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Die beiden Wissenschaftler Devine und Weston starten zum Mars, um als Glücksritter zu Vermögen und Macht zu gelan- gen. Sie verschleppen dabei den Cambridger Philologen Ran- som, um ihn den Eingeborenen zu überlassen, wenn es mit ih- nen Schwierigkeiten geben sollte. Malakandra, wie die Einge- borenen ihre Welt nennen, ist aber keineswegs ein Planet, der von blutgierigen Monstern bewohnt wird, wie H. G. Wells sie geschildert hat, sondern im Gegenteil eine friedvolle, geradezu paradiesische Welt, in der verschiedene intelligente Rassen in bestem Einvernehmen miteinander leben. Ransom gelingt es...
Autor Anonym
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Die beiden Wissenschaftler Devine und Weston starten zum Mars, um als Glücksritter zu Vermögen und Macht zu gelan- gen. Sie verschleppen dabei den Cambridger Philologen Ran- som, um ihn den Eingeborenen zu überlassen, wenn es mit ih- nen Schwierigkeiten geben sollte. Malakandra, wie die Einge- borenen ihre Welt nennen, ist aber keineswegs ein Planet, der von blutgierigen Monstern bewohnt wird, wie H. G. Wells sie geschildert hat, sondern im Gegenteil eine friedvolle, geradezu paradiesische Welt, in der verschiedene intelligente Rassen in bestem Einvernehmen miteinander leben. Ransom gelingt es zu fliehen, und er macht sich auf die Wan- derschaft, um den sagenumwobenen Statthalter Gottes zu be- suchen, der ihn zu sehen verlangt hat, und er erfährt auch, warum die Erde »Thulkandra« genannt wird, der Schweigen- de Stern. Dieser Roman besticht vor allem durch die großartigen Schilderungen bi- zarrer Landschaften und die Beschreibung der skurrilen und doch so sym- pathischen Lebensformen, mit denen die Phantasie des Autors unseren Nachbarplaneten bevölkert. Clive Staples Lewis (29.11.1898 Belfast – 22.11.1963 Oxford), Schriftsteller, Literaturkritiker und Gelehrter, Dozent in Oxford und schließlich Professor für englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Cambridge, interessierte die Idee der Raumfahrt als Aufhänger für einen modernen christlichen Mythos, den er in PERELANDRA (Heyne Buch Nr. 3511) und DIE BÖSE MACHT (Heyne Buch Nr. 3524) fortsetzte. Wir legen die Trilogie, die zu den bedeu- tendsten Werken der phantastischen Literatur gehört, in einer ungekürzten Neuübersetzung vor., CLIVE STAPLES LEWIS

JENSEITS DES SCHWEIGENDEN STERNS

Ein klassischer Science Fiction-Roman WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE-BUCH Nr. 3499 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der amerikanischen Originalausgabe OUT OF THE SILENT PLANET Deutsche Übersetzung Walter Brumm Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1938 by Clive Staples Lewis Copyright © der deutschen Übersetzung 1976 by Wilhelm Heyne Verlag, München Printed in Germany 1976 Umschlagzeichnung: Karl Stephan, München Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs, München Gesamtherstellung: Mohndruck Reinhard Mohn OHG, Gü- tersloh ISBN 4-453-30389-X, Die letzten Tropfen des Gewitterschauers hatten kaum zu fallen aufgehört, als der Wanderer seine Landkarte in die Tasche steckte, den Rucksack auf den müden Schultern zurechtrückte und aus dem Schutz eines mächtigen Kastanienbaums auf die Landstraße hinaustrat. Im Westen ergoß sich ein schwefliger Sonnenuntergang durch einen Wolken- riß, aber voraus über den Hügeln hatte der Himmel die Farbe dunklen Schiefers. Wasser troff von jedem Baum und jedem Grashalm, und die Landstraße glänzte wie ein Fluß. Der Wanderer hielt sich nicht mit der Betrachtung der Landschaft auf, sondern schritt sofort entschlossen aus, wie jemand, der ver- spätet erkannt hat, daß eine längere Wegstrecke vor ihm liegt, als er gemeint hatte. Und so verhielt es sich tatsächlich. Hätte er zurückgeblickt, so würde er den Kirchturm von Much Nadderby gesehen haben, und dieser Anblick hätte ihm womöglich eine Verwün- schung des ungastlichen kleinen Hotels entlockt, das ihm, obwohl es offensichtlich leer gewesen war, die Unterkunft verweigert hatte. Das Haus hatte seit sei- ner letzten Wanderung durch diese Gegend den Be- sitzer gewechselt. Der freundliche alte Gastwirt, mit dem er gerechnet hatte, war jemandem gewichen, den die Bedienung ›die Herrin‹ nannte, und diese Herrin war anscheinend eine britische Pensionswirtin jener orthodoxen Schule, die Gäste als etwas Lästiges betrachtet. Seine Hoffnung war jetzt auf Sterk ge- richtet, das jenseits der Hügelkette lag, gute sechs Meilen entfernt. Nach der Landkarte gab es in Sterk, einen Gasthof. Der Wanderer war zu erfahren, um sich übertriebenen Erwartungen hinzugeben, doch schien es keine andere Möglichkeit zu geben. Er ging ziemlich schnell und gleichmäßig, ohne viel umherzublicken, wie jemand, der sich den Weg mit irgendeinem fesselnden Gedankengang zu verkürzen sucht. Er war groß, fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, aber seine Schultern waren bereits etwas einge- krümmt, und seine Kleidung zeigte jene besondere Art von Schäbigkeit, die einen Intellektuellen in den Ferien auszeichnet. Auf den ersten Blick hätte man ihn leicht für einen Arzt oder Lehrer halten können, obwohl er weder das weltmännische Gehabe des ei- nen noch die schwer zu beschreibende Forschheit des anderen hatte. Er war Sprachwissenschaftler und Do- zent an der Universität Cambridge. Sein Name war Ransom. Als er Nadderby hinter sich ließ, hatte er gehofft, er werde in irgendeinem Bauernhaus Unterkunft finden, noch ehe er bis Sterk gegangen wäre. Doch das Land diesseits der Hügel schien nahezu unbewohnt. Es war ein ödes, einförmiges Land, auf dem hauptsächlich Kohl und Rüben angebaut wurden, mit kümmerli- chen Hecken und wenigen Bäumen. Es lockte keine Besucher an, wie die abwechslungsreichere Land- schaft südlich von Nadderby, und gegen das Indu- striegebiet hinter Sterk war es durch die Hügelkette abgeschlossen. Als die Abenddämmerung anbrach und der Gesang der Vögel verstummte, wurde es stiller als eine englische Landschaft gewöhnlich ist. Das Geräusch seiner Schritte auf der gepflasterten Landstraße begann ihn zu stören. So war er ungefähr zwei Meilen gewandert, als er, voraus ein Licht ausmachte. Er hatte nun den Fuß der Hügel erreicht, und es war beinahe dunkel, so daß die Hoffnung, doch noch ein Bauernhaus anzutreffen, seine Schritte beflügelte, bis er dem Ursprung des Lichts näher kam und eine sehr kleine und ärmliche Hütte in der häßlichen, unverputzten Ziegelbauweise des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts sah. Als er näher kam, stürzte eine Frau aus der offenen Tür und prallte fast mit ihm zusammen. »Bitte entschuldigen Sie, Herr«, sagte sie. »Ich dachte, es sei mein Harry.« Ransom fragte sie, ob er irgendwo zwischen hier und Sterk eine Unterkunft für die Nacht bekommen könnte. »Nein, Herr«, erwiderte die Frau. »Erst in Sterk. Aber ich glaube, daß Sie in Nadderby eher unter- kommen könnten.« Ihre Stimme klang unterwürfig und zugleich mür- risch, als ob ihre Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen würde. Ransom sagte, daß er aus Nadderby komme. »Dann weiß ich auch nicht, Herr«, antwortete sie. »Bis Sterk gibt es eigentlich nichts, nicht was Sie brauchen. Da ist nur das Haus am Berg, ›Haus Auf- stieg‹, wo mein Harry arbeitet, und ich dachte, Sie kämen von dort, Herr, und deshalb kam ich heraus, als ich Sie hörte, weil ich dachte, er könnte es sein. Er sollte längst zu Hause sein.« »Haus Aufstieg«, sagte Ransom. »Was ist das? Ein Bauernhof? Könnte ich dort übernachten?« »O nein, Herr. Sie müssen wissen, daß dort nur der Professor und der Herr aus London wohnen, seit Miß Alice gestorben ist. Die nehmen niemanden auf, Herr., Sie halten nicht einmal Dienstboten, bis auf meinen Harry, der für die Heizung sorgt; aber er schläft nicht im Haus.« »Wie heißt dieser Professor?« fragte Ransom mit aufkeimender Hoffnung. »Ich weiß nicht, leider, Herr«, sagte die Frau. »Der zweite Herr heißt Devine, und Harry sagt, der andere sei ein Professor. Er versteht nicht viel davon, Herr, er ist ein bißchen einfältig, und darum mag ich es nicht, wenn er so spät heimkommt, und die Herren haben gesagt, sie würden ihn immer um sechs nach Haus schicken. Und in dieser Zeit arbeitet er wahrhaftig genug.« Die eintönige Stimme der Frau und ihr karger Wortschatz drückten nicht viel von ihren Gefühlen aus, aber Ransom stand hinreichend nahe, um zu se- hen, daß sie zitterte und dem Weinen nahe war. Er dachte, daß er zu dem geheimnisvollen Professor ge- hen und ihn ersuchen sollte, den Jungen nach Haus zu schicken; und unmittelbar darauf kam ihm der Gedanke, daß er, sobald er im Haus und unter Män- nern seines Berufs wäre, wahrscheinlich aufgefordert würde, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Von wel- cher Art seine Überlegung auch immer gewesen sein mochte, die Vorstellung, wie er im ›Haus Aufstieg‹ vorsprach, hatte die Gestalt eines festen Entschlusses angenommen. Er sagte der Frau, was er vorhatte. »Vielen, vielen Dank, Herr«, sagte sie. »Und wenn Sie so freundlich sein und ihn bis ans Tor und auf die Landstraße begleiten würden, bevor Sie weitergehen; Sie verstehen schon, was ich meine Herr. Er hat sol- che Angst vor dem Professor, daß er von sich aus nicht weggehen würde, solange die Herren ihn nicht, ausdrücklich fortschicken.« Ransom beruhigte die Frau so gut er konnte und verabschiedete sich von ihr, nachdem er sich verge- wissert hatte, daß er das betreffende Haus nach unge- fähr fünf Minuten Gehzeit auf der linken Seite erblik- ken würde. Seine Beine waren während des Stehens steif geworden, und er setzte seine Wanderung lang- sam und mühselig fort. Links von der Landstraße war kein Lichtschimmer zu sehen – nichts als flaches Feld und eine dunkle Masse, in der er ein Waldstück vermutete. Er glaubte länger als fünf Minuten gegangen zu sein, als er plötzlich sein Ziel sah und seinen Irrtum erkannte. Eine dichte Hecke schirmte Haus und Grundstück gegen die Straße ab, und in der Hecke war ein weiß- gestrichenes Gittertor. Die Bäume, die sich über ihn erhoben, als er das Tor untersuchte, waren nicht der Rand eines Wäldchens, sondern nur eine Zeile, durch die der Himmel schimmerte. Er war jetzt überzeugt, daß dieses Gartentor zu dem gesuchten Haus führen müsse, und daß diese Bäume einen Garten umgaben. Er versuchte zu öffnen und fand das Tor verschlos- sen. Eine Weile stand er unschlüssig, entmutigt von der Stille und der zunehmenden Dunkelheit. Sein er- ster Gedanke war, trotz seiner Müdigkeit nach Sterk weiterzuwandern; aber er hatte um der alten Frau willen eine lästige Pflicht auf sich genommen. Er wußte, daß er sich einen Weg durch die Hecke bah- nen konnte, wenn er wirklich wollte, aber er wollte es nicht. Wie lächerlich würde er dastehen, wenn er mit seiner albernen Geschichte von einer hysterischen Mutter, die in Tränen aufgelöst war, weil ihr schwachsinniger Junge eine halbe Stunde länger bei, der Arbeit festgehalten wurde, gewaltsam bei einem alten Sonderling eindrang! Doch es war völlig klar, daß er hineingehen mußte, und weil man mit einem Rucksack auf dem Rücken nicht durch eine Hecke kriechen kann, nahm er ihn ab und warf ihn über das Gittertor. Sowie er es getan hatte, schien ihm, daß er bisher noch nicht ganz entschlossen gewesen war – jetzt, wo er in den Garten einsteigen mußte, und sei es nur, um seinen Rucksack wiederzuerlangen. Er wurde sehr ärgerlich über die Frau und über sich selbst, aber schließlich ließ er sich auf alle viere nieder und begann sich durch die Hecke zu zwängen. Dies war schwieriger, als er erwartet hatte, und mehrere Minuten vergingen, bevor er in der nassen Dunkelheit auf der Innenseite der Hecke sich auf- richten konnte, verschrammt und zerstochen von Dornen und Nesseln. Er tastete sich zum Tor, nahm seinen Rucksack auf und wandte sich dann erst um, seine Umgebung genauer betrachtend. Auf der Zu- fahrt war es heller als unter den Bäumen, und es fiel ihm nicht schwer, ein großes Steinhaus zu erkennen, von dem er durch eine breite, ungepflegte Rasenflä- che getrennt war. Nicht weit voraus verzweigte sich die Zufahrt – zur Rechten führte der Weg in einer sanften Kurve zum Haupteingang, während er zur Linken geradeaus verlief, offenbar zur Rückseite des Hauses. Er bemerkte, daß dieser Weg von tiefen Fahrspuren gefurcht war, in denen jetzt das Wasser stand – als führen dort regelmäßig schwere Lastwa- gen. Der andere Weg, den er nun einschlug, war mit Moos überwachsen. Das Haus war völlig dunkel; an einigen der Fenster waren die Läden geschlossen, an- dere gähnten leer, ohne Läden oder Vorhänge; aber, alle wirkten leblos und ungastlich. Das einzige Zei- chen, das auf Bewohner hindeutete, war eine Rauch- säule, die hinter dem Haus emporstieg und so dicht war, daß man meinen konnte, es handle sich eher um einen Fabrikschornstein oder zumindest den einer Wäscherei als um den Rauchabzug einer Küche. ›Haus Aufstieg‹ war offensichtlich nicht der Ort, wo man Fremde zum Übernachten einladen würde, und Ransom, der bereits einige Zeit mit seiner Erkundung vertan hatte, hätte sich am liebsten abgewandt und seine unterbrochene Wanderung fortgesetzt, wäre er nicht durch sein unseliges Versprechen gebunden gewesen. Er erstieg die drei Stufen zu der überdachten Ve- randa, fand die Türglocke, läutete und wartete. Nach einer Weile läutete er wieder und setzte sich auf eine Holzbank, die am Geländer der Veranda entlanglief. Er saß so lange, daß der Schweiß auf seinem Gesicht zu trocknen begann und ein leichtes Frösteln ihm über den Rücken kroch, obwohl die Nacht warm und sternklar war. Er war mittlerweile sehr müde, und vielleicht war das der Grund, weshalb er nicht auf- stand, und ein drittes Mal läutete. Hinzu kamen die besänftigende Stille des Gartens, die Schönheit des Sommerhimmels und von irgendwo aus der Nach- barschaft der Ruf einer Eule, der die friedvolle Stille ringsumher noch zu betonen schien. Eine gewisse Schläfrigkeit war bereits über ihn gekommen, als er plötzlich zu gespannter Wachsamkeit aufschreckte. Im Haus war ein sonderbares Geräusch hörbar ge- worden – ein Scharren und Schnaufen, das an ein Handgemenge erinnerte. Er stand auf. Das Geräusch war unverkennbar: Leute mit Stiefeln an den Füßen, kämpften oder rangen oder spielten irgend etwas. Nun wurden auch Stimmen laut. Er konnte keine Worte verstehen, aber er hörte die abgerissenen, bel- lenden Rufe von zornigen und atemlosen Männern. Ein Abenteuer war das letzte, was Ransom wollte, doch eine Überzeugung, daß er der Sache auf den Grund gehen sollte, festigte sich bereits in ihm, als ei- ne lautere Stimme hoch und durchdringend die Worte schrie: »Laßt mich los! Laßt mich los!« und dann, gleich darauf: »Ich will da nicht rein! Laßt mich nach Haus!« Ransom warf den Rucksack ab, sprang die Stufen hinunter und rannte zur Rückseite des Hauses, so schnell seine steifen und schmerzenden Beine es ge- statteten. Die Wagenspuren und Pfützen des schlammigen Wegs führten ihn auf eine Art Hof, der von einer ungewöhnlichen Anzahl von Nebengebäu- den umgeben war. Sein flüchtiger Blick machte einen hohen Schornstein, eine niedrige Türöffnung, in der roter Feuerschein flackerte, und eine gewaltige Run- dung aus, die sich schwarz vom Sternhimmel abhob und die er für die Kuppel einer kleinen Sternwarte hielt. Dann wurden diese Eindrücke vom Anblick dreier Männergestalten ausgelöscht, die so nahe vor ihm miteinander rangen, daß er beinahe zwischen sie taumelte. Für Ransom stand sofort fest, daß die mitt- lere Gestalt, die trotz heftigen Widerstrebens von den beiden anderen festgehalten wurde, der Harry der alten Frau war. Am liebsten hätte er sie angedonnert: »Was machen Sie mit diesem Jungen?« Aber was er mit ziemlich matter Stimme hervorbrachte, war bloß: »Aber! Ich muß schon sagen ...« Die drei Kämpfer fuhren auseinander, der Junge, schluchzte. »Darf ich fragen«, sagte der Dickere und Größere der beiden, »wer zum Teufel Sie sind und was Sie hier zu suchen haben?« Seine Stimme hatte alle die Qualitäten, an denen es Ransoms Tonfall ge- mangelt hatte. »Ich bin auf einer Wanderung«, sagte Ransom, »und ich versprach einer armen Frau ...« »Das verdammte Weib«, rief der andere. »Wie sind Sie reingekommen?« »Durch die Hecke«, sagte Ransom, dem zuneh- mende Gereiztheit zu Hilfe kam. »Ich weiß nicht, was Sie mit diesem Jungen machen wollen, aber ...« »Wir hätten einen Hund anschaffen sollen«, sagte der Dicke zu seinem Gefährten, ohne Ransom zu be- achten. »Wir hätten einen Hund gehabt, wenn du nicht darauf bestanden hättest, Tartar für einen Versuch zu gebrauchen«, sagte der Mann, der bisher geschwie- gen hatte. Er war annähernd so groß wie der andere, und seine Stimme kam Ransom in irgendeiner Weise bekannt vor. »Hören Sie«, fing Ransom wieder an, »ich weiß nicht, was Sie mit diesem Jungen vorhaben, aber sei- ne Arbeitszeit ist längst um, und es ist höchste Zeit, daß Sie ihn nach Haus schicken. Ich habe nicht das geringste Verlangen, mich in Ihre privaten Angele- genheiten einzumischen, aber ...« »Wer sind Sie überhaupt?« fuhr der dicke Mann ihn an. »Mein Name ist Ransom, wenn Sie das meinen und ...« »Großer Gott«, rief der jüngere der beiden. »Etwa der Ransom, der in Wedenshaw war?«, »Ich bin in Wedenshaw zur Schule gegangen«, sagte Ransom. »Ich dachte mir gleich, daß ich dich kenne, als du den Mund aufmachtest«, sagte der Schlanke. »Ich bin Devine. Erinnerst du dich nicht an mich?« »Natürlich erinnere ich mich. Das will ich meinen!« erwiderte Ransom, als sie einander mit der etwas bemühten Herzlichkeit, die für solche Zusammentref- fen charakteristisch ist, die Hände schüttelten. Dabei hatte Ransom, soweit er sich erinnerte, von allen Schulgefährten Devine am wenigsten gemocht. »Rührend, nicht wahr?« sagte Devine. »So sieht man sich wieder, sogar in der Wildnis von Sterk und Nadderby. Da würgt es einem in der Kehle und man denkt zurück an die Abendgottesdienste in der lieben alten Schulkapelle. Du kennst nicht zufällig Weston?« Devine zeigte auf seinen massigen und lautstarken Gefährten. »Den Weston schlechthin«, setzte er hinzu. »Du weißt schon, den großen Weston. Schmiert sich Einstein aufs Brot und trinkt dazu einen halben Liter von Schrödingers Blut. Weston, erlaube mir, daß ich dir meinen alten Schulkameraden Ransom vorstelle. Doktor Elwin Ransom. Den großen Philologen, du weißt schon. Schmiert sich Jespersen aufs Brot und trinkt dazu einen halben Liter ...« »Kenne ich nicht«, unterbrach Weston, der den un- glücklichen Harry noch immer am Kragen hatte. »Und wenn du meinst, ich wäre erfreut, diese Person kennenzulernen, die da ungefragt in meinen Garten eingedrungen ist, dann muß ich dich enttäuschen. Es ist mir völlig gleichgültig, in welche Schule er gegan- gen ist oder für welchen unwissenschaftlichen Unfug er mit gutem Geld bezahlt wird das in die Forschung, gehen sollte. Ich will wissen, was er hier zu suchen hat; und danach soll er sich fortscheren.« »Sei nicht ekelhaft, Weston«, sagte Devine in einem mehr ernsthaften Ton. »Sein Besuch ist eine hübsche Überraschung. Mach dir nichts aus Westons Gepolter, Ransom. Er verbirgt ein weiches Herz unter seiner rauhen Schale, weißt du. Du wirst doch hereinkom- men und was mit uns trinken und eine Kleinigkeit es- sen?« »Das ist sehr nett von dir«, sagte Ransom. »Aber was den Jungen angeht ...« Devine zog Ransom beiseite. »Schwachsinnig«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Ist fleißig und zu- verlässig, kriegt aber immer wieder diese Anfälle. Wir hatten nur versucht, ihn für eine Stunde oder so ins Waschhaus zu sperren, damit er sich beruhigt und wieder normal wird. In seinem augenblicklichen Zu- stand können wir ihn nicht heimgehen lassen. Alles geschah aus reiner Freundlichkeit. Wenn du willst, kannst du ihn jetzt selbst nach Haus bringen – und dann wiederkommen und hier übernachten.« Ransom war überrascht und verwundert. Der gan- ze Vorgang erschien ihm so verdächtig und unsau- ber, daß er fühlte, er sei auf verbrecherische Machen- schaften gestoßen, während er andererseits der tiefen, irrationalen Überzeugung seiner Klasse anhing, daß solche Dinge außer in Romanen niemals einem ge- wöhnlichen Menschen widerfahren und schon gar nicht mit Professoren und alten Schulkameraden in Zusammenhang gebracht werden konnten. Selbst wenn sie den Jungen mißhandelt hatten, sah Ransom kaum eine Möglichkeit, ihn gewaltsam aus ihren Händen zu befreien., Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte Devine leise auf Weston eingeredet, aber nicht leiser als jemand, der in der Gegenwart ei- nes Gastes Fragen der Unterbringung bespricht. Es endete mit einem zustimmenden Grunzen von Wes- ton. Ransom, dessen übrigen Schwierigkeiten nun ei- ne gesellschaftliche Verlegenheit hinzugefügt wurde, wollte eine Bemerkung machen. Doch Weston wandte sich gerade an den Jungen. »Für heute hast du uns genug Ärger gemacht, Har- ry«, sagte er. »Und in einem vernünftig regierten Land wüßte ich schon, wie ich mit dir umzugehen hätte. Halt den Mund und laß das Geheul. Du brauchst nicht ins Waschhaus, wenn du nicht willst ...« »Es war nicht das Waschhaus, das wissen Sie ge- nau«, schluchzte der einfältige Junge. »Ich will nicht wieder in dieses Ding da hinein.« »Er meint das Laboratorium«, unterbrach ihn De- vine. »Er ist mal hineingeraten und durch einen un- glücklichen Zufall ein paar Stunden eingesperrt ge- wesen. Das hat ihm aus irgendeinem Grund einen Schrecken eingejagt.« Er wandte sich dem Jungen zu. »Hör zu, Harry«, sagte er. »Sobald er sich ein wenig ausgeruht hat, wird dieser freundliche Herr dich nach Haus bringen. Wenn du reinkommst und ruhig in der Diele sitzen bleibst, gebe ich dir etwas, das du magst.« Seine Lippen imitierten das Geräusch, das beim Entkorken einer Flasche entsteht – Ransom er- innerte sich, daß es schon in der Schule einer von De- vines Tricks gewesen war – und Harry brach in ein kindlich durchtriebenes Lachen aus. »Bring ihn rein«, sagte Weston, als er sich ab-, wandte und im Haus verschwand. Ransom zögerte, ihm zu folgen, aber Devine versicherte ihm, daß Weston über seinen Besuch sehr erfreut sei. Das war die nackte Unwahrheit, aber Ransoms Verlangen nach einer Ruhepause und etwas zu trinken über- wand rasch seine Skrupel. Er folgte Devine und Har- ry ins Haus, und einige Augenblicke später saß er in einem Sessel und wartete auf Devine, der gegangen war, Erfrischungen zu holen., Das Zimmer, worin er wartete, stellte eine seltsame Mischung von Luxus und Schmutz zur Schau. Die Fenster, von außen durch Läden verschlossen, waren ohne Vorhänge, der Boden hatte keinen Teppich und war übersät mit Kisten, Holzwolle, Zeitungen und Schuhen, und die Tapete zeigte die hellen Stellen, die von den Bildern und Möbeln der früheren Bewohner herrührten. Andererseits waren die zwei klassizisti- schen Armsessel von der kostspieligsten Art und das gleiche galt für den Tisch, auf dem ein wüstes Durch- einander von Zigarren, Austernschalen, leeren Cham- pagnerflaschen Kondensmilchdosen, geöffneten Ölsar- dinenbüchsen, billigem Geschirr, Brotresten, halbge- leerten Teetassen und Zigarettenstummeln herrschte. Seine Gastgeber schienen lange auszubleiben, und Ransom überließ sich seinen Gedanken an Devine. Er sah ihn mit jener Abneigung, die wir gegen jemanden empfinden, den wir in unserer Jugend für kurze Zeit bewundert und dann als hohl durchschaut haben. Devine hatte einfach eher als andere jene Art von Humor gelernt, die aus einer ständigen Parodie der überlieferten sentimentalen oder idealistischen Kli- schees besteht. Ein paar Wochen lang hatten seine Anspielungen auf die ›liebe alte Schule‹, den ›ritterli- chen Sportgeist‹, die ›Bürde des weißen Mannes‹ und die ›Rechtschaffenheit‹ alle anderen, Ransom einge- schlossen, begeistert. Doch schon bevor er Wedens- haw verließ, hatte Ransom angefangen, Devine lang- weilig zu finden, und in Cambridge war er ihm aus dem Weg gegangen und hatte sich aus der Ferne ge-, wundert, wie ein so oberflächlicher und letzten Endes alltäglicher Mensch so viel Erfolg haben konnte. Dann war es zu der rätselhaften Berufung Devines an die Universität Leicester gekommen; und sein zu- nehmender Reichtum war ein nicht minder rätsel- haftes Phänomen. Er war seit langem nach London übergesiedelt und stellte in der Geschäftswelt ver- mutlich ›etwas dar‹. Dann und wann fiel sein Name, und gewöhnlich schloß der Informant mit der Be- merkung, Devine sei ›auf seine Art ein verdammt ge- rissener Bursche‹, oder er äußerte bekümmert, ›es sei ihm ein Rätsel, wie dieser Mann es so weit habe brin- gen können‹. Soweit Ransom dem kurzen Gespräch im Hof entnehmen konnte, hatte sein alter Schulka- merad sich kaum geändert. Das Öffnen der Tür unterbrach seinen Gedanken- gang. Devine kam allein und brachte ein Tablett mit einer Flasche Whisky, Gläsern und einem Siphon. »Weston sucht nach etwas Eßbarem«, sagte er, setzte das Tablett neben Ransoms Sessel auf dem Bo- den ab und machte sich an das Öffnen der Flasche. Ransom, der inzwischen vom Durst geplagt wurde, sah, daß sein Gastgeber zu den irritierenden Leuten gehörte, die beim Sprechen vergessen, ihre Hände zu gebrauchen. Devine hatte angefangen, das Stanniol, das Flaschenhals und Korken umhüllte, mit der Spit- ze des Korkenziehers aufzuschlitzen, als er die Hand sinken ließ und fragte: »Wie kommt es, daß du in dieser gottverlassenen Gegend bist?« »Ich mache eine Fußwanderung«, sagte Ransom. »Gestern übernachtete ich in Stoke Underwood, und heute wollte ich in Nadderby einkehren. Dort fand, ich kein Quartier, also war ich auf dem Weg nach Sterk.« »Mein Gott!« rief Devine, den Korkenzieher in der schlaffen Hand. »Machst du das für Geld, oder ist es schierer Masochismus?« »Vergnügen, natürlich«, sagte Ransom, den Blick unverwandt auf die noch immer ungeöffnete Flasche gerichtet. »Kann man das Reizvolle daran einem Uneinge- weihten erklären?« fragte Devine. Er erinnerte sich seines Vorhabens soweit, daß er ein kleines Stück Stanniol abriß. »Ich weiß nicht. Zunächst macht mir das Wandern an sich Freude ...« »Mein Gott! Nun, dir muß es beim Militär gefallen haben. Links zwo drei vier, eh?« »Nein, nein. Es ist gerade das Gegenteil vom Mili- tär. Dort läuft alles darauf hinaus, daß man keinen Augenblick allein ist und nie die Wahl hat, wohin man gehen möchte. Man kann sich nicht mal aussu- chen, auf welcher Straßenseite man gehen will. Bei einer Wanderung bist du völlig unabhängig. Du ra- stest, wo es dir gefällt, und gehst weiter, wann du willst. Solange du unterwegs bist, brauchst du auf keinen Rücksicht zu nehmen und niemanden als dich selbst um Rat zu fragen.« »Bis du eines Abends im Hotel ein Telegramm vor- findest, in dem steht: ›Komm sofort zurück‹, nicht wahr?« sagte Devine, der endlich das Stanniol ablö- ste. »Das kann dir nur passieren, wenn du dumm ge- nug bist, eine Anschriftenliste zurückzulassen und dich danach zu richten! Das Schlimmste, was mir zu-, stoßen könnte, wäre, daß der Rundfunksprecher sagt: ›Doktor Elwin Ransom, zur Zeit auf einer Wanderung durch die Midlands, wird gebeten ...‹« »Ich beginne zu verstehen«, sagte Devine, mitten im Vorgang des Korkenziehens innehaltend. »Das könntest du nicht tun, wenn du wie ich im Ge- schäftsleben stündest. Du bist ein Glückspilz! Aber kannst du einfach so verschwinden? Hast du keine Frau, keinen Nachwuchs, keine betagten und ehr- würdigen Eltern oder dergleichen?« »Nur eine verheiratete Schwester in Indien. Und schließlich bin ich ein Dozent, verstehst du? Und während der großen Ferien ist ein Dozent sozusagen ein nichtvorhandenes Wesen, wie du dich erinnern solltest. Die Universität weiß nicht, wo er steckt, und kümmert sich auch nicht darum, und das gilt erst recht für alle anderen.« Endlich kam der Korken mit einem herzerfrischen- den Geräusch aus dem Flaschenhals. »Sag halt, wenn es genug ist«, sagte Devine, als Ransom ihm sein Glas hinhielt. »Aber irgendwo hat die Sache bestimmt einen Haken. Willst du mir wirk- lich erzählen, daß niemand weiß, wo du bist oder wann du zurückkommen solltest oder wie man dich erreichen kann?« Ransom nickte, und Devine, der den Siphon ergrif- fen hatte, fluchte unvermittelt. »Das Ding ist leer«, sagte er. »Macht es dir was aus, wenn wir gewöhnli- ches Wasser nehmen? Ich muß welches aus der Kü- che holen. Wieviel möchtest du?« »Füll das Glas auf, bitte«, sagte Ransom. Bald darauf kehrte Devine zurück und reichte Ran- som den lange erwarteten Trunk. Als Ransom das, halbgeleerte Glas mit einem zufriedenen Seufzer ab- stellte, bemerkte er, daß Devines Wahl seiner Woh- nung doch mindestens ebenso absonderlich sei wie seine eigene Art und Weise, die Ferien zu verbringen. »Durchaus«, sagte Devine. »Aber wenn du Weston kenntest, würdest du begreifen, daß es weit weniger lästig ist, zu gehen, wohin er will, als darüber zu streiten. Er ist, was du einen energischen Kollegen nennen könntest.« »Kollege?« fragte Ransom. »In gewissem Sinn schon«, sagte Devine. Er blickte zur Tür, zog seinen Sessel näher und fuhr in vertrau- licherem Ton fort: »Trotz allem ist er in Ordnung. Unter uns gesagt, ich habe etwas Geld in einige Expe- rimente gesteckt, die er gerade durchführt. Alles ganz reell – dem Fortschritt und dem Wohl der Menschheit verpflichtet und alles das, aber es hat auch eine ge- schäftliche Seite.« Während Devine redete, begann mit Ransom Selt- sames zu geschehen. Zuerst kam es ihm bloß so vor, als ergäben Devines Worte keinen Sinn mehr. Er schien zu sagen, daß er durch und durch Geschäfts- mann sei, in London aber keine Möglichkeit finde, die nötigen Experimente durchzuführen. Dann erkannte Ransom, daß Devine nicht Unverständliches redete, sondern unhörbar geworden war, was nicht weiter überraschend war, da er sich jetzt so weit entfernt hatte – ungefähr eine Meile weit, dabei ganz deutlich, wie etwas, das durch ein umgedrehtes Fernrohr be- trachtet wird. Aus dieser hellen Ferne, wo er in sei- nem winzigen Sessel saß, blickte er Ransom mit ei- nem veränderten und neuen Ausdruck im Gesicht an. Es war ein Blick, der unbehaglich machte, und Ran-, som versuchte sich in seinem Sessel zu bewegen, ent- deckte aber, daß er alle Gewalt über seinen Körper verloren hatte. Er fühlte sich recht gut, aber es war, als ob seine Arme und Beine mit Bandagen an den Sessel gebunden wären und sein Kopf in einer Schraubzwinge steckte: einer sorgfältig gepolsterten, doch absolut unnachgiebigen Schraubzwinge. Er hatte keine Angst, obwohl er ahnte, daß er allen Grund hatte, sich zu fürchten. Dann schwand der Raum ganz allmählich aus seinem Gesichtsfeld. Ransom wußte nie genau zu sagen, ob das, was dann geschah, irgendeine Beziehung zu den in die- sem Buch aufgezeichneten Ereignissen hatte, oder ob es nur ein verantwortungsloser Traum war. Es schien ihm, daß er und Weston und Devine in einem klei- nen, von Mauern umgebenen Garten standen. Der Garten war hell und sonnig, doch über der Mauer konnte man nur Finsternis sehen. Sie versuchten über die Mauer zu klettern, und Weston bat sie um Hilfe- stellung. Ransom redete auf ihn ein, nicht über die Mauer zu klettern, weil es drüben so dunkel sei, aber Weston ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbrin- gen, und schließlich taten sie es. Ransom war der letzte. Wegen der einzementierten Flaschenscherben warf er seinen Mantel über die Mauerkrone, dann zog er sich hoch und kam rittlings darauf zu sitzen. Die anderen beiden waren draußen bereits in die Finster- nis hineingesprungen, aber ehe er ihnen folgte, tat sich in der Mauer eine Tür auf, die keiner von ihnen bisher bemerkt hatte, und die seltsamsten Geschöpfe, die er je gesehen hatte, kamen in den Garten und brachten Weston und Devine zurück. Sie ließen sie in dem Garten und zogen sich selbst wieder in die Dun-, kelheit zurück, schlossen die Tür. Ransom fand es unmöglich, von der Mauer herunterzukommen. Er blieb oben sitzen, ohne Angst zu empfinden, aber mit einem ziemlich unbehaglichen Gefühl, denn sein rechtes Bein, das draußen hing, war so dunkel, und sein linkes so hell. »Mein Bein wird abfallen, wenn es noch dunkler wird«, sagte er. Dann blickte er in die Dunkelheit hinunter und fragte: »Wer seid ihr?« und die seltsamen Leute mußten noch dagewesen sein, denn sie antworteten alle: »Hu-hu-hu!« genau wie Eulen. Er begann zu begreifen, daß sein Bein nicht so sehr dunkel war als vielmehr kalt und steif, weil sein an- deres so lange darauf gelegen hatte; und auch, daß er in einem Armsessel in einem beleuchteten Zimmer saß. In seiner Nähe wurde gesprochen, und als er es hörte, wurde ihm bewußt, daß dieses Gespräch schon einige Zeit andauerte. Sein Kopf war einigermaßen klar. Er merkte, daß man ihn betäubt oder hypnoti- siert hatte, oder beides zusammen, und er fühlte, daß er nach und nach die Herrschaft über seinen Körper zurückgewann, obgleich er noch immer sehr schwach war. Er lauschte aufmerksam, ohne sich zu bewegen. »Ich habe dieses Hin und Her allmählich satt, Weston«, sagte Devine gerade, »und um so mehr, als es mein Geld ist, das auf dem Spiel steht. Ich sage dir, er ist genauso gut geeignet wie der Junge, in mancher Hinsicht sogar besser. Aber er wird jetzt bald wieder zu sich kommen, und wir müssen ihn sofort an Bord bringen. Wir hätten es schon vor einer Stunde tun sollen.« »Der Junge war ideal für uns«, sagte Weston ver- drießlich. »Ungeeignet, der Menschheit zu dienen,, und nur fähig, seinen Schwachsinn fortzupflanzen. In einer fortgeschrittenen Gesellschaft würden Burschen wie er automatisch einem Staatslaboratorium für Ver- suchszwecke übergeben werden.« »Schon möglich. Aber hier in England würde Scot- land Yard sich für den Jungen interessieren, wenn er vermißt würde. Dagegen wird monatelang kein Hahn nach diesem Wichtigtuer krähen, und selbst dann wird niemand wissen, wo er war, als er verschwand. Er kam allein. Er hinterließ keine Anschrift. Er hat keine Familie. Und schließlich hat er aus eigenem Antrieb seine Nase in diese Angelegenheit gesteckt.« »Also, mir gefällt es nicht. Schließlich ist er ein menschliches Wesen. Der Junge war im Grunde eher ein – ein Präparat. Immerhin ist auch der hier nur ein Individuum, und wahrscheinlich ein völlig nutzloses. Und außerdem riskieren auch wir unser Leben. Für etwas Großes ...« »Um Himmels willen, fang nicht wieder mit dem ganzen Zeug an. Dazu haben wir keine Zeit.« »Ich glaube«, erwiderte Weston, »er würde einver- standen sein, wenn man es ihm klarmachen könnte.« »Nimm du seine Beine; ich nehme das obere Ende«, sagte Devine. »Wenn du wirklich glaubst, daß er zu sich kommt«, sagte Weston, »solltest du ihm lieber noch eine Dosis verpassen. Wir können erst nach Sonnenaufgang starten. Es wäre ziemlich lästig, wenn er da drinnen drei Stunden oder so herumzappeln würde. Mir wäre es lieber, er wachte erst auf, wenn wir unterwegs sind.« »Richtig. Behalte ihn im Auge, während ich nach oben gehe und das Zeug hole.«, Devine verließ das Zimmer. Durch halbgeschlosse- ne Lider sah Ransom, daß Weston über ihm stand. Er konnte nicht voraussagen, wie sein Körper auf den Versuch einer plötzlichen Bewegung reagieren wür- de, wenn er überhaupt reagierte, aber er begriff, daß er die Gelegenheit nutzen mußte. Kaum hatte Devine die Tür geschlossen, als Ransom sich mit aller Macht gegen Westons Beine warf. Der Wissenschaftler fiel vornüber, und Ransom stieß ihn mit qualvollem Kraftaufwand von sich und stürzte hinaus in den Flur. Er war sehr schwach und fiel hin, aber das Ent- setzen saß ihm im Nacken, und innerhalb weniger Sekunden hatte er die Haustür gefunden und be- mühte sich verzweifelt, die Verriegelung zu öffnen. Die Dunkelheit und das Zittern seiner Hände waren gegen ihn. Ehe er den oberen Riegel aufgestoßen hatte, kamen hinter ihm gestiefelte Füße über den teppichlosen Boden gepoltert. Er wurde bei den Schultern und Knien gepackt. Um sich tretend, sich windend, schweißbedeckt und in der schwachen Hoffnung auf Hilfe aus Leibeskräften brüllend, ver- längerte er den Kampf mit einer Heftigkeit, der er sich nie für fähig gehalten hätte. Einen herrlichen Augenblick lang war die Tür offen, die frische Nachtluft wehte in sein Gesicht, und er sah die tröst- lichen Sterne und sogar seinen Rucksack, der auf der überdachten Veranda liegengeblieben war. Dann traf ihn ein schwerer Schlag auf den Kopf. Das Bewußt- sein schwand, und seine letzte Wahrnehmung war der Griff kräftiger Hände, die ihn zurück in den dunklen Flur zerrten, und das Geräusch einer zufal- lenden Tür., Als Ransom zur Besinnung kam, schien er in einem dunklen Raum im Bett zu liegen. Er hatte ziemlich starke Kopfschmerzen, und dies, verbunden mit ei- nem allgemeinen Schwächegefühl, nahm ihm anfangs den Mut zu einem Versuch, aufzustehen und seine Umgebung zu untersuchen. Als er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, merkte er, daß er stark schwitzte, und dies lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Tatsa- che, daß der Raum (wenn es einer war) ungewöhn- lich warm war. Als er die Arme bewegte, um die Bettdecke abzuwerfen, berührte er eine Wand rechts vom Bett; sie war nicht nur warm sondern heiß. Er ta- stete mit der linken Hand in der Leere auf der ande- ren Seite herum und bemerkte, daß die Luft dort kühler war; anscheinend ging die Hitze von der Wand aus. Er befühlte sein Gesicht und fand eine aufgeschürfte Anschwellung über dem linken Auge. Dies erinnerte ihn an den Kampf mit Weston und Devine, und er folgerte sofort, daß sie ihn in ein Ne- bengebäude hinter ihrem Schmelzofen gesperrt hat- ten. Zur gleichen Zeit blickte er auf und machte die Quelle des trüben Lichts aus, in der er, ohne es zu bemerken, die ganze Zeit über die Bewegungen sei- ner Hände hatte sehen können. Unmittelbar über sei- nem Kopf war eine Art Dachluke – ein viereckiger Ausschnitt des sternerfüllten Nachthimmels. Es schien Ransom, daß er nie in eine so frostige Nacht hinausgeblickt hatte. Wie in unerträglicher Qual oder Lust pulsierend, in pfadloser Fülle zusammenge- drängt, traumhaft in ihrer Klarheit, strahlend in tief-, ster Schwärze, rissen die Sterne all seine Aufmerk- samkeit an sich, beunruhigten und erregten ihn. Er setzte sich aufrecht, und das verstärkte schmerzhafte Pochen in seinem Kopf erinnerte ihn, daß er nieder- geschlagen und mit Drogen behandelt worden war. Er überlegte gerade, ob diese Droge irgendeine Wir- kung auf die Pupillen haben mochte, und daß dies die unnatürliche Pracht und Fülle des Himmels erklä- ren würde, als eine silbrige Lichterscheinung, die bei- nahe einem blassen und verkleinerten Sonnenauf- gang glich, seinen Blick von neuem nach oben lenkte. Kurze Zeit später schob sich die Scheibe des Voll- monds in sein Gesichtsfeld. Ransom saß still und schaute. Er hatte niemals einen solchen Mond gese- hen – so weiß, so blendend und so groß. Wie ein gro- ßer Fußball gleich vor dem Fenster, dachte er, und dann: nein – noch größer. Er war mittlerweile über- zeugt, daß mit seinen Augen etwas nicht stimmte; kein Mond konnte so groß sein wie das Ding, das er sah. Das Licht des riesigen Mondes – wenn es ein Mond war – erhellte seine Umgebung jetzt beinahe so strahlend, als ob es Tag wäre. Es war ein sehr seltsa- mer Raum. Der Boden war so klein, daß das Bett und ein Tisch daneben seine gesamte Fläche einnahmen. Die Decke schien annähernd doppelt so groß zu sein, und die Wände wölbten sich im Aufsteigen nach au- ßen, so daß Ransom den Eindruck hatte, er liege am Boden einer tiefen und engen Schüssel. Dies bestä- tigte seine Annahme, daß sein Sehvermögen entwe- der vorübergehend oder dauernd geschädigt war. Im übrigen erholte er sich jedoch rasch und begann sogar eine unnatürliche Leichtigkeit und angenehme Erre-, gung zu verspüren. Die Hitze war noch immer drük- kend, und bevor er aufstand, den Raum genauer zu untersuchen, entledigte er sich bis auf Hemd und Ho- se aller Kleider. Das Aufstehen war von verheeren- den Wirkungen begleitet und steigerte seine Be- fürchtungen über die Folgen der Drogenbehandlung. Obgleich er sich keiner ungewöhnlichen Muskelan- strengung bewußt war, sprang er mit einer Energie vom Bett auf, daß er mit dem Kopf hart gegen die Luke schlug und von dort jäh zu Boden prallte. Er lag jetzt an der anderen Wand – der Wand, die sich ent- sprechend seiner früheren Wahrnehmung wie die Wandung einer Schüssel nach außen hätte empor- wölben müssen. Aber so verhielt es sich nicht. Er be- fühlte sie, sah sie an: Sie stand unverkennbar lotrecht, im rechten Winkel zum Boden. Wieder stand er auf, diesmal vorsichtiger. Er fühlte eine außerordentliche Leichtigkeit des Körpers; es bereitete ihm sogar Mü- he, mit den Füßen am Boden zu bleiben. Zum er- stenmal ging ihm der Verdacht durch den Sinn, daß er tot und bereits im Geisterleben sein könnte. Er zit- terte, aber seine anerzogene geistige Disziplin verbot es ihm, die Möglichkeit auch nur zu erwägen. Statt dessen erforschte er sein Gefängnis. Das Ergebnis verscheuchte alle Zweifel: Alle Wände sahen aus, als wölbten sie sich nach außen, so daß der Raum an der Decke größer war als am Boden; trat man jedoch an eine der Wände, so erwies sie sich als völlig senkrecht – nicht nur für das Auge, sondern auch für das Tastgefühl, wenn man sich bückte und mit den Fin- gern den Winkel zwischen Wand und Boden prüfte. Die gleiche Untersuchung enthüllte zwei andere merkwürdige Tatsachen. Wände und Boden des, Raums waren mit Metall verkleidet und befanden sich in einem Zustand ständiger schwacher Vibration – einer lautlosen Vibration, die etwas sonderbar Le- bendiges und Unmechanisches an sich hatte. Doch wenn die Vibration auch lautlos war, es gab genug andere Geräusche – eine Serie musikalisch anmuten- der Klopftöne oder Schläge, die in unregelmäßigen Intervallen von der Decke zu kommen schienen, ein monotones Summen in mehreren Tonlagen zugleich, und ein gelegentliches Klicken und Schnattern. Es war, als ob die Metallkammer, in der er steckte, von winzigen, klingenden Geschossen getroffen würde. Ransom war inzwischen gründlich verschreckt – nicht von der prosaischen Furcht, die man im Krieg empfindet, sondern von einer ungestümen, herzklop- fenden Angst, die sich kaum von seiner allgemeinen Erregung trennen ließ: Er war in der Schwebe auf ei- ner Art Wasserscheide des Gefühls; ihm war, als könne er jeden Augenblick entweder in panisches Entsetzen oder in ekstatische Freude abgleiten. Er wußte jetzt, daß er nicht in einem Haus war, sondern in einer Art Schiff, das sich fortbewegte. Es war offen- sichtlich kein Unterseeboot, und die winzigen Vibra- tionen des Metalls ließen nicht auf die Bewegungs- weise irgendeines mit Rädern versehenen Fahrzeugs schließen. Ein Schiff also, sagte er sich, oder eine Art Luftschiff ... Doch alle seine Wahrnehmungen und Empfindungen waren so seltsam, daß sie sich mit keiner der beiden Annahmen vertrugen. Verwirrt ließ er sich wieder auf das Bett nieder und starrte den un- geheuren Mond an. Ein Luftschiff, irgendeine Art von Flugmaschine ... aber warum sah der Mond so groß aus? Er war noch, größer als er zuerst gedacht hatte. Nie konnte der Mond in Wirklichkeit von dieser Größe sein; und Ransom begriff jetzt, daß er dies von Anfang an ge- wußt, das Wissen aber durch Entsetzen unterdrückt hatte. Im gleichen Augenblick schoß ihm ein Gedanke durch den Sinn, der seinen Atem stocken machte: In dieser Nacht konnte es keinen Vollmond geben. Er erinnerte sich deutlich, daß er in einer mondlosen Nacht von Nadderby aufgebrochen war. Selbst wenn die dünne Sichel eines Neumonds seiner Aufmerk- samkeit entgangen sein sollte, konnte sie in ein paar Stunden nicht zu dem angewachsen sein, was er hier sah. Dies hier war eine größenwahnsinnige Scheibe, bei weitem größer als der Fußball, mit dem er sie an- fangs verglichen hatte, eine Scheibe, die beinahe die Hälfte des Himmels ausfüllte. Und wo war der alte ›Mann im Mond‹ – das vertraute Gesicht, das auf alle Menschengenerationen herabgeblickt hatte? Das Ding war überhaupt nicht der Mond, und Ransom fühlte, wie sein Haar sich sträubte. In diesem Moment hörte er eine Tür gehen und wandte den Kopf. Ein blendendes Lichtrechteck er- schien hinter ihm und verschwand wieder, als die Tür geschlossen wurde. Ransoms Augen, momentan geblendet, starrten die ungefüge Gestalt eines nack- ten Mannes an, die er als Weston wiedererkannte. Kein Vorwurf, keine Bitte um eine Erklärung kam Ransom über die Lippen oder auch nur in den Sinn; nicht mit dieser monströsen Scheibe über ihren Köp- fen. Die bloße Gegenwart eines menschlichen We- sens, die zumindest ein wenig Gemeinschaft zu bie- ten versprach, löste die Spannung, in der seine Ner- ven bislang einer bodenlosen Verzweiflung wider-, standen hatten. Als er sprach, merkte er, daß er schluchzte. »Weston! Weston!« keuchte er. »Was ist das? Es ist nicht der Mond – der ist nicht so groß. Er kann es nicht sein, oder?« »Nein«, erwiderte Weston, »es ist die Erde.«, Ransoms Beine gaben nach, und er mußte aufs Bett zurückgesunken sein, doch wurde er sich dessen erst viel später bewußt. Im Augenblick existierte nur seine Angst; alles andere war wie ausgelöscht. Er wußte nicht einmal, wovor er sich fürchtete; die Angst be- herrschte sein ganzes Bewußtsein, eine formlose, übermächtige Bedrohung. Er verlor nicht die Besin- nung, obwohl er sich gern in eine Ohnmacht ge- flüchtet hätte. Jede Veränderung – Tod oder Schlaf oder als Bestes von allem ein Erwachen, das alles dies als einen Traum erwies – wäre unaussprechlich will- kommen gewesen. Keine stellte sich ein. Statt dessen kehrte die lebenslange Selbstbeherrschung des bür- gerlich geprägten Menschen zurück, dessen Tugen- den zur Hälfte Heuchelei sind und dessen Heuchelei eine halbe Tugend ist, und bald merkte er, daß er Weston mit einer Stimme antwortete, die frei von be- schämendem Beben war. »Ist das Ihr Ernst?« fragte er. »Gewiß.« »Aber wo sind wir dann?« »Etwa hundertdreißigtausend Kilometer von der Erde entfernt.« »Sie meinen, wir sind im – Weltraum?« Ransom brachte das Wort nur mit Mühe über die Lippen, wie ein verängstigtes Kind von Gespenstern spricht, oder ein ängstlicher Mensch vom Krebs. Weston nickte. »Wozu?« sagte Ransom. »Und weshalb um alles in der Welt haben Sie mich entführt? Und wie haben Sie, es gemacht?« Weston schien zunächst zu keiner Antwort geneigt; dann, als habe er es sich anders überlegt, setzte er sich neben Ransom aufs Bett und sagte: »Ich nehme an, es erspart uns Ärger, wenn ich so- fort auf diese Fragen eingehe, statt daß Sie uns wäh- rend des nächsten Monats unausgesetzt damit in den Ohren liegen. Die Frage, wie wir es machen – ver- mutlich meinen Sie damit, wie das Raumschiff funk- tioniert – ist sinnlos. Sie könnten es nicht verstehen, es sei denn, Sie wären einer der vier oder fünf jetzt lebenden, wirklich großen Physiker. Und wenn Sie etwas davon verstünden, so würde ich es Ihnen nicht sagen. Wenn es Sie glücklich macht, bedeutungslose Worte zu wiederholen – das ist nämlich, was wissen- schaftlich ungebildete Leute wollen, wenn sie um ei- ne Erklärung bitten –, sagen Sie meinetwegen, daß wir mit der Nutzung von weniger bekannten Eigen- schaften der Sonnenstrahlung arbeiten. Und warum wir hier sind? Wir sind unterwegs nach Malakandra ...« »Meinen Sie einen Stern, der Malakandra heißt?« »Selbst Sie können kaum annehmen, daß wir das Sonnensystem verlassen würden. Malakandra ist viel näher: Wir werden es in ungefähr achtundzwanzig Tagen erreichen.« »Es gibt keinen Planeten, der Malakandra heißt«, wandte Ransom ein. »Ich nenne ihn bei seinem richtigen Namen, nicht dem, den die irdischen Astronomen erfunden ha- ben«, sagte Weston. »Aber das ist doch Unsinn«, entgegnete Ransom. »Wie zum Henker haben Sie den richtigen Namen,, wie Sie es nennen, herausgebracht?« »Von den Bewohnern.« Ransom brauchte eine Weile, bis er das verdaut hatte. »Wollen Sie damit sagen, Sie wären schon ein- mal auf diesem Stern oder auf diesem Planeten gewe- sen, oder was immer es ist?« »Ja.« »Sie können wirklich nicht von mir verlangen, das zu glauben«, sagte Ransom. »Verdammt noch mal, so etwas ist doch nichts Alltägliches. Warum hat nie- mand davon gehört? Warum hat es nicht in den Zei- tungen gestanden?« »Weil wir keine Idioten sind«, sagte Weston grob. Nach kurzem Schweigen fing Ransom wieder an. »Welcher Planet ist es nach unserer Terminologie?« fragte er. »Ein für allemal«, sagte Weston, »ich werde es Ih- nen nicht sagen. Wenn Sie es nach unserer Ankunft herausbringen, soll es mir recht sein. Ich glaube nicht, daß wir von Ihren wissenschaftlichen Kenntnissen viel zu befürchten haben. Einstweilen gibt es keinen Grund, daß Sie es erfahren sollten.« »Und Sie sagen, dieser Ort sei bewohnt?« sagte Ransom. Weston warf ihm einen eigentümlichen Blick zu, dann nickte er. Ransoms Unbehagen dar- über mündete rasch in einen tiefsitzenden Zorn, den er inmitten der auf ihn einstürmenden widerstreiten- den Empfindungen fast aus den Augen verloren hat- te. »Und was hat das alles mit mir zu tun?« brach es aus ihm hervor. »Sie sind über mich hergefallen, ha- ben mich mit Drogen betäubt und scheinen mich jetzt in diesem Teufelsding als Gefangenen zu verschlep-, pen. Was habe ich Ihnen getan? Wie wollen Sie Ihr Tun rechtfertigen?« »Ich könnte mit der Gegenfrage antworten, warum Sie wie ein Dieb in mein Anwesen geschlichen sind. Hätten Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten ge- kümmert, würden Sie jetzt nicht hier sein. Wie die Dinge liegen, gebe ich zu, daß wir Ihre Persönlich- keitsrechte verletzen mußten. Meine einzige Recht- fertigung ist, daß kleine Ansprüche hinter größeren zurücktreten müssen. Soweit wir unterrichtet sind, vollbringen wir etwas, das in der Geschichte der Menschheit, vielleicht sogar in der Geschichte des Universums, nie zuvor unternommen worden ist. Wir haben gelernt, uns von dem Materiebrocken zu lösen, auf dem unsere Art entstanden ist; die Unendlichkeit und vielleicht die Ewigkeit sind in die Reichweite der menschlichen Rasse gelangt. Sie können nicht so eng- stirnig sein zu glauben, daß die Rechte oder das Le- ben eines Individuums oder einer Million Individuen im Vergleich damit auch nur von der geringsten Be- deutung wären.« »Da bin ich anderer Meinung«, sagte Ransom, »und ich habe immer eine andere Ansicht vertreten, sogar in der Frage der Versuche an lebenden Tieren. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wozu brauchen Sie mich? Was versprechen Sie sich von meiner Anwesenheit auf diesem – auf Malakandra?« »Das weiß ich nicht«, antwortete Weston. »Es war nicht unsere Idee. Wir befolgen nur Befehle.« »Wessen?« Wieder kam es zu einer Pause. »Kommen Sie«, sagte Weston schließlich, »es hat wirklich keinen Zweck, in diesem Kreuzverhör fortzufahren. Sie stel-, len mir immerfort Fragen, die ich nicht beantworten kann: in einigen Fällen, weil ich die Antworten nicht weiß, in anderen, weil Sie sie nicht verstehen würden. Unsere Reise würde sich weit angenehmer gestalten, wenn Sie sich mit Ihrem Schicksal abfinden und auf- hören wollten, sich und uns zu quälen. Es würde ein- facher sein, wenn Ihre Lebensphilosophie nicht so unerträglich eng und individualistisch wäre. Ich hatte geglaubt, die Rolle, die zu spielen Sie gebeten wer- den, müßte jedermann begeistern. Ich dachte, daß selbst ein Wurm, wäre er mit Verstand begabt, sich dem Opfer nicht entziehen würde. Ich meine selbst- verständlich das Opfer an Zeit und Freiheit, und ein gewisses Risiko. Bitte mißverstehen Sie mich nicht.« »Nun«, sagte Ransom, »Sie halten die Trümpfe in der Hand, und ich muß das Beste daraus machen. Ich halte Ihre Lebensphilosophie für Wahnsinn. Vermut- lich bedeutet all dieses Zeug über Unendlichkeit und Ewigkeit, daß Sie sich für berechtigt halten, hier und jetzt alles zu tun, absolut alles, nur um der schwachen Aussicht willen, daß irgendwelche vom Menschen abstammenden Geschöpfe ein paar Jahrhunderte län- ger irgendwo im Weltall umherkriechen können.« »Ja – zu allem berechtigt«, entgegnete der Wissen- schaftler unnachgiebig. »Und alle wirklich Gebildeten – denn Geisteswissenschaften und Geschichte und solchen Plunder bezeichne ich nicht als Bildung – denken genau wie ich. Es freut mich, daß Sie den Punkt angesprochen haben, und ich rate Ihnen, meine Antwort im Gedächtnis zu behalten. In der Zwi- schenzeit werden wir frühstücken, wenn Sie mir in den Nebenraum folgen wollen. Seien Sie vorsichtig beim Aufstehen; Ihr Gewicht hier draußen beträgt, nur einen Bruchteil dessen, was Sie von der Erde ge- wohnt sind.« Ransom erhob sich, und Weston öffnete die Tür. Blendendes gelbes Licht durchflutete den Raum und brachte das blasse Erdenlicht hinter ihm völlig zum Erlöschen. »Ich werde Ihnen ein dunkle Brille geben«, sagte der Wissenschaftler, als er in den Raum voranging, aus dem das strahlende Licht kam. Ransom hatte den Eindruck, daß der andere zur Türöffnung bergauf ging und plötzlich nach unten verschwand, als er sie passiert hatte. Als er vorsichtig folgte, hatte er das seltsame Gefühl, an den Rand eines Abgrunds zu treten: Der Raum auf der anderen Seite schien auf der Seite zu liegen, so daß die gegenüberliegende Wand beinahe eine Ebene mit dem Boden des Raums bil- dete, den er gerade verlassen wollte. Doch als er sei- nen Fuß durch die Öffnung setzte, entdeckte er, daß der Boden sich eben fortsetzte, und als er den Neben- raum betreten hatte, richteten die Wände sich auf, und die gerundete Decke war über seinem Kopf. Zu- rückblickend sah er, daß die Schlafkammer jetzt im Kippen begriffen war – die Decke wurde zur Wand, und eine der Wände zur Decke. »Sie werden sich bald daran gewöhnen«, sagte Weston, der seinem Blick gefolgt war. »Das Schiff ist ein Sphäroid, ein kugelförmiger Körper, und da wir nun das Schwerefeld der Erde verlassen haben, emp- finden wir den Mittelpunkt unserer kleinen Metall- welt als ›unten‹. Dies hatten wir natürlich vorausge- sehen und das Schiff entsprechend konstruiert. Der Kern des Schiffs ist eine Hohlkugel, in der wir unsere Vorräte verwahren, und die Oberfläche dieser Hohl-, kugel ist der Boden, auf dem wir gehen. Ringsherum sind die Kabinen angeordnet, deren Wände eine äu- ßere Kugelschale tragen, die von hier aus gesehen als Dach oder Decke erscheint. Da der Mittelpunkt im- mer ›unten‹ ist, erscheint das Stück Fußboden, auf dem Sie stehen, immer eben oder horizontal, und die Wand, an der Sie stehen, erscheint stets vertikal. An- dererseits ist die Kugel des Fußbodens flächenmäßig so klein, daß Sie immer darüber hinaussehen – hinaus über das, was Ihnen als der Horizont erscheinen würde, wenn Sie ein Floh wären –, und dann sehen Sie die Fußböden und Wände der benachbarten Ka- binen in verschiedenen Ebenen. Genauso verhält es sich natürlich auf der Erde, bloß sind wir nicht groß genug, um das festzustellen.« Nach dieser Erklärung kümmerte er sich in seiner knappen, ungefälligen Art um das Wohlergehen sei- nes Gastes oder Gefangenen. Auf seinen Rat hin legte Ransom seine Kleidung ab und ersetzte sie durch ei- nen schmalen Gürtel, der mit schweren Gewichten behangen war, um die ungewohnte Schwerelosigkeit seines Körpers ein wenig auszugleichen. Auch setzte er eine dunkle Brille auf, bevor er sich mit Weston an einen kleinen Tisch setzte, auf dem das Frühstück stand. Er war hungrig und durstig und ließ sich nicht lange bitten, obwohl die Mahlzeit aus Büchsenfleisch, Zwieback, Butter und Kaffee nicht seinen Früh- stücksgewohnheiten entsprach. Aber alle diese Handlungen hatte er fast mecha- nisch ausgeführt. Das Sichausziehen, das Essen und Trinken gingen beinahe ohne alles Zutun seines den- kenden Verstandes vonstatten, und alles, was ihm von seiner ersten Mahlzeit an Bord des Raumschiffs, im Gedächtnis blieb, war die lästige Intensität von Hitze und Licht. Beide wirkten sich in einem Maß aus, das auf Erden unerträglich gewesen wäre, aber beide hatten eine neuartige Qualität. Das Licht war blasser als jedes Licht von ähnlicher Intensität, das er je gesehen hatte; es war nicht rein weiß, sondern von einem blassen Gelb, und es warf Schatten, die so scharf umrissen waren wie die vom Licht eines Scheinwerfers. Die Hitze, anscheinend frei von jeder Feuchtigkeit, schien die Haut wie ein gigantischer Masseur zu kneten und zu streicheln; sie erzeugte keine Schläfrigkeit, eher einen Zustand unnatürlicher Munterkeit. Ransoms Kopfschmerzen waren vergan- gen; er fühlte sich so wachsam, mutig und großmütig, wie er sich auf der Erde kaum je gefühlt hatte. Nach einiger Zeit wagte er zu der Deckenluke aufzublik- ken. Bis auf einen schmalen gläsernen Spalt war sie mit stählernen Schiebern verschlossen, und selbst der Spalt war von einer Blende aus dunklem Material ab- gedeckt; dennoch war es so hell, daß man nicht lange hineinsehen konnte. »Ich dachte immer, der Weltraum sei dunkel und kalt«, bemerkte er unsicher. »Und die Sonne?« sagte Weston verächtlich. Ransom aß schweigend weiter. Nach einer Weile begann er von neuem: »Wenn es schon am frühen Morgen so ist ...« Er brach ab, gewarnt von Westons Gesichtsausdruck. Natürlich, dachte er mit einem Ge- fühl von Ehrfurcht und Unbehagen, hier gibt es keine Tageszeiten und keine Nacht – nichts als den wan- dellosen Mittag, der jenseits aller Geschichte seit Ur- zeiten Milliarden von Kubikkilometern erfüllte. Er blickte wieder zu Weston, doch dieser hob die Hand., »Reden Sie nicht soviel«, sagte er. »Wir haben alles Notwendige erörtert. Das Schiff verfügt nicht über genügend Sauerstoff für irgendwelche überflüssigen Anstrengungen; nicht mal für Gespräche.« Bald darauf stand er auf, und ohne den anderen zum Mitkommen aufzufordern, verließ er den Raum durch eine der vielen Türen, die Ransom bis dahin kaum wahrgenommen hatte., Die im Raumschiff verbrachte Zeit hätte für Ransom eine Periode des Schreckens und ständiger Furcht sein sollen. Eine astronomische Entfernung trennte ihn von allen Menschenwesen bis auf die zwei, denen zu mißtrauen er gute Gründe hatte. Er steuerte einem unbekannten Ziel entgegen und wurde zu einem Zweck dorthin gebracht, den zu enthüllen seine Ent- führer sich beharrlich weigerten. Devine und Weston lösten einander regelmäßig bei der Wache in einem Raum ab, den Ransom nicht betreten durfte und wo er die Steueranlagen des Schiffs vermutete. Weston blieb während seiner Freiwachen meist schweigsam. Devine war gesprächiger und plauderte und lachte häufig mit dem Gefangenen, bis Weston an die Wand des Brückenraums klopfte und vor Luftvergeudung warnte. Doch in bestimmten Punkten zeigte sich auch Devine verschlossen. Er war stets bereit, sich über Westons feierlichen wissenschaftlichen Idealismus lu- stig zu machen. Er gebe keinen Pfifferling, sagte er, für die Zukunft des Menschengeschlechts oder die Begegnung zweier Welten. »Hinter Malakandra steckt mehr als das«, pflegte er augenzwinkernd hinzuzufügen. Doch wenn Ransom ihn fragte, worin dieses ›Mehr‹ bestehe, wich er in die Satire aus und machte ironische Bemerkungen über die Bürde des weißen Mannes und die Segnungen der Zivilisation. »Dann ist der Planet also bewohnt?« drängte Ran- som. »Ach – bei solchen Dingen gibt es immer eine Ein-, geborenenfrage«, antwortete Devine in solchen Fäl- len. Meistens aber bezog sich das, was er sagte, auf die Pläne, die er nach seiner Rückkehr zur Erde ver- wirklichen wollte: Ozeanjachten, die kostpieligsten Frauen und ein großes Landhaus an der Riviera nahmen in diesen Plänen eine hervorragende Rolle ein. »Ich nehme alle diese Risiken nicht zum Spaß auf mich.« Direkte Fragen über die Ransom zugedachte Rolle stießen gewöhnlich auf Schweigen. Nur einmal, als er nach Ransoms Eindruck alles andere als nüchtern war, gab Devine auf eine solche Frage zu, daß sie ihm ›noch allerhand aufhalsen‹ würden. »Aber ich bin sicher«, ergänzte er, »daß du dich des alten Schulschlipses würdig erweisen wirst.« All dies war einigermaßen besorgniserregend. Das Seltsame daran war, daß es ihn nicht sehr beunru- higte. Es ist schwierig, über trüben Gedanken an die Zukunft zu brüten, wenn man sich so ausgezeichnet fühlt, wie Ransom sich jetzt fühlte. Auf der einen Seite des Schiffs herrschte endlose Nacht, auf der an- deren endloser Tag beides war großartig, und er ge- noß es, nach seinem Belieben von der einen Seite zur anderen zu gehen. In den Nächten, die er sich so ver- schaffen konnte, lag er oft stundenlang und starrte durch die Dachluke. Die Erdscheibe war nun nicht mehr zu sehen; die Sterne, dicht gesät wie Gänse- blümchen auf einem ungemähten Rasen, beherrsch- ten das Blickfeld, ohne daß Wolken, der Mond oder Sonnenaufgänge ihren Glanz beeinträchtigten. Da gab es nie gesehene Sternbilder, himmlische Saphire, Rubine, Smaragde und Schmucknadeln aus brennen- dem Gold; weit draußen zur Linken hing ein winzi-, ger, entrückter Komet; und zwischen und hinter al- lem, bei weitem eindringlicher und fühlbarer als sie einem auf der Erde erschien, die unauslotbare, rätsel- hafte Schwärze. Die Lichter zitterten: Sie schienen an Helligkeit zuzunehmen, je länger er sie beobachtete. Ausgestreckt auf seinem Bett, nackt wie Danae, fiel es ihm von Nacht zu Nacht schwerer, an der alten Astrologie zu zweifeln. Er bildete sich ein, daß ›Ein- flüsse‹ von den Sternen seinen Körper durchström- ten, bis er sie zu fühlen glaubte. Bis auf die gewohn- ten Bordgeräusche war alles Stille. In unregelmäßigen Abständen hörte er die feinen, klingenden Töne, von denen er nun wußte, daß sie von winzigen, nur stecknadelkopfgroßen Meteoriten herrührten, die ge- gen die Außenhülle prallten. Oft beschäftigte ihn die Überlegung, daß sie jeden Augenblick mit etwas zu- sammenstoßen könnten, das groß genug wäre, Schiff und Insassen in Meteoriten zu verwandeln. Aber er konnte sich nicht fürchten. Das Abenteuer war zu er- haben, die Umstände, unter denen es sich vollzog, waren zu feierlich, als daß andere Gefühle als eine ernste Freude möglich gewesen wären. Aber die Tage – oder richtiger die Stunden –, die er auf der sonnigen Seite ihrer kleinen Welt verbrachte –, waren die schönsten von allen. Oft erhob er sich nach nur weni- gen Stunden Schlaf, um in die Bereiche des Lichts zu- rückzukehren, angelockt von einer unwiderstehlichen Anziehung; er konnte nicht aufhören, über den Mit- tag zu staunen, der ihn dort erwartete, gleichgültig, zu welcher Stunde er kam. Dann lag er lang ausge- streckt und mit halb geschlossenen Augen, einge- taucht in ein Bad reiner, ätherischer Farben und un- erbittlicher, doch nicht verwundender Helligkeit,, während das seltsame Gefährt ihn mit leisem Vibrie- ren durch die Tiefen nachtentrückter Stille trug, und in solchen Stunden fühlte er, wie Leib und Seele jeden Tag aufs neue gereinigt und mit frischer Lebenskraft erfüllt wurden. In einer seiner wortkargen, widerwil- ligen Antworten gab Weston zu, daß diese Empfin- dungen eine wissenschaftlich erklärbare Grundlage hatten: Sie empfingen, sagte er, viele Strahlungen, die die Erdatmosphäre nicht durchdringen konnten. Doch als die Zeit verging, wurde Ransom sich einer weiteren und mehr geistigen Ursache seines wach- senden Glücksgefühls bewußt. Ein Alptraum, von der Mythologie der Wissenschaft im modernen Menschen erzeugt, begann von ihm zu weichen. Er hatte über den Weltraum gelesen, und seit vielen Jahren hatte der Begriff in seiner Vorstellung das düstere Bild ei- ner schwarzen, kalten Leere ausgelöst, einer absolu- ten Leblosigkeit zwischen den Welten. Es war ihm bisher nicht bewußt geworden, wie sehr diese Vor- stellung auf ihm lastete – denn jetzt erschien ihm schon der bloße Name ›Weltraum‹ als eine Blasphe- mie, eine Verleumdung dieses himmlischen Strah- lenozeans, in dem sie schwammen. Er konnte ihn nicht ›Tod‹ nennen; er fühlte, wie in jedem Augen- blick Leben aus diesem Ozean in ihn einströmte. Wie konnte es auch anders sein, da alle Welten und ihr Leben diesem Ozean entstammten? Er hatte ihn für unfruchtbar gehalten; jetzt aber erkannte er, daß er der Mutterschoß der Welten war, dessen unzählige Sprößlinge allnächtlich aus feurigen Augen auf die Erde hinabschauten – und wie viele mehr waren es hier! Nein, Weltraum war der falsche Name. Die Denker vergangener Zeiten hatten mehr Weisheit ge-, zeigt, als sie ihn einfach den Himmel genannt hatten – den Himmel, der des Ewigen Ehre rühmt –, der »holden Glückseligkeit lächelndes Bild, wo Nacht des Tages Auge nie verhüllt, hoch droben im weiten Himmelsgefild«. Er sprach Miltons Verse liebevoll vor sich hin, dies- mal und noch oft danach. Natürlich verbrachte er nicht seine ganze Zeit mit Herumliegen und Träumen. Er erforschte das Schiff (soweit es ihm erlaubt war), das durch seine Gestalt mehr Räume enthielt als benötigt wurden; Ransom schloß daraus, daß die Eigner – zumindest aber De- vine – beabsichtigten, die ungenutzten Räume wäh- rend der Rückreise mit irgendeiner Ladung zu füllen. Auch wurde er, ohne recht zu wissen, wie es geschah, zum Steward und Koch der kleinen Gemeinschaft; zum Teil, weil es für ihn selbstverständlich war, sich an den Arbeiten zu beteiligen, auf die er sich ver- stand, und zum Teil, weil er Westons Tendenz, ihn zum Diener zu machen, zuvorkommen wollte. Er zog es vor, als Freiwilliger zu arbeiten, statt in eingestan- dener Sklaverei; und die eigene Küche war ihm sehr viel lieber als die seiner Gefährten. Diese Pflichten waren es, die ihn zuerst zum un- freiwilligen und dann zum höchst beunruhigten Hö- rer eines Gesprächs machten, das nach seinem Urteil ungefähr zwei Wochen nach Antritt ihrer Reise statt- fand. Er hatte nach dem Abendessen das Geschirr ab- gewaschen, ein Sonnenbad genommen, mit Devine geplaudert – der ein angenehmerer Gesellschafter als Weston, aber nach Ransoms Meinung der bei weitem, unsympathischere der beiden war –, und sich zur gewohnten Zeit schlafen gelegt. Er war ein wenig un- ruhig, und nach einer Stunde oder so fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, in der Kombüse ein paar kleine Vorbereitungen zu treffen, die seine Arbeit am kom- menden Morgen erleichtern würden. Die Kombüse lag neben dem Salon oder Tagesraum, und ihre Tür war neben der, die zum Brückenraum führte. Er ver- ließ sein Lager und ging hin, nackt wie er war. Die Dachluke der Kombüse lag auf der Nachtseite des Schiffs doch ließ Ransom das Licht ausgeschaltet. Es genügte, daß er die Tür einen Spalt offen ließ. Wie jeder, der einen Haushalt geführt hat, verstehen wird, fand er, daß seine Vorbereitungen für den Morgen noch unzureichender waren als er gedacht hatte. Er war geübt, und so tat er seine Arbeit schnell und lei- se. Er war gerade damit fertig und trocknete sich die Hände am Rollhandtuch hinter der Kombüsentür, als er hörte, wie die Tür des Brückenraums aufgestoßen wurde. Durch den Türspalt sah er die Silhouette eines Mannes vor der Kombüse stehen; es war Devine. De- vine ging nicht weiter in den Salon, sondern blieb stehen und sprach zurückgewandt in den Brücken- raum hinein, wie es schien. So kam es, daß Ransom zwar deutlich hören konnte, was Devine sagte, Wes- tons Antworten aber nicht oder nur bruchstückhaft verstand. »Ich glaube, das wäre großer Blödsinn«, sagte Devine. »Wenn du sicher sein könntest, daß wir gleich nach der Landung auf die Scheusale stoßen, dann könnte der Gedanke was für sich haben. Aber angenommen, wir müssen marschieren? Dann müß- ten wir nach deinem Plan einen Betäubten und sein Gepäck mitschleppen. Nein, da ist es allemal besser,, wir lassen ihn mit uns gehen und seinen Teil an der Arbeit tun.« Weston schien zu antworten. »Aber er kann es nicht rauskriegen«, versetzte De- vine. »Es sei denn, jemand ist so dumm und sagt es ihm. Und selbst wenn er Verdacht schöpfen würde: Glaubst du, einer wie er würde den Mut aufbringen, auf einem fremden Planeten wegzulaufen? Ohne Nahrung? Ohne Waffen? Du wirst sehen, sobald er den ersten Sorn zu Gesicht bekommt, wird er uns aus der Hand fressen.« Wieder hörte Ransom das undeutliche Geräusch von Westons Stimme. »Woher soll ich das wissen?« sagte Devine. »Es könnte eine Art Häuptling sein. Aber ich glaube eher, daß irgendein Hokuspokus dahintersteckt.« Diesmal kam eine sehr kurze Antwort aus dem Brückenraum, anscheinend eine Frage. Devine ant- wortete sofort. »Es würde erklären, warum er gebraucht wird.« Weston stellte ihm eine weitere Frage. »Menschenopfer, würde ich sagen. Aber von ihrem Standpunkt aus gesehen würde es natürlich kein Mensch sein; du verstehst, was ich meine.« Diesmal hatte Weston mehr zu sagen, und es brachte Devine zum Schmunzeln. »Ganz klar«, sagte er. »Es versteht sich von selbst, daß du alles aus den erhabensten Beweggründen tust. Solange sie zu den gleichen Ergebnissen führen wie meine eigenen Motive, seien sie dir von Herzen ver- gönnt.« Weston sprach weiter, und diesmal schien es Ran- som, daß Devine ihn unterbrach., »Und du regst dich nicht auf, wie?« sagte er. Dar- auf blieb er eine Weile still, als lausche er einem län- geren Vortrag. Schließlich erwiderte er: »Wenn du die Scheusale so gern hast, solltest du lieber bleiben und dich mit ihnen kreuzen – wenn sie Geschlechtsunterschiede haben, was wir noch nicht wissen. Aber keine Bange, wenn die Zeit kommt, dort aufzuräumen, werden wir einen oder zwei für dich übriglassen, und die kannst du dann als Schoßtiere halten, oder der Vivisektion unterziehen, oder mit ih- nen schlafen, oder alles zugleich – was dir am liebsten ist ... Ja, ich weiß. Abstoßend und abscheulich. War auch nur ein Scherz. Gute Nacht.« Einen Augenblick später schloß Devine die Tür zum Brückenraum, durchquerte den Salon und ging in seine eigene Kabine. Ransom hörte ihn die Tür ver- riegeln, wie er es aus unerfindlichen Gründen immer zu tun pflegte. Die Spannung, mit der er dem Wort- wechsel gelauscht hatte, ließ nach. Ransom merkte, daß er den Atem angehalten hatte, und atmete meh- rere Male tief durch. Dann trat er leise in den Salon hinaus. Obgleich er wußte, daß er gut daran täte, so rasch wie möglich in seine Kabine zurückzukehren, er- tappte er sich dabei, daß er im hellen Licht des Tages- raums verharrte und sich mit einem neuen, beinahe schmerzlichen Gefühl darin umsah. Aus diesem Himmel, diesen glücklichen Gefilden sollten sie nun bald hinabsteigen – aber wohin? ›Sorne‹, Mensche- nopfer, abscheuliche, geschlechtslose Ungeheuer. Was war ein Sorn? Seine eigene Rolle in diesem Spiel schien jetzt klar genug. Jemand oder etwas hatte ihn angefordert. Die Anforderung konnte kaum ihm per-, sönlich gegolten haben. Der Jemand wollte offenbar ein Opfer von der Erde, irgendein Opfer. Er war aus- gewählt worden, weil Devine die Auswahl getroffen hatte; zum erstenmal wurde ihm klar, daß Devine ihn all diese Jahre genauso von Herzen gehaßt hatte, wie er Devine haßte. Aber was war ein Sorn? Sobald er einen sähe, würde er Weston und Devine aus der Hand fressen. Sein Gehirn war – wie so viele Gehirne seiner Zeitgenossen – reich mit Schreckgespenstern ausgestattet. Er hatte H. G. Wells und andere Autoren gelesen. Sein Universum war von Schrecknissen be- völkert, mit denen die Mythologien des Altertums und des Mittelalters kaum wetteifern konnten. In- sektenähnliche wurmförmige oder krustazeenartige Scheußlichkeiten mit zuckenden Fühlern, kratzenden Flügeln, schleimigen Windungen, tastenden Fangar- men – solche und andere monströse Vereinigungen übermenschlicher Intelligenz mit unersättlicher Grausamkeit schienen ihm auf fremden Weltkörpern etwas nur zu Wahrscheinliches zu sein. Die Sorne waren wahrscheinlich ... waren sicherlich ... Er wagte nicht, sich auszumalen, wie die Sorne waren. Und er sollte ihnen ausgeliefert werden. Irgendwie erschien ihm dies gräßlicher als die Vorstellung, von ihnen ge- fangen zu werden. Überreicht, ausgehändigt, ange- boten. Seine Fantasie malte ihm verschiedene wider- sprüchliche Monstrositäten aus – hervorquellende Augen, gähnende Mäuler, Hörner, Stacheln, Kiefer- zangen. Der Abscheu vor Insekten, vor Schlangen, vor allem, was schleimig und gallertartig war, spielte grausige Symphonien auf seinen Nerven. Aber die Wirklichkeit würde schlimmer sein: Sie würde als etwas Außerirdisches, Andersgeartetes erscheinen –, etwas, woran man nie gedacht hatte und nie hatte denken können. An diesem Punkt angelangt, faßte Ransom einen Entschluß. Er konnte dem Tod ins Ge- sicht sehen, aber nicht den Sornen. Wenn es irgendei- ne Möglichkeit gab, mußte er fliehen, sobald sie nach Malakandra kämen. Der Hungertod oder sogar die Aussicht, von Sornen gejagt zu werden, wäre der Auslieferung immer noch vorzuziehen. War ein Ent- kommen unmöglich, so mußte er Selbstmord bege- hen. Ransom war ein frommer Mensch. Er hoffte auf göttliche Vergebung. Es lag nicht in seiner Macht, sich anders zu entscheiden. Ohne länger zu zögern, stahl er sich zurück in die Kombüse und brachte das schärfste Messer an sich. Er beschloß, sich von nun an nicht mehr davon zu trennen. So groß war die auf den Schrecken folgende Er- schöpfung, daß er, in seine Kabine zurückgekehrt, fast augenblicklich in betäubten und traumlosen Schlaf sank., Er erwachte sehr erfrischt und schämte sich ein wenig seines Entsetzens am vergangenen Abend. Seine Si- tuation war zweifellos sehr ernst; so ernst, daß die Möglichkeit, lebendig zur Erde zurückzukehren, bei- nahe verneint werden mußte. Aber dem Tod konnte man entgegensehen, und ein gläubiger Mann wie er sollte imstande sein, die Todesangst zu meistern. Die eigentliche Schwierigkeit beruhte nur auf dem irra- tionalen, dem biologischen Grauen vor Ungeheuern: und mit diesem Grauen setzte er sich so gut er konnte auseinander, während er nach dem Frühstück in der Sonne lag. Er hatte das Gefühl, daß jemand, der wie er durch die Himmel segelte, keine primitive und verächtliche Angst vor irgendeinem erdgebundenen Geschöpf haben sollte. Er überlegte sogar, ob das Messer fremdes Fleisch genauso gut durchbohren konnte wie sein eigenes. Die kriegerische Stimmung war eine bei Ransom sehr seltene Erscheinung. Wie viele Männer seines Alters war er eher geneigt, seinen Mut zu unterschätzen, als ihn zu hoch zu bewerten. Die Kluft zwischen den Jungenträumen und seinen späteren echten Kriegserlebnissen war erschreckend gewesen, und die nachfolgende Erkenntnis seiner ei- genen unheldischen Qualitäten hatte das Pendel vielleicht zu weit in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen lassen. Er hegte Befürchtungen, daß die Festigkeit seiner augenblicklichen Stimmung sich als kurzlebige Illusion erweisen könnte; aber er mußte das Beste daraus machen. Als Stunde auf Stunde und Wachen auf Schlaf, folgte, wurde ihm eine allmähliche Veränderung be- wußt. Die Temperatur sank langsam. Sie zogen wie- der Kleider an. Später fügten sie warme Unterwäsche hinzu. Noch später wurde die elektrische Heizung in der Schiffsmitte eingeschaltet. Und es wurde deutlich – obwohl das Phänomen sich genauer Bestimmung entzog –, daß die Intensität des Lichts weniger über- wältigend war als zu Anfang der Reise. Der verglei- chende Intellekt konnte den Unterschied feststellen, aber es blieb schwierig, in dem Geschehen ein Schwä- cherwerden des Lichts zu sehen, und ganz und gar unmöglich war es, sich den Vorgang als ›Dämme- rung‹ zu denken, denn während die Strahlungsinten- sität allmählich nachließ, blieb die unirdische Brillanz und Helligkeit des Lichts unverändert so, wie er sie zuerst gesehen hatte. Der Prozeß war nicht, wie das Verblassen des Tageslichts auf der Erde, mit zuneh- mender Luftfeuchtigkeit und Farbenerscheinungen verbunden. Man konnte die Intensität dieses Lichts halbieren, dachte Ransom, und die verbleibende Hälfte blieb dennoch genau das, was das Ganze ge- wesen war – nur weniger, nicht aber anders. Hal- bierte man die Lichtmenge abermals, so würde der Rest immer noch qualitativ unverändert sein. Solange dieses Licht existierte, würde es seine Eigenheit be- wahren – selbst noch in jenen unvorstellbaren Fernen, wo seine letzten Energien sich verzehrten. Er ver- suchte, diese Gedanken Devine darzulegen. »Wie die echte Markenseife, eh?« grinste Devine. »Qualität bis zur letzten Schaumblase und alles.« Nicht lange danach machten sich im gleichmäßigen Ablauf ihres Lebens an Bord des Raumschiffs Störun- gen bemerkbar. Weston erklärte, daß dies die ersten,, noch schwachen Auswirkungen der Anziehungskraft Malakandras seien. »Diese Kraft wird bald stärker fühlbar werden«, sagte er. »Dies wird unter anderem zur Folge haben, daß wir den Schiffsmittelpunkt nicht länger als ›un- ten‹ empfinden werden. ›Unten‹ wird für uns die Richtung sein, in der Malakandra sich befindet – von unserem Standort aus gesehen, wird das unter dem Brückenraum sein. Infolgedessen werden die Fußbö- den der meisten Kabinen Wände oder Decken wer- den, und eine der Wände zum Boden. Es wird euch nicht gefallen.«* Aus dieser Ankündigung ergaben sich, zumindest für Ransom, Stunden schwerer Arbeit, die er Schulter an Schulter bald mit Devine, bald mit Weston hin- brachte, je nachdem der abwechselnde Wachdienst im Brückenraum ihnen Freizeit ließ. Wassertanks, Sauerstoffzylinder, Waffen, Munition und Nah- rungsmittel mußten am Boden entlang den geeigne- ten Wänden aufgestapelt und so auf die Seiten gelegt werden, daß sie aufrecht stehen würden, sobald die neuen Schwereverhältnisse sich auswirkten. Lange bevor die Arbeit beendet war, begannen die Störun- gen deutlich fühlbar zu werden. Anfangs glaubte Ransom, die ungewohnte Arbeit selbst sei es, die sei- ne Glieder so schwer machte. Aber Ruhepausen brachten keine Erleichterung, und Weston erklärte ihm, daß ihre Körper durch die Anziehungskraft des Planeten, in dessen Schwerefeld sie eingedrungen * An dieser – wie manch anderer – Stelle ließen den Autor die Phy- sikkenntnisse im Stich. Ein frei fallender Körper ist und bleibt schwerelos, das Massenzentrum, auf das er zufällt, wird keines- wegs als ›unten‹ spürbar. – D. Red., waren, tatsächlich mit jeder Minute an Gewicht zu- nähmen. Dies geschähe mit einer Rate, die alle vier- undzwanzig Stunden zur Verdoppelung des Ge- wichts führen werde. Und so war es. Sie durchlebten die Erfahrungen ei- ner schwangeren Frau, aber in Zeitraffermethode und fast bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Gleichzeitig wurde ihr Richtungssinn – der an Bord des Raumschiffs nie sehr verläßlich gewesen war – ständig verwirrt. Bisher hatte jeder Raum an Bord, von einem anderen aus gesehen, abschüssig gewirkt, sich aber beim Betreten als eben erwiesen. Jetzt sah er nicht nur abschüssig aus, sondern war es auch; man kam ins Rennen, wenn man hineinging. Ein auf den Boden des Tagesraums geworfenes Kissen bewegte sich innerhalb einiger Stunden von selbst zur Wand. Sie litten alle unter Übelkeit, Kopfschmerzen und Herzklopfen. Die Bedingungen verschlechterten sich von Stunde zu Stunde. Bald konnte man nur noch auf allen vieren von Kabine zu Kabine kriechen. Jegliches Orientierungsgefühl löste sich in übelkeiterregender Konfusion auf. Teile des Schiffs waren eindeutig un- ten in dem Sinne, daß ihre Fußböden oben waren und nur eine Fliege darauf gehen konnte; aber kein Teil erschien Ransom als eindeutig gerade und korrekt in seiner Lage. Eindrücke von schwindelnder Höhe wechselten mit dem Gefühl, abzustürzen. Das Ko- chen war längst aufgegeben worden. Jeder griff sich seine Nahrung, so gut er konnte, und das Trinken be- reitete große Schwierigkeiten; man wußte nie genau, daß man den Mund unter und nicht neben den Fla- schenhals hielt. Weston wurde mürrischer und schweigsamer denn je. Devine, der stets eine Flasche, Schnaps zur Hand hatte, warf mit schmutzigen Läste- rungen und Blasphemien um sich und verfluchte Weston, daß er sie hierher geführt habe. Ransom litt unter seinen Schmerzen, befeuchtete seine trockenen Lippen, pflegte seine wundgestoßenen Glieder und betete das Ende herbei. Eine Zeit kam, wo eine Seite der Kugel unverkenn- bar unten war. Die festgeschraubten Betten und Ti- sche hingen nutzlos und lächerlich an Wänden oder Decken. Türen wurden zu Falltüren, die sich nur mit Mühe öffnen ließen. Ihre Körper schienen schwer wie Blei. Nachdem Devine die Kleider ausgepackt und verteilt hatte, gab es keine Arbeit mehr zu tun, und sie kauerten an der Rückwand des Salons nieder und beobachteten das Thermometer. Beim Durchmustern der Kleidung fand Ransom dicke wollene Unterwä- sche, Westen aus Schaffell, Pelzhandschuhe und Mützen mit Ohrenklappen. Devine antwortete nicht auf seine Fragen; er war damit beschäftigt, das Ther- mometer zu studieren und zu Weston in den Brük- kenraum hinunterzubrüllen. »Langsamer, langsamer!« schrie er immer wieder. »Langsamer, du verdammter Narr. In ein paar Mi- nuten kommen wir in die Atmosphäre.« Dann scharf und zornig: »Hier! Laß mich jetzt ran!« Weston antwortete nicht. Es war nicht Devines Art, mit Ratschlägen um sich zu werfen. Ransom folgerte, daß der Mann beinahe von Sinnen sein müsse, ent- weder vor Angst oder vor Erregung. Plötzlich schienen die Lichter des Universums wie eine Kinobeleuchtung bei Beginn der Vorstellung zu erlöschen. Als ob ein Dämon mit schmutzigem Schwamm über das Antlitz des Himmels gefahren wä-, re, verblaßte die strahlende Herrlichkeit, in der sie so lange gelebt hatten, zu einem fahlen, freudlosen und jämmerlichen Grau. Von der Stelle aus, wo sie kau- erten, war es unmöglich, die Läden zu öffnen oder die schweren Blenden zurückzuschieben. Was eine schwe- relos durch die Himmelsgefilde schwebende Gondel gewesen war, wurde zu einem dunklen Stahlbehälter, dessen Inneres durch einen Fensterschlitz trübe er- hellt wurde, und der scheinbar unaufhaltsam aus dem Himmel auf eine fremde Welt niederstürzte. Keins von all seinen Abenteuern prägte sich so tief in Ransoms Bewußtsein ein wie diese Wahrnehmung. Er fragte sich, wie er die Planeten und auch die Erde jemals als schwebende Inseln von Leben und Realität inmitten einer tödlichen Leere hatte betrachten kön- nen. Denn mit einer Gewißheit, die auch später nie von ihm wich, sah er die Planeten – die ›Erden‹, wie er sie in seinen Gedanken nannte – als bloße Löcher oder Lücken im lebendigen Himmel, ausgestoßene und zurückgewiesene Einöden aus schwerer Materie und trüber Luft, gebildet nicht durch Hinzufügen zu, sondern durch Abziehen von der umgebenden Hel- ligkeit. Und doch endet jenseits des Sonnensystems die Helligkeit, dachte er. Ist das die wirkliche Leere, der wahre Tod? Es sei denn, sichtbares Licht wäre auch ein Loch oder eine Lücke, eine bloße Verkleine- rung von etwas anderem. Etwas, das sich zum un- wandelbaren Glanz des Himmels verhielt, wie der Himmel zu den dunklen, schweren Erden ... Nicht immer geschieht alles so, wie man vielleicht erwartet. Der Augenblick seiner Ankunft auf einer unbekannten Welt fand Ransom völlig in philosophi- sche Spekulation versunken., »He, was ist? Schläfst du?« sagte Devine. »Oder be- deuten dir neue Planeten inzwischen nicht mehr so- viel?« »Kannst du was sehen?« unterbrach Weston. »Ich bring die Läden nicht auf, die verdammten Dinger«, erwiderte Devine. »Am besten gehen wir gleich durch das Mannloch.« Ransom erwachte aus seiner Grübelei. Die zwei Partner arbeiteten neben ihm im Halbdunkel. Ihn fror, und sein Körper, obschon viel leichter als auf der Erde, fühlte sich noch immer unerträglich schwer an. Aber dann wurde ihm seine Situation bewußt, und er verspürte Angst und Neugierde. Vielleicht erwartete ihn der Tod – aber auf welch einem Schafott! Schon strömte von draußen Luft ein, und von irgendwo fiel Licht ein. Er wandte ungeduldig den Kopf, um zwi- schen den arbeitenden Schultern der beiden Männer einen Blick ins Freie zu erhaschen. Einen Augenblick später war die letzte Schraubenmutter gelöst. Er blickte durch den Ausstieg ins Freie. Er sah nur den Boden – einen Kreis, der blaßrosa, fast weiß war. Er konnte nicht sagen, ob es sehr dichter, niedriger Pflanzenwuchs oder schuppiger, körniger Fels oder Erdboden war. Im nächsten Mo- ment füllte Devines dunkle Gestalt die Öffnung aus, und Ransom bemerkte, daß der andere einen Revol- ver in der Hand hatte. Als er sich noch fragte, ob die Waffe für ihn oder die Sorne oder beide bestimmt sei, befahl Weston: »Jetzt Sie!« Ransom holte tief Atem, und seine Hand schob sich, an das Messer in seinem Gürtel. Dann kroch er durch das Mannloch ins Freie, und seine Hände berührten den Boden von Malakandra. Das rosa Zeug war weich und ein wenig elastisch, wie Kautschuk: ein- deutig Vegetation. Sofort blickte er auf und sah einen blaßblauen Himmel – auf Erden wäre es ein schöner Wintermorgenhimmel gewesen –, und weiter unten eine riesige, wogende, rosafarbene Masse, die er für eine Wolke hielt, und dann ... »Los, vorwärts«, sagte Weston hinter ihm. Er krabbelte ganz durch und stand auf. Die Luft war kalt, aber nicht unangenehm, und sie kratzte ein wenig in der Kehle. Er blickte umher, und die Stärke seines Verlangens, die neue Welt mit einem Blick zu umfassen, wurde an sich selbst zunichte. Er sah nichts als Farben – Farben, die sich irgendwie nicht zu Umrissen und Dingen formen wollten. Überdies kannte er noch nichts davon gut genug, um es zu se- hen; man kann Dinge erst richtig sehen, wenn man ungefähr weiß, was sie sind. Sein erster Eindruck war der einer hellen, blassen Welt – einer Wasserfarben- welt aus dem Malkasten eines Kindes; bald darauf erkannte er den flachen hellblauen Streifen als eine Wasserfläche, oder jedenfalls als etwas Wasserähnli- ches, das sich beinahe bis zu seinen Füßen erstreckte. Sie waren am Ufer eines Sees oder Flusses. »Nun denn«, sagte Weston, als er sich an ihm vor- beidrängte. Ransom wandte sich um und sah zu sei- ner Überraschung ein durchaus erkennbares Objekt im unmittelbaren Vordergrund – eine Hütte von ein- deutig irdischer Gestalt, aber aus fremdartigem Mate- rial gebaut. »Sie sind menschlich!« keuchte er. »Bauen sie Häuser?«, »Wir tun es«, sagte Devine. »Rate noch mal.« Damit zog er einen Schlüssel aus der Tasche und machte sich daran, ein gewöhnliches Vorhangschloß an der Tür der Hütte aufzusperren. Ransom begriff mit nicht ganz klar bestimmbaren Empfindungen vor Enttäu- schung oder Erleichterung, daß seine Entführer nur zu ihrem eigenen Lager oder Stützpunkt zurück- kehrten. Ihr Verhalten zeigte nichts Ungewöhnliches. Sie gingen in die Hütte, nahmen die Querhölzer ab, mit denen die Fenster verrammelt waren, schnüffel- ten die abgestandene Luft, drückten Verwunderung aus, daß sie alles so schmutzig hinterlassen hatten, und kamen bald wieder zum Vorschein. »Kümmern wir uns um die Vorräte«, sagte Weston. Ransom entdeckte bald, daß er nur wenig Muße zu Beobachtungen und keine Fluchtgelegenheit haben sollte. Die monotone Arbeit des Umladens von Nah- rungsmitteln, Kleidern, Waffen und zahlreichen Ki- sten und Ballen unbekannten Inhalts vom Schiff zur Hütte beschäftigte ihn während der nächsten Stunde und hielt ihn in enger Fühlung mit seinen Entführern. Aber etwas lernte er schon in dieser Zeit. Bevor ir- gend etwas anderes sein Denken beeinflußte, machte er die Erfahrung, daß Malakandra schon war; und er dachte, wie seltsam es sei, daß diese Möglichkeit in seinen Spekulationen darüber nie eine Rolle gespielt hatte. Die eigentümliche Verzerrung seiner Fantasie, die ihn dazu geführt hatte, das Universum mit Unge- heuern zu bevölkern, hatte ihn irgendwie gelehrt, auf einem fremden Planeten nichts als felsige Einöde oder aber eine Schreckenswelt voller alptraumhafter Maschinen zu erwarten. Selbst jetzt, da er darüber nachdachte, wußte er nicht zu sagen, warum es so, gewesen war. Er entdeckte auch, daß das blaue Was- ser sie auf wenigstens drei Seiten umgab. Auf der vierten Seite versperrte der riesige stählerne Fußball, mit dem sie gekommen waren, den Ausblick. Die Hütte stand entweder am Ende einer Halbinsel oder auf einer Insel. Nach und nach kam er zu dem Schluß, daß das Wasser nicht nur bei bestimmten Lichtverhältnissen wie irdisches Wasser blau schim- merte, sondern daß es wirklich blau war, von innen heraus. Auch war etwas am Verhalten des Wassers unter der sanften Brise, das ihn verwunderte – die Wellen sahen falsch oder unnatürlich aus. Sie waren für einen so schwachen Wind zu hoch, doch war das nicht das ganze Geheimnis. Sie erinnerten ihn an Bil- der von Seeschlachten, wo das Wasser beim Auf- schlag von Granaten steil emporschießt. Dann kam ihm plötzlich die Erkenntnis: Ihre Gestalt war falsch, sie waren verzeichnet, viel zu hoch für ihre Länge, zu schmal an der Basis, zu steil an den Seiten. Er mußte an eine Wendung denken, die er bei einem dieser modernen Dichter über eine See gelesen hatte, die sich in ›betürmten Wellen‹ erhob. »Fang auf!« rief Devine. Ransom fing das Paket auf und warf es Weston zu, der im Hütteneingang stand. Auf der einen Seite erstreckte das Wasser sich weit hinaus – ungefähr fünfhundert Meter, dachte er, aber Schätzungen waren in dieser fremden Welt noch schwierig. Auf der anderen Seite war es viel schma- ler, nicht breiter als vielleicht fünf oder sechs Meter, und schien über eine Furt zu fließen –, wirbelndes, strömendes Wasser, das weichere und mehr zischen- de Geräusche machte als das Wasser auf der Erde; und wo es das diesseitige Ufer bespülte – die rosig-, weiße Vegetation wuchs bis an den Rand –, sprühte und sprudelte es, daß man unwillkürlich an Kohlen- säure denken mußte. Soweit die Arbeit es erlaubte, versuchte er mit schnellen Seitenblicken auszuma- chen, was am anderen Ufer war. Sein erster Eindruck war der einer mächtigen purpurnen Masse, so riesig, daß er sie für einen mit Heidekraut bedeckten Hügel hielt. Auf der anderen Seite, jenseits des größeren Wassers, war etwas Gleichartiges zu sehen. Aber dort konnte er über den Gipfel hinwegsehen. Jenseits da- von waren seltsame aufrechte Formen von weißlich- grüner Farbe, zu zerrissen und gezackt, um Gebäude zu sein, zu dünn und steil, als daß es sich um Berge hätte handeln können. Dahinter und darüber war wieder diese rosafarbene, wolkenähnliche Masse. Vielleicht war es wirklich eine Wolke, doch sah es sehr fest aus und schien sich auch nicht bewegt zu haben, seit er es aus dem Mannloch zum erstenmal gesehen hatte. Es sah wie der obere Teil eines giganti- schen roten Blumenkohls aus – oder wie eine riesige Schale voll rotgefärbten Seifenschaums – und Ran- som empfand Farbton und Form als außerordentlich schön. Verdutzt wandte er seine Aufmerksamkeit zum näheren Ufer jenseits der Furt. Einen Moment lang sah die purpurne Masse dort drüben wie eine Menge Orgelpfeifen aus, dann wie aufgestellte Tuchrollen, und schließlich wie ein Wald aus umgestülpten Re- genschirmen. Das Ganze war in schwacher Bewe- gung. Dann wußte sein Verstand auf einmal, wie er die Information seiner Augen zu interpretieren hatte: Die purpurne Masse war Vegetation, genauer gesagt, sie war eine Art Gemüse, ein Gemüse, das ungefähr, die doppelte Höhe englischer Ulmen erreichte, an- scheinend aber weich und zart war. Die Stengel – man konnte sie kaum Stämme nennen – erhoben sich rund, glatt und überraschend dünn bis in eine Höhe von ungefähr fünfzehn Metern; darüber entfalteten die gewaltigen Pflanzen sich in büschelartigen Kro- nen, die nicht aus Ästen zu bestehen schienen, son- dern ausschließlich aus Blättern, Blättern, die groß wie Ruderboote, aber nahezu durchsichtig waren. Die ganze Erscheinung entsprach ungefähr seiner Vor- stellung von einem unterseeischen Wald; die Pflan- zen, ebenso groß wie schwächlich, schienen Wasser zu benötigen, um sich aufrecht halten zu können, und er wunderte sich, daß sie in der Luft existieren konn- ten. Weiter unten, zwischen den Stengeln, sah er das lebhaft purpurne Zwielicht, das, von blasserem Son- nenschein gesprenkelt, das Innere des Waldes aus- machte. »Zeit zum Mittagessen«, sagte Devine unvermittelt. Ransom richtete sich auf und reckte sich. Trotz der Kälte der dünnen Luft war seine Stirn feucht. Sie hatten hart gearbeitet, und er war außer Atem. Wes- ton erschien vor der Hüttentür und murmelte etwas wie: »Erst alles fertig machen.« Devine beachtete ihn nicht. Eine Dose Rindfleisch und ein Karton Zwie- back wurden geöffnet, und die Männer setzten sich auf die verschiedenen Kisten, die zwischen dem Raumschiff und der Hütte verstreut lagen. Ein wenig Whisky – wieder auf Devines Anregung hin und ge- gen Westons Rat – wurde in die Blechtassen ge- schüttet und mit Wasser vermischt; letzteres wurde, wie Ransom bemerkte, ihren eigenen Wassertanks entnommen, und nicht dem blauen See., Wie es oft geschieht, lenkte erst das Aufhören der körperlichen Betätigung Ransoms Aufmerksamkeit auf die Erregung, die ihn seit der Landung gefangen- hielt. Etwas zu essen, erschien ihm in diesem Zustand beinahe abwegig. Da er jedoch die Hoffnung auf Flucht und ein Entkommen in die Freiheit nicht auf- gegeben hatte, zwang er sich, viel mehr als gewöhn- lich zu essen, und dabei kehrte sein Appetit zurück. Er verschlang, was er in die Hände bekam, sei es Es- sen oder Trinken, und der Geschmack dieser ersten Mahlzeit verband sich in seinem Denken für alle Zeit mit der ersten unirdischen Fremdartigkeit (die er später nie wieder in dieser Frische empfand) der hel- len, stillen, funkelnden, rätselvollen Landschaft – mit spitzen und hohen blaßgrünen Gebilden, Flächen blendend blauen Sodawassers und Feldern rosaroten Seifenschaums. Er war ein wenig besorgt, daß seine Gefährten bemerken und argwöhnen könnten, wie er sich auf einmal und ganz gegen seine sonstige Ge- wohnheit als Fresser hervortat; aber ihre Aufmerk- samkeit war anderweitig in Anspruch genommen. Ih- re Blicke suchten unaufhörlich die Landschaft ab; wenn sie sprachen, klang es geistesabwesend; sie wechselten häufig die Stellung und sahen sich im- merfort um. Ransom war gerade im Begriff, sein aus- gedehntes Mahl zu beenden, als er sah, daß Devines Haltung sich plötzlich spannte; der Mann verhielt ei- nen Moment wie ein witternder Hund, dann legte er wortlos die Hand auf Westons Schulter. Beide nick- ten. Sie standen auf. Ransom stürzte den Rest von seinem Whisky hinunter, dann stand auch er auf. Er sah, daß er zwischen seinen Entführern stand. Sie hatten ihre Revolver gezogen. Sie drängten ihn bei, der Furt ans Ufer, und dann spähten sie hinüber und zeigten auf etwas. Zuerst konnte er nicht deutlich sehen, worauf sie zeigten. Zwischen den purpurnen Pflanzen schien es andere zu geben, blassere und blankere, die ihm zu- vor nicht aufgefallen waren. Aber auch jetzt beachtete er sie kaum, denn seine Augen waren damit beschäf- tigt, den Boden abzusuchen – so besessen war er von der Furcht des Zivilisationsmenschen vor Reptilien und Insekten. Es waren die Widerspiegelungen der neuen weißen Objekte im Wasser, die seinen Blick schließlich wieder anlockten – lange, streifige, weiße Spiegelungen, bewegungslos im strömenden Wasser. Er blickte auf. Tatsächlich standen dort sechs weiße Gestalten am anderen Ufer. Spindeldürre und schwächliche Erscheinungen, zwei- oder dreimal so groß wie ein Mensch. Seine erste Idee war, daß sie Abbilder von Menschen wären, einheimische Werke primitiver Künstler. In Bildbänden über Archäologie hatte er dergleichen gesehen. Aber woraus konnten sie gemacht sein, und wie konnten sie stehen? Es war, als ob er in einen Zerrspiegel blickte, so absurd dünn und grotesk sahen sie aus. Die unproportioniert und massig wirkenden Oberkörper dieser stelzenbeinigen, biegsam aussehenden Karikaturen irdischer Zweibei- ner verstärkten diesen Eindruck noch. Und sie waren ganz gewiß nicht aus Stein oder Metall gemacht, denn nun, als er sie beobachtete, schienen sie ein we- nig zu schwanken. Und mit einem Schock, der das Blut aus seinen Wangen trieb, sah er, daß sie lebendig waren, daß sie sich bewegten und auf ihn zukamen. Er konnte einen flüchtigen Blick in ihre Gesichter werfen, die dünn und unnatürlich lang waren, mit, langen, hängenden Nasen und schlaffen Mündern von halb geisterhafter, halb idiotischer Feierlichkeit. Dann wandte er sich in einer jähen Aufwallung von Panik zur Flucht, wurde aber von Devine festgehal- ten. – »Laß mich los«, schrie er. »Sei kein Dummkopf!« zischte Devine und zeigte ihm die Mündung seines Revolvers. Dann, während sie noch hin- und herzerrten, schickte eines der We- sen seine Stimme über das Wasser zu ihnen: eine ge- waltige, trompetengleiche Stimme, die über ihre Köp- fe hindröhnte. »Sie wollen, daß wir rüberkommen«, sagte Weston. Die beiden Männer zogen und stießen ihn zum Wasser. Er stemmte seine Füße in den Boden, krümmte den Rücken und widerstrebte wie ein stör- rischer Esel. Dann waren die beiden anderen im Was- ser, zogen ihn, und er stand noch auf festem Boden. Er merkte daß er schrie. Plötzlich stießen die Wesen am anderen Ufer ein viel lauteres und weniger arti- kuliertes Geräusch aus. Auch Weston brüllte, ließ Ransom los und feuerte unvermittelt seinen Revolver ab, nicht über das Wasser, sondern hinein. Im glei- chen Augenblick sah Ransom, warum er es tat. Eine Schaumlinie wie die Blasenspur eines Torpe- dos jagte auf sie zu, und an ihrer Spitze irgendein großes, glänzendes Tier. Devine kreischte einen Fluch, glitt aus und fiel ins seichte Wasser. Ransom sah zwei furchteinflößende, zähnestarrende Kiefer aufklappen und zuschnappen und hörte das betäu- bende Krachen von Westons Revolver, der unaufhör- lich an seiner Seite feuerte, und, beinahe ebenso laut, den Lärm und das Gezeter der Ungeheuer am ande- ren Ufer, die nun gleichfalls im Begriff schienen, das, Wasser zu durchwaten. Er brauchte nicht lange zu überlegen. Kaum hatten Devine und Weston ihn los- gelassen, als er auch schon im Rücken seiner Bewa- cher davonjagte, das Raumschiff umrundete und weiterrannte, so schnell seine Beine ihn tragen konn- ten, hinein in das völlig Unbekannte. Als er auf die andere Seite der Metallkugel kam, sah er ein wirres Durcheinander von Blau, Purpur und Rot vor sich, aber er verlangsamte seinen Lauf auch nicht für einen einzigen flüchtigen Blick. Er rannte platschend und spritzend durch Wasser und schrie auf, nicht vor Schmerz, sondern vor Überraschung, weil das Wasser warm war. Nach weniger als einer Minute kam er wieder hinaus und auf trockenen Boden und rannte eine steile Böschung hinauf. Und dann lief er durch purpurnen Schatten zwischen den Stengeln eines an- deren Waldes der riesigen Pflanzen dahin., Ein Monat der Untätigkeit, eine schwere Mahlzeit und eine unbekannte Welt kommen einem beim Lau- fen nicht zustatten. Eine halbe Stunde nach seiner Flucht lief Ransom nicht länger durch den Wald, sondern ging, eine Hand auf seine stechende Seite gepreßt, und lauschte angestrengt auf Geräusche ei- ner möglichen Verfolgung. Der Lärm von Revolver- schüssen und Stimmen hinter ihm (nicht nur menschliche Stimmen) war erst von Gewehrschüssen und Rufen in längeren Abständen abgelöst worden, dann von völliger Stille. So weit das Auge reichte, sah er nichts als die Stengel der riesigen Pflanzen, die sich ringsum in den violetten Schatten verloren, und hoch über sich die vielfache Transparenz riesiger Blätter, die das Sonnenlicht zu der feierlichen Pracht des Zwielichts filterten, in dem er ging. Wann immer er sich dazu imstande fühlte, rannte er wieder; der Bo- den blieb weich und elastisch, und er war mit der gleichen schuppigen Flechtenvegetation bedeckt, die seine Hände auf Malakandra als erstes berührt hat- ten. Ein- oder zweimal huschten kleine rote Geschöp- fe über seinen Weg; doch sonst schien sich in dem ganzen Wald kein Leben zu regen. Er hatte nichts zu fürchten – bis auf die Tatsache, daß er ohne Nah- rungsmittel und allein einen Wald durchwanderte, der aus unbekannten Pflanzen bestand und Millionen von Kilometern außerhalb der Reichweite oder des Wissens der Menschheit lag. Seine Flucht war ihm zunächst geglückt, aber statt Freude und Erleichterung darüber zu empfinden,, mußte Ransom an die Sorne denken – denn diese Ge- schöpfe, denen er ausgeliefert werden sollte, waren zweifellos Sorne gewesen. Sie waren den Schreckens- gestalten seiner Fantasie völlig ähnlich, und aus die- sem Grund war er bei ihrem Anblick in Panik gera- ten. Fern von allen Fabelgestalten Wellsscher Aus- prägung rührten sie an einen früheren, beinahe in- fantilen Angstkomplex. Riesen – Menschenfresser – Gespenster – Skelette: das waren die zugehörigen Stichworte. Spuk auf Stelzen, sagte er sich; surrealisti- sche Hampelmänner mit langen Gesichtern. Die ent- nervende Panik der ersten Augenblicke begann sich zu verlieren, und der Gedanke an Selbstmord lag ihm jetzt fern. Statt dessen war er entschlossen, seinem Glück bis zum Ende zu vertrauen. Er schickte Stoß- gebete zum Himmel und tastete nach seinem Messer. Er hatte seltsame Empfindungen von Zutrauen und Zuneigung zu sich selbst; viel hätte nicht gefehlt, und er hätte gesagt: »Wir beide halten zusammen.« Das Gelände wurde schwieriger und zwang ihn, seine Meditation zu unterbrechen. Seit ein paar Stun- den war er über sanft ansteigendes Terrain aufgestie- gen, mit steilerem Gelände zu seiner Rechten; so schien er einen Hügel halb erstiegen und halb um- gangen zu haben. Nun verliefen mehrere Felsrücken quer zu seiner Richtung, offenbar Ausläufer der Er- hebung zur Rechten. Er wußte nicht, warum er diese Rücken überqueren sollte, aber aus irgendeinem Grund tat er es. Vielleicht suggerierte ihm eine vage Erinnerung an irdische Geographie, daß es weiter unten zwischen Wald und Wasser freie Flächen ge- ben würde, wo die Sorne ihn leichter fangen konnten. Beim Überklettern und Durchsteigen von felsigen, Rippen und Schluchten staunte er über die unver- mutete Steilheit des Geländes, aber irgendwie blieb es verhältnismäßig gut gangbar. Auch bemerkte er, daß selbst die kleinsten Erdbuckel von unirdischer Gestalt waren – oben zu spitz und unten zu schmal. Er erin- nerte sich, daß die Wellen des blauen Sees die gleiche Eigentümlichkeit zur Schau gestellt hatten. Und als er zu den purpurnen Blättern aufblickte, fand er dort den gleichen Hang zum Aufwärtsstreben, die gleiche Tendenz zum Steilen, Lotrechten. Die Blätter hingen nicht herab; so riesig sie waren, ihre eigene Festigkeit und die Luft schienen sie hinreichend zu stützen, so daß die langen Kirchenschiffe des Waldes sich zu Gewölben ausfächernden Maßwerks emporreckten, den vegetativen Formen spätgotischer englischer Kathedralen nicht unähnlich. Auch die Sorne, dachte er schaudernd – auch sie zeigten diese verrückt in die Länge gezogene Form. Er verstand genug von Wissenschaft, um zu wis- sen, daß er sich auf einer Welt befand, die leichter als die Erde war. Hier bedurfte es geringerer Kräfte, und die Natur hatte die Freiheit, ihrem Drang zum Him- mel in einem überirdischen Maßstab zu folgen. Dieser Gedanke führte ihn zu der Frage, wo er sich befand. Er konnte sich nicht erinnern, ob die Venus größer oder kleiner als die Erde war, und er vermutete, daß es dort heißer sein müsse als hier. Vielleicht war er auf dem Mars; vielleicht sogar auf dem Mond. Die letztere Möglichkeit verwarf er anfangs mit der Be- gründung, daß er bei der Landung die Erde am Himmel hätte sehen müssen, wenn es so wäre; aber später entsann er sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die eine Seite des Mondes immer der Erde abge-, kehrt sei. Möglicherweise wanderte er also auf der erdabgewandten Seite des Mondes umher; und un- vernünftigerweise brachte die Vorstellung ein so trü- bes Gefühl von Verlassenheit über ihn, wie er es bis- her noch nie verspürt hatte. Viele der Rinnen und Schluchten, die er jetzt quer- te, führten Wasser, blaues, zischend talwärts schie- ßendes Wasser. Diese Wasserläufe waren so warm wie der See, und die Luft über ihnen war aufgeheizt, so daß er beim Überklettern der Felsrippen ständig in andere Temperaturzonen kam. Diese Gegensätze machten ihn beim Erklettern eines weiteren Rückens auf die zunehmende Kälte im Wald aufmerksam; und als er umherblickte, bemerkte er, daß das Licht im Schwinden begriffen war. Die Nacht aber hatte er in seine Berechnungen nicht einbezogen. Er hatte keine Ahnung, wie eine Nacht auf Malakandra sein würde und wie lange sie dauerte. Als er so stand und in die tiefer werdende Dämmerung blickte, ging ein Seuf- zen kalten Windes durch den Wald der purpurnen Stengel und setzte sie in schwankende Bewegung. Das beängstigende Wogen dieser Stengel führte Ran- som abermals den erschreckenden Gegensatz zwi- schen ihrer Größe und ihrer augenscheinlichen Ge- schmeidigkeit und Schwerelosigkeit vor Augen. Hunger und Müdigkeit, durch die Ereignisse seiner Flucht und die neuartigen Eindrücke zurückge- dämmt, kamen nun mit verstärkter Macht über ihn. Er fröstelte und zwang sich zum Weitergehen. Der Wind nahm zu. Die mächtigen Blätter tanzten und schwankten über seinem Kopf und gewährten ihm Ausblicke auf einen blassen und immer blasser wer- denden Himmel. Und dann war es ein beunruhigend, dunkler Himmel mit nur einem oder zwei Sternen darin. Der Wald war nicht länger still. Ransoms Blik- ke schossen hierhin und dorthin, ständig auf der Su- che nach einem nahenden Feind, und entdeckten nur, wie rasch die Dunkelheit rings um ihn wuchs. Jetzt war er froh über die Wärme, die von den Wasserläu- fen ausging. Das brachte ihn auf den Gedanken, wie er sich ge- gen die zunehmende Kälte schützen könne. Es hatte keinen Sinn, weiterzugehen; da er sich nicht aus- kannte, konnte er der Gefahr entgegenwandern wie sie hinter sich lassen. Gefahr war überall; Gehen bot nicht mehr Sicherheit als Rasten. Neben einem der Wasserläufe mochte es warm genug sein, um dort zu lagern. Er schleppte sich weiter, um eine neue Schlucht zu finden, und ging so weit, daß er zu glau- ben begann, er sei schon über die Gegend hinaus, in der es welche gab. Als er drauf und dran war, sich zur Umkehr zu entschließen, begann das Gelände vor ihm steil abzufallen; rutschend und stolpernd ge- langte er an das Ufer eines Gießbachs. Die Bäume – denn er konnte nicht umhin, sie als Bäume zu be- trachten – bildeten kein zusammenhängendes Dach über ihm, und das Wasser selbst schien schwach zu phosphoreszieren, so daß es hier heller war. Das Ge- fälle war steil, und angetrieben von dem vagen Drang des Ausflüglers nach einem ›besseren‹ Platz, ging er ein paar Schritte stromaufwärts. Die Schlucht wurde steiler, und er kam an einen kleinen Wasserfall. Er bemerkte, daß das Wasser langsamer zu fallen schien als normal gewesen wäre, war aber zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen. Das Wasser war an- scheinend heißer als das des Sees – vielleicht, weil es, dem unterirdischen Wärmeherd erst entsprungen war. Am meisten aber beschäftigte Ransom die Frage, ob er davon trinken dürfe. Er war mittlerweile sehr durstig, aber das Wasser sah sehr giftig aus, sehr we- nig wasserartig. Er wollte sich zusammennehmen und nicht davon trinken; seine Müdigkeit war so groß, daß er hoffte, der Durst werde ihn nicht am Schlafen hindern. Er kniete nieder und wusch seine Hände in der reißenden, warmen Strömung, dann kroch er unter einen Überhang nahe dem Wasserfall, machte es sich bequem, so gut er konnte, und gähnte laut. Das Geräusch seines eigenen Gähnens – ein anhei- melndes Geräusch, das ihm aus dem Kinderzimmer, den Internatsschlafsälen und vielen anderen Schlaf- räumen vertraut war – löste in ihm eine Flut von Selbstmitleid aus. Er zog die Knie an und umschloß sie mit den Armen; er empfand eine körperliche, bei- nahe kindhafte Liebe zum eigenen Körper. Er hielt seine Armbanduhr ans Ohr und fand, daß sie stehen- geblieben war. Er zog sie auf. Während er unzusam- menhängend und halb wimmernd vor sich hin mur- melte, dachte er an die Menschen auf dem fernen Planeten Erde, die jetzt zu Bett gingen – Menschen in Hotels und auf Schiffen, kleine Kinder, die ihre Stoff- tiere bei sich hatten, nach Tabak riechende Männer, die in muffig-warmen Barackenunterkünften schnarchten. Sein Drang zu Selbstgesprächen war unwiderstehlich. »Wir werden schon auf dich achtge- ben, Ransom ... Wir halten zusammen, alter Junge.« Dann kam ihm der Gedanke, daß eins von diesen Ungeheuern mit den schnappenden, zähnestarrenden Kiefern in diesem Wasserlauf hausen könnte. »Hast, recht, Ransom«, murmelte er. »Kein sicherer Ort zum Schlafen. Wir werden einfach ein bißchen ausruhen, bis du dich besser fühlst, dann geht es wieder weiter. Nicht jetzt, aber bald.«, Der Durst weckte ihn. Die Sonne schien in sein Ver- steck, und trotz seiner feuchten Kleider hatte er warm geschlafen. Der Wasserfall neben ihm schäumte und funkelte in allen denkbaren Tönungen durchsichtigen Blaus und warf die tanzenden Kringel seiner Lichtre- flexe hoch hinauf zu den Unterseiten der Waldblätter. Die Erkenntnis seiner Lage begann wieder in Ran- soms Bewußtsein einzudringen und erschien ihm un- erträglich. Hätte er die Nerven nicht verloren, so würden die Sorne ihn längst getötet haben. Dann fiel ihm mit unerklärlicher Erleichterung ein, daß es einen Mann gab, der den Wald durchwanderte, der arme Teufel, und daß er ihm gern begegnen würde. Er würde auf ihn zugehen und sagen: »Hallo, Ransom!« Er hielt verwirrt inne. Nein, das war nur er selbst; er war Ransom. Oder vielleicht nicht? Wer war der Mann, den er an eine heiße Quelle geführt und vor dem Einschlafen gewarnt hatte, nicht von dem frem- den Wasser zu trinken? Offensichtlich irgendein Neuankömmling, der die Gegend nicht so gut kannte wie er. Aber was immer Ransom ihm gesagt hatte, er wollte jetzt trinken. Er legte sich am Ufer nieder und tauchte sein Gesicht in die warme, vorbeischießende Flüssigkeit. Es war gut, sich satt zu trinken. Das Was- ser hatte einen starken mineralischen Geschmack, aber es war sehr gut. Er trank wieder und fühlte sich sehr erfrischt und gestärkt. All dieses Zeug über den anderen Ransom war Unsinn. Er war sich der Gefahr des Wahnsinns völlig bewußt und widmete sich mit Hingabe dem Gebet und seiner Morgenwäsche. Nicht, daß es ihm allzu viel ausgemacht hätte, verrückt zu sein. Vielleicht war er es schon und befand sich gar nicht auf Malakandra, sondern lag geborgen im Bett einer englischen Heilanstalt. Wenn es nur so wäre! Er wollte Ransom danach fragen – verdammt! Wieder spielte sein Gehirn ihm den gleichen Streich. Er stand auf und setzte seine Wanderung fort. Die Wahnvorstellungen wiederholten sich alle paar Minuten, solange dieses Stadium seiner Wanderung andauerte. Er versuchte diese verwirrenden Aufwal- lungen abzuwehren, indem er geistig stillstand und sich von ihnen überrollen ließ. Es hatte keinen Zweck, sich deswegen Sorgen zu machen. Waren die An- wandlungen vorüber, konnte man wieder vernünftig weiterdenken. Das Problem der Nahrung war weit- aus wichtiger. Er versuchte es mit seinem Messer an einem der ›Bäume‹. Wie er erwartet hatte, war das Material zäh und weich, nicht hart wie Holz. Er schnitt ein kleines Stück heraus, und unter dieser Operation begann der ganze riesenhafte Organismus bis zum Wipfel hinauf zu vibrieren. Es war, als könne man mit einer Hand am Mast eines vollgetakelten Schiffes rütteln und ihn so in Schwingungen verset- zen. Als Ransom das herausgeschnittene Stück in den Mund steckte, fand er es beinahe ohne Geschmack, aber keineswegs unangenehm, und die nächsten Mi- nuten kaute er zufrieden darauf herum. Aber der Bis- sen wurde nicht kleiner. Er ließ sich nicht verschluk- ken und konnte nur als Kaugummi dienen. Als sol- ches gebrauchte er ihn, und danach noch viele andere Stückchen; das Kauen verschaffte ihm ein gewisses Behagen. Es war unmöglich, die Flucht des gestrigen Tages, als eine Flucht fortzusetzen; sie degenerierte unaus- weichlich zu einem ziellosen Umherstreifen, vage motiviert von der Notwendigkeit, Nahrung zu su- chen. Die Suche blieb notwendigerweise unsystema- tisch und unbestimmt, da er nicht wußte, ob es auf Malakandra genießbare Nahrung für ihn gab und woran er sie erkennen sollte. Im Lauf des Vormittags gab es schlimme Augenblicke, als er sich beim Über- queren einer Art Lichtung plötzlich einem riesigen gelben Lebewesen gegenübersah. Ehe er sich vom er- sten Schrecken erholen konnte, kamen noch zwei in Sicht, und dann war es eine unübersehbare Menge, die auf ihn zukam. Bevor er fliehen konnte, fand er sich inmitten einer Herde von riesigen, hellen Pelztie- ren, die noch am ehesten mit Giraffen verglichen werden konnten, nur hatten sie die Gewohnheit, sich dann und wann auf die Hinterbeine zu erheben und in dieser Haltung mehrere Schritte zurückzulegen. Sie waren schlanker und sehr viel höher als Giraffen und fraßen die Blätter von den Wipfeln der purpur- nen Pflanzen. Diejenigen Tiere, die auf ihn aufmerk- sam wurden, starrten ihn aus großen feuchten Augen an, schnaubten in einem basso profondissimo, schie- nen aber keine feindseligen Absichten zu hegen. Sie waren ungemein gefräßig. Innerhalb fünf Minuten hatte die Herde mehrere hundert ›Baumwipfel‹ kahl- gefressen, so daß ein Strom von Sonnenlicht in den Wald rings um die Lichtung fluten konnte. Dann zo- gen die seltsamen Tiere weiter. Im nachhinein hatte diese Episode eine beruhigen- de und tröstliche Wirkung auf Ransom. Der Planet war nicht, wie er bereits befürchtet hatte, nur von Sornen bevölkert. Hier lebte ein recht stattliches Tier, – ein Tier, das man wahrscheinlich zähmen konnte und dessen Nahrung vielleicht auch für Menschen genießbar war. Wenn es nur möglich wäre, die ›Bäu- me‹ zu erklettern! Er blickte umher und überlegte, wie sich dies vielleicht bewerkstelligen ließe, als er durch die kahlgefressenen Wipfel der Pflanzen eine Anzahl der gleichen grünlich-weißen Gebilde sah, die ihm nach der Landung am anderen Seeufer aufgefal- len waren. Diesmal waren sie viel näher. Sie waren enorm hoch, so daß er den Kopf in den Nacken legen mußte, um den höchsten Punkt zu sehen. Ihr Aussehen ge- mahnte an Säulen, und sie waren von ungleicher Hö- he und wie zufällig und ohne Ordnung gruppiert. Manche endeten in Spitzen, die von Ransoms Stand- ort aus nadelscharf erschienen, während andere, nachdem sie sich in der Höhe verjüngt hatten, wieder zu Knollen oder Plattformen expandierten, die sich in seinen irdischen Augen gefährlich unstabil ausnah- men, als müßten sie jeden Augenblick herabfallen. Er bemerkte, daß die Seitenflächen unebener und mehr von Rissen durchzogen waren, als er zuerst geglaubt hatte, und zwischen zwei solchen Gebilden machte er eine scheinbar unbewegliche, gewundene blaue Linie aus, die möglicherweise einen mit Kaskaden durch- setzten fernen Wasserlauf darstellte. Dieser Umstand war es, der ihn schließlich überzeugte, daß die Gebil- de trotz ihrer fantastischen Formen Berge waren; und mit dieser Entdeckung verblaßte die bloße Abson- derlichkeit ihres Aussehens vor ihrer fantastischen Großartigkeit. Hier glaubte er die Bestätigung jener Grundtendenz zum Senkrechten zu sehen, der auf Malakandra Tier und Pflanze ebenso folgten wie die, unbelebte Materie, die vor seinen Augen gleich er- starrten Ergüssen eines Steinspringbrunnens in einem Felsenaufruhr himmelwärts sprang, so kühn geformt, daß ihm nach diesem Anblick alle irdischen Berge vorkommen mußten, als lägen sie auf der Seite. Er fühlte, wie das Herz ihm froh und leicht wurde. Doch schon im nächsten Moment setzte sein Herz- schlag aus. Vor dem fahlen Hintergrund der Berge und ihm ziemlich nahe – denn die Berge selbst schie- nen kaum einen Kilometer entfernt – wurde eine Be- wegung sichtbar. Sofort erkannte er die Gestalt, als sie langsam (und, wie er dachte, verstohlen) zwischen den Stengeln der entlaubten Riesenpflanzen näher- glitt – die hohe, schmale Statur, die kadaverhafte Ma- gerkeit, das lange, hängende Profil eines Sorn. Der Kopf schien schmal und konisch zu sein, die Hände waren dünn, beweglich, spinnenhaft und beinahe durchsichtig. Ransom zweifelte keinen Augenblick daran, daß das Scheusal nach ihm suchte. Alle diese Wahrnehmungen machte er in einem Sekunden- bruchteil. Das unauslöschliche Bild hatte sich seinem Bewußtsein kaum eingeprägt, als er auch schon in den Wald davonrannte, so schnell er konnte. Er hatte keinen Plan bis auf den, soviel Entfernung wie möglich zwischen sich und den Sorn zu legen. Er betete inbrünstig, daß es nur der eine sein möge; vielleicht aber wimmelte der Wald von ihnen; viel- leicht hatten sie genug Verstand, um ihn einzukrei- sen. Es spielte keine Rolle – er konnte nichts tun als rennen. Seine Angst hatte sich in Aktion umgesetzt, und innerlich war er kühl und wachsam und bereit, die letzte Prüfung zu bestehen. Seine Flucht führte ihn mit halsbrecherischer Geschwindigkeit bergab,, und bald wurde der Hang so steil, daß er unter nor- malen Umständen langsam und vorsichtig hinunter- gestiegen wäre. Dann sah er schimmernde Helligkeit voraus, und eine Minute später hatte er den Wald hinter sich und stand am Ufer eines breiten Stroms, blinzelte ins Licht von Sonne und Wasser und spähte über eine flache Landschaft hinaus, in der sich Strom, See, Inseln und Vorgebirge vereinten. Es war die Art von Landschaft, wie er sie gleich nach der Landung auf Malakandra gesehen hatte. Von einer Verfolgung war nichts zu hören. Ransom kauerte nieder und trank aus den hohlen Händen und verwünschte in Gedanken eine Welt, auf der es kaltes Wasser nicht zu geben schien. Dann streckte er sich am Ufer aus und lag still, um zu lauschen und wieder zu Atem zu kommen. Im Wald hinter ihm regte sich nichts. Nach einer Weile wurde seine Auf- merksamkeit durch platschende Geräusche auf das blaue Wasser gelenkt. Zehn Meter vom Ufer entfernt war es in heftig wallender Bewegung, und Blasen trieben an der Oberfläche. Plötzlich hob sich das Wasser inmitten der Turbulenz und ein rundes, glän- zendes, schwarzes Ding wie eine Kanonenkugel kam zum Vorschein. Dann sah Ransom Augen und einen Mund – einen prustenden, breiten Mund mit einem Bart aus Blasen und Wassertropfen. Mehr von dem Wesen kam aus dem Wasser. Es war glänzend schwarz. Schließlich watschelte es platschend ans Ufer und erhob sich mit dampfendem Fell auf die Hinterbeine – an die zweieinhalb Meter hoch und zu dünn für seine Höhe, wie alles auf Malakandra. Es hatte einen dichten schwarzen Pelz, der glatt und glänzend war wie Seehundfell, sehr kurze Beine und, Füße mit Schwimmhäuten, einen breiten, biberähnli- chen Schwanz, kräftige Vordergliedmaßen mit Schwimmhäuten zwischen den Krallen oder Fingern, und in etwa halber Höhe des Bauchs einige Aus- wüchse, die Ransom für Geschlechtsteile hielt. Es hatte etwas von einem Pinguin, einem Fischotter und einer Robbe; die Schlankheit und Geschmeidigkeit des Körpers ließ wiederum an ein riesiges Wiesel denken. Der große Rundkopf mit dem dicken Schnurrbart trug vor allem dazu bei, daß man meinte, eine Robbe vor sich zu haben; doch war die Stirn hö- her als die einer Robbe, und das Maul war kleiner. Es kommt ein Augenblick, da die der Furcht und der Vorsicht entspringenden Handlungen sich völlig aus sich selbst vollziehen und von dem Flüchtling nicht mehr als Schrecken oder Hoffnung empfunden wer- den. Ransom lag völlig still und drückte sich so tief er konnte in die Pflanzendecke, wobei er von der rein theoretischen Idee geleitet wurde, er werde auf diese Weise unbemerkt bleiben. Er war fast frei von Emoti- on. Er dachte in einer trockenen, objektiven Art und Weise, daß dies wahrscheinlich das Ende seiner Le- bensgeschichte sein würde – gefangen zwischen ei- nem Sorn auf der einen und einem großen schwarzen Tier auf der anderen Seite. Zwar hatte er den unge- wissen Eindruck, daß Kiefer und Maul der Bestie nicht die eines Fleischfressers waren, doch verstand er zuwenig von Zoologie, um über Vermutungen hi- nauszukommen. Dann geschah etwas, das seine Einstellung von Grund auf wandelte. Das Lebewesen am Ufer, das noch immer dampfte und sich schüttelte und ihn of- fenbar nicht gesehen hatte, öffnete den Mund und, begann Laute von sich zu geben. Für sich genommen, war dies nicht weiter bemerkenswert; aber zwei Jahr- zehnte linguistischer Studien gaben Ransom beinahe augenblicklich die Gewißheit, daß dies artikulierte Laute waren. Das Lebewesen sagte etwas. Es hatte die Möglichkeit sprachlichen Ausdrucks. Wer nicht selbst Sprachwissenschaftler ist, muß den ungeheuren Ge- fühlsumschwung, der sich angesichts dieser Erkennt- nis in Ransom vollzog, wohl oder übel gläubig hin- nehmen. Eine neue Welt hatte er bereits gesehen – aber eine neue, eine extraterrestrische, eine nicht- menschliche Sprache war etwas völlig anderes. Im Zusammenhang mit den Sornen war er irgendwie nicht auf diese Idee gekommen, doch jetzt überkam sie ihn wie eine Erleuchtung. Die Liebe zur Wissen- schaft ist eine Art von Verrücktheit. In dem Sekun- denbruchteil, den Ransom benötigte, um zu entschei- den, ob dieses Wesen tatsächlich sprach, und wäh- rend ihm immer noch bewußt war, daß er womöglich in unmittelbarer Todesgefahr schwebte, hatte seine Fantasie alle Furcht und Hoffnung, alle Wahrschein- lichkeiten seiner Situation übersprungen und jagte dem blendenden Projekt nach, eine malakandrische Sprachlehre zu schaffen. ›Einführung in die mala- kandrische Sprache‹ – ›Das malakandrische Verb‹ – ›Marsianisch-Englisches Taschenwörterbuch‹ ... diese und andere Titel schossen ihm durch den Sinn. Was konnte man nicht alles aus der Sprache einer nicht- menschlichen Rasse lernen! Die Grundform der Spra- che selbst das eingehende Prinzip hinter allen denk- baren Sprachen mochte der Lohn für seine Mühen sein. Befeuert von der Vision, richtete sich Ransom unwillkürlich auf und starrte das schwarze Tier an., Es verstummte. Der mächtige Kugelkopf schwang herum, und glänzende Bernsteinaugen richteten sich auf ihn. Kein Lufthauch bewegte den See oder die Pflanzen des Waldes. In tiefstem Schweigen starrten die Vertreter der zwei so verschiedenartigen Rassen einander minutenlang an. Ransom erhob sich auf die Knie. Das Geschöpf sprang blitzschnell zurück, beobachtete ihn aufmerk- sam, und wieder verharrten beide reglos. Dann kam es einen Schritt näher, und Ransom sprang auf und zog sich zurück, aber nicht weit, denn die Neugierde hielt ihn fest. Er sammelte seinen Mut und ging mit ausgestreckter Hand auf das fremde Geschöpf zu. Dieses mißverstand die Geste und wich vor ihm ins seichte Wasser zurück. Ransom sah die gespannten Muskeln unter dem glatten Pelz, bereit zu jäher Be- wegung. Aber dort blieb es, ebenso neugierig wie Ransom. Keiner der beiden ließ den anderen näher kommen, doch jeder fühlte wiederholt den Impuls, es zu tun, und gab ihm nach. Es war albern, beängsti- gend, ekstatisch und unerträglich zugleich. Es war mehr als Neugierde. Es war wie eine Werbung – wie die Begegnung des ersten Mannes und der ersten Frau auf der Welt; aber es ging noch darüber hinaus. Denn Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind etwas Natürliches, die Fremdheit ist begrenzt und die zu überwindende Abneigung unbedeutend, vergli- chen mit der ersten prickelnden Begegnung zweier verschiedener, aber intelligenter Arten. Plötzlich wandte sich das Geschöpf um und be- gann sich seewärts zu entfernen. Eine Enttäuschung, die fast Verzweiflung war, überkam Ransom. »Komm zurück«, rief er. Das Wesen drehte sich zu, ihm um, breitete die kurzen Arme aus und sagte et- was in seiner unverständlichen Sprache; dann ent- fernte es sich weiter. Nach etwa zwanzig Schritten bückte es sich und nahm etwas aus dem Wasser. Es kam zurück. In der Hand (Ransom betrachtete die flossenartige Vorderpfote bereits als eine Hand) trug es eine Art Muschelschale – die Schale eines auster- nartigen Tiers, aber tiefer gewölbt. Es tauchte die Mu- schel in den See und hob sie wassergefüllt heraus. Dann hielt es die Muschel an seine Rumpfmitte und schien etwas in das Wasser zu gießen. Ransom dachte enttäuscht und angewidert, es uriniere in die Mu- schelschale. Dann sah er, daß die vermeintlichen Auswüchse am Bauch des anderen weder Ge- schlechtsteile noch irgendwelche anderen Körperor- gane waren; der Wasserbewohner trug einen Gürtel, der mit verschiedenen beutelartigen Objekten behan- gen war, und aus einem dieser Behälter fügte er dem Wasser in der Muschelschale einige Tropfen Flüssig- keit hinzu. Darauf hob er die Muschelschale an die schwarzen Lippen und trank – nicht, indem er nach Menschenart den Kopf zurückbog, sondern indem er ihn neigte und wie ein Pferd schlürfte. Als er fertig war, füllte er die Schale von neuem und fügte wieder einige Tropfen aus dem Behälter an seinem Gürtel hinzu – es schien eine Art Lederflasche zu sein. Dann kam das Geschöpf aus dem Wasser auf Ransom zu, die gefüllte Muschelschale in den vorgestreckten Händen. Die Absicht war unverkennbar. Ransom ging zögernd und beinahe scheu auf ihn zu und nahm die Schale. Seine Fingerspitzen berührten die Schwimmhäute an den Pfoten seines Gastgebers, und ein unbeschreiblicher Schauder, in dem sich Reiz und, Widerwille mischten, überlief ihn. Dann trank er. Was immer der andere in das Wasser getan hatte, es war offensichtlich alkoholisch; nie zuvor hatte er ei- nen Trunk so genossen. »Danke«, sagte er. »Vielen Dank.« Das Geschöpf schlug sich auf die Brust und gab ein schluchzendes Geräusch von sich. Ransom verstand nicht gleich, was es bedeutete. Dann begriff er, daß es versuchte, ihm seinen Namen zu sagen – vermutlich den Namen der Spezies. »Hross«, sagte es, »Hross«, und schlug sich auf die Brust. »Hross«, wiederholte Ransom und zeigte auf sein Gegenüber. Dann schlug er sich selbst mehrmals auf die Brust und sagte: »Mann.« »Hma-hma-hman«, ahmte der Hross ihn nach. Er hob eine Handvoll Erde auf, wo sie zwischen der flechtenartigen Vegetation und dem Wasser freilag. »Handra«, sagte er. Ransom wiederholte das Wort. Dann kam ihm ein Gedanke. »Malakandra?« sagte er in fragendem Ton. Der Hross rollte mit den Augen und schwenkte die Arme, offensichtlich bemüht, die ganze Landschaft, die gan- ze Welt zu umfassen. Ransom kam gut voran. Handra war die Erde als Element; Malakandra die ›Erde‹ oder der Planet als Ganzes. Bald würde er her- ausbringen, was Malak bedeutete. Einstweilen merkte er sich, daß der H-Laut nach einem K-Laut ver- schwand, und tat so den ersten Schritt in das Gebiet der malakandrischen Lautlehre. Der Hross versuchte jetzt, ihm die Bedeutung von Handramit zu erklären. Ransom erkannte den Stamm ›Handra‹ und stellte fest, daß diese Leute sowohl Vor- als auch Nachsilben, verwendeten, doch diesmal verstand er die Gesten des Hross nicht, und so blieb ihm unbekannt, was ›Handramit‹ war. Nun ergriff er die Initiative, öffnete den Mund, zeigte darauf und machte die Pantomime des Essens. Das malakandrische Wort für ›Nahrung‹ oder ›Essen‹, das er daraufhin erhielt, erwies sich als eine Reihe von Konsonanten, die eine menschliche Zunge nicht nachsprechen konnte. Ransom fuhr in seiner Pantomime fort und versuchte dem anderen zu erklären, daß sein Interesse sowohl praktischer als auch philologischer Natur sei. Der Hross verstand ihn und antwortete seinerseits in Zeichensprache, doch dauerte es eine Weile, bis Ransom begriff, daß die Gesten des anderen bedeuteten, daß er ihm folgen solle. Schließlich tat er es. Der Hross führte ihn nur bis in die Nähe der Stelle, wo er die Muschelschale aus dem Wasser geholt hat- te, und Ransom entdeckte mit einiger Erleichterung, daß dort eine Art Boot vertäut auf dem Grund des seichten Wassers lag. Wie es seiner menschlichen Art entsprach, fühlte Ransom sich durch den Anblick des Bootes geneigter, an die Vernunft des Hross zu glau- ben. Ja, er schätzte den Hross um so höher ein, als das Boot, abgesehen von der hohen, schmalen und scheinbar unstabilen Bauweise, die typisch mala- kandrisch war, tatsächlich sehr einem irdischen Boot ähnelte. Erst später legte er sich die Frage vor, wie denn ein Boot anders aussehen könne. Der Hross hob das Boot halb aus dem See, entleerte es und begann darin herumzukramen. Nach einer Weile brachte er eine ovale Scheibe aus einem zähen, aber leicht bieg- samen Material zum Vorschein, die mit Streifen einer schwammigen, orangefarbenen Substanz bedeckt, war, und reichte sie Ransom. Dieser schnitt mit dem Messer ein kleines Stück herunter und begann zu kauen; zweifelnd zuerst, aber dann heißhungrig. Das Zeug schmeckte ein wenig nach Bohnen, aber süßer; für einen Verhungernden war es gut genug. Doch dann, als sein Hunger gestillt war, kehrte das Be- wußtsein seiner Situation mit erschreckender Gewalt zurück. Das riesige, robbenähnliche Geschöpf neben ihm wurde zu einer unerträglichen Bedrohung. Zwar schien es freundlich zu sein; aber es war sehr groß, sehr schwarz, und er wußte nicht das Mindeste von ihm. Von welcher Art waren seine Beziehungen zu den Sornen? Und war es wirklich so rational, wie es den Anschein hatte? Erst viele Tage später lernte Ransom, mit diesen plötzlichen Aufwallungen von Mißtrauen fertig zu werden. Sie kamen immer dann, wenn er sich durch die Vernunft des Hross verleiten ließ, ihn als eine Art Mensch zu betrachten. Dann wurde der Hross zu ei- ner abscheulichen Karikatur – einem zweieinhalb Meter großen Menschen mit einem schlangenhaft ge- schmeidigen Körper, in ein dichtes, schwarz glän- zendes Tierfell gehüllt, und mit einem Schnurrbart wie ein Kater. Sah man es indes von der anderen Sei- te, so hatte man ein Tier vor sich, das alles besaß, was ein Tier haben muß – ein weiches, glänzendes Fell, feucht schimmernde Augen, reinen Atem und blen- dend weiße Zähne. Und zu allen diesen Vorzügen kam, als sei das Paradies nie verloren worden und als seien die frühesten Träume Wahrheit, der Zauber von Sprache und Vernunft. Nichts war abstoßender als die eine Betrachtungsweise, nichts konnte erfreulicher sein als die andere. Alles hing vom Standpunkt ab., Als Ransom seine Mahlzeit beendet und wieder vom kräftigen Wasser Malakandras getrunken hatte, stieg sein Gastgeber ins Boot. Er tat das wie ein Tier, mit dem Kopf voran. Sobald sein Oberkörper im Boot war, schnellte er Rumpf, Schwanz und Hinterbeine gleichzeitig in die Luft und schwang sich so mit un- heimlich anmutender Beweglichkeit an Bord des zer- brechlich aussehenden Fahrzeugs. Nachdem er so ins Boot gelangt war, stieg er wie- der aus und zeigte darauf. Ransom verstand, daß er aufgefordert wurde, dem Beispiel des Hross zu fol- gen. Die Frage, die ihn am meisten beschäftigte, konnte er natürlich nicht stellen. Waren die Hrossa (er erfuhr später, daß dies die Mehrzahl von Hross war) die herrschende Rasse auf Malakandra, und die Sorne, trotz ihrer mehr menschenähnlichen Gestalt, nur eine halbintelligente Art von Vieh? Er hoffte sehr, daß es sich so verhielt. Andererseits aber konnten die Hrossa die Haustiere der Sorne sein, und in diesem Fall wären die letzteren von übermenschlicher Intelli- genz. Seine von entsprechenden literarischen Vorbil- dern befeuerte Fantasie ermutigte ihn irgendwie, übermenschliche Intelligenz mit monströser Gestalt und brutaler Unerbittlichkeit des Willens zu verbin- den. Kletterte er in das Boot des Hross, so konnte das seine Auslieferung an die Sorne am Ende der Fahrt bedeuten. Andererseits konnte die Einladung des Hross eine günstige Gelegenheit sein, die von Sornen bevölkerten Wälder für immer zu verlassen. Und in- zwischen zeigte der Hross Verwunderung über Ran-, soms scheinbare Unfähigkeit, die Aufforderung zu verstehen. Die Dringlichkeit seiner Zeichensprache war schließlich bestimmend für Ransoms Entschluß. Der Gedanke an eine Trennung vom Hross konnte nicht ernstlich erwogen werden; seine Tierhaftigkeit stieß ihn auf mancherlei Weise ab, aber Ransoms Verlangen, seine Sprache zu erlernen, und mehr noch die scheue Faszination von Ungleich zu Ungleich, das Gefühl, er halte den Schlüssel zu einem unvergleich- lichen Abenteuer in Händen – alles das fesselte ihn mit stärkeren Banden an den Hross, als er wußte. So stieg er in das Boot. Das Boot hatte keine Sitzbänke. Sein Bug war steil hochgezogen, die Bordwände ragten lächerlich weit aus dem Wasser, und der Tiefgang war minimal. Es tauchte kaum ins Wasser ein. Es war mit etwas ver- täut gewesen, das auf den ersten Blick wie ein ge- wöhnlicher Strick ausgesehen hatte; aber der Hross hatte beim Losmachen keinen Knoten aufgeknüpft, sondern den Strick einfach auseinandergezogen, als ob er aus weichem Karamelbonbon oder Knetmasse bestanden hätte. Nun kauerte der Hross im Heck nie- der und ergriff ein Paddel – ein Paddel mit so großem Ruderblatt, daß Ransom sich nicht vorstellen konnte, wie jemand ein derart ungefüges Ding handhaben könne, bis ihm wieder einfiel, daß auf diesem Plane- ten alles beträchtlich leichter war als auf der Erde. Die Körperlänge des Hross' befähigte ihn, trotz der hohen Bordwand in seiner kauernden Position zu arbeiten. Er paddelte schnell und kraftvoll. Während der ersten paar Minuten glitten sie zwi- schen den mit purpurnen Bäumen bestandenen Ufern auf einer Wasserstraße dahin, die höchstens hundert, Schritte breit war. Dann umrundeten sie ein Vorge- birge, und Ransom sah, daß sie auf eine sehr viel grö- ßere Wasserfläche hinauskamen – einen großen See, fast ein Meer. Der Hross, der nun sehr sorgfältig paddelte, oft den Kurs änderte und umherblickte, hielt gerade auf den See hinaus. Die funkelnde blaue Fläche um sie her weitete sich zusehends. Die Spie- gelung des Sonnenlichts war so stark, daß Ransom nicht lange auf die gleißende Fläche blicken konnte. Die vom Wasser ausgehende Wärme war drückend; er nahm seine Mütze ab und zog die Schaffellweste aus, womit er den Hross sehr überraschte. Nach einer Weile stand er vorsichtig im Boot auf und überblickte das malakandrische Panorama, das sich auf allen Seiten geöffnet hatte. Vor und hinter ih- nen lag der glitzernde See, hier mit Inseln besetzt, dort in ungebrochener Glätte zum blaßblauen Him- mel auflächelnd. Ransom bemerkte, daß die Sonne fast senkrecht über ihnen stand, und schloß daraus, daß sie in den malakandrischen Tropen waren. An beiden Enden verlandete der See allmählich in un- übersichtlichen, von Inseln und offenem Wasser durchsetzten Sumpfgebieten, hinter denen zart und wie gefiedert die Kulissen der purpurnen Riesen- pflanzen aufragten. Auf den beiden anderen Seiten wurde dieser See mit seinen Inseln und Sümpfen von den zerrissenen Wänden der blaßgrünen Berge ein- gegrenzt, die er noch immer nicht als Berge bezeich- nen mochte, so schmal und spitz waren sie, so scharf und scheinbar aus dem Gleichgewicht geraten. Auf der Steuerbordseite waren sie nicht weiter als zwei Kilometer entfernt und schienen vom Wasser nur durch einen schmalen Waldgürtel getrennt; zur Lin-, ken waren sie viel weiter entfernt, aber noch immer eindrucksvoll – vielleicht zehn Kilometer vom Boot. Sie begleiteten den langgestreckten See zu beiden Seiten, so weit das Auge reichte, sowohl vor als auch hinter ihnen; tatsächlich gewann Ransom den Ein- druck, daß sie auf dem überfluteten Boden eines ma- jestätischen, tief eingeschnittenen Flußtals dahinglit- ten, das zehn oder fünfzehn Kilometer breit und von unbekannter Länge sein mochte. Hinter und manch- mal über den Berggipfeln konnte er an manchen Stellen gewaltige wogende Massen der rosaroten Substanz ausmachen, die er am Vortag irrtümlich für Wolken gehalten hatte. Hinter den Gebirgskämmen schien das Gelände nicht abzufallen; sie waren viel- mehr die erosionszerfressenen Abbrüche ausge- dehnter Hochländer, die an manchen Stellen höher als die Randklippen waren und links und rechts den malakandrischen Horizont ausmachten. Nur voraus und achtern wurden die Tafelländer von der gewalti- gen Schlucht durchschnitten, die im planetarischen Maßstab lediglich als ein Riß oder Spalt erscheinen mochte. Er fragte sich, was die wolkenartigen roten Massen waren und versuchte, sich mit Zeichen danach zu er- kundigen. Die Frage war jedoch zu schwierig für Zei- chensprache. Mit einer Flut von Gebärden – denn sei- ne Arme oder Vorderbeine waren biegsamer und be- weglicher als Ransoms und in schneller Bewegung beinahe peitschenartig – gab der Hross zu verstehen, daß er die Frage auf das Hochland im allgemeinen bezog. Er nannte es Harandra. Das wasserreiche Tiefland des Tals schien Handramit genannt zu wer- den. Ransom schloß daraus, daß ›Handra‹ Erde be-, deutete; ›Harandra‹ hohe Erde, Berg oder Gebirge; und ›Handramit‹ tiefe Erde oder Tal. Also Hochland und Tiefland. Die besondere Bedeutung dieser Unter- scheidung in der malakandrischen Geographie wurde ihm erst viel später bekannt. Inzwischen hatte der Hross sein vorsichtiges Ma- növrieren aufgegeben. Sie waren einige Kilometer vom Ufer entfernt, als er plötzlich zu paddeln auf- hörte und mit in die Luft gerecktem Paddel gespannt dasaß; im nächsten Augenblick durchlief ein Zittern das Boot, und es begann mit plötzlicher Beschleuni- gung Fahrt aufzunehmen. Anscheinend machten sie sich eine Strömung zunutze. Schon nach wenigen Minuten jagte das Boot mit ungefähr zwanzig Stun- denkilometern über das zunehmend unruhige Was- ser, dessen seltsam steile Wellen das leichtgebaute Fahrzeug mit ruckartigen Stößen trafen, die anders und unangenehmer als alles waren, was Ransom auf der Erde selbst bei stark kabbeliger See kennengelernt hatte. Er fühlte sich an unglückliche Erfahrungen auf einem trabenden Pferd während seiner Militärzeit erinnert. Er ergriff mit der linken Hand die Bord- wand und wischte sich mit der rechten die Stirn – die feuchte Wärme vom Wasser war ihm sehr lästig ge- worden. Er begann sich zu fragen, ob die malakandri- sche Nahrung und erst recht die malakandrischen Getränke für einen menschlichen Magen verdaulich waren oder nicht. Gott sei Dank war er seefest! We- nigstens leidlich seefest. Zumindest ... Hastig beugte er sich über die Bordwand. Vom blauen Wasser schlug ihm Hitze entgegen. In der Tie- fe glaubte er spielende Aale zu sehen; lange, silbrig schimmernde Aale. Dann geschah das Schlimmste,, und nicht nur einmal, sondern viele Male. In seinem Elend erinnerte er sich lebhaft an seine Scham und Schande, als er sich auf einer Kindergesellschaft übergeben hatte ... Vor langer Zeit, auf dem Stern, auf dem er geboren war. Jetzt empfand er eine ähnliche Scham. Es war nicht die Art und Weise, wie der erste Vertreter der Menschheit sich bei einer neuen Spezies einführen sollte. Übergaben Hrossa sich auch? Ver- stand dieser Hross, was er tat? Zitternd und stöhnend richtete er sich wieder auf. Der Hross behielt ihn im Auge, aber sein Fellgesicht erschien ihm ausdrucks- los. Erst viel später lernte er in einem malakandri- schen Gesicht zu lesen. Die Strömung schien sich unterdessen weiter zu beschleunigen. In einem weiten Bogen wurden sie über den See nahe an das jenseitige Ufer getragen, dann wieder zurück und wieder vorwärts, manchmal in schwindelerregenden Spiralen und Achterfiguren, während purpurner Wald und zerrissene Bergspitzen abwechselnd näher rückten und zurückwichen und Ransom ihre gewundene Fahrt in neu aufsteigender Übelkeit mit dem widerlichen Schlängeln der Silber- aale verglich. Er verlor rasch alles Interesse an Mala- kandra. Der Unterschied zwischen der Erde und an- deren Planeten erschien ihm bedeutungslos, vergli- chen mit dem schrecklichen Unterschied zwischen Erde und Wasser. Verzweifelnd fragte er sich, ob der Hross vielleicht ständig auf dem Wasser lebte. Mögli- cherweise mußten sie die ganze Nacht in diesem ab- scheulichen Boot zubringen ... Aber seine Leiden waren nicht von langer Dauer. Die stampfenden und stoßenden Bewegungen hörten endlich auf, das Boot verlangsamte, und Ransom sah, den Hross angestrengt gegen die Strömung paddeln. Die Ufer waren zu beiden Seiten nahe herangerückt, und zwischen ihnen schoß das Wasser mit wütendem Zischen durch einen engen Kanal. Es schien nicht tief zu sein. Dann sprang der Hross plötzlich über Bord, wobei er eine Menge warmen Wassers ins Boot spritzte. Ransom kletterte ihm vorsichtig und mit wankenden Knien nach, doch das Wasser erreichte kaum die Mitte seiner Oberschenkel, als er darin stand. Zu seiner Verblüffung hob der Hross das Boot ohne erkennbare Anstrengung aus dem Wasser auf seinen Kopf, hielt es dort mit einer Vorderpfote im Gleichgewicht und ging, aufrecht wie eine griechi- sche Karyatide, ans Ufer. Sie gingen am Kanal ent- lang weiter, sofern man die aus den geschmeidigen Hüften schwingenden Bewegungen des kurzbeinigen Hross ein ›Gehen‹ nennen konnte, und wenige Mi- nuten später erblickte Ransom eine neue Landschaft. Der Kanal strömte immer reißender und leitete zu einer Serie von Stromschnellen über, in denen das Wasser für den nächsten Kilometer steil hinabschoß. Vor ihnen sank der Talboden ab und setzte sich zu Füßen der Talstufe auf bedeutend tieferem Niveau fort. Die Seitenwände oder Plateauränder sanken je- doch nicht mit, und von seinem gegenwärtigen Standort aus gewann Ransom eine klarere Vorstel- lung von der Bodengestaltung. Rechts und links vor- aus waren Teile der Hochflächen sichtbar, manchmal bedeckt von den wolkenähnlichen roten Anschwel- lungen, aber häufiger eben, fahl und unfruchtbar bis zur fernen, geraden Linie ihres Horizonts. Die zer- klüfteten Berggipfel erschienen jetzt nur noch als die Abbruchkante des Hochlands, die lediglich an eini-, gen Stellen schollenartig emporgehobene Randhügel bildete. Ransom war verblüfft von dem starken Kon- trast zwischen Harandra und Handramit. Wie eine Kette von Edelsteinen zog sich zu seinen Füßen das Tal hin, purpurn, saphirblau, gelb und rosig weiß, ein reiches und vielfältiges Intarsienmuster aus Waldland und dem allgegenwärtigen Wasser. Malakandra war der Erde unähnlicher als er zu vermuten begonnen hatte. Das Handramit war kein echtes Tal, das sich mit der Gebirgskette, zu der es gehört, hebt und senkt. Es war nur ein gewaltiger Riß oder Graben- bruch von unterschiedlicher Tiefe, der die Hochebe- nen der Harandra durchzog. Jene aber, so begann er jetzt zu ahnen, war die eigentliche Oberfläche des Planeten. Das Handramit schien kein Ende zu haben; ununterbrochen und in fast gerader Linie führte es von ihm weg, eine allmählich schmaler werdende farbige Linie, bis es zuletzt den Horizont erreichte und mit einer V-förmigen Einkerbung spaltete. Es mußten an die hundert Kilometer davon sichtbar sein, dachte er; und er rechnete sich aus, daß er seit dem Tag zuvor dreißig oder vierzig Kilometer davon hinter sich gebracht hatte. Sie stiegen neben den Stromschnellen abwärts, bis sie die Fortsetzung des ebenen Talbodens erreicht hatten und der Hross sein Boot wieder zu Wasser bringen konnte. Während dieses Marsches lernte Ransom die Wörter für Boot, Stromschnelle, Wasser, Sonne und tragen, das letztere, als sein erstes Verb, interessierte ihn besonders. Auch gab der Hross sich beträchtliche Mühe, ihm eine Assoziation oder Bezie- hung zu erklären, die er durch mehrfache Wieder- holungen der kontrastierenden Wortpaare Hrossa-, Handramit und Séroni-Harandra ausdrückte. Ran- som entnahm daraus, daß die Hrossa unten im Hand- ramit lebten, die Séroni aber oben auf der Harandra. Aber was zum Teufel waren Séroni? Die kahlen Hochebenen der Harandra machten nicht den Ein- druck, als könne dort überhaupt irgend etwas leben. Vielleicht hatten die Hrossa eine Mythologie – er hielt es für eine ausgemachte Sache, daß sie auf einer nied- rigen Kulturstufe standen –, und die Séroni waren Götter oder Dämonen. Die Reise nahm ihren Fortgang, und Ransom litt noch mehrmals unter Übelkeit, wenn auch in immer schwächerem Maß. Erst Stunden später wurde ihm klar, daß ›Séroni‹ möglicherweise der Plural von ›Sorn‹ war. Zu ihrer Rechten ging die Sonne unter. Sie sank ra- scher als auf der Erde, jedenfalls den Teilen der Erde, die Ransom kannte, und in dem wolkenlosen Himmel ging der Sonnenuntergang ohne große Prachtentfal- tung vonstatten. In einer unerklärlichen Art und Wei- se schien die Sonne sich von derjenigen, die er kann- te, zu unterscheiden; aber während er noch darüber nachdachte, schoben sich die schwarzen Silhouetten der nadelspitzen Gipfel des Randgebirges vor die rasch sinkende Scheibe, und das Handramit versank in Dunkelheit, obgleich das Hochland der Harandra im Osten noch in blassem Rosa schimmerte, entrückt, zart und still, wie eine andere, geistigere Welt. Bald landeten sie wieder, und der Hross führte ihn in den purpurnen Wald. Die Bewegungen des Bootes hatten sich Ransom so eingeprägt, daß er das Gefühl hatte, der Boden schwanke unter seinen Füßen; dies, das Zwielicht und seine Müdigkeit machten den Rest, der Reise zu einer traumhaften Erfahrung. Irgend- wann blendete Lichtschein seine Augen. Ein Feuer brannte. Es erhellte die riesigen Blätter in der Höhe, und Ransom sah Sterne hinter ihnen. Auf einmal wa- ren sie von Dutzenden von Hrossa umringt. In ihrer Menge wirkten sie mehr tierhaft und weniger menschlich als sein einzelner Führer. Ransom ver- spürte eine gewisse Furcht, aber weit mehr störte ihn das Unpassende und Unangemessene seiner Lage. Er wollte Menschen um sich, irgendwelche Menschen, und wenn es Weston und Devine gewesen wären. Er war zu müde, um sich mit diesen bedeutungslosen Kugelköpfen und Pelzgesichtern zu befassen, war kaum zu einer Reaktion fähig. Und dann, weiter un- ten und mehr auf seiner Ebene, kamen in hellen Hau- fen die Jungen heran, der Nachwuchs oder die Wel- pen, wie immer man sie nennen wollte. Plötzlich ver- änderte sich seine Stimmung. Sie waren fröhliche, überaus bewegliche, spaßige kleine Wesen. Er legte die Hand auf einen der kleinen schwarzen Köpfe und lächelte; das Geschöpf stob davon. Von diesem Abend blieb nur wenig in seiner Erin- nerung zurück. Wieder wurde gegessen und getrun- ken, es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen schwarzer Gestalten, große bernsteinfarbene Augen leuchteten ihn im Feuerschein an; endlich gab es Schlaf an irgendeinem dunklen, anscheinend über- dachten Ort., Seit seinem Erwachen an Bord des Raumschiffs hatte Ransom oft über das erstaunliche Abenteuer nachge- dacht, einen anderen Planeten aufzusuchen und wie es um seine Aussichten bestellt sein mochte, von dort zurückzukehren. Aber nie hatte er über seinen Auf- enthalt auf der fremden Welt nachgedacht. Nun wurde ihm jeden Morgen mit einer Art Verblüffung bewußt, daß er weder auf Malakandra eintraf noch von dort abreiste, sondern daß er einfach dort lebte; daß er wachte, schlief, aß, schwamm und im Laufe der Zeit sogar Gespräche führte. Das Unwahrschein- liche, fast Wunderbare daran ging ihm am eindring- lichsten auf, als er etwa drei Wochen nach seiner An- kunft einen Spaziergang unternahm. Wenige Wochen danach hatte er bereits seine Lieblingswege und seine Leibgerichte; er begann Gewohnheiten zu entwickeln. Er konnte einen männlichen Hross auf den ersten Blick von einem weiblichen unterscheiden, und selbst individuelle Unterschiede wurden offenbar. Hyoi, der ihn zuerst gefunden hatte – viele Kilometer im Norden der Siedlung – hatte einen ganz anderen Charakter als der grauschnauzige, ehrwürdige Hnohra, der ihm täglich Sprachunterricht erteilte; Temperament und Charakter unterschieden sich wie bei den Menschen. Und die Jungen waren wieder an- ders. Sie waren schlechthin entzückend. Im Umgang mit ihnen konnte man die Rationalität der erwachse- nen Hrossa getrost vergessen. Sie waren zu jung, um ihn mit dem verwirrenden Rätsel der Vernunft in nichtmenschlicher Gestalt zu behelligen. Sie trösteten, ihn in seiner Einsamkeit, als ob es ihm erlaubt gewe- sen wäre, ein paar Hunde von der Erde mitzubrin- gen. Die Jungen ihrerseits interessierten sich auf das Lebhafteste für den haarlosen Gnom, der unter ihnen aufgetaucht war. Bei ihnen – und dadurch indirekt auch bei ihren Müttern – war er ein großartiger Er- folg. Was die Gemeinschaft der Hrossa im allgemeinen betraf, so wurden seine früheren Eindrücke nach und nach berichtigt. Anfangs hatte er ihre Kulturstufe bei sich als ›Altsteinzeit‹ bezeichnet. Die wenigen Schneidwerkzeuge, die sie besaßen, waren aus Stein gemacht. Töpfereiwaren schienen sie nicht zu haben, sah man von einigen plumpen Behältern ab, die zum Kochen benutzt wurden, und kochen war die einzige Zubereitungsart, auf die sie sich verstanden. Ihr Trinkbecher, Teller und Schöpflöffel in einem war die austernähnliche Muschelschale, aus der er zum er- stenmal die Gastfreundschaft der Hrossa genossen hatte; das Muscheltier, das diese Schalen enthielten, war ihre einzige nichtpflanzliche Nahrung. Gemüse- gerichte hatten sie in großer Vielfalt und Auswahl, und einige davon schmeckten köstlich. Selbst das röt- lich weiße, elastische Kraut, das den Boden Handra- mits bedeckte, war im Notfall eßbar, so daß er, wäre er Hungers gestorben, ehe Hyoi ihn fand, mitten im Überfluß verhungert wäre. Kein Hross aß das Kraut jedoch freiwillig, obwohl es manchmal auf einer Reise mangels eines besseren genommen wurde. Ihre Be- hausungen waren bienenkorbartige Hütten aus stei- fen Blättern, und die Dörfer – es gab mehrere in der Nachbarschaft – lagen der Wärme wegen immer an Flußufern und möglichst nahe bei den Talwänden, des Handramit, weil das Wasser dort am heißesten war. Sie schliefen in ihren Hütten auf dem nackten Boden. Kunst schien ihnen unbekannt, abgesehen von einer eigentümlichen Mischung von Dichtung und Musik, die beinahe jeden Abend von einer aus vier Hrossa bestehenden Gruppe vorgetragen wurde. Ei- ner rezitierte in einer Art Sprechgesang langatmige Balladen, während die anderen drei ihn von Zeit zu Zeit mit Wechselgesängen unterbrachen. Ransom brachte nicht heraus, ob diese Unterbrechungen ein- fach lyrische Einlagen waren, oder ob sie einen dra- matischen Dialog darstellen sollten, der sich aus der Erzählung des Vorgängers ergab. Er konnte mit der Musik nicht viel anfangen. Die Stimmen waren nicht unangenehm, und die Tonleiter schien beinahe auf menschliche Ohren abgestimmt, doch die Melodik war monoton und die variierenden Zeitmaße blieben seinem Gefühl für Rhythmus fremd. Das Tun und Treiben des Stammes oder der Familie kamen ihm an- fangs ziemlich geheimnisvoll vor. Ständig ver- schwanden einige Dorfbewohner für ein paar Tage und kamen dann wieder zum Vorschein. Es wurde ein wenig gefischt – ausschließlich Muscheln – und sehr viel in Booten umhergefahren, ohne daß ihm Ziel und Zweck klar wurde. Dann sah er eines Tages eine Art Karawane aus Hrossa auf dem Landweg davon- ziehen. Jeder trug auf dem Kopf eine Ladung Gemü- se. Anscheinend gab es auf Malakandra doch so et- was wie Handel. Ihre Landwirtschaft entdeckte er bereits in der er- sten Woche. Ungefähr eineinhalb Kilometer talab- wärts lagen breite, gerodete Felder, die große Flächen einnahmen und mit niedrigen, fleischig aussehenden, Pflanzen verschiedener Arten bestellt waren. Gelbe, orangefarbene und blaue Farbtöne dominierten. Wanderte man weiter, kam man zu salatähnlichen Pflanzen, die ungefähr die Höhe irdischer Zwergbir- ken erreichten. Wo eine dieser Pflanzen sich über das warme Wasser neigte, konnte man sich in eins der unteren Blätter legen und behaglich wie in einer sanft schaukelnden, duftenden Hängematte ausruhen. An- derswo war es nicht warm genug, um längere Zeit im Freien zu sitzen; die Durchschnittstemperatur im Handramit war die eines schönen und milden Win- termorgens auf der Erde. Diese Anbaugebiete wur- den von den Bewohnern der umliegenden Dörfer gemeinsam bestellt, und die Arbeitsteilung schien höher entwickelt, als er vermutet hatte. Das Schnei- den, Trocknen und Einlagern der geernteten Pflanzen geschah ebenso sorgfältig und gewissenhaft wie die Düngung, Bodenbearbeitung und Aussaat. Ransom vermutete, daß zumindest einige der Kanäle künst- lich angelegt waren. Aber die eigentliche Revolution in seinem Ver- ständnis der Hrossa begann, als er genug von ihrer Sprache gelernt hatte, um den Versuch zu machen, ihre Neugierde über ihn selbst zu befriedigen. In Be- antwortung ihrer Fragen begann er mit der Auskunft, daß er aus dem Himmel gekommen sei. Sofort fragte Hnohra, von welchem Planeten oder Handra. Ran- som, der ihnen absichtlich eine kindische Version der Wahrheit gegeben hatte, um sie so der vermuteten Unwissenheit seiner Zuhörer anzupassen, ärgerte sich ein wenig, als Hnohra ihm mühsam auseinan- dersetzte, daß er nicht im Himmel gelebt haben könnte, da es dort keine Luft gebe; möglicherweise, sei er durch den Himmel geflogen, aber er müsse von einer Handra gekommen sein. Ransom sah sich au- ßerstande, ihnen am Nachthimmel die Erde zu zei- gen. Seine Unfähigkeit schien sie zu überraschen, und wiederholt zeigten sie ihm einen hellen Planeten tief am Westhimmel – ein wenig südlich von dem Punkt, an dem die Sonne untergegangen war. Es überraschte ihn, daß sie statt irgendeines Fixsterns einen Planeten auswählten und bei ihrer Wahl blieben; war es mög- lich, daß sie sich auf die Astronomie verstanden? Un- glücklicherweise waren seine Sprachkenntnisse noch zu gering, als daß er sie über ihr Wissen hätte befra- gen können. Er fragte sie nach dem Namen des hellen südlichen Planeten, und erhielt die Auskunft, daß er Thulkandra heiße – der ›schweigende Stern‹ oder ›schweigende Planet‹. »Warum nennt ihr ihn Thulc?« fragte er. »Warum schweigend?« Keiner wußte es. »Die Séroni wissen es«, sagte Hnohra. »Solche Din- ge wissen sie.« Dann fragten sie ihn, wie er gekommen sei, und Ransom unternahm einen sehr unzulänglichen Ver- such, das Raumschiff zu beschreiben. Und wieder hieß es: »Die Séroni wissen sicherlich darüber Bescheid.« Ob er allein gekommen sei? Nein, er sei mit zwei anderen von seiner Art gekommen – bösen Männern (›verbogen‹ oder ›krumm‹ waren die einzigen sinn- gemäß passenden Bezeichnungen im Hrossischen), die versucht hatten, ihn zu töten, aber er sei ihnen davongelaufen. Die Hrossa fanden dies sehr schwie- rig zu verstehen, aber alle stimmten schließlich darin überein, daß er zu Oyarsa gehen sollte. Oyarsa würde, ihn schützen. Ransom fragte, wer Oyarsa sei. Lang- sam und unter mancherlei Mißverständnissen destil- lierte er die Information heraus, daß Oyarsa erstens in Meldilorn wohne; daß er zweitens allwissend sei und über alle herrsche; daß er drittens seit jeher dagewe- sen sei; und daß er viertens weder ein Hross noch ei- ner von den Séroni sei. Darauf fragte Ransom, der seinen eigenen Denkgeleisen folgte, ob Oyarsa die Welt geschaffen habe. Die Hrossa verneinten mit ei- ner Entschiedenheit, die beinahe Empörung signali- sierte. Wußten die Leute auf Thulkandra nicht, daß Maleldil der Junge die Welt geschaffen hatte und noch immer regierte? Jedes Kind wußte das. Ransom fragte, wo Maleldil lebte. »Bei dem Alten.« Und wer war der Alte? Ransom verstand die Ant- wort nicht. Er versuchte es abermals. »Wo wohnt der Alte?« »Er ist nicht von der Art«, erklärte Hnohra, »daß er irgendwo wohnen muß.« Und er vervollständigte seine Auskunft mit Erläuterungen, denen Ransom nicht folgen konnte. Aber er verstand genug, um wieder eine gewisse ärgerliche Gereiztheit zu emp- finden. Seit er entdeckt hatte, daß die Hrossa ver- nünftige und intelligente Leute waren, hatten ihn Gewissensbisse geplagt, ob es nicht seine Pflicht sei, sie in religiösen Dingen zu unterweisen; jetzt aber sah er sich behandelt, als ob er der Wilde wäre und mit den Grundgedanken einer Religion vertraut gemacht werden müsse – sozusagen durch das hrossische Ge- genstück zum kleinen Katechismus. Es wurde deut- lich, daß Maleldil ein Geist ohne Körper und Leiden- schaften war., »Er ist kein Hnau«, sagte der Hrossa. »Was ist ein Hnau?« fragte Ransom. »Du bist Hnau. Ich bin Hnau. Die Séroni sind Hnau. Die Pfifltriggi sind Hnau.« »Pfifltriggi?« fragte Ransom. »Mehr als zehn Tagereisen in westlicher Richtung«, erklärte Hnohra, »sinkt die Harandra ab, nicht in eine Handramit, sondern in ein breites, offenes Gebiet, das sich in alle Richtungen ausbreitet – fünf Tagereisen von Norden nach Süden, zehn Tagereisen von Osten nach Westen. Die Wälder dort sind von anderer Farbe als hier, sie sind blau und grün. Das Land dort liegt sehr tief, es reicht zu den Wurzeln der Welt. Dort gibt es das Beste, was aus der Erde gegraben werden kann. In dieser Gegend wohnen die Pfifltriggi. Ihre Freude ist das Graben. Was sie ausgraben, machen sie im Feuer weich und fertigen Dinge daraus. Sie sind kleine Leute, kleiner als du, mit langen Schnauzen, blaß und geschäftig. Vorn haben sie lange Gliedma- ßen. Im Herstellen und Formen von Dingen kommt ihnen kein Hnau gleich, so wie niemand uns im Sin- gen übertrifft. Laßt den Hman sehen.« Er wandte sich um und sprach zu einem der jünge- ren Hrossa, und gleich darauf ging eine kleine Schale von Hand zu Hand und wurde Ransom gereicht. Er hielt sie in den Feuerschein und betrachtete sie. Sie war offensichtlich aus Gold, und Ransom begann allmählich Devines Interesse an Malakandra zu ver- stehen. »Gibt es viel von diesem Zeug?« fragte er. Ja, sagten sie, die meisten Flüsse führten es mit sich, doch die größte Menge davon finde man bei den Pfifltriggi, und sie seien in der Gewinnung und Bear-, beitung am geschicktesten. Arbol hru nannten sie es – Sonnenblut. Wieder betrachtete Ransom die Schale. Sie war mit fein gearbeiteten Zeichnungen in Ätz- technik bedeckt. Er sah Darstellungen von Hrossa und kleineren, froschähnlichen Tieren; auch Sorne waren darauf zu sehen. Fragend zeigte er darauf. »Séroni«, sagte der Hrossa und bestätigte seinen Verdacht. »Sie wohnen oben, fast auf der Harandra. In den großen Höhlen.« Die froschähnlichen Tiere – oder tapirköpfige We- sen mit Froschkörpern – waren Pfifltriggi. Ransom dachte darüber nach. Auf Malakandra hatten offen- bar drei verschiedene Spezies eine Entwicklungsstufe erreicht, die sich durch den verstandesmäßigen Ge- brauch von Intelligenz auszeichnete. Aber bisher hatte keine von ihnen die anderen beiden ausgerottet. Die Frage, welche die herrschende Rasse war, be- schäftigte ihn außerordentlich. »Welche der Hnau haben die Herrschaft?« fragte er. »Oyarsa herrscht«, war die Antwort. »Ist er Hnau?« Das verwirrte sie ein wenig. Die Séroni, meinten sie, würden eine solche Frage besser zu beantworten wissen. Vielleicht war Oyarsa Hnau, aber von ande- rer Art. Für ihn gab es weder Tod noch Jugend. »Diese Séroni wissen mehr als die Hrossa?« fragte Ransom. Dies rief mehr ein Streitgespräch als eine Antwort hervor. Schließlich ergab sich, daß die Séroni oder Sorne in einem Boot völlig hilflos waren, nicht fi- schen, kaum schwimmen konnten und keinen Sinn für Dichtung hatten. Selbst wenn die Hrossa für sie, dichteten, konnten sie nur die am wenigsten wert- vollen Formen der Dichtung begreifen. Aber sie wa- ren zugegebenermaßen bewandert in allem, was die Sterne betraf, und sie verstanden die dunkleren Äu- ßerungen Oyarsas zu deuten und wußten zu berich- ten, was sich vor langer Zeit auf Malakandra ereignet hatte – in Zeiten, an die sich sonst niemand erinnern konnte. Ah – die Schicht der Aufgeklärten, wissenschaftlich Gebildeten, dachte Ransom. Sie müssen die wahren Herren sein, wenn sie es sich auch nicht anmerken lassen. Er versuchte zu fragen, was geschehen würde, wenn die Sorne ihr Wissen gebrauchten, um die Hrossa zu Arbeiten zu veranlassen, die sie von sich aus nicht tun würden. Es dauerte ziemlich lange, bis er es in seinem stockenden Malakandrisch ausge- drückt hatte. Die Frage klang in dieser Form nicht so hart, wie wenn er gesagt hätte: »... wenn sie ihr über- legenes Wissen zur Ausbeutung ihrer unzivilisierten Nachbarn verwenden würden.« Aber er hätte sich die ganze Mühe ersparen können. Die Erwähnung, daß die Sorne mit der Dichtkunst nicht viel anzufangen wußten, hatte das ganze Gespräch in literarische Bahnen gelenkt. Von der erhitzten Fachdiskussion, die nun folgte, verstand er nicht ein Wort. Natürlich unterhielt er sich mit den Hrossa nicht nur über Malakandra. Er mußte sie mit Informationen über die Erde entschädigen. Dabei wurde er sowohl von der demütigenden Erkenntnis behindert, daß er eigentlich sehr wenig über seinen Heimatplaneten wußte, wie auch von seiner Entschlossenheit, einen Teil der Wahrheit zu verschweigen. Er wollte ihnen, nicht allzu viel von den Kriegen der Menschen und den Begleiterscheinungen der Industrialisierung er- zählen. Er erinnerte sich, wie H. G. Wells' Romanfi- gur Cavor auf dem Mond sein Ende fand; außerdem schämte er sich. Jedesmal, wenn sie ihn zu eingehend über die Menschen – die Hmana, wie sie sie nannten – befragten, überkam ihn ein Gefühl wie von körper- licher Nacktheit. Überdies war er entschlossen, sie nicht wissen zu lassen, daß er hierhergebracht wor- den war, um den Sornen übergeben zu werden; denn mit jedem Tag wurde die Gewißheit stärker, daß die- se die herrschende Spezies darstellten. Was er ihnen erzählte befeuerte die Einbildungskraft der Hrossa: sie begannen allesamt Gedichte über die seltsame Handra zu machen, wo die Pflanzen hart wie Stein waren, das Erdkraut grün wie Felsen und die Gewäs- ser kalt und salzig, und wo die Hmana ganz oben auf der Harandra lebten. Noch mehr aber interessierte sie, was er ihnen über das Wassertier mit dem schnappenden Rachen zu be- richten wußte, vor dem er in ihrer eigenen Welt ge- flohen war. Alle waren sich einig, daß es ein Hnakra gewesen sei. Die Nachricht versetzte sie in Aufre- gung, denn seit vielen Jahren war im Tal kein Hnakra mehr gesehen worden. Die jungen Hrossa holten ihre Waffen hervor – primitive Wurfspeere mit Knochen- spitzen – und sogar die Kleinen begannen im seichten Wasser Hnakrajagd zu spielen. Einige Mütter zeigten Besorgnis und wollten ihre Kleinen dem Wasser fernhalten, aber im allgemeinen schien die Neuigkeit über den Hnakra große Begeisterung auszulösen. Hyoi machte sich sofort auf, um sein Boot auszubes- sern, und Ransom begleitete ihn. Er wollte sich nütz-, lich machen und hatte es im Umgang mit den einfa- chen hrossischen Werkzeugen bereits zu einiger Ge- schicklichkeit gebracht. Sie gingen gemeinsam zu Hyois Anlegeplatz, einen Steinwurf weit durch den Wald. Unterwegs, wo der Pfad schmal war und Ransom hinter Hyoi ging, begegneten sie einem kleinen weib- lichen Hross, einem halben Kind. Sie sprach, als sie an ihr vorbeigingen, doch nicht zu ihnen: Ihre Augen waren auf eine etwa fünf Schritte entfernte Stelle ge- richtet. »Mit wem sprichst du, Hrikki?« fragte Ransom. »Mit dem Eldil.« »Wo ist er?« »Hast du ihn nicht gesehen?« »Nein, ich habe nichts gesehen.« »Dort! Dort!« rief sie plötzlich. »Ach, nun ist er fort. Hast du ihn wirklich nicht gesehen?« »Ich habe niemanden gesehen.« »Hyoi«, sagte die Kleine. »Der Hman kann den El- dil nicht sehen.« Aber Hyoi, der seinen Weg fortgesetzt hatte, war schon außer Hörweite und hatte anscheinend nichts bemerkt. Ransom schloß daraus, daß Hrikki Ge- schichten erfand oder ›flunkerte‹, wie die Menschen- kinder es zu tun pflegen. Kurz darauf hatte er seinen Gefährten wieder eingeholt., Bis zum Mittag arbeiteten sie an Hyois Boot, und dann lagerten sie am warmen Wasser des kleinen Kanals im Kraut und machten sich an ihr Mittags- mahl. Die kriegerische Natur ihrer Vorbereitungen veranlaßte Ransom zu vielen Fragen. Er wußte kein Wort für ›Krieg‹, doch es gelang ihm, Hyoi verständ- lich zu machen, was er wissen wollte. Waren die Sé- roni, die Hrossa und Pfifltriggi jemals auf ähnliche Art und Weise mit Waffen aufeinander losgegangen? »Wozu?« fragte Hyoi. Es war schwierig zu erklären. »Wenn beide dassel- be haben wollten und keiner gäbe nach«, sagte Ran- som, »würden die anderen nicht schließlich kommen und Gewalt anwenden? Würden sie nicht sagen: Gebt es heraus, oder wir töten euch?« »Was sollten sie haben wollen?« »Nun – Nahrung, zum Beispiel.« »Wenn die anderen Hnau Nahrung wollen, warum sollten wir sie ihnen nicht geben. Wir tun es oft.« »Aber wie, wenn ihr nicht genug für euch selbst hättet?« »Aber Maleldil wird die Pflanzen nicht am Wach- sen hindern.« »Hyoi, wenn ihr mehr und mehr Junge bekämt, würde Maleldil dann das Handramit verbreitern und genug Pflanzen für sie alle wachsen lassen?« »Die Séroni wissen über solche Sachen Bescheid. Aber warum sollten wir mehr Junge bekommen?« Ransom fand die Frage schwierig. Schließlich sagte er: »Ist das Zeugen von Jungen kein Vergnügen für, die Hrossa?« »Ein sehr großes, Hman. Wir nennen es Liebe.« »Wenn etwas Freude oder Vergnügen bereitet«, sagte Ransom, »will ein Hman es immer wieder. Er möchte das Vergnügen viel öfter, als Junge ernährt werden könnten.« Es dauerte geraume Zeit, bis Hyoi das begriffen und verarbeitet hatte. »Du meinst«, sagte er zögernd, »daß er es während seines Lebens nicht nur in einem oder zwei Jahren tun möchte, sondern immer wieder?« »Ja.« »Aber warum? Würde er denn auch den ganzen Tag lang zu Abend essen oder schlafen wollen, wenn er schon geschlafen hat? Ich verstehe es nicht.« »Ein Abendessen braucht man jeden Tag. Und die- se Liebe, sagst du, erlebt der Hross während seines ganzen Lebens nur ein einziges Mal?« »Aber er braucht sein ganzes Leben dafür«, erwi- derte Hyoi. »Ist er jung, muß er nach einer Gefährtin Ausschau halten; dann muß er um sie werben; dann zeugt er Junge; dann zieht er sie auf; dann gedenkt er alles dessen, bewegt es in seinem Innern und verar- beitet es zu Gedichten und Weisheit.« »Aber er muß sich mit der Erinnerung an die Freu- de begnügen?« »Das ist, als sagtest du: ›Ich muß mich damit be- gnügen, meine Nahrung nur zu essen.‹« »Das verstehe ich nicht.« »Eine Freude wird erst in der Erinnerung voll- kommen. Du sprichst, Hman, als sei die Freude oder das Vergnügen eine Sache und die Erinnerung daran eine andere. Es ist alles eins. Die Séroni könnten es, besser sagen, als ich es jetzt sage. Nicht besser als ich es in einem Gedicht sagen könnte. Was du Erinne- rung nennst, ist der letzte Teil der Freude, wie das Crah der letzte Teil eines Gedichts ist. Als wir zwei einander begegneten, war der Augenblick der Begeg- nung rasch vorüber, er war nichts. Jetzt aber, da wir uns seiner erinnern, wächst er zu etwas. Dennoch wissen wir sehr wenig darüber. Was es in meiner Er- innerung sein wird, wenn ich mich zum Sterben nie- derlege, was es alle meine Tage bis dahin bewirkt ha- ben wird – das ist die wahre Begegnung. Das andere ist nur der Anfang davon. Du sagst, ihr hättet Dichter in eurer Welt. Lehren sie euch das nicht?« »Einige von ihnen tun es vielleicht«, sagte Ransom. »Aber, um beim Gedicht zu bleiben, hat ein Hross nie das Verlangen, einen besonders schönen Vers wieder und immer wieder zu hören?« Unglücklicherweise gebrauchte Hyoi in seiner Antwort sprachliche Wendungen, die Ransom noch nicht verstand. Es gab zwei Verben, die beide ›ver- langen‹ oder ›ersehnen‹ oder ›sich hingezogen füh- len‹ bedeuteten; aber die Hrossa unterschieden scharf zwischen ihnen und stellten sie sogar in Gegensatz zueinander. Hyoi schien nur sagen zu wollen, daß zwar jeder sich danach sehnen würde, aber kein ver- nünftiger Hross danach verlangen könne. »Und in der Tat«, fuhr er fort, »ist das Gedicht ein gutes Beispiel. Denn der schönste Vers erhält seinen vollen Glanz erst durch die Zeilen und Verse, die nach ihm kommen; kehrtest du fortwährend zu diesem einen Vers zurück, so würdest du ihn weniger schön und gelungen finden als du dachtest. Du würdest ihn zerstören. Ich meine, in einem guten Gedicht.«, »Aber in einem schlechten, verbogenen Gedicht, Hyoi?« »Ein verbogenes Gedicht hört sich niemand an, Hman.« »Und wie ist es mit der Liebe in einem verbogenen Leben?« »Wie könnte das Leben eines Hnau verbogen sein?« »Willst du damit sagen, Hyoi, daß es keine schlechten, verbogenen Hrossa gibt?« Hyoi dachte nach. »Ich habe von etwas wie dem gehört, was du meinst«, sagte er schließlich. »Es heißt, daß Junge in einem bestimmten Alter zuweilen seltsam verdreht werden. Ich habe von einem gehört, der Erde essen wollte; es mag vielleicht auch irgend- wo einen Hross geben, der die Jahre der Liebe ver- längert haben möchte. Ich habe nicht davon gehört, aber es könnte sein. Ich habe von etwas Seltsamerem gehört. Es gibt ein Gedicht über einen Hross, der vor langer Zeit lebte, in einer anderen Handramit, der alle Dinge doppelt sah – zwei Sonnen am Himmel, zwei Köpfe auf einem Hals; und schließlich, so heißt es, sei er in eine solche Raserei verfallen, daß er zwei Ge- fährtinnen begehrte. Ich verlange nicht, daß du es glaubst, aber so lautet die Geschichte: er habe zwei Hressni geliebt.« Ransom grübelte darüber nach. Wenn Hyoi ihn nicht täuschte, hatte er es hier mit einer von Natur aus enthaltsamen und monogamen Lebensform zu tun. Aber war das so seltsam? Viele Tierarten hatten regelmäßige, fest umrissene Paarungszeiten; und wenn die Natur das Wunder vollbringen konnte, den Geschlechtstrieb während der längsten Zeit des Jah-, res abzuschalten, warum sollte sie dann nicht noch weitergehen und ihn vom Instinkt her auf ein einzi- ges Objekt fixieren? Ransom glaubte sich sogar zu erinnern, daß verschiedene irdische Tiere, unter ih- nen Enten und Schwäne, von Natur aus monogam waren. Jedenfalls war offensichtlich, daß bei den Hrossa unkontrollierte Fortpflanzung und Promisku- ität ebenso selten vorkamen wie die ausgefallenste Perversion. Endlich dämmerte ihm, daß nicht sie das Rätsel waren, sondern seine eigene Spezies. Daß die Hrossa von der Natur anders angelegt waren als die Menschen, konnte nicht weiter überraschen; wie aber kam es, daß das Instinktverhalten der Hrossa so sehr den unerreichten Idealen jener so unterschiedlich ge- arteten Spezies Mensch ähnelte? Wie war die Ent- wicklungsgeschichte des Menschen verlaufen? Doch Hyoi sprach weiter. »Unzweifelhaft hat Maleldil uns so gemacht«, sagte er. »Wie könnte es jemals genug zu essen geben, wenn jeder zwanzig Junge hätte? Und wie könnten wir das Leben ertragen und das Vergehen der Zeit auf uns nehmen, wenn wir immerfort einem be- stimmten Tag oder einem bestimmten Jahr nachwei- nen würden? Wenn wir nicht wüßten, daß jeder Le- benstag das ganze Leben mit Erwartung und Erinne- rung erfüllt, und daß diese in Wahrheit jeden Tag ausmachen?« »Trotzdem«, sagte Ransom, der sich um seiner ei- genen Welt willen unbewußt ärgerte, »Maleldil läßt den Hnakra gewähren.« »Oh, aber das ist etwas ganz anderes. Ich möchte diesen Hnakra töten, weil auch er mich töten möchte. Ich hoffe, daß mein Boot das erste sein wird und ich, mit meinem Speer zur Stelle sein werde, wenn der schwarze Rachen aufklappt. Und wenn er mich tötet, wird mein Volk trauern, und meine Brüder werden noch begieriger sein, ihn zu töten. Aber sie werden nicht wünschen, daß es keine Hneraki mehr gäbe; und auch ich wünsche das nicht. Wie kann ich dir das klarmachen, wenn du die Dichter nicht verstehst? Der Hnakra ist unser Feind, aber er ist auch unser Ge- liebter. Seine Freude ist in unserem Herzen, wenn er von den Wasserbergen im Norden herabschaut, wo er geboren ist; wir springen mit ihm, wenn er die Strom- schnellen herunterschießt; und wenn der Winter kommt und der Dampf aus dem See über unsere Köpfe aufsteigt, sehen wir es mit seinen Augen und wissen, daß seine Wanderzeit gekommen ist. Wir hängen in unseren Hütten Bilder von ihm auf, und das Wahrzeichen aller Hrossa ist ein Hnakra. In ihm lebt der Geist des Tals; und unsere Jungen spielen ›Hneraki‹, sobald sie im seichten Wasser umherplat- schen können.« »Und tötet er sie?« »Nicht oft sie. Die Hrossa wären verbogene Hrossa, wenn sie ihn so nahe herankommen ließen. Lange bevor er so weit käme, sollten wir ihn aufgespürt ha- ben. Nein, Hman, daß es in der Welt ringsum Un- glück und Tod gibt, macht einen Hnau nicht un- glücklich. Nur ein verbogener Hnau würde die Welt schänden. Und auch dies muß ich noch sagen: Ich glaube nicht, daß der Wald so hell, das Wasser so warm und die Liebe so süß sein würde, wenn es in den Seen keine Gefahr gäbe. Ich will dir von einem Tag in meinem Leben erzählen der mich geformt hat; einen solchen Tag erlebt man nur einmal, wie die, Liebe oder den Dienst bei Oyarsa in Meldilorn. Da- mals war ich jung, nicht viel mehr als ein Kind, als ich die Handramit weit, weit hinaufzog, bis zu dem Land, wo mittags die Sterne scheinen und sogar das Wasser kalt ist. Ich erstieg einen mächtigen Wasser- fall. Ich stand am Ufer des Teichs Balki, der die am meisten ehrfurchtgebietende Stätte der Welt ist. Seine Felsmauern ragen in ungeheure Höhen auf, und in sie sind gewaltige und heilige Bilder gemeißelt, Werke verschollener Zeiten. Dort ist der Fall, den wir ›Was- serberg‹ nennen. Weil ich dort allein gestanden habe, allein mit Maleldil, denn nicht einmal Oyarsa sprach zu mir, schlägt seitdem mein Herz höher und klingt mein Lied tiefer. Aber glaubst du, es wäre genauso gewesen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß im Balki Hneraki hausten? Dort trank ich das Leben, weil in dem Teich der Tod lauerte. Das war der beste Trunk, bis auf einen.« »Welchen?« fragte Ransom. »Den Tod selbst, an dem Tag, da ich ihn trinken und zu Maleldil gehen werde.« Bald danach standen sie auf und machten sich wieder an ihre Arbeit. Als sie bei sinkender Sonne durch den Wald heimkehrten, kam Ransom eine Fra- ge in den Sinn. »Hyoi«, sagte er, »mir fällt eben ein, daß du bei un- serer ersten Begegnung mit jemandem sprachst, noch ehe du mich gesehen hattest. Daran erkannte ich, daß du ein Hnau warst, denn sonst hätte ich dich für ein Tier gehalten und wäre fortgelaufen. Aber mit wem hast du damals gesprochen?« »Mit einem Eldil.« »Was ist das? Ich habe niemanden gesehen.«, »Gibt es in deiner Welt keine Eldila, Hman? Das muß seltsam sein.« »Aber was sind sie?« »Sie kommen von Oyarsa – ich glaube, sie sind eine Art Hnau.« »Als wir heute zur Arbeit gingen, kamen wir an ei- nem Kind vorbei, das sagte, es spreche mit einem El- dil. Aber ich konnte nichts entdecken.« »Man kann es deinen Augen ansehen, Hman, daß sie anders als die unsrigen sind. Und Eldila sind schwer zu erkennen. Sie sind nicht wie wir. Das Licht geht durch sie hindurch. Du mußt im richtigen Au- genblick auf die richtige Stelle schauen, und das kommt sehr selten vor, es sei denn, der Eldil will ge- sehen werden. Manchmal kannst du sie mit einem Sonnenstrahl verwechseln, oder sogar mit einer Be- wegung der Blätter; aber wenn du wieder hinschaust, siehst du, daß es ein Eldil war, und daß er nun fort ist. Aber ob deine Augen sie jemals sehen können, weiß ich nicht. Die Séroni würden es wissen.«, Am nächsten Morgen war das ganze Dorf auf den Beinen, bevor das Sonnenlicht – das schon auf die Harandra schien – den Wald durchdrungen hatte. Im Schein der Kochfeuer sah Ransom die Hrossa in un- gewohnter Aktivität. Die Frauen schöpften dampfen- de Speisen aus ihren ungefügen Töpfen; Hnohra lei- tete den Transport von Speerbündeln zu den Booten; Hyoi, inmitten einer Gruppe der erfahrensten Jäger, redete zu schnell und zu technisch, als daß Ransom hätte folgen können; aus den benachbarten Dörfern trafen Gruppen von Jägern ein; und die Jungen, vor Aufregung quietschend, rannten zwischen den Er- wachsenen herum. Er bemerkte, daß man seine Teilnahme an der Jagd für selbstverständlich hielt. Er sollte in Hyois Boot fahren, zusammen mit diesem und Whin. Die zwei Hrossa sollten sich beim Paddeln ablösen, während Ransom und der jeweils unbeschäftigte Hross im Bug sitzen und Ausschau halten mußten. Er verstand die Hrossa inzwischen gut genug, um zu wissen, daß sie ihm mit der Einladung zur Jagd das edelste und großzügigste Angebot machten, dessen sie fähig wa- ren, und daß Hyoi und Whin nicht erlauben wollten, daß er paddelte, wenn der Hnakra erschien. Noch vor kurzem, in England, wäre Ransom nichts abwegiger vorgekommen als die Idee, bei der Jagd auf ein unbe- kanntes, aber sicherlich tödliches Seeungeheuer den ehrenvollsten und gefährlichsten Platz einzunehmen. Nicht einmal in der jüngsten Vergangenheit, als er zuerst vor den Sornen geflohen war und sich dann, voller Selbstmitleid im nächtlichen Wald verkrochen hatte, wäre er imstande gewesen, zu unternehmen, was er heute zu tun im Begriff war. Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart war, daß er jetzt wußte, worauf es ankam. Was immer geschah, er mußte zeigen, daß die menschliche Spezies auch Hnau war. Er war sich nur zu klar bewußt, daß sol- che Beschlüsse im entscheidenden Moment sehr viel anders aussehen mochten, aber er fühlte eine unge- wohnte Gewißheit, daß er auf diese oder jene Weise damit fertig würde. Es war notwendig, und das Not- wendige war immer möglich. Vielleicht lag es auch an der Luft, die er hier atmete, oder an der Gemein- schaft mit den Hrossa daß sich in ihm eine Wandlung vollzog. Der See spiegelte die ersten Sonnenstrahlen, als er Schulter an Schulter mit Whin im Bug von Hyois Boot kniete, ein kleines Bündel Wurfspeere neben sich und einen in der rechten Hand. Er fing mit dem Körper die schwankenden Bootsbewegungen ab, als Hyoi sie zu ihrem angewiesenen Platz hinauspaddelte. We- nigstens hundert Boote nahmen an der Jagd teil, und sie verteilten sich auf drei Gruppen. Die mittlere und kleinste Gruppe sollte sich die Strömung hinaufar- beiten, die Hyoi und Ransom nach ihrer ersten Be- gegnung herabgefahren waren. Dafür wurden Lang- boote mit je acht Paddlern verwendet, die Ransom hier zum erstenmal sah. Der Hnakra hatte die Ge- wohnheit, sich von der Strömung tragen zu lassen, wann immer es möglich war; begegnete er den Lang- booten, würde er vermutlich die Strömung verlassen und in das ruhige Wasser zur Rechten oder Linken ausweichen. Darum sollten die kleinen, im unbe-, wegten Wasser viel schnelleren Boote auf beiden Sei- ten kreuzen und die Beute abfangen, während die Mittelgruppe langsam gegen die Strömung anpad- delte. Bei diesem Spiel waren Zahl und Intelligenz auf seiten der Hrossa; dem Hnakra kamen seine Schnelligkeit und Unsichtbarkeit zustatten, denn er konnte unter Wasser schwimmen. Überdies galt er als fast unverwundbar, außer in seinem offenen Rachen. Wenn die zwei Jäger im Bug des Boots, das er angriff, mit ihren Wurfspeeren dieses Ziel verfehlten, war es gewöhnlich um sie und ihr Boot geschehen. Die Jäger in den kleinen Booten hatten die Wahl zwischen zwei taktischen Möglichkeiten. Sie konnten in der Nähe der Langboote bleiben, wo der Hnakra am wahrscheinlichsten ausbrechen würde, oder sie konnten so weit wie möglich vorpreschen, um den nichtsahnenden und mit Strömungsgeschwindigkeit ankommenden Hnakra mit einem wohlgezielten Speerwurf zum Verlassen der Strömung zu zwingen. So konnte man den Treibern zuvorkommen und das Ungeheuer – wenn es nicht anders endete – auf eige- ne Faust erlegen. Das war Hyois und Whins Wunsch; und beinahe – so hatten sie ihn mit ihrem Jagdfieber angesteckt – auch der Wunsch Ransoms. Kaum hat- ten die Langboote der Treiber begonnen, sich hinter gischtenden Bugwellen langsam gegen die Strömung vorzuarbeiten, als Hyoi sich mit aller Macht ins Zeug legte und das Boot mit der größtmöglichen Ge- schwindigkeit nordwärts jagte. Er überholte ein Boot nach dem anderen und gelangte schließlich in freies Wasser. Die Geschwindigkeit war berauschend, und Ransom empfand die Wärme der weiten blauen Was- serfläche, die sie durchschnitten, in der Morgenkälte, als nicht unangenehm. Hinter ihnen erhoben sich die glockenartigen, tiefkehligen Stimmen von mehr als zweihundert Hrossa, musikalischer als das Kläffen einer Meute, ihm aber nach Art und Zweck verwandt. In Ransom erwachte etwas, das lange in seinem Blut geschlummert hatte, und in diesen Augenblicken er- schien es ihm nicht unmöglich, daß er selbst der Hnakra-Töter sein werde und daß der Ruhm des Hman Hnakrapunt der Nachwelt dieser Welt überlie- fert werde, die keinen anderen Menschen kannte. Aber er kannte solche Träume aus früheren Zeiten nur zu gut und wußte, wie sie endeten. Nachdem er seinen Gefühlsüberschwang gebändigt und zur an- gemessenen Bescheidenheit zurückgefunden hatte, richtete er sein Augenmerk auf das aufgewühlte Wasser der Strömung, an deren Rand sie entlangfuh- ren, ohne sie zu berühren. Lange Zeit geschah nichts. Seine Körperhaltung machte ihn steif, und als seine Beine zu schmerzen begannen, bewegte er sich vorsichtig und entspannte seine Muskeln. Nach einiger Zeit stieg Whin nach achtern, um weiterzupaddeln, und Hyoi kam nach vorn, seinen Platz einzunehmen. Die Ablösung war kaum vollzogen, als Hyoi ohne den Blick von der Strömung abzuwenden, leise zu ihm sagte: »Dort kommt ein Eldil über das Wasser auf uns zu.« Ransom konnte nichts erkennen – jedenfalls nichts, was er zweifelsfrei von einem Fantasiegebilde und dem Tanzen des Sonnenlichts auf dem Wasser hätte unterscheiden können. Einen Augenblick später sprach Hyoi wieder, doch nicht zu ihm. »Was gibt es, Himmelsgeborener?«, Was nun geschah, war die unheimlichste Erfah- rung, die Ransom bisher auf Malakandra gemacht hatte. Er hörte die Stimme. Sie schien aus der Luft zu kommen, ungefähr einen Meter über seinem Kopf, und sie war beinahe eine Oktave höher als die Stim- me des Hross. Hätte er ein weniger feines Gehör, dachte er, wäre der Eldil für ihn ebenso unhörbar wie unsichtbar geblieben. »Es handelt sich um den Hman, der bei dir ist, Hyoi«, sagte die Stimme. »Er sollte nicht hier sein. Er sollte zu Oyarsa gehen. Verbogene Hnau seiner eige- nen Art von Thulkandra folgen ihm; er sollte zu Oyarsa gehen. Wenn sie ihn an einer anderen Stätte finden, wird Unheil geschehen.« »Er hört dich, Himmelsgeborener«, sagte Hyoi. »Und hast du keine Botschaft für meine Frau? Du weißt, wie sehr sie darauf hofft.« »Ich habe eine Botschaft für Hleri«, sagte der Eldil. »Aber du wirst nicht fähig sein, sie anzunehmen. Ich gehe jetzt selbst zu ihr. Alles das ist gut. Nur – laß den Hman zu Oyarsa gehen.« Eine Weile blieb alles still. »Er ist fort«, sagte Whin schließlich. »Und wir ha- ben unseren Anteil an der Jagd verloren.« »Ja«, sagte Hyoi seufzend. »Wir müssen den Hman ans Ufer bringen und ihm den Weg nach Meldilorn erklären.« Ransom fühlte sich seines Mutes nicht so sicher, daß ein Teil von ihm keine plötzliche Erleichterung über die Ablenkung von ihrem gegenwärtigen Vor- haben verspürt hätte. Aber der andere Teil von ihm drängte ihn, an seiner eben erst entdeckten Mannhaf- tigkeit festzuhalten. Jetzt oder nie mit Gefährten wie, diesen oder mit keinen, mußte er eine Tat vollbrin- gen, die in seinem Gedächtnis fortdauern würde, statt den vielen unerfüllten Träumen einen weiteren hin- zuzufügen. Er gehorchte sozusagen seinem Gewis- sen, als er ausrief: »Nein, nein! Dafür ist nach der Jagd noch Zeit. Zu- erst müssen wir den Hnakra töten.« »Sobald ein Eldil gesprochen hat ...«, sagte Hyoi, als Whin einen gewaltigen Schrei ausstieß (vor drei Wochen hätte Ransom es noch ein Bellen genannt) und auf etwas zeigte. Dort, keine zweihundert Meter entfernt, war die torpedoähnliche Schaumspur; und nun, sichtbar durch eine Wand von Gischt, sahen sie das metallische Glänzen des Sonnenlichts auf den nassen Flanken des Ungeheuers. Whin paddelte wie rasend. Hyoi schleuderte einen Speer und fehlte. Als sein erster Speer ins Wasser eintauchte, war der zweite bereits in der Luft. Diesmal mußte er den Hnakra berührt haben. Er zog in einem scharfen Bo- gen aus der Strömung. Ransom sah das riesige schwarze Loch seines Rachens zweimal aufklappen und mit einem bösartigen Zusammenschlagen der haiartigen Zähne schließen. Auch er hatte inzwischen geworfen – hastig, aufgeregt, mit ungeübter Hand. »Zurück!« rief Hyoi zu Whin, der bereits mit aller Kraft rückwärts paddelte. Dann geriet alles durchein- ander. Er hörte Whin »Grund!« rufen. Es gab einen Stoß, der ihn vorwärts und fast in den Rachen des Hnakra warf, und im nächsten Moment fand er sich bis zum Gürtel im Wasser. Die Zähne schnappten nach ihm. Dann, als er Speer um Speer in die gewal- tige Höhle des aufgesperrten Riesenrachens schleu- derte, sah er Hyoi in unglaublicher Kühnheit auf dem, Kopf des Ungeheuers hocken, sich nach vorn beugen und seinen Speer in den Hals des Hnakra treiben. Das Ungeheuer warf ihn sofort ab, und Hyoi landete mit einem gewaltigen Aufplatschen beinahe zehn Schritte entfernt im Wasser. Aber der Hnakra war tot. Er trieb auf der Seite und versprudelte sein schwarzes Leben. Das Wasser um ihn war dunkel und stank. Als Ransom sich wieder sammelte, waren sie alle am Ufer, naß, dampfend, vor Anstrengung zitternd, und umarmten einander. Es kam ihm nicht seltsam vor, daß ein Tier ihn an den nassen Pelz drückte. Der Atem der Hrossa, der keineswegs menschlicher Atem war, stieß ihn nicht ab. Er war einer der ihren. Die Schwierigkeit, die sie, an mehr als eine intelligente Lebensform gewöhnt, vielleicht nie empfunden hat- ten, war nun überwunden. Sie waren alle Hnau. Sie hatten angesichts eines Feindes Schulter an Schulter gestanden, und ihre Kopfform war nicht länger wichtig. Und selbst er, Ransom, hatte die Probe be- standen und seiner Art keine Schande gemacht. Er war innerlich gewachsen. Sie waren auf einer unbewaldeten kleinen Halbin- sel, an deren Ufer sie in der Verwirrung des Kampfes aufgelaufen waren. Das Wrack des Boots und das tote Ungeheuer lagen in wirrem Durcheinander vor ihnen im Wasser. Von der übrigen Jagdgesellschaft war nichts zu sehen und zu hören; sie waren ihr um gute eineinhalb Kilometer voraus gewesen, als sie auf den Hnakra gestoßen waren. Alle drei setzten sich nieder, um langsam wieder zu Atem zu kommen. »Nun sind wir Hnakrapunti«, sagte Hyoi. »Mein Leben lang habe ich mir das gewünscht.« In diesem Augenblick wurde Ransom von einem, peitschenden Knall aufgeschreckt – einem absolut vertrauten Geräusch, das ausgerechnet hier zu hören er am wenigsten erwartet hätte. Es war ein irdisches, menschliches und zivilisiertes Geräusch; es war sogar europäisch. Es war das Krachen eines englischen Ge- wehrs; und Hyoi, zu seinen Füßen, versuchte keu- chend hochzukommen. Auf den rosig weißen Flech- ten, auf denen er sich wälzte, war plötzlich Blut. Ran- som warf sich neben ihm auf die Knie. Der große Körper des Hross war so schwer, daß er ihn nicht herumwälzen konnte. Whin kam ihm zu Hilfe. »Hyoi, kannst du mich hören?« sagte Ransom, das Gesicht nahe am runden Seehundkopf. »Hyoi, dies ist durch mich geschehen. Es sind die anderen Hmana, die dich verwundet haben, die zwei Verbogenen, die mich nach Malakandra brachten. Mit einem Ding, das sie gemacht haben, können sie aus der Ferne den Tod schleudern. Ich hätte es dir sagen sollen. Wir Men- schen sind eine verbogene Rasse. Wir sind gekom- men, um Unheil über Malakandra zu bringen. Wir sind nur halb Hnau – Hyoi ...« Seine Rede erstarb im Gestammel. Er kannte die Worte für ›Vergebung‹, ›Scham‹ und ›Schuld‹ nicht, kaum das Wort für ›Trauer‹. Er konnte nur in sprachlosem Schuldbe- wußtsein in Hyois verzerrtes, verstörtes Gesicht star- ren. Aber der Hross schien ihn zu verstehen. Er ver- suchte etwas zu sagen, und Ransom legte sein Ohr an den zuckenden Mund. Hyois brechende Augen wa- ren starr auf die seinen gerichtet, aber auch jetzt war ihm der Gesichtsausdruck eines Hross noch nicht völlig verständlich. »Hma – Hma«, flüsterte Hyoi und dann noch, als letztes: »Hman Hnakrapunt.« Dann durchlief ein, Krampf seinen ganzen Körper, ein Strom von Blut und Speichel quoll aus seinem Mund. Ransoms Arme gaben unter dem plötzlichen toten Gewicht des zu- rücksinkenden Kopfes nach, und Hyois Gesicht wur- de wieder so fremd und tierhaft wie es ihm bei der ersten Begegnung erschienen war. Die glasigen Au- gen und das blutbeschmutzte Fell waren die eines verendeten Tiers in einem irdischen Wald. Ransom widerstand einem kindischen Impuls, Weston und Devine mit Verwünschungen zu über- schütten. Statt dessen hob er seinen Blick zu Whins Augen. Der Hross kauerte auf der anderen Seite des Leichnams. »Ich bin in den Händen deines Volkes, Whin«, sagte er. »Sie mögen mit mir tun, was sie wollen. Aber wenn sie klug sind, werden sie mich töten, und sie werden nicht versäumen, auch die beiden anderen zu töten.« »Man tötet keine Hnau«, sagte Whin. »Nur Oyarsa tut das. Aber diese anderen, wo sind sie?« Ransom sah sich um. Die Halbinsel war baumlos und übersichtlich, aber wo sie mit dem Festland ver- bunden war, vielleicht zweihundert Schritte entfernt, stand der Wald hoch und dicht. »Irgendwo im Wald«, sagte er. »Leg dich flach auf den Boden, Whin, hier, wo es zum Wasser hinunter- geht. Sie könnten wieder aus ihrem Ding den Tod schleudern.« Es kostete ihn einige Mühe, Whin für diesen Vor- schlag zu gewinnen. Als sie beide in Deckung lagen, die Füße beinahe im Wasser, fing der Hross wieder an. »Warum haben sie ihn getötet?« fragte er., »Sie werden nicht gewußt haben, daß er ein Hnau war«, sagte Ransom. »Ich habe dir gesagt, daß es auf unserer Welt nur eine Art Hnau gibt. Sie müssen ihn für ein Tier gehalten haben. In diesem Fall haben sie ihn zum Vergnügen getötet, oder aus Angst, oder ...« (er zögerte) »... weil sie hungrig waren. Aber ich muß dir die Wahrheit sagen, Whin. Sie würden auch einen Hnau töten, im vollen Wissen, daß es ein Hnau ist, wenn sie glauben, sein Tod könne ihnen nützen.« Es entstand ein kurzes Schweigen. »Ich frage mich«, sagte Ransom, »ob sie mich gese- hen haben. Wenn ich jetzt zu ihnen ginge, würden sie sich vielleicht zufriedengeben und nicht weiter in eu- er Land eindringen. Aber warum kommen sie nicht aus dem Wald und sehen nach, was sie getötet ha- ben?« »Unsere Leute kommen«, sagte Whin und wandte den Kopf. Ransom blickte zurück und sah den See schwarz von Booten. In ein paar Minuten mußte die Hauptmasse der Jäger bei ihnen sein. »Sie fürchten sich vor den Hrossa«, sagte Ransom. »Das ist der Grund, warum sie nicht aus dem Wald kommen. Ich werde zu ihnen gehen, Whin.« »Nein«, sagte Whin. »Ich habe nachgedacht. Dies alles ist gekommen, weil wir dem Eldil nicht gehorcht haben. Er sagte, du müßtest zu Oyarsa gehen. Du hättest dich sofort auf den Weg machen sollen. Du mußt jetzt gehen.« »Aber dann blieben die verbogenen Hmana hier. Sie könnten noch mehr Unheil anrichten.« »Sie werden die Hrossa nicht angreifen. Du sagtest selbst, sie hätten Angst. Es ist wahrscheinlicher, daß wir über sie kommen werden. Fürchte nichts – sie, werden uns nicht sehen noch hören. Wir werden sie zu Oyarsa bringen. Aber du mußt jetzt gehen, wie der Eldil befahl.« »Deine Leute werden glauben, ich sei davongelau- fen, weil ich Angst hatte, ihnen nach Hyois Tod in die Augen zu blicken.« »Es kommt nicht darauf an, was Leute denken oder meinen, sondern darauf, was ein Eldil befiehlt. Dies ist Kindergeschwätz. Nun höre gut zu, dann werde ich dir den Weg erklären.« Der Hross erläuterte ihm, daß fünf Tagereisen in südlicher Richtung eine andere Handramit von dieser abzweige; wenn er jener Handramit drei Tagereisen weit in nordwestlicher Richtung aufwärts folge, wer- de er nach Meldilorn gelangen, dem Sitz Oyarsas. Aber es gebe einen kürzeren Weg, einen Gebirgspfad über den Zipfel der Harandra zwischen den zwei Tal- schluchten, der ihn schon am zweiten Tag hinunter nach Meldilorn bringen werde. Er müsse den Wald durchqueren, bis er an die Talwand komme; dann müsse er am Fuß der Berge nach Süden wandern, bis er auf einen Weg stoße, der zwischen die Berge ein- geschnitten sei. Diesen Weg solle er nehmen, und ir- gendwo jenseits der Randberge werde er dann zu Augrays Turm kommen. Augray werde ihm helfen. Er könne Pflanzen als Nahrungsvorrat schneiden, be- vor er den Wald verlasse und in die Felsregion gelan- ge. Whin sah auch, daß Ransom den beiden anderen Hmana in die Arme laufen könnte, sobald er in den Wald käme. »Wenn sie dich fangen«, sagte er, »dann wird es sein, wie du sagst, und sie werden nicht weiter in un- ser Land eindringen. Aber es ist besser, wenn du auf, dem Weg zu Oyarsa gefangen wirst, als wenn du hier bleibst. Und wenn du erst auf dem Weg zu ihm bist, wird er sicherlich nicht zulassen, daß die Verbogenen dich aufhalten.« Ransom war keineswegs überzeugt, daß dies der beste Plan für ihn selbst oder für die Hrossa sei. Aber das dumpfe, quälende Bewußtsein von Erniedrigung, das seit Hyois Tod auf ihm lastete, verbot ihm jede Kritik. Er war nur darauf bedacht, das zu tun, was immer sie von ihm wollten, sie so wenig wie möglich zu belästigen, und vor allem, von diesem unglückli- chen Ort fortzukommen. Es war unmöglich, Whins Gefühle zu deuten; und Ransom unterdrückte einen beharrlichen, weinerlichen Drang zu erneuten Trau- erbezeigungen, Beteuerungen und Selbstbeschuldi- gungen, die dem anderen vielleicht ein Wort der Ver- zeihung entlocken würden. In seinem letzten Atem- zug hatte Hyoi ihn Hnakra-Töter genannt; das war genug an großherziger Vergebung, und damit mußte er sich bescheiden. Sobald er sich die Einzelheiten seines Wegs eingeprägt hatte, nahm er Abschied von Whin und brach auf in Richtung Wald., Bis er den Wald erreichte, konnte Ransom kaum an etwas anderes als an die Möglichkeit einer zweiten Gewehrkugel von Weston oder Devine denken. Er sagte sich, daß sie wahrscheinlich immer noch vor- ziehen würden, ihn lebendig zu fangen, und dies, verbunden mit dem Wissen, daß ein Hross ihn beob- achtete, befähigte ihn, wenigstens nach außen hin Haltung zu bewahren. Selbst als er den Wald betreten hatte, glaubte er sich in Gefahr. Die langen, zweiglo- sen Stengel boten nur Deckung, wenn man weit vom Feind entfernt war; und in diesem Fall mochte der Feind sehr nahe sein. Er war nahe daran, Weston und Devine laut zu rufen und sich ihnen zu ergeben, und er rationalisierte diese panische Regung mit dem Ge- danken, das werde sie aus der Gegend fortlocken, da sie ihn wahrscheinlich zu den Sornen bringen und die Hrossa in Ruhe lassen würden. Aber Ransom ver- stand ein wenig von Psychologie und durchschaute sich selbst. Er hatte von dem irrationalen Impuls ge- jagter Männer gehört, sich aufzugeben. Seine Nerven spielten ihm jetzt einen ähnlichen Streich, dachte er. Jedenfalls war er entschlossen, von nun an den Hros- sa oder Eldila zu folgen. Sein Bestreben, auf Mala- kandra der eigenen Urteilskraft zu vertrauen, hatte bisher tragisch genug geendet. Er faßte einen festen, alle Anwandlungen von Kleinmut schon im voraus widerlegenden Entschluß, die Wanderung nach Mel- dilorn Hyoi zu Ehren getreulich auszuführen, sofern seine Kräfte dazu ausreichten. Dieser Entschluß erschien ihm um so richtiger, als, er die schlimmsten Vorahnungen hatte. Er wußte, daß die Harandra, die er überqueren mußte, die Heimat der Sorne war. Wie die Dinge lagen, ging er aus seinem eigenen freien Willen in die Falle, die er seit seiner Ankunft auf Malakandra zu meiden ver- sucht hatte. (Hier erhob die erste Anwandlung von Kleinmut das Haupt. Er unterdrückte sie.) Und selbst wenn er heil durch das Gebiet der Sorne käme und Meldilorn erreichte, wer oder was mochte Oyarsa sein? Oyarsa, so hatte Whin dunkel bemerkt, teilte nicht das Widerstreben der Hrossa, das Blut eines Hnau zu vergießen. Andererseits herrschte Oyarsa nicht nur über die Hrossa und Pfifltriggi, sondern auch über die Sorne. Vielleicht war er lediglich der Obersorn. Und nun bahnte sich bereits der zweite Stimmungsumschwung an. Die alten irdischen Äng- ste vor irgendeiner fremden, kalten Intelligenz, von übermenschlicher Macht und untermenschlicher Grausamkeit, die unter den Hrossa ganz aus seinem Bewußtsein geschwunden waren, begehrten lärmend wieder Einlaß. Aber er ging weiter. Er würde nach Meldilorn gehen. Es war nicht möglich, sagte er sich, daß die Hrossa irgendeinem bösen oder grausamen Wesen gehorchten; und sie hatten ihm gesagt – oder nicht? Er war nicht ganz sicher –, daß Oyarsa kein Sorn sei. War Oyarsa ein Gott? Vielleicht das Götzen- bild, dem die Sorne ihn opfern wollten? Aber die Hrossa, obgleich sie seltsame Äußerungen über Oyar- sa gemacht hatten, sprachen ihm entschieden göttli- che Eigenschaften ab. Nach ihrer Auskunft gab es ei- nen Gott, Maleldil den Jungen. Ransom konnte sich nicht vorstellen, daß Leute wie Hyoi und Hnohra ein blutbeflecktes Götzenbild anbeteten. Es sei denn, die, Hrossa standen doch unter der Fuchtel der Sorne, ih- ren Herren in all den Qualitäten überlegen, die von Menschen geschätzt werden, aber intellektuell schwächer und von ihnen abhängig. Es wäre eine sonderbare, aber keine unvorstellbare Welt; Helden- tum und Dichtkunst unten, kalter wissenschaftlicher Intellekt darüber, und über allem irgendein dunkler Aberglaube, den der Intellekt, hilflos gegen die Rache der emotionalen Tiefen, die er ignoriert hatte, nicht abschaffen konnte noch wollte. Eine Art Medizin- mann, ein Popanz ... Aber Ransom rief sich zur Ord- nung. Er wußte schon zuviel, um so daherzureden. Er und alle Angehörigen seiner Klasse und Bildungs- schicht hätten die Eldila als abergläubische Hirnge- spinste abgetan, wären sie ihnen nur durch Hörensa- gen bekannt geworden. Aber nun hatte er die Stimme selbst gehört. Nein, Oyarsa war eine reale Person, wenn er überhaupt eine Person war. Ransom war seit ungefähr einer Stunde unterwegs, und es wurde Mittag. Was seine Marschrichtung be- traf, so war es noch nicht zu Schwierigkeiten gekom- men; er brauchte nur bergauf zu gehen, um irgend- wann aus dem Wald und vor die Talwände zu kom- men. Er fühlte sich bemerkenswert wohl, obgleich seine Gedanken noch immer von Zerknirschung be- stimmt wurden. Das stille, purpurne Zwielicht der Wälder erfüllte alles um ihn her, genau wie am ersten Tag, den er auf Malakandra verbracht hatte, aber alles andere hatte sich verändert. Er blickte auf jene Zeit wie auf einen Alptraum zurück, und was er damals gedacht und empfunden hatte, erschien ihm wie eine Art Krankheit. Alles war eine weinerliche, nicht ana- lysierte, sich selbst erhaltende und verzehrende, Furcht gewesen. Jetzt, im klaren Licht einer über- nommenen Verpflichtung, fühlte er zwar noch immer Furcht, aber mit ihr ein nüchternes Gefühl von Zu- versicht und Vertrauen zu sich selbst und zur Welt, und darüber hinaus sogar ein gewisses Vergnügen. Es war der Unterschied zwischen einer Landratte auf einem sinkenden Schiff und einem Reiter auf einem durchgehenden Pferd: beide sind in Lebensgefahr, aber der Reiter ist sowohl Handelnder als auch Erlei- dender. Etwa eine Stunde nach Mittag kam er plötzlich aus dem Wald in hellen Sonnenschein hinaus. Zwanzig Schritte vor ihm ragten die beinahe lotrechten Wände der Randberge auf, zu nahe, als daß er die Gipfel hätte sehen können. Wo er aus dem Wald gekommen war durchschnitt eine Kluft oder Schlucht die Felsba- stionen, unersteigbar steil und in der Höhe in einen senkrechten Kamin übergehend der ganz oben sogar überzuhängen schien. Beklommen fragte er sich, was ein Hrossa wohl unter einem Bergpfad verstehen mochte. Er begann über die schwierig zu begehenden Schutthalden zwischen Felswänden und Wald süd- wärts zu wandern. Immer wieder waren mächtige, rippenartige Ausläufer der Felsen zu überklettern, und das war selbst in dieser Welt der verminderten Schwerkraft äußerst ermüdend. Nach ungefähr einer halben Stunde kam er an einen Bach. Hier ging er ein paar Schritte in den Wald, schnitt sich einen reichli- chen Vorrat vom flechtenartigen Bodenkraut und setzte sich zum Essen ans Ufer. Als er sich gesättigt hatte, steckte er den restlichen Vorrat in seine Ta- schen und ging weiter., Schon bald begann er besorgt nach seinem Weg Ausschau zu halten, denn wenn er diese Steilwände überhaupt ersteigen konnte, dann nur bei Tageslicht, und die zweite Hälfte des Nachmittags brach bereits an. Doch waren seine Befürchtungen unbegründet. Als der Pfad in Sicht kam, war er unverkennbar. Links erschien ein gebahnter Weg durch den Wald, der zu einem Dorf der Hrossa führen mußte, und rechts zog er als schmale Steigspur steil aufwärts in eine Schlucht, wie er sie zuvor gesehen hatte. Der Anblick war so, daß ihm der Atem stockte. Es war ei- ne unsinnig steile und schmale Treppe ohne Stufen, die höher und höher in die Seitenschlucht führte, be- vor sie auf eine schräge Felsrampe überleitete, die mit unterschiedlich breiten Wülsten den mittleren Teil der Talwände durchzog. Von dort schien der Pfad in natürlichen Rinnen oder künstlich ausgehauen in ei- ner langen Diagonale durch die oberen Wandpartien anzusteigen, eine fast unsichtbare Linie in der blaß- grünen Felsoberfläche. Aber er hatte keine Zeit, dazu- stehen und hinaufzuschauen. Er war im Einschätzen von Höhenunterschieden ungeübt, doch zweifelte er nicht daran, daß der obere Ausstieg des Pfads mehr als eine durchschnittliche alpine Distanz von seinem Standort entfernt war. Er würde mindestens bis Son- nenuntergang brauchen, um hinaufzukommen. So- fort machte er sich an den Aufstieg. Auf der Erde wäre ein solcher Aufstieg erfahrenen und durchtrainierten Bergsteigern vorbehalten gewe- sen; ein ungeübter Mann in Ransoms Alter wäre schon nach der ersten Viertelstunde erschöpft hinge- sunken. Ransom hatte den Vorteil, daß er ein ausdau- ernder Wanderer war, und anfangs hatte er seine, Freude an der Leichtigkeit seiner Bewegungen und der Schnelligkeit, mit der er an Höhe gewann. Aber nicht lange, und die Steilheit und Länge des Aufstiegs beugten seinen Rücken und machten seine Beinmus- keln schmerzen. Aber das war nicht das Schlimmste. Er hörte bereits ein feines Singen in den Ohren und bemerkte, daß er trotz seiner Anstrengung keinen Schweiß auf der Stirn hatte. Die mit jedem Höhen- meter zunehmende Kälte schien mehr an seinen Kräften zu zehren als die ärgste Hitze es hätte tun können. Seine Lippen waren rissig geworden, sein keuchender Atem stand wie eine Wolke vor seinem Gesicht, seine Finger waren taub. Er arbeitete sich in eine schweigende arktische Welt hinauf und war be- reits von einem englischen zu einem lappländischen Winter übergewechselt. Das rasche Absinken der Temperatur erschreckte ihn, und er beschloß, daß er, wenn überhaupt, dann hier rasten mußte. Stieg er weitere hundert Meter höher und setzte sich dann nieder, würde er womöglich für alle Zeit sitzen blei- ben. An einer hinreichend breiten Stelle des Pfads kauerte er sich nieder und schlug mit den Armen um den Körper. Die Landschaft war schreckenerregend. Die Talschlucht, die so viele Wochen lang seine Welt gewesen war, sah wie eine dunstig-purpurne, bo- denlose Leere aus, ein schmaler Einschnitt inmitten der grenzenlosen ebenen Einöde der Harandra, die jetzt auf der anderen Seite klar zwischen und über den Gipfeln der Randberge zu sehen war. Aber lange bevor er ausgeruht war, wurde ihm klar, daß er wei- tergehen oder sterben müsse. Die Welt wurde immer seltsamer und unheimli- cher. Unter den Hrossa hatte er beinahe das Gefühl, verloren, auf einem fremden Planeten zu sein; hier kehrte das Gefühl mit verheerender Gewalt zurück. Es war nicht länger ›die Welt‹, nicht einmal ›eine Welt‹: Es war ein Planet, ein Stern, ein wüster Ort im Universum, Millionen Kilometer von der Welt der Menschen entfernt. Es war unmöglich, sich zu erin- nern, was er für Hyoi oder Whin oder die Eldila oder Oyarsa empfunden hatte. Es schien ihm abenteuer- lich, daß er gedacht hatte, er sei solchen Kobolden – wenn sie nicht überhaupt Halluzinationen gewesen waren –, denen er in den Wildnissen des Raums be- gegnet war, in irgendeiner Weise verpflichtet. Er hatte nichts mit ihnen zu schaffen; er war ein Mensch. Warum hatten Weston und Devine ihn so allein ge- lassen? Doch der alte Entschluß, gefaßt, als er noch hatte denken können, trieb ihn die ganze Zeit den Gebirgs- pfad weiter aufwärts. Oft vergaß er, wohin er ging, und warum. Die Bewegung seiner Beine wurde ein mechanischer Rhythmus. Er bemerkte, daß die Hand- ramit – jetzt ein unbedeutender Teil der sich immer mehr weitenden Landschaft – wie von wattigen Ne- beln erfüllt schien. Solange er dort unten gelebt hatte, war er nie Nebel begegnet. Vielleicht nahm sich die Luft der Handramit, von oben gesehen so aus; und zweifellos war die Luft dort unten anders als hier. Seine Lungen und sein Herz arbeiteten irgendwie nicht richtig, und das hatte weder mit der Kälte noch mit seiner Erschöpfung zu tun. Und obwohl es keinen Schnee gab, herrschte eine außergewöhnliche Hellig- keit. Das Licht nahm an Stärke und Intensität zu, wurde weißer; und der Himmel war von einem viel dunkleren Blau als er es je auf Malakandra gesehen, hatte. Tatsächlich war er dunkler als blau; er war bei- nahe schwarz, und die zerrissenen Felstürme standen in diesem Licht, daß das Ganze so aussah, wie er sich eine Mondlandschaft vorgestellt hatte. Einige Sterne waren sichtbar. Plötzlich wurde ihm die Bedeutung dieser Phäno- mene bewußt. Es gab nur noch sehr wenig Luft über ihm; er war nicht mehr weit vom oberen Ende der dünnen malakandrischen Atmosphäre entfernt. Diese Atmosphäre lag hauptsächlich in den Handramits; die eigentliche Oberfläche des Planeten war nur dünn von ihr eingehüllt. Das stechende Sonnenlicht und der schwarze Himmel über ihm waren jener ›Him- mel‹, aus dem er auf die malakandrische Welt gefal- len war. Er wunderte sich, daß er noch atmen konnte, und dann überlegte er, ob die Hrossa andersartige Lungen besäßen und ihm einen Weg gewiesen hätten, der für einen Menschen den sicheren Tod bedeutete. Aber während ihm diese Gedanken noch durch den Sinn gingen, sah er, daß diese vor einem fast schwar- zen Himmel im Sonnenschein gleißenden Felszacken in gleicher Höhe mit ihm waren. Er brauchte nicht weiter aufzusteigen. Vor ihm führte der Pfad durch eine schutterfüllte flache Mulde, zur Linken begrenzt von den höchsten Felstürmen des Plateaurands, zur Rechten auf einen sanft gerundeten Felsrücken über- leitend, der auf die eigentliche Harandra hinaus- führte. Und wo er war, konnte er immer noch atmen, wenn auch nur unter Keuchen, Schmerzen und Schwindelgefühlen. Das unbarmherzige Licht, das seine Augen blendete, war schlimmer. Die Sonne war im Untergehen. Die Hrossa mußten dies vorausgese- hen haben, sagte er sich. Sowenig wie er konnten sie, bei Nacht auf der Harandra leben. Er wankte weiter und hielt nach irgendwelchen Anzeichen von Au- grays Turm Ausschau, wer und was immer Augray sein mochte. Ohne Zweifel kam ihm die Zeit, während der er er- schöpft weiterwanderte und die Felsschatten beob- achtete, die sich ihm entgegenstreckten, unverhält- nismäßig lang vor. In Wirklichkeit konnte kaum eine Stunde vergangen sein, als er voraus ein Licht sah – ein Licht, das zeigte, wie dunkel die Landschaft ge- worden war. Er versuchte zu laufen, aber sein Körper verweigerte den Gehorsam. Taumelnd und stolpernd vor Hast und Schwäche eilte er dem Licht entgegen, nur um zu entdecken, daß es viel weiter entfernt war, als er angenommen hatte. Der Verzweiflung nahe taumelte er weiter, bis er schließlich an eine Höhlen- öffnung kam. Der Lichtschein im Innern flackerte und köstliche Wärme flutete ihm entgegen. Das Licht ging von einem Feuer aus. Er betrat die Höhle, ging um das Feuer herum ins Innere, blieb stehen und blin- zelte ins Licht. Als er endlich richtig sehen konnte, machte er eine hohe und geräumige Kammer mit glatt ausgehauenen Wänden des grünen Felsgesteins aus. Zwei Dinge waren darin. Das eine, das an Wän- den und Decke tanzte, war der riesige, kantige Schatten eines Sorn; das andere, das darunter hockte, war der Sorn selbst., »Komm herein, Kleiner«, dröhnte der Sorn. »Komm herein und laß dich ansehen.« Nun, da er von Angesicht zu Angesicht dem Ge- spenst gegenüberstand, das ihn verfolgt hatte, seit er auf Malakandra angekommen war, empfand Ransom eine überraschende Gleichgültigkeit. Er hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand, aber er war entschlos- sen, seinen Vorsatz auszuführen; und in der Zwi- schenzeit waren die Wärme und die leichter atembare Luft für sich selbst genommen schon Himmelsgaben. Er trat näher, bis er das Feuer im Rücken hatte, und antwortete dem Sorn. Seine eigene Stimme schrillte ihm rauh und kreischend in den Ohren. »Die Hrossa haben mich zu Oyarsa geschickt«, sagte er. Der Sorn blickte ihm prüfend ins Gesicht. »Du bist nicht von dieser Welt«, sagte er unvermittelt. »Nein«, antwortete Ransom und setzte sich. Er war zu müde, um mit Erklärungen anzufangen. »Ich glaube, du bist von Thulkandra, Kleiner«, sagte der Sorn. »Warum?« sagte Ransom. »Du bist klein und dick, ganz so, wie die Lebewe- sen auf einer schwereren Welt beschaffen sein sollten. Du kannst nicht von Glundandra kommen, denn dort ist die Schwerkraft so groß, daß Lebewesen, wenn dort überhaupt welche leben können, flach wie Plat- ten sein müßten. Selbst du, Kleiner, würdest zerbre- chen, wenn du auf jener Welt aufstehen wolltest. Ich glaube auch nicht, daß du von Perelandra bist, denn, dort muß es sehr heiß sein. Wenn jemand von dort käme, so würde er hier nicht am Leben bleiben kön- nen. Also folgere ich, daß du von Thulkandra bist.« »Die Welt, von der ich komme, wird von ihren Be- wohnern ›Erde‹ genannt«, sagte Ransom. »Und es ist dort viel wärmer als hier. Bevor ich in deine Höhle kam, wäre ich vor Kälte und in der dünnen Luft bei- nahe gestorben.« Der Sorn machte eine jähe Bewegung mit einem seiner langen Vorderglieder. Ransom spannte un- willkürlich seine Muskeln (obwohl er sich keinen Rückzug gestattete), denn er hatte das Gefühl, der Sorn könnte ihn packen wollen. Doch seine Absichten waren freundlicher Natur. Er langte nach rückwärts in die Höhle und nahm etwas von der Wand, das wie ein Becher aussah. Dann sah Ransom, daß das Ding an einem biegsamen Schlauch befestigt war. Der Sorn reichte es ihm. »Riech daran«, sagte er. »Die Hrossa, wenn sie hier durchkommen, brauchen es auch.« Ransom inhalierte und war augenblicklich er- frischt. Seine schmerzhafte Kurzatmigkeit ließ nach, und auch der Druck auf der Brust und in den Schlä- fen schien gemildert. Der Sorn und die erleuchtete Höhle, die bis dahin etwas Vages und Unwirkliches gehabt hatten, nahmen feste Gestalt an. »Sauerstoff?« fragte er; aber natürlich ergab das Wort für den Sorn keinen Sinn. »Heißt du Augray?« »Ja«, sagte der Sorn. »Wie heißt du?« »Das Lebewesen, das ich bin, wird Mensch und in seiner männlichen Form Mann genannt, und darum nannten die Hrossa mich Hman. Aber mein eigener, Name ist Ransom.« »Mann – Ren-soom«, sagte der Sorn. Ransom be- merkte, daß er die Worte anders als die Hrossa aus- sprach, ohne deren allgegenwärtigen Anfangslaut H. Der Sorn saß auf seinen langen, keilförmigen Hin- terbacken, an die er die Füße dicht herangezogen hatte. Ein Mensch hätte in dieser Haltung das Kinn auf die Knie gestützt, doch dafür waren die Beine des Sorn zu lang. Seine Knie ragten zu beiden Seiten des Kopfes hoch über die Schultern empor – was auf eine groteske Weise an riesige Ohren erinnerte –, und der tief dazwischen sitzende Kopf ruhte mit dem Kinn auf der vorstehenden Brust. Der Sorn schien entwe- der ein Doppelkinn oder einen Bart zu haben; Ran- som konnte es im Feuerschein nicht genau erkennen. Die Haut des seltsamen Einsiedlers war weißlich oder cremefarben, und es sah aus, als sei er bis zu den Fußgelenken in irgendeine weiche Substanz geklei- det, die das Licht reflektierte. An den langen, zer- brechlich aussehenden Schenkeln die ihm am näch- sten waren, erkannte Ransom, daß es sich um eine natürliche Hülle oder Überhaut handelte. Sie war nicht wie Pelz sondern mehr wie Gefieder. Tatsäch- lich sah sie beinahe wie ein feines Federkleid aus, wenn man sie genauer betrachtete. Aus der Nähe ge- sehen wirkte die ganze Erscheinung des Sorn weniger beängstigend, als Ransom erwartet hatte, und sogar ein wenig kleiner. Allerdings war es nicht ganz ein- fach, sich an das Gesicht zu gewöhnen – es war zu lang, zu feierlich und zu farblos, und es glich in einer unerfreulichen Weise einem menschlichen Gesicht, mehr als es dem Gesicht einer nichtmenschlichen Kreatur gestattet sein sollte. Wie bei allen sehr großen, Lebewesen schienen die Augen zu klein zu sein. Doch im ganzen wirkte der Sorn eher grotesk als schauerlich. In Ransoms Denken begann sich ein neu- es Bild der Sorne zu formen: die Attribute ›riesig‹ und ›geisterhaft‹ traten hinter solchen wie ›storchenhaft‹ und ›schlaksig‹ zurück. »Vielleicht bist du hungrig, Kleiner«, sagte Augray. Ransom war hungrig. Der Sorn erhob sich mit selt- sam spinnenhaften Bewegungen und begann in der Höhle hin und her zu gehen, wobei sein dünner, un- gelenker Schatten ihn begleitete. Er brachte Ransom die üblichen Gemüsegerichte von Malakandra, ein starkes Getränk, und als sehr willkommene Ergän- zung eine glatte, braune Substanz, die sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz als Käse erwies. Ran- som fragte, was es sei. Der Sorn begann mit einer mühseligen Erklärung, daß die weiblichen Exemplare mancher Tierarten eine Flüssigkeit zur Ernährung der Jungen absonderten, und er hätte den ganzen Vorgang des Melkens und der Käsebereitung beschrieben, wenn Ransom ihn nicht unterbrochen hätte. »Ja, ja«, sagte er. »Auf der Erde machen wir es ge- nauso. Welches Tier gebraucht ihr dazu?« »Ein gelbes Tier mit langem Hals. Es weidet in den Wäldern, die in der Handramit wachsen. Die Jungen unseres Volkes, die für anderes noch nicht zu gebrau- chen sind, treiben die Tiere morgens dort hinunter und folgen ihnen, während sie weiden; wenn es dann Abend wird, treiben sie sie zurück und sperren sie in die Höhlen.« Für Ransom hatte der Gedanke, daß die Sorne Hirten waren, momentan etwas Beruhigendes. Dann, fiel ihm ein, daß auch die Cyklopen bei Homer Hirten gewesen waren. »Ich glaube, ich habe Angehörige deines Volkes dabei beobachtet«, sagte er. »Aber erlauben die Hros- sa, daß ihre Wälder von euren Tieren abgeweidet werden?« »Warum sollten sie es nicht erlauben?« »Herrscht ihr über die Hrossa?« »Oyarsa herrscht über sie.« »Und wer herrscht über euch?« »Oyarsa.« »Aber ihr wißt mehr als die Hrossa, nicht wahr?« »Die Hrossa wissen alles über Dichtung, über Was- sertiere und wie man eßbare Pflanzen züchtet und anbaut«, sagte der Sorn. »Sonst wissen sie nichts.« »Und Oyarsa – ist er ein Sorn?« »Nein, nein, Kleiner. Ich sagte dir, daß er über alle Nau herrscht«, (so sprach er ›Hnau‹ aus) »und über alles auf Malakandra.« »Dieser Oyarsa ist mir unbegreiflich«, sagte Ran- som. »Erzähl mir mehr über ihn.« »Oyarsa ist unsterblich«, sagte der Sorn. »Und er zeugt nicht. Er ist derjenige von seiner Art, der einge- setzt worden ist, über Malakandra zu herrschen, als Malakandra geschaffen wurde. Sein Körper ist nicht wie unserer, noch wie deiner; er ist nicht leicht zu se- hen, denn das Licht geht durch ihn hindurch.« »Ist er wie ein Eldil?« »Ja, er ist der größte der Eldila, die jemals auf eine Handra gekommen sind.« »Was sind diese Eldila?« »Willst du damit sagen, Kleiner, daß es auf deiner Welt keine Eldila gibt?«, »Nicht, daß ich wüßte. Aber was sind Eldila, und warum kann ich sie nicht sehen? Haben sie keine Körper?« »Natürlich haben sie Körper. Es gibt viele Körper, die du nicht sehen kannst. Jedes Tierauge sieht einige Dinge, doch andere nicht. Wißt ihr auf Thulkandra nicht, daß es viele Arten von Körpern gibt?« Ransom versuchte dem Sorn eine Vorstellung von der irdischen Einteilung der Elemente in feste, flüssi- ge und gasförmige Stoffe zu geben. Augray hörte ihm aufmerksam zu. »So darf man es nicht sehen«, erwiderte er schließ- lich. »Körper ist eine Form von Bewegung. Ist er in langsamer Bewegung, so riecht man etwas; ist er in einer anderen, schnelleren, hört man etwas; ist er in einer dritten, noch schnelleren, sieht man etwas; ist er in einer weiteren, abermals schnelleren, so kann man den Körper weder sehen noch hören noch riechen oder wissen, daß er überhaupt vorhanden ist. Aber merk dir dies, Kleiner: Die beiden Enden berühren einander.« »Wie meinst du das?« »Je schneller eine Bewegung ist, desto mehr ist das Bewegte an zwei Orten zugleich.« »Das ist wahr.« »Aber wenn die Bewegung noch schneller wäre – es ist schwierig zu erklären, denn du kennst viele Worte nicht –, würde das Bewegte schließlich an allen Orten zugleich sein, Kleiner.« »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.« »Nun, das wäre dann das bewegte Ding über allen Körpern – so schnell, daß es sich im Ruhezustand be- findet, und so vollkommen Körper, daß es aufgehört, hat, Körper zu sein. Aber darüber wollen wir nicht sprechen. Beginnen wir dort, wo wir sind, Kleiner. Das schnellste Ding, das unsere Sinne berührt, ist das Licht. Das Licht selbst sehen wir nicht wirklich, wir sehen nur langsamere Gegenstände, die von ihm be- leuchtet werden, so daß das Licht für uns die Grenze ist – das letzte, was wir erkennen können, bevor die Dinge zu schnell für uns werden. Aber der Körper ei- nes Eldil ist eine Bewegung, die so schnell wie das Licht ist; man kann sagen, sein Körper sei aus Licht gemacht, aber nicht aus dem, was für den Eldil Licht ist. Sein ›Licht‹ ist eine noch schnellere Bewegung, die für uns überhaupt nicht wahrnehmbar ist und für uns nichts bedeutet; und was wir Licht nennen, ist für ihn etwas wie Wasser, etwas Sichtbares, das man berüh- ren und worin man baden kann – sogar etwas Dunk- les, wenn es nicht vom Helleren beleuchtet wird. Und was wir fest nennen – Fleisch und Erde –, erscheint ihm dünner und schwieriger sichtbar als unser Licht; für ihn ist es mehr wie Wolken, und beinahe nichts. Für uns ist der Eldil ein dünner, halbwirklicher Kör- per, der durch Wände und Fels gehen kann; ihm selbst erscheint es so, daß er durch sie gehen kann, weil er fest und stark ist und die Mauern und Felsen wie Wolken sind. Und was für ihn das wahre Licht ist und den Himmel erfüllt, so daß er in die Sonnen- strahlen eintaucht, um sich davon zu erfrischen, ist für uns das schwarze Nichts des Nachthimmels. Dies alles ist nicht seltsam, Kleiner, obwohl es jenseits un- serer Sinneserfahrungen liegt. Aber es ist seltsam, daß die Eldila niemals Thulkandra besuchen.« »Dessen bin ich nicht gewiß«, sagte Ransom. Der Gedanke war ihm gekommen, daß die häufig wie-, derkehrende menschliche Überlieferung von hellen, flüchtigen Wesen und Erscheinungen – Alben, Feen und dergleichen – vielleicht doch eine andere Erklä- rung hatte, als die Anthropologen bisher hatten ge- ben können. Gewiß, die herkömmlichen Vorstellun- gen vom Sonnensystem und Universum würden da- durch auf den Kopf gestellt; aber seine Erfahrungen im Raumschiff hatten ihn auf solche Dinge vorberei- tet. »Warum hat Oyarsa mich rufen lassen?« fragte er. »Oyarsa hat es mir nicht gesagt«, antwortete der Sorn. »Aber sicherlich möchte er jeden Fremden se- hen, der von einer anderen Handra zu uns gekom- men ist.« »In meiner Welt gibt es keinen Oyarsa«, sagte Ran- som. »Das ist ein weiterer Beweis«, sagte der Sorn, »daß du von Thulkandra kommst, dem schweigenden Stern.« »Was hat das damit zu tun?« Augray schien überrascht. »Es wäre nicht sehr wahrscheinlich, daß euer Oyarsa, wenn ihr einen hättet, niemals zu dem unsrigen sprechen würde.« »Zu eurem sprechen? Aber wie könnte er – er ist viele Millionen Kilometer entfernt.« »Oyarsa würde es nicht so sehen.« »Willst du damit sagen, daß er Botschaften von an- deren Planeten zu erhalten pflegt?« »Nochmals: So würde er es nicht sehen. Oyarsa würde nicht sagen, daß er auf Malakandra lebt, und daß ein anderer Oyarsa auf einem anderen Weltkör- per lebt. Für ihn ist Malakandra nur ein Ort in den Himmelsweiten; und in den Himmelsweiten wohnen, er und die anderen. Natürlich sprechen sie miteinan- der ...« Ransoms Verstand scheute vor dem Problem zu- rück; er war sehr müde und dachte, er müsse den Sorn mißverstanden haben. »Ich glaube, ich muß schlafen, Augray«, sagte er. »Ich verstehe nicht, was du sagst. Vielleicht ist es auch so, daß ich nicht von dem Stern komme, den ihr Thulkandra nennt.« »Wir gehen gleich schlafen«, sagte der Sorn. »Aber zuvor werde ich dir Thulkandra zeigen.« Er stand auf, und Ransom folgte ihm tiefer ins Höhleninnere. Hier befand sich eine kleine Nische, in der eine Wendeltreppe nach oben führte. Die für Sor- ne ausgehauenen Stufen waren zu hoch, als daß ein Mensch sie auch nur halbwegs bequem hätte erstei- gen können, doch indem er sich mit den Händen und Knien emporzog, gelang es Ransom, dem Sorn zu folgen. Er konnte sich das Licht nicht erklären, das aus einem kleinen runden Objekt in der Hand des Sorns zu kommen schien. Sie stiegen lange, und Ran- som hatte das Gefühl, sie kletterten im Innern eines hohlen Berges aufwärts. Endlich fand er sich atemlos und mit wankenden Knien in einer dunklen aber warmen Felsenkammer und hörte den Sorn sagen: »Er ist noch ein gutes Stück über dem Südhori- zont.« Er zeigte zu einem kleinen Fenster. Was immer es war, Ransom hatte nicht den Eindruck, daß es wie ein irdisches Teleskop arbeitete. Aber als er am näch- sten Tag versuchte, dem Sorn die Prinzipien des Tele- skops zu erklären, kamen ihm ernste Zweifel an sei- ner eigenen Fähigkeit, den Unterschied zu bestim- men. Er beugte sich vor, die Ellbogen auf dem Sims, der Öffnung, und schaute. Er sah völlige Schwärze, in deren Mitte eine helle Scheibe von der Größe einer stattlichen Münze schwebte, scheinbar eine Armes- länge entfernt. Der größte Teil der Oberfläche war wie glänzendes Silber und zeigte keine Einzelheiten; erst in der Nähe des unteren Randes erschienen Konturen, und darunter war eine weiße Kappe zu se- hen, genau wie die Polkappen, die er auf astronomi- schen Fotografien vom Mars gesehen hatte. Er fragte sich einen Moment lang, ob dies der Mars sei; dann, als seine Augen die Konturen besser erkennen konn- ten, wurde ihm klar, was sie waren – Nordeuropa und ein Stück von Nordamerika. Sie standen auf dem Kopf, der Nordpol befand sich am unteren Rand, und das schockierte ihn irgendwie, aber was er sah, war wirklich die Erde – war vielleicht sogar England, ob- gleich das Bild ein wenig flimmerte und seine Augen rasch ermüdeten. In dieser kleinen Scheibe war alles – London, Athen, Jerusalem, Shakespeare. Dort hatten alle gelebt und war alles geschehen; und dort lag vermutlich noch immer sein Rucksack vor der Tür ei- nes leeren Hauses in der Nähe von Sterk. »Ja«, sagte er dumpf zu dem Sorn, »das ist meine Welt.« Es war der trübseligste Augenblick seiner gan- zen Reise., Am nächsten Morgen erwachte Ransom mit dem un- bestimmten Gefühl, daß eine schwere Last von seiner Seele genommen sei. Dann erinnerte er sich, daß er Gast eines Sorn war, und daß diejenige Lebensform, die er seit seiner Landung gemieden hatte, sich als ebenso freundschaftlich wie die Hrossa erwiesen hatte, obgleich er weit davon entfernt war, für den Sorn die gleiche Zuneigung zu empfinden. Also gab es für ihn auf Malakandra nichts zu befürchten, aus- genommen Oyarsa ... Die letzte Hürde, dachte Ran- som. Augray gab ihm zu essen und zu trinken. »Und wie soll ich nun den Weg zu Oyarsa finden?« fragte Ransom. »Ich werde dich tragen«, sagte der Sorn. »Du bist zu klein, um die Reise selbst zu machen, und ich werde mit Freuden nach Meldilorn gehen. Die Hrossa hätten dir nicht diesen Weg weisen sollen. Anschei- nend können sie einem Lebewesen nicht ansehen, welche Art von Lungen es hat und was es leisten kann. Aber so sind die Hrossa. Wärst du auf der Ha- randra gestorben, so hätten sie ein Gedicht über den tapferen Hman gemacht, und wie der Himmel schwarz wurde und die kalten Sterne funkelten und er immer weiter und weiter gewandert sei; und als letzte Worte hätten sie dir eine schöne Rede in den Mund gelegt ... und alles das wäre ihnen ebenso rich- tig erschienen, wie wenn sie mit ein wenig Vorbe- dacht gehandelt und dir das Leben gerettet hätten, indem sie dich auf den längeren, aber leichteren Weg, geschickt hätten.« »Ich mag die Hrossa«, sagte Ransom etwas spröde. »Und ich finde, die Art und Weise, wie sie über den Tod sprechen, ist die richtige.« »Sie haben recht, den Tod nicht zu fürchten, Ren- soom, aber sie scheinen ihn nicht vernunftgemäß als einen Teil der Natur unserer Körper zu betrachten. Darum ist der Tod auch häufig vermeidbar, wenn sie ihn für unvermeidlich halten. Dies hier hat beispiels- weise vielen Hrossa das Leben gerettet, aber ein Hross wäre nie auf den Gedanken gekommen, etwas Derartiges zu machen.« Er zeigte Ransom eine Flasche mit einem daran be- festigten Schlauch. Am Ende des Schlauchs war eine Art Tasse angebracht, und das Ganze stellte offenbar ein Sauerstoffgerät dar. »Riech daran, wenn du es nötig hast, Kleiner«, sagte der Sorn. »Und wenn du es nicht brauchst, dann schließe es wieder.« Augray befestigte das Gerät auf seinem Rücken und gab Ransom den Schlauch. Als er die Hände des Sorn an seinem Körper fühlte konnte Ransom ein Schaudern nicht unterdrücken; sie waren fächerför- mig, siebenfingrig und bestanden wie die Beine eines Vogels nur aus hautüberzogenen Knochen und Seh- nen; überdies waren sie eiskalt. Um seine Gedanken von solchen Reaktionen abzulenken, fragte er, wo der Apparat gemacht worden sei, denn er habe bisher nichts gesehen, was auch nur entfernt einer Fabrik oder einem Laboratorium geglichen hätte. »Wir dachten es«, sagte der Sorn, »und die Pfifltriggi machten es.« »Warum tun sie das?« fragte Ransom., Wieder machte er den Versuch, mit seinem unzu- länglichen Wortschatz das politische und ökonomi- sche System des Lebens auf Malakandra zu ergrün- den. »Es gefällt ihnen, Dinge zu machen«, sagte Augray. »Es ist wahr, daß sie am liebsten Dinge machen, die nur schön anzusehen sind und keinem Zweck dienen. Aber manchmal, wenn sie dessen überdrüssig sind, machen sie Dinge für uns, Dinge, die wir erdacht ha- ben, vorausgesetzt, sie sind schwierig genug. Sie ha- ben keine Geduld, Einfaches zu machen, so nützlich es auch sein würde. Aber laß uns gehen. Du wirst auf meiner Schulter sitzen.« Der Vorschlag war unerwartet und alarmierend, aber da der Sorn bereits niederkauerte, fühlte Ransom sich verpflichtet, auf die glatte, wie gefiederte Schul- ter zu klettern, sich neben das lange, bleiche Gesicht zu setzen, den rechten Arm so weit wie möglich um Augrays Hals zu schlingen und sich so gut er konnte auf diese unsichere Art zu reisen einzustellen. Der Riese richtet sich behutsam auf, und Ransom blickte aus einer Höhe von vielleicht sechs Metern auf die Landschaft herab. »Alles in Ordnung, Kleiner?« fragte der Sorn. »Tadellos«, antwortete Ransom, und die Reise be- gann. Seine Gangart war vielleicht das am wenigsten menschenähnliche am Sorn. Er hob seine Füße sehr hoch und setzte sie sehr sanft nieder. Ransom fühlte sich abwechselnd an eine schleichende Katze, einen stolzierenden Hahn und ein dressiertes Wagenpferd erinnert; aber die Bewegung war nicht wirklich der irgendeines irdischen Tiers ähnlich. Für den Passagier war es überraschend bequem. Schon nach wenigen, Minuten hatte er ein anfängliches Schwindelgefühl, das auf die Unnatürlichkeit seiner Lage zurückzufüh- ren war, überwunden. Statt dessen stellten sich er- heiternde und sogar sentimentale Gedanken ein. Es war wie damals, als er in seiner Jugend auf einem Zooelefanten geritten war – oder, in noch jüngeren Jahren auf den Schultern seines Vaters. Es machte Spaß. Sie schienen zwischen acht und neun Kilome- tern in der Stunde zurückzulegen. Die Kälte, obschon streng, war erträglich; und dank des Sauerstoffgeräts hatte er nur geringe Atembeschwerden. Die Landschaft, die er von seinem hohen, schwan- kenden Aussichtspunkt überblickte, war von düsterer Feierlichkeit. Die Handramit war nicht mehr zu se- hen. Zu beiden Seiten der flachen Einsenkung, durch die sie wanderten, erstreckte sich eine Welt nackter, matt grünlicher Felsen bis zum Horizont, unterbro- chen von ausgedehnten rötlichen Flecken. Der Him- mel, von dunkelstem Blau, wo er den Horizont be- rührte, war im Zenit beinahe schwarz, und in allen Richtungen, wo das Sonnenlicht nicht blendete, konnte man die Sterne sehen. Ransom erfuhr von dem Sorn, daß er mit seiner Annahme, sie seien nahe der Grenze atembarer Atmosphäre, recht gehabt hat- te. Schon auf dem Randgebirge der Harandra über den Talwänden der Handramit, oder in der Einsen- kung, durch die ihr Weg sie jetzt führte, war die Luft dünn wie auf dem Himalaya, für einen Hross oder einen Menschen kaum zu atmen, und ein paar hun- dert Fuß höher, auf der eigentlichen Harandra, der eigentlichen Oberfläche des Planeten, ließ sie kein Leben mehr zu. Daher war die Helligkeit, durch die sie gingen, beinahe die des Himmels – ein außerirdi-, sches Licht, das kaum ein Luftschleier trübte. Der große schmale Schatten des Sorns, mit Ran- soms kleinem gedrungenen Schatten auf der Schulter, glitt mit unnatürlicher Schärfe über den unebenen Felsboden, wie ein Baumschatten im Scheinwerferke- gel eines Autos; und der Felsboden rings um den Schatten reflektierte das Sonnenlicht, daß Ransom die Augen schmerzten. Der ferne Horizont schien zum Greifen nahe. Die Erosionsrinnen und abgetragenen Rundungen ferner Hügel waren klar wie die Hinter- gründe mittelalterlicher Gemälde, die entstanden wa- ren, als die Maler die Perspektive noch nicht wiede- rentdeckt hatten.* Er war an der Grenze jener Him- melsweiten, die er im Raumschiff durchfahren hatte, und Strahlungen, die eine luftumhüllte Welt nicht er- fahren kann, wirkten wieder auf seinen Körper ein. Er fühlte die alte Begeisterung wiederkehren, die ernste Freude, das zugleich nüchterne und überschwengli- che Bewußtsein, Leben und Macht in unermeßlicher Fülle zu genießen. Hätte es genug Luft für seine Lun- gen gegeben, er hätte laut gejubelt. Und nun zeigte selbst die Landschaft um ihn her Zeichen von Schön- heit. Über die Hänge der kleinen Talsenke, als schäumten sie von der eigentlichen Harandra herab, quollen große Massen des rosafarbenen, wolkenhaf- ten Zeugs, das er so oft aus der Ferne gesehen hatte. Aus der Nähe gesehen, schienen die Gebilde hart wie * Gemeint ist wohl die Luftperspektive, die im 14./15. Jahrhundert entdeckt wurde: Die Tatsache, daß mit wachsender Entfernung alle Farben zum Blau hin gebrochen erscheinen. Dies hat indes mit der geometrischen Linearperspektive, die bereits in der grie- chischen Antike bekannt war und in der Rensaissance wiede- rentdeckt wurde, nur indirekt zu tun. – D. Red., Stein zu sein, doch waren sie unten schmal und kurz- stielig, um sich nach oben wie Pflanzen mächtig zu entfalten. Sein ursprünglicher Vergleich mit riesigen Blumenkohlköpfen stellte sich als überraschend zu- treffend heraus – diese merkwürdigen Gebilde sahen wirklich wie Blumenkohlstauden im Format von Kathedralen und der Farbe blasser Rosen aus. Er fragte den Sorn danach. »Es sind die alten Wälder von Malakandra«, er- klärte Augray. »Einst gab es Luft auch auf der Ha- randra, und es war warm. Wenn du hinaufgehen und dort leben könntest, würdest du noch heute die Kno- chen altertümlicher Lebewesen sehen, die dort über- all verstreut liegen. In jener fernen Zeit, als die Ha- randra voller Leben war, wuchsen dort diese Wälder, und in ihnen wohnte ein Volk, das seit vielen tausend Jahren von der Welt verschwunden ist. Die Angehö- rigen jenes Volkes waren nicht mit Fell bedeckt, son- dern mit einem Kleid wie dem meinen. Sie schwam- men nicht auf dem Wasser und gingen nicht auf dem Boden; sondern auf breiten, flachen Gliedern, die sie in der Schwebe hielten, glitten sie durch die Luft. Es heißt, sie seien große Sänger gewesen, und zu jener Zeit hätten die roten Wälder von ihrem Gesang wi- dergehallt. Jetzt sind die Wälder zu Stein geworden, und nur Eldila können sie durchstreifen.« »Auf unserer Welt gibt es noch heute solche Ge- schöpfe«, sagte Ransom. »Wir nennen sie Vogel. Wo war Oyarsa, als der Harandra dieses Schicksal zuteil wurde?« »Wo er jetzt ist.« »Und er konnte es nicht verhindern?« »Ich weiß es nicht. Aber keine Welt ist für ewige, Dauer geschaffen, und erst recht keine Rasse; das ist nicht Maleldils Wille.« Als sie weiterwanderten, wurden die Reste der ver- steinerten Wälder zahlreicher, und zuweilen umstan- den sie den ganzen Horizont der leblosen und fast luftlosen Öde ringsum wie ein rotblühender Garten im Sommer. Sie kamen an vielen Höhlen vorbei, in denen, wie Augray ihm sagte, Sorne wohnten; einmal sah Ransom eine hohe Felsklippe, die bis zum Gipfel von unzähligen Löchern perforiert war, und uner- klärliche, hohle Geräusche kamen aus dem Innern. Dort werde gearbeitet, sagte der Sorn; doch um wel- che Art von Arbeit es sich handelte, konnte er ihm nicht verständlich machen. Sein Wortschatz war von dem der Hrossa grundverschieden. Nirgendwo sah Ransom ein Dorf oder eine Stadt der Sorne, die an- scheinend einzelgängerische und ungesellige Lebe- wesen waren. Dann und wann tauchte in einem Höhleneingang ein langes, bleiches Gesicht auf und tauschte mit den Reisenden einen Gruß aus, der wie das Tuten eines Nebelhorns klang, zum überwiegen- den Teil aber lag das Tal, die Felsenstraße des schweigenden Volks, still und leer da wie die Haran- dra selbst. Erst gegen Nachmittag, als der Weg in eine Senke hinabführte, begegneten sie drei Sornen, die zusam- men den Gegenhang herabkamen. Ransom hatte den Eindruck, daß sie sich wie Schlittschuhläufer und nicht wie Wanderer bewegten. Die besonderen Schwereverhältnisse dieser Welt und die natürliche Eigenart ihrer Körper erlaubten ihnen, sich fast rechtwinklig zum Hang vorwärtszubeugen und schnell wie vollgetakelte Schiffe vor günstigem Wind, herlaufend den Hang hinabzugleiten. Die Anmut ih- rer Bewegung, ihre hohen Gestalten und der weiche Glanz des Sonnenlichts auf ihren federbedeckten Flanken bewirkten einen endgültigen Wandel in Ran- soms Einstellung zu ihrer Rasse. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, zappelnd im Griff von Weston und Devine, hatte er sie ›Menschenfresser‹ genannt. Nun dachte er, daß ›Titanen‹ oder ›Engel‹ passendere Bezeichnungen für sie seien. Selbst die Gesichter schien er damals nicht richtig gesehen zu haben. Er hatte sie für geisterhaft und gespenstisch gehalten, während sie nur erhaben waren, und seine erste menschliche Reaktion auf die langen, strengen Linien ihrer Gesichter und die tiefe Stille ihres Ausdrucks er- schien ihm jetzt weniger feige als gemein und vulgär. So mochten sich Pamenides oder Konfuzius in den Augen eines Londoner Gassenjungen ausnehmen! Die großen weißen Geschöpfe segelten auf Ransom und Augray zu, neigten sich gemessen wie Bäume und glitten vorüber. Trotz der Kälte, die ihn des öfteren zwang, abzu- steigen und ein Stück zu Fuß zu gehen, sehnte er das Ende der Reise nicht herbei; aber Augray hatte seine eigenen Pläne und kehrte lange vor Sonnenuntergang zur Nachtruhe in der Behausung eines älteren Sorn ein. Ransom begriff ziemlich bald, daß er einem gro- ßen Gelehrten vorgeführt werden sollte. Die Höhle, oder, um genauer zu sein, das Höhlensystem, war groß und bestand aus vielen Räumen, die eine Fülle von unverständlichen Gegenständen und Dingen enthielten. Ransom interessierte sich besonders für eine Sammlung lederner Schriftrollen, die offensicht- lich die Funktion von Büchern hatten. Aber er erfuhr,, daß es auf Malakandra nur sehr wenige Bücher gab. »Es ist besser, man hat alles im Gedächtnis«, sagten die Sorne. Als Ransom fragte, ob auf diese Weise nicht wert- volle Geheimnisse verlorengehen könnten, erwider- ten sie, Oyarsa vergesse nichts und werde sie wieder ans Licht bringen, wenn er es für richtig halte. »Die Hrossa pflegten viele Gedichtbücher zu besit- zen«, fügten sie hinzu. »Aber jetzt haben sie nur noch wenige. Sie sagen, daß das Bücherschreiben die Dichtkunst zerstöre.« Ihr Gastgeber in diesen Höhlen wurde von einer Anzahl anderer Sorne bedient, die ihm in irgendeiner Weise untergeordnet schienen; Ransom glaubte zu- erst, daß sie Diener seien, kam aber später zu dem Schluß, daß sie seine Schüler oder Gehilfen sein mußten. Das Abendgespräch war nicht von der Art, daß es das Interesse eines irdischen Lesers erwecken könnte, denn die Sorne hatten bestimmt, daß Ransom keine Fragen stellen, sondern welche beantworten solle. Ih- re Befragung unterschied sich stark von dem sprung- haften, fantasievollen Fragen der Hrossa. Sie arbeite- ten sich systematisch von der Geologie der Erde bis zu ihrer gegenwärtigen Geographie vor, um sich dann der Flora, der Fauna, der Geschichte der Menschheit, den Sprachen, der Politik und den Kün- sten zuzuwenden. Wenn sie merkten, daß Ransom ihnen über einen bestimmten Gegenstand nichts mehr sagen konnte – und dies passierte bei den mei- sten Themen ziemlich bald –, ließen sie ihn sofort fallen und gingen zum nächsten über. Oft entlockten sie ihm indirekt mehr Wissen als er bewußt besaß, da, sie offenbar von der breiten Basis einer allgemeingül- tigen Wissenschaft ausgingen. Wenn Ransom bei ei- nem Versuch, ihnen die Papierherstellung zu erklä- ren, eine beiläufige Bemerkung über Bäume machte, füllte er damit eine Lücke in seinen skizzenhaften Antworten auf Fragen der Botanik. Sein Bericht über die irdische Schiffahrt warf ein Licht auf die Minera- logie, und seine Beschreibung der Dampfmaschine vermittelte ihnen eingehendere Kenntnisse über Luft und Wasser auf der Erde, als Ransom je besessen hatte. Er war von Anfang an entschlossen, ganz offen zu sein, denn er fühlte jetzt, daß jedes andere Ver- halten eines Hnau unwürdig und überdies völlig nutzlos sei. Sie waren bestürzt über das, was er ihnen zur Geschichte der Menschheit erzählen mußte – von Kriegen, Sklaverei und Prostitution. »Das ist so, weil sie keinen Oyarsa haben«, sagte einer der Schüler. »Das ist so, weil jeder von ihnen selbst ein kleiner Oyarsa sein will«, sagte Augray. »Sie können nichts dafür«, sagte der alte Sorn. »Herrschaft muß sein, doch wie sollten Geschöpfe über sich selber herrschen? Tiere müssen von Hnau beherrscht werden, Hnau von Eldila, und Eldila von Maleldil. Diese Geschöpfe haben keine Eldila. Sie sind wie jemand, der versucht, sich an den eigenen Haaren hochzuziehen – oder wie jemand, der ein ganzes Land zu überblicken sucht, wenn er sich auf einer Ebene damit befindet.« Zwei die Erde betreffende Umstände machten ih- nen besonders zu schaffen. Das eine war das außer- gewöhnliche Maß, in dem die menschliche Energie mit Problemen des Hebens und des Transports von, Dingen befaßt war. Das andere war die Tatsache, daß es auf Erden nur eine Art von Hnau gab: Sie dachten, dies müsse weitreichende Auswirkungen auf die Verengung des menschlichen Gefühlslebens und so- gar der Gedankenwelt haben. »Euer Denken muß in der Gewalt eurer Instinkte sein«, sagte der alte Sorn. »Denn ihr könnt es nicht mit einem Denken vergleichen, das aus andersgear- teten Instinkten erwächst.« Für Ransom war es ein ermüdendes und sehr uner- freuliches Gespräch. Aber als er sich endlich zum Schlafen niederlegte, dachte er nicht an die menschli- che Dürftigkeit noch an seine eigene Unwissenheit. Er dachte nur an die alten Wälder von Malakandra, und was es bedeuten mochte, in der Nachbarschaft eines geheimnisvollen und farbigen Landes aufzuwachsen und zu leben, das einmal bewohnt gewesen und jetzt unerreichbar war., Früh am nächsten Tag nahm Ransom wieder seinen Platz auf Augrays Schulter ein. Länger als eine Stun- de durchwanderten sie die gleiche helle Wildnis. Weit im Norden leuchtete am Himmel eine wolkenähnli- che Masse von stumpfroter und ockergelber Farbe: die Masse war sehr groß und zog mit beängstigender Geschwindigkeit über das öde Land westwärts. Ran- som, der im malakandrischen Himmel bisher noch keine Wolke gesehen hatte, fragte, was es sei. Der Sorn sagte ihm, es sei Sand, von furchtbaren Stürmen in den großen Wüsten des Nordens aufgewirbelt und südwärts getragen. Dies geschehe häufig, und zu- weilen erreichten die Sandwolken eine Höhe von dreißig Kilometern, bis sie endlich als ein ersticken- der und blendender Staubsturm niedergingen, gele- gentlich in einer Handramit. Der Anblick der dro- hend dahinjagenden Wolke erinnerte Ransom von neuem daran, daß sie tatsächlich auf der Außenseite von Malakandra waren – nicht länger in der Gebor- genheit einer Welt, sondern auf der nackten Oberflä- che eines fremden Planeten. Zuletzt schien die Wolke niederzugehen und sich fern am westlichen Horizont aufzulösen, wo eine Lichterscheinung wie von einer Feuersbrunst noch lange sichtbar blieb. Sie folgten einer Biegung des Tals, und vor Ran- soms Augen öffnete sich ein neues Panorama. Was vor ihm lag, sah zuerst seltsam wie eine irdische Landschaft aus, eine Landschaft grauer Hügelrücken, die gleich erstarrten Meereswogen anstiegen und ab- sanken. In weiter Ferne erhoben sich Klippen und, Felstürme aus dem vertrauten grünen Gestein in den dunkelblauen Himmel. Einen Augenblick später sah er, daß die vermeintlichen Hügelrücken in Wirklich- keit die gefurchte und gegliederte Oberfläche grau- blauer Talnebel waren – Nebel, die sich zuerst in Dunst und dann in Nichts auflösen würden, wenn man in die Handramit abstieg, die sich tief unter die- ser Schicht verbarg. Schon als der Pfad abzusinken begann, wurde der Nebel lichter, und das bunte Tep- pichmuster des Tieflands schimmerte matt durch den Dunst. Rasch wurde der Abstieg steiler; wie die schadhaften Zähne eines Riesen überragten die Spit- zen des Randgebirges, über dessen Wände sie abstei- gen mußten, die steil abwärts ziehende Schlucht. Das Aussehen des Himmels und die Qualität des Lichts begannen sich unmerklich zu verändern. Bald stan- den sie am Rand eines Hangs, den man nach irdi- schen Begriffen nur einen Abgrund nennen konnte. Über diese Steilwände führte der Pfad halsbreche- risch abwärts, bis er tief unten in Dunst und purpur- ner Vegetation verschwand. Ransom weigerte sich mit Entschiedenheit, den Abstieg auf Augrays Schul- ter zu machen. Der Sorn, obwohl er seine Einwände nicht ganz begriff, bückte sich und ließ Ransom ab- steigen. Dann glitt er in der gleichen vorwärtsge- neigten Eisläuferhaltung, die Ransom schon einmal beobachtet hatte, als erster hinab. Ransom folgte ihm vorsichtig, froh, seine steifen, ungelenk gewordenen Beine gebrauchen zu können. Die Schönheit der neuen Handramit, die sich nun vor ihm öffnete, benahm ihm den Atem. Sie war breiter als das Flußtal, in dem er bisher gelebt hatte, und unmittelbar zu seinen Füßen lag ein fast kreis-, runder See – ein Saphir von vielleicht fünfzehn Kilo- metern Durchmesser in einer Fassung aus purpurfar- benem Wald. Inmitten des Sees erhob sich die sanfte Wölbung einer blaßroten Insel, auf deren Kuppe ein Hain von Bäumen stand, wie Menschenaugen sie nie erblickt hatten. Ihre mächtigen Säulenstämme hatten die feine Glätte edelster Buchen, doch waren sie hö- her als die Türme irdischer Kathedralen, und ihre Wipfel entfalteten sich in Blüten statt Laubwerk – leuchtend wie goldgelbe Tulpen und groß wie Som- merwolken. Und Blumen waren sie tatsächlich, nicht Bäume, und tief unten, zwischen ihren Wurzeln, machte Ransom eine Andeutung tafelförmiger Ar- chitektur aus. Noch ehe sein Führer es ihm sagte, wußte er, daß dies Meldilorn war. Er wußte nicht, was er erwartet hatte. Die alten Vorstellungen von ir- gendeinem überamerikanischen Komplex stromlini- enförmiger Büros oder einem Ingenieurparadies un- geheurer Maschinen hatte er längst über Bord gewor- fen. Aber er war nicht auf etwas so Klassisches, so Unberührtes wie diesen schimmernden Hain gefaßt gewesen, der so still und geheimnisvoll in diesem farbenfrohen Tal lag. Mit jedem Schritt seines Ab- stiegs wurde die Wärme des Tals angenehmer spür- bar. Ransom blickte hinauf, und der Himmel hatte ein blasseres Blau angenommen. Er blickte hinab, und schwach und süß wehte der Duft der Riesenblüten zu ihm herauf. Ferne Klippen verloren an Schärfe der Umrisse, und Oberflächen reflektierten das Sonnen- licht weniger blendend. Tiefe, Weichheit, Trübe und Perspektive kehrten in die Landschaft zurück. Der Rand des Plateaus, wo sie ihren Abstieg begonnen hatten, war bereits hoch über ihnen; es schien un-, wahrscheinlich, daß sie wirklich von dort gekommen waren. Er atmete freier. Er schlug die Ohrenklappen seiner Mütze hoch, und das Geräusch fallender Was- ser füllte seine Ohren. Und dann ging er auf den wei- chen, niedrigen Flechten über ebenen Boden dahin, und das Dach der Waldbäume wölbte sich über ihm. Sie hatten die Harandra bezwungen und standen endlich auf der Schwelle von Meldilorn. Nach kurzer Wanderung gelangten sie auf eine Art Schneise – einen breiten Waldweg, der sich schnurge- rade zwischen den Purpurbäumen dahinzog. Wo er endete, leuchtete das Blau des Sees. An seinem Ufer angelangt, fanden sie einen Gong und einen Ham- mer, die an einem Steinpfeiler hingen. Alle diese Din- ge waren reich verziert, und Gong und Hammer wa- ren aus einem grünlichblauen Metall, das Ransom nicht bekannt war. Augray schlug den Gong. In Ran- som wuchs eine Erregung, die ihn beinahe daran hinderte, den Ornamentschmuck des bearbeiteten Steins genauer zu betrachten. Die Darstellungen wa- ren teils bildlich, teils reine Dekoration. Darüber hin- aus schien es eine bestimmte Ballance zwischen bear- beiteten und leeren Oberflächen zu geben. Umriß- zeichnungen in der Art prähistorischer Ritzbilder von Rentieren auf der Erde wechselten mit Mustern, die so dicht und ineinander verschlungen waren, daß sie an die Verzierungen germanischer oder keltischer Schmuckstücke erinnerten. Und dann, wenn man ge- nauer hinschaute, ergab die Anordnung von leeren und ausgefüllten Flächen abermals größere, nach ei- nem Plan zusammenhängende Bilder. Auch bemerkte Ransom jetzt, daß die bildlichen Darstellungen nicht nur auf den ornamentfreien Flächen vorkamen; oft, verbargen sich im komplizierten Rankenwerk der Ornamente raffiniert eingefügte Bilder. An anderen Stellen war man genau im umgekehrten Sinne ver- fahren – und auch diese Abwechslung folgte einem Grundmuster. Er begann gerade zu entdecken, daß die Bilder, obschon stilisiert, offenbar eine Geschichte erzählen sollten, als Augray ihn unterbrach. Ein Boot habe von der Insel Meldilorn abgelegt. Als es herankam, sah Ransom, daß es von einem Hross gepaddelt wurde, und das Herz wurde ihm warm. Der Hross steuerte das Boot ans Ufer, wo sie warteten, starrte Ransom an und richtete dann einen fragenden Blick auf Augray. »Du hast recht, über die- sen Hnau erstaunt zu sein, Hrinha«, sagte der Sorn, »denn so etwas hast du noch nie gesehen. Es wird Ren-soom genannt und ist durch den Himmel von Thulkandra gekommen.« »Es ist willkommen, Augray«, sagte der Hross höf- lich. »Möchte es zu Oyarsa?« »Oyarsa hat es rufen lassen.« »Und dich auch, Augray?« »Mich hat Oyarsa nicht gerufen. Wenn du Ren- soom übersetzt, werde ich zu meinem Turm zurück- gehen.« Der Hross bedeutete Ransom, ins Boot zu steigen. Ransom versuchte dem Sorn seinen Dank auszudrük- ken und nach kurzer Überlegung machte er seine Armbanduhr los und reichte sie ihm; es war sein ein- ziger Besitz, der als Geschenk für einen Sorn brauch- bar sein mochte. Es fiel ihm nicht schwer, Augray seine Absicht verständlich zu machen; doch nachdem der Riese die Uhr betrachtet hatte, gab er sie ihm mit kaum merklichem Zögern zurück und sagte:, »Dieses Geschenk sollte ein Pfifltriggi erhalten. Es erfreut mein Herz, aber sie würden mehr davon ha- ben. Sicherlich wirst du in Meldilorn einigen dieser geschäftigen Leute begegnen: gib es ihnen. Und was den Gebrauch betrifft: Weiß dein Volk nicht, wieviel vom Tag vergangen ist, ohne auf dieses Ding zu blik- ken?« »Ich glaube, es gibt Tiere, die diese Art von Wissen haben«, sagte Ransom, »aber unsere Hnau haben es verloren.« Danach verabschiedete er sich von dem Sorn und stieg ins Boot. Wieder in einem Boot zu sitzen, und noch dazu mit einem Hross die Wärme des Wassers zu fühlen und über sich einen blauen Himmel zu se- hen, war beinahe wie eine Heimkehr. Er nahm seine Mütze ab, machte es sich im Bug bequem und über- häufte seinen Fährmann mit Fragen. Er erfuhr, daß die Hrossa nicht speziell mit dem Dienst bei Oyarsa befaßt waren, wie er angesichts eines Hross als Fähr- mann vermutet hatte. Alle drei Spezies von Hnau dienten ihm nach ihren besonderen Fähigkeiten, und die Fähre war natürlich denjenigen anvertraut, die mit Booten umzugehen wußten. Er hörte auch daß er nach seiner Ankunft auf Meldilorn nach Belieben umhergehen und tun könne, was er wolle, bis Oyarsa ihn rufen lasse. Das könne innerhalb einer Stunde oder erst nach mehreren Tagen geschehen. In der Nähe des Landeplatzes werde er Hütten finden, wo er übernachten könne und Essen erhalten werde. Ransom wiederum erzählte von seiner eigenen Welt und seiner Reise nach Malakandra; und er warnte den Hross vor den gefährlichen, verbogenen Hmana, die ihn gebracht hatten und immer noch frei auf Ma-, lakandra herumliefen. Dabei fiel ihm ein, daß er Au- gray diese Zusammenhänge nicht hinreichend klar gemacht hatte, doch tröstete er sich mit der Überle- gung, daß Weston und Devine bereits eine Art Bünd- nis mit den Sornen geschlossen zu haben schienen, und daß sie so große und vergleichsweise men- schenähnliche Wesen kaum behelligen würden. Je- denfalls vorläufig noch nicht. Über Devines Zu- kunftspläne gab er sich keinen Illusionen hin; er konnte nicht mehr tun, als Oyarsa reinen Wein einzu- schenken. Und dann stieß das Boot an Land. Ransom stand auf, während der Hross das Boot festmachte, und blickte umher. Nahe der kleinen Ha- fenbucht, in die sie eingelaufen waren, standen nied- rige Steingebäude – die ersten, die er auf Malakandra sah. Feuer brannten dort. Dort könne er essen und schlafen, sagte der Hross. Der Rest der Insel schien unbewohnt, und ihre sanften Hänge zogen sich un- bebaut hinauf zu dem Hain, der die Kuppe bekrönte. Dort oben machte er wieder Mauerwerk aus, aber es schien weder ein Tempel noch ein Haus im menschli- chen Sinne zu sein, sondern eher ein breiter, von Mo- nolithen gesäumter Weg – ein sehr viel größeres Sto- nehenge, stattlich und leer, das im blassen Schatten der Blumenbäume jenseits des Hügels verschwand. Alles war Einsamkeit; doch als er umherblickte, schien er vor dem Hintergrund von Morgenstille ei- nen leisen, unablässig schwingenden silbrigen Ton zu hören – der kaum ein Ton war, wenn man ihm nach- lauschte, und doch unmöglich zu überhören. »Die Insel ist voll von Eldila«, sagte der Hross mit gedämpfter Stimme. Ransom ging an Land. Als erwarte er irgendein, Hindernis, tat er einige zögernde Schritte, blieb ste- hen und ging dann in der gleichen Art und Weise weiter. Obwohl das flechtenähnliche Kraut am Boden un- gewöhnlich dicht und weich war und seine Füße dar- auf kein Geräusch machten, verspürte er einen Im- puls, auf den Zehenspitzen zu gehen. Alle seine Be- wegungen wurden sanft und bedächtig. Die weite Wasserfläche rings um diese Insel heizte die Luft auf, und es war wärmer als irgendwo sonst auf Malakan- dra; das Klima erinnerte ihn an einen warmen Tag im Spätherbst, wenn sich die erste Ahnung kommenden Frostes in die noch fast sommerliche Wärme mischt. Das Gefühl ehrfürchtiger Scheu verstärkte sich in ihm und hielt ihn davon ab, sich der Hügelkuppe und dem Weg mit den aufrecht stehenden Steinen im Hain der Blumenbäume zu nähern. Nachdem er den Hang ungefähr zur Hälfte erstie- gen hatte, wandte er sich nach rechts. Er sagte sich, daß er die Insel anschauen wolle, hatte aber das Ge- fühl, daß die Insel eher ihn anschaute. Dieses Gefühl wurde durch eine Entdeckung, die er nach ungefähr einer Stunde des Umhergehens machte, noch be- trächtlich verstärkt. Es bereitete ihm später große Mühe, diese Entdeckung zu beschreiben, und er pflegte sie etwas abstrakt zusammenzufassen, indem er sagte, daß die Oberfläche der Insel fast unmerkli- chen Veränderungen von Licht und Schatten unter- worfen gewesen sei, die nicht auf entsprechenden Helligkeitsschwankungen des Sonnenlichts beruhten. Wäre die Luft nicht windstill gewesen, und das den Boden bedeckende Flechtenkraut zu kurz und steif, als daß es von Luftströmungen hätte bewegt werden, können, so hätte er gesagt, es habe eine schwache Bri- se damit gespielt und Bewegungen von Licht und Schatten wie in einem Getreidefeld hervorgerufen. Wie die silbrigen Töne in der Luft, entzogen sich auch diese Erscheinungen eindeutiger Wahrnehmung. Wohin er am aufmerksamsten spähte, waren sie am wenigsten zu sehen; aber an den Rändern seines Ge- sichtsfelds wimmelten sie herum, als wäre von dort eine ganze Schar im Vordringen. Richtete er jedoch den Blick auf eine einzelne, so führte gerade das zu ihrem Verschwinden, und immer schien der winzige Lichtschimmer gerade die Stelle verlassen zu haben, auf die sein Blick fiel. Er zweifelte nicht daran, daß er die Eldila sah, und er vermutete, daß er sie nie klarer würde sehen können. Die Erkenntnis löste sonderbar zwiespältige Gefühle in ihm aus. Es war nicht eigent- lich unheimlich, nicht als ob er von Gespenstern um- ringt gewesen wäre. Er hatte nicht einmal den Ein- druck, belauert zu werden; er hatte eher das Gefühl, von Wesen angeschaut zu werden, die ein Recht dazu hatten. Was er empfand, war weniger Furcht als Ver- legenheit und Scheu, eine Bereitschaft, sich zu unter- werfen, und vor allem ein tiefes Unbehagen. Er war müde und erschöpft, und weil er glaubte, daß es warm genug sein würde, im Freien zu rasten, setzte er sich nieder. Das federnde üppige Kraut un- ter ihm, die Wärme und der süße Duft, der die ganze Insel einhüllte, erinnerten ihn an einen Garten im Sommer. Er schloß einen Moment lang die Augen, und als er sie wieder öffnete, sah er Steinhütten wei- ter unten am Hang, und jenseits von ihnen ein Boot, das über den See kam. Das war die Fähre, und diese Hütten waren die Gästehäuser neben dem Hafen; er, war um die ganze Insel gewandert. Auf diese Ent- deckung folgte eine gewisse Enttäuschung. Er begann hungrig zu werden. Vielleicht wäre es am besten, hinunterzugehen und um eine Mahlzeit zu bitten; auf jeden Fall würde darüber die Zeit hingehen. Aber dann tat er es doch nicht. Als er aufstand und die Gästehäuser genauer sah, machte er dort ein be- trächtliches Leben und Treiben von Angehörigen der einheimischen Rassen aus, und während er die Szene noch beobachtete, sah er, daß die Fähre eine volle La- dung Passagiere anlandete. Auch im See waren einige Gestalten, die sich bewegten und die er anfangs nicht identifizieren konnte, bis sie sich als Sorne erwiesen, die bis zur Mitte des Körpers im Wasser standen und offenbar vom Festland nach Meldilorn herüberge- watet kamen. Es waren etwa zehn. Aus irgendeinem Grund erlebte die Insel einen Andrang von Besu- chern. Nachdem er die Szene eine Weile beobachtet hatte, kam er zu dem Schluß, daß es nicht schaden könne, wenn er hinunterginge und sich unter die Menge mische; trotzdem zögerte er. Das Ganze erin- nerte ihn lebhaft an seine Erlebnisse als Schulneuling – neue Schüler mußten einen Tag vor Unterrichtsbe- ginn ins Internat kommen –, als er herumgelungert war, die Ankunft der älteren Schüler beobachtet und sich überflüssig gefühlt hatte. Endlich entschied er sich, nicht hinunterzugehen. Er schnitt etwas von den Bodenflechten ab, aß es und schlief ein wenig. Am Nachmittag, als es kälter wurde, setzte er sei- nen Rundgang fort. Inzwischen streiften auch andere Hnau auf der Insel umher. Er sah hauptsächlich Sor- ne, aber das lag daran, daß sie durch ihre Größe auf- fielen. Alle verhielten sich still, und man hörte kaum, ein Geräusch. Sein Widerwille, mit diesen anderen Wanderern zusammenzutreffen, die sich auf das Ufer der Insel zu beschränken schienen, trieb ihn unbe- wußt landeinwärts und weiter den Hügel hinauf. Schließlich stand er am Rand des Hains und blickte den Weg zwischen den monolithischen Steinen hin- auf. Aus Gründen, die ihm selbst nicht bewußt wa- ren, hatte er diesen Weg nicht betreten wollen, aber da er nun davorstand, begann er den Steinpfeiler zu betrachten, der ihm am nächsten war. Alle vier Seiten des Steins waren mit sorgfältig gearbeiteten Reliefs bedeckt, und als er sie gesehen hatte, führte die Neu- gierde ihn von Stein zu Stein weiter. Die Bilder waren ziemlich verwirrend. Seite an Seite mit Darstellungen von Sornen und Hrossa so- wie Wesen, in denen er Pfifltriggi vermutete, erschien immer wieder eine aufrechte, wallende Gestalt mit nur angedeutetem Gesicht und Flügeln. Die Flügel waren deutlich herausgearbeitet, und gerade das gab ihm sehr zu denken. Konnte es sein, daß die mala- kandrische Kunsttradition bis in jene geologische und biologische Frühzeit zurückreichte, in der es, wie Au- gray ihm gesagt hatte, auf der Harandra Leben gege- ben hatte, darunter auch Vogelleben? Die Steinreliefs schienen das zu bejahen. Er sah Bilder der alten roten Wälder, in denen unverkennbar Vögel flatterten, und in denen es noch viele andere Tiere gab, die er nicht kannte. Auf einem anderen Stein war eine Vielzahl dieser Geschöpfe als tot daliegend dargestellt, und eine fantastische, einem Hnakra ähnliche Gestalt, die vermutlich die Kälte symbolisierte, hing über ihnen im Himmel und schoß mit Pfeilen auf sie. Noch le- bende Tiere scharten sich um die geflügelte, wallende, Gestalt, die er für Oyarsa in der Erscheinung als ge- flügelte Flamme hielt. Auf dem nächsten Steinpfeiler erschien abermals Oyarsa, gefolgt von zahlreichen Geschöpfen, wie er mit einem zugespitzten Gegen- stand eine Art Furche in den Boden ritzte. Ein weite- res Bild zeigte, wie die Furche von Pfifltriggi mit Grabwerkzeugen erweitert wurde. Sorne schütteten die Erde zu beiden Seiten zu spitzkegeligen Haufen auf, und Hrossa schienen Wasserkanäle anzulegen. Ransom fragte sich, ob dies ein mythischer Bericht über die Erschaffung der Handramits sei, oder ob diese möglicherweise einst wirklich künstlich ange- legt worden waren. Viele Bilder blieben ihm unverständlich. Eins, das ihm besonderes Kopfzerbrechen bereitete, zeigte im unteren Teil ein Kreissegment, hinter und über dem sich eine Dreiviertelscheibe erhob, die in konzentri- sche Ringe eingeteilt war. Er glaubte, es sei eine Dar- stellung der Sonne, die hinter einem Hügel aufging; jedenfalls war das Kreissegment am unteren Rand voll malakandrischer Szenen – Oyarsa in Meldilorn, Sorne am Gebirgsrand der Harandra und viele ande- re Dinge, die ihm vertraut oder auch fremd waren. Er wandte sich der Untersuchung der Scheibe zu, die sich dahinter erhob. Es war nicht die Sonne. Die Son- ne war da, unverkennbar, im Mittelpunkt der Schei- be. Um sie waren die konzentrischen Kreise angeord- net. In der ersten und kleinsten dieser Kreisbahnen war eine kleine Kugel abgebildet, auf der eine geflü- gelte Gestalt wie Oyarsa ritt; aber sie schien etwas wie eine Trompete zu halten. Die Kugel auf der nächstgrößeren Kreisbahn trug gleichfalls eine solche Gestalt. Diese hatte statt eines Gesichts zwei Aus-, wüchse, die Ransom nach langer Betrachtung für die Euter oder Brüste eines weiblichen Säugetiers hielt. Inzwischen war er völlig überzeugt, daß er eine Dar- stellung des Sonnensystems vor sich habe. Die erste Kugel war der Merkur, die zweite die Venus. Er überlegte, welch eine außerordentliche Koinzidenz darin zu sehen war, daß die malakandrische Mytho- logie ebenso wie die irdische im Planeten Venus eine Verkörperung des weiblichen Prinzips sah. Das Pro- blem hätte ihn länger beschäftigt, wäre sein Blick nicht von einer natürlichen Neugierde auf die nächste Kugel gelenkt worden, die ein Bild der Erde zeigen mußte. Als er sie sah, schien sein ganzer Verstand ei- nen Moment lang stillzustehen. Die Kugel war da, aber wo die flammengleiche Gestalt hätte sein sollen, war eine unregelmäßige Vertiefung ausgemeißelt, wie um die Gestalt auszulöschen. Es mußte also ein- mal ... Aber seine Spekulationen versagten und ver- stummten vor einer Serie von Unbekannten. Er be- trachtete die nächste Kreisbahn. Auf ihr war keine Kugel. Statt dessen berührte der untere Rand dieser Kreisbahn das große Segment mit den malakandri- schen Szenen, so daß Malakandra an diesem Punkt das Sonnensystem berührte und perspektivisch dem Betrachter entgegenkam. Nun, da Ransom den Sinn der Darstellung begriffen hatte, war er verblüfft über die Lebhaftigkeit und die einleuchtende Art der Dar- stellung. Er trat zurück und holte tief Atem, sozusa- gen als Vorbereitung für seinen Besuch, einige der Geheimnisse aufzudecken, von denen er umgeben war. Malakandra war also der Mars. Die Erde – aber in diesem Augenblick wurde ein Hämmern oder Klopfen, das schon eine Weile angedauert hatte, ohne, ganz in sein Bewußtsein einzudringen, zu aufdring- lich, um länger ignoriert zu werden. Irgendein We- sen, und gewiß nicht ein Eldil, war in seiner Nähe am Werk. Ein wenig erschrocken – denn er war tief in Gedanken gewesen – wandte er sich um. Nichts war zu sehen. Wie ein Dummkopf rief er in englischer Sprache: »Wer ist da?« Das Klopfen hörte sofort auf, und hinter einem der benachbarten Monolithen erschien ein bemerkens- wertes Gesicht. Es war haarlos wie das eines Menschen oder eines Sorn. Es war lang und spitzmausartig, gelb und ir- gendwie kümmerlich aussehend, und seine Stirn war so niedrig, daß man es nicht für das Gesicht eines in- telligenten Wesens gehalten hätte, wäre der Hinter- kopf weniger ausgeprägt entwickelt gewesen. Im nächsten Moment kam der ganze Körper des seltsa- men Wesens mit einem auf Ransom etwas erschrek- kend wirkenden Sprung zum Vorschein. Er vermu- tete, daß es einer dieser Pfifltriggi war, und war froh, daß er bei der Landung auf Malakandra nicht zuerst einem Vertreter dieser Rasse begegnet war. Das Ge- schöpf war insektenähnlicher und reptilhafter als al- les, was er bisher gesehen hatte. Sein Rumpf glich dem eines Frosches, und zuerst dachte Ransom, es stütze sich nach Art der Frösche auf seine Hände. Dann bemerkte er aber, daß die Teile seiner Vorder- gliedmaßen, auf die das seltsame Geschöpf sich stützte, nach menschlichen Begriffen tatsächlich die Ellbogen waren. Sie waren breit und gepolstert und offensichtlich zum Gehen geeignet. Doch in einem Winkel von fünfundvierzig Grad reckten sich von ih- nen ausgehend die eigentlichen Unterarme empor –, kräftige, beweglich aussehende Unterarme, die in rie- sigen, feingegliederten, vielfingrigen Händen ende- ten. Ransom konnte sich vorstellen, daß dieses Lebe- wesen bei allen Handarbeiten vom Erzabbau bis zum Gemmenschneiden den Vorteil hatte, aus dem aufge- stützten Ellbogen seine volle Kraft einsetzen zu kön- nen. Das Insektenartige des Eindrucks beruhte vor allem auf der Schnelligkeit und Ruckartigkeit seiner Bewegungen sowie auf der Tatsache, daß der Pfifltriggi seinen Kopf wie eine Gottesanbeterin bei- nahe ganz herumdrehen konnte; und verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die trockenen, kratzen- den, raspelnden Geräusche, die seine Bewegungen begleiteten. Er hatte etwas Ähnlichkeit mit einem Grashüpfer, einem von Arthur Rackhams Zwergen, einem Frosch, und ein wenig mit einem kleinen alten Tierausstopfer, den Ransom in London kannte. »Ich komme von einer anderen Welt«, begann Ran- som. »Ich weiß, ich weiß«, erwiderte das Geschöpf mit einer schnellen, zwitschernden, ungeduldig wirken- den Stimme. »Komm her, hinter den Stein. Hier her- um, hier herum. Befehl von Oyarsa. Viel zu tun. Muß sofort anfangen. Stell dich so hin.« Ransom sah sich auf der anderen Seite des Mono- lithen, vor sich ein Steinrelief, das noch in Arbeit war. Der Boden ringsum war mit Steinsplittern übersät, und feiner Gesteinsstaub hing in der Luft. »So«, sagte das Geschöpf. »Steh still. Sieh mich nicht an. Sieh dorthin.« Momentan begriff Ransom nicht ganz, was von ihm erwartet wurde; dann, als er den Pfifltriggi stän- dig von ihm zum Steinrelief und wieder zu ihm blik-, ken sah, prüfend und konzentriert, wie es dem Künstler auf allen Welten eigen ist, verstand er und hätte beinahe aufgelacht. Er stand Modell für sein Bildnis! Von seinem Standort aus konnte er sehen, daß das Geschöpf den Stein meißelte und schnitt, als ob er Käse wäre, und die Schnelligkeit seiner Bewe- gungen verwirrte ihn. Selbst als er sich ein wenig vorbeugte, konnte er die im Entstehen begriffene Re- liefdarstellung seiner selbst nicht sehen, und so be- schränkte er sich auf die Beobachtung des seltsamen Künstlers. Er sah, daß die metallischen Geräusche von einer Anzahl kleiner Instrumente herrührten, die der Pfifltriggi an seinem Körper trug. Gelegentlich warf er ein Werkzeug, mit dem er gerade gearbeitet hatte, ungeduldig und ärgerlich zu Boden und wählte ein anderes aus seinem Sortiment; aber die meisten von denen, die er ständig benötigte, trug er im Mund. Ransom bemerkte auch, daß der Pfifltriggi wie er selbst künstlich hergestellte Kleidung trug; sie be- stand aus einem hellen, schuppigen Material, das reich verziert schien, aber staubbedeckt war. Um den Hals trug er Pelzstreifen wie einen Schal gewickelt, und eine dunkle Schutzbrille mit halbkugelförmigen Gläsern schützte seine Augen. Ringe und Ketten aus einem hellen Metall – nicht aus Gold, dachte Ransom – schmückten Gliedmaßen und Hals. Während der Arbeit flüsterte der Pfifltriggi in zischenden Lauten unaufhörlich vor sich hin, und wenn er aufgeregt war – was er meistens zu sein schien –, bewegte sich seine Nasenspitze noch stärker als die eines Kaninchens. Schließlich tat er einen weiteren plötzlichen Sprung, landete etwa zehn Schritte von seinem Werk entfernt und sagte:, »Ja, ja. Nicht so gut, wie ich gehofft hatte. Muß nächstes Mal besser werden. Aber jetzt lassen wir's. Komm und sieh selbst.« Ransom gehorchte. Er sah eine Reliefdarstellung der Planeten, die diesmal jedoch nicht so angeordnet waren, daß sie eine Übersichtskarte des Sonnensy- stems abgaben, sondern so, daß sie in einer Reihe ei- ner hinter dem anderen auf den Beschauer zukamen. Und bis auf einen trugen sie alle ihre Feuerreiter. Unten lag Malakandra, und darauf fand sich zu Ran- soms Überraschung eine leidliche Wiedergabe des Raumschiffs. Neben ihm standen drei Gestalten, für die Ransom anscheinend Modell gestanden hatte. Sie waren so abstoßend dargestellt, daß Ransom instink- tiv ein wenig zurückwich. Auch wenn man zuge- stand, daß die menschliche Gestalt einem mala- kandrischen Auge fremdartig erscheinen mußte und daß eine gewisse Stilisierung für die einheimische Kunst typisch war, hätte dieses Geschöpf, so dachte Ransom, den menschlichen Körper besser als durch diese steifen, puppenartigen Figuren wiedergeben können, die ebenso breit wie hoch waren und um Kopf und Hals pilzähnliche Wucherungen aufwiesen. Er wich aus. »Ich nehme an, daß ich mich in euren Augen so ausnehme«, sagte er. »Es ist aber nicht, wie man mich auf meiner eigenen Welt darstellen wür- de.« »Nein«, sagte der Pfifltriggi. »Es soll gar nicht allzu ähnlich sein. Zu ähnlich, und sie würden es nicht glauben – ich meine, diejenigen, die nach uns geboren werden.« Er sagte noch mancherlei, das schwierig zu verstehen war; aber während er sprach, dämmerte es Ransom, daß die abscheulichen Gestalten eine Stili-, sierung des Menschenbildes sein sollten. Danach ge- riet die Unterhaltung für eine Weile ins Stocken. Um das Thema zu wechseln, stellte Ransom eine Frage, die ihn bereits seit längerem beschäftigte. »Ich kann nicht verstehen, wie es kommt, daß ihr und die Sorne und die Hrossa alle dieselbe Sprache sprecht. Denn eure Zungen und Kehlen und Zähne müssen sehr verschieden sein.« »Du hast recht«, sagte das Geschöpf. »Einst hatten wir alle verschiedene Sprachen, und zu Hause ge- brauchen wir sie nach wie vor. Aber alle haben die Sprache der Hrossa gelernt.« »Warum?« fragte Ransom, noch befangen in den Begriffen irdischer Geschichte. »Haben die Hrossa früher über die anderen geherrscht?« »Das verstehe ich nicht. Sie sind unsere großen Redner und Sänger. Sie haben mehr Wörter und bes- sere, als wir anderen. Niemand lernt die Sprache meines Volkes, denn was wir zu sagen haben, wird in Stein und Sonnenblut und Sternenmilch ausgedrückt, und alle können es mit den Augen sehen. Niemand lernt die Sprache der Sorne, denn ihre Weisheit kann in alle Worte übertragen werden und bleibt doch die gleiche. Mit den Liedern der Hrossa ist das nicht möglich. Ihre Sprache ist über ganz Malakandra ver- breitet. Ich spreche sie mit dir, weil du ein Fremder bist. Ich würde sie auch im Gespräch mit einem Sorn verwenden. Aber zu Hause haben wir unsere alten Sprachen. Du kannst es an den Namen erkennen. Die Sorne haben groß klingende Namen wie Augray und Arkal und Belmo und Falmay. Die Hrossa haben pel- zige Namen, wie Hnoh und Hnihi und Hlithnahi.« »Dann wird die beste Dichtung in der rauhesten, Sprache geschaffen?« »Vielleicht«, sagte der Pfifltriggi. »Genau wie die besten Bildwerke aus dem härtesten Stein gemacht werden. Aber meine Leute haben Namen wie Kala- kaperi und Parakataru und Tafalakeruf. Ich heiße Kanakaberaka.« Ransom nannte ihm seinen Namen. »In unserem Land«, sagte Kanakaberaka, »ist es nicht wie hier. Wir sind nicht in eine enge Handramit eingezwängt. Bei uns gibt es die richtigen Wälder, die grünen Schatten, die tiefen Stollen. Es ist warm. Es herrscht kein blendendes Licht wie hier, und es ist nicht so still. Ich könnte dich dort in den Wäldern zu einer Stelle führen, von wo aus du zur gleichen Zeit hundert Feuer sehen und hundert Hämmer hören könntest. Ich wünschte, du wärst in unser Land ge- kommen. Wir leben nicht in Löchern wie die Sorne, noch in Schilfbündeln wie die Hrossa. Ich könnte dir Häuser mit hundert Säulen zeigen, eine aus Sonnen- blut und die nächste aus Sternenmilch und so weiter ... und auf den Wänden ist die ganze Welt in Malerei- en dargestellt.« »Wie regiert ihr euch?« fragte Ransom. »Die in den Minen graben – mögen sie das genauso gern wie die- jenigen, die Wände bemalen?« »Alle halten die Stollen in Betrieb; das ist eine Ar- beit, die kein einzelner vollbringen kann. Aber jeder gräbt für sich nach dem Stoff, den er für seine Arbeit will. Was sollte er sonst tun?« »Bei uns ist es nicht so.« »Dann müßt ihr sehr schlechte Arbeit machen. Wie könnte ein Handwerker in Sonnenblut arbeiten, wenn er nicht selbst in die Heimat des Sonnenbluts hinab-, stiege, die verschiedenen Arten zu unterscheiden lernte und tagelang ohne das Licht des Himmels da- mit lebte, bis es in seinem Blut und in seinem Herzen ist, als denke und esse er es?« »Bei uns lagert es sehr tief und ist schwierig zu er- reichen, und die danach graben, verbringen ihr gan- zes Leben damit.« »Und sie tun das gern?« »Ich glaube nicht ... ich weiß es nicht. Sie bleiben dabei, weil man ihnen keine Nahrung gibt, wenn sie aufhören.« Kanakaberaka rümpfte die Nase. »Dann gibt es auf deiner Welt nicht reichlich Nahrung?« »Ich weiß es nicht«, sagte Ransom. »Ich habe mir oft gewünscht, ich wüßte die Antwort auf diese Fra- ge, aber niemand kann sie mir geben. Hält niemand deine Leute zur Arbeit an, Kanakaberaka?« »Doch, unsere Frauen«, sagte der andere und stieß ein pfeifendes Geräusch aus, das anscheinend seine Art zu lachen darstellte. »Gelten die Frauen bei euch mehr als bei den ande- ren Hnau?« »Sehr viel mehr. Bei den Sornen gelten die Frauen am wenigsten und bei uns am meisten.«, In dieser Nacht schlief Ransom in einem der kleinen Gästehäuser, die aus massivem Stein erbaut und reich verziert waren. Seine Freude, sich in sehr menschli- chen Lebensbedingungen zu befinden, wurde von dem Unbehagen geschmälert, das er gegen seine Ver- nunft in der Gegenwart so vieler auf engem Raum zusammengedrängter malakandrischer Lebewesen empfand. Alle drei Spezies waren vertreten. Sie schienen keine Abneigung gegeneinander zu haben, obwohl es einige Reibereien von der Art gab, wie man sie auf der Erde in Eisenbahnabteilen anzutref- fen pflegt – die Sorne fanden es zu warm, die Pfifltriggi fanden es zu kalt. In dieser einen Nacht lernte er mehr über malakandrischen Humor und die Geräusche, die ihn ausdrückten, als er während sei- nes ganzen bisherigen Aufenthalts auf dem fremden Planeten gelernt hatte. Alle malakandrischen Gesprä- che, an denen er bis zu diesem Tag teilgenommen hatte, waren im Grunde ernster Natur gewesen. An- scheinend ergab sich das Erwachen des humoristi- schen Geistes vor allem aus dem Zusammentreffen der verschiedenen Arten von Hnau. Entsprechend unverständlich blieben ihm die Scherze aller drei Ar- ten. Er dachte, er könne bestimmte Unterschiede ausmachen – wie etwa, daß die Sorne selten über Iro- nie hinausgingen, während die Hrossa sich übertrie- ben und fantastisch gebärdeten und die Pfifltriggi scharfzüngig und groß in Beschimpfungen waren. Doch selbst wenn er die Worte verstand, entgingen ihm die Pointen. Er legte sich frühzeitig schlafen., Früh am Morgen, um die Zeit, wenn die Menschen auf der Erde ihre Kühe melken, wurde Ransom ge- weckt. Zuerst wußte er nicht, wer oder was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Die Kammer, in der er lag, war still, leer und fast dunkel. Er schickte sich an, wieder einzuschlafen, als eine hohe Stimme nahe bei ihm sagte: »Oyarsa sendet nach dir.« Er saß aufrecht, starrte umher. Niemand war da, aber die Stimme wiederholte: »Oyarsa sendet nach dir.« Die Benommenheit des Schlafs wich von ihm, und er begriff, daß ein Eldil im Raum sein mußte. Er verspürte keine bewußte Furcht, aber während er ge- horsam aufstand und seine Kleider anlegte, machte er die Entdeckung, daß sein Herz ziemlich schnell schlug. Er dachte weniger an das unsichtbare Ge- schöpf im Raum als an das Gespräch, das ihn erwar- tete. Seine alten Schreckensvorstellungen, irgendei- nem Ungeheuer oder Idol vorgeworfen zu werden, hatten ihn längst verlassen: Er war nervös wie wäh- rend seiner Studentenzeit am Morgen vor einem Ex- amen. Mehr als an allem in der Welt war ihm an einer Tasse guten Tees gelegen. Das Gästehaus, das er mit einer unbekannten Zahl anderer geteilt hatte, war leer. Er ging hinaus. Über dem See lag bläulicher Dunst, und hinter der zer- klüfteten Ostwand der Talschlucht schimmerte hell der Himmel; es war wenige Minuten vor Sonnenauf- gang. Die Luft war noch immer sehr kalt, das den Boden überziehende Flechtenkraut war von Tau durchnäßt, und über allem lag etwas Seltsames, das er bald mit der tiefen Stille gleichsetzte. Die Stimmen der Eldila in der Luft waren verstummt, und mit ih- nen das kaum merkliche Wechselspiel von bewegli-, chem Licht und Schatten. Ohne daß es ihm gesagt worden wäre, wußte er, daß er zur Hügelkuppe der Insel hinaufgehen mußte, in den Hain der Blumen- bäume. Als er sich ihm näherte, sah er mit einem Ge- fühl von Besorgnis und Entmutigung, daß der Weg zwischen den Steinreihen voll von malakandrischen Gestalten war. Alle verhielten sich völlig still. Sie bil- deten zwei Reihen, eine auf jeder Seite, und alle kau- erten oder saßen in der Art und Weise, wie es ihrer jeweiligen Anatomie entsprach. Ransom ging lang- sam und voller Zweifel weiter, wagte nicht stehenzu- bleiben und nahm den Spießrutenlauf durch all diese nichtmenschlichen und starrenden Blicke auf sich. Als er die Höhe erreichte, in der Mitte des Wegs, wo die größten Steinpfeiler standen, machte er halt – er konnte sich danach nie erinnern, ob die Stimme eines Eldil ihm den Befehl gegeben hatte, oder ob es seine eigene Intuition gewesen war. Er setzte sich nicht nieder, denn die Erde war zu kalt und naß, und er war nicht sicher, ob man es nicht als ungehörig be- trachten würde. Er blieb einfach stehen, bewegungs- los wie ein Mann am Pranger. Alle starrten ihn an, und es war nicht der geringste Laut zu vernehmen. Nach und nach wurde ihm klar, daß der Ort von Eldila wimmelte. Die Lichterscheinungen oder An- deutungen von Lichterscheinungen, die gestern über die Insel verstreut gewesen waren, hatten sich jetzt alle an diesem Fleck versammelt und waren stationär. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, und noch immer blieb alles still. Als er aufblickte und beob- achtete, wie das erste, blasse Sonnenlicht die Mono- lithen traf, wurde ihm bewußt, daß der Himmel über ihm von weit intensiverem Licht erfüllt war als durch, den Sonnenaufgang erklärt werden konnte, und daß es Licht von einer anderen Art war, Eldil-Licht. Sie waren in der Luft so zahlreich wie in Bodennähe, und Ransom erkannte, daß die sichtbaren Malakandrier nur den kleinsten Teil der stummen Versammlung darstellten, die ihn umgab. Wenn die Zeit kam, wür- de er seine Sache womöglich vor Tausenden oder Millionen vertreten müssen, die ihn in dichten Reihen umdrängten, in Scharen über ihm schwebten und den Beginn seines Verhörs erwarteten, Wesen, die nie ei- nen Menschen gesehen hatten, und die ein Mensch nicht sehen konnte. Er leckte seine trockenen Lippen und überlegte, ob er würde sprechen können, wenn man es von ihm verlangte. Dann kam ihm der Ge- danke, daß dies vielleicht das Verhör sei – dieses Warten und Angestarrtwerden; vielleicht verriet er ihnen schon in diesen Minuten unbewußt alles, was sie wissen wollten. Aber später – viel später – hörte er ein Geräusch von Bewegung. Jede sichtbare Gestalt im Hain hatte sich erhoben und stand mit geneigtem Kopf, und es schien noch stiller zu sein als zuvor. Ransom sah (sofern man es sehen nennen konnte), daß Oyarsa zwischen den langen Reihen der verzier- ten Steine heraufkam. Zum Teil las er es in den Ge- sichtern der Malakandrier, als ihr Herr an ihnen vor- überging; zum Teil sah er – er konnte nicht leugnen, daß er es sah – Oyarsa selbst. Er hätte niemals sagen können, wie Oyarsa aussah. Der winzigste Licht- hauch, die geringfügigste Abschwächung von Schat- ten glitt über die unebene Oberfläche des flechtenar- tigen Krauts; oder vielleicht war es eher ein Unter- schied im Aussehen des Bodens, zu geringfügig, um in der Sprache der fünf Sinne ausgedrückt zu werden,, was sich da näherbewegte. Wie eine Stille, die sich in einem Raum voller Menschen ausbreitet, wie ein kaum spürbarer kühler Hauch an einem schwülen Tag, wie eine flüchtige Erinnerung an einen längst vergessenen Klang oder Duft, wie alles, was am leise- sten und kleinsten und am schwierigsten zu erfassen ist, ging Oyarsa zwischen seinen Untertanen hin- durch, kam näher und hielt inne, keine zehn Schritte von Ransom entfernt im Mittelpunkt von Meldilorn. Ransom fühlte ein Prickeln seiner Haut und seiner Fingerspitzen, als ob starke Elektrizität in seiner Nähe wäre; und sein Herz und sein Körper schienen wie aus Wasser. Oyarsa sprach – eine weniger menschliche Stimme hatte Ransom nie gehört, lieblich und scheinbar schwach, dabei unerschütterlich; eine Stimme ›ohne Blut darin‹, wie einer der Hrossa später zu Ransom sagte. »Licht ist sein Blut.« »Was fürchtest du so, Ransom von Thulkandra?« fragte Oyarsa. »Dich, Oyarsa, weil du mir unähnlich bist und ich dich nicht sehen kann.« »Das sind keine triftigen Gründe«, sagte die Stim- me. »Du bist auch anders als ich, und obwohl ich dich sehe, sehe ich dich sehr schwach. Aber denke nicht, wir wären völlig unähnlich. Wir sind beide Abbilder von Maleldil. Diese sind nicht die wirklichen Grün- de.« Ransom antwortete nicht. »Deine Furcht vor mir begann schon, ehe du den Fuß auf meine Welt setztest. Und seitdem hast du all deine Zeit auf der Flucht vor mir verbracht. Meine Diener sahen deine Furcht, als du noch in eurem Schiff im Himmel warst. Sie sahen, daß Gefährten, deiner eigenen Art dich schlecht behandelten, ob- gleich sie deren Sprache nicht verstehen konnten. Um dich aus den Händen dieser beiden zu befreien, schickte ich einen Hnakra; ich wollte sehen, ob du aus eigenem Entschluß zu mir kommen würdest. Aber du verbargst dich unter den Hrossa, und obwohl sie dich aufforderten, zu mir zu kommen, wolltest du es nicht tun. Danach schickte ich meinen Eldil aus, dich zu holen; doch noch immer wolltest du nicht kommen. Und am Ende jagten deine Artgenossen dich zu mir, und es wurde das Blut eines Hnau vergossen.« »Ich verstehe nicht, Oyarsa. Willst du damit sagen, du hättest mich von Thulkandra holen lassen?« »Ja. Sagten die anderen beiden deiner Art dir das nicht? Und warum kamst du mit ihnen, wenn nicht in der Absicht, meinem Ruf zu folgen? Meine Diener konnten nicht verstehen, was zwischen euch gespro- chen wurde, als euer Schiff im Himmel war.« »Deine Diener ... Ich ... ich verstehe nicht«, sagte Ransom. »Frag unbesorgt«, sagte die Stimme. »Hast du Diener draußen in den Himmeln?« »Wo sonst? Alles ist Himmel.« »Aber du, Oyarsa, bist hier auf Malakandra, so wie ich.« »Aber Malakandra schwebt im Himmel, wie alle Welten. Und ich bin nicht so ›hier‹, wie du es bist, Ransom von Thulkandra. Geschöpfe deiner Art müs- sen aus dem Himmel auf eine Welt herunter; für uns sind die Welten Orte im Himmel. Doch versuch nicht, das jetzt zu begreifen. Es ist genug, zu wissen, daß ich und meine Diener selbst jetzt im Himmel sind; sie waren in dem Raumschiff nicht minder um dich, als, sie hier um dich sind.« »Dann wußtest du von unserer Reise, bevor wir Thulkandra verließen?« »Nein. Thulkandra ist die Welt, die wir nicht ken- nen. Sie allein ist außerhalb des Himmels, und keine Botschaft kommt von ihr.« Ransom sagte nichts, aber Oyarsa beantwortete seine unausgesprochenen Fragen. »Es war nicht immer so. Einst kannten wir den Oyarsa deiner Welt – er war heller und größer als ich –, und damals nannten wir sie nicht Thulkandra. Es ist die längste aller Geschichten, und die bitterste. Er wurde verbogen. Das war, bevor auf deiner Welt jeg- liches Leben entstand. Jene Zeiten waren die verbo- genen Jahre, von denen wir in den Himmeln noch immer sprechen, als er noch nicht an Thulkandra ge- bunden, sondern frei war wie wir. Er war entschlos- sen, außer der seinen auch andere Welten zu verder- ben. Er traf euren Mond mit der linken Hand, und mit seiner rechten brachte er vor ihrer Zeit den kalten Tod über meine Harandra; hätte Maleldil nicht durch meinen Arm die Handramits geöffnet und die heißen Quellen sprudeln lassen, meine Welt wäre entvölkert worden. Wir ließen ihn nicht lange so sein Unwesen treiben. Es gab einen großen Krieg und wir trieben ihn aus den Himmeln zurück und fesselten ihn an den Luftraum seiner eigenen Welt, wie Maleldil es uns lehrte. Dort muß er bis zu dieser Stunde gefangen sein, und wir wissen nichts mehr von diesem Plane- ten: er schweigt. Wir glauben nicht, daß Maleldil ihn völlig dem Verbogenen überlassen würde, und es gibt Geschichten unter uns, nach denen Er fremden Rat eingeholt und im Ringen mit dem Verbogenen, auf Thulkandra Schreckliches gewagt habe. Aber von diesen Dingen wissen wir weniger als du; es ist eine Sache, über die wir Näheres wissen möchten.« Es dauerte einige Zeit, bevor Ransom wieder das Wort ergriff, und Oyarsa achtete sein Schweigen. Als er sich gesammelt hatte, sagte Ransom: »Nach dieser Geschichte, Oyarsa, muß ich dir sa- gen, daß unsere Welt sehr verbogen ist. Die zwei, die mich brachten, wußten nichts von dir, sondern nur, daß die Sorne nach einem wie mir verlangt hatten. Ich denke, sie hielten dich für einen falschen Eldil. In den wilden Teilen unserer Welt gibt es falsche Eldila; Menschen töten andere Menschen vor ihnen, weil sie glauben, der Eldil trinke Blut. Meine zwei Reisege- fährten glaubten, die Sorne wollten mich zu diesem oder einem anderen bösen Zweck. Sie brachten mich mit Gewalt in ihr Raumschiff und hierher. Ich war in schrecklicher Angst. Die Märchenerzähler unserer Welt machen uns glauben, daß, wenn es irgendein Leben jenseits unserer eigenen Welt gebe, es böse sein müsse.« »Ich verstehe«, sagte die Stimme. »Und dies erklärt manches, das mich verwundert hat. Sobald euer Raumschiff die Lufthülle Thulkandras hinter sich gelassen hatte und in den Himmel eingedrungen war, sagten meine Diener mir, daß du nur widerwillig mitgekommen zu sein schienst, und die beiden ande- ren hätten Geheimnisse vor dir. Ich hätte nicht ge- glaubt, irgendein Wesen könne so verbogen sein, daß es ein anderes von seiner eigenen Art gewaltsam hierher bringen würde.« »Sie wußten nicht, wozu du mich wolltest, Oyarsa. Auch ich weiß es noch nicht.«, »Ich werde es dir sagen. Vor zwei Jahren – und das sind ungefähr vier von euren Jahren – drang dieses Schiff von eurer Welt in den Himmel ein. Wir ver- folgten seine Reise, so lange sie währte, und Eldila begleiteten es, als es über die Harandra flog, und als es schließlich in der Handramit zur Ruhe kam, hatte sich mehr als die Hälfte meiner Diener dort versam- melt, um die Fremdlinge herauskommen zu sehen. Wir hielten alle Tiere von der Stelle fern, und kein Hnau wußte davon. Als die Fremden auf Malakandra umhergewandert waren und sich eine Hütte gebaut hatten, und ihre Furcht vor einer neuen Welt gewi- chen sein mußte, sandte ich einige Sorne aus, daß sie sich zeigten und die Fremden unsere Sprache lehrten. Ich wählte Sorne, weil ihre Gestalt am ehesten der eu- ren gleicht. Die Thulkandrier fürchteten die Sorne und zeigten sich unbelehrbar. Die Sorne ließen sich nicht entmutigen und gingen viele Male zu ihnen und lehrten sie ein wenig. Sie meldeten mir, daß die Thul- kandrier Sonnenblut an sich nahmen, wo immer sie es in den Wasserläufen finden konnten. Als ich mir aus den Berichten kein Bild von ihnen machen konn- te, sagte ich den Sornen, sie sollten sie zu mir bringen, nicht mit Gewalt, sondern mit Höflichkeit. Sie wollten nicht kommen. Ich bat um einen von ihnen, aber nicht einmal einer von ihnen wollte kommen. Es wäre leicht gewesen, sie zu fangen; aber obwohl wir sahen, daß sie dumm waren, wußten wir noch nicht, wie verbogen sie waren, und ich wünsche meine Autori- tät nicht über die Geschöpfe meiner eigenen Welt hinaus auszudehnen. Ich riet den Sornen, sie wie Junge zu behandeln, ihnen zu sagen, daß ihnen nicht erlaubt sein würde, mehr von dem Sonnenblut aufzu-, sammeln, bis einer von ihrer Rasse zu mir gekommen wäre. Als ihnen dies gesagt wurde, stopften sie soviel sie konnten in das Raumschiff und kehrten zu ihrer eigenen Welt zurück. Wir wunderten uns darüber, doch nun ist es offenbar. Sie dachten, ich wollte einen von eurer Rasse essen, und so kehrten sie heim, einen zu holen. Wären sie einige Meilen gegangen, um mich zu sehen, so würde ich sie in Ehren empfangen haben; nun haben sie für nichts zweimal eine Reise von Millionen von Meilen unternommen und werden nichtsdestoweniger vor mir erscheinen. Und auch du, Ransom von Thulkandra, hast viele vergebliche Mü- hen auf dich genommen, um nicht dort zu stehen, wo du jetzt stehst.« »Das ist wahr, Oyarsa. Verbogene Geschöpfe sind voller Furcht. Aber ich bin jetzt hier und bereit, zu er- fahren, was dein Wille ist.« »Ich wollte zwei Fragen über deine Rasse stellen. Erstens muß ich wissen, warum du gekommen bist – das bin ich meiner Welt schuldig. Und zweitens möchte ich über Thulkandra hören, und über die selt- samen Kriege, die Maleldil dort gegen den Verboge- nen führt; denn das ist, wie ich sagte, eine wichtige Sache, über die wir Näheres wissen möchten.« »Was die erste Frage betrifft, Oyarsa, so bin ich ge- kommen, weil man mich brachte. Von den beiden anderen ist der eine nur auf Sonnenblut aus, weil er es auf unserer Welt gegen viele Vergnügungen und große Macht eintauschen kann. Aber der andere führt Böses gegen dich im Schilde. Ich glaube, er würde dein ganzes Volk vernichten, um Raum für unser Volk zu schaffen; und dann würde er das gleiche mit anderen Welten tun. Ich vermute, er will unserer, Rasse ewigen Bestand sichern, und er hofft, sie werde von einer Welt zur nächsten springen ... immer zu ei- ner neuen Sonne gehen, wenn eine alte erlischt ... Das oder Ähnliches.« »Ist sein Gehirn verwundet?« »Ich weiß nicht. Vielleicht beschreibe ich seine Ge- danken nicht richtig. Er ist gelehrter als ich.« »Glaubt er, er könne zu den großen Welten gehen? Glaubt er, Maleldil wolle, daß eine Rasse ewig lebe?« »Er weiß nicht, daß es einen Maleldil gibt. Gewiß aber ist, daß er Böses gegen deine Welt plant, Oyarsa. Es darf unserer Art nicht erlaubt werden, nochmals hierher zu kommen. Wenn du das nur verhindern kannst, indem du uns alle drei tötest, so bin ich es zu- frieden.« »Gehörtet ihr meinem eigenen Volk an, so würde ich sie jetzt töten, Ransom, und dich bald danach; denn sie sind hoffnungslos verbogen, und du, wenn du ein wenig tapferer geworden bist, wirst bereit sein, zu Maleldil zu gehen. Aber meine Macht er- streckt sich nur über meine eigene Welt. Es ist schrecklich, eines anderen Hnau zu töten. Es wird nicht notwendig sein.« »Sie sind stark, Oyarsa. Sie können den Tod viele Meilen weit schleudern. Sie können tödliche Luft auf ihre Feinde blasen.« »Der geringste meiner Diener könnte ihr Schiff be- rühren, bevor es Malakandra erreichte und es zu ei- nem Körper von verschiedenen Bewegungen machen – du würdest sagen, zu einem nicht mehr existieren- den Körper. Sei versichert, daß niemand von deiner Rasse wieder auf meine Welt kommen wird, es sei denn, ich riefe ihn. Doch genug davon. Nun erzähle, mir von Thulkandra. Sage mir alles. Wir wissen nichts seit dem Tag, da der Verbogene aus dem Himmel in die Luft eurer Welt stürzte, verwundet im Licht sei- nes Lichts. Aber warum fürchtest du dich wieder?« »Ich fürchte mich vor der Länge der Zeit, Oyarsa ... oder vielleicht verstehe ich nicht. Sagtest du nicht, dies sei geschehen, bevor es Leben auf Thulkandra gab?« »Ja.« »Und du, Oyarsa? Du hast gelebt ... Und jenes Bild auf dem Stein, da die Kälte alles auf der Harandra tötet? Ist das eine Darstellung von etwas, das ge- schah, bevor meine Welt begann?« »Ich sehe, daß du doch ein Hnau bist«, sagte die Stimme. »Kein Stein, der damals der Luft ausgesetzt war, würde noch heute ein Stein sein. Das Bild ver- witterte und wurde kopiert, und das geschah öfter, als Eldila über uns in der Luft sind. Aber es wurde immer richtig kopiert. Darum siehst du ein Bild, das vollendet wurde, als deine Welt erst halb fertig war. Aber denke nicht an diese Dinge. Mein Volk hat ein Gesetz, zu euch anderen niemals über Größen oder Zahlen zu sprechen, nicht einmal zu Sornen. Ihr ver- steht sie nicht, und es würde euch verleiten, Nichtig- keiten zu verehren und an dem vorüberzugehen, was wahrhaft groß ist. Erzähl mit lieber, was Maleldil auf Thulkandra vollbracht hat.« »Nach unserer Überlieferung ...«, begann Ransom, als eine unerwartete Störung in die feierliche Stille der Versammlung einbrach. Eine große Gruppe, bei- nahe eine Prozession, näherte sich dem Hain aus der Richtung der Fähre. Soweit Ransom sehen konnte be- stand sie ausschließlich aus Hrossa, und sie schienen etwas zu tragen., Als die Prozession herankam, sah Ransom, daß die vordersten Hrossa drei lange und schmale Lasten trugen. Sie trugen sie auf ihren Köpfen, je vier Hrossa eine. Diesen Trägern folgte eine Anzahl anderer, die mit Wurfspeeren bewaffnet waren und anscheinend zwei Wesen bewachten, die er nicht erkannte. Das Licht war hinter ihnen und blendete Ransom, als sie das untere Ende des steingesäumten Wegs erreichten. Sie waren viel kleiner als alle intelligenten Lebens- formen Malakandras, und er sah, daß es sich um Zweifüßler handelte, obgleich ihre unteren Gliedma- ßen so dick und wurstförmig waren, daß er zögerte, sie Beine zu nennen. Die Körper waren oben ein we- nig schmaler als unten, so daß sie leicht birnenförmig wirkten, und die Köpfe waren weder rund wie die der Hrossa noch lang wie die der Sorne, sondern fast viereckig. Sie stapften auf schmalen, aber klumpig aussehenden Füßen daher, die bei jedem Schritt mit unnötiger Heftigkeit auf den Boden stießen. Und nun wurden ihre Gesichter als Massen von klumpigem und faltigem Fleisch von verschiedenartiger Färbung sichtbar, umrahmt von einem borstigen, dunklen Stoff ... Auf einmal wurde er sich mit einem schwer zu beschreibenden Gefühlsumschwung bewußt, daß er Menschen vor sich hatte. Die zwei Gefangenen wa- ren Weston und Devine, und für die Dauer eines be- gnadeten Augenblicks hatte er die menschliche Ge- stalt mit malakandrischen Augen gesehen. Die Spitze der Prozession war nun bis auf wenige Schritte an Oyarsa herangekommen, und die Träger, legten ihre Lasten ab. Ransom sah jetzt, daß diese La- sten drei tote Hrossa auf Bahren aus einem ihm un- bekannten Metall waren; sie lagen auf dem Rücken, und ihre gebrochenen Augen, nicht geschlossen, wie Menschen es bei ihren Toten tun, starrten in einer be- unruhigenden Art und Weise zu dem fernen, gold- gelben Blütengewölbe des Hains hinauf. Einer von ihnen schien Hyoi zu sein, und der jetzt vortrat und nach einer Verneigung vor Oyarsa zu sprechen be- gann, war unzweifelhaft Hyois Bruder Hyahi. Ransom hörte zuerst nicht, was er sagte, denn seine Aufmerksamkeit war auf Weston und Devine kon- zentriert. Sie waren waffenlos und wurden von den bewaffneten Hrossa, die sie umstanden, scharf be- wacht. Beide hatten, wie auch Ransom, seit ihrer Landung auf Malakandra, die Bärte wachsen lassen, und beide waren bleich und schmutzig von der Reise. Weston stand mit verschränkten Armen, einen star- ren Ausdruck gekünstelt wirkender Resignation im Gesicht. Devine, die Hände in den Hosentaschen, schien in einem Zustand wütender Erbitterung zu sein. Beide erkannten offensichtlich, daß ihre Lage ge- fährlich war, aber keiner von ihnen ließ es an Mut fehlen. Umringt von ihren Bewachern und von dem Geschehen vor ihnen in Anspruch genommen, hatten sie Ransom noch nicht bemerkt. Jetzt hörte er, was Hyois Bruder sagte. »Den Tod dieser beiden, Oyarsa, beklage ich nicht so sehr, denn als wir die Hmana bei Nacht überfielen, gerieten sie in großen Schrecken und wehrten sich verzweifelt. Man könnte sagen, es sei eine Jagd gewe- sen, und diese zwei wurden getötet wie von einem Hnakra. Aber meinen Bruder Hyoi erschlugen sie aus, der Ferne mit der Waffe eines Feiglings, und er hatte nichts getan, sie zu erschrecken. Und nun liegt er hier, und ich sage es nicht, weil er mein Bruder war, sondern weil die ganze Handramit es weiß, und er war ein Hnakrapunt und ein großer Dichter, und sein Verlust wiegt schwer.« Oyarsas Stimme sprach zum erstenmal zu den bei- den Menschen. »Warum habt ihr meinen Hnau getö- tet?« fragte sie. Weston und Devine blickten beunruhigt umher, um den Sprecher auszumachen. »Gott!« rief Devine in englischer Sprache aus. »Sag bloß, sie haben hier einen Lautsprecher.« »Bauchrednerei«, erwiderte Weston in heiserem Flüsterton. »Kommt unter Wilden häufig vor. Der Zauberer oder Medizinmann gibt vor, in eine Trance zu verfallen, und dann macht er es. Jetzt kommt es darauf an, rauszukriegen, wer der Medizinmann ist. Wenn wir das wissen, sprechen wir immer nur zu ihm, egal, woher die Stimme kommt; das nimmt ihm den Nerv und zeigt, daß wir ihn durchschaut haben. Siehst du einen der Wilden in Trance? Da – Teufel noch mal! Ich hab' ihn schon.« Man mußte es Weston lassen, er war ein guter Be- obachter: Mit sicherem Blick hatte er den einzigen Teilnehmer der Versammlung herausgefunden, der nicht in einer Haltung von Ehrerbietung und Auf- merksamkeit dastand. Dieser Teilnehmer war ein äl- terer Hross, unweit von Ransom. Er kauerte am Bo- den, und seine Augen waren geschlossen. Weston tat einen Schritt auf diesen Hross zu, nahm eine trotzige Haltung an und rief mit lauter Stimme (seine Kennt- nisse der Sprache waren elementar):, »Warum ihr unsere Krach-bumm wegnehmen? Wir sehr böse auf euch. Wir nicht Angst.« In Westons eigener Einschätzung hätte sein Auf- treten starken Eindruck machen sollen. Leider aber teilte sonst niemand seine Theorie über das Beneh- men des älteren Hross. Dieser – den alle gut kannten, Ransom eingeschlossen – war nicht mit der Trauer- prozession gekommen. Er hatte schon seit Tagesan- bruch dort gesessen. Zweifellos lag es nicht in seiner Absicht, Oyarsa zu beleidigen; doch muß eingeräumt werden, daß er schon in einem viel früheren Stadium des Geschehens einer Schwäche nachgegeben hatte, die ältere Hnau aller Spezies heimzusuchen pflegt, und sich nun eines tiefen und erfrischenden Schlum- mers erfreute. Eines seiner langen Schnurrbarthaare zuckte ein wenig, als Weston ihm ins Gesicht schrie, aber die Augen blieben geschlossen. »Warum sprichst du zu ihm?« sagte Oyarsas Stimme. »Ich bin es, der euch fragt. Warum habt ihr meinen Hnau getötet?« »Du uns lassen gehen, dann wir reden!« donnerte Weston den schlafenden Hross an. »Du denken, wir keine Macht, ihr tun alles, was wollen. Aber ihr nicht können. Großer dicker Häuptling im Himmel uns schicken. Ihr nicht tun, was wir sagen, er kommen und schießen euch alle tot – Puff! Bumm!« »Ich weiß nicht, was ›Bumm‹ bedeutet«, flüsterte Devine seinem Gefährten zu. »Ich hab's dir schon mal gesagt«, antwortete Wes- ton, auch in englischer Sprache. »Du kannst nicht mit Eingeborenen umgehen. Ein Zeichen von Schwäche, und sie springen uns alle an die Gurgel. Es gibt nur eins: Man muß sie einschüchtern.«, »Von mir aus!« grollte Devine. »Dann mach, was du willst.« Er begann offenbar den Glauben an seinen Partner zu verlieren. Weston räusperte sich und fing mit einer neuen Runde gegen den alten Hross an. »Wir ihn töten«, brüllte er. »Zeigen, was wir kön- nen. Alle, die nicht tun, was wir sagen – puff! Peng! Bumm! – Wir sie töten wie den da. Aber ihr tun alles, was wir sagen, wir euch geben viel schöne Sachen. Da! Da!« Zu Ransoms äußerstem Unbehagen zog Weston mit diesen Worten eine billige bunte Glas- perlenkette aus der Tasche, unzweifelhaft Ware aus einem Woolworth-Kaufhaus, ließ sie vor den Gesich- tern seiner Bewacher hin und her baumeln und drehte sich dazu langsam im Kreis, wobei er ständig wiederholte: »Schön, schön! Sehen, sehen!« Das Ergebnis seines Tuns war verblüffender als selbst Weston vorausgesehen hatte. Ein Durcheinan- der von Geräuschen, wie menschliche Ohren es nie zuvor vernommen hatten – das dumpfe Bellen der Hrossa, das Quieken der Pfifltriggi, das Dröhnen der Sorne –, brach los und zerriß die Stille dieses erhabe- nen Ortes, widerhallte sogar von den fernen Berg- wänden. Selbst in der Luft über ihnen schien das fei- ne Geläut der Eldila-Stimmen hörbar zu werden. Man mußte es Weston hoch anrechnen, daß er zwar er- bleichte, aber nicht die Nerven verlor. »Ihr mich nicht anschreien!« donnerte er. »Nicht versuchen mich Angst machen. Mich keine Angst vor euch!« »Du mußt meinem Volk vergeben«, sagte Oyarsas Stimme, und selbst sie hatte nun einen subtil verän- derten Klang. »Diese Leute schreien dich nicht an. Sie, lachen nur.« Aber Weston kannte das malakandrische Wort für ›lachen‹ nicht; es war ein Wort, mit dem er in keiner Sprache viel anzufangen wußte. Verdutzt blickte er um sich. Ransom nagte beschämt auf der Unterlippe und war nahe daran, zu beten, daß ein Versuch mit den Glasperlen den Wissenschaftler zufriedenstellen möge. Aber er kannte Weston nicht. Dieser sah, daß der Aufruhr sich gelegt hatte. Er folgte den überlie- ferten und bewährten Regeln zur Einschüchterung und nachfolgenden Versöhnung primitiver Völker, und er war nicht der Mann, der sich von einem oder zwei Fehlschlägen entmutigen ließ. Das Gebrüll, das aus den Kehlen sämtlicher Zuschauer aufstieg, als er sich wiederum gleich einem in Zeitlupe aufgenom- menen Brummkreisel zu drehen begann, wobei er mit seiner Linken gelegentlich die schweißnasse Stirn wischte und mit der rechten Hand ruckartig die Per- lenkette schwenkte, löschte alles aus, was er mögli- cherweise sagen wollte; aber Ransom sah seine Lip- pen in Bewegung und zweifelte kaum daran, daß er fortwährend sein »Schön, schön!« wiederholte. Dann verdoppelte sich die Lautstärke der allgemeinen Heiterkeit. Irgendeine nebelhafte Erinnerung an An- strengungen, die er vor langer Zeit einmal zur Unter- haltung einer kleinen Nichte unternommen hatte, war in seinen hochspezialisierten Verstand eingedrungen. Er hüpfte in der Hocke auf und ab, den Kopf auf die Seite gelegt; es war, als tanze er, und dabei geriet er immer mehr in Schweiß. Ransom glaubte ihn »Di- deldum, dideldum, dideldei« trällern zu hören. Schiere Erschöpfung machte der Darbietung des großen Physikers schließlich ein Ende – der weitaus, erfolgreichsten Vorstellung dieser Art, die je auf Ma- lakandra stattgefunden hatte –, und mit ihr endete das geräuschvolle Entzücken seiner Zuschauer. Als Stille einkehrte, hörte Ransom Devine auf englisch sagen: »Um Himmels willen, Weston, hör endlich auf, den Clown zu spielen. Merkst du denn nicht, daß es nicht wirkt?« »Es scheint tatsächlich nicht zu wirken«, gab Wes- ton zu. »Und ich neige zu der Annahme, daß ihre In- telligenz noch geringer ist, als wir vermutet hatten. Meinst du vielleicht, daß ich es noch mal versuchen sollte – oder willst du es diesmal probieren?« »Ach, zum Teufel!« sagte Devine, kehrte seinem Partner verdrießlich den Rücken zu, setzte sich un- vermittelt auf den Boden, zog sein Zigarettenetui und begann zu rauchen. »Ich werde sie dem Medizinmann geben«, sagte Weston während der momentanen Stille, die Devines Tun bei den verdutzten Zuschauern ausgelöst hatte; und bevor jemand ihn daran hindern konnte, trat er vor und versuchte die Glasperlenkette um den Hals des älteren Hross zu legen. Der Kopf des Hross war für dieses Vorhaben jedoch zu groß, und die Kette ruhte wie eine Art Krone auf seiner Stirn, etwas über ein Auge gerutscht. Der Hross bewegte seinen Kopf ein wenig, wie ein von Fliegen belästigter Hund, und schlief weiter. Oyarsas Stimme wandte sich jetzt an Ransom. »Sind die Gehirne deiner Mitgeschöpfe verletzt, Ran- som von Thulkandra?« sagte sie. »Oder fürchten sie sich zu sehr, um meine Fragen zu beantworten?« »Ich denke, Oyarsa«, sagte Ransom, »sie können, sich nicht vorstellen, daß du hier bist. Und sie glau- ben, daß alle diese Hnau wie ... wie ganz kleine Kin- der seien. Der dickere Hman versucht sie einzu- schüchtern und dann mit Geschenken zu erfreuen.« Beim Klang von Ransoms Stimme fuhren die bei- den Gefangenen herum. Weston wollte etwas sagen, doch Ransom unterbrach ihn hastig: »Hören Sie, Weston. Es ist kein Trick. Dort in der Mitte – da, wo Sie eine Art Lichtschein oder was se- hen können, wenn Sie sich anstrengen, ist wirklich ein Lebewesen. Und es ist mindestens so intelligent wie ein Mensch – diese Wesen scheinen eine unvor- stellbare Lebensdauer zu haben. Hören Sie auf, es wie ein Kind zu behandeln, und beantworten Sie seine Fragen. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, sagen Sie die Wahrheit und plustern Sie sich nicht auf.« »Das Viehzeug scheint jedenfalls intelligent genug zu sein, um Sie einzuwickeln«, grollte Weston. Aber als er sich erneut an den schlafenden Hross wandte, geschah es in einem etwas milderen Ton. Der Wunsch, den vermeintlichen Medizinmann zu wek- ken, schien in ihm zur Besessenheit geworden zu sein. »Wir traurig, wir ihn töten«, sagte er und zeigte zu Hyoi. »Wir nicht gehen töten. Sorne uns sagen, brin- gen Mann. Sorne ihn geben eurem großen Häuptling. Wir gehen zurück in Himmel. Er kommen mit uns (hier zeigte er auf Ransom). Er ganz verbogener Mann, er weglaufen, nicht tun, was Sorne sagen. Wir hinterherlaufen, wollen fangen für Sorne, wollen richtig machen und tun, wie wir sagen und Sorne uns sagen, richtig? Er uns nicht lassen. Laufen weg, im-, mer laufen, laufen. Wir hinterher, sehen großen Schwarzen, denken er uns töten, wir ihn töten – paff, peng! Alles für verbogenen Mann. Er nicht weglau- fen, er gut sein, wir nicht nachlaufen, nicht töten gro- ßen Schwarzen, richtig? Ihr jetzt haben verbogenen Mann, er machen allen Ärger. Ihr ihn festhalten, uns lassen gehen. Er Angst vor euch, wir keine Angst. Du hören ...« In diesem Moment hatte Westons ständiges Kläffen endlich den Erfolg, um den er so lange gerungen hatte. Der alte Hross schlug die Augen auf, starrte ihn in verdutzter Betroffenheit an und blickte hilfesu- chend in die Runde. Dann ging ihm allmählich auf, daß er sich einer Unschicklichkeit schuldig gemacht hatte, und er erhob sich zögernd, verneigte sich ehr- erbietig vor Oyarsa und watschelte schließlich davon, die Glasperlenkette noch immer über dem rechten Ohr und Auge. Westons Mund klappte auf, während er der da- vontrottenden Gestalt mit den Blicken folgte, bis sie zwischen den Pflanzen des Hains verschwunden war. Oyarsa brach das Schweigen. »Genug der Heiter- keit«, sagte er. »Es ist Zeit, wahre Antworten auf un- sere Fragen zu hören. Etwas stimmt nicht in deinem Kopf, Hnau von Thulkandra. Es ist zuviel Blut darin. Ist Firikitekila hier?« »Hier, Oyarsa«, sagte ein Pfifltriggi. »Habt ihr in euren Zisternen Wasser, das abgekühlt worden ist?« »Ja, Oyarsa.« »Dann laß diesen dicken Hnau zum Gästehaus bringen, wo sein Kopf in kaltem Wasser gebadet werden soll. Nehmt viel Wasser und tut es viele Male., Dann bringt ihn wieder. Inzwischen werde ich mich meiner getöteten Hrossa annehmen.« Weston verstand nicht deutlich, was die Stimme sagte – er war zu sehr beschäftigt, herauszufinden, woher sie kam –, aber als er sich von den starken Ar- men der Hrossa gepackt und fortgeschleppt sah, er- griff ihn nacktes Entsetzen. Ransom hätte ihm gern ein paar beruhigende Worte nachgerufen, aber Wes- ton selbst brüllte zu laut, um ihn zu hören. Er warf jetzt Englisch und Malakandrisch durcheinander, und das letzte, was Ransom von ihm hörte, war ein schrilles Geschrei: »Dafür zahlen – bumm! Krach! Ransom, um Himmels willen –! Ransom! Ransom!« »Und nun«, sagte Oyarsa, als die Stille wiederher- gestellt war, »laßt uns meine toten Hnau ehren.« Auf seine Worte hin scharten sich zehn von den Hrossa um die Bahren. Dann hoben sie die Köpfe und begannen, ohne daß ein sichtbares Signal gegeben worden wäre, mit einem Gesang. In der Bekanntschaft mit einer neuen Kunst kommt für jeden ein Zeitpunkt, da das bisher sinnlos Er- scheinende einen Zipfel des Vorhangs lüftet, der sein Geheimnis verbirgt, und zur atemlosen Freude – der ein späteres und umfassenderes Verständnis kaum jemals gleichkommen kann – einen Blick auf die grenzenlosen Möglichkeiten gewährt, die darin ent- halten sind. Für Ransom war dieser Zeitpunkt jetzt mit dem Verstehen des malakandrischen Gesangs ge- kommen. Zum erstenmal erkannte er, daß diese Rhythmen einem anderen Blut entsprangen, einem Herzen, das schneller schlug, und einer heftigeren in- neren Glut. Durch sein Wissen um die Geschöpfe und seine Zuneigung zu ihnen begann er ein wenig mit, ihren Ohren zu hören. Schon bei den ersten Takten des tiefen, kehligen Trauergesangs war ihm, als sehe er gewaltige Massen, die sich in visionären Räumen bewegten, tanzende Riesen, ewigen Trost für uner- meßliches Leid, als wisse er, was er nie gewußt und von jeher gewußt hatte, und sein Geist verneigte sich, als ob sich vor ihm das Himmelstor geöffnet hätte. »Laßt ihn ziehen dahin«, sangen sie. »Laßt ihn zie- hen dahin, zerfallen und nicht mehr Körper sein. Laßt ihn sinken, gebt ihn frei, laßt ihn sinken sanft, wie ein Stein sich löst aus den Fingern und sinkt hinab in den stillen Teich. Unten ist keine Trennung, keine Schichten hat das nachgiebige Wasser; ganz eins und unverwundbar ist dieses Element. Schickt ihn fort, er kehrt nicht wieder. Laßt ihn sinken, daß der Hnau sich daraus erhebe. Dies ist das zweite Leben, der an- dere Anfang. Tue dich auf, o farbige Welt ohne Ge- wicht, ohne Ufer. Du bist die zweite, du bist die bes- sere; dies war die erste, sie ist schwach. Einst war Hitze im Innern der Welten und brachte Leben her- vor, doch nur die blassen Pflanzen, die dunklen. Wir sehen ihre Kinder, wenn sie heute wachsen, ohne Sonnenlicht an traurigen Stätten. Danach ließ der Himmel andere Arten gedeihen, die hohen Kletterer, die lichthaarigen Wälder, die Blumenhänge. Erst wa- ren die dunkleren, dann die helleren; erst war die Weltenbrut, dann war die Sonnenbrut.« Soviel blieb in ihm haften, und er konnte es später übersetzen. Als der Gesang geendet hatte, sagte Oyarsa: »Laßt uns die Bewegung, die ihr Leib war, in die Win- de verstreuen. So wird Maleldil einst alle Welten ver- streuen, wenn die erste, die schwache, verbraucht ist.«, Er gab einem der Pfifltriggi ein Zeichen. Dieser er- hob sich und trat zu den Leichen. Die Hrossa, die jetzt wieder sangen, aber sehr leise, zogen sich wenigstens zehn Schritte zurück. Der Pfifltriggi berührte die drei Toten nacheinander mit einem kleinen Gegenstand, der aus Glas oder Kristall zu sein schien, dann sprang er mit einem seiner froschartigen Sätze davon. Ran- som schloß die Augen, um sie vor einem blendenden Licht zu schützen, und für einen Sekundenbruchteil fühlte er etwas wie einen Windstoß im Gesicht. Dann war alles wieder ruhig, und die drei Bahren waren leer. »Mann! Den Trick müßte man auf der Erde ken- nen«, sagte Devine zu Ransom. »Die Mörder hätten mit den Leichen keine Scherereien mehr, eh?« Aber Ransom, der an Hyoi dachte, antwortete ihm nicht; und bevor er wieder sprach, wurde jedermanns Aufmerksamkeit von der Rückkehr des unglückli- chen Weston zwischen seinen Bewachern abgelenkt., Der Hross an der Spitze des Trupps war eine gewis- senhafte Person und begann sofort mit sorgenerfüll- ter Stimme zu berichten. »Ich hoffe, wir haben recht gehandelt, Oyarsa«, sagte er. »Aber wir wissen es nicht. Wir tauchten sei- nen Kopf siebenmal in das kalte Wasser, und beim siebten Mal fiel etwas davon ab. Wir dachten, es sei der obere Teil seines Kopfes, aber dann sahen wir, daß es eine Bedeckung aus der Haut irgendeines Tiers war. Darauf sagten einige, wir hätten mit dem siebenmaligen Untertauchen deinem Willen genüge getan, und andere meinten, das sei nicht der Fall. Schließlich tauchten wir ihn weitere sieben Male un- ter. Wir hoffen es war richtig so. In den Pausen zwi- schen dem Untertauchen redete der Hman viel und laut, besonders während der zweiten sieben Male, aber wir konnten ihn nicht verstehen.« »Ihr habt recht gehandelt, Hnoo«, sagte Oyarsa. »Tretet zur Seite, damit ich ihn sehen kann, denn nun werde ich zu ihm sprechen.« Die Bewacher gehorchten und stellten sich zu bei- den Seiten auf. Westons sonst blasses Gesicht hatte unter der erfrischenden Einwirkung des kalten Was- sers die Farbe einer reifen Tomate angenommen, und sein seit der Landung auf Malakandra nicht ge- schnittenes Haar klebte ihm in nassen Strähnen am Kopf. Noch immer tropfte Wasser von Nase und Oh- ren. Seine Miene – unglücklicherweise ohne Wirkung auf ein Publikum, das von menschlichem Mienen- spiel nichts verstand – war die eines tapferen Man-, nes, der für eine große Sache leidet und eher begierig als abgeneigt ist, dem Schlimmsten ins Auge zu se- hen. Vielleicht erklärte sich dieses Verhalten daraus, daß er an diesem Morgen bereits alle Schrecken eines erwarteten Märtyrertums und dann die Ernüchterung von vierzehn unfreiwilligen kalten Duschen erlitten hatte. Devine, der seinen Gefährten kannte, rief ihm in englischer Sprache zu: »Ruhig, Weston. Diese Teufel können das Atom spalten oder so was Ähnliches. Nimm dich in acht, was du zu ihnen sagst, und verschone uns mit dei- nem verdammten Blödsinn.« »Hah!« sagte Weston. »Also bist du auch zu den Eingeborenen übergegangen?« »Schweig«, sagte Oyarsas Stimme. »Du, Dicker, hast mir nichts von dir gesagt, also werde ich es dir jetzt sagen. Auf deiner Welt hast du große Weisheit in bezug auf Körper erlangt, und so ist es dir geglückt, ein Schiff zu bauen, das den Himmel durchqueren kann; aber in allen anderen Dingen hast du das Hirn eines Tiers. Als du das erste Mal kamst, schickte ich nach euch und wollte euch nichts als Ehre erweisen. Aber die Dunkelheit eures Geistes erfüllte euch mit Furcht. Weil ihr dachtet, ich wollte euch Böses, han- deltet ihr wie Bestien, die andere Tiere überfallen, und fingt diesen Ransom. Ihn wolltet ihr dem Übel preisgeben, das ihr fürchtetet. Nun, da ihr ihn hier seht, hättet ihr ihn mir ein zweites Mal gegeben, weil ihr noch immer denkt, ich wolle euch Hmana Scha- den zufügen. So geht ihr mit euren eigenen Artgenos- sen um. Und ich weiß, was ihr gegen mein Volk plant. Schon habt ihr einige der Meinen getötet. Und ihr seid gekommen, sie alle zu töten. Euch bedeutet es, nichts, ob ein Lebewesen Hnau ist oder nicht. Zuerst meinte ich, dies sei so, weil ihr euch nur darum kümmert, ob ein Lebewesen den gleichen Körper wie ihr hat. Aber Ransom hat das, und ihr würdet ihn dennoch mit derselben Bedenkenlosigkeit töten wie jeden meiner Hnau. Ich wußte nicht, daß der Verbo- gene in eurer Welt soviel bewirkt hat, und ich verste- he es immer noch nicht. Wäret ihr mein, so würde ich euch auf der Stelle entkörpern. Denkt euch keine Narrheiten aus; durch meine Hand tut Maleldil Grö- ßeres als dies, und ich kann euch noch an den Gren- zen der Lufthülle eurer eigenen Welt zunichte ma- chen. Aber dazu bin ich noch nicht entschlossen. Jetzt ist es an dir, zu sprechen. Laß mich sehen, ob es außer Furcht, Gier und Tod noch etwas anderes in dir gibt.« Weston wandte sich zu Ransom. »Ich sehe«, sagte er, »daß Sie die entscheidende Krise in der Geschichte der menschlichen Rasse zum Anlaß genommen ha- ben, sie zu verraten.« Dann blickte er in die Richtung, aus der die Stimme kam. »Mich wissen, ihr uns töten«, sagte er. »Mich keine Angst. Andere kommen, machen alles hier unsere Welt ...« Aber Devine war aufgesprungen und unterbrach ihn. »Nein, nein, Oyarsa«, rief er. »Du nicht anhören ihn. Er dummer Mensch, er haben Träume. Wir klei- ne Leute, nur wollen Sonnenblut. Ihr geben uns viel Sonnenblut, wir zurückgehen in Himmel, und ihr niemals uns mehr sehen. Alles fertig, richtig?« »Schweig«, sagte Oyarsa. Das Licht, aus dem die Stimme kam, veränderte sich fast unmerklich, und Devine krümmte sich und fiel zu Boden. Als er sich, aufrappelte und wieder sitzen konnte, war er kreide- bleich im Gesicht und keuchte. »Sprich weiter«, sagte Oyarsa zu Weston. »Mich ... nein, nein«, begann Weston auf mala- kandrisch, dann brach er ab. »Ich kann in Ihrer ver- wünschten Sprache nicht ausdrücken, was ich sagen will«, sagte er auf englisch. »Sprich zu Ransom, und er wird es in unsere Spra- che umwandeln«, erwiderte Oyarsa. Weston ging sofort auf den Vorschlag ein. Er glaubte, die Stunde seines Todes sei gekommen, und er war entschlossen, vorher noch zu sagen, was er zu sagen hatte: Es war fast das einzige, was ihn außer seiner Wissenschaft bewegte. Er räusperte sich, setzte zu einer ausholenden Gebärde an und begann: »Ihr mögt einen gemeinen Räuber in mir sehen, aber ich trage das Geschick der menschlichen Rasse auf meinen Schultern. Euer Stammesleben mit seinen Steinzeitwaffen und Bienenkorbhütten, seinen primi- tiven Booten aus Weidengeflecht und Häuten und seiner unentwickelten Sozialstruktur ist nichts im Vergleich mit unserer Zivilisation – unserer Wissen- schaft und Medizin, unserem Rechtswesen, unseren Armeen, unserer Architektur, unserem Handel, unse- rer Industrie und unserem Transportsystem, das im Begriff ist, Raum und Zeit zu überwinden. Unser Recht, euch zu verdrängen und an eure Stelle zu tre- ten, ist das natürliche Vorrecht der höheren gegen- über der niedrigeren Lebensform. Das Leben ...« »Augenblick«, sagte Ransom auf englisch. »Mehr kann ich auf einmal nicht schaffen.« Darauf wandte er sich Oyarsa zu und begann zu dolmetschen, so gut er konnte. Es war ein schwieriges Unterfangen, und, das Ergebnis – das er als ziemlich unbefriedigend empfand – nahm sich etwa folgendermaßen aus: »Unter uns, Oyarsa, gibt es eine Art von Hnau, die den anderen Hnau Nahrung und Dinge wegnehmen, wenn jene nicht achtgeben. Er sagt, er sei kein ge- wöhnlicher von dieser Art. Er sagt, was er jetzt tue, werde das Leben der noch Ungeborenen unserer Rasse verändern. Er sagt, die Hrossa hätten Speere gleich denen, die wir vor langer Zeit benutzten, und eure Hütten seien klein und rund und eure Boote schwach und leicht wie unsere alten. Er sagt, bei uns sei es anders. Er sagt, wir wüßten viel. Bei uns ge- schehe etwas, wenn der Körper eines Lebewesens Schmerzen verspüre und schwach werde, und oft wüßten wir ihn zu heilen. Er sagt, bei uns gebe es viele verbogene Leute, die wir töten oder in Hütten einsperren, und daß es besondere Leute gebe, die Streitigkeiten zwischen den verbogenen Hnau über ihre Hütten und Frauen und Sachen schlichten. Er sagt, bei uns besäßen die Hnau eines Landes viele Möglichkeiten, die Hnau eines anderen Landes zu töten, und viele würden eigens ausgebildet, um es zu tun. Er sagt, wir bauten sehr große und starke Hütten aus Stein und andere Dinge – wie die Pfifltriggi, aber in gewaltigen Mengen und für alle Zwecke. Und er sagt, wir tauschten viele Dinge untereinander und hätten Mittel, um schwere Lasten sehr schnell über weite Entfernungen zu tragen. Wegen all dieser Din- ge, sagt er, würde es nicht der Akt eines verbogenen Hnau sein, wenn unser Volk euer ganzes Volk tötete. Wegen dieser Dinge seien wir besser als euer Volk und hätten das natürliche Recht, es zu töten.« Sobald Ransom geendet hatte, fuhr Weston fort., »Das Leben ist größer als alle Sittengesetze; seine Forderungen sind absolut und dulden keine Ein- schränkung. Nicht durch Stammestabus und Grund- sätze aus Lehrbüchern hat es seine unaufhaltsame Aufwärtsentwicklung von der Amöbe zum Menschen und vom Menschen zur Zivilisation genommen.« »Er sagt«, begann Ransom, »daß lebende Wesen stärker seien als die Frage, ob eine Handlung verbo- gen oder gut ist – nein, das ist vielleicht nicht ganz richtig ... Er sagt, es sei besser, lebendig und verbogen als tot zu sein – nein, er sagt ... er sagt – Oyarsa, ich kann in eurer Sprache nicht sagen, was er sagt. Aber er meint, das einzig Gute sei, daß es viele lebendige Wesen gebe. Er sagt, es habe vor den ersten Hmana viele andere Tiere gegeben, und die späteren seien immer besser gewesen als die früheren. Aber er sagt, die Tiere und die Hnau würden nicht deshalb gebo- ren und lebten nicht dafür, daß die Eltern ihnen über verbogene und gute Taten erzählen. Gesunde Lebe- wesen empfänden kein Mitleid.« »Es ...«, begann Weston. »Verzeihung«, unterbrach Ransom. »Ich habe ver- gessen, wer oder was Es ist.« »Das Leben, natürlich«, knurrte Weston bissig. »Es hat rücksichtslos alle Hindernisse durchbrochen und alle Fehlschläge liquidiert, und heute drängt es in sei- ner höchsten Form – dem zivilisierten Menschen – und in mir als seinem Vertreter vorwärts zum Sprung über interplanetarische Distanzen, der es vielleicht für immer aus der Reichweite des Todes bringen wird.« »Er sagt«, resümierte Ransom, »die Tiere der alten Zeiten hätten gelernt, vieles Schwierige zu vollbrin-, gen, bis auf diejenigen, die es nicht konnten; und die- se Tiere starben, und die anderen bemitleideten sie nicht. Und er sagt, die beste Art von Lebewesen sei jetzt der Hman, der die großen Hütten baut und die schweren Lasten trägt und all das andere macht, von dem ich dir erzählte; und er sei einer von diesen, und wenn die anderen alle wüßten, was er tue, sagt er, würden sie erfreut sein. Er sagt, wenn er euch alle töten und unsere Leute nach Malakandra bringen könne, damit sie hier wohnen, dann würden sie viel- leicht noch auf Malakandra leben, nachdem mit unse- rer Welt etwas schiefgegangen sein würde. Und dann, wenn mit Malakandra etwas schiefginge, könnten sie weiterziehen und alle Hnau auf einer an- deren Welt töten. Und dann auf der nächsten – und so würden sie niemals aussterben.« »Um der Rechte, oder, wenn Sie so wollen, der Macht des Lebens willen bin ich bereit, auf mala- kandrischem Boden die Flagge der Menschheit zu hissen«, sagte Weston. »Vorwärtszuschreiten, Schritt für Schritt, und wenn nötig, die niederen Lebensfor- men auszulöschen, auf die wir stoßen; einen Planeten nach dem anderen zu besetzen, Sonnensystem auf Sonnensystem, bis unsere Nachfahren – welche selt- same Gestalt und noch ungeahnte Mentalität sie auch angenommen haben mögen – überall im Weltall sie- deln, wo immer das Weltall bewohnbar ist.« »Er sagt«, dolmetschte Ransom, »daß es aus diesen Gründen keine verbogene Handlung sein würde ... oder vielmehr: er sagt, es würde eine mögliche Handlung für ihn sein, euch alle zu töten und Hmana hier anzusiedeln. Er sagt wieder, daß die Hmana vielleicht imstande sein würden, von einer Welt zur, nächsten zu ziehen, und wohin immer sie kämen, sie würden, wenn nötig, alle töten. Er spricht jetzt von Welten, die andere Sonnen umkreisen. Er will, daß unsere Kindeskinder und ihre Kinder auf möglichst vielen Welten leben, auch wenn er jetzt noch nicht weiß, welche Art von Geschöpfen sie sein werden.« »Ich mag fallen«, sagte Weston. »Aber solange ich lebe, werde ich, mit einem solchen Schlüssel in der Hand, nicht zulassen, daß die Tore zur Zukunft mei- ner Rasse verschlossen bleiben. Was in dieser Zu- kunft jenseits unseres Horizonts liegt, übersteigt un- ser Vorstellungsvermögen: Mir genügt es, daß es ein ›Darüber hinaus‹ gibt.« »Er sagt«, übersetzte Ransom, »er werde nicht auf- hören, das alles zu versuchen, sofern ihr ihn nicht tö- tet. Und er sagt, obwohl er nicht wissen könne, was die Zeit aus den späteren Hmana machen werde, wünsche er sehr, daß es so geschehe.« Weston, der seine Erklärung abgegeben hatte, sah sich gewohnheitsmäßig nach einem Stuhl um, auf den er sich setzen könne. Auf Erden pflegte er sich auf einen Stuhl niederzulassen, wenn der Applaus begann. Da er keinen Stuhl fand und nicht zu den Menschen gehörte, die sich wie Devine einfach auf den Boden setzen, verschränkte er die Arme und blickte mit einer gewissen Würde in die Runde. »Es ist gut, daß ich dich gehört habe«, sagte Oyar- sa. »Denn obgleich dein Geist schwächer ist als ich erwartet habe, ist dein Wille weniger verbogen als ich dachte. Du würdest das alles nicht für dich selbst tun.« »Nein«, sagte Weston stolz auf malakandrisch. »Mich sterben. Hmana leben.«, »Doch du weißt, daß diese späteren Hmana ganz anders als du sein müßten, bevor sie auf anderen Welten leben könnten.« »Ja, ja. Alles neu. Niemand weiß noch. Seltsam! Groß!« »Dann ist es nicht die Gestalt des Körpers, an der dir gelegen ist?« »Nein. Mich ganz gleich, wie sie geformt.« »Dann sollte man meinen, du legtest Wert auf den Geist, die Gabe des Verstands. Aber das kann nicht sein, oder alle Hnau wären dir wichtig, wo immer du ihnen begegnetest.« »Mich nicht kümmern Hnau. Mich kümmern Hmana.« »Aber wenn es weder der Geist des Hman ist, den alle Hnau gemeinsam besitzen – und ist Maleldil nicht der Schöpfer von ihnen allen? –, noch sein Kör- per, der sich wandeln wird – wenn dich keins von beiden kümmert, was verstehst du dann unter Hman?« Das mußte Weston verdolmetscht werden. Als er verstand, erwiderte er: »Mich kümmern Hmana – kümmern unsere Rasse, was Hman zeugen ...« Er mußte bei Ransom die Wörter für ›Rasse‹ und ›zeugen‹ erfragen. »Seltsam!« sagte Oyarsa. »Du liebst keinen von deiner Rasse – du hättest mich Ransom töten lassen. Du liebst weder den Geist deiner Rasse noch ihren Körper. Jede Art von Geschöpf würde dich erfreuen, wenn es nur von deiner Art, wie sie jetzt ist, gezeugt wäre. Mir scheint, Dicker, du liebst im Grunde nicht das vollendete Geschöpf, sondern nur den Samen: denn das ist alles, was übrigbleibt.«, »Sagen Sie ihm«, stieß Weston wütend hervor, als ihm das verständlich gemacht worden war, »daß ich nicht vorgebe, ein Metaphysiker zu sein. Ich bin nicht hergekommen, um logische Haarspalterei zu betrei- ben. Wenn er etwas so Grundlegendes wie die Loya- lität eines Menschen zur Menschheit nicht verstehen kann – wie Sie es anscheinend auch nicht verstehen –, dann vermag ich es ihm nicht begreiflich zu machen.« Aber Ransom war nicht imstande, diese Antwort zu übersetzen, und Oyarsas Stimme fuhr fort: »Ich sehe jetzt, wie der Herr des schweigenden Sterns dich verbogen hat. Es gibt Gebote, die alle Hnau kennen, wie Mitleid und Redlichkeit und Scham und dergleichen, und eins davon ist die Liebe zur eigenen Art. Er hat euch gelehrt, alle Gebote bis auf dieses eine zu brechen, das nicht zu den höchsten Geboten gehört; und dieses eine hat er verbogen, bis es zur Torheit wurde, und so eurem Hirn einge- pflanzt, daß es wie ein kleiner blinder Oyarsa in euch sei. Und nun könnt ihr nichts tun als ihm gehorchen, obwohl ihr, wenn wir euch fragen, warum es ein Ge- bot ist, keinen anderen Grund dafür wißt als für alle die wichtigeren Gebote, denen ungehorsam zu sein es euch treibt. Weißt du, warum er das getan hat?« »Mich nicht glauben solche Person – mich weiser, neuer Hman. Nicht glauben dummes altes Ge- schwätz.« »Ich werde es dir sagen. Er hat euch dieses eine Gebot gelassen, weil ein verbogener Hnau mehr Un- heil anrichten kann als ein gebrochener. Dich hat er nur verbogen; aber diesen Dünnen, der auf dem Bo- den sitzt, hat er gebrochen, denn er hat ihm nichts gelassen als Gier. Er ist jetzt nur noch ein sprechendes, Tier, und auf meiner Welt könnte er nicht mehr Un- heil anrichten als ein Tier. Wäre er mein, so würde ich ihn entkörpern, denn der Hnau in ihm ist bereits tot. Aber wenn du mein wärst, würde ich ersuchen, dich zu heilen. Sage mir, Dicker, warum bist du herge- kommen?« »Mich dir sagen. Machen Hmana leben alle Zeit.« »Aber sind eure weisen Männer so unwissend, daß sie nicht erkennen, um wieviel älter als eure Welt Malakandra ist, und um wieviel näher dem Tod? Der größte Teil von Malakandra ist bereits tot. Mein Volk lebt nur noch in den Handramits; Wärme und Wasser nehmen mehr und mehr ab. Bald, sehr bald werde ich meine Welt enden lassen und mein Volk Maleldil zu- rückgeben.« »Mich wissen all das. Jetzt bloß erster Versuch. Bald gehen auf andere Welt.« »Aber wißt ihr nicht, daß alle Welten sterben wer- den?« »Hmana abspringen von jeder, bevor Welt sterben – wieder, wieder, richtig?« »Und wenn alle tot sind?« Weston sagte nichts. Nach einer Weile fuhr Oyarsa fort: »Fragst du nicht, warum mein Volk, dessen Welt alt ist, nicht schon längst zu eurer Welt gekommen ist und sie genommen hat?« »Hoho!« sagte Weston. »Ihr nicht wissen, wie.« »Du irrst«, sagte Oyarsa. »Vor vielen tausend mal tausend Jahren, als auf eurer Welt noch nichts lebte, kam der kalte Tod über meine Harandra. Damals war ich in tiefem Kummer, nicht so sehr wegen des Todes meiner Hnau – denn Maleldil gewährt ihnen kein, langes Leben – als wegen der Ideen, die der Herr eu- rer Welt, der noch nicht gebunden war, ihrem Geist einpflanzte. Er hätte sie so gemacht, wie ihr jetzt seid – weise genug, um den Tod der eigenen Art heranna- hen zu sehen, aber nicht weise genug, ihn zu ertra- gen. Nicht lange, und verbogene Ratgeber und An- wälte wären unter ihnen aufgestanden. Durch mich gebot Maleldil ihnen Einhalt. Sie waren sehr wohl imstande, Himmelsschiffe zu bauen. Einige heilte ich, einige entkörperte ich ...« »Und was nun kommen dabei heraus?« unterbrach Weston ihn. »Ihr jetzt sehr wenig, eingeschlossen in Handramit. Bald alle sterben.« »Ja«, sagte Oyarsa, »aber etwas ließen wir hinter uns auf der Harandra zurück: die Furcht. Und mit der Furcht Mord und Aufruhr. Nicht einmal die schwäch- sten meines Volkes fürchten den Tod. Der Verbogene ist es, der Herr eurer Welt, der euer Leben verwüstet und besudelt, der euch die Weisheit nimmt und Furcht einflößt, so daß ihr vor dem zu fliehen sucht, was euch schließlich unausweichlich einholen wird. Würdet ihr Maleldil folgen, so hättet ihr Frieden.« Weston wand sich in der hilflosen Erbitterung zwi- schen dem Drang zu sprechen und seiner Unkenntnis der Sprache. »Unsinn! Defaitistischer Unsinn!« schrie er auf englisch; dann richtete er sich zu voller Größe auf, nahm die Schultern zurück und fügte auf mala- kandrisch hinzu: »Du sagen, euer Maleldil lassen alle gehen tot. Anderer, Verbogener, er kämpfen, sprin- gen, leben – nicht bloß bla-bla-bla. Mich nicht küm- mern Maleldil, mögen Verbogenen lieber; mich sein Freund!«, »Aber siehst du nicht, daß er niemals ...«, begann Oyarsa und brach ab, wie um sich zu sammeln. »Ich muß von Ransom mehr über eure Welt erfahren, und dafür brauche ich bis heute abend Zeit. Ich werde euch nicht töten, nicht einmal den Dünnen, denn ihr seid nicht von meiner Welt. Morgen werdet ihr euer Schiff besteigen und nach Thulkandra zurückkeh- ren.« Devine wurde plötzlich lebendig. Sein Gesicht ver- zerrte sich, und er begann hastig auf Weston einzure- den. »Um Himmels willen, Weston, klär ihn doch auf! Wir sind seit Monaten hier – die Erde steht jetzt nicht in Opposition. Sag ihm, es ist nicht möglich. Sag ihm, dann kann er uns ebensogut gleich umbringen.« »Wie lang wird eure Reise nach Thulkandra dau- ern?« fragte Oyarsa. Weston erklärte durch Ransom, daß die Reise bei der gegenwärtigen Position der beiden Planeten fast unmöglich sei. Die Entfernung habe sich um viele Millionen Kilometer vergrößert. Der Winkel ihrer Bahn zu den Sonnenstrahlen werde völlig von dem abweichen, mit dem er gerechnet habe. Selbst wenn sie durch einen glücklichen Zufall in der Wahr- scheinlichkeit von eins zu hundert die Erde erreichen könnten, sei es so gut wie sicher, daß ihr Sauerstoff- vorrat lange vor der Ankunft erschöpft sein werde. »Sagen Sie ihm, er soll uns lieber jetzt töten«, fügte er hinzu. »Alles das ist mir bekannt«, sagte Oyarsa. »Aber wenn ihr auf meiner Welt bleibt, muß ich euch töten: Geschöpfe wie euch werde ich auf Malakandra nicht dulden. Ich weiß, daß die Aussichten, eure Welt zu, erreichen, gering sind; aber geringe Aussichten sind nicht dasselbe wie keine Aussichten. Entscheidet euch bis morgen mittag, was ihr wollt. Vorerst aber sagt mir eins: Wenn ihr eure Heimat erreichen könnt, welches ist die längste Zeit, die ihr dazu benötigt?« Nach längerem Rechnen und Überlegen erwiderte Weston mit unsicherer Stimme, daß sie, wenn sie es nicht innerhalb von neunzig Tagen schafften, es nie- mals schaffen und überdies ersticken würden. »Neunzig Tage sollt ihr haben«, sagte Oyarsa. »Meine Sorne und Pfifltriggi werden euch Luft geben (auch wir haben diese Kunst) und eure Nahrungsvor- räte ergänzen, daß sie für neunzig Tage reichen. Aber sie werden mit eurem Schiff noch etwas machen. So- bald es Thulkandra erreicht hat, soll es nicht wieder in den Himmel aufsteigen. Du, Dicker, warst nicht hier, als ich meine toten Hrossa entkörperte, die du getötet hattest: Der Dünne wird es dir sagen. Ich kann dies, wie Maleldil es mich gelehrt hat, über Raum und Zeit hinweg tun. Bevor dein Himmelsschiff auf- steigt, werden meine Sorne es so behandeln, daß es am neunzigsten Tag entkörpert wird. Es wird dann, was ihr nichts nennt. Wenn dieser neunzigste Tag es noch im Himmel antrifft, wird euer Tod deswegen nicht bitterer sein; aber verweilt nicht in eurem Schiff, sobald ihr auf Thulkandra gelandet seid. Führt diese zwei jetzt fort, und ihr, meine Kinder, mögt gehen, wohin ihr wollt. Aber ich muß mit Ransom spre- chen.«, Den ganzen Nachmittag über blieb Ransom mit Oyarsa allein und beantwortete seine Fragen. Ich bin nicht berechtigt, dieses Gespräch aufzuzeichnen, ich darf nur sagen, daß die Stimme mit den Worten schloß: »Du hast mir mehr Wunder gezeigt als im ganzen Himmel bekannt sind.« Danach besprachen sie Ransoms Zukunft. Es wur- de ihm freigestellt, auf Malakandra zu bleiben oder die verzweifelte Reise zur Erde zu wagen. Die Ent- scheidung fiel ihm sehr schwer, doch entschloß er sich zuletzt, Westons und Devines Los zu teilen. »Liebe zur eigenen Art«, sagte er, »ist nicht das höchste der Gebote, aber du, Oyarsa, hast gesagt, daß es ein Gebot ist. Wenn ich nicht auf Thulkandra leben kann, ist es besser für mich, gar nicht zu leben.« »Du hast richtig gewählt«, sagte Oyarsa. »Und ich will dir zweierlei sagen. Meine Leute werden alle Waffen aus dem Schiff entfernen, aber eine werden sie dir geben. Und die Eldila der Himmelstiefen wer- den um dein Schiff und häufig auch darin sein, bis es die Lufthülle Thulkandras erreicht. Sie werden nicht zulassen, daß die anderen beiden dich töten.« Es war Ransom vorher nicht in den Sinn gekom- men, daß seine Ermordung eine der ersten Maßnah- men zur Einsparung von Nahrung und Sauerstoff sein mochte, die Weston und Devine einfallen würde. Er war bestürzt über seine naive Ahnungslosigkeit und dankte Oyarsa für seinen Schutz. Dann entließ der große Eldil ihn mit den Worten: »Du bist keiner Schlechtigkeit schuldig, Ransom, von Thulkandra, doch bist du ein wenig furchtsam. Die Reise, die du antrittst, wird dich vielleicht davon heilen: denn ehe sie endet, mußt du entweder wahn- sinnig oder tapfer geworden sein. Aber ich werde dir auch einen Befehl auferlegen: Du mußt auf Thulkan- dra diesen Weston und diesen Devine beobachten, solltet ihr jemals dort eintreffen. Noch immer können sie auf eurer Welt und außerhalb von ihr viel Unheil anrichten. Seit ich deinen Bericht hörte, beginne ich zu sehen, daß es Eldila gibt, die in eure Luft hinab- schweben, bis in die Hochburg des Verbogenen; eure Welt ist nicht so fest verschlossen, wie in diesen Tei- len des Himmels angenommen wurde. Behalte diese zwei Verbogenen im Auge. Sei mutig. Bekämpfe sie. Und wenn du Hilfe brauchst, so werden die Meinen dir helfen. Maleldil wird sie zu dir führen. Es mag sogar sein, daß du und ich einander wiederbegegnen, solange du noch in deiner leiblichen Gestalt bist; denn es war in Maleldils Weisheit beschlossen, daß wir uns jetzt begegneten und ich soviel über deine Welt lernte. Mir scheint, daß dies der Beginn von mehr Kommen und Gehen zwischen den Himmeln und Welten und zwischen den Welten untereinander ist – wenn auch nicht in dem Sinne, wie der Dicke es erhoffte. Ich darf dir dies sagen: Das Jahr, darin wir uns befinden – aber himmlische Jahre sind nicht wie eure –, ist seit langem als ein Jahr der Unruhen und Wandlungen prophezeit, und es mag sein, daß die Belagerung Thulkandras sich ihrem Ende nähert. Große Dinge bahnen sich an. Wenn Maleldil es mir nicht verwehrt, bleibe ich nicht abseits. Und nun, le- bewohl.« Durch dichtgedrängte Mengen aller malakandri-, schen Arten gingen die drei Menschen am nächsten Tag an Bord des Schiffs, um ihre furchtbare Reise an- zutreten. Eine Nacht voller Berechnungen, die schwierig und kompliziert genug waren, um jeden Mathematiker auf eine harte Probe zu stellen, selbst wenn sein Leben nicht von ihnen abhing, hatte Wes- ton erschöpft und sich in seine bleichen, eingefallenen Züge eingegraben. Devine war laut, unbeherrscht und ein wenig hysterisch. Seine Ansichten über Ma- lakandra hatten sich über Nacht durch die Entdek- kung, daß die ›Eingeborenen‹ ein alkoholisches Ge- tränk kannten, erheblich geändert, und er hatte sogar versucht, ihnen das Rauchen beizubringen. Nur die Pfifltriggi hatten sich etwas daraus gemacht. Jetzt suchte er Trost für seine heftigen Kopfschmerzen und die Aussicht auf einen langsamen Tod, indem er an Weston herumstichelte. Keiner der beiden Partner war erfreut über die Entdeckung, daß alle Waffen aus dem Raumschiff verschwunden waren, im übrigen aber entsprach alles ihren Wünschen. Etwa eine Stunde nach Mittag ließ Ransom einen letzten langen Blick über die blauen Wasser, die purpurnen Wälder und die fernen grünlichen Wände der Handramit schweifen und folgte den beiden anderen durch das Mannloch. Bevor es geschlossen wurde, ermahnte Weston sie, sich völlig ruhig zu verhalten, da sie mit der Atemluft sparsam umgehen müßten. Während der ganzen Reise müsse jede unnötige Bewegung vermieden werden; selbst das Sprechen sei nur in wichtigen, sachlich gerechtfertigten Fällen erlaubt. »Ich selbst werde nur in akuten Notsituationen sprechen«, sagte er. »Gott sei Dank, das ist wenigstens etwas«, war De-, vines letzter Stich. Dann verschraubten sie die Luke. Ransom ging sofort zur unteren Hälfte der Kugel und in die Kammer, die jetzt fast ganz auf dem Kopf stand. Dort legte er sich auf den transparenten Strei- fen, der im Verlauf der Reise zum Oberlicht würde. Zu seiner Überraschung entdeckte er, daß sie bereits Hunderte von Metern hoch waren. Die Handramit war eine breite, von purpurgrauem Dunst erfüllte Kluft, tief eingeschnitten in die leicht gewellte Fläche der rosaroten Harandra. Sie waren unweit einer Kreuzung von zwei Handramits. Eine von ihnen war zweifellos die, in der er gelebt hatte, die andere mußte diejenige sein, in der Meldilorn lag. Die Ein- senkung, die sich wie eine flache Rinne durch die vorspringende Ecke der Harandra zog und die er auf Augrays Schultern durchwandert hatte, war aus der Höhe fast unsichtbar und nur zu ahnen. Mit jeder Minute kamen mehr Handramits in Sicht – lange, fast gerade Linien, manche parallel, manche rechtwinklig oder diagonal zu den anderen. Die Landschaft wurde zunehmend geometrisch. Das Ödland zwischen den Linien erschien nun, aus rasch wachsender Entfernung, völlig eben und von den versteinerten Wäldern rosig getönt; aber im Norden und Osten erschienen nun die großen Sandwüsten, von denen die Sorne ihm erzählt hatten, als grenzen- lose Flächen von Ocker und Gelb. Im Westen begann sich eine riesige Verfärbung zu zeigen. Es war ein un- regelmäßiger grünlichblauer Flecken, der aussah, als sei er in die Ebene der umgebenden Harandra einge- sunken. Ransom hielt ihn für das bewaldete Tiefland der Pfifltriggi – oder eins ihrer waldigen Tiefländer, denn nun erschienen ähnliche Flecken in allen Rich-, tungen, einige von ihnen als klumpenförmige Ver- dichtungen an den Kreuzungen von Handramits, manche von enormen Ausdehnungen. Es wurde ihm eindringlich bewußt, wie flüchtig und geringfügig seine Kenntnisse von Malakandra waren. Es war, als ob ein Sorn sechzig Millionen Kilometer zur Erde ge- reist wäre und seinen Aufenthalt dort zwischen Worthing und Brighton verbracht hätte. Er überlegte, daß er von seiner erstaunlichen Reise, wenn er sie überlebte, nur sehr wenig vorzuweisen haben würde: ein paar Brocken der Landessprache, die Erinnerung an einige Landschaften, einige halbverstandene phy- sikalische Phänomene – aber wo waren die statisti- schen Zahlen, die Geschichte, der große Überblick über die außerirdischen Verhältnisse und Lebensbe- dingungen, die man von einer solchen Reise mitbrin- gen sollte? Diese Handramits, zum Beispiel. Aus der Höhe gesehen, die das Raumschiff jetzt erreicht hatte, machten sie in ihrer unverkennbaren Geometrie sei- nen ursprünglichen Eindruck, es handle sich um na- türliche Grabenbrüche, zuschanden. Sie waren gi- gantische Ingenieurleistungen, über die er nichts er- fahren hatte. Und wenn auf Wahrheit beruhte, was man ihm gesagt hatte, dann waren diese Werke ent- standen, bevor die Menschheitsgeschichte begonnen hatte, ja bevor die Entwicklungsgeschichte der Tier- welt begonnen hatte. Oder war das nur Mythologie? Er wußte, daß es wie Mythologie erscheinen würde, wenn er auf die Erde zurückgekehrt wäre, aber die Gegenwart Oyarsas war eine noch zu frische Erinne- rung, um ihm ernstliche Zweifel zu gestatten. Es kam ihm sogar der Gedanke, daß der Unterschied zwi- schen Geschichte und Mythologie außerhalb der Erde, bedeutungslos sein konnte. Der Gedanke verwirrte ihn, und er wandte sich wieder der Landschaft zu, die tief unter ihm lag und mit jeder Minute weniger wie eine Landschaft und eher wie ein Diagramm aussah. Inzwischen drängte sich im Osten eine größere und dunklere Verfärbung als die zuvor beobachteten in den rötlichen Ocker der malakandrischen Welt: ein seltsam geformter Flecken mit langen Armen oder Hörnern, die ihm zu beiden Seiten entragten und wie die Rundung einer Sichel eine Art Bucht umschlossen. Er wuchs und wuchs. Die breiten dunklen Arme schienen sich auszubreiten und den ganzen Planeten zu umfassen. Plötzlich sah Ransom einen hellen Lichtpunkt in der Mitte dieses dunklen Fleckens und begriff, daß es überhaupt kein Flecken auf der Oberfläche des Planeten war, sondern der schwarze Himmel, der sich hinter ihr zeigte. Die gleichmäßige Biegung war der Rand des planetari- schen Horizonts. Bei diesem Anblick überkam ihn zum erstenmal seit ihrer Einschiffung Furcht. Lang- sam breiteten die dunklen Arme sich weiter aus, bis sie die helle Oberfläche ganz umschlossen. Die ganze Scheibe, eingerahmt von Schwärze, hing vor ihm im Raum. Das Fenster, aus dem er blickte, war nicht län- ger eindeutig unter ihm. Seine Gliedmaßen, obschon merklich leichter, waren beinahe zu steif für jede Be- wegung, und er war sehr hungrig. Er blickte auf seine Uhr. Seit nahezu acht Stunden hatte er wie gebannt auf seinem Beobachtungsposten ausgeharrt. Mit einiger Mühe ging er zur Sonnenseite des Schiffs hinüber, und der Strahlenglanz des Lichts blendete ihn so, daß er zuerst zurücktaumelte. Er tappte in seine alte Kabine zurück, fand seine Son-, nenbrille und verschaffte sich Nahrung und Wasser; für beides hatte Weston eine strenge Rationierung eingeführt. Er öffnete die Tür zum Brückenraum und schaute hinein. Die beiden Partner saßen mit ge- spannten, sorgenvollen Gesichtern vor einer Art Me- talltisch; er war mit empfindlichen, leise vibrierenden Instrumenten bedeckt, in denen Kristall und feine Drähte die vorherrschenden Materialien waren. Die Männer beachteten ihn nicht. Für den Rest der stillen Reise konnte er sich im ganzen Schiff frei bewegen. Als er zur dunklen Seite zurückkehrte, hing die Welt, die sie verlassen hatten, nicht viel größer als der Erdmond im sternübersäten Himmel. Ihre Farben waren noch erkennbar – eine rötlichgelbe Scheibe, grünlichblau gefleckt und mit weißen Polkappen. Er sah die beiden winzigen malakandrischen Monde, deren Umlaufbewegungen mit bloßem Auge sichtbar waren, und überlegte, daß sie zu den tausend Dingen gehörten, die er während seines Aufenthalts dort nicht bemerkt hatte. Er schlief, und als er erwachte, sah er die Scheibe noch immer im Himmel hängen. Sie war jetzt kleiner als der Mond, und ihre Farben waren bis auf eine einheitliche, schwach rötliche Tö- nung des Lichts verschwunden, dessen Intensität kaum noch die der ungezählten Sterne des Hinter- grunds übertraf. Was er sah, hatte aufgehört, Mala- kandra zu sein; es war nur noch der Mars. Bald überließ er sich wieder seiner alten Gewohn- heit des Wechsels von Schlaf und Sonnenbaden, un- terbrochen von gekritzelten Notizen für sein mala- kandrisches Wörterbuch. Er wußte, wie gering die Wahrscheinlichkeit war, sein neuerworbenes Wissen der Menschheit mitzuteilen, und daß ein einsamer,, unbemerkter Tod in den Tiefen des Raums mit ziem- licher Gewißheit am Ende ihres Abenteuers stehen würde. Doch war es ihm bereits unmöglich gewor- den, sich den Himmel draußen als ›leeren Weltraum‹ vorzustellen. Manchmal durchlebte er Augenblicke kalter Furcht, aber sie waren jedesmal kürzer und lö- sten sich rascher in einem Gefühl von Ehrfurcht auf, in dem sein persönliches Schicksal völlig unbedeu- tend erschien. Er hatte nicht den Eindruck, daß sie ei- ne Insel des Lebens wären, die durch einen Abgrund von Kälte und Tod trieb. Er empfand beinahe das Ge- genteil – daß außerhalb der kleinen eisernen Nuß- schale, in der sie dahinglitten, Leben warte und jeden Augenblick zu ihnen eindringen könne; und daß es, wenn es sie tötete, dies im Überschwang seiner Le- benskraft tun würde. Er hoffte, daß sie, wenn der Tod ihnen bestimmt war, durch die ›Entkörperung‹ des Raumschiffs umkommen würden, und nicht durch Ersticken in seinem Innern. Hinausgelassen und frei- gesetzt zu werden, sich aufzulösen im Ozean ewigen Mittags, erschien ihm in bestimmten Augenblicken eine noch erstrebenswertere Erfüllung als ihre Rück- kehr zur Erde. Und wenn er auf der Ausreise beim Durchqueren der Himmelsweiten ein solch erheben- des, herzbewegendes Gefühl verspürt hatte, so ver- spürte er es jetzt zehnfach, denn nun war er über- zeugt, daß der Abgrund im buchstäblichsten Sinne von Leben, von lebendigen Wesen erfüllt war. Sein Vertrauen in Oyarsas Worte über die Eldila wuchs während der Reise, statt nachzulassen. Er sah nichts von ihnen; die Intensität des Lichts, in dem das Schiff schwamm, überstrahlte alle etwaigen flüchti- gen Veränderungen, die ihre Gegenwart verraten, hätten. Aber er glaubte die verschiedensten feinen Geräusche oder Vibrationen klangähnlicher Natur zu hören, die sich in den klingenden Regen winziger Meteoriten mischten, und zuweilen wurde das Be- wußtsein ungesehener Gegenwärtigkeit sogar im Raumschiff so stark, daß Ransom ihre Nähe körper- lich zu fühlen schien. Mehr als alles andere war es dies, was ihm seine eigenen Überlebenschancen als so unwichtig erscheinen ließ. Er und seinesgleichen nahmen sich vor einem Hintergrund von solch uner- meßlicher Fülle klein und vergänglich aus. Sein Den- ken verwirrte sich, wenn er an die wirkliche Bevölke- rungszahl des Universums dachte, die dreidimensio- nale Unendlichkeit ihres Territoriums und die nie be- schriebenen Äonen ihrer Vergangenheit; aber sein Herz wurde ruhiger als es je gewesen war. Es war gut für ihn, daß er diese Geisteshaltung ge- wonnen hatte, bevor die wirklichen Schwierigkeiten und Härten ihrer Reise anfingen. Seit ihrem Start von Malakandra war die Temperatur langsam, aber stetig angestiegen; nun war sie höher als zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Ausreise und stieg weiter. Auch das Licht verstärkte sich. Meistens hielt er seine Augen unter der Sonnenbrille geschlossen, wenn er auf die Sonnenseite ging, und öffnete sie nur kurz und für die notwendigsten Verrichtungen. Aber das war nichts, verglichen mit den Qualen, die die Hitze ver- ursachte. Alle drei durchwachten alle vierundzwan- zig Stunden des Tages, unfähig zu schlafen, und er- trugen mit geschwollenen Zungen, rissigen Lippen und fiebernden Augen den Durst, der ihnen immer unerträglicher erschien. Es wäre Wahnsinn gewesen, die knappen Trinkwasserrationen zu erhöhen; Wahn-, sinn sogar, bei der Diskussion der Frage Atemluft zu verbrauchen. Ransom sah klar genug, was geschah. In seinem verzweifelten Versuch, ihr Leben zu retten, hielt Weston einen Kurs, der die Erdumlaufbahn kreuzte und das Schiff näher an der Sonne vorbeiführte, als es jemals ein Mensch oder ein lebendes Wesen riskiert hatte. Wahrscheinlich war dies unvermeidlich. Man konnte einer sich entfernenden Erde nicht auf ihrer eigenen ausholenden Kreisbahn nachjagen. Sie muß- ten ihr den Weg abschneiden und sie auf der anderen Seite der Sonne treffen. Es war ein verrücktes Unter- fangen, aber die Frage beschäftigte Ransom nicht sehr; es war nicht möglich, längere Zeit an etwas an- deres als den Durst zu denken. Man dachte an Was- ser; dann dachte man an Durst; dann wieder an Was- ser. Und das Thermometer kletterte weiter. Auf der Sonnenseite waren die Außenwände so heiß, daß man sie nicht mehr berühren konnte. Es war offen- sichtlich, daß eine Krise näherrückte. Innerhalb der nächsten Stunden mußte die Hitze sie töten, oder ab- nehmen. Sie nahm ab. Es kam eine Zeit, da sie erschöpft und zitternd in vermeintlicher Kälte lagen, obwohl es an Bord noch immer heißer war als in jedem irdischen Klima. Bisher war Weston erfolgreich gewesen; er hatte die höchste Temperatur riskiert, in der mensch- liches Leben theoretisch überdauern konnte, und sie hatten es überstanden. Aber sie waren nicht dieselben geblieben. Bisher hatte Weston nur wenig geschlafen, nicht einmal, wenn er Freiwache hatte, immer war er nach einer Stunde unruhigen Schlummers zu den Sternkarten und zu seinen endlosen, entmutigenden, Berechnungen zurückgekehrt. Man hatte beobachten können, wie er gegen die Verzweiflung ankämpfte und seine Furcht mit immer neuen Zahlen betäubte. Jetzt sah er sie kaum noch an, und selbst im Brücken- raum wirkte er unaufmerksam und achtlos. Devine sah aus und bewegte sich wie ein Schlafwandler. Ransom lebte zunehmend auf der Nachtseite des Schiffs und dachte oft stundenlang an nichts. Obwohl die erste große Gefahr hinter ihnen lag, hegte keiner von ihnen ernsthafte Hoffnungen auf ein glückliches Ende ihrer Reise. Sie hatten jetzt fünfzig stumme Tage in ihrer stählernen Hülle verbracht und die Luft war bereits sehr schlecht. Weston war seinem alten Selbst so unähnlich ge- worden, daß er Ransom sogar erlaubte, im Brücken- raum Dienst zu tun und die Instrumente zu überwa- chen. Mit Zeichen und geflüsterten Worten lehrte er ihn alles, was in diesem Stadium der Reise notwendig war. Anscheinend rasten sie mit gleichbleibend hoher Geschwindigkeit heimwärts – aber mit mehr als unsi- cheren Chancen, den Wettlauf zu gewinnen. Ein paar Daumenregeln befähigten Ransom, den Stern, den Weston ihm gezeigt hatte, auf Position in der Mitte des Oberlichts zu halten; aber seine linke Hand war nie weit vom Knopf der Klingel zu Wes- tons Kabine entfernt. Dieser Markierungsstern war nicht die Erde. Die Tage – die rein theoretischen ›Tage‹, die für die Rei- senden eine so dramatische praktische Bedeutung hatten – summierten sich zu achtundfünfzig, bevor Weston den Kurs änderte und ein anderer Stern in die Orientierungsposition rückte. Sechzig Tage, und er war als Planet erkennbar. Sechsundsechzig, und er, war so groß wie ein durch einen Feldstecher betrach- teter Planet. Siebzig, und er sah anders aus als alles, was Ransom je gesehen hatte – eine kleine, blendend- helle Scheibe, zu klein für einen Planeten und zu groß für den Mond. Nun, da er Brückenwache hatte und die Instrumente überwachte, war der himmlische Friede von ihm gewichen. In ihm erwachte eine wil- de, unbändige Lebensgier, gemischt mit heimweh- krankem Verlangen nach der frischen Luft und den Ansichten und den Gerüchen der Erde – nach Gras und Fleisch und Bier und Tee und dem Klang menschlicher Stimmen. Anfangs hatte die Haupt- schwierigkeit auf Wache für ihn darin bestanden, der Schläfrigkeit zu widerstehen; jetzt aber hielt eine fieb- rige Erregung ihn wach, obwohl die Luft noch schlechter geworden war. Oft entdeckte er beim Ver- lassen des Brückenraums, daß sein rechter Arm steif war und schmerzte; stundenlang hatte er ihn unbe- wußt gegen die Steuerkonsole gedrückt, als ob er so das Raumschiff zu größerer Geschwindigkeit anspor- nen könnte. Jetzt lagen noch zwanzig Tage vor ihnen. Dann neunzehn – achtzehn – und auf der weißen Erden- scheibe, nun ein wenig größer als eine Münze, glaubte er Australien und Südostasien auszumachen. Stunde um Stunde verging, und obwohl die Konti- nente mit der Erdumdrehung langsam über die helle Scheibe wanderten, wollte diese nicht größer werden. »Vorwärts! Mach voran!« murmelte Ransom dem Schiff zu. Nun waren noch zehn Tage übrig, und der Heimatplanet war so groß wie der Mond und so hell, daß sie ihn nicht längere Zeit mit ungeschütztem Au- ge betrachten konnten. Die Luft in ihrer kleinen Ku-, gel war schal und stickig, aber als Ransom und De- vine beim Wachwechsel zusammentrafen, riskierten sie ein Flüstern. »Wir schaffen es«, sagten sie. »Wir schaffen es doch noch.« Am siebenundachtzigsten Tag, als Ransom Devine ablöste, hatte er den Eindruck, daß mit der Erde et- was nicht stimme, und bevor seine Wache um war, hatte die Vermutung der Gewißheit Platz gemacht. Die Erde zeigte sich nicht länger als eine runde Schei- be, sondern war auf einer Seite birnenförmig ausge- beult. Als Weston in den Brückenraum kam, warf er einen Blick hinaus, klingelte nach Devine, stieß Ran- som zur Seite und setzte sich an die Handsteuerung. Sein Gesicht war aschfahl. Er beschäftigte sich mit der Steuerung, doch als Devine kam, blickte er auf und zuckte die Achseln in einer Geste verzweifelter Resi- gnation. Dann beugte er sich über das Steuerpult und legte das Gesicht auf die Arme. Ransom und Devine tauschten einen Blick. Sie ho- ben Weston aus dem Sitz – er weinte wie ein Kind –, und Devine nahm seinen Platz ein. Und nun verstand Ransom endlich das Geheimnis der ausgebeulten Er- de. Was wie eine Schwellung an ihrer Seite ausgese- hen hatte, erwies sich nun als eine zweite, scheinbar ebenso große Scheibe, die mehr als die Hälfte der Er- de bedeckte. Es war der Mond – zwischen ihnen und der Erde, und dreihundertachtzigtausend Kilometer näher. Ransom wußte nicht, was dies für das Raum- schiff bedeutete, aber Devine wußte es offenbar, und nie hatte er eine so bewundernswerte Haltung ge- zeigt. Sein Gesicht war so bleich wie das Westons, aber seine Augen waren klar und unnatürlich hell, er, saß wie ein sprungbereites Tier hinter den Instru- menten und pfiff leise durch die Zähne. Stunden später begriff Ransom, was geschah. Die Mondscheibe war nun größer als die Erde, und all- mählich ging ihm auf, daß die Größen beider Schei- ben sich verringerten. Das Raumschiff näherte sich nicht länger der Erde oder dem Mond; es war weiter von ihnen entfernt als noch vor einer halben Stunde, und das war die Bedeutung von Devines fieberhafter Aktivität an der Steuerung. Die Gefahr bestand nicht nur darin, daß der Mond ihren Kurs kreuzte und sie von der Erde abschnitt; wegen seiner Anziehungs- kraft durften sie ihm nicht zu nahe kommen, und De- vine war gezwungen, in den Weltraum hinauszu- steuern. Den sicheren Hafen vor Augen, mußten sie wieder auf die offene See hinaus. Ransom blickte zum Chronometer. Es war der Morgen des achtundacht- zigsten Tages. Zwei Tage blieben ihnen, die Erde zu erreichen. Und sie entfernten sich von ihr! »Das gibt uns den Rest, was?« flüsterte er. »Wahrscheinlich«, flüsterte Devine zurück, ohne sich umzusehen. Bald erholte Weston sich hinreichend, um zurück- zukommen und neben Devine zu stehen. Für Ransom gab es nichts zu tun. Er war jetzt überzeugt daß sie bald sterben würden. Mit der Erkenntnis wich die qualvolle Spannung plötzlich von ihm. Der Tod, ob er jetzt kam oder einige dreißig Jahre später auf Erden, erhob sich und forderte seine Aufmerksamkeit. Es gibt Vorbereitungen, die der Mensch vor seinem Tod zu treffen hat. Er verließ den Brückenraum und kehrte in eine der Kabinen auf der Sonnenseite zu- rück, in die Gleichgültigkeit des bewegungslosen, Lichts, der Wärme, der Stille und der scharf umrisse- nen Schatten. Nichts lag ihm ferner als der Gedanke an Schlaf, doch die verbrauchte Luft mußte ihn schläfrig gemacht haben. Er nickte ein. Er erwachte in fast vollkommener Dunkelheit in- mitten eines lauten, gleichförmigen Geräuschs, das er zuerst nicht identifizieren konnte. Es erinnerte ihn an etwas – etwas, das er in einer früheren Existenz ge- kannt hatte. Es war ein anhaltendes, trommelndes Geräusch über seinem Kopf. Plötzlich, nachdem er eine Weile verständnislos gelauscht hatte, tat sein Herz einen gewaltigen Sprung. »Mein Gott«, schluchzte er. »Mein Gott! Es ist Re- gen.« Er war auf der Erde. Die Luft um ihn war stickig und verbraucht, aber die Erstickungsgefühle, unter denen er gelitten hatte, waren vergangen. Er merkte, daß er noch immer im Raumschiff war. Aus Furcht vor der angedrohten ›Entkörperung‹ hatten die ande- ren es bezeichnenderweise sofort nach der Landung verlassen und ihn seinem Schicksal preisgegeben. In der herrschenden Dunkelheit und unter dem erdrük- kenden Gewicht der Erdenschwere hatte er Mühe, seinen Weg zum Ausstieg zu finden, aber endlich war er am Mannloch, kroch durch und rutschte, die feuchte, frische Luft gierig einsaugend, die Außen- wand der Kugel hinab. Er glitt auf durchnäßter, schmieriger Erde aus, fiel und blieb einen Moment liegen, um den Geruch zu genießen. Schließlich ge- lang es ihm, die ungewohnte Last seines Körpers auf die Beine zu bringen, und er stand in pechschwarzer Nacht und in wolkenbruchartigen Regengüssen. Mit jeder Pore seines Körpers sog er genüßlich Regen und, die feuchtkalte Luft ein; mit jeder Faser seines Her- zens umarmte er die Heimat, wo es nach Feld und Weide roch, wo Gras wuchs, wo Kühe weideten und wo er bald zu einer Hecke und an ein Gatter kommen würde. Er war ungefähr eine halbe Stunde gegangen, als ein heller Lichtschein hinter ihm, dem ein jäher Windstoß folgte, anzeigte, daß das Raumschiff nicht mehr existierte. Es interessierte ihn kaum. Er hatte voraus trüben Lichtschein gesehen, die Lichter von Menschen. Er kam auf einen Feldweg, dann auf eine Landstraße, dann auf eine Dorfstraße. Die Tür eines erleuchteten Raums stand offen. Aus dem Innern klangen Stimmen, und sie sprachen Englisch. Ein vertrauter Geruch wehte ihm entgegen. Er trat über die Schwelle, und ohne sich um die Überraschung zu kümmern, die sein Kommen auslöste, ging er an die Theke. »Ein großes Helles, bitte«, sagte Ransom., Leiteten mich allein literarische Erwägungen, so wäre meine Geschichte an diesem Punkt zu Ende, aber es ist Zeit, die Maske abzunehmen und den Leser mit dem realen und praktischen Zweck bekannt zu ma- chen, für den dieses Buch geschrieben wurde. Zu- gleich wird er erfahren, wie die Niederschrift über- haupt erst möglich wurde. Dr. Ransom – inzwischen wird offenbar geworden sein, daß dies nicht sein wirklicher Name ist – gab das Vorhaben eines malakandrischen Wörterbuchs und überhaupt alle Überlegungen, seine Erlebnisse der Welt mitzuteilen, sehr bald auf. Er war mehrere Mo- nate krank, und nach seiner Genesung fand er sich in ernsten Zweifeln, ob die erinnerten Ereignisse wirk- lich stattgefunden hatten. Alles sah ziemlich nach ei- ner Wahnvorstellung aus, die durch seine Krankheit hervorgerufen sein mochte, und er erkannte, daß die meisten seiner Abenteuer psychoanalytisch erklärt werden konnten. Er selbst legte dieser Tatsache kein sehr großes Gewicht bei, denn er hatte schon seit lan- gem bemerkt, daß zahlreiche ›reale‹ Erscheinungen und Phänomene in der Fauna und Flora unserer ei- genen Welt genauso erklärt werden konnten, wenn man von der Annahme ausging, sie seien Illusionen. Aber er fühlte, daß, wenn er seine eigene Geschichte nur halb glaubte, die Weltöffentlichkeit ihr nicht den geringsten Glauben schenken würde. Er beschloß den Mund zu halten und dabei wäre es geblieben, hätte nicht eine merkwürdige Verkettung von Umständen eine andere Entwicklung eingeleitet., Das ist der Punkt, an dem ich in Erscheinung trete. Ich hatte Dr. Ransom seit mehreren Jahren flüchtig gekannt und mit ihm über literarische und philologi- sche Themen korrespondiert, aber wir hatten uns nur selten gesehen. So stimmte es ganz mit dem ge- wohnten Gang der Dinge überein, daß ich ihm vor einigen Monaten einen Brief schrieb, dessen wesent- lichsten Absatz ich hier zitieren möchte. Er lautete: ›Ich arbeite zur Zeit über die Platoniker des zwölf- ten Jahrhunderts und entdecke dabei, daß sie ein ver- dammt schwieriges Latein schrieben. Bei einem von ihnen, Bernardus Silvestris, gibt es ein Wort, zu dem ich besonders gern Ihre Meinung hören würde – das Wort ›Oyarsa‹. Es kommt in einer Beschreibung einer Reise durch die himmlischen Sphären vor, und ein ›Oyarsa‹ scheint ein Geist oder etwas wie der Schut- zengel einer Himmelssphäre zu sein. Ich fragte C. J. danach, und er meint, es müsse ›Ousiarches‹ heißen. Das würde natürlich einen Sinn ergeben, aber die Er- klärung befriedigt mich nicht ganz. Ist Ihnen zufällig einmal ein Wort wie ›Oyarsa‹ untergekommen, oder haben Sie eine Ahnung, welcher Sprache es entstam- men könnte?‹ Das unmittelbare Ergebnis dieses Briefes war eine Einladung, ein Wochenende bei Dr. Ransom zu ver- bringen. Er erzählte mir seine ganze Geschichte, und seit damals arbeiten er und ich fast ohne Unterbre- chung an des Rätsels Lösung. Zahlreiche Tatsachen, die ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht für veröffentlichungsreif halte, sind uns in die Hände ge- fallen; Tatsachen über Planeten im allgemeinen und Mars im besonderen, Tatsachen über die mittelalterli- chen Platoniker und nicht zuletzt Tatsachen über den, Professor, dem ich den fiktiven Namen Weston gege- ben habe. Ein systematischer Bericht über diese Tat- sachen könnte natürlich der zivilisierten Welt vorge- legt werden; aber so etwas würde fast mit Sicherheit allgemeinem Unglauben begegnen und womöglich eine Verleumdungsklage von ›Weston‹ zur Folge ha- ben. Auf der anderen Seite sind wir beide der Mei- nung, daß wir nicht schweigen dürfen. Täglich fühlen wir uns in unserem Glauben bestärkt, daß der Oyar- ses des Mars recht hatte, als er sagte, das gegenwärti- ge Himmelsjahr werde ein revolutionäres sein, die lange Isolation unseres Planeten nähere sich dem En- de, und große Dinge bahnten sich an. Wir haben Gründe für die Annahme gefunden, daß die mittel- alterlichen Platoniker im gleichen Himmelsjahr wie wir lebten, ja, daß dieses Himmelsjahr im zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung begann, und daß das Auftauchen des Namens Oyarsa (als ›Oyarses‹ latinisiert) bei Bernardus Silvestris kein Zufall ist. Und wir haben Indizien – beinahe täglich kommen neue hinzu –, daß ›Weston‹ oder die Mächte hinter ›Weston‹ in den Ereignissen der nächsten Jahrhun- derte eine sehr bedeutende Rolle spielen werden – ei- ne sehr verhängnisvolle Rolle, wenn wir sie nicht daran hindern. Wir meinen damit nicht, daß sie etwa eine Invasion des Mars durchführen werden – unser Ruf ist nicht nur: »Hände weg von Malakandra.« Die zu fürchtenden Gefahren sind nicht planetarischer, sondern kosmischer Natur, oder zumindest solarer, und sie sind nicht vorübergehend, sondern ewig. Mehr darüber zu sagen wäre unklug. Dr. Ransom begriff als erster, daß unsere einzige Möglichkeit darin bestand, seine Erlebnisse in der, Form eines Romans zu veröffentlichen, weil sie als Tatsachenbericht ausgewiesen mit Gewißheit auf taube Ohren stoßen würden. Er meinte sogar – in Überschätzung meiner literarischen Potenz –, daß dies den Vorteil mit sich bringen werde, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, und daß sehr viele Leute eher davon erfahren würden als ›Weston‹. Auf mei- nen Einwand, daß unser Bericht, als Roman aufge- nommen, gerade aus diesem Grund als unglaubwür- dig betrachtet würde, erwiderte er, daß es für die we- nigen Leser, die gegenwärtig über die Voraussetzun- gen verfügten, tiefer in die Materie einzudringen, in der Erzählung genug Hinweise geben dürfte. »Und diese Leser«, sagte er, »werden Sie oder mich leicht zu finden wissen, und sie werden mühelos her- ausbringen, wer und was mit ›Weston‹ gemeint ist. Gegenwärtig brauchen wir sowieso nicht so sehr eine Glaubensgemeinschaft als eine Gemeinschaft von Menschen, die mit bestimmten Ideen und Gedanken- gängen vertraut sind. Könnten wir auch nur in einem Prozent unserer Leser ein Umdenken von der Kon- zeption des Weltraums zur Konzeption des Himmels bewirken, so wäre das immerhin ein Anfangserfolg.« Was keiner von uns voraussah, war der rasche Gang der Ereignisse, durch den das Buch überholt wurde, bevor es veröffentlicht werden konnte. Diese Ereignisse haben es bereits mehr zu einer Einleitung zu unserer Geschichte gemacht als zur Geschichte selbst. Was jedoch die späteren Etappen des Aben- teuers betrifft – nun, schon lange vor Kipling hat Ari- stoteles uns die Formel gelehrt: »Das ist eine andere Geschichte.«,

Nachschrift

(Es handelt sich um Auszüge aus einem Brief, den der wirkliche ›Dr. Ransom‹ an den Verfasser gerichtet hat.) ... Ich glaube, Sie haben recht, und nach den zwei oder drei Korrekturen (rot eingezeichnet) kann das Manuskript bleiben, wie es ist. Ich kann nicht leug- nen, daß ich enttäuscht bin, aber jeder Versuch, eine solche Geschichte zu erzählen, muß zwangsläufig den Mann enttäuschen, der wirklich dort gewesen ist. Ich beziehe mich jetzt nicht auf die rücksichtslose Art und Weise, mit der Sie den ganzen philologischen Teil gestrichen haben, so daß wir unseren Lesern jetzt nur noch eine Karikatur der malakandrischen Spra- che geben. Ich meine etwas Schwierigeres – etwas, das ich kaum ausdrücken könnte. Wie kann man die malakandrischen Gerüche beschreiben, daß sie ›rü- berkommen‹, daß der Leser sich etwas darunter vor- stellen kann? Nichts erscheint mir in meinen Erinne- rungsträumen lebendiger ... Besonders der Duft des frühen Morgens in den Purpurwäldern, wobei schon die bloße Erwähnung von ›früher Morgen‹ und ›Wald‹ irreführende Vorstellungen von Erde und Moos und Spinnweben und dem Waldgeruch unseres eigenen Planeten wachruft, während ich an etwas ganz anderes denke. Etwas ›Aromatischeres‹ ... ja, aber es ist auch nicht heiß oder üppig oder exotisch, wie dieses Wort uns suggeriert. Ich denke an etwas Aromatisches, Würziges, doch sehr Kaltes, Dünnes, das hinten in der Nase kitzelt und auf den Geruchs-, sinn wirkt, wie hohe, scharfe Violinentöne auf das Gehör wirken. Und damit vermischt höre ich immer den Klang der Gesänge – mächtige, hohle, hundearti- ge Musik aus enormen Kehlen, tiefer als Schaljapins Stimme, ein ›warmes, dunkles Tönen‹. Wenn ich dar- an denke, habe ich Heimweh nach meinem alten ma- lakandrischen Tal. Doch als ich es dort hörte, hatte ich weiß Gott genug Heimweh nach der Erde. Natürlich haben Sie recht; wenn wir es als einen Roman behandeln wollen, müssen Sie die Zeit raffen, die ich im Dorf verbrachte und in der ›nichts pas- sierte‹. Aber ich sehe es nur ungern. Diese stillen Wo- chen, das einfache Leben unter den Hrossa, sind für mich das wichtigste Erlebnis von allen. Ich kenne die- se Leute wirklich, Lewis, und das kann man in einer bloßen Erzählung nicht wiedergeben. Weil ich an Fe- rientagen immer ein Thermometer bei mir habe, weiß ich beispielsweise, daß die Körpertemperatur eines Hross 45° Celsius ist. Ich weiß – obgleich ich mich nicht erinnere, es gelernt zu haben, daß ihre Lebens- dauer bei 80 Marsjahren liegt, was 160 Erdjahren ent- spricht; daß sie mit etwa 20 (= 40) heiraten; daß ihr Kot, wie der von Pferden, weder für sie noch für mich ekelhaft war und zur Düngung verwendet wird; daß sie keine Tränen vergießen, noch mit den Augen zwinkern; daß sie an fröhlichen Abenden zwar ›be- schwingt‹ sind, wie Sie sagen würden, aber niemals betrunken. Aber was kann man mit solchen bruch- stückhaften Informationen anfangen? Ich nehme sie nur aus der lebendigen Gesamtheit meiner Erinne- rung heraus, die nie in Worte gefaßt werden kann, und niemand auf dieser Welt wird imstande sein, aus solchen Bruchstücken ein zutreffendes Bild zusam-, menzusetzen. Wie könnte ich zum Beispiel selbst Ih- nen verständlich machen, wieso ich weiß, warum die Malakandrier keine Haustiere halten und warum ihre Einstellung zu den ›niederen Tieren‹ im allgemeinen eine andere ist als bei uns? Natürlich gehört das zu den Dingen, die sie selbst mir nie hätten erläutern können. Die Antwort ergibt sich, wenn man ihre drei Spezies beisammen sieht. Jede von ihnen ist für die beiden anderen, was für uns sowohl ein Mensch als auch ein Tier ist. Sie können miteinander reden, zu- sammenarbeiten, sie haben die gleiche Ethik; in die- sem Sinne verkehren ein Sorn und ein Hross wie zwei Menschen miteinander. Zugleich aber findet jeder den anderen verschieden, komisch und anziehend in der Art, wie ein Tier anziehend ist. Irgendein uner- füllter Trieb in uns, den wir zu erfüllen suchen, in- dem wir unvernünftige Geschöpfe beinahe so behan- deln, als ob sie vernünftig wären, ist auf Malakandra wirklich befriedigt. Sie brauchen keine Haus- und Schoßtiere. Übrigens, da wir gerade bei den Arten sind, bedau- re ich, daß die Erfordernisse der Geschichte zu einer so großen Vereinfachung der Biologie geführt haben. Vermittelte ich Ihnen den Eindruck, daß jede der drei Arten homogen sei? Wenn ja, hätte ich Sie irregeführt. Nehmen wir die Hrossa: Meine Freunde waren schwarze Hrossa aber es gibt auch silberne Hrossa, und in einigen der westlichen Handramits findet man die großen Kamm-Hrossa – drei Meter hoch, mehr Tänzer als Sänger und wohl das edelste Geschöpf, das ich je gesehen habe. Nur die Männer tragen den Kamm. In Meldilorn sah ich auch einen rein weißen Hross, aber unvernünftigerweise erkundigte ich mich, nicht, ob er einer Untergattung angehörte oder ein Albino war. Auch gibt es außer der Art, die ich ken- nenlernte, wenigstens noch eine andere Gattung von Sornen – den Soroborn oder roten Sorn der Wüste, der im sandigen Norden lebt. Ich finde es mit Ihnen bedauerlich, daß ich die Pfifltriggi nie in ihrer Heimat kennenlernen konnte. Ich weiß annähernd genug über sie, daß ich einen Be- such bei ihnen erfinden und als Episode in das Buch einfügen könnte, aber ich denke, wir sollten von der Aufnahme bloßer Fiktion absehen. ›Nach einer wah- ren Begebenheit‹ klingt in irdischen Ohren zwar recht gut, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich es Oyarsa klarmachen sollte, und ich habe den Verdacht (siehe meinen letzten Brief), daß ich wieder von ihm hören werde. Überhaupt, warum sollten unsere ›Le- ser‹ (über die Sie eine Menge zu wissen scheinen!), die so entschieden ablehnen, etwas über die Sprache zu erfahren, begierig sein, mehr über die Pfifltriggi zu hören? Aber wenn Sie es noch hineinbringen können, wird es sicherlich nicht schaden, den Leuten zu er- zählen, daß die Pfifltriggi Eier legen, eine matriarcha- lische Familienstruktur haben und im Vergleich mit den beiden anderen Arten kurzlebig sind. Es ist ziemlich offensichtlich, daß die riesigen Einsenkun- gen oder Tiefebenen, die sie bewohnen, die alten Ozeanbetten Malakandras sind. Hrossa, die sie be- suchten, berichteten, sie seien durch tiefe Wälder ge- gangen, deren sandiger Boden von den ›Knochen- steinen (Fossilien) alter Wellendurchbohrer durch- setzt gewesen sei‹. Zweifellos sind dies die dunklen Flecken, die man von der Erde aus auf der Mars- scheibe sehen kann. Das bringt mich auf einen ande-, ren Punkt – die ›Marskarten‹, die ich nach meiner Rückkehr studiert habe, zeigen so wenig Überein- stimmung, daß ich es aufgegeben habe, nach der Handramit, die ich kennenlernte, zu suchen. Wenn Sie Ihr Glück versuchen wollen: Das Gesuchte ist ein ungefähr von Nordosten nach Südwesten verlaufen- der Graben in der Nähe des Äquators. Nun zu Ihrer lästigsten Frage: ›Hat Augray bei sei- ner Beschreibung der Eldila nicht vielleicht die Vor- stellungen eines subtileren, halbstofflichen Körpers und eines höheren Wesens durcheinandergebracht?‹ Nein. Die Verwirrung liegt ganz bei Ihnen. Er sagte zweierlei: daß die Eldila andersgeartete Körper hätten und von überlegener Intelligenz seien. Weder er noch sonst jemand auf Malakandra verwechselte jemals die eine Feststellung mit der anderen oder schloß aus dieser auf jene. Ich habe Gründe für die Annahme, daß es auch unvernünftige Tiere mit eldilartigen Körpern gibt (erinnern Sie sich an Chaucers ›luftige Tiere‹?). Ich frage mich, ob es weise von Ihnen ist, nichts über das Problem der Eldil-Sprache zu sagen. Sicher- lich wäre der Ablauf der Erzählung gestört worden, wenn Sie diese Frage während der Verhörszene in Meldilorn erörtert hätten, aber bestimmt werden viele Leser genug gesunden Menschenverstand besitzen, um die Frage zu stellen, wieso die Eldila, die offen- sichtlich nicht atmen, sprechen können. Es ist richtig, daß wir zugeben sollten, nichts darüber zu wissen, aber dann muß es den Lesern auch gesagt werden. Ich erläuterte J. – dem einzigen Wissenschaftler hier, den ich ins Vertrauen gezogen habe – Ihre Theorie, daß sie Instrumente oder gar Organe haben könnten,, mit denen sie die umgebende Luft bewegten und so Geräusche erzeugten, aber er schien nicht viel davon zu halten. Er meint, sie manipulierten wahrscheinlich direkt die Ohren derjenigen, zu denen sie sprächen. Das klingt ziemlich schwierig, aber wir müssen uns vergegenwärtigen, daß wir keinerlei Kenntnis von Form und Größe eines Eldil haben und nichts über seine Beziehungen zu unserem Raum wissen. Man möchte immer wieder betonen, daß uns praktisch nichts über sie bekannt ist. Wie Sie kann auch ich nicht umhin, sie in Beziehung zu dem zu setzen, was an verwandten Erscheinungen in der irdischen Über- lieferung existiert – Götter, Engel, Feen, Naturgeister. Aber wir haben keine Daten, keine Anhaltspunkte. Als ich versuchte, Oyarsa eine Vorstellung von unse- rer christlichen Engelslehre zu vermitteln, schien er unsere ›Engel‹ ganz offensichtlich als etwas von ihm Verschiedenes zu betrachten. Aber ob er meinte, daß sie einer anderen Spezies angehören, oder nur, daß sie eine Art Kriegerkaste darstellen (da unsere arme alte Erde sich als eine Art Ypern-Riegel im Univer- sum erweist), weiß ich nicht. Warum müssen Sie auslassen, wie kurz vor unserer Landung auf Malakandra die Blenden der Sichtfen- ster klemmten? Ohne diese Einzelheit führt Ihre Schilderung unserer Leiden unter dem grellen Licht und der Hitze zu der offensichtlichen Frage: »Warum schlossen sie die Läden nicht?« Ich glaube nicht an Ihre Theorie, daß ›Leser solche Sachen nie merken‹. Es gibt zwei Szenen, die Sie noch in das Buch hät- ten hineinarbeiten sollen; aber es macht nichts – ich trage sie in mir. In der einen sehe ich den malakandrischen Himmel, am Morgen: blaßblau, so blaß, daß ich ihn mir jetzt, da ich mich wieder an den irdischen Himmel ge- wöhnt habe, als fast weiß vorstelle. Davor stehen schwarz die nahen Wipfel der Riesenpflanzen, aber in weiter Ferne, jenseits der kilometerweiten Fläche blit- zenden blauen Wassers, zeigen die Wälder sich in blassem Purpur. Die Schatten auf dem bleichen Waldboden ringsum sind wie Schatten auf Schnee. Vor mir gehen Gestalten; schlanke, doch riesenhafte Gestalten, schwarz und glatt wie lebende Zylinder- hüte; ihre großen runden Köpfe auf den geschmeidi- gen schmalen Körpern verleihen ihnen das Aussehen von schwarzen Tulpen. Sie gehen singend zum See- ufer hinunter. Die Musik erfüllt den Wald mit ihrer Vibration, obgleich sie so leise ist, daß ich sie kaum hören kann: Sie ist wie gedämpfter Orgelklang. Eini- ge von ihnen besteigen die Boote, doch die meisten bleiben am Ufer. Die Boote legen langsam ab; dies ist keine gewöhnliche Ausfahrt, sondern eine Zeremo- nie. Es ist das Begräbnis einiger Hrossa. Die drei Al- ten mit den ergrauten Schnauzen, denen in die Boote geholfen wurde, reisen nach Meldilorn, um zu ster- ben. Denn in jener Welt stirbt niemand vor seiner Zeit, ausgenommen einige wenige, die dem Hnakra zum Opfer fallen oder durch Unfälle das Leben ver- lieren. Alle leben die volle Spanne aus, die ihnen be- schieden ist, und für sie ist ein Sterbefall so voraus- sagbar wie für uns eine Geburt. Das ganze Dorf hatte gewußt, daß diese drei in diesem Jahr und in diesem Monat sterben würden; es war sogar leicht zu erraten, daß sie in dieser Woche sterben würden. Und nun gleiten sie auf das Wasser hinaus, um Oyarsas letzten Rat zu empfangen, zu sterben und von ihm ›entkör-, pert‹ zu werden. Die Leichen werden nur wenige Mi- nuten existieren: Auf Malakandra gibt es keine Särge, Aufbahrungshallen, Friedhöfe und Bestattungsunter- nehmer. Bei der Abreise der Todgeweihten herrscht eine feierlich-ernste Stimmung aber ich sehe keine Zeichen bitteren Schmerzes oder hoffnungsloser Trauer. Sie zweifeln nicht an ihrer Unsterblichkeit, und Freunde derselben Generation werden nicht voneinander getrennt. Man verläßt die Welt, wie man in sie eingetreten ist, mit den Angehörigen des glei- chen Jahrgangs. Keine Furcht geht dem Tod voraus, noch folgt ihm Verwesung. Die andere Szene ist ein Nachtstück. Ich sehe mich mit Hyoi im warmen See baden. Er lacht über meine ungeschickten Schwimmbewegungen; eine schwerere Welt gewohnt, kann ich kaum tief genug ins Wasser eintauchen, um voranzukommen. Und dann sehe ich den Nachthimmel. Er gleicht zum größten Teil dem unsrigen obwohl die Tiefen schwärzer und die Sterne heller sind; aber im Westen zeigt sich etwas, das kei- ne irdische Analogie Ihnen voll verdeutlichen kann. Stellen Sie sich die Milchstraße in Vergrößerung vor – in der klarsten Nacht durch ein starkes Teleskop be- trachtet. Und dann stellen Sie sich dies nicht über den Zenit hingezogen vor, sondern wie ein Sternbild hin- ter den Berggipfeln aufsteigend – eine sinnverwir- rende Lichterkette aus funkelnden Sternen, hell wie Planeten, die sich langsam erhebt, bis sie ein Fünftel des Himmels umfaßt und schließlich einen Streifen von Schwärze zwischen sich selbst und dem Horizont zurückläßt. Es ist zu hell, um länger hineinzuschauen, aber es ist erst ein Vorspiel. Etwas anderes ist im An- zug. Ein Glühen wie vom Mondaufgang liegt auf der, Harandra. »Ahihra!« ruft Hyoi, und andere bellende Stimmen antworten ihm aus der Dunkelheit rings um uns. Und nun ist der wahre König der Nacht aufge- gangen und steigt durch diese seltsame westliche Galaxis, überstrahlt sie mit seiner Pracht. Ich wende meine Augen ab, denn die kleine Scheibe ist viel strahlender als der Mond in seinem vollen Glanz. Die ganze Handramit ist in farbloses Licht gebadet; ich könnte die Stengel des Waldes am anderen Seeufer zählen; ich sehe, daß meine Fingernägel abgebrochen und schmutzig sind. Und nun errate ich, was meine Augen gesehen haben – Jupiter, wie er jenseits der Asteroiden aufgeht, siebzig Millionen Kilometer nä- her als er irdischen Betrachtern je gewesen ist. Aber die Malakandrier würden sagen: »in den Astero- iden«, denn sie haben manchmal die eigenartige Ge- wohnheit, das Innere des Sonnensystems nach außen zu kehren. Sie nennen die Asteroiden die ›Tänzer vor der Schwelle der Großen Welten‹. Die Großen Welten sind die Planeten ›jenseits‹ oder ›außerhalb‹ der Aste- roiden, wie wir sagen würden. Der größte unter ih- nen ist Glundandra (Jupiter), und er spielt eine nicht unbedeutende Rolle im malakandrischen Denken, die ich jedoch nicht ergründen kann. Er ist ›der Mittel- punkt‹, das ›große Meldilorn‹, ›Thron‹ und ›Fest‹. Dabei ist den Malakandriern wohl bewußt, daß er unbewohnbar ist, zumindest für Lebensformen des planetarischen Typs; und sie haben keineswegs die heidnische Vorstellung eines Planeten oder einer be- stimmten Örtlichkeit als Wohnsitz Maleldils. Aber jemand oder etwas von großer Bedeutung ist mit Ju- piter verbunden. Wie üblich hieß es: »Die Séroni werden es wissen.« Aber mir haben sie es nie gesagt., Den vielleicht besten Kommentar gab der zuvor er- wähnte Autor: »Denn wie über den großen Africanus treffend gesagt wurde, er sei niemals weniger einsam gewesen, als wenn er allein war, so können in unserer Philosophie keine Teile dieses universalen Systems mit weniger Recht unbewohnt oder wüst genannt werden als eben diejenigen, welche in der allgemei- nen Einschätzung als solche angesehen werden, da das Zurückweichen von Mensch und Tier stets nur die um so größere Häufigkeit vortrefflicherer Ge- schöpfe bedeutet.« Mehr von alledem, wenn Sie kommen. Ich versu- che an alten Büchern über das Thema zu lesen, was ich in die Hände bekommen kann. Nun, da ›Weston‹ die Tür zugeworfen hat, führt der Weg zu den Pla- neten durch die Vergangenheit; wenn es in Zukunft noch Raumfahrten geben soll, so werden es zugleich Fahrten durch die Zeit sein müssen ...!]
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