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Ransom, der Erdenmensch, der Malakandra, wie der Mars von seinen Bewohnern genannt wird, besucht hat und unter Le- bensgefahr zur Erde zurückgekehrt ist, wird ausersehen, eine Mission auf der Venus zu übernehmen. Der Morgenstern, den die Eldil, die geheimnisvollen Statthalter Gottes, Perelandra nennen, ist eine paradiesische Welt, die fast gänzlich von ei- nem Ozean bedeckt ist. Die Eingeborenen leben auf schwimmenden Inseln aus Wur- zelwerk, die auf den ständigen, die ganze Welt umlaufenden Wogen jeden Augenblick ihre Form verändern. Kaum hat sich Ransom in der beängstigend unbeständigen Umge...
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Ransom, der Erdenmensch, der Malakandra, wie der Mars von seinen Bewohnern genannt wird, besucht hat und unter Le- bensgefahr zur Erde zurückgekehrt ist, wird ausersehen, eine Mission auf der Venus zu übernehmen. Der Morgenstern, den die Eldil, die geheimnisvollen Statthalter Gottes, Perelandra nennen, ist eine paradiesische Welt, die fast gänzlich von ei- nem Ozean bedeckt ist. Die Eingeborenen leben auf schwimmenden Inseln aus Wur- zelwerk, die auf den ständigen, die ganze Welt umlaufenden Wogen jeden Augenblick ihre Form verändern. Kaum hat sich Ransom in der beängstigend unbeständigen Umgebung zu orientieren gelernt, geht ein Raumschiff von der Erde auf das Wasser nieder. Ihm entsteigt Weston, der alte Gegenspieler Ransoms, der Unheil über die unschuldigen Bewohner dieser Welt bringen will. Ransom erkennt, was von ihm verlangt wird und entschließt sich zum Kampf – doch er ist unbewaff- net, während Weston über alle Mächte des Bösen verfügt. Clive Staples Lewis (29.11.1898 Belfast – 22.11.1963 Oxford), ehe- mals Professor für englische Literatur des Mittelalters und der Re- naissance an der Universität Cambridge, veröffentlichte diesen zwei- ten Band seiner phantastischen Trilogie im Jahre 1943. Der erste Band, Jenseits des schweigenden Sterns, erschien in ungekürzter Neuübersetzung als HEYNE-BUCH Nr. 3499; der abschließende, Die böse Macht, folgt in Kürze als HEYNE-BUCH Nr. 3524.,

CLIVE STAPLES LEWIS PERELANDRA

Ein klassischer Science Fiction-Roman WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE-BUCH Nr. 3511 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der englischen Originalausgabe

PERELANDRA

Deutsche Übersetzung von Walter Brumm Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1943 by Clive Staples Lewis Copyright © 1976 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München Printed in Germany 1976 Umschlagzeichnung: Karl Stephan, München Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs, München Gesamtherstellung: Mohndruck Reinhard Mohn OHG, Gütersloh ISBN 3-453-30401-2, Als ich den Bahnhof von Worchester verließ und mich auf den drei Meilen weiten Weg zu Ransoms kleinem Landhaus machte, kam mir der Gedanke, daß niemand auf dem Bahnsteig ahnen könne, was es mit dem Mann auf sich hatte, den ich besuchen woll- te. Vor mir (denn das Dorf liegt auf der anderen Seite und im Norden der Bahnstation) breitete sich ebenes Heideland aus, und der trübe Fünfuhrhimmel war so, wie man es von einem Herbstnachmittag erwartete. Die wenigen Gebäude und die rötlich und gelblich verfärbten Baumgruppen waren in keiner Weise be- merkenswert. Wer konnte sich vorstellen, daß ich weiter draußen in dieser stillen Landschaft einem Mann gegenübertreten und die Hand schütteln wür- de, der auf einer sechzig Millionen Kilometer ent- fernten Welt gelebt und diese Erde als einen grünli- chen Lichtpunkt im All gesehen hatte; der Worte mit einem Lebewesen gewechselt hatte, das schon gelebt hatte, bevor unser Planet bewohnbar geworden war? Denn auf dem Mars war Ransom außer den Mars- bewohnern noch anderen begegnet. Er hatte die El- dila und vor allem jenen großen Eldil kennengelernt, welcher der Herrscher des Mars oder, in ihrer Spra- che, der Oyarsa von Malakandra ist. Die Eldila unter- scheiden sich sehr von allen planetarischen Geschöp- fen. Ihr physischer Organismus, wenn man von ei- nem solchen überhaupt sprechen kann, ist dem des Menschen oder Marsbewohners ganz unähnlich. Sie essen nicht, noch atmen oder zeugen sie; sie erleiden keinen natürlichen Tod und ähneln in dieser Hinsicht, eher denkenden Mineralien als Lebewesen einer be- kannten Art. Obgleich sie auf Planeten erscheinen und unseren Sinnen als zuweilen dort heimisch er- scheinen mögen, ist der genaue räumliche Aufenthalt eines Eldil zu einem gegebenen Zeitpunkt kaum zu bestimmen. Sie selbst sehen den Weltraum (oder die ›Himmelstiefen‹) als ihre eigentliche Heimat an, und die Planeten sind ihnen keine abgeschlossenen Wel- ten, sondern lediglich sich bewegende Punkte – viel- leicht nur Unterbrechungen – in dem, was wir das Sonnensystem und sie die ›Gefilde Arbols‹ nennen. Ich besuchte Ransom auf ein Telegramm hin, in dem es geheißen hatte: ›Kommen Sie wenn möglich Donnerstag. Geschäfte.‹ Ich erriet, welche Art von Geschäften er meinte, deshalb versuchte ich mir ein- zureden, daß es nett sein werde, einen Abend bei Ransom zu verbringen, während ich zugleich das Ge- fühl nicht loswurde, die Aussicht erfreue mich weni- ger als sie sollte. Die Sache mit den Eldila machte mir zu schaffen. Ich konnte mich gerade noch daran ge- wöhnen, daß Ransom auf dem Mars gewesen war ... aber einem Eldil begegnet zu sein, mit einem Wesen gesprochen zu haben, dessen Leben praktisch unend- lich zu sein schien ... nun, schon die Reise zum Mars war schlimm genug. Ein Mann, der auf einer anderen Welt gewesen ist, kehrt nicht unverändert zurück. Man kann den Unterschied nicht in Worte fassen. Wenn der Mann ein Freund ist, kann es schmerzlich werden: das alte freundschaftliche Verhältnis ist nicht leicht wiederzugewinnen. Aber weitaus schlimmer war meine wachsende Überzeugung, daß die Eldila ihn seit seiner Rückkehr nicht alleinließen. Kleine Ei- genheiten in seinem Gespräch, unwillkürliche An-, spielungen und Wendungen, die er dann mit einer unbeholfenen Entschuldigung ungeschehen zu ma- chen suchte, legten nahe, daß er seltsamen Umgang hatte; daß es in seinem Landhaus – nun ja – ›Gäste‹ gab. Als ich die leere Straße dahintrottete, welche die uneingezäunte Allmende von Worchester durch- schneidet, versuchte ich mein wachsendes Unbeha- gen loszuwerden, indem ich es analysierte. Wovor fürchtete ich mich eigentlich? Kaum hatte ich mir die- se Frage gestellt, da bedauerte ich es schon. Ich war bestürzt, daß ich in Gedanken das Wort ›fürchten‹ gebraucht hatte. Bis dahin hatte ich vorzugeben ver- sucht, daß ich nur Abneigung oder Verlegenheit oder sogar Langeweile empfände. Doch das bloße Wort ›fürchten‹ hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Ich begriff jetzt, daß meine Empfindung Furcht war, nicht mehr und nicht weniger. Und ich erkannte auch, daß ich zweierlei fürchtete: daß ich früher oder später selbst einem Eldil begegnen könnte, und daß ich ›mit hineingezogen‹ werden könnte. Wohl jeder kennt diese Furcht, ›hineingezogen‹ zu werden – den Augenblick, in dem einem klar wird, daß bisher als unverbindliche Spekulation angesehene Entwicklun- gen im Begriff sind, einen in die Arme der kommuni- stischen Partei oder einer christlichen Kirche zu trei- ben und so vollendete Tatsachen zu schaffen. Ein sol- cher Fall von schierem Pech lag hier vor. Ransom selbst war gegen seinen Willen und beinahe durch Zufall zum Mars (oder nach Malakandra) gebracht worden, und ein weiterer Zufall hatte mich in seine Angelegenheiten verstrickt. Doch nun gerieten wir beide mehr und mehr in den Sog von etwas, das ich, nur als interplanetarische Politik bezeichnen kann. Ich weiß nicht, ob ich mein Verlangen, möglichst niemals mit den Eldila in Berührung zu kommen, verständlich machen kann. Es war mehr als nur ein Wunsch, fremdartigen Geschöpfen aus dem Weg zu gehen, die mächtig und sehr intelligent waren. Was ich über sie gehört hatte, diente der Verquickung zweier Dinge, die man gern auseinanderhält, und diese Verquickung erweckte Unbehagen in mir und Betroffenheit. Wir neigen dazu, nichtmenschliche In- telligenzen in zwei bestimmte Kategorien einzuteilen, die wir ›wissenschaftlich‹ übernatürlich nennen. Auf der einen Seite denken wir an H. G. Wells' ›Marsbe- wohner‹ (deren Ähnlichkeit mit den wirklichen Ma- lakandrern übrigens sehr gering ist) und an Mond- bewohner; auf der anderen Seite beschäftigen wir uns mit der möglichen Existenz von Engeln, Geistern, Feen und dergleichen. Aber sobald wir gezwungen sind, ein Geschöpf dieser oder jener Kategorie als real anzuerkennen, beginnt der Unterschied sich zu ver- wischen: und wenn es ein Geschöpf wie ein Eldil ist, dann verschwindet der Unterschied gänzlich. Diese Lebewesen waren keine Tiere mit physischen Kör- pern – in diesem Sinne mußte man sie der zweiten Gruppe zurechnen; aber sie besaßen etwas wie einen materiellen Träger, dessen Vorhandensein theoretisch durch wissenschaftliche Methoden nachgewiesen werden konnte. In diesem Sinne gehörten sie zur er- sten Gruppe. Die Unterscheidung zwischen natürlich und übernatürlich brach indes bald zusammen; und als das geschehen war, wurde einem klar, wie be- quem sie gewesen war – wie sie die unerträgliche Fremdartigkeit des Universums gemildert hatte, in-, dem sie sie säuberlich in zwei Hälften geteilt und den Verstand ermutigt hatte, beide niemals im gleichen Zusammenhang zu sehen. Welchen Preis an falscher Sicherheit und Begriffsverwirrung wir für diese Be- quemlichkeit bezahlt haben mögen, ist freilich eine andere Frage. Was für eine lange, trostlose Straße, dachte ich. Nur gut, daß ich nichts zu tragen habe. Und dann fiel mir mit Schrecken ein, daß ich eigentlich etwas tragen müßte, nämlich das Bündel mit meinem Nachtzeug. Ich fluchte in mich hinein. Ich mußte es im Zug gelas- sen haben. Mein erster Impuls war, umzukehren und bei der Bahnstation ›etwas zu unternehmen‹. Natür- lich gab es nichts zu unternehmen, was nicht genau- sogut durch einen Anruf vom Landhaus aus erledigt werden konnte. Der Zug mit meinem Bündel mußte inzwischen weit entfernt sein. Jetzt ist mir das ebenso klar wie meinen Lesern, doch zu jenem Zeitpunkt schien mir offensichtlich, daß ich umkehren müsse und bereits die ersten Schritte getan hatte, ehe die Vernunft erwachte und ich in der bisherigen Richtung weiterstapfte. Dabei spürte ich deutlicher als zuvor, wie wenig es mich zu meinem Ziel hinzog. Es fiel mir so schwer, daß ich den Eindruck hatte, mich im Gegenwind vorwärts zu mühen, und es war doch einer jener stillen, leblosen Abende, da kein Blatt sich regt und ein leichter Nebel sich auszubreiten beginnt. Je weiter ich ging, desto unmöglicher fand ich es, an etwas anderes als an diese Eldila zu denken. Was wußte Ransom wirklich über sie? Nach seinem Be- richt pflegten diejenigen, mit denen er zusammenge- kommen war, nicht unseren Planeten zu besuchen –, oder hatten erst seit seiner Rückkehr vom Mars damit begonnen. Wir hätten unsere eigenen Eldila, hatte er gesagt, irdische Eldila, doch gehörten sie einer ande- ren Art an und seien den Menschen meistens feind- lich gesonnen. Dies sei der Grund, warum unsere Er- de von der Verbindung mit den anderen Planeten ab- geschnitten sei. Er hatte unsere Lage als eine Art Be- lagerungszustand in einem von Feinden besetzten Gebiet geschildert, unterdrückt von Eldila, die so- wohl mit uns als auch mit den Eldila der Himmelstie- fen oder des Weltraums im Kampf stünden. Wie die Bakterien auf der mikroskopischen Ebene, so durch- setze diese Plage auf der makroskopischen unsichtbar unser ganzes Leben und sei die wahre Erklärung für die verhängnisvoll verbogene Richtung, die die Menschheitsgeschichte genommen habe und die als ihr charakteristischer Wesenszug anzusehen sei. Wenn alles das stimmte, dann mußten wir natürlich begrüßen, daß Eldila einer besseren Art endlich die Grenze (die, wie es heißt, der Mondumlaufbahn ent- spricht) durchbrochen und begonnen haben, uns zu besuchen. Vorausgesetzt, Ransoms Bericht entsprach der Wahrheit. Ein boshafter Gedanke kam mir in den Sinn. Viel- leicht wurde Ransom nur zum Narren gehalten. Wenn jemand aus dem Weltraum eine Invasion unse- res Planeten versuchte, konnte er sich kaum eine bes- sere Tarnung ausdenken als diese Geschichte von Ransom. Gab es auch nur den geringsten Beweis für die Existenz der angeblich bösartigen Eldila auf die- ser Erde? Wie, wenn mein Freund, ohne es zu wissen, die Brücke wäre, das trojanische Pferd, mittels dem mögliche Invasoren ihre Landung auf der Erde be-, werkstelligten? Und wieder überkam mich der Im- puls, umzukehren, genau wie bei der Entdeckung, daß ich mein Bündel im Zug gelassen hatte. »Kehr um, kehr um«, wisperte es mir zu. »Schick ihm ein Telegramm, sag ihm, du seiest krank und werdest ein andermal kommen – erzähl ihm irgendwas.« Die Stärke des Gefühls verblüffte mich. Ich stand einige Augenblicke lang still und sagte mir, ich sollte mich nicht wie ein Dummkopf benehmen, und als ich schließlich weiterging, fragte ich mich, ob dies der Anfang eines Nervenzusammenbruchs sein mochte. Kaum war dieser Gedanke geboren, da wurde er auch schon zu einem zusätzlichen Grund, Ransom nicht zu besuchen. Ich war offensichtlich nicht in der Verfassung für solch heikle ›Geschäfte‹, wie ich sie aus seinem Telegramm herausgelesen hatte. Ich war nicht einmal imstande, ein gewöhnliches Wochenen- de fern von meinem Zuhause zu verbringen. Das ein- zig Vernünftige, was ich tun konnte, war, sofort um- zukehren und heimzufahren, ehe ich mein Gedächt- nis verlor oder hysterisch genug wurde, und mich ei- nem Arzt anzuvertrauen. Es war heller Wahnsinn, weiterzugehen. Ich kam zum Ende des Heidelands und ging einen kleinen Hügel hinab; zu meiner Linken wuchs Buschwerk, und zu meiner Rechten lagen einige an- scheinend verlassene Fabrikgebäude. In der Talmulde lag stellenweise schon dichter Abendnebel. Zuerst nennen sie es einen Zusammenbruch, dachte ich. Gab es nicht eine Geisteskrankheit, in der ganz gewöhnli- che Gegenstände dem Patienten ungeheuer bedroh- lich erschienen? Genauso, wie mir jetzt diese leerste- hende Fabrik erscheint? Große, rundliche Betongebil-, de, seltsame Schreckgestalten aus Ziegelmauerwerk glotzten mich über verdorrte, struppige, mit grauen Pfützen durchsetzte und von Schmalspurgleisen durchzogene Grasflächen hinweg drohend an. Ich fühlte mich an Wesen erinnert, die Ransom in jener anderen Welt gesehen hatte: bloß waren sie dort Leute gewesen. Lange, spindeldürre Riesen, die er Sorne nannte. Die Sache wurde noch schlimmer da- durch, daß er sie als gute Leute betrachtete – sehr viel angenehmer als unsere eigene Rasse. Er war mit ih- nen im Bunde! Wie konnte ich wissen, ob er wirklich nur ein betrogener Einfaltspinsel war? Er mochte et- was Schlimmeres sein ... Und wieder blieb ich stehen. Der Leser, dem Ransom ein Unbekannter ist, wird das Widersinnige dieser Idee nicht verstehen. Selbst in jenem Moment wußte der rationale Teil meines Geistes nur zu gut, daß Ransom vernünftig und ge- sund und aufrichtig war, selbst wenn das ganze Uni- versum verrückt und feindselig wäre. Und dieser Teil meines Geistes trieb mich zuletzt zum Weitergehen an – doch ging ich mit einem Widerstreben und einer inneren Not, die ich kaum in Worte zu fassen ver- mag. Mein einziger Halt war in dieser Situation die Gewißheit, daß jeder Schritt mich einem Freund nä- herbrachte; zugleich aber fühlte ich, daß ich mich ei- nem Feind näherte – einem Verräter und Hexenmei- ster, der mit ›ihnen‹ verbündet war ... daß ich mit of- fenen Augen wie ein Narr in die Falle ging. Zuerst nennen sie es einen Zusammenbruch, sagte mein Verstand, und schicken dich in ein Sanatorium; später verlegen sie dich dann in eine Irrenanstalt. Ich war jetzt an der verlassenen Fabrik vorbei und unten im Nebel, wo es sehr kalt war. Dann kam ein, Augenblick – der erste – nackten Entsetzens, und ich mußte auf die Lippe beißen, um nicht laut aufzu- schreien. Es war nur eine Katze, die mir über den Weg gelaufen war, aber ich war völlig entnervt. Bald wirst du lauthals kreischen, sagte mein innerer Quäl- geist. Du wirst im Kreis herumlaufen und kreischen und nicht mehr damit aufhören können. Am Straßenrand stand ein kleines, unbewohntes Haus. Die meisten seiner Fenster waren mit Brettern vernagelt, und eins starrte blind wie das Auge eines toten Fisches. Unter normalen Umständen bedeutet mir die Vorstellung von einem ›Spukhaus‹ nicht mehr als jedem anderen Zeitgenossen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zu der Zeit hatte ich keinen so fest umrissenen Gedanken wie den an ein Ge- spenst. Es war nur das Wort ›Spuk‹. ›Spuk‹, ›spuken‹ ... was schließt dieses Wort nicht alles ein! Würde ein Kind, auch wenn es das Wort nie zuvor gehört hätte und seine Bedeutung nicht kennte, nicht schon beim bloßen Klang erschauern, wenn es die Eltern am Abend sagen hörte: »In diesem Haus spukt es?« Schließlich erreichte ich die Straßenkreuzung bei der kleinen Methodistenkapelle, wo ich nach links unter die Buchen abzubiegen hatte. Inzwischen müßte ich das Licht aus Ransoms Fenstern sehen können – oder war die Stunde der Verdunkelung schon gekommen? Meine Uhr war stehengeblieben, und ich wußte es nicht. Es war dunkel genug, aber das mochte am Nebel und an den Bäumen liegen. Ich fürchtete die Dunkelheit nicht, das kann ich versi- chern, doch wir alle haben Augenblicke erlebt, da unbelebte Gegenstände beinahe einen Gesichtsaus- druck zu zeigen schienen, und dieses Straßenstück, hatte einen Ausdruck, der mir nicht gefiel. Es ist nicht wahr, sagte ich mir, daß Leute, die verrückt werden, sich dessen niemals bewußt würden. Angenommen, ich würde gerade hier vom Wahnsinn übermannt. In diesem Fall würde die schwarze Feindseligkeit dieser tropfenden Bäume – ihr grausiges Abwarten – natür- lich eine Halluzination sein. Aber das machte es nicht um ein Haar besser. Der Gedanke, das Gespenst, das man sieht, sei eine Sinnestäuschung, nimmt ihm nichts von seinem Schrecken; er fügt nur den weite- ren Schrecken hinzu: die Möglichkeit, verrückt zu sein – und dann die furchtbare Vermutung, die von den übrigen für verrückt Gehaltenen seien die ganze Zeit hindurch die einzigen gewesen, die die Welt se- hen, wie sie wirklich ist. Dies alles lastete jetzt auf mir. Ich wankte weiter durch Kälte und Dunkelheit, schon halb überzeugt, daß ich am Rand des Wahnsinns sein müsse. Aber meine Meinung über geistige Gesundheit änderte sich mit jedem Augenblick. War sie jemals mehr ge- wesen als eine Konvention, eine gebilligte Form von Wunschdenken, das vor der ganzen Fremdartigkeit und Feindseligkeit des Universums, das zu bewoh- nen wir gezwungen sind, die Augen verschließt? Was ich während der letzten Monate meiner Bekannt- schaft mit Ransom erfahren hatte, war bereits mehr, als ein ›gesunder Geist‹ hinnehmen würde; doch war ich zu weit vorgedrungen, um es noch als irreal abtun zu können. Ich zweifelte an seinen Deutungen, aber ich zweifelte nicht an der Existenz der Dinge und Le- bewesen, die er auf dem Mars angetroffen hatte – der Pfifltriggi, der Hrossa, der Sorne oder dieser interpla- netarischen Eldila. Ich zweifelte nicht einmal an der, Realität jenes geheimnisvollen Wesens, das die Eldila Maleldil nennen und dem sie anscheinend in einem so blinden Gehorsam dienen, wie kein irdischer Dik- tator ihn erzwingen könnte. Ich wußte auch, wen Ransom in Maleldil vermutete. Das mußte Ransoms Landhaus sein. Es war sehr gut verdunkelt. Ein kindischer, weinerlicher Gedanke ging mir durch den Sinn: warum stand er nicht drau- ßen an der Gartenpforte, um mich zu begrüßen? Dar- auf folgte ein noch kindischerer Gedanke: Vielleicht war er im Garten und wartete in einem Versteck auf mich. Vielleicht würde er mich von hinten ansprin- gen. Vielleicht würde ich eine Ransom ähnliche Ge- stalt sehen, die mir den Rücken zukehrte, und wenn ich sie anredete, würde sie sich umwenden und ein Gesicht zeigen, in dem nichts Menschliches war ... Natürlich habe ich kein Verlangen, mich mit unnö- tiger Ausführlichkeit über diese Phase meiner Er- zählung zu verbreiten. Ich kann heute nur mit Be- schämung auf den Gemütszustand zurückblicken, in dem ich damals war. Ich wäre darüber hinweggegan- gen, hätte ich es nicht für notwendig gehalten, ihn wenigstens zu erwähnen, um das Folgende besser verständlich zu machen. Jedenfalls kann ich beim be- sten Willen nicht beschreiben, wie ich die Ein- gangstür des Hauses erreichte. Obwohl Abscheu und Angst mich zurückhielten und eine Art unsichtbarer Mauer sich mir entgegenzustemmen schien, und ob- gleich ich vor Entsetzen fast gekreischt hätte, als ein harmloser Zweig der Hecke mein Gesicht streifte, kämpfte ich mich Schritt für Schritt vorwärts, bis ich endlich vor der Schwelle stand, an die Tür hämmerte, an der Klinke rüttelte und mit Gebrüll Einlaß be-, gehrte, als hinge mein Leben davon ab. Keine Antwort – kein Laut außer dem Widerhall der Geräusche, die ich selbst gemacht hatte. Nur et- was Weißes flatterte am Türklopfer. Ich erriet natür- lich, daß es eine Notiz war. Als ich ein Streichholz an- riß, um die Notiz zu lesen, entdeckte ich, wie zittrig meine Hände geworden waren; und als das Zündholz erlosch, erkannte ich, wie dunkel der Abend gewor- den war. Nach mehreren Versuchen las ich den Zet- tel. ›Mußte leider nach Cambridge und werde erst mit dem Spätzug zurückkommen. Eßwaren in der Speisekammer, Bett in Ihrem gewohnten Zimmer gemacht. Warten Sie nicht mit dem Abendessen, wenn Ihnen nicht danach zumute ist. E. R.‹ Und so- fort überfiel mich der Impuls zum Rückzug, der mich bereits mehrmals bedrängt hatte, mit fast dämoni- scher Gewalt. Nun stand mir der Rückzug frei; ich wurde förmlich dazu eingeladen. Dies war meine Chance. Wenn jemand erwartete, ich würde in dieses Haus gehen und mehrere Stunden allein darin her- umsitzen, so irrte der Betreffende! Doch dann, als der Gedanke an die Heimreise in meinem Verstand Ge- stalt annahm, zögerte ich. Die Vorstellung, wieder durch die Buchenallee zu gehen (die jetzt stockfinster sein mußte) und dieses Haus im Rücken zu haben (man hatte die absurde Idee, es könne einem folgen), war wenig verlockend. Und dann kam mir, wie ich hoffe, etwas Besseres in den Sinn – ein Fetzen Ver- nunft und der Widerwille, Ransom zu enttäuschen. Wenigstens konnte ich mich davon überzeugen, ob die Tür tatsächlich unverschlossen war. Ich tat es. Und sie war offen. Im nächsten Augenblick, ich weiß kaum wie, befand ich mich im Innern und ließ die, Tür hinter mir zufallen. Es war ganz dunkel und warm. Ich tastete mich ei- nige Schritte vorwärts, stieß mit dem Schienbein hef- tig gegen etwas und fiel. Eine Weile saß ich still und befühlte mein Bein. Ich glaubte die Einrichtung von Ransoms Wohnzimmer, das zugleich Diele war, ziemlich gut zu kennen und konnte mir nicht vor- stellen, worüber ich gestolpert war. Ich suchte in der Tasche, zog die Streichhölzer heraus und versuchte Licht zu machen. Der Streichholzkopf sprang ab. Ich stampfte darauf und schnüffelte, um mich zu verge- wissern, daß er nicht auf dem Teppich weiterglühte. Dabei fiel mir ein seltsamer Geruch auf. Ich rätselte herum, aber konnte mir um alles in der Welt nicht denken, was es war. Der Geruch war den gewöhnli- chen häuslichen Düften so unähnlich wie der von Chemikalien, aber es war auch kein chemischer Ge- ruch. Dann zündete ich ein weiteres Streichholz an. Es flammte auf und erlosch gleich wieder – nicht weiter erstaunlich, da ich auf der Fußmatte saß und es selbst in solide gebauten Häusern wenige Ein- gangstüren gibt, die keine Zugluft einlassen. Ich hatte nichts als meine hohle Handfläche gesehen, mit der ich die Flamme hatte beschirmen wollen. Ich mußte weg von der Tür. Behutsam stand ich auf und tastete mich vorwärts. Ich stieß gegen ein Hindernis – etwas Glattes und sehr Kaltes, das ein wenig höher war als meine Knie. Als ich es berührte, merkte ich, daß es die Quelle des eigenartigen Geruchs war. Ich tastete mich daran entlang nach links und gelangte an das Ende. Es schien mehrere Flächen zu haben, aber ich konnte mir die Form nicht vorstellen. Ein Tisch war es nicht, denn es hatte keine Deckplatte. Meine Hand, ertastete etwas wie den Rand einer niedrigen schma- len Wand – der Daumen auf der Außenseite, und die Finger auf der Innenseite. Hätte es sich wie Holz an- gefühlt, wäre der Gedanke an eine große Kiste nahe- liegend gewesen. Aber es war kein Holz. Zuerst hielt ich es für naß, kam aber rasch zu dem Schluß, daß ich Kälte für Nässe gehalten hatte. Als ich am Ende des Objektes stand, riß ich mein drittes Zündholz an. Ich sah etwas Weißes und halb Durchsichtiges – beinahe wie Eis. Es war groß und ziemlich lang, eine Art offener Kasten von einer beunruhigenden Form, die ich nicht sofort erkannte. Der Kasten war so groß, daß ein Mensch hineinpaßte. Ich trat einen Schritt zu- rück, hielt das Zündholz hoch, um einen besseren Überblick zu gewinnen, und stolperte über etwas, das hinter mir war. Ich lag ausgestreckt in der Dunkel- heit, nicht auf dem Teppich, sondern auf dem kalten Material mit dem merkwürdigen Geruch. Wie viele von den Teufelsdingern gab es hier? Ich wollte eben wieder aufstehen und den Raum systematisch nach einer Kerze durchsuchen, als ich Ransoms Namen ausgesprochen hörte; und beinahe gleichzeitig sah ich – sah ich das Ding, dessen An- blick ich so lange gefürchtet hatte. Ich hörte Ransoms Namen ausgesprochen: aber ich könnte nicht sagen, daß ich ihn von einer Stimme ausgesprochen hörte. Das Geräusch war einer menschlichen Stimme be- stürzend unähnlich. Gleichwohl war die Artikulation so klar, daß man es in seiner Deutlichkeit schön fin- den konnte. Aber es war anorganisch. Wir empfinden den Unterschied zwischen tierischen Stimmen (ein- schließlich derjenigen des menschlichen Tiers) und allen anderen Geräuschen ziemlich deutlich, obgleich, er schwierig zu definieren ist. Blut und Lungen und die warme, feuchte Mundhöhle sind in jeder Stimme erkennbar. Hier waren sie es nicht. Die beiden Silben klangen eher, als würden sie auf einem Instrument gespielt, doch hatten sie auch nichts Mechanisches. Eine Maschine ist etwas, das wir aus natürlichen Materialien herstellen; diese Geräusche waren eher so, als ob Gestein oder Kristall oder Licht aus sich ge- sprochen hätte. Und durch meinen Körper ging ein Schauder, wie er einen durchfährt, wenn man meint, man habe beim Erklettern einer Felswand den Halt verloren. Das war, was ich hörte. Was ich sah, war einfach ein sehr schwacher Stab oder Pfeiler aus Licht. Ich glaube nicht, daß er einen Lichtkreis auf Boden oder Decke warf, doch erinnere ich mich nicht mit Gewiß- heit. Die Leuchtkraft war jedenfalls sehr gering und reichte kaum hin, die nähere Umgebung zu erhellen. Soweit war alles einfach. Aber das Ding hatte zwei andere Eigenschaften, die weniger leicht zu begreifen waren. Die eine war seine Farbe. Da ich das Ding sah, muß ich es entweder weiß oder farbig gesehen haben; aber keine Gedächtnisanstrengung kann auch nur das blasseste Vorstellungsbild einer Farbe heraufbe- schwören. Ich versuchte es mit Blau und Gold und Violett und Rot, aber nichts will passen. Wie es mög- lich ist, visuelle Erfahrungen so gründlich zu verges- sen, kann ich nicht erklären. Die andere war der Win- kel. Das Ding stand nicht rechtwinklig zum Fußbo- den. Aber ich beeile mich hinzuzufügen, daß diese Betrachtungsweise ein späterer Rekonstruktionsver- such ist. In jenem Augenblick hatte ich den Eindruck, daß die Lichtsäule vertikal, der Fußboden aber nicht, horizontal sei; der ganze Raum schien Schlagseite zu haben, als befände er sich in einem Schiff. Wie dieser Eindruck auch zustande gekommen sein mochte, die- se Kreatur schien in einem Bezugsrahmen außerhalb der Erde zu stehen, und ich hatte das Gefühl, daß ihre bloße Gegenwart mir das fremde System aufzwinge und den irdischen Horizont abschaffe. Ich zweifelte nicht im mindesten daran, daß ich ei- nen Eldil sah, und war sogar bereit zu glauben, daß es der Statthalter des Mars sei, der Oyarsa von Mala- kandra. Und nun, da es geschehen war, lösten Panik und Furcht sich wie von selbst auf. Allerdings emp- fand ich ein sehr starkes, wenn auch unbestimmtes Unbehagen. Die Tatsache, daß dieses Wesen ganz of- fensichtlich nicht organischer Natur war, sowie das Wissen, daß irgendwo in diesem homogenen Licht- zylinder Intelligenz wohnte, aber nicht zu ihm in Be- ziehung stand, wie unser Bewußtsein zu Gehirn und Nerven in Beziehung steht, war zutiefst beunruhi- gend.* Es paßte nicht in unsere Denk-Kategorien. Un- * Ich halte mich im Text natürlich an das, was ich damals dachte und empfand, denn dies allein ist Beweis aus erster Hand: aber es gibt Raum für sehr viel weitergehende Spekulationen über die Form, in der Eldila unseren Sinnen erscheinen. Die einzigen ernsthaften Überlegungen zu diesem Problem stammen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Als Ausgangspunkt für zukünftige Un- tersuchungen empfehle ich die folgende Stelle bei Natvilcius: De aethereo et aerio corpore, Basel 1627, II, xii. ›Liquet simplicem flammam sensibus nostris subjectam non esse corpus proprie dictum angeli vel daemonis, sed potius aut illius corporis senso- rium aut superficiem corporis in coelesti dispositione locorum supra cogitationes humanas existentis‹ (›es scheint, daß die von unseren Sinnen wahrgenommene Flamme nicht der eigentliche Körper eines Engels oder Dämonen ist, sondern eher das Senso- rium dieses Körpers oder die Oberfläche eines Körpers, der jen-, sere Verhaltensweisen im Umgang mit Lebewesen und mit unbelebten Objekten schienen hier gleicher- maßen unangebracht. Andererseits waren alle vorher gehegten Zweifel, ob diese Geschöpfe Freund oder Feind seien und ob Ransom ein Bahnbrecher oder ein betrogener Narr sei, einstweilen geschwunden. Meine Befürchtungen waren jetzt anderer Art. Ich vermutete stark, daß dieses Wesen ›gut‹ sei, war aber nicht si- cher, ob ›Güte‹ mir in dem Maße zusagte, wie ich ge- glaubt hatte. Das ist eine sehr schlimme Erfahrung. Solange man etwas Böses fürchtet, kann man immer noch hoffen, das Gute werde einem zu Hilfe kom- men. Doch angenommen, man ringt sich zum Guten durch und findet dann, daß es auch schrecklich ist? Wie, wenn Nahrung sich gerade als das erweist, was man nicht essen kann, wenn das Heim gerade die Stätte ist, wo man nicht leben kann, und wenn der Tröster derjenige ist, der einen untröstlich macht? Dann ist wirklich keine Rettung möglich; dann hat man ausgespielt. Beinahe so war mir in diesen Au- genblicken zumute. Hier war endlich etwas aus jener anderen Welt, die ich immer geliebt und herbeige- sehnt zu haben meinte, in unsere Welt eingebrochen und vor meinen Augen erschienen: und ich mochte es nicht, wollte, daß es verschwände. Ich wollte jede seits des menschlichen Wahrnehmungsvermögens im himmli- schen Rahmen räumlicher Beziehungen existiert‹). Mit dem ›himmlischen Rahmen räumlicher Beziehungen‹ ist vermutlich gemeint, was wir heute den ›mehrdimensionalen Raum‹ nennen. Das soll natürlich nicht heißen, Natvilcius habe etwas über mehrdimensionale Geometrie gewußt, sondern nur, daß er empi- risch zu den Ergebnissen gelangt sein mag, die von der Mathe- matik seither theoretisch erarbeitet wurden., mögliche Distanz oder Barriere zwischen diesem We- sen und mir, aber ehe ich von neuem in Panik geraten konnte, rettete mich ausgerechnet mein Gefühl von Hilflosigkeit und gab mir Halt. Denn nun war ich ganz offensichtlich in die Sache ›hineingezogen‹. Der Kampf war vorüber. Die nächste Entscheidung lag nicht bei mir. Dann kam, wie ein Geräusch aus einer anderen Welt, das Öffnen der Tür und das Scharren von Stie- feln auf dem Fußabstreifer, und vor dem Grau des Nachthimmels sah ich in der Türöffnung die dunkle Silhouette einer Gestalt, in der ich Ransom erkannte. Aus der Lichterscheinung kam wieder das Sprechen, das keine Stimme war, und Ransom blieb auf der Fußmatte stehen und antwortete. Beide bedienten sich einer fremdartigen, sehr lautreichen Sprache, die ich noch nie gehört hatte. Ich versuche nicht, die Gefühle zu entschuldigen, die in mir erwachten, als das nichtmenschliche Ding meinen Freund anredete und dieser in derselben nichtmenschlichen Sprache antwortete. Sie sind tat- sächlich unentschuldbar; aber wer glaubt, sie wären bei einem solchen Anlaß unwahrscheinlich, der hat weder die Weltgeschichte noch in seinem eigenen Herzen mit Gewinn gelesen. Es waren Empfindungen von unwilligem Groll, Abscheu und Eifersucht. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien: »Kümmere dich nicht um deinen Hausgeist, du Teufelsmagier, son- dern endlich um mich!« Doch in Wirklichkeit sagte ich: »Ah, Ransom. Gott sei Dank, daß Sie da sind!«, Die Tür fiel zu (zum zweiten Mal an diesem Abend), und nach einigem Umhertasten hatte Ransom eine Kerze gefunden und angezündet. Ich blickte schnell umher, konnte aber außer uns beiden niemand sehen. Das Auffälligste im Raum war der große weiße Ge- genstand, dessen Form ich diesmal klar genug er- kannte. Es war eine große sargförmige Kiste, und sie war offen. Der Deckel lag neben ihr auf dem Boden, und beide bestanden aus dem gleichen weißen Mate- rial, das wie Eis aussah, doch wolkiger und weniger glänzend. »Wie ich mich freue, Sie zu sehen!« sagte Ransom, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand. »Ich hatte Sie vom Bahnhof abholen wollen, aber alles mußte in solcher Eile vorbereitet werden, und im letzten Moment ergab sich, daß ich noch nach Cam- bridge mußte. Ich hatte wirklich nicht die Absicht, Sie diesen Weg allein machen zulassen.« Dann merkte er offenbar, daß ich ihn noch immer ziemlich einfältig anstarrte, und fügte hinzu: »Sagen Sie – es fehlt Ihnen doch nichts, oder? Sie sind ohne Schaden durch das Sperrfeuer gekommen?« »Das Sperrfeuer? Ich verstehe nicht.« »Ich dachte, Sie hätten vielleicht Schwierigkeiten gehabt, hier hereinzukommen.« »Ach, das!« sagte ich. »Sie meinen, es waren nicht bloß meine Nerven? War da wirklich etwas?« »Ja. Die anderen wollten nicht, daß Sie hierher kä- men. Ich fürchtete, daß so etwas geschehen würde, hatte aber keine Zeit, was dagegen zu tun. Außerdem, war ich ziemlich sicher, daß Sie irgendwie durch- kommen würden.« »Wen meinen Sie mit ›den anderen‹? Unsere irdi- schen Eldila?« »Natürlich. Sie haben Wind davon bekommen, daß hier was vorgeht ...« Ich unterbrach ihn. »Um die Wahrheit zu sagen, Ransom«, sagte ich, »die ganze Angelegenheit macht mir mit jedem Tag mehr Sorgen. Unterwegs hierher kam mir in den Sinn ...« »Oh, sie setzen Ihnen alle möglichen Dinge in den Kopf, wenn Sie es zulassen«, sagte Ransom leichthin. »Am besten ist es, sich nicht darum zu kümmern und einfach weiterzugehen. Versuchen Sie nicht, ihnen zu antworten. Sie ziehen Sie dann gern in endlose Dis- kussionen.« »Aber sehen Sie«, sagte ich, »dies ist kein Kinder- spiel. Sind Sie ganz sicher, daß dieser Herr der Fin- sternis, dieser verdorbene Oyarsa der Erde wirklich existiert? Wissen Sie genau, daß es zwei Seiten gibt, und welche davon die unsrige ist?« Er fixierte mich mit einem seiner sanften, aber selt- sam furchteinflößenden Blicke. »Sie zweifeln wohl im Grunde an beidem, nicht wahr?« fragte er. »Nein«, antwortete ich nach einer Pause und fühlte mich beschämt. »Dann ist es gut«, sagte Ransom munter. »Küm- mern wir uns also um das Abendessen; dabei kann ich Ihnen dann alles erklären.« »Was ist mit diesem Sarg?« fragte ich ihn, als wir in die Küche gingen. »Darin soll ich reisen.«, »Was?« rief ich. »Sie meinen, der Eldil will Sie nach Malakandra zurückbringen?« »Nicht doch«, sagte er. »Sie verstehen nicht, Lewis. Wenn er mich nur wieder nach Malakandra bringen würde! Ich würde alles geben, was ich besitze ... nur um noch einmal in eine dieser Talschluchten zu blik- ken und das herrlich blaue Wasser zwischen den Wäldern zu sehen. Oder um auf dem Hochland zu sein und einen Sorn zu sehen, wie er die Hänge hin- abgleitet. Oder um noch einmal einen Abend wie je- nen zu erleben, an dem Jupiter aufstieg, so strahlend, daß man nicht hineinsehen konnte, und die Astero- iden waren wie eine Milchstraße, in der jeder Stern hell wie die Venus leuchtete, wenn man sie von der Erde aus betrachtet! Und die Düfte! Sie wollen mir nicht aus dem Sinn. Man sollte meinen, es wäre am schlimmsten bei Nacht, wenn Malakandra am Him- mel steht und ich die Welt sehen kann. Aber dann ist meine Sehnsucht nicht am stärksten. Am meisten macht sie mir an heißen Sommertagen zu schaffen, wenn ich in das tiefe Blau aufblicke und denke, daß es dort droben, viele Millionen Kilometer entfernt, ei- nen Ort gibt, den ich kenne und niemals wiedersehen werde, daß dort in diesem Augenblick Blumen über Meldilorn blühen und Freunde von mir ihren Ge- schäften nachgehen und mich willkommen heißen würden, wenn ich wiederkäme. Nein, nichts derglei- chen. Ich werde nicht nach Malakandra geschickt. Mein Ziel ist Perelandra.« »Was wir Venus nennen, nicht wahr?« »Ja.« »Und Sie sagen, Sie würden hingeschickt?« »Ja. Vielleicht erinnern Sie sich, daß Oyarsa mir vor, meiner Abreise von Malakandra zu verstehen gab, meine Mission könne der Beginn eines neuen Ab- schnitts im Leben des Sonnensystems sein – den Ge- filden Arbols. Es könne bedeuten, sagte er, daß die Isolation unserer Welt, die Belagerung, sich ihrem Ende nähere.« »Ja, ich erinnere mich.« »Nun, es sieht tatsächlich so aus, als bereite sich etwas von der Art vor. So beginnen die zwei Seiten, wie Sie sich ausdrückten, hier auf Erden deutlichere Konturen anzunehmen und erscheinen in unseren menschlichen Angelegenheiten weniger intensiv mit- einander vermischt. Man könnte sagen, sie beginnen Farbe zu bekennen.« »Ja, den Eindruck habe ich auch.« »Die andere Sache ist die, daß der Schwarze Statt- halter – unser verbogener Oyarsa – einen Angriff auf Perelandra erwägt.« »Aber kann er sich so frei im Sonnensystem bewe- gen? Kann er dort hingehen?« »Genau das ist der springende Punkt. Er kann in seiner eigenen Gestalt, oder wie immer wir es nennen wollen, nicht hingehen. Wie Sie wissen, wurde er lange vor der Entstehung menschlichen Lebens hinter die Grenzen dieses Planeten zurückgedrängt. Wenn er sich außerhalb der Mondbahn blicken ließe, würde man ihn gewaltsam zurücktreiben. Zu einem Krieg dieser Art könnten Sie oder ich so wenig beitragen wie ein Floh zur Verteidigung Moskaus. Nein. Wenn er auf Perelandra Fuß fassen will, muß er es auf eine andere Art und Weise versuchen.« »Und was haben Sie damit zu tun?« »Nun – ich bin einfach hinbefohlen worden.«, »Von dem – von Oyarsa?« »Nein. Der Befehl kommt von weit höherer Stelle. Alle Befehle kommen letzten Endes von dort, wissen Sie.« »Und was haben Sie zu tun, wenn Sie hinkom- men?« »Das hat man mir nicht gesagt.« »Sie werden also einfach zu Oyarsas Gefolge gehö- ren?« »O nein. Er wird nicht dort sein. Soweit mir be- kannt ist, wird er mich lediglich zur Venus transpor- tieren – mich dort abliefern. Danach werde ich ver- mutlich ganz auf mich gestellt sein.« »Aber hören Sie, Ransom – ich meine ...« »Ich weiß«, sagte er mit seinem entwaffnenden Lä- cheln, »das Absurde daran stört Sie. Dr. Elwin Ran- som als Einzelkämpfer gegen kosmische Mächte. Vielleicht fragen Sie sich sogar, ob ich dem Größen- wahn zum Opfer gefallen sei.« »So meinte ich es nicht«, sagte ich. »Ich glaube doch. Jedenfalls gibt das ziemlich ge- nau meine eigenen Gefühle wieder, seit ich mit dieser Sache konfrontiert wurde. Aber wenn Sie es sich richtig überlegen, ist es dann wirklich absonderlicher als das, was wir alle jeden Tag zu tun haben? Wenn die Bibel vom Kampf mit den Mächten der Finsternis und dergleichen spricht, dann meint sie damit, daß ganz gewöhnliche Menschen diesen Kampf ausfech- ten müßten.« »Nun, das mag sein«, sagte ich. »Aber das ist etwas völlig anderes. Damit sind moralische Konflikte ge- meint. Solche Kämpfe werden durch sittliches Ver- halten gewonnen.«, Ransom warf seinen Kopf zurück und lachte. »Ach, Lewis!« sagte er, »Sie sind unnachahmlich, einfach unnachahmlich!« »Sagen Sie, was Sie wollen, Ransom, es gibt einen Unterschied.« »Ja, das stimmt. Aber es ist kein Unterschied, der die Vorstellung, jeder von uns müsse den Kampf womöglich in dieser und in jener Form ausfechten, zum Größenwahnsinn macht. Ich werde Ihnen sagen, wie ich es sehe. Haben Sie nicht bemerkt, wie unser kleiner Krieg hier auf Erden verschiedene Phasen aufweist, während derer die Leute sich benehmen, als werde die gerade aktuelle Phase ewig dauern? Dabei ändert die Lage sich in Wirklichkeit unaufhörlich, und unsere Möglichkeiten und Gefahren sind in die- sem Jahr andere als noch im letzten. So verhält es sich auch hier. Ihre Vorstellung, gewöhnliche Menschen würden niemals in irgendeiner Form mit den dunk- len Eldila in Berührung kommen, es sei denn durch Versuchungen und dergleichen im Bereich der Sitt- lichkeit, ist einfach eine Idee, die während einer be- stimmten Phase des kosmischen Krieges Gültigkeit hatte: nämlich während der Phase der großen Belage- rung, die unserem Planeten den Namen Thulkandra eintrug, der schweigende Stern. Aber angenommen, diese Phase sei abgeschlossen? In der nächsten Phase kann es jedermanns Aufgabe sein, ihnen ... nun, in völlig anderer Art und Weise gegenüberzutreten.« »Ich sehe.« »Denken Sie nicht, ich sei auserwählt worden, nach Perelandra zu gehen, weil ich jemand besonderer sei. Man weiß nie, oder erst viel später, warum dieser oder jener für irgendeine Aufgabe auserwählt wurde., Und wenn man es erfährt, ist es gewöhnlich ein Grund, der für Eitelkeit keinen Raum läßt. Ganz ge- wiß wird niemand wegen der Eigenschaften ausge- wählt, in denen er selbst seine besondere Qualifikati- on erblickt. Ich denke mir, daß ich hingeschickt wer- de, weil diese zwei Bösewichter, die mich nach Mala- kandra entführten, mit ihrer Tat ohne es zu wollen einem Menschen Gelegenheit gaben, die dortige Sprache zu erlernen.« »Welche Sprache meinen Sie?« »Hrossa-Hlab natürlich. Die Sprache, die ich auf Malakandra lernte.« »Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß diese Spra- che auch auf der Venus gesprochen wird?« »Habe ich Ihnen davon nichts erzählt?« sagte Ran- som und beugte sich vor. Wir saßen jetzt am Tisch und hatten unsere Mahlzeit aus kaltem Fleisch, Bier und Tee fast beendet. »Ich bin überrascht, daß ich es nicht tat, denn ich entdeckte es schon vor zwei oder drei Monaten, und aus wissenschaftlicher Sicht ist es einer der interessantesten Aspekte der ganzen Ange- legenheit. Es scheint, daß wir uns gründlich irrten, als wir dachten, Hrossa-Hlab sei die eigentliche Sprache der Marsbewohner. Tatsächlich müßte man diese Sprache Alt-Solarisch nennen, oder Hlab-Eribol-ef- Cordi.« »Das haben Sie mir bisher vorenthalten«, sagte ich. »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen, daß es für alle vernunftbe- gabten Lebewesen der Planeten unseres Sonnensy- stems ursprünglich eine gemeinsame Sprache gab. Ich meine natürlich die Planeten, die immer bewohnt waren und von den Eldila die ›Niederen Welten‹ ge-, nannt werden. Die meisten Planeten waren natürlich nie bewohnt und werden es nie sein, jedenfalls nicht in unserem Sinne. Diese ursprüngliche Sprache ging auf Thulkandra, unserer eigenen Welt, im Verlauf der ganzen Tragödie verloren. Keine der jetzt bekannten menschlichen Sprachen hat sich aus ihr entwickelt.« »Aber wie verhält es sich dann mit den zwei ande- ren Sprachen, die nach Ihren Beobachtungen auf dem Mars gesprochen werden?« »Ich gebe zu, daß mir das nicht ganz klar ist. Eins jedoch weiß ich, und ich könnte es wahrscheinlich mit rein philologischen Mitteln beweisen. Diese anderen Sprachen sind unvergleichlich jün- ger als Hrossa-Hlab; das gilt vor allem für Surnibur, die Sprache der Sonne. Ich glaube, es ließe sich be- weisen, daß Surnibur eine für malakandrische Ver- hältnisse ganz neue Entwicklung ist. Ihre Entstehung geht wahrscheinlich nicht weiter zurück als in eine Zeit, die etwa dem Erdzeitalter des Kambrium ent- spricht.« »Und Sie glauben, Sie werden Venusbewohner an- treffen, die Hrossa-Hlab oder Alt-Solarisch spre- chen?« »Ja. Ich werde die Sprache bei meiner Ankunft be- reits beherrschen. Das erspart mir viel Mühe – ob- wohl ich es als Philologe eher enttäuschend finde.« »Aber Sie haben keine Ahnung, was Sie tun sollen oder welche Bedingungen Sie antreffen werden?« »Nicht die leiseste Ahnung. Es gibt Aufgaben, wis- sen Sie, wo es notwendig ist, daß man vorher nicht zuviel weiß. Und was die Bedingungen betrifft, nun, so weiß ich nicht viel. Es wird jedenfalls warm sein: ich soll nackt hingehen. Unsere Astronomen wissen, überhaupt nichts über die Oberfläche von Perelandra. Die äußeren Schichten der Atmosphäre sind mit dichten Wolken verhangen. Das Hauptproblem scheint zu sein, ob der Planet sich um seine Achse dreht oder nicht, und wenn ja, mit welcher Ge- schwindigkeit. Es gibt zwei Theorien, die beide ihre Anhänger haben. Die Anhänger des Astronomen Schiaparelli glauben, der Planet rotiere in der glei- chen Zeit, die er für eine Sonnenumkreisung benötigt, einmal um sich selbst. Die anderen gehen von einer Rotationsdauer von rund dreiundzwanzig Stunden aus. Das gehört zu dem, was ich herausbringen wer- de.« »Wenn Schiaparellis Theorie richtig ist, dann wür- de auf der einen Seite der Venus immerwährender Tag und auf der anderen ewige Nacht sein, nicht wahr?« Er nickte nachdenklich. »Das ergäbe eine eigenarti- ge Übergangszone«, sagte er nach kurzer Pause. »Man muß sich das mal vorstellen. Man käme in ein Land immerwährenden Zwielichts, in dem es mit je- der zurückgelegten Meile kälter und dunkler würde. Und schließlich würde man nicht weitergehen kön- nen, weil die Kälte unerträglich wäre. Ich frage mich, wie es sein würde, auf der Grenzlinie zu stehen und in die Nacht hineinzublicken, die für immer uner- reichbar wäre? Und vielleicht ein paar Sterne zu se- hen – denn das wäre der einzige Ort, wo man sie se- hen könnte, weil sie auf der Tagseite natürlich nie- mals sichtbar sein würden ... Wenn es dort eine tech- nische Zivilisation gibt, dann werden sie natürlich Schutzanzüge oder U-Boote auf Rädern haben, um auf die Nachtseite vorzudringen.«, Seine Augen blitzten, und selbst ich, der haupt- sächlich daran gedacht hatte, wie ich ihn vermissen würde und wie groß die Wahrscheinlichkeit war, ihn lebendig wiederzusehen, fühlte mich stellvertretend von einem staunenden Erschauern sehnsüchtiger Wißbegier ergriffen. Ransom sprach weiter. »Sie haben mich noch nicht gefragt, welche Rolle Ihnen zufällt«, sagte er. »Soll das etwa heißen, ich solle mitkommen?« sagte ich mit einem neuerlichen Erschauern ganz entge- gengesetzter Natur. »Keineswegs. Sie sollen mich einpacken und zur Stelle sein, um mich bei der Rückkehr wieder auszu- packen – wenn alles gutgeht.« »Einpacken? Ach so, ich hatte die Sache mit diesem Sarg vergessen. Ransom, wie um alles in der Welt wollen Sie in diesem Ding reisen? Was ist die An- triebskraft? Wie steht es mit Luft, Nahrung und Was- ser? Der Raum reicht gerade aus, um darin zu lie- gen.« »Der Oyarsa von Malakandra wird selbst die An- triebskraft sein. Er wird den Behälter einfach zur Ve- nus bewegen. Fragen Sie mich nicht, wie. Ich habe keine Ahnung, welche Organe oder Werkzeuge sie gebrauchen. Aber ein Geschöpf, das seit mehreren Milliarden Jahren einen Planeten in seiner Umlauf- bahn gehalten hat, wird wohl imstande sein, mit einer Kiste fertigzuwerden!« »Aber was werden Sie essen? Wie werden Sie at- men?« »Er sagt mir, daß ich keins von beiden tun müsse. Soweit ich es beurteilen kann, werde ich mich wäh- rend der Reise in einem scheintoten Zustand befin-, den. Ich kann ihn nicht verstehen, wenn er versucht, mir Einzelheiten zu erklären. Aber das ist seine Sa- che.« »Sind Sie mit Ihrem Los zufrieden?« fragte ich, denn eine Art von Grauen begann mich wieder zu überkriechen. »Wenn Sie meinen, ob ich darauf vertraue, daß er mich wohlbehalten auf Perelandra absetzen wird, dann ist die Antwort ja«, sagte Ransom. »Wenn Sie meinen, ob meine Nerven und meine Fantasie über diese Aussicht beglückt sind, dann ist die Antwort nein. Man kann an die Anästhesie glauben und trotz- dem in Panik geraten, wenn sie einem die Maske über das Gesicht ziehen. Ich glaube, mir ist wie einem Mann zumute, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, wenn er hinausgeführt wird, um dem Er- schießungskommando gegenüberzutreten. Vielleicht ist es eine gute Übung.« »Und ich soll Sie in dieses verwünschte Ding pak- ken?« fragte ich. »Ja«, sagte Ransom. »Das ist der erste Schritt. So- bald die Sonne aufgegangen ist, müssen wir damit hinaus in den Garten und die Kiste so aufstellen, daß keine Bäume oder Gebäude im Weg sind. Das Gemü- sebeet ist der richtige Platz. Dann lege ich mich hinein – mit einer Augenbinde, weil diese Wände das Son- nenlicht jenseits der Lufthülle nicht hinreichend ab- halten werden –, und Sie schrauben den Deckel dar- auf. Danach werden Sie wahrscheinlich sehen, wie das Ding davongleitet.« »Und dann?« »Nun, dann beginnt der schwierige Teil. Sie müs- sen sich bereithalten, wieder hierherzukommen, so-, bald man Sie ruft. Dann werden Sie den Deckel ab- schrauben und mich herauslassen.« »Wann werden Sie zurückkommen?« »Das weiß niemand. In sechs Monaten – einem Jahr – zwanzig Jahren. Das ist das Dumme daran. Ich fürchte, es ist eine ziemlich schwere Bürde, die ich Ihnen auferlege.« »Ich könnte inzwischen sterben.« »Ich weiß. Sie werden sich die Mühe machen müs- sen, einen Nachfolger auszuwählen: und das muß so- fort geschehen. Es gibt vier oder fünf Menschen, de- nen wir vertrauen können.« »Wie wird man mich verständigen?« »Oyarsa wird Ihnen ein Zeichen geben. Es wird unmißverständlich sein. Um diese Seite brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Und noch etwas. Ich habe keinen besonderen Grund für die Annahme, daß ich verletzt zurückkommen werde. Aber für alle Falle – wenn Sie einen Arzt kennen, den wir in das Geheim- nis einweihen könnten, wäre es vielleicht gut, ihn mitzubringen, wenn Sie kommen und mich heraus- lassen.« »Käme Humphrey in Frage?« »Genau der Richtige. Und nun zu den persönlichen Angelegenheiten. Ich konnte Sie nicht in mein Testa- ment aufnehmen, und Sie sollen wissen, warum.« »Mein lieber Freund, bis zu diesem Augenblick ha- be ich nie an Ihr Testament gedacht.« »Natürlich nicht. Aber ich hätte Ihnen gern etwas hinterlassen. Hören Sie, warum ich es nicht getan ha- be. Ich werde verschwinden. Es ist denkbar, daß ich nicht zurückkomme. Eine solche Situation könnte zu, Untersuchungen oder gar zu einer Mordanklage füh- ren, darum können wir nicht vorsichtig genug sein. Um Ihretwillen, meine ich. Und nun zu einigen ande- ren privaten Vorkehrungen.« Wir steckten die Köpfe zusammen und sprachen ausführlich über jene Angelegenheiten, die man übli- cherweise mit Verwandten und nicht mit Freunden bespricht. Ich erfuhr sehr viel mehr über Ransom, als ich zuvor gewußt hatte, und durch die bloße Zahl von hilfsbedürftigen und einsamen Menschen, die er ›für den Fall, daß ich etwas für sie tun könne‹, meiner Fürsorge anempfahl, wurden mir das Ausmaß und die Verschwiegenheit seiner Wohltätigkeit bewußt. Mit jedem Satz senkten sich die Schatten der bevor- stehenden Trennung und eine Art düsterer Grabes- stimmung drückender auf uns herab. Ich bemerkte, wie mir alle möglichen kleinen Eigenheiten und Wendungen an Ransom als liebenswert und originell auffielen, so wie sie uns bei einer geliebten Frau auf- zufallen pflegen, bei einem Mann jedoch nur bemerkt werden, wenn die letzten Stunden seines Frontur- laubs dahinschmelzen oder das Datum einer mögli- cherweise lebensgefährlichen Operation näherrückt. Ich litt unter dem unheilbaren Skeptizismus, der Be- standteil unserer menschlichen Natur ist, und konnte kaum glauben, daß ein Mensch, der mir jetzt so nahe war, so greifbar und in einer Weise so zu meiner Ver- fügung, innerhalb weniger Stunden völlig unerreich- bar sein würde, nur noch ein flüchtiges Vorstellungs- bild in meiner Erinnerung. Und schließlich entstand zwischen uns beiden ein Gefühl von Scheu, weil jeder wußte, wie der andere empfand. Es war sehr kalt ge- worden., »Wir müssen bald gehen«, sagte Ransom. »Erst wenn er – der Oyarsa – zurückkommt«, sagte ich, obwohl ich nun, da der Augenblick der Trennung so nahe war, wünschte, er liege schon hinter mir. »Er hat uns nicht verlassen«, sagte Ransom. »Er war die ganze Zeit hier bei uns.« »Sie meinen, er habe all diese Stunden im Neben- zimmer gewartet?« »Nicht gewartet. Diese Erfahrung ist ihnen unbe- kannt. Sie und ich sind uns einer Wartezeit bewußt, weil wir Körper haben, die müde oder unruhig wer- den, wodurch ein akutes Empfinden der zunehmen- den Dauer möglich wird. Auch unterscheiden wir zwischen Pflicht und Freizeit und haben daher den Begriff der Muße. Das ist bei ihm nicht so. Er war die ganze Zeit hier, aber das können Sie ebensowenig ein ›Warten‹ nennen, wie Sie seine gesamte Existenz als ein ›Warten‹ bezeichnen können. Genauso gut könn- ten Sie sagen, daß ein Baum im Wald warte, oder das Sonnenlicht warte am Hang eines Berges.« Ransom gähnte. »Ich bin müde«, sagte er, »und Sie sind es auch. Ich werde in meinem Sarg dort gut schlafen. Kommen Sie, tragen wir ihn hinaus.« Wir gingen ins Nebenzimmer, und ich mußte mich vor der gestaltlosen Flamme aufstellen, die nicht wartete, sondern einfach da war, und mit Ransom als Dolmetscher wurde ich dort gewissermaßen vorge- stellt und auf das große Vorhaben eingeschworen. Dann ließen wir die schwarzen Verdunkelungsrollos hoch und den grauen, trostlosen Morgen ein. Ge- meinsam trugen wir den Sarg und seinen Deckel hin- aus, und das Material fühlte sich so kalt an, daß es mir die Finger zu verbrennen schien. Das Gras troff, vom Nachttau, und meine Schuhe waren sofort durchnäßt. Der Eldil war mit uns dort draußen auf dem kleinen Rasenplatz; meine Augen konnte ihn im trüben Tageslicht kaum ausmachen. Ransom zeigte mir die Verschlüsse des Deckels und wie er befestigt werden mußte, und dann standen wir eine Weile elend herum, bis endlich der letzte Moment kam, wo er ins Haus ging und nackt wieder zum Vorschein kam, eine lange, weiße, fröstelnde, müde Vogel- scheuche von einem Mann in dieser bleichen, naß- kalten Morgenstunde. Sobald er in die abscheuliche Kiste gestiegen war, mußte ich ihm eine dicke schwarze Augenbinde anlegen, worauf er sich aus- streckte. Ich dachte jetzt nicht mehr an den Planeten Venus und glaubte nicht wirklich, daß ich Ransom jemals wiedersehen würde. Hätte ich es gewagt, so wäre ich von dem ganzen Vorhaben zurückgetreten: aber das andere Ding war da, das leuchtende Wesen, das nicht wartete, und die Furcht vor ihm war über mir. Mit Gefühlen, die seitdem oft in Alpträumen wiederkehrten, befestigte ich den kalten Deckel über dem Mann und trat zurück. Im nächsten Augenblick war ich allein. Ich sah nicht, wie er verschwand. Ich ging wieder hinein, und mir wurde übel. Einige Stunden später sperrte ich das Haus ab und kehrte nach Oxford zurück. Dann verstrichen die Monate und wurden zu ei- nem Jahr und etwas mehr als einem Jahr, und wir er- lebten Bombenangriffe und es gab schlechte Nach- richten und enttäuschte Hoffnungen, und die Erde war voll Dunkelheit und schlimmen Heimsuchungen, bis eines Nachts Oyarsa zu mir kam. Danach wurde für Humphrey und mich eine eilige Reise erforder-, lich, mit stundenlangem Stehen in überfüllten Wag- gondurchgängen und frühen Morgenstunden auf zu- gigen Bahnsteigen, und schließlich kam der Augen- blick, als wir im klaren Morgensonnenlicht in der kleinen Unkrautwildnis standen, zu der Ransoms Garten inzwischen geworden war, und einen schwar- zen Punkt am Morgenhimmel beobachteten; und dann war die Kiste plötzlich beinahe lautlos zwischen uns herabgeglitten. Wir machten uns an die Arbeit, und nach etwa eineinhalb Minuten hatten wir den Deckel geöffnet. »Großer Gott! Alles in Fetzen!« rief ich beim ersten Blick ins Innere. »Augenblick«, sagte Humphrey. Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Gestalt in dem Sarg sich zu regen begann und sich aufrichtete, wobei sie eine Menge roter Fasern oder Fetzen abschüttelte, die den Kopf und die Schultern bedeckt hatten und die ich im ersten Schreck für blutig zerfleischtes Gewebe gehal- ten hatte. Als sie von ihm abfielen und vom Wind davongetragen wurden, sah ich, daß es Blumen wa- ren. Ransom zwinkerte ein wenig verstört, dann rief er unsere Namen, streckte jedem von uns eine Hand entgegen und stieg heraus in das kniehohe Unkraut. »Wie geht es euch beiden?« sagte er. »Ihr seht ziemlich mitgenommen aus.« Ich schwieg einen Augenblick, verblüfft über die Gestalt, die aus diesem engen Gehäuse gestiegen war – beinahe ein neuer Ransom, strahlend vor Gesund- heit, mit schwellenden Muskeln und scheinbar zehn Jahre jünger. Früher hatte sein Haar die ersten grauen Strähnen gezeigt; doch nun war der Bart, der ihm bis auf die Brust reichte, wie von purem Gold., »He, Sie haben sich am Fuß verletzt«, sagte Hum- phrey. Und dann sah auch ich, daß Ransom an der Ferse blutete. »Hu, kalt hier unten«, sagte Ransom. »Hoffentlich haben Sie den Boiler angezündet und heißes Wasser gemacht. Und was zum Anziehen könnte ich auch gebrauchen.« »Ja«, sagte ich, während wir ihm ins Haus folgten. »Humphrey hat an alles das gedacht. Ich fürchte, mir wäre es nicht eingefallen.« Ransom verschwand im Badezimmer, ließ die Tür offen, und war bald in Dampfwolken eingehüllt. Humphrey und ich unterhielten uns mit ihm vom Treppenabsatz aus. Wir stellten ihm mehr Fragen, als er beantworten konnte. »Diese Theorie von Schiaparelli ist ganz falsch«, rief er. »Sie haben dort einen gewöhnlichen Wechsel von Tag und Nacht«, und: »Nein, mein Fuß schmerzt nicht – das heißt, er fängt gerade zu schmerzen an«, und »Danke, irgendeinen alten Anzug. Legen Sie die Sachen einfach auf den Stuhl«, und: »Nein, danke. Ir- gendwie ist mir nicht nach Spiegeleiern und Schinken oder dergleichen. Obst ist nicht da, sagten Sie? Nun, macht nichts. Brot oder Haferbrei oder was«, und: »In fünf Minuten bin ich fertig.« Immer wieder fragte er, ob wir wirklich gesund und wohlauf seien, und schien zu denken, wir sähen krank und elend aus. Ich ging hinunter, um das Früh- stück zu bereiten, und Humphrey sagte, er werde bleiben und die Verletzung an Ransoms Ferse unter- suchen und verbinden. Als er wieder zu mir kam, betrachtete ich gerade eine der roten Blüten, die mit Ransom in der Kiste gelegen hatten., »Eine recht hübsche Blume«, sagte ich und reichte sie ihm. »Ja«, sagte Humphrey, der sie mit den Händen und Augen eines Kenners studierte. »Welche außeror- dentliche Zartheit! Ein Veilchen nimmt sich daneben wie ein gemeines Unkraut aus.« »Wir könnten ein paar von ihnen ins Wasser stel- len.« »Hat keinen Zweck. Sehen Sie – sie ist schon am Verwelken.« »Wie schätzen Sie Ransoms Zustand ein?« »Im großen und ganzen scheint er in bester Verfas- sung. Aber diese Ferse gefällt mir nicht. Er sagt, die Blutung dauere schon seit langer Zeit an.« Bald darauf gesellte Ransom sich zu uns, nun fertig angezogen, und ich schenkte den Tee ein. Und diesen ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein erzählte er uns die folgende Geschichte., Wie es ist, in einem himmlischen Sarg zu reisen, hat Ransom nie erzählt. Er sagte, er fühlte sich dazu au- ßerstande. Aber wenn er über ganz andere Dinge sprach, machte er da und dort bruchstückhafte An- deutungen über diese Reise. Nach seiner eigenen Schilderung war er nicht ei- gentlich bei Bewußtsein, dennoch war es eine ausge- prägte Erfahrung von eigener Qualität. Bei irgendei- ner Gelegenheit hatte jemand einmal über ›Lebenser- fahrung‹ im allgemeinen Sinne des Umherschweifens in der Welt und des Kennenlernens fremder Men- schen gesprochen, und B., der dabei war (er ist An- throposoph), sagte etwas, das dem Begriff ›Lebenser- fahrung‹ einen ganz anderen Sinn gab. Ich glaube, er bezog sich auf eine Art der Meditation, die den An- spruch erhob, ›die Gestalt des Lebens selbst‹ dem in- neren Auge sichtbar zu machen. Jedenfalls ließ Ran- som sich auf ein langes Kreuzverhör ein, da er nicht verbarg, daß er mit seiner Erfahrung ganz entschie- dene Eindrücke und Vorstellungsbilder verband. Als wir in ihn drangen, ging er sogar so weit, daß er sag- te, das Leben sei ihm in diesem Zustand als eine ›far- bige Form‹ erschienen. Nach der Natur der Farben gefragt, schaute er uns verwundert an und konnte nur sagen: »Welche Farben! Ja, welche Farben!« Aber dann machte er es wieder zunichte, indem er hinzu- fügte: »Natürlich war es in Wirklichkeit gar keine Farbe. Ich meine, nicht was wir Farbe nennen wür- den«, und ließ sich für den Rest des Abends auf keine weiteren Erläuterungen ein. Eine andere Andeutung, kam heraus, als ein skeptischer Freund namens McPhee Einwände gegen die christliche Doktrin von der Auferstehung des Fleisches vorbrachte. Für den Augenblick war ich sein Opfer, und er bedrängte mich in seiner schottischen Art mit Fragen wie: »Sie glauben also, Sie werden für ewige Zeiten Eingewei- de und einen Geschmackssinn in einer Welt haben, wo es nichts zu essen gibt, und Geschlechtsorgane in einer Welt ohne Paarung? Mann, da wünsche ich Ih- nen viel Vergnügen!«, als Ransom plötzlich in großer Erregung herausplatzte: »Sehen Sie denn nicht, Sie Esel, daß es einen Unterschied zwischen einem über- sinnlichen und einem nichtsinnlichen Leben gibt?« Damit zog er natürlich McPhees Feuer auf sich. Was schließlich dabei herauskam, war, daß nach Ransoms Meinung die gegenwärtigen Funktionen und Triebe des Körpers verschwinden würden, nicht etwa, weil sie verkümmerten, sondern weil sie, wie er es aus- drückte, ›verschlungen‹ würden. Ich erinnere mich, daß er das Wort ›übergeschlechtlich‹ gebrauchte und nach einer ähnlichen Bezeichnung suchte, die auf das Essen anwendbar wäre (nachdem er das Wort ›trans- gastrisch‹ verworfen hatte); und da er in unserem Kreis nicht der einzige Philologe war, geriet das Ge- spräch durch diese Erörterungen in andere Bahnen. Aber ich bin ziemlich sicher, daß er in diesem Zu- sammenhang an etwas dachte, das er auf seiner Reise zur Venus erfahren hatte. Aber seine vielleicht ge- heimnisvollste Äußerung dazu war die folgende. Ich befragte ihn zum Thema – was er nur ungern erlaubt – und sagte unbedachterweise: »Natürlich sehe ich ein, daß es alles viel zu vage und unbestimmt ist, als daß Sie es in Worte fassen könnten«, als er für einen, so geduldigen Mann ziemlich scharf erwiderte: »Ganz im Gegenteil, die Worte sind vage und unbe- stimmt. Es läßt sich nicht ausdrücken, weil es für die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache zu definitiv ist.« Und das ist ungefähr alles, was ich über seine Reise berichten kann. Sicher ist jedenfalls, daß diese Reise ihn noch mehr verändert hatte als die zum Mars. Aber das mag natürlich daran liegen, was ihm nach seiner Landung dort widerfuhr. Auf diese Landung, wie Ransom sie mir erzählte, will ich jetzt zu sprechen kommen. Er scheint durch das Gefühl des Fallens aus seinem himmlischen Dämmerzustand geweckt (wenn das der richtige Ausdruck ist) worden zu sein – mit anderen Worten, als er dem Planeten nahe genug war, um ihn als et- was zu fühlen, das unter ihm lag. Als nächstes be- merkte er, daß seine eine Seite sehr warm und die andere sehr kalt war, obgleich keine der beiden Emp- findungen so stark war, daß sie als Schmerz gewirkt hätte. Beide Empfindungen gingen ohnedies bald in einer verschwenderischen Flut weißlichen Lichts un- ter, die diffus von unten heraufzudrängen schien und die halbtransparenten Wände des Behälters einhüllte. Dieses Phänomen wurde immer intensiver und für Ransom lästig, obwohl seine Augen geschützt waren. Offenbar handelte es sich um die Albedo, den äuße- ren Bereich der sehr dichten Venusatmosphäre, der die Sonnenstrahlen stark reflektiert. Aus irgendeinem Grund war er sich – anders als vor seiner Landung auf dem Mars – seines rasch zunehmenden Eigenge- wichtes nicht bewußt. Als das weiße Licht nahe daran war, unerträglich zu werden, verschwand es ganz, und bald danach begannen die Kälte an seiner linken, Seite und die Hitze an seiner rechten nachzulassen und machten einer gleichmäßigen Wärme Platz. Vermutlich war er nun in die äußeren Schichten der perelandrischen Atmosphäre eingetaucht – zuerst in ein blasses, dann in ein farbiges Zwielicht. Soweit er durch die Wände seines Behälters ausmachen konnte, war die vorherrschende Färbung golden oder kupfer- farben. Inzwischen mußte er der Oberfläche des Pla- neten sehr nahe gekommen sein, und er näherte sich ihr mit den Füßen voran, wie ein Mann in einer Auf- zugkabine. Das Gefühl, zu fallen – hilflos und unfä- hig, die Arme zu bewegen – wurde beängstigend. Dann kam er plötzlich in eine große grüne Dunkel- heit, erfüllt von unbestimmbaren Geräuschen – der ersten Botschaft aus der neuen Welt –, und zugleich wurde es spürbar kälter. Er schien jetzt eine horizon- tale Lage angenommen zu haben und sich zu seiner großen Überraschung nicht abwärts, sondern auf- wärts zu bewegen, obwohl er dies zuerst für eine Sinnestäuschung hielt. Die ganze Zeit über mußte er unbewußt schwächliche Versuche gemacht haben, die Arme und Beine zu bewegen, denn nun entdeckte er auf einmal, daß die Seitenwände seines Sargs dem Druck nachgaben. Er bewegte seine Glieder, behin- dert von einer zähen, dickflüssigen Substanz. Wo war der Sarg? Seine Sinneswahrnehmungen waren ver- wirrt. Bald schien er ins Bodenlose zu fallen, bald emporzufliegen, dann wieder in der Waagerechten zu ruhen. Die zähflüssige Substanz war weiß. Sie schien mit jedem Augenblick weniger zu werden – weißes, wolkiges Zeug, genau wie das Material des Sargs, nur nicht fest. Mit einem lähmenden Schock begriff er, daß es der Sarg war; er zerschmolz, löste sich auf,, machte einem chaotischen Durcheinander von Farben Platz, einer üppigen und bunten Welt, in der einst- weilen nichts greifbar erschien. Jetzt war von dem Behälter nichts mehr da. Er war ausgesetzt und allein. Er war auf Perelandra. Sein erster Eindruck war der von etwas Schiefem – als betrachte er eine Aufnahme, die mit schiefgehal- tener Kamera gemacht worden war. Doch auch dies dauerte nur einen Augenblick. Die Neigung wurde von einer anderen Neigung abgelöst; dann rasten zwei Neigungen aufeinander zu und bildeten eine Spitze, und die Spitze flachte sich jäh zu einer hori- zontalen Linie ab, und die horizontale Linie kippte und wurde der Rand eines ungeheuren, schimmern- den Abhangs, der wild auf ihn zustürmte. Im glei- chen Moment fühlte er sich angehoben. Höher und höher sauste er, bis ihm schien, er müsse die flam- mende goldene Kuppel erreichen können, die statt eines Himmels über ihm hing. Dann war er auf einem Gipfel; aber noch ehe sein Blick das riesig unter ihm gähnende Tal erfaßt hatte – leuchtend grün wie Glas und marmoriert von schaumig weißen Streifen –, sauste er mit vielleicht fünfzig Stundenkilometern in dieses Tal hinab. Und nun merkte er, daß köstliche Kühle seinen Körper bis zum Hals umgab, und daß er seit einiger Zeit unbewußt Schwimmbewegungen ausgeführt hatte. Er trieb auf der Dünung eines Oze- ans, frisch und kühl nach den heißen Temperaturen des Himmels, aber an irdischen Maßstäben gemessen warm – so warm wie das seichte Wasser einer sandi- gen Bucht in subtropischer Gegend. Als er sanft den breiten, konvexen Abhang der nächsten Welle hin- aufglitt, schluckte er einen Mundvoll Wasser. Es war, kaum salzig. Es war trinkbar wie Süßwasser und nur um ein Geringes weniger fade. Obgleich er bisher keinen Durst verspürt hatte, verschaffte der Trunk ihm einen überraschenden Genuß. Es war beinahe, als begegne er dem Genuß zum erstenmal. Er tauchte sein gerötetes Gesicht in die grüne Durchsichtigkeit, und als er es herauszog, fand er sich neuerlich auf dem Kamm einer Woge. Land war nicht in Sicht. Der Himmel war klar, oh- ne Tiefe und golden wie der Hintergrund eines mit- telalterlichen Gemäldes. Er sah sehr fern aus – so fern wie Zirruswolken vom Erdboden aus. Auch der Oze- an war golden, gefleckt von ungezählten Schatten. Die näheren Wellen, obschon golden, wo ihre Kämme das Licht auffingen, waren an den Hängen grün: oben smaragdgrün und weiter unten von einem leuchten- den Flaschengrün, das sich im Schatten anderer Wel- len zu Blau vertiefte. Dies alles nahm er mit einem Blick auf; dann schoß er abermals in ein Wellental hinab. Er hatte sich ir- gendwie auf den Rücken gedreht und sah das golde- ne Dach dieser Welt im raschen Wechsel blasser Lichtschimmer erzittern, wie die Lichtreflexe an einer Badezimmerdecke zittern, wenn man an einem Sommermorgen in die Wanne steigt. Er vermutete, daß es die Reflexe der Wellen waren, in denen er schwamm. Diese Erscheinung ist auf dem Planeten der Liebe an drei von fünf Tagen zu sehen. Die Köni- gin dieser Meere betrachtet sich unaufhörlich in ei- nem himmlischen Spiegel. Wieder hinauf auf den Kamm, und noch immer kein Land in Sicht. Weit zu seiner Linken etwas, das wie Wolken aussah – oder konnten es Schiffe sein?, Dann ging es wieder hinab, daß er dachte, es werde nie enden, und diesmal fiel ihm auf, wie trüb das Licht war. Dieses Schwelgen im lauen, glasklaren Wasser verlangte als natürliche Ergänzung eine bren- nende Sonne. Aber hier gab es nichts dergleichen. Das Wasser glänzte, der Himmel loderte in Goldtö- nen, aber alles war gedämpft und blendete das Auge nicht. Schon die Bezeichnungen grün und gold, die er notgedrungen zur Beschreibung der Szene ge- brauchte, waren zu kraß für die Zartheit, das ge- dämpfte Irisieren dieser warmen, mütterlichen, zar- ten und prächtigen Welt. Sie war sanft wie der Abend, warm wie ein Sommermittag, freundlich und einnehmend wie die frühe Morgendämmerung. Sie war ganz und gar angenehm. Er seufzte. Vor ihm erhob sich jetzt eine Woge so hoch, daß er erschrak. Auf unserer Welt pflegen wir leichthin von Wellenbergen zu sprechen, wenn sie in Wirklichkeit nicht viel höher als ein Schiffsmast sind. Aber hier traf der Ausdruck zu. Wäre das mächtige Gebilde nicht aus Wasser gewesen, sondern ein Berg auf fe- stem Land, so hätte er zur Besteigung des Gipfels si- cherlich einen ganzen Vormittag oder länger benötigt. Diese Riesenwelle riß ihn jetzt an sich und schleu- derte ihn innerhalb weniger Sekunden zum Kamm empor. Doch bevor er ihn erreichte, sah er etwas, das ihn vor Schreck erstarren ließ. Denn diese Welle hatte keinen glatt gerundeten Kamm wie die anderen. Ein furchtbarer Grat erschien; gezackte und wogende fantastische Formen von unnatürlichem, nicht einmal flüssig erscheinendem Aussehen stießen aus dem Wellenkamm hervor. Felsen? Schaum? Seeungeheu- er? Kaum hatte die Frage seinen Geist durchzuckt, als, das Ding auch schon über ihm war. Er schloß unwill- kürlich die Augen. Dann fühlte er sich wieder hinab- gerissen. Was immer es war, es mußte ihn verfehlt haben. Aber es war etwas gewesen, denn er war ins Gesicht geschlagen worden. Er befühlte es mit den Händen und fand kein Blut. Was ihn getroffen hatte, war weich gewesen und hatte ihn nicht verletzt; nur die Wucht des Anpralls hatte den vorübergehenden Schmerz bewirkt. Er drehte sich wieder auf den Rük- ken, und während er es tat, wurde er schon wieder Hunderte von Metern zum nächsten Wellenkamm emporgehoben. Tief unter ihm, in einem riesigen, kurzlebigen Tal, sah er das Etwas, mit dem er beinahe zusammengestoßen wäre. Es war ein unregelmäßig geformtes Objekt mit vielen Einbuchtungen und Halbinseln und dabei bunt wie ein Flickenteppich – flammenfarben, ultramarin, scharlachrot, orangen, ockergelb und violett. Mehr konnte er nicht darüber sagen, denn er gewann nur einen flüchtigen Blick auf das Ding. Was immer es war, es schwamm wie er, und als er es beobachtete, glitt es den Wellenhang ge- genüber hinauf und über den Kamm außer Sicht. Es lag wie eine Haut auf dem Wasser und paßte sich seinen Bewegungen an. Für einen Augenblick befand die eine Hälfte sich jenseits des Wellenkamms schon außer Sicht, während die andere Hälfte noch auf dem diesseitigen Hang lag. Es verhielt sich ähnlich wie ei- ne Schilfmatte auf einem Fluß, die jede Kontur der kleinen Wellen annimmt, die man im Vorbeirudern erzeugt – nur in einem ganz anderen Maßstab. Dieses Ding mochte eine Fläche von dreißig Hektar oder mehr bedecken. Worte sind umständlich. Man darf die Tatsache, nicht aus den Augen verlieren, daß Ransom bis zu diesem Augenblick kaum fünf Minuten auf der Ve- nus zugebracht hatte. Er war nicht im mindesten er- müdet und auch nicht ernstlich besorgt, daß seine Kräfte zum Überleben in einer solchen Welt nicht ausreichen könnten. Er vertraute denen, die ihn her- geschickt hatten, und einstweilen waren die kühle Frische des Wassers und die freie Beweglichkeit sei- ner Glieder etwas Neues und Angenehmes, das er genoß. Noch bedeutsamer aber war das bereits ange- deutete seltsame Gefühl außerordentlichen, ja genie- ßerischen Wohlbefindens, das alle seine Sinne ihm gleichzeitig zu vermitteln schienen. Die bloße Tatsa- che des Lebendigseins enthielt so viel Lieblichkeit und Gefühlsüberschwang, daß er sich über die Ab- wesenheit von Schuldgefühlen wunderte, pflegen wir uns doch unter Lebensgenuß meist verbotene und ausschweifende Handlungen vorzustellen. Doch auch jene Welt war gewalttätig. Kaum hatte er das treibende Feld aus den Augen verloren, als er von unerträglich grellem Licht geblendet wurde. Es tauchte die grenzenlose Weite der Wasserwüste in ei- ne unheimliche blauviolette Beleuchtung, die den goldenen Himmel dunkel erscheinen ließ und für wenige Augenblicke mehr von dem Planeten ent- hüllte, als Ransom bisher gesehen hatte. In weiter Ferne, am Ende der Welt, stand etwas wie eine Säule aus geisterhaftem Grün unter dem Himmel, das ein- zige feste und senkrechte Ding in dieser Welt aus gleitenden, sich verlagernden Ebenen. Dann kehrte das feierliche Zwielicht zurück (das ihm nun beinahe als Dunkelheit erschien), und er hörte Donner. Doch hatte er einen anderen Klang als irdischer Donner,, mehr Resonanz, und aus der Ferne sogar etwas wie ein Klirren oder Klingen. Es war mehr ein Lachen des Himmels, als ein Toben. Ein weiterer Blitz folgte, und noch einer, und dann war der Gewittersturm über ihm. Riesige, schwärzlich-purpurne Wolken trieben zwischen ihn und den goldenen Himmel, und ohne alle Vorzeichen begann ein Regen zu fallen, wie er ihn nie zuvor erlebt hatte. Das Wasser über ihm schien nur um ein Geringes weniger dicht zu sein als das des Meeres, und er hatte Mühe zu atmen. Die Blitze jagten einander in unaufhörlicher Folge. Als er über den Ozean hinblickte, sah er eine völlig verän- derte Welt. Es war, als befände er sich im Mittelpunkt eines Regenbogens oder in einer Wolke vielfarbigen Dampfes. Das Wasser, das nun die Luft erfüllte, ver- wandelte sie und den Himmel in ein Tollhaus flam- mender und zuckender Durchsichtigkeiten. Ransom war geblendet und zum erstenmal ein wenig ängst- lich. Im zuckenden Licht der Entladungen sah er wie zuvor nur die endlose See und die stille grüne Säule am Ende der Welt. Nirgends Land – von einem Hori- zont zum anderen keine Anzeichen eines Ufers. Der Donner war ohrenzerreißend, und Ransom hatte Mühe, genug Luft zu bekommen. Alle mögli- chen Dinge schienen mit dem Regen herabzuprasseln – anscheinend sogar Lebewesen. Sie sahen wie selt- sam luftige und anmutige Frösche aus und schienen die irisierenden Farben von Libellen zu haben, aber er war nicht imstande, sorgfältige Beobachtungen zu machen. Allmählich fühlte er die Symptome von Er- schöpfung, und zudem war er durch den Farbenauf- ruhr in der Atmosphäre völlig verstört. Wie lang dies alles dauerte, konnte er nicht sagen, aber nach einer, Weile bemerkte er, daß Blitze und Donnerschläge in größeren Abständen kamen und der Seegang ab- nahm. Bald hatte er den Eindruck, am Ende eines Wassergebirges zu sein und in tiefer gelegenes Land hinabzublicken. Lange Zeit gelang es ihm nicht, die- ses Tiefland zu erreichen; was wie ruhiges Wasser aussah, erwies sich immer als eine nur geringfügig niedrigere Dünung, wenn er hinuntersauste. Es schien viele von den großen treibenden Tanginseln zu geben, oder was immer sie waren. Aus der Ferne sa- hen sie wie ein Archipel aus, doch wenn er näherkam und sie auf den noch immer hochgehenden Wogen reiten sah, erschienen sie eher wie eine Flotte. Schließlich aber gab es keinen Zweifel mehr, daß der Seegang nachließ. Der Regen hörte auf, und die Wel- lenkämme erreichten nur noch atlantische Höhen. Die Regenbogenfarben verblaßten und wurden zuse- hends durchsichtiger, und der goldene Himmel zeigte sich zuerst schüchtern, um sich dann wieder von Horizont zu Horizont auszubreiten. Der Seegang ließ weiter nach. Ransom begann freier zu atmen, aber nun war er wirklich erschöpft und begann um sein Leben zu fürchten. Sehr lange würde er sich nicht mehr über Wasser halten können. Eine der treibenden Inseln aus schwimmenden Meerespflanzen glitt nur wenige hundert Schritte ent- fernt von einer Wellenkuppe herab. Ransom beob- achtete sie und überlegte, ob er auf eines dieser Din- ger klettern könne, um auszuruhen. Er befürchtete, daß sie lediglich Ansammlungen von treibendem Seetang oder die schwimmenden Blätter unterseei- scher Algenwälder waren, unfähig, ihn zu tragen. Aber während er dies dachte, wurde die treibende In-, sel von der Dünung emporgehoben und kam zwi- schen ihn und den Himmel. Sie war nicht flach. Von ihrer bräunlichgelben Oberfläche erhoben sich Grup- pen gefiederter und wogender Gewächse von unter- schiedlicher Höhe dunkel vor der trüben Glut der goldenen Himmelskuppel. Dann kippten sie alle auf eine Seite und gerieten außer Sicht, als der Wellen- kamm unter ihrer Insel durchwanderte. Aber dort war eine andere, keine dreißig Meter entfernt und zu ihm herabgleitend. Er schwamm darauf zu und fühl- te, wie matt und lahm seine Arme waren, und seine Besorgnis steigerte sich zu wirklicher Angst. Als er sich der Insel näherte, sah er, daß sie von einem Saum unzweifelhaft pflanzlichen Materials umgeben war; einem Gewirr aus dunkelroten Röhren, Ranken und Blasen. Er griff nach ihnen und sah, daß er noch nicht nahe genug war. Er begann verzweifelt zu schwim- men, denn die Insel glitt mit einigen fünfzehn Stun- denkilometern an ihm vorbei. Er griff wieder zu und erwischte eine Handvoll peitschenartiger roter Fa- sern, doch sie entglitten seiner Hand und zerschnitten ihm fast die Haut. Dann warf er sich mit letzter Kraft mitten hinein und grabschte wie ein Ertrinkender um sich. Sekundenlang war er in einer Art Gemüsesuppe aus blubbernden Röhren und platzenden Blasen; dann fühlte seine Hand direkt voraus etwas Festeres, etwas, das beinahe wie sehr weiches Holz war. Aus- gepumpt und mit einem aufgeschlagenen Knie zog er sich auf eine feste Oberfläche. Ja – kein Zweifel: man brach nicht ein; es war etwas, worauf man liegen konnte. Lange blieb er auf dem Bauch liegen, ohne etwas zu tun oder zu denken. Als er seiner Umgebung wie-, der Aufmerksamkeit zu schenken begann, war er je- denfalls ausgeruht. Er kroch einige Meter vorwärts und entdeckte, daß er auf einer trockenen Oberfläche lag, die bei näherer Betrachtung eine gewisse Ähn- lichkeit mit Heidekraut zeigte, abgesehen von der kupferfarbenen Tönung. Als er mit den Fingern mü- ßig zu graben begann, stieß er auf etwas, das wie trockene Erde zerbröckelte. Es bildete nur eine dünne Schicht, und gleich darunter kam er an eine Unter- schicht aus zähen, ineinander verflochtenen Fasern. Nun wälzte er sich auf den Rücken, und dabei ent- deckte er, wie außerordentlich elastisch die Oberflä- che war, auf der er lag. Es war viel mehr als die fe- dernde Nachgiebigkeit der heideartigen Vegetation und fühlte sich an, als sei die ganze schwimmende Insel unter dieser Vegetation eine Art Matratze. Er wandte sich um und blickte ›landeinwärts‹ – wenn dies das richtige Wort ist –, und was er sah, erinnerte im ersten Augenblick sehr an festes Land. Er blickte ein langes, einsames Tal hinauf, dessen kupferfarbe- ner Grund zu beiden Seiten von sanften, mit farbigen Wäldern gefiederter Pflanzen bestandenen Hängen eingesäumt war. Aber während er diesen Anblick in sich aufnahm, wurde das Tal zu einem langen, kup- ferfarbenen Höhenrücken, von dem die Wälder sich nach beiden Seiten abwärts senkten. Natürlich hätte er darauf vorbereitet sein sollen, aber die jähe Verän- derung jagte ihm einen beinahe Übelkeit erregenden Schrecken ein. Das Ganze hatte auf den ersten Blick so sehr wie eine wirkliche Landschaft ausgesehen, daß er vergessen hatte, auf einer schwimmenden In- sel zu sein – einer Insel mit Hügeln und Tälern, aber Hügeln und Tälern, die ständig ihre Plätze tauschten,, so daß nur eine Filmkamera die Umrisse für eine Landkarte hätte festhalten können. Und eben das ist die Natur der schwimmenden Inseln von Perelandra. Eine einfache Fotografie ohne die Farben und die ständigen Formveränderungen würde sie in einer täuschenden Weise wie Landschaften unserer Erde erscheinen lassen, aber in Wirklichkeit sind sie sehr verschieden; denn sie sind zwar trocken und frucht- bar wie festes Land, aber ihre Gestalt ist die unbe- ständige Gestalt des Wassers unter ihnen. Aber dem Anschein war schwer zu widerstehen. Während Ran- soms Gehirn nun begriffen hatte, was geschah, hatten seine Muskeln und Nerven noch nichts verstanden. Er stand auf, um ein paar Schritte landeinwärts zu gehen – bergab, wie es sich im Augenblick seines Aufstehens ergeben hatte –, und wurde sofort vorn- über aufs Gesicht geworfen, wobei er sich dank der Nachgiebigkeit des Krauts nicht verletzte. Er krab- belte auf die Füße, sah, daß er nun einen Steilhang zu ersteigen hatte – und fiel ein zweites Mal. Eine wohltuende Entspannung der angestrengten Wach- samkeit, in der er seit seiner Ankunft gelebt hatte, äußerte sich in schwächlichem Gelächter. Kichernd wie ein Schuljunge wälzte er sich auf der weichen, duftenden Oberfläche hin und her. Das ging vorüber. Und dann verbrachte er die nächsten Stunden damit, sich das Gehen beizubrin- gen. Es war viel schwieriger, als auf einem Schiff den Seemannsgang zu lernen, denn ob die See stürmisch oder ruhig ist, das Schiffsdeck bleibt eine Ebene. Aber dies war, als lerne er auf dem Wasser selbst gehen. Es kostete ihn mehrere Stunden, um vom Rand oder der Küste der schwimmenden Insel hundert Schritte, landeinwärts zu gehen; und er war stolz, als er fünf Schritte gehen konnte, ohne zu fallen – die Arme aus- gestreckt, die Knie gebeugt, um auf plötzliche Verän- derungen des Gleichgewichtes gefaßt zu sein. Viel- leicht hätte er rascher gelernt, wenn er nicht so weich gefallen wäre und es weniger angenehm gefunden hätte, nach einem Fall ruhig liegenzubleiben und zum goldenen Himmel aufzublicken und dem gleichmä- ßigen leisen Rauschen des Meeres zu lauschen und den eigenartigen, köstlichen Duft der Kräuter zu at- men. Auch war es ungemein seltsam und belusti- gend, nach dem Hinunterpurzeln in eine Mulde die Augen zu öffnen und sich unvermittelt auf der höch- sten Erhebung der Insel wiederzufinden, wo man wie Robinson Crusoe nach allen Seiten bis zur Küste blik- ken konnte. Nun konnte man nicht umhin, ein wenig sitzenzubleiben und den Ausblick zu genießen – und wurde wieder aufgehalten: denn kaum schickte man sich zum Aufstehen an, verschwanden Berg und Tal, und die ganze Insel wurde zu einer ebenen Fläche. Endlich erreichte er den bewaldeten Teil. Es gab ei- ne Art Unterholz aus gefiederter Vegetation, die un- gefähr die Höhe von Stachelbeerbüschen erreichte und wie Seeanemonen gefärbt war. Aus diesem Dik- kicht erhoben sich die höheren Gewächse – seltsame Bäume mit grauen und purpurnen Röhrenstämmen, die prächtige Baldachine über ihm ausbreiteten, in denen orangene, silbrige und blaue Farbtöne vor- herrschten. Mit Hilfe der Baumstämme konnte er sich hier leichter auf den Füßen halten. Die Düfte in die- sem Wald übertrafen alles, was er sich jemals vorge- stellt hatte. Es wäre irreführend, wollte man sagen, sie hätten ihn hungrig oder durstig gemacht; allen-, falls erweckten sie in ihm eine neue Art von Hunger und Durst, ein Verlangen, das vom Körper in die Seele überzufließen schien und dort Glücksempfin- dungen auslöste. Immer wieder blieb er stehen, hielt sich an einem Zweig fest, um nicht zu fallen, und at- mete die Düfte ein, als ob das Atmen zu einer Art Ritual geworden wäre. Und zur gleichen Zeit lieferte die Waldlandschaft die wechselnden Kulissen von ei- nem halben Dutzend Erdenlandschaften – bald ebe- nen Wald mit Bäumen, die senkrecht wie Türme standen, bald einen tiefen Talgrund, wo man die Ab- wesenheit eines Baches als überraschend empfand, bald eine bewaldete Bergflanke und dann wieder eine Hügelkuppe, von der man durch schrägstehende Stämme die ferne See erblicken konnte. Bis auf die monotonen Geräusche der Wellen herrschte völlige Stille. Das Gefühl seiner Einsamkeit verstärkte sich, ohne jedoch schmerzlich empfunden zu werden – es fügte den unirdischen Freuden, die ihn umgaben, nur einen Hauch von Wildheit hinzu. Wenn er jetzt noch irgend etwas fürchtete, dann war es die leise Besorg- nis, daß sein Verstand in Gefahr sein könne. Pere- landra hatte etwas, das ein menschliches Gehirn überlasten mochte. Inzwischen war er zu einem Teil des Waldes ge- kommen, wo große, kugelförmige gelbe Früchte von den Bäumen hingen – in Trauben, wie Luftballons am Stand eines Jahrmarkthändlers, und ungefähr von der gleichen Größe. Er pflückte eine von ihnen und drehte sie in den Händen. Die Schale war glatt und fest und schien sich nicht aufbrechen zu lassen. Dann stieß er zufällig mit einem Finger durch sie und fühlte etwas Nasses und Kühles. Nach kurzem Zögern hob, er die Frucht mit der kleinen Öffnung an die Lippen. Er wollte nur probeweise einen winzigen Schluck tun, aber der Geschmack ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Es war natürlich ein Geschmack, genauso wie sein Durst Durst und sein Hunger Hunger gewesen wa- ren. Aber er unterschied sich so radikal von jedem anderen Geschmack, daß es Pedanterie gewesen wä- re, ihn überhaupt als Geschmack zu bezeichnen. Es war wie die Entdeckung einer völlig neuen Gattung von Vergnügen, etwas, wovon Menschen nie gehört hatten, jenseits aller Vermutungen und alles Her- kömmlichen. Für eine einzige dieser Früchte wären auf Erden Kriege entfesselte und Völker verraten worden. Dennoch war Ransom unfähig, den Ge- schmack in irgendeine Kategorie einzuordnen. Nach seiner Rückkehr konnte er uns nie sagen, ob der Ge- schmack scharf oder süß, würzig oder lieblich, sahnig oder sauer gewesen war. »So war er nicht«, war alles, was er auf solche Fragen antworten konnte. Als er die leere Schale fallenließ und im Begriff war, eine zweite Frucht zu pflücken, wurde ihm bewußt, daß er weder hungrig noch durstig war. Dennoch erschien es ihm als das Gegebene, einen so köstlichen und beinahe geistigen Genuß erneut auszukosten. Sogar sein Ver- stand, oder was wir in unserer Welt für Verstand zu halten pflegen, war ganz dafür, noch einmal von die- ser Wunderfrucht zu kosten: die Anstrengungen, die er hinter sich hatte, die Ungewißheit der Zukunft, al- les schien dafür zu sprechen. Aber irgend etwas in ihm widersetzte sich diesen Regungen. Er konnte sich nicht denken, welchen Quellen der Widerstand ent- sprang, aber es schien ihm besser, nicht noch einmal zu kosten. Vielleicht war die Erfahrung so vollkom-, men gewesen, daß eine Wiederholung sie erniedrigt hätte – es wäre ein wenig wie das Verlangen gewe- sen, dieselbe Symphonie an einem Tag zweimal hö- ren zu wollen. Als er darüber nachdachte und überlegte, wie oft er in seinem Leben auf der Erde als Sklave seines Ver- langens oder eines unechten Rationalismus Genüsse wiederholt hatte, bemerkte er eine Veränderung des Lichts. Hinter ihm war es dunkler als zuvor, und vor- aus schimmerten Himmel und See mit einer anderen Intensität durch den Wald. Das Verlassen des Waldes hätte ihn auf der Erde nicht mehr als eine Minute ge- kostet; auf dieser schwankenden Insel benötigte er ein Vielfaches davon, und als er schließlich ins Freie kam, bot sich ihm ein außerordentliches Schauspiel. Den ganzen Tag hatte es an keinem Punkt des goldenen Himmels irgendeine Veränderung gegeben, die auf den Sonnenstand hätte schließen lassen, jetzt aber zeigte er sich auf einer ganzen Himmelshälfte. Die Sonnenscheibe selbst blieb unsichtbar, doch auf dem Seehorizont ruhte ein Regenbogen von so strahlen- dem Grün, daß er nicht hineinsehen konnte, und dar- über breitete sich fast bis zum Zenit ein gewaltiger Lichtfächer aus, farbig wie die Schwanzfedern eines radschlagenden Pfaus. Als er über die Schulter blick- te, sah Ransom die ganze Insel in leuchtendes Blau getaucht, und über sie und fast bis ans Ende der Welt erstreckte sich sein eigener riesengroßer Schatten. Die See, jetzt viel ruhiger als er sie bisher gesehen hatte, dampfte blau und purpurn, und eine leichte, milde Brise spielte mit seinem Stirnhaar. Der Tag verglühte. Von Minute zu Minute wurde das Wasser ruhiger und glatter; etwas, das völliger Stille nahekam, be-, gann spürbar zu werden. Ransom setzte sich mit ge- kreuzten Beinen am Ufer der Insel nieder, der einsa- me Herrscher, wie es schien, über all diese Feierlich- keit. Zum erstenmal kam ihm der Gedanke, er könnte auf eine unbewohnte Welt geschickt worden sein, und das Erschrecken über diese Möglichkeit schnitt rasiermesserscharf in den Überschwang harmloser Freude. Wieder überraschte ihn ein Phänomen, das er hätte voraussehen können. Nackt zu sein und sich dennoch warm zu fühlen, zwischen köstlichen Fruchtbäumen zu wandeln und in duftendem Heidekraut zu liegen – dies alles hatte ihn auf einen allmählich verdäm- mernden Tag und eine helle, warme Mittsommer- nacht eingestimmt. Aber noch ehe die gewaltigen Weltuntergangsfarben im Westen erloschen waren, war der Osthimmel schwarz. Nach wenigen Minuten hatte die Schwärze auch den Westhorizont erreicht. Im Zenit hielt sich noch ein schwacher rötlicher Licht- schimmer, und ehe auch er erlosch, kroch Ransom zurück in den Wald. Es war nach der gängigen Re- dewendung bereits so dunkel, ›daß man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte‹. Aber ehe er sich unter den Bäumen niedergelegt hatte, war die wirkli- che Nacht angebrochen – eine nahtlose Finsternis, nicht wie Nacht, sondern wie die Dunkelheit in einem Kohlenkeller. Absolute Schwärze, undurchdringlich und dimensionslos, drückte auf seine Augen. Es gibt keinen Mond in jenem Land, kein Stern durchdringt die dichte Atmosphäre. Aber die Finsternis war warm, und neue süße Düfte stahlen sich daraus her- vor. Die Welt war jetzt gestaltlos; ihre Grenzen waren die Länge und Breite seines eigenen Körpers und der, Flecken weichen, duftenden Krauts, der seine ihn sanft wiegende Lagerstatt bildete. Die Nacht hüllte ihn wie eine Decke ein und hielt alle Einsamkeit fern. Die Schwärze hätte sein Schlafzimmer daheim auf Erden sein können. Der Schlaf kam wie eine Frucht, die einem in die Hand fällt, kaum daß man ihren Stiel berührt hat., Beim Erwachen widerfuhr Ransom etwas, das nur jemand erleben kann, der seine eigene Welt verlassen hat: er sah die Wirklichkeit und hielt sie für einen Traum. Er öffnete die Augen und sah einen seltsam heraldisch gefärbten Baum mit gelben Früchten und silbrigem Laub. Um den unteren Teil des indigoblau- en Stammes ringelte sich ein kleiner, mit rotgoldenen Schuppen bedeckter Drache. Sofort war ihm klar, daß er im Garten der Hesperiden sein müsse. So lebendig hatte er noch nie geträumt, dachte er, doch bald wur- de ihm bewußt, daß er wach war; aber Behaglichkeit und Trägheit des Schlafs ließen ihn liegenbleiben. Er erinnerte sich, wie er auf Malakandra, jener – wie ihm jetzt schien – so völlig andersartigen, kalten und ar- chaischen Welt, dem Urbild der Zyklopen begegnet war, einem Riesen, der in einer Höhle hauste und Hirt war. War am Ende alles, was auf Erden als My- thologie erschien, als Wirklichkeit über andere Wel- ten verstreut? Dann erst kam ihm in den Sinn, daß er auf einem unbekannten Planeten war, nackt und al- lein, und daß dieses Tier gefährlich sein mochte. Aber er fürchtete sich nicht sehr. Er wußte, daß die ›Bösar- tigkeit‹ wilder Tiere größtenteils Legende war und hatte in seltsameren Geschöpfen als diesem hier Freundlichkeit gefunden. So blieb er noch eine Weile liegen und beobachtete das Tier. Es war eine Art Ech- se, groß wie ein Bernhardiner, und hatte einen ge- sägten Rückenkamm. Seine Augen waren offen. Nach einer Weile erhob er sich auf einen Ellbogen. Das Tier schaute ihn unverwandt an. Ransom be-, merkte, daß die Insel völlig eben war. Er setzte sich auf und sah durch die Stämme der Bäume, daß die Insel in ruhigem Wasser trieb. Die See sah wie ver- goldetes Glas aus. Er beobachtete wieder den Dra- chen. Konnte dies ein intelligentes Lebewesen sein – ein Hnau, wie man auf Malakandra sagte –, das man zu seinem Empfang geschickt hatte? Es sah nicht da- nach aus, aber Ransom meinte einen Versuch machen zu müssen. In der Alt-Solarischen Sprache formte er seinen ersten Satz, und seine eigene Stimme erschien ihm fremd und unvertraut. »Fremder«, sagte er, »ich bin von den Dienern Ma- leldils durch den Himmel zu deiner Welt geschickt worden. Heißt du mich willkommen?« Das Tier starrte ihn sehr hart und vielleicht sehr weise an. Dann schloß es zum erstenmal die faltigen Lider. Der Anfang schien wenig verheißungsvoll. Ransom beschloß aufzustehen, und die Echse machte die Augen wieder auf. Ransom stand da und sah sie an, ungewiß, was er als nächstes tun sollte. Nach ei- ner Weile sah er, daß das Tier sich zu entrollen be- gann. Es kostete ihn eine gewisse Willensanstren- gung, seinen Platz zu behaupten, denn ob das Ge- schöpf vernunftbegabt war oder nicht, mit Flucht war auf die Dauer nichts gewonnen. Der Drache löste sich vom Baum, schüttelte sich und entfaltete zwei schimmernde Hautflügel – bläulich und golden und fledermausähnlich. Nachdem er sie entfaltet und wieder angelegt hatte, schenkte er Ransom einen weiteren langen und starren Blick, um schließlich zum Rand der Insel zu watscheln und seine lange, metallisch aussehende Schnauze ins Wasser zu stek- ken. Als er getrunken hatte, hob er den Kopf und gab, ein rauhes Blöken oder Krächzen von sich, das nicht völlig unmusikalisch war. Dann wandte er sich um, starrte zu Ransom herüber und kam schließlich auf ihn zu. Die falsche Vernunft sagte ihm, es sei Wahn- sinn, auf das Untier zu warten, doch Ransom biß die Zähne zusammen und rührte sich nicht vom Fleck. Die Echse kam ganz nahe und begann die kalte Schnauze gegen seine Knie und Beine zu stoßen. Ran- som war in großer Verlegenheit. War das Tier intelli- gent und war dies seine Sprache? War es unvernünf- tig, aber freundlich – und wenn ja, wie sollte er rea- gieren? Ein Tier mit einem Schuppenpanzer konnte man kaum streicheln. Oder scheuerte es sich bloß an seinen Beinen? In diesem Moment schien die Echse ihn plötzlich zu vergessen und wandte sich mit einer Gleichgültigkeit, die Ransom überzeugte, daß es sich nur um ein Tier handle, von ihm ab. Dann begann sie gierig das Unterholz abzuweiden. Mit dem Gefühl, daß der Ehre nun Genüge getan sei, wandte auch Ransom sich ab und wieder dem Wald zu. In seiner Nähe waren Bäume mit den Früchten, die er bereits gekostet hatte, aber seine Aufmerksamkeit wurde von einer seltsamen Erscheinung tiefer im Wald abgelenkt. Mitten im dunkleren Laubwerk ei- nes graugrünen Dickichts schien etwas zu funkeln. Der erste Eindruck erinnerte an ein Treibhausdach im Sonnenschein. Als er näherkam, hatte er noch immer den Eindruck von Glas, aber von Glas in unaufhörli- cher Bewegung. Lichtreflexe schienen in unregelmä- ßigen Abständen zu kommen und zu gehen. Als er unterwegs war, dieses Phänomen genauer zu unter- suchen, erschreckte ihn eine Berührung seines linken Beins. Das Tier war ihm gefolgt. Wieder beschnup-, perte es ihn und stieß ihn leise an. Ransom beschleu- nigte seinen Schritt. Der Drache tat das gleiche. Ran- som blieb stehen; sein Begleiter auch. Als er weiter- ging, blieb die Echse so dicht an seiner Seite, daß ihre Flanke wiederholt seine Hüften streifte und der kalte, harte und schwere krallenbewehrte Fuß gelegentlich auf den seinen trat. Die Entwicklung der Dinge be- hagte ihm so wenig, daß er ernsthaft zu überlegen begann, wie er ihr ein Ende machen könne, als seine gesamte Aufmerksamkeit auf einmal von etwas ande- rem angezogen wurde. Über seinem Kopf hing an ei- nem haarigen, röhrenartigen Zweig ein großer kugel- förmiger Körper, beinahe transparent und glänzend. Das Tageslicht spiegelte sich darin und zeigte an ei- ner Stelle Regenbogeneffekte. Dies also erklärte die glasähnlichen Erscheinungen im Wald, die er aus der Ferne gesehen hatte. Als er suchend umherblickte, sah er ungezählte glänzende Kugeln der gleichen Art in allen Richtungen. Aufmerksam begann er die ihm nächste Kugel zu untersuchen. Zuerst dachte er, sie bewege sich, dann kam er zum gegenteiligen Schluß. Einem natürlichen Impuls folgend, streckte er die Hand aus, sie zu berühren. Im nächsten Augenblick durchnäßte eine in dieser warmen Welt eiskalt er- scheinende Dusche ihm Kopf, Gesicht und Schultern, und ein scharfer, durchdringender, außergewöhnli- cher Duft erfüllte seine Nase, der ihm wie von unge- fähr Popes Verszeile ›An einer Rose sterben in dufti- ger Pein‹ ins Gedächtnis rief. Er fühlte sich so er- frischt, daß ihm war, als sei er bisher nur halbwach gewesen. Als er die Augen öffnete, die sich im ersten Schreck unwillkürlich geschlossen hatten, erschienen ihm alle Farben ringsum frischer, und sogar die Trübe, dieser Welt wirkte klarer und heller. Eine neue Ver- zauberung kam über ihn. Das goldschuppige Tier an seiner Seite schien nicht länger eine Gefahr oder eine lästige Störung. Wenn ein nackter Mensch und ein weiser Drache wirklich die einzigen Bewohner dieses schwimmenden Paradieses sein sollten, dann war auch dies passend, denn in diesen Augenblicken hatte er das Gefühl, daß er nicht etwa einem Abenteuer nach- ging, sondern vielmehr Mitwirkender an einem My- thos war. In diesem unirdischen Geschehen die Ge- stalt zu sein, die er war, erschien ihm ausreichend. Wieder wandte er sich dem Baum zu. Das Ding, das ihn übergossen hatte, war völlig verschwunden. Der röhrenartige Zweig, nun seiner anhängenden Kugel beraubt, endete in einer kleinen zitternden Öffnung, von der ein Tropfen kristallklarer Flüssig- keit hing. Verdutzt blickte er in die Runde. Nach wie vor war der Wald voll von seinen glasig glänzenden Früchten, aber nun bemerkte Ransom, daß es einen langsamen, kontinuierlichen Prozeß gab. Jede der durchsichtig-glasigen Kugeln nahm langsam an Um- fang zu, und wenn sie eine gewisse Größe erreicht hatte, verschwand sie mit einem leisen Geräusch, und wo sie gehangen hatte, wurde der Boden vorüberge- hend durchnäßt und in der Luft blieben ein zarter, flüchtiger Duft und eine gewisse Kühle zurück. Tat- sächlich waren die Dinger überhaupt keine Früchte, sondern Blasen. Die Bäume (er taufte sie so) waren Blasenbäume. Ihr Leben bestand anscheinend darin, Wasser aus dem Ozean zu saugen und dann in dieser Form wieder von sich zu geben, vielleicht um einige Mineralstoffe ärmer und dafür bereichert durch ir- gendwelche Ausscheidungen. Er setzte sich nieder,, das Schauspiel zu betrachten. Nun, da er das Ge- heimnis kannte, konnte er sich erklären, warum die- ser Wald so anders aussah als alle anderen Teile der Insel. Jede Kugel oder Blase, die man für sich be- trachtete, konnte man als erbsengroße Perle dem Mutterzweig entquellen, langsam anschwellen und platzen sehen; betrachtete man jedoch den Wald als Ganzes, so war man sich nur einer schwachen Verän- derung des Lichts bewußt, einer geringfügigen Stö- rung der vorherrschenden perelandrischen Stille, ei- ner ungewohnten Kühle in der Luft, und schließlich einer frischeren Komponente in der Vielzahl der Düfte. Für einen in unserer Welt Geborenen schien dieser Wald in weit stärkerem Maß die Empfindung eines Aufenthaltes im Freien zu vermitteln als die unbewaldeten Teile der Insel, oder sogar das Meer. Ransom blickte zu einer schönen Traube von Blasen auf, die über seinem Kopf hing, und dachte, wie ein- fach es wäre, aufzustehen und in die ganze Traube einzutauchen und diese magische Erfrischung zehn- fach verstärkt noch einmal zu genießen. Doch hielt ihn das gleiche Gefühl zurück, das ihn am Abend zu- vor gehindert hatte, eine zweite Kürbisfrucht zu ge- nießen. Er hatte immer etwas gegen Leute gehabt, die in der Oper eine Wiederholung ihrer Lieblingsarie verlangten. »Das verdirbt den Genuß«, pflegte er in solchen Fällen zu sagen. Nun erschien ihm diese Ein- stellung als ein Prinzip von viel umfassenderer An- wendbarkeit und tieferer Bedeutung. Dieser Drang, etwas noch einmal zu haben, als ob das Leben ein Film wäre, der zweimal ablaufen oder sogar rück- wärts abgespult werden konnte ... war das vielleicht die Wurzel allen Übels? Nein: das war nach landläu-, figer Meinung die Liebe zum Geld. Aber liebte man das Geld an sich? Vielleicht schätzte man es haupt- sächlich als einen Schutz vor Not und Hunger, ein Mittel, an den Annehmlichkeiten des Lebens teilzu- haben und das Ablaufen des Films anzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen ... Ein plötzlich auf seine Knie drückendes Gewicht riß ihn aus seiner Betrachtung. Der Drache hatte sich niedergetan und seinen langen, schweren Kopf über Ransoms Beine gelegt. »Weißt du eigentlich, daß du ziemlich lästig bist?« sagte Ransom auf englisch zu dem Tier, aber es regte sich nicht. Er sagte sich, daß er sich lieber mit ihm anfreunden sollte, und streichelte den harten, trockenen Kopf, aber das Tier nahm keine Notiz davon. Er ließ seine Hand weiterwandern und fand weichere Haut an der Halsunterseite. Ah – dort mochte es gekrault werden. Es grunzte und ließ eine lange, zylindrische, schieferfarbene Zunge heraus- schießen, mit der es ihn leckte. Dann wälzte es sich auf den Rücken und enthüllte einen fast weißen Bauch, den Ransom mit den Zehen knetete. Seine Be- kanntschaft mit dem Drachen entwickelte sich sehr zufriedenstellend. Schließlich schlief das Tier ein. Ransom stand auf und nahm eine zweite Dusche von einem Blasenbaum. Sie machte ihn so frisch und wach, daß er an Essen zu denken begann. Er hatte vergessen, wo auf der Insel die gelben Kürbisfrüchte zu finden waren, und als er sich auf die Suche nach ihnen machte, entdeckte er, daß das Gehen schwierig geworden war. Zuerst fragte er sich, ob die Flüssig- keit in den Blasen etwa irgendeine berauschende Ei- genschaft habe, doch ein Rundblick zeigte ihm den wahren Grund. Die ebene Fläche kupferfarbener, Heide weiter voraus schwoll vor seinen Augen zu ei- nem niedrigen Hügel auf, der in seine Richtung wan- derte. Der Anblick von Land, das wie Wasser in einer Welle auf ihn zurollte, schlug ihn aufs neue in seinen Bann, und er stand wie gelähmt und vergaß sich der Bewegung anzupassen. Als er sich wieder aufgerap- pelt hatte, ging er vorsichtiger weiter. Diesmal gab es keinen Zweifel: die See wurde erneut unruhig. Wo zwei benachbarte Wälder einen Durchblick zum Rand seiner schwimmenden Insel freigaben, sah er aufgewühltes Wasser, und der warme Wind war in- zwischen stark genug, ihm das Haar zu zausen. Er bewegte sich behutsam der Küste zu, doch lange be- vor er sie erreichte, passierte er einige Büsche, die ei- ne reiche Ernte ovaler grüner Beeren trugen, etwa dreimal so groß wie Mandeln. Er pflückte eine und brach sie entzwei. Das Fleisch war eher trocken und brotartig, etwa von der gleichen Art wie eine Banane. Es war gut zu essen. Der Genuß versetzte Ransom nicht in die orgiasti- sche und beinahe alarmierende Begeisterung, wie er sie bei den Kürbisfrüchten erlebt hatte, aber die Bee- ren verschafften ihm das besondere Vergnügen einfa- cher Nahrung – die Freude am Kauen und an recht- schaffener Sättigung, eine ›nüchterne Gewißheit wah- ren Glücks‹. Ein Mensch, wenigstens einer wie Ran- som, fühlt in solchen Augenblicken, daß er ein Dank- gebet sagen sollte; und Ransom tat es. Die Kürbis- früchte hätten eher nach einem Oratorium oder einer mystischen Meditation verlangt. Doch selbst diese einfache Mahlzeit hatte ihre unerwarteten Höhe- punkte. Hin und wieder stieß man auf eine Beere, die ein hellrotes Zentrum hatte: und diese Exemplare wa-, ren so schmackhaft, so erinnernswert unter Tausen- den von Speisearomen, daß er nur nach ihnen Aus- schau gehalten und nur sie gegessen hätte, wäre es ihm nicht von demselben inneren Ratgeber verboten worden, der ihn seit seiner Ankunft auf Perelandra schon zweimal ermahnt hatte. Auf Erden, dachte Ransom, würde man bald lernen, wie sich diese Bee- ren mit dem roten Herzen züchten ließen, und sie würden viel teurer sein als die anderen. Und das Geld würde die Möglichkeit schaffen, mit gebieteri- scher Stimme ›mehr davon!‹ zu rufen. Als er seine Mahlzeit beendet hatte, ging er hinun- ter zum Ufer, um zu trinken, aber ehe er dort an- langte, mußte es ›zum Wasser hinauf‹ heißen. Die In- sel war in diesem Moment ein kleines Tal hellen Lan- des zwischen grünen Wasserbergen, und als er auf dem Bauch lag und trank, hatte er das außerordentli- che Erlebnis, sein Gesicht in eine See zu tauchen, die höher als das Ufer war. Dann saß er eine Weile auf- recht und ließ die Beine über den Rand in den roten Blasentang hängen, der sein kleines Reich umsäumte. Seine Einsamkeit beschäftigte ihn mehr und mehr. Wozu hatte man ihn hierher gebracht? Ihm ging die fantastische Idee durch den Kopf, diese leere Welt habe auf ihn als ersten Bewohner gewartet, und er sei auserwählt, der Gründer und Adam dieser Welt zu werden. Es war seltsam, daß die völlige Einsamkeit während all dieser Stunden ihn weit weniger be- drückt hatte als eine Nacht des Alleinseins auf Mala- kandra. Er glaubte, der Unterschied liege darin, daß ein bloßer Zufall, oder was er dafür gehalten hatte, ihn auf den Mars gebracht hatte, während er hier Teil eines Plans war., Wenn seine Insel die glasiggrünen Hänge der lan- gen ozeanischen Dünung hinaufglitt, hatte er immer wieder Gelegenheit zu sehen, daß viele andere Inseln in der Nähe waren. Sie unterschieden sich in der Fär- bung von seiner Insel und untereinander, und zwar mehr als er es für möglich gehalten hätte. Es war ein seltsamer und fantastischer Anblick, diese großen treibenden Pflanzenteppiche allenthalben auf der Dünung reiten zu sehen; und da die Bäume auf ihnen mit jeder Wellenbewegung aus der Vertikalen pen- delten, mußte Ransom an dümpelnde Segeljachten in einem Hafen denken. Und faszinierend war es zu be- obachten, wie weit über ihm ein lebhaft grüner oder rostroter Saum über einen Wellenkamm glitt, und dann zu warten, bis die ganze Insel sich im Hinab- gleiten seinem Blick darbot. Zuweilen waren seine und eine benachbarte Insel auf den gegenüberliegen- den Hängen eines Wellentals nur durch eine schmale Wasserstraße voneinander getrennt; dann glaubte man momentan, man habe eine irdische Landschaft vor sich, ein bewaldetes Tal mit einem Fluß in der Mitte. Aber während man es betrachtete, bewerkstel- ligte der vermeintliche Fluß das Unmögliche. Er hob sich empor, so daß das Land zu beiden Seiten abzu- fallen schien, bis er schließlich als Kamm die eine Hälfte der Landschaft verdeckte und verdrängte. Gleich darauf ragte er als ein mächtiger goldgrüner Wasserrücken zum Himmel auf und drohte auch die andere Landhälfte zu verschlingen, die nun zum nächsten Rücken hinaufgetragen wurde. Ein brausendes, schwirrendes Geräusch er- schreckte ihn. Im ersten Augenblick dachte er, er sei in Europa, und ein Flugzeug überfliege ihn in gerin-, ger Höhe. Dann erkannte er seinen Freund, den Dra- chen. Die Echse hatte den Schwanz lang ausgestreckt und erinnerte an einen fliegenden Wurm. Sie hielt Kurs auf eine benachbarte Insel in ungefähr einem Kilometer Entfernung. Als Ransom dem Tier nach- blickte, sah er zwei lange Ketten von geflügelten Le- bewesen von links und rechts auf die gleiche Insel zusteuern, dunkel vor dem goldenen Himmel. Aber es waren keine Reptilien mit Fledermausflügeln. Je länger er sie beobachtete, desto stärker wurde seine Gewißheit, daß es Vögel waren, und als der Wind ihm kurz darauf schnatternde und trompetende Töne zutrug, fühlte er sich in seiner Annahme bestätigt. Sie mußten ein wenig größer als Schwäne sein, und ihre Annäherung an die gleiche Insel, die der Drache an- steuerte, fesselte seine Aufmerksamkeit und erfüllte ihn mit unbestimmter Erwartung, die sich kurz dar- auf zur Erregung steigerte, als er eine schäumende Unruhe im Wasser bemerkte, die ebenfalls der Insel zustrebte. Er stand auf, um zu sehen, was sich dort wie in einer Formation bewegte, aber ein Wellen- kamm erhob sich mächtig zwischen ihm und dem Gegenstand seines Interesses. Wenig später konnte er es wieder sehen, einige hundert Meter unter sich. Silbrige Körper, die springende, kreisende Bewegun- gen ausführten. Bevor er sie genauer beobachten konnte, verlor er sie wieder aus den Augen und fluchte in sich hinein. Auf einer so ereignisarmen Welt schienen sie ihm wichtig. Ah ... da waren sie wieder. Offensichtlich Fische, sehr große, dickliche, delphinartige Meeresbewohner in zwei Reihen, ange- führt von einem Leittier. Einige von ihnen bliesen wie Wale Wasserfontänen in die Luft. Mit dem Leittier, schien etwas nicht zu stimmen, es hatte eine Art Buk- kel oder Verwachsung auf dem Rücken. Blieben sie doch nur ein einziges Mal länger als fünfzig Sekun- den sichtbar! Mittlerweile hatten sie die andere Insel fast erreicht, und auch die Vögel setzten im baumlo- sen Gebiet nahe dem äußeren Saum zur Landung an. Da war wieder das Leittier, jetzt unmittelbar am Rand der schwimmenden Insel. Ein Moment atemlosen Unglaubens folgte, und dann schwankte Ransom mit gespreizten Beinen am äußersten Saum seiner Insel und schrie und gestikulierte aus Leibeskräften. Denn in dem Augenblick, als der Fisch die Nachbarinsel er- reicht hatte, war sie von einer Welle zwischen Ran- som und den Himmel gehoben worden, und er hatte in vollkommener und unverkennbarer Silhouette das Etwas auf dem Rücken des Tieres als eine menschli- che Gestalt erkannt – eine menschliche Gestalt, die ans Ufer gesprungen war, sich mit einer leichten Ver- neigung des Körpers zum Fisch umgewandt hatte und dann außer Sicht geraten war, als die ganze Insel über die Schulter der Welle davonglitt. Ransom war- tete mit pochendem Herzen auf die nächste Gelegen- heit. Als er die andere Insel wieder sehen konnte, war sie nicht zwischen ihm und dem Himmel, und an- fangs war die menschliche Gestalt nicht auszuma- chen. Etwas in ihm krampfte sich verzweifelt zu- sammen, doch dann fand er die Gestalt wieder – ein winziger dunkler Umriß, der sich langsam vor einer Insel bläulich-grüner Vegetation vorüberbewegte. Er winkte und fuchtelte und schrie sich heiser, aber die Gestalt nahm keine Notiz. Immer wieder verlor er sie aus den Augen, und selbst wenn er sie dann wieder- fand, zweifelte er, ob es nicht doch eine optische Täu-, schung sein könnte – irgendeine Zufallsbildung der Vegetation, der sein verzweifelter Wunsch Men- schengestalt verliehen hatte. Aber immer wieder, wenn er in dumpfer Resignation zu versinken drohte, tauchte sie unverkennbar wieder auf. Unterdessen begannen seine Augen zu ermüden, und er begriff, daß er, je länger er hinüberspähte, desto weniger se- hen würde. Trotzdem hielt er weiter Ausschau. Schließlich war er so erschöpft, daß er sich setzen mußte. Die Einsamkeit, die er bisher kaum als schmerzlich empfunden hatte, war zu einem Schrek- ken geworden. Die Rückkehr zu ihr war eine Mög- lichkeit, die ihm unerträglich schien. Die betörende und berauschende Schönheit war von seiner Umge- bung gewichen. Ohne diese eine menschliche Gestalt erschien ihm der Rest dieser Welt auf einmal als ein Alptraum, eine Falle, in der er gefangen saß. Der Verdacht, er sei das Opfer einer Halluzination, ging ihm durch den Sinn. Er hatte die Zwangsvorstellung, für immer und ewig auf dieser scheußlichen Insel le- ben zu müssen, immer allein, doch verfolgt von den Phantomen menschlicher Wesen, die lächelnd und mit ausgestreckten Händen auf ihn zukommen und dann verblassen würden, wenn er auf sie zuginge. Er legte den Kopf auf die Knie, preßte die Zähne zu- sammen und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Zuerst fand er, daß er nur seinem eigenen Atmen lauschte und seine Herzschläge zählte. Aber er ver- suchte es noch einmal, und nun gelang es ihm. Wie eine Offenbarung kam ihm auf einmal der einfache Gedanke, daß er, wenn er die Aufmerksamkeit dieses menschenähnlichen Wesens erregen wollte, warten müsse, bis er auf dem Kamm einer Welle wäre. Wenn, er dann aufstünde, müßte es ihn als Umriß vor dem Himmel sehen. Dreimal wartete er, bis das Ufer, auf dem er stand, zu einer Hügelkuppe wurde, und stand dann schwankend mit den Bewegungen der schwimmen- den Insel und schwenkte die Arme. Beim vierten Mal hatte er Erfolg. Die benachbarte Insel lag zu dem Zeitpunkt wie ein Tal unter ihm, und die kleine dunkle Gestalt dort unten winkte unverkennbar zu- rück. Sie löste sich von einem unklaren Hintergrund grünlichblauer Vegetation und lief zu der ihm zuge- kehrten Küste der Insel – über ein orangefarbenes Feld. Sie lief leichtfüßig, und die sich unter ihr bewe- gende Oberfläche der Insel schien sie nicht im minde- sten zu stören. Dann kippte Ransoms Insel rückwärts hinunter, und eine gewaltige Wasserwand drängte sich zwischen den beiden Ländern hoch und unter- brach die Sichtverbindung. Kurz darauf sah Ransom aus dem Tal, in dem er nun stand, den orangefarbe- nen Saum der Nachbarinsel über den Wellenkamm zu ihm herabgleiten. Das menschenähnliche Wesen lief immer noch. Die Breite des Wasserarms zwischen den beiden Inseln betrug nur noch zehn oder fünf- zehn Meter, und die laufende Gestalt war weniger als hundert Schritte von ihm entfernt. Er sah jetzt, daß sie nicht nur menschenähnlich war, sondern ein Mensch – ein grüner Mensch auf einem orangefarbenen Feld, grün wie die prächtig schimmernden grünen Laufkä- fer in einem englischen Garten. Dann hob das Meer Ransoms Insel, und der grüne Mensch wurde zu ei- ner perspektivisch verkürzten Gestalt tief unter ihm, wie ein von der Galerie eines Opernhauses aus gese- hener Sänger. Ransom stand am Saum seiner Insel, und brüllte hinunter. Der grüne Mensch blickte zu ihm auf, und auch er schien zu rufen, und hatte die Hände trichterförmig an den Mund gelegt; aber das Rauschen der See erstickte die Stimmen, und im nächsten Augenblick sank Ransoms Insel in ein neues Wellental, und der hohe grüne Wasserrücken nahm ihm die Sicht. Es war zum Verrücktwerden. Er war von der Angst gequält, die Entfernung zwischen den beiden Inseln könne sich vergrößern. Gott sei Dank: da kam der orangefarbene Rand der Nachbarinsel über den Kamm, und sie folgte ihm ins Tal herab. Und dort war der Fremde, jetzt unmittelbar am Ufer ihm gegenüber. Für die Dauer zweier Herzschläge blickten die fremden Augen voller Liebe und Erwar- tung in die seinen. Dann veränderte sich das ganze Gesicht und nahm einen Ausdruck von Bestürzung und Enttäuschung an. Ransom begriff nicht ohne ei- gene Enttäuschung, daß er für jemand anderen ge- halten worden war. Das Laufen, das Winken und die Rufe hatten nicht ihm gegolten. Und der grüne Mensch war kein Mann, sondern eine Frau. Es ist schwierig zu sagen, warum dies ihn so sehr überraschte. Wenn schon einem Menschen, so konnte er ebensogut einer Frau wie einem Mann begegnen. Aber es überraschte ihn, und erst als die beiden In- seln aufs neue von einem Wellenkamm getrennt wurden, wurde ihm klar, daß er nichts zu ihr gesagt, sondern sie wie ein Schwachsinniger angestarrt hatte. Und nun, da sie außer Sicht war, fielen die Zweifel über ihn her. War sie es, wegen der man ihn herge- schickt hatte? Er hatte Wunder erwartet, war auf Wunder vorbereitet gewesen, aber nicht auf eine Göttin, die scheinbar aus grünem Stein geschnitzt, war und dennoch lebte. Und dann fiel ihm ein – er hatte es nicht bemerkt, solange die Szene ihm vor Augen gewesen war –, daß sie in seltsamer Beglei- tung gewesen war. Sie hatte zwischen allen mögli- chen Tieren und Vögeln gestanden, wie ein hoher Schößling zwischen Büschen. Es waren taubenfarbe- ne Vögel und flammenfarbene Vögel gewesen, und Drachen, und biberähnliche Geschöpfe von Ratten- größe, und im Wasser vor ihren Füßen hatten eigen- artig heraldisch aussehende Fische gespielt. Oder hatte er sich das eingebildet? War dies der Anfang der Halluzinationen, die er befürchtet hatte? Oder ein weiterer Mythos, der in die Welt der Tatsachen trat – vielleicht eine neue und schrecklichere Version des Mythos von Kirke oder Alcina? Und ihr Gesichtsaus- druck ... wen mochte sie erwartet haben, daß sein Anblick sie so enttäuschte? Die andere Insel kam wieder in Sicht. Was die Tiere anging, so hatte er richtig gesehen. Sie umgaben die Frau in einer lockeren Gruppe, und nicht wenige blickten wie ein Ehrfurcht oder Zuneigung zu ihr auf. Hinter ihr hatten sich zahlreiche Vögel auf der Insel niedergelassen, und weitere schienen ständig einzu- treffen. Aus einem Wald von Blasenbäumen kam ein halbes Dutzend Tiere herangewatschelt, die an eine Kreuzung von Schwein und Dackel gemahnten. Win- zige froschartige Wesen, wie er sie im Regen hatte herabfallen sehen, sprangen um die Frau herum, ge- legentlich über ihren Kopf hinaus, um dann und wann auf ihren Schultern zu landen. Ihre Farben wa- ren so lebhaft und leuchtend, daß er sie zuerst für Eisvögel hielt. Und die Frau stand inmitten dieses Gewimmels und blickte zu Ransom herüber. Sie, stand mit geschlossenen Füßen und seitlich herab- hängenden Armen, und ihr Blick war ruhig und furchtlos und verriet nichts. Ransom beschloß, sie in der alt-solarischen Sprache anzureden. »Ich komme von einer anderen Welt«, begann er mit erhobener Stimme und brach ab. Die grüne Frau hatte ihn mit einer Bewegung überrascht. Sie hatte einen Arm er- hoben und auf ihn gezeigt: nicht drohend, sondern als wolle sie die Tiere um sie her auffordern, ihn an- zusehen. Gleichzeitig veränderte sich ihr Gesichts- ausdruck neuerlich, und einen Augenblick lang glaubte er, sie werde weinen. Statt dessen brach sie in schallendes Gelächter aus; Kaskaden von perlendem Gelächter brachen aus ihr hervor, bis sie sich schüt- telte und bog, die Hände auf die Knie stützte und weiterlachte und immer wieder auf ihn deutete. Wie unsere Hunde bei ähnlichen Gelegenheiten, verstan- den die Tiere, daß etwas Erheiterndes im Gange war; sie begannen herumzuspringen, mit den Flügeln zu schlagen, zu grunzen und sich auf ihre Hinterbeine zu erheben. Und noch immer lachte die grüne Frau, bis ein weiterer Wellenkamm emporstieg und die beiden Inseln voneinander trennte. Ransom war wie vom Donner gerührt. Hatten die Eldila ihn geschickt, daß er mit einer Idiotin zusam- mentreffe? Oder mit einem bösen Geist, der die Men- schen verspottete? Oder war es schließlich doch eine Halluzination? Dann kam ihm ein Gedanke, der bei einem anderen wohl länger hätte auf sich warten las- sen: möglicherweise war sie gar nicht verrückt, son- dern er war lächerlich. Er blickte an sich herab. Seine Beine boten tatsächlich einen komischen Anblick, denn eins war bräunlichrot wie die Flanken eines ti-, zianischen Satyrs, und das andere war weiß und sah im Vergleich beinahe leprös aus. Soweit er sich selbst betrachten konnte, war er von oben bis unten zwei- farbig – ein Ergebnis der einseitigen Sonnenbestrah- lung während seiner Herreise. War das die Ursache der Heiterkeit? Er verspürte eine momentane Unge- duld mit dem Geschöpf, das die Begegnung zweier Welten mit Gelächter über eine so triviale Neben- sächlichkeit stören konnte. Dann mußte er wider Willen über die wenig eindrucksvolle Karriere lä- cheln, die er auf Perelandra begonnen hatte. Auf Ge- fahren war er vorbereitet gewesen; aber daß er zuerst als eine Enttäuschung und dann als etwas absolut Lä- cherliches auf sie gewirkt hatte ... Halt! Die Dame und ihre Insel kamen wieder in Sicht. Sie hatte sich von ihrem Lachanfall erholt und saß am Rand ihrer Insel, die Beine im Wasser, und liebko- ste halb abwesend ein gazellenähnliches Tier, das die weiche Schnauze unter ihren Arm geschoben hatte. Es schien schwer vorstellbar, daß sie jemals gelacht oder etwas anderes getan hatte, als am Rand ihrer schwimmenden Insel zu sitzen. Nie zuvor hatte Ran- som ein so ruhiges und unirdisches Gesicht gesehen, trotz der vollen Menschlichkeit ihrer Züge. Später kam er zu dem Schluß, daß die unirdische Qualität an der völligen Abwesenheit jenes Elements von Resi- gnation lag, die in jedem von tiefer Ruhe bestimmten irdischen Gesicht mehr oder weniger ausgeprägt zu finden ist. Dies hier war eine Ruhe, der noch nie ein Sturm vorausgegangen war. Es mochte Schwachsinn sein, es mochte Unsterblichkeit sein, es mochte ir- gendein Geisteszustand sein, für den irdische Erfah- rung keinen Schlüssel bot. Ein seltsames und er-, schreckendes Gefühl kam ihn an. Auf dem alten Pla- neten Malakandra war er Geschöpfen begegnet, die in ihrer Gestalt nicht einmal entfernt menschlich ge- wesen waren, die sich jedoch bei näherer Bekannt- schaft vernünftig und freundlich gezeigt hatten. Un- ter einem fremdartigen Äußeren hatte er ein Herz gleich seinem eigenen entdeckt. Sollte er nun die um- gekehrte Erfahrung machen? Denn nun verstand er, daß das Wort ›menschlich‹ mehr als nur die körperli- che Gestalt oder den Verstand beinhaltete. Es be- zeichnete auch jene Gemeinschaft des Blutes und der Erfahrung, die alle Männer und Frauen auf der Erde vereint. Aber dieses Geschöpf war nicht von seiner Rasse; keine noch so verwickelten Verästelungen ir- gendeines Stammbaums konnten jemals eine Verbin- dung zwischen ihm und ihr zustande bringen. In die- sem Sinne war kein Tropfen ihres Bluts ›menschlich‹. Das Universum hatte ihre Art und die seine unab- hängig voneinander hervorgebracht. Alles das ging ihm sehr rasch durch den Kopf und wurde dann von der Wahrnehmung unterbrochen, daß das Licht sich veränderte. Anfangs dachte er, die grüne Frau habe sich von selbst bläulich verfärbt und eine seltsame elektrische Strahlung angenommen. Dann bemerkte er, daß die ganze Landschaft von blauen und purpurnen Tönen überhaucht war – und daß die zwei Inseln sich ein wenig voneinander ent- fernt hatten. Er blickte zum Himmel auf. Der Himmel flammte in den Farben des Abends. In wenigen Mi- nuten würde es dunkel sein ... und die Inseln trieben auseinander. So laut und deutlich er konnte, rief er in der alten Sprache zu ihr hinüber: »Ich bin ein Frem- der. Ich komme in Frieden. Möchtest du, daß ich zu, dir hinüberschwimme?« Die grüne Frau warf ihm einen schnellen, neugieri- gen Blick zu. »Was ist ›Frieden‹?« fragte sie. Ransom hätte vor Ungeduld in die Luft springen können. Es wurde sichtlich dunkler, und die Entfer- nung zwischen den beiden Inseln vergrößerte sich. Als er wieder sprechen wollte, erhob sich ein Wellen- kamm zwischen ihnen, und wieder war sie außer Sicht und als die Welle über ihm hing, im Licht des Sonnenuntergangs purpurn glänzend, sah er, wie dunkel der Himmel dahinter geworden war. Als er vom nächsten Kamm zu der tief unter ihm liegenden anderen Insel hinabblickte, herrschte bereits Zwie- licht. Kurzentschlossen warf er sich ins Wasser. An- fangs hatte er Schwierigkeiten, von der Insel freizu- kommen, aber dann schien es ihm zu gelingen, und er legte sich ins Zeug. Wenige Augenblicke später fand er sich wieder zwischen den roten Stengeln und Röhren des Blasentangs. Ein heftiger Kampf folgte, dann war er frei und schwamm mit gleichmäßigen Zügen auf die See hinaus – und befand sich plötzlich in völliger Dunkelheit. Er schwamm weiter, aber nun griff die Verzweiflung nach ihm. Der ständige Wech- sel der gewaltigen Dünung nahm ihm jeden Orientie- rungssinn. Nur durch einen Zufall würde er irgend- wo Land finden. Nach der Zeit, die er bereits im Was- ser war, schätzte er, daß er den Kanal zwischen den Inseln entlanggeschwommen sein müsse, statt ihn zu überqueren. Er versuchte den Kurs zu ändern, be- zweifelte die Klugheit dieser Entscheidung, versuchte wieder seinen ursprünglichen Kurs einzuschlagen und kam so durcheinander, daß er nicht mehr wußte,, was er tat. Er redete sich ein, er müsse einen klaren Kopf behalten, aber das Schwimmen begann ihn zu ermüden. Er gab alle Orientierungsversuche auf. Plötz- lich, sehr viel später, fühlte er Vegetation vorbeiglei- ten. Er griff danach und zog. Aus der Dunkelheit wehten köstliche Düfte von Früchten und Blumen über ihn hin. Er zog sich mit aller Kraft seiner schmerzenden Arme durch den Tanggürtel, und dann lag er wohlbehalten und keuchend auf dem trocke- nen, duftenden, schwankenden Boden einer Insel., Ransom mußte sofort eingeschlafen sein, denn er er- innerte sich an nichts, bis etwas wie Vogelgesang in seine unruhigen Träume eindrang. Er öffnete die Au- gen und sah, daß es wirklich ein Vogel war, ein lang- beiniges Tier wie ein kleiner Storch, dessen Gesang ein wenig an einen Kanarienvogel erinnerte. Volles Tageslicht – oder was auf Perelandra dafür gilt – war um ihn, und in seinem Herzen war ein so zuversicht- liches Vorgefühl, daß er gegen seine Gewohnheit so- fort aufstand. Er reckte seine Arme und blickte um- her. Er war nicht auf der Insel mit den orangefarbe- nen Wiesen, sondern auf derjenigen, die seit seiner Ankunft auf diesem Planeten sein Heim gewesen war. Die See hatte sich beruhigt, die Insel lag fast oh- ne Bewegung, und so hatte Ransom keine Mühe, zur anderen Seite hinüberzugehen. Und dort blieb er in der Nähe des Ufers verblüfft stehen. Die Insel der grünen Frau trieb ganz nahe neben der seinen, nur durch einen zwei Meter breiten Kanal von ihr ge- trennt. Die ganze Welt hatte ein anderes Aussehen angenommen. Wo er stand, war vom offenen Meer nichts zu sehen – nur eine flache, bewaldete Land- schaft, soweit das Auge reichte. Anscheinend lagen mehrere der Inseln beisammen und bildeten einen kurzlebigen Kontinent. Und dort vor ihm, wie auf der anderen Seite eines Baches, ging die grüne Frau – den Kopf gesenkt und gerade damit beschäftigt, einige blaue Blumen zusammenzuflechten. Sie sang halblaut vor sich hin, blieb aber stehen und wandte sich um, als er sie anrief., »Gestern war ich jung«, begann sie, aber der Rest ihres Satzes entging ihm. Nun, da die Begegnung Wirklichkeit geworden war, erwies sie sich als über- wältigend. Man darf die Ereignisse an diesem Punkt nicht mißverstehen. Was ihn überwältigte, war nicht im mindesten die Tatsache, daß sie gleich ihm völlig nackt war. Schamgefühl und Verlangen lagen völlig außerhalb seiner Erfahrung; und wenn er sich seines eigenen Körpers ein wenig schämte, dann war das ei- ne Scham, die nichts mit dem Geschlechtsunterschied zu tun hatte und sich nur auf die Tatsache bezog, daß er seinen eigenen Körper ein wenig häßlich und ein wenig lächerlich fand. Noch weniger fühlte er sich von ihrer Farbe abgestoßen. In ihrer eigenen Welt war dieses Grün schön und passend; hier wirkten sein teigiges Weiß und der rotbraune Sonnenbrand un- passend und unschön. Es war nichts von alledem; aber er war entnervt. Er mußte sie bitten, zu wieder- holen, was sie gesagt hatte. »Gestern war ich jung«, sagte sie. »Als ich über dich lachte. Jetzt weiß ich, daß die Leute deiner Welt nicht mögen, daß man sie auslacht.« »Du sagst, du seiest jung gewesen?« »Ja.« »Bist du denn nicht auch heute jung?« Sie schien eine Weile angestrengt nachzudenken, und ihre Überlegungen beschäftigten sie so sehr, daß die Blumen unbeachtet aus ihrer Hand fielen. »Ich sehe es jetzt«, sagte sie dann. »Es ist sehr selt- sam, im Augenblick des Sprechens zu sagen, man sei jung. Aber morgen werde ich älter sein. Und dann werde ich sagen, heute sei ich jung gewesen. Du hast ganz recht. Du bringst große Weisheit, o Gescheckter.«, »Wie meinst du das?« »Dieses Vorwärts- und Rückwärtsschauen entlang der Linie, und das Erkennen, wie ein Tag ein Ausse- hen hat, wenn er anbricht, und ein anderes, wenn man darin ist, und wieder ein anderes, wenn er ver- gangen ist. Wie die Wellen.« »Aber du bist sehr wenig älter als gestern.« »Woher willst du das wissen?« »Ich meine«, sagte Ransom, »eine Nacht ist keine sehr lange Zeit.« Sie dachte wieder nach, und als sie sprach, hellte ihre Miene sich auf. »Ich verstehe jetzt«, sagte sie. »Du denkst, die Zeit habe Längen. Eine Nacht ist im- mer eine Nacht, was immer man in ihr tut, ebenso wie dieser Baum von jenem immer gleichviele Schritte entfernt ist, ob man sie schnell oder langsam geht. Ich glaube, das ist in einer Weise wahr. Aber die Wellen kommen nicht immer in gleichen Abständen. Ich sehe, daß du von einer weisen Welt kommst ... wenn dies weise ist. Ich habe das noch nie getan – ne- ben das Leben zu treten und es von außen anzu- schauen, als wäre man nicht lebendig. Tun das alle in deiner Welt, Gescheckter?« »Was weißt du über andere Welten?« fragte Ran- som. »Ich weiß dieses: Über dem Dach ist überall tiefer Himmel, die hohe Stätte. Und das Niedere ist in Wirklichkeit nicht so ausgebreitet, wie es scheint« (hier zeigte sie auf die Landschaft ringsum), »sondern es ist zu kleinen Kugeln gerollt, kleinen Klumpen des Niedrigen, die im Hohen schwimmen. Und auf den ältesten und größten von ihnen ist das, was wir nie gesehen und wovon wir nie gehört haben und was, wir nicht verstehen können. Aber auf den jüngeren hat Maleldil Dinge wie uns wachsen lassen, die at- men und sich fortpflanzen.« »Wie hast du das alles herausgebracht? Euer Dach ist so dicht, daß deine Leute nicht in den tiefen Him- mel zu den anderen Welten hinausschauen können.« Bis jetzt war ihr Gesicht ernst gewesen. Nun aber klatschte sie in die Hände, und ein Lächeln, wie Ran- som es nie gesehen hatte, verwandelte es. Auf der Er- de sieht man dieses Lächeln nur bei Kindern, doch dort war nichts Kindliches darin. »Oh, ich verstehe!« sagte sie. »Ich bin jetzt älter. Deine Welt hat kein Dach. Du schaust direkt hinaus in die hohe Stätte und siehst den Großen Tanz mit ei- genen Augen. Ihr lebt immer in diesem Schrecken und diesem Entzücken, und was wir nur glauben müssen, könnt ihr sehen. Ist nicht eine wundervolle Erfindung von Maleldil? Als ich jung war, konnte ich mir keine andere Schön- heit vorstellen als die unserer eigenen Welt. Aber Er kann sich alles vorstellen, und alles ist verschieden.« »Das ist eins von den Dingen, die mich verblüffen«, sagte Ransom. »Du bist nicht verschieden. Du bist wie die Frauen meiner eigenen Art. Das hatte ich nicht erwartet. Ich bin auf einer anderen Welt außer meiner eigenen gewesen, aber die Bewohner dort sind ganz und gar nicht wie du und ich.« »Was ist daran verblüffend?« »Ich verstehe nicht, wie so verschiedene Welten die gleichen Lebewesen hervorbringen sollten. Tragen verschiedene Bäume die gleichen Früchte?« »Aber diese andere Welt war älter als die deine«, sagte sie., »Woher weißt du das?« fragte Ransom überrascht. »Maleldil sagt es mir«, antwortete die Frau. Und wie sie sprach, veränderte sich die Landschaft, ob- gleich die Sinne den Unterschied nicht feststellen konnten. Das Licht war trüb, die Luft sanft, und Ran- som fühlte sich beglückt und zufrieden. Aber irgend etwas legte sich wie eine unerträgliche Last auf seine Schultern, und er sank zu Boden, wo er sitzenblieb. »Jetzt fällt mir alles wieder ein«, fuhr sie fort. »Ich sehe die großen pelzigen Wesen und die hellen Rie- sen – wie nanntest du sie? – die Sorne, und die blauen Flüsse. Oh, was für ein Vergnügen müßte es sein, sie mit diesen Augen zu sehen, sie zu berühren und mit ihnen zu sprechen. Und alles das um so mehr, als es von dieser Art keine mehr geben wird. Nur auf den alten Welten leben sie noch.« »Warum?« fragte Ransom. »Du mußt es besser wissen als ich«, sagte sie. »Denn geschah alles das nicht auf deiner eigenen Welt?« »Alles was?« »Ich dachte, du würdest mir davon erzählen kön- nen«, sagte die Frau verwundert. »Wovon redest du eigentlich?« sagte Ransom hilf- los. »Ich meine«, sagte sie, »daß Maleldil auf deiner Welt zuerst diese Gestalt angenommen hat, die Ge- stalt deiner Art und der meinen.« »Das weißt du?« sagte Ransom verblüfft. Wer je ei- nen schönen Traum geträumt und nichtsdestoweni- ger gewünscht hat, daraus zu erwachen, wird seine Empfindungen verstehen. »Ja, ich weiß es. Maleldil hat mich um so viel älter, gemacht, seit wir zu sprechen anfingen.« Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, wie er ihn nie in einem menschlichen Gesicht gesehen hatte, und er mußte seinen Blick abwenden. Dieses ganze Abenteuer schien ihm zu entgleiten. Es entstand eine lange Stille. Er kniete am Wasser nieder und trank, bevor er wie- der anfing zu sprechen. »Warum sagst du, daß solche Geschöpfe nur noch auf den alten Welten leben?« »Bist du so jung?« antwortete sie. »Wie könnten sie wiederkommen? Wie sollte der Geist auf irgendeiner Welt andere Form annehmen, da unser Vater Mensch geworden ist? Verstehst du nicht? Das alles ist vorbei. Unter allen Zeiten gibt es eine Zeit der Wende, und alles auf dieser Seite davon ist neu. Die Zeit schreitet nicht rückwärts.« »Und kann eine kleine Welt wie meine die Wende bedeuten?« »Ich verstehe nicht. Wende ist für uns nicht die Be- zeichnung eines Maßes.« »Und weißt du auch«, fuhr Ransom zögernd fort, »warum Er so auf meine Welt gekommen ist?« Er fand es schwierig, den Blick über ihre Füße hin- aus zu erheben, und ihre Antwort war nur wie eine Stimme in der Luft über ihm. »Ja«, sagte die Stimme, »ich kenne den Grund. Aber es ist nicht der Grund, den du kennst. Es gab mehr als einen, und es gibt ei- nen, den ich kenne und dir nicht sagen kann, und ei- nen anderen, den du kennst und mir nicht sagen kannst.« »Und in Zukunft«, sagte Ransom, »wird es nur noch Menschen geben.« »Du sagst es, als ob du es bedauertest.«, »Ich glaube«, sagte Ransom, »ich habe nicht mehr Einsicht als ein Tier. Ich weiß kaum, was ich sage. Aber ich liebte die pelzigen Leute, die ich auf der al- ten Welt Malakandra kennenlernte. Sollen sie hin- weggefegt werden? Gelten sie in den Himmelstiefen nur als Abfall?« »Ich weiß nicht, was Abfall bedeutet«, antwortete sie, »noch verstehe ich, was du sagst. Du meinst doch nicht, sie seien schlechter, weil sie früher in der Ge- schichte auftauchten und nicht wiederkehren? Sie bilden ihren eigenen Teil in der Geschichte und kei- nen anderen. Wir sind auf dieser Seite der Welle, und sie auf der anderen. Alles ist neu.« Eine der Schwierigkeiten, die Ransom zu schaffen machten, war seine Unfähigkeit, zu erkennen, wer in diesem Gespräch das Wort führte. Vielleicht (oder vielleicht auch nicht) lag es daran, daß er nicht lang in ihr Gesicht sehen konnte. Und nun wollte er das Ge- spräch beenden. Er hatte genug – nicht in dem halb- komischen Sinn, in dem wir die Redensart gebrau- chen, wenn wir sagen wollen, daß jemand einer Sache überdrüssig ist, sondern im einfachen Sinn des Wor- tes. Er hatte sein Bedürfnis gestillt, wie ein Mann, der genug gegessen oder geschlafen hat. Noch vor einer Stunde hätte er es schwierig gefunden, dies unum- wunden auszusprechen, aber jetzt erschien es ihm durchaus natürlich, daß er sagte: »Ich möchte nicht mehr reden. Aber ich würde gern auf deine Insel hinüberkommen, damit wir ein- ander wieder treffen können, wenn wir es wollen.« »Welche nennst du meine Insel?« sagte die Frau. »Die, auf der du bist«, sagte Ransom. »Was sonst?« »Komm«, sagte sie mit einer Geste, die diese ganze, Welt zu einem Haus und sie zur Gastgeberin machte. Er schwamm hinüber und kletterte neben ihr ans Ufer. Dann verbeugte er sich, ein wenig unbeholfen, wie es alle modernen Männer tun, und ging von ihr fort in einen nahen Wald. Er fühlte sich unsicher auf den Beinen, die ein wenig schmerzten; es war Teil ei- ner sonderbaren körperlichen Erschöpfung, die über ihn gekommen war. Er setzte sich nieder, um ein paar Minuten auszuruhen, und schlief fast augenblicklich ein. Er erwachte vollkommen erfrischt, doch mit einem Gefühl von Unsicherheit. Sie hatte nichts mit der Tat- sache zu tun, daß er sich beim Erwachen in seltsamer Gesellschaft fand. Neben ihm lag der Drache, den Kopf quer über seine Beine gelegt; er hatte ein Auge geschlossen, das andere offen. Als Ransom sich auf einen Ellbogen gestützt halb aufrichtete und umher- blickte, sah er, daß er zu seinen Häupten einen weite- ren Bewacher hatte: ein Tier, das wie ein Känguruh aussah, aber mit einem gelben Fell. Es war das gelbste Ding, das er je gesehen hatte. Sobald er sich regte, be- gannen beide Tiere ihn zu stupsen. Sie gaben nicht eher Ruhe, bis er aufstand, und dann wollten sie ihn nur in eine bestimmte Richtung gehen lassen. Der Drache war viel zu schwer, als daß er ihn hätte aus dem Weg stoßen können, und das gelbe Tier umtanzte ihn in einer Art und Weise, daß er nur ge- hen konnte, wohin sie ihn führen wollten. Er gab nach und ließ sich zuerst durch einen Wald hoher brauner Bäume treiben, dann über eine kleine Lich- tung und in eine Allee von Blasenbäumen und weiter durch Wiesen aus hüfthohen silbrigen Blumen. Und dann sah er, daß sie ihn zu ihrer Herrin brachten. Als, er hinter einem Gebüsch hervorkam, sah er sie weni- ge Schritte entfernt stehen, bewegungslos, doch an- scheinend nicht untätig – ihr Geist schien beschäftigt, vielleicht auch ihre Muskeln; doch was sie tat, ver- mochte er nicht zu durchschauen. Zum erstenmal konnte er sie ohne ihr Wissen und ohne den Blick abwenden zu müssen, eingehend betrachten, und sie erschien ihm noch seltsamer als zuvor. Es gab keine Kategorie, in der sein irdischer Verstand sie unter- bringen konnte. Gegensätze begegneten sich in ihr und verschmolzen in einer Weise, die menschlichem Einfühlungsvermögen unerklärlich blieb. Man hätte sagen können, daß ihrer Persönlichkeit weder ein Heiligenbild noch ein profanes Porträt gerecht wur- de. Schön, nackt, jung, ohne Scham – sie war offen- sichtlich eine Göttin. Aber dann ihr Gesicht: so ruhig, daß es der Fadheit nur durch die gesammelte Sanft- mut des Ausdrucks entging; das wie die plötzliche Kühle und Stille einer Kirche war, die man von einer heißen Straße betritt – dieses Gesicht machte sie zur Madonna. Die wache innere Stille, die aus diesen Au- gen blickte, schüchterte ihn ein, doch hatte er den Eindruck, daß sie jeden Augenblick imstande sei, wie ein Kind aufzulachen, wie Artemis davonzustürmen oder wie eine Mänade zu tanzen. All das unter dem goldenen Himmel, der aussah, als sei er nur eine Ar- meslänge über ihrem Kopf. Die Tiere liefen zu ihr, und als sie durch die Vegetation brachen, scheuchten sie Scharen von Fröschen auf, so daß es aussah, als würden riesige bunte Tautropfen in die Luft ge- schleudert. Die Frau wandte sich um und begrüßte die Tiere, und wieder war das Bild halbwegs wie eine irdische Szene, in seiner Gesamtwirkung jedoch et-, was völlig anderes. Sie glich weder einer Frau, die gern mit Pferden umgeht, noch einem Kind, das mit jungen Hunden spielt. In ihrem Gesicht war eine Autorität, in ihren Liebkosungen eine Herablassung, die, indem sie die Unterlegenheit ihrer vierbeinigen Verehrer ernst nahm, diese weniger gering erschei- nen ließ. Als Ransom sie erreichte, bückte sie sich und flüsterte dem gelben Tier etwas ins Ohr, dann wandte sie sich dem Drachen zu und grunzte und blökte in einer Nachahmung seiner eigenen Stimme. Beide trotteten davon, nachdem sie so verabschiedet wor- den waren. »Die Tiere deiner Welt scheinen beinahe vernünf- tig«, sagte Ransom. »Wir machen sie jeden Tag älter«, antwortete sie. »Ist es nicht das, was ein Tier ausmacht?« Ransom stutzte über ihren Gebrauch des Wortes ›wir‹. »Darüber wollte ich gerade mit dir sprechen«, sagte er. »Maleldil hat mich zu einem Zweck auf deine Welt geschickt. Weißt du, zu welchem?« Sie stand einen Augenblick als lausche sie, dann antwortete sie: »Nein.« »Dann mußt du mich zu deinem Heim führen und mich deinen Leuten zeigen.« »Leuten? Ich verstehe nicht, was du meinst.« »Deinen Verwandten und Freunden – den anderen deiner Art.« »Du meinst den König?« »Ja. Wenn ihr einen König habt, solltest du mich zu ihm bringen.« »Das kann ich nicht«, antwortete sie. »Ich weiß nicht, wo er zu finden ist.«, »Dann bring mich zu deinem Heim.« »Was ist ›Heim‹?« »Der Ort, wo die Leute zusammenleben und ihre Sachen haben und ihre Kinder aufziehen.« Sie breitete die Hände in einer halb hilflosen Ge- bärde aus, wie um alles zu zeigen, was ringsum sichtbar war. »Dies ist mein Heim«, sagte sie. »Lebst du allein hier?« fragte Ransom. »Was ist ›allein‹?« Ransom versuchte es von neuem. »Bring mich dorthin, wo ich andere von deiner Art treffen kann.« »Wenn du den König meinst, so habe ich dir schon gesagt, daß ich nicht weiß, wo er ist. Als wir jung wa- ren – vor vielen Tagen – sprangen wir von Insel zu Insel, und als er auf der einen und ich auf der ande- ren war, wuchsen die Wellen in einem Sturm, und wir wurden auseinandergetrieben.« »Aber kannst du nicht zu anderen von deiner Art mich führen? Der König kann nicht der einzige sein.« »Er ist der einzige. Wußtest du es nicht?« »Aber es muß andere von deiner Art geben – deine Eltern, deine Brüder und Schwestern, deine Ver- wandten, deine Freunde.« »Ich weiß nicht, was diese Worte bedeuten.« »Wer ist dieser König?« sagte Ransom verzweifelt. »Er ist er selbst, der König«, sagte sie. »Wie kann man eine solche Frage beantworten?« »Paß auf«, sagte Ransom. »Du mußt eine Mutter gehabt haben. Lebt sie noch? Wo ist sie? Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?« »Ich habe eine Mutter?« sagte die grüne Frau und blickte ihn groß und verwundert an. »Wie meinst du das? Ich bin die Mutter.« Und wieder überkam Ran-, som das Gefühl, nicht sie habe gesprochen, oder nicht sie allein. Kein anderes Geräusch kam an seine Oh- ren, denn das Meer und die Luft waren ruhig, aber ein Ahnen von geisterhaftem Choralgesang war überall um ihn. Die ehrfürchtige Scheu, die von ihren scheinbar unverständigen Antworten der letzten Mi- nuten aufgelöst worden war, kehrte zurück. »Ich verstehe nicht«, sagte er. »Ich auch nicht«, antwortete die Frau. »Doch mein Geist lobpreist Maleldil, der aus den Himmelstiefen in diese Niedrigkeit herabsteigt und machen wird, daß alle Zeiten, die uns entgegenrollen, mich segnen werden. Er ist der Starke, der mich stärkt und leere Welten mit guten Geschöpfen füllt.« »Wenn du eine Mutter bist, wo sind deine Kinder?« »Noch nicht«, antwortete sie. »Wer wird ihr Vater sein?« »Der König – wer sonst?« »Aber der König – hat er keinen Vater?« »Er ist der Vater.« »Du willst sagen«, erwiderte Ransom langsam, »daß ihr zwei, du und er, die einzigen von eurer Art auf dieser ganzen Welt seid?« »Freilich.« Dann veränderte sich ihr Gesichtsaus- druck. »Oh, wie jung bin ich gewesen«, sagte sie. »Ich verstehe es jetzt. Ich wußte, daß es auf jener alten Welt der Hrossa und Sorne viele Geschöpfe gibt. Aber ich hatte vergessen, daß deine Welt auch älter ist als die unsrige. Ich sehe – inzwischen gibt es viele von euch. Ich hatte gedacht, daß es von euch auch nur zwei gäbe. Ich glaubte, du seiest der König und Vater deiner Welt. Aber inzwischen muß es dort Kin- der und Kindeskinder und Kinder von diesen geben,, und du bist vielleicht eins von denen.« »Ja«, sagte Ransom. »Grüße deine Mutter von mir, wenn du zu deiner Welt zurückkehrst«, sagte die grüne Frau, und zum erstenmal war ein Unterton von bewußter Höflich- keit, sogar von Förmlichkeit in ihrer Sprache. Ransom verstand. Sie hatte endlich begriffen, daß sie nicht zu einem Ebenbürtigen sprach. Sie war eine Königin, die durch einen Gemeinen eine Botschaft zu einer anderen sandte, und fortan war ihre Haltung ihm gegenüber ein wenig herablassend. Er fand es schwierig, seine nächste Antwort zu formulieren. »Unsere Mutter und Königin ist tot«, sagte er. »Was ist ›tot‹?« »Mit uns geht es nach einer bestimmten Zeit zu Ende. Maleldil nimmt uns die Seele und bringt sie zu einer anderen Stätte – in die Himmelstiefen, hoffen wir. Unsere Körper zerfallen zu Erde. Das nennen wird den Tod.« »Dann wundere dich nicht, Gescheckter, daß deine Welt zum Angelpunkt der Zeit erwählt wurde. Ihr lebt ständig im Angesicht des Himmels, in den ihr hinausschauen könnt, und als sei es damit nicht ge- nug, nimmt Maleldil euch am Ende noch darin auf. Ihr seid begünstigt unter allen Welten.« Ransom schüttelte den Kopf. »Nein, so ist es nicht«, sagte er. »Ich frage mich«, sagte die Frau, »ob du nicht her- geschickt wurdest, uns den Tod zu lehren.« »Du verstehst nicht«, sagte er. »So ist es nicht. Der Tod ist schrecklich. Er riecht nach Fäulnis. Selbst Maleldil weinte, als Er ihn sah.« Sein Tonfall und sein, Gesichtsausdruck waren ihr anscheinend etwas Neu- es. Für die Dauer eines Augenblicks sah er den Schock nicht des Entsetzens, sondern völliger Verwir- rung in ihrem Gesicht; dann verschluckte der Ozean ihres Friedens alles mühelos, als ob es nie gewesen wäre, und sie fragte ihn, was er gemeint habe. »Du könntest es nie verstehen«, erwiderte er. »Aber in unserer Welt sind nicht alle Ereignisse erfreulich oder willkommen. Manchmal geschieht etwas, daß du dir Arme und Beine abschneiden würdest, wenn du es dadurch ungeschehen machen könntest – und dennoch geschieht es uns.« »Aber wie könnte jemand wünschen, daß eine die- ser Wellen, die Maleldil heranrollen läßt, uns nicht er- reiche?« Gegen seinen Willen sah Ransom sich in eine Aus- einandersetzung verstrickt. »Wie ich jetzt weiß, hattest sogar du, als du mich zuerst sahst, erwartet und gehofft, ich sei der König. Als du entdecktest, daß ich es nicht war, veränderte sich dein Gesichtsausdruck. War das nicht ein un- willkommenes Ereignis? Wünschtest du nicht, es wä- re anders gewesen?« »Oh«, sagte die grüne Frau. Sie wandte sich mit ge- senktem Kopf ab und schlang in angestrengtem Nachdenken die Hände ineinander. Nach einer Weile blickte sie zu ihm auf und sagte: »Du machst mich ra- scher älter, als ich es ertragen kann.« Darauf entfernte sie sich einige Schritte von ihm, und Ransom fragte sich, was er getan habe. Plötzlich ging ihm auf, daß ihre Reinheit und ihr Friede nicht, wie es den An- schein gehabt hatte, so fest gegründet und uner- schütterlich waren wie die Reinheit und der Friede, eines Tieres – daß sie bei ihr vielmehr lebendig und zerbrechlich waren, ein durch den Geist aufrechter- haltenes Gleichgewicht und daher, zumindest theo- retisch, zerstörbar. Es ist nicht einzusehen, warum ein Radfahrer auf ebener Landstraße das Gleichgewicht verlieren sollte; aber es konnte geschehen. Es war nicht einzusehen, warum sie aus der einfachen Har- monie ihrer Weltsicht in die komplizierte Psychologie unserer Rasse eintreten sollte; aber es gab keinen Wall, der sie daran hinderte. Die Unsicherheit, die darin steckte, erschreckte ihn, doch als die Frau ihn wieder ansah, ersetzte er das Wort ›Unsicherheit‹ durch ›Abenteuer‹. Dann verloren sich alle Worte aus seinem Geist, denn wieder machte er die Erfahrung, daß er ihr nicht stetig in die Augen sehen konnte. Er glaubte zu verstehen, was die alten Maler darzustel- len versuchten, als sie den Heiligenschein einführten. Fröhlichkeit und Ernst zugleich, Glanz des Märty- rertums, doch ohne dessen Leiden – alles das schien ihr Gesicht auszustrahlen. Doch als sie sprach, waren ihre Worte enttäuschend. »Bis zu diesem Augenblick bin ich so jung gewe- sen, daß mir mein ganzes Leben jetzt als eine Art Schlaf erscheint. Ich dachte, ich würde getragen, und siehe da, ich ging.« Ransom fragte, was sie damit meine. »Was du mich sehen machtest«, antwortete die Frau, »ist so klar wie der Himmel, aber ich hatte es nie gesehen. Dabei ist es jeden Tag geschehen. Man geht auf Nahrungssuche in den Wald, und schon ist der Gedanke an eine bestimmte Frucht in einem wach geworden. Dann findet man vielleicht eine andere Frucht und nicht diejenige, an die man dachte. Eine, Freude wurde erwartet, und eine andere wird gege- ben. Aber dies eine hatte ich nie zuvor bemerkt: daß der Geist die zweite Frucht im Augenblick des Fin- dens zurückweist oder verschmäht. Das Bild der er- sten Frucht, die man nicht gefunden hat, steht noch vor einem. Und wenn man wollte – wenn es möglich wäre, zu wünschen –, könnte man es dort festhalten. Man könnte die Seele dem erwarteten Guten nach- schicken, statt sie dem erhaltenen Guten zuzuwen- den. Man könnte das wahre Gute zurückweisen; man könnte der wahren Frucht einen schalen Geschmack verleihen, indem man an die andere dächte.« »Das ist kaum das Gleiche«, unterbrach Ransom sie, »wie einen Fremden zu finden, wenn man seinen Mann erwartet.« »Ja, aber so bin ich dazugekommen, das Ganze zu verstehen. Du und der König, ihr unterscheidet euch stärker als zwei Arten von Früchten. Die Freude, ihn wiederzufinden, und die Freude über all das neue Wissen, das ich von dir habe, sind verschiedener als ein Geschmack und der andere; und wenn der Unter- schied so groß und jedes der beiden Dinge so erstre- benswert ist, dann bleibt das erste Bild noch im In- nern bestehen, nachdem das andere Gute gekommen ist. Und dies, o Gescheckter, ist das Wunderbare, das du mich sehen gemacht hast: daß ich selbst es bin, die sich vom erwarteten Guten dem erhaltenen Guten zuwendet. Aus eigenem Antrieb tue ich es. Man kann sich ein Herz vorstellen, das anders handeln würde: das sich an das Gute klammern würde, dem sein er- ster Gedanke gegolten hatte, und das Gute, das ihm wirklich zuteil wurde, als etwas Ungutes zurückwei- sen.«, »Ich sehe darin nichts Wunderbares«, sagte Ran- som. Das triumphierende Blitzen, mit dem sie ihn ansah, hätte in menschlichen Augen auch Verachtung ent- halten; doch auf dieser Welt hatte es nichts davon. »Ich dachte«, sagte sie, »daß ich in Seinem Willen getragen würde, aber nun sehe ich, daß ich mit Sei- nem Willen gehe. Ich dachte, die guten Dinge, die Er mir schickte, trügen mich wie die Wellen die Inseln tragen; aber nun sehe ich, daß ich selbst mit meinen eigenen Armen und Beinen hineintauche, als wollte ich schwimmen. Mir ist, als lebte ich auf deiner dachlosen Welt, wo die Menschen ungeschützt unter dem nackten Himmel gehen. Es ist ein Vergnügen mit Schrecken darin! Daß unser Selbst von einem Guten zum anderen geht, sogar neben Ihm geht, wie Er ge- hen mag, und nicht einmal Seine Hand hält! Wie hat Er mich so von sich selbst getrennt? Wie konnte Er so etwas ersinnen? Die Welt ist so viel größer als ich dachte. Ich glaubte, wir gingen auf gebahnten Wegen – doch es scheint keine Wege zu geben. Das Gehen selbst ist der Pfad.« »Und fürchtest du nicht«, sagte Ransom, »daß es dir einmal schwerfallen könnte, dein Herz von dem Gewünschten ab- und dem zuzuwenden, was Malel- dil dir zugedacht hat?« »Ich verstehe«, sagte die Frau nach einer Pause. »Die Welle, in die man taucht, könnte sehr schnell und mächtig sein. Man braucht vielleicht seine ganze Kraft, sie zu durchschwimmen. Meinst du, von dieser Art könnte das Gute sein, das er mir schickt?« »Ja – oder auch eine Welle, die so übermächtig ist, daß all deine Kräfte nicht ausreichen würden.«, »Das geschieht beim Schwimmen oft«, erwiderte die Frau. »Aber ist es nicht ein Teil des Vergnügens?« »Bist du denn glücklich ohne den König? Willst du ihn nicht?« »Ob ich ihn will?« sagte sie. »Wie könnte es etwas geben, das ich nicht will?« In ihren Antworten war etwas, das Ransom abzu- stoßen begann. »Du kannst ihn nicht sehr wollen, wenn du ohne ihn glücklich bist«, sagte er und war selbst über den verdrießlichen Klang seiner Stimme überrascht. »Warum?« sagte die Frau. »Und warum, o Ge- scheckter, machst du auf deiner Stirn kleine Hügel und Täler, und warum hebst du deine Schultern? Sind das auf deiner Welt Zeichen für etwas?« »Es bedeutet nichts«, versicherte Ransom hastig. Es war nur eine kleine Lüge, aber hier ließ man sie ihm anscheinend nicht durchgehen. Als er sie hervor- brachte, würgte es ihn im Hals, als ob er sich überge- ben müsse. Sie nahm eine unverhältnismäßige Be- deutung an. Die silbrige Wiese und der goldene Himmel schienen sie auf ihn zurückzuschleudern. Wie benommen von irgendeinem maßlosen Zorn, der ihm aus der leeren Luft entgegenschlug, verbesserte er sich stammelnd: »Es bedeutet nichts, das ich dir erklären könnte.« Die Frau betrachtete ihn mit einem neuen und kritischeren Ausdruck. Vielleicht begann sie schon hier in der Gegenwart des ersten Sohnes ei- ner Mutter, den sie je gesehen hatte, die Probleme zu ahnen, die mit eigenen Kindern auf sie zukommen würden. »Wir haben jetzt genug geredet«, sagte sie schließ- lich. Er dachte, sie werde sich abwenden und ihn, verlassen, aber als sie sich nicht von der Stelle rührte, zog er sich zurück. Sie sagte nichts mehr und schien ihn vorübergehend vergessen zu haben. Er drehte sich um und ging seinen Weg durch die hohe Vege- tation zurück, bis sie einander aus den Augen verlo- ren hatten. Die Audienz war beendet., Sobald die Frau außer Sicht war, verspürte Ransom das Bedürfnis, mit den Händen durch sein Haar zu fahren, tief Luft zu holen und den Atem mit langem Pfeifen wieder auszustoßen, sich eine Zigarette anzu- zünden, die Hände in die Taschen zu stecken – kurz- um, das ganze Entspannungsritual zu absolvieren, das man nach einem schwierigen und peinlichen Ge- spräch nötig hat. Aber er hatte keine Zigaretten und keine Taschen, und außerdem fühlte er sich nicht al- lein. Dieses Gefühl, in jemandes Gegenwart zu sein, das während der ersten Augenblicke seines Ge- sprächs mit der grünen Frau so drückend über ihn gekommen war, wich nicht von ihm, als er sie verlas- sen hatte. Es schien sich sogar zu verstärken. Ihre Ge- sellschaft war in einer Weise ein Schutz dagegen ge- wesen, und ihre Abwesenheit überließ ihn nicht der Einsamkeit, sondern einer überaus unangenehmen Form von Zurückgezogenheit. Anfangs war es beina- he unerträglich; als er uns seine Erlebnisse erzählte, beschrieb er es mit den Worten: »Es schien nicht ge- nug Raum für mich dazusein.« Aber später entdeckte er, daß es nur in bestimmten Augenblicken unerträg- lich war – nämlich in denen (symbolisiert durch sei- nen Drang, zu rauchen und die Hände in die Taschen zu stecken), wenn ein Mann seine Unabhängigkeit behauptet und fühlt, daß er nun endlich auf sich selbst gestellt ist. Wenn er so dachte, schien die Luft von etwas erfüllt, das ihm den Atem abdrückte; et- was Beengendes schien ihn von einem Platz vertrei- ben zu wollen, den er nicht verlassen konnte. Aber, wenn er den Gedanken an Selbstbehauptung fahren ließ, dem Druck nachgab und sich dem Unbekannten oder was immer es war auslieferte – dann wurde die Last von ihm genommen. Sie verwandelte sich in et- was Köstliches – in ein Medium, das ihn nährte und trug und nicht nur in ihn einströmte, sondern zu- gleich aus ihm herausflutete. Widersetzte er sich, so erstickte es ihn; nahm er es an, so ließ es das irdische Leben vergleichsweise wie ein Vakuum erscheinen. Anfangs ereigneten sich die schlechten Momente na- türlich ziemlich häufig. Aber wie ein Mensch mit ei- ner Verletzung, die ihm in bestimmten Lagen Schmerzen bereitet, allmählich lernt, diese Stellungen zu vermeiden, lernte Ransom den Verzicht auf jene innere Haltung. Und als die Stunden verstrichen, wurde sein Tag immer besser. Im Laufe des Tages erforschte er die Insel ziemlich gründlich. Die See blieb ruhig, und es wäre ihm möglich gewesen, mit einem bloßen Sprung auf diese oder jene Nachbarinsel überzuwechseln. Er befand sich jedoch am Rand dieses zeitweiligen Archipels, und von einem Ufer aus konnte er auf die offene See hinausblicken. Die Inselgruppe trieb nun in der Nähe der gewaltigen grünen Säule, die er nach seiner An- kunft auf Perelandra einige Male aus der Ferne gese- hen hatte. Jetzt konnte er sie aus einer Entfernung von kaum zwei Kilometern sehr gut beobachten und eindeutig als eine gebirgige Insel identifizieren. Die Säule war tatsächlich eine gedrängte Masse von glat- ten Felspfeilern unterschiedlicher Höhe, ein wenig wie übertriebene Dolomitentürme, aber so viel glat- ter, daß man sie eher mit den säulenförmigen Fels- gruppen an der nordirischen Küste hätte vergleichen, können, vergrößert zur Höhe von Bergen. Doch erhob sich diese ungeheuer aufragende Masse nicht direkt aus der See. Die Insel hatte eine gebirgige Basis, die sich zur Küste hin allmählich abflachte. Man konnte zwischen den Gebirgszügen Täler mit Vegetation er- kennen, die sich weiter oben schluchtartig verengten. Es war zweifellos Land, richtiges festes Land, das auf der Oberfläche des Planeten verankert war. Ransom konnte von seinem Platz aus die Struktur der Felsen ausmachen. Ein Teil dieses Festlandes mußte be- wohnbar sein, und er verspürte starkes Verlangen, die Insel zu erforschen. Es sah aus, als würde eine Landung keine Schwierigkeiten bereiten, und selbst der gewaltige Zentralberg mochte ersteigbar sein. An diesem Tag sah er die grüne Frau nicht wieder. Früh am nächsten Morgen, nachdem er sich ein we- nig mit Schwimmen vergnügt und gegessen hatte, saß er wieder am Ufer und schaute zum festen Land hinüber. Plötzlich hörte er ihre Stimme hinter sich und schaute sich um. Sie war aus dem Wald gekom- men, gefolgt von einigen Tieren, die ihr wie gewöhn- lich das Geleit gaben. Ihre Worte waren eine Begrü- ßung gewesen, aber sie zeigte keine Neigung zu spre- chen. Sie kam heran, blieb neben ihm am Saum der schwimmenden Insel stehen und blickte wie er zum Festland hinüber. »Da werde ich hingehen«, sagte sie nach einer Weile. »Darf ich mit dir kommen?« fragte Ransom. »Wenn du willst«, sagte die Frau. »Aber du siehst, es ist das feste Land.« »Deshalb möchte ich hin«, sagte Ransom. »Auf meiner Welt ist alles Land fest, und es würde mir, Spaß machen, wieder ein solches Land zu betreten.« Sie stieß einen überraschten Laut aus und starrte ihn an. »Wo wohnst du dann auf eurer Welt?« fragte sie. »Auf dem Land.« »Aber du sagtest, alles Land sei fest.« »Ja. Wir wohnen auf festem Land.« Zum erstenmal seit ihrer Begegnung kam ein Aus- druck in ihr Gesicht, in dem sich Schrecken und Ab- scheu zu verbinden schienen. »Aber was tut ihr während der Nächte?« »Während der Nächte?« fragte Ransom verblüfft. »Wieso, da schlafen wir natürlich.« »Aber wo?« »Wo wir leben. Auf dem Land.« Sie versank in tiefes Nachdenken und blieb so lan- ge schweigsam, daß Ransom schon fürchtete, sie werde überhaupt nicht wieder sprechen. Als sie es dann doch tat, klang ihre Stimme gedämpft und wie- der ganz ruhig, obwohl die Unbekümmertheit nicht darein zurückgekehrt war. »Er hat euch nie befohlen, das nicht zu tun«, sagte sie, und es war weniger eine Frage als eine Feststel- lung. »Nein«, sagte Ransom. »Dann kann es also auf verschiedenen Welten ver- schiedene Gesetze geben.« »Gibt es auf deiner Welt ein Gesetz, daß man auf festem Land nicht schlafen darf?« »Ja«, sagte die Frau. »Er wünscht nicht, daß wir dort wohnen. Wir dürfen das feste Land betreten und können dort umherwandern, denn es ist unsere Welt. Aber dort bleiben – dort schlafen und aufwachen ...«, Sie erschauerte. »Auf unserer Welt könnte es dieses Gesetz nicht geben«, sagte Ransom. »Bei uns gibt es keine schwimmenden Inseln.« »Wie viele von euch gibt es dort?« fragte die Frau plötzlich. Ransom mußte sich eingestehen, daß er die Bevöl- kerungsziffer der Erde nicht kannte, doch gelang es ihm, ihr eine Vorstellung von vielen Millionen zu ge- ben. Er hatte erwartet, daß sie erstaunt sein würde, aber es schien, daß Zahlen sie nicht interessierten, oder daß sie mit der Vorstellung solch unabsehbarer Menschenmassen nichts anzufangen wußte. Nach ei- ner Weile fragte sie: »Wie findet ihr alle auf eurem Festland Platz?« »Es gibt nicht bloß ein Festland, sondern viele«, antwortete er. »Und sie sind groß; beinahe so groß wie die See.« »Wie könnt ihr es ertragen?« platzte sie heraus. »Beinahe die Hälfte eurer Welt leer und tot. Massen und Massen von Land, und alles fest gebunden. Er- drückt euch nicht schon der bloße Gedanke daran?« »Durchaus nicht«, sagte Ransom. »Der bloße Ge- danke an eine Welt, die nur aus Meer besteht wie die deine, würde die Menschen meiner Welt erschrek- ken.« »Wo wird dies enden?« sagte die Frau mehr zu sich selbst als zu ihm. »In diesen letzten Stunden bin ich so alt geworden, daß mein ganzes Leben vorher nur wie der Stamm eines Baumes ist, während ich jetzt wie die Äste bin, die nach allen Seiten herausschie- ßen. Sie breiten sich so weit auseinander, daß ich es kaum ertragen kann. Zuerst mußte ich lernen, daß ich, mit meinen eigenen Füßen von einem Guten zum an- deren gehe ... das war nicht einfach. Aber nun scheint es, daß das Gute nicht überall das gleiche ist; daß Maleldil auf der einen Welt verbietet, was Er auf der anderen gestattet.« »Vielleicht tun meine Leute darin unrecht«, sagte Ransom ziemlich kläglich, denn er war bekümmert über das, was er angerichtet hatte. »So ist es nicht«, sagte sie. »Maleldil selbst hat es mir jetzt erklärt. Und es könnte auch nicht so sein, da es auf deiner Welt keine schwimmenden Länder gibt. Aber Er sagt mir nicht, warum Er es uns verboten hat.« »Wahrscheinlich gibt es irgendeinen guten Grund«, begann Ransom, als ihr plötzliches Auflachen ihn unterbrach. »O Gescheckter, Gescheckter«, sagte sie, immer noch lachend. »Daß die Leute deiner Rasse immerzu reden müssen!« »Tut mir leid«, sagte Ransom betreten. »Was tut dir leid?« »Daß du denkst, ich redete zuviel.« »Zuviel? Wie könnte ich sagen, was für dich zuviel wäre?« »Wenn auf unserer Welt gesagt wird, jemand rede immerzu, dann ist damit gemeint, daß er still sein soll.« »Wenn es das heißen soll, warum sagen sie es ihm nicht, wie es ist?« Ransom fand es zu schwierig, ihr zu erklären, was es mit der zivilisierten Höflichkeit auf sich hatte, dar- um fragte er zurück: »Was brachte dich eben zum La- chen?«, »Ich lachte, Gescheckter, weil du dir genau wie ich Gedanken über dieses Gesetz machtest, das Maleldil für eine Welt und nicht für die andere erlassen hat. Und du hattest nichts darüber zu sagen und machtest dieses Nichts trotzdem zu Worten.« »Aber ich hatte etwas zu sagen«, sagte Ransom verwirrt. »Wenigstens«, fügte er mit festerer Stimme hinzu, »bedeutet dieses Verbot auf einer Welt wie der deinen keine Härte.« »So etwas zu sagen, ist auch seltsam«, erwiderte die Frau. »Wer würde denken, daß es eine Härte sei? Die Tiere würden es nicht eine Härte nennen, wenn ich ihnen sagte, sie sollten auf den Köpfen gehen; es würde ihnen zu einem Vergnügen werden, es zu tun. Ich bin Sein Tier, und all Seine Gebote sind Freuden. Das ist es nicht, was mich nachdenklich macht. Mich beschäftigt die Frage, ob es zwei Arten von Geboten gibt.« »Einige unserer Weisen haben gesagt ...«, begann Ransom, doch sie ließ ihn nicht ausreden. »Laß uns warten und den König fragen«, sagte sie. »Denn ich glaube, Gescheckter, du weißt darüber nicht viel mehr als ich.« »Ja natürlich, den König«, sagte Ransom. »Wenn wir ihn nur finden könnten.« Dann rief er unwillkür- lich in englischer Sprache: »Donnerwetter! Was war das?« Etwas wie eine Sternschnuppe schien weit zu ihrer Linken über den Himmel geschossen zu sein, und mehrere Sekunden später drang ein unbestimm- bares Geräusch an ihre Ohren. »Was war das?« fragte er wieder, diesmal auf alt- solarisch. »Etwas ist aus den Himmelstiefen gefallen«, sagte, sie Frau. Ihr Gesicht zeigte Verwunderung und Neu- gierde; aber auf Erden sehen wir diese Empfindungen so seltsam ohne die Beimischung von abwehrender Furcht, daß ihr Ausdruck ihm fremd erschien. »Ich glaube, du hast recht«, sagte er. »He, was ist das?« Die bis dahin ruhige See war in Bewegung ge- raten, und der Saum ihrer Insel hob und senkte sich. Einige flache Wellen gingen unter der Insel durch, dann war alles wieder ruhig. »Sicherlich ist etwas ins Meer gefallen«, sagte die Frau. Dann nahm sie das Gespräch wieder auf, als ob nichts geschehen wäre. »Ich wollte heute zum Festland, weil ich dachte, ich sollte nach dem König Ausschau halten. Er ist auf keiner dieser Inseln hier, denn ich habe sie alle durch- sucht. Aber wenn wir auf dem Festland hoch hinauf- stiegen, müßten wir weit sehen können. Wir könnten feststellen, ob noch andere Inseln in der Nähe sind.« »Laß uns das tun«, sagte Ransom. »Wenn wir so weit schwimmen können.« »Wir werden reiten«, sagte die Frau. Dann kniete sie am Ufer nieder – und soviel Anmut war in ihren Bewegungen, daß es wie ein Wunder war, sie hin- knien zu sehen – und stieß drei leise Rufe in gleicher Tonhöhe aus. Zuerst geschah nichts, doch schon bald sah Ransom Wasserwirbel näherkommen, und un- mittelbar danach wimmelte das Meer beim Ufer von großen, silbrigen Fischen, die herandrängten, als wollten sie auf das Ufer springen. Sie hatten nicht nur die Farbe, sondern auch die Glätte von Silber. Die größten waren ungefähr drei Meter lang, und alle wirkten gedrungen und kraftvoll. Sie ähnelten keiner irdischen Art, denn der Kopfansatz war merklich, breiter als der Vorderteil des Rumpfes, der wiederum zum Schwanz hin dicker wurde. Ohne diese Verdik- kung am Schwanzende hätten sie wie riesige Kaul- quappen ausgesehen. Wie die Dinge lagen, erinnerten sie an dickbäuchige und schmalbrüstige alte Männer mit sehr großen Köpfen. Die Frau schien geraume Zeit zu benötigen, um zwei auszuwählen. Aber kaum hatte sie ihre Wahl getroffen, als die anderen sich zer- streuten und die zwei erfolgreichen Kandidaten sich umdrehten, bis ihre Schwanzflossen das Ufer be- rührten, und dann mit sanft fächelnden Flossen ruhig liegenblieben. »Paß auf, Gescheckter, so mußt du es machen«, sagte sie und setzte sich rittlings auf die schmale Mitte des rechten Fisches. Ransom folgte ih- rem Beispiel. Der mächtige Kopf vor ihm erfüllte die Funktion von Schultern und gab ihm Halt, so daß keine Gefahr des Abrutschens bestand. Er beobach- tete die grüne Frau. Sie gab ihrem Fisch einen leichten Stoß mit den Fersen, und er tat es ihr nach. Einen Au- genblick später glitten sie etwa mit doppelter Fuß- gängergeschwindigkeit auf die See hinaus. Über dem Wasser war die Luft kühler, und eine leichte Brise bewegte sein Haar. Auf einer Welt, wo er bisher nur geschwommen und gegangen war, machte das Da- hingleiten des Fisches einen Eindruck von begei- sternder Geschwindigkeit. Er blickte zurück und sah die Inseln mit ihren gefiederten Bäumen zurückblei- ben und den Himmel größer und tiefer golden wer- den. Voraus beherrschte der fantastisch geformte grüne Berg das gesamte Gesichtsfeld. Ransom be- merkte mit Interesse, daß der ganze Schwarm der nicht in Anspruch genommenen Fische sie begleitete und spielerisch umkreiste., »Folgen sie einem immer so?« fragte er. »Folgen euch die Tiere deiner Welt nicht?« fragte sie zurück. »Wir können nur auf zweien reiten. Es wäre hart, wenn wir den anderen nicht einmal er- laubten, uns zu begleiten.« »Dauerte es deshalb so lange, bis du die zwei Fi- sche ausgewählt hattest?« fragte er. »Freilich«, sagte sie. »Ich bemühe mich, nicht allzu oft ein und denselben Fisch auszuwählen.« Das Land glitt ihnen entgegen, und was wie eine ebene, gerade Küste ausgesehen hatte, begann sich in Buchten und Halbinseln zu gliedern. Und dann wa- ren sie nahe genug, um zu sehen, daß in diesem scheinbar spiegelglatten Ozean eine unsichtbare Dü- nung herrschte, ein sehr langsames und schwach ausgeprägtes Steigen und Zurückweichen des Was- sers am Strand. Bald darauf fehlte den Fischen die Wassertiefe zum Weiterschwimmen, und Ransom sprang, dem Beispiel der grünen Frau folgend, von seinem Reittier. Ein Glücksgefühl durchflutete ihn, als seine Fußsohlen harte Kieselsteine berührten. Erst jetzt wurde ihm bewußt, wie sehr er sich nach dem Land gesehnt hatte. Er blickte auf. Bis herab zu der Bucht, in der sie gelandet waren, erstreckte sich ein enges Tal mit steilen, von rötlichem Fels durchsetzten Hängen und einigen Bäumen auf dem wie von Moos bewachsen aussehenden Grund. Die Bäume wirkten beinahe irdisch: in südlichen Breiten unseres Planeten wären sie nur einem geschulten Botaniker als bemer- kenswert aufgefallen. Doch das Beste von allem – und für Ransoms Augen und Ohren willkommen wie ein Blick in die Heimat oder in den Himmel – war ein kleiner Bach unten im Talgrund, ein dunkler, klarer, Bach, in dem man Forellen vermuten konnte. »Magst du dieses Land, Gescheckter?« sagte die Frau mit einem Seitenblick. »Ja«, sagte er. »Es ist wie meine eigene Welt.« Sie begannen das Tal aufwärts zu wandern. Als sie unter den Bäumen waren, verringerte sich die Ähn- lichkeit mit einer Erdenlandschaft, denn das Licht war soviel schwächer, daß die Baumgruppe, unter der nur leichter Schatten hätte herrschen sollen, wie ein dämmriger Wald wirkte. Nach etwa einem halben Kilometer hatten sie das Talende erreicht, wo es sich zu einer Schlucht zwischen niedrig gestaffelten Felsen verengte. Gewandt kletterte die Frau hinauf, und Ransom folgte ihr, verblüfft über ihre Kraft. Oberhalb der Felsen gelangten sie auf eine geneigte Hochfläche, die mit kurzem, bläulich getöntem Gras bedeckt war. Dieses Gras schien mit etwas flaumig Weißem ge- sprenkelt, soweit das Auge reichte. »Blumen?« fragte Ransom. Die Frau lachte. »Nein. Dies sind die Gescheckten. Nach ihnen habe ich dich benannt.« Zuerst war er verdutzt, aber dann sah er die weißen Dinger in Be- wegung kommen und von den Hängen herab zu dem Menschenpaar strömen, das sie anscheinend gewit- tert hatten – denn in der Höhe, in der Ransom und die Frau bereits waren, wehte eine kräftige Brise. Nicht lange, und die Tiere umsprangen die grüne Frau und begrüßten sie. Es waren weiße, schwarzge- fleckte Wesen, die etwa die Größe von Lämmern hatten, doch mit so großen Ohren, so beweglichen Nasen und so langen Schwänzen, daß sie eher riesi- gen Mäusen ähnelten. Dazu paßte auch, daß ihre Fü- ße in langen Zehen endeten, die beinahe wie Hände, wirkten und sie wahrscheinlich befähigten, selbst in steilstem Gelände auf Nahrungssuche zu gehen. Nach einem angemessenen Austausch von Freund- lichkeiten mit diesen Tieren setzten Ransom und die Frau ihre Wanderung fort. Das Rund des golden den Himmel reflektierenden Meeres unter ihnen breitete sich jetzt in riesiger Weite, und die grünen Felspfeiler hoch oben schienen fast überzuhängen. Bis zu ihrem Fuß war es noch ein langer und mühseliger Aufstieg. Die Temperatur hier war wesentlich tiefer als in Mee- reshöhe, doch Ransom fand es immer noch warm. Bemerkenswert war auch die Stille. Unten auf den schwimmenden Inseln war sie einem nicht aufgefal- len, weil man ständig von den leisen Geräuschen des Wassers und der Tiere umgeben gewesen war. Endlich kamen sie an den Fuß der grünen Pfeiler und gelangten in eine grasbewachsene Einbuchtung zwischen zweien der Kolosse. Von unten hatte es ausgesehen, als berührten sie einander; aber obwohl sie so tief zwischen ihnen waren, daß die Aussicht nach links und rechts versperrt war, gab es jetzt noch genug Raum für den Durchmarsch eines Bataillons in Paradeformation. Der Hang schien mit jedem Meter steiler zu werden, und zugleich verengte sich der Raum zwischen den Pfeilern. Bald mühten sie sich zwischen glatten Wänden auf allen vieren zu einer engen Scharte empor, und Ransom konnte aufblik- kend kaum den Himmel über ihnen sehen. Schließ- lich sahen sie sich direkt unterhalb der Scharte mit ei- nem Stückchen richtiger Kletterei konfrontiert – einer drei Meter hohen, griffarmen Felsstufe, die wie stei- nernes Zahnfleisch zwei monströse Zähne des Berges verband. Jetzt wäre eine Hose recht, dachte Ransom, bei sich, als er hinaufblickte. Die Frau, die vor ihm war, reckte die Arme und erfaßte mit den Fingerspit- zen einen Griff nicht weit vom oberen Rand. Dann sah er, wie sie sich hochzog. Offenbar wollte sie sich mit einem Zug ohne Unterstützung der Füße zur Kante hinaufschwingen. »Paß auf, so schaffst du es nie«, begann er und verfiel dabei unwillkürlich ins Englische; doch ehe er sich korrigieren konnte, stand sie über ihm in der Scharte. Er hatte nicht genau ge- sehen, wie sie es zuwege gebracht hatte, aber es schien sie keine außergewöhnliche Anstrengung ge- kostet zu haben. Seine eigene Kletterei geriet ihm sehr viel unwürdiger, und als er endlich neben ihr stand, keuchte und schwitzte er und hatte ein blutiges Knie. Das Blut interessierte sie sehr, und als er ihr so gut er konnte erklärt hatte, was es damit auf sich hatte, wollte sie ein wenig Haut von ihrem eigenen Knie kratzen, um zu sehen, ob das gleiche geschehen wür- de. Das führte ihn zu dem Versuch, ihr verständlich zu machen, was mit Schmerz gemeint ist, was sie in ihrem Experimentiereifer nur bestärkte. Aber im letzten Augenblick sagte Maleldil ihr anscheinend, sie solle es lassen. Ransom wandte seine Aufmerksamkeit der Umge- bung zu. Hoch über ihnen, und durch die perspekti- vische Verkürzung scheinbar nach innen geneigt, er- hoben sich die ungeheuren Felstürme und verdeckten fast den ganzen Himmel. Es waren nicht zwei oder drei von ihnen, sondern neun. Einige standen nahe beisammen, andere waren viele Schritte auseinander. Sie umgaben ein ovales Plateau von vielleicht zwei Hektar Größe, das mit feinstem Gras und Teppichen winziger karmesinroter Blumen bedeckt war. Ein, lebhafter, an den Felspfeilern singender Wind trug eine kühle und verfeinerte Mischung aller Düfte der üppigeren Wasserwelt herauf und hielt sie in ständi- ger Bewegung. Ausblicke auf die weithin ausgebrei- tete See zwischen den Felstürmen machten bewußt, daß man sich in großer Höhe befand, und Ransoms Augen, seit langem an das Gewirr von Rundungen und Farben der schwimmenden Inseln gewöhnt, fan- den die klaren Linien und festgefügten Massen dieses einsamen Ortes erfrischend. Er stieg jenseits der Scharte ein paar Meter ab und trat in den kathedra- lenhaften Raum des abgeschlossenen kleinen Hochtals hinaus, und als er sprach, weckte seine Stimme Echos. »Oh, das ist gut!« sagte er. »Aber du, der es verbo- ten ist, du empfindest es vielleicht nicht so.« Doch ein Blick ins Gesicht seiner Begleiterin sagte ihm, daß er irrte. Er wußte nicht, was in ihr vorging, aber in ihrem Gesicht war, wie schon einige Male da- vor, ein solches Leuchten, daß er die Augen nieder- schlug. »Laß uns das Meer absuchen«, sagte sie dann. Langsam umwanderten sie das Plateau und blick- ten zwischen den Felstürmen über die See hinaus. Hinter ihnen lag die Gruppe der schwimmenden In- seln, von der sie an diesem Morgen aufgebrochen waren. Aus der Höhe gesehen, erschien sie noch grö- ßer als Ransom vermutet hatte. Der Reichtum ihrer Farben – ihre orangenen, silbernen, purpurnen und (zu seiner Überraschung) schwarzen Töne – erinner- te, aus der Entfernung an die Blüten und Blätter kost- barer exotischer Wasserpflanzen. Von dorther wehte auch der Wind, und der Duft von den Inseln, wie- wohl schwach, wirkte wie das sanfte Plätschern flie-, ßenden Wassers auf einen Durstigen. Auf allen ande- ren Seiten aber sahen sie nichts als den Ozean. Jeden- falls sahen sie keine Inseln. Aber als sie ihren Rund- gang beinahe abgeschlossen hatten, stieß Ransom ei- nen erregten Ruf aus und zeigte auf das Meer hinaus. In einer Entfernung von etwa drei Kilometern, schwärzlich vor dem goldgrünen Hintergrund des Wassers, trieb ein kleines, rundes Objekt. Hätte er auf ein irdisches Meer hinausgeblickt, würde Ransom es auf den ersten Blick für eine Boje gehalten haben. »Ich weiß nicht, was es ist«, sagte die Frau. »Viel- leicht ist es das, was heute morgen aus den Himmel- stiefen herabgefallen ist.« Ich wollte, ich hätte einen Feldstecher, dachte Ran- som, denn die Worte der Frau hatten in ihm einen jä- hen Verdacht geweckt. Und je länger er zu dem dunklen Punkt hinausstarrte, desto mehr verdichtete sich sein Argwohn. Das Objekt schien genau kugel- förmig zu sein und kam Ransom sehr bekannt vor. Der Leser hat bereits erfahren, daß Ransom auf je- ner Welt gewesen war, die wir Mars nennen, deren wahrer Name jedoch Malakandra ist. Doch nicht die Eldila hatten ihn dorthin getragen. Menschen hatten ihn in einem kugelförmigen Raumschiff aus Stahl und Glas hingebracht. Er war von Männern entführt worden, die geglaubt hatten, die herrschenden Mächte Malakandras verlangten ein Menschenopfer. Die ganze Sache war ein Mißverständnis gewesen. Der große Oyarsa, Beherrscher des Mars (den ich in Ransoms Landhaus sozusagen mit eigenen Augen gesehen hatte), hatte ihm nichts zuleide getan und Derartiges nie beabsichtigt. Aber Ransoms Hauptent- führer, Professor Weston, hatte um so schädlichere, Pläne gehabt. Er war von der Idee besessen, die ge- genwärtig in obskuren Werken der ›Scientifiction‹*, in Gesellschaften und Klubs für Weltraumforschung und Raketentechnik sowie in scheußlichen Magazi- nen und Comic-Heften unseren Planeten über- schwemmt, verspottet oder ignoriert von den Gebil- deten, aber bereit, wenn die Macht dazu jemals in die Hände ihrer Anhänger gelegt wird, ein neues Kapitel des Elends für das Universum aufzuschlagen. Es ist die Idee, daß die Menschheit, nachdem sie ihren Heimatplaneten nun hinreichend verdorben und verwüstet hat, um jeden Preis versuchen müsse, sich über ein größeres Gebiet auszubreiten; daß die unge- heuren astronomischen Entfernungen, die Gottes Quarantänemaßnahme sind, irgendwie überwunden werden müssen. Das ist der Ausgangspunkt. Aber dahinter liegt das süße Gift der falschen Unendlich- keit – der abenteuerliche Traum, daß Planet nach Pla- net, Sonnensystem nach Sonnensystem und schließ- lich Galaxis um Galaxis gezwungen werden könnten, überall und für alle Zeit die Art von Leben zu erhal- ten, die in den Lenden unserer eigenen Gattung ent- halten ist – ein Traum, der dem Haß gegen den Tod und der Furcht vor der wahren Unsterblichkeit ent- springt und der von Tausenden von Unwissenden und Hunderten von Wissenden heimlich genährt wird. Die Vernichtung oder Versklavung anderer Spezies im Universum, falls es solche gibt, ist für die- se Geister eine willkommene Folgeerscheinung. In * Dieser Begriff wurde 1925 von Hugo Gernsback geprägt, um das, was er selbst später (1929) so nannte und wir heute allgemein ›Science Fiction‹ nennen, zu beschreiben. – D. Red., Professor Weston hatte die Macht endlich zum Traum gefunden. Der bedeutende Physiker hatte eine geeig- nete Antriebskraft für sein Raumschiff entdeckt. Und dieses kleine schwarze Objekt, das nun dort draußen auf den sündenfreien Wassern von Perelandra trieb, sah mit jedem Moment mehr wie das Raumschiff aus. Darum also wurde ich hierher gebracht, dachte er. Auf Malakandra scheiterte Weston, und nun versucht er es hier. Und es ist an mir, etwas dagegen zu tun. Ein quälendes Gefühl von Unzulänglichkeit breitete sich in ihm aus. Das letzte Mal – auf dem Mars – hatte Weston nur einen Komplizen gehabt, aber sie waren mit Feuerwaffen ausgerüstet gewesen. Und wie viele Helfer mochte er diesmal mitgebracht haben? Außer- dem war er auf dem Mars nicht von Ransom un- schädlich gemacht worden, sondern von den Eldila und insbesondere dem großen Eldil, dem Oyarsa je- ner Welt. Ransom wandte sich der Frau zu. »Ich habe auf deiner Welt keine Eldila gesehen«, sagte er. »Eldila?« wiederholte sie, als habe sie den Namen nie gehört. »Ja, Eldila«, sagte Ransom, »die großen und alten Diener Maleldils. Die Wesen, die weder zeugen noch atmen. Deren Körper aus Licht gemacht sind. Die wir kaum sehen können. Denen wir gehorchen sollten.« Sie überlegte eine Weile, dann sagte sie: »Diesmal macht Maleldil mich sanft und freundlich älter. Er zeigt mir alle Wesensarten dieser gesegneten Geschöpfe. Aber jetzt wird ihnen nicht gehorcht, nicht auf dieser Welt. Das ist alles die alte Ordnung, Gescheckter, die andere Seite der Welle, die an uns vorübergerollt ist und nicht wiederkommen wird., Diese sehr alte Welt, zu der du reistest, war den El- dila unterstellt. Auch auf deiner Welt herrschten sie einst: doch seit unser Herr Mensch wurde, nicht mehr. Auf deiner Welt halten sie sich noch. Aber auf unserer, der ersten Welt, die nach der großen Wende erwachte, haben sie keine Macht. Hier gibt es nichts zwischen uns und Ihm. Sie haben abgenommen, und wir sind gewachsen. Und jetzt gibt Maleldil mir ein, daß eben dies ihre Freude und ihr Frohlocken ist. Sie erhielten uns – uns Wesen der niederen Welten, die zeugen und atmen – als schwache und kleine Tiere, die sie mit ihrer leisesten Berührung zerstören könn- ten; und ihre Freude war es, uns zu hegen und älter zu machen, bis wir älter waren als sie – bis sie uns zu Füßen fallen konnten. Das ist eine Freude, die uns nicht zuteil wird. Was immer ich die Tiere lehren mag, sie werden niemals besser sein als ich. Aber es ist eine Freude über alle Freuden hinaus. Nicht daß sie besser wäre als unsere Freude. Die Frucht, die wir essen, ist immer die beste von allen.« »Es gab Eldila, die es nicht für eine Freude hielten«, sagte Ransom. »Wie?« »Gestern sagtest du, daß man an dem alten Guten festhalte, statt das kommende Gute anzunehmen.« »Ja – für kurze Zeit.« »Es gibt einen Eldil, der länger daran festgehalten hat. Der seit der Zeit vor Erschaffung der Welten dar- an festhält.« »Aber das alte Gute würde aufhören, gut zu sein, wenn er das täte.« »Ja. Es hat aufgehört, gut zu sein. Und trotzdem hält er daran fest.«, Sie starrte ihn verwundert an und wollte etwas sa- gen, doch er kam ihr zuvor. »Es ist jetzt keine Zeit für Erklärungen«, sagte er. »Keine Zeit? Was ist mit der Zeit geschehen?« fragte sie. »Hör zu«, sagte er. »Dieses Ding dort unten ist von meiner Welt durch die Himmelstiefen gekommen. Ein Mann ist darin; vielleicht viele Männer ...« »Sieh mal«, sagte sie, »es geht entzwei – ein großes Stück und ein kleines.« Ransom sah, daß ein kleiner dunkler Gegenstand sich von dem Raumschiff gelöst hatte und sich nun zögernd davon zu entfernen begann. Es überraschte ihn zuerst, aber dann fiel ihm ein, daß Weston – so- fern es wirklich Weston war – wahrscheinlich darauf gefaßt gewesen war, die Venus mit Wasser bedeckt vorzufinden, und darum ein Schlauchboot mitge- nommen hatte. Aber war es möglich, daß er nicht mit Flutwellen oder Stürmen gerechnet noch vorausgese- hen hatte, daß er außerstande sein könnte, das Raum- schiff jemals wieder zu bergen? Es sah Weston nicht ähnlich, sich selbst den Rückzug abzuschneiden. Und Ransom wünschte gewiß nicht, daß Weston die Mög- lichkeit zur Rückkehr genommen würde. Ein Weston, der nicht einmal wenn er wollte zur Erde zurückkeh- ren konnte, stellte ein unlösbares Problem dar. Wie auch immer, was konnte er, Ransom, ohne Unterstüt- zung durch die Eldila tun? Ein Gefühl von Unge- rechtigkeit nagte an seiner Seele. Warum hatte man ihn – einen ziemlich unpraktisch veranlagten Ge- lehrten – hierher geschickt, um mit einer Situation dieser Art fertigzuwerden? Jeder gewöhnliche Boxer, oder noch besser, jeder Mann, der mit einer Maschi-, nenpistole umzugehen wußte, wäre für den Zweck geeigneter gewesen. Wenn sie nur diesen König fin- den könnten, von dem die grüne Frau ständig redete ... Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, wurde er sich eines dumpfen Murmelns oder Grollens bewußt, das seit einiger Zeit zunehmend die Stille störte. »Schau!« sagte die Frau plötzlich und zeigte zur Gruppe der schwimmenden Inseln hin- über. Ihre Oberflächen waren nicht mehr eben, und Ransom erkannte, daß das Geräusch von der Bran- dung herrührte. Die Wellen waren noch klein, aber schon brachen sie sich gischtend an den felsigen Ufern des Festlandes. »Die See steigt«, sagte die Frau. »Wir müssen hinuntergehen und dieses Land sofort verlassen. Bald werden die Wellen zu hoch sein – und ich darf nicht hier sein, wenn die Nacht kommt.« »Nicht da entlang«, rief Ransom, als sie vorausge- hen wollte. »Nicht, wo du dem Mann aus meiner Welt begegnen wirst.« »Warum nicht?« sagte die Frau. »Ich bin die Herrin und Mutter dieser Welt. Wer sonst sollte einen Frem- den begrüßen, wenn der König nicht hier ist?« »Ich werde das tun.« »Es ist nicht deine Welt, Gescheckter«, erwiderte sie. »Du verstehst nicht«, sagte Ransom. »Dieser Mann ist ein Freund jenes Eldil, von dem ich dir erzählte – einem von denen, die am falschen Guten festhalten.« »Dann muß ich es ihm erklären«, sagte die Frau. »Laß uns gehen und ihn älter machen.« Sie ließ sich über die Felsstufe in der Scharte hinab und begann den Steilhang hinunterzuklettern. Ran-, som blieb nichts übrig als ihr zu folgen. In den Felsen war er langsamer, aber sobald seine Füße den gras- bewachsenen Steilhang unter sich hatten, begann er zu rennen. Die Frau schrie erschrocken, als er an ihr vorbeiraste, aber er nahm keine Notiz davon. Er konnte jetzt deutlich sehen, auf welche Bucht das kleine Schlauchboot zuhielt, und seine ganze Auf- merksamkeit war darauf gerichtet, in dem steilen Gelände auf den Füßen zu bleiben und den Kurs zu halten. Nur ein Mann saß in dem Boot. Ransom rannte den langen Hang diagonal hinab, gelangte in eine Senke und von dort in ein gewundenes kleines Tal, das ihm vorübergehend den Ausblick auf das Meer nahm. Dann hatte er endlich die Bucht vor sich. Er blickte zurück und sah zu seinem Verdruß, daß die Frau ebenfalls gerannt war und sich nicht weit hinter ihm befand. Er wandte sich wieder der See zu. Die Wellen kamen bereits in Brechern herein, wenn auch keinen sehr hohen, und überspülten in immer neuen Vorstößen den ansteigenden Strand aus blanken Kie- seln. Ein Mann in Hemd, kurzer Hose und Tropen- helm kam durch knietiefes Wasser an Land gewatet und zog ein kleines Schlauchboot hinter sich her. Es war tatsächlich Weston, obgleich ein Ausdruck in seinem Gesicht war, der Ransom unvertraut erschien, ohne daß er hätte sagen können, woran es lag. Er hatte für solche Beobachtungen auch keine Zeit, denn es schien ihm äußerst wichtig, eine Begegnung Wes- tons mit der grünen Frau zu verhindern. Er hatte er- lebt, wie Weston einen Bewohner Malakandras er- mordet hatte. Er wandte sich um, streckte beide Arme aus, um ihr den Weg zu versperren, und rief: »Geh zurück!« Aber sie war schon zu nahe. Einen Augen-, blick lang war sie beinahe in seinen Armen. Dann trat sie zurück, keuchend vom Laufen, überrascht, den Mund zum Sprechen geöffnet. In diesem Moment hörte er Westons Stimme hinter sich in englischer Sprache sagen: »Darf ich fragen, Doktor Ransom, was das zu bedeuten hat?«, Unter den vorliegenden Umständen wäre es ver- nünftigerweise zu erwarten gewesen, daß Weston über Ransoms Anwesenheit sehr viel mehr verblüfft sein würde als Ransom über die seine. Doch wenn das der Fall war, ließ er es sich nicht anmerken, und Ransom konnte nicht umhin, den massiven Egoismus zu bewundern, der diesen Mann befähigte, im Au- genblick seiner Ankunft auf einer unbekannten Welt in seiner ganzen vulgären Herrschsucht ungerührt dazustehen, die Arme in die Seiten gestemmt, das Gesicht verfinstert, und die Füße so auf den fremden Boden gepflanzt, als stünde er mit dem Rücken zum Kaminfeuer in seinem Wohnzimmer. Dann begriff Ransom mit einem Schock, daß Weston die grüne Frau fließend in alt-solarischer Sprache anredete. Auf Malakandra hatte er es teils aus Unfähigkeit und mehr noch aus Geringschätzung der Einwohner nur zu einem Radebrechen gebracht. Dies hier war eine unerklärliche und beunruhigende Neuigkeit, und Ransom fühlte, daß er seinen einzigen Vorteil einge- büßt hatte. Er sah sich jetzt dem Unberechenbaren gegenüber. Wenn die Waagschale auf einmal in die- sem Punkt beschwert worden war, was mochte dann als nächstes kommen? Er erwachte aus seinen Überlegungen und fand, daß Weston und die Frau fließend miteinander spra- chen, aber trotzdem Verständigungsschwierigkeiten zu haben schienen. »Es hat keinen Zweck«, sagte sie schließlich. »Du und ich sind nicht alt genug, um miteinander zu, sprechen, wie es scheint. Die See steigt; laß uns zu den Inseln zurückkehren. Kommt er mit uns, Ge- scheckter?« »Wo sind die beiden Fische?« fragte Ransom. »Sie warten in der nächsten Bucht«, sagte die Frau. »Dann also vorwärts«, sagte Ransom zu ihr; und auf ihren fragenden Blick hin fügte er hinzu: »Nein, er kommt nicht mit.« Sie schien sein Drängen nicht zu verstehen, aber ihre Aufmerksamkeit war auf die un- ruhige See gerichtet, und sie hatte ihre eigenen Grün- de zur Eile. Sie stieg schon den Talhang hinauf, be- gleitet von Ransom, als Weston ihm nachrief: »Nein, Sie bleiben hier!« Ransom wandte den Kopf und sah sich mit einem Revolver bedroht. Die jäh in ihm auf- steigende Hitze war das einzige Zeichen, an dem er erkannte, daß er Angst hatte. Sein Kopf blieb klar. »Fangen Sie auch auf dieser Welt damit an, daß Sie einen ihrer Bewohner ermorden?« fragte er. »Was sagst du da?« fragte die Frau, die nun ste- henblieb und mit ruhiger, aber verwunderter Miene auf die beiden Männer zurückblickte. »Bleiben Sie stehen, wo Sie sind, Ransom«, sagte der Professor. »Diese Eingeborene kann gehen, wohin sie will, und je eher desto besser.« Ransom wollte sie bitten, rasch zu fliehen, als ihm klar wurde, daß es keines Drängens bedurfte. Er hatte unvernünftigerweise angenommen, daß sie die Si- tuation verstehen würde, doch anscheinend sah sie nur zwei Fremde über etwas reden, das sie nicht ver- stand – das, und ihre eigene Notwendigkeit, das Festland sofort zu verlassen. »Ihr kommt nicht mit mir, Gescheckter?« fragte sie. »Nein«, sagte Ransom, ohne sich umzuwenden., »Es mag sein, daß wir einander nicht so bald wieder begegnen werden. Grüße den König in meinem Na- men, wenn du ihn findest, und sprich zu Maleldil von mir. Ich bleibe hier.« »Wir werden einander begegnen, wann es Maleldil gefällt«, antwortete sie, »und wenn nicht, so wird uns statt dessen Besseres widerfahren.« Er hörte ihre leichten, sich entfernenden Schritte, dann hörte er sie nicht mehr und wußte, daß er mit Weston allein war. »Sie erlaubten sich eben, das Wort ›Mord‹ zu ge- brauchen, Doktor Ransom«, sagte der Professor, »und zwar im Zusammenhang mit einem unglücklichen Zufall, der sich während unseres Aufenthalts auf Malakandra ereignete. In jedem Fall war die getötete Kreatur kein menschliches Wesen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich die Verführung eines Einge- borenenmädchens für ein beinahe ebenso verfehltes Mittel zur Einführung der Zivilisation auf einem neu- en Planeten halte.« »Verführung?« sagte Ransom. »Ah, ich verstehe. Sie dachten, ich hätte mit ihr geschlafen?« »Das ist meine Folgerung, wenn ich an einem ab- gelegenen Ort einen nackten, zivilisierten Mann eine nackte Eingeborenenfrau umarmen sehe.« »Ich habe sie nicht umarmt«, sagte Ransom dumpf, denn das ganze Geschäft der Verteidigung gegen die- sen lächerlichen Vorwurf erschien ihm in diesem Au- genblick lästig und ermüdend. »Außerdem trägt niemand hier Kleider. Aber was liegt daran? Machen Sie weiter mit dem, was Sie nach Perelandra gebracht hat.« »Sie wollen mich glauben machen, daß Sie mit die- ser Frau unter solchen Bedingungen in einem Zu-, stand geschlechtsloser Unschuld gelebt haben?« »Ach, geschlechtslos!« sagte Ransom angewidert. »Also gut, wenn Sie so wollen. Es beschreibt das Le- ben auf Perelandra vielleicht genauso gut, als ob man sagen würde, jemand hätte das Wasser vergessen, weil der Anblick der Niagarafälle ihn nicht sofort auf die Idee brachte, sie in Teetassen abzufüllen. Aber Sie haben ganz recht, wenn Sie annehmen, daß ich so wenig daran dachte, mit ihr zu schlafen, wie – wie ...« Er fand keinen passenden Vergleich und verstummte. Dann fing er wieder an: »Aber sagen Sie nicht, ich verlangte von Ihnen, es zu glauben, oder irgendwas zu glauben. Ich ersuche Sie lediglich, daß Sie so rasch wie möglich hinter sich bringen, was Sie dieser Welt an Gemetzel und Räuberei zugedacht haben.« Weston betrachtete ihn mit einem sonderbaren Ausdruck; dann steckte er unerwartet seinen Revol- ver wieder ein. »Ransom«, sagte er, »Sie tun mir großes Unrecht.« Mehrere Sekunden lang schwiegen beide. Lange und hohe Brecher mit weißen Gischtkronen rollten jetzt in die Bucht, wie auf der Erde. »Ja«, sagte Weston schließlich, »und ich werde mit einem freimütigen Eingeständnis beginnen. Sie kön- nen nach Belieben Kapital daraus schlagen, das soll mich nicht abschrecken. Ich sage wohlüberlegt, daß ich mich in meiner Konzeption des ganzen interpla- netarischen Systems in mancher Hinsicht irrte, als ich nach Malakandra ging.« Teils aus der Erleichterung, die dem Verschwinden des Revolvers folgte, und teils wegen der Schaustel- lung von Großmut, mit der der berühmte Wissen- schaftler sprach, fühlte Ransom sich zum Lachen ge-, reizt. Aber dann kam ihm der Gedanke, dies sei möglicherweise der erste Anlaß in Westons Leben, daß der Mann zugab, im Unrecht gewesen zu sein, und darum dürfe dieser erste Anflug von Beschei- denheit, der immer noch zu neunundneunzig Prozent Arroganz war, nicht zurückgewiesen werden – jeden- falls nicht von ihm. »Nun, das klingt sehr hübsch«, sagte er. »Aber wie meinen Sie es?« »Ich werde es Ihnen gleich erklären«, sagte Weston. »Aber vorher muß ich meine Sachen an Land brin- gen.« Gemeinsam zogen sie das Schlauchboot hoch auf den Strand und trugen Westons Primuskocher, seine Büchsen und Dosen, sein Zelt und sein übriges Ge- päck zu einer Stelle ungefähr zweihundert Schritte landeinwärts. Obwohl Ransom wußte, daß diese gan- ze Ausrüstung überflüssig war, sagte er nichts, und nach einer halben Stunde hatten sie auf einem moosi- gen Platz unter blaustämmigen, silberblättrigen Bäumen am Ufer eines Rinnsals eine Art Lager aufge- schlagen. Sie setzten sich, und Ransom lauschte zu- erst mit Interesse, dann verblüfft und schließlich un- gläubig. Und während des ganzen darauf folgenden Gesprächs erfüllte Ransom ein Bewußtsein der ver- rückten Bedeutungslosigkeit des Ganzen. Hier waren zwei Menschen auf einer fremden Welt unter den seltsamsten Bedingungen zusammengeworfen; der eine getrennt von seinem Raumschiff, der andere ge- rade erst der Todesdrohung entronnen. War es ver- nünftig und vorstellbar, daß sie sich sofort in ein philosophisches Streitgespräch verstrickten, das ge- nausogut in einem Seminarraum in Cambridge hätte, geführt werden können? Aber es schien, als lege Weston gerade darauf besonderen Wert. Er zeigte kein Interesse für das Schicksal seines Raumschiffs; nicht einmal Ransoms Anwesenheit auf der Venus schien seine Neugier zu reizen. War es möglich, daß der Mann über vierzig Millionen Kilometer zurück- gelegt hatte, um ein Gespräch zu führen? Aber je län- ger Weston redete, desto stärker wurde in Ransom die Überzeugung, einem mit einer fixen Idee Behaf- teten gegenüberzusitzen. Wie ein Schauspieler, der nichts als seine Berühmtheit im Kopf hat, oder ein Liebhaber, der an nichts als die Geliebte denken kann, jagte Weston unermüdlich, mühselig und un- entrinnbar seiner fixen Idee nach. »Die Tragödie meines Lebens«, sagte er, »und zu- gleich auch der ganzen modernen intellektuellen Welt ist die starre Spezialisierung des Wissens im Ge- folge der wachsenden Vielfalt und Kompliziertheit dessen, was bekannt ist. Mein eigener Anteil an dieser Tragödie ist, daß eine frühe Hinneigung zur Physik mich daran hinderte, der Biologie die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, bis ich bereits die Fünfzig überschritten hatte. Um mir selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sollte ich klarmachen, daß das falsche humanistische Ideal vom Wissen als Selbstzweck mir nie etwas bedeutete. Ich wollte immer wissen, um zu nützlichen und an- wendbaren Ergebnissen zu kommen. Zuerst erschien dieses Nützlichkeitsdenken natürlich in einer persön- lichen Form – ich wollte eine akademische Laufbahn, ein Einkommen und jene allgemein anerkannte Posi- tion in der Gesellschaft, ohne die man keinen Einfluß hat. Sobald diese Ziele erreicht waren, begann ich, weiterzublicken: zu den Bedürfnissen der menschli- chen Rasse!« Er machte eine Pause, und Ransom ermunterte ihn mit einem Nicken zum Weitersprechen. »Das Gedeihen der menschlichen Rasse«, fuhr Weston fort, »hängt langfristig von der Möglichkeit interplanetarischer und sogar interstellarer Verkehrs- verbindungen ab. Dieses Problem darf als gelöst gel- ten. Der Schlüssel zum Schicksal der Menschheit wurde in meine Hände gelegt. Es ist unnötig und schmerzhaft für uns beide, Sie daran zu erinnern, wie er mir auf Malakandra von einem Mitglied einer feindlichen intelligenten Spezies entrissen wurde, de- ren Existenz ich zugegebenermaßen nicht vorausge- sehen hatte.« »Nicht eigentlich feindlich«, sagte Ransom, »aber sprechen Sie weiter.« »Die Härten unserer Rückreise von Malakandra führten bei mir zu einem schweren gesundheitlichen Zusammenbruch ...« »Bei mir auch«, sagte Ransom. Weston schaute einen Augenblick lang überrascht auf, dann fuhr er fort: »Während meiner Rekonvales- zenz hatte ich die Muße zum Nachdenken, die ich mir seit vielen Jahren versagt hatte. Insbesondere dachte ich über die Einwände nach, die Sie gegen die Liquidation der nichtmenschlichen Bewohner Mala- kandras erhoben hatten, die natürlich die notwendige Voraussetzung zur Besiedelung des Planeten durch unsere eigene Art ist. Die traditionelle und, wenn ich so sagen darf, humanitäre Form, in der Sie diese Ein- wände vortrugen, hatte mich bis dahin über Ihre wahre Kraft getäuscht. Diese Kraft begann ich nun zu, verstehen. Ich sah, daß meine ausschließlich am Wohlergehen der Menschheit orientierte Einstellung auf einem unbewußten Dualismus beruhte.« »Wie meinen Sie das?« »Ich meine, daß ich mein Leben lang einen völlig unwissenschaftlichen Gegensatz zwischen Mensch und Natur vertreten hatte; ich hatte mich selbst als einen Kämpfer für die Menschheit und gegen die nichtmenschliche Umwelt gesehen. Während meiner Krankheit beschäftigte ich mich mit Biologie und be- sonders mit dem Zweig, den man biologische Philo- sophie bezeichnen könnte. Bis dahin hatte ich mich als Physiker damit zufriedengegeben, das Leben als einen Gegenstand außerhalb meines Fachbereichs an- zusehen. Die einander widersprechenden Ansichten jener, die eine scharfe Trennungslinie zwischen dem Organischen und dem Anorganischen ziehen und je- nen, die behaupten, daß das Leben in unserem Sinne von Anfang an in der Materie inhärent sei, hatten mich nicht interessiert. Das war jetzt anders. Ich sah sofort, daß ich in der Entfaltung des kosmischen Pro- zesses keinen Bruch, keine Diskontinuität zulassen konnte. Ich wurde ein überzeugter Anhänger der Evolution. Alles ist eins. Der Stoff, aus dem das Ge- hirn gemacht ist, die unbewußt zweckbestimmte Dy- namik, ist von Anfang an vorhanden.« Er hielt inne. Ransom hatte dergleichen schon frü- her oft gehört und fragte sich, wann sein Gefährte zur Sache kommen würde. Als Weston den Faden wieder aufnahm, geschah es in einem beinahe feierlichen Ton. »Das majestätische Schauspiel dieser blinden, un- artikulierten Zielstrebigkeit, die sich in einer endlosen, Einheit differenzierter Leistungen und Errungen- schaften zu immer höheren Ebenen komplexer Orga- nisation bis hinauf zu Spontaneität und Geistigkeit emporarbeitet, fegte meine alte Konzeption von einer Pflicht des einzelnen gegenüber der Menschheit hin- weg. Der Mensch an sich ist nichts. Die Vorwärtsbe- wegung des Lebens – die wachsende Geistigkeit – ist alles. Ich sage Ihnen ganz offen, Ransom, daß es falsch gewesen wäre, hätte ich die Malakandrier li- quidiert. Ein bloßes Vorurteil ließ mich unsere eigene Rasse der ihren vorziehen. Die Verbreitung von Gei- stigkeit, nicht die Verbreitung der menschlichen Rasse, ist hinfort meine Mission. Das soll der Schluß- stein meiner Karriere sein. Zuerst arbeitete ich für mich selbst; dann für die Wissenschaft; dann für die Menschheit; aber nun endlich für den Geist – für den Heiligen Geist, könnte ich sagen, um eine Aus- drucksweise zu gebrauchen, die Ihnen vertrauter sein wird.« »Nun, was meinen Sie damit genau?« fragte Ran- som. »Ich meine«, sagte Weston, »daß uns jetzt außer ei- nigen fadenscheinigen theologischen Spitzfindigkei- ten, von denen die organisierte Religion sich un- glücklicherweise hat verkrusten lassen, nichts mehr trennt. Und ich habe diese Kruste durchstoßen. Der darunter verborgene Sinn ist so wahr und lebendig wie je. Wenn Sie entschuldigen wollen, daß ich es so ausdrücke: die Grundwahrheit religiöser Lebensan- schauung findet einen beredten Zeugen in der Tatsa- che, daß sie Sie auf Malakandra befähigte, auf Ihre mystische und fantasievolle Art eine Wahrheit zu er- fassen, die mir verborgen geblieben war.«, »Ich weiß nicht viel über das, was manche Leute religiöse Lebensanschauung nennen«, sagte Ransom stirnrunzelnd. »Sehen Sie, ich bin Christ. Und was wir unter dem Heiligen Geist verstehen, ist eben kei- ne blinde, unartikulierte Zielstrebigkeit.« »Mein lieber Ransom«, sagte Weston, »ich verstehe Sie vollkommen. Es ist mir klar, daß meine Aus- drucksweise Ihnen seltsam und vielleicht sogar schockierend erscheinen muß. Frühe und Ihnen teure Gedankenverbindungen mögen Ihnen unmöglich gemacht haben, in dieser neuen Gestalt dieselben Wahrheiten wiederzuerkennen, die die Religion so lange bewahrt hat und die nun endlich von der Wis- senschaft wiederentdeckt werden. Aber ob Sie es se- hen können oder nicht, glauben Sie mir, wir sprechen genau von derselben Sache.« »Davon bin ich nicht ganz überzeugt.« »Das, wenn Sie gestatten, ist eine der echten Schwächen organisierter Religion – dieses Festkleben an Formeln und Doktrinen, diese Unfähigkeit, die ei- genen Freunde zu erkennen. Gott ist ein Geist, Ran- som. Vergegenwärtigen Sie sich das. Sie sind bereits damit vertraut. Halten Sie daran fest. Gott ist ein Geist.« »Nun, natürlich. Aber was dann?« »Was dann? Wieso, Geist – Vernunft – Freiheit – Selbstbestimmung – von nichts anderem spreche ich. Das ist das Entwicklungsziel, dem der gesamte kos- mische Prozeß entgegenstrebt. Die endgültige Durch- setzung dieser Freiheit, dieser Geistigkeit ist die Auf- gabe, der ich mein eigenes Leben und das der Menschheit widme. Das Ziel, Ransom, das Ziel: be- denken Sie! Der reine Geist: der endgültige Höhe-, punkt selbstdenkerischer, selbstschöpferischer Akti- vität.« »Ziel?« sagte Ransom. »Sie meinen, reinen Geist gebe es noch nicht?« »Ach so«, sagte Weston, »ich sehe, was Sie stört. Natürlich. Die Religion stellt ihn als etwas von An- fang an Dagewesenes dar. Aber das ist doch sicher- lich kein fundamentaler Unterschied, nicht wahr? Es zu einem zu machen, hieße die Zeit zu ernst nehmen. Ist der reine Geist erst einmal erreicht, so könnten Sie sagen, er sei genauso von Anfang dagewesen wie er am Ende stehe. Zeit ist etwas, über das der Geist hin- ausgeht.« »Sagen Sie«, wandte Ransom ein, »ist er in irgend- einem Sinne persönlich – ist er lebendig?« Ein schwer zu beschreibender Ausdruck komischer Verzweiflung ging über Westons Gesicht. Er rückte ein wenig näher zu Ransom und fuhr mit leiserer Stimme fort: »Eben das ist es, was keiner von Ihnen versteht«, sagte er. Es hatte so viel vom vertraulichen Raunen eines Gangsters oder eines Schuljungen und so wenig von seinem gewohnten volltönenden Vor- tragsstil, daß Ransom momentan mit Widerwillen reagierte. »Ja«, sagte Weston, »bis vor kurzem hätte ich es selbst nicht glauben können. Natürlich ist der Geist keine Person. Anthropomorphismus ist eine von den Kinderkrankheiten volkstümlicher Religion« (hier fand er zu seiner dozierenden Redeweise zurück), »aber das andere Extrem übersteigerter Abstraktion hat sich insgesamt vielleicht als noch verhängnisvol- ler erwiesen. Nennen wir es eine Kraft. Eine gewalti- ge, unergründliche Kraft, die aus den dunklen Ur-, gründen des Seins in uns einströmt. Eine Kraft, die ihre Werkzeuge auswählen kann. Erst kürzlich habe ich aus eigener Erfahrung etwas gelernt, das Sie, Ran- som, als Teil Ihrer Religion Ihr Leben lang geglaubt haben.« An dieser Stelle fiel er plötzlich wieder in sein Raunen zurück – ein krächzendes Flüstern, das seiner gewohnten Stimme ganz unähnlich war. »Geleitet«, sagte er bedeutungsvoll. »Auserwählt. Geführt. Mir ist bewußt geworden, daß ich ein be- sonderer Mensch bin, ein Abgesonderter. Warum ha- be ich mich mit Physik beschäftigt? Warum entdeckte ich die Weston-Strahlen? Warum ging ich nach Mala- kandra? Es – die Kraft – hat mich die ganze Zeit vor- wärtsgetrieben. Ich werde geführt. Ich weiß jetzt, daß ich der größte Wissenschaftler bin, den die Welt bis- her hervorgebracht hat. Ich bin zu einem Zweck so gemacht worden. Durch meine Person verfolgt der Geist in dieser Zeit sein Ziel.« »Wissen Sie«, sagte Ransom, »mit solchen Sachen sollte man vorsichtig sein. Es gibt Geister und Geister, wenn Sie verstehen, was ich meine.« »Eh?« sagte Weston. »Wovon reden Sie?« »Ich meine, etwas könnte ein Geist sein, aber nicht einer, der gut für Sie ist.« »Aber ich dachte, Sie stimmten mir darin zu, daß der Geist das Gute ist – der Endpunkt des ganzen Prozesses? Ich dachte, für euch religiöse Leute wäre Geistigkeit das Höchste? Was ist der Sinn der Askese – des Fastens, der Ehelosigkeit und dieser Dinge? Waren wir uns nicht einig, daß Gott ein Geist ist? Verehren Sie ihn nicht, weil er reiner Geist ist?« »Lieber Himmel, nein! Wir verehren Ihn, weil Er weise und gut ist. Ein Geist zu sein, ist nicht schon, etwas Großartiges an sich. Der Teufel ist auch ein Geist.« »Ihre Erwähnung des Teufels ist sehr interessant«, sagte Weston, nun wieder ganz er selbst. »Diese Ten- denz, zu spalten und Paare von Gegensätzen zu bil- den, ist ein hochinteressanter Aspekt vieler volks- tümlicher Religionen: Himmel und Hölle, Gott und Teufel. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß diese dualistischen Vorstellungen meiner Ansicht nach ohne Substanz sind. Ich bin der Meinung, man muß solche Gegensatzpaare als reine Mythologie be- trachten. Der Grund für diese universale religiöse Tendenz muß in viel tieferen Schichten gesucht wer- den. Die Doubletten sind tatsächlich Bildnisse des Geistes, Darstellungen kosmischer Energie – genau- genommen Selbstbildnisse, denn die Lebenskraft selbst hat sie unseren Gehirnen eingeprägt.« »Was in aller Welt meinen Sie damit?« sagte Ran- som. Er erhob sich und begann auf und ab zu gehen. Eine erschreckende Erschöpfung und ein tiefes Un- behagen waren fast gleichzeitig über ihn gekommen. »Ihr Teufel und Ihr Gott«, sagte Weston, »sind bei- de Abbilder der gleichen Kraft. Ihr Himmel ist ein Bild der vollkommenen Geistigkeit, die uns erwartet; Ihre Hölle ein Bild des Drangs, der uns von hinten antreibt. Daher der statische Friede des einen und das Feuer und die Dunkelheit der anderen. Das nächste Stadium der Evolution, die uns einladend vorwärts- winkt, ist Gott; das überwundene Stadium hinter uns, das uns ausgestoßen hat, ist der Teufel. Ihre eigene Religion geht schließlich davon aus, daß die Teufel gefallene Engel seien.« »Und soweit ich sehen kann, sagen Sie genau das, Gegenteil – daß die Engel zur Welt emporgestiegene Teufel seien.« »Es läuft auf das gleiche hinaus«, sagte Weston. Wieder entstand eine Pause. »Sehen Sie«, sagte Ransom, »in einem solchen Punkt kann man sich leicht mißverstehen. Was Sie sagen, hört sich für mich wie der schrecklichste Fehler an, auf den ein Mensch verfallen kann. Aber das mag daran liegen, daß Sie in dem Bestreben, sich meinen mutmaßlichen ›religiö- sen Ansichten‹ anzupassen, viel mehr sagen als Sie meinen. Was Sie da über Geister und Kräfte sagen, ist nur eine Metapher, nicht wahr? Ich nehme an, Sie hatten im Grunde nur sagen wollen, daß Sie es für Ih- re Pflicht halten, für die Verbreitung der Kultur und des Wissens und dieser Dinge zu arbeiten.« Er ver- suchte die unwillkürliche Angst, die er auf einmal fühlte, aus seiner Stimme herauszuhalten. Im näch- sten Augenblick zuckte er erschrocken zusammen, verstört von dem kakelnden Gelächter, mit dem Weston antwortete. »Da haben wir es wieder!« rief er. »Ihr religiösen Leute seid alle gleich. Ihr redet und redet euer ganzes Leben über diese Dinge, und wenn ihr dann der Wirklichkeit gegenübergestellt werdet, kriegt ihr es mit der Angst.« »Welchen Beweis haben Sie dafür«, sagte Ransom, der sich tatsächlich fürchtete, »daß Sie von etwas mehr als nur Ihrem eigenen Geist und anderer Leute Bücher angeleitet und unterstützt werden?« »Es scheint Ihnen entgangen zu sein, mein lieber Ransom«, sagte Weston, »daß meine Kenntnisse der extraterrestrischen Sprache sich ein wenig vervoll- kommnet haben, seit wir uns das letzte Mal sahen. Sie, sind doch Philologe, wie man hört.« Ransom erschrak. »Wie haben Sie das geschafft?« platzte er heraus. »Führung, mein Lieber, Führung«, krähte Weston. Er saß mit angezogenen Knien auf den Wurzeln eines Baums, und sein teigiges Gesicht zeigte ein starres und etwas verzerrtes Lächeln. »Führung. Gedanken kommen mir in den Sinn. Ich werde die ganze Zeit vorbereitet und zu einem geeigneten Empfänger da- für gemacht.« »Das sollte ziemlich einfach sein«, sagte Ransom ungeduldig. »Wenn diese Lebenskraft etwas so Zweideutiges ist, daß Gott und der Teufel gleich gute Abbilder davon sind, dann ist wahrscheinlich auch jeder Empfänger gleich gut geeignet, und alles, was Sie tun können, ist ein Ausdruck von ihr.« »Es gibt so etwas wie die Hauptströmung«, sagte Weston. »Es kommt darauf an, sich in ihren Dienst zu stellen, sich zum Transmissionsriemen des lebenden, feurigen, zentralen Anliegens zu machen, die Hand zu sein, die sich vorwärtsstreckt.« »Aber ich dachte, diese vorwärtsdrängende An- triebskraft sei der höllische Aspekt.« »Das ist das fundamentale Paradoxon. Das, was wir vorwärtsstrebend zu erreichen trachten, ist das, was Sie Gott nennen. Aber das Vorwärtsstreben an sich, die Dynamik, ist das, was Leute wie Sie immer den Teufel nennen. Menschen wie ich, die dieses Vorwärtsstreben verkörpern, sind immer Märtyrer. Ihr schmäht uns, aber durch uns erreicht ihr euer Ziel.« »Bedeutet das in einfacherer Sprache, daß die Kraft Ihnen Taten abverlangt, die gewöhnliche Leute teuf-, lisch nennen würden?« »Mein lieber Ransom, ich wünschte, Sie würden sich nicht ständig auf das Niveau des volkstümlichen Kinderglaubens begeben. Beides sind nur Aspekte der einen, einzigartigen Realität. Die geistige Ent- wicklung unseres Zeitalters und der Fortschritt der Welt vollziehen sich durch große Männer, und Größe setzt sich immer über bloße Moralismen hinweg. Wenn die Entwicklung weiter fortgeschritten ist, wird unser ›Teuflisches‹, wie Sie es nennen würden, die Moral der nächsten Epoche sein; aber während wir sie vorbereiten, schimpft man uns Verbrecher, Ketzer und Gotteslästerer ...« »Wie weit geht das? Würden Sie auch dann dieser Lebenskraft gehorchen, wenn sie Sie drängte, mich zu ermorden?« »Ja.« »Oder England den Deutschen zu verkaufen?« »Ja.« »Oder in einer wissenschaftlichen Zeitschrift Lügen als seriöse Forschungsergebnisse drucken zu lassen?« »Ja.« »Gott helfe Ihnen!« sagte Ransom. »Sie sind immer noch Ihren Konventionen verhaf- tet«, sagte Weston, »ergehen sich noch immer in Ab- straktionen. Können Sie sich nicht einmal vorstellen, daß es ein totales Engagement gibt – ein Engagement für etwas, das alle unsere kleinlichen ethischen Kon- struktionen über den Haufen wirft?« Ransom griff nach dem Strohhalm. »Warten Sie«, sagte er unvermittelt. »Das könnte ein Berührungs- punkt sein. Sie sagen, es sei ein totales Engagement. Das heißt, Sie sind zur Selbstaufgabe bereit. Sie sind, nicht auf Ihren eigenen Vorteil aus. Nein, warten Sie einen Moment. Dies ist der Berührungspunkt zwi- schen Ihrer Moral und der meinen. Wir anerkennen beide ...« »Idiot!« sagte Weston ärgerlich. Er stand auf. »Idi- ot«, wiederholte er. »Können Sie nichts verstehen? Müssen Sie immer alles in den jämmerlichen Rahmen Ihres Katechismusjargons von Selbstaufopferung und dergleichen pressen? Das ist der verfluchte alte Dua- lismus in anderer Form. Konkret gedacht, gibt es zwi- schen mir und dem Universum keine mögliche Un- terscheidung. Soweit ich der Führer des zentralen Vorwärtsdrängens des Universums bin, bin ich das Universum. Sehen Sie, was ich meine, Sie ängstlicher, pedantischer Kleinigkeitskrämer? Ich bin das Univer- sum. Ich, Weston, bin Ihr Gott und Ihr Teufel. Ich rufe diese Kraft ganz in mich hinein ...« Dann geschah Schreckliches. Ein Krampf, wie er einem tödlichen Erbrechen vorausgeht, verzerrte Westons Gesicht bis zur Unkenntlichkeit. Als er ver- gangen war, kam für kurze Zeit etwas vom alten Weston wieder zum Vorschein, starrte ihn mit Ent- setzen in den Augen an und heulte: »Ransom, Ran- som! Um Himmels willen, lassen Sie sie nicht ...«, und im nächsten Moment taumelte sein Körper wie von einer Kugel getroffen herum und stürzte zu Boden. Dann wälzte er sich vor Ransoms Füßen, Schaum vor dem Mund und riß ganze Händevoll Moos und Gras aus. Allmählich ließen die Krämpfe nach. Er lag still und atmete schwer, und seine Augen waren offen, doch ohne Ausdruck. Ransom kniete neben ihm nie- der. Es war offensichtlich, daß Weston lebte, und Ransom fragte sich hilflos, ob er es mit einem Schlag-, anfall oder mit Epilepsie zu tun hatte, denn er hatte weder das eine noch das andere je erlebt. Er wühlte im Gepäck und fand eine Flasche Branntwein, die er entkorkte und dem Patienten zwischen die Lippen schob. Zu seiner Bestürzung öffnete der Mann den Mund, schloß dann die Zähne um den Flaschenhals und biß ihn glatt durch. Kein Glas wurde ausge- spuckt. »O Gott, ich habe ihn umgebracht!« murmelte Ransom entgeistert. Aber bis auf ein wenig Blut an der Unterlippe blieb Westons Aussehen unverändert. Das Gesicht deutete darauf hin, daß er entweder schmerzfrei war oder Schmerzen durchlitt, die über alles menschliche Begreifen gingen. Schließlich stand Ransom auf, aber vorher zog er den Revolver aus Westons Hosenbund. Dann ging er hinunter zum Strand und warf die Waffe ins Meer, so weit er konnte. Er blieb eine Zeitlang dort am Ufer stehen, blickte über die Bucht hinaus und war unschlüssig, was er tun sollte. Endlich wandte er sich um und erstieg den grasbewachsenen Ausläufer, der das kleine Tal zu seiner Linken begrenzte. Oben angelangt, sah er sich auf einer ziemlich ebenen Fläche mit einem guten Ausblick über die See, die jetzt hoch ging und ihre golden reflektierende Glätte gegen ein ständig wech- selndes Muster von Licht und Schatten auf grünem, gischtgestreiftem Hintergrund vertauscht hatte. An- fangs konnte er die Inseln nicht sehen; dann erschie- nen plötzlich ihre Baumwipfel, schienen hoch am Himmel zu stehen und waren weit voneinander ent- fernt. Das stürmische Wetter trieb sie offenbar aus- einander, und ehe er diesen Gedanken zu Ende ge- dacht hatte, verschwanden sie wieder in irgendeinem, ungesehenen Wellental. Er überlegte, wie groß seine Aussichten sein mochten, die schwimmenden Inseln jemals wiederzufinden, und ein Gefühl von Einsam- keit und zorniger Frustration erfüllte ihn. Ob Weston starb oder am Leben blieb, er war mit ihm zusammen auf einer Insel gefangen, die sie nicht verlassen konnten; und welches war dann die Gefahr, die von Perelandra abzuwenden er geschickt worden war? Und nun, da er begonnen hatte, an sich selbst zu denken, merkte er, daß er hungrig war. Er hatte auf der festen Insel keine Früchte gesehen. Vielleicht war es eine Todesfalle. Er lächelte bitter über die Dumm- heit, mit der er an diesem Morgen so freudig diese schwimmenden Paradiese, wo jeder Baum köstliche Früchte trug, gegen einen öden Felsklotz eingetauscht hatte. Aber vielleicht war er nicht völlig unfruchtbar. Trotz wachsender Müdigkeit entschlossen, auf Nah- rungssuche zu gehen, wandte er sich landeinwärts, aber er war noch nicht weit gegangen, als ihn die ra- schen Veränderungen der Farben, die auf jener Welt das Kommen der Nacht ankündigen, einzuholen be- gannen. Unnötigerweise beschleunigte er seinen Schritt. Bevor er den Talboden erreicht hatte, war die Baumgruppe, wo er Weston zurückgelassen hatte, nur noch eine dunkle Wolke in der sich rasch vertie- fenden Dämmerung. Und noch ehe er sie erreicht hatte, umgab ihn undurchdringliche Dunkelheit. Sei- ne Bemühungen, sich zu der Stelle zu tasten, wo Westons Vorräte lagen, dienten nur dazu, seinen Richtungssinn vollends zu verwirren. Da ihm nichts anderes übrigblieb, setzte er sich auf den Boden, wo er stand. Wiederholt rief er laut Westons Namen, doch wie er erwartet hatte, blieb eine Antwort aus., Jedenfalls bin ich froh, daß ich ihm die Waffe abge- nommen habe, dachte Ransom, und dann: nun, wer schläft, braucht nicht zu essen, und ich muß bis zum Morgen das Beste daraus machen. Als er sich aus- streckte, machte er die Erfahrung, daß die steinige Erde und das Gras des Festlandes eine sehr viel we- niger bequeme Lagerstatt abgaben als die Oberflä- chen, an die er sich in letzter Zeit gewöhnt hatte. Dies und der Gedanke an den anderen Menschen, der mit offenen Augen und zersplittertem Glas zwischen den Zähnen in seiner Nähe liegen mußte, sowie das dumpfe, eintönige Schlagen der Brecher gegen die Küste sorgten für eine unbequeme, unruhige Nacht. »Wenn ich auf Perelandra lebte«, murmelte er ver- drießlich, »brauchte Maleldil diese Insel nicht zu ver- bieten. Ich wollte, ich hätte sie nie gesehen.«, Nach unerquicklichem, von wirren Träumen geplag- tem Schlaf erwachte er in vollem Tageslicht. Sein Mund war trocken, sein Genick steif, und alle Glieder schmerzten. Es war seinem früheren Erwachen auf der Venuswelt so unähnlich, daß er sich für einen Augenblick wieder auf der Erde glaubte; und der Traum (denn so schien es ihm), auf den Ozeanen des Abendsterns gelebt zu haben, zog mit einem Gefühl verlorener Süßigkeit, das beinahe unerträglich war, durch seine Erinnerung. Dann saß er aufrecht, und die Wirklichkeit brach wieder über ihn herein. Hun- ger und Durst wurden sofort seine beherrschenden Empfindungen, aber er hielt für seine Pflicht, sich zu- erst um den Kranken zu kümmern – wenn auch ohne viel Hoffnung, helfen zu können. Er blickte umher. Da war die Baumgruppe mit dem silbrigen Laub, aber er konnte Weston nicht sehen. Er blickte zum Strand, und auch das Schlauchboot war verschwun- den. In der Annahme, daß er in der Dunkelheit ins falsche Tal abgestiegen sei, stand er auf und ging zu dem kleinen Bach, um zu trinken. Als er sein Gesicht mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung vom Was- ser hob, fiel sein Blick auf eine kleine Kiste – und dann auf ein paar Konservendosen dahinter. Sein Gehirn arbeitete schwerfällig, und so dauerte es eine Weile, bis ihm klar wurde, daß er sich doch im richti- gen Tal befand, und weitere Sekunden vergingen, bis er aus der Tatsache, daß die Kiste offen und leer war und daß ein Teil der Vorräte fehlte, während anderes noch dalag, die logischen Schlüsse zog. Aber war es, möglich, daß ein Mann in Westons körperlicher Ver- fassung sich während der Nacht hinreichend erholt haben konnte, um das Lager abzubrechen und mit Gepäck beladen fortzugehen? Konnte es sein, daß Weston sich in seinem Zustand mit dem Schlauch- boot auf die stürmische See hinausgewagt hatte? Zwar schien der Sturm (der für perelandrische Ver- hältnisse nur ein böiger Wind gewesen war) während der Nacht abgeflaut zu sein, aber die Dünung ging noch immer hoch, und es erschien ihm ausgeschlos- sen, daß der Professor die Insel verlassen haben konnte. Sehr viel wahrscheinlicher war, daß er das Tal zu Fuß verlassen und das zusammengelegte Schlauchboot mitgenommen hatte. Ransom ent- schied, daß er Weston sofort suchen müsse; er mußte mit seinem Feind in Verbindung bleiben. Denn wenn Weston sich erholt hatte, führte er zweifellos Böses im Schilde. Ransom war keineswegs sicher, ob er Wes- tons wilde und fantastische Reden vom vergangenen Tag ganz verstanden hatte; aber was er davon ver- standen hatte, gefiel ihm ganz und gar nicht, und er argwöhnte, daß dieser unbestimmte Mystizismus über ›Geistigkeit‹ sich als etwas noch Schlimmeres erweisen werde als sein altes und vergleichsweise einfaches Programm eines planetarischen Imperia- lismus. Es wäre sicherlich unlauter gewesen, ernst zu nehmen, was Weston unmittelbar vor seinem Anfall gesagt hatte; aber es gab genug anderes. Während der nächsten Stunden durchsuchte Ran- som die Insel nach Nahrung und nach Weston. Die Nahrungssuche wurde belohnt. Auf den oberen Hängen gediehen große Mengen heidelbeerähnlicher Früchte, und in den bewaldeten Tälern gab es ovale, Nüsse im Überfluß. Der Kern war von zäher, weicher Beschaffenheit, etwa wie Kork, und der Geschmack, wenngleich einigermaßen herb und nüchtern, vergli- chen mit den Früchten der schwimmenden Inseln, war nicht unangenehm. Die Riesenmäuse waren zahm wie andere perelandrische Tiere, schienen je- doch stumpfsinniger. Ransom stieg bis zu der zen- tralen kleinen Hochfläche auf, die von den Felstür- men umgeben war. Die See war in jeder Richtung mit Inseln gesprenkelt, die mit der Dünung stiegen und sanken, und alle waren voneinander durch weite Wasserflächen getrennt. Er machte sofort eine Insel mit auffallenden Orangetönen aus, aber er wußte nicht, ob es diejenige war, auf der er gelebt hatte, denn er sah wenigstens zwei andere, auf denen die gleiche Farbe vorherrschte. Nach dem ersten Rund- gang hatte er insgesamt dreiundzwanzig schwim- mende Inseln gezählt. Das, dachte er, waren mehr als der kurzlebige Archipel enthalten hatte, und weckte die Hoffnung, daß eine der neu angetriebenen Inseln den König beherbergte – oder daß der König in die- sem Augenblick wieder mit der grünen Frau vereint sein mochte. Ohne es gründlich bedacht zu haben, war er dazu gekommen, beinahe all seine Hoffnun- gen auf den König zu setzen. Von Weston konnte er keine Spur finden. Trotz al- ler Unwahrscheinlichkeit schien es ihm irgendwie gelungen zu sein, die feste Insel zu verlassen, und Ransoms Unruhe war groß. Er hatte keine Ahnung, was Weston unternehmen würde; das Beste, was sich erhoffen ließ, war, daß er den Herrn und die Herrin von Perelandra als ›Wilde‹ oder ›Eingeborene‹ igno- rieren würde., Am Nachmittag kehrte er zur Küste zurück und setzte sich, ermüdet von der Suche, an den Strand. Der Seegang hatte weiter nachgelassen, und bevor die Wellen brachen, waren sie weniger als kniehoch. Sei- ne Füße, verwöhnt von der elastischen Oberfläche der schwimmenden Inseln, waren wund und schmerzten, und er beschloß sie durch Waten zu erfrischen. Die angenehme Kühle des Wassers lockte ihn hinaus, bis er brusttief im Wasser stand. Als er sich so von den Wellen umspülen ließ und seinen Gedanken nach- hing, sah er plötzlich, daß das, was er für eine Licht- spiegelung auf dem Wasser gehalten hatte, tatsäch- lich der Rücken eines der großen, silbrigen Fische war. Sofort stellte er sich die Frage, ob das Tier ihn wohl auf sich reiten ließe; und als er bemerkte, daß der Fisch sich ihm näherte und ihn zu umkreisen be- gann, schoß es ihm wie eine Eingebung durch den Sinn, daß das Tier geschickt sein könnte. Der Gedan- ke hatte sich kaum in ihm festgesetzt, als er beschloß, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Er legte die Hand auf den Rücken des Fisches, und das Tier scheute nicht unter der Berührung. Dann kletterte er mit einiger Mühe auf den schmalen Rückenteil hinter dem breiten Kopf, und während er dies tat, verhielt der Fisch sich ganz ruhig; aber sobald Ransom fest im Sattel saß, drehte er um und schwamm hinaus auf die offene See. Hätte er umkehren wollen, so wäre es bald un- möglich gewesen. Schon hatte der Zentralberg der In- sel seinen grünen Gipfel vom Himmel zurückgezo- gen, und die Küste verbarg ihre Buchten und Vorge- birge hinter graublauem Dunst. Viele schwimmende Inseln waren sichtbar, obgleich sie aus dieser Ebene, nur ihre gefiederten Silhouetten zeigten. Aber der Fisch schien keine von ihnen anzusteuern. Länger als eine Stunde trug er Ransom in gerader Linie durch das Meer, als wisse er genau, welchen Kurs er zu ver- folgen hatte. Dann versank die Welt in grünen und purpurnen Farbtönen, und danach herrschte Dunkel- heit. Irgendwie verspürte Ransom kaum ein Unbeha- gen, als er in schwarzer Nacht rasch die niedrigen Wasserhügel der Dünung aufwärts- und abwärtsglitt. Und die Nacht hier draußen war nicht völlig schwarz. Der Himmel und die Meeresoberfläche wa- ren zwar unsichtbar, aber weit unter ihm, im Herzen der Leere, durch die er zu reisen schien, erschienen seltsame, platzende Sterne und sich windende Strei- fen bläulich-grünen Lichts. Anfangs waren sie sehr weit entfernt, doch bald kamen sie näher. Eine ganze Welt phosphoreszierender Lebewesen schien nicht weit unter der Oberfläche zu spielen – schlängelnde Aale und hin und her schießende gepanzerte Tiere, und dann fantastisch geformte Gestalten, mit denen verglichen die Seepferdchen unserer Meere alltäglich ausgesehen hätten. Sie umgaben ihn auf allen Seiten – zuweilen waren zwanzig oder dreißig von ihnen gleichzeitig in Sicht. Und zwischen diesem Durchein- ander von Meereskentauren und Seedrachen sah er noch fremdartigere Gebilde: Fische, wenn es welche waren, deren Vorderpartien so menschenähnlich wa- ren, daß er beim ersten Anblick glaubte, er träume, und sich schüttelte, um wach zu werden. Aber es war kein Traum. Da – und dort wieder – es war unver- kennbar: bald eine Schulter, bald ein Profil, und dann für die Dauer einer Sekunde ein ganzes Gesicht:, wirkliche Meermänner und Seejungfrauen. Ihre Men- schenähnlichkeit war tatsächlich größer und nicht ge- ringer als er zuerst angenommen hatte. Was ihn für einen Moment darüber getäuscht hatte, war das völ- lige Fehlen eines menschlichen Gesichtsausdrucks. Dennoch waren die Gesichter nicht idiotisch; sie wa- ren nicht einmal brutale Parodien des Menschen wie diejenigen unserer irdischen Affen. Sie waren mehr wie schlafende menschliche Gesichter, oder Gesich- ter, in denen das Menschliche schlief, während ir- gendein anderes Leben, weder tierisch noch diabo- lisch, sondern mehr elfenhaft, gleichgültig wachte. Ransom erinnerte sich seiner früheren Vermutung, daß das, was auf einer Welt ein Mythos war, viel- leicht auf einer anderen Wirklichkeit sein könne. Er fragte sich auch, ob der König und die Königin von Perelandra, wenngleich ohne Zweifel das erste menschliche Paar auf diesem Planeten, physisch von Meeresbewohnern abstammen mochten. Und wenn es sich so verhielt, als was waren dann die men- schenähnlichen Lebewesen zu betrachten, die auf un- serer Welt vor dem Menschen dagewesen waren? Waren sie wirklich die sehnsüchtig-stumpfen Rohlin- ge gewesen, deren Bilder wir in populärwissen- schaftlichen Büchern über Evolution und die Frühzeit des Menschen sehen? Oder waren die alten Mythen wahrer als die modernen Mythen? Hatte es wirklich eine Zeit gegeben, da Satyrn in den Wäldern Italiens getanzt hatten? Doch an diesem Punkt angelangt, verdrängte er die Spekulationen aus seinem Bewußt- sein, um des bloßen Vergnügens willen, die Düfte einzuatmen, die ihm nun aus der Schwärze voraus entgegenwehten. Warm und süß waren sie, und mit, jedem Augenblick wurden sie stärker und köstlicher. Er wußte gut, was sie anzeigten. Sie waren der nächt- liche Atemhauch einer schwimmenden Insel. Es war seltsam, Heimweh nach einem Ort zu fühlen, wo sein Aufenthalt so kurz gewesen war und der nach allen objektiven Maßstäben dem Menschen so fremd sein mußte. Aber war das wirklich so? Das Band der Sehnsucht, das ihn zu der unsichtbaren Insel zog, schien ihn schon lange vor seiner Reise nach Pere- landra gefesselt zu haben, lange vor den frühesten Zeiten seiner Kindheit, die in seiner Erinnerung fort- lebten, lange vor seiner Geburt und vor der Geburt der Menschheit, vor dem Ursprung der Zeit. Der Duft war zugleich scharf und süß, wild und heilig, und in jeder Welt, wo die Nerven des Menschen aufgehört haben, Sklaven ihres zentralen Verlangens zu sein, würde er zweifellos als ein Aphrodisiakum gewirkt haben, nicht jedoch auf Perelandra. Der Fisch be- wegte sich nicht mehr vorwärts. Ransom streckte die Hände aus und tastete umher, berührte Blasentang und verflochtenes Wurzelwerk. Vorsichtig kroch er über den Kopf des Riesenfisches nach vorn und zog sich auf die sanft bewegte Oberfläche der Insel. So kurz seine Abwesenheit von den schwimmenden In- seln gewesen war, seine irdischen Gehgewohnheiten hatten sich schon wieder durchgesetzt, und er fiel ein paarmal hin, während er in der Finsternis über den schwankenden, federnden Boden landeinwärts tappte. Aber es tat nicht weh, wenn man hier fiel. Bald waren in der Dunkelheit ringsum Bäume, und als seine Finger einen glatten, kühlen, runden Gegen- stand ertasteten, riß er ihn ab und führte ihn ohne zu zögern an die Lippen. Es war keine von den Fruchten,, die er bereits kannte, und sie war besser als alle diese anderen. Die grüne Frau konnte mit Recht von ihrer Welt sagen, die Frucht, die man gerade esse, sei je- weils die beste. Ermüdet von den Anstrengungen des Tages und von tiefer Zufriedenheit träge, sank er in traumlosen Schlaf. Beim Erwachen hatte er das Gefühl, es müßten mehrere Stunden vergangen sein, aber er war noch immer von Dunkelheit umgeben. Er wußte auch, daß er plötzlich geweckt worden war; und einen Augen- blick später lauschte er dem Geräusch, das ihn ge- weckt hatte. Es waren Stimmen – die Stimme eines Mannes und die einer Frau, und sie schienen in ein ernstes Gespräch vertieft. Sie mußten ganz in der Nä- he sein, aber sehen konnte er sie nicht – denn in einer perelandrischen Nacht ist ein Objekt auf zehn Zenti- meter Entfernung so wenig sichtbar wie auf zehn Ki- lometer. Er erkannte die Sprecher sofort an ihren Stimmen, die dennoch verfremdet klangen, auch blieben ihm die Empfindungen der Sprecher unbe- kannt, weil sie von keinem sichtbaren Mienenspiel erläutert wurden. »Ich möchte wissen«, sagte die Frauenstimme, »ob alle Leute deiner Welt die Gewohnheit haben, mehr als einmal über die gleiche Sache zu sprechen. Ich ha- be schon gesagt, daß es uns verboten ist, auf dem fe- sten Land zu wohnen. Warum sprichst du nicht ent- weder von etwas anderem oder schweigst?« »Weil dieses Verbot so seltsam ist«, sagte die Män- nerstimme. »Und dem Verhalten Maleldils auf mei- ner Welt so unähnlich. Überdies hat er nicht verboten, daß du über das Wohnen auf dem festen Land nach- denkst.«, »Das würde sehr seltsam sein – über etwas nach- zudenken, das nie geschehen wird.« »Nun, auf unserer Welt tun wir es die ganze Zeit. Wir fugen Worte zusammen, um Ereignisse zu be- schreiben, die nie geschehen sind, und Orte zu schil- dern, die es nie gegeben hat: schöne Worte, gut zu- sammengefügt. Und dann erzählen wir sie einander. Wir nennen das Geschichten oder Dichtung. Auf die- ser alten Welt Malakandra, von der du sprachst, tun sie das gleiche. Es dient der frohen Unterhaltung, dem Staunen und der Weisheit.« »Was ist die Weisheit darin?« »Daß die Welt nicht nur aus dem gemacht ist, was ist, sondern auch aus dem, was sein könnte. Maleldil kennt beides und will, daß auch wir davon wissen.« »Dies ist mehr, als ich mir jemals dachte. Der ande- re – der Gescheckte – hat mir schon manches erzählt, das mich wie ein Baum fühlen machte, dessen Äste weiter und weiter auseinanderwachsen. Aber dies geht über alles hinaus. Aus dem, was ist, hinaustreten in das, was sein könnte, und dort draußen reden und etwas machen ... außerhalb der Welt. Ich werde den König fragen, was er davon hält.« »Siehst du, darauf kommen wir immer wieder zu- rück. Wärst du nur nicht vom König getrennt wor- den.« »Ah, ich verstehe. Auch das gehört zu den Dingen, die sein könnten. Die Welt hätte so gemacht sein können, daß der König und ich nie getrennt worden wären.« »Die Welt wäre darum nicht anders – nur deine Lebensweise. Auf einer Welt, wo die Leute das feste Land bewohnen, werden sie nicht plötzlich getrennt.«, »Aber du erinnerst dich, daß wir auf dem festen Land nicht leben sollen.« »Richtig, aber Maleldil hat euch nie verboten, dar- über nachzudenken. Könnte das nicht ein Grund für das Verbot sein – daß ihr ein ›Es könnte sein‹ zum Nachdenken habt, um eine Geschichte daraus zu ma- chen, wie wir es nennen?« »Ich werde mehr darüber nachdenken. Ich werde den König dazu bringen, mich darüber älter zu ma- chen.« »Wie gern würde ich diesen König treffen, von dem du sprichst! Aber in der Sache der Geschichten ist er vielleicht nicht älter als du.« »Diese Worte von dir sind wie ein Baum ohne Früchte. Der König ist immer älter als ich, und über alle Dinge.« »Aber der Gescheckte und ich haben dich bereits in bestimmten Dingen älter gemacht, von denen der König dir nie etwas sagte. Das ist das neue Gute, das du nie erwartet hattest. Du dachtest, du würdest immer alles vom König lernen; aber nun hat Maleldil dir andere Männer ge- schickt, von denen du nie etwas ahntest, und sie ha- ben dir Dinge erzählt, die selbst der König nicht wis- sen konnte.« »Ich beginne jetzt zu verstehen, warum der König und ich zu dieser Zeit getrennt wurden. Dies ist ein seltsames und großes Gutes, das Er mir zugedacht hat.« »Und wenn du dich weigertest, von mir zu lernen, und weiterhin nur sagtest, du würdest warten und den König fragen, wurde das nicht wie ein Abwen- den von der gefundenen Frucht zu derjenigen sein,, die du erwartet hattest?« »Das sind tiefe Fragen, Fremder. Maleldil gibt mir dazu nicht viel ein.« »Siehst du nicht, warum?« »Nein.« »Seit der Gescheckte und ich auf deine Welt ge- kommen sind, haben wir dir vieles eingegeben, was Maleldil dir nicht eingab. Siehst du nicht, daß er dich ein wenig lockerer an der Hand hält?« »Wie könnte Er? Er ist bei mir auf allen Wegen.« »Ja, aber auf andere Weise. Er macht dich älter – macht, daß du nicht nur von ihm lernst, sondern auch durch deine Begegnungen mit anderen und deine ei- genen Fragen und Gedanken.« »Das ist sicherlich wahr.« »Ja. Er macht dich zu einer ganzen Frau, denn bis jetzt warst du nur halb gemacht – wie die Tiere, die nichts aus sich selbst entscheiden. Wenn du diesmal dem König wieder begegnest, wirst du es sein, die ihm etwas zu sagen hat. Du bist es, die älter sein wird als er und die ihn älter machen wird.« »Maleldil würde das nicht geschehen lassen. Es wäre wie eine Frucht ohne Geschmack.« »Aber für ihn würde sie einen Geschmack haben. Meinst du nicht, daß der König manchmal Überdruß daran empfinden muß, der Ältere zu sein? Würde er dich nicht mehr lieben, wenn du weiser wärst als er?« »Ist dies, was du eine Dichtung nennst, oder meinst du, es sei Wirklichkeit?« »Ich meine etwas Wirkliches.« »Aber wie könnte jemand irgend etwas mehr lie- ben? Es ist, wie wenn man sagte, etwas könne größer sein als es selbst ist.«, »Ich meinte nur, du könntest mehr wie die Frauen meiner Welt werden.« »Wie sind sie?« »Sie haben einen lebendigen Geist. Immer strecken sie die Hände nach dem neuen und unerwarteten Guten aus und sehen, daß es gut ist, bevor die Män- ner es verstehen. In ihrem Denken eilen sie dem, was Maleldil ihnen gesagt hat, weit voraus. Sie warten nicht, daß er ihnen sagt, was gut sei, sondern sie wis- sen es von selbst, beinahe wie er. Sie sind wie kleine Maleldila. Und wegen ihrer Weisheit ist ihre Schön- heit so viel größer als die deine, wie die Süßigkeit dieser Früchte hier den Geschmack des Wassers übertrifft. Und wegen ihrer Schönheit ist die Liebe der Männer zu ihnen so viel größer als die des Königs zu dir, wie das nackte Brennen des Himmelstiefen herrlicher ist als euer goldenes Dach.« »Ich wollte, ich könnte sie sehen.« »Das wünschte ich auch.« »Wie schön ist Maleldil und wie wunderbar sind alle Seine Werke: vielleicht wird er Töchter aus mir hervorgehen lassen, die so viel größer sind als ich, wie ich größer bin als die Tiere. Es wird besser sein, als ich dachte. Ich hatte geglaubt, ich müsse immer so bleiben, wie ich bin. Aber nun sehe ich, daß ich wie die Eldila werden kann. Vielleicht werde ich auser- wählt, sie zu pflegen und zu nähren, wenn sie kleine und schwache Kinder sind, die dann aufwachsen und mich überragen und denen ich zu Füßen fallen wer- de. Ich sehe, daß es nicht nur Fragen und Gedanken sind, die sich wie Äste weiter und weiter ausbreiten. Auch die Freude breitet sich aus und kommt, wo wir sie nicht erwarteten.«, »Ich werde jetzt schlafen«, sagte die männliche Stimme. Als sie es sagte, wurde sie zum erstenmal unverkennbar Westons Stimme – die Stimme eines verdrießlichen und gereizten Weston. Bisher hatte Ransom, obschon entschlossen, am Gespräch teilzu- nehmen, im Widerstreit gegensätzlicher Empfindun- gen sich still verhalten. Auf der einen Seite war er si- cher, daß die männliche Stimme Weston gehörte. Auf der anderen Seite klang diese Stimme, losgelöst von der sichtbaren Erscheinung des Mannes, eigenartig verändert. Überdies war ihre geduldige, beharrliche Redeweise dem für Weston charakteristischen Wech- sel zwischen hochtrabendem Dozieren und jähem Poltern ganz unähnlich. Und wie konnte jemand nur wenige Stunden nach einem Nervenzusammenbruch oder Krankheitsanfall, wie Weston ihn erlitten hatte, so viel Nüchternheit und Selbstbeherrschung auf- bringen? Und wie konnte Weston die schwimmende Insel erreicht haben? Während des ganzen Dialogs hatte Ransom sich einem unerträglichem Wider- spruch gegenübergesehen. Etwas, das Weston und auch wieder nicht Weston war, hatte gesprochen und das Bewußtsein, daß nur wenige Schritte entfernt in der Dunkelheit etwas nicht Geheures vorging, hatte ihm Schauer über den Rücken gejagt und Fragen auf- geworfen, die er als abenteuerlich und fantastisch ab- zutun suchte. Nun, da das Gespräch beendet war, er- kannte er auch, mit welch angespannter Sorge er es verfolgt hatte. Gleichzeitig erlebte er eine Art Tri- umphgefühl. Aber nicht er war derjenige, der trium- phierte. Die ganze Dunkelheit ringsum schien zu ju- bilieren. Er richtete sich überrascht auf. War das wirklich ein Geräusch gewesen? Er lauschte ange-, strengt, hörte aber nichts als das sanfte Rascheln des warmen Windes in den Bäumen und das entfernte Plätschern des Meeres am Saum der Insel. Die An- deutung von Musik mußte aus ihm selbst gekommen sein. Aber sobald er sich wieder hinlegte, war er überzeugt, daß es nicht so war. Von irgendwo, aber nicht durch sein Gehör wahrgenommen, erreichten ihn vage Eindrücke von Festgepränge, Tanz und ze- remonieller Feierlichkeit. Nichts davon war als Ge- räusch hörbar, aber er konnte es sich nur als Musik vorstellen. Es war beinahe, als ob er ein neues Sinnes- organ hätte. Es war, als sei Perelandra in diesem Moment neu geschaffen worden – und vielleicht traf das in gewissem Sinn zu. Seinem Bewußtsein wurde das Gefühl aufgedrängt, großes Unheil sei abgewen- det worden, und mit dem Gefühl kam die Hoffnung, daß es keinen zweiten Versuch geben würde. Und schließlich – beglückender als alles andere – hatte er die suggestive Idee, daß er nur als Beobachter oder Zeuge hierhergebracht worden war, nicht aber, um etwas zu tun. Minuten später war er wieder einge- schlafen., Während der Nacht war das Wetter umgeschlagen. Vom Waldrand, wo er geschlafen hatte, blickte Ran- som auf ein unbewegtes Meer hinaus. Keine der an- deren Inseln war in Sicht. Er war einige Minuten zu- vor aufgewacht und hatte sich allein in einem Dik- kicht von dünnen Stämmen gefunden, die viel Ähn- lichkeit mit Bambus oder spanischem Rohr hatten und ein beinahe flaches, dichtes Laubdach trugen. An seinen Zweigen wuchsen glatte, helle Beeren wie Ha- gebutten, von denen Ransom aß. Danach ging er hin- aus auf den baumlosen Unterstreifen und hielt Um- schau. Weder Weston noch die Frau waren zu sehen, und er begann müßig den Inselsaum entlangzu- schlendern. Seine bloßen Füße versanken ein wenig in dem federnden Teppich safrangelber Vegetation, die seine Beine mit aromatischem Staub bedeckte. Als er an sich hinabblickte, um diesen gelblichen Überzug aus Blütenstaub zu betrachten, fiel sein Blick auf et- was anderes. Zuerst dachte er, es sei ein Lebewesen von noch fantastischerer Gestalt als er es bisher auf Perelandra gesehen hatte. Er ließ sich auf ein Knie nieder, um das Tier näher zu betrachten, dann be- rührte er es zögernd, riß die Hand aber wieder zu- rück, als hätte er eine Schlange angefaßt. Es war ein verletztes Tier, einer der leuchtend bunten Frösche. Aber irgendein Unfall mußte ihm zugestoßen sein. Der ganze Rücken war zu einem klaffenden, V-förmigen Spalt aufgerissen, dessen Spitze kurz hinter dem Kopf ansetzte. Jemand oder etwas hatte ihm eine sich nach hinten verbreiternde, Wunde geschlagen, die entlang der Wirbelsäule ver- lief und soweit reichte, daß die hinteren Sprungbeine beinahe weggerissen waren. Der Frosch konnte sie nicht mehr gebrauchen. Auf Erden wäre es lediglich ein häßlicher Anblick gewesen, aber bis zu diesem Augenblick hatte Ransom noch nichts Totes oder Krankes auf Perelandra gesehen, und nun traf ihn der Anblick wie ein Schlag ins Gesicht. Es war wie der er- ste Stich eines nur zu gut bekannten Schmerzes, der dem vermeintlich Geheilten sagt, daß seine Familie ihn getäuscht hat und er doch sterben muß. Es war wie die erste Lüge aus dem Mund eines Freundes, auf dessen Wahrhaftigkeit man jeden Eid geleistet hätte. Es war unwiderruflich. Der lauwarm über die golde- ne See blasende Wind, die blauen, silbernen und grü- nen Farbtöne des schwimmenden Gartens, der Him- mel selbst – alles das war von einem Augenblick auf den anderen zum bloßen Zierrahmen eines Buchs geworden, dessen Inhalt der zuckende kleine Schrek- ken zu seinen Füßen bildete, und er selbst war im gleichen Augenblick in einen Gemütszustand über- gegangen, den er weder steuern noch verstehen konnte. Er sagte sich, daß ein Geschöpf dieser Art wahrscheinlich sehr wenig Schmerzempfinden habe, aber dadurch wurde nichts besser. Nicht nur Mitleid hatte den Rhythmus seiner Herzschläge plötzlich verändert; das Ding war eine unerträgliche Obszöni- tät, die ihn mit Scham erfüllte. Es wäre besser gewe- sen, dachte er gequält, das Universum hätte nie exi- stiert, als daß dies hätte geschehen dürfen. Dann ent- schied er trotz seiner theoretischen Überzeugung, daß ein so niedriger Organismus nicht allzu viel Schmerz empfinden könne, das Tier zu töten, um ihm weiteres, Leiden zu ersparen. Ransom hatte weder Stiefel an noch einen Stein oder Stock zur Hand. Der Frosch erwies sich indes als bemerkenswert zählebig. Als es viel zu spät war, um noch von dem Tier abzulassen, erkannte Ransom, daß er ein Dummkopf gewesen war, den Versuch zu machen. Wie groß oder wie ge- ring das Leiden des Tieres auch gewesen sein mochte, er hatte es zweifellos vermehrt und nicht verringert. Aber er mußte es zu Ende bringen. Die Tötung des Frosches schien beinahe eine Stunde in Anspruch zu nehmen, und als der zermalmte und zerquetschte Leib endlich keine Lebensregungen mehr zeigte und Ransom zum Wasser ging, sich zu waschen, fühlte er sich elend und erschüttert. Schließlich raffte er sich auf und ging weiter. Schon nach wenigen Schritten erschrak er und starrte wie- der zu Boden. Darauf beschleunigte er seinen Schritt, nur um abermals stehenzubleiben und auf den Boden zu starren. Er bedeckte sein Gesicht. Er rief mit lauter Stimme den Himmel an, er möge den Alptraum be- enden oder ihn verstehen lassen, was geschah. Eine Fährte verstümmelter Frösche lag entlang dem Saum der Insel. Er folgte ihr und zählte zehn, fünfzehn, zwanzig: und der einundzwanzigste brachte ihn zu einer Stelle, wo der Wald bis ans Wasser reichte. Er ging in den Wald und trat auf der anderen Seite wie- der ins Freie, wo er erschrocken stehenblieb. Etwa zehn Schritte entfernt stand Weston, nach wie vor in Hemd und kurzer Hose, aber ohne den Tropenhelm, und Ransom sah, wie er einen Frosch aufriß – ruhig, beinahe wie ein Chirurg, stieß er den langen, spitzen Nagel seines Zeigefingers unter die Haut hinter dem Kopf des Tieres und riß sie auf. Ransom hatte bisher, nicht bemerkt, daß Weston so bemerkenswerte Fin- gernägel hatte. Dann beendete der andere die Opera- tion, warf den blutenden, zerfetzten Frosch fort und sah auf. Ihre Blicke begegneten einander. Ransom konnte kein Wort hervorbringen. Er sah einen Mann, der ganz gewiß nicht krank war, urteilte man nach seiner entspannten Haltung und dem Ge- brauch, den er gerade von seinen Fingern gemacht hatte. Er sah einen Mann, der ganz gewiß Weston war, urteilte man nach seinem Wuchs und seinen Zü- gen. In diesem Sinne war er auf den ersten Blick zu erkennen. Das Schreckliche aber war, daß er zugleich nicht wiederzuerkennen war. Er sah nicht wie ein kranker Mann aus; aber er sah sehr wie ein Toter aus. Das Gesicht, das er von dem gemarterten Frosch hob, hatte jene furchtbare Kraft, die manchmal im Gesicht einer Leiche zu finden ist und die jede menschliche Haltung, die man dem Toten gegenüber einnehmen kann, einfach zurückweist. Der ausdruckslose Mund, der starre Blick der Augen, etwas Schweres und Lebloses in den Falten der Wangen sagte deutlich: »Ich habe Züge wie du, aber zwischen uns gibt es nichts Gemeinsames.« Das war es, was Ransom die Sprache nahm. Was konnte er sagen, welche Be- schwörung oder Drohung konnte irgendeine Bedeu- tung haben – für den? Und nun drängte sich die in- stinktive Überzeugung in sein Bewußtsein, daß dies in Wirklichkeit kein Mensch mehr sei, daß Westons Körper von einer ganz anderen Art von Leben be- wegt und unverweslich erhalten wurde, und daß Weston selbst nicht mehr existierte. Der andere blickte Ransom schweigend an und be- gann schließlich zu lächeln. Wie wir alle, hatte auch, Ransom oft von einem teuflischen Lächeln gespro- chen. Nun erkannte er, daß er den Begriff niemals ernstgenommen hatte. Das Lächeln war nicht bitter oder haßerfüllt, noch war es im gewöhnlichen Sinne unheilvoll; es war nicht einmal spöttisch. Es schien Ransom mit einer schrecklichen Naivität in die Welt seiner eigenen Vergnügungen einzuladen, als seien alle Menschen über jene Vergnügungen einer Mei- nung, als seien sie die natürlichste Sache der Welt, als sei darüber keinerlei abweichende Meinung möglich. Das Lächeln offenbarte kein schlechtes Gewissen, es war nicht verstohlen oder schamhaft, hatte nichts Komplizenhaftes. Es trotzte der Güte nicht, sondern es ignorierte sie bis zum Punkt der Vernichtung. Ran- som begriff, daß er bis zu diesem Augenblick niemals etwas anderes als halbherzige und unbehagliche Ver- suche zum Bösen erlebt hatte. Dieses Wesen war nicht halbherzig. Das Äußerste seines Bösen war über alles Ringen hinaus in einen Zustand übergegangen, der eine furchtbare Ähnlichkeit mit Unschuld hatte. Es stand jenseits des Lasters, wie die Frau jenseits der Tugend stand. Das Schweigen und das Lächeln dauerten vielleicht zwei volle Minuten an, sicherlich nicht weniger. Dann tat Ransom einen Schritt auf den anderen zu, ohne klare Vorstellung, was er tun würde, wenn er ihn er- reichte. Er strauchelte und fiel. Er fand es seltsam schwierig, wieder auf die Beine zu kommen, und als er endlich stand, verlor er das Gleichgewicht und fiel zum zweitenmal. Dann kam ein Augenblick von Dunkelheit, erfüllt vom Lärm vorbeidonnernder Schnellzüge. Danach kehrten der goldene Himmel und die Farben der See wieder, und er wußte, daß er, allein war und sich von einer Ohnmacht erholte. Als er so dalag, noch unfähig und vielleicht nicht bereit, aufzustehen, fiel ihm ein, daß er bei bestimmten alten Philosophen und Dichtern gelesen hatte, der bloße Anblick von Teufeln sei eine der größten unter den Höllenqualen. Bis jetzt hatte er darin nur eine origi- nelle Idee ohne wirkliche Substanz gesehen. Dabei (das erkannte er jetzt) wußten es sogar die Kinder besser: jedes Kind würde verstehen, daß es Gesichter geben mochte, deren bloßer Anblick tödlich war. Die Kinder, die Dichter und die alten christlichen Philo- sophen hatten recht. Wie es ein Antlitz über allen Welten gibt, das zu erblicken die größte aller Freuden ist, so wartet am Grund aller Welten jenes andere Antlitz, dessen Anblick über jeden, der es sieht, un- stillbares Elend bringt. Und obwohl es tausend Wege zu geben schien – und tatsächlich gab – auf denen man durch die Welt gehen konnte, war kein einziger darunter, der nicht früher oder später entweder zur seligmachenden oder zur elendmachenden Vision führte. Er selbst hatte natürlich nur eine Maske oder Andeutung davon gesehen; auch so war er nicht si- cher, ob er es überleben würde. Als er dazu imstande war, stand er auf und machte sich auf die Suche nach dem anderen. Er mußte ihn daran hindern, mit der Frau zusammenzutreffen, oder doch wenigstens dabeisein, wenn sie einander trafen. Er wußte nicht, was er ausrichten konnte, aber es gab nicht den geringsten Zweifel, daß er deswegen hierhergeschickt worden war. Westons im Raum- schiff reisender Körper war die Brücke gewesen, über die etwas anderes in Perelandra eingedrungen war – ob jenes höchste und ursprünglichste Übel, das auf, dem Mars der ›Verbogene‹ genannt wurde, oder ei- ner seiner geringeren Gefolgsleute, machte keinen Unterschied. Ransom war ganz Gänsehaut, und seine Knie gerieten einander immer wieder in die Quere. Es überraschte ihn, daß er so extremen Schrecken erle- ben und doch gehen und denken konnte – wie Men- schen in Krieg oder Krankheit überrascht sind, wie- viel sie ertragen können. Wir sagen, etwas ›macht uns wahnsinnig‹, oder ›bringt uns um‹; und dann stellt sich heraus, daß wir weder wahnsinnig werden noch sterben, sondern weitermachen. Das Wetter wechselte. Die Ebene, auf der er ging, schwoll zu einer Landwelle. Der Himmel wurde blas- ser; bald war er mehr blaßgelb als golden. Die See wurde dunkler, bis sie die Farbe von Bronze hatte. Bald glitt die Insel beträchtliche Wasserberge hinauf und hinunter. Ransom mußte sich wiederholt nieder- setzen und ausruhen. Nach mehreren Stunden (denn er kam sehr langsam voran) sah er auf einmal zwei menschliche Gestalten als Silhouetten vor dem kurz- lebigen Horizont. Einen Augenblick später waren sie außer Sicht, als das Land zwischen ihnen und ihm sich hob. Er brauchte fast eine halbe Stunde, sie zu er- reichen. Westons Körper stand schwankend und ba- lancierend, um jeder Veränderung der Bodenneigung zu begegnen, und er tat es mit einer Geschicklichkeit, deren der wirkliche Weston unfähig gewesen wäre. Er sprach zu der Frau. Und was Ransom am meisten verwunderte war, daß sie dem anderen weiterhin zu- hörte, ohne ihn zu begrüßen oder auch nur seine An- kunft zu kommentieren, als er kam und sich neben sie auf den federnden Boden setzte. »Das Ersinnen von Geschichten oder Gedichten, über Dinge, die sein könnten, aber nicht sind, ist wirklich ein großes Sichausbreiten und Verzweigen«, sagte der andere. »Wenn du davor zurückschreckst, entziehst du dich dann nicht der Frucht, die dir ge- boten wird?« »Ich schrecke nicht vor dem Ersinnen einer Ge- schichte zurück, o Fremder«, antwortete sie, »sondern vor dieser einen Geschichte, die du mir in den Kopf gesetzt hast. Ich kann mir selbst Geschichten über meine Kinder oder den König machen. Ich kann die Fische fliegen und die Landtiere schwimmen machen. Aber wenn ich versuche, die Geschichte über das Le- ben auf der festen Insel zu machen, weiß ich nicht, wie ich es mit Maleldil halten soll. Denn wenn ich sie so mache, daß Er Seinen Befehl geändert habe, wird es nicht gehen. Und wenn ich sie so mache, daß wir gegen Seinen Befehl dort leben, das wäre, als machte ich den Himmel ganz schwarz und das Wasser so, daß wir es nicht trinken können, und die Luft so, daß wir sie nicht atmen können. Aber ich sehe auch nicht, worin die Freude bestehen sollte, solche Dinge zu versuchen.« »Sie sollen dich weiser und älter machen«, sagte Westons Körper. »Weißt du genau, daß es dadurch geschehen wür- de?« fragte sie. »Ja, ganz genau«, erwiderte er. »Dadurch sind die Frauen meiner Welt so groß und so schön geworden.« »Hör nicht auf ihn«, fuhr Ransom dazwischen. »Schick ihn fort. Hör nicht auf das, was er sagt, denk nicht darüber nach.« Zum erstenmal wandte sie den Kopf und sah Ran- som an. Seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, war, eine Veränderung in ihr Gesicht gekommen. Es war weder Traurigkeit noch Verwirrung, aber die An- deutung von Unsicherheit war stärker geworden. Andererseits schien sie erfreut, ihn zu sehen, wenn auch erstaunt über seine Einmischung, und ihre er- sten Worte zeigten, daß sie ihn nur deshalb nicht gleich begrüßt hatte, weil es ihr nie in den Sinn ge- kommen war, ein Gespräch mit mehr als zwei Teil- nehmern für möglich zu halten. Und während des ganzen Gesprächs verlieh ihre Unwissenheit der Technik allgemeiner Konversation der ganzen Szene eine seltsame und beunruhigende Qualität. Sie wußte nicht, wie man schnell von einem Gesicht zum ande- ren blickte oder zwei Bemerkungen gleichzeitig ver- arbeitete. Erst hörte sie nur Ransom zu, dann nur dem anderen, aber niemals beiden zugleich. »Warum sprichst du, bevor dieser Mann geendet hat, Gescheckter?« fragte sie. »Wie machen sie es in eurer Welt, wo ihr viele seid und oft mehr als zwei zusammen sein müssen? Sprechen sie dort nicht ab- wechselnd, oder habt ihr eine Kunst, es auch dann zu verstehen, wenn alle auf einmal sprechen? Ich bin da- für nicht alt genug.« »Ich will nicht, daß du ihn überhaupt anhörst«, sagte Ransom. »Er ist ...« und dann zögerte er. Schlecht, ein Lügner, ein Feind – keines dieser Worte würde ihr irgend etwas sagen. Er zerbrach sich den Kopf, bis ihm das frühere Gespräch über den großen Eldil in den Sinn kam, der am alten Guten festgehal- ten und das neue Gute verworfen hatte. Ja, das wäre die einzige Möglichkeit, ihr klarzumachen, was Schlechtigkeit war. Er war im Begriff, zu sprechen, aber Westons Stimme kam ihm zuvor., »Dieser Gescheckte«, sagte er, »will nicht, daß du mich anhörst, weil er dich jung erhalten möchte. Er will nicht, daß du zu den neuen Früchten gehst, die du noch nie gekostet hast.« »Aber wie könnte er mich jünger erhalten wollen?« »Hast du noch nicht gemerkt«, sagte Westons Kör- per, »daß der Gescheckte einer ist, der immer vor der Welle zurückschreckt, die auf uns zukommt, und gern die vergangene Welle zurückbringen würde, wenn er es könnte? Hat er das nicht schon in der er- sten Stunde seines Gesprächs mit dir verraten? Er wußte nicht, daß alles neu wurde, seit Maleldil Men- schengestalt annahm, und daß alle vernunftbegabten Geschöpfe nun Menschen sein werden. Das mußtest du ihn lehren. Und als er es gelernt hatte, freute es ihn nicht. Er bedauerte, daß es die alten pelzigen Leute in Zukunft nicht mehr geben sollte. Er würde diese alte Welt zurückbringen, wenn er könnte. Und als du ihn batest, er möge dich den Tod lehren, wollte er es nicht tun. Er wollte, daß du jung bleibst und nichts über den Tod lernst. Gab nicht er dir zuerst den Gedanken ein, daß es möglich sei, die Welle, die Maleldil auf uns zurollen läßt, nicht herbeizuwün- schen, sondern sie so sehr zu fürchten, daß man sich Arme und Beine abschneiden würde, wenn man ihr Kommen dadurch verhindern könnte?« »Du meinst, er sei so jung?« »Er ist das, was wir auf meiner Welt ›schlecht‹ nennen«, sagte Westons Körper. »Er ist einer, der die gefundene Frucht zugunsten jener zurückweist, die er erwartete oder das letzte Mal fand.« »Dann müssen wir ihn älter machen«, sagte die Frau, und obwohl sie Ransom nicht ansah, sah er die, Königin und die Mutter in ihr und erkannte, daß sie ihm und allen Dingen unendlich wohlwollte. Und er – er konnte nichts tun. Seine Waffe war ihm aus der Hand geschlagen worden. »Und du wirst uns den Tod lehren?« sagte die Frau zu Westons Körper. »Ja«, sagte er, »darum bin ich gekommen, daß der Tod euch im Übermaß zuteil werde. Aber du mußt sehr tapfer sein.« »Tapfer? Was ist das?« »Es ist, was dich an einem Tag schwimmen macht, da die Wellen so hoch und schnell sind, daß etwas in dir verlangt, du sollest auf der Insel bleiben.« »Ich weiß. Und diese Tage sind zum Schwimmen die besten von allen.« »Ja. Aber um den Tod zu finden, und mit dem Tod das wirkliche Alter und die starke Schönheit und das äußerste Sichausbreiten mußt du in etwas tauchen, das größer ist als die Wellen des Meeres.« »Sprich weiter. Deine Worte gleichen keinen ande- ren Worten, die ich je gehört habe. Sie sind wie die Blase, die am Baum zerplatzt. Wenn ich sie höre, denke ich an – an ... Ich weiß nicht, woran sie mich denken machen.« »Ich werde größere Worte als diese sprechen; aber ich muß warten, bis du älter bist.« »Mach mich älter.« »Hör nicht auf ihn!« fiel Ransom ein. »Wird Malel- dil dich nicht zu Seiner Zeit und auf Seine Weise älter machen, und wird das nicht weit besser sein?« Weder jetzt noch zu irgendeinem anderen Zeit- punkt des Gesprächs wandte Weston den Kopf in seine Richtung, aber seine Stimme, allein an die Frau, gerichtet, beantwortete Ransoms Unterbrechung. »Siehst du?« sagte sie. »Obwohl er sich dessen nicht bewußt war und es nicht wollte, zeigte er selbst dir vor wenigen Tagen, wie Maleldil allmählich be- ginnt, dich ohne Hilfe gehen zu lehren, ohne dich an der Hand zu halten. Als du das begriffen hattest, warst du wirklich älter geworden. Und seitdem hat Maleldil dich vieles gelehrt – nicht durch seine eigene Stimme, sondern durch die meine. Du beginnst dir selbst zu gehören. Das ist, was Maleldil von dir er- wartet. Darum ließ er zu, daß du vom König und in einer Weise sogar von ihm selbst getrennt wurdest. Seine Art, dich älter zu machen, besteht darin, daß er dich durch dich selbst ältermachen läßt. Und trotz alledem möchte dieser Gescheckte, daß du untätig sitzenbleibst und wartest, daß Maleldil alles für dich tut.« »Was müssen wir mit dem Gescheckten tun, um ihn älter zu machen?« sagte die Frau. »Ich glaube nicht, daß du ihm helfen kannst, solan- ge du nicht selbst älter bist«, sagte Westons Stimme. »Vorerst kannst du niemandem helfen. Du bist wie ein Baum ohne Frucht.« »Das ist sehr wahr«, sagte die Frau. »Sprich weiter.« »Dann hör zu«, sagte Westons Körper. »Hast du verstanden, daß es eine Art von Ungehorsam ist, auf Maleldils Stimme zu warten, wenn Maleldil wünscht, daß du aus eigener Kraft gehst?« »Ich glaube, ich habe es verstanden.« »Die falsche Art von Gehorsam kann Ungehorsam sein.« Sie dachte eine Weile darüber nach, dann klatschte sie in die Hände. »Ich sehe«, sagte sie, »oh, ich sehe!, Wie alt du mich machst! Früher jagte ich ein Tier zum Spaß, und es verstand und lief vor mir weg. Wäre es stehengeblieben und hätte sich von mir fangen lassen, so wäre das eine Art Gehorsam gewesen – aber nicht die beste Art.« »Du verstehst sehr gut. Wenn du voll erwachsen bist, wirst du noch weiser und schöner sein als die Frauen meiner eigenen Welt. Und du siehst, daß es mit Maleldils Geboten genauso sein könnte.« »Ich glaube, ich sehe das noch nicht ganz klar.« »Bist du sicher, daß Maleldil wirklich immer Ge- horsam wünscht?« »Wie könnten wir nicht dem gehorchen, was wir lieben?« »Das Tier, das vor dir weglief, liebte dich.« »Ich frage mich«, sagte die Frau, »ob das das glei- che ist. Das Tier weiß sehr gut, wann ich von ihm will, daß es wegläuft, und wann ich von ihm will, daß es zu mir kommt. Aber Maleldil hat uns nie gesagt oder gezeigt, daß irgendein Wort oder irgendeine Tat von ihm ein Scherz sei. Wie könnte Er gleich uns der Scherze und des Umhertobens bedürfen? Er ist ganz eine brennende Freude und eine Kraft. Es wäre wie der Gedanke, daß Er Schlaf oder Nahrung brauchte.« »Nein, es würde kein Scherz sein. Es hat nur den Anschein der Sache, ist aber nicht die Sache selbst. Aber könnte das Fortnehmen deiner Hand aus seiner – das volle Aufwachsen und Gehen eigener Wege –, könnte das jemals vollkommen sein, wenn du nicht, und sei es nur ein einziges Mal, dem Anschein nach Maleldil ungehorsam gewesen wärst?« »Wie könnte man dem Anschein nach ungehorsam sein?«, »Indem man tut, was Maleldil nur dem Anschein nach verboten hat. Es könnte ein Gebot geben, dessen Übertretung durch euch er wünscht.« »Aber wenn Er uns sagte, wir sollten es übertreten, dann wäre es kein Gebot mehr. Und wenn Er es uns nicht sagte, wie sollten wir es dann wissen?« »Wie weise du wirst, du Schöne«, sagte Westons Mund. »Nein. Wenn er euch sagte, ihr solltet sein Ge- bot übertreten, wäre es kein wirkliches Gebot, wie du selbst gesagt hast. Denn du hast recht Maleldil scherzt nicht. Was er insgeheim wünscht, ist ein ech- ter Ungehorsam, ein wirkliches Sichausbreiten. Aber er wünscht es nur im Geheimen, denn wenn er es euch sagte, wäre alles verdorben.« »Ich beginne mich zu fragen«, sagte die Frau nach einer Pause, »ob du wirklich so viel älter bist als ich. Denn was du sagst, ist wie eine Frucht ohne Ge- schmack. Wie kann ich aus Seinem Willen treten, oh- ne in etwas einzutreten, das unerwünscht ist? Soll ich mit dem Versuch beginnen, Ihn nicht zu lieben, oder den König oder die Tiere nicht zu lieben? Es würde wie der Versuch sein, auf Wasser zu gehen oder In- seln zu durchschwimmen. Soll ich versuchen, nicht zu schlafen oder zu trinken oder zu lachen? Ich dachte, deine Worte hätten einen Sinn. Aber nun scheint mir, daß sie keinen haben. Aus Seinem Willen treten heißt ins Nichts gehen.« »Das gilt für alle seine Gebote, bis auf eines.« »Aber kann dieses eine von den anderen verschie- den sein?« »Nun, du siehst selbst, daß es verschieden ist. Seine anderen Gebote – zu lieben, zu schlafen, die Welt mit deinen Kindern anzufüllen – du kannst selbst sehen,, daß sie gut sind. Und sie sind auf allen Welten die gleichen. Doch das Gebot, nicht auf dem festen Land zu leben, ist nicht so. Du hast schon gehört, daß er auf meiner Welt kein solches Gebot erließ. Und du kannst selbst nicht sehen, worin das Gute dieses Gebotes lie- gen könnte. Kein Wunder. Wäre es wirklich gut, so müßte er es allen Welten in gleicher Weise geboten haben, nicht wahr? Denn wie könnte Maleldil nicht gebieten, was gut ist? In diesem Gebot aber ist nichts Gutes. Maleldil selbst zeigt es dir in diesem Augen- blick durch deine eigene Vernunft. Es ist ein bloßer Befehl. Es ist ein Verbot um des Verbietens willen.« »Aber warum ...?« »Damit ihr es übertretet. Welchen anderen Grund könnte es geben? Es ist kein gutes Gebot. Es gilt nicht auf anderen Welten. Es steht zwischen euch und al- lem seßhaften Leben, aller Selbstbestimmung über eure Tage. Zeigt Maleldil dir nicht so deutlich er kann, daß es als eine Prüfung gedacht war – als eine große Welle, die du überwinden mußt, damit du wirklich alt werden und ohne seine helfende Hand gehen kannst.« »Aber wenn dies so wichtig für mich ist, warum legt Er nichts davon in meine Gedanken? Es kommt alles von dir, Fremder. Die Stimme sagt nicht ja zu deinen Worten, sie flüstert es nicht einmal.« »Aber siehst du nicht, daß es nicht sein kann? Er hofft – oh, wie sehr hofft er es! – daß sein Geschöpf selbständig werde, daß es aus eigener Vernunft und eigenem Mut aufstehe, sogar gegen ihn selbst. Aber wie könnte er es dir sagen? Das würde alles verder- ben. Was immer dann geschähe, würde nur ein wei- terer Schritt an seiner Hand sein. Dies ist die eine, wichtige Sache, die er wünscht, in die er sich aber nicht einmischen darf. Glaubst du nicht, daß er es müde ist, in allem, das er geschaffen hat, nur sich selbst zu sehen? Wenn ihn das befriedigte, warum sollte er überhaupt erschaffen? Das andere zu finden – das; dessen Wille nicht länger der seine ist –, das ist Maleldils Wunsch.« »Wenn ich es nur wissen könnte ...« »Er darf es dir nicht sagen. Er kann es dir nicht sa- gen. Er kann dem einzig näherkommen, indem er es dir durch einen anderen sagen läßt. Und siehst du, genau das hat er getan. Glaubst du, ich sei ohne Grund oder ohne seinen Willen durch die Himmel- stiefen gereist, um dich zu lehren, was er dich wissen lassen will, dir aber selbst nicht sagen darf?« Bevor sie antworten konnte, sagte Ransom: »Wirst du mich anhören, wenn ich spreche?« »Gern, Gescheckter.« »Dieser Mann sagte, das Gebot gegen das Leben auf dem festen Land sei anders als die übrigen Ge- bote, denn es gelte nicht für alle Welten, und außer- dem könnten wir das Gute daran nicht sehen. Und soweit hat er recht. Aber dann sagt er, dieses Gebot sei anders damit du es übertreten sollst. Aber es könnte auch einen anderen Grund geben.« »Sag ihn mir, Gescheckter.« »Ich glaube, er hat ein Gebot dieser Art erlassen, damit es Gehorsam gebe. In allen anderen Angele- genheiten ist das, was du ›Ihm gehorchen‹ nennst, nur das Tun dessen, was auch dir gut und richtig er- scheint. Du befolgst diese Gebote, weil sie Sein Wille sind doch nicht nur deshalb. Wo könntest du die Freude des Gehorsams genießen, wenn Er dir nicht, etwas gebietet, wofür sein Gebot der einzige Grund ist? Als wir das letzte Mal sprachen, sagtest du, daß die Tiere mit Freuden auf ihren Köpfen gehen wür- den, wenn du es ihnen sagtest. Also weiß ich, daß du gut verstehst, was ich dir sage.« »O wackerer Gescheckter«, sagte die grüne Frau, »dies ist das Beste, was du bisher gesagt hast. Dies macht mich viel älter: doch ich empfinde es nicht wie das Altsein, das dieser andere mir gibt. Oh, wie gut verstehe ich es! Wir können nicht aus Maleldils Wil- len hinausgehen, aber Er hat uns eine Möglichkeit gegeben, aus unserem eigenen Willen hinauszuge- hen. Und ohne ein Gebot wie dieses könnte es einen solchen Weg nicht geben. Aus unserem eigenen Wil- len heraus. Es ist, als dringe man durch das Dach der Welt in die Himmelstiefen ein. Alles dort ist Seine Liebe. Ich wußte, daß es Freude war, zur festen Insel hinüberzuschauen und alle Gedanken niederzulegen, jemals dort zu wohnen, aber bis jetzt hatte ich es nicht verstanden.« Als sie sprach, strahlte ihr Gesicht, doch dann glitt ein Schatten von Verwirrung darüber. »Ge- scheckter«, sagte sie, »wenn du so jung bist, wie die- ser andere sagt, woher weißt du dann diese Dinge?« »Er sagt, ich sei jung, aber ich sage, ich bin es nicht.« Plötzlich sprach die Stimme aus Westons Gesicht, und sie war lauter und tiefer als vorher und weniger wie Westons Stimme. »Ich bin älter als er«, sagte sie, »und er wagt es nicht zu leugnen. Bevor die Mütter der Mütter seiner Mutter geboren waren, war ich schon älter als er zählen könnte. Ich war bei Maleldil in den Himmel- stiefen, wohin er nie kam, und ich hörte die ewigen, Ratschlüsse. Und in der Schöpfungsordnung bin ich größer als er, und vor mir ist er nichts. Ist es nicht so?« Das leichenhafte Gesicht wandte sich nicht ein- mal zu ihm um, aber der Sprecher und die Frau schienen beide auf Ransoms Antwort zu warten. Die Falschheit, die ihm durch den Kopf ging, kam nicht über seine Lippen. Hier konnte nur die Wahrheit die- nen, selbst wenn sie unheilvoll schien. Ransom be- feuchtete seine Lippen und schluckte ein Gefühl von Übelkeit hinunter, bevor er antwortete: »Auf unserer Welt ist der Ältere nicht der Weise- re.« »Sieh ihn dir an«, sagte Westons Körper zu der Frau. »Beachte, wie weiß seine Wangen geworden sind und wie naß seine Stirn ist. Du hast so etwas noch nicht gesehen, doch von nun an wirst du es häu- figer sehen. Das geschieht – das ist der Beginn dessen, was geschieht –, wenn kleine Geschöpfe sich gegen große auflehnen.« Ein Angstschauer besonderer Art überlief Ransom. Was ihn rettete, war das Gesicht der Frau. Unberührt von dem Bösen, das ihr so nahe war, entrückt und geborgen im Bereich ihrer Unschuld, durch die sie zugleich beschützt und gefährdet wurde, blickte sie zu dem stehenden Tod auf, verwirrt, aber nicht über die Grenzen heiterer Neugierde hinaus, und sagte: »Aber er hatte recht mit dem, was er über dieses Verbot sagte, Fremder. Du bist es, der älter gemacht werden muß. Kannst du es nicht sehen?« »Ich habe immer das Ganze gesehen, wovon er nur die Hälfte sieht. Es ist wahr, daß Maleldil dir eine Möglichkeit gegeben hat, den Weg zu gehen, den dein eigener Wille dir weist.«, »Und was ist das?« »Dein tiefster Wille ist es jetzt, ihm zu gehorchen – für alle Zeit zu sein, wie du jetzt bist, nur Maleldils Tier oder sein sehr junges Kind. Der Weg, der da her- ausführt, ist hart. Er wurde hart gemacht, daß nur die sehr Großen, die sehr Weisen und die sehr Mutigen es wagen sollten, ihn zu beschreiten und aus dieser Kleinheit, in der du jetzt lebst, weiterzugehen durch die dunkle Welle seines Verbots in das wahre Leben, das tiefe Leben mit all seinen Freuden seinem Glanz und seiner Härte.« »Hör mich an«, sagte Ransom. »Er hat dir nicht al- les gesagt. Was wir hier sagen, ist früher schon gesagt worden. Was du nach seinem Willen versuchen sollst, wurde früher schon versucht. Vor langer Zeit, als un- sere Welt begann, gab es auf ihr nur einen Mann und eine Frau, so wie es auf dieser Welt nur dich und den König gibt. Und dort stand dieser hier schon einmal, wie er jetzt hier steht, und er sprach zu der Frau. Er hatte sie allein angetroffen, wie er auch dich allein antraf. Und sie hörte auf ihn und tat, was Maleldil ihr verboten hatte. Aber keine Freude und kein Glanz kamen davon. Was davon kam, kann ich dir nicht sa- gen, denn du hast in deiner Vorstellung kein Bild da- für. Aber alle Liebe wurde getrübt und kalt und Ma- leldils Stimme drang nur noch schwach an die Ohren der Menschen, so daß die Weisheit unter ihnen nur wenig wuchs; und die Frau war gegen den Mann, und die Mutter gegen das Kind; und wenn sie nach Nahrung Ausschau hielten, waren keine Früchte an ihren Bäumen, und die Jagd nach Nahrung nahm ih- nen all ihre Zeit so daß ihr Leben enger wurde, nicht weiter.«, »Er hat die Hälfte dessen, was geschah, verschwie- gen«, sagte Westons leichenhafter Mund. »Härte kam daraus, aber auch Glanz. Mit ihren eigenen Händen machten sie Berge, höher als deine feste Insel. Sie machten sich selbst schwimmende Inseln, größer als eure die sie nach Belieben durch den Ozean bewegen konnten, schneller als jeder Vogel fliegt. Weil es nicht immer genug Nahrung gab, konnte eine Frau die ein- zige Nahrung ihrem Kind oder ihrem Mann geben und selbst den Tod essen – konnte ihnen alles geben, wie du es in deinem kleinen, engen Leben des Spie- lens und Nichtstuns und Fischreitens niemals getan hast und auch nicht tun wirst, es sei denn, du wür- dest das Gebot übertreten. Weil Wissen schwieriger zu erlangen war, wurden die wenigen, die Weisheit fanden, um so schöner und übertrafen ihre Mitmen- schen, wie du die Tiere übertriffst; und Tausende bemühten sich um ihre Liebe ...« »Ich glaube, ich werde mich jetzt schlafen legen«, sagte die Frau ganz unvermittelt. Bis zu diesem Punkt hatte sie Westons Körper mit offenem Mund und großen Augen angehört, aber nun gähnte sie und reckte sich, unbekümmert wie eine junge Katze. »Noch nicht«, sagte der andere. »Es gibt noch mehr. Er hat dir nicht gesagt, daß es diese Übertre- tung des Gebotes war, die Maleldil auf unsere Welt brachte und wegen der er zum Menschen wurde. Frag ihn; er wird nicht wagen, es zu leugnen.« »Ist das richtig, Gescheckter?« fragte die Frau. Ransom hatte die Finger so ineinander verkrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten. Die Ungerechtig- keit des Ganzen verwundete ihn wie Stacheldraht. Wie konnte Maleldil von ihm erwarten, daß er gegen, dies kämpfte, wenn ihm jede Waffe genommen war, wenn er nicht lügen durfte und sich doch in Situatio- nen sah, wo die Wahrheit unheilvoll schien? Es war nicht gerecht! Ein jäher Impuls heißer Empörung wallte in ihm auf. Eine Sekunde später brach Zweifel wie eine ungeheure Woge über ihn herein. Wie, wenn der Feind schließlich doch recht hätte? Felix peccatum Adae. Selbst die Kirche würde ihm sagen, daß am Ende auch aus Ungehorsam Gutes entstehen konnte. Ja, und es war auch wahr, daß er, Ransom, ein furcht- samer Mensch war, ein Mann, der vor Neuem und Hartem zurückschreckte. Auf welcher Seite lag nun die Versuchung? In einer kurzen, aber großartigen Vision passierte der Fortschritt vor seinen Augen Re- vue: Städte, Armeen, stolze Schiffe, Bibliotheken und Ruhm und die Großartigkeit von Poesie, die gleich einem Springbrunnen aus den Mühen und dem Ehr- geiz der Menschen entsprang. Wer konnte die Ge- wißheit haben, daß schöpferische Evolution nicht die tiefste Wahrheit war? Aus allen möglichen verborge- nen Winkeln seines Innern, deren Existenz er nie zu- vor vermutet hatte, begann sich etwas Wildes und Berauschendes und Köstliches zu erheben und zu Westons Gestalt zu strömen. »Er ist ein Geist, er ist ein Geist«, sagte diese innere Stimme, »und du bist nur ein Mensch. Er geht weiter, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Du bist nur ein Mensch ...« »Ist das wahr, Gescheckter?« fragte die Frau wie- der. Der Bann war gebrochen. »Ich will dir sagen, was ich davon halte«, antwor- tete Ransom und sprang auf. »Sicherlich ist Gutes daraus entstanden. Ist Maleldil ein Tier, daß wir Ihm, ein Ende machen können, oder ein Blatt, das wir nach unserem Belieben verbiegen und falten können? Was immer du tust, Er wird Gutes daraus machen. Aber es wird nicht das Gute sein, das Er dir für den Fall zu- gedacht hat, daß du Ihm gehorchst. Das würde für immer verloren sein. Der erste Mann und die erste Frau unserer Welt taten das Verbotene; und Maleldil wandte es am Ende zum Guten. Aber was sie taten, war nicht gut, und was sie verloren, haben wir nicht gesehen. Und es gab viele, denen nichts Gutes zuteil wurde, noch jemals zuteil werden wird.« Er wandte sich zu Westons Körper. »Du mußt ihr alles sagen«, sagte er. »Welches Gute hattest du davon? Ist es dir eine wahre Freude, daß Maleldil auf die Welt nieder- stieg und ein Mensch wurde? Erzähl ihr von deinen Freuden, und welchen Gewinn du hattest, als du Maleldil mit dem Tod bekanntmachtest.« In den Augenblicken, die auf diese Worte folgten, geschah zweierlei, das sich irdischer Erfahrung ent- zog. Westons Körper warf den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund, und stieß ein langes, melancholi- sches Heulen aus, ähnlich dem eines Hundes; und die Frau legte sich völlig unbekümmert nieder, schloß die Augen und war auf der Stelle eingeschlafen. Und während dies geschah, glitt die schwimmende Insel, auf der die beiden Männer standen und die Frau lag, den Hang eines riesigen Wellenbergs hinab. Ransom hielt die Augen fest auf den Feind gerich- tet, aber der nahm keine Notiz von ihm. Seine Augen bewegten sich wie die Augen eines lebenden Men- schen, aber es war schwer zu sagen, was sie sahen oder ob er die Augen tatsächlich als Sehorgane ge- brauchte. Man gewann den Eindruck einer Kraft, die, die Pupillen dieser Augen klug in eine geeignete Richtung dirigierte, während der Mund sprach, die aber für ihre eigenen Zwecke völlig andere Methoden der Wahrnehmung gebrauchte. Westons Körper setzte sich nahe dem Kopf der Frau auf der Ransom gegenüberliegenden Seite nieder – sofern man es nie- dersetzen nennen konnte. Der Körper nahm seine sit- zende Haltung nicht durch die normalen Bewe- gungsabläufe eines Menschen ein; es war mehr, als manövrierte irgendeine äußere Kraft ihn in die richti- ge Position und ließ ihn dann sinken. Es war unmög- lich, eine bestimmte Bewegung herauszugreifen, die entschieden nichtmenschlich gewesen wäre. Ransom hatte das Gefühl, eine Imitation lebendiger Bewegun- gen zu beobachten, die sehr gründlich studiert wor- den waren und technisch korrekt ausgeführt wurden: aber irgendwie fehlte ihnen die zwanglose Flüssig- keit, die natürliche Vollendung. Und ein unnennba- rer, an Angstanwandlungen im Kinderzimmer ge- mahnender Schrecken vor dem Ding – dem bewegten Leichnam, dem Nichtmenschen –, mit dem er zu tun hatte, machte ihn frösteln. Es gab nichts zu tun als zu wachen und zu warten: dazusitzen, für immer, wenn es sein mußte, und die Frau vor dem Nichtmenschen zu schützen, während ihre Insel unablässig über die Alpen und Anden mes- singfarbenen Wassers glitt. Sie waren alle drei ganz still. Oft kamen Tiere und Vögel und betrachteten sie. Stunden später begann der Nichtmensch zu sprechen. Er schaute dabei nicht einmal in Ransoms Richtung; langsam und schwerfällig wie eine Maschine, die ge- ölt werden muß, bewegte er Mund und Lippen zur Aussprache seines Namens., »Ransom«, sagte er. »Nun?« sagte Ransom. »Nichts«, sagte der Nichtmensch. Ransom schoß ihm einen fragenden Blick zu. War der andere verrückt? Aber er sah eher tot als verrückt aus, wie schon zu- vor, saß mit geneigtem Kopf und offenem Mund, und etwas gelber Blütenstaub von dem Moos hatte sich in den Falten seiner Wangen festgesetzt. Die Beine hatte er im Schneidersitz gekreuzt, und die Hände mit ih- ren langen und metallisch aussehenden Nägeln ruh- ten flach auf dem Boden vor ihm. Ransom verdrängte den Gedanken und kehrte zu seinen eigenen unbe- haglichen Überlegungen zurück. »Ransom«, sagte der andere wieder. »Was ist?« fragte Ransom scharf. »Nichts«, antwortete er. Wieder wurde es still; und wieder sagte der leblose Mund, nachdem eine Minute vergangen war: »Ransom!« Diesmal antwortete Ransom nicht. Eine Weile ver- ging, und der andere stieß wieder seinen Namen her- vor; und dann, wie ein Maschinengewehr wohl an die hundertmal: »Ransom ... Ransom ... Ransom ...« »Was zum Teufel willst du?« brüllte er schließlich. »Nichts«, sagte die Stimme. Ransom beschloß, das nächste Mal nichts zu sagen, doch als der andere ihn etwa tausendmal gerufen hatte, antwortete er, ob er wollte oder nicht, und wieder war die Antwort: »Nichts.« Schließlich zwang er sich, schweigend zu verharren: nicht, daß die Qual, dem Drang zum Spre- chen nicht nachzugeben, geringer gewesen wäre als die Qual des Antwortens, sondern weil der Wider-, standsgeist in ihm aufstand und gegen die Gewißheit des Peinigers ankämpfte, daß er am Ende doch nach- geben müsse. Wäre der Angriff von einer mehr heftigen Art ge- wesen, so hätte er ihm leichter widerstehen können. Was ihn beinahe einschüchterte, war die Vereinigung von Bosheit mit etwas nahezu Kindlichem. Auf Ver- suchung, Blasphemie und alle möglichen Schrecken war er in einer Weise vorbereitet, aber nicht auf die- ses kleinliche unermüdliche Quälen wie von einem ungezogenen kleinen Jungen in einem Kindergarten. Tatsächlich hätte kein gedachter Schrecken das Ge- fühl überbieten können, das mit der Langsamkeit der verrinnenden Stunden in ihm wuchs und ihm sagte, daß diese Kreatur nach allen menschlichen Maßstä- ben umgestülpt sei und ihr Herz an der Oberfläche, die Oberflächlichkeit aber im Herzen trage. An der Oberfläche großartige Entwürfe und eine Gegner- schaft zum Himmel, die das Schicksal von Welten be- einflußte; aber tief im Innern, wenn alle Schleier weg- gezogen waren, nichts als eine schwarze Unreife, eine ziellos leere Gehässigkeit, die sich ebenso mit den winzigsten Grausamkeiten zufriedengeben konnte, wie die Liebe sich mit der kleinsten Freundlichkeit zufriedengibt. Was Ransom aufrechthielt, lange nachdem alle Möglichkeiten, an etwas anderes zu denken, erschöpft waren, war die Überlegung, daß er, wenn er entweder das Wort ›Ransom‹ oder das Wort ›nichts‹ millionenmal hören müsse, das Wort ›Ran- som‹ vorziehen würde. Und während der Zeit glitt die juwelenfarbene In- sel in sausender Fahrt zum gelben Himmel auf, um einen Moment in prekärem Gleichgewicht dort zu, verharren und dann in die warmen, grüngoldenen Tiefen zwischen den Wellenbergen hinabzuschießen. Und die Frau lag schlafend, einen Arm hinter dem Kopf und die Lippen ein wenig geöffnet. Es gab kei- nen Zweifel, daß sie schlief, denn ihre Augen waren geschlossen, und ihr Atem ging gleichmäßig, doch sie sah nicht ganz wie Schläfer auf unserer Welt aus, denn ihr Gesicht war voll Ausdruck und Intelligenz, und die Glieder sahen aus, als seien sie jeden Augen- blick zum Aufspringen bereit; alles in allem hatte man den Eindruck, daß der Schlaf nicht etwas war, das über sie kam, sondern eine Handlung, die sie vollzog. Dann war es auf einmal wieder Nacht. »Ransom ... Ransom ... Ransom ... Ransom ...«, sagte die Stimme unaufhörlich. Und Ransom fiel plötzlich ein, daß er zwar irgendwann würde schlafen müssen, der Nichtmensch aber möglicherweise nicht., Der Schlaf erwies sich tatsächlich als das wesentliche Problem. Lange Zeit saß er verkrampft, müde und bald auch hungrig und durstig still in der Dunkelheit und versuchte nicht auf die unaufhörliche Wieder- holung von ›Ransom – Ransom – Ransom‹ zu hören. Aber irgendwann entdeckte er, daß er einem Ge- spräch lauschte, dessen Beginn er nicht gehört hatte, und es wurde ihm klar, daß er geschlafen hatte. Die Frau schien sehr wenig zu sagen. Westons Stimme sprach sanft und ununterbrochen. Sie sprach nicht über das feste Land, nicht einmal über Maleldil. Sie schien mit außerordentlicher Schönheit und Pathos eine Anzahl von Geschichten zu erzählen, und zuerst sah Ransom keine verbindende Idee zwischen ihnen. Sie handelten alle von Frauen, die anscheinend in verschiedenen Epochen der Weltgeschichte und unter völlig verschiedenen Umständen gelebt hatten. Die Antworten und Zwischenfragen der Frau machten deutlich, daß die Geschichten vieles enthielten, das sie nicht verstand; aber das schien den Nichtmen- schen nicht zu kümmern. Wenn die sich aus irgend- einer Geschichte ergebenden Fragen allzu schwierig zu beantworten waren, ließ der Sprecher diese Ge- schichte einfach fallen und begann sofort mit der nächsten. Die Heldinnen der Geschichten schienen alle sehr viel erlitten zu haben – sie waren von ihren Vätern unterdrückt, von ihren Ehemännern verstoßen oder von ihren Liebhabern verlassen worden. Ihre Kinder hatten sich gegen sie erhoben, und die Gesell- schaft hatte sie geächtet. Aber alle Geschichten ende-, ten in einer Hinsicht glücklich: manchmal mit Ehren und Lobpreisungen für eine noch lebende Heldin, häufiger noch mit verspäteter Anerkennung und ver- geblichen Tränen nach ihrem Tod. Je länger dieses endlose Erzählen dauerte, desto seltener wurden die Fragen der Frau; irgendeine Bedeutung für die Worte ›Tod‹ und ›Trauer‹ – welche Bedeutung, konnte Ran- som nicht einmal ahnen – schien sich ihr aus der blo- ßen Wiederholung zu ergeben. Endlich dämmerte ihm, was all diese Geschichten bezweckten. Jede die- ser Frauen hatte für sich allein gestanden und furcht- baren Gefahren für ihr Kind, ihren Liebhaber oder ih- rer Angehörigen getrotzt. Jede von ihnen war miß- verstanden, geschmäht und verfolgt worden: aber je- de wurde durch den Verlauf der Ereignisse glänzend gerechtfertigt. Es war nicht immer leicht, allen Ein- zelheiten zu folgen. Ransom hatte mehr als nur den Verdacht, daß viele dieser edlen Vorkämpferinnen das gewesen waren, was die Sprache der Kirche als Hexen und Häretikerinnen bezeichnet. Aber das blieb alles im Hintergrund. Was von den Geschichten blieb, war mehr ein Vorstellungsbild als eine Idee – das Bild einer hohen, schlanken Gestalt, ungebeugt vom auf ihr lastenden Gewicht der Welt, wie sie furchtlos und allein ins Dunkel vorangeht, um für andere zu tun, was diese ihr verbieten, was aber dennoch getan werden muß. Und unterdessen, als eine Art Hinter- grund für diese Göttinnengestalten, setzte der Spre- cher ein Bild des anderen Geschlechts zusammen. Kein direktes Wort wurde über den Gegenstand ver- loren, aber man fühlte die Männer als eine gewaltige, dumpfe Menge von jämmerlich kindischen und selbstzufrieden-arroganten Geschöpfen, furchtsam,, pedantisch, unschöpferisch; träge wie Ochsen, von Natur dazu angelegt, nichts zu versuchen, nichts zu wagen, keine Anstrengung zu unternehmen und nur durch die unbedankte Tapferkeit ihrer Frauen befä- higt, sich in die Fülle aktiven Lebens aufzuschwin- gen. Es war sehr gut gemacht. Ransom, der sehr we- nig männliches Überlegenheitsgefühl hatte, war zeit- weise nahe daran, es zu glauben. Mitten in den Erzählungen wurde die Dunkelheit jäh von einem Blitzstrahl zerrissen; einige Sekunden später kam der hallende, mächtige perelandrische Donner, und danach warmer Regen. Ransom beach- tete ihn kaum. Der Blitz hatte ihm den Nichtmen- schen steif aufgerichtet sitzend gezeigt, die Frau auf einen Ellbogen gestützt, den Drachen dicht neben ih- rem Kopf wachend, dahinter einen Wald der gefie- derten Bäume und ein Gebirge ungeheurer Wellen vor dem Horizont. Er dachte darüber nach, was er gesehen hatte. Er fragte sich, wie die Frau dieses Ge- sicht – dessen Kinnbacken sich gleichförmig beweg- ten, als wären sie mit Kauen statt mit Sprechen be- schäftigt – sehen konnte, ohne das Böse darin zu er- kennen. Er sah natürlich, daß es unvernünftig von ihm war. In ihren Augen nahm er selbst sich zwei- fellos ungeschlacht und linkisch aus; sie konnte nichts über das böse oder über das normale Aussehen von Erdenmenschen wissen. Der Ausdruck in ihrem Ge- sicht, enthüllt vom plötzlichen Lichtschein, war ihm ganz neu. Ihr Blick war nicht auf den Erzähler ge- richtet, sondern ging in die Ferne, und ihre Gedanken mochten irgendwo in weiter Ferne weilen. Ihre Lip- pen waren geschlossen und ein wenig geschürzt, die Augenbrauen leicht angehoben. Nie zuvor hatte sie, einer Menschenfrau so ähnlich gesehen; und doch war ihr Ausdruck von einer Art, wie er ihm auf Er- den nicht sehr oft begegnet war – außer, wie ihm mit einem Schock klarwurde, auf der Bühne. ›Wie die Königin in einer Tragödie‹ war der unschöne Ver- gleich, der ihm dazu einfiel. Natürlich war es eine grobe Übertreibung. Es war eine unverzeihliche Kränkung. Und doch ... das Bild, das der Blitz ihm gezeigt hatte, war seinem Gehirn mit fotografischer Genauigkeit eingeprägt. Ob er wollte oder nicht, er mußte an diesen neuen Ausdruck ihres Gesichtes denken. Eine sehr gute Tragödin, kein Zweifel. Die Heldin einer bedeutenden Tragödie, edel dargestellt von einer Schauspielerin, die im Alltagsleben eine gute Frau war. An irdischen Maßstäben gemessen, war es ein Gesichtsausdruck, der nur gelobt werden konnte, den manch einer sogar verehrungswürdig finden mochte. Aber wenn Ransom an all das dachte, was er vorher in ihrem Antlitz gelesen hatte, das un- bewußte Strahlen, die übermütige Heiligkeit, die tiefe Ruhe, die ihn manchmal an die Kindheit und manchmal an hohes Alter erinnert hatte, während die kühne Jugend und Tapferkeit von Gesicht und Kör- per beides verneinten, fand er diesen neuen Aus- druck erschreckend. Der fatale Zug von bestellter Er- habenheit, genießerischem Pathos – die, wenn auch nur angedeutete, Übernahme einer Rolle – erschienen ihm abscheulich vulgär. Vielleicht – und er war bei- nahe sicher, daß es sich so verhielt – reagierte sie nur in rein fantasievoller Empfänglichkeit auf diese neue Kunst der Erzählung oder Dichtung. Aber Ransom sah die Gefahr und wünschte, er könnte es ungesche- hen machen. Und zum erstenmal formte sich in ihm, der Gedanke, daß es so nicht weitergehen könne. »Ich werde hingehen, wo die Blätter uns vor dem Regen schützen«, sagte ihre Stimme in der Dunkel- heit. Ransom hatte kaum bemerkt, daß er naß wurde – ohne Kleider war es wenig wichtig. Aber er stand auf, als er ihre Bewegungen hörte, und folgte ihr so gut er konnte nach dem Gehör. Der Nichtmensch schien das gleiche zu tun. In völliger Dunkelheit be- wegten sie sich über die schwankende Oberfläche, die in Abständen vom fahlen Schein der Blitze erhellt wurde. Ransom sah den Nichtmenschen in schlotteri- ger Haltung neben der Frau gehen, Hemd und Hose durchnäßt am Körper klebend, während der Drache schnaufend hinterdrein watschelte. Schließlich kamen sie an eine Stelle, wo der federnde Vegetationsteppich unter ihren Füßen trocken war und der Regen über ihren Köpfen auf ein dichtes Laubdach trommelte. Sie legten sich wieder nieder. »Und zu einer anderen Zeit«, begann der Nichtmensch sofort, »lebte auf un- serer Welt eine Königin, die über ein kleines Land herrschte ...« »Still!« sagte die Frau. »Laßt uns dem Regen lau- schen.« Nach einem Moment fügte sie hinzu: »Was war das? Es war irgendein Tier, das ich noch nie ge- hört habe.« Und tatsächlich hatte etwas in ihrer Nähe leise geknurrt. »Ich weiß es nicht«, sagte Westons Stimme. »Ich glaube, ich weiß es«, sagte Ransom. »Still!« sagte die Frau wieder, und in dieser Nacht wurde nichts mehr gesagt. Es war der Beginn einer Folge von Tagen und Nächten, an die Ransom sich, so lange er lebte, mit Abscheu erinnerte. Er hatte mit der Annahme, daß, sein Feind keinen Schlaf benötigte, nur zu recht ge- habt. Zum Glück war es mit der Frau anders, aber sie kam mit viel weniger Schlaf als Ransom aus, und als die Tage vergingen, gewann er den Eindruck, daß so- gar dieses reduzierte Schlafbedürfnis zu kurz kam. Wann immer Ransom eingenickt war und wieder er- wachte, schien der Nichtmensch bereits mit ihr im Gespräch zu sein. Ransom war erschöpft und über- müdet. Er hätte das alles kaum ertragen, wenn die Frau ihn und den anderen nicht häufig aus ihrer Ge- genwart entlassen hätte. Bei solchen Gelegenheiten blieb Ransom immer in der Nähe des Nichtmenschen. Es war eine Ruhepause während der Schlacht, aber eine sehr unvollkommene. Er wagte den Feind nicht aus den Augen zu lassen, und mit jedem Tag wurde die Gesellschaft des anderen unerträglicher. Ransom hatte vollauf Gelegenheit, sich von der Haltlosigkeit der Maxime zu überzeugen, der Fürst der Finsternis sei ein Herr von Lebensart. Immer wieder dachte er, daß ein geschmeidiger und subtiler Mephisto mit ro- tem Umhang, Degen und einer Feder am Hut, oder sogar ein düsterer, tragischer Satan wie in Miltons ›Verlorenem Paradies‹ eine willkommene Befreiung von dem Wesen sein würde, das zu beobachten er ge- zwungen war. Es war nicht so, als habe er es mit ei- nem abgefeimten Politiker zu tun: es war eher so, als sei er zum Wächter eines Schwachsinnigen, eines Af- fen oder eines sehr ungezogenen Kindes bestellt worden. Was ihn durcheinandergebracht und geär- gert hatte, als der andere mit seinem »Ransom ... Ran- som ...« angefangen hatte, ärgerte ihn auch weiterhin Tag für Tag und Stunde für Stunde. Sprach der ande- re mit der Frau, so bewies er viel Einfühlungsvermö-, gen und Intelligenz; aber Ransom begriff bald, daß er Intelligenz einzig und allein als eine Waffe ansah, die er in seinen dienstfreien Stunden genausowenig ge- brauchen wollte wie ein auf Urlaub befindlicher Sol- dat sein Bajonett. Denken war für ihn ein Mittel zum Zweck, aber als Selbstzweck interessierte es ihn nicht. Er nahm die Vernunft so äußerlich und beziehungs- los an, wie er Westons Körper angenommen hatte. Sobald die Frau außer Sicht war, ließ er sich gehen und fiel in das ihm gemäße Benehmen zurück. Ran- som verbrachte einen großen Teil seiner Zeit damit, die Tiere vor dem Nichtmenschen zu schützen. Kaum war er Ransom aus den Augen oder nur ein paar Schritte voraus, so stürzte er sich auf den nächstbe- sten Vierbeiner oder Vogel, um ihm ein Stück Fell oder Federn auszureißen. Wann immer es ihm mög- lich war, versuchte Ransom zwischen den anderen und sein jeweiliges Opfer zu treten. Bei solchen An- lässen gab es schlimme Augenblicke, wenn die bei- den einander gegenüberstanden. Aber es kam nie zu einem Kampf, denn der Nichtmensch pflegte nur zu grinsen und spuckte vielleicht aus und wich einen Schritt zurück, aber bevor das geschah, hatte Ransom gewöhnlich Gelegenheit, zu entdecken, wie schreck- lich er den anderen fürchtete. Denn so wenig wie sein Abscheu verließ ihn das etwas kindische Entsetzen, mit einem Geist oder einem bewegten Leichnam bei- sammensein zu müssen. Allein die Tatsache des Al- leinseins mit dem anderen erfüllte ihn manchmal mit solcher Panik, daß es aller Anstrengungen seiner Vernunft bedurfte, seinem Verlangen nach anderer Gesellschaft zu widerstehen – seinem Impuls, wie verrückt über die Insel zu rennen, bis er die Frau fand, und um ihren Schutz bitten konnte. Konnte der Nichtmensch keine Tiere erwischen, so gab er sich mit Pflanzen zufrieden. Es gefiel ihm, die Rinde mit den Fingernägeln aufzuschlitzen und in langen Strei- fen abzureißen, Wurzeln auszugraben, Zweige und Blätter abzureißen oder Grasbüschel aus dem Boden zu rupfen. Mit Ransom selbst wußte er ungezählte Spiele zu spielen. Er hatte ein ganzes Repertoire von Unanständigkeiten, die er mit seinem – oder vielmehr mit Westons Körper vollführte; und ihre Albernheit war beinahe schlimmer als die Schmutzigkeit. Auch konnte er stundenlang dasitzen und ihm Grimassen schneiden; und dann verfiel er für weitere Stunden abermals auf sein endloses »Ransom ... Ransom ...« Oft gewannen seine Grimassen eine erschreckende Ähnlichkeit mit Menschen, die Ransom auf der Erde gekannt und geschätzt hatte. Am schlimmsten aber waren jene Augenblicke, wenn der andere Weston erlaubte, in seinen früheren Körper zurückzukehren. Dann begann seine Stimme, die immer Westons Stimme war, mit einem jämmerlichen, stockenden Gemurmel: »Seien Sie vorsichtig, Ransom. Ich bin hier unten am Grund eines großen schwarzen Loches. Nein, das stimmt gar nicht. Ich bin auf Perelandra. Ich kann jetzt nicht sehr klar denken, aber das spielt keine Rolle, er besorgt das Denken für mich. Bald wird es ganz einfach sein. Dieser Bursche macht ständig die Fenster zu. In Ordnung, Sie haben mir den Kopf abgenommen und einen anderen draufge- setzt. Bald werde ich wieder auf der Höhe sein. Sie wollen mich meine Zeitungsausschnitte nicht sehen lassen. Dann ging ich also hin und sagte ihm, wenn Sie mich nicht unter den ersten fünfzehn wollen,, könnten Sie besser gleich auf mich verzichten, verste- hen Sie. Wir werden diesem jungen Spund sagen, daß es eine Beleidigung für den Prüfungsausschuß ist, ei- ne solche Arbeit vorzulegen. Ich möchte wissen, war- um ich eine Fahrkarte Erster Klasse bezahlt habe und dann so hinausgedrängt werde. Das ist nicht fair. Nicht fair. Ich habe es immer gutgemeint. Könnten Sie mir nicht diese Last von der Brust nehmen, ich will all diese Kleider nicht. Laßt mich in Ruhe. Laßt mich in Ruhe. Es ist nicht fair. Es ist nicht fair. Was für riesige Schmeißfliegen. Es heißt ja, man gewöhnt sich an sie ...« Und dann pflegte es mit dem Hunde- geheul zu enden. Ransom konnte sich nie schlüssig werden, ob das Ganze ein Trick war, oder ob tatsäch- lich eine verfallende geistige Energie, die einmal Weston gewesen war, ein mattes und elendes Leben in dem Körper führte, der dort neben ihm saß. Er entdeckte, daß aller Haß, den er einmal gegen den Professor gehegt hatte, erstorben war. Er fand es na- türlich, für Westons Seele zu beten. Dennoch war es nicht eigentlich Mitleid, was er für Weston empfand. Wann immer er an die Hölle gedacht hatte, hatte er sich die verlorenen Seelen als immer noch menschlich vorgestellt; jetzt, da der schreckliche Abgrund, der den Geist vom Menschen scheidet, vor ihm gähnte, ging das Mitleid fast im Entsetzen unter – im unbe- zwingbaren Widerwillen des Lebens gegen den end- gültigen und selbstzerstörerischen Tod. Wenn die Überreste Westons in solchen Augenblicken durch den Mund des Nichtmenschen sprachen, dann war Weston jetzt kein Mensch mehr. Die Kräfte, die viel- leicht schon vor Jahren begonnen hatten, seine Menschlichkeit zu zerfressen, hatten ihr Werk vollen-, det. Der vergiftete Wille, der langsam seine Intelli- genz und seine menschlichen Neigungen durchsetzt hatte, hatte sich schließlich selbst vergiftet, und der ganze psychische Organismus war zerfallen. Nur ein Gespenst war zurückgeblieben – eine immerwähren- de Unrast, ein Zerbröckeln, eine Ruine, ein Geruch von Verwesung und Zerfall. Und dies, dachte Ran- som, könnte mein Schicksal sein; oder das ihre. Aber natürlich waren die Stunden, die er allein mit dem Nichtmenschen verbrachte, nur etwas Neben- sächliches. Wirklich wichtig war nur die endlose Konversation zwischen dem Versucher und der grü- nen Frau. Gemessen an den dahingegangenen Stun- den, war der Fortschritt schwierig einzuschätzen; aber als die Tage vergingen, mußte Ransom mehr und mehr erkennen, daß die allgemeine Entwicklung in die Richtung ging, die der Feind bestimmte. Ge- wiß, es gab ein Auf und Ab, und oft wurde der Nichtmensch unerwartet durch irgendeinen schlich- ten Einwand geschlagen, auf den er nicht gefaßt ge- wesen war. Oft waren auch Ransoms Beiträge zu der schrecklichen Debatte momentan erfolgreich. Es gab Zeiten, da er dachte: Gott sei Dank! Wir haben end- lich doch gewonnen. Aber der Feind war niemals müde, und Ransom ermüdete immer mehr; und nach einiger Zeit glaubte er Anzeichen dafür zu sehen, daß auch die Frau ermüdete. Schließlich sprach er sie dar- auf an und bat sie, ihn und den anderen fortzuschik- ken. Aber sie rügte ihn, und ihre Rüge zeigte, wie ge- fährlich die Situation bereits geworden war. »Soll ich gehen und ausruhen und spielen«, fragte sie, »wäh- rend dies alles entschieden sein will? Nicht, ehe ich ganz sicher bin, daß ich keine große Tat für den Kö-, nig und die Kinder unserer Kinder zu vollbringen habe.« Das war das Gebiet, das der Feind nun fast aus- schließlich bearbeitete. Obwohl die Frau kein Wort für ›Pflicht‹ hatte, ließ er es ihr im Licht einer Pflicht erscheinen, daß sie am Gedanken des Ungehorsams festhalten müsse, und überzeugte sie, daß es Feigheit wäre, ihn abzuweisen. Die Ideen von der Großen Tat, dem Großen Wagnis, von Aufopferung und Märty- rertum wurden ihr jeden Tag in tausend Variationen eingeflüstert. Der Gedanke, abzuwarten und den Kö- nig zu fragen, bevor eine Entscheidung getroffen würde, war längst unauffällig beiseite geschoben worden. An eine solche ›Feigheit‹ dürfe jetzt nicht mehr gedacht werden. Der ganze Sinn ihres Han- delns – die ganze Größe – liege darin, daß sie es ohne Wissen des Königs vollbringe, wobei ihm freigestellt bliebe, es zu mißbilligen, so daß die Vorteile bei ihm und alles Wagnis bei ihr lägen: und mit dem Wagnis natürlich die Großherzigkeit, das Pathos, die Tragö- die und die Originalität. Auch deutete der Versucher an, daß es keinen Zweck haben würde, den König zu fragen, denn er würde die Handlung sicherlich miß- billigen: das sei die Art der Männer. Dem König müs- se die Freiheit aufgezwungen werden. Jetzt, während sie auf sich selbst gestellt sei, müsse die edle Tat voll- bracht werden – jetzt oder nie. Und mit diesem ›Jetzt oder nie‹ begann er auf einer Befürchtung zu spielen, die die Frau anscheinend mit ihren Geschlechtsge- nossinnen auf der Erde teilte – der Befürchtung, man könne sein Leben vergeuden oder eine großartige Gelegenheit ungenutzt vorübergehen lassen. »Als ob ich ein Baum wäre, der Früchte tragen könnte und, doch keine trägt«, sagte sie. Ransom suchte sie zu überzeugen, daß Kinder Frucht genug seien. Aber der Nichtmensch fragte, ob diese ausgeklügelte Teilung der menschlichen Rasse in zwei Geschlechter wirklich nur den Zweck habe, Nachkommen zu erzeugen? Schließlich hätte dies auch einfacher geregelt werden können, wie an zahlreichen Pflanzen zu sehen sei. Im nächsten Atemzug erklärte er, auf Erden seien Män- ner wie Ransom – Männer jenes ausgesprochen männlichen und nach rückwärts blickenden Typs, die vor dem neuen Guten immer zurückschreckten – ständig bestrebt, die Frau zur bloßen Kindergebärerin zu erniedrigen und die hohe Bestimmung zu ignorie- ren, für die Maleldil sie in Wahrheit erschaffen habe. Er sagte ihr, daß solche Männer bereits unübersehba- ren Schaden angerichtet hätten. Sie solle darauf be- dacht sein, daß nichts dergleichen auf Perelandra ge- schehe. In diesem Stadium begann er sie viele neue Worte zu lehren: Worte wie ›schöpferisch‹, ›Intuition‹ und ›geistig‹. Aber das war einer seiner Fehler. Als er ihr schließlich verständlich gemacht hatte, was ›schöpferisch‹ bedeutete, vergaß sie alles über das große Wagnis und die tragische Einsamkeit und lachte eine volle Minute lang. Schließlich sagte sie dem Nichtmenschen, er sei sogar noch jünger als der Gescheckte, und schickte sie beide fort. Ransom hatte dadurch an Boden gewonnen; doch am folgenden Tag verlor er ihn wieder, weil er die Herrschaft über sich selbst verlor. Der Feind hatte ihr mit mehr als der üblichen Beredsamkeit die edle Er- habenheit von Selbstaufopferung und Hingabe vor Augen geführt, und ihre Bezauberung schien sich mit jedem Augenblick zu vertiefen, als Ransom die Ge-, duld verlor, aufsprang und heftig auf sie einredete, wobei er viel zu schnell sprach, beinahe brüllte und in der Aufregung sein Alt-Solarisch vergaß und engli- sche Brocken dazwischenwarf. Er versuchte ihr zu sagen, daß er diese Art von ›Selbstlosigkeit‹ gesehen habe: versuchte ihr von Frauen zu erzählen, die lieber hungerten, bis ihnen übel wurde, statt vor der Heim- kehr des Mannes mit der Mahlzeit anzufangen, ob- wohl sie genau wußten, daß er das nicht leiden konnte; von Müttern, die sich zuschanden rackerten, um eine Tochter mit einem Mann zu verheiraten, den die Tochter verabscheute; von Agrippina und Lady Macbeth. »Willst du denn nicht begreifen«, schrie er, »daß er dich Worte sagen macht, die nichts bedeuten? Was hilft es, zu sagen, du würdest dies oder das für den König tun, wenn du weißt, daß der König nichts davon wissen will? Bist du Maleldil, daß du entschei- den solltest, was für den König gut ist?« Aber sie ver- stand nur einen sehr kleinen Teil des Gesagten und war von seinem Benehmen verwirrt und betroffen. Der Nichtmensch schlug Kapital aus dieser unbe- dachten Rede. Aber durch all dieses Auf und Ab mit seinen Frontwechseln, Gegenangriffen und Rückzügen wur- de Ransom die Strategie des Ganzen zunehmend kla- rer. Die Reaktion der Frau auf die Anregung, das große Wagnis auf sich zu nehmen und eine tragische Heldin und Vorkämpferin zu werden, war noch im- mer eine Reaktion, die hauptsächlich ihrer Liebe zum König und zu ihren ungeborenen Kindern entsprang; in gewissem Sinn sogar ihrer Liebe zu Maleldil selbst. Die Vorstellung, daß Er nicht wirklich blinden Gehor- sam wünsche, war die Schleuse, durch welche die, ganze Flut von Beeinflussung in ihr Denken einge- drungen war. Aber von dem Moment an, da der Nichtmensch mit seinen tragischen Erzählungen be- gonnen hatte, hatte sich in diese Reaktion ein Hauch von theatralischer Selbstbewunderung gemischt, eine Neigung, im Drama ihrer Welt eine große Rolle zu spielen. Es war klar, daß der Nichtmensch dieses Element nach Kräften zu stärken versuchte. Solange es im Ozean ihres Geistes sozusagen nur ein Tropfen war, würde ihm der wirkliche Erfolg versagt bleiben. Vielleicht war sie, solange dieser Zustand andauerte, vor tatsächlichem Ungehorsam geschützt; vielleicht konnte ein vernünftiges Geschöpf sein Glück nicht für etwas so Unbestimmtes wie das Geplauder des Versuchers über das ›Tiefere Leben‹ und den ›Weg empor‹ wegwerfen, solange solche Motivationen kei- nen beherrschenden Einfluß erlangten. Der verschlei- erte Egoismus in der Konzeption des edlen Ungehor- sams mußte verstärkt werden. Und trotz vieler Ein- wände der Frau und vieler Rückschläge für den Feind hatte Ransom den Eindruck, daß dieser egoistische Zug sich sehr langsam, aber doch wahrnehmbar ver- stärkte. Die Angelegenheit war natürlich grausam kompliziert. Was der Nichtmensch sagte, kam der Wahrheit immer sehr nahe. Sicherlich mußte es zum göttlichen Plan gehören, daß dieses glückliche Ge- schöpf reifte und allmählich zu einer Person mit freier Willensentscheidung würde, daß es sich von Gott und von seinem Partner deutlicher unterscheiden und eben dadurch sich auf eine reichere Weise mit ihnen vereinen würde. Er hatte gesehen, wie dieser Prozeß seit seinem Zusammentreffen mit ihr voran- gegangen war, und er hatte ihn unbewußt gefördert., Diese gegenwärtige Versuchung, wenn sie besiegt werden konnte, würde der nächste und größte Schritt in dieselbe Richtung sein: sie würde zu einem freie- ren, überlegteren und bewußteren Gehorsam führen, als sie bisher gekannt hatte. Aber aus diesem selben Grund konnte der unheilvolle falsche Schritt, der, einmal getan, sie in die schreckliche Sklaverei von Lust und Haß und Wirtschaft und Regierung hinab- stürzen würde, ihr so dargestellt werden, als sei er der richtige. Was Ransom zu der Überzeugung brachte, daß das gefährliche Element in ihrem Inter- esse wuchs, war ihre zunehmende Nichtbeachtung der einfachen Logik des Problems. Es wurde schwie- riger, sie an die feststehenden Daten zu erinnern – an Maleldils Gebot, an die Ungewißheit der Folgen, wenn es übertreten wurde, und an ihr gegenwärtiges Glück, das so groß war, daß kaum irgendeine Verän- derung zum Besseren sein konnte. Der Schwall von undeutlichen, doch glänzenden Bildern, mit dem der Nichtmensch sie überschüttete, und die überragende Bedeutung der zentralen Vorstellung schwemmten all das hinweg. Noch war sie im Zustand der Un- schuld. Noch war keine böse Absicht in ihr. Aber selbst wenn ihr Wille unverdorben war, die eine Hälfte ihrer Fantasie war bereits erfüllt von strahlen- den, giftigen Gestalten. So kann es nicht weitergehen, dachte Ransom zum zweitenmal. Aber alle seine Einwände erwiesen sich auf die Dauer als unzuläng- lich, und es ging doch weiter. Es kam eine Nacht, da er so erschöpft war, daß er gegen Morgen in bleiernen Schlaf sank und bis tief in den nächsten Tag hinein schlief. Beim Erwachen sah er sich allein. Ein großer Schrecken erfüllte ihn. »Was, hätte ich tun können? Was hätte ich tun können?« rief er, denn er glaubte alles verloren. Mit wehem Herzen und schmerzendem Kopf wankte er zum Saum der Insel: er wollte einen Fisch suchen und die Entwiche- nen zum Festland verfolgen, wohin sie gegangen sein mußten. In der Bitterkeit und Verwirrung seiner Ge- danken vergaß er, daß er keine Ahnung hatte, in wel- cher Richtung dieses Land jetzt lag und wie weit es entfernt war. Er eilte durch den Wald, und als er auf eine Lichtung kam, entdeckte er plötzlich, daß er nicht allein war. Zwei menschliche Gestalten in lan- gen Gewändern standen vor ihm, stumm unter dem goldenen Himmel. Ihre Gewänder waren purpurn und blau, ihre Köpfe trugen Kränze aus silbrigen Blättern, und ihre Füße waren nackt. Die eine Gestalt schien den häßlichsten und die andere den schönsten von allen Menschen zu verkörpern. Dann sprach eine der Gestalten, und er begriff, daß sie niemand ande- res als die grüne Frau und der besessene Körper des unglücklichen Weston waren. Die Gewänder waren aus Federn, und Ransom kannte die perelandrischen Vögel, von denen sie stammten; die Kunst des Gewe- bes, wenn man es so nennen konnte, ging über sein Begreifen. »Willkommen, Gescheckter«, sagte die Frau. »Du hast lange geschlafen. Wie findest du uns in unseren Blättern?« »Die Vögel«, sagte Ransom. »Die armen Vögel! Was hat er ihnen angetan?« »Er hat die Federn irgendwo gefunden«, sagte die Frau achtlos. »Die Vögel verlieren sie.« »Warum hast du das getan?« »Er hat mich wieder älter gemacht. Warum hast du, es mir nie gesagt, Gescheckter?« »Was gesagt?« »Wir haben es nie gewußt. Dieser hier zeigte mir, daß die Bäume Blätter und die Tiere Felle haben, und er sagte, daß die Männer und Frauen eurer Welt sich auch mit schönen Dingen behängen. Warum sagst du uns nicht, wie wir aussehen? Ach, Gescheckter, ich hoffe, dies wird nicht schon wieder ein neues Gutes sein, von dem du die Hand zurückziehst. Es kann dir nicht neu sein, wenn alle auf deiner Welt es tun.« »Das ist etwas anderes«, sagte Ransom. »Dort ist es kalt.« »Das sagte der Fremde auch«, antwortete sie. »Aber nicht in allen Teilen deiner Welt ist es kalt. Er sagt, man tue es auch dort, wo es warm ist.« »Hat er dir auch gesagt, warum die Leute es tun?« »Um schön zu sein. Warum sonst?« sagte die Frau ein wenig verwundert. Dem Himmel sei Dank, dachte Ransom, er lehrt sie nur Eitelkeit. Er hatte Schlimmeres befürchtet. Aber war es auf lange Sicht möglich, Kleider zu tragen, oh- ne die Schamhaftigkeit kennenzulernen, und durch sie die Unkeuschheit? »Findest du, daß wir jetzt schöner sind?« sagte die Frau, seinen Gedankengang unterbrechend. »Nein«, sagte Ransom; dann berichtigte er sich und fügte hinzu: »Ich weiß nicht.« Es war tatsächlich nicht einfach, eine Antwort zu finden. Der Nichtmensch sah nun, da Westons prosaisches Hemd und kurze Hose verhüllt waren, exotischer und fantastischer und weniger schmutzig und abscheulich aus. Was die Frau anging, so sah sie in gewissem Sinn zweifellos schlechter aus. In ihrer Nacktheit war Einfachheit, gewesen, während mit dem purpurnen Gewand Üp- pigkeit und Überladenheit gekommen waren, Zuge- ständnisse an eine niedrigere Konzeption des Schö- nen. Zum ersten (und letzten) Male erschien sie ihm in diesem Augenblick als eine Frau, die ein erdgebo- rener Mann möglicherweise lieben könnte. Und das war unerträglich. Die gespenstische Unangemessen- heit der Vorstellung schien der ganzen Landschaft schlagartig etwas von ihren Farben und Düften ge- nommen zu haben. »Findest du, daß wir jetzt schöner sind?« sagte die Frau wieder. »Was liegt daran?« sagte Ransom unwillig. »Jeder sollte wünschen, so schön zu sein, wie er nur kann«, antwortete sie. »Und wir können uns selbst nicht sehen.« »Wir können es«, sagte Westons Körper. »Wie sollte das möglich sein?« sagte die Frau und wandte sich dem anderen zu. »Selbst wenn du deine Augen ganz herumdrehen könntest, daß sie nach in- nen schauen, würden sie nur Schwärze sehen.« »Nicht so«, antwortete Westons Körper. »Ich werde es dir zeigen.« Er ging ein paar Schritte über die Lichtung zu der Stelle, wo Westons Gepäck im Kraut lag. Ransom sah die genaue Verarbeitung und alle Einzelheiten der Form mit jener seltsamen Schärfe der Wahrnehmung, die wir entwickeln, wenn wir ängst- lich und besorgt sind. Die große Reisetasche mußte aus demselben Londoner Geschäft stammen, wo er seine eigene gekauft hatte: und diese geringfügige Tatsache, die ihn plötzlich daran erinnerte, daß Wes- ton einmal ein Mensch gewesen war, daß auch er einmal Freuden und Schmerzen gekannt und einen, menschlichen Geist gehabt hatte, trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Die scheußlichen Finger, die Weston nie wieder gebrauchen würde, beschäftigten sich mit den Schnallen und brachten schließlich einen kleinen, glänzenden Gegenstand zum Vorschein – ei- nen billigen kleinen Taschenspiegel. Er gab ihn der grünen Frau. Sie drehte ihn in den Händen. »Was ist das? Was soll ich damit tun?« sagte sie. »Schau hinein«, sagte der Nichtmensch. »Wie?« »So!« sagte er. Er nahm ihr den Spiegel aus der Hand und hielt ihn vor ihr Gesicht. Sie starrte eine ganze Weile hinein, offenbar ohne zu verstehen, was sie darin sah. Dann schrak sie zusammen, stieß einen Schrei aus und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Auch Ransom erschrak. Es war das erste Mal, daß er sie als die passive Empfängerin irgendeiner Emotion sah. Die Welt um ihn her schien bedeutungsschwer, schwanger mit Veränderung. »Oh – oh!« rief sie. »Was ist es? Ich sah ein Ge- sicht.« »Nur dein eigenes Gesicht, du Schöne«, sagte der Nichtmensch. »Ich weiß es«, sagte die Frau, die Augen noch im- mer vom Spiegel abwendend. »Mein Gesicht ist dort draußen – und schaut mich an. Werde ich älter, oder ist es etwas anderes? Ich fühle ... ich fühle ... mein Herz schlägt zu schnell. Mir ist kalt. Was bedeutet es?« Sie blickte von einem zum anderen. Alle Ge- heimnisse waren aus ihrem Gesicht verschwunden. Es war so leicht zu lesen wie das eines Menschen im Luftschutzkeller, wenn eine Bombe niederpfeift. »Was bedeutet es?« wiederholte sie., »Es wird Angst genannt«, sagte Westons Mund. Dann wandte der andere sein Gesicht voll Ransom zu und grinste. »Angst«, sagte sie. »Dies also ist Angst.« Sie grü- belte nach über die Entdeckung; dann sagte sie mit schroffer Endgültigkeit: »Es gefällt mir nicht.« »Es wird wieder vergehen«, sagte der Nicht- mensch, als Ransom dazwischenfuhr: »Es wird niemals vergehen, wenn du tust, was er wünscht. Er ist dabei, dich tiefer und immer tiefer in die Angst hineinzuführen.« »Ich führe dich«, sagte der Nichtmensch, »in die großen Wellen und durch sie hindurch und über sie hinaus. Nun, da du die Angst kennst, siehst du wohl ein, daß du sie um deiner Nachkommen willen aus- kosten mußt. Du weißt, daß der König sie nicht ken- nenlernen wird, und du willst es auch nicht. Doch in diesem kleinen Ding ist kein Grund zur Angst, eher zur Freude. Was ängstigt dich daran?« »Daß etwas zwei ist, wo es doch eins ist«, antwor- tete die Frau. »Dieses Ding« (sie deutete auf den Spiegel), »bin ich und bin ich nicht.« »Aber wenn du nicht hineinsiehst, wirst du nie wissen, wie schön du bist.« »Ich denke, Fremder«, antwortete sie, »daß eine Frucht nicht sich selbst und ein Mensch nicht mit sich selbst zusammensein kann.« »Eine Frucht kann das nicht, weil sie nur eine Frucht ist«, sagte der Nichtmensch. »Aber wir können es. Wir nennen dieses Ding einen Spiegel. Ein Mensch kann sich selbst lieben und mit sich selbst zusam- mensein. Das ist, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein – neben sich selbst einherzugehen, als ob, man ein anderer wäre, und Freude an der eigenen Schönheit zu haben. Spiegel wurden gemacht, um diese Kunst zu lehren.« »Ist es ein Gutes?« fragte die Frau. »Nein«, sagte Ransom. »Wie könntest du es erfahren, ohne einen Versuch zu machen?« fragte der Nichtmensch. »Wenn du es versuchst, und es ist nicht gut«, sagte Ransom, »wie willst du dann wissen, ob du imstande sein wirst, damit aufzuhören?« »Ich gehe schon neben mir einher«, sagte die Frau. »Aber ich weiß noch nicht, wie ich aussehe. Wenn ich zwei geworden bin, sollte ich wissen, was die andere ist. Was deine Frage betrifft, Gescheckter, so wird mir ein Blick das Gesicht dieser Frau zeigen, und warum sollte ich mehr als einmal hinschauen?« Sie nahm dem Nichtmenschen mit einer furchtsa- men, aber entschlossenen Bewegung den Spiegel aus der Hand und schaute schweigend eine Zeitlang hin- ein. Dann ließ sie ihn sinken, stand da und hielt ihn in der hängenden Hand. »Es ist sehr seltsam«, sagte sie schließlich. »Es ist sehr schön«, sagte der Nichtmensch. »Meinst du nicht auch?« »Ja.« »Aber du hast noch nicht erfahren, was du wissen wolltest.« »Was war das? Ich habe es vergessen.« »Ob das Federgewand dich schöner oder häßlicher macht.« »Ich sah nur ein Gesicht.« »Halt den Spiegel weiter von dir weg, und du wirst die Frau neben dir ganz sehen – die andere, die du, bist. Warte – ich halte ihn dir.« Die Szene nahm eine groteske Alltäglichkeit an. Sie betrachtete sich zuerst mit dem Gewand, dann ohne es, dann wieder damit; schließlich entschied sie sich dagegen und warf es fort. Der Nichtmensch hob es auf. »Willst du es nicht behalten?« sagte er. »Vielleicht willst du es an manchen Tagen tragen, selbst wenn du es nicht alle Tage tragen willst.« »Behalten?« fragte sie, ohne zu verstehen. »Ich hatte vergessen«, sagte der Nichtmensch. »Ich hatte vergessen, daß du nicht auf dem festen Land le- ben noch ein Haus bauen oder in irgendeiner Weise Herrin über dein eigenes Geschick werden willst. ›Behalten‹ heißt ein Ding aufbewahren, wo du es immer wiederfinden kannst und wo Regen, Tiere und andere Leute es nicht erreichen können. Ich würde dir auch diesen Spiegel geben, daß du ihn behältst. Es würde der Spiegel einer Königin sein, ein Geschenk, das aus den Himmelstiefen auf diese Welt gebracht wurde; die anderen Frauen würden nichts Derartiges haben. Aber du hast mich erinnert, daß es anders ist. Es kann keine Geschenke, kein Behalten und keine Vorsorge geben, solange du lebst wie jetzt – in den Tag hinein, wie die Tiere.« Aber die Frau schien nicht auf ihn zu hören. Sie stand geistesabwesend da, wie benommen von der Intensität eines Tagtraums. Sie sah nicht im minde- sten wie eine Frau aus, die an ein neues Kleid denkt. Der Ausdruck ihres Gesichts war edel. Er war viel zu edel. Größe, Tragik, hochherzige Gefühle – das schien ihr Denken zu bewegen. Ransom erkannte, daß die Sache mit dem Gewand und dem Spiegel nur ober-, flächlich mit dem zusammenhing, was allgemein weibliche Eitelkeit genannt wird. Das Bild ihres schö- nen Körpers war ihr nur gezeigt worden, um das weitaus gefährlichere Vorstellungsbild von ihrer gro- ßen Seele wachzurufen. Die veräußerlichte und schauspielerische Auffassung des Selbst war das ei- gentliche Ziel des Feindes. Er machte ihren Geist zu einem Theater, in dem dieses eingebildete Selbst die Bühne beherrschen sollte. Und das Stück hatte er be- reits geschrieben., Weil Ransom an diesem Morgen so lange geschlafen hatte, fiel es ihm leicht, am folgenden Abend wach- zubleiben. Die See hatte sich wieder beruhigt und der Regen aufgehört. Er saß in der Dunkelheit, den Rük- ken gegen einen Baum gelehnt, und die anderen wa- ren in seiner Nähe. Die Frau schien zu schlafen, und der Nichtmensch wartete zweifellos nur auf den Au- genblick, in dem Ransom einnicken würde, um sie zu wecken und mit seinen Überredungsversuchen fort- zufahren. Zum drittenmal, und diesmal dringlicher als je zuvor, kam Ransom der Gedanke, daß es so nicht weitergehen könne. Der Feind arbeitete mit raffinierten Methoden. Wenn nicht ein Wunder geschah, mußte der Wider- stand der Frau früher oder später erlahmen. Warum geschah kein Wunder? Oder vielmehr: warum ge- schah kein Wunder zugunsten der richtigen Seite? Denn die Anwesenheit des Feindes war an sich eine Art Wunder. Hatte die Hölle ein Vorrecht, Wunder zu wirken? Warum griff der Himmel nicht ein? Nicht zum erstenmal zweifelte Ransom an der göttlichen Gerechtigkeit. Er konnte nicht verstehen, warum Maleldil fernblieb, wenn der Feind persönlich zur Stelle war. Doch während er dies dachte, erkannte er so plötz- lich und eindeutig, als ob die schwarze Finsternis um ihn her mit artikulierter Stimme gesprochen hätte, daß Maleldil nicht abwesend war. Das Gefühl der un- sichtbaren Gegenwart – so hochwillkommen, doch niemals ohne die Überwindung eines gewissen Wi-, derstrebens begrüßt –, das er auf Perelandra schon einige Male verspürt hatte, stellte sich wiederum ein. Die Dunkelheit war voll davon, und es schien auf seinen Körper zu drücken, bis er kaum noch atmen konnte; es schien sich wie eine Krone von unerträgli- chem Gewicht um seinen Schädel zu legen, so daß er eine Zeitlang kaum denken konnte. Überdies wurde ihm in einer unerklärlichen Art und Weise bewußt, daß die unsichtbare Gegenwart niemals fern gewesen war und daß er sie in den vergangenen Tagen nur ignoriert hatte. Inneres Schweigen ist für unsereinen eine schwie- rige Leistung. Ein schwatzhafter Teil unseres Geistes plappert sogar an den heiligsten Stätten, bis er zu- rechtgewiesen wird. So kam es, daß ein Teil von Ran- som in einer Art Lähmung von Furcht und demütiger Verehrung verharrte, während der andere, davon völlig unberührt, sein Gehirn weiterhin mit Fragen und Einwänden überschüttete. »Das ist alles gut und schön«, sagte dieser unerschrockene Kritiker, »aber was nützt eine Gegenwart dieser Art! Der Feind ist wirklich hier und redet und handelt. Wo ist Maleldils Vertreter?« Die Antwort, die aus Stille und Dunkelheit zurück- kam, schnell wie der Gegenstoß eines Fechters, nahm ihm fast den Atem. Sie kam ihm wie Blasphemie vor. »Was kann ich denn tun?« plapperte sein redseliges Selbst. »Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe mich krank geredet. Es hat keinen Zweck, sage ich dir.« Er versuchte sich zu überzeugen, daß er, Ransom, un- möglich Maleldils Vertreter sein könne, wie der Nichtmensch der Vertreter der Hölle war. Die Unter- stellung war, so argumentierte er, selbst diabolisch –, eine Verführung zu selbstgefälligem Stolz und Grö- ßenwahn. Er war entsetzt, als die Dunkelheit seine Antwort beinahe ungeduldig verwarf. Und dann – er fragte sich, wie es ihm bis jetzt entgangen sein konnte – mußte er einsehen, daß sein eigenes Kommen nach Perelandra ein zumindest ebenso großes Wunder war wie das Kommen des Feindes. Dieses Wunder für die richtige Seite, das er verlangt hatte, war tatsächlich geschehen. Er selbst war das Wunder. »Ach, das ist doch Unsinn«, sagte das geschwätzige Selbst. Er, Ransom, mit seinem lächerlich gescheckten Körper und seinen zehnfach widerlegten Argumen- ten – was für ein Wunder war das? Sein Geist rettete sich hoffnungsvoll in eine Nebengasse, die Entkom- men versprach. Also gut, er war durch ein Wunder hierhergebracht worden. Er war in Gottes Hand. So- lange er sein Bestes tat – und er hatte sein Bestes ge- tan –, würde Gott sich des endgültigen Ausgangs an- nehmen. Ihm, Ransom, war kein Erfolg beschieden, aber er hatte sein Bestes getan. Niemand konnte mehr von ihm verlangen. Er brauchte sich um das Ender- gebnis keine Sorgen zu machen. Maleldil würde sich darum kümmern. Und Maleldil würde ihn nach sei- nen angestrengten, wenn auch vergeblichen Bemü- hungen sicher zur Erde zurückbringen. Wahrschein- lich war es Maleldils eigentliche Arbeit gewesen, daß Ransom der Menschheit die auf dem Planeten Venus erfahrenen Wahrheiten verkünden solle. Was das Schicksal des Planeten betraf, nun, das konnte un- möglich auf seinen Schultern allein ruhen. Das lag in Gottes Hand. Man mußte sich damit bescheiden, es dort zu lassen. Man mußte Gottvertrauen haben ... Der Gedankengang zerriß wie eine Violinsaite. Von, all diesen Ausflüchten blieb nicht ein Fetzen übrig. Erbarmungslos und unmißverständlich zwang die Dunkelheit ihm die Gewißheit auf, daß diese Dar- stellung der Situation völlig falsch war. Seine Reise nach Perelandra war keine moralische Übung, noch ein Scheingefecht. Lag der Ausgang in Maleldils Händen, so waren Ransom und die Frau diese Hän- de. Das Schicksal einer Welt hing tatsächlich davon ab, wie sie sich in den nächsten Stunden verhielten. Die Sache war unreduzierbare, nackte Wirklichkeit. Er konnte, wenn er es wollte, sich weigern, die Un- schuld dieser neuen Rasse zu retten, und in diesem Fall würde ihre Unschuld nicht gerettet. Sie lag bei keinem anderen Geschöpf in Raum und Zeit. Ransom verstand das alles deutlich, aber er hatte keine Ah- nung, was er tun sollte. Das redselige Selbst protestierte stotternd und mit sich überschlagender Hast wie eine Schiffsschraube, wenn sie aus dem Wasser gerät. Wie unbedacht, wie unfair, wie unsinnig war dieses Ansinnen! Wollte Maleldil etwa diese Welt verlieren? Worin lag der Sinn eines Arrangements, das darauf hinauslief, daß so ungeheuer wichtige Dinge völlig und unwiderruf- lich von einem Strohmann wie ihm abhingen? Und nun mußte er daran denken, daß im gleichen Augen- blick auf der fernen Erde Menschen Krieg führten und milchgesichtige Soldaten und sommersprossige Gefreite, die erst vor kurzem mit dem Rasieren be- gonnen hatten, in wassergefüllten Granttrichtern la- gen oder in tödlicher Dunkelheit vorwärtskrochen und wie er zu der widersinnigen Wahrheit erwach- ten, daß wirklich alles von ihrem Handeln abhing. Und weit entfernt in der Zeit stand Horatius auf der, Brücke, Konstantin mußte sich darüber klarwerden, ob er die neue Religion annehmen würde oder nicht, und Eva stand da und blickte zu der verbotenen Frucht auf, und der Himmel erwartete ihre Entschei- dung. Ransom wand sich und knirschte mit den Zäh- nen, aber es blieb ihm nichts übrig als die Einsicht. So und nicht anders war die Welt beschaffen. Entweder hing nichts von individueller Entscheidung ab – oder aber alles. Ein Stein mochte den Lauf eines Flusses bestimmen. In diesem furchtbaren Augenblick war er der Stein, der zum Mittelpunkt des ganzen Univer- sums geworden war. Die Eldila aller Welten, die sün- denfreien Verkörperungen immerwährenden Lichts, erwarteten schweigend in ihren Himmelstiefen, was Elwin Ransom aus Cambridge tun würde. Dann kam gesegnete Erleichterung. Er begriff plötzlich, daß er nicht wußte, was er tatsächlich konnte. Er war nahe daran, laut aufzulachen. Der ganze Schrecken war verfrüht gewesen. Er hatte kei- ne bestimmte, fest umrissene Aufgabe vor sich. Was von ihm verlangt wurde, war lediglich eine allgemei- ne Entschlossenheit, den Feind auf jede erdenkliche Weise zu bekämpfen, je nach den Erfordernissen der Umstände. Es lief im Grunde wieder darauf hinaus, ›sein Bestes zu tun‹ – oder vielmehr, es auch weiter- hin zu tun, denn er hatte es ja bereits die ganze Zeit getan. Er seufzte und setzte sich ein wenig bequemer. Die milde Flut einer heiteren und rationalen Fröm- migkeit stieg auf und umhüllte ihn. Aber was war das? Er fuhr bolzengerade auf, und sein Herz hämmerte wild gegen die Rippen. Seine Gedanken waren auf eine Idee gestoßen, von der sie zurückschreckten wie jemand, der einen glühenden, Schürhaken berührt hat. Aber diesmal war die Idee wirklich zu kindisch, um sich damit abzugeben. Diesmal mußte sie eine Täuschung sein, ein Produkt seiner eigenen Fantasie. Es verstand sich von selbst, daß ein Kampf mit dem Teufel ein geistiger Kampf war ... die Vorstellung eines physischen Kampfes war allenfalls einem Wilden angemessen. Wäre es nur wirklich so einfach ... aber hier hatte das schwatzhafte Selbst einen Fehler gemacht. Die Ehrlichkeit war in Ransom viel zu tief verwurzelt, als daß er länger als einen Moment mit der Täuschung hätte spielen können, er scheue den körperlichen Kampf mit dem Nichtmenschen weniger als alles an- dere. Lebhafte Vorstellungsbilder drangen auf ihn ein ... die Todeskälte dieser Hände (er hatte sie vor eini- gen Stunden zufällig berührt) ... die langen, metal- lisch scheinenden Fingernägel, die schmale Fleisch- fetzen herausrissen und Sehnen zerfaserten. Es würde ein langsamer Tod sein, und bis zum Ende würde ei- nem diese grausame Idiotie ins Gesicht grinsen. Man würde lange vor dem Tod aufgeben müssen – um Gnade betteln, dem anderen Hilfe anbieten, ihn an- beten, alles. Es war ein Glück, daß etwas so Schreckliches offen- sichtlich nicht in Frage kam. Ransom gelangte fast, doch nicht völlig zu der Überzeugung, daß ungeach- tet dessen, was Dunkelheit und Stille darüber zu sa- gen schienen, ein so roher, brutal körperlicher Zwei- kampf unmöglich in Maleldils Absicht liegen konnte. Jeder Gedanke an das Gegenteil mußte seiner eigenen morbiden Fantasie entspringen. Der Zweikampf des Guten mit dem Bösen als eine Art Wirtshausschläge- rei würde den geistigen Zweikampf der beiden Prin-, zipien zu bloßer Mythologie erniedrigen. Aber hier stieß er abermals auf Widerstand. Vor langer Zeit auf dem Mars und mehr noch seit seiner Ankunft auf Pe- relandra hatte Ransom die Erkenntnis gewonnen, daß der dreifache Unterschied zwischen Wahrheit und Mythos und zwischen diesen beiden und der Wirk- lichkeit nur für die Erde galt und Teil jener unseligen Trennung zwischen Seele und Körper war, die sich aus dem Sündenfall ergab. Selbst auf Erden gab es die Sakramente als eine beständige Mahnung und Erin- nerung daran, daß die Trennung weder heilsam noch endgültig war. Die Menschwerdung Gottes war der Beginn ihrer Aufhebung gewesen. Auf Perelandra würde es überhaupt keine Bedeutung haben. Was immer hier geschah, es würde so beschaffen sein, daß Erdenmenschen es mythologisch nennen würden. Alles das hatte er schon früher erwogen; jetzt wußte er es. Die unsichtbare Gegenwart im Dunkeln, die er nie zuvor so machtvoll gefühlt hatte, legte ihm diese Wahrheiten wie schreckliche Juwelen in die Hände. Das redselige Selbst war aus dem Tritt geraten und verwandelte sich für einige Sekunden in die Stimme eines weinerlichen Kindes, das bettelte, losgelassen zu werden, damit es heimgehen könne. Dann raffte es sich wieder auf und erklärte genau, worin die Absur- dität eines körperlichen Kampfes mit dem Nichtmen- schen lag. Der Ausgang eines solchen Kampfes wür- de für das geistige Ringen völlig bedeutungslos sein. Welchen Sinn hätte es, wenn die Frau nur durch die gewaltsame Entfernung des Versuchers im Gehorsam gehalten werden könnte? Was wäre damit bewiesen? Und wenn die Versuchung keine Erprobung und Prüfung war, warum durfte sie dann überhaupt ge-, schehen? Wollte Maleldil damit sagen, daß unsere ei- gene Welt möglicherweise gerettet worden wäre, wenn einen Augenblick vor Evas Nachgeben ein Ele- fant des Wegs gekommen wäre und versehentlich die Schlange zertreten hätte? War es so einfach und so amoralisch? Das war völlig absurd! Das furchtbare Schweigen dauerte an. Es wurde mehr und mehr wie ein Gesicht, ein Gesicht nicht oh- ne Traurigkeit, das einen ansieht, während man Lü- gengeschichten erzählt, und niemals unterbricht, von dem man aber weiß, daß es einen durchschaut, und man gerät ins Stocken und widerspricht sich und schließlich verstummt man. Das geschwätzige Selbst hatte sich verausgabt. Es war, als sage die Dunkelheit zu Ransom, daß er nur seine Zeit vergeude. Mit jeder Minute wurde ihm klarer, daß die Parallele, die er zwischen dem Garten Eden und Perelandra zu ziehen versucht hatte, roh und unvollkommen war. Was auf der Erde geschehen war, wo Maleldil als Mensch ge- boren wurde, hatte das Universum für immer verän- dert. Die neue Welt Perelandra war keine bloße Wie- derholung der alten Erdenwelt. Maleldil wiederholte sich niemals. Wie die Frau gesagt hatte: dieselbe Welle kam kein zweites Mal. Bei Evas Sündenfall war Gott nicht Mensch gewesen. Er hatte die Menschen noch nicht zu Gliedern seines Leibes gemacht: seither war das geschehen, und künftig würde er durch sie erlösen und leiden. Einer der Zwecke, für den er dies alles getan hatte, war die Rettung Perelandras nicht durch ihn, sondern durch ihn in Ransom. Weigerte Ransom sich, so war der Plan gescheitert. Er war für diesen Punkt in der Geschichte auserwählt worden. Mit dem seltsamen Gefühl, daß etwas von ihm abfalle, und verschwinde, verstand er, daß man genausogut Perelandra und nicht die Erde als den Mittelpunkt ansehen konnte. Man konnte die perelandrische Ge- schichte als eine lediglich indirekte Folge der Menschwerdung auf Erden betrachten. Oder man konnte die Menschheitsgeschichte als bloße Vorbe- reitung für die neuen Welten sehen, von denen Pere- landra die erste war. Das eine war nicht mehr und nicht weniger wahr als das andere. Nichts war mehr oder weniger wichtig als etwas anderes, nichts war eine Kopie oder ein Modell von etwas anderem. Und noch etwas wurde ihm klar. Bisher hatte die Frau den Angreifer abgeschlagen. Sie war erschöpft und müde, und vielleicht war ihre Fantasie ein wenig befleckt, aber sie hatte standgehalten. In dieser Hin- sicht unterschied die Geschichte sich bereits von al- lem, was er über die Mutter unserer eigenen Rasse wußte. Er konnte nicht sagen, ob Eva überhaupt Wi- derstand geleistet hatte, und wenn ja, wie lange. Und noch weniger wußte er, wie die Geschichte geendet haben würde, wenn sie widerstanden hätte. Wäre die besiegte Schlange am nächsten Tag zurückgekehrt, und am darauffolgenden Tag wieder ... was dann? Hätte die Prüfung dann ewig gewährt? Wie hätte Maleldil ihr ein Ende gesetzt? Hier auf Perelandra hatte seine eigene Intuition ihm nicht gesagt, es dürfe keine Versuchung mehr geben, sondern nur, daß es so nicht weitergehen könne. Er stand vor einer neuen Aufgabe, für die der irdische Sündenfall keinen Schlüssel bot, und die neue Aufgabe bedurfte eines neuen Darstellers im Drama. Unglücklicherweise schien er selbst dieser Darsteller zu sein. Vergebens griff sein Geist von Zeit zu Zeit auf die Schöpfungs-, geschichte zurück und fragte: »Was wäre geschehen, wenn ...?« Aber darauf gab die Dunkelheit ihm keine Antwort. Geduldig und unerbittlich führte sie ihn zum Hier und Jetzt und zu der wachsenden Gewiß- heit zurück, was hier und jetzt verlangt wurde. Er fühlte, daß die Worte »Was wäre geschehen, wenn ...« bedeutungslos waren, bloße Einladungen, in eine imaginäre Nebenwelt abzuwandern, die keine Reali- tät hatte. Nur das Gegenwärtige war wirklich, und jede gegenwärtige Situation war neu. Hier auf Pere- landra war es Ransoms Sache, der Versuchung Ein- halt zu gebieten, oder sie würde überhaupt nicht auf- gehalten. Er zog sich auf eine andere Verteidigungsstellung zurück. Wie sollte er den unsterblichen Feind be- kämpfen? Selbst wenn er eine Kämpfernatur gewesen wäre – statt eines Stubenhockers von Gelehrten mit schwachen Augen und einer schlimmen Narbe vom letzten Krieg –, welchen Sinn hätte es, den Kampf auszufechten? Der andere konnte nicht getötet wer- den. Aber die Antwort war klar: Westons Körper konnte vernichtet werden, und dieser Körper war vermutlich der einzige Stützpunkt des Feindes auf Perelandra. In diesem Körper, als dieser noch einem menschlichen Willen gehorcht hatte, war er in die neue Welt eingedrungen. Aus diesem Körper versto- ßen, würde er zweifellos keine andere Wohnung ha- ben. Er hatte jenen Körper auf Westons eigene Einla- dung betreten und konnte ohne ähnliche Einladung in keinen anderen eingehen. Ransom erinnerte sich daran, daß die unreinen Geister nach der Darstellung der Bibel eine schreckliche Furcht davor hatten, in ›die Tiefe‹ ausgetrieben zu werden. Und als er über, diese Dinge nachdachte, sah er schließlich nicht ohne ungute Gefühle, daß die körperliche Leistung, die of- fenbar von ihm verlangt wurde, weder unmöglich noch aussichtslos war. Auf der körperlichen Ebene würden zwei ungeübte Männer mittleren Alters auf- einander treffen, beide unbewaffnet bis auf Fäuste, Zähne und Nägel. Beim Gedanken an diese Einzel- heiten überkamen ihn Abscheu und Entsetzen. Den anderen mit solchen Waffen zu töten – er erinnerte sich an das Töten des verwundeten Frosches – würde ein grauenhafter Alptraum sein; selbst getötet zu werden – und wer wußte, wie langsam? – war mehr, als er auch nur in Gedanken ertragen konnte. Daß er den Tod finden würde, erschien ihm als ausgemachte Sache. Wann, so fragte er sich, habe ich je in meinem Leben einen Kampf gewonnen? Er versuchte nicht länger, sich dem Unvermeidli- chen zu widersetzen. Seine Argumente waren er- schöpft, und die Antwort war klar und schloß alle Ausflüchte aus. Die Stimme aus der Dunkelheit hatte sie ihm so unmißverständlich verkündet, daß er, ob- wohl es kein Geräusch gegeben hatte, meinte, die in der Nähe schlafende Frau müsse davon erwachen. Er sah sich mit dem Unmöglichen konfrontiert. Verge- bens machte er sich klar, was ungläubige Männer auf der Erde in diesen Stunden für eine geringere Sache leisteten und erlitten. Sein Wille war in jenem Tal, wo selbst der Appell an das Ehrgefühl nutzlos wird und das Tal nur noch dunkler und tiefer erscheinen läßt. Er dachte, daß er dem Nichtmenschen mit einer Feu- erwaffe gegenübertreten könnte. Vielleicht hätte er ihm sogar unbewaffnet entgegentreten und den si- cheren Tod erwarten können, wenn der andere Wes-, tons Revolver wiedererlangt hätte. Aber mit ihm handgemein zu werden, sich freiwillig diesen lei- chenkalten und doch lebendigen Armen auszuliefern, mit ihm zu ringen, nackte Brust an nackter Brust ... furchtbare Narrheiten kamen ihm in den Sinn. Er würde der Stimme nicht gehorchen, aber es würde nichts ausmachen, denn er könnte später, wenn er wieder auf der Erde wäre, seinen Ungehorsam bereu- en. Wie Petrus würde er die Nerven verlieren und wie Petrus Vergebung erlangen. Intellektuell wußte er die Antwort auf diese Versuchungen recht gut; aber er war in einem Zustand, wo alle Äußerungen des Intellekts schal und abgestanden klingen. Dann wechselte seine Stimmung plötzlich. Vielleicht würde er kämpfen und siegen, vielleicht nicht einmal ernst- lich verwundet werden. Aber aus der Dunkelheit kam nicht die leiseste Andeutung einer Garantie in dieser Richtung. Die Zukunft war schwarz wie die Nacht. »Nicht umsonst trägst du den Namen Ransom«, sagte die Stimme. Und er wußte, daß er es sich nicht bloß einbildete. Er wußte aus einem recht eigenartigen Grund – weil er seit vielen Jahren wußte, daß sein Nachname nicht von ›ransom‹* abgeleitet war, sondern von Ranolfs son, Ranolfson. Es wäre ihm nie in den Sinn gekom- men, die beiden Wörter so in Zusammenhang zu bringen. Den Namen Ransom mit der Bezahlung ei- nes Lösegelds zu verbinden, wäre für ihn lediglich ein Scherz gewesen. Doch nicht einmal sein ge- schwätziges Selbst wagte jetzt anzudeuten, daß die * zu deutsch ›Lösegeld‹. D. Übers., Stimme sich mit Wortspielereien abgebe. In einem einzigen Augenblick durchschaute er, daß, was für irdische Philologen eine rein zufällige Ähnlichkeit von zwei Lautbildungen darstellte, in Wahrheit kein Zufall war. Die ganze Unterscheidung zwischen Zu- fälligem und Vorausbestimmtem war, wie die Unter- scheidung zwischen Wirklichkeit und Mythos, ein ausschließlich irdisches Phänomen. Das Modell ist so groß, daß innerhalb des engen Rahmens irdischer Er- fahrung Teile davon erscheinen, zwischen denen wir keinen Zusammenhang sehen können, und andere Teile, deren Zusammengehörigkeit wir erkennen. Daher unterscheiden wir für unseren Gebrauch zu Recht das Zufällige vom Wesentlichen. Doch sobald man aus diesem Bezugsrahmen hinaustritt, fällt die Unterscheidung ins Leere. Ransom war zum Verlas- sen des Rahmens gezwungen und in das größere Mu- ster gestellt worden. Er wußte jetzt, warum die alten Philosophen gesagt hatten, daß es jenseits des Mon- des weder Zufall noch Glück gebe. Ehe seine Mutter ihn geboren hatte, ehe seine Vorfahren Ransoms ge- nannt worden waren, bevor ›ransom‹ der Name für eine befreiende Zahlung geworden war, hatten all diese Dinge so nahe beisammen gestanden, daß die Bedeutung des Musters an dieser Stelle in ihrem so und nicht anders gearteten Zusammentreffen lag. Und er beugte den Kopf und ächzte und haderte mit seinem Schicksal, das ihn zwang, Mensch zu bleiben und dennoch in die metaphysische Welt aufzusteigen und auszuführen, was die Philosophie nur denkt. »Auch mein Name ist Ransom«, sagte die Stimme. Es dauerte einige Zeit, bis ihm der Sinn dieser Aus- kunft dämmerte. Er, den die anderen Welten Maleldil, nannten, war der Welt Lösegeld, sein eigenes Löse- geld, wie er gut wußte. Aber zu welchem Zweck wurde es jetzt gesagt? Bevor die Antwort zu ihm kam, fühlte er ihre un- erträgliche Annäherung und streckte seine Arme ab- wehrend aus, als könne er sie daran hindern, die Tür seines Geistes aufzustoßen. Aber sie kam. Das also war der wahre Ausgang. Wenn er jetzt versagte, würde auch diese Welt später losgekauft und erlöst. Wenn er nicht das Lösegeld sein konnte, so würde ein anderer es sein. Und dennoch wiederholte sich nie etwas. Keine zweite Kreuzigung; vielleicht nicht ein- mal eine zweite Menschwerdung, sondern ein Akt noch erschreckenderer Liebe, eine Seligkeit von noch tieferer Demut. Denn er hatte bereits erkannt, wie das Muster wuchs und wie es von einer Welt durch eine andere Dimension in die nächste wächst. Das kleine, äußerliche Böse, das Satan auf Malakandra verübt hatte, war nur wie eine Linie; das tiefere Böse, das er auf Erden verübt hatte, war wie ein Quadrat; wenn Venus fiel, so würde ihr Böses wie ein Würfel sein, und ihre Erlösung läge jenseits aller Vorstellung. Dennoch würde sie erlöst. Er hatte seit langem ge- wußt, daß große Entscheidungen von seiner Wahl abhingen; doch als er nun die wirkliche Weite der be- ängstigenden Freiheit erkannte, die in seine Hände gelegt war, kam er sich vor wie ein Mensch, der unter nacktem Himmel am Rand eines Abgrunds den Zäh- nen des heulenden Polarwindes ausgesetzt wird. Bis jetzt hatte er sich wie Petrus vor dem Herrn stehend gesehen. Aber es war schlimmer. Er saß vor ihm wie Pilatus. Es lag bei ihm, zu bewahren oder zu ver- schütten. »Gnade!« stöhnte er; und dann: »Herr, war-, um ich?« Aber es gab keine Antwort. Die Aufgabe erschien ihm noch immer unmöglich. Doch allmählich geschah etwas, das ihm bisher nur zweimal in seinem Leben widerfahren war. Einmal, als er während des letzten Krieges versucht hatte, sich auf einen sehr gefährlichen Auftrag einzustellen. Und das zweite Mal, als er mit dem Entschluß gerun- gen hatte, einen bestimmten Mann in London aufzu- suchen und ihm ein äußerst peinliches Geständnis zu machen, das die Gerechtigkeit verlangte. In beiden Fällen hatte die Aufgabe den Anschein des Unmögli- chen gehabt; er hatte nicht geglaubt, sondern gewußt, daß er psychologisch unfähig war, es zu tun. Und dann, ohne erkennbare Willensanstrengung, objektiv und emotionslos wie die Ablesung einer Skala, hatte sich vor ihm die absolute Gewißheit erhoben: »Mor- gen um diese Zeit wirst du das Unmögliche getan haben.« Genauso war es jetzt. Seine Angst, seine Scham, alle seine Argumente hatten sich nicht im mindesten gewandelt. Die Aufgabe vor ihm war ge- nauso abschreckend wie zuvor. Der einzige Unter- schied war, daß er wußte – fast als sei es bereits Ver- gangenheit –, es werde geschehen. Er mochte betteln, weinen, fluchen oder beten, es machte nicht den ge- ringsten Unterschied. Es mußte getan werden. Im Lauf der Zeit würde ein Augenblick kommen, da er alles hinter sich hätte. Die künftige Tat stand festum- rissen und unabänderlich vor ihm, und es war nur ein belangloses Detail, daß sie der Zukunft und nicht der Vergangenheit angehörte. Der Kampf war vorbei, doch fühlte er sich nicht als Sieger. Man könnte sa- gen, die Freiheit der Wahl sei beiseitegeschoben und durch ein unbeugsames Schicksal ersetzt worden., Andererseits könnte man sagen, er sei von der leeren Rhetorik seiner Leidenschaften entbunden worden und in unangreifbare Freiheit gelangt. Nicht um den Preis seines Lebens hätte Ransom irgendeinen Unter- schied zwischen diesen beiden Feststellungen gese- hen. Vorherbestimmung und Freiheit waren anschei- nend identisch. Er konnte nicht länger einen Sinn in den vielen Streitgesprächen finden, die er über das Thema gehört hatte. Kaum war er sich darüber klargeworden, daß er am folgenden Tag versuchen werde, den Nichtmen- schen zu töten, als die Tat ihm auch schon geringfü- giger erschien, als er vermutet hatte. Er konnte kaum verstehen, warum er sich des Größenwahns beschul- digt hatte, als der Gedanke ihn das erste Mal über- kommen hatte. Zwar war es richtig, daß Maleldil selbst etwas Größeres vollbringen würde, wenn er seinen Auftrag nicht ausführte, und in diesem Sinn war er Maleldils Stellvertreter: doch nicht mehr als Eva Stellvertreterin gewesen wäre, wenn sie den Ap- fel nicht gegessen hätte, oder irgendein beliebiger Mensch es ist, der eine gute Tat vollbringt. Wie es keinen Vergleich in der Person gab, so gab es keinen im Leiden – oder nur einen Vergleich wie den zwi- schen einem Mann, der sich beim Auslöschen eines Funkens den Finger verbrennt, und einem Feuer- wehrmann, der sein Leben bei der Bekämpfung einer Feuersbrunst verliert, die ausbrach, weil jener Funke nicht gelöscht wurde. Er fragte nicht länger: »Warum ich?« Es konnte geradesogut er wie ein anderer sein, und er hätte auch vor eine andere Wahl als diese ge- stellt werden können. Das grelle Licht, in dem er die- sen Augenblick der Entscheidung gesehen hatte,, ruhte in Wirklichkeit auf allem. »Ich habe Schlaf über deinen Feind gebracht«, sagte die Stimme. »Er wird bis zum Morgen nicht erwa- chen. Steh auf. Geh zwanzig Schritte tiefer in den Wald. Dort wirst du schlafen. Auch deine Schwester schläft.«, Wenn ein seit langem gefürchteter Tag anbricht, sind wir gewöhnlich sofort hellwach. Ransom passierte ohne Zwischenstadien aus traumlos tiefem Schlaf ins volle Bewußtsein seiner Aufgabe. Er war allein. Die Insel hob und senkte sich sanft auf einer See, die we- der ruhig noch stürmisch war. Das goldene Licht blinkte zwischen den indigofarbenen Stämmen der Bäume und sagte ihm, in welcher Richtung das Was- ser war. Er ging zum Ufer und badete, und als er wieder an Land war, legte er sich nieder und trank. Dann stand er eine Weile da, fuhr sich mit den Fin- gern durchs nasse Haar und rieb sich Arme und Bei- ne. Als er seinen Körper betrachtete, fiel ihm auf, wie sehr der einseitige Sonnenbrand nachgelassen hatte. Wäre die Frau ihm erst jetzt zum erstenmal begegnet, hätte sie ihn kaum ›Gescheckter‹ genannt. Seine Hautfarbe war wie Elfenbein, und seine Zehen be- gannen nach so vielen Tagen der Nacktheit die ver- krampfte, häßliche Form zu verlieren, die ihnen von den Schuhen aufgezwungen worden war. Alles in allem gefiel er sich besser als zuvor. Er erwartete mit einiger Gewißheit, daß er erst wieder einen unver- sehrten Körper haben würde, wenn für das Univer- sum ein größerer Morgen käme, und war froh, daß das Instrument für das Konzert gut eingestimmt war, ehe er es abzugeben hatte. »Wenn ich beim Erwachen Deinem Bild gleiche«, sagte er vor sich hin, »will ich zufrieden sein.« Er ging wieder in den Wald. Zufällig – denn er war auf Nahrungssuche – stieß er auf eine ganze Gruppe, der Blasenbäume. Die Erfrischung war so köstlich wie beim erstenmal, und sein Schritt war federnd und elastisch, als er den Hain durchwandert hatte. Ob- wohl dies seine letzte Mahlzeit sein sollte, fand er es noch immer ungehörig, nach irgendeiner bevorzug- ten Frucht Ausschau zu halten, aber als erstes kamen ihm die kürbisähnlichen Früchte vor Augen. Eine gute Henkersmahlzeit, dachte er wehmütig, als er die leere Schale fallen ließ – noch wie benommen von dem Genuß, der die ganze Welt zu einem Tanz zu machen schien. Alles in allem, dachte er, hat es sich gelohnt. Es war eine gute Zeit. Ich habe im Paradies gelebt. Er ging ein wenig tiefer in den Wald, der hier sehr dicht war, und wäre fast über die schlafende Gestalt der Frau gestolpert. Es war ungewöhnlich, daß sie um diese Tageszeit so fest schlief, und er vermutete, daß es Maleldils Werk war. Ich werde sie nie wieder- sehen, dachte er. Als er so dastand und auf sie nie- derblickte, hatte er den sehnsüchtigen und zugleich hoffnungslosen Wunsch, wenigstens ein einziges Mal die große Mutter des Menschengeschlechts auf diese Weise in ihrer Unschuld und Herrlichkeit gesehen zu haben. »Andere Dinge, andere Segnungen und ande- re Pracht«, murmelte er. »Aber niemals das. Niemals auf allen Welten das. Der Verlust ist real.« Noch ein- mal blickte er auf ihre schlafende Gestalt, dann ging er weiter. Ich hatte recht, dachte er. So hätte es nicht weitergehen können. Es war Zeit, ein Ende zu ma- chen. Er mußte lange durch die dunklen und doch farbi- gen Dickichte wandern, bis er seinen Feind fand. Er traf seinen alten Freund, den Drachen, aber auch er, schlief; und nun bemerkte Ransom, daß kein Vogel zwitscherte, kein schlanker Körper durch das Unter- holz glitt, keine braunen Augen durch das Laubwerk spähten, keine Geräusche als die des Wassers hörbar waren. Es schien, als ob Maleldil die ganze Insel oder vielleicht die ganze Welt in tiefen Schlaf versenkt hatte. Im ersten Moment gab es ihm ein Gefühl von Verlassenheit, aber bald verstand er den Grund und war froh, daß diesen glücklichen Geschöpfen keine Erinnerung an Blut und Haß bleiben sollte. Als er nach etwa einer Stunde um eine kleine Gruppe von Blasenbäumen bog, sah er sich uner- wartet dem Nichtmenschen gegenüber. Er sah die blutbefleckte Brust des anderen und fragte sich, ob er schon verwundet sei; doch der zweite Blick zeigte ihm, daß es nicht des Nichtmenschen Blut war. Ein blutender, schon halb gerupfter Vogel, den Schnabel im lautlosen Schrei des Erstickens weit aufgesperrt, zappelte schwächlich in den langen, kundigen Hän- den. Ransom handelte, bevor er einen bewußten Ent- schluß gefaßt hatte. Die Erinnerung an Boxkämpfe und Raufereien seiner Grundschuljahre mußte in ihm erwacht sein, denn ehe er sich's versah, hatte er mit aller Kraft eine linke Gerade am Unterkiefer des Nichtmenschen gelandet. Aber er hatte vergessen, daß er ohne Boxhandschuhe kämpfte; der Schmerz, als seine Faust gegen die Kinnlade krachte, brachte ihn wieder zu sich. Es war, als habe er sich die Knö- chel gebrochen, und der Schock des Aufpralls fuhr lähmend durch seinen Arm bis hinauf in die Schulter. Er stand einen Moment still, und das gab dem Nichtmenschen Zeit, ungefähr sechs Schritte zurück- zutaumeln. Auch ihm hatte die erste Kostprobe des, Treffens nicht gefallen. Anscheinend hatte er sich in die Zunge gebissen denn als er zu sprechen versuch- te, quoll ihm Blut aus dem Mund. Er hielt immer noch den Vogel in den Händen. »Du willst also deine Kräfte mit mir messen?« sagte er undeutlich. Er bediente sich des Englischen. »Laß den Vogel los«, sagte Ransom. »Aber das ist sehr töricht von dir«, sagte der Nichtmensch. »Weißt du nicht, wer ich bin?« »Ich weiß, wer du bist«, sagte Ransom. »Welcher von ihnen du bist, spielt keine Rolle.« »Und du denkst, Kleiner«, erwiderte der andere, »daß du mit mir kämpfen kannst? Meinst du viel- leicht, der da oben werde dir helfen? Das dachten schon viele. Ich kenne ihn besser als du, Kleiner. Alle denken, er werde ihnen helfen – bis sie mitten im Feuer zu spät zur Besinnung kommen und Widerru- fungen kreischen, oder wenn sie in Konzentrationsla- gern verfaulen, sich wimmernd unter Sägen winden, in Irrenhäusern geifern oder an Kreuze genagelt wer- den. Konnte der da oben sich selbst helfen?« Und die Kreatur warf plötzlich den Kopf in den Nacken und rief mit so lauter Stimme, daß es schien, das goldene Himmelsdach müsse zerspringen: »Eloi, Eloi, lama sabachthani.« Als Ransom die Worte hörte, war er überzeugt, daß es reines Aramäisch des ersten Jahrhunderts gewesen war. Der Nichtmensch zitierte nicht; er erinnerte sich. Dies waren die Worte, die am Kreuz gesprochen worden waren, und der Verstoßene hatte sie gehört und über alle Jahrhunderte hinweg wie einen Schatz in seiner brennenden Erinnerung bewahrt, um sie jetzt in furchtbarer Parodie hinauszuschreien. Das, Grauen erzeugte in Ransom einen Übelkeitsanfall. Bevor er sich davon erholt hatte, war der Nicht- mensch auf ihm, heulend wie ein Windstoß, die Au- gen so weit aufgerissen, daß sie lidlos zu sein schie- nen, und das Haar gesträubt. Er preßte Ransom fest an sich, die Arme um ihn geschlungen, und seine scharfen Nägel rissen Ransom lange Hautfetzen aus dem Rücken. Ransoms Arme waren mit umklam- mert, und obwohl er sich wild loszureißen suchte, konnte er keinen Schlag führen. Er riß den Kopf her- um und biß tief in den rechten Oberarmmuskel des anderen, zuerst ohne Erfolg, dann tiefer. Der Nicht- mensch stieß ein Geheul aus, versuchte festzuhalten, mußte aber nachgeben, und plötzlich war Ransom frei. Die Verteidigung des anderen war momentan unsicher, und Ransoms rechte und linke Haken trafen seine Herzgegend schneller und härter, als Ransom selbst es je für möglich gehalten hätte. Er konnte den Atem in Stößen aus dem offenen Mund fahren hören, als er ihn aus den Lungen herausschlug. Dann riß der andere die Arme hoch, die Finger gekrümmt wie Krallen: er wollte nicht boxen, er wollte ringen. Ran- som schlug ihm den rechten Arm mit einem schmerzhaften Aufprall von Knochen gegen Knochen zur Seite und landete einen Schwinger am fleischigen Teil des Kinns; im selben Augenblick rissen die Nägel seinen rechten Unterarm auf. Er griff nach den Ar- men seines Gegners, und mehr durch Glück als durch Geschicklichkeit bekam er beide Handgelenke zu fas- sen. Was nun folgte, hätte für einen Betrachter kaum wie ein Kampf ausgesehen. Der Nichtmensch ver- suchte mit aller Kraft, die er in Westons Körper fin-, den konnte, seine Arme aus der Umklammerung durch Ransoms Hände zu reißen, während dieser seinen Haltegriff mit aller Macht aufrechtzuerhalten suchte. Aber diese Anstrengung, die beiden Kämp- fern den Schweiß in Strömen vom Rücken rinnen ließ, äußerte sich nur in langsamen, träge und ziellos scheinenden Armbewegungen. Vorübergehend konnte keiner dem anderen schaden. Der Nicht- mensch beugte sich vorwärts und versuchte zu bei- ßen, aber Ransom hielt ihn auf Armeslänge von sich. Es schien keinen Grund zu geben, warum dies je en- den sollte. Dann gelang es dem anderen, Ransom mit einem plötzlichen Fußstoß gegen das Knie aus dem Gleich- gewicht und beinahe zu Fall zu bringen. Die Bewe- gungen wurden auf beiden Seiten rasch und hastig. Ransom versuchte dem Nichtmenschen ein Bein zu stellen, doch ohne Erfolg. Dann begann er den linken Arm des Gegners mit aller Kraft zurückzubiegen, um ihn zu brechen oder wenigstens auszurenken. Aber dabei lockerte sich sein Griff am anderen Handge- lenk, und sein Kontrahent befreite die rechte Hand und krallte wild in Ransoms Gesicht. Ransom konnte gerade noch die Augen schließen, bevor die Nägel seine Wange aufrissen und der Schmerz ihn zum Loslassen zwang. Eine Sekunde später – er wußte selbst nicht, wie es geschah – standen sie einander keuchend gegenüber, und jeder starrte lauernd den anderen an. Beide boten einen jämmerlichen Anblick. Ransom konnte seine Verletzungen nicht sehen, aber er schien mit Blut bedeckt zu sein. Die Augen seines Gegners waren fast geschlossen, er blutete aus Mund und Na-, se und sein Oberkörper zeigte mehrere Blutergüsse, wo Westons zerfetztes Hemd ihn nicht bedeckte. Dies und das mühevolle Atmen des anderen hatten Ran- soms innere Verfassung völlig verändert. Er hatte die Kraft des Gegners kennengelernt und war überrascht, daß sie nicht größer war. Trotz allem, was die Ver- nunft ihm sagte, hatte er die ganze Zeit erwartet, der andere werde von übermenschlicher, dämonischer Stärke sein. Er hatte mit Armen gerechnet, die sich sowenig halten ließen wie Flugzeugpropeller, doch nun wußte er aus eigener Erfahrung, daß er es nur mit Westons Körperkräften zu tun hatte. Auf der physischen Ebene stand ein Gelehrter mittleren Alters gegen den anderen. Weston war der Kräftigere der beiden gewesen, aber seine Nehmerqualitäten ließen zu wünschen übrig, und er war fett und kurzatmig. Ransom war flinker und ausdauernder. Seine frühere Todesgewißheit erschien ihm jetzt lächerlich. Es war ein ausgeglichener Kampf, und es gab keinen Grund, warum er nicht gewinnen und überleben sollte. Diesmal griff Ransom an, und die zweite Runde hatte viel Ähnlichkeit mit der ersten. Wann immer er boxen konnte, erwies Ransom sich als überlegen; wann immer er sich in den Nahkampf mit Zähnen und Nägeln ziehen ließ, zog er den kürzeren. Selbst im dichtesten Handgemenge behielt er jetzt einen kla- ren Kopf. Er begriff, daß der Ausgang von einer sehr einfachen Frage abhing – nämlich, ob der Blutverlust ihn schwächen und zu seiner Niederlage führen würde, bevor er den anderen erledigen konnte. Ringsum schlief die ganze üppige Welt. Es gab kei- ne Regeln, keinen Schiedsrichter, keine Zuschauer; aber die Erschöpfung zwang sie immer wieder, sich, zu trennen, und unterteilte das groteske Duell so prä- zise in Runden, wie man es sich nur wünschen konnte. Wie viele solcher Runden gekämpft wurden, konnte Ransom nicht sagen. Das Ganze wurde wie die rasenden Wiederholungen von Irrsinnsanfällen, und Durst ein größerer Schmerz als jeder, den der andere ihm zufügen konnte. Oft wälzten sie sich in ihrem verbissenen Ringen am Boden, und einmal saß er tatsächlich rittlings auf der Brust des Nichtmen- schen, drückte ihm mit beiden Händen die Kehle zu und brüllte – zu seiner eigenen Überraschung – einen Vers aus der ›Schlacht von Maldon‹. Aber der andere zerfleischte ihm mit den Nägeln so die Arme und warf sich so wild hin und her, daß er seinen Platz nicht behaupten konnte. Dann erinnert er sich – wie man sich an eine Insel von Bewußtsein inmitten langer Anästhesie erinnert –, wie er dem Nichtmenschen wohl zum tausendsten Male entgegentrat und genau wußte, daß er nicht mehr lange kämpfen konnte. Er erinnert sich, daß der Feind auf einmal nicht wie Weston, sondern wie ein Mandrill aussah und er daran erkannte, daß er im Delirium war. Dann kam eine Erfahrung über ihn, die vielleicht kein guter Mensch jemals haben kann – ein Sturzbach ungemischten und rechtmäßigen Hasses. Die Energie des Hassens, niemals zuvor ohne Schuldgefühle verspürt, ohne eine vage Erkenntnis, daß er es versäumte, den Sünder von der Sünde zu unterscheiden, strömte in seine Arme und Beine ein, bis sie sich wie Säulen brennenden Blutes anfühlten. Was vor ihm war, erschien ihm nicht länger als ein Geschöpf mit verderbtem Willen. Es war die Ver- derbtheit selbst, die sich des Willens nur als Werk-, zeug bediente. Vor undenklichen Zeiten war es eine Person gewesen: aber die Trümmer dieser Persön- lichkeit lebten in ihm nur noch als Waffen fort, die ei- ner wütenden, sich selbst verbannenden Verneinung zur Verfügung standen. Es ist vielleicht schwierig zu verstehen, warum dies Ransom nicht mit Schrecken, sondern einer Art Freude erfüllte. Die Freude kaum aus der Entdeckung, wozu der Haß gut war. Wie ein Junge mit einer Schachtel Farbstifte sich über einen Block weißen Papiers freut, so freute er sich über die vollkommene Übereinstimmung zwischen seinem Haßgefühl und dessen Gegenstand. Obwohl er blu- tete und vor Erschöpfung zitterte, fühlte er, daß nichts über seine Kraft ging, und als er sich wieder auf den lebenden Tod warf, die ewige Irrationale in der Mathematik des Universums, war er verblüfft – und in tieferen Schichten auch wieder nicht – über seine Stärke. Seine Arme und Hände schienen schneller und schrecklicher als seine Gedanken. Er fühlte Rippen in Westons Körper unter seinem Fuß- stoß brechen, hörte das Bersten der Kinnlade unter seinen Fäusten; die ganze Kreatur schien unter seinen Schlägen aus den Fugen zu gehen, zu zersplittern. Die Schmerzen, die ihn selbst quälten, waren irgend- wie unwichtig geworden. Er war überzeugt, ein gan- zes Jahr so weiterkämpfen und weiterhassen zu kön- nen. Plötzlich entdeckte er, daß er ins Leere schlug. In seinem Zustand konnte er anfangs nicht begreifen, was geschah – konnte nicht glauben, daß der Nicht- mensch geflohen war. Seine momentane Benommen- heit gab dem anderen einen Vorsprung; und als er zur Besinnung kam, konnte er ihn gerade noch im, Wald verschwinden sehen, hinkend und taumelnd, mit einem schlaff baumelnden Arm und immer wie- der abreißendem, hundeähnlichem Heulen. Er stürzte ihm nach. Sekundenlang verlor er den anderen hinter Bäumen und Unterholz aus den Augen, dann war er wieder in Sicht. Er begann zu rennen, so schnell er konnte, aber der andere hielt seinen Vorsprung. Es war eine fantastische Jagd durch Licht und Schatten und über die langsam sich verformenden Hügel und Täler. Sie passierten die Stelle, wo der Drache schlief. Sie kamen an der Frau vorüber, die mit einem Lächeln im Gesicht schlummerte. Der Nichtmensch bückte sich tief, als er an ihr vorbeikam, die Finger der Linken zum Hautaufreißen gekrümmt. Er hätte die Schlafende entstellt, aber Ransom war zu dicht hinter ihm, und er konnte die Verzögerung nicht riskieren. Sie hasteten durch eine Kolonie gro- ßer, orangefarbener Vögel, alle auf einem Bein ste- hend und schlafend, die Köpfe ins Gefieder gesteckt, so daß sie wie ein Feld blühender Stauden aussahen. Sie sahen Paare und ganze Familien der gelben Kän- guruhs mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegen, die kleinen Vorderpfoten auf der Brust ge- kreuzt, als seien sie in Grabplatten gemeißelte Kreuzrittergestalten. Sie keuchten unter tiefhängen- den Zweigen durch, auf denen sich schnarchende Baumschweine wiegten. Sie brachen durch Dickichte aus Blasenbäumen und vergaßen im erfrischenden Regen für wenige Minuten ihre Erschöpfung. Es war eine große Insel. Sie ließen den Wald hinter sich und überquerten weite Felder safrangelben und silbrigen Heidekrauts, das manchmal um ihre Knöchel, manchmal um ihre Hüften streifte. Sie stürmten hin-, unter in einen weiteren Wald, der, als sie sich ihm näherten, ein einsames Tal füllte, sich aber dann, be- vor sie ihn erreichten, emporhob, die Kämme stiller Hügel zu krönen. Ransom konnte seine Beute nicht einholen. Es war ein Wunder, daß ein humpelnder und wie betrunken wankender Schwerverletzter die- se Geschwindigkeit durchhalten konnte. Dann kam Ransom der schreckliche Gedanke, daß der Nicht- mensch vielleicht imstande sein mochte, die Schmer- zen auf das abzuwälzen, was in diesem zerschlage- nen Körper noch von Westons Bewußtsein fortlebte; denn wenn sein Knöchel wirklich verstaucht war, wie Ransom vermutete, mußte er bei jedem Schritt unbe- schreiblich leiden. Die Idee, daß ein Mensch wie er noch jetzt in der Gestalt, die er verfolgte, eingekerkert sein mochte, verdoppelte seinen Haß, der keinem Haß glich, den er je gekannt hatte, weil er seine Kräfte vermehrte. Als sie aus dem zweiten Feld kamen, sah er keine dreißig Schritte vor sich das Meer. Der Nichtmensch stürzte darauf zu, als gebe es für ihn keinen Unter- schied zwischen Land und Wasser, und warf sich mit gewaltigem Aufplatschen hinein. Ransom sah den Kopf des Schwimmenden dunkel vor dem kupfernen Grün der See, und er frohlockte, denn Schwimmen war der einzige Sport, in dem er es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte. Als er ins Wasser sprang, verlor er den Nichtmenschen für einen Mo- ment aus den Augen; dann, als er hochkam und das nasse Haar (es war inzwischen sehr lang) mit einem schwungvollen Ruck aus dem Gesicht warf, sah er den anderen mit aufrechtem Oberkörper über dem Wasser, als ob er darauf säße. Ein zweiter Blick zeigte, Ransom, daß der andere einen Fisch bestiegen hatte. Anscheinend erstreckte der Zauberschlaf sich nur auf die Bewohner der Insel, denn der Nichtmensch ent- fernte sich rasch auf seinem Reittier. Er beugte sich nach vorn und machte etwas mit dem Fisch, Ransom konnte nicht ausmachen, was es war. Zweifellos be- saß er viele Mittel, um das Tier anzutreiben. Kurze Zeit war er verzweifelt, aber er hatte die menschenliebende Natur dieser See-›Pferde‹ verges- sen. Bald sah er sich von einer ganzen Schule der massigen Tiere umgeben, die Fontänen in die Luft spritzten und gleich riesigen und schwerfälligen Del- phinen aus dem Wasser sprangen. Trotz ihres guten Willens war es nicht einfach, auf den schlüpfrigen Rücken des prachtvollen Exemplars zu gelangen, das seine Hände zuerst erreichten; während er sich ab- mühte, wurde die Distanz zwischen ihm und dem Flüchtling immer größer. Aber endlich war es ge- schafft, und er machte es sich hinter dem breiten, glotzäugigen Kopf bequem und stieß die Fersen in die Flanken des Tiers, während er Worte des Lobes und der Ermutigung keuchte. Der Fisch setzte sich in Bewegung, doch als Ransom über die See hinaus- spähte, sah er keine Spur vom Nichtmenschen, nur den langen leeren Rücken der nächsten anlaufenden Welle. Zweifellos war der andere jenseits des Wellen- kamms. Dann erkannte er, daß es keinen Anlaß gab, sich wegen der Richtung Sorgen zu machen. Der breite Wasserhang war mit den großen Fischleibern gesprenkelt, die alle in einem großen Schwarm see- wärts zogen. Der Nichtmensch hatte möglicherweise nicht mit dem Instinkt gerechnet, der die Tiere ver- anlaßte, jedem Mitglied des Schwarms zu folgen, das, einen Menschen trug. Als Ransom und sein Fisch auf den Kamm der Dünung gehoben wurden, blickte er in ein weites, flaches Tal, dessen Form ihn an die Tä- ler der heimatlichen Grafschaften gemahnte. In weiter Ferne und bereits im Begriff, den gegenüberliegenden Hang hinaufzugleiten, war die kleine dunkle Pup- pengestalt des Nichtmenschen; und zwischen ihnen war in Dreier- und Viererreihen der ganze Fisch- schwarm ausgebreitet. Es bestand offensichtlich keine Gefahr, den Kontakt zu verlieren. Ransom verfolgte seinen Mann mit den Fischen, und sie würden die Verfolgung nicht abbrechen. Er lachte erleichtert, und mit dem Lachen wurde ihm bewußt, daß er nicht mehr kämpfen und nicht einmal stehen mußte. Er versuchte eine bequemere Haltung einzunehmen und wurde von einem bren- nenden Schmerz am Rücken in die aufrechte Position zurückgezwungen. Gedankenlos griff er mit der Hand nach hinten, um seine Schultern zu befühlen, und schrie beinahe unter dem Schmerz, den die Be- rührung verursachte. Sein Rücken schien in Fetzen zu sein, und die Fetzen schienen alle zusammenzukle- ben. Gleichzeitig bemerkte er, daß seine Knöchel ab- geschürft und blutig waren; und unter den brennen- den Schmerzen der Oberfläche quälten ihn tiefere und unheilvollere Schmerzen vom Kopf bis zu den Füßen. Auch hatte er einen Zahn verloren. Er hatte nicht gewußt, daß er so übel zugerichtet war. Dann fiel ihm auf, daß er Durst hatte. Nun, da er abgekühlt und steif geworden war, fand er es un- glaublich schwierig, einen Trunk aus dem vorbeirau- schenden Wasser zu nehmen. Zuerst hatte er sich ein- fach vorwärtsneigen und das Gesicht ins Wasser tau-, chen wollen, doch ein Versuch kurierte ihn davon. Er mußte das Wasser mit der hohlen Hand schöpfen, und da er allmählich immer steifer wurde, ging selbst das äußerst mühsam und mit viel Stöhnen und Äch- zen vonstatten. Minuten vergingen, ehe er zu einem kleinen Schluck kam, der seines Durstes spottete, und das Stillen dieses Durstes beschäftigte ihn eine halbe Stunde lang – eine halbe Stunde wütender Schmerzen und krankhaften Genusses. Nichts hatte jemals so gut geschmeckt. Selbst als sein Durst gelöscht war, schöpfte er mit den Händen weiterhin Wasser und goß es über sich. Es wäre einer der glücklichsten Au- genblicke seines Lebens gewesen, hätten die Schmer- zen am Rücken nicht zugenommen und hätte ihn nicht die Befürchtung geplagt, daß in den Schnitt- wunden Gift sei. Seine Beine klebten immer wieder am Fischrumpf fest und mußten behutsam und unter Schmerzen abgelöst werden. Dann und wann drohte die Schwärze einer Ohnmacht über ihn zu kommen, aber das durfte nicht geschehen, und so richtete er seine Augen auf nahe Objekte und dachte einfache Gedanken und hielt sich bei Bewußtsein. Während dieser ganzen Zeit ritt der Nichtmensch vor ihm durch die Täler und über die Höhen der lan- gen Dünung, und die Fische folgten ihm, und Ran- som folgte den Fischen. Ihre Zahl schien sich vergrö- ßert zu haben, als sei der Schwarm auf andere Schu- len gestoßen, die sich ihm angeschlossen hätten, und dann erschienen auch andere Geschöpfe. Vögel mit langen Schwanenhälsen – er konnte ihre Farbe nicht bestimmen, da sie vor dem Himmel schwarz aussa- hen – kreisten über dem Schwarm der Riesenfische und gingen zuweilen aufs Wasser nieder, um sich, dann zu langen Ketten zu formieren, die gleichfalls dem Nichtmenschen zu folgen schienen. Oft wurden die Rufe dieser Vögel hörbar, und es war der wildeste Ruf, den Ransom je gehört hatte, der einsamste, ein Ruf, der dem Menschen am fremdesten war. Seit Stunden hatte Ransom kein Land gesehen; er war auf hoher See, inmitten der Einöden Perelandras, und die Geräusche der See und ihr Geruch drangen in ihn ein und ergriffen von ihm Besitz. Es war wild und fremd, aber es war nicht feindlich. Hätte es eine Feindselig- keit gegeben, so wären Wildheit und Fremdheit ent- sprechend gemindert worden, denn Feindseligkeit ist eine Beziehung, und ein Feind ist kein völlig Frem- der. Er sah, daß er nichts über diese Welt wußte. Ei- nes fernen Tages würde sie von den Abkömmlingen des Königs und der Königin bevölkert sein. Aber all ihre Millionen Jahre unbevölkerter Vergangenheit, all ihre ungezählten Quadratmeilen lachenden Wassers in der einsamen Gegenwart ... existierten sie nur da- für? Es war seltsam, daß er, für den ein Wald oder ein Morgenhimmel auf Erden manchmal eine Art Mahl gewesen war, erst auf einen anderen Planeten hatte kommen müssen, um die Natur als etwas Unabhän- giges zu begreifen, das sein eigenes Daseinsrecht hatte., Die Dunkelheit kam so plötzlich über das Meer, als ob sie aus einer Flasche gegossen worden wäre, und mit dem Verschwinden der Farben und Entfernungen gewannen Geräusche und Schmerzen an Intensität. Die Welt war auf dumpfe Qual und jähe Stiche redu- ziert, auf Flossenschläge und die monotonen, doch unendlich verschiedenartigen Geräusche des Was- sers. Dann bemerkte er plötzlich, daß er im Begriff war, vom Fisch zu fallen, zog sich unter Schwierig- keiten wieder auf seinen Sitz und erkannte, daß er ge- schlafen hatte, vielleicht Stunden. Er sah voraus, daß diese Gefahr sich wiederholen würde, und nach eini- ger Überlegung zog er sich unter Schmerzen aus dem schmalen Sattel hinter dem Fischkopf und streckte sich auf dem Rücken aus. Er spreizte die Beine und umschlang, so gut es ging, den Rumpf des Fisches. Mit den Armen tat er das gleiche und hoffte, daß er auf diese Weise auch im Schlaf auf seinem Reittier bleiben würde. Mehr konnte er nicht tun. Die Mus- kelbewegungen des Fischleibs teilten sich ihm mit und verschafften ihm ein Gefühl seltsamer Erregung; er hatte die Illusion, an dem starken animalischen Le- ben teilzuhaben, als ob er selbst zu einem Fisch wür- de. Viel später ertappte er sich, wie er in etwas wie ein menschliches Gesicht starrte. Es hätte ihn erschrecken müssen, aber wie es uns bisweilen im Traum passiert, erschrak er nicht. Es war ein bläulichgrünes, schein- bar von innen erhelltes Gesicht. Die Augen waren größer als die eines Menschen und verliehen ihm das, Aussehen eines Kobolds. Ein Saum von gewellten Membranen an den Seiten ließ an einen Bart denken. Dann wurde Ransom mit einem Schreck klar, daß er nicht träumte, sondern wachte. Das Ding war wirk- lich. Er selbst lag noch immer wund und erschöpft auf dem Rücken des Fischs, und dieses Gesicht ge- hörte zu etwas, das neben ihm schwamm. Er entsann sich der schwimmenden Meermänner und Seejung- frauen, die er früher gesehen hatte. Er fürchtete sich nicht und vermutete, daß die Reaktion des Wasser- manns auf ihn sehr seiner eigenen ähnelte – einer un- behaglichen, jedoch nicht feindseligen Bestürzung. Jeder war für den anderen bedeutungslos. Sie begeg- neten einander wie die Zweige zweier Bäume, wenn der Wind sie zusammenbringt. Ransom richtete sich wieder zu sitzender Haltung auf. Er stellte fest, daß die Dunkelheit nicht vollkom- men war. Sein eigener Fisch schwamm in einem Bad von Phosphoreszenz, und der Fremde neben ihm ge- nauso. Überall um ihn waren andere, bläulichgrün leuchtende Schemen, und an ihren Umrissen konnte er undeutlich ausmachen, welche von ihnen Fische und welche die Wasserleute waren. Nachdem seine Augen sich angepaßt hatten, bemerkte er mehrere Wasserleute in seiner Nähe, die zu essen schienen. Mit ihren froschähnlichen Händen, die Schwimm- häute hatten, rissen sie Stücke oder Fetzen aus auf dem Wasser treibenden dunklen Massen und ver- schlangen sie; dabei hing das Zeug in zerfetzten und faserigen Bündeln aus ihren Mündern und wehte im Wasser, als ob sie lange Schnurrbärte hätten. Es ist bezeichnend, daß es Ransom keinen Augenblick in den Sinn kam, mit diesen Wesen Beziehungen anzu-, knüpfen, wie auch sie nicht versuchten, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er hatte das Gefühl, daß sie den Planeten mit ihm teilten, wie Rinder und Pferde eine Weide teilten, ohne daß eine Gattung die andere beachtet. Diese Reaktion unterschied sich völlig von seinem Verhalten gegenüber allen anderen Lebewe- sen auf Perelandra, und später wurde daraus ein Anlaß zu betroffenen Erwägungen. Im Moment aber beschäftigte ihn ein mehr praktisches Problem. Der Anblick ihres Essens hatte ihn erinnert, daß er hung- rig war, und er überlegte, ob das Zeug, das sie aßen, auch für ihn genießbar sein mochte. Lange zog er die Finger durch das vorbeiströmende Wasser, bis etwas in ihnen hängenblieb. Es war ein Algengewächs mit kleinen Blasen, die zerplatzten, wenn man sie drück- te. Es war zäh und schlüpfrig, aber nicht salzig wie die Algen der irdischen Meere. Wie es schmeckte, konnte er nie genau beschreiben. Nachdem er einige Mundvoll von den Meeresalgen gegessen hatte, er- lebte er eine eigenartige Bewußtseinsveränderung. Ihm war, als sei die Meeresoberfläche der Himmel der Welt, und die schwimmenden Inseln dachte er sich wie Wolken an diesem Himmel; er sah sie in sei- ner Einbildung, wie sie von unten erscheinen würden – dicke Matten aus verfilzten Fasern, Wurzeln und Blasen mit langen herabhängenden Tangsträngen, und seine eigene Erfahrung des Gehens und Lebens auf ihrer Oberseite erschien ihm zunehmend als ein Wunder oder ein Mythos. Seine Erinnerungen an die grüne Frau und ihre zu erwartenden Abkömmlinge und alle anderen Fragen, die ihn seit seiner Ankunft auf Perelandra beschäftigt hatten, verblaßten rasch und verloren sich aus seinem Gedächtnis wie die Er-, innerung an einen Traum, der beim Erwachen sich verflüchtigt, oder als würde es von einer ganzen Welt fremdartiger Interessen und Gefühle verdrängt, de- nen er keinen Namen geben konnte. Es ängstigte ihn, und ungeachtet seines Hungers warf er den Rest der Algen fort. Er mußte wieder geschlafen haben, denn die näch- ste Szene, an die er sich erinnert, spielte bei Tages- licht. Der Nichtmensch war immer noch weit voraus, und zwischen ihm und Ransom breitete sich der Zug des Fischschwarms aus. Die Vögel hatten die Jagd aufgegeben. Und jetzt endlich wurde Ransom sich seiner tatsächlichen Lage voll bewußt. Es ist ein selt- samer Denkfehler, um nach Ransoms Erfahrung zu urteilen, daß ein Mann, wenn er auf einen fremden Planeten kommt, dessen Größe zunächst völlig ver- gißt. Verglichen mit seiner Reise durch den Weltraum ist diese ganze Welt so klein, daß er die Entfernungen auf ihrer Oberfläche nicht gebührend berücksichtigt. Aber nun, als Ransom wieder umherblickte und in allen Richtungen nichts als goldenen Himmel und gleichmäßige Dünung sah, ging ihm die ganze Ab- surdität dieser Selbsttäuschung auf. Selbst wenn es auf Perelandra Kontinente gab, konnte er vom nächstgelegenen durch die Breite des Stillen Ozeans getrennt sein. Aber er hatte keinen Grund für die An- nahme, daß es welche gebe. Er konnte nicht einmal davon ausgehen, daß die schwimmenden Inseln sehr zahlreich waren oder daß sie sich gleichmäßig über die Oberfläche des Planeten verteilten. Selbst wenn ihr lockerer Archipel sich über eine Fläche von meh- reren tausend Quadratkilometern ausdehnte, würde das nur ein verschwindend kleiner Fleck in einer, endlosen Wasserwüste sein, die ewig einen Him- melskörper von der Größe der Erde umbrandete. Bald würde sein Fisch erschöpft sein. Schon jetzt bil- dete er sich ein, daß das Tier langsamer geworden sei. Der andere würde seinen Fisch zweifellos antreiben, bis er verendete, aber er konnte das nicht tun. Als er darüber nachdachte und nach vorn blickte, sah er et- was, das sein Herz gefrieren ließ. Einer der anderen Fische scherte aus der Reihe, blies eine schaumige Fontäne in die Luft, tauchte und kam ein gutes Stück abseits wieder zum Vorschein. Wenige Minuten spä- ter war er außer Sicht. Er hatte genug. Und nun begannen die Ereignisse des vergangenen Tages und der Nacht seinen Glauben anzugreifen. Die Einsamkeit inmitten der See und mehr noch die Erfahrungen, die auf seine Kostprobe von den Algen gefolgt waren, hatten in ihm Zweifel geweckt, ob die- se Welt wirklich in irgendeinem realen Sinn denen gehörte, die sich ihr König und ihre Königin nannten. Wie konnte Perelandra für sie gemacht sein, wenn sie nur den geringsten Teil des Planeten bewohnten, während der weitaus größte Teil als für sie unbe- wohnbar gelten mußte? War die bloße Idee nicht im höchsten Maße naiv und anthropozentrisch? Und das große Verbot, von dem soviel abzuhängen schien – war es wirklich so wichtig? Was kümmerte es diese ewigen Wellenberge und die seltsamen Leute, die in ihnen lebten, ob zwei kleine Geschöpfe, parasitäre Bewohner der schwimmenden Inseln, auf einem be- stimmten Felsen lebten oder nicht? Die Parallelen zwischen seinen Erlebnissen der letzten Zeit und den in der Schöpfungsgeschichte aufgezeichneten Ereig- nissen, die ihm bisher das Gefühl verliehen hatten,, aus Erfahrung zu wissen, was andere Menschen nur glaubten, begannen nun an Bedeutung zu verlieren. Bewiesen sie mehr, als daß ähnlich irrationale Tabus auf zwei verschiedenen Welten das Aufdämmern der Vernunft begleitet hatten? Es war gut und schön, von Maleldil zu reden: aber wo war Maleldil jetzt? Wenn dieser grenzenlose Ozean etwas sagte, dann war es jedenfalls etwas ganz anderes. Wie alle Einsamkeiten war auch er verzaubert, aber nicht von einer anthro- pomorphen Gottheit, sondern von einer völlig uner- forschlichen, für die der Mensch und sein Leben gänzlich irrelevant waren. Und jenseits dieses Ozeans war der Weltraum. Vergebens suchte Ransom sich zu erinnern, daß er im Raum gewesen war und ihn als Himmel betrachtet hatte, wimmelnd von einer Le- bensfülle, für die die Unendlichkeit selbst keinen Ku- bikzoll zu groß war. Alles das erschien ihm nun wie ein Traum. Die gegensätzliche Denkweise, die er oft verspottet und im Spott den ›empirischen Popanz‹ genannt hatte, überflutete auf einmal seinen Geist – der große Mythos unseres Jahrhunderts, mit seinen Gaswolken und Galaxien, seinen Lichtfahren und Evo- lutionen, seinen alptraumhaften Perspektiven einfa- cher Arithmetik, die alles, was für Geist und Seele mög- licherweise Bedeutung haben könnte, zum bloßen Nebenprodukt wesenhafter kosmischer Unordnung machen. Bisher hatte er diese materialistische An- schauung stets herabgesetzt und ihre Superlative und ihre glatte Freigebigkeit mit Zahlen mit einer gewis- sen Geringschätzung behandelt. Selbst jetzt regte sich noch Widerstand in ihm. Ein Teil seines Geistes wußte noch immer, daß die Größe eines Objekts sein am wenigsten bedeutsames Merkmal ist, daß das, materielle Universum von der vergleichenden und mythendichtenden Kraft in seinem, Ransoms, Innern jene Majestät herleitete, vor der er nun in den Staub sinken sollte, und daß bloße Zahlen uns nicht beherr- schen könnten, verliehen wir ihnen nicht eine ehr- furchtgebietende Erhabenheit, die ihnen selbst ge- nausowenig innewohnt wie denen im Hauptbuch ei- nes Bankiers. Aber dieses Wissen blieb eine Abstrak- tion. Größe und Einsamkeit überwältigten ihn. Diese und ähnliche Gedanken mußten ihn mehrere Stunden lang beschäftigt und seine ganze Aufmerk- samkeit beansprucht haben. Er wurde von etwas dar- aus aufgestört, das er am wenigsten erwartete – dem Klang einer menschlichen Stimme. Als er aus seinen Tagträumen erwachte, sah er, daß alle Fische ihn ver- lassen hatten. Sein eigenes Reittier schwamm matt. Und dort, nur wenige Meter entfernt, nicht länger auf der Flucht, sondern langsam näherkommend, war der Nichtmensch. Er hockte zusammengekauert auf sei- nem Fisch und bot einen erbarmungswürdigen An- blick. Sein Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit ver- quollen, die Augen von den Anschwellungen schlim- mer Blutergüsse wie geschlossen, sein Körper leber- farben, ein Fußknöchel unförmig geschwollen und anscheinend gebrochen, der Mund schmerzverzerrt. »Ransom«, sagte er schwach. Ransom schwieg. Er wollte ihn nicht ermuntern, wieder mit diesem Spiel anzufangen. »Ransom«, wiederholte der andere mit versagen- der Stimme. »Um Himmels willen, so reden Sie doch.« Ransom blickte ihn überrascht an, sah Tränen auf seinen Wangen., »Ransom, zeigen Sie mir nicht die kalte Schulter«, sagte der andere. »Sagen Sie mir, was geschehen ist. Was haben sie uns angetan? Sie ... Sie sind ganz blu- tig. Mein Fuß ist gebrochen ...« Seine Stimme erstarb in einem Stöhnen. »Wer sind Sie?« fragte Ransom scharf. »Oh, tun Sie nicht so, als kennten Sie mich nicht«, nuschelte Westons Stimme. »Ich bin Weston. Sie sind Ransom – Elwin Ransom vom Leicester College, Cambridge, der Philologe. Wir hatten unsere Streitig- keiten, ich weiß. Tut mir leid. Ich war wohl im Un- recht. Ransom, Sie werden mich doch nicht in dieser furchtbaren Gegend sterben lassen?« »Wo haben Sie Aramäisch gelernt?« fragte Ransom, ohne den anderen aus den Augen zu lassen. »Aramäisch?« sagte Westons Stimme in leerer Verwunderung. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Es gehört nicht viel dazu, sich über einen Sterbenden lu- stig zu machen, wissen Sie.« »Aber sind Sie wirklich Weston?« fragte Ransom, der allmählich zu glauben begann, daß Weston wirk- lich zurückgekehrt war. »Wer sollte ich sonst sein?« antwortete der andere mit einem schwachen Ausbruch von Ungeduld, den Tränen nahe. »Wo sind Sie gewesen?« Weston – wenn er es war – erschauerte. »Wo sind wir jetzt?« fragte er nach einer hilflosen Pause. »Auf Perelandra – Venus, wissen Sie«, antwortete Ransom. »Haben Sie das Raumschiff gefunden?« fragte Weston. »Ich sah es nur kurz nach Ihrer Ankunft aus der, Ferne, danach nicht mehr«, sagte Ransom. »Und ich habe keine Ahnung, wo es jetzt ist. Ein paar hundert Seemeilen von hier wahrscheinlich.« »Sie meinen, wir sitzen hier fest?« winselte Weston schrill. Ransom sagte nichts, und der andere beugte den Kopf und weinte wie ein Kind. »Kommen Sie«, sagte Ransom schließlich. »Es hat keinen Zweck, daß Sie es so schwernehmen. Zum Henker, auf der Erde würden Sie wahrscheinlich nicht viel besser dran sein. Dort herrscht Krieg, wie Sie vielleicht wissen. Könnte sein, daß die Deutschen gerade jetzt London zu Staub zerbomben!« Dann, als er sah, daß der andere immer noch weinte, fügte er hinzu: »Kopf hoch, Weston, es ist nur der Tod, alles gesagt und getan. Eines Tages müßten wir sowieso sterben, wissen Sie. An Wasser wird es uns nicht fehlen, und Hunger ohne Durst ist nicht allzu schlimm. Was das Ertrinken angeht – nun, eine Bajo- nettwunde oder Krebs würde schlimmer sein.« »Sie wollen damit sagen, daß Sie mich im Stich las- sen werden«, wimmerte Weston. »Ich kann es nicht, selbst wenn ich es wollte«, sagte Ransom. »Sehen Sie nicht, daß ich in der gleichen La- ge bin wie Sie?« »Versprechen Sie mir, daß Sie nicht abhauen und mich im Stich lassen werden?« flehte Weston. »Gut, ich verspreche es, wenn Sie wollen. Wohin könnte ich auch abhauen?« Weston spähte durch seine Augenschlitze lange in die Runde, dann drängte er seinen Fisch ein wenig näher zu Ransoms. »Wo ist ... er?« fragte er im Flüsterton. »Sie wissen schon.« Und er machte eine bedeutungslose Gebärde., »Das gleiche könnte ich Sie fragen«, sagte Ransom. »Mich?« fragte Weston. Sein Gesicht war so ent- stellt, daß es schwierig war, seinen Ausdruck zu deuten. »Haben Sie irgendeine Vorstellung, was Ihnen in den letzten paar Tagen zugestoßen ist?« fragte Ran- som. Wieder blickte Weston vorsichtig und unbehaglich umher. »Es ist alles wahr, wissen Sie«, sagte er schließlich. »Was ist alles wahr?« fragte Ransom. Plötzlich knurrte Weston ihn wütend an. »Für Sie ist es alles schön und gut«, sagte er. »Ertrinken tut nicht weh, und der Tod kommt so- wieso, und all dieser Unsinn. Was wissen Sie über den Tod? Ich sage Ihnen, es ist alles wahr.« »Wovon reden Sie überhaupt?« »Ich habe mich mein Leben lang mit allem mögli- chen Unsinn vollgestopft«, sagte Weston. »Versuchte mich zu überzeugen, daß es eine Rolle spiele, was aus der menschlichen Rasse wird ... Versuchte zu glau- ben, daß alles, was man tut, das Universum erträgli- cher machen werde. Alles Mist, verstehen Sie?« »Und etwas anderes ist wahrer!« »Ja«, sagte Weston und versank in ein längeres Schweigen. »Wir sollten unsere Fische lieber mit der Dünung schwimmen lassen als quer zu ihr«, sagte Ransom nach einer Weile, den Blick auf die See gerichtet. »Sonst werden wir auseinandergetrieben.« Weston gehorchte, offenbar ohne zu merken, was er tat, und eine Zeitlang ritten die beiden sehr lang- sam Seite an Seite., »Ich werde Ihnen sagen, was wahrer ist«, fing Weston endlich wieder an. »Was?« »Ein kleines Kind, das die Treppe hinaufschleicht, wenn niemand es sieht, und ganz langsam die Klinke niederdrückt, um einen verstohlenen Blick in das Zimmer zu werfen, wo die Leiche seiner Großmutter aufgebahrt ist – und dann wegläuft und schlimme Träume hat. Eine grauenhafte Großmutter, verstehen Sie.« »Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, das sei wahrer?« »Ich meine, dieses Kind weiß etwas über das Uni- versum, das alle Wissenschaft und alle Religion zu verbergen trachten.« Ransom sagte nichts. »Viele Dinge«, fuhr Weston fort. »Kinder haben Angst, bei Nacht über einen Friedhof zu gehen, und die Erwachsenen sagen ihnen, sie sollen nicht albern sein: aber die Kinder wissen es besser als die Erwach- senen. Im Innern Afrikas tun die Leute mitten in der Nacht scheußliche Dinge, mit Masken auf – und die Missionare und Beamten sagen, es sei alles finsterer Aberglaube. Nun, die Schwarzen wissen mehr über die Welt als der weiße Mann. In Dubliner Seitengassen erschrecken schmutzige Priester mit Geschichten darüber schwachsinnige Kinder zu Tode. Sie werden sagen, die Priester seien unaufgeklärt. Sie sind es nicht, außer in dem Sinn, daß sie glauben, es gebe ein Entrinnen. Es gibt kein Entrinnen. Das ist das wahre Universum, so ist es immer gewesen und so wird es immer sein. Mehr, steckt nicht dahinter.« »Ich verstehe nicht ganz ...«, begann Ransom, als Weston ihn unterbrach. »Darum ist es so wichtig, so lange zu leben, wie man nur kann. Alle guten Dinge gibt es nur jetzt und heute – eine dünne Rinde von dem, was wir Leben nennen, zum Vorzeigen, und dann für immer und ewig das wirkliche Universum. Die Rinde einen Mil- limeter dicker zu machen – eine Woche, einen Tag, eine halbe Stunde länger zu leben –, das ist das einzi- ge, worauf es ankommt. Sie wissen es natürlich nicht, aber jeder, der unter dem Galgen auf den Henker wartet, weiß es. Sie sagen: ›Was nützt schon ein kur- zer Aufschub?‹ Eine ganze Menge, sage ich Ihnen!« »Aber niemand braucht es soweit kommen zu las- sen«, sagte Ransom. »Ich weiß, daß Sie das glauben«, entgegnete Wes- ton. »Aber Sie irren. Nur eine Handvoll zivilisierter Leute denkt so. Die Menschheit als Ganzes weiß es besser. Sie weiß – schon Homer wußte es –, daß alle Toten in die innere Dunkelheit hinabgesunken sind: unter die Rinde. Alle hirnlos, zitternd, schnatternd, verwesend. Schreckgespenster. Jeder Wilde weiß, daß alle Geister die Lebenden hassen, die sich noch der Rinde erfreuen: genau wie alte Frauen junge Mäd- chen hassen, die noch ihr gutes Aussehen haben. Es ist ganz richtig, vor den Geistern Angst zu haben, auch wenn wir selbst welche sein werden.« »Sie glauben nicht an Gott«, sagte Ransom. »Nun, das ist auch so ein Punkt«, sagte Weston. »In meiner Kindheit bin ich genau wie Sie zur Kirche ge- gangen. In manchen Teilen der Bibel steckt mehr Sinn als ihr religiösen Leute denkt. Heißt es nicht, Er sei, der Gott der Lebenden und nicht der Toten? Genau das ist es! Vielleicht existiert Ihr Gott wirklich – aber das spielt tatsächlich gar keine Rolle. Nein, natürlich verstehen Sie das nicht; aber eines Tages werden Sie. Ich glaube nicht, daß Sie das mit der Rinde – der dünnen äußeren Haut, die wir Leben nennen – klar erkannt haben. Sie müssen sich das Universum als eine unendlich große Kugel mit dieser sehr dünnen Schale auf der Außenseite vorstellen. Ihre Stärke oder Dicke ist die Dicke der Zeit. An den besten Stellen ist sie ungefähr siebzig Jahre dick. Wir werden auf der Oberfläche geboren und sinken im Laufe unseres Lebens allmäh- lich nach innen durch. Wenn wir ganz durch sind, dann sind wir das, was man tot nennt; wir sind in den dunklen inneren Teil gelangt, in die eigentliche Kugel. Wenn Ihr Gott existiert, dann ist er nicht in der Kugel, sondern draußen, wie der Mond. Während wir ins Innere absinken, verlassen wir seinen Bereich. Er folgt uns nicht hinein. Sie würden es ausdrücken, indem Sie sagten, Gott sei nicht in der Zeit – was Sie als tröstlich empfinden! Mit anderen Worten, er bleibt, wo er ist – draußen in Licht und Luft. Aber wir sind in der Zeit. Wir ›gehen mit der Zeit‹. Das heißt, von Gottes Standpunkt aus gesehen, entfernen wir uns in den Bereich, den er als das Nichts betrachtet und wohin er nie geht. Das ist alles, was es für uns gibt und jemals gegeben hat. Gott mag in dem sein, was Sie ›Leben‹ nennen, oder auch nicht. Was macht es für einen Unterschied? Wir jedenfalls sind nicht lange darin!« »Das kann kaum die ganze Geschichte sein«, sagte Ransom. »Wenn das gesamte Universum so wäre,, dann würden wir als seine Teile uns darin zu Hause fühlen. Allein schon die Tatsache, daß es uns furcht- erregend und monströs vorkommt ...« »Ja«, unterbrach Weston, »das wäre alles sehr schön, wenn diese Schlußfolgerung selbst nicht nur Gültigkeit besäße, so lange Sie in der Rinde bleiben. Es hat nichts mit dem wirklichen Universum zu tun. Selbst die gewöhnlichen Wissenschaftler – zu denen ich auch zählte – kommen allmählich darauf. Haben Sie denn die wirkliche Bedeutung von all diesem modernen Zeug über die Gefahren der Extrapolation und den gekrümmten Raum und die Unbestimmtheit des Atoms nicht begriffen? Sie machen natürlich nicht viel Aufhebens davon, aber was dabei herauskommt, ist das gleiche, was für alle Menschen herauskommt, wenn sie tot sind – die Erkenntnis, daß Realität weder vernünftig noch folgerichtig noch sonst was ist. In gewissem Sinn könnte man sagen, sie sei überhaupt nicht vorhanden. ›Wirklich‹ und ›unwirklich‹, ›wahr‹ und ›falsch‹ – das alles gilt nur an der Oberfläche.« »Wenn all dies so wäre«, sagte Ransom, »welchen Sinn hätte es dann, davon zu sprechen?« »Und welchen Sinn hätte es, von irgend etwas an- derem zu sprechen?« erwiderte Weston. »Der einzige Sinn in allem ist, daß es keinen Sinn hat. Warum sollten Geister erschrecken? Weil sie Geister sind. Was sollten sie sonst tun?« »Ich beginne zu verstehen«, sagte Ransom. »Die Beschreibung, die jemand vom Universum oder ir- gendeinem anderen System gibt, hängt weitgehend von seinem Standort ab.« »Aber besonders davon«, sagte Weston, »ob er drinnen oder draußen ist. Alle Dinge, bei denen man, gern verweilt, sind draußen. Die Welt, in der wir le- ben, mit all ihren Eindrücken, zum Beispiel. Oder ein schöner menschlicher Körper. Alle Farben und schö- nen Formen sind nur auf der Oberfläche. Und was finden Sie im Innern? Dunkelheit, Würmer, Hitze, Druck, Salz, Erstickung, Gestank.« Minutenlang durchpflügten sie schweigend die lange Dünung, die nun wieder zuzunehmen schien. Die Fische schwammen langsam. »Natürlich kümmert Sie das nicht«, sagte Weston. »Was schert ihr Leute in der Rinde euch um uns? Ihr seid noch nicht hinuntergezogen worden. Es ist wie ein Traum, den ich mal hatte, obwohl ich damals nicht wußte, wie wahr er war. Mir träumte, ich läge tot da – schön aufgebahrt in der Leichenhalle eines Krankenhauses, wissen Sie, das Gesicht von der Lei- chenwäscherin zurechtgemacht, rechts und links gro- ße Lilien und so weiter. Und dann kam ein Kerl her- ein, der ganz am Zerfallen war – wie ein Landstrei- cher, wissen Sie, bloß ging er selber in Fetzen und nicht bloß seine Kleider –, und er stellte sich ans Fu- ßende meines Sargs und starrte mich an, ganz voll Haß. ›Ja, ja‹, sagte er, ›ja, ja. Du kommst dir mächtig fein vor, mit deinen weißen Laken und deinem glän- zenden Sarg. So habe ich auch mal angefangen. Wir alle haben so angefangen. Warte nur ab und sieh zu, was am Ende aus dir wird.‹« »Wirklich«, sagte Ransom, »ich glaube, Sie sollten lieber den Mund halten.« »Dann ist da noch der Spiritismus«, sagte Weston, ohne Ransoms Anregung zu beachten. »Ich pflegte ihn für ausgemachten Schwindel und Humbug zu halten. Ist er aber nicht. Es ist alles wahr. Ist Ihnen, schon aufgefallen, daß alle angenehmen Berichte von Toten der traditionellen Überlieferung oder der Phi- losophie entstammen? Das Experiment führt zu völlig andersartigen Entdeckungen. Ektoplasma – schleimi- ge Fäden, die aus dem Bauch des Mediums heraus- kommen und große, chaotische, verworrene Gesich- ter bilden. Automatisches Schreiben, wobei sich furchtbarer Unsinn ergibt.« »Sind Sie wirklich Weston?« fragte Ransom in einer plötzlichen Aufwallung zu seinem Gefährten. Die unaufhörlich murmelnde Stimme, die gerade so deutlich war, daß man ihr zuhören mußte, zugleich aber so undeutlich, daß es anstrengend war, ihr zu folgen, begann ihn zu ärgern. »Seien Sie nicht zornig«, sagte die Stimme. »Es hat keinen Zweck, zornig auf mich zu sein. Ich dachte, Sie würden vielleicht Mitleid empfinden. Mein Gott, Ransom, es ist fürchterlich. Sie können es nicht ver- stehen. Ganz unten zu sein, unter Schichten und Schichten. Lebendig begraben. Man versucht Zu- sammenhänge herzustellen und kann es nicht. Sie nehmen einem den Kopf ab ... und man kann nicht mal auf das Leben in der Rinde zurückblicken und sehen, wie es war, weil man weiß, daß es von Anfang an nie einen Sinn hatte ...« »Was sind Sie?« rief Ransom entsetzt. »Woher wis- sen Sie, wie der Tod ist? Weiß Gott, ich würde Ihnen helfen, wenn ich könnte. Aber geben Sie mir Tatsa- chen. Wo sind Sie diese letzten Tage gewesen?« »Still!« sagte der andere plötzlich. »Was ist das?« Ransom lauschte. Tatsächlich schien es in der Viel- falt von Geräuschen, die sie umgab, ein neues Ele- ment zu geben. Zuerst konnte er es nicht bestimmen,, denn die See ging mittlerweile hoch, und der Wind hatte stark aufgefrischt. Plötzlich streckte sein Ge- fährte die Hand aus und packte Ransoms Arm. »Oh, mein Gott!« schrie er. »Ransom, Ransom! Wir werden getötet! Getötet und wieder unter die Rinde gestoßen! Ransom, Sie müssen mir helfen, Sie haben es versprochen! Lassen Sie nicht zu, daß sie mich wieder kriegen!« »Seien Sie still!« sagte Ransom ärgerlich, denn der andere winselte und schluchzte so, daß er nichts hö- ren konnte. Und er wollte das tiefere Geräusch identi- fizieren, das sich in das Pfeifen des Windes und das Rauschen des Wassers gemischt hatte. »Brecher!« rief Weston auf einmal. »Brandung, Sie Dummkopf! Können Sie es nicht hören? Dort ist Land! Eine Steilküste. Da, sehen Sie – nein, weiter rechts. Die Brandung wird uns zu Brei zerschmettern! Sehen Sie – o Gott, es wird dunkel!« Und die Dunkelheit kam. Todesfurcht, wie er sie nie gekannt hatte, verschmolz mit dem Entsetzen, das die angstschlotternde Gestalt an seiner Seite ihm ein- flößte, zu einer unbestimmten Angst, da keine ei- gentliche Bedrohung erkennbar war. Innerhalb weni- ger Minuten herrschte Finsternis, und durch die Dunkelheit machte Ransom die phosphoreszierenden Gischtwolken der Brandung aus. Ihr steiles Auf- wärtsschießen verriet, daß die Brandung gegen Klip- pen schlug. Unsichtbare Vögel überflogen sie niedrig, kreischend und mit klatschenden Flügeln. »Sind Sie noch da, Weston?« brüllte er. »Nur Mut! Reißen Sie sich zusammen! All das Zeug, was Sie ge- schwafelt haben, ist reiner Wahnsinn. Beten Sie. Sa- gen Sie ein Kindergebet, wenn Sie kein anderes wis-, sen. Bereuen Sie Ihre Sünden. Hier, nehmen Sie mei- ne Hand. Zu Haus auf der Erde gibt es Hunderte kaum erwachsener Jungen, die in diesem Augenblick dem Tod ins Auge sehen. Wir werden schon durch- kommen.« Seine Hand wurde in der Dunkelheit ergriffen und umklammert, fester als ihm lieb war. »Ich ertrage es nicht, ich ertrage es nicht«, wimmerte Westons Stim- me. »Ruhig jetzt. Lassen Sie das!« rief er zurück, denn Weston hatte seinen Arm plötzlich mit beiden Hän- den gepackt. »Ich halt's nicht aus!« schrie die Stimme wieder. »He! Loslassen!« brüllte Ransom. »Was zum Teufel machen Sie da?« Er hatte kaum geendet, als kräftige Arme ihn aus dem Sitz zerrten, in einer schrecklichen Umarmung seine Hüften umschlossen und ihn in die Tiefe zogen. Vergebens suchte er mit den Händen Halt an der glatten Oberfläche des Fischleibs, dann schlug das Wasser über seinem Kopf zusammen. Und noch immer zog sein Feind ihn hinab in die warme Tiefe und noch weiter bis dorthin, wo es nicht mehr warm war., Ich kann den Atem nicht länger anhalten, dachte Ransom. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Kaltes, schleimiges Zeug glitt von unten nach oben über sei- nen gemarterten Körper. Er beschloß, die Luft hin- auszulassen, den Mund zu öffnen und zu sterben, aber sein Wille gehorchte dieser Entscheidung nicht. Nicht nur seine Brust, auch seine Schläfen fühlten sich an, als wollten sie zerspringen. Es war sinnlos, weiterzukämpfen. Seine Arme fanden keinen Gegner, und seine Beine wurden so fest umklammert, daß er sie nicht bewegen konnte. Er wurde sich bewußt, daß die Abwärtsbewegung aufgehört hatte und sie durch das Wasser aufwärtsstiegen, aber das gab ihm keine Hoffnung. Die Oberfläche war zu weit entfernt, er konnte nicht aushalten, bis sie sie erreichten. In der unmittelbaren Nähe des Todes waren alle Gedanken an ein Fortleben im Jenseits ausgelöscht. Die rein ab- strakte Feststellung ›So also ist das Sterben‹ be- herrschte sein Bewußtsein in einer fast empfin- dungslosen Art und Weise. Auf einmal brach ein Brüllen und Toben von Geräuschen über ihn herein – ein unerträgliches Dröhnen und Hallen. Sein Mund öffnete sich von selbst. Er atmete wieder. In pech- schwarzer Dunkelheit, die von betäubenden Echos er- füllt war, krallte er in nassem Geröll herum und stieß wild um sich, um den Griff zu lockern, der noch im- mer seine Beine festhielt. Dann war er frei und kämpfte wieder. Es war ein blinder Kampf an einem Geröllstrand, der da und dort von scharfkantigen Fel- sen durchsetzt schien, die seine Füße und Ellbogen, aufrissen, und mit dem Kommen und Gehen der Brandungsausläufer vollzog das Ringen sich halb im Wasser und halb auf den Steinen. Die Finsternis war von keuchenden Flüchen erfüllt, bald von seiner, bald von Westons Stimme, von Schmerzenslauten, dump- fen Erschütterungen und röchelndem Atem. Schließ- lich saß er rittlings auf dem Feind. Er preßte ihm den Brustkorb mit den Knien zusammen, bis die Rippen brachen, und würgte ihn mit beiden Händen. Ir- gendwie gelang es ihm, dem verzweifelten Reißen und Krallen an seinen Armen zu widerstehen und seinen Würgegriff nicht zu lockern. Nur einmal in seinem Leben hatte er auf ähnliche Weise etwas zu- sammengepreßt, aber das war eine Armschlagader gewesen und er hatte es zur Lebensrettung getan, nicht zum Töten. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Lange nachdem die Gegenwehr und die krampfhaf- ten Zuckungen des anderen aufgehört hatten, preßte er ihm noch die Kehle zu und wagte seinen Griff nicht zu lockern. Selbst als er ganz sicher war, daß Westons Körper nicht mehr atmete, blieb er rittlings auf ihm sitzen und ließ die Hände, wenn auch lose, an seiner Kehle. Er war selber einer Ohnmacht nahe, aber er zählte bis tausend, ehe er seine Position auf- gab, doch auch dann blieb er noch auf dem Körper sitzen. Er wußte nicht, ob das, was während der letz- ten Stunden zu ihm gesprochen hatte, wirklich der wiedererwachte Weston gewesen war, oder ob der Nichtmensch ihn mit einer List getäuscht hatte. Doch das war nur ein geringer Unterschied. Zweifellos gab es am Ort der Verdammnis eine verwirrende Perso- nenvielfalt: was Pantheisten vom Himmel erhofften, erwartete die schlechten Menschen in der Hölle. Sie, wurden in ihren Herrn und Meister eingeschmolzen, wie ein Zinnsoldat in sich zusammensinkt und seine Form verliert, wenn er in der Kelle über die Gas- flamme gehalten wird. Die Frage, ob zu gegebenem Anlaß Satan selbst oder einer von jenen handelte, die er sich einverleibt hat, war letzten Endes bedeu- tungslos. Für Ransom kam es einstweilen nur darauf an, nicht abermals getäuscht zu werden. Es blieb nichts mehr zu tun, als auf den Morgen zu warten. Aus den dröhnenden Echos ringsum schloß er, daß sie in einer sehr engen Bucht zwischen Fels- klippen waren. Wie sie es geschafft hatten, blieb ein Rätsel. Der Morgen mußte noch viele Stunden ent- fernt sein. Ransom beschloß, den offensichtlich Toten nicht zu verlassen, ehe er ihn bei Tageslicht unter- sucht und vielleicht ein übriges getan hätte, um eine Wiederbelebung unmöglich zu machen. Bis dahin mußte er die Zeit zubringen, so gut es eben ging. Der Geröllstrand war nicht sehr bequem, und so blieb er sitzen. Glücklicherweise war er so müde und er- schöpft, daß die bloße Tatsache des untätigen Sitzens ihn befriedigte. Aber diese Phase ging vorüber. Er gab es auf, über den Gang der Stunden zu spekulie- ren, und unterhielt sich, indem er die ganze Ge- schichte seines Abenteuers auf Perelandra rekapitu- lierte. Dann rezitierte er erinnerte Passagen aus der ›Ilias‹, der ›Odyssee‹, der ›Aeneis‹, dem ›Rolands- lied‹, dem ›Verlorenen Paradies‹, dem ›Kalevala‹, der ›Jagd auf den Snark‹ und einen Reim über germani- sche Lautgesetze, den er als Student verfaßt hatte. Er verweilte so lange er konnte bei der Suche nach Vers- zeilen, die ihm nicht einfallen wollten. Er stellte sich ein Schachproblem. Er versuchte ein Kapitel für ein, Buch zu skizzieren, an dem er schrieb. Aber es war alles ziemlich unnütz. So ging es weiter, unterbrochen von Perioden stumpfer Untätigkeit, bis ihm war, als könne er sich an nichts mehr erinnern, was vor dieser Nacht gewe- sen war. Er konnte kaum glauben, daß zwölf Stunden einem gelangweilten und schlaflosen Mann so lang erscheinen konnten. Und der Donner der Brandung, die harte und feuchte Unbequemlichkeit der Steine! Es kam ihm sehr sonderbar vor, daß diesem Land die sanften nächtlichen Brisen fehlen sollten, die er über- all sonst auf Perelandra genossen hatte. Sonderbar war auch (aber dieser Gedanke kam ihm erst viel später), daß er nicht einmal den Anblick der phos- phoreszierenden Wellenkämme und Gischtwolken hatte, der ihm eine willkommene Abwechslung ge- wesen wäre. Sehr allmählich dämmerte ihm eine mögliche Erklärung für beide Tatsachen; und sie konnte auch erklären, warum die Dunkelheit so lang andauerte. Der Gedanke war zu furchtbar, als daß er sich ihm hätte überlassen dürfen. Er beherrschte sich, stand mit steifen Bewegungen auf und begann vor- sichtig den Strand entlangzutappen. Er kam sehr langsam voran, aber schon bald berührten seine aus- gestreckten Hände senkrechten Fels. Er erhob sich auf die Zehenspitzen und reckte die Arme so hoch er konnte. Seine Finger fanden nichts als Fels. »Nur kei- ne Aufregung«, murmelte er vor sich hin. Er begann sich zurückzutasten, erreichte den Leichnam des Nichtmenschen, ging weiter und folgte dem Strand in die andere Richtung. Auf dieser Seite beschrieb der Strand eine starke Krümmung, und bevor Ransom zwanzig Schritte abgezählt hatte, berührten seine, Hände – die er über den Kopf hielt – nicht eine Wand, sondern ein Dach aus Fels. Ein paar Schritte weiter war es niedriger, und dann mußte er sich bücken. Noch ein kleines Stück weiter, und er mußte auf allen vieren kriechen. Es war offenkundig, daß das Fels- dach sich absenkte und schließlich mit dem Strand zusammentraf. Verzweifelt tappte er zurück zu dem Leichnam und setzte sich. Zweifel waren nicht mehr möglich. Es hatte keinen Zweck, auf den Morgen zu warten. Hier würde es bis zum Ende der Welt keinen Morgen geben, und vielleicht hatte er bereits eine Nacht und einen Tag gewartet. Die hallenden Echos, die unbe- wegte Luft, der dumpfe Geruch dieses Orts – alles betätigte es. Im Sinken waren er und sein Gegner vom Wasser in eine unterseeische Aushöhlung der Steilküste gedrückt worden und in einer Kaverne wieder an die Oberfläche gekommen. War es mög- lich, auf demselben Weg wieder herauszukommen? Er tastete sich zum Wasser hinunter, und die eindrin- gende Brandung begegnete ihm und donnerte über seinen Kopf hinweg und zischte hinter ihm weit den Geröllstrand hinauf, um dann mit so starkem Sog ab- zulaufen, daß er sich mit beiden Händen im Gestein festkrallen mußte, damit er nicht mitgerissen wurde. Es wäre sinnlos, sich da hineinzustürzen – die See würde ihn nur an irgendeinem Felsen zerschmettern. Hätte er Licht und eine Orientierungsmöglichkeit ge- habt, so hätte er vielleicht tauchen und den Ausgang finden können. Doch selbst das wäre mit einem ho- hen Risiko verbunden gewesen, und er hatte ohne- dies kein Licht. Obwohl die Luft nicht sehr gut war, vermutete er,, daß sein Gefängnis irgendeine Frischluftzufuhr haben mußte – doch ob es eine Öffnung gab, durch die er hindurchklettern konnte, war eine andere Frage. Er machte sofort kehrt und begann mit der Erforschung der Felsen hinter dem Strand. Zuerst schien es hoff- nungslos, aber die Überzeugung, daß Höhlen ir- gendwohin führen müssen, ist nicht leicht auszurot- ten, und nach einiger Zeit fanden seine tastenden Hände in eineinhalb Metern Höhe eine Felsstufe. Er kletterte hinauf. Er hatte erwartet, daß sie kaum einen halben Meter tief sein würde, aber seine Hände fan- den keine Wand dahinter. Sehr vorsichtig bewegte er sich einige Schritte weiter, dann stieß sein rechter Fuß unverhofft gegen etwas Scharfkantiges, und vor Schmerz sog er die Luft pfeifend durch die Zähne ein, um dann noch vorsichtiger weiterzugehen. Schließ- lich stieß er auf senkrechten Fels, glatt und hoch, so weit er reichen konnte. Er wandte sich nach rechts, und der Boden unter seinen Füßen wurde so ab- schüssig, daß er nicht weiterkonnte. Darauf versuchte er es links, stieß sich die große Zehe an und kroch, nachdem er sie eine Weile gehalten hatte, auf Händen und Knien weiter. Er schien zwischen Felsblöcken zu sein, aber der Weg war gangbar. Zehn Minuten lang kam er steil aufwärts ziemlich gut voran, manchmal über schlüpfriges Geröll, manchmal über mächtige Blöcke kletternd. Dann stieß er auf eine weitere Wand. Auch sie schien durch eine Stufe gegliedert, die sich jedoch als ein schmaler Sims erwies. Er klet- terte mit Mühe hinauf und stand wie an die Wand geklebt, während er links und rechts nach Griffen ta- stete. Als er einen fand und begriff, daß ihm nun eine, echte Kletterei bevorstand, zögerte er. Was über ihm war, mochte eine Wand sein, in die er sich nicht ein- mal bei Tag und mit geeigneter Kleidung wagen würde. Aber die Hoffnung flüsterte ihm ein, daß sie genausogut nur zwei oder drei Meter hoch sein könnte, und daß ihn ein paar Minuten der Kaltblütig- keit und Umsicht vielleicht in einen jener gut gangba- ren und ansteigenden Höhlengänge bringen würden, die inzwischen einen festen Platz in seiner Einbildung hatten. Er beschloß, den Aufstieg zu wagen. Was ihm Sorgen machte, war weniger die Angst vor dem Ab- sturz als die Befürchtung, sich den Weg zum Wasser abzuschneiden. Die Möglichkeit des Verhungerns schreckte ihn weniger als die des Verdurstens. Aber er kletterte weiter. Eine Zeitlang ging er Risiken ein, die er auf Erden nicht einmal im Traum erwogen hätte, aber in gewisser Weise war die Dunkelheit ihm dabei eine Hilfe: er sah die Höhe nicht, in der er sich befand, und konnte so kein Schwindelgefühl empfin- den. Andererseits wurde die Kletterei durch den Um- stand, daß er nur mit dem Tastsinn arbeiten konnte, ungemein erschwert. Hätte jemand ihn beobachtet, so hätte es ausgesehen, als sei er in einem Augenblick unverantwortlich leichtsinnig und im nächsten über- vorsichtig. Er versuchte die Möglichkeit zu ignorie- ren, daß er einem Mann glich, der im Gebälk eines Dachstuhls herumkroch. Endlich fand er eine geräumige, beinahe ebene Flä- che, auf der er ausruhte, bevor er sich weitertastete. Er erwartete jeden Augenblick auf eine weitere Wand zu stoßen, und als er nach dreißig Schritten noch im- mer keine fand, fing er laut zu rufen an und schloß aus dem Widerhall, daß er sich in einem ziemlich, weiten Raum befinden mußte. Der Boden war mit lo- sem Geröll und Sand bedeckt und stieg wieder ziem- lich steil an. Eine Schwierigkeit war, daß er selbst in dieser absoluten Schwärze nicht umhin konnte, seine Augen anzustrengen, um etwas zu sehen. Es verur- sachte ihm Kopfschmerzen und gaukelte ihm einge- bildete Lichtschimmer und Farben vor. Dieser langsame Aufstieg durch die Finsternis dau- erte so lange, daß er zu fürchten begann, er bewege sich im Kreis oder sei in ein Höhlenlabyrinth geraten, das unter der Oberfläche weite Teile des Planeten durchzog. Das stetige Ansteigen beruhigte ihn wieder ein wenig, dagegen wurde das Verlangen nach Licht allmählich zur Qual. Er dachte an das Licht wie ein Hungriger ans Essen – träumte von grünen Hügeln im April unter rasch dahinziehenden Wattewolken im blauen Himmel und vom anheimelnden Lichtkreis der Lampe auf einem angenehm mit Büchern und Pfeifen überfüllten Tisch. Er stieß mit dem Kopf hart gegen etwas und setzte sich halb betäubt nieder. Als er sich erholt hatte, ent- deckte er durch Umhertasten, daß der Hang an einer Decke aus glattem Fels endete. Entmutigt setzte er sich in den Winkel, die Entdeckung zu verdauen und seine nächsten Schritte zu überlegen. Das Tosen der Brandung drang schwach und melancholisch von unten herauf, aus weiter Ferne und kaum noch real, und er erkannte, daß er in großer Höhe sein mußte. Schließlich bewegte er sich ohne viel Hoffnung nach rechts, wobei er durch Heben der Arme mit der Dek- ke in Kontakt blieb. Bald stieg sie an und entzog sich der Berührung, und Ransom setzte seinen Aufstieg fort. Lange danach hörte er Geräusche von Wasser, und verdoppelte seine Vorsicht, da er fürchtete, auf einen Wasserfall zu stoßen. Der Boden wurde naß, und in den felsigen Vertiefungen stand das Wasser in Pfützen. Schließlich kam er tatsächlich an einen Was- serfall, aber es war ein bescheidenes Rinnsal, das ihm nicht gefährlich werden konnte. Er ließ das Wasser über seinen schmerzenden Körper plätschern und trank sich satt. Dann versuchte er sich entlang dem Wasserlauf weiterzuarbeiten. Obgleich eine Art von Moos oder Algen den Fels schlüpfrig machte und manche der ausgewaschenen Gumpen tief waren, bereitete der Aufstieg ihm keine ernsten Schwierigkeiten, und nach etwa zwanzig Mi- nuten stand er am oberen Rand der Gefällstrecke auf relativ ebenem Boden. Nach den Echos auf seine Rufe zu urteilen, war er jetzt in einer sehr weitläufigen Höhle. Er nahm den Wasserlauf als Wegweiser und folgte ihm. In der gestaltlosen Dunkelheit war das lei- se Plätschern und Rieseln wie ein Gefährte. Anfänge wirklicher Hoffnung begannen sich in ihm zu regen. Nicht viel später machten ihm neue Geräusche Sorgen. Das letzte schwache Dröhnen der See aus dem fernen Höhlengewölbe, von wo er vor Stunden aufgebrochen war, war inzwischen erstorben, und das sanfte, anheimelnde Plätschern des Bachs domi- nierte. Aber nun begann Ransom zu denken, daß sich andere Geräusche kaum merklich damit vermischten. Manchmal klang es wie ein dumpfes Plumpsen, als sei etwas in einen der Felstümpel hinter ihm gefallen; manchmal war es geheimnisvoller; ein trockenes Ras- seln, als ob Metall über den Felsboden geschleift würde. Anfangs schrieb er es seiner Fantasie zu; dann blieb er wiederholt stehen und lauschte, hörte aber, nichts; aber jedesmal, wenn er weiterging, begann es von neuem. Dann, als er wieder einmal stand und in die Dunkelheit hineinhorchte, hörte er es unverkenn- bar. Konnte es sein, daß der Nichtmensch doch wie- der zum Leben erwacht war und ihm folgte? Aber das schien unwahrscheinlich, denn der andere hatte nichts im Sinn gehabt, als zu entkommen. Weniger einfach war es, die andere Möglichkeit auszuschlie- ßen – daß diese Höhlen Bewohner haben mochten. All seine Erfahrung sagte ihm jedoch, daß solche Be- wohner – wenn es sie gab – wahrscheinlich harmlos sein würden; trotzdem konnte er nicht recht glauben, daß Wesen, die an solchen Orten lebten, erfreulich sein würden, und ein schwacher Nachhall der Worte des Nichtmenschen – oder hatte Weston es gesagt? – geisterte durch seine Gedanken: »Alle Farben und schönen Formen sind nur auf der Oberfläche. Und was finden Sie im Innern? Dunkelheit, Würmer, Hit- ze, Druck, Salz, Erstickung, Gestank.« Dann fiel ihm ein, daß er für den Fall, irgendein Lebewesen folge ihm den Bach aufwärts, das Ufer verlassen und war- ten sollte, bis dieses Geschöpf vorbeigegangen wäre. Aber wenn es hinter ihm her war, jagte es vermutlich nach der Witterung; auch wollte Ransom nicht vom Bach abkommen. Schließlich ging er einfach weiter. Ob durch Schwäche – denn er war mittlerweile sehr hungrig – oder weil die Geräusche hinter ihm ein unbewußtes Beschleunigen seiner Schritte zur Folge hatten, ihm wurde unangenehm warm, und selbst der Bach erschien ihm nicht sehr erfrischend, als er seine Füße hineinsetzte. Er dachte, daß er eine Ruhepause nötig habe, Verfolger oder nicht, aber ge- nau in diesem Moment sah er das Licht. Die vielen, Sinnestäuschungen machten ihn so mißtrauisch daß er nicht daran glauben wollte. Er schloß die Augen und zählte bis hundert, dann schaute er wieder hin. Das Licht blieb, wo es war – ein sehr trüber, winziger, zitternder Lichtschimmer von rötlicher Farbe gerade voraus. Er war zu schwach, um irgend etwas zu er- hellen, und in dieser Welt aus Schwärze vermochte Ransom nicht zu sagen, ob der Schimmer fünf Meter oder fünf Kilometer entfernt war. Auf der Stelle machte er sich mit hoffnungsvoll pochendem Herzen auf den Weg. Glücklicherweise schien der Wasserlauf ihm in die gleiche Richtung zu folgen. Während er noch meinte, die Lichterscheinung sei weit entfernt stand er schon davor. Es war ein reflek- tierter Lichtkreis auf der Oberfläche eines Wasser- tümpels, dessen Spiegel von herabfallendem Wasser unruhig geriffelt war. Das Licht kam von oben. Ran- som stieg in den Tümpel und blickte auf. Unmittelbar über ihm war ein unregelmäßig geformter Lichtfleck, von eindeutig roter Färbung, und diesmal war der Schein kräftig genug, um die nächste Umgebung zu erhellen. Als Ransoms Augen sich angepaßt hatten, wurde ihm klar, daß er durch einen Spalt oder Kamin aufblickte dessen untere Öffnung im Dach der Höhle war, nur wenige Fuß über seinem Kopf. Die obere Öffnung des Kamins befand sich offensichtlich im Boden einer höhergelegenen Höhlenkammer, aus der das Licht kam. Er konnte die trübe erhellten, zerklüf- teten Wände des Kamins sehen, die von Polstern und Fäden einer quallig und ziemlich unappetitlich aus- sehenden Vegetation überwachsen waren. Durch die- sen Kamin rieselte und troff das Wasser und fiel als warmer Regen auf Ransoms Kopf und Schultern. Die, Wärme und die rote Färbung des Lichts ließen ver- muten, daß die obere Höhle von einem unterirdi- schen Feuer erleuchtet wurde. Es wird dem Leser un- verständlich sein, wie es auch Ransom unverständ- lich war, als er später darüber nachdachte, warum er augenblicklich den Entschluß faßte, zur oberen Höhle hinaufzuklettern. Er meint, das bloße Verlangen nach Licht sei der eigentliche Antrieb gewesen. Der erste Blick durch den Kamin gab dieser Welt Dimensionen und Perspektive zurück, und dies allein war wie die Befreiung aus einem Gefängnis. Es schien ihm viel mehr über seine Umgebung zu sagen als es tatsäch- lich sagte: es gab ihm den ganzen räumlichen Bezugs- rahmen zurück, ohne den ein Mensch kaum den ei- genen Körper sein eigen nennen kann. Nach diesem Blick war jede Rückkehr in die schreckliche schwarze Leere, die Welt ohne Größen und Entfernungen, die er durchwandert hatte, völlig ausgeschlossen. Viel- leicht spielte auch der Gedanke eine Rolle, daß die etwaigen Verfolger zurückbleiben würden, wenn er in die erleuchtete Höhle gelangte. Aber das war nicht so einfach. Er konnte die untere Öffnung des Kamins nicht erreichen. Selbst im Hoch- springen berührten die Fingerspitzen nur die herab- hängenden Fäden der Vegetation. Schließlich kam er auf eine unwahrscheinliche Idee, die dennoch als ein- zige erfolgversprechend schien. Es gab gerade genug Licht in seinem Umkreis, daß er eine Anzahl größerer Steine und Felsbrocken ausmachen konnte, und so machte er sich daran, in der Mitte des Tümpels einen erhöhten Standplatz aufzubauen. Er arbeitete ziem- lich fieberhaft und mußte mehrmals wieder ausein- anderreißen, was er aufeinandergetürmt hatte; und er, stieg alle Augenblicke auf den Standplatz, um Höhe und Festigkeit zu überprüfen. Als das Werk endlich vollendet war, und er zitternd und schwitzend auf dem Sockel stand, lag der schwierigste Teil des Un- ternehmens noch vor ihm. Er mußte durch das schwammige Pflanzengewirr zu beiden Seiten den fe- sten Fels greifen und sich so schnell wie möglich em- porstemmen, um die Füße einsetzen zu können, be- vor die Kraft seiner Arme nachließ. Irgendwie gelang es ihm mit einer verzweifelten Kraftanstrengung, und er konnte sich mit dem Rücken an der einen und den Füßen an der anderen Wand im Kamin verkeilen. Der dicke Bewuchs schützte seine Haut, und nach eini- gem Aufwärtsmühen in ungewohnter Stemmtechnik verbreiterte sich der Kamin ein wenig und wurde so zerklüftet und griffig, daß er in gewöhnlicher Weise durchklettert werden konnte. Während des Aufstiegs nahm die Hitze rasch zu. Ransom sagte sich, daß er ein Dummkopf sei, hier hinaufzusteigen; aber wäh- rend er noch mit dem Gedanken beschäftigt war, hatte er bereits den oberen Ausstieg erreicht. Zuerst blendete ihn das Licht. Als er endlich seine Umgebung wahrnehmen konnte, sah er, daß er sich in einer großen Halle befand. Diese war so von Feu- erschein erfüllt, daß sie den Eindruck erweckte, aus rotem Ton zu bestehen. Er blickte in ihre Längsrich- tung. Zur Linken senkte sich der Boden. Nach rechts stieg er zu einer Art Klippenrand an, hinter dem ein Abgrund blendender Helligkeit gleißte. Ein breiter, seichter Bach floß durch die Mitte der Höhle. Ein Teil seines Wassers zweigte in eine felsige Rinne ab und rann in die Trichteröffnung des Kamins. Das Höhlen- dach war so hoch, daß Ransom es nur ahnen konnte,, und die mächtigen Felswände schwangen sich in majestätischem Bogen gleich einem Kathedralenge- wölbe oder Buchenästen empor. Ransom erhob sich wankend, platschte durch den Bach (dessen Wasser heiß war) und näherte sich dem Klippenrand. Das Feuer schien viele hundert Meter unter ihm zu sein, und er konnte die andere Seite des Schachts oder Kraters, in dem es brodelte, spuckte und brüllte, trotz aller Anstrengung nicht ausmachen. Seine Augen konnten die grelle Glut bei jedem Blick nur sekundenlang ertragen, und wenn er sich ab- wandte, schien der Rest der Höhle in Dunkelheit ge- taucht. Die Hitze quälte ihn. Er zog sich vom Klip- penrand zurück, setzte sich mit dem Rücken zum Feuer und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Sie wurden in einer ungewollten und unerwarteten Weise gesammelt. Jäh und unwiderstehlich wie durch einen Panzerangriff wurde sein Bewußtsein von der Weltsicht überrollt, die Weston (wenn er es gewesen war) ihm zuletzt gepredigt hatte. Er schien zu sehen, daß er sein Leben lang in einer Welt von Illusionen gelebt hatte. Die verdammten Geister hatten recht. Die Schönheit Perelandras, die Unschuld der grünen Frau, die Leiden der Heiligen und die freundlichen Gütebezeigungen der Menschen waren alle nur Schein und äußerliche Schau. Was er für Welten ge- halten hatte, waren nur die Häute von Welten: unter ihnen lebte die Wirklichkeit – die sinnlose, ungeschaf- fene, allumfassende Geistlosigkeit, für die alles Den- ken bedeutungslos und alles Mühen müßig war. Was immer ihm folgte, es würde durch dieses nasse dunkle Loch heraufkommen, und dann würde er sterben. Er richtete die Augen auf die schwarze, Öffnung im Boden, aus der er gerade geklettert war. Und dann, nachdem er eine Weile unverwandt hin- gestarrt hatte, sagte er plötzlich: »Dachte ich mir's doch!« Langsam, ruckhaft, mit unnatürlichen und men- schenunähnlichen Bewegungen kroch eine menschli- che Gestalt auf den Boden der Höhle heraus, schar- lachrot vorn Widerschein des Feuers. Natürlich war es der Nichtmensch in der Ruine von Westons Kör- per: das gebrochene Bein nachziehend, mit leichen- haft herabhängendem Unterkiefer, richtete er sich langsam auf und stand. Und dann kroch dicht hinter ihm noch etwas aus dem Loch heraus. Zuerst kam etwas, das wie Baumzweige aussah, dann sieben oder acht unregelmäßig gruppierte Lichtpunkte und schließlich eine schlauchförmige Masse, die den rötli- chen Lichtschein reflektierte, als sei sie poliert. Ran- soms Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als die Zweige sich plötzlich als lange, drahtige Fühler entpuppten und die Lichtpunkte zu den vielen Au- gen eines schalenbehelmten Kopfes wurden, wäh- rend die anhängende Masse sich als ein großer, unge- fähr zylindrischer Körper erwies. Scheußliche Ge- stalten folgten – kantige, vielgliedrige Beine, und da- nach, als er glaubte, der ganze Körper sei in Sicht, folgten eine zweite und eine dritte Gestalt. Das We- sen war dreiteilig, verbunden durch Gelenkstruktu- ren wie Wespentaillen, und die drei Teile schienen nicht exakt ausgerichtet und sahen wie zertreten aus – eine riesige, vielbeinige, bebende Monstrosität, die sich hinter dem Nichtmenschen aufstellte, so daß die gräßlichen Schatten der beiden in ungeheuerlicher und vereinter Bedrohung über die Felswände hinter, ihnen tanzten. »Sie wollen mich ängstigen«, sagte etwas in Ran- soms Hirn, und im gleichen Augenblick wurde ihm klar, daß der Nichtmensch nicht nur diese riesigen Monstrositäten aufgeboten, sondern auch die schlimmen und beunruhigenden Gedanken in sein Bewußtsein projiziert hatte, von denen er kurz vor diesem Auftritt heimgesucht worden war. Die Er- kenntnis, daß seine Gedanken in dieser Weise von außen manipuliert werden konnten, erfüllte Ransom mit Wut statt mit Schrecken. Ehe ihm seine eigenen Handlungen bewußt wurden, sprang er auf, ging auf den Nichtmenschen zu und schrie ihn in englischer Sprache an. »Glaubst du, ich laß mir das gefallen? Geh aus meinem Gehirn! Es gehört mir und sonst keinem! Verschwinde!« Als er es brüllte, hob er einen großen, scharfkantigen Felsbrocken auf. »Ransom«, krächzte der Nichtmensch, »warten Sie! Wir sitzen beide in der Falle ...« Aber Ransom hörte nicht auf ihn. »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes – da hast du! Ich meine, Amen!« schrie Ransom und schleuderte den Steinbrocken mit aller Kraft ins Ge- sicht des anderen. Der Nichtmensch fiel steif wie ein Stock, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zer- schmettert. Ransom beachtete ihn nicht weiter und richtete sein Augenmerk auf die anderen Schreckens- gestalten. Aber wo war der Schrecken geblieben? Die Lebewesen waren da, ohne Zweifel sonderbar ge- staltet, aber aller Abscheu war aus Ransoms Gedan- ken verschwunden, so daß er weder jetzt noch zu ei- nem späteren Zeitpunkt verstehen konnte, wieso man, ein Tier bekämpfen solle, weil es mehr Beine oder Augen hat als man selbst. Alles, was er seit seiner Kindheit gegenüber Insekten und Reptilien empfun- den hatte, erlosch; erlosch so vollkommen wie unan- genehme Musik, wenn man den Radioempfänger ausschaltet. Anscheinend war alles das von Anfang an ein finsterer Zauber des Feindes gewesen. Einmal, als Ransom in Cambridge am offenen Fenster ge- schrieben hatte, war er schaudernd zusammengefah- ren, als er einen vielfarbigen Käfer von ungewöhnlich scheußlichem Aussehen zu sehen meinte, der über seine Papiere krabbelte. Der zweite Blick hatte ihm gezeigt, daß es ein vom Wind bewegtes Herbstblatt gewesen war; und augenblicklich hatten die Runzeln und Krümmungen, die seine Häßlichkeit ausgemacht hatten, sich in etwas Schönes verwandelt. Jetzt hatte er beinah das gleiche Gefühl. Es war deutlich zu se- hen, daß die Lebewesen keine bösen Absichten hatten – sie hegten überhaupt keine Absichten. Der Nicht- mensch hatte sie heraufgetrieben, und nun standen sie ruhig da und bewegten prüfend die Fühler. Die Umgebung schien nicht nach ihrem Geschmack, und nach einer Weile drehten sie unbeholfen um und be- gannen den Rückzug durch das Loch, aus dem sie gekommen waren. Als Ransom das Endstück des dreiteiligen Körpers sekundenlang hilflos fuchtelnd aus dem Loch in die Höhe ragen sah, bevor es ver- schwand, mußte er fast lachen. Er wandte sich dem Nichtmenschen zu. Vom Kopf war kaum noch etwas übrig, aber nach seinen letzten Erfahrungen war er nicht bereit, noch irgendein Risi- ko einzugehen. Er packte den Körper bei den Knö- cheln und schleifte ihn zum Klipperrand hinauf:, dann, nach kurzem Verschnaufen, stieß er ihn in die Tiefe. Momentan sah er die schwarze Silhouette vor dem Feuersee: und dann war es zu Ende. Er kehrte an den Bach zurück und trank. Dies mochte sein Ende sein oder nicht, er war zu müde, um noch einen weiteren Schritt zu tun. Er streckte sich neben dem Wasser aus und seufzte; und eine Se- kunde später schlief er schon., Während des letzten Teils seiner unterirdischen Wanderung war Ransom von Hunger und Erschöp- fung ein wenig benommen. Nach dem Erwachen blieb er noch lange liegen und erwog sogar, ob es sich überhaupt lohne, die Wanderung fortzusetzen. Wann er sich dennoch zum Weitergehen entschloß, wußte er später nicht mehr zu sagen, und auch vom Verlauf der nächsten Stunden blieb nur eine Abfolge chaoti- scher und unzusammenhängender Bilder in seinem Gedächtnis. Nachdem er einen Teil des feurigen Kraters auf dem Klippenrand umgangen und eine ge- fährliche Stelle überwunden hatte, wo kochendheißer Dampf aus Felsspalten schoß, gelangte er in weite, noch matt erhellte Höhlensäle, von deren Wänden unbekannte Minerale funkelten und glimmerten. Auch war ihm – obwohl das vielleicht eine Halluzi- nation war –, als sei er durch einen riesigen Raum von kathedralenhaften Ausmaßen gegangen, der eher wie ein Kunstwerk als ein Werk der Natur aussah, und in dem zwei große Throne und lange Sitzreihen zu beiden Seiten waren, alles viel zu groß, als daß es Menschen hätte dienen können. Wenn diese Dinge wirklich existierten, fand er nie eine Erklärung für sie. Er kam durch einen dunklen Höhlengang, in dem von irgendwo ein Wind blies und ihm Sand ins Ge- sicht fegte, und ein anderes Mal ging er in tiefer Dun- kelheit und blickte viele Faden tief zwischen Säulen- schäften und natürlichen Bogen hindurch auf eine ebene, von kaltgrünem Licht beschienene Fläche. Und als er stehenblieb und hinunterschaute, schien es ihm,, als kämen vier der großen Erdkäfer, durch die Ent- fernung zu Mückengröße verkleinert, in einem Vie- rerzug formiert langsam in Sicht. Sie zogen einen fla- chen Wagen, und auf diesem stand aufrecht eine ver- hüllte Gestalt, groß, schlank und unbewegt. Sie glitt mit unerträglicher Majestät über die Fläche und aus seinem Gesichtsfeld. Und Ransom sagte sich, daß es eine Möglichkeit geben sollte, den alten heidnischen Brauch von Versöhnungsopfern für die lokalen Gott- heiten in einer Form wiederzubeleben, daß sie Gott selbst nicht beleidigte und eine höfliche Entschuldi- gung für ungefragtes Eindringen blieb. Zweifellos war die Innenseite dieser Welt dem Menschen nicht bestimmt, aber für etwas mußte sie da sein. Die ver- hüllte Gestalt auf ihrem Wagen mochte in einem weiteren Sinne seinesgleichen sein – was nicht be- sagte, daß sie einander ebenbürtig waren oder in der Unterwelt gleiche Rechte hatten. Lange danach drang dumpfes Trommeln aus der pechschwarzen Dunkel- heit, anfangs von ferne, dann überall um ihn her, bis es nach endlos verhallenden Echos im dunklen Laby- rinth erstarb. Später sah er eine Fontäne kalten Lichts, die von innen heraus strahlte und pulsierte und nicht näherzurücken schien, so lange er ihr auch entgegen- ging, um zuletzt unvermittelt zu erlöschen. Er brachte nicht heraus, was es gewesen war. Und so kam nach weiteren Seltsamkeiten und Mühen ein Augenblick, in dem er ahnungslos auf eine glitschig-lehmige Bö- schung geriet, abrutschte, erschrocken um sich griff – und mit einem Aufschrei in tiefes, rasch dahinströ- mendes Wasser stürzte. Er war überzeugt, daß der Wasserlauf ihn irgendwo über Katarakte in einen dunklen Felsschlund reißen würde, wenn er ihn nicht, vorher an den Wänden zerschmetterte, aber der Ka- nal mußte sehr geradlinig verlaufen, und vielleicht war die Strömung weniger reißend, als er sich einbil- dete. Zu keinem Zeitpunkt berührte er die Wände; hilflos hielt er sich an der Oberfläche und ließ sich von der Strömung durch hallende Dunkelheit tragen. Es dauerte lange Zeit. Man wird verstehen, daß Todeserwartung, Er- schöpfung und das Lärmen des Wassers seinen Geist verwirrten. Als er sich später rückblickend des Abenteuers erinnerte, meinte er, daß er aus der Schwärze in ein Grau getrieben und dann in ein un- erklärliches Durcheinander aus halb transparenten blauen, grünen und weißlichen Tönen geraten sei. Über ihm deuteten sich Bogen und schwach schim- mernde Säulen an, aber alle unbestimmt und inein- ander übergehend, sobald der Blick sie fixieren woll- te. Das Ganze gemahnte an eine Eishöhle, aber dafür war die Luft zu warm. Und das Dach über ihm schien geriffelt wie bewegtes Wasser, aber dies war zwei- fellos ein Spiegelungseffekt. Gleich darauf wurde er in helles Tageslicht hinausgetragen, sah sich von lau- er Luft und Wärme und Farben umgeben und rollte kopfunter, kopfüber wie ein Stück Strandgut in das stille Seitenwasser eines großen Teichs, um benom- men und atemlos im Seichten zu stranden. Er war jetzt so schwach, daß er sich kaum bewegen konnte. Etwas in der Luft und die weite Stille, die den Hintergrund zu einsamen Vogelschreien abgab, sag- ten ihm, daß er hoch in einem Gebirge sein mußte. Er kroch aus dem Teich in süßduftendes grünblaues Gras. Als er zurückblickte, sah er einen Fluß aus einer Höhlenöffnung strömen, die tatsächlich aus Eis zu, bestehen schien. Das Wasser dort war von einem gei- sterhaften Blau, während der Teich in seiner Nähe warm bernsteinfarben war. Dunst und Frische und Tau waren um ihn. Nicht weit von ihm erhob sich ei- ne Felswand, von der Rankenteppiche farbenfroher Vegetation hingen, aber wo die Oberfläche freilag, glänzte sie glasig. Doch alles das beachtete er kaum. Unter den kleinen, spitzen Blättern der herabhängen- den Rankengewächse sah er dicke Büschel traube- nähnlicher Früchte, die er greifen konnte, ohne auf- zustehen. Noch im Essen sank er in Schlaf; des Über- gangs konnte er sich nicht entsinnen. Von diesem Punkt an wird es zunehmend schwie- rig, Ransoms Erlebnisse in ihrer wirklichen Abfolge wiederzugeben. Er hat keine Ahnung, wie lang er bei der Höhlenöffnung am Flußufer lag und aß und schlief und aufwachte, um wieder zu essen und zu schlafen. Er meint, es habe nur einen oder zwei Tage gedauert, aber aus seiner körperlichen Verfassung am Ende dieser Rekonvaleszenz möchte ich schließen, daß es eher zwei oder drei Wochen waren. Es war ei- ne Zeit, wie man sie nur in Träumen erlebt, ähnlich den Erinnerungen an die frühe Kindheit. Und wirk- lich war es eine Art zweiter Kindheit, während der er an der Brust des Planeten Venus lag und genährt wurde. Drei Eindrücke blieben ihm von diesem lan- gen Feiertag. Der erste ist das immerwährende Ge- räusch fröhlich gurgelnden und plätschernden Was- sers. Der zweite ist das Gefühl wunschloser Lebens- freude, das er aus den Traubenfrüchten sog. Der dritte ist das Singen. Bald hoch in der Luft über ihm, bald wie aus Schluchten und Tälern weit unten em- porquellend, wehte es durch seinen Schlaf und war, das erste, was er beim Erwachen hörte. Es war ge- staltloser als Vogelgesang und hatte nichts von Vo- gelstimmen, obwohl eine entfernte Ähnlichkeit exi- stierte. Wie eine Vogelstimme sich zu einer Flöte ver- hält, so verhielt dieses Singen sich zu einem Cello: tief und reif und zart, volltönend und goldbraun: auch leidenschaftlich, doch nicht von den Leidenschaften der Menschen. Da Ransom dieses Ruhezustands so allmählich entwöhnt wurde, kann ich die Eindrücke, die er nach und nach von seiner weiteren Umgebung gewann, nur Stück für Stück wiedergeben, wie sie sich ihm einprägten. Aber als er geheilt und sein Denken wie- der klar war, stellte die Umgebung sich ihm so dar: Die Öffnung, durch die der Fluß ans Tageslicht trat, war nicht von Eis umgeben, sondern von durchschei- nendem, glasigem Gestein. Brach man kleine Splitter heraus, waren sie durchsichtig wie Glas, aber die Fel- sen selbst wurden ungefähr fünfzehn Zentimeter un- ter der Oberfläche trüb und undurchsichtig. Watete man flußaufwärts in die Höhle, um sich dort umzu- wenden und ins Licht hinauszublicken, so erwiesen sich die Ränder des Halbrunds der Höhlenöffnung als transparent; und im Innern der Höhle herrschten blaue Farbtöne vor. Die blaugrüne Grasfläche vor ihm zog sich etwa dreißig Schritte weit ziemlich eben hin, um dann in Steilhänge überzugehen, die den in einer Serie von Wasserfällen und Stromschnellen talwärts schießen- den Fluß begleiteten. Die Hänge waren mit Blumen bedeckt, die sich ständig in einer leichten Brise wieg- ten. Tief unter ihm endeten die Hänge in einem ge- wundenen und bewaldeten Tal, das schließlich hinter, einer majestätischen Bergflanke nach rechts abbog. Doch jenseits davon und noch wesentlich tiefer waren die Gipfel weiterer Gebirgsketten auszumachen, die allmählich auszulaufen schienen, aber noch vorher im goldenen Dunst verschwammen. Auf der gegenüber- liegenden Seite dieses Tals erhob sich das Land in mächtigen Schwüngen und Falten zu roten Felsgip- feln, die nur deshalb nicht an Himalayariesen erin- nerten, weil sie keine Spur von Vergletscherung zeigten. Die Felsen dieser Kolosse waren nicht rot wie die Klippen von Devonshire oder Helgoland, sondern von jenem zarten Rosenrot, das man auf Erden zur Zeit des Sonnenuntergangs als Alpenglühen beob- achten kann. Ihre Farbigkeit überraschte Ransom ebenso wie ihre messerscharfen Grate und nadelspit- zen Türme, bis ihm einfiel, daß er auf einer jungen Welt war, und daß diese Berge, geologisch gesehen, noch in der Entstehungsphase sein mochten. Auch war es möglich, daß sie entfernter waren als es den Anschein hatte. Zu seiner Linken und hinter ihm versperrten ihm die glasigen Klippen den Ausblick. Zu seiner Rechten endeten sie bald in einer Terrasse, über der das Ter- rain zu einem weiteren und näheren Gipfel anstieg – der es freilich nicht entfernt mit denen aufnehmen konnte, die auf der anderen Seite des Tals in den Himmel ragten. Die Steilheit der Hänge und das Fehlen ausgedehnter Schutt- und Geröllhalden bestä- tigten seine Vermutung, daß er in einem sehr jungen Gebirge war. Bis auf das Singen war es sehr still. Wenn er Vögel fliegen sah, waren sie gewöhnlich tief unter ihm. Auf den Hängen zu seiner Rechten und, weniger ausge-, prägt, auf den Hängen des großen Massivs gegen- über, beobachtete er häufig wellenförmig geriffelte Bewegungseffekte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Hitzeflimmern an heißen Sommertagen hatten, sich aber einer eindeutigen Erklärung entzogen. Bei dem Versuch, das Bild zusammenzufügen, ha- be ich etwas ausgelassen, das die Gewinnung dieses Gesamtbilds für Ransom zu einer langwierigen Auf- gabe machte. Das ganze Gebirge war häufig von Wolken verhüllt; immer wieder verhängten safran- gelbe und blaßgoldene Vorhänge Täler und Gipfel, um bald darauf abzuziehen oder aufzureißen, wäh- rend andere sich bereits anschickten, die freigewor- denen Durchblicke von neuem zu schließen. Tag für Tag lernte Ransom seinen Aufenthaltsort besser kennen, wie die fortschreitende Erholung sei- ner körperlichen Leistungsfähigkeit es gestattete. Lange Zeit war er so steif und von Schmerzen ge- plagt, daß er jede unnötige Bewegung zu vermeiden suchte. Dennoch heilten seine Verletzungen rasch und ohne Komplikationen – ausgenommen eine. Wie man nach einem schweren Sturz das eigentliche Übel erst entdeckt, wenn die kleineren Prellungen und Ab- schürfungen weniger schmerzhaft sind, war Ransom auf dem Weg zur Genesung ein gutes Stück vorange- kommen, ehe er seine schlimmste Verletzung als ge- fährlich erkannte. Es war eine Wunde an seiner Ferse. Ihre Form zeigte deutlich, daß die Wunde von einem menschlichen Gebiß herrührte – den bösen stumpfen Zähnen unserer Art, die mehr zerquetschen als schneiden. Seltsamerweise konnte er sich nicht erin- nern, bei seinen ungezählten Kampfrunden mit dem Nichtmenschen gerade diesen Biß abgekriegt zu ha-, ben. Die Wunde sah nicht schlimm aus, aber sie blu- tete noch immer. Die Blutung war nicht stark, mehr ein tropfenweises Heraussickern, aber er konnte sie auf keinerlei Weise stillen. Gleichwohl machte er sich zu der Zeit kaum Gedanken darüber; ihn kümmerten weder Vergangenheit noch Zukunft. Wünschen und Fürchten waren Bewußtseinshaltungen, zu denen er nicht mehr befähigt schien. Nichtsdestoweniger kam ein Tag, da er das Be- dürfnis nach Aktivität verspürte, sich aber noch nicht imstande fühlte, den kleinen Schlupfwinkel zwischen Teich und Felsen zu verlassen, der ihm zu einer Art Heimat geworden war. Er verwendete diesen Tag darauf, etwas zu tun, das ziemlich albern erscheinen mag, für ihn jedoch zu der Zeit von Bedeutung war. Er hatte festgestellt, daß das glasige Material der Fel- sen nicht härter als Sandstein war. Nun suchte er ein paar scharfe, passend geformte Steine aus härterem Material und säuberte eine größere Fläche der Fels- wand von anhaftender Vegetation. Dann nahm er die Maße und zeichnete die Schrift vor, und gegen Abend war in alt-solarischer Sprache und römischen Buchstaben das folgende Epitaph in die Wand ge- meißelt: In diesen Höhlen wurde verbrannt der Leichnam des EDWARD ROLLES WESTON einem gelehrten Hnau von der Welt, die von ihren Bewohnern Erde genannt wird, doch von den Eldila des Himmels Thulkandra. Er wurde geboren, als die Erde voll endet hatte ihren eintausendachthundert, sechsundneunzigsten Kreislauf um Arbol seit der Zeit, da MALELDIL, gepriesen sei SEIN Name, als ein Hnau auf Thulkandra geboren wurde. Er studierte die Eigenschaften von Körpern, und als erster Erdenbewohner fuhr er durch die Himmelstiefen nach Malakandra und Perelandra, wo er Willen und Verstand preisgab dem verbogenen Eldil, als die Erde vollführte den eintausendneunhundertzweiundvierzigsten Kreislauf nach der Geburt MALELDILS, der gepriesen sei. »Das war ziemlich albern«, sagte Ransom, und trotz- dem war er befriedigt, als er sich wieder hinlegte. »Niemand wird es je lesen. Aber er hat trotz allem ei- ne Gedenktafel verdient. Schließlich war er ein großer Physiker. Und für mich war es eine körperliche Übung.« Er gähnte herzhaft und machte es sich für weitere zwölf Stunden Schlaf bequem. Am nächsten Tag begann er kurze Wanderungen an den Hängen zu beiden Seiten seiner Wiese zu ma- chen, und am zweiten Tag dehnte er diese Spazier- gänge zu mehrstündigen Unternehmungen aus. Am dritten Tag fühlte er sich so frisch und tatendurstig, daß er nicht länger warten wollte. Es war noch früh am Morgen, als er den Kaskaden des kleinen Flusses zu Tal folgte. Die Hänge waren, sehr steil und von Felsterrassen durchsetzt, die er überklettern mußte, aber die Wiesenmatten waren weich und elastisch, und er entdeckte mit Überra- schung, daß der Abstieg seine Knie nicht ermüdete. Als nach etwa einer Stunde die Gipfel der gegen- überliegenden Berge so hoch aufragten, daß er den Kopf in den Nacken legen mußte, wenn er sie sehen wollte, gelangte er in eine neue Vegetationszone. Er kam in einen Wald aus kleinen Bäumen, die kaum ei- nen Meter hoch waren. Aus ihren Wipfeln wuchsen lange Fäden, die sich jedoch nicht in die Luft erhoben, sondern vom Wind hangabwärts gekämmt wurden, parallel zum Boden. So lang er den Wald durchwan- derte, watete er knietief in einem wogenden Meer dieser Fäden, die von einem zarten Blau waren, das an den Enden in ein rauchiges Graublau überging. Das sanfte Streicheln der langen, haarigen Fäden, das leise Singen und Flüstern der Musik und die fröhliche Bewegung ringsumher ließen jenes beinahe beängsti- gende Wohlgefühl wiederkehren, das er schon früher auf Perelandra kennengelernt hatte. Er erkannte, daß diese Zwergwälder mit ihren wehenden Staubfäden jene flimmernden, wellenförmigen Bewegungen er- klärten, die er auf entfernten Hängen beobachtet hat- te. Als er müde wurde, setzte er sich nieder und be- fand sich sofort in einer neuen Welt, denn der Wind wehte ihm die dichten Massen der Fäden über den Kopf, so daß er wie unter Wasser saß. Er war in ei- nem Wald für Zwerge, einem Wald mit einem leuch- tend blauen, wogenden Dach, durch das ein endloser Reigen von Licht und Schatten über den moosbe- wachsenen Boden tanzte. Und bald sah er, daß der, Wald tatsächlich für Zwerge gemacht war. Durch das Moos, das sehr fein und zart war, sah er ein Hin und Her von etwas, das er zuerst für Insekten hielt, sich bei näherer Betrachtung aber als eine Art von winzi- gen Säugetieren erwies. Es waren Mäuse, zierliche, winzige Verwandte derjenigen, die er auf der festen Insel gesehen hatte, etwa so groß wie Erdhummeln Er entdeckte auch anmutige kleine Tiere, die Pferden ähnlicher sahen als alles, was er bisher auf diesem Planeten beobachtet hatte. Er fragte sich, wie er es vermeiden sollte, Hunderte von diesen Tieren zu zertreten. Aber es gab nicht so viele, und der größte Trupp schien sich nach links von ihm wegzubewe- gen. Als er aufstand, waren nur noch wenige zu se- hen. Noch eine Stunde lang watete er durch das pflanz- liche Wellenbad, dann war er in richtigem Wald und erreichte einen Gebirgsbach, der von rechts herankam und seinen Weg kreuzte. Er stand auf dem bewalde- ten Talboden, den er von oben gesehen hatte, und wußte, daß der links unter den Bäumen ansteigende Hang der Beginn des Anstiegs zu den gewaltigen Hochgipfeln war. Unter dem feierlich hohen Wald- dach herrschte bernsteinfarbenes Zwielicht. Der to- sende Bach rauschte über Blöcke talwärts, dann plät- scherte er munter glucksend in verspielten Windun- gen durch eine Wiesenlichtung, um jenseits davon wieder im feierlichen Waldesdunkel zu verschwin- den. Über allem aber schwebte das Tönen des tiefen Singens. Es war jetzt so laut und melodisch, daß Ran- som bachabwärts und ein wenig zur rechten Talflan- ke wanderte, um den Ursprung dieser Musik zu su- chen. Das führte ihn bald aus dem kathedralenhaften, Hochwald mit seinen lieblichen Lichtungen und in andersartigen Wald. Er mußte sich seinen Weg durch dornenlose Dickichte bahnen, die über und über in Blüte standen. Schauer von Blütenblättern gingen auf ihn nieder und bedeckten Kopf und Schultern, Blü- tenstaub vergoldete seinen Körper, und mit jedem Schritt schien die Berührung der Büsche und des Erdbodens neue Düfte freizusetzen, die ihm zu Kopf stiegen und unbekannte Genüsse und Lustgefühle er- zeugten. Das Singen war nun sehr nahe, aber das Ge- sträuch wurde immer dichter und behinderte sein Vorankommen. Als er so tief im Dickicht steckte, daß er keinen Schritt weit sehen konnte, hörte die Musik unvermittelt auf. Er hörte ein Rascheln und Rauschen und das Knacken von Zweigen und kämpfte sich in der Richtung weiter vor, fand jedoch nichts. Er war drauf und dran, die Suche aufzugeben, als das Singen ein kleines Stück weiter von neuem begann. Wieder ging er ihm nach, und wieder hörte das Geschöpf zu singen auf und entfloh. Dieses Versteckspiel beschäf- tigte ihn annähernd eine Stunde lang, ehe seine Mühe belohnt wurde. Nachdem er sich während des Gesangs behutsam durch das etwas lichtere Dickicht vorgearbeitet hatte, sah er endlich etwas Dunkles zwischen den blühen- den Zweigen. Sowie das Singen aufhörte, blieb er stillstehen, sowie es erneut einsetzte, schlich er mit größter Vorsicht näher; und so hatte er den Sänger zuletzt in voller Größe vor sich. Ohne zu ahnen, daß es beobachtet wurde, sang das scheue Geschöpf wei- ter. Es saß aufrecht wie ein Hund, schwarz und ge- schmeidig und glänzend, aber seine Schultern waren hoch über Ransoms Kopf, und die Vorderbeine, auf, die es sich stützte, waren wie junge Bäume und en- deten in breiten, weichen Pfoten wie Kamelhufe. Der enorme runde Bauch war weiß, und über den Schul- tern erhob sich ein Hals wie der eines Pferdes. Von dort, wo Ransom stand, sah er den Kopf im Profil – den Mund weit geöffnet, als er in langen Trillern von Freude sang, die Töne in der pulsierenden, schim- mernden Kehle beinahe sichtbar. Ransom starrte in staunender Verwunderung zu den großen feuchten Augen und den bebenden, empfindsamen Nüstern auf. Dann brach der Gesang ab, das Geschöpf sah Ransom, sprang davon und verhoffte in einiger Ent- fernung, nun auf allen vieren und nicht viel kleiner als ein halbwüchsiger Elefant. Der lange, buschige Schwanz zuckte aufgeregt. Es war das erste Tier auf Perelandra, das ihn zu fürchten schien. Aber es war keine Furcht. Als Ransom es rief und in begütigen- dem Ton zu ihm sprach, kam es heran, beschnüffelte ihn mit samtigen Nüstern und duldete seine Berüh- rung. Doch nach dieser scheuen Begrüßung warf es sich wieder herum und trabte durch das Dickicht da- von, und Ransom verfolgte es nicht weiter. Es wäre eine Verletzung der sanften Scheu dieses Geschöpfs und seines offenkundigen Verlangens gewesen, für immer ein Klingen und nur ein Klingen in der dichte- sten Mitte der unbegangenen Wälder zu sein. Er nahm seine Wanderung wieder auf, und kurz darauf setzte hinter ihm das Singen wieder ein, lauter und lieblicher als zuvor, ein Lied der Freude über die wiedergewonnene Einsamkeit. Ransom wandte sich nach links und machte sich an die Ersteigung des großen Bergs. Nicht lange, und der Hochwald des Tals blieb zurück, als er die unte-, ren Hänge querte. Obwohl er immer wieder innehielt, um die günstigste Anstiegsroute festzulegen, war das Terrain selbst an den gangbarsten Stellen so steil, daß er oft die Hände zu Hilfe nehmen mußte. Als er zwei oder drei Stunden gestiegen war, begann er sich zu wundern, daß sein Körper fast keine Ermüdungser- scheinungen zeigte; er hatte bereits die Region des Zwergwalds erreicht. Diesmal blies der Wind nicht vom Berg herab, sondern aus dem Tal hinauf, so daß er den seltsamen Eindruck hatte, durch einen breiten blauen Wasserfall zu waten, der in die falsche Rich- tung stürzte und irgendwo zwischen den Gipfeln zu Gischt versprühte. Wann immer der Wind einen Moment nachließ, begannen die langen Fäden unter dem Einfluß der Schwerkraft zurückzusinken, so daß es den Anschein hatte, ein stürmischer Gegenwind drücke die Wellenkämme zurück. Lange stieg er so, ohne jemals ein echtes Bedürfnis nach einer Ruhe- pause zu verspüren. Er war nun so hoch, daß die kri- stallinen Klippen, von denen er aufgebrochen war, auf gleicher Höhe mit ihm waren, wenn er über das Tal hinweg zurückblickte. Er konnte jetzt sehen, daß sich hinter ihnen Terrassen und zerklüftete Wände aus demselben glasig durchscheinenden Gestein auftürmten, die schließlich in einem öden Hochpla- teau endeten. Unter der nackten Sonne unseres Pla- neten hätten die Lichtreflexe so geblendet, daß man nicht hätte hinsehen können: hier zeigte sich der Wi- derschein des Himmels als ein bronzener und kupfer- farbener satter Glanz, abwechselnd mit purpur- schwarzen Schattenpartien und überspielt von einem feinen Zittern und Wabern wellenförmiger Bewe- gung, das der perelandrische Himmel als Wider-, schein vom Ozean empfängt. Zur Linken dieses Hochplateaus waren Gipfel aus grünlichem Gestein. Ransom ging weiter. Allmählich sanken die grünen Gipfel und das Tafelland und wurden kleiner, und hinter ihnen erschien ein feiner Dunst wie von ver- dampftem Amethyst, Smaragd und Gold, und der Rand dieses Dunstbereichs erhob sich, je höher er stieg, und wurde schließlich der ferne Meereshori- zont, der über Vorbergen und Ausläufern sichtbar wurde. Und die See ringsum wuchs, und die Berge schienen zu schrumpfen, und der Meereshorizont stieg und stieg, bis alle niedrigeren Berge hinter ihm auf dem Grund einer ungeheuren Meeresschüssel zu liegen schienen; aber voraus hoben sich die nicht en- den wollenden Hänge höher und immer höher in den bronzenen Himmel, blau und violett und grün. Und nun war das bewaldete Tal, in dem er das singende Tier getroffen hatte, unter den ausladenden Bergflan- ken unsichtbar, und der Berg, von dem er ausgegan- gen war, sah nur noch wie ein unbedeutender Aus- läufer dieses großen Bergs aus, und kein Vogel war in der Luft, kein Tier unter der wogenden Bewegung des Zwergwalds, und noch immer stieg er unermüd- lich, wenn auch ein wenig aus der Ferse blutend. Er fühlte sich weder einsam noch ängstlich. Er hatte kei- ne Wünsche und dachte nicht einmal daran, den fel- sigen Gipfel zu erreichen, geschweige denn, warum er ihn erreichen sollte. Das Steigen war in seiner ge- genwärtigen Gemütslage kein Prozeß, sondern ein Zustand, und in diesem Zustand war er zufrieden. Einmal ging ihm der Gedanke durch den Sinn, daß er gestorben sei und deshalb keine Ermüdung fühlte, weil er keinen Körper mehr habe. Doch die Wunde an, seiner Ferse überzeugte ihn, daß es nicht so war. In dieser Nacht lag er am Hang zwischen den Stämmen der Zwergbäume, über sich das süßduften- de, winddichte, zart wispernde Dach der wogenden Fäden, und als der Morgen kam, setzte er seinen Auf- stieg fort. Anfangs stieg er durch dichten Nebel, und als dieser sich auflöste, sah er sich so hoch, daß er auf allen Seiten bis auf einer weit über die See hinaus- blicken konnte. Und auf dieser einen Seite sah er endlich hinter einer breiten Bergschulter die rosenro- ten Gipfel hervorkommen, nicht mehr sehr weit ent- fernt, und eine Paßhöhe zwischen den beiden, die ihm am nächsten waren. Und nun überkam ihn ein seltsames Gemisch widerstreitender Empfindungen – das Pflichtgefühl, das ihn drängte, zu diesem Paß zwischen den Felsen hinaufzugehen, verbunden mit dem unabweisbaren Gefühl, daß er damit eine Grenzverletzung begehen würde. Er wagte nicht dort hinaufzugehen, und er wagte nicht, etwas anderes zu tun. Er spähte immer wieder zur Paßhöhe hinauf, weil er glaubte, er müsse jeden Augenblick den Engel mit dem Flammenschwert sehen. Er wußte, daß Ma- leldil ihm befahl, weiterzugehen. Er sagte sich, daß dies das Heiligste und zugleich Unheiligste sei, was er je in seinem Leben getan habe; aber er ging weiter. Und nun erreichte er die Paßhöhe zwischen den Gip- feltürmen und sah, daß sie nicht aus rotem Fels wa- ren. Die rote Färbung rührte von den Blumen her, die sie über und über bedeckten. Es waren Blumen von lilienähnlicher Form, aber getönt wie Rosen. Und bald war auch der Boden, auf dem er ging, mit einem Teppich der gleichen Blumen bedeckt, und er mußte sie beim Gehen zertreten; und hier endlich hinterließ, seine Ferse keine sichtbare Spur. Vom Sattel der Paßhöhe aus blickte er hinab in eine kleine, sanft geformte Talmulde, wenige Hektar groß und so abgeschieden und geheimnisvoll wie ein Tal in der Oberseite einer Wolke. Es war ein rosenrotes Tal, überragt und eingerahmt von den Gipfeln, mit einem kleinen Teich in der Mitte, dessen reine und bewegungslose Klarheit sich dem Gold des Himmels vermählte. Die Lilien wuchsen bis zum Ufer hinab und säumten seine Buchten und Halbinseln. Wider- standslos gab Ransom der Ehrfurcht nach, die in ihm aufkam, und ging mit langsamen Schritten und ge- neigtem Kopf weiter. Nahe am Wasser war etwas Weißes. Ein Altar? Ein Flecken weißer Lilien zwi- schen den roten? Ein Grab? Aber wessen Grab? Nein, es war kein Grab, sondern ein Sarg, offen und leer, und der Deckel lag daneben. Dann verstand er. Dieses Ding war wie das, in dem er von der Erde zur Venus gereist war, und es stand bereit für seine Rückkehr. Hätte er gesagt: »Es ist für mein Begräbnis«, so wären seine Gefühle nicht sehr viel anders gewesen. Und als er darüber nachdachte, wurde ihm allmählich bewußt, daß mit den Blumen an zwei Stellen in seiner unmittelbaren Nähe etwas nicht stimmte: etwas wie eine flüchtige Lichterschei- nung ließ sie blasser erscheinen als sie waren. Dann bemerkte er, daß diese Lichterscheinungen nicht nur am Boden, sondern auch in der Luft darüber waren. Ein vertrautes, doch seltsames Prickeln lief durch sei- ne Adern, und ein eigenartiges Gefühl, kleiner zu werden, bemächtigte sich seiner, als er begriff, daß er in der Gegenwart von zwei Eldila war. Er stand still. Es war nicht an ihm, zu sprechen., Eine klare Stimme wie der Klang ferner Glocken, eine Stimme ohne Blut und Substanz, sprach aus der Luft und ließ Ransom erschauern. »Sie haben den Sand betreten und beginnen den Aufstieg«, sagte sie. »Der Kleine von Thulkandra ist bereits hier«, sagte eine zweite Stimme. »Sieh ihn an, Geliebter im Herrn, und liebe ihn«, sagte die erste Stimme. »Er ist nur atmender Staub, und eine achtlose Berührung würde ihn entkörpern. Und in seine besten Gedanken mischen sich Dinge, die, dächten wir sie, unser Licht zum Erlöschen brächten. Aber er ist im Körper Maleldils, und seine Sünden sind vergeben. Sogar sein Name in seiner ei- genen Sprache ist Elwin, der Freund der Eldila.« »Wie groß ist dein Wissen!« sagte die zweite Stimme. »Ich war unten in der Luft von Thulkandra«, sagte die erste, »das die Kleinen Erde nennen. Eine trübe Luft, und so erfüllt von den Dunklen wie die Him- melstiefen von den Lichten. Ich hörte die Gefangenen dort in ihren verschiedenen Sprachen reden, und El- win hat mich gelehrt, wie es mit ihnen steht.« An diesen Worten erkannte Ransom, daß der Spre- cher der Oyarsa von Malakandra war, der große Statthalter des Mars. Natürlich erkannte er ihn nicht an der Stimme, da es keinen Unterschied zwischen den Stimmen der Eldila gibt. Ihre Worte werden ohne Lungen und Lippen geformt, und nur durch Kunst, nicht von Natur aus, erreichten sie das menschliche Ohr., »Wenn es gut ist, Oyarsa«, sagte Ransom, »dann sag mir, wer dieser andere ist.« »Es ist Oyarsa«, sagte Oyarsa, »und hier ist das nicht mein Name. In meiner eigenen Sphäre bin ich Oyarsa. Hier bin ich nur Malakandra.« »Ich bin Perelandra«, sagte die andere Stimme. »Ich verstehe nicht«, sagte Ransom. »Die Frau sagte mir, auf dieser Welt gebe es keine Eldila.« »Sie haben mein Gesicht bis heute nicht gesehen«, sagte die zweite Stimme. »Sie sehen es nur im Wasser und im Himmelsdach, in den Inseln und Höhlen und Bäumen. Ich wurde nicht eingesetzt, sie zu beherr- schen, aber solange sie jung waren, herrschte ich über alles andere. Ich rundete diese Kugel, als sie sich von Arbol löste. Ich umspann sie mit Luft und webte das Dach. Ich erbaute die festen Inseln und dies, den hei- ligen Berg, wie Maleldil es mich lehrte. Die Tiere, die singen, und die Tiere, die fliegen, und alles, was auf meiner Brust schwimmt und in mir kriecht und gräbt, ist mein gewesen. Und heute wird dies alles mir ge- nommen. Gepriesen sei Er.« »Der Kleine wird dich nicht verstehen«, sagte der Herr von Malakandra. »Er wird denken, daß dies schmerzlich für dich sei.« »Das sagt er nicht, Malakandra.« »Nein. Das ist eine weitere seltsame Eigenschaft der Kinder Adams.« Nach kurzem Schweigen richtete Malakandra das Wort an Ransom. »Du kannst dir dies am besten klarmachen, wenn du es mit bestimmten Geschehnis- sen auf deiner eigenen Welt vergleichst.« »Ich glaube, ich verstehe es«, erwiderte Ransom, »denn einer von Maleldils Verkündern hat es uns ge-, sagt. Es ist, wie wenn Kinder aus großem Haus mün- dig werden. Dann kommen die Verwalter ihres Ver- mögens, die sie vielleicht nie gesehen haben, und le- gen alles in ihre Hände und übergeben ihnen die Schlüssel.« »Du verstehst gut«, sagte Perelandra. »Oder es ist, wie wenn das singende Tier die stumme Hirschkuh verläßt, die es gesäugt hat.« »Das singende Tier?« sagte Ransom. »Ich würde gern mehr von ihm erfahren.« »Die Muttertiere dieser Art haben keine Milch, und ihre Jungen werden vom Muttertier einer anderen Gattung gesäugt, meistens einer Hirschkuh. Solange das junge singende Tier gesäugt wird, wächst es mit den Jungen der Pflegemutter heran und muß ihr ge- horchen. Aber wenn es erwachsen ist, wird es das herrlichste und zartfühlendste aller Geschöpfe und geht von ihr. Und sie bestaunt seinen Gesang.« »Warum hat Maleldil so etwas gemacht?« fragte Ransom. »Das hieße fragen, warum Maleldil mich gemacht hat«, sagte Perelandra. »Jetzt mag es genügen, zu sa- gen, daß durch die Gewohnheiten dieser Tiere mei- nem König und meiner Königin und ihren Kindern viel Weisheit zuteil werden wird. Aber die Stunde ist gekommen, und es sei genug der Worte.« »Welche Stunde?« fragte Ransom. »Heute ist der Morgentag«, sagten beide Stimmen, aber in den Worten war mehr als der bloße Klang, und Ransoms Herz begann schneller zu schlagen. »Der Morgen ... meint ihr vielleicht ...?« fragte er. »Ist alles gut? Hat die Königin den König gefunden?« »Die Welt ist heute geboren«, sagte Malakandra., »Heute steigen zum erstenmal zwei Geschöpfe der niederen Welten, zwei Abbilder Maleldils, die atmen und zeugen wie die Tiere, zu jener Stufe auf, an der deine Ureltern strauchelten, und sitzen auf dem Thron, der ihnen bestimmt war. Das ist nie zuvor ge- schehen. Weil es auf deiner Welt nicht geschah, ge- schah dort Größeres, aber nicht dies. Weil das Größe- re auf Thulkandra geschah, geschieht hier dies und nicht das Größere.« »Elwin fällt zu Boden«, sagte die andere Stimme. »Sei getrost«, sagte Malakandra zu Ransom. »Es hat nichts mit dir zu schaffen. Du bist nicht groß, ob- wohl du etwas so Großes hattest verhindern können, daß die Himmelstiefen es staunend sehen. Sei getrost, Kleiner, in deiner Kleinheit. Er erlegt dir kein Ver- dienst auf. Empfange und freue dich. Fürchte nicht, daß deine Schultern diese Welt tragen sollten. Sieh, sie ist unter dir und trägt dich.« »Werden sie hierherkommen?« fragte Ransom et- was später. »Sie sind schon ein gutes Stück den Berg herauf«, sagte Perelandra. »Und unsere Stunde ist gekommen. Laß uns die Gestalten vorbereiten. Wir sind für sie kaum zu sehen, wenn wir in uns bleiben.« »Das ist sehr gut gesagt«, sagte Malakandra, »aber in welcher Gestalt sollen wir uns zeigen, um ihnen Ehre zu erweisen?« »Laß uns dem Kleinen hier erscheinen«, sagte der andere. »Er ist ein Mensch und kann uns sagen, was ihre Sinne als erfreulich ansehen würden.« »Ich sehe – ich sehe schon jetzt etwas«, sagte Ran- som. »Soll der König seine Augen anstrengen, um die zu, sehen, die ihn ehren wollen?« sagte der Statthalter von Perelandra. »Aber schau her und sag uns, wie es dir gefällt.« Das sehr schwache Licht – die beinahe unmerkliche Veränderung in einem begrenzten Teil des Gesichts- felds –, das einen Eldil verrät, war plötzlich ver- schwunden. Die rosaroten Gipfel und der Teich ver- schwanden gleichfalls, während ein Wirbelsturm grotesker Monstrositäten über Ransom hereinzubre- chen schien. Fliegende Säulen voller Augen, zucken- de Flammen, Schnäbel und Krallen und wolkige Massen wie von Schnee tobten durch Vierecke und Siebenecke in eine unendliche schwarze Leere. »Auf- hören – laßt das!« schrie Ransom entsetzt, und die Phantasmagorien hörten auf. Er blickte blinzelnd zum Teich und den Lilien ringsum, und dann ver- suchte er den Eldila klarzumachen, daß solche Ver- körperungen für menschliche Sinne ungeeignet wa- ren. »Dann sieh dies an«, sagten die Stimmen, und er folgte der Aufforderung mit einigem Widerwillen und sah, wie von der anderen Seite des kleinen Tals rollende Räder kamen. Das war alles – konzentrische Ringe, die sich mit ziemlich unangenehmer Lang- samkeit bewegten, eins im Innern des anderen. Es war nichts Schreckliches an ihnen, wenn man sich an ihre furchterregende Größe gewöhnen konnte, aber auch nichts Bedeutsames. Ransom erklärte es ihnen und bat sie um einen dritten Versuch. Und plötzlich standen am anderen Ufer des Teichs zwei menschli- che Gestalten. Sie waren größer als die Sorne von Malakandra und erreichten eine Höhe von vielleicht zehn Metern., Sie waren von einem brennenden, strahlenden Weiß wie weißglühendes Eisen. Die Umrisse ihrer Körper flimmerten leicht vor dem roten Hintergrund der Landschaft, und ihr äußerster Randbereich schien ein wenig durchscheinend; abgesehen davon waren sie undurchsichtig. Wenn er sie scharf ansah, hatte er den Eindruck, als ob sie mit enormer Geschwindigkeit auf ihn zustürz- ten; sah er sie dagegen als Teile ihrer Umgebung, merkte er, daß sie sich nicht von der Stelle rührten. Die Täuschung mochte darauf beruhen, daß ihr lan- ges und funkelndes Haar wie im Sturm waagerecht hinter ihnen stand. Aber wenn es einen Wind gab, dann war er nicht aus Luft, denn kein Blütenblatt der ungezählten Blumen wurde bewegt. Auch schienen sie im Verhältnis zum Talboden nicht ganz senkrecht zu stehen, was den Eindruck von Bewegung ver- stärkte. Ransom dachte, daß sie sich vielleicht tat- sächlich in Bewegung befanden, aber nicht in Bezie- hung zu ihm. Dieser Planet, der ihm – während er sich auf seiner Oberfläche befand – als ein fester, un- bewegter Ort erschien, blieb für sie ein Körper, der sich durch die Himmelstiefen bewegte. Gefangen in ihrem eigenen himmlischen Bezugsrahmen, eilten sie vorwärts, um ihren Platz in diesem Hochtal zu hal- ten. Wären sie stehengeblieben, hätten die Rotations- geschwindigkeit des Planeten und seine Bahnbewe- gung um die Sonne den Schauplatz des Geschehens im Nu unter ihnen weggezogen. Ihre Körper waren weiß, aber farbige Strahlenkrän- ze oder Heiligenscheine schienen von ihren Schultern auszugehen und umrahmten fächerförmig die Köpfe, so daß Ransom zuerst an einen Indianerkopfschmuck, denken mußte. Die Strahlenkränze der beiden Eldila unterschieden sich deutlich voneinander. Der Oyarsa des Mars prunkte mit kühlen Morgenfarben, ein we- nig metallisch, rein, hart und erfrischend. Der Strah- lenkranz des Oyarsa der Venus leuchtete in warmer Pracht, voll vom Versprechen üppigen pflanzlichen und tierischen Lebens. Die Gesichter überraschten ihn sehr. Nichts hätte den ›Engeln‹ der volkstümlichen Kunst weniger glei- chen können. Die reiche Vielfalt, die Andeutung un- entwickelter Möglichkeiten, die das Interessante des menschlichen Gesichts ausmachen, fehlten gänzlich. Ein einziger, unveränderbarer Ausdruck – so klar, daß er Ransom unangenehm berührte – war beiden Gesichtern aufgeprägt, und sonst gab es darin nichts. In diesem Sinn waren ihre Gesichter so unnatürlich, oder, wenn man so will, so ›primitiv‹ wie jene der ar- chaischen Plastiken aus Aigina. Was dieser eine Aus- druck beinhaltete, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Schließlich war er geneigt, milde Güte oder Nächstenliebe darin zu sehen. Aber es war beängsti- gend verschieden vom Ausdruck menschlicher Näch- stenliebe, die immer aus natürlicher Zuneigung er- blüht oder zu ihr herabsinkt. Hier gab es überhaupt keine intuitive Zuneigung: nicht der Hauch einer Er- innerung daran über zehn Millionen Jahre hinweg, nicht ein Keim, aus dem sie in irgendeiner Zukunft entspringen könnte. Reine, vergeistigte, intellektuelle Nächstenliebe ohne ›menschliche Wärme‹ strahlte aus ihren Gesichtern gleich Blitzen mit Widerhaken. Es war dem, was wir Liebe nennen, so unähnlich, daß man den Ausdruck leicht mit Wildheit verwechseln konnte., Beide waren nackt und frei von jeglichen Geschlechts- merkmalen. Das war zu erwarten gewesen. Aber wo- her rührte der eigenartige Unterschied zwischen ih- nen? Ransom fand keinen einzelnen Wesenszug und kein bestimmtes Merkmal, worin der Unterschied sich ausdrückte, und doch war er nicht zu übersehen. Man konnte versuchen, ihn durch Worte zu um- schreiben. Ransom selbst sagte, Malakandra sei wie Rhythmus gewesen, Perelandra wie Melodie. Er sagte auch, Malakandra habe wie ein quantitierendes Versmaß auf ihn gewirkt, Perelandra wie ein akzen- tuierendes. Er meinte, Malakandra habe einen Speer in den Händen gehalten, während Perelandras Hän- de offen und ihm entgegengestreckt gewesen seien. Aber keiner dieser Erklärungsversuche hat mir viel weitergeholfen. Jedenfalls erkannte Ransom in die- sem Moment die wahre Bedeutung der Geschlechts- zugehörigkeit. Jeder muß sich zuweilen die Frage vorgelegt haben, warum bestimmte unbelebte Ob- jekte in fast allen Sprachen männlich und andere weiblich sind. Was ist an einem Berg männlich, oder an Ebenen weiblich? Ransom hat mich von dem Glauben geheilt, daß dies ein rein morphologisches Phänomen sei, abhängig von der Form des Worts. Noch weniger ist Geschlechtszugehörigkeit eine ima- ginative Erweiterung der Sexualität. Unsere Vorfah- ren machten Berge nicht männlich, weil sie männliche Merkmale in sie hineinprojizierten. Das Gegenteil ist der Fall. Geschlechtszugehörigkeit ist eine funda- mentalere Realität als Sexualität. Diese ist nur die Anpassung organischen Lebens an eine grundsätzli- che Polarität, die alle Lebewesen höherer Ordnung scheidet. Weibliche Sexualität ist nur einer von meh-, reren Aspekten weiblicher Geschlechtszugehörigkeit; es gibt viele andere, und das Männliche wie das Weibliche begegnen uns auf Realitätsebenen, wo die Etiketten ›männlich‹ und ›weiblich‹ bedeutungslos wären. Die männlichen und weiblichen Exemplare organischer Lebewesen sind, in diesem Sinn, nur schwache und verschwommene Widerspiegelungen des männlichen beziehungsweise weiblichen Prin- zips. Ihre reproduktiven Funktionen, ihre Unter- schiede in Kraft und Größe stellen einerseits die wirkliche Polarität heraus, verwirren und verfälschen sie jedoch auf der anderen Seite. Alles das sah Ran- som mit eigenen Augen. Die zwei weißen Gestalten waren geschlechtslos, aber Malakandra verkörperte das männliche Prinzip (ohne männlich zu sein), und Perelandra verkörperte das weibliche Prinzip (ohne weiblich zu sein). Malakandra schien den Blick eines Bewaffneten zu haben, der in immerwährender Wachsamkeit auf den Zinnen seiner entlegenen, ar- chaischen Welt stand, den Blick stets auf dem erdsei- tigen Horizont, von wo vor langer Zeit Gefahr kam. »Es war der Blick eines Seemanns«, sagte Ransom einmal zu mir; »wissen Sie ... Augen, in denen die Ferne wohnte.« Die Augen Perelandras aber öffneten sich nach innen, als seien sie der verhängte Eingang zu einer Welt der murmelnden Wellen und wan- dernden Lüfte, eines Lebens, das sich im Winde wiegt und über bemooste Steine plätschert und als Tau her- absinkt und als zartes Nebelgespinst sonnenwärts steigt. Auf dem Mars sind selbst die Wälder aus Stein; auf der Venus schwimmt selbst das Land. Denn nun nannte er die beiden Planeten in Gedanken nicht mehr Malakandra und Perelandra, sondern bei ihren, irdischen Namen. Meine Augen haben Mars und Ve- nus gesehen, dachte er in tiefer Verwunderung. Ich habe Ares und Aphrodite gesehen. Er fragte die bei- den, wie es möglich sei, daß die Dichter des Alter- tums sie gekannt hatten. Wann und von wem hatten die Kinder Adams erfahren, daß Ares ein Krieger und Aphrodite dem Meeresschaum entstiegen war? Die Erde war schon vor dem Beginn jeder Geschichts- schreibung belagert gewesen, ein vom Feind besetz- tes Gebiet. Die Götter hatten dort keinen Handel ge- habt. Wie also kam es, daß wir von ihnen wußten? Dieses Wissen, sagten die beiden Eldila, sei den Men- schen auf Umwegen und im Verlauf der Zeit zuteil geworden. Das geistige Universum sei einem Spinn- gewebe vergleichbar, worin jeder Faden der Lebens- linie einer Geistseele entspreche, einer riesigen Flü- stergalerie, wo zwar keine Nachricht unverändert von einem Ende zum anderen gelangt, andererseits aber auch kein Geheimnis rigoros gewahrt werden kann. Im Geist des gefallenen Statthalters, unter dem unser Planet ächzt, ist die Erinnerung an die Himmel- stiefen und die Götter, mit denen er einst Umgang hatte, noch immer lebendig. Selbst auf der Erde sind die Spuren der himmlischen Gemeinschaft nicht ganz verloren. Erinnerungen schweben in der Luft. Die Musen sind Wirklichkeit. Der leiseste Atemhauch er- reicht, wie Vergil sagt, die späteren Generationen. Unsere Mythologie beruht auf einer solideren Realität als wir uns träumen lassen; zugleich aber ist sie von dieser Basis weit entfernt. Und als sie ihm dies sagten, verstand Ransom endlich, warum Mythologie war, was sie war – Lichtschimmer himmlischer Kraft und Schönheit, die durch ein Dschungeldach von Unflä-, tigkeit und Dummheit sickern. Seine Wangen brann- ten, als er den echten Mars, die echte Venus ansah und an die Torheiten dachte, die auf Erden von ihnen erzählt wurden. »Aber sehe ich euch, wie ihr wirklich seid?« fragte er. »Nur Maleldil sieht ein Geschöpf, wie es wirklich ist«, sagte Mars. »Wie seht ihr einander?« fragte Ransom. »In deinem Verstand ist kein Raum für eine Ant- wort darauf.« »Sehe ich nur eine Erscheinung? Ist es nicht wirk- lich?« »Du siehst nur eine Erscheinung, Kleiner. Du hast niemals mehr als eine Erscheinung von irgend etwas gesehen – weder von Arbol noch von einem Stein oder deinem eigenen Körper. Diese Erscheinung ist so wahr wie das, was du von jenen siehst.« »Aber da waren diese anderen Erscheinungen.« »Nein. Es war nur ein Mißlingen der Erscheinung.« »Ich verstehe nicht«, sagte Ransom. »Waren alle die anderen Dinge – die Räder und die Augen – der Wirklichkeit näher oder ferner als dies?« »Deine Frage hat keinen Sinn«, sagte Mars. »Du kannst einen Stein sehen, wenn er in passender Ent- fernung von dir ist und ihr euch nicht in zu verschie- denen Geschwindigkeiten bewegt. Aber wenn dir je- mand einen Stein ins Auge wirft, wie ist dann seine Erscheinung?« »Ich würde Schmerzen fühlen und vielleicht Licht- blitze sehen«, sagte Ransom. »Aber ich glaube nicht, daß ich das eine Erscheinungsform des Steins nennen würde.«, »Doch es würde die wahre Wirkung des Steins sein. Und damit ist deine Frage beantwortet. Wir sind jetzt in der richtigen Entfernung von dir.« »Und wart ihr näher, als ich euch zuerst sah?« »Ich meine nicht diese Art von Entfernung.« »Und dann«, sagte Ransom grüblerisch, »gibt es noch, was ich für deine gewohnte Erscheinungsform gehalten hatte – das sehr schwache Licht, Oyarsa, wie ich es auf deiner eigenen Welt zu sehen pflegte. Was hat es damit auf sich?« »Wir haben genug über Erscheinungen gesprochen; mehr war zuvor nicht nötig, und mehr ist jetzt nicht nötig. Wir erscheinen, wie wir sind, um den König zu ehren. Jener Lichtschein ist der Überfluß oder das Echo von uns, das in die Welt deiner Sinne dringt.« In diesem Moment hörte Ransom in seinem Rücken ein Durcheinander von Geräuschen, das die Hochge- birgsstille und die Kristallstimmen der Götter mit ei- nem köstlichen Klang warmer, tierhafter Unbefan- genheit unterbrach. Er sah sich um. Hüpfend, schrei- tend, flatternd, gleitend, kriechend, watschelnd, in allen denkbaren Formen der Fortbewegung und in jeder vorstellbaren Gestalt, Farbe und Größe, strömte ein ganzer Zoo von Tieren durch den Paß zwischen den Felsgipfeln in das Blumental. Die meisten kamen in Paaren, Männchen und Weibchen zusammen, drängten sich schmeichelnd und spielerisch aneinan- der, übersprangen und unterliefen einander. Leuch- tendes Gefieder, glänzende Felle, weiche Augen, glatte Flanken, die Höhlen wiehernder, brüllender, blökender Mäuler und Dickichte wedelnder Schwän- ze umgaben Ransom auf allen Seiten. Eine wahre Ar- che Noah, dachte Ransom erheitert, um gleich darauf, zu der ernüchternden Erkenntnis zu gelangen, daß auf dieser Welt keine Arche benötigt würde. Der Gesang von vier singenden Tieren erhob sich triumphierend über die unruhig durcheinanderdrän- gende Herde. Der große Eldil von Perelandra hielt die Tiere diesseits des Teiches zurück, so daß die andere Talseite bis auf den sargähnlichen Behälter frei blieb. Ransom vermochte nicht zu sagen, ob Venus zu den Tieren sprach, oder ob sie sich ihrer Gegenwart über- haupt bewußt waren. Die Verbindung zwischen ih- nen war vielleicht von subtilerer Art – jedenfalls ganz anders als die Beziehungen der grünen Frau zu den Tieren ihrer Insel. Beide Eldila standen jetzt am glei- chen Ufer wie Ransom. Sie, er und auch die Tiere blickten in die gleiche Richtung. Alles begann sich zu gliedern und zu ordnen. Unmittelbar am Ufer stan- den die Eldila; zwischen ihnen und ein wenig weiter hinten saß Ransom inmitten der Lilien. Hinter ihm saßen die vier singenden Tiere auf ihren Keulen und verkündeten Freude, und hinter diesen drängten sich die übrigen Tiere. Über der ganzen Versammlung lag eine feierliche und erwartungsvolle Atmosphäre. In unserer einfältigen menschlichen Art stellte Ransom eine Frage, nur um die Spannung zu brechen. »Wie können sie hier heraufsteigen und wieder hinunter- gehen und die Insel noch vor Anbruch der Nacht verlassen?« Niemand antwortete ihm. Er brauchte keine Antwort, denn irgendwie war ihm klar, daß ih- nen diese Insel nie verboten gewesen war, und daß einer der Gründe für das Verbot der anderen darin bestanden hatte, sie zu dem ihnen bestimmten Thron zu führen. Ransoms Augen hatten sich so an die farbige, Weichheit des perelandrischen Tageslichts gewöhnt – besonders seit seiner Wanderung durch die dunklen Eingeweide des Gebirges –, daß er aufgehört hatte, den Unterschied zum Tageslicht unserer Welt zu be- merken. Darum war seine Verblüffung doppelt groß, als er nun plötzlich die Gipfel über der anderen Seite des Tals dunkel vor einem irdisch anmutenden Son- nenaufgang stehen sah. Einen Augenblick später warf jedes Lebewesen und jede Unebenheit im Tal lange, scharf umrissene Schatten, und jede Lilie hatte ihre helle und ihre dunkle Seite. Höher und höher stieg das Licht, bis es das ganze Tal erfüllte. Die Schatten verschwanden wieder. Alles war in ein reines Tages- licht getaucht, das keine bestimmte Quelle zu haben schien. In späterer Zeit wußte Ransom genau, was mit einem Licht gemeint war, das auf etwas Heiligem ›ruhte‹, ohne von ihm auszugehen. Denn als das Licht seine Vollkommenheit erreichte und sich wie ein Herrscher auf dem Thron niederließ und die ganze Blumenschale des Gebirgstals bis in den letzten Win- kel erfüllte, kam das paradiesische Menschenpaar auf der Paßhöhe zwischen den Gipfeln in Sicht, Hand in Hand und wie Smaragde in dem Licht strahlend, oh- ne das Auge zu blenden, und verharrte einen Augen- blick, die männliche rechte Hand in königlicher und priesterlicher Segensgebärde erhoben, und schritt dann herunter und stand am anderen Ufer des Teichs. Und die Götter knieten nieder und verneigten ihre mächtigen Gestalten vor den kleinen Figuren dieses jungen Königspaars., Tiefe Stille lag zwischen den Gipfeln, und auch Ran- som hatte sich von seiner sitzenden Haltung auf die Knie erhoben und verharrte mit gesenkter Stirn zwi- schen den beiden Eldila. Als er seinen Blick von den vier gesegneten Füßen erhob, hörte er sich zu seiner eigenen Überraschung mit heiser stammelnder Stim- me sprechen. »Geht nicht fort«, sagte er. »Ich habe nie zuvor einen Mann oder eine Frau gesehen. Ich habe mein Leben zwischen Schatten und zerbrochenen Abbildern verbracht. O mein Vater und meine Mut- ter, mein Herr und meine Herrin, antwortet noch nicht. Ich habe meine eigenen Eltern niemals gesehen. Nehmt mich als euren Sohn an. Wir sind auf meiner Welt lange Zeit allein gewesen.« Die Augen der grünen Frau betrachteten ihn liebe- voll und in frohem Wiedererkennen, aber seine Ge- danken galten weniger ihr, als dem Mann an ihrer Seite, dem König. Er fand es schwierig, an etwas an- deres zu denken. Und wie soll ich – ich, der ich ihn nicht gesehen habe – beschreiben, wie er aussah? Selbst Ransom fand es schwierig, mir das Gesicht des Königs zu beschreiben. Aber wir dürfen die Wahrheit nicht verschweigen. Es war das Antlitz, von dem niemand sagen kann, er kenne es nicht. Man könnte fragen, wie es möglich war, es zu sehen und nicht in Abgötterei zu verfallen, es nicht für das zu nehmen, dem es nachgebildet war. Denn die Ähnlichkeit war in ihrer Art unendlich groß, so daß man sich unwill- kürlich wunderte, keine Trauer in den Augen und keine Wundmale an Händen und Füßen zu finden., Trotzdem bestand keine Verwechslungsgefahr, gab es keinen Moment der Verwirrung, nicht die geringste Neigung zu verbotener Verehrung. Wo die Ängst- lichkeit am größten war, da war ein Irrtum am we- nigsten möglich. Vielleicht ist dies immer so. Eine Wachsfigur kann jemandem so ähnlich sein, daß man sich für einen Moment täuscht: das gemalte Porträt, das ihm tiefer gleicht, täuscht uns nicht. Gipsfiguren des Gottessohnes mögen die Anbetung auf sich gezo- gen haben, die dem Dargestellten galt, aber hier, wo Sein Ebenbild, von Ihm mit eigener Hand erschaffen, vor Ransoms Augen ging und sprach, konnte es nie für mehr als ein Abbild genommen werden. Seine Schönheit lag vielmehr in der Gewißheit, daß er eine Kopie war, ein Echo, ein Reim, ein erlesener Nachhall unerschaffener Musik in einem erschaffenen Medi- um. Ransom war für eine Weile in staunende Betrach- tung versunken, und als er zu sich kam, hörte er Pe- relandra sprechen, und was er hörte, schien der Schluß einer langen Rede zu sein. »Die schwimmen- den und die festen Länder«, sagte sie, »die Luft und die Vorhänge an den Toren der Himmelstiefen, die Meere und der heilige Berg, die Flüsse über und un- ter dem Boden, das Feuer, die Fische, die Vögel, die Vierfüßler und die anderen in den Meeren, die ihr noch nicht kennt: sie alle legt Maleldil mit diesem Tag in eure Hände, daß ihr sie hegt und pflegt, so lang ihr in der Zeit lebt und darüber hinaus. Mein Wort bedeutet künftig nichts. Im gesamten Kreis, den diese Welt um Arbol zieht, seid ihr Oyarsa. Erfreut euch daran. Gebt allen Geschöpfen Namen, führt alle Naturen zur Vollendung. Heil euch und, Freude, o Mann und Frau, Oyarsa-Perelendri, Tor und Tinidril, Baru und Baru'ah, Ask und Embla, Yatsur und Yatsurah, die Maleldil teuer sind. Gepriesen sei Er!« Als der König antwortete, blickte Ransom wieder zu ihm hinüber. Das Menschenpaar hatte sich auf ei- ner niedrigen Felsbank am anderen Ufer niedergelas- sen. Das Licht war so stark, daß sie sich deutlich im Wasser spiegelten, wie sie es auf Erden getan hätten. »Wir sagen dir Dank, schöne Pflegemutter«, sagte der König, »und besonders für diese Welt, in der du so viele Äonen als Maleldils Hand gearbeitet hast, daß alles bereit sei, wenn wir erwachten. Wir haben dich bis heute nicht gekannt. Wir fragten uns oft, wessen Hand es war, die wir in den langen Wellen und den hellen Inseln sahen, und dessen Atem uns des Morgens im Wind erfreute. Denn obgleich wir damals jung waren, verstanden wir undeutlich, daß es wahr sein müsse, zu sagen: ›Es ist Maleldil‹, aber nicht die ganze Wahrheit. Wir erhalten diese Welt: unsere Freude ist um so größer, als wir sie in gleicher Weise als deine wie als Seine Gabe empfangen. Doch was heißt Maleldil dich künftig tun?« »Es liegt in deinem Willen, Tor-Oyarsa«, sagte Pe- relandra, »ob ich nun allein in den Himmelstiefen verkehre, oder auch in jenem Teil davon, der euch ei- ne Welt ist.« »Es ist sehr unser Wille«, sagte der König, »daß du bei uns bleibst, sowohl um der Liebe willen, die wir für dich empfinden, als auch, damit du uns mit Rat und Hilfe stärkst. Erst wenn wir viele Male den Kreis um Arbol gezogen haben werden, können wir er- wachsen genug sein, den Besitz zu verwalten, den, Maleldil in unsere Hände legt. Wenn es dir gut er- scheint, so bleibe.« »Ich bin es zufrieden«, sagte Perelandra. Während dieses Zwiegesprächs war es erstaunlich, daß der Gegensatz zwischen den Eldila und dem Adam nicht als Mißklang wirkte. Auf der einen Seite die kristallene, blutleere Stimme und der unwandel- bare Ausdruck des schneeweißen Gesichts; auf der anderen das Blut, das die Adern durchströmte, die gefühlvollen Lippen und leuchtenden Augen, die kräftigen Schultern des Mannes und die wundervol- len Brüste der Frau, eine Pracht des Männlichen und ein Reichtum des Weiblichen, wie sie auf Erden un- bekannt sind, ein lebendiger Sturzbach vollkomme- ner Tierhaftigkeit – doch als beide sich begegneten, schien die eine weder verderbt noch das andere ge- spenstisch. Das vernunftbegabte Tier – so lautete die alte Definition des Menschen. Aber er hatte bisher nie die Wirklichkeit dieses lebendigen Paradieses gese- hen, den Mann und die Frau als die Auflösung von Widersprüchen, die Brücke, die überspannt, was oh- ne sie ein Abgrund in der Schöpfung wäre, der Schlußstein des ganzen Bogens. Durch das Betreten des Gebirgstals hatten sie plötzlich die warme Menge der Tiere hinter ihm mit den körperlosen Intelligen- zen zu seinen Seiten vereint. Sie schlossen den Kreis, und mit ihrem Kommen waren alle Einzelnoten von Kraft oder Schönheit, die bisher aus dieser Ver- sammlung aufgestiegen waren, zu einer Musik ge- worden. Aber nun sprach der König wieder. »Und weil es nicht nur Maleldils Geschenk ist«, sagte er, »sondern zugleich Maleldils Geschenk durch dich und darum ein desto reicheres Geschenk, so, kommt es nicht nur durch dich, sondern durch einen dritten, und das macht es nochmals reicher. Und dies ist das erste Wort, das ich als Tor-Oyarsa-Perelendri spreche: Solange diese Welt eine Welt ist, soll es we- der Morgen noch Nacht werden, ohne daß wir und alle unsere Kinder zu Maleldil von Ransom sprächen, dem Mann von Thulkandra, und ihn untereinander priesen. Und dir, Ransom, sage ich dies: du hast uns Herr und Vater, Herrin und Mutter genannt. Und mit Recht, denn das ist unser Name. Aber in einer ande- ren Weise nennen wir dich Herr und Vater. Denn es scheint uns, daß Maleldil dich an dem Tag zu uns schickte, da unser Jungsein endete, und von dort mußten wir emporsteigen oder hinabsinken, der Ver- derbnis anheimfallen oder die Vollkommenheit er- langen. Maleldil hat uns geführt, wohin uns zu füh- ren Sein Wille war; dabei aber warst du das wichtig- ste Seiner Werkzeuge.« Sie bedeuteten ihm, durch das Wasser zu ihnen zu waten; es reichte ihm kaum über die Knie. Er hätte sich ihnen vor die Füße geworfen, aber sie ließen es nicht zu. Sie standen auf und erwarteten ihn am Ufer und küßten und umarmten ihn beide als einen Eben- bürtigen. Sie wollten, daß er sich zwischen sie setze, doch als sie sahen, daß es ihn beunruhigte, bestanden sie nicht darauf. Er ging und setzte sich neben sie auf den Boden. Von dort überblickte er die Versammlung – die Riesengestalten der Götter und die Menge der Tiere. Und dann sprach die Königin. »Sobald du den Bösen vertrieben hattest und ich aus dem Schlaf erwachte«, sagte sie, »waren meine Gedanken klar. Es wundert mich noch immer, Ge- scheckter, daß du und ich während all jener Tage so, jung gewesen sein konnten. Der Grund, daß wir da- mals nicht auf dem festen Land leben durften, ist jetzt so leicht zu sehen. Wie hätte ich wünschen können, dort zu leben, wenn nicht darum, weil es fest ist? Und wie hätte ich das Feste wünschen können, wenn nicht aus dem Verlangen nach etwas Sicherem – aus dem Verlangen, an einem Tag zu bestimmen, wo ich am nächsten sein und was mir geschehen würde? Das hätte geheißen, die Welle zurückzuweisen und meine Hand aus Maleldils Hand zu ziehen und Ihm zu sa- gen: ›Nicht so, sondern so‹, und in unsere eigene Macht zu stellen, welche Zeiten auf uns zukommen sollen ... als sammle man heute Früchte, um sie mor- gen zu essen, statt zu nehmen, was kommt. Das wäre kalte Liebe und schwaches Vertrauen gewesen. Und wie hätten wir daraus zu Liebe und Vertrauen zu- rückfinden können?« »Ich verstehe es gut«, sagte Ransom. »Obwohl es auf unserer Welt als Torheit gelten würde. Wir sind so lange böse gewesen ...« Er brach ab, im Zweifel, ob sie begreifen konnten, was er meinte. »Wir kennen diese Dinge jetzt«, sagte der König, als er Ransoms Zögern sah. »Maleldil hat unserem Geist eingegeben, was auf deiner Welt geschehen ist. Wir haben gelernt, was böse ist, aber nicht so, wie der Böse es uns lehren wollte. Wir haben Besseres gelernt und wissen mehr, denn es ist das Wachsein, das den Schlaf, und nicht der Schlaf, der das Wachsein be- greift. Es gibt eine Unkenntnis des Bösen, die vorn Jungsein kommt. Und es gibt eine dunklere Un- kenntnis, die vom Tun des Bösen herrührt. Ihr auf Thulkandra wißt heute weniger vom Bösen als in den Tagen, da eure Ureltern anfingen, es zu begehen., Aber Maleldil hat uns aus der einen Unwissenheit ge- führt, und in die andere sind wir nicht eingegangen. Durch den Bösen selbst führte Er uns aus der ersten. Wenig wußte der dunkle Geist über den Auftrag, mit dem er in Wahrheit nach Perelandra kam!« »Vergib mir, wenn ich einfältig spreche«, sagte Ransom. »Ich weiß, wie das Böse der Königin be- kanntgemacht wurde, aber ich weiß nicht, wie du da- von erfahren hast.« Der König lachte unerwartet. Sein Körper war groß und kräftig, und sein Lachen wie ein Erdbeben darin, laut und tief und anhaltend, bis Ransom schließlich auch lachen mußte, obwohl er in seiner Frage nichts Erheiterndes sehen konnte. Dann fiel auch die Köni- gin ein, und die Vögel begannen mit den Flügeln zu schlagen, und das Licht schien noch zuzunehmen, und der Pulsschlag der ganzen Versammlung be- schleunigte sich, und neue Freude, die nichts mit menschlicher Fröhlichkeit zu tun hatte, ergriff von allen Besitz, als sei sie Bestandteil der Luft oder als tanze sie in den Himmelstiefen. »Ich weiß, was er denkt«, sagte der König, zur Kö- nigin gewandt. »Er denkt, du habest gelitten und dich abgemüht, und ich hätte als Lohn dafür eine Welt be- kommen.« Wieder zu Ransom gewandt, fuhr er fort: »Du hast recht. Ich weiß jetzt, was sie auf deiner Welt über Gerechtigkeit sagen. Und vielleicht tun sie gut daran, denn auf jener Welt bleibt alles stets unterhalb der Gerechtigkeit. Maleldil aber ist immer darüber. Alles ist Geschenk. Ich bin Oyarsa nicht allein durch Sein Geschenk, sondern auch durch das unserer Stiefmutter und das deine und das meiner Frau – und sogar durch das der Tiere und Vögel. Durch viele, Hände, bereichert durch mancherlei Art von Liebe und Mühsal, gelangt das Geschenk in meine Hände. Es ist das Gesetz. Für jeden werden die besten Früchte von einer Hand gepflückt, die nicht die seine ist.« »Nicht nur das ist geschehen, Gescheckter«, sagte die Frau. »Der Mann hat dir nicht alles gesagt. Malel- dil trieb ihn weit fort in eine grüne See, wo Wälder vom Boden durch das Wasser emporwuchsen ...« »Der Name dieser See ist Lur«, sagte der Mann. »Ihr Name ist Lur«, wiederholten die Eldila. Und Ransom begriff, daß der Mann nicht eine Bemerkung gemacht, sondern eine Verordnung erlassen hatte. »Und dort in Lur«, fuhr sie fort, »hatte er seltsame Erlebnisse.« »Ist es gut, nach diesen Erlebnissen zu fragen?« sagte Ransom vorsichtig. »Es gab vieles«, sagte Tor, der König. »Manche Stunde lang lernte ich die Eigenschaften von Körpern, indem ich Linien in den Boden der kleinen Insel ritz- te, auf der ich trieb. Ich erfuhr Neues über Maleldil und Seinen Vater und den Dritten. Solange wir jung waren, wußten wir sehr wenig darüber. Aber danach zeigte Er mir in einer Dunkelheit, was der Königin geschah, und ich sah, daß sie zugrunde gerichtet werden konnte. Und dann sah ich, was auf deiner Welt geschehen war, und wie deine Mutter in Sünde fiel und dein Vater mit ihr, womit er ihr nichts Gutes tat und Dunkelheit über alle ihre Kinder brachte. Und ich sah vor mir, was ich in einem solchen Fall tun sollte. So lernte ich von Gut und Böse, von Angst und Freude.« Ransom hatte erwartet, er werde seine Entschei-, dung erläutern, aber als der König nachdenklich schwieg, hatte er nicht die Selbstsicherheit, ihn zu fragen. »Ja ...«, sagte der König sinnend. »Auch wenn ein Mensch in zwei Stücke gerissen würde ... und eine Hälfte zu Erde würde ... müßte die lebendige Hälfte doch Maleldil folgen. Legte sie sich ebenfalls nieder und würde zu Erde, welche Hoffnung gäbe es dann für das Ganze? Aber solange eine Hälfte lebte, könnte Er durch sie Leben in die andere zurückbringen.« Er machte eine lange Pause, um dann schneller als zuvor fortzufahren: »Er gab mir keine Sicherheit. Kein festes Land. Immer wieder muß man sich gegen die Wellen werfen.« Seine Stirn glättete sich, und als er sich an die Eldila wandte, hatte seine Stimme einen neuen Klang. »Freilich, o Pflegemutter«, sagte er, »sind wir dei- nes Rates sehr bedürftig, denn schon fühlen wir jenes Erwachsenwerden in uns, mit dem unsere junge Weisheit kaum Schritt halten kann. Unsere Körper werden nicht für alle Zeit an die niederen Welten ge- bunden sein. Höre das zweite Wort, das ich als Tor- Oyarsa-Perelendri spreche. Während diese Welt zehntausendmal um Arbol zieht, werden wir unser Volk von diesem Thron aus richten und ermutigen. Sein Name ist Tai Harendrimar, der Berg des Le- bens.« »Sein Name ist Tai Harendrimar«, sagten die Eldi- la. »Auf dem festen Land, das einst verboten war«, sagte Tor, der König, »werden wir Maleldil eine gro- ße Stätte errichten. Unsere Söhne sollen die Steinsäu- len zu Bogen wölben ...«, »Was sind Bogen?« fragte Tinidril, die Königin. »Bogen«, sagte Tor, der König, »entstehen, wenn steinerne Säulen gleich Bäumen Äste ausbreiten und sie miteinander verflechten und so eine große Kuppel wie ein Laubdach tragen, aber die Blätter sollen ge- formte Steine sein. Und dort werden unsere Söhne Standbilder errichten.« »Was sind Standbilder?« fragte Tinidril. »Beim Himmel!« rief Tor lachend. »Mir scheint, es liegen zu viele neue Wörter in der Luft! Ich dachte, diese Dinge kämen aus deinem Geist in den meini- gen, und siehe da! Du hast sie gar nicht gedacht. Doch ich glaube, Maleldil schickte sie nichtsdestowe- niger durch dich zu mir. Ich werde dir Standbilder zeigen, ich werde dir Häuser zeigen. Es mag sein, daß unsere Naturen in dieser Beziehung vertauscht sind, so daß du die Zeugende bist und ich derjenige, der austrägt. Aber laß uns von einfacheren Dingen spre- chen. Wir werden diese Welt mit unseren Kindern füllen. Wir werden die edleren Tiere so weise ma- chen, daß sie Hnau werden und sprechen. Ihr Leben soll in uns zu einem neuen Leben erwachen, wie wir in Maleldil erwachen. Wenn die Zeit dafür reif ist und die zehntausend Umkreisungen sich ihrem Ende nähern, werden wir den Himmelsvorhang zerreißen, und die Himmelstiefen sollen den Augen unserer Kinder so vertraut sein wie die Bäume und die Wel- len den unsrigen.« »Und was soll danach geschehen, Tor-Oyarsa?« fragte Malakandra. »Dann ist es Maleldils Absicht, uns von den Him- melstiefen freizumachen. Unsere Körper werden ver- ändert werden, aber nicht ganz und gar. Wir werden, wie die Eldila sein, aber nicht ganz und gar. Und ge- nauso werden alle unsere Söhne und Töchter zur Zeit ihrer Reife verändert werden, bis die Zahl erfüllt ist, die Maleldil vor dem Ursprung der Zeit in seines Vaters Geist las.« »Und das«, sagte Ransom, »wird das Ende sein?« Tor starrte ihn an. »Das Ende?« sagte er. »Wer sprach von einem En- de?« »Ich meine, das Ende deiner Welt«, sagte Ransom. »Herrlichkeit des Himmels!« rief Tor. »Deine Ge- danken sind nicht wie die unsrigen. Zu der Zeit wer- den wir nicht weit vom Anfang aller Dinge sein. Aber es wird eine Sache zu regeln sein, bevor der Anfang beginnen kann.« »Welche Sache?« fragte Ransom. »Deine eigene Welt«, sagte Tor. »Thulkandra. Die Belagerung deiner Welt wird aufgehoben und der schwarze Fleck entfernt werden, bevor es zum richti- gen Anfang kommt. In jenen Tagen wird Maleldil in den Krieg ziehen – in uns und vielen anderen, die einmal Hnau deiner Welt waren, und in vielen Eldila und schließlich in Seiner eigenen unverhüllten Ge- stalt. Einige von uns werden vor Ihm nach Thulkan- dra gehen. Ich denke, Malakandra, daß du und ich unter diesen sein werden. Wir werden über euren Mond herfallen, worin ein geheimes Böses wohnt und der dem Dunklen Herrn von Thulkandra als Schild dient – gezeichnet von vielen Schlägen. Wir werden den Mond zerbrechen. Seine Trümmer wer- den auf eure Welt fallen, und Rauch wird aufsteigen, daß die Bewohner Thulkandras Arbols Licht nicht länger sehen werden. Und mit Maleldils Ankunft, wird das Böse deiner Welt der Tarnung beraubt wer- den, so daß Seuchen und Schrecken die Länder und Meere bedecken werden. Aber zuletzt wird alles ge- reinigt und sogar die Erinnerung an euren schwarzen Oyarsa ausgelöscht sein, und eure Welt wird schön und süß und mit Arbols Feld wiedervereint sein, und man wird wieder ihren wahren Namen hören. Aber kann es sein, Freund, daß auf Thulkandra von alle- dem kein Gerücht zu hören ist? Glaubt dein Volk, daß euer Dunkler Herr seine Beute für immer behal- ten werde?« »Die meisten«, sagte Ransom, »haben aufgehört, überhaupt an solche Dinge zu denken. Einige bewah- ren das Wissen noch immer. Aber ich verstand nicht gleich, wovon du redetest, denn was du den Anfang nennst, pflegen wir als die ›Letzten Dinge‹ zu be- zeichnen.« »Dann will ich es so erklären«, sagte Tor, der Kö- nig. »Es ist das Auslöschen eines falschen Anfangs, damit die Welt dann beginnen kann. Vergleiche es mit einem Mann, der sich zum Schlafen niederlegt und eine harte Wurzel unter seiner Schulter fühlt – er wird seine Lage ändern, und danach beginnt sein wirklicher Schlaf. Du würdest diese Lageverände- rung nicht ein letztes Ding nennen?« »Und ist die ganze Geschichte meiner Rasse nicht mehr als dies – ein mißlungener Anfang?« fragte Ransom. »Ich sehe in der Geschichte der niederen Welten nicht mehr als Anfänge«, sagte Tor, »und in eurer ein Ausbleiben des Anfangs. Du sprichst von Abenden, bevor der Tag angebrochen ist. Ich beginne eben jetzt mit zehntausend Jahren der Vorbereitung – ich, der, erste meiner Rasse. Wenn die letzten meiner Kinder gereift sein werden und die Reife von ihnen auf alle die niederen Welten übergegangen sein wird, dann wird es ein Raunen geben, daß der Morgen nahe sei.« »Ich bin voller Zweifel und Unwissenheit«, sagte Ransom. »Auf unserer Welt glauben jene, die Malel- dil überhaupt anerkennen, Seine Herabkunft und Menschwerdung sei das zentrale Geschehen von al- lem. Wenn du mir das nimmst, wohin wirst du mich dann führen? Sicherlich nicht zu den Reden des Fein- des, der meine Welt und meine Rasse in einen entle- genen Winkel des Universums verweist – eines Uni- versums, das keinen Mittelpunkt hat, sondern aus Milliarden von Welten besteht, die ziellos und sinnlos durch den Raum ziehen – und mich mit Zahlen und leeren Räumen überwältigt und verlangt, daß ich mich bloßer Quantität als Größe beuge. Oder willst du deine Welt zum Mittelpunkt machen? Aber was ist mit den Leuten auf Malakandra? Würden sie nicht auch denken, ihre Welt sei der Mittelpunkt? Ich sehe nicht einmal, wie deine Welt rechtmäßig die deine genannt werden kann. Du wurdest gestern gemacht, und sie besteht seit alter Zeit. Sie ist fast ganz mit Wasser bedeckt, wo du nicht leben kannst. Und was ist mit den Geschöpfen unter ihrer Kruste? Und mit den gewaltigen Räumen, in denen es überhaupt keine Welt gibt? Ist der Feind leicht zu widerlegen, wenn er sagt, alles sei ohne Zweck und Sinn? Sobald wir einen zu erkennen meinen, zerschmilzt er zu nichts oder wird zu einem anderen Sinn, von dem uns nie auch nur träumte, und was der Mittelpunkt war, wird zum Rand, bis wir zweifeln, ob nicht jede Form, jeder Plan und übergeordnete Sinn nichts als armselige Selbst-, täuschungen sind. Wohin führt das alles? Was ist der Morgen, von dem du sprichst? Wovon ist er der An- fang?« »Der Anfang des Großen Spiels, des Großen Tan- zes«, sagte Tor. »Ich weiß noch wenig davon. Laß die Eldila sprechen.« Die Stimme, die nun das Wort ergriff, schien Mars zu gehören, aber Ransom konnte es nicht mit Gewiß- heit sagen. Und er weiß auch nicht, wer danach sprach. Denn das Gespräch, das nun folgte – wenn man es ein Gespräch nennen kann –, ließ ihm nicht bewußt werden, ob ein Mensch oder ein Eldil sprach. Er glaubt, daß er selbst zuweilen der Sprecher war, konnte aber nie sagen, welche Worte die seinen und welche die der anderen waren. Die Ansprachen folg- ten aufeinander – wenn sie nicht in Wahrheit alle gleichzeitig erfolgten – wie die Stimmen einer Musik, worin jeder der fünf ein Instrument spielte, oder wie ein Wind, der durch eine Gruppe von fünf Bäumen auf einer Hügelkuppe bläst. »Wir wollen nicht so darüber reden«, sagte die er- ste Stimme. »Der Große Tanz wartet nicht, bis die Bewohner der niederen Welten an ihm teilnehmen. Wir sprechen nicht davon, wann er beginnt. Er hat vor aller Ewigkeit begonnen. Es gab keine Zeit, da wir nicht wie jetzt vor Seinem Antlitz frohlockten. Der Tanz, den wir tanzen, ist in der Mitte, und um seinetwillen wurde alles geschaffen. Gepriesen sei Er!« Eine andere Stimme sagte: »Nie machte Er zwei Dinge gleich; nie sprach Er ein Wort zweimal. Nach Erden nicht bessere Erden, sondern Tiere; nach Tieren nicht bessere Tiere, sondern Geister. Nach einem Fall, keine Genesung, sondern Neuerschaffung. Gepriesen sei Er!« Und eine dritte Stimme sagte: »Sein Werk ist voll Gerechtigkeit wie ein Baum, der sich unter Früchten beugt. Alles ist Rechtschaffenheit, und es gibt keine Gleichheit. Nicht, wie wenn Steine Seite an Seite lie- gen, sondern wie wenn Steine in einem Bogen tragen und getragen werden: von solcher Art ist Seine Ord- nung. Herrschaft und Gehorsam, Zeugen und Gebä- ren, niederstrahlende Wärme, emporwachsendes Le- ben. Gepriesen sei Er!« Einer sagte: »Die da in plumper Häufung Jahre zu Jahren zählen, oder Meilen zu Meilen und Galaxien zu Galaxien, werden Seiner Größe nicht nahekom- men. Die Tage der Felder Arbols werden verblassen, und selbst die Tage der Himmelstiefen sind gezählt. Nicht darin besteht Seine Größe. Er wohnt im Sa- menkorn der kleinsten Blume und ist nicht beengt. Die Himmelstiefen sind in Ihm, der im Samenkorn ist, und sie blähen Ihn nicht. Gepriesen sei Er!« »Die Grenze jeder Natur rührt an das, davon sie weder Schatten noch Ebenbild enthält. Aus vielen Punkten eine Linie; aus vielen Linien eine Form; aus vielen Formen ein fester Körper; aus vielen Sinnen und Gedanken eine Person; aus drei Personen Er. Wie der Kreis zur Kugel, so verhalten sich die alten Wel- ten, die keiner Erlösung bedurften, zu der Welt, in der Er geboren wurde und starb. Wie ein Punkt zur Linie, so verhält sich jene Welt zu den fernen Früch- ten ihrer Erlösung. Gepriesen sei Er!« »Doch der Kreis ist nicht weniger rund als die Ku- gel, und sie ist Heimat und Vaterland aller Kreise. Unendliche Mengen von Kreisen liegen in jeder Ku-, gel beschlossen, und wenn sie sprächen, würden sie sagen: ›Für uns wurden Kugeln erschaffen.‹ Laßt kei- nen Mund sich auftun im Widerspruch. Gepriesen sei Er!« »Die Völker der alten Welten, die niemals sündig- ten, für die Er niemals herabstieg, sind die Völker, um derentwillen die niederen Welten geschaffen wurden. Denn obgleich das Heilen der Wunden und das Ge- rademachen des Verbogenen eine neue Dimension des Ruhms ist, wurde das Gerade nicht gemacht, daß es verbogen, noch das Ganze, daß es verwundet wer- de. Die alten Völker sind im Mittelpunkt. Gepriesen sei Er!« »Was nicht selbst der Große Tanz ist, wurde er- schaffen, daß Er darein hinabstiegen könne. Auf der Gefallenen Welt erschuf Er sich einen Körper und wurde zu Staub und machte ihn glorreich für alle Zeit. Dies ist das Ziel und der letzte Grund aller Schöpfung, und die Sünde, durch die es geschah, wird die glückliche genannt, und die Welt, wo es ge- schah, ist die Mitte der Welten. Gepriesen sei Er!« »Der Baum wurde in jener Welt gepflanzt, doch die Frucht reifte in dieser. Der Quell, der in der Dunklen Welt mit Blut und Leben entsprang, spendet hier nur Leben. Wir haben die ersten Stromschnellen hinter uns, und von hier an strömt der Fluß ruhig dahin und wendet sich zum Meer. Dies ist der Morgenstern, den Er den Eroberern versprach; dies ist die Mitte der Welten. Bis jetzt hat alles gewartet, aber nun erscholl die Trompete, und das Heer ist auf dem Marsch. Ge- priesen sei Er!« »Ob Menschen oder Engel sie regieren, die Welten sind für sich selbst da. Die Wasser, die ihr nicht be-, fuhrt, die Früchte, die ihr nicht pflücktet, die Höhlen, in die ihr nicht hinabstiegt und das Feuer, durch das eure Körper nicht gehen können, erreichen auch ohne euch Vollkommenheit, obwohl sie euch dienen, wenn ihr kommt. Ungezählte Male umkreiste ich Arbol, während ihr nicht lebtet, und jene Zeiten waren nicht Wüste. Ihre eigene Stimme war in ihnen, nicht bloß ein Träumen von dem Tag, da ihr erwachen solltet. Auch sie waren im Mittelpunkt. Seid getrost, kleine Unsterbliche. Ihr seid nicht die Stimme der Dinge, noch herrscht ewiges Schweigen an den Orten, wohin ihr nicht gehen könnt. Kein Fuß hat das Eis von Glund betreten und wird es je tun; kein Auge hat von unten zum Ring von Lurga aufgeblickt, und die ei- serne Ebene von Neruval ist keusch und leer. Doch es geschieht nicht umsonst, daß die Götter unaufhörlich um die Felder Arbols gehen. Gepriesen sei Er!« »Der Staub, der so spärlich durch die Himmel ver- streut ist, und aus dem alle Welten und alle Körper gemacht sind, ist im Mittelpunkt. Er wartet nicht, bis erschaffene Augen ihn gesehen oder Hände ihn be- rührt haben, um teilzuhaben an Maleldils Kraft und Herrlichkeit. Nur sein geringster Teil hat einem Men- schen, einem Tier oder einem Gott gedient oder wird es je tun. Aber immer und für alle Zeit, bevor sie ka- men und nachdem sie gegangen sein werden, ist er, was er ist, und verkündet Seinen Namen. Von allen Dingen ist er Ihm am fernsten, denn er hat kein Leben noch Gefühl oder Vernunft. Doch ist er Ihm zugleich von allen Dingen am nächsten, denn ohne mittelnde Seele, wie Funken aus Feuer hervorsprühen, zeigt Er in jedem Körnchen das wahre Bild Seiner Kraft. Jedes Staubkorn, könnte es sprechen, würde sagen, es sei, im Mittelpunkt, und um seinetwillen seien alle Dinge erschaffen worden. Laßt keinen Mund sich auftun im Widerspruch. Gepriesen sei Er.« »Jeder Staubkorn ist im Mittelpunkt. Der Staub ist im Mittelpunkt. Die Welten sind im Mittelpunkt. Die Tiere sind im Mittelpunkt. Die alten Völker sind dort. Die Rasse, die sündigte, ist dort. Tor und Tinidril sind dort. Auch die Götter sind dort. Gepriesen sei Er!« »Wo Maleldil ist, da ist der Mittelpunkt. Er ist überall. Nicht etwas von Ihm an einem Ort und etwas an einem anderen, sondern an jedem Ort der ganze Maleldil, selbst in der unausdenklichen Kleinheit. Es gibt keinen Weg aus dem Mittelpunkt, ausgenommen den in den verbogenen Willen, der sich ins Nichts wirft. Gepriesen sei Er!« »Jedes Ding ist für ihn gemacht. Er ist der Mittel- punkt. Weil wir bei Ihm sind, ist jeder von uns im Mittelpunkt. Es ist nicht wie in einer Stadt der dunk- len Welt, wo es heißt, einer müsse für alle leben. In Seiner Stadt sind alle Dinge für jeden gemacht. Als Er auf der dunklen Welt starb, da starb er nicht für die Menschen, sondern für jeden Menschen. Wäre jeder Mensch der einzige Mensch gewesen, so hätte Er nicht weniger getan. Jedes Ding, vom einzelnen Staubkorn bis zum größten Eldil, ist Ziel und letzter Grund aller Schöpfung und der Spiegel, in dem der Lichtstrahl Seines Glanzes zur Ruhe kommt und zu Ihm zurückkehrt. Gepriesen sei Er!« »Im Großen Tanz greifen ungezählte Pläne inein- ander, und alle führen zu ihrer Zeit zur Blüte des ganzen Entwurfs, auf den alles andere gerichtet ist. Jede Bewegung ist gleichermaßen im Mittelpunkt, und keine ist dort, weil sie den anderen gleich wäre,, sondern einige, indem sie Platz machen, und andere, indem sie ihn einnehmen, die Kleinen durch ihre Kleinheit und die Großen durch ihre Größe, und alle sind miteinander verknüpft und verwoben. Geprie- sen sei Er!« »Er hat unermeßlichen Bedarf an allem Erschaffe- nen, denn seine Liebe und sein Glanz strömen wie ein starker Fluß, der ein großes Bett braucht und die tie- fen Tümpel wie die kleinen Spalten füllt; und wenn er sie bis zum Rand gefüllt hat, dann fließt er über und macht neue Kanäle. Auch wir haben unermeßlichen Bedarf an allem, was Er gemacht hat. Liebt mich, meine Brüder, denn ihr braucht mich, und euch zur Freude wurde ich erschaffen. Gepriesen sei Er!« »Er braucht überhaupt nichts von allem Erschaffe- nen, einen Eldil so wenig wie ein Staubkorn; eine be- völkerte Welt so wenig wie eine leere. Alles ist Ihm gleich unnötig, und was alle zusammen Ihm hinzu- fügen, ist nichts. Auch wir brauchen nichts von allem, was gemacht wurde. Liebt mich, meine Brüder, denn ich bin überflüssig, und eure Liebe soll wie die Seine sein, geboren nicht aus Bedürfnis noch aus Verdienst, sondern aus schlichter Freigebigkeit. Gepriesen sei Er!« »Alle Dinge sind von Ihm und für Ihn. Er äußert sich auch zu Seiner eigenen Freude und sieht, daß Er gut ist. Er ist Sein eigener Erzeuger, und was aus Ihm entspringt, ist Er. Gepriesen sei Er!« »Alles Erschaffene scheint dem verdunkelten Geist planlos, weil es mehr Pläne gibt als er suchte. Auf diesen Meeren gibt es Inseln, worin die Fasern und Wurzeln und Gräser so fein miteinander verwoben sind, daß einer, der nicht sehr gründlich nachschaut, nichts vom Gewebe bemerkt und nur die Fläche sieht., So verhält es sich mit dem Großen Tanz. Richte dei- nen Blick auf eine Bewegung, und sie wird dich durch alle Muster führen und dir als die Hauptbewe- gung erscheinen. Es scheint keinen Plan zu geben, weil alles Plan ist; es scheint keinen Mittelpunkt zu geben, weil alles Mittelpunkt ist. Gepriesen sei Er!« »Doch dieser Anschein ist das Ziel und der letzte Grund dafür, daß er die Zeit so lang und den Himmel so tief ausbreitet. Denn wenn wir nie dem Dunkel be- gegneten, und der Straße, die nach Nirgendwo führt, und nie auf die Frage stießen, auf die keine Antwort vorstellbar ist, dann hätten wir in unserem Geist kein Gleichnis für die Abgrundtiefe des Vaters, aus der, auch wenn ein Geschöpf für immer seine Gedanken hineinfallen läßt, niemals ein Echo zu ihm zurückkeh- ren wird. Gepriesen, gepriesen, gepriesen sei Er!« Und durch einen Übergang, den Ransom nicht be- merkte, schien auf einmal alles, was als Sprache be- gonnen hatte, in einen Anblick verwandelt, oder in etwas, das man nur als etwas Gesehenes im Gedächt- nis behalten kann. Er glaubte den Großen Tanz zu se- hen, gewebt aus ineinander verflochtenen, wogenden Lichtbändern, die über- und untereinander sprangen und einander in Arabesken und blumenartigen Or- namenten umarmten. Jede Gestalt wurde, wenn er sie beobachtete, zur Hauptfigur oder zum Brennpunkt des ganzen Geschehens, mittels dessen sein Auge al- les andere entwirrte und in eine Einheit brachte – nur um erneut in Verstrickungen zu geraten, wenn er ge- nauer betrachtete, was er zunächst für bloße Rand- verzierungen gehalten hatte, und entdeckte, daß dort die gleiche Hegemonie beansprucht wurde. Doch das frühere Muster wurde dadurch nicht entwertet, son-, dern schien in seiner neuen Unterordnung eine noch größere Bedeutung zu finden als diejenige, welche es hatte abtreten müssen. Er konnte auch sehen (aber das Wort ›sehen‹ ist hier unzureichend), wie winzige Körperchen aus momentaner Helligkeit erschienen, wo immer die Lichtbänder sich kreuzten: und ir- gendwie wußte er, daß diese Partikel die weltlichen Allgemeinheiten waren, von denen die Geschichte er- zählt – Völker, Institutionen, Meinungen, Zivilisatio- nen, Künste, Wissenschaften und dergleichen – flüchtige, funkelnde Erscheinungen, die ihr kurzes Lied pfiffen und verschwanden. Die Bänder oder Fa- sern selbst, in denen Millionen Partikel lebten und starben, waren von anderer Art. Zuerst konnte Ran- som nicht sagen, von welcher, aber im weiteren Ver- lauf wurde ihm klar, daß die meisten von ihnen indi- viduelle Einheiten sein mußten. Wenn es sich so ver- hielt, ist die Zeit, worin der Große Tanz sich vollzieht, dem uns geläufigen Zeitbegriff sehr unähnlich. Einige der dünneren und feineren Fasern stellten Wesen dar, die wir kurzlebig nennen: Blumen und Insekten, Früchte und Gewitter, und einmal (so bildete er sich ein) eine Meereswoge. Andere schienen Dinge zu verkörpern, die wir uns als bleibende vorstellen: Kri- stalle, Flüsse, Berge oder sogar Sterne. An Umfang und Leuchtkraft stärker als diese und in Farben jen- seits unseres Spektrums erstrahlend, waren die Lini- en der persönlichen Wesen, obwohl auch sie sich stark voneinander unterschieden. Doch nicht alle Li- nien dieser Kategorie waren Individuen: manche wa- ren universale Wahrheiten und Qualitäten. Es wun- derte Ransom damals nicht, daß diese und die Indi- viduen von gleicher Art schienen und gegen die blo-, ßen Atome des Allgemeinen, die im Zusammenprall ihrer Ströme lebten und starben, wie zusammenstan- den: aber später, als er auf die Erde zurückgekehrt war, machte er sich Gedanken darüber. Und inzwi- schen mußte das Geschehen ganz aus dem Bereich des Augenscheins, wie wir ihn verstehen, auf eine andere Ebene übergegangen sein. Denn Ransom sag- te, das ganze belebte Geflecht der komplizierten Ver- schlingungen und Wallungen habe sich auf einmal als die bloße Oberfläche eines unermeßlich viel grö- ßeren vierdimensionalen Modells erwiesen. Bald dar- auf wurden die Bewegungen noch schneller, die Verwandlungen der ineinandergewebten Ornamente noch ekstatischer, die Bedeutungen von allem für al- les noch intensiver spürbar, als Dimension zu Dimen- sion kam und der Teil seines Selbst, der vernünftig denken und erinnern konnte, weiter und weiter hin- ter dem Teil seines Selbst zurückblieb, der nur sah – und dann, auf dem Höhepunkt der Komplikation und Verwirrung, wurde alles aufgesogen und ver- ging wie eine kleine weiße Wolke im brennenden Blau des Himmels, und eine Einfachheit jenseits allen Begreifens, alt und jung wie der Frühling, unbegrenzt und durchsichtig, zog ihn in ihre Stille hinein. Er fand sich in einer solchen Ruhe, Zurückgezogenheit und Frische, daß er das Gefühl hatte, er streife alles Hin- dernde ab und erwache aus einer Trance und komme zu sich selbst. Mit einer Gebärde angenehmer Ent- spannung blickte er umher ... Die Tiere waren fort. Die zwei weißen Gestalten waren verschwunden. Tor und Tinidril und er waren allein, und es war ein gewöhnlicher perelandrischer Morgen., »Wo sind die Tiere?« fragte Ransom. »Sie gehen ihren kleinen Verrichtungen nach«, sagte Tinidril. »Sie ziehen ihre Jungen groß und legen ihre Eier und bauen ihre Nester und spinnen ihre Netze und graben ihre Baue. Sie singen und spielen und essen und trinken.« »Sie haben nicht lange gewartet«, sagte Ransom, »denn ich fühle, daß es noch früh am Morgen ist.« »Aber es ist nicht derselbe Morgen«, sagte Tor. »Dann sind wir lange hier gewesen?« fragte Ran- som. »Ja«, sagte Tor. »Bisher wußte ich es nicht, aber seit wir auf diesem Berggipfel zusammenkamen, haben wir einen ganzen Kreis um Arbol vollendet.« »Ein Jahr?« sagte Ransom verblüfft. »Ein ganzes Jahr? O Himmel, was mag inzwischen auf meiner ei- genen dunklen Welt geschehen sein? Wußtest du, daß so viel Zeit verging?« »Ich fühlte sie nicht verstreichen«, erwiderte Tor. »Ich glaube, von nun an werden die Wellen der Zeit für uns häufig wechseln. Wir kommen jetzt dahin, wo es in unserer Wahl stehen wird, ob wir über ihnen sein und viele Wellen gleichzeitig sehen, oder ob wir sie einzeln erreichen wollen, wie wir es zu tun pfleg- ten.« »Mir fällt ein«, sagte Tinidril, »daß die Eldila heute, da die Jahresbahn uns zum gleichen Punkt im Him- mel zurückgebracht hat, zum Gescheckten kommen und ihn zu seiner eigenen Welt heimbringen wer- den.« »Du hast recht, Tinidril«, sagte Tor. Dann sah er Ransom an und sagte: »Aus deinem Fuß kommt roter Tau, wie eine winzige Quelle.«, Ransom blickte an sich hinab und entdeckte, daß seine Ferse noch immer blutete. »Ja«, sagte er. »Das ist die Stelle, wo das Böse mich biß. Das Rote ist Hru (Blut).« »Setz dich, Freund«, sagte Tor, »und laß mich dei- nen Fuß in diesem Teich waschen.« Ransom zögerte, aber Tor drängte ihn, bis er sich ans Ufer setzte und der König vor ihm im seichten Wasser niederkniete und den verletzten Fuß in die Hände nahm. Er hielt inne und betrachtete ihn. »Dies also ist Hru«, meinte er schließlich. »Ich habe eine solche Flüssigkeit noch nie gesehen. Und dies ist der Stoff, womit Maleldil die Welten neu erschuf, ehe eine Welt erschaffen wurde.« Er wusch den Fuß lange, aber die Blutung hörte nicht auf. »Bedeutet das, daß der Gescheckte sterben wird?« fragte Tinidril schließlich. »Das glaube ich nicht«, wiederholte Tor. »Ich den- ke, daß einer von seiner Rasse, der auf dem heiligen Berg die Luft geatmet und das Wasser getrunken hat, nicht so leicht sterben wird. Sag mir, Freund, war es nicht so auf deiner Welt, daß die Menschen deiner Rasse, nachdem sie das Paradies verloren hatten, nicht mehr rasch sterben konnten?« »Manche sterben langsam, manche rasch«, sagte Ransom. »Aber ich hörte, daß die Menschen der er- sten Generationen sehr langlebig gewesen sein sollen. Die meisten halten das jedoch nur für eine erfundene Geschichte oder Dichtung.« »Oh!« sagte Tinidril plötzlich. »Die Eldila kommen ihn holen.« Ransom sah sich um und erblickte nicht die men- schenähnlichen weißen Gestalten, in denen er Mars, und Venus zuletzt gesehen hatte, sondern nur die fast unsichtbaren Lichterscheinungen. Auch Tor und Ti- nidril schienen die Geister in dieser Gestalt wieder- zuerkennen: genauso leicht, dachte er, wie ein irdi- scher König seine Hofmarschälle erkennen würde, auch wenn sie nicht in höfischer Tracht erschienen. Tor ließ Ransoms Fuß los, und zu dritt gingen sie zu dem weißen Sarg. Der Deckel lag neben ihm im Gras. Alle hatten das Bedürfnis, den Abschied hin- auszuzögern. »Was ist es, das wir fühlen, Tor?« fragte Tinidril. »Ich weiß es nicht«, sagte der König. »Eines Tages werde ich dem Gefühl einen Namen geben. Dies ist kein Tag zum Ausdenken von Namen.« »Es ist wie eine Frucht mit einer sehr dicken Scha- le«, sagte Tinidril. »Die Freude, wenn wir im Großen Tanz wieder zusammentreffen, ist das Süße davon. Aber die Schale ist dick – mehr Jahre, als ich zählen kann.« »Du siehst jetzt«, sagte Tor, »was das Böse uns an- getan hätte. Wenn wir auf ihn gehört hätten, würden wir jetzt versuchen, an das Süße heranzukommen, ohne die Schale zu durchbeißen.« »Und dann würde es nicht mehr so süß sein«, sagte Tinidril. »Es ist jetzt Zeit, daß er geht«, sagte die Stimme ei- nes Eldil. Ransom fand keine Worte, als er sich in den Behälter legte. Die Seitenwände grenzten ihn ein wie Mauern: über ihnen sah er wie durch ein sargförmi- ges Fenster den goldenen Himmel und die Gesichter von Tor und Tinidril. »Ihr müßt meine Augen bedecken«, sagte er, und die beiden verschwanden, um kurz darauf zurückzu-, kehren. Ihre Arme waren voll von den rosenroten Li- lien. Beide beugten sich zu ihm herab und küßten ihn. Er sah den König segnend die Hand erheben, und das war das letzte, was er von dieser Welt sah. Sie be- deckten sein Gesicht mit den kühlen Blütenblättern, bis er unter einem roten, süß duftenden Kissen lag. »Ist alles bereit?« sagte Tors Stimme. »Leb wohl, Freund und Retter, leb wohl«, sagten beide Stimmen. »Leb wohl, bis wir drei die Dimensionen der Zeit verlassen. Sprich von uns zu Maleldil, wie wir von dir sprechen. Der Glanz, die Liebe und die Kraft seien mit dir.« Dann kam das dumpf polternde Geräusch des sich über ihm schließenden Deckels. Einige Augenblicke lang hörte er noch Geräusche von draußen, aus einer Welt, von der er in alle Ewigkeit getrennt wurde. Dann versank sein Bewußtsein im Nichts.]
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