, woher sie kam, was aus ihr wird, weil sie dann schon nicht mehr sie selbst ist, son- dern ein anderes, das noch nicht vorhanden ist, solange sie lebt und denkt und das nicht sein kann, solange sie sich nicht darin verwandelt hat. Ihr müßt verstehen, ein Kontakt mit euch ist für uns sinnlos.“ Der Fremde blickte erneut auf die Uhr, ungeduldig, wie es schien, und Michail begriff, daß jetzt jede Minute zählte. Er mußte sofort mit dem Präsidenten sprechen, doch gelang es ihm nicht, ihn auf sich aufmerksam zu machen, der Präsident wandte sich wieder an die Fremden. „Wir haben eure Worte gehört. In ihnen ist Wahrheit, aber wie so oft nicht die ganze Wahrheit. Stecken denn die Trieb- kräfte der Bewegung in der Galaxis nicht auch in den winzigen Bausteinen, aus denen sie besteht? Um zu begreifen, warum ein Stern leuchtet, muß man über Photonen und Quanten Bescheid wissen, und um zu erfahren, warum die Lampe hier brennt, ist es notwendig, die Bewegung der Elektronen zu verfolgen. Ihr, Langlebende, merkt nicht, wie die Minuten vergehen, wie aus ihnen Stunden werden, wie im Verlaufe dieser Stunden das Meer die Sandkörnchen anschwemmt, aus denen ein Fels ent- steht. Und euch fällt es schwer, zu verstehen, daß die Natur dieses Felsens anders ist als die anderer Felsen.“ Die Worte bewirken jetzt nichts, dachte Michail. Er erinnerte sich, wie man an der Front einen abgemagerten Gefangenen mit eingefallenen Augen zu ihm in den Unterstand, gebracht hatte. Der Kommandeur des Nachrichtendienstes und der politische Leiter verhörten ihn lange, fragten nach der Zahl der Deutschen im Dorf, der Lage ihres Hauptquartiers, nach Panzerabwehrkanonen, doch der Verwundete stammelte nur Unverständliches. So lange, bis Swetlana – sie war damals Krankenschwester – ihm Zwieback reichte. Den packte er gierig und zermalmte ihn mit blutendem Zahnfleisch, denn die Zähne waren ihm herausgefallen, Man brachte ihm Hirsebrei. Als er gegessen hatte, fing er zu sprechen an. Nicht, daß er die Fragen nicht verstanden hätte oder nicht auf sie antworten wollte. Er konnte vor Hunger nicht sprechen. Und jetzt mußte man auch auf „Zwieback“ oder etwas Ähnliches kommen. Und wenn Mi- chail die Art, wie der Gigant auf die Uhr sah, richtig ein- schätzte, blieb wenig Zeit zum Suchen. Der Präsident würde seine Rede nicht unterbrechen, und Mi- chail sah keine Möglichkeit, sich mit ihm zu verständigen. Seine nächsten Worte zeigten, daß auch der Präsident das für den Kontakt richtige Wort suchte. „Man muß hier die zwei Wahrheiten sehen“, meinte der Prä- sident. Er warf einen Blick auf die Fernsehschirme, auf die Men- schen, die in einer Zeit mit ihm lebten. Das Gesicht des Gigan- ten tat, als ob es im voraus wüßte, daß sein Gesprächspartner nichts von Bedeutung sagen würde. Er sah einfach zu, welche neuen Argumente der Mensch anführen würde. „Der Kern ist der“, fuhr der Präsident fort, „daß sowohl die Zeit menschlichen Lebens, die im Vergleich zu der euren ein Augenblick ist, als auch eure Zeit, die uns wie eine Epoche vor- kommt, Tropfchen im Meer der Zeit sind. Und wenn da etwas nichtig ist, so sind es beide.“, Der Gigant stutzte. Das waren nicht nur Worte der Aussöh- nung, nicht einfach die Wahrheit, sondern die Wahrheit der Aussöhnung. Die Hauptsache waren nicht die Worte und nicht der Sinn, den sie ausdrückten, sondern die gute Absicht, die sie trug. Aber der Fremde konnte oder wollte nicht darauf eingehen. Der Präsident begann zu verzweifeln. Um nicht in ein un- heilvolles Schweigen zu verfallen, sagte er: „Wir müssen einan- der Vertrauen schenken.“ Das Gesicht des Giganten verfinsterte sich. Mit offenem Hohn sagte er: „Wenn das so ist, Schnellebige, weshalb nahmt ihr dann meine Waffe?“ Anstelle einer Antwort drückte der Präsident auf einen Knopf und sagte etwas ins Mikrofon. Eine Seitentür öffnete sich, und in den Saal kam ein Elektrokarren gefahren. Auf sei- ner Plattform stand ein geöffneter Kasten, und in ihm lag jener Gegenstand, den der Gigant in der Wüste in der Hand gehalten hatte. Der Elektrokarren hielt vor dem Giganten. Michail erhob sich vor Aufregung ein wenig von seinem Ses- sel. Das darf man nicht zulassen, dachte er und fragte sich zu- gleich, ob das nicht der „Zwiebackeffekt“ sein könnte. „Wie du siehst, wir haben uns nichts angeeignet oder ver- nichtet, was dir gehört“, sagte der Präsident ruhig. „Nimm es!“ Der Gigant griff mißtrauisch nach der Waffe. Jener Schatten im Gesicht, den Michail als Ausdruck von Bosheit empfunden hatte, verschwand. Der Gigant schaute erneut auf die Uhr, und der Archäologe sah, daß die Gefahr nicht überwunden war. „Es hilft nichts“, sagte der Fremde. „Die Saat muß aufgehen. Es gibt kein Zurück. Ihr habt uns Schmerz zugefügt, wenn auch, aus Unwissenheit, habt einen von uns verwundet, die Vergel- tung ist gewiß, selbst wenn ich es nicht wollte.“ Michail erinnerte sich an das Stück, das der friedfertige Aljo- scha Fjodorow von der „Statue“ abgeschlagen hatte. Obwohl nicht alle im Saal begriffen, wovon die Rede war, empfanden doch alle die Gefahr, aus deren Namenlosigkeit eine zähe Stille rann und den Raum bis zur Decke füllte wie Wasser ein Aqua- rium mit darin eingesperrten Fischen. Und da erhob sich in dem Riesensaal ein Menschlein, ein einfacher Archäologe mit grauen Schläfen und einem Dutzendgesicht, ohne wissenschaft- lichen Rang, obwohl er zwischen den Akademiemitgliedern und Laureaten saß. Er näherte sich dem Präsidenten, und der gab ihm das Mikrofon. Michail sagte: „Möglich, daß du recht hast, Langlebiger. Aber haben alle Menschen verschuldet, was ihr beklagt? Der die Wunde schlug, hat den Mißgriff mit dem Leben bezahlt. Ich stand in der verhängnisvollen Stunde neben ihm und hielt ihn nicht zurück. Töte also mich, damit die Saat aufgeht.“ Er begriff, daß er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Der Gigant schaute auf die Waffe, auf die Uhr, und sein Ge- sicht verzerrte sich. Es war, als klängen die Worte des Überset- zungsautomaten nicht mehr so monoton, sondern meldeten die fremde Qual, das Bedauern über Nichtwiedergutzumachen- des. „Zeit! Wenn ich genug davon hätte! Aber die letzten Sekun- den laufen ab … Ja, seht ihr, immer fehlt den Vernunftbegabten Zeit! Nichts zu machen, nichts …“ „Warte“, sagte der Präsident, der erneut nach vorn trat. „Er- kläre uns das!' „Ich kann euch gar nicht alles so schnell erklären, Schnell-, lebige, wie ihr vergehen werdet. Dieser Gegenstand ist eine Universalwaffe der Objektaufklärung. In ihm befindet sich Vernichtungskapazität gegen ein ganzes Sternensystem. Man braucht nur den Zeiger einzustellen, und der Apparat ortet den Gegner. Wenn er gefunden ist, werden seine Zellen analysiert. Der Apparat strahlt Energiewellen aus, die jedes beliebige We- sen vernichten. Als ich die Wunde sah, die meiner Geliebten zugefügt wurde, stellte ich den Zeiger ein. Ohne euren Zeitka- talysator wäre die Waffe nach etwa einem Jahr eurer Zeitrech- nung in Aktion getreten. Aber jetzt … Den Apparat darf man auf keinen Fall öffnen, das würde eine Explosion auslösen.“ Er sah auf die Uhr. Auch die Menschen im Saal und die zu Hause an den Bildschirmen sahen auf die Uhr. Der eine bedauerte, sich nicht von seinen Angehörigen ver- abschieden zu können, der andere glaubte dem Fremden nicht, einen dritten packte Verzweiflung, einen vierten Wut, ein fünf- ter bereute, nicht sinnvoller gelebt zu haben, ein sechster dach- te, schade, ich werde nicht die Partie mit dem Nachbarn zu En- de spielen können, ein siebenter bekam einen Schreck. Michail wollte schreien: Kann man wirklich nichts tun? Wir haben vor dem Atomkrieg gebangt, vor verhängnisvollen Feh- lern in den Beziehungen zwischen den Ländern, aber keiner hat gedacht, daß der Fehler des toten Aljoscha Fjodorow ein Ver- hängnis für die ganze Menschheit werden könnte. Er sah mit Erstaunen, daß der Präsident sich sammelte, um dem Fremden zu antworten. „Unsere Hoffnung ist geblieben“, sagte der Präsident. „Wir wußten nicht, was das für ein Gegenstand in deiner Hand war, wir ahnten jedoch, wozu du ihn in die Hand genommen hat- test. Das heißt, er durfte nicht in den Wirkungsbereich des Ka-, talysators fallen. Gerade deshalb haben wir dir die Waffe abge- nommen. Wenn die Vernunft vor der Waffe spricht, bleibt diese stumm. Wir haben noch Zeit, wenig Zeit, aber man kann versu- chen …“ Erneut war Ruhe eingetreten, aber eine andere als zuvor. Mi- chail dachte, die Ruhe hat hundert Gesichter, wie das Meer, das sich wandelt und doch immer gleichbleibt. Und in diese Ruhe fielen deutlich die Worte des Fremden: „Dank euch, Menschen. Manchmal genügt es, um Leben zu retten, eine einzige Sekunde zurückzuholen. Aber niemand kann das Grundgesetz der Natur aufheben. Ihr Augen- blicksgeschöpfe aber habt uns Zeit geschenkt, und vielleicht wird so das Verbrechen von uns abgewendet. Ist das nicht das wertvollste Geschenk, das ein Vernunftbegabter dem anderen machen kann?“ Wieder standen sie sich gegenüber, wie damals in der Wüste, die höchsten Wesen, so verschieden und doch im Grunde gleich. Denn sie als Vernunftbegabte machten, unabhängig von der Zeit, ihr Leben groß oder gering …,

Viktor Willenskraft Kolupajew

„Nanni“, sagte der Ratsvorsitzende, „gleich kommt der Insti- tutsdirektor mit welchen vom Komitee für inner-galaktische Probleme. Ruf zwei Spezialisten für die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts.“ Nanni, Abteilungsleiter im Zeitinstitut, fragte nicht erst, was war. Es mußte etwas Schlimmes sein, wenn die alle kamen. In Gedanken ging er seine Mitarbeiter durch. Tja … hm … vielleicht der Xantis? Na, der Samoilow, Alexander Ticho- nowitsch. Und sein Freund Erd? „Es empfiehlt sich, Nanni, daß du sie ohne viel Worte ver- stehst, und sie einander auch. Es kommt auf das Gemeinsame an.“ Nanni nickte. Ins Zimmer traten drei Mann. Außer seinem Institutsdirektor kannte Nanni keinen. Er wollte vom Schreib- tisch aufstehn, aber der Ratsvorsitzende hielt ihn zurück. „Erst das Problem, dann die Bekanntschaft. Die Sache ist die: neun- zehnhundertsiebzig. Eine Stadt, ein Betrieb. Der Plan muß er- füllt werden. Genauer gesagt, der Plan einer Abteilung.“ „Wissen Sie, was es heißt, in eine fremde Zeit einzudringen? Was das für Folgen haben kann? Bei uns ist doch alles noch im Versuchsstadium.“ „Weiß ich. Es muß jemand hin, der die Funkelektronik des, zwanzigsten Jahrhunderts kennt. Und einer bleibt hier, der un- sere Apparatur beherrscht.“ In der Tür erschienen Xantis und Erd. „Fangen wir gleich an“, sagte der Ratsvorsitzende. „In einem fernen Sternensystem ist das Raumschiff ,Wysow’ havariert, das vor hundert Jahren von der Erde abflog …“ Samoilow ging zur Arbeit. Die Hände in den Taschen seines Übergangsmantels vergraben. Wieso bin ich Oberingenieur? Schleierhaft. Er begab sich ins Technikerhaus, zweiter Stock. „Ha! Der Neue!“ war die Reaktion auf seinen gemurmelten Gruß. „Woher kommst du, was hast du studiert?“ Fragen ha- gelten auf den verdutzten Samoilow nieder. „Guten Tag, Alexander Tichonowitsch!“ Galant verneigte sich der Abteilungsleiter. „Werestschagin… Juri Jurje-witsch.“ Samoilow brummelte etwas zurück. Der Leiter des Labors, in dem Alexander arbeiten sollte, klopfte ihm nur auf die gebeug- te Schulter, wozu er sich auf die Zehenspitzen stellen mußte, die anderen drängelten sich um den Neuen und schnatterten ihre Namen. Alexander nickte verwirrt. Nach und nach ließen sie von ihm ab, aber der Lärm blieb. Aus heiterem Himmel erzählte Techniker Swiderski eine traurige Begebenheit aus seinem bemerkenswert erfolglosen zwanzigjährigen Leben. Sein Seelenerguß wurde ziemlich un- sanft vom leitenden Ingenieur Wyrubakin gestoppt, der beteu- erte, daß „Padhtakor“ immerhin zu den zehn stärksten Mann- schaften zähle. Die einen protestierten hitzig und mit Sach- kenntnis, die anderen stimmten zu. Schon stritt die ganze Ab- teilung. Samoilow wußte nicht, was tun. Er hatte nicht die geringste, Ahnung von „Pachtakors“ Tabellenstand. Er trat ans Fenster. Unten, vorm Eingang, jagten sie johlend einen Zuspätkommer. Alexander riß sich von dem spannenden Spektakel los. Inzwi- schen knobelte die Abteilung hinter seinem Rücken kollektiv die beinahe legendären Schachzüge eines Kubbels aus. Die Ver- suchung war groß. Bald irrte auch der Neue durch die labyrin- thischen Gedankengänge dieses Spiels. Als der stattliche und sehr gepflegte Strishew das Problem schließlich glänzend gelöst hatte, sprang das Gespräch, mühe- los und von häufigem und stürmischem Gelächter unterbro- chen, zu lokalen Themen über, zu Wetter, Natur, Jagd, Fisch- fang. An den Lötkolben qualmte geschmolzenes Kolophonium. Die blauen, roten, grünen Augen der Voltmeter, Oszillo- graphen, Generatoren zwinkerten sich belustigt zu. Tabaks- qualm umwölkte die Zimmerdecke. Mißmutig wanderte Abtei- lungsleiter Werestschagin in der Ecke auf und ab. Gern hätte er an dem offenherzigen Geplauder teilgehabt. Ja, auch er wußte Storys zu berichten … Doch das verbot ihm seine Stellung als Vorgesetzter. Die Zeit bis zum Mittagessen verstrich rasch und unbemerkt. Nachmittags wurden Lötkolben und Geräte wieder eingeschal- tet. Samoilow räumte den ihm zugeteilten Schreibtisch auf. Ein Teil der Ingenieure blätterte in technischen Zeitschriften, ein anderer saß über der Endkontrolle einiger Modelle, doch ohne sichtlichen Elan. Wieso auf einmal diese Stille? „Wir haben keine Versuchsmuster“, erklärte Werestschagin. „Sitzen rum. Schlagen die Zeit tot. Und hinterher müssen wir uns überstürzen. Wir haben geplant und geplant, und alles um- sonst.“, Samoilow sah die Papiere durch. Worin besteht meine Funk- tion, dachte er bedrückt. Man hat mir nichts richtig erklärt. „Wichtig ist nur deine Anwesenheit.“ Und wenn ich mit der Faust auf den Tisch donnere? „Jungs“, rief Ingenieur Gutarin, „ich kapiere gar nichts mehr! Der Verstärker lädt sich auf. Guckt mal her!“ Er sprang auf und raufte sich das dichte schwarze Haar. Das brachte die Abteilung auf die Beine. Es hagelte guten Rat. Über irgend jemandes Schulter hinweg versuchte Samoi- low den Oszillographen zu sichten. Auf dem Tisch lag eine Schaltung mit recht und schlecht ge- löteten Kondensatoren, Widerständen, Transistoren. Daneben der Schaltplan. Er war denkbar einfach. Samoilow kam zu dem Schluß, daß sich der Verstärker eigentlich nicht aufladen dürfte. „Die Spannung fällt ab!“ rief Gutarin froh. „Ganz von allein!“ „Warum machst du dann erst Panik?“ Unwillig kehrten die Kollegen an ihre Plätze zurück. Aha, dachte Samoilow, viel- leicht war die Induktionsspannung zu stark. „Er lädt sich wieder auf“, konstatierte Gutarin mit er- sterbender Stimme. „Wer treibt hier sein Spiel? Nun, gebt's schon zu!“ „Das war ich“, sagte Samoilow leise. „Ich denke: ,Der Ver- stärker lädt sich auf.' Und? Lädt er sich auf? Und jetzt nehmen die Schwankungen ab. Stimmt's? Samoilows Gesicht zog sich in die Länge. Seine übernatürliche Gabe bestürzte ihn. Techniker, Ingenieure und Leiter umringten, nervös debattierend, Samoi- lows Schreibtisch. Vorsichtig erkundigte sich Werestschagin: „Kannst du noch mehr?“ „Ich weiß nicht. Hab's nie ausprobiert.“ „Und was empfindest du dabei?“, „Nichts Besonderes. Ein kleiner Willensakt. Ich stelle mir in Gedanken vor, daß der Verstärker normal arbeitet.“ „Kannst du auch einen Panzerschrank anheben?“ fragte zag- haft Ljubotschka. „Nein, das nicht“, erwiderte Alexander nach einigem Zö- gern. „Das übersteigt meine Vorstellungskraft.“ „Hast du gedacht.“ Oberingenieur Palizin ließ seine Muskeln spielen. Er ging zum Panzerschrank, hob ihn hoch, ließ ihn in der Luft kreisen und stellte ihn wieder an seinen Platz. „Was machst du da?“ brüllte Serguschin. „Da ist doch Sprit drin!“ „Du hast gesagt, daß er alle ist.“ Gutarin schnaufte wütend. Staunend starrten alle erst Samoilow an, dann Viktor Palizin. „Noch mal hebst du ihn nicht an“, sagte Alexander ruhig. „Von der Sorte hebe ich zwei“, erwiderte Viktor würdevoll, aber er kriegte den Safe nicht hoch. Vor Anstrengung kam er ins Schwitzen. „Laß. Du schaffst es doch nicht. Dank meiner Willenskraft.“ „Aber du kannst in Gedanken den Schrank doch nicht hoch- heben“, wunderte sich Ljubotschka. „Das stimmt“, gab Samoilow zu. „Aber dafür kann ich mir sehr bildhaft vorstellen, wie ich ihn nicht hochkriege.“ „Das ist ja übernatürlich, mystisch“, sagte Serguschin. Samoilow zuckte verständnislos die Achseln. „Mach noch was!“ baten sie ihn. „Bei mir funktioniert der Trigger nicht mehr“, stellte Inge- nieur Kulebjakin erfreut fest. „Versuchen wir's mal? Hm?“ Schweigend studierte Samoilow Aufbau und Schaltplan. Es könnte nicht schaden, die Parameter der Differentialkette und die Nominalwerte der Gedächtniskapazität zu verändern. „Fer- tig!“ rief er. Kulebjakin schaltete den Trigger ein. Er arbeitete, normal. „Das ist ja toll!“ „Wird er jetzt immer normal arbeiten?“ erkundigte sich Ku- lebjakin vorsichtig. „Was weiß ich? Ehrenwort, nichts weiß ich.“ Bis zum Feierabend folgte die ganze Abteilung Samoilow auf dem Fuße, von Tisch zu Tisch, und stellte begeistert fest, wie Generatoren Strom erzeugten, Trigger Schaltvorgänge auslö- sten und Verstärker die Arbeit beschleunigten. Alles war in Hochstimmung. Kurz vor Dienstschluß nahm der Leiter Alex- ander beiseite und hämmerte ihm ein, sich ja in acht zu nehmen und die Straße nur auf den Fußgängerschutzwegen zu über- queren. Samoilow versprach es zu tun. Im Wohnheim traf er auf Kulebjakin und Gutarin, die gerade in die Kantine wollten, und er schloß sich ihnen an. Doch da pochte es hartnäckig an der Tür. Alexander öffnete. Auf dem Treppenabsatz stand eine Delegation aus dem Nebenhaus. „Kch, kch“, räusperte sich der Vorsitzende der Hausgemein- schaft. „Wir kommen eigentlich dienstlich. Könnten Sie, Alex- ander Tichonowitsch, uns nicht die Pfähle aufstellen?“ „Was für Pfähle?“ wunderte sich Alexander. „Wir möchten nämlich die Wäsche auf dem Hof trocknen.“ „Und die kleinen Tische und Bänke?“ schaltete sich der Vor- sitzende der Haussportgemeinschaft ein. „Wir führen einen Domino-Ausscheid durch und wissen nicht, wo spielen.“ „Na schön“, erwiderte Samoilow und fluchte innerlich. Ihr Informationsdienst funktioniert nicht schlecht. Das Eingraben der Pfähle geschah vor einem riesigen Men- schenauflauf. Samoilow schwitzte. Mal waren die Erdlöcher zu, klein, mal die Pfähle zu dick. Die meisten Ratschläge kamen von den Frauen, die das Geschehen aufgeregt verfolgten. Samoilow hatte schon per Willensakt den letzten Pfahl an- gestrichen, als sich Gutarin durch die Barriere der ermatteten Zuschauer drängte, Alexander am Ärmel packte und in die Kantine zerrte. „Hast du dazu deine Gabe?“ „Und wer spannt die Leine?“ tönte es hinter ihnen her. „Drückt sich vor der Arbeit! Das ist vielleicht einer!“ „Warum, zum Teifel, mußtest du dich mit denen einlassen? Gleich denken wir uns was Interessanteres aus.“ „Warte“, unterbrach ihn Samoilow, „was hast du gesagt?“ Gutarin blieb verwundert stehen. „Wozu ich meine Willenskraft habe?“ rief Samoilow. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf. „Endlich“, seufzte Nanni erschöpft. „Ich war schon am Ver- zweifeln.“ Sein Haar fiel in nassen Strähnen in die Stirn. Die Augen waren eingesunken. Im Gesicht markierten sich hundert Fältchen. Er brauchte Schlaf, kam aber nicht dazu. Seltsam träge flossen die Gedanken. Nur einen einzigen Notruf haben die zwei von der „Wysow“ ausgesandt. Der Computer hat ihn registriert. Während eines Arbeitszyklusses patrouilliert er an zirka hundertfünfzig- tausend Sternen vorbei und zeichnet alle elektromagnetischen Signale auf, sofern sie eine Information enthalten. Auf einem Planeten der Umgebung erwartet die zwei Piloten jetzt Rettung oder Tod. Der Computer hat weder die Chiffre noch den Stern, noch den Planeten registriert, sondern lediglich die Nachricht. Wahrscheinlich waren dort noch keine Funkbojen installiert. „Nanni, warum haben Sie Xantis nichts gesagt? Weder über das Ziel noch über die Methoden?“ fragte Erd., „Weil er ein schlechter Schauspieler ist. Trotzdem hat sein Auftreten natürlich Aufsehen erregt. Tumult. Aber das wird sich schon geben. Die ungewöhnliche Erscheinung verblüfft, das ist alles. Ihre Folgen erscheinen logisch. Gegenwärtig kontrolliert ein Dutzend Abhörsysteme die Umgebung der tausend Planeten. Aber niemand glaubt an die Aktion, weil von der ,Wysow’ keine weitere Nachricht zu er- warten ist. Sie hat nicht genug Energie, um den großen Hava- riesender in Betrieb zu setzen. Und ein transportables Gerät fehlt an Bord, weil irgendein kleines Konstruktionsbüro mit dem Bau nicht rechtzeitig fertig wurde. Es erfüllte den Plan nicht. Trotzdem geht die Suche weiter. Vielleicht, um das Ge- wissen zu beruhigen. Wessen Gewissen? Der Leute von vor hundert Jahren? Sie sind nicht mehr. Und wir? Wir tragen keine Schuld. Eine Chance von eins zu tausend. Und Xantis soll diese Chance genau um das Tausendfache erhöhen.“ Als Samoilow morgens über die Schwelle trat, entlud sich die Stille in einem Sturm von Fragen. Was wollte man von ihm? Die Menge setzte Samoilow gestikulierend zu. Unsicher lä- chelnd trat er zur Wand und schlug per Willensakt einen Nagel ein. Der Lärm verebbte, brandete aber wieder auf. Samoilow mußte einen zweiten Nagel einschlagen. Zehn Minuten später prangte eine Blume aus Nägeln an der Wand. Die verblüfften Zuschauer beruhigten sich ein wenig. Jetzt konnte Werestscha- gin endlich zu Samoilow vordringen. „Bist du nicht erschöpft?“ fragte er besorgt. „Ein kleines bißchen“, erwiderte Alexander. „Ich hab was mit dir zu besprechen.“ Offensichtlich hatte sich der Abteilungsleiter über Nacht ein paar Gedanken durch den Kopf gehen lassen. „Der Plan stimmt hinten und vorn nicht, mehr.“ „Und was ist da zu tun?“ „Wir müssen in diesem Monat fünfundzwanzig Modelle be- triebsfertig machen. Hilf du, daß sie von der Modellwerkstatt geliefert werden.“ „Und wie hoch ist die Planauflage?“ fragte Samoilow mit gepreßter Stimme. „Fünfzig Stück“, greinte Werestschagin und wischte sich mit dem Taschentuch die Augen. „Wenn wir wenigstens fünf- undzwanzig schaffen. Hm?“ „Nein“, sagte Samoilow fest. „Was heißt nein?“ „Fünfzig.“ „Fünfundzwanzig.“ „Fünfzig – und damit basta“, schloß Samoilow. „Na schön“, willigte Werestschagin zermürbt ein. Die Leitung der Elektronikabteilung suchte den Leiter der Modellwerkstatt Immanuil Gawrilowitsch Pendrin. Suchte ihn bei Drehern, Schlossern, Fräsern und in allen übrigen Berei- chen. Pendrin blieb unauffindbar. Nun war Samoilow endgül- tig überzeugt, daß die Gerüchte, Immanuil Gawrilowitsch kön- ne sich unsichtbar machen, eine reale Grundlage hatten. Keuchend kehrte die Leitung der Elektronikabteilung von der fruchtlosen Suche zu den Schlossern zurück. Diese fertigten unbekümmert Zinken für Kartoffelroder und erfüllten damit den Bruttoplan. Zahllose Einzelteile für transportable Funksen- der lagen verwaist in den Regalen. „Du mußt es selbst machen“, sagte der Abteilungsleiter ver- ärgert. „Na, Xanja, fang an.“ „Mit Gott!“ murmelten die Leiter beider Laboratorien. „Fang, an!“ „Gleich“, antwortete Samoilow und vergrub sich in Zeich- nungen. Da kam Konstrukteur Somow, schnappte sich die Zeichnun- gen und brummte: „Alles Mist. So muß das sein und so und so …“ Sein Kugelschreiber flog übers Papier. Angestrengt verfolg- te Samoilow die Striche des leitenden Konstrukteurs. Zwei Stunden später lagen auf der Werkbank bereits zwei Versuchsmuster, per Willensakt gefertigt. Nicht erstklassig na- türlich, mit rauhen Flächen und abblätternder Farbe. Auch hat- ten sie wenig mit den Zeichnungen gemein. Samoilow ließ den Kopf hängen. Die Schlosser machten giftige Bemerkungen. Und nur der leitende Konstrukteur streichelte die Stücke und ächzte: „Ooh! Ein Wunder der Natur! Wie haben Sie es geschafft, alles in den Abmessungen unterzubringen? Und nirgends klemmt etwas.“ „Sie finden, daß die Muster den Standards entsprechen?“ fragte Werestschagin und rollte mit den Augen. „Ein Wunder! Nur die Oberfläche muß noch bearbeitet wer- den und hier eine Kleinigkeit.“ In der stickig-staubigen Luft materialisierte sich unversehens der Leiter der Modellwerkstatt Immanuil Gawrilowitsch Pen- drin, nickte den Umstehenden zu und erklärte lautstark: „Ich hab's doch gesagt! Auf die Modellwerkstatt ist immer Verlaß!“ Danach löste er sich wieder in Luft auf, ohne eine materielle Spur zu hinterlassen. Samoilow und Somow korrigierten die Zeichnungen. Die anderen standen im Licht, rauchten pausenlos und gaben höchst wertvolle Ratschläge. Bis zur Mittagspause waren zwei Muster aus Metall bis ins letzte bearbeitet., „Das ist Weltniveau“, erklärte der leitende Konstrukteur Somow und ging hinaus. „Das hast du gut gemacht! Nichts zu sagen. Hat nur ziemlich lange gedauert“, sagte Werestschagin bekümmert. „Es war doch das erste Mal.“ „Morgen müssen wir die Hälfte der Modelle fertigmachen.“ Gleich nach dem Mittagessen begann die Prozession aus den anderen Abteilungen in die Modellwerkstatt. Alle wollten Sa- moilow sehen. Und als man ihn gesehen hatte, bat man ihn ein- hellig, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Und Samoilow bepflasterte die Wand mit Nägeln. Die Elektronikabteilung erhielt den dringenden Auftrag, sich zur Endmontage der Versuchsmuster zu rüsten. Die Arbeitsproduktivität schnellte in die Hohe. Von Zeit zu Zeit erschien der Leiter der Modellwerkstatt, um sich gleich darauf wieder in Luft aufzulösen. Man muß schon sagen, Samoilow beherrschte seine Kunst. Nach einem Blick auf die Zeichnung stellte er sich das Einzelteil vor, berechnete die Achsenübereinstimmung der Öffnungen, die Flächenparallelität und den Präzisionsgrad. Wo seine Kenntnisse versagten, handelte er intuitiv, dann vollbrachte er, je nach Schwierigkeit der Anfertigung, einen kleinen oder gro- ßen Willensakt, und das Teil erschien auf dem Tisch. Nicht, daß Alexander etwa brütend an seinem Platz gesessen hätte. Nein, er wirbelte um die Werkbank, formte und hobelte die Luft, überlegte, murmelte, schüttelte enttäuscht den Kopf oder lachte übermütig auf. Kurz, er benahm sich höchst sonderbar. Gegen Abend prangten auf der Werkbank weitere fünf montierte Mo- delle. Die Leitung der Elektronikabteilung trug die Versuchs-, modelle eigenhändig in ihren Abteilungssaal. Diesen ver- antwortungsvolleren Teil der Arbeit konnte man niemandem anvertrauen. Als die zweite Schicht zu Ende ging, war Samoilow mit der Montage fertig. Sieben Muster lagen zur Endkontrolle bereit. Auf der Straße war es merklich kühler geworden. Alexander schlug den Mantelkragen hoch und steckte die Hände in die Taschen. Allmählich wurde sein Kopf klar. Wieso stimmt der Plan eigentlich nicht hinten und vorn? Werestschagin hat doch gesagt, alles war gut eingeplant. Und doch treten Stockungen auf. Die Konstrukteure bekommen die Analysen nicht rechtzei- tig aus dem Labor. Die Analysen sind nicht fertig, weil die Mo- dellwerkstatt auf den Modellen sitzt. Die Modellwerkstatt muß darauf sitzen, weil die Konstrukteure ständig die Entwürfe än- dern. Die Konstrukteure wieder … Und da beginnt die Leier von vorn. Dazu die mangelnde Versorgung. Transistoren, Knöpfe, Schrauben. Eins hakt ins andere. Die Planschulden wachsen. Wozu gibt's eigentlich Netzplantechnik? Wozu wis- senschaftliche Arbeitsorganisation? Fast alle Fenster im Wohnheim waren dunkel. Im Zimmer schliefen alle außer Gutarin. An seinem Bett brannte die Nacht- tischlampe. „Hast du Hunger?“ fragte er. „Ein bißchen“, antwortete Alexander. „Na, dann komm.“ „Wohin denn jetzt noch?“ „Zur Hausmeisterin. Sie bedauert dich aus irgendeinem Grund. Gehn wir, ja?“ Agrafena Iwanowna wohnte am Ende des Korridors. „Kommt rein, kommt rein. Hierher in die Küche. Im Zimmer schläft der Alte. Schwingt den ganzen Tag den Besen, kommt, und schnarcht“, schnatterte sie. „Ich habe alles warm gestellt. Setzt euch.“ Merkwürdig, warum macht sie das? Vielleicht ist sie nicht ausgelastet? „Du dauerst mich“, fuhr sie fort, als könne sie Gedanken le- sen. „Rackerst dich ab. Wie du die Pfähle aufgestellt hast. Und im Betrieb. Bist den ersten Tag da und arbeitest schon bis in die Nacht. Es gibt eine Masse Leute, die auf deinem Buckel aus- ruhn und die Beine baumeln lassen. Willst sie alle durchschlep- pen?“ „Ich muß, Agrafena Iwanowna“, sagte Samoilow. „Dann mach's“, sagte sie, weise lächelnd. „Hast du Kinder?“ „Nein.“ Geschwind brachte sie Teller, schnitt Brot, stellte den Tee- kessel auf, schloß die Lüftungsklappe, strich das Tischtuch glatt. Ihr Mund stand keine Minute still. Könnte man ihr nicht eine Freude machen? Vielleicht die Wände streichen? Das ist doch ganz einfach. Während Samoilow Entenbraten und Tomaten hinunter- schlang und Wein trank, strich er in Gedanken die Wände und schaffte es sogar, sich dabei mit Agrafena Iwanowna und Guta- rin zu unterhalten. Gutarin teilte seine Gedanken im wesentli- chen durch Kopfnicken mit. Agrafena Iwanowna ächzte erstaunt. Die Wände waren ma- lerisch verziert – Kompositionen aus Wildbret, Gemüse, Wein. Jedes Stilleben ein Meisterwerk. Als Samoilow sah, was er an- gerichtet hatte, wollte er den Wandschmuck entfernen, doch Agrafena Iwanowna wußte das zu verhindern. Gut so. Überma- len konnte man es immer noch. Als die Teller leer waren, schob die Alte die zwei wortlos zur, Tür hinaus. „Wascht die Füße oder duscht euch“, riet sie, „dann schläft sich's leichter.“ Alexander schlief augenblicklich ein. Am anderen Morgen häuften sich die Scherereien mit der End- kontrolle. Die Elektronikabteilung trieb zum Endspurt. Am wenigsten schonte sich Werestschagin. Die Verant- wortung zu tragen ist immer schwerer, als etwas selbst zu tun. In der Abteilung wurde das Rauchen eingestellt. Niemanden interessiert mehr der Tabellenstand von „Pachtakor.“ Alles war vergessen. Alles außer der Endkontrolle. Auf zum Kampf, zum Sturmangriff! Kein Zuckerlecken, dachte der stattliche und sehr gepflegte Strishew. Und Leitender Ingenieur Wyrubakin dachte über- haupt nichts. Er arbeitete. Techniker Swiderski prüfte alle paar Minuten mit der Fingerspitze, ob der Lötkolben nicht überhitzt war. Ingenieur Gutarin beseitigte von ganz allein das Aufladen der Verstärker. Köpfe und Lötkolben glühten. Dumpf summten die Trafos, angespannt schnaubten die Mitarbeiter. Schliefen abwechselnd auf zwei freien Tischen. Durch den dichten Schleier der Müdigkeit entdeckten die einen in den Augen der anderen Freude. Stürmen bedeutet Bewegung. Stürmen ist Nahkampf um die Erfüllung sämtlicher Planpositionen. Ein richtiger Sturmangriff endet mit einem Sieg. Operativ- und Themenpläne kapitulieren vor seiner alles hinwegfegenden Kraft. Am Jahresende. Nicht aber am Ende des dritten Quartals. Das wäre doch unnatürlich. Stellen Sie sich vor, die Armee stürmt die feindliche Festung, ehe der Troß mit der Munition eingetroffen ist, es fehlt an Pul- ver und Granaten, noch ist die Bombe im Ministerium nicht, geplatzt, noch sind die Briefe an die Hauptverwaltung nicht abgeschickt, die Berichte über unzuverlässige Vertragspartner, Zulieferer und die übrigen objektiven Gründe … Der Feind zerschlägt das tollkühne Häuflein und geht zum frontalen Gegenangriff über. Stürmen muß man im richtigen Augenblick. Niemand käme es schließlich in den Sinn, am Jahresanfang den Plan im Sturm- angriff nehmen zu wollen. Abwechselnd führten Nanni und Erd Xantis’ gedachte An- weisungen durch und transportierten, was er anforderte, in die Vergangenheit. Eine Höllenarbeit. Als Xantis in seinem Sonderkonstruktionsbüro für eine halbe Stunde eingenickt war, fragte Erd: „Nanni, warum ist es bei denen so gekommen?“ Nanni lachte freimütig. „Um das herauszufinden, haben sie wahrscheinlich selber genügend Sitzungen und Beratungen abgehalten. Ich glaube nicht, daß jemand den Plan sabotiert hat. Es kam ganz von selbst. Man kann doch nicht alles hundertprozentig ein- kalkulieren. Das wäre kein Plan mehr. Darum baut man Reser- ven ein, an Zeit, Menschen, Geld, Materialien. Aber die Reser- ven müssen minimal sein. Sonst ist es eben auch kein Plan mehr. Und damals hat man kaum mit Computern gearbeitet. Jedenfalls nicht in kleinen Betrieben. Es ist zum Beispiel schwierig, Krankheiten leitender Spezialisten, geistige Fähigkei- ten, die Beziehungen untereinander oder das Wetter vorauszu- sehen. Plötzlich stellt sich heraus, daß der Chef keine Autorität genießt, daß der Leitende Ingenieur, wenngleich sonst ein klu- ger Mann, Fachmann eines anderen Gebietes ist. Sympathie, und Antipathie treten in Kraft. Jemand steht am falschen Platz. Der Oberingenieur komponiert nachts und kommt unausge- schlafen und erschöpft zur Arbeit. Tausend kleine Tragödien entwickeln sich, wenn ein Mensch nicht das gelernt hat, was ihm liegt.“ Durch die Abteilungen, Labors, Büros kroch hartnäckig das Gerücht, die Elektronikabteilung habe vor, alle drei Quar- talspläne zu erfüllen. Das war Verrat. Ein Dolchstoß von hinten. Der Chef des SKB bestellte Werestschagin zu sich. Mit der Flinkheit eines Pianisten glitten seine Finger über Papiere, Ak- ten, Anordnungen. Sein blasses, scharfgezeichnetes Gesicht mit der hohen Stirn beugte sich gebieterisch über den Tisch, als wollte er spontane Kräfte mobilisieren. „Na, was hast du zu sagen?“ Werestschagin zuckte die Achseln. „Ich bin hundemüde.“ „Müde. Hm … Was ist bei dir in der Abteilung los?“ „Wir arbeiten … Und sind müde.“ „Ich will dir mal was sagen“, in Wolkows Stimme schwan- gen hohe metallische Töne. „Witze kommen später. Vor zehn Tagen hieß es noch, ihr erfüllt mit Ach und Krach den Halbjah- resplan.“ „Stimmt“, antwortete Werestschagin mit schwerer Zunge und gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. „Es gehen Gerüchte um, daß deine Abteilung alle drei Qua- talspläne erfüllen will. Ist das wahr?“ „Ja.“ „Da hast du dir ja was vorgenommen.“ „Ich bin müde.“ Werestschagin gähnte. Der Chef des SKB fing langsam an zu kochen. Werestschagin riß sich zusammen, und murmelte: „Wir erfüllen ihn. Wir sind nur alle schrecklich müde. Besonders morgens. Danach vergeht's. Mit Mokka.“ „Wer hat euch geheißen, den Plan zu erfüllen?“ polterte Wolkow. „Wer, frage ich dich?“ Im Nu war Werestschagin wach. „Wir arbeiten laut Opera- tivplan, Pjotr Wladimirowitsch.“ „Laut Plan“, echote Wolkow. „Schlaue Jungs, aber keinen blassen Dunst. Mit Schafen arbeitet sich's leichter.“ Der Chef des SKB griff sich an den Kopf und stierte mit stumpfem Ad- lerblick auf den Tisch. „Der Brief ans Ministerium ist fertig, und die wollen auf einmal den Plan erfüllen!“ Plötzlich besann er sich und heftete den Blick auf Werestschagin. „Du weißt doch, daß es an Räumen fehlt, an Werkbänken, daß wir zuwenig Ka- der haben, daß die Zulieferung nicht klappt. Was soll ich in der Hauptverwaltung sagen? Eine Abteilung von vieren erfüllt trotzdem den Plan? Begreifst du wenigstens, was du angerich- tet hast? Du hast uns ohne Messer erstochen.“ Mannhaft kämpfte Werestschagin gegen die Müdigkeit an. „Übrigens … stimmt das mit Samoilow?“ Es geht los, dachte Werestschagin. Nun ade, Samoilow, Dich holen sie weg. Garantiert. Und er sagte mit gesenktem Kopf: „Es stimmt, Pjotr Wladimirowitsch.“ „Womit hat es angefangen?“ fragte Wolkow streng. „Mit ihm.“ Werestschagin war zum Heulen zumute. „Samoilow … aus der Elektronikabteilung zu mir“, befahl der Chef des SKB. Dann kam Samoilow. Erschreckend bleich. Das Haar verfilzt. In zerknautschtem, mit Kolophoniumtropfen bespritztem Anzug. Nach und nach füllten die großen und kleinen Leiter den Raum., Und Samoilow schlug wieder Nägel ein. Man bestürmte ihn von allen Seiten. Schlag sie in Wand, Zimmerdecke, Fußboden, ins Fensterbrett, in Tür und Rahmen. Und Samoilow tat, wie ihm geheißen. Er schlug sie parallel, senkrecht und zickzack- förmig ein, einzeln und bündelweise. Virtuos, elegant, souve- rän. Man merkte, er war ein Artist. Ein erstklassiger Artist. Er- stauntes Beifallsgemurmel. Alle standen. Nur Werestschagin hatte die Wange auf den Schreibtisch gelegt und schlief selig. Ohne zusammenzuzucken oder aufzuschluchzen. „Ein Tausendsassa bist du, Samoilow“, sagte der Leiter der Versorgungsabteilung. „Geh zum Zirkus. Da wirst du berühmt. Oder komm zu mir in die Zulieferabteilung … oder wie wär's mit der Eisenbranche? Für hundertdreißig … Ah? Tausendsas- sa!“ „Genug, das reicht!“ rief der Chef mit fester Stimme. „Neh- men Sie Ihre Plätze ein.“ In der Geschichte des Sonderkonstruktionsbüros war dies die kürzeste Sitzung des erweiterten technischen Rats. Sie dauerte insgesamt vier Stunden. Die Tagesordnung war ziemlich ver- schwommen formuliert. „Über die Möglichkeiten, dem Oberin- genieur der Elektronikabteilung A. T. Samoilow das Recht ein- zuräumen, den Produktionsplan des SKB für drei Quartale des laufenden Jahres in verkürzter Frist zu erfüllen.“ Der Chef des SKB, der als erster das Wort ergriff, bedauerte die entstandene Lage. „Der Brief ans Ministerium betreffs Plan- reduzierung ist bereits geschrieben. Die Sache läuft. Und plötz- lich wird alles über den Haufen geworfen. Eine Abteilung hat den Plan erfüllt. Fast erfüllt. Nun ist das ganze ZKB dran. Sie verstehen selbst …, Aber“, so schloß Wolkow seine Rede, „ich habe mich immer auf energische Leitungsmethoden gestützt. Ich verneige mich vor der Große und Macht des Menschen. Und nun hat das, was ich stets angestrebt habe, in der Etektronik-abteilung glänzende Bestätigung gefunden. Planerfüllung dank echter Willenskraft! Dafür bin ich immer.“ Der Vorsitzende des Gewerkschaftskomitees hielt den Zeit- punkt für gekommen, an die Beitragskassierung zu erinnern. Der Wandzeitungsredakteur forderte eine Blitzlichtaufnahme. Die Gelegenheit war günstig, denn Samoilow und Werestscha- gin schliefen. Gegen Ende der dritten Stunde, als der Beschluß mit über- wältigender Stimmenmehrheit gefaßt worden war (bei einer Stimmenthaltung, die auf das Konto des schnarchenden We- restschagin ging), wurde Samoilow mit einem Glas Wasser übergossen, und man empfahl ihm, sich an die Arbeit zu ma- chen. Die Gesichter der Anwesenden waren gütig, freundlich und ein wenig gespannt. Der nasse Samoilow weigerte sich nicht, aber er gestand offen, nicht zu wissen, wie und womit er beginnen solle. Das wußte niemand. Da schlug ein heller Kopf vor, den Erfinder Kobylin zu befragen, der hundertzehn Erfin- dungen angemeldet hatte und ein Patent besaß. Kobylin nahm den Stier bei den Hörnern. „Wieviel Tage brauchst du, Samoilow, um den Plan des SKB für drei Quartale zu erfüllen?“ Samoilow seufzte schwer. Mindestens einen Monat. Fünf Minuten lang sah Samoilow den Erfinder Kobylin durchdringend an, ehe er entschied: „So geht das nicht!“ Alle schüttelten einmütig die Köpfe. „Nein, so nicht.“ Kobylin versenkte sich in tiefgründige Überlegungen. Im, Chefzimmer wurde es merklich wärmer. Das geistige Potential des Erfinders hatte sich in Wärmeenergie verwandelt, die, wenn das so weiterging, das ganze Weltall mit dem Wärmetod bedrohte. Als die Versammelten vor Hitze kaum noch sitzen konnten, streifte Kobylin sie mit einem klaren Blick. Die Idee war, wie alle genialen Ideen, denkbar einfach. „Samoilow denkt engstirnig, primitiv, einseitig“, begann der Erfinder. „Um ein lächerliches Gerät herzustellen, studiert er erst die Zeichnungen. Das erfordert Zeit. Ebenso die Vormon- tage per Willensakt. Die Hauptmontage! Und die Endkontrolle. Das ist technologisch unproduktiv. Er soll sich nicht vorstellen, wie er das Gerät selbst machen kann, sondern was man tun müßte, damit das Gerät rechtzeitig, plangemäß fertig wird. Die Zulieferung klappt nicht? Dann hat Genosse Wolkow den Lei- ter der Versorgungsabteilung Balujew nicht rechtzeitig gerügt. Erteile ihm per Willensakt eine Rüge. Es fehlt an Leuten? Das betrifft die Kaderabteilung. Die Zeichnung ist ungenau? Das liegt an dem, der sie angefertigt hat …“ „Was er sagt, ist richtig“, pflichtete Samoilow dem Erfinder bei. „Wir können es probieren.“ „Hi-hi-hi!“ kicherte der Leiter des Patentbüros. „Balujew be- kommt eine Rüge, hi-hi-hi!“ „Wieso ich? Immanuil Gawrilowitsch bekommt eine“, pa- rierte der Leiter der Versorgungsabteilung, auf den Leiter der Modellwerkstatt weisend, der plötzlich aus dem Nichts aufge- taucht war. „Auf die Modellwerkstatt ist immer Verlaß“, versicherte Pendrin und verschwand wieder. „Kann man wirklich gerügt werden?“ fragte der Leiter des Konstruktionsbüros bestürzt., „Du fühlst dich wohl schuldig, hi-hi-hi“, kicherte der Leiter des Patentbüros. „Ist wer dagegen?“ fragte Wolkow. „Oder fühlt sich jemand schuldig?“ Die Anwesenden schwiegen. Werestschagin pfiff durch die Nase und schnarchte langgezogen. „Dann mit Gott!“ schloß der Chef des SKB finster die Sitzung. Alexander Tichonowitsch Samoilow – Xantis – verschloß die massive Holztür des Versuchslabors. Er öffnete die Luke der hermetisch abgedichteten Kammer, warf einen Packen Opera- tivpläne, Quartalsberichte, Bestellisten hinein, sprang hinterher und schraubte die Luke von innen zu. Der Willensakt verlangte ideale Stille. In der Kammer war es warm und trocken. Xantis breitete die mitgebrachten Dokumente vor sich aus, steckte sich eine Zigarette an, schaltete für Minuten die Gedanken ab, machte die Zigarette aus und konzentrierte sich auf den ersten Punkt. Bis zum Ende des dritten Quartals waren es noch acht Stunden. Das Chefzimmer war voller Menschen. Nervöses Lachen, Füßescharren, Witzeleien, quälende Erwartung. Nur die Elek- tronikabteilung arbeitete noch. Es galt, die letzten zwei Modelle betriebsfertig zu machen. Wer nicht schlief, hatte sich um Guta- rin und Palizin geschart. Die Endkontrolle stand vor dem Ab- schluß. Der Leitende Ingenieur Wyrubakin beteuerte, daß „Pachtakor“ zu den zehn stärksten Mannschaften zähle. Nie- mand protestierte, und Wyrubakin schwieg gekränkt. Techni- ker Swiderski erzählte eine traurige Begebenheit aus seinem Leben, und alles barst vor Lachen. Ljubotschka tippte das letzte Protokoll und flatterte aufgeregt von Tisch zu Tisch. „Fertig!“ rief Palizin. „Wir können die Plombe anbringen!“, „Das war's, Jungs!“ verkündete auch Gutarin freudig und reckte sich, daß es in allen Gliedern knackte. „Na, wann verhei- ratet ihr mich?“ „Bald, Gena, bald“, versicherte der stattliche und sehr ge- pflegte Strishew. „Wollen wir den Abschluß nicht mit einem Gläschen be- gießen?“ rief Serguschin und rieb sich die verschlafenen Augen. „Mit einem Gläschen?“ Plötzlich war der zweite Laborleiter hellwach. „Ist das nicht ein bißchen wenig? Hm?“ „Das reicht! Sonst werdet ihr zu rundlich!“ „Werestschagin und Samoilow sind immer noch nicht da“, jammerte Ljubotschka. „Wahrscheinlich kriegen sie eine Abreibung“, erwiderte Schwergewichtler Palizin. „I wo, die teilen sich ihre Prämie“, meinte Techniker Swi- derski. „Vielleicht sind sie wieder auf Achse?“ „Wir gehn jetzt ins Wohnheim“, bestimmte Serguschin. „Samoilow und Werestschagin kommen schon nach.“ Minuten später brannte in der Abteilung kein Licht mehr. Im Chefzimmer herrschte unheilschwere Stille. Drei Stunden waren um, seitdem Samoilow sich eingeschlossen hatte. Was in der Kammer vor sich ging, wußte niemand. Daß der Plan erfüllt wurde, war gut. Wegen der Prämie. Daß man sich womöglich einen Verweis einhandelte, war weniger gut! Plötzlich stürmte die völlig verstörte Zeichnerin Pronjusch- kina ins Zimmer. „Sdobnikow ist verschwunden!“ schrie sie. „Wieso verschwunden?“ „Er ist weg.“, „Das kann doch nicht sein!“ „Doch, doch! Sdobnikow ist weg!“ „Was denn, in den Erdboden versunk …“, begann der ver- antwortliche Dispatcher des ersten Bereichs und war plötzlich selber verschwunden. Lautlos, ohne Knall, ohne sich zu verab- schieden. Unruhe. Erschrockene Stimmen. „Wo ist er? Wo?“ Die At- mosphäre erhitzte sich. Äußerst ungewöhnlich. Bisher hatte nur Immanuil Gawrilowitsch Pendrin plötzlich verschwinden kön- nen. Oberingenieur Palizin sprang auf, raste die Treppe hinunter, an der Pförtnerloge vorbei, riß dem verdutzten Hausmeister den Besen aus der Hand und begann seelenruhig den Bür- gersteig zu fegen. Er fegte gemessen, mit Verstand, ohne ein überflüssiges Stäubchen aufzuwirbeln. Man merkte, er besaß Erfahrung. „So müßte es immer sein. Daß sie nach der Sitzung die Stra- ße kehren“, sagte der Hausmeister und ging in die Pförtnerloge, um nachzusehen, ob die Kartoffeln kochten. Der Leiter des SKB hielt sich am Schreibtisch fest. Soeben war vor seinen Augen wieder einer verschwunden. Entsetzlich. Der Leiter der Versorgungsabteilung schluchzte laut. Nicht aus Angst, sondern aus Liebe zur Kunst, wie sich später herausstell- te. Zu diesem Zeitpunkt leitete er bereits eine Laienspielgruppe. „Samoilow ist schuld!“ heulte jemand. „Wir müssen ihn bremsen!“ Alles sprang auf. Der lange Sitzungstisch kippte um. We- restschagin wachte auf. Erstaunt blickte er um sich. Auf seiner rechten Wange zeichnete sich eine riesige rote Druckstelle ab. „Los!“ schrien welche. „Er schickt uns alle in die Hölle!“, Dreißig, vierzig Mann stürzten zur Tür, schubsten sich auf den Korridor und rannten im Galopp die Treppe hinunter zur Tür des Versuchslabors. „Aufbrechen! Das Labor stürmen!“ ertönte ein Kampfruf. Mit jeder Sekunde riß das unerbittliche Schicksal erprobte, kampfgestählte Männer aus den Reihen der Angreifer. Sie ver- schwanden spurlos wie ihre Vorgänger. Jemand brachte ein Brecheisen, und die Tür fiel. Die Kammer zu nehmen war schwieriger. Die Angreifer wurden mutlos. Es waren nur noch wenige: Kaderleiter, Hauptbuchhalter, Leiter des Patentbüros, Werestschagin und noch ein paar. Mit stockendem Atem blick- ten sie einander an. Keiner verschwand. „Ist es wirklich aus?“ fragte jemand zaghaft. „Ja. Wir sind zu spät gekommen.“ „Sitzt er schon lange drin?“ fragte Werestschagin, dem ein Licht aufging. „Vier Stunden.“ „Dann ist er doch erstickt, wenn er die ganze Zeit geraucht hat.“ Werestschagin hielt sich die schmerzende rechte Wange. „Wir müssen die Luke aufschweißen!“ Ein paar Mann rannten los, um ein Schweißgerät zu suchen. Jemand rief das Rettungsamt an. „Für solche Mätzchen müßte man ihn einsperren“, sagte der Leiter des Patentbüros. „Sie haben ihn doch selbst darum gebeten.“ „Wer konnte das ahnen? Womöglich erfüllen wir nun nicht mal den Plan!“ „Wen schert das jetzt!“ Aus dem Nichts materialisierte sich plötzlich der Kopf des Leiters der Modellwerkstatt Pendrin. Und zwinkerte listig., „Na, wie geht's? Hat die Schlamperei ein Ende?“ „Pendrin! Mein Lieber! Du lebst ja! Weißt du nicht, wo unse- re Leute sind?“ haspelte der Leiter des Patentbüros. „Nein, aber ich ahne es.“ „Wo denn?“ „Ich hab sie durch den Raum schweben sehen. Wolkow zur Hauptverwaltung, und die übrigen, wohin jeder lustig war.“ „Und wie geht's dir?“ „Ich wußte ja, daß hier was im Gange ist, deshalb hab ich die ganze Zeit in der Versenkung gehockt. Na, gehabt euch wohl! Ich bleib noch ein bißchen sitzen, für alle Fälle.“ Immanuel Gawrilowitsch verschwand wieder. Das Schweißloch war noch nicht abgekühlt, als Were- stschagin in die Kammer sprang. Samoilow lag neben dem Schreibtisch, die Arme unnatürlich ausgebreitet, und atmete nicht mehr. Jedenfalls hörte We- restschagin seinen Atem nicht, sosehr er sich auch anstrengte. Auf dem Tisch lag der Plan des dritten Quartals. Erfüllt. Und die Anweisung des Ministeriums, den Mitarbeitern des SKB die Quartalsprämie auszuzahlen. Die Ärzte stellten hochgradige Erschöpfung fest. Nach einer Woche kam Samoilow zu Bewußtsein. Im Krankenzimmer war es hell und still. Samoilow vernahm gedämpfte Musik, seufzte und sank in tiefen Schlaf. Endlich kam der Tag, an dem er Besuch empfangen durfte. Das Zimmer füllte sich sofort mit lebhaftem Stimmengewirr. „Saschenka, mein Lieber. Was haben sie bloß mit dir ge- macht?“ jammerte Agrafena Iwanowna, die Hausmeisterin. „Ich hab auch eine Woche im Krankenhaus gelegen“, teilte Werestschagin triumphierend mit. „Weißt du, die Druckstelle, im Gesicht wollte nicht heilen.“ „Stell dir vor, Gutarin heiratet!“ trompetete der Leitende In- genieur Wyrubakin. „Und ich … hm … hab den ersten Platz im Gewichtheben er- rungen … hm … im Ortsmaßstab.“ Palizin strahlte. Hingerissen blickte Xantis von Gesicht zu Gesicht und schwieg. „Kannst du noch Nägel in die Wand schlagen?“ fragte Lju- botschka. „Ich hab's versucht, es geht nicht mehr“, antwortete Xantis und lächelte. „Aber warum sollte ich eigentlich immer Nägel einschlagen? Ich hatte doch auch was Interessanteres machen können.“ „Es hat uns solchen Spaß gemacht, dir zuzugucken“, er- widerte Techniker Swiderski, und alle waren der gleichen Mei- nung. „Gut, daß du's nicht mehr kannst“, mischte sich Agrafena Iwanowna ein. „Dann lernst du's mit dem Hammer.“ „Und wie lauft's im SKB?“ „Alles normal“, antwortete Werestschagin. „Wolkow wurde ans Ministerium für Landwirtschaft versetzt. Er ist doch ausge- bildeter Veterinärmediziner. Oberingenieur Palizin arbeitet als Straßenkehrer. Natürlich als Brigadier. Jetzt ist unser Bezirk pieksauber. Und noch einige sind woanders hingekommen. An die vierzig Kollegen. Jeder auf einen Platz nach Wunsch. Pen- drin hat alle Stürme überdauert. Er ist noch Leiter der Modell- werkstatt, aber er fühlt sich nicht ganz wohl in seiner Haut.“ Die beiden Laborleiter nickten nach jedem Satz Were- stschagins. „Richtig. – Sehr wahr. – Genau.“ „Dich haben sie noch nicht zum Leitenden Ingenieur beför-, dert. Ich hab dich vorgeschlagen, aber sie sagen, deine Probe- zeit ist noch nicht um.“ Der Abschied war nicht weniger stürmisch als die Begrü- ßung. Samoilow nickte allen zu; die Hand zu heben, war er noch zu schwach. Einige Stunden nachdem Xantis zurückgekehrt war, funkte die Besatzung der „Wysow“ den zweiten Notruf. Danach den drit- ten. Der Computer, der den Kosmos absuchte, registrierte ihn. Die Rettungsexpedition machte sich auf den Weg.,

Alexander Das Mirer Obsidianmesser

„Ich beneide Sie um Ihre Gesundheit“, sagte mein Nachbar, ohne aufzusehen. Wir saßen zu zweit auf einer verdreckten Parkbank. Der Boulevard, mit Tauwasser überspült, war leer. Mein Nachbar hackte mit dem Absatz eine kleine Kuhle in den verharschten Schnee, sein feistes Gesicht mit der kaputten Nase schwankte ein bißchen. „Gesundheit, o ja, eine herrliche Sache“, sagte er, ohne die Lippen zu bewegen. Ich sah mich für alle Fälle um. Keine Menschenseele. Das Laub des Vorjahres lag schwarz auf dem grauen Schnee, in der Seitenallee gurgelten Bächlein. „Sagen Sie das zu mir?“ murmelte ich. Mein Nachbar schwenkte seinen Hut und fuhr fort, den Schnee mit dem Absatz zu bearbeiten. In der Kuhle hatte sich schon Wasser gesammelt. Er sah immerzu auf seine Stiefel mit den rippigen Sohlen, und ich beäugte ihn gespannt. Hol's der Teufel, ein seltener Vogel! Das Gesicht von einem Exboxer, gebrochene Nase, zerfetztes Ohr. Aber die Augen ei- nes Besessenen. So gucken Wissenschaftler oder hoffnungslos Verliebte. Allerdings bis auf die Augen war an ihm nichts Wis-, senschaft und nichts verliebt. Na, und seine Worte! „Ich benei- de Sie um Ihre Gesundheit, eine herrliche Sache …“ Und seine Haltung erst! Er saß, die Hände auf die Bank gestützt – der Mantel spannte über den Muskelpaketen an den Oberarmen –, als wollte er je- den Augenblick auf und davon. Aber der Absatz hackte beharr- lich den Schnee. Tauwasser floß in kleinen Rinnsalen unter die Bank und in den Bach dahinter. „Sind Sie denn nicht gesund?“ Ich hielt das Schweigen nicht aus. „Nicht ganz.“ Er sah mich an, wie vom Donner gerührt. Übergangslos fragte er: „Hatten Sie irgendwelche Kinder- krankheiten?“ Fast hätte ich losgeprustet. Ein Schwerathlet und macht in Krankheiten! „Windpocken, Röteln, Ziegenpeter“, antwortete ich und dachte im stillen, der sieht aus wie Jurka Abramow, ein Bengel aus unserm Aufgang, der nicht mal im Kindergarten eine Träne zerquetscht und in der Schule immer den Ataman gespielt hat. Wir waren ihm förmlich hörig. In der achten Klas- se brach er sich das Nasenbein. Den Lehrern hat er weisge- macht, es käme vom Boxen, aber wir wußten, es war eine Prü- gelei. Übrigens sehen sich alle Leute mit gebrochener Nase ähn- lich. „Ist Ihr Herz in Ordnung?“ fuhr mein Nachbar fort, aber so, daß ich mich nicht mit einem Witz aus der Affäre ziehen konn- te. „Wie eine Pumpe“, sagte ich. „Treiben Sie Sport?“ „Boxen erste Leistungsstufe, zweite im Fechten, Fußball, Schwimmen.“, „Welche Distanzen? Sprinter?“ „Natürlich, Sprinter …“ Er betrachtete angelegentlich meine Füße. Im Profil sah er gar nicht übel aus. Mäßig breite Backenknochen, die Stirn wie ein Helm, allein die Augen jagten mir einen Schreck ein. Sie leuchteten buchstäblich von innen her. Und eine Stirn wie ein Dachstuhl. „Rauchen Sie?“ „Manchmal schon, wieso?“ Ich war plötzlich sauer. Ob ich rauche! Jeder Trainer klotzt so ran. Ataman der … Ich verspürte Lust, mich zu verdünnisieren. Es wurde kühl so gegen Abend. Ich rechnete auch nicht mehr damit, daß Natalja noch aufkreuzen würde. Wahrscheinlich hatte Sie es nicht geschafft, die Vorlesung zu schwänzen. Ich sagte: „Entschuldigung, ich muß gehen“ und stand auf. Mein Nachbar schwenkte den Hut. Unter seinem Absatz flogen die Spritzer über den ganzen Weg. „Auf Wiedersehen“, sagte ich sehr höflich. Ein langbeiniges Mädchen mit einem Springseil blickte sich nach uns um, als es vorüberhüpfte. „Schade“, sagte mein Nachbar. „Ich wollte Ihnen einen interessanten Vorschlag ma- chen.“ Nase und Ohren verkündeten deutlicher als jedes Aus- hängeschild, was er vorzuschlagen hatte. Ich erwiderte: „Danke. Ich trainiere jetzt nicht. Das Diplom, wissen Sie.“ Er legte die Stirn in Falten. Ich watete schon durch eine Pfütze, als er mit lascher Stimme sagte: „Ich möchte Ihnen eine Zeitreise vorschlagen.“ Erschrocken blickte ich mich um. Unverändert saß er da. „Eine Reise in die Vergangenheit.“, Aha, Vergangenheit, dachte ich, das ist also seine Krankheit. „Ich bin ganz normal“, ertönte es unter dem Hut. „Ein De- biler hätte eine Reise in die Zukunft vorgeschlagen.“ Ich setzte mich wieder auf die Bank. Die irre Logik hatte mich umgeworfen. Kein Zweifel, ein Psychopath, nun erkannte ich es auch an der Kleidung. Die war übermäßig akkurat, pene- trant akkurat. Beste Qualität, kaum abgetragen, aber völlig aus der Mode. Wahrscheinlich achtet seine Frau darauf, daß er or- dentlich rumläuft, der Ärmste. Aber was Neues kauft sie ihm nicht. Seine Augen glitten über mich hinweg und schienen zu grin- sen. „Ich komme tatsächlich selten an die Luft. Zeitmangel, ein krankes Herz. Hören Sie“, er drehte sich schwerfällig um, „ich brauche einen kerngesunden Menschen für eine Reise ins zwanzigste Jahrtausend vor unserer Zeit“, sagte er und bannte mich mit seinem ungewöhnlichen Blick. Ich war wie hypnotisiert. Mein Sportlerherz schlug höher und wollte seine Furcht bezwingen. Überdies lockte das Aben- teuer. Plötzlich erregte mich das Knirschen der Reifen jenseits der Bäume, der Duft der Sonne und des tauenden Schnees, das monotone Gekrächze einer Krähe. Aus irgendeinem Grunde fragte ich noch: „Haben Sie etwa eine Zeitmaschine gebastelt?“ Mürrisch antwortete er: „Etwas in der Art.“ Als wir den Boulevard verließen, sah er sich nach dem hell- blauen Mützchen des Mädchens um. Sie stand, die Gummi- schnur ihres Springseils im Mund. Ich glaube, sie hatte unser Fiebergespräch gehört. Auf jeden Fall folgte sie uns, langsam staksend, wie ein Küken. Erst an der dritten Kreuzung blieb sie vor einer Konditorei zurück. Hier standen Telefonzellen, und, ich fragte, ob die Reise lange dauern würde, da ich sonst zu Hause anrufen müßte, um Bescheid zu sagen. Er sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen. Der erste Versuch dauert eine halbe Stunde.“ Er ging außen am Bürgersteig, die Hände in den Taschen, mit dem gleichen abwesenden Blick wie auf dem Boulevard. Mir fiel auf, daß uns fast alle Vorübergehenden Platz machten. An der Haustür eines grauen Steinhauses macht er halt. Wir traten ein. Schulter an Schulter fuhr ich mit dem seltsamen Gefährten im engen Fahrstuhl in den sechsten Stock. Mit blödem Lächeln stand ich da, stierte auf die Bedie- nungsanweisung und kam mir wie der letzte Idiot vor. Warum bin ich bloß mitgegangen? Schließlich hab ich Ahnung von der Relativitätstheorie, der zufolge eine Reise in die Zukunft eine reale Sache ist, in die Vergangenheit aber nicht. Rückkehr in die Vergangenheit, völliger Humbug, weil die Zukunft nicht auf die Vergangenheit Einfluß nehmen kann. Ich schäumte vor Wut. Wenn die Tür aufgeht, verabschiede ich mich und haue ab. Aus. Klarer Fall, ein Psychopath. „Die Sache ist die“, sagte er und drückte auf den Öffnungs- knopf, „daß eine Reise in die Zukunft mit Überlichtge- schwindigkeit möglich ist. Im Weltraum. Ich fürchte bloß, daß die Menschheit niemals Überlichtgeschwindigkeit erreicht.“ Quietschend sauste der Fahrstuhl nach unten. Gehorsam trottete ich hinter meinem Verführer drein, bis in seine Woh- nung, und gestattete ihm, mir den Mantel abzunehmen. „Füße abtreten“', brummte er. „Und vor dem Essen Hände waschen.“ Er lachte. Sein Gesicht war nun wie ein Eierkuchen, die Nase völlig platt. „Bitte schön …“, Um die Beine strich uns ein schwarzer Kater, mit einem Schwanz wie ein Schürhaken. „Waska, ach du.“ Der Hausherr nahm ihn auf den Arm. Der Kater miaute. „Darf ich bitten …“ Jetzt, in engem Jackett und engen Hosen, sah er haargenau wie ein Sportler aus. Überwältigender Brustkorb, wie ein Faß – eine Gorillabrust. Sein ganzes Äußeres fiel aus dem Rahmen. Wir versanken in Professorensessel, und der Hausherr schwieg sich aus. Der Kater sprang ihm auf den Schoß, jaulte plötzlich los und stürzte zur Tür. „Jegor brüllt, um Waska angst zu machen. Da, schauen Sie her.“ Zwischen den Seitenteilen des Schreibtischs war ein Draht- netz gespannt, und dahinter hockte wie in einem Käfig ein Kat- zenvieh, das den schwarzen Buckel krümmte und gelbe Augen flammen ließ. „Jegoruschka“, sagte der Hausherr, „armer Kleiner.“ „Miau“, machte das Tier und fauchte. „Waskas Zwillingsbruder“, erläuterte der Hausherr, als würde in jedem Haushalt ein Kater frei herumspazieren, sein Zwilling aber unterm Tisch in einem Käfig hausen. „Übrigens, machen wir uns bekannt: Romuald Petrowitsch Grischin.“ „Sehr angenehm“, brummte ich. „Berbenjew, Dima.“ „Möchten Sie einen Kaffee, Dima?“ „Nein, danke schön. Ich möchte nicht.“ „Um so besser“, sagte Grischin. Wenn er mich schockieren wollte, so war ihm das gelungen. Ich saß wie das Kaninchen vor der Schlange. Von seinem Blick loszukommen war ausgeschlossen, hinsehen aber auch. Ich kriegte Gänsehaut., „Sie sind also Student, kurz vor dem Diplom. Ihr Institut?“ „Physikalisch-Ingenieurtechnisches Institut.“ „Ausgezeichnet. Das erleichtert den Kontakt. Jetzt sind Sie dran mit Fragen.“ „Nicht, daß ich wußte.“ „Verstehe. Sie erwarten eine Erklärung. Die sollen Sie haben. Die klassische Physik sagt, daß die Zukunft nicht auf die Ver- gangenheit Einfluß nehmen kann. Völlig logisch, wie es aus- sieht. Doch die Formulierung ist ungenügend verallgemeinert. Die Information kann nur über den konstanten Zeitvektor flie- ßen, nicht in Gegenrichtung. Zum Beispiel: Wenn wir an die Stelle eines Objektes, das in der Vergangenheit existiert hat, ein Objekt aus der Gegenwart setzen, genauso eins, wird es keinen Informationsfluß geben. Solch ein Austausch kommt der Null- information gleich. Sonst kommt so was dabei heraus … Unser Gegenstand ist der schwarze Kater Jegor. Vor zwanzigtausend Jahren existierten keine schwarzen Katzen. Damals gab es ge- streifte Katzen, kurzschwänzige Jaget, wilde oder halbwilde. Deshalb ist die Existenz Jegors oder Waskas in der Vergangen- heit ausgeschlossen. Eine Information aus der Zukunft also. Hatten wir eine wilde Katze, so wäre es was anderes. Kapiert?“ Ich antwortete: „Nein, nicht kapiert.“ Das war zwar unfair, aber ich konnte nicht anders. Er mein- te, es gäbe eine Chance, einfach in die Vergangenheit zu schlüp- fen, so wie man über die Treppe von der siebenten Etage in die erste hinuntersteigt, und deshalb verlor seine Logik ihren Sinn. In die Vergangenheit steigen … Die Vergangenheit ist vergangen, daher der Name. Gefällte Bäume, gestorbene Menschen. Das ist Vergangenheit! „Granit“, sagte Romuald Petrowitsch. „Das Stückchen Granit, vor Ihnen auf dem Tisch. Es stammt aus der Vergangenheit. Bäume sterben. Granit nicht.“ Daran war nicht zu rütteln. Ein dutzendmal schon hatte er mich aufs Kreuz gelegt. Da konnte man nur die Achseln zuk- ken. „Zurück zum Thema. Also, Jegor kann nicht in der Vergan- genheit existieren. Das bedeutet aber nicht, daß man ihn nicht in die Vergangenheit schicken konnte. Einleuchtend? Schauen Sie sich den Jegor an. Da ist die Lampe.“ Ich nahm die Tischlampe und beugte mich nieder. Ich war auf einen gehörnten Teufel gefaßt oder etwas in der Art, jeden- falls nicht auf so was. Bei Licht besehen, war Jegor gestreift und hatte einen kurzen Schwanz. Winzige Schnurrhaare zwirbelten sich an seinen Ohren. Ich schnappte nach Luft. Jegors Krallen kratzten am Draht. Beinahe hätte ich die Lampe umgeworfen. „Was ist das für ein Untier?“ „Der schwarze Kater Jegor“, sagte der Hausherr klipp und klar. „Am fünfzehnten Februar wurde er ins hundertneunzigste Jahrhundert vor unserer Zeit befördert. Nach einer Stunde kehrte er so zurück. Armes Vieh! In seinem Informationssystem vergingen zwölf bis siebzehn Minuten.“ „Auf Wiedersehen.“ Zum dritten Mal verabschiedete ich mich. „Ich halte nichts von solchen Spielereien.“ Der Hausherr erhob sich schwerfällig. Meine Worte waren an seinem Trommelfell abgeprallt wie ein Tennisball an der Trainingswand. „Im übrigen möchte ich Sie nicht weiter aufhalten.“ „Tut mir leid, die Katze. Aber von dort kommt die Infor- mation ohne Barriere. Ich konnte nicht ahnen, daß sich der ge-, netische Typ des Tieres verändert. Die Unterschiede sind nicht allzu groß. Bruchteile von Prozenten, im Rahmen der Mutati- on.“ Er sah weg und ließ die Ohren hängen. Als hätte er sich end- gültig mit meinem Abgang abgefunden. Doch der Teufel ritt mich, und ich drehte mich um. Auf dem Tisch, neben dem Stückchen Granit, lag ein großes Messer aus Obsidian, ein Museumsstück. Es sah ganz neu aus. Blank, mit frisch geschärfter Schneide. Am Griff haftete ein Klümpchen roter Ton. Auf den ersten Blick dachte ich, eine Imi- tation. Ich ging zum Tisch und nahm das Messer in die Hand. Die Klinge funkelte. Zur Spitze lief sie wie eine zierliche Sichel aus. Nein, mit den heutigen Fertigkeiten ließ sich so etwas nicht machen. Es war, als hätte Romuald Petrowitsch mich bei diesem Ge- danken ertappt. Er gab einen Laut von sich, ein Zwischending von Stöhnen und Krächzen. Ich drehte mich um. Er stand mit- ten im Zimmer mit geschlossenen Augen und baumelnden Armen. Er atmete wie ein Boxer nach einem K. o. „Eine Sekunde, gleich.“ Ohne die Augen zu öffnen, setzte er sich in den Sessel am Tisch. Jegor zerrte am Drahtverhau. Die Tischlampe brannte am hellichten Tag, und völlig entgeistert sah ich Romuald Pe- trowitsch mit ungelenken Fingern ein Röhrchen öffnen und eine Tablette herausnehmen. Er schluckte sie und keuchte schwer. Schließlich machte er die Augen auf und sagte an- gestrengt: „Das verflixte Herz. Interessiert Sie das Messer? Meine Trophäe. Von dort. Vor drei Tagen war ich fünf Minuten in der Vergangenheit.“, „Romuald Petrowitsch!“ lamentierte ich verzagt, so daß der verfluchte Kater losfauchte und sich in eine Ecke verkroch. „Verkohlen Sie mich nicht! Geben Sie zu, daß Sie Witze ma- chen!“ Er schüttelte sacht den Kopf. „Ach, Dima … Sie halten mich für einen armen Irren. Das ist unlogisch …“ Nie werde ich vergessen, wie er dasaß, die Boxerarme neben dem Messer auf dem Tisch, und das kleine Bild anstarrte, das an der Wand hing. Julihimmel mit einsamer Wolke, darunter ein flammendrotes Kleefeld und ein Mädchen in weißem Kleid. Ich fühlte mich einfach außerstande, jetzt auszusteigen, und setzte mich still in einen freien Sessel an der Wand, um Kater und Messer aus der Vergangenheit nicht vor der Nase zu ha- ben. Grischin drehte sich um und zwinkerte mir plötzlich zu. „Sie erwarten immer noch eine Erklärung, nicht wahr?“ „Ehrlich gesagt, ja.“ „Also gut. Man sagt häufig: Kinder sind die Zukunft, Hoff- nung auf Unsterblichkeit. Kinder und Kindeskinder … Stellen Sie sich nun einmal vor, wir existierten auch in der Vergangen- heit, als unsere Vorfahren … Im Prinzip dasselbe, die Vorfahren in der Vergangenheit, die Nachfahren in der Zukunft. Ein na- türlicher Prozeß. Regeneration und Tod. Nicht umkehrbar. Für den Rücklauf der genetischen Information bedarf es spezieller Vorrichtungen, und dieser Prozeß ist umkehrbar.“ Er lachte auf. „Ehrenwort, ich glaube es selbst kaum. Eine riskante Ent- deckung. Übrigens .das wichtigste ist der Rücklauf der In- formation: Leben – Tod – Leben. Verstehen Sie?“ Ich war jetzt auf der Hut und schwieg. „Sagen wir es so, das, Steinmesser durchläuft unsere Zeit ohne Leben und Tod, es ist Vorfahre und Nachfahre in eins. Etwas komplizierter gestaltet es sich bei den Lebewesen, aber auch diesen Prozeß haben wir in den Griff bekommen. Um den Preis eines Existenzverlustes …“ „Sie meinen Jegor?“ „Eben, eben!“ Er war hocherfreut. „Endlich kommen wir vom toten Punkt weg! Vor zwanzigtausend Jahren waren die Vorfahren unserer Hauskatzen noch wild. Vielleicht halbwild, auf keinen Fall aber Haustiere. Gestreift, raubtierhaft und so weiter. Die erste Erfahrung. Ich kannte sie noch nicht … Wissen Sie, immerhin ist es Neuland. Ich habe ihn mit Supergeschwin- digkeit zurückgeholt und dabei nicht bedacht, daß die Informa- tion aus der Vergangenheit ja barrierelos kommt. Wissen Sie, was interessant ist? Er erinnert sich dunkel an mich, an Waska sogar gut. Ihretwegen ist er aufgebracht. Jegoruschka, armes Kätzchen! Bist gestreift zurückgekehrt, armes Tier.“ Der Kater miaute und schrie, als begriffe er, worum es ging: „Uuuh!“ „Merken Sie? Persönlichkeitsspaltung. Inzwischen weiß ich aber, wie man zurückkehrt.“ Ich erwartete, er würde noch sagen: Wie Sie sehen. Doch ich hatte mich geirrt. Wahrscheinlich wollte er, solange ich zweifel- te, nicht auf seine eigene Erfahrung verweisen. Ich betrachtete seinen stoppeligen Nacken, die riesigen Pranken, die Gorilla- brust … In meinem Kopf schien sich ein Mühlrad zu drehen. „Romuald Petrowitsch, ich möchte Sie etwas fragen. Vor zwanzigtausend Jahren war der Mensch auch anders. Wie kommt es dann, falls Sie dort gewesen sind …“ „Warum ich kein Sinanthropus bin?“ Er lachte, ohne sich, umzudrehen. Sein Lachen klang alles andere als fröhlich. „Der Homo sapiens existiert siebzigtausend Jahre. Die Gattung Sapi- ens bleibt eben die Gattung Sapiens, Dima. Das Gehirn hat sich nicht sonderlich verändert. Vierhundert, fünfhundert Genera- tionen. In dieser Zeit ist der Mensch gar nicht dazu gekommen, sich im Sinne der Evolution zu verändern.“ „Verzeihung“, sagte ich, „und die individuellen Eigenschaf- ten, das Äußere, Gewohnheiten, Bildung? Eben laut Deter- mination der Zukunft durch die Vergangenheit?“ Aus heiterem Himmel fing er leise an zu singen: „Weck nicht die Erinnerung an vergangene Tage, an vergangene Tage“ und kramte im Tischkasten. „Pfundskerl!“ Er nickte befriedigt und wühlte in der Schub- lade. „Also muß man es beweisen … Ah, da ist sie ja!“ Ich hielt eine Fotografie in der Hand. Ein biederer Gefreiter mit Kokardenmütze. Die mächtige, mit Ruhmesorden ge- schmückte Brust vorgewölbt, die gebrochene Nase siegessicher über dem dicken Schnurrbart. „Sehr interessant.“ Ich legte die Fotografie auf den Tisch. „Haben Sie den Großen Vaterländischen mitgemacht?“ Der Ge- sang brach ab. „Du lieber Himmel, Sie Schlafmütze!“ Jetzt sprach er mit mir wie mit seinesgleichen. „Das hier?“ Er tippte mit dem Finger auf das Foto. „Das ist der Georgsorden. Mein Großvater war Ritter des Georgkreuzes.“ „Ihr Großvater? Das sind Sie doch!“ „Natürlich.“ Er schniefte spöttisch. „Schauen Sie mal her, genauer!“ Ich nahm das Foto aus seiner Hand, Pappe natürlich! Warum, habe ich das nicht gleich bemerkt? Feste Pappe, kakaobraun, eine Vignette und die Unterschrift des Fotografen: „N. L. Soko- low, Smolensk.“ „Drehen Sie um …“ Ich las: „Rekrut Nikifor Grischin, 1922/III o 6.“ Eine um- werfende Ähnlichkeit. Er schniefte wieder und brummte etwas in seinen Bart, holte aus der Tasche ein bordeauxrotes Büchlein hervor. Ein Paß. „Schlagen Sie auf!“ „Grischin, Romuald Petrowitsch.“ Ein Stempel. Alles echt. Doch die Fotografie sah anders aus. Ein ziemlich schmächtiger, intelligent aussehender Mann mit Brille, jung, meinem neuen Bekannten nicht unähnlich, doch offensichtlich nicht er, nur Stirn und Augenpartie waren die gleichen. Ein anderes Kinn, andere Wangenknochen, Segelfliegerohren, die Nase nicht ge- brochen. „Ich verstehe überhaupt nichts mehr“, sagte ich so entschie- den wie möglich. „Wozu verladen Sie mich? Wer sind Sie nun eigentlich? Der Grischin aus dem Ausweis jedenfalls nicht. Wer sind Sie?“ „Grischin, Romuald Petrowitsch. Psychiater, wenn Sie ge- statten.“ „Das glaube ich nie und nimmer.“ „Wie Sie wollen. Wer bin ich dann?“ „Das möchte ich auch gern wissen. Warum geben Sie sich für jemand anderen aus?“ „Ach Dima, Dima! Die Fotografie meines Großvaters ist doch durch einen amtlichen Stempel beglaubigt. Irgendein Kosaken- regiment. Er ist ein Grischin. Die Ähnlichkeit geben Sie doch zu?“, Meine Ohren hatten auf Durchzug geschaltet, ich stellte die wichtigste Frage: „Wozu haben Sie das alles ausgebrütet? Hö- ren Sie auf, den Spinner zu markieren!“ Ich hatte mich darauf eingestellt, ihn k. o. zu schlagen, falls er aufspringen sollte, um sich auf mich zu stürzen. Er war schwerer als ich. Ich dafür aber zwanzig Jahre jünger und in ausgezeichneter Form. Und wieder vertrieb er meine Gedanken wie ein Torwart den Ball noch aus dem Strafraum. Er sagte: „Dima, ich habe nicht die Absicht, über Sie herzufallen.“ „Wieso lesen Sie Gedanken?“ „Gerechter Gott, Sie denken so stereotyp, und Ihnen steht al- les auf dem Gesicht geschrieben. Von einem Physiker habe ich eigentlich mehr erwartet, mehr Phantasie. Nach der Logik eines Krimis müßte ich jetzt versuchen, Sie umzulegen, nicht wahr?“ „Genau.“ „Logik wird Ihnen am Institut wohl nicht beigebracht?“ sag- te er verächtlich. „So wie auf dem Paß sah ich vor dem Versuch aus.“ Er stellte den Paß hochkant. „So, verstehen Sie?“ Ich bebte. Der Paß fiel auf den Tisch zurück und klappte zu. Resigniert brummte Romuald Petrowitsch etwas, was ich nicht verstand. Seine Augen schauten wie aus einer Maske. Da über- fiel mich echte Panik. Ich schrie auf: „Nein!“ Er betrachtete wieder das Bild. Das Mädchen im Klee unter dem weiten Himmel. Er antwortete: „Sie brauchen keine Angst zu haben. Mein Experiment, mein Risiko. Wie Sie sehen, ver- heimliche ich nichts, wenn ich Ihnen das Experiment vorschla- ge.“ „Nein, ich gehe nicht drauf ein.“ „Angst?“, Ich schwieg. „Ich verstehe Sie. Natürlich hat man Angst. Doch jetzt ist die Sicherheit garantiert. Ich habe die Methode der Rückkehr ge- funden. Nach der Sache mit Jegor. Waska ist bereits unbescha- det aus der Zeit zurückgekehrt. Schrittweise, verstehen Sie? Über die ganze Stufenleiter seiner Vorfahren. Er ist eine Katze wie jede andere auch. Sie haben es doch gesehen. Dann habe ich einen großen Armband-Induktor angefertigt und mich selbst auf die Reise begeben. Doch das ist nicht gut ausgegan- gen. Unter meinen Vorfahren gibt es erbliche Herzkrankhei- ten.“ Er betrachtete immer noch das Bild. Vielleicht hatte sein Großvater einst dieses Mädchen geliebt oder sein Vater. Viel- leicht war es auch ein ganz fremdes Mädchen. Ich weiß es nicht. „Sehen Sie, Dima, in der Bewegung verschwimmt die Zeit, so wie die Eisenbahnschwellen, wenn man aus dem fahrenden Zug sieht. Für Mikrosekunden war ich gleichzeitig in der zwei- ten und ersten Generation und in meiner nullten. Ausgerechnet in den Mikrosekunden mußte mich ein heftiger Anfall heimsu- chen, mit Krämpfen. Ich fiel vom Sessel und zerbrach den Arm- reifen. Der Prozeß wurde aufgehalten und zum Glück nur das Äußere betroffen.“ Er berührte mit der Hand sein verunstaltetes Ohr. „Ich habe nie geboxt. Nie. Mein Großvater Nikifor war Rin- ger im Zirkus und Boxer.“ Ich stellte die idiotische Frage: „Wie ist es Ihnen auf der Ar- beit ergangen? Hat man Sie wiedererkannt?“ Er legte seine Hand ans Herz. „Was für Arbeit noch? Dafür habe ich keine Zeit mehr. Diese Sache muß noch beendet wer- den. Dann ist Schluß.“ Er stand auf, massig wie ein Flußpferd., „Mein Herz hält den Versuch nicht aus. Die Belastung ist un- wahrscheinlich groß. Sie sind ein gesunder Mensch, Dima.“ Ich konnte nicht länger glauben, daß er log, daß er nicht Ro- muald Grischin sei. Auch sein schwerer Atem war echt. Das läßt sich nicht vortäuschen. Als er sich auf seinen Platz setzte, empfand ich wieder das beklemmende Bedauern. Warum hatte ich mich mit Natascha nicht im Cafe, sondern auf dem Boule- vard verabredet, warum hatte ich mich überhaupt mit ihm ein- gelassen … Ich schämte mich, mein Mißgeschick nahm sich neben dem seinen lächerlich aus. Ich konnte mich immerhin auf der Stelle umdrehen und gehen. Und dennoch schob mich die Feigheit auf den vorherigen Gedankengang, und ich brachte mit letzter Hoffnung hervor: „Sie sind tot. Sie sind alle tot. Und begraben“, fügte ich aus un- erfindlichem Grunde hinzu. So war es sicherer. „Tot und be- graben.“ „Und die Sterne?“ fragte der Mann am Tisch. „Sind die auch tot und begraben? Ist Lenin tot? Einstein begraben? Tolstoi? Wer lebt dann? General Franco?“ Er schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch und fragte, wo- bei er mit seinem tiefen Baß das Maunzen im Käfig übertönte. „Woran glauben Sie, Sie Physiker? An welche Zeit? Ein kol- laptierender Stern existiert fünfzehn Minuten und wird noch leuchten, wenn die Sonne schon nicht mehr über der irdischen Wüste aufgeht! Nach Millionen Jahren! Woran glauben Sie?“ „Ich weiß es nicht!“ schrie ich. „Ich bin kein Wissenschaftler. Was wollen Sie von mir?“ „Daß Sie glauben.“ „Woran?“, „Die Vergangenheit ist der Nachbar der Gegenwart. In allen Zeiten.“ „Doch sie ist nicht zurückzuholen.“ „Ruhe, Jegor!“ rief Grischin. Der Kater verstummte. Grischin stand schwerfällig vom Tisch auf und postierte sich wie ein Monument mitten im Zimmer. „Die Vergangenheit zurückzuholen ist unmöglich. Die Vergangenheit zu ergründen, das ist es, was ich vorschlage. Das ist völlig risikolos. Ihnen geschieht nichts. Sie sind gesund. Ent- schließen Sie sich endlich, oder gehen Sie.“ „Ah, ah …“ Ein wilder Laut entrang sich meiner Kehle. Wenn man auf Skiern ins Tal hinabsaust, geschieht einem so etwas. „Aah! Machen wir also einen Slalom durch die Zeit! In Got- tes Namen, Romuald Petrowitsch!“ „Also ran!“ Grischin klopfte mir auf die Schulter. Ein toller Schlag. Ich plumpste in den Sessel, er stand über mich gebeugt und lächel- te über das ganze Gesicht. Vor meinem Start durch die Zeit trank ich einen Kaffee. Ro- muald Petrowitsch brachte Mokkatassen, doch ich bat um ein Glas. Ich tat Zucker hinein und trank. Grischin erklärte mir währenddessen, welche Blockierungen mich absichern würden. „Zwei Induktor-Armreifen, Dima, ein Hauptinduktor, ein Doubler. Das Signal zur Rückkehr geht von zwei Uhren aus. Dort stehen sie und ticken. Ich ziehe sie auf und stelle sie auf eine halbe Stunde ein. Reicht das?“ „Wennschon, dennschon; dann aber ein bißchen mehr!“ sag- te ich. Wie gut es mir mit einem Male erging. Ich hatte die Furcht, überwunden, fühlte mich bedeutend, mutig. Was ist schon da- bei, Halbstarken die Fresse zu polieren oder von einem Steil- hang runterzupurzeln – Kleinigkeit, Kinderspiel. Ich saß da wie ein Kosmonaut vor dem Start, trank einen starken Kaffee und überlegte, wie es werden würde und daß es schließlich doch eine tolle Sache sei und ich mich ernsthaft bewähren könne. Grischin war echt aufgeregt, obwohl er sich ebenfalls Mühe gab, es zu verbergen. Als ich im Sessel saß, die Induktorreifen an den Armen, brachte er den Kater Waska. Er preßte ihn mit seinen Pranken und erzählte mir, der Kater wäre erst gestern in der Vergan- genheit gewesen. „Wie Sie sehen, ist alles glatt gegangen … Nun, glückliche Reise, Dima, Sie sind ein kühner Mensch.“ Ich war aus Feigheit außerstande, ihm zuzulächeln. An den Handgelenken spürte ich die warmen Induktorreifen. Das Ge- fühl des Lebens schwand. Ich seufzte tief, als hätte ich einen Schlag ins Sonnengeflecht bekommen. Der Hammer der Zeit bearbeitete mich. Wie sieht der aus, der durch die Zeit wan- dert? dachte ich. Ich liege. Ganz nahe wimmert ein Vogel. Er ist aus dem Nest gefallen. Fremder Geruch, schrecklicher Geruch. Ich liege auf großen Blättern, allein. Von der Stirn tropft es. Schrecklich. Der Wind weht von ihnen her. Sie kommen näher. Fremd- linge. Sie schleichen wie ein Großzahn, treten hervor und dre- hen sich um. Sie gehen, verstecken sich vor dem Großen Feuer. Sie gehen. Am Moor entlang. Der Gestank krampft meinen Leib zusammen. Ein Jäger kommt. Und noch einer. Viele. Sie tragen Streitäxte. Wie wir. Doch der Geruch ist fremd., Der Anführer springt vor, schlägt mit der Streitaxt zu. Er hat eine Schlange getroffen. Der Geruch ist sehr stark. Sie haben Angst. Angst vor der Schlange, genau wie wir. Sie gehen vorüber. Der Geruch verfliegt. Ich krieche hinter ihnen her, schleife den Bogen über das Laub. Der Fremdling muß getötet werden. Die Fremdlinge müssen getötet werden. Sie sind schlimmer als Schlangen. Schlimmer als Großzähne. Sie riechen nicht wie wir. Man muß sie töten. Die Meinen hören mich nicht. Sie sind fern. Ich habe sie eingeholt. Die Fremden sitzen versteckt. Sehen sich um. Das Große Feuer hat sie mit Flecken zugedeckt. Sie legen sich nieder. Der Anführer sitzt, dreht sich um und wittert. Ein Fremder. Wir wittern anders. Wir heben den Kopf. Ich liege im Sumpf. Ich löse einen Egel ab, mein Bogen liegt auf trockenem Laub. Der Fremdling schnuppert den Wind, im Bart stecken Fischgräten. Ein Bart wie der Nachtwind. Paa hatte einen schwarzen Bart. Die Väter haben Paa getötet, er hat ge- macht, daß die Waldgeister an der Wand entlanglaufen. Kleine Waldgeister: Bruder Großhorn, nur kleiner. Er rannte und rann- te wieder nicht. An der Wand. Brüder Langnasen an der Wand. Die Väter haben Paa erschlagen. Wir sind aus der Höhle fortge- zogen, haben sie den Waldgeistern überlassen. Es knackt. Der schwanzbärtige Fremdling legt sich nieder. Brüder Langnasen gehen durch den Wald. Sie gehen zum Fluß, um Wasser zu trinken. Sie gehen so, wie Paa es an der Wand gezeigt hat. Vorn ein ganz großer. Der Wald knackt. Ich krieche zurück in den kleinen Fluß. Ich laufe durch das Wasser. Der Geruch der Fremden verfolgt mich. Die Fremden müssen getötet werden. Weil sie fremd sind. Da ist die Höhle. Die Väter sitzen hinter den Steinen. Sie halten die Bogen, blik-, ken sich um. Ich laufe über die Steine. Ich sehe, daß die Mütter und Schwestern sich in der Höhle verkriechen. Ich fühle mich wohl. Der alte Kicha und die Mütter treiben die Kleinen in die Höhle. Ich nehme die Pfeile. Die Frauen verschließen den Eingang mit Steinen. Es wird dunkel wie vor dem Tod des Großen Feu- ers. Schwester Tim faßt mich an. Die Furcht vergeht. Ich sage: „Jetzt nicht, wir müssen los, um zu töten!“ Doch sie beugt sich nieder, ich ergreife sie heftig. Mutter Kii stößt mich mit dem Fuß. Sie schlägt Tim. Einen Mann hätte ich mit der Axt erschla- gen, doch Kii kann ich nicht anrühren. Tim heult in der Ecke, wie das Muttertier vom Großzahn. Die Kinder kreischen. Der Greis Kicha zischt wie eine Schlange: „Schweigt, Fremde!“ Wir laufen durch das Wasser. Dort, wo es flach wird, laufen wir in den Wald. Pkaap-kap läuft mit den Brüdern weiter zum Sumpf. Pkaap-kap ist ein Sechsfingriger. Er ist sehr kräftig. Mutter Kii hat den Männern nicht erlaubt, ihn zu töten. Der Wind trägt den Geruch der Fremden herüber. Wir ver- lassen den großen Laubwald, wir sind sehr viele. Die Fremden springen auf, kreischen wie Vögel, sie laufen schnell, die Streit- äxte geschultert. Sie haben schnelle Füße, die Fremden. Juti schreit: „Ichaa.“ Viele Pfeile. Die Pfeile treffen den Anführer. Er zuckt, löst einen Pfeil aus seinem Körper, schaut, fällt nieder. Der Bart streckt sich zum Großen Feuer. „Ichaa“, schreit Juti. Wir kämpfen. Irgend etwas preßt meine Brust zusammen. Durch einen Nebelschleier sehe ich die graue Axt niederfallen und über dem Schwarzbärtigen hängen. Er krächzt wie eine Krähe. Das ist das Ende. Ich zitterte und keuchte, spürte heftigen Schmerz in Brust, und Becken. Ich war wieder in der Gegenwart. An den Händen die Reifen, die Krawatte drückte am Hals. In meiner Brust sprang ein Stein. Eine bekannte Stimme, ein bekannter Geruch. Ich begriff nichts. Ich erhob mich. Der Schmerz ließ nach, so daß ich atmen und die Augen öffnen konnte. Ich atmete den Geruch der Gegen- wart ein – Staub, Benzin, Katzenfell, und ich sah das glitzernde Netz des Mikrofons und ein wachsbleiches, bartloses Gesicht. Der Fremde stand vor mir, die bebenden Lippen aufeinan- dergepreßt. Er hielt mir einen glänzenden Gegenstand ent- gegen, ein Mikrofon, das kannte ich. Der Blick des Fremden ruhte auf mir, er brummte etwas Beschwichtigendes, Un- verständliches, Fremdes. Ich stand da, lauschte dem Schmerz. Als wäre ich zweige- teilt. Ich, der das Wort „Mikrofon“ kennt und viele andere, jetzt unnütze Wörter und der sein zweites „Ich“ beobachtet, das au- ßer Schmerz und Schrecken nichts kennt, bereit, zu töten, um Schmerz und Schrecken zu verteidigen. „Dima, was haben Sie?“ Ich wollte antworten. Mein zweites Ich schrie aber wild: „Ki cha!“ Ein unartikulierter Laut der Angst. Das bartlose Gesicht zuckte zurück. Meine Hand erhob sich und schlug zu. Das Ge- sicht verschwand. Grauenhaft. Mein zweites Ich, Inkarnation des Schmerzes, hatte zugeschlagen. Meine Hand aber hatte den Schlag geführt, einen schweren rechten Aufwärtshaken gegen den Kiefer. Zum Glück, das empfand ich, konnte ich den schmerzenden Ellen- bogen noch nicht richtig handhaben, so daß der Schlag nicht die volle Kraft besaß. Der Mann am Boden röchelte zu meinen Füßen. Mein, Schmerz ließ nach. Er heißt Romuald, entsann sich eines der beiden Ich, das zweite schrie wieder: Ki cha! Ich verstand: Ein Fremder. Der Fremdling lag am Boden und röchelte. Ich beugte mich nieder. Schmerz flammte auf wie ein nicht- erloschenes Lagerfeuer. Ich kämpfte bereits, jener andere in mir wollte den am Boden Liegenden mit dem Fuß gegen die Schläfe treten. Ich wendete den Schlag ab, der Fuß traf den Käfig. Der gestreifte Kater jaulte. Ich rief ihn mit Namen: „Tstscha-as.“ Ich richtete mich auf. Der Schmerz hatte nachgelassen. Um Romuald zu helfen, muß- te ich mich noch einmal bücken. Ich wußte aber schon, daß der Schmerz nur darauf wartete, der Schmerz und mit ihm mein zweites Ich. Um keinen Preis der Welt. Ich durfte mich nicht bücken. Romuald lag auf dem Boden, in der einen Hand das Mikrofon, in der anderen die Armreifen. Er röchelte nicht mehr, ich freute mich und vergaß ihn. Von hinten, aus der Diele, drang ein neuer Geruch zu mir herüber. Ich erstarrte. In der Diele läutete es, kurz und eindringlich. Der Geruch wurde stärker und nachhaltiger. Ich stieß den Sessel beiseite und stürzte zur Tür. Der schwarze Kater flitzte in den dunklen Schlauch des Korridors. Ich, der Jetzige, streckte die Hand in der Nylonmanschette aus und schob den Riegel nach rechts, doch nur der lang- armige Mörder aus der Vergangenheit wußte, warum. Durch die Tür trat ein Mädchen. Ein lockiges, feingliedriges, stolzes Mädchen. Sie blickte mich an. Mit rätselhaften Augen. Ich rich- tete mich zu voller Größe auf, seufzte und dachte verwundert – wie konnte ER den Geruch der Frau erkennen, aus dem Ge-, misch von Puder, Seife und synthetischer Kleidung heraus? Durch die dicke Tür, durch den Benzingestank in der Stadt … „Guten Tag“, sagte das Mädchen hochmütig und verschüch- tert. „Ich möchte zum Genossen Grischin.“ Unter meinen Händen krachte der Türpfosten – der Lang- armige erblickte ihren Hals und erriet unter der Bluse ihre spit- zen Brüste. Sie sah mich erwartungsvoll an. Plötzlich irrten ihre Augen ab, sie trat einen Schritt zurück und schlug den Mantel zu. Ihr Täschchen baumelte in der Hand. Der Pfosten gab nach und löste sich aus dem Türrahmen. Ich stand trotzig, über und über mit Blut besudelt, und vernahm die Gedanken des Mädchens. „Ich habe keine Angst vor dir, nein, wirklich nicht!“ schrie sie stumm. Und gleich danach: „Du lieber Himmel! Was hat er mit Roma gemacht?“ Tausend Teufel tobten. ER stürzte vor, um sie zu packen. Doch ICH stand da mit geballten Fäusten. Das Mädchen brach- te ihr Täschchen in Ordnung und fragte, nach jedem Wort eine Pause einlegend: „Wo ist Romuald Petrowitsch?“ Jetzt klang es aus dem Arbeitszimmer: „Er wohnt nicht mehr hier!“ Die Wangen des Mädchens flammten bronzerot. Sie drehte sich um und klapperte mit den Absätzen über die Treppe. Ich lehnte mich an das kühle Holz der Tür. Jackett und Hemd kleb- ten an meinem Körper. Mir war brennendheiß, doch ich emp- fand unsägliche Erleichterung. Aus. Ich habe IHN trotz allem bezwungen. Bei des Teufels Großmutter, ich habe IHN über- wunden. „Haben Sie die Tür fest zugemacht?“ fragte Grischin halb- laut. Ich nickte, ohne mich zu rühren. „Ist die Tür zu?“ fragte er wütend., „Ja.“ „Kommen Sie her, wir machen die Analysen.“ Er war hart im Nehmen. Mit geschwollener Backe machte er sich am Tisch zu schaffen, zückte das Mikroskop zurecht, legte Röhrchen hin und Gläschen, als wäre nichts geschehen. Ich setzte mich in den Sessel und streckte die Beine von mir. Mein Kopf dröhnte wie nach einem echten K. o. Ein dünner Schmerz zog durch meine Glieder. Verflucht noch mal! Ich gestattete mir nicht, auf Gri- schin und die ganze Geschichte sauer zu sein. Ich sagte ver- söhnlich: „Entschuldigen Sie, Romuald Petrowitsch.“ „Lächerlich. Wir sind quitt.“ Er rieb sich die Backe, bewegte den Kiefer und schielte mich an. Ich schloß die Augen und faßte mir ein Herz. „Haben Sie einen Spiegel?“ Er war nicht im geringsten verwundert. Ich hörte, wie er die Schublade herauszog. Es fiel mir schwer, die Augen zu öffnen, den runden Spiegel umzudrehen und mein Gesicht in den Rahmen zu schieben. Es war mein Gesicht, mein breites Mondgesicht, jetzt nur ein we- nig grünlich. Ohne mit der Wimper zu zucken, legte Grischin den Spiegel wieder in die Schublade und stieß den Tischkasten heftig zu. „Ihre Hand. Die Linke. Weggucken!“ Ich wandte mich ab. Grischin massierte meinen Mittelfinger und entnahm ihm Blut. Ich guckte nicht zu. Mir schien, der ekelerregende Blutgeruch erfüllte den ganzen Raum. „Sie fragen überhaupt nichts, Romuald Petrowitsch?“ „Ich bin Arzt. Die Vergangenheit interessiert mich nicht.“ Er ließ meine Hand los und drehte sich zum Mikroskop um. Nur mühsam beherrschte ich mich. Der Schmerz hatte wieder, zugenommen. Durch den Blutgeruch. Analysen, Büretten, dreimal verfluchte Hirngespinste … „Und was interessiert Sie?“ „Die psychische Reaktion“, erwiderte Grischin vage. „Das Zusammenspiel der Reaktionen.“ Ich krallte mich wieder mit den Händen fest, diesmal in die Sessellehne. „Machen Sie das Fenster auf, schnell.“ Er brummte: „Ja, ja …“ Die Rahmen klappten. Ich atmete gierig, pustete den Schmerz weg. Ich atmete, daß meine Rippen knarrten. „Beruhigen Sie sich“, sagte Grischin, „bald sind Sie wieder in Ordnung.“ Es flimmerte mir vor den Augen. Ein dickes Gebräu von Tö- nen und Gerüchen kroch zum Fenster herein. Der Geruch von Seife und Mädchenschweiß war noch nicht aus der Diele ver- schwunden. Etwas Unheimliches ging von dem Obsidianmes- ser aus, das aus unerfindlichem Grunde neben dem Mikrofon lag. „Beruhigen Sie sich, es geht alles vorüber. Das Blut ist in Ordnung. Schlafen Sie ein Stündchen.“ „Ich habe keine Lust.“ „Doch, Sie wollen schlafen, Sie schlafen ein, Sie schlafen. Die Augen schließen sich. Sie mochten sehr gern schlafen.“ „Wir müssen reden.“ Ich gab nicht auf. „Ich möchte wirklich schlafen, doch zuerst reden.“ Ich saß mit geschlossenen Augen, der Schmerz war abge- klungen, doch ich fürchtete, er könnte wiederkommen. Wir fin- gen an, miteinander zu reden, ganz offen, wie im Traum. „Ha- ben Sie das auch erlebt?“, „Ja …“ „Was nun?“ „Jetzt werden Sie mich vergessen, Dima.“ „Ich fürchte, ich kann es nicht.“ „Sie müssen es. Ich bitte Sie, kategorisch.“ „Kategorische Bitten gibt es nicht.“ „Doch, weil Sie ein guter Junge sind.“ „Eine seltsame Schlußfolgerung.“ „Kein bißchen. Ich decke die Karten auf. Einziges Ziel mei- nes Experiments war die Überprüfung der psychischen Reakti- on. Sie haben meine Befürchtungen nachhaltig bestätigt. Erin- nerungen kommen, schlimmste Erinnerungen, atavistische Grausamkeit. Mitunter glaube ich, Henker und Mörder kennen mein Geheimnis. Eine sinnlose, ein gefährliche Entdeckung. Die Menschheit soll davon nichts erfahren, und auch Sie werden sie vergessen.“ „Nein“, widersprach ich. „Sie haben Lenin und Einstein er- wähnt. Die gehören schließlich auch zur Vergangenheit. Sie widersprechen sich selbst.“ „Keineswegs“, sagte er. „Diese Menschen waren ihrer Zeit voraus. Sie sind gegenwärtig und werden es noch lange blei- ben. Und noch eines. Sie haben gerade erst gelebt. Gestern. Vor einer Stunde. In dieser Minute. Mein Apparat funktioniert in der gegenwärtigen Vergangenheit. Vielleicht kann jemand in ei- nem Jahrtausend zu Einstein zurückkehren und sich mit ihm unterhalten. Wer weiß! Unser glücklicher Nachfahre wird dem großen Albert Ein- stein für einen unkultivierten Greis halten.“ „Blödsinn“, sagte ich verschlafen. „Welch ein Blödsinn!“ „Alles wandelt sich“, sagte Grischin. „Versprechen Sie mir, zu schweigen?“ „Wenn es sein muß.“ „Es muß sein. Gehen Sie jetzt schlafen. Kommen Sie mit.“ Ich erhob mich und schlug mühsam die Augen auf. Ich stieß eine Kaffeetasse vom Tisch. Schielte zum Kater Waska hinüber, der gehorsam an der Tür saß. Der Kater putzte sich sein Schnäuzchen. Unten heulte ein Autobus, als er die Haltestelle verließ, dann knirschte die Schaltung, und der grelle Heulton des Motors verlor sich schnell in der dämmrigen Straße. Grischin führte mich durch den Korridor. Im kleinen, kühlen Schlafraum legte ich mich auf ein Sofa. Im Halbschlaf brummte ich noch: „Was war das für ein Mädchen?“ „Ich wecke Sie“, sagte Grischin und schloß die Tür. Ich schlief ein. Ich saß auf dem kleinen Sofa. Es war völlig dunkel und still. Durch das Oberfenster drang der Geruch von tauendem Schnee. Ich fror ein wenig. Mit der Dunkelheit war es wohl kalt geworden. Ich sah zur Uhr. Viertel neun. Fast eine Stunde ver- gangen. In Gedanken beschimpfte ich Romuald. Er hatte ver- sprochen, mich zu wecken. Ich hätte verschlafen können. Ich hatte zu Hause nicht Bescheid gesagt. Sicher sind sie dort schon in Sorge. Außerdem müßte ich Natascha anrufen. Mit diesem Gedanken öffnete ich die Tür zum Arbeitszimmer. Die Tischlampe brannte. Ich bemerkte sofort Grischins be- wegungslose, behaarte Pranke auf der Sessellehne und auf dem Fußboden die blinkenden Scherben der Tasse. Beim Näher- kommen sah ich, daß noch eine Tasse in Scherben gegangen und außerdem die Tabletten aus dem Röhrchen gefallen waren. Ich nahm das alles wie im Kino wahr. Die Hand, der angeschlossene Induktorreifen, dann die, Scherben, die Tabletten und das Röhrchen. Wahrscheinlich war ich noch nicht völlig wach, denn ich brachte nicht auf Anhieb alles miteinander in Verbindung. Als ich mich vorbeugte und sah, daß Jegor nicht unter dem Tisch hockte, das schöne Mikro- skop mit ausgeschraubter Linse auf dem Boden lag, traf mich fast der Schlag. Ich stürzte zu Grischin. Sein Gesicht wirkte im Schatten des grünen Lampenschirms totenbleich. Die rechte Hand mit dem angelegten Reifen lag auf der Lehne, die linke hielt den Griff des Obsidianmessers. Die Schneide, die den Doppeldraht des Armreifens durchschnitten hatte, war seitlich in den Bezugsstoff der Lehne eingedrungen, direkt über der Sitzfläche. Die Hand war noch warm. Das Mes- ser rutschte geräuschvoll hinunter, als ich versuchte, den Puls seiner rechten Hand zu fühlen. Kein Puls. Der zweite Armreifen hatte über der Rückenlehne des Ses- sels gehangen und war heruntergefallen, als ich versucht hatte, den Puls an der schweren Hand zu fühlen. Dann erblickte ich ein Zettelchen unter der Lampe. „Lieber Dima! Es hat mich er- wischt. Aus. Das Kabel trennt sich durch, wenn ich das Be- wußtsein verliere. Rufen Sie einen Krankenwagen. Sagen Sie, Sie hätten einen Unbekannten auf der Straße aufgelesen. Einen Kranken. Ich erinnere Sie an Ihr Versprechen. Nehmen Sie mir den Armreifen ab, und verstecken Sie das Messer. Ich bitte Sie sehr darum. Leben Sie wohl! Das Telefon steht im Neben- zimmer.“ Ich rief einen Krankenwagen und kehrte in das Arbeits- zimmer zurück, setzte mich völlig apathisch einige Minuten hin und erhob mich in dem Augenblick, als ich das Martinshorn vernahm. Mit zusammengekniffenen Augen brach ich den, Armreifen auseinander und bemerkte erleichtert, daß die ande- re Hand vom Messer glitt. Ich steckte das Messer in die Seiten- tasche, verstaute die Armreifen zwischen den Drähten. Sie hin- gen vom Fensterbrett hinter den Stores herunter. Dort stand eine kleine Schachtel, die aussah wie ein dickes Zigarettenetui. Das war alles. Ich hob die Schachtel auf und überzeugte mich davon, daß sie nicht mehr angeschlossen war, weder an eine Uhr noch an einen Akkumulator. Bloß eine leere weiße Schach- tel mit zwei Drähten und einem Armreifen. Die Sirene heulte wieder, schon ganz nahe. Ich beugte mich zum Fenster hinaus und sah, daß der Wagen langsam durch die dunkle Straße fuhr, das Baulicht aufflammte, der Autobus an der Haltestelle stand, der Scheinwerfer des Wagens über die Hauswände glitt und die Vorübergehenden stehenblieben. Die Sirene verklang. Ich hörte den Busfahrer ausrufen: „Nächste Station Maxim-Gorki-Straße.“ Der Scheinwerferstrahl traf die Wand unterhalb des Fensters und verlosch. Der Krankenwagen wendete jäh und hielt an der Bordschwelle. In dem Augenblick steckte ich die Schachtel in die Außentasche meines Jacketts und lief, ohne mich weiter umzusehen, hinaus in die Diele. „Herzschlag“, konstatierte die Ärztin. Sie war blutjung, kaum älter als ich. Zwei Burschen in der schwarzen Uniform des Rettungsamtes waren ihr gefolgt, ohne die Mützen abzunehmen. Der eine hielt ein Köfferchen, der andere half der Ärztin. Sie bemühten sich noch ein paar Minuten, blickten in das Gesicht des Patienten, horchten das Herz ab, dann sagte die Ärztin: „Sinnlos. Er wird schon kalt.“ Der Bursche mit dem Köfferchen fragte: „Sind Sie ein Ver- wandter?“, Ich antwortete: „Nein. Er … Ich habe ihn auf der Straße auf- gelesen.“ „Ihren Namen und Ihre Adresse.“ Ich nannte sie. „Sie müssen auf die Miliz warten.“ „Gut“, sagte ich. Die Ärztin sah mich an und befahl: „Ach, er kann gehen. Ge- hen Sie. Sie sind lange genug aufgehalten worden. Gleb Boris- sowitsch, rufen Sie die Miliz.“ Sie hielt immer noch Grischins Hand. „Danke“, sagte ich. „Das Telefon steht im Nebenzimmer.“ Aus der Diele hörte ich die Stimme des Burschen mit dem Köfferchen: „Sofort, Frau Doktor. Ich glaube, ich habe den To- ten schon einmal in der Ersten Nervenklinik gesehen.“ Ich nahm meinen Mantel vom Garderobenständer und stieg die Treppe hinab. Ohne mich umzusehen, ging ich an dem Krankenwagen vorüber. Mir schien, als stünde vor dem Haus gegenüber das Mädchen mit den Locken und neben ihr die Kleine mit dem Springseil. Ich ging meines Weges. Ich schlurfte nach Hause, bog automatisch ein, wo ich einbiegen mußte, überquerte Plätze und Straßen, und das Lied ging mir nicht aus dem Sinn: „Weckt nicht die Erinnerungen vergangener Tage, vergangener Tage,“ Wahrscheinlich hatte ich die Worte vor mich hin gesprochen. Denn am Filmtheater „Gigant“ nahmen zwei junge Mädchen in hellroten Mänteln vor mir Reißaus. Meine Mutter öffnete mir die Tür, erbleichte und fragte: „K. o.?“ Sie lebt in der ständigen Angst, ich könnte im Ring k. o. geschlagen werden. Ich antwortete: „Alles in Ordnung, ich bin ein bißchen müde,, weiter nichts.“ „Natascha hat zweimal angerufen“, sagte meine Mutter, strich über meinen Arm und ging in ihr Zimmer. Sie ließ mich im Korridor am Telefon zurück. Klar, wenn ich Natascha nicht stehenden Fußes anrufe, macht Mama sich ernsthaft Sorgen und fängt an, eine Menge Aussprachen herbeizuführen. Ich wählte Nataschas Nummer, obwohl ich spürte, daß es nicht nötig war. „Hallo“, sagte Natascha. „Hallo!“ „Ich bin es, Nataschenka!“ Sie schwieg. Ich hörte sie in den Hörer atmen, dann sagte sie: „Mach das bitte nie wieder, ich dachte, ich dachte …“ Sie fing an zu weinen. Ich stand da, den Hörer am Ohr, und wußte nicht, was ich sagen sollte. Ich fühlte mich aber wohl, weil sie weinte und ich wieder zu Hause war. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, ich hätte alles nur auf der Parkbank geträumt, alles wäre wie früher, das Tele- fon, Natascha und das gelbe Licht im Korridor. „Es ist alles wie früher“, sprach ich in den Hörer und ver- nahm einen leisen Aufschlag auf dem Fußboden, neben dem linken Fuß. Das Messer aus Obsidian hatte die Tasche durchschnitten, war hinuntergefallen und steckte im Fußboden. Ich sah den groben Knauf, und urplötzlich wurde mir klar: Falls der Vorfall keine Hypnose, nicht der Fieberwahn eines genialen Paranoi- kers war, dann hatte ich begriffen, warum er sich nicht über seine Vergangenheit ausgelassen, warum er nicht gesagt hatte, wie er zu dem Obsidianmesser gekommen war, warum ich nach der Rückkehr in seinem Arbeitszimmer den widerwärti- gen, verwirrenden Geruch des Messers verspürt hatte. Genau-, sogut hätte ich aus der Vergangenheit meine Streitaxt mitbrin- gen können. Wie war er zu dem Messer gekommen? Was hatte er mit dem Messer getan? Natascha sagte: „Ich bin eine Heulsuse!“ Und wie gewöhn- lich ging sie zu ihrem Institutstratsch über und zu ihrer Freun- din Warja. Sachte ließ ich die Hand hinuntergleiten und befühl- te in der ausgebeulten Tasche die Drähte und die Schachtel. Wenn es keine Hypnose ist, was dann? Eigentlich erstaunlich, warum die Schachtel nirgends anzuschließen ist? Das ist es eben – sie braucht nicht angeschlossen zu werden … Ich seufzte tief, eine leichte Gänsehaut auf Schultern und Rücken. So ist einem in der Garderobe vor Betreten des Ringes zumute. Ein leichtes Zittern in den Schultern und langsame, klare Gedanken. Natascha plapperte und lachte irgendwo am anderen Ende der Stadt. Ich legte den Hörer auf.,

Alexander Der Kolpakow unvergängliche Strahl

„Ja, das ist die Violettverschiebung …“, wiederholte Eomin und empfand erneut eine Art Verwirrung, ein Zustand, der ihm fremd und deshalb unverständlich war. Minuten verstrichen. Oder Stunden? Eomin schien vergessen zu haben, daß er der wichtigsten Person im Galaxisrat Bericht erstattete. „Ja und?“ mahnte Urm, der Vorsitzende. Auf der Videotafel wirkte sein Abbild, das im Telekanal einen ungeheuren Weg vom Galaxiszentrum zur Erde zurückgelegt hatte, derart leben- dig und real, daß es schien, als befinde er sich bei Eomin. Zögernd richtete Eomin den Blick auf Urms schmales Ge- sicht. Urm gehörte zur Rasse des Homo galactus, mit einem Erdbewohner hatte er nichts gemein. Nichts – außer der Stirn, die überwältigende Ausmaße hatte. Die Stirnkuppel hing über Eomin, als fordere sie Antwort. Und dann entwarf Eomin auf dem Bioschirm ein Bild seiner kürzlich beendeten Reise, einfach indem er sie sich ver- gegenwärtigte … Eine verschwommene Raumscheibe, von Ma- gnetschutzschichten umhüllt, eilte durch vierdimensionale, Raum-Zeit-Ebenen, wich Gravitationshügeln und -gipfeln aus. Dann trat sie in das Dirac-Meer ein, und nachdem sie es auf dem kürzesten Wege durchquert hatte, befand sie sich an den Grenzen der Metagalaxis. Hier war absolute Finsternis, Wüste, nahezu Vakuum. Ein Lichtstrahl, der vor Millionen Jahren das Gebiet der lichtträchtigen Sterne verlassen hatte, starb hier. Doch auch in dieser Ultrawüste glomm vernünftiges Leben. Bei näherem Hinsehen unterschied Urm einen sphärischen Körper, der immer größer wurde und langsam um seine Längsachse rotierte. Durch die mit Neutrino- und Gravitations- teleskopen bespickte Oberfläche drang die helle Innenbeleuch- tung des Sphäroids, in der sich Straßen, Parks, Vegetationsgür- tel und Städte abzeichneten. Ein Observatoriumsplanet der kosmischen Menschheit – einer von vielen. Er schleuderte die Tausendmeilenpfeile seiner Generatoren hinaus, saugte unauf- hörlich Raum auf, verdichtete die Energie darin und verwan- delte sie in sichtbare Wärme- und Lichtströme. Und das bedeu- tete – in Leben. „Bereits mehr als eine Million Jahre sind unsere Teleskope auf die geheimnisvollen Räume der Megawelt gerichtet“, er- zählte Eomin in Gedanken. „Sie beobachten, wie das größte Drama aller Zeiten heraufzieht: Aus dem Absoluten All rücken neue, unbekannte Materiestrukturen gegen die Metagalaxis vor. Innerhalb dieser Strukturen existieren Daseinsgesetze, an- ders als die Newtonsche Gravitation. Nein, nicht die Gravitati- on ist dort allmächtiger Schöpfer. Und das Fundament unserer dreidimensionalen, in sich geschlossenen Raum-Zeit gerät un- weigerlich ins Wanken. Die Gravitation hebt sich auf und macht neuen, unbekannten Kräften im Weltall Platz. Diese Kräfte also sind es, die alle Linien in den von der Erde aus zu, beobachtenden Spektren ferner Galaxien in den ultravioletten Bereich verschoben haben.“ „Ich habe verstanden.“ Urm neigte den Kopf. Sein Gesicht drückte nichts als konzentrierte Gedankenarbeit aus. „Das ist ganz gesetzmäßig. Unsere Metagalaxis nimmt die letzte Win- dung ihrer Milliarden Jahre zählenden Entwicklungsspirale. Ihre letzte Windung in der endlosen Spirale“, präzisierte Urm nach kurzem Überlegen. Was ging da vor sich? Was war das Wesentliche an dem Neuen, das aus der Megawelt der Raum-Zeit kam? Hatte es mit dem dreidimensionalen Kontinuum etwas gemein? Und was sollte die Menschheit tun? Fragen über Fragen stellten Urm und Eomin einander in Gedanken. Und fanden keine Antwort. We- der der eine noch der andere vermochte sich vorzustellen, was nie dagewesen war. Die Materie der Megawelt evolutionierte in ganz unbekannten Erscheinungsformen von Stoff und Feld, entwickelte sich in Widersprüchen, die sich menschlichem Be- griffsvermögen entzogen. Urm schaute nicht mehr auf die leuchtende Halbsphäre des Bioschirms, und dieser erlosch. Die schwankenden Mikro- zellen schienen noch die Konturen der drohenden Megawelt zu bewahren, Kräfte, hervorgerufen aus dem Nichts durch Eomins Gedanken. Unvermeidlich also, dachte Urm. Natürlicher Über- gang der Materie aus einer Daseinsform in die andere. Allmäh- lich verlaufen. Wir haben nur nicht daran gedacht. Aber wie lange hat dieser Übergang gedauert? „Zwölf Milliarden Jahre!“ Er setzte seine Überlegungen laut fort. „Ein gewaltiger Zeitabschnitt. Für das Absolute All den- noch ein kurzer Augenblick.“ „Zwölf Milliarden Jahre“, ließ sich Eomin wie ein Echo ver-, nehmen. „Quantität wird in Qualität transformiert. Ein neuer Zyklus der Entwicklung. Welcher Entwicklung? Das wissen wir nicht. Niemals werden wir's erfahren. – Eine einzige Windung der unendlichen Spirale!“ Sein Gesicht verdüsterte sich. „Ein neuer Spiralenzweig beginnt. Aber ohne uns. Ohne uns!“ Die Gestalt auf der Videotafel geriet in Bewegung. Der Blick des Vorsitzenden verlor den Ausdruck von Gelassenheit, der ihm sonst eigen war. „Gut. Ich berufe den Rat ein“, sagte Urm bedächtig. „Wir sind verpflichtet, einen Beschluß zu fassen.“ „Ja.“ Eomin nickte. Der Telestrahl erzitterte, Urms Bild verblaßte und ver- schwand. Eomin schlenderte zum Ausgang. In der Opera- tionszentrale verhielt er unwillkürlich. Er blickte durch die transparente Saalwandung und vermeinte über dem schei- benförmigen Körper des Orbitalsputniks zu schweben, der die Telestation beherbergte. Die Himmelskuppel brannte von Mil- lionen Sternen. Schneidend kalte, ruhig stehende Pupillen. Die erhabenen Gestirne ahnten nichts. Einen Augenblick lang hatte Eomin das Gefühl, als habe er etwas unermeßlich Kostbares verloren. Ja, das natürliche Ende dieser uralten Schönheit war nahe. Es ist besiegelt, dachte er und seufzte. Die ganze sichtbare Welt, die Milliarden Jahre schon von blendenden Lichtern fun- kelte, in unaufhörlicher Bewegung, würde verschwinden. Wie eine Eintagsfliege auf einer Frühlingswiese. Mühsam löste Eo- min den Blick von der Himmelssphäre und begab sich in die Pulsationssektion. Dort mußte er all seinen Willen aufbieten, um den Desintegrator einzuschalten. Rings um ihn begannen Nebelwirbel zu pulsieren. Nach und nach zerfielen die Bio- strukturen seines Körpers und kehrten in den Elektronen-, Protonen-Ausgangszustand zurück. In Form eines Lichtstrahls durchstach Eomin den erdnahen Raum. Wenige Minuten später trat er aus dem Integratorturm – einem von vielen, die auf der Oberfläche des Erdballs errichtet waren. Dieses Integratorgebäude stand an der fernöstlichen Küste, in einer Bucht des Ochotskischen Meeres. Der ewig blaue Himmel, der lasurene Wasserspiegel, die üppig blühende Natur stillten für einen Augenblick Eomins Kummer. In vollen Zügen atmete er die Luft der alten Menschheitswiege. Gleich einem grellbunten Vogel flatterte ein junges Mädchen im Orni- thoplan vorüber – wahrscheinlich eine Schülerin aus der Gar- tenstadt drüben, deren anmutige Gebäude wie Gischt die Hän- ge eines einstmals hohen Berggrats zum Meer hinunterliefen. Sie ahnte nichts, freute sich am Meer, an der Sonne, am Anblick des Himmels. Wie die unzähligen anderen. Sie dürfen auch nichts merken, dachte Eomin. Wozu ihnen die Freude trüben, wozu das Lebenswerk ihrer Vorfahren in Frage stellen. Eomin kehrte in das Turmgebäude zurück und rief die zen- trale Kontaktstation. „Wo ist Dinos?“ fragte er den Planeteninformator. „Sechster Jupitersputnik“, antwortete der Informator kurz darauf lako- nisch. „Er probiert ein neues Antiraketenmodell aus.“ „Er soll mal in den achten östlichen Integrator kommen …“ Eine Antirakete … Eomin schmunzelte. Das sah Dinos ähnlich. Der probierte immerfort etwas aus. Der mit seinem Drang in unerreichbare Fernen. Erst kürzlich hatte Dinos ihn zu einer tollkühnen Reise in die Megawelt zu überreden versucht. „Weshalb in die Megawelt?“ hatte Eomin gefragt. „Eine von den Welten ausfindig machen, von denen ich aus, alten Aufzeichnungen erfahren habe.“ „Erklär mir das mal genauer“, bat Eomin nachsichtig. Dinos barst schier vor Energie. Abrupt und ungestüm waren seine Bewegungen und feurig seine Blicke. Er gehörte zu einer Un- terart des Homo emotionis, die sich kaum erhalten hatte und selten anzutreffen war. „Ich bin da auf interessante Gedankengänge eines Natur- wissenschaftlers aus der Urgesellschaft gestoßen. Zufällig ist sein Name auf den spinnwebfeinen Tonbändern erhalten ge- blieben – Einstein hieß er. Hör dir das mal an: ,Es ist möglich, daß andere Welten existieren, ohne jegliche Verbindung zu unserer Welt, das heißt ohne jegliche für uns faßbare Verbindung. Es ist möglich, vielleicht sogar wahr- scheinlich, daß wir neue Sternenwelten entdecken, die weit über die Grenzen dessen hinausgehen, was bisher erforscht ist. Aber keinerlei Entdeckung wird uns jemals aus dem von uns konstatierten dreidimensionalen Kontinuum hinausführen, ebenso wie ein Forscher einer flachen, zweidimensionalen Welt niemals aus seiner Ebene herauskommt, was er auch entdecken mag. Deshalb muß man sich mit der Endlichkeit unseres Teils des Universums abfinden. Die Frage, was dahinter ist, unterliegt keiner weiteren Erörterung, weil sie nur zu rein logischer Mög- lichkeit führt, die sich wissenschaftlicher Nutzung entzieht …' Na, was sagst du dazu?“ Dinos lächelte siegesbewußt. Eomin zuckte die Schultern. „Der Denker der Urgesellschaft hat anscheinend eine objektive Wahrheit gefunden, denn es ist uns immer noch nicht gelungen, in diese Welten einzudringen. Und weiter?“ „Weiter? Ich werde mich niemals damit abfinden.“ Die, Stimme von Dinos klang herausfordernd schroff. Ganze Galaxi- en vermögen wir nach eigenem Gutdünken umzugestalten, warum sollen wir da nicht in die Megawelt vordringen kön- nen? Fehlt's an Kühnheit?“ „Oh, natürlich“, sagte Eomin, kaum merkbar ironisch. „Tap- ferkeit ist ausgestorben auf dem Planeten.“ „Ach was“, hatte Dinos ärgerlich entgegnet. „Wir denken zuviel. Betreiben Selbstanalyse. Theoretisieren. Aber was wir brauchen, sind Taten.“ Nun, da er Dinos entgegensah, erinnerte sich Eomin aller Einzelheiten dieses längst vergangenen Gesprächs. „Hallo“, sagte Dinos unwirsch. „Warum hast du mich ge- rufen? Ich habe keine Zeit, um …“ „Ich muß dir etwas Wichtiges mitteilen!“ Eomin unterbrach ihn. „Danach, fürchte ich, wirst du für Antiraketen nichts mehr übrig haben.“ Er berichtete, was sich an den Grenzen der Metagalaxis tat. „Na und?“ sagte Dinos ungeduldig. „Die Violettverschie- bung? Das war doch schon im Altertum bekannt. Da ver- wandeln wir sie eben in eine Rotverschiebung!“ „Wie immer überlagern Emotionen deinen Verstand“, be- merkte Eomin schulmeisterhaft und runzelte die Stirn. Er hatte ein Recht zu diesem Ton. Er war doppelt so alt wie Dinos, und er war Chefwahrer der Planetenkenntnisse. „Denk mal nach … Die Kompression unseres Kosmos ist nicht aufzuhalten. Ja, wir verstehen uns darauf, die Galaxis umzugestalten. Sterne auszu- löschen und zu entzünden. Neue Planeten zu bauen. Die Bio- struktur des Menschen zu verändern. Aber all unsere Macht kommt gegen die Violettverschiebung nicht an. Wir sind da wie ein Kind, das mit seinen Händchen einen Bergrutsch aufhalten, will. Schau dir die Berechnungen an!“ In Gedanken verlangte Eomin das allplanetare Rechenzen- trum. Hinter ihm, im Raum über seinem Kopf, flammten Mas- sive von Ziffern und Gleichungen auf. Die dünnen Lippen zu- sammengepreßt, beobachtete Dinos den Tanz, den Reigen der mathematischen Symbole. „Hoffentlich überzeugt dich das!“ Eomin lächelte traurig. „Eomin!“ schrie Dinos plötzlich so wütend, als wollte er zu- schlagen. „Warum bist du so empörend ruhig? Spielst du einen altindischen Gymnosophisten? Ich … ich kann das nicht hin- nehmen. Nie!“ – Eine Woge widersprüchlicher Empfindungen peitschte Dinos, er barg das Gesicht in den Händen, dann blick- te er reglos in den Raum und fügte tonlos hinzu: „Ich glaube es nicht. Ich muß mich selbst überzeugen …“ „Das ist an den Grenzen der Metagalaxis!“ „Wennschon. Ich muß hin.“ „Wie du meinst. Übrigens“, Eomin lächelte fein, „du kannst die Berechnungen noch einmal überprüfen. Auf dem Sphäroid dort hat der Chefastronom die besten Mathematiker des Kos- mos versammelt.“ Eomins bekümmertes Lächeln enthielt die abgrundtiefe Weisheit Tausender vorangegangener Generationen. Schwei- gend blickten sie sich an. Dinos seufzte und stemmte die Fäuste gegen die Brust. „Ach, wenn sich die Katastrophe doch vermeiden ließe! Wenn wir uns von dem abwärts führenden Zweig der jahr- milliardenalten Spirale aufschwingen konnten! Und von neuem beginnen in einer anderen …“ „Wozu?“ Eomin schüttelte den Kopf. „Man kann nicht ewig leben. Das ist wider die Gesetze der Natur. Wir und alles Le-, bendige ringsum müssen fort, zurück in den Schoß der ewigen Materie. Wie die Sterne und die Galaxien.“ Dinos schwieg. Er atmete stoßweise. Mutter Erde würde ver- schwinden. Und nicht nur sie … das Sonnensystem, die gesam- te sichtbare Welt! Er betrachtete den Horizont. Nichts hatte sich verändert. Die Sonne war noch dieselbe. Da, das Meer … Der blendendweiße Strand. Der Schatten der Klippen … Die Stim- men von Frauen – schönen, unbekümmerten, liebenswerten Frauen … Kinderlachen … Der Planet Erde schwebte rotierend im hellwachen Raum. Warum gerade du, Erde? Dinos warf sich in den Sand, grub die Hände hinein. Er keuchte. Nicht einmal weinen konnte er, so leer fühlte er sich. Dann stand er entschlossen auf, nickte Eomin zu und entfernte sich in Richtung des transgalaktischen Biosenders. Er führt etwas im Schilde, dachte Eomin. „Solange der Galaxisrat keine Entscheidung getroffen hat, darf niemand etwas wissen!“ rief er Dinos nach. „Hörst du, niemand!“ Dinos gab keine Antwort. Qualvoll lange wartete Eomin auf Nachricht aus dem Ga- laxiszentrum. Endlich flimmerte die Tele-Videotafel auf, und schon versank er im Strudel heftiger Diskussionen. Eben hatte Urm gesprochen; sein Bild verschwamm und trat in den Hintergrund. Die Arena und das unermeßliche Amphi- theater des Rates, die bis auf den letzten Platz besetzt waren, ließen sich durch die begrenzte Brennweite des Empfangsgerä- tes kaum ganz erfassen. Da war ein buntes Durcheinander sämtlicher Rassen, Titanen und Pygmäen, Artverwandte und solche, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit den Hominiden, hatten – Abgesandte fernster Sternenwelten. Sprößlinge eines großen Baums – des Baums des Lebens und der Vernunft. Hoch über den Reihen des Amphitheaters glitzerten die rie- sigen zentralgalaktischen Sterne. Auch Dinos war anwesend. Eomin entdeckte ihn sofort. In- mitten einer Woge erregten Disputs. Wie wurde da gestikuliert. Menschen der Tat, dachte Eomin ironisch. Als könnten Taten das Denken ersetzen. Dinos sprang auf und lief zur Tribüne in der Mitte der Are- na. Seine ungestüme Gestalt nahm den ganzen Bildschirm ein. Seine dunklen Augen flammten. „Hier triumphiert, wie ich sehe, der Geist der Demut und der Schicksalsergebenheit“, begann Dinos mit heller, schneidender Stimme. „Aber der Mensch darf nie und nimmer kapitulieren! Deshalb rufe ich euch zum Handeln auf …“ Lautes Stimmengewirr übertönte seine Worte, dann brach die Stimme von Dinos wieder durch den Lärm. „… aller Planeten und führen sie in die Megawelt. Bahnen wir uns einen Weg durch die Violettverschiebung!“ „Hast du ihre Stärke gemessen? In Megawatt oder D-Ener- gonen?“ „Utopie!“ „Emotionen vertragen sich nicht mit Mathematik …“ „Das läßt sich doch an fünf Fingern abzählen …“ Unruhe lief durch die Reihen. Es wurde still. Eomin straffte sich unwillkürlich. Was bedeutete das? Eine neue Überra- schung? Dinos trat zurück, seinen Platz nahm jemand ein, der Eomin bekannt vorkam. Er sah genauer hin. Ja, natürlich, der Chefastronom von der Grenze. Was will der? „Streiten hat keinen Sinn mehr“, begann der Astronom leise., Sein Kinn zitterte, er atmete schwer. Das war ungewöhnlich für einen Homo galactus. „Unser äußerster Observatoriumsplanet existiert nicht mehr!“ rief er nach einer Pause. „Existiert nicht mehr! Hat sich einfach aufgelöst. Wir paar Leute, die den Moment der Ver- schiebung des dreidimensionalen Kontinuums rechtzeitig ab- passen konnten, haben auch die Dematerialisierung geschafft. Mit Müh und Not. Und da bin ich nun. Die Riesenschlange Me- gawelt verschlingt ganze Galaxien auf einmal. Wir haben es mit einer neuen Daseinsform unzerstörbarer, unendlich wand- lungsfähiger Materie zu tun …“ Der Gelehrte verstummte, er rang nach Atem. Aus den Reihen der Ratsversammlung kamen gedämpfte Zwischenrufe. Und wieder trat Stille ein, die durch keinen Laut gestört wurde. „Drück dich klarer aus, Itul“, forderte Urm. „Nenne Ein- zelheiten. Fakten. Ziffern. Vor allem müssen wir wissen, wie schnell das geht.“ „Das habe ich bereits gesagt“, antwortete der Chefastronom. „Die Megawelt greift an, und für sie bestehen keine Ge- schwindigkeitsschranken. An den Grenzen der Metagalaxis hat das Aufrollen der Raum-Zeit begonnen. Ein Aufrollen, das alle uns bekannten Maßstäbe und Geschwindigkeiten übersteigt, das den uns geläufigen physikalischen Gesetzen nicht folgt. Weißt du noch, Urm, wir beide haben uralte Aufzeichnungen gelesen: ‚Schließlich und endlich hört die Ausdehnung unserer Welt auf. Die rote Verschiebung wird von der violetten abge- löst.' Nun denn, die Kompression der Metagalaxis ist eine sich vollziehende Tatsache. In tausend Jahren vielleicht oder schon morgen kehrt die Materie unseres dreidimensionalen Konti-, nuums wie vor zehn Milliarden Jahren erneut in den Aus- gangszustand eines superfesten Koagulats zurück. Und explo- diert!“ Eomin war wie von Sinnen. „Nach der Explosion“, schloß der Astronom müde, „setzt in unserem Teil des Absoluten Alls eine neue Ausdehnung ein. Eine neue Rotverschiebung. In was für Formen dann die Mate- rie existiert? Das werden wir nie erfahren. Unbestreitbar ist eins: Neues Leben wird erblühen. Ob die Menschen jener un- vorstellbar fernen Epoche, die nicht unsere Nachfahren sind, vor den gleichen Aufgaben stehen wie seinerzeit Tausende Ge- nerationen unserer Gelehrten? Ich weiß es nicht … Ich weiß nur, daß Leben und Vernunft unsterblich sind …“ Alle waren wie benommen, als wäre die Zeit stehengeblie- ben. Selbst der stets unerschrockene Dinos kam nicht mehr mit seinen Gefühlen zurecht. Unwillkürlich blickte er nach oben. Funkelnde Sterne, sacht flimmernde Nebel. Die erhabene Ruhe der Nacht besänftigte ihn. Und Dinos begriff: Alles hatte seine Grenzen, selbst die Zuversicht in die eigenen Kräfte … „Was bleibt uns?“ fragte jemand. „Das müssen wir beraten“, erwiderte Urm. Die Miene des Vorsitzenden wirkte ungerührt, doch in den großen Pupillen zeichnete sich intensive Gedankenarbeit ab. „Wer möchte spre- chen?“ „Ich weiß!“ rief Dinos plötzlich triumphierend. Seine Stimme schnellte wie ein Pfeil in die Stille. „Verhindern können wir die Kompression nicht! Aber dem Zerfall des dreidimensionalen Kontinuums würdig entgegentreten – das steht in unseren Kräften.“ „Was schlägst du vor?“ fragte Urm und blickte Dinos miß-, trauisch an. „Wieder eine große Tat?“ „Nein! sagte Dinos ruhiger. „Ich habe gedacht … Wenn wir uns nun durch das Dirac-Meer schlügen? Wir haben es doch auch bei unseren Erkundungen geschafft!“ „Raumscheiben – ja“, bestätigte Urm trocken. „Aber nicht ganze Planeten. Wir wären kaum in der Lage, allein die Ma- gnetschirme für die Erde zu beschaffen. Ein Planet ist keine Fünfkilometerscheibe, nicht wahr?“ „Kämpfend zu sterben ist schön!“ sagte Dinos unbeirrt. „Das Feuer der Annihilation nivelliert all unsere Fehler und unsere Erfolge während Milliarden Jahren Evolution …“ Urm schüttelte den Kopf. „Sinnlos!“ antwortete er und blick- te Dinos nachsichtig an. „Der Mensch hat sich immer verzehrt, um einen Schritt vor- wärts zu tun.“ „Eben. Und wohin willst du ihn locken, Dinos? Ja, sicher, es ist heldenhaft, im Kampf zu sterben. Aber du schlägst ein sinn- loses Opfer vor. Was würde diese unsere letzte Tat helfen, wen würde sie inspirieren? Künftige Generationen? Es wird keine geben.“ Dinos schwieg. Doch seine Miene bezeugte, daß der Homo emotionis hartnäckig bei seiner Meinung blieb. Wieder und wieder tagte der Galaxisrat. An der Schlußsitzung nahm auch Eomin teil. Sie näherte sich bereits ihrem Ende, doch eine Entscheidung war noch nicht gefallen. Da schüttelte Urm endlich seine Erstarrung ab, hob den Kopf und fixierte den neben ihm sitzenden Eomin, bis dieser begriff, daß die Entscheidung fällig war. Und wie ein Blitz durchfuhr sie beide ein und derselbe rettende Gedanke., Langsam erhob sich Urm zu riesiger Größe. „Es gibt einen Ausweg, einen einzigen vernünftigen Ausweg, um die Gat- tungen Homo sapiens und Homo galactus zu erhalten …“ Klingend hallten seine Worte durch das Amphitheater. „Ja, un- ser Weltall ist durch das Schwerefeld, das den Lichtstrahl zur Krümmung zwingt, in sich geschlossen. Das Licht ,stirbt’ an den Grenzen der Metagalaxis. Nun wird die Gravitation stän- dig schwächer, weicht dem unbekannten Feld der Megawelt. Der Lichtstrahl wirft die Fesseln der uralten Gravitation ab. Er kann ins Absolute All strahlen – endlos, unaufhaltsam!“ „Ich habe dich verstanden, Urm!“ rief Dinos aus. „Ich habe dich verstanden!“ Urm hob die Hand, um ihn zu beschwichtigen. „Der Licht- strahl hat sich aus den Fesseln der Gravitation befreit. Und wir können eine Große Information in die Unendlichkeit senden, die besagt, daß in der Epoche der Rotverschiebung in diesem Teil des Weltalls die Menschheit existierte. Zu dem Zweck müssen wir die vernunftbegabte Welt in biomagnetische Struk- turen umwandeln und aufzeichnen: die Anatomie des Homo sapiens und Homo galactus, ihre Organisation, die Geschichte der Evolution, die individuelle Struktur jedes lebenden Men- schen, unsere Kenntnisse. Unsere gesamte Zivilisation. Die In- formation – sie wird die Form elektromagnetischer Impulse haben – füllt den Unvergänglichen Strahl. Dieser Strahl der Großen Information, für dessen Start wir alle uns zur Verfü- gung stehende Energie verwenden müssen, wird die Zone der Violettverschiebung durchstoßen und in den unbehinderten Flug übergehen. Doch er wird nicht ewig dahineilen. In einer der Welten, die von uns nicht beobachtet werden können, wird der Strahl ein Schwerefeld treffen, das dem unseren gleicht., Und es beginnt die spiralenförmige Bewegung. Vielleicht wer- den Millionen Jahre vergehen, bevor ihn die in jenen Welten noch Ungeborenen auffangen. Wenn sie das Entwicklungs- niveau einer Superzivilisation erreichen, werden sie die Informa- tion lesen. Und werden uns, die wir in dem Unvergänglichen Strahl ‚schlafen’, helfen, wieder materielle Form anzunehmen. Stimmt, wir sind außerstande, in eigenen materiellen Formen in diese Welten vorzudringen. Aber wir werden so lange wie erforderlich in dem Strahl leben, in einem goldenen Strom von Gedanken und Licht. Mehr habe ich nicht zu sagen.“ Urm wurde wieder ein stummes Standbild. Fast greifbar ging ein Seufzer der Erleichterung durch das Amphitheater. Der Gedanke an den Strahl brannte schon in tausend Augen. Eomin schien es, als wären die riesigen galaktischen Sterne nicht mehr kalt und ohne Leidenschaft, sondern begrüßten freudig die Geburt dieser klugen, einfachen Idee. Aus dem Galaxiszentrum kehrten Eomin und Dinos zusammen auf die Erde zurück. Dinos nickte und sagte: „Entschuldige. Ich bin müde. Ich geh nach Hause.“ Sinnend sah ihm Eomin nach. Ja, Dinos hatte es unwahr- scheinlich schwer. Aber nur er allein? Dennoch konnte Eomin ihn verstehen. Die Ära der Taten war zu Ende, es gab nichts mehr auszuprobieren, und Dinos war gezwungen, die Hände in den Schoß zu legen. Nun war er wie ein Delphin, den ein Sturm auf eine Sandbank geworfen hat. Dabei stand Dinos noch die letzte, verantwortungsvollste Tat bevor: Er sollte die Erde und ihre Bewohner dematerialisieren und in chiffrierte Energie umsetzen., In Eomin tönte noch die Stimme des Vorsitzenden Urm, des alten und weisen Galakten. Urm war sein Lehrer und Freund gewesen. „Wir haben getan, was wir konnten, Eomin. Du verwandelst die irdische Zivilisation in einen Strahl“, er hatte auf die galak- tische Uhr geblickt, die in unerreichbarer Höhe schwebte, „in genau zweitausendacht Minuten, von dem Augenblick an ge- rechnet, da ich das Signal gebe. Denk daran, dieses Intervall muß mit einer Genauigkeit bis zu einem Zeitquant eingehalten werden. Ich verlasse mich auf dich, Eomin. Du darfst nicht ver- sagen. Sonst verfehlt die Erde die synchronisierten Impulse. Und der Informationsfluß zerfällt.“ „Das wird nicht geschehen, Urm“, hatte Eomin versichert. „Ich weiß. Leb wohl, Eomin. Denke daran: Niemand darf den Beschluß des Galaxisrates erfahren. Gehab dich wohl!“ Nun war Urm für immer fort. In die Vergangenheit gesun- ken. Er ist und ist doch nicht. Werden wir dereinst zu neuem Leben erwachen? Ein feuchter Schleier legte sich über seine Augen. Dinos trat in seine Gemächer – einen aus Licht und Grün ge- webten Pavillon mitten in einem alten blühenden Garten. Er sank aufs Ruhebett. Gewöhnlich schlief er sofort ein. Jetzt floh ihn der Schlaf. Dinos drehte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unterm Kopf. Schloß die Lider. Aber wenig später starrte er in den Himmel. Und ihm war, als treibe er willenlos in einem Fluß, ohne zu versuchen, auch nur eine Hand zu he- ben. Melodisch brummend zog hoch droben ein Linien-Magneto- plan vorüber, und Dinos kehrte in die Wirklichkeit zurück. Er, erinnerte sich an seinen Auftrag. Und ihm wurde bang zumute. Würde er es schaffen? In seinen Händen lag das Schicksal der Menschheit. Er wagte nicht daran zu denken. Wie leicht es da- gegen Eomin nahm – ein echter Homo rationis. Fast körperlich schmerzhaft empfand Eomin den unerbittlichen Lauf der Zeit. Langsam glitt er über das schlafmüde Wasser des dunstigen nachmittäglichen Meeres. Es war warm, unendlich, und es lullte ihn in Schlaf. Strahlend und zärtlich. Als Eomin spürte, daß tief in ihm Emotionen auflebten – dieselben, die er sein Leben lang unterdrückt hatte, damit die Gedanken vor- herrschten und sich zu den höchsten Gipfeln des Wissens auf- schwingen konnten, – fand er endlich zu wahrer seelischer Harmonie … Sein Weg führte in die Antarktika. Der Chefwahrer der pla- netaren Kenntnisse gedachte ein letztes Mal die Erde zu genie- ßen – dieses Paradies, in dem er Gärtner und Schöpfer war, Herr und Knecht. Dort, auf dem antarktischen Festland, er- streckte sich fast über den ganzen Kontinent eine Stadt ohne Menschen – das gesamtplanetare Informationszentrum. In seine Kristalle und Videobänder war die menschliche Geschichte eingepreßt. Ein kosmischer Wissensozean. Das Gehirn des Menschen ist ebenfalls ein Universum, dachte Eomin, während er die Hydrorakete steuerte, die geräuschlos das sanfte Meer durchzog. Ganz recht – ein Universum. Geistige Unendlichkeit, Intellektuelles All. Der Unsterbliche Strahl wird es bewahren. Vor ihm schoß eine Fontäne auf, beschrieb einen Bogen in der Luft und besprühte, zu einem schillernden Fächer zer- fallend, ein dunkles Massiv. Eomin lachte und rief dem vor- überschnellenden Blauwal schmeichelnd zu: „Auch du, Freund,, wirst mit uns in dem goldenen Strahl leben!“ Bald schlummerte Eomin ein, bald erwachte er wieder. Die Magnetzeiger der galaktischen Uhr flimmerten im Zenit. Eo- mins Rakete erreichte südliche Breiten. Nacht sank herab, pur- purblaue Tropennacht. An der Küste einer dunklen Insel zog sich eine Lichterkette hin. Die Hydrokrakete näherte sich der Stadt des Informariums. Hier stand die Zeit still, schlummerten Gedanken, Kenntnisse, Geschichte – in Kristallen und molekularen Informations- speichern. Durch einen Druck auf den Knopf zu wecken. Un- abhängig lief die am Nachthimmel leuchtende galaktische Uhr. Bald durchquerte Eomin eine Flucht von Sälen. Endlich war er am Ziel, in der Programmierungsabteilung des Informa- riums. Geräuschlos rückten die Polaroidschichten zusammen, in transparenten Wellen flutete Mondlicht durch den Raum. Leuchtkörper flammten auf. Eomin setzte sich ans Pult und ließ den Kopf auf die Arme sinken, um sich zu sammeln. Er hatte die wichtigsten Etappen der Geschichte des Homo sapiens für den Informationsstrahl auszuwählen und zu programmieren. Nach einer Weile hob er den Kopf, schaltete den Haupt- schirm ein und löste sich in den erstehenden Bildern gleichsam auf. … Die strengen Landschaften des vollständig zivilisierten Planeten. Ja, damit mußte man beginnen. Und dann die mühse- ligen Pfade zeigen, die das Menschengeschlecht gegangen war. Eigentlich war das gar nicht der uralte Planet Erde. Eher ein äußerst gepflegter, antiker Park. Alt – und ewig jung. Längst waren Urwälder und Dschungel verschwunden, die Wüsten und das Polareis. Die Berggrate waren abgetragen. In den we- nigen Naturschutzgebieten schweiften zahme Tiere einher,, Spielgefährten der Kinder. Und da – die Spuren der technischen Zivilisation. Ziffern sagten hier wenig aus. Obwohl die Menge der erzeugten Energie beeindruckend war. In den Millionen Jahren ihrer Existenz hatte die Menschheit den gesamten schweren Wasserstoff verbraucht, und der Spiegel der Welt- meere war um Hunderte von Metern gesunken. Gut die Hälfte der Bodenschätze war gefördert. Der Planet hatte ausgedient. Aber er hatte der gewaltigen Vernunft des Homo galactus zum Leben verholfen. Und war zum Park geworden, zum Museum, zum Tempel der Schönheit. Unzählige Touristen aus allen Rich- tungen der Milchstraße bereisten die Erde. Dieser Gästestrom floß nun schon seit Jahrhunderten. Eomin vertiefte sich in die Vergangenheit, verstellte die Brennweite und andere Parameter des Schirms. Weiter, weiter … Ja, hier. Die Epochen der Urgesellschaft? Nein, nicht das ist typisch. So haben fast alle begonnen. „Die Maschi- nenzivilisation“, sagte die Stimme des Registrierroboters trok- ken. Eomin meinte in finsteres Dickicht geraten zu sein. Un- wahrscheinliche Abnormitäten erschütterten ihn, entsetzliche Widersprüche und Rückschläge in Gestalt von Kriegen und Krisen, die die Evolution der sozialen Daseinsformen der le- bendigen Materie begleitet hatten. Und dann verschwanden die düsteren Bilder vom Schirm … Nein, stopp. Eomin sah sich die Aufzeichnung noch einmal an. Natürlich, das mußte in das Hauptinformationsbündel aufgenommen, in den Unvergängli- chen Strahl eingetragen werden – für die Ungeborenen in jenen artverwandten Welten, wo die Nachkommen des Homo sapi- ens leben würden. Vielleicht wäre der Anblick von Blut, Leiden und endlosen Kriegen den Fortsetzern des Geschlechts eine Lehre? Dann brauchten sich die schweren Irrtümer nicht zu, wiederholen. Allerdings war Eomin nicht gänzlich überzeugt davon. Langsam rotierte der molekulare Hauptinformationsspei- cher, zerlegte in kurze Impulse, was lange Jahrhunderte ge- dauert hatte. Bisweilen tauchten Titanen des Geistes aus dem Dunkel – wie Meilensteine am Weg des Aufstiegs. Vorn war noch undurchdringliche Finsternis. Unvermittelt zuckte im Brennpunkt des Projektionsapparates helles Wetterleuchten. Was war das? „Die Oktoberära“, erklang die monotone Stimme der Registriermaschine. Das war der Beginn der neuen Ge- schichte des Planeten. Eomin schien es, als sei in schwarzer Dunkelheit ein Stern entbrannt. Erregung bemächtigte sich sei- ner. Der erste lichtträchtige Gedankenstrahl, der die Ideale der fernen Vorfahren in sich aufgenommen hatte, wärmte sein mü- des Herz, füllte es mit heißem Blut, mit neuen Kräften … Unvermittelt erlosch der Schirm. Seitlich, an der Wand, flammte ein Videokonus des gesamtplanetaren Kontaktsystems auf. Eomin wandte den Kopf. „Ich bin's“, sagte Dinos. In seiner Stimme schwang verzwei- felte Entschlossenheit. „Du hast dich zu früh eingeschaltet“, rügte Eomin unzu- frieden. „Entschuldige. Ich wollte mich nur von dir verabschieden.“ „Verabschieden ?“ „Ja. Ich trete zurück. Mag ein anderer die Dematerialisie- rung des Planeten vorbereiten. Mir ist die Aufgabe zu schwer.“ Eomin starrte Dinos an. „Ein anderer soll es tun“, wiederholte Dinos halsstarrig. „Ich will versuchen, mich durch das Dirac-Meer zu artverwandten Welten durchzuschlagen. Meine Antirakete ist fertig.“, „Hast du das gut bedacht?“ Eomin erhob sich zu voller Grö- ße. „Weißt du, wie dein Verhalten bei den Alten hieß? Egois- mus! Niemand außer dir vermag in der festgesetzten Frist“, er blickte auf den leuchtenden Kreis der galaktischen Uhr, die durch die Saalkuppel zu sehen war, „die letzte Aktion vorzube- reiten. Und du willst zurücktreten?“ „Ich bezweifle, daß das Vorhaben gelingt.“ „Dann wird es keinen Strahl geben. Und die Große Infor- mation – das heißt, wir in Gestalt elektromagnetischer Struktu- ren werden sterben. Begreifst du, daß das nicht sein darf?“ Eomin hatte einen Augenblick lang den Eindruck, als schwanke Dinos, wie ein Junge, der erkennt, daß sein Streich das beabsichtigte Maß übersteigt. Er beruhigte sich und setzte sich wieder ans Pult. Klar, Dinos brauchte Hilfe. „Komm her, ins Informarium“, sagte Eomin streng. „Für fünf Minuten.“ „Wozu? Verabschieden können wir uns auch so.“ „Das ist meine letzte Bitte“, sagte Eomin unnachgiebig. In seinem Ton war etwas, das Dinos Starrsinn brach. Er schwieg eine Weile, dann zuckte er die Schultern: „Gut. Warte auf mich.“ Von neuem spürte Eomin die Wärme des wunderbaren Lichtes im Dunkel der Geschichte. Auch Dinos hatte seine Sorgen ab- geworfen. Seine Züge glätteten sich, der Ausdruck kalter Gleichgültigkeit wich. „Ach, so hat alles einmal angefangen …“, flüsterte er. „Warum hab ich das nicht gewußt?“ „Die in den neuen Welten noch Ungeborenen“, sagte Eomin ruhig, „sollen erfahren, was der Oktober war. Das können sie, nun, wenn der Informationsstrahl den vorgesehenen Weg durchmißt, nicht wahr?“ Eomin schaute Dinos unverwandt an. „Du hast recht“, sagte Dinos, ohne den Blick vom Schirm zu wenden. „Wie immer. Ich gehe. Hab Dank.“ Dinos verschwand im Halbdunkel des langen Korridors. Eomin sprang auf, rief: „Leb wohl, Dinos!“ Der hob die Hand zum Gruß, drehte sich jedoch nicht um. Eomin wußte, es war das letzte Mal, daß er ihn sah. In leib- haftiger Gestalt, nicht auf dem Konus des gesamtplanetaren Kontaktsystems. Dennoch war er nicht traurig. Wir sehen uns wieder, Dinos, bestimmt. Wir werden sein wie jetzt. Aber das wird nicht so bald geschehen, dachte er bedauernd. Eomin rekelte sich. Die Programmierung war beendet. Er stand auf und trat an die durchsichtige Informariumswand. Die ga- laktische Uhr im Zenit war kaum zu erkennen. Ihr strahlender Kreis ging im heller werdenden Glanz der Sterne unter. Das waren die sichtbaren Symptome der beginnenden Kompression der Metagalaxis. Verschwunden war der Unterschied zwischen Tag und Nacht. Neue und neue Gestirne erschienen am Him- mel, der nun einem riesigen, in allen Farben des Spektrums glitzernden Teppich glich. Die Sonne, der uralte Stern, die be- deutend blasser geworden war in den verflossenen Milliarden Jahren, wirkte wie ein gelbroter Fleck, sie drohte jeden Augen- blick zu erlöschen. Nur die künstlichen Plasmasonnen in der Ionosphäre glühten noch heller als die neuen Gestirne, die dem Materievakuum entsprungen schienen. Eomin dachte an die Erdbewohner, die in dieser Minute ebenfalls zum völlig ver- änderten Himmel blickten. Sie ahnten nichts. Gut so. Mochten, sie unbeschwert bleiben und so einstmals wiedererstehen. Die Zeit verrann. Fünfundachtzig Minuten noch … Eomin schaltete den Videokonus ein. Augenblicklich erschien das Ge- sicht von Dinos. Traurig und feierlich. Die Lippen zu- sammengepreßt. „Alles in Ordnung?“ „Ich bin bereit“, antwortete Dinos. „Ich schalte die Kon- trollzeitrechnung ein …“ Er keuchte und verstummte. Eomin schwieg ebenfalls. Er wollte noch sagen, daß sie sich wiedersehen würden in der neuen Welt. Aber er sagte es nicht. Worte bedeuteten nichts mehr. Die Galaxiszeit durchlief die letzte Wegstrecke. Den letzten Kreis. Die Schlußwindung. Bis in die Fingerspitzen spürte Eo- min, wie Dinos mit erschlaffender Hand das pla-netare Dema- terialisierungssystem einschaltete. „Leb wohl …“ Das war alles, was er hörte. Er nickte nur. Der Videokonus erlosch. Und da wurde Eomin von über- mächtiger Sehnsucht nach den heimatlichen Stätten gepackt. Nach der großen russischen Ebene, wo der Fluß mit dem halb- vergessenen Namen „Wolga“ floß. Wo zahllose Generationen seiner Vorfahren ruhten. Tausende von Jahren. Eomin schaute auf die galaktische Uhr. Dreiundvierzig Mi- nuten. Er konnte es schaffen. Er mußte es schaffen. Er stürzte zum Ausgang. In den Galerien und Sälen, durch die er rannte, donnerte das Echo seiner Schritte. Da war der Biodesintegrator. Zitternd vor Erregung wartete Eomin, bis ihn die rettenden Pulsationswirbel umhüllten., Er fand sich an ein Meeresufer versetzt. Im blaßblauen Wasser spiegelten sich zahllose Sterne, die trotz vollen Tageslichts grimmig glitzerten. Es wurden ihrer mehr und mehr, sie schnellten förmlich aus dem Nichts hervor. Tausende weißflü- gelige Schiffe furchten die Wellen. Auf den Decks standen ah- nungslose Menschen und starrten mit erregten Gesichtern in den fremd gewordenen Himmel. Vergebens hielt Eomin nach einem Stück Landschaft seiner Kindheit Ausschau. Bis hin zum Horizont erstreckte sich grüner subtropischer Pflanzenwuchs. „Wo bist du, Fluß meiner Kindheit? Wo sind die Birken?“ flüsterte er. Ein Windstoß fuhr ihm ins Gesicht. Die Blätter in den Pal- men rauschten auf, ein Vogel schrie. Die galaktische Uhr zählte die letzten Sekunden dieses Daseins ab. Die letzten Zeitquanten gingen ein in die Unendlichkeit … Eomin ließ sich auf die Erde nieder, von neuem blickte er auf die weißflügligen Schiffe. Die blaue Wasserfläche beruhigte sein wild klopfendes Herz. Wo bist du, Fluß? dachte er. Ein Feuerschein, wie er ihn nie gesehen, aus allen Himmels- richtungen gleichzeitig aufsteigend, löschte Eomins Bewußtsein aus. Wo bist du, Fluß, wo …?,

Olga Insel Larionowa der Mutigen

Am 27. Mai im Jahre 83 der kosmischen Ära unternahm Manuel Recuerdos, Jungingenieur des sizilianischen Forschungszen- trums Piazza Amerina, seinen ersten Flug in die Zeit. Davon zeugt die letzte Seite sämtlicher Geschichtsbücher, auf der eine von den sechs Zeichnungen abgedruckt ist, die Recuerdos nach seiner Bruchlandung im Lazarett von Orly anfertigte, ehe er an den Folgen dieser sinnlosen Katastrophe verstarb. Als sich der junge Wissenschaftler in das nächste Erdenjahr- hundert begab, hatte er nicht an den eigenen nächsten Tag ge- dacht. Seine Maschine war imstande, ihn in jedes beliebige Jahrhundert, in jede Stunde zu versetzen, und da interessierte ihn überhaupt nicht mehr, was in vierundzwanzig Stunden mit ihm selber geschähe. Er hatte nicht einmal das vorausgesehen, was sich wenige Minuten nach seinem Start ereignete. Daß nämlich sein Assistent und – wie er bisher geglaubt hatte – Freund Brian Weekersund zwei sensationslüsterne Journalisten rein zufällig (aber gegen eine anständige Belohnung) von dem bevorstehenden Experiment in Kenntnis setzen würde. Recuer- dos wußte nicht und konnte nicht wissen, daß vier Augen und zwei Teleobjektive jede seiner Bewegungen verfolgten, daß die sensationelle Nachricht vom Flug seiner Maschine nach einer Stunde schon wie ein Lauffeuer durch die Redaktionen sämtli-, cher Morgen- und Abendzeitungen ging und daß es bei seiner Landung auf dem ganzen Hang von wendigen Zeitungsleuten und feisten Polizisten wimmeln würde. Manuel Recuerdos wußte nichts von alledem. Wahrschein- lich hat kein einziger Erfinder, als er in den selbstgebastelten Leib seiner primitiven Schöpfung kroch – sei es der ersten Lo- komotive, des ersten Doppeldeckers oder Unterseebootes –, eine so verschwommene Vorstellung vom Ausgang des Expe- riments gehabt wie er. In der Tat hatte es bei allen Versuchen früherer Erfinder zwei durchaus denkbare Möglichkeiten gege- ben: Entweder fuhr die Lokomotive, oder sie entgleiste; der Doppeldecker flog nach oben oder stürzte ab; das Unterseeboot tauchte auf oder es versank. Aber wie würde sich Recuerdos' Maschine verhalten? Würde sie augenblicklich wieder zurück- kehren? Oder würde die Zeit, die man in der Zukunft zubrach- te, als Gegenwart angerechnet werden? Vielleicht würde nur die Flugstrecke von einem Jahrhundert ins andere zeitlich nicht erfaßt werden? „Wir werden ja sehen“, hatte Manuel unbekümmert gesagt, während er sich in die enge Luke der Maschine zwängte, so wie andere sich in ihre Hosenbeine zwängen. „Na, und wenn ich nicht zurückkomme, nimmst du dir die Aufzeichnungen aus meiner Schublade, vielleicht reicht das Material für eine Disser- tation! Hauptsache, der Chef kreidet mir den Energieverlust nicht an.“ Brian trat von einem Bein aufs andere – er langweilte sich. Die Aufzeichnungen in Manuels Schublade waren natürlich ein gefundenes Fressen – wenn man wollte, konnte man sie zu fünf Dissertationen verarbeiten –, aber noch verlockender war die Perspektive Manuels wohlbehaltener Rückkehr! Die Maschine, von Recuerdos und Weekersund! Die Rolle des letzteren be- schränkte sich freilich darauf, den Leiter der Energieabteilung immer wieder zu beschwatzen oder japanische Potentiometer gegen Magnetkerne einzutauschen, bei jeder passenden Gele- genheit Mikroakkumulatorren zu klauen (gutwillig rückte kei- ner welche heraus) und einfach ein Teil mit dem anderen zu verlöten. Aber das war halb so wild. Manuel sprühte vor Ideen. Bis jetzt hatten sie nicht nur für ihn selber gereicht, sondern auch noch für Brian und ein gutes Dutzend anderer Mitarbeiter ihres zweifelhaften Labors, den Chef mit einbegriffen. Darum gingen auch die hirnverbranntesten Experimente straffrei aus. Die Geistesblitze Manuels ungezähmter Phantasie purzelten wie Fischschuppen auf die Arbeitspläne des Labors, sie blieben an den Mitarbeitern kleben und zeitigten so uneigennützige Ergebnisse wie den „Effekt von Recuerdos und Void“, die „Entdeckung von Recuerdos und Bustamente“ oder das „Spek- trum von Recuerdos und Mitro“. Brian räusperte sich ungeduldig, jetzt war die Reihe an ihm, sich zu tummeln. „Leider ist das erste Modell unserer Maschine so klein, daß wir nicht zu zweit fliegen konnten“, würde er den Journalisten sagen. Sonst wäre er mitgeflogen! Nicht einmal Manuel, der unbekümmerte, erfolgreiche Manuel, hatte sich beeilt, in die Kapsel zu klettern, um den weiß der Teufel wie umgewandelten Energiestrom auf sich einwirken zu lassen. Sogar er hatte Angst. Das war doch genau so, als stellte man sich mit einem vorgehaltenen Sonnenschirm unter einen Plas- mastrom. Vielleicht hatte sich's Manuel anders überlegt? Nein, er war nicht wankelmütig geworden, er blickte nur nach unten. Der rechte der beiden nebeneinanderliegenden Berggipfel war, wenn man, den Rücken nach Süden gewandt,, hinabschaute, mit neuen Gebäuden des Forschungszentrums bedeckt, die sich bis zum Bergsattel hinunterschoben und im- mer näher an die Ruinen der alten Basilika unweit des linken Gipfels heranrückten. Diese war vermutlich im ersten Jahrhun- dert der christlichen Zeitrechnung erbaut worden, hatte fast ein anderthalbes Jahrtausend überdauert, karg und unerschütter- lich wie der Glaube selbst, und war erst vor sieben Jahren ein- gestürzt, als ein fürchterlicher Wirbelsturm den Pflanzenwuchs halb Siziliens vernichtete und viele erhalten gebliebene Denk- mäler des Altertums im wahrsten Sinne des Wortes hinwegfeg- te. Wohl standen noch die Ruinen der Villa Kaiser Maximilians, die sich an den Fuß des Berges schmiegten, und man konnte in der Pause nach dem Mittagessen die niedlichen Laborantinnen dorthin führen, um einige Sehenswürdigkeiten zu bewundern – die für das dritte Jahrhundert sicherlich nicht ganz schicklichen Badekostüme zehn schöner Jungfrauen auf einem Mosaik, Sze- nen einer Augustjagd auf sehr phantastisch anmutende und darum überhaupt nicht grauenerregende Raubtiere und schließlich die Darstellung des Villeninhabers selbst, eines kro- netragenden Melancholikers mit der Visage eines professio- nellen Mörders. Die ungeschützten Stümpfe der kahlen Säulen ragten in regelmäßigen Vierecken empor, rechts und links zo- gen sich die Ruinen des armseligen Dörfchens Piazza Amerina hin, das dem Forschungszentrum seinen Namen gegeben hatte, nach dem Sturm im Jahre fünfundsiebzig aber nicht wieder aufgebaut worden war; die grauen Steine der zerbröckelnden Basilika krochen den Berg hinunter wie satte Schildkröten, und diese Landschaft krönte die sechzig Meter hohe trichterförmige Antenne des Sektors für kosmische Information. Es war ein Bild, das sich einprägte., Manuel schüttelte sich, er sah auf die Uhr – es war schon zwanzig Minuten nach acht. Die Sonne war längst aufge- gangen, und die trockene Luft, in der Schwärme von Zikaden zirpten, brannte unbarmherzig. Manuel knöpfte den Hemdkra- gen auf und zog an der bunten Schnur, die ihm den Schlips er- setzte. Die Schnur löste sich und glitt lautlos hinunter, in die Lukenöffnung. Manuel sah ihr nach, zuckte leicht die Schulter – laß fahren dahin – und tauchte schweigend in ein dunkles Luft- loch. Über ihm klirrte es. Die schwarze Kapsel, die einer Bier- tonne mittlerer Größe glich, begann zu vibrieren, hielt auf die eingestürzte Basilika zu, als wollte sie den mit Steinen übersä- ten Berghang hinunterkullern, und verschwand. Manuel rutschte hin und her. So zusammengeduckt zu sit- zen, die Knie an die Brust gepreßt, war höllisch unbequem. Die an einen Akku angeschlossene winzige Lampe beleuchtete kaum das Armaturenbrett. Die dünnen Vierzollwände der Kap- sel zitterten wie die Hülle eines Volleyballes, wenn man ihn aufpumpt. Der Sehschlitz aus opalfarbenem Plexiglas war blind wie ein entzündetes Auge. Ärgerlich, dachte Manuel. Dieser Schwachkopf von Brian hat doch recht gehabt mit seinen ewi- gen Zweifeln und Nörgeleien. Die Zukunft liegt dort hinter der schalldichten Kunststoffwand, hinter dem gewölbten Bullauge aus Plexiglas, und sie ist nicht zu sehen, nicht zu spüren. Der Versuch ist gescheitert. Verdammt noch mal … Und da erschien ES. Einfach, alltäglich, wie auf dem Fern- sehschirm. Die natürliche Erscheinung eines Wunders. Ein Ausschnitt von der Größe des schmalen Bullauges, leicht schwankend, bunt, dreidimensional, kein bißchen phantastisch. Ein Saal? Ja, ein großer Saal, ganz in Weiß, mit riesigen quadra- tischen Fenstern, an den Wänden lila Schalttafeln und Vertei-, lerpulte, die lange, fließbandartige Reihen bildeten. Und an der offenen Tür zwei Gestalten, alte Männer. Maßlos erstaunt betrachtete Manuel ihre geduckten, wach- samen Rücken, er merkte ihnen die sattsam bekannte mor- gendliche Müdigkeit nach einer durchwachten Nacht an, jene Müdigkeit, die den Kopf benebelt und die Reizbarkeit des Ex- perimentators erhöht; eine Müdigkeit, die wohltut und lästig fällt, weil sie dir alles abverlangt und nichts zurückläßt außer der Arbeit. Da legte der Größere von beiden, seiner Haltung nach der jüngste dieser Patriarchen, seine schwere Greisenhand auf die Schulter seines Partners, beugte sich vor und bewegte flüsternd die Lippen – ohne daß ein Laut zu hören war –, und beide dreh- ten sich nach Manuel um. Er sah sie lächeln, und er dachte wie- der an sich und die Jungs aus seinem Labor nach einer dieser verrückten Nächte, wenn alle Aufgaben erledigt sind, du ans Fenster trittst und die neugeborene Sonne betrachtest, die noch nicht in vollem Glanz erstrahlt. Du lächelst schwach, der Kopf ist dir benommen, und der Morgen dringt jetzt nicht nur zum Fenster herein, sondern auch zu den Türen; frische, ausgeschla- fene Laborantinnen aus den Nachbarabteilungen kommen mit neuen Sorgen zu dir gelaufen, für die wieder der Tag nicht aus- reicht. So war es, und, das wußte er nun, so würde es immer bleiben, denn in den Saal eilte jetzt, wie um Manuels Erin- nerung zu bestätigen, ein Mädchen, ganz in Rosa – eine unge- wöhnliche Farbe für einen Berufskittel –, und natürlich hielt sie in der Hand einen versiegelten Umschlag – Sorgen, für die der Tag der beiden Alten wieder nicht ausreichen würde. Alles ver- lief wie erwartet, und das wichtigste in dieser Welt von morgen waren nicht der pompös eingerichtete Saal, nicht die wunderli-, chen Konturen der verästelten Antennen, auch nicht die reichen Verzierungen der völlig wiederhergestellten Villa Maximilians, die durch die weitgeöffneten Türen zu sehen war – das wich- tigste war der gewohnte Arbeitsrhythmus, das müde Lächeln der beiden gelehrten Männer und überhaupt der Umstand, daß das alles existierte, daß es das gab, daß die Welt nicht in Stücke geborsten, nicht in Atomstaub zerfallen war. … und da legte der Größere von beiden, seiner Haltung nach der jüngste dieser Patriarchen, seine schwere Greisenhand auf die Schul- ter seines Partners, beugte sich vor und sagte, kaum die Lippen bewe- gend: „Es ist Zeit, Nid.“ Und dann sagte er noch: „Strengen Sie sich an zu lächeln, mein Freund.“ Sie drehten sich um, und ihre Gesichter waren ruhig. „Da haben Sie ein krasses Beispiel dafür, wie leicht man das Ge- wünschte sehen kann, selbst wenn es unsichtbar ist.“ Nid Seami schüttelte den Kopf und lächelte selbstkritisch. „Ich glaube, jetzt erkenne ich die Umrisse der Maschine – da, hinter dem Xylometer. Sehen Sie, Dominik.“ Dominik schloß die Augen. Er hätte nie gedacht, daß sein Gesicht so erschlaffen konnte. Jede Hautzelle, jede Falte. Er konnte nicht mehr lächeln. „Nein, mein Freund, das scheint Ihnen nur so. Die Maschine, die einer anderen Zeit angehört, muß für uns unsichtbar sein. Aber sie ist hier.“ Sie sprachen miteinander, ohne zu befürchten, daß derjenige, der noch vor einer Minute Zeuge ihrer Unterhaltung gewesen war, sie verstände – ihm war es ja nicht gegeben, die Sprache des künftigen Jahrhunderts zu kennen. Er hörte die Laute nicht, die Lippenbewe- gungen ergaben für ihn keine plausiblen Wörter. „Sie ist hier“, wiederholte Dominik, „die einmalige, geniale Ma-, schine von Recuerdos, die imstande war, in die Zukunft zu blicken … und nichts zu verstehen. Diese Maschine ist ein drei Monate altes Kind, das eben erst gelernt hat, die Welt so zu sehen, wie sie ist!“ Nid Seami bewegte die Finger, aber sein Gesicht, das Gesicht eines gütigen Götzen, blieb weise und friedfertig. „Wenn ein drei Monate altes Kind die Welt so sähe, wie sie ist“, wandte er leise ein, „bliebe ihm nichts weiter übrig, als vor Entsetzen den Verstand zu verlieren angesichts der Unendlichkeit des Weltalls und der Kurzlebigkeit seines eigenen Ichs. Um es vor dieser Welt zu schützen, hängen ihm die Erwachsenen leuchtende Klappern über die Wiege, die das vor ihm verbergen, was man …“ Ihre Blicke trafen sich, und das Wort, dem die beiden Alten ausge- wichen waren, schwebte in der Luft. „Was man die Unendlichkeit nennt“, führte Dominik den Satz für seinen Freund zu Ende. „Wenngleich … Klingt es nicht wie eine Lä- sterung, heutzutage von der Unendlichkeit zu sprechen?“ Nid Seami schüttelte den Kopf, unverändert lächelnd, und sein Lä- cheln war keine Maske. Unter dem Deckengewölbe ertönte ein melodischer Gongschlag, ein lang anhaltender, reiner Gongschlag, und eine hastige Stimme fragte: „Darf ich eintreten?“ Sie sahen einander an, aber keiner entschloß sich zu antworten. Das war genau das, was sie die ganze Nacht erwartet hatten – zwei Zahlenreihen auf einem vorgedruckten Formular für den Empfang automatischer Funksignale von fernen Sputniks. Ausgerechnet jetzt. „Das ist Teresa“, sagte Nid. „Soll ich sie abwimmeln?“ Dominik fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als prüfte er, ob sein weises, ein wenig dünkelhaftes Lächeln nicht verschwunden sei. Es war noch da. „Soll alles seinen Gang gehen, Nid.“, „Mädchen in Rosarot – Zweig einer blühenden Sakura“, dekla- mierte Nid Seami. „,Das Vermächtnis des Recuerdos', Tokioter Aus- gabe aus dem Jahre sechsundachtzig. Kommen Sie herein, Teresa!“ Das Mädchen in Rosarot durchquerte den Saal, leicht vorn- übergebeugt und verstohlen ihr Spiegelbild betrachtend, das zu ihren Füßen über den schwarzen, glänzenden Boden huschte. „Die letzte Meldung von Pluton zwei, wunschgemäß, Doktor Nettleton.“ Dominik nahm ihr den Umschlag ab. Täglich gelangten vier sol- cher Meldungen in diesen Saal. Meist zeichnete sie der kybernetische Informationskollektor auf, seltener brachte sie eins der Mädchen aus der Abteilung für kosmische Verbindungen. Aber bisher war es nicht üblich gewesen, daß die Meldungen außerirdischer automatischer Sta- tionen in versiegelten Umschlägen übergeben wurden. Teresa wußte das, und zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie das vermutlich auch beunruhigt, aber heute war alles Ungewöhnliche zulässig, denn heute war ein besonderer Tag, ein besonderer Tag … Nid Seami faltete die zierlichen Hände über der Brust, wie er es immer tat, wenn er sich an ein weibliches Wesen wandte. „Wenn Sie gestatten, Teresa, hege ich den Wunsch, Manuel Re- cuerdos möge nur Sie allein sehen, und ich wage zu hoffen, daß er just Sie in seine Erinnerungen einfließen lassen wird wie eine Kirschblüte, die zwischen den Seiten eines Poesiealbums liegt …“ Teresa lächelte betörend, doch dieses Lächeln galt nicht dem altmo- dischen kleinen Nid Seami mit seiner orientalischen gespreizt- höflichen Redeweise, es war für Recuerdos bestimmt. „Ich danke Ihnen, Doktor Seami, aber heute ist ein besonderer Tag – der siebenundzwanzigste Mai, und alle Mädchen in Piazza Amerina sind rosarot gekleidet. Alle, ohne Ausnahme, so daß wenig Aussicht besteht, daß Manuel Recuerdos ausgerechnet mich entdeckt.“, Nid Seami schüttelte den Kopf, und die Schlitze seiner Augen schlossen sich bald gänzlich, bald versprühten sie feuchte schwarze Punkte. Sollte er Tei esa eine Freude bereiten? Sollte er ihr sagen, daß die Computer das Erscheinen Manuel Recuerdos' mit der Genauigkeit von dreißig Sekunden berechnet hatten und daß Manuel Teresa schon sah und just ihre Gestalt in seine Erinnerungen einfließen ließ wie eine Kirschblüte, die zwischen den Seiten eines Poesiealbums liegt? Aber im Lazarett unweit von Orly, in das man ihn nach dem Flug- zeugunglück bringen wird, findet er keine Zeit mehr, sie zu malen oder zu beschreiben. Er wird nur noch sagen: „Und das Mädchen in Rosarot …“ Auf dem grünen Berghang, der den Namen des Dorfes Piazza Amerina übernommen hatte, waren alle Mädchen heute gleich geklei- det. Und jede von ihnen hoffte, daß man sie in den Schaltsaal riefe und an der unsichtbaren Maschine vorbeigehen ließe. Wäre heute ein an- derer Tag gewesen, hätte Teresa nicht den versiegelten Umschlag ge- bracht, dann wäre Nid Seami auch so verfahren: Er hätte alle Mäd- chen der Reihe nach in den Saal gerufen, und jede von ihnen hätte ihr Leben lang die kleine eitle Hoffnung genährt, daß nur sie Recuerdos' „Mädchen in Rosarot“ sein könne. Ihr Leben lang … „Kann ich gehen, Doktor Nettleton?“ „Selbstverständlich, Teresa. Ich danke Ihnen.“ Wie gewohnt, spiegelte sich der kurze rosa Kittel (die Menschen des vergangenen Jahrhunderts hätten ihn sicher extrem kurz gefun- den) in der basaltenen Schwärze des Fußbodens, während er quer durch den riesigen Schaltsaal schwebte. Langsam schloß sich die Tür. Dieses Gebäude werden sie erst nach Recuerdos' Tod bauen, um möglichst viel Raum abzugrenzen, in dem seine unsichtbare Maschine ein paar Jahrhunderte voraus fliegen wird. Viel werden die Menschen, dieses Jahrhunderts bauen, unerhört viel, so viel, wie man schafft, wenn man ganz ruhig arbeiten kann und weiß, daß man den nächsten Tag, das nächste Jahrhundert erleben wird. „Sieht er uns noch?“ fragte Dr. Seami. „Noch ungefähr eine Minute.“ Sie standen einander gegenüber, und Dominiks Hände brachen zö- gernd den Umschlag auf. „Die Minute ist um, Dominik. Lesen Sie.“ Zwei gleichmäßige Zahlenreihen. Die Mitteilung hätte man nicht zu versiegeln brauchen, denn weder die Funker der Station für kosmi- sche Verbindungen noch Teresa, noch Dr. Seami hätten etwas damit anfangen können. Sie war die Antwort auf eine spezielle Anfrage Dominik Nettletons, und nur er allein wußte, was jede Ziffer bedeute- te. „Annähernder Umfang des heranziehenden Nebels“, sagte er und las die erste Ziffer vor. Sie entsprach einer vierteiligen Zahl. „Ausstrahlungsintensität nach vorläufigen Angaben“ – auch diese Zahlengröße war beängstigend. „Flugrichtung – genau auf die Sonne zu.“ „Translokationsgeschwindigkeit im Raum“ – die Geschwindigkeit reichte aus. „Noch zweiundzwanzig Tage“, sagte Dominik Nettleton, „und auf der Erde gibt es keine einzige lebende Zelle mehr.“ … Wie gewohnt, spiegelte sich der kurze rosa Kittel (die Men- schen des vergangenen Jahrhunderts hätten ihn vielleicht ex- trem kurz gefunden) in der basaltenen Schwärze des Fußbo- dens, während er rasch den riesigen schneeweißen Saal durch- querte. Die Tür fiel hart ins Schloß., Jetzt hatte Recuerdos nur zwei alte Männer vor sich, und derjenige, der größer und breitschultriger war, hielt unschlüssig einen Brief in der Hand, als wartete er auf etwas. Dann riß er den Umschlag mit einer hastigen Bewegung auf und zog einen kleinen Zettel heraus. Ein wildes Tempo, dachte Manuel. Unwahrscheinlich. So schüttelt sich ein großer Vogel, der eine Gefahr wittert. Und das sind alte Männer! Man könnte sie um ihre Flinkheit beneiden. Alle hier, ob jung ob alt, sind von früh bis spät rastlos tätig, und es ist ganz offensichtlich, daß sie dieses Leben gewohnt sind. Soll man sie beneiden? Ha! Sollen sie ihn, Manuel Recuerdos, beneiden, der das alles sehen kann! Denn niemand vor ihm konnte in die Ver- gangenheit oder in die Zukunft blicken, obwohl das Prinzip der Reisen in die Zeit schon ein gutes Jahrzehnt bekannt war. Man hatte Maschinen gebaut, die Jahre, Menschenalter verschlan- gen, hatte immer wieder andere Modelle geschaffen, aber kein einziges war imstande gewesen, sich von der Stelle zu bewe- gen. Man hatte sie gebaut trotz des Verbotes, das schon vor zwölf Jahren über sämtliche Experimente mit der Zeit verhängt worden war, damals, als es dem Weltrat zur Koordinierung wissenschaftlicher Kenntnisse plötzlich einfiel, daß eine unvor- sichtige Expedition in ein anderes Zeitalter den Lauf der Welt- geschichte grundlegend verändern kann. Aber die Versuche waren insgeheim durchgeführt worden, und sie ergaben je- desmal den Nulleffekt. Manuel hatte schon von diesen Versu- chen gehört. Jedesmal wiederholte sich ein und dasselbe. Die Maschine ruckte an, Ihre Konturen verschwammen für den Bruchteil eines Augenblicks in einer bodenlosen, unvor- stellbaren Masse, sämtliche Energiereserven verpufften, und –, wieder nichts. Die Maschine stand noch immer an der gleichen Stelle, in der gleichen Zeit. Der Rat zur Koordinierung wissenschaftlicher Kenntnisse hielt es nicht für angebracht, sein Verbot zu erneuern, denn es war ja erwiesen, daß er etwas offenkundig Unmögliches verbo- ten hatte. Fehlte noch, daß man Versuche zur Schaffung eines Perpetuum mobile verbot. Die hochgestellten Verwalter der Wissenschaft winkten ab, wenn die Rede auf das Problem der Zeitreisen kam, und es fanden sich sogar einige überängstliche Theoretiker, die das Axiom von der Unmöglichkeit jeglicher Bewegung auf der Zeitachse unter Beibehaltung der räumlichen Koordinaten predigten. Das Silvar-Silvan-Axiom. Silvar Silvan hatte offenbar das große Bedürfnis verspürt, seinen klangvollen Namen in den Annalen der Wissenschaft zu verewigen. Und er hatte ihn verewigt. Aber Manuel Recuerdos hatte Gott sei Dank seinen eigenen Kopf, und er pfiff auf alle diese übereilten Axiome, die das Pro- dukt inoffizieller, primitiver Experimente waren. Er glaubte an seinen Erfolg, an sein Glück, und es ließ ihn auch wirklich nicht im Stich. Er führte das Experiment unter den gleichen Bedin- gungen durch wie seine Vorgänger, wiederholte gewissenhaft alles, was sie getan hatten – ja, er hatte sich sogar die Aufgabe gestellt, gleich beim ersten Mal ganz von vorn zu beginnen, um klarer zu erkennen, an welcher Stelle allen der gleiche Fehler unterlief. Er nutzte die alten Erfahrungen, um danach seine ei- gene Lösung zu finden – und statt gleich beim ersten Start ein Fiasko zu erleiden, hatte er mit der rasanten Geschwindigkeit von fünfundzwanzig Jahren in der Sekunde ein ganzes Jahr- hundert übersprungen, und nun stand seine Maschine … Stand? Die Vorahnung, daß er das Geheimnis lüften werde,, gab ihm Auftrieb. Er beugte sich über das Armaturenbrett, das im Schein des einzigen Signallämpchens matt blinkte. Der Geschwindigkeitsmesser stand nicht auf Null. Ein win- ziger Zwischenraum trennte ihn vom Endstrich, und die Ge- schwindigkeit der Maschine war äußerst gering – unter zwei Sekunden in der Sekunde, nicht der Rede wert. Die bunte Sei- denschnur, die Manuel den Schlips ersetzte und die er kurz vor dem Start aufgebunden hatte, fiel auf das selbstgebaute Steuer- pult und hinderte ihn daran, den Schalthebel des Rheostaten bis zum Anschlag zu schieben. Die Maschine glitt langsam vorwärts. Manuel seufzte hörbar. Wie einfach alles war, wie leicht zu durchschauen! Nur schade, daß jetzt keine Zeit war, das Ganze noch einmal zu durchdenken, nachzurechnen, auf eine Formel zu bringen. Jetzt ging es um das nackte Experiment, um die genaue Beobachtung jeder Einzelheit. Ach, du Dummkopf, warst so überzeugt von deinem ersten Mißerfolg, daß du nicht einmal einen Fotoapparat mitgenommen hast! Wer weiß, wann du die Erlaubnis für den nächsten Flug kriegst, immerhin sind derartige Experimente verboten. Wenn du ein Fiasko erlebt hät- test, hätte man den Versuch leicht vertuschen können, aber jetzt würde auch Brian nicht mehr den Mund halten können. Wozu sollte er auch schweigen, wenn es so klar auf der Hand lag, das Axiom Recuerdos’, und es war so einfach wie zwei mal zwei: Wenn die Bewegung im Raum auf Geschwindigkeiten über Lichtgeschwindigkeit beschränkt ist, dann ist bei der Bewegung in der Zeit die Geschwindigkeit nach unten begrenzt – sie kann nicht gleich Null sein. Wie gering sie auch sein mag, aber es kommt nicht zu einem Stillstand. Warum? Das muß man noch genau durchdenken und präzise beweisen, vom Standpunkt, der Mathematik und der Philosophie. Damit kann sich Brian befassen, hol ihn der Kuckuck, dann wird es eben das Axiom von Recuerdos und Weekersund sein. Soviel steht jetzt schon fest: Bei jedem Sprung nach vorn muß man darauf achten, daß die Maschine nicht stehenbleibt, sonst wird sie augenblicklich an ihren Ausgangspunkt zurückgeworfen, wie das bei allen bis- herigen Experimenten der Fall war. Eigentlich stimmt das Axiom dieses Silvar Silvan doch – jetzt ist klar erwiesen, daß man einen materiellen Körper nicht aus einer Zeit in eine andere transportieren kann, wenn man dabei an seinem bisherigen Ort verharrt. Davon träumten zahllose romantisch veranlagte Wissenschaftler. Die Unterlichtge- schwindigkeiten der Weltraumschiffe sind auch bei diesem Pa- radoxon der Zeit etwas ganz anderes, dort finden extreme Ver- schiebungen im Raum statt. Man kann aber eine Zeitmaschine nicht mit einem interplanetaren Linienschiff gleichsetzen, dar- um sind bei Zeitreisen auch militärische Landungen, zivile Raubüberfälle und selbst einfache Spaziergänge undenkbar. Aus anderen Zeiten darf man nichts entfernen, in andere Zeiten darf nichts befördert werden. Aber man kann vorbeifliegen und stille Beobachtungen an- stellen. Da, die beiden gelehrten Männer aus dem künftigen Jahr- hundert. Sie fuchteln drollig mit den Armen und laufen mit Trippelschritten durch den Saal, wie Schauspieler in Stumm- filmen der vergangenen Ära. Die Geschwindigkeit ihrer Bewe- gungen ist fast verdoppelt, auf ihren Gesichtern steht nicht mehr das erstarrte Lächeln von vorhin – der rasche Wechsel ihres Mienenspiels wirkt von weitem wie die Grimasse einer ungeschickt ausgeführten Clownerie., Kleine Nöte des kaum begonnenen Tages, dachte Recuer- dos. Ihre Sorgen möchte ich haben! Noch einmal schaute er auf die weitgeöffneten Türflügel, die den Blick freigaben auf den schwülen subtropischen Morgen, auf den weißen Weg, der von der Schwelle dieser Tür den Hang hinunterführte zu dem roten Ziegeldach der Herrscher- villa. Und mit einer Hand die Seidenschnur festhaltend, riß Manuel die Maschine noch ein Jahrhundert weiter. Trübes Durcheinander des Übergangsmoments, leichte Übelkeit – und grelles, summendes Licht. Eine durchsichtige Kuppel, die einem umgestülpten Römer aus böhmischem Glas gleicht – unten goldgelb, wie von einem unterirdischen Feuer angestrahlt; darüber – rauchgrau, un- scheinbar und ganz oben unvermittelt – ein knalliges Hellblau und Schwalben, die rasch in kaum sichtbare schmale Öffnun- gen am Kuppelgewölbe fliegen, um sich im Sonnenschein zu baden und genauso lautlos zu verschwinden … Auf dem Fußboden krabbelte etwas, Manuel senkte den Kopf und sah, daß es metallische Tausendfüßler waren, die mit eingezogenen Schwänzen umherliefen und die schnurrbärtigen Köpfe gegen die im Fußboden einmontierten verschiedenfarbi- gen Knöpfe stießen. Und wieder war nicht der Glanz des sich zu schwindelnder Höhe erhebenden Gewölbes das wichtigste, auch nicht die be- triebsame Hast der beseelten Maschinen, sondern die Tatsache, daß es all dieses klug Erdachte und Schöne auf der Erde gibt – ja, gibt! „… eine durchsichtige Kuppel“, Nettleton preßte die Fäuste zusam- men und hob sie an sein Gesicht, „eine durchsichtige Kuppel, die ei-, nem umgestülpten Kömer aus böhmischem Glas gleicht – unter gold- gelb, wie von einem unterirdischen Feuer angestrahlt; darüber – rauchgrau, unscheinbar und ganz oben unvermittelt — ein knalliges Hellblau und Schwalben, hören Sie, Nid, Schwalben, die rasch in kaum sichtbare Öffnungen am Kuppelgewölbe fliegen, um sich im Sonnenschein zu baden und genauso lautlos zu verschwinden …“ Gut, daß Recuerdos nicht mehr in unserer Zeit ist, dachte Nid. Gut, daß er die Verzweiflung nicht miterlebt … „Aber woher hat er das alles? Er sprach doch kurz vor seinem Tode davon, und vor seinem Tod lügt man nicht. Ehe die Menschen ster- ben, phantasieren sie höchstens. War es Phantasie? Hm, Dr. Seami? Niemand kennt sich besser in der menschlichen Psyche aus als Sie, sagen Sie uns doch – hat er am Ende gar nichts gesehen? War es eine Fieberphantasie? Krankhafte Einbildung? Der Wunsch, wenigstens eine Legende zu hinterlassen?“ „Er hat es gesehen“, sagte Nid. „Aber was, was? Den heutigen Morgen – ja, die beiden alten Männer, das Mädchen im rosa Kittel – auch gut, wir wußten ja, daß er uns sehen muß, und wir sind hergekommen und haben gewollt oder ungewollt die Zukunft für Recuerdos geschaffen – den weißen Saal, die lila Schalttafeln und die altertümliche Villa, die keinem mehr was nützt. Ware die Beschreibung aus der Vergangenheit nicht gewesen, dann hätten wir alles anders aufgebaut, und alles wäre anders abge- laufen. Aber da wir genau wußten, wie alles sein mußte, haben wir uns daran gehalten. Wir haben unsere Rolle aufrichtig gespielt. Aber was kam dann? Schwalben, die sich im Sonnenschein baden … Sie sind Psychologe, Nid. Aber selbst Sie müssen doch so viel Ahnung von Physik haben, daß Sie wissen: Nachdem der wandernde Nebel unsere Erde passiert hat, können weder Schwalben noch die primitiv- sten Amöben am Leben geblieben sein. Alles geht schnell vor sich, sehr, schnell, und die Häuser, Villen und Kristallkuppeln werden immer noch stehen. Die Ausstrahlung richtet bei Steinen und Metall keinen Schaden an. Nur uns wird es nicht mehr geben – Schmetterlinge, Vö- gel, Menschen. Und wir können nichts dagegen tun, Nid, wir sind machtlos …“ „Aber er hat's gesehen“, wiederholte Nid Seami, „und das, was er gesehen hat, verkörpert das Glück und die Hoffnung des schönsten Jahrhunderts in der Geschichte der Menschen.“ „Er hat phantasiert!“ schrie Dominik außer sich. „Asche und Ver- wesung – das hat er gesehen. Ein paar Worte einer schönen Lüge – davon könnte die Menschheit ein Jahrhundert lang zehren. Nein, er hat nicht phantasiert, er hat gelogen, und wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich hätte ebenfalls gelogen!“ Nid Seami schüttelte bedächtig den Kopf. „Aber Manuel Recuerdos war kein weiser Mann. Er war ein Jün- gelchen, das es verdammt weit gebracht hat. Wäre er gleich nach sei- ner Rückkehr aus der Zukunft gestorben, hätte ich noch an der Wahr- haftigkeit seiner Erzählungen zweifeln können. Aber zwischen Piazza Amerina und Orly liegen ungefähr vierundzwanzig Stunden, und die ganze Zeit war er offen und ehrlich glücklich!“ „Und fünf Milliarden Menschen auf der Erde waren ein Jahrhun- dert offen und ehrlich glücklich. Ist das nicht lächerlich?“ „Nein“, sagte Seami, „das ist nicht lächerlich. Und wenn Recuer- dos das alles nicht gesehen hätte: die glitzernde Kuppel und die Schwalben auf dem Dach, den mit kleinem Bergmohn übersäten Hang, das Mädchen mit der Weinbergschnecke auf der Handfläche, den blauen Ring des Kosmodroms mit den tropfenförmigen phantasti- schen Raumschiffen – können Sie sich vorstellen, Dominik, was man fünf Milliarden Menschen eines ganzen Jahrhunderts dann genom- men hätte?“, „Was wollen Sie von mir, Nid?“ „Taten. Die Zeit geht weiter, Dominik. Scharen Sie Leute um sich. Selbst der Oberste Friedensrat ist noch nicht vollständig über alles im Wilde, was auf die Erde zukommt.“ „Ich habe nicht die Kraft, es auszusprechen, ich kann nicht …“ „Gut“, sagte Dr. Seami. „Dem Rat berichte ich. Gehen Sie nach Hause, und ruhen Sie sich aus, Dominik. In diesen Zweiundzwanzig Tagen wird uns unsere ganze Kraft, unser ganzer Mut abverlangt werden.“ „Wofür?“ fragte Nettleton müde. „Dafür, daß Manuel Recuerdos das gesehen hat, was er sehen soll“, entgegnete Nid Seami fest. „Er hat's gesehen, selbst wenn auf der Erde tatsächlich kein einziger Schmetterling, kein Vogel, keine Men- schenseele am Leben bleibt.“ „Wollen Sie an dieser Stelle eine durchsichtige Kuppel bauen? Und die Schwalben?“ „Wozu? Die Kuppel steht schon. Es ist das Gebäude des Eisstadi- ons in Kabul, und Schwalben kreisen tatsächlich um seine Überda- chung.“ „In zweiundzwanzig Tagen kann man es nicht hierher transportie- ren.“ „Wir brauchen überhaupt nichts zu transportieren, Dominik. Denn nach der Kuppel soll Recuerdos den mit rotem Mohn übersäten Hang sehen, und noch ein Jahrhundert später – den Kosmodrom. Ha- ben Sie mich verstanden, Dominik? Das alles müssen wir filmen. Und eine Präzisionsapparatur, der die Ausstrahlung des wandernden Ne- bels nichts anhaben kann, wird einmal im Jahrhundert zu einem ge- nau berechneten Zeitpunkt die Bilder dieser märchenhaften Erdenzu- kunft auf den sphärischen Bildschirm projizieren, den wir rechtzeitig in diesem Saal aufstellen müssen.“, „Die Zukunft für Recuerdos allein …“ „Die Zukunft für fünf Milliarden Menschen, Dominik! Für Glück, Hoffnung und Ruhe eines ganzen Jahrhunderts.“ „Wir werden Helfer brauchen, Nid.“ „Ich denke, wir werden genügend haben.“ „Und Kameras.“ „Wir bekommen die besten.“ „Und einen steinigen Hang, der mit kurzstieligem rotem Mohn übersät ist.“ „Den finden wir in den Alpen und montieren ihn in unser Zu- kunftsmodell.“ „Und ein mechanisches Spielzeug, das wir für einen vielseitig ver- wendbaren Roboter ausgeben können.“ … ein steiniger Hang, der mit kurzstieligem rotem Mohn über- sät ist. Kein Saal mit lila Pulten, keine Kristallkuppel mehr. Der Hang ist leer – verschwunden ist der weiße Weg, der zur Herr- schervilla hinunterführte, verschwunden ist auch die Villa selbst am Fuße des Berges. Und keine Spuren von Verwüstung – es sind nur alles in allem hundert Jahre vergangen, die Ruinen müßten noch stehen. Wahrscheinlich wurden die Gebäude an einen anderen Ort versetzt, da sind ja auch Schleif spuren auf dem Hang – von einem großen Raupenfahrzeug. Gibt es wirk- lich keinen einzigen Menschen mehr auf diesem Berg? Da erschien rechter Hand ein krausköpfiges Geschöpf von etwa vier Jahren, das auf die natürlichste Weise den steilen Hang hinunterglitt – im Sitzen. Bunte Höschen mit Trägern, der rechte Arm hatte zu tun – auf der flachen Hand lag eine große Weinbergschnecke., Das Mädchen richtete sich auf, hielt seinen Fund dicht unter die Nase und blies darauf. Manuel lachte. Das mußte man ganz anders machen, man mußte auf einem Bein hüpfen und das Zauberliedchen singen: Schnecke, Schnecke, zeig die Hörner, Ich geb dir Brot und ein paar Körner! Aber die Schnecke ließ nicht mit sich reden, und alles blieb, wie es war. Das Mädchen setzte die Schnecke vorsichtig auf die Erde, dann lief es weiter den kahlen Hang hinunter, und der niedrige Mohn schlug ihm klatschend gegen die Waden. Wohl zum ersten Mal während seiner Reise bedauerte es Re- cuerdos, daß er nicht aus der Maschine springen konnte, um dem sorglosen Geschöpf in der bunten, vom Gras grün- gesprenkelten Hose nachzulaufen. Manuel mußte an die gräßli- chen Wunderkinder denken, mit denen einfallslose Phantasten und Futurologen die Zukunft zu bevölkern pflegen – Wunder- kinder mit tropfender Nase, die kaum über ihren Nachttopf hinweggucken können, aber schon komplizierte Integralrech- nungen verstehen und jeden Vorbeikommenden mit ihrem ori- ginellen Beweis des Fermatschen Satzes strapazieren. Er bedauerte ehrlich, daß er nicht mit dem Mädchen den Hang hinuntereilen konnte; sie wurden nebeneinander laufen, zwei Pfade mit abgefallenen Mohnblüten zurücklassend, und danach würde er ihr eins von den kleinen Wundern zeigen, die die Erwachsenen unter sich verächtlich Kunststückchen nen- nen, und ihr verraten, daß er der gute Zauberer Recuerdos sei, dreihundertvierundzwanzig Jahre alt, und sie würde ihm glau- ben., Aber die Maschine anhalten und aussteigen, das ging nicht. Manuel stellte nach einem Blick auf das Voltmeter der Energie- zufuhr fest, daß die Akkumulatoren nur noch für den Flug über ein Jahrhundert reichten, und suchend warf er die Maschine ein letztes Mal herum, und die Welt, die seine Reise zum Abschluß brachte, war eine Welt, die den Sternen entgegenstrebte. Er hatte den Eindruck, daß sich die Maschine irgendwo zwi- schen den Stahlpfeilern eines Beobachtungsturms befand, der hoch in den Himmel ragte und hinter dem oberen Rand des schmalen Bullauges verschwand. Ein großmaschiges Schutz- netz vibrierte dicht vor dem Bullauge, unten umschloß den Fuß des Berges ein großer dunkelblauer Ring, den er im ersten Mo- ment für Meereswasser hielt. Aber das war kein Wasser, sondern der betonierte Startplatz des Kosmodroms, von dem sich jede Minute die mächtigen Leiber der tropfenförmigen Raumschiffe lösten und gleitend aufstiegen. Sie gewannen leicht und lautlos an Höhe, obwohl ein Wirbelwind die Luft über Piazza Arnerina zu erschüttern schien, denn das massive Metallnetz vor dem Bullauge der Ma- schine schwankte und spannte sich fortwährend. Die Raum- schiffe verloren sich im satten Blau des sizilianischen Himmels, und an der Stelle, wo sie verschwunden waren, zuckte ein paar Sekunden später, einer roten Nelke gleich, der Strontiumblitz der startenden kosmischen Motoren auf. Jetzt war Manuel klar, warum dieser Berg ein Jahrhundert zuvor so menschenleer gewesen war. Er hatte sich darauf vor- bereitet, die Last des blauen Betonringes zu tragen, und Re- cuerdos bedauerte es, daß er den Nonius des Zeitbestimmers um ganze hundert Jahre verschoben und einen so erhebenden Anblick wie den Bau des künftigen Kosmodroms versäumt hat-, te. Er hätte zweimal fünfzig Jahre weiterspringen sollen, aber jetzt war es für diese Erkenntnis zu spät, zumal nach Recuer- dos’ Raumschiffuhr schon mehr als vierzig Minuten verstrichen waren. Er brauchte nicht zu knausern. Das war ja nur ein Probeflug, und dort, vierhundert Jahre zurück, auf den Ruinen der alten Basilika wartete, vor Ungeduld und Aufregung vergehend, immer noch Weekersund auf ihn. Er mußte zurückkehren, denn nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, daß er dort, von Brian verraten, direkt in die Fänge der Polizei geriete, die den Berg schon umzingelt hatte. Aber so sollte es kommen. Bis zum Abend würde er seine Maschine zerlegen und in das bereitste- hende Flugzeug laden, um dem Weltrat zur Koordinierung wissenschaftlicher Kenntnisse Rede und Antwort zu stehen. Das Flugzeug würde im Morgengrauen aufsteigen und Kurs auf Orly nehmen – und mit der Maschine und ihren beiden Er- findern an Bord bei der Landung zerschellen. Wie schön war es, auf diese Welt zu blicken, die vierhundert Jahre voraus lag, und nicht an die nächste Stunde zu denken! Doch die Minuten verstrichen, und die Säule des Energiemes- sers erhob sich kaum noch über den Nullstand. Soll noch ein Raumschiff starten, dachte Manuel. Noch eins, danach kehre ich zurück. Er preßte die Stirn gegen das warme Plexiglas des Bullauges. Das einem schweren Tropfen gleichende, silbrig glänzende Raumschiff hob vom anderen Ende der Startbahn ab, stieg auf und erhöhte rasch die Geschwindigkeit. Aus. Manuel zog die Seidenschnur heraus, die am Schalthebel des Rheostaten dicht neben dem Nullstrich eingeklemmt war, und bremste die Maschine. Im gleichen Moment warf ihn die un-, überwindliche Kraft der einander ausschließenden Zeiten an den Ausgangspunkt seines Fluges zurück. … das einem schweren Tropfen gleichende, silbrig glänzende Kaum- schiff hob vom anderen Ende der Startbahn ab, stieg auf und erhöhte rasch die Geschwindigkeit. Danach schaltete sich der Projektionsapparat automatisch aus, und das Bild verschwand. „Das war's“, sagte Dominik, „wir haben alles getan, was wir konnten.“ Nid nickte. Sie hatten wirklich alles Menschenmögliche getan. „Aber wir haben noch fast acht Tage Zeit.“ Der sphärische Bild- schirm war wieder leer, nur der ruhelose Schatten Nettletons huschte darüber, wie ein Vogel, der das Fliegen verlernt hat. „Was machen wir jetzt? Wollen wir das ganze System noch einmal überprüfen?“ „Nein“, sagte Nid. „Ich habe die Montage von Anfang bis Ende überwacht und weiß, daß sich in diese Mammutarbeit kein Fehler, kein Versehen eingeschlichen haben kann. Denn das ist das letzte Werk menschlicher Hände, Dominik. Die letzte Arbeit. Sie ist gewis- senhaft ausgeführt.“ „Gewissenhaft – und vorzeitig. Acht Tage zu früh. Acht endlose Tage, in denen man nichts mehr ändern, nichts unternehmen kann. Acht Tage der eigenen Ohnmacht…“ „Hat er nicht die Geschwindigkeit verringert?“ „Im Gegenteil! Vor ihm liegt die Sonne, und er nimmt einen An- lauf wie ein Raubtier, das Fleisch und Blut gewittert hat; er erhöht die Geschwindigkeit und dehnt sich zu einem gewaltigen, auf die Sonne zielenden Fühlhorn aus.“ „Nun ja, als er sich unserem System näherte, erinnerte seine Form an eine Riesenbohne. Aber vielleicht …“, „Was?“ fragte Dominik schnell. „Vielleicht gibt uns die Veränderung der Form …“ Nettleton lächelte, und dieses Lächeln war weit von dem entfernt, das Recuerdos sah. „Hoffnung? Nein, mein Freund. Denk an die Konzentration der Stoßkraft. Der von der Anziehung der Sonne zerteilte Nebel umfließt sie von allen Seiten und rast weiter. Direkt auf die Erde zu.“ „Dann ist also nichts mehr zu ändern?“ „Nichts, Nid. Es sei denn, alles spielte sich in einem noch geringe- ren Bruchteil von einer Mikrosekunde ab, als wir ursprünglich an- nahmen.“ Nid Seami ging im Saal auf und ab. Der grellweiße sphärische Bildschirm wurde in wenigen Tagen hier aufgebaut. Dahinter sah man weder die Fenster noch die zum Garten offenstehende Tür, wo über dem Grün der Platanen das Dach des Maximilianischen Som- mersitzes wie der Panzer einer Seeschildkröte auftauchte. Nur noch ein Gedanke beherrschte alle, wie ein alabasterweißer undurchdringli- cher Bildschirm schloß er die Welt ringsum aus – im Bruchteil einer Mikrosekunde. Ein verschwindend kleiner Zeitsplitter, der, von den Menschen nicht wahrgenommen und vielleicht nur für die Physiker existent, weder das schwerblättrige Rauschen des Platanenhains noch das metallische Zirpen der Zikaden, noch das Schnaufen des mensch- lichen Atems in sich aufnehmen konnte. Im Bruchteil einer Mikrosekunde – so wenig Zeit, daß niemand merken wird, was von alledem zuerst verstummt. Die Schatten zweier Menschen trafen sich auf dem weißen Bild- schirm. Sie kannten einander so lange – Nid Seami und Dominik Nettleton –, daß jeder die Gedanken des anderen erriet. Beide dachten an das gleiche. Alle menschenmögliche Arbeit lag hinter ihnen, und sie hatten nichts zu fürchten – sofern man nichts zu fürchten hat im, Angesicht des unausweichlichen Todes. Dominik, der sich nicht scheute, als der Schwächere zu erscheinen, sprach seinen Gedanken aus: „Ich kann mir nur das eine wünschen, daß ich in dieser Mi- krosekunde nicht als letzter zurückbleibe.“ „Niemand von uns wird der letzte sein“, erwiderte Nid Seami, „denn nach uns wird es nur die Trugbilder dieser Fata Morgana hier geben, der wir selber so gern geglaubt hätten. Wie Leuchttürme wer- den sie zur festgesetzten Zeit aufflammen und fünf Milliarden Men- schen die glückliche Gewißheit ihrer Zukunft geben. Wir haben getan, was noch nie jemand getan hat, wir haben mit eigenen Händen die Zukünftige Welt dargestellt. Beschrieben haben diese Welt viele, aber wir haben sie nicht beschrieben, wir haben sie aufgebaut. Nach uns wird es niemanden mehr geben, der je erfährt, was uns diese Arbeit gekostet hat. Wir beide, Dominik, können das wohl am besten ermes- sen. Aber wir sind für unser Werk wie kein Mensch vor uns belohnt worden. Wir durften erfahren, was es selbst nach hundert Jahren wert war. Diejenigen, die die Zukunft um der Zukunft willen schaffen, werden mit der Hoffnung belohnt. Uns, die wir die Zukunft für die Vergangenheit schufen, wurde die Gewißheit des unbedingten Nut- zens zuteil, denn dieses letzte von der Menschheit durchlebte Jahr- hundert war das schönste in der ganzen Erdengeschichte. Das wissen wir. Und das ist doch ausreichender Lohn für unseren Mut, ist es nicht so, Dominik?“ … das einem schweren Tropfen gleichende, silbrig glänzende Raumschiff hob vom anderen Ende der Startbahn ab, stieg auf und erhöhte rasch die Geschwindigkeit. Aus. Der Bildschirm flimmerte wieder leblos weiß. Danach ertönte Kinderlachen. „Das sind ja ganz einfache Luftballons!“ rief begeistert ein, Bürschchen, das sich weit aus der Luke seiner einsitzigen Kin- derflugkapsel herauslehnte. „Ich will in ein Gravitationsloch fallen, wenn das keine Luftballons sind! Zum Lachen!“ „Das ist nicht zum Lachen, Kleiner“, sagte ein junger Mann mit bläulichem Gesicht, wie es nur Menschen haben, die im Kosmos geboren sind. Er schaltete den Motor seiner Flugmaschine ein, und die leichte Kapsel stieg in den veilchenblauen Morgenhimmel. Er landete auf der weißen Leuchtturmspitze, die sich nach Süden zu öffnete wie ein Tor aus Elfenbein, durch das, nach dem Glauben der Alten, prophetische Träume kamen. Er blickte um sich und sah Tausende von Menschen, die im Gras standen, saßen oder in ihren winzigen, kaum hörbar summenden Flugkörpern in der Luft hingen. Tausende von Menschen, die hierhergeströmt waren, um gemeinsam mit Ma- nuel Recuerdos in seiner unsichtbaren Zeitmaschine eine wun- derbare Fata Morgana zu betrachten, die weder dem Bild der Vergangenheit noch einer Darstellung der Gegenwart glich. Sie alle hatte das schöne Märchen angezogen, das vor drei Jahrhunderten über die Zukunft, über ihre Welt entstanden war und das ihnen wie die zum Leben erwachte Zeichnung eines guten Kindes erschien. Da ergriff der Mann, der im Kosmos geboren war, das Wort. „Das ist nicht zum Lachen, Kleiner“, wiederholte er, und sei- ne Stimme war am Fuße des Berges genauso deutlich zu hören wie in den am weitesten entfernten Flugschiffchen, die drei Meilen von Piazza Amerina in der Luft hingen. „Ja, diese Bil- der, die vor rund dreihundert Jahren entstanden sind, erinnern uns an die fliegenden Fahrräder, mit denen phantasiereiche Schwärmer zu Wells' und Jules Vernes Zeiten die Welt der Zu-, kunft bevölkerten. Dennoch sind wir überzeugt, daß Manuel Recuerdos gerade diese naiven Bildchen gesehen haben muß und nicht die interstellaren Raumschiffe, die heute tatsächlich von unseren Startrampen aufsteigen. Natürlich hätten wir uns auf die Vorführung eines Stereofilms beschränken sollen, weil nur ein Schwärmer aus der fernen Vergangenheit auf die Idee kommen konnte, einen modernen Kosmodrom auf eine Insel zu verlegen, die von dem dichtest besiedelten Meer umgeben ist. Aber das soll uns jetzt nicht stören. Wir haben Nettletons und Seamis Wunschbilder nicht darum gesammelt und aufbewahrt, weil sie dem Menschen des Jahres dreiundachtzig zugänglicher und verständlicher waren als die Technik unserer Tage, die auf Prinzipien basiert, von denen Recuerdos und seine Zeitgenos- sen noch keine Ahnung hatten. Wir haben es aus Achtung vor dem Willen und dem Mut jener Menschen getan, die selbst an- gesichts des drohenden Todes so wunderbare Märchen schu- fen, Märchen für ein unwiederbringlich dahingegangenes Jahr- hundert, für Menschen, die bereits tot sind. Und sie haben ihr Ziel erreicht: Dieses Jahrhundert hat es ihnen mit einer unge- ahnten Blüte menschlicher Kräfte und Talente vergolten. Die Erde, die zu unseren Füßen liegt – Sizilien, war eine Insel des Elends und des Durstes. Wie wenig war im Grunde genommen erforderlich, um es in einen einzigen Garten zu verwandeln. Ein winziger Teil der Energiereserven des Mittelländischen Meeres und der freiwillige Einsatz einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern. Und danach schenkte das dankbare Europa diese Insel jenen, die sie umgestaltet hatten – den Wissenschaft- lern der Welt. Sizilien wurde zu einer Insel der Wissenschaft, und Piazza Amerina, das abgelegene kleine Institut, verwandel- te sich in ein Weltzentrum., Recuerdos war kein großer Gelehrter, er war ein talentierter, intuitiv handelnder Experimentator, der mehr Glück als Verstand hatte. Wir werden nie erfahren, wie er das Gesetz der Bewegung in der Zeit entdeckte. Er starb so rasch und unerwar- tet, daß er nicht mehr dazu kam, das zu formulieren, was er bereits in die Tat umgesetzt hatte oder erst plante. Es scheint beinahe so, als wäre seine Entdeckung rein zufällig gewesen und irgendeinem Fehler des Experiments entsprungen. Aber wie dem auch sei, die Insel, auf der so einmalige Erfahrungen gesammelt wurden, wird immer häufiger mit dem Namen des verunglückten Erfinders in Zusammenhang gebracht. Solche Bezeichnungen kamen und blieben in Umlauf wie der Recuer- dos-Saal, der Recuerdos-Berg, das Recuerdos-Institut und schließlich die Recuerdos-Insel. Die sechs Zeichnungen, die Re- cuerdos machte, solange seine Hand den Bleistift noch führen konnte, überzeugten die Menschheit von der realen Existenz einer Zukunft, wie er sie sah. Aber damals erhob sich vor den Futurologen ein neues Pro- blem. Die Zukunft Manuel Recuerdos' entsprang allem Gegen- wärtigen, den Start der Zeitmaschine einbegriffen. Den einzigen Start. Wenn es nun gelänge, den Versuch zu wiederholen – würde sich das nicht auf die weitere Entwicklung der Mensch- heit auswirken, das heißt, würde das nicht zusätzliche Mög- lichkeiten schaffen, in deren Verlauf die Entwicklung einen an- deren Weg einschlagen könnte? Würde die Zukunft, mit den Augen eines zweiten Experimentators gesehen, nicht anders erscheinen, von Recuerdos’ Zukunft abweichen? Die Frage war falsch gestellt, denn die Zukunft ist genauso einheitlich und unveränderlich wie die Vergangenheit. Etwas, anderes ist es, wie man diese Zukunft sieht. Wenn bei- spielsweise der zweite Start auf der Insel Malta erfolgt wäre, die zu einem Naturschutzpark für Riesenreptilien wurde, fürchte ich, daß die Menschen des Jahres dreiundachtzig den Untergang der Menschheit bis an ihr Lebensende beweint und auf die vor- sintflutlichen Riesenechsen zurückgeführt hätten, die auf uner- klärliche Weise auf der Erde wiederauferstanden waren. Aber die Frage war scharf gestellt, und bis zu ihrer Lösung unterließ die Menschheit jegliche Versuche mit der Zeit- maschine, um nicht durch ein unbedachtes Aufkreuzen in künf- tigen Zeitaltern diese schöne Zukunft zu verscheuchen, zu ver- fälschen, zu verderben. Übrigens, auch ohne dieses Verbot wäre es damals kaum jemandem gelungen, Recuerdos’ Versuch zu wiederholen. Uns ist bekannt, daß nach dem Absturz der Ma- schine, bei dem auch sämtliche Zeichnungen und Skizzen ver- lorengingen – unvorsichtigerweise beschloß der Erfinder, sämt- liche Unterlagen mit nach Paris zu nehmen und keine einzige Kopie in Piazza Amerina zurückzulassen –, die Vermutung ge- äußert wurde, Recuerdos habe eine prinzipiell neue Konstruk- tion eines Zeitmotors entwickelt. Diesen neuen Weg beschritten auch sämtliche Nachfolger trotz des offiziellen Verbots, das da- nach bedeutend strikter eingehalten wurde. Aber alle Versuche waren zum Scheitern verurteilt, und das Verdienst der nochma- ligen Entdeckung fiel nicht einem Physiker, sondern einem Psy- chologen zu. Nid Seami erkannte als erster, daß zwischen Recuerdos’ Be- richt über die Raschheit der Bewegungen und dem tat- sächlichen Bild ein Widerspruch lag. Damals stellte er a priori die Behauptung auf, daß eine Verschiebung in der Zeit bei äu- ßerst geringen Geschwindigkeiten möglich sein müsse, um so, Ereignisse anderer leiten zu beobachten, ohne sich einzumi- schen. Er notierte seinen Gedanken, behielt ihn aber für sich, und erst dreihundert Jahre später fanden wir die Notiz in sei- nen Papieren. Und so verging das erste Jahrhundert der prophezeiten Zu- kunft, ein Jahrhundert, an dessen Anfang Manuel Recuerdos stand und das bei Nettleton und Seami seinen Abschluß fand. Danach trug sich das zu, was Ihnen aus der Geschichte gut be- kannt ist. Unser System traf mit dem wandernden Nebel zu- sammen. Die Astronomen der Erde waren nie auf eine ähnliche Erscheinung gestoßen und konnten nicht voraussehen, daß der gewaltige Nebel von der Sonne gänzlich angezogen würde und sich auf ihrer Oberfläche niederschlüge, was nur zu einem mas- senweisen Ausstoß von Protuberanzen führte. Die Menschheit war von ihrem Untergang überzeugt, denn sich auf andere Pla- neten und künstliche Sputniks zu retten erschien unmöglich – die ursprüngliche Nebelfront hatte schon sämtliche Gebiete un- seres Systems erfaßt, die bis zum Jahre dreiundachtzig eines Menschen Fuß betreten hatte. Als die Gefahr vorüber war, beschlossen die Menschen, die unter Nettletons und Seamis Leitung geschaffenen Anlagen nicht zu zerstören – wenn die Menschheit bis dahin um die Exi- stenz ihrer Zukunft gebangt hatte, so wollte sie jetzt nicht ihre glückliche Vergangenheit aufs Spiel setzen –, und Sizilien wur- de zur Insel der Hellen Leuchttürme. Heute ist der letzte dieser Türme erloschen. Die Maschine Manuel Recuerdos’ kehrte an ihren Ausgangspunkt zurück, und wir – müssen uns nicht die Bilder unseres morgigen Tages heimlich ansehen, wir wissen auch so, daß er hell und schön sein wird, und selbst wenn wir ihn hier erblickten, vor der Zeit, erblickten, änderte das nichts daran, daß er, wenn er kommt und genau unseren Vorstellungen entspricht, allein dadurch tausendmal schöner sein wird, daß es ihn tatsächlich gibt, daß er das wahre Leben ist. Und das, was wir noch nicht entdeckt, erfunden, geplant haben, alles das können wir in die eigenen Hände nehmen, ohne Vorsagen, ohne Abgucken. Das ist die Geschichte der Insel, aber heute wollte ich über etwas anderes sprechen. Der letzte Helle Leuchtturm auf Sizili- en ist erloschen, aber mir scheint, man sollte die Erinnerung daran in den Namen der Insel einbeziehen, und diese Erinne- rung soll mit der Erinnerung an die guten, starken Menschen verbunden sein, die einst über diesen steinigen Boden schritten. Aber leider sind uns von den dutzenden, hunderten Freiwilli- gen, die diese Leuchttürme anzündeten, nur zwei Namen be- kannt: Dominik Nettleton und Nid Seami. Die Insel nach ihnen zu benennen wäre eine Ungerechtigkeit gegenüber den anderen – Namenlosen. Darum möge Sizilien einen Namen erhalten, bei dessen Er- wähnung man all dieser Menschen gedenkt – möge sie Insel der Mutigen heißen.“ Der Mann, der nicht auf der Erde geboren war, verstummte und ließ den Blick über die Menschen schweifen, die sich rings um den weißen Leuchtturm geschart hatten. Alle schwiegen, weil sie einverstanden waren, und am Heck jedes Schiffchens flammten bläuliche Feuer auf – das Zeichen der Zustimmung. Und nur dem Bürschchen, das sich weit aus der Luke seiner Kinderflugkapsel herausgelehnt hatte, genügte dieses stumme Einverständnis nicht, darum fuchtelte er mit den Armen und schrie: „Genehmigt, Kapitän!“,

Wladlen Aus den nichter- Bachnow dachten Erzählungen

des weitgereisten und verdienten

Zeitenfahrers Nikolaj Loshkin

Besagter Balabaschkin Kürzlich feierte ich ein bescheidenes Dienstjubiläum: fünf- undzwanzig Jahre am Steuer meines Zeitenfahrzeugs. Der Hauptbuchhalter hat ausgerechnet, daß ich in diesem Vier- teljahrhundert nicht mehr und nicht weniger als fünfhun- derttausend Jährchen hinter mich gebracht habe. Nicht übel, was? Sicherlich wird Ihnen einleuchten, daß ich im Laufe dieser fünfhunderttausend Jahre allerhand Interessantes zu sehen be- kam. Aber wenn Sie glauben, die Arbeit auf solch einem Zeiten- fahrzeug sei leicht und unkompliziert, dann haben Sie einfach keine Ahnung von den verantwortungsvollen und schwierigen Aufträgen, die ich auszuführen hatte. So stand ich mit meinem Wagen beispielsweise einmal im Dienst eines interessanten Instituts, des sogenannten Hilkü- gens. Ein recht unverständlicher Name, wie man zugeben wird, und im Grund wußte auch niemand so richtig, womit sich diese, Einrichtung eigentlich befaßte. Dabei hatte sich das Hilkügen eine sehr nützliche und wohltätige Aufgabe gestellt. Seine De- vise lautete: Hilfe den künftigen Genies. Meine Arbeit dort verlief folgendermaßen: Etwa einmal im Jahr startete ich mit meinem Zeitenfahrzeug in die Zukunft, na, sagen wir, um zirka hundertfünfzig Jahre voraus, lebte dort eine geraume Weile, horchte ein bißchen herum und klärte, welcher von unseren berühmten Zeitgenossen bei den Nach- fahren bekannt und geschätzt und wer völlig in Vergessenheit geraten war. Mit anderen Worten, ich fand heraus, wer von un- seren „Leuchten“ tatsächliche Größe besaß. Und obgleich die Werturteile der Ururenkel nicht immer mit den unseren übereinstimmten, galten ihre Entscheidungen doch als endgültig und unanfechtbar. Die Informationen, die ich aus der Zukunft mitbrachte, hielt das Hilkügen streng geheim. Diese Geheimhaltung sah in der Praxis so aus, daß, sagen wir, die Mitarbeiter der Abteilung Chemie im Hilkügen die Namen der großen Physiker nicht kannten oder die Abteilung Musik keine Ahnung von den wirklich genialen Malern besaß. Zum einen wurde auf solche Weise verfahren, um denjeni- gen nicht die Stimmung zu vermiesen, die da immer glaubten, sie wären etwas Besonderes, zum anderen – und das war die Hauptsache – war es dem Hilkügen kategorisch untersagt, in den natürlichen Gang der Geschichte einzugreifen, den Ereig- nissen zuvorzukommen und sich in das Leben der berühmten Leute einzumischen. Dem Hilkügen war es lediglich gestattet, den durch die Zeit überprüften und bestätigten Genies unauffällig und ganz peu à peu zu günstigeren Lebensbedingungen zu verhelfen., Zu Bedingungen, die es besagten Genies gestatteten, ihr Ta- lent fruchtbar zu entfalten und der Menschheit den größtmögli- chen Nutzen zu bringen, ohne ihre kostbare Zeit für Gedanken ans tägliche Brot verschwenden zu müssen. Mit solcherart Lebensfragen also hatte sich das Hilkügen zu befassen. Und so wurde ich nun eines schönen Tages in die Literatur- abteilung bestellt. Man bat mich, herauszufinden, welcher un- serer Dichter der bedeutendste sei. Die Angelegenheit war natürlich nicht übermäßig kompli- ziert, aber einigermaßen heikel. Ich fuhr also los, landete hundert Jahre später am gleichen Ort, versteckte den Wagen und machte mich an die Klärung dieser Frage. Ich unterhielt mich mit den Nachfahren zunächst über den einen unserer Poeten, dann über einen zweiten, einen dritten … Was aber mußte ich feststellen? Sie kannten keinen einzigen von ihnen. Es war direkt beleidigend. „Es kann doch, Genossen Nachfahren“, sage ich, „nicht gut möglich sein, daß Sie keinen einzigen unserer Dichter kennen!“ „Selbstverständlich kennen wir einen!“ „Und wen?“ „Balabaschkin.“ „Was für einen Balabaschkin?“ Nun war die Reihe an den Nachfahren, Verblüffung zu zei- gen. „Was heißt hier – was für einen Balabaschkin?“ Bei diesen Worten starrten sie mich an, als hätte ich gefragt: Was für einen Puschkin? „Es ist doch unmöglich, daß Sie nichts von Michail Balabaschkin kennen! Das ist doch ein genialer Dichter, der ge- nau zu Ihrer Zeit gelebt hat!“, „Ach so, den Michail Balabaschkin meinen Sie! Aber ja doch! Natürlich!“ rief ich aus und wurde rot, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von der Existenz eines solchen Dichters. „Selbstverständlich“, sage ich, „habe ich das eine und andere von ihm gelesen. Ich bin sogar persönlich mit ihm bekannt!“ Letzteres hatte ich sozusagen der größeren Überzeugungs- kraft wegen eingeflochten. Was mir freilich gar nichts nützte! Die lieben Nachfahren hatten kaum vernommen, daß ich Bala- baschkin persönlich kannte, als sie mich auch schon zu bearbei- ten begannen. Sie sagten, ich müsse mit den Erinnerungen an meinen berühmten Zeitgenossen unbedingt und an Ort und Stelle an die Öffentlichkeit treten. Und zwar nicht so nebenbei vor kleinem Publikum, sondern in einer Fernsehsendung, die über den ganzen Planeten ausgestrahlt werden sollte. Schließ- lich wollte die gesamte Menschheit etwas über ihren Lieblings- dichter Balabaschkin erfahren. Selten bietet sich einem die Gelegenheit, sich gleich vor der gesamten Menschheit zu blamieren. Ich nahm diese unge- wöhnliche Chance jedoch nicht wahr, sondern schützte einen dringlichen Auftrag vor. Ich setzte mich in mein Zeitenfahrzeug und flüchtete, beschämt ob meiner geringen Bildung und Mit- telmäßigkeit, in die Gegenwart. Ich meldete mich im Hilkügen zurück, erzählte wahrheits- gemäß, wie meine Reise verlaufen war. Mir fiel, ehrlich gesagt, ein Stein vom Herzen, als ich feststellen mußte, daß die Litera- turabteilung von unserem bedeutenden Zeitgenossen nicht viel mehr Ahnung hatte als ich. Da ich jedoch auf Grund meiner überstürzten Abreise nichts weiter über Balabaschkin in Erfahrung gebracht hatte, als daß er ein Genie sei, bereitete es ziemliche Mühe, ihn ausfindig zu, machen. Der große Dichter war weder Mitglied des Schriftstel- lerverbandes, noch gehörte er irgendwelchen Literaturkreisen an. Auch in den Zeitschriften tauchte sein Name niemals auf. Und dennoch gelang es dem Institut nach langwierigen Ermitt- lungen herauszufinden, daß es in einem gewissen Faustowo einen jungen Dichter namens Michail Balabaschkin gab, der seine Verse in der Zeitung „Der rührige Feuerwehrmann“ ver- öffentlichte. Und das Hilkügen ging ans Werk, Balabaschkin gute Be- dingungen zu schaffen. Von nun an wurde er in den dicksten Zeitschriften gedruckt, man holte ihn von Faustowo nach Moskau, gab ihm eine Woh- nung. Er sollte nach Herzenslust schreiben! Schon bald erschien sein erstes Buch, dann ein zweites. Und obwohl natürlich niemand aus dem Hilkügen auch nur eine Silbe darüber verloren haben konnte, daß es sich bei Bala- baschkin um ein bestätigtes Genie handelte, hatten unsere Kri- tiker irgendwie doch den richtigen Riecher und rühmten Bala- baschkin in jedem ihrer Artikel. Er schrieb viel, gedruckt freilich wurde er noch mehr, denn jedes seiner Gedichte wurde mindestens zehnmal publiziert. Um es kurz zu machen: Michail Balabaschkin gehörte zu je- nen seltenen Genies, die schon zu Lebzeiten voll und ganz an- erkannt und entsprechend gewürdigt werden. Was mich nun betraf, so war es ein angenehmes Gefühl zu wissen, daß ich das Schicksal dieses Mannes entscheidend mitbestimmt hatte. Schließlich verdienen Genies in der Tat höchste Ehrerbietung! Kürzlich war ich nun aus dienstlichen Gründen wieder ein- mal im zukünftigen Jahrhundert. Aus purer Neugier wollte ich in Erfahrung bringen, wie sich das Schicksal meines berühmten, Zeitgenossen weiter gestaltet hatte. In der Bibliothek nahm ich mir sämtliche wissenschaftlichen Abhandlungen vor, die Balabaschkin gewidmet waren, und blätterte sie durch. Was mußte ich jedoch feststellen? Jener Mi- chail Balabaschkin, den unsere Nachfahren kannten und ver- ehrten, hatte nicht das geringste mit dem zu tun, den wir feier- ten. Während sich mein Balabaschkin in der Hauptstadt an sei- nem Erfolg berauschte, fristete das echte Genie Michail Bala- baschkin, der Namensvetter des Pseudo-Balabaschkin, sein Le- ben in Konotopa und veröffentlichte seine genialen Verse hier und da unter dem Pseudonym U. Pimesonow. Zu dem Pseu- donym nahm er Zuflucht, weil er es für unbescheiden hielt, mit seinem richtigen Namen zu unterschreiben, wo es doch den berühmten Balabaschkin gab. So war das also! Und mir fiel ein, daß ich tatsächlich hier und dort auf Ge- dichte U. Pimesonows gestoßen war, sie aber nicht weiter be- achtet hatte. Dann blätterte ich noch die ganze Enzyklopädie durch, fand jedoch kein einziges Wort über meinen Balabaschkin. Oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben, fast keins – indirekt wurde er nämlich doch einmal erwähnt: im Moskauer Straßenverzeichnis war eine Balabaschkin-Gasse angeführt. Selbstverständlich ließ ich im Hilkügen nichts von meiner Entdeckung verlauten; für eine solche Irreführung würde man mich nicht gerade mit Samthandschuhen streicheln … Nun plagt mich zwar das Gewissen, aber ich tröste mich damit, daß der echte Balabaschkin, wie die Zukunft ja erwies, zu seinem Recht kommen wird. Dieser Pseudo-Balabaschkin aber, der zeitweilig die Pflichten des großen Dichters innehat, soll sich ruhig noch ein bißchen in dem Glanz sonnen, ein Genie, zu sein. Schließlich und letzten Endes wird sich dadurch nicht die Bohne ändern! Die zwölf Feiertage Nur Pflichtgefühl und eiserner Wille, wie er allen echten Zei- tenfahrern eigen ist, brachten mich dazu, jenen seltsamen Auf- trag zu übernehmen, der mich etliche Zeit beschäftigte. Ich will Ihnen gern davon erzählen, wenn Sie mir versprechen, daß al- les unter uns bleibt. Eines Tages schickte mich der Internationale Wissenschaft- liche Rat mit dem ZeitenfahrzeugMW20–64 in die Ver- gangenheit eines kleinen Staates. Ich bin nicht befugt, Ihnen Namen und geographische Lage dieses Landes zu verraten. Nennen wir es deshalb einfach Ypsilonien. Ich war also auf per- sönlichen Wunsch des Premierministers von Ypsilonien dorthin beordert worden, um in einer geheimen Staatsangelegenheit Hilfe zu leisten. Kaum in diesem unglücklichen Land angelangt, begriff ich freilich sofort, daß niemand ihm wirklich zu helfen vermochte. Es wurde nämlich von einem unfähigen König regiert, dessen Namen zu nennen ich gleichfalls nicht das Recht habe. Soll er darum Alfons heißen. Um Ihnen aber begreiflich zu machen, was es mit Alfons auf sich hatte, brauche ich nur einen Vergleich anzuführen. Ich brauche Ihnen nur zu sagen: Würde man diesen Monarchen an die Spitze eines beliebigen blühenden Reiches stellen, er hätte es innerhalb von drei Jahren zu einem schwachentwickelten Land heruntergewirtschaftet. Das Hauptunglück Ypsiloniens, bestand nun aber nicht etwa darin, daß sein König mehr Geld ausgab, als er besaß, sich Dinge leistete, die er sich nicht hätte leisten dürfen, anderen Leuten verbot, was man nicht verbieten konnte … Hätte Alfons lediglich diese Mängel gehabt, so wäre das noch angegangen; er hätte sich kaum von seinen Vorgän- gern unterschieden. Nein, bedeutend verderbenbringender für das Land war die Tatsache, daß der König von Zeit zu Zeit geniale Ideen ent- wickelte, durch die er sein Reich in kürzester Frist zu höchstem Ruhme zu bringen hoffte. Alfons war emsig bestrebt, Ypsilonien in ein Land des Wohlstands zu verwandeln. Um dieses Ziel zu erreichen, schonte er weder sich selbst noch gar seine Untertanen. Wenn der junge Monarch beispielsweise an einem Montag von einer neuen Idee erleuchtet worden war, so nahm diese Idee am Dienstag bereits Gesetzescharakter an. Am Mittwoch trat der neue Erlaß dann in Kraft, und am Donnerstag schon rollten die Köpfe der ersten Gesetzesübertreter. Gewiß, nach ein oder zwei Monaten war das neue Gesetz in Vergessenheit geraten, doch die Köpfe purzelten nach wie vor. Vor allem, weil mittlerweile eine noch bessere Verfügung erlas- sen worden war. In Ypsilonien gab es ein geflügeltes Wort: Wenn nur ein Gesetz da ist – es wird sich schon jemand finden, der es bricht. Es war nur natürlich, daß sich der König wegen seiner Neue- rungen mit niemandem beriet. Zwar besaß er Ratgeber, aber deren Rolle beschränkte sich auf das Anhören von Ratschlägen ihres Herrschers. Alfons hatte auch Gelehrte am Hof, doch die wurden offenbar nur so bezeichnet, weil sie Lehren durch den König entgegennahmen., Deshalb konnte es eigentlich nicht verwundern, daß die um- wälzenden Ideen des jungen Monarchen von so durchschla- gender Wirkung waren. Jetzt werden Sie sicherlich wissen wollen, was nun ich, ein Fahrer erster Klasse, einer der erfahrensten Zeitreisenden, in diesem zurückgebliebenen Ypsilonien ausrichten konnte? Und wozu mich der Premierminister überhaupt brauchte? Wir Zeitenfahrer prahlen nicht gern. Aber ich muß ehrlich zugeben: Es wäre falsch von mir gewesen, nicht in dieses Land zu gehen. Ohne mich wäre es den Ypsiloniern noch schlimmer ergangen als bis zu diesem Augenblick. Der Premierminister hatte mich nicht von ungefähr zu sich gebeten; er wußte, was er tat! Meine Aufgabe sah folgendermaßen aus: Kaum hatte der König das neueste Gesetz erlassen, das seinen Untertanen zum Wohl gereichen sollte, setzte ich mich in mein Zeitenfahrzeug und machte mich auf den Weg in die allernächste Zukunft. Dort fand ich in allen Einzelheiten heraus, welches Unheil über das Königreich, dank des neuen Gesetzes, hereinbrechen wür- de, und kehrte wieder zurück. Daß es Unheil geben würde – daran zweifelte außer Alfons niemand. Wichtig war nur zu klä- ren, welche Unannehmlichkeiten konkret zu erwarten waren, damit der Premierminister wenigstens bis zu einem gewissen Grad vorbereitet war. Darin also bestand meine Arbeit in diesem unseligen König- reich. Es war klar, daß alles unter strengster Geheimhaltung erfolgte. Der König ahnte weder von meiner Tätigkeit etwas noch von meiner Existenz überhaupt. Dabei begriff ich sehr gut, daß Alfons früher oder später Wind davon bekommen und mir das nicht gerade zum Guten ausschlagen würde., Und so geschah es am Ende auch. Eines Tages rief mich der Premierminister zu sich und sagte: „Machen Sie sich bereit. Seine Hoheit hat sich ein neues Gesetz ausgedacht. Diesmal geht es um den endgültigen und allge- meinen Aufschwung …“ Und der Minister zeigte mir ein Do- kument, dessen Überschrift lautete: „Gesetz über die zwölf Fei- ertage“. „Vom heutigen Tage an“, hieß es in diesem Dokument, „wird zum Zwecke der schnellstmöglichen Errichtung eines totalen Wohlstands in Ypsilonien ein neues System eingeführt, das die Bezeichnung tragen soll: ,Du mir – ich dir’ oder einfach ‚System der zwölf Feiertage’. Die Feiertage werden allmonatlich begangen. Jeglicher Bürger ist verpflichtet, jeden Monat nicht weniger als zwanzig seiner Mitmenschen zu beschenken, und er ist berech- tigt, von all denen, die er beschenkt hat, gleichermaßen nützli- che Dinge zu erhalten. Um die kontinuierliche Produktion der verschiedenartigsten Geschenke zu gewährleisten, werden im Königreich neue Fa- briken und Werke entstehen. Dadurch werden letztlich die Ar- beitslosigkeit beseitigt und der allgemeine Wohlstand erhöht werden. In dem Maße, wie der Wohlstand der Bürger von Ypsilonien steigt, gelangen sie in die Lage, einander immer kostbarere Zuwendungen zu machen. Das wird seinerseits wieder zur Hebung des Lebensstan- dards beitragen. Da die Nachfrage nach Geschenken von Monat zu Monat steigen wird und sich folglich völlig neue Produktionszweige entwickeln dürften, wird das Königreich schon bald zu einer, gewaltigen Industriemacht amerikanischen Typs heran- wachsen. In Anbetracht dieser Perspektive kann die Bedeutung des neuen Gesetzes nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dank des Systems der zwölf Feiertage wird in Ypsilonien be- reits in zwei bis drei Jahren eine Epoche des totalen Wohlstands und eines hohen Lebensniveaus für jeden einzelnen anbrechen. Vom Anbruch dieses Wohlstands ist Meldung zu erstatten. König Alfons I.“ Ich gab dem Minister das Gesetz zurück, der es sorgfältig in einem feuerfesten Safe deponierte. Dann bat er mich, so bald wie möglich in die Zukunft zu reisen. „Ich hab keinerlei Vor- stellung“, sagte er, „womit das Ganze enden wird.“ Und ich versprach ihm, mich gleich am nächsten Morgen auf den Weg zu machen, um die bevorstehenden Unannehmlich- keiten ganz konkret in Erfahrung zu bringen. Die Unannehmlichkeiten allerdings begannen bereits in der- selben Nacht. Und es passierten so unwahrscheinliche Er- eignisse, daß selbst ich sie nicht hatte voraussehen können. Ich war überzeugt, daß niemand außer dem Premierminister wußte, wer ich war und womit ich mich befaßte. Doch alles er- wies sich als bedeutend verworrener. Damit Sie verstehen, was sich im folgenden zutrug, muß ich freilich ein wenig abschwei- fen. Die Sache war die, daß Ypsilonien schon seit mehr als hun- dert Jahren mit seinem Nachbarland Ixonien verfeindet war. (Der Name Ixoniens ist natürlich gleichfalls willkürlich ge- wählt.) Einige Male hatten beide Staaten sogar gegeneinander Krieg geführt, doch das hatte keine Veränderungen gebracht,, denn sie waren etwa gleich stark. Oder genauer gesagt, sie wa- ren gleich schwach. Mit der Machtübernahme Alfons' freilich änderte sich alles. Schon nach den ersten Neuerungen durch den jungen Mon- archen begriff man nämlich in Ixonien: Wenn man Alfons freie Hand ließ, dann würde er Ypsilonien selbst mit seinen Gesetzen so weit bringen, daß es mit bloßen Händen einzukassieren war. Und der Premierminister von Ixonien betete zu Gott, daß Al- fons sich so lange wie möglich auf dem Thron hielt. Andererseits begriff er sehr gut, daß mit Beten allein nichts getan war. Alfons konnte jederzeit aus dem Wege geräumt werden, und zwar sowohl von seinen zur Macht drängenden Nachfolgern als auch von seinen zur Verzweiflung getriebenen Ministern. Selbst die Untertanen seines Landes konnten letzt- lich aufmucken und ihn vom Thron stoßen. Um einer solchen Entwicklung der Dinge vorzubeugen, be- rief der Premier Ixoniens ein höchst geheimes Komitee zum Schutze des Feindes Nr. 1. Dieses Komitee schleuste an die tau- send der erfahrensten Spione nach Ypsilonien ein, die den Kö- nig ohne sein Wissen vor seinen inneren Feinden beschützen sollten: vor Aufwieglern, Verschwörern, Verwandten, Freun- den, Leibärzten und selbst vor der Leibwache. Kein einziger Mensch in Ypsilonien ahnte auch nur das geringste von der Existenz solcher Agenten. Sie aber, eben diese Männer, setzten ihr Leben aufs Spiel, nur um ihren verschworenen Feind Nr. 1 vor Attentaten, Herzanfällen und Infektionskrankheiten zu be- wahren. Selbst Geheimnisse, von denen weder die Geheimpoli- zei noch der Sicherheitsdienst Ypsiloniens etwas wußte, waren den Agenten des Komitees zum Schutze des Feindes bekannt. Als sich der Premier von Ixonien eines Tages darüber zu, wundern begann, daß Alfonsens neue Gesetze dem Land nicht mehr den gehörigen Schaden zufügten, ließ er durch seine Spit- zel Nachforschungen anstellen. Sie gingen auch sofort ans Werk und bekamen Wind von meinen Reisen in die Zukunft. Deshalb schrieben sie auf Befehl des Premiers von Ixonien einen anonymen Brief an König Alfons, in dem sie ihm von den Machenschaften seines Ersten Ministers berichteten. Durch die- se Maßnahme hofften sie, mit einem Schlage sowohl mich als auch die Vertrauten des Königs unschädlich zu machen. Doch obwohl ihre heimtückischen Pläne zum Teil Wirklich- keit wurden, rettete ebendieser anonyme Brief das be- dauernswerte Ypsilonien. Geschehen aber sollte folgendes: In der Nacht des gleichen Tages, an dem ich vom System der zwölf Feiertage erfahren hatte, suchten mich zwei Männer auf und erklärten, der König wünsche mich sofort zu sehen. Ein anderer an meiner Stelle wäre sicherlich völlig aus der Fassung geraten. Nicht so ich. Wir Zeitenfahrer sind schon mit ganz anderen Situationen fertig geworden. Für Leute mit schwachen Nerven freilich ist unser Beruf nicht das Richtige. „Ich bitte um Entschuldigung, daß meine Offiziere Sie ge- weckt haben“, sagte Alfons höflich, kaum daß ich zu ihm ge- führt worden war. „Nicht doch, nicht doch, Eure Hoheit“, erwiderte ich, ebenso wohlerzogen. „Ich werde schon noch zu meinem Schlaf kom- men.“ „Dessen bin ich mir nicht so sicher!“ sagte der König zwei- deutig und musterte mich, der ich völlig gelassen blieb. „Haben Sie, Mister Loshkin, nicht auch den Eindruck, daß die Minister,, die Sie in die Zukunft schickten, an der Richtigkeit und Weit- sicht meiner Ideen zweifelten?“ „Das, Eure Hoheit, müßten Sie schon besser Ihre Minister selbst fragen.“ „Ach ja!“ seufzte Alfons betrübt. „Das wird leider nicht mehr möglich sein. Sehen Sie, wenn ich persönlich den Glauben dar- an verlöre, daß meine Ideen Ypsilonien Glück bringen – dann könnte ich einfach nicht mehr weiterleben. Was nun meine Mi- nister betrifft, so fehlte ihnen gerade dieser Glaube an die Zu- kunft, und deshalb konnten auch sie nicht länger leben.“ „Was denn …?“ fragte ich. „Genau so!“ erwiderte der König. „Sie sind schließlich ein Ausländer und können unseren Patriotismus nicht begreifen. Ich habe Sie hoffentlich nicht gekränkt?“ Der König war sehr gut erzogen. Er hatte nicht von ungefähr am aristokratischsten aller Colleges studiert. „Ich habe nun eine kleine Bitte an Sie“, fuhr Alfons fort. „Ich denke, sie wird Ihnen nicht allzu viele Umstände machen.“ „Ich höre.“ „Ich denke sehr viel über die Zukunft meines Landes nach und würde es so gern erblüht und reich erleben, das heißt eben so, wie es sich in der nächsten Zukunft gestalten wird. Doch leider sind wir alle sterblich. Es würde mich sehr bekümmern, würde ich dahinscheiden, ohne die Früchte meiner Arbeit ge- sehen zu haben. Und so dachte ich mir, wir könnten in Ihrem Zeitenfahrzeug, sagen wir, fünfzig Jahre zurücklegen. Das ging doch, nicht wahr?“ „Nein, Eure Hoheit. Laut Instruktion des Internationalen Wissenschaftlichen Rates ist es uns Zeitenfahrern streng unter- sagt, unbefugte Personen zu befördern.“, „Instruktionen, Instruktionen! Lieber Mister Loshkin, wollen wir doch keine Bürokraten sein!“ „Ich werde aber meine Fahrerlaubnis los, Eure Hoheit.“ „Die werden Sie nicht los. Von diesem Ausflug werden schließlich nur wir beide wissen. Das wird unser kleines Ge- heimnis sein.“ „Nein, es geht wirklich nicht!“ „Entschuldigen Sie, Mister Loshkin, aber ich sehe mich ge- nötigt, nochmals zu wiederholen, daß wir bedauerlicherweise alle sterblich sind. Und ich glaube, der Kopf wiegt schwerer als eine Fahrerlaubnis. Ha-ha!“ So ist das also! dachte ich. Er will mich einschüchtern. Na, von mir aus, der Teufel soll ihn holen! Soll doch dieser Narr einen Blick in die Zukunft werfen, soll er hören, mit welchen Worten ihn seine dankbaren Nachfahren bedenken! Vielleicht gereicht ihm wenigstens das zum Nutzen! „Also gut, Eure Hoheit“, sagte ich. „Sie haben mich über- zeugt. Ich bitte nur darum, daß niemand etwas von unserer Reise erfährt.“ „Mein Wort als König!“ erwiderte Alfons feierlich. Und wir verließen, von allen unbemerkt, den Palast und starteten in die Zukunft. Ich wußte damals noch nichts von dem Komitee zum Schut- ze des Feindes und kann bis heute nicht begreifen, wie es uns gelungen war, dessen allgegenwärtigen Agenten zu entkom- men. Ein glücklicher Zufall offenbar – sofern der König diesen Zufall jetzt noch für glücklich halten sollte. Ich muß bemerken, daß ich während meines Aufenthalts in Ypsilonien niemals weiter als auf fünf Jahre vorausgeschaut hatte. Ein größerer Weitblick war einfach nicht notwendig ge-, wesen. Jetzt aber legten wir gleich ein halbes Jahrhundert zu- rück. Alfons wurde es, weil er solche Reisen nicht gewohnt war, ganz schwindlig im Kopf. Ich dagegen sprang aus meinem Zei- tenfahrzeug, sah mich ein bißchen um und –war baff. Ich hatte es niemals für möglich gehalten, daß sich Ypsilo- nien, das bettelarme, ausgeplünderte Ypsilonien, so ungeheuer hatte verändern können! Frohe, lachende Menschen gingen an uns vorüber; und schon allein an der Art, wie sie miteinander sprachen, ohne sich immerzu ängstlich nach allen Seiten umzuschauen, konnte man erkennen, daß es niemanden gab, den sie hätten fürchten müs- sen. Vor uns führte eine breite grüne Straße in die Ferne, zu deren beiden Seiten sich so helle, luftige Gebäude erhoben, daß man den Eindruck gewann, nur glückliche Menschen könnten darin wohnen. „Da sehen Sie es!“ sagte Alfons stolz. „Schauen Sie sich's nur richtig an, wie blühend und wohlhabend mein Königreich ge- worden ist. Folglich habe ich meine Untertanen doch dazu ge- bracht, glücklich zu werden. Und das alles dank dem Gesetz über die zwölf Feiertage. Glauben Sie mir! Ich habe gleich ge- spürt, daß dieses neue System die genialste meiner Erfindun- gen ist, und ich habe mich nicht geirrt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie mich die Nachfahren verehren und wie sie mein Andenken hochhalten, wenn ich, was Gott verhüten möge, womöglich schon gestorben sein sollte. Übrigens, Mister Losh- kin, wie könnte man sich Gewißheit holen, ob ich noch unter ihnen weile oder nicht?“ „Da brauchen wir nur den erstbesten Passanten zu fragen.“ „Wo denken Sie hin! Wenn ich noch am Leben sein sollte, so, könnte man wegen solcher Reden leicht im Gefängnis landen. Schließlich ist es, wenn ein König noch lebt, kein Pappenstiel, sich zu erkundigen, ob er vielleicht schon gestorben ist.“ Daraufhin schlug ich vor, die Frage ein wenig anders zu formulieren, und hielt gleich darauf einen Greis an, der an uns vorüberging. „Könnten Sie uns vielleicht sagen, wo König Alfons zu fin- den ist?“ „Das kann ich Ihnen natürlich nicht sagen!“ erwiderte der Alte, bedachte mich mit einem seltsamen Blick und entfernte sich eilig. „Was soll denn das heißen?“ fragte der König erstaunt. „Vielleicht halte ich meinen Aufenthaltsort geheim?“ „Das müßten Sie besser wissen“, sagte ich und knöpfte mir ein Bürschchen vor, das vorüberrannte: „Wo wohnt König Al- fons?“ „Ich kenne keinen solchen König.“ „Wieso kennst du König Alfons nicht?“ fragte der Monarch streng. „Na, ganz einfach. Wir haben ihn in der Schule noch nicht durchgenommen“, erklärte der Junge und lief, mit dem Schul- ranzen schlenkernd, schnell weiter. „Was für ein ungezogener Bengel!“ entrüstete sich Alfons. „Schade, daß ich nicht schon eher daraufgekommen bin, seinen Vater – nein, besser seinen Großvater zu bestrafen!“ Der nächste Passant war ein Student. „Natürlich weiß ich, wer König Alfons ist“, sagte er, und mein Weggenosse straffte sich würdevoll. „Alfons war unser letzter Herrscher.“ „Was heißt letzter?“ erkundigte sich der König finster., „Er hatte das Land so weit heruntergewirtschaftet, daß die Bürger Ypsiloniens beschlossen, künftig ohne alle Könige aus- zukommen.“ „Nun und?“ „Sie haben es geschafft.“ „Und was haben sie mit Alfons gemacht?“ fragte Alfons nicht ohne Interesse. „Nichts brauchten sie mit ihm zu machen, denn Alfons war eines schönen Tages ganz von allein verschwunden.“ „Wie – verschwunden! Wohin war er verschwunden?“ „Darauf allerdings weiß niemand eine Antwort. Es ist le- diglich bekannt, daß er am Vorabend seines Wegbleibens seine Minister hat hinrichten lassen. Die Suche nach ihm verlief er- gebnislos. Im übrigen hat man ihn nicht allzu eifrig gesucht und auch nicht übermäßig über sein Verschwinden geweint. Alle hatten sie die Nase voll von ihm.“ „Sieh einer an!“ sagte Alfons, kaum daß wir uns von dem Studenten verabschiedet hatten. „Sieh einer an! Sie hatten also die Nase voll von mir! Na schön, jetzt weiß ich wenigstens Be- scheid und kann Gegenmaßnahmen treffen. Eine feine Leibwa- che habe ich! Sie läßt mich durch die Lappen gehen und weiß dann noch nicht einmal, wohin. Alle werd ich sie verschwinden lassen, alle! Aber trotzdem wäre es interessant, zu erfahren, wo ich wohl abgeblieben sein könnte. Oder etwa nicht?“ Nur ein einziger Mensch auf der ganzen Welt wußte eine Antwort auf diese Frage. Und dieser eine war ich. Mir war nämlich schon, als der Student von dem rätsel- haften Verschwinden des letzten Monarchen gesprochen hatte, klargeworden, was ich zu tun hatte. Und als Alfons dann gar noch von Gegenmaßnahmen sprach, hatte ich nicht die gering-, sten Gewissensbisse mehr. In Sekundenschnelle sprang ich in mein Zeitenfahrzeug, knallte Alfons die Tür vor der Nase zu und schaltete hastig den Rückwärtsgang ein. Zwei Tage später dann sprach ganz Ypsilonien von jenem seltsamen Verschwinden. Da aber niemand von unserer Reise wußte, suchte man Alfons überall, bloß nicht in der Zukunft. Der König indessen rannte durch die Straßen der Hauptstadt und behauptete lauthals, daß er Alfons sei! Mir ist aus ganz zuverlässigen Quellen bekannt, daß er schließlich und letzten Endes in einem dieser Krankenhäuser landete, in denen es außer ihm noch andere Alfonse, Napoleons und Nawuchodonossorows gab. Anfangs plagte mich ja mein Gewissen etwas, dann aber führte ich mir vor Augen, daß ich schließlich nach Ypsilonien geschickt worden war, um diesem Land zu helfen. Und das hatte ich getan. Ich hatte dem Königreich den größten Dienst erwiesen, den man sich überhaupt denken kann: Ich hatte es rechtzeitig von seinem letzten Herrscher befreit! Die Krone der Paprikoten oder Der letzte Fall James Bond des Jüngeren Sie haben sicherlich von dem Ereignis damals gehört, das so viel Staub aufwirbelte, von jenem in den Zeitungen als Dieb- stahl des Jahrhunderts bezeichneten Raubüberfall. Ehrlich ge- sagt, ich selbst hätte niemals eine solche Formulierung ge- braucht: „Diebstahl des Jahrhunderts!“ Immerhin stehen wir, erst am Anfang des Jahrhunderts, und den Reportern ist völlig unbekannt, was sich in der Zukunft noch für Diebstähle ereig- nen werden. Ich jedenfalls als Führer eines Zeitenfahrzeugs, der im Gegensatz zu ihnen durchaus das eine oder andere darüber zu sagen wüßte, möchte nur eins bemerken: Es wäre naiv, zu erwarten, daß sich die Methoden der Raubüberfälle künftig nicht vervollkommnen und der Fortschritt dieses Gebiet aus irgendeinem Grund übergehen würde. Derlei Beschäftigung duldet keinen Stillstand, und die Leute, die sich damit befassen, sind tagtäglich genötigt, sich irgend etwas Neues einfallen zu lassen, etwas, das ihre Theorie und Praxis voranbringt. Die konservativen Gangster hingegen, die sich mit dem Erreichten zufriedengeben und sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen ver- suchen, sitzen ihre wertvolle Zeit im Gefängnis ab. Sie müssen teuer dafür bezahlen, daß sie nicht mit der Entwicklung Schritt halten und sich dem allgemeinen Fortschritt verschließen. Aber das nur nebenbei. Jener Raubüberfall jedenfalls, der in der Hauptstadt Bussoloniens, in Bussolon, erfolgte, war trotz meiner Einschränkungen grandios und in gewissem Sinn auch unverschämt. In der Tat! Am hellichten Tag mitten in der Stadt ein Auto anzuhalten und seine Insassen um drei Milliarden zu erleichtern! Die ganze Aktion dauerte nur anderthalb Minuten – dann machten sich die Verbrecher in unbekannter Richtung davon. Das wäre übrigens schon alles. Es lohnt nicht, darüber zu debattieren, wie es diesen Burschen gelang, einen solchen Fischzug zu arrangieren – zu diesem Thema haben ja alle Zei- tungen ausführlich geschrieben. Der Vorfall war nur besonders skandalös, weil die geraubten Wertgegenstände nicht etwa ei- nem Irgendwer gehörten, sondern der Königsfamilie des besag-, ten Reiches. An jenem Tag sollten sie nämlich aus dem einen Palast, den man gerade überholen wollte, in einen anderen, be- reits renovierten gebracht werden. Die Entfernung zwischen beiden Palästen betrug drei Autobusstationen, der Transport ging unter größter Geheimhaltung vor sich, trotzdem hatten die Gangster alles bis ins letzte Detail ausgekundschaftet und ihre verwerflichen Pläne in die Tat umgesetzt. Ohne Übertreibung: Die Sache mußte mit dem Teufel zugegangen sein! Natürlich trat die Polizei der Stadt, des Landes, ja des ganzen Planeten unverzüglich auf den Plan. Ein Dutzend der besten Detektive aus aller Welt versammelte sich am Ort des Gesche- hens. Jeder dieser zwölf Detektive war so berühmt, hatte bisher so fehlerlos gearbeitet, daß für Bussolon schon die Anwesenheit eines einzigen von ihnen die unweigerliche Ergreifung der Ver- brecher zu garantieren schien. Unverständlich blieb nur, wieso man ein und dieselben Gangster zwölffach fangen mußte. Aber das würden sie, wie es so schön heißt, wohl selbst wissen. Mit Butter ist noch kein Brei verdorben worden. Jeder dieser berühmten Kriminalisten führte die Ermittlun- gen selbständig, nach seinen eigenen Methoden. Der neapolitanische Inspektor Arloli zum Beispiel schritt ei- nen ganzen Tag lang jene Gasse auf und ab, in der der Überfall stattgefunden hatte, und sang dabei voller Inbrunst ein und dieselbe Melodie. Er sang ziemlich laut und offenbar auch falsch, denn am gleichen Abend schon waren die Bewohner des Gäßchens bereit, alle nur möglichen Auskünfte zu erteilen, bloß damit er mit Singen aufhörte oder wenigstens eine andere Me- lodie anstimmte. Der japanische Kommissar Sirihotu suchte sämtliche Zahn- ärzte der Stadt auf und stellte, höflich lächelnd, eine Liste all, der Personen weiblichen Geschlechts zusammen, die im Laufe der vergangenen Woche bei den Dentisten gewesen waren. Der Privatdetektiv Thrilby begab sich direkt vom Flugplatz auf die berühmte Ritterbrücke und brachte dort bis zum Abend zu, zerstreut in die trüben Wasser der Suarra blickend. Dann kaufte er sich ein Sandwich, flog aus unerfindlichem Grund kurz für einen Tag nach Hongkong und kam wieder zurück, um sich erneut in den Anblick des Flüßchens zu vertiefen. Und je rätselhafter die hochgeschätzten Detektive vorgingen, desto klarer wurde: Für die Verbrecher gab es kein Entrinnen. Die Gangster schienen das offenbar gleichfalls zu spüren. Welcher Teufel ritt schließlich diesen Thrilby, so endlos lange auf der Brücke auszuharren? Irgend etwas mußte an seiner Me- thode schon dran sein! Und tatsächlich zeitigte das auf den ersten Blick unver- ständliche Vorgehen der berühmten Männer schon bald erste Ergebnisse. So wurde eindeutig ermittelt, daß an dem Raub- überfall drei Mann beteiligt gewesen waren, und zwar der Gro- ße Ben, der Dickwanst Stoss und Lazarus der Holländer. Alle atmeten erleichtert auf. Es war doch wohl klar, daß die- se Burschen sehr bald ihre dreißig Jahre abzusitzen wünschten, um danach wieder zu ihrer Beschäftigung zurückkehren zu können. Wozu also sollten sie die Sache in die Länge ziehen? Sie würden sich bald ergeben. Doch nichts dergleichen geschah. Offenbar hatte die Spitzbuben das Gefühl fürs rechte Maß ver- lassen, denn sie setzten ihr Versteckspiel munter fort. Die Zei- tungen appellierten an ihre Vernunft. Der Präsident ihrer Kör- perschaft trat im Fernsehen auf und beschwor sie, nun endlich die Dummheiten zu lassen; man würde bereits über sie lachen, was die Autorität der ganzen Organisation untergrabe. Freilich, konnte der Präsident nicht wissen, welch tollkühnen Streich der Große Ben plante. Niemand außer den drei Gangstern hatte ja eine Ahnung davon. Wie es schien, gab es für die Diebe der Kronjuwelen kein einziges Plätzchen, wohin sie sich hätten flüchten können. Die Zollbeamten an den Grenzen, auf den Flughäfen, in den Kos- modromen durchsuchten mit ungewöhnlicher Gründlichkeit jeden Koffer, schauten in jede Aktenmappe und ließen selbst das kleinste Damenhandtäschchen nicht außer acht. „Wenn ich auch nur das geringste von der Psychologie der Verbrecher verstehe“, äußerte der in aller Welt bekannte Kom- missar Maigret Reportern gegenüber, „so werden sie sich heute oder spätestens morgen entlarven. Sie müssen sich einfach ver- raten!“ „Mein Kollege Maigret hat recht“, erklärte sich der nicht minder bekannte Inspektor Poirot einverstanden. „Schließlich sind Verbrecher auch nur Menschen, die wie alle anderen ner- vös werden.“ Und beide berühmten Detektive erwiesen sich, wie stets, im Recht. Nach zwei Tagen ließen die Gangster in der Tat von sich hören. Allerdings auf eine völlig unerwartete Weise. Ehrlich gesagt, ich war sehr erstaunt, als mein Vorgesetzter mich in dieses Bussolonien abkommandierte. Was hatte ich dort schon verloren? Zumal ich gerade zu jener Zeit einige Gelehrte ins antike Ägypten befördern sollte, die die Methoden des Py- ramidenbaus studieren wollten. Und das alte Ägypten war immerhin etwas anderes als dieses schäbige Bussolonien. Doch wir Zeitenfahrer sind ein diszipliniertes Volk, und Befehl ist Befehl. Um so mehr, als man gerade mich nicht grundlos um-, herjagen würde; verdienstvolle Zeitenfahrer sind gefragt. Also gut. Ich kam in Bussolonien an. Empfangen wurde ich von einem General und einem Admiral, und gleich rein ins Au- to. „How do you do?“ – „Ausgezeichnet.“ – „Wie war der Flug?“ – „Ausgezeichnet.“ – „Was macht das Wetter?“ – „Aus- gezeichnet.“ Zur Sache selbst aber kein Wort, und so schwieg ich ebenfalls. Wie sollte man im übrigen eine Unterhaltung pflegen, wenn vier Motorradfahrer den Wagen begleiteten und von ihren Krädern ein solches Geknatter ausging, daß man da- von fast taub wurde? Aber was konnte ich dagegen tun: Ehre, wem Ehre gebührte! Schließlich langten wir an. Ich wurde in irgendein Kabinett, wahrscheinlich in das der Minister, geführt. „Na endlich! Endlich!“ sagte der Hauptminister und kam auf mich zu. „Ich bin sehr froh, Ihre Bekanntschaft zu machen. Meine Herrschaften, gestatten Sie, daß ich vorstelle: Mister Ni- kolaj Loshkin. Der nämliche. Ich nehme an, Sie sind über diesen bemerkenswerten Mann informiert.“ „Aber ja doch! Was für eine Frage!“ riefen die Anwesenden. „Wer kennt denn den Loshkin nicht!“ Natürlich errötete ich, so gut es ging. „Erlauben Sie“, sagte ich, „daß ich Ihre freundlichen Worte auf alle Zeitenfahrer beziehe.“ Erneutes Stimmengewirr, dann nahmen wir zwanglos Platz. „Sie haben, Mister Loshkin“, begann der Erste Minister, „si- cherlich von jenem bedauerlichen Vorfall gehört, der sich in Bussolonien ereignet hat. Kürzlich haben sich die unverschäm- ten Diebe nun erneut hervorgewagt. Mit einem zweiten, ebenso verwegenen Verbrechen. Sie haben ein Zeitenfahrzeug entführt und sind damit spurlos in der Zeit verschwunden.“, Ich sagte innerlich „O weh!“, fing mich aber sogleich wieder. „Entschuldigen Sie – nur, soweit mir bekannt ist, verfügt Busso- lonien über keine Zeitenfahrzeuge?“ „Ganz recht. Aber die Gangster haben ein Zeitenfahrzeug gestohlen, das Ihr Land anläßlich einer Internationalen Messe bei uns ausgestellt hatte.“ Diesmal sagte ich schon nicht mehr nur innerlich „O weh!“, sondern, wie es so schön heißt, mit voller Stimmkraft. Selbst- verständlich unter Wahrung der diplomatischen Etikette. Nun begriff ich auch, warum man ausgerechnet mich hierherge- schickt hatte. Immer wurden mir solche unmöglich zu lösenden Aufgaben anvertraut! Der Erste Minister fuhr indessen fort: „Natürlich sind wir uns darüber im klaren, daß Bussolonien für sämtliche mate- riellen Verluste aufkommen muß, die Ihrem Land durch diesen Raub entstehen. Doch nicht das beunruhigt uns. Es geht uns auch nicht so sehr um die verlorengegangenen drei Milliarden, die bei uns selbstverständlich ebensowenig wie bei Ihnen auf der Straße herumliegen. Viel schlimmer ist, daß sich dieser un- selige Diebstahl zu einer besonderen Affäre ausgewachsen hat – zu einer äußerst geheimzuhaltenden Angelegenheit von höch- ster staatlicher Wichtigkeit.“ Hier legte der Chef eine Pause ein, und ich versicherte ihm: wenn schon jemand seine Zunge im Zaun halten könnte, dann wären das die Zeitenfahrer. „Gut, dann will ich Sie jetzt einweihen“, fuhr der fort. „Zu- sammen mit den Familienschätzen wurde nämlich eine be- rühmte Königskrone entwendet, die einst dem Begründer des Großen Königreichs von Bussolonien gehörte. Es handelt sich bei ihm um den ersten Vertreter der Paprikotendynastie, um, Philipp den Glückspilz. Mehr als fünfhundert Jahre lang wan- derte die Krone von einem Paprikoten zum anderen. Sie war ein Symbol für die Fortdauer des Herrscherhauses und ein Ta- lisman, der Erfolg brachte. Und nun ist diese historische Krone verschwunden. König Alfred ist tief bekümmert. Er betrachtet den Verlust als schlimmes Vorzeichen und siecht buchstäblich vor unseren Augen dahin. Nur wenn die Krone zurückgebracht wird, kann der König seine Ruhe wiederfinden. Und Sie allein, Mister Loshkin, sind imstande, uns in der gegebenen Situation zu helfen. Sagen Sie nicht ,nein’, Mister Loshkin, bitte, überle- gen Sie es sich …“ „Da gibt es nichts zu überlegen“, sagte ich. „Ich kann gar nicht mit ,Nein’ antworten, denn es ist meine Pflicht, das mei- nem Land gehörende Zeitenfahrzeug wiederaufzufinden. Nur haben Sie, meine Herren, offenbar keine Vorstellung von der Kompliziertheit dieser Aufgabe. Wenn es Ihnen nicht einmal gelungen ist, die Verbrecher in Ihrer eigenen Stadt, das heißt auf begrenztem Raum, zu greifen, wie stellen Sie sich dann vor, soll ich sie in der unendlichen Zeit aufspüren? Es ist doch wohl völ- lig unbekannt, ob sie sich in die Vergangenheit oder in die Zu- kunft, in die Ferne oder ganz in die Nähe geflüchtet haben …“ „Ganz so aussichtslos ist die Sache nicht“, meldete sich der Polizeiminister zu Wort. „Denn was wollen die Verbrecher letz- ten Endes erreichen? Der Verfolgung wollen sie entgehen und die geraubten Schätze an den Mann bringen. Aber weder für das eine noch für das andere kommt die nächste Zukunft in Betracht. Es ist nämlich ausgeschlossen, daß man dort nichts von diesem sensationellen Raub weiß, besser gesagt, sich nicht an ihn erinnert. Solche Ereignisse werden nicht so schnell ver- gessen, und selbst nach fünfzehn oder zwanzig Jahren könnten, sich die Flüchtigen noch nicht in Sicherheit wiegen. Sie könnten es also auch kaum riskieren, die Diebesbeute zu verkaufen. Was beweist: sie werden schwerlich in diese Zeit fliehen.“ „Einverstanden. Die nächste Zukunft entfällt.“ „Vielmehr werden sich die Burschen im vergangenen Jahr- zehnt aufhalten. Dort weiß man noch nichts von dem Raub- überfall. Da die Flüchtigen über weitverzweigte Verbindungen zur Verbrecherwelt jener Zeit verfügen, ist ihnen das Absetzen der Ware entschieden erleichtert. Das aber wird wiederum uns auf ihre Spur bringen. Es gibt nur den einen Weg, wir müssen die Ganoven im verflossenen Jahrzehnt suchen.“ „Nun, das entbehrt nicht einer gewissen Logik …“, gab ich zu. „Ich bin einverstanden, meine Herren, halte es aber für notwendig, gleich zu Beginn unserer offenen und freund- schaftlichen Unterhaltung Klarheit in die Dinge zu bringen. Meine Aufgabe ist es, das gestohlene Zeitenfahrzeug sicher- zustellen. Diese Operation möchte ich auch so rasch wie mög- lich hinter mich bringen, denn es ist kaum auszudenken, was die Gangster alles mit der Geschichte der Zivilisation anstellen können, wenn sie eine solche Maschine in den Händen haben. Was ich aber nicht tun kann und auch nicht beabsichtige: die Ganoven selbst zu schnappen und irgendwelche Kronen ans Tageslicht zu fördern!“ „Oh, in dieser Beziehung können Sie ganz beruhigt sein!“ erwiderte der Erste Minister lächelnd. „Wir werden Ihnen un- seren besten Agenten mitschicken; er hat schon viele besonders delikate und wichtige Fälle gelöst. Sein Name ist James Bond der Jüngere.“ In diesem Augenblick betrat ein gutgewachsener blonder junger Mann das Kabinett; er trug den modischsten Anzug aus, dem modischsten Modejournal. Er war etwa einen Kopf größer als ich und lächelte freundschaftlich mit all seinen zweiund- dreißig Zähnen. Seine Augen aber waren so blau, so sorglos und so ehrlich, daß einem sofort klar wurde: Dieser Bursche verstand sich auf alles. „Agent 003“, stellte er sich vor und streckte mir die Hand hin. „Zeitenfahrer 001“, antwortete ich mit dem gleichen Ernst. „Aber wenn es uns schon bestimmt ist, zusammenzuarbeiten, dann können Sie mich einfach Nikolaj nennen.“ (Den hab ich nicht schlecht nachgeahmt, finden Sie nicht auch?) „Sehr angenehm, Nick, ich hab es gern, so ohne alle Zere- monien“, sagte der Agent 003 lächelnd. „Sagen auch Sie einfach Drei zu mir.“ Die Minister brachen in fröhliches Gelächter aus. „So ist's gut“, sagte der Chef. „Ich sehe, Sie werden sich prächtig verste- hen.“ Kaum war mein für alle Epochen eingerichtetes Zeitenfahrzeug per Flugzeug eingetroffen, gingen wir ans Werk. Den ersten Abstecher unternahmen wir in unmittelbarer Nä- he der Gegenwart. Wir machten im Vorjahr Station und miete- ten uns im „Astoria“ ein, dem besten Hotel von Bussolon. James zog einen Abendanzug an, verstaute eine Pistole mit Schalldämpfer, die geschickt als Zigarettenetui getarnt war, und ein Feuerzeug von der Form einer Pistole in der Tasche. Dann wünschte er mir eine gute Nacht und verschwand. Als er sich morgens wieder einstellte, roch er nach echtem Armagnac, französischem Champagner, alten Weinen und, schwarzem Kaviar. „Na, was ist?“ fragte ich. „Ich muß nachdenken“, sagte 003 ernsthaft. Er überlegte et- wa fünf Stunden lang, und als er wieder aufwachte, kon- statierte er: „Hier sind sie nicht. Fahren wir weiter!“ Eine Stunde später waren wir im vorvorigen Jahr angelangt und stiegen in einem verkommenen, überaus verdächtig wir- kenden Gasthaus ab, der „Galeere“. James streifte eine verschlissene Matrosenjacke über, klebte sich einen rötlichen Seemannsbart an, stopfte sich die Taschen mit Dollars und Schlagringen voll und wünschte mir abermals eine angenehme Nacht. Am nächsten Morgen roch er nach billigem Whisky, Bier, Porter, Portwein, Calvados und Zider. Die Gangster hatte er jedoch auch hier nicht aufgetrieben. Am nächsten Tag fuhren wir wiederum ein Jahr weiter und belegten ein Appartement im „Ambassador“, einem Luxus- hotel, das sich gleich neben dem „Kasino von Bussolon“ be- fand. James warf sich fürs Pokerspiel in Schale, steckte ein Scheck- buch ein, einen achtgeschossigen Colt, der das Aussehen eines Füllfederhalters hatte, und einen Füller von der Form eines Sti- letts. Dann wünschte er mir eine gute Nacht. Morgens roch er ausschließlich nach „Mizuko“-Parfüm und „Chanel“-Puder. Diesmal freilich konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Nun, dachte ich, eine leichte Arbeit haben diese Agenten für besonders delikate Aufträge nicht gerade. Aber Dienst ist Dienst … Auf diese Weise pilgerten wir von einem Jahr ins andere, und James, wie ein Nachtwächter, machte sich allabendlich ans, Werk. Abend für Abend zog er sich um, schminkte sich und ging mit Hilfe nur ihn selbst bekannter Finessen daran, die Spuren der Verbrecher ausfindig zu machen. Morgens dann schluckte er Pyramidon und Natron, ver- fluchte all jene, die den Alkohol erfunden hatten, wetterte aber auch gegen sämtliche Beefsteaks, Entrecôtes, Hummern, Kal- mare, gespickte Schweinebraten, Spaghettis, Neunaugen, Schaschlykportionen und sonstige Leckereien. Die Berufskrankheiten der Agenten zur besonderen Ver- wendung – Gastritis und Erschöpfung – machten sich be- merkbar. Zum Abend hin freilich genas James jedesmal von neuem und sah wieder blühend aus. Als wir jedoch das ganze zurückliegende Jahrzehnt absol- viert und schon fast dem vorangegangenen den Garaus ge- macht hatten, wurde mir klar, daß es so nicht ging. „Hör zu, James“, sagte ich eines Tages, als er gerade soweit wiederhergestellt war, daß er sich in die nächste abendliche Runde stürzen konnte. „Hör zu, James, auf diese Weise errei- chen wir niemals etwas. Wir werden noch ein halbes Jahrhun- dert abklappern, du wirst eine weitere halbe Zisterne Whisky kübeln – und das wird die ganze Ausbeute bleiben. So führt man keine Suche in der Zeit!“ „Wie führt man sie dann, Nick?“ „Nach einem bestimmten System. Zum Beispiel ist schon jetzt klar: Die Hypothese, die Gangster hätten sich in der näch- sten Vergangenheit versteckt, hat sich als unrichtig erwiesen. Also brauchen wir eine neue Hypothese.“ „Also was die Hypothesen betrifft, Nick, da kann ich dir nur raten, lieber nicht auf mich zu zählen.“ (Das hätte 003 mir wahrlich nicht zu sagen brauchen.), „Trotzdem, James. Bevor wir weitermachen, müssen wir nochmals überlegen. Wohin könnten sich unsere Ganoven am ehesten verkrochen haben? Sie müssen doch ein bestimmtes Ziel verfolgt haben, als sie das Zeitenfahrzeug entführten?“ „Natürlich haben sie das. Sie wollten verduften und die Wertsachen losschlagen.“ „Na also, verkaufen wollten sie das Zeug. Und nun stell dir vor, was passieren würde, wenn in einem der früheren Jahr- hunderte in Bussolonien plötzlich seltsame, völlig unbekannte Leute auftauchten und einen Handel mit Diamanten, Brillanten und ähnlichen Steinchen aufzögen. Wenn sie noch zu allem Überfluß die Sachen unter dem Preis verhökerten, um sie mög- lichst schnell loszuwerden und sich aus dem Staub zu machen. Ein solches Ereignis müßte doch irgendeine Spur in der Ge- schichte hinterlassen. Sicherlich würde das wenigstens einer der Bürger Bussoloniens in seinen Memoiren festhalten!“ „Nick, du bist ein Genie!“ sagte 003 feierlich und drückte mir fest die Hand. Finger wie aus Eisen hatte dieser Bursche, hol's der Teufel! „Also, wie ist es, James? Könntest du zehn der besten Histo- riker Bussoloniens zu einer Besprechung zusammentrom- meln?“ „Zehn?“ antwortete James. „Ein halbes Hundert, wenn du willst!“ Daraufhin kehrten wir unverzüglich in die Gegenwart zu- rück. Die Beratung mit den Historikern – alles erstklassige Fachleute – verlief lebhaft, ging aber lange Zeit am Kern vorbei. Als die Gelehrten erfuhren, was mich speziell interessierte, begannen, sie all das aus ihrer Erinnerung zusammenzutragen, was ihnen zu dieser Frage bekannt war. Doch erstens war das so gut wie nichts, und zweitens erfuhr jedes Ereignis, das sich in Bussolo- nien zugetragen hatte, genau so viele Ausdeutungen, wie Hi- storiker anwesend waren. Lediglich in dem einen Punkt waren sie sich alle einig, daß Bussolonien erst unter dem Begründer der Dynastie der Paprikoten, unter Philipp dem Glückspilz, groß und mächtig geworden war und daß es besagter Philipp geschafft hatte, dem eigenen Reich die weiträumigen Länder seiner weniger erfolgreichen Nachbarn anzugliedern. Ich hörte mir diese für unsere Suchaktion völlig unwichtigen Reden an und mußte betrübt feststellen, daß ich meine Zeit ganz umsonst verlor. Meine Hoffnungen hatten sich nicht er- füllt: Die Schatzräuber hatten nicht die geringste Spur in der Geschichte hinterlassen. Plötzlich aber kam mir ein seltsamer Gedanke. Er war sogar so seltsam, daß ich ihn zunächst weit von mir schob. Schließlich aber entschloß ich mich trotz meiner Bedenken zu einer naiven und dummen Frage. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung für meine Unkennt- nis“, sagte ich, „aber, mit Verlaub, erklären Sie mir doch ein- mal, wieso es ausgerechnet König Philipp gelang, seine Nach- barn so aufs Haupt zu schlagen.“ „Er war ein berühmter Feldherr!“ antwortete prompt der führende Philippologe. „Und ein Genie!“ griff ein anderer Historiker ein. „Außerdem hatte er die Wahrheit auf seiner Seite sowie die Vorsehung, die ihm half …“, erklärte ein dritter Historiker, bei dem es sich offenbar um einen idealistischen Gelehrten handel- te., „Was hat die Vorsehung damit zu tun?“ rief da ein mate- rialistischer Geschichtsforscher und sprang von seinem Platz hoch. „Philipp besaß einfach ein riesiges Heer von Landsknech- ten und angeworbenen Soldaten …“ Der Idealist gab nicht nach. „Und warum hielten sich die an- deren Könige keine Landsknechte, wenn es nur daran liegt?“ „Einfach, weil sie kein Geld hatten, das ist es!“ erklärte der Materialist. „Nicht im Geld liegt das Glück!“ rief der Idealist außer sich, merkte aber sogleich, daß er zu heftig geworden war, und ver- stummte, puterrot im Gesicht. „Philipp hat seine Feinde also weniger mit List als mit dem schnöden Mammon geschlagen. Ist es so?“ präzisierte ich. „Sie bedienen sich einer unwissenschaftlichen Terminologie, junger Mann“, rügte mich streng der älteste der Gelehrten. „Doch es stimmt schon, den Kern der Sache haben Sie erfaßt.“ „Vielen Dank“, sagte ich. „Und entschuldigen Sie bitte nochmals, aber ich bin ja kein Gelehrter, sondern ein einfacher Zeitenfahrer. Deshalb würde ich Ihnen, wenn Sie gestatten, auch noch eine zweite naive Frage stellen. Es geht mir um die Krone, die von einem Paprikoten auf den anderen überging. Ich möchte gern wissen, wo der erste der Paprikoten, also Philipp der Glückspilz, sie eigentlich her hatte?“ Der führende Philippologe Bussoloniens versank in Nach- denken. „Diese Frage“, sagte er schließlich, „ist mir bisher nie in den Sinn gekommen. Er besaß sie eben einfach. So wie alle Könige ihre Kronen besitzen. Wahrscheinlich hat er sie bei einem Gold- schmied bestellt. Oder gekauft … Zugegeben, ich weiß es nicht …“ „Jedenfalls dürfte sie Philipp nicht von seinem Vorgänger, übernommen haben?“ vergewisserte ich mich. „Natürlich nicht. Der letzte Vertreter der Dynastie der San- dunen, die dem Herrscherhaus der Paprikoten vorangegangen waren, König Sabor der Elfte, besaß eine ganz andere, eine dreieckige Krone, die auch jetzt noch im Kabinett Seiner Exzel- lenz König Alfreds aufbewahrt wird. Die Krone der Sandunen ist bedeutend ärmlicher und, die Sandunen mögen mir verzei- hen, auch nicht so geschmackvoll wie die der Paprikoten. Die Krone der Paprikoten, junger Mann, ist ein Vermögen wert!“ „Ei-jei-jei!“ sagte ich. „Sieh mal einer an, der Philipp! Er hat seine Landsknechte ausgezahlt, Ländereien gekauft und sich dann noch eine solche Krone geleistet. Woher manche Leute nur so viel Geld nehmen! Obwohl doch derselbe Philipp …“ „Erstens war König Philipp ein überaus sparsamer Mensch“, erklärte der Idealist, „und zweitens gibt es die Überlieferung, daß er einen Schatz gefunden haben soll. Das hat ihm übrigens auch den Beinamen ,der Glückspilz’ eingebracht. Ich persönlich glaube an diese Version.“ „Ha-ha!“ rief der Materialist sarkastisch. „Was mich betrifft, so glaube ich eher an jene Überlieferung, nach der Philipp mit bösen Mächten im Spiel gewesen sein soll!“ Wie es schien, war dieser Materialist ein unkonsequenter Vertreter seiner Rich- tung. Über diesen Punkt nun brach unter den Historikern ein sol- cher Gelehrtendisput aus, daß die Beratung beendet werden mußte. James und ich aber wurden unverzüglich zum Ersten Minister gerufen. „Ach, meine Herren, haben Sie denn nicht die geringste tröstliche Nachricht für uns?“ fragte der Premier und ging ver- stört im Arbeitszimmer auf und ab. „Seine Hoheit ist außer sich, vor Kummer. Er hat erklärt, daß er vom Thron zurücktreten und zu den Yogi gehen wird, wenn sich die Krone nicht wieder anfindet. Können Sie denn gar nichts zu seiner Rettung unter- nehmen?“ „Wir tun alles, was in unseren Kräften steht“, erwiderte 003, „aber wir haben es schwer: Die Flüchtigen haben keinerlei Spu- ren in der Zeit hinterlassen, und selbst die besten Historiker konnten uns nicht helfen.“ „Der Agent 003, Herr Erster Minister, ist wie immer über die Maßen bescheiden“, widersprach ich. „James Bond dem Jünge- ren ist es bereits gelungen, etwas in Erfahrung zu bringen. Sie können Seiner Hoheit Hoffnung machen!“ Damit verließen wir das Kabinett. „Hör mal, Nick, ich bin mir im klaren darüber, was du da eben für mich getan hast; meine Aktien sind um tausend Punk- te gestiegen.“ Er drückte mir kräftig die Hand. „Wie kann ich dir bloß danken?“ „Ganz einfach: Wenn du das nächste Mal Lust verspürst, mir die Hand zu schütteln, dann tu das etwas vorsichtiger!“ (Mei- ner Meinung nach habe ich es ihm nicht schlecht gegeben, was? Manchmal kriege ich das sauber hin!) „In Ordnung, Nick. Aber jetzt erklär mir um Himmels wil- len, was wir beide eigentlich in Erfahrung gebracht haben.“ „Hast du denn nicht begriffen, daß uns jetzt eindeutig be- kannt ist, wo wir die Gangster zu suchen haben? Hast du tat- sächlich nicht mitgekriegt, woher der Glückspilz auf einmal so viel Geld hatte, um seine Landsknechte zu bezahlen? Wo er die kostbare Krone her hatte?“ „Nein, woher denn?“ „Na von denen, die König Alfred beraubt haben! Von ihnen,, so seltsam das klingen mag, hat er seine eigene Krone und all die Schätze bekommen! Das haben mir die Philippologen un- wissentlich verraten, als ich sie so eindringlich über die rätsel- haften, zumindest nicht aus ehrlicher Arbeit stammenden Ein- nahmen des Glückspilzes ausgefragt habe.“ James starrte mich verblüfft an. Dann blitzte in seinen ehr- lichen blauen Augen der Schimmer eines Gedankens auf. Er brach in Lachen aus und klopfte mir mit solcher Wucht auf die Schulter, daß der daktyloskopische Abdruck seiner fünf Finger noch jetzt darauf zu finden ist. „Ich hab schon immer gesagt, daß du ein Genie bist, Nick!“ wieherte er. „Und nun schmeiß mich mal rüber in die Epoche dieses Philipp, das übrige erledige ich selbst!“ An den Hof König Philipps des Paprikoten reisten wir in der Eigenschaft als Gesandte des Großen Sultans von Ambulatori- en. Natürlich hatten weder der König noch seine Vertrauten auch nur die geringste Vorstellung von diesem Herrscher. Doch die Geschenke, die wir in seinem Namen überreichten, waren so wertvoll, daß seine Existenz zur selbstverständlichsten Sache der Welt wurde. Überlegen Sie doch selbst: Kann vielleicht ein Sultan, den es gar nicht gibt, Geschenke schicken? Das wäre doch absurd! Der Empfang der Gesandten wurde mit dem ihnen gebüh- renden Zeremoniell vorgenommen. König Philipp (damals hieß er noch nicht der Glückspilz) saß auf dem Thron. Wir verneigten uns tief, und James überbrachte dem Großen Herrscher die flammenden Grüße sowie die besten Wünsche für Erfolg, Gesundheit und Glück im persönlichen Leben von Seiner Majestät dem Sultan von Ambulatorien. Im Anschluß, daran überreichte ich dem König einige Souvenirs: ein Feuer- zeug, eine Taschenlampe, einen zwölffarbigen Kugelschreiber und ein Paar Silastiksocken. Daraufhin lud uns der König gnädig ein, so lange in Busso- lon zu verweilen, wie es uns beliebte. Genau das war es auch, was wir mit unserem Besuch bezweckt hatten. Nun konnten wir nach Herzenslust in Bussolon und Umgebung umherstrei- fen, ohne Verdacht zu erregen. „Weißt du, Nick“, sagte 003 überrascht, nachdem die Au- dienz beendet war, „ich hätte mir Philipp eigentlich ein bißchen reicher vorgestellt. Auch seine Krone ist alt, scheint noch von den Sandunen zu stammen.“ „Das ist doch großartig“, erwiderte ich. „Folglich sind wir einige Tage eher als der Große Ben und seine Truppe hier ein- getroffen. Wir werden uns der Schätze bemächtigen können, noch bevor sie zu Philipp gelangen. Wir werden sie dem gro- ßen Ben abknöpfen, sowie er hier aufkreuzt.“ Freilich war der Agent 003 kein Zeitenwanderer, und so ko- stete es mich einige Mühe, ihm die simpelsten Dinge ein- zutrichtern, Tatsachen, die bereits jedem beliebigen Anfänger in meinem Beruf bekannt sind. Dennoch gelang es mir, ihm schlecht und recht klarzuma- chen, daß sich ein Zeitenfahrzeug lediglich in der Zeit fort- bewegen kann, nicht aber im Raum. Mit dieser Maschine konn- te man zwar in einer anderen historischen Epoche auftauchen, doch nicht an einem anderen geographischen Punkt. Was soviel bedeutete, daß das Zeitenfahrzeug in Kürze an demselben Platz erscheinen würde, wo es seinerzeit während der Ausstellung gestanden hatte. Doch unter König Philipp war Bussolon ein kleines Städtchen. Das Gelände, wo fünfhundert Jahre später, die internationale Ausstellung ihren Platz haben würde, befand sich außerhalb Bussolons und war von Wäldern und Sümpfen bedeckt. Dort lauerten James und ich denn auch dem lang gesuchten Dreigespann auf. Wir harrten eine ganze Woche aus. Und ge- nau an dem Tag, da 003 zu spotten begann, er hätte meine Ge- nialität offenbar doch überschätzt, und sich bereits hinterhältig erkundigte, ob ich nicht noch einige andere Ideen oder Hypo- thesen auf Lager hätte – an jenem Tag also, genau um 17 Uhr, wurde das Geräusch umstürzender Bäume laut (einer von ih- nen hätte James im übrigen fast erschlagen), und nicht weit von uns tauchte das Zeitenfahrzeug auf. Es erschien nahezu aus dem Nichts, aus der Luft, und mach- te sich mit Knacken und Krachen Platz. Es erschien einfach und stand wie festgewurzelt. „Du bist doch ein Genie!“ flüsterte James, und wir ver- steckten uns in den Büschen. Einige Zeit blieb es mucksmäuschenstill … Dann öffneten sich die Türen, und zwei Männer kletterten vorsichtig aus dem Fahrzeug: der Große Ben und der Dickwanst Stoss. Der dritte, Lazarus der Holländer, war anscheinend für alle Fälle im Zei- tenfahrzeug zurückgeblieben, und das gefiel mir gar nicht. Auf diese Weise konnte er mit dem Gefährt beim geringsten Ver- dacht auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Im nächsten Augenblick aber kam auch er zum Vorschein. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Alles in Ordnung“, sagte der Dickwanst. „Wir sind hier in irgendeinem Wald.“ Und langsam, sich nach allen Seiten um- schauend, näherten sie sich uns. James kroch zur Seite und robbte lautlos davon. Ich be-, merkte ihn erst wieder, als er zwischen den Gangstern und dem Zeitenfahrzeug auftauchte und ihnen auf diese Weise den Rückweg zur Maschine versperrte. Und da begriff ich auch, weshalb James Bond der Jüngere ein solch hohes Ansehen genoß und was für ein Könner er tatsäch- lich war. Ich kenne mich selbst in den Griffen von Jiu-Jitsu und Judo aus, doch ich hatte noch niemals gesehen, daß jemand so ge- schickt vorging wie 003. Unverhofft von hinten angreifend, streckte er plötzlich den rechten Arm und das linke Bein vor und warf Stoss sowie Lazarus den Holländer in einem zu Bo- den. Gleichzeitig rammte er seinen Kopf in den Bauch des Gro- ßen Ben, und der klappte wie ein Taschenmesser zusammen. Dann vollführte James eine Wendung, versetzte mit der Linken dem Dickwanst einen Hieb, gab dem Holländer mit dem rech- ten Bein einen Tritt, reckte sein Hinterteil blitzschnell heraus und versetzte dem Großen Ben damit einen solchen Stoß, daß der mit seinem ganzen Gewicht gegen das Zeitenfahrzeug flog (weshalb wir uns später vor den Vorgesetzten für die Beulen im Gefährt verantworten mußten). Doch das nur nebenbei. Nach- dem James jedenfalls in anderthalb Minuten an sechzig ver- schiedene Griffe angewandt hatte, suchte er alles zusammen, was von den Ganoven übriggeblieben war, dann entspannte er seine Muskeln und steckte sich eine Zigarette an. „Klasse!“ sagte ich. „Aber nicht doch“, wehrte 003 bescheiden ab, „ich bin heute irgendwie nicht richtig in Form.“ Bei diesen Worten warf er einen Blick ins Zeitenfahrzeug. Die Schätze waren an Ort und Stelle. Auch die Krone. „Na also“, fuhr er fort, „du hast deine Maschine wieder und ich die Kronjuwelen. Keine üble Arbeit!, Da können wir uns ja auf den Heimweg machen.“ Nun stand mir jenes schwierige und unangenehme Gespräch bevor, zu dem ich mich schon seit langem gerüstet hatte. Ein Gespräch, das wegen der begrenzten intellektuellen Fähig- keiten des Agenten 003 äußerst negative und weitreichende Folgen für unsere Zivilisation haben konnte. „Zurückkehren können wir natürlich auch“, stimmte ich ihm zu, fügte aber wie von ungefähr hinzu: „Erinnerst du dich ei- gentlich an die Antwort des einen Philippologen auf meine Frage, James, wo der Glückspilz das viele Geld für die Be- zahlung seiner Landsknechte her hatte?“ „Natürlich nicht; denkst du vielleicht, ich hab mir euer Ge- wäsch so genau angehört?“ „Er sagte, der Glückspilz hätte einen Schatz gefunden …“ „Stimmt, daran kann ich mich erinnern. Und was weiter?“ „Das ist ganz offensichtlich die Wahrheit. Ich weiß sogar, wer diesen Schatz vergraben hat!“ „Wer denn?“ „Wir beide.“ „Wie bitte?“ „Na ja doch, du und ich, wir beide also.“ „Irgendwie begreif ich nicht ganz, worauf du hinauswillst. Könntest du dich nicht ein bißchen deutlicher ausdrücken?“ „Also gut. Du hast selbst gesehen, daß die Gangster den Schmuck hierhergebracht haben, um ihn an Philipp zu ver- hökern, nicht wahr?“ „Ja, und weiter?“ „Nun, der Glückspilz ist schließlich kein Dummkopf. Er hät- te es verstanden, den Großen Ben und seine Kumpane auf ir- gendeine Weise auszuschalten und sich die Wertsachen schlicht, und einfach anzueignen. Dadurch wäre er mit einem Schlag reich geworden. Einige Ländereien hätte er seinen Nachbarn abgekauft, andere im Krieg erobert. Bussolonien wäre ein mächtiges Reich geworden, und so ist es ja, wie wir aus der Ge- schichte wissen, auch in Wirklichkeit geschehen. Kommst du bis dahin mit?“ „Ja, und weiter?“ „Was geschieht aber, wenn wir die Schätze mitnehmen und Philipp sich ihrer folglich nicht zu bemächtigen vermag? Er kann keine Landsknechte anwerben, keine Ländereien kaufen … Kurz, Bussolonien kann sich nicht zu dem Großen König- reich entwickeln, das wir kennen, und die ganze Geschichte der Zivilisation wird hier in anderen Bahnen verlaufen. Selbst unse- re Welt wird eine andere sein. Begreifst du das?“ „Nehmen wir es mal an.“ „Wir beide wären dann schuld daran, daß die Menschheit eine andere würde als jetzt. Wir haben nicht das Recht, so zu handeln, James!“ „Was schlägst du also vor?“ „Die Schätze Philipp zu belassen. Soll alles so bleiben, wie es war.“ „Bist du mit deinen schlauen Reden fertig? Dann hör mir mal zu. Ich, der Agent 003, habe den Befehl bekommen, die geraub- ten Kronjuwelen zurückzubringen. Und ich werde diesen Be- fehl ausführen. Dabei ist es mir gleich, was mit der Zivilisation geschieht!“ „Und ich bin Zeitenfahrer. Ich erlaube dir nicht, den natür- lichen Gang der Geschichte zu behindern. Mit der Menschheit macht man keine Experimente!“ „Du hast doch gesehen, Nick, wie ich mit den dreien fertig, geworden bin?“ „Na und, was erreichst du, wenn du mich niederschlägst? Du weißt ja gar nicht, wie ein Zeitenfahrzeug bedient wird, kannst ohne mich also auch nicht in die Gegenwart zurück … Wie willst du unter diesen Umständen deinen Befehl ausfüh- ren, Agent 003? Nein, James, ich hab alles genau durchdacht: Die Kronjuwelen bleiben hier und gelangen zum Glückspilz.“ James sprang auf. „Du hast selbst gehört, wie verzweifelt der König ist. Er wird zu den Yogi gehen, wenn ich ihm seine Krone nicht wieder- bringe!“ „Das ist seine eigene Angelegenheit.“ James sah ein, daß er gegen mich nicht ankam. Wäre es nach ihm gegangen – er hätte auf die Geschichte der Zivilisation gepfiffen. Doch ich wachte über ihre Interessen, und der Agent 003 begriff, daß er machtlos war. Plötzlich hatte er eine Idee. „Also gut“, sagte er. „Für deine geschichtliche Entwicklung ist es unbedingt notwendig, daß Philipp zu Geld kommt. Mein Alfred aber ist vor allem wegen der Krone der Paprikoten zer- knirscht. Hat die Krone einen Einfluß auf den Gang der Ge- schichte? Nein. Halten wir es doch einfach so: Wir überlassen dem Glückspilz die Juwelen, und König Alfred bekommt die Krone. Einverstanden?“ Ich überlegte: Warum eigentlich nicht? Der Glückspilz konn- te all seine historischen Taten gut und gern auch ohne diese Krone vollbringen. Das hieß, der Gang der Geschichte würde dadurch nicht behindert werden, und das war die Hauptsache. Freilich hatte James einen anderen sehr wichtigen Umstand außer acht gelassen. Der aber betraf eine äußerst interne Ange-, legenheit Bussoloniens, und wir Zeitenfahrer mischen uns in die inneren Dinge eines Landes ja bekanntlich nicht ein. Bei dieser Kompromißlösung blieben wir also. Wir ver- scharrten die Wertgegenstände in der Erde und ließen den Glückspilz im Namen des Sultans von Ambulatorien unter gro- ßer Geheimnistuerei wissen, daß und wo er nach einem Schatz graben könnte. Jener Historiker aber, der die Meinung vertreten hatte, Phil- ipp der Paprikote hätte einen Schatz gefunden, war längst kein so ausgemachter Idealist. Wie man sieht, ist im Leben alles möglich. Als wir wieder zurück waren, wünschte uns König Alfred zu sehen. James Bond der Jüngere wählte aus seiner Garderobe einen Anzug, den er ausschließlich bei Audienzen Seiner Majestät trug, legte die Krone in ein spezielles Futteral, dann machten wir uns auf den Weg in den Palast. Der Agent 003 legte ausführlich dar, wie es uns gelungen war, die Verbrecher dingfest zu machen. Ich selbst mußte dann erklären, wieso wir gezwungen gewesen waren, Philipp die Juwelen zu überlassen. Glücklicherweise erwies sich König Alfred als ein verstän- diger Bursche und begriff recht schnell, daß ich richtig ge- handelt hatte. „Da kann man nichts machen“, sagte er und breitete die Ar- me aus, „die Geschichte muß man halt in Rechnung stellen.“ Und ich dachte bei mir: Andere müssen gleichfalls ohne Fa- milienschmuck leben, also wird es auch Alfred können. Ir- gendwie wird er sich schon durchschlagen., James aber sagte: „Eure Hoheit, vielleicht ist Euch wenig- stens die Tatsache ein kleiner Trost, daß es mir trotz allem und ohne Schaden für die Geschichte gelang, Euch das wertvollste Stück Eures Schmucks zurückzubringen.“ 003 machte eine ef- fektvolle Pause und fügte dann hinzu: „Ich spreche von der Krone der Paprikoten.“ Er holte die Krone aus dem Futteral, und die Anwesenden kniffen die Augen zusammen, so sehr blitzte und funkelte das großartige Stück. Der König betrachtete erstaunt zuerst die Krone, dann James. Die Minister taten dasselbe. „Was ist das?“ fragte der König. „Die Krone der Paprikoten“, erwiderte James, dem eine böse Ahnung kam. „Da müßt ihr irgend etwas verwechseln … Alle Paprikoten haben, soweit mir bekannt ist, nur eine einzige Krone benutzt – diese hier.“ Bei diesen Worten zeigte der König auf die in einer Glasvitrine stehende dreieckige Sandunen-Krone. „Die Papriko- ten übernahmen sie von ihren Vorgängern, den Sandunen. An- dere Kronen gab es bei den Paprikoten nicht.“ Der Agent 003 war völlig verwirrt. Dabei hätte er kürzlich, vor fünfhundert Jahren in dem Wald bei Bussolon, nur eine ganz simple Sache zu begreifen brauchen: Er hätte sich überle- gen müssen, daß er durch eigenes Verschulden die ganze Dy- nastie um ihre Krone brachte, wenn er sie in seinem Diensteifer zu einem Zeitpunkt entführte, da sie dem Begründer der Linie der Paprikoten hätte zufallen müssen. So und nicht anders war das! So wie er gehandelt hatte, konnte man jedenfalls die Ver- blüffung König Alfreds verstehen, dem eine nie gesehene,, fremde Krone ins Haus geschleppt wurde. „Hier muß irgendein Mißverständnis vorliegen“, wieder- holte der König. „Offenbar haben diese Gangster außer uns noch einen anderen Monarchen bestohlen. Daher die Krone! Und dank Ihnen, 003, befindet sich der gestohlene Gegenstand jetzt in meinem Palast! Ein internationaler Skandal ist das!“ So endete die Karriere James Bond des Jüngeren. Nichts dage- gen zu machen! Wie König Alfred der Paprikote schon ganz richtig gesagt hatte: Die Geschichte muß man halt in Rechnung stellen!,

Zu den Autoren

Bachnow, Wladlen Geboren 1924. Er ist Absolvent des Gorki-Literaturinstituts in Moskau. Ab 1946 mehrere Gedichtbände, Bühnen- und Film- komödien. In der Phantastik debütierte er 1970 mit dem humo- ristisch-grotesken Sammelband „Vorsicht: Oha!“ Bilenkin, Dmitri Geboren 1933. Arbeitete nach Abschluß der geologischen Fa- kultät der Universität Moskau als Geologe in Sibirien und Mit- telasien. Heute ist er wissenschaftlicher Redakteur an der aufla- genstarken populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Wokrug sweta“. Schrieb einige populärwissenschaftliche Bücher und viele wissenschaftlich-phantastische Erzählungen und Powesti. Zwei Sammelbände: „Marsbrandung“, 1967, und „Nächtliche Konterbande“, 1971. Bulytscbow, Kirill Geboren 1934. Er studierte Geschichte. Spezialist für Südost- asien, worüber er mehrere fachwissenschaftliche und populär- wissenschaftliche Bücher verfaßte. Auf dem Gebiet der Phanta-, stik ist er seit 1965 tätig. Seine bislang wichtigsten Werke sind der Roman „Der letzte Krieg“ und der Sammelband „Wunder in Guslar“, 1972. Firsow, Wladimir Geboren 1925 in Kaluga. Er begann 1941 als Schlosser in ei- ner Moskauer Flugzeugfabrik. Nach dem Krieg holte er neben seiner Arbeit den Schulabschluß nach und besuchte dann das Moskauer Polygraphische Institut Ab 1949 tätig im Fremdspra- chenverlag in Moskau, heute im Verlag „Mir“. Von ihm er- schienen seit 1966 etwa zwanzig wissenschaftlich-phantastische Erzählungen. Gor, Gennadi Geboren 1907. Er studierte an der historisch-philologischen Fakultät der Universität Leningrad. Seit 1925 literarisch tätig. Dem ersten Erzählband „Gemaltes“, 1933, folgten an die zwan- zig Bücher, in deren wichtigsten er vom Leben der Völker im hohen Norden der Sowjetunion und von den schöpferischen Leistungen sowjetischer Wissenschaftler berichtete. Als phanta- stischer Autor debütierte er relativ spät im Jahre 1961 mit der Powest „Der zudringliche Gesprächspartner“. Seitdem hat er sich ganz diesem Genre zugewandt und zahlreiche phantasti- sche Erzählungen und Powesti – u.a. „Der tönerne Papua“, 1966, und „Die Statue“, 1971 – geschrieben. Grigorjew, Wladimir Geboren 1935. Er studierte an der Moskauer Bauman- Hochschule (Technische Hochschule) und nahm danach an mehreren Expeditionen in Sibirien teil. Seit 1962 veröffentlicht, er wissenschaftliche Phantastik. 1967 Sammelband „Axiome des Zauberstabs“. Jemzew, Michail Geboren 1930 in Cherson. Er studierte am Moskauer Institut für die Technologie der Feinchemie und arbeitete danach am Institut für brennbare Bodenschätze der Akademie der Wissen- schaften der UdSSR. Er ist Kandidat der chemischen Wissen- schaften. In der wissenschaftlichen Phantastik trat er als Ko- Autor von Parnow (siehe dort) auf. Außerdem schrieb er das populärwissenschaftliche Buch „Das Feld unserer Hoffnun- gen“. Kolpakow, Alexander Geboren 1925 im unteren Wolgagebiet. Er war von 1940 bis 1956 Berufsoffizier der Sowjetarmee. Kriegsteilnehmer und Ab- solvent der Militärakademie (1956). Seiner Ausbildung nach ist er physikalischer Chemiker. Nach dem Ausscheiden aus der Armee in verschiedenen Moskauer Forschungsinstituten und als Schriftsteller tätig. Neben vielen Arbeiten zur Popularisie- rung der Errungenschaften von Wissenschaft und Technik ver- öffentlichte er zwei wissenschaftlich-phantastische Erzählbände – „Meer der Träume“, 1964, und „Der unvergängliche Strahl“, 1971 – sowie den Roman „Griada“, 1960. Kolupajew, Viktor Geboren 1936 in Aldan (Jakutische ASSR). Er studierte an der Fakultät für Radiotechnik am Tomsker Polytechnischen Institut und arbeitet heute ebendort im Sibirischen Physikalisch- Technischen Institut. Seit 1969 veröffentlicht er wissenschaft-, lich-phantastische Erzählungen. Erster Erzählband „So was er- lebt man schon“, 1972. Larionowa, Olga Geboren 1935 in Leningrad. Sie studierte zunächst Kernphy- sik und wechselte dann aus persönlichen Gründen zur Geo- physik und später zur Physik der Metalle über. Bis 1964 arbeite- te sie als Ingenieur in einem wissenschaftlichen Forschungsin- stitut. Um diese Zeit schrieb sie – nach erfolglosen Versuchen schon als Kind! – ihre erste wissenschaftlich-phantastische Er- zählung. Es folgten der Roman „Der Leopard vom Kilimands- haro“, zwei Powesti und der Erzählband „Insel des Mutes“, 1971. Mejerow, Alexander Geboren 1915 in Charkow. Seiner Ausbildung nach Chemie- ingenieur. Er arbeitete viele Jahre in wissenschaftlichen For- schungsinstituten und schrieb nebenher wissenschaftliche Phantastik. Sein erster Roman war 1955 „Verteidigung 240“. Ihm folgten die Romane „Der fliederfarbene Kristall“ und „Ve- torecht“. Mirer, Alexander Geboren 1927 in Moskau. Er arbeitet als Ingenieur für Elek- trothermie in einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut. Schreibt seit 1964 wissenschaftliche Phantastik. Veröffentlichte mehrere Powesti, darunter eine für Kinder. Parnow, Jeremej Geboren 1935 in Charkow. Studierte Chemie an der Moskau-, er Universität und arbeitete danach an der Akademie der Wis- senschaften der UdSSR. Er ist Kandidat der chemischen Wis- senschaften. Sein literarisches Werk ist sehr vielgestaltig. Er schrieb einen Thälmann-Roman „Der geheime Gefangene“, ei- nen Abenteuerroman „Die Schatulle der Maria Medici“ sowie biographische Erzählungen und populärwissenschaftliche Bü- cher. Als wissenschaftlicher Phantast trat er in Ko- Autorenschaft mit Jemzew auf. Mehrere Erzählbände sowie die Romane und Powesti „Das Dirac-Meer“, „Der Aufruhr der dreißig Trillionen“ und „Oberst Fossets letzte Reise“. Rossochowatski, Igor Geboren 1929 in der Ukraine. Er ist seiner Ausbildung nach Philologe und erwarb das naturwissenschaftliche Wissen im Selbststudium. Arbeitet als Zeitungsredakteur in Kiew. Seit 1962 veröffentlichte er mehrere wissenschaftlich-phantastische Erzählbände, darunter „Das Rätsel des Haifisches“, „Der Uhr- zeiger“ und „Wie du wohl zurückkehrst“. 1973 erschienen die phantastische Geschichte „Möge der Säer wissen“ und die anti- faschistische Powest „Die Pechvögel“. Im Zusammenwirken mit dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Kybernetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Dr. A. Stogni, entstand das wissenschaftliche Problembuch „KD – ein kyber- netischer Doppelgänger“, das mit Ideen korrespondiert, die Rossochowatski in seiner wissenschaftlichen Phantastik ent- wickelt hatte. Schalimow, Alexander Geboren 1917 im Gebiet von Lwow. Von Beruf Geologe, ar- beitet er als Dozent am Leningrader Bergbauinstitut, 1960 er-, schien von ihm die erste wissenschaftlich-phantastische Erzäh- lung „Die Nacht am Masar“. Danach folgten unter anderen „Das Geheimnis der Donnerspalte“, 1962, „Wenn die Bild- schirme schweigen“, 1965, „Das Geheimnis der Tuscarora“, 1967, „Dinosaurierjäger“, 1968 und 1972 „Die seltsame Welt“, aus dem die Erzählung „Fenster zur Unendlichkeit“ stammt. Strugazki, Arkadi Geboren 1925 in Batumi. Er absolvierte das Moskauer Fremdspracheninstitut als Dolmetscher für Japanisch und Eng- lisch. Zahlreiche Übersetzungen von Werken aus diesen Spra- chen ins Russische. Strugazki, Boris Geboren 1933 in Leningrad. Er studierte an der mathema- tisch-mechanischen Fakultät der Universität Leningrad und arbeitete danach am Observatorium Pulkowo. Die Brüder Strugazki schreiben in Ko-Autorenschaft. Seit 1957 veröffentlichten sie siebzehn Powesti und mehr als zwan- zig Erzählungen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Phan- tastik. Zu den bekanntesten gehören: „Atomvulkan Golkonda“, 1959, „Der Weg auf die Almatea“, 1960, „Rückkehr“, 1962, „Fluchtversuch“, 1962, „Der ferne Regenbogen“, 1963, „Ein Gott zu sein ist schwer“, 1964, „Der Montag fängt am Samstag an“, 1965, „Des Jahrhunderts raubgierige Sachen“, 1965, „Die zweite Invasion der Marsianer“, 1967, „Die bewohnte Insel“, 1971, „Hotel zum Verunglückten Bergsteiger“, 1971, „Der Jun- ge“, 1972, „Picknick am Waldrand“, 1973., Warschawski, Ilja Geboren 1909. Er trat mit sechzehn Jahren in die Leningrader Seefahrtsschule ein und erlernte auf Schiffen der Handelsflotte Theorie und Praxis der Navigation. Bis 1962 dann als Ingenieur in Forschungsinstituten und Konstruktionsbüros. Seine erste wissenschaftlich-phantastische Erzählung entstand aus Anlaß einer Wette mit seinem Sohn. Erster Erzählband „Das Moleku- lar-Cafe“, 1964. Ihm folgten: „Der Mann, der die Antiwelt sah“, „Die Sonne geht unter in Donomaga“, „Der Traumladen“ und „Keine beunruhigenden Symptome“.,

Inhalt

Herbert Krempien „Zum Geleit“ .5 Alexander Mejerow „Kommen Sie morgen!“ .9 Deutsch von Ingeborg Kolinko Kirill Bulytschow „Hochwasser kommt“ .43 Deutsch von Leonore Weist Arkadi und Boris Strugazki „Das vergessene Experiment“ .57 Deutsch von Aljonna Möckel Ilja Warschawski „Die Reise nach Penfield“ .93 Deutsch von Leonore Weist Wladimir Grigorjew „Hätte aber sein können“ .109 Deutsch von Leonore Weist Dmitri Bilenkin „Das Verbot“ .117 Deutsch von Heinz Kübart Michail Jemzew/Jeremej Parnow „Der präatomare Zustand“ 129 Deutsch von Heinz Kübart Wladimir Firsow „Nur eine Stunde“ .149 Deutsch von Heinz Kübart Alexander Schalimow „Fenster zur Unendlichkeit“ .167 Deutsch von Reinhard Fischer, Gennadi Gor „Der große Schauspieler Jones“ .203 Deutsch von AJjonna Möckel Igor Rossochowatski „Begegnung mit der Zeit“ .235 Deutsch von Sonja Klein Viktor Kolupajew „Willenskraft“ .257 Deutsch von Hannelore Menke Alexander Mirer „Das Obsidianmesser“ .285 Deutsch von Gisela Kühnen Alexander Kolpakow „Der unvergängliche Strahl“ .317 Deutsch von Heinz Kübart Olga Larionowa „Insel der Mutigen“ .341 Deutsch von Hannelore Menke Wladlen Bachnow „Aus den nichterdachten Erzählungen des 373 weitgereisten und verdienten Zeitenfahrers Nikolaj Loshkin“ Deutsch von Aljonna Möckel Zu den Autoren.419]
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