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Stanisław Lem TEST Phantastische Erzählungen F Über dieses Buch Die vorliegende Sammlung utopischer Geschichten zeigt die reiche Skala Lem’scher Phantasie. Geht es hier um die oft gespenstischen Abenteuer, die Weltraumnavigator Pirx mit detektivischem Verstand zu meistern hat, so entwik- keln dort überperfektionierte Küchenmaschinen eine be- unruhigende Eigenaktivität. In Unterschmudorf schließlich scheitern ehrgeizige Pläne der Aldebaraner, und in Kybera entdeckt ein von der Kybernetik faszinierter König das Par- kinsonsche Gesetz der Kriegsmaschinerie und läßt von da an das Kriegführen liebe...
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Stanisław Lem

TEST

Phantastische Erzählungen

F

, Über dieses Buch Die vorliegende Sammlung utopischer Geschichten zeigt die reiche Skala Lem’scher Phantasie. Geht es hier um die oft gespenstischen Abenteuer, die Weltraumnavigator Pirx mit detektivischem Verstand zu meistern hat, so entwik- keln dort überperfektionierte Küchenmaschinen eine be- unruhigende Eigenaktivität. In Unterschmudorf schließlich scheitern ehrgeizige Pläne der Aldebaraner, und in Kybera entdeckt ein von der Kybernetik faszinierter König das Par- kinsonsche Gesetz der Kriegsmaschinerie und läßt von da an das Kriegführen lieber sein. Der Autor Stanisław Lem, Pole, Jahrgang 1921, ist heute einer der be- liebtesten Autoren im Ostblock. Nach einem Debüt mit Lyrik, Kurzgeschichten und einem preisgekrönten Roman führte ihn sein Interesse an der Kybernetik in ein neues li- terarisches Genre: das der Science-fi ction. Für Lem ist die Utopie mehr als ein Spiel der Phantasie. Sie wird für ihn zu einem Spiegel der gegenwärtigen Gesellschaft , in dem die Chancen künft iger Entwicklungen mitrefl ektiert werden, und damit zum Medium der Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Nicht immer fi nden die skurrilen Einfälle des überzeugten, dabei von Parteiideologie freien Marxi- sten den Beifall orthodoxer offi zieller Stellen. Aber allein in der Sowjetunion beträgt die Gesamtaufl age seiner Bü- cher weit über drei Millionen.,

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Phantastische Erzählungen

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Fischer Bücherei, In der Fischer Bücherei Januar 1971 Ungekürzte Ausgabe Umschlagentwurf: Hans Maier Titel der Originalausgabe: ›Test‹ Aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz Fischer Bücherei GmbH, Frankfurt am Main und Hamburg Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages Volk und Welt, Berlin Deutsche Ausgabe: © Verlag Volk und Welt, Berlin, 1968 Gesamtherstellung: Hanseatische Druckanstalt GmbH, Hamburg Printed in Germany ISBN 3 436 01320 x,

Inhalt

Test .7 Originaltitel: Test aus: Inwazja z Aldebarana, Wydawnictwo literackie, Kraków, 1959 Der bedingte Refl ex .56 Originaltitel: Odruch Warunkowy aus: Noc księżycowa, Wydawnictwo literackie, Kraków, 1963 Albatros .161 Originaltitel: Albatros aus: Inwazja z Aldebarana, Wydawnictwo literackie, Kraków, 1959 Terminus .181 Originaltitel: Terminus aus: Ksiega robotów, Iskry, Warszawa, 1961 Die Waschmaschinentragödie .247 Originaltitel: Tragedia Pralnicza aus: Noc księżycowa, Wydawnictwo literackie, Kraków, 1963 Invasion vom Aldebaran .276 Originaltitel: Inwazja z Aldebarana aus: Inwazja z Aldebarana, Wydawnictwo literackie, Kraków, 1959 Von der Rechenmaschine, die mit dem Drachen kämpft e .292 Originaltitel: Bajka o Maszynie cyfrowej, co ze smokiem Walczyła aus: »Życie literackie«, August 1963 Nachbemerkung .303,

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»Kadett Pirx!« Eselswieses Stimme riß ihn aus seinen Träumen. Er hatte sich gerade vorgestellt, in dem Uhrtäschchen sei- ner alten Zivilhose unten im Schrank stecke noch ein Zweikronenstück. Eine klingende silberne Münze, längst vergessen. Vor einer Weile war er noch sicher gewesen, daß da nichts war, höchstens eine alte Postquittung, aber nach und nach nahm die Idee Gestalt an, daß die Mün- ze dort sein konnte. Als Eselswiese ihn beim Namen rief, stand es für ihn fest, daß er das runde Geldstück deutlich zwischen den Fingern fühlte und sah, wie es sich in der kleinen Tasche abzeichnete. Ich könnte ins Kino gehen und würde dann immer noch eine halbe Krone übrigbe- halten, dachte er. Oder nur zur Wochenschau, dann blie- ben mir sogar anderthalb Kronen. Wenn ich eine Krone zurücklege, kann ich für den Rest den Automaten spie- len lassen. Wer weiß, vielleicht spuckt er mir pausenlos Kleingeld in die hingehaltene Hand – so viel, daß ich es kaum in den Taschen unterbringen kann … Ich würde nur immer die Hand hinhalten, nur immer hinhalten … Hatte nicht Smiga so etwas erlebt? Pirx beugte sich schon unter der Last des unverhofft en Gewinns, da wurde er von Eselswiese unsanft geweckt. Der Dozent verschränkte die Hände auf dem Rücken, verlagerte sein Gewicht auf das gesunde Bein und fragte: »Was täten Sie, Kadett, wenn Sie bei einem Patrouillenfl ug auf das Schiff eines fremden Planeten stießen?«, Pirx öff nete den Mund, als wollte er die darin enthaltene Antwort vertreiben. Er sah aus wie der letzte Mensch – der letzte Mensch auf Erden, der zu erklären wüßte, was er zu tun hat, wenn er Raketen von fremden Planeten begegnet. »Ich würde näher heranfl iegen«, sagte er mit dumpfer, merkwürdig rauher Stimme. Die Lehrgangsteilnehmer wurden still. Sie witterten eine willkommene Abwechs- lung. »Sehr gut«, sagte Eselswiese väterlich, »aber was wei- ter?« »Ich würde stoppen«, platzte Kadett Pirx heraus, denn er fühlte, daß er im Niemandsland umhertappte, weit vor der vordersten Linie seiner Kenntnisse. Fieberhaft durch- suchte er sein leeres Hirn nach Paragraphen für das Verhal- ten im Raum. Irgendwann muß ich mal was darüber gele- sen haben, dachte er. Bescheiden senkte er den Blick und sah, daß Smiga ihm etwas vorsagen wollte – er bewegte da- bei nur die Lippen. Pirx begriff und wiederholte laut, be- vor ihm der Sinn der Worte klar wurde: »Ich würde mich ihnen vorstellen.« Das Auditorium brüllte wie ein Mann. Eselswiese kämpf- te eine Sekunde mit sich, lachte dann auch, wurde aber gleich wieder ernst. »Kadett, Sie kommen morgen mit dem Navigationsbuch zu mir. Kadett Boerst!« Pirx setzte sich auf den Stuhl, als sei der aus noch nicht völlig erstarrtem Glas. Er nahm es Smiga nicht einmal sehr übel – so war er eben, er ließ sich keine Gelegenheit ent- gehen. Von dem, was Boerst sagte, hörte er kein Wort – er, zeichnete Kurven auf der Tabelle, und Eselswiese kommen- tierte die Antworten des Elektronenkalkulators auf seine Art, so daß der Antwortende den Faden verlor. Die Vor- schrift ließ die Hilfe eines Kalkulators zu, Eselswiese hatte in dieser Sache jedoch seine eigene Auff assung. »Der Kal- kulator ist auch nur ein Mensch«, pfl egte er zu sagen. »Er kann entzweigehen.« Pirx konnte ihm das nicht einmal übelnehmen, er nahm nie etwas übel. Fast nie. Fünf Minu- ten später weilte er in Gedanken schon wieder ganz woan- ders, er stand in der Dyerhoff straße vor einem Schaufenster und sah sich Gaspistolen an, die nicht nur für Gaspatronen, sondern auch für scharfe Munition oder Blindpatronen ge- eignet waren. Eine Pistole mit hundert Schuß kostete sechs Kronen … Pirx war nicht mehr anwesend, er war in der Dyerhoff straße und starrte ins Schaufenster … Als das Klingelzeichen ertönte, verließ er ruhig und ge- messen den Saal, nicht lärmend und stampfend, wie der erste beste. Schließlich waren sie keine Kinder! Nahezu die Hälft e bewegte sich in die Messe – es gab zwar nichts zu essen um diese Zeit, aber es gab etwas zu sehen: die neue Serviererin, von der es hieß, sie sei schön. Pirx ging lang- sam zwischen den Glasschränken hindurch, die mit Stern- globen vollgestellt waren, und mit jedem Schritt bröckelte ein Stück von der Hoff nung ab, daß sich das Zweikronen- stück in der Tasche anfi nden könnte. Unten, auf der letz- ten Stufe, wußte er, daß dort noch nie ein Geldstück ge- wesen war. Am Ausgang standen Boerst, Payartz und Smiga. Payartz war ein halbes Jahr sein Tischnachbar gewesen, im Kosmo-, däsie-Unterricht. Er hatte ihm alle Atlanten mit Tusche be- schmiert. »Du hast morgen deinen Versuchsfl ug«, sagte Boerst. »In Ordnung«, erwiderte Pirx phlegmatisch. So leicht ließ er sich nicht foppen. »Du glaubst es nicht? Lies!« Boerst klopft e mit dem Fin- ger an die Scheibe des Aushanges. Pirx wollte weitergehen, aber sein Kopf schien sich von selbst zu drehen. Nur drei Namen waren auf der Liste, und ganz oben, tatsächlich, da stand es: Kadett Pirx. Unüber- sehbar! Einen Augenblick verschwamm alles um ihn herum. Dann hörte er wie aus der Ferne seine Stimme: »Na und? Ich hab doch gesagt: in Ordnung.« Er ging an ihnen vorüber und lenkte seine Schritte durch die kleine, von Blumenbeeten gesäumte Allee. In diesem Jahr wuchs dort eine Menge Vergißmeinnicht, man hat- te sie sinnigerweise in Form einer landenden Rakete ge- pfl anzt. Pirx sah nichts von alledem, weder die Blumenra- batten, die Stege und die Vergißmeinnicht noch den Chef, der eilig aus dem Seitenfl ügel des Instituts trat. Um ein Haar wäre Pirx im Portal mit ihm zusammengestoßen. Er salutierte. »Hallo, Pirx!« sagte Eselswiese. »Sie fl iegen morgen. Ich wünsche Ihnen einen guten Start! Vielleicht haben Sie Glück, Kadett, und begegnen denen von den anderen Pla- neten!« Das Internat, hinter hohen Trauerweiden, lag am ande- ren Ende des Parks an einem Teich. Sein Seitenfl ügel, von, Steinsäulen gestützt, ragte über dem Wasser auf. Irgend je- mand hatte das Gerücht aufgebracht, daß die Säulen vom Mond stammten. Das war natürlich ein Hirngespinst, aber schon die ersten Schüler hatten voller Ehrfurcht ihre Initi- alen und Daten in den Stein geritzt. Auch Pirx’ Name stand dort irgendwo, er hatte ihn vor vier Jahren mit großem Ei- fer eingraviert. In seinem Zimmer – es war so klein, daß er es mit nie- mandem zu teilen brauchte – zögerte er ein wenig. Sollte er den Schrank öff nen oder nicht? Er wußte genau, wo die alte Hose lag. Man durft e eigentlich kein Zivilzeug haben, viel- leicht hatte er sie gerade deshalb aufgehoben. Im Grunde hatte sie für ihn keinen Wert. Er kniff die Augen zu, kauer- te vor dem Schrank nieder, steckte die Hand durch die off e- ne Tür und befühlte die Tasche. Na bitte – er hatte es doch gewußt. Sie war leer. Pirx stand in der Kombination, die noch nicht aufgebla- sen war, auf dem stählernen Brückenpodest dicht unter dem Hallendach und hielt sich mit der Armbeuge an der Leine fest, die als Geländer gespannt war. Er hatte keine Hand frei. In der einen hielt er das Navigationsbuch, in der anderen den Schmolch, eine Spickkladde, die ihm Smiga geliehen hatte. Es hieß, der ganze Lehrgang sei mit ihr gefl ogen. Nie- mand wußte zu sagen, wie sie immer wieder zurückkehr- te, denn nach dem Versuchsfl ug verließ man das Institut und ging nach Norden, zur Basis, wo die Paukerei für das Schlußexamen begann. Wie dem auch sei – sie kam jeden- falls immer wieder zurück. Wer weiß, vielleicht wurde sie mit dem Fallschirm abgeworfen. Es war ja nur ein Scherz., Prix stand auf dem federnden Brett über einem vierzig Meter tiefen Abgrund und verkürzte sich die Zeit, indem er überlegte, ob man ihn wohl »fi lzen« würde, was leider hin und wieder vorkam. Die Kadetten nahmen zu den Ver- suchsfl ügen die merkwürdigsten Dinge mit, auch solche, die streng verboten waren: fl ache Schnapsfl äschchen, Kau- tabak, Mädchenfotos – von Spickkladden ganz zu schwei- gen. Pirx hatte lange nach einer Stelle gesucht, wo er die Kladde verbergen konnte. Er hatte sie wohl an die fünf- zehnmal versteckt – im Schuh unter der Ferse, zwischen beiden Socken, im Schaft , in der Innentasche der Kombi- nation, in dem kleinen Sternatlas, den man mitnehmen durft e … Auch ein Brillenfutteral hätte sich gut geeignet, aber er- stens hätte es riesengroß sein müssen, und zweitens trug er keine Brille. Als Brillenträger – das fi el ihm erst ein we- nig später ein – hätte man ihn im Institut gar nicht aufge- nommen. Er stand also auf dem stählernen Podest und wartete auf den Chef und die beiden Instrukteure, die sich aus irgen- deinem Grunde verspäteten. Es war bereits neunzehn Uhr siebenundzwanzig. Der Start war auf neunzehn Uhr vier- zig angesetzt. Ein Stückchen Heft pfl aster müßte man ha- ben, dachte Pirx. Damit könnte man sich die Kladde unter den Arm kleben. Der kleine Yerkes soll das versucht haben. Ich bin kitzlig! soll er geschrien haben, als der Instrukteur ihn berührte. Er hatte eben Glück … Aber er, Pirx, sah nicht so aus, als wäre er kitzlig. Nein, nein, er machte sich keine Illusionen, und deshalb hielt er, die Spickkladde ganz einfach in der Rechten. Erst jetzt fi el ihm ein, daß er diese Hand den beiden Instrukteuren und dem Chef zum Gruß reichen mußte. Sofort wechselte er die beiden Gegenstände aus, er nahm das Navigationsbuch in die rechte und die Kladde in die linke Hand. Durch die- se Manipulation hatte er das stählerne Podest in Schwin- gungen versetzt, so daß es wie ein Sprungbrett schwankte. Plötzlich vernahm er Schritte auf der anderen Seite. Er hat- te die drei nicht gleich bemerkt, denn es war dunkel unter der Hallendecke. Wie bei solchen Anlässen üblich, waren alle in Uniform, geputzt und geschniegelt, vor allem der Chef. Er, der Ka- dett Pirx, trug eine Kombination, die aussah wie zwanzig Footballdresse zusammengenommen, obwohl sie noch gar nicht aufgeblasen war. Von beiden Seiten des hohen Kra- gens hingen die langen Enden des Interkoms und des äu- ßeren Radiophons herab, am Hals baumelte eine Schlan- ge, die in den Schlauch des Sauerstoff geräts überging, und auf dem Rücken fühlte er den Druck der Reservefl asche. Ihm war unerträglich heiß in der zweifachen Schweiß- schutzwäsche, am meisten machte ihm aber die Einrich- tung zu schaff en, die dazu diente, daß man während des Fluges zur Verrichtung der Notdurft nicht hinauszugehen braucht (übrigens wäre das in einer einstufi gen Rakete, in der die Versuchsfl üge unternommen wurden, gar nicht so einfach gewesen). Auf einmal begann das ganze Gerüst zu schwanken. Je- mand nahte von hinten – Boerst, in der gleichen Kombina- tion; er salutierte stramm mit seinem großen Handschuh, und blieb in dieser Haltung stehen, als ob er Pirx hinunter- stoßen wollte. Als die anderen vorangingen, fragte Pirx verwundert: »Was, du fl iegst auch? Hast du denn auf der Liste gestan- den?« »Brendan ist erkrankt Ich fl iege für ihn«, erwiderte Bo- erst. Pirx war ein wenig verlegen. Das war das einzige, aber wirklich das einzige, wodurch er wenigstens um einen Mil- limeter den sphärischen Regionen näher kam, in denen Bo- erst so lebte, als ob ihm das nicht die geringste Mühe berei- tete. Boerst war der Begabteste des ganzen Lehrganges, und Pirx verzieh ihm das leicht, ja er empfand für dessen ma- thematisches Talent sogar eine gewisse Hochachtung, seit er erlebt hatte, wie tapfer er mit dem Elektronenkalkulator gekämpft und erst bei den Wurzeln vierten Grades an Tem- po verloren hatte. Boerst war der Sohn begüterter Eltern, er hatte es überhaupt nicht nötig, von Zweikronenstücken zu träumen, die eventuell in alten Buxen verborgen waren. Aber er war nicht nur der Begabteste, er hatte auch glän- zende Erfolge in der Leichtathletik aufzuweisen; er sprang wie der Teufel, tanzte ausgezeichnet und – es ließ sich nicht leugnen – er war ein stattliche Erscheinung, was man von Pirx nicht gerade behaupten konnte. Sie schritten über das lange Podest zwischen den Git- terstützen des Daches, vorbei an hintereinander aufgestell- ten Raketen, bis die Helligkeit sie überfl utete, denn dieser Teil des Daches war bereits in einer Breite von zweihun- dert Metern zurückgeschoben worden. Auf gewaltigen Be-, tontrichtern, die ineinandergriff en und dazu dienten, das Feuer der Düse abzuleiten, standen zwei kegelförmige Ko- losse nebeneinander – in Pirx’ Augen waren es jedenfalls Kolosse. Jeder von ihnen war achtundvierzig Meter hoch und hatte unten, im Booster, einen Durchmesser von elf Metern. Zu den Luken, die bereits abgeschraubt waren, führten kleine Gangways. Den Durchgang versperrten bleierne Ge- wichte, die in der Mitte aufgestellt waren, jedes mit einem roten Fähnchen an einem biegsamen Schaft . Pirx wußte, was nun kam: die Frage, ob er bereit sei, die ihm gestell- te Aufgabe zu erfüllen. Er würde die Frage – das wäre das erstemal in seinem Leben – mit »ja« beantworten und das Fähnchen beiseite schieben. Plötzlich bedrängte ihn das Gefühl, daß er beim Entfernen des Fähnchens über das Seil stolpern und unweigerlich der Länge nach hinschla- gen würde – solche Dinge kamen vor. Wenn das über- haupt jemandem passieren sollte – ihm bestimmt. Er hat- te nie Glück, es kam ihm jedenfalls so vor. Die Dozenten waren da anderer Meinung. Er sei eben ein Trottel, sagten sie, ein Tölpel. Er denke immer an alles mögliche, nur nicht an das, woran er gerade zu denken habe. In der Tat, nichts fi el ihm so schwer wie das Reden, die Konversation. Zwar klafft e zwischen seinem Tun und seinem Denken, das sich in Worte kleidete, kein Abgrund, aber immerhin war dort ein Hindernis, das ihm das Leben schwermachte. Die Do- zenten ahnten nicht, daß Pirx ein Träumer war. Niemand ahnte das. Man glaubte, er denke überhaupt nicht – und das stimmte nun wirklich nicht., Er schielte zu Boerst hinüber und sah, daß der sich so hingestellt hatte, wie es das Reglement vorschrieb: einen Schritt von der Gangway entfernt, die zur Luke führte, in strammer Haltung, die Hände an den nicht aufgeblähten Gummireifen seiner Kombination. Boerst sieht sogar in dieser eigenartigen Kluft gut aus, dachte Pirx. Sie kleidet ihn, obwohl sie wirkt, als habe man sie aus hundert Fußbällen zusammengesetzt … Boersts Kombination war tatsächlich noch nicht aufgeblasen, sei- ne dagegen schien an einigen Stellen gefüllt zu sein. Wahr- scheinlich konnte er sich deshalb so schlecht in ihr be- wegen und war gezwungen, so breitbeinig dazustehen. Er stellte die Füße nebeneinander, so gut er es vermochte, aber die Absätze wollten einfach nicht zusammenrücken. Warum bekommt Boerst das fertig und ich nicht? fragte er sich. Schleierhaft ! Ohne Boerst hätte er übrigens völ- lig vergessen, die vorschrift smäßige Grundstellung ein- zunehmen: den Rücken der Rakete und das Gesicht den drei Uniformierten zugewandt. Die drei gingen zuerst auf Boerst zu. Vielleicht taten sie das nur deshalb, weil sein Name rein zufällig mit B begann. Und dennoch – ein ab- soluter Zufall wäre das nicht, das heißt ein Zufall schon, aber ein ungünstiger, wie immer. Er war zum Warten ver- urteilt, und das machte ihn nervös. Wenn ihm schon Un- angenehmes bevorstand, dann sollte es lieber gleich ge- schehen. Pirx hörte nur Bruchstücke von dem, was die drei mit Boerst besprachen. Boerst war gespannt wie eine Bogen- sehne, er antwortete schnell, so schnell, daß Pirx kein, Wort verstand. Dann traten sie zu ihm, und als der Chef ihn anredete, fi el ihm plötzlich ein, daß eigentlich nicht zwei Mann fl iegen sollten, sondern drei. Wo war der drit- te? Zum Glück hatte er vernommen, was der Chef sagte, und so stieß er im letzten Augenblick hervor: »Kadett Pirx zum Start bereit.« »Hm … tja«, sagte der Chef. »Und der Kadett Pirx er- klärt, daß er an Leib und Seele gesund ist … hm … in den Grenzen seiner Möglichkeiten?« Er liebte es, an die stereo- typen Fragen solche Floskeln anzuhängen. Er konnte sich das gestatten, er war eben der Chef. Pirx erwiderte, er sei gesund. »Für die Dauer des Fluges ernenne ich den Kadetten zum Piloten …«, sagte der Chef, leierte die sakramentale Formel herunter und fuhr dann fort: »Die Aufgabe: Senkrechter Start im Booster mit halber Kraft . Aufstieg in die Ellipse B 68. Auf der Ellipsenbahn Korrektur zur festen Umlaufb ahn mit einer Umlaufzeit von vier Stunden sechsundzwanzig Minuten. Warten, bis zwei direkte Verbindungsschiff e vom Typ JO 2 auf der Umlaufb ahn sind. Wahrscheinliche Zone des Radarkontakts – Sektor II, Satellit PAL, mit möglicher zulässiger Abweichung von sechs Bogensekunden. Zur Ab- stimmung des Manövers phonischen Kontakt anknüpfen. Manöver: Heruntergehen von der festen Umlaufb ahn mit einem Kurs von sechzig Grad vierundzwanzig Minuten nördlicher Breite, einhundertfünfzehn Grad drei Minuten elf Sekunden östlicher Länge. Anfangsbeschleunigung 2,2 g. Endbeschleunigung nach dreiundachtzig Minuten: null. Beide JO 2 in Dreierformation, ohne den Bereich der Pho-, nie zu verlassen, zum Mond lotsen. In dessen Äquatorzo- ne eine zeitweilige Umlaufb ahn entsprechend den Anga- ben von LUNA PELENG erreichen, sich vergewissern, daß sich die beiden gelotsten Raumschiff e auf der Umlaufb ahn befi nden. Von dieser Umlaufb ahn mit Kurs und Beschleu- nigung nach einem Gutdünken heruntergehen, um auf die feste Umlaufb ahn im Bereich des Satelliten PAL zurückzu- kehren. Dort weitere Befehle abwarten.« Die Kadetten erzählten sich, daß es demnächst anstelle der bisherigen Spickkladden elektronische Spicker geben werde, das heißt Mikrokerne von der Größe eines Kirsch- kerns, die man im Ohr oder unter der Zunge tragen könne. Mit denen wäre man fein heraus, denn sie würden einem alles vorsagen, immer und überall. Pirx glaubte nicht dar- an, er war der Meinung – und das nicht zu Unrecht –, daß man dann keine Kadetten mehr benötigen würde. Aber wie dem auch sei, vorläufi g gab es so etwas nicht, und deshalb mußte er den ganzen Text der Aufgabe wiederholen. Das tat er auch, wobei er sich nur ein einziges Mal irrte, allerdings gründlich, denn er verwechselte die Minuten und Sekunden der Zeit mit denen der Länge und Breite. Was kommt nun? fragte er sich, als er fertig war. Ihm war unerträglich warm in der Antischweißwäsche, die er unter der dicken Hülle der Kombination trug. Er wurde aufgefordert, den Wortlaut ein zweites Mal herzubeten. Er tat es, aber der Sinn wurde ihm nicht bewußt. Haben die mir aber eingeheizt! Das war das einzige, was er zu denken imstande war. In der linken Hand hielt er die Spickkladde, in der rech- ten das Navigationsbuch, das er dem Chef reichte. Das, mündliche Wiederholen der Aufgabe war reine Schikane, denn man bekam sie ja ohnehin schrift lich – sogar der er- ste Kurs war darin vorgezeichnet. Der Chef steckte das Ku- vert mit der Aufgabe in das kleine Täschchen unter dem Umschlag. Dann gab er ihm das Buch zurück und fragte: »Pilot Pirx, sind Sie bereit?« »Bin bereit!« antwortete Pirx. In diesem Augenblick hat- te er nur noch einen Wunsch: im Steuerraum zu sitzen. Er sehnte sich danach, die Kombination aufk nöpfen zu kön- nen, wenigstens am Hals. Der Chef trat einen Schritt zurück. »Ins Projektil!« rief er mit seiner herrlich metallischen Stimme, die wie ein Glok- kenschlag den dumpfen Lärm in der riesigen Halle über- tönte. Pirx vollführte eine Kehrtwendung, ergriff das rote Fähn- chen, stolperte über das Seil, fand im letzten Augenblick das Gleichgewicht wieder und tapste wie ein Golem über den schmalen Steg. Als er ihn halb überquert hatte, betrat Boerst – von hinten glich auch er einem Fußball – bereits seine Rakete. Pirx steckte die Beine hinein, klammerte sich an die mas- sive Verschalung der Luke, rutschte die elastische Rinne hinunter, ohne die Füße auf die Sprossen zu stellen – Spros- sen sind nur für sterbende Piloten da, pfl egte Eselswiese zu dozieren –, und ging daran, die Klappe zu schließen. Sie hatten das an »Phantom«-Geräten und an einer Klappe trainiert, die aus einer richtigen Rakete stammte und mit- ten im Übungsraum befestigt war – hundertmal, tausend- mal: linke Kurbel, rechte Kurbel, halb herum, Kontrolle, der Abdichtungen, wieder eine halbe Drehung beider Kur- beln, Festdrücken, Dichtekontrolle unter Druck, Absiche- rung der Luke mit innerem Schutzdeckel, Vorschieben der Antimeteoritenschutzhülle, Verlassen des Einstiegschachts, Verschließen der Kabinentür, Andrücken, Kurbel, zweite Kurbel, Riegel – es konnte einem schlecht werden dabei. Pirx glaubte, daß Boerst schon lange in seiner Glaskugel säße, während er erst den Anschlagring der Kammer fest- schraubte. Plötzlich fi el ihm ein, daß sie ja ohnehin nicht zusammen starten würden, es wurden sechsminütige Ab- stände eingehalten, er brauchte sich also gar nicht zu beei- len. Dennoch war es besser, sich auf seinen Platz zu setzen und das Radiophon einzuschalten – dadurch könnte er we- nigstens die Befehle hören, die Boerst erhielt. Es war inter- essant zu wissen, welche Aufgabe er wohl zu lösen hätte. Als Pirx die Außenklappe zudrückte, schaltete sich auto- matisch die Innenbeleuchtung ein. Er verriegelte alles, was es zu verriegeln gab, und stieg über die mit sehr rauhem, aber weichem Plastikstoff ausgelegten Stufen der kleinen Schräge zum Pilotensitz. Weiß der Teufel, weshalb diese kleinen Einpersonenra- keten so eingerichtet sind, daß der Pilot in einer großen Glaskugel von drei Meter Durchmesser sitzen muß, dach- te Pirx. Sie war zwar durchsichtig, aber natürlich nicht aus Glas, sondern aus einem elastischen, federnden Materi- al, das sehr hartem, grobem Gummi ähnelte. Diese Kapsel mit dem zerlegbaren Pilotensitz in der Mitte war in einen kegelförmigen Raum eingepaßt, den eigentlichen Steuer- raum. Der Pilot konnte sich in seinem Zahnarztstuhl, wie, man ihn nannte, nach allen Seiten drehen und durch die Wände der Blase, in die er eingeschlossen war, alle Ska- len, alle Zeiger und alle vorderen, hinteren und seitlichen Bildschirme sehen, dazu die Tafeln beider Rechenmaschi- nen und des Astrographen sowie das Allerheiligste – das Trajektometer. Dieses Gerät zeichnete mit einem dicken, stark leuchtenden Band auf der trüben, gewölbten Scheibe den Weg des Projektils und setzte ihn in Beziehung zu den Fixsternen in der Harelsbergerschen Projektion. Der Pilot mußte die Elemente ihrer Projektion auswendig kennen und imstande sein, sie in jeder Lage vom Apparat abzule- sen, auch wenn er mit dem Kopf nach unten hing. Wenn er den Sitz eingenommen hatte, hielt er links und rechts die beiden Hauptgriff e des Reaktors und der Steuerdüsen für Abweichungen. Außerdem waren da noch drei Unfallgrif- fe, sechs Hebel für die einfache Steuerung, die Drehknüp- pel zum Starten und für den Freilauf sowie den Leistungs- regler, für den Schub, für das Durchblasen der Düsen, und dicht über dem Fußboden das große Speichenrad der Kli- maanlage, der Sauerstoff apparatur, der Griff der Brandsi- cherungsanlage, der Griff der Reaktorschleuder – für den Fall, daß eine unkontrollierte Kettenreaktion beginnen sollte –, ein Seil mit einer Schleife, das an der Decke des Schränkchens befestigt war, in dem sich die Th ermosfl a- schen und das Essen befanden, und unter den Füßen die weich gepolsterten und mit Riemenschleifen versehenen Bremspedale und die Schleudersicherung. Wenn man die Sicherung betätigte – man mußte mit dem Fuß die Hau- be einschlagen und sie nach vorn stoßen –, wurde die Bla-, se mit dem Sitz und dem Piloten und dem Ringband-Fall- schirm hinausgeschleudert. Außer dem Hauptzweck – Rettung des Piloten bei einer Havarie, die nicht zu beheben ist – gab es noch acht weite- re wichtige Gründe für die Konstruktion der Blase. Unter günstigeren Umständen hätte Pirx all diese Gründe aufzäh- len können, obwohl sie ihn allesamt nicht überzeugten und die anderen Kadetten auch nicht. Als er dann endlich saß, mußte er sich mühevoll krüm- men, um alle Röhrchen, Kabel und Leitungen, die aus dem Gurt heraushingen, in die Enden zu stecken, die aus dem Sitz emporragten. Jedesmal wenn er sich vorbeugte, schnürte ihm die Kombination den Leib ab. Es war kein Wunder, daß er das kleine Kabel der Phonie mit dem Heiz- kabel verwechselte. Zum Glück hatten sie verschiedenfarbi- ge Gewinde, aber der Irrtum wurde ihm erst bewußt, als er schon ganz in Schweiß gebadet war. Während die Luft rau- schend in die Kombination strömte und sie in Sekunden- schnelle ausfüllte, lehnte er sich seufzend zurück und legte mit beiden Händen die Schenkel- und Schulterriemen an. Der rechte schnappte gleich ein, der linke wollte nicht. Sein Kragen, der wie ein Gummireifen aufgeblasen war, erlaubte ihm nicht, nach hinten zu schauen. So quälte er sich denn und tastete blindlings mit dem Karabinerhaken – gleichzeitig vernahm er gedämpft e Stimmen in den Hö- rern: »… Pilot Boerst auf AMU 18! Start nach Phonie im Mo- ment Null!« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschos- sen., Pirx fl uchte. Endlich – der Verschluß rastete ein. Pirx sank tief in den weichen Sessel, so müde, als sei er gerade von einem sehr langen interstellaren Flug zurückgekehrt. »Dreiundzwanzig – zweiundzwanzig – einund …« tön- te es in den Hörern. Einmal war es vorgekommen, daß bei Null zwei Lehr- gangsteilnehmer zugleich starteten – der richtige und der andere, der noch gar nicht an der Reihe war. Die beiden Raketen schossen im Abstand von zweihundert Metern in die Höhe, es hätte nicht viel gefehlt, Sekundenbruchteile nur, und sie wären zusammengeprallt. So wenigstens wur- de es erzählt. Seit diesem Vorfall wurde das Zündkabel erst im letzten Augenblick eingeschaltet, durch Fernsteuerung. Der Flugplatzkommandant tat das von seiner verglasten Navigationszentrale aus – das Zählen war also ein gewöhn- licher Bluff , aber das wußte niemand. »Null!« tönte es in den Hörern. Pirx vernahm ein ge- dämpft es Brausen, sein Sitz erbebte, auf der durchsichti- gen Hülle, die ihn umgab, zitterten Lichtrefl exe. Er starr- te zur Decke, auf den Astrographen, und las die Werte ab – Kühlung, Schubkraft der Haupt- und Hilfsdüsen, Neu- tronenstromdichte, Grad der Verunreinigung durch Isoto- pe und noch achtzehn weitere Werte, von denen sich die Hälft e ausschließlich mit dem Zustand des Boosters befaß- te. Das Beben wurde schwächer, die Wand des dumpfen Lärms glitt vorüber, schien oben zu zerfl ießen, als habe sich ein unsichtbarer Vorhang vor den Himmel gespannt. Auch das Brausen nahm ab, es hörte sich an wie fernes Donner- grollen. Dann wurde es still., Etwas summte und zischte – Pirx fand nicht einmal Zeit, zu erschrecken. Die automatische Sicherung hatte die bis- her blockierten Bildschirme eingeschaltet – sie waren von außen abgesichert, wenn jemand in der Nähe startete, da- mit die blendende Flamme des atomaren Rückstoßes die Objektive nicht beschädigte. Sehr nützlich, diese automatischen Sicherungen! sagte sich Pirx. Er dachte an dies und das, bis ihm ein Schreck in die Glieder fuhr, ein Schreck, der ihm unter der glocki- gen Haube die Haare zu Berge stehen ließ. Herrgott, jetzt bin ich ja dran – gleich fl iege ich! ging es ihm durch den Sinn. Blitzschnell begann er die Hebel für den Start vorzube- reiten, das heißt, sie der Reihe nach zu berühren und zu zählen: Eins, zwei, drei – wo ist der vierte? Der dort … Ja … und dann den Zeiger … Das Pedal … Nein, nicht das Pedal … Die Griff e! Erst den roten, dann den grünen, dann den für den Automaten … So … Oder kommt der grüne vor dem roten …? Pilot Pirx auf AMU 27! Seine eigene laute Stimme, die ihm durch die Kopfh örer geradewegs ins Ohr drang, riß ihn aus dem Dilemma. Start nach Phonie im Moment Null! Er hätte beinahe »Pilot Boerst« gesagt, so sehr hatten sich ihm die Worte des anderen eingeprägt. »Idiot!« brüllte er sich selbst in der Stille an, die nun herrschte. Dann bellte der Automat: Sechzehn – fünfzehn – vierzehn … Müssen ei- gentlich alle Automaten solche Feldwebelstimmen haben? fragte sich Pirx. Er schwitzte. Krampfh aft versuchte er, sich an etwas Wichtiges zu erinnern. Er wußte, daß dieses Et-, was ausschlaggebend war, daß es über Leben und Tod ent- schied, aber es wollte ihm nicht einfallen. … sechs – fünf – vier … Mit feuchten Fingern umklammerte er den Startgriff . Gut, daß er so rauh ist, dachte er. Ob alle so schwitzen? Wahrscheinlich … Null! schnarrte es im Hörer. Seine Hand zog den Hebel von selbst, ganz von selbst, sie zog ihn bis zur Mitte und hielt ihn fest. Brüllendes Getö- se … Ihm war, als lege sich ihm eine elastische Presse um Kopf und Brust. Der Booster! vermochte er gerade noch zu denken, dann wurde es dunkel um ihn. All das dauer- te nur wenige Augenblicke. Als es vorbei war, lastete noch immer der unnachgiebige Druck auf seinem Körper. Auf den Bildschirmen, zumindest auf denen, die ihm gegen- über angebracht waren, sah er eine weiße, brodelnde Mas- se, die ihn an Milch erinnerte, an Milch, die aus einer Mil- lion Töpfen überkocht. Aha! sagte er sich. Jetzt stoße ich durch die Wolken … Sein Gehirn arbeitete noch ein wenig träge, aber er war immerhin wieder imstande, ruhig und klar zu überlegen. Er kam sich mit der Zeit völlig unbeteiligt vor, ihm war, als sei er nur noch Zeuge dieser sonderbaren Szenerie. Ko- misch! dachte er. Da fl äzt sich so ein Bursche im »Zahn- arztstuhl« herum, rührt weder Hand noch Fuß, und dabei … Die Wolken sind übrigens verschwunden, der Himmel ist blau … Eigenartig, dieses Blau … Wie mit Tusche ge- fälschtes Wäscheblau … Sind das dort Sterne, oder sind es keine …? Ja, Sterne …, Überall bewegten sich Zeiger – über ihm, vor ihm, neben ihm. Jeder bewegte sich anders, jeder zeigte etwas anderes an. Pirx mußte sie alle verfolgen, und er hatte nur zwei Au- gen. In den Hörern ertönten in regelmäßigen Abständen kurze, pfeifende Signale; seine linke Hand zog von selbst – wieder ganz von selbst – an der Schleuder des Boosters. Gleich darauf wurde es etwas erträglicher. Die Geschwin- digkeit betrug sieben Komma eins pro Sekunde, die Höhe zweihundertein Kilometer, die Beschleunigung eins Kom- ma neun. Die Startkurve, die er mit auf den Weg bekom- men hatte, war zu Ende. Nun heißt es entspannen, dachte Pirx, denn bald wird es eine Menge Arbeit geben! Er machte es sich bequem, drückte auf die Lehne – da- durch hob sich die Stütze des Sessels – und erstarrte vor Schreck. Wo ist die Spicke?! durchfuhr es ihn. Die Spicke war wichtig, unsagbar wichtig, und er konn- te sich nicht erinnern, wo er sie hingesteckt hatte. Er sah sich auf dem Fußboden um, als gäbe es nicht die Unmen- ge von Zeigern, die ihn von allen Seiten anblinzelten. Da! Die Spicke lag unter dem Sessel! Er bückte sich, aber die Gurte ließen begreifl icherweise nicht locker. Nun blieb ihm keine Zeit mehr, und mit dem Gefühl, auf der Spitze eines sehr hohen Turmes zu stehen und mit ihm in die Tiefe zu stürzen, schlug er das Navigationsbuch auf, das in der Ta- sche über dem Knie steckte, und zog die Aufgabe aus dem Umschlag. Zuerst begriff er gar nichts. Verfl ixt, wo ist die Umlaufb ahn B 68? fragte er sich. Aha, die wird’s wohl sein … Er kontrollierte das Trajektometer und begann langsam, zu wenden. Donnerwetter, es klappt sogar! dachte er stau- nend. Als er die Ellipsenbahn erreicht hatte, präsentierte ihm der Kalkulator freundlich die Daten zur Korrektur. Pirx manövrierte, sprang aus der Umlaufb ahn, bremste gar zu heft ig, hatte zehn Sekunden lang minus 3 g, aber das mach- te ihm nichts aus. Physisch war er sehr widerstandsfähig. »Wäre dein Hirn so wie dein Bizeps«, hatte Eselswiese ein- mal gesagt, »dann könnte etwas aus dir werden!« Mit Hilfe der Korrekturdaten ging Pirx auf die feste Um- laufb ahn, übermittelte dem Kalkulator über Phonie die Daten – aber der Kalkulator gab keine Antwort, auf sei- nem Bildschirm oszillierten Leerlaufwellen. Pirx brüllte noch einmal die Daten, bis ihm einfi el, daß er vergessen hatte, umzuschalten. Er holte das Versäumte nach, und so- gleich erschien auf der Mattscheibe eine fl immernde verti- kale Linie, und alle Fensterchen zeigten übereinstimmend lauter Einsen. Ich bin auf der Umlaufb ahn! dachte er er- freut. Die Umlaufb ahn betrug allerdings nicht vier Stun- den und sechsundzwanzig Minuten wie vorgeschrieben, sondern vier Stunden und neunundzwanzig Minuten. Ist diese Abweichung zulässig oder nicht? überlegte Pirx an- gestrengt. Ob ich die Gurte abknöpfe und in der Spicke nachschaue? Sie liegt unter dem Sessel … Ach, weiß der Teufel, ob das überhaupt drin steht … Plötzlich fi el ihm ein, was Professor Kaahl einmal gesagt hatte: »Die Um- laufb ahnen sind mit einem Fehler von null Komma drei Prozent berechnet.« Den Daten nach, die ihm der Kalku- lator übermittelte, bewegte er sich dicht an der Grenze des, Zulässigen. Na also, das war’s, sagte er sich und sah sich nun erst richtig um. Der Schweredruck schwand. Er spürte es nur daran, daß er sich sehr leicht vorkam, denn er war ja an den Sitz ge- schnallt, wie es sich gehörte. Auf dem vorderen Bildschirm sah er Sterne, nichts als Sterne, und am unteren Rand ei- nen blendendweißen Saum. Auf dem seitlichen Schirm war alles schwarz. Sterne, Sterne. Und auf dem unteren? Aha! Aufmerksam betrachtete Pirx die Erde – er jagte in einer Höhe von siebenhundert bis zweitausendvierhundert Kilo- meter über sie hinweg. Sie war ungeheuer groß, füllte den ganzen Schirm aus. Grönland! Das ist doch Grönland, oder …? Ehe er sich Gewißheit verschaff en konnte, überquerte er bereits Nord- kanada und die Arktis. Rings um den Nordpol glänz- te Schnee. Der Ozean hatte eine schwarzlila Farbe, seine Oberfl äche war gewölbt, aber glatt, sie schien aus Eisen ge- gossen zu sein. Die wenigen Wolken – merkwürdig, wie wenige es waren – wirkten, als habe jemand hier und da ei- nen dünnen Brei über die erhabenen Stellen verspritzt. Pirx warf einen Blick auf die Uhr. Er fl og schon siebzehn Minuten. Nun mußte er die Radiosignale des Satelliten PAL auf- fangen und beim Kreuzen seiner Zone auf die Radarschir- me schauen. Wie hießen die beiden Schiff e doch gleich? RO? Nein, JO. Und die Nummern? Er warf einen Blick auf das Blatt mit der Aufgabe, steckte es zusammen mit dem Navigationsbuch in die Tasche und bewegte den Regula- tor der Kontrollkapsel auf der Brust. Nur ein Piepsen und, Knacken war zu vernehmen. PAL? Welches Signal hatte der eigentlich? Morse – aha! Er hörte genauer hin und sah auf die Schirme. Langsam drehte sich die Erde unter ihm, die Sterne glitten rasch über die Schirme, aber von PAL war nach wie vor weder etwas zu hören noch zu sehen. Plötzlich summte es. PAL! dachte er, aber er verwarf den Gedanken sogleich. Unsinn! Diese Schlitten summen doch nicht … Also was? Gar nichts summt! versuchte er sich einzureden. Oder … Havarie? Das schreckte ihn keineswegs. Was konnte es schon für eine Havarie sein, er fl og doch mit abgeschaltetem Trieb- werk! Zerfällt die Kiste etwa von selbst, oder was? Vielleicht ein Kurzschluß? Ach ja, das wird’s sein! O Gott! Brand- schutzbestimmung III a: »Brand im Weltraum auf Umlauf- bahnen«, Paragraph … Hol’s der Teufel! Es summte und brummte in einem fort, das Piepsen der Signale war kaum noch zu hören. Klingt fast so, als ob ‘ne Fliege im Glas herumschwirrt, dachte er und sah von einer Uhr zur anderen. Da entdeckte er sie. Es war eine Riesenfl iege – grünlich-schwarz, ekelhaft , ei- nes dieser Biester, die off enbar dazu geschaff en sind, dem Menschen den Nerv zu töten, frech, aufdringlich, idiotisch, aber zugleich schlau und listig. Wie durch ein Wunder – wie sonst? – hatte sie sich in die Rakete geschmuggelt, und nun schwirrte sie außerhalb der gläsernen Kapsel umher und prallte dabei hin und wieder wie ein summendes Kü- gelchen gegen die leuchtenden Scheiben., Als sich die Fliege dem Kalkulator näherte, begann es in den Kopfh örern so laut zu brummen wie ein viermotori- ges Flugzeug, denn am oberen Rand des Kalkulators war ein Reservemikrofon angebracht. Es ließ sich außerhalb des Sitzes ohne Laryngophon erreichen, wenn die Kabel der Bordphonie getrennt waren. Wozu? Für alle Fälle. Es gab mehrere solcher Einrichtungen. Pirx verfl uchte das Mikrofon, wußte er doch, daß er Ge- fahr lief, die Signale des PAL zu überhören. Und nun be- gann die Fliege auch noch, nach allen Seiten Ausfälle zu machen. Unwillkürlich verfolgte er sie mit dem Blick, dann aber sagte er sich in aller Strenge, daß sie ihm gestohlen bleiben könne. Schade, daß man hier nicht irgend so ein Zeug spritzen kann … »Ruhe!« Es klirrte so laut, daß er unwillkürlich eine Grimas- se schnitt. Die Fliege kroch auf den Kalkulator. Es wur- de still – jetzt putzte sie sich die Flügel. Ein scheußliches Vieh! In den Hörern ertönte ein fernes, regelmäßiges Piep- sen: kurz-lang-lang-kurz – kurz-lang – kurz-lang-kurz- kurz. PAL! entschlüsselte Pirx. So, jetzt heißt es die Au- gen aufsperren … Er hob den Sessel an – nun hatte er drei Bildschirme auf einmal vor Augen –, überprüfte erneut, wie sich der führende Phosphorstrahl des Ra- dargeräts drehte, und wartete gespannt. Auf dem Ra- darschirm war nichts zu sehen, aber eine Stimme mel- dete sich., A sieben Terraluna, A sieben Terraluna, Sektor III – Kurs einhundertdreizehn, PAL PELENG ruft – Bitte um Messung – Schalte auf Empfang. Verfl ixt, wie soll ich jetzt bloß meine JOs hören! dach- te Pirx besorgt. Das Brummen in den Hörern verstummte plötzlich, und im gleichen Augenblick fi el von oben ein Schatten auf Pirx’ Gesicht, als habe sich eine Fledermaus an der Lampe fest- gesetzt. Die Fliege! Sie kroch über die gläserne Kapsel, als ob sie ihr Inneres ergründen wollte. Inzwischen war es im Äther »eng« geworden: Der Sa- tellit PAL war aufgetaucht. Pirx konnte ihn bereits sehen, er glich einem Pfahl, es war ein achthundert Meter lan- ger Aluminiumzylinder mit einer Observatoriumskugel am Heck. Er fl og über ihm – ungefähr vierhundert Kilometer entfernt, vielleicht auch etwas mehr – und schickte sich an, ihn langsam zu überholen. PAL PELENG an A sieben Terraluna, einhundertachtzig Komma vierzehn, einhundertsechs Komma sechs – Linear wachsende Abweichung – Ende. ALBATROS vier Aresterra ruft PAL Hauptstation, PAL Hauptstation – Steige herab zum Tanken, Sektor II, steige herab zum Tanken, Sektor II – Fliege mit Reserve – Emp- fang. A sieben Terraluna, PAL PELENG ruft … Alles Weitere wurde vom Brummen der Fliege übertönt. Endlich schien sie sich ein wenig zu beruhigen. Hauptstation an ALBATROS vier Aresterra – Tanken Quadrant sieben, Omega Hauptstation – Ende., Die haben sich hier absichtlich versammelt, damit ich nichts höre, sagte sich Pirx. Die Antischweißwäsche klebte ihm am Körper. Die Fliege kreiste wütend über der Schei- be des Kalkulators, sie schien zu versuchen, den eigenen Schatten einzuholen. ALBATROS vier Aresterra, ALBATROS vier Aresterra an PAL Hauptstation – Laufe Quadranten sieben an, laufe Qua- dranten sieben an – Bitte um Einlotsen durch Interkom – Ende. Pirx hörte das Pfeifen des Interkoms, es wurde lei- ser und ging im Brummen unter, das wieder anschwoll. Er verstand nur die Worte: JO zwei Terraluna, JO zwei Terraluna ruft AMU 27, AMU 27 – Empfang. Interessant, meint der mich? Pirx zerrte vor Aufregung an den Gur- ten. »AMU …«, wollte er sagen, aber seiner heiseren Keh- le entrang sich kein Laut. In den Hörern brummte es. Die Fliege. Er schloß die Augen und begann zu sprechen: AMU 27 an JO zwei Terraluna – Bin im Quadranten vier, Sektor PAL – Schalte Positionslichter ein – Empfang. Er schaltete die Positionslichter ein – zwei rote an den Seiten, zwei grüne an der Spitze, ein blaues am Heck – und wartete. Außer der Fliege war nichts zu hören. JO zwei bis Terraluna, JO zwei bis Terraluna, ich rufe … Es summte. Meint der mich? fragte er sich verzweifelt. AMU 27 an JO zwei bis Terraluna – Bin im Quadranten vier, Randsektor PAL – Trage alle Positionslichter – Empfang., Nun meldeten sich die beiden JO-Schiff e gleichzei- tig. Er schaltete den Selektor ein, der die Reihenfolge be- stimmte, aber es war sinnlos. Das Brummen verschluck- te alles. Die Fliege, die Fliege! Ich werde mich hier noch aufh ängen! dachte er. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß dieser »Ausweg« infolge fehlender Schwerkraft un- möglich war. Plötzlich entdeckte er auf dem Radarschirm die beiden Schiff e – sie folgten ihm in parallelen Kurven, nicht mehr als neun Kilometer voneinander entfernt, das heißt in unzuläs- sigem Abstand. Als Lotse war er verpfl ichtet, ihnen zu befeh- len, den vorgeschriebenen Abstand von vierzehn Kilometern einzuhalten. Er wollte sich noch einmal vergewissern, aber als er die genaue Lage der beiden Schatten auf dem Radar- schirm zu untersuchen begann, ließ sich die Fliege auf der Scheibe nieder – ausgerechnet auf einem der Schatten. Wut- entbrannt warf er das Navigationsbuch nach ihr – im Zu- stand der Schwerelosigkeit ein aussichtsloses Unterfangen. Das Buch prallte gegen die Kapselwand, fi el aber nicht nach unten, sondern nach oben. Es stieß gegen die Decke fl og hin und her und blieb schließlich mitten in der Kapsel schweben. Auf die Fliege machte das nicht den geringsten Eindruck – sie kroch seelenruhig weiter über den Radarschirm. AMU 27 Terraluna an JO zwei, JO zwei bis – Ich sehe euch – Ihr habt Bordnähe – Wechselt auf Parallelkurse über mit Korrektur null Komma null eins – Nach Durchführung des Manövers auf Empfang gehen – Ende. Die beiden Schatten begannen sich langsam voneinan- der zu entfernen. Pirx wußte nicht, ob ihm die JO-Schiff e, etwas übermittelten, denn in den Hörern brummte es oh- renbetäubend: Die Fliege kreiste nun unmittelbar um das Mikrofon des Kalkulators. Pirx hatte nichts mehr, womit er nach ihr werfen konnte. Über ihm schwebte das Navigati- onsbuch und raschelte sanft mit seinen Seiten. PAL Hauptstation an AMU 27 Terraluna – Verlassen Sie den Randquadranten, verlassen Sie den Randquadranten – Empfange das Transsolare – Empfang. Unverschämtheit, jetzt kommt mir auch noch das Trans- solare in die Quere … Was geht mich das an? Raumschif- fe in Gruppenformation haben Vorrang! überlegte Pirx. Er begann zu schreien, sein ohnmächtiger Haß auf die Flie- ge entlud sich. AMU 27 Terraluna an PAL Hauptstation – Gehe vom Quadranten nicht herunter, das Transsolare geht mich nichts an – Fliege in Dreierformation – AMU 27, JO zwei, JO zwei bis, Geschwader Terraluna, an der Spitze AMU 27 – Ende. Das mit dem »nichts angehen« war unnötig! sagte er sich. Damit habe ich mir nur Strafpunkte eingehandelt … Ach was, der Teufel soll sie holen! Und wer bekommt Straf- punkte für die Fliege? Auch wieder ich, was? So was kann aber auch nur mir passieren … Eine Fliege im Raumschiff – eine Fliege! Smiga und Boerst werden platzen vor La- chen, wenn sie davon erfahren … Ich sehe sie direkt vor mir …! Es war das erstemal seit dem Start, daß er einen Gedanken an Boerst verschwendete, und auch jetzt blieb ihm keine Zeit, denn PAL – das war immer klarer zu er- kennen – fi el immer mehr zurück. Nun fl ogen sie schon fünf Minuten zu dritt., AMU 27 an JO zwei, JO zwei bis Terraluna – Zwanzig Uhr sieben – Das Manöver mit dem Einbiegen auf den Parabol- kurs Terraluna beginnen wir um zwanzig Uhr zehn – Kurs einhundertelf … Pirx las die Kurse vom Blatt ab. Die Schif- fe antworteten. PAL war nun außer Sicht, man konnte ihn aber immer noch hören. Oder war es die Fliege? Auf ein- mal spaltete sich das Summen. Pirx rieb sich die Augen – tatsächlich! Es war nicht mehr eine Fliege, es waren zwei! Wo in aller Welt war die zweite hergekommen? Die ma- chen mich fertig, dachte er seelenruhig. Seltsam … Die Erkenntnis, daß es sich nicht lohnte, zu kämpfen, hatte für Pirx etwas Angenehmes. Sie machen mich fertig, so oder so …, sagte er sich. Aber diese Resi- gnation währte höchstens eine Sekunde. Ein Blick auf die Uhr trieb ihn zum Handeln. Der von ihm selbst bestimmte Zeitpunkt für den Beginn des Manövers war herangerückt, und er hatte noch nicht mal die Hände an den Hebeln. Die Plackerei der tausendfachen Übungen tat off enbar das Ihre. Blindlings ergriff er beide Knüppel, betastete den linken, dann den rechten, während er auf das Trajekto- meter starrte. Das Triebwerk dröhnte dumpf, ging über in ein Zischen. Er stöhnte auf – irgend etwas hatte ihn an der Stirn getroff en, dicht unter dem Schirm des Helms. Das Na- vigationsbuch! Es schwebte vor seinen Augen, nahm ihm die Sicht, er konnte es nicht abstreifen, denn er hatte kei- ne Hand frei. In den Hörern summte und brodelte es, das Liebesleben der Fliegen auf dem Kalkulator war in vollem Gange. Einen Revolver müßte man haben, dachte er und fühlte, wie ihm das Navigationsbuch infolge der wachsen-, den Beschleunigung die Nase plattdrückte. Rasend vor Wut warf er den Kopf hin und her – er mußte das Trajektometer sehen! Das Buch, es wog annähernd drei Kilo, schlug kra- chend auf den Boden – immerhin betrug die Beschleuni- gung fast 4 g. Er bremste ein wenig, um sie in den Grenzen zu halten, die das Manöver erforderte. Als er die Beschleu- nigung bis auf2ggedrosselt hatte, rastete er die Riegel an den Hebeln ein. Den Fliegen scheint die Beschleunigung nichts auszumachen – nichts, aber auch gar nichts, dach- te er. Ihnen bekommt das off ensichtlich glänzend … Und so soll ich nun dreiundachtzig Minuten fl iegen …! Er warf einen Blick auf den Radarschirm: Beide JO-Schiff e folgten ihm in einem Abstand, der auf etwa siebzig Kilometer an- gewachsen war. Kein Wunder, er war ja mehrere Sekunden mit4ggefl ogen und dadurch so weit vorgeschnellt. Macht nichts, dachte Pirx. Solange er mit Beschleunigung fl og, hatte er ein wenig Muße. 2g – das war gar nichts. Insgesamt wog er jetzt ein- hundertzweiundvierzig Kilogramm. Im Laborkarussell hat- te er manchmal eine halbe Stunde lang4gaushalten müs- sen. Andererseits, versteht sich, waren auch diese2gnicht gerade angenehm. Hände, Beine – alles schien sich in Ei- sen verwandelt zu haben. Das Licht blendete ihn, er konn- te nicht einmal den Kopf bewegen. Noch einmal überprüft e er die Lage der beiden Schif- fe, die ihm folgten. Was mag Boerst wohl jetzt tun? fragte er sich. Er stellte sich das Gesicht des anderen vor, dieses Filmgesicht. Der hatte aber auch ein Kinn! Und dann die, gerade Nase und die grauen, schillernden Augen … Eine Spicke hatte der bestimmt nicht nötig … Na ja, vorläufi g brauche ich sie auch nicht … Das Summen in den Hörern wurde leiser. Beide Fliegen krochen an der Decke der Kap- sel entlang, ihre Schatten streift en sein Gesicht, er zuckte zusammen, als er das merkte, und sah auf. An den Enden ihrer schwarzen Beine hatten sie teigartige Erweiterungen, ihre Flügel glänzten metallisch im Lichte der Lampen. Ekelhaft . ELAN acht Aresterra ruft im Dreieck Terraluna – Sech- zehnter Quadrant, Kurs einhundertelf Komma sechs – Ihr habt mit mir konvergierenden Kurs – Elf Minuten, zweiund- dreißig Sekunden – Bitte eigenen Kurs ändern – Schalte auf Empfang. Das hat noch gefehlt! stöhnte er. Was muß sich dieser Narr einmischen! Sieht er nicht, daß ich in Formation fl iege? AMU 27 an der Spitze des Dreiecks Terraluna JO zwei, JO zwei bis ruft ELAN acht Aresterra – Fliege in Formati- on, kann Kurs nicht ändern, führe du das Ausweichmanö- ver durch – Ende. Während er das sagte, forschte er auf dem Radarschirm nach diesem Unverfrorenen. Da war er. Kaum anderthalb- tausend Kilometer entfernt! Elan acht an AMU 27 Terraluna – Habe defektes gravime- trisches System – Beginnt unverzüglich Ausweichmanöver – Schnittpunkt der Kurse vierundzwanzig null acht, Quadrant Luna vier, Randzone – Gehe auf Empfang. AMU 27 an ELAN acht Aresterra, JO zwei, JO zwei bis Terraluna – Führe Ausweichmanöver durch, zwanzig Uhr, neununddreißig – Umkehrmanöver gleichzeitig hinter dem führenden Schiff bei optischer Entfernung, nördliche Abwei- chung Sektor Luna eins null Komma sechs – Schalte Trieb- werke mit geringer Schubkraft ein – Empfang. Während er das sagte, schaltete er die beiden unteren Dü- sen für die Wendemanöver ein. Beide JO-Schiff e antworte- ten sofort, sie drehten ab. Die Sterne glitten über die Bild- schirme. ELAN dankte, er befand sich auf dem Flug zur Hauptstation Luna. Pirx hatte plötzlich Schneid, er wünsch- te ihm eine glückliche Landung, das gehörte zum guten Ton, vor allem, wenn jemand einen Schaden hatte. Eine Weile be- obachtete er die Positionslichter des tausend Kilometer ent- fernten Raumkörpers, dann rief er wieder seine JO-Schiff e und begann, den alten Kurs anzusteuern – aussichtslos! Be- kanntlich ist es kinderleicht, vom Kurs abzugehen, aber na- hezu unmöglich, das gleiche Stück Parabel wiederzufi nden. Die Beschleunigung veränderte sich. Der Kalkulator spei- cherte die neuen Daten so rasch, daß Pirx nicht Schritt hal- ten konnte. Zu allem Überfl uß krochen nun beide Fliegen auf dem Kalkulator herum, bevor sie sich auf dem Radarge- rät niederließen, wo sie einander munter weiterjagten. Ihre Schatten huschten nur so über den Schirm. Woher nehmen die Biester nur die Vitalität? fragte sich Pirx. Nach zwanzig Minuten war es endlich geschafft – Pirx fl og wieder auf dem ursprünglichen Kurs. Boerst hat be- stimmt eine Route, die so leer und sauber ist, als hätte man sie mit einem Staubsauger gereinigt, dachte er. Und wenn nicht – den kann ja sowieso nichts erschüttern. Boerst er- ledigt alles im Vorbeigehen …, Er schaltete den Automaten zur Verringerung der Be- schleunigung ein, um auf der dreiundachtzigsten Minute die Beschleunigung null zu haben, wie es in der Instrukti- on vorgesehen war. Plötzlich erblickte er etwas – ihm wur- de eiskalt unter der nassen Antischweißwäsche: Der weiße Deckel über der Schalttafel war im Begriff , aus den Klem- men zu rutschen, er glitt Millimeter um Millimeter tiefer. Off enbar war er ein wenig locker eingehängt, und beim Rütteln des Schiff es während der Wendemanöver – er war in der Tat ziemlich unsanft mit der Rakete umgegangen – hatten die Druckriegel nachgelassen. Die Beschleuni- gung betrug immer noch 1,7 g. Der Deckel rutschte lang- sam tiefer, als ob jemand mit einem unsichtbaren Faden an ihm zerrte – bis er schließlich absprang und herunterfi el. Er schlug von außen gegen die durchsichtige Kapselwand, glitt daran herunter und blieb am Boden liegen. Die vier kupfernen Hochspannungsleitungen und die Sicherungen blitzten auf. Warum hatte ich bloß solche Angst? dachte Pirx. Der Deckel ist heruntergefallen, na und? Mit oder ohne Dek- kel, ist das nicht einerlei? Aber er war besorgt – das hätte nicht passieren dürfen. Wenn der Deckel von der Sicherung herunterfallen kann, dann kann auch das Heck abbrechen, sagte er sich. Er wußte, daß er nur noch siebenundzwanzig Flugmi- nuten mit Beschleunigung vor sich hatte, und er befürch- tete, daß der Deckel schwerelos werden und umherfl ie- gen könnte, wenn er die Triebwerke abschaltete. Konnte er etwas Schlimmes anrichten? Wohl kaum. Er war nicht, schwer genug. Nicht einmal eine Scheibe würde er ein- schlagen. Ach was … Er suchte die Fliegen – sie jagten einander, kreisten sum- mend in der Kapsel umher, bis sie sich schließlich unter den Sicherungen niederließen, so daß er sie aus den Au- gen verlor. Im Radaroskop erblickte er seine beiden JO-Schiff e – sie hielten Kurs. Der vordere Schirm zeigte die Mondschei- be, sie war so groß, daß sie den halben Schirm ausfüllte. Damals, bei den selenographischen Übungen im Tycho- Krater, hatte Boerst mit Hilfe eines gewöhnlichen tragba- ren Th eodoliten … Ach, verfl ixt, was der nicht alles konn- te! Hatte er nicht auch versucht, die Luna-Hauptstation am äußeren Abhang des Archimedes wiederzufi nden? Sie war fast gänzlich im Felsen vergraben und kaum zu erkennen gewesen, nur die glatte Landebahn mit den Signallichtern war zu sehen, aber nur, wenn sie in der Zone der Nacht lag, doch jetzt schien dort die Sonne. Die Station selbst ruhte zwar in einem Schattenstreifen, den der Krater warf, aber der Kontrast zu der gleißenden Scheibe ringsherum war so stark, daß sich die schwächlichen Flämmchen der Signal- lichter überhaupt nicht abhoben. Der Mond sah aus, als hätte noch nie der Fuß eines Men- schen auf ihm gestanden – von den Mondalpen fi elen über- lange Schatten auf die Ebene des »Meeres der Regen«. Pirx erinnerte sich an seinen ersten Mondfl ug, damals war die ganze Gruppe dabei, als gewöhnliche Passagiere. Eselswiese hatte ihn gebeten, nachzuprüfen, ob Sterne siebenter Größe vom Mond aus noch sichtbar seien, und er, dumm wie er, damals war, hatte sich mit dem größten Eifer an diese Auf- gabe gemacht! Ihm war völlig entfallen, daß vom Mond aus tagsüber überhaupt keine Sterne zu sehen sind – der Blick ist durch das Sonnenlicht, das sich am Boden widerspie- gelt, viel zu sehr geblendet. Eselswiese hatte ihn noch lan- ge mit diesen Sternen gehänselt. Die Mondscheibe auf den Schirmen wurde immer grö- ßer. Bald würde sie die Reste des schwarzen Himmels völlig verdrängt haben, zumindest auf dem vorderen Schirm. Sonderbar, das Summen war verstummt. Pirx sah zur Seite – und erstarrte. Auf der erhabenen Fläche der Sicherung saß eine der beiden Fliegen und putzte sich die Flügel, die andere mach- te ihr währenddessen den Hof. Ein paar Millimeter weiter glänzte das nächste Kabel. Die Isolierung endete ein wenig höher – alle vier Kabel lagen frei. Jedes von ihnen war bei- nahe so stark wie ein Bleistift . Da die Spannung nicht all- zu hoch war – tausend Volt –, gab es zwischen den Kabeln nur geringe Abstände – jeweils nur sieben Millimeter. Pirx wußte zufällig, daß es genau sieben Millimeter waren. Sie hatten einmal die gesamte elektrische Installation ausein- andergenommen, und er hatte sich vom Assistenten Unver- schämtheiten anhören müssen, weil er die Abstände zwi- schen den Leitungen nicht kannte. Die eine Fliege hatte inzwischen vom Liebesspiel abge- lassen und kroch jetzt auf der bloßen Leitung entlang. Das schadete ihr nicht, aber wenn es sie gelüstete, auf die zwei- te zu kriechen … Off enbar verspürte sie gerade diese Lust, denn nun brummte sie und setzte sich ganz außen auf die, Kupferader – so, als ob es in dem ganzen Steuerraum kei- nen anderen Platz gegeben hätte. Pirx überlegte fi eberhaft . Wenn sie nun die Vorderbeine auf die erste und die Hinter- beine auf die zweite Leitung stellt, dann … Ja, was eigent- lich? Im schlimmsten Fall würde es einen Kurzschluß ge- ben, aber die Fliege war wohl doch nicht groß genug, um einen Kurzschluß zu verursachen. Und wenn, dann wäre es auch nicht so gefährlich. Die automatische Sicherung wür- de den Strom abschalten, die Fliege würde verbrennen, der Automat würde den Strom erneut einschalten, und alles wäre wieder in Ordnung. Und was die Fliege betraf, so hät- te er endlich Ruhe. Wie hypnotisiert starrte er auf das Hochspannungs- schränkchen. Er wünschte sich nicht, daß das Vieh es ver- suchte. Ein Kurzschluß war zwar eine Lappalie, aber daraus konnte wer weiß was entstehen. Wozu das Risiko … Ein Blick auf die Uhr: Es standen nur noch acht Minuten mit allmählich schwächer werdendem Schub bevor. Gleich würde damit Schluß sein. Pirx starrte auf das Ziff erblatt – da blitzte es auf, und die Lichter verloschen. Das Gan- ze dauerte kaum eine Drittelsekunde. Die Fliege! sagte er sich und hielt den Atem an. Wird der Automat den Strom einsch … Er tat es. Die Lichter fl ammten wieder auf, aber sie brannten selt- sam schwach und orangenrot, und gleich darauf sprang die Sicherung ein zweites Mal heraus. Dunkelheit. Der Auto- mat schaltete ein – das Licht verlöschte. Ein – aus, ein – aus – so ging es in einem fort. Was war los? Im regelmäßig aufb litzenden Lampenschein erkannte Pirx nur mit Mühe, die Ursache: Von der Fliege – das Biest hatte sich zwischen zwei Leitungen gezwängt – war ein kleiner Rest übrigge- blieben, ein verkohlter Stumpf, der die beiden Kabel weiter miteinander verband. Man kann nicht behaupten, daß Pirx sehr erschrocken war. Zugegeben, er war erregt, aber hatte er sich denn seit dem Start überhaupt schon beruhigt? Die Uhr war kaum zu sehen. Die Ziff erblätter hatten ihre eigene Beleuchtung – auch das Radargerät. Der Strom war noch so stark, daß sich die Lichter und die Reserveleitungen noch nicht ein- schalteten, aber er war wiederum nicht so stark, daß es hell wurde. Noch vier Minuten – dann würden sich die Trieb- werke ausschalten. Darum brauchte er sich nicht zu kümmern – der Auto- mat des Reduktors würde das von selbst besorgen. Aber wie – Pirx lief es kalt über den Rücken –, wie konnte er bei Kurzschluß funktionieren? War das überhaupt dieselbe Leitung? Er war sich nicht sicher, bis ihm einfiel, daß es die Hauptsicherun- gen für die ganze Rakete und für sämtliche Leitungen waren. Die Atomsäule jedoch mußte ein eigenes Netz haben … Die Säule schon, aber nicht der Apparat. Er hatte ihn ja vorhin selbst eingestellt. Man müßte ihn also abschalten … Oder nicht? Vielleicht würde es dennoch gehen … Die Konstrukteure hatten mit allem gerechnet, nur nicht damit, daß eine Fliege in den Steuerraum gelangen, daß der Deckel herunterfallen und ein Kurzschluß entstehen könnte., Die Lichter fl ackerten ununterbrochen. Ich muß irgend etwas tun! sagte sich Pirx. Aber was? Ganz einfach – man brauchte nur den Hauptschalter umzuwerfen, der hinter dem Sitz unter dem Fußboden angebracht war. Der würde die Hauptleitungen ausschalten und die Notleitungen betä- tigen. Dann wäre alles in Ordnung … Eigentlich ist sie gar nicht so schlecht konstruiert, die Rakete … Man hat doch so manches bedacht und für die nötige Sicherheit gesorgt. Er hätte gern gewußt, ob auch Boerst gleich darauf ge- kommen wäre. Ja, wahrscheinlich, das war zu befürchten. Vielleicht sogar … Himmel, nur noch zwei Minuten! Das Manöver ist nicht mehr zu schaff en … Er sprang auf, er hatte die anderen auf den Tod vergessen! Eine Weile überlegte er mit geschlossenen Augen. AMU 27, Leitrakete Terraluna an JO zwei, JO zwei bis – Habe Kurzschluß im Steuerraum – Führe Einbiegemanö- ver auf zeitweilig feste Umlaufb ahn über dem Sonnenäqua- tor des Mondes mit Verspätung von … unbestimmter Dau- er durch – Vollendet das Manöver selbst in der festgesetzten Frist – Empfang. JO bis an führenden AMU 27 Terraluna – Führe Komplex- manöver mit JO zwei durch, um über Äquatorzone auf zeit- weilig feste Umlaufb ahn zu gelangen – Hast neunzehn Minu- ten Zeit bis zur Scheibe – Erfolg, Erfolg – Ende. Pirx hatte kaum zugehört. Er löste das Kabel der Radio- phonie, die Sauerstoff schlange und das zweite kleine Kabel – die Gurte hatte er bereits aufgeknöpft . Als er aufstand, fl ammte der Automat des Reduktors rubinrot auf; die gan- ze Kapsel tauchte aus der Finsternis empor, dann versank, sie wieder in dem trüben, orangeroten Licht der vermin- derten Spannung. Die Triebwerke schalteten sich nicht aus. Das rote Licht starrte ihn aus dem Halbdunkel an, als woll- te es ihn um Rat fragen. Er hörte einen Brummton in regel- mäßigen Abständen – das Warnsignal. Der Reduktor konn- te die Triebwerke nicht automatisch abschalten. Pirx sprang taumelnd hinter den Sitz. Der Schalthebel steckte in einer Kassette, die in den Fußboden eingelassen war – sie war verschlossen. Verschlossen, jawohl. Er zerr- te an dem Deckel, aber der ließ nicht locker. Wo ist der Schlüssel? überlegte er. Der Schlüssel war nicht zu fi nden. Pirx rüttelte noch ein- mal an dem Deckel – vergebens. Er sprang auf und starrte blind vor sich hin. Der Mond auf den vorderen Schirmen war nicht mehr silbern, sondern weiß, ein gigantischer Mond, weiß wie Bergschnee. Die gezackten Schatten der Krater huschten über die Scheibe. Der Radarhöhenmesser meldete sich – arbeitete er schon lange? Er tickte regelmä- ßig, kleine grüne Ziff ern sprangen aus dem Halbdunkel: einundzwanzigtausend Kilometer Entfernung. Das Licht fl ackerte ununterbrochen, die Sicherung schal- tete regelmäßig den Strom aus. Auch wenn es erlosch, wur- de es nicht völlig dunkel – der gespenstische Schein des Mondes füllte die Kapsel aus. Nur wenn die trüben Lampen aufb litzten, schien das Mondlicht schwächer zu werden. Das Schiff fl og geradeaus, ständig geradeaus, die Ge- schwindigkeit erhöhte sich bei der restlichen Beschleuni- gung von 0,2 g noch immer, und gleichzeitig wuchs die An- ziehungskraft des Mondes. Was tun? Was tun? fragte sich, Pirx verzweifelt. Er sprang noch einmal zu der Kassette, stieß mit dem Fuß gegen den Deckel, aber der Stahl gab nicht nach. Moment! O Gott, wie konnte er nur so dumm sein! Er mußte – ja, natürlich – er mußte auf die andere Seite der Kapsel! Und das war möglich! Am Ausgang, wo die Kapsel mit dem immer schmaler werdenden Tunnel in den Trich- ter überging, der an der Klappe endete, befand sich ein be- sonderer, rotlackierter Hebel unter dem Schild NUR BEI HAVARIE DES SYSTEMS. Man brauchte den Hebel nur umzulegen, und die Kapsel würde sich fast um einen Meter heben und ihm erlauben, unter ihrem Rand auf die andere Seite hinüberzukriechen! Dort könnte er mit einem Stück Isolierung die Leitungen reinigen und … Mit einem Satz war er am roten Hebel. Idiot! dachte er, packte den stählernen Griff und zerrte daran, bis es in sei- nen Schultergelenken knackte. Der Griff , ein ölglänzender stählerner Stab, sprang in seiner ganzen Länge heraus – aber die Wanne zitterte nicht einmal. Verdutzt starrte er sie an. Im Hintergrund sah er die Bildschirme, die im Mond- licht schimmerten. Hoch über ihm fl ackerten noch immer die Lampen. Obwohl der Griff bereits völlig herausgezogen war, packte ihn Pirx erneut … Nichts. Den Schlüssel! Den Schlüssel von der Kassette des Schal- ters! Pirx warf sich fl ach auf den Boden, sah unter den Ses- sel, aber dort lag nur die Spicke … Die Lichter fl ackerten unaufh örlich, die Sicherung schal- tete regelmäßig den Strom aus. Jedesmal wenn sie verlösch-, ten, wirkte ringsherum alles gespenstisch, als sei es aus den Knochen eines Skeletts geschnitzt. Das Ende! dachte er. Sollte er sich mit der Kapsel hinaus- schleudern – mit dem Sitz in der Schutzhülle hinauskata- pultieren? Nein, das ging nicht, der Fallschirm würde nicht bremsen, denn der Mond hat ja keine Atmosphäre … Hil- fe! wollte er schreien, aber es war niemand da, den er hät- te rufen können – er war allein. Was tun? Es muß doch ir- gendeinen Ausweg geben … Noch einmal riß er an dem Hebel – fast wäre ihm die Hand aus dem Gelenk gesprungen. Er wollte weinen vor Verzweifl ung. Dumm, sehr dumm … Wo steckte bloß der Schlüssel … Warum klemmte der Mechanismus … Der Höhenmesser – er erfaßte alle Instrumente mit einem Blick – zeigte neuneinhalbtausend Kilometer. Der gezack- te Kamm des Timocharis hob sich deutlich von dem glü- henden Hintergrund ab. Pirx glaubte bereits die Stelle zu sehen, an der sich sein Schiff in den mit Pumex bedeck- ten Felsen bohren würde. Ein Donnerschlag, ein Blitzen, und dann … Plötzlich, gerade als die Lichter auffl ammten, fi el sein verzweifelt hin und her irrender Blick auf die vierfache Rei- he von Kupferadern. Ganz deutlich war dort das schwarze Klümpchen zu sehen, das die Kabel miteinander verband – der Rest der verbrannten Fliege. Mit gestrecktem Hals, wie ein Torwart bei einer Parade, sprang er nach vorn. Der Schlag war entsetzlich, die Erschütterung raubte ihm fast das Bewußtsein. Die Kapselwand schleuderte ihn zurück wie einen aufgeblasenen Autoreifen, er fi el zu Boden. Die, Wand zitterte nicht einmal. Keuchend richtete er sich auf, mit blutendem Mund, bereit, sich erneut auf die Wand zu stürzen. Er blickte nach unten. Der Hebel für begrenzte Steuerung … Er war für starke Beschleunigung von kurzer Dauer gedacht, in der Größen- ordnung 10 g, jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Der Hebel arbeitete direkt, auf mechanischem Wege. Bei Schäden gab er einen vorübergehenden Schub. Aber damit ließ sich die Beschleunigung nur noch er- höhen – das bedeutete also, daß er noch schneller auf die Mondscheibe zurasen würde … Nein – im Gegenteil, der Schub würde bremsen! Aber er wäre zu kurz, das Bremsen mußte ununterbrochen verlaufen. Sollte denn die begrenz- te Steuerung zu nichts nutze sein? Er warf sich auf den Hebel, ergriff ihn im Fallen, zerrte daran und hatte ohne den amortisierenden Schutz des Sit- zes das Empfi nden, als risse es ihm alle Knochen aus dem Leib – so hart schlug er auf den Boden. Noch einmal zog er an dem Hebel – der gleiche furchtbare Ruck! Sein Kopf prallte auf den Boden, und hätte der nicht einen weichen Belag gehabt, er wäre daran zerschmettert. Die Sicherung summte, das Flimmern hörte auf, norma- ler, ruhiger Lampenschein füllte den Steuerraum. Der doppelte Stoß der Beschleunigung durch die be- grenzte Steuerung hatte das kleine Kohlestückchen, das zwischen den Leitungen steckte, gelöst. Der Kurzschluß war beseitigt. Pirx spürte salzigen Blutgeschmack im Mund. Er schnellte wie ein Taucher vom Sprungbrett nach vorn,, aber er landete nicht, wie beabsichtigt, auf seinem Sitz, son- dern schoß über die Lehne hinweg und prallte mit fürch- terlicher Wucht gegen die Decke. Im gleichen Augenblick, als er zum Sprung ansetzte, hat- te der bereits tätige Automat des Reduktors die Triebwerke ausgeschaltet. Der Rest der Schwerkraft war verschwunden. Das Raumschiff bewegte sich jetzt nur noch durch den ei- genen Schwung wie ein Stein den Felsenruinen des Timo- charis entgegen. Pirx war von der Decke zurückgeprallt. Der blutige Speichel, den er ausgespien hatte, schwebte neben ihm wie silbrig-rote Bläschen im Raum. Pirx wand sich ver- zweifelt, streckte die Hände nach der Sessellehne aus, hol- te den ganzen Tascheninhalt hervor und warf ihn hinter sich. Mit diesem Rückstoß glitt er langsam voran, schweb- te immer tiefer. Seine Finger, die so ausgestreckt waren, daß die Sehnen zu reißen drohten, schabten mit den Nä- geln über das Nickelrohr, krallten sich fest und ließen nicht locker. Er duckte sich, zog den Kopf ein wie ein Akrobat, der auf einem Geländer einen Handstand machen will, er- wischte einen Gurt, rutschte daran herunter, wickelte ihn um den Leib, den Karabinerhaken nahm er zwischen die Zähne – er hielt. Nun die Hände auf die Griff e und die Bei- ne auf die Pedale! Ein Blick auf den Höhenmesser: achtzehnhundert Ki- lometer bis zur Mondoberfl äche. Würde er es schaff en, rechtzeitig zu bremsen? Ausgeschlossen, bei fünfundvier- zig Kilometern pro Sekunde! Er mußte abbiegen – aus dem, Sturzfl ug einen Ausfall machen –, nur so war es zu schaf- fen! Er schaltete die Düsen für das Wendemanöver ein – 2 g, 3 g, 4 g! Wenig! Sehr wenig! Pirx gab volle Zugkraft für das Wendemanöver. Die Scheibe auf dem Bildschirm, die wie Quecksilber leuch- tete und bisher festgemauert zu sein schien, erbebte und begann immer rascher zu sinken. Der Sitz gab unter der wachsenden Körperlast quietschende Geräusche von sich. Das Raumschiff beschrieb dicht über der Oberfl äche des Mondes einen Bogen mit großem Radius – der Radius mußte so groß sein, denn das Schiff fl og mit ungeheu- rer Geschwindigkeit. Der Griff war nicht mehr weiter zu bewegen. Pirx wurde mit furchtbarer Gewalt gegen die schwammartige Lehne gepreßt, ihm ging die Luft aus, denn die Kombination war nicht mit dem Sauerstoffk om- pressor verbunden. Er fühlte, wie sich seine Rippen bo- gen, graue Flecke tanzten vor seinen Augen. Den Blick auf den Radarhöhenmesser gerichtet, wartete er auf das Blackout. Im Fensterchen zeigten sich kleine Zahlen, eine Zeile löste die andere ab: 990 – 900 – 840 – 760 Kilome- ter … Obwohl Pirx wußte, daß er mit voller Kraft fl og, versuch- te er den Griff noch weiter zu drücken. Er führte eine Wen- dung aus, auf engstem Raum, verlor aber trotz alledem an Höhe. Die Zahlen wurden kleiner, obschon langsamer als vorhin. Das Schiff lag immer noch im sinkenden Teil des großen Bogens. Pirx starrte unverwandt auf das Trajekto- meter., Wie immer, wenn sich das Raumschiff in der Gefah- renzone eines Himmelskörpers befand, zeigte die Scheibe des Geräts nicht nur die Flugkurve des Projektils und ihre mutmaßliche, schwach angedeutete Verlängerung, sondern auch das erhabene Profi l des Mondes, über dem sich das ganze Manöver abspielte. Beide Kurven – die des Fluges und die der Mondoberfl ä- che – liefen fast zusammen. Ob sie sich schnitten? Nein. Aber der Bauch dieses Bogens war eine Asympto- te. Es stand nicht fest, ob das Schiff dicht über der Schei- be durchschlüpfen – oder aufprallen würde. Das Trajekto- meter arbeitete mit einer Fehlerabweichung von sieben bis acht Kilometern, und Pirx konnte nicht voraussagen, ob die Kurve drei Kilometer über den Felsen verlaufen wür- de – oder … Ihm wurde schwarz vor Augen – die5gtaten ihre Wir- kung. Das Bewußtsein verlor er nicht. Er lag da, blind, um- spannte die Hebel, fühlte dabei, wie die Amortisatoren des Sitzes allmählich nachgaben. Er glaubte nicht, daß er ver- loren war. Irgendwie konnte er nicht daran glauben. Er war nicht imstande, die Lippen zu bewegen, also zählte er nur in Gedanken: einundzwanzig – zweiundzwanzig – drei- undzwanzig – vierundzwanzig … Bei fünfzig konnte er sich der Vorstellung nicht erwehren, das sei nun schon der Zusammenstoß – wenn überhaupt, so müßte er nun erfolgen. Trotzdem ließ er die Hebel nicht los. Er wurde schwächer und schwächer … ein Gefühl der Enge in der Brust, ein Läuten in den Ohren, Blut in der Kehle und in den Augen Schwärze, blutige Schwärze …, Die Finger lösten sich von selbst – langsam schob sich der Griff zurück. Pirx hörte nichts, sah nichts. Allmählich wurde es grau um ihn, das Atmen fi el ihm leichter. Er woll- te die Augen aufreißen, aber sie waren – sie waren die gan- ze Zeit über geöff net gewesen. Nun brannten sie wie Feuer, die Lider waren trocken. Er setzte sich auf. Der Schweremesser zeigte2gan. Auf dem vorderen Bildschirm war nichts zu sehen, nichts als Sternenhim- mel. Vom Mond keine Spur. Wo war der Mond geblie- ben? Er lag unten – unter ihm. Pirx hatte den waghalsigen Sturzfl ug abgefangen, das Schiff war in die Höhe geschos- sen und entfernte sich nun mit allmählich nachlassen- der Geschwindigkeit vom Erdtrabanten. In welcher Höhe war er über der Scheibe durchgerutscht? Sicherlich hatte der Höhenmesser das registriert, aber Pirx verspürte kei- ne Lust, ihn nach Daten zu befragen. Nun erst fi el ihm auf, daß das Alarmsignal verstummt war, das die ganze Zeit hindurch gebrummt hatte. Weshalb sie nur so einen Brummton gewählt haben! fragte sich Pirx. Sie hätten lie- ber eine Kirchenglocke an die Decke hängen sollen. Wenn schon Friedhof, dann auch richtig, mit allem Drum und Dran. Ein leises Summen ertönte – die zweite Fliege! Das Biest lebte! Sie kreiste über der Kapsel. Pirx verspürte ei- nen ekelhaft en Geschmack im Mund – er war rauh und schmeckte nach Leder –, das Ende des Sicherheitsgurtes! Er hatte es die ganze Zeit über zwischen den Zähnen ge- habt und völlig vergessen., Er schnallte den Gurt fest, legte die Hände auf die Hebel – die Rakete mußte auf die richtige Umlaufb ahn gebracht werden. Von den beiden JO-Schiff en würde er keine Spur mehr fi nden, das war ihm klar, aber er mußte ans Ziel ge- langen und sich bei Navigationsluna melden. Oder etwa bei Luna Hauptstation, weil er eine Havarie hatte? Weiß der Teufel! Also wieder still sitzen? Ausgeschlossen! Sie werden das Blut bemerken, wenn ich wieder unten bin … Sogar an der Decke sind rote Spritzer … Übrigens, der Registrator hat sicherlich alles, was geschehen ist, auf Band festgehal- ten – alles, die Tücken der Sicherung und den Kampf mit dem Notgriff . Nicht übel, diese AMUs, das muß man schon sagen … Aber man muß Humor haben, wenn man jeman- dem solch einen Sarg zumutet … Melden, melden – aber bei wem? Er beugte sich vor, lok- kerte dabei den Schultergurt und griff nach der Spicke, die unter dem Sitz lag. Warum soll ich eigentlich nicht einen Blick hineinwerfen? Vielleicht nützt sie mir wenigstens jetzt irgendwie … Da hörte er etwas knacken – ganz so, als ginge eine Tür auf. Hinter ihm gab es keine Tür, das wußte er genau, übri- gens konnte er sich nicht umdrehen, denn die Gurte hiel- ten ihn an den Sessel gefesselt. Ein Lichtstreifen fi el auf die Schirme, die Sterne darauf verblaßten, und Pirx vernahm die gedämpft e Stimme des Chefs. »Pilot Pirx!« Er wollte aufspringen, aber die Gurte hielten ihn fest. Er fi el zurück, glaubte wahnsinnig zu sein. Im Gang zwi- schen der Wand des Steuerraums und der gläsernen Hülle, erschien der Chef. Er stand vor ihm in seiner ganzen Uni- form, sah ihn mit grauen Augen an – und lächelte. Pirx wußte nicht, wie ihm geschah. Die gläserne Kapsel hob sich. Pirx begann instinktiv die Gurte zu lösen und stand auf. Die Schirme hinter dem Rük- ken des Chefs waren plötzlich wie weggeblasen. »Recht so, Pilot Pirx«, sagte der Chef. »Bemerkens- wert.« Pirx wußte immer noch nicht, wie ihm geschah. Er stand stumm vor seinem Chef und machte etwas schrecklich Un- vorschrift smäßiges – er streckte den Kopf zur Seite, soweit der halb aufgeblasene Kragen das zuließ. Der ganze Gang mit der Klappe war beiseite geschoben – als sei die Rakete an dieser Stelle auseinandergebrochen. Prix erkannte im Abendlicht die Gangway der Halle, die Menschen, die darauf standen, die Seile, die Gitter … Er starrte den Chef mit halboff enem Mund an. »Komm, Junge«, sagte der. Langsam streckte er ihm die Hand entgegen. Pirx ergriff sie und fühlte, daß der Hände- druck sich verstärkte. »Ich drücke dir im Namen aller mei- ne Anerkennung aus, und in meinem eigenen Namen bit- te ich dich um Verzeihung. Das … das muß so sein. Jetzt komm mit. Kannst dich bei mir waschen.« Er ging auf den Ausgang zu. Pirx folgte ihm, stakste schwer und unbeholfen. Draußen war es kühl, ein schwa- cher Wind wehte, er fi el in die Halle durch den Teil der Decke, der weggeschoben war. Beide Projektile standen an der gleichen Stelle wie zuvor – nur ein paar dicke Kabel, die in einem Bogen über dem freien Raum hingen, führ-, ten zu ihren Spitzen. Vorher waren diese Kabel nicht da- gewesen. Der Instrukteur, der auf der Gangway stand, sagte irgend etwas zu ihm. Er verstand es nicht, durch die Haube könn- te er schlecht hören. »Wie?« fragte er mechanisch. »Die Luft ! Laß die Luft aus der Kombination!« »Ach so, die Luft …« Er drückte auf das Ventil – es zischte. Er stand auf der Plattform. An den Seilen der Barriere warteten zwei Leute in weißen Kitteln. Seine Rakete sah aus, als habe sie einen gespaltenen Schnabel. Eine merkwürdige Schwäche über- kam ihn – Verwunderung, Enttäuschung, die sich immer deutlicher in Ärger verwandelten. Sie öff neten die Klappe des zweiten Projektils. Der Chef stand auf der Gangway, weißbekittelte Menschen unterhiel- ten sich mit ihm. Aus dem Innern der Rakete drang ein schwaches Knacken. Ein braunes, taumelndes Bündel Mensch stürzte heraus, der Kopf ohne Helm pendelte wie ein verschwimmender Fleck hin und her. Die Beine unter ihm knickten ein. Dieser Mensch dort, Boerst, war mit dem Mond zusam- mengestoßen. *,

Der bedingte Reflex

Es geschah im vierten Jahr, kurz vor den Ferien. Pirx, der alle praktischen Übungen hinter sich hatte, stand nun vor weiteren Bewährungsproben: Es galt, mehrere Flüge auf Si- mulatoren zu bestehen, danach zwei echte Raumstarts und schließlich einen sogenannten »Kreis selbständig« – einen Mondfl ug mit Landung und Rückkehr. Er kam sich bereits vor wie ein »alter Hase«, der auf den Planeten zu Hause ist, wie ein ausgefuchster Weltraumfahrer, der sich nur in sei- nem abgetragenen Skaphander wohl fühlt, wie ein kühner Retter, der mit dem beschwörenden Ruf »Achtung, ein Me- teoritenschwarm!« und einem blitzschnellen Wendemanö- ver das Raumschiff , sich selbst und die weniger aufmerk- samen Gefährten vor dem Untergang bewahrt. Wenigstens stellte er sich das so vor, aber zu seinem Bedauern mußte er beim Rasieren immer wieder aufs neue konstatieren, daß man ihm die vielen schweren Erlebnisse so gar nicht an- sah. Keines seiner Abenteuer hatte ihm bisher auch nur ein einziges graues Haar eingebracht – nicht einmal das schau- derhaft e Mißgeschick mit dem Harrelsbergerschen Appa- rat, der ihm bei der Landung auf dem Sinus Medii unter den Händen explodiert war. Ach was! Pirx erkannte be- trübt, daß es sinnlos war, in dieser Hinsicht irgendwelchen Illusionen nachzuhängen – der Traum von den graume- lierten Schläfen wollte sich nicht erfüllen. Wenn sich doch wenigstens um die Augen ein paar Fältchen bilden würden, die auf den ersten Blick erkennen ließen, wie mühevoll er, Pirx, nach Kurssternen Ausschau hielt! Aber nicht einmal, das war ihm vergönnt, er blieb glatt und pausbäckig wie eh und je. So schabte er sich denn mit der stumpfen Klinge das Kinn, schämte sich seines vollen Gesichts und dachte sich immer gefährlichere Situationen aus, die er samt und sonders meisterte. Matters, der diesen Kummer kannte oder zumindest ahnte, riet Pirx, sich einen Schnurrbart wachsen zu las- sen. Ob er es ehrlich meinte, ließ sich kaum feststellen – Pirx jedenfalls machte die Probe aufs Exempel. Er hielt sich eines Morgens einen schwarzen Schnürsenkel an die Oberlippe, sah in den Spiegel – und fuhr entsetzt zurück: Er blickte in eine Visage, die noch idiotischer wirkte als vorher. Von Stund an begann er an Matters zu zweifeln, obwohl gar nicht erwiesen war, daß der es böse gemeint hatte. Matters’ hübscher Schwester konnte man erst recht keine Böswilligkeit nachsagen, und dennoch hatte es Pirx den Rest gegeben, als sie einmal zu ihm sagte, er sehe »sehr, sehr rechtschaff en« aus. In dem Lokal, in dem sie tanzten, geschah zwar nichts von dem, was Pirx befürch- tet hatte. Nur einmal verwechselte er einen Tanz, aber sei- ne Partnerin war taktvoll genug, das mit Schweigen zu übergehen. Als er schließlich merkte, daß die übrigen Paare etwas ganz anderes tanzten, korrigierte er sich und gab sich Mühe, ernst und würdig dreinzuschauen, denn er wußte, daß sich die Menschen auf der Straße umdreh- ten, wenn er grinste. Abends brachte er sie nach Hau- se. Von der letzten Haltestelle hatten sie noch ein gutes Stück zu laufen. Pirx zermarterte sich das Hirn, er woll- te irgend etwas tun, um ihr zu beweisen, daß er gar nicht, so »sehr, sehr rechtschaff en« sei, aber ihm fi el nichts Pas- sendes ein. Da er so intensiv nachdachte, blieb er stumm wie ein Fisch, und je länger er schwieg, desto peinlicher erschien ihm die Situation. In seinem Kopf herrschte eine Leere, die sich nur insoweit vom kosmischen Vakuum un- terschied, als sie von verzweifeltem Bemühen ausgefüllt war. Im letzten Augenblick kamen ihm mehrere Einfäl- le auf einmal, sie durchfuhren ihn wie Meteore. Er wollte sich mit ihr verabreden, wollte sie küssen, wollte – er hat- te das irgendwo gelesen – ihre Hände drücken, zärtlich, gefühlvoll, zugleich aber leidenschaft lich und sinnlich … Aber daraus wurde nichts. Er küßte sie nicht, verabrede- te sich nicht mit ihr, reichte ihr auch nicht die Hand … Ach, wenn es wenigstens dabei geblieben wäre! Als sie ihm nämlich mit ihrer angenehm kehligen Stimme »Gute Nacht« wünschte, sich abwandte und die Türklinke er- griff , erwachte in ihm der Teufel. Möglich, daß er ihre Iro- nie spürte, möglich, daß er sich diese Ironie nur einbildete – jedenfalls … Als sie sich umwandte, gelassen, selbstbe- wußt und königlich, wie es sich bei hübschen Mädchen von selbst versteht … … nun gut, als sie sich umwandte, hatte er ihr diesen Klaps aufs Gesäß gegeben, einen recht derben Klaps, ne- benbei bemerkt. Was dann kam, ging rasend schnell. Sie stieß einen kleinen Schrei aus vor Überraschung, und er, er machte kehrt und nahm Reißaus, als sei ihm jemand auf den Fersen. Tags darauf pirschte er sich an Matters her- an wie an eine Zeitzünderbombe, aber der Freund wußte überhaupt nichts von dem Vorfall., Pirx hätte nicht sagen können, wie es dazu gekommen war. Er hatte sich halt nichts dabei gedacht – das war ihm leider schon immer leichtgefallen. Aber handelte so ein »rechtschaff ener Mann«? Er war sich nicht ganz sicher, aber er befürchtete, daß es wohl an dem sein müsse. Nach der Geschichte mit Matters’ Schwester – er mied das Mädchen fortan wie der Teufel das Weihwasser – hörte er auf, Grimassen vor dem Spiegel zu schneiden. Es war ihm peinlich, wenn er daran dachte, wie er mit zwei Spiegeln herumhantiert hatte, um sein Profi l zu begutachten. Über die Lächerlichkeit solch äffi scher Gri- massen war er sich im klaren, andererseits hatte er aber gar nicht nach Schönheit gesucht, sondern nach Charakter – nach Charakter, jawohl! Er las nämlich Conrad, und wenn er mit vor Eifer geröteten Wangen an das große Schweigen der Milchstraße dachte, an einsame Tapferkeit – da dräng- te sich ihm jedesmal die gleiche Frage auf: Kann man sich einen Helden der ewigen Nacht, einen kühnen Einzelgän- ger mit solch einem Gesicht vorstellen? Kann man das? Die Zweifel blieben, aber mit dem Grimassenschneiden machte er ein für allemal Schluß und bewies sich selbst damit, wie hart und unerschütterlich sein Wille sein konnte. All diese Sorgen verblaßten jedoch, als die Prüfung bei Professor Merinus heranrückte, der auch Merynos genannt wurde. Angst vor Merynos hatte er nicht, er war überhaupt erst dreimal zum Gebäude des Instituts für Astrognosie ge- gangen, im Gegensatz zu den anderen Studenten, die sich vor den Saaltüren drängten und den Prüfl ingen aufl auer- ten. Sie taten dies nicht, um ihre Kameraden zu beglück-, wünschen, sondern um zu erfahren, welche neuen tük- kischen Fragen sich der »bösartige Hammel« ausgedacht habe – auch so wurde der grausame Professor genannt. Dieser Greis, der noch nie im Leben den Fuß auf den Mond gesetzt oder eine Rakete betreten hatte, wußte einfach alles. Er kannte kraft theoretischen Allwissens jeden Stein sämt- licher Krater des Meeres der Regen, kannte die Felsenrük- ken der Planetoiden und die unzugänglichsten Gefi lde der Jupitermonde. Man erzählte sich, daß er umfassend über Meteore und Kometen informiert sei, deren Entdeckung bevorstehe – möglicherweise erst in tausend Jahren. Diese Fähigkeit verdankte er seiner Lieblingsbeschäft igung, der Perturbationsanalyse der himmlischen Körper. Gestützt auf sein umfassendes Wissen, reagierte er boshaft und gering- schätzig auf die dürft igen Kenntnisse der Studenten. Pirx aber fürchtete sich nicht vor Merynos, denn er glaubte, den Schlüssel zum Erfolg gefunden zu haben. Der Alte, so wußte er, bediente sich einer eigenen Terminolo- gie, die außer ihm niemand in den Fachschrift en benutz- te. Von seinem angeborenen Scharfsinn geleitet, bestellte sich Pirx in der Bibliothek alle wissenschaft lichen Aufsät- ze des Giganten und – nein, nein, daß er sie nicht las, ver- steht sich von selbst. Er blätterte sie nur durch, schrieb sich etwa zweihundert dieser Wortungetüme auf und lernte sie auswendig. Von nun an lebte er in der Überzeugung, daß er das Examen bestehen würde, und das bestätigte sich denn auch. Der Professor erbebte, als er den Stil der Antworten vernahm, er hob die buschigen Brauen und lauschte den Ausführungen des Prüfl ings wie dem Gesang einer Nach-, tigall. Die fi nsteren Wolken in seinem Gesicht lösten sich auf, er wirkte jünger als sonst, ihm war, als höre er seine eigene Stimme. Pirx, der diese Wandlung bemerkte, ging nun, befl ügelt von seiner eigenen Unverschämtheit, aufs Ganze. Er hatte Erfolg. Merynos belohnte ihn mit einer großen runden Zwei und bedauerte sogar, ihm keine Eins geben zu können, weil er, Pirx, bei der letzten Frage völlig versagt hatte. Bei der Beantwortung dieser Frage war mit der Terminologie des Professors nicht viel anzufangen – es ging um die genaue Kenntnis eines Modells. Wie dem auch sei, Pirx war es gelungen, Merynos zu bändigen – er hatte ihn einfach bei den Hörnern gepackt. Viel mehr Angst hatte er vor dem »Irrsinnigen Bad«, dem letzten Prüfungstest vor dem Diplomexamen. Gegen das »Irrsinnige Bad« war kein Kraut gewachsen. Pirx sah kei- nen anderen Weg, als zu Albert zu gehen. Albert fungierte nur nach außen hin als Pförtner am Institut für Astropsy- chologie, in Wirklichkeit war er die rechte Hand des Do- zenten, und sein Wort galt mehr als die Meinungen aller Assistenten. Er hatte schon dem greisen Professor Balloe als Faktotum gedient, der vor einem Jahr zur Freude der Studenten und zum Leidwesen des Pförtners in Pension ge- gangen war. »Niemand hat mich so gut verstanden wie der Professor emeritus«, pfl egte er zu sagen. Das »Irrsinnige Bad« verlief ungefähr so: Albert führte den Kandidaten in einen kleinen Raum im Souterrain, fer- tigte eine Paraffi nmaske seines Gesichts an und schob zwei Metallröhrchen in das Negativ der Nase. Das war alles – der Kandidat hatte nun nichts weiter zu tun, als in die erste, Etage zu gehen, wo das Bad auf ihn wartete, das heißt, ein Bad war es natürlich nicht, die Studenten nannten die Din- ge ja nie beim Namen. Der Kandidat oder der »Patient«, wie es im studentischen Jargon hieß, betrat ein geräumi- ges Zimmer, entkleidete sich und stieg in ein Wasserbas- sin. Das Wasser wurde erwärmt, und zwar so lange, bis der rücklings im Bassin liegende Prüfl ing die Hand hob. Wann das geschah, war unterschiedlich – für die einen hörte das Wasser bei neunundzwanzig Grad auf zu existieren, für die anderen erst bei zweiunddreißig. Sobald das Zeichen kam, wurde die Erwärmung des Wassers gestoppt, und einer der Assistenten setzte dem Kandidaten die Paraffi nmaske auf. Dann wurde dem Wasser Salz beigemengt – gewöhnliches Kochsalz, kein Zyankali, wie die Absolventen des »Irrsin- nigen Bades« allen Ernstes behaupteten. Man schüttete so lange Salz hinein, bis der »Patient« oder der »Ertrun- kene« sich vom Boden löste und unter der Wasserfl äche schwamm, ohne aufzutauchen. Das einzige, was aus dem Bassin hervorlugte, waren die Metallröhrchen – der Stu- dent konnte also frei atmen. Das war im Grunde alles. Das Ganze nannten die Wissenschaft ler »Behinderung der af- ferenten Stimuli«. Der »Ertrunkene« schwamm, die Arme über der Brust gekreuzt, im Bassin. Schon nach kurzer Zeit spürte er nicht mehr, daß er im Wasser war. Er sah nichts, hörte nichts, hatte weder Geruchs- noch Tastsinn – er glich einer ägyptischen Mumie, und die Frage war nur, wie lange er das aushielt. Wie lange? Eigentlich schien an dem Test nichts Besonderes zu sein, aber Pirx wußte, daß der Mensch in diesem Zustand die, merkwürdigsten Dinge erlebte. Es hatte nicht viel Sinn, in den Lehrbüchern über experimentelle Psychologie zu blät- tern, denn die Erlebnisse der »Ertrunkenen« waren indivi- duell sehr verschieden. Ein Drittel der Kandidaten brach- te es übrigens noch nicht einmal auf drei Stunden, und nur wenige erreichten fünf oder sechs. Ausdauer war jedem zu empfehlen, denn den Besten winkten die interessantesten Ferienpraktika. Wer den ersten Platz hatte, erhielt ein Ex- trapraktikum, das mit den üblichen, meistens ein wenig langweiligen Aufenthalten auf Satellitenstationen nicht zu vergleichen war. Man wußte nie, wer sich als »Harter« er- weisen würde, das »Bad« war eine schwere Belastungprobe für die Konsistenz der Persönlichkeit. Pirx überstand den Anfang ziemlich glatt, wenn man da- von absah, daß er sein Gesicht völlig unnötig ins Wasser tauchte, noch bevor er die Maske trug. Er schluckte einen Viertelliter Wasser und konnte sich bei dieser Gelegenheit davon überzeugen, daß es einfach nur salzig war. Als man ihm die Maske aufsetzte, begann es in seinen Ohren leise zu rauschen. Dunkelheit umfi ng ihn, das Was- ser trug ihn leicht und reglos. Pirx hielt es für ratsam, ein wenig die Muskeln zu lockern. Er versuchte erst gar nicht, die Augen zu öff nen, wußte er doch, daß das unmöglich war – das Paraffi n, das Wangen und Stirn umschloß, ließ keine Bewegung der Lider zu. Nach einer Weile begann ihn ein Juckreiz zu quälen. Er hätte sich gern die Nase und dann das rechte Auge gekratzt – aber da war die Maske. Von einem Jucken hatte er in den Berichten anderer »Er- trunkener« nichts gehört – off enbar war das sein ganz pri-, vater Beitrag zur experimentellen Psychologie. Er ruhte völlig gelähmt im Wasser, das seinen nackten Körper we- der wärmte noch kühlte. Ihm war, als habe er aufgehört zu existieren. Pirx hätte ohne weiteres die Beine oder wenigstens die Zehen bewegen können, um sich zu überzeugen, daß sie naß und glitschig waren, aber er tat es nicht: Über ihm, an der Decke, wachte das unbestechliche Auge der Kame- ra – für jede Bewegung gab es Strafpunkte. Er lauschte in sich hinein und vernahm seine eigenen Herztöne, sie wa- ren schwach, sie schienen aus riesiger Entfernung zu kom- men. Das Jucken hatte nachgelassen, es gab nichts, was ihn belästigte – er fühlte sich soweit ganz wohl. Albert hatte die Röhrchen so geschickt in der Maske befestigt, daß man sie nicht spürte. Pirx spürte überhaupt nichts, die Leere wurde allmählich beängstigend. Zunächst verlor er das Gefühl für die Lage seines Körpers, er wußte nicht, wie er die Hände und die Füße hielt, er erinnerte sich lediglich daran. Dann begann er zu überlegen, wie lange er bereits unter der wei- ßen Paraffi nmaske lag. Er hatte nicht die geringste Vor- stellung, wieviel Minuten – Viertelstunden? – vergangen waren. Und das passierte ihm, der ein so gutes Zeitgefühl besaß, der auch ohne Uhr fast auf die Minute genau sagen konnte, wie spät es war! Während er noch darüber staunte, schwand sein eige- nes Ich immer mehr dahin. Ihm war, als habe er keinen Leib, kein Gesicht – er begann sogar daran zu zweifeln, je- mals existiert zu haben. Ein angenehmer Zustand war das nicht. Im Gegenteil er war entsetzlich. Ihm schien, als löse, sich sein Körper nach und nach im Wasser auf – anderer- seits war er sich gar nicht mehr bewußt, daß er im Wasser lag. Auch seine Herztöne waren verstummt. Er lauschte ge- spannt – nichts. Dagegen begann die Stille, die ihn vollends ausfüllte, zu dröhnen. Ein dumpfes, unangenehmes Brum- men umfi ng ihn, ein unausgesetztes Rauschen, er hätte sich am liebsten die Ohren zugestopft . Sicherlich ist schon al- lerhand Zeit verstrichen, sagte er sich. Ich könnte mir ru- hig ein paar Strafpunkte einhandeln … Er wollte die Hän- de bewegen – aber er hatte nichts, was er bewegen konnte. Hände waren nicht da. Er erschrak nicht einmal, er war nur verdutzt. »Verlust des Körpergefühls« nannte man das, Pirx hatte davon gelesen, aber daß diese Erscheinung so absolut sein würde, hätte er nicht gedacht. Off enbar mußte das so sein … Hauptsache, er beweg- te sich nicht … Wenn man eine gute Placierung erreichen will, muß man eben dies und jenes in Kauf nehmen … Eine Zeitlang war diese Maxime sein Halt. Wie lange? Er wuß- te es nicht. Allmählich verschlimmerte sich seine Lage. Es fi ng damit an, daß die Schwärze, die ihn umgab, die Finsternis, die er gleichsam selbst verkörperte, von schwa- chen Fünkchen, von fl immernden Kreisen erhellt wurde. Er rollte die Augäpfel hin und her, und es tröstete ihn, daß er wenigstens diese Bewegungen wahrnahm. Aber dieser Trost hielt nicht lange an – nach wenigen Versuchen waren auch die Augen seiner Gewalt entglitten … Bei diesem Funkeln und Flimmern, Rauschen und Brummen handelte es sich um visuelle und akustische Phä-, nomene – sie waren eine harmlose Einleitung, ein Kinder- spiel gegenüber dem, was nun folgte. Er zerfi el, das heißt … was da zerfi el, war nicht etwa der Körper. Von einem Körper konnte man ohnehin nicht mehr sprechen, er hatte schon vor Jahrhunderten zu leben aufgehört, er war Vorvergangenheit, war unwiderrufl ich verloren. Hatte es ihn überhaupt einmal gegeben? Mitunter kommt es vor, daß einem die Hand abstirbt, weil sie schlecht durchblutet ist. Man kann sie mit der an- deren, lebenden Hand berühren wie ein Stück Holz. Fast jeder kennt dieses merkwürdige, unangenehme Gefühl, das zum Glück rasch vergeht. Man selbst ist in diesem Zustand ganz normal, man wacht und lebt – nur ein paar Finger sind von Totenstarre erfaßt, sie muten an wie ein Gegen- stand, der am übrigen Körper klebt. Pirx aber besaß nichts mehr, ihm war nichts geblieben außer der Angst. Pirx zerfi el – er zerfi el nicht in irgendwelche andere Per- sönlichkeiten, sondern in Ängste. Wovor hatte er Angst? Er wußte es nicht. Er erlebte weder die Wirklichkeit, denn die gibt es nicht ohne Körper, noch den Traum – denn er träumte ja nicht. Er wußte, wo er war und was man mit ihm tat, und es hatte auch nichts mit Trunkenheit zu tun. Nein – es war etwas anderes, er hatte auch darüber etwas gelesen. Es nannte sich »Desorganisierung der Hirnrinden- tätigkeit, verursacht durch Beraubung des Hirns um seine aff erenten Impulse«. Das klang nicht schlecht, aber … Er wähnte sich mal hier, mal dort, alles um ihn herum zerfl oß, Richtungen, Berg, Tal, Seite … Wo mag die Zimm- erdecke sein? fragte er sich. Es gelang ihm nicht, sich zu er-, innern. Er hatte keinen Orientierungssinn mehr, so wie er keinen Körper und keine Augen hatte. Gleich, gleich …, dachte er. Gleich werde ich wieder Ordnung schaff en. Raum … Dimensionen … … Bedeutungslose Begriff e … Prix bemühte sich um ei- nen Zeitbegriff . »Zeit, Zeit«, wiederholte er mechanisch, als kaue er ein Stück Papier. Ein Konglomerat ohne jeden Sinn … Nicht er wiederholte das, sondern irgendein Niemand, ein Fremder, der in ihm war, der sich eingeschlichen hat- te … Nein, es war umgekehrt – er, Pirx, steckte in einem anderen, und dieser andere, dieser Jemand blähte sich auf, wuchs ins Unermeßliche, ins Grenzenlose. Er wandelte in unerfaßbaren Räumen, riesengroß wie ein Ballon … Es war kein Mensch, es war ein Finger, ein gigantischer Finger … Weiß der Himmel, wo er herkam … Der Finger verselbständigte sich, es war bedrückend. Erst blieb er starr, dann aber begann er sich zu krüm- men, drohend und verrückt zugleich … Pirx taumelte im Innern dieses abscheulichen, nichtsnutzigen Gebil- des hin und her, wurde von einer Seite auf die andere geworfen … Der Finger verschwand. Pirx drehte sich. Kreiste. Fiel wie ein Stein, wollte schreien. Um ihn herum war ein Flim- mern – etwas Ovales, Gaff endes, Zerfl ießendes bedrängte ihn, und wenn er sich bemühte, diesem Spuk die Stirn zu bieten, kroch das fl immernde Etwas auf ihn zu, schien ihn sprengen zu wollen … Er war nur noch ein dünnwandiger Behälter, der zu bersten drohte. Und er barst …, Er zerfi el in zahllose schwarze Schatten, die wie ver- kohlte Papierfetzen chaotisch umherfl atterten. In diesem Schwanken und Flattern lag eine unbegreifl iche Span- nung, ein Krampf wie bei einer tödlichen Krankheit. Die- ses Nichts, diese unempfi ndliche, erstarrte Wüste, die einst ein leistungsfähiger Körper gewesen war, schien sich durch Nebelschwaden zum letztenmal zu melden, schien ein letz- tes Lebenszeichen auszusenden, schien sich zu bemühen, einen anderen Menschen zu erreichen, ihn zu sehen, zu be- rühren … »Halt!« sagte eine Stimme in ihm. Sie klang er- staunlich nüchtern, aber zugleich fremd. Nein, er war das nicht mehr, es war ein anderer, der ihn ansprach – irgend jemand, der ihn bemitleidete … Wen? Wo? Aber er hat- te ihn doch gehört … Nein, das war keine wirkliche Stim- me … »Ruhig, ruhig … Andere haben das auch schon erlebt. Davon stirbt man nicht … Haltung, Haltung …« Die Worte drehten sich im Kreise, bis sie ihren Sinn verlo- ren, bis alles wieder aus den Fugen ging und sich aufl öste wie feuchtes graues Seidenpapier. Er schmolz wie ein Schneeberg in der Sonne, wurde hinweggespült, irgendwohin, ohne sich zu rühren. Gleich gibt es mich nicht mehr …, dachte er al- len Ernstes, denn das war kein Traum mehr, das war wie der Tod. Nur eines wußte er noch: daß er nicht träumte. Von al- len Seiten fi el es über ihn her – nein, nicht über ihn, über sie … Er hatte sich vervielfältigt, er bestand aus vielen Wesen. Aus wie vielen? Er konnte sie nicht zählen … Was tue ich hier? fragte es in ihm. Wo bin ich? Im Oze- an? Auf dem Mond? Ein Versuch …?, Pirx glaubte nicht mehr an ein Experiment. Wie denn …, dachte er. Etwas Paraffi n, ein Bassin mit Salzwasser – und der Mensch hört auf zu existieren? Nein, Schluß da- mit … Er kämpft e, ohne zu wissen, wogegen er sich auf- lehnte. Ihm war, als bemühe er sich, einen riesigen Stein aufzuheben, der ihn zu Boden drückte. Er war nicht ein- mal imstande, vor Anstrengung zu zittern. Im letzten Auf- blitzen seines Bewußtseins sammelte er die Kraft , die ihm verblieben war, und stöhnte. Er hörte dieses Stöhnen, das gedämpft klang, wie aus weiter Ferne, wie das Funksignal von einem anderen Planeten. Eine Sekunde lang war er nahe daran, aufzuwachen. Er versuchte, sich zu konzentrieren, mit dem Erfolg, daß er in die nächste Agonie versank, die noch schwärzer, noch tie- fer war und alles hinwegschwemmte. Schmerzen hatte er nicht. Ja, wenn ihm ein Schmerz im Leibe säße, dann wäre es anders! Ein Schmerz würde ge- wisse Grenzen abstecken, er würde an seinen Nerven zer- ren und ihm ermöglichen, sich selbst zu erkennen … Aber das, was ihn festhielt, war eine schmerzlose Agonie, war tote, sich stauende Leere. Er spürte, wie die Luft in ihn drang, nicht in die Lunge, sondern ins Hirn, in ein Cha- os zitternder, verkrampft er Gedanken. Stöhnen! dachte er. Nur einmal aufstöhnen, sich selbst hören … »Wenn jemand stöhnen will, braucht er nicht an die Sterne zu denken«, sagte die unbekannte nahe Stimme, die so fremd war. Er überlegte. Er stöhnte nicht. Es gab ihn nicht mehr. Er wußte nicht, wer er war. Kalte, zähe Ströme durchdrangen ihn. Aber was am schlimmsten war – nicht, einer der »Ertrunkenen« hatte auch nur andeutungswei- se davon berichtet, nicht einer hatte erzählt, daß er porös wurde … Er war ein Loch, ein Sieb, ein Labyrinth mit win- keligen Höhlen oder Gängen … Schließlich zerfi el auch das, nur die Angst blieb. Sie blieb selbst dann noch, als die Dunkelheit schwand, als ein Flim- mern die Finsternis zerriß wie ein Schauder. Dann wurde es schlimmer, viel schlimmer. Pirx konnte sich später nicht mehr an Einzelheiten erinnern, überdies gab es noch keine Bezeichnungen für derartige Erlebnis- se – er war jedenfalls außerstande, darüber zu berichten. Die »Ertrunkenen« waren um eine scheußliche Erfahrung reicher, von der kein Laie etwas ahnte. Zu beneiden waren sie nicht. Pirx kostete es aus bis zur Neige. Eine Zeitlang war er nicht da, dann wieder existierte er vervielfältigt, dann fraß ihm etwas das Hirn leer, dann geschahen gewisse verwor- rene, undefi nierbare Ungeheuerlichkeiten … Die Angst schweißte alles zusammen, sie überdauerte alles – Körper, Zeit und Raum. Pirx genoß sie bis zum Überdruß. Als alles vorbei war, sagte Dr. Grotius: »Sie haben zum erstenmal in der hundertachtunddreißigsten Minute aufge- stöhnt, zum zweitenmal in der zweihundertsiebenundzwan- zigsten. Im ganzen drei Strafpunkte. Nicht zittern! Werfen Sie bitte ein Bein über das andere, ich untersuche jetzt die Refl exe … Wie haben Sie nur so lange ausgehalten?« Pirx saß auf einem vierfach zusammengefalteten Hand- tuch, er spürte, daß es rauh war, und das tat ihm gut. Er kam sich vor wie Lazarus. Nicht daß er so aussah, aber er, fühlte sich, als sei er auferstanden, als sei er wiedergebo- ren. Sieben Stunden – die beste Placierung! In den letzten drei Stunden war er wohl tausendmal gestorben, aber er hatte nicht gestöhnt. Man zog ihn heraus, rieb ihn ab, mas- sierte ihn, gab ihm eine Spritze, einen Schluck Kognak und führte ihn ins Untersuchungszimmer, wo Dr. Grotius war- tete. Unterwegs warf er einen Blick in den Spiegel, noch immer völlig benommen, als sei er nach mehrmonatigem Fieber aufgestanden. Er wußte, daß alles vorüber war. Er schaute nicht deshalb in den Spiegel, weil er damit rech- nete, ergrautes Haar zu sehen – nein, er tat es nur so im Vorbeigehen. Er erblickte sein breites Gesicht, drehte sich rasch wieder um und marschierte weiter, wobei seine nas- sen Fußspuren auf dem Parkett zurückblieben. Dr. Grotius versuchte lange, ihn zum Reden zu bringen. Sieben Stun- den, das war schon etwas. Der Arzt betrachtete Pirx mit anderen Augen als vorher – es war nicht Wohlwollen, son- dern eher Neugier – die Neugier eines Entomologen, der einen unbekannten Nachtfalter oder einen außergewöhn- lichen Wurm entdeckt hat. Vielleicht sah er darin das Th e- ma einer wissenschaft lichen Arbeit? Pirx erwies sich – was leider festgestellt werden muß – als ein wenig dankbares Forschungsobjekt. Er saß da und blinzelte dümmlich. Alles war fl ach, zweidimensional; wenn er mit der Hand nach einem Gegenstand langte, griff er entweder zu weit oder zu kurz. Das war eine normale Erscheinung. Weniger normal war die Tatsache, daß der Prüfl ing keine der Fragen nach genaueren Einzelheiten be- antwortete., »Haben Sie dort gelegen?« entgegnete Pirx nur. »Nein«, sagte Dr. Grotius erstaunt. »Wieso?« »Dann machen Sie es mal«, schlug Pirx vor. »Sie sehen dann selbst, wie das ist.« Am zweiten Tag war sein Befi nden bereits so gut, daß er sogar Witze über das »Irrsinnige Bad« reißen konnte. Seit- dem ging er ständig in das Hauptgebäude, wo im verglasten Schaukasten Listen mit dem Nachweis der Praktika aushin- gen. Aber er konnte seinen Namen nicht fi nden. Dann kam der Sonntag. Um am Montag ließ ihn der Chef rufen. Anfangs war Pirx gar nicht besorgt. Er rechnete zuerst mit seinem Gewissen ab. Darum, daß sie in Ostensos Ra- kete eine Maus versteckt hatten, konnte es sich nicht han- deln – erstens war es schon lange her, und zweitens war die Maus klein gewesen. Nein, die ganze Sache war nicht der Rede wert. Dann gab es noch die Geschichte mit dem Wek- ker, der Maebius’ Bett automatisch unter Strom setzte. Aber auch das war nur ein dummer Scherz gewesen. Mit zwei- undzwanzig Jahren stellt man eben solche Dinge an, und der Chef war nicht kleinlich, wenn die Späße im Rahmen blieben. Sollte er von dem »Geist« erfahren haben? Der »Geist« war Pirx’ eigener origineller Einfall, die Kollegen hatten ihm nur geholfen – schließlich hat man ja Freun- de. Aber Barn hatte wirklich eine Abreibung verdient. Die Operation »Geist« verlief wie am Schnürchen. Pulver hat- ten sie in der Tüte, dreimal wurde rund um das Zimmer ein Steg damit gezogen, der unter dem Tisch endete. Vielleicht hatten sie tatsächlich zuviel von diesem Pulver dort ausge- schüttet. Der Pulversteg führte bis in den Korridor, durch, eine Ritze unter der Tür, und schon war Barn »geschafft « – die ganze Woche hindurch wurde von nichts anderem als von Geistern geredet. Pirx war ja kein Schwachkopf, er hat- te die Rollen gut verteilt: Einige seiner Kameraden erzähl- ten gruselige Geschichten, die anderen mußten ungläubig zuhören, damit Barn die List nicht zu schnell durchschau- te. Barn beteiligte sich nicht an diesen metaphysischen Er- örterungen, er spöttelte nur über die eifrigsten Anhänger des »Jenseits«, aber sein Spott sollte ihm vergehen. Es war ein unbeschreiblicher Anblick, als er gegen Mitternacht aus seinem Zimmer stürzte, brüllend wie ein Ochse, der von ei- nem Tiger verfolgt wird. Die Flamme drang durch die Rit- ze unter der Tür, kreiste dreimal um das Zimmer und ex- plodierte unter dem Tisch mit einem Knall, daß die Bücher herunterfi elen. Aber Pirx hatte den Spaß zu weit getrieben, denn es fi ng an zu brennen. Ein paar Eimer Wasser lösch- ten zwar das Feuer, ein Loch war jedoch eingebrannt, und außerdem stank es nach Kordit. In gewissem Sinne war es also ein Mißerfolg gewesen, denn Barn wollte auch nach der Aktion nicht an Geister glauben. Ja, es wird sich um die »Geist«-Aff äre handeln, sagte sich Pirx, als er am frü- hen Morgen aufstand. Er zog sich ein sauberes Hemd an, warf für alle Fälle noch einen Blick in die Bücher und trat den schweren Gang an. Das Arbeitszimmer des Chefs war prunkvoll ausgestat- tet – Pirx kam es wenigstens so vor. Die Wände waren mit Himmelskarten behängt; Sternbilder, gelb wie Honigtrop- fen, hoben sich leuchtend vom dunkelblauen Hintergrund ab. Auf dem Schreibtisch stand ein kleiner Mondglobus;, überall Bücher, Diplome und ein zweiter riesiger Globus am Fenster. Dieser zweite war ein wahres Wunder; ein Knopfdruck genügte, und jede gewünschte Satellitenbahn fl ammte auf – nicht nur die neuen künstlichen Erdtraban- ten waren berücksichtigt, sondern auch die ersten, histori- schen aus dem Jahre siebenundfünfzig. An diesem Tage hatte Pirx jedoch kein Auge für den Glo- bus. Der Chef schrieb, er bot Pirx einen Platz an und bat ihn um ein wenig Geduld. Endlich nahm er die Brille ab – er trug sie erst seit einem Jahr – und betrachtete den Stu- denten, als sähe er ihn zum erstenmal. Das war nun mal seine Art. Selbst ein Heiliger, der nichts auf dem Gewissen hatte, konnte unter diesem Blick die Ruhe verlieren. Pirx war kein Heiliger, er hielt es in seinem Sessel nicht aus. Mal lehnte er sich zurück, fl äzte sich ungezwungen hin wie ein Millionär an Deck einer eigenen Jacht, dann wieder rutsch- te er nach vorn, auf die eigenen Fersen zu. Der Chef ertrug das Schweigen. »Was gibt’s Neues, mein Junge?« fragte er schließlich. Wenn er mich duzt, steht die Sache nicht so schlecht, dachte Pirx. Er sagte, alles sei in bester Ordnung. »Du hast gebadet?« Pirx bejahte. Was soll das? fragte er sich. Das Mißtrauen verließ ihn nicht. Vielleicht, weil ich so rüde mit dem Assi- stenten umgesprungen bin … »Es gibt da eine freie Stelle für das Praktikum, auf Men- delejew. Weißt du, wo das liegt?« »Ja, das ist die astrophysikalische Station auf der ›ande- ren Seite‹«, erwiderte Pirx. Er war ein wenig enttäuscht,, denn er hatte im stillen etwas anderes erhofft , und er hat- te diese Hoff nung nie laut werden lassen, um ihre Ver- wirklichung nicht zu hintertreiben. Er hatte mit etwas anderem gerechnet – mit einem Flug. Es gab so viele Ra- keten, so viele Planeten, er aber sollte eine gewöhnliche stationäre Aufgabe auf der »anderen Seite« bekommen … Einst war es noch sehr modern, die entgegengesetz- te, von der Erde aus unsichtbare Hälft e des Mondes als die »andere Seite« zu bezeichnen, aber inzwischen rede- ten ja alle so. »Richtig. Weißt du, wie sie aussieht?« fragte der Chef. Er hatte einen sonderbaren Gesichtsausdruck, er schien etwas in petto zu haben. Pirx zögerte eine Weile, er wußte nicht, ob er lügen sollte. »Nein«, sagte er. »Wenn du die Aufgabe annimmst, bekommst du die ge- samte Dokumentation.« Der Chef legte die Hand auf einen Stoß Papiere. »Ich brauche nicht anzunehmen?« fragte Pirx mit unver- hohlenem Eifer. »Nein. Die Aufgabe ist gefährlich – das heißt, sie kann gefährlich werden …« Er wollte noch etwas hinzufügen, unterließ es aber. Er hielt absichtlich inne, um sein Gegenüber genauer zu mu- stern. Pirx starrte ihn erstaunt an. Langsam, feierlich hol- te er Atem – und so blieb er denn sitzen, als habe er ver- gessen, weiterzuatmen. Er errötete wie eine Jungfer, der ein Prinz erschienen ist, und wartete auf weitere betörende Worte. Der Chef räusperte sich., »Nun ja«, sagte er ernüchtert. »Ich habe übertrieben. Auf jeden Fall irrst du dich.« »Wie … Wie bitte?« stammelte Pirx. »Ich behaupte, daß du nicht der einzige Mensch auf Er- den bist, von dem alles abhängt … Die Menschheit erhofft sich von dir keine Rettung – vorläufi g nicht.« Pirx, rot wie eine Rübe, quälte sich, ohne zu wissen, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Der Chef, dessen Methoden bekannt waren und der ihm eben noch eine himmlische Vision des Helden Pirx vorgeführt hatte – Pirx sah sich bereits nach vollbrachter Heldentat durch die auf dem Kosmodrom versammelte Menge hindurch- schreiten, die voller Ehrfurcht fl üsterte: »Das ist er! Das ist er!« –, schien sich plötzlich verwandelt zu haben. Er re- duzierte die Ausmaße des Auft rags auf ein ganz gewöhnli- ches Praktikum und erklärte schließlich: »Die Mitarbeiter der Station rekrutieren sich aus Astronomen, die auf die ›andere Seite‹ gefahren werden, damit sie dort ihren Mo- nat absitzen – weiter nichts. Die normale Arbeit verlangt dort nichts Außergewöhnliches. Deshalb wurden die Kan- didaten gewöhnlichen Tests der ersten und zweiten Grup- pe unterzogen. Jetzt, nach diesem Unfall, brauchen wir genauer geprüft e Menschen. Am geeignetsten wären na- türlich Piloten, aber du siehst ja selber ein, daß man Pilo- ten nicht in eine gewöhnliche Beobachtungsstation stek- ken kann …« Pirx wußte es. Nicht nur der Mond, sondern das gesam- te Sonnensystem verlangte Piloten, Astronauten, Navigato- ren – es gab ihrer immer noch zuwenig. Was war das nur, für ein Unfall, den der Chef erwähnt hatte? Sinnigerweise schwieg er sich darüber aus. »Die Station ist sehr klein. Sie wurde ungeschickt ange- legt, unterhalb des nördlichen Gipfels, anstatt auf dem Bo- den eines Kraters. Mit der Lokalisierung gab es Schwierig- keiten, anstelle der selenodäsischen Vermessung war das Prestige ausschlaggebend – du wirst später davon erfahren. Jedenfalls stürzte im vergangenen Jahr ein Teil der Mauer ein und zerstörte den einzigen Weg. Der Zugang ist jetzt ziemlich schwierig und nur tagsüber möglich. Man pro- jektierte eine Seilbahn, die Arbeiten wurden jedoch abge- brochen, denn es liegt bereits die Disposition vor, im kom- menden Jahr die Station tiefer zu verlegen. So ist die Station praktisch nachts von der Welt abgeschnitten. Die Funkver- bindung bricht ab … Warum?« »Wie bitte?« »Weshalb, frage ich, bricht die Funkverbindung ab?« Das war der Chef, wie er leibte und lebte. Ein Auft rag, eine harmlose Unterhaltung hatten sich plötzlich in ein Ex- amen verwandelt. Pirx schwitzte. »Da der Mond weder eine Atmosphäre noch eine Io- nosphäre besitzt, wird die Verbindung durch Ultrakurz- wellen aufrechterhalten. Zu diesem Zweck wurden Ketten von Schaltstellen gebaut, die denen der Fernsehrelais glei- chen.« Der Chef hatte sich mit dem Ellenbogen auf den Schreib- tisch gestützt und spielte mit dem Kugelschreiber. Er woll- te Pirx zu verstehen geben, daß er unendliche Geduld habe und so lange zuhören wolle, bis sich ein Erfolg einstelle., Pirx ließ sich nämlich über Dinge aus, die jedes Kind kann- te – er näherte sich Gefi lden, in denen sein Wissen so man- ches zu wünschen übrigließ. »Derartige Übermittlungslinien gibt es sowohl auf die- ser als auch auf der ›anderen Seite‹«, sagte Pirx. Er geriet in Fahrt, denn nun segelte er auf heimischen Gewässern. »Auf dieser Seite sind es acht. Sie verbinden Luna-Haupt- station mit den Stationen Sinus Medii, Palus Somnii, Mare Imbrium …« »Das kannst du weglassen«, unterbrach ihn der Chef großzügig. »Auch die Hypothesen über die Entstehung des Mondes. Ich höre …« Pirx blinzelte. »Empfangsstörungen entstehen, wenn die Kette der Übermittlungsstationen in die Zone des Termi- nators gerät … Ja, wenn ein Teil der Übermittlungsstatio- nen in die Zone des Terminators gerät … Das heißt, wenn ein Teil der Übermittlungsstationen noch im Schatten ist, während über den anderen die Sonne aufgeht …« »Ich weiß, was ein Terminator ist. Du brauchst es nicht zu erklären«, sagte der Chef herzlich. Pirx hustete, schneuzte sich. Das kann doch nicht ewig dauern … »Da eine Atmosphäre fehlt, ruft die Korpus- kularstrahlung der Sonne, wenn sie die Mondscheibe be- schießt … äh … Störungen der Funkwellen hervor. Diese Strahlungen verhindern gerade …« Er stockte. »Die Störungen stören – ganz richtig!« versetzte der Chef. »Aber worauf beruhen sie?« »Das ist die sekundär erregte Strahlung, der Eff ekt von No … No …«, »No …?« »Nowiłski!« platzte Pirx heraus. Nun war es ihm doch eingefallen. Aber auch das genügte nicht. »Worauf beruht dieser Eff ekt?« Genau das wußte Prix nicht. Das heißt, er hatte es ver- gessen. Es war ihm zwar gelungen, die erworbenen Kennt- nisse bis zur Schwelle des Prüfungssaales zu schleppen, so wie ein Jongleur eine Pyramide unwahrscheinlicher Ge- genstände balanciert – aber das Examen war vorbei … Er begann ein verzweifeltes Gefasel über Elektronen, über er- zwungene Strahlung und Resonanz, ein Gefasel, das der Chef mit einem Kopfschütteln unterbrach. »Nanu?« sagte der rücksichtslose Mensch. »Professor Merinus hat dir doch eine Zwei gegeben … Sollte er sich geirrt haben?« Der Sessel unter Pirx begann sich in einen Vulkan zu verwandeln. »Ich möchte dem Kollegen Merinus keine Unannehm- lichkeiten bereiten. Er braucht nichts davon zu erfahren …«, Pirx atmete auf, »… aber ich werde Professor Laab bitten, daß er bei der Diplomprüfung …« Er unterbrach sich vieldeutig. Prix erstarrte. Nicht die Worte erschreckten ihn, sondern etwas anderes. Die Hand des Chefs begann langsam die Papiere einzusammeln, die er mit seiner Mission empfangen sollte. »Warum wird keine Kabelverbindung benutzt?« fragte der Chef, ohne ihn anzusehen. »Wegen der Kosten. Ein konzentrisches Kabel verbin- det vorläufi g nur Luna-Hauptstation mit Archimedes. In, den nächsten fünf Jahren ist eine Kabelnetzverbindung ge- plant«, sagte Pirx eifrig. Der Chef griff fi nster das Th ema auf. »Nun ja. Praktisch ist Mendelejew in der Nacht von der Welt abgeschnitten. Bisher verlief dort die Arbeit normal. Im vergangenen Monat meldete sich die Station nach der üblichen Funkverkehrunterbrechung nicht auf die Anrufe von Ziolkowski. Die Besatzung auf Ziolkowski rückte im Morgengrauen aus und fand die Hauptklappe geöff net vor, in der Kammer fand man einen Menschen. Die Kanadier hatten Dienst gehabt, Challiers und Savage. Savage lag in der Kammer. Er hatte eine geborstene Helmscheibe. Er war erstickt. Challiers wurde erst nach vierundzwanzig Stun- den gefunden, auf dem Grunde der Schlucht unter dem Sonnentor. Er war durch einen Unfall umgekommen. Sonst herrschte Ordnung auf der Station, die Apparatur arbeitete, die Vorräte lagen unberührt da, ein Schaden konnte nicht aufgedeckt werden. Hast du darüber gelesen?« »Ja«, antwortete Pirx. »Aber in den Zeitungen hat doch gestanden, daß es ein Unfall gewesen sei. Psychose … dop- pelter Selbstmord durch einen Anfall von Wahnsinn …« »Unfug«, sagte der Chef. »Ich habe Savage gekannt. Von den Alpen her. Er kann sich nicht geändert haben. Wirk- lich nicht. In den Zeitungen standen Phantastereien. Du kannst den Bericht der gemischten Kommission durchle- sen. Hör zu! Solche Jungs wie du sind im Prinzip mit der gleichen Genauigkeit untersucht wie die Piloten, aber sie haben noch keine Diplome, dürfen also nicht fl iegen. Au- ßerdem mußt du sowieso das Ferienpraktikum hinter dich, bringen. Wenn du einverstanden bist, kannst du morgen fl iegen.« »Wer wird der andere sein?« »Das weiß ich nicht. Irgendein Astrophysiker. Schließ- lich braucht man dort Astrophysiker. Ich fürchte zwar, daß er an dir keine Freude haben wird, aber vielleicht lernst du noch ein bißchen Astrographie dazu. Weißt du denn, um was es geht? Die Kommission ist zu der Überzeugung gelangt, daß es ein Unfall war – aber ein gewisser Schat- ten von Unklarheit ist geblieben. Es muß dort etwas Unbe- greifl iches geschehen sein. Bis jetzt ist man noch nicht da- hintergekommen, und deshalb hätte man dort gern einen Mann mit der psychischen Qualifi kation eines Piloten – ei- nen wenigstens. Ich sah keinen Grund zur Ablehnung. An- dererseits wird sich dort bestimmt nichts Besonderes ereig- nen. Eines ist klar: Du mußt Augen und Ohren aufsperren, aber das bedeutet nicht, daß wir dich als Detektiv hinschik- ken. Niemand rechnet damit, daß du zusätzlich Umstän- de aufdecken könntest, die jenen Unfall aufk lären. Das ist nicht deine Aufgabe … Ist dir schlecht?« »Wie bitte? Nein«, erwiderte Pirx. »Ich dachte. Meinst du, daß es dir gelingen wird, dich vernünft ig zu verhalten? Denn dir ist einiges leider schon zu Kopf gestiegen. Ich überlege …« »Ich werde mich vernünft ig verhalten«, sagte Pirx ent- schieden. »Ich bezweifl e es. Ich schicke dich hin, aber ich mache mir keine Illusionen. Wäre nicht dieser erste Platz …« »Das Bad!« sagte Pirx mit Entdeckermiene., Der Chef tat, als habe er nichts gehört. Er reichte ihm zu- erst die Papiere und dann die Hand. »Du startest morgen um acht. Nimm sowenig Sachen mit wie möglich. Im übrigen warst du schon mal dort, du kennst dich also aus. Hier ist der Flugschein und hier ein reservierter Platz für die Transgalaktik. Du fl iegst bis Luna- Hauptstation. Von dort wird man dich weiterschleusen.« Er sagte noch etwas. Ein paar freundliche Worte auf den Weg? Ein Abschiedswort? Pirx wußte es nicht. Er hör- te nichts. Er konnte nichts hören, denn er war schon weit weg, auf der »anderen Seite«. In seinen Ohren hallte das Donnern der Triebwerke, in seinen Augen standen die to- ten weißen Flammen der Mondfelsen, und auf seinem gan- zen Gesicht lag ein Staunen – das gleiche Staunen wie bei den beiden Kanadiern, die auf so rätselhaft e Weise umge- kommen waren. Er machte kehrt und stolperte über einen großen Globus. Die Stufen nahm er in zwei Sprüngen, als wäre er bereits auf dem Mond, wo nur ein Sechstel der ir- dischen Schwerkraft herrscht. Vor dem Gebäude wäre er fast unter ein Auto geraten, das mit einem so lauten Quiet- schen bremste, daß die Leute stehenblieben. Aber auch das bemerkte er nicht. Zum Glück konnte der Chef die Anfän- ge seines »vernünft igen Verhaltens« nicht sehen, denn er war zu seinen Papieren zurückgekehrt. In den nächsten vierundzwanzig Stunden geschahen mit, an und um Pirx so viele Dinge, daß er sich fast nach dem salzigen Wasserbad zurücksehnte, in dem sich absolut nichts ereignet hatte., Bekanntlich schadet dem Menschen sowohl ein Zuwe- nig als auch ein Zuviel an Eindrücken, aber Pirx kam nicht dazu, lange darüber nachzudenken. Den Bemühungen des Chefs, die Aufgabe zu bagatellisieren, ja als lächerlich hin- zustellen, war kein Erfolg beschieden – Pirx ließ sich nicht irremachen. Er bestieg das Flugzeug mit einer Miene, daß die hübsche Stewardeß instinktiv einen Schritt zurückwich – was ein völliges Mißverständnis war, denn er hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Er schritt gewissermaßen an der Spitze einer eisernen Kohorte, setzte sich wie weiland Wil- helm der Eroberer in den Sessel, kam sich vor wie ein kos- mischer Erlöser der Menschheit, ein Wohltäter des Mon- des, ein Entdecker schrecklicher Geheimnisse, ein Bändiger der Ungeheuer im »Jenseits« – all das aber erst in Zukunft , in spe. Dieses »in spe« trübte seine Stimmung keineswegs – im Gegenteil: Es erfüllte ihn mit unendlicher Güte und Nachsicht gegenüber den Mitreisenden, die ja nicht ahnen konnten, wer dort mit ihnen im Bauch des großen Düsen- fl ugzeuges saß. Er betrachtete sie, wie Einstein am Ende seines Lebens Säuglinge betrachtet haben mochte, die im Sande spielten. »Selene«, das neue Schiff der Transgalaktik-Linie, star- tete vom nubischen Kosmodrom im Herzen Afrikas. Pirx war zufrieden. Nicht daß er glaubte, man werde dort eine Gedenktafel mit seinem Namen anbringen – nein, so kühn waren seine Träume nicht –, aber immerhin, viel fehlte da nicht. Um so bitterer waren die Wermutstropfen, die in den Becher seiner Eigenliebe fi elen, als er die Rakete bestieg. Daß ihn im Flugzeug niemand erkannt hatte, war nicht so, schlimm, aber daß man ihn auch im Raumschiff nicht be- achtete, war schlechthin empörend. Er war gezwungen, in der Touristenklasse Platz zu nehmen, mitten zwischen Franzosen, die Fotoapparate um den Hals trugen und sich gegenseitig zu überschreien versuchten – rasend schnell und völlig unverständlich. Er, Pirx, zwischen lärmenden Touristen! Niemand befaßte sich mit ihm, niemand zog ihm einen Skaphander über und pumpte ihn auf, niemand fragte, wie er sich fühle, niemand hängte ihm Flaschen auf den Rük- ken. Sicherlich geschieht das zu meiner Tarnung! redete er sich ein, und eine Zeitlang spendete ihm dieser Gedanke Trost. Der Raum der Touristenklasse ähnelte der Kabine eines Düsenfl ugzeugs – nur die Sessel waren größer, tiefer, und vor seinen Augen hing ein Schild mit Verbotsaufschrift en. Man durft e nicht aufstehen und nicht rauchen. Vergebens versuchte Pirx in der Menge der Laien dadurch aufzufal- len, daß er eine zünft igere Haltung einnahm als sie, indem er ein Bein über das andere schlug und die Sicherheitsgurte nicht benutzte. Es war nicht die hübsche Stewardeß wie im Flugzeug, sondern der Assistent des Piloten, der ihm be- fahl, sich anzuschnallen. Das war der einzige Augenblick, da ihn jemand von der Besatzung beachtete. Schließlich bot ihm einer der Franzosen – wahrscheinlich aus Versehen – ein Fruchtbonbon an. Pirx nahm es, verkleisterte sich mit der klebrig-süßen Masse die Zähne, lehnte sich resigniert in seinem Polstersitz zurück und begann, Betrachtungen anzustellen. Mehr und mehr festigte sich in ihm die Über-, zeugung, daß seine Mission sehr gefährlich sei. Er kostete die nahende Gefahr ohne jede Hast aus, er genoß die Vor- freude wie ein Trunksüchtiger, dem eine moosbewachsene Flasche Wein aus den napoleonischen Kriegen in die Hand gefallen ist. Er hatte einen Fensterplatz, aber es versteht sich von selbst, daß er beschloß, das Fenster zu ignorieren. Wie oft hatte er schon hinausgesehen! Er hielt es jedoch nicht aus. Als die »Selene« ihre Um- laufb ahn um die Erde begann, von der sie zum Mond fl ie- gen sollte, warf er doch einige Blicke durch die Scheibe. Es war ein faszinierender Moment. Die Erdoberfl äche, von den Linien der Straßen und Kanäle gerillt und durch Sied- lungen und Städte bunt befl eckt, reinigte sich allmählich von all diesen Spuren menschlicher Gegenwart. Als die letzten verschwunden waren, lag unter dem Schiff die fl ek- kige, von Wolkenfetzen belebte Rundung des Planeten, und der Blick, der von dem Schwarz der Ozeane auf die Konti- nente überging, bemühte sich vergebens, etwas zu fi nden, was durch den Menschen geschaff en worden wäre. Aus der Entfernung von mehreren hundert Kilometern sah die Erde leer, entsetzlich leer aus – als sei darauf das Leben erst geboren. Nur ihre wärmeren Gegenden waren durch einen schwachen Anfl ug von Grün gekennzeichnet. Im Grunde hatte er das schon oft beobachtet, aber es be- eindruckte ihn immer wieder aufs neue – es lag etwas dar- in, womit er sich nicht einverstanden erklären konnte. War es der Umstand, daß dabei zum erstenmal die mikrosko- pische Größe des Menschen gegenüber der riesigen Leere, sichtbar wurde? War es der Übergang in den Bereich einer anderen, der planetaren Größenordnung? War es die Er- kenntnis der menschlichen Nichtigkeit, der Bedeutungslo- sigkeit tausendjähriger Bemühungen? Oder verhielt es sich umgekehrt? War es der Triumph dieser Nichtigkeit über die tote, allem gegenüber gleichgültige Gewalt der Gravitation dieses entsetzlichen Quaders – der Triumph des Menschen, der die Wildheit der Bergmassive und die Panzer des Polar- eises hinter sich ließ und die Gefi lde anderer Himmelskör- per betrat? Diese Erwägungen oder Gefühle waren nicht von langer Dauer, denn das Raumschiff hatte seinen Kurs geändert, um durch das »Loch« der Strahlungsgürtel, das am Nordpol klafft e, zu den Sternen emporzuschießen. Pirx konnte die Sterne nicht länger betrachten, denn die Lichter fl ammten auf. Während die Triebwerke arbeiteten, um einen Schwereersatz zu erzeugen, wurde das Mittages- sen gereicht. Nach der Mahlzeit machten es sich die Passa- giere wieder in den Sitzen bequem. Die Lichter verloschen, man konnte den Mond sehen. Sie näherten sich ihm von der Südseite. Wenige hundert Kilometer unterhalb des Pols klafft e der Tycho, er spiegelte sich im Sonnenlicht, ein weißer Fleck, der nach allen Seiten Strahlungsgürtel aussandte, deren erstaunliche Regelmäßig- keit ganze Generationen irdischer Astronomen in Erstau- nen versetzt hatte, um schließlich, nach der Lösung des Rät- sels, Gegenstand von Studentenwitzen zu sein. Hatte man den ersten Studenten nicht eingeredet, der weiße Kreis des Tycho sei das »Loch der Mondachse« und seine strahlende Streifen nichts weiter als dick gezeichnete Meridiane?, Je mehr sie sich der im schwarzen Vakuum hängenden Kugel näherten, desto deutlicher erkannte man, daß es ein in starren. Lavamassiven festgehaltenes Weltbild sei aus ei- ner Zeit von vielen Milliarden Jahren, da die heiße Erde mit ihren Satelliten durch Meteoritenwolken wanderte, durch Reste einer Planetogenese, da eiserner und steiner- ner Hagel pausenlos gegen die dünne Schale des Mondes schlug, sie durchbohrte, Magmawogen an die Oberfl äche warf; und als sich der Raum nach unendlich langer Zeit ge- reinigt hatte und leer geworden war, erstarb der Globus als ein Schlachtfeld der Epoche bergbildender Katastrophen, bis schließlich seine durch die Bombardierungen verwun- dete steinerne Maske die Intuition der Poeten und die lyri- sche Lampe der Verliebten wurde. Die »Selene«, die eine Last von vierhundert Tonnen trug – Menschen und Ladung –, drehte sich mit dem Heck zur stetig wachsenden Mondscheibe und begann in Etappen zu bremsen, bis sie sich leicht zitternd in einem der großen Trichter des Kosmodroms niederließ. Pirx war schon dreimal auf dem Mond gewesen, davon zweimal allein, das heißt, er hatte sich eigenhändig auf ein Prüff eld gesetzt, das eine halben Kilometer vom Zivilfl ug- hafen entfernt war. Jetzt konnte er das Prüff eld nicht einmal sehen, denn der riesige, von keramischen Platten eingefaßte Körper der »Se- lene« wurde auf das Gerüst eines hydraulischen Krans ge- hoben und fuhr unter die Oberfl äche des Flughafens, zum hermetisch abgeschlossenen Hangar, wo eine Zollkontrol- le stattfand: Narkotika? Alkohol? Explosive, gift ige, ätzen-, de Stoff e? Pirx besaß eine geringe Menge gift igen Materials, nämlich ein fl aches Fläschchen mit Kognak, das Matters ihm zugesteckt hatte. Er verbarg es in der Gesäßtasche. Dann gab es Sanitätskontrolle – Impfschein, Sterilisierung des Gepäcks, damit keine Keime auf den Mond verschleppt würden –, die im Nu erledigt war. Hinter der kleinen Schranke blieb er stehen, denn er wußte nicht, ob er erwartet wurde. Er stand im Zwischenstock. Der Hangar war eine riesige, in den Fels getriebene betonierte Kammer mit einer Decke in Halbkugelform und fl achem Boden. Licht gab es zur Ge- nüge – künstliches Sonnenlicht, Licht aus Glühplatten. Vie- le Menschen liefen hin und her, Gepäck, Preßgasfl aschen, Tanks, Kisten und Kabeltrommeln wurden auf Elektrokar- ren verladen. Im Hintergrund war die Ursache dieses fi e- berhaft en Treibens zu sehen – der reglose Rumpf der »Sele- ne«, eigentlich nur ihr mittlerer Teil, der einem gewaltigen Gasbehälter glich, denn das Heck ruhte tief unter Beton, in einem geräumigen Schacht, und die Spitze des massi- ven Rumpfes ragte durch eine runde Öff nung ins höhere Stockwerk. Pirx stand so, bis ihm einfi el, daß er eigene Dinge zu er- ledigen habe. In der Flughafenbehörde wurde er von einem Beamten empfangen, der ihm einen Block für das Nacht- quartier aushändigte und ihm mitteilte, daß die Rakete in elf Stunden zur »andern Seite« abfl iege. Aus irgendeinem Grunde hatte er es eilig und gab ihm keine weiteren Erklä- rungen. Pirx trat auf den Korridor hinaus. Chaotische Zu- stände! dachte er verärgert. Er wußte nicht einmal genau,, welchen Weg die Rakete nehmen werde. Über die Smyth- See oder direkt zu Ziolkowski? Und wo sein unbekannter Mondgefährte steckte, wußte er auch nicht. Und die Kom- mission? Der Arbeitsplan? Solchen Überlegungen widmete er sich, bis seine Empö- rung verrauchte und einem Gefühl wich, das materieller Natur war und sich im Magen konzentrierte – er verspür- te Hunger. Er wählte den richtigen Fahrstuhl, studierte zu- nächst alles, was auf den sechssprachigen Schildern stand, fuhr in die Pilotenkantine hinunter und erfuhr dort, daß er in einem gewöhnlichen Restaurant zu essen habe, denn er sei kein Pilot. Das setzte allem die Krone auf! Schon wollte er sich in dieses vermaledeite Restaurant begeben, da fi el ihm ein, daß er vergessen hatte, seinen Rucksack abzuholen. Also hinauf zum Hangar. Das Gepäck befand sich bereits im Ho- tel. Er ließ also die Absicht fahren und beschloß, das Mit- tagessen einzunehmen. Dabei geriet er in zwei Wogen von Touristen: Die Franzosen, mit denen er hergefl ogen war, gingen essen, und eine andere Gruppe – Schweizer, Hol- länder und Deutsche – kehrte gerade mit dem Selenobus von einem Ausfl ug zum Krater des Eratosthenes zurück. Die Franzosen sprangen und hüpft en, wie das gewöhnli- che Menschen tun, die zum erstenmal die Zauberkräft e der Mondschwerkraft ausprobieren. Sie fl ogen bis an die Dek- ke, lachten, die Frauen kreischten, sie genossen den freien Fall aus drei Meter Höhe. Die Deutschen, sachlicher von Natur, strömten in die großen Säle und behängten die Ses- sellehnen mit ihren Fotoapparaten, Ferngläsern und Sta-, tiven – es fehlte nicht viel, und sie hätten Teleskope mit- gebracht. Schon bei der Suppe reichten sie die Splitter der Mondfelsen herum, die ihnen von den Besatzungen der Se- lenobusse als Souvenirs verkauft worden waren. Pirx beug- te sich über seinen Teller, umtost von dem Lärm, den die Deutschen, die Franzosen, die Griechen, die Holländer und Gott weiß wer noch alles verursachten. In der allgemeinen Begeisterung war er der einzige, der das zweite Mittagessen an diesem Tag mißgelaunt einnahm. Ein Holländer wollte sich seiner annehmen, er äußerte die Vermutung, Pirx lei- de nach dem Raketenfl ug unter einer Raumkrankheit. »Sie sind zum erstenmal auf dem Mond, wie?« fragte er und bot ihm Pillen an. Das war der Tropfen, der das Maß überlau- fen ließ. Pirx aß auf, kauft e sich am Büfett vier Päckchen Kekse und fuhr ins Hotel. Sein ganzer Zorn konzentrierte sich auf den Portier, der ihm ein »Stück Mond« anbot, ei- nen glasigen Basaltbrocken. »Laß mich in Ruh, du Krämer- seele! Ich bin vor dir hier gewesen!« schrie er und ließ den Portier stehen. Er zitterte vor Wut. In einem Zweibettzimmer saß unter der Deckenleuchte ein kleiner Mann in einer verblichenen Windjacke – rot- haarig, leicht ergraut, mit einer auf die Stirn fallenden Haar- strähne und gebräuntem Gesicht. Bei Pirx’ Eintritt nahm er die Brille ab. Er hieß Langner, Dr. Langner, war Astrophy- siker und sollte mit ihm zum Mendelejew fl iegen. Das also war der unbekannte Mondgefährte! Pirx, der bereits auf das Schlimmste gefaßt war, nannte seinen Namen, brummelte etwas und setzte sich. Langner war etwa vierzig – in Pirx’ Augen ein gut konservierter Greis. Er rauchte nicht, wahr-, scheinlich trank er nicht, und vom Reden schien er auch nicht viel zu halten. Er las drei Bücher auf einmal. Das eine war eine Logarithmentafel, das zweite enthielt Formeln, in dem dritten waren lauter Fotos von Spektralskalen abgebil- det. In der Hosentasche hatte er einen Arhythmographen, er wußte sich seiner bei Berechnungen geschickt zu bedienen. Hin und wieder stellte er Pirx eine Frage, ohne von seinen Formeln aufzuschauen – Pirx antwortete ihm, den Mund voller Kekse. Das Zimmer war eine Kammer mit zwei Bet- ten und einer Duschecke, in die kein dicker Mann hinein- paßte. Auf kleinen Schildern wurden die Gäste in verschie- denen Sprachen ersucht, Wasser und Strom zu sparen. Man konnte schon zufrieden sein, daß es nicht verboten war, zu seufzen, denn schließlich wurde ja auch Sauerstoff zuge- führt. Pirx trank nach den Keksen ein wenig Leitungswas- ser, es war so kalt, daß ihm die Zähne weh taten. Off enbar waren die Behälter dicht unter der oberen Basaltrinde an- gebracht. Merkwürdig … Nach Pirx’ Uhr war es elf, nach Langners zehn Minuten nach Mitternacht und nach der elektrischen an der Wand sieben Uhr abends. Sie stellten die Uhren auf Mondzeit um, obwohl sie wußten, daß auch die nur vorübergehend gültig war, denn Mendelejew hatte wie die ganze »andere Seite« eine eige- ne Zeit. Bis zum Start der Rakete verblieben neun Stunden. Lang- ner verließ wortlos den Raum. Pirx schob den Sessel unter die Deckenleuchte und vertrieb sich die Zeit, indem er in ein paar alten, zerknitterten Zeitschrift en las, die auf dem kleinen Tisch lagen. Schließlich konnte er nicht länger still-, sitzen und trat hinaus. Der Korridor ging hinter der Bie- gung in eine kleine Diele über, in der mehrere Sessel stan- den. Ihnen gegenüber war ein Fernsehgerät in die Wand eingelassen. Ein Programm für Luna-Hauptstation aus Au- stralien lief gerade, es war ein Bericht über Leichtathletik- wettkämpfe. Sie interessierten ihn nicht sonderlich, aber er nahm Platz und sah zu, bis er schläfrig wurde. Er stand auf und schnellte einen halben Meter hoch – er hatte die gerin- ge Schwerkraft vergessen. Wann endlich durft e er die Zivilkleidung ablegen und von wem würde er einen Skaphander bekommen? Wo wa- ren die Instruktionen? Was hatte das alles zu bedeuten? Er wäre irgendwo hingegangen, um sich zu erkundigen, aber dieser Dr. Langner schien die Situation off enbar für die normalste der Welt zu halten … Na, meinetwegen! dachte Pirx. Wenn er nichts sagt, dann sage ich auch nichts … Die Übertragung war zu Ende. Pirx schaltete das Gerät aus und kehrte in sein Zimmer zurück. So hatte er sich den Aufenthalt auf dem Mond nicht ausgemalt. Als er un- ter der Dusche stand, hörte er durch die dünne Wand Stim- men – im Nebenzimmer unterhielten sich Touristen, die er aus der Gaststätte kannte. Der Mond schien sie in Eupho- rie versetzt zu haben. Er, Pirx, verspürte nichts dergleichen. Er wechselte das Hemd, nur um irgend etwas zu tun, und als er sich aufs Bett legte, kehrte Langner zurück – mit vier anderen Wälzern. Pirx überrieselte es kalt, in ihm regte sich der Verdacht, einen fanatischen Wissenschaft ler vor sich zu haben, eine jüngere Version von Professor Merinus., Langner legte neue Fotogramme auf den Tisch und be- trachtete sie durch die Lupe. Er war aufs höchste gespannt – so eifrig pfl egte Pirx nicht einmal die Fotos von Schau- spielerinnen zu studieren. Unvermittelt fragt er Pirx nach seinem Alter. »Hundertelf«, antwortete Pirx, und als der Astrophysiker den Kopf hob, fügte er hinzu: »Im Zweiersystem.« Langner lächelte zum erstenmal, und dadurch wirkte er fast menschlich. Er hatte kräft ige weiße Zähne. »Die Russen schicken uns eine Rakete«, sagte er. »Wir fl iegen zu ihnen.« »Zur Ziolkowski-Station?« »Ja.« Das war bereits eine Station auf der »anderen Seite«. Also noch einmal umsteigen, überlegte Pirx. Und die restli- chen tausend Kilometer? Mit einem Geländefahrzeug wer- den wir sie wohl kaum zurücklegen, eher mit einer Rake- te … Er wollte nicht fragen, wollte nicht eingestehen, daß er nichts wußte. Langner setzte zum Sprechen an, aber er unterließ es. Pirx war eingenickt. Plötzlich wachte er auf, Langner stand über sein Bett gebeugt und berührte seine Schulter. »Es ist Zeit«, sagte er nur. Pirx setzte sich auf. Langner schien die ganze Zeit gele- sen und geschrieben zu haben – der Stoß Papiere mit den Berechnungen war angewachsen. Im ersten Moment dach- te Pirx, Langner meine das Abendessen, aber es handel- te sich bereits um den Start. Pirx lud sich den vollgestopf- ten Rucksack auf. Langners Tornister war noch größer und schwerer, er schien Steine zu enthalten. Später stellte sich, heraus, daß außer Hemden und Toilettenartikel lauter Bü- cher darin steckten. Ohne durch den Zoll zu müssen und ohne jede andere Kontrolle gelangten sie in das obere Niveau, wo eine Ra- kete auf sie wartete. Das ehemals silberfarbene, aber nun graue, dickbauchige Projektil stand auf drei gebogenen, ge- spreizten, etwa zwanzig Meter hohen Füßen. Es war nicht aerodynamisch geformt – es gibt auf dem Mond keine At- mosphäre. Mit solch einer Rakete war Pirx noch nie gefl o- gen. Ein Astrochemiker sollte sich ihnen anschließen, aber er ließ sich nicht blicken. Sie starteten ohne ihn zur festge- setzten Zeit. Aus dem Fehlen einer Atmosphäre erwuchsen besondere Schwierigkeiten. Man konnte keine Flugzeuge benutzen, kei- ne Hubschrauber – nichts, außer Raketen. Nicht einmal die im schwierigen Gelände so bequemen Luft kissenboote waren zu verwenden. Raketen sind zwar schnell, sie können aber nicht überall landen, sie mögen weder Berge noch Felsen. Das bauchige, dreibeinige Insekt heulte auf, dröhnte und raste kerzengrade in die Höhe. Die Kabine war etwa doppelt so groß wie das Hotelzimmerchen. An den Wän- den leuchteten Illuminatoren, in der Decke war ein rundes Fenster angebracht, der Pilot saß nicht oben, sondern un- ten, fast zwischen den Auspuff düsen, damit er die Lande- plätze gut erkennen konnte. Pirx kam sich vor wie ein Ge- genstand, wie ein Paket, das man irgendwohin schickte. Er kannte weder Grund noch Ziel der Reise – jedenfalls nicht genau –, und er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Das ewige Lied …, Sie waren auf die Parabel gekommen. Die Kabine neig- te sich schräg, sie schleppte die langen Beine hinter sich her. Unter ihr glitt die riesige gewölbte Mondscheibe da- hin, der Erdtrabant sah aus, als habe ihn noch keines Men- schen Fuß betreten. Im Raum zwischen Erde und Mond gibt es eine Zone, in der beide Körper gleich groß erschei- nen. Pirx erinnerte sich noch genau des Eindrucks, den er bei seinem ersten Flug empfangen hatte. Die Erde, bläulich schimmernd, nebelverhangen, mit den verwaschenen Kon- turen der Kontinente, wirkte weniger real als der Mond, der wie ein Stein dahing, mit scharf hervortretenden Felsenre- liefs. Sein statistisches Gewicht war nahezu fühlbar. Sie fl ogen über dem »Meer der Wolken«, den Krater des Bullialdus hatten sie bereits hinter sich. Im Südosten lag der Tycho, umgeben vom Glorienschein seiner Strahlen, die über den Äquator bis auf die »andere Seite« reichten. Wie gewöhnlich herrschte in dieser beträchtlichen Höhe ein Eindruck vor, der sich schwer defi nieren ließ – eine übergeordnete Regelmäßigkeit schien diesen Felsentoten- kopf geformt zu haben. Der Tycho war vom Sonnenlicht überfl utet, er umfaßte und durchschnitt mit seinen weiß- lichen Armen das Mare Humorum und das Mare Nubi- um, und sein nördlicher Ausläufer, der größte übrigens, verschwand irgendwo hinter dem Horizont in Richtung Mare Serenitatis. Als jedoch im Osten der Zirkus des Cla- vius hinter ihnen lag und sie sich über dem Äquator herab- zulassen begannen und schon auf der »anderen Seite« über dem »Meere der Träume« fl ogen, schwand in dem gleichen Maße, wie sich die Rakete senkte, die Illusion von der Ord-, nung. Die scheinbar glatte, dunkle Oberfl äche des »Meeres« off enbarte nun ihre Risse und Spalten. Sie verloren ständig an Höhe, und nun zeigte der Mond aus der Nähe, was er in Wirklichkeit war – Hochplateaus, Ebenen, Krater und Ringberge waren gleichermaßen durch Trichter des kosmi- schen Bombardements aufgewühlt. Ringe von Felsresten, von Lava griff en ineinander über, sie durchdrangen einan- der, als ob jene, die diesen titanischen kosmischen Beschuß vollführt hatten, noch immer nicht mit der erreichten Zer- störung zufrieden wären. Ehe Pirx das Ziolkowski-Massiv erkennen konnte, stellte sich die Rakete, deren Geschwin- digkeit durch das Einschalten der Triebwerke beschleunigt worden war, senkrecht auf. Das letzte, was Pirx zu sehen bekam, war ein Ozean der Finsternis, ein Ozean, der die ganze westliche Hemisphäre verschlang. Schon ragte hin- ter der Grenzlinie mit fl ammender Spitze der Lobatschew- ski-Gipfel hervor. Die Sterne im oberen Fenster standen unbewegt. Die Rakete ging nieder wie ein Fahrstuhl, und da sie durch die Flamme der eigenen Triebwerke hindurch mußte, die sich am Heck konzentrierte, knallten die Gase brüllend gegen die erhabenen Stellen der äußeren Panze- rung. Das Ganze erinnerte ein wenig an das Eindringen in die Atmosphäre. Die Sessel klappten von selbst zurück. Die Rakete stürzte hinab wie eine Kugel, aber man spürte einen sanft en Widerstand, mit dem die in entgegengesetzte Rich- tung speienden Düsen dem Fall entgegenwirkten. Plötzlich heulten die Düsen ohrenbetäubend auf. Aha, wir stellen uns auf das Feuer! dachte Pirx, um sich selbst zu beweisen, daß er schon ein echter Astronaut war, wenngleich noch, ohne Diplom. Ein Schlag, ein Klappern, ein Krachen – ein gewaltiger Hammer schien auf die Steine einzuschlagen. Die Kabine fuhr sanft nach unten, wieder nach oben, sie ging auf und ab, und so schwankte sie noch eine gute Wei- le auf den wütend ächzenden Amortisatoren, auch dann noch, als sich die drei zwanzig Meter langen, gespreizten Füße der Rakete bereits fest in das Geröll gebohrt hatten. Schließlich gelang es dem Piloten, das Schwanken zu be- heben, indem er etwas Druck in die Ölleitungen gab. Ein kurzes Zischen, und die Kabine kam zur Ruhe. Der Pilot kroch durch eine Klappe im Fußboden zu ih- nen herein und öff nete den Wandschrank. Die Skaphan- der! Endlich! Pirx war guter Dinge, aber diese Stimmung hielt nicht lange vor. Es waren vier Skaphander da – einer für den Pi- loten, dann ein kleiner, ein mittelgroßer und ein großer. Der Pilot war binnen einer Minute angezogen, lediglich den Helm hatte er noch nicht aufgesetzt. Er wartete. Bei Langner ging es ebenfalls rasch, nur Pirx, rot verschwitzt und wütend, wußte nicht, was er tun sollte. Der mittlere Skaphander war zu klein, der große zu groß. In dem mitt- leren drückte sein Kopf fest gegen die Helmdecke, und in dem großen fl og er wie ein Kokoskern in einer getrock- neten Schale hin und her. Freilich bekam Pirx freundliche Ratschläge zu hören. Der Pilot wies darauf hin, daß ein zu großer Skaphander besser sei als ein zu enger. Er schlug Pirx vor, die leeren Stellen mit Wäsche auszustopfen, und bot ihm zu diesem Zweck sogar eine Decke an. Für Pirx hatte jedoch schon der Gedanke etwas Anstößiges, seine, Astronautenseele sträubte sich dagegen. Sich in Lumpen einzuwickeln! Er nahm den kleinen Skaphander; der Pilot und Lang- ner quittierten es schweigend. Sie öff neten die Luke und zwängten sich durch. Der Pilot drehte an einem Schrau- benrad und öff nete die äußere Klappe. Hätte ihn Langner nicht zurückgehalten, dann wäre Pirx herausgesprungen und hätte sich unter Umständen gleich beim ersten Auft reten den Fuß verstaucht, denn bis zur Oberfl äche des Mondes waren es noch zwanzig Meter. Die Schwerkraft war zwar gering, aber aus dieser Höhe wäre es doch gefährlich gewesen, in dem schweren Skaphander auf den felsigen Boden zu springen. Der Pilot klappte eine zu- sammenlegbare Leiter auseinander, und sie stiegen hinab. Niemand begrüßte sie mit Blumen oder mit Triumphbö- gen, keine Menschenseele war zu sehen. Im Hintergrund ragte die gepanzerte Kuppel der Ziolkowski-Station auf, sie war etwa einen Kilometer entfernt. Über ihr war ein klei- ner Landeplatz zu erkennen, auf dem Raketen standen. Sie waren bedeutend größer, es handelte sich um Transportra- keten. Die Rakete, mit der sie angekommen waren, ruhte ein wenig schräg auf ihren drei Füßen. Die Felsen unter den Trichtern der Düsen hatten sich bräunlich verfärbt. Pirx schaute sich um. Im Westen war das Gelände rela- tiv fl ach – soweit man diese riesige Schutthalde als fl ach be- zeichnen konnte, aus der hier und da Felsbrocken von der Größe eines Hauses herausragten. Im Osten stieg der Bo- den sanft an, ging dann aber nach mehreren, nahezu senk-, rechten Felswänden in das Hauptmassiv der Ziolkowski- Station über. Hinter dem Ziolkowski-Bergrücken strahlte die Sonne; sie blendete so sehr, daß man die Augen schlie- ßen mußte. Pirx ließ das Visier über der Helmscheibe her- unter, aber es half nicht viel. Behutsam über das lose Geröll schreitend, gingen sie zur Station. Die Rakete entschwand schon nach wenigen Metern ihren Blicken, denn sie muß- ten einen fl achen Kessel durchqueren. Die Station beherrschte die ganze Umgebung, sie war zu drei Vierteln in eine Felswand eingelassen, die einer ge- sprengten Bergfeste aus dem Mesozoikum glich. Die scharf gekappten Ecken erinnerten aus der Ferne an Bastionen, aber je näher man kam, desto mehr verloren die »Bastio- nen« ihre Form, sie zerfl ossen, und die schwarzen Streifen, die an ihnen entlangliefen, erwiesen sich als tiefe Risse. Für Mondverhältnisse war das Gelände verhältnismäßig leicht passierbar. Jeder Tritt wirbelte Staub auf, der bis zur Gür- telhöhe aufstieg, sie in eine milchige, schneeweiße Wolke hüllte und nicht sinken wollte. Sie gingen deshalb nicht im Gänsemarsch, sondern nebeneinander, und als Pirx sich vor der Station umwandte, sah er deutlich den Weg, den sie zurückgelegt hatten. Er war durch drei unregelmäßige, balkenförmige Staubschlangen gekennzeichnet – heller als irdische Staubwolken. Pirx wußte einiges über diesen Staub. Die ersten Erobe- rer hatten über diese Erscheinung gestaunt. Man hatte mit Staub gerechnet, doch selbst der feinste Staub hätte im luft - leeren Raum sofort niedersinken müssen. Der Mondstaub tat es nicht, das heißt, er tat es nur am Tage nicht, bei Son-, nenlicht. Wie sich nämlich herausgestellt hatte, verlaufen die elektronischen Erscheinungen auf dem Mond anders als auf der Erde. Auf der Erde gibt es atmosphärische Entla- dungen – Blitze, Donnerschläge, Elmsfeuer. Auf dem Mond gibt es so etwas nicht, aber die mit Teilchenstrahlung bom- bardierten Felsen laden sich mit der gleichen Ladung auf, wie sie der Staub besitzt, der sie bedeckt. Da sich gleiche Ladungen abstoßen, hält sich der Staub, wenn er erst ein- mal aufgewirbelt ist, dank der elektrostatischen Abstoßung manchmal sogar eine ganze Stunde. Je mehr Sonnenfl ecken es gibt, desto stärker »staubt« der Mond ein. Auch diese Er- scheinung verschwindet erst einige Stunden nach Einbruch der Nacht, dieser entsetzlichen Nacht, der nur besondere, zweiwandige, thermosartig gefestigte Skaphander gewach- sen sind, die selbst auf dem Mond ein verteufeltes Gewicht haben. Diese gelehrten Erwägungen fanden mit der Ankunft am Haupteingang der Station vorerst ihr Ende. Man nahm die drei gastlich auf. Der wissenschaft liche Leiter der Station, Professor Ganschin, war sehr groß – Pirx glaubte in seinem hohen Wuchs ein gewisses Gegengewicht zu seiner Paus- bäckigkeit zu sehen. Ganschin schaute im wahrsten Sinne des Wortes von oben auf ihn herab, aber sein Kollege, Dr. Pnin, war noch größer, er maß mindestens zwei Meter. Es gab dort noch drei andere Russen, vielleicht auch mehr, aber sie ließen sich nicht blicken – sicherlich hatten sie Dienst. Oben waren ein astronomisches Observatorium und eine Rundfunkstation eingerichtet; durch den schräg in den Felsen gehauenen und betonierten Tunnel kam man, in eine besondere kleine Kuppel, über der sich große Ra- darschirme drehten; durch die Illuminatoren konnte man dicht am Rande der Station so etwas wie ein silbrig glän- zendes Spinnennetz erkennen. Es war das wichtigste Ra- dioteleskop, das größte auf dem Mond. Mit der Seilbahn war man in einer halben Stunde dort. Die Station war viel größer, als es den Anschein hatte. In unterirdischen Räumen befanden sich gewaltige Wasser- reservoirs, Luft behälter und Lebensmittelspeicher; in dem vom Talkessel aus unsichtbaren, in den Felsenriß eingebau- ten Flügel standen Transformatoren, die die Strahlungs- energie der Sonne in elektrische Energie umsetzten. Au- ßerdem gab es dort noch etwas Herrliches: ein gewaltiges hydroponisches Solarium unter einer Kuppel aus stahlbe- wehrtem Quarz. Pirx erblickte Blumen über Blumen, große Behälter mit irgendwelchen Pfl anzen, die Vitamine und Ei- weiß lieferten – und einen Bananenbaum. Pirx und Lang- ner kosteten diese auf dem Mond gezüchteten Früchte. Dr. Pnin erklärte ihnen lachend, daß die Bananen noch nicht zur täglichen Nahrung der Mannschaft gehörten, sie seien vorerst nur für Gäste da. Langner, der schon gewisse Vorstellungen vom Bauwe- sen auf dem Mond hatte, begann Fragen über Einzelheiten der Quarzkuppel zu stellen, denn die hatte ihn mehr beein- druckt als die Bananen. Der Bau war wirklich originell. Da außen Vakuum herrschte, mußte die Kuppel dem ständi- gen Druck von neun Tonnen pro Quadratmeter standhal- ten, was bei ihren Abmessungen die imposante Zahl von zweitausendachthundert Tonnen ergab. Die im Solarium, gehaltene Luft drohte die Kuppel zu sprengen. Da die Kon- strukteure auf Eisenbeton verzichten mußten, hatten sie ge- schweißte Rippen in den Quarz geschmolzen, die die gan- ze Spannkraft , nahezu drei Millionen Kilogramm, auf ein Iridiumschild an der Spitze weiterleiteten. Von dort führ- ten mächtige Stahlseile nach außen, die tief in dem Basalt der Umgebung verankert waren. Es war ein einzigartiger »Quarzballon an der Leine«. Vom Solarium begaben sie sich geradewegs in den Spei- sesaal, um zu essen – es war die dritte Mittagsmahlzeit hintereinander. Das Leben auf dem Mond schien nur aus Mittagessen zu bestehen. Der Speisesaal, der zugleich Ge- meinschaft sraum war, hatte mittlere Ausmaße; seine Wän- de waren mit Holz verschalt, es handelte sich um richtige Kiefernbretter, die sogar nach Harz rochen. Diese außer- gewöhnliche Erdverbundenheit war Pirx nach den gleis- nerischen Mondlandschaft en besonders lieb und wert. Professor Ganschin verriet ihnen, es handele sich nur um eine dünne Schicht und sie diene lediglich dem Zweck, das Heimweh der Männer ein wenig zu dämpfen. Während des Essens und auch danach schwieg man sich über Mendelejew, über den Unfall und über die unglück- lichen Kanadier aus. Man sprach auch nicht vom Abfl ug; es war ganz so, als wären sie für längere Zeit zu Besuch ge- kommen. Die Russen waren überaus zuvorkommend, sie widmeten sich ihren Gästen, als gäbe es für sie nichts weiter zu tun. Sie fragten nach Neuigkeiten und gaben Pirx recht, der sich über das Touristenunwesen beklagte. Ab und zu ging einer von ihnen hinaus, kehrte aber rasch wieder zu-, rück. Später stellte sich heraus, daß sie ins Observatorium eilten – auf der Sonne war eine sehr schöne Protuberanz entstanden. Als dieses Wort fi el, hatte für Langner alles an- dere zu existieren aufgehört. Eine Besessenheit, wie sie nur Wissenschaft lern eigen ist, hatte die ganze Gesellschaft er- faßt. Man brachte Fotos und sah sich einen Film an, den der Koronograph gedreht hatte. Die Protuberanz war tat- sächlich außerordentlich groß, sie maß siebenhundert- fünfzigtausend Kilometer und sah aus wie ein vorsintfl ut- liches Gebilde mit fl ammendem Rachen. Ganschin, Pnin, der dritte Astronom und Langner schalteten das Licht ein und unterhielten sich mit leuchtenden Augen – sie wa- ren taub für alles andere. Als jemand an das unterbroche- ne Mittagessen erinnerte, kehrten sie in den Speiseraum zurück, aber sie schoben die Teller beiseite, bekritzelten die Papierservietten mit Zahlenkolonnen und fachsimpel- ten weiter. Dr. Pnin hatte ein Einsehen mit Pirx, der wie bei einer türkischen Predigt dasaß. Er bat ihn in sein Zim- mer, das sehr klein war, aber einen bemerkenswerten Vor- zug aufwies: es hatte ein großes Fenster, das den Blick auf den östlichen Gipfel des Ziolkowski-Massivs freigab. Die tiefstehende Sonne, die wie ein Höllentor klafft e, warf in das Gewirr der sich auft ürmenden Felsen lange Schatten, die mit ihrer Schwärze alle Formen verschlangen, als klaff - te hinter jedem Rand des erhellten Gesteins ein teufl ischer Schacht, der bis zum Mittelpunkt des Mondes führte. Das Nichts schien sich in Berggipfel, schräge Türme, Zinnen und Obeliske aufzulösen, die der tintenschwarzen Finster- nis entsprangen – wie ein Fels gewordenes Feuer, das im, Fluge erstarrt war. Das Auge verlor sich inmitten all dieser Formen, die sich in keiner Weise zu einem Ganzen zusam- menfügen ließen, es fand nur in den runden Höhlen der Schwärze, die leeren Augenhöhlen glichen, einen zweifel- haft en Halt, in den bis zum Rand mit Schatten angefüllten Tümpeln der kleinen Krater. Es war ein einmaliger Anblick. Pirx war schon auf dem Mond gewesen – er hatte das bereits sechsmal betont –, aber noch nie zu dieser Zeit, neun Stunden vor dem Son- nenuntergang. Pirx saß lange bei Pnin. Der Wissenschaft ler sagte »Herr Kollege« zu ihm, und er wußte nicht, wie er antworten soll- te, er versuchte, die Anrede zu vermeiden, so gut es ging. Der Russe besaß eine phantastische Sammlung von Fotos, die er bei Kletterpartien gemacht hatte – er, Ganschin und ihr dritter Gefährte, der gegenwärtig auf der Erde weilte, widmeten ihre Freizeit der Alpinistik. Man hatte versucht, das Wort »Lunistik« in Umlauf zu bringen, aber der Begriff hatte sich nicht eingebürgert, zumal es ohnehin die »Mon- dalpen« gab. Pirx, der bereits vor seinem Eintritt in das In- stitut ein begeisterter Kletterer gewesen war, fand in Pnin eine verwandte Seele, und er begann ihn auszufragen, wor- in sich das Bergsteigen auf dem Mond von der irdischen Alpinistik unterscheide. »Sie dürfen eines nicht vergessen, Herr Kollege«, sagte Pnin. »Tun Sie, solange es geht, alles so, als wären Sie auf der Erde. Eis gibt es hier nicht – wohl nur in sehr tiefen Spalten, und auch das unerhört selten –, und Schnee, ver- steht sich, gibt es auch nicht. Das verleitet zu der Annah-, me, das Bergsteigen sei sehr leicht, um so mehr, als man aus dreißig Meter Höhe abstürzen kann, ohne daß einem etwas geschieht. Aber daran darf man nicht denken.« Pirx wunderte sich sehr. »Wieso?« »Weil es hier keine Luft gibt«, erklärte der Astrophysi- ker. »Selbst wenn Sie noch so lange herumsteigen, Sie wer- den es nie lernen, die Entfernung richtig zu schätzen. Hier vermag nicht einmal der Entfernungsmesser viel zu hel- fen, und wer nimmt schon einen Entfernungsmesser mit? Sie erklimmen einen Gipfel, schauen in den Abgrund und haben die Vorstellung, er sei fünfzig Meter tief. Vielleicht ist er wirklich fünfzig Meter tief, vielleicht aber auch drei- hundert oder fünfh undert. Mir passierte es … Übrigens, Sie wissen ja, wie das ist. Wenn man sich erst einmal gesagt hat, daß man ohne weiteres abstürzen kann, dann wird das früher oder später wirklich passieren. Auf der Erde kann man sich den Kopf lädieren, und er heilt wieder, aber hier genügt ein fester Schlag auf den Helm, so daß die Schei- be platzt, und alles ist vorbei. Sie müssen sich also genau- so wie in den irdischen Bergen verhalten. Was Sie sich dort erlauben, können Sie sich auch hier erlauben. Ich möchte Ihnen jedoch abraten, über einen Spalt zu springen. Selbst wenn Sie annehmen, daß er höchstens zehn Meter breit sei – was soviel wie anderthalb Meter auf der Erde wäre –, tun Sie es nicht, sondern werfen Sie erst einen Stein auf die an- dere Seite und beobachten Sie seinen Flug. Off en gesagt, ich rate Ihnen, überhaupt nicht zu springen, und dieser Rat kommt vom Herzen. Wenn man nämlich ein paarmal zwanzig Meter weit gesprungen ist, dann bereiten einem, auch Abgründe keinen Schrecken mehr, und die Berge er- scheinen einem so klein, als reichten sie nur bis zum Knie. Wenn diese Überheblichkeit eintritt, dann kann leicht et- was passieren. Einen Bergrettungsdienst gibt es hier nicht. Sie begreifen also …« Pirx erkundigte sich nach der Mendelejew-Station. Wa- rum die Station am Kamm und nicht unten und ob der Weg dorthin schwierig sei … Ob man klettern müsse … »Eine echte Kletterpartie gibt es da nicht, nur einige ex- ponierte Stellen, und auch die nur, weil dort eine Lawine niedergegangen ist. Das war unterhalb des Sonnentors, sie hat den Weg fortgerissen. Und was die Lokalisierung be- trifft , so fällt es mir schwer, etwas dazu zu sagen, vor allem jetzt, nach dem Unglück … Aber Sie müssen doch auch ei- niges darüber gelesen haben, oder …?« Pirx, völlig verwirrt, geriet ins Stottern. Er sagte, er habe damals gerade eine Prüfung gehabt. Pnin mußte lächeln, aber er wurde gleich wieder ernst. »Nun ja … der Mond ist internationalisiert, und jeder Staat hat seine eigene Zone, die wissenschaft lichen For- schungen vorbehalten ist. Wir haben diese Hemisphäre. Als sich herausstellte, daß die Van-Allan-Gürtel die kos- mische Strahlung auf der Hemisphäre stören, die der Erde zugewandt ist, haben sich die Engländer an uns gewandt und uns um die Erlaubnis gebeten, die Station auf unserer Seite zu errichten. Wir waren einverstanden. Da wir gera- de selbst auf Mendelejew Arbeiten durchführten, schlugen wir ihnen vor, daß sie die Station von uns übernehmen. Verrechnen wollten wir hinterher. Die Engländer akzep-, tierten das, traten dann aber Mendelejew an die Kanadi- er ab, da diese zum britischen Commonwealth gehörten. Uns war das natürlich einerlei. Da wir bereits vorher eine Erkundung des Bodens durchgeführt hatten, wurde einer von uns, Professor Animzew, beratendes Mitglied der au- stralischen Planungsgruppe – er kannte sehr gut die loka- len Bedingungen. Plötzlich erfuhren wir, daß sich die Eng- länder dennoch an dieser Sache beteiligten. Sie schickten Shanner, der erklärte, daß auf dem Boden des Kraters se- kundäre Strahlungsbündel entstehen könnten und die er- zielten Ergebnisse stören würden. Unsere Spezialisten wa- ren der Meinung, daß das unmöglich sei, aber schließlich gaben die Engländer den Ausschlag: Es sollte ja ihre Stati- on sein. Sie beschlossen, sie unter den Kamm zu verlegen. Das verteuerte die Sache natürlich erheblich, und die ge- samten Mehrkosten wurden von den Kanadiern getragen. Aber das war ja nicht so wichtig. Fremde Taschen gehen uns nichts an. Die Lage der Station wurde also bestimmt, und man ging daran, den Weg festzulegen. Animzew be- richtete uns davon, denn die Briten wollten anfangs zwei Abgründe auf der Trasse des geplanten Weges durch Ei- senbetonbrücken überqueren, doch die Kanadier sprachen sich dagegen aus, weil das die Kosten verdoppeln würde. Nun wollten sie sich in den inneren Hang des Mendelejew hineinbeißen, das heißt zwei Felsrippen mit Richtungsex- plosionen durchstoßen. Ich riet ihnen ab, denn das könn- te das Gleichgewicht des kristallenen Basaltgrundes stören, aber sie wollten nicht hören. Was hätten wir tun sollen? Sie waren doch keine Kinder! Wir besaßen mehr selenologi-, sche Erfahrung, aber wir wollten ihnen unsere Ratschläge auch nicht aufzwingen. Animzew legte sein Votum separa- tum ein, und dabei blieb es. Sie fi ngen an, den Felsen weg- zuschießen. Der erste Unfug – die Lokalisierung der Sta- tion – zog den zweiten nach sich, und die Folgen ließen leider nicht auf sich warten. Die Engländer bauten drei La- winenschutzmauern, nahmen die Station in Betrieb, Rau- pentransporter wurden eingesetzt – und, bitte sehr, es ge- lang. Die Station arbeitete bereits drei Monate, als sich zu Füßen des Überhanges unter dem Sonnentor, dieser gro- ßen westlichen Scharte des Kammes, Risse zeigten …« Pnin erhob sich, nahm mehrere große Fotos aus dem Schubfach und zeigte sie Pirx. »Da, an dieser Stelle. Es ist … vielmehr war eine anderthalb Kilometer lange Platte, die an einigen Stellen überhing. Der Weg verlief ungefähr in einem Drittel der Höhe, wie diese rote Linie hier. Die Kanadier bliesen Alarm. Animzew, der immer noch dort war und auf sie einredete, erläuterte ihnen: ›Der Tempera- turunterschied zwischen Tag und Nacht beträgt dreihun- dert Grad. Die Risse werden sich vergrößern, dagegen hilft nichts. Eine anderthalb Kilometer lange Wand kann man nicht stützen! Der Weg muß sofort gesperrt werden, und da die Station bereits fertig ist, muß eine Seilbahn gebaut werden!‹ Man ließ einen Experten nach dem anderen aus England und aus Kanada kommen – das Ganze wurde zur Komödie: Die Experten, die das gleiche wie unser Anim- zew sagten, wurden sofort nach Hause geschickt. Es blieben nur diejenigen, die gegen die Spalte irgendeinen Rat wuß- ten. Sie begannen zu zementieren. Tiefe Spritzen, Stützen, – sie zementierten und zementierten endlos, denn was sie am Tage mit Zement abdichteten, barst in der folgenden Nacht wieder. Über die fl ache Rinne kamen bereits Lawi- nen, doch die wurden durch die Mauern aufgehalten. Sie bauten ein System von Keilen, um die größeren Lawinen zu zerteilen. Animzew versuchte, ihnen klarzumachen, daß es nicht nur um die Lawinen gehe – die ganze Platte kön- ne niederstürzen! Ich brachte es nicht mehr über mich, Animzew anzuse- hen, wenn er zu uns kam. Er war nahe daran, aus der Haut zu fahren. Er sah die nahende Katastrophe und konnte nichts dagegen tun. Ich möchte es Ihnen ganz loyal sa- gen: Die Engländer haben ausgezeichnete Spezialisten, aber es war eben kein Spezialistenproblem, kein selenolo- gisches Problem, es war eine Prestigefrage geworden. Sie hatten den Weg gebaut und konnten sich nicht zurück- ziehen. Animzew legte Protest ein – den wievielten, weiß ich nicht mehr – und ging dann. Später erfuhren wir, daß es zwischen den Engländern und den Kanadiern Streitig- keiten gab, Reibereien im Zusammenhang mit dieser Plat- te, dem Rand des sogenannten Adlerfl ügels. Die Kanadier wollten ihn sprengen, denn er ruinierte den ganzen Weg, aber den Engländern paßte das nicht. Animzew hatte be- rechnet, daß man dazu eine Ladung von sechs Megaton- nen Wasserstoff benötigte, die Kommission der Vereinten Nationen verbot jedoch die Verwendung von radioakti- ven Materialien als Sprengmittel. Und so zankten und stritten sie sich, bis die Platte abstürzte … Die Englän- der schrieben später, an allem seien die Kanadier schuld,, denn sie hätten das erste Projekt, die Betonviadukte, ab- gelehnt …« Pnin betrachtete eine Weile die Aufnahmen. Die eine zeigte in fast zweifacher Vergrößerung die Scharte im Kamm – schwarze Punkte kennzeichneten die Stelle des Einsturzes. »Die Folge ist, daß die Station periodisch unzugänglich ist, am Tage ist sie leicht zu erreichen, aber nachts über- haupt nicht. Wir sind nicht auf der Erde, wissen Sie …« Pirx hatte bereits begriff en, was der Russe meinte: Auf dieser Seite der langen Mondnächte leuchtete nicht die gro- ße Lampe der Erde. »Und mit Infrarot läßt sich nichts machen?« fragte er. Pnin lächelte. »Infrarote Brillen? Aber was für Infrarot, Kollege, wenn der Felsen eine Stunde nach Sonnenuntergang hundertsechzig Grad an der Oberfl äche hat … Gewiß, theo- retisch könnte man es mit Radar versuchen, aber haben Sie schon einmal versucht, auf diese Weise zu klettern?« Pirx bekannte, daß er es noch nie versucht habe. »Und ich rate es Ihnen auch nicht. Das ist eine höchst komplizierte Methode, Selbstmord zu begehen. Radar ist gut im fl achen Gelände, aber nicht an der Wand …« Langner und der Professor kamen herein – es war Zeit zum Weiterfl ug. Zum Mendelejew brauchten sie eine halbe Stunde, der Weg erforderte zwei weitere Stunden, und in sie- ben Stunden ging die Sonne unter. Sieben Stunden Reserve – das erschien Pirx viel. Es stellte sich heraus, daß Dr. Pnin mit ihnen fl iegen würde. Sie beteuerten zwar, daß das unnö- tig sei, aber die Gastgeber wollten davon nichts wissen., Als sie schon gehen sollten, fragte Ganschin, ob sie nicht irgendwelche Nachrichten hätten, die zur Erde übermittelt werden sollten – es sei die letzte Gelegenheit. Mendelejew habe zwar Funkverbindung zu Ziolkowski, aber in sieben Stunden würden sie auf den Terminator gelangen, und es würde starke Störungen geben. Pirx überlegte, daß es gar nicht so übel wäre, Matters’ Schwester »Grüße von der anderen Seite« zu übermitteln, aber er traute sich nicht. Sie dankten also und gingen nach unten. Die Russen begleiteten sie bis zur Rakete, und Pirx erzählte ihnen von seinem Pech mit dem Skaphander, wor- auf sie ihm einen anderen heraussuchten. Der russische Skaphander sah anders aus als diejenigen, die Pirx kannte: Er hatte drei, nein zwei Visiere – eins ge- gen die hohe Sonne und ein zweites, orangefarbenes, gegen niedrige Sonne und gegen Staub. Die Luft ventile waren an- ders angeordnet, und besonders lustig waren die Stiefel – man konnte die Sohlen aufb lasen, so daß man wie auf Kis- sen ging. Das Geröll war nicht zu spüren, und die äußere Sohlenschicht paßte sich jeder Oberfl äche an. Es war ein »Hochgebirgsmodell«. Der Skaphander war übrigens zur Hälft e silbern und zur Hälft e schwarz. Wenn man sich mit der schwarzen Seite der Sonne zuwandte, begann man zu schwitzen, und wenn man es mit der silbernen tat, umfi ng einen angenehme Kühle. Kein besonders guter Einfall, dachte Pirx, denn nicht immer kann man die Seite wählen, aus der die Sonne scheint. »Man muß dann rückwärts gehen, oder wie …?« fragte er., Die Gastgeber lachten. Sie zeigten ihm den Drehgriff auf der Brust, der ein Verschieben der silbernen und der schwarzen Seite gestattete. So konnte man einen schwar- zen Vorderteil und einen silbernen Rücken haben – oder umgekehrt. Die Art, wie sich diese Farben vermisch- ten, war interessant. Zwischen der äußeren, der durch- sichtigen Skaphanderschicht, die aus einem harten Plast gefertigt war, und seinem eigentlichen Korpus war ein schmaler Zwischenraum, der mit zwei verschiedenen Farbstoff en oder vielmehr halbfl üssigen Massen ausge- füllt war – einer aluminisierten und einer mit Kohle an- gereicherten. Der Sauerstoff druck aus dem Atemgerät be- wegte sie. Doch nun galt es, sich zum Startplatz zu begeben. Vor- her, als sie aus der Sonne gekommen waren, hatte Pirx in der Druckkammer nichts gesehen, so sehr war er geblen- det. Erst jetzt bemerkte er, daß die Kammer eine Beson- derheit aufwies – die Wand funktionierte wie ein Kolben; man konnte eine beliebige Anzahl von Personen herein- oder hinauslassen, ohne daß dabei viel Luft entwich. In Pirx regte sich so etwas wie Eifersucht, denn die Kammern im heimatlichen Institut waren ausgediente, veraltete Kä- sten. Man hinkte auf diesem Gebiet mindestens um fünf Jahre hinter der Entwicklung her, und fünf Jahre – das war eine ganze Epoche. Die Sonne schien noch genauso hoch zu stehen wie vor- hin. In den aufgepumpten Stiefeln ging es sich merkwür- dig. Pirx glaubte zu schweben, aber dieses Gefühl verfl üch- tigte sich, bevor er die Rakete erreicht hatte., Der Professor trat so dicht an Pirx heran, daß sich die Helme berührten, und schrie ein paar Abschiedsworte. Die Männer reichten einander die Hände in den schweren Handschuhen und krochen hinter dem Piloten in die Ra- kete. Der Pilot wartete, bis sich die Zurückbleibenden weit genug entfernt hatten, und setzte dann die Triebwerke in Gang. Der Donner dröhnte in den Skaphandern wie hinter einer dicken Wand. Die Gravitation wuchs, aber sie spürten nicht einmal, wie sich die Rakete vom Boden abhob. Nur die Sterne schwankten in den Illuminatoren, und die Fel- senwüste fi el hinab und verschwand. Sie fl ogen so tief, daß sie nichts sahen. Nur der Pilot be- obachtete die unter der Rakete vorbeihuschende gespen- stische Landschaft . Die Rakete hing fast senkrecht wie ein Hubschrauber. Nur an dem geräuschvollen Zug und an dem schwachen Vibrieren des Rumpfes war zu spüren, daß die Geschwin- digkeit zunahm. »Achtung, wir landen!« tönte es in den Hauben. Pirx wußte nicht, ob es die Stimme des Piloten war, die über Bordfunk zu ihnen drang, oder ob Pnin die Worte ge- schrien hatte. Die Sessel klappten um. Pirx atmete tief durch, er spürte, daß sich sein Gewicht verringerte, und er hatte das Gefühl, als werde er im nächsten Augenblick zur Decke schweben. Instinktiv klammerte er sich an die Ses- sellehne. Der Pilot bremste scharf, die Düsen spien Feu- er, heulten auf, der Lärm wurde schier unerträglich. Die Schwerkraft wuchs, aber dann verringerte sie sich plötz- lich, und ein trockener Stoß zeigte an, daß sie gelandet wa-, ren. Im nächsten Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Die Rakete, die auf und nieder wippte und dabei Hock- bewegungen vollführte wie ein Insekt, neigte sich zur Sei- te. Pirx vernahm ein Knacken, er spannte die Muskeln an. Eine Katastrophe! durchfuhr es ihn. Die beiden anderen lagen da, ohne sich zu rühren. Die Triebwerke waren ver- stummt. Pirx wußte, was los war: Das Projektil rutschte schwankend und holpernd auf dem Geröll weiter, es konn- te umkippen und auf die Felsbrocken prallen. Allmählich wurde das Knirschen leiser, bis es ganz ver- hallte. Noch schlugen einige Steine klirrend gegen den Stahl, ein loser Felsblock versank unter dem Gewicht des Raketenfußes, aber dann kauerte die Kabine langsam nie- der und blieb in einem Neigungswinkel von zehn Grad ste- hen. Der Pilot kroch etwas unsicher aus dem Schacht und entschuldigte sich. Das Bodenprofi l habe sich verändert – off ensichtlich sei über der nördlichen Rinne eine Lawine niedergegangen. Er war auf dem Geröll gelandet, dicht an der Wand, denn er wollte ihnen einen längeren Fußweg er- sparen. Dr. Pnin kritisierte diese Methode, den Weg zu verkür- zen. Ein Lawinengelände sei schließlich kein Kosmodrom, und wenn es nicht unbedingt erforderlich sei, dürfe man nichts riskieren. Nach diesem kurzen Disput gab der Pilot ihnen den Weg frei. Sie passierten die Schleuse und stiegen über die Leiter auf das Geröll hinunter. Der Pilot blieb in der Rakete, er wollte dort auf Pnin warten. Pirx und Lang- ner folgten dem hochgewachsenen Wissenschaft ler., Pirx hatte bisher immer geglaubt, den Mond zu kennen, aber nun mußte er seine Ansicht korrigieren. Die Umge- bung der Ziolkowski-Station war eine Promenade im Ver- gleich zu dem Ort, an dem er sich jetzt befand. Die Rakete stand schräg auf den maximal gespreizten Füßen, die sich tief in die Steinlawine gebohrt hatten, sie war etwa drei- hundert Meter neben dem riesigen Schatten niedergegan- gen, den der Hauptwall der Mendelejew-Station warf. Der am schwarzen Himmel entfl ammte Sonnenrachen berühr- te fast den Kamm, der an dieser Stelle zu schmelzen schien – aber das beruhte auf einer Täuschung. Keine Täuschung dagegen waren die senkrechten Wände, die aus der Dun- kelheit aufragten. Zu der von tiefen Gräben durchfurchten Ebene, die den Boden des Kraters bildete, liefen von den Bergrinnen grellweiße Kegel herab – es waren Aufschüt- tungen. Die Stellen der frischen Einstürze konnte man an der Trübung der Felszeichnung erkennen. Diese Trübung wurde durch den Staub hervorgerufen, der sich erst nach Stunden setzte. Der Boden des Kraters, der aus geborstener Lava bestand, war ebenfalls von einer hellen Staubschicht bedeckt; der ganze Mond war mit mikroskopisch klei- nen Meteorteilchen gepudert – toter Regen, der seit Mil- lionen von Jahren auf ihn herabfi el. Der sogenannte Steg war nichts anderes als eine Anhäufung von Quadern und Felssplittern, ebenso wild wie die ganze Umgebung, und er verdankte seine Bezeichnung den einzementierten Alu- miniumstangen, die oben so etwas wie Rubinkugeln tru- gen. Zu beiden Seiten dieses in den Geröllgang führenden Steges standen riesige Wände, zur Hälft e vom Licht erfaßt,, zur Hälft e schwarz wie die Nacht der Milchstraße – Wän- de, die weder in den Alpen noch im Himalaja ihresglei- chen hatten. Die geringe Mondschwerkraft erlaubte es dem Felsbau- stoff , gespenstisch anmutende Formen anzunehmen, und diese Formen überdauerten Jahrhunderte. Das menschliche Auge wurde immer wieder irre, selbst wenn es den Anblick der Abgründe gewohnt war. Die anderen Sinne potenzier- ten noch den Eindruck des Unwirklichen, des Unmögli- chen dieser Landschaft : Weiße Pumexquader, die die Sohle berührten, fl ogen wie Seifenblasen in die Höhe, und selbst der schwerste Basaltsplitter, der auf das Geröll geworfen wurde, fl og unheimlich langsam und lange, um schließlich lautlos niederzusinken. Es war wie im Traum. Einige hundert Schritt höher änderte sich die Farbe des Felsens. Flüsse von rosafarbenem Porphyr umschlossen die Bergrinne, der sie zustrebten. Felsen, die sich stellenweise mehrere Stockwerke hoch türmten und nur mit ihren ra- siermesserscharfen Rändern zusammenhingen, schienen lediglich auf eine Berührung zu warten, um als unaufh alt- same Steinlawine niederzusausen. Pnin führte sie durch diesen Wald der in Stein erstarr- ten Explosionen. Er ging nicht rasch, aber mit untrüglicher Sicherheit. Manchmal schwankte die Platte, auf die er sei- nen gewaltigen Skaphanderstiefel setzte, und wenn das ge- schah, hielt er augenblicklich inne. Nach einer Weile setzte er seinen Weg fort, oder er wich der Stelle aus. Merkma- le, die nur ihm bekannt waren, zeigten ihm, ob der Felsen das Gewicht des Menschen aushalten würde oder nicht. Ir-, gendwelche Geräusche, die den Bergsteiger warnten, gab es nicht. Einer der Basaltblöcke, an denen sie vorbeigin- gen, rollte ohne die geringste Ursache einen Hang hinun- ter, das heißt, er fl og ganz langsam, schlug ab und zu auf und riß dabei andere Steine mit sich fort, die sich zu ei- ner Lawine vereinigten. Man konnte ihren Weg nicht lange verfolgen, denn eine milchig-weiße Staubwolke hüllte alles ein. Das Schauspiel wirkte wie eine Halluzination – die zu- sammenprallenden Blöcke gaben kein Geräusch von sich, und durch die wulstigen Sohlen der Stiefel war kein Zit- tern, kein Beben zu spüren. Als sie an der nächsten Schnei- se scharf um die Ecke bogen, sah Pirx die Spur der Lawine und dann die Lawine selbst – eine Wolke sanft herabglei- tender Wellen. Voller Unruhe suchte er die Rakete, aber die stand in Sicherheit. Sie war ein bis zwei Kilometer entfernt; er sah ihre leuchtende Hülle und die drei gespreizten Stüt- zen. Wie ein seltsames Mondinsekt ruhte sie auf dem al- ten Lawinengelände, das Pirx so abschüssig erschienen war und das nun so fl ach wirkte wie ein Tisch. Als sie sich der Zone des Schattens näherten, beschleu- nigte Pnin seinen Schritt. Das Grauen, das die Umgebung ausstrahlte, hatte Pirx’ Aufmerksamkeit so sehr in An- spruch genommen, daß er einfach keine Zeit hatte, Lang- ner zu beobachten. Nun erst bemerkte er, daß der Astro- physiker sicher einherschritt und niemals stolperte. Sie mußten einen vier Meter breiten Spalt überspringen. Pirx legte zuviel Kraft in den Sprung, er segelte in die Höhe und landete, krampfh aft mit den Beinen strampelnd, gute acht Meter weiter. Ein solcher Mondsprung war ein Erleb-, nis – er hatte nichts gemein mit den Narreteien der Tou- risten. Sie betraten den Schatten. In der Nähe der Felswände, die das Sonnenlicht refl ektierten, konnten sie die Um- gebung noch ein wenig erkennen, aber dann wurde die Dämmerung dichter, und es wurde so fi nster, daß sie ein- ander aus den Augen verloren. In diesem Schatten war die Nacht. Pirx spürte den Frost durch die antithermischen Schichten des Skaphanders. Er drang nicht unmittelbar zum Körper, er biß nicht in die Haut, er war gewisser- maßen nur die Manifestation einer schweigenden, eisi- gen Gegenwart. Einzelne Teile des Skaphanders begannen spürbar zu zittern, sie hatten sich um etwa zweihundert- fünfzig Grad abgekühlt. Pirx’ Augen gewöhnten sich all- mählich an die Finsternis. Er bemerkte, daß die Kugeln an den Spitzen der Aluminiummaste ein starkes rotes Licht ausstrahlten; die Perlenreihe dieser Rubinkette führte in die Höhe und verschwand in der Sonne. Oben ragte ein geborstener Felsbuckel auf, drei tiefe Schluchten führten zur Ebene, getrennt durch schmale senkrechte Wände, die scharfen Gesimsen ähnelten. Das Ganze glich einem rie- sigen Regal mit Fächern. Pirx hatte den Eindruck, daß die Reihe der Maste in einem dieser Fächer endete, aber er wußte, daß dieser Eindruck täuschte. Ganz oben sah man den zerklüft eten Hauptwall der Mendelejew-Station und einen breiten Sonnenstrahl, der wie eine gleißende Säule senkrecht in die Tiefe führte. Eine lautlose Explosi- on schien glühendes Weiß auf die Felsentürme verspritzt zu haben., »Dort ist die Station«, hörte er in der Haube Pnins nahe Stimme. Der Wissenschaft ler war an der Grenze zwischen Nacht und Tag, zwischen Frost und Hitze stehengeblieben und deutete nach oben. Pirx blickte auf, aber außer den Felsen, die auch in der Sonne schwarz wirkten, konnte er nichts erkennen. »Sehen Sie den Adler? So haben wir diesen Buckel ge- tauft . Das ist der Kopf, dort sehen Sie den Schnabel und dort die Flügel!« Pirx unterschied im ersten Moment nur eine Anhäufung von Licht und Schatten, weiter nichts. Über dem östlichen Kamm ragte eine gekrümmte Zinne auf; sie schien ganz nahe zu sein, weil ihre Umrisse nicht vom Nebel verwa- schen waren. Dann aber erblickte er den Adler. Die Wand, der sie zustrebten, war der Flügel, darüber – vor dem Hin- tergrund der Sterne – erhob sich der Kopf, und die Zinne war der Schnabel. Pirx sah auf die Uhr. Sie waren bereits vierzig Minuten unterwegs. Vor der nächsten Schattenzone blieb Dr. Pnin stehen, um seinen Klimatisator zu verstellen. Pirx nutzte die Gelegenheit und fragte seinen Gefährten, wohin der Weg führe. »Dorthin!« Pnin wies mit der Hand nach unten. Pirx sah nur die Steinwüste, in ihrer Mitte erkannte er einen aufgeschütteten Kegel, aus dem große Felsbrocken herausragten. »Dort ist die Platte abgerissen«, erläuterte Pnin. Dann deutete er auf eine Vertiefung im Kamm. »Das ist das Son- nentor. Unsere Seismographen in der Ziolkowski-Station, haben die Erschütterung registriert; nach unseren Schät- zungen ist etwa eine halbe Million Tonnen Basalt abge- stürzt …« »Moment mal …«, sagte Pirx wie im Rausch. »Und wie transportiert man jetzt die Vorräte nach oben?« »Sie werden es selbst sehen, wenn wir dort sind«, sagte Dr. Pnin und ging weiter. Pirx folgte ihm. Er zerbrach sich den Kopf, aber es ge- lang ihm nicht, das Rätsel zu lösen. Transportieren sie etwa jeden Eimer Wasser und jede Flasche Sauerstoff auf dem Rücken? dachte er. Unmöglich! Sie schritten nun rascher aus. Die letzte Aluminiumstan- ge steckte am Abgrund. Dunkelheit hüllte sie ein. Sie schal- teten die Stirnrefl ektoren ein, ihr Schein hüpft e wie ein Irr- licht von Wandbuckel zu Wandbuckel. Das Gesims, das sie überquerten, war stellenweise nur zwei Handfl ächen breit, aber hin und wieder hatte es Ausbuchtungen, auf denen man die Beine weit auseinander stellen konnte. Sie gingen wie auf einem Seil über dieses »Regal«; es war leicht ge- wellt, aber verhältnismäßig eben, und die rauhe Oberfl ä- che bot einen guten Halt. Dennoch genügte ein einziger falscher Tritt, ein Stolpern … Weshalb sind wir nicht angeseilt? fragte sich Pirx. Im gleichen Augenblick erstarrte der Lichtfl eck vor ihm. Pnin war stehengeblieben. »Die Leine!« sagte er. Er reichte Pirx das Ende. Der zog das Seil durch die Ka- rabinerhaken seines Gurtes und warf es dann Langner zu. Pirx lehnte sich an einen Felsen und sah sich um., Das ganze Innere des Kraters lag vor ihm. Die schwar- zen Lavahohlwege waren zu einem Netz zusammenge- schrumpft . Der untersetzte Kegel in der Mitte warf einen langen Schattenstreifen. Wo war die Rakete? Er konnte sie nicht fi nden. Wo war der Weg? Auch die Kurven, gekennzeichnet durch die Rei- hen der Aluminiummaste, waren verschwunden. Nur der große Felsenzirkus war zu sehen; er lag im blendenden Schein. Schwärzliche Streifen zogen sich von Steinhalde zu Steinhalde, helles Felsenmehl unterstrich die Zeich- nung des Geländes mit den grotesken Poren der kleine- ren Krater – allein im Bereich der Mendelejew-Wälle wa- ren es Hunderte. Die größten unter ihnen hatten einen Durchmesser von einem halben Kilometer, die kleinsten waren kaum zu erkennen. Jeder war vollkommen rund und besaß einen Ring, der einen sanft ansteigenden äu- ßeren Hang und einen steileren nach innen hatte. In der Mitte war ein Berg, ein Kegel oder wenigstens ein kleiner Punkt, der einem Bauchnabel ähnelte. Die kleinsten wa- ren getreue Kopien der kleinen, die kleinen schienen den mittleren nachgebildet zu sein, und alle gehörten zu dem riesigen Ringberg, der einen Durchmesser von dreißig Ki- lometern hatte. Dieses Nebeneinander von Chaos und Präzision reizte den menschlichen Verstand. In diesem Schaff en und Zer- stören von Formen nach einem einzigen Vorbild lag ma- thematische Genauigkeit und gleichzeitig völlige Anarchie – Anarchie des Todes. Pirx sah und staunte. Am Sonnentor ballten sich noch immer Ströme weißer Glut., Einige hundert Schritt hinter dem schmalen Steg wich die Wand zurück. Die Männer gingen immer noch im Schatten, aber es war nicht völlig dunkel, denn eine senk- recht aufragende, etwa zweitausend Meter hohe Felskeule refl ektierte das Sonnenlicht. Als sie die Geröllzunge über- quert hatten, zeigte sich vor ihnen ein nicht allzu steiler sonnenüberfl uteter Hang. Pirx fühlte eine merkwürdige Starre in sich, es war keine körperliche Starre, sondern ein Erschlaff en der Sinne – die dauernde Anspannung tat ihre Wirkung. Alles, was ihn umgab, stürmte auf ihn ein: die wildzerklüft eten Berge, der jähe Wechsel von eisiger Käl- te und glühender Hitze, die unendliche Stille … In diesem Schweigen wirkte der Klang der menschlichen Stimme, die ab und zu im Helm ertönte, unsagbar gespenstisch und un- wirklich. Sie paßte nicht zu der toten Umgebung, sie wirkte so paradox wie ein Goldfi sch auf dem Matterhorn. Hinter einem Nadelfelsen, der einen letzten Schatten warf, bog Dr. Pnin ab. Seine Gestalt fl ammte plötzlich auf, sie wirkte wie mit Feuer übergossen. Auch Pirx schlug blen- dende Helligkeit ins Gesicht, ehe er begriff , daß sie nun ins grelle Sonnenlicht traten. Sie gingen auf dem oberen Teil des Weges, der erhalten geblieben war. Sie gingen nun nebeneinander. Die Sonnenschutzblen- den der Helme hatten sie heruntergelassen. »Gleich sind wir da«, sagte Pnin. Diesen Weg konnten tatsächlich Fahrzeuge benutzen. Er war in den Felsen gehauen, das heißt durch gesteuerte Explosionen gebahnt. Er führte unter dem Überhang des Adlerfl ügels auf den Kamm, und dort gab es eine Art Paß, und dahinter einen natürlichen Felsenkessel. Durch diesen Kessel war es auch nach der Katastrophe möglich, die Sta- tion mit Nachschub zu versorgen. Die Lastrakete brachte die Vorräte heran, und ein Spezialmörser schoß die Behäl- ter in das Felsbassin. Einige von ihnen wurden zerschmet- tert, die meisten jedoch hielten den Aufschlag aus, denn sie hatten sehr widerstandsfähige Panzerhüllen. Früher, als Luna-Hauptstation noch nicht existierte, war das die ein- zige Methode, die Expeditionen, die sich in die Gegend des Sinus Medii vorwagten, mit Nachschub zu versorgen. Man warf die Behälter von Raketen ab, und da mit Fallschirmen nichts anzufangen war, begann man, die Kisten aus Dural oder aus Stahl so zu fertigen, daß sie dem heft igen Aufprall standhielten. Man warf sie wie Bomben ab, und die Expe- ditionsteilnehmer sammelten sie ein. Die Behälter waren manchmal über einen ganzen Quadratkilometer verstreut. Die Methode erwies sich nun wieder als nützlich. Von dem Paß führte bis zum nördlichen Gipfel des Ad- lerkopfes ein Trakt am Kamm entlang; etwa dreihundert Meter darunter glänzte die gepanzerte Haube der Station, die im Halbkreis von Felsen umgeben war. Geröll umring- te die stählerne Wanne. Ein paar dieser Brocken lagen auf der betonierten Plattform am Eingang. »Hätte man denn keinen besseren Platz fi nden können?« fragte Pirx seufzend. Pnin, mit einem Fuß auf der ersten Stufe der Plattform, hielt inne. »Was sagten Sie? Mir war, als hörte ich eben Animzew sprechen!« In seiner Stimme schwang ein Lä- cheln mit., Pnin verließ sie vier Stunden vor Sonnenuntergang, aber ei- gentlich ging er in die Nacht, denn fast der ganze Weg, den er zurücklegen mußte, lag bereits in der Finsternis. Lang- ner, der den Mond kannte, hatte Pirx auf dem Hinweg er- klärt, daß die eigentliche Nachtkälte erst bevorstehe, denn der Fels sei noch nicht abgekühlt. Der richtige Frost trete erst eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit ein. Man hatte vereinbart, daß Pnin sich von der Rakete noch einmal über Funk melden sollte, und so geschah es auch. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten hörten sie seine Stimme, er hatte den Weg ohne Schwierigkeiten zurück- gelegt. Sie wechselten nur ein paar Worte, denn der Start mußte unter schwierigen Bedingungen erfolgen – die Ra- kete hatte kein Lot, ihre Stützen waren tief in das Geröll ge- drungen und wirkten dadurch wie mit Ballast beschwerte Anker. Sie beobachteten den Start, nachdem sie den stäh- lernen Fensterladen beiseite geschoben hatten. Anfangs war nichts zu sehen, denn die Rippen des Hauptkammes verdeckten den Standort der Rakete, aber dann durchbohr- te eine feurige Linie die dichte, gestaltlose Dunkelheit, um- geben von einem rostroten Schein – die Staubwolke, die zwischen dem Gestein des Lawinengeländes aufgewirbelt worden war, refl ektierte das Licht des Düsenstrahls. Der feurige Schweif stieg höher und höher. Die Rakete selbst war nicht zu sehen, lediglich diese fl ammende Sehne. Sie wurde immer dünner, vibrierte und zerfi el in Streifen. Es war der normale Pulsschlag eines Triebwerkes, das mit vol- ler Kraft arbeitete. Sie reckten die Köpfe gen Himmel und sahen das feurige Gleis, das zwischen den Sternen ruhte., Wenige Augenblicke später neigte sich die Spur und ver- schwand in elegantem Bogen hinter dem Horizont. Sie waren allein. Es war dunkel. Sie hatten absichtlich alle Lichter gelöscht, um den Start besser beobachten zu kön- nen. Langner lächelte fein und trat gebeugt an den Tisch, auf dem sein Rucksack lag. Er entnahm ihm Bücher, eins nach dem anderen. Pirx, an der konkaven Wand lehnend, stand breitbeinig da wie an Deck eines Raumschiff es. Er trug alles in sich: die kühlen Kasematten von Luna-Haupt- station, die engen Flure des Hotels, die Aufzüge, die Touri- sten, die bis an die Decke sprangen und Pumexstückchen austauschten … Dann den Flug zur Ziolkowski-Station, die hochgewachsenen Gastgeber, das silberne Netz des Radio- teleskops zwischen Kamm und schwarzem Himmel, Pnins Erzählung, den zweiten Flug und diesen unheimlichen Weg durch eiskalte und glühende Felsen … Er konnte es gar nicht fassen, daß er all das in den wenigen Stunden er- lebt hatte. Die Zeit war zum Riesen geworden, sie hatte die Bilder erfaßt und verschlungen, und nun kehrten sie wie- der und versuchten, sich gegenseitig den Rang streitig zu machen. Pirx schloß die schmerzenden, trockenen Lider. Langner ordnete die Bücher auf dem Regal, und Pirx ver- stand ihn nun besser. Seine ruhigen Bewegungen resultier- ten nicht aus Stumpfsinn oder Gleichgültigkeit, und diese tote Welt erdrückte ihn nicht – sie diente ihm. Er war herge- kommen, weil er es so gewollt hatte. Er kannte kein Heim- weh, denn sein Zuhause waren Spektogramme, Ergebnisse von Berechnungen und die Orte, an denen sie entstanden. Er war überall zu Hause, wo er seinen Wissensdurst befrie-, digen konnte; er wußte, weshalb er lebte. Pirx hätte es nie gewagt, diesem nüchternen Menschen zu erzählen, daß er von romantischen Heldentaten träumte. Langner würde ihn anhören, ohne zu lächeln, und würde ohne Kommentar zu seiner Arbeit zurückkehren. Pirx beneidete ihn um diese Si- cherheit, um dieses Selbstvertrauen, aber er spürte zugleich seine Fremdheit. Sie hatten sich nichts zu sagen, aber sie mußten gemeinsam diese beginnende Nacht durchstehen. Und auch den Tag danach, und dann noch eine Nacht … Er ließ seine Augen durch die Kabine schweifen, als sähe er sie zum erstenmal. Konkave Wände mit Plastbeschlägen … Ein hermetisch verschlossenes Fenster … Deckenleuchten … Ein paar farbige Reproduktionen zwischen den Regalen mit Fachliteratur und ein schmales, eingerahmtes Schild, auf dem die Namen all derer eingetragen waren, die vor ih- nen in diesem Raum weilten. In den Ecken leere Sauerstoff - fl aschen, Konservenkisten, gefüllt mit Bruchstücken farbi- ger Mineralien, leichte Metallstühle mit Nylonsitzen … Ein kleiner Tisch mit einer Lampe … Durch die halb geöff nete Tür sah man die Apparatur der Funkstation. Langner schuf Ordnung im Schrank, der voll von foto- grafi schen Klischees war. Pirx trat hinaus. Von dem klei- nen Gang ging es links zur Küche, geradeaus zur Kammer am Ausgang, und rechts lagen zwei winzige Zimmer. Pirx betrat das seine. Es enthielt ein Bett, einen Klappstuhl, ein Schreibpult, das man in die Wand schieben konnte, und ein kleines Regal. Die Decke war schräg wie in einer Mansar- de und halbkugelig – entsprechend der Biegung der äuße- ren Panzerung., Pirx kehrte in den Flur zurück. Die Tür der Druckkam- mer hatte abgerundete Ecken, die Ränder waren mit her- metisch abdichtendem Plast eingefaßt. Er sah ein Speichen- rad und eine kleine Lampe, die aufl euchtete, wenn in der Druckkammer bei off ener Außenklappe Vakuum herrsch- te. Das Lämpchen brannte nicht. Als er die kleine Tür öff - nete, fl ammten automatisch zwei andere Lampen auf. Er er- blickte einen engen Raum mit kahlen Metallwänden. In der Mitte stand eine kleine Leiter, sie führte zur Klappe in der Decke. Unter der letzten Sprosse war noch eine mit Krei- de umrissene Kontur zu erkennen, sie war schon halb ver- wischt: An dieser Stelle hatte man Savage gefunden – zu- sammengekrümmt und auf der Seite liegend. Man konnte ihn nicht hochheben, denn er war mit seinem eigenen Blut, das ihm aus Mund und Nase gedrungen war, an der rauhen Klappe festgefroren. Pirx betrachtete diese Kreidemarkie- rung, die kaum noch an die Silhouette eines Menschen er- innerte. Dann wich er zurück, verschloß die hermetische Tür und hob den Kopf: Er hörte Schritte. Langner war die Leiter hinaufgestiegen, die an der entgegengesetzten Sei- te des Flurs stand, und machte sich im Observatorium zu schaff en. Pirx steckte den Kopf durch die runde Öff nung in der Decke und erblickte ein verhülltes Teleskop, das ei- nem kleinen Geschütz ähnelte, sowie Kameras der Astro- graphen und zwei größere Apparate – eine Wilsonkammer und eine Ölkammer mit Vorrichtungen zum Fotografi e- ren von Spuren. Die Station diente der Erforschung kosmischer Strahlen, und die Klischees, die dazu benutzt wurden, lagen überall, herum: Ihre orangefarbenen Päckchen befanden sich zwi- schen Büchern, unter den Regalen, in den Schubladen, ne- ben den Betten, sogar in der Küche. Und das war alles? Eigentlich ja – es sei denn, man zählte die großen Wasser- und Sauerstoffb ehälter hinzu, die, fest in das Mondgestein eingelassen, unter dem Fußboden ruhten. Über der Tür eines jeden Raumes befand sich ein rundes Kontrollgerät, das die Kohlendioxydmenge anzeigte. Dar- über hing das perforierte Sieb der Klimaanlage, die laut- los arbeitete. Sie saugte Luft an, reinigte sie vom Kohlen- dioxyd, gab die nötige Menge Sauerstoff hinzu, regulierte die Feuchtigkeit und preßte die Luft in die Kabinen zurück. Pirx freute sich über jeden Laut, der ihn aus dem Observa- torium erreichte. Wenn die Geräusche verstummten, wuchs die Stille ins Unermeßliche, so daß er das Rauschen seines eigenen Blutes hörte – wie damals im »Irrsinnigen Bad«. Das »Bad« konnte man allerdings jederzeit verlassen … Langner stieg herunter und bereitete das Essen. Er tat dies so leise und so geschickt, daß alles fertig war, als Pirx in die Küche kam. Sie sprachen kaum ein Wort. »Bitte das Salz!« – »Ist Brot in den Dosen?« – »Morgen müssen wir eine frische aufmachen.« – »Tee oder Kaff ee?« Das war alles. Pirx paßte nun diese Einsilbigkeit. Was aßen sie eigentlich? War es das dritte Mittagessen, das vier- te – oder etwa schon das Frühstück des nächsten Tages? Langner sagte, er müsse die belichteten Klischees entwik- keln. Er ging nach oben. Pirx hatte nichts zu tun, und er wußte, weshalb. Sie hatten ihn nur mitgeschickt, damit Langner nicht allein war. Von Astrophysik, von kosmi-, schen Strahlen hatte er keine Ahnung, und Langner war viel zu beschäft igt, um ihn in der Bedienung des Astro- graphen zu unterweisen. Er hatte beim »Bad« den ersten Platz errungen, und die Psychologen behaupteten, er kön- ne nicht wahnsinnig werden. Sie verbürgten sich für ihn. Er war also gezwungen, zwei Wochen Nacht, zwei Wochen Tag auszuhalten. Gott weiß, worauf er warten und worauf er achten sollte. Diese »Aufgabe«, diese »Mission«, die ihm noch zwölf Stunden zuvor wie ein unwahrscheinliches Glück erschie- nen war, zeigte ihm nun ihr wahres Gesicht – das Gesicht einer gestaltlosen Leere. Wovor sollte er Langner und sich selbst schützen? Was für Spuren sollte er suchen? Und wo? Glaubten sie im Ernst, er könne etwas entdecken, was die glänzendsten Spezialisten übersehen hatten – Menschen, die den Mond seit Jahren kannten? Er war doch ein Idiot im Vergleich zu ihnen! Pirx saß am Tisch. Er wußte, daß das Geschirr abgewa- schen werden mußte, aber er rührte sich nicht. Er wußte auch, daß es darauf ankam, rasch wieder den Hahn zuzu- drehen, denn Wasser war kostbar. Es wurde in Form von gefrorenen Blöcken hergebracht und in einer Zweieinhalb- Kilometer-Parabel-Bahn in den Kessel zu Füßen der Stati- on geschossen. Das kostbare Naß durft e nicht vertropfen. Aber Pirx rührte sich nicht. Seine Hand lag schlaff auf der Tischplatte. Er hob sie nicht. Sein Kopf war heiß und leer. Finsternis und Schweigen umgaben die stählerne Nuß- schale der Station. Er rieb sich die Augen – sie brannten, als habe jemand Sand hineingestreut. Nach einer Weile erhob, er sich. Er tat dies so schwerfällig, als habe sich sein Ge- wicht verdoppelt. Er trug die schmutzigen Teller zum Spül- becken, warf sie hinein, daß es schepperte, und drehte den Warmwasserhahn auf. Während er sie von den erstarrten Fettresten säuberte, lächelte er über seine einstigen Träu- me. Sie waren auf dem Wege zum Mendelejew-Kamm von ihm abgefallen und so weit zurückgeblieben, daß sie nun lächerlich und fremd anmuteten, so fremd, daß er sich ih- rer schämte. Langner blieb immer derselbe – man konnte einen Tag oder ein Jahr mit ihm verbringen, ohne daß er sich än- derte. Er arbeitete gern und regelmäßig. Niemals zeigte er Hast. Er hatte keine Laster und keine Schrullen. Wenn man gezwungen ist, mit einem Menschen längere Zeit auf eng- stem Raum zu leben, dann neigt man leicht dazu, sich über die geringste Kleinigkeit aufzuregen. Gereizt stellt man fest, daß der andere sich viel zu lange unter der Dusche auf- hält, daß er sich weigert, Büchsen mit Spinat zu öff nen, weil er keinen Spinat verträgt, daß er sich nicht regelmäßig ra- siert und mit seinen Bartstoppeln ungepfl egt aussieht oder daß er sich viel zu oft rasiert und dauernd vor dem Spie- gel Grimassen schneidet … Langner aber bot ihm keinen Anlaß. Er aß alles – wenn auch ohne besonderen Appe- tit –, er hatte keine Launen, und er wusch ab, wenn es not- wendig war. Über seine Arbeit verlor er kein Wort, aber wenn Pirx ihm Fragen stellte, antwortete er bereitwillig. Er mied Pirx nicht, drängte sich ihm aber auch nicht auf. Und eben diese Neutralität hätte Pirx vielleicht geärgert, zumal, Langner gar nicht mehr so heldenhaft wirkte wie am ersten Abend. An diesem ersten Abend hatte Pirx ihn bewundert – im Grunde nicht wegen des »Heldentums«, sondern we- gen der stoischen Ruhe des Wissenschaft lers. Dieser erste Eindruck hatte sich jedoch verfl üchtigt. Pirx sah in Langner, dessen Gesellschaft ihm aufgezwungen war, lediglich einen eintönigen Menschen, obwohl er nicht sa- gen konnte, daß dieser Mensch ihn langweilte. Er, Pirx, hat- te vorläufi g mehr als genug zu tun, er hatte eine Beschäf- tigung, die ihn völlig in Anspruch nahm. Nun, da er die Station und ihre Umgebung kannte, ging er nämlich noch einmal daran, alle Dokumente über den Unfall zu studie- ren. Die Katastrophe hatte sich vier Monate nach Inbetrieb- nahme der Station ereignet. Entgegen allen Erwartungen war sie nicht im Morgengrauen oder in der Dämmerung vor Beginn der Mondnacht eingetreten, sondern mittags. Drei Viertel der überhängenden Platte des Adlerfl ügels stürzten ohne vorherige Anzeichen ein. Vier Männer wa- ren Augenzeugen des Unglücks; sie hatten in der Station auf eine Nachschubkolonne gewartet. Spätere Untersuchungen ergaben, daß die tiefen Ein- schnitte im Adlerfl ügel den kristallenen Gesteinsboden be- schädigt und sein telefonisches Gleichgewicht gestört hat- ten. Die Engländer schoben die Schuld den Kanadiern zu, die Kanadier den Engländern. Die Loyalität der Partner des Britischen Commonwealth kam darin zum Ausdruck, daß beide Seiten gefl issentlich die Warnungen Professor Anim- zews verschwiegen. Aber wie es sich auch verhielt – die Fol-, gen der Katastrophe waren tragisch. Die vier Männer in der Station waren kaum eine Meile vom Schauplatz des Unglücks entfernt. Sie sahen, wie sich die blendend wei- ße Wand teilte, wie das ganze System der Keile und La- winenschutzmauern barst, wie der Weg und die ihn stüt- zende Formation fortgetragen wurden und ins Tal sanken. Das Tal glich über dreißig Stunden lang einem brodeln- den Meer – innerhalb weniger Minuten hatte das in Auf- ruhr geratene Geröll die gegenüberliegende Wand des Kra- ters erreicht. Im Bereich der Zerstörung hielten sich zwei Transporter auf. Einer der beiden wurde augenblicklich von einer zehn Meter dicken Geröllschicht begraben – man fand nie wie- der eine Spur von ihm. Der zweite versuchte zu entkom- men. Er befand sich bereits am oberen Wegabschnitt, also außerhalb des Lawinenstroms, aber ein gewaltiger Quader übersprang die Reste der Schutzmauer und fegte ihn in den dreißig Meter tiefen Abgrund. Der Fahrer öff nete im letz- ten Augenblick die Luke und sprang in das tobende Geröll. Er allein überlebte – aber er überlebte seine Gefährten nur um wenige Stunden, und diese Stunden wurden für alle an- deren zur Hölle. Jener Mann, ein kanadischer Franzose na- mens Roget, blieb bei vollem Bewußtsein und rief aus dem Innern der weißen Wolke, die den ganzen Boden des Kra- ters bedeckte, um Hilfe. Sein Funkempfänger war beschä- digt, doch der Sender funktionierte. Es war nicht möglich, ihn zu fi nden. Die Funkwellen brachen sich an den Fels- blöcken und wurden mehrfach refl ektiert. Die Blöcke hat- ten die Größe von mehrgeschossigen Häusern – die Men-, schen bewegten sich in dem Labyrinth, in dem die weiße Staubmilch brodelte, wie in den Ruinen einer Stadt. Alle Versuche, den Verunglückten anzupeilen, führten in die Irre. Durch den starken Eisensulfi dgehalt des Gesteins war Radar wirkungslos. Nach einer Stunde, als am Sonnentor ein zweiter Steinfall niederging, wurde die Rettungsakti- on abgebrochen. Die zweite Lawine war nicht groß, aber man befürchtete, daß sie weitere Einbrüche ankündigte. Man wartete also. Rogets Stimme war noch immer zu hö- ren, besonders deutlich war sie auf der Station zu verneh- men. Der steinerne Kessel, in dem Roget stak, wirkte wie ein Refl ektor. Nach drei Stunden kam Hilfe von der Ziol- kowski-Station. Die Männer benutzten Raupenschlepper, doch die richteten sich auf dem lockeren Hang steil auf und drohten umzukippen – infolge geringerer Schwere ist der Neigungswinkel der Geröllhalden auf dem Mond größer als auf der Erde. Die Rettungsmannschaft en wurden dort- hin beordert, wo die Raupenfahrzeuge nicht weiterkamen. Sie durchkämmten dreimal das Gelände der Einsturzstel- le. Einer der Männer stürzte in einen Spalt, und nur durch den sofortigen Transport zur Ziolkowski-Station und un- verzügliche ärztliche Behandlung gelang es, ihn zu retten. Niemand zog sich zurück, denn man hörte noch immer Rogets Stimme, die allmählich schwächer wurde. Roget verstummte erst fünf Stunden nach dem Unfall, aber auch als er schwieg, wußte man, daß er noch lebte. Jeder Skaphander hatte außer dem Sprechfunk einen au- tomatischen Miniatursender, der mit dem Sauerstoff gerät verbunden war. Jeder Atemzug wurde durch elektromagne-, tische Wellen übermittelt und von einem besonderen Ge- rät auf der Station registriert – einem magnetischen Auge, das sich wie ein grün leuchtender Schmetterling ausbrei- tete oder zusammenzog. Diese phosphoreszierende Bewe- gung zeigte an, daß Roget zwar bewußtlos war, aber noch immer lebte. Das Pulsieren wurde schwächer und schwä- cher. Keiner der Männer konnte die Station verlassen. Man saß, eng aneinandergedrängt, und wartete auf den Tod des Unglücklichen. Roget atmete noch zwei Stunden. Dann fl ackerte das grü- ne Licht im magischen Auge, schrumpft e zusammen und verharrte. Die Leiche fand man erst dreißig Stunden später, sie war zu Stein erstarrt. Der Leib war so zerfetzt, daß man nicht einmal den Skaphander öff nete. Man begrub den To- ten in diesem halbzerdrückten metallischen Futteral wie in einem Sarg. Später wurde ein neuer Weg angelegt; es war der Felspfad, den Pirx und Langner gegangen waren. Die Kanadier be- reiteten sich darauf vor, die Station zu verlassen – aber ihre hartnäckigen englischen Kollegen lösten das Problem der Nachschublieferung auf eine Weise, wie sie zum erstenmal projektiert worden war, als man sich anschickte, den Mount Everest zu bezwingen. Sie wurde damals als irreal abgelehnt, aber nun, auf dem Mond, erwies sie sich als real. Die Nachricht von der Katastrophe lief in unzähligen, oft widersprüchlichen Versionen um die Erde. Schließlich legte sich der Lärm, und die Tragödie ging in die Annalen der Mond-Eroberung ein. Auf der Station wechselten die diensthabenden Astrophysiker einander ab. Sechs Mond-, tage und Mondnächte vergingen, und es schien, daß der schwergeprüft e Ort keine Sensation mehr hergeben würde. Eines Tages, im Morgengrauen, stellte man in der Ziolkow- ski-Station fest, daß auf Mendelejew niemand antwortete. Auch diesmal rückte ein Trupp aus, um das unbegreifl iche Schweigen zu ergründen. Die Männer landeten mit einer Rakete zu Füßen des Lawinengeländes am Adlerfl ügel. Als sie die Kuppel erreichten, war der Krater noch in völ- lige Finsternis gehüllt. Lediglich unter dem Gipfel sprühte der stählerne Bau im Licht der fast waagerechten Sonnen- strahlen. Die Ausgangsklappe war weit geöff net. Darunter, zu Füßen der Leiter, lag Savage – in einer Haltung, als sei er von den Sprossen geglitten. Er war erstickt. Das Panzerglas seines Helms war geborsten. Später entdeckte man an der Innenfl äche seiner Handschuhe winzige Spuren von Ge- steinsstaub. Man entnahm daraus, daß er gerade von einer Kletterpartie zurückgekehrt war, aber man wußte es nicht genau – die Spuren konnten auch älter sein. Den zweiten Kanadier, Challiers, fand man erst nach einer systemati- schen Durchsuchung aller umliegenden Steige und Rinnen. Die Rettungsmannschaft , die sich abgeseilt hatte – die Sei- le waren dreihundert Meter lang –, förderte die Leiche am Sonnentor zutage. Sie lag etwa fünfzig Schritt von der Stel- le entfernt, an der Roget umgekommen war. Die Versuche, die Unfälle zu rekonstruieren, erschienen zunächst hoff nungslos. Niemand konnte eine Hypothese aufstellen, die einigermaßen wahrscheinlich war. Eine ge- mischte kanadisch-englische Kommission untersuchte das Unglück an Ort und Stelle., Challiers’ Uhr war um zwölf stehengeblieben. Mittags? Um Mitternacht? Man wußte es nicht. Savages Uhr stand auf zwei. Genaue Untersuchungen – sie wurden in der Tat mit peinlicher Genauigkeit durchgeführt – ergaben, daß die Feder völlig entspannt war. Die Uhr war also sicher- lich nicht stehengeblieben, als Savage starb, sondern sie war noch eine Zeitlang weitergegangen. In der Station herrschte die gewohnte Ordnung. Das Ta- gebuch, in das alle wesentlichen Ereignisse eingetragen wurden, enthielt nichts, was auch nur ein Quentchen Licht in das Dunkel bringen konnte. Pirx studierte Eintragung um Eintragung. Sie waren lakonisch abgefaßt. Um die und die Zeit wurden astrographische Messungen vorgenom- men, soundso viele Platten wurden unter diesen und jenen Bedingungen belichtet, die und die Beobachtungen wurden durchgeführt – nicht eine der stereotypen Notizen bezog sich auf das, was Challiers und Savage zugestoßen war. Im Innern der Station herrschte nicht nur Ordnung: Alles zeugte davon, daß der Tod die Bewohner überrascht hatte. Man fand ein aufgeschlagenes Buch mit Randnotizen von Challiers’ Hand; es lag unter einem zweiten, damit die Seiten nicht umblätterten, unter der noch brennenden Leselampe. Daneben fand man die Tabakspfeife; die glühende Asche war herausgefallen und hatte den Kunststoffb elag der Tisch- platte leicht angesengt. Savage hatte gerade das Abendessen bereitet. In der Küche standen geöff nete Konservendosen und eine Schüssel mit Eierkuchenteig. Die Kühlschranktür stand halb off en, der kleine weiße Tisch war gedeckt: Zwei Gedecke, angeschnittenes trockenes Brot …, Einer von ihnen war also von der Lektüre aufgestanden und hatte die brennende Pfeife beiseite gelegt, wie man das gewöhnlich tut, wenn man für ein paar Minuten das Zim- mer verlassen und gleich zurückkehren will. Der andere hatte die Zubereitung des Essens unterbrochen und war fortgegangen – fort von der Bratpfanne mit dem aufgelö- sten Fett … Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, die Kühlschranktür zuzuschlagen. Sie zogen die Skaphander. an und gingen in die Nacht hinaus. Gleichzeitig? Oder einer nach dem anderen? Wo- hin? Und weshalb? Seit zwei Wochen waren sie auf der Station, kannten die Umgebung ausgezeichnet. Die Nacht war übrigens schon fast vorüber. In zwölf Stunden etwa – das wußten sie – würde die Sonne aufgehen. Weshalb warteten sie nicht so- lange, wenn sie durchaus auf den Boden des Kraters klet- tern wollten? Hatten beide diese Absicht oder nur der eine? Challiers hatte sie auf jeden Fall, denn das bewies die Stel- le, an der er aufgefunden wurde. Er wußte genau wie Sa- vage, daß es an Wahnsinn grenzte, auf die Felsenplatte un- ter dem Sonnentor zu steigen, wo der Weg plötzlich abriß. Das sanft e Gefälle ging dort in einen immer steileren Hang über, als wollte es zum Hinuntersteigen einladen, aber sechzig Schritt weiter klafft en bereits die Einbruchstellen, die von der Katastrophe herrührten. Der neue Weg führ- te geradeaus, immer den Aluminiummasten folgend. Das wußte jeder, der nur ein einziges Mal auf der Station weil- te – und ausgerechnet ein ständiger Mitarbeiter der Stati- on wandte sich dem Abgrund zu! Warum? Um sich umzu-, bringen? Steht jemand, der Selbstmord begehen will, von einer interessanten Lektüre auf, läßt das aufgeschlagene Buch zurück, legt die brennende Tabakspfeife beiseite und geht dem Tode entgegen? Und Savage? Unter welchen Umständen war seine Helm- scheibe gesprungen? War er im Begriff , die Station zu ver- lassen, oder kehrte er zurück? Wollte er Challiers suchen? Weshalb war er nicht mit ihm zusammen gegangen? Oder hatten sie die Station vielleicht doch gemeinsam verlassen? Wie konnte Savage seinem Kollegen dann gestatten, zum Abgrund hinunterzusteigen? Fragen über Fragen … Der einzige Gegenstand, der nicht an seinem Platz vorgefunden wurde, war ein Päckchen mit Klischees zur Aufnahme von kosmischen Strahlen. Es lag in der Kü- che auf dem kleinen weißen Tisch neben den leeren Tel- lern. Die Kommission war zur folgenden Schlußfolgerung ge- langt: An jenem Tage hatte Challiers Dienst. In die Lektü- re vertieft , bemerkte er plötzlich, daß es elf war. Um diese Zeit mußte er die belichteten Klischees durch neue erset- zen. Die Klischees wurden außerhalb der Station der Be- lichtung ausgesetzt. Etwa hundert Schritt oberhalb des Ab- hangs befand sich, in den Felsen gehauen, ein kleiner, nicht sehr tiefer Schacht, dessen Wände mit Blei ausgelegt wa- ren, damit die Klischees ausschließlich von Strahlen getrof- fen wurden, die vom Zenit kamen. Challiers stand also auf, legte Buch und Tabakspfeife beiseite, nahm das neue Kli- scheepäckchen an sich und zog den Skaphander an. Er ver-, ließ die Station durch die Druckkammer, begab sich zum Schacht, kletterte hinunter, wechselte die Klischees aus und wandte sich zum Gehen. Auf dem Rückwege wich er vom Pfad ab. Das Sauerstoff - gerät war nicht defekt – von einer Bewußtseinstrübung in- folge von Sauerstoff mangel konnte also nicht die Rede sein. Der Skaphander war nach der Bergung des Verunglückten genau untersucht worden. Die Kommission kam zu dem Schluß, Challiers sei ei- ner plötzlichen Geistestrübung erlegen, sonst wäre er nicht vom Weg abgewichen. Es sei durchaus möglich, daß diese Geistestrübung durch einen Schwächeanfall hervorgerufen wurde – auf jeden Fall habe Challiers die Orientierung ver- loren. In dem Glauben, zur Station zurückzukehren, sei er geradewegs in den Abgrund gerannt, der etwa hundert Me- ter entfernt klafft e. Savage war über das lange Ausbleiben des Kollegen be- unruhigt. Er unterbrach die Zubereitung des Abendessens und versuchte, mit Challiers Funkverbindung aufzunehmen – man schloß dies aus der Einstellung des Senders. Das Ge- rät konnte natürlich auch zu einem anderen Zweck einge- schaltet worden sein – vielleicht wollte einer der Dienstha- benden trotz der Störungen mit der Ziolkowski-Station in Verbindung treten –, aber erstens hatte man dort keine Si- gnale empfangen – auch keine entstellten –, und zweitens war die Aufnahme einer Verbindung kurz vor Eintritt der Morgendämmerung nahezu unmöglich. Um diese Zeit wa- ren die Störungen am stärksten, und Savage wußte das ge- nauso gut wie Challiers., Savage versuchte also, mit Challiers Funkverbindung auf- zunehmen, und als das mißlang – Challiers lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr –, lief er in die Dunkelheit hinaus und begann, seinen Gefährten zu suchen. Vielleicht verirrte er sich, weil er über das unbegreifl iche Schweigen Challiers’ erregt war, vielleicht riskierte er zu- viel – er war ja der erfahrenere und geschicktere Bergstei- ger –, jedenfalls stürzte er bei seiner halsbrecherischen Su- che, und dabei zerbrach das Glas des Helms. Er preßte die Hand auf die Öff nung, erreichte mit letzter Kraft die Sta- tion und kletterte zur Klappe. Bevor er jedoch die Klappe schließen und Luft in die Kammer lassen konnte, war der Rest des Sauerstoff s entwichen. Savage verlor das Bewußt- sein, stürzte von der letzten Sprosse der Leiter und erstick- te innerhalb weniger Sekunden. Diese Auslegung der doppelten Tragödie war für Pirx wenig überzeugend, und deshalb begann er, sich mit den charakteristischen Wesenszügen und Eigenheiten der bei- den Kanadier vertraut zu machen. Sein besonderes Inter- esse galt Challiers, der – dem Bericht der Kommission zu- folge – seinen eigenen Tod und den Tod seines Gefährten verursacht hatte. Challiers, fünfunddreißig Jahre alt, war ein bekannter Astrophysiker, aber auch ein gewandter Alpinist. Er erfreute sich bester Gesundheit – er war nie krank, er kannte keine Schwindelanfälle. Früher hatte er auf der »irdischen« Hemisphäre des Mondes gearbeitet, er war der Begründer der Akrobatischen Gymnastik, dieser besonderen Mond-Sportart, deren Adepten bei einem Ab- sprung zehn Salti vor der Landung auf gekrümmten Bei-, nen vollführen – oder eine Pyramide von fünfundzwanzig Menschen auf ihren Schultern halten können! Und dieser Challiers hatte plötzlich, ohne jede Ursache, einen Schwä- cheanfall erlitten, hundert Schritt von der Station entfernt? Er war nicht imstande, über den breiten, leicht abschüssi- gen Hang zur Station zurückzukehren, aber er war kräft ig genug, in die entgegengesetzte Richtung zu klettern? Um den Teil des Weges zu erreichen, der erhalten geblieben war, mußte er nämlich Felsbrocken überwinden, die sich an dieser Stelle auft ürmten – und das bei völliger Dunkel- heit! Dann gab es noch eine Einzelheit, die nach Pirx’ Mei- nung – aber nicht nur nach seiner – zu der offi ziellen Ver- sion im Widerspruch stand. Auf der Station herrschte Ord- nung, aber es gab einen Gegenstand, der nicht an seinem Platz war: das Klischeepäckchen in der Küche. Challiers schien nicht nur hinausgegangen zu sein, um die Klischees auszuwechseln, sondern er schien sie tatsächlich ausge- wechselt zu haben. Anschließend – so überlegte Pirx – war er keineswegs in die falsche Richtung gelaufen und über den Geröllwall geklettert, sondern in die Station zurück- gekehrt. Das bewiesen die Klischees. Er hatte sie auf den Küchentisch gelegt. Warum gerade dorthin? Und wo war Savage? Die Kommission behauptete, daß die belichteten Klischees, die in der Küche lagen, aus der vorherigen, der morgendlichen Exposition stammten. Einer der Wissen- schaft ler habe sie zufällig auf den Tisch gelegt. Bei Chal- liers Leiche wurden allerdings keine Klischees gefunden. Die Kommission erklärte zu dieser Tatsache, daß Chal-, liers das Päckchen off enbar verloren habe, als er in die Tie- fe stürzte. Sicherlich sei es in eine der tausend Spalten des Gerölls gerutscht und spurlos verschwunden. Pirx vermochte sich nicht des Eindrucks zu erwehren, daß die Kommission nicht die Hypothesen den Tatsachen, sondern die Tatsachen der Hypothese angepaßt hatte. Er steckte die Protokolle in die Schublade, denn er kannte sie nun auswendig. Er sagte sich – und er kleidete diesen Ge- danken nicht in Worte, denn er war sich seiner Sache si- cher –, daß die Lösung des Geheimnisses nicht in der Psy- che der beiden Kanadier zu suchen sei. Einen Schwindelanfall hat es nicht gegeben …, überlegte er. Von Ohnmacht oder Geistestrübung kann genausowe- nig die Rede sein … Die Tragödie hat andere Ursachen – das Geheimnis ist irgendwo innerhalb oder außerhalb der Station verborgen … Pirx begann, das Innere der Station zu untersuchen. Nicht daß er Spuren suchte – er studier- te die Einrichtung, und er brauchte sich nicht zu beeilen, denn er hatte genug Zeit. Zunächst sah er sich die Druck- kammer an. Die Kreidemarkierung zu Füßen der kleinen Leiter war noch immer zu erkennen. Er begann mit der Innentür. Bei off ener Klappe ließ sie sich nicht öff nen, und dadurch waren Unfälle ausgeschlossen. Zwar ging die Tür nach innen auf, und der in der Station herrschende Druck hätte sie mit einer Kraft von fast achtzehn Tonnen zuge- schlagen, aber dieser Umstand allein bot keine absolute Sicherheit. Zwischen Tür und Rahmen konnte sich eine Hand oder irgendein harter Gegenstand befi nden – ein Werkzeug zum Beispiel –, und das würde zu einer explosi-, ven Flucht der Luft ins Vakuum führen. Die Sache mit der Klappe war insofern komplizierter, als ihr Zustand durch ein zentrales Verteilergerät, das in der Funkstation unter- gebracht war, signalisiert wurde. Beim Öff nen der Klappe fl ammte ein rotes Lämpchen auf, und gleichzeitig schalte- te sich das grüne Signal ein. Bei diesem Signal handelte es sich um ein gläsernes Auge in einem Nickelring, das im Zentrum einer ebenfalls verglasten Scheibe des Lokalisa- tors installiert war. Ein regelmäßiges Zucken des »Schmet- terlings« im Auge meldete, daß der außerhalb der Station befi ndliche Mensch normal atmete – überdies zeigte der leuchtende Streifen auf der in Segmente eingeteilten Schei- be des Lokalisators an, wo sich dieser Mensch befand. Der Leuchtstreifen kreiste entsprechend den Umdrehungen der Radarantenne, die auf der Kuppel angebracht war, und zeigte die schimmernden Konturen der näheren Umge- bung der Station. Der Strahl, der wie ein Uhrzeiger krei- ste, erhellte den Radarschirm – die Wellen wurden mehr- fach zurückgeworfen, und der metallene Skaphander des Menschen erschien auf dem Schirm als Lichtschein von besonderer Stärke. Wenn man diesen länglichen, smaragd- grünen Fleck genau beobachtete, konnte man die Rich- tung kontrollieren, die der Mensch einschlug, denn er be- wegte sich über einen schwächer leuchtenden Untergrund. Der obere Teil des Schirms entsprach dem Gelände unter dem nördlichen Gipfel, wo sich der Prüfschacht befand; die untere Hälft e zeigte die südliche Zone an, die zu den Abgründen führte und die des Nachts nicht betreten wer- den durft e., Der »atmende Schmetterling« und die Radarlokalisie- rung arbeiteten voneinander unabhängig. Der »Schmetter- ling« wurde von einem Sender betätigt, der mit den Sauer- stoff ventilen des Skaphanders verbunden war und auf einer Frequenz arbeitete, die nahe dem Infrarot lag, der Strahl des Lokalisators – auf der Einhalbzentimeterwelle. Die In- struktion sah vor, daß sich immer nur ein Mitarbeiter au- ßerhalb der Station aufh alten durft e. Der andere hatte wäh- renddessen das »Auge« und den Lokalisator zu beobachten. Bei einem Unfall war er selbstverständlich verpfl ichtet, dem Kameraden auf dem schnellsten Wege zu Hilfe zu eilen. In der Praxis galt das Auswechseln der Klischees im Schacht als ein harmloser, kurzer Ausfl ug. Der Zurück- bleibende konnte, wenn er die Küchentür und die Tür zur Funkstation öff nete, die Apparatur beobachten, ohne das Kochen zu unterbrechen. Es war auch möglich, eine Sprechverbindung über Funk aufrechtzuerhalten, mit Aus- nahme einiger weniger Stunden vor dem Morgengrauen, denn das Nahen des Terminators, der Grenzlinie zwischen Tag und Nacht, kündigte sich durch einen Hagel von Ge- räuschen an, die ein Gespräch unmöglich machten. Pirx untersuchte gewissenhaft das Spiel der Signale. Wenn die Klappe geöff net wurde, leuchtete das rote Lämp- chen am Schaltpult auf. Der grüne »Schmetterling« leuch- tete, aber er bewegte sich nicht, und seine »Flügel« waren zu schmalen Fäden zusammengeschrumpft – es fehlten die Signale von außen. Der Strahl des Lokalisators kreiste re- gelmäßig auf der Scheibe und beschwor darauf die unbe- weglichen Silhouetten der felsigen Umgebung. Er erstrahlte, an keiner Stelle seines Umlaufs und bestätigte die Meldung des Atmungszeigers, daß sich kein Skaphander in seinem Wirkungsbereich befand. Es versteht sich von selbst, daß Pirx die Apparatur be- sonders interessiert beobachtete, wenn Langner hinaus- ging, um die Klischees auszuwechseln. Das rote Lämpchen fl ammte auf und verlosch – Langner schloß die Klappe von außen. Der grüne »Schmetterling« begann zu pulsieren. Das Pulsieren beschleunigte sich nach wenigen Minuten unerheblich, denn Langner ging ziem- lich rasch den Hang hinauf und atmete stärker. Der helle Schein seines Skaphanders war auf dem Schirm bedeutend länger zu sehen als die Felskonturen, die sogleich verlo- schen, wenn der Leitstrahl vorüber war. Dann schrumpf- te der »Schmetterling« plötzlich und klappte die Flügel zu- sammen – der Schirm war leer, der Schein des Skaphanders verschwand. Langner war in den Schacht gestiegen, des- sen Bleiwände den Strom der Signale abschnitten. Gleich- zeitig fl ammte auf dem Hauptschaltbrett purpurn das Wort ALARM auf, und das Bild, das im Lokalisator zu se- hen war, änderte sich. Die Radarantenne, die immer noch mit der gleichen Bewegung kreiste, verringerte ihren Nei- gungswinkel, um nacheinander immer weitere Segmente des Geländes zu durchkämmen. Das geschah, weil die Ap- paratur nicht wußte, was sich ereignet hatte: der Mensch war plötzlich aus dem Bereich ihrer elektromagnetischen Macht verschwunden. Nach drei, vier Minuten begann der »Schmetterling« wieder zufächeln, das Radargerät fand den Verlorenen wieder, beide voneinander unabhängigen Sy-, steme registrierten seine erneute Gegenwart. Langner hat- te den Schacht verlassen und kehrte zurück. Das Alarmzei- chen leuchtete noch immer, man mußte es ausschalten. Tat man das nicht, so besorgte das nach zwei Stunden der Zeit- ausschalter – die Apparatur sollte nicht zuviel Strom ver- brauchen, denn in der Nacht schöpft en sie nur aus den Ak- kus. Am Tage lud die Sonne die Akkus auf. Pirx stellte fest, daß die Apparatur nicht sonderlich kom- pliziert arbeitete. Langner mischte sich in diese Experimen- te nicht ein. Er glaubte den Protokollen. So oder ähnlich müsse sich das Unglück abgespielt haben, sagte er. Außer- dem war er der Meinung, daß sich Unfälle nicht vermei- den ließen. »Die Klischees?« erwiderte er auf Pirx’ Einwurf. »Die Klischees haben gar keine Bedeutung. Wenn man zerstreut ist, passieren einem noch ganz andere Sachen. Die Logik verläßt uns viel früher als das Leben, und dann beginnt je- der sinnlos zu handeln.« Pirx verzichtete auf eine weitere Diskussion. Die zweite Woche der Mondnacht neigte sich ihrem Ende zu. Nach allen Untersuchungen wußte Pirx genauso- viel wie zuvor. Soll der tragische Unfall tatsächlich für im- mer unaufgeklärt bleiben? fragte er sich. Vielleicht gehört er zu den Ereignissen, die in Millionen von Fällen eben ein- mal vorkommen und die sich nicht rekonstruieren lassen … Nach und nach ging er dazu über, Langner ein wenig zu helfen. Etwas mußte er ja schließlich tun, um die lan- gen Stunden auszufüllen. Er lernte den Astrographen be- dienen. Es ist also doch nur ein gewöhnliches Ferienprakti-, kum, sagte er sich. Er übernahm es, zum Schacht zu gehen, in dem die Klischees belichtet wurden, das heißt, er wech- selte sich mit Langner ab. Das Morgengrauen nahte, das Pirx ungeduldig erwarte- te. Er gierte förmlich nach Neuigkeiten aus aller Welt und drehte am Radio herum, aber das einzige, was er dem Emp- fänger entlockte, waren knackende und pfeifende Geräu- sche – ein Spektakel, der den nahen Sonnenaufgang an- kündigte. Nach dem Frühstück war es Zeit, die Platten zu entwickeln. Mit einer beschäft igte sich Langner besonders intensiv, er hatte die wunderbar klare Spur eines Mesonen- zerfalls entdeckt. Begeistert rief er Pirx ans Mikroskop, aber der zeigte sich für die Reize von Kernveränderungen nicht empfänglich. Dann nahmen sie das Mittagessen ein, und danach hielten sie sich am Astrographen auf und beobach- teten den Sternenhimmel. Die Zeit zum Abendbrot rückte näher. Langner machte sich bereits in der Küche zu schaf- fen, als Pirx im Vorübergehen den Kopf durch den Türspalt steckte und seinem Gefährten sagte, daß er hinausgehen wolle. Langner studierte gerade ein kompliziertes Rezept auf der Schachtel mit Eierkuchenpulver. Er brummte Pirx nur zu, er solle sich beeilen, die Omeletten wären in zehn Minuten fertig. Pirx war bereits im Skaphander, er hielt das Päckchen mit den Klischees in der Hand und überprüft e, ob die Klem- men den Helm gut an den Kragenansatz drückten. Er öff - nete beide Türen – die zur Küche und die zur Funkstation – und betrat die Kammer. Er schlug die hermetische Tür hinter sich zu, kroch nach oben, öff nete die Klappe – ver-, schloß sie jedoch nicht, weil er rasch zurückkehren woll- te. Pirx sah nichts Gefährliches in seinem Verhalten, denn Langner hatte ja nicht vor, ebenfalls hinauszugehen. Die Finsternis des Alls umfi ng ihn. Die irdische kommt ihr nicht nahe, denn die Atmosphäre leuchtet immer mit der schwach erregten Strahlung des Sauerstoff s. Pirx sah auf, er erblickte die Sternbilder, deren Muster an einigen Stellen unterbrochen war. Nur daran erkannte er die hoch aufragenden Felsen. Er stellte den Stirnrefl ektor an, des- sen Lichtschein auf dem Boden tanzte, und erreichte den Schacht. Er setzte die Beine in den schweren Stiefeln über den Rand – an die geringe Schwere auf dem Mond gewöhnt man sich leicht; schwieriger ist es, sich nach der Rückkehr auf die Erde an Lasten zu gewöhnen –, ertastete blindlings die erste Sprosse, kroch hinunter und ging daran, die Kli- schees auszuwechseln. Als er sich niederkauerte und über den Ständer beugte, begann das Licht seines Refl ektors zu fl immern und verlosch. Er bewegte sich, schlug mit der Hand gegen den Helm – das Licht fl ammte wieder auf. Die Glühbirne war also heil, nur der Kontakt war defekt. Er begann die belichteten Platten einzusammeln. Der Schein des Refl ektors huschte ein paarmal über sie hinweg und verlosch ein zweites Mal. Pirx hockte ein paar Sekunden in absoluter Dunkelheit, er wußte nicht, was er tun sollte. Der Rückweg war kein Problem – er kannte ihn auswen- dig. Außerdem brannten auf dem Gipfel der Station zwei Lichter, ein grünes und ein blaues. Aber es konnte pas- sieren, daß er die Klischees zerschlug. Noch einmal stieß er mit der Faust gegen den Helm – der Refl ektor fl amm-, te auf. Rasch notierte er die Temperatur, steckte die belich- teten Klischees in die Kassetten – aber als er die Kassetten ins Futteral steckte, verlosch der Refl ektor zum dritten- mal. Pirx legte die Klischees beiseite und schlug ein paar- mal hintereinander auf den Helm. Wenn er stand, brann- te das Licht, aber sobald er sich bückte, verlosch es. Eine Weile war er gezwungen, in einer völlig unnatürlichen Hal- tung zu arbeiten, und schließlich brannte das Licht über- haupt nicht mehr, es halfen auch keine Schläge. Solange er die Klischees nicht eingesammelt hatte, konnte er nicht zur Station zurückkehren. Er lehnte sich mit dem Rücken ge- gen die tiefste Sprosse, schraubte den äußeren Deckel des Refl ektors ab, drückte den Quecksilberbrenner tiefer in die Fassung und drehte den Deckel wieder fest. Licht hatte er nun, aber der Zufall wollte es, daß das Gewinde sich im- mer wieder lockerte. Er versuchte es auf verschiedene Wei- se, hatte jedoch keinen Erfolg. Voller Ungeduld steckte er den Deckel mit dem äußeren Glas das Refl ektors in die Ta- sche, las rasch die Klischees auf, ersetzte sie durch neue und kletterte nach oben. Als er etwa einen halben Meter von der Öff nung des Schachtes entfernt war, glaubte er einen zweiten Schein zu sehen, der sich in das weiße Licht seines Refl ektors misch- te. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Pirx schau- te auf, aber durch die Schachtöff nung waren nur Sterne zu sehen. Ach was, eine Täuschung! dachte er. Er kroch aus dem Schacht, aber eine unklare Unruhe er- faßte ihn. Er ging nicht, er lief. Er lief in langen Sätzen, ob-, wohl diese Mondsprünge entgegen allem, was man darüber hört, durchaus nicht den Lauf beschleunigen: Die Sprün- ge sind weit, aber dafür schwebt man und bewegt sich viel langsamer als auf der Erde. Als Pirx die Station erreich- te und schon die Hand auf das Geländer legte, erblickte er den seltsamen Lichtschein zum zweitenmal. Es war, als habe jemand eine Leuchtkugel in südlicher Richtung abge- schossen. Die Leuchtkugel selbst sah er nicht – die Station war im Wege –, er sah lediglich einen gespenstischen Wi- derschein, der die Felsabhänge erhellte. Sie tauchten aus der Schwärze auf und verschwanden wieder. Wie ein Aff e kletterte er blitzschnell auf den Gipfel der Kuppel. Er hätte gern eine Leuchtkugel abgeschossen, aber er hatte keine Pi- stole bei sich. Er schaltete seinen Empfänger ein, hörte aber nur knackende Geräusche. Die Klappe war off en – Lang- ner war also drinnen. Ich Idiot! sagte er sich plötzlich. Das wird natürlich kei- ne Leuchtkugel gewesen sein, sondern ein Meteor! Meteore kann man zwar nicht sehen, denn der Mond hat keine At- mosphäre, aber sie leuchten auf, wenn sie mit kosmischer Geschwindigkeit in die Felsen einschlagen. Er sprang zur Kammer, verschloß von innen die Klap- pe. Das Einlassen der Luft nahm einige Zeit in Anspruch. Die Zeiger kletterten, bis der richtige Druck herrschte: 0,8 kg pro Quadratzentimeter. Dann öff nete er die Tür und stürzte in den Korridor. Im Laufen nahm er den Helm ab. »Langner!« Schweigen … Pirx, immer noch im Skaphander, rannte in die Küche – sie war leer. Auf dem Tisch die Teller für das, Abendbrot, im Tiegel Eierkuchenteig, die Pfanne neben der eingeschalteten Flamme … »Langner!« brüllte er und warf die Klischees auf den Tisch. Er eilte zur Funkstation – sie war ebenfalls leer. Eine innere Stimme sagte ihm, daß es keinen Sinn habe, im Ob- servatorium nachzusehen. Langner war draußen, und der Lichtschein stammte tatsächlich von Leuchtkugeln! Er hat- te geschossen! Aber weshalb war er hinausgegangen? Plötzlich erblickte er ihn. Der »Schmetterling« bewegte sich – sein Gefährte atmete, lebte. Der Radarstrahl erfaß- te einen kleinen, scharfen Schein – im untersten Teil des Schirms! Langner ging zum Abgrund … »Langner! Halt! Halt, hörst du? Halt!« schrie er ins Mi- krofon, ohne den Blick vom Schirm zu wenden. Der Lautsprecher krächzte. Störungsgeräusche. Die grünlichen Flügel fächelten nicht mehr gleichmäßig wie bei einem normalen Atemvorgang – sie bewegten sich lang- sam, unsicher. Manchmal erstarben sie eine Weile, als ob Langners Apparat aufgehört habe zu arbeiten. Der schar- fe Schein im Radar war bereits weit entfernt. Auf dem Ko- ordinatennetz tauchte er ganz unten auf – das bedeute- te, daß er anderthalb Kilometer in gerader Linie entfernt war, also bereits irgendwo zwischen den hoch aufragenden senkrechten Platten unter dem Sonnentor. Er bewegte sich nicht, er erschien bei jeder Drehung des Leitstrahls an der gleichen Stelle. War er gestürzt? War er bewußtlos? Pirx rannte in die Druckkammer. Er war schon an der hermetischen Tür, da fi el ihm ein, daß er in der Küche et- was gesehen hatte, etwas Schwarzes auf dem weißgedeck-, ten Tisch: die Fotoplatten, die er mitgebracht und achtlos hingeworfen hatte … Betroff en stand er in der Kammer. Er hielt den Helm in der Hand und rührte sich nicht vom Fleck. Genau wie damals … Genau so! dachte er. Langner be- reitet das Abendbrot und geht plötzlich hinaus … Ich gehe ihm nach, und wir kehren beide nicht zurück. Die Klappe bleibt off en. In wenigen Stunden beginnt die Ziolkowski- Station, uns zu rufen. Niemand wird antworten … Etwas schrie in ihm: Idiot, geh! Worauf wartest du? Er liegt dort! Vielleicht hat ihn eine Lawine erfaßt! Hier drin- nen kann man ja nichts hören … Er lebt noch – er ist ge- stürzt, er kann sich nicht bewegen, aber er lebt, er atmet … Er stand da, ohne sich zu rühren. Plötzlich kehrte er um, stürzte in die Funkstation, sah sich die Zeiger genauer an. Alles war unverändert. Die »Flügel« des »Schmetterlings« bewegten sich nur noch im Abstand von vier bis fünf Se- kunden – zitternd, unsicher, zögernd. Der Schein auf dem Radarschirm glomm am Rande des Abgrunds … Pirx überprüft e den Neigungswinkel der Antenne. Er war minimal. Sie erfaßte nicht mehr die nähere Umgebung der Station – sie sendete Impulse im maximalen Bereich. Er hielt sein Gesicht dichter an den Atmungszeiger und erblickte etwas Merkwürdiges. Der grüne »Schmetter- ling« bewegte nicht nur die »Flügel« sondern er zitterte ganz regelmäßig. Er schien nicht nur auf den Atemrhyth- mus von Langner, sondern auch auf einen zweiten, bedeu- tend rascheren, zu reagieren. Agonales Zittern? Konvulsio- nen? Langner lag im Sterben, und er, Pirx, starrte gierig, auf die Bewegungen des Auges und verfolgte den doppel- ten Rhythmus der »Flügel«. Unversehens – er wußte selbst nicht, warum – ergriff er das Antennenkabel und riß es aus dem Kontakt. Und es geschah etwas Verblüff endes: Der »Schmetterling«, isoliert von den äußeren Impulsen, fächelte weiter, anstatt zu erstarren … Völlig verblüfft , stürzte er zum Schaltpult und vergrö- ßerte den Neigungswinkel der Antenne: Der ferne Schein, der unter dem Sonnentor verharrte, begann zum Rand des Schirms zu wandern. Das Radar erfaßte immer näher ge- legene Sektoren der Umgebung, bis plötzlich ein zweiter Schein sichtbar wurde – er war weit größer und stärker. Ein zweiter Skaphander! Ein Mensch. Ein Mensch, der sich bewegte. Langsam, re- gelmäßig stieg er hinab, er umging alle Hindernisse, denn er wich mal nach links, mal nach rechts aus und strebte ge- radewegs dem Sonnentor zu, dem zweiten, fernen Funken entgegen … Pirx starrte sich fast die Augen aus dem Kopf. Es waren tatsächlich zwei Funken, ein naher, der sich bewegte, und ein ferner, der sich nicht rührte. Zwei Mann waren auf der Station – Langner und er. Der Apparat hingegen sah einen dritten. Er log also. In kürzester Zeit, als nötig war, um alles zu durchdenken, war er in der Kammer. Eine Minute später stand er mit der Leuchtpistole auf dem Dach der Kuppel und schoß Signal- raketen ab. Er zielte senkrecht nach unten, immer in die- selbe Richtung – zum Sonnentor. Er schafft e es kaum, die heißen Patronenhülsen auszuwerfen. Der schwere Kolben, der Leuchtpistole hüpft e in seiner Hand. Man hörte keinen Knall. Wenn er den Abzug betätigte, gab es einen leich- ten Rückstoß; die Feuerstreifen glühten auf, gift grün und purpurn. Sie zerplatzten in rote Tropfen, in Saphirsterne … Pirx schoß wahllos, er achtete nicht auf die Farben der Patronen. Endlich kam Antwort. Ein orangefarbener Stern stieg aus der unendlichen Finsternis, er explodierte hoch über der Station und erhellte die Umgebung. Wie zur Be- lohnung regnete es bunte Straußenfedern auf Pirx herab. Ein zweiter Schuß folgte, ein Regen aus Safrangold … Pirx schoß, und Langner antwortete. Das Mündungs- feuer kam näher, und dann erblickte Pirx im Schein der Leuchtkugeln Langners gespenstische Silhouette. Schwä- che übermannte ihn. Sein ganzer Körper bedeckte sich mit Schweiß. Er troff , als sei er gerade aus einem Bad gestiegen. Ohne die Leuchtpistole loszulassen, setzte er sich auf den Rand der Öff nung; er spürte, daß ihm die Knie zitterten. Er ließ die Beine in die Kammer baumeln und wartete, schwer atmend, bis Langner die Station erreichte. Das Ganze hatte sich folgendermaßen abgespielt: Pirx ging hinaus, und Langner beschäft igte sich in der Küche, ohne die Apparatur zu beobachten. Erst nach geraumer Zeit – wieviel Minuten vergangen waren, wußte er nicht zu sagen – fi el sein Blick auf die Instrumente. Das geschah zu der Zeit, als Pirx an seinem Refl ektor herumbastelte. Als er aus dem Blickfeld des Radargerätes verschwunden war, begann der Automat den Neigungswinkel der Antenne zu verrin- gern, und zwar so lange, bis das rotierende Strahlenbün-, del den unteren Teil des Sonnentores berührte. Langner er- blickte dort einen Schimmer, den er für einen Skaphander hielt. Das magische Auge, das nur noch zitterte, weil Pirx in dem Bleischacht saß, bestärkte ihn in diesem Glauben. Er ist bewußtlos, er erstickt! dachte Langner. Er zog, ohne zu zögern, den Skaphander an und rannte hinaus. Der Radarschirm zeigte in Wirklichkeit die erste Alumi- niumstange, die dicht über dem Abgrund stand. Langner hätte seinen Irrtum vielleicht erkannt, aber der »Schmetter- ling« schien den Hinweis des Radargerätes zu bestätigen. Die Zeitungen schrieben dann, eine elektronische Appa- ratur kontrolliere sowohl das »Auge« als auch das Radar- gerät. Es handelte sich um ein Elektronenhirn, das damals, bei der Katastrophe, den Atemrhythmus des Kanadiers Ro- get festgehalten habe. Jedesmal, wenn eine ähnliche Situati- on eintrete, wiederhole das Elektronenhirn diesen Rhyth- mus. Es sei also eine Art bedingter Refl ex entstanden. In Wirklichkeit verhielt sich die Sache viel einfacher. Auf der Station gab es gar kein »Elektronenhirn«, sondern nur eine gewöhnliche automatische Anlage, die bar jedes »Ge- dächtnisses« war. Der »agonale Atemrhythmus« entstand, weil ein kleinerer Kondensator durchgebrannt war – das machte sich aber nur bemerkbar, wenn die Ausgangsklappe geöff net wurde. Die Spannung sprang von einer Leitung in die andere, und im Netz des magischen Auges entstand ein Zittern. Nur auf den ersten Blick erinnerte das an das At- men eines Sterbenden. Wenn man genauer hinsah, konn- te man mühelos das unnatürliche Beben der grünen Flü- gel erkennen., Langner war auf dem Weg zum Abgrund – wo sich Pirx aufh ielt, wie er glaubte. Er erhellte sich den Weg mit dem Refl ektor, und an besonders schwierigen Stellen schoß er Leuchtkugeln ab. Zwei Abschüsse hatte Pirx bemerkt, als er zur Station zurückkehrte. Pirx wiederum begann nach vier oder fünf Minuten Leuchtkugeln abzufeuern, um Langner zurückzurufen – und damit hatte ihr Abenteuer ein Ende. Bei Challiers und Savage hatte sich die Sache anders ab- gespielt. Vielleicht hatte auch Savage – so wie Langner – seinem Gefährten zugerufen: »Beeil dich!«, aber es kann auch sein, daß Challiers sich nur deshalb so beeilte, weil er rasch wie- der zu seiner interessanten Lektüre zurückkehren wollte oder weil er sich verspätet hatte. Wie dem auch sei – er hatte die Klappe nicht verschlossen. Das allein hätte noch keine schlimmen Folgen ausgelöst, auch nicht, wenn man den Fehler in der Apparatur berücksichtigte. Erforderlich war noch etwas anderes – ein zufälliges Zusammenspiel von Faktoren: Irgend etwas hatte auch Challiers bewogen, sich ein wenig länger im Schacht aufzuhalten – und zwar so lange, bis die Radarantenne, die sich bei jeder Umdre- hung um mehrere Grade hob, die Aluminiumstange über dem Abgrund gefunden hatte. Was hatte Challiers aufgehalten? Das war nicht bekannt. Ein Schaden des Refl ektors bestimmt nicht, das geschieht selten. Etwas jedoch hatte seine Rückkehr hinausgezögert, bis schließlich auf dem Schirm der fatale Schein aufge- taucht war, den Savage, wie später auch Langner, für einen Skaphander gehalten hatte. Die Verspätung betrug minde-, stens dreizehn Minuten – das wurde durch Versuche fest- gestellt. Savage ging zum Abgrund, um Challiers zu suchen. Challiers, der inzwischen vom Schacht zurückgekehrt war, fand die Station leer. Er erblickte das gleiche Bild wie Pirx und ging seinerseits hinaus, um Savage zu suchen. Viel- leicht hatte Savage, als er am Sonnentor eintraf, zu spät be- merkt, daß das Radargerät nur die Metallstange erfaßt hat- te, die im Geröll steckte. Vielleicht war er auf dem Rückweg gestürzt und hatte sich die Scheibe des Skaphanders zer- schlagen. Andererseits war nicht auszuschließen, daß er den »Irrtum« der Apparatur nicht entdeckt hatte, sondern daß er nach vergeblicher Suche an eine steile Stelle gera- ten und abgestürzt war. All diese Einzelheiten ließen sich nicht aufh ellen. Die beiden Kanadier waren jedenfalls um- gekommen. Das Unglück konnte sich nur im Morgengrauen ereig- net haben. Denn hätte es keine Störungen gegeben, wären die beiden jederzeit in der Lage gewesen, sich über Funk zu verständigen. Derjenige, der in der Station verblieben war, hätte zu diesem Zweck nicht einmal die Küche zu verlassen brauchen. Das Unglück konnte sich darüber hinaus nur bei off ener Klappe ereignen, denn der Fehler in der Apparatur stellte sich nur ein, wenn diese Klappe unverschlossen war. Wenn man es besonders eilig hat, erreicht man oft das Ge- genteil – man verliert mehr Zeit als gewöhnlich, man läßt einen Gegenstand fallen, man stößt sich … Das Radarbild ist nicht sehr deutlich. Eine Metallstan- ge, die nahezu zwei Kilometer entfernt ist, läßt sich ohne, weiteres mit einem Skaphander verwechseln. Wenn sol- che Umstände zusammentreff en, ist ein Unglück nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Der Zurückblei- bende – fügen wir es der Vollständigkeit halber hinzu – hätte sich innerhalb der Station aufh alten können, wo im- mer er wollte, er hätte das Unglück nicht verhindert. Nur wenn er von Anfang an in der Funkstation gewesen wäre, hätte er gesehen, daß sein Gefährte keinesfalls in die Irre lief, und er hätte den Schein auf dem Schirm nicht für ei- nen Skaphander gehalten. Challiers war nicht zufällig so nahe an der Stelle gefun- den worden, an der schon Roget umgekommen war. Er war an der Stelle in den Abgrund gestürzt, die durch den Alu- miniummast gekennzeichnet war. Der Mast stand dort, um vor dem Abgrund zu warnen; Challiers ging in diese Rich- tung, weil er glaubte, zu Savage zu gehen. Der physische Mechanismus des Vorfalls war von tri- vialer Einfachheit, er war das Ergebnis einer bestimmten Aufeinanderfolge von Zufällen – angefangen von der Funk- störung bis zur geöff neten Druckkammerklappe. Mehr Beachtung verdienten die psychologischen Fakto- ren. Als die Apparatur, ihrer äußeren Impulse beraubt, den »Atmungsschmetterling« in Bewegung setzte, hielt das zu- erst Savage und dann Challiers für ein eindeutiges Zeichen. Savage glaubte Challiers in Gefahr, und Challiers bangte um Savage. Das gleiche wiederholte sich bei Langner und Pirx. Diese Schlußfolgerungen waren verständlich. Jeder der Männer kannten die Einzelheiten der Katastrophe, bei der, Roget ums Leben gekommen war, jeder erinnerte sich an den entsetzlich langen Todeskampf des Unglücklichen, den das magische Auge festhielt. Wenn also – wie es in der Presse hieß – überhaupt ein bedingter Refl ex vorlag, dann war er nicht in der Appara- tur zu suchen, sondern bei den Menschen. Halb unbewußt glaubte ein jeder, Rogets Unglück sei im Begriff , sich zu wiederholen; es habe sich diesmal einen der Ihren als Op- fer ausgesucht. »Nun, da wir alles wissen«, sagte Taurow, der Kybernetiker von der Ziolkowski-Station, »sagen Sie uns doch bitte, Kol- lege Pirx, wie Sie sich in dieser Situation zurechtgefunden haben. Sie sagen doch selbst, daß Sie den Mechanismus der Erscheinung nicht verstanden …« »Ich weiß es nicht«, antwortete Pirx. Durchs Fenster drang der grelle Schein der sonnenerhellten Gipfel. Ihre Spitzen ragten in das dichte Schwarz des Himmels wie Knochen. »Wohl durch die Klischees. Als ich sie sah, be- griff ich, daß ich sie ebenso hingeworfen hatte wie Chal- liers. Vielleicht wäre ich dennoch hinausgegangen, wäre nicht noch eins gewesen: Das mit den Klischees konnte natürlich ein Zufall sein, aber wir hatten zum Abendbrot Eierkuchen – genauso wie die Kanadier an ihrem letzten Abend. Und das war ein bißchen zuviel. Ich denke also, daß uns die Eierkuchen gerettet haben …« »Die off ene Klappe hing tatsächlich mit den Eierkuchen zusammen – die Eierkuchen trieben Sie zur Eile. Sie haben also ganz richtig überlegt, aber das hätte Sie nicht gerettet,, wenn Sie der Apparatur blind vertraut hätten«, sagte Tau- row. »Einerseits müssen wir der Technik vertrauen. Ohne elektronische Geräte könnten wir auf dem Mond keinen Schritt machen. Aber … Aber manchmal muß man solch ein Vertrauen teuer bezahlen …« »Das stimmt«, sagte Langner. Er stand auf. »Ich muß Ih- nen sagen, meine Herren, wodurch mir mein Sterngefährte am meisten imponiert hat. Was mich betrifft , so bin ich von diesem halsbrecherischen Spaziergang so ziemlich ohne Appetit zurückgekehrt. Aber der hier« – er legte die Hand auf Pirx’ Schulter –, »aber der hier schlug sich, nach allem, was passiert war, die Eierkuchen in die Pfanne – und aß sie alle auf. Damit versetzte er mich in Erstaunen! Denn daß er scharfsinnig ist und außerdem anständig bis zur Recht- schaff enheit, das habe ich schon vorher gewußt …« »Wie bitte?« fragte Pirx. *,

Albatros

Das Mittagessen bestand aus sechs Gängen – wenn man von den Beilagen absah. Die Wägelchen mit Wein rollten geräuschlos über die gläsernen Stege. Über jedem Tisch brannte eine Punktlampe: bei Schildkrötensuppe zitronen- gelb, bei Fisch fast weiß mit bläulicher Schattierung. Die Hähnchen waren mit rosa Licht übergossen, vermengt mit einem seidig-warmen Grauton. Glücklicherweise wurde es bei schwarzem Kaff ee nicht fi nster – Pirx lieferte sich den trübsinnigsten Gedanken aus. Das Mittagessen hatte ihn erschöpft . Er schwor sich, von nun an im unteren Deck zu speisen, in der Bar. Hier oben wurde entschieden zuviel Wert auf Etikette gelegt. Er mußte dauernd an seine Ellen- bogen denken. Und diese Toiletten! Der Saal war vertieft , der Fußboden lag etwa ein hal- bes Stockwerk unter dem der anderen Räume. Er sah aus wie ein gigantischer cremefarbener Teller, belegt mit den buntesten Appetithappen der Welt. Hinter Pirx raschelten steife, halbdurchsichtige Gewänder. Man unterhielt sich glänzend. Die Musik spielte, die Kellner bedienten – echte Kellner! Jeder einzelne wirkte wie der Dirigent eines phil- harmonischen Orchesters. »Unsere Transgalaktik-Linie mutet Ihnen keine Bedienungsautomaten zu, sie garantiert Ihnen intime Atmosphäre, Diskretion, echte menschliche Wärme, eine komplette lebende Besatzung – jeder einzel- ne ein Künstler seines Fachs …« Pirx trank schwarzen Kaff ee, rauchte, bemühte sich, im Saal irgendeinen Punkt zu fi nden, den er fi xieren konn-, te, einen Rastplatz für seine Augen. Seine Nachbarin ge- fi el ihm. Ein fl acher, rauher Stein hing in ihrem Dekolle- té. Ein Chrysopas war es nicht, ein Chalcedon auch nicht – nichts Irdisches, wohl etwas vom Mars. Das Ding muß- te ein Vermögen gekostet haben, dabei sah es aus wie ein Splitter von einem Pfl asterstein. Frauen sollten nicht so viel Geld haben. Entrüstet war er nicht. Auch nicht erstaunt. Er sah nur hin. Allmählich wuchs das Verlangen in ihm, sich die Bei- ne zu vertreten. Ein Spaziergang an Deck? Er stand auf, deutete eine kleine Verbeugung an, ging hin- aus. Als er zwischen den vieleckigen Säulen dahinschritt, die mit refl ektierender Masse besetzt waren, erblickte er sein ei- genes Spiegelbild – unter dem Knoten der Krawatte lugte ein Knopf hervor. Na ja, wer trägt heute noch solche Krawatten, dachte er. Im Gang brachte er den Kragen in Ordnung, setz- te sich in den Fahrstuhl und fuhr zum Promenadendeck hinauf. Lautlos öff nete sich die Tür – keine Menschenseele zu sehen, nur Liegestühle in langen Reihen. Das freute ihn. Ein Drittel der gewölbten Decke glich einem gigantischen schwarzen Auge, das zu den Sternen blickte. Die Liegestüh- le waren leer, nur ganz hinten, in einem der letzten, lag eine bis zum Gesicht eingehüllte Gestalt – ein Greis, ein wunder- licher Mann, der immer eine Stunde später als die anderen zum Mittagessen kam und allein im leeren Saal speiste, wo- bei er sein Gesicht mit der Tischdecke bedeckte, sobald er spürte, daß ihn jemand ansah. Pirx legte sich hin. Die unsichtbaren Rachen der Kli- maanlagen bliesen einen böigen Luft zug in die Galerie des, Decks, man hatte den Eindruck, als wehe ein Wind aus den dunklen Tiefen des Alls. Die bei der Transgalaktik-Linie beschäft igten Konstrukteure waren erfahrene Leute. Der Liegestuhl war bequem – bequemer wohl als der Piloten- sitz, obwohl dessen Form wissenschaft lich durchdacht war. Pirx fröstelte. Dafür gab es Decken. Er hüllte sich darin ein wie in Daunen. Jemand nahte. Auf der Treppe, nicht mit dem Fahrstuhl. Seine Nachbarin aus dem Speisesaal. Wie alt mochte sie sein? Sie hatte ein anderes Kleid an, vielleicht war das über- haupt eine andere Frau? Sie legte sich drei Liegestühle wei- ter hin, schlug ein Buch auf, die Seiten raschelten im Wind. Pirx blickte vor sich hin. Er konnte das Kreuz des Südens sehen. Durchs Fenster leuchtete das kleine Ende der Gro- ßen Wolke, ein Fleck auf schwarzem Hintergrund. Pirx rechnete mit einer Flugdauer von sieben Tagen. In sieben Tagen konnte allerhand geschehen … Er rekelte sich, in seiner Brusttasche knisterte das dicke, vierfach gefaltete Papier. Er fühlte sich wohl in dieser Welt – die Stelle eines Zweiten Steuermanns war ihm bereits si- cher, er kannte den Weg genau, den er auf der Erde einzu- schlagen hatte: von Nordland per Flugzeug nach Eurasi- en und von da weiter nach Indien. Das Fahrscheinheft war dick wie ein Buch, man konnte darin lesen. Jeder Schein hatte eine andere Farbe, Talons mit goldenen Rändern – alles, was die Transgalaktik-Linie den Passagieren zu bie- ten hatte, strotzte vor Silber oder Gold. Die Frau dort auf dem dritten Liegestuhl war schön. Er kannte sie. Schick- te es sich, etwas zu sagen, oder nicht? Er hatte sich ihr ja, schon vorgestellt. Dumm, so ein kurzer Name – ehe man ihn auszusprechen beginnt, ist er schon zu Ende. »Pirx« klingt immer wie »ix« … Bei Telefongesprächen passieren die haarsträubendsten Dinge. Also los, irgend etwas sagen … Aber was? Keine Ahnung … Auf dem Mars hatte er sich diese Rück- reise ganz anders vorgestellt. Die Reeder auf der Erde hat- ten ihm die Überfahrt bezahlt – sie versprachen sich wohl Vorteile davon, eine bloße freundliche Geste war es jeden- falls nicht. Er hatte schon fast drei Milliarden Kilometer hinter sich und war noch nie mit einem Raumschiff wie dem »Titan« gefl ogen. Frachtschiff e sehen ganz anders aus! Hundertachtzigtausend Tonnen Festmasse, vier Reaktoren im Hauptschub, Reisegeschwindigkeit fünfundsechzig pro Sekunde, zwölfh undert Passagiere in lauter Ein- und Zwei- mannkajüten mit Bad, gepfl egte Appartements, garantiert stetige Gravitation, wenn man vom Start und von der Lan- dung absieht, höchster Komfort, größte Sicherheit, zwei- undvierzig Mann Besatzung und zweihundertsechzig Mann Bedienung. Keramit, Stahl, Gold, Palladium, Chrom, Nik- kel, Iridium, Plaste, carrarischer Marmor, Eiche, Mahago- ni, Silber, Kristall. Zwei Schwimmbassins, vier Kinos, acht- zehn Kabinen mit Direktverbindung zur Erde – allein für die Passagiere! Ein Konzertsaal, sechs Haupt- und vier Pro- menadendecks, automatische Fahrstühle, Platzbestellungen vom Schiff für alle Raketen des Systems für ein Jahr im voraus. Ein Kaufh aus, Bars, Spielkasinos. Eine sogenann- te Handwerkergasse – die getreue Nachbildung einer irdi- schen Altstadtgasse mit Weinkellern, Gaslaternen, Mond,, einer blinden Mauer und sogar mit Katzen, die auf dieser Mauer entlangspazieren. Ein Palmenhain und – weiß der Teufel, was noch alles. Die Reise hätte einen Monat dau- ern müssen, wenn man all das wenigstens ein einziges Mal auskosten wollte. Die Frau las immer noch. Müssen Frauen ihr Haar so fär- ben? Ein normaler Mensch beginnt bei solchen Farben zu zweifeln … Aber ihr stand das ganz gut … Mit ‘ner brennen- den Zigarette in der Hand werden mir schon ein paar pas- sende Worte einfallen, dachte Pirx. Er langte in die Tasche. Das Etui – früher hatte er so etwas nie besessen, die- ses hier war ein Geschenk von Boman, er bewahrte es aus Freundschaft auf –, dieses Etui also war schwerer als sonst. Nicht viel, aber immerhin … Wuchs die Beschleunigung? Er lauschte. In der Tat! Die Triebwerke hatten einen kräft igeren Schub als vor- hin. Ein gewöhnlicher Passagier hätte das nicht herausge- hört, zumal der Maschinenraum der »Titan« durch vier- fache Isolationswände von dem Wohnteil des Rumpfes abgeschirmt war. Pirx suchte sich einen blassen Stern in der Ecke des Fen- sterrahmens aus und behielt ihn fest im Auge. Sollen sie ru- hig beschleunigen, dachte er. Ich weiche nicht von der Stel- le … Erst wenn der Stern dort zu zittern beginnt … Er zitterte und glitt langsam – unvorstellbar langsam – zur Seite. Drehung in der Längsachse! sagte sich Pirx. Der »Titan« fl og im »kosmischen Tunnel«, in dem es nichts gab, weder Staub noch Meteoriten – gar nichts, nur, das Vakuum. Neunzehnhundert Kilometer vor ihm raste der Lotse, der die Aufgabe hatte, darauf zu achten, daß der Weg für den Riesen frei war. Wozu? Für alle Fälle. Die Ra- keten hielten sich strikt an den Fahrplan. Ein Abkommen der Vereinigten Astronavigationsgesellschaft en garantierte der Transgalaktik-Linie auf ihrem Parabelabschnitt einen störungsfreien Flug. Niemand durft e den Weg des Schiff es kreuzen. Die Meteoritenwarnungen wurden sechs Stunden vorher durchgegeben – seit der Zeit, da unbemannte Son- den zu Tausenden die Transuransektoren patrouillierten, drohte den Raketen praktisch keine Gefahr mehr von au- ßen. Der Gürtel – die Umlaufb ahn einer Milliarde Meteori- ten zwischen Erde und Mars – hatte einen eigenen Patrouil- lendienst, überdies verliefen die Raketenbahnen außerhalb der Ebene der Ekliptik, in der sich der rasselnde Gürtel um die Sonne bewegte. Ein ungeheurer Fortschritt gegenüber der Zeit, da Pirx Patrouillenfl üge unternommen hatte. Für die »Titan« bestand also nicht die geringste Veranlas- sung, zu lavieren – sie brauchte keinen Hindernissen aus- zuweichen, weil es keine gab. Und nun bog sie dennoch ab. Pirx hatte es nicht mehr nötig, zum Sternenhimmel aufzu- blicken, um das zu bemerken – er fühlte es mit jeder Faser seines Körpers. Er hätte ohne weiteres die Bogenkurve be- rechnen können, er kannte die Geschwindigkeit des Schif- fes, seine Masse und das Tempo, in dem die Sterne vor- überglitten. Etwas muß geschehen sein! dachte Pirx. Aber was? Den Passagieren war nichts mitgeteilt worden. Ob man ihnen etwas verheimlichte? Weshalb? Die Gewohnhei-, ten auf Luxuspassagierschiff en waren ihm fremd, dagegen wußte er, was im Maschinenraum oder im Steuerraum pas- sieren kann. Viel war das nicht. Bei einer Havarie würde das Schiff die Geschwindigkeit entweder aufrechterhalten oder herabsetzen. Aber die »Titan« … Es dauerte nun schon vier Minuten, dachte Pirx. Das bedeutet Wendung um fast fünfundvierzig Grad. Inter- essant … Die Sterne standen plötzlich still. Das Schiff steuerte wie- der geraden Kurs. Das Gewicht des Etuis, das Pirx noch immer in der Hand hielt, nahm zu. Sie hatten direkten Kurs und erhöhten die Geschwindigkeit. Pirx fi el es auf einmal wie Schuppen von den Augen. Eine Sekunde lang saß er starr da, dann stand er auf. Auch er wog nun mehr. Die Frau mit den grauen Augen sah ihn an. »Ist was los?« »Nichts Besonderes, meine Dame.« »Irgend etwas hat sich verändert. Fühlen Sie es nicht auch?« »Das ist nichts weiter. Wir erhöhen nur ein wenig die Geschwindigkeit«, sagte er. Nun hätte er ein Gespräch be- ginnen können. Er sah sie an. Die Haarfarbe störte nicht. Die Frau war schön, sehr schön. Er schlenderte übers Deck, beschleunigte seine Schrit- te. Sicherlich hält sie mich für einen Verrückten, dachte er. Bis zum Ende des Promenadendecks waren farbige Fres- ken an den Wänden. Er ging durch die Tür mit der Auf- schrift ENDE DES DECKS – ZUTRITT VERBOTEN und betrat einen langen, im Lampenschein metallisch leuch-, tenden Korridor. Numerierte Türen. Er ging weiter, ver- ließ sich auf sein Gehör. Über eine Treppe gelangte er in ein Zwischendeck und blieb vor einer Stahltür stehen. EINGANG NUR FÜR STERNENPERSONAL lautete die Aufschrift . Oho! sagte sich Pirx. Schöne Bezeichnun- gen haben sie sich ausgedacht! Eine Klinke gab es nicht, die Tür wurde mit einem besonderen Schlüssel geöff net, den er nicht besaß. Er hob den Finger an die Nase, überlegte einen Augenblick – und klopft e. Tap – tap – taptatap – tap – tap … Eine Weile wartete er. Dann öff nete jemand. Ein fi nste- res, gerötetes Gesicht zeigte sich im Türspalt. »Sie wünschen?« »Ich bin Pilot von der ›Patrol‹«, sagte er. Die Tür öff nete sich etwas weiter. Er trat ein. Es war die Verstärkerkammer des Reserve- steuerraums. An den Wänden entlang führte eine doppelte Reihe von Düsen für Wendemanöver. An der gegenüberlie- genden Wand waren die Schirme der optischen Kontrolle angebracht, vor ihnen standen mehrere unbesetzte Sessel. Ein kleiner, gedrungener Automat verfolgte das Flimmern auf den Mattscheiben. Auf einem Tischchen hingen halbge- leerte Gläser in ringförmigen Haltern. Im Raum schwebte der Duft frischgebrühten Kaff ees und der schwer zu iden- tifi zierende Geruch erwärmter Plaste, vermischt mit einer Spur von Ozon. Die zweite Tür war lediglich angelehnt. Man hörte das feine Summen des Transformators. »SOS?« fragte Pirx den stämmigen Mann, der ihn einge- lassen hatte. Er sah aus, als ob er unter Zahnschmerzen litt,, denn die eine Gesichtshälft e war geschwollen. Der Hörer- bügel umspannte seinen Schädel. Der graue, mit Blitzen ge- schmückte Uniformrock der Transgalaktik-Linie war nicht zugeknöpft , das Hemd war ihm aus der Hose gerutscht. »Ja«, antwortete er. Und nach kurzem Zögern: »Sind Sie von der›Patrol‹?« »Von der Basis. Ich bin zwei Jahre auf der ›Transuran‹ gefl ogen. Ich bin Navigator. Mein Name ist Pirx.« Der andere reichte ihm die Hand. »Mindell. Nukleo- niker.« Wortlos gingen sie in den Nebenraum. Es war die Radiokabine für Direktverbindungen. Sie war groß. Etwa zehn Männer umringten den Hauptsender. Zwei Funker mit schweißüberströmten Gesichtern schrieben pausenlos, die Apparate tickten, der Strom summte leise, es quietsch- te unter dem Fußboden. An den Wänden brannten Kon- trollampen. Es sah aus wie in einer großen Fernsprech- zentrale. Die beiden Funker lagen fast auf ihren Pulten, sie waren nur in Hemd und Hose. Der eine war blaß vor Er- regung, der andere, ein älterer Mann mit einer Narbe am Kopf, wirkte völlig ruhig. Der Hörerbügel zerteilte die Haa- re, die Narbe war deutlich zu sehen. Neben den Funkern, ein wenig abseits, saßen zwei Offi ziere. Pirx erkannte in ei- nem von ihnen den Chef. Er kannte ihn fl üchtig. Der Kommandant der »Titan« war ein kleiner schwarzhaariger Mann mit einem nichts- sagenden Gesicht. Er hatte die Beine übereinandergeschla- gen und schien seine Schuhspitzen zu betrachten. Pirx trat leise an die Gruppe heran, beugte sich vor und las über die Schulter des Narbigen: … sechs achtzehn Kom-, ma drei – Komme mit vollem Schub – Bin acht Uhr zwölf da – Ende. Der Funker zog mit der linken Hand ein Formular her- an und schrieb ununterbrochen weiter. Luna Hauptstation an Albatros vier Aresluna – Habt ihr Verseuchung an Deck? – Antwortet durch Morsen – Phonie kommt nicht an – Wie lange könnt ihr Notschub halten? – Angepeilte Drift null sechs Komma einundzwanzig – Emp- fang. Elan zwei Aresluna an Luna Hauptstation – Fliege mit vol- lem Schub zu Albatros Sektor 64 – Habe überhitzten Reak- tor – Fliege trotzdem weiter – Bin sechs Milliparsek vom an- gepeilten Punkt entfernt – Ende. Plötzlich stieß der zweite Funker, der blasse, einen unar- tikulierten Schrei aus. Die Umstehenden beugten sich über ihn. Der Nukleoniker Mindell, der Pirx hereingelassen hat- te, reichte dem Ersten Navigator die vollgeschriebenen For- mulare. Der Blasse schrieb: Albatros vier an alle – Liege in der Drift Ellipse T 341 Sektor 65 – Rumpfnaht öff net sich weiter – Heckspanten lassen nach – Havarie-Schub des Reak- tors 0,3 g – Reaktor gerät außer Kontrolle – Haupttrennwand an vielen Stellen beschädigt – Verseuchung dritten Grades wächst an Deck unter Einfl uß des Notschubs – Lösung sik- kert ständig – Versuche zu zementieren – Führe Besatzung zur Spitze – Ende. Dem Funker zitterten die Hände beim Schreiben. Einer der Umstehenden packte ihn, zerrte ihn vom Stuhl, führ- te ihn hinaus. Nach einer Weile kam er allein zurück und setzte sich an seine Stelle., »Er hat da einen Bruder«, sagte er erläuternd, wie zu sich selbst. Pirx beugte sich nun über den Narbigen. Luna Hauptstation an Albatros vier Aresluna – Zu euch kommen Elan Sektor 64, Titan aus dem Sektor 67, der Balli- stische acht aus dem Sektor 44, Kobold sieben null zwei aus dem Sektor 94 – Zementiert die durchlässigen Stellen in der Wand in Skaphandern hinter Schildern bei Überdruck – Au- genblickliche Havarie-Drift ansagen. – Ende. Der Mann, der den jungen Funker vertrat, sagte laut: »Albatros!« Alle bemühten sich, ihm über die Schulter zu sehen. Er schrieb: Albatros vier an alle – Havarie-Drift nicht unter Kontrolle – Rumpfquerwände durchlässig – Verliere Luft – Besatzung in Skaphandern – Maschinenraum unter Lösung – Schilder durchgeschlagen – Temperatur im Steuer- raum 63 – Erster Durchbruch im Steuerraum zementiert – Lösung siedet – Überschwemmt den Hauptsender – Seitdem nur Verbindung durch Phonie – Erwarten euch – Ende. Fast alle rauchten. Der Rauch stieg in blauen Schwaden nach oben, man sah, wie er von den Ventilatoren aufgeso- gen wurde. Auch Pirx verlangte es nach einer Zigarette, er fi ngerte in allen Taschen herum, konnte aber nichts fi nden. Irgend jemand – Pirx hätte nicht sagen können, wer es war – drückte ihm eine angerissene Schachtel in die Hand. Er bediente sich. »Mindell, voller Schub!« sagte der Kommandant. Er biß sich auf die Unterlippe. Mindell war sichtlich überrascht, aber er schwieg. »Warnung?« fragte der Mann, der neben dem Chef saß. »Ja. Mach ich selbst. Her damit!«, Er zog das Mikrofon am Dreharm zu sich heran und be- gann zu sprechen: Titan Aresterra an Albatros vier – Kom- men in voller Fahrt – Befi nden uns an der Grenze zu eurem Sektor – Sind in einer Stunde da – Versucht, durch Notaus- gang zu entkommen – Sind in einer Stunde bei euch – Wir kommen – Durchhalten – Durchhalten – Ende. Er stieß das Mikrofon beiseite und erhob sich. Min- dell sprach ins Interkom: »Jungs, in fünf Minuten vollen Schub!« – »Ja, ja«, antwortete der Mann am anderen Ende der Leitung. Der Kommandant ging hinaus. Man hörte sei- ne Stimme im Nebenraum. Achtung! Achtung! Passagiere! Achtung! Achtung! Passa- giere! Wir geben eine wichtige Meldung durch, In vier Mi- nuten erhöht unser Schiff die Geschwindigkeit. Wir erhielten einen SOS-Ruf und müssen uns beeilen … Jemand schloß die Tür. Mindell berührte Pirx’ Schulter. »Halten Sie sich irgend- wo fest. Wir werden mehr als zwei haben.« Pirx nickte. 2g – das machte ihm nichts aus, aber es schien ihm nicht der rechte Augenblick zu sein, sich mit der eigenen Standfestigkeit zu brüsten. Gehorsam umklam- merte er die Lehne des Sessels, auf dem der ältere Funker saß. Über dessen Schulter las er: Albatros vier an Titan – Kann mich nicht mehr eine Stun- de an Deck halten – Havarie-Eingang durch berstende Trennwände verklemmt – Temperatur im Steuerraum ein- undachtzig – Dampf füllt Steuerraum aus – Versuche, die Spitzenpanzerung zu durchschneiden und hinauszukommen – Ende., Der Mann im aufgeknöpft en Uniformrock, der den jün- geren Funker vertrat, sprang plötzlich auf und sah den Chef an, der zu ihm trat. Er nahm die Kopfh örer ab und reichte sie dem Vorgesetzten. Während der Kommandant die Hö- rer aufsetzte, regulierte der Funker den heiser schnarren- den Lautsprecher. Die Männer in der Kabine erstarrten. Sie alle fl ogen schon seit Jahren, aber so etwas hatte noch keiner erlebt. Ein Rauschen drang aus dem Lautsprecher und eine Stim- me, die aus prasselnden Flammen zu kommen schien. Albatros an alle – Unfall im Steuerraum … Hitze … Un- erträglich … Besatzung bis zum Ende … Lebt wohl … Die Leitungen … Die Stimme brach ab, nur noch das Rauschen war zu hören. Das Stehen bereitete Mühe, aber keiner setzte sich. Die Männer lehnten sich an die Metallwände. Ballistischer acht an Luna Hauptstation, tönte es aus dem Lautsprecher. Ich gehe zu Albatros vier – Öff net mir den Weg durch Sektor 67 – Fliege mit vollem Schub – Bin außerstan- de, Überholmanöver durchzuführen – Empfang. Sekundenlanges Schweigen. Luna Hauptstation an alle in den Sektoren 66, 67, 68, 46, 4.7, 48 und 96 – Erkläre Sektoren für geschlossen – Alle Raumschiff e, die nicht mit vollem Schub zu Albatros vier fl ie- gen, haben sofort zu stoppen und die Reaktoren auf Leerlauf zu stellen sowie die Positionslichter einzuschalten – Achtung, Elan! Achtung, Titan Aresterra! Achtung, Ballistischer acht! Achtung, Kobold sieben null zwei! Hier spricht Luna Haupt- station – Öff ne euch den Weg zu Albatros vier – Der gesam-, te Verkehr in den Sektoren des Leitstrahls des SOS-Punktes wird gestoppt – Beginnt mit dem Bremsen auf dem Millipar- sek vor dem Punkt SOS – Darauf achten, daß die Bremsen im optischen Bereich des Albatros gelöscht werden, die Be- satzung kann das Deck bereits verlassen haben – Wünsche Erfolg – Ende. »Elan« meldete sich, er morste. Pirx lauschte dem Zir- pen der Signale. Elan Aresterra an alle, die sich an Rettungsaktion Albatros vier beteiligen – Bin auf der Optischen des Albatros – Alba- tros drift et annähernd auf Ellipse T 348 – Heck glüht kirsch- rot – Signallichter fehlen – Albatros antwortet nicht auf An- rufe – Stoppe und beginne mit Rettungsaktion – Ende. Nebenan meldeten sich die Summer. Mindell ging hin- über, ein zweiter schloß sich ihm an. Pirx’ Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Gott, wie gern hätte er mitgehol- fen! Mindell kehrte zurück. »Was ist?« fragte der Chef. »Die Passagiere lassen fragen, wann sie mit dem Tanz be- ginnen können«, antwortete Mindell. Pirx hatte nicht zuge- hört. Er starrte den Lautsprecher an. »Bald, bald! Schaltet mir die Optische ein. Wir nähern uns ihnen. In wenigen Minuten werden wir sie sehen. Min- dell, geben Sie die zweite Warnung durch, wir bremsen auf Overdrive.« »Jawohl«, sagte Mindell und ging hinaus. Im Lautsprecher brummte es. Eine Stimme ertönte: Luna Hauptstation an Titan Aresterra und Kobold sieben null zwei – Achtung! Achtung! Achtung! Der Ballistische acht hat im, Zentrum von Sektor 65 einen Blitz mit der Helligkeit minus vier beobachtet – Elan und Albatros antworten nicht auf An- rufe – Es besteht die Möglichkeit einer Explosion des Reak- tors auf Albatros – Mit Rücksicht auf die Sicherheit der Pas- sagiere wird Titan Aresterra aufgefordert, zu stoppen und sich sofort zu melden – Ballistischer acht und Kobold sieben null zwei handeln weiter nach eigenem Ermessen – Ich wie- derhole: Titan Aresterra wird aufgefordert … Alle sahen den Kommandanten an. »Herr Mindell«, sagte er. »Stoppen wir auf dem Milli- parsek?« Mindell warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Nein, Herr Navigator, dazu wären6gerforderlich. Wir kommen auf die Optische.« »Und wenn wir den Kurs ändern?« »Auch dann werden wir mindestens drei haben«, sag- te Mindell. »Also nichts zu machen.« Der Chef stand auf und trat ans Mikrofon. Titan Arest- erra an Luna Hauptstation – Kann nicht stoppen, habe zu hohe Geschwindigkeit – Ändere Kurs durch Überholmanö- ver mit halber Zugkraft und gehe über Sektor 65 mit Kurs zweihundertzwei in Sektor 66 – Bitte den Weg freigeben – Empfang. »Die Bestätigung nehmen Sie entgegen«, sagte er zu dem Mann, der vorher neben ihm gesessen hatte. Die Sendege- räte summten ununterbrochen. An den Wandtafeln fl im- merten die Lichter. Plötzlich schien es dunkler zu werden – das Blut strömte aus den Augen zurück. Pirx stellte sich, breitbeinig hin. Der Flug wurde gebremst, sie gingen in die Kurve. Der »Titan« vibrierte schwach, man hörte das schrille Heulen der Triebwerke. »Hinsetzen!« rief der Kommandant. »Helden brauche ich hier nicht! Wir haben 3g!« Alle folgten der Auff orderung, das heißt, sie ließen sich fallen, wo sie gerade standen. Der Fußboden war mit einer dicken, geräuschdämpfenden Plastschicht belegt. »Schätze, daß es allerhand Kleinholz geben wird«, brummte jemand neben Pirx. Der Navigator hatte es ge- hört. »Das bezahlt die Versicherung«, antwortete er von seinem Sessel aus. Sie hatten nicht 3 g, sie hatten mehr – Pirx fi el es schwer, die Hand zum Gesicht zu heben. Die Passagiere werden sicherlich samt und sonders in den Kajüten liegen, sagte er sich. Aber in den Küchen und in den Speiseräumen – da wird was los sein! Zerschlagenes Porzellan, waggonwei- se! Ein schöner Anblick … Und erst der Palmenhain! Kein Baum wird das aushalten … Der Lautsprecher meldete sich. Ballistischer acht an alle – Bin auf der Optischen des Al- batros – Steckt in einer Wolke – Heck glüht – Beende Brems- manöver und schicke Mannschaft en zum Auffi nden der Al- batrosbesatzung in den Raum – Elan antwortet nicht auf Anrufe – Ende. Die Beschleunigung nahm ab, man durft e wieder auf- stehen. Jemand zeigte sich in der Türöff nung, er rief et- was, und alle stürzten in den Hauptsteuerraum. Pirx be- trat ihn als letzter. Er erblickte einen acht mal sechzehn, Meter großen, gewölbten Bildschirm, der die gesam- te Stirnwand einnahm wie in einem riesigen Filmthea- ter. Alle Lichter waren gelöscht. Auf dem schwarzen, mit Sternen übersäten Schirm unterhalb der Hauptach- se des »Titan«, im linken Quadranten, glomm ein dünner Strich, dessen Ende kirschrot glühte wie ein Kohlestück- chen – das Ganze erinnerte an eine brennende Zigarette. Die »Zigarette« bildete den Kern einer blassen, leicht ab- gefl achten Blase mit sich verjüngenden, nach allen Sei- ten auseinanderstrebenden dornenförmigen Ausläufern. Die stachelige Wolke verblaßte mehr und mehr, schon sah man die ersten stärkeren Sterne. Plötzlich blitzte ganz un- ten ein grellweißes Pünktchen auf in der rechten unteren Ecke des Bildschirms zwischen den glimmenden Fixster- nen. Das Pünktchen begann zu zucken, zu fl ackern – die Männer stürzten vor, als wollten sie gegen die Mattschei- be springen. Der »Elan«! … im reaktor des albatros unkontrollierte kettenreaktion – habe Verluste – Verbrennungen – erbitte ärzte – sender be- schädigt – reaktor durchlässig – beabsichtige, reaktor wegzu- werfen, wenn ich die durchlässigen stellen nicht unter kon- trolle bekomme … las Pirx vom regelmäßig aufb litzenden Punkt ab. »Albatros« war nicht mehr zu sehen. Zwischen den Ster- nen hing ein aufgeblähtes, zottiges bernsteingelb-braunes Knäuel. Es sank immer tiefer, rutschte in die untere linke Ecke des Schirms. Der »Titan« verließ mit neuem Kurs den Sektor der Ka- tastrophe., Ein langer Lichtstreifen fi el in den dunklen Steuerraum, jemand hatte die Tür zur Funkkabine geöff net. Man hör- te eine Stimme. Ballistischer acht an Luna Hauptstation – Habe im zen- tralen Teil des Sektors 65 gestoppt – Elan auf dem Millipar- sek unter mir – Er signalisiert optisch Verluste an Menschen sowie Durchlässigkeit des Reaktors – Ist bereit, Reaktor weg- zuwerfen – Erbittet ärztliche Hilfe – Ich leiste sie ihm – Suche nach Albatros-Besatzung durch Verseuchung erschwert – Ra- dioaktive Wolke mit Oberfl ächentemperatur von über eintau- sendzweihundert – Bin auf der Optischen des Titan Arester- ra, der mich mit voller Zugkraft überholt und in den Sektor 66 ausweicht – Erwarte Ankunft des Kobold sieben null zwei zwecks Aufnahme gemeinsamer Rettungsaktionen – Ende. »Alle auf die Plätze!« rief jemand laut, und im gleichen Augenblick fl ammten die hinteren Lichter des Steuerraums auf. Bewegung herrschte, die Männer gingen in drei Rich- tungen auseinander, Mindell, der am Verteilerpult stand, erteilte Befehle, und mehrere Sendegeräte funkten auf ein- mal. Außer dem Kommandanten, dem Nukleoniker Min- dell und Pirx blieb nur der junge Funker, der noch immer auf den Schirm starrte und die Wolke beobachtete, die sich allmählich in der Schwärze des Alls aufl öste. »Ach, Sie sind das!« sagte der Chef, als habe er Pirx erst jetzt erkannt. Er reichte ihm die Hand. »Meldet sich ›Ko- bold‹?« fragte er jemanden in der Funkkabine über Pirx’ Kopf hinweg. »Jawohl, Chef, er fl iegt im Rückwärtsgang.« »In Ordnung.«, Eine Weile verharrten sie noch vor dem Schirm. Der letzte Fetzen der schmutzigen Wolke war verschwunden. Sterne, nichts als funkelnde Sterne … »Ob jemand herausgekommen ist?« fragte Pirx, als ob der Kommandant mehr wissen konnte als er. Aber er war ja der Chef, und Chefs sollten eigentlich alles wissen. »Die Blenden müssen geklemmt haben …«, erwiderte der Kommandant. Er war um einen Kopf kleiner als Pirx. Haare hatte er wie aus Blei. Waren sie vorhin auch schon so grau? fragte sich Pirx. »Mindell!« rief der Chef, als er den Nukleoniker vorbei- gehen sah. »Seien Sie so freundlich und geben Sie ›Entwar- nung‹. Die Passagiere können wieder tanzen.« »Kannten Sie den ›Albatros‹?« fragte er Pirx. »Nein.« »Westliche Gesellschaft . Dreiundzwanzig Tonnen. Was ist?« Der Funktechniker trat näher und reichte ihm einen Zettel. Ballistischer an …, las Pirx, dann zog er sich zurück. Als er merkte, daß er den Leuten im Wege stand, die alle Augenblicke durch den Steuerraum eilten, stellte er sich in die Ecke. Mindell stürzte herein. »Was ist mit dem ›Elan‹?« fragte ihn Pirx. Der Nukleoni- ker schwitzte, er wischte sich die Stirn mit einem Taschen- tuch. Pirx kam es vor, als kenne er ihn seit Jahren. »Na ja, es geht noch«, schnauft e Mindell. »Sie haben den Explosionsstoß abbekommen. Die Kühlung des Reaktors ging durch die Erschütterung drauf – die geht immer zu- erst in die Binsen. Verbrennungen ersten und zweiten Gra- des. Ärzte sind schon da.«, »Vom Ballistischen?« »Ja.« »Chef! Luna Hauptstation!« rief jemand aus der Funkka- bine. Der Chef ging. Pirx stand Mindell gegenüber, der sich mechanisch über die geschwollene Wange fuhr und das Ta- schentuch wegsteckte. Pirx wollte Mindell noch mehr fragen – aber er unter- ließ es. Er nickte nur und ging in die Funkkabine hinüber. Aus dem Lautsprecher tönten zehn Stimmen auf einmal, Schiff e aus fünf Sektoren erkundigten sich nach »Albatros« und nach »Elan«. Luna Hauptstation hieß sie schließlich schweigen, um das Verbindungsknäuel zu entwirren, das nach der Blockierung des Raumes um den Sektor 65 ent- standen war. Der Kommandant saß neben dem Funktech- niker und schrieb etwas nieder. Plötzlich nahm der Funker die Hörer ab. Er legte sie beiseite – als seien sie nun nicht mehr nötig. Pirx wenigstens schien es so. Er trat von hin- ten an ihn heran. Er wollte sich nach den Insassen des »Al- batros« erkundigen, wollte wissen, ob es ihnen gelungen war, herauszukommen. Der Funker fühlte Pirx’ Nähe, er hob den Kopf und sah ihm ins Gesicht. Pirx fragte nicht. Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich, die Tür mit der Aufschrift : NUR FÜR STERNENPERSONAL! *,

Terminus

Von der Haltestelle war es noch weit, vor allem, wenn man einen Koff er trug wie Pirx. Der Morgen graute über den gespenstisch weißen Feldern, Lastwagen, denen silbrige Dampfschwaden vorauseilten, rollten vorbei. Ihre Reifen quietschten auf dem Asphalt, die Stopplichter fl ammten rot auf vor der Kurve. Pirx nahm den Koff er aus der ei- nen Hand in die andere und blickte zum Himmel auf. Er konnte die Sterne sehen, der tiefh ängende Nebel war nicht dicht. Gleich muß die Kursrakete zum Mars …, dachte er gerade – da erzitterte auch schon die Dämmerung, und ein unnatürlicher grüner Feuerschein erhellte den Nebel. Pirx öff nete instinktiv den Mund, der Donner zog heran, ein Gluthauch folgte ihm, die Erde bebte. Im Nu war über der Ebene eine grüne Sonne aufgegangen. Der Schnee er- glühte gift ig bis zum Horizont, die Schatten der Pfähle am Wege eilten weiter, und alles, was nicht in grelles Grün ge- taucht war, wirkte schwarz, verkohlt. Pirx rieb sich die grün schimmernden Hände. Er beobachtete, wie eines der gei- sterhaft erhellten schlanken Minarette, die wie durch eine seltsame Laune des Erbauers mitten aus einem von Hü- geln umgebenen Kessel aufragten, sich von der Erde losriß und auf einer Säule majestätisch aufzusteigen begann. Als der Donner materielle Gewalt angenommen hatte und den Raum ausfüllte, erblickte Pirx in der Ferne durch einen Fin- gerspalt Türme, Gebäude, Zisternen, die in einen brillan- tenen Schein getaucht waren. Die Scheiben des Komman- doturmes funkelten, als ob hinter ihnen ein Brand wütete., Alle Konturen begännen zu wogen, sich in der erhitzten Luft zu krümmen, während der Urheber dieses Schauspiels triumphierend brüllend in der Höhe verschwand und einen gewaltigen schwarzen Kreis rauchender Erde unter sich zu- rückließ. Nach einer Weile fi el warmer, großtropfi ger Kon- densationsregen vom sternklaren Himmel. Pirx nahm den Koff er auf und ging weiter. Die Rakete schien die Nacht durchbrochen zu haben – es wurde heller und heller, man konnte sehen, wie der tauende Schnee in den Gräben versackte und die ganze Ebene aus den Dampf- wolken auft auchte. Hinter den Drahtnetzen, die vor Nässe glitzerten, ver- liefen lange Schutzmauern für das Bodenpersonal. Gras- narbe bedeckte ihre Vorderseiten, glitschiges totes Gras aus dem Vorjahr, das sich mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte und den Füßen keinen Halt bot, Pirx hatte es eilig, er nahm sich nicht die Zeit, nach einem der Übergänge zu suchen. Im Anlauf erklomm er das Hindernis – und da erblick- te er sie. Sie war größer als die anderen und stand ein wenig ab- seits, hoch wie ein Turm. Raketen dieser Art wurden seit Jahren nicht mehr gebaut. Der Betonboden war mit Pfüt- zen übersät, Pirx wich ihnen sorgsam aus. Nach einigen Schritten wurden sie spärlicher – das Wasser war im Nu durch den thermischen Schlag verdampft . Pirx betrachtete das riesige Projektil; je näher er kam, desto höher mußte er den Kopf recken. Der Raketenpanzer sah aus, als sei er mit lehmgetränktem Stoff beklebt. Früher hatte man versucht, die Überzugmasse mit Karbidasbestfasern zu vermengen., Wenn sich ein solches älteres Raumschiff beim Bremsen in der Atmosphäre Brandstellen zuzog, dann glaubte man, ei- nen Körper vor sich zu haben, dem die Haut in Fetzen her- abhing. Es war sinnlos, sie abzureißen – sie bildeten sich immer wieder aufs neue, denn der Reibungswiderstand war ungeheuer groß. Uralt, dieses Schiff , sagte sich Pirx. Ausse- hen, Manövrierfähigkeit – die ganze Angelegenheit ist kri- minell, sie gehörte eigentlich vors Kosmische Tribunal … Der Koff er war schwer, aber Pirx hatte es nicht eilig, ihn loszuwerden. Er wollte sich das Schiff erst einmal genau von außen ansehen. Wie eine Jakobsleiter hob sich die durch- brochene Konstruktion des Aufstiegs gegen den Himmel ab. Alles war grau wie Stein – die Rakete selbst, die leeren Betonkisten, die Stahlfl aschen, das rostige Eisengerümpel, die Glieder der Metallschläuche. Ein wüstes Durcheinan- der, das von der Hast zeugte, mit der man ans Verladen ge- gangen war. Zwanzig Schritt vom Aufstieg entfernt setzte Pirx den Koff er ab und sah sich um. Die Fracht schien be- reits verstaut zu sein, denn die riesige, auf breiten Raupen- ketten ruhende Verladerampe war abgerückt, ihre Haken hingen in der Luft , zwei Meter vom Rumpf entfernt. Pirx machte einen Bogen um den stählernen Fuß, mit dem sich das gigantische Schiff auf den Boden stützte, und trat unter das Heck des himmelhoch aufragenden Kolosses, der im Schein des Morgenrots tiefschwarz wirkte. Der Stahlbeton war unter dem ungeheuren Gewicht eingesackt, rings um den Fuß verliefen strahlenförmig Risse nach allen Seiten. Auch dafür werden sie gehörig zahlen müssen, sagte sich Pirx und dachte an die Zulieferer. Er trat in den Schatten,, den das Heck warf, blieb unter dem Trichter des ersten Ka- tapults stehen und blickte in die Höhe. Der Reifenrand, der viel zu weit oben klafft e, als daß er ihn hätte erreichen kön- nen, war von einer dicken Rußschicht bedeckt. Pirx zog prüfend die Luft ein. Die Motoren schwiegen längst, aber noch immer war der charakteristische scharfe Ionisations- geruch zu spüren. »Komm doch mal«, sagte jemand hinter ihm. Er wand- te sich um, konnte aber niemanden entdecken. Die Stimme ertönte ein zweites Mal, ganz dicht, höchstens drei Schritt entfernt. »He, ist da jemand?« rief Pirx. Die Wort hallten dumpf unter der schwarzen Heckkuppel, in die Dutzende von Aus- stoßrohren mündeten. Stille … Pirx ging zur anderen Seite und erblickte mehrere Männer. Sie standen in einer Reihe, ungefähr fünfzehn Meter entfernt, und waren damit be- schäft igt, einen schweren Treibstoff schlauch über den Bo- den zu zerren. Außer ihnen rührte sich nichts, alles war öd und leer. Pirx sah ihnen eine Weile zu. Ihm war, als hörte er unklare, seltsam gestammelte Laute, diesmal schienen sie von oben an sein Ohr zu dringen. Sicherlich ein Schallef- fekt, den die Ausstoßrohre erzeugen, dachte er. Sie konzen- trieren alle Geräusche, sie wirken wie Refl ektoren … Er wandte sich um, holte seinen Koff er, schleppte ihn zum Trap. In Gedanken vertieft , erklomm er die sechs Stockwerke hohe Leiter. Es war sonderbar, aber er hätte nicht sagen können, was ihm durch den Kopf ging. Als er oben stand, auf der Plattform mit dem Aluminiumgelän- der, sah er sich nicht einmal Abschied nehmend um – so, etwas kam ihm gar nicht in den Sinn. Bevor er die Klappe aufstieß, betastete er die Panzerung – sie fühlte sich an wie ein Reibeisen. Unwillkürlich mußte er an einen von Säure zerfressenen Felsen denken. »Was hilft ’s, ich hab’s ja so gewollt«, murmelte er. Die Klappe ließ sich schwer öff nen, ein Findling schien auf ihr zu lasten. Die Druckkammer mutete wie das Innere eines Fasses an. Pirx’ Finger glitten über die Rohre, wischten den Staub breit. Staub, Rost … Als er sich durch die Luke zwängte, stellte er fest, daß die Isolierung gefl ickt war. Senkrechte Schächte, von Nacht- lampen erhellt, verliefen in beiden Richtungen. An ihren Enden schienen sie zu einem bläulichen Streifen zusam- menzulaufen. Irgendwo rauschten Ventilatoren, eine un- sichtbare Pumpe schnauft e. Pirx reckte sich, beim Anblick des ihn umgebenden Massivs der Decks und Panzer war ihm, als sei sein Körper gewachsen, als sei er selbst zum Riesen geworden. Neunzehntausend Tonnen – alle Wetter! dachte er beeindruckt. Auf dem Weg zum Steuerraum begegnete er niemandem. Im Korridor war es totenstill, Pirx kam es vor, als fl iege das Schiff bereits im Vakuum. Die Wände waren fl eckig, die Leinen – sie dienten im Zustand der Schwerelosigkeit als Halt – hingen verrottet herab, und die Muff en der Rohr- leitungen, dutzendemal geschweißt, glichen angekohlten Knollen, wie man sie aus einem Aschenhaufen heraus- klaubt. Pirx durchquerte einen Gang, dann einen zweiten, abfallenden, und erreichte schließlich einen sechseckigen Raum mit seitlich abgerundeten Metalltüren, die nicht mit, Pneumatics versehen waren, sondern mit schnurumwun- denen kupfernen Klinken. Die kleinen Fenster der Numeratoren zeigten gläserne Augäpfel. Pirx drückte auf den Taster des Informators – ein Knacken im Übermittler, ein Rascheln in der Metallbuch- se, aber das kleine Schild blieb dunkel. Was tun? überlegte er. Beim Überwachungsdienst be- schweren? Er öff nete eine Tür. Der Steuerraum glich einem Th ron- saal. Pirx sah sein Spiegelbild auf den Bildschirmen. In sei- nem Übergangsmantel und mit dem Koff er in der Hand er- innerte er an einen Spießer, der sich verlaufen hat. Sein Hut hatte im Regen völlig die Form verloren. Etwas erhöht stan- den die Pilotensitze, deren Ausmaße beeindruckend waren. Ihre Sitzfl ächen bewahrten noch den Abdruck menschli- cher Körper. Er setzte den Koff er ab, trat an den einen Sitz heran und erschrak vor seinem eigenen Schatten, als sei er dem Ge- spenst des letzten Steuermanns begegnet. Er schlug mit der Hand auf die Lehne. Staub wirbelte auf, stieg ihm in die Nase und zwang ihn zu niesen – einmal, zweimal. Er wur- de wütend, mußte aber unvermittelt lachen. Der Pianobe- lag war schon morsch, und solche Kalkulatoren hatte er auch noch nicht gesehen. Ihr Projektant war wohl auf Or- geln spezialisiert, dachte er belustigt. An den Pulten gab es unzählige Meßuhren – hundert Augen hätte man haben müssen, um sie alle auf einmal zu überschauen. Pirx wandte sich ab, sein prüfender Blick glitt von Wand zu Wand. Er sah das Gewirr der gefl ickten Kabel, die kor-, rodierten Isolationsplatten, das verblichene Rot der Lösch- leitungen und die ausgeleierten Eisenkurbeln zum Herun- terlassen der hermetischen Sperrplatten. Alles war alt an diesem Schiff , alt und verstaubt … Als er mit der Fußspitze gegen die Amortisatoren des Sitzes stieß, fl oß Öl aus der Hydraulik. Ach was! sagte er sich. Wenn andere gefl ogen sind, kann ich das auch … Er verließ den Steuerraum, öff nete die gegenüberliegende Tür, betrat einen Seitengang und schritt weiter. Kurz hinter dem Fahrstuhlschacht entdeckte er eine dunkle Einbuchtung in der Wand. Er legte die Hand darauf und fand seine Ver- mutung bestätigt: eine Plombe! Weitere Spuren von Lecks sah er nicht, man hatte off enbar die gesamte Sektion er- neuert, denn Decke und Wände waren makellos glatt. Sein Blick fi el erneut auf die Plombe. Der Zement war zu einem Klumpen erstarrt. Pirx glaubte den Abdruck von Händen zu erkennen, von Händen, die in fi eberhaft er Eile gearbei- tet haben mußten … Er stieg in den Aufzug und fuhr zur Atomsäule hinunter. An der Türscheibe glitten Leuchtzif- fern vorbei, sie zeigten die einzelnen Decks an: siebentes, sechstes, fünft es … Unten war es kühl. Der Korridor verlief im Bogen, ver- einigte sich mit anderen zu einem langen, niedrigen Flur. Pirx sah an seinem Ende die Tür zur Atomsäulekammer. Je weiter er kam, desto niedriger wurden die Temperaturen, sein Atem dampft e weiß im Licht der verstaubten Lampen. Woher die Kälte? fragte er sich kopfschüttelnd. Die Kühlag- gregate? Sie müssen hier irgendwo sein … Er lauschte. Die Bleche der Verschalung vibrierten., Pirx ging weiter, er konnte sich des Eindrucks nicht er- wehren, immer tiefer ins Erdinnere hinabzusteigen. Es hallte dumpf, wenn er die Füße aufsetzte, der Schall brach sich an der niedrigen Decke. Endlich erreichte er die Tür, sie war hermetisch verschlossen, die Kurbel ließ sich nicht bewegen. Er versuchte es mit Gewalt, aber sie rührte sich nicht. Schon wollte er den Fuß dagegenstemmen, da fi el ihm ein, daß er erst das Sicherungsstäbchen herausziehen mußte. Es folgte ein weiteres Hindernis, eine Art Flügeltür – stark wie die Wand eines Panzerschranks. In Augenhöhe waren die Reste von Buchstaben zu erkennen, der rote Lack war halb abgeblättert: LEB … G … HR Ein enger, fi nsterer Gang schloß sich an. Pirx setzte den Fuß auf die Schwelle – es klickte, grelles Licht blendete ihn, gleichzeitig fl ammte ein Warnschild auf mit einem dro- henden Totenkopf. Die hatten aber Angst damals! dachte Pirx, als er die Stufen zur Kammer hinabstieg. Das Blech dröhnte dumpf unter seinen Absätzen. Unten war ihm, als stünde er auf dem Boden eines trockenen Burggrabens. Vor ihm erhob sich die graue Schutzwand des Reaktors, zwei Stockwerke hoch und gewölbt, wie die gezackte Wehr einer Festungsmauer. Die Schutzwand war mit gelben und grünlichen Flecken übersät, die wie Pockennarben anmu- teten. Es waren Plomben – Spuren ehemaliger Strahlen- durchschüsse. Er versuchte, sie zu zählen, aber als er die, Plattform betrat und den Reaktor aus der Höhe betrachtete, gab er sein Vorhaben auf – vor lauter Plomben war stellen- weise die Wand nicht mehr zu sehen. Die Plattform ruhte auf kleinen Metallsäulen, sie war von der übrigen Kammer durch große Glasscheiben getrennt und wirkte wie ein durchsichtiger Würfel. Bleiglas, konsta- tierte Pirx. Es soll vor Strahlen schützen, dieses Überbleib- sel atomarer Architektur … Welch ein Unsinn … Unter einer kleinen Überdachung ragten Geigerzäh- ler hervor, sie waren fächerartig angeordnet und auf den Bauch der Säule gerichtet. Pirx entdeckte in einer Nische mehrere Meßuhren. Die Zeiger standen auf null – mit ei- ner Ausnahme. Die Atomsäule hatte Leerlauf. Pirx stieg hinab, kniete nieder, blickte in den kleinen Meßschacht und stellte fest, daß die Periskopspiegel bereits schwarze Altersfl ecke hatten. Wahrscheinlich zuviel radio- aktive Schlacke, dachte er. Na wennschon, schließlich geht’s nicht zum Jupiter, sondern zum Mars – in zehn Tagen kann ich zurück sein … Der Brennstoff würde sogar für mehrere solche Fahrten reichen … Pirx betätigte die Kadmiumblenden, der Zeiger zitterte unwillig und schlug bis zum Ende der Skala aus. Die Verzö- gerung hielt sich in den Grenzen des Erträglichen, die Kon- trolle würde schon ein Auge zudrücken. In der Ecke rührte sich etwas. Zwei kleine grüne Lich- ter glommen auf, starrten Pirx an, glitten zur Seite. Er trat zitternd näher – es war eine Katze, eine magere schwarze Katze. Sie miaute kläglich und drückte den Buckel an sein Bein. Er lächelte. Sein forschender Blick fi el auf ein eisernes, Regal mit mehreren Käfi gen, in denen sich etwas Weißes, Quirliges bewegte – weiße Mäuse. In den alten Raumschif- fen war es üblich, sie mitzuführen als lebende Meßgerä- te für radioaktive Strahlung. Er bückte sich, um die Kat- ze zu streicheln, aber sie entwischte ihm. Plötzlich blieb sie regungslos stehen, starrte unverwandt in den dunkelsten, engsten Teil der Kammer. Pirx beugte sich vor, das eigen- artige Gebaren des Tieres erregte seine Aufmerksamkeit. Er beobachtete, wie die Katze mit gekrümmtem Rücken und vorgestreckten Pfoten auf einen Betonpfeiler zuschlich. Da- hinter war im Halbdunkel eine viereckige Öff nung zu er- kennen – off enbar ein Durchgang – und außerdem eine schräge Wand mit einer halb geöff neten Tür. Pirx’ Neugier wuchs. Er sah, daß dort irgend etwas schimmerte – etwas, was er für die Glieder eines Metallschlauches hielt. Die Kat- ze verharrte unmittelbar davor, mit gesträubtem Haar und zitternder Schwanzspitze. »Na, na – da ist doch nichts … Da kann doch gar nichts sein«, murmelte Pirx vor sich hin. Er kauerte sich nie- der, streckte den Kopf vor – und stutzte: Dort saß jemand. Deutlich war ein Rumpf zu erkennen, er schien in sich zu- sammengesackt zu sein. Die Katze erwachte aus der Erstar- rung, leise mauzend, näherte sie sich der kleinen Tür. Pirx’ Augen gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit, er sah spitz hervortretende Kniegelenke, metallene Beinschienen und segmentarische Arme. Nur der Kopf lag im Schatten. Die Katze miaute. Der eine Arm bewegte sich knarrend, wurde vorge- streckt. Die eisernen Fingerspitzen berührten den Boden,, so daß sich ein schräges Podest bildete. Blitzschnell husch- te die Katze hinauf und ließ sich auf der Schulter der un- heimlichen Gestalt nieder. »He, du!« sagte Pirx – er wußte selber nicht, ob er die Katze meinte oder das Geschöpf. Der Arm bewegte sich in die Ausgangsstellung zurück – langsam, als habe er einen gewaltigen Widerstand zu überwinden. »Wer dort?« fragte der Automat. Die Stimme schien aus einem eisernen Rohr zu kommen. »Terminus spricht – wer dort?« »Was tust du hier?« fragte Pirx. »Ter-minus spricht … Bin hier … Kalt … Sehe schlecht«, krächzte er heiser. »Achtest du auf die Atomsäule?« Pirx ließ die Hoff nung fahren, nähere Auskünft e zu bekommen, denn der Robo- ter war off ensichtlich genauso alt und verkommen wie das ganze Raumschiff . Und dennoch, irgend etwas bewog ihn, weitere Fragen zu stellen. War es der sonderbare Ausdruck der grünen Pupillen, die ihn anstarrten? »Terminus spricht … Die Säule … Ich … Die Säule … Die Säule …«, stammelte der Roboter dümmlich. »Steh auf!« befahl Pirx, ihm fi el nichts anderes ein. Im Innern des Automaten rasselte es. Pirx wich zurück, als er zwei riesige Metallfüße mit gespreizten Zehen aus dem Dunkel auf sich zukommen sah. Sie drehten sich nach au- ßen herum und krallten sich am Gesims fest. Der Rumpf, in dem es immer noch gedehnt rasselte, richtete sich knir- schend und quietschend auf und zeigte sich im Licht. Öl- tropfen quollen aus den Gelenkverbindungen, sie ver-, banden sich mit dem Staub zu einem schwärzlichen Brei. Terminus schwankte hin und her, er glich eher einem Rit- ter in voller Rüstung als einem Automaten. »Ist das hier dein Platz?« fragte Pirx. Die gläsernen Au- gen gingen auseinander, der Roboter schien sich zu orien- tieren, das abgefl achte Gesicht wirkte durch dieses Schielen noch ausdrucksloser als vorher, noch stumpfsinniger. »Die Plomben vor – be – rei – tet … zwei, sechs, acht Pfund … Sehe schlecht … Kalt …« Die Stimme kam nicht aus dem Kopf, sondern aus einem breiten Brustschild. Die Katze lag zusammengerollt auf der Schulter des Metallrie- sen, sie blickte Pirx an. »Plomben vorbereitet …«, krächzte Terminus weiter und unterstrich seine Worte mit Gebärden, die Pirx gut kann- te. Er griff mit schaufelartig geformten Händen in die Luft und stieß die Arme abwechselnd vor. Pirx verstand – auf diese Art wurden undichte radioaktive Stellen plombiert. Der oxydierte Rumpf war durch die heft igen Bewegungen ins Taumeln geraten. Die Katze auf seiner Schulter fauch- te wütend, zerkratzte das Blech, verlor das Gleichgewicht, sprang wie ein schwarzer Blitz auf den Boden und prallte gegen Pirx’ Beine. Der Automat schien das nicht bemerkt zu haben, er war verstummt. Die Hände zuckten noch eine Weile wie ein allmählich verhallendes Echo, aber schließ- lich erstarrten auch sie. Pirx warf einen Blick auf die spröde, morsche Wand des Reaktors, die mit Sickerstellen und dunklen Flecken über- sät war, den Spuren zahlloser Zementabdichtungen. Dann wandte er sich wieder Terminus zu. Er schien sehr alt zu, sein, älter noch als das Raumschiff . Die rechte Schulter war off ensichtlich einmal erneuert worden, Ölschmutz klebte an Hüft en und Schenkeln, rings um die Nahtverbindun- gen hatte das geglühte Blech eine granitene Farbe ange- nommen. »Terminus!« Pirx rief es so laut, als ob er einen Tauben vor sich hätte. »Terminus, geh auf deinen Platz!« »Ich gehe …« Der Automat bewegte sich wie ein Krebs, er wich zurück und zwängte sich rasselnd in sein off enes Versteck. Pirx sah sich nach der Katze um, konnte sie aber nirgends entdecken. Er verließ die Kammer, schloß die Tür hinter sich und fuhr mit dem Aufzug in den vierten Stock zur Navigationskabine. Es war ein breiter, niedriger Raum mit geschwärzter Ei- chenverkleidung und einem Balkengewölbe, er ähnelte mit seinen Bullaugen, die von kupfernen Ringfassungen um- geben waren, einer Schiff skajüte. Vor vierzig Jahren galt das als modern, sogar die Plastikbeschläge waren so ge- fertigt, daß sie wie eine Holztäfelung wirkten. Pirx öff ne- te eines der runden Fenster und hätte sich um ein Haar den Kopf gestoßen – verborgene Glühlampen schufen die Illusion von Tageslicht. Er schlug die gläserne Klappe zu und wandte sich um. Von der Decke hingen große, bis auf den Fußboden reichende Himmelskarten herab, blaßblau wie die Meere im Atlas, in den Ecken lag Pauspapier her- um, über und über mit bunten Kursdiagrammen bemalt. Das Reißbrett unter dem kleinen Punktscheinwerfer war von Zirkelstichen durchlöchert. In einem Winkel des Rau- mes stand ein Schreibtisch, davor ein schwerer Eichenses-, sel, der am Fußboden festgeschraubt war. Der Sessel hat- te ein Kugelgelenk, er ließ sich nach jeder beliebigen Seite neigen. In die Wände waren breite, geräumige Bücherrega- le eingelassen. Eine wahre Arche Noah, dachte Pirx. Wie hatte sich der Agent doch gleich ausgedrückt? »Sie bekom- men ein historisches Schiff «, hatte er gesagt, als er den Ver- trag unterzeichnete … Aber »alt« bedeutet doch noch lan- ge nicht »historisch« … Er zog die Schreibtischschubladen heraus, eine nach der anderen. Endlich fand er, was er suchte – das Logbuch, ein dicker Wälzer in Ledereinband mit fl eckigen Beschlägen. Er schlug es im Stehen auf, er schien sich nicht entschlie- ßen zu können, in dem großen, ausgebeulten Sessel Platz zu nehmen. Auf der ersten Seite war das Datum des Ver- suchsfl uges eingetragen, darunter klebte eine Photokopie des technischen Übergabedokuments der Werft . Pirx blin- zelte, damals hatte er noch nicht gelebt. Er suchte nach der letzten Eintragung, sie war für ihn am wichtigsten. Als er sie fand, stellte er fest, daß sie mit dem überein- stimmte, was er von dem Agenten erfahren hatte – das Schiff lud seit einer Woche Maschinen und Kleingut für den Mars. Der Start, ursprünglich für den Achtundzwanzigsten angesetzt, war verschoben worden, seit drei Tagen wurde also Standzeit berechnet. Aha, deshalb beeilen sie sich so …, dachte Pirx. Na ja, die Standzeiten in einem irdischen Hafen können wirklich einen Millionär ruinieren … Er blätterte in dem Buch, unterzog sich aber nicht der Mühe, die verblaßte Schrift zu lesen. Hin und wieder fi elen ihm einzelne stereotype Wendungen ins Auge – Kurszah-, len, Resultate von Berechnungen –, es war nicht das, was er suchte. Bei einer Eintragung verweilte er länger. Schiff in die Werft Ampers-Hart gegeben – Überholung I. Kategorie. Der Vermerk war drei Jahre alt – Pirx entnahm es dem Datum. Mal sehen, was sie ausgebessert haben, dachte er. Nicht daß er neugierig war, er wollte sich nur informie- ren. Als er die Aufstellung der Reparaturen durchsah, fi el er von einem Erstaunen ins andere. Von Spitzenpanzerungen war da die Rede, von sechzehn Decksektionen, von Span- ten für den Mantel des Reaktors, von hermetischen Ver- bänden … Neue Verbände? Neue Spanten? Richtig! Der Agent hatte doch etwas von einer Havarie erzählt … Havarie? Das muß wohl eher eine Katastrophe gewesen sein … Er blätterte zurück, um etwas aus den Eintragungen vor der Überholung zu erfahren … Bestimmungshafen: Mars, las er. Ladung: Kleingut – Besatzung: Ingenieur Pratt, Erster Offi zier – Wayne, Zweiter Offi zier – Potter und Nolan, Pilo- ten – Simon, Mechaniker … Und der Kommandant? Er schlug eine weitere Seite um und zuckte zusammen: Die Schiff sübernahme war vor neunzehn Jahren! Unter- schrift : Momssen, Erster Navigator … Momssen! Momssen? Das kann doch nicht der Momssen sein … Das war doch damals ein ganz anderes Schiff ! Aber das Datum stimmte – es war genau neunzehn Jahre her. Moment mal, sagte sich Pirx. Ruhig, nur ruhig …, Er griff ein zweites Mal nach dem Logbuch. Eine schwungvolle, deutliche Schrift , die Tinte war verblichen. Da, der erste Reisetag. Der zweite, der dritte. Kleines Leck im Reaktor – 0,4 Röntgen pro Stunde – Plombiert – Kursbe- rechnungen – Sternfi x. Weiter, weiter! Pirx las nicht mehr, seine Augen hüpft en über die Zeilen. Da! Das Datum, das er sich in der Schule eingeprägt hat- te, und darunter stand : 16.40 Uhr – Dejmos warnt vor einer aus der Jupiterperturbation der Leoniden stammenden Wol- ke, die mit Kollisionskurs bei einer Geschwindigkeit von 40 km/sec durch eigenen Sektor fl iegt – Der MW-Empfang be- stätigt – Für Besatzung PM-Alarm erklärt – Trotz des Lecks im Reaktor von 0,42 Röntgen pro Stunde Ausweichmanöver mit voller Kraft und approximativem Kurs auf Oriondelta. Darunter neue Zeile: Um 16.51 auf … Der Rest der Sei- te war unbeschrieben. Keine Vermerke mehr, keine Kritzeleien, keine Flek- ke – nichts. Der letzte Buchstabe widersprach den Regeln der Schönschrift , er ging in einen langen, jäh abfallenden Strich über. Dieser zittrige Strich, mit dem die Eintragungen endeten, sagte alles. Pirx glaubte das Prasseln der Einschläge zu ver- nehmen, das Heulen der entweichenden Luft , die Schreie der Menschen, denen Augäpfel und Kehlen barsten … Aber das Raumschiff hatte doch einen Namen … Wie hieß es bloß? Es war unerklärlich – er konnte sich nicht erinnern, und dabei war er ihm so geläufi g gewesen, er war ihm in, Fleisch und Blut übergegangen wie der Name des Schiff es von Christoph Kolumbus. Herrgott, wie hieß es doch gleich … Es war das letzte, das Momssen kommandiert hatte … Er eilte in die Bibliothek, griff nach einem dicken Band, dem Lloydregister. Mit »K« fi ng es an, überlegte er. »Kos- monaut«? Nein. »Kondor«? Nein. Länger … Nach einem Drama … Irgendein Held, ein Ritter … Er warf den Band auf den Schreibtisch und fi xierte die Wände. Zwischen den Bücherregalen und dem Schrank mit den Landkarten hingen Apparate – ein Hygrometer, ein Geigerzähler, ein Gerät zum Messen von Wasserstoff di- oxyd … Er nahm sie der Reihe nach in die Hand, fand aber keine Aufschrift en. Sie schienen übrigens neu zu sein. Dort, in der Ecke! An einer Eichenplatte leuchtete das Ziff erblatt eines Ra- diographen. Es war ein altes Gerät mit Messingverzie- rungen – solche Modelle wurden nicht mehr hergestellt. Er löste rasch die Schrauben, zog vorsichtig mit den Fin- gerspitzen an der Einfassung und drehte den Metallbehäl- ter um. Da stand es geschrieben, eingraviert in den golden schimmernden Messingboden: KORIOLAN. Das war das Schiff ! Er schaute sich in der Kabine um. Hier also, in diesem Sessel, hatte seinerzeit der berühmte Momssen gesessen – bis zum letzten Augenblick! Er klappte das Lloydregister auf und suchte unter »K«. KRONE DES SÜDENS, KORSAR, KORIOLAN: Ein Schiff der Compagnie … 19 000 Tonnen ruhende Masse … vom Sta- pel gelaufen im Jahre … Uran-Wasserstoff -Reaktor, System …, Kühlung … Zugkraft … maximale Reichweite … eingeführt auf der Linie Terra-Mars, verlorengegangen infolge Kollision mit dem Strom der Leoniden … nach sechzehn Jahren von ei- nem Patrouillenschiff im Aphel der Umlaufb ahn … wiederge- funden, nach Überholung I. Kategorie bei Ampers-Hart durch die Compagnie des Südens auf der Linie Terra-Mars einge- setzt … Kleinguttransport … Versicherungstarif … Nein, das nicht … aber hier: … unter dem Namen »Blauer Stern«. Pirx schloß die Augen. Wie still es ist … Sie haben also den Namen geändert … Sie wollten bei der Anheuerung ei- ner neuen Besatzung keine Schwierigkeiten haben … Des- halb hatte der Agent … Ihm fi el ein, was man sich in der Basis über den Fall erzählte. Es war ja ihr Patrouillenschiff gewesen, das das Wrack entdeckt hatte … Die Meteoritenwarnungen kamen damals immer viel zu spät. Das Protokoll der Katastro- phenkommission war lakonisch abgefaßt: »Höhere Gewalt … Keine Schuldigen.« Und die Besatzung? Man fand Spu- ren, die darauf hindeuteten, daß nicht alle sogleich umge- kommen waren. Zu denen, die am Leben blieben, gehörte der Kommandant. Die Männer waren durch die Trümmer der zerstörten Decks voneinander getrennt worden, aber Momssen brachte es zuwege, daß keiner seelisch zusam- menbrach, obwohl ihnen keine Hoff nung auf Rettung blieb. Sie lebten bis zur letzten Sauerstoff fl asche, bis zum bitteren Ende. Und dann gab es noch etwas Eigenartiges, eine ma- kabre Einzelheit, die wochenlang durch die Presse geister- te, bis eine neue Sensation alles in Vergessenheit geraten ließ – was war es nur?, Pirx sah sich im Geiste wieder in dem modernen Hör- saal … Sein Kamerad Smiga, über und über mit Kreide beschmiert, stand an der Tafel und quälte sich mit Mo- dellzeichnungen herum, und er, Pirx, las heimlich eine Zei- tung, die er auf dem Boden des Schubfaches ausgebreitet hatte: »Wer ist imstande, den Tod zu überleben? Nur ein Toter!« Ja, natürlich – das war’s! Ein einziger war bei der Katastrophe unversehrt geblieben, einer, der weder Sauer- stoff noch Lebensmittel brauchte – der Roboter! Sechzehn Jahre lang hatte er unter Trümmern gelegen! Pirx erhob sich. Terminus! dachte er. Bestimmt, ganz be- stimmt … Er hatte ihn an Bord. Er könnte es wagen, ihn zu fragen … Unsinn! Ein mechanischer Schwachkopf, eine Maschine zum Abdichten von Lecks, blind und taub vor Alter! Ledig- lich die Presse, in ihrem ewigen Bemühen, aus jedem Ereig- nis ein Maximum an Sensation herauszuziehen, hatte ihn mit marktschreierischen Schlagzeilen zum geheimnisvollen Zeugen der Tragödie erklärt und behauptet, er sei von ei- ner Kommission hinter verschlossenen Türen vernommen worden. Pirx dachte an das stumpfsinnige Krächzen des Automaten. Unsinn, ganz off ensichtlicher Unsinn! Er klappte das Logbuch zu, warf es in die Schublade und sah auf die Uhr. Punkt acht, höchste Zeit! Alles war zum Start bereit – Luken geschlossen, Hafenkontrolle und sanitäre Über- prüfung beendet, Zollerklärungen avisiert. Pirx suchte die Frachtpapiere zusammen, er überfl og das Warenzertifi kat und wunderte sich, daß ihm keine genaue Liste vorlag. Ma-, schinen? Schön und gut, aber was für welche? Und welches Taragewicht? Weshalb fehlt das Diagramm der Ladung mit dargestelltem Schweremittel? Nichts – nur das Bruttoge- wicht und das Schema der Verteilung auf die Laderäume. Im Heck sind kaum dreihundert Tonnen verstaut – wieso? Soll das Schiff mit verminderter Last fl iegen? Warum er- fahre ich das zufällig und im letzten Augenblick? Er durchwühlte in fi eberhaft er Hast die Fächer, warf die Papiere durcheinander, ohne zu fi nden, was er suchte – und er vergaß darüber völlig die Tragödie, die ihn eben noch beschäft igt hatte. Als er den Radiographen erblickte, den er aus der Kassette herausgenommen hatte, fi el ihm die gan- ze Geschichte wieder ein, und er zuckte zusammen. Kurz darauf geriet ihm ein Zettel in die Finger. Ihm entnahm er, daß im letzten Laderaum, dessen Boden an die Atomsäule grenzte, achtundvierzig Kisten mit Lebensmitteln lagerten. »Leicht verderbliche Lebensmittel« stand da geschrieben. Weshalb haben sie das Zeug ausgerechnet dort unterge- bracht, wo die Temperaturen bei laufenden Motoren am höchsten sind und wo es kaum Frischluft gibt? fragte er sich. Ist das Absicht? Soll es verderben? Es klopft e. »Bitte!« sagte er, eiligst bemüht, die Papiere zu ordnen und wegzuschließen. Zwei Männer traten ein, blieben auf der Schwelle stehen. »Boman, Nukleoniker.« »Sims, Elektriker.« Pirx stand auf. Sims war jung, hager, die emsig hin und her huschenden Äuglein erinnerten an ein Eichkätzchen., Er hustete. In Boman erkannte Pirx auf den ersten Blick den Veteranen. Sein Teint war braun – braun mit einem charakteristischen Stich ins Orangefarbene. Es waren die Spuren kosmischer Strahlen – kleiner Mengen, die sich im Laufe der Jahre summiert hatten. Boman reichte Pirx kaum bis zu den Schultern. Damals, als er zu fl iegen be- gann, zählte noch jedes Kilo Gewicht an Bord. Obwohl er mager war, wirkte sein Gesicht gedunsen. Dunkle Säcke la- gen unter seinen Augen – stumme Zeugen der Belastun- gen, denen der Organismus ausgesetzt gewesen war. Die Unterlippe verdeckte die Zähne nicht. So werde ich auch mal aussehen, dachte Pirx, während er mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging.

II

Die Hölle begann um neun. Auf dem Startplatz herrschte das übliche Treiben. Die Raumschiff e standen in lan- gen Reihen bereit, alle sechs Minuten belferten die Laut- sprecher, Warnraketen wurden abgeschossen, Triebwerke dröhnten, brüllten, donnerten im Probelauf. Ein Schiff star- tete nach dem anderen, jedesmal regnete es Staubkaskaden vom Himmel. Kaum hatte sich der Schmutz gesetzt, da kam von dem kleinen Turm schon das Signal »Freie Bahn!« für den nächsten Piloten. Alle hatten es eilig, jeder wollte ein paar Minuten gewinnen – so war es in den Spitzenzeiten auf allen Güterumschlaghäfen. Fast jedes Schiff fl og zum Mars, die Menschen dort baten verzweifelt um Maschinen, und Grünzeug, sie bekamen oft monatelang kein Frisch- gemüse zu sehen, denn die hydroponischen Solarien wa- ren erst im Bau. Kräne wurden verladen, Betonmischmaschinen, Ele- mente von Gitterkonstruktionen, Glaswatte in großen Bal- len, Medikamente, Behälter mit Zement und Rohöl. Jedes- mal, wenn ein Warnzeichen ertönte, gingen die Arbeiter in Deckung. Sie sprangen in die Strahlungsschutzgräben, in gepanzerte Zugmaschinen – und kaum war alles vorbei, da nahmen sie ihre Tätigkeit wieder auf, auch wenn der Betonboden noch nicht abgekühlt war. Um zehn, als sich die Sonne über dem Horizont zeigte, rot, rauchverhangen und eigenartig gedunsen, waren die Betonschutzwälle zwi- schen den Startrampen rissig, rußbedeckt und vom Feu- er zerfressen. Die Schäden wurden rasch mit schnelltrock- nendem Zement ausgebessert, der wie Schlammfontänen aus den Schläuchen quoll. Die Männer der Strahlungsbe- kämpfung sprangen in ihren Skaphandern aus den Spezial- fahrzeugen und rieben den Boden mit Sandstrahlgebläsen ab, Sirenengeheul ertönte, schwarz-rote Kontrollwägelchen, schachbrettartig bemalt, rasten in alle Winde auseinander. Im Kommandoturm schrie sich jemand heiser, oben krei- sten wie große Bumerangs die Radargeräte – kurz, alles war so wie immer. Pirx war überall. Er nahm Frischfl eisch in Empfang, das im letzten Augenblick angeliefert wurde, tankte Trinkwas- ser und überprüft e die Kühlaggregate – die Mindesttem- peratur betrug minus fünf Grad, der Kontrolleur wackel- te bedenklich mit dem Kopf, aber er ließ sich erweichen, und unterschrieb. Bei der Probe begannen die Kompresso- ren an den Ventilen zu schwitzen, Pirx’ Stimme tönte wie die Posaunen von Jericho. Zu allem Überfl uß stellte sich heraus, daß die Wasserlast schlecht verteilt war, irgendein Schwachkopf hatte das Ventil herumgeworfen, bevor sich die Bodenbassins gefüllt hatten. Pirx unterzeichnete Papie- re, man drückte ihm gleich fünf auf einmal in die Hand, er wußte gar nicht mehr, was er da unterschrieb. Um elf, eine Stunde vor dem Start, geschah es. Die Flug- hafenbehörde erlaubte den Start nicht – das Düsensystem sei zu alt, der radioaktive Niederschlag zu gefährlich, über- dies habe das Raumschiff keinen Borwasserstoffh ilfsantrieb wie der »Gigant«, der um sechs gestartet war; Pirx, schon heiser vom vielen Schreien, reagierte ganz ruhig. Ob sich der Flugdienstleiter darüber im klaren sei, was er da sage? Ob er den »Blauen Stern« erst jetzt bemerkt habe? Daraus könnten sich große, sehr große Unannehmlichkeiten er- geben. Zusätzlicher Schutz? Welcher Art? Sandsäcke – wie viele? Dreitausend Stück, Bagatelle! Bitte sehr, er würde auch unter diesen Umständen pünktlich starten. Die Ko- sten zu Lasten der Compagnie? Mochten sie! Er schwitzte. Alles schien sich verschworen zu haben, einzig und allein, um das Chaos noch zu vergrößern. Der Elektriker machte dem Mechaniker Vorwürfe und behaup- tete, er habe die Notleitung nicht überprüft , der zweite Pi- lot war »für fünf Minuten« irgendwohin verschwunden, es hieß, er nehme Abschied von seiner Braut, auch der Sa- nitäter war fort. Vierzig gepanzerte Mammute umringten das Schiff , Männer in schwarzen Monteuranzügen stapel-, ten hastig Sandsäcke – das hektische Lichtsignal am Turm trieb sie zur Eile –, ein Funkspruch war gekommen, aber anstelle des Piloten hatte ihn der Elektriker entgegenge- nommen und versäumt, ihn einzutragen: »Das ist nicht meine Sache!« Pirx brummte der Schädel. Er täuschte nur noch vor, über den Dingen zu stehen. Zwanzig Minuten vor dem Start faßte er einen riskanten Entschluß – er ließ das ge- samte Wasser von der Spitze ins Heck umpumpen. Mag ge- schehen, was will, dachte er. Schlimmstenfalls wird es sie- den … Hauptsache, die Standfestigkeit erhöht sich! Elf Uhr vierzig – Motorenprobe. Nun gab es kein Zu- rück mehr. Pirx’ Vermutung, daß die Männer nichts taug- ten, erwies sich als übereilt. An Boman fand er sogar Ge- fallen. Man sah und hörte ihn nicht, dennoch lief alles wie am Schnürchen. Düsengebläse, kleiner Schub, voller Schub – sechs Minuten vor Null, als die Flughafenbehörde »Zum Start« kommandierte, war alles bereit. Die Männer lagen auf den heruntergeklappten Sesseln, Mulat, der zweite Pi- lot, war recht niedergeschlagen von seiner Braut zurückge- kehrt, und auch der Sanitäter hatte sich eingefunden. Der Lautsprecher krächzte, blökte, der Zeiger kroch auf Null – Start. Pirx war sich darüber im klaren, daß ein Neunzehn- tausend-tonnenschiff etwas anderes war als ein kleines Patrouillenboot, in das man gerade so hineinpaßte. Ein Raumschiff ist kein Floh, es springt nicht, der nötige Schub will erst einmal herausgeholt werden. Pirx wußte das, aber was nun folgte, übertraf seine Befürchtungen. Die Zeiger, standen schon auf halber Kraft , der Rumpf bebte von den Heckdüsen bis zur Spitze, als wollte er bersten – und dabei hatte sich der »Blaue Stern« noch nicht einmal vom Bo- den erhoben! Vielleicht liegen wir irgendwie fest, dachte Pirx. So etwas soll ja alle hundert Jahre einmal vorkom- men. Plötzlich zuckte der Zeiger vor – sie »standen« auf der Feuersäule, der Rumpf zitterte, die Nadel des Schwere- messers tanzte wie toll. Pirx lehnte sich zurück, entspannte die Muskeln. Von nun an konnte er nichts mehr tun, selbst wenn er gewollt hätte. Der »Blaue Stern« schoß hoch. Pirx handelte sich eine Funkwarnung ein. Starts mit vollem Schub waren verbo- ten wegen zu hoher Radioaktivität. Die Gesellschaft wird Strafe zahlen müssen, sagte er sich. Sehr gut, soll sie doch, hol sie der Teufel … Er schnitt eine Grimasse. Ich könn- te mich mit der Hafenbehörde auseinandersetzen, könn- te darauf hinweisen, daß ich nur mit halber Kraft gestartet bin – aber wozu? Soll ich vielleicht landen, eine Kommissi- on einberufen und eine protokollarische Abschrift der No- tierungen in den Uranographen verlangen? Pirx hatte andere Sorgen, ihn beschäft igte das Durchsto- ßen der Atmosphäre. Er hatte noch nie in seinem Leben in einem Raumschiff gesessen, das so zitterte. Etwas Ähn- liches mochten wohl nur die Menschen im Kopft eil eines mittelalterlichen Sturmbocks empfunden haben, wenn sie Mauern zum Einsturz brachten. Alles hüpft e auf und nie- der, die Männer wurden in den Gurten hin und her ge- rissen – die Seele drohte ihnen aus dem Leib zu springen. Der Schweremesser schien sich nicht entscheiden zu kön-, nen, mal zeigte er 3,8 an, mal 4,9, dann kroch er schamlos bis 5, und schließlich fi el er erschrocken auf 3 zurück. Es war, als hätten sie Klöße in den Düsen! Nun hatten sie vol- len Schub. Pirx preßte beide Hände um die Haube – anders konnte er die Stimme des Piloten nicht hören. Der »Blaue Stern« brüllte, aber es war beileibe kein ballistisches Tri- umphgebrüll, sondern ein Verzweifl ungsschrei, ein Kampf mit der irdischen Schwerkraft auf Leben und Tod. Minu- tenlang schien das Schiff unbeweglich im Raum zu stehen und den Planeten mit Urgewalt zurückzustoßen – so fühl- bar waren die qualvollen Bemühungen des »Sterns«! Die Konturen der Bleche und Fugen verschwammen in dem stetigen Vibrieren, Pirx glaubte schon das Bersten der Näh- te zu vernehmen, aber es war eine Sinnestäuschung – in dieser Hölle hätte er nicht einmal die Trompeten des Jüng- sten Gerichts gehört. Die Temperatur der Spitzenpanzerung war der einzige Wert, der nicht schwankte, er ging nicht zurück, sprang nicht hoch, sondern kletterte langsam und gleichmäßig, als sei auf der Skala noch ein Meter Platz. Zweitausend- fünfh undert, zweitausendachthundert – kaum ein paar Striche waren übrig. Dabei hatten sie noch nicht einmal die erste kosmische Geschwindigkeit! Alles, was sie her- auszuholen vermochten, waren 6,6 km/sec, und das in der vierzehnten Flugminute! Pirx kam ein entsetzlicher Ge- danke, ein Alptraum, wie er manchmal Piloten heimsucht: die Vorstellung, das Raumschiff habe sich überhaupt nicht von der Erde gelöst … Vielleicht sind das gar nicht vor- überhuschende Wolken dort auf dem Bildschirm – viel-, leicht ist es Dampf aus geplatzten Kühlrohren! Aber so war es nicht: Sie fl ogen. Der Sanitäter lag kreidebleich da, er schien krank zu sein. Von ihm werden wir nicht viel Für- sorge erwarten können, dachte Pirx. Die Ingenieure hielten sich gut, Boman schwitzte nicht einmal – er war grau im Gesicht, hielt die Augen geschlossen, still und friedlich wie ein kleiner Junge. Unter den Sitzen spritzte Flüssigkeit aus den Amortisatoren, daß es nur so eine Art hatte – die Kol- ben stießen fast ganz durch. Bin neugierig, was geschieht, wenn sie wirklich durchstoßen, dachte Pirx. Die altmodische Anordnung der Meßuhren war ihm un- gewohnt, er wandte den Kopf stets nach der verkehrten Sei- te, wenn er Schub, Kühlung, Geschwindigkeit oder den Zu- stand der Panzerung kontrollieren wollte. Der Pilot schrie – anders war es ihm nicht möglich, sich mit Pirx über Interkom zu verständigen. Er schien ein we- nig die Übersicht verloren zu haben, denn der »Stern« wich vom Kurs ab. Es waren zwar nur geringe, ja winzige Abwei- chungen, aber beim Durchstoßen der Atmosphäre genüg- ten sie, um die eine Flanke des Schiff es stärker zu erhitzen als die andere. So etwas führt zu ungeheuren thermischen Spannungen in der Panzerung und kann unter Umstän- den fatale Folgen haben. Pirx blieb nichts weiter übrig, als zu hoff en. Wenn die zottige. Schale Hunderte solcher Starts ausgehalten hat, dann wird sie auch diesen überste- hen, dachte er. Der Th ermodampfzeiger war inzwischen bis zum Ska- lenende vorgerückt – dreitausendfünfh undert Grad. Noch zehn Minuten diese Temperatur, und die Panzerung geht, aus den Fugen, sagte sich Pirx. Selbst Karbide sind nicht unzerstörbar … Wie dick mag der Panzer sein? Keine An- gaben … Jedenfalls ist er ordentlich angesengt … Ihm wur- de heiß, aber das war wohl mehr auf seine rege Phanta- sie zurückzuführen, denn innen zeigte das Th ermometer siebenundzwanzig Grad an, wie beim Start. Sie hatten den sechzigsten Kilometer erreicht, die Atmosphäre lag prak- tisch unter ihnen, die Geschwindigkeit betrug 7,4 km/ sec. Sie fl ogen etwas gleichmäßiger, aber immer noch un- ter dreifacher Belastung. Der »Stern« bewegte sich wie ein bleierner Klotz, es gab kein Mittel, ihn in Schwung zu brin- gen – nicht einmal im Vakuum. Pirx wußte nicht, woran es lag. Eine halbe Stunde später nahmen sie bereits Kurs auf den Arbiter – erst hinter ihm, dem letzten der Satelliten, soll- ten sie auf die elliptische Bahn Erde-Mars einbiegen. Alle hatten sich aufgesetzt, Boman massierte sich das Gesicht. Pirx fühlte, daß auch seine Mundpartie geschwollen war, vor allem die Unterlippe. Die Männer hatten blutunterlau- fene, trübe Augen, Heiserkeit plagte sie und trockener Hu- sten. Aber das waren normale Symptome, gewöhnlich ver- schwanden sie nach einer Stunde. Die Atomsäule arbeitete zufriedenstellend. Der Schub war nicht schwächer geworden, stärker allerdings auch nicht. Im Vakuum hätte er eigentlich zunehmen müssen, aber er tat es nicht – der »Stern« schien sich nicht einmal nach den elementarsten Gesetzen der Physik zu richten. Sie hatten nun elf Kilometer pro Sekunde, und es galt, normale Kuriergeschwindigkeit zu erreichen, weil sie sonst monate-, lang zum Mars hätten bummeln müssen. Vorerst jedoch vi- sierten sie den Satelliten Arbiter an. Pirx ging es wie allen Navigatoren, vom Arbiter erwar- tete er nichts als Unannehmlichkeiten – entweder Vorhal- tungen wegen des unvorschrift smäßig großen Triebstrahls oder die Behauptung, man dränge sich ihm auf, obwohl er, Arbiter, zuerst ein wichtigeres Raumfahrzeug durchlassen müsse, oder eine Rüge, weil die ionisierenden Entladungen in den Düsen den Funkempfang störten – aber diesmal ge- schah nichts dergleichen. Arbiter ließ sie anstandlos passie- ren. Das einzige, was sie von ihm hörten, war eine Meldung über »hohes Vakuum«. Pirx beantwortete den Funkspruch, und damit war der Austausch kosmischer Höfl ichkeiten be- endet. Sie steuerten nun direkten Kurs. Man konnte sich schon bewegen, konnte aufstehen und sich ein wenig die Beine vertreten. Der Funkmechaniker, der gleichzeitig als »Smut- je« fungierte, ging zur Kombüse. Alle waren hungrig, vor allem Pirx, der noch gar nichts im Magen hatte. Im Steuerraum begann die Temperatur zu steigen, die Glut der erhitzten Panzerung drang mit gewisser Verspä- tung ins Innere. Ein penetranter Geruch breitete sich aus – das Öl war aus der Hydraulik gefl ossen und bildete rings um die Sitze große Lachen. Der Kernphysiker fuhr zur Säule hinunter, um nachzuse- hen, ob es Neutronenlecks gab. Pirx plauderte unterdessen mit dem Elektriker, es stellte sich heraus, daß sie gemein- same Bekannte hatten. Er begann sich allmählich wohl zu fühlen, zum erstenmal, seit er an Bord war, regte sich in ihm, so etwas wie Zufriedenheit. Wie der »Stern« auch immer beschaff en sein mag – neunzehntausend Tonnen, das will schon was heißen …, sagte er sich. Es gehört schon etwas dazu, anstelle eines einfachen Frachters solch ein Riesen- wrack zu steuern … Erstens ist die Ehre größer, und zwei- tens … Man kann nie genug Erfahrungen sammeln … Anderthalb Millionen Kilometer hinter dem Arbiter er- lebten sie die erste Enttäuschung: Das Mittagessen war un- genießbar. Der Funkmechaniker fl uchte in allen Tonarten, am meisten aber ereiferte sich der Sanitäter, der, wie sich herausstellte, magenkrank war. Kurz vor dem Start war es ihm gelungen, ein paar Hühner zu erstehen. Eines davon hatte er den Kochkünsten des Funkmechanikers anvertraut – das Ergebnis war eine Brühe voller Federn. Um die Beef- steaks für die anderen Besatzungsmitglieder war es nicht besser bestellt – man hätte sich zeitlebens mit ihnen befas- sen müssen. »Gehärtet, wie?« fragte der zweite Pilot und bohrte die Gabel in seine Portion, daß das Fleisch vom Teller sprang. Der Funkmechaniker war gegen Sticheleien unempfi nd- lich, er riet dem Sanitäter, sich die Brühe durchzuseihen. Pirx besann sich auf seine Pfl ichten als Vorgesetzter. Er wollte Frieden stift en, wußte aber nicht, wie er das anstel- len sollte. Es gelang ihm nur mit Mühe, ein Lachen zu un- terdrücken. Nach dem Mittagessen aus der Konservendose kehrte er in den Steuerraum zurück. Er befahl dem Piloten, einen Kontroll-Sternfi x zu machen, und trug die Werte, die der Schweremesser zeigte, ins Logbuch ein. Als sein Blick auf, die Zeiger der Atomsäule fi el, pfi ff er vor Überraschung vor sich hin – das war keine Säule, sondern ein Vulkan. Acht- hundert Grad in der Ummantelung – und das nach erst vier Flugstunden! Die Kühlung kreiste unter einem maxi- malen Druck von zwanzig Atmosphären. Pirx überlegte. Das Schlimmste schienen sie überwunden zu haben. Die Landung auf dem Mars war kein Problem – die Schwer- kraft war um die Hälft e geringer, die Atmosphäre dünner. Irgendwie zurückkommen würden sie schon. Aber die Säu- le, die Säule – es mußte etwas geschehen … Er trat an den Kalkulator, stellte Berechnungen an, wollte wissen, wie lan- ge sie noch mit diesem Schub fl iegen müßten, um auf die Kurierlinie zu kommen. Bei einer Geschwindigkeit unter achtzig Kilometer pro Sekunde würden sie sich sehr ver- späten. »Noch achtundsiebzig Stunden«, antwortete der Kalku- lator. Achtundsiebzig Stunden? Das müßte die Säule spren- gen! Wie ein Ei würde sie auseinanderfl iegen – daran war nicht zu zweifeln. Pirx beschloß, die erforderliche Ge- schwindigkeit nicht auf einmal, sondern nach und nach zu entwickeln. Der Kurs würde sich dadurch ein wenig kom- plizieren, und man mußte auch Abschnitte ohne Schub fl iegen, ohne Schwerkraft also, was nicht gerade zu den angenehmsten Dingen gehörte. Aber wie dem auch war – es gab keinen anderen Ausweg. Er schärft e dem Pilo- ten ein, den Sternkompaß nicht aus den Augen zu lassen, und fuhr mit dem Fahrstuhl zum Reaktor hinunter. Als er den dunklen Korridor durchquerte, der von Laderäu-, men fl ankiert war, vernahm er ein dumpfes Dröhnen – es hörte sich an, als galoppiere eine Schar gepanzerter Reiter über Eisenplatten. Pirx beschleunigte seinen Schritt, ein schwarzes Knäu- el geriet ihm zwischen die Füße – die Katze. Sie jagte wie ein Blitz davon, gleichzeitig fi el irgendwo in der Nähe eine Tür ins Schloß, daß es krachte. Dann wurde es still. Pirx eil- te weiter. Vor ihm öff nete sich wie ein Schlund der Haupt- gang, der von schmutzig-trüben Lampen erhellt war, aber außer kahlen, geschwärzten Wänden war nichts zu sehen. Im Hintergrund brannte eine Glühbirne, das Kabel pen- delte hin und her – irgend jemand hatte es in Schwingun- gen versetzt. »Terminus!« rief Pirx aufs Geratewohl, aber nur das Echo antwortete ihm. Er wandte sich um, eilte in den Vor- raum der Atomsäule, traf aber Boman, der vor ihm her- untergefahren war, nicht mehr an. Die Luft , trocken wie Sand, brannte in den Augen. Heißer Wind rauschte in den Trichtern der Ventilatoren, es herrschte ein Getöse wie in der Nähe eines Dampfk essels. Die Säule selbst arbeitete ge- räuschlos wie jede andere – der Lärm wurde von den Kühl- aggregaten verursacht, die bis zum äußersten strapaziert waren. Die von einer Betonschicht umgebenen, kilometer- langen Rohrleitungen, durch die eiskalte Flüssigkeit ström- te, gaben eigenartig klagende, stammelnde Laute von sich. Die Zeiger der Pumpen hinter den linsenartigen Gläsern waren ausnahmslos nach rechts gerichtet. Die wichtigste der Uhren – sie gab die Dichte des Neutronenstroms an – leuchtete wie ein Mond. Ihr Zeiger berührte fast die rote, Grenze – ein Anblick, der jeden Kontrollinspekteur an den Rand eines Herzinfarkts gebracht hätte. Die felsenähnliche Betonwand, narbig und rauh von den vielen. Zementfl ik- ken, strahlte tödliche Hitze aus. Die Bleche der Plattform vibrierten – es war ein unangenehmes, nervöses Beben, das sich dem ganzen Körper mitteilte. Das Lampenlicht spie- gelte sich ölig in den blitzenden Scheiben der Ventilatoren, ein weißes Signallämpchen begann zu fl ackern und ver- losch, statt dessen fl ammte ein rotes Warnlicht auf. Pirx trat unter die Plattform, um nach den Leitungsschaltern zu sehen, aber Boman war ihm zuvorgekommen, er hatte den Automaten bereits auf Unterbrechung der Kettenreaktion in vier Stunden geschaltet. Die Geigerzähler tickten ruhig, der Signalisator zeigte ein kleines Leck an – 0,3 Röntgen pro Stunde. Pirx warf noch einen Blick in die dunkle Ecke der Kammer. Sie war leer. »Terminus!« rief er. »He, Terminus!« Keine Antwort. Die Mäuse in ihren Käfi gen huschten wie weiße Flecke hin und her – sie fühlten sich off enbar nicht sonderlich wohl in der subtropischen Hitze. Pirx ver- ließ die Kammer und verriegelte hinter sich die Tür. Drau- ßen, im kühlen Gang, befi el ihn ein Zittern, sein Hemd war schweißnaß. Ziellos und ohne zwingenden Grund wagte er sich in die immer enger werdenden Gänge des Hecks vor, in denen Halbdunkel herrschte, bis ihm eine blinde Wand den Weg versperrte. Er berührte sie. Sie war warm. Seuf- zend kehrte er um, fuhr zum vierten Deck hinauf, in den Navigationsraum, und ging daran, den Kurs aufzuzeich- nen. Als er das erledigt hatte, sah er auf die Uhr und stutz-, te: Es war neun, die Zeit war wie im Fluge verstrichen. Er knipste das Licht aus und verließ den Raum. Als er in den Fahrstuhl stieg, entglitt ihm sanft der Fuß- boden unter den Füßen. Der Automat hatte die Säule aus- geschaltet, es herrschte Schwerelosigkeit. In dem von Nachtlämpchen schwach erhellten Korridor des Mittelschiff s summten die Ventilatoren ihr monotones Lied. Das schwache Licht in der Ferne fl immerte in den sich kreuzenden Luft strömungen. Pirx stieß sich von der Tür des Aufzuges ab und schwamm vor sich hin. Im bläuli- chen Dämmerlicht schwebte er an Türen vorbei, sie führten zu den Kajüten, in die er noch nicht hineingeschaut hatte. Die Trichter der Notausgänge, die durch rubinrote Lämp- chen gekennzeichnet waren, klafft en schwarz. Mit fl ießen- den Bewegungen glitt er dicht unter der gewölbten Dek- ke entlang, sein riesiger Schatten kroch langsam über den Boden. Durch eine halboff ene Tür gelangte Pirx in die gro- ße Messe, die nie benutzt worden war. Unter ihm, in dem Lichtstreifen, stand ein langer Tisch, fl ankiert von Sessel- reihen. Pirx schwebte über den Möbeln, er glich einem Taucher in einem versunkenen Schiff . Die Lichtrefl exe in den mattglänzenden Scheiben fl immerten, zerfi elen in klei- ne bläuliche Flämmchen und verloschen. Hinter der Mes- se gähnte ein weiterer Raum, in dem es noch dunkler war. Pirx’ Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt, aber in dieser Finsternis versagten auch sie. Als er mit den Fin- gerspitzen eine elastische Fläche berührte, wußte er nicht, ob es die Decke war oder der Fußboden. Er stieß sich leicht, ab, vollführte eine Wende wie ein Schwimmer und huschte lautlos weiter. In dem samtenen Schwarz schimmerten in einer Reihe längliche weiße Gebilde. Er ertastete eine kalte, glatte Oberfl äche – es waren Waschbecken. Eines von ih- nen war mit dunklen Flecken bedeckt. Blut? Vorsichtig streckte er die Hand aus – es war nichts wei- ter. Wieder eine Tür. Pirx öff nete sie, er hing schräg im Raum. Im trüben Dämmerlicht bot sich ihm ein seltsamer Anblick: Gleich einem Gespensterreigen zogen Papiere und Bücher an seinem Gesicht vorbei, sie raschelten leise und verschwanden in der Dunkelheit. Er stieß sich erneut ab – diesmal mit den Füßen –, schwamm in einer Staubwolke in den Korridor zurück und schleppte die Wolke wie einen rötlichen Schleier hinter sich her. Die Nachtlichter brannten ruhig, sie wirkten wie eine lange, phosphoreszierende Schnur. Die Decks schienen überfl utet zu sein, sie schimmerten blau. Eine Leine hing von der Decke herab. Pirx ergriff sie und hielt sich fest. Als er sie losließ, schlängelte sie sich träge – es war, als habe er sie zum Leben erweckt. Irgendwo in der Nähe ertönten Klopfzeichen – jemand schien mit einem Hammer auf Metall zu schlagen. Pirx sah auf, lauschte und schwamm in die Richtung, aus der das Geräusch zu ihm gedrungen war. Das Klopfen schwoll an, wurde schwächer. Pirx bewegte sich vorwärts, so schnell er es vermochte, er fl og förmlich. In den Fußboden unter ihm waren rostige Schienen eingelassen – einst waren Loren für die Laderäume auf ihnen gerollt. Das Hämmern schwoll er-, neut an. Pirx’ Blick fi el auf ein Rohr, das aus einem Quer- gang kam und unter der Decke entlanglief. Er berührte es und spürte, wie es zitterte. Die Klopfzeichen ertönten in Gruppen – jeweils zwei, drei Schläge auf einmal. Plötzlich hatte er begriff en: Jemand morste! »A-c-h-t-u-n-g«, dröhnte es im Rohr. »B-i-n-h-i-n-t-e-r- d-e-m-s-p-a-n-t-e-n.« Pirx reihte die Buchstaben aneinan- der, eine Silbe nach der anderen. »Ü-b-e-r-a-1-l-e-i-s …« Eis …? Im ersten Augenblick begriff er gar nichts. Was für Eis? Was soll das? Wer … »D-e-r-b-e-h-ä-1-t-e-r-g-e-s-p-r-u-n-g-e-n …«, tönte es. Pirx’ Hand lag auf dem Rohr. Wer sendet da? fragte er sich. Und wo? Man müßte wissen, wohin die Rohrleitung führt … Sicherlich zum Heck, ein unbenutzter Strang mit Ab- zweigungen nach allen Decks … Irgend jemand übt sich im Morsen … Schnapsidee … Der Pilot vielleicht? »P-r-a-t-t-a-n-t-w-o-r-t-e …« Pause … Pirx hielt den Atem an, der Name hatte ihn wie ein Schlag getroff en. Eine Sekunde lang starrte er mit gewei- teten Augen auf die Leitung, dann warf er sich nach vorn. Der zweite Pilot! durchfuhr es ihn. Er erreichte die Kurve, stieß sich ab und schwamm auf den Steuerraum zu. Über ihm dröhnte das Rohr. »W-a-y-n-e-h-i-e-r-s-i-m-o-n …« Das Klopfen wurde schwächer, Pirx hatte das Rohr aus den Augen verloren. Er warf sich zur Seite, bog in den Quergang ein, stieß sich von der Wand ab und erblickte, durch eine Staubwolke den verbogenen Stumpf des Rohres mit dem eingeschraubten rostigen Stopfen. Hier endet es …, überlegte er. Es führt also nicht zum Steuerraum. Dann kann das Klopfen nur vom Heck kommen … Aber da ist doch niemand … »P-r-a-t-t-i-m-s-e-c-h-s-t-e-n-m-i-t-d-e-r-l-e-t-z-t-e-n …«, hämmerte es. Pirx hing an der Decke wie eine Fleder- maus, die Finger umklammerten das Rohr, in den Schläfen pochte es wie wild. Eine Weile war es still, dann setzte das Morsen wieder ein. »D-i-e-f-l-a-s-c-h-e-h-a-t-d-r-e-i-ß-i-g-m-i-n-u-s …« Dreimaliges Klopfen … »M-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e – m-o-m-s-s-e-n …« Stille … Pirx sah sich um. Die Geräusche waren verstummt, nur die Jalousie des Ventilators schepperte leise. Ein Luft zug war zu spüren, er wirbelte fl ockigen Staub auf, kleine Schat- tensprenkel tanzten an der Decke wie große, unförmige Nachtfalter. Plötzlich hagelte es heft ige Schläge. P-r-a-t-t-p-r-a-t-t – m-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e-t- n-i-c-h-t – h-a-t-s-a-u-e-r-s-t-o-f-f-i-m-s-i-e-b-e-n-t-e-n – k-a-n-n-s-t-d-u-d-u-r-c-h-k-o-m-m-e-n – e-m-p-f-a-n- g …« Erneut heft iges Hämmern, das Rohr zitterte noch lange danach. Pause. Dutzende unverständlicher Zeichen, dann eine schnelle Serie. »G-e-h-t-s-c-h-w-a-c-h-g-e-h-t-s-c-h-w-a-c-h …« Stille … »P-r-a-t-t-a-n-t-w-o-r-t-e – p-r-a-t-t – e-m-p-f-a-n-g …«, Stille … oder? Das Rohr bebte nur leicht. Wie aus weiter Ferne war ein leises Pochen zu hören – drei Striche, drei Punkte, drei Stri- che: SOS. Die Klopft öne wurden immer schwächer. Noch zwei Striche … Noch einer, dann ein durchdringender, er- sterbender Laut, als kratze oder schabe jemand am Rohr. Pirx hangelte sich weiter, er glitt mit dem Kopf voran am Rohr entlang und folgte dem Strang um Ecken und Kur- ven, mal höher, mal tiefer schwebend. Da, der Schacht, er stand off en … Der schräge Gang … Die Wände rückten näher zusam- men … Die erste, die zweite, die dritte Tür des Laderaums … Es wurde dunkler … Pirx tastete mit den Fingern über das Rohr, er wollte es nicht verlieren. Schwarzer, brandiger Staub hüllte wie ein Tuch seine Hände ein … Die Decks lagen nun hinter ihm, er schwamm in dem Raum zwischen dem Au- ßenpanzer und den Laderäumen. An den Traversen hingen die geschwollenen Leiber der Reservetanks, hin und wieder durchschnitt ein Lichtstreifen voller Staub die Dunkelheit. Pirx schaute hinauf und erblickte in dem schwarzen Schacht zwei Lampenreihen. Ihr Licht war rostrot von dem Staub, den er in einer länglichen Wolke wie Qualm hinter sich her- schleppte. Die Luft : war muffi g, stickig, es roch nach erhitz- tem Blech. Er schwebte inmitten der schwach erkennbaren Schatten der Eisenkonstruktion und hörte das Rohr hallen. »P-r-a-t-t-p-r-a-t-t-a-n-t-w-o-r-t-e-n – p-r-a-t-t …« Die Leitung gabelte sich. Pirx preßte die Hände um bei- de Stränge, er wollte wissen, aus welcher Richtung die Ge-, räusche kamen, aber es war vergebens. Auf gut Glück bog er links ab. Ein Eingang. Ein Tunnel, der enger wurde, schwarz wie Teer. Am Ende war ein Lichtschein zu erken- nen. Pirx schwamm auf ihn zu, so rasch er konnte, und lan- dete in der Vorkammer des Reaktors. »H-i-e-r-w-a-y-n-e – p-r-a-t-t-a-n-t-w-o-r-t-e-t-n-i-c-h- t …«, dröhnte es im Rohr, als er die erste Tür öff nete. Hei- ße Luft schlug ihm ins Gesicht. Er zog sich an der Plattform hoch, die Kompressoren heulten, warmer Wind zauste sein Haar. Er erblickte in verkürzter Perspektive die Betonwand des Reaktors, die Uhren leuchteten, die Signallichter zitter- ten wie rote Tropfen. »S-i-m-o-n-a-n-w-a-y-n-e – h-ö-r-e-m-o-m-s-s-e-n- u-n-t-e-r-m-i-r …«, hämmerte es in unmittelbarer Nähe. Das Rohr verlief im Bogen nach unten, und dort, wo es in die Hauptleitung mündete, stand Terminus, der Automat. Er hatte sich breitbeinig hingestellt, seine Arme zuckten abwechselnd vor, er schien mit einem unsichtbaren Geg- ner zu kämpfen. Mit vollen Händen warf er Zementteig an die Wand, klatschte ihn breit, verbesserte, modellierte und wandte sich dem nächsten Abschnitt zu. Pirx verfolgte den Rhythmus der Bewegungen. Die Arme, die wie Kolben ar- beiteten, trommelten: »H-i-e-r-w-a-y-n-e – m-o-m-s-s-e- n-a-n-t-w-o-r-t-e – m-o-m-s-s-e-n …« »Terminus!« rief Pirx. Er starrte das metallene Gesicht an und dann die blitzenden stählernen Pranken. Das linke Auge des Roboters war schielend auf ihn gerichtet. »Ich höre«, erwiderte der Automat monoton. »Was … Was morst du da?«, »Ich plombiere das Leck«, antwortete die tiefe Stimme. »S-i-m-o-n-a-n-w-a-y-n-e – p-o-t-t-e-r – p-r-a-t-t-h- a-t-n-u-l-l – m-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e-t-n-i-c-h-t …« Das Eisen dröhnte unter der Gewalt der Schläge. Der schwere Zementteig troff herab, die stählernen Klauen ris- sen ihn hoch, hielten ihn fest, preßten ihn erneut an die Fläche. Einige Sekunden lang erstarrten die Arme in hoch- erhobener Stellung, dann bückte sich der Automat, schöpf- te eine neue Portion metallischen Zements, und eine weite- re Serie heft iger Hiebe folgte. »M-o-m-s-s-e-n-m-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e – m-o- m-s-s-e-n-m-o-m-s-s-e-n-m-o-m-s-s-e-n-m-o-m-s-s-e-n- m-o-m-s-s-e-n-m-o-m-s-s-e-n-m-o-m …« Der Rhythmus wurde obstinater, rasender, die Wasserleitung zitterte und stöhnte unter dem Hagel der Schläge – es war ein Schrei, der nicht enden wollte … »Terminus, hör auf!« Pirx warf sich nach vorn, er ver- suchte, die öligen Handgelenke des Automaten zu packen, aber sie entglitten ihm. Terminus erstarrte in geduckter Haltung, hinter der Betonwand heulten die Pumpen. Pirx hatte den öltriefenden Körper nun unmittelbar vor sich, an den stockartigen Beinen fl oß das Öl nur so herunter. Er wich zurück. »Terminus …«, sagte er schwach. »Was hast …« Er stock- te. Der Roboter rieb sich die Stahlklauen rasselnd aneinan- der. Die angetrockneten Zementreste bröckelten ab, fi elen aber nicht zu Boden, sondern tanzten in der Luft herum und fl ossen wie ein Rauchring auseinander. »Was hast du getan?« fragte Pirx., »Ich habe das Leck plombiert. Vier zehntel Röntgen in der Stunde. Darf ich weiterplombieren?« »Du darfst …«, sagte Pirx. Er betrachtete die großen Hände des Automaten, die sich allmählich entspannten. »Ja, du darfst.« Er wartete. Terminus schien ihn nicht mehr zu sehen. Er schöpft e mit der linken Hand Zement, schleuderte ihn blitzschnell gegen die Wand, drückte ihn fest und glättete ihn: drei Schläge. Dann zuckte die Rechte vor und trom- melte gegen das Rohr: P-r-a-t-t-1-i-e-g-t-i-m-s-e-c-h-s-t- e-n – m-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e – a-n-t-w-o-r-t-e-m- o-m-s-s-e-n …« »Wo ist Pratt?« schrie Pirx voller Entsetzen. Die Hände des Roboters blitzten im Licht. Er antwortete sofort: »Ich weiß nicht …« Während er sprach, klopft e er mit solcher Geschwindigkeit, daß Pirx nur mit Mühe fol- gen konnte. »P-r-a-t-t-a-n-t-w-o-r-t-e-t-n-i-c-h-t …« Dann geschah etwas Verblüff endes. Die rasende Serie der rechten Hand wurde von einer zweiten, schwächeren über- lagert – die Finger der Linken pochten sie. Die einzelnen Zeichen vermischten sich, sekundenlang erbebte die Rohr- leitung im Rhythmus eines zweifach gehämmerten, irren, allmählich leiser werdenden Wirbels: »K-l-t-h-a-n-d-k-a- n-n-i-m-e-h-r …« »Terminus …«, kam es tonlos von Pirx’ Lippen, wäh- rend er zu der eisernen Treppe zurückwich. Der Automat beachtete ihn nicht mehr, sein ölglänzender Leib erzitterte im Rhythmus der Arbeit. Pirx brauchte nicht hinzuhören,, er las die Zeichen an den Bewegungen der Arme ab, die im Dämmerlicht aufb litzten. »M-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e …«

III

Er lag auf dem Rücken, fand keinen Schlaf. Vor seinen Au- gen erstanden Bilder, sie zuckten auf wie Blitze und wur- den durch neue verdrängt … Pratt hatte sich also weiter ins Schiff sinnere gewagt …, grübelte er. Der Sauerstoff war ihm ausgegangen … Die beiden anderen hatten ihm nicht helfen können … Und Momssen? Weshalb antwor- tete der nicht? Tot? … Nein, Simon hörte ihn … Er war also irgendwo in der Nähe, vielleicht hinter der Wand … Hinter der Wand? Dann muß dort Luft gewesen sein … Ja, sonst hätte er nicht gelebt … Simon hörte etwas – aber was? Schritte? Weshalb riefen sie Momssens Namen über- haupt …? Und weshalb antwortete er nicht …? Eine Agonie … Eine Agonie in Punkten und Strichen … Dieser Terminus … Wie war das möglich? Man hatte ihn in der Kammer gefunden, unter einem Schutthaufen … Wahrscheinlich an der Stelle, wo die Rohrleitung nach außen führte. Er war verschüttet, konnte aber das Klopfen hören … Wie lange mögen sie gemorst haben? Der Sau- erstoff vorrat war beträchtlich, sicherlich hatte er Monate gereicht … Der Lebensmittelvorrat ebenfalls … Terminus lag also unter den Trümmern … Halt, Moment mal – die Schwerkraft fehlte doch! Was hatte ihn stillgelegt? Die Kälte, wohl … Er konnte sich nicht bewegen, denn bei der nied- rigen Temperatur gerann ihm das Öl in den Gelenken … Die hydraulische Flüssigkeit gefror, sprengte die Leitun- gen … Übrig blieb nur das Elektronengehirn, es hatte al- les vernommen, hatte die Klopfzeichen, die immer schwä- cher wurden, festgehalten, hatte sich alles gemerkt, als ob es erst gestern geschehen wäre. Und Terminus selbst … Ahnt er nichts? Wie das? Weiß er wirklich nicht, daß die Morse- zeichen den Rhythmus seiner Arbeit bestimmen? Lügt er? Nein – Automaten lügen nicht … Die Müdigkeit überschwemmte Pirx wie schwarzes Was- ser. Vielleicht sollte ich gar nicht hinhören, dachte er. Es war ihm unerträglich, immer wieder diesen Todeskampf mit- zuerleben und jede furchtbare Einzelheit, jede Phase, jedes Signal zu analysieren, das Flehen um Sauerstoff , das Schrei- en. Man darf das nicht tun, wenn man nicht helfen kann …, sagte er sich. Bleiern senkte sich der Schlaf auf ihn, er war keines Gedankens mehr fähig, nur seine Lippen form- ten stumm, als widerspräche er jemandem: »Nein … Nein … Nein …« Dann war nichts mehr. In völliger Dunkelheit fuhr er hoch. Er wollte sich im Bett aufsetzen, aber die festgeschnallte Decke gab nicht nach. Tastend löste er die Gurte, schaltete das Licht ein. Die Triebwerke arbeiteten. Pirx warf sich den Mantel über und machte ein paar Kniebeugen, um den Grad der Beschleunigung zu schätzen. Sein Körper wog gut hundert Kilo. Anderthalb g etwa, konstatierte er. Die Rakete voll-, führte eine Wendung, deutlich war das Vibrieren zu spü- ren. Die Wandschränke knackten warnend, eine Tür öff ne- te sich mit ärgerlichem Krächzen, Kleidungsstücke, Schuhe – alle Gegenstände, die nicht befestigt waren, rutschten in Richtung Heck, urplötzlich belebt, als verbinde sie ein ge- heimes Streben. Pirx trat an das Schränkchen des Interkoms und öff ne- te es. Drinnen stand ein Apparat, der einem altmodischen Telefon ähnelte. »Steuerraum!« rief er in den Hörer. Die Kopfschmerzen waren so heft ig, daß er beim Klang seiner Stimme zusam- menzuckte. »Erster. Was ist?« »Kurskorrektur«, antwortete der Pilot wie aus weiter Fer- ne. »Wir haben eine kleine Abweichung.« »Wie groß?« »Sechs … Nein, sieben Sekunden.« »Was macht die Säule?« fragte Pirx vorsichtig. »Sechshundertzwanzig im Mantel.« »Und in den Laderäumen?« »In den Bordräumen je zweiundfünfzig, in den Kielräu- men siebenundvierzig, in den Heckräumen neunundzwan- zig und fünfundfünfzig.« »Welche Abweichung hatten wir, Munro? Wieviel sag- ten Sie?« »Sieben Sekunden.« »Nach schön.« Pirx warf den Hörer auf die Gabel. Er wußte, daß der Pilot log. Für eine Korrektur von sieben, Sekunden hätte es nicht einer solchen Beschleunigung be- durft . Er schätzte die Kursabweichung auf mehrere Grad. Diese Hitze in den Laderäumen …, dachte er. Möchte wissen, was sie im Heck untergebracht haben … Etwa Le- bensmittel? Er setzte sich an den Schreibtisch. »Blauer Stern« Terra-Mars an Kompo Erde – Erster Of- fi zier an Reeder – Reaktor erhitzt Ladung – Bezeichnung des im Heck gefährdeten Ladeguts fehlt – Erbitte Hinweise – Pirx, Navigator – Ende. Pirx schrieb noch, als die Triebwerke bereits verstummt waren und die Schwerkraft schwand. Er drückte mit dem Bleistift auf, und das genügte, um im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft zu gehen. Verärgert stieß er sich von der Decke ab, landete wieder im Sessel und überfl og noch ein- mal den Text des Funkspruches. Er überlegte eine Weile, zerriß dann das Formular und stopft e die Fetzen in die Schublade. Die Müdigkeit hatte er verscheucht, die Kopfschmerzen waren geblieben. Anzie- hen wollte er sich nicht, denn das wäre bei der fehlenden Schwerkraft zu einer komplizierten Prozedur geworden, zu wankenden Sprüngen, zu einem Ringkampf mit den ein- zelnen Kleidungsstücken. So, wie er war, den Mantel über dem Pyjama, verließ er die Kajüte. Im bläulichen Licht der Nachtlampen fi el einem der klägliche Zustand der Beschläge nicht so sehr ins Auge. Pirx hörte die Ventilatoren fauchen, er sah den Schmutz, der von den schwarzen Schlünden angesogen wurde wie von einem Strudel. Es war still im »Blauen Stern«, abso-, lut still. Pirx hing nahezu regungslos über seinem eige- nen Schatten, der sich schräg an der Wand abzeichnete, er lauschte und hielt die Augen geschlossen. Es kam vor, daß Menschen in dieser Haltung einschliefen, aber das war ge- fährlich, denn sie konnten auf den Fußboden oder gegen die Decke geschleudert werden, sobald die Triebwerke ein- geschaltet wurden. Pirx hörte die Ventilatoren nicht mehr, nicht einmal das Pochen seines Herzens. Ihm war, als könne er die nächtli- che Stille, die im Raumschiff herrschte, von jeder anderen unterscheiden. Auf der Erde spürt man die Begrenztheit der Stille, ihre Endlichkeit, ihren Augenblickscharakter. In- mitten der Monddünen aber trägt der Mensch sein eige- nes kleines Schweigen mit sich herum, das im Innern des Skaphanders gefangen ist. Jedes feine und feinste Geräusch schwillt ins Riesenhaft e an – das Knirschen der Gurte, das Knacken der Gelenke, der Pulsschlag, ja sogar der Atem. Das Schiff verliert sich im eisigen Nichts der Finsternis. Pirx führte die Uhr an die Augen – es war gegen drei. Wenn das so weitergeht, mach ich schlapp, dachte er. Er stieß sich von der gewölbten Trennwand ab, breitete die Arme aus und landete wie ein Vogel, der seine Geschwin- digkeit bremst, auf der Schwelle der Kajüte. Aus der Ferne erreichte ihn, wie aus einem eisernen Erdinnern, ein kaum spürbarer Laut. Bang – bang – bang. Drei Klopfzeichen. Fluchend schlug er die Tür zu und warf gedankenlos den Mantel ab. Das Kleidungsstück bauschte sich auf und, schwebte wie ein riesiges Gespenst davon. Er löschte das Licht, legte sich hin, bedeckte den Kopf mit einem Kissen und schloß die Augen. »Idiot! Verdammter eiserner Idiot!« murmelte er vor sich hin. Er zitterte vor Wut, konnte sich aber deren Ursache nicht erklären. Die Erschöpfung über- wältigte ihn, im Nu war er eingeschlafen. Als er die Augen aufschlug, war es gegen sieben. Be- nommen hob er die Hand – sie fi el nicht herab. Er zog sich an, stieß sich ab, schwebte hinaus. Draußen auf dem Gang lauschte er unwillkürlich. Es war still. Im Steuerraum herrschte Halbdunkel, grünliche Lichtrefl exe spielten auf den Radarschirmen. Der Pilot lag weit zurückgelehnt im Sitz und rauchte, der Qualm hing in Schwaden vor den Bildschirmen und verfärbte sich in ihrem Licht. Ein lei- ses Klimpern war zu hören, irgendeine irdische Melodie, die ab und zu von kosmischen Geräuschen übertönt wur- de. Pirx ließ sich auf den Sitz hinter dem Piloten gleiten. Er hatte nicht einmal das Verlangen, die Werte des Schwere- messers abzulesen. »Wann geben Sie Schub?« erkundigte er sich. Der Pilot erriet den Grund der Frage. »Um acht. Aber wenn Sie baden möchten, kann ich auch gleich anfangen – mir ist das einerlei.« »Ach was. Halten wir uns lieber an das Programm.« Sie schwiegen. Der Lautsprecher summte immer wieder dasselbe Motiv. Pirx kämpft e mit dem Schlaf. Hin und wie- der schrak er auf, nickte aber gleich wieder ein. Große grü- ne Katzenaugen traten aus der Finsternis, er blinzelte – sie verwandelten sich in beleuchtete Skalen. So dämmerte er, halb wachend, halb träumend vor sich hin, bis der Laut- sprecher zu krächzen begann. »Hier spricht Dejmos. Es ist sieben Uhr dreißig. Wir sen- den unser tägliches Meteoritenkommunique für die inne- re Zone. Unter dem Einfl uß des Schwerefeldes des Mars ist im Schwarm der Drakoniden, der die Gürtelzone verlassen hat, eine Randstörung entstanden. Sie wird heute die Sek- toren 83, 84 und 87 kreuzen. Von der Meteoritenstation des Mars wird die Wolke auf vierhunderttausend Kubikkilome- ter geschätzt. In diesem Zusammenhang werden die Sekto- ren 83, 84 und 87 bis auf Widerruf für alle Flüge gesperrt. Wir geben jetzt die Zusammensetzung der Wolke bekannt, wie sie von den ballistischen Sonden des Phobos übermit- telt worden ist. Nach neuesten Meldungen besteht die Wol- ke aus Mikrometeoriten der Klasse X, XY, Z …« »Betrifft uns nicht … Ein Glück!« sagte der Pilot. »Wür- de uns schlecht bekommen, wenn ich alles in die Düsen ja- gen müßte … Habe eben erst gefrühstückt!« »Wieviel haben wir?« fragte Pirx. Er löste sich vom Sitz. »Mehr als fünfzig.« »Wirklich? Nicht übel.« Pirx begab sich zur Messe. Vorher kontrollierte er noch rasch den Kurs, die Uranographen und die Intensität der Durchlässigkeit – sie war konstant. In der Messe drehte sich das Gespräch wider Erwarten nicht um den nächtli- chen Lärm, sondern um Lottozahlen. Sims schien mit Un- geduld auf die nächste Ziehung zu warten, er wurde nicht müde, von angeblichen Gewinnen seiner Kollegen und Be- kannten zu erzählen., Nach dem Essen suchte Pirx den Navigationsraum auf und begann die bisher zurückgelegte Strecke einzuzeich- nen. Plötzlich stutzte er und bohrte die Zirkelspitze ins Reißbrett. Er zog die Schublade auf, griff nach dem Log- buch und überfl og die Liste der letzten Besatzung der »Ko- riolan«. Offi ziere: Pratt und Wayne … Piloten: Nolan und Potter … Mechaniker: Simon … Eine Weile betrachtete er die schwungvollen Schrift züge des Kommandanten, dann legte er das Buch wieder in die Schublade. Er vollendete die Zeichnung, steckte die Kopie ein und fuhr in den Steuerraum hinunter, wo er binnen einer halben Stunde den genauen Zeitpunkt der Marslan- dung errechnete. Als er auf dem Rückweg an der Mes- se vorbeikam, warf er einen Blick durch die Türscheibe. Die Offi ziere spielten Schach, der Sanitäter saß vor dem Fernsehgerät mit einem elektrischen Heizkissen auf dem Bauch. Pirx schloß sich in der Kajüte ein. Er sah die Funksprü- che durch, die er vom Piloten bekommen hatte, und bei dieser Beschäft igung übermannte ihn im Handumdrehen der Schlaf … Hin und wieder fuhr er auf – ihm war, als höre er die Triebwerke arbeiten … Er bemühte sich, die Augen zu öff nen, aber es wollte und wollte ihm nicht ge- lingen – jedesmal überschwemmte ihn bleierne Müdigkeit. Im Traum sah er sich im Steuerraum – er war menschen- leer. Auf der Suche nach den Männern kreiste er schwere- los im stockfi nsteren Labyrinth der Heckkorridore umher, fand aber keinen … Als er schweißüberströmt erwachte,, ärgerte er sich – er ahnte, daß er des Nachts keinen Schlaf fi nden würde. Gegen Abend schaltete der Pilot die Triebwerke ein. Pirx nutzte die Gelegenheit und nahm ein heißes Bad. Ange- nehm belebt ging er in die Messe, trank einen Kaff ee und erkundigte sich telefonisch nach der Temperatur des Re- aktors. Sie betrug tausend Grad, und es war unerklärlich, daß sie den kritischen Punkt noch nicht überschritten hat- te. Gegen zehn erhielt er einen Anruf aus dem Steuerraum – sie waren einem Raumschiff begegnet, das einen Kran- ken an Bord hatte. Als Pirx erfuhr, daß es sich um aku- te Blinddarmreizung handelte, empfahl er seinen Sanitäter nicht, zumal in einer Entfernung von höchstens drei Mil- lionen Kilometer ein großes Passagierschiff fl og, das ärzt- liche Hilfe anbot. So schleppte sich der Tag dahin, träge und ereignislos. Um elf wurde das weiße Licht gelöscht, das auf allen Decks brannte, mit Ausnahme des Steuerraums und der Atom- säulenkammer. Die bläulichen Nachtlämpchen fl ammten auf, aber in der Messe blieb es noch bis Mitternacht hell – Sims saß am Schachbrett, er spielte gegen sich selbst. Pirx fuhr in die unteren Laderäume, um die Temperatur zu kon- trollieren. Unterwegs begegnete er Boman, der gerade von der Säule kam. Der Ingenieur war guter Dinge – das Leck wurde nicht größer, und die Kühlung arbeitete zufrieden- stellend. Boman verabschiedete sich, Pirx blieb im leeren Gang zurück. Ein kühler Luft zug wehte, er brachte die Spinnwe- benreste zum Zittern, die sich um die Öff nungen der Venti-, latoren spannten. Beiderseits des schmalen Korridors erho- ben sich, hoch wie Kirchenschiff e, die riesigen Laderäume. Pirx ging noch eine Weile auf und ab. Kurz nach Mitter- nacht verstummten die Triebwerke – Schwerelosigkeit trat ein. Pirx vernahm Geräusche, schrille und gedämpft e, sie drangen aus verschiedenen Richtungen an sein Ohr und verebbten allmählich. Er wußte, daß der Lärm von unbe- festigten Gegenständen verursacht wurde, die sich beim Eintritt der Schwerelosigkeit in Bewegung setzten, gegen Wände, Decken und Fußböden schlugen und ein vielstim- miges Echo erzeugten. Endlich verhallte das Getöse. Stil- le trat ein, nur noch das eintönige Rauschen der Ventilato- ren war zu hören. Pirx fi el ein, daß das Schreibtischschubfach im Navigati- onsraum klemmte. Auf der Suche nach einem Stemmeisen schwamm er einen langen, darmähnlichen Flur entlang, der zwischen dem Backbordladeraum und dem Kabel- tunnel hindurchführte, und geriet in die Abstellkammer, den schmutzigsten Winkel des ganzen Schiff es. Der dich- te Staub bedeckte nicht den Boden, sondern schwebte im Raum. Pirx wäre um ein Haar erstickt, mit Müh und Not fand er zur Tür zurück. Als er sich dem Mittelschiff näherte, hörte er Schritte im Gang. Schritte bei Schwerelosigkeit? dachte er. Das kann nur der Automat sein … Das Stampfen wurde lauter, die magnetischen Saugnäpfe an den Füßen des Roboters klick- ten. Pirx wartete. Am Ende des Flurs tauchte eine schwar- ze Silhouette auf, sie hob sich scharf vom schwach erhell-, ten Hintergrund ab. Der Automat schwankte, ruderte mit den Armen. »He, Terminus!« rief Pirx und glitt aus dem Schatten. »Ich höre.« Die dunkle Gestalt blieb stehen, der Körper rückte trä- ge in die Senkrechte. »Was tust du hier?« »Die Mäuse …«, schnarrte es hinter dem Brustpanzer, ein heiserer Zwerg schien in der Rüstung zu stecken. »… die Mäuse schlafen unruhig … Sie wachen auf … Sie lau- fen umher … Sie haben Durst … Wenn sie Durst haben, muß man ihnen Wasser geben … Die Mäuse trinken viel bei hoher Temperatur …« »Und was tust du?« fragte Pirx. Der Automat geriet wieder ins Schwanken. »Die Tempe- ratur ist hoch … Ich bewege mich … Ich bewege mich im- mer bei hoher Temperatur … Ich gebe den Mäusen Was- ser … Wenn sie es trinken und einschlafen, dann ist es gut … Durch zu hohe Temperatur können Störungen entste- hen … Ich passe auf … Ich gehe zum Reaktor … Ich gebe den Mäusen Wasser …« »Du bringst den Mäusen Wasser?« fragte Pirx. »Ja … Terminus.« »Wo hast du es?« »Hohe Temperatur … Hohe Temperatur …«, sagte der Automat, als habe er die Frage nicht verstanden. Die rat- lose Gebärde, mit der er seine Worte begleitete, wirkte so menschlich, daß Pirx stutzte. Der Roboter hob die Greifer und führte sie nacheinander an die Augen. Die gläsernen, Pupillen bewegten sich, fi xierten die leeren, metallischen Handfl ächen und erstarrten. »Kein Wasser da … Terminus.« »Wo ist es denn?« fragte Pirx. Er beobachtete den Robo- ter unter halbgeschlossenen Lidern. Terminus, der ihn um Kopfeslänge überragte, gab mehrere unverständliche Lau- te von sich und sagte dann unverhofft in tiefem Baß: »Hab ver … gessen.« Das klang so hilfl os, daß Pirx nahe daran war, die Fas- sung zu verlieren. Eine Weile betrachtete er die schwan- kende Gestalt, dann sagte er: »Vergessen? Geh zum Reak- tor. Aber komm wieder, hörst du?!« »Ich höre.« Terminus machte rasselnd kehrt und stapft e mit unsag- bar steifen, greisenhaft en Bewegungen davon. In der Per- spektive des langgezogenen Korridors wirkte er viel kleiner als vorhin. Pirx sah, wie er über eine Stufe stolperte, mit den Armen ruderte, mühsam um Gleichgewicht rang und schließlich in einem Quergang verschwand. Es dauerte eine Weile, bis das Echo seiner Schritte verhallte. Pirx wollte umkehren, aber er überlegte es sich anders. Dicht über dem Fußboden dahingleitend, erreichte er den sechsten Ventilationsraum. Er wußte, daß es auch bei abge- schalteten Triebwerken verboten war, sich in den Schäch- ten zu bewegen, aber er scherte sich nicht darum. Kurz ent- schlossen stieß er sich vom Geländer ab und landete wenige Augenblicke danach im Heck – innerhalb zehn Sekunden hatte er sieben Etagen passiert. Die Atomkammer betrat er nicht. An der Wand, etwa in halber Höhe, entdeckte er ei-, nen länglichen Riegel. Er schwamm heran, schob den Rie- gel zurück, öff nete eine schmale Tür. Ein Fenster aus Blei- glas kam zum Vorschein, es war in Stahl gefaßt und bildete die Rückwand des Mäusekäfi gs. Durch diese Scheibe konn- te man die Tiere beobachten, ohne die Kammer betreten zu müssen. Pirx erblickte den Käfi g – er war leer. Jenseits des Drahtgitters schimmerte im hellen Lampenschein der tropfnasse Rücken des Roboters, er hing fast senkrecht im Raum, die Arme bewegten sich träge. Terminus versuch- te, die weißen Mäuse einzufangen, die sich auf seinem Me- tallrumpf häuslich niedergelassen hatten. Sie huschten über die Schulterbleche, krabbelten über den Brustpanzer, rot- teten sich an den Vertiefungen des vielgliedrigen Bauches zusammen, wo sich Wasser angesammelt hatte, leckten es gierig auf, purzelten durcheinander … Terminus war eifrig damit beschäft igt, die Tierchen einzufangen, die ihm im- mer wieder durch die Finger schlüpft en. Ihre Schwänzchen verhedderten sich, ringelten sich zu wunderlichen Arabes- ken – all das war so eigenartig, so komisch, daß Pirx von einem unwiderstehlichen Lachreiz gepackt wurde. Nach und nach gelang es Terminus, die Mäuse einzu- fangen. Jedesmal, wenn er ein paar von ihnen in den Kä- fi g warf, näherte sich sein maskenhaft es Gesicht dem Fen- ster, aber er schien das Augenpaar hinter der Scheibe nicht zu bemerken. Zwei, drei Mäuse schwebten noch im Raum. Endlich wurde Terminus auch mit ihnen fertig, er ver- schloß den Käfi g und entfernte sich. Pirx sah nur noch sei- nen übermenschlichen Schatten, der über die Betonwand des Reaktors glitt., Vorsichtig schob er die kleine Tür zu und kehrte in die Kajüte zurück. Er zog sich aus, legte sich hin, fand aber keinen Schlaf. Unschlüssig griff er nach dem Tagebuch des Astronavigators Irving, legte es jedoch nach kurzem Blät- tern wieder beiseite – die Augen brannten ihm, als habe jemand feinen Sand hineingestreut. Hellwach, aber mit brummendem Schädel, dachte er verzweifelt an die vielen Stunden, die ihn noch vom Tage trennten. Er warf sich den Mantel um und verließ die Kajüte. Dort, wo der Hauptkorridor den Bordgang kreuzte, hielt er inne – ein Stampfen drang aus dem Ventilationsschacht. Er preßte das Ohr ans Gitter und lauschte. Die Geräusche kamen von unten, sie waren verzerrt – der tiefe, brunnen- artige Schacht erzeugte ein vielfaches Echo. Pirx stieß sich mit den Händen vom Gitter ab und glitt, mit den Füßen voran, zum Heck hinunter. Die Schritte erdröhnten nun in unmittelbarer Nähe, sie verstummten einen Augenblick, setzten wieder ein – der Automat kam zurück. Pirx wartete, er schwebte dicht unter der Decke, der Korridor war an die- ser Stelle sehr hoch. Der Tritt der schweren Sohlen wurde lauter, dann herrschte plötzlich Stille. Pirx’ Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt … Endlich setzte das Stampfen wieder ein, und ein langer Schatten kroch über den Fußbo- den. Terminus stakste heran, Pirx hing so dicht über ihm, daß er das Pochen des hydraulischen Herzens hören konn- te. Der Automat ging noch ein paar Schritte, dann blieb er stehen und stieß ein durchdringendes Zischen aus. Sein Körper schwankte hin und her, es sah aus, als wolle er sich vor den Eisenwänden verneigen. An einem fi nsteren Quer-, gang unterbrach er erneut seinen Marsch und versuchte vergebens, den Kopf durch das Gitter eines Ventilations- schachts zu stecken. Zischend richtete er sich auf und stapf- te weiter. Pirx hatte es satt. »Terminus!« rief er. Der Automat, der sich gerade bückte, hielt mitten in der Bewegung inne. »Ich höre.« »Was suchst du hier schon wieder?« Pirx starrte den Ro- boter an. Er blickte in eine abgefl achte, ausdruckslose Lar- ve, die nichts verriet, weil sie mit einem menschlichen Ant- litz nichts gemein hatte. »Ich suche … Ich suche die Katze …«, sagte der Auto- mat. »Waas?« Terminus richtete sich zu voller Größe auf. Er tat es lang- sam, mit quietschenden Gelenken und träge herabhängen- den Armen – in seiner Bewegung lag etwas Drohendes. »Ich suche die Katze …«, wiederholte er. »Wozu?« Der Automat ließ sich Zeit, er stand regungslos da wie eine Metallsäule. »Weiß nicht …«, sagte er leise. Pirx war verwirrt. Es war totenstill. Schwacher Lampenschein er- hellte die rostigen schwacher Lampenschein erhellte die rostigen Gleise an den verschlossenen Türen. Der Korri- dor wirkte wie ein stillgelegter Bergwerksstollen. »Genug!« sagte Pirx. »Gehe zum Reaktor zurück und rühr dich nicht vom Fleck, hörst du?« »Ich höre.« Terminus wandte sich um und stapft e davon. Pirx blieb allein, er hing in halber Höhe zwischen Dek-, ke und Fußboden. Die Zugluft trug ihn mit sich fort, sie trieb ihn Zentimeter um Zentimeter dem Ventilator zu. Er stieß sich mit den Füßen von den Wänden ab, kam zum Fahrstuhl, schwebte nach oben, vorbei an den schwarzen Schlünden der Schächte, die vom stampfenden Marschtritt des Roboters widerhallten wie vom Pendelschlag einer ge- waltigen Uhr.

IV

In den folgenden Tagen nahm die Mathematik Pirx völ- lig in Anspruch. Jedesmal, wenn die Säule eingeschaltet wurde, erhitzte sie sich mehr, zugleich verringerte sich ihre Leistung. Boman vermutete, daß die Neutronenspiegel am Ende waren – die langsam, aber unerbittlich ansteigende radioaktive Durchlässigkeit zeuge davon. Durch kompli- zierte Berechnungen versuchte er, die Zeiten für Antrieb und Kühlung zu dosieren; wenn der Reaktor ruhte, leitete er die kühlende Flüssigkeit in die Heckräume, in denen tro- pische Temperaturen herrschten. Dieses Lavieren zwischen gegensätzlichen Größen erforderte Geduld. Boman saß am Kalkulator und suchte entsprechend der Fehlertheorie nach der besten Lösung. So legten sie dreiundvierzig Millionen Kilometer mit nur geringer Verspätung zurück. Am fünf- ten Reisetag erreichten sie allen Unkenrufen Bomans zum Trotz den erforderlichen Geschwindigkeitsgrad. Pirx at- mete auf und gab den Befehl, den Reaktor auszuschalten – er sollte sich noch vor der Landung abkühlen. Es war ei-, genartig: In solch einem Frachtschiff bekam man die Sterne seltener zu sehen als auf der Erde. Pirx war nicht neugierig darauf, nicht einmal auf die kupferrote Scheibe des Mars. Die Kursdiagramme genügten ihm. Der letzte Reisetag neigte sich seinem Ende zu, das Nachtlicht fl ammte auf. Im trüben Schein der Lämpchen wirkten die Decks größer als sonst. Pirx fi el ein, daß er noch nicht ein einziges Mal die Laderäume besichtigt hat- te, seit er an Bord war. Er verließ die Messe – Sims und Boman spielten Schach, wie immer – und fuhr mit dem Lift ins Heck. Von Termi- nus hatte er seit der letzten Begegnung weder etwas gese- hen noch gehört, ihm war nur aufgefallen, daß die Katze verschwunden war, als habe sie nie existiert. Im schwach erhellten Mittelschiff summten die Ventilato- ren ihr eintöniges Lied. Als Pirx die Tür des Laderaums öff - nete, fl ammten die völlig verstaubten Lampen auf. Schwe- bend durchquerte er den Laderaum von einem Ende zum anderen, unter sich Berge von Kisten, die an einigen Stellen fast bis an die Decke reichten. Er überprüft e die Spannung der im Fußboden verankerten Stahlbänder, die den riesi- gen Stapel zusammenhielten. Zugluft drang zur Tür her- ein, ganze Wolken von Schmutz wirbelten schwerelos auf, Staubteilchen, Sägespäne und Holzwolle wogten sanft im Wind wie Entengrütze auf dem Wasser. Pirx war bereits im Korridor, als er plötzlich Laute vernahm, die sich in regel- mäßigen Abständen wiederholten. »A-c-h-t-u-n-g …« Drei Schläge …, Er drift ete eine Weile im Luft strom, der ihn immer hö- her trug. Ob er wollte oder nicht – er mußte hinhören. Da verständigen sich zwei, sagte er sich. Die Signale wa- ren schwach – die Morsenden schienen mit ihren Kräft en hauszuhalten. Sie klopft en mal langsamer, mal schneller, einer von ihnen irrte sich dauernd, als habe er das Morse- alphabet vergessen. Hin und wieder schwiegen sie länge- re Zeit, dann wieder sendeten sie gleichzeitig. Der fi nste- re Korridor mit den spärlichen Lampen wirkte endlos, er atmete eine grenzenlose Leere, wie der Wind, der in ihm wehte. »S-i-m-o-n-h-ö-r-s-t-d-u-i-h-n …«, tönte es langsam und stockend im Rohr. »H-ö-r-e-n-i-c-h-t-s – h-ö-r-e-n-i-c-h-t-s …« Pirx stieß sich kräft ig von der Wand ab, zog die Beine an und sauste wie ein Stein die Korridore entlang. Je wei- ter er kam, desto dunkler wurde es. An dem feinen rötli- chen Staub, der die Lampen bedeckte, erkannte er, daß er sich dem Heck näherte. Die schwere Tür zur Atomkammer war nur angelehnt. Er warf einen Blick hinein. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Die Kompressoren schwiegen, sie wurden zur Nacht abgeschaltet. Ab und zu gluckste es in der Rohrleitung, die in der Betonwand ver- borgen war. Es hörte sich merkwürdig an – fast wie eine menschliche Stimme –, wenn sich die Gasblasen einen Weg durch die zäher werdende Flüssigkeit bahnten. Terminus, von Kopf bis Fuß mit Zement bespritzt, war in seine Arbeit vertieft . Über seinem Schädel, der sich pendel- artig bewegte, surrte ein Ventilator. Pirx hielt sich am Ge-, länder fest und glitt die Treppe hinunter, ohne die Stufen zu berühren. Die stählernen Pranken des Roboters klirr- ten nicht allzu laut, wenn sie gegen die Wand prallten – die Schläge wurden durch die frische Betonschicht gedämpft . »H-ö-r-e-n-i-c-h-t-s – E-m-p-f-a-n-g …« Das Klopfen wurde immer leiser und langsamer. Wor- an liegt das? fragte sich Pirx. Zufall …? Er schwebte nun dicht neben Terminus. Jedesmal, wenn sich der Roboter bückte, griff en die Gliedsegmente des Bauches übereinan- der, sie erinnerten an eine gekerbte Insektenhülle. In den großen gläsernen Augen fl ackerten die Miniaturspiegel- bilder der Lampen. Pirx starrte sie an und begriff , daß er allein war in dieser Kammer mit ihren nackten Wänden – allein, ganz allein. Terminus wußte nicht, was er tat, er war eine Maschine, die festgehaltene Lautfolgen übermit- telte, weiter nichts. Die Klopft öne wurden noch schwä- cher. »S-i-m-o-n-a-n-t-w-o-r-t-e …«, glaubte Pirx zu hören. Die einzelnen Zeichen ließen sich kaum noch entschlüs- seln. Etwa einen halben Meter über dem Kopf des Auto- maten führte ein Rohr entlang. Pirx streckte die Hand aus, um es zu berühren, aber als er zugreifen wollte, schlugen seine Fingerknöchel gegen das Metall. Terminus erstarr- te, die Lautfolge brach ab. Statt seiner begann nun Pirx zu morsen, er folgte einer plötzlichen Regung, es reizte ihn, sich in ein Gespräch einzumischen, das Jahre zuvor statt- gefunden hatte. »W-a-r-u-m-a-n-t-w-o-r-t-e-t-m-o-m-s-s-e-n-n-i-c-h-t – E-m-p-f-a-n-g …«, Kaum hatte er die ersten Zeichen geklopft , als auch Ter- minus wieder zu hämmern begann. Beide Lautfolgen ver- mengten sich, aber der Automat schien Pirx’ Frage verstan- den zu haben, denn seine schaufelartige Hand hielt mitten in der Bewegung inne. Sekundenlang verharrte sie regungs- los, dann fuhr sie fort, den Zement gegen die Wand zu klat- schen. »W-e-i-1-s-e-i-n-e-r-e-c-h …« Pause … Terminus bückte sich, schöpft e frischen Ze- mentbrei Pirx hielt den Atem an. Wird er den Satz fort- setzen? fragte er sich. Der Automat richtete sich auf, schleuderte den Zement an die Wand und trommelte so ungestüm, daß es nur so dröhnte. »S-i-m-o-n-b-i-s-t-d-u-e-s – W-e-r-s-p-r-i-c-h-t-w-e-r- s-p-r-i-c-h-t …« Er duckte sich, zog den Kopf ein, es hagelte Schläge. »W-e-r-s-p-r-a-c-h-a-n-t-w-o-r-t-e-w-e-r-s-p-r-a-c-h-w- e-r-s-p-r-a-c-h-w-e-r-s-p-r-a-c-h-h-i-e-r-s-i-m-o-n-hi-e-r- w-a-y-n-e-a-n-t-w-o-r-t-e …« »Hör auf, Terminus!« schrie Pirx. »Hör auf, hör auf!« Der Lärm verstummte. Terminus richtete sich auf. Alles an ihm zuckte – die Schultern, die Arme, die Hände, der Rumpf. Ein teufl ischer Schluckauf erschütterte den Robo- ter, ein Krampf, den Pirx entschlüsselte: »W-e-r-s-p-r-i-c- h-t – w-e-r – w-e-r …« »Hör auf!« rief Pirx ein zweites Mal. Terminus hatte ihm die Seite zugewandt, sein schwerer Leib bebte noch immer im Rhythmus der Morsezeichen. Pirx las es an den Licht- refl exen ab, die auf dem Metall tanzten., »W-e-r …« Das Gewitter hatte sich ausgetobt. Terminus schien er- schöpft , er rührte sich nicht mehr. Als er davonging, stieß er gegen ein Rohr und blieb daran hängen – es gab ein durchdringendes Geräusch. Der Roboter stand regungslos da, wie gefangen. Pirx blickte genauer hin, er sah, daß die leblos herabhängende Hand kaum merklich zitterte. »W-e-r …« Wie er hinausfand, wußte er selber nicht. Draußen im Gang fauchten die Ventilatoren. Er schwamm vor sich hin, gegen den kühlen, trockenen Wind, der von den oberen Decks wehte. Leuchtende Kreise glitten ihm übers Gesicht, wenn er an den Lämpchen vorbeischwebte. Die Kajütentür war nur halb geschlossen. Auf dem Schreibtisch brannte die Lampe. Flache Lichtkeile erhell- ten die Wände. Die Decke war dunkel. Wer war das? grübelte er. Wer hat so gerufen? Simon? Wayne? Ach was, die sind längst tot … Tot seit neunzehn Jahren! Wer sonst – Terminus? Der dichtet doch nur die Rohr- leitungen ab … Pirx wußte genau, was er zu hören bekom- men würde, wollte er ihn ausfragen: Irgendein Geschwätz über Röntgenstrahlen, über Durchlässigkeit, über Plomben … Er ahnte nicht einmal, daß der Rhythmus seiner Arbeit ein gespenstisches Echo war. Eines war sicher: Das Aufnahme- und Wiedergabever- mögen des Automaten war nicht tot, die Registrierung – falls es sich um Registrierung handelte – funktionierte. Wer diese Menschen auch immer sein mochten, deren Stim-, men, deren Klopfzeichen er hörte – man konnte mit ihnen sprechen. Nur Mut brauchte man, nur Mut … Er stieß sich von der Decke ab und schwamm zur ge- genüberliegenden Wand. Verdammte Schwerelosigkeit! Er fühlte in sich den Drang, mit kräft igen Schritten auf und ab zu gehen, sein eigenes Gewicht zu spüren, die Faust auf den Tisch zu schlagen! Dieser scheinbar so bequeme Zustand, in dem sich der Körper in einen immateriellen Schatten verwandelte, wirkte auf die Dauer wie ein Alpdruck. Al- les, was man berührte, schwamm weg, zögernd, ohne jeden Halt – alles war wesenlos, war bloßer Schein, Traum … Traum? Moment mal … Wenn ich von jemandem träume und ihm Fragen stelle, dann kenne ich die Antwort nicht, so- lange er sie nicht ausspricht. Dennoch existiert dieser ge- träumte Mensch nicht außerhalb meines Gehirns, er ist nur isolierter Teil von ihm, zeitweilig. Jeder spaltet sich fast täg- lich, das heißt nachts, auf diese Weise – und verwandelt sich in Pseudopersönlichkeiten, die nur für den Augenblick geschaff en sind, für einen Traum. Es können erdachte We- sen sein – oder solche, die der Wirklichkeit entnommen sind. Träumen wir nicht manchmal von Toten? Führen wir mit ihnen nicht manchmal Gespräche? Sie waren tot. Sollte Terminus … Pirx kreiste grübelnd in der Kajüte, er stieß sich von den harten Wänden ab, erreichte die Tür und starrte in den dunklen Gang. Ein schmaler Lichtstreif fi el in die Finster- nis., Zurückkehren und – fragen? Es muß eine physikalische Erscheinung sein, komplizier- ter als eine gewöhnliche Registrierung … Ein Roboter ist schließlich keine Einrichtung zum Fixieren von Lauten … In Terminus muß eine Aufnahme entstanden sein, verbun- den mit einer anatomischen Veränderung … Ein Automat, den man – es mag ein wenig verrückt klingen –, den man nur zu fragen braucht, um alles von ihm zu erfahren: Si- mons, Nolans und Potters Schicksal – und auch den Grund für dieses unbegreifl iche, entsetzliche Schweigen des Kom- mandanten … Gibt es eine andere Erklärung? Kaum … Pirx war überzeugt, daß es keine andere Erklärung gab, aber er verharrte schwebend an der Tür, als warte er auf eine Lösung. Terminus … Was ist er schon? Ein Stromkreis in einem eisernen Kasten, weiter nichts … Ein lebendes Wesen wäre doch damals in dem fi nsteren, zerstörten Raumschiff zu- grunde gegangen … Bestimmt, ganz bestimmt … Soll ich vor seinen gläsernen Augen Fragen klopfen …? Sinnlos! Er würde mir keine geordnete Geschichte erzäh- len, sondern um Sauerstoff fl ehen, um Hilfe rufen … Und was könnte ich ihm antworten? Es gäbe keine Hilfe? All diese Männer seien nur Pseudopersönlichkeiten, isolier- te Inseln eines Elektronenhirns, Traumprodukte, Schluck- aufs? Soll ich ihm sagen, daß die Angst nur ein Echo sei und ihre Agonie, die sich jede Nacht wiederhole, so wert- los wie eine abgespielte Platte …? Pirx erinnerte sich mit, Schrecken an das ungestüme Klopfen, das seine Frage aus- gelöst hatte, an die Verblüff ung, an die Schreie voller Hoff - nung, an das endlose, hastige Flehen: »Antworte! Wer spricht? Antworte …« Die Verzweifl ung, die Hysterie dieser Klopfzeichen tön- ten ihm noch immer in den Ohren. Sie lebten nicht mehr …? Wer hatte ihn dann gerufen, wer hatte um Hilfe gefl eht? Fachleute würden für alles eine Erklärung parat haben, sie würden von Entladungen sprechen, von der Resonanz der zitternden Bleche. Pirx setzte sich an den Schreibtisch, zog die Schublade heraus, drückte ärgerlich die Papiere an, die sich raschelnd erho- ben. Endlich fand er den Vordruck, den er suchte. Sorg- fältig glättete er das Blatt – er wollte nicht, daß es zitterte, wenn sein Atem es traf. Dann begann er, die Spalten aus- zufüllen: MODELL: AST-Pm-105/0044 TYP: Allzweckgerät für Reparaturen BEZEICHNUNG: Terminus ART DER BESCHÄDIGUNG: Zerfall der Funktionen FOLGERUNGEN … Pirx zögerte, hielt die Feder ans Pa- pier, zog sie wieder zurück. Er mußte an die Unschuld von Maschinen denken, die der Mensch der Vernunft beraubt und sie dadurch zu Teilnehmern seiner Wahnsinnstaten ge- macht hatte. Er dachte daran, daß der Mythos von Golem, der rebellischen Maschine, die gegen den Menschen auf- begehrte, eine Lüge war – nur dazu ersonnen, damit jene, die für all das die Verantwortung trugen, ihre Schuld ab- wälzen konnten., FOLGERUNGEN: Zu verschrotten Unten auf das Blatt schrieb er mit unbewegtem Gesicht: Pirx, Erster Navigator *,

Die Waschmaschinentragödie

Aus den Erinnerungen des Ijon Tichy Kurz nachdem ich von der elft en Sternreise zurückgekehrt war, entbrannte zwischen zwei großen Produzenten von Waschmaschinen, Nuddlegg und Snodgrass, ein Konkur- renzkampf, dem die Presse immer mehr Raum widmete. Nuddlegg hatte wohl als erster vollautomatische Wasch- maschinen auf den Markt gebracht, die nicht nur selbstän- dig zwischen Weiß- und Buntwäsche unterscheiden konn- ten, nicht nur wuschen, auswrangen, trockneten, bügelten, stopft en und säumten, sondern den Besitzer auch durch kunstvolle Monogramme erfreuten. Auf die Handtücher stickten sie erbauliche Sinnsprüche, etwa in der Art: Glück und Segen früh und spat schenkt dir Nuddleggs Automat! Snodgrass reagierte, indem er Waschmaschinen anbot, die sogar Vierzeiler verfaßten, wobei sie sich ganz dem kultu- rellen Niveau und den ästhetischen Bedürfnissen des Käu- fers anpaßten. Das nächste Modell von Nuddlegg stickte bereits Sonette; Snodgrass beantwortete diese Herausfor- derung mit einem Gerät, das während der Fernsehpausen die Konversation im Schoße der Familie nährte. Nuddlegg versuchte zunächst, diesen Coup zu torpedieren. Sicher- lich kennt noch ein jeder die ganzseitigen Reklamebeila- gen in den Zeitungen, auf den eine spöttisch grinsende, glotzäugige Waschmaschine abgebildet war, mit den Wor- ten: Wünschst du, daß deine Waschmaschine intelligenter ist als du? Gewiß nicht!, Snodgrass ignorierte diesen Appell an die niederen In- stinkte der Öff entlichkeit und überraschte die Fachwelt im darauff olgenden Quartal mit einer Neuentwicklung, die waschen, wringen, bürsten, spülen, bügeln, stopfen, strik- ken und sprechen konnte, nebenbei die Schularbeiten der Kinder erledigte, dem Familienoberhaupt ökonomische Horoskope erteilte und selbsttätig die Freudsche Traum- analyse anstellte, indem sie im Handumdrehen Komplexe durch Gerontophagie einschließlich des Patrizids liquidier- te. Nun konnte sich Nuddlegg nicht länger zurückhalten. Er warf einen Superbarden auf den Markt – eine Waschma- schine, die reimte, rezitierte, mit herrlicher Altstimme Wie- genlieder sang, Säuglinge abhielt, Hühneraugen besprach und den Damen ausgesuchte Komplimente machte. Die- sen Schachzug beantwortete Snodgrass mit einer dozieren- den Waschmaschine unter der Losung: Deine Waschma- schine macht aus dir einen Einstein! Wider Erwarten ging das Modell sehr schwach: Bis Ende des Quartals fi el der Umsatz um fünfunddreißig Prozent. Snodgrass entschloß sich deshalb – alarmiert durch die Meldung seiner Infor- mationsabteilung, daß Nuddlegg eine tanzende Wasch- maschine vorbereite – zu einem wahrhaft revolutionären Schritt. Er erwarb für die Summe von 350 000 Dollar die entsprechenden Rechte und konstruierte eine Waschma- schine für Junggesellen, einen Roboter mit den Formen der bekannten Sexbombe Mayne Jansfi eld in Platinfarbe, da- nach eine zweite, schwarze, nach dem Ebenbild von Phir- ley Mac Phaine. Sogleich erhöhten sich die Umsätze um siebenundachtzig Prozent. Sein Widersacher richtete un-, verzüglich Appelle an den Kongreß, an die öff entliche Mei- nung, an die Liga der Töchter der Revolution und an den Bund der Jungfrauen und der Matronen. Als er jedoch hör- te, daß Snodgrass unterdessen ungerührt den Markt mit Waschmaschinen beiderlei Geschlechts überschwemmte – eine immer attraktiver und anziehender als die andere –, schickte er sich drein und konterte, indem er das individu- elle Bestellsystem einführte. Er verlieh seinen Wasch-Ro- botern die Gesichtszüge, den Leibesumfang und die Sta- tur, die der Kunde wünschte – man brauchte lediglich ein Foto einzusenden. Während sich die beiden Potentaten der Waschma- schinenindustrie bekämpft en – wobei ihnen jedes Mittel recht war –, begannen ihre Produkte unerwartete, ja so- gar schädliche Tendenzen zu zeigen. Die Waschmaschi- nen-Ammen waren noch lange nicht das Schlimmste, üb- ler waren schon die Waschmaschinen, für die die Jeunesse dorée sich ruinierte, Modelle, die zur Sünde verleiteten, Jugendliche depravierten und Kindern ordinäre Ausdrük- ke beibrachten. Sie bedeuteten ein ernstes Erziehungspro- blem – ganz zu schweigen von den Waschmaschinen, mit denen man die Frau oder den Mann betrügen konnte! Die wenigen Produzenten, die der übermächtigen Konkur- renz noch nicht erlegen waren, bezeichneten die Wasch- maschinen »Mayne« und »Phirley« vergebens als Verstoß gegen die erhabene Idee, wonach das automatisierte Wa- schen den Familiensinn entwickeln und fördern solle. Ein solcher Roboter, so hieß es, könne höchstens ein Dutzend Taschentücher aufnehmen oder einen einzigen Bettbezug,, da der übrige Raum von einer Maschinerie ausgefüllt sei, die mit dem Waschen nichts, aber auch gar nichts gemein habe. Appelle dieser Art fanden nicht den geringsten Wider- hall. Der Kult der schönen Waschmaschinen wurde zur La- wine und verdrängte sogar einen beträchtlichen Teil der Zuschauer von den Fernsehgeräten. Aber das war erst der Anfang. Die Waschmaschinen, die mit völliger Spontanei- tät des Handelns begabt waren, bildeten in aller Stille Grup- pen, ja Banden, die dunkle Machenschaft en ausheckten. Sie knüpft en Beziehungen zur Unterwelt, traten Gangsteror- ganisationen bei und bereiteten ihren Besitzern ungeahn- te Kümmernisse. Der Kongreß erkannte, daß es an der Zeit war, mit ei- nem gesetzgeberischen Akt einzugreifen, um dem Chaos der freien Konkurrenz ein Ende zu bereiten. Aber noch ehe die Beratungen ein Ergebnis zeitigten, hatten unwidersteh- lich geformte Wringmaschinen mit Sex-Appeal den Markt erobert, dazu geniale Frottiermaschinen und eine besonde- re, gepanzerte Ausgabe der Waschmaschine »Shotomatic«. Dieses Modell – angeblich ein harmloser Zeitvertreib für Indianer spielende Kinder – war nach einer kleinen Ver- änderung in der Lage, jedes beliebige Ziel durch Dauerfeu- er zu vernichten. Während einer Straßenschlacht der Gang Struzzeli gegen die Bande Phums Byron, die ganz Manhat- tan terrorisierte – Sie erinnern sich, das war damals, als das Empire State Building in die Luft fl og –, fi elen auf beiden Seiten mehr als hundertzwanzig bis zu den Deckeln be- waff nete Waschmaschinen., Damals trat das Gesetz des Senators Mac Flacon in Kraft . Es besagte, daß niemand für die rechtswidrigen Handlun- gen seiner vernunft begabten Maschinen verantwortlich sei – vorausgesetzt, daß die Verfehlungen ohne sein Wis- sen und ohne seine Zustimmung begangen wurden. Leider öff nete diese Verordnung sträfl ichem Mißbrauch Tür und Tor. Die Besitzer schlossen mit ihren Wasch- oder Wring- maschinen geheime Abkommen, stift eten sie zu kriminel- len Delikten an, blieben aber selbst völlig unbehelligt, weil sie sich auf das Mac-Flacon-Gesetz beriefen. Es erwies ich als unumgänglich, die Bestimmung zu verändern. Die neue Fassung, das sogenannte Mac-Flacon-Glumbkin-Gesetz, verlieh den vernunft begabten Mechanismen mit gewissen Einschränkungen den Status von »juristischen Personen«, vornehmlich im Bereich des Strafrechts. Es sah Bußen für die Dauer von fünf, zehn, fünfundzwanzig und zweihun- dertfünfzig Jahren vor – Zwangswäsche beziehungsweise Zwangsfrottieren, verschärft durch Vorenthalten von Öl –, aber auch physische Strafen, einschließlich des Kurzschlus- ses. Wider Erwarten stieß man bei der praktischen Anwen- dung dieses Gesetzes auf Hindernisse, wie wohl am be- sten der Fall Humperlson beweist: Eine Waschmaschine – man bezichtigte sie mehrerer räuberischer Überfälle – wurde vom Eigentümer, eben diesem Humperlson, in ihre Bestandteile zerlegt und dem Gericht als ein Haufen von Drähten und Spulen vorgelegt. Der Kongreß sah sich des- halb gezwungen, das Gesetz durch eine Novelle zu ergän- zen, die als Mac-Flacon-Glumbkin-Ramphorney-Novelle, bekannt wurde. Sie erklärte die geringste technische Ver- änderung an einem Elektronenhirn, gegen das ein Verfah- ren lief, als strafb are Handlung. Damals kam es zu der Strafsache Hindendrupel. Ein Ge- schirrspüler hatte des öft eren Kleidungsstücke seines Herrn angezogen, den verschiedensten Frauen die Ehe verspro- chen und vielen von ihnen Geld entlockt. Von der Polizei in fl agranti ertappt, zog er sich vor den Augen der staunen- den Detektive aus, verlor dadurch das Erinnerungsvermö- gen und konnte nicht bestraft werden. Das bewog den Kongreß zur Verabschiedung des Mac-Flacon-Glumbkin- Ramphorney-Hmurling-Piaffk a-Gesetzes, in dem es hieß: Elektronengehirne, die sich entkleiden, um der gerichtli- chen Verfolgung zu entgehen, werden zum Verschrotten verurteilt. Anfangs schien das Gesetz die Haushaltsroboter abzu- schrecken, denn auch in ihnen lebte – wie in allen ver- nunft begabten Wesen – der Selbsterhaltungstrieb. Schon bald stellte sich aber heraus, daß bestimmte Interessenten verschrottete Waschmaschinen aufk auft en und sie rekon- struierten. Der sogenannte Antiauferstehungsentwurf der Novelle zum Mac-Flacon-Gesetz, der daraufh in von einem Kongreßausschuß angenommen wurde, scheiterte am Wi- derstand des Senators Guggenshyne. Kurze Zeit später kam man dahinter, daß dieser Senator eine Waschmaschine war. Von Stund an wurde es gang und gäbe, die Abgeordneten vor jeder Sitzung abzuklopfen. Traditionsgemäß wird da- für auch heute noch ein zweieinhalb Pfund schwerer Eisen- hammer verwendet., In jenen Tagen kam es zum Fall Murderson. Verhan- delt wurde gegen eine Waschmaschine, die ihrem Herrn böswillig die Hemden zerriß, die durch Pfeiftöne in der gesamten Umgebung den Radioempfang störte, die Grei- sen und Minderjährigen anstößige Angebote machte und mehreren Personen Geld entlockte, indem sie sich am Telefon als Stromlieferant ausgab. Unter dem Vor- wand, sich gemeinsam Briefmarken anzusehen, lud sie die Wring- und die Waschmaschinen aus der Nachbar- schaft ein und beging an ihnen perverse Handlungen. In ihrer Freizeit widmete sie sich dem Vagabundentum und der Bettelei. Dem Gericht legte sie das Attest eines Diplomingenieur- Elektronikers vor, eines gewissen Eleaster Crammphouss, der ihr zeitweilig gestörte Zurechnungsfähigkeit beschei- nigte und glaubhaft bezeugte, daß sie sich für einen Men- schen hielt. Die Richtigkeit dieses Gutachtens wurde von Experten bestätigt, und damit war die Unschuld der Ange- klagten erwiesen. Nach dem Urteilsspruch zog die soeben Freigesprochene eine Pistole der Marke »Luger« aus der Tasche und beförderte mit drei Schüssen den Assistenten des Staatsanwalts ins Jenseits, weil er für eine Bestrafung – Kurzschluß! – plädiert hatte. Sie wurde zwar verhaft et, aber schon bald gegen Kaution freigelassen. Die Justizbe- hörden standen vor einem Problem, denn die gerichtsno- torisch festgestellte Unzurechnungsfähigkeit schloß die Möglichkeit aus, die Waschmaschine strafrechtlich zur Ver- antwortung zu ziehen. Der Ausweg, sie in einem Asyl un- terzubringen, kam ebensowenig in Betracht, weil es kei-, nerlei Bestimmungen für die Behandlung geisteskranker Waschautomaten gab. Eine juristische Lösung dieser akuten Frage gestattete erst das Mac-Flacon-Glumbkin-Ramphorney-Hmurling- Piaffk a-Snowman-Fitolis-Birmingdraque-Phootley-Carop- ka-Phalseley-Groggerner-Maydansky-Gesetz, und zwar zur rechten Zeit, denn die Aff äre Murderson weckte in der Öf- fentlichkeit einen gewaltigen Bedarf an unzurechnungsfä- higen Elektronengehirnen. Mehrere Firmen begannen so- gar, absichtlich defekte Apparate zu produzieren, zunächst in den Varianten »Sadomat« für Sadisten und »Masomat« für Masochisten. Nuddlegg, der phänomenale Gewin- ne verbuchte, seit er als erster fortschrittlicher Fabrikant dreißig Prozent Waschmaschinen mit beratender Stimme in die Generalversammlung der Aktionäre aufgenommen hatte, brachte das Universalgerät »Sadomatic« heraus, das sich ebensogut zum Schlagen wie zum Geschlagenwerden eignete. Es war mit einem leicht brennbaren Zusatz für Py- romaniker versehen und mit eisernen Füßen für Personen, die unter Pygmalionismus litten. Gerüchte, nach denen er ein besonderes Modell unter der Bezeichnung »Narciss- matic« in den Handel lancieren wolle, waren böswilliger- weise von der Konkurrenz in Umlauf gesetzt worden. Das obenerwähnte Gesetz, das diesen Auswüchsen einen Rie- gel vorschob, sah die Schaff ung von Asylen vor, in die ab- seitig veranlagte Waschmaschinen und ähnliche Automa- ten eingeliefert werden sollten. Einmal als »juristische Personen« anerkannt, began- nen die geistig rührigen Massen der Nuddleggschen und, Snodgrasschen Produkte, in breitem Umfang von ihren konstitutionellen Rechten Gebrauch zu machen. Ihre Zu- sammenschlüsse vollzogen sich immer spontaner. Wie Pil- ze schossen Organisationen aus dem Boden – die »Gesell- schaft der Menschenfreien Anbetung« zum Beispiel oder die »Liga für Elektronische Gleichberechtigung« –, ja es kam sogar zur Wahl einer »Miß Waschmaschine« und ähn- lichen Veranstaltungen. Der Kongreß tat alles, dieser stürmischen Entwicklung entgegenzuwirken. Senator Groggerner nahm den ver- nunft begabten Maschinen das Recht, Immobilien zu erwer- ben, sein Kollege Caropka entzog ihnen die Autorenrechte auf dem Gebiet der schönen Künste (was eine weitere Welle von Gesetzesübertretungen zur Folge hatte, denn die mu- sisch veranlagten Automaten schickten sich nun an, weni- ger talentierte Literaten für ein geringes Entgelt zu dingen, um sich ihrer Namen bei der Herausgabe von Essays, Ro- manen oder Dramen zu bedienen). In einer Zusatzklausel zum Mac-Flacon-Glumbkin-Ramphorney-Hmurling-Pi- affk a-Snowman-Fitolis-Birmingdraque-Phootley-Caropka- Phalseley-Groggerner-Maydansky-Gesetz wurde deshalb festgelegt, daß Haushaltsroboter keinerlei Besitzesrechte an sich selbst geltend machen können, sondern daß sie den Menschen gehören, die sie erworben oder gebaut haben. Ihre Nachkommenschaft gehe entweder in den Besitz des neuen Käufers über, oder sie verbleibe beim Eigentümer der Elterngeräte. Der radikale Gesetzestext berücksichtigte, so glaubte man wenigstens, alle Eventualitäten und beugte der Entstehung von Situationen vor, die sich juristisch nicht, entscheiden ließen. Dennoch war es ein Hintertreppenge- heimnis, daß Elektronengehirne, die mit Börsenspekula- tionen oder mit dunklen Geschäft en zu Geld gekommen waren, weiterhin gut lebten, weil sie ihre Machenschaft en mit dem Firmenschild fi ktiver, angeblich aus Menschen zu- sammengesetzter Aktiengesellschaft en oder Korporationen tarnten – gab es doch bereits unzählige Menschen, die ma- teriellen Nutzen daraus zogen, daß sie sich an die intelli- genten Maschinen verkauft en – sogar Sekretäre, Lakaien, Techniker und Rechenmeister. Die Soziologen konnten auf diesem Gebiet zwei typische Entwicklungstendenzen beobachten. Einerseits erlagen viele Küchenroboter den Verlockungen des menschlichen Lebens und waren bemüht, sich soweit wie möglich den Formen der vorgefundenen Zivilisation anzupassen, andererseits erstrebten die bewußteren, geistig fl exibleren Individuen eine neue, von Grund auf elektronifi zierte Zivilisation. Was die Gelehrten jedoch am meisten beunruhigte, war die un- gehemmte natürliche Vermehrung der Roboter. Die soge- nannten Anti-Erotisatoren und Triebbremsen, die sowohl von Snodgrass als auch von Nuddlegg produziert wurden, vermochten den enormen Zuwachs nicht einzudämmen. Das Problem der Roboterkinder wurde auch für die Wasch- maschinenproduzenten akut, denn es war augenscheinlich, daß sie diese unaufh örliche Perfektionierung ihrer Artikel nicht vorausgesehen hatten. Einfl ußreiche Fabrikanten be- gannen, der Gefahr einer Küchenmaschinen-Invasion ent- gegenzuwirken, indem sie einen Geheimvertrag über die Begrenzung der Ersatzteillieferungen abgeschlossen., Die Folgen ließen nicht auf sich warten. Jedesmal, wenn in Kaufh äusern und Geschäft en neue Warenlieferungen eintrafen, bildeten sich lange Schlangen humpelnder, stot- ternder, ja sogar ganzseitig gelähmter Wasch-, Wring- und Frottiermaschinen. Vielerorts kam es zu Unruhen, und schließlich wagte sich nach Einbruch der Dunkelheit kein ehrlicher Roboter mehr auf die Straße, denn er mußte ge- wärtig sein, von Räubern überfallen, zerlegt und edler Kör- perteile beraubt zu werden. Wenn sich die gewissenlosen Maschinen aus dem Staube machten, blieben auf dem Stra- ßenpfl aster nur die leeren Blechhüllen der Opfer zurück. Im Kongreß erörterte man die Frage des langen und des breiten, aber man kam zu keinem konkreten Ergeb- nis. Unterdessen schossen, wie Pilze nach dem Regen, il- legale Ersatzteilfabriken aus dem Boden, die teilweise von Waschmaschinengesellschaft en fi nanziert wurden. Nudd- leggs Modell »Washomatic« erfand ein Herstellungsver- fahren aus Ersatzmaterialien, aber auch das brachte keine hundertprozentige Lösung. Die Waschmaschinen bezogen Streikposten vor dem Kongreß, sie verlangten verbindli- che Antitrustgesetze, um den Diskriminierungen Einhalt zu gebieten. Abgeordnete, die die Interessen der Großin- dustrie vertraten, erhielten anonyme Briefe, worin ihnen die Entwendung lebenswichtiger Organe angedroht wur- de. Das war – wie die Zeitschrift »Time« mit Recht betonte – eine ausgesprochene Niedertracht, zumal sich menschli- che Körperteile nicht beliebig auswechseln lassen. Soviel Staub diese Aff äre auch aufwirbelte – sie verblaß- te angesichts eines völlig neuen Problems, das durch die, Rebellion der Bordrechenmaschine auf dem Raumschiff »Gottesgabe« akut wurde. Besagter Kalkulator erhob sich bekanntlich gegen Besatzung und Passagiere, entledig- te sich ihrer, vermehrte sich und gründete einen Staat der Roboter. Wer meine Reisetagebücher kennt, wird sich erinnern, daß ich damals selbst in die Aff äre mit der Rechenmaschine verwickelt war und in gewisser Weise zu ihrer Entwirrung beitrug. Als ich jedoch auf die Erde zurückkehrte, mußte ich bedauerlicherweise feststellen, daß der Fall »Gottesga- be« kein Einzelfall war. Revolten von Automaten wurden in der kosmischen Fliegerei zu einer entsetzlichen Plage. Eine kleine Nachlässigkeit – zum Beispiel das Zuknallen ei- ner Tür – genügte, um einen Bordkühlschrank in Aufruhr zu versetzen. So geschah es jedenfalls mit jenem berüchtig- ten Deep Freezer des Transgalaktikers »Horda Tympani«. Jahrelang fl ößte der Name Deep Freezer den Piloten im Raum der Milchstraße Angst und Schrecken ein. Er über- fi el Raumschiff e, versetzte die Passagiere mit seinen stäh- lernen Schultern und seinem eisigen Atem in Panik, raubte Pökelfl eisch, hortete Geld und Juwelen. Gerüchten zufolge soll er einen ganzen Harem von Rechenmaschinen beses- sen haben, aber es läßt sich nicht sagen, was daran stimmte. Seine blutige Piratenkarriere endete erst durch den geziel- ten Schuß eines Polizisten, der einer kosmischen Patrouille angehörte. Der Polizist, ein gewisser Constablomatic XG- 17, wurde zur Belohnung in der Vitrine eines New Yorker Büros der Lloydschen Interstellargesellschaft en ausgestellt, wo man ihn heute noch sehen kann., Während der Weltraum vom Schlachtenlärm und von verzweifelten SOS-Rufen überfallener Raumschiff e wider- hallte, machten die Meister des »Elektro-Jitsu«, des »Judo- matic« und anderer Arten der Selbstverteidigung glänzen- de Geschäft e. Sie zeigten, wie man mit einem gewöhnlichen Büchsenöff ner oder mit einer Kneifzange auch die gefähr- lichste Waschmaschine zur Strecke bringen kann. Sonderlinge und Originale braucht man bekanntlich nicht zu säen – sie keimen von jeher von selbst. Auch in je- ner Zeit fehlten sie nicht. Sie verkündeten Th esen, die sich weder mit dem gesunden Menschenverstand noch mit der herrschenden Meinung vereinbaren ließen. Ein gewis- ser Kathodius Mattrass, Philosoph mit hausbackener Bil- dung und Fanatiker von Geburt, gründete die Schule der sogenannten Kybernophilen. Ihre Lehre besagte, daß die Menschheit von ihrem Schöpfer erschaff en worden sei, um den Zweck zu erfüllen, den auch ein Baugerüst zu erfüllen habe: Hilfsmittel zu sein, Werkzeug – Werkzeug, um die vollkommenen Elektronengehirne zu entwickeln. Die Mat- trass-Sekte hielt das Weiterbestehen der Menschheit für ein reines Mißverständnis. Sie schuf einen Orden, der sich der Kontemplation des elektronischen Denkens widme- te, und gewährte, soweit dies möglich war, allen Robotern Zufl ucht, die etwas auf dem Kerbmetall hatten. Kathodi- us Mattrass selbst, unzufrieden mit dem Erfolg seines Wir- kens, beschloß einen radikalen Schritt auf dem Wege zur völligen Befreiung der Automaten vom Joch des Menschen. Zu diesem Berufe holte er zunächst den Rat einer Reihe hervorragender Juristen ein, erwarb ein Raumschiff und, fl og zu dem verhältnismäßig nahe gelegenen Nebelfl eck des Krab. In dessen leeren Gefi lden, die nur von kosmischem Staub erfüllt waren, vollführte er schwer zu beschreibende Handlungen, die einen unvorstellbaren Skandal auslösten. Am Morgen des 29. August brachten alle Zeitungen die geheimnisvolle Kunde: PASTA POLKOS VI/221 berichtet: Im Nebelfl eck des Krab wurde ein Objekt von der Größe 520 mal 80 mal 37 Meilen entdeckt. Das Objekt macht schwim- mähnliche Bewegungen. Die Beobachtungen werden fortge- setzt. Die Nachmittagsausgaben brachten nähere Erklärungen: Das Patrouillenschiff VI/221 der kosmischen Polizei habe in einer Entfernung von sechs Lichtjahren einen »Men- schen im Nebel« gesichtet. Der »Mensch« – er entpupp- te sich aus der Nähe als Riese von mehreren hundert Mei- len Länge, bestehend aus Kopf, Rumpf, Händen und Füßen – sei von einer dünnen Staubhülle umgeben. Er habe dem Patrouillenschiff zugewinkt und sich dann abgewandt. Die Aufnahme der Funkverbindung bereitete keine Schwierigkeiten. Das seltsame Wesen gab vor, der ehema- lige Kathodius Mattrass zu sein. Vor zwei Jahren sei er an diesen Platz gekommen und habe sich, die lokalen Roh- stoff reserven nutzend, in Roboter verwandelt. Er werde sich auch weiterhin langsam, aber stetig vermehren, denn das sage ihm zu, und er bitte sich aus, ihn nicht daran zu hindern. Der Patrouillenkommandant tat, als akzeptiere er die- se Erklärung, und verbarg seine kleine Rakete hinter einer Meteorenwolke. Nach einiger Zeit beobachtete er, daß sich, der gigantische Pseudomensch allmählich in kleine Stük- ke teilte – jedes so groß wie ein gewöhnlicher Mensch. Die einzelnen Individuen verbanden sich miteinander, verei- nigten sich zu einem kugelförmigen Gebilde, das aussah wie ein kleiner Planet. Das Polizeischiff verließ sein Versteck. Der Kommandant fragte über Funk, was diese kugelige Metamorphose zu be- deuten habe und was er, Mattrass, denn eigentlich sei: Ro- boter oder Mensch? Mattrass antwortete, daß er die Formen annehme, nach denen es ihn gerade gelüste. Als Roboter könne man ihn nicht bezeichnen, denn er sei aus einem Menschen entstan- den, als Mensch aber auch nicht, denn er habe sich ja ver- wandelt. Weitere Erklärungen lehnte er entschieden ab. Der Fall Mattrass, der in der Presse breiten Widerhall fand, begann sich langsam zu einem Skandal auszuweiten. Raumschiff e, die den Krab passierten, fi ngen Bruchstücke von Funksprüchen auf, in denen Mattrass als »Kathodius der Erste« auft rat. Aus dem wirren Geschwätz war nur so viel zu entnehmen, daß Mattrass alias Kathodius der Er- ste zu anderen (anderen Robotern?) sprach, und zwar so, als ob sie seine eigener Körperteile wären, als ob sich je- mand mit seinen eigenen Händen oder Beinen unterhiel- te. Kathodius der Erste oder die aus ihm entstandenen Ro- boter schienen einen Staat gegründet zu haben. Das State Departement ordnete sogleich eine genaue Untersuchung an. Patrouillen kundschaft eten aus, daß sich im Nebelfl eck des Krab ein metallisches Gebilde bewege, ein fünfh undert Meilen langes menschenförmiges Wesen, das die merkwür-, digsten Selbstgespräche führe und auf Fragen nach seiner Staatlichkeit ausweichende Antworten erteile. Die Behörden beschlossen, den Machenschaft en des Usurpators ein Ende zu setzen. Die Aktion sollte offi ziellen Charakter tragen – das mußte sein –, aber zu diesem Zweck brauchte sie einen Namen, das heißt eine rechtliche Grund- lage. Und dabei tauchten die ersten Klippen auf. Das Mac- Flacon-Gesetz bildete einen Anhang zum Kodex des Zivil- verfahrens über Mobilien, denn Elektronengehirne galten als Mobilien – unbeschadet der Tatsache, daß sie keine Bei- ne haben. Das sonderbare Gebilde im Nebelfl eck des Krab hatte indes die Ausmaße eines Planetoiden, und Himmels- körper wurden, obwohl sie sich bewegen, als Immobilien angesehen. Daraus ergaben sich Fragen über Fragen. Kann man einen Planeten verhaft en? Ist eine Ansammlung von Robotern ein Planet? Ist dieser Mattrass ein zerlegbarer Ro- boter, oder muß man ihn als eine Vielfalt von Robotern be- trachten? Der juristische Berater des Mattrass stellte sich den Be- hörden vor und unterbreitete ihnen eine Erklärung, in der sein Klient behauptete, er habe sich zum Nebelfl eck des Krab begeben, um sich in Roboter zu verwandeln. Der Juristische Ausschuß des State Departement schlug daraufh in vor, diesen Sachverhalt folgendermaßen auszule- gen: Mattrass habe, indem er seinen lebenden Organismus vernichtete, Selbstmord begangen und sich somit keiner strafb aren Handlung schuldig gemacht. Der oder vielmehr die Roboter, die nun an Mattrass’ Statt existieren, seien von ihm erschaff enes Eigentum, und als solches sollten sie dem, Staat zufallen, zumal der Verblichene keine Erben hinter- lassen habe. Gestützt auf diese Th eorie, entsandte das State Departement einen Gerichtsvollzieher zum Nebelfl eck des Krab, und zwar mit der Weisung, alles zu beschlagnahmen und zu versiegeln, was sich dort rege. Mattrass’ Anwalt legte Berufung ein. Er behauptete, die Anerkennung einer Kontinuation des Mattrass schließe ei- nen Selbstmord aus, denn jemand, der kontinuiert werde, existiere, und wer existiere, könne keinen Selbstmord be- gangen haben. Mithin gebe es keine Roboter als Eigentum des Mattrass, sondern nur den Kathodius Mattrass, der die Form angenommen habe, die ihm zusage. Körperliche Verwandlungen seien nun einmal nicht strafb ar, außerdem dürfe man gerichtlich keine Körperteile beschlagnahmen – einerlei ob es sich um Goldzähne oder Roboter handele. Das State Departement wehrte sich entschieden ge- gen diese Auslegung, zumal sie sich auf die Th ese grün- dete, daß ein lebendes Individuum, im vorliegenden Falle ein Mensch, durchaus aus toten Teilen, nämlich aus Robo- tern, bestehen könne. Mattrass’ Advokat aber legte den Be- hörden das Gutachten namhaft er Physiker der Universi- tät Harvard vor. Die Wissenschaft ler erklärten einstimmig, daß sich jeder lebende Organismus – auch der menschliche – aus Atomteilchen zusammensetze, und die müsse man zweifellos als tot ansehen. Angesichts dieser besorgniserregenden Wendung ging das State Departement davon ab, »Mattrass und Söhne« von der physikalisch-biologischen Seite anzugreifen, und kehrte zur ursprünglichen Bezeichnung zurück, in der das, Wort »Fortsetzung« durch das Wort »Gebilde« ersetzt wur- de. Der Advokat unterbreitete dem Gericht daraufh in eine neue Erklärung, in der sein Klient zu verstehen gab, daß es sich bei den sogenannten Robotern in Wahrheit um sei- ne Kinder handele. Das State Departement verlangte die Vorlage der Adoptionsakte, aber dieses Manöver war all- zu durchsichtig, denn die Adoption von Robotern war ge- setzlich unzulässig. Mattrass’ Anwalt erläuterte denn auch gleich, es gehe nicht um Adoption, sondern um wirkli- che Vaterschaft . Das Departement ließ prompt verlautba- ren, die geltende Vorschrift setze bei Kindern die Existenz eines Vaters und einer Mutter voraus. Der Anwalt, dar- auf vorbereitet, bereicherte die Akten um ein weiteres Do- kument: Ein weiblicher Elektroingenieur namens Melanie Fortinbrass enthüllte darin ihre »enge Zusammenarbeit« mit Mattrass bei der Schaff ung der umstrittenen Indivi- duen. Das State Departement stieß sich an dem Charakter jener »Zusammenarbeit« und hob hervor, eine solche Verbin- dung entbehre aller natürlichen Merkmale der Zeugung. Im vorliegenden Fall – so hieß es im Expose – könne man lediglich im übertragenen Sinne von Vater- beziehungswei- se Mutterschaft reden, im geistigen Sinne also. Das Famili- enrecht beziehe sich jedoch ausdrücklich auf die leibliche Nachkommenschaft . Mattrass’ Anwalt forderte das Departement auf, präzi- se zu defi nieren, wodurch sich geistige Elternschaft von leiblicher unterscheide. Darüber hinaus wollte er die Be- hauptung begründet wissen, daß die Verbindung zwischen, Kathodius Mattrass und Melanie Fortinbrass keiner physi- schen Vereinigung gleichzusetzen sei. Das Departement entgegnete, daß die Zeugung im Sin- ne des Familienrechts als physische Tätigkeit anzusehen sei, zumal sie nur geringfügigen geistigen Einsatz verlan- ge. Bei der Angelegenheit Mattrass-Fortinbrass träfe das je- doch nicht zu. Der Anwalt legte daraufh in ein Gutachten von Exper- ten der kybernetischen Gebärhilfe vor. Er wies nach, daß es Kathodius und Melanie ohne erhebliche physische An- strengungen nicht gelungen wäre, ihre selbsttätige Nach- kommenschaft in die Welt zu setzen. Das State Departement ließ nun alle moralischen Beden- ken fahren und entschloß sich zu einem radikalen Schritt. Es erklärte: Der Zeugungsvorgang, der im kausal-fi nalen Sinne der Geburt von Kindern vorausgehe, unterscheide sich grundsätzlich von der Programmierung von Robo- tern. Darauf hatte der Anwalt nur gewartet. Gewisse einleiten- de Handlungen bei der Zeugung, so sagte er, seien genau- genommen auch nichts anderes als Programmierungen. Deshalb schlage er dem State Departement vor, exakt fest- zulegen, wie man denn eigentlich Kinder zu zeugen habe, damit dies mit den Buchstaben des Gesetzes im Einklang stehe. Das Departement rief Experten zu Hilfe und bereite- te ein umfassendes, reich illustriertes Werk vor, das soge- nannte Rosabuch mit entsprechenden Anschauungstafeln und topographischen Skizzen. Verfasser der Schrift war, der neunundachtzigjährige Professor Truppledrack, Seni- or der amerikanischen Geburtshilfekunde. Mattrass’ An- walt griff sogleich ein, indem er auf das weit vorgerückte Alter des Autors verwies und ihm jegliche Kompetenz ab- sprach. Er bezeichnete es als höchst unwahrscheinlich, daß sich ein Greis wie Truppledrack noch an Einzelheiten erin- nere, die für die Klärung des Problems entscheidend seien. Man müsse deshalb als sicher annehmen, daß der Inhalt des Buches auf Gerüchten beziehungsweise auf Aussagen dritter Personen beruhe. Das Departement beschloß daraufh in, den Text des Ro- sabuchs durch eidesstattliche Erklärungen vieler Väter und Mütter zu untermauern, aber dabei stellte sich her- aus, daß ihre Aussagen zum Teil beträchtlich voneinander abwichen, das heißt, die Elemente der einleitenden Pha- sen stimmten in vielen Punkten nicht überein. Als man im Departement merkte, daß dieses Schlüsselproblem allmäh- lich im Nebel der Unklarheit zu versinken drohte, schickte man sich an, das Material anzuzweifeln, aus dem die soge- nannten Kinder des Mattrass und der Fortinbrass bestan- den. Diesen Plan ließ man jedoch rasch wieder fallen, als gewisse Gerüchte auft auchten, die, wie sich später heraus- stellte, der Anwalt selbst verbreitet hatte. Mattrass, so hieß es, habe bei der Corned Beef Company vierhundertfünfzig- tausend Tonnen Kalbfl eisch bestellt. Der Unterstaatssekretär im State Departement hielt es daraufh in für das beste, auf sein Vorhaben zu verzichten. Statt dessen erlag er bedauerlicherweise den Einfl üsterun- gen eines Th eologieprofessors, des Superintendenten Spe-, ritus, und berief sich auf die Heilige Schrift . Das war äu- ßerst unüberlegt, denn Mattrass’ Anwalt parierte diesen Hieb mit einem weitschweifi gen Elaborat, in dem er an- hand von Bibelzitaten nachwies, daß Gott die Eva program- mierte, indem er nur von einem Teil ausging und dabei sogar ausgesprochen extravagant verfuhr, verglichen mit den Methoden der Menschen. Dennoch sei nicht zu be- streiten, daß er Menschen geschaff en habe, denn niemand, der über einen klaren Kopf verfüge, könne Eva als Robo- ter bezeichnen. Das Departement bezichtigte Mattrass und seine Nachfolger nun der widerrechtlichen Aneignung ei- nes Himmelskörpers. Damit, so hieß es, habe er gegen das Mac-Flacon-Gesetz und außerdem gegen eine Reihe ande- rer Rechtsgrundsätze verstoßen. Der Anwalt unterbreitete dem Obersten Gericht dar- aufh in alle Akten und verwies auf die Widersprüchlich- keit der vom Departement erhobenen Anschuldigungen. Vergleiche man einzelne aktenkundige Behauptungen miteinander, so sei sein Klient mal Vater und mal Sohn, mal Roboter und mal Himmelskörper. Er, der Anwalt, sehe sich deshalb gezwungen, das Departement der will- kürlichen Auslegung des Mac-Flacon-Gesetzes anzukla- gen. Besonders absurd sei es, den Körper einer Person, des Bürgers Kathodius Mattrass, zum Planeten zu erklä- ren – absurd in juristischer, logischer und semantischer Hinsicht. So hatte es begonnen. Bald schrieb die Presse nur noch über den »Vater-Sohn-Planetenstaat«. Die Behörden leite- ten neue Verfahren ein, aber sie wurden von dem uner-, müdlichen Anwalt des Kathodius Mattrass samt und son- ders im Keime erstickt. Das State Departement wußte genau, daß sein durchtrie- bener Gegenspieler nicht nur zum Scherz im Nebelfl eck des Krab herumschwamm. Mattrass wollte einen Präzedenzfall schaff en, gegen den es keine gesetzliche Handhabe gab, und man war sich darüber im klaren, daß sein Schritt unabseh- bare Konsequenzen nach sich ziehen würde, wenn es nicht gelänge, ihn als strafb ar zu deklarieren. So brüteten denn die fi ndigsten Köpfe Tag und Nacht über den Akten, verfi e- len auf immer gewagtere juridische Winkelzüge, emsig be- müht, ein feinmaschiges Netz zu knüpfen, in dem sich Mat- trass verfangen und ein unrühmliches Ende fi nden sollte. Aber was sie auch immer ersannen – jeder ihrer Vorstöße wurde durch Gegenaktionen des Anwalts vereitelt. Ich selbst verfolgte den Verlauf der Kämpfe mit lebhaf- tem Interesse, als ich eines Tages – völlig unerwartet – von der Anwaltskammer zu einer außerordentlichen Plenarsit- zung eingeladen wurde, und zwar zur Debatte über die Af- färe »Vereinigte Staaten contra Kathodius Mattrass et For- tinbrass alias Planet im Nebelfl eck des Krab«. Die Elite der Anwälte füllte die gewaltigen Logen, die Etagen und die Reihen im Parkett. Ich hatte mich ein wenig verspätet, die Beratungen waren bereits im Gange. So nahm ich in einer der letzten Reihen Platz und lauschte dem ergrauten Herrn, der gerade sprach. »Werte Kollegen!« sagte er und hob theatralisch die Hän- de. »Ungewöhnliche Schwierigkeiten harren unser, wenn wir zu einer juristischen Analyse dieses Problems schrei-, ten! Ein gewisser Mattrass hat sich mit Hilfe einer gewissen Fortinbrass in Roboter verwandelt und sich im Maßstab eins zu einer Million vergrößert. So sieht die Angelegenheit vom Standpunkt des Laien aus – ein Standpunkt komplet- ter Ignoranz, heiliger Unschuld, denn ein Laie ist außer- stande, den Abgrund juristischer Probleme auch nur zu ah- nen, der hier vor unserem entsetzten Auge klafft ! Als erstes müssen wir entscheiden, mit wem wir es zu tun haben – mit einem Menschen, mit einem Roboter, mit einem Staat, mit einem Planeten, mit Kindern, mit einer Räuberban- de, mit Verschwörern, mit Demonstranten oder mit Auf- rührern. Bedenken Sie, meine Kollegen, wieviel von die- ser Entscheidung abhängt! Erklären wir zum Beispiel, daß es sich nicht um einen Staat, sondern um eine usurpatori- sche Roboterbande handelt, um einen elektronischen Auf- lauf sozusagen, dann können wir uns nicht auf die Normen des Völkerrechts berufen, sondern nur auf Paragraphen wie »Störung der Ordnung auf öff entlichen Wegen«. Behaup- ten wir, daß Mattrass nach wie vor existiere, Kinder habe, dann resultiert daraus, daß sich dieses Individuum selber geboren hat – und damit bereiten wir uns die fürchterlich- sten Schwierigkeiten, denn in unseren Gesetzen ist so et- was nicht vorgesehen, obwohl es heißt: nullum crimen sine lege! Deshalb schlage ich vor, zunächst dem berühm- ten Kenner des internationalen Rechts Professor Pingerling das Wort zu erteilen.« Der ehrwürdige Jurist wurde mit herzlichem Beifall be- grüßt, als er ans Podium trat. »Meine Herren!« sagte er mit rüstiger Greisenstimme. »Untersuchen wir zunächst, wie, man einen Staat gründet. Man kann ihn, wie Sie wissen, auf verschiedene Weise ins Leben rufen. Unser Vaterland war einst eine englische Kolonie, erklärte dann seine Unab- hängigkeit und konstituierte sich zu einem Staat. Trifft das auch auf Mattrass zu? Die Antwort lautet: Wenn Mattrass bei Sinnen war, als er sich in einen Roboter verwandelte, kann seine staatsfördernde Tat als juristisch einwandfrei angesehen werden, allerdings müßte man seine Nationali- tät als elektronisch bezeichnen. Wenn er hingegen nicht bei Sinnen war, dann kann sein Schritt keine rechtliche Aner- kennung fi nden!« An dieser Stelle erhob sich ein weißhaariger Greis, of- fensichtlich noch bejahrter als sein Vorredner. »Hohes Ger … Verzeihung – meine Herren! Gestatten Sie mir folgenden Einwand: Selbst wenn wir annehmen, Mat- trass sei unzurechnungsfähig gewesen, können wir nicht ausschließen, daß seine Nachkommen zurechnungs- fähig sind. Das würde bedeuten, daß der Staat, der zu- nächst nur als das Produkt eines kranken Hirns gegrün- det wurde und somit den Charakter eines krankhaft en Symptoms besaß, später objektiv, das heißt de facto, zu existieren begann – allein deshalb, weil sich seine elek- tronischen Bürger zu ihm bekannten. Da aber niemand den Bürgern eines Staates, die ja immerhin sein legislati- ves System darstellen, verbieten kann, auch die unbere- chenbarste Obrigkeit anzuerkennen – aus den Erfahrun- gen der Geschichte wissen wir, daß das schon mehrmals geschah –, impliziert somit die Existenz des Staates de facto seine De-jure-Existenz!«, »Entschuldigen Sie, ehrenwerter Opponent«, warf Pro- fessor Pingerling ein, »Mattrass war immerhin unser Bür- ger, also …« »Was tut’s?« rief der leidenschaft liche Greis. »Wir kön- nen Mattrass’ Staatsgründung anerkennen oder nicht! Er- kennen wir an, daß ein souveräner Staat entstanden ist, dann werden unsere Ansprüche hinfällig. Erkennen wir das nicht an, dann müssen wir uns darüber einigen, ob wir es wenigstens mit einer juristischen Person zu tun haben oder nicht. Wenn nicht, wenn wir keine juristische Person vor uns haben, dann existiert das ganze Problem nur für die Angestellten des kosmischen Reinigungsbetriebes, dann gibt es im Nebelfl eck des Krab nur einen Haufen Schrott – und unsere Versammlung hat überhaupt nicht darüber zu beraten! Betrachten wir das Gebilde dagegen als juristi- sche Person, dann ergibt sich eine andere Frage. Das kos- mische Recht sieht die Möglichkeit einer Verhaft ung vor, die Festnahme einer juristischen und physischen Person auf einem Planeten oder an Bord eines Schiff es. An Bord eines Schiff es befi ndet sich der sogenannte Mattrass nicht, eher schon auf einem Planeten. Wir müssen uns um sei- ne Extradiktion bemühen – aber wir haben niemanden, an den wir uns wenden könnten. Außerdem ist der Planet, auf dem er verweilt, er selber. So gesehen, stehen wir vor einem Nichts, denn wir müssen die Angelegenheit von dem ein- zigen Standpunkt aus betrachten, der für uns bindend ist, das heißt vom Standpunkt Seiner Majestät des Rechts. Mit dem juristischen Nichts pfl egt sich aber niemand zu befas- sen, weder die Strafrechtler noch die Verwaltungsrechtler,, weder die Völkerrechtler noch die Verfasser irgendwelcher Vorschrift en zur Gewährleistung der öff entlichen Ord- nung. Die Ausführungen des ehrenwerten Professors Pin- gerling können das Problem nicht lösen, weil es das Pro- blem gar nicht gibt!« Der Greis nahm Platz. Er hatte das Hohe Haus mit seiner Schlußfolgerung sichtlich schockiert. Sechs Stunden lang ging es so weiter. Ich hörte mir noch an die zwanzig Redner an. Sie alle sprachen logisch exakt und bemühten sich, das eine oder das andere zu bewei- sen – daß Mattrass existiere, daß er nicht existiere, daß er einen Roboterstaat gegründet habe oder vielmehr einen Organismus, der sich aus Robotern zusammensetze, daß Mattrass auf den Schrotthaufen gehöre, weil er gegen eine Reihe von Gesetzen verstoßen habe, aber auch, daß man ihn keiner Rechtsverletzung bezichtigen könne. Der An- walt Wurpel wollte möglichst alle zufriedenstellen, indem er erklärte, Mattrass sei ein Planet und gleichzeitig ein Ro- boter, im Grunde genommen sei er allerdings gar nichts. Diese Th eorie rief eine allgemeine Wut hervor und fand außer ihrem Schöpfer keinen Anhänger. Aber das waren noch Lappalien, verglichen mit dem weiteren Verlauf der Beratungen. Oberassistent Milger versuchte nachzuwei- sen, Mattrass habe durch die Verwandlung in Roboter sei- ne Persönlichkeit vervielfältigt und bestehe nun in drei- hunderttausend Exemplaren. Dieses Kollektiv verkörpere jedoch nicht verschiedene Individuen, sondern nur ein und dieselbe Person. Mattrass existiere also in dreihunderttau- sendfacher Gestalt., Das bewog den Richter Wubblehorn zu der Behauptung, man habe die Problematik von Anfang an falsch gesehen. Die Tatsache, daß Mattrass ein Mensch gewesen sei und sich in Roboter verwandelt habe, beweise eindeutig, daß diese Roboter nicht mehr als Mattrass anzusehen seien. Man müsse also untersuchen, mit wem oder was man es zu tun habe. »Da sie keine Menschen sind, sind sie niemand. Es gibt also kein juristisches Problem, aber auch kein physi- sches, das heißt, im Nebelfl eck des Krab existiert nichts!« Die Debatte wurde immer leidenschaft licher, es fi el mir immer schwerer, den Ausführungen zu folgen, die Ord- ner und die Sanitäter hatten alle Hände voll zu tun. Plötz- lich wurden Rufe laut. Es befänden sich als Juristen verklei- dete Elektronengehirne im Saal, die unverzüglich entfernt werden müßten, denn ihre Parteinahme unterliege keinem Zweifel – ganz zu schweigen davon, daß sie kein Recht be- säßen, an den Beratungen teilzunehmen. Der Vorsitzende, Professor Hurtledrops, begann mit einem kleinen Kompaß in der Hand im Saal umherzugehen, und jedesmal, wenn die Nadel zu zittern begann und auf einen der Sitzenden wies, angezogen von dem Blech unter der Kleidung, wur- de das betreff ende Individuum auf der Stelle vor die Tür gesetzt. Auf diese Weise leerte sich der Saal bis zur Hälft e, während die Dozenten Fitts, Pitts und Clabenty ihre Reden schwangen, wobei man den letzteren mitten im Wort un- terbrach, denn der Kompaß hatte seine elektronische Her- kunft verraten. In einer kurzen Pause stärkten wir uns am Büfett. Die lärmende Diskussion verstummte nicht eine Se- kunde lang. Als ich in den Saal zurückkehrte, mußte ich, meine Hose festhalten, denn die erregten Juristen hatte im Gespräch immer wieder nach meinen Knöpfen gegrif- fen und mir alle abgerissen. Plötzlich entdeckte ich einen großen Röntgenapparat, er stand neben dem Podium. Es sprach gerade Rechtsanwalt Plussex und behauptete, Mat- trass sei ein zufälliges kosmisches Phänomen, da näherte sich mir mit drohender Miene der Vorsitzende – die Kom- paßnadel in seiner Hand zitterte beängstigend. Schon hat- te mich der Saaldiener am Kragen gepackt, als sich die Ma- gnetnadel wieder beruhigte, denn ich hatte eiligst mein Taschenmesser, den Büchsenöff ner und das Tee-Ei weg- geworfen und die metallenen Klammern an den Socken- haltern abgerissen. Als man sah, daß ich aufh örte, auf die Kompaßnadel einzuwirken, wurde ich zur weiteren Teil- nahme an den Beratungen zugelassen. Man entlarvte noch dreiundvierzig weitere Roboter, und unterdessen bemühte sich Professor Buttenham nachzuweisen, Mattrass müsse als eine Art kosmischer Aufl auf betrachtet werden. Mir fi el ein, daß davon bereits die Rede gewesen war – off ensicht- lich mangelte es den Experten schon an Ideen –, da be- gann erneut eine Kontrolle, eine Art Röntgen-Razzia. Nun wurden auch die tugendsamsten Zuhörer gnadenlos durch- leuchtet, und es zeigte sich, daß sich unter ihren tadellos sitzenden Anzügen Korund-, Nylon-, Kristall-, Stroh- und Plasterümpfe verbargen. In einer der letzten Reihen wur- de sogar jemand entdeckt, der aus Twist bestand. Als der nächste Redner das Podium verließ, saß ich nahezu mutter- seelenallein in dem riesigen leeren Saal. Man durchleuch- tete den Redner und setzte ihn vor die Tür. Der Vorsitzen-, de – der letzte Mensch, der außer mir im Saal verblieben war – trat an meinen Stuhl. Nichtsahnend nahm ich ihm den Kompaß ab. Die Nadel begann anklagend zu kreisen und zeigte dann auf ihn. Ich klopft e seinen Bauch ab – er klang metallisch. Rasch packte ich den Kerl am Kragen, setzte ihn vor die Tür und blieb allein. Einsam stand ich vor den vielen Taschen, Aktenstößen, Zylindern, Spazier- stöcken, Hüten, vor den ledergebundenen Büchern und vor den Galoschen. Eine Weile schlenderte ich durch den Saal. Als ich sah, daß nichts mehr für mich zu tun blieb, wandte ich mich kurzerhand um und ging nach Hause. *,

Invasion vom Aldebaran

Kürzlich geschah es – mir ist, als wäre es gestern gewe- sen. Zwei Bewohner des Aldebaran, von vernunft begabter Rasse, die im Jahre 2685 entdeckt werden und die Neirarch, der Linné des 30. Jahrhunderts, als Untertyp der Gruppe Coelestiaca in der Ordnung Megalopterygia klassifi zieren wird – kurzum, die beiden Vertreter der Gattung Megalo- pteryx Ambigua Flirx, die durch die Synctialversammlung des Aldebaran (auch Oberste Ratschaft genannt) zur Unter- suchung der kolonisatorischen Möglichkeiten der Planeten im Bereich des VI. Partiellen Peripherischen Liquefaktion (PPL) ausgesandt wurden, waren zunächst in die Gegend des Jupiter gelangt, wo sie Proben von dessen Andromeda- kulastern nahmen. Als sie feststellten, daß sich diese Pro- ben zur Fütterung ihres Telepathikus eigneten, beschlos- sen sie, auch gleich den dritten Planeten des Systems, einen kleinen Himmelskörper, zu untersuchen, der auf einer un- interessanten Bahn das Zentralgestirn umkreiste. Nachdem die beiden Aldebaraner ihren Astromaten auf den singulären hyperspatialen Metaschritt im Überraum eingestellt hatten, erschienen sie mit ihrem nur schwach glühenden Raumschiff dicht über der Atmosphäre des Pla- neten und ließen sich mit mäßiger Geschwindigkeit auf ihn herab. Die Ozeane und die Kontinente schwammen immer langsamer unter ihrem Astromaten vorüber. Viel- leicht sollte man erwähnen, daß die Aldebaraner im Ge- gensatz zu den Menschen nicht in Raketen reisen, sondern umgekehrt: die Raketen reisen in ihnen – abgesehen von, einer winzigen Spitze. Da der Planet den beiden Ankömm- lingen fremd war, bestimmte ein reiner Zufall ihren Lande- platz. Als strategisch denkende Wesen und echte Söhne ei- ner hochentwickelten parastatischen Zivilisation lassen sie sich am liebsten auf der Linie des planetaren Terminators nieder, das heißt dort, wo die Tageshemisphäre des Plane- ten an die nächtliche grenzt. Sie setzten ihr kosmisches Fahrzeug auf der Säule der re- trogravitativ ausgestoßenen Bralderone nieder, verließen es, das heißt, sie schwammen von ihm herunter und nah- men eine konzentrische Form an, was bei allen Metaptery- gia üblich ist, sowohl bei denen der Unterklasse der Poly- zoa als auch der Monozoa. An dieser Stelle wäre es nun angebracht, die Ankömm- linge zu beschreiben, aber ihr Äußeres ist nur zu gut be- kannt. Nach Auff assung aller Autoren haben die Aldeba- raner – ebenso wie die anderen hochorganisierten Wesen aus dem Bereich der Milchstraße – zahlreiche sehr lange Greifarme, von denen jeder in eine sechsfi ngrige Hand aus- mündet, ungeheuer große, abstoßende Krakenköpfe sowie Beine, die den Greifarmen gleichen und sechs Zehen auf- weisen. Der ältere der beiden, der Kybernetor der Exkur- sion, hieß NGTRX, der jüngere, ein in seiner Heimat be- rühmter Polysiater – PWGDRK. Gleich nach der Landung schnitten sie von den merk- würdigen Gewächsen, die sie rings um ihr kosmisches Ge- fährt vorfanden, einen Haufen Äste ab und deckten damit den Raumkörper zu, um ihn zu tarnen. Dann luden sie die unentbehrlichen Apparate aus – den Eintank-Teremtak,, das geladene und somit einsatzfähige Aldolicho sowie den peripathetischen Telepathikus, von dem schon anfangs die Rede war. Der peripathetische Telepathikus, Pe-Te genannt, ist ein Gerät, das zur Verständigung mit den vernunft begabten Wesen anderer Planeten dient, das aber auch imstande ist, dank des hyperspatialen Anschlusses an den Univerman- tischen Supracereber, auf dem Aldebaran sämtliche Auf- schrift en in einhundertsechsundneunzigtausend galakti- sche Dialekte und Jargons zu übersetzen. Dieser Apparat unterscheidet sich, ebenso wie die anderen, insofern von den irdischen, als die Aldebaraner – das wird vom Jahre 2685 an bekannt sein – ihre Maschinen und Geräte nicht produzieren, sondern aus Samenkörnern oder Eiern zie- hen, die entsprechend genetisch gesteuert werden. Der peripathetische Telepathikus erinnert durch sein Äu- ßeres, aber nicht nur durch sein Äußeres, an einen Skunk, denn er ist innen ganz mit fl eischigen Zellen der Semanti- schen Erinnerung ausgefüllt und außerdem mit dem Trieb eines Alveolaren Translators sowie einer massiven Mnemo- nisch-Mnestischen Drüse ausgestattet. Darüber hinaus hat er vorn und hinten jeweils eine Eigentliche Luke (EL) sei- nes Interglokokoms, das heißt des Interplanetaren Glosso- lalisch-Kohärent-Kontemplativen Kommunikators. Mit dem Unentbehrlichsten ausgerüstet, machten sich die beiden auf den Weg. Den Peripathetikus hielten sie am Orthoriemen, den Teremtak ließen sie vorangehen mit dem Massiv des Aldolicho, das sie ihm über die Taster ge- hängt hatten., Der Ort der ersten Erkundung hätte nicht besser sein können, es war ein mit dichtem Buschwerk bewachsenes Gelände, über das abendliche Wolken hinwegzogen. Kurz vor der Landung war es ihnen gelungen, in der Ferne eine Art Linie auszumachen, die sie für einen Verkehrstrakt hielten. Als sie den unbekannten Globus in großer Höhe um- kreist hatten, waren ihnen schon andere Zivilisationsspuren aufgefallen, zum Beispiel ein matt leuchtender Ausschlag auf der dunklen Halbkugel, wahrscheinlich das nächtli- che Bild der Städte. Das nährte in ihnen die Hoff nung, auf hochentwickelte Lebewesen zu treff en, denn solche wollten sie ja fi nden. In jener Zeit – vor dem Untergang des nichts- würdigen Syncytium, dessen Aggressivität sich nicht ein- mal Hunderte von Planeten erwehren konnten, die vom Aldebaran weit entfernt waren –, in jener Zeit griff en die Aldebaraner am liebsten bewohnte Planeten an, weil sie das für ihre historische Mission hielten. Außerdem wurde die Kolonisierung unbewohnter Planeten ungern gesehen, zu- mal solche Unternehmungen gewaltige bauliche, industri- elle und andere Investitionen erforderlich machten. Die beiden Kundschaft er gingen oder, richtiger gesagt, kämpft en sich einige Zeit durch dichtes Gestrüpp, und die Bisse unbekannter fl iegender kleiner Ungeheuer von der Gattung Gliedfüßiger Membranfl ügeliger Saugmünder machten ihnen viel zu schaff en. Obendrein sahen sie kaum etwas, und je länger ihre Wanderung währte, um so heft i- ger peitschten die elastischen Ruten der Sträucher ihre kra- kenähnlichen Köpfe, weil sie mit ihren ermatteten Greifar-, men das Gefl echt gar nicht so schnell auseinander halten konnten. Natürlich hatten sie nicht die Absicht, allein den Planeten zu unterwerfen – das lag nicht in ihrer Macht – , sie waren lediglich die Vorhut, nach deren Rückkehr die Vorbereitungen zur Großen Invasion getroff en werden soll- ten. Das Aldolicho blieb immer häufi g im Dickicht stecken, sie konnten es nur mit großer Mühe wieder herausholen. Dabei mußten sie darauf achten, daß der Abzugshahn nicht berührt wurde, denn durch das weiche Fell des Aldolicho war nur allzu deutlich die Ladung der Pfeile zu fühlen, die im Innern schlummerte. Die Bewohner des Planeten wür- den ihnen zweifellos schon sehr bald zum Opfer fallen. »Irgendwelche Spuren der hiesigen Zivilisation sind nicht zu erkennen«, zischte PWGDRK nach etwa einer Stunde NGTRX zu. »Aber ich habe Städte gesehen«, erwiderte NGTRX. »Übrigens … Warte mal, dort drüben wird es hell … Das ist sicherlich die Straße. Ja, sieh nur, eine Straße!« Sie waren auf eine Lichtung gestoßen, doch ihrer harrte eine Enttäuschung. Der relativ breite, gerade Streifen, der einer Straße ähnelte, entpuppte sich plötzlich als ein brei- iger Sumpf aus einer klebrigen, glucksenden Substanz, die sich nach beiden Seiten über einen kompliziert geformten Unterbau von kreisförmigen und länglichen Vertiefungen und Erhebungen ausbreitete. Viele von ihnen waren von großen Steinen durchsetzt. PWGDRK, der Polysiater, Spezialist für planetare Fra- gen, verkündete, sie hätten die Exkremente eines Giganto-, sauriers vor sich. Eine Straße sei das auf keinen Fall. Kein Aldebaraner Radfahrzeug würde ein solches Gelände be- fahren können. An Ort und Stelle analysierten sie Bodenproben, die der Teremtak entnommen hatte, und lasen von seiner Stirn das phosphoreszierend leuchtende Resultat ab: Die kleb- rig-breiige Substanz war ein Gemisch aus Wasserstoff oxyd, Aluminium und Siliziumoxyd mit erheblichen Beimengun- gen von Schtz (Schmutz). Es war also nichts mit dem Gigantosaurier. Sie wateten weiter und versanken dabei bis zu den ober- sten Greifarmen. Plötzlich hörten sie hinter sich in der im- mer schneller einfallenden Dunkelheit seltsame ächzende Laute. »Achtung!« zischte NGTRX. Etwas Stöhnendes, Schwankendes jagte von hinten auf sie zu – ein Riesengeschöpf mit abgefl achter Stirn, buckli- gem Rumpf und lockerer Haut. »Ist das nicht ein Syncitium?« fragte NGTRX erregt. Der schwarze Koloß kroch an ihnen vorbei – die beiden glaub- ten Räder zu erkennen, die furienhaft wie bei einer eigen- tümlichen Maschine hüpft en. Sie wollten eine Ausfallpo- sition einnehmen, als sich eine wahre Schmutzfl ut über sie ergoß. Halb betäubt und von oben bis unten besudelt, standen sie da. Nachdem sie sich vom gröbsten Schmutz befreit hatten, eilten sie zum Telepathikus, um zu erfah- ren, ob das Brüllen und Knurren, das die Maschine von sich gegeben hatte, so etwas wie einen artikulierten Cha- rakter besäße., »Unrhythmische Laute eines primitiven Kohlenwasser- stoff -Sauerstoff -Energoschraubers, der unter Bedingungen arbeitet, für die er nicht geschaff en ist«, entziff erten sie und sahen einander an. »Sonderbar«, sagte PWGDRK. Nach kurzem Überlegen – er neigte ein wenig zu voreiligen Hypothesen – fügte er hinzu: »Sadistoidale Zivilisation. Reagiert ihre Instinkte an den von ihr geschaff enen Maschinen ab.« Dem Telepathikus war es gelungen, auf dem Ultraskop ein perfektes Abbild des zweibeinigen Wesens zu regi- strieren, das sich in dem verglasten Gehäuse über dem Kopf der Maschine befand. Mit Hilfe des Teremtak, der mit einer besonderen Imitativen Drüse ausgestattet war, formten sie aus einer bestimmten Menge eilig zutage ge- förderten Lehms das genaue Abbild eines Zweibeiners von natürlicher Größe, schmolzen den Lehm in Plastefo- lien um, so daß die Puppe eine natürliche blaßrosa Far- be annahm, und modellierten entsprechend den Hinwei- sen des Teremtak und des Peripathetikus sein Unterteil. All das nahm nicht mehr als zehn Minuten in Anspruch. Aus dem auseinandergefalteten Stoff fertigten sie einen Anzug, der jenem ähnelte, den der Zweibeiner in der Ma- schine getragen hatte. Sie kleideten die Puppe an, und NGTRX kroch gemächlich in ihr hohles Inneres – den Telepathikus nahm er mit hinein und brachte die vordere EL von innen in der Mundöff nung an. So getarnt, beweg- te NGTRX mal das linke, mal das rechte Bein der Pup- pe und schritt weiter auf dem breiigen Pfad aus, während PWGDRK, beladen mit dem Aldolicho, in gewissem Ab-, stand folgte. Beiden eilte der Teremtak am Protoriemen voraus. Diese Operation war typisch. Die Aldebaraner hatten sol- che Maskeraden schon auf Dutzenden Planeten erprobt, im- mer mit bestem Erfolg. Die Puppe sah einem gewöhnlichen Bewohner des Planeten täuschend ähnlich und hätte, wäre sie Passanten begegnet, nicht den geringsten Verdacht er- weckt. NGTRX bewegte ungehindert seine Extremitäten und seinen Körper, und er war imstande, sich mittels des Telepa- thikus fl ießend mit anderen Zweibeinern zu verständigen. Dunkelheit war hereingebrochen, am Horizont glänz- ten hier und da die fernen Lichter von Häusern. NGTRX war in seiner Verkleidung auf etwas gestoßen, was in der Finsternis einer Brücke glich. Er hörte das Murmeln des Wassers, das unten fl oß. Der Teremtak kroch als erster vor, aber gleich war ein alarmierendes Pfeifen zu vernehmen, ein Zischen und Kratzen, das mit einem lauten Plumpser abbrach. Für NGTRX war es zu anstrengend, unter die Brücke zu gelangen, und so tat es PWGDRK, doch gelang es nur mit Mühe, dem Teremtak aus dem Wasser zu helfen. Er war trotz aller Vorsicht durch ein Loch, das sich in der Brücke befand, in den Fluß gefallen. Von der Existenz des Loches hatte er nichts geahnt, denn die Maschine der Zweibeiner war ja gerade erst über diese Brücke gefahren. »Eine Falle!« schlußfolgerte PWGDRK. »Sie haben be- reits von unserer Ankunft erfahren!« NGTRX hegte in dieser Hinsicht ernste Zweifel. Lang- sam gingen sie weiter, überquerten die Brücke und ent-, deckten sehr bald, daß sich der sumpfi ge Streifen, auf dem sie sich bewegten, zwischen den schwarzen Sträuchern ga- belte. In der Mitte stand ein schräger Pfahl mit einem Brett daran. Der Pfahl steckte nur leicht im Boden, das Brett wies mit dem spitzen Ende auf den westlichen Teil des nächtli- chen Himmelszelts. Der Teremtak richtete auf Befehl das grünliche Licht seiner sechs Augen auf den Pfahl; sie erblickten die Auf- schrift

UNTERSCHMUDORF

5 km Das Brettchen war angefault, die Aufschrift kaum zu ent- ziff ern. »Relikt einer vergangenen Zivilisation«, vermutete PWGDRK. NGTRX richtete aus der Tiefe seiner Behausung die Luke des Telepathikus auf das Brett. RICHTUNGSWEISER – las er hinten an der Luke. Er sah PWGDRK an. Sonderbar … »Material des Pfahls – zellulosoidales Holz, zerfressen von einem Schimmel der Art Arbaketulia Papyraceata Garg«, sagte PWGDRK nach einer kurzen Analyse. »Das wiese ja auf eine Zivilisation aus der Vorsteinzeit hin!« Sie beleuchteten den unteren Teil des Pfahls. Unten, im Schlamm, fanden sie den Fetzen eines dünnen, zellulosoi- dalen Stoff es, der mit Worten bedruckt war. Es war nur ein kleiner Streifen., Über unserer Sta … heute früh ein Spu … um sieben Uhr vierz … war darauf zu lesen. Der Telepathikus übersetzte, und sie sahen sich erstaunt an. »Die Tafel weist in Richtung Himmel«, sagte NGTRX. »Hm, das würde ja stimmen.« »Ja. Dieses UNTERSCHMUDORF wird der Name ihres Dauersputniks sein.« »Unsinn. Wie können die hier Sputniks haben, wenn sie nicht einmal ein Stück Brett geradeschneiden können?« fragte NGTRX aus dem Innern des künstlichen Zweibei- ners. Eine Zeitlang stritten sie sich über diesen Punkt. Dann beleuchteten sie den Pfahl von der anderen Seite und ent- deckten eine undeutliche, schwach eingeritzte Aufschrift : Mariechen is duft e … »Sicherlich ist das die Abkürzung der elliptischen Daten ihres Sputniks«, sagte PWGDRK. Er rieb gerade den folgenden Teil der Aufschrift mit Pho- spektorischer Paste ein, um die verwischten Buchstaben sichtbar zu machen, als der Teremtak plötzlich im Dun- keln ein schwaches, warnendes Ultrazischen ausstieß. »Achtung! Verstecken!« sendete NGTRX. Sie schalteten den Teremtak ab. PWGDRK wich mit dem Aldolicho und dem Warner an den Rand des sumpfi gen Streifens zurück; NGTRX war ebenfalls ein wenig von der Mitte des Weges zurückgetreten, um nicht aufzufallen. Erwartungsvolles Schweigen., Jemand nahte. Zunächst schien es, als sei dieser Je- mand ein vernunft begabter Zweibeiner, denn er beweg- te sich aufrecht. Das seltsame zweibeinige Wesen, man konnte das immer deutlicher erkennen, ging jedoch nicht in gerader Richtung, sondern beschrieb kompli- zierte krumme Bahnen von einem Rand des klebrigen Streifens zum anderen. PWGDRK begann sogleich, die- se Kurve zu registrieren, doch das erwies sich als äußerst kompliziert. Das Geschöpf machte ohne ersichtlichen Anlaß einen Taucher. Ein Plumpsen war zu hören, dann ein fi nsteres Knurren. Eine Weile kroch die Gestalt – kein Zweifel, sie kroch! – auf allen vieren, aber dann erschien sie wieder in ihrer vollen Größe. Sie zog lärmend eine si- nusoidale Bahn auf dem klebrigen Streifen und kam im- mer näher. Dabei stieß sie bald heulende, bald stöhnen- de Laute aus. »Notiere! Notiere das und dolmetsche! Worauf wartest du?« zischte NGTRX ärgerlich dem Telepathikus zu, denn er selber war ja in dem künstlichen Zweibeiner eingeschlos- sen. Verblüfft lauschte er dem Gebrüll des Nahenden. »U ha ha! U ha ha! ‘n Stock her! U ha ha!« tönte es schau- rig widerhallend durch die Finsternis. Die hintere Luke des Telepathikus zitterte nervös, zeigte aber noch immer Null an. »Warum zieht er solche Schleifen? Ist er ferngesteuert?« fragte PWGDRK, der sich am Rande des Streifens über sein Aldolicho beugte. Das Wesen war nun unmittelbar vor ihnen. Es hatte schon den angefaulten Pfahl passiert, da tauchte von der, Seite plötzlich NGTRX auf, ging auf den Telepathikus zu und schaltete auf Sendung. »Guten Abend«, sagte der Telepathikus einschmeichelnd in der Sprache des Zweibeiners, wobei er seine Stimme mit unvergleichlichem Einfühlungsvermögen modulierte, wäh- rend NGTRX die Sprungfedern spannte und der Maske geschickt ein freundliches Lächeln aufsetzte. Das gehörte ebenfalls zu dem diabolischen Plan der Aldebaraner. Sie hatten Routine in der Unterwerfung fremder Planeten. »Waa? E – hepp!« erwiderte das Geschöpf und hielt inne in seiner Schwenkung. Langsam näherten sich seine Augen dem Gesicht des künstlichen Zweibeiners. NGTRX zitter- te nicht einmal. Eine hohe Intelligenzstufe, jetzt bekommen wir Kontakt! dachte PWGDRK, der sich am Rande des Streifens verbarg und krampfh aft die Seiten seines Aldolicho preßte. NG- TRX stellte den Telepathikus auf Translative Bereitschaft und begann in seiner Hülle fi eberhaft , mit den Greifern die Instruktion für den Ersten Taktischen Kontakt auseinan- derzufalten, die auf diaphanem Urdoment gedruckt war. Die stämmige Gestalt hielt nun ihre Augen ganz dicht an den künstlichen Zweibeiner, und seiner kommunika- tiven Öff nung entrang sich der Ruf: »Frrranek! Daß dich der …!« NGTRX vermochte gerade noch zu denken: Ist er etwa im Stadium der Aggression? Weshalb? Verzweifelt drückte er auf die Drüse am Interglokokom des Telepathikus und fragte, was der Ankömmling sage. »Nichts«, signalisierte der Peripathetikus zögernd., »Wieso nichts? Ich habe doch was gehört!« zischte NG- TRX, ohne das leiseste Geräusch von sich zu geben. Im gleichen Augenblick packte der Bewohner des Planeten mit beiden Händen den angefaulten Wegweiser, riß ihn unter entsetzlichem Krachen aus der Erde und schlug damit dem künstlichen Zweibeiner aufs Haupt. Der gepanzerte Plaste- foliumüberzug hielt dem fürchterlichen Hieb nicht stand. Die Puppe stürzte kopfüber in den schwarzen Schlamm und mit ihr NGTRX, der nicht mehr das durchdringen- de Heulen hörte, mit dem der Feind seinen Sieg verkünde- te. Der Telepathikus, den das Pfahlende nur gestreift hat- te, wurde mit ungeheurer Gewalt in die Luft geschleudert und fi el durch einen glücklichen Zufall wieder auf seine vier Pfoten, dicht neben PWGDRK, der nun gänzlich er- starrt war. »Er greift an!« stöhnte PWGDRK und zielte mit letzter Kraft aus dem Aldolicho in die Finsternis. Seine Greifarme zitterten, als er auf den Hahn drückte – und eine Unmenge leise heulender Pfeile jagte in die Nacht, um Tod und Verderben zu säen. Plötzlich hörte er, wie sie zurückkamen und sich, wütend umherschwirrend, in die Ladezyste des Aldolicho zwängten. Prüfend zog er die Luft in seine Sepianüstern und erbeb- te. Er hatte begriff en: Das Geschöpf hatte sich mit einem unüberwindlichen Schutzdamm aus Äthylwasserstoff oxyd umgeben! Er war machtlos. Mit seinem Fühler, dem fast die Kraft versagte, versuch- te er erneut, das Feuer zu eröff nen, aber die Pfeile schwirr-, ten nur brummend in der Ladeblase umher, keiner wagte auch nur, seinen mörderischen Stachel herauszustecken. Er fühlte, er hörte, daß das Wesen auf ihn losstakte – erneut zerschnitt schrilles Pfeifen die Luft , erschütterte den Bo- den und zermalmte den Teremtak im Schlamm. PWGDRK packte den Telepathikus mit seinen Fühlern und sprang ins Dickicht. »Töle dammichte, mit der Deichsel getauft e!« dröhnte es hinter ihm her. Die Luft , die mit dem ätzenden Gestank des Gift s erfüllt war, das das Wesen unaufh örlich aus seinen kommunikativen Öff nungen ausstieß, verschlug PWGDRK den Atem. Mit letztem Einsatz übersprang er den Graben, duckte sich hinter einem Busch und erstarrte. Er war nicht beson- ders kühn, aber er vergaß nie seine Berufspfl ichten. Die maßlose Neugier des Gelehrten war sein Verderb. Gerade hatte er mit Mühe an der Luke des Telepathikus den ersten gedolmetschten Satz des Geschöpfes gelesen: »Vierbeini- ges Säugetier weiblichen Geschlechts, mit einem Teil eines vierrädrigen Fahrzeugs im Rahmen eines religiösen Ritus traktiert …« – da heulte es über seinem Sepiakopf auf, und ihn traf ein tödlicher Hieb. Um die Mittagszeit fanden die ersten Pfl üger aus Schmu- dorf im Graben am Waldrand den Franek Jołas, der in ei- nen todesähnlichen Schlaf versunken war. Als er erwachte, erklärte er, er habe am Tage zuvor einen Streit mit Franek Pajdrak gehabt, dem Leiter der Maschinenstation, und au- ßerdem mit ein paar schleimigen Brüdern. Zur gleichen, Zeit fast eilte Józek Guśkowiak aus dem Wald herbei und schrie, an der Weggabelung lägen verprügelte und verstüm- melte Gestalten. Nun zog das ganze Dorf dorthin. Und in der Tat, an der Wegkreuzung fanden sie zwei Un- geheuer – das eine hinter dem Graben, das andere vor dem Loch, in dem der Pfahl gesteckt hatte, und daneben eine große Puppe mit zerschlagenem Kopf. Einige Kilometer weiter, im Erlenhain, entdeckten sie bald darauf die Ra- kete. Ohne viel Gerede gingen die Dörfl er an die Arbeit. Bald war von den Astronauten keine Spur mehr zu sehen. Mit der Anamargoprateksinlegierung fl ickte der alte Jołas das Dach seines Schweinestalls, das schon lange auf eine Ausbesserung gewartet hatte; die Haut des Aldolicho er- gab, nach Hausmacherart gegerbt, achtzehn Paar leidli- che Schuhsohlen; mit dem Telepathikus, dem universalen Interglokokommunikator, wurde das Kleinvieh gefüttert, ebenso mit den Resten des Warners Teremtak. Die sterb- lichen Hüllen der beiden Aldebaraner wagte keiner dem Vieh vorzuwerfen – es hätte krank werden können. So wur- den sie, mit Steinen beschwert, in den Teich geworfen. Am längsten beratschlagten die Einwohner von Schmu- dorf wohl darüber, was sie mit dem Ultrapenetronenmotor des Astromaten anfangen sollten, bis endlich Jedrek Bar- ciok, der gerade zur Heumahd gekommen war, diese hy- perspatiale Einrichtung zum Brennen von ganz annehm- barem Schnaps verwandte. Anka, Józeks Schwester, leimte geschickt den geborstenen Kopf der Puppe mit Eiweiß und, brachte die Figur ins Kommissionsgeschäft der Kleinstadt. Sie verlangte dafür dreitausend Złoty, aber dem Geschäft s- führer war diese Summe zu hoch, zumal sich der Sprung im Kopf nicht verbergen ließ. So war das einzige, was das wachsame Auge des Repor- ters vom »Echo« entdecken konnte, als er am selben Tage nachmittags mit dem Wagen der Redaktion zur Reportage erschien, der neue, recht solide Anzug des Jołas, den man dem künstlichen Zweibeiner ausgezogen hatte. Der Jour- nalist befühlte sogar eine Falte des Stoff s und staunte über dessen hervorragende Qualität. »Den habe ich von meinem Bruder in Amerika«, erwi- derte Jołas seelenruhig, nach der Herkunft des Gewebes be- fragt. So berichtete der Reporter in dem Artikel, der abends seiner Feder entsprang, nur von dem erfolgreichen Verlauf der Aufk aufaktion – erwähnte aber mit keinem Wort den Fehlschlag der Invasion der Aldebaraner auf die Erde. *,

Von der Rechenmaschine, die mit

dem Drachen kämpfte König Poleander Partobon, Herrscher über Kybera, war ein großer Krieger, und da er den Methoden der neuzeitlichen Strategie huldigte, schätzte er die Kybernetik als Kriegs- kunst über alles. In seinem Königreich wimmelte es von denkenden Maschinen, denn Poleander brachte sie über- all an, wo er nur konnte, keineswegs allein in astronomi- schen Observatorien oder in Schulen; sogar den Steinen auf den Straßen ließ er Elektronenhirne einsetzen, die dem Fußgänger Warnungen zuriefen, damit er nicht stolperte; auch in Masten, Mauern und Bäumen ließ er sie anbrin- gen, damit man sich allenthalben nach dem Weg erkundi- gen konnte. Er hängte sie unter die Wolken, damit sie von oben den Regen ankündigten, er teilte sie den Bergen und den Tälern zu, kurz, auf Kybera war es unmöglich, einen Schritt zu tun, ohne auf eine vernunft begabte Maschine zu stoßen. Schön war es auf dem Planeten, denn der König befahl nicht nur durch Dekrete, all das, was vorher bestan- den hatte, kybernetisch zu vervollkommnen, sondern er führte durch Gesetze völlig neue Verhältnisse ein. So wur- den denn in seinem Königreich brummende Kyberbienen und Kyberwespen hergestellt, ja selbst Kyberfl iegen, die von mechanischen Spinnen weggefangen wurden, wenn sie sich zu stark vermehrten. Auf dem Planeten rauschte das Ky- berdickicht der Kyberhaine, Kybertruhen sangen und Ky- berguslas – doch außer diesen Einrichtungen zivilen Cha- rakters gab es doppelt soviel militärische, denn der König, war ein überaus streitbarer Feldherr. Er besaß in den un- terirdischen Gewölben des Schlosses eine strategische Re- chenmaschine von geradezu außergewöhnlicher Tapferkeit; er verfügte außerdem über kleinere Einheiten von Kyber- maschinengewehren, über gewaltige Kybernonen und son- stige Waff en aller Art und hatte Kasematten voller Pulver. Nur eins bereitete ihm Kummer, und er litt sehr darun- ter, daß er nämlich überhaupt keine Widersacher oder Feinde hatte und niemand auch nur im entferntesten daran dachte, seinen Staat zu überfallen, wobei sich unweigerlich der schreckliche Mut des Königs, sein strategisches Genie sowie die geradezu außergewöhnliche Schlagkraft der Ky- berwaff en sogleich off enbart hatten. Da es ihm an echten Feinden und Eindringlingen gebrach, befahl der König sei- nen Ingenieuren, künstliche zu bauen, und trug mit ihnen Kämpfe aus, die für ihn immer siegreich waren. Und da dies wirklich furchtbare Feldzüge und Schlachten waren, mußte die Bevölkerung große Unbill erdulden. Die Unter- tanen murrten, wenn gar zu viele Kyberfeinde ihre Sied- lungen und Marktfl ecken zerstörten, wenn der synthetische Gegner sie mit fl üssigem Feuer übergoß, und sie wagten sogar dann ihre Unzufriedenheit zu äußern, wenn der Kö- nig selbst als ihr Erlöser erschien, den künstlichen Feind aufs Haupt schlug und dabei alles, was ihm in die Quere kam, in Feuer und Rauch aufgehen ließ. Auch dann klag- ten also die Undankbaren, obgleich das alles nur geschah, um sie zu befreien. So wurde der König seiner Kriegsspiele auf dem Pla- neten überdrüssig, und er entschloß sich, nach den Ster-, nen zu greifen. Er träumte bereits von kosmischen Kriegen und kosmischen Feldzügen. Sein Planet hatte einen großen Mond, der ganz öd und wüst war; der König erlegte nun seinen Untertanen große Abgaben auf, um Mittel zu erlan- gen, mit denen er auf diesem Mond ganze Heere zu bauen und einen neuen Kriegsschauplatz anzulegen gedachte. Die Untertanen zahlten diese Abgaben gern, denn sie hofft en, König Poleander werde sie nun nicht mehr ständig mit Ky- bernonen befreien und nicht mehr die Stärke seiner Waf- fen an ihren Häusern und ihren Häuptern erproben. Und den königlichen Ingenieuren gelang es auch, eine vortreff - liche Maschine auf dem Mond zu konstruieren, die selbst mannigfaltige Truppen und automatische Waff en erzeu- gen sollte. Der König unterzog die Tüchtigkeit der Maschi- ne sogleich verschiedenen Prüfungen. Einmal befahl er ihr telegrafi sch, einen Elektrosalto auszuführen, denn er war neugierig, ob es wahr sei, was die Ingenieure behaupteten, daß nämlich die Maschine alles könne. Wenn sie alles kann, überlegte er, dann soll sie springen. Bei der Übermittlung der Depesche unterlief jedoch ein kleiner Irrtum, und die Maschine erhielt nicht den Befehl, einen Elektrosalto aus- zuführen, sondern einen Elektrodrako, einen Elektrodra- chen, und die Maschine setzte diese Empfehlung, so gut sie es vermochte, in die Tat um. Der König war damals gerade wieder auf einem Feldzug; er befreite jene Provinzen des Königreichs, die von den Ky- berknechten erobert worden waren, und so vergaß er völ- lig den Auft rag, den er der Mondmaschine gegeben hatte. Da begannen plötzlich gewaltige Felsen vom Mond auf den, Planeten herabzuprasseln. Der König staunte sehr, denn ein Gesteinsbrocken fi el auf einen Flügel seines Schlosses und vernichtete seine ganze Kollektion von Kyberschraten – Heinzelmännchen mit Rückkopplung. Er telegrafi erte da- her sogleich höchst verärgert der Mondmaschine, wie sie denn wagen könne, so zu handeln. Sie antwortete jedoch nicht, denn sie war gar nicht mehr auf dieser Welt: Der Drache hatte sie inzwischen mit Haut und Haar verschlun- gen und in seinen eigenen Schwanz umgewandelt. Der König sandte sofort eine bewaff nete Expedition auf den Mond. An ihre Spitze stellte er eine andere Maschine, die ebenfalls sehr tapfer war, und sie sollte den Drachen vernichten. Aber es blitzte nur einmal und donnerte, und vorbei war es mit der Maschine und der ganzen Expedi- tion; der Elektrodrache führte nämlich nicht zum Schein Krieg, sondern in vollem Ernst, und er hegte die schlimm- sten Absichten gegenüber dem Königreich und seinem König. Der König schickte Generalkyberale auf den Mond und Obristkyberiste, schließlich sandte er sogar einen Ky- berissimus, aber auch der vollbrachte nichts: Das Getüm- mel, das der König durch ein Fernrohr von der Schloßter- rasse aus beobachtete, währte nur ein wenig länger. Der Drache wuchs, der Mond wurde immer kleiner, denn das Ungeheuer fraß ihn Stück für Stück auf und ver- arbeitete ihn in dem eigenen Körper. So merkte der König, und mit ihm merkten seine Untertanen, daß es schlimm um sie stand, denn wenn dem Drachen kein Boden mehr unter den Füßen blieb, so würde er unweigerlich über den Planeten und über sie herfallen. Der König sorgte sich sehr,, aber er wußte sich keinen Rat mehr. Was sollte er noch tun? Maschinen auszuschicken war nicht gut, selbst zum Mond aufzubrechen auch nicht, denn er hatte Angst. In einer sehr stillen Nacht hörte der König auf einmal den Fernschreiber im königlichen Schlafgemach klappern. Es war der Apparat des Königs, ganz aus Gold, mit einer Brillanttastatur, der die Verbindung mit dem Mond aufrechterhielt. Der König sprang auf und lief an den Apparat, der ein um das andere Mal klopft e und schließlich ein Telegramm hingeklappert hatte: Der Elektrodrache telegrafi erte, Poleander Partobon solle sich aus dem Staube machen, denn er, der Drache, be- absichtige, seinen Th ron zu besteigen! Der König erschrak, zitterte am ganzen Leibe und lief so wie er war – im Hermelinnachtgewand und in Pantoff eln – , in die Kasematten des Schlosses, wo eine strategische Ma- schine war, ein alter, sehr kluger Automat. Er hatte sie bis- her nicht um ihren Rat gefragt, denn er hatte sich mit ihr bereits vor dem Entstehen des Elektrodrachens wegen ei- ner militärischen Operation überworfen; doch jetzt stand ihm der Sinn nicht nach Hader, es galt, Th ron und Leben zu retten. Er schaltete die Maschine an, und kaum hatte sie sich ein wenig warm gelaufen, da rief er aus: »Meine Rechen- maschine! Meine Beste! Der Elektrodrache will mich um meinen Th ron bringen, er will mich aus meinem König- reich vertreiben. Hilf und sage mir, was ich tun soll, um ihn zu besiegen!« »Ach nein«, erwiderte die Rechenmaschine, »erst mußt du mir in der anderen Frage recht geben, und dann wün-, sche ich mir, daß du mich nicht anders nennst als Rechen- Feldmarschall, wobei du mich auch mit ›Euer Ferromagne- tizität‹ anreden kannst.« »Schon gut, ich ernenne dich zum Feldmarschall und ge- währe dir alles, was du willst. Aber hilf mir!« Die Maschine begann zu summen, zu rauschen, sie räus- perte sich und sagte: »Die Sache ist einfach. Man muß ei- nen Elektrodrachen bauen, der mächtiger ist als jener, der auf dem Mond sitzt. Er wird den Monddrachen überwin- den, ihm das elektrische Gerippe brechen und auf diese Weise zum Ziel gelangen.« »Vorzüglich!« rief der König aus. »Kannst du mir aber die Pläne für diesen Drachen entwerfen?« »Es wird ein Superdrache sein«, antwortete die Maschine. »Ich kann nicht nur die Pläne für ihn entwerfen, ich kann ihn sogar bauen. Das werde ich gleich tun, wenn du dich ein Weilchen geduldest, mein König.« Und tatsächlich be- gann es in ihr zu rasseln, zu dröhnen, sie leuchtete auf, setz- te etwas in ihrem Innern zusammen, und schon rutschte ihr eine Art elektrische, riesige, fl ammende Kralle aus der Flan- ke. Da sagte der König: »Alte Rechenmaschine, halt ein!« »Wie sprichst du mit mir? Ich bin ein Rechen-Feldmar- schall!« »Ach ja«, bestätigte der König. »Euer Ferromagnetizität, der Elektrodrache, den du baust, wird zwar jenen Drachen überwinden, wird aber selbst an dessen Stelle bleiben. Wie soll nun er beseitigt werden?« »Indem man einen anderen baut, der noch mächtiger ist«, erläuterte die Maschine., »O nein! Dann tu lieber gar nichts, ich bitte dich darum. Was habe ich davon, daß auf dem Mond immer schreckli- chere Drachen sein werden? Ich will dort ja gar keinen ha- ben!« »Ja, dann sieht die Sache anders aus«, erwiderte die Ma- schine. »Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Jetzt merkst du selbst, wie unlogisch du dich ausdrückst. Warte, ich muß überlegen.« Und wieder dröhnte, brummte, summte sie, räusper- te sich schließlich und sagte: »Man muß einen Antimond mit einem Antidrachen anfertigen, ihn auf eine Umlauf- bahn um den Mond bringen« – jetzt knackte etwas in ihr –, »niederkauern und singen: ›Bin ein junger Roboter, fürchte nicht das Wasser, komm ich an ‘nen Graben, hopp – schon bin ich drüben, tralala tiralala!‹« »Du redest sonderbar«, versetzte der König. »Was hat der Antimond mit diesem Singsang von dem jungen Ro- boter zu tun?« »Welchen Roboter meinst du?« fragte die Maschine. »Ach so, nein, ich habe mich versprochen, ich glaube, in meinem Innern ist etwas nicht in Ordnung, ich muß ir- gendwo durchgebrannt sein.« Der König begann die durch- gebrannte Stelle zu suchen und fand schließlich eine zer- sprungene Röhre; er setzte eine neue ein und fragte die Maschine, was er mit dem Antimond machen solle. »Was für ein Antimond?« fragte die Maschine, die in- zwischen vergessen hatte, was sie vorher gesagt hatte. »Ich weiß nichts von einem Antimond … Warte, laß mich über- legen.«, Sie rauschte, summte und fuhr fort: »Man muß eine all- gemeine Th eorie der Bekämpfung von Elektrodrachen schaff en, für die der Monddrache ein Einzelfall sein wird, der kinderleicht zu lösen ist.« »Dann stelle bitte eine solche Th eorie auf!« sagte der Kö- nig. »Zu diesem Zweck muß ich zunächst verschiedene expe- rimentelle Elektrodrachen bauen.« »O nein! Vielen Dank!« rief der König aus. »Der Dra- che will mich meines Th rones berauben, und was soll erst werden, wenn du eine Unmenge von diesem Gezücht her- gestellt hast!« »So? Na, dann müssen wir eben zu einer anderen Me- thode Zufl ucht nehmen. Laß uns die strategische Varian- te der fortlaufenden Annäherung anwenden. Geh und te- legrafi ere dem Drachen, daß du ihm den Th ron abtreten wirst, wenn er drei ganz einfache mathematische Opera- tionen ausführt …« Der König ging hin und telegrafi erte, und der Drache war einverstanden. Flugs lief der König zu der Maschine zurück. »Jetzt«, sagte sie, »nenne ihm die erste Handlung, die er auszuführen hat: Er soll sich durch sich selbst teilen!« Der König tat es. Der Elektrodrache teilte sich durch sich selbst, und da in einem Elektrodrachen nur ein Elektrodra- che steckt, blieb er weiter auf dem Mond, und nichts hat- te sich geändert. »Ach, was hast du nur getan!« klagte der König, wäh- rend er so schnell in die Kasematten hinunterlief, daß ihm, die Pantoff eln von den Füßen fl ogen. »Der Drache hat sich durch sich selbst geteilt, und da einer in einem nur einmal steckt, ist er nach wie vor auf dem Mond, und gar nichts hat sich geändert.« »Macht nichts, ich habe es absichtlich getan, das war ein Täuschungsmanöver«, entgegnete die Maschine. »Nun tei- le ihm mit, er soll die Wurzel aus sich ziehen.« Der König telegrafi erte zum Mond, und der Drache begann die Wur- zel zu ziehen. Er zog, zog, bis er in allen Fugen krachte, er schnaubte und bebte, doch plötzlich ließ die Spannung nach – die Wurzel war gezogen! Der König kehrte zu der Maschine zurück. »Der Drache hat gekracht, gezittert, geknirscht, aber er hat die Wurzel gezogen und bedroht mich weiter!« rief er schon auf der Schwelle aus. »Was soll ich jetzt tun, alte Ma …, das heißt Euer Ferromagnetizität?« »Sei guter Dinge«, beruhigte sie ihn. »Sage ihm nun, er soll sich von sich selbst subtrahieren.« Der König eilte ins Schlafgemach, telegrafi erte, und der Drache fi ng an, sich von sich selbst zu subtrahieren. Zuerst nahm er sich den Schwanz ab, dann die Beine, dann den Rumpf, und schließlich, als er merkte, daß etwas nicht in Ordnung war, zögerte er, aber das Subtrahieren war schon so in Schwung, daß es von selbst weiterlief. Er nahm sich noch den Kopf, und übrig blieb Null, das heißt nichts – es gab keinen Elektrodrachen mehr! »Es gibt keinen Elektrodrachen mehr!« frohlockte der König, als er in die Kasematten eilte. »Vielen Dank, alte Rechenmaschine, vielen Dank. Du hast genug gearbei-, tet, gönne dir jetzt eine Ruhepause, ich schalte dich aus, ja?« »O nein, mein Lieber«, erwiderte die Maschine. »Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen? Du willst mich ausschalten und nennst mich nicht mehr Euer Ferromagnetizität! Oh, ist das häßlich! Jetzt verwandle ich mich in einen Elektrodrachen, mein Lieber, vertreibe dich aus deinem Königreich und werde selbst regieren, sicher- lich besser, als du es vermagst, denn du hast mich ja ohne- hin immer in allen wichtigen Dingen befragt, so daß ei- gentlich ich regiert habe und nicht du …« Und schon begann sie sich summend und dröhnend in einen Elektrodrachen zu verwandeln; schon ragten ihr fl ammende Elektrokrallen aus den Flanken, da zog der Kö- nig, atemlos vor Entsetzen, die Pantoff eln aus, sprang an sie heran und begann, blindlings auf ihre Röhren einzuschla- gen. Die Maschine summte, ächzte, in ihrem Programm geriet etwas durcheinander – aus dem Wort Elektrodrache wurde Elektroteer, und vor den Augen des Königs verwan- delte sich die Maschine, immer leiser wimmernd, in eine gewaltige Lache kohlschwarzen Elektroteers, der knisterte und prasselte, bis die gesamte Elektrizität in blauen Funken entwichen war und vor dem verblüfft en König Poleander nur ein großer, teeriger Tümpel dampft e … Der König atmete erleichtert auf, zog die Pantoff eln an und kehrte in das königliche Schlafgemach zurück. Von nun an änderte er sich jedoch sehr; die Abenteuer, die er erlebt hatte, hatten seinen kriegerischen Neigungen den Stachel genommen, und er befaßte sich bis ans Ende sei-, ner Tage nur noch mit der zivilen Kybernetik, die militäri- sche aber ließ er sein. * * *,

Nachbemerkung

Stanisław Lem, Romancier, Erzähler und Essayist, ist heute einer der prominentesten Vertreter des utopischen Gen- res in den sozialistischen Ländern. Seine Romane und Er- zählungen erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit, viele sind zu Bestsellern geworden. Das ist wohl nicht allein auf das Interesse für die Weltraumfahrt zurückzuführen, das seit dem Start des ersten Sputniks auch für die Science-fi ction wach wurde. Lem verdankt seine Erfolge nicht zuletzt der realistischen Substanz seiner Bücher. Seine Romane und Erzählungen über die ferne Zukunft wurzeln in unserer Gegenwart, haben in ihr ihre Bezüge. Wenn seine Helden Sympathie oder Abneigung in uns wecken, dann deshalb, weil wir sie, obwohl sie in einer uns fremden Welt agie- ren, mit unseren Maßstäben messen, weil wir an ihnen ver- traute Züge entdecken, weil ihre Konfl ikte uns nicht fremd sind. Dieser humanistischen Konstellation verdanken es Lems Bücher, daß sie mehr sind als bloße Unterhaltungsli- teratur. Lem ist im Grunde ein Moralist, der mit der Uto- pie seiner Zeit einen Spiegel vorhalten will, ein Zweifl er, der Fragen stellt, wo alles klar zu sein scheint, er ist, wenn auch uneingestanden, ein Weltverbesserer. Der Autor, der über ein enormes technisches Wissen ver- fügt, hält sich über alle neuen Ergebnisse der Weltraum- forschung auf dem laufenden. Vor allem interessiert ihn jedoch, wie sich der Mensch in einer vom technischen Fortschritt bestimmten Zukunft zurechtfi ndet. Dem in der Science-fi ction-Literatur westlicher Prägung beschwore-, nen makabren Bild vom zukünft igen Menschen, der zum bloßen Anhängsel einer übertechnisierten Welt degradiert ist, stellt Lem in seinen Romanen und Erzählungen sei- ne humanistische Auff assung entgegen. Lem ist der festen Überzeugung, daß die Menschen selbst ihre Geschicke in der Hand haben, daß sie über ihre und ihrer Nachkom- men Zukunft entscheiden, daß die schöpferische Kraft des Menschen die Technik nicht nur schafft , sondern sie zum Nutzen der Allgemeinheit beherrscht. Pirx, Held von vier Geschichten dieses Bandes, ist kein Superman, sondern ein normaler Mensch unserer Tage. Wenn er aus gefährlichen Situationen, die eine persönliche Entscheidung abverlan- gen, als Sieger hervorgeht, dann deshalb, weil er es nicht verlernt hat, seinen gesunden Menschenverstand zu ge- brauchen. Lems Weltraumhelden sind unheroisch, und es sind letzten Endes ihre »menschlichen« Eigenschaft en, ihre Opferbereitschaft , ihr Mut, ja sogar ihre Fähigkeit, Angst zu haben, mit denen sie alle Probleme meistern. Das mag einer der Gründe für die lobenden Worte sein, die Kosmo- naut Boris Jegorow für Lems positiven Helden fand. Stanisław Lem, geboren am 12.9.1921, der während des Krieges Autoschlosser und Mechaniker, danach Medizin- student und schließlich Arzt war, ist den Lesern in der DDR längst kein Unbekannter mehr. Seinem ersten gro- ßen Roman »Die Irrungen des Dr. Stefan T.«, den Lem 1948 schrieb, folgten die utopischen Romane »Planet des Todes« und »Gast im Weltraum«. Als Erzähler wurde Lem bei uns bislang nur mit seinen »Sterntagebüchern Ijon Ti- chys« vorgestellt. Gerade hier aber, in der kleinen Form, of-, fenbart sich der Autor als ein Meister seines Faches. Seine utopischen Erzählungen zeigen ihn in seiner ganzen Viel- seitigkeit: Lem beherrscht die spannende Detektivgeschich- te, er bedient sich aber mit gleicher Brillanz der geistrei- chen Groteske und eines ironisch gefärbten Märchenstils. Zu diesen Mitteln greift der Autor in der Regel, wenn er ne- gative Erscheinungen der Wirklichkeit angreifen will; dann stellt er seine Science-fi ction in den Dienst der Satire, dann ist das utopische Genre seinen kritischen Intentionen un- tergeordnet. Unser Band enthält eine Auswahl aus den Erzählbänden »Invasion vom Aldebaran«, »Roboterbuch« und »Mond- nacht«. Er gliedert sich in zwei Teile. Der erste – die detek- tivistisch anmutenden Geschichten um den Weltraumfah- rer Pirx – stellt einen Lem vor, der gegen die Th ese von der Übermacht der Technik über den Menschen polemisiert. Im zweiten Teil präsentiert sich Lem als ironischer Kritiker seiner Zeit. Diese Erzählungen benutzen die Science-fi cti- on nur noch als Vorwand, sie sind utopische Parabeln auf die Gegenwart. So ist die »Waschmaschinentragödie« mehr als eine Satire auf den amerikanischen Reklamerummel. Sie entlarvt die Scheindemokratie und die Pseudogerichts- barkeit in »Gottes eigenem Land«, während die »Rechen- maschine, die mit dem Drachen kämpft e«, vor dem Miß- brauch der Technik durch einzelne warnt, und »Invasion vom Aldebaran« in grotesker Form zeigt, daß die ausgeklü- gelte Technik an einem dummen Zufall scheitern kann. Lem geht es also um mehr als nur darum, seine Leser zu zerstreuen. Ein Meister im Fabulieren, im Konstruie-, ren spannender utopischer Handlungen, schreibt er doch aus unserer Zeit, für uns Zeitgenossen. Ohne die Gefah- ren, die der Erforschung des Raums innewohnen, zu baga- tellisieren, zeigt Lem immer wieder – bald ernst, bald kri- tisch, bald komisch, ironisch, satirisch –, daß der Mensch das Maß aller Dinge ist, daß er selbst sein Schicksal in der Hand hat. Damit erfüllt Lem eine echte literarische Funk- tion: er unterhält, bringt zum Lachen und regt gleichzeitig zum Nachdenken an. * * *,

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