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DIE CHRONIK VON TORNOR Die Zwingfeste (06/3955) Die Tänzer von Arun (06/3956) Die Frau aus dem Norden (06/3957) Im Galbareth, der fruchtbaren Ebene von Arun, ha- ben sich im Laufe der Jahrzehnte Menschen, die über besondere mentale Gaben verfügen, über Telepathie, die Kunst des Gedankenlesens und der Telekinese, zu einer Gemeinschaft zusammengefunden. Sie nennen sich »cheari«, die »Tänzer«, weil sie durch gemeinsa- men Tanz ihre Geisteskräfte aufeinander abstimmen, und sie gelten als unüberwindlich, weil sie sich blitz- schnell durch Gedankenkontakt verständigen und die Absichten ihrer Feinde ...
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DIE CHRONIK VON TORNOR

Die Zwingfeste (06/3955) Die Tänzer von Arun (06/3956) Die Frau aus dem Norden (06/3957) Im Galbareth, der fruchtbaren Ebene von Arun, ha- ben sich im Laufe der Jahrzehnte Menschen, die über besondere mentale Gaben verfügen, über Telepathie, die Kunst des Gedankenlesens und der Telekinese, zu einer Gemeinschaft zusammengefunden. Sie nennen sich »cheari«, die »Tänzer«, weil sie durch gemeinsa- men Tanz ihre Geisteskräfte aufeinander abstimmen, und sie gelten als unüberwindlich, weil sie sich blitz- schnell durch Gedankenkontakt verständigen und die Absichten ihrer Feinde rechtzeitig durchschauen können – bis auch in den Reihen ihrer Gegner, den räuberischen Bewohnern der Asech-Steppe, mental begabte Krieger auftauchen. Dies ist die Geschichte von Kerris, dem verwaisten Sohn eines berühmten Kriegsherrn, der als Kind durch einen Schwerthieb einen Arm verlor. Als Krie- ger ungeeignet, weiß er seinem Leben keinen Sinn zu geben, bis ihn sein Bruder Kel in die Gemeinschaft der »cheari« einführt und er einen Meister findet, der eine mentale Gabe in ihm weckt, die mächtiger ist als jedes Schwert und die keines starken Arms bedarf, um einen Gegner zu überwinden., Von Elizabeth A. Lynn erschienen in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY DIE CHRONIK VON TORNOR: Die Zwingfeste (06/3955) Die Tänzer von Arun (06/3956) Die Frau aus dem Norden (06/3957) Das Netz aus Sardonyx (in Vorb.) Das Mädchen, das den Mond liebte (in Vorb.) Fremdes Licht (in Vorb.), ELIZABETH A. LYNN

DIE TÄNZER VON ARUN

2. Band der Chronik von Tornor Fantasy-Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE-BUCH Nr. 06/3956 im Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Titel der amerikanischen Originalausgabe THE DANCERS OF ARUN Deutsche Übersetzung von Roland Fleissner Das Umschlagbild schuf Franz Berthold Die Illustrationen im Text zeichnete Ursula Olga Rinne Die Karte ist von Erhard Ringer Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1979 by Elizabeth A. Lynn Copyright © 1983 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1983 Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs & Schütz, München Satz: Schaber, Wels/Österreich Druck und Bindung: Elsnerdruck GmbH, Berlin ISBN 3-453-30887-5, 1. Kapitel Kerris erwachte. Er reckte sich. Er fühlte sich kalt und steif. Der Strohsack unter ihm war dünn und stache- lig; er hatte weit entfernt von den Kaminen geschla- fen, an einer Stelle, wo er der Tür am nächsten war. Die Morgensonne fiel durch die hohen unverglasten Fenster der Mannschaftsunterkunft, golden ließ sie die schmutzigen Wandteppiche in fahlen Farben aufleuchten, und der Himmel durch die schmalen Lukenschlitze wirkte grau, fern und eisig. Er schluckte und spürte im Mund den Salzge- schmack des Schweinefleischs vom Abend zuvor. Neben ihm warf sich einer der Posten auf Freiwache in den Fesseln eines bösen Alptraums stöhnend hin und her. Kerris zog sich die Stiefel über. Die Senkel flatterten. Er begann die Stiefel zu schnüren. Die stei- fen Schnürsenkel entglitten seiner Hand immer wie- der. Seine Finger waren kalt. Er blies sie an, um sie zu erwärmen. Sein Arm- stumpf schmerzte, und er rieb an ihm. Ein Hund bellte. Draußen im Hof rief jemand laut. Kerris fuhr sich mit der Hand durch das Zottelhaar, stand auf und suchte sich einen Weg zwischen den zusammen- gerollten Schläfern hindurch zum Eingang der Burg- küche. Ein Ledervorhang trennte die Küche von den Mannschaftsquartieren. Hinter dem Vorhang hörte er Leute sprechen. Er schob ihn beiseite und ging hinein. Es war heiß hier. Man hatte die Herdfeuer bereits ent- facht. In einer gekachelten Nische brannte ein Stun- denlicht. Hilfsköche mit mehl- und fettbedeckten, Händen hasteten an ihm vorbei. Ein Unterkoch in weißer Leinenschürze stand über einem Hackbrett und säbelte Scheiben kalten Schinkens auf eine Sil- berplatte. Paula stand an der Feuerstelle und streckte die Hände zu den Flammen hin. Kerris trat zu ihr. Er neigte den Kopf und küßte sie auf den Scheitel. »Gu- ten Morgen.« Sie blinzelte zu ihm empor. Er war einen Kopf grö- ßer als sie. Um die Schultern hatte sie einen dicken braunen Schal geschlungen. »Kerris«, sagte sie. Sie drehte sich wieder zu dem Topf zurück, in dem Tee, Honig und Milch als dicke Suppe dampften. »Trink einen Tee!« Er suchte zwischen den aufgereihten hohen Gläsern nach einer Kumme. »Kalt heute morgen«, sagte er. »Es ist kalt an jedem verfluchten Morgen.« Sie klopfte den Schöpflöffel am Rand des Eisenkessels ab. »Man glaubt's nicht, daß Frühling ist.« Er beugte sich an ihr vorbei und tauchte die Kum- me in den Topf. Er schlürfte den Tee, der heiß und sehr süß war. »Es ist fast Sommer«, sagte er. »Bald werden die Kaufleute kommen.« Ihre dunklen Augen blitzten. Sie vollführte eine ordinäre Soldatengeste. »Sommer«, murrte sie mit je- ner Verachtung der Südländerin für das Wetter im Norden. »Sind die droben schon aufgestanden?« Sie meinte die Soldaten. Einst war sie selbst Soldat gewesen, vor langer Zeit, und hatte an der Grenze im Süden gestanden. Kerris schüttelte den Kopf. »Bloß ich.« Ein hellhaariges Küchenmädchen in einem langen Leinenrock kam aus der Vorratskammer. Sie trug ei- nen Käselaib. Sie lächelte Paula höflich zu und, schenkte dem jungen Koch ein etwas wärmeres Lä- cheln. Dessen Hände bewegten sich auf dem Hack- brett noch schneller. Kerris sah die Magd nicht an. Er hatte damit auch nicht gerechnet. Obwohl er der Herrscherfamilie von Tornor entstammte, war er doch nur ein Schreiber, einer, der unter Anfällen litt, und ein Krüppel, von geringerer Wichtigkeit für die Burg als der geringste unter den Köchen. Paula zog die Brauen zusammen. »Möchtest du noch Tee?« fragte sie. Er hätte ihr gern gesagt, daß es ihm nichts ausma- che, wenn ihn die Frauen der Burg übersahen. Er war daran gewöhnt. Er zog dies der Lächerlichkeit vor, die ihm zuteil werden könnte – ja, die ihm zuteil ge- worden war, und öfter als nur einmal. Um Paula eine Freude zu machen, tauchte er die Kumme erneut in den honigbraunen Sirup. Ein Küchenjunge öffnete ei- ne Ofentür. Der Duft backenden Brotes verbreitete sich im Raum. Der Ledervorhang klatschte. Der Chefkoch kam hereinstolziert. Er hatte dicke haarige Arme wie ein Hufschmied, dafür aber nicht ein einziges Haar auf dem Kopf. Die Küchenjungen nannten ihn (hinter seinem Tücken natürlich) »das Ei«. Er war ein hervor- ragender Küchenchef, hatte ein Temperament wie ei- ne brünstige Füchsin, griff jedem Küchenjungen zwi- schen die Beine und haßte Leute, die in seinen Herr- schaftsbereich eindrangen. Er funkelte Kerris an: »Raus!« sagte er und befingerte sein vierkantiges Hackbeil. Die Geste war natürlich reine Protzerei, aber Kerris trug sich nicht mit der Absicht, es darauf ankommen zu lassen. Er streichelte Paula über die Schulter., »Wir sehen uns später«, sagte er und wandte sich zum Gehen. Rauch stand in seinen Augen, ein Messer lag in seiner Hand. Er roch verbranntes Essen und den schweren Duft von neuem Wein. Er dachte: Mach rasch ein Ende! Er simulierte ein Stolpern über einen Hocker. Sein Gegner grinste und trat vor, um ihn endgültig zu erledigen. Er packte den zustoßenden Arm, schlang den anderen Arm um den Hals des Mannes und zog ihn auf den Boden. Ein Messer fiel klirrend. Verächtlich stieß ein Stiefel es beiseite. Irgendwo schrie leise eine Frau auf. Er starrte dem Mann in das rote entsetzte Gesicht. »Ich könnte dir das Genick brechen«, sagte er. »Fällt dir nichts Besseres ein, als mit einem Cheari zu kämpfen?« Hinter ihm sagte Ilene: »Sie haben unser Frühstück an- brennen lassen, Kel. Laß uns gehen!« Das Bild verschwamm. Er roch Brot. Er war zu- rückgekehrt. Paula stand vor ihm, alle Haare ge- sträubt wie eine Katzenmutter, die ihr Junges vertei- digt. Die Küchenhelfer gafften ihn alle an. Der Chef- koch blubberte der alten Frau zu: »Ich will in meiner Küche keine Abfälle haben!« Kerris sagte: »Mir fehlt nichts.« Paula wandte sich zu ihm. Ihre Augen suchten fra- gend in seinem Gesicht. Es tat ihm leid, daß sie es ge- sehen hatte. »Es ist nichts«, sagte er. Er ging auf die Tür zur Halle zu. Die Küchenmädchen drängelten sich zusammen wie junge Hunde. Murmelten. Das Ei fuhr sie fluchend an, und sie stoben vor ihm davon. Die große Halle in Tornor war groß genug für sechshundert Mann, ohne daß sie sich hätten drängen müssen. Kerris blieb einen Augenblick lang an einer Wand stehen. Wie stets nach einem Anfall fühlte er, sich ein wenig desorientiert. Er lehnte sich gegen ei- nen Wandbehang. Darauf war eine Szene aus einer alten Schlacht zu sehen. Josen würde wissen, aus wel- cher. Kerris wußte es nicht. Die Türen zur Halle waren geöffnet. Männer aus den Quartieren kamen herein, rieben sich den Schlaf aus den Augen, und andere, gerade von der Wache abgelöst, stapften unförmig in ihren unordentlichen Schichten von Woll- und Lederkleidung herein. Hunde mit glattem Fell und fahlen schmalen Köpfen rannten tollend um sie herum – Wolfshunde waren das, obwohl es nicht mehr viele Wölfe in der Steppe gab. Im letzten Herbst hatte ein Jagdtrupp einen räu- digen Jährling heimgebracht. Man hatte das Fell an der Burgmauer aufgehängt, und alle kleinen Buben aus Tornor-Dorf waren heraufgekommen und hatten das Fell angegafft. Jemand schob den Ledervorhang beiseite. Der Duft frischen Brotes schwebte in den Saal. Die Männer stießen einander die Ellbogen in die Rippen. Kerris war der Appetit vergangen. Er schritt den Gang an einem der langen Tische hinunter und stand dem Herrn von Tornor Keep von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Er verneigte sich. »Guten Morgen, Onkel«, sagte er. Morven, der neunzehnte Herr auf Tornor Keep, wirkte glatt und kompakt und besaß das leuchtend- gelbe Haar und den blassen Teint seines Geschlechts. Kerris hatte beides nicht geerbt. »Guten Morgen, Nef- fe«, sagte der Lord. »Bist du von der Wachablösung aufgewacht?« Kerris nickte. Morven wußte nicht (oder tat doch so, als wisse er nicht), daß Kerris zu- weilen in den Soldatenquartieren schlief. »Ich, wünschte, meine Soldaten wären so pflichteifrig!« Es war als Lob gemeint. »Ich danke dir.« Ousel, der zweite Wachoffizier, näherte sich. Sofort wandte sich Morven ihm zu und redete mit ihm. Kerris war entlassen und verzog sich aus dem Saal. Er dachte: Wenigstens besitzt er Takt- gefühl genug, mir nicht direkt ins Gesicht zu lachen. Während er den Inneren Hof in Richtung auf die Treppe zum Turm des Annalenschreibers durch- querte, suchte er tastend im Innern seines Schädels nach jener Fähigkeit, die ihn mit seinem Bruder in Verbindung setzte. Und wie immer entzog sie sich ihm. Er konnte sie nicht in Gang setzen, ebensowenig wie er ihr Auftreten verhindern konnte. Im Schatten der Sonnenuhr spielte eine Dreier- gruppe von Kindern das alte Spiel: Papier-Schere- Stein. Kerris verlangsamte den Schritt, als er an ihnen vorbeiging. Dies war eines der wenigen Spiele, die er, das einarmige Kind, hatte mitspielen können, und er war darin so geschickt geworden und hatte so rasch immer gewußt, was die anderen wählen würden, daß sie sich bald geweigert hatten, weiter mit ihm zu spielen. Die Kinder brachen ihr Spiel ab, begannen zu raufen, wobei das größte Kind, Morvens Tochter Aret, obenauf lag. Kerris ging weiter. Er war nie ein guter Ringer gewesen. »Holla, Schreiber!« Ein Mädchen stand am Fuß der Treppe zum Turm, ein Wäschebündel in beiden Armen. Sie trug ein rotes Kleid und eine braune Obertunika darüber. Ihre Wangen waren von winzigen Pockennarben übersät. Das Haar fiel ihr glatt über den Rücken. Kerris spürte, wie sein Nacken sich rötete. »Hallo, Kili«, sagte er., Zwei Jahre war es her, da hatte sie sich in der Halle an ihn herangemacht, hatte sie ihn mit ihren festen Brüsten gestreift, lächelnd hatte sie ihm eine Frage zugeflüstert: »Möchtest du nicht gern mit mir ...?« Niemand hatte ihn je zuvor das gefragt. So war er mit ihr in die Waschküche gegangen. Linkisch, aber voll Eifer. Sie lagen zwischen den langen triefenden Waschzubern auf den besudelten Bettlaken aus den Wohngemächern. Er war ihr tief dankbar. Nur eine einzige Person sonst hatte ihn jemals so berührt. Sie hatte sogar so getan, als bereiteten ihr seine Bemü- hungen Vergnügen. Aber ein paar Wochen später hörte er, wie sie lachend einem anderen Mädchen da- von berichtete und Vergleiche anstellte zwischen sei- nem verlorenen Arm und seinen sexuellen Geschick- lichkeiten. Sie schob ihre Hüfte vor und ihm zu. »Wie kommt es, daß ich dich nirgendwo mehr sehe?« »Ich habe zu arbeiten.« »Das ist aber jammerschade.« Sie schaukelte quer über den Hof, die Hüften wogten. Die Wachtposten auf der Inneren Mauer johlten anerkennend. Kerris dachte an Kel. Er hätte gern gewußt, wo der chearas sich befinden mochte und was aus dem rotge- sichtigen Mann geworden war. Zweifellos hatten die chearis aufgesattelt und waren von jenem Ort fortge- zogen. Er konnte sie noch vor sich sehen: Arillard, hochgewachsen, der Rotschopf Riniard, der Neuan- kömmling, und Jensie mit dem dreifarbigen Haar ... Er fluchte halblaut und stieß den Gedanken von sich. Es machte ihn nur unglücklich. Er spähte über den Hof. Kili war verschwunden. Die Posten hatten sich wieder ihren Wachpflichten, zugewendet. Kerris malte sich eine Karawane aus, die über die Oststraße holperte, die blauen Wimpel flat- ternd, die Wagen beladen mit Seidenstoffen und Ge- würzen, mit Edelhölzern und Metallwaren. Die ganze Burg steckte schon voller Unruhe und wartete auf die Händler. Und in den Spielen der Kinder tauchten die Kaufleutetrecks immer häufiger auf. Er stieg die Wendeltreppe zu dem Gemach an der Turmspitze hinauf. Der achteckige Raum war sehr alt. Er hatte die ver- schiedenartigsten Verwendungen gefunden: als Vor- ratskammer, zur Verteidigung, sogar als Kommando- zentrale zu Lagebesprechungen, wenn im Norden Krieg herrschte. Es roch hier nach Fichtenkloben und Tinte. An den Wänden hingen Teppiche, ähnlich wie im Großen Saal. Das Gemach enthielt ein Durchein- ander von Möbelstücken: zwei Schlafpritschen, einen großen Arbeitstisch, ein paar Hocker, Josens Sessel und sechs Zedernholztruhen. In zwei der Kästen be- fanden sich Kleider. Die vier anderen steckten rand- voll von alten Aufzeichnungen. Ein hoher Tontopf mit choba-Öl stand in einer Ecke. Sonst erhellte man die Burg (selbst die Gemächer des Herrn) mit allen möglichen Arten von Kerzenlicht, und die Kaufleute machten sich nicht mehr die Mühe, die schweren Ölkrüge aus dem Süden heraufzu- schleppen. Doch Josen hatte auf eigene Faust und auf eigene Kosten diesen einen Krug bestellt und bezahlt. An düsteren Wintertagen goß er Öl in Schalen und machte aus Wollgarn Dochte dafür. Er behauptete, das Licht von der Ölflamme sei reiner und weniger rauchig als das Licht der Kerzen aus Talg. Kerris neckte ihn oftmals abends freundlich damit: »Wenn, die Funzeln brennen, dann kannst du, wie Paula, dir einbilden, du bist gar nicht wirklich hier oben im Norden.« »Aber im Gegensatz zu Paula«, pflegte dann der alte Mann zu antworten, »gefällt es mir hier.« Kerris stieß die Tür mit der Schulter auf. Josen stand am Fenster und sog prüfend die Luft ein. Er hatte eines der Fenster geöffnet und stand da und spähte durch den Mauerschlitz hinaus. Kerris gesellte sich zu ihm. Dieser Wachtturm war vor dreihundert Jahren von Torrel, dem Vierten Lord von Tornor Keep, erbaut worden, »auf daß er die Räuber aus An- hard erspähen könne, noch ehe deren König ihnen den Angriff befohlen hat«. Der Turm diente längst keinem militärischen Zwecke mehr, denn seit hun- dert Jahren herrschte Frieden zwischen Arun und Anhard. Doch die Fenster waren die gleichen geblie- ben, außer daß man sie neu verglast hatte. Sie waren noch immer nur nach Norden gerichtet. Die graue Masse der Berge beherrschte die Land- schaft. Auf den unteren Terrassen unter den Gipfeln kümmerte Grün vor sich hin. Kerris hatte gehört (von den Kaufleuten, die überall hinkamen), daß es im Westen noch höhere Berge gebe und daß sie rot seien, nicht grau. Er bezweifelte, daß er sie je zu Gesicht be- kommen würde. Die weiteste Strecke, die er jemals über die Steppe gereist war, war die Hälfte des We- ges bis nach Cloud Keep gewesen. Er war im Süden geboren, in einem kleinen Dorf am Südrand des Galbareth. Paula hatte ihm dies oft genug erzählt. Aber er hatte keine Erinnerung mehr an den Süden, auch nicht an den Ritt in den Norden und auch nicht an den Überfall auf die Karawane, bei, dem seine Mutter umgebracht worden war. Während dieses Überfalls hatte ihm der Hieb eines Asech- Krummschwertes den rechten Arm abgetrennt, knapp unter dem Schultergelenk. Josens Stimme brach in seine Träumerei ein. »Der Sommer ist nahe.« Kerris zog seine Gedanken aus der Vergangenheit, die ihm verloren war, zurück. »Paula ist da anderer Ansicht«, sagte er. »Ach, die ist aus dem Süden«, sagte Josen. »Denen ist es hier oben niemals heiß genug.« Josen selbst war ein Nordländer, kannte aber den Süden sehr gut, weil er dort viele Jahre lang gelebt hatte. Er streifte Kerris mit einem Blick. Der Alte war hochgewachsen, hatte aber gekrümmte Schultern. Die farblosen Augen la- gen tief und sehr scharfsichtig im Gesicht. Er trug die Kleidung seines Clans: ein schwarzes Gewand aus weicher Wolle mit einer Kapuze, die über den Rücken hing. Am vierten Finger der linken Hand trug er ei- nen Goldreif mit Elfenbeineinlage. Nur die Gelehrten und die Herren von großen Häusern trugen Ringe: die Lords, um ihre Herrschaft zu unterstreichen, die Schriftgelehrten zum Zeichen, daß sie keine Waffen trugen. Josen war Mitglied der Schreibergilde. Mor- vens Vater, Athor, hatte ihn zum Studium nach Ken- dra-im-Delta geschickt, und er war vor fünfund- zwanzig Jahren auf die Burg zurückgekehrt. »Die Händler sind noch nicht gekommen, nehme ich an.« »Nein.« Josen sagte etwas in der Sprache der Südländer. »Wie war das?« fragte Kerris. Seit fünf Jahren war er Josens Schüler, doch verstand er nur ganz wenig von der alten südlichen Zunge., »Fünf Jahre lang sollen sie am Blutfluß leiden«, übersetzte der alte Mann. »Ich brauche Tinte!« Kerris grinste. Er und Josen teilten sich den Schlaf- und Arbeitsraum hier oben im Turm, und soweit es der Altersunterschied und die Verschiedenheit ihrer Temperamente erlaubte (Josen und Paula waren un- gefähr gleich alt), waren sie auch Freunde. »Sollen sie an Hämorrhoiden leiden, nachdem sie hier eingetrof- fen sind«, schlug er vor. »Richtig«, stimmte Josen zu. »Das wäre besser.« Er hustete und zog den weiten Gürtel enger um die Hüften. Dann sagte er: »Ich habe dich in der letzten Nacht überhaupt nicht hereinkommen hören.« Kerris' Armstumpf pochte. »Ich habe in den Mann- schaftsunterkünften geschlafen«, sagte er. »Für den Fall, daß die Räuber kommen, was?« sagte Josen, die Stimme von leichtem Spott gefärbt. »Aber selbst wenn dies eintreten sollte, Morven wür- de dich nicht kämpfen lassen. Man würde dich in die Vorratskammern schicken, damit du dich dort mit den Alten, den Kranken und den Kindern in Sicher- heit bringst. Wozu also die Mühe?« »Ich muß einfach«, sagte Kerris. »Und es ist mir gleich, was Morven denkt.« Er trat an den Arbeit- stisch aus Eichenholz. Josen hatte bereits die Tagesar- beit für sie herausgelegt: einen Stapel uralter Schrif- trollen für sich selbst, und die monatliche Abrech- nung für Kerris. Die Schriftrollen rochen moderig. Er schob den Stuhl zurück. »Machen wir uns ans Werk?« Josen zuckte die Achseln. »Wie du willst«, sagte er. Er ging durch den kleinen achteckigen Raum. Kerris verspürte ein Zucken des Bedauerns – er hatte den, Alten nicht so brüsk zurückweisen wollen. Er zog den kissenbelegten Stuhl für Josen zurück. Früher, ehe er Kerris als Helfer bekommen hatte, hatte Josen auch die alltägliche Arbeit getan, hatte die Rech- nungsbücher geführt und die Aufzeichnungen auf dem laufenden gehalten. Doch diese Arbeit erledigte nun Kerris, und da er nun von diesen Aufgaben be- freit war, hatte sich der alte Schriftgelehrte eine ande- re Aufgabe gewählt, die ihn mehr interessierte und ausfüllte: auf das Abschreiben der Geschichten Tor- nors aus den alten Schriftrollen. Morven hatte dage- gen keine Einwände. Er war sogar bereit, für die fei- nen Haarpinsel und die teure Tinte zu bezahlen, die Josen verlangte. (Die Tinte, die Kerris benutzte, ver- blich rasch, kostete aber nichts. Kerris fertigte sie selbst aus den Tintenblasen der lokalen Aale an. Josen hatte ihn gelehrt, wie man das machte.) Er schielte auf die oberste Schriftrolle, die Josen gerade entrollte. An manchen Stellen blitzte sie. Einige der Lettern wa- ren mit Gold gemalt, das nun durch den Staub hin- durchschimmerte. Die alten Nordländerrunen (die eigentlich ver- derbte Lettern der südlichen Runenschrift waren, wie Josen sagte) liefen die Schriftrollen hinauf und hin- unter. Kerris vermochte sie nicht zu lesen. Josen hatte ihn nur die südliche Schrift gelehrt, in der jetzt je- dermann schrieb. Die alten Aufzeichnungen in den Grenzfesten waren als einzige Überreste der Nord- länderschrift noch vorhanden, und wenn sie alle in südlicher Schrift kopiert sein würden, dann würde kein Mensch sich mehr daran erinnern, daß es einmal eine andere Art zu schreiben gegeben hatte, außer vielleicht ein paar Schriftgelehrten wie Josen., Josen tat, als sei nichts geschehen, und nahm seine Pinsel aus dem hölzernen, mit Filz ausgeschlagenen Schreibkasten. Kerris suchte nach einem Weg, die Unstimmigkeit zu glätten. »Josen?« »Hmm?« machte der Gelehrte. »Welche Geschichte kopierst du heute?« Josen schien sich zu freuen. Der Ausdruck der Verletztheit wich von seinem Gesicht. Er sprach lei- denschaftlich gern über seine Geschichtstexte. »Das Leben des Elften Herrn von Tornor.« »Wer war er?« »Sein Name lautete Kerwin«, sagte Josen. »Genau wie der deines Vaters.« Er schloß den Pinselkasten und legte ihn beiseite. »Der Text besteht zum großen Teil aus Schlachtenbeschreibungen der Kämpfe mit Anhard. Kerwin fiel im Kampf. Das war damals ein ganz gewöhnlicher Tod. Der Große Waffenstillstand wurde erst unter der Herrschaft Athors unterzeich- net. Kerwins Enkel.« Kerris sagte: »Hat es jemals eine Zeit gegeben, in der nicht gekämpft wurde?« Josen runzelte die Stirn. »Tornor wurde als Festung erbaut. Aber zwischen der Herrschaftszeit Kerwins und der Regierung der Herrin Sorren fehlen die Be- richte in den Schriftrollen.« Früher einmal hatte sich Kerris der Illusion hinge- geben, daß es aufregend sein müßte, an einem Krieg teilzunehmen. Er dachte schon lange nicht mehr so. »War das die Dame Sorren, die die chearis nach Tor- nor geholt hat?« »Es hat nur eine einzige Sorren von Tornor gege-, ben«, sagte Josen. Kerris nickte. Er erinnerte sich. Josen hatte ihm die Historie aus der Rolle vorgelesen. Sorren von Tornor hatte einen cheari zum Meister des Waffenhofes er- nannt, und während ihrer Regierung (und danach während der Herrschaft ihrer Tochter Norres) war Tornor zum Sammelpunkt für diese chearis gewor- den. »Woher kamen sie?« fragte er. Josen warf ihm einen finsteren Blick zu. »Du kennst die Legenden. Die Chearis kamen aus dem Westen, aus Vanima, dem Land des ewigen Sommers.« »Und wie hat die Herrin Sorren sie nach Tornor geholt?« »Das steht nicht in den Berichten«, sagte Josen. Er schnaubte. »Alle Geschichtsschreiber stimmen darin überein, daß die allerersten Chearis Südländer waren. Aber die Legende von Vanima hält sich weiter. Selbst heute noch sprechen die Chearis davon, als wäre es ein wirklich existierender Ort.« Er nahm seinen Pinsel und richtete ihn wie einen Dolch auf Kerris. »Es ist äußerst frustrierend.« »Was ist frustrierend?« »Daß die Berichte so unvollständig sind.« Kerris nahm ein Blatt Papier von seinem eigenen Stapel. Die Blätter waren dick und rauh, sie waren aus gepreßten Leinenlumpen und dem Schilf des Flusses gefertigt. Die graue Tönung ließ ihn an Paula denken. Sie wurde langsam alt. Er hoffte, der Vorfall in der Küche möge sie nicht zu sehr beunruhigt ha- ben. Sie machte sich immer Sorgen um ihn ... Sie hatte ihn nach dem Tode seiner Mutter in den Norden ge- bracht, und wenn sie es auch niemals aussprach, so, wußte er doch, daß sie um seinetwillen in Tornor ge- blieben war. »Wer war der erste Cheari?« fragte er. Josen kratzte sich an der Nase. Er benutzte dazu das hölzerne Stielende seines Pinsels. »Das wissen wir nicht«, sagte er. »Die Chearis wissen's vielleicht, aber die reden darüber nicht mit den Schreibern.« Er wurde ganz streng. »Unaufgeschriebenen Berichten darf man keinen Glauben schenken. Mündliche Überlieferung wird nur allzu leicht zu Legenden und Mythen verfälscht.« Kerris lächelte. Er hatte diesen Sermon schon oft zu hören bekommen. »Zum Beispiel«, sagte Josen, »da gibt es einen Pas- sus in der Geschichte der Regierung der Lady Sorren, aus dem man schließen könnte, daß sie selbst eine Cheari gewesen ist. In der gleichen Schriftrolle heißt es an anderer, späterer Stelle, daß sie eine Botschafte- rin war, eine Angehörige des Grünen Clans.« »Hätte sie nicht beides sein können?« fragte Kerris. »Das ist ziemlich unwahrscheinlich.« Josen sagte es mit Bestimmtheit. »Wozu sollte die Erbin Tornors sich dem Botschafter-Clan anschließen? Da war ir- gendein Schreiber achtlos, und jetzt werden wir die Wahrheit niemals erfahren – nur weil ein unaufmerk- samer Schüler ein Wort falsch geschrieben hat.« Kerris grinste ihn an. »Wenn es nach dem Schwar- zen Clan ginge, dann könnte kein Mensch irgendwas tun, ohne daß es gleich aufgeschrieben werden müß- te.« »Die Geschichtsschreibung ist sehr wichtig«, sagte der alte Mann. »Ja.« Kerris stimmte ihm zu. Insgeheim aber über-, legte er sich, ob überhaupt irgend etwas erledigt werden würde, wenn die Welt so funktionierte, wie Josen es sich wünschte. Aus dir wird niemals ein Schriftgelehrter, sagte seine innere Stimme. Störrisch vertrieb er diese Stimme. Er würde ein Schreiber sein, ein Gelehrter, und er würde die Auf- zeichnungen fortsetzen, wenn Josen nicht mehr ge- nug sehen konnte, um diese Aufgabe zu erfüllen. Er drehte die Kerbhölzer so, daß die Zeichen alle nach oben lagen. Sie trugen die alten Markierungen: eine Sichel für Korn, ein Horn für Ziegen, eine dreifache Granne (als Zeichen der dreifachen Ähren) für Gerste. Die mittlere Granne war am längsten. Kerris nahm sein Schreibzeug und zog über die Mitte des Blattes eine senkrechte Linie. Die altvertraute Arbeit nahm ihn gefangen. Kummer und Verwirrung wichen aus seinem Gesicht, es glättete sich, und der dumpfe Schmerz verschwand langsam aus seinem Arm- stumpf. Als die Tinte über das Blatt zu spritzen begann, hielt er inne. Er schnitt eine Grimasse über dem bekleck- sten Papier, er ärgerte sich. Nun würde er die ganze Arbeit noch einmal tun müssen. Er untersuchte die Spitze des Kiels. Wie er vermutet hatte, mußte sie zu- gespitzt werden. Er legte die Feder nieder und streckte seine verkrampften Finger. Es war sehr hell im Zimmer. An der gegenüberliegenden Wand konnte man die Goldfäden im Gewebe des Teppichs gerade noch erkennen. Das Bild zeigte eine Kampfs- zene: ein Mann mit vergoldetem Bart scharte seine Männer um sich. Die in den Zinnen des Turms ni-, stenden Tauben klatschten mit den Flügeln und gurrten. »Josen?« Der alte Mann hob den Kopf. Das Haar stand ihm vom Schädel in feinen dünnen Seidenfransen ab. »Hmm?« Es dauerte einen Augenblick, ehe seine Au- gen ihren Schimmer verloren. »Mach eine Pause. Mein Kiel muß geschärft wer- den.« Der Gelehrte blickte auf das Blatt, das er gerade abgeschrieben hatte. Behutsam rollte er es wieder zu- sammen. Er hatte mit den jüngsten Rollen angefan- gen und sich dann langsam weiter in die Vergangen- heit zurückgearbeitet. Manche der allerältesten Schriftrollen waren so mürbe, daß sie bei der leichte- sten Berührung zu Staub zerfielen. »Hmm.« Er nahm den Federkiel auf, den Kerris verwendet hatte, und besah sich das ausgefranste Ende. »Du brauchst einen ganz neuen Kiel«, sagte er beiläufig. Er strich mit der Hand durch die Federn. »Aber ja, eine Pause. Das ist eine gute Idee.« Er erhob sich aus seinem Stuhl. »Ma- chen wir einen Rundgang auf der Mauer, vertreten wir uns die Beine.« Wie die anderen Trutzburgen an der Nordgrenze war auch Tornor Keep erbaut worden, um einen An- griff abzuwehren. Es hatte zwei Festungswälle, die konzentrisch angelegt waren. Die Mauern waren mit Schießscharten gezähnt, hatten eine glatte Außenflä- che und wirkten furchteinflößend. Innerhalb der In- neren Mauer lagen die einzelnen Gebäude des Forts: die Halle, die Unterkünfte der Soldaten, die Stallun- gen und Vorratsdepots, der Waffenhof, die Schmiede und die Wohngemächer. An der Mauerkrone verlief, ein steinerner Umgang, breit genug, daß drei Mann nebeneinander gehen konnten. Der äußere Festungs- wall war niedriger als der innere, aber auch er hatte einen Umgang und war gleichfalls sehr dick und mit Zinnen versehen. In beiden Mauern waren in regel- mäßigen Abständen Schießscharten für die Bogen- schützen angebracht. Der Wachtturm erhob sich in der südwestlichen Ecke des Inneren Walls. Ursprünglich hatte es nur ei- nen einzigen Zugang gegeben: die Tür im Inneren Hof am Fuße der Treppe. Doch während der Herr- schaft der Lady Sorren wurde eine zweite Tür, die zur Schutzwehr führte, gebrochen. Im Licht der Son- ne oder im Schein starker Fackeln glitzerte der Stein des Bogens von Glimmereinsprengseln, und man sah deutlich, daß dieses Tor sehr viel später als die Mau- ern und als die Treppe angebracht worden war. Der Posten auf der Treppe hob eine Hand, als sie unter dem Bogen hindurchgingen. »Hei, Kerris.« »Tryg!« Kerris lächelte. Tryg war der Sohn von Ou- sels zweitem Wachoffizier. Er war geschmeidig und breit gebaut und trug das Haar schulterlang und un- gebunden auf die alte Weise. Als sie beide acht Jahre alt gewesen waren, waren er und Kerris die allerbe- sten Freunde gewesen. Sie hatten im selben Bett ge- schlafen und hatten die ersten sexuellen Spielchen ge- spielt, wie Kinder das eben tun. »Ich hab' heute das Frühstück übersprungen. Hast du ein Stück Käse?« »Sicher.« Tryg suchte in seinen Taschen. Er fand Käse, einen Sauerapfel und einen Kanten Kommiß- brot. »Du kannst alles haben.« Tryg war stets so großzügig ... Kerris sagte: »Dan- ke!« Er nahm die Nahrung an. Josen war bereits, halbwegs bis zum Wächterhaus vorangegangen. Sein Gesicht war in sich verschlossen. Kerris ging hinter dem alten Mann drein und aß dabei. Es war gewißlich Frühling. Die Steine an seiner Seite strahlten die Sonnenwärme zurück. Eine leichte Brise ließ die Flaggen klatschen. Sie trugen den roten achtzackigen Stern auf weißem Grund, der seit drei- hundert Jahren im Wappen der Lords von Tornor stand. Wachtposten lehnten an der Brustwehr, hatten die Helme abgelegt und schauten nach Süden. Die Wache war im Grunde nur noch eine zeremonielle Angelegenheit. Seit über hundert Jahren hatte es hier im Norden keinen Krieg mehr gegeben. Aber die jun- gen Männer kamen noch immer aus den Dörfern in die Festung herauf, um das Waffenhandwerk zu er- lernen. Diejenigen, denen es lag, zogen dann in den Süden oder Westen und schlossen sich den Wach- trupps der Städte an – in Tezera oder Shanan oder Mahita oder gar Kendra-im-Delta. Und wenn sie dort waren, wechselten einige von ihnen und wurden Kaufleute oder Boten. Der Rest kehrte zu den Höfen und Herden zurück. Nur die alten Männer blieben in Tornor. Josen blieb stehen und stützte sich mit dem Ellbo- gen auf die Mauer. Kerris stellte sich neben ihn und leckte die allerletzten Käsekrumen aus seiner Hand- fläche. Er hörte die Musik des Flusses. Vom Schmelzwasser aus den Bergen angeschwollen, preßte und peitschte der Rurian sich zwischen seinen Ufern dahin. An dem einen lag breit die Mühle. Das Rad lief noch, doch zum größten Teil wurden die Vorräte für das Fort mit der Windmühle gemahlen und gekeltert, die ein neuerer und größerer Bau war, und im Osten der Feste lag. Auf dem Feld zwischen der Burg und der Siedlung zitterten blaue Gänse- blümchen wie Flämmchen. Einen Augenblick lang erlaubte Kerris sich, an Kel zu denken. Einst hatte er der schweißtreibenden Fechtübung im Waffenhof zugeschaut, und ein Kind in seinem Alter hatte ihn herausgefordert (es hätte sogar Tryg gewesen sein können, aber Kerris mochte dies jetzt nicht denken), und er hatte gerufen, daß es gleichgültig sei, ob er nur einen Arm besitze oder zwei. Sein Bruder sei ein Cheari. Sie hatten ihn so lange geneckt, bis er Kels Namen preisgab, sie hatten ihn umtanzt, boshaft und höhnisch, hatten ihn aufge- fordert, zu tanzen wie Kel, zu kämpfen wie Kel. Seit jenem Nachmittag hatte Kerris ihrer beider Namen nur insgeheim und stumm in Verbindung gebracht. Paula und Josen wußten natürlich Bescheid. Und Morven auch. Aber Morven sprach niemals davon. Kerris dachte sich, daß es Morven egal sei. Er hatte Kel nie persönlich kennengelernt, nur über ihn ge- hört. Ganz Arun hatte von ihm gehört. Aber der Rote Clan verirrte sich nur selten in den Norden. Die Reise quer durch Galbareth bis zu den Grenzfesten war lang. Vor fünf Jahren hatte ein Chearas in Tornor auf dem Weg von den Roten Bergen nach Tezera haltge- macht. Kel war nicht bei dem Trupp gewesen. Sie hatten im Waffenhof getanzt. Kerris erinnerte sich an die versengende konzentrierte Grazie, mit der die Chearis sich drehten und wiegten und sprangen. Aber es dauerte noch ein Jahr, ehe er jene plötzlichen und zufälligen Momente erlebte, in denen er in zwei Körpern vorhanden zu sein schien – in seinem eige-, nen und zugleich in dem seines Bruders. Anfangs war er zu Tode erschreckt, er verstand gar nichts, er hatte Angst, er würde verrückt. Aber nach einiger Zeit begriff er, daß diese Augenblicke der Kon- taktnahme ihm nicht wehtun konnten. Und sie traten auch nur einmal alle zwei, drei Wochen auf. Wenn ihm dies in der Öffentlichkeit geschah, nannte er sie seine »Anfälle«. Er hatte Josen davon erzählt. Der alte Mann hatte ihm ernst zugehört. »Sind sie schmerzhaft?« hatte er gefragt. »Nein.« »Unangenehm?« Kerris hatte versucht ehrlich zu antworten. »N-n- nein, verwirrend.« Josen hatte geseufzt. »Es tut mir leid, Kerris«, hatte er gesagt. »Aber ich weiß nicht, was es sein könnte.« Kerris hatte sich wie betäubt gefühlt. Immer hatte er geglaubt, daß Josen alles wisse – nun, fast alles. Geschichten waren ihm durch den Kopf geschossen. Vielleicht wurde er von einem Geist gequält oder von einem Dämon. Aber es würde nichts nutzen, Josen von solchen Dingen zu erzählen. Der alte Gelehrte glaubte nicht an Dämonen. »Was soll ich tun?« hatte er gefragt. Josen hatte seinen Gürtel zurechtgerückt. Diese Ge- ste vollzog er stets, wenn er verlegen war. »Du könntest mit der Dorfheilerin reden.« Kerris war überrascht. Meist hatte Josen für die Dorfhexe kaum ein gutes Wort übrig – für die alte Tath. Sie galt als übellaunig, aber weise im Gebrauch von Kräutern. Nein. Er wußte, daß Tath kein Heil- mittel für das zu bieten hatte, was ihn bedrängte, und, außerdem hatte er Angst vor dem, was sie sagen könnte. Sie würde seine Ängste nur noch mehr schü- ren. »Tath kann Lungenfieber kurieren«, sagte er und streckte den kleinen und den Zeigefinger seiner Hand aus, in jener Geste, die er von Paula gelernt hatte. »Dies hier kann sie nicht heilen.« Josen hatte ihn nicht gefragt, woher er das wisse. (Kerris hätte es ihm auch nicht sagen können.) Josen sagte: »Wenn die Anfälle nicht schmerzhaft sind, dann mach dir deswegen keine Gedanken. Laß sie kommen und laß sie gehen! Sie werden irgendwann aufhören. Es besteht kein Anlaß, zu solch primitiven drastischen Methoden zu greifen.« Er sprach mit sol- cher Autorität, daß Kerris sich stark beruhigt gefühlt hatte. Damals mit dreizehn Jahren. Vielleicht hat er sich geirrt, dachte Kerris jetzt. Vielleicht hätte er mit der alten Tath reden sollen. Er kratzte an seinem Armstumpf, der zu jucken begon- nen hatte. »Was ist mit dir?« fragte Josen. Irgendwo in den Wohnkemenaten weinte ein Kind, und Kerris merkte, wie sein Gedanke von diesem schrillen zornigen Kreischen durchbrochen wurde. »Ich habe heute morgen wieder einen Anfall gehabt. In der Küche«, sagte er. Josen schob die Lippen vor. »Bist du deswegen et- wa beunruhigt?« Kerris schüttelte den Kopf. »Nein. Ich muß nur darüber nachdenken.« »Weißt du«, sagte Josen, »ich habe von diesen Din- gen überhaupt keine Ahnung. Aber es gibt vielleicht Leute, die etwas darüber wissen. In den Städten.« Kerris lachte. »Denk nicht mehr daran, Josen! Es ist, ziemlich unwahrscheinlich, daß ich in absehbarer Zeit nach Tezera gehen werde. Außerdem habe ich mich daran gewöhnt. Die Anfälle stören mich nicht mehr.« Bei sich selbst dachte er: Und sie würden mich wirk- lich nicht stören, wenn ich wüßte, was sie bedeuten. Aber er wollte auch nicht mehr ohne sie sein. In jenen kurzen Augenblicken der Verbundenheit erlebte er das Gefühl, erfuhr er, was es bedeutete, mit einem Körper zu leben, der niemals verstümmelt worden war. Vor fünf Jahren, in dem Jahr, in dem er zwölf wur- de, war Kerris in die Gemächer Morvens befohlen worden. Er ging voller Eifer. Mit zwölf Jahren erach- tete man ein Kind für reif genug, an den täglichen Übungen im Waffenhof teilzunehmen, um jene Fer- tigkeiten zu erlernen, die den Knaben oder das Mäd- chen zum Erwachsenen werden ließen – ja, sogar ein Cheari zu werden. Tryg hatte den Übergang in jene Welt bereits hinter sich gebracht: sein Vater hatte ihm traditionsgemäß eine kleines, aber gebrauchstüchti- ges Kampfmesser geschenkt. Und während Kerris die Gemächer des Herrschers betrat, glaubte er schon fast das Messer an seinem Gürtel hängen zu spüren, das Morven, wie er hoffte, ihm verleihen würde. Aber Morven hatte ihm sein Messer nicht gegeben. Er hatte statt dessen gesagt: »Der Waffenhof ist nichts für dich. Es wäre eine Verschwendung der Zeit des Meisters, wenn er dir die Kampftechniken beizubrin- gen versuchte. Ganz zu schweigen davon, aus dir ei- nen Cheari machen zu wollen. Sohn meines Bruders bist und bleibst du, und ein Heim wird hier immer für dich bereit sein um seinetwillen. Doch mehr als dies ...« – er schaute auf Kerris' rechte Schulter, auf, den leeren hängenden Ärmel – »liegt nicht im Bereich deiner Möglichkeiten.« Es war Morvens Idee gewesen, Kerris zum Schüler Josens zu bestimmen. Die Idee war gut gewesen, dachte Kerris. So habe ich mir eine Stellung schaffen können. Ganz tief in seinem Kopf machte eine Stimme – seine eigene – Fußnoten zu diesem Gedanken. Es war ein Stellung, wie er sie besser niemals würde erlangen können. Er hatte die Feste lieben gelernt – und die Berge hinter der Burg, die aufragten wie das Rückgrat der Erde. Er liebte das Land im Sommer; er liebte die Steppe, von Winden durchfegt und voll dichten ho- nigfarbenen Grases. Aber es war ziemlich unwahr- scheinlich, daß sich ihm jemals die Möglichkeit bieten würde, von hier fortzugehen. Darum war es auch ganz gut, daß er sich hier wohl fühlte. Er klopfte Josen sanft auf die Schulter. »Komm, al- ter Mann, kehren wir an unsere Arbeit zurück!« »Alter Mann, also wirklich!« Josen spielte den Ent- rüsteten. »Ist das die Ehrerbietung, die du deinem Lehrer entgegenbringst? Sprich höflich über mich, oder ich werde dir deine Feder nicht reparieren.« Kerris lächelte ihn an. »Jawohl, Herr, erflehe eure Vergebung, Herr!« sagte er plappernd. »Ich brauche neue Tinte. Dringend!« Josen gab das Spiel auf. »Zum Henker mit diesen Händlern!« In dieser Nacht begab sich Kerris zum Schlafen nicht in die Mannschaftsquartiere. Josen vermied es, wie üblich, zu frühstücken. Er fand Essen vor der Mittagszeit unanständig. Kerris wartete ab, bis er sicher sein konnte, daß »das Ei« in, seinen Räumen verschwunden war, ehe er durch den Küchenvorhang schlüpfte. Paula saß neben der Feuerstelle. Er küßte sie auf den Scheitel. Rosa schimmerte die Kopfhaut durch das spärliche graue Gelock. »Hm.« Ihre Finger lagen rot und geschwollen um ihren Becher. »Guten Morgen.« »Ist es ein guter?« »Es ist heut wärmer als gestern«, sagte er. »Du solltest es mal probieren.« »Hah!« Die mürrische Silbe verriet deutlich, wie tief sie dem schwächlichen Versuch des Nordens mißtraute, einen Frühling zu produzieren. »Wo gehst du hin?« »Ins Hühnergehege. Ich brauche Federkiele.« Er blieb noch stehen, um ihr zu zeigen, daß es ihm gut- gehe. »Ich komm dann später noch vorbei.« Er drängte sich durch die Spülküche hinaus. Während er zum Hühnerfreilauf hinüberging, drang Musik an sein Ohr. Er blickte nach oben. Idrith spielte auf sei- ner Flöte. Die anderen Wachtposten hörten ihm stumm zu. Die weichen Triller schwebten zwischen den Mauern durch den Hof. Kerris seufzte. Früher einmal hatte er geglaubt, er würde lernen können, wie man Musik macht. Aber er hatte kaum Stimme – und es gab kein Musikinstrument, das ihm je unter die Augen gekommen wäre oder von dem er gehört hätte, das man einhändig spielen konnte. Der Freilauf roch wie eine Wiese. Die Hühner be- achteten ihn überhaupt nicht, doch der Hahn an sei- ner Leine beäugte Kerris argwöhnisch, als dieser nach Federn zu jagen begann., »Ganz ruhig«, sagte Kerris zu dem helläugigen Tier. »Ich bin nicht hinter deinen Weibern her.« Er fand drei weiße Schwungfedern und die graue Schwanzfeder einer Gans, die ebenfalls brauchbar sein würde. Er brachte sie Josen. Aus einem Haufen von Papieren auf dem Tisch grub der alte Mann sein Federmesser aus: ein kleines scharfes Messerchen mit nur einer Schneide. Der Bronzegriff war wie ein Zie- genkopf geformt. Mit kurzen geschickten Schnitten formte der alte Mann den Kiel. »Wie ist das Wetter?« fragte er. »Wärmer als gestern.« »Kein Zeichen von den Händlern?« Kerris schüttelte den Kopf. Josen brummelte in sich hinein. Er hielt die Kiel- spitze ins Licht und starrte sie finster an, als wäre sie einer der Händler. »Ich habe nachgedacht«, sagte er schließlich. »Ja?« »Über einen Brief, den ich vielleicht schreiben wer- de. An den Gildemeister der Schreiber zu Kendra-im- Delta. Das würde sich ungefähr so lesen: Geehrter Herr, dies schreibe ich Euch, um einen jungen Gehilfen vorzustellen, dessen Name Kerris lautet und der ein Neffe von Morven ist, des Herrn von Tornor Keep. Er war mein Schüler und wurde mein Kollege, sozusagen, für den Zeit- raum von zwei Jahren. Und so weiter ...« Der alte Mann hielt immer noch den Kiel empor, als rede er zu ihm. »Was hältst du davon?« »Ich ... ich weiß nicht.« »Nun, dann denk nach! Und dann sage mir, was du gedacht hast!« »Würde die Schreibergilde von solch einem Brief, beeindruckt sein?« »Wenn ich ihn schreibe, sehr wohl«, sagte Josen. »Sie könnten für den Überbringer eine Stellung fin- den, sagen wir in einem der großen Stadthäuser, als Schreiber oder als Historiker.« Er warf Kerris einen verstohlenen Blick zu. »Falls der Überbringer eine solche Stellung anstrebt, natürlich.« Kerris' Armstumpf pochte schmerzend. Er berührte ihn, wo die Haut dick und vernarbt war. Paula hatte ihm erzählt, daß man die Wunde mit der glühend gemachten flachen Klinge eines Messers hatte ver- sengen müssen, um die Blutung zu stillen. »Welches große Haus würde mich schon wollen?« sagte er trü- be. »Sei kein Narr«, sagte Josen. »Tornor ist nicht die Welt. Gefällt es dir hier denn so gut, daß der Gedan- ke, es zu verlassen, dich in Angst und Schrecken ver- setzt?« Kerris fand keine Antwort. »Überleg es dir doch!« sagte der alte Mann. »Wenn du ...« Ein Horn erschallte von der Festungsmauer, scharf, klar und hell. Josen wandte sich dem Klang zu. Er legte das Mes- ser und den Federkiel beiseite. TähtähTÄH, sang das Horn: Fremde ziehen heran. »Endlich«, sagte der alte Mann. Der Hof hallte wi- der vom Getrappel rennender Füße. Ein zweitesmal sang das Horn, vibrierend und in anderer Tonart. Kerris übersetzte das Tonmuster automatisch in Worte. Der Hornist hatte die Meldung hinzugefügt: Fremdlinge auf Pferden nahen sich auf der Weststraße. »In vier Tagen hätte ich keine Tinte mehr gehabt«,, sagte Josen. Er ließ das kleine Messer in die Scheide gleiten. »Gehen wir rüber auf die Mauer?« Sie gingen zur Treppe. Vom Torbogen flutete Trygs Stimme zu ihnen herauf. »Die Kaufmannszüge kom- men nicht über die Weststraße«, sagte er. »Das kön- nen nicht die Händler sein.« Morven stand im Inneren Hof. Er runzelte bei den Worten des jungen Wachtposten die Stirn. Die Wehr- gänge waren dichtgedrängt voller Soldaten und Stallburschen, Küchenhilfen und Zimmermädchen. Morven blickte ungeduldig drein. Der Anstand ver- langte, daß er im Inneren Hof wartete. Es schickte sich nicht für den Herrn der Burg, sich den Kopf über der eigenen Festungsmauer zu verrenken. Wieder ertönte das Horn. »Es ist ein Kurier von Cloud Keep«, sagte eine Männerstimme. »Nööö, es ist eine Schafherde!« sagte eine andere Stimme. Unter den Mauern begannen die Hunde wie irre zu bellen. »He, laß andere Leute auch mal was sehen!« Josen fragte: »Kannst du etwas erkennen?« »Nichts. Nur einen Haufen von Rücken«, sagte Kerris. Er war nur geringfügig größer als Josen. Das Horn plärrte seine Botschaft in den Tag hinein. Kerris faßte festen Halt an einem vorspringenden Steinstück und hievte sich in die nächstgelegene Schießscharte hinauf. »Vorsicht!« mahnte Josen. Kerris stemmte die Füße gegen die Zinnen und blickte nach Osten. Da schwankten keine Wagen über die Straße. Er schaute nach Westen. Reiter. Er zählte. Es waren sieben, und ein Pferd ohne Reiter. Der vor- derste Mann ritt weit voraus, und das Sonnenlicht, spiegelte sich in seinem Haar wider, und das Haar war dicht und blond und hüftlang und war mit dem roten Schal der Chearis zurückgebunden. »Was kannst du sehen?« Josens Stimme schien von sehr weit entfernt zu ihm zu dringen. Die Leute auf den Mauern riefen einan- der zu. Kerris Beine zitterten. Er kannte die Ankom- menden: Jensie, neben ihr Riniard, Elli und Ilene wie Schatten, Calwin, untersetzt und klein, Arillard, ernst und stumm ... Kerris ließ sich hart auf den Stein zwi- schen den Schartenbacken nieder. Er kannte sie. Alle. »Was ist denn?« fragte Josen. »He, Kerris, so sag doch schon was!« drängelte Tryg. Sie warteten auf seine Antwort. Er hob das Kinn. »Es ist ein chearas.« Er brauchte ihnen nicht zu erklären, welcher es war., 2. Kapitel Morven hieß die Chearis im Großen Saal willkom- men. Kerris schaute vom Turmfenster aus zu, wie sie über den Inneren Hof schritten – mit jenem unglaub- lich graziösen Gang, der ihnen zu eigen war. Sie tru- gen Tunikas aus Wolle und weiche Reithosen, unter denen das Tuch ihrer Hosen sichtbar wurde, und ho- he Reitstiefel. Nach einer Weile kam ein Page an die Treppe zum Turm. Er hatte eine Botschaft: Kerris wurde aufgefor- dert zu kommen. Als er über den Hof ging, sah Kerris in den Fenstern Gesichter auftauchen, die ihn an- gafften. Auch die Wachen auf den Wehrgängen be- obachteten ihn neugierig. Beide Türflügel waren zurückgeschlagen, Sonnen- licht durchflutete die Halle. Die Chearis standen am anderen Ende, nahe beim Tisch des Kommandanten. Der Waffenmeister, Temeth, ein stiller Mann mit kantigem Gesicht, den Kerris nur vom Sehen kannte, stand an Morvens Seite. Kerris verneigte sich vor seinem Onkel. »Ihr habt mich rufen lassen, Herr?« Die Sonnenhelle, die von den uralten Wandteppi- chen zurückgestrahlt wurde, schien auf Kel zuzuflu- ten. Die übrigen Chearis bildeten hinter ihm einen Halbkreis. »Ja«, sagte Morven und rieb sich die Hände. Kerris hatte ihn diese Geste nie zuvor machen sehen. »Komm her, Junge!« Er nannte ihn sonst niemals »Junge«. »Es ist mir eine große Freude, dich deinem älteren Bruder vorstellen zu können. Hier ist er«,, sagte er zu Kel. Merkwürdig, dachte Kerris, bei all den vielen Ma- len, bei denen ich sein Denken mit ihm geteilt habe, habe ich niemals sein Gesicht gesehen ... »Du bist gewachsen, seit ich dich das letztemal sah«, sagte Kel. Seine Stimme klang tiefer und melodiöser, als Ker- ris sie sich vorgestellt hatte. Die Augen waren grau. Und er war größer als Kerris, größer als Morven. Kerris sagte: »Damals war ich ja auch noch jünger.« »Du warst ein Baby.« Kel streckte die Hand aus. »Ich habe lange gebraucht, hierher in den Norden zu kommen, aber ich hatte es stets vor«, sagte er. »Ich bin gekommen, um dich mit in den Süden zu neh- men, wenn du bereit bist mitzukommen. Willst du?« Kerris Atem ging stoßweise in seiner Kehle. Er be- feuchtete sich die Lippen mit der Zunge und schaute Morven an. »Herr, habe ich Eure Erlaubnis zu ge- hen?« Morven strich glättend über den bestickten Kragen seines Hemdes. »Du bist kein Kind mehr. Es wird natürlich ärgerlich sein, wenn du fort bist. Es könnte schwer werden, einen Ersatzmann für dich zu finden – wir werden uns wohl an die Schreibergilde wenden müssen und um einen Gehilfen bitten ...« Er blickte Kel kurz an, holte Luft. »Doch ein Bruder ist dem Herzen näher als ein Onkel. Natürlich lasse ich dich gehen.« Kel vollführte mit der ausgestreckten Hand eine Drehbewegung. Kerris erschrak, als plötzlich Riniard an seiner Seite stand. »Wenn du nichts gegen meine Gesellschaft einzuwenden hast, helfe ich dir packen«, sagte Riniard., »Jetzt gleich?« fragte Kerris. »Jetzt gleich!« sagte der Cheari. Kel zu verlassen, das war wie die Sonne zurücklas- sen. Benommen ging Kerris voran, über den Burghof zu den Stufen zum Turm. Josen befand sich nicht in dem kleinen Turmgemach. Kerris fragte sich, ob er vielleicht noch auf der Mauerbrüstung weilte. Riniard streifte die zwei Betten und den Langtisch mit einem Blick. »Du lebst also hier?« fragte er. »Ja. Ich bin ein Schreiber.« Riniard strich durch den Raum wie ein Fuchs in ei- nem Käfig. Er klopfte mit der Faust gegen den gußei- sernen Fensterrahmen. »Hier drin würde ich verrückt werden«, sagte er fröhlich. »Welches ist dein Bett?« Kerris wies es ihm. Riniard zog die Wolldecke von dem Leinenlaken. Er kniete sich auf den Boden und faltete sie einmal längs zusammen. »Nimm einen warmen Mantel mit!« befahl er. »Kleider, Zunder- büchse und Flintsteine, und was du an Geschmeide mitnehmen willst ...« Kerris' Mantel lag in der Zedernholztruhe unter den Fenstern. Er holte ihn. Der vertraute Duft des Zedernholzstaubes schmerzte ihn in der Kehle. Er stützte den schweren Deckel mit der Schulter und wühlte in den Kleidern in der Truhe. Er zog ein zweites Leinenhemd heraus, eine Wolltunika, die Paula für ihn gemacht hatte, seinen Schafpelzmantel und sein Reitleder. Das rostfarbene Lederzeug war steif, weil es so lange nicht benutzt worden war. »Zieht ihr bald fort?« fragte er, als er die Tunika und die anderen Kleidungsstücke zu Riniard hinüber- brachte. Riniard schüttelte den Mantel aus und rollte ihn, fest in die Decke ein. »Sofort«, sagte er. »Aber ihr werdet doch noch bleiben und – tanzen?« »Nein«, sagte der Rotschopf. Er klopfte eine Falte in der Decke glatt. »Der Tag ist jung, und wir müssen eine Strecke hinter uns bringen. Sefer wartet in Elath, und Kel hat es eilig.« Er rollte die Decke zu einer fe- sten Wurst zusammen. »Hast du eine Schnur?« Kerris suchte und fand einen Lederriemen. Riniard ver- schnürte die Deckenrolle. Er nahm sie unter den Arm und stand auf. »Das da ziehst du besser auch an«, sagte er und wies mit dem Kinn auf die lederne Reit- kleidung. Kerris tat, wie ihm befohlen, obschon er sich nicht gern in Gegenwart anderer aus- oder an- zog. »Wo ist dein Messer?« Kerris schob die Metallschließe des Gürtels mit dem Daumen in das Loch und zog die Lasche des Gürtels durch die Metallschlinge. Als er fertig war, schaute er Riniard an. »Ich besitze keins.« Er machte sich stark für den Blick der Verachtung oder des Mitleids. Riniard aber hob nur eine rotbraune Augenbraue. »Oh.« Er wandte sich zur Tür. »Gehen wir?« Kerris folgte ihm. Sein Herz jagte, das Reitleder schlug ihm hinderlich gegen die Beine, während er die Treppe hinabstieg. Josen hatte sich unsichtbar gemacht, er war nicht auf dem Wehrgang. Aber Paula wartete auf ihn im Inneren Hof. Hier draußen im Freien wirkte sie noch gebrechlicher als in der Küche. Kerris legte ihr den Arm auf die Schultern und drückte seine Lippen auf ihre Wange. Sie stieß ihn sanft weg. »Chelito!« Die Stimme war weich. »Es ist gut, daß du fortgehst.« Sie strich ihm, mit der Hand über die Stirn. »Du gehörst nicht hier- her. Du hast nie hierher gehört. Das ist ein zu kaltes Land für dich.« Er zog sie erneut fester an sich. »Kerris«, murmelte Riniard. Kerris hob den Kopf. Morven kam aus der Halle. Hinter ihm her gingen die Chearis, paarweise wie Soldaten. »Ich werde dir schreiben«, sagte er zu Paula. »Hah!« machte sie. »Du wirst mich bald vergessen haben – und recht so! Schreib mir nicht, Junge. Ich sehe nicht mehr genug, um es zu lesen.« Kel wandte sich höflich an Morven. »Dank Euch für den Proviant, mein Herr. Es tut uns leid, daß wir nicht bleiben können. Doch wir sind sehr in Eile.« »Wir sind geehrt, selbst durch einen solch kurzen Besuch«, sagte Morven. Er nickte Kerris freundlich zu. »Viel Glück! Wenn dein Bruder dir eine zu schnelle Gangart einschlägt, dann komm zurück!« Kerris schaute Kel an. Die Lippen seines Bruders zuckten. »Ich werde nur mäßig schnell vorangehen«, sagte er. »Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, Herr!« »Eure Tiere stehen am Tor«, sagte Morven. Die Chearis strebten auf das Tor zu. Kerris warf ei- nen Blick zurück zu Paula hin. Sie hockte da wie ein steinernes Grabbild. Nur in den Augen glühte Leben. Nun geh schon endlich! sagten die Augen. »Du kannst doch reiten?« fragte Riniard. Er führte Kerris zu einer schimmernden Rappenstute. »Sie heißt Magrita. Und ich habe sie selber zugeritten. Sie ist ein Halbblut, halb Steppenpferd, halb Wüste, und sie hat die besten Eigenschaften von beiden, glaube ich. Und sie ist weich wie Butter. Bist du das nicht,, meine Dame?« Die Ohren der Stute zuckten nach vorn, als habe sie verstanden. Kerris kraulte sie unter dem Kinn, und sie schob ihre Nüstern in seine Hand- fläche. »Und sie ist außerdem auch schnell«, fügte Ri- niard hinzu. »Ich kann reiten«, sagte Kerris. Riniard verschnürte die Deckenrolle für ihn am Hinterzwiesel des Sattels. »Jo!« Der Ruf und das Geräusch laufender Füße ließ die Chearis peitschenschnell herumfahren. Tryg kam herangekeucht. »Entschuldigt«, schnaufte er. Er hob beide Hände empor. »Dies ist für Kerris. Von Jo- sen.« Kerris trat vor, um zu sehen, was es sei. Es war ein Messer in einer schönverarbeiteten Lederscheide. Die Chearis drängten sich heran, um es zu bewundern. Das Heft war aus punziertem Bein, und der Buchsta- be »K« in Südländerschrift war darauf eingegraben. Kerris hielt das Geschenk unsicher in der Hand. Am offenen Ende der Scheide war eine Schlaufe an- gebracht. »Es sollte getragen werden«, sagte Kel. Er streckte die Hand aus. »Darf ich?« Kerris legte das Messer in die Handfläche. »Mach den Gürtel auf!« be- fahl Kel. Während Kerris den Gurt aus der Schnalle löste, zog Kel das Messer aus der Scheide. Jemand – möglicherweise Josen selbst – hatte das Leder gefet- tet. Die Klinge glitt mit tödlicher Leichtigkeit heraus. Sie war hammerpunziert und beidseitig zu einer fei- nen Schärfe geschliffen – sie war klar und schön. Kel schob die Schlaufe der Scheide über Kerris' Gürtel. Dann trat er einen Schritt zurück und ließ Kerris die Schnalle schließen. Tryg stand wartend da. »Sage Josen meinen Dank«,, sagte Kerris. Er fingerte an der Scheide herum. Er spürte das ungewohnte Gewicht des Messers fremd- artig an seinem rechten Schenkel. Er fühlte, wie sich Tränen unter seinen Augenlidern sammelten. »Das werde ich«, sagte Tryg. Er lächelte. »Paß auf dich auf!« »Ich werde aufpassen«, sagte Kerris. Tryg zögerte, dann trat er rasch auf Kerris zu. Hastig umarmten sie einander. Trygs Hände waren hart, und seine Kleider rochen nach Sattelfett. Dann ging er mit langen Schritten auf das Tor zu und hindurch. Kerris blickte ihm nach, sah, wie er verschwand. Als er sich wieder zu den Chearis umwandte, bemerkte er, daß er zit- terte. Kel legte ihm die Hand auf die Schulter. Damit war er augenblickskurz in ihren Kreis einbezogen. »Reiten wir, Chearis! Ich will es bis zum Galbareth in sieben Tagen schaffen.« Kerris überprüfte die Steigbügel seiner Stute. Sie schienen recht zu sein für ihn. Er packte die Zügel und schwang sich in den Sattel. Magrita stand wie ein Felsblock. Er hatte erwartet, daß sie unter ihm seitlich ausbrechen würde. Er strei- chelte ihr den Hals und erklärte ihr, sie sei ein gutes Mädchen. »Das ist sie, weiß Gott«, sagte Riniard geschmei- chelt. Kel ritt einen hohen roten Hengst. Er wendete den Kopf seines Tieres dem Tor zu. »Hallo, Callito«, rief er. Die Wachtposten hoben ihre Speere zum Gruß. »Gehabt euch wohl, ihr in der Burg!« rief er. Kerris dachte: ich müßte auch etwas sagen. Aber ihm fiel nichts ein. Er preßte Magrita die Knie in die Flanken. Die Chearis zogen los. Als sie unter dem Bogen der, Äußeren Mauer hindurchflogen, bauschten sich die Fahnen im Wind. Kerris blickte hoch. Auf den Zinnen tanzten die Köpfe. Der Reitertrupp erreichte die Stra- ße. Sand staubte leicht unter Magritas behenden Hu- fen. Der Weg war staubig und besonnt, von alten Wagen- spuren durchfurcht. Kerris fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, die der sich drehende Wind mit Staub bedeckt hatte. Es hatte seit acht Tagen nicht mehr geregnet; das Gras zu beiden Seiten der Straße war braun und hing vor Hitze schlaff zu Boden. Sie ritten über die Brücke über den Rurian. Die Hufe der Pferde hämmerten auf den Holzbohlen. Hinter der Brücke wandte die Straße sich nach links und folgte dem Flußlauf nach Osten. Kerris blickte zurück. Die Feste beherrschte die Szenerie. Er schaute nach We- sten. Der Rauch von Dorf Tornor stieg da in die Luft. Zwischen dem Dorf und ihrer Straße lag dunkel, ver- krüppelt und dicht ein Wald von Zwergkiefern. Riniard war zurückgefallen, nachdem sie die Brük- ke hinter sich gelassen hatten. Er ritt nun an Jensies Seite. Er schien sie mit irgend etwas zu necken. Kerris konnte sie lachen hören. Es war ein wunderschönes Lachen, wie perlendes Wasser. Scheu blickte er die Frau an, die jetzt an seiner Seite ritt. Sie hatte ein gel- bes Hemd an, in dem ihre kleinen festen Brüste hüpften. Sie spürte seine Augen auf sich und lächelte. »Hallo«, sagte sie. »Ich bin Elli.« Er hätte beinahe gesagt: Ich weiß. Aber er bremste sich noch rechtzeitig. »Du weißt, wer ich bin.« »Aber ja«, sagte sie. »Dies hier ist Tula«, fügte sie hinzu und tätschelte den gebogenen Hals ihres, schwarzbraunen Tieres. »Aber du solltest dich nicht übervorteilt fühlen. Wir wissen nicht viel über dich. Kel hat uns ein bißchen was gesagt, aber sogar er weiß nicht sehr viel.« Sie legte den Kopf kokett zur Seite, während sie sprach. Im Sattel saß sie kerzenge- rade wie ein Speerschaft. Ihre Haut war braun wie Honigmilch. Das Haar war kraus und sehr schwarz. Kerris dachte: ich weiß mehr von dir als du von mir. Er wußte, daß sie und Jensie sich vor einem Jahr dem Chearas angeschlossen hatten, daß Cal seit drei Jahren dabei war, und daß Jensie und Riniard ein Liebespaar waren, daß Arillard und Ilene und Kel zu- sammen gegen die Asech gekämpft hatten, daß Rini- ard als Letzter zum Chearas gestoßen war ... Das alles wußte er. »Wir waren lange voneinander getrennt«, sagte er. »Ja. Das hat Kel uns gesagt. Du bist in den Norden gebracht worden, als du noch ein Baby warst, wäh- rend er an der Grenze kämpfte, und du lebtest da während der Überfälle und auch während der ganzen Zeit, in der er bei Zayin lernte.« Kerris hatte keine Ahnung, wer Zayin sein mochte. »Den Arm hast du bei einem Überfall der Asech verloren. Und du bist sechzehn? Siebzehn?« »Siebzehn«, sagte Kerris. Die beiläufige Anspielung auf seine Verstümmelung ließ ihn sich innerlich ver- krampfen. »Wie alt bist du?« »Ich? Uralt. Ich bin zwanzig.« »Ach, das ist doch nicht alt!« rief Riniard von hin- ten. »Älter als du, du Taugenichts!« gab sie zurück. »Ein Jahr, bloß ein ganzes Jahr!« rief Riniard. Reden lenkte ab; und Kerris war es nur recht, wenn, es die anderen taten. Die Zwergkiefern verschwan- den hinter ihrem Rücken, der Forst verschmolz mit dem Dorf, das Dorf mit den Hügeln. Nun sah er nur noch die Steppe, braun und kahl und öde ringsum. Außer dicht am Fluß war das Gras buckelig, wo die Schafe es abgeweidet hatten. Er roch den Duft der Erde. Er war stärker als Wein. Zikaden schrillten im Gras. Ein Habicht segelte mit weitgespannten Schwingen von Ost nach West über den azurblauen Himmel. Die Straße schlängelte sich über die Ebene. Sie ritten an Bauerngehöften vorbei, an Schafherden, gelegentlich sahen sie einen Hirten, aber sie und die ziehenden Vögel waren die einzigen Reisenden un- terwegs. Stetig ritten sie über die flache braune Welt, und der Wind und die Sonne waren ihre Gefährten. Am späten Nachmittag gebot Kel zu halten. Kerris glitt dankbar vom Rücken seiner Stute Magrita. Seine Schenkel waren wundgeritten, trotz des schützenden Leders, und sein Arm schmerzte ihn vom Hals bis in die Fingerspitzen. Er setzte sich in das hohe fahle Gras und bewegte die Finger, um den Krampf zu lö- sen. Kel und Calwin führten die Pferde zum Fluß. Die Chearis setzten sich in einem Kreis nieder. Das Sum- men der Insekten, das verstummt war, hob von neu- em an. »Ich habe Blasen unter meinen Schwielen«, sagte Jensie. Sie lag flach auf dem Rücken, den Kopf in Ri- niards Schoß gebettet. »Und ich habe Hornhaut über meinen Blasen«, sagte Elli. »Nun jammert mal schön, ihr Lieben«, sagte Rini- ard und streichelte dabei Jensies Haar., »Ich bin es leid, auf dem Feld zu schlafen«, maulte Jensie. »Ich liebe Betten.« Kel kam vom Fluß heraufgestapft. Cal dicht da- hinter. »Du kannst in einem Bett schlafen, wenn wir in Elath sind«, sagte er. Seine Stiefel waren schlamm- verschmiert. Er hockte sich zwischen Ilene und Kerris nieder. Sein Hemd stand bis zur Hälfte der Brust of- fen, die Sonne glühte an der weichen schönen Kontur seines Nackens. »Hier!« Er warf Elli einen Beutel in den Schoß. Sie öffnete ihn. »Mjamm«, sagte sie. Der Sack war voller Dörrfleischstreifen. Sie nahm zwei davon und reichte einen an Kerris weiter. »Dank dir«, sagte er. Langsam begann er das salzi- ge, scharfe Fleisch zu kauen. Ein Wasserschlauch kreiste in der Runde. Als er bei Kerris anlangte, war er nur noch halbvoll. Er hob ihn an die Lippen. Das Wasser schwappte in ihm. Kel hielt den Schlauch für Kerris fest. Die Flüssigkeit schmeckte schal, aber erfrischend. Er reichte den Sack an Elli weiter. Sie hob ihn an. »Ihr seid alle Ferkel.« »Im Fluß gibt's mehr«, sagte Riniard. Sie trank und schnitt ihm ein saures Gesicht. Arillard lag da, die Arme über die Augen gekreuzt. »He, du Greis!« Elli stupste ihn in die Rippen. »Was- ser!« Er streckte einen Arm aus, faßte den Schlauch und trank geräuschlos. Er war windhundsdünn und der hochgewachsendste unter den Chearis. In seinem langen dunklen Haar zeichneten sich graue Strähnen ab. Cal schleuderte etwas – es sah aus wie zwei Stein-, chen – in die Luft und fing es mit der flachen Hand wieder auf. »Wer will ein Spielchen machen?« sagte er zu Elli. Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht in der Stim- mung dafür.« Kel fragte leise an Kerris' Ohr: »Bist du sehr wund- geritten?« »Nein.« »Gut.« Die Musik des Flusses schien plötzlich lauter zu klingen. Kerris tastete nach dem Sack und holte sich ein zweites Stück Dörrfleisch heraus. Er saugte daran bis es geschmeidig wurde. Die Sonne schien warm, und das Gras war weicher als ein Strohsack. Er ließ sich zurücksinken, beschattete die Augen mit dem Arm. Er schloß einen Augenblick lang die Lider ... Als er erwachte, war Kel verschwunden, und Elli rüttelte ihn. »Wach auf!« sagte sie. »Wir müssen weiter.« Er blinzelte. Die Sonne war weitergewandert. Die Augen fühlten sich verklebt an. Er rieb sie. »Ich bin weggenatzt.« »Das bist du«, sagte Elli. Riniard türmte sich vor ihnen auf. »Faulpelze«, spottete er. »Yahi!« sagte Elli und hakte ihren Fuß um seinen Knöchel und zog dem Rothaarigen mit einem Ruck das Bein fort. Er stürzte zu Boden. Kerris zog blitz- schnell seine eigenen Beine zurück. Riniard schnellte sich noch im Fall in der Luft herum und landete auf der Flanke. Der rechte Arm klatschte auf die Erde. Er sprang auf die Beine. »Recht hübsch«, meinte er. »Pah!« sagte Elli. Sie stand auf und streckte Kerris, die Hand hin. Er faßte sie. Die Finger waren warm und stark. »Fertig?« fragte sie und zog ihn, ohne auf seine Antwort zu warten, empor. Sie kamen an eine Wegekreuzung und ein Dorf. Frauen mit großen aus Weidenzweigen geflochtenen Körben voll Wäsche winkten ihnen vom Flußufer zu. Ratternd holperte ein Karren vorbei, hochbeladen mit entrindeten Baumstämmen. Die Straße verbreiterte sich. Hier und da trennte ein Steinmäuerchen die Straße von den Feldern und Weiden. Kerris hätte gern gewußt, wo sie sich befanden. Die Landschaft war noch immer öde, flach und grasbewachsen. Er fragte Elli: »Sind wir schon in der Nähe von Galba- reth?« Sie schüttelte den Kopf. »Noch vier Tage.« Sie machten nicht wieder Rast hier. Als sie dann bei Sonnenuntergang anhielten, fühlte sich Kerris wie ausgelaugt vor Übermüdung. Der Kopf war für den Hals zu schwer, der Rücken schmerzte. Jemand nahm Magritas Zügel aus seinen müden Fingern. Er ließ es geschehen. Verschwommen nahm er Lichter wahr, Leute, die um ihn herumwuselten, roch er den Ge- ruch von Essen und von Schafen. Sein Stiefel stieß an einen Felsbrocken. Er stolperte. Eine Hand schloß sich um seinen Oberarm und bewahrte ihn vor dem Sturz. Es war Kel. Der Bruder ließ ihn los und klopfte ihm auf die Schulter. »Ruh dich richtig aus!« sagte er. Eine dunkelhaarige Frau in grober Kleidung trat vor Kel hin. Sie verneigte sich, die Handflächen vor der Brust gefaltet. »Darf ich einen Augenblick lang mit dir sprechen, skayin?« »Du irrst«, sagte Kel freundlich. »Ich bin kein Leh-, rer. Aber natürlich kannst du mit mir reden.« »Wir müssen wissen, wie viele ihr seid und ob Platz genug sein wird für euch in der Halle.« »Wir sind zu siebt – nein, zu acht«, sagte Kel. »Wie groß ist die Halle? Zeig sie mir!« Er ging fort. Kerris lehnte sich gegen einen Pfahl. Die Küchen- düfte ließen seinen Magen zusammenkrampfen. Aus einer Gasse kam ein Hund geschossen und verbellte die Fremdlinge. »He, du!« fragte Elli. »Alles in Ord- nung?« »Bloß müde«, murmelte Kerris. Er reckte sich hoch. Im Licht der untergehenden Sonne sahen die grauen flachen Häuser häßlich aus. »Wo sind wir hier?« »Es ist eine Siedlung namens Brath. Die Leute hier werden uns ein Nachtquartier geben und was zu es- sen.« Sie bog den Kopf in den Nacken und streckte die Arme, bis ihre Schultern knackten. Von den Stäl- len kam ein Junge herübergelaufen. Er kurvte, um den Pfahl zu vermeiden, und stieß dabei gegen Ker- ris. Er sprang zurück, riß die Augen weit auf und stammelte Entschuldigungen. Kerris dachte: der glaubt wohl ich gehöre zum Chearas! Die Halle war dunkel. Es roch schwach nach Wein. Kerris ließ sich auf eine Bank fallen. In seiner Nähe flammte ein Licht auf; er schloß die Augen. Plötzlich verspürte er die Wärme eines Körpers an seiner Seite, Finger stießen ihn sanft in die Rippen. »He, du!« sagte Kel. »Schlaf mir hier nicht ein! Du verpaßt ja den ganzen Spaß!« Kerris riß die Augen auf. Kel hatte ihm die Leder- beinstulpen ausgezogen. »Ich bin wach.« Die langen Finger seines Bruders umschlossen sanft seinen Unterarm. »Schau!« sagte er. Er hob Ker-, ris Hand hoch und hielt die seine daneben. »Schau dir das Muster an!« Abgesehen von den Narben und dem stark verdickten Handgelenk Kels, waren beide Hände gleich, Rundung um Rundung, Falte für Falte, Nagel um Nagel. »Ja«, sagte Kerris. Kel ließ ihn los und lehnte sich an die Wand zu- rück. Er schaute drein, als freue er sich über etwas, und er wirkte überhaupt nicht müde. »Elli«, sagte er. Elli schnürte gerade ihr Reitleder auf. Sie blickte zu ihm auf. »Sehe ich aus wie Kerris?« Elli legte den Kopf schief. »Du bist größer. Und er hat dunklere Haare.« Sie kratzte sich an der Nase. »Aber ... ja, ja, ihr seht euch ziemlich ähnlich.« »Aber ...« Kerris zögerte. »Das glaube ich nicht.« »Wir können das beide nicht richtig beurteilen«, sagte Kel. »Du siehst Mutter ähnlich.« »Unserer Mutter?« »Ja. Du warst drei Jahre alt, als sie starb, aber ich war schon zwölf, und ich erinnere mich noch sehr genau an sie. Du hast ihre Augen.« Er stand auf. Elli tat es ihm nach. »Und jetzt mußt du zuschauen«, sagte Kel. Kerris drehte den Kopf zur Seite, folgte Kel mit den Augen, fragte sich, wobei er zuschauen sollte. Der Raum schien auf unerklärliche Weise voller Menschen zu sein. Kerzen flammten in eisernen Hal- tern, warfen überallhin Schatten. In der Mitte des Raums war Platz freigelassen. Dort formten die Chea- ris ihren Kreis. Stampfen! Ein Stiefel traf den Boden, der erzitterte. Stampfen! Kel löste sein Haar. Stamp- fen! Es flutete wie goldene Seide seinen Rücken hin- ab. Er berührte Ilene. Ihre Hände verflochten sich in- einander, sie brachen auseinander, verbanden sich,, trennten sich, sie drehten sich kreisend – jede Bewe- gung rasch und genau wie ein Schwerthieb im Rhythmus der stampfenden Füße. Die anderen Chea- ris folgten ihnen, trafen zusammen, drehten sich, ver- einten sich, wirbelten, webten ein Muster, eine Kette der Anmut, leuchtend wie eine Tapisserie. Kel ver- band sich mit Elli, verließ sie, verband sich mit Rini- ard, fiel von ihm ab, traf auf Ilene, folgte ihr. Riniard wirbelte in einer feurigen Pirouette um sich selbst. Jensie und Elli tanzten spiegelbildlich, imitierten ihre Bewegungen. Kel sprang zwischen die beiden. Elli verband sich mit Arillard, Calwin lockte Jensie, ihm rings um das wirbelnde Muster von Leibern zu fol- gen, Riniard und Ilene und Kel trafen zusammen, spielten miteinander, sprangen in die Luft – wirbelten – pulsierten – vereinigten sich – brachen auseinander – stampften alle zusammen – stießen einen Schrei aus – und gefroren zu Eisesstarre. Sie standen wie Statu- en, ihr Atem ging hart, ihre Fingerspitzen berührten einander, die Gesichter und Kleider waren naß von Schweiß. In Kerris' Nacken waren alle Haare gesträubt. Er war aufgesprungen. Er erinnerte sich nicht daran, aufgestanden zu sein. Die Dorfbewohner schrien und stampften vor Begeisterung. Die Chearis lächelten. Kerris starrte zu ihnen hinüber, dann ließ er sich zu Boden gleiten. Plötzlich zitterten ihm die Beine. Die Menge wurde dünner, als Kel durch sie hin- durchging. Seine helle Haut leuchtete vom Schweiß. Er legte Kerris die Hand auf die Schulter. »Hat es dir gefallen?« »Ja«, sagte Kerris. »Es hat mir gefallen.« Elli ließ sich neben ihm auf den Boden fallen. Sie, atmete tief und heftig. »Kurz und fein und – ojeh, was bin ich müde«, sagte sie. »Was hältst du davon, Ker- ris?« Kel gab für ihn Antwort: »Er ist mein Bruder, also hat es ihm selbstverständlich gefallen.« Verlegen kamen die Dörfler mit Tellern voll Essen herein: Brot, Beeren, Fleischpasteten und Käse. Die Chearis drängten sich um die Platten und stritten sich um den Wein. Kel sagte zu Ilene: »Den Rhythmus können wir schneller nehmen.« Sie neigte den Kopf. Er trommelte mit den Fingern auf dem Boden. Kerris lauschte auf das Lachen, die Spannkraft der Chearis flößte ihm Ehrfurcht ein. Er begriff nicht, wie sie tan- zen konnten, nachdem sie den ganzen Tag lang über Gebirge und die Steppe geritten waren. Elli drückte ihm einen Kanten Brot in die Hand. Er aß, ohne es zu schmecken. Er hatte das Gefühl, als steckten seine Augen voll Sand. Er ertrank in Müdigkeit. »He, Kel!« rief Riniard über seinen Kopf hinweg. Eine Hand faßte ihn unterm Kinn und hob es hoch. Er blinzelte und schaute in die Augen seines Bruders. »Müde?« fragte Kel leise. »Ja. Ich bin das Reiten nicht gewohnt.« Kels Hand war warm. Und ich bin es auch nicht gewohnt, daß man mich berührt, dachte er. Aber die Hände Kels auf seinem Körper fühlten sich gut und richtig an. Doch das war dummes Zeug. »Du brauchst Schlaf. Elli, wo hast du Kerris' Schlaf- rolle hingetan?« »Dort drüben in der Ecke«, antwortete Elli. »Ist es weit?« fragte Kerris wie ein kleines Kind. Kel gluckste. »Nein«, sagte er und ließ sich aufs Knie nieder. »Entspann dich! Ich bring dich hin.«, Ein Arm glitt unter seine Knie. Ein zweiter Arm schlang sich um seine Schultern. Die Welt schwankte trunken um ihn. »He, was ist?« fragte er. »Das war's«, sagte Kel. »Lieg still, chelito!« Kerris lag ganz still, das Kosewort wärmte ihn ... Kel zog ihm die Stiefel aus, schnürte die Reitleder auf, zog das Messer von seinem Gürtel. Die Decke streifte sein Kinn. Sie roch nach Tornor. Finger streichelten seine Stirn. Schlaf! befahlen sie. Und Kerris schlief., 3. Kapitel Kerris träumte. Sein Bruder war nach Tornor gekommen, träumte er. Und er, Kerris, war mit ihm aus der Burg fortge- zogen. Eine Stimme sang in seinem Traum: »... ich bin ein Fremdling in einem fremden Land, ich bin verstoßen, wohin ich immer geh ...« Der Gesang brach ab. Kerris öffnete die Augen. Die Kleider klebten ihm am Leib. Er drehte den Kopf, erwartete dort, Josen zu sehen, wie er im Turmzimmer herumhantierte. Neben ihm kniete Elli und rollte ihr Bettzeug zusammen. Sie lächelte ihn breit an. »Weißt du noch, wer wir sind?« »Hm?« Er reckte sich. Sein Körper schmerzte ab- scheulich. »Was ist?« »Es ist Morgen. Wir werden bald aufbrechen. Hast du Ilene singen hören?« »Ja.« Kerris stützte sich auf dem Ellbogen auf. Quer durch den Raum winkte ihm Riniard zu. Er trug zwei Schlafrollen, seine eigene und die Jensies. Er stapfte durch die Tür. Kerris hörte ihn draußen rufen. »Weißt du, wo du bist?« fragte Elli freundlich. »Einer Siedlung.« Er setzte sich auf. »Sie heißt Brath«, sagte Elli. »Wir sind in der Ver- sammlungshalle des Dorfs.« Kerris nickte. Man hatte die Bänke an die Wand gerückt, um Platz für die Schlafstellen der Chearis zu schaffen. Die Holzwände waren glatt von Alter und Abnutzung und schim- merten wie Bronze. Die Halle roch nach Talg und Wein. »Wir haben hier gestern abend getanzt, weißt du noch?« Kerris erinnerte sich. Also war es kein, Traum gewesen. Es war wirklich geschehen. Er holte tief Luft, sprachlos vor Entzücken und Begeisterung. Jensie steckte den Kopf durch die Tür. »Frühstück wartet hier draußen«, sagte sie. Elli nahm ihre Bettrolle unter den Arm. »Ich heb dir was auf.« Sie ging hinaus. Kerris rubbelte sich das Gesicht wach. Auf einer der Bänke hockte eine ge- fleckte Katze und wusch sich ebenfalls das Gesicht. Irgend jemand schlief noch, schnarchte leise in die Falten seines Bettzeugs. Kerris starrte zu dem Schla- fenden hinüber. Er kam zu dem Entschluß, daß es Cal sein müsse. Wieder schaute er sich in der Halle um. Beinahe rechnete er damit, daß sich die honigbraunen Wände auflösen und zu den düstergrauen Steinwän- den Tornors werden könnten. Er tastete nach seinen Stiefeln, und seine Finger berührten das steife Leder seines Gurtes. Als er ihn aufhob, spürte er das Ge- wicht des Messers, das Josen ihm geschenkt hatte. Auch das war Wirklichkeit, kein Traum. Unbeholfen fummelte er, bis der Gurt saß. Er zog sich die Stiefel über und verschnürte die Schutzleder über den Schenkeln. Die Katze sprang von ihrer Bank und stakste zu Cal hinüber. Sie schnüffelte an seinem Haar. Kerris rollte seine Decke zu einem unhandli- chen Ball. Das Messer schlug sacht gegen seinen rechten Schenkel, als er hinausging, um sich zu dem Chearas zu gesellen. Die Chearis standen in ihrem vertrauten Kreis um ein Feuer. Ein dunkelhaariges Weib stand bei ihnen. Kerris erkannte sie wieder: sie hatte am Abend vorher mit Kel gesprochen, hatte sich vor ihm verneigt, hatte ihn als »Lehrer« angeredet, als skayin. Mit Kel sprach gerade ein kleingewachsener Mann mit enorm brei-, ten Schultern. Über dem Feuer brutzelten Würste auf Spießen. Kerris' Magen grollte. Er ließ sein Schlafzeug fallen und drängelte sich zwischen Ilene und Elli in den Kreis. Der Stumpen von Mann streifte ihn kurz mit einem Blick. Kerris fragte sich, wer der wohl sein mochte. Er trug lange braune Hosen und ein cremefarbenes Hemd. Vom Gürtel baumelte ein Messer. Das Futteral war vom langen Gebrauch ganz abgegriffen. Auch die dunkelhaarige Frau trug lange Hosen und weiche Lederstiefel ohne Absätze. Ihr Gesicht wirkte ange- nehm und ruhig. Ihre Bewegungen waren graziös, wenn sie die Bratspieße wendete. Verstohlen blickte Kerris zu seinem Bruder hin- über. Sein Haar war mit dem roten Stirnband zu- rückgebunden, das Kinn war sauber rasiert. Die Hände tanzten durch die Luft. Er vollzog pantomi- misch, wie einer ein Messer zieht. Der kleine Mann nickte. Also redeten sie über Kämpfen oder über Waf- fen. Ilene fragte: »Ist Calwin immer noch nicht wach?« »Er schlief noch, als ich rausging«, antwortete Kel. »Ich gehe ihn wecken«, sagte Ilene und stand aus dem Kreis auf. Er schaute auf. »Kerris, ich möchte dich unserem Gastgeber vorstellen.« Kel nickte zu der dunkelhaari- gen Frau hinüber. »Dies ist Sura, die Leiterin in Brath. Und dies ist Maroc, der Waffenmeister.« Kerris lä- chelte beiden höflich zu. Er konnte sich nicht vorstel- len, warum sein Bruder Kel sich die Mühe nahm, ihn den beiden vorzustellen. Er war doch kein Cheari. »Und dies ist mein Bruder Kerris.« Sura reichte ihm einen Spieß., »Ich danke dir«, sagte er. Er sah, daß Marocs dunkle Augen von seinem Gesicht zu seinem leeren Ärmel glitten. Hastig biß er in ein Würstchen. Das Fleisch war scharf gewürzt und heiß. Das Fett triefte ihm übers Kinn und lief den Bratspieß hinunter. »Das schmeckt köstlich«, sagte er. Sura antwortete: »Wir sind beglückt durch dein Vergnügen. Euer Tanz gestern abend war wunder- schön.« Elli antwortete: »Wir danken dir.« »Wohin zieht ihr nun weiter?« »Nach Süden«, gab Elli zurück. »Quer durch Gal- bareth.« »Kommt ihr über Tezera?« »Nein. Wir schwenken nach Westen um den See Aruna herum.« Die Dorfleiterin nickte. »Ich kenne die Gegend.« »Kennst du sie gut?« fragte Elli. »Ich bin am See Aruna geboren.« Sie drehte den Kopf. Etwas glitzerte in ihrem Haar. Kerris machte eine Bronzenadel in Gestalt einer Feder aus. »Ent- schuldigt mich.« Sie verließ sie. Elli streifte Kerris' Arm. »Der See Aruna ist wun- dervoll. Warte nur, bis du ihn siehst«, sagte sie. Kerris fragte sich, wie lange sie brauchen würden, um dorthin zu gelangen. Er verzehrte den Rest seiner Bratwurst. Die Gewürze im Fleisch trieben ihm die Tränen in die Augen. Kel und der Fechtmeister schlugen die Hände in- einander. Zwei Knaben tauchten auf und führten die Pferde der Chearis an einer Leine herbei. »Also, reiten wir«, sagte Kel. Kerris hob seine Schlafrolle auf und schüttelte den Staub von ihr ab. Elli bestieg Tula und, faßte Magrita am Zügel. Die schwarze Stute schnüf- felte mit den Nüstern nach Kerris und wieherte leise. Er kraulte sie unterm Kinn. Das Fell schimmerte, sie sah ausgeruht und stark aus. Kerris verschnürte die Schlafrolle hinter dem Sattel. Im Aufsteigen nahm er Elli die Zügel aus der Hand. Von den Stufen der Dorfhalle her winkte Sura ihnen zu. Und die Dorfbe- wohner blickten von den Feldern herüber, als die Chearis vorbeiritten. An der Grenzmarkierung des Dorfes begann Ilene erneut zu singen. Sie ritten den ganzen Morgen hindurch ohne Unter- brechung. Die Landschaft ringsum war Steppe, flach und öde, unterbrochen nur von ein paar Gehöften und Feldern mit Steinmäuerchen als Einfriedung. Kerris tat das Rückgrat weh. Er fragte sich, wie er sich nach einem zweiten vollen Tag im Sattel fühlen wür- de. Er blickte zurück. Die Berge stießen mit grauen Spitzen in den Himmel, als bildeten sie eine Mauer rings um die Erde. Droben über ihren Köpfen krei- sten Vögel. Die Sonne wärmte. Kerris löste die Ver- schnürung seiner Tunika. Magritas Gang war sanft. Langsam ließ er sich entspannt im Sattel nieder. »Die Hügel und die Sterne sind mir Gefährten«, sang Ilene. »Und was ich immer tu', ich tu's allein.« »Kerris?« fragte Elli. »Hmm?« »Wie fühlt man sich, so von Tornor fort?« Er sagte: »Man fühlt sich prima!« Sie kamen an einem Karren voller Säcke vorbei. Die Fahrerin winkte den Chearis zu. »Der Frieden des, chea sei mit euch!« rief sie. »Und mit dir«, rief Kel zurück. Es war eine Gruß- formel, wie Kerris sie nie zuvor vernommen hatte. Die Straße verbreiterte sich. Teilweise war sie von Backsteinen gesäumt. Zur einen Seite lagen Äcker mit an Stöcken hochgezogenen Reben. Kerris fragte Elli, was das sei. »Trauben«, antwortete sie, »Wein.« Zur anderen Seite der Straße standen Bäume ordentlich in Reih und Glied, die knorrigen Äste dichtbesetzt mit weißen Blüten. »Apfelbäume«, erklärte Elli. Kerris atmete tief ein. Der Duft der Apfelblüten schwebte in der Luft, stark und betäubend wie der von Wein. Mittags erreichten sie einen Fluß. Er war flach und strömte rasch dahin. Ein breiter zerfurchter Weg führte ans Ufer. »Wir sind am Narrows«, sagte Kel. »Hier können wir durch die Furt reiten, es ist seicht hier.« Und er ritt dem Chearas voran ins Wasser. Es war so klar, daß Kerris die schimmernden roten und bernsteingelben Steine auf dem Grund erkennen konnte. Das Wasser wirbelte in zarter Kräuselung um Magritas Sprunggelenke. Sie ritten die steile Flußböschung hinauf. Ein Spitz- giebeldach tauchte vor ihnen auf. Ein zweites und weitere. Kerris roch den Geruch von Schafen. Ein Karren holperte an ihnen vorbei, beladen mit Ballen, aus denen der unverkennbare Geruch ungefärbter Wolle stieg. Sie waren ins Dorf geritten. Vor dem Bau mit dem höchsten Dach schwang an einem Pfosten ein Schild. Das Bild auf dem Schild zeigte einen Botschafter, der in den Mantel und die gefütterte Kapuze seines Clans gekleidet war. Die Schrift auf dem Schild sagte: Der Grüne Mann., »Ein Wirtshaus«, sagte Ilene. »Ob wir anhalten?« Die rhombenförmigen blauen Glasscheiben blitz- ten. Riniard sagte: »Die haben sicher Starkbier.« »Es riecht nach Zwiebeln«, sagte Elli. Arillard bemerkte ruhig: »Erinnere dich an das letzte Gasthaus, in dem wir haltmachten. Kurz vor Tornor.« »Das war ein dummer Zufall«, sagte Elli. »Hier würde das nicht passieren. Die Leute im Süden sind an unsern Anblick gewöhnt.« Kerris hätte gern gewußt, worüber sie redeten. Er schaute zu Kel hinüber. Sein Bruder blickte finster drein. Er erinnerte sich an das schwere rote Gesicht des Bau- ernjungen, der ihn herausgefordert hatte. Seine Hände schlossen sich fester um Callitos Zügel. »Vielleicht sollten wir nicht ...« Kerris' Sehvermögen verschwamm. Er hielt sich krampfhaft am Sattelknauf fest, er kämpfte gegen die Schwäche an, die ihn zu überwältigen und vom Rük- ken seines Pferdes zu stürzen drohte. Ich hatte ge- hofft, daß es aufhört, dachte er. Ich will, daß es auf- hört! Stimmengemurmel um ihn herum. Magrita war unruhig. Er tastete blind nach dem Zügel. Sein Nak- ken war naß, und sein Kopf dröhnte, als wolle er zer- springen. Zwei Hände packten ihn an den Schultern. Fest. »Kerris, Kerris!« Die Stimme seines Bruders war es. Die Trennung trat wieder ein. Er holte tief Luft und hob den Kopf. Kel hatte Callito mit den Schenkeln neben Magrita getrieben. »Alles wieder in Ordnung«, sagte er. »Es ist vorbei.«, Also fühlte Kel es ebenfalls! Kerris zwang sich, auf- recht zu sitzen. Er sagte: »Ich hatte geglaubt, wenn du kommst, wird es aufhören.« »Nein. Es funktioniert nicht so«, sagte Kel. »Weißt du überhaupt, was es ist?« »Nein.« »Man nennt es ›Innere Sprache‹.« Riniard hinter ihnen fragte quengelnd: »Was ist los?« »Pscht!« machte Ilene. ›Innere Sprache‹. Kerris wiederholte das unbe- kannte Wort bei sich. »Das ... das habe ich nicht ge- wußt. Josen hat mir nicht sagen können, was es ist. Und er ist ein Gelehrter.« Kel sagte: »Er konnte es nicht wissen. Der Begriff ist nicht allzu bekannt. Hast du jemals von Zaube- rern, von Hexern gehört? Inneres Sprechen ist eine der Künste der Hexer. Unsere Mutter, Alis, besaß die Fähigkeit. Und du hast sie von ihr geerbt. Du brauchst keine Angst zu haben.« Die Stimme war sanft, als tröste sie ein verschreck- tes Kind. »Ich habe keine Angst«, sagte Kerris bockig. »Ich war nur überrascht.« »Ich weiß seit Jahren, daß du innere Stimmen hast«, sagte Kel. Er grinste verlegen. »Ich erinnere mich noch genau an das erstemal, daß ich gespürt habe, wie du nach mir gegriffen hast. Ich war gerade dabei, jemanden zu lieben, und ich war völlig durcheinan- der. Ich begriff nicht, was passiert war. Sefer mußte mir alles erklären.« Kerris stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte es verges- sen gehabt. Nun erinnerte er sich wieder – er lag auf seinem Bett im Wachtturm, er zitterte in den Nach- wehen einer Leidenschaft, die nicht seine eigene war,, entsetzt und verwirrt, nicht wissend, was da mit sei- nem Verstand und mit seinem Körper geschah. Erst viel später hatte er allmählich begriffen, daß das, was ihm geschah, auch auf andere Weise erlebt werden könne, daß es unabhängig von seinen Anfällen, un- abhängig von seinem Bruder Kel möglich sei ... Er wurde sich bewußt, daß die Chearis jedes Wort mit- hören konnten. »Wird es verschwinden?« fragte er. »Meist ist das nicht der Fall«, sagte Kel. »Es ist dei- ne persönliche Gabe. Du kannst es benutzen oder auch nicht, wie es dir beliebt. Wenn wir in Elath sind, wirst du es besser begreifen. Ich werde dich in die Schule bringen.« »Bin ich ... bin ich denn ein Hexer?« fragte Kerris. Kel tätschelte ihm den Arm. »Das bist du.« Über die Veranda des Wirtshauses kam ein Hund getrottet. Er fletschte die Zähne und begann die Fremdlinge anzubellen. Ein Mann mit verschmierter Schürze um die Hüften kam aus der Tür und gab dem Tier einen harten Tritt in die Rippen. Jaulend taumelte der Hund die Stufen herunter. Der Mann im Schurz beäugte die fremden Reisenden, grinste breit und rief: »Ich habe Platz für acht!« Ilene sagte: »Wo wir schon hier sind, machen wir doch halt.« »Nun gut«, sagte Kel. Er stieg vom Pferd. Kerris glitt von Magritas Rücken und stellte sich neben ihn. Das Rückgrat schmerzte ihn, seine Beine fühlten sich an, als wären sie für alle Zeit verbogen. Kel berührte seine Schulter. »Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte er. »Wir reden später noch darüber.« Wenn nicht so viele neugierige Ohren zuhören, besagte sein Ton., »Ja.« sagte Kerris. Kel musterte ihn von oben bis unten. »Müde?« Kerris straffte den Rücken. »Nicht sehr«, sagte er. Kel nickte beifällig. »Morven hat deine Ausdauer unterschätzt.« Während sie auf die Gastwirtschaft zuschritten, wurde Kerris sich bewußt, daß Riniard ihn mit selt- samen Blicken beobachtete. So hatten seine Freunde in der Burg ihn angeschaut, wenn sie davonstolzier- ten, um an den Kampfübungen teilzunehmen, die ihm versagt blieben ... Er hob das Kinn und warf dem rothaarigen Cheari einen herausfordernden Gegen- blick zu. Riniard blinzelte nervös und wandte den Blick ab. Ich bin ein Hexer, dachte Kerris. Der Wirt kam die Verandatreppe herunter. Er preßte die Handflächen zusammen und verbeugte sich. Oben auf dem Schädel war er kahl. Kerris fühlte sich an »das Ei« erinnert. Verloren alle Köche früh- zeitig ihre Haare? »Willkommen, ihr Chearis! Ihr er- weist uns Ehre!« Ein hochgewachsener Junge kam um die Hausecke. »Wir sorgen für eure Pferde. Tretet ein!« Er komplimentierte die Chearis unter Verbeu- gungen, die Treppe empor. Die Türen schwangen nach innen, die Angeln quietschten. Es war heiß im Raum, lärmig, und es roch nach Zwiebeln. Als die Chearis eintraten, senkte sich plötzlich Stille über den Raum. Der Wirt überspielte dies. »Willkommen im ›Grü- nen Mann‹! Ihr habt sicher unterwegs von uns gehört. Wir haben einen guten Ruf. Cora, bring Starkbier!« rief er. Kerris schaute neugierig die Leute an den Ti- schen an. Sie trugen Reisestiefel und Mäntel und sa-, hen den Leuten aus Dorf Tornor ziemlich ähnlich. Der Wirt führte die Chearis zu einem runden Tisch und holte selbst die Stühle für sie heran. Ein Mädchen mit Schürze – dem Aussehen nach mußte sie eine Tochter von ihm sein – stellte einen Humpen schäu- menden Starkbiers in die Mitte des Tisches. Der Wirt brachte Kummen. Ilene schenkte ein. Kerris hob sei- nen Becher an die Lippen. Der Schaum kitzelte ihn in der Nase. Das Starkbier war herb und sahnig. Als er den Becher absetzte, blickte er in Kels Augen, der ihn von gegenüber anlächelte. Das Lächeln machte ihn kühn. »Dieser Mann in der Gastwirtschaft – mit dem du gekämpft hast ...« »Ja?« »Hast du ihn getötet?« Kel schüttelte lächelnd den Kopf. »Chearis töten nicht.« Das Essen bestand aus Hammel mit Zwiebeln in einer würzigen Soße. Die Chearis aßen rasch. Der Wirt wollte die Münzen nicht annehmen, die Kel als Bezahlung für die Mahlzeit anbot. »Wir sind durch euren Besuch geehrt. Kommt bald wieder!« sagte er. Als sie von dem Gasthof fortschritten, fiel Kerris ein Junge auf der Straße auf, der ihnen mit vor Stau- nen geweiteten Augen nachsah. »Ist es immer so?« fragte er Elli. »Daß die Leute sich verbeugen und ei- nen nicht fürs Essen bezahlen lassen?« »Das ist verschieden. In den Städten haben die Leute weniger Ehrfurcht vor dem Roten Clan. Und es gibt da immer solche, die glauben, daß uns überhaupt keine Ehrerbietung zukommt, wie jener Narr in der Herberge bei Tornor Keep, der glaubte, jedermann könnte Cheari sein.«, »Das war aber nicht immer so«, sagte Ilene, sich umwendend. »Einst zollte man den Tänzern in Arun wenig Ehre, und die Waffenhöfe waren nur für den Kampf da. Das chea war unbekannt – oder vergessen. Man war mehr damit beschäftigt, zu töten, als aufzu- bauen und zu lehren.« Kerris dachte an die dicken Steinmauern von Tor- nor Keep, an die Schießscharten für die Bogenschüt- zen, an die verblichenen Erbstücke der Teppiche an den Wänden. »Das Morden hörte auf, als die Chearis kamen«, sagte er. Am Ende der Prozession erhob Arillard die Stim- me: »Die Kriege hörten auf«, rief er. »Es wurde nur einfach etwas weniger gemordet.« Mit unterdrückter Stimme sagte Elli zu Kerris: »Arillards Familie, seine Frau und seine Kinder, wur- den bei einem Asechüberfall umgebracht. Vor zehn Jahren, in der Nähe von Shanan.« Kel sagte: »Es gibt Soldaten aus Anhard bei den Stadtwachen von Kendra-im-Delta.« »Der Waffenstillstand zwischen Anhard und Arun wurde nicht durch die Hilfe von Chearis herbeige- führt«, sagte Arillard. »Aber es waren die Chearis, die ihn aufrecht er- hielten«, gab Kel zurück. »Wir haben dreihundert Jahre lang gegen Anhard gekämpft.« »Und wir haben die Asech mindestens ebenso lang bekämpft.« »Grenztechtelmechtel«, sagte Kel. »Karawanen- überfälle.« Der Wortwechsel erweckte den Eindruck einer al- ten Fehde. Keiner der beiden Männer hob dabei die Stimme. Aber Kerris spürte eine plötzliche Spannung, im Chearas, die es noch vor einem Augenblick nicht gegeben hatte. Ilene sagte: »Kel hält es mit den Gelehrten, die sa- gen, daß die Kriege zu Ende waren, als die Armeen heimzogen.« Arillard sagte: »Ich glaube nicht, daß solche Unter- scheidungen eine Rolle spielen – den Toten sind sie jedenfalls egal!« Es herrschte ein kurzes Schweigen. Dann sagte Kel: »Wir alle haben unsere Toten.« Arillard blickte zu Boden. Kerris konnte sein Ge- sicht nicht erkennen. Dann sagte Arillard: »Das ist wahr.« Ein Falter mit orangeroten Flügeln tauchte über Magritas Widerrist hinweg und flatterte zwischen die Bäume. Kerris dachte an seine eigenen Toten. Er hatte das Gefühl, er müsse die Asech hassen, weil sie seine Mutter getötet hatten. Aber es war schwer, ein ganzes Volk zu hassen, besonders wenn man diese Men- schen noch nie gesehen hatte. »Es gibt keine Heere mehr in Arun«, sagte Elli. »Dieser Traum immerhin blieb Wirklichkeit.« »Wessen Traum war das?« fragte Kerris. Sie zögerte, dann sagte sie: »Wir sagen, es war eine Vision des allerersten Cheari, daß es keine Armeen mehr in Arun geben sollte.« »Wer war dieser erste Cheari?« Er hatte diese glei- che Frage auch schon Josen gestellt. Er erwartete kei- ne Antwort. Zu seiner Überraschung blickte Elli Ilene an. »Sag du's ihm!« Ilene klopfte streichelnd den Nacken ihres Brau- nen. »Es ist Clangeschichte«, sagte sie. »Wir erzählen, sie nicht oft vor Außenseitern. Der erste Cheari war ein Krieger und ein Gelehrter. Der Name seiner Fa- milie ist verlorengegangen, aber wir wissen, daß er aus Kendra-im-Delta kam.« Wenn doch nur Josen das hören könnte, dachte Kerris. »Er ließ sich in den Roten Bergen nieder und baute ein Dorf in einem Tal. Und die Männer und Frauen, die er um sich sammelte, wurden die ersten Chearis. Das Tal bekam seinen Namen, es wurde Van-ima ge- nannt, Vans Tal.« »Ich dachte, das alles ist nur Legende«, sagte Ker- ris. »Nein«, sagte Ilene. »Es ist Geschichte. Vor seinem Tod benannte Van eine Nachfolgerin, und die be- stimmte wieder ihren Nachfolger, und so weiter, Zayin ist der sechste in der Reihe nach Van und er lebt noch immer in dem Tal. Ich glaube nicht, daß er es jemals verlassen hat. Kel und ich haben bei ihm vier Jahre lang studiert. Er ernannte uns zu Chearis.« Hinter ihnen klatschte eine Peitsche, und sie ritten an den Wegrand, um einen Karren passieren zu las- sen. Riniard maulte: »Redest du noch immer von dem alten Mann, Ilene? Hör doch auf, ständig darauf rum- zukauen!« Ilenes Lippen waren zusammengepreßt. Kel hob die Brauen. Elli sagte: »Riniard ist nur neidisch, wei- ter nichts. Er hat nicht bei Zayin gelernt.« Kel sagte: »Vielleicht stimmt das. Riniard, würdest du das Zayin ins Gesicht sagen?« »Wohl kaum«, antwortete der Rothaarige. »Dann sage es auch nicht zu mir.« Es folgte ein kurzes Schweigen. Riniard murmelte, etwas, das vielleicht wie tut mir leid klang. Der Wagen wackelte an ihnen vorbei. Er war mit Fässern bela- den. Der Fuhrmann rief ihnen einen Gruß zu: »Möge der Frieden des chea auf euch ruhen!« Leichter Wind furchte die Bäume, ein Blütenblatt fiel auf Kerris' Knie. Ich bin ein Hexer, dachte er zum zweitenmal. Er berührte sacht die zarte Blüte mit dem Zeigefinger. Bei Sonnenuntergang nahmen sie die Furt durch den zweiten Fluß. »Das ist der Breitbach«, sagte Kel. Tatsächlich war das Wasser sehr breit und schnell- fließend und wirkte sehr tief. »Schwimmen wir hier rüber?« fragte Kerris und versuchte zu verheimlichen, wie nervös er bei dieser Vorstellung war. Das Wasser hatte eine milchgrüne Färbung. »Wir schwimmen überhaupt nicht«, sagte Kel. Er deutete zum anderen Ufer. Kerris mußte die Augen zusammenkneifen in dem roten Dämmerlicht. Er sah etwas, das aussah wie ein Mann, der auf einem brei- ten flachen Felsbrocken stand ... Der Mann winkte und rief ein freudiges Hallo herüber. Der Felsen löste sich vom Ufer und wurde zum Fahrzeug, zu einer Barke. Mit raschen Stößen trieb der Fährmann die Barke über das Wasser und landete sie genau unter den Nüstern ihrer Pferde. Es waren sogar zwei Fähr- männer: ein großer Mann und ein Junge. Beide waren barfuß. Es war eine breite Barke, und sie hatte Bord- wände, die das Abrutschen von losen Frachtgütern verhinderten. Sie war reichlich breit genug für acht Menschen und ihre Reittiere. Die Fährmänner warfen Schlingen über Pfosten, um das Fahrzeug am Ufer zu vertäuen. »Hoi, ihr Chearis!« sagte der Mann. Um das Haar, hatte er einen schmutzigen Lumpen gewunden. »Ihr erweist meiner Barke Ehre.« »Kannst du uns alle auf einmal rüberbringen?« fragte Kel. »Ganz leicht. Ganz leicht. Hoi, es war ein voller Tag heute. Wir haben eine ganze Karawane des Blauen Clans übergesetzt. Die waren auf dem Weg zu den Grenzfesten.« »Das war gestern, Paps«, sagte der Junge. »War's das? Nun, dann war es gestern. Ai! Bringt einfach die Tiere rüber. Langsam, langsam!« Die Chearis stiegen ab. Kerris packte Magritas Zü- gel fest. Die nassen schaukelnden Planken machten ihn nervös. Ilenes Brauner wollte sich nicht bewegen und mußte geschoben werden. Es roch faulig auf der Barke. Die Fährmänner holten die Taue von den Haltepfosten ein und stießen ab. Wasser drang durch Risse im Boden. Kerris hätte gern gewußt, ob die an- deren schwimmen konnten. Er schaute ängstlich in das Wasser, das schwarz vorbeiwirbelte. Von der Flußmitte aus wirkte das Wasser viel breiter als vom Ufer aus. Der alte Fährmann redete von der Karawa- ne. Kerris fragte sich, ob die möglicherweise nach Tornor gelangen würde. Er verspürte einen winzigen Stich von Heimweh, von Sehnsucht nach Josen, nach Paula, nach Tryg. Magrita stupste ihn, sie war unge- duldig, wollte diesen fremdartigen Platz verlassen, und so streichelte er sie, um sie zu beruhigen. Die Barke knirschte auf Grund. Er spannte sich. Sie waren am anderen Ufer. Hier war die Böschung steil; sie führten die Pferde eins nach dem anderen über ein gebrechlich ausse- hendes Holzdock hinauf. Es roch faulig, und die, Planken waren moosbedeckt und glitschig. Peinlich korrekt bot Kel den Fahrpreis an. Der Fährmann wies ihn mit einer Handbewegung zurück. »Nah, nah. Das brächte kein Glück. Friede mit euch!« Aus den Feldern schrien die Nachtvögel. Kerris hing über Magritas Hals; er hoffte, daß es nicht mehr weit sein möge bis zu ihrem Ziel. Das Geräusch des Flusses in ihrem Rücken wurde leiser. Er roch den Duft der Apfelbäume, der nun eindringlicher war als im Tageslicht. Er fragte sich, warum sie immer noch weiterritten, weiter durch das Fastdunkel. Kel und Ilene vor ihm berieten sich in gedämpftem Ton. Kel machte eine Handbewegung. »Dorthin«, rief er und wendete Callito vom Pfad weg. Kurz darauf teilten sie um ein Feuer auf dem Brachfeld irgendeines Bauern Essen und Wasser mit- einander. »Feine Seiden, leichte Seiden, wer will meine Seiden kaufen? Scharlachbänder, blaue Bänder, Goldfaden, dünne Seiden, feine Seide, wer will kaufen, kommt und kauft ...!« »Starke Töpfe, schaut euch meine Töpfe an, keine Kratzer, kein Fleckchen, kein Rißchen, Kupfertöpfe, Eisentöpfe, Tontöpfe, kommt und schaut ...!« »Frische Fische, Flußfische, Silberrücken, Forellen, Karpfen, Rotaal, Schlammbeißer, frische Fische, kommt und schaut! Kauft Fische ...!« »Bestes Starkbier, Rotwein, Weißer, Süßwein, kommt und probiert, kommt und riecht, kommt und schaut, feine Töpfe, dünne Seiden, keine Flecken, kei- ne Kratzer, Rotaale, frische Fische, Goldfaden, kommt und schaut, kommt und schmeckt, kauft, kauft ...!«, Die Straßenkreuzung war überfüllt. Kerris nahm die Knie enger an Magritas glatte Flanken. Wohin er immer schaute, die Straße hinunter, soweit er blicken konnte, lagerten Karawanen, umringt von einem Ge- wimmel von Menschen ringsum, und Männer und Frauen riefen schreiend die Vorzüge ihrer Waren aus. In der heißen Luft wirbelte der Duft von bratendem Fisch, mischte sich mit den Gerüchen der Menschen, der Pferde, des Weines. Die Karawanen schimmerten in Blau, die Holzteile waren frisch bemalt, blaue Bän- der flatterten in der Brise. Eine Frau zerrte an Kerris' Fuß. »Feine Trauben, süße Weintrauben, Pfennige für die Traube ...« Er schüttelte den Kopf und trieb Magrita vorwärts. Er versuchte sich hinter Callito zu halten. Noch nie zu- vor hatte er so viele Menschen an einem Ort versam- melt gesehen. Er sah einen großen Mann, der vor der bewundernden Menge sein Langschwert schwang, eine Frau mit Glöckchen an Hand- und Fußgelenken, die auf einem Fetzen roten Tuchs tanzte, ein Jongleur, der Teller auf Stäben wirbeln ließ, ein anderer Mann, dem Rauch, blauer Rauch, weich aus dem Mund quoll ... Callito hielt an. Kerris brachte Magrita neben dem großen roten Pferd zum Stehen. »Wo sind wir hier?« rief er laut. Kel grinste. »Das hier ist die Kreuzung von Tezera. Diese Straße ...« – er schwang den Arm nach Osten – »führt zur Stadt. Die ganze Straße nach Tezera, von hier bis zu den Stadttoren, ist gesäumt von Händlern und Spielleuten aller Art. Hier!« Er warf einer Frau an einem Stand eine Münze zu. Sie warf ihm etwas zu- rück. Er fing es auf und reichte es Kerris. Es war zweifellos eine Frucht. Sie hatte eine harte, grüne Schale. Kerris zog die Rinde mit den Zähnen weg und saugte an der Frucht. Sie schmeckte fleischig und herb. Er spuckte einen Samenkern auf den Bo- den. Kel schaute ihm zu. »Magst du das?« »Ja.« Kel kaufte einen ganzen Beutel voll. »Sie sind bes- ser als Wasser, wenn du Durst hast«, sagte er. Der Singsang der Höker – »Bestes Starkbier, Weiß- wein, kommt und probiert es, Rotaale, keine Beulen, feine Seiden, kauft« – ließ Kerris' Kopf dröhnen. Er saugte weiter an der fleischigen Frucht durch das Loch in der Schale. Er schaute sich nach den anderen um. Ile- ne kam hinter ihm drein. Elli und Cal schauten einem Jongleur zu. Riniard stand drüben unter einem blau- en Baldachin bei dem Mann, aus dessen Mund der Rauch strömte. »Was ist das?« fragte Kerris und zeigte auf den Mann mit dem Schwert. »Was tut der da?« Kel lachte. »Er produziert sich. Er ist aus Anhard.« Magrita legte die Ohren zurück und schnaubte. Kerris faßte den Zügel kürzer. Ein schwarzhaariges Weib mit Ringen in den Ohren glitt vorüber. »Ver- zeih«, sagte sie. Sie hatte einen roten, goldgefleckten Schal um den Hals. Der Schal bewegte sich. Es war eine Schlange. Kerris sagte: »Die Frau da trägt eine Schlange auf dem Kopf.« »Sie gehört zu einem der Asech-Stämme«, sagte Kel. Kerris drehte sich um und starrte der Frau nach, aber sie war bereits verschwunden. Unwillkürlich fuhr seine linke Hand an seinem Armstumpf. Der, Zügel hob sich. Dem Befehl gehorchend, blieb Magrita stehen. Kerris ließ die Hand sinken, doch Kel hatte sich umgewandt und es bemerkt. Er wies in die Richtung, in der die Frau ver- schwunden war. »Dort drüben steht ein Zelt der Asech. Du kannst an der Spitze die Zeltpfähle aufra- gen sehen.« Die Stimme klang beiläufig, aber präzise. Kerris bog den Kopf, konnte aber in dem Gedränge von Reitern nichts erkennen. Überdies war er sich nicht darüber im klaren, wie ein Zelt aussehen mochte. Kel sprach weiter: »Die Asech leben in Stammes- verbänden, in Grüppchen, und jede davon tut, was sie will. Diese Frau kommt von einem Stamm, der mit Tezera Handel treibt. Sie bringen ihre Waren über die lange Flußstraße in Karawanenzügen heran, genau wie die Händler auch. Es ist möglich, daß wir eigent- lich nie hätten mit ihnen kämpfen müssen. Ich glaube nicht, daß sie Waffen tragen. Aber dann gibt es auch andere Stämme, die sich nie aus ihren Hügeln her- vorwagen, außer um Krieg zu führen.« Kerris' Mund war trocken. Er leckte sich über die Lippen. »Sie haben Krummschwerter«, sagte er. »Wenn sie sie tragen, ja«, sagte Kel. »Aber wie können wir Handel mit ihnen treiben und sie zugleich bekämpfen?« Paula hatte ihm er- zählt, wie diese Schwerter aussahen, so verschieden von den im Norden gebräuchlichen Waffen. Kel erklärte: »Wir treiben mit einigen Stämmen Handel. Sie kennen das chea nicht. Sie sind nicht, wie wir, ein geeintes Volk.« »Und was verkaufen wir ihnen?« fragte Kerris. »Töpfe, Kleidung, Choba-Öl, Lederwaren.«, »Und sie verkaufen an uns?« »Kräuter, Gewürze, Färbstoffe. Und Pferde.« Kerris legte Magrita die Hand auf den Nacken. Er dachte daran, daß Riniard gesagt hatte, sie sei ein Halbblut aus der Wüste. »Du hast gegen sie gekämpft«, sagte er zu seinem Bruder. »Ja«, antwortete Kel. »Vor sechs Jahren habe ich gegen sie gekämpft, und vor zehn Jahren. Ich war bei der Grenzwache. Arillard war mein Hauptmann.« »Er haßt sie, nicht wahr?« »Er bemüht sich, sie nicht zu hassen«, sagte Kel. »Haßt du sie auch?« Erinnerung und Qual stiegen in Kels Augen auf. »Ich habe sie gehaßt«, sagte er und blickte dorthin, wo Kerris' Arm gewesen war. Schließlich ritten sie von der Wegekreuzung fort. Die Chearis hatten sich über den ganzen Markt verstreut, und es dauerte eine Weile, bis sie sich alle wieder eingefunden hatten. Jensie hatte eine Tunika erworben, mit silbernem Flechtwerk entlang der Seitensäume. Sie bestand dar- auf, daß man warten solle, bis sie das gute Stück ver- staut hatte. Kel saß mit gerunzelter Stirn auf seinem Pferd Cal- lito. »He, du!« fragte Ilene. »Was stimmt denn mit dir nicht?« »Ich möchte vor Einbruch der Dämmerung am Aruna-See sein«, sagte er. »Schön«, meinte Ilene, »aber deswegen brauchst du ja nicht so grimmig zu blicken.« Kel gab ihr keine Antwort. Kerris fragte sich, ob ihr Gespräch über die Asech etwas mit Kels schlechter Laune zu schaffen, haben könnte. Als der Chearas sich wieder in der vertrauten Reihe aufgestellt hatte, hielt er sich zurück, um an Ellis Seite zu reiten. Sie schaute ihn prüfend von der Seite her an, sagte aber nichts. Einmal machten sie Rast, um die Pferde grasen zu lassen. Die Straße war noch immer vollgestopft von Reisenden. Riniard marschierte auf und ab und gab seine Kommentare zu der vorüberziehenden Szene- rie, doch die übrigen Chearis blieben stumm und niedergeschlagen, als bedrücke Kels Stimmung sie. Grimmig hockte er am Straßenrand und riß Grashal- me aus. Der Himmel begann strahlend blau zu leuchten. Wolken wie Federn mit lavendelblauen und rosa La- suren bildeten durchscheinende Muster über dem Horizont. Der Verkehr auf der Straße kam völlig zum Stillstand. »Zur Seite! Zur Seite!« Stimmen brüllten. Die Chearis drängten sich zusammen. »Was ist los?« fragte Elli. Kerris schaute nach allen Seiten. Er sah nur eine wogende See von Wagen und flatternden indigoblau- en Bändern. Kels Hand schloß sich um seine Schulter. Aufgeschreckt blickte er empor. Das Gesicht seines Bruders war glatt, nicht mehr von Sorge entstellt. »Dort«, sagte er. »Siehst du das Grün?« Kerris schaute angestrengt und sah – oder glaubte es jedenfalls – eine grünblaue Fahne. Kel war größer als er und konnte besser sehen. Auf einmal schoben sich die Leute vor ihm auseinander. Er er- blickte einen Reiter auf einem dunklen Pferd. Er trug einen blaugrünen Mantel und hielt ein blaugrünes Banner in der Hand. »Ja.«, »Das ist ein Botschafter an den Rat in Tezera. Er kommt von den Adelshäusern in Kendra-im-Delta.« Nachdem der Kurier vorübergeritten war, lebte der Verkehr wieder auf. Kel tätschelte Kerris am Hand- gelenk. »Reite jetzt mit mir!« Kerris nahm Magrita nach vorn neben Callito. »Nimm!« Kel warf ihm eine zweite dieser harten grünen Früchte zu. Riniard brach aus der Reihe aus. Sein Tier begann zu kantern. »Ich treffe euch am See«, rief er. Im We- sten hing der Dunst der Abenddämmerung schim- mernd in der Luft. Riniards rotes Haar brannte im Spätlicht. Er verschwand um eine Wegbiegung. Ker- ris hätte gern gewußt, wie weit sie an diesem Tag ge- ritten waren. Vor ihnen bog ein gelber Karren an den Rand der Straße. Kinder kamen herausgepurzelt. Sie kreischten. Kerris klopfte Magrita auf den Hals. Ihr stolzer Kopf senkte sich. »Schlagen wir bald unser Lager auf?« fragte er. Kel antwortete: »Wir machen am See Rast.« Sie trabten an einem weiteren Wagen vorüber. Irgendwo, unsichtbar, sang eine Frauenstimme. Andere Stim- men riefen ihnen zu, fröhlich und auffordernd. Kerris sah Flammen und roch den beißenden Geruch von brennendem Torf. Der Widerschein der tanzenden Flammen auf den lächelnden Gesichtern machte ihm bewußt, wie sehr ihn sein ganzer Körper schmerzte. Er reckte sich im Sattel. Der Himmel flammte rot im Westen. »Bald«, sagte Kel. Es kam aus der Düsternis heraus. Die Straße machte eine Biegung. Kerris stockte der Atem. Zu ihrer Linken breitete sich ein riesiges Laken aus: golden, still, faltenlos, ein schimmerndes Feuer, das, bis an den Horizont reichte und darüber hinaus ... Darüber glommen einige wenige Sterne. Der zuneh- mende Mond lag mit schrägen Hörnern darüber. Elli stieß einen Fluch aus, so leise, daß man ihn nicht ver- stehen konnte. Kerris schloß die Augen. Als er sie wieder aufmachte, lag der See noch immer da. End- los. Von irgendwoher rief ein Reiher. Kerris blickte zu dem gehörnten Mond hinauf. Auch der schien Flam- men widerzuspiegeln: seine Gestalt leuchtete mehr kupfern als weiß. Elli sagte: »Dafür hat es sich gelohnt, den ganzen weiten Weg herzukommen.« Riniard sagte: »Nun, du hast es geschafft!« Er kam aus dem Schatten der traurig hängenden Bäume ge- stolpert, die am Seeufer standen. »Ich habe einen Rastplatz für uns gefunden.« Kerris stieg vom Pferd. Er spürte, wie Elli ihn am Arm faßte und ihn zum Wasser hin drehte. Arillard kniete bereits bei einem Stapel von Zweigen und hantierte geschäftig mit Feu- erstein und Zunderwolle. Ilene und Jensie rieben die Pferde trocken. Funken stoben durch die Nachtluft. Einer fiel dicht an Kerris' Kopf vorbei zu Boden, und er erkannte, daß es ein geflügeltes Geschöpf war, das am Schwanzende ein Licht trug. Es zog kreiselnd wieder aufwärts und verlor sich im Abend. Kel ließ den Beutel mit Früchten kreisen. Kerris streckte seine Beine den tanzenden Flammen entge- gen. Ilene saß mit kerzengeradem Rücken im Schnei- dersitz da, sie berührte kaum den Baumstumpf hinter sich. Das letzte schwindende Licht der Dämmerung schimmerte auf ihrer braunen Haut wie Regenwasser. Riniard gackerte laut lachend, er neckte Jensie we- gen ihres neuen Hemdes., »Rini, würdest du bitte dein Maul halten!« sagte Elli. Er blickte sie finster an, murrte verdrießlich: »War- um, zum Teufel, sollte ich?« »Weil ich dich darum bitte«, sagte Elli. »Sei still und schau auf den See!« Ilene sagte: »Fühle das chea, Riniard. Hier ist es stark und lebendig. Mit Jensie kannst du doch im- merzu reden.« »Wenn ich immerzu mit Jensie reden kann, dann kann ich es auch jetzt tun«, quengelte Riniard. Er zog Jensie in seine Armbeuge. »Oder nicht, Liebes?« Sie fuhr ihm mit der Hand über die Lippen. »Wir können später reden«, sagte sie friedfertig. »Riniard!« In Kels Stimme schwang ein seltsamer Unterton. Er bewog Kerris, den Kopf zu heben. »Was ist?« Kel erhob sich und ging um die Feuerstelle herum und hinüber, wo Riniard saß. Plötzlich lag eine Ge- spanntheit in der Luft. Jensie entzog sich Riniards Arm. Wieder rief der Reiher, kreischend, wie eine ungeölte eiserne Türangel ... »Hast du auf dem Bazar etwas gekauft?« fragte Kel. »Was zum Beispiel?« Riniards Stimme klang ver- drossen und trotzig wie die eines Kindes, das man bei einer Lüge ertappt hat. »Jensie hat sich ein Hemd ge- kauft.« »Du warst uns voraus«, sagte Kel. »Und du quas- selst zu laut, und du bist streitsüchtig.« Und einen Augenblick später, viel zu schnell, als daß Kerris es wirklich hätte erfassen können, beugte Kel sich vor, und als er sich wieder aufrichtete, stand auch Riniard auf den Beinen, und Kel hielt ihn mit beiden Fäusten, am Hemd gepackt. »Ich rieche es. Ich habe mir schon gedacht, daß ich was rieche, als du angeritten kamst, aber ich war mir nicht sicher.« Er ließ die Fäuste sin- ken. Riniard taumelte. »Deine Reflexe sind verlang- samt, und du kannst nicht für einen Scheißdreck die Balance halten. Du hast wieder dieses mistige Him- melskraut geraucht!« Riniard trat einen Schritt zurück. »Ja«, gestand er. Kel schlug ihn. Der Hieb ließ Riniards Kopf zu- rückschnellen. Er hob im Reflex beide Hände hoch, doch Kel packte ihn an den Handgelenken. »Rini, was ist denn nur mit dir los? Du hattest doch versprochen, daß du damit aufhörst!« »Laß mich los!« sagte Riniard. Kel gab ihn frei. Ri- niard sackte zu Boden und blieb sitzen. Nach einer Weile seufzte er und schüttelte sich wie eine aufwa- chende Katze. Er faßte sich an die Wange. »Es sind schon sechs Monate«, sagte er und legte die Arme ge- kreuzt um seine angezogenen Knie. »Und wir sind hier ganz für uns, und darum wußte ich, daß ich nicht in irgendwas, in irgendwelche – Schwierigkei- ten kommen könnte. Es war auch nur ganz wenig Kel, es ist ja nichts Schlimmes passiert.« »Du hast ein Versprechen gebrochen«, sagte Kel. Er stand hoch vor ihm, die Hände in die Hüften ge- stemmt. Riniard blickte finster drein. »Also gut, ich habe mein Versprechen gebrochen. Hast du noch nie ein Versprechen gebrochen?« Ilene atmete hastig ein. Kel blickte zu ihr hin, dann zu Kerris. »Doch«, sagte er leise. »Das habe ich.« Er kniete neben Riniard nieder. »Gib's mir!« Riniard fummelte in seiner Gesäßtasche und holte, ein Päckchen hervor. Kel nahm es und schleuderte es ins Feuer. Die Flammen züngelten einen Augenblick lang scharlachrot auf. Ein schwerer, süßer Duft er- füllte die Luft. Riniards Gesicht verzerrte sich kurz und glättete sich dann wieder. »Versprichst du mir, daß du nichts mehr kaufst?« sagte Kel. Riniard starrte auf die Erde. »Ich verspreche dir, nichts mehr zu kaufen«, sagte er und blickte auf. »Kel, es tut mir leid.« Kel fuhr dem Rotschopf zausend ins Haar. »Red nicht mehr darüber.« Er ging an seinen Platz zurück und zog sich die Decke um die Schultern. »Ich leg' mich schlafen«, verkündete er. »Ich möchte, daß wir morgen ganz früh aufbrechen können.« Kerris sah zu, wie sich die Chearis zum Schlafen einrichteten. Die Sterne brannten ihre Muster in den Himmel; die Nacht war warm und windstill. Er hatte nicht viel von der Szene begriffen, deren Zeuge er so- eben geworden war. Was bedeutete das? Himmels- kraut? Er fühlte sich ausgeschlossen, isoliert, fühlte sich als Fremdling. Er wälzte sich auf die rechte Seite und sah, daß Elli ihn beobachtete. Ihre weißen Augen schimmerten wie Sterne im Schein des Feuers. Sie hob fragend eine Augenbraue und machte dann eine Kopfbewegung zu den Pferden hin. Nach einer Weile begriff Kerris. Er stand auf und suchte sich einen Weg zu den sche- menhaft sichtbaren Tieren hinüber. Elli folgte ihm. Sie tranken nacheinander aus dem Wasserschlauch. »Was ist Himmelskraut?« fragte Kerris. »Die Blätter einer Pflanze, wie Teeblätter, nur trinkt man es nicht, man raucht es. Du stopfst es in die Pfei-, fe oder rollst es in ein Papier und saugst den Rauch ein.« »Und was bewirkt es?« »Es ist angenehm, irgendwie traumhaft und ange- nehm. Es macht dich nicht träge. Die meisten Chearis rühren es nicht an, außer bei Feierlichkeiten und Fe- sten. Aber Riniard wird davon streitsüchtig, bösartig wie eine Schlange. Als er anfangs bei uns war, fing er dann immer mit allen möglichen Leuten Händel an. Auf ihn wirkt das Himmelskraut eben auf diese Wei- se. Und das ist schlimm, denn er mag es sehr. Als er sich uns dann angeschlossen hatte, schwor er, nicht mehr zu rauchen. Ich vermute, es fällt sehr schwer, das aufzugeben.« »Ja, das glaube ich auch«, sagte Kerris. »War's das, was dich gestört hat?« fragte Elli. »Ja, das war's. Ich danke dir.« Sie verzog lächelnd das Gesicht. »Keine Ursache.« Sie wanderten ans Feuer zurück. Elli bewegte sich im Wald lautloser als er. Dann lag er im Kokon seiner Decke. Er überlegte, wie dieses Himmelskraut wohl schmecken mochte. Und er fragte sich, wie Elli seine Gedanken erkannt haben mochte. Und dann dachte er daran, welches Versprechen sein Bruder Kel gebro- chen haben konnte und ob er ihn danach fragen durfte. Josen, dachte er, die Welt ist weiter, als du mir je- mals zu verstehen gegeben hast. Dieser Gedanke flößte ihm eine ganz kleine heimliche Furcht ein. Ei- nen Augenblick lang erschien ihm Tornor Keep wie ein sicherer Hafen, wie ein Ort des Friedens ... Aber er konnte nicht dorthin zurückkehren, soviel wußte er., In der Ferne rief wieder der Reiher am Seeufer. Wie ein Horn klang es, das unmelodiös seine Herausfor- derung in die Dunkelheit dröhnte., 4. Kapitel Der Himmel in der Morgendämmerung war grau wie altes Eis. Der See lag still. Nur am Ufer liefen träge kleine Wellen den Sand herauf. Dunst hing feuchtkühl in der Luft. Auf der Schlafdecke von Kerris hatten sich Tautropfen gesammelt. Er schüttelte sie unbeholfen ab und faltete die Decke zu einem unförmigen Ballen zusammen. Er zog sich das Hemd, die Reithosen, die Stiefel an. Er kämpfte sich die wollene Tunika über den Kopf. Die Wolle fühlte sich klamm an, und sie stank. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar; die Hand war feucht, als er sie sinken ließ. Sein Arm und der Stumpf prickelten und waren von Gänsehaut be- deckt. Elli trat auf die Lichtung. »Hallo«, sagte sie. Kerris blinzelte. Sie war splitternackt. »Kommst du nicht ins Wasser?« Und jetzt hörte er das Planschen und Lachen vom Seeufer. »Nein. Ich kann nicht schwimmen.« Das ent- sprach nicht der Wahrheit. Er konnte sehr wohl schwimmen, wenn auch nicht besonders gut. Er zog eine Falte seiner Tunika gerade. »Es ist flach. Du kannst reinwaten.« Er verabscheute es, sich vor Fremden auszuziehen. »Ich habe mich grade erst angezogen. Es ist zuviel Getue, das ganze noch mal zu machen.« Die Enttäuschung zeichnete sich deutlich auf ihrem Gesicht ab. »Wie du willst. Brrr – es ist zu kalt, um so rumzustehen. Ich geh wieder rein.« Sie wirbelte her- um und lief zum See hinunter. Ihr Haar wehte hinter, ihr drein. Ihr Körper wirkte wie aus einem Guß, wie etwas Geformtes, eine Statue, aber voller Leben. An ihrer Hüfte verlief eine weiße Linie – eine Narbe. Kerris hörte ein lautes Klatschen und Jensies Ge- lächter. Die Blase drückte ihn. Er knöpfte den Gurt auf und trat hinter einen Baum, um sein Wasser ab- zuschlagen. Als er wieder auf die Lichtung trat, er- haschte er einen Blick auf die Schwimmenden. Sie bildeten einen Kreis, mit Elli in der Mitte, und sie schienen irgendein Spiel zu spielen. Kel hatte sich die Haare in einem Knoten auf den Kopf hochgebunden. Jensie trug ihr Haar in Zöpfen unter ihrem roten Schal. Elli hechtete auf Kel zu, und er glitt ihr davon, wendig wie ein Flußaal. Er lachte. Elli klatschte flach aufs Wasser, das silbern emporspritzte. Ein Zweig knackte. Kerris fuhr herum. Cal kam in seinem Rücken heran. Sie standen beieinander und schauten den Schwimmern zu. Cals dichtes schwar- zes Haar stand ihm vom Schädel ab. Er strich es mit beiden Händen glatt. »Närrisches Getue«, sagte er. »Wenn das chea gewollt hätte, daß wir schwimmen, dann würden wir mit Kiemen auf die Welt kommen.« Die Schwimmer hatten ihr Spiel beendet. Jensie stand am Ufer. Wo die Kleidung sie vor der Sonne geschützt hatte, war ihre Haut weiß wie Milch. Da- durch wirkte die Bräunung des Gesichts, der Kehle und der Arme dunkler. Auf ihren Brusthügeln zeich- neten sich Sommersprossen ab. Sie sah zornig aus. Riniard rief nach ihr, aber sie wandte sich nicht um. Am Horizont zeigte sich die Sonne über der Was- serlinie, zeichnete einen goldenen Strich. Kel kam die Böschung herauf. Auch er sah aus wie aus einem Guß, und er glitt dahin wie der Wind. Die aufgehen-, de Sonne verwandelte die Wassertropfen auf seinen Schultern in Diamanten. Er reckte sich, er sah groß aus im Frühlicht. Die Muskeln an seinen Schenkeln und in seinem Schoß sprangen hervor. Der Körper war dort dicht behaart. Hinter ihm kam Ilene heran, packte ihn an beiden Handgelenken und hielt sie hinter seinem Rücken fest. Er trat einen Schritt vor und wirbelte herum. Eine Hand war frei. Ilene beugte sich, um den Hüftwurf vorwegzunehmen. Dann ka- men sie Hand in Hand den Strand herauf. Kerris Blut pochte in seiner Kehle. Er holte lange und tief Luft, wie wenn die feuchte süße Luft am See sich plötzlich verdünnt hätte. Seine Wangen fühlten sich heiß an wie tropfendes Wachs. Auf der Lichtung schien irgend etwas nicht in Ordnung zu sein. Riniard schmollte. Er sattelte die Pferde und zeigte ein Gesicht wie ein begossener Pu- del. Dabei schielte er immer wieder zu Jensie hinüber, die eine finstere Miene zog und einfach nicht in seine Richtung blicken wollte. Als Jensie an Kerris vorbeikam, legte sie ihm die Hand flach auf die Brust. »Reite heute neben mir!« befahl sie. »Aber ...« »Ich bitte dich!« Er zuckte die Achseln. Als sie abritten, hob sich leichter Dampf vom See. Sie trabten durch ein Bett von gefiederten Pflanzen mit gerollten Blättern, wie Kerris sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie sahen wie Gewebe aus, wie Spinn- web oder Spitze. Er fragte Jensie nach ihrem Namen. »Farne«, sagte sie. »Aber ich weiß nicht, von welcher Unterart.«, »Ich danke dir«, sagte Kerris. Er fühlte sich befan- gen. Die Gegenwart Riniards in seinem Rücken war ihm sehr deutlich bewußt. Jensie fragte ihn: »Kannst du wirklich nicht schwimmen?« »Nicht besonders gut.« »Wenn wir in Elath sind, bringen wir es dir bei.« Wir – das hieß wohl: »wir alle«. Einen Augenblick lang erfüllte ihn Neid angesichts dieses selbstver- ständlichen »Wir« des Chearas. Jensie sah sehr jung aus, kaum alt genug, eine Cheari zu sein. »Bist du früher schon mal in Elath gewesen?« fragte er. »Ja. Im vergangenen Jahr. Wir waren zur Somme- rernte dort. Damals waren wir zu sechst.« Ein Rotfuchs schoß über den Pfad. Sein Schwanz flog. Es wurde heißer. Kerris zog sich die Tunika aus. »Wo reiten wir heute hin?« fragte er. »Ins Galbareth«, antwortete Jensie. Ein Reiter kanterte an ihnen vorbei: es war ein Mädchen, die schwarzen Zöpfe flogen hinter ihr drein, und sie ritt ohne Sattel auf einem mächtigen rotbraunen Wallach. Mit einer Diskantstimme rief sie dem Chearas ihren Gruß zu. Die Straße stieg an; sie ritten den sanften Hang hinauf und machten auf dem Kamm halt. Kerris schauderte vor Erregung. Vor ihnen lag das weite grüngoldene Herzland Aruns, die Felder Gal- bareths, die sich zu beiden Seiten des Großen Stromes wie Flügel ausspannten. Kerris blickte hinunter. Dunst lagerte über den Getreidefeldern. Kantige Dä- cher stießen scharf aus der betäubenden Monotonie der Anbauflächen in die Luft – Scheuern, Vorrats- schuppen, Stallungen und Wohngebäude. Tief im, Westen eine Windmühle mit stumpfen Armflügeln. Die Straße schlängelte sich in den Dunst hinein und verschwand in ihm. Kel sagte: »Kerris, erinnerst du dich?« »Erinnern?« »Du hast das alles schon einmal gesehen.« »Nein«, sagte Kerris. »Ich kann mich an diese Reise nicht erinnern.« Cal ritt an den andern vorbei an die Spitze, dicht neben Kel. Er erhob die Stimme, damit alle ihn hören könnten. »Wir müssen beisammen bleiben. Man kann sich in den Getreidefeldern leicht verirren. Riniard und ich sind hier geboren, aber ihr übrigen seid fremd hier. Und Galbareth mag Fremde nicht. Haltet eure Tiere davon ab, wild zu weiden, und tut nichts Böses gegen Mensch und Tier.« Die Chearis nickten ernst. Kerris schaute zurück: die Berge waren ver- schwunden. Er verspürte ein bebendes Entsetzen, wie wenn die Erde selbst gewankt hätte. Er klopfte Magrita auf den gebogenen Hals und preßte ihr die Knie in die Flanken. »Warum reiten wir diesen Weg?« fragte er Jensie. »Warum halten wir uns nicht weiter an den Fluß?« »Wenn wir die Flußstraße nehmen würden, dann müßten wir in jedem Nest zwischen Tezera und Elath tanzen. Aber so geht es rascher.« Ihre Stimme klang gedrückt. Ein leises Summen, kaum vernehmbar, drang aus den Kornfeldern. Wie eine Stimme, dachte Kerris, es ist der Wind zwischen den Weizenhalmen. Die hohen Stengel zu beiden Seiten des Pfades flü- sterten und sangen. Der Wind drückte sie in breiten rhythmischen Schwüngen nieder – wie das Streicheln einer riesigen Hand war das., »Also los!« sagte Cal. Sie tauchten in das goldene Meer. Das Land schien kaum Notiz von ihnen zu nehmen, und dennoch hatte Kerris beständig das Gefühl, daß man sie ganz genau beobachtete und prüfte. Auf Tornor hatte er Kaufleute über Galbareth reden hören, wie wenn es sich dabei um ein Lebewesen handelte. Er hatte das nicht begriffen. Jetzt verstand er, warum. Sie kamen an Pferden vorüber, die auf einem brachgelassenen Feld Gras zupften. Die Tiere hoben die Köpfe und blickten mit feuchten, schimmernden Augen hinter den Reitern drein. Krähen flogen über ihre Köpfe hinweg, und weiter droben im indigoblauen Himmel schwangen sich Bussarde in ihren tödlichen Jagdkrei- sen durch die Lüfte. Von Pfählen flatterten kunter- bunte Bänder. Sie begegneten zwei Frauen mit Stroh- hüten und langen Kleidern. Die eine richtete sich auf und spähte ihnen nach. Ihr Gesicht war von der Son- ne verbrannt, die Augen blitzten schwarz wie eine Krähenschwinge. Sie sprach keinen Gruß. Gewitterwolkenbäume türmten sich nachmittags im Westen empor. Der Wind frischte auf. Hagelgrau und amethystfahl rollten die Wolken auf sie zu. Der Chearas hielt an, um zu beraten. Cal schaute besorgt drein. »Ich bezweifle, daß wir irgendwo Unterschlupf finden«, sagte er. »Im Galbareth haben die Häuser die Neigung, herumzuwandern, so daß Bauernhöfe, von denen du geglaubt hast, sie lägen dicht vor dir, auf einmal zwei Felder weiter weg sind.« »Vielleicht hat sich das Gewitter leergeregnet, be- vor es uns erreicht«, sagte Elli. »Wir reiten direkt in das Unwetter hinein«, erklärte Cal., Sie zogen weiter. Der Himmel verfinsterte sich. Re- gentropfen sickerten vereinzelt aus dem Himmel, wie wenn sie durch ein Siebtuch gedrückt würden. Blitze zuckten von Wolke zu Wolke. Die Pferde schauderten vor dem angrollenden Donner zusammen. Kerris ver- schnürte seine Tunika fest um den Hals. Das Getreide zischte, es war ein furchteinflößender, ein boshafter Laut. Etwas huschte unter den Hufen von Jensies Reittier hinweg über den Pfad. Ihr Pferd bockte, und sie bedachte es mit Flüchen. »Halt!« Ilene hatte es gerufen. Sie deutete nach Südwesten. »Der Wind mäht das Korn nieder – ich habe geglaubt, ich habe eine leere Stelle gesehen. Das könnte eine Scheuer sein.« »Und es könnte eine Einbildung sein«, sagte Cal. Er blickte Riniard an. Der Rotkopf zuckte die Achseln und kaute auf der Unterlippe herum. »Wie weit ent- fernt war es?« »Nicht weit«, sagte Ilene. »Der Weg geht direkt darauf zu.« Sie deutete auf einen Einschnitt in der Kontur der Weizenfelder. Ein schmaler Steig führte nach rechts ab. Cal, Kel und Riniard besprachen sich untereinan- der. Am Ende führte Cal sie vom Hauptweg fort auf den schmalen Seitenweg. Wütend spuckte Galbareth ihnen Staub ins Gesicht, wie eine riesenhafte Katze, die man aus dem Schlaf aufgeschreckt hat. Die Pferde bockten und mußten am Halfter geführt werden. Im Gänsemarsch gingen sie durchs Korn. Staub hieb geißelnd auf ihre Augen ein und schrun- dete ihnen die Kehlen auf. Blitze sprangen über ihnen hin und her. Die Luft selbst roch sengend und ver- brannt., »Hierher!« schrie Cal. Kerris führte Magrita aus dem schmerzenden Peitschenhagel der Getreidehal- me heraus. Er blickte sich nach einer Scheune um, aber da war keine, nur die Erde und ein paar Holz- fragmente, die zu einer kreisförmigen Lichtung im Getreidemeer geformt waren. Und dann brach das Gewitter los. Der Regen war kalt. Sie zitterten vor Kälte unter ihm. Kerris hörte Jensie fluchen. Er kroch unter der Nässe in sich zusammen. Die Welt zerfloß, ver- schwamm, löste sich auf, verschwand. Er war allein und verloren in einem Land, das er nicht kannte, die Menschen um ihn herum waren wesenlose Schatten, Gespenster – Fremdlinge. Er kannte sie nicht. Er wußte nicht, wo er sich befand. Er war klein, und er war allein. Die Berge waren verschwunden, und er war in der Irrsal ohne sie. Seine Hand krampfte sich schmerzend um Magritas Zügel. Er hatte Angst, er hatte große Angst. Er hörte seinen Namen, doch er reagierte nicht dar- auf. Er kannte diese Menschen nicht. Er wollte nicht aus sich selber herauskriechen. »Kerris!« »Was ist? Stimmt was nicht mit ihm?« »Kerris! Hör mich doch!« Er drehte den Kopf weg. Aber die Stimme verfolgte ihn. Höre mich! Es war Kels Stimme, und sie dröhnte im Innern seines Kopfes, in seinem Hirn. Es geht vorbei. Kämpfe nicht dagegen an! Wir sind bei dir. Du kennst uns doch. Wir lieben dich, chelito. Lauf nicht von uns fort! – Wir sind deine Freunde ... Kels Hände hielten ihn fest an den Schultern ge- packt, hielten ihn, trugen ihn, und die Stimme war, hell, und man konnte ihr nicht entrinnen, und sie war unerschütterlich fest wie die Berge. Kerris' Sehver- mögen schwand und klärte sich in wechselnden Wellen. Er wartete, bis die Wellen sich glätteten. Sein Kopf fühlte sich wund. Er blickte in das Ge- sicht seines Bruders. »Was ...« Sein Mund war staub- trocken. Die Chearis standen im Kreis um ihn herum, wachsam und stumm wie Katzen. »Gebt mir Wasser!« befahl Kel. Jemand bewegte sich und kam mit dem Wasserschlauch an. Kerris versuchte ihn zu halten, aber sein Arm zuckte zu sehr. Kel hob ihm den Schlauch an die Lippen. Das Wasser roch nach Leder. Kerris trank, bis sein Bauch voll war. Kel reichte Elli den Schlauch. Seine linke Hand ruhte noch immer auf Kerris' Schulter. »Geht's besser?« fragte er. »Ja. Besser.« Kerris konnte kaum sprechen. Sein Kopf tobte. »Ich habe dich gehört ...« »Innere Stimmen gehören nicht zu meinen Fertig- keiten«, sagte Kel. »Aber ich habe ein bißchen was von Sefer gelernt, und du besitzt keine Barriere, um mich draußen zu halten. Ich hoffe, ich hab' dir nicht weh getan, chelito!« Elli kniete vor ihm. Sie legte ihm eine Hand aufs Knie. »Kerris, bist du wieder in Ordnung?« Es kostete ihn Mühe, den Kopf zu ihr zu wenden. Sein Nacken brannte. Der Kopfschmerz wurde stumpfer. »Ich glaub' schon.« Wieder sah er Kel an. »Ich habe Angst gehabt«, sagte er. »Das ist weiter nichts Schlimmes«, sagte Kel sanft. »Was hat dich erschreckt?« »Der Raum ...« Er wies auf das weite zerfließende Land ringsum. Dann versuchte er aufzustehen. Kel, half ihm mit einem Arm um den Rücken hoch. Seine Muskeln kreischten. Das Gewitter war vorbei. Der Himmel glomm in lavendelblauen Tönen. Ein Nach- zügler unter den Gewitterwolken schoß eilig und gewichtig ostwärts davon. »Wir hätten vorher darüber reden müssen«, sagte Kel. »Wie fühlt sich dein Kopf jetzt an?« »Müde«, sagte Kerris. Sein Haar und seine Kleider troffen vor Nässe. Der Hosenboden war schlammver- krustet. »Wirst du reiten können?« Er hob das Kinn. Er war sich bewußt, daß die Chearis ihm zuhörten. »Ich kann reiten.« Kel schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Gut so.« Er wandte sich um. »Cal, such uns einen Unterschlupf. Kerris braucht heut nacht ein Dach überm Kopf, und wir alle könnten ein Bett gebrauchen.« »Ich geb mir Mühe«, sagte Cal. Wieder standen ihm die Haare gesträubt vom Kopf ab. »Es tut mir leid ...« »Nein«, sagte Kel. »Kein Wort davon!« Sein Zugriff wurde zur Umarmung. »Es ist meine Schuld. Wenn es da überhaupt Schuld gibt. Du hättest vor fünf Jah- ren nach Elath kommen müssen, zu den Leuten dei- ner Art. Aber jetzt komm, laß uns von hier fortge- hen!« Er gab Kerris frei und ging mit weiten Schritten zu Callito hinüber. Riniard hatte Magritas Zügel ge- halten. Kerris nahm sie ihm aus der Hand. Der Regen hatte die Luft vom Staub reingewaschen, und aus den Weizenfeldern stieg dampfend ein schwerer, ange- nehmer Duft auf. Du hättest vor fünf Jahren nach Elath kommen müssen, zu den Leuten deiner Art ..., Irgendwo im Süden besaß er eine Familie – hatte er vielleicht sogar Freunde. Sein Herz dröhnte. Der Rand der Welt vibrierte bestürzend. Er fragte sich, wie weit sie wohl noch würden reiten müssen, bevor sie Schutz fanden. Nicht mehr weit! Seines Bruders Stimme drang weich in sein Denken ein. Cal führte sie den Weg zum Hauptpfad zurück. In der Mitte eines Feldes flatterten Bänder um einen Pfosten. Ilene, am Ende des Zuges, sang vor sich hin. Kerris berührte mit den Hacken Magritas Flanken. Die schwarze Stute be- schleunigte ihren Schritt. Das Dorf, das Cal entdeckte, war klein, viel kleiner als Brath, und es tauchte so plötzlich inmitten der Felder auf, daß Kerris sich vorstellte, es sei dort in Erfüllung eines Befehls von Kel aus dem Boden gewachsen. Als der Chearas einritt, machte Kerris einen Stall aus, ei- nen Schweinekoben, einen Brunnen mit einem spit- zen Holzdach darüber ... Auch die anderen Bauten waren aus Holz, aber die Dächer waren mit Schilf ge- deckt. Es roch nach Hühnerstall. Er zählte sechs Wohnhäuser und einen Bau, der aussah, als diene er der Aufbewahrung von Vorräten. Das rhythmische Dröhnen von Metall, das auf Metall schlägt, verriet die Nähe einer Schmiede. Die Dorfstraße war fast leer. Der Boden war naß, hier und da von Pfützen be- deckt nach dem Regen, doch schien er rasch zu trock- nen. Drei Frauen schwankten vorbei. Sie trugen Kör- be auf dem Kopf, und ihre Rücken waren gerade wie Pfeilschäfte. Sie balancierten die Körbe leicht mit ei- ner Hand aus. Die Röcke reichten ihnen bis zu den Waden. Eine von ihnen hatte Sandalen an, deren Le-, derschnüre unter dem Saum ihres Kleides ver- schwanden. Die Säume an allen drei Röcken waren mit Goldfäden bestickt. Die anderen beiden Frauen gingen barfuß. Das Erscheinen von sechs Fremden in ihrer Mitte schien sie überhaupt nicht zu interessie- ren. Die eine Frau drehte den Kopf, ohne ihren schreitenden Gang zu unterbrechen, und streifte den Chearas mit einem beiläufigen neugierigen Blick. Sie machten mitten auf der Straße halt. »Wo ist das ...«, begann Elli und verstummte sofort, als Cal eine Handbewegung machte. Auf der Treppe eines Hau- ses war eine Frau aufgetaucht, sie hatte sich so leise bewegt, daß Kerris erschrak. Ihr Gesicht war sanft und faltenlos. Sie hatte langes Haar, das ihr mit Grau durchwachsen in den Rücken fiel, wie dies der Brauch für junge Mädchen in Tornor gewesen war. Auf dem Scheitel trug sie ein schmales farbenprächti- ges Stoffdreieck. Ihr langes Kleid war braun und gol- den. Sie ging barfuß, und die Haut ihrer ebenfalls bloßen Arme war fast so dunkel wie die von Elli. »Ich bin die – Hauptfrau dieses Dorfes«, sagte sie, wobei sie über dem Wort »Hauptfrau« zögerte, als gebrauche sie es nicht oft. »Wir sehen hier nur selten Reisende, und noch seltener sind die Reisenden Chearis. Woher kommt ihr, und wohin führt euer Weg?« »Wir haben uns nicht verirrt, damisen«, sagte Cal. »Wir sind in das Unwetter geraten und bitten euch um Unterkunft.« »Du bist einer von uns«, sagte die Frau zu Cal. »Das bin ich. Mein Dorf liegt östlich vom Fluß.« Er nannte den Namen des Dorfs nicht, und sie fragte nicht danach., »Und die übrigen?« Sie betrachtete sie der Reihe nach. Ihre Augen waren dunkel, dunkel wie die von Paula. Kel sagte: »Ich bin Kel aus Elath.« »Ilene aus Elath.« »Elli aus Mahita.« Die Frau hob beide Hände. »Das genügt.« Ihre Au- gen verweilten auf Kel. »Aus Elath – der Stadt der Hexer ...« »Ja.« »Wie lange wünscht ihr hier zu verweilen?« »Eine Nacht«, antwortete Kel. »Das ist gut. Geduldet euch einen Augenblick, bit- te.« Sie kehrte in das Haus zurück, aus dem sie ge- kommen war. Nach einer Weile trat sie wieder her- aus. Sie wies über den Dorfplatz zu einem Haus hin- über, das wie die anderen auch aussah, mit Ausnah- me eines Symbols an der Tür, der Zeichnung von Perlen in einem Kranz. »Dies steht derzeit leer, und ihr seid willkommen, dort zu verweilen«, sagte sie. Riniard murmelte etwas in sich hinein. Die Frau blickte ihn an, ihre Augen wurden schmal. »Du weißt, was für ein Haus das ist?« »Ja«, sagte er. »Du kommst von den Feldern.« »Ja, damisen«, sagte Riniard. »Wo liegt dein Dorf?« »Im Westen, damisen.« Die Frau machte eine leichte Handbewegung mit der Rechten. Riniard erwiderte sie. Sie nickte. »Ihr seid willkommen«, sagte sie. »Tretet ein!« Sie schob die Tür auf. Kerris kletterte schlaff von Magritas Rük- ken, dann schnallte er seine Schlafrolle ab., »Ihr könnt eure Reittiere uns überlassen. Und, bitte, stellt eure Stiefel auf der linken Seite der Halle ab. Dort gibt es einen Platz für sie.« Der Hausgang war dunkel und roch süßschwer wie ein Kräutergarten. Der Boden war mit Binsen be- deckt. Gehorsam zogen die Chearis sich die Stiefel aus und stellten sie nebeneinander in den Alkoven auf der linken Seite des Flures. Das Kranzsymbol von der Eingangstür wiederholte sich hier auf beiden Wänden. Riniard flüsterte Cal etwas zu. Dieser spreizte die Hände. Der Rotkopf schaute finster drein. Er wirkte unglücklich. Von dem Schrankzimmer gelangte man in einen anderen Raum, der zur Hälfte mit Matten ausgelegt war. Die andere Hälfte des Raumes wurde von einem Ziegelofen und einem hölzernen Zuber eingenommen. »Wenn ihr hungrig seid«, sagte die Frau, »im Spei- sesaal gibt es Essen. Das ist das Haus auf der andern Straßenseite. Wenn ihr etwas braucht, dann fragt nach mir. Ich heiße Tamis.« Und sie ließ sie zurück. Die Tür schloß sich, und mit einem Seufzer begann Ilene sich alle Kleidungsstücke vom Leib zu zerren. Kerris zählte die Strohsäcke. Es waren sechs. Riniard und Jensie würden sich in einen teilen müssen, und zwei andere ... Er ließ seine Schlafrolle fallen. Unter einem Fenster bemerkte er einen Krug Choba-Öl, daneben zwei flache Teller. Es klopfte an der Tür. Kel öffnete. Die Frau reichte ihm eine Schüssel her- ein. »Erfrischt euch«, sagte sie. Aus der Schüssel rag- ten grüne Stengel mit farnähnlichen Blättern an der Spitze., »Was ist das für ein Haus?« fragte Jensie. Sie schüttelte sich das Haar lose und stemmte dabei die Hände in die Hüften. »Wohnt hier überhaupt je- mand?« »Nein«, antwortete Cal. »Das hier ist das Gebär- haus.« »Ein Haus, um Kinder zur Welt zu bringen?« Jensie drehte sich im Kreis herum. »Es ist gemütlich hier«, sagte sie. »Wieso beunruhigte es dich so sehr?« fragte sie Riniard. Er zog sich gerade die Tunika über den Kopf und tat, als habe er sie nicht gehört. Sie stellte sich vor ihn hin. »Antworte mir gefäl- ligst!« »Ich habe gedacht, du redest nicht mehr mit mir«, sagte er. »Jetzt rede ich mit dir.« Riniard runzelte die Stirn. »In meinem Dorf sind Fremde im Gebärhaus nicht willkommen. Ganz be- sonders keine Männer.« Er ließ sich auf eine Matte nieder. Kel sagte: »Jen, laß ihn in Ruhe!« »Aber das Haus wird doch nicht benutzt, oder Ta- mis hätte uns hier nicht untergebracht. Was macht das schon aus?« Arillard sagte sanft: »Es macht Riniard etwas aus. Die Bräuche sind eben verschieden.« Ilene zog sich das Hemd aus und warf es auf den Boden. »Müssen wir immer zanken?« fragte sie. »Nein«, sagte Kel. »Jensie, halt den Mund! Ilene, hier nimm!« Er schob ihr die Schüssel hin. Sie schaute das blättrige Grünzeug an und grinste. »Fetuch!« Sie wählte sich einen der Stengel aus der, Schüssel und biß in das blattlose Ende. »Kerris? Pro- bier es mal!« Kerris schnüffelte. »Was ist es?« Kel nahm einen Stengel und reichte ihn dann Ker- ris. »Iß nur davon!« Kerris knabberte an dem Stück. Das grüne Kraut knirschte zwischen den Zähnen. Es schmeckte fremd- artig, aber gut. Er biß erneut zu, dann reichte er den Stengel an Kel weiter. Er hockte sich auf seine Matte und zog sich das nasse, schmutzverklebte Hemd aus. Als er sich das Ersatzhemd aus der Schlafrolle holte, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, ein zweites Paar Hosen mitzunehmen. »Hier«, sagte Elli und warf ihm ein Paar Baum- wollhosen in den Schoß. »Du kannst meine tragen.« »Ich danke dir.« Er zog sich die trockenen Sachen an. Immer noch fühlte er sich komisch, sich in der Anwesenheit von Fremden aus- oder anzuziehen, doch er tat so, als mache es ihm nichts aus. Cal sammelte die verklebten Kleidungsstücke und Decken mit beiden Armen auf. »Gebt mir das Zeug!« sagte er. »Ich wasche es.« Kerris griff prüfend nach seiner Decke und seiner Wolltunika. Beide waren feucht, also reichte er sie Cal. Er legte sich hin. Der Arm schmerzte, und er war so ausgelaugt, daß er kaum die Augen offenhalten konnte. Die Chearis putzten ihre Waffen. Kel zog sein Mes- ser aus der Scheide und begann sein Reitleder vom Schlamm zu säubern. Ilene saß neben ihm. »Ach, wird das schön, mal wieder in einem Bett zu schla- fen«, sagte sie. »Ich fühle mich an zu Hause erinnert, weißt du?« Kel brummte nur., »Mach doch nicht solch ein saures Gesicht. Es sind noch zwei Tagesritte – wir sind bald dort.« Kel sagte: »Ich wünschte, wir wären jetzt schon dort.« Seine Stimme klang grimmig. Das Kratzgeräusch brach ab und begann von neu- em. »Wieso?« Kerris schloß die Augen. Er wollte nicht lauschen. »Ich spüre einen Bruch im Muster«, sagte Kel. »Ir- gendwas stimmt nicht.« Ilene sagte: »Etwas Großes oder etwas Kleines?« »Ich – weiß – nicht!« Die Worte schienen sich an den Rhythmus des schabenden Messers zu halten. Kerris legte den Arm über die Augen. »Ich – weiß – nicht – was – es – ist.« Die Sonne wollte gerade untergehen, als Tamis sie holen kam. Sie geleitete sie zu dem Refektorium, das sich als Gemeindespeisesaal entpuppte; genau wie die Halle auf Tornor lag der Raum gleich neben der Küche. Zwanzig runde hölzerne Tische standen dar- in. Flache Teller mit Choba-Öl beleuchteten die Tisch- platten. Am hinteren Ende des Saales war die Durch- reiche von der Küche. Cal ging dorthin. Er brachte ein Tablett zurück, beladen mit Essen: Suppe, Brot, Käse, Schinken und fetuch. In der Suppe schwammen lange schnurähnliche gekräuselte Gebilde. Kerris kannte sie nicht. Leise fragte er Cal nach ihrem Namen. »Sie werden aus Mehlteig gemacht, und man nennt sie ›Nudeln‹.« Die Dorfbewohner schenkten ihren Gästen wenig Beachtung. Kinder tollten in dem langen Raum hin und her, schrien hintereinander drein. Kerris sah aus dem Augenwinkel eine Frau, aus deren Mund Rauch, strömte. Ein süßlicher Duft zog durch den Raum. »Hallo!« Kerris schaute sich um und senkte dann den Blick. Neben seinem Knie stand ein Kind und starrte zu ihm auf. Der Junge hatte ein dunkles Gesicht, dunkle Au- gen und langes schwarzes Haar, das aussah, als wäre es noch nie geschnitten, geschweige denn gekämmt worden. »Hallo«, grüßte Kerris zurück. Auf dem braunen Hemd des Jungen waren schar- lachrote Zierstickereien. »Wie heißt du?« fragte er. Er konnte noch nicht sehr alt sein. »Kerris.« Das Kind machte die Runde um den ganzen Tisch und kehrte dann zu Kerris zurück. Der Junge blickte mit schrägem Kopf zu ihm auf. »Wo ist dein anderer Arm?« fragte er. Kerris' Haut begann zu prickeln. Er sagte: »Er ist mir vor langer Zeit abgeschnitten worden, als ich noch ein ganz kleiner Junge war.« Das Kind dachte darüber nach. Die Stirn zog sich in Falten. »Wer hat das gemacht?« »Es war ein Unfall«, sagte Kerris. »Hat es wehgetan?« »Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht daran erin- nern.« »Darf ich anfassen?« Elli, die neben Kerris saß, holte hörbar Luft. Kerris sagte: »Aber sicher doch!« Freundlich wandte er sich auf seinem Hocker um und schob mit der Linken den leerbaumelnden Ärmel hoch. Das Kind strich mit behutsamen Fingern über den vernarbten Armstumpf, streichelte ihn kurz und, sagte: »Adé!« Von den anderen Tischen hatten die Erwachsenen mit undurchdringlichen Gesichtern zu- geschaut. Kerris ließ den leeren Ärmel fallen. Aus dem Schatten tauchte Tamis auf. »Habt ihr al- les?« fragte sie. »Ja. Wir danken dir«, sagte Kel. Sie strich mit der Hand über das dichte Haar des Kindes. »Dann ist's ja gut. Ihr müßt unseren Kindern vergeben. Sie sehen so selten Fremde. Der hier ist Pi- to, der Sohn meiner Schwester.« Sie schubste den Jungen sanft. »Geh jetzt, chelito!« Eine Frauenstimme rief etwas, und der Knabe lief in ihre Richtung weg. »Ich möchte euch, ihr Chearis, um einen Gefallen er- suchen. Unser Dorf ist klein, wie ihr gesehen habt. Viel zu klein, als daß wir uns einen Waffenhof leisten könnten. Wir verwenden unsere Messer nur zum Häuten und Ausnehmen von Tieren und zum Schneiden, und unsere jungen Leute lernen Melken und Säen und Weben, aber nicht kämpfen. Doch eini- ge unter ihnen sind in andere Dörfer geritten, um dort möglichst etwas über die Kunst der Chearis zu lernen. Würdet ihr vielleicht zu ihnen sprechen?« »Es würde uns eine Freude sein.« Kel lächelte. »Wir waren schließlich alle einmal jung. Sind sie hier? Dann bitte sie, zu uns zu kommen!« Die Frau sagte rasch etwas in der alten Sprache. Niemand rührte sich. Dann, langsam, begannen die jungen Leute sich einen Weg an den Tisch der Chea- ris zu bahnen. Kerris zählte sie, sechs, sieben, acht, zehn. Dunkeläugig, mit dunklem Haar, standen die schüchtern in einem Haufen zusammengedrängt. Zwei der Mädchen und drei der Jungen trugen Mes- ser am Gurt., »Ihr braucht keine Angst vor uns zu haben«, sagte Kel. »Wir beißen nicht.« Kerris sah, wie sie näherkamen. In seinem Magen stecke ein fester Klumpen. Er wollte nicht einfach da- beisitzen, wenn die Chearis übers Kämpfen sprachen. Elli zeigte auf eine der Messerscheiden. »Das sieht aus wie eine Arbeit aus Tezera«, sagte sie. »Stammt das Messer ebenfalls aus Tezera?« Das Mädchen, um dessen Messer es ging, nickte. »Meines gleichfalls.« Elli zog ihr Messer, die Schneide blitzte. »Ich erhielt es von meiner Mutter, als ich sechzehn war. Als Ge- schenk. Es wurde in Varins Schmiede gemacht. Al- lerdings bezweifle ich, daß Varin selbst es auch nur in der Hand gehabt hat. Möchtest du es gern halten?« Sie bot das Messer dar, den Griff nach vorn gerichtet. »O ja!« Das Mädchen atmete erregt. »Zeig mir deins!« Das Mädchen zog das eigene Messer hervor. »Ja, das ist eine feine Klinge, und du behandelst sie gut, das sehe ich. Leg es auf den Tisch. Da nimm!« Das Mädchen legte sein Messer auf den Tisch und nahm Elli das ihre aus der Hand. Arillard war dabei, einem der Jungen zu zeigen, wie man sich aus einem Haltegriff am Handgelenk befreit. Jensie hatte ihren Turban abgenommen und zeigte drei Jun- gen, wie sie ihn geschlungen hatte. Kels Hand fiel auf Kerris' Schulter. »Komm!« flü- sterte er. Er wies mit dem Kopf zur Tür. Linkisch machte sich Kerris aus der Tischrunde fort. Als sie aus dem Speisehaus traten und fortgingen, klagte eine Eule irgendwo. Die Felder wogten sanft unter dem Streicheln des Windes. Kerris schaute auf. Der zunehmende Mond trieb über den Himmel wie ein Boot. Er suchte die Sternbilder, die Josen ihm ge-, lehrt hatte: die roten »Augen«, den leuchtend hellen »Schwanz«. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Kel. Der sagte ruhig: »Ich habe mir gedacht, daß du dich dort drin nicht besonders wohl fühlen würdest. War das falsch?« Es war eine entwaffnende Frage. Kerris' Magen verknotete sich nicht länger. »Es stimmt, mir war nicht wohl. Danke.« »Setzen wir uns«, schlug Kel vor. Er betastete das Gras. »Es ist schon trocken.« Sie setzten sich. Das Gemurmel der Stimmen drang aus dem Speisehaus zu ihnen herüber, ein Geräusch ohne Worte. Kel holte etwas aus der Tasche. Es war eine Weinflasche. Er trank, dann reichte er sie Kerris, der es ihm nachtat. »Ist dein Kopf noch immer müde?« fragte Kel. »Nein.« Kerris reichte die Weinflasche zurück. Er wischte sich die Lippen. »Dann sprich zu mir«, sagte Kel. »Nicht mit Wor- ten. Sprich mit der Inneren Stimme, wie ich heute nachmittag.« »Ich kann es nicht«, antwortete Kerris. »Trink noch etwas Wein.« Kel schob ihm die Fla- sche hin. Kerris trank. Es prickelte ihn in der Kehle. »Und jetzt greif mit deinen Gedanken nach mir, ver- such mich zu erreichen!« »Ich kann nicht ...« »Du kannst!« sagte Kel. Er berührte Kerris an der Schulter. »Du tust es schon seit vier Jahren, Kerris. Tu es auch jetzt. Versuch's!« Der Wein brannte in Kerris' Adern. Er holte tief Luft. Er dachte: Was wäre, wenn mein Verstand eine Hand wäre? Wie würde ich sie dann bewegen ...? Der, Himmel verschwamm. Die Erde wirbelte. Plötzlich befand er sich im Innern von Kels Kopf, schaute von dort heraus auf sich selbst, sah einen schlanken, dun- kelhaarigen Fremdling mit nur einem Arm ... Das bin ich! dachte er und verspürte gleichzeitig den Druck anderer Gedanken, die nicht seine eigenen waren – Er hat es geschafft! Er wird es gut können, genauso gut wie Sefer! Wie sich Sefer freuen wird! – und das Bild eines schlanken weißhaarigen Mannes mit eisgrünen Au- gen wirbelte spielerisch durch sein Bewußtsein. Er schüttelte sich und kehrte zurück, zurück in sei- nen eigenen Kopf ... in ruckartigen Schüben. Kel hielt ihn an den Schultern gefaßt. Der Wind fühlte sich warm an auf den Wangen. Er stützte sich rücklings mit der Hand auf und wartete, bis die Welt wieder ins Lot kam. Es geschah. Er blickte in das Ge- sicht seines Bruders. »War es das, was du von mir gewollt hast?« »Das war ganz genau, was ich gewollt habe«, ant- wortete Kel. »Kerris, du kannst es willentlich tun, es braucht nicht nur durch Zufall zu geschehen! Es ist deine Gabe, und du kannst es kontrollieren. Das wollte ich dir zeigen.« Er ließ eine Hand sinken, die andere aber auf Kerris' Schulter ruhen. »Bist du mir deswegen böse? Ich habe dir nicht viel Zeit gelassen, darüber nachzudenken.« »Nein«, sagte Kerris. »Ich bin ... ich bin dir nicht böse. Ich bin nur überrascht.« Elath, das ist die Stadt der Hexer, dachte er, und ich bin einer davon. »Sag's mir noch einmal, wie nennen sie das in Elath – meine Gabe?« »Gedankensprechen, Innere Rede«, sagte Kel. Er kreuzte die Beine zum Schneidersitz und legte beide, Hände geöffnet in den Schoß. »Kannst du es auch tun?« »Nein. Ich bin ein Mustertyp.« »Was ist das?« Kels Stimme war weich. »Für mich sind alle Handlungen Teile eines Musters, im Gleichgewicht und in Gegensätzen, im Fließen und in der Ruhe, und es gibt keinen Vorgang, für den ich nicht die richtige Ergänzung sehe, die Vollendung des Musters. Des- halb bin ich ein Cheari. Die Gelehrten sagen, daß die ganze Welt tanzt und daß der Name des Tanzes chea lautet. Und ich sehe diesen Tanz – ein bißchen davon. Das Gesamtmuster – das vermag ich nicht zu erken- nen.« »Kann das überhaupt jemand?« fragte Kerris. »Jene, die in die Zeit schauen können, nennt man Propheten. Ich kann gerade genug vorhersehen, um zu wissen, wo das Messer eines Mannes im nächsten Augenblick sein wird, ich erkenne das klar daran, wo es sich jetzt befindet ...« Das Sternenlicht legte sich wie Silber auf den Wasserfall seiner Haare. Seine Ar- me flogen in wirbelndem Tanz nach außen, blockten ab, konterten einen imaginären Stoß ... Ehe sein Hirn seine Zunge bremsen konnte, sagte Kerris: »Was war das für ein Versprechen, das du nicht gehalten hast?« Kel ließ den Kopf über seine plötzlich stillen Hände sinken. »Kannst du das nicht erraten?« »Ich will es nicht erraten müssen!« »Ich war dreizehn«, sagte Kel. Er hob die Weinfla- sche und trank. Die Halsmuskeln spielten im Mond- licht. »Am Tag, als die Karawane aus Elath nach Norden zog, habe ich unserer Mutter versprochen,, wenn ihr oder unserem Vater irgend etwas zustoßen sollte, würde ich für dich sorgen. Der Vater war im Süden von Shanan und kämpfte gegen die Asech. Ich habe ihn niemals wiedergesehen. Ich zog im Jahr dar- auf in den Krieg. Endlich drang die Nachricht aus Tornor zu mir, daß die Karawane auf der Reise in den Norden in einen Hinterhalt geraten war, daß Mutter tot war, daß du aber noch lebtest ... Damals hätte ich nach Tornor gehen und dich holen müssen, dich nach Elath zurückbringen müssen. Ich habe es nicht getan. Sogar als du mich vor vier Jahren gerufen hast, habe ich es hinausgezögert.« Kerris erinnerte sich an die Jahre der Verbanntheit, die Zeiten der Pein und Frustration, des Verachtet- seins. Er spürte, wie eine Welle von Zorn in ihm auf- stieg, eine Wut, wie er sie noch niemals empfunden hatte. Das Gefühl strömte aus ihm, und er spürte, wie es in das Gehirn seines Bruders eindrang. Kel stöhnte. Gleichzeitig fühlte Kerris eine Qual, die lanzenscharf durch seine Stirn stieß. Er schauderte vor Kälte und holte seinen Zorn zurück. Er hatte nicht gewußt, daß er solche Schmerzen bereiten konnte. Er würde vor- sichtig sein müssen ... Kel sagte: »Du hast das Recht, mir böse zu sein, Kerris.« Kerris glaubte fast, er höre Josens Stimme: Laß es kommen und laß es vergehen! hatte der alte Mann ge- sagt. »Ich weiß«, sagte er. »Aber ich brauche ja nicht län- ger zornig zu sein. Hier bin ich, und du bist gekom- men!« Und während er dies sagte, schloß sich Angst wie eine Faust um sein Herz., Seine Gedanken wurden verschwommen. Kel? dachte er und hörte seinen Bruder antworten – Was ist es? Was stimmt nicht? Entsetzen peitschte seine Nerven, vermischt mit Zorn, ähnlich seinem eigenen ... Er zog sich mit aller Kraft zurück in sein eigenes Selbst. Das Band zerriß wie eine zerspringende Saite. Irgendeiner im Dorf war jung und zornig und steckte voll Furcht. Kerris zwang seine Augen, klar zu sehen. Das Gras kitzelte unter seiner Handfläche. Er stieß sich ab und stand auf. Kel tat das gleiche gleichzeitig. Der verwehte Geruch von Himmelskraut kam über die Straße hergeweht. »Gehen wir!« sagte er., 5. Kapitel Sie traten in die Dorfhalle. Die Erwachsenen waren fortgegangen, nur drei alte Männer bliesen einander im wärmsten Winkel des Speiseraumes Rauch ins Ge- sicht. Kerris machte lange Schritte, um mit seinem Bruder mithalten zu können. Cal demonstrierte mit nacktem Oberkörper einem etwa gleichgroßen Jun- gen einen Hebelgriff am Handgelenk. Elli und Aril- lard führten eine Tanzdrehung vor. Ilene sprach leise auf das älteste der Mädchen ein. Jensie lachte, von drei Jungen umringt, die sie offensichtlich bewun- derten. Das dreifarbige Haar stand wie Gischt um ihr Gesicht. Und keiner sah aus, als wäre er verletzt, wütend oder in Bedrängnis. Kerris streckte vorsichtig seinen neugefundenen Sinn ins Dunkel. Mitten durch das Gelächter hindurch, durch die Freude, die im Raum schwebte, das Entzücken, stieß Angst auf ihn zu wie der Strahl eines Leuchtturms. »Jemand steckt in Schwierigkeiten«, sagte er zu Kel. »Wo? Hier drin?« »Nein, woanders, aber ganz nah.« Er war erstaunt, daß er wußte, daß es ganz nahe sein müsse. Wie er das wußte, war bedeutungslos. Er wußte es eben. Kel sagte: »Du hast geglaubt, daß es hier ist, und dann war es das gar nicht.« »Ja.« »Versuche es zu orten!« »Wie?« »Greife weiter hinaus beim nächstenmal!« sagte Kel. »Du brauchst keine Angst zu haben. Du kannst, jederzeit zurückkommen, wenn du willst. Und es wird nicht wehtun. Ich bin bei dir.« Der Duft von Himmelskraut kitzelte ihn in der Na- se. Er schloß die Augen, zwang durch eine Wil- lensanstrengung den Lärm und das Gelächter von sich fort. Kels Arm lag ihm um die Schultern, stützte ihn. Er legte sich in diesen Arm. Seine Konzentration schwamm – er zwang sie nach außen, wie ein Maul- wurf, der die Nase aus seinem Erdhaufen streckt ... Der Geruch nach Himmelskraut verdichtete sich. Er stand im Sternenlicht, seine Klinge lag vor seinen Füßen auf dem Boden. Sein Handgelenk war zerkratzt. Er schluckte und schmeckte im Speichel den Geschmack seiner eigenen Furcht. Der Mann, der vor ihm stand, gestikulier- te mit seinem Messer. Seine Stimme klang undeutlich und verwischt, sie klang zornig: »Mit dir bin ich noch nicht fer- tig«, sagte die Stimme. »Heb es auf!« Das rote Haar fiel ihm über die Stirn. Unmutig strich er es zurück. Kerris kehrte in sein eigenes Gehirn zurück. Der Lärm war verstummt. Alle Chearis schauten zu ihm her. »Es ist Riniard«, sagte er. »Er prügelt sich mit je- mand.« Kel stieß einen Fluch aus. »Ich brech ihm das Ge- nick! Beim chea, warum hat denn nicht einer von euch ein Auge auf ihn gehabt?« Er blitzte die Chearis wü- tend an. Sie schauten einander an, antworteten aber nicht. Cal zog sich das Hemd über den Kopf. »Mit wem schlägt er sich?« »Mir irgendeinem Jungen.« Kerris suchte nach dem Namen. »Jerem heißt er.« Das älteste Mädchen sagte: »Aber Jerem kämpft sonst nie.« »Du kämpfst, wenn man dich angreift«, sagte Kel., Er wies ruckartig mit dem Kopf zur Tür. »Kommt wir müssen sie finden!« Ein Junge fragte: »Ist Riniard der mit den roten Haaren?« »Das ist er«, sagte Jensie mit trüber Stimme. »Er und Jerem sind zusammen rausgegangen, um die Messertechnik zu üben. Ich glaube, ich hab' eine Ahnung, wo sie hingegangen sein können.« »Zeig uns den Weg!« befahl Kel. Am anderen Ende des Saales kicherte einer der alten Männer. »Aber lei- se!« Sie traten auf die Straße. Kerris hinterdrein. Er war sich des Messers an seiner Hüfte stark bewußt. Ver- zweifelt wünschte er sich, es benutzen zu können. Er hatte die Angst Jerems gefühlt, hatte sie mit ihm ge- teilt, hatte sie im eigenen Mund geschmeckt. Wenn er wirklich Jerem gewesen wäre, dann wäre er jetzt tot, tot wie ein geschlachteter Hammel, tot wie seine tote Mutter. »Ihr anderen wartet hier!« befahl Kel den Möchte- gern-Chearis. »Wir kommen bald zurück. In welche Richtung gehn wir?« fragte er ihren Führer. Der Junge deutete nach Süden ins Korn hinein. »Da gibt's einen Pfad«, sagte er. »Er mündet auf der Wei- de, westlich von der alten Scheuer.« Wind bog den zarten Weizen zu Boden. Kerris zuckte fröstelnd zu- sammen, er glaubte die brütende Stärke Galbareths um sie herum zu spüren. Er fragte sich, ob die ande- ren sie ebenfalls wahrnahmen. Er wollte nicht in die- ses Getreidefeld hineingehen. Ilene sagte sanft: »Führe uns hin!« Der Junge nick- te. Er hatte keine Schuhe an. Der Mond versilberte die Spitzen der Ähren. Der Wind ließ sie leise zischeln., Als sie auf das Feld zuschritten, hoben sich in der Dunkelheit rote Augen in die Luft und verschwan- den. Kels Finger schlossen sich um Kerris' Handge- lenk. Sie tauchten in das Feld ein. Sie gingen einer hinter dem anderen: der Junge zu- erst, dann Ilene, dann Kel. Die Chearis bewegten sich, wie sie es immer taten – leicht und leise wie Katzen. Kerris hielt sich dicht hinter Kels Hacken und ver- suchte, nicht zu stolpern. Ihr Eindringen schreckte ein äsendes Kaninchen auf. Es pfiff. Der Weizen sang. Kerris tat die Brust weh. Durch seinen Schädel tröp- felte ein Gedanke, in einer Stimme, die nicht die seine war: »Hab keine Angst! Du bist nicht allein!« Kerris strengte sich an zu sehen, was vor ihm war. Er sah nur den Sternenschimmer auf Kels Haar, sonst nichts. Sie hatten das Feld hinter sich gelassen. Kerris hörte ein rhythmisches Geräusch: Swisch, swisch ... Der Wind, dachte er, aber dann sah er die zwei Schattengestalten kreisen und kreisen. Die Licht- punkte ihrer Messerspitzen blitzten. Kerris' Kehle krampfte sich zusammen. Nicht der Wind, dachte er, das sind Atemzüge. Kel ließ seine Hand los. Er er- starrte. Die anderen Chearis flogen davon. Riniard hörte sie und wirbelte herum, doch Kel und Ilene waren schon bei ihm, warfen ihn zu Boden, preßten ihm die Glieder auf die kühlen Stoppeln. Er war hart aufgeprallt, und er stieß die Luft mit einem rauhen schluchzenden Laut aus den Lungen. Plötz- lich herrschte ein bestürzendes Schweigen. »Mach Licht!« befahl Ilene. Arillard kniete nieder und machte mit seiner Zun- derbüchse eine Flamme. Als sie heller wurde, sah, Kerris Riniard auf dem Rücken liegen. Kel stand über ihm. Der Zorn in seinen Augen glühte hell wie rot- glühendes Eisen. Cal und Jensie standen über den Jungen gebeugt. Er hockte auf der Erde und hielt sich den rechten Arm. Vor seinen Füßen lag ein Messer. »Es ist bloß ein Kratzer«, sagte er mit hoher Jungenstimme. »Es ist d-d-doch bloß ein Kratzer.« Kel sagte zu Ilene: »Halt ihn da fest!« Er trat neben den Jungen. »Du bist Jerem, nicht wahr? Mein Name ist Kel.« Er kniete nieder. Jensie benutzte das eigene Messer, als sie dem Jun- gen den zerfetzten Ärmel von unten bis zur Achsel aufschnitt. »Es ist doch bloß ein Kratzer«, sagte der Junge nochmals. »Wie alt bist du?« fragte Kel. »Vierz-z-zehn.« In dem zuckenden fahlen Licht aus der Zunder- büchse lag das Blut wie eine schwarze Linie auf der Haut. Kel hob das Messer auf. »Das ist eine feine Klinge«, sagte er und drehte sie in den Fingern hin und her. Er steckte das Messer sacht in die Scheide an der Hüfte des Jungen. »Erzähl uns, was passiert ist!« Der Junge sagte: »Wir sind hier r-rausgegangen, um z-z-zu t-t-trainieren.« Jensie machte etwas mit seinem Arm, und er stieß ein Keuchen aus. »Ich will da einen Druckverband darauflegen«, sagte Jensie. »Haben wir sauberes Tuch?« »Weiter!« befahl Kel dem Jungen. Er zog sich das Hemd aus und begann es in Streifen zu zerreißen. »Wir haben ein bißchen Himmelskraut geraucht. Ich hatte was dabei. Dann machten wir Scheinge-, fechte – ich weiß nicht, was passiert ist. Ich muß was Blödes gesagt haben, plötzlich wurde er wütend ...« »Und trotzdem hast du ihn in Schach gehalten«, sagte Kel. »Das hast du gut gemacht!« Er reichte Jen- sie die Leinwandstreifen nacheinander zu. Sie faltete zwei davon zu einem Polster und legte sie auf die Wunde, dann band sie zwei weitere darüber fest. »Es gibt nicht viele erwachsene Männer, die einen Cheari in Schach halten können.« »Ich glaube, er hat mich nicht im Ernst verletzen wollen«, sagte Jerem. Die Flamme erlosch. Seine Stimme sprach schmerzhaft deutlich durch das Dun- kel weiter: »Einmal habe ich mein Messer verloren. Er befahl mir, es aufzuheben.« Kels nackte Schultern hoben sich und senkten sich wieder. Er stand auf. »Bring ihn zu dem Haus!« sagte er zu Ilene. Er schaute nicht zu Riniard hinüber. »Kannst du auf den Beinen stehen?« fragte er Jerem. Der Junge stand mühsam auf, die Bandagen an sei- nem Arm hoben sich ab. »Gut. Cal, du bringst ihn nach Hause. Sage seiner Familie, wir werden jede Entschädigung, die sie für rechtens halten, bezahlen. Jensie, du gehst mit ihm!« Jensies Kopf zuckte zurück. »Warum sollte ich, zum Kuckuck ...« Sie verstummte. »Schon gut. Ich geh ja schon.« Auch sie blickte nicht zu Riniard hin. »Ich heiße Jensie«, sagte sie fröhlich zu Jerem. »Jenézia, genau, aber niemand außer meiner Mutter ruft mich so.« Sie schob dem Jungen die Hand unter die linke Achsel. »Gehn wir in diese Richtung?« »Ja«, sagte der Junge. Dann fügte er hinzu: »Ich heiße Jeremeth.« Sie wandten sich dem Pfad zu. Ilene hatte Riniard noch immer eine Hand auf die Schulter, gelegt. Jetzt zwang sie ihn aufzustehen. Er tat es. Und einen Augenblick lang standen sie sich Auge in Auge gegenüber: der Junge und der Mann. Riniard bückte sich, und als er sich wieder auf- richtete, hielt er sein Messer in der Hand. Er steckte es in die Scheide. Leise sagte er: »Jeremeth, es tut mir leid, daß ich dich verletzt habe.« Der Junge schwankte. Jensie verstärkte ihren Hal- tegriff. Er stammelte etwas, so leise, daß man es nicht verstehen konnte. Ilene und Riniard tauchten zwi- schen den Weizenhalmen unter, und Jensie und Je- remeth folgten ihnen. Elli redete mit dem andern Jungen, der sie auf das Feld geführt hatte, und zog ihn, eifrig schwatzend, gleichfalls auf den Pfad zu- rück. Ein Nachtvogel verursachte ein wehendes Ge- räusch. Kerris hörte das Klicken der Zunderbüchse Arillards. Im Licht der kleinen Flamme sah man Kel – er stand da und starrte zu Boden. Der Wind spielte in seinem gelösten Haar. Seine Muskeln schimmerten wie polierter Stein. Die Flamme erlosch. »Nun«, sagte Arillard. Kerris fragte sich, ob er nicht besser auch ver- schwinden sollte. »Was machen wir?« fragte Kel. Er warf die Arme nach vorn, die Handflächen zum Himmel gerichtet, als wolle er tanzen. Arillard antwortete: »Was können wir denn schon tun?« Kel ließ die Hände sinken, und seine Stimme klang bedrückt. »Ich kann ihn anbrüllen, ihn beschimpfen, weil er sein Versprechen gebrochen hat, weil er sich geprügelt hat, als wäre er ein rocho, ein Dieb, und nicht ein Cheari!«, »Angeschrien hast du ihn früher schon mal«, sagte Arillard. »Ilene ist wahrscheinlich gerade jetzt dabei. Wir alle haben schon mit ihm gebrüllt.« »Ich kann ihn verprügeln«, sagte Kel. »Würde das was nützen?« fragte Arillard. »Er würde es nicht so leicht vergessen«, sagte Kel finster. »Und es würde mir helfen, meiner Wut Luft zu machen.« Seine Stimme wurde schrill. »Arillard, er hätte das Kind umbringen können!« Kerris machte sich zum Gehen bereit. »Kerris, geh nicht weg!« rief Kel. Er nickte ihm zu. Kerris trat zu ihm, und Kel schlang ihm den Arm um die Schulter. »Was meinst du dazu?« Kerris erinnerte sich an das Entsetzen des Jungen Jeremeth. Er versuchte Zeit zu gewinnen. »Riniard hat gesagt, daß es ihm leid tut.« Kel sagte: »Und gestern abend am See hat es ihm ebenfalls leid getan. Und was wird ihm beim näch- stenmal leid tun, und beim Mal danach und später dann?« Der Wind sang in den Halmen. Arillard kniete nie- der und füllte seine Zunderschachtel umständlich mit verdorrten Grashalmen. »Er war noch zu jung, als er zum Cheari ernannt wurde«, sagte er. Kels Arm spannte sich. »Ich war mit zweiund- zwanzig ein Cheari. Elli ist zwanzig!« »Du bist du, und Elli ist Elli. Und keiner von euch beiden ist Riniard.« Kel seufzte. Er ließ Kerris stehen und schritt auf die schwarze schweigende Scheune zu. Dann kam er wieder zurück. »Ich wollte, Sefer wäre hier bei uns«, sagte er. Arillard sagte: »Kel, diese Straße hat nur zwei, Richtungen. Entweder wir behalten Riniard bei uns, oder wir schicken ihn fort!« Kel zog die Schultern ein. »Rätst du mir, ihn fort- zuschicken? Ist es das, was du willst?« »Es ginge mir gräßlich gegen den Strich!« »Ich denke genauso. Er gehört zu uns«, sagte Kel. »Er macht das Muster stimmig.« Das Licht des Vier- telmondes fiel ihm ins Gesicht. Um den Mund zeich- neten sich nervöse Falten ab. Spontan griff Kerris im Geiste nach seinem Bruder, versuchte ihn zu berühren, zuckte jedoch vor dem Gemisch von Schmerz, Zorn und Hilflosigkeit zurück ... Dann gingen sie den Pfad zurück, durch das Wei- zenfeld, zurück über den Dorfplatz. Kel sprach den ganzen Weg lang kein einziges Wort. Arillard sagte nichts als: »Ich frage mich nur, was das Dorf als Ent- schädigung für die Verletzung des Jungen fordern wird.« Die Tür zum Gebärhaus stand einen Spalt weit of- fen. In dem Alkoven im Flur brannte eine Kerze. Sie blieben stehen und zogen sich die Stiefel aus. Kerris holte sich eine ganze Lunge voll von dem süßen Ge- würzkräuterduft. Sie traten in den Schlafraum. Es war schwül und irgendwie eng in dem zwei Zimmer großen Raum. Cal und Jensie waren noch nicht zurückgekehrt. Ilene stand an einem der Fenster. Als sie eintraten, neigte sie den Kopf und zog ein mürrisches Gesicht. Elli hockte auf einer Matte und schliff mit raschen Stri- chen ihr Messer. Ihr Gesicht wirkte ernst. Riniard stand Ilene gegenüber. Das Licht aus der Schale ne- ben Ellis Knie reichte nicht bis zu ihm hin: er wirkte, wie ein Schatten, wie ein Gespenst. Das Schweigen glühte. Arillard fand eine zweite Kerze. Er bückte sich und entzündete sie an der Flamme in der Schale und steckte sie in einen Wandhalter. Kerris schaute zu Ri- niard hinüber. Der Rothaarige war bleich, und unter seinen Augen zeichneten sich schwarze Halbmonde ab. Er blickte zu Kel und sagte: »Also, los!?« Es klang heiser. Die Erbärmlichkeit und das Elend in seiner Stimme und seiner Haltung trafen Kerris wie ein Hieb. Er empfand Scham, Elend, Trotz und Angst ... Ein träges, verdrossenes Gewirr, und die Angst kroch schlangengleich und zuckend in sich selber zurück ... Es hat keinen Sinn. Ich werde nie der sein, den sie sich wünschen. Ich bin ein Schwächling, ihrer unwürdig, es tat weh, ich liebe sie, und es tut weh, sie werden mich fort- schicken müssen, sie werden es tun müssen, besser bald als später, besser gleich, sofort ... Wer bist du??? Laß mich los! Geh raus aus mir! Kerris zog sich aus ihm zurück. Er lehnte sich gegen die Wand. Der Kopf tat ihm weh, und sein Sehvermögen verschwamm auf ver- traute Weise. Er griff nach seinem Bruder, vereinigte sich mit ihm und kehrte erneut in Riniards Inneres zurück. Es war, als träte er in ein Schlangennest. Siehe da! sagte er zu Kel. Er hielt sie beide dort fest. Solange er es wagte, dann zog er sich aus Riniard zurück und brach die Verbindung mit Kel ab. Die Knie zitterten ihm. Er fragte sich, ob er umfallen würde. Aus dem Nirgendwo kam ein Arm, half ihm, sich zu setzen. Jemand schluchzte irgendwo. Er wartete, daß die Welt aufhörte, um ihn zu wirbeln. Der Arm gehörte, zu Elli. Und das Weinen – das war Riniard, auf den Knien, den Kopf in die zuckenden Hände vergraben. Kel ging zu ihm. »Riniard.« Er faßte ihn an den Handgelenken und zwang die Hände von dem Ge- sicht weg. »Du kleiner Narr.« Riniard mochte nicht aufschauen. Kel streichelte ihm die Haare. »Ilene, Elli, Arillard – helft mir!« Kerris fühlte, wie Elli ihm die Hand drückte und von ihm fortging. Die Chearis bil- deten einen engen kleinen Kreis um Riniard in der Mitte. Unablässig streichelte Kel dem Rothaarigen den Kopf. »Du bist einer von uns, Riniard. Roterchen! Du, du selber, und nicht irgendeine imaginäre Person mit allen Vorzügen und Tugenden, denen keiner je- mals gerecht werden könnte, die wir nicht erkennen könnten, wenn wir auf sie stoßen würden. Dich ha- ben wir ausgewählt! Hörst du mich? Dich! Wir lieben dich. Wir werden dich nicht fortschicken, Rotfuchs, ganz gleich, was du tust, es sei denn, du willst es. Willst du das, Riniard? Bist du uns so früh leid ge- worden?« Die Hand hielt in ihrem stetigen Streicheln inne. »Sag es uns! Willst du von uns fortgehen?« »Nein.« Riniards Stimme war ein Flüstern. »Du Idiot«, sagte Kel. Er hob Riniards Kinn in der Handfläche hoch. »Schau mich an!« Riniard hob das Gesicht. Seine Wangen waren naß. »Du bleibst bei uns, weil wir dich brauchen und dich lieben. Und wenn du das nächstemal Himmelskraut brauchst, dann sag es uns! Wir bleiben dann bei dir und sorgen dafür, daß du nicht in Schwierigkeiten kommst, und wenn dir dann die Augen zufallen, dann stecken wir dich ins Bett, damit du deinen Rausch ausschlafen kannst. Gut so?« »Gut so«, sagte Riniard. Seine Stimme schwankte,, doch die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt. »Und das nächstemal, wenn du versuchst einen Streit vom Zaun zu brechen, verdresche ich dich, daß du nicht mehr denken kannst. Und du weißt, daß ich das kann!« Riniard versuchte schüchtern zu lächeln. »Das kannst du, jederzeit!« Kerris kroch auf eine der Matten. Der Kopf schmerzte ihn zwar nicht mehr, doch fühlte er sich noch immer kalt und müde, viel müder, als er sich je zuvor im ganzen Leben gefühlt hatte. Er rollte auf den Rücken. Durch den Türbogen kamen Cal und Jensie und blieben stehen, als sie den Kreis der Chea- ris um Riniard erblickten. Kel sagte: »Tröste ihn, Jen.« Seine hohe Gestalt glitt vor der Kerze vorbei. Er neigte sich zu Kerris herunter. Auch er war müde, doch die scharfen Linien um seinen Mund waren ver- schwunden, und seine Augen waren ruhig, ohne Zorn. »Du hast da etwas recht Schwieriges voll- bracht«, sagte er ruhig. »Und du hast es gut gemacht. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn du nicht da- gewesen wärst. Ich bin froh, daß du da bist.« Dann trat er durch die Tür und verschwand im Flur. Elli setzte sich an seine Seite. »He?« fragte sie. »Was hast du gemacht? Ich weiß, du hast irgendwas gemacht!« »Ich habe Kel gezeigt, was Riniard fühlte«, sagte Kerris. Elli hob die Brauen. »Ich nehme an, du kannst es mir nicht genauer erklären?« fragte sie. »Ich täte es gern, wenn ich es nur selber begreifen würde.« Die Antwort klang schärfer, als er es beab- sichtigt hatte. Aber er war zu erschöpft, um sich zu, entschuldigen. Sein Gehirn fühlte sich zerschlagen an, genau wie am Tag zuvor während des Gewitters. »Macht nichts«, sagte Elli. Sie hob die Arme und streifte sich das Hemd über den Kopf. »Wahrschein- lich würde ich's nicht begreifen, auch wenn du's mir erklären könntest. Ich verstehe es auch nicht immer, wenn Kel von Mustern redet.« Sie ließ sich auf die Matte neben Kerris fallen. Die Kanten ihrer beider Lager berührten sich. Aus der Ecke drang Jensies Gemurmel, ein sanfter, liebevoller Ton. Ilene stand nackt auf und löschte die Kerze im Wandhalter mit den Fingern aus. Leise, so daß nur Kerris sie hören konnte, sagte Elli: »Ich will dich nicht noch länger vom Schlafen abhal- ten. Ich wollte dir nur sagen – ich mag dich. Mir hat gefallen, wie du es zugelassen hast, daß dich der kleine Junge heute anfassen durfte. Und mir gefällt, daß du Riniard geholfen hast. Und es gefällt mir, daß du dich nicht scheust, um etwas zu bitten.« Ihre Hand kroch über die Matte und schloß sich um seine Handfläche. »Ich meine das ehrlich.« Er mußte schlucken. »Ich mag dich auch.« »Und vergiß nicht, mir morgen meine Hosen zu- rückzugeben!« »Ich werde es nicht vergessen.« Kel kehrte zurück. Er ging um die Matten herum und sprach mit jemandem, den Kerris nicht sehen konnte. »Rück rüber!« Kerris hörte das Geräusch sich verschiebenden Tuchs. Dann blies Elli das Öllicht aus, und da war nur noch leises Atemgeräusch zu hören und der Wind im Korn und die verhaltenen rhythmi- schen Schreie der Liebenden., Der Chearas erhob sich im Morgengrauen. Kel schickte Calwin und Elli zum Stall, um die Pferde zu satteln. »Wir werden unterwegs eine Mor- genmahlzeit finden«, sagte er. »Wir haben den guten Willen und die Freundlichkeit in diesem Dorf bereits über Gebühr strapaziert.« Sonnenlicht strahlte Muster auf die Wände des Ge- bärhauses. Kerris schaute aus dem Fenster. Ein Mann und eine Frau schritten auf die Felder zu. Sie trugen Hacken. Ein Kind lachte irgendwo auf dem Dorf- platz. Wolken plusterten sich auf, getrieben von einem östlichen Wind. Dunggeruch wehte von der Weide über den Platz herüber. Alles war sehr friedlich. Arillard sagte: »Ich möchte wissen, was die wohl als Bezahlung für gestern nacht fordern werden.« Kel griff sich den Strohbesen in der Ecke. »Wir werden ihnen geben, was immer sie verlangen – so- lang es uns nicht aufhält.« Jensie und Ilene schüttelten die Matten sauber. Ker- ris blickte sich suchend um nach etwas, das er tun könnte. Riniard klopfte ihm auf die Schulter. »Wir können die Kleider holen gehen«, sagte er. Sie traten in den Alkoven, zogen sich die Stiefel an und gingen dann hinter das Gebärhaus zu der Wäscheleine, auf der ihre gewaschenen Kleider nun trocken hingen. Umständlich nahm Kerris die Klammern von dem Hanfstrick und stapelte die Kleider auf Riniards Ar- men. Sie rochen nach Seife und Sonne. Riniard sagte: »Gestern abend ...« Kerris wartete. »Ich habe dich in meinem Kopf gespürt. Das war doch wirklich so, nicht wahr?« »Ja«, sagte Kerris. »Das war wirklich so.« »Ich habe auch Kel gespürt. Das war schrecklich.«, »Es tut mir leid, wenn ich dir wehgetan habe«, sagte Kerris. »Hast du nicht, und wenn du hättest, ich hätte es verdient gehabt«, sagte Riniard. Er verlagerte das Gewicht des Kleiderbündels. »Ich bin gar nicht böse. Du hast mir geholfen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn du das nicht getan hättest. Ich wollte dir bloß sagen, daß es schrecklich war.« Er leckte sich die trockenen Lippen. Kerris erinnerte sich an das erste- mal, als er Kels Gedanken berührt hatte. Auch er war damals entsetzt gewesen. »Ich mache es nicht wieder«, sagte er, nicht ganz si- cher, daß es dies war, was Riniard zu hören verlang- te. Der Rothaarige nickte. Sie hatten inzwischen alle Kleider und Decken von der Leine genommen, also gingen sie zum Haus zurück. Riniard sortierte die Kleidungsstücke auseinander. Kerris nahm seine Ho- se und seine Decke von dem Stapel. Er rieb mit der Wange gegen den Stoff. Es gab so viel in ihm selbst, wovon er keine Ahnung hatte. Der Armstumpf juck- te. Er kratzte sich. Noch kannte er die Grenzen dieser Gabe nicht, die er besaß – Innere Sprache –, noch wußte er nicht, wo er diese Grenzen erfahren könnte. Kel – er schaute durch den Raum zu seinem Bruder hinüber – Kel konnte es ihm nicht sagen. Aber sicher- lich war er nicht der einzige, es mußte andere geben, die tun konnten, was er getan hatte ... Das Bild eines Mannes mit silbernem Haar und grünen Augen schimmerte in seinem Schädel auf. Sefer. Er wußte, ohne zu wissen, woher ihm dieses Wissen kam. Viel- leicht hatte Kel es gesagt oder daran gedacht. Sefer in Elath, Kels Geliebter, war wie er. Cal und Elli kamen herein. Cal sagte: »Die Pferde, stehen vor der Tür. Und Tamis ebenfalls. Sie wartet auf uns.« Elli trat zu Kerris und begann seine Bettrolle zu- sammenzupacken. »Wozu schaust du so finster drein?« fragte sie. »Ich hab' nicht gemerkt, daß ich's tue«, antwortete Kerris. »Jedenfalls ist es so. Gib mir meine Hosen!« Kerris zog die geliehenen Hosen aus und zog sich seine eigenen, frischgewaschenen über. »Wohin rei- ten wir heute?« fragte er. »Durch den Galbareth«, antwortete Elli, während sie ihr Deckenbündel verschnürte. Sie wollte etwas sagen, bremste sich und sagte dann doch: »Wir müß- ten morgen in Elath eintreffen.« Sie schlang den Knoten mit übertriebener Sorgfalt. Kerris balancierte sein eigenes Bündel auf den Knien und verknotete die Schnur mit der Hand und den Zähnen. Er nahm die Rolle unter den Arm. »Was hast du sagen wollen?« Sie seufzte. »Ich hab' dich fragen wollen, ob du immer noch Angst hast vor dem Galbareth.« Kerris warf einen Blick aus dem Fenster, auf die goldenen Felder. Wahrheitsgemäß antwortete er: »Ich weiß es nicht.« Während sie durch den langen Flur schritten, holte er tief Luft. Er hätte gern gewußt, was für Kräuter die Dorfbewohner zogen, daß es hier so gut roch. Auf Tornor hatte er nie dergleichen Düfte gerochen. Ta- mis stand wartend vor der Haustür. Die Chearis stellten sich in ihrem gewohnten Halbkreis ihr ge- genüber auf. Sie trug Braun und Gold und das Drei- eck aus Goldfiligran, das sie am Vorabend getragen, hatte. Ein Kupferarmband am linken Handgelenk fing das Sonnenlicht ein und blitzte auf wie ein Stern. »Damisen«, sagte Kel (er sprach das Wort nicht so weich aus wie Cal und Riniard), »wir bedauern das Unheil, das durch uns in euer Dorf gekommen ist. Sag uns, wir bitten, wie wir Wiedergutmachung lei- sten können.« Die Dorfoberin faltete die Arme unter ihren Brü- sten. »Es ist kein großes Unglück«, sagte sie und sah dabei Riniard an. »Allerdings kann es wohl jenem Unglück bringen, der es getan hat. Was geschieht mit einem cheari, der das chea verhöhnt?« Alle Chearis richteten sich steif auf. Riniards Ge- sicht lief blutrot an. Kel sagte: »Das ist unsere eigene Angelegenheit, damisen.« Sie verneigte sich. »Jeremeth' Wunde ist nur gering. Unsere lehi, unsere Heilerin, sagt, sie wird in acht Ta- gen verheilt sein. Aber acht Tage lang darf Jeremeth nur die Arbeit eines Kindes tun. Darum verlangen wir, daß ihr acht Leute einen Tag lang seine Arbeit in den Feldern übernehmt.« »Aber wir ...« Ilene biß sich auf die Lippen. »Ja?« fragte Tamis. »Ihr verweigert es?« Ilene blickte zu Kel. »Nein«, sagte er. »Wir weigern uns nicht. Es ist eine angemessene Buße. Doch wir müssen ein früheres Versprechen einlösen, in Elath, und wir dürfen nicht zögern, dürfen nicht warten, nicht einmal einen Tag. Laß uns wiederkommen, wenn der Erntemond voll und die Frühjahrssaat reif ist. Wir werden bei der Ernte helfen. Auf diese Weise können wir beide Ver- sprechen einlösen. Wir schwören beim chea, daß wir zurückkommen!«, »Schwört ihr?« Sie blickte von einem Gesicht zum andern. Kerris dachte: Ich bin kein Cheari. Aber sie schaute auch ihn an, mit Augen wie die Erdmutter selbst, ohne Bosheit und ohne Gnade ... Er neigte den Kopf wie die anderen. Die Pferde schoben die Nü- stern in die Brise und bestaunten die fremdartige Landschaft mit feuchten Augen. Tamis trat graziös zur Seite. Ihre linke Hand vollzog eine Geste. »Das genügt mir.« Die Sonne ergoß ihre Wärme über ihre linke Schulter, als Cal die Chearis zur Landstraße zurückführte. Jen- sie und Riniard ritten als erste, nebeneinander, den übrigen etwas voraus, und sie berührten einander ständig, schwatzten und lachten laut. Die übrigen Chearis sprachen nicht viel. Die Ge- genwart des Galbareth – das Gefühl der Nähe von etwas Lebendigem im Korn und in der Erde – machte sie stumm. Niemand störte ihren Zug. Wie Geister ritten sie durch die goldene Landschaft. Heimat, dachte Kerris, ich kehre in meine Heimat zurück. Aber das Wort rührte nichts in ihm an. Die Heimat, das war für ihn Tornor. An diesem Abend lagerten sie auf einem Brachfeld. Das Gras war versengt an einigen Stellen, als sei ein Feuer darüber hinweggezogen, und wo es nicht ver- brannt war, war es bis auf die Wurzeln abgegrast. »Kein Feuer heut nacht!« Cals Stimme klang gebiete- risch. Elli breitete ihre Decke aus. »Warum nicht?« Cal rupfte ein Grasbüschel aus und ließ es im Wind davonwehen. »Es hat hier schon Feuer gegeben. Der kleinste Funken kann das gesamte Land in Brand set-, zen. Der Weizen ist knochentrocken.« »Riecht mal den Staub!« sagte Ilene. Elli rieb sich die Hände. »Ich rieche nichts, außer Kuhscheiße«, sagte sie. »Mir ist kalt.« Kerris sagte: »Möchtest du meinen Schafspelz?« Sie grinste. »Nein ... nein, es ist schon gut.« Kel hockte am Rand des Kreises und starrte nach außen auf die endlose Mauer von Korn. Seine Hände bewegten sich, schoben die Erde hin und her, formten Hügel und Straßen und Kämme – eine winzige Welt im Staub. Ein Fuchs kläffte im Weizen. Kerris ahnte, daß Kel über Elath nachdachte, sich wegen Elath Sor- gen machte ... Etwas stimmt nicht ... Und ich weiß nicht, was! Er versuchte Worte zu finden, die seinem Bruder helfen könnten, aus dieser Stimmung herauszufin- den. Er fand nichts. Ein Schreiberling müßte doch gut mit Worten umgehen können, dachte er. Arillard schien bereits zu schlafen. Unter ihren zwei Decken lagen Jensie und Riniard und wisperten einander verliebte Geständnisse ins Ohr. Kerris legte sich nieder. Er sehnte sich nach einem wärmenden Feuer, wünschte sich, daß wenigstens die Erde wei- cher sein möge. Sein Rückgrat schmerzte. Plötzlich brach es aus Elli neben ihm hervor: »Ach, ich hab' die Nase voll von diesen Feldern! Ich will Wasser sehen und grüne Hügel, endlich wieder mal!« Sie zog sich die Decke um die Schultern und hockte in die Falten versteckt da. Sie schalt in sich hinein wie ein gries- grämiges uraltes Weib. Ilene sagte: »Ich möchte meine Familie wiederse- hen.« Ihr Messer lag blank in ihrer Hand. Sie saß mit gekreuzten Beinen da. Das Schabegeräusch ihres Wetzsteins mischte sich in das Zirpen der Grillen., »Ich habe meinen Kleinen ein ganzes Jahr lang nicht gesehen!« »Du hast einen Sohn?« fragte Kerris. Ihr breiter Mund zog sich nach oben. »Er heißt Borti und ist zwei Jahre alt. Er lebt bei meiner Mutter und meiner Schwester und ihren Kindern. Manchmal habe ich Angst, daß er mich vergessen wird, er sieht mich doch so selten. Wenn er alt genug dafür ist und ich mich nicht in irgendeinem Dorf als Meister in ei- nem Waffenhof niedergelassen habe, werde ich ihn mit auf die Reise nehmen.« »Wo lebt er?« »In Elath natürlich. Ich bin auch in Elath geboren. Glaubst du denn, dort leben nur Hexen?« »Ich hatte keine Ahnung«, sagte er. »Du hast überhaupt keine Erinnerung mehr dar- an?« fragte sie. Kerris schüttelte den Kopf. »Es ist eine schöne Stadt«, sagte Ilene. »Groß?« »Größer als Brath jedenfalls, aber kleiner als Ken- dra-im-Delta oder Tezera.« »Auch kleiner als Mahita«, sagte Elli. Riniard steckte den Kopf aus den Decken hervor. Sein Haar war strubbelig. »Elli vergleicht alle Orte, zu denen wir kommen mit Mahita«, sagte er. »Ich habe eben den gebührenden Respekt vor mei- ner Geburtsstadt«, gab Elli zurück. »Du bist nicht in meinem Dorf geboren«, sagte Ri- niard. »Und das ist etwas, wofür du jeden Tag ein Dankgebet sprechen solltest.« Cal sagte: »Wenn du Mahita so sehr magst, Elli, warum lebst du dann nicht dort, anstatt durch die, Gegend zu streunen?« Ilene kicherte. Elli rieb sich mit dem Handrücken die Wange. »Ach! Ihr wißt doch! Mir gefällt Mahita, um wieder hinzukommen, genau wie Kel Elath liebt. Aber ich werde unruhig, wenn ich an einem Ort blei- ben muß.« »Zayin sagt: Der wahre Cheari ist wie eine Note in einer Musik«, sagte Ilene. »Er ist nur glücklich im Zu- sammensein mit anderen und in Bewegung.« »Ich bin kein Musikstück«, sagte Riniard. »Ich bin ein Mensch.« Während des Geplänkels hatte Kel sich nicht be- wegt. Das Mondlicht lag auf seinem hellen Haar, auf seiner hellen Haut – er wirkte wie aus Stein, wie eine Statue. Auf einmal vermochte Kerris sich nicht mehr zu bremsen. Er ließ seinen Geist vorwärtstasten – und spürte, daß er teilhatte an einem wilden und schreck- lichen Verlangen, einer so starken Sehnsucht, daß ihm prickelnd der Schweiß ausbrach und das Blut ihm in den Kopf stieg. Er zog sich sofort zurück. Er schämte sich. Er hatte nicht beabsichtigt zu spionie- ren. Er kam sich vor wie ein Narr. »He«, sagte Ilene. »Warum bist du so still?« Sie lehnte sich zurück und zupfte an Kels Tunikaärmel. »Ich habe nachgedacht«, sagte Kel und wandte den Blick von dem staubbedeckten Boden ab. Sie schob ihr Messer in die Scheide und stand ge- schmeidig auf. »Und ich weiß auch, worüber du nachgedacht hast«, sagte sie. Sie ging zu ihm hinüber, beugte sich nieder und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er lächelte flüchtig. Er ließ seine Hände ihren Arm hin- aufgleiten und zog dann ihren Kopf zu dem seinen herunter, in einer leichten, liebevollen Geste geschah, dies. Sie küßten sich. Lange. »Komm!« sagte sie. »Steh auf und geh mit mir!« Kel seufzte und stand auf. Ilene ergriff ihn bei der Hand. Ihre Hüften rieben sich aneinander, als sie leise im verschwiegenen Dunkel des Feldes verschwanden. Aus dem Schatten heraus drang Arillards Stimme: »Gut so!« Kerris sah sie zwischen den Kornreihen dahinge- hen, bis sie dem Blick entschwanden. Seine Sinnes- wahrnehmungen erwachten, er erinnerte sich an die außergewöhnliche Schönheit von Kels nacktem Kör- per im Licht am Seeufer ... Eine ätzende Stimme in seinem Inneren kommentierte: Soviel ist also ein Ge- liebter in Elath wert! Er wußte, er war ungerecht. Die Chearis blieben selten länger an einem Ort, und er hatte nie sagen hören, daß ihre Regel von ihnen ver- langte, daß sie unterwegs abstinent leben müßten. Er zog sich die Decke enger um die Beine. Was machte es schon, daß Kel und Ilene sich liebten? Ihn, Kerris, ging das wirklich nichts an. Und dann erfüllte die Antwort seinen Kopf. Er kann tanzen, und er kann kämpfen, und er hat immer ein Zu- hause gehabt, einen Platz, wohin er zurückkehren konnte, und jemand hat dort auf ihn gewartet. Er ist schön, und er wird geliebt. Ich bin ... das Bild dessen, was er war, brannte sengend in seinem Hirn, und er kämpfte da- gegen an, schob es fort, betete, daß niemand ihn se- hen möge, daß Elli nichts bemerken, ihn nicht fragen möge, was mit ihm los sei ... Tränen brannten ihm unter den Augenlidern. Er biß die Zähne zusammen, um jeden Laut zu ersticken, und verbarg den Kopf im Staub., Gegen Mittag des folgenden Tages erreichten sie den Rand des Galbareth. Im einen Augenblick noch ritten sie durch die ho- hen Getreidereihen, im nächsten lag das Korn hinter ihnen, und die Hügel vor ihnen leuchteten weich und grün und waren von vereinzelten Bäumen bestanden. Kel jodelte. Er brach aus dem Zug aus und schoß den Weg hinunter, tief über Callitos Nacken gebeugt, trieb er den roten Hengst zu einem heißen Galopp an. Weit vor ihnen hielt er, wendete und kam zurückge- kantert. In seinen Augen funkelte Triumph, als er sie alle der Reihe nach ansah. Sein Haar hatte sich gelöst und fiel ihm in den Nacken. »Endlich«, stieß er her- vor. Dann schaute er zu Kerris herüber. »Vor Son- nenuntergang sind wir in Elath«, versprach er. »Schön«, sagte Kerris. Es fiel ihm schwer, Kel in die Augen zu sehen. Was wartete dort auf ihn, in Elath? Kel fragte leise: »Was macht dir Kummer, chelito?« Der zärtliche Kosename erregte Kerris' Zorn. Ich bin kein süßer kleiner Junge, dachte er und wußte im gleichen Augenblick, daß er schon wieder ungerecht war. Bockig sagte er: »Ach nichts.« Ilene sagte: »Er ist nervös, das ist los mit ihm, Kel. Du wärst auch nervös, wenn du dein Leben lang in den Mauern von irgend so einer verdammten Zwing- feste eingesperrt gewesen wärest!« Kel nickte bedächtig, die Augen noch immer unan- genehm forschend auf Kerris' Gesicht gerichtet. »Ist es das? Du hast Verwandte in Elath, Kerris. Cousins. Außerdem, du gehörst dorthin – du hast die Innere Sprache. Du wirst dir dort nicht fehl am Platze vor- kommen.« Und dann überwältigte ihn seine Erre- gung. Er riß Callitos Kopf hoch, zwang den Hengst, auf den Hinterbeinen herum und rief: »Los, reiten wir!« Sie folgten ihm nach. Kerris' Zorn verflüchtigte sich. Voll Entzücken schaute er auf die grünen Berg- buckel. Ziegen weideten auf den Hängen. Die Straße wand sich sanfte Täler hinauf und wieder hinunter. Zu beiden Seiten der Straße wuchsen hohe weißblüti- ge Blumen. Von einem Hügelkamm aus blickten sie über eine Senke zu einem andern Hügel hinüber. Zwischen beiden ruhte in einem sonnendurchfluteten Einschnitt das Gewebe der Straßen und Weiden eines Dorfes. Kerris' Herz pochte heftig. Doch sie ritten vorbei. Ilene sang: Bei Tage muß ich gehn, mein Schatz, Noch lacht der Sterne Schein. Im Mondlicht rein und schön, mein Schatz, Laß nah mich bei dir sein. Singt he und juchhei für ein liebend Paar, Singt he für die müde Sonn, Singt he für die Maid, Die mein Herz erfreut, Wenn die Ernte ist getan! Sie hielten an und aßen. Dann trieb Kels Ungeduld sie wieder auf die Straße zurück. Das Gras auf den Wiesen wurde gröber. Gesteinszungen stießen auf den Pfad: große Blöcke, verwittertes klobiges Gestein. Kerris dachte: Hier müssen einmal Berge gewesen sein. Die Quader waren seltsam beeindruckend. Sie warfen lange Schatten über den Weg, und ein-, zweimal glaubte Kerris Gesichter auf ihnen eingeritzt, zu erkennen, Augen, Nasen, einen Mund ... Sein Hirn zuckte. Er fühlte es und fühlte dann, wie es verging. Zuerst dachte er, daß er sich die Empfindung nur eingebildet habe. Sein Armstumpf tat weh. Er kratzte an ihm herum. Die Straße vor ihnen wand sich und wurde enger. Wieder kam dieses Gefühl über ihn, ein Stachel in seinem Kopf, ein Ton, wie wenn jemand eine Saite zupft. Kel? fragte er zögernd. Kel schien ihn nicht zu hö- ren. Magrita tänzelte zur Seite und schüttelte die Mähne vor etwas Unsichtbarem. Kerris beruhigte sie. Das Zittern in ihm wuchs weiter. Die düsteren Fels- blöcke machten ihn nervös. Er konnte sich nicht von dem Gefühl befreien, daß ganz in der Nähe etwas versteckt lag und auf sie lauerte ... »Halt!« Der brüske Befehl ließ sie mitten im Schritt anhal- ten. Kerris blickte auf. Eine Frau stand breitbeinig in einem Spalt im Granit. Sie zielte mit einem gespann- ten Bogen und sah aus wie eine der Gestalten auf den Wandteppichen auf Tornor. Sie hatte grobe braune Hosen an, knielange Stiefel, eine Ledertunika. Ihr Ge- sicht war grobgeschnitten, die Haut rotbraun und vom Wetter gegerbt. Das Haar war schwarz. Sie sah aus wie ein Bauernweib, und ein nicht mehr junges überdies. Doch den Bogen hielt sie mit sicherer Hand, den Pfeil leicht aufgelegt. »Kel«, sagte sie. »Ilene. Willkommen daheim!« »Cleo«, sagte Ilene. »Was, zum Kuckuck, ist denn los?« Die Frau lächelte verkniffen. »Wir bewachen die Straße nach Elath.« Über ihre Schultern lugte das Ge-, sicht eines Mannes. Er hob die Hand zum Gruß für den chearas. »Es ist wieder genauso wie früher.« »Was ist wie früher?« fragte Kel. »Was ist gesche- hen?« »Der Krieg ist ausgebrochen. Das ist, was los ist«, sagte Cleo. »Der Rat wird euch alles sagen.« Sie ließ die gespannte Bogensaite los. »Zieht weiter! Reitet in die Stadt!«, 6. Kapitel Die Stadt Elath lag in einer flachen Senke. Als der chearas die letzte Biegung der nördlichen Straße hin- abritt, blieben die Felsen hinter den Reitern zurück. Sie schauten hinunter. Kerris tat die Hand weh, so fest hatte er den Zügel gepackt. Er bog und streckte die Finger. Sein Blick glitt über silbergraue Häuser, über den Fleckenteppich der Weiden, Gärten und Felder. Blaue Wasseradern schmückten die goldenen Wiesen, und am Rande der flachen Schale standen Bäume, deren Zweige gerade aus den Stämmen auf- strebten, wie Zaunpfähle vor dem Horizont. Sie ritten zum Dorf hinab. Von einer Wiese winkte ihnen ein Weib zu. Sie trieb eine schnatternde Gänse- herde zu einem Teich. »Eyah, Kel, Ilene«, rief sie. »Es ist schön, daß ihr wieder da seid! Wir können euch gut gebrauchen!« Ein Vogel mit scharlachroten Schwingen stob unter Magritas Nüstern auf und flatterte in eine blühende Buche. Kerris starrte ihm nach. Er hatte noch nie ei- nen solchen Vogel gesehen. Das Tier spreizte sich schimmernd und stolz auf einem schwankenden Ast. »Kerris!« rief Kel und nickte ihm zu. »Komm her und reite mit mir!« Kerris schnalzte der Stute zu. Kel wies auf ein graues Spitzdach am östlichen Rand der Sen- ke. »Der Hof dort gehört Ardith, unserem Mutter- bruder. Wir haben da auch Vettern.« Die Straße verbreiterte sich, wurde zum Platz mit Pfosten zum Anbinden der Pferde und mit einem Ziegeltrog als Tränke. Am anderen Ende stand ein Gebäude aus roten Backsteinen, dessen Kamin, schwarzen Rauch hervorrülpste. »Was ist denn das?« fragte Kerris. »Das ist die Schmiede.« Sie ritten an einem Haus vorbei, an dessen Front ein Schild baumelte. Das darauf gemalte Bild zeigte einen Schuh. Etwas weiter unten lehnten sich die Lä- den eines Gerbers und eines Metzgers aneinander. An den Haken im Laden des Fleischers hingen die Hälften von Lämmern, Rind und Schwein, Fisch, der noch in der schimmernden Haut steckte, zwei riesen- große Truthähne, eine Halskette aus Schweinsfüßen und Schnüre mit fetten gerupften Wachteln. Die Gerberei stank nach kochender Lohe aus Ei- chenrinde. Kel wedelte den vorbeiziehenden Dunst mit der Hand weg. »Pffff!« Magrita tänzelte mit zim- perlichen Schritten über die ausgefahrenen Wagen- spuren. Es waren ziemlich viele von ihnen da. »Hier ziehen die Karawanen durch«, sagte Kel. Neugierig steckten Leute die Köpfe aus den Fenstern, beobach- teten sie, und ein paar von ihnen winkten. Unter dem Gewicht eines Karpfens, der so dick wie ein Säugling war, stolperte ein Mann vorbei. Sein Hemd war voll Schleim, wo er den Fisch gegen sich gepreßt hielt. Kel zügelte sein Pferd und ließ ihn die Straße überqueren. Kerris fragte: »Wer herrscht in Elath?« Kel lächelte. »Das hier ist keine Feste. Sie haben ei- nen Stadtrat.« »So wie der Rat der Häuser in Kendra-im-Delta?« »Ja, ungefähr so. Er wurde nach ihm als Vorbild eingerichtet. Aber wir hier in Elath sind nicht ganz so großmächtig. Hier kann jeder, der Grund und Boden besitzt, Ratsmitglied werden. Es gibt hier keine, Adelsfamilien wie in der Großen Stadt.« Sie ritten an einem verbrannten, rußgeschwärzten Haus vorbei. Eine Stimme rief etwas, die Worte klan- gen verwaschen. Kerris zog am Zügel. Ein Mann kam um die verkohlten Bretter herum- gegangen. »Yai!« sagte er und hob dabei die Hand mit der Handfläche nach außen. »Yai«, gab Kel zurück. »Was ist geschehen, Emeth?« Der Mann grinste. Aber es war kein freundliches Grinsen. »Wir sind überfallen worden.« Ilene beugte sich über den Sattelknauf. »Ist jemand verletzt?« fragte sie. »Noro hatte Verbrennungen, aber es heilt bereits.« Er wies mit dem Kinn auf die andere Straßenseite hinüber. »In Thiyas Haus ist der Ofen in die Luft ge- flogen.« Kerris sah hinüber. Eines der Häuser hatte eine Wand, die aus zwei verschiedenfarbigen Höl- zern gemacht war: dem silbrigen Holz, das hier all- gemein verwendet zu werden schien, und einem dunklen roten Holz. Das rote Holz sah aus wie frisch zugeschnitten. In den Fenstern hingen gelbe Vorhän- ge. Mit dem Rot und dem Silber ergab dies ein selt- sames Muster. »Er ist dabei umgekommen.« Ilene stieß einen leisen Fluch aus. »Noch jemand außer ihm?« fragte sie. »Nein«, sagte der Mann. Er hatte ein blaues Hemd und dunkelbraune Hosen an, die von einem Leder- gurt gehalten wurden. Das Haar war wie das einer Frau zu Zöpfen geflocnten. »Deiner Familie geht es gut.« »Ich danke dem chea«, sagte Ilene. Sie packte mit beiden Händen die Zügel. »Bring Kerris in die Schu-, le«, sagte sie zu Kel. »Ich komm dann später nach. Ich will erst meinen Sohn sehen.« Und sie zwang den braunen Hengst mit der schwarzen Mähne aus dem Glied und ritt in eine Seitengasse. Kel kitzelte mit den Hacken Callitos Flanken. Ker- ris fragte sich verwundert, warum sein Bruder nicht gefragt hatte, ob Sefer verletzt worden sei. Wenn ich einen Geliebten hätte, dachte er, ich hätte bestimmt gefragt. Und dann lag wieder ein verbranntes und zerstörtes Haus im Licht der Sonne vor ihnen. Neben einem großen Haufen schmutziger Seile lagen frisch zugeschnittene Bretter. Von hinten konnte man das Klopfen von Hämmern hören. Kel ritt langsamer, hielt jedoch nicht an. »Wer lebt da?« fragte Kerris. »Moro und Sevrith und ihre Kinder.« Hinter den Hammerschlägen konnte Kerris schrille Kinderstim- men hören. »Moro ist der Seiler des Dorfes.« »Wie viele Menschen leben hier?« fragte Kerris. »In Elath? Dreimal fünfhundert.« Das schienen ihm ziemlich viele zu sein. Das war beinahe doppelt soviel wie die Zahl der Seelen im Dorf Tornor. Kel zog plötzlich heftig am Zügel. Er wies auf ein Haus. »Das Haus, in dem du geboren bist, stand ein- mal da«, sagte er. Es war nur eine kleine Kate aus Silberholz mit Le- dervorhängen in den Fensterhöhlen. »Dieses Haus ...?« »Nein. Das hier ist neu. Das andere wurde im Krieg zerstört. Vor zehn Jahren.« Kerris starrte die Kate an. Etwas – eine Erinnerung? – rührte sich in seinem Kopf. Der Verlauf der Straße, begann vertraut auszusehen. Er sagte sich, daß dies Kels Erinnerungen sein mußten, nicht seine eigenen. Seine Erinnerungen begannen mit Tornor. Kel sagte sanft: »Kerris, du brauchst mit mir nicht in die Schule zu kommen, wenn du nicht willst. Möchtest du lieber hinaus auf den Hof? Ardith und Lea warten schon begierig darauf, dich kennenzuler- nen. Ich kann dich dorthin bringen.« »Hättest du es lieber, wenn ich dorthin gehen wür- de?« fragte Kerris. »Nein«, antwortete Kel. »Ich hab' dich gern um mich, und ich möchte, daß Sefer dich kennenlernt und du ihn. Aber du mußt tun, was du selber willst.« Kerris fragte sich, ob Sefer ihn wohl mögen würde. Er blickte zum Rand der Senke hinauf, hinüber zu dem Hof, den Kel ihm gewiesen hatte. Es schien sehr weit zu sein. »Ich will bei dir bleiben«, sagte er. Hinter ihnen erklärten Elli und Jensie Riniard die Sehenswürdigkeiten des Ortes, und Kerris erinnerte sich, daß der Rotschopf ebenfalls noch nie zuvor hier gewesen war. Eine scheckige Geiß trottete quer über die Straße. Der Weg schien in einem Wäldchen zu enden. Ker- ris fragte: »Ist die Schule ein Haus?« »Aber sicher doch«, antwortete Kel. »Es war Sefers Idee. Wir haben sie vor sieben Jahren gebaut.« Er wies in die Bäume hinein. »Du wirst sie gleich sehen. Achte auf etwas Silbernes.« Am Waldrand stieg Kel vom Pferd. Kerris tat es ihm nach. Er glaubte, das Rieseln von Wasser zu ver- nehmen. »Gibt es hier einen Fluß?« fragte er. »Neben dem Tanjo fließt ein Bach«, sagte Kel. Und zu den anderen gewandt sagte er. »Wartet hier auf, uns, wir werden nicht lange brauchen.« Dann reichte er Callitos Zügel an Arillard. Kerris gab den Zügel Magritas an Elli. Verwirrt dachte er über das Wort Tanjo nach. Es war ein Wort aus der Südländerspra- che, und es bedeutete einen Saal, eine Werkstatt, wo Lehrlinge ausgebildet werden. »Komm!« sagte Kel. Der Hain war dunkel und still. Als sie ein Stück weit gegangen waren, hörte Kerris deutlich die Musik des Wassers. Es erinnerte ihn an Tornor. Er erhaschte einen Blick auf ein silbernes Dach, auf silberne Wän- de. Das Wasser rann über eine künstlich errichtete Barriere aus Felsen in stetigem gelenkten Strom. Kel berührte ihn an der Schulter. »Öffne deinen Geist«, sagte er. Kerris holte tief Luft. Wenn mein Verstand eine Hand wäre ... Langsam glitt er aus der Begren- zung seines Körpers heraus. Er berührte das Denken irgendeines schuppenbedeckten Raubtiers im Gehölz: es siedete und kochte vor kalter Wut. Er zog sich rasch zurück. Er tastete sich in Kels Denken. Dort zitterte es vor kaum verhaltenem Drängen. Er griff zu dem silbernen Gebäude hinüber und fragte sich da- bei, wer wohl was in seinen Mauern lernen mochte. Dann berührte er das Gehirn eines Fremden. Ein Junge saß in einem Winkel. Er starrte auf eine fahl- weiße Fläche. Auf ihr tanzten farbige Flecken. Sein Denken griff nach außen – nach dem Klang des Wassers inmitten der Bäume. Er schlug seine Gedanken um das Wasser und zerstäubte den Bach zu einem hohen Freudennebel, der die Zypressenäste feucht überzog. »Schau!« »Gut«, sagte eine Männerstimme. »Das war gut, Ko- rith.«, Kerris blinzelte, als die nasse Pracht der Fontäne sich in seinem Denken emporschleuderte. Er legte die Hand auf die Wange. Seine Haut fühlte sich kühl an von dem Sprühdunst des Springbrun- nens. Er blickte auf das Wasser, das nun wieder in seiner gewohnten Bahn floß. »Ist es ...?« »Ja«, sagte Kel. »Es ist.« Irgend etwas schimmerte blau auf unter den Bäu- men. Zwischen den Stämmen kam ein Mann heran- gelaufen. Er war schlank und hochgewachsen, wenn auch nicht so groß wie Kel. Ich kenne dich, dachte Kerris. Der Mann hatte weißes Haar, das mit einem blauen Band aus der Stirn gebunden war, und seine Kleidung war braun mit blauen Säumen. Die Augen waren grün. Der Mann trat zu Kel, und die beiden umarmten sich. »Sef«, sagte Kel, »hier ist Kerris.« Er drehte den weißhaarigen Mann herum. »Kerris, dies ist Sefer.« »Ich freue mich, dich kennenzulernen«, sagte Sefer. Er war der Mann gewesen, der gesagt hatte: Das war gut, Korith. Er war um einen Fingerbreit größer als Kerris selbst, nicht mehr. Ihre Augen trafen sich. Ker- ris' Haut prickelte. Er hatte das Gefühl, als läge jeder Gedanke in seinem Schädel, jede Hoffnung, jedes Verlangen nackt und entblößt unter diesem grünen Blick. Furchterfüllt zog er sich zurück. Kel ließ den Arm um die Hüfte seines Geliebten gleiten. »Hör auf damit!« befahl er. »Er ist noch nicht bereit, Sef.« Und dann küßten sie sich. Kerris wandte den Kopf ab. Es war, wie wenn man zwei Flammen zuschaute, die sich in der Dunkelheit vereinigten. Sefer sagte: »Es ist gut, daß du gekommen bist, ni- ka!«, »So hat man mir zu verstehen gegeben«, sagte Kel. Er berührte das Heft seines Messers. »Cleo hat von Krieg geredet.« »Nein«, sagte Sefer. »Nicht Krieg. Noch nicht.« »Die anderen warten auf der Straße. Kannst du aus dem Tanjo fort?« »Eigentlich sollte ich nicht«, murmelte Sefer. »Aber Tamaris ist ja hier, also denke ich, mir wird vergeben werden.« Kel streichelte mit einer Hand den Rücken seines Geliebten. Über Sefers bleiche Gesichtshaut breitete sich ein Hauch von Röte. Sie gingen langsam zur Straße zurück. Kel machte kürzere Schritte, um sich denen seines Freundes anzupassen. Kerris, der hinter ihnen drein ging, spürte, wie seine Rücken- muskeln zuckten. Elli und Arillard begrüßten Sefer lachend und mit derben Kommentaren. Kel stellte Riniard vor. »Fein, dich kennenzulernen«, sagte Sefer. Riniard brummte irgendeinen Gruß. Er schaute argwöhnisch und unsi- cher drein. Die Chearis führten die Pferde am Halfter und gingen die Hauptstraße in südlicher Richtung hinunter. Sie kamen an einem Waffenhof vorbei. Hinter dem Zaun waren Männer und Frauen beim Training. Ein paar riefen Grüße herüber, aber sie bra- chen dennoch nicht aus ihren Kampfkreisen aus. Der Stallmeister wartete bereits unter dem Tor der Pferdescheune auf sie. Ein wuchtiger Mann, schwarz und bärtig, mit Händen wie Schaufeln und schiefen Zähnen. »Eyah, Kel! Fein, daß ihr hier seid.« Er grinste zahnlückig. »Ihr alle! Es wartet ein Krieg auf euch, wißt ihr das?« »Wir haben es gehört«, antwortete Kel. »Und sicher, werden wir gleich mehr darüber hören.« »Es ist wie in den alten Tagen. Lalli! Sosha!« Sein lautes Rufen ließ ein Mädchen und einen Jungen aus der Luke des Heubodens herunterpurzeln. Beide wa- ren so dunkelhäutig wie Ilene. »Nehmt die Pferde der Chearis und reibt sie gut ab, oder ich verfüttere euch an die Bären.« Die Kinder schienen davon wenig be- eindruckt zu sein. Das Mädchen schnitt ihm eine Grimasse, während es Callito in eine Box führte. »Ich will euch nicht aufhalten. Aber hör mal – ich hab' ein Pferd, Kel, das den großen Roten da schlagen kann. Hörst du?« Kel gluckste. »Das bezweifle ich.« »Machen wir ein Wettrennen, dann beweis ich's dir!« Die lauter gewordene Stimme des Mannes ließ den Staub von den Wänden rieseln. Kel klopfte dem Riesen auf den Arm. »Später, Tek.« Sie kamen zu einem Haus. Es war klein, eher eine Kate, silbern und von anderen Häusern umringt. Das Dach war schieferbedeckt. In der Tenne gab es einen kleinen Alkoven für die Stiefel und Schuhe. Dahinter lag ein langer Raum. Der Boden war mit Schilfmatten und dicken roten Kissen belegt. An den Wänden hingen Rechtecke aus weicher Wolle in vie- len Farben. An einer Seite stand ein niedriger Tisch, der mit einer Kupfervase geschmückt war, in der ver- zweigte Blütenstengel standen. Auf dem Boden stan- den mehrere Nachtgeschirre. In einer Ecke befand sich ein leuchtendrotes Waschbecken auf einem ge- schnitzten Holzgestell. »Fühlt euch wie zu Hause«, sagte Sefer. »Habt ihr, Hunger? Die Frühjahrsernte ist eingebracht; wir ha- ben reichlich zu essen.« Jensie schnürte ihr Reitleder auf. Sie warf ihre Bettrolle in eine Ecke, legte Riniard den Arm um die Hüfte und hakte den Daumen in seine Gürtelschleife. »Ich hatte vergessen, wie gemütlich es hier ist«, sagte sie. Kel grinste. »Nika, du solltest es doch besser wis- sen! Chearis sind immer hungrig!« »Wartet!« sagte Sefer. Er verschwand durch einen Torbogen. Kurz darauf kehrte er mit einer Platte zu- rück, auf der Käse und Früchte aufgehäuft waren, ei- ne Karaffe Wein stand darauf und ein Teller mit fe- tuch. Der Teller war grün und hatte blaue Blüten. »Setzt euch!« Die Chearis ließen sich nieder. Sefer stellte die Platte auf den Tisch und trat wieder unter den Türbogen. »Wo ist Ilene?« rief er. »Bei ihrer Familie«, sagte Kel. Sefer brachte einen Stapel Kupferbecher. »Also seid ihr sechs. Nein!« Er lächelte Kerris zu. »Sieben.« Elli nahm eine der Kummen auf und hielt sie ins Licht. Das Gefäß war gepunzt und mit einer Gravur aus schlichten Linien verziert, das fließende Muster eines Pferdekopfes, das sich um den ganzen Becher herumzog. »Das sieht wie Asech-Arbeit aus«, be- merkte sie. »Das ist es auch«, sagte Sefer. Arillard sagte: »Wir haben Asech-Händler gesehen, in Tezera an der Kreuzung. Sie hatten das Schlangen- zeichen.« Sefer sprach: »Ich sage es erneut und wiederholt: Wir stehen nicht im Krieg mit Asech.« Er goß Wein in, einen Becher und reichte ihn Kel. Kerris ließ den Blick durch den heimlichen Raum schweifen. Die Wandbehänge erinnerten ihn an die Tapisserien auf Burg Tornor. Er strich mit den Fin- gern über die geflochtenen Bodenmatten. Sefer reichte Cal einen Becher Wein. Hier bin ich geboren, dachte Kerris. In diesem Tal bin ich geboren, in einem Haus so wie diesem ... Er schloß die Augen und ver- suchte eine Erinnerung heraufzubeschwören, irgend- eine Erinnerung. Aber nichts geschah. Er hatte Erin- nerungen an Kälte und Stein und Eis. Aber er hatte keine Erinnerung an Bäume, die aufstrebten wie Flammen, keine Erinnerungen an rote Vögel oder an silberne Wände. Kel sagte: »Dann sag uns doch, was eigentlich los ist!« Sefer erzählte: »Vor drei Nächten, in der Nacht des Viertelmondes, wurden wir überfallen. Sie kamen mitten in der Nacht – mit Fackeln.« Er goß einen dritten Becher voll und reichte ihn Arillard. Dieser, der älteste unter den Chearis, blickte finster drein. Kerris empfing eine flüchtige Vision: Er sah die fried- lichen schlafenden Straßen vom Fackelschein erhellt, sah sich bäumende Pferde, roch Pech, hörte Geschrei und das schreckliche Knattern der Flammen, die sich in ausgetrocknete Bretter fraßen ... Er schauderte zu- sammen. Sefer drückte ihm einen Weinbecher in die Hand. Arillard sagte: »Und ist es kein kriegerischer Akt, wenn man Häuser in Brand steckt?« »Sie hatten Waffen, aber sie haben sie nicht be- nutzt«, entgegnete Sefer. »Na und?« fragte Cal., »Also hatten sie nicht den Wunsch zu töten, woll- ten uns nur Schreck einjagen.« »Thiya wurde getötet«, sagte Kel. »Emeth hat es uns gesagt.« »Thiya kam zufällig ums Leben, es war keine Ab- sicht. Sie wollen etwas von uns – mehr als nur Beute.« »Wer sind sie?« fragte Kel. Sefer ließ sich einen Augenblick Zeit, ehe er ant- wortete. Er trank von seinem Wein. »Das wissen wir nicht.« Kels Kopf zuckte zur Seite. Er starrte seinen Ge- liebten an. »Wie kannst du das nicht wissen?« fragte er. »Wir wissen, daß es Asech sind – mehr nicht«, sagte Sefer. »Wir konnten nichts aus ihren Gedanken erfahren. Sie waren verbarrikadiert. Sie sind – wie wir.« »Hexer?« fragte Cal entgeistert. Sefer nickte. Die grünen Augen waren voller Rät- sel. »Genau das ist es.« »Und du glaubst, daß sie uns nichts Böses wollen?« fragte Elli. »Das habe ich nicht gesagt«, antwortete Sefer. Sie schwiegen. Kel murmelte eine Frage, von der Kerris nur einen Namen verstand – Terézia. Sefer nickte. »Wo ist sie?« fragte Kel. »Bei der Wache.« Arillard sagte: »Die Leute auf Posten – Cleo – und dann auch Tek im Stall redeten von Krieg. Und Emeth ebenfalls.« Sefer drehte den Kupferbecher in den Händen, rollte ihn zwischen den Handflächen. »Das werden die meisten tun. Es ist einfacher.« Er setzte den Be-, cher ab. »Doch wir haben Reiter nach Süden und We- sten ausgeschickt. Es wurde keine andere Siedlung überfallen. Nur Elath.« Arillard schüttelte den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn. Wie viele Überfälle hat es gegeben?« »Nur diesen einen.« Kel knurrte. Er schlang Sefer den Arm um die Brust und fiel mit ihm rücklings auf einen Kissenberg. »Der Teufel soll die Asech und ihre Überfälle holen«, brummte er. Seine Hände glitten über Sefers Hüften. »Ich bin nicht nach Hause gekommen, um zu kämp- fen!« Er beugte sich vor und berührte mit den Lippen Sefers Nacken. Kerris starrte auf die Matten auf dem Boden. Sein Leib fühlte sich zu heiß an für seine Kleidung. Eine Hand berührte sein Knie. Er blickte auf. Elli lächelte ihm zu. Kel sagte: »Wenn die bei ihren Raubüberfällen et- was wollen, nika, dann werden sie noch einmal kom- men müssen, um uns zu sagen, was es ist.« »Ja«, sagte Sefer. »Braucht ihr Hilfe? Wachen für die Straßen? Wir stehen euch zur Verfügung.« Riniard setzte seinen Becher mit einem Knall auf das Tablett. »Ein Kampf!« Auf Kels unheilverkün- denden Blick hin hob er beide Hände geöffnet nach oben. »Starr mich nicht so finster an, Kel. Ich werde brav sein.« Er lachte unsicher. Kel hielt ihn weiter mit den Blicken fest. Eisiges Schweigen breitete sich im Raum aus. Dann sagte Kel mit flacher Stimme: »Wir sind chea- ris, keine Krieger!« »Ich habe es nicht so gemeint«, sagte Riniard., Kel war aufgestanden. »Dann sag es auch nicht!« Seine grauen Augen fuhren scharf über alle hinweg. »Ich will euch alle heute nachmittag bei den Waffen- übungen auf dem Hof sehen. Paarweise.« Er griff nach Sefers Hand und zog ihn mit einer einzigen glatten Bewegung empor. »Dom a'leth«, sagte er. »Gehen wir jetzt!« »Bitte macht es euch bequem«, sagte Sefer zu den Chearis. »Ihr seid hier zu Hause.« Dann wandte er sich Kel zu. Der Cheari legte ihm einen Arm um die Schultern. Sie gingen ans andere Ende des Raumes und verschwanden. Elli stemmte die Fäuste in die Hüften und sagte zu Riniard: »Du hast das Hirn einer Grille!« »Ich weiß«, sagte der Rotschopf. »Aber ich hab' es wirklich nicht so gemeint!« »Du solltest nicht sagen, was du nicht meinst«, be- merkte Arillard. Er sah noch immer grimmig aus, doch seine Stimme klang ruhig und traurig. Er be- gann die Becher auf das Essenstablett zu stapeln. »Ach, ist ja schon gut«, sagte Jensie. »Sef wird ihn schon wieder besänftigen.« Sie legte Riniard die Ar- me um die Taille und drückte ihn an sich. Über ihnen knarrten Schritte. Kel und Sefer. Jensie und Riniard breiteten ihre Bettrollen Seite an Seite aus. Arillard sagte: »Ich geh ein bißchen laufen. Will einer mitkommen?« Er hob das Tablett auf und brachte es mit den Bechern in den anderen Raum hinter dem Türbogen. »Nö«, sagte Elli. Die anderen schüttelten nur den Kopf. »Dann sehen wir uns im Hof.« Arillard öffnete eine Tür; Kerris hatte nicht gewußt, daß es sie gab. Ein, schwerer Duft zog in den Raum herein. Er sah un- deutlich sonnenbeschienenes Gras. Ein Lufthauch be- rührte seine Wangen wie eine Liebkosung. Von dem Blütenzweig fiel ein Blütenblatt auf den Rücken sei- nes Handgelenks. Er schüttelte es ab und begann mit der mühseligen Arbeit des Aufschnürens seines Reitleders. Cal holte ein Säckchen aus seinem Pack und öffnete es. Zwei Knochenwürfel kullerten auf die Matte. »Spielen wir?« sagte er zu Elli. Sie grinste und setzte sich ihm gegenüber nieder. »Ich warte schon lange darauf, daß du die Dinger rausbringst.« Sie schien sich verändert zu haben. Kerris rätselte herum, in welcher Weise dies der Fall war. Sie hatte sich das Haar in feste dünne Zöpfchen geflochten, viele Zöpfchen, und sie mit gelben Seidenbändern gebunden. Er hatte nicht gesehen, wann sie es getan hatte. Es sah hübsch aus. Sie strich die Würfel ein und warf sie in die Luft, fing sie wieder auf. »Nach welchen Regeln?« Cal antwortete: »Doppelsechser und keine Toten.« »Einverstanden.« Sie schleuderte die Würfel auf die Matte. »Ha! Zwei und vier. Sechs verdoppelt, macht zwölf. Du würfelst!« Kerris Blase kniff ihn. Er stand auf. Er wollte nicht einen der Töpfe benutzen; es waren zu viele Leute anwesend. Die Brise strich ihm über das Gesicht, die Bodenmatten kitzelten ihn unter den Fußsohlen. Leise ging er in den Garten hinaus. Es war warm. Links ne- ben der Tür stand eine Regentonne, und grüner Ra- sen erstreckte sich bis zu einem Gestrüpp von Bee- rensträuchern. Unter einem Baum stand eine Stein-, bank. Die Blätter des Baumes waren glatt wie Wachs, der Stamm war geschupptes Silber. Kerris pißte in ei- nen der Beerenbüsche. Durch die schlängelnden dor- nigen Ausläufer konnte er die Wand eines Gebäudes sehen. Über die Ecke des Rasens rannte buckelig ein Maulwurf. Er ließ sich auf der Bank nieder. Er fühlte sich nicht heimisch hier; es war zwar angenehm, aber ihm fremd. Er dachte, wahrscheinlich werde ich mich daran gewöhnen. Er würde bei seinem Mutterbruder leben, auf dem Bauernhof arbeiten (was ein Einarmi- ger eben so arbeiten konnte). Er würde den Tanjo be- suchen ... Sein Armstumpf schmerzte. Er rieb ihn fest, zwang die verdorrten Nerven zu Empfindungen. Er überlegte, ob wohl sein Mutterbruder, Ardith, ir- gendwie so ähnlich sein mochte, wie Morven es ge- wesen war. Er strich mit der Fingerspitze über die Kante der Bank. Im weißen Stein flossen rosa Adern. Ein roter Vogel, sein Gefieder leuchtete hell wie Blut, flog an seinem Kopf vorbei, landete auf einem Ast, suchte das Gleichgewicht und schlüpfte dann in ein Ge- büsch. Kerris sah das runde Gewirr eines Nestes. Hinter der schützenden Dornenwand blitzte es rot. »Aah!« Der Schrei drang aus dem oberen Gemach des Hauses: ein tiefes, krampfartiges ekstatisches Stöhnen. Kerris hielt den Atem an. Er schaute hinauf ... Der Schrei wiederholte sich nicht. Im Fensterrah- men wehte ein Vorhang. Es wäre ganz leicht, durch das Fenster hindurchzugrei- fen ... Er vernahm es, als habe ein anderer es gesagt. Es würde leicht sein – Hitze durchflutete seinen Kör- per, er versteifte sich –, wie ein roter Vogel zu gleiten, (ganz so, als wäre es rein zufällig) und in das Hirn seines Bruders zu schlüpfen ... Er zitterte – er erin- nerte sich an Kel, wie er nackt im Bernsteinlicht des Morgens stand. Seine Hand packte die Bank, so fest sie konnte, bis seine Finger vor Schmerz pochten. Als er die Hand hob und sie ansah, trug sie den Abdruck der Mase- rung des Steins. Elli kam und wollte ihn aus dem Garten fortholen. »Komm und schau zu!« sagte sie. »Ich habe schon früher mal Kampfgruppen gese- hen«, sagte er. »Aber du hast uns noch nicht kämpfen sehen«, meinte sie nachdrücklich. Sie ließ ihre Blicke durch den Garten schweifen, sie lächelte breit und voller Fröhlichkeit. Kerris vermutete, daß sie beim Würfel- spiel gewonnen hatte. Sie ergriff seine Hand und schlang ihre Finger in die seinen. »Nun komm schon, Kerris! Du hast uns tanzen sehen, also schau uns jetzt auch bei den Kampfübungen zu. Wenn du nicht da- bei bist, ist es nicht das gleiche.« Wie alle Waffenhöfe war auch der in Elath ein Ge- viert aus festgestampftem Lehm. Die Silberholzum- zäunung, hüfthoch, hielt Hunde und andere Tiere fern. Der Zaun war dichtbesetzt von Zuschauern. Der chearas stand in der Mitte des Platzes. Die Dorfbe- wohner ließen Elli durch. »Hier«, sagte sie, als sie ihn in der vordersten Reihe der Zuschauer absetzte. Er hockte sich mit gekreuzten Beinen auf den Zaun. Er hatte das Gefühl aufzufallen. Elli trat zu den Chearis. Die sahen geschmeidig und wild aus wie Tiere. Ilene stand bei ihnen. Kel hatte sich das Haar hoch um den, Kopf geschlungen. In der südwestlichen Ecke des Hofes stand ein rie- siger Steinpfeiler. Kerris starrte hinüber. Der Stein war glatt, nicht rauh wie Fels, und man sah die An- deutung eines Gesichts darauf. Je länger er hinsah, desto deutlicher wurde das Gesicht. »Ich grüße dich«, sagte eine Stimme an seinem Ohr. Er wandte den Kopf. Sefer stand links hinter ihm. »Hallo«, antwortete Kerris. Sefer trug ein anderes Hemd. Der Kragen war mit grüner Borte verziert. An seinem Hals zeichnete sich ein purpurner Liebesbiß ab, der dort vorher nicht zu sehen gewesen war. Sefer sah sehr glücklich aus. »Hast du deine Verwandten schon getroffen?« Kerris schüttelte den Kopf. »Kel hat gesagt, er wird mich zu ihnen bringen.« »Sie sind hier – zumindest deine Vettern sind hier.« »Ich kann warten«, sagte Kerris. Verärgerung – oder doch etwas ihr ähnliches – wand sich in seinem Innern los. Ich will dich nicht gernhaben, dachte er. Versuch bloß nicht, freundlich zu mir zu sein! Er schaute weg, zu der Säule hin. Plötzlich verspürte er nicht den geringsten Wunsch, sich der außergewöhn- lichen Intensität dieser großen grünen Augen auszu- setzen. »Was ist das?« fragte er und wies mit dem Kinn nach der Säule hinüber. Sefer antwortete: »Das haben wir gemacht. Im Tanjo.« Die unausgesprochene Andeutung, daß es nicht mit den Händen gefertigt sei, war eindeutig. »Wir wollten den Geist des chea damit ausdrücken. Wir nennen es den ›Wächter‹.« Mittlerweile drängten sich im Waffenhof die Men-, schen. Nur rings um die Säule war es leer. Gewißlich, diese Höhlungen im Stein waren Augen, diese Bie- gung eine Nase, dort ein Mund ... »Was siehst du?« fragte Sefer leise. »Ein Gesicht ...« Es zog ihn zu sich. Er vermochte den Kopf nicht abzuwenden. Größer als die Gestalten der Menschen unter ihm, starrte der Stein über den Hof hinweg und darüber hinaus über das Tal. In furchteinflößender, nichtmenschlicher Ruhe. Kerris konnte nicht glauben, daß einfache menschliche We- sen dieses Bildnis aus gewöhnlichem Fels geformt haben konnten. Jeden Augenblick konnte es sich be- wegen ... Eine Hand ergriff ihn an der Schulter. Sefer sagte: »Kerris, schau mich an!« Es kostete ihn große Anstrengung, den Kopf zu wenden. Die Augen brannten. Sefers bleiches Gesicht und das weiße Haar leuchteten. »Schau zu Boden!« befahl Sefer. »Richte den Kopf nach unten!« Kerris legte den Kopf auf seine Knie. Die Welt ringsum ge- wann wieder feste Konturen. Er hob den Kopf. Sefer sagte sanft: »Es kann gefährlich sein, wenn man zu lange auf das Bildnis schaut.« Kerris drehte sich in den Hüften, so daß er nicht länger dem Steinbild gegenübersaß. »Ich danke dir«, sagte er. Sefer nahm seine Hand fort. »Sie sind bereit«, sagte er. Die Menschen, die weiter entfernt vom Zaun des Waffenhofes standen, brüllten einander zu, sich hin- zusetzen, still zu sein, Platz zu machen. Kels Ruf ließ sie verstummen. »Yai!« Der ganze Hof wurde totenstill. Kel und Irene begannen ihr Sparring: Umkreisen, Kicken, Blockieren, Zustoß,, Weggleiten – die Übungsstöße, die sogar er selbst, Kerris, kannte (er hatte sie hundertemale gesehen). Aber die Chearis stießen mit furchterregender Schnelligkeit zu, mit einem verwischten Gewirbel von Händen und Füßen, so rasch, daß Kerris kaum zu folgen vermochte. Ilene kickte mit dem Bein, Kel glitt unter dem ausgereckten Bein hindurch, erhob sich und schleuderte Ilene nach rückwärts. Sie rollte ab, kam auf die Beine, ihr Atem ging schwer. Sie verbeugte sich vor Kel, dann er vor ihr, und sie traten auseinander. Kel nickte Riniard zu, Ilene winkte Calwin. Nun galt es, vier Kämpfer im Auge zu behalten. Ilene zog Calwin die Beine unter dem Leib weg. Er rollte rücklings ab und ging wieder zum Angriff über. Riniard stach seitlich auf Kel zu und flog im hohen Bogen über dessen Hüfte hinweg. Er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den staubigen Bo- den. Die Paare verneigten sich wieder voreinander. Ri- niard forderte Jensie auf, Cal nahm Arillard an. Ilene winkte Elli zu. Kel ließ sie eine Weile miteinander ar- beiten, dann gesellte er sich zu ihnen. Sie sagten nichts, obschon ab und zu jemand – es war schwer auszumachen, wer – lachte oder johlte. »Yai!« Der Ruf ließ sie innehalten. Sie bildeten ei- nen Kreis, verbeugten sich und gingen auseinander. Ilene, Arillard und Jensie gingen zum Waffenschup- pen hinüber. Als sie zurückkamen, hatten sie nijis bei sich, die hölzernen Trainingsdolche. Sie stellten sich erneut in zwei Paaren und einem Trio auf. Die Nijis waren glattpoliert, gelb und beinahe so lang wie die echten Messer der Chearis. Kerris hätte gern gewußt, aus welchem Holz sie gemacht waren. Auf Tornor, wurden die Nijis nur aus dem Holz der Weißeichen geschnitten. Er schaute den Mustern zu, die die Chearis form- ten. Kreis. Stoß. Parieren. Schritt und Wurf. Ihre Hemden waren fleckig von Schweiß, auf der Haut klebte der Staub. Kel rief etwas. Ilene reichte ihm ihr Niji. Arillard gab seines an Riniard. Elli nahm das dritte von Jensie. Jemand klopfte Kerris auf den Rücken. Er wandte sich um. Eine Frau hielt ihm einen Wasserschlauch hin. Er trank und reichte ihn Sefer weiter. Der Schat- ten des »Wächters« fiel schräg über den Kampfplatz. Ein kühlender Wind wehte über den Hof. Wieder wechselten die Chearis ihre Waffen. Jensie blockte Kels Messerstoß ab, beide Arme über den Kopf erhoben. Ihre Muskeln zitterten vor An- spannung. Sie drehte ihn herum und zwang ihn auf die Knie, die Arme vorgestreckt, eine Hand an sei- nem Handgelenk, die andre an seinem Ellbogen. Er gab das Zeichen innezuhalten. Die Chearis trugen ih- re Messer zurück zum Waffenschuppen. Waffenlos trennten sie sich und schritten wie beiläufig aneinan- der vorbei. »Ist es vorbei?« fragte Kerris Sefer. Sefer lächelte. »Achte auf Kel!« sagte er. Die Chearis wanderten umher. Kerris beobachtete Kel. Aber nichts geschah ... Die Zwischenräume zwi- schen den Chearis schienen sich zu verringern. Plötz- lich kickte Kel Ilene seitwärts an. Ilene blockte den Hieb mit einer trägen Bewegung des Unterarms ab. Sie gingen aneinander vorbei. Cal packte Riniards Arme von hinten und hielt sie fest. Riniard glitt aus der Umklammerung. Arillard machte einen großen Schritt und kickte Elli die Beine unter dem Leib weg., Und weiter schritten sie, und langsam verengte sich der Kreis. Ilene nahm Elli als Partner an. Kel legte Arillard auf den Boden. Jensie und Riniard taten sich zusammen und griffen Cal an. Sie traten auseinander, formten die Paare neu, verschmolzen, liefen zusam- men, ineinander, wechselten blitzschnell. Der Kreis wurde noch enger, bis schließlich Kel mit dem Rük- ken gegen die Säule dastand. Allein. Hackend, sto- ßend wehrte er nur mit den Händen die Angreifer ab, bis sie ihn packen konnten, ihn zu Boden rangen und sich auf ihn setzten. Sefer lachte. Er reckte die Arme hoch über den Kopf. »So geht es immer aus.« Ein Rudel ehrfurchterfüllter Kinder scharte sich um die Chearis. Kerris stand auf. Die Hüften taten ihm weh, die Beine waren taub. Er stampfte auf den Bo- den, hoffte, daß das Brennen bald aufhören möge. Kel kniete im Staub und redete mit den Kindern. Sie hat- ten einen Kreis um ihn gebildet, ganz wie kleine chea- ris. Und einige unter ihnen würden ja vielleicht her- anwachsen und Chearis sein, wenn sie kräftig und schnell und hartnäckig genug waren. Und wenn sie unverletzt und ganz blieben, dachte Kerris. Elli winkte ihm zu. Sie kam über den Kampfplatz her- über. Arme, Beine, Gesicht, die Kleider und ihr Haar waren von Staub bedeckt, doch das Federnde war immer noch in ihren Schritten, in den festen langen Muskeln ihrer Schenkel. »Hat es dir gefallen?« fragte sie. Er nickte. »Gut.« Sie streifte sich die oberste Staubschicht von den Armen ab. »Schau mich an! Ich bin ein rechter Saubär!« Sie grinste ihm durch die Staubmaske hindurch ins Gesicht. »Willst du mit mir gehen?«, »Wo gehst du hin?« Elli schüttelte den Kopf, um sich den Staub aus dem Haar zu schütteln. »Baden«, sagte sie. In Tornor hatte es ein Badehaus gegeben: einen lang- gestreckten gekachelten Raum mit Waschzubern, in die man erhitztes Wasser zum Baden gießen konnte. Die Bäder in Elath waren anders. Es waren zwei Tei- che, die am Hang lagen. Ein Bach speiste den oberen Teich und sprudelte über die Böschung des zweiten, tiefergelegenen. Elli erklärte: »Man wäscht sich im unteren Teich sauber und spült sich im oberen ab.« Kerris tauchte die Hand ins Wasser. Es war eiskalt. Am Rande des oberen Teichs war eine Wäscheleine gespannt, auf der lange Kleider von jeder Farbe und Größe hingen. »Wenn du gebadet hast«, sagte Elli, »wählst du dir einen Mantel aus. Aber natürlich darfst du den nicht behalten, du mußt ihn zurück- bringen.« Neben dem Unterteich stand ein Gebilde, das wie ein Haus aussah, aber es schien keine Ecken zu haben ... Die Rundwand war bedeckt mit einer aus Perlen gefertigten Zeichnung. Kerris erinnerte sich an dieses Perlmuster auf der Tür des Hauses in Galbareth. Es wurde ihm klar, daß der Bau aus Häuten bestand, die über Holzrahmen gespannt waren. Der Wind stand auf ihn zu. Er roch den stechenden Geruch von menschlichem Schweiß. Elli erklärte: »Das Dampfzelt.« Sie streifte die schmierigen Kleider ab und ging nackt auf das Zelt zu. Als sie die Zeltklappe beiseite schlug, wölkte Dampf hervor, und Ilene kam heraus., Sie lief über das Gelände und sprang in den Unter- teich. Sie sank unter die Wasseroberfläche und kam wieder nach oben geschossen, wendig wie ein Fluß- aal. Sie schwamm in großen Zügen an den Teichrand, der mit Steinen eingefaßt war. Sie hob dort etwas auf und begann sich damit abzureiben. Kerris trat näher und sah, daß überall Töpfe voll Seife am Rand des Teiches verteilt standen. Eine zweite Frau kam aus dem Zelt, gefolgt von ei- nem dunkelhäutigen Mann. Sie ging an den oberen Teich. Der Bauch der Frau war dick von dem Kind, das sie trug. Der Mann hielt sie stützend fest, als sie über die schlüpfrigen Steine kletterte, und sie lachte und sagte etwas zu ihm, das auch ihn lachen machte. Dann tauchten sie ins Wasser, und dann standen sie am flachen Teichende und hatten die Arme umein- ander geschlungen. Ilene sagte: »Kerris, hast du keine Lust zu baden?« Sie wies auf das Dampfzelt. »Komm mit, ich geh und schwitze die Seife weg!« »Ach nein. Danke.« Sie ging vom Teich fort. Elli trat heraus, ihre Haut schimmerte. Sie hechtete ins Wasser und kreischte dabei wie ein Kind. Wasser spritzte durch die Luft. Kerris trat vom Rand des Beckens zurück. Die ande- ren Chearis kamen heran. Sefer war auch dabei, dicht neben Kel. Kel zog sich aus. Er küßte Sefer auf den Mund, ehe er in das Schwitzzelt trat. Jensie und Riniard drängten Cal in die Mitte des unteren Teiches. Sie riefen ihm einander widerspre- chende Anweisungen zu. Prustend paddelte er um- her, versank und tauchte fluchend wieder auf. Sefer kam langsam an Kerris' Seite herüberge-, schlendert. »Was stellen die da bloß an?« fragte er amüsiert. »Ich glaube, sie wollen ihm das Schwimmen bei- bringen«, antwortete Kerris. Die Chearis trugen ihre schmutzigen Kleider zu Se- fers Haus. Elli schob den Arm unter den von Kerris. »Fühl mal!« Er prüfte die Textur ihres Ärmels. Es war Samt von einer prächtigen goldenen Schattierung. Ilenes Schwester war zu den Badeteichen gekommen und hatte Ilenes kleinen Jungen mitgebracht. Er war dunkel und pausbackig und wackelte mit weitaufge- rissenen dunklen Augen neben seiner Mutter her. Kel sah glücklich aus, seine Haut war gerötet. Er ging ne- ben Sefer. Das Haar stand in einem wehenden Busch über seinem Kopf. Am Leib trug er eine dunkelblaue Seidenrobe, die an den Säumen der Ärmel und am unteren Rand mit Silberstickerei bedeckt war. Eine Frau kam vorbei, sie trug eine Hacke über der Schulter. Sie blieb stehen und redete mit Sefer. Die Spitze der Hacke schimmerte rot in der untergehen- den Sonne, und Kerris sah, daß es eine stählerne Hellebardenspitze war. Er spähte zum Rand der schüsselartigen Senke hinauf, in deren Mitte das Dorf lag, aber er konnte die Wachtposten nicht sehen, die im Dickicht und zwischen den Felsen versteckt wa- ren. Aber er spürte ihre Anwesenheit ... Er fragte sich, ob wohl die Asech in dieser Nacht angreifen würden. Die Frau beendete ihr Gespräch mit Sefer und ging davon. In der kühlen Abendluft schritt sie leicht da- hin, das breite Gesicht wie aus Stein geschnitten. Elli sagte: »Kerris, ich möchte später mit dir etwas besprechen.« »Ist gut«, gab er zurück., Sie aßen das Abendmahl in Sefers Haus: warmes Brot mit Butter, kalte Essigbohnen, Käsestangen, Fisch in Stücken. Ilene fütterte ihren Sohn, Borti, bis er in ihren Armen einschlief. Neben den farben- prächtigen Mänteln der Chearis kam Kerris sich schmuddelig und klebrig vor. In der Mitte des Ti- sches standen zwei Schalen mit choba-Lichtern und warfen einen sanften Firniß über den Raum. Von der Nähe der Treppe drang pulsierend das Zirpen einer Grille. Kerris fragte sich, wo das Insekt sein mochte. Paula hatte ihm erzählt, daß Grillen im Haus Glück brächten. Die Chearis lümmelten bequem auf ihren Kissen herum. »Was gibt es Neues von den Asech?« fragte Rini- ard. »Sind sie immer noch da?« »Sie sind immer noch da«, antwortete Sefer. Ilene schaukelte Borti im Schoß. »Du sagst die Überfälle sollen uns erschrecken, und sie wollen uns nicht töten, Sef? Ich will dir erst einmal glauben, aber es ist mir zutiefst gegen mein Blut, sie so nahe bei uns kampieren zu lassen und nicht einmal zu wissen, wo genau sie sind und wie viele es sind.« »Ich weiß«, sagte Sefer. »Aber wir können nichts dagegen tun.« Arillard stocherte mit einer Fischgräte in den Zäh- nen herum. »Bei meiner Truppe an der Grenze hatten wir einen Späher, eine Frau, die war so gut, daß sie in das Lager der Asech schleichen und die Federn in der Mähne des Pferdes des Häuptlings zählen konnte.« Cal fragte: »Seit wann tragen Pferde Federn?« Arillard grinste. »Ach, du kindliche Unschuld! Die Asech flechten Federn in die Mähnen ihrer Pferde. Verschiedene Federn bedeuten die Rangunterschiede.«, »Es können ja nicht alle so abgehangen und weise sein wie du«, sagte Cal und rollte sich rasch vor Aril- lards Ellbogen weg. Riniard runzelte die Stirn. »Ich begreife nicht, wie- so wir so wenig über die Asech wissen. Diese Räuber sind doch Menschen, sie reiten auf Pferden, sie hin- terlassen nachts ihre Spuren. Ein guter Fährtensucher müßte sie doch finden können.« Sefer sagte: »Du vergißt – diese Asech da sind He- xer. Und es ist ziemlich schwierig, einen Zauberer zu überraschen.« Riniard richtete sich auf. »Dann schickt doch einen Hexer vor!« Er gestikulierte heftig im Kerzenschein. »Wenn ihr herausfindet, wo sie sich aufhalten, könnt ihr einen Trupp ausschicken und sie umzingeln.« »Ach du Idiot!« sagte Ilene und stieß den Rotschopf ans Bein. »Aber wieso denn?« fragte Riniard. »Die können doch nicht so stark sein. Wenn sie stark wären, dann hätten sie's doch nicht nötig, euch zu drohen.« Kel sagte leise: »Ein gutes Argument, Roter.« Sefer sagte: »Wenn sie sich vor uns fürchten, wer- den sie besonders wachsam sein.« Riniard stach mit dem Finger in die Luft. »Aber warum könnt ihr nicht eure Zauberkraft einsetzen und einen Gegenangriff gegen sie unternehmen?« »Weil unsere Gabe vom chea stammt«, sagte Sefer, »und wir diese Fähigkeiten nicht dazu verwenden wollen, Krieg zu führen.« »Oh«, sagte Riniard und sank auf das Kissen zu- rück, als hätte ihm jemand die Luft ausgelassen. Er verbarg sein Gesicht in Jensies Haaren. Sie kitzelte ihn, und er krabbelte aus der Reichweite ihrer Finger., Ilene sagte: »Weißt du, Sefer, ich frage mich, ob diese Entscheidung richtig ist.« In der Wand sang die Grille. »Aber natürlich bin ich ja keine Hexe.« Kel saß in einer Dünenlandschaft von Kissen und hielt mit einer Hand die Hand Sefers umschlungen. Er nickte Kerris zu: »Morgen nehme ich dich mit raus, damit du deine Vettern kennenlernst. Sie warten schon begierig darauf, dich zu sehen.« Ach, wirklich? dachte Kerris. Er lehnte sich in das Polster zurück. Elli beobachtete ihn. Er überlegte sich, worüber sie wohl mit ihm sprechen wollte. Sein Arm- stumpf juckte wieder, und er kratzte sich. »Nika, ist Kerris' Gabe so stark wie ich glaube?« Kel wandte sich fragend an Sefer. Über die Fischgräte hinweg blickte Sefer zu Kerris herüber. »Kerris besitzt die Gabe der Inneren Sprache sehr stark.« Borti schnarchte leise. Ilene stand auf, nahm ihn hoch und bedeckte ihn mit einer Falte ihres Mantels. »Ich gehe zum Haus meiner Schwester«, sagte sie. »Kel, vergiß es nicht – wir wollen morgen im Waf- fenhof unterrichten.« »Ich werde es nicht vergessen«, versprach er. Bortis Kopf lag schwankend auf der Schulter seiner Mutter. Leise sagten die Chearis im Chor ihnen gute Nacht. Kel ließ seine Hände über Sefers Rippen gleiten. »Gehn wir ins Bett«, sagte er. Es war eine liebevolle Geste, drängend und sehr erotisch. Kerris errötete bis in die Spitzen seiner Ohren. Er duckte den Kopf und griff nach einem Weinbecher, um seine Verlegenheit zu verbergen. Sefer erhob sich. »Alsdann, bis morgen«, sagte er. »Und schlaft gut!«, Arillard kicherte. »Wir werden schlafen. Du be- stimmt nicht!« Sefer und Kel gingen zur Treppe. Gegen seinen Willen lauschte Kerris ihren Schritten, die rhythmisch die Stufen hinaufstiegen – er lauschte bange, wartete auf den Augenblick, in dem die Schritte verstummen würden. Wieder stiegen ihm die bitteren Tränen des Neids in die Augen. Er setzte sich neben seinen Strohsack und fuhr die Ritzen im Boden mit dem Zeigefinger nach. Ellis Stimme drang leise an sein Ohr: »Kerris, magst du jetzt mit mir sprechen?« Sie hielt eine Ölschale in der Hand, beugte sich herab und setzte sie neben seinen Knien auf die Mat- te. Er wollte sagen: Nein! Geh weg! Doch er ver- mochte es nicht. Die Schritte über ihnen verstumm- ten. Er befahl sich, nicht darüber nachzudenken. Ein langbeiniger Weberknecht rannte über seinen Hand- rücken. »Worüber willst du reden?« fragte er. »Was denkst du?« Er hob den Kopf. Niemand fragte ihn so etwas – außer Josen. Er rieb sich die Augen. Elli saß mit ge- kreuzten Beinen da, ihr Samtmantel schimmerte dun- kel, die Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß. Der Wein hatte ihm die Zunge gelöst. »Ich denke über meinen Bruder nach. Wie verschieden wir doch sind ...« »Ihr seht euch ziemlich ähnlich.« Er schnitt eine Grimasse. »Mir kommt es nicht so vor. Ich hab' ja das da.« Er klopfte auf seinen Arm- stumpf. Wieder quollen die Tränen auf. »Er ist ein cheari, und er hat einen Geliebten, eine Heimat ... ihr, alle habt ...« Er brach ab. Es war so still im Raum daß er fürchtete, die anderen könnten ihn hören, doch als er aufblickte sah er, daß sie alle bei ihren Lagerstätten waren. Elli fragte leise: »Hast du noch nicht geliebt, Ker- ris?« Kerris erinnerte sich an Kili von Tornor, und wie sie sich mit ihm kopulierend in den schmutzigen Bettlaken gewälzt hatte. »Ich habe zwei Geliebte ge- habt«, sagte er. »Die eine hat nur aus bloßer Neugier mit mir geschlafen.« Und er erinnerte sich – schmerz- haft – an seinen Freund Tryg. »Der zweite kam aus Mitleid zu mir. Meine besten Freunde auf Tornor wa- ren ein alter Mann und eine alte Frau.« Sein Herz be- drängte ihn: Sie waren dir gute Freunde ... Doch es war zu spät, den Abscheu aus seiner Stimme zu til- gen. Elli sagte: »Ich könnte dich lieben.« Er starrte sie an. Voll Unglauben. Sie machte sich über ihn lustig; das konnte sie doch nicht wirklich meinen. Das Blut pochte in seinem Hals. »Aus Mit- leid«, sagte er. »Nein!« Der Lichtschein von der Ölschale spren- kelte ihr Haar mit Gold. »Ich mag dich. Du hast einen Arm verloren, gut, aber sonst fehlt nichts bei dir.« Sie lächelte – sekundenkurz – aber ihre Augen über dem Lächeln waren ernst und fest auf sein Gesicht gerich- tet. Er war verwirrt. »Chearis schlafen nur mit Chearis. Riniard und Jensie, Kel und Ilene ...« »Und du – du bist hier!« »Aber ich gehöre nicht zu euch. Ich bin nur wegen Kel dabei.« Er hatte vergessen, Luft zu holen, und, atmete jetzt tief. Ellis Finger lösten sich voneinander. Sie berührte seine Hand. »Weißt du, was in deinem Gesicht geschrieben steht, jedesmal wenn du ihn ansiehst?« fragte sie. »Ich weiß es. Und ich habe dich nicht belogen, Kerris: Ich wäre gern deine Geliebte und deine Freundin – und nicht aus Mitleid.« Ihre Finger auf seiner Haut seng- ten ihn wie Feuerbrand. Er wußte, was sie sagen würde, bevor sie zu sprechen begann. »Aber nicht ich bin es, die du haben willst.« Kerris ganzer Körper flammte vor Hitze. Doch sei- ne Gedanken strömten klar, rein und kühl wie ein Fluß ... Kein Wunder, daß er nie richtig geliebt wur- de. Es gab keinen Geliebten, der sich mit einem Traum messen konnte. Im Wachen und im Schlaf, von jenem Tag an, an dem Morven ihm den Zutritt zum Waffenhof untersagt hatte, hatte Kerris von sei- nem Bruder geträumt, bis zu jener Nacht, in der er ihn gesucht hatte, über die Weite hinweg, durch die Zeit hindurch, ihn aufgespürt hatte mit seiner Gabe, die er sogar jetzt noch nicht begriff. Mit tauben Lippen sagte er: »Es ist komisch, nicht wahr?« »Kerris ...« Elli faßte ihn so fest am Handgelenk, daß es beinahe schmerzte. »Warum verkrampfst du dich so? Kel hat dich gern. Du könntest es doch we- nigstens sagen – etwas sagen!« Er fragte sich, ob sie verrückt geworden sei. Er wies zur Decke. »Ach das ...« Sie hob die Schultern. »Sefer weiß, daß Kel auch andere Menschen liebt. Es macht ihm nichts aus. Und warum sollte es das? Es bedeutet gar nichts bei dem, was zwischen den beiden ist.«, Arillard langte von seiner Matte herüber und löschte das Licht, es wurde dunkel im Raum. »Weiß es denn jeder?« fragte Kerris. »Daß ich ... wie sehr ich ...« Er spürte mehr als er sah, daß Elli die Achseln zuckte. »Weiß denn Kel ...?« Sie sagte: »Nein, ich glaube nicht.« Sie leckte sich den Daumen und Zeigefinger. Nein, auch Kerris glaubte das nicht. Einen Augenblick lang schwoll in ihm der Drang an, genau zu wissen, sicher zu sein ... fast willenlos tastete sein Hirn in das dunkle Haus hinaus und versuchte die Gedanken seines Bruders zu berühren ... ... und wurde von einer lückenlosen Gedankenbar- riere abgehalten. Ein Gedanke drang durch sie hin- durch, eine klare, unwiderstehliche Warnung. Sein Kopf hämmerte. Er zog sich zurück. Der Kontakt, die Warnung waren nicht von Kel gekommen. Seine Haut prickelte, er erinnerte sich an die Intensität in Sefers Augen bei ihrer ersten Begegnung. Sefer weiß es, dachte er. Und er haßte Sefer wegen dieser siche- ren Kenntnis. »Wirst du es ihm sagen?« fragte er. Elli blies die letzte Lampe aus. Sie befeuchtete die Finger und drückte den Docht zusammen. »Nur, wenn du das willst.« »Ich habe gedacht, in einem chearas gibt es keine Geheimnisse«, sagte er. »Ich kann stumm sein«, antwortete sie. Ihre Stimme klang ruhig und höflich. Er dachte an das, was sie ihm angeboten hatte, und er schämte sich. »Es tut mir leid«, sagte er. Sie nickte. Dann saßen sie schweigend da. Der Mondschein glomm heller im Fenster. Nachtgeräu-, sche erfüllten den Raum: Vögel, Grillen, das Belfern eines Fuchses. In der Kammer über Kerris' Kopf knarrte ein Bodenbrett. Seine wunden Nerven zuck- ten zusammen. Er sagte leise: »Er würde mich nicht haben wollen.« Dann aber dachte er an das, was Elli gesagt hatte: Kel hat dich gern ... Elli stand auf. Mit einer raschen Bewegung zog sie sich die goldbraune Samtrobe über den Kopf. »Viel- leicht irrst du dich«, sagte sie leise, während sie unter die Decke glitt. »Aber es gibt eine Möglichkeit, das herauszufinden. Frage ihn!« »Ich kann nicht!« »Warte damit nicht zu lange«, sagte sie, als habe er nicht gesprochen. »Wenn er es jetzt noch nicht weiß, so wird er doch bald Bescheid wissen. Dein Gesicht wird es ihm verraten.« In der Kühle des Raumes ver- flochten sich ihre Finger warm einen Augenblick lang mit den seinigen. »Er ist ein Musterzauberer, vergiß das nicht, und er ist ein cheari!« »Ich weiß, was er ist«, sagte Kerris. Sie zog ihre Hand aus der seinen und rollte sich auf den Bauch. Das Licht des heraufsteigenden Mondes lag sanft auf ihrer Wange. Sie murmelte etwas, aber er konnte die Worte nicht verstehen. Über der Fensterbank schwamm die weiße Mond- sichel herauf. Kerris rückte aus ihrem Schein in den Schatten. »Was sagst du?« Elli hob den Kopf vom Kissen. Sie wiederholte ihre Worte. »Er ist nicht blind. Und er weiß auch, was und wie du bist.«, 7. Kapitel Als Kerris am nächsten Morgen erwachte, waren die Chearis durch das ganze dämmerige Zimmer ver- streut. Die Decken lagen zerknüllt über ihnen, sie schliefen alle noch. Die schrillen Triller der Vögel hatten ihn geweckt. Sie waren so ganz anders als das morgendliche Gebuhle der Tauben auf Tornor Keep. Er zog sich die Tunika und die Hosen an und trat hinaus in den Garten. Dichter Tau hing auf den Grä- sern, streifte eiskalt seine Füße, die noch bloß waren. Er rieb sich die Augen und schaute dem roten Vogel zu, der im anschwellenden Morgenlicht der Sonne aufflog und davonschoß. Bald würden die anderen aufstehen. Kel würde kommen und ihn ins Haus seines Onkels bringen. Wieder fragte er sich, ob dieser, seiner Mutter Bruder, irgendwie so wie Morven sein würde. Er ging ins Zimmer zurück und zog sich die Stiefel an. In einem plötzlichen Entschluß ließ er den Dolch und die Scheide, die Josen ihm geschenkt hatte, neben seinem Lager liegen. Er hatte keine Verwendung für sie. Er war sich nicht ganz darüber im klaren, was er da tat. Er wollte seinem Bruder nicht begegnen – und nicht Sefer –, nicht bevor er Zeit gefunden hatte, seine Ge- danken zu klären ... Noch immer war er benommen und ein wenig zitterig von dem, was Elli zu ihm ge- sagt hatte. Er trat auf die Straße, ohne einen Blick auf das obe- re Fenster des Hauses zu werfen. Er ist nicht blind, sagte Elli in seiner Erinnerung. Er weiß, was und wie du bist. Er rieb sich die Hand über das Gesicht und, spürte die Bartstoppeln. Bald würde er sich rasieren müssen. Was bin ich denn dann? fragte er sich. Ich bin ein Schreiber, ich bin ein Krüppel, ich bin ein He- xer ... Ein Vogel flog über seinen Kopf hinweg. Dies- mal war es ein blauer Vogel mit schwarzen Streifen quer über die Flügel. Kerris kam am Waffenhof vor- bei. Die Spitze des Wächters schimmerte im Sonnen- licht, das heraufstieg. Er kam an einen Brunnen, ging weiter, kehrte zurück, hievte einen Eimer Wasser herauf, spülte sich den Mund aus und wusch sich das Gesicht. Als er aufblickte, sah er neben sich eine Frau ste- hen. Ihr Haar war weiß und strebte lockig von ihrem Schädel weg wie ungeschorene Wolle, dicht wie ein Vlies im Norden. Sie trug etwas Goldenes mit grünen Borten. Das Gesicht war von Runzeln überzogen. »Der Friede des chea sei mit dir«, sagte sie. »Und über deinem Haupt«, antwortete er. Er schaute die terrassierten Hänge des Tales hinauf und suchte nach dem Hof, den Kel ihm am Vortag gewie- sen hatte. »Kannst du mir sagen, welcher von den Höfen der von Ardith ist?« Die alte Frau legte ihm eine bemerkenswert kräfti- ge Hand auf die Schulter und drehte ihn nach Osten. »Folge dem Saum der weißen Birken«, sagte sie. »Der Ardith-Hof ist der mit dem steilsten Dach.« »Ich danke dir.« »Gern geschehen.« Ihre Haut war blaßrosa, der Mund breit. Als sie ihm zulächelte, liefen Fältchen von ihren Lippen bis zum Rand ihres Gesichtes. Ihre Augen waren dunkel und sehr gebieterisch. »Meine Finger sind nicht mehr so gelenkig wie früher einmal. Würdest du mir einen Eimer Wasser heraufholen?«, »Aber gern«, sagte Kerris. Er ließ den Schöpfeimer in den Brunnenschacht hinab und leierte ihn gefüllt wieder hoch. Er überließ ihn randvoll ihren Händen, die verwittert aussahen. Mit zusammengekniffenen Lidern wanderte er ostwärts. Den Hang hinauf stie- gen Pfade zum Rand der Senke. Auf unbestellten Fel- dern grasten Kühe. Anpflanzungen von Zypressen, Pinien und Birken bildeten die Grenzmarkierungen der Gehöfte. Ein gutes Fünftel der Felder lag stoppe- lig da wie geschorene Schafe. Man sah, wo der Win- terweizen geschnitten worden war. Der war nun längst gesammelt und eingefahren, gedroschen und gemahlen und in Säcke verpackt und lagerte in den Vorratskammern des Dorfes. Doch an anderen Stellen stand das Getreide hoch, kurz vor der Reife und wartete auf die Herbstmahd. Auf dem Rücken einer scheckigen Stute kam eine Frau den Hang herabgeritten. Im Morgendunst er- haschte Kerris das Aufblitzen von Metall. Er konnte nicht erkennen, ob sie eine Haue oder einen Speer trug. Die Krümmung der Talsenke täuschte über die Ent- fernungen. Die Gehöfte waren größer, als sie erschie- nen. Auf halber Hanghöhe gelangte Kerris an einen klaren seichten Bach, der sich in einen Teich ergoß. Auf dessen Grund schwammen unentwegt rote Fi- sche in Kreisen und Figuren durch die Wedel des Unterwassergrüns. Es war ihm lieb, daß er allein war, unbeobachtet, außer von einem zufälligen Fremden. Und es schien ihm leichter, dahinzuwandern, ohne das Gewicht des Messers, das ihm gegen den Schenkel schlug. Der Boden war feucht und fruchtbar, er klebte sich an die, Sohlen seiner Stiefel. Er schnüffelte in die Luft. Es roch nach Kuhmist, Pinienharz und nasser Erde. Er sah eine Ricke und zwei gefleckte Rehkitze, die an dem Junglaub einer Birke nagten, und er blieb ste- hen, um ihnen zuzusehen. Im Norden gab es nur we- nig Wild. Die Decke der Kitz war rot wie Lehm. Die Läufe der Jungtiere waren steckendünn, fast wie die Knöchlein von Vögeln. Er tat einen Schritt auf sie zu, und die Ricke sah ihn. Ihr Schwanz zuckte milchweiß. Sie stubste die Rehkälber mit der Nase tiefer in den dunklen Wald hinein. Hier ist meine Heimat, dachte Kerris. Und der Gedanke erschien ihm nicht mehr als derart vermessen wie am Tag zuvor. Durch das Geflirre des Sonnenlichts erspähte er vor sich einen Mann. Er war braun gekleidet und trug ei- nen Strohhut ähnlich den Hüten, wie sie die Frauen im Galbareth trugen. Kerris holte den Mann ein. In einem Netz trug er einen Strang Kaninchen. »Ich su- che den Hof Ardiths«, sagte Kerris. Der Mann sagte: »Du hast ihn gefunden.« Der Mann hatte eine gute Stimme, ruhig, angenehm. »Ich bin Ardith.« Er schob den Strohhut weiter aus der Stirn zurück. In seinem Gürtel steckten feste Leder- handschuhe. Sein Haar war braun, die Augen grau- braun wie Felsgestein. »Und du bist Kerris, der Sohn von Alis. Hab' gehört, daß du mit Kel runtergekom- men bist. Die Kinder haben erzählt, daß sie dich am Hof gesehen haben. Ich hab' mir fast gedacht, daß du heraufkommen würdest.« Er wies auf das schieferge- deckte Haus, den Bauernhof. »Komm rein! Lea möchte dich kennenlernen.« »Danke«, sagte Kerris. »Eigentlich hab' ich gedacht, Kel kommt mit dir.«, Es dauerte eine Weile, ehe Kerris klar wurde, daß er etwas gefragt worden war. »Ich habe nicht auf ihn gewartet«, erklärte er. »Er hat noch geschlafen, als ich aufbrach.« Das Bauernhaus war ähnlich gebaut wie Sefers Kate, nur großräumiger. Dicht hinter der Eingangstür gab es ein Gestell für Stiefel und Schuhe. Der Raum im Erdgeschoß war weit und luftig, der Boden mit Matten belegt, auf denen dicke Kissen verstreut la- gen. In der Mitte des Raumes stand ein niedriger Holztisch. An den Fenstern hingen Vorhänge aus weichem Leder. »Du mußt die abu kennenlernen«, sagte Ardith. Er führte Kerris in den hinteren Teil des Hauses. Dort gab es einen aus Ziegeln gemauerten Herd mit einem schmiedeeisernen Topfring in der Mitte, eine Leiste mit Zapfen für die Töpfe und einen gekachelten Backofen. Ein Stuhl, über dem eine gestreifte Decke hing, stand dicht vor dem Herd. »Abu«, rief Ardith. Die Decke bewegte sich. Es hockte jemand unter ihr. Aus den bunten Falten schob sich ein Kopf. Eine Greisin blinzelte Kerris an. Ihr Haar war weiß, durch die Strähnen sah man deutlich die rosa Schädelhaut. Die Augen waren mil- chig und etwas vortretend. Die Decke glitt von den gekrümmten Schultern. Die Lippen verzogen sich. »Abu, hier ist Kerris-no-Alis. Gib ihr deine Hand«, murmelte er Kerris zu. »Sie ist blind und wünscht dich zu fühlen. Sie ist die Mutter von Leas Mutter.« Kerris streckte die Hand aus. Die Greisin schob eine Hand aus der Decke und legte sie in die seine. Die Finger waren knotig und verschrumpelt, die Nägel waren sehr lang und braun. Sie murmelte etwas. »Sie, sagt, sie freut sich, daß du gekommen bist«, flüsterte Ardith. Die trockene Hand fühlte sich an wie eine Vogelklaue. Sie zog sie zurück und versteckte sie wieder in den Falten der Decke. Ihr Kopf sank nach vorn. Sanft legte Ardith die Falten der Decke um ihre Schultern zurecht. »Sie hat das Haus hier gebaut. Sie und der anu«, sagte er. »Sie kann sich noch an die Zeit erinnern, in der dieses ganze Tal hier nur aus Bäumen und Bä- chen bestand.« Von oben waren Schritte zu hören. Dann kam eine dunkelhaarige hochgewachsene Frau hinter einem rasch beiseitegeschobenen Vorhang hervor. »Nika«, sagte sie. »Tazi ist im Mädchenzimmer und läßt mich die Tür nicht aufmachen!« Ardith hielt ihr die Kaninchen hin. »Ich werde mich um sie kümmern«, sagte er. »Lea ...« Doch die Frau trat bereits mit ausgestreckten Armen auf Kerris zu. Ohne zu zögern, legte sie ihre Arme um ihn und drückte ihn an sich. Sie war ebenso groß wie er. Sie trug staubbraune Hosen und ein sahnefarbenes Hemd, das mit einem geometrischen Muster in vielen verschiedenen Farben bestickt war. Ihr Haar war dicht und hatte graue Strähnen. Sie ließ ihn frei und trat zurück. »Ai«, sagte sie, »du siehst genauso aus wie Alis.« Kerris wußte darauf nichts zu antworten. Ardith legte die Kaninchen auf den Kachelherd und ging die gewundene Stiege hinauf. »Hast du die Abu schon begrüßt?« fragte Lea. »Ja.« »Sie ist die Mutter meiner Mutter und nicht mit dir verwandt«, erklärte Lea. »Aber sie kannte die Familie, deiner Mutter.« Sie wies zum Tisch hin. »Setz dich doch, bitte!« »Ich danke dir«, sagte Kerris. Er nahm einen Hok- ker. Nun, da er hier war, war er sich nicht mehr si- cher, warum er gekommen war. Er sagte scheu: »Kanntest du meine Mutter gut?« Lea antwortete: »Sie war mir so nahe, wie meine ältere Schwester es hätte sein können. Wir sind zu- sammen aufgewachsen. Ich war acht, als sie ihr erstes Kind bekam. Damals glaubte ich, daß alle Babys gleich aussehen, und ich mußte erst selber vier be- kommen, bis ich es besser wußte.« Die Stufen dröhnten. Ein kleines mürrisch drein- blickendes Mädchen kam heruntergeschossen und wieselte durch den Raum. Eine Tür ging auf, Kerris sah grüne Pflanzen in gemessenen Reihen stehen. Das Mädchen glitt durch die Tür, die mit ohrenbetäuben- dem Knall hinter ihr ins Schloß fiel. Lea seufzte. Ar- dith kam die Treppe herab. Er fächelte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. »Das war Tazia«, sagte Lea. »Sie ist meine Jüngste. Meda, die Älteste, ist achtzehn. Dazwischen kommen Reo und Tulith.« Sie wandte sich ihrem Mann zu. »Worüber ist sie denn diesmal so zornig, nika?« »Sie will bei Meda sein.« »Gestern wollte sie mit Reo den chearas anschauen gehen.« Lea hob beide Hände gegen die Decke. »Sie ist von uns, ich erinnere mich, daß ich sie in mir ge- tragen habe, aber ich hätte nie gedacht, daß ich ein derartig widerborstiges Kind haben könnte.« Dann lachte sie. Es war ein dunkles, klangvolles Lachen. »Vergib uns, Kerris. Sie ist erst elf, aber die Gabe ist bereits stark in ihr. Hat sie gesagt, wo sie hingeht?«, Mit raschen geschickten Handbewegungen nahm Ardith eines der Kaninchen aus. Die Innereien warf er in einen Krug neben dem Herd. »Ich hab' ihr ge- sagt, sie soll in den Tanjo gehen. Tamaris ist dort.« Lea sagte zu Kerris: »Als es zuerst aufgetaucht ist, da muß doch deine Gabe für dich ziemlich beunruhi- gend gewesen sein, wo du doch so weit weg warst von allen, die dir hätten sagen können, was es ist.« Ihr beiläufiger Ton machte es Kerris schwer, eine Antwort zu finden. Er dachte an die Neugier, den Abscheu und die Verachtung, mit denen die Leute auf der Burg seinen Anfällen begegneten. Er erinnerte sich, wie sehr er sich bemüht hatte, sie zu vertreiben. »Ein wenig«, sagte er. »Du hast die Innere Sprache wie Sefer, nicht wahr?« sagte sie. »Das ist gut. Ich habe auch gehört, daß er ein guter Lehrer ist.« Kerris sagte: »Ich weiß, ich muß eine Menge ler- nen.« Die Worte kamen steif aus seinem Mund. Ein Blick, den er nicht zu deuten vermochte, ging zwi- schen Lea und Ardith hin und her. Lea sagte: »Es tut mir leid. Ich glaube, wir verges- sen hier, daß man außerhalb von Elath nicht gern und leicht über die Hexengaben redet.« Sie trat in die Speisekammer und kehrte mit dem unvermeidlichen Teller voll fetuch zurück. Sie drückte der alten Frau einen Stengel in die welke Hand, ehe sie den Teller auf den Tisch setzte. Kerris fragte sich, ob die Essenszeiten im Süden anders sein mochten als im Norden. Vielleicht gab es hier Nahrung im Überfluß – wenigstens im Frühling und Sommer –, so daß man sie einem Gast großzügig zu jeder Zeit anbieten konnte. Im Norden reichten, nur die Burgherren einem Besucher etwas zu essen, ohne zuvor ihre Vorräte zu überprüfen. Aus Höflich- keit nahm er einen Stengel. Die Schüssel, in der das Gemüse lag, fing seinen Blick ein. Sie hatte eine kräf- tige orangerote Farbe. Er hätte gern gewußt, wer sie angefertigt hatte. Noch nie hatte er solch eine feine Tonarbeit gesehen. Gewiß nicht auf Tornor Keep. Er berührte die Schale. Die Glasur war glatt wie Wasser. »Das ist hübsch«, sagte er. Lea wurde rot wie ein kleines Mädchen. Ardith lächelte. Mit verhohlenem Stolz sagte er: »Lea hat sie getöpfert.« »Sie ist schön.« Die Tür zum Garten flog auf. Tazia stand im Tür- rahmen, das Gesicht von Wut verzerrt. »Ich will aber nicht in den Tanjo gehen!« Wie ihr Vater trug sie Braun. Dicke schwarze Zöp- fe, die mit roten Seidenbändern gebunden waren standen über den Ohren ab. Sie reckte das Kinn vor, die Augen blitzten. Die Biegung ihrer kleinen Wan- genknochen war eine Miniaturkopie der breiteren Gesichtsformung ihrer Mutter Lea. Lea sagte: »Tazi, mach nicht so einen Lärm mit der Tür!« Tazia stampfte mit den Füßen auf den Boden. »Aber ich will ...« »Das reicht, Tazia!« sagte Ardith. Sie neigte den Kopf und schaute ihn an, als überle- ge sie, ob sie dem milden Befehl widersprechen solle. Der Zorn wich ein wenig aus ihrem Gesicht. Dann schaute sie Kerris an. »Wer bist denn du?« Lea sagte: »Du weißt ganz gut, wer er ist. Er ist dein Cousin Kerris, und er ist aus dem Norden ge-, kommen, um in Elath zu leben.« Kerris dachte: Bin ich deswegen hergekommen? Tazia sagte: »Oh!« Sie kratzte sich am Kinn und tupfte mit der großen Zehe auf die Bodenmatte. Ihre Füße waren bemerkenswert schmutzig. »Du bist mit dem chearas gekommen.« »Ja.« »Kennst du meine Schwester Meda?« Ardith sagte geduldig: »Es besteht kein Anlaß zu glauben, daß und warum Kerris deiner Schwester be- gegnet sein soll.« »Aber sie ist bei den Wachtposten.« Das kleine Ge- sicht blickte finster. Die kleinen Fäuste waren geballt. »Ich will auch dorthin gehen.« Ardith hockte sich nieder und versuchte dem Kind Vernunft beizubringen. »Das kannst du aber nicht. Du bist noch zu jung und würdest nur stören.« »Aber ich könnte ihnen helfen«, versicherte Tazia mit Nachdruck. »Ich bin stark. Ich kann Steine wer- fen. Schau!« Die sonnenuntergangrote Schüssel hob sich vom Tisch und huschte fledermausgleich hinauf zu den silbernen Holzbalken der Decke. Die fetuch- Stengel flogen in alle vier Ecken des Raumes. Kerris duckte sich, als die Schale an seinem Ohr vorbeiflog. Lea grapschte mit beiden Händen nach ihr, aber plötzlich blieb die Keramik bewegungslos schweben, hing einen Moment lang in der Luft und fiel dann, ohne in Scherben zu zerspringen, auf den Tisch zu- rück. Die Gemüsestengel kamen aus den Zimmerek- ken gehüpft und landeten vor Tazias Füßen. Ardith sagte: »Tazi, heb das auf!« Die abu am Herd hob den Kopf und keckerte, ein Geräusch wie von kullernden Steinchen., Tazia schaute trotzig drein. »Trag sie zum Brunnen und wasche sie, und dann bring sie wieder her! Für einen Morgen hast du jetzt genug Unheil angerichtet.« Die Tür hinter Tazias Rücken öffnete sich, obgleich keiner sie angerührt hatte. »Und wenn du sie zurückgebracht hast, dann wirst du in den Tanjo gehen.« Die Zöpfe hingen demonstrativ traurig nach unten, während Tazia die staubigen Gemüsestengel von den Bodenmatten auflas. Sie ging durch die Tür, die sich leise hinter ihr schloß. Lea nahm die orangefarbene Schüssel auf und fuhr mit dem Zeigefinger über ihre Rundung. »Sie hat keinen Sprung!« Sie lachte. Die Freu- de, die sich über ihr Gesicht ausbreitete, verstärkte noch die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter. »Ich erinnere mich noch, wie sie versucht hat, ihre Gabe zu benut- zen, um die Kühe zu melken. Ai, war das komisch!« »Also ist sie eine Hexe«, sagte Kerris. »Sie kann Dinge mit ihrem Verstand bewegen, wie du ja gesehen hast. Darin ist sie gewißlich das Kind ihres Vaters. Aber dem chea sei Dank, keins von den andern Kindern hat diese Begabung. Es kam über sie, als sie noch klein war. Gewöhnlich tritt die Gabe ei- ner Frau erst auf, wenn sie ihre Blutung bekommt. Alis entdeckte ihre Gabe erst dann.« Die Tür ging auf. Tazia kam hereingestapft. Sie legte die triefenden Stengel zurück in die Schüssel, dann ging sie schweigend und schloß die Tür hinter sich. Plötzlich sprang diese wieder auf. Ein Paar reh- brauner Schuhe segelte durch die Luft und fiel drau- ßen mit einem Klatschen auf die Erde. Die Tür schloß sich wieder. Lea ließ ihr tiefes, angenehmes Lachen ertönen. Sie setzte sich in Bewegung. »Komm, Ker-, ris!« sagte sie. »Du magst meine Arbeit. Ich will dir meine Werkstatt zeigen.« Auf der anderen Seite des kleinen Gartens (der ei- gentlich ein Kräutergarten war, über dem ein Duft- gemisch verschiedenartigster feiner Gerüche schweb- te) stand ein Schuppen. Kerris nahm an, daß es ein- mal ein Stall gewesen sein mußte. Es hing noch im- mer ein leichter Pferdegeruch in der Luft. Der Boden des Schuppens war mit feinem weißen Staub bedeckt. »Das ist der Staub vom Töpferlehm«, sagte Lea. »Es läßt sich einfach nicht vermeiden.« Unter den Fen- stern standen drei Fäßchen, alle drei mit feuchtem Tuch bedeckt. Lea nahm die Tücher fort, damit Kerris sehen könne. Die Fässer waren mit Lehm gefüllt. Der Lehm im ersten war rot, der im zweiten weißlich, der im dritten grau. An der gegenüberliegenden Wand des Raumes standen auf einem Bord Krüge, Teller und Schüsseln aufgereiht. Lea zeigte Kerris ihren Arbeitstisch. »Ich forme die Gefäße auf der Töpferscheibe.« Sie wies auf eine Drehscheibe in einer Ecke. »Dann feure ich sie im Töpferofen. Der liegt gleich hinter dem Schuppen. Wenn du Lust hast, zeige ich's dir. Dann verziere ich sie.« Sie deutete auf eine Reihe kleiner Töpfchen auf dem Werktisch. »Das sind meine Farben, meine Emailles, Lacke und Glasuren. Manche sind Pulver, andere flüssig, manche enthalten Glas. Andere nicht.« Sie nahm einen blauen Topf in die Hand und drehte ihn so, damit Kerris das Muster erkennen könne. Der Topf war mit weißen Blüten bedeckt. »Dieses Muster entsteht, indem man die blaue Glasur um die Umrisse der weißen Blüten herum aufträgt und indem man so das natürliche Weiß des Tons durchbrennen läßt.«, »Und was machst du mit ihnen?« »Oh, ich tausche mit meinen Nachbarn. Ich mache fast alle Töpfe und Teller für das Dorf. Die besten he- be ich auf und verkaufe sie an den Blauen Clan. Es gibt einen Händler aus Mahita, der meine Blumen- töpfe mag und der mir fast alles abkauft, was ich ma- che. Von ihm bekomme ich auch meine Glasuren.« Dann zeigte sie ihm ihr Werkzeug: Pinsel, Metallsti- chel, Schaber, Zangen. Zwei noch unangezündete Stundenlichter standen im Fenster. »Wo findest du deine Muster?« fragte Kerris. Sie lächelte. »In meinem Kopf.« Am hinteren Rand des Werktischs stand eine choba- ta, deren Oberfläche von häßlicher Schlammfarbe war. Kerris wies mit dem Kinn darauf. »Ist das ver- dorben?« Lea lachte. »Nein. Es wartet auf den Brand. Wenn es aus dem Ofen kommt, wird es leuchtendrot sein, und ich werde es mit schwarzem Lack verzieren.« »Wo hast du all das gelernt?« »Bei meiner Mutter. Die Frauen in unserer Familie waren schon immer Töpfer.« Sie gingen hinter den Schuppen, und Kerris bewunderte den Brennofen. Er war größer, als er sich vorgestellt hatte, mit einer ge- wölbten Öffnung, durch die man Feuerholz einfüt- tern konnte. Lea öffnete die Eisentür und zeigte ihm das Regal, auf dem das Brenngut lagerte. Es standen da ungefähr zwanzig Töpfe. »Die müssen alle noch gebrannt werden«, sagte Lea. Sie schloß die Ofentür und schob den Metallriegel vor. »Aber ich hab' zuviel zu tun gehabt, und es ist schwer, den inneren Frieden zu finden, den man zur Arbeit braucht. Bei all dem Kummer.«, »Tazia?« fragte Kerris. »Nein. Tazi ist meine Freude, bei all ihrem Unfug.« Leas weiche Stimme bekam eine gewisse Schärfe. »Nein, ich meine den Überfall der Asech.« Im Garten beugte sie sich über eine hohe Pflanze mit kleinen blauen Blüten und schnippte ein rotge- panzertes Insekt von einem gezackten Blatt. »Bei den letzten Überfällen sind mir Familienmitglieder und Freunde gestorben«, sagte sie. »Sie haben Elath ange- griffen, weißt du. Die Angreifer wurden zwar zu- rückgeschlagen, aber wir haben es nicht vergessen. Es ist nicht das erstemal, daß wir unsere Häuser neu aufbauen mußten.« Kerris fragte: »Hast du meinen Vater gekannt?« Lea drehte weiter Blätter an den Pflanzen um. Aus den Augenwinkeln blickte sie Kerris an. »Nicht nä- her. Er war all das, was Alis nicht war. Sie war schlank und dunkel und ruhig. Ardith ist ihr ähnlich. Und sie wurde sehr rasch müde, wegen ihrer Gabe. Manchmal habe ich geglaubt, sie ist so ruhig, weil sie die Innere Sprache hat ... Ich war wegen Kerwin gräßlich eifersüchtig.« Sie legte die Hände zusam- men. »Sie sind sich in Kendra-im-Delta begegnet. Er begleitete seinen Vater, den Lord, zum Rat der Städte und brauchte einen neuen Mantel. Sie ging über den Markt. Und dort trafen sie sich. Durch Zufall. Der alte Lord war gar nicht glücklich darüber. Er wollte, daß Kerwin eine Partie in der Stadt macht, eine der Töch- ter aus einer der großen Familien heiratet. Eine Med oder Hok oder Batto. Aber Kerwin blieb starrköpfig. Er war ein großer Mann ...« Ihre Stimme verlor sich eine kleine Weile. »Wie ich mich an ihn erinnere, war er Kel sehr ähnlich.«, Kerris wollte nicht an seinen Bruder denken. »Wie ist mein Vater gestorben?« fragte er. Sie zog die dichten dunklen Brauen hoch. »Ach, weißt du das nicht?« »Man hat mir nur gesagt, daß er im Krieg gefallen ist. Ich habe nie erfahren, wann und wie.« »Er starb an der Grenze. Ein Jahr, nachdem Alis getötet wurde.« Sie gingen zum Haus zurück. Bei der letzten Reihe von Pflanzen bemerkte Kerris einen seltsam geform- ten Felsbrocken, der teilweise von Ablegern über- wachsen war. Er hockte sich nieder, um das genauer zu betrachten. Das Gesicht, der Mund, die Nase, die Augen des Wächters ließen sich hinter dem Vorhang der weißen Blüten erkennen. Kerris richtete sich ha- stig wieder auf. Lea sagte: »Fürchte dich nicht. Der da ist verdor- ben. Deshalb steht er hier im Garten.« »Und wie kommt er da hin?« »Ich habe ihn gemacht«, sagte sie. »Wirklich?« Er hockte sich erneut nieder. Behutsam betastete er das glatte Gesicht. Aus dieser Nähe konnte er erkennen, daß die Figur aus Ton war, nicht aus Stein. »Warum?« fragte er. »Sefer wollte einen für den Tanjo haben, und ich habe mehrere angefertigt, bis ich es richtig hinbekam. Die übrigen stehen in den Häusern der Leute. Lara – sie ist hier die Hauptfrau, du bist ihr vielleicht begeg- net – hat einen, und Taramis auch.« Eine Biene ließ sich auf einer der weißen Blüten nieder. Sacht zog Kerris seine Finger zurück. Sie gingen ins Haus zurück. Zwei Jungen standen über den eisernen Topf gebeugt. Der Deckel lag auf, der Herdplatte. Der deftige Geruch eines Eintopfge- richts stieg dampfend zur Decke. Kerris lief das Was- ser im Mund zusammen. Lea grinste. Sie trat zu den in ihr Tun versunkenen Jungen. Plötzlich hob sich der Topfdeckel vom Herd und landete fest auf dem Topf. Ardith kam die letzten paar Treppenstufen herab. Die Jungen wirbelten her- um. Der größere sagte zu seinem Vater: »Wir haben wirklich nur mal nachgeschaut ...« Der kleinere Junge lachte und stieß seinem Bruder den Ellbogen in die Rippen. »Du kannst doch Paps nicht an der Nase herum- führen, hast du das nicht inzwischen begriffen?« Dann schaute er Kerris an. Er war dunkel wie sein Vater. Am Leib hatte er verstaubte Kleider, einen Le- dergürtel mit dem Messer daran, er trug einen Stroh- hut. Seine Füße waren genauso schmutzig wie die Tazias. »Ich bin Reo«, sagte der Junge. Er hatte eine tiefe Stimme. Kerris wurde klar, daß er der ältere der beiden Jungen war. Der andere bewegte sich mit der schlaksigen Unbekümmertheit eines Knaben, und er hatte auch kein Messer am Gürtel. »Der da ist Talith.« »Ich bin Kerris.« Der Jüngere drehte sich zu ihm um. »Hallo«, sagte er. Seine Haut war röter als die seines Bruders. »Ich hab' dich gestern beim Waffenhof gesehen.« Sein Blick schweifte unsicher über Kerris' Armstumpf und wanderte dann zu seinem Gesicht zurück. Ardith sagte: »Ich habe geglaubt, ihr seid beim Jä- ten.« Reo entgegnete: »Du hast gesagt, du kommst gleich zurück.« Der Mann und der Junge lächelten einander zu. Beider Lächeln ähnelte sich erstaunlich. Kerris, vermutete, daß Reo der Liebling seines Vaters sein müsse und Talith der seiner Mutter. Wie beiläufig lehnte sich der ältere Junge an den Tisch und nahm sich einen Fetuchstengel aus der Schüssel. Das Gemü- se entwand sich seinen Fingern und landete mit ei- nem Plopp wieder in dem Gefäß. »Ich bring welchen mit«, sagte Ardith. »Und nun, raus mit euch!« Talith kicherte und schnitt Reo eine neckende Fratze. »Hast du das Baby kennengelernt?« fragte der jün- gere Bruder. »Gib deiner Schwester keine Spottnamen«, sagte Lea. »Vorhin war sie noch hier. Jetzt ist sie im Tanjo.« »Und lernt Felsbrocken nach den Asech schmeißen. Boing!« Talith vollführte pantomimisch das Werfen eines unsichtbaren Steines. Reo packte seinen Bruder am Gürtel und zog daran. Talith quäkte und klappte in der Mitte zusammen, und Reo zog ihn hinter sich drein nach draußen. Ardith sagte: »Ich sollte auf den Acker zurückge- hen.« »Dann geh doch«, sagte Lea. »Hast du Lust mitzukommen?« fragte Ardith Kerris. »Wenn ich darf«, sagte Kerris. Lea stemmte die Hände gegen die Hemdbrust ihres Mannes. »Sag mir, wo ihr hingeht«, befahl sie. »In den Weizen am Hochhang, eine Mauer ausbes- sern«, sagte Ardith. Er strich mit der Handfläche über die Wange seiner Frau. »Sie kommen nicht bei Tages- licht, nika!« Leas Stimme war rauh wie der Winterwind, als sie sagte: »Sie sind aber früher schon bei Tag gekommen!«, Die kaputte Umzäunung war eine Steinmauer. Brust- hoch verlief sie zwischen dem Feld mit Winterweizen und der Weide, auf der die schwarzweißen Rinder grasten, die Köpfe alle in eine Richtung gewandt, das Hinterteil der Sonne zugedreht. An einer Stelle der Mauer waren Steine herausgebrochen und den Hang hinabgerollt. Kerrith half Ardith sie einzusammeln. »Die Kühe reiben sich an ihnen, wenn es sie juckt, und natürlich auch, weil sie an den Weizen gelangen wollen«, erklärte der Bauer. »Wenn sie sich reiben, werden die Steine locker.« Er hob einen Brocken auf, drehte ihn um und legte ihn auf die Mauer zurück. »Kann ich was helfen?« fragte Kerris. Der dunkle Mann schüttelte den Kopf. Behutsam setzte er die herabgerollten Steine wieder an ihren Platz, genau in die Lücken, aus denen sie gefallen waren. Einige der Brocken verursachten ihm einige Mühe, als er sie hochhob, aber er unterbrach seine Arbeit nicht, um sich Handschuhe anzuziehen. Als Ardith den schwersten Steinbrocken zurücksetzte, sah Kerris, daß Blut unter einem angerissenen Fingernagel her- vorquoll. Ardith saugte die Wunde sauber. »Es ist nichts«, sagte er. »Könntest du das auch mit deinem Kopf machen?« fragte Kerris scheu. Ardith lächelte ein wenig. »Steine werden nicht gewichtslos, wenn ich sie mit dem Willen bewege.« Er deutete auf den Boden. Ein Steinchen flog spiralig aus dem Staub auf wie eine Wachtel von ihrem Nest, blieb in der Luft vor Kerris' Nase stehen und fiel wie- der zu Boden. »Das ist leicht. Aber schwere Sachen sind anstrengender. Sie machen mich rasch müde.« Dann stiegen sie wieder den Hang hinunter. Die, Weizenähren standen stolz auf ihren Halmen, höher und goldener als der fahle Nordlandweizen. Um die Halme wanden sich blaublühende Winden. Es roch überall nach dem pflanzennährenden Kuhdung. Ker- ris fragte: »Könnte man wirklich mit Steinen nach den Räubern werfen? Ich meine, auf diese Weise?« »Möglich wäre es«, antwortete Ardith. »Steine oder auch Speere. Aber sogar Tazia weiß schon, daß wir das nicht tun. Es wäre schrecklich, wenn wir die Gabe des chea anwenden würden, um zu verletzen, um Krieg zu machen!« Dann stießen sie zu den Jungen auf dem Acker. Ardith machte seinen Sack auf und verteilte Fetuch- stengel. Die beiden Jungen hatten ihre Tuniken aus- gezogen. Auf Reos Brust klebten verschwitzte Haar- büschel. Er grinste Kerris zu. »Hat Paps dich zum Arbeiten verdonnert, was?« »Ich werde tun, was ich kann«, sagte Kerris. »Tali«, befahl Ardith, »gib Kerris deine Haue und geh dir eine andere holen.« Talith reichte Kerris seine Hacke und tanzte die Furche hinab davon. »Du mußt doch wissen«, sagte Reo, »daß es ewig dauern wird, bis er zurückkommt. Der geht und hockt bei Mutter, oder er spielt im Stall.« »Ich weiß, Reo«, sagte Ardith. »Aber laß ihn nur.« Kerris hielt die Haue ungelenk gegen den Körper. Es schien keine Stelle zu geben, an der er sie richtig packen konnte. Der Boden war dunkel und schwer. Er hackte auf die Unkrautwurzeln ein und versuchte Reos glatte, fließende Körperbewegung nachzuah- men. Auf Burg Tornor, wenn die Wachtposten alle zur Herbstzeit in ihre Dörfer zurückkehrten, um ih- ren Familien beim Schneiden, Garbenbinden und, Aufstellen der Garben zu Docken zu helfen, hatte er derlei Arbeit nie getan. Über Reos nackten Rücken tröpfelte der Schweiß. Kerris schnürte sich das Hemd am Hals auf. Er wollte es nicht ausziehen, aber er spürte bereits, wie ihm der Schweiß unter den Ach- seln zu triefen begann. Reo pfiff durch die Zähne, er arbeitete eine Reihe weiter entfernt. Sein Strohhut hüpfte auf und nieder, wenn Ardith sich nieder- bückte und hackte, sich aufrichtete und bückte und hackte. Dann kehrte Talith zurück. Er trug eine kurzstielige Haue. Er wand sich durch die hohen Halme und reichte sie Kerris. »Mam hat gesagt, damit arbeitest du vielleicht leichter.« Kerris nahm die Hacke. Es war tatsächlich leichter. Er schaute über die Terrassenfel- der hinunter zu der Dachspitze des Bauernhauses. Aus dem Kamin kräuselte Rauch. In der Reihe neben ihm jubelte Reo: »Mampfzeit!« Kerris blickte gerade noch rechtzeitig auf, um einen grauen löffelohrigen Schatten zwischen den ge- spreizten Beinen des Jungen hindurchhuschen zu se- hen. Zum Mittag waren sie im Bauernhaus zurück. Die Abu schnarchte vor dem Feuer. Lea breitete das Essen vor ihnen aus: Brot, Kuhkäse, Würste. Kerris brannte die Hand und der ganze Arm, wo die Muskeln verlie- fen. Er aß langsam und genoß jeden Bissen. Es kam ihm vor, als sei die Arbeit auf dem Feld die schwerste Arbeit gewesen, die er je getan hatte. Talith sagte: »Kerris, was treiben die Leute bei euch im Norden?« Kerris lächelte. »Das gleiche wie hier im Süden.« »Landwirtschaft, meinst du?« Der große Junge, schien enttäuscht zu sein. »Ja. Ackerbau und Schafe und Ziegen weiden.« »Habt ihr Hühner und Schweine und Kühe?« »Hühner und Schweine. Kühe nicht. Es gibt nicht genug Gras für die Kühe. Der Boden im Norden ist dünner und härter.« »Was hast du gearbeitet?« fragte Reo. »Ich war Schreiber. Ich machte die Abrechnungen für den Burgherrn. Und ich habe Berichte kopiert.« Beide Jungen nickten, während sie die Neuigkeit ver- dauten. »Habt ihr Kämpfe im Norden?« fragte Talith. Er vollführte mit seiner Brotkante eine säbelnde Bewe- gung. »Wamm! Hah!« »Früher mal«, sagte Kerris. »Wir haben gegen An- hard gekämpft. Aber die Anhardleute kommen jetzt nur noch, um Handel zu treiben.« Lea sagte: »Tali, es ist gegen das chea, vom Krieg zu reden, als wäre er ein Spaß!« Am Nachmittag waren sie genauso eifrig bei der Arbeit wie am Vormittag. Ardith, Reo und Talith flickten Seile im Stall, mischten Schweinefutter und brachten es in den Koben voller gefleckter Säue, häu- felten auf der Weide Kuhdung auf – Ardith erläuter- te, daß der Mist mit Unkraut und Häcksel vermischt werde und dann auf die Felder komme – und schleppten mit Hilfe eines stumpfsinnigen Maultiers einen umgestürzten Baumstamm aus einem Gehölz und zerkleinerten ihn zu Feuerholz. Für die meisten dieser Arbeiten brauchte man zwei Hände, und Ker- ris kam sich nutzlos vor. Er hatte noch nie derglei- chen getan. Und er wußte auch nicht, wie man diese Arbeiten tat. Ardith mußte ihm zeigen, wie man eine, Axt verwendet. Er schaute zu und tat, was man ihm auftrug. Bei Sonnenuntergang brachen sie die Arbeit ab. Der Himmel im Westen glühte feurig; im Osten dunkelte er bereits. Am Rand der Talsenke standen die Schat- ten der Zypressen wie Stachelspieße. Die müden Männer setzten sich auf die Stufen des Bauernhauses. Leise erzählte Ardith von seiner Schwester. »Wir waren uns immer nah. In dem Jahr ihres Todes waren die Asech frech geworden und überfielen Trecks auf den Straßen ebenso wie die Dörfer. Ich sah es nicht gern, daß Alis aus Elath weggehen wollte. Aber Ker- win bestand darauf, daß sie in den Norden zog, das war ebenso sehr deinetwegen wie um ihrer selbst willen, Kerris, und er wollte nicht auf den Zukunfts- seher hören, der gesagt hat, sie soll lieber nicht fort- gehen. Er heuerte Söldner zur Bewachung des Zuges an – immerhin das tat er, Männer und Frauen aus der Stadtwache in Mahita, die bereit waren, ihre eigenen Häuser zu verlassen und in den Norden zu ziehen.« Paula hatte ihm nie gesagt, aus welchem Dorf oder welcher Stadt sie stammte. »Kamen sie alle aus Ma- hita?« fragte Kerris. »Ich glaub schon. Ein paar von ihnen waren skuthi, das sind Deserteure. Aber sie haben Kerwin den Treueeid geschworen, und sie haben ihr Wort gehal- ten!« Kerris sagte: »Eine von ihnen hat mich den ganzen Weg bis Tornor Keep auf den Armen getragen.« »Ja, das haben wir gehört – aber erst viel, viel spä- ter.« Kerris fragte: »Wann habt ihr zuerst etwas von dem Überfall gehört?«, Ardith rollte einen Stein zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. »Zwischen Geschwistern be- steht eine Bindung, besonders wenn es Hexenkinder sind und eins von ihnen die Innere Sprache hat. Als der Angriff begann, koppelte sich Alis über die Äcker hinweg mit meinem Gehirn. Ich war da oben und stand Wache, genau wie Meda es jetzt tut. Man hat mir erzählt, daß ich umfiel und stundenlang nicht sprechen wollte. Ich habe durch ihre Augen gesehen, als es geschah. Und ganz zum Schluß spürte ich, wie sie starb.« Über dem Weizen trieben Glühwürmchen wie winzige Sterne dahin. Sie gingen ins Haus. Im Zim- mer war es warm und hell von dem Licht dreier Ölflammen in Schalen, und es roch nach Küchen- dunst. Tazia war heimgekehrt. Sie aßen, um den Tisch geschart. Mitten während der Mahlzeit kam Meda zurück. Sie war hochgewachsen und schlank und wild. Sie begrüßte Kerris höflich, aß und setzte sich dann an den Herd, um ihre Speerspitzen zu schleifen. Die Abu schnarchte. »Wie steht's da draußen?« fragte Ardith. »Zur Zeit ruhig«, antwortete Meda. Kerris lag in die Kissen zurückgelehnt; sein Bauch war prall von dem Hasenragout. Er fühlte sich äu- ßerst zufrieden und bequem, als Reo sich an ihn wandte: »Cousin?« Er erklärte, einer seiner Freunde aus Elath sei Lehrling bei einem Silberschmied in Kendra-im- Delta. »Ich wollte ihm einen Brief schicken, und ich wollte Meritha bitten, ihn für mich zu schreiben. Sie schreibt die Berichte für den Rat. Aber ich hab' mir gedacht – vielleicht macht es dir ja nichts aus –, du, könntest es für mich tun. Gleich jetzt.« »Aber es macht mir gar nichts aus«, versicherte Kerris. »Meritha ist alt, und ihre Hand zittert.« »Meine Hand wird nicht zittern«, sagte Kerris. Er lächelte, als er daran dachte, was Josen zu einer ver- wackelten Schreibschrift gesagt haben würde. »Kann dein Freund denn lesen?« »Nein. Aber er kann jemand bitten, es für ihn zu le- sen. Ich will ihm nur einen Gruß schicken und ihm sagen, daß er mir fehlt.« »Hast du Tinte und einen Federkiel und etwas, auf dem ich schreiben kann?« Dies allerdings erwies sich als etwas schwieriger. Tazia rannte hinaus zum Ge- flügelpferch, um eine Truthahnfeder für den Schreib- kiel zu holen. Lea schlug ihm vor, er könne eine ihrer dunkelblauen Glasuren verwenden. Und Meda steu- erte ein Stück weißes Tuch bei, das sie sich aufgeho- ben hatte, weil sie es besticken und als Teil eines Hemdes verwenden wollte. Vom Hof hörte man das empörte Gezeter der Hühner, die aus der Ruhe ge- stört wurden. Triumphierend kehrte Tazia mit zwei roten Schwanzfedern zurück, die sie fest in der schmuddeligen Faust hielt. Lea holte einen Stofflappen hervor, auf dem Kerris es zunächst einmal ausprobieren sollte. Reo schnitt die Federkielspitze nach den Anweisungen Kerris' scharf zu. Aber die Glasur wollte dort nicht haften. In seiner Verzweiflung drehte Kerris die Feder um und benutzte die Federlamellen wie einen Pinsel. Das Tuch nahm die Striche dick und deutlich an. Reo ju- belte. »Was soll ich sagen?« fragte Kerris. Selbst Meda unterbrach ihre Arbeit und schaute zu. Fasziniert, stemmte Talith beide Ellbogen auf die Tischplatte. Reo schubste ihn zurück. »Du bringst den Tisch zum Wackeln«, sagte er. »Das tu' ich nicht!« Talith wurde rot vor Zorn. »Für Dev-no-Demio, Lehrling bei dem Schmiedemeister Tian, in der Goldschmiedegasse zu Kendra-im-Delta.« Reos Stimme war weicher und dunkler geworden. »Von Reo aus Elath.« »Wart ein bißchen, laß mich nachkommen.« Da er das gefiederte Ende der Feder benutzte, malte er mehr, denn daß er schrieb. »Gut. Du kannst weiter- diktieren.« »Dev – mein Cousin Kerris schreibt dies für mich. Er kommt aus der Burg Tornor. Er ist mit den Chearis aus dem Norden gekommen, zu denen mein Cousin Kel gehört. Es geht uns allen gut. Auch deiner Familie geht es gut ...« Er hielt inne. Ardith sagte: »Erwähne nichts von den Asech- Überfällen. Wir wollen ihn nicht aufschrecken. Ihn nicht und sonst keinen.« Reo nickte. »Gestern bin ich auf euren Hof gegangen. Deine Scheckenstute hat gefohlt. Ein Hengstfohlen. Er ist weiß, aber ich glaube, er wird ein Schecke, wenn er größer ist.« »Du hast nur noch für eine Zeile Platz«, warnte ihn Kerris. »Du fehlst mir. Ich wollte, du wärst nicht so weit fort.« Die Stimme des Jungen wurde trübe. »Das ist alles«, sagte er. Kerris legte den Kiel nieder. Dann blies er über das Stoffstück. Er wußte nicht, wie lange es dauern wür- de, bis die Schrift getrocknet war. »Morgen kannst du es mit heißem Wachs versiegeln.«, Ardith stand auf. »Ich bringe die Abu ins Bett«, sagte er. Sanft stopfte er die Deckenfalten zurecht, dann hob er die Greisin von ihrem Stuhl hoch. Lea sagte: »Wenn vielleicht Dev zurückkommt und uns besucht, bringt er den Stoff mit, Meda, und dann kannst du es noch immer für ein Hemd benutzen.« Meda kicherte. »Ach, ich kann neuen Stoff bekom- men.« Reo sagte: »Er wird nicht wiederkommen, jeden- falls nicht so bald. Das hat er gesagt, als er fortging.« Lea paßte die Lippen zusammen. Meda neigte den Kopf zur Seite, als wenn sie etwas sagen wollte, schwieg jedoch. Tazia packte den noch feuchten Kiel und begann blaue Muster auf ihre Hemdbrust zu pinseln. Die Ledervorhänge standen noch immer of- fen. Die Luft war warm. Aus dem Garten wehte der Kräuterduft herein, und aus dem Backofen roch es nach frischem Brot. Solch eine Familie hätte auch ich gehabt, dachte Kerris. Wenn nicht der Krieg passiert wäre, wenn mein Vater uns nicht in den Norden ge- schickt hätte, wenn die Asech nicht die Karawane überfallen hätten, wenn meine Mutter nicht getötet worden wäre ... Er roch einen schweren, süßen Duft, kräftiger als der Geruch des Brotes, stärker als der Duft der Blü- ten: der Rauch von Himmelskraut. »Hier«, sagte Ardith und reichte ihm ein kleines Holzding mit einem Stiel und einer Höhlung, und in der Kuhle glomm eine Kohle. Der Duft kam von dorther. Auf Tornor hatte Kerris bei den Wagen der Händler aus dem Süden ähnliche Gegenstände gese- hen. Vorsichtig nahm er das Ding am Stielende, so weit wie möglich von dem dunklen Kugelkopf ent-, fernt. Das Holz fühlte sich warm an. »Was muß ich machen?« fragte er. Talith kicherte, und Reo knuffte ihn. »Man lacht nicht über einen Gast«, sagte er. Er rückte neben Ker- ris. »Steck das Ende in den Mund«, sagte er, »und atme ein, wie wenn du Luft holst. Halt die Luft fest und dann laß sie wieder raus.« Kerris tat, wie befohlen. Der Rauch war in der Lunge weniger angenehm als in der Nase. Nur unter Mühen vermied er es, zu husten. Dann erinnerte er sich an den Namen dieses Geräts: es war eine Pfeife. »Und nun reichst du sie weiter«, sagte Reo. Kerris gab die Pfeife an Lea weiter. Er wartete, daß er irgend etwas spüre, aber fast nichts geschah. Die Augen pulsierten, und seine Finger prickelten. »Macht es dir Spaß?« fragte Reo. »Ja, ich glaube schon.« Die Pfeife kehrte zu ihm zurück. Er sog noch mal die Lunge voll Rauch. »Mit Dev habe ich immer Himmel geraucht«, sagte Reo. Er ließ den blauen Rauch aus den Nasenlöchern strömen. Kerris' Mund fühlte sich trocken an. »Gibt es Wein?« fragte er. »Ich hole welchen«, sagte Reo und ging zum Spei- seschrank. Kerris schaute seinem Cousin aufmerksam nach, während er durch den Raum ging. Er fragte sich, ob Reo und Dev vielleicht ein Liebespaar waren. Er krümmte die Finger. Sie prickelten immer noch. Er kam sich unendlich viel älter vor als dieser Bauern- junge. Er dachte an Kel, der bei Sefer war, und sein Herz zog sich in der Brust zusammen. Lea sagte: »Kerris!« Er blickte auf. Sie und Ardith, hielten einander bei den Händen gefaßt. Sie sahen viel jünger aus, als es ihrem Alter entsprach, das er kannte. »Hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du in Elath wohnen wirst?« »Nein.« Lea streifte Ardith mit einem Blick. Er nickte. »Du kannst bei uns bleiben, wenn du magst.« Er wußte, das sagten sie um seiner Mutter willen und zu ihrem Andenken. Dennoch war er gerührt von dem Anerbieten. Sie hätten es keineswegs tun müssen. »Ich danke euch«, sagte er. Seine Zunge fühlte sich dick an. Das mußte von dem Himmels- kraut kommen. »Ich ... ich weiß nicht ...« »Brauchst es uns ja nicht gleich zu sagen«, sagte Ardith. »Das Angebot bleibt bestehen.« Seine Augen schauten ihn warm an. Kerris dachte bei sich: er ist überhaupt nicht wie Morven. Dann lehnte er sich in seine Kissen zurück und fühlte sich träge und traurig zugleich. Tornor schien so weit weg zu sein, viel weiter als die nackten Ausmaße der Entfernung und Tage. In seinem Gehirn konnte er hören, was Josen zu diesem Angebot sagen würde: Es wäre Verschwendung, wenn du auf einem Bauernhof bleibst, Kerris! Geh nach Kendra-im-Delta. Du bist ein Schreiber ... Ich bin ein Hexer, sagte er zu sich selbst in seinem Kopf, so als ob der alte Gelehrte ihn hören könnte. Ich habe hier Familie und Menschen, die mich mögen. Er hörte Reos Füße auf der trockenen Bodenmatte. Das Gesicht des Wächters – heiter, gelöst und unauslotbar – kam ihm in den Sinn. Es ließ ihn an Kel denken. Er überlegte sich: Angenommen, ich sage es ihm? Er wird mich auslachen. Aber dann wußte er, daß sein, Bruder nicht über ihn lachen würde. Er starrte aus dem Fenster auf das Muster der Sterne hinaus. Beina- he war er entschlossen, seinen Verwandten zu sagen: Gut, ich bleibe, und wir werden sehen, was dann ge- schieht. Er hob die Hand und wollte nach dem Wein- schlauch in Reos Armbeuge greifen. In dem Moment explodierten die Sterne., 8. Kapitel Feuer-Furcht-Feuer-Furcht-Feuer! – die Begriffe kreisch- ten und tobten durch Kerris' Hirn. Er stand und konnte sich nicht erinnern, aufgestanden zu sein. Rauch und der Gestank von verbrennendem Öl stachen ihm bit- ter in den Nüstern. Lea redete beruhigend auf Tazia ein: »Scht, mein Kleines, scht, chelito, es ist gut, es ist ja gut.« Sein Kopf dröhnte von der Wucht der War- nung. Schweiß troff ihm die Flanken herab. Die Bot- schaft hämmerte weiter auf ihn ein: Feuer-Furcht-Feuer ... »Das ist ein Überfall«, sagte Ardith. Seine Stimme klang gepreßt. »Sie kommen wieder.« Reos Gesicht verlor alle Farbe. Kerris begriff, daß er die Warnung nicht vernommen hatte, auch Talith nicht. Meda schoß an ihm vorbei, den Speer in der Faust. Mit weit ausgreifenden Schritten rannte Ardith die Stiege hinauf und kehrte mit zwei Schwertgurten zurück. Die eine Waffe war ein Langschwert. Er reichte Lea die andere – einen Kampfdolch. Ein Horn stöhnte – die Töne drangen rein und klar – die gleiche Melodie, wie sie das Horn des Wächters auf Tornor blasen würde, um vor einem Angriff zu warnen: Pah-PAH, pah-PAH-pah ... Reo sagte: »Vater, kann ich mit dir gehen?« »Nein!« sagte Ardith. »Wenn die Mordbrenner in diese Richtung kommen, dann sind hier zwei Leute nötig: einer, um die Kinder zu schützen, der andere, um die Abu zu tragen. Wenn sie kommen, verzieht euch unter die Bäume! Blast die Chobalichter aus! Das macht es ihnen schwerer, das Haus zu finden.« Er, gürtete sich das Langschwert um, und Kerris sah ihm dabei zu. Im Waffenhof auf Tornor hatte er Männer und Frauen beim Training mit Holzschwertern gese- hen, aber er hatte noch nie jemand ein richtiges Schwert tragen sehen. Ardith sah seinen Blick und sagte: »Bei den Kämpfen an der Grenze habe ich mit dem Schwert gekämpft.« Sie verließen das Haus. Immer noch rief das Horn, schmerzhaft klar. Ardith rannte leichten Fußes den Pfad hinab, das Schwert schaukelte, und er legte die Hand ans Heft, um es zur Ruhe zu bringen. Kerris folgte ihm auf den Fersen. Er fühlte sich gelenkig wie eine Berggeiß. Auch das, vermutete er, mußte von dem Himmelskraut herrühren. Das Licht des Sichel- mondes ließ den Staub schimmern. Düster ragten die Zypressen über dem Weg auf, dunkel, schattenhaft, hoch. Wo das Mondlicht auf die Birken fiel, schim- merten die Zweige silbern. Kerris' Stiefel waren nicht zum Laufen gemacht. An seiner linken Ferse begann eine Blase anzuschwellen. Aber er zwang sich, an der Seite seines Onkels zu bleiben, denn er wußte, wenn er zurückfiel, würde er den Weg verlieren und sich zwischen den Bäumen verirren. Sie rannten ins Dorf hinunter. Gestalten, zielstrebige Schatten huschten an ihnen vorbei zu den ihnen angewiesenen Wachtposten hin. Als sie die Straßen erreichten, verlangsamte Ardith den Schritt. Kerris wagte ein Flüstern: »Wohin gehen wir?« »Zur Schmiede.« Waffen glommen im Dunkel. In hastiger, wilder Flüsterstimme erteilte eine Frau Befehle. Kerris glaubte Arillard vorbeilaufen zu sehen. Ardith ergriff ihn am Ellbogen. »Schau!« sagte er. Kerris blickte auf., Am Rand der Talsenke flammten Lichter auf. Die Räuber kamen. Sie quollen in das Tal herunter, johlten und kreischten, in den Händen wirbelten Fak- keln. Sie hielten sich nicht bei den Gehöften auf, son- dern kamen direkt auf das Dorf zu, heulend wie ein Pack Wölfe bei der Jagd. Der Fackelschein blitzte auf ihren Waffengriffen. Die Gestalten glitzerten von Metall. Die Pferde waren riesenhaft und schlank. Die Räuber trugen graubraune Mäntel, die im Wind flo- gen und in der Dunkelheit fast zu der Farbe der Erde verblichen. Man konnte sie dadurch weniger leicht ausmachen. Die Fackeln sprühten Funken. Kerris wich an die Wand der Schmiede zurück. Er wünschte, er hätte sein Messer bei sich. Dann mühte er sich, die Räuber zu zählen. Es schienen nicht allzu viele zu sein. Man würde nur ein paar gute Bogenschützen brauchen, dachte er in grimmiger Wut, um ihnen die Pferde unterm Leib wegzuschießen. Zu Fuß konnte man dann die Räuber leicht töten oder gefangennehmen ... Bluttriefende Bilder rollten heftig durch sein Gehirn. Über sich selbst entsetzt, rief er sich zur Ordnung. Krieg, das war schändlich, gräßlich, ein grausames Tun: es zerstörte das chea – doch er vermochte den Bildern nicht Einhalt zu gebieten. Die Asech stoben durch die engen Dorfstraßen, ritten brüllend im Kreis herum, ließen die Pferde sich aufbäumen. Der Mann rechts neben Kerris murmelte etwas, das halb wie ein Fluch, halb wie ein Flehen klang. Kerris hörte Flammen knattern. Ein Haus brannte. Er nahm sich zusammen, bereit loszurennen, doch die Männer an seiner Seite taten keinen Schritt auf die Flammen hin. Kerris näherte die Lippen dem Ohr von, Ardith. »Das Haus da ...«, gestikulierte er. »Dort sind schon andere von uns«, sagte Ardith. Plötzlich war der Platz vor der Schmiede voller stampfender Rosse. »Ihr Hexenleute!« Es war eine Frauenstimme. Die Frau zwang ihr Tier vorwärts, und die anderen Reiter nahmen ihre Pferde zurück, um ihr Platz zu schaffen. »Ihr Hexenleute, wißt ihr, wer wir sind? Wir sind Asech, die Wüstenreiter. Mein Name ist Thera. Ich spreche für mein Volk.« Die Pferde stampften und wurden beruhigt. Der einzige Laut, der zu hören war, war das Schluchzen eines Kindes in irgendeinem Haus. Die Asech schwangen ihre Fackeln, als wären es Fahnen. Der Mann rechts neben Kerris sagte: »Oh, du Wächter des Chea, verfluche sie!« Eine Frau trat vor die Reihe der Dörfler. Ihr Haar war weiß. Ihr langes Kleid golden. Sie bewegte sich mit Bedacht, als schmerzten sie die Hüften. Kerris er- kannte sie wieder. Sie schaute die Frau im Sattel an. »Ich bin Lara«, sagte die Frau. »Ich bin das Oberhaupt des Rates von Elath.« Unter den Räubern brach ein wildes Stimmgewirr aus. Thera neigte sich vom Pferd. »Sprichst du im Namen deines Volkes?« fragte sie. »Niemand spricht im Namen des Volkes«, entgeg- nete Lara. »Aber wenn du verhandeln willst, sprich zu mir!« Thera lachte. Der Fackelschein beleuchtete ihr Ge- sicht; es war schmal und bronzefarben. »Wir verhan- deln nicht, Alte! Wir befehlen. Wir sind die Reiter aus der Wüste!« Die prahlerischen Worte besaßen einen fast zeremoniellen Klang. »Schau hin!« Thera stieß ei-, nen Arm in die Nacht und wies auf die Hänge der Senke hinauf. Die Dorfbewohner murmelten und packten die Waffen fester. Die Felder flimmerten hell von stecknadelkopfgroßen gelben Lichtern: Fackeln überall. »Wenn ihr euch uns widersetzt, verbrennen wir eure Felder.« Lara sagte: »Wir verstehen. Also gut. Reden wir in eurer Sprache. Was befehlt ihr uns zu tun?« Thera sagte: »In den Städten und sogar in der Wü- ste erzählt man sich Geschichten über die Hexer von Elath. Sie sagen, ihr könnt Wasser aus dem Fels spru- deln lassen. Ihr könnt Feuer in der bloßen Hand tra- gen und verbrennt euch nicht. Ihr versetzt Felsen, ohne sie zu berühren.« »Diese Geschichten sind uns bekannt«, sagte Lara. »Dann höre! Auch wir verfügen über Kräfte. Wir sind ebenfalls Hexer. Das wißt ihr, ihr Leute von Elath. Ihr habt versucht, unsere Gedanken zu berüh- ren, und es ist euch mißlungen. Ist das nicht die Wahrheit, alte Frau?« Wieder murmelte die Menge. Wieder hob Lara die Hand. »Es ist die Wahrheit«, sagte sie. »Ihr habt die Kraft. Wir spüren es.« »Ihr habt eine Schule hier im Dorf«, sagte die Asechfrau, »in der eure Kinder lernen, Hexer zu sein. Wir haben in der Wüste von dieser Schule vernom- men. Ihr lehrt eure Kinder Feuer in der Hand zu hal- ten. Wir sind gekommen, um zu lernen. Lehrt uns, Feuer zu tragen, ihr Leute von Elath.« Lara sagte: »Ihr habt unsere Häuser verbrannt. Ihr droht, ihr werdet unsere Felder verbrennen. Warum sollten wir euch irgend etwas lehren?« Thera warf den Kopf in den Nacken und stieß ei-, nen gellenden Schrei aus. Ein Reiter kam nach vorn gekantert. Am Zügel lenkte er ein zweites Pferd. Schlaff über den Sattel hängend, gefesselt, das Gesicht zur Erde lag ein Mann. Sein rotes Haar sah im Fackellicht aus wie Blut. »Er ist jung und hellhäutig«, sagte Thera. »Und er ist auch ein tollkühner Narr, sich allein an ein Lager der Asech heranzuschleichen. Er will uns seinen Na- men nicht nennen. Er besitzt Mut. Wer ist er? Ein ge- liebter Sohn? Ein Vater? Ein Bruder? Er ist jetzt in un- serer Gewalt. Wollt ihr, daß er unverstümmelt bleibt und keinen Schaden nimmt? Dann werdet ihr tun, wie wir gesagt haben.« Das Pferd tänzelte ein wenig unter seiner Bürde. Riniard, auf seinem Rücken, bewegte sich nicht. Laras uraltes Gesicht blieb ausdruckslos. Der Mann rechts von Kerris fluchte erneut. Kerris' Augen tränten von dem Fackelschmauch. Er hob die Hand, um die Trä- nen abzuwischen. »Für jeden Tag, den ihr uns abweist«, sagte Thera, »wird ihm etwas genommen. Vielleicht nur ein Fin- ger. Vielleicht ein Auge.« Ein dumpfes Grollen drang aus der Menge. »Ihr Unmenschen!« rief eine Stimme. Thera runzelte finster die Stirn. »Wir sind die Wü- stenreiter«, sagte sie. »Wir leben nicht nach den Ge- setzen der Städte.« Ihr Pferd warf den Kopf zurück. Die Mähne und der Schwanz waren zu Zöpfen ge- flochten. In den Strängen der Mähne waren Federn eingeflochten. Kerris überlegte sich, ob dies wohl be- deutete, daß Thera ein Häuptling sei. Auch andere Reiter hatten Federn in die Mähnen der Reittiere ge-, flochten. Theras Pferd versuchte zu courbettieren, doch sie hielt es mit leichter Hand nieder. Sie beugte sich vor und klopfte ihm auf den gebogenen Hals. Mit ihrem schimmernden Haar und den knochigen Gesichtszügen erinnerte sie Kerris an einen Vogel, ei- nen Beutegefiederten, einen Raubvogel. Der Reiter, der das zweite Pferd herangeführt hat- te, sagte etwas zu der Frau, zornig und brüsk. Sie antwortete in beschwichtigendem Ton. Der Lärm von dem Brand in einer der Straßen nahebei war schwä- cher geworden. »Kommt im Licht der Sonne zu uns!« sagte Lara. »Kehrt morgen zurück! Wir werden euch unterrich- ten.« »Wenn dahinter ein Verrat steckt, dann wird unser Gefangener es büßen«, sagte Thera. Sie war nun Ker- ris so nahe, daß er das Krummschwert an ihrer Seite und die Fransen an ihren Stiefeln sehen konnte. »Es wird keine Hinterlist geben«, sagte Lara. »Wir werden kommen«, entgegnete Thera. »Er- wartet uns, wenn wir da sind! Es wird bald sein.« Ihr Pferd bäumte sich. »Iaah!« Die Reiter wirbelten ihre Fackeln und schrien und gellten. Dann stoben sie von dem Platz auf die Straße, in schnellem Galopp, strah- lend wie fallende Sterne vor den dunklen Feldern, dem dunklen Himmel. Kerris mußte an Riniard den- ken. Vielleicht war der junge Cheari schon verwun- det. Galle stieg ihm in den Rachen. Er schluckte sie hart hinunter. Seine Knie trugen ihn nicht sicher. Er lehnte sich gegen die Hauswand. Ardith war verschwunden, untergetaucht in der Menschenmenge. Kerris fragte sich, wo der chearas sein mochte. Alle redeten jetzt, durcheinander. Über dem Lärm erhob sich eine ihm vertraute Stimme: Sefer. Kerris ging in die Richtung. Er sah ein braunes Gesicht im Mondlicht. Es war Elli. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie wirbelte herum und stand ihm gegenüber, eine Hand zur Faust geballt, die andere mit einem Messer. »Hast du gesehen ...?« »Ich hab's gesehen.« Sie stieß das Messer in die Scheide. »Armer Rini- ard«, sagte sie. Lara, Sefer und drei andere Leute aus Elath, die Kerris nicht kannte, standen beisammen und hörten einer Frau in braunem Gewand zu. Sie trug einen Bo- gen. Dann erinnerte Kerris sich an sie: Cleo von den Felsen oben an der Straße. Sie sagte: »Wir haben sie durchgelassen, wie ihr befohlen habt, und haben sie gezählt. Wir zählten vierundfünfzig mit denen, die oben am Rand geblieben sind. Aber es können noch mehr irgendwo sein. Wenn sie die Gabe besitzen, dann können sie ein ganzes Heer durch Arun führen, und keiner könnte es merken, bis sie verschwunden sind!« »Ich weiß«, sagte Lara und strich Cleo über das Ge- sicht. »Du hast recht getan, meine Tochter. Nun kehrt zurück! Sagt den Truppen, daß die Asech im Tages- licht zurückkehren werden, und sagt, daß sie sie er- neut durchlassen sollen!« »Wie viele werden es sein?« fragte Cleo. »Und wann werden sie kommen?« »Das weiß ich nicht«, antwortete Lara. Aus dem Dunkel tauchte Kel auf. Er sagte: »Elli! Ilene! Kommt mit!« Der Rest des chearas stand hinter ihm geschart. Er trug Stiefel – nicht die hochhackigen, Reitstiefel, sondern dicksohlige Halbschäfter fürs Gelände. An der Hüfte hing sein Messer. Sein Haar war geflochten und mit einem Ebenholzkamm auf dem Kopf hochgesteckt. Der Qualm der Fackeln hing noch immer bitter in der Luft. Elli fragte. »Wohin gehen wir?« »Wir holen Riniard zurück!« »Ganze sechs von euch?« fragte Cleo. Kel schaute sie an. Seine Augen waren wie Granit. »Ganz recht. Wir folgen ihren Spuren bis zu ihrem Lager.« Er starrte Elli und Ilene an. Wortlos gesellten sie sich zu den anderen. »Wir kommen zurück. Auch wenn es vielleicht eine Weile dauert.« Er wandte sich ab. Kerris erhaschte einen Blick auf das Gesicht Aril- lards. Es war verkrampft und sorgenvoll. Ein Mann trat herzu. »Lara, sollen wir ...?« begann er zu sprechen, aber dann verlor sich seine Stimme. Unsicher blickte er zwischen Lara und Kel hin und her. »Nika«, sagte Sefer. »Nein!« Kel drehte sich um. Sefer schaute ihm direkt ins Gesicht. Kel trat zu ihm. Sefer stand ganz still. Er neigte den Kopf kaum merklich zur Seite, um dem Blick seines Geliebten zu begegnen. Der Lärm in der Straße schien zu verebben. Ohne nachzudenken, griff Kerris mit seinem Gehirn nach seinem Bruder. Es war, als berührte er erhitztes Metall. Kels Hände ballten sich an seinen Schenkeln zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten. Er wirbelte mit einem Satz aus dem chearas heraus und ging davon. Elli fragte: »Sollen wir ...?« »Nein«, sagte Sefer. »Er wird nicht gehen!«, »Wir hätten sie in ihrem Lager angreifen müssen.« »Sie hätten uns zwischen den Felsen abschießen können.« »Nicht alle von uns, das hätten sie nicht geschafft. Wir hätten ihr Lager anzünden sollen. Die Hexer hätten das tun können.« »Wir können es ja noch immer machen. Jetzt!« »Nein, sie würden den Rotschopf umbringen – oder ihm noch Schlimmeres antun, und dafür will ich nicht verantwortlich sein.« »Verflucht sollen sie sein! Vor zehn Jahren hätten wir ihr Lager überfallen und sie im Schlaf abmurksen sollen, wie sie es mit uns machen.« Stumm gingen die Chearis durch die Straßen bis zu Sefers Kate. Rings um sie erhoben sich die zornigen Stimmen der Dorfbewohner, laut und verstummten dann wieder. Als sie in den langen Hauptraum tra- ten, begann Jensie zu zittern und stieß einen Schrei aus. Ilene trat sofort zu ihr. »Ai, chelito, es wird ihm nichts geschehen. Denk nicht daran!« Sie legte der zuckenden Gestalt den Arm um die Hüften und zog sie auf die Kissen nieder. Dann wiegte sie das Mäd- chen, wie sie ihren kleinen Sohn gewiegt hatte. »Bald ...«, sagte Elli in die Dunkelheit hinein. »Was heißt das, bald?« Niemand gab ihr Antwort. Calwin brachte eine Ölschale vorn Tisch herüber. Unter der Treppe klagte die Grille. Arillard holte die Zunderschachtel aus seinem Pack und entzündete eine Lampe. Kerris setzte sich auf sein Bettzeug. Die Augenbrauen brannten ihm von dem Rauch, seine rechte Ferse war wund und schmerzte., Jensie hob das Gesicht von Ilenes Brüsten. Angst hatte tiefe Altershöhlen in ihre Züge gegraben. »War- um hat uns Sefer aufgehalten?« »Weil es eine törichte Idee war«, sagte Ilene sanft. Sie strich unablässig über Jensies Haar. »Wenn die Asech Hexer sind, dann würden sie spüren, wenn wir kommen. Und sie würden Riniard was antun, ihn vielleicht sogar töten.« Wieder wurde Jensie von einem Zittern geschüttelt. Arillard sagte leise zu Ilene: »Und du hast gewußt, daß Sefer ihm Einhalt gebieten würde.« Sie drehte ihm den Kopf zu. »Natürlich. Du etwa nicht?« Cal sagte: »Das Volk auf der Straße ist zornig. Vielleicht denken sie sich etwas Verrücktes aus.« Ilene schüttelte den Kopf. »Das werden sie nicht tun.« Kerris fragte sich, wo Kel blieb. Seine Ferse stach. Er stand auf und humpelte zur Speisekammer. Ta- stend fand er einen Wasserschlauch. Das Mondlicht durch das Fenster beschien eine Reihe von Tellern und Schüsseln. Er nahm sich eine davon. Mit dem Wasserschlauch unterm Arm kehrte er zu den Chea- ris zurück. Er hielt Elli den Schlauch hin. Als sie ihn zurückreichte, war er bei weitem weniger prall. Er goß etwas Wasser in die Schüssel und tauchte seine Ferse hinein. Durch die Vorhänge am Fenster wehte der Gartenduft ins Zimmer. Kerris' Kopf fühlte sich dumpf und benommen an. Vielleicht war Kel bei Se- fer, dachte er. Neid schoß in ihm auf. Er befahl sich, kein Idiot zu sein ... Jensie weinte jetzt, und Ilene wiegte sie immer weiter. Es krallte sich in ihn, daß das Mädchen so unglücklich war., Elli flüsterte an seinem Ohr: »Kerris, wo ist Kel?« »Ich weiß es nicht.« Sie seufzte und gab Calwin ein Zeichen. Der wühlte in seinem Pack und holte die weißen Würfel hervor. Dann hockten beide auf der Matte. »Wir spielen nach den Regeln von Mahita«, sagte Elli. »Ei- ne tote Hand würfelt noch mal.« Cal nickte und schnippte die Würfel über die Matte. »Vier und drei. Dein Wurf.« Elli würfelte. »Drei und drei.« Über Jensies Kopf hing Ilenes sorgenvolles Gesicht. »Arillard! Vielleicht solltest du ihn suchen gehen.« »Du hast doch gehört, was Sefer gesagt hat. Er wird nicht gehen«, antwortete Arillard. »Es ist mir zuwider, wenn er so ganz allein ver- schwindet.« »Er muß das.« »Ich weiß.« »Und er kommt immer zurück.« »Ich denke jedesmal, eines Tages kommt er nicht mehr zurück.« Häßliche gewalttätige Bilder taumelten durch Ker- ris' Gehirn. Er sah: Das Lager der Asech in Flammen, er sah: Thera umringt von Bogenschützen, von Pfeilen durchbohrt, schreiend ... Er schauderte zusammen. Das waren nicht seine Gedanken. Er übernahm sie aus den Gehirnen anderer. »Sechs und eins«, sagte Elli. Die Vordertür ging auf und wieder zu. Alle, außer Jensie, blickten auf. Eine Frau kam herein. Sie stemmte die Hände in die Hüften und musterte sie. Sie hatte ein flaches Gesicht wie aus Kupfer. »Ilene«, sagte sie, »wo ist Sef?«, Ilene zuckte die Achseln. »Irgendwo draußen auf der Straße«, beantwortete die Frau sich ihre Frage selbst. »Und Kel?« »Der läuft sich die Wut aus dem Leib«, sagte Ilene. »Aha. Wenn Sef heimkommt, sagt ihm, daß ich hier bin.« Sie ging durch den Raum auf die Treppe zu, den Kopf gesenkt, die Füße müde schleifend. Sie stieg hinauf. Dann hörte Kerris, wie sie sich oben bewegte. Die Bilder kehrten zurück. Er wußte nicht, was tun, um sie zum Verschwinden zu bringen. Sie drangen von seinen Gefährten in ihn ein, von Elli und Arillard und Jensie, am meisten von Jensie ... »Wer war das?« fragte er in dem Bemühen, sich abzulenken. Ilene antwortete: »Terézia. Sie ist Sefers Hauspart- nerin. Sie gehört zu Cleos Trupp. Wahrscheinlich hat Cleo sie heimgeschickt.« Kerris überlegte sich, ob wohl alle Menschen, die die Innere Sprache besaßen, ihre Tage damit ver- brachten, sich mit den Gedanken anderer herumzu- schlagen, mit den Ängsten und Träumen aus fremden Köpfen zu ringen. Er hing so schlaff vom Pferd, wie ein Toter, vielleicht war er tot, vielleicht haben sie uns belogen, diese Mörder. Ach, sein leuchtendes rotes Haar, und seine Augen waren geschlossen ... Kerris schob diese brutale Klage heftig von sich. Er stand auf. »Ich gehe ein bißchen in den Garten.« Ilene sagte: »Wir sollten lieber beisammen bleiben.« »Ich geh nicht weit.« Er humpelte über die Matten. Das Geflecht tat ihm an der Ferse weh. Das Gras draußen war kühl, feucht und linderte den Schmerz. Mit der Brise kam ein Hauch von Rauch. Er setzte sich auf die Bank. Noch immer konnte er die Gedan- ken der Leute im Haus fühlen. Ilene machte sich Sor-, gen um Jensie und um Kel. Jensie folterte sich mit Bildern von Riniard. Die kühle Brise brachte Knötchen von Gänsehaut auf seinen Arm. Er erwog, ob er nicht hineingehen und seine Tunika holen solle. Die Gedanken der an- deren trieben zu ihm her. Elli war mit dem Würfeln beschäftigt – aber nur ein Teil ihres Denkens war beim Spiel, ein anderer befaßte sich mit Riniard. Irgendwo raschelte Laub. Jemand bewegte sich durch den Mondschein. Kerris sprang auf die Beine. Sein Herz jagte. »Kerris?« Es war Kel. Mit vier langen Sätzen kam er durch den Garten. »Was machst du hier draußen?« »Ich bin unruhig geworden.« »Ach so.« Kel wandte sich den Lichtvierecken der Fenster des Hauses zu. »Sefer ist nicht drin?« fragte er. »Nein.« Kel preßte die Lippen zusammen. »Was macht Jen- sie?« »Ilene tröstet sie.« »Ah, gut. Wo warst du heute?« »Bei Ardith und Lea.« »Wenn du gewartet hättest, hätte ich dich hinge- bracht.« »Ich wollte sehen, ob ich auch allein hinfinden kann«, sagte Kerris. Kel zog die Brauen zusammen. Das Haar trug er noch immer aufgesteckt. Er wirkte geschmeidig und wild wie eine Bergkatze. »Haben dir Ardith und Lea gefallen?« »Ja. Sie ... sie haben mir angeboten, bei ihnen zu bleiben.« »Ich hab' mir gedacht, daß sie das tun würden«,, sagte Kel. Überraschend trat er vor und ganz dicht an Kerris heran. Er umspannte seine Taille mit beiden Händen. Seine Stimme kam scharf: »Warum trägst du dein Messer nicht?« »Ich hab' es abgelegt.« »Soviel habe ich begriffen. Warum?« »Ich kann es ja doch nicht verwenden«, gab Kerris zurück. »Warum sollte ich es dann tragen?« Seine Stimme hatte sich gehoben, und er merkte, daß er zornig war ... Er sah Kels Mund zucken und dann wieder glatt werden, spürte, wie Pein sich durch sei- ne Schläfen bohrte, und er wußte, daß er seinem Bru- der wehgetan hatte. »Es tut mir leid«, sagte er, entsetzt. »Das habe ich nicht gewollt.« Kel schaute ihn ernst an. Seine Finger streiften über Kerris' Schulter. »Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir was geschieht, Kerris«, sagte er. »Kerris!« Und das Wort war wie ein Streicheln. »Ich bringe dir bei, wie man mit dem Messer umgeht.« »Dafür ist es zu spät«, sagte Kerris. »Es ist nicht zu spät. Ich weiß das. Das ist meine Kunstfertigkeit, hast du vergessen. Hab Vertrauen. Wirst du mir erlauben, dir beizubringen, wie man ein Messer benutzt?« Kerris konnte kaum atmen. Mit einer Stimme, die ihm kaum wie die eigene erschien, sagte er: »Von dir würde ich mir alles beibringen lassen!« Kels Finger spannten sich um seine Schulter, dann glitten sie zu seinem Hals und hoben ihm das Kinn hoch. »Würdest du das?« fragte die Stimme des Cheari. Sein Daumen drückte Kerris gegen die Kehle, dort wo der Puls heftig schlug., Kühn legte Kerris seinen Arm um den Leib seines Bruders. Kels Gesicht neigte sich zu dem seinen her- unter. Die Lippen berührten einander sacht. »Hmmm« – das Murmeln klang fragend. Mit sanften Fingern streichelte Kel über Kerris' Brust und Rippen, und Kerris strich mit der Hand Kels Flanke ab und auf. Er fühlte sich verlegen und unbeholfen. Kels Leib war so schön, so stark und vollkommen. Auf dem Rücken spielten die Muskeln. Und dann küßte Kel ihn wieder, eindringlicher diesmal. Seine Lippen waren kühl. Er zog Kerris das Hemd aus dem Hosenbund. Er hob den Kopf. »Ich komm nicht richtig an dich ran bei den vielen Klei- dern, die du anhast.« Kerris ließ das Hemd von den Schultern gleiten. Wieder streichelte ihm Kel die Rippen und über die Brust. Dann zog er sich selbst das Hemd über den Kopf. Das Mondlicht ließ seinen Torso weiß leuchten. »Faß du mich auch an«, sagte er. Und Kerris tat es. »Leg dich hin!« Und Kerris legte sich auf seine abge- streiften Kleider. Bildhafte Erinnerungen an Tryg und Killi jagten bruchstückhaft durch seinen Kopf. Er dachte: Das wird nicht gehen – ich bin ein Narr. Gras kitzelte ihn am Rücken. Er wollte sich auf- richten. »Kel, ich ...« »Sei still«, sagte Kel. Er zog die Hosen aus. »Lieg still. Laß mich ...« Kel schüttelte den Kopf, das Haar löste sich und fiel weich über Kerris' Bauch. Kerris zitterte. Er zwang sich, Kels Schultern zu berühren, seine Brust zu strei- cheln, seine Brustwarzen ... Sie waren hart. Kel hob sich über ihn, sein Körper verschattete das Licht. Ker- ris wünschte, er hätte zwei Hände, um diesen Körper, festzuhalten. Er mühte sich, nicht an seinen Arm- stumpf zu denken, der da so häßlich und nutzlos im Gras zuckte. Er wühlte die Finger in Kels Haar. Kel senkte sich zwischen Kerris' Schenkel. Sein Körper war stark und warm und umfloß ihn wie Sonnenlicht. Kel nahm eine andere Position ein, er kniete jetzt zwischen Kerris' Schenkeln. »Bleib so ganz ruhig lie- gen«, murmelte er. Kerris versuchte zu lachen. Kel kitzelte ihn mit den Händen, streichelnd mit den Lip- pen, mit der Zunge. Die Erinnerungsbilder von Tryg lösten sich auf. Kerris bog die Hüften nach oben. Der Atem wollte ihm in der Kehle stocken, er keuchte, rang nach Luft. Krampfartige Lust brannte wie Feuer in seinen Nerven auf. Er stöhnte laut, so heftig war das Brennen ... Dann fiel er ins Gras zurück ... Als er die Augen öffnete, konnte er den Mond wieder deutlich sehen. Sein Kopf ruhte auf Kels Arm. »Wie- der wach?« fragte sein Bruder. »Hmm.« »Ist dir kalt?« Nein, ihm würde nie wieder kalt sein. »Nein. Dir?« »Nein.« Er lag noch immer auf dem Rücken. Seine Schenkel waren feucht und klebrig. Kel lag auf der Seite neben ihm und ließ seine Finger über Kerris' Gesicht gleiten. Sie rochen nach Samen. »Du bist ziemlich lang hier draußen geblieben, Kerris. Die andern könnten kom- men und dich suchen.« »Das ist mir egal«, sagte Kerris. »Sollen sie doch.« Und plötzlich dachte er: Kel macht es vielleicht was aus, vielleicht will er nicht, daß die anderen – Sefer – etwas erfahren., »Macht es dir was aus?« fragte er. »Ob sie nach uns suchen und uns finden? Sei nicht kindisch.« Kel ließ seine Fingerspitzen über Kerris' Schenkel wandern. Kerris zuckte zusammen. »War es eigentlich das erstemal?« fragte Kel leise. »Es war das erstemal so«, sagte Kerris. »Gut.« Kels Zunge zeichnete ein Muster auf Kerris' Brust. Kerris fuhr mit der Hand in das schimmernde gelockte Haar seines Bruders und zog ihm den Kopf hoch. »Du hast nicht viel davon gehabt, nicht?« Statt einer Antwort legte sich Kels Mund hart auf den von Kerris. Als er den Kopf wieder hob, sagte er: »Es war gut.« Kerris berührte mit den Fingern seinen Mund. Sei- ne Lippen waren aufgesprungen. »Sind die andern wach?« fragte er. »Die Lichter sind gelöscht. Aber das müßtest du ei- gentlich viel leichter sagen können als ich, chelito!« Das ist wahr, dachte Kerris. Er griff mit seinen Ge- danken in das Hausinnere hinüber. Jensie, gottlob, schlief fest. Ilene und Elli schlum- merten halbwach. Calwin schnarchte im Tiefschlaf wie gewöhnlich. Arillard war hellwach. Kerris be- rührte einen Fremden und zog sich hastig zurück. Das war Terézia gewesen. Sefer war nicht dort. Er sagte es zu Kel. Der antwortete: »Er wird bald da sein.« Zum erstenmal seit seinem Einzug in Elath dachte Kerris ohne Neid an Sefer. »Du liebst ihn sehr«, stellte er fest. Kel nickte. Sein Haar streichelte über Kerris' Kinn. »Wir sind zusammen aufgewachsen, und wir lieben uns, seit wir Kinder waren – lang bevor wir wußten,, was Sex ist oder wie man es macht. Wir haben aller- dings nicht lang gebraucht, das zu lernen ...« Er lach- te. »Sef ist der einzige Mensch auf der Welt, der mir befehlen kann, was ich tun soll, und der mich dabei überzeugt. – Außer Zayin.« »So wie heut' abend?« »Ja. Und er hatte natürlich recht. Und wenn er mich nicht zurückgehalten hätte, dann wäre ich nie durch den Garten zum Haus zurückgegangen, in der Hoff- nung, mich an Jensie vorbeizuschleichen – und dann sieh mal, was ich verpaßt hätte!« Er neigte sich vor und fuhr mit der Zunge über Kerris' Lider. Raschelnde Nachtgeräusche huschten durch den Garten: Tiere auf der Jagd, der Ruf einer Eule, das schwingende Quaken eines Frosches. Kerris spürte, wie die feuchte Kühle durch die Unterlage seiner Kleider heraufdrang. Widerstrebend streckte er sich. Seine Ferse zuckte. »Gehn wir hinein.« Kel kam mit einer fließenden Bewegung auf die Beine. Kerris stand etwas langsamer auf. Kel streckte die Hände aus und legte sie seinem Bruder auf die Schultern. Sie küßten sich. Es war ein sanfter, schmerzloser Kuß. Sie gingen nackt durch das Mondlicht zum Haus zurück. Kel stieg die Treppe hinauf, Kerris suchte sich seinen Weg zwischen den Schlafenden auf den Matten hindurch. Er fand seine Bettrolle neben der Ellis ausgebreitet. Sie lag auf der Seite, den Kopf ab- gewandt, die Knie fast bis ans Kinn hochgezogen. Er ließ seine klammen Kleider auf den Boden fallen und rollte sich in seine Schlafdecke. Die Wolle kratzte. Der Boden unter ihm war stark und fest. Wie ein Arm. Lächelnd ließ er sich dagegen sinken., 9. Kapitel Er erwachte mit einem Lächeln auf den Lippen. Elli hockte neben ihm und zog sich die Kleider über. Kerris griff nach seinem zerknautschten Hemd. Es war voller Grasflecken. Er kratzte mit dem Finger- nagel an einem der Flecken herum. Ellis Kopf tauchte durch den Halsausschnitt ihrer Tunika. Er fragte sich, ob sie wohl etwas wußte. Er zog das Hemd an. Als er danach zu Elli hinüberschielte, sah er, daß sie ihn grinsend betrachtete. Die Decke knarrte. Kerris bemühte sich, eine ernste Miene auf sein Gesicht zu zwingen. Jeder, der mich anschaut, wird mich für verrückt oder für krank hal- ten, dachte er. Die Treppe herunter kamen Schritte. Er mühte sich, nicht zu der Stiege hinüberzuschauen, blickte aber dennoch hin. Es war Terézia. »Einen gu- ten Morgen«, sagte sie. »Tut mir leid, daß ich gestern abend so kurz angebunden war. Ich glaube, ich kenne euch alle vom letzten Jahr, oder ...« Sie blickte zu Ker- ris herüber. »Nein, dich kenne ich noch nicht.« »Ich bin Kerris, Kels Bruder.« »Wir haben noch einen, den du nicht kennst«, sagte Ilene. »Ja. Ich hab's gehört – die Asech haben ihn gefan- gen. Es tut mir leid.« Jensie sagte leise: »Sein Name ist Riniard.« Sie starrte auf ihre Hände. Ilene fragte: »Gehst du fort, Terézia?« »Ich gehe zu Cleos Haus zum Frühstück, und um nachzusehen, ob es ihr gutgeht. Sie ist gestern nacht beinahe zusammengeklappt. Erith hat ihre Wache, übernommen, dem chea sei Dank! Wir haben oben am Hang nicht viel Schlaf bekommen.« Ilene fragte Jensie: »Hast du ein bißchen Hunger, Jen?« Jensie schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht wirkte ein- gefallen. Ilene sagte: »Ich würde gern mitkommen. Ich sollte eigentlich zu meiner Schwester zurückgehen.« Be- sorgt schaute sie Jensie an. Ihre Hand streckte sich aus und berührte das Haar der jüngeren Frau. Jensie sagte: »Geh nur! Ich bin ganz in Ordnung.« Die Stimme klang dumpf vor Schmerz. »Sobald sie etwas von ihm hören, werden wir es er- fahren«, sagte Ilene. »Ja.« Einen Augenblick lang brannten Jensies Au- gen in dem bleichen Gesicht und waren schrecklich anzusehen. Sie griff nach dem Messer, das in seiner Scheide rechts neben ihrem Bett lag, wie wenn sie sich vergewissern wollte, daß es noch da sei. Kerris stand auf, um sich die Hosen anzuziehen. Er belastete seine wunde Ferse: der Fuß war noch schmerzempfindlich, doch schien er eindeutig zu heilen. Er beschloß, ohne Stiefel zu gehen, bis er sol- che Schuhe wie die Ardiths finden konnte, niedrige mit flachen Sohlen. Er griff nach seinem Gurt. Aril- lard schüttelte Cal aus dem Schlaf. Ilene legte die Bettrolle zusammen, in der sie geschlafen hatte: es war Riniards Bettrolle. Jensie band sich den Schal fe- ster um das Haar. Kerris rechte sich mit den Fingern über den Kopf, Gras fiel aus seinem Haar auf den Bo- den. Das beschwor die Erinnerung herauf – seine Haut überzog sich rot, die Innenfläche seiner Hand wurde feucht, er sagte sich, daß er sich wie ein Kind, benehme, das noch nie zuvor geliebt hatte, und er vermochte nichts dagegen zu tun, die Reaktion stand in keinem Zusammenhang mit seinen Gedanken. Schritte warnten ihn. Er hockte sich hastig wieder nieder und begann seine Decke zusammenzurollen. Kel und Sefer kamen herein. Gegen seinen Willen blickte Kerris auf. Kel stand da und lächelte ihn di- rekt an – ein Lächeln, so voller Zärtlichkeit und Ein- deutigkeit, daß Kerris es nur erwidern konnte. Es er- schien ihm als schandbar, als grausam, daß er mitten in solch allgemeiner schmerzlicher Ungewißheit so glücklich sein konnte, doch er vermochte nichts da- gegen zu tun. Kel war für den Waffenhof gekleidet, das Haar aufgesteckt. Der rote Schal des cheari war in das Haar geflochten. Sefer trug die gleiche Kleidung wie am Tag zuvor, eine braune Tunika, braune Hosen mit blauen Borten aus Seide. Er sah ruhig und erholt aus. Kel trat zu Jensie und kniete bei ihr nieder. Leise sagte er: »Die Sonne scheint, Jen. Schau!« Jensie hob den Kopf. Ihre Lippen wurden schmal vor Wut. »Kann Riniard sie sehen?« fragte sie tonlos. Kel legte ihr etwas quer über den Schoß. »Nimm!« Es war ein roter Schal. »Die Wachtrupps haben es ge- stern abend zu Sefer gebracht. Es muß ihm gelungen sein, das Tuch fallen zu lassen, bevor sie ihn oder als sie ihn gefangengenommen haben, und er hat gehofft, daß jemand es findet und uns bringt. Und das be- deutet, daß er geatmet hat und denken konnte. Heb es für ihn auf.« Jensie berührte das Tuch mit der äußersten Spitze ihrer Finger. Dann verkrallten sich ihre Hände über dem Schal zu Fäusten. Sie hob das Tuch aus ihrem, Schoß und flocht es sich ins Haar. Ilene stand neben der Tür bei Terézia. Sie sagte: »Kel, gehen wir heute in den Hof?« »Wir gehen.« »Und wenn die Asech kommen?« Sefer antwortete: »Ihr werdet es hören. Der Soldat mit der Inneren Sprache in Eriths Trupp wird uns warnen, wenn sie sich nähern.« Er blickte zu Kerris. »Während der chearas im Waffenhof arbeitet möchtest du nicht mit mir in den Tanjo kommen, Kerris? Es ist Zeit, daß du lernst, unsere Gabe einzusetzen.« Die Stimme klang ohne Angespanntheit, und auf seinem Gesicht zeigte sich keine Verärgerung. Kerris erinnerte sich, was Elli ihm gesagt hatte. Se- fer weiß, daß Kel auch andere Menschen liebt. Es macht keinen Unterschied für ihn ... »Das würde ich gern tun«, sagte er. Aus dem Au- genwinkel sah er, wie sein Bruder zustimmend nick- te. »Gehen wir gleich hin?« »Wenn's dir recht ist«, sagte Sefer. »Wir wissen nicht, wann die Räuber wiederkommen. Es kann je- derzeit sein. Und wenn sie kommen, wird aller Un- terricht abgebrochen.« »Ich bin bereit«, sagte Kerris und stand auf. Elli tätschelte sein Bein. »Bis später«, murmelte sie und legte den Kopf schief, um zu ihm aufzuschauen. Kel sagte: »Kerris, wo ist dein Messer?« Er richtete sich hoch auf und kam mit weiten Schritten mitten durch den Raum. »Da ist es ja. Elli, gib es mir!« Er deutete auf das Messer, das noch so dort an der Wand lag, wie Kerris es abgelegt hatte. Elli streckte den Arm aus, ergriff das Messer und reichte es Kel. »Mach deinen Gürtel auf!« befahl Kel. Kerris, schnürte die Gurtschnalle auf. Kel schob die Schei- denriemen über den Gürtel, seine Hand streifte Ker- ris' Bauch und Schenkel, dann schloß er ihm die Gürtelschnalle. »Ich will nicht, daß du ohne das aus dem Haus gehst«, sagte er. »Ist das klar?« Kerris nickte. Die flüchtige streichelnde Berührung hatte bewirkt, daß ihm das Herz in der Brust zuckte. Kel küßte ihn weich auf die Stirn. »Geh jetzt!« Mit einigen Schwierigkeiten schaffte Kerris es bis zum Vorraum. Dort stand Sefer gebückt und schnürte sich die Sandalen zu. Auf der Straße angekommen, sagte Sefer: »Du siehst aus, wie wenn du in einem Feuer gestanden hättest.« Kerris spürte, wie sich sein Körper noch mehr mit Röte überzog. Sie gingen die Straße entlang. In einem Garten hackte eine Frau mit einer kurzstieligen Haue auf die Erde ein. Sie kamen an einem Haus vorbei. »Hier haben sie gestern nacht Feuer gelegt«, sagte Se- fer. Auf dem Holz konnte man die frischen Spuren von Flammenzungen sehen. Eine Frau beugte sich aus einem Fenster und rief Sefer zu: »Was gibt es Neues von den Räubern?« »Bisher nichts«, rief Sefer zurück. »Und wenn sie heute nicht kommen?« »Wenn sie heute nicht kommen, dann warten wir eben bis morgen!« In den dichten Zweigen der Zypressen turnten lärmende Vögel. »Es vergeht wieder«, sagte Sefer plötzlich. »Was?« Sefer schaute ihn von der Seite her an. »Dieses Ge- fühl, als sei man ins Feuer gestürzt.«, Sie kamen an den Stallungen vorbei. Tek lehnte in der Tür, sein Oberkörper war nackt. In den mächti- gen Pranken hielt er ein Stück Eisenkette. »Was Neu- es?« kollerte er. »Nichts, Tek. Wir warten«, sagte Sefer. Der Mannsklotz schaute finster drein. »Wollt ihr wirklich diesen Mordbrennern eure Hexenkunst bei- bringen, Sef?« »Wir werden tun, was wir tun müssen«, antwortete Sefer. »Es gibt aber Leute, die das nicht gern sehen wer- den«, sagte der Stallmeister. »Sie sagen, wenn ihr den Asech die Zauberkunst beibringt, dann werden wir alle in unseren Betten verbrannt werden.« Sefer sagte: »Das wird nicht geschehen, das ver- spreche ich dir.« Er blieb stehen und legte die Hand leicht auf Teks gewaltigen Unterarm. Tek kaute an einem Zipfel seines Schnurrbarts. Lalli kam unter die dicke Nase des Mannes geschossen. In der Hand hielt sie ein rosa Fleischstück. Er griff mit den muskelbe- packten Armen zu und hob das Kind auf. »Was haben wir denn da?« fragte er und schaukelte das Mädchen auf seinen Handflächen. »Schweins- fuß«, brüllte das Kind und wedelte das Fleisch unter seiner Nase herum. Sefer und Kerris gingen weiter. Ihre Schatten wan- derten vor ihnen die Straße hinauf, die Beine wie die von Zwergen verkürzt. Im Waffenhof standen Männer und Frauen in Kampfkreisen, sie kämpften mit bloßen Händen oder mit nijis. In einer Ecke sah Kerris ein hochgerecktes hölzernes Langschwert. Emeth, dessen Haus die Asech in Brand gesteckt hatten, wanderte durch die, kämpfenden Gestalten und hielt ab und zu einen aus einem Kampfkreis an. Kerris machte sich klar, daß er der Meister des Kampfhofs war. Er hob grüßend eine Hand in Sefers Richtung. »Kommt der chearas?« rief er. »Direkt hinter uns«, gab Sefer zurück. »Was Neues von den Asech?« Die Hälfte der kreisenden Kämpfer unterbrach ihre Übungsstöße, um die Antwort zu hören. Doch Sefer schüttelte nur den Kopf. Am Ende der Straße legte er Kerris die Hand auf die Schulter und drehte ihn in Richtung auf den Zy- pressenhain hin. Doch nahm er die Hand sofort wie- der weg, als wisse er, daß Kerris es nicht ertragen konnte, von einem Fremden berührt zu werden, und Kerris dachte: Vielleicht weiß er es wirklich. »Kel hat gesagt, diese Schule war deine Idee«, be- merkte er. »Die Idee kam mir durch etwas, was er sagte«, gab Sefer zurück. »Was war das?« »Er war aus Vanima nach Hause gekommen – und er war gerade frisch zum cheari ernannt worden. Und ich jammerte herum, daß es keinen Ort und keine Schule gebe, wo Hexen ihre Gaben benutzen lernen könnten, wie die chearis lernten ihre Fähigkeiten zu beherrschen.« Er hob die Handflächen nach oben. »Und da sagte er zu mir, ich solle einfach eine Schule aufbauen.« Der Duft der Bäume war stark und herb, wie der von Föhren. Die Stämme waren von dichtem Moos bewachsen. Der Hain wurde dichter, der Weg wurde zum Pfad, zur Schneise: dufterfüllt, still und dunkel., Zwischen den schwarzen Baumstämmen tauchte das Dach des Tanjo auf: es war ein Satteldach mit erhöh- ten äußeren Spitzen und war mit silberblauen Schin- deln wie mit Fischschuppen gedeckt. Am Ende der Schneise lag ein schimmerndgrüner Wasen, auf dem Blumenrabatten ein Muster bildeten. Das silber- schimmernde Gebäude lag u-förmig darum herum. Die Baustruktur erinnerte Kerris an Burg Tornor. In der Mitte der Rasenfläche befand sich ein Kreis aus weißen, rosageäderten Steinen, und in dessen Mitte stand ein bemaltes Abbild des Wächters. Kerris vermied es tunlichst, das Bildnis direkt an- zuschauen. Sef sagte: »Wir haben den Wächter hier aufgestellt, um uns daran zu gemahnen, daß unsere Gaben vom chea stammen und daß sie nur den Zwecken des chea dienen dürfen.« Kerris sagte: »Das hier erinnert mich an Tornor – dieses Gebäude rund um einen Hof. Aber auf Tornor gibt es keine Gärten. Und keinen Wächter.« Aus den Augenwinkeln, er hatte die Augen noch immer ab- gewendet, sah er es: zwei Augen, die Nase, den lä- chelnden Mund ... Er fragte sich, worüber der Mund lächelte. Sefer erklärte: »So hat man in Kendra-im-Delta ge- baut – mit Innenhöfen und Gärten.« »Du kennst die Stadt?« »Ich bin dort gewesen«, antwortete Sefer. »Aber es gefällt mir nicht dort. Doch meine Schwester Keren lebt da mit ihrer Familie. Sie gehört zum Schwarzen Clan.« »Mein Lehrer auf Burg Tornor war ein Schriftge- lehrter.«, »Wie ist sein Name? Vielleicht ist meine Schwester ihm begegnet.« Kerris berührte das steife Leder seines Gurtes. »Jo- sen. Aber er ist schon vor fünfundzwanzig Jahren aus dem Süden fortgezogen.« »Nein, dann dürfte ihn Keren wohl nicht kennen«, bemerkte Sefer. Durch eine Holztür traten sie in den Tanjo. In das Silberholz waren Runen in der Südlandschrift ge- schnitten. Kerris überlegte, ob Sefer den Spruch ge- wählt hatte. Er besagte: Tritt ein in Frieden – Geh fort in Harmonie! Wo das Kerbmesser das Holz bloßgelegt hatte, leuchteten die Schnittflächen rot. Sie kamen in ein Vorgemach für die Ablage des Schuhwerks. Sefer streifte die Sandalen ab. Durch ein Fenster mit gel- bem Glas in den Rahmen ergoß sich Licht in die Kammer. Jenseits des Vorraumes lag ein Gang, auf dessen einer Seite sich Türen befanden. Sefer öffnete eine und sagte: »Geh hinein!« Kerris trat ein. Er befand sich in einem hellen, stil- len Gemach. Zwei der Wände waren aus Rotholz. In der Außenwand war ein Fenster mit gelben Glas- scheiben. Die zwei inneren Wände waren weiß. Er trat auf die nächste zu und stieß gegen ihre Oberflä- che. Sie war glatt und kühl und gab dem Druck der Finger ein wenig nach. »Das ist Papier«, erklärte Sefer. »Es kommt aus Kendra-im-Delta. Es ist sehr fest. Man macht es aus Holzspänen und Seide. Über Rahmen gespannt, er- gibt das Papier Wandschirme von jeder gewünschten Größe. Und sie sind so leicht, daß drei Männer die Paneele tragen können.«, In den Wänden waren kleine Farbflecken, ähnlich jenen Stückchen farbiger Seide, die Elli sich in die Zöpfe zu flechten pflegte. Kerris rieb mit dem Ballen seines Daumens daran. Solche Wände wären im Nor- den ganz unpraktisch, dachte er. Auf einer Burg ist es viel zu kalt dafür. Er wandte sich von der Wand aus Papier weg. Der Boden des Gemachs war mit Matten belegt, ähnlich jenen in Sefers Haus, auf denen Kissen getürmt lagen. In einer Ecke standen ein kleiner Holztisch und ein Tonkrug. Hier gehörst du her, dachte er. Er war ein Hexen- kind, er war unter Freunden und Verwandten in die- sem Dorf, in dem er geboren war. Er gehörte hierher, wo er jetzt war. Er setzte sich auf eine Matte. »Ich bin bereit«, sagte er. Sefer ließ sich ihm gegenüber mit gekreuzten Bei- nen, im Schneidersitz, nieder. »Erzähle mir, was du über deine Gabe weißt«, sagte er. »Ich weiß, wie ich sie bezeichnen muß«, sagte Ker- ris. »Sie nennen es ›Innere Sprache‹, und die Leute, die das tun können, heißen ›Innere Sprecher‹ oder ›Gedankensprecher‹.« Sefer lächelte. »Man hört, daß du bei einem Ge- lehrten zur Lehre gegangen bist. Keren redet genauso – genau erklärend. Aber was kannst du mit deiner Gabe tun?« »Ich kann ...« Kerris brach ab. »Ich kann die Ge- danken anderer Menschen berühren, mit meinem Verstand, so daß ich weiß, was sie denken und füh- len.« »Beschreibe mir das!« sagte Sefer. Kerris kam sich töricht vor, daß er Sefer die Innere, Sprache beschreiben sollte, Sefer, der dies ja nur allzu genau kennen mußte. »Wenn es sehr stark kommt«, sagte er störrisch, »dann fühle ich mich so, als hätte ich einen Körper gemeinsam mit der anderen Person. Wenn es nicht so stark ist, höre ich nur die Gedanken, wie wenn ich jemandem zuhörte.« »Wann hat es begonnen?« fragte Sefer. Kerris spürte, wie er erneut rot wurde. »Als ich dreizehn war. Ich hab' geschlafen, und da habe ich Kels Denken berührt. Das weckte mich auf.« »Hast du Angst gehabt?« »Ja. Ich hab' geglaubt, ich bin verrückt. Und es pas- sierte immer wieder. Ich wußte, daß ich selbst das tat, aber ich hatte keine Kontrolle darüber, ich konnte es weder absichtlich geschehen machen, noch es been- den, wenn ich wollte. Aber dann habe ich schließlich begriffen, daß es mir nichts antun würde.« »Hast du sofort gewußt, wer die andere Person war?« fragte Sefer. »Im Anfang nicht. Aber dann bald.« Sefer faltete die Hände im Schoß. »Du bist nicht der erste Mensch mit Innerer Sprache, der sich seiner Ga- be auf diese Weise plötzlich bewußt wurde. Es han- delt sich um ein Glied zwischen Blutsverwandten, und es tritt oft zwischen Blutsgeschwistern auf, wenn der eine die Innere Sprache besitzt, und der andere eine andere Gabe hat.« »Es war so bei meinem Onkel und auch meiner Mutter«, sagte Kerris. »Und es ist zwischen Keren und mir so geschehen«, sagte Sefer. Er fuhr sich mit der Hand über die Wan- ge. »An deine Mutter kannst du dich nicht erinnern, oder doch?« Kerris schüttelte den Kopf. »Auch an, nichts aus deinem Leben, bevor du nach Tornor ge- bracht wurdest? Nein? Ich frage mich, warum. Aber mach dir keine Gedanken, fahre fort! War Kel der einzige Mensch, mit dessen Denken du dich in Ver- bindung setzen konntest?« »Ja – bis er mir zeigte, daß ich mich auch mit ande- ren verknüpfen konnte. Er hat mir gezeigt, wie ich es beherrschen kann. Aber das war erst vor ein paar Ta- gen.« »Und kannst du es kontrollieren?« fragte Sefer. Kerris erinnerte sich, wie er im Haus gesessen hat- te, nach dem Einfall der Asech, und wie er die Ge- fühle der Chearis gefühlt, ihre Gedanken gedacht hatte. Die Erinnerung war lebhaft und unerfreulich. »Nicht so ganz«, antwortete er. »Es wird kommen«, versicherte ihm Sefer. Er erhob sich, durchquerte das Gemach und kehrte zu seinem Kissen zurück. »Laß mich dir sagen, was wir über diese Begabungen wissen. Also – wir wissen nicht genau, was sie sind oder warum manche Menschen sie besitzen und andere nicht. Es gibt unserer Er- kenntnis nach fünf unterschiedliche zauberische Ga- ben – manche sagen auch, sieben.« Er hob die Hand und zählte die Fähigkeiten an den Fingern ab. »Ge- dankenreden. Musterbilden. Zukunftsehen. Manche Leute behaupten, die letzten beiden seien zwei ver- schiedenartige Gaben. Dann Fernwandern. Das scheint weitverbreitet zu sein – viele tun es in ihren Träumen. Wettermachen. Mit den Gedanken Bewe- gen. Wettermachen ist eine Art Gedankenbewegung. Heilen. Heilen ist sehr selten. Wir haben derzeit in Elath nur drei Heiler.« Kerris hätte gern gewußt, wer sie sein mochten. Er, kam auf eine Frage, wie Josen sie sicher gestellt haben würde. »Seit wann wissen die Menschen von diesen Gaben?« »Das hängt davon ab, was du unter ›wissen‹ ver- stehst«, sagte Sefer. »Ich habe Keren gebeten, die Aufzeichnungen des Schwarzen Clans in den Archi- ven zu durchforschen – nach Berichten und Ge- schichten über Hexer und Hexengaben.« »Und hat sie was gefunden?« »Einiges. Ich glaube, daß es in Arun schon immer Hexer gegeben hat. Aber bis in unsere Tage waren sich die Hexen selber dessen nicht sicher, was sie tun können, also haben sie ihre Gaben nicht eingesetzt – oder wenn sie es taten, haben sie das streng geheim- gehalten. Aus dem, was Kel und Ilene mir über die Geschichte des Roten Clans erzählten, schließe ich, daß Van von Vanima ein Musterbilder, vielleicht auch ein Zukunftsdeuter war. Aber es gibt keine Möglichkeit, das sicher zu erfahren. Selbst heute noch gibt es Gelehrte, die behaupten, diese Gaben seien bloßer Betrug oder Aberglaube.« Kerris dachte an Josen. »Im Norden glauben nur die sehr Unwissenden an Hexer.« Sefer lächelte. »Und sie haben ganz recht, wenn sie das tun. Und die Hochgelehrten irren sich.« Außerhalb des Raumes ging eine Tür auf und schloß sich wieder. Jemand rief etwas draußen im Gang. Kerris sagte: »Im Galbareth nennen sie Elath die Hexenstadt. Und sie haben Angst vor diesen Fähig- keiten.« Sefer seufzte. »Ich weiß es. Sogar Calwin wird ner- vös, wenn er hierher zu uns kommt. Manche von den, Händlerkarawanen wollen hier gar nicht mehr halt- machen. Aber die Menschen fürchten sich immer vor dem Neuen. Sogar manche unter uns hier tun das.« Ein Schatten des Bedauerns huschte kurz über sein Gesicht. »Keren ist eine Musterweberin, genau wie Kel. Aber sie hat – und wieder wie Kel – es vorgezo- gen, den Bereich zu beschränken, auf dem sie die Ga- be einsetzt, und so benutzt sie sie nur, um über stau- bigen Archivberichten zu brüten, genau wie Kel sich entschieden hat, seine Gabe des Musterwebens nur für den Tanz, den Kampf und nichts weiter einzuset- zen.« »Was sollte er denn deiner Meinung nach sonst damit anfangen?« fragte Kerris. »Oh ...« Sefer kratzte sich am Kinn. »Forschen. Ler- nen. Untersuchungen anstellen! Wir wissen so wenig über diese Welt. Denk nur daran, welche Einblicke uns diese Gaben vermitteln könnten! Wir könnten mit ihnen fernreisen bis ans Ende der Welt, zu Ländern jenseits Arun, jenseits Anhard, Länder hinter dem Ozean. Es müssen dort Menschen leben. Und wir könnten mit ihnen sprechen. Wir könnten in die Zu- kunft blicken, sogar in die Vergangenheit. Wir könn- ten lernen zu heilen – nicht bloß Fieber und Wunden, sondern das Altern, den Verfall, ja sogar den Tod. Bilden die Sterne ein Muster, wie die Abergläubi- schen behaupten? Wir könnten es herausfinden. Je mehr wir wissen, desto tiefer wird unser Verständnis des chea wachsen, desto näher werden wir in das Herz der Harmonie hineinfinden, in die Ordnung, die allen Dingen zugrundeliegt und sie durchströmt und beseelt. Wir haben den Wächter erschaffen, damit er uns das chea weist. Aber wir wissen auch sehr wohl,, daß dies noch unvollkommen ist. Die Hexengaben kommen vom chea – und wir sind gewißlich dazu be- stimmt, sie einzusetzen!« Seine Stimme bebte wie ein Horn, das ein Heer in die Schlacht ruft, und wurde dann sanfter. »Wir wissen so wenig. Stell dir eine Zeit vor, in der Botschaften aus Tornor nach Kendra-im- Delta fliegen, sagen wir, so leicht und schnell, wie ich hier mit dir spreche, Zeiten, in denen die Ernten nicht ausbleiben, Flüsse nicht über die Ufer treten, Zeiten, in denen keiner hungrig bleibt ...« Er lächelte. »Kannst du dir das vorstellen?« »N-nicht ganz so leicht«, stammelte Kerris. »Nun gut. Ich kann es auch nicht immer sehen. Aber ich hoffe, daß der Tag erscheint, an dem Men- schen nach Elath kommen, um diese Gaben beherr- schen zu lernen, wie sie jetzt nach Tezera gehen, um das Klingenschmieden zu lernen, oder nach Kendra- im-Delta, um die Seidenwebekunst zu lernen.« »Teilen die anderen Lehrer hier deine Ansichten?« fragte Kerris. »Mehr oder weniger ja«, sagte Sefer. »Wir diskutie- ren. Die meisten Menschen, etwa Keren oder Kel, oder dein Onkel, befassen sich mit den praktischen Aspekten der Gaben, also wie man sie nutzbringend einsetzen kann.« »Und wie sind sie nutzbringend?« fragte Kerris. »Aber das kannst du doch sicher einsehen«, sagte Sefer. Er stützte beide Ellbogen in die Kissen. Das Haar fiel ihm rückwärts über die Schultern. »Heilen, Wettermachen, einen Gegenstand hochheben können, ohne ihn zu berühren, Wahrheitsehen ...« »Was ist das?« »Zu wissen, ob jemand die Wahrheit sagt, oder, nicht. Eine Seele kann eine andere nicht belügen. Das wäre eine sehr wertvolle Gabe für einen Diplomaten. Denk doch nur, wenn der Rat der Städte oder der Rat der Häuser in Kendra-im-Delta einen Inneren Spre- cher im Sold hätte – so wie Wachen oder Schreiber.« Das klang vernünftig. Kerris' Armstumpf juckte, er rieb ihn sacht. Unter dem Hemdärmel konnte er die Narben fühlen. Einer, der die Innere Sprache hatte, der brauchte keine zwei gesunden Arme, nur ein Ge- hirn. Wie würde das sein, über eine Fähigkeit zu ver- fügen, bei der seine Deformiertheit kein Hindernis bildete? Nicht im geringsten abträglich war? Als Schreiber würde er stets jemand anderen brauchen, der bei ihm war und die Tinten mischte, die Kiele be- schnitt ... Er sagte: »Was muß ich lernen?« »Du weißt bereits eine Menge«, sagte Sefer. »Be- rühre mich, Kerris!« Kerris setzte dazu an. Er mußte die Augen schlie- ßen. Der Anblick Sefers, der ihm ruhig zuschaute, war eine Ablenkung. Wenn mein Verstand eine Hand wäre ... Er streckte sein Denken zu dem Mann in Braun hinüber und rechnete damit, daß er gebremst werden würde, oder durch eine Warnung abge- schreckt. Statt dessen verspürte er eine fast unmerkli- che Wärme, die ihn willkommen hieß und ihn in sich hineinzog. Seine Sehwahrnehmung wurde schwä- cher, genau wie er es erwartet hatte. Sein Körperbe- wußtsein schwand. Es war wie ein Fallen, nein, wie das Eintauchen in eine Höhlung, in einen leuchten- den, kühlen Raum ... Wieder spürte er die Begrü- ßung, klar wie einen Gesang, und Amüsiertheit, Prü- fung – er ist stark! – Mitfühlen, Neugier und, alles überlagernd, eine leichtschwebende, selbstsichere, und vollkommen sich selbst genügende Beherr- schung. Er rührte an Erinnerung. Bilder huschten durch sein Bewußtsein: ein Acker, zur Ernte bereit unter einem gläsernen Himmel, das Gesicht einer Frau, der Ge- schmack von Fetuch, Kels Lächeln, die Zeile aus einem Lied, zu kurz, um ihr zu folgen. Der Geruch von Rauch im Winter, die Krümmung von Fingern um den schweren Schaft einer Sichel ... Er sondierte tiefer. Er berührte die Erinnerung an Qual – Mißachtung in der Kindheit – und tiefer noch – ein Verlust, ein Sterben – er zog sich vor diesem An- schwall von Gram zurück. Er konnte sich selber se- hen, seinen Körper, wie er auf den Kissen ausge- streckt lag. Er befahl Sefers Augen, sich zu schließen. Sie taten es. Er befahl ihnen, sich zu öffnen, und auch das taten sie. Er ließ die Finger an Sefers linker Hand spielen. Genug, sagte Sefer. Die Verbindung zu deinem eigenen Körper wird brüchig. Langsam zog Kerris sich zurück. Der eigene Körper fühlte sich kalt an. Die Nerven waren taub, Augen und Mund brannten trocken. Der Atem ging schwer. Gefühl floß dünn durch ihn hindurch. Er betastete die Bodenmatte, die weiche Wolle der Kissen, den Saum seines Hemdes. Sein Verstand war ganz von Licht er- füllt ... Sefer reichte ihm in einem Glaspokal etwas zu trin- ken: Wasser, mit Zitronensaft gemischt. Vorsichtig trank er. Die Zitrone brannte ein wenig auf der Zun- ge. Im Vergleich mit dem, was er soeben getan hatte, waren seine anderen Versuche mit seiner Gabe be- langlos gewesen. Aber er war sich nicht einmal si-, cher, ob er überhaupt etwas getan hatte. Vielleicht hatte Sefer alles allein getan. Er räusperte sich. »Hab' ich das getan?« fragte er. Sefer nickte. »Ich habe dich nur eingelassen.« »Was war das?« »Die Tiefensondierung«, sagte Sefer. »Man unter- nimmt einen solchen Akt nicht ungestraft. Wenn du dabei unvorsichtig bist, kannst du jemanden verlet- zen.« »Ich hab' dich doch nicht ...« »Nein, du hast nicht«, antwortete Sefer. »Eigentlich hast du es ziemlich gut gemacht. Deine Technik ist noch ein bißchen unbeholfen, aber, wie ich schon sagte, du hast mir nicht wehgetan. Wenn du es getan hättest, dann hättest du es selbst auch gespürt. Das ist eine der Eigentümlichkeiten dieser Gabe, und sie verhindert den Mißbrauch. Sie schallt als Echo zurück – und wenn du Schmerzen leidest, kannst du die In- nere Sprache nicht einsetzen, außer im Reflex. Das ist auch der Grund dafür, daß du Kopfschmerzen be- kommst, wenn du es übermäßig praktizierst. Der Schmerz zerbricht deine Konzentration und zwingt dich zur Entspannung.« Kerris sagte: »Mir war immer schwindlig, wenn ich mich mit Kel verbunden habe. Und die Augen taten mir weh.« »Das sind die gewöhnlichen Nebenwirkungen«, sagte Sefer. Er klopfte sich auf den Bauch. »Manchen wird schlecht im Magen.« Kerris nippte an dem Zitronenwasser. Die Elasti- zität und Klarheit von Sefers Gehirn erfüllte ihn mit Ehrfurcht. »Ich danke dir, daß du dich mir anvertraut hast«, sagte er., Sefer antwortete: »Ich habe keinen Grund, dir nicht zu vertrauen. Du bist kein grausamer oder heftiger Mensch. Und ich brauchte nicht anzunehmen, daß du unvorsichtig sein könntest.« »Aber ich bin nicht ...« Kerris dachte an all das, was er nicht war: nicht angenehm, nicht erfahren, nicht unversehrt ... Sefer sagte: »Kerris, du bist weder ein Narr noch ein Schwächling. Die Leute auf Tornor haben dir ein Unrecht angetan, wenn sie dich dazu brachten, das von dir zu denken. Du bist fähig und gescheit – und du bist anziehend. Wenn du mir nicht glauben willst ...« – in seinem Grinsen steckte eine Spur reinster, aber harmloser Bosheit –, »dann frag doch deinen Bru- der!« Er koppelte sich ein, es war eine leichte feste Be- rührung, die Kerris wahrnahm, und fächelte eine Bil- derfolge durch das Gehirn Kerris': Kel lächelnd, Kel nackt, Kel, wie er durch ein Zimmer schreitet, sein Haar wie eine feurige Mantilla über den glatten Rücken fallend ... Kerris schauderte. »Nicht!« Die Bilder verschwanden. »Es tut mir leid«, sagte Sefer ernst, doch die Augen blitzten noch immer amüsiert. »Ich sollte dich wohl nicht necken ...« Das Sonnenlicht, das durch die gelbe Glasscheibe strömte, malte einen gelben Fleck auf die weiße Wand. Kerris überlegte sich, ob Sefer das eben ab- sichtlich getan hatte, um ihn in Verlegenheit zu brin- gen. Grimmig entschlossen nahm er ein Kissen und legte es über seinen Schoß. »Kann ich sowas auch?« fragte er. »Bilder in das Denken eines anderen hineinden- ken? Mit einiger Übung kannst du es. Was aber den Inneren Sprechern am leichtesten zu fallen scheint, ist, die Sensitivität für die Gefühle anderer, und eine Art wachsame Bewußtheit, die wir als ›Abtasten‹ be- zeichnen. Es ist, wie wenn du deine Hand über Stoffe gleiten läßt, über Material, Seide und Holz und Staub, und dabei ihre Verschiedenheit wahrnimmst, wäh- rend der Rest deines Denkens draußen bleibt, ganz losgelöst – nur, anstatt Seide oder Staub zu berühren, betastest du in Wirklichkeit mit deinen Gedanken das Denken eines anderen.« »Darf ich es versuchen?« »Dazu sitzen wir beide hier«, sagte Sefer und machte eine einladende Bewegung mit der linken Hand. »Fang an!« Kerris streckte sein Denken aus. Sefer begegnete ihm. Laß dein Denken leicht bleiben! dirigierte er. Kerris berührte die kühle helle Außen- fläche der Seele des Lehrers. Behutsam begann er den Kontakt, zog sich zurück, berührte erneut – wie eine Wasserspinne auf einer Regenlache, dachte er – und fühlte Sefers Lachen. Es zog ihn hinein. Er verspürte das altvertraute Ausblenden seiner Sinneswahrneh- mungen. Ist es so richtig? Nein, antwortete Sefer. Zieh dich zurück! Kerris gehorchte. »Was habe ich falsch gemacht?« fragte er. Sefer rieb sich die Wange. »Es war eigentlich nicht falsch, um genau zu sein«, sagte er. »Deine Sensitivi- tät ist scharf. Sie zieht dich in das Denken und Fühlen anderer sofort hinein. Kannst du eine Barriere auf- bauen?« Kerris brauchte nicht erst zu fragen, was das sei. »Ich hab' es noch nie versucht«, sagte er., »Dann versuch es jetzt!« »Wie mache ich das?« »Stell dir eine Wand vor, eine unendliche Wand zwischen uns. Ohne Risse. Es kann Stein sein oder Ziegel, alles, was du willst. Die Mauer kann nicht zertrümmert werden, und sie kann nicht überwun- den werden. Denke diese Mauer!« Kerris schloß die Augen. Er stellte sich eine Mauer vor, aus grauem Stein wie die Wälle von Tornor. Das Bild schwankte in seinem Hirn, als blickte er durch Wasser darauf. Die Anstrengung ließ seinen Kopf schmerzen. Er brach ab. »Warte!« befahl Sefer. »Ruh dich ein bißchen aus! Du bekommst es schon hin. Es ist nicht so schwer.« Kerris wartete, bis sein Kopf aufhörte zu schmer- zen. Dann versuchte er es erneut. Das Bild schmolz kristallisierend zusammen und zersprang. Er ver- spürte einen plötzlichen harten Schmerz. »Aahnn!« Halt! Sefers Befehl dröhnte in seinem Schädel. Er verkrampfte sich. Der Schmerz hatte ihm Furcht ein- gejagt. Er öffnete die Augen. Die Seidenflecken in dem Papier der Wand tanzten vor seinen Augen. Er rieb sich die Lider. »Das ist falschgelaufen.« »Es dürfte nicht wehtun«, sagte Sefer. »Nichts, was du tust, sollte dir wehtun.« Er erhob sich. »Komm!« »Wohin?« »Wir werden hinausgehen und eine Weile im Gar- ten sitzen.« Sefer begann die Kissen ordentlich in ei- ner Reihe hinzulegen. »Wir können beide eine Ruhe- pause brauchen.« Kerris schob das Kissen von seinem Schoß und stand auf. Als er den ersten Schritt tat, knackten ihm die Knie., Im Gang stand wartend ein untersetzter Mann mit einem breiten Gesicht. »Korith sucht dich, Sef.« Das Haar hatte der Mann in einem langen Zopf gefloch- ten, der ihm über den Rücken hing und der mit einer Seidenschleife gebunden war. Sein Hemd war aus ro- senfarbener Seide. Die Hände wirkten plump und weich. »Wenn du ihn siehst, sag ihm, ich bin im Garten«, antwortete Sefer. »Wer war das?« fragte Kerris, als sie den Mann au- ßer Hörweite hinter sich gelassen hatten. »Das ist Dorin«, sagte Sefer. »Er lehrt hier. Er ist ein Fernreisender. Er kann mit seinen Gedanken an ande- re Orte gehen.« Er hielt inne. »Hast du Hunger?« »Ein bißchen.« »Warte!« Zu Sefers Linken tat sich ein Türbogen auf, halb verborgen hinter einem gestreiften Vorhang. Sefer schob ihn beiseite und ging hinein. Dann kam er aus dem Gemach, oder was immer hinter der Tür lie- gen mochte, mit einer blütengeschmückten Platte voll fetuch zurück. Sie saßen auf dem Rasen, knapp außerhalb des Stein- kreises. Kerris drehte dem Bildnis des Wächters wohlweislich den Rücken zu. Er aß die Gemüsesten- gel. Er begann das leichte, milde Aroma allmählich zu mögen. Sefer striegelte sich mit gespreizten Fin- gern das Haar aus der Stirn. Die Seide seiner Tunika blitzte wie gekräuseltes Wasser in der Sonne. Kerris' Magen polterte. Peinlich verlegen wegen seiner Begierde, rollte er sich auf den Bauch. Er stützte den Ellbogen ins Gras. Eine Eidechse huschte über den Boden., Sefer schob ihm die Platte hin. »Es gibt genug da- von. Nimm noch!« Kerris knabberte an einem weiteren Gemüsesten- gel. »Skayin!« Ein Junge kam vom Tanjo her. Als er Se- fer erreicht hatte, hockte er sich ins Gras nieder. Er war schlank und dunkel und hatte ein schmales ei- genartiges Gesicht. Vorwurfsvoll sagte er: »Wo bist du gewesen? Wir haben dich überall gesucht!« Der Junge schloß die Finger über Sefers rechtem Ärmel. Das spitze Kinn und die hohen Wangenkno- chen erinnerten Kerris an den Flußotter. Sefer lächelte dem Jungen zu. »Korith, dies ist Kerris, Kels Bruder. Kerris, lerne Korith kennen. Er kann mit den Gedan- ken Gegenstände heben. Wie Ardith und Tazia.« Korith lächelte ihn an! »Hallo«, sagte er. Kerris erinnerte sich an die Quelle, die plötzlich in die Zypressenzweige hinaufgeschossen war. »Hallo«, gab er zurück. »Du bist Tazias Cousin«, erklärte ihm der fremde Junge und zog die Nase in Falten. »Als ich in das Zimmer geschaut habe, war Tazia gerade dabei, Kis- sen durch die Luft fliegen zu lassen.« »War sie allein?« fragte Sefer. »O nein. Tamaris war bei ihr.« Sefer wirkte erleichtert. »Korith ist außerdem mein Neffe – und eine ziemliche Plage«, sagte er. Er zer- zauste dem Jungen das Haar. »Was willst du diesmal von mir, chelito, daß du dich veranlaßt gesehen hast, den ganzen Tanjo in Aufruhr zu versetzen?« »Hab' ich gar nicht«, entgegnete Korith würdevoll. »Ich war ganz still. Ich hab' dich schon gestern ge- sucht, aber du warst beschäftigt. Und ich habe heute, den ganzen Morgen ganz allein geübt – und du bist doch jetzt nicht beschäftigt, oder?« Der Junge blickte von Sefer zu Kerris. »Ich möchte euch nicht stören!« »Korith übt, wie man über Entfernungen hin mit dem Geist Dinge heben kann«, erläuterte Sefer. »Nein, chelito, du siehst, wir ruhen uns nur aus. Wie weit bist du heute morgen gekommen?« Der Junge wedelte die Hand hin und her. »Bis zu den Bändern auf der Stange in Orils Feld!« »Das ist sehr gut«, sagte Sefer. »Deine Mutter wäre stolz auf dich. Korith ist Kerens zweites Kind«, er- klärte er. »Als sie begriff, daß er ein Hexer ist, schickte sie ihn aus der Stadt fort hierher.« Kerris fragte den Jungen: »Macht es dir Spaß?« Der dunkelhäutige Bursche lächelte. »O ja! Aber ich vermisse die Stadt manchmal. Und meine Mutter fehlt mir.« Seine Stimme klang sehnsüchtig. »Ich würde sie gern wiedersehen.« Ohne es zu beabsichtigen, erhaschte Kerris das Ge- fühl, das aus dem Jungen hervorstrahlte – Stolz, Liebe, Verlassenheit, Furcht (hastig unterdrückt), Heimweh – und das Bild einer stillen rundlichen Frau mit dunk- lem Haar, die eine Schattengestalt anstrahlte, die Ko- rith selber zu sein schien ... Anscheinend bemerkte Korith die Anwesenheit von Kerris in seinen Gedan- ken nicht. Aber Sefer schaute ihn an, als habe er ge- spürt, daß ein Kontakt hergestellt worden war. Kerris biß sich auf die Lippen. Der kleine Schmerz katapul- tierte ihn wieder in sein eigenes Denken zurück. Sefer sagte: »Die Familie ist ein Geflecht, von dem wir alle ein Teil sind. Auch mir fehlt Keren, chelito. Wenn die unruhigen Zeiten vorbei sind, werde ich vielleicht aus Elath weggehen, und dann werden wir, vielleicht zusammen nach Kendra-im-Delta reiten.« Ein Schatten fiel über das Gras. »Du und aus Elath fortgehen? Das ist wenig wahrscheinlich.« Kerris schaute auf, die Hand schattend über die Augen ge- legt. Die Arme unter ihren Brüsten gekreuzt, stand hoch eine Frau vor ihnen. Ihr Haar war lang und dunkel und hing wie eine Wolke um ihr Gesicht. Sie trug ein hellgrünes langes Kleid, das in der Taille mit einem Kupfergurt gerafft war. Sefer stellte vor: »Kerris, dies ist Tamaris. Sie unter- richtet Gedankenheben. Außerdem gehört sie zum Rat. Was macht Tazia, Tam?« Tamaris brummte: »Heut morgen ist sie ein kleiner Dämon. Sie bekam einen Wutanfall, weil ich ihr nicht erlaubte, mit Ardith zum Kamm hinaufzugehen. Er wollte den Wachtposten Verpflegung bringen. Ich ließ sie sich austoben; jetzt schläft sie. Du stiehlst mir doch nicht meine Schüler weg, Sefer? Ich hatte mir vorgenommen, den Rest des Morgens hindurch mit Korith zu arbeiten, und wo finde ich ihn? Hier!« »Nein, ich stehle sie dir nicht«, entgegnete Sefer. Er machte seinen Ärmel aus dem Griff des Jungen frei. »Korith, geh mit Tamaris.« »Aber ich wollte doch, daß du mir zuschaust!« sagte der Junge drängelnd. Sefer seufzte. »Also gut, chelito. Ich schaue zu. Zeig mir, was du kannst!« Korith schloß die Augen. Seine dünnen Nüstern blähten sich. Kerris' Sichtfeld wurde unscharf. Er blickte auf ein Feld, auf einen Pfahl aus Holz. Um den Pfahl waren Bänder geschlungen. Sie hingen schlaff und bewegungslos in der windstillen Luft. Das Korn stand in langen Reihen, träumte von Sicheln und Darröfen. Plötz-, lich zuckten die Bänder und begannen zu rascheln. Vier aufgeschreckte Raben stoben aus dem Korn hervor. Vor- sichtig zogen sie Kreise um die tanzenden Bänder. »Hast du's gesehen!« sagte Korith. »Ich hab's gesehen, ja«, sagte Sefer. »Das war sehr gut.« Tamaris sagte sanft. »Korith, du darfst nicht der- maßen hartnäckig sein, man könnte dich für ungeho- belt halten!« »Oh? War ich das?« fragte Korith. »Inanu?« – das Wort bedeutete »Onkel« in der Südlandsprache – »war ich wirklich unhöflich?« Sefer gab ihm keine Antwort. Seine Augen blickten glasig und wie erloschen. Sein Gesicht zuckte, wie das eines Fiebernden. Die Lippen bewegten sich. »Ja«, murmelte er. »Ja.« Er atmete tief und schwer ein. »Ich werde es ihr sagen.« Er hob das Gesicht und blickte zu den sonnenüberströmten Hügeln hinauf., 10. Kapitel Die Haare in Kerris' Nacken sträubten sich. Er blickte zu Tamaris, die aufmerksam Sefer ansah. Korith hockte kniend auf den Fersen, die Hände im Schoß verkrampft. Diese Haltung verwandelte ihn aus einem Otter in ein Eichhörnchen. Wieder begann Sefer zu murmeln. Das sonst so lebendige Gesicht war ausdruckslos. »Sefer?« fragte Kerris leise. Der Kopf des Meisters bewegte sich nicht. Kerris griff nach Sefers Schulter, um ihn aus seinen Fesseln los- zureißen. Tamaris' Hand schloß sich um sein Handgelenk. »Laß ihn allein!« befahl sie leise. Die Hand war kühl. »Er empfängt eine Botschaft.« So muß ich auf Tornor ausgesehen haben, dachte er. Seine Nerven schrillten. Sefer schüttelte sich schaudernd. Die Augen kon- zentrierten sich wieder. Er preßte die Hände an die Wangen, als brennten sie, und ließ sie dann in den Schoß sinken. Er räusperte sich. »Das war Beria auf dem Kamm.« Kerris wußte nicht, wer Beria sein mochte. »Was hat sie gesagt?« fragte Tamaris. »Ein Bote ist von den Asech gekommen. Nicht die Frau, nicht Thera, sondern ein Mann. Seinen Namen hat er mit Nerim angegeben, und er sprach mit einem starken Akzent. Beria sagte, man hat ihn kaum ver- stehen können. Er kam mit einer grünen Fahne. Er sagte, daß die Asech morgen ihr Lager abbrechen und ins Dorf kommen werden. Er bat, diese Botschaft an Lara weiterzugeben.«, Tamaris Hand krallte sich in ihr Kleid. »Wie viele werden kommen? Alle? Oder nur die vom letzten Überfall?« »Das wußte Beria nicht.« »Wir müssen es Dorin sagen. Und Kel.« »Ja«, sagte Sefer. Er nahm sein Stirnband ab, wischte sich die Stirn mit dem Ärmel der Tunika und steckte das Kopfband in die Tasche. Kerris fragte: »Gab es in der Botschaft irgendwas über Riniard?« »Nein«, antwortete Sefer. Korith sprang auf. »Ich sag es Lara«, keuchte er atemlos, die dunklen Augen groß vor Erregung. »Nein!« Sefers kurzer Ruf ließ den Jungen mitten im Sprung innehalten. Sein Gesicht zuckte vor Schmerz. Ebenso das Gesicht Sefers. Er fing Korith in seinen Armen auf und drückte ihn fest an sich. »Ai, chelito, ich hab' dir wehgetan. Es tut mir leid.« Er streichelte dem Jungen übers Haar. »Es war nur ganz wenig«, sagte Korith. Er richtete sich kerzengerade auf. »Ich soll's also Lara nicht sa- gen?« »Ich werde das tun – oder Tamaris.« »Darf ich es überhaupt keinem sagen?« Sefer blickte Tamaris an. »Du kannst zum Hof ge- hen und es Kel sagen. Aber sei vorsichtig, chelito, sei verschwiegen und schrei es nicht hinaus!« Korith tanzte vor kaum verhohlenem Entzücken und stob wie ein Wirbelwind auf den Zypressenhain zu. Tamaris sagte: »Was macht es für einen Unter- schied, wer davon weiß?« Sie hob einen fetuch-Stengel aus der Schüssel und biß hinein., Sefer antwortete ihr: »Es gibt bei uns in der Sied- lung noch immer ein paar Hitzköpfe, und die würden die Asech gern angreifen. Diese Botschaft aus ihrem Lager könnte wie Salz auf einer offenen Wunde wir- ken.« »Sie würden das Lager nicht finden«, sagte Tama- ris. »Es ist ja denkbar, daß ein ganzes Asech-Heer aus der Wüste auf Elath zumarschiert, Sef, und kein ein- ziger unter uns wüßte etwas davon, bis sie da sind. Ihre Barrieren sind dermaßen stark. Sie könnten ebensogut unsichtbar sein.« Sefer stand auf. »Ich weiß das, Tam. Ich bin gegen diese Barrieren gestoßen. Und ich frage mich ...« »Was?« drängte sie. »Ich frage mich, wie sie leben konnten, wenn sie gelernt haben, sich so stark zu verbarrikadieren – oh- ne dabei etwas anderes zu lernen?« »Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal«, sagte Tamaris. »Ah!« sagte Sefer und warf einen Blick zu der weißbemalten Gestalt des Wächters hinüber. »Aber wir müssen uns darüber Gedanken machen, Tam.« Tamaris Zunge bekam einen gefährlich sanften Ton. »Belabere mich nicht mit deinen Predigten, als wäre ich einer deiner Schüler, Sefer von Elath!« Sie funkelte ihn an. Er sprach kein Wort. Tamaris seufzte. »Ai, du hast recht, natürlich hast du recht!« Sie strich mit der Hand über eine verknitterte Falte ihres Klei- des. »Soll ich mit Dorin sprechen?« »Wenn du das übernehmen könntest?« Sie grinste. »Da du meinen Schüler mit deinen Aufträgen losgeschickt hast, besteht kein Grund, warum ich das nicht ebenfalls tun sollte.« Sie spuckte, einen Gemüsespelz aus und ging mit schwingenden Hüften auf den Tanjo zu. Ein roter Vogel mit einem Käfer im Schnabel flog wippend durch den Garten. Die Sonne blitzte auf sei- nen Schwingen. Kerris sprach den ersten Gedanken aus, der ihm in den Sinn kam. »Wer ist Beria?« »Berénzia«, sagte Sefer. »Sie hat die Innere Spra- che.« Er rieb sich das Kinn. »Ich muß Lara die Nach- richt bringen. Magst du mit mir gehn?« »Ich will dir nicht hinderlich sein«, sagte Kerris. »Das wirst du nicht.« Sefer machte einen Schritt, stöhnte und hielt inne. Er hob einen Fuß und kratzte einen Steinsplitter von der Sohle. »Warte einen Au- genblick, bis ich meine Sandalen geholt habe.« Der Zypressenhain wirkte nach dem sonnenhellen Garten kühl und duftgeschwängert. Über den Dorfgassen schwebte dunstiger Staub. Sie kamen an einer Frau vorbei, die in einem Garten Zwiebeln ern- tete. Sie hatte einen Strohhut auf, wie die Weiber im Galbareth. Ein vierschrötiger Mann kam unter der Last eines Jochs mit Wassereimern vorbeigeschwankt. Mit den Händen hielt er die beiden Eimer, und mit jedem Schritt schwappte das Wasser über. Das rote Gesicht grinste Sefer an. »Was Neues?« fragte er. Sefer schüttelte nur den Kopf. Laras Haus stand nahe beim Dorfbrunnen. An der Tür hing ein Klopfer aus Bronze in der Gestalt eines Stierkopfes. Er hing an den Hörnern. Sefer pochte mit ihm gegen die hölzerne Tür. Ein kleiner rosiger Kna- be, der keine Hosen anhatte, öffnete ihnen. »Chelito!« sagte Sefer. »Ist deine abu im Haus?« Der Kleine steckte den Daumen in den Mund und wich zurück., Sefer bedeutete Kerris, er möge eintreten. Er trat in den Alkoven für die Schuhe, und Sefer streifte seine Sandalen ab. Das Kind wackelte vor ihnen her. Sie folgten ihm in ein geräumiges, sonnendurch- flutetes Gemach. Wandbehänge, ähnlich denen in Se- fers Kate, leuchteten an den Wänden. Die Bodenmat- ten waren mit Kissen belegt. Eine blühende Rebe ta- stete durch eines der Fenster herein. Auf der einen Seite des Raumes gab es einen Wandschirm, ähnlich den Wänden im Tanjo, und dahinter lag eine Treppe. Die Stufen knarrten, und eine Frau kam herunterge- schritten. Lara. »Der Frieden des chea sei mit euch!« sagte sie. Sefer legte die Handflächen zusammen und ver- neigte sich. »Und mit dir, lehi!« »Lehi«, das bedeutete »Heiler«. Sefer hatte gesagt, daß die Heilkunst eine seltene Gabe sei und daß es derzeit nur drei Heilkundige in Elath gebe. Kerris überlegte sich, ob er sich auch verneigen sollte. Die alte Frau lächelte ihm zu. »Weißt du nun den Weg zum Hof von Ardith, Kerris?« »Ja, lehi«, sagte er. »Ich danke dir.« Am Ende des Raumes, neben der Treppe, befand sich eine Nische in der Wand, und in ihr stand eine Statue des Wächters. Kerris wandte ihr die rechte Schulter zu. »Was führt dich zu mir, Sefer?« fragte die alte Frau. »Nachricht vom Kamm«, sagte Sefer. »Eine Bot- schaft von Beria. Die Asech werden morgen kom- men.« Das kleine Kerlchen kam hereingewatschelt. Lara streichelte ihm die dunklen Locken. Das Kind klam- merte sich mit den dicken Fäustchen an ihren Rock., »Soso«, sagte sie. »Wer weiß es?« »Beria – und ich bin sicher, Erith. Tamaris, Kerris und mein Neffe. Sie waren bei mir, als Berénzia zu mir gesprochen hat. Ich habe Korith zu Kel geschickt, damit er es erfährt. Tam wird es Dorin sagen. Sonst weiß keiner etwas.« Laras Finger betasteten den Kopf des kleinen Jun- gen. »Gedenkst du es geheimzuhalten?« fragte sie. »Du lebst seit dreißig Jahren in diesem Nest, Sefer. Du wißt doch, daß man in so einer kleinen Gemein- schaft nichts geheimhalten kann!« »Die Leute sind nervös«, sagte Sefer. »Ich will heut nacht keine wilden Ausflüge in die Felsen haben, kei- ne waghalsigen jungen Strohköpfe, die davonpre- schen, um das Lager der Asech auszuspähen.« »Informiere die bedachtsamen Leute«, sagte Lara. »Sag es Ilene und Moro und Ardith, sag es Hadril und Terézia und Dol. Sag ihnen, sie sollen aufpassen und lauschen und wachsam bleiben. Und dann sag allen ganz genau, was du weißt. Sonst werden wir fünfzig verschiedene Gerüchte herumfliegen haben, und jedes wird weniger wahr sein als das vorherge- hende, und nur das chea weiß, was die Leute dann zu glauben geneigt sind.« Sefer lächelte. »Du hast recht, lehi.« Der Junge zerrte an Laras Kleid. Glucksend suchte sie in der Tasche ihres Rocks und zog einen Apfel- schnitz hervor. »Nimm, chelito!« Der Klang einer Glocke ließ ihr Lächeln verschwinden. »Entschuldigt mich jetzt«, sagte sie, »Meritha ruft mich, ich muß zu ihr.« Der Name klang ihm vertraut. Reo hatte ihn ausge- sprochen. Meritha war die Ratsschreiberin, und Reo, hatte gesagt, daß sie sehr alt sei. Sefer bat: »Laß mich gehen, Lara! Wozu sollst du dich ermüden, indem du die Treppen rauf- und run- terläufst?« Wieder ertönte die Glocke, blechern, scheppernd. Lara sagte traurig: »Nein, Sef. Danke, aber ihre Ge- danken wandern. Ein fremdes Gesicht könnte sie er- schrecken.« Sie ging zur Treppe, legt eine Hand auf das Geländer und zog sich auf die unterste Stufe hin- auf. Die Glocke ertönte ein drittesmal. Sefer ließ sich auf ein Kissen nieder. Kerris zögerte einen Augenblick lang, dann setzte auch er sich, ne- ben ihn. »Mein Cousin hat mir gesagt, daß Meritha die Ratsschreiberin ist«, bemerkte er. Sefer strich mit der Zehenspitze über die Boden- matte. »Das war sie«, sagte er. »Sie ist uralt. Und ho- hes Alter ist das einzige Übel, gegen das auch ein Heiler machtlos ist.« »Kerris!« Laras Stimme kam von der obersten Treppenstufe. »Würdest du heraufkommen? Meritha möchte dich kennenlernen.« Kerris' Rückgrat prickelte. Er hätte fast gefragt: »Warum?« und dachte sofort verschreckt, daß Lara ihn für ungehobelt halten könnte, wenn er fragte. Und als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, sagte sie: »Sie weiß, daß du ein Schreiber bist. Darum!« Kerris folgte ihr die Treppe hinauf. Die Tritte wa- ren nicht mit Matten belegt. Die Holzbretter waren abgenutzt und glatt. Hinter Lara trat er in Merithas Zimmer. Es war nur eine kleine Kammer, und der Strohsack nahm den meisten Platz darin ein. An einer Seite neigte sich die Decke nach innen. Das Zimmer roch nach Urin und Greisenkörper. Meritha hatte sich, im Bett aufgesetzt. Ihr Anblick verwirrte Kerris. Sie war eine gewaltige Frau; das Fleisch hing ihr flappig von den Knochen, doch die Schultern waren breit, die Hände riesig groß. Er war auf ein verhutzeltes altes Weiblein vorbereitet gewesen, etwa von der Gestalt der abu. »Komm zu mir!« sagte sie. Die Augen waren sehr hell, fast wie Glas. Das Haar war eisengrau. Der Na- gel ihres linken kleinen Fingers war überlang. Kerris wußte – Josen hatte ihm das erzählt –, daß die Schrei- ber in Kendra-im-Delta sich einen Fingernagel ab- sichtlich lang wachsen ließen, um damit die wächser- nen Siegel von Briefschaften abzulösen. Die Finger der Alten krümmten sich in die Wolle der Bettdecke. Er kniete neben der Matratze nieder. Die Alte starrte ihm ins Gesicht, dann auf seinen Armstumpf und wieder zurück auf sein Gesicht. »Wer bist du?« fragte sie. Weich sagte Lara: »Chelito, das ist Kerris-no-Alis. Du hast ihn sehen wollen.« Die Frau kniff die Augen zusammen. »Das hab' ich.« Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie waren aufgesprungen und stark gerötet. »Das hab' ich.« Sie hob eine Hand. »Junge, schau im Schrank nach!« Kerris richtete sich steif auf, als er »Junge« genannt wurde. Er mahnte sich selber, daß diese Frau krank sei, und drehte sich um, damit er sah, worauf sie deutete. An der Wand stand ein hölzerner Schrank. Obenauf standen ein Krug und ein Becher. Die Schranktüren waren mit einem Metallriegel in der Form eines Federkiels verschlossen. Er trat an den Schrank und schob den Riegel zurück. Die Türen öff-, neten sich nach außen. »Schau auf dem obersten Bord nach!« befahl sie. Er mußte niederknien, um in den Schrank blicken zu können. Es roch darin nach Tinte. Das unterste Fach war vollgestopft mit allem möglichen Krims- krams: Schnüre, ein angesprungener Teller, Stoffreste. Auf dem obersten Brett lag ein in Leinen geschlage- nes Päckchen. »Nimm das Päckchen!« sagte Meritha. Kerris betastete es mit den Fingern, er fragte sich, was darin sein mochte. Er hob es hoch. Es war leichter als Holz oder Ton. »Nimm es! Nimm es!« keckerte die kranke Stimme. Sie richtete sich im Bett auf, stützte sich auf den Ellbogen, das spröde Haar fiel ihr über die Stirn. Lara beugte sich über sie und sprach leise auf sie ein. »Geh hinunter!« befahl sie ihm. Kerris setzte sich gehorsam in Bewegung. Die Qual der kranken Frau bohrte suchend in seinem Kopf. Ihre Stimme verlor die harsche Stärke und klang nun wie die eines klei- nen Mädchens: Wem gehört der Körper, in den sie mich eingesperrt haben, so schwächlich, so ausgetrocknet und so unbeweglich, das bin nicht ich, ich bin jung und bin stark ... Larita, hilf mir, ich will nicht sterben! Auf halbem Weg die Treppe hinab begannen Kerris die Knie zu zittern und unter ihm nachzugeben. Er lehnte sich gegen die Wand, um ruhiger zu werden. Er konnte sich nicht erinnern, dem Tod je so nahe gewesen zu sein. Es tat weh. Merithas Klagen und Wimmern stöhnte weiter in seinem Kopf. Drunten erwartete ihn Sefer an der Tür. »Komm weiter!« sagte er. »Wir haben unsern Ausflug erledigt.« Es dauerte eine Weile, ehe Kerris wieder sprechen konnte. Und er war Sefer für sein Schweigen dank-, bar. Endlich hörte sein Magen auf, sich umzudrehen. Er nahm das Päckchen fester in die Armbeuge. »Was ist das?« fragte Sefer. Kerris stemmte es gegen die Hüfte. »Ich weiß nicht. Machst du es für mich auf?« Es war sehr feines Lei- nen, fein wie Seide, und goldgelb wie die Färbung von Kels Haar. Sefer faltete das Tuch auf. Drinnen lag Papier, glattes eierschalenfarbenes Papier, gezeichnet mit dem charakteristischen Heringsgrätenmuster, das verriet, daß es in Kendra-im-Delta gefertigt worden war. Auf dem Weg zu seinem Häuschen machte Sefer bei mehreren Anwesen halt, um den Bewohnern zu mel- den, daß die Asech nun tatsächlich am folgenden Tag kommen würden, und um die Leute zur Ruhe zu mahnen. Kerris trollte hinter ihm drein und hörte auf alles nur mit einem halben Ohr. Hadril, der Faßbin- der, erbot sich, einige andere, unter ihnen Ardith, zu informieren. Moro, der Seiler, war nicht in seinem Haus, aber sein ältester Sohn, ein untersetzter Junge, ungefähr im Alter von Kerris, zog Sefer in einen Win- kel, um ihn auszufragen: »Stimmt es, daß die Asech heut nacht kommen?« Es roch nach Himmelskraut in dieser Ecke. »Nein«, sagte Sefer, »das ist nicht wahr. Sie werden morgen kommen, bei Tageslicht, wie sie es angekün- digt haben, und wir werden ihnen Unterricht geben, Perin, nicht sie bekämpfen.« Perin fingerte an seiner Messerscheide herum. »Da hab' ich aber was andres gehört«, sagte er dunkel. »Das habe ich auch«, sagte Sefer. »Aber es ist nicht wahr.«, Perin blickte enttäuscht drein. »Ist ... ist der Cheari noch am Leben?« Die Stimme brach ihm über dem letzten Wort. »Das wissen wir nicht«, sagte Sefer. Sefers Kate war leer, als sie dort eintrafen. Sefer bemerkte: »Sie sind sicher noch im Waffenhof.« Kerris nickte. Er legte das Paket Schreibpapier ne- ben seine Bettrolle. In den Falten des gelben Tuchs steckte noch etwas anderes als das Schreibpapier: ein Kiel mit scharlachroten Federn, eine Stange rotes Sie- gelwachs, ein Täfelchen Tinte und ein Pinsel. In sei- nem Kopf begann sich bereits ein Brief zu formulie- ren. An Josen aus dem Schwarzen Clan, Registrator zu Tornor Keep, von Kerris ... »Kerris!« »Hmm?« Er blickte auf. Sefer saß mitten in einem Flecken Sonnenlicht. Er schaute nachdenklich drein. »Wie fühlst du dich?« fragte er. »Kopfweh? Mü- de?« »Nein.« Kerris befühlte die weichen Pinselhaare. Er hätte gern gewußt, was für Haar das war. Er dachte, vielleicht Dachs. Kerris, ich bitte dich! Sefers Stimme klang merkwür- dig dringend. Kerris dachte daran, daß Sefer sein Lehrer war und daß er ihm mehr als nur gewöhnliche Höflichkeit schuldete. Er legte den Pinsel beiseite. »Es tut mir leid, aber ich habe geglaubt, wir sind für den Tag fertig mit dem Unterricht.« »Das sind wir, sofern du müde bist«, antwortete Se- fer. »Ich bin nicht müde.« »Dann, glaube ich, sollten wir die Zeit nutzen, in der wir hier allein sind«, sagte Sefer. »Drüben im, Garten habe ich gespürt, wie du in Koriths Denken eingedrungen bist.« »Ich habe das nicht absichtlich getan«, entgegnete Kerris. »Das weiß ich«, sagte Sefer. »Doch du mußt es ler- nen, und zwar bald, eine Barriere aufzubauen, oder das wird dir immer häufiger passieren, und du wirst es nicht abstellen können.« Schroff warf er ein Bild in Kerris Denken – eine hellflammende Kerze und eine Motte mit grünen filigrangemaserten Flügeln. »Die Gefühle der Menschen um dich herum werden dich einsaugen.« Die Motte kreiste, kreiste und stürzte dann in die züngelnde Flamme. Kerris zuckte zusammen. Flüchtig dachte er an Me- ritha. »Das war nicht schön«, sagte er. »Wer die Innere Sprache besitzt, wird stärker sen- sitiv, nicht weniger einfühlsam«, sagte Sefer. »Du bist nun mein Schüler, und ich möchte nicht schuld daran sein, wenn dir etwas Übles geschieht.« Ohne Zusammenhang, aus der Erinnerung auftau- chend, hörte Kerris die Worte eines Liedes. Ilene hatte es gesungen. Ich bin ein Fremdling in einem fremden Land, ich bin verstoßen, wohin ich immer geh. Und er verdrängte den Gedanken an Josen und an einen Brief an ihn aus seinem Kopf. »Du glaubst, es kann nicht aufgeschoben werden?« fragte er. Sefer antwortete: »Die Asech werden morgen kommen. Und ich weiß nicht, was dann geschehen wird, ich weiß nur eines, ich werde zu tun haben.« »Also gut.« Kerris erinnerte sich an den Schmerz, den er empfunden hatte, als er vordem die Barriere aufzubauen versucht hatte. Er sagte sich beruhigend, daß dies ein Fehlschlag gewesen sei, der sich nicht, wieder ereignen würde. »Also, was soll ich tun?« Sefer streckte die Beine aus. »Ich werde jetzt nach dir greifen«, sagte er, »und du mußt versuchen, die Barriere aufzubauen.« Kerris holte tief Luft, schloß die Augen und be- mühte sich, sich selbst auf Tornor zu sehen, wie er vor dem Steinwall der Inneren Hofmauer stand. Sein Armstumpf juckte. Er kratzte sich, versuchte weiterhin, sich auf die Schwärze zu konzentrieren, die hinter seinen Augäpfeln stand. Sein Nacken brannte. Die Konzentration stob davon, die Wand lö- ste sich auf, als wäre sie aus Sand gebaut. Er öffnete die Augen. »Es geht nicht.« »Versuch es noch einmal!« befahl Sefer. Wieder schloß Kerris die Augen und mühte sich erneut ab. Schweißflecken zeichneten sich auf seinem Hemd unter den Achseln ab. Sein Kopf begann zu schmerzen. Nichts, was du tust, sollte dir wehtun. So etwa hatte es Sefer gesagt. Kerris beschloß, den Schmerz nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die Wand baute sich auf. Sie erschien deutlicher vor ihm als zu- vor. Er arbeitete hartnäckig weiter. Die Wand brach mit einem klatschenden Geräusch auseinander und zersplitterte wie die Scherben eines brechenden Gla- ses. Ein stechender Schmerz schoß durch seinen Schädel. Er konnte den Schrei nicht ganz unterdrük- ken. »Aahhn!« »Bist du verletzt?« fragte Sefer. »Nein.« Laß mich sehen! Ja, komm herein! sagte er. Ich könnte dich ja sowieso kaum daran hindern, fügte er hinzu. Als der fremde Verstand ihn berührte, zuckte er zusammen. Doch Se-, fer untersuchte ihn nur kurz und sanft und tat ihm nicht weh dabei. Seine Besorgtheit war sehr deutlich spürbar. Er verbarg weder seine Gedanken noch sei- ne Gefühle, und auch etwas anderes war sehr deut- lich. Kerris wartete, bis sein Lehrer sich aus ihm zu- rückgezogen hatte, ehe er ihn damit konfrontierte. »Du hast gesagt, du möchtest nicht schuld daran sein, wenn mir etwas Übles geschieht«, sagte er fra- gend. »Ja«, sagte Sefer. »Aber du machst dir nicht um mich Sorgen, son- dern um Kel!« Sefer neigte den Kopf zur Seite. Sein Blick war di- rekt und etwas spöttisch. »Ich mache mir aber Sorgen um dich«, sagte er. »Ich sorge mich um alle meine Schüler. Wenn du irgendwie verletzt würdest, weil es mir nicht gelingt, dich zu lehren, wie man eine Sperre aufbaut, dann wäre Kel auf mich sehr böse, und es ist wahr, ich möchte nicht, daß dies geschieht. Doch ich versichere dir, Kerris, ich würde mich genauso ernst- haft bemühen, dich zu unterrichten, wenn du nicht Kels Bruder wärest. Berühre mich – und sieh selbst!« Und er machte wieder die kleine einladende Hand- bewegung mit der Linken. »Nein«, sagte Kerris. »Nein!« Er schämte sich, daß er gezweifelt hatte. Sefer sagte: »Wenn du kein Vertrauen zu mir haben kannst, Kerris, dann müssen wir es aufgeben.« »Ich vertraue dir.« Sefer erhob sich. Er trat zum Fenster und stand da und stieß mit einem Finger immer wieder gegen den ledernen Vorhang. »Ich möchte etwas ausprobieren«, sagte er schließlich., Kerris drehte sich zu ihm um und schaute ihn an. »Was?« Der Vorhang schaukelte rhythmisch unter dem stoßenden Finger. »Ich möchte mich in dich einkop- peln, ganz eng, in einer Tiefensondierung, und wäh- rend wir verbunden sind, möchte ich die Barriere für dich aufbauen. Auf diese Weise kannst du erkennen, wie man es macht und wie es sich anfühlt.« Kerris' Armstumpf juckte. Er kratzte sich. »Wird es wehtun?« fragte er. »Das sollte es eigentlich nicht. Aber wenn es ge- schieht, breche ich die Bindung.« Sefer hockte sich wieder nieder, mit dem Rücken gegen die Holzwand, so daß ihre Augen wieder in gleicher Höhe waren. Seine Hände baumelten zwischen seinen Knien. »Willst du es versuchen?« »Also gut«, sagte Kerris. Er fühlte, wie Sefer sein Denken berührte. Der Lehrmeister schlüpfte so leicht in seinen Kopf hinein wie ein Fisch, der durch die Strömung gleitet, rasch, ungehindert ... Kerris fühlte sich an die roten Fische erinnert, die er auf dem Grund des blauen Teiches gesehen hatte. Plötzlich war er blind. Seine Knochen fühlten sich wie aufgeweicht an. Er vermochte sich nicht zu bewegen. Sein Kopf drehte sich. Sefer hatte den Kopf bewegt. Die Lider schlossen sich. Er wurde in seinen eigenen Schädel zurückgeworfen. »Schau!« sagte Sefers Stimme. Schau! Es gab nur eines zu se- hen: eine Landschaft, grün und blau, Gras und Was- ser ... Ein Vogel sang schmerzlich süß. Kerris blickte auf die Landschaft hinab wie aus Turmfenstern, und dann, ohne Vorwarnung, stand er plötzlich auf dem Gras. Es reichte ihm bis zu den Knien und neigte sich, wiegend unter der streichelnden warmen Hand des Windes. Er stand auf der Steppe und schaute hinaus auf ein weites Land. Und er sah die Mauer. Er stand direkt vor ihr. Sie war aus dunklem Stein, höher als sein Kopf. Er wies mit der Hand darauf. Sie verschwand. Er deutete wieder. Sie baute sich wieder auf. Das ist dein Werk! Du hast sie gebaut, sagte Sefer. Kerris' Füße glitten vorwärts. Er stand nun dicht an der Mauer. Er streckte die Hand aus. Dunkle Adern verliefen in dem klobigen Stein. Er betastete sie. Der Stein war kalt und hart. Er spürte, wie Sefer aus ihm davonglitt, sich aus den tiefen Orten seiner Seele da- vonstahl, wie ein Fisch der an die Oberfläche des Wassers steigt ... Die Wand bebte, zitterte – und ex- plodierte. Er schrie, so ungeheuerlich war der plötzli- che berstende Schmerz. Er war naß. Er wußte, daß dies unmöglich war. Er befand sich in Elath, in Elath und in Sefers Heim. Doch ein Stück von ihm weilte rückwärts, war verlo- ren und allein, ein Kind inmitten von Fremden. Die Welt war farblos und erschreckend, und er war ver- waist und es tat weh, so weh ... Kerris! Der fühlte-sah-wußte Hände, die nach ihm griffen, das Gedankenrufen hallte in seinem Schädel wider, riesige Hände griffen nach ihm, pressend-hart. Er war in Sefers Haus. Und Sefer hielt ihn fest. Er klammerte sich an den Meister. Hände streichelten ihn sanft, auf dem Haar, über den Rücken, eine Trö- stung ohne erotischen Beigeschmack, fest und beru- higend wie die Berührung einer Mutter. »Nimm!« sagte Sefer. »Trink das!« Er hielt ihm ein Glas an die Lippen. Kerris schluckte. Es war ein Wein, und er, brannte auf der Zunge. Er verschluckte sich und keuchte. Der Kopf hämmerte. Er fühlte sich elend, dumm und unfähig. »Es tut mir leid«, stammelte er. Es kam wie ein Krächzen aus seinem Mund. Sefer drückte ihm erneut das Glas an die Lippen. Er trank wieder, dann wischte er sich mit dem Ärmel über das Ge- sicht. »Ich hab' es versucht ...« »Ich weiß. Und es braucht dir nicht leid zu tun.« Sefer stellte das Glas beiseite. »Kerris«, fragte er, »wo warst du?« »Ich weiß es nicht.« »Warum bist du dorthin gegangen?« Kerris' Flanken waren schweißüberströmt. »Ich weiß es nicht.« Sefer packte ihn fest an der Schulter. »Schau mich an!« befahl er. Kerris schaute ihn an. Sefer war bleich. »Ich war dort mit dir«, sagte er. »Ich habe gefühlt, was du gefühlt hast, die Qual – und dann die Furcht. Was war das für ein Ort, Kerris? Warum bist du dorthin gegangen, als die Barriere zerbrach?« »Ich weiß es nicht«, sagte Kerris noch einmal. »Ich konnte nicht genau erkennen, ob es eine Erin- nerung oder eine Vorstellung war«, sagte der Lehr- meister. »War es dir vertraut?« Tränen traten in Kerris' Augen. Er hätte sagen wollen: Laß mich! Er hätte sagen wollen: Laß mich ausruhn! Aber er wußte, daß Sefer ihm zu helfen ver- suchte. Er erinnerte sich an den Zwischenfall im Gal- bareth. Während des Gewitters. »Ja. Es ist mir schon einmal geschehen.« »Wie oft?« »Einmal.«, »Wann?« Stockend erzählte Kerris. Sefer hörte ihm zu, und Kerris spürte, daß er verwirrt war. »Ich begreife es nicht«, sagte er schließlich. »Ich weiß, was geschehen sein muß. Während des Gewitters hat dich etwas er- schreckt, genau wie vorhin der Schmerz, als die Bar- riere zusammenbrach, dich erschreckt hat, und du hast dich vor dem Erschrecken beide Male in die Er- innerung an eine frühere Furcht zurückgezogen, in etwas, das dich erschreckt hat, als du noch ein Kind warst. Aber ich verstehe nicht, warum die Barriere in deinem Kopf dich an das gleiche Entsetzen erinnern konnte wie das Gewitter im Galbareth.« »Ich begreife es auch nicht.« Kerris stützte sich auf seinen Arm. Seine Muskeln zuckten. Aber diesmal war es schlimmer als bei dem erstenmal im Galbareth. Da- mals war er fähig gewesen zu gehen, sogar zu reiten. »Die Barriere blieb intakt, bis ich dir befahl, sie zu kontrollieren«, sagte Sefer. »Ja«, gab Kerris zu. Er zog die Knie gegen die Brust, legte den Arm quer darüber und stützte das Kinn auf den Arm. Sefer hockte noch immer da, den Kopf zurückge- legt, die Augen nachdenklich auf Kerris gerichtet. »Ich frage mich ...« Seine Stimme verwehte. Kerris dachte an seine Fähigkeit und seine Kraft. Sein Mund wurde trocken. Er begann zu zittern. Fle- hend sagte er: »Ich – ich kann es nicht noch einmal tun.« Sefer blinzelte. Er berührte leicht Kerris' Knie. »Kerris? Glaubst du, ich möchte, daß du Schmerzen leidest? Du siehst aus, als dächtest du, daß ich dir et- was antun will – wie wenn du ein Tier wärest!«, Sefers Kummer war beinahe mit Händen spürbar, und Kerris schämte sich. »Nein.« »Ich bin gleich wieder da«, sagte Sefer. Er ging in den Oberstock. Kerris hörte ihn droben herumgehen. Als er zurückkam, trug er eine blaue Wolldecke über dem Arm. Er legte sie Kerris um die Schultern. Die Decke roch nach Zedernholz und nach Zimt. »Bist du hungrig? Da ist etwas zu essen.« »Nein«, sagte Kerris. Er rückte beiseite. Das Messer in seiner Scheide drückte sich gegen seine rechte Seite. Sefer nahm das Glas und trug es in die Küche. Ker- ris hörte ihn ruhelos in dem kleinen Raum herum- hantieren. Er sagte: »Du brauchst nicht bei mir zu bleiben. Es geht mir ganz gut.« »Bist du sicher?« Sefer kniete wieder an seiner Sei- te. »Wirst du schlafen?« »Ich glaube nicht«, sagte Kerris. »Ich bin nicht schläfrig.« Wieder ging Sefer kreisend durch den Raum. Ker- ris war sicher, daß er weggehen wollte. Der Kopf schmerzte ihn. Er berührte ihn mit den Fingerspitzen. Aber der Schmerz steckte ganz im Schädelinnern. Er rollte sich auf die linke Seite. »Da kannst mich ruhig allein lassen«, wiederholte er. »Gut«, sagte Sefer und machte einen Schritt auf den Türbogen zum Vorzimmer hin. Dort blieb er stehen. »Wenn du sicher bist, daß du nichts brauchst?« Kerris nickte nur. Die Sonne fiel steil auf die Wandbehänge. »Wohin gehst du?« fragte er. Sefers Lippen bogen sich in einem Anflug von Lä- cheln nach oben. »Zum Waffenhof«, sagte er, »um mit Kel zu sprechen.«, In dem leeren, stillen Haus begann wieder die Grille zu singen, unter der Treppe, und ihre Stimme klang spöttisch. Du kannst es nicht, sagte die Grillenstim- me. Kerris bohrte die Wange in ein Kissen. Der Schmerz in seinem Kopf war nichts im Vergleich zu dem in seinem Herzen. Du wirst nie die Innere Spra- che beherrschen, sagte er zu sich selbst. Sein Arm- stumpf pochte und gemahnte ihn an das, was er war. Neben seinem Lager schimmerte das Papier. Er starrte es an. Seine Augen wässerten. Josen hat recht, dachte er, ich hätte nach Kendra-im-Delta gehen sol- len. Ich könnte ein Schreiber sein. Das ist eine Fähig- keit, die ich immer noch habe. Er lag da und schaute der Sonne zu, wie sie die Wände entlangwanderte. Die Tür sprang auf. Schritte ließen die Matten erbe- ben. Er wandte den Kopf, um zu sehen, wer gekom- men war. Es war Kel. Sein Haar war naß und zerzaust. Er hatte ein rotes Gewand an. Er kniete an Kerris' Seite nieder. »Chelito?« Er streckte beide Hände aus und zog sie gleich wieder zurück, als fürchtete er, er könnte damit Schaden anrichten. Kerris raffte sich auf und saß da. »Du kannst mich ruhig anfassen«, sagte er. »Ich werde nicht gleich zer- brechen.« Kel nahm ihn in die Arme. Kraft strömte aus ihm wie ein plötzlicher warmer Wind an einem Winter- tag. »Sef hat es mir gesagt«, flüsterte er in Kerris' Haar hinein. Kerris überlegte, was es wohl war, das Sefer Kel gesagt hatte, und was Kel ihm geantwortet haben mochte. Er spürte den Druck der Daumen Kels an der Kontur seiner Kinnbacken. Kel hob ihm den Kopf hoch. Die grauen Augen blickten scharf. »Cheli-, to, ich hab' dich nicht nach Elath gebracht, damit dir irgendein Schmerz zugefügt wird!« Kels andere Hand streifte prüfend über seine Flanke, wie um sich zu vergewissern, ob nicht irgendwelche Knochen ge- brochen wären. Kerris schluckte. Plötzlich schämte er sich seiner Schwäche zutiefst. »Ich bin nicht verletzt«, stammelte er. Er machte sich ein wenig aus dem Griff seines Bruders frei, um zu zeigen, daß er ohne Stützung sit- zen konnte. »Und es war nicht Sefers Schuld.« Er hörte sich selbst Sefer vor Kel verteidigen und sagte zu sich: Du bist ein Narr! Kel sagte: »Nein. Das weiß ich.« Er hob Kerris' Ge- sicht zwischen seinen kühlen Händen empor und küßte ihn auf die Lippen. Die Tür ging wieder. Andere kamen zurück: Aril- lard, Elli, und ganz zum Schluß Jensie. Ohne Hast ließ Kel die Hände sinken. »Eure Steuerung stinkt zum Himmel!« sagte er, ohne sich umzuwenden. »O heiliger Mist!« sagte Elli. Sie trug die goldene Robe, die sie sich bei den Badeteichen genommen hatte. Sie wirbelte ein Bund Karotten mit der Hand herum. »He, du«, sagte sie zu Kerris, »wir haben uns Sorgen um dich gemacht!« Ihre Fürsorge bewirkte, daß er sich besser fühlte. »Nun, ich bin ja da«, sagte er. »Das sehe ich.« Sie schlenderte in die Küche hin- aus. »Ich hoffe, daß ihr alle was essen wollt. Ich habe vor, heut abend einen Hurrikan zusammenzubrau- en!« Kerris flüsterte ins Ohr seines Bruders: »Was ist ein Hurrikan?« Kel griente. »Ein starker Sturm.« Er kreuzte die, Beine und zog Kerris mit kräftigen Arm an seine Brust. »Wo steckt Calwin?« Arillard antwortete: »Bei den Bädern. Er filzt die Bauern und nimmt ihnen ihr Silber ab. Ilene ist zu ih- rer Familie gegangen.« Jensie setzte sich auf ihre Matte. Ihr dreifarbenes Haar war so feucht, daß es einfarbig wirkte. Sie legte ihr Messer in den Schoß und begann es mit glatten Kreisbewegungen zu schleifen. Das Geräusch von Stahl auf Stein klang wie das Summen eines Insektes. Kerris' gespannte Nerven begannen sich zu lösen. In der Küche hörte man Elli pfeifen. »Wo ist Sefer?« fragte er. Kels Atem kitzelte ihn im Nacken. »Er redet mit den Leuten. Er befürchtet Ärger für heute nacht. Er kommt sicher später wieder.« Wenn er enttäuscht oder verärgert war, so konnte Kerris dies in der Stimme seines Bruders nicht wahrnehmen. »Ah.« »Was für Ärger?« fragte Arillard. Kel antwortete ihm: »Er befürchtet, daß ein paar junge Narren sich zusammenrotten und das Lager der Asech angreifen wollen.« Arillard sagte: »Man könnte doch glauben, daß das Beispiel Riniards sie abkühlen müßte.« Beim Klang von Riniards Namen blickte Jensie auf. Kurz darauf jedoch fuhr sie in ihrem Tun fort. Kerris fragte sich, was aus ihr werden würde, falls Riniard sterben soll- te. Er schauderte zusammen. »Wer hilft mir Nüsse knacken?« fragte Elli, den Kopf durch den Türbogen steckend. »Haufenweise Faulpelze, die nur herumhocken und nichts tun!« Arillard streckte die Hand aus. »Gib sie her!« Sie, reichte ihm eine Schüssel und einen Nußknacker, der wie ein Fisch geschnitzt war und breite bemalte Kie- ferbacken hatte. Arillard legte eine Nuß zwischen die Backen und drückte zu. Die Schale knackte. Er lok- kerte den Griff und ließ die zertrümmerten Stücke auf den Boden fallen. Das entschälte Nußfleisch fiel in zwei Hälften auf seine Handfläche. Er aß sie. »Hmm. Nicht schlecht.« Kel tippte mit dem Finger auf das Papier. »Was ist das?« »Papier – Schreibpapier, und Tinte und ein Pinsel. Ich war mit Sefer in Laras Haus, und dort hat mir Meritha das gegeben.« Kel sagte: »Ich hab' mir immer gewünscht, daß ich das tun könnte.« »Was?« Arillard knackte eine zweite Nuß. »Schreiben. Es ist immer dumm, wenn man jemand anderen bitten muß, es für einen zu tun.« »Ja, das ist es wohl«, sagte Kerris. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß Kel nicht schreiben konnte. Vorsichtig streckte er sich aus. Sein Kopf fühlte sich nicht mehr so an, als würde er zerspringen, wenn er ihn bewegte. »Laß mich aufstehen!« bat er. Sein Bru- der öffnete sofort die Arme. Kerris ließ die Decke von den Schultern gleiten und begab sich in die Küche. Die Beine trugen ihn wieder sicher. Elli schaute ihm entgegen und grinste ihn an. An ihrem Haar- ansatz perlten Schweißtropfen. Ein Topf pustete nach Gerste duftenden Dampf in den Raum. Kerris streifte das Durcheinander von Pfannen und Schüsseln und Krügen und an der Wand hängenden Kräutern mit einem Blick., »Was suchst du denn?« fragte Elli. »Etwas, mit dem ich was verrühren kann.« Sie reichte ihm einen ausgefransten Löffel, der aus- sah, als habe ein Hund ihn fälschlich für einen Kno- chen gehalten. Er pustete den Staub von einem Teller mit angebrochenem Rand. »Wofür brauchst du das?« fragte Elli. »Für eine Tintenschale.« Er füllte den Teller zu einem Viertel mit Wasser und trug ihn an seine Matte zurück. Kel machte ihm Platz. »Erklär mir, was du da machst«, bat er. »Ich rühre Tinte an.« Er zerbröselte das Tusche- plättchen in das Wasser und rührte, bis sich alle Klümpchen gelöst hatten. Die Tusche roch nach ir- gendeinem schweren Parfüm: Honigklee oder Jasmin. Er breitete ein Blatt Papier auf dem Tisch aus und tauchte den Pinsel in die Flüssigkeit. Die braunen Pinselhaare füllten sich gleichmäßig. Er schrieb: An Josen aus dem Schwarzen Clan, Registrator auf Tornor Keep, von Kerris von Elath, sei gegrüßt. Er las es laut vor, Kel lächelte, und seine Hand strich steichelnd über Kerris' Schulter. »Kerris von Elath!« Er begann eine neue Zeile. Ich bin vor drei Tagen in Elath angelangt. Die Fahrt war interessant. Wir übernach- teten in einem Dorf namens Brath und mitten in den Fel- dern und in einem weiteren Dorf mitten im Galabareth. Ich habe den Namen nicht erfahren. Wir lagerten eine Nacht am See Aruna. Wieder las er laut vor, dann schrieb er weiter. Ich habe meinen Mutterbruder kennengelernt, Ardith, und seine Frau, Lea, und meine Cousins. Ich habe auf einem Acker gearbeitet. Ich habe einen Brief geschrieben und eine, Feder als Pinsel und ein Stück Hemdstoff als Papier be- nutzt und Lack als Tinte. Dieses Papier hier und die Tu- sche und der Pinsel wurden mir von Meritha geschenkt. Sie ist die Stadtschreiberin ... Wieder las er laut vor, dann blies er auf die Schrift, um sie zu trocknen, und wünschte sich, er hätte Sand zur Verfügung. Ich hoffe, du bist wohlauf. Bitte sag Pau- la, daß ich sie liebhabe, und sag Grüße meinem Onkel Morven – er zögerte und setzte dann noch hinzu – und Grüße meinem Freund Tryg. »Wer ist Paula?« fragte Kel. »Die Frau, die mich nach Tornor gebracht hat, nach ... nachdem unsere Mutter gestorben war. Die alte Frau, der ich Adieu gesagt habe.« »Ich erinnere mich«, sagte Kel. »Es ist mir damals nicht klargeworden ... Und Tryg?« »Mein Freund. Er hat mir das Messer geschenkt.« »Muß ich eifersüchtig sein?« fragte Kel. Bestürzt schaute Kerris ihn an. Aber Kel lächelte und streifte Kerris leicht mit beiden Händen über die Flanken. Er stand auf. »Ich gehe für einen Augenblick hin- auf.« Kerris schaute ihm nach, wie er durch den Schlaf- raum schritt. »He du!« Er zuckte zusammen und blickte auf. Elli stand über ihm und hielt ihm eine Schüssel hin. Sie führte sie unter seiner Nase vorbei. Es lagen Pflau- men darin. Kerris nahm sich eine. Vorsichtig biß er in die feste purpurblaue Frucht. Ihre Säure zog ihm den Mund zusammen. »Wem schreibst du da?« Er faltete den Brief dreifach und legte ihn beiseite. Er würde ihn versiegeln, wenn die Lampen angezün-, det waren. Elli hockte sich neben ihn. Ihr nacktes Bein streifte unter dem goldenen Stoff gegen das seine. Er rückte, um ihr Platz zu machen. »Meinem alten Leh- rer Josen.« Die Winkel ihres weitlippigen Mundes zuckten. Schmachtend sagte sie: »Ich wünschte, du wärest nicht so schüchtern mit mir, Kerris!« Er wußte nicht, was er sagen sollte. »Ich will mir Mühe geben, es nicht zu sein.« Sie lächelte ihn an. »Wir können Freunde sein, denke ich, wenn du willst. Auch wenn ...« – das Lä- cheln breitete sich zu einem Grinsen aus – »auch wenn du keine Lust hast, mit mir zu schlafen!« Die Tür des Hauses klappte. Kerris drehte sich dankbar nach dem Geräusch um. Seine Ohren brannten. Jemand pfiff im Vorzimmer. Calwin trat ein. Er strahlte. Er warf etwas in die Luft und fing es wieder auf. Elli lachte. »Ein Fisch!« sagte sie. »Welch ein Jammer für die armen Bauern von Elath!« »Es ist kein Fisch«, sagte Cal. »Es ist was Neues.« Er kam ins Zimmer und ließ die Münze in Ellis aus- gestreckte Handfläche fallen. Sie hielt sie gegen das Licht. Die Silbermünzen Tezeras nannte man »Fisch«, weil dieses Symbol auf ihnen eingeprägt war. Diese Münze dagegen war rund und flach und dünn wie ein Fisch, aber sie war nicht aus Silber. Sie schim- merte wie ein Regenbogen in fließenden wechselnden Farben. Elli drehte die Münze um. Sie schnippte mit dem Fingernagel dagegen und biß dann hinein. »Das fühlt sich an wie eine Muschelschale. Wozu ist das Loch in der Mitte?« Die Stiege knarrte. Kel kam herab. Er hatte die, Kleidung gewechselt und trug nun statt der Robe sei- ne Reithosen und eine graue Tunika. Das Haar fiel ihm lose auf die Schultern. »Da steht eine Rune«, sagte Elli. »Was bedeutet sie?« »Frag den Schreiberling«, sagte Arillard. »Kerris, schau mal!« Elli reichte ihm die schim- mernde Scheibe. »Was ist das für eine Rune?« Er hob die Münze hoch. Sie war leicht wie eine Muschelschale, aber fein poliert und geschliffen. Die Rune wirkte wie eingegraben. »Es ist ein K«, sagte er. Cal nahm sie ihm aus der Hand. »Es ist eine Geld- münze, und man nennt sie bonta; sie ist einen halben Fisch wert. Der Rat der Häuser in Kendra-im-Delta hat beschlossen, daß innerhalb der Stadtgrenzen jeg- licher Kauf und Verkauf nur mit diesen Münzen ge- tätigt werden darf. Sie fertigen sie dort in der Stadt an. Die Kaufleute müssen an den Stadttoren anhalten und ihr Silber und Kupfer gegen diese Münzen ein- tauschen, bevor sie ihre Waren auf die Märkte brin- gen dürfen. Wenn sie dann weiterziehen, geben sie sie zurück und bekommen dafür wieder Münzen aus Metall. An allen Toren stehen die Tische der Geld- wechsler. Überwacht werden sie von der Sul- Familie.« »Laß mich mal sehen!« sagte Arillard und beugte sich vor, um die Münze zu begutachten. Er reichte sie Cal zurück und sagte: »Dabei werden der Sul-Familie ein paar schöne Schuppen an den Fingern kleben bleiben. Die nehmen sicher Prozente von jeder Mün- ze, die sie wechseln.« »Was bedeutet bonta?« fragte Elli. »Muschel«, riet Cal. »Bein«, sagte Kerris., Cal schaute sehr selbstzufrieden drein. Er holte et- was aus seiner Tasche. Es klirrte, dumpfer als das Ge- räusch von Silber oder Kupfer. Es war eine Schnur mit vier dieser Muschelmünzen daran. »So trägt man sie in Kendra-im-Delta.« »Hast du die alle gewonnen?« fragte Elli. »Du sollst dich was schämen, Cal! Was für eine miese Art, sich für Gastfreundschaft zu bedanken, ist das denn?« »Darf ich mal sehen?« fragte Kel. Calwin brachte ihm die Münzschnur. Er schob sie hin und her, reichte sie Cal zurück und lächelte glucksend. »Es würde mich nicht erstaunen«, sagte er, »wenn du das nächstemal beim Spielen die hübschen Dinger da wieder verlierst. In Elath gibt es Leute, die können deine Würfel dazu bringen, daß sie Kurven fliegen. Vergiß nicht, hier ist die Hexenstadt!« Cal fädelte die lose Muschel zu den anderen und stopfte die Schnur in die Tasche zurück. Er schaute mißvergnügt aus. Elli beugte sich vor. Sie legte Cal die Hand aufs Knie. »Steck das Spielzeug nicht fort«, sagte sie mit süßer Stimme, »willst du mir etwa nicht die Chance bieten, sie dir abzunehmen?« Arillard rückte nach vorn und nahm sich eine Pflaume aus der Schüssel. Seine Augenlider senkten sich. »Er ist wahrscheinlich zu müde zum Spielen.« »Bin ich nicht«, sagte Cal. Er zog die Schnur wieder aus der Tasche, der linken, und holte die Würfel aus der rechten hervor. »Ach, essen wir doch zuerst«, sagte Elli. Sie stand auf und ging in die Küche. Ihre Samtrobe streifte mit einem zischelnden reptilhaften Rascheln über die Bo- denmatten., Mit Arillard brachte sie das Essen auf den Tisch: Suppe in hölzernen Schalen, eine zweite Schüssel mit Pflaumen, fetuch, geschälte Walnüsse, Trauben und Wein. Kel brachte Becher für den Wein. Sie scharten sich um den Tisch – alle außer Jensie. Arillard mahnte: »Jen, willst du nicht essen kom- men?« Stumm schüttelte sie den Kopf. Kel sagte: »Jen, dann setz dich doch wenigstens zu uns!« Jensie schaute drein, als würde sie am liebsten auch das verweigern, doch sie erhob sich schließlich und saß dann steif zwischen Arillard und Elli. Kerris schmiegte die Finger um die Holzschale. Er schlürfte seine Suppe. Sie schmeckte kräftig und pi- kant nach ihm unbekannten Gewürzen. Es schwam- men Karotten darin und Fleischstücke – Schweine- fleisch, dachte er – und jene weichen flachen Bänder aus Weizenteig, die, wie Cal ihm erklärt hatte, »Nu- deln« genannt wurden. Arillard holte seine Zunderbüchse hervor und ent- zündete die Lampen. »Er schläft mit dieser Schachtel, mußt du wissen«, sagte Kel. Sein warmes Flüstern kitzelte Kerris im Ohr. »An der Grenze haben wir ihn den ›Feuerbrin- ger‹ genannt.« Kels linke Hand streichelte Kerris am Hals. Im Treppenschacht tönte das Grillengezirp. »Erinnert ihr euch an damals«, sagte Cal, »damals in Shanan, wie er fast das ganze Haus in Brand ge- steckt hat? Das war das erstemal, daß ich dich sturz- betrunken erlebt habe«, sagte er zu Arillard. »Und ich erinnere mich daran, wie du einen Wand- schirm eingetreten hast, weil du glaubtest, es ist ein, Laken, das jemand über eine Stange gehängt hat«, konterte Arillard. »Erinnert ihr euch an damals, als das Maultier Ile- nes auf der Straße nach Mahita ausgeschlagen hat?« »Erinnert ihr euch an die Nacht, in der wir vor dem Rat der Häuser in Kendra-im-Delta getanzt haben?« »Die Geschichte mußt du erzählen«, sagte Cal. Und Elli und Kel erzählten die Geschichte. Kerris lauschte. Jensie sagte kein Wort, aber ihr Kopf wandte sich hin und her, und ein- oder zweimal lächelte sie sogar. Kerris war kein Musterweber, doch als er die Ge- schichte zu Ende gehört hatte, erahnte er – wie die Melodie eines Liedes manchmal aus einigen wenigen Noten erfühlt werden kann, die jemand sorglos pfeift – das Grundmuster des chearas. Sie alle paßten zuein- ander, wie ein Fluß in sein Bett paßt – oder wie ein Schwert in das Schwertgehänge. Die Gelehrten sagten – und Kerris hatte Josen es sagen hören –, daß das chea durch die Chearis nicht nur ausgedrückt werde, sondern daß es durch sie geradezu erhalten werde, so daß – sollten die Tänzer von Arun aufhören zu tan- zen – die Welt zerfallen und in Disharmonie stürzen würde. Das würde schrecklich sein, dachte Kerris, wenn einer seine Harmonie verliert, nachdem er sie gehabt hat. Kein Wunder, daß Riniard sich vor die- sem Zerbrechen gefürchtet hatte. Es mußte schlimmer sein als einen Arm zu verlieren. Er schlürfte seine Suppe. Der Eindruck des Mu- sters, den er zu fühlen geglaubt hatte, verlor sich. Dennoch fühlte er sich geheilt, wieder heil und ganz gemacht – so ganz, wie er es je würde sein können. Einen kurzen Augenblick lang hatte er gesehen, was die Welt zusammenhielt, und hatte sich selbst als ei-, nen Teil davon gefühlt, sogar er, der nicht einen ein- zigen Schritt tanzen konnte, und wenn es um sein Le- ben ginge, er, der niemals in dem Kampfkreis des Waffenhofes gestanden hatte., 11. Kapitel Auch nachdem sie ihre Abendmahlzeit beendet hat- ten, kam Sefer nicht zurück; ebenso wenig Terézia. Doch irgendwann, mitten in der Nacht, mußten beide nach Hause gekommen sein, denn am anderen Mor- gen, als die Chearis erwachten, kamen beide die Treppe herunter. Terézia zuerst. Sie bückte sich und nahm sich ein Stück Brot von der Essensplatte, die Elli auf den Tisch gestellt hatte. In ihrem Gesicht zeichnete sich die Erschöpfung ab, und sie ging, als wären ihre Beine steif. Kel und Sefer kamen nach ihr. Kels Kinn und Wangen waren glatt; er hatte sich rasiert. Er hatte sei- ne Reithosen an und ein buttergelbes Hemd mit Hornknöpfen am Kragen und an den Ärmelstulpen. In Goldfaden waren auf die Hemdbrust tanzende Stabfiguren gestickt. Einer seiner Arme lag um Sefers Hüften. Auch Sefer sah müde aus, doch wenn etwas zwischen den Liebenden nicht in Ordnung gewesen sein sollte, so war es eindeutig geregelt worden. Als Kel an ihm vorüberkam, streifte er Kerris' Wange mit einem Finger. »Habt ihr gut geschlafen?« Er grinste den chearas an. Calwin stand am Waschbecken und spähte in das kleine Silberrund eines Spiegels. »Wenn einer von euch plötzlich ein Geräusch macht«, sagte er, »schneide ich mir wahrscheinlich die Gurgel durch.« »Ist das ein Versprechen?« fragte Elli. Cal funkelte sie an, während er sein Schermesser aus der Scheide zog. Sie lachte und schloß die Schnalle ihres Gürtels. »Ich glaube, ich muß mich damit zufriedengeben, daß, ich dir dein ganzes Geld abgewonnen habe!« Sie klopfte sich auf die Taschen. »Bin ich froh, daß ich mich nicht zu rasieren brauche«, sagte sie zu Kerris. »Das muß doch ziemlich ärgerlich sein.« »Für mich ist es das.« Kerris fuhr mit den Fingern über sein Gesicht. Seine Wangen knirschten von Stoppeln. Er verabscheute es, sich selbst rasieren zu müssen. Es endete stets damit, daß er sich schnitt. Auf Tornor hatte Josen ihm das Rasieren abgenom- men. »Ich könnte dir dabei helfen«, erbot sich Elli. »Oder du könntest dir einen Bart wachsen lassen. Der steht dir vielleicht ganz gut!« Wieder fuhr sich Kerris über das Gesicht. Er sah sich eigentlich nicht mit Bart. Bärte, das war etwas für alte Männer. »Doch, be- stimmt!« beharrte sie. Sie grinste ihn an. In der Nacht war er zu ihr hinübergerollt, und sie waren erwacht: sein Rücken an ihren Brüsten und ihr Arm beschüt- zend (und ziemlich unbequem) über seinen Kopf ge- legt. Und heute kamen also die Asech. Kerris würgte Zorn und Besorgnis hinunter. Er rief sich den Ge- stank von Pech und Pferdeschweiß ins Gedächtnis, das Klirren des Zaumzeugs, den Schimmer von Rini- ards Haar, das im Staub schleifte ... Aber es war nicht gut, sich Sorgen zu machen. Bald genug würden sie von Riniards Geschicken erfahren. Ilene trat ein. Sie gab Jensie einen leichten, zärtli- chen Kuß und klopfte Sefer auf die Schulter. »Ich bin heiser vom Reden, und meine Beine tun weh vom Rauf- und Runterklettern im Schmutz – aber es herrscht Ruhe in der Siedlung, alles schläft sanft wie ein satter Säugling. Ich hoffe, ihr habt mehr Schlaf ge-, funden als ich.« Arillard sagte: »Was hat der Rat beschlossen? Wie sollen wir uns heute verhalten? Sefer? Keiner wird zum Waffenhof kommen.« »Ihr habt die Wahl«, sagte Sefer. »Ihr könnt nichts tun, oder ihr könnt zu Eriths Truppe auf dem Kamm stoßen, oder ihr könnt im Dorf bleiben und Cleos Truppe bei der Wache helfen.« Elli sagte: »Ich werde heute backen. Und Cal geht beim Schlachter eine Lammkeule holen, damit wir heute abend einen Eintopf zum Essen bekommen.« Sowohl Arillard wie Ilene blickten zu Kel hinüber. Der schüttelte den Kopf. »Ich werde bei den Lehrmei- stern bleiben.« »Warum?« fragte Ilene. Cal wischte sich über das Gesicht und schob sein Messer in die Scheide. Er kam vom Waschbecken an den Tisch geschlendert. »Na, wie sehe ich aus?« Elli schnaubte ordinär durch die Nase. »Umwer- fend!« Ilene trat zu Kel und faßte ihn an der Hemdbrust. »Warum?« fragte sie erneut. Er legte seine Finger über die ihren. »Wegen Rini- ard«, sagte er. »Es ist mein Recht. Und ich bin ein Musterwirker.« Ilene hob die Brauen. »Das gefällt mir nicht. Ich mag es nicht, wenn du uns allein läßt.« Jemand pochte an die Vordertür. »Komm herein!« rief Terézia. Man hörte die Tür gehen und ein seltsa- mes schlurfendes Geräusch. Ilene löste ihre Hand aus Kels Griff und ging in den Vorraum. Die Stimme ei- nes fremden Mannes sagte rauh: »Verdammt noch mal! Rein mit dir jetzt!«, Der Mann kam durch den Türbogen. Kerris kannte ihn nicht; er war dunkel und wuchtig und hatte dichtes graues Kraushaar und dunkle Augen. Mit ei- ner stumpffingerigen Hand umklammerte er fest je- mandes Arm. Er ruckte an dem Arm, und die dazu- gehörige Person fiel beinahe ins Zimmer herein. Es war der Junge. Perin. Er wirkte furchtsam. »Guten Morgen«, sagte der Mann. »Einen guten Morgen dir, Moro«, entgegnete Sefer. Kerris bemerkte die Ähnlichkeit zwischen dem Mann und dem Jungen. »Mein Idiot von einem Sohn hier ...« – Moro schüttelte den Arm des Jungen – »hat euch etwas zu berichten.« Unter der Bräune war Pe- rin blaß. Seine Augen zuckten unruhig hin und her, er ließ den Blick nicht von den Chearis. »Also, du gewaltiger Spurenleser, rede!« Perin starrte auf die Bodenmatten. Moro gab seinen Arm frei. Auf der bloßen Haut hatten die Finger rote Druckstellen hinterlassen. Perin schwieg. Moro stemmte die Fäuste in die breiten gurtumschlungenen Hüften. »Darum muß ich eure Ruhe stören«, sagte er. »Gut, also dann rede ich jetzt.« Und er begann: »Vor zwei Nächten hat dieser mein Sohn bei den Stallungen Himmelkraut geraucht, und dieser rothaarige cheari ist vorbeigekommen.« Jensies Kopf zuckte in die Höhe. »Sie haben sich die Pfeife geteilt. Und das Ergebnis war, daß sie beschlossen haben, sich an Cleos Posten vorbeizuschleichen und so nahe wie möglich an das Lager der Asech heran- zukriechen.« Moros Stimme verlor den Ton mahnen- der Verärgerung. Sie klang nun nur noch irgendwie beunruhigt. Er befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen., »Und das haben sie getan. Perin hat die Nerven verloren und ist zurückgelaufen. Aber euer Freund schlich weiter.« Der Seiler trat einen Schritt auf seinen zitternden Sohn zu. »Ich hab' mir gedacht, daß du das wissen solltest, Kel. Es ... es tut mir leid. Ich weiß nicht, wer da wen angestachelt hat.« Jensie atmete zischelnd ein. Ilene packte sie bei den Schultern, ehe sie eine Bewegung machen konnte, und zog sie zurück. Keiner sonst sagte ein Wort. Arillard hustete. Kel schaute den Jungen an. »Wie alt bist du?« fragte er. »S-s-sechzehn, skayin«, brachte Perin hervor. »Alt genug, um dich an den Überfall vor zehn Jah- ren zu erinnern«, sagte Kel. Ilene sagte: »Aber nicht alt genug, um Furcht vor ihnen zu haben.« »Du hast keinen aus deiner Familie bei diesen Überfällen damals verloren«, sagte Kel fragend zu Moro. »Dem chea sei Dank, nein«, antwortete der wuchti- ge Kerl. Kel seufzte. Er streckte die Hände einen Augen- blick lang in die Luft und ließ sie dann sinken. »Was soll ich dazu sagen, Moro? Nimm ihn mit nach Hause und verabreiche ihm eine Tracht Prügel, genau wie ich es bestimmt mit unserm Rotkopf tun werde, so- bald er wieder bei uns ist.« »Nur wenn ich ihn nicht zuerst erwische«, sagte Ilene, die neben der sitzenden Jensie kniete. Erleichte- rung flog über Moros Züge. Und er zögerte nicht lan- ge und zerrte seinen Sprößling aus dem Haus. Die Tür war noch nicht ganz zugefallen, da konnten sie bereits seine lauter werdende Stimme und das Klat-, schen von Ohrfeigen hören. Sefer sagte ruhig: »Das hast du gut gesagt, nika!« Kel antwortete: »Sollte ich etwa dem Jungen die Schuld an Riniards Dummheit geben?« Er ging zu Jensie hinüber und kniete bei ihr nieder. Sie starrte auf ihre Hände, als wären dort Worte eingegraben. »Wir kriegen ihn zurück, Jen!« Sie nickte ihren Fin- gern zu. Kerris beugte sich vor und nahm einen Streifen Räucherfisch. Als er sich wieder aufrichtete, ertönte in seinem Kopf eine Stimme: Habt acht! Habt acht! Der Fisch fiel ihm aus der Hand, doch Elli erwischte ihn, ehe er den Boden berührte. »Was ist los?« fragte Ilene. »Die Asech sind los«, sagte Sefer. Sie begaben sich auf den Dorfplatz. Dort hatte sich bereits eine Menschenmenge ver- sammelt: vielleicht alles in allem zweihundert Men- schen. Lara stand in ihrem goldenen Kleid da, und Tamaris und Dorin. Die Menge machte eine Gasse frei für Kel und Sefer. Der chearas, und Kerris mitten in ihm, folgte ihnen nach. Die Leute von Elath schauten zu, wie der kleine Trupp der Asech vorsichtig den Südhang herabgerit- ten kam. Ab und zu war ein Murmeln, war ein Fluch zu hören. Die Dorfbewohner waren waffenlos – je- denfalls jene, die Kerris sehen konnte –, aber die Tü- ren der Häuser und der Werkstätten standen weit of- fen, und aus dem Dunkel der Räume längs der Hauptstraße schauten Gesichter mit finsteren, wach- samen Augen. Die Sonne blitzte auf dem Heft eines Messers. Hinter einem Baumstamm stand ein Schat-, ten, der einen ungespannten Bogen hielt. Kerris empfand einen Augenblick lang Mitleid mit den Asech. Es waren nicht sehr viele, die da heran- kamen. Er sah Thera an der Spitze reiten, und einen Mann, dessen Gesicht ihm undeutlich bekannt er- schien. In seinen Ohren blitzten blaue Steine. Kerris überlegte sich, wie die Asech sich fühlen mochten, während sie da so in einen Ort hineinritten, in dem jede Hand danach verlangte, sie zu vernichten. Sie trugen schwarzbraune Mäntel, die Kapuzen zu- rückgeschlagen, und weiche, fransenbesetzte hoch- schäftige Lederstiefel. Einer der Reiter, eine Frau, war uralt. Alle anderen Reiter, außer ihr und Thera, wa- ren Männer. Die Haare waren schwarz und glatt, die Haut bronzefarben. Unter den Umhängen trugen sie lose Hemden und Hosen, die mit Perlen in vielerlei Farben bestickt waren. Auf den Wangen der Männer waren Narben von Messerschnitten zu sehen, und in den Ohren trugen sie Edelsteine in Löchern, die in die Ohrläppchen gestochen waren. Thera allerdings trug goldene Ringe an den Ohren. Auch die Ledergürtel waren mit Perlen besetzt. Sie waren doppelt bewaff- net: mit Dolchen und mit kurzen Krummschwertern in Seitengehängen. Das feindselige Gemurmel in der Menge wuchs an. Lara hob eine Hand und gebot ihm Einhalt. Die Asech kamen im Schritt die Straße herabgeritten. Die Pferde waren temperamentvoll und feinknochig, und die Reiter saßen wie festgeklebt im Sattel. Das Ge- schirr war mit vielfarbigen Perlen verziert. Die Blicke der Reiter zuckten argwöhnisch von Haus zu Werk- statt zu Haus. Neben der Pracht ihrer Reittiere wirk- ten die Reiter direkt ausgemergelt und hager., Es sind nicht so viele wie in der ersten Nacht, dachte Kerris. Er fragte sich, wo die anderen geblie- ben sein mochten. Der Trupp hielt vor Lara. Thera begann zu sprechen, und ihre Stimme klang genauso arrogant wie beim erstenmal. Kerris' Mitgefühl mit den Reitern verflog. »Wir sind gekommen. Nun lehrt uns!« Lara blickte ruhig in das stolze, wilde Gesicht. »Zuerst müssen wir wissen, wie es unserem Bruder geht.« »Er lebt.« »Wir würden ihn gern sehen!« »Nein!« »Wie sollen wir dann glauben, daß er lebt?« »Die Reiter der Wüste lügen nicht!« sagte Thera. Der Mann, der die blauen Steine im Ohr trug, trieb sein Pferd heran, um mit ihr zu sprechen, und seine Stimme hob sich fragend. Ihre Hände fuhren durch die Luft, während sie antwortete. Kerris erinnerte sich, wer der Mann war. Er hatte die Zügel des Pfer- des gehalten, auf dem Riniard festgebunden war. Sei- ne Wangen waren, wie die Theras, frei von Narben. Seine schwarzen Augen streiften mit deutlich sichtba- rer Feindschaft über die Dorfbewohner. Sein Name schien Barat zu sein. Thera sprach eine Weile mit ihm und wandte sich dann wieder Lara zu. »Heute werdet ihr uns lehren – jene, die hier sind. Morgen werden mehr kommen. Sie werden euch eine Botschaft von eurem Bruder bringen, mit Worten, die nur er euch sagen kann. Wenn alle unsere Leute ge- lernt haben und in unser Lager zurückgekehrt sind, werden wir euren Bruder unversehrt gehen lassen. Ich schwöre es im Namen meines Volkes, Li Omani!«, Sie legte die Hand auf die Federn in der Mähne ihres Pferdes. Lara beriet sich mit Tamaris. Schließlich sagte sie: »Wir nehmen euren Eid an. Wenn ihr Falschheit im Sinn habt, werden wir es wissen. Seele zu Seele kann nicht lügen.« Barat zischte Thera eine Frage zu. Sie antwortete. Kerris fragte sich, ob er der Häuptling der Reiter sei, und ob er ihr befahl, was sie tun solle. Die Pferde stampften. Sie waren unbeschlagen. Kerris blickte die Straße hinab. Er sah überall nur Menschen. Er sah so- gar eine kleine Gestalt – ein Kind, vermutete er – auf dem Dach über dem Dorfbrunnen reiten. Lara wartete, bis die Reiter ihre Unterredung been- det hatten. Dann sprach sie: »Es gibt etwas, das ihr wissen müßt! Nur einige unter uns sind Lehrer. Und es ist anstrengend, auch nur einen einzigen Menschen zu lehren. Dabei erschöpfen sich Lehrer und Schüler. Darum können wir euch nicht alle an einem Tag un- terrichten.« Wieder verlangte Barat eine Übersetzung. Thera lieferte sie ihm. Seine finstere Miene wurde noch dü- sterer; abrupt schüttelte er den Kopf. »Shai«, wieder- holte er mehrmals. Kerris überlegte, ob es das Wort der Asech für »nein« sei. »Shai!« Die alte Frau ergriff das Wort. Ihre Stimme klang brüchig und metallen, doch Barat verstummte sofort. Als die Greisin zu Ende geredet hatte, begann er so- fort hastig zu sprechen. Ein weiterer Mann sagte et- was hinter ihm. Die Pferde peitschten mit den Schweifen. Kerris verlagerte sein Gewicht von einem Bein zum andern. Sein Armstumpf juckte. Er kratzte daran. Es ödete ihn an, einer Auseinandersetzung, zuhören zu müssen, von der er kein Wort verstand. Barat stieß mit dem Finger auf den zweiten Mann zu, dann auf einen dritten und einen vierten. Sie stie- gen aus dem Sattel. Ebenso Thera. Sie war nicht grö- ßer als Elli. Barat stellte sich neben sie. Er war nicht viel breiter als sie. Eine grelle Stimme sagte etwas. Ei- ner der Männer auf der Erde eilte zu der alten Frau und half ihr behutsam aus dem Sattel. Thera betäschelte ihr Pferd an den Nüstern. Wider- strebend blickte sie zu Lara hin. »Werdet ihr sechs von uns lehren?« »Ja«, sagte Lara. »Das können wir tun.« »Wenn wir heute bei Einbruch der Nacht nicht in unser Lager zurückgekehrt sind, wird die Geisel ster- ben – auf eine so langsame und schmerzhafte Weise, wie wir sie nur ausdenken können.« In der Menge erhob sich zorniges Gemurmel. Ker- ris hörte, wie die Luft durch Ellis Zähne zischte. Arillard und Ilene hielten Jensie zwischen sich fest. Kerris konnte ihr Gesicht nicht sehen. Kels Gesicht wirkte leidenschaftslos und unbeweglich wie aus Stein. Die Asech rückten enger zusammen. Barats Hand lag am Griff seines Schwerts, das er halb aus der Scheide gezogen hatte. »Seid still!« befahl eine Stimme. »Bewahrt die Ruhe!« Besänftigendes Flü- stern lief durch die Reihen der versammelten Dorf- bewohner. Thera sprach mit Barat. Der Wüstenreiter bellte ei- nen Befehl. Wie ein Mann machten die restlichen Reiter kehrt und rasten im Galopp in Richtung auf den Hügelkamm davon, wendig und rasch wie Fal- ken auf der Jagd. Sie riefen nichts, verschwanden stumm. Die reiterlosen Pferde setzten an, ihnen zu, folgen. Ihre Reiter zügelten sie. »Kehrt in eure Häuser zurück!« sagten die ruhigen Stimmen. »Geht heim! Geht heim!« Eine der Stimmen war die Ilenes, eine andere die von Ardith. Die Men- ge wich von den sechs Asech zurück. Während sie zurücktraten, verflocht Elli ihre Finger in die von Kerris. Kel und Sefer hatten die Köpfe zusammenge- steckt und redeten miteinander. Sefers Haar fiel ihm über das Gesicht. Plötzlich blickte er auf und sah Ker- ris an. Er winkte ihn heran. »Er winkt dir«, sagte Elli. »Geh hin!« Sie stieß ihn sanft vorwärts, indem sie ihn leicht ins Kreuz schub- ste. Er trat zu Sefer. Sein Lehrer sagte zu Kel: »Nika, er soll selbst seine Wahl treffen!« Kels Lippen waren zu- sammengepreßt. Sefer wendete sich Kerris zu. »Ich habe eine Bitte an dich zu stellen, Kerris. Ich möchte dich bei uns haben, damit wir eine Gruppe von sechs bilden können. Sie sind zu sechst, darum sollten es auch sechs von uns sein. Du brauchst gar nichts zu tun.« Kerris' Herz machte einen Satz. »Warum ich?« Hinter Sefers Rücken starrte Barat ihn an. Die Luft war voll von einem fremdartigen bitteren Geruch: Die Ausdünstung der Asech. »Weil du ein Schreibkundiger bist und es später niederschreiben kannst«, sagte Kel mit gepreßter Stimme. »Das kommt davon, wenn einer eine Ge- lehrte zur Schwester hat.« Kerris fragte: »Du willst also nicht, daß ich es tue?« Kel zuckte die Achseln. »Das geht mich nichts an!« »Ich will aber wissen, was du davon hältst«, bohrte Kerris weiter., »Chelito, du mußt tun, was du selbst willst!« Barat schaute finster drein. Er knurrte Thera etwas zu. »Sie werden ungeduldig«, sagte Sefer. »Kerris, wenn du dich davor fürchtest, in die Gedanken der Asech hineingezogen zu werden – das brauchst du nicht! Ihre Barrieren sind wie aus Eisen.« Sefers Stimme schmeichelte überredend. »Willst du nicht mit uns gehn?« Inzwischen blickten alle sechs Asech zu ihm her. Sie erinnerten Kerris an Tiere, an Wölfe oder Greifvö- gel, Tiere, die jagen. »Ja«, sagte er schließlich. Die morgendliche Sonne begann die Straße aufzuheizen. Seine Füße in den engen Stiefeln schwitzten. Er warf Kel verstohlen einen Blick zu. Das Gesicht seines Bruders war steinern. Kel hatte gesehen, wie der Kopf Kerris' sich ihm zugewandt hatte. Sein ver- kniffener Mund löste sich zu einem halben Lächeln, er streckte den Arm aus und zog Kerris an sich. Sefer nickte leicht. Sie gingen zu den Asech hinüber. Barat starrte Kerris ungeniert an. Dieser tat, als sehe er es nicht. Er ließ sein Gesicht versteinern wie das Kels und schob trotzig das Kinn vor. Barat zischte Thera an. Sie sprach zu Lara: »Wer ist dieser Krüppel?« Kerris' Gesicht übergoß sich blutrot. Kels Finger schlossen sich fester um seinen Oberarm. Lara sagte: »Er ist einer von uns, das genügt. Wir haben euch auch nicht gefragt, wer oder was jeder von euch ist.« Thera übersetzte. Barat runzelte die Stirn. Doch die Greisin an seiner Seite gluckste leise und wackelte mit dem Kopf auf und nieder. Sie klopfte Barat auf den, Arm. Widerwillig, so schien es jedenfalls, hörte er auf, die Stirn zu runzeln. Die drei Männer, die er aus- gewählt hatte, stellten sich hinter ihm auf, fächerför- mig wie das breite Ende eines Keils, kampfbereit. Lara sagte: »Wollt ihr uns nicht die Pferde überlas- sen?« Wieder übersetzte Thera dies für die anderen. Sie besprachen sich. »Shai!« sagte Barat und fuhr mit den Händen durch die Luft. Thera erläuterte: »Unsere Pferde sind ein Teil von uns.« Für Kerris ergab dies keinen Sinn. Glaubten die Asech etwa, daß sie Pferde wären? Sefer sagte: »Wir schwören beim chea, daß wir ih- nen kein Leid antun werden. Dieser Eid ist uns hei- lig!« Wieder besprachen sich die Asech untereinander. Dann sagte Thera: »Sie sollen hierbleiben und nicht bewegt werden. Aber es würde als Freundlichkeit empfunden, wenn ihr sie an die Tränke ließet.« »Das werden wir.« Thera legte ihrem Tier die Hand auf den Nacken. Sie streichelte das Pferd und flüsterte ihm etwas zu; sie neigte ihm das Gesicht zu, bis sie Nase an Nase standen. Das Tier nahm ihr Kinn mit den Lippen auf, die Ohren stellten sich intelligent nach vorn, sie ließ den Zügel in den Staub sinken, und sofort senkte das Tier den Kopf. »Sie sind einverstanden«, sagte Thera. Lara sprach: »Wir werden nun in den Tanjo gehen. Das ist unsere Schule.« Barat, Thera und die Uralte gingen neben ihr, Tamaris und Dorin dahinter, und hinter diesen kamen die übrigen Asech. Kerris blickte zurück. Lalli und Sosha kamen vom Brunnen, beide, trugen Eimer. Aus den Schatten war Tek aufgetaucht. Er streichelte eines der Pferde, befingerte den perlen- geschmückten Zügel. Kel, Sefer und Kerris bildeten die Nachhut. Sie gin- gen langsam, richteten sich nach den Schritten der alten Frau. Ihr Haar lag in grauweißen Strähnen wie Eulenfedern um ihren Kopf. Als einzige unter den Asech trug sie kein Schwert, doch Kerris sah die Krümmung eines Dolches an ihrem Gürtel. Die Füße unter dem perlenbesetzten Saum ihrer Hosen waren breit, flach und bloß. Der Zypressenhain war den Asech nicht geheuer. Sie zogen hastig hindurch, schauten immer wieder hinauf in die hohen schwarzen Bäume und umher und zurück. Doch als sie den Garten um den Tanjo erreichten, lächelten sie. Die leuchtenden Farbtupfer vor dem saftigen Grün des Grases schienen sie zu entzücken. Thera sagte: »Es sieht aus wie die Wüste nach dem Regen.« Ihre Stimme hatte etwas von der früheren Arroganz verloren. Sie legte die Hände behutsam um die glühenden Blütenblätter einer Blume. Barat ti- gerte um das Rund des Steinkreises herum. Er schien sich unbehaglich zu fühlen. Er sprach zu einem der Männer, einem, der rote Steine in den Ohrläppchen trug, und wies ruckartig mit dem Kopf zu dem wei- ßen Bildnis des Wächters hinüber. Der andere Mann fragte Thera etwas. Die Reiterin runzelte die Stirn und blickte ebenfalls zu dem wei- ßen Bildnis hinüber. »Ist dies ... was ist das?« fragte sie. Lara erklärte: »Das ist ein Ding, das wir geschaffen haben, um uns an das chea zu gemahnen.«, »Chea? Ich kenne dieses Wort nicht.« »Es ist ein Wort aus der alten Sprache, die unser Volk einst gesprochen hat. Es bedeutet Harmonie, Ausgewogenheit, Mitte.« Der Mann mit den roten Steinen in den Ohrläpp- chen begann zu sprechen: »Chea – wie cheari ...« Er biß sich auf die Lippen und fuhr in der Sprache der Wüstenbewohner zu Thera gewandt fort. Seine Hän- de gestikulierten, als könne er nicht ohne sie spre- chen. Sie gab zustimmende Laute von sich. Die alte Frau sagte etwas, ihre Stimme schwankte im Ton wie ein archaisches Musikinstrument. Sie deutete – mit dem Kinn, nicht mit den Fingern – auf den Wächter. Zu Kerris' größtem Erstaunen kehrten die Reiter dem Bildnis die Front zu, hoben die zusammengelegten Hände an die Stirn und verneigten sich. Die Greisin warf ihren Mantel zurück und kauerte sich im Gras nieder. Sie sprach zu Thera, die ihre Worte übersetz- te. »Wir werden hier bleiben.« Lara, Sefer, Dorin und Tamaris blickten einander an. Thera bemerkte die stumme Verständigung und sagte: »Wir mögen Häuser nicht, die nicht beweglich sind.« Ihre Hände zeichneten eine Umzäunung. Dann saß man sich in zwei Halbkreisen gegenüber, die Asech in dem einen, die Hexer von Elath in dem anderen. Lara zählte ihre Namen auf: »Lara, Sefer, Kel, Kerris, Tamaris, Dorin.« Die bloße Namensnennung schien die Reiter zu verwirren. Barat sprach mit Thera, dann nannte jeder der Asech einen Namen. »Thera.« »Barat.« »Jacob.« Jacob war größer als die übrigen, und er war schlank und graziös., »Nerim.« Nerim war dunkelhäutig, seine Augen pechschwarz. Die Narben auf seinen Wangen waren wulstig und purpurbraun; sie verliefen von den äu- ßeren Augenwinkeln schräg zum Kinn. »Khalad.« Die Steine in seinen Ohrläppchen waren amethystfarben. Ein weicher gekräuselter Bart um- rahmte seine Lippen. »Mirian.« Sefer neigte sich vor und sprach zu Thera: »Bist du die einzige deines Volkes, die unsere Zunge spricht?« Nerim sagte: »Ich spreche bißchen.« Er hob die rechte Hand, Daumen und Zeigefinger dicht zusam- menhaltend. Er war der Mann, der die Botschaft zu Eriths Trupp gebracht hatte. Tamaris sagte: »Wir sollten wohl etwas Wein trin- ken.« Thera übersetzte. Khalads Gesicht begann zu strahlen. Mirian kicherte. Sie mimte eine Trinkbewe- gung mit den hohlen Händen. Wenn das Alter Laras fahles Gesicht weicher geschliffen hatte, so war das Mirians ausgemergelt und verwittert. Ihre Haut lag straff und papieren über den scharfen Knochen. »Ja«, sagte Sefer. »Bring den Wein, Tam!« Tamaris schloß die Augen. Irgendwo öffnete sich eine Tür und schloß sich wieder. Helligkeit schim- merte in der Luft. Es war ein hoher kupferner Krug, und er kam ruhig gleitend durch den Garten, als trü- gen ihn unsichtbare Hände dahin. In seinem Kielwas- ser kamen zwölf kupferne Becher gehüpft. Die Asech starrten mit weit aufgerissenen Augen. Der Krug lan- dete in Tamaris' Händen, die Becher setzten neben Se- fer auf. Sie wackelten und fielen um. Sefer sammelte sie auf. Tamaris goß den weißen Wein in einen der, Becher und reichte ihn Thera, die in den Becher spähte und ihn dann Barat weitergab, der ihn Jacob reichte. Schließlich landete das Gefäß bei Mirian. Sie wartete, daß Tamaris aus ihrem eigenen Becher trin- ke. Erst dann nippte sie an dem ihren, lächelte und sagte: »Wa'hai!« Thera sagte: »Das heißt ›gut‹.« Dann tranken alle Asech Wein, außer Barat, der mit über der Brust gekreuzten Armen dasaß. Kerris nahm einen Schluck. Der Wein war herb und trocken wie die Lagen aus dem Norden. Barat sprach dann durch Thera. »Zeig mir, wie du das machst!« Er wies mit dem Kinn auf den Wein- krug. Sefer sagte: »Ich bin nicht sicher, ob wir das tun können. Nicht jeder besitzt diese besondere Gabe.« Als Thera übersetzt hatte, zog Barat finster die Brauen zusammen. Er knurrte einen kurzen Satz her- vor. Thera übersetzte: »Barat will, daß ich euch daran erinnere, daß das Leben eures Bruders davon ab- hängt, wie ihr uns lehrt.« Mit gezügelter Stimme antwortete Sefer: »Das wis- sen wir. Aber wir können die Wahrheit nicht ändern. Ich beispielsweise kann so etwas nicht tun.« Er deu- tete auf den Weinkrug. »Einzig Tamaris unter uns sechs kann das.« »Dann muß sie lehren«, sagte Thera. »Sie kann es lehren, wenn ihr über die Begabung dazu verfügt. Wenn nicht, kann sie es nicht lehren.« Thera wiederholte die Worte in der Asechsprache. Es folgte eine kurze Auseinandersetzung, ein Wirbel von Worten, den Mirian beendete, indem sie ein paar, schrille Sätze in das Stimmengewirr warf. Kerris wünschte sich, daß er verstehen könnte, was sie zueinander sagten. Er würde raten müssen, oder noch wahrscheinlicher, er würde leere Stellen offen- lassen müssen, wenn er sich daran machte, all das auf ein Blatt niederzuschreiben. Er vermochte sich recht gut vorzustellen, was Josen über derart unvollkom- mene Protokolle sagen würde. Er fragte sich, ob wohl die Asech ebenfalls Dinge schriftlich niederlegten, und wenn ja, wie ihre Schrift aussehen mochte. Die Sonne glitzerte auf den gelben Perlen an ihrer Kleidung. Der Geruch, den sie aus- strömten, war in dieser Nähe recht stark. Mit Aus- nahme der barfüßigen Mirian trugen sie alle Sandalen mit dünnen Sohlen, die aus Seilstricken gefertigt zu sein schienen. Er überlegte sich, wie sie auf den glat- ten Felsen oben am Hügelrand zurechtgekommen waren, und ob sie ihre Zelte mitgebracht hatten. Nerim sprach nun. »Ich kann das tun.« »Zeig es uns!« bat Lara. Nerim leckte sich die Lippen. Er starrte auf die Kumme in seiner Hand. Der Becher zitterte und stieg dann geradewegs in die Höhe. Er ließ ihn in Augen- höhe schweben, bis man bis zehn gezählt haben könnte. Jacobs schlanke Hand griff zu und packte den Becher, ehe er das Gras berührte. Khalad hieb Nerim auf die Schulter. Das dunkle Gesicht strahlte. »Ja«, sagte Tamaris. »Du hast die Gabe. Wir nennen es Gedankenheben.« Während Tamaris klar und deutlich redete, übersetzte Thera gleichzeitig und flü- sternd. »Man kann mit dem Willen einen Stein schleudern oder Feuer oder Wasser halten.« »Zeig es ihnen!« sagte Sefer., Tamaris streckte die hohlen Handflächen aus. Die Luft über ihren Fingern begann zu zittern, zu leuch- ten und in Flammen aufzuzüngeln. Sie machte eine werfende Bewegung. Das Feuer schwebte als Ball nach oben und zerbarst in einem Funkenregen. Jacob gab einen Laut tief in der Kehle von sich. Ba- rat holte heftig Luft. Nerim sagte: »Ich Becher kann werfen. Stein kann werfen. Kann nicht anderes.« Er imitierte das Heben eines schweren Gegenstandes. »Man braucht Übung dazu«, sagte Tamaris. »Auch für das Feuer braucht man Übung. Ich baue mit mei- nen Gedanken zwischen den Flammen und meinen Händen einen Schutzschild auf. Es ist schwierig. Ver- such es also nicht!« »Es müdet ... ich ... macht müde«, sagte Nerim. Er zog angestrengt die Brauen zusammen und redete auf Thera ein. Jacob an seiner Seite spielte mit dem Weinbecher. Thera sagte: »Nerim möchte wissen, warum er müde wird, wenn er seine Kraft anwendet.« »Weil er«, erklärte Tamaris, »mit sich selbst kämpft. Er setzt seine Fähigkeit durch eine Wand hindurch ein.« Wieder redeten die Asech untereinander. Inzwi- schen empfand Kerris ihren Körpergeruch nicht mehr als so unangenehm. Barats Stimme war weicher ge- worden. Auf seine wilde, düstere Art war Barat sogar ein schöner Mann. Kerris überlegte sich, wieso er kei- ne Narben besaß. Er verlagerte die Beine und stieß Dorins Becher um. Wein tropfte ins Gras. »Verzeih!« »Nicht schlimm«, sagte Dorin und stellte den Be- cher wieder auf. Der Wein hinterließ eine fahle Spur auf dem Tuch seines Hemdes., Er trug kein Messer. Auch Tamaris hatte keins, und Lara und Sefer ebenfalls nicht. Sefer allerdings brauchte gar keines – er konnte den Schlag im Kopf eines Mannes anhalten, bevor der Gedanke die Finger erreicht hatte. Und Tamaris brauchte ebenfalls kein Messer. Kerris dachte bei sich: Wenn ich meine Fä- higkeit so wie Sefer einsetzen könnte ... Dann sprach Thera, und er hörte ihr zu. »Lehrt mich!« sagte sie. »Was kannst du tun?« fragte Sefer. Sie zögerte. Die langen schwieligen Finger knoteten sich ineinander. »Ich kann Tiere beherrschen. Ich kann große Not spüren. Als ich klein war, konnte ich die Gedanken von Menschen in meiner Nähe fühlen. Das kann ich jetzt nicht mehr.« Sefer sagte: »Du hast die gleiche Gabe wie ich. In- nere Sprache, die Fähigkeit von einem Denken zum anderen zu sprechen.« Sie hieb mit der Hand auf das Gras. »Ich kann es nicht mehr tun. Ich habe es versucht.« »Das kommt daher, daß du zwischen dir und den Gedanken anderer eine Mauer aufbaust.« Ein roter Vogel flog über den Garten. Sämtliche Asech hoben den Kopf und schauten ihm nach. Miri- ans Gesicht wandte sich ihm zu wie eine Blüte der Sonne. Sie hob die Hand und rief etwas, das melo- disch klang wie der Gesang eines Vogels. Der rote Vogel kreiste, ging in Schrägflug und landete auf ih- rem gelblichen Handgelenk. Sie hielt ihn dort ruhig, und der Schlag seines Herzens ließ den winzigen Körper erbeben. Dann ließ sie den Vogel fliegen. Er schoß gerade in die Höhe und dann ins Dickicht der Bäume. Nerim gluckste und sagte etwas mit ge-, dämpfter Stimme. Die alte Frau sagte ebenfalls etwas. Thera übersetzte: »Mirian will wissen, was das für ei- ne Mauer ist, von der du sprichst.« »Denksprecher bauen in ihrem Gehirn eine Mauer auf, um sich vor den Gedanken anderer Menschen zu schützen. Meistens haben Hexer, die andere Gaben besitzen ...« – Sefer deutete auf Tamaris –, »diese Mauer nicht nötig. Aber ich brauche sie.« Er schaute zu Thera und dann zu Mirian. »Du auch. Es ist diese Wand, die dich in Sicherheit sein läßt. Deine Schutz- wände sind sogar sehr stark, die Menschen sehen dich gar nicht, wenn du nicht willst, daß sie dich se- hen.« Thera nickte. »Aber du ...« – Sefer schaute Ne- rim an – »verfügst ebenfalls über eine Mauer. Deine Gabe liegt hinter ihr eingeschlossen. Solange du die Wand aufrecht erhältst, jeder von euch die seine, könnt ihr nicht frei eure Begabung einsetzen, wie ihr es tun solltet.« Thera übersetzte. Mirians gekerbtes Gesicht wurde streng. Thera sagte: »Mirian wünscht zu wissen, wie wir uns schützen sollen, wenn wir unsere Schutz- mauern niederbrechen? Sie jagen und hetzen uns zu Tode wie Ratten in der Wüste, wenn sie uns entdek- ken.« »Wer hetzt euch zu Tode?« fragte Lara. »Doch nicht die Leute von Arun!« Mirian schüttelte den Kopf, als ihr dies übersetzt wurde. Sie redete. »Nein«, sagte Thera, die Augen fest auf das Gesicht der alten Frau gerichtet. »Es sind unsere eigenen Leute!« Mirian sprach weiter. Theras Stimme nahm den auf- und absteigenden Klang eines rituellen Sing- sangs an. »Ich war zehn, als mein Vater sich das Bein, an drei Stellen brach. Er war auf der Jagd, und er war zwei Längen vom Lager entfernt. Ich spürte seine Schmerzen über die Salzlöcher hinweg. Ich sprach zu meiner Mutter davon, und sie ritt mit einer Bahre und einem Maultier hinaus und schleppte ihn heim. Sie ließen mich schwören, daß ich zu keinem von mei- nem Wissen sprechen würde, aber ihr wißt ja, wie Kinder sind. Wenn ich etwas schaute, sprach ich zu den anderen Kindern davon. Sie bekamen Angst vor mir. Und schließlich vernahmen die Ältesten davon. Auch sie fürchteten mich und nannten mich yamal, Dämon. Sie beschlossen, daß ich hinaus in die Dünen getrieben werden sollte, um dort zu sterben.« Sie hielt inne. »Aaaah!« stöhnten die Asechstim- men. Mirian schwankte vor und zurück, während sie weitersprach. »Meine Eltern – mögen sie in ewigem Frieden ruhen! – versteckten mich in einer Höhle in der Nähe des Lagers. Ein ganzes Jahr hindurch brachten sie mir heimlich Nahrung und Wasser. In einer Nacht wurden sie dabei gesehen. Sie verurteil- ten sie zum Tode – sie gruben sie bis zum Hals in den Sand ein und ließen sie zurück.« Die uralte Stimme brach. Tamaris füllte Wein in einen Becher und drückte ihn in die verwitterten Hände. Mirian trank. Dann sprach sie weiter. »Ich habe es gefühlt. Und ich konnte ihnen nicht helfen. Die Leute aus den Dörfern jagten mich, aber ich war vierzehn und kannte Verstecke, von denen die Jäger nichts wußten. Ich aß Schlangen und Ratten und lebte. Ich stahl das Wasser aus den Schläuchen auf den Weiden. Zwei Händler faßten mich. Sie wußten nicht, wer oder was ich war. Sie nahmen mich mit Gewalt, ob-, wohl ich noch ein Kind war, und sie betranken sich und stritten sich, was sie mit mir tun würden, und dabei fielen sie in Schlaf. Ich wälzte mich ans Feuer und brannte meine Fesseln fort.« Sie ließ die weiten Ärmel ihres Gewandes zurückfallen. Die Innenseite der beiden steckendürren Arme waren mit dünnen Narben übersät. »Ich nahm ihre Wasserschläuche und ihre zwei kräftigsten Pferde und ritt nach Osten. In der Mitte des großen Sandes stieß ich auf ein Lager und auf Menschen, die dort hausten. Die meisten von ihnen sind nun schon lange tot. Aber sie erkannten mich – und ich sie. Es waren Hexenleute, wie ich. Mit Schmach bedeckt, verlassen, aus ihrem Stamm ausge- stoßen ...« Die alte Frau zog sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf und begann zu wehklagen. Das schrille Heulen bewirkte, daß sich Kerris die Haare im Nacken sträubten und sein Rückgrat prik- kelte. Sanft fragte Lara: »Also seid ihr Ausgestoßene?« Theras Stimme wurde schwer. »Sie brandmarken uns jetzt mit einem glühenden Messer, bevor sie uns in die Wüste treiben, so daß wir uns keiner Karawane anschließen können und uns nicht in das Lager eines anderen Stammes begeben können. Wer kräftig ist, wandert umher, bis er zu uns stößt. Wir leben in ei- nem Teil der Wüste, in den nie jemand kommt, nicht einmal die Jäger. Aber wenn die Jäger kommen ...« – ihre Augen brannten, ihre Hände vollführten eine ra- sche tödliche Geste –, »dann bringen wir sie um. Wer wie wir ist, den behalten wir.« Sefer schüttelte den Kopf. »Wir fühlen mit euch«, sagte er, »und wir achten euch für das, was ihr erdul- det habt. Aber ihr werdet stärker sein, wenn ihr eure, Mauern aufgebt. Ihr werdet dann sehen und hören und heben können. Und keiner, außer euch selbst, wird euch dann jemals berühren oder euch Schmerz zufügen können.« Thera sagte diese Worte den anderen. Nerims Hände schwangen sich breit in einer Geste nach- drücklicher Zustimmung in die Höhe. Khalad nickte, Jacob schwieg. Er rollte einen Becher in den Handflä- chen. Mirian mümmelte unter ihrer Kapuze. Nur Ba- rat schien bedrückt zu sein. Er sprudelte hastige Worte hervor, und akzentuierte sie mit stoßartigen Bewegungen seines Fingers gegen Sefer, als benutze er eine Waffe. Die alte Frau setzte seiner Tirade ein Ende. »Shai!« Sie warf die Kapuze zurück, schob sich nach vorn in die Mitte des zweifachen Halbkreises und streckte Se- fer beide Hände hin. Behutsam schlang er seine Fin- ger in ihre knochigen Finger, und sie sprach. Thera sagte: »Mirian sagt, es ist viele Jahre her, seit sie ihren Geist frei von der Schutzmauer hat schwei- fen lassen. Aber sie sagt, wenn ihr helfen würdet, dann will sie es versuchen.« Sefer lächelte. »Gut. Gut.« Die Alte neigte den Kopf zur Seite, als bemühe sie sich, die unvertraute Spra- che zu verstehen. Auf ihren Handflächen waren dicke Schwielen. Ihr Mund spannte sich. Sie schloß die Au- gen. Der Mund wurde rund wie der eines Säuglings. Sie schauderte zusammen, dann entspannte sich ihr Gesicht. Tränen quollen ihr unter den Lidern hervor. Thera übersetzte das leise Flüstern der Stimme. »Ich fühle dich. Ich fühle euch. Euch alle.« Sie ließ die Hand in den Schoß sinken und schaute der Reihe nach ihre Gefährten an. »Keine Kinder mehr, die wie, Ratten gehetzt werden, wie Fohlen gebrandmarkt. Nie mehr. Wir werden zu ihnen gehen, wir werden sie finden, und wir werden sie heimholen. Sie können uns nicht berühren, versteht ihr es nicht? Nie wieder, niemals mehr.« Sie hob ihre Hand flehend. Der Gram in ihrem Gesicht war schrecklich. Unkontrolliert quoll die Qual aus ihrer Seele auf. »Ach, die Toten, diese vielen Toten! Ach, lebte doch meine Mutter, lebte doch mein Vater noch!« ... Er war klein. Der Donner dröhnte um seine Ohren. Regen näßte seine Kleider. Der Himmel war eine riesige fa- serige Mauer aus Wolken. Der Regen hatte Vogelstimmen. »Mama?« fragte er und spürte, wie sich ihre Arme fester um ihn schlossen. Die Bewegungen des Pferdes wurden unruhiger. Das Atmen fiel schwer. Er versuchte den Kopf aus den Mantelfalten zu strecken. Die Stimmen schrien. Er schob die Finger hoch und zog sich den Mantel vom Ge- sicht. Vogelhafte, nichtmenschliche Gesichter stießen aus dem Himmel herab. Das Pferd raste dahin. Er spürte das heftige Schlagen des Herzens seiner Mutter. Er spürte ei- nen Ruck. Der Himmel schüttete weißes Wasser über ihn. Ein scharfer Schmerz stach durch seinen rechten Arm. Er schrie nach seiner Mutter, spürte, wie sie fiel und ihn mit sich riß. Sein Kopf füllte sich mit Bildern, hellen Gesich- tern – Kerwin, nika, dich niemals wieder zu sehen, Lea-meine-Freundin, Kel-mein-Sohn, o meine Mutter – heulend vor Entsetzen warf er sich gegen den Leib seiner Mutter. Die Erde wankte. Sein Arm tat weh. Sein Kopf schwoll von Schrecken, Schmerz, Verlust, dem entsetzli- chen Verlust, er konnte es nicht mehr ertragen, er versuch- te es abzuwehren. Etwas wuchs herauf in seinem Kopf und schnappte ein. Er brüllte vor Schmerz, doch inzwischen hatte der fragende Geist seiner Mutter sich aus dem seini-, gen zurückgezogen und sich mit dem ihres Bruders ver- bunden, der Tagesritte entfernt war. Er kauerte in der wei- ßen Weite, allein, verlassen, voll Schmerzen, ohne Rettung. »O Gott, das Kind!« Hände hoben ihn auf. »Ai, sein Arm!« Er achtete nicht auf die Stimme. Er kannte sie nicht. Die Welt war ein Schatten, und er war allein, inmit- ten gestaltloser Fremder ... Langsam fand er zurück. »Kerris, Kerris!« Jemand rief seinen Namen. Das war ein wirklicher Laut. Er be- wegte sich. Seine Muskeln zuckten. Er roch den scharfen Duft zerdrückten Grases. Er lag mit dem Ge- sicht darin vergraben. Er schluckte. Die Kehle tat ihm weh. Der Kopf tat ihm weh. Er schmerzte allüberall, wie wenn er geprügelt worden wäre. Er holte tief Luft. Seine Rippen ächzten. »Er kommt zurück.« Das war Sefers Stimme. Eine Ameise wanderte an seiner Nase vorbei, die schwar- zen Beinchen krabbelten. Er mühte sich, den Kopf zu drehen. Die Welt ringsum wurde scharf und wieder unscharf in seinem Blick. Er sah grünen Grassoden vor sich, einen Flecken Grau. »Kerris, magst du dich aufsetzen?« Er krächzte etwas. Hände zogen ihn em- por. Er sah die vogelhaften Gesichter aus seiner Trau- merfahrung, hohe Wangenknochen, braune Gesich- ter, fremdartig. Und sein Inneres erstarrte zu Eis. »Kerris!« Finger umspannten seinen Kopf. Er blickte in ein Gesicht, das er kannte: blasse Haut, fahles Haar und Augen wie grüne Lichter. »Du bist in Sicherheit. Erkennst du mich? Sag, wie ich heiße!« »Sefer.« Sein Mund fühlte sich verklebt an. »Du bist im Garten des Tanjo, in Elath, und Kel hält, dich fest. Nika, beweise es ihm!« Hände berührten ihn, streichelten ihn. Eine warme Zunge verweilte an seinem Hals. »Erinnerst du dich?« Die nachdrückliche Zärtlichkeit ließ ihn er- schauern. Er wandte den Kopf. Thera, Barat, Jacob – da waren diese fremdartigen Vogelgesichter aus sei- nem Traum: die Asech. Er war schweißüberströmt. Schmerz tobte stechend in seinen Augen. Er wischte sich mit dem Ärmel dar- über. Barat forderte polternd von Thera eine Erklä- rung. Nie zuvor war er so tief in die Erinnerung hinabge- stiegen. Und er wußte nun, es war Erinnerung, nicht Einbildung. Nicht er hatte jenen Ort geschaffen. Sein Mund schmeckte nach Asche. Mutter, dachte er, o meine Mutter ... Mirians große Augen blickten ihn starr an. Er fragte sich, wieviel von der Reaktion sie mitbekommen hatte. »Warst du dort?« fragte er Sefer mit krächzen- der Stimme. »Nur zum Schluß«, sage Sefer. »Kannst du darüber reden?« Kerris lehnte den Kopf gegen die feste Schulter Kels. »Ich war ein ganz kleines Kind. Ich ritt mit mei- ner Mutter durch den Regen. Ich spürte Schmerz in meinem Arm.« Er berührte seinen Armstumpf. (Eine Stimme flüsternd: Thera, die den Asech sagte, was er erzählte.) »Meine Seele füllte sich mit Gedanken, nicht meinen eigenen Gedanken, ihren Gedanken ...« Er schloß die Augen. Er mühte sich, in seinem Gehirn das Gesicht seiner toten Mutter wiederzufinden. »Ich versuchte sie zum Einhalten zu bewegen. Es tat weh.« Er begann zu zittern, als er sich an das Ausmaß des, Schlages erinnerte, den sein Gehirn erlitten hatte. »Ich hatte Angst.« Er konnte das Gesicht seiner Mutter nicht finden. Er öffnete die Augen. Sefer nickte. »Ich habe die Furcht gefühlt – und diese Woge von Schmerz, den Schock, die Nachwir- kung, als die Barriere zusammenbrach.« Er legte Ker- ris die Hand auf die zitternden Finger. »Es war echte Erinnerung, Kerris, eine vierzehn Jahre alte Erinne- rung an ein alptraumhaftes Erlebnis eines dreijähri- gen. Als deine Mutter starb, hat sie sich mit dir ver- koppelt, nur einen ganz kurzen Augenblick lang. Ich hoffe, du wirst ihr vergeben können. Sie war verletzt und konnte nicht anders. Du hast versucht sie durch eine Mauer auszuschließen, aber du warst dafür nicht stark genug. Die Barriere brach zusammen, und das fügte dir soviel Schaden zu, daß jede Erinnerung an dieses Ereignis und an dein Leben davor abgeblockt wurde. Das Gewitter im Galbareth hat es teilweise wieder in deine Erinnerung zurückgeholt. Und mein Versuch, dich zu lehren, wie man eine Barriere auf- baut, ebenfalls. Und genauso Mirians Erinnerungs- qual.« Kerris fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Darum also konnte ich gestern keinen Wall aufbau- en ...« »Ja«, sagte Sefer. Lara fragte leise: »Konntest du das Ausmaß der Verletzung erfühlen, Sefer?« »Es war nicht sehr breit«, antwortete Sefer. »Und es ist weitgehend von selbst geheilt, im Lauf der Zeit.« »Kerris«, fragte Tamaris, »möchtest du einen Schluck Wein?« Sie drückte ihm einen vollen Becher in die Hand, ohne auf die Antwort zu warten. Seine, Hand zitterte so sehr, daß Kel sie festhalten mußte. Der Schmerz steckte noch immer in ihm. Kel flüsterte ihm ins Ohr: »Chelito, du brauchst nicht hier zu bleiben. Geh zurück zum Haus!« Thera sagte zu Sefer: »Eines begreife ich nicht. Die- ser – euer Freund – wurde verletzt, weil er – keine Schutzmauer hat?« Sefer schüttelte energisch den Kopf. »Nein. Weil das ... weil jener Teil seines Denkens, mit dem man einen Wall aufbaut, verletzt wurde, als er ein kleines Kind war, hat er später nie gelernt, wie man das rich- tig tut. Aber er wird es lernen.« Kerris trank von dem Wein. Er schmeckte schal. Barat blickte ihn mit verachtungsvollen Augen an. Aber er würde sich nicht ins Bettchen verkriechen wie ein Kind. »Nein. Ich bleibe hier!« Kel nahm ihm den Becher aus der Hand. Bist du sicher? fragten seine Augen. Kerris straffte die Schultern. Er fühlte sich schwach, doch das würde vergehen; es war stets vor- beigegangen. Er fühlte sich, als hätte ein Sturm ihn mit nassen, kalten Klauen geschüttelt und ihn dann zur Erde geschleudert, zerschlagen, aber sauber. Barat fragte Thera etwas. Sie stritt mit ihm. Er schien zu beharren. Sie sah zu Kerris herüber. »Barat möchte gern wissen, aus welchem Stamm die Leute waren, die dich überfallen haben und die du gesehen hast.« Also hatte auch Thera die Räuber in seinem Kopf gesehen. Kerris spürte, wie Kels Muskeln sich spannten. Er antwortete: »Ich weiß es nicht.« Sie gab dies weiter. Barat blickte finster drein. Er fuhr mit einem Finger das Perlmuster auf seiner Tu- nika nach. Thera sagte: »Er will wissen, was für Perl-, zeichnungen sie auf den Kleidern hatten, die sie tru- gen. Das ist von Stamm zu Stamm verschieden.« Kerris sagte mit vorsichtiger Deutlichkeit: »Ich war drei Jahre alt und verletzt. Sag ihm, ich kann mich nicht erinnern.« Zu seinem Erstaunen merkte er, daß sich seine Faust geballt hatte. Er lockerte die Finger. Hinter seinem Rücken war Kel spürbar, verkrampft vor Zorn. Barat sagte etwas mit flacher Stimme. Thera gab es wieder: »Dann laßt uns fortfahren. Unterrichtet uns weiter!« Khalad sprach. »Khalad sagt, welches ist meine Kraft?« Kel entspannte sich. Laras Gesicht hob sich himmelwärts, als sei dort etwas in dem warmen Licht der Sonne gegenwärtig, das nur sie zu sehen vermochte. Barat befingerte die Perlen auf seinem Hemd. »Was kannst du tun?« fragte Sefer. »Ich träume«, sagte Khalad durch Thera. »Ich träume von Orten, die ich nicht gesehen habe, nie- mals gesehen. Ich träume von grauen Bergen und großen Häusern aus Stein. Ich sehe sie.« »Ah!« sagte Dorin. »Du besitzt die gleiche Gabe wie ich. Du bist einer von uns Gedankenreisenden.« Barat stupste Thera an. »Barat wünscht zu wissen, wozu Träume gut sind, selbst solche von wirklichen Bergen und wirklichen Burgen. Kann Khalad zu ih- nen hinfliegen wie ein Vogel?« »Soweit wir wissen, nein«, sagte Dorin gelassen. »Aber die Begabung ist wirklich. Verwirf sie nicht, weil sie dem Anschein nach keine Verwendung zu haben scheint, bis jetzt!« »Welches ist meine Gabe?« Jacob fragte dies. Jetzt war er an der Reihe. »Mein Stamm hat mich vertrie-, ben, als ich anfing die Worte auszusprechen, die Leute im Kopf hatten, bevor sie selbst sie aussprechen konnten. Aber ich kann nicht Gedanken hören, wie Thera oder Mirian. Ich kann keine Steine versetzen. Meine Träume sind ganz gewöhnlich.« Lara sagte: »Hast du jemals eine Wunde berührt und festgestellt, daß sie heilte?« »Nein.« »Kannst du den Wind oder das Wetter rufen?« »Nein.« Kel fragte: »Besitzt du eine Fertigkeit, eine beson- dere Geschicklichkeit?« Jacob seufzte und öffnete seine Hände in der Geste eines Mannes, der Sand durch die Finger rinnen läßt. Doch Nerim sagte: »Er kämpfen. Und reiten auf al- lem. Maultier, Pferd, Teufel – alles er reitet.« Jacob wollte wissen, was sein Freund gesagt hatte. Als man es ihm erklärt hatte, haspelte er einen ra- schen Wortstrang zu Thera hin. Sie übertrug es: »Ja- cob sagt, das ist etwas, was er mit seinem Körper tut, nicht mit seinem Verstand!« »Nein«, entgegnete Kel und stand auf. »Das ist et- was, was man mit dem Kopf tut.« Er trat auf Jacob zu, glitt weich und geräuschlos zu ihm hin. Mit einer fast zu schnellen Bewegung, als daß man sie hätte sehen können, fuhr seine Hand an sein Messer. Jacob stieß sich hoch, sein Dolch zuckte aus der Gürtelscheide. Kel machte eine Drehbewegung aus den Hüften her- aus, seine Füße glitten über das Gras, sein Haar flog mit der Drehung. Seine Linke klammerte sich um Ja- cobs rechtes Handgelenk. Der Himmel verdunkelte sich. Jacobs Füße verloren den Boden unter sich. Er fiel mit dumpfem Aufprall auf die Erde. Kel stand da., Jacob lag auf dem Rücken, die dunklen Augen weit aufgerissen. Kel hielt Jacobs Messer in der Hand. Es war so blitzschnell geschehen, daß keiner Zeit gehabt hatte, sich zu rühren. Doch jetzt sprang Barat mit einem Laut, der wie ein Falkenschrei klang, auf die Beine und stürzte sich mit bloßen Händen auf Kel. Jacob schoß in die Höhe. Er sprang zwischen die beiden, rief Nerim zu Hilfe. Nerim stürzte vor, und zusammen rangen sie Barat nieder. Jacobs Gesicht war vor Erstaunen gerötet. Er zog Barat auf dem Gras beiseite und hockte sich kniend neben ihn. Er sprach eindringlich zu ihm. Barat zog sich die verrutschte Kleidung zurecht. Er starrte Kel an. Jacob sprach zu Thera. Sie sagte: »Jacob wünscht zu verstehen, was du ihm gezeigt hast.« Kel sagte: »Sag ihm, er besitzt eine Gabe. Er ist, was wir einen Musterweber nennen. Sag ihm, er wird immer in der Lage sein, sich als erster zu bewegen, schneller als die anderen, beim Reiten, bei der Jagd, beim Tanzen, er wird das Muster erkennen, wo alle übrigen nur den Wirrwarr, das Chaos sehen.« Als Thera übersetzt hatte, breitete sich auf Nerims Gesicht ein breites Grinsen aus. Er hämmerte mit der Faust auf Jacobs Knie. Jacobs Gesicht blieb ernst. Thera übersetzte seine Worte. »Jacob sagt, du bist sein Meister.« Kel legte den einen Arm um Sefer, den anderen um Kerris. Sein Atem ging nicht einmal schwer. »Das bin ich jetzt. Aber mein Lehrer war der beste in ganz Arun, und ich hatte fünfzehn Jahre Zeit, meine Gabe zu entwickeln.« Lara sagte: »Es ist eine Frage des Gleichgewichts.«, Thera übersetzte, und Jacob nickte respektvoll. Barat hieb mit der Faust auf das Gras ein. Er beugte sich nach vorn. »Haraiya-na e'ka!« Mittlerweile brauchte Kerris Theras sanftklingende Übersetzung nicht mehr abzuwarten; er hatte den Satz oft genug gehört. »Welches ist meine Gabe?« Der Asech atmete heftig nach dem Gerangel mit Jacob. Seine Rechte fuhr immer wieder über den Dolchgriff in seinem Gürtel. Der Griff war aus Bronze, geformt wie ein Pferdekopf und mit einem blauen Stein für das Auge des Pferdes. Thera legte ihm die Hand auf den Arm. Er bellte sie wütend an, und sie machte einen Satz zu- rück. Mit ein wenig sanfterer Stimme wiederholte er seine Frage: »Haraiya-na e'ka?« »Was du tun kannst?« wiederholte Sefer. »Warum hat dein Stamm dich ausgestoßen?« Thera übersetzte diesmal nicht. Sie fuhr sich mit den Fingern über die Wange. »Barat hat nicht ... Barat ist nicht von seinem Stamm verstoßen worden«, sagte sie. »Er verließ ihn aus eigenem Willen. Um meinet- willen.« Ihre Stimme nahm den Singsang-Ton der Märchen- erzähler an. »Ich war seit drei Jahren Weib, als mein Stamm mich in die Wüste verbannte. Barat und ich waren ...« – sie zögerte – »nahrebul. Ich weiß euer Wort dafür nicht. Wir waren einander versprochen. Nach dem Regen sollte ich aus dem Haus meines Vaters gehen und mich zu den Zelten seines Vaters gesellen. Dafür hatte mein Vater zehn Ziegen und drei unserer Pferde versprochen, eins davon eine trächtige Stute.« »Als die Stammesältesten kamen, um mich zu bin- den und zu brandmarken, war ich im Zelt meines, Vaters und knetete Teig für Weizenfladen.« Ihre Hände kneteten einen unsichtbaren Teig. »Meine kleine Schwester warnte mich, daß sie kämen. Ich floh in Barats Zelt. Er stahl zwei Pferde aus der Herde seines Vaters, und wir ritten davon. Nach langen Irr- fahrten fanden wir Li Omani, die Gebrandmarkten. Sie erkannten mich als das, was ich war, obwohl mei- ne Wangen nicht verstümmelt sind. Sie nahmen uns auf. Und weil wir unter allen Li Omani keine Brand- male auf unsern Wangen haben, können wir in die Dörfer gehen, ohne Furcht, daß man uns als Hexer erkennt. Barat hat als Treiber bei Karawanen gear- beitet, die zu euren Städten reisten. Wir kamen auf den Markt in Shanan, und darum spreche ich eure Zunge. Barat ist bei uns geblieben, obwohl er es nicht mußte.« Sie lehnte sich zurück und zog sich die Ka- puze über den Kopf, so daß ihr Gesicht im Schatten lag, als schäme sie sich, so viel gesagt zu haben. Barat sprach zu ihr, doch sie schüttelte den Kopf und schien ihm nicht antworten zu wollen. Schließ- lich mußte Nerim ihm übersetzen, was sie erzählt hatte. Ein Windhauch streifte durch den Zypressen- hain und ließ die Blütenstengel erzittern. Zu seinem eigenen Erstaunen merkte Kerris, wie er seine Ge- dankenfinger zu Sefer hin ausstreckte. Welche Gabe hat er, was meinst du? Ich glaube nicht, daß er eine besitzt. Sefers Innere Stimme klang bestimmt und mitleidlos. Thera schob die Kapuze aus dem Gesicht. Sefer sagte: »Ich kann nicht sagen, welche Begabung Barat besitzt. Frage ihn, ob er mich seinen Geist berühren lassen will.«, Als Thera die Bitte übermittelte, rief Barat finster: »Shai!« Er fuhr mit den Händen durch die Luft und redete zornig auf Thera ein. In seiner brüsken Stimme schwang eine Spur von Angst mit. »Barat sagt, du hast das von keinem der anderen gefordert.« »Ich habe Mirians Geist berührt«, sagte Sefer nach- drücklich. Beim Klang ihres Namens blickte Mirian auf. »Und es ist ihr kein Leid geschehen. Es ist der si- cherste Weg, herauszufinden, welche Gabe du be- sitzt.« »Shai!« Thera legte Barat die Hand auf den Arm. Er schüt- telte sie ab. Seine Rechte hielt den Griff seines Mes- sers umklammert. Sie flehte ihn an. Auch die anderen schienen ihn mit ausdrucksvollen Handbewegungen zu bitten. Kels Arm glitt von Kerris' Schulter. Schließlich gab Barat nach. Er blickte Sefer an. »Makhe-na.« Sefers Augen schlossen sich. Nach einer Weile öff- nete er sie wieder und sprach zu Thera: »Du schirmst ihn ab!« Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. »Du hältst eine Mauer um seine Seele aufrecht. Ich kann ihn nicht berühren. Laß ihn los!« Ihre Finger zuckten in ihrem Schoß, aber was im- mer sie sagen wollte, kam nicht über ihre Lippen. Sie ließ den Kopf sinken. Barat versteifte sich plötzlich. Seine Augen wurden glasig. Er begann zu zittern und sackte in sich zusammen. Schweißperlen traten auf sein Gesicht. Er stöhnte. Thera keuchte, dann legte sie seinen Kopf in ihren Schoß. Lara sagte: »Hab keine Angst, es geht vorbei.« Barat schüttelte sich. Verständnis kehrte in seinen, Blick zurück. Sein Mund bewegte sich. Er sprach zu Thera. Sie antwortete ihm. Abrupt raffte er sich auf, griff mit beiden Händen ins Gras. »Haraiya-na ...« Er hustete, hielt inne und fuhr dann fort: »Haraiya-na e'ka!« Sefer schüttelte den Kopf. Seine Augen waren be- redt. »Du hast keine Gabe.« Barat wartete nicht auf die Übersetzung. Er knurrte und riß sein Messer hervor. Thera stieß einen Schrei aus. Sie packte sein Hand- gelenk. Aber es waren Jacob und Nerim, die zusam- men das krumme Messer mit Gewalt wieder in die Scheide stießen. Barat bebte vor Wut. Er brüllte Sefer an, der stumm dasaß und der schrillen unverständli- chen Stimme zuhörte. Mirian stieß ein Kreischen aus. Das Schrillen stieß durch Barats Getobe hindurch und ließ ihn verstum- men. Mit etwas leiserer Stimme gab er ihr Antwort. Kel schaute wachsam zu. Als Barat sein Messer gezo- gen hatte, hatte Kel sich nach vorn geneigt, bereit da- zwischenzufahren. Seine Hände ruhten leicht auf dem weichen Gras. Er war so still wie ein See, so ru- hig wie ein Berg – ehe er herabstürzt. Barats Stimme wurde erneut laut. Er stritt mit Mi- rian. Thera hörte schockiert zu. Kerris merkte er- staunt, daß er keine Spur von Barats Zorn fühlen konnte. Er war doch so intensiv und so sehr nahe, und er selbst war verletzlich. Es blieb ihm nicht die Zeit, dem Gedanken nachzu- gehen. Barat war aufgesprungen. Er streckte einen Finger gegen Sefer aus und sagte einen oder zwei Sätze, deren Worte stechend und voller Drohung klangen. Er gab den anderen ein peitschenscharfes, Kommando. Die scharlachroten Perlen leuchteten auf seinem Hemd wie frische Blutstropfen. Er wirbelte mit sich bauschendem Mantel herum und ging mit weiten Schritten unter die Bäume. Kha- lad half Mirian auf. Sie schüttelte sich die Kleider zu- recht, wie eine Eule ihre zerzausten Federn schüttelt. Dann sprach sie zu Thera. »Mirian sagt, ihr möget Barats unhöfliches Betra- gen übersehen.« Lara fragte: »Was hat er gesagt?« Thera fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Er ... er begreift es nicht. Er glaubt, daß ihr ihm Macht geben könnt. Die Kraft, mit der Seele zu Seele spricht, die Kraft, Feuer zu halten. Er versteht nicht, daß die Kraft in uns liegt.« Sie kehrten auf den Dorfplatz zurück. Dort standen die Reittiere der Asech. Tek hockte in der Nähe und schälte mit seinen riesigen Pranken einen Weiden- stock. Lalli und Sosha waren nirgends zu sehen. Tek nickte Lara zu: »Einer ist schon vorausgeritten.« Über dem Südhang stieg feiner Dunst auf, wo Barats Pferd den Staub hochgewirbelt hatte. »Er ritt wie ein Höl- lenwolf.« »Ich hoffe, du hast nicht versucht ihn aufzuhalten«, sagte Sefer. »Ich? Ich weiß, wenn einer es eilig hat!« Die Pferde der Asech wieherten und drängelten sich an ihre Reiter. »Diese Pferdchen sind wie Kinder. Schaut sie euch bloß an!« Er kratzte sich mit dem Weidenstab im Bart und sprach dann mit gesenkter Stimme: »Hätte ich ihn denn aufhalten sollen, Sef?« »Nein.« Sef wandte sich Thera zu, die ihr Tier be- klopfte. Es war ein Schecke mit einer Blesse auf der, Stirn. »Ihr müßt jetzt doch wissen«, sagte Sefer, »daß ihr die Hexer von Elath nicht braucht, um euch die Anwendung eurer Gaben zu lehren. Ihr fünf könnt es den übrigen unter euch zeigen – denen, die hier sind, und den anderen, die noch in der Wüste sind –, wie sie ihre Mauern auflösen können. Ihr braucht euch nicht zu verstecken. Solange ihr eure Gaben nicht zum Bösen verwendet, könnt ihr stolz und furchtlos das sein, was ihr seid.« Ihr Kopf zuckte in die Höhe. »Was für die Leute von Elath böse sein mag, ist es vielleicht nicht für Li Omani. Wir sind die Reiter der Wüste. Wir leben nicht nach den Gesetzen der Stadt.« Sefer schüttelte den Kopf. »Das chea ist an keinen Ort gebunden.« Sie runzelte die Stirn. Die Augenbrauen zogen sich wie dunkle Schwingen auf der hohen Stirn zusam- men. »Laß uns davon nicht sprechen!« Ihre Finger glätteten die Mähne ihres Schecken. »Sprechen wir von morgen.« Sie brach zögernd ab. Sie rieb sich mit einem Finger die Lippen. »Was du sagst, mag wahr sein, daß wir die Hexer von Elath nicht nötig haben. Doch was heute gelernt ist, könnte morgen vergessen sein. Warten wir ab, was geschieht. Vielleicht ist das Lehren für uns schwerer, oder es sind vielleicht ande- re unter uns, die keine Gabe besitzen, wie Barat.« Die Gefühle, die sie dem Mann gegenüber empfand, der ihretwegen die Verbannung gewählt hatte, waren klar auf ihrem Gesicht zu lesen. »Wir werden auf eure Botschaft warten«, sagte Se- fer. Jacob und Nerim standen dicht beisammen und redeten. Kerris konnte ihre Gesichter nicht sehen, nur, ihre gestikulierenden Hände. Die Perlstickerei auf Nerims Ärmeln bestand aus einem sich wiederholen- den Muster von Dreiecken. Plötzlich fragte Thera: »Gibt es denn gar nichts, was ihr tun könnt, um ihm zu helfen?« Sefer seufzte. »Wir können keine Kraft schaffen, wo keine Kraft vorhanden ist. Die Gaben kommen vom chea.« Thera hob die Hände. Mirian stieg in den Sattel und rief einige schrille Worte. Theras Geste erstarb. Nerim und Jacob traten auseinander. Mit wehenden Mänteln schwangen sich die Asech auf ihre Pferde und kanterten nach Süden, den Hang hinauf, der staubigen Spur Barats folgend., 12. Kapitel Die fünf Reiter waren kaum über dem Hang ver- schwunden, als Moro-der-Seiler vor sein Haus trat. In einem Ledergehänge trug er ein Kurzschwert. »Al- so?« fragte er. Hinter ihm trat Perin aus der Tür. Der Junge bewegte sich, als schmerzte ihn das Gesäß. »Was ist passiert?« »Warten wir's ab«, sagte Sefer. »Außerdem wollen wir es nicht zweihundertmal wiederkäuen.« Er nickte Tek zu. Immer mehr Leute kamen aus den Häusern. Die meisten trugen keine Waffen, doch ein paar hat- ten Messer, Speere und Bogen. Manche kamen von den Feldern, die Hauen über die Schultern gelegt. Bald war der Dorfplatz gerammelt voll. Rings um La- ra blieb achtungsvolle Distanz gewahrt. Kerris drän- gelte sich auf die freie Stelle. Er rieb die verschwitzte Handfläche an seiner Hemdbrust ab. So viele Men- schen an einem Ort zusammengedrängt, das war er nicht gewöhnt. Das anschwellende Stimmengewirr beengte ihn, und er wünschte, er hätte sich verstecken können. Kel drängelte sich entschlossen bis zu dem Haus des Seilers durch. Unter der Tür sprach er mit Moro, und der Riese lud ihn mit einer Kinnbewegung ins Haus. Kinder wuselten um die Beine der Erwachsenen und zwischen ihnen hindurch, juchzend vor Lust, als wäre die Versammlung ein für sie bestimmtes Ver- gnügen und Spiel. Kel ochste sich wieder durch die Menge zu der Stelle, wo Tek und Sefer beisammen- standen. Er brachte einen hölzernen Kasten mit. Er setzte ihn ab. Tek legte ihm die Pranke auf die, Schulter und schwang sich auf die Kiste. Er rief etwas. Die Leute auf dem Platz lachten. »He, Tek!« Allmählich wurde es dann doch so ruhig, daß er das Gebrabbel zu übertönen vermochte. Seine Stimme klang drohend und laut genug, um bis an den Rand des Platzes zu dringen. Sefer soufflierte ihm die Stichworte. Tek spielte das Sprachrohr. Er be- richtete den unruhigen Leuten, was sich im Garten ereignet hatte. Er erzählte von den Brandzeichen und der Ausstoßung und den Verstecken in Höhlen. »Se- fer sagt«, röhrte er, und die Menge war nun still, »daß wir das hätten sein können, jeder von uns, als Opfer oder als Jäger.« »Aber wir sind keine Untermenschen!« rief eine Frau. Sefer klatschte mit der Hand auf das Bein des Stallmeisters. »Laß mich rauf da!« Tek sprang herab und half Sefer auf die Kiste. Sefer wendete sich der Menschenmenge zu: »Dann wollen wir das auch be- weisen!« rief er. Seine Stimme war dünner als die von Tek, doch trug auch sie weit genug. »Erweist diesen Erniedrigten und Verfolgten euer Mitgefühl! Ich bin überzeugt, sie hegen kein weiteres Übel gegen uns im Sinn, außer dem, was sie uns bereits getan haben. Laßt sie unbehelligt aus unseren Feldern fortreiten!« Er sprang zu Boden. »Sag ihnen, das ist alles für heute, Tek! Morgen, wenn sie wiederkommen, wer- den wir mehr wissen.« Er hustete. Eine Hand packte Kerris am Ellbogen. Er drehte sich um, so rasch, wie es die pressende Menge ihm erlaubte. Da standen Jensie und Elli. Elli umarmte ihn, und er zog sie gleichfalls an sich. In diesem Men- schengewühle war sie ein willkommener Anblick,, auch wenn einige der Leute Verwandte von ihm wa- ren, und Elli dies nicht war. Sie grinste ihn an. »Hallo.« Jensie sagte: »Kerris? Was haben die über Riniard gesagt?« »Nichts außer dem, was du auch gehört hast.« Er wünschte sich, er könnte ihr mehr sagen. Tek brüllte, daß es nichts mehr zu erfahren gebe, erst morgen wieder. »Wir müssen doch nicht hier auf dem Platz bleiben?« sagte Elli. Der Stallmeister kletterte von seiner Kiste, die Hand an der Kehle. »Das macht durstig, kapiert ihr?« Ein Weinschlauch wurde über die Köpfe der Leute nach vorn gehangelt und landete in Teks Schoß. »Nein, ich glaube nicht, daß wir hierbleiben müssen«, sagte Kerris. Er kniff die Augen zusammen und spähte in die Schatten. So unglaublich es war, es war noch nicht einmal Mittag. Um ihn formierte sich der chearas. Kel war irgend- wo beschäftigt; er stand bei Sefer und redete ernst auf ihn ein. Während Kerris sie beobachtete, legte Kel Se- fer beide Hände auf die Schultern und rüttelte den kleineren Mann, allerdings nicht hart. Sefer lehnte sich gegen ihn und nickte. Die beiden trennten sich. Kel kam zu den Chearis, und die Dorfbewohner machten ihm Platz. »Ich habe Sef schlafen geschickt«, sagte er. Dann legte er Kerris den Arm um die Hüfte. Ilene murmelte: »Ich würde gern wissen, wie du das fertiggekriegt hast ...« Kel sagte: »Ich hab' ihm gesagt, wenn er nicht geht, schlag ich ihn bewußtlos und schleppe ihn ins Bett.« »Nehmt!« sagte Arillard und hielt ihnen eine Hand voll Käsestäbchen und eine mit Dörrfleisch hin. »Ich, hab' mir gedacht, ihr werdet hungrig sein.« »Ich bin mehr unruhig als hungrig«, sagte Kel. »Meine Muskeln sind ganz verknotet.« Aber er nahm ein Stück Dörrfleisch. Kerris nahm sich eine Kä- sestange. Der Käse war mild und butterweich; Kerris leckte sich die Fingerspitzen ab. »Laßt uns doch zum Hof gehen«, sagte Jensie. Die Menge ringsum begann sich aufzulösen. »Gut«, sagte Kel und streckte sich. »Würde ich gern ma- chen.« Er zog Kerris an sich und fragte: »Chelito, wie fühlst du dich?« »Ach, gut«, antwortete Kerris. Kels Finger kraulten ihn im Nacken. »Kein Schwä- chezustand? Kein Kopfschmerz?« »Nein.« »Gut so. Komm mit uns zum Hof!« Eines der Pferde hatte einen Haufen gelber Äpfel auf der Straße hinterlassen. Die Chearis machten ei- nen Bogen um den Dung. »Sollte ich nicht gleich nie- derschreiben, was passiert ist?« fragte Kerris. »Nein«, entgegnete Elli. »Komm mit uns!« Arillard ging vor ihr, und sie glitt nach vorn und klatschte ihm auf den Rücken. »Bestich doch Kerris, damit er bei uns bleibt, während wir trainieren.« Arillard drehte sich um und hielt Kerris ein Stück getrocknetes Rindfleisch hin. Kerris nahm es. »Und jetzt bist du verpflichtet zu bleiben«, sagte Elli. »Chelito, du kannst deine Berichte heut abend schreiben, oder morgen. Bleib doch jetzt bei uns!« Es würde schwer sein, sich dieser Bitte zu widersetzen. Kerris biß in das Trockenfleisch. Es war zäh wie ein alter Holzstecken., »Also gut.« »Dein Bruder läßt sich aber leicht rumkriegen«, sagte Arillard. »Ich werde mir das merken«, antwortete Kel. »Kel?« sagte Arillard. »Hmm?« »Glaubst du wirklich, daß sie gute Absichten haben – diese Asech?« »Ich stimme mit Sef überein«, sagte Kel. »Daß sie friedlich fortzuziehen beabsichtigen. Sie haben be- kommen, wofür sie hergekommen sind. Also haben sie keinen Grund, uns weiter etwas Böses zu wollen.« Arillard lugte über seine Schulter. Sein strenges Gesicht blickte düster. »Ich kann nur hoffen, du hast recht.« »Ich auch«, sagte Ilene. Arillard blieb stehen. »Weißt du«, sagte er und schaute Kel direkt ins Gesicht, »wäre ich jünger und nur ein bißchen dümmer, ich hätte genau das gleiche tun können wie Riniard in jener Nacht. Ich hab' näm- lich daran gedacht.« »Soll ich jetzt den Überraschten spielen?« fragte Kel und legte Arillard leicht die Hand auf die Schulter. »Ich bin nicht überrascht, und du hast es ja nicht ge- tan.« »Ich wollte sie tot sehen«, sagte Arillard. Sein schmaler Mund zuckte. »Ich, ein cheari, der sich der Harmonie geweiht hat!« »Der Wunsch ist nicht die Tat«, sagte Ilene. Doch Arillards Gesicht blieb verbissen und be- kümmert. Er seufzte und schritt wieder voran. Elli blickte ihn schräg aus den Augenwinkeln an und fragte leise: »Wie waren sie, Kerris?«, Kerris suchte nach Worten. »Sie haben immerzu mit den Händen gewedelt, wenn sie sprachen«, sagte er. Elli schnaubte durch die Nase. »Dabei kann ich mir viel vorstellen! Ist die alte Frau ihr Häuptling?« »Das weiß ich nicht, aber ich glaub nicht. Ich den- ke, es ist Barat.« »Welcher ist Barat?« fragte Ilene. »Der Mann, der ohne Narben war. Er hat blaue Steine in den Ohrläppchen.« Arillard sagte: »Das ist der, der vor den anderen fortgeritten ist.« »Ja«, sagte Kel. »Er ist ein Feuerbrand.« Er war da- bei, sich die Haare auf dem Kopf hochzustecken. »Er ist Theras Geliebter. Als ihr Stamm sie brandmarken wollte und in die Wüste verstoßen, damit sie dort zu- grundeging, verhalf er ihr zur Flucht und blieb dann bei ihr.« »Wie prachtvoll von dem Jungen!« sagte Elli. »Ich hätte auch gern einen, der sowas für mich täte!« Sie bogen um eine Ecke, und Kerris sah die Spitze des Wächters über dem Zaun zum Hof schimmern. Der weite Platz war leer. Kerris wollte sich an eine abgelegene Stelle an der Südseite begeben, doch Kel hielt ihn zurück und sagte sanft: »Bleib hier! Laß mich dir zeigen, wie man mit dem Messer umgeht.« »Jetzt?« »Nur, wenn du nicht müde bist.« »Aber ich bin nicht müde«, sagte Kerris. »Ich ... ich möchte nicht, daß du mit mir deine Zeit verschwen- dest.« Kel zog die Augenbrauen hoch. »Ich glaube nicht, daß es Zeitverschwendung wäre.«, »Ich bin ja noch nicht mal ein Anfänger.« Kel schüttelte den Kopf. »Und ich hab' geglaubt, du läßt mich dir alles beibringen, hmm?« sagte er. Darauf schien es für Kerris keine Antwort zu ge- ben, also sagte er: »Das will ich auch!« Arillard kam vom Waffenschuppen geschlendert, in jeder Hand ein gelbes niji. Ilene streckte ihre Knieflechsen, indem sie sich in der Taille abbog, mit der Stirn die Knie berührte und sich mit den Händen an den Fesseln festhielt. Kel zog das Hemd aus und hängte es über den Zaun. »Ich will nicht, daß es schmutzig wird.« Kerris befingerte sein eigenes Hemd. Es war voller Grasflecken. »Soll ich auch ...?« »Das mußt du nicht.« Kel setzte sich auf die staubi- ge Erde. »Zuerst strecken wir uns«, wies er an. »Du mußt deine Muskeln lockern.« Und er zeigte Kerris, wie man sich dabei drehen und wenden mußte. Ilene hatte ihre Lockerungsübungen beendet und stand nun zum Sparring Jensie gegenüber, deren Gesicht wie versteinert war. Anscheinend kämpfte sie im Geiste gegen die Asech. Ilene schalt sie scharf aus, erinnerte sie daran, daß sie hier nur trainierten. Doch Jensies Gesicht veränderte sich nicht. »Steh jetzt!« Sie mach- ten weitere Übungen im Stehen. Unter dem Hemd strömte Kerris kitzelnd der Schweiß über die Haut. Kel ging zum Schuppen und kehrte mit zwei nijis zurück. Er handhabte sie mit Vorsicht, als wären es echte Messer, war bemüht, die Finger von den »Klin- gen« fernzuhalten. Er reichte Kerris eines der Messer. Er kam sich blöde vor, und richtete die Messerspitze zur Erde, wartend, welche Anweisungen sein Bruder ihm geben würde., Kel lächelte ihm ermutigend zu. »Wir werden ganz langsam arbeiten«, sagte er. »Ich weiß, das ist neu für dich. Also, zeig mir jetzt, wie du dein Messer hältst.« Kerris packte sein Niji, wie er es andere tun gesehen hatte, die Klinge nach oben gerichtet, dicht an der Hüfte. »Ja«, sagte Kel. »Halte es nicht so krampfhaft fest. Und strecke den Zeigefinger aus. Der Zugriff muß fest sein, aber nicht so stark, daß deine Hand sich verkrampft.« Er trat vor und richtete die Klinge in schärferem Winkel nach oben. »So ist's besser. Ent- spanne die Schultermuskulatur. Du hast prima Mus- keln im Arm und Handgelenk, laß die die Sache ma- chen.« Dann trat er zurück. »Dreh dich in den Hüften zur Seite, damit du eine schmalere Angriffsfläche bietest. Gut so. Halte deine rechte Seite von mir abgewandt!« Er hob sein eigenes Niji hoch. Kerris zauderte. »Frier nicht an, Junge! Du bist ziemlich im Vorteil, chelito. Die Kämpfer, die ich kenne, ziehen alle die Rechte zum Kämpfen vor, auch wenn ein paar beidseitig ar- beiten können.« Sein Niji sprang von seiner rechten in seine linke Hand und wieder zurück. »Ein Linkshän- der bereitet ziemliche Schwierigkeiten. Und jetzt krei- se!« Kerris tänzelte nach links, wobei er sich bemühte, seine rechte Flanke von Kel abgewendet zu halten. Seine Handfläche war schweißig. Er befürchtete, das Messer könnte ihm aus den Fingern rutschen. Er griff fester zu. Kel schüttelte den Kopf. »Nein! Locker!« Kerris versuchte es. Aus dem Augenwinkel sah er Arillard im Sparring mit Jensie. Calwin und Elli übten einen Tanzschritt,, die Arme untergehakt. »Schau auf mich!« befahl Kel. »Jetzt vorwärts und triff mich! Los!« Kerris setzte mit dem linken Fuß vor und richtete das Messer auf Kels Bauch. Der Cheari parierte mit müheloser Leichtigkeit. Seine Linke schlug den Stoß zur Seite. Gleichzeitig schoß seine Rechte aufwärts. »Bleib in Bewegung!« befahl er. »Block den Stoß ab! Dein Arm gegen meinen! Rasch! Versuch mich so zu locken, daß ich die Sonne in den Augen habe! Ich greife gleich wieder an. Block mich außen ab und ziele auf meinen Hals! Jetzt spring zurück! Richtig. Bleib nicht in meiner Reichweite, oder ich packe dich mit der rechten Hand! Bleib in Bewegung!« »Was passiert, wenn du von oben herankommst?« fragte Kerris keuchend. »Das ist einfacher. Bück dich und hau mir das Mes- ser in den Unterleib. Probieren wir es mal!« Das gelbe Niji zuckte auf Kerris' Kehle zu. Kerris duckte sich und stieß zu. Die Messerspitze streifte Kels Rippe, bevor er zurückgleiten konnte. »Gut! Bleib nicht stehen!« Kerris' Finger zitterten. Er ließ das Messer fallen. Kel hob es mit einer fließenden Bewegung auf und steckte es in den Gürtel. Mit der anderen Hand um- faßte er Kerris' Handgelenk. »Chelito?« »Ich ...« Kerris fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich habe noch nie einen Menschen verletzt.« Kel streichelte ihm über den Rücken. »Niemals? Nicht einmal, als du ganz klein warst, wegen eines besseren Platzes am Feuer? Wegen eines Lieblings- spielzeugs?« »Oh, das ja. Aber niemals mit einer Waffe, auch nicht mit einer aus Holz.«, »Möge das chea dir gewähren, daß du niemals eine echte Waffe benutzen mußt!« sagte Kel. »Aber wenn du es tust, wirst du es richtig machen. Wenn du in Zukunft jemals beim Training unterbrechen mußt, dann tritt zurück und lege das Messer auf die Erde. So.« Er führte die rituelle Geste vor: ein langer flie- ßender Schritt und die Beuge, als er mit dem niji die Erde berührte. Sein rechtes Knie streifte dabei kaum den Boden. Dann zog er Kerris' Niji aus dem Gürtel und hielt es ihm entgegen, das Heft nach vorn gerichtet. »Nimm, und wenn das nächstemal ein Stoß erfolgt, dann brich ihn nicht ab!« Sie arbeiteten weiter. Kerris' Brust begann zu bren- nen. Er rang keuchend nach Luft. Kel stieß immer wieder zu. Er parierte und stieß nach oben, immer in Bewegung, biegsam ausweichend, die Hand locker um den Holzgriff des Messers gelegt, die Schultern entspannt hängend, versuchte er den größeren Kel so herumzulocken, daß er in die Sonne blickte. Einmal sprang er zu spät zurück. Kels Linke schoß vor und stieß ihm gegen die Rippen. Er tänzelte wei- ter. Kel lächelte. Der Schmerz in der Brust begann sich aufzulösen. Der Atem ging leichter. »Schneller jetzt!« sagte Kel. »Du bewegst dich zu langsam. Ich könnte dich inzwischen dreimal umbringen. Gut so! Stoß auf mich zu! Laß nicht zu, daß ich langsamer werde! Wenn ich die Stoßart dir gegenüber wechsle ...« – er tat es, und das niji schoß auf Kerris' Hals zu –, »dann wechsel auch du die Technik.« Kerris duckte sich und sprang vor. Das Messer streifte Kels Seite und hinterließ einen roten Kratzer. »Jaaa! Laß nicht nach!«, Sie arbeiteten, bis Kerris zu taumeln begann. Jetzt taten ihm die Lungen wirklich weh. Kel trat zurück, kniete nieder und streifte mit dem niji über den Bo- den des Waffenhofes. Er erhob sich und drehte Kerris das Messer aus der steifgewordenen Hand. Dann umarmte er ihn. Sein Atem ging kaum heftiger. Die Schweißschicht auf seinem langen Torso ließ seinen Leib wie poliert erscheinen. Er strich Kerris mit bei- den Händen über die Rippen. An einer Stelle war ein wunder Punkt. Kerris zuckte zusammen. Kel zog ihm das Hemd auf. »Laß mal sehen!« Wo das Messer ihn getroffen hatte, zeigte sich eine pur- purblaue Prellung. »Du hast mir nichts gesagt.« »Du hast gesagt, ich soll nicht aufhören.« Die anderen hatten Jensie endlich müde gemacht. Sie hockte gegen den Zaun gelehnt da. Arillard und Elli trainierten halbherzig im Schatten des Wächters. Ein paar der Schleifchen in Ellis Haar hatten sich ge- löst. »Gehen wir ins Bad!« sagte Ilene. Bei den Bädern drängelten sich die Leute. Am Ende des Oberteichs spielte ein Haufen nackter Kinder mit lautem Gekreisch. Sie tanzten auf den flachen Fels- spalten herum und schubsten sich gegenseitig ins Wasser. Der Teich war dort flach. Elli rannte zum Schwitzzelt hinüber und hielt kaum vor der Ein- gangsklappe an, um die Kleider abzustreifen. Die Kinder spritzten einander an. Die Erwachsenen winkten den Chearis zu. Tek stand in der Mitte des unteren Teichs. Seife schäumte auf seiner Brust, den Unterarmen, zwischen den Schenkeln und die mäch- tigen Beine hinab. Das Haar stand ihm in buschigen, Stacheln vom Kopf ab. Sein gewaltiger Torso war von Beulen und Narben bedeckt – er sah aus wie ein ur- alter Baum. Kerris blieb am Teichrand stehen. Es war schlam- mig dort. Cal stieß ihn an. »Warum gehst du nicht rein?« »Warum gehst du nicht selber?« Der Cheari bleckte die Zähne. Er tänzelte von den Felsen fort. Elli kam aus dem Dampfzelt gerannt und hechtete in den Unterteich. Dabei überschüttete sie Tek mit einem Wasserschwall. Er brummelte wie ein Bär und fiel kopfüber hinter ihr her. Sie gluckste, tauchte weg, glitt wie ein Fisch durch das tiefere Wasser und entkam ihm ganz mühelos. Vor Kerris' Füßen kam sie ans Licht. »Du solltest dein Messer ablegen, wenn du hier herumstehst«, sagte sie. »Du könntest ausrutschen.« »Ich werde nicht ausrutschen«, entgegnete Kerris. Aber es schien ihm eine vernünftige Idee zu sein. »Wo kann ich es hintun?« Der Schlamm machte ein schmatzendes Geräusch unter seinen Stiefeln. »Ich halte es für dich«, sagte Cal und schaute Elli mit lüsternem Grinsen an. »Nyaa!« Kerris machte den Gürtel auf und reichte das Messer und den Gurt Cal, der Elli herausfordernd mit den Fingern zuschnippte und dann auf das Dampfzelt zuging. Elli holte sich eine Handvoll Seife aus einem Topf und rieb sich das Haar ein. Sie hatte alle Seidenbänd- chen herausgenommen. Dann tauchte sie unter, ließ die Seife wegfließen und rieb sich kräftig mit beiden Händen die Kopfhaut. Sie kam wieder an die Ober- fläche geschossen und prustete Wasser in die Luft. »Ich sag's dir noch einmal«, sagte sie Wasser spuk-, kend und legte eine kalte Hand auf Kerris' Wade, »du solltest auch reinkommen.« »Ach nein, danke«, sagte er, aber um ihr zu Gefal- len zu sein, zog er sich die verschmutzten Stiefel aus und ließ die Beine im Wasser baumeln. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien. Das Wasser war eisig, so kalt wie der Rurian in der Früh- jahrsschmelze, wenn er vom Schnee aus den Bergen angeschwollen war. Ellis breiter Mund zuckte. Er kickte Wasser zu ihr hin. Sie hechtete davon. Im Gras hinter ihm waren Schritte zu hören. »Paß auf!« rief Elli. »Schau mir zu!« Und sie tauchte rücklings, der lange Leib bog sich wie ein Reifen und stach messerscharf und fast ohne zu spritzen ins Wasser. Kerris beugte sich vor, er war neugierig, wo sie wieder auftauchen würde. Zwei goldbraune Arme legten sich um seine Taille und warfen ihn ins Wasser. Er grapschte nach dem Beckenrand, während er fiel, doch fiel er keineswegs in dessen Nähe. Er kniff die Augen zu. Wasser drang ihm in die Nase. Er sackte ab wie ein Stein. Hustend stieß er sich mit Arm und Beinen zur Oberfläche hinauf. Seine Kleider zerrten an ihm. Als er sich die Haare aus den Augen schüttelte, sah er Elli eine Armlänge weit weg, wie sie ihn freudestrahlend ansah. »Ich hab's doch gewußt! Du kannst schwimmen!« Er warf sich auf sie zu, mit Scherenbewegungen der Beine, so rasch er konnte. Sie kreischte auf und tauchte unter seiner ausgestreckten Hand davon. Er verfolgte sie bis zum seichten Teichende. Sie kauerte da wie ein brauner Frosch mitten unter den Kindern und quakte ihn an. Die Kinder waren aufs äußerste, entzückt und quakten ebenfalls, sie nachäffend. Das Wasser erschien ihm nun nicht mehr ganz so eiskalt. Er spritzte Elli an. Sie erwiderte die Salve. Er ver- suchte sie am Bein zu fassen. Sie tauchte unter, schwamm hinter ihn und schubste ihn kopfüber ins Wasser. Er lehnte sich gegen die moosigen Felsen und zog sich das Hemd aus. Es klebte an der Haut, und er zer- riß es fast, ehe er es herunterbekam. Elli begutachtete ihn von oben bis unten, als hätte sie nie zuvor seine nackte Haut gesehen. Er bedeckte unwillkürlich den Armstumpf mit seiner Hand. Sie murrte: »Tu das nicht!« Das Kindergekreisch verstummte, die Kleinen spürten den Streit in der Luft. Sie lugten neugierig über Ellis Schulter: in jeglicher Größe, allen Hautfär- bungen, schwarz wie Ilene, braun wie Elli, hellfahl wie Jensie, sommersprossig wie Riniard ... »Aber das ist kein angenehmer Anblick.« Sie kam zu ihm gewatet und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Das ist unwichtig.« Ihre kräftigen Finger zwickten sein Fleisch. »Es ist ein Arm, zum Kuckuck, Kerris, weiter nichts, nur ein Stück Fleisch.« Er wollte ihr glauben. Und wie sehr er ihr glauben wollte! Fröstelknötchen liefen ihm das Rückgrat hin- ab – er war zu lange ohne Bewegung stillgestanden. Er ging in die Knie und warf sich in ihre Richtung. Ih- re Augen weiteten sich. Er warf den Arm um sie und drückte sie hinunter. Er hielt die Luft an. Die Welt verwandelte sich in flüssiges Grün, dann wurde sie schwarz. Blasen flogen an seinen Ohren vorbei. Er klammerte die Beine um Ellis Schenkel. Seine Hosen- beine klatschten. Wasser strömte ihm gegen den, Schoß. Ihre Brustwarzen drückten hart wie Kiesel- steinchen gegen seine Brust. Sie tauchten auf, drangen durch die Wasseroberflä- che und keuchten nach Luft. Elli wand sich aus seiner Umklammerung und strebte mit schlängelnden Be- wegungen um die anderen Badenden herum ans tie- fere Ende des Teichs. Sie verhielt dort und lockte ihn lachend, bis er ihr nachkam, dann versank sie im Wasser. Kerris pumpte sich die Lungen voll Luft und tauchte, um sie zu fangen. Wie ein Fisch schwebte sie außer Reichweite seiner greifenden Hand, ein dunk- ler verwischter Schatten. Die Ohren begannen zu dröhnen. Er schoß nach oben. Zwei Schwimmstöße weit entfernt kam sie herauf, trieb dann auf dem Wasser, den schlanken Rücken gebogen, auf ihn wartend. Aber schließlich bohrte sich die Kälte des Wassers bis in seine Knochen. Er schwamm mit kräftigen Stö- ßen zum seichten Ende und kam zitternd auf die Bei- ne. Elli erhob sich an seiner Seite. Sie klatschte ihm auf die Hüfte. »Mensch, du wirst ja schon blau!« Sie stiegen hinaus. Kel stand da und wartete auf sie. Sein Gesicht war rot von der Hitze des Dampf- zelts. Er hatte eine schwarze Robe an mit roten Borten am Ärmel. Das Haar hing ihm bis zu den Hüften. Er reichte Elli ein Handtuch und eine gelbe Seiden- robe. »Cal bat mich, dir zu sagen, daß er dein Messer und den Gürtel und die Kleider mit ins Haus ge- nommen hat.« »D-d-das ist net-t-t-tt von ihm«, sagte Kerris. Was- ser tropfte ihm die Schenkel und Waden hinab und rann aus seinen Hosenbeinen. Kel legte ihm ein Handtuch um den Hals. »Zieh, das aus!« sagte er und deutete auf Kerris' nasse Ho- sen. »Hier?« Elli schnaubte durch die Nase. Sie bückte sich und preßte das Wasser aus ihrem Haar. »Du hast nichts an dir, was nicht jedermann hier schon mal gesehen hat.« Kerris zupfte an dem Knoten seiner Hosenschnur. Seine Finger waren klamm und steif. Kel schob seine Hand fort. »Ich mach das.« Und er ließ sich Zeit da- bei. Seine Hände waren warm, und ihre Berührung auf dem Bauch ließ Kerris wieder über den ganzen Leib erschauern. Die offenen Hosen glitten über Kerris' Beine in den Schlamm. Er trat aus ihnen heraus. Elli stieß die Ho- sen mit der Zehe an. »Häch! Jetzt muß einer von uns sie waschen. Wer ist mit dem Waschen dran?« Sie hob das nasse, verschmutzte Kleidungsstück hoch und hielt es auf Armeslänge von sich weg. »Wahrscheinlich bist du an der Reihe«, sagte Kel. »Gib her, ich werde sie tragen!« Er nahm Elli die Ho- sen ab und legte mit der anderen Hand Kerris einen Mantel um die Schultern. Er war aus Samt und rot wie Blut mit eingewebten silbernen Fischen. Kerris schob den Arm durch den Ärmel und hielt dann mit der Hand den Mantel vor sich zu. In drei Schlaufen hing ein Silbergürtel, dessen eines Ende schmutzig war. Elli hob die Gürtelenden und band sie zu einem lockeren Knoten um seine Hüften. »Na, sehen wir nicht prachtvoll aus?« sagte Elli. »Wie Lords aus der Stadt.« Und sie tänzelte ein paar Schritte auf und ab in ihrer gelben Seidenrobe. Kerris dachte an Morven, wie er da oben in seiner Burg ver-, graben hockte. Er hätte nicht mit Morven tauschen mögen. »Wo sind Jen und Arillard und Ilene?« »Die sind schon vorausgegangen«, antwortete Kel. Sie wanderten langsam zu Sefers Kate zurück. Durch den glatten Samt brannte Kerris die Sonne warm auf den Rücken. Nach der Eiseskälte des Teichs fühlte sich die Hitze köstlich an. »Und warum bist du geblieben?« fragte er seinen Bruder. Kel strich ihm über das Rückgrat. Das Tuch be- wegte sich erregend unter seinen erfahrenen Fingern. »Das erschien mir nur als anständig«, sagte er. »Schließlich hab' ich dich ja ins Wasser geworfen.« Als sie beim Haus anlangten, kam Kerris zu der Überzeugung, daß er am Verhungern sei. Er konnte die Abendmahlzeit kaum noch erwarten. Ilene und Calwin teilten sich in die Zubereitung des Essens. Elli brachte Jensie mit halber Gewalt an den Tisch. Sie aß nur wenig. Sie ließ den Kopf hängen; und bevor die anderen auch nur halbwegs fertig gegessen hatten, war sie eingeschlafen. Kel hob sie auf und legte sie auf ihr Lager. »Gut«, murmelte er. Er zog ihr vorsichtig das Messer von der Hüfte und steckte die Decke um ihren Körper herum fest. Terézia kam herein, stieg die Treppe hinauf und kehrte bald wieder zurück. »Willst du nicht was es- sen?« rief Ilene ihr zu. Terézia schüttelte den Kopf. »Ich hab' schon bei Cleo gegessen.« Eine Musiknote zitterte durch die Luft, eine zweite und eine dritte. Kerris erkannte das vibrierende Schwirren einer Handharfe. »Das ist schön«, sagte Elli., Kerris wartete darauf, daß sich in seiner Brust jenes kleine bittere Zucken melde, jener Hauch von Neid, den er stets gegenüber Menschen empfunden hatte, die zwei gesunde Hände besaßen und damit Musik machen konnten. Die Empfindung blieb aus. Terézia saß mit gekreuzten Beinen auf einem Kis- sen. »Sagt mir, was ich spielen soll«, bat sie. »Spiel uns das Rätsellied!« sagte Calwin. Terézia spielte es. »Spiel ›Ich bin ein Fremdling‹!« bat Arillard. Es wurde dämmerig. Arillard entzündete die choba- ta. Er stellte eine neben Terézias Knie ab. »Beth, mei- ne Frau, hat auch die Handharfe gespielt«, sagte er. Terézia sagte: »Das hast du mir letztes Jahr schon gesagt, als ich gerade zu lernen angefangen habe.« »Du hast eine leichte Hand – dein Anschlag erin- nert mich an den ihren.« Kel und Elli machten den Tisch frei. Als er genug Platz hatte, legte Kerris das Papier vor sich hin, das er von Meritha erhalten hatte. Er stellte eine Ölschale in die Nähe, aber so weit weg, daß die gestreiften Blätter sich nicht von der Hitze rollen konnten. Er mischte seine Tusche in dem Teller mit dem angeschlagenen Rand. Während er noch mit den Vorbereitungen beschäf- tigt war, kam Sefer langsam aus dem Obergeschoß heruntergestiegen. Er hatte die Mahlzeit versäumt, und sein Gesicht war verquollen vom Schlaf. Er trat in die Küche. Kerris fuhr sich mit den elastischen weichen Pin- selhaaren über die Lippen. Es war eine leicht eroti- sche Berührung. Er hob den Pinsel, um ihn in die Tu- sche zu tauchen, und hielt inne., Sefer tauchte aus der Küche auf, ein Trinkgefäß in der Hand. »Sefer?« »Was ist?« fragte der Lehrmeister. »In den Journalen auf Tornor steht immer eine Zeile, die das Datum des Berichts angibt – zum Bei- spiel: Im zwanzigsten Jahr der Herrschaft Morvens, des neunzehnten Lord von Tornor – ich weiß nicht, was ich hier schreiben soll.« »Hmm.« Sefer rieb sich am Kinn. »Setz das Jahr des Rats ein. Also, im Jahre soundsoviel seit der Einrich- tung des Rates der Häuser in Kendra-im-Delta – aber ich weiß nicht, welches Jahr wir haben, Arillard?« Arillard hob den Kopf. »Welches Jahr des Rates haben wir?« fragte Sefer. Arillard sah nachdenklich drein. »Das drei ... das vierunddreißigste.« »Genügt das?« Es schien richtig. Kerris tauchte den Pinsel in die Tinte. Dies ist der Bericht über gewisse Ereignisse, gesche- hen in der Stadt Elath, im vierunddreißigsten Jahr seit der Einrichtung des Rates der Häuser in Kendra-im-Delta, niedergeschrieben von Kerris von Elath – er zögerte und fügte dann nachdrücklich hinzu: Schreiber. »An wel- chem Tag sind die Asech zum erstenmal aufge- taucht?« Sefer rieb sich mit den Daumen über die Augenli- der. »Am ersten Tag des Viertelmondes«, sagte er. Im ersten Monat des Sommers, den ersten Tag des Vier- telmondes, schrieb Kerris, griffen Leute der Wüsten- stämme, die Asech heißen, das Dorf Elath an ... »Sind sie von Süden gekommen?« »Nein«, sagte Sefer. »Beim erstenmal kamen sie, über die Nordstraße.« ... von Norden kommend. Sie brannten ... »Soll ich schreiben, wessen Häuser niedergebrannt wurden?« »Ich glaube, das solltest du.« Sefer trat an den Tisch und blickte Kerris über die Schulter, einen Augen- blick lang, dann setzte er sich. »Aber vielleicht ist es nicht nötig. Schreibe, drei Häuser. Aber du schreibst besser, daß Thiya getötet wurde.« ... die Häuser von drei Familien nieder. Thiya wurde ge- tötet. Drei Tage darauf kehrten sie zurück, brannten ein weiteres Haus nieder und nahmen zum Gefangenen einen Besucher des Ortes, namens Riniard aus dem Galbareth, einen Cheari. Durch ihre Sprecherin, Thera, drohten sie, den Gefangenen zu töten, es sei denn, die Hexen von Elath lehrten sie die Hexenkünste. Es war den Bewohnern von Elath bekannt, daß diese Asech im Besitz einiger Hexenga- ben waren. Sie nannten ihren Stammesnamen, Li Omani, die Gebrandmarkten. Ihr Häuptling schien ein Mann na- mens Barat zu sein. Die Worte flossen ihm leicht aus der Feder. Dann brach er ab, um die Finger ruhen zu lassen. Seine Hand war vom Training des Tages mü- de. »Stört es dich, wenn ich dir über die Schulter gaf- fe?« fragte Sefer. Das Licht der chobata fiel ihm von unten ins Gesicht und verlieh der Haut einen gelbli- chen, wächsernen Ton. »Nein, gar nicht.« Kel stieg die Treppe hinauf. Terézia stellte ihre Handharfe beiseite, und alle murmelten ihr einen Dank zu. Dann gingen die Chearis zu Bett. Das Öl in dem Chobatateller brannte niedrig, als Kerris seine Schreibarbeit schließlich beendete. Er hatte drei Seiten und eine halbe vierte vollgeschrieben., Er reichte die Blätter Sefer. Der Meister der Inneren Sprache nahm sie ernst entgegen. »Ich danke dir, Ker- ris.« Kerris zuckte die Achseln. Er fühlte sich versucht, den Text noch einmal zu überarbeiten, um die Ein- zelheiten nachzutragen, die er ausgelassen hatte. Er dachte daran, was Josen wohl sagen würde, wenn er das sehen könnte. »Unpräzise, schlampig, unvollständig ...« Die Nacht war warm. Die Blase drückte ihn vom lan- gen Sitzen. Er trat hinaus und öffnete seine Kleider. Er roch den Geruch der Äcker: Heu, Gras, Kuhdung, Staub, Pferde und die ganz eigentümlichen Gerüche aus den Häusern. In einer Küche in der Nähe war je- mand beim Backen. Der Geruch erinnerte ihn an die Küche auf Tornor, und diese wiederum an Paula. Der Brief an Josen fiel ihm ein, der noch immer unversie- gelt bei seinem Bett lag. Er wollte sich morgen daran erinnern, ihn zu versiegeln. Ein schläfriger Vogel sang ein Lied aus zwei Tönen im Gewirr einer Hecke. Der Harnstrom schoß in ei- nem starken, hohen Bogen aus ihm heraus. Er grinste, schüttelte das Glied aus, schloß die Hosen wieder und wandte sich zum Gehen. Sefer stand unter der Tür. Das Licht aus dem Fen- ster fiel auf sein Haar und ließ es phosphoreszieren. Er machte eine Handbewegung auf die Bank zu. »Setz dich ein bißchen zu mir!« Kerris ließ sich auf den kalten Stein nieder. »Wie ist es heut im Hof gegangen?« Der Schimmer des aufgehenden Mondes begann über dem Hügelkamm zu leuchten. Kerris sah zu, wie, das Glühen stärker wurde. »Es ging ganz gut.« Sefer sagte: »Ich wollte mich bei dir entschuldigen, Kerris, für das, was du heute morgen mitgemacht hast. Wenn ich gewußt hätte, daß es passieren würde, ich hätte dich nicht gebeten, mit uns zu gehen.« »Das weiß ich«, sagte Kerris. Über der Zackenlinie der Baumwipfel tauchte ein Lichtdreieck auf. »Doch nun glaube ich, daß es so am besten war«, fuhr Sefer fort. Er legte Kerris die Hand auf die Schulter und drehte ihn ein wenig zu sich herüber. Sein Gesicht war verschwommen, die Augen im Schatten ein farbloses Schimmern. »Ich werde jetzt in dich hineingreifen«, sagte er, »und ich will, daß du mich abwehrst.« Kerris blieb nicht die Zeit, etwas dagegen zu sagen. Er spürte, wie Sefer sich zu ihm hin ausdehnte, die Oberfläche seiner Gedanken berührte, nach innen sondierte – Zum Teufel mit dir, dachte er, ich kann dich nicht abblocken! Er hätte nicht sagen können, ob das Schimmern vor seinen Augen Sefers Gedanken waren oder der aufsteigende Mond. Er hob die Hand, bereit, sie auf die Steinbank zu schmettern, um die einzige Waffe einzusetzen, die ihm vertraut war: Schmerz. Aber seine Hand wollte ihm nicht gehorchen. Nein, sagte Sefer, nicht so! Sein Herz schlug wie Donnergrollen. Plötzlich glitt etwas in seinem Kopf von der Stelle. Es fühlte sich an wie ein Bolzen, der in eine frischgeschnittene Kerbe gleitet. Seine Hand sank herab. Er rieb sich die Knö- chel auf dem Stein wund. Das Mondlicht flammte in seine Augen. In seinem Kopf war nichts, außer seinen eigenen Gedanken. Er holte Luft. Er wußte, was er gerade getan hatte,, ohne zu wissen, wie er es getan hatte. Und er war unversehrt. Er war frei. Er drehte sich ganz zu Sefer herum. »Was ...« Sein Lehrer saß zusammenge- krümmt da und hielt sich den Kopf mit beiden Hän- den. Als Kerris sich bewegte, richtete er sich auf. Auf seinen fahlen Wangen hingen Tränen. »Ich ... es tut mir leid«, sagte Kerris. »Ich wollte dir nicht wehtun.« Seine Fingerknöchel brannten. Er legte die Lippen auf das zerkratzte Fleisch. »Es geht vorbei«, sagte Sefer gleichmütig. Er ließ die Hände sinken. »Ich wußte, daß es geschehen könnte.« Seine Lippen hoben sich in den Winkeln. »Du hast es geschafft.« Kerris schloß die Augen. Er konnte spüren-sehen- fühlen, wie seine Mauer stand: sie war aus grauem Stein mit Glimmereinsprengseln, wie der Torbogen in der Mauer auf Tornor war sie, und sie schimmerte wie eine Spiegelung im Glas. »Aber warum jetzt? Warum nicht früher?« »Wegen der Dinge, die heute geschehen sind«, sagte Sefer. »In diesem Augenblick des Entsetzens im Garten hast du die Erfahrung wiederholt, die du da- mals machtest, als du die Mauer aufzurichten ver- sucht hast und es dir fehlschlug.« »Ja«, sagte Kerris. Oh, meine Mutter ... »Aber du hast es auch begriffen, innerlich – du hast verstanden, daß – obwohl das Kind in dir verletzt worden war, der erwachsene Mensch stark und un- verletzlich geworden ist. Ich fühlte, wie du zu begrei- fen begannst. Du hast es aus der Oberfläche deines Denkens verbannt und tief eingeschlossen, doch ich wußte, ich würde es erreichen können, wenn ich nur tief genug hinabtauchte. Und als ich es berührte, hast, du, ohne zu denken, reagiert, reflexhaft, mit jener Technik, die der echte Innere Sprecher beherrschen lernt. Du hast mich hinausgestoßen und deinen Wall aufgerichtet.« Die Mauer schimmerte noch immer hinter seinen Augen, unerschütterlich wie der Granit des Nordens. An ihrem Fuß wuchs spärliches Gras, ein vager Himmel hing über und hinter ihr. Kerris fragte sich, ob Sefer das Bild aus seinen Gedanken entlehnt oder selbst für ihn erfunden hatte. Er glaubte, daß eher er- steres zutreffen mochte. Die Steppe war seine Zu- flucht gewesen, vierzehn Jahre lang, eine wie unsi- chere auch immer. Und Sefer hatte die Steppe nie ge- sehen. Die neue Erfahrung fühlte sich für ihn ganz natür- lich an, wie das Blut, das durch seine Haut rann. Er begann bereits die Erinnerung daran zu verlieren, wie es ohne das Neue gewesen war. »Aber was kann ich nun tun?« fragte er. »Alles, was du gern möchtest«, sagte Sefer. »Soll ich nach Kendra-im-Delta gehen und mich als Wahrheitsfinder verdingen?« Er dachte an seine ei- genen bitteren Worte, die er zu Josen gesprochen hatte. Welches große Haus würde mich schon wollen? Sefer sagte: »Das kannst du tun. Oder du kannst hierbleiben und die Stelle eines Schreibers überneh- men. Elath wird schon bald einen neuen brauchen. Und du kannst sogar nach Tornor zurückkehren.« Kerris blinzelte. Er hatte nicht geglaubt ... »Nein!« Es kam ganz unwillkürlich aus ihm. »Nein!« »Weißt du, was ich gern sehen würde? Ich hätte gern, daß du in Elath bleibst und in der Schule unter- richtest.«, »Aber ich bin kein Lehrer.« »Du könntest lernen, es zu sein. Es ist eine Fertig- keit.« Die Tür zum Garten öffnete sich. Kel hielt sich mit beiden Händen an den Torpfosten und beugte sich heraus. »Was treibt ihr zwei denn so lange?« Er kam herüber, glitt aus, fand wieder festen Tritt. »Ihr seid jetzt lang genug hier draußen, um einen ganzen Fluß zu pissen!« Er legte besitzergreifend die Hand auf Se- fers Nacken. »Komm jetzt rein, nika!« Sefer sagte: »Wir haben miteinander geredet.« Kels Haar hing lose. Er warf es aus dem Gesicht zurück in den Nacken. »Soll ich wieder gehen?« Sefer blickte Kerris an und hob die Augenbrauen. »Sind wir fertig?« Die Kälte der Bank ließ Kerris' Kniekehlen brennen. »Ich glaube schon.« »Dann kommt doch rein!« Kel zog Sefer hoch. Er drückte ihn kurz an sich und schob ihn dann in Richtung auf die Tür von sich. Sanft sagte er: »Rutsch nicht aus, dort ist ein Maulwurfsgang.« Er tippte Ker- ris auf die Schulter. »Chelito ...« »Ja?« Der halbe Mond schaukelte über dem Rand des Tales, seine konvexe Krümmung berührte gerade die Baumwipfel. Wie ein Boot auf einem Fluß glitt er in den sternenbesäten Himmel hinauf. Kel fragte: »Wor- an denkst du?« »Warum fragt ihr alle mich das?« »Wer sonst fragt dich so?« »Elli. Und Josen hat auch immer so gefragt.« »Weil du dabei ...«, erklärte Kel, »so einen besonde- ren Gesichtsausdruck bekommst.«, »Wie denn?« fragte Kerris. »Wie eine verschlossene Tür.« Kerris wußte nicht genau, ob er das gern hörte. »Ich habe gedacht, daß der Himmel wie ein Fluß aus- sieht.« Er legte den Kopf in den Nacken und schaute zu den Sternen hinauf. Kels Fingerspitzen streichelten ihn am Hals. »Mir kommt er eher wie der Ozean vor«, sagte sein Bruder. »Du hast den Ozean gesehen?« »Gewiß doch«, sagte Kel. Er mimte ein Frösteln. »Es wird kühl, chelito! Komm mit hinein! Und ich werde dir alles über das Meer sagen – aber erst mor- gen.« Ein Lächeln huschte flüchtig über sein Gesicht. Er beugte sich vor und ließ beide Daumen an der In- nenseite von Kerris' Schenkeln hinaufgleiten., 13. Kapitel Kurz vor Einbruch der Dämmerung hatte Kerris ei- nen Traum. Er stand in einem weiten, sonnendurchfluteten Raum bei einem Tisch. Er weinte. Nicht vor Furcht, sondern aus Zorn. Auf dem Tisch lag etwas, das er haben wollte, doch die Platte war hoch über seinem Kopf. Er hämmerte mit der Faust gegen ein Tischbein. Dabei verlor er das Gleichgewicht; er begann zu wak- keln, er sah, wie ihm der mattenbelegte Boden entge- genkam, er heulte. Plötzlich wurde er hochgehoben. Das Gesicht einer Frau lächelte auf ihn herab. Die Augen und die Haare waren braun. Sie betupfte ihm mit etwas Weichem die Wangen. »Mach auf!« sagte sie, und er öffnete den Mund. Sie steckte ihm einen Brocken Honigwabe hinein. »Solch ein Gierhals für Süßes«, sagte die Frau. Das war es, was er gewollt hatte. Der süße Ge- schmack stieß gegen seine Zunge, erfüllte den Gau- men. Glucksend wiegte die Frau ihn hin und her. »Er wird mir noch so fett werden, daß wir ihn schlachten und füllen werden und auffressen wie die Gans!« Ihr Lächeln war voller Liebe. Er drängte sich an sie, spürte, wie ihr Herz pochte. Die Brüste unter ihrem smaragdgrünen Kleid waren weich und voll. Dann verdunkelte sich das Gemach, und Kerris fühl- te, wie er aus seinem Traum und aus der Kindheit erwachte. »Mutter!« rief er. Aber das Wort hatte keinen Klang. Sie verschwand. Er starrte die wollenen Wand- behänge in Sefers Kate an. Tränen liefen ihm die Na- senflügel hinunter. Er barg den Kopf auf seinem Arm., Der Himmel wurde langsam heller. Die anderen begannen sich auf ihren Lagern zu rühren. Als der Schmerz nach einiger Zeit stumpfer geworden war, setzte Kerris sich auf. Er strich sich das Haar aus der Stirn. Die Hähne von Elath riefen aus ihren Höfen, die zögernde Sonne scheltend. Er stolperte in die Küche und rieb sich das Gesicht mit einem nassen Tuch ab, bis er sicher sein konnte, daß die Tränenspuren verschwunden waren. Von droben hörte man Schritte, dann auf der Treppe, und die Tür zum Garten öffnete und schloß sich. Arillard kam in die kleine Küche, die Zunderbüchse in der Hand. Die Chearis waren alle schlechtgelaunt. Jensie wirkte ungeschickt, und das war bei ihr selten. Sie stieß einen Wasserbecher vom Tisch. Er rollte über die Matten, und das Wasser sickerte in das festge- knüpfte Stroh. »Mist!« Arillard sagte: »Du hebst besser die Matte auf.« Jensie grunzte. Elli und Cal halfen ihr, die schwere Strohmatte auf die Kante hochzustemmen. Sie lehn- ten sie gegen die Wand. Auf der leeren Stelle, wo sie gelegen hatte, war der Fußboden fahl und staubig. Kel kam aus dem Garten herein. Er sah müde und angespannt aus. Er nickte ihnen allen zu und ging in die Küche. Er kehrte mit einem Brotlaib, einem Mes- ser und einer Butterschale zurück. Er zerteilte das Brot in Stücke. »Sehr redselig sind wir, hm!« erklärte Ilene der Luft im Zimmer. Elli griff nach dem Buttermesser. Arillard zuckte die Achseln. Kel sank vor dem entblößten Rechteck, auf dem Boden auf seine Hacken. Ilene stemmte die Hände in die Hüften. »Was ist los mit dir?« fragte sie. »Ich hab' dich gehört. Du bist die halbe Nacht lang droben herumgetigert!« Er legte den Kopf schief und schaute sie an. »Ir- gendwas stimmt nicht«, sagte er. Jensie starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Ist es etwas Großes oder etwas Kleines?« fragte Ilene. »Ich kann es nicht erkennen«, antwortete Kel. Sefer kam die Treppe herab, er hatte Kerris' Schrif- trollen unter dem Arm. »Guten Morgen«, sagte er und hob die Augenbrauen, als er die hochgestellte Matte sah, sagte jedoch weiter nichts dazu. »Sef, was wird heute geschehen?« fragte Arillard. »Ich bin mir nicht sicher«, gab Sefer zurück. »Doch wir werden wohl mit einer kleinen Delegation der Wüstenreiter rechnen müssen, die uns erklärt, daß sie wegziehen, und die die Übergabe Riniards mit uns bespricht.« Ilene sagte: »Kel hat Vorahnungen.« Jensies Gesicht war bleich geworden. Sie kniete plötzlich nieder, packte Kel am Handgelenk und stieß ihm dabei das Brot aus der Hand. Auf ihren Wangen glühten Flecken wie zwei feurige Kohlen. »Es ist nicht Riniard!« sagte sie. »Sag, daß es nicht Riniard ist!« Mit einer kräftigen raschen Bewegung glitt Kels Arm aus der Klammer ihres Daumens und Zeigefin- gers, dann hielt er seinerseits sie an den Handgelen- ken fest. »Nicht, Jen!« sagte er. »Brich mir nicht zu- sammen! Wir brauchen deine Stärke!« Sie neigte den Kopf. Ilene hockte sich neben sie und, strich ihr mit der Hand den Rücken hinauf. »Komm mit mir zu Kithas Haus! Du kannst mir helfen, hinter Borti herzurennen. Er ist dermaßen aktiv, daß ich mir wünschte, ich wäre Zwillinge.« »Gut«, sagte Jensie. Kel ließ sie los. Elli reichte ihm das Brot zurück. Kerris quälte sich in sein Hemd. Dann ging er und setzte sich neben seinen Bruder. »Ich hab' heute morgen einen Traum gehabt«, be- gann er. »Ich hab' geträumt, ich war ein Kind. Und ich versuchte etwas – etwas zu essen, war es – von ei- nem Tisch zu bekommen. Eine Frau hat mich hoch- gehoben ...« Er zögerte. »Ich glaube, das war Mutter.« Das Wort hörte sich fremdartig an in seinem Mund. »Sie hatte braunes Haar und braune Augen ... Sie hatte ein grünes Kleid an.« »Sie hatte ein grünes Kleid«, sagte Kel. »Mit Spit- zen daran.« Er zeichnete einen Kreis in den Staub und wischte ihn wieder aus. »Vielleicht kommen deine Erinnerungen zu dir zurück, chelito.« Habt acht! Habt acht! Habt acht! – Der Rhythmus und die emotionelle Intensität des Alarmrufs waren Kerris nun schon vertraut. Er stand auf. Auch Kel er- hob sich, etwas langsamer. Arillard fragte: »Sind es ...« »Ja.« »Sollen wir mitkommen?« fragte Ilene. Kel warf Sefer einen Blick zu. »Nicht nötig«, sagte der Meister der Inneren Sprache. Elli sagte: »Ich will hören, was abgemacht wird, wie wir Riniard zurückbekommen.« »Du wirst es später erfahren«, sagte Kel. Er rieb sich den Staub von den Handflächen. Die kleine Spur, von mürrischer Laune in seiner Stimme ließ Kerris zusammenzucken. Der Tag war heiß und blau. Eine Wolkenherde ver- dunkelte den nördlichen Himmelsrand. Es war ruhig auf der Straße, so ganz anders als am Tag zuvor. Auf dem Dorfplatz standen Tamaris, Dorin und Lara. Über den Talrand kamen zwei Reiter getrabt. Tek lehnte als wuchtiger Schatten im Türeingang der Schlachterei. Der Schmied Lepin und der Hofmeister Emeth standen ganz in der Nähe. Unter dem Türbo- gen von Moros Haus stand ruhig ein hochgewachse- ner Mann mit einem Bogen. »Wer ist der?« fragte Kerris seinen Bruder. »Das ist Erith, der Anführer der Wachen.« Kerris beobachtete seinen Bruder. Nun, da er sich unter freiem Himmel befand, schien Kel ruhiger ge- worden zu sein. Er hatte das Hemd mit den tanzen- den Figuren an, und er hatte beim Gehen beide Hän- de in die Taschen seiner Reithosen gestopft. Sefer ging rechts von ihm. Die Reiter waren Nerim und Jacob. Sie kamen langsam auf den verlassenen Platz geritten. Kerris konnte nicht umhin zu bewundern, wie prachtvoll sie im Sattel saßen. Sie kamen den Weg geritten, auf dem Kel gegangen war. Nerim hatte seinen weiten Mantel an, und Kerris überlegte sich, wozu die Wüstenreiter tagsüber Mäntel brauchten, wo es doch so warm war. Jacob hatte seinen Umhang abgelegt, er hing quer über den Nacken seines Pferdes. Die Perlstickerei auf seiner Tunika war deutlich zu sehen: es war ein Blü- tenmuster. Sein Haar war lang und glänzend. Kerris dachte, daß er es vielleicht eingefettet hatte. Es fiel, ihm in einem dicken Haarknoten in den Nacken. Nerim trug an einem Stock ein grünes Stoffviereck. Das sollte wohl die Flagge eines Unterhändlers dar- stellen. Als er bei den wartenden Lehrmeistern ange- langt war, stieg er vom Pferd. Er fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Dann sagte er langsam und vorsichtig: »Ich bringe Nachricht von meinem Volk zum Hexenvolk.« Lara sagte: »Die Leute von Elath hören dich.« »Thera mir sagt. Ich sagen soll, sie lernen. Wir ...« – er tippte sich an die Brust und winkte zu Jacob hin – »und andere, wir zeigen, wie Mauer man abbricht. Geht langsam. Sie viel große Angst. Einige sehr ler- nen schnell.« Lara antwortete: »Ich verstehe. Ihr unterrichtet eure eigenen Leute, wie man die Mauer abbaut, damit sie ihre Gaben benutzen können. Das ist gut.« »Thera sagen, wenn alle gelernt, wir zurückgeben ...« Er zögerte mit gerunzelter Stirn, dann legte er beide Handgelenke zusammen, als wären sie gefes- selt. »Ich leider Wort vergessen.« »Gefangener«, sagte Kel. »Geisel.« »Geisel. Ja. Wir geben zurück heute abend, wenn Sonne endet. Ich Botschaft von Gei-Geisel. An ... Kel?« Er biß sich auf die Lippen. Kel hob die Hand, um sich zu erkennen zu geben. Kerris schielte zu Ja- cob hinüber. Der junge Wüstenreiter saß nach vorn gelehnt da und starrte den Cheari an. »Er sagen, tut leid, sehr leid.« »Das wird der Fall sein«, sagte Kel, »wenn ich ihn in die Finger bekomme!« »Er sagen ...« Nerims bereites Gesicht zuckte, wäh- rend er sich an die Worte zu erinnern versuchte ..., »Elli hat recht gehabt. Ich habe Grillengehirn.« Kels Gesicht wurde weicher. Er zog die Hände aus den Taschen. »Geht es ihm gut? Nicht verletzt?« »Gut. Geht gut. Wir essen geben, er gehen ...« Wie- der mimte Nerim die gefesselten Handgelenke. »Wie werdet ihr ihn uns zurückgeben?« fragte Se- fer. »Wir gehen. Er bleiben. Wir ihn binden, nicht fest, er kann zerbrechen.« Nerim mimte das Zerreißen von Fesseln. »Er nicht weit.« »Ihr werdet ihn locker gefesselt zurücklassen, da- mit er, sobald ihr fortgeritten seid, sich befreien und zu uns zurückwandern kann.« »Ja.« Sefers Stimme tönte leise in Kerris' Gehirn. Er- scheint euch allen das gut? Ja, antwortete Kerris im Geiste. Tamaris nickte. Se- fer gab Lara kopfnickend das Zeichen. »Wir sind damit einverstanden«, sagte Lara. Nerim wandte sich zu Jacob und ließ eine Reihe von Wörtern vom Stapel. Der jungenhafte Wüsten- reiter schwang sich aus dem Sattel. Kerris roch den typischen Körpergeruch der Asech. Jacob ballte und streckte die Finger ein einzigesmal. Die Nägel schimmerten rosa vor der braunen Haut. Seine Hän- de waren wohlgeformt und sehr lang. Nerim sagte: »Hier Jacob. Ihr wissen. Er bitten, möchte gern sprechen mit Kämpfer Kel?« Die Lehrmeister von Elath blickten alle zu Kel hin. Er zuckte die Achseln und hob die Handflächen zum Himmel. Jacob sprach mit Nerim. Nerim verkündete: »Er sa- gen – kein Kampf. Er sprechen Frieden.«, Lara sagte: »Das klingt mir ganz nach einer priva- ten Unterredung.« In einem plötzlichen Impuls griff Kerris an das Ge- hirn des stummen Wüstenreiters. Er spürte durchein- anderkollernde Gedanken, sämtliche unbegreifbar und vermischt mit einem tiefen Verlangen. Sefer sagte: »Nika, willst du mit ihm sprechen? Es sieht aus, als wäre es ihm sehr ernst mit etwas.« Wieder sagte Jacob etwas zu Nerim. Der ältere Mann trat zurück und redete mit ihm. Er schob sei- nen Arm unter den Jacobs, es war eine vertrauliche Geste. Jacob biß sich auf die Lippe. Nerim blickte un- glücklich drein. Jacob machte sich frei, nicht unge- duldig, eher traurig. Er trat einen Schritt auf Kel zu. Er hielt ihm beide Hände mit den Handflächen nach oben entgegen. Dann zog er, sehr langsam, sein Kurz- schwert und den Dolch. Die Klingen blitzten in der Sonne. Unter der Tür zur Schlachterei knurrte Tek und straffte sich, die Hand am Messergriff. Jacob bückte sich und legte beide Klingen in den Staub. Sefer sagte: »Ich glaube, damit will er dich von sei- nen friedlichen Absichten überzeugen, nika.« Kel sprach: »Ich denke, ich rede mit ihm.« Er blickte Jacob an. »Sag ihm, er soll seine Waffen auf- heben!« Nerim redete. Über Jacobs Gesicht breitete sich der Ausdruck tiefster Erleichterung. Er wischte die Klin- gen mit äußerster Sorgfalt an seinem Mantel ab und schob sie wieder ins Gehänge. Kel sagte: »Wir können nicht hier auf der Straße sprechen.« Tamaris sagte: »Warum geht ihr nicht in den Tan- jo?«, Kel überlegte. »Ich sehe nicht, wieso eigentlich nicht. Sef ...?« Er warf seinem Geliebten einen kurzen Blick zu. »Wirst du mitkommen?« Sefer blickte ernst drein. »Das sollte ich nicht, nika. Ich muß noch mit der halben Stadt reden. Die Leute müssen erfahren, was los ist, sie werden viele Fragen haben ... Nimm Kerris mit, wenn du glaubst, du wirst einen Inneren Sprecher brauchen.« Kel legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter. »Würdest du mitkommen, chelito?« »Wenn du das willst!« Kerris hatte nicht damit ge- rechnet, daß Kel ihn bitten würde. Kel wandte sich den beiden Asech zu. »Wir werden in die Schule gehen, wo wir gestern waren.« Er nickte Tek zu. »Tek, kannst du dich eine Weile um die Pfer- de kümmern?« Der knorrige Stallmeister machte eine zustimmen- de Geste. »Lalli! Sosha!« brüllte er. Die beiden Kinder kamen um die Ecke des Metz- gerhauses geschossen, als zöge man sie an einer Schnur. Lalli lief an den Kopf von Jacobs Pferd. Es war ein feuriger Rappe mit einer weißen linken Vor- derhand; Kerris fühlte sich an Magrita erinnert. Das Tier Nerims war ein Rotschimmel. Sosha wickelte sich die Zügel um die Hand. Der Rotschimmel be- gann ihn mit seiner großen Zunge zu belecken. Sie saßen in der Nähe der Wächterstatue im Gras. Ja- cobs schmales Gesicht wirkte angespannt. Die Per- lenblumen wanden sich auf seiner Hemdbrust und seinen Ärmeln empor. Nerim sagte etwas in besänfti- gendem Ton zu ihm. Doch er wirkte nicht weniger unsicher danach., Kerris fragte sich, ob die beiden Männer ein Lie- bespaar waren oder nur einfach Freunde. Er kreuzte die Beine und saß wartend da. Er fühlte sich unbe- haglich, denn er hatte keine Ahnung, was Kel von ihm erwartete. Vielleicht war er nur hergebeten wor- den, um einen zweiten Mann zu stellen, nur der Zahl wegen. Er ließ den Blick durch den leuchtenden Garten schweifen. Ein Schatten unter dem Bogen mit der großen geschnitzten Tür erregte seine Aufmerksam- keit. Er starrte hinüber. Der Schatten fiel in einem fal- schen Winkel zur Sonne. Kerris streckte seinen Geist aus ... Er spürte: Neugierde, Erregung, kurz aufflam- mende Furcht. Wart nur, bis ich das Tazia sage! ... Er grinste und stupste Kel am Ellbogen. »Kel, schau mal zum großen Tor!« Kel kniff die Augen zusammen und spähte durch den Garten. Der Asech drehte sich um. Kel rief laut: »Komm heraus, du der sich da versteckt!« Mit schleifenden Füßen kam Korith langsam über das Gras geschlichen. Um die Wüstenreiter zog er ei- nen weiten Bogen. Seine Augen waren weit aufgeris- sen. Vor Kel machte er hastig eine in den Hüften ab- knickende Verbeugung. »Skayin. Ich hab' bloß ...« »Spioniert«, beendete Kel den Satz. Er blickte den Jungen finster an, und Kerris bemühte sich gleich- falls, ein ernstes Gesicht zu ziehen. »Du bist Korith, der Neffe Sefers?« Korith nickte. Seine Kleidung war braun. Mehr denn je sah er wie ein Otter aus. »Und ist Spionieren das, was du tun sollst?« Korith schüt- telte den Kopf. »Sprich!« »Nein, skayin.« Kels Lippen zuckten. »Schön. Wenn du schon da, bist ...« Er machte eine Handbewegung auf die Wü- stenreiter zu. »Dies ist Nerim, und dies Jacob. Ko- rith.« Nerim murmelte Jacob etwas zu. Beide Männer lä- chelten und blickten den Jungen mit freundlichen Augen an. »So, nun hast du die Asechräuber kennengelernt und kannst dich wieder dem widmen, was du zu tun hast.« Mit glühenden Wangen wandte Korith sich zum Gehen. »Warte!« Der Junge wirbelte auf dem Absatz herum. »Du bist ein Beweger, oder?« »Ja, skayin.« »Kannst du einen Weinkrug und vier Gläser aus der Küche des Tanjo herbeizaubern?« Korith hüpfte ein Stückchen in die Luft. »Kann ich! Wenigstens ...« – er blickte abschätzend zu dem sil- bernen Gebäude hinüber – »wenigstens glaube ich, daß ich's kann.« Er kratzte sich am Knie. »Aber viel- leicht verschütte ich den Wein.« Kel lächelte ihm zu. »Geh und hol ihn selber! Bring ihn her, und mach zwei Gänge, wenn nötig!« Korith raste auf den Tanjo zu. Kurz darauf kehrte er zurück und brachte vorsich- tig mit beiden Händen einen Weinkrug. Vier Becher aus gelbem Glas schwänzelten hinter ihm her durch die Luft. Er senkte den Krug vor Kel. Der Cheari streckte den Arm aus. Die Becher wackelten in der Luft. Das schmale Gesicht des Jungen war vor An- strengung ganz zusammengekniffen. Er ließ die Glä- ser ohne Holpern sanft auf dem Gras landen. »Ich danke dir«, sagte Kel. »Das war eine weiche Landung!« Er teilte ringsum die Gläser aus und goß in jedes ein Maß der bernsteingoldenen Flüssigkeit., »Und jetzt, du Jungkalb, verdufte!« Gehorsam stakte Korith davon. Als er das Tor er- reicht hatte, machte er einen Luftsprung, und Kerris hörte ihn juchzen. Die Asech lachten. Kel trank einen Schluck Wein. »Ihr könnt ruhig trinken«, sagte er zu Nerim. »Er ist nicht vergiftet.« Der Auftritt Koriths schien ihm die gute Laune wiedergegeben zu haben. »Also, was möchtet ihr mir gern mitteilen?« Nerim blickte Jacob an, der ihm mit heftigem Nik- ken antwortete. Das zusammengebundene Haar hüpfte dabei auf seinem Rücken. Nerim sagte: »Jacob sagen, ich kämpfen. Ich reiten. Ich Kraft haben, harai, Kraft. Wie du. Deine Kraft ...« – er zog mit beiden Armen einen Kreis in die Luft – »groß. Meine Kraft klein.« Er deutete mit Daumen und Zeigefinger den Kreis an. Kel unterbrach ihn: »Nenne es Gabe, nicht Kraft!« »Gabe«, wiederholte Nerim und klopfte Jacob auf das Knie. »Er sagen, ich lernen will. Ich lernen will alles. Ich folgen will dir so.« Und er schlang beide Hände ineinander. Kel setzte das Glas fest im Gras ab. »Sag den letzten Satz noch einmal«, bat er. »Ich folgen will dir.« Nerims Stimme klang hohl. Jacob blickte Kel aufmerksam an. Auf seinem schma- len, fremdartigen Gesicht glühte Hoffnung. Kel sagte: »Ich bin geehrt. Aber ich bin kein Lehr- meister. Ich bin ein cheari. Ich ziehe durch die Lande, ich tanze. Ich unterrichte nur im Waffenhof.« Nerim übersetzte dies für Jacob. Dieser flüsterte. Er hatte noch keinen Schluck von seinem Wein getrun- ken. Kerris hätte gern gewußt, was Barat und die üb-, rigen Wüstenräuber von diesem, Jacobs Verlangen hielten. Aber vielleicht wußten sie nichts davon. Er begriff es nur zu gut! Er neigte das Glas ein we- nig und netzte sich die Lippen mit Wein. Er empfand Mitleid mit Jacob und auch mit Nerim, der eindeutig seinen Freund für verrückt hielt. Nerim sagte: »Jacob sagt noch einmal, bitte. Er will nachfolgen dir, zu lernen. Er kein Ärger machen. Schlafen mit Pferd. Er alles machen, kochen, machen Feuer, waschen.« Kerris sagte: »Er möchte bei dir in die Lehre ge- hen.« Kel runzelte die Stirn. »Chearis haben keine Lehr- linge! Außerdem kann er nicht Mitglied unseres chea- ras werden. Nein«, sagte er zu Jacob hin und schüt- telte den Kopf. Sein Haar flog wie ein Vorhang. »Nein!« Jacobs Lippen wurden schmal. Er redete auf Nerim ein. Der holte tief Luft. »Er sagen, er folgen dir. Gleich, wenn du sagst nein. Er gehen mit. Du reiten, du schauen zurück ...« – er wedelte mit der Hand – »er immer da. Immer an einem Tag du sagen ja!« Kel starrte den schlanken Reiter still an. Jacob ver- zog keine Miene. »Ein Asech allein in Arun? Unfähig unsere Sprache zu sprechen? Sie würden ihn töten!« Nerim übersetzte. Jacob schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war undurchdringlich. »Er sagt nein. Wenn töten wollen, er kämpft.« Kels Schultern zuckten. »Ich kann diese Verant- wortung nicht auf mich nehmen!« sagte er. Beide Männer blickten ihn stumm an. Kerris sagte: »Ich glaube, du hast sie schon!« Kel stand so abrupt auf, daß sein Glas umfiel. Wein, lief ins Gras. Er stemmte die Hände in die Hüften. »Sag deinem Freund, er ist ein Narr!« sagte er. Er schloß die Hand um das Handgelenk von Kerris. »Komm, chelito! Die Unterredung ist beendet.« Er entfernte sich, halb trabend, durch den Zypres- senhain zur Straße hin. In der Sonne ging er langsa- mer. Zorn blitzte in seinen Augen. Er ließ die Schul- tern rollen. »Und jetzt ist mir heiß«, sagte er. Kerris bemerkte: »Wir könnten zu den Teichen ge- hen.« »Und uns abkühlen?« Kel kratzte sich am Kinn. »Nein.« Er legte den Kopf zurück und spähte zum Hang hinauf. »Hast du etwas vor, chelito?« »Nicht, wenn du mich brauchst.« Kel lächelte. Er schob die Hand unter Kerris' Hemd und berührte seinen Rücken. »Ich brauche dich. Komm mit mir!« Er streichelte ihm die Schulterblät- ter. »Es gibt da eine Stelle, die ich dir zeigen möchte.« Sie stiegen den Osthang der Talsenke hinauf. Sie ka- men an Häusern, Scheuern, Schuppen vorbei. An ei- nem Teich, in dessen Wasser rote Fische schwammen. Das Wiehern eines Pferdes schnitt durch die Luft. Am andern Ende einer Weidekoppel rief eine Stute mit gespitzten Ohren ihr Schimmelfohlen zu sich. Aus ei- nem Weizenfeld fuhren knatternd Vögel auf, aufge- stöbert von einem jagenden Hund. Die Luft war feucht und weich. Um neun weiße Buckel machten sie einen Bogen. »Bienenkörbe«, erklärte Kel. »Wer besorgt sie?« fragte Kerris. Er sprang zurück, als eine Biene ihm fast die Nase berührte. »Cleo ist die Bienenmutter.« Kel lächelte. »Einmal,, als ich noch jung und dumm war, hab' ich versucht, einen Stock auszuräubern. Damals hab' ich geglaubt, die Bienen würden mich zu Tode stechen. Ich hab' mich nur retten können, indem ich in den Teich sprang. Und dabei bin ich fast ertrunken, weil ich so lang drinbleiben mußte. Sie haben mich in die Hände, ins Gesicht, in die Augenlider gestochen.« Eine Dornenhecke ragte vor ihnen auf. Die Zweige hingen schwer von roten Beeren. Kel griff zwischen die Dornen und pflückte ein paar von ihnen. Er reichte sie Kerris. Sie waren knubbelig und schmeck- ten süß wie frischer Rahm. Kel lächelte über das Ge- sicht, das Kerris schnitt. »Gut, was? Aber die Vögel fressen das meiste davon.« Sie drangen in den Wald vor. Schlanke Zypressen mischten sich unter Eichen, Birken, Fichten und Hickorybüsche. Eichhörnchen begegneten den Ein- dringlingen mit Geschnatter. In einem Erlendickicht sah Kerris einen Rothirsch äsen. »Wohin gehen wir?« »Wart's ab«, sagte Kel. »Hab Geduld, du wirst gleich sehen.« Die Bäume standen jetzt weniger dicht. Das Gras zu beiden Seiten des Pfades wuchs dunkel und sta- chelig. »Wir sind da«, sagte Kel und führte ihn auf ei- ne kreisrunde Lichtung. Dort lag ein dunkles Gras- rund und in dessen Mitte ein Teich. Steine faßten das Wasser ein. Sie sahen aus, als habe jemand sie dorthin gesetzt, aber zwischen ihnen wuchs das Gras so dicht, daß man sehen konnte, sie lagen schon lange hier. Kerris wanderte um den Teich herum. Das Wasser war klar bis zum Grund, und er konnte den unbe- wachsenen goldenen Sand sehen. Er holte eine Handvoll Wasser an die Lippen. Es war rein., »Wovon bleibt das Wasser frisch?« fragte er. »Sef sagt, ein Fluß, den wir nicht sehen können, läuft über den Grund.« Kerris starrte ins Wasser. Er goldene Sand schien sich nicht zu bewegen. Das Gras war hell-dunkel gesprenkelt. Ein umge- stürzter Baumstamm lag nahe beim Wasser, das eine Ende berührte den Steinring. Auch der Stamm sah aus, als liege er hier schon eine lange Zeit: er war mit pelzigem Moos bewachsen. Kel ließ sich auf einen Flecken sonnenbestrahlten Grases sinken und streckte die Beine von sich. Durch die halbgeschlossenen Li- der beobachtete er Kerris. Kerris setzte sich neben ihm ins Gras. Die Sonne verwandelte sein Haar in ei- ne fahlgelbe Mähne, und er sah aus wie ein schlafen- der Berglöwe. »Das war unser ganz besonderer Platz, als wir jung waren, Sef und ich. Hier haben wir an dem Tag ge- sessen, an dem ich ihm gesagt habe, daß ich ein cheari werden müßte. Und an dem Tag, an dem er sich ent- schlossen hat, die Schule zu gründen ...« »Wann hast du gewußt, daß du ein cheari sein wirst?« »Emeth hat es mir gesagt. Aber ich zögerte es im- mer wieder hinaus. Ich liebte Sefer. Und ich wollte immer bei ihm bleiben – so dachte ich und so sagte ich ihm. Heute weiß ich es besser. Ich bin gern un- terwegs, und ich werde schnell ruhelos; Sef hingegen ist ein Nesthocker.« »Hast du ihn gesehen, als du bei Zayin warst?« Kel zeigte ein halbes Lächeln. Er stützte den Kopf in die Hand. »Einmal. Im ersten Jahr bin ich ausgeris- sen und nach Hause gelaufen. Ich bin quer durch, ganz Arun gelaufen. Als ich zurückkam, hat Zayin mich verdroschen, bis ich grün und blau war. Er war schon alt, damals, aber sein Arm war noch immer recht kräftig. Die Prügel haben mir nicht so viel aus- gemacht, aber als er mir sagte, wenn ich noch einmal weglief, dann würde er mich nicht zurückkommen lassen, ging mir das ziemlich nahe. Ich bin nicht mehr fortgerannt. Ich hätte mir die Kehle durchgeschnitten, um bei Zayin bleiben zu dürfen.« Kerris dachte: Und genauso fühlt Jacob. Aber er sprach es nicht aus. Statt dessen sagte er: »Du wolltest mir etwas über das Meer sagen. Über den Ozean.« Kel rollte sich auf den Rücken. »Der Ozean. Also, er sieht aus wie der See Aruna, nur daß er ständig in Bewegung ist, auf und ab, und die Erde mit sich fort- nimmt. Und man kann nicht bis ans andere Ende se- hen.« »Können Boote auf ihm fahren?« »Ein Stück weit. Er ist sehr gewaltig. In den Taver- nen der Seefahrer in Kendra-im-Delta singen sie Lie- der davon, wie schrecklich er ist, wie tödlich. Ilene kennt ein paar von diesen Liedern. Manchmal braut sich über ihm ein Sturm zusammen, und man denkt, die Erde bricht auseinander vor Lärm und Regen und Blitzen.« »Das ist dann ein Hurrikan.« »Richtig.« Kels Hand glitt Kerris' Rücken hinauf und hinab. »Kerris?« »Ja?« »Was wirst du tun?« »Was ...?« »Wirst du hierbleiben und an der Schule lehren?« Die Hand zeichnete langsame Muster auf seinen Rücken., »Ich weiß es nicht«, sagte Kerris. »Du kannst hier Schreiber werden«, sagte Kel. »Und du könntest bei Lea und Ardith wohnen. Sie möchten das.« »Ja.« »Oder ...« Kel hielt inne. »Du kannst mit uns kom- men. Du könntest mit dem chearas ziehen.« Er setzte sich auf und legte Kerris den Arm um die Schultern. »Wir hätten dich gern bei uns, chelito! Das Muster fühlt sich richtig an, wenn du dabei bist.« »Aber ich bin kein cheari!« »Nein. Aber das würde keine Rolle spielen.« Kerris rupfte einen Grashalm aus. Er lag auf seiner Handfläche. Er konnte sein Gewicht kaum fühlen. Er blies ihn davon. Ich mag dich, sagte Elli in seiner Erin- nerung. Das Muster fühlt sich richtig an, wenn du dabei bist, hatte Kel gesagt. Aber was könnte ich tun? dachte er. Wozu wäre ich gut? Zu nichts, sagte seine innere Stimme trübselig. Du würdest nur das Mas- kottchen sein. Du könntest Kel seine Briefe an Sefer schreiben und das Bett mit ihm teilen, hin und wie- der. Er ließ den Kopf sinken. »Ich ... ich glaube nicht ...« Kel sagte: »Ich hab' auch nicht geglaubt, daß du es tun würdest.« »Du hast nicht?« Kerris starrte seinen Bruder an. »Nein. Warum solltest du? Aber ich habe gehofft, du tust es vielleicht doch. Wir werden dich vermis- sen, wenn wir weiterziehen.« »Wann – werdet ihr gehen?« Kel lachte. Sein Arm packte fester zu. »Nicht vor der Ernte, dann müssen wir zurück ins Galbareth und Riniards Schuldigkeit bezahlen. Also noch eine ganze, Weile lang nicht.« »Warum hat Riniard das gemacht?« »Sich geschlagen?« »Nein, alles.« Kel begann sich die Stiefel auszuziehen. »Er hatte ziemlich viel Ärger, als er jung war. Die Leute in sei- nem Dorf wollten, daß er sich die Hörner abstößt und ruhig wird. Aber das konnte er nicht. Er hat mit ihnen kämpfen müssen, bis sie ihm erlaubten, tanzen zu lernen, aus dem Dorf fortzugehen, nach Shanan zu ziehen ... Das alles hat ihn so unbändig gemacht. Es fällt ihm schwer, das zu tun, was andere Leute von ihm erwarten, sogar wenn er es selber will. Aber er wird es lernen.« Aus einem Baum rief mit steigendem Ton ein Vo- gel. »Sag mir ...«, begann Kerris. »Ja?« »Sag mir was über unsere Mutter.« Kel kreuzte die Beine. »Sie war eine kleine braun- häutige Frau. Ich weiß noch das Jahr – ich muß da- mals so um die elf gewesen sein –, in dem ich be- merkt habe, daß ich ebenso groß war wie sie. Sie hatte sanfte Hände. Sie liebte leuchtende Farben. Rot und Orange. Sie sah unseren Vater gern in ihnen, in Seide und Samt ... Sie kam immer ganz müde nach Hause, und ich verstand nie, warum es sie so müde machte, wenn sie andere Leute besuchte, bis ich begriff, daß sie dabei ihre Gabe einsetzte, vermittelte, versöhnte, Streitigkeiten schlichtete. Ich erinnere mich noch, wie du geboren wurdest.« Er grinste. »Ich war damals zehn, und ich wollte wissen, wieso du so fett und rot warst, und ich war wütend, als sie mir sagten, ich sei, noch röter und noch fetter gewesen.« »Vater ...?« »Vater war groß und blond. Sie sagen, ich sehe ihm ähnlich. Er ritt gern, auf dem Pferd sah er wie ein Asech aus. Er machte uns Sachen aus Holz, Spielzeug und so. Ich erinnere mich, daß er uns Stockpuppen schnitzte.« Er ließ eine imaginäre Marionette in der Luft tanzen. »Meine war kahlköpfig, und ich mochte sie, aber du hast gebrüllt, als dir die deine gezeigt wurde, bis Mutter gelbe Wolle als Haare draufgeklebt hat. Erinnerst du dich daran?« »Nein.« Er wünschte sich, er könnte sich erinnern. Aber ge- sunder Menschenverstand sagte ihm, daß er seine Erinnerung nicht heraufzwingen könne; sie würden vielleicht wiederkehren, wenn er am wenigsten mit ihr rechnete. Er schloß die Augen, beschwor den schwachen Traumgeschmack von Honig auf der Zunge wieder herauf. Sefer dürfte wissen, wie man Erinnerungen er- weckt, dachte er. Kels Finger streichelten. Verführe- risch. »Chelito?« »Ja ...« Kel zog den roten Schal aus seinem Haar und schüttelte seine Löwenmähne. Das Haar löste sich und fiel ihm über die Schultern. Er zog das Hemd aus. Kerris beobachtete ihn. Aus dieser Nähe und im hellen Licht des Tages konnte er Narben, Schrunden, Kerben und Kratzer, langverheilte, auf Kels Brust und Rippen erkennen. Er berührte eine der Narben mit dem Daumen. Kel tastete nach der Gürtelschnalle an Kerris' Bauch. »Halt still«, sagte er. Dann zog er ihm die, Kleider aus und streifte sich selbst das Zeug vom Leib. »Dreh dich um!« Sie begannen sich zu lieben. Die helle Sonne machte Kerris scheu, und Kel lachte ihn deswegen aus. Und diesmal blieb Kerris nicht still liegen wie ein Brett, und als er wieder zu Atem kam, streichelte und neckte er seinen Bruder so lange, bis der sich aus- streckte und es mit sich tun ließ. Er mußte Kerris sa- gen, was er tun sollte, aber nur andeutungsweise, denn Kerris gab nicht auf und fand schließlich selbst großes Vergnügen an der Lust, die er zu schenken vermochte, und erfuhr dann die Befriedigung, zu spüren, wie Kel sich spannte und zu zittern begann vor aufsteigender Lust. Seine Hände klammerten sich in Kerris' Haar, die Hüften warfen sich, er keuchte, sein Körper warf sich, und er schrie laut. Sie säuberten sich mit Grasbüscheln. Als Kerris sich aufsetzte, um sein Hemd überzuziehen, hielt Kel ihn zurück. »Nein. Warte noch. Ich will dich anschaun!« Er hockte sich auf die Fersen. Einen Augenblick spä- ter berührte er mit den Fingern Kerris' Armstumpf. »Tut das weh?« fragte er. »Nein. Ich spüre es nicht.« Kerris mußte schlucken. »Aber es wäre mir lieber, wenn du das nicht tun würdest.« »Warum nicht?« fragte Kel. »Es ist eine Kriegsnar- be, chelito. Und ich hab' schlimmere gesehen.« Er rieb den Daumen über das Hautgewebe. Kerris verspürte ein leises Kitzeln. »Und es ist nicht abstoßend für mich, und es macht auch nicht, daß ich dich nicht an- fassen möchte.« Kel ließ seine Hand noch eine Weile auf der Narbe, dann nahm er sie fort. Er berührte die Stelle auf Kerris' Rippen, wo das niji ihn gestreift, hatte. »Und wie ist es da?« »Ich hab's schon vergessen.« Hand in Hand stiegen sie über den Hang ins Dorf hinunter. Außer Calwin waren alle Chearis in Sefers Haus versammelt. »Wo ist Cal?« fragte Kel. »Kannst du dir das nicht denken?« fragte Ilene. »Beim Würfeln mit Tek. Und als ich das letztemal zu- geschaut habe, war er gerade am Gewinnen.« Elli sagte: »Das hoffe ich aber schwer!« Sie schaute lächelnd von ihrem Lager herüber. »Ich will euch gar nicht erst fragen, was ihr zwei angestellt habt!« »Das ist sehr gescheit von dir«, gab Kel zurück. Er hatte sich das Haar mit dem Schal wieder hochge- bunden. Jensie saß ohne ihre Tunika auf einer Matte, das Kleidungsstück lag auf ihrem Schoß, und sie bes- serte mit scharlachrotem Faden und einer eisernen Nadel einen Riß aus. Am rechten Mittelfinger trug sie einen Fingerhut aus Horn. Sie sah gut aus, besser je- denfalls als seit jener Nacht, in der Riniard gefangen worden war. Kel ging in die Küche und kam wieder zurück, auf einem fetuch-Stengel kauend. »Wo ist Sef?« »Diese Frau, Thera, ist gekommen und hat ihn ge- holt«, sagte Arillard. »Was?!« Arillard machte eine beruhigende Geste mit der Hand. »Er hat gesagt, er wird vor Sonnenuntergang zurück sein und du sollst dir keine Sorgen machen.« »War sie allein?« »Ich habe niemand bei ihr gesehen.« Jensie sagte: »Es sind noch zwei Asech im Dorf.« Sie biß den Faden ab, hob das gestopfte Hemd hoch, und begutachtete es mit schräggeneigtem Kopf. »Ei- ner von ihnen ist im Stall und spielt Stäbchenwerfen mit Cal und dem Stallmeister. Sie nehmen Strohhal- me. Ich hab' in Shanan gesehen, wie sie es mit Stein- chen spielen.« Kerris überlegte, welcher der beiden Wüstenreiter das sein mochte. Er entschied, es müsse Nerim sein. »Wo ist der zweite?« fragte Kel. Ilene antwortete ihm: »Vor einer Weile lungerte er an der Tür herum. Ich hab' ihn angesprochen – ihn nach seinem Namen gefragt –, aber er hat bloß gelä- chelt.« Kel runzelte die Stirn. »Er heißt Jacob, und er spricht unsere Sprache nicht.« Er setzte sich auf eine Matte und griff nach einem Kissen. »Warum ist Sefer mit Thera gegangen?« Ilene sagte: »Das weiß ich nicht, Kel, er hat es uns nicht gesagt. Es hatte irgendwas mit dem Lehren zu tun. Er hat nur gesagt, was Arillard dir bereits be- richtet hat.« »Das gefällt mir gar nicht.« »Er muß einen guten Grund gehabt haben«, sagte Elli. »Ich bin sicher, er hat einen Grund gehabt, den er für gut hielt«, entgegnete Kel. Ilene gab zu bemerken: »Und selbst wenn es kein guter Grund gewesen wäre, wir hätten ihn ja doch nicht abhalten können, mit ihr zu gehen!« Kel zog die Schultern hoch, doch um seine Mund- winkel zuckte ein Lächeln. »Ebenso wenig wie ich! Sef tut genau, was er will. Das war schon immer so.« Arillard fragte: »Was will der Asech?« »Welcher Asech?«, »Jacob.« »Er will, daß ich ihn als Schüler annehme.« Auf der Straße hörte man das Geräusch von ren- nenden Füßen. Kel hob den Kopf. Ilene schnaubte: »Das ist töricht.« Kerris überraschte sich dabei, daß er Jacob vertei- digen wollte. »Nicht so ganz«, sagte er. »Er ist ein Musterweber ...« Die Tür flog auf. Eine zerlumpte Gestalt taumelte herein. Kerris hob den Kopf. Es war Riniard. Jensie stieß einen Schrei aus, ließ das Hemd fallen und sprang zu Riniard hin. Er atmete schwer. Sein Gesicht war zerschlagen und zerkratzt und wirkte irgendwie schief. Er hatte keine Stiefel an. Ein zerfasertes Seil hing auf die Boden- matte, und Kerris sah auch, daß ihm die Handgelenke gefesselt waren. »Barat!« keuchte er. »Hat ... Sefer ... gefangen ... Ihn niedergeschlagen. Gefesselt ...« Ilene schrie auf. Kel wurde weiß. Er stürzte auf die Tür zu. Riniard und Jensie konn- ten ihm gerade noch rechtzeitig ausweichen. Blind- lings folgte Kerris ihm nach. Elli kam hinter ihm drein. Der Staub war heiß. Er rannte. Kel war die Straße hinuntergeeilt, zu den Stallungen hin. Sie ha- steten am Waffenhof vorbei. Leute starrten sie an, ei- nige riefen etwas. Elli hatte ihn überholt. Seine Lun- gen brannten. Die Stalltore standen weit offen. Als er bei ihnen anlangte, hörte er das Klappern von Hufen und blieb wie erstarrt stehen. Ohne Sattel und Zaum- zeug donnerte Callito an ihm vorbei. Kel hing tief über den Hals des großen roten Pferdes gebeugt und trieb es zu noch mehr Tempo an. Kerris trat in den Stall. Er fand Magrita in ihrer Box und kletterte auf, ihren Rücken. Er fuhr mit den Fingern in ihre Mähne und stieß die Hacken in ihre weichen Flanken. Sie schoß aus dem Stall hinaus. Elli auf Tula war ihm eine halbe Pferdelänge voraus. Sie ritt zu Sefers Hütte zurück. Kerris langte dort gerade noch recht- zeitig an, um zu sehen, wie Kel herausstürzte. Riniard war bei ihm, und Jacob hielt Callito am Hals fest. Kel machte eine blitzschnelle Bewegung zur Seite, Jacob schrie schrill auf und sackte zusammen. Kel sprang auf Callito, und Riniard setzte hinter ihm auf. Sie ritten den Hang hinauf zum Kamm. Kerris fragte sich, warum Riniard nicht zu den Wachtposten gelaufen war. Der Pfad war steil. Riniard keuchte ir- gend etwas. Sie waren auf dem Kamm. Kerris hörte einen herausfordernden Ruf, Ilene schrie eine Ant- wort: »Zurück! Laßt uns durch!« Sonnenlicht blitzte auf Speeren und Schwertern, aber niemand versuchte sie aufzuhalten. Dann waren sie im Wald. Kel hielt plötzlich an. Callito wieherte protestierend, als ihm der Kopf zurückgerissen wurde. Er schlug aus. Rini- ard grapschte nach Kels Gürtel. Kel warf mit einem Ruck den Kopf des Pferdes herum. An Callitos Maul hingen Schaumfetzen. Kel packte Kerris. Seine Lippen waren zurückgezogen, er bleckte die Zähne. Er fauchte: »Finde ihn, Kerris! Find ihn mir!« Sein Griff ließ Schmerzknoten durch Kerris' Schulter schießen. »Ich kann nicht, wenn du mir weh tust«, sagte Ker- ris, und Kel ließ ihn sofort los. Kerris scheute davor zurück, die Augen zu schließen. Er wußte, er würde vom Pferd fallen, wenn er es täte. Er mühte sich, Kels Gesicht auszublenden, die schweißnassen stampfen- den Pferde, die eigene Furcht ..., Er streckte seine Gedanken aus, suchte nach Sefer. Er spürte-sah-fühlte die Chearis, die Tiere, die hellwache Wildheit von Raubtieren im Walddickicht – er ging weiter. Die Dinge wurden schattenhaft. Se- fers Denken müßte in dieser Schattenwelt flammen wie eine Fackel. Aber er konnte ihn nicht herausfüh- len. Er spürte Wut – ein wildes Tier? – nein, es war ein Mensch. Er fühlte wie es zu ihnen zwischen den Felsblöcken, zwischen den hochragenden Pinien her- überstieß. »Ich glaube, ich habe Barat gefunden«, flü- sterte er. »Kannst du uns zu ihm führen?« fragte Ilene. »Ich versuch's!« Kel nahm Callito zurück, um ihn voranreiten zu lassen. Und Kerris folgte dem pulsie- renden Richtstrahl von Gefühlen ... Es ging nur lang- sam, er vermochte es nicht zu beschleunigen. Die Zweige verstellten ihm die Sicht. Er bog vom Pfad ab und zwischen die Bäume hinein. Die Stämme standen dichter. Sie mußten die Pferde zurücklassen. Kel fluchte mit leiser schrecklicher Stimme vor sich hin. Dann lichteten sich die Bäume. Ein dreieckiges Zelt stand da, aus zusammengebogenen Zweigen und ei- ner perlbestickten Bedeckung aus Tierfellen. Es sah aus wie Hirschleder. Die Sonne, ein roter Feuerball, glühte zwischen den Stämmen. Kerris hatte keinerlei Erinnerung daran, daß sie tiefer gesunken war. Rauch trübte die Luft. Es roch nach Verbranntem. Sie umringten das Zelt. Zweige knackten unter ih- ren Füßen. Plötzlich schrie unter den Bäumen eine Frau: »Barat!« Eine Gestalt schlüpfte zwischen den Stämmen hindurch. »Kash'ai! Uchearis lek e'ka!« Kel fluchte. Die Chearis drehten sich um und schauten zu der Gestalt hinüber. Kerris erhaschte einen Blick auf, hohe Wangenknochen, glatte, ohne Brandnarben, und er wußte, das mußte Thera sein. Sie verschwand zwischen den Bäumen. Ein Ge- räusch aus der Richtung des Zeltes ließ sie herum- wirbeln. Barat stand vor dem Zelt, das Messer in der Hand. Die Klinge war blutig. Er machte einen Schritt nach vorn und ging gebückt in Angriffsstellung. Sei- ne Augen schossen von einer Seite zur anderen. Kel machte eine Handbewegung. Die Chearis fä- cherten aus. Barat mußte den Kopf hin und her wen- den, um sie zu sehen. Er bleckte die Zähne. Sein ha- geres Gesicht war häßlich und entstellt von Wut und Hoffnungslosigkeit. Langsam schob sich Kel auf ihn zu. Beider Schatten flossen von der untergehenden Sonne weg, grotesk verzerrt, häßlich. Zwischen den Bäumen raschelte etwas. Barat drehte den Kopf in die Richtung. Seine Hand bewegte sich kaum sichtbar. Das Messer flog aus seiner Hand, blinkte und drehte sich mitten in der Luft, im glei- chen Augenblick, in dem Kel wie ein geschleuderter Stein über die Lichtung flog. Es gab keinen Kampf. Barat fiel zu Boden. Ilene trat unter die Bäume. Kerris hörte ihre Stimme und ging ihr nach. Sie lag auf den Knien, wiegte Thera in ihren Armen. Der Pferdekopfgriff wuchs wie eine widerli- che Blüte aus Theras Bauch. »Ist er tot?« flüsterte sie. Die Stimme war sehr schwach. »Ich hab' ihm geholfen, es tut mir leid. Er wollte ... so sehr ... ist er tot?« Kerris warf einen Blick auf Barats Körper. Kel hatte sich von ihm abgewandt. Er lag da, der Kopf hing in einem unmöglichen Win- kel am Hals. Thera sagte: »Ich seh es in deinen Gedanken. Seele, zu Seele kann nicht lü ...« Sie hustete. Ihre Augen wurden riesig. Über der Wunde war Blut auf ihrer Tunika, helles, frisches Blut. Sie seufzte und wurde schlaff. Ilene ließ sie zu Boden gleiten und drückte ihr die Lider über den blicklosen Augen zu. Kerris rannte zum Zelt zurück. Im Innern lag Sefer. Er lag mit dem Gesicht nach unten im Staub. Hände und Beine waren gefesselt. An seiner Seite ein Kohlenhaufen, noch rauchend. Daneben lag ein dünner Metallstab. Sein nackter Rücken war bedeckt von Brandmalen, manche waren so tief, daß das Fleisch verkohlt war. Sein Gesicht war friedvoll, es lächelte fast. Es sah aus, als schlafe er. Nur war da diese breitaufklaffende Wunde quer über seinen Hals. Auf dem Boden verkrustetes Blut. Es war kein Laut auf der Lichtung zu hören, außer dem Wind und dem zirpenden Geräusch des ausglühen- den Brandeisens. Kel legte eine zuckende Hand auf das helle Haar. »Sef?« Das Haar bewegte sich unter den Fingerspit- zen. »Nika?« Er wartete auf die Antwort des Toten, und seine Finger glitten über das unbewegliche Gesicht, als wä- re er blind. Er trat schwankend einen Schritt zurück. In der Düsternis sahen seine Augen wie Marmor aus. Ein Laut drang aus seiner Kehle wie das Wimmern eines Tieres. Dann rannte er, taumelnd und ungraziös hin- über, wo Callito wartete. Kerris hörte das große Pferd wiehern und dann das rasch verklingende Trommeln der Hufe auf dem Stein. Leute waren um ihn herum. Sie rissen das Zelt nieder, zerstampften die Asche, und schaufelten mit den Schuhen Staub über das Blut. Sie trugen die Toten weg. Es wurde dunkel. Es wurde kalt. Kerris saß nur da, den Arm um die Knie gelegt. Sie alle saßen da, dicht aneinandergelehnt, zitternd. Ilene weinte vor sich hin. Und Riniard auch. Arillard sagte: »Wir müssen zurück!« Hände zwan- gen zum Aufstehen. Langsam halfen sie sich gegen- seitig den dunklen Pfad hinunter. Sie ritten ins Dorf. Lara kam ihnen entgegen. Sie gingen zum Haus. Durch die Fenster schien der Mond. Das Zimmer war eisigkalt. Arillard wanderte auf und ab. Ilene hockte direkt an der Tür, in eine Decke gehüllt wie eine alte Frau. Ihr Kopf hob sich bei jedem Laut. Kerris saß am Südfenster. Man sah durch es auf den Kamm hinauf. Einmal sah er eine weißhaarige Gestalt und zog sich zurück, weil er dachte, es sei Sefers Geist, doch es war nur ein Mann, ein Fremder, und das Mondlicht ließ sein Haar leuchten. Einmal sah er die Silhouette eines Reiters vor den Bäumen, winzig wie eine Ameise, doch als er wieder hinsah, war die Gestalt verschwunden. Elli fragte: »Riniard, warum bist du zu uns ge- kommen, warum hast du uns geholt und nicht die Wachen?« Riniard nahm sich zusammen. »Ich hab' nicht dar- an gedacht«, flüsterte er. Ilene sagte: »Es hätte keinen Unterschied gemacht. Barat hätte ihn umgebracht, ganz egal, wer gekom- men wäre.« Kerris wandte sich erneut seiner Wache zu. Eine helle Linie im Osten kündigte den Tag an. Ilene stand auf. Sie packte Kerris mit der Faust an der Hemdbrust. »Komm mit!« befahl sie. Ihr Atem, roch sauer. »Komm mit hinaus!« Er trat mit ihr auf die Straße. Über dem östlichen Horizont zitterte eine dunkle Rauchfeder im Himmel. Arillard war ihnen gefolgt. »Es dauert zu lange«, sagte Ilene. Sie schaute Aril- lard an. »Er ist noch nie zuvor so lange ausgeblie- ben!« »Es ist nur zu verständlich«, entgegnete Arillard. Zum erstenmal zeichneten sich die Alterslinien deut- lich in seinem Gesicht ab. Seine Augen waren gerötet. »Er trauert.« »Aber es ist falsch«, sagte Ilene. »Er ist ohne uns kein Ganzes. Wir sind ohne ihn kein Ganzes. Wir sind ein chearas!« »Er will uns jetzt nicht um sich haben«, sagte Aril- lard. »Er muß uns aber wollen«, rief Ilene mit Tränen in der Stimme. »Was wird, wenn er nicht zurück- kommt?« Sie fuhr mit der Hand kreisend den Hügel- kamm nach. »Er kann nicht weit geritten sein. Er kann einfach nicht! Kerris, du bist sein Bruder. Bring ihn uns zurück! Fühl dich zu ihm hin! Finde ihn!«, 14. Kapitel Er stieg den Osthang zwischen den Feldern hinauf zum Wald. Das Gras war naß und glitzerte. Der Wind zwischen den Bäumen fuhr ihm kalt entgegen. Es roch nach Pinienharz. Die Nadeldecke federte unter seinen Schritten. Vögel spähten aus ihren Nestern in den Zypressenästen. Er sah den hochgehobenen Rin- gelschwanz eines Waschbären, der vor ihm durch das Gras davonhastete. Einmal glaubte er, etwas Rotes zwischen den zaungeraden Bäumen zu erblicken, und eilte in die Richtung, um es abzufangen. Doch dann hielt er inne. Er hatte die ganze Nacht hindurch Gespenster gesehen. Er würde sich nicht von Schatten verlocken lassen. Der Kreis sah genauso aus wie am Tag zuvor. Es war naß hier, kalt und still. Kerris schritt an den Teich. Er schimmerte wie die Iris eines Auges. Das Wasser war ein jettschwarzer Spiegel: Kerris sah sich selbst, die Bäume, das runde Loch des Himmels. Er hob ein Steinchen auf und warf es in den Spiegel. Die Spiegelung zersplitterte, symmetrische Kreise kräu- selten sich blitzend zu den Rändern. Er ging einen Schritt weiter. Ein Zweig knackte unter seinem Fuß. Hände streiften ihm über die Schultern. Eine blon- de Haarsträhne fiel ihm gegen die Wange. Er drehte sich um. Da stand sein Bruder. Kel sah aus, als müsse er jeden Augenblick zu- sammenbrechen. Die Nacht – oder der Gram – hatten die Kraft aus ihm versiegen lassen. Er war bleich. Die Augen graue schmutzige Flecken. Er starrte durch Kerris hindurch, als wäre er geblendet worden. Kerris, legte ihm die Hand auf die Brust. Der Herzschlag ra- ste. Er zitterte vor Erschöpfung. Kerris zog ihn zum Wasser hinüber. Sanft drückte er ihn auf den umgestürzten Baumstamm nieder. Er zog sich mühsam das Hemd über den Kopf und tauchte es ins Wasser, dann wrang er es zwischen Hand und Knien aus, bis es nicht mehr tropfte. Das Wasser triefte ihm die Beine hinab. Er preßte Kel das Hemd gegen die Stirn. Kel nahm es ihm mit beiden Händen ab und vergrub das Gesicht in dem feuchten Tuch. Wasser tropfte ihm in den Kragen und lief un- ter das Hemd. Er schauderte fröstelnd zusammen. Er hob den Kopf. Seine Augen konzentrierten sich wieder. »Es ist Tag«, sagte er. Die Stimme klang heiser, wie wenn er vergessen hätte, wie man spricht. Er griff nach Kerris' Hand. »Ja, es ist Tag«, sagte Kerris. Kels Mund bewegte sich heftig, tonlos. »Wo bist du gewesen?« fragte Kerris. »Ich war bei den Asech.« Der Griff seiner Hand war so hart, daß das Gefühl in der Haut abstarb. »Sie wagten nicht, mich anzuschauen. Ich wachte an Theras Leiche. Sie sind um mich herumgewandert. Ich fragte mich ... ich dachte, daß ich zu einem Ge- spenst geworden war.« Seine Stimme brach. »Das bist du nicht.« Kerris mühte sich vergeblich, seine Hand zu befreien. Nach einer Weile löste Kel die Finger. Sie hinterließen weiße Striemen auf Kerris' Haut. »Ich bin es nicht«, sagte Kel. »Nein.« Kerris hielt das Handgelenk nach oben. »Gespenster können sowas nicht tun.«, »Sie können es bei anderen Gespenstern ...« »Ich bin kein Gespenst«, sagte Kerris. »Und ich sollte das wissen.« Er streichelte Kels Gesicht. Die Wangen seines Bruders waren kalt wie Marmor. Kel griff nach ihm, berührte ihn, als wolle er sich verge- wissern, daß er aus Fleisch und Blut sei. »Wir haben auf dich gewartet.« Kel schauderte zusammen. Auf seiner Stirn brach Schweiß hervor. »Ich bin geritten und geritten«, flü- sterte er. Seine Hände krampften sich zusammen. »Ich hab' dich einmal auf dem Kamm gesehen.« Kels Gesicht war jetzt grau vor Qual. »Kerris!« Er sackte in sich zusammen, kroch in sich hinein wie ein kleines Kind. Kerris stemmte sich gegen das Gewicht seines Bruders, hielt ihn fest. Kel zitterte so heftig, als könne er jeden Augenblick zerspringen. »Ich bin bei dir.« Er strich Kel über den Rücken. »Ich bin ja bei dir!« »Geh nicht weg!« »Ich geh nicht weg. Laß dich los, weine!« Kel tat es. Ein kleines Wimmern in der Brust, dann schweres heftiges Schluchzen, das sich gewaltsam über seinen ganzen großen Leib ausbreitete, als wür- de es ihn zerreißen. Kerris hielt ihn fest. Sein Bruder weinte, als hätte er nicht bereits die ganze Nacht hin- durch geweint. Vielleicht hatte er nicht geweint, als er an Theras Bahre saß. Aus den untersten Zweigen der Bäume träufelte der Tau. Vögel kamen hervor, um Nahrung zu suchen, und pickten im Gras nach Wür- mern. Die Sonne stieg herauf. Kerris begrüßte ihre Wärme, so dünn sie auch war, auf den Schultern. Kel hörte auf zu weinen. Er hockte auf der Erde, zusam- mengekrümmt wie ein Säugling, den Kopf auf Kerris', Knien. Kerris strich ihm durch das lose Haar. »Kel«, sagte er, »wir müssen zurück!« Kel hob den Kopf. »Zurück?« Seine Stimme klang wie ein Echo. »Zurück ins Dorf.« Ein Eichhörnchen rannte den Rand des Teiches entlang. Kel starrte es an, als habe er nie zuvor ein solches Tier gesehen. Sein Gesicht war rot und von Tränen verquollen. Kerris sagte: »Ilene wird ganz verrückt sein vor Sorge.« Kel drehte den Kopf herum und sah ihn an. Ein Lä- cheln – nein, der Hauch eines Lächelns – hob die Lip- pen. »Wird sie«, sagte er. Er beugte sich zum Wasser hinab, schöpfte mit der Hand und trank. »Der Hals tut mir weh.« Langsam stand er auf. Kerris' feuchtes Hemd fiel ins Gras. Kel hob es auf. Er spitzte die Lip- pen und pfiff ein Signal aus zwei Tönen. Callitos roter Kopf schob sich zwischen den Baumstämmen hervor. Kel trat zu dem Pferd und tätschelte es. »Er hat die ganze Nacht über viel Geduld mit mir gehabt«, sagte er über die Schulter. »Er muß gedacht haben, ich bin verrückt geworden. Und das war ich auch ein wenig. Verrückt.« Sie stiegen den Hang hinab. Callito stapfte hinter ihnen drein. Eine unstete Brise ließ die Bänder an den Stangen flattern. Aus den Kaminen der Bauernhäuser stieg Rauch auf. Die Felder waren menschenleer. Braune Kaninchen hoppelten ungehindert durch das Buschwerk. Kel blickte zu der Rauchfahne im Himmel. »Die Asech verbrennen ihre Toten«, sagte er. Seine Stimme klang dunkel vor Schmerz. Unten am Hang wartete eine Menschengruppe auf, sie. Es war der chearas. Sie drängten sich um Kel. Elli nahm ihm Kerris' Hemd aus der Hand. Ilene legte ihm den Arm um den Rücken. Er wehrte sich sekundenlang gegen die Berührung, dann ließ er sich entspannt in die Umarmung sinken. Mit einer Hand hielt er Kerris' Arm fest. »Wo ist der Rote?« flüsterte er. Jensie sagte: »Er schläft. Er ist ganz erledigt.« Elli trat an Kerris' rechte Seite. Sie strich ihm über die Rippen. Er zuckte zurück. Ihre Augen waren groß vor Übermüdung. »Ich danke dir«, sagte sie. Kel machte sich sanft aus Ilenes Armen frei. »Wo sind wir – wo haben sie uns untergebracht?« Ilene sagte: »In Laras Haus.« Kel nickte. Seine Fin- ger glitten von Kerris' Ellbogen. Stumm umarmte er die Chearis, einen nach dem anderen. Kerris lehnte müde an Callitos Flanke. Das mächtige Tier wieherte leise. Sein Fell war rauh und warm. Die Fenster an den Häusern waren mit Läden ver- schlossen. Die Werkstätten lagen still da, niemand war zu sehen. Sie gingen zu Laras Haus. Beim Stall hielten sie an. Calwin brachte Callito in die Boxe. Als das große Tor aufschwang, hörte Kerris ein Weinen. Er schaute zu Kel hinüber. Dessen Gesicht blieb aus- druckslos, nur hinter den Augen schien sich etwas zu bewegen. Er berührte Ilene. »Jacob?« fragte er. »Du hast ihm den Arm gebrochen.« Laras Haus lag dunkel da. Die Vorhänge waren noch zugezogen. Der Raum im Erdgeschoß war leer. Kel ließ den Blick umherschweifen. Schließlich wandte er sich Jensie zu. »Riniard?« fragte er. Sie spreizte die Finger. »Ich weiß es nicht. Er war vorher hier.«, Ilene sagte: »Er traut sich nicht, dir gegenüberzu- treten.« Kel fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich habe Durst.« Arillard trat hinter den Wandschirm und kam mit einem blauen Trinkglas zurück. Kel nahm es mit bei- den Händen. Er leerte es fast bis zur Neige, hielt dann inne und gab das Glas Kerris weiter. »Trink du auch!« Kerris schluckte die letzten paar Tropfen. Die Müdigkeit schlich wie ein Gift durch seine Adern. Es fiel ihm ein, daß er nicht geschlafen hatte. Kel ging zur Treppe. Er blieb dort stehen, wie er- starrt, leicht hin- und herschwankend. Kerris reichte Arillard das Trinkgefäß und ging hinüber, um zu se- hen, auf was sein Bruder blickte. Es war das Stand- bild des Wächters. »Kel?« Kels Gesicht war starr, die Augen ein gefährliches leeres Grau. »Kel!« Kerris drängte sich zwischen seinen Bruder und das Bild in der Nische. »Komm weg hier!« Er schob Kel zurück. Einen Augenblick lang fürchtete er, der Cheari würde ihn angreifen. Arillard kam her- über und half ihm. Gemeinsam drängten sie Kel von der Statue fort und brachten ihn schließlich dazu, sich auf den Matten auszustrecken. Sie schliefen. Es wurde heiß und eng im Raum. Kerris wachte schwitzend auf. Er wußte nicht, was ihn ge- weckt hatte. Er rollte sich herum. Die Matte kratzte an seinem nackten Rücken. Lara stand über ihnen. Ihre Augen schienen in dem heißen dunklen Raum zu leuchten. Ihr Kleid war weiß und hatte ein braunes Muster. Kel stützte sich mit einem Ellbogen hoch., Sonnenlicht sickerte an den Fensterkanten durch, wo die Ledervorhänge nicht dicht schlossen. Licht wie gelbe Klöppelspitzen kräuselte sich auf den Matten. »Kommt!« sagte Lara. Sie standen auf. Elli nahm ihr gelbes Hemd aus ih- rem Pack und reichte es Kerris. Er zog es an. Es hatte ihren Duft an sich. Ilene und Arillard standen dicht bei Kel. Calwin machte die Vordertür auf. Das Licht der Sonne blendete. Kerris kniff die Augen vor dem Glast zu. Die Straße war schwarz von Menschen. Lara trat hinaus. Die Chearis folgten ihr. Eine Frau wehklagte in dem Gedränge. Kerris sah, wie sein Bruder bei dem Klang zu zittern begann. Ilene trat zu ihm und faßte ihn am Arm, doch er schüttelte sie ab. Langsam schritten sie die Straße hinab auf Sefers Haus zu. Die Vordertür stand offen. Das Innere des Hauses gähnte leer, unheimlich wie das Maul einer Höhle. Kerris drehte sich um und blickte zurück. Die Leute von Elath standen stumm da, wartend wie ein Heer. Lara begann zu sprechen. »Ihr Leute von Elath, ihr Brüder und ihr Schwestern. Freunde. Wir stehen hier, um Abschied zu nehmen von Sefer. Er weilte unter uns einunddreißig Jahre; nun wird die Erde ihn wie- der zu sich nehmen. Wer will ihn zu seiner Ruhestatt tragen?« Die Leute in der Menge schoben sich hin und her. Ein Mann mit grauschwarzem Haar schob sich in die vorderste Reihe der Wartenden. Er trug Grün und Grau. Sein Gesicht war rot. Kerris kannte ihn nicht. Er sah aus wie ein Bauer. »Ich will. Ich war sein Lehrer, wenn er mich auch bald zurückgelassen hat. Ich will ihn tragen.«, »Das ist einer«, sagte Lara. Terézia trat vor. Ihr Rücken war starr. Sie trug ih- ren Speer in der Hand. »Ich will.« Ihre Stimme bebte. Sie zwang sich zur Festigkeit. »Ich war seine Freun- din. Ich will ihn tragen.« »Das sind zwei«, sagte Lara. »Ich will.« Es war Kel. »Ich liebte ihn. Ich will ihn tragen.« »Das sind drei«, sagte Lara. Vom Dachfirst der Kate krächzte eine Krähe. In der Menge der Trauernden erhob sich ein Gemurmel. Ei- ne Stimme rief ärgerlich etwas. Die Menge schob sich hin und her und teilte sich, um Nerim Platz zu ma- chen, der in seinem fahlbraunen Mantel dastand. »Barbar! Untermensch!« kreischte jemand. »Mörder!« Terézias Knöchel wurden weiß um den Griff ihres Speers. Nerim wankte nicht. Er blickte Lara direkt an. In seinem Gürtel steckte kein Messer, und das Schwertgehänge baumelte leer an seiner Seite. Er sagte: »Ich trage. Wenn ihr erlaubt. Mein Volk – Li Omani – wir trauern.« »Nein!« schrien zahlreiche Stimmen. Nerims Lider zuckten. Er betrachtete mit unbewegtem Gesicht die Menge. »Er besitzt Mut«, flüsterte Elli in Kerris' rechtes Ohr. Lara hob beide Hände empor, die Handflächen der zornigen Menge zugewandt. Langsam verstummten die Leute. Kel trat einen Schritt vor. Ruhig streckte er Nerim die Hand entgegen. »Komm!« sagte er. Nerim trat an seine Seite. Kel faßte ihn an der Hand. Ellis Mund wurde weit vor Erstaunen. Nerim griff mit der freien Hand hoch und zog sich die Kapuze über das Gesicht., »Das sind vier«, sagte Lara. »Das ist genug. Geht ihr nun hinein, Träger, und bringt ihn uns heraus!« Terézia reichte dem Mann an ihrer Seite ihren Speer und trat vor. Sie trat ins Haus, der grauhaarige Mann, dann Kel und zuletzt Nerim folgten ihr. Das Dunkel verschlang sie. In Kerris' Kehle begannen die ungeweinten Tränen zu brennen. Dann schlurften Füße im Hausgang. Langsam kamen die vier Toten- träger wieder ans Licht. Sie trugen zwischen sich ein rotbraunes Brett, aus dessen Kanten noch der Saft sickerte. Sefers Leib lag auf dem Rücken auf dem blanken Holz. Das tote Gesicht war fahlgelb gewor- den; der Körper wirkte schwer. Ein Netz aus Stricken verhinderte, daß der Tote von der Bahre glitt. Die Träger hielten das Brett an Seilgriffen. Die Planke schwankte mit ihren Schritten hin und her. Die Menge machte eine Gasse frei. Die Träger zo- gen durch das Dorf. Das Weinen wuchs an. Kerris er- haschte einen Blick auf Kel, als der Trauerzug an ihm vorbeikam: das Gesicht seines Bruders war so bleich wie das des Toten. Über Terézias Wangen rollten große Tränen. Elli umklammerte seinen Unterarm. »Schau«, flü- sterte sie, »da ist Riniard!« Kerris reckte den Hals. In dem Gedränge sah er Ardith und Tazia, die auf sei- nen Schultern saß – und da war auch Riniard. Sein Gesicht war fleckig und verquollen. Kerris suchte nach Jensie, konnte sie aber nirgendwo sehen. Er hatte auch Ilene und Arillard und Cal aus den Augen verloren. Er fragte sich, ob die Asech abgezogen sei- en, oder ob sie in ihrem Lager auf die Rückkehr Ja- cobs und Nerims warteten. Der Trauerzug wand sich wie eine große Schlange, durch die Gassen. Lara ging an der Spitze, hinter ihr folgte die Bahre. Der Boden wurde weich. Kerris tat das Knie weh. Er zwang sich mitzuhalten. Einmal blickte er zurück. Der Abhang hinter ihm war schwarz von Menschen. Vor ihm schimmerte grün und weiß ein Obstgarten. Der Trauerzug hielt an. Die Menschen zerstreuten sich unter den blütenbelade- nen Bäumen. Kerris sah Ilene, die Borti am Arm trug. Er stieß Elli am Ellbogen an. Sie blickte seinem Zeigefinger nach. »Ja, ich sehe«, sagte sie. Leute drängten sich vor. Ker- ris verlor die Bahre aus den Augen. So behutsam wie möglich drängelte er sich weiter nach vorn. Lara stand zu Häupten des Toten. Die Träger, außer Kel, hatten sich zurückgezogen. Kel lag auf den Knien, ei- ne Hand war ausgestreckt und lag auf dem Leib des Toten. Kerris kniff sich die Nase zu. Der überwälti- gend süße Duft der Apfelblüten reizte ihn zum Nie- sen. Lara hob die Hände. »Laßt die Menschen, die dazu fähig sind, vortreten und ihm einen Platz schaffen, wo er ruhen kann!« Keiner rührte sich. Dann trat langsam Tamaris vor. Sie streckte die Hände aus, die Handflächen nach unten gerichtet. Die Erde bewegte sich. Ardith trat neben sie, Tazia noch immer auf den Schultern. Ko- rith trat zu ihnen. Sein dunkles Gesichtchen war spitz vor Kummer. Mehr Menschen traten aus der Menge. Sie bildeten einen Kreis um die Bahre. Dann knieten sie nieder und reichten sich die Hände. Kerris sah, wie sich die Erde hob und aufbrach. Sie gruben ein Grab für Sefers Leib. Die Erde riß unter dem Druck ihres Willens auf und ein Hügel begann sich neben, dem Leichnam zu häufen. Das bronzefarbene Gesicht Tamaris' war bewegungslos wie eine Maske. Tazias Zöpfe standen ihr gerade vom Kopf ab, so übermäßig konzentrierte sie sich. Lara hob die Hände. »Die Stätte ist bereitet. Wir nehmen Abschied von unserem Lehrer, von unserem Freund und Geliebten, von unserem Bruder Sefer. Wir sind voll Freude über die Zeit, die er unter uns geweilt hat. Und wir trauern, daß sie so kurz war. Laßt uns weinen und lachen, laßt uns an ihn denken und einander Trost geben und in Frieden sein, im Namen des chea.« Tamaris' Schultern krümmten sich. Tazias Gesicht spannte sich angestrengt. Das Brett, und mit ihm sei- ne Bürde, glitt in das Erdloch. Der Staubhügel wurde kleiner. Kerris hörte ein leises Poltern, als die Erd- klumpen in das sich schließende Grab zurückglitten. Der Kreis der Menschen stand auf. »Es ist getan«, sagte Lara. Durch die Reihen der Trauernden lief ein Stöhnen. Kerris merkte, daß er weinte. Vor seinen Augen schwebte ein weißer Fleck vorbei. Er blickte auf. Die Blütenblätter fielen wie Schnee auf die Be- wohner des Dorfes. Und sie webten einen weichen Teppich über dem frischen braunen Grab. Kerris suchte nach seinem Bruder. Einen Augen- blick lang fürchtete er, Kel könnte sich den Hang hin- auf davongeschlichen haben. Dann entdeckte er Ilene, die beide Arme fest um ihn geschlungen hatte. Er zupfte Elli am Ärmel. »Warte!« sagte sie. Arillard kam zu ihnen herüber. Und zusammen gingen sie zu Kel und Ilene. Calwin drängte sich durch die Menge, und hinter ihm Jensie. Sie schlossen den Kreis. In Kels Gesicht waren tiefe Linien eingekerbt, doch, die schreckliche Blässe war verflogen. »Ich muß mit Jacob reden«, sagte er. »Mach das morgen«, sagte Ilene. »Und was soll ich jetzt tun?« Sie faßte ihn an den Ellbogen. »Du sollst in der Sonne liegen und weinen und lachen und trinken, bis du betrunken bist.« »Wo ist mein Bruder?« »Hier bin ich«, sagte Kerris. Kel griff nach ihm und zog ihn fest an die Brust. »Sag es mir noch einmal, daß ich kein Gespenst bin«, bat er. Kerris streckte ihm das Handgelenk hin. Die bräunlichen Druckstellen zeichneten sich deutlich auf der helleren Haut ab. »Gespenster hinterlassen keine Fingerabdrücke!« Kel faßte sehr behutsam nach dem Handgelenk. »Hab' ich das ... wann habe ich das gemacht?« »Heut früh. Am Teich.« »Am Teich?« Kels Augen schienen stumpf zu wer- den. »Ja.« Ilene rüttelte ihn an den Ellbogen. »Kel! Verlaß uns nicht!« Er holte Luft, schüttelte sich und sah wieder klar. »Nein.« Er blickte sich im Kreis um. »Wo ist Rini- ard?« Er machte sich von Ilene frei. Seine Augen richteten sich auf Jensies Gesicht. »Jen, du weißt es.« Sie nickte. »Hol ihn! Bring ihn her!« Sie biß sich auf die Oberlippe. »Er will nicht kom- men, Kel.« Kel hob beide Hände. »Beim chea, er ist einer von uns! Muß ich ihn erst im Galbareth aufspüren? Was geschehen ist, das ist geschehen, Jen. Bring ihn her!«, Sie nickte und ging zwischen den Bäumen davon. Ihre Füße hinterließen eine deutliche Spur in dem Schnee der Apfelblüten. Als sie zurückkehrte, ging Riniard neben ihr. Er hatte weder die Kleider ge- wechselt, noch sich gewaschen. Seine Hände waren schmutzig. Das Haar war mit einem grünen Band aus der Stirn gebunden; er trug den roten Schal der Chea- ris in der rechten Hand. Er hielt Kel das Tuch hin. Seine linke Gesichtshälfte war verfärbt. Seine Hand zitterte. Kerris spürte, wie Elli an seiner Seite sich bewegte. Das Licht fiel in hel- len Leiterbahnen durch die Apfelzweige und bildete ein Muster auf Riniards Gesicht. Kel sagte: »Idiot.« Er warf das Haar in den Nacken und schritt über das weißbesäte Gras zu Riniard hin- über. Er packte den Rothaarigen bei den Schultern. Seine Finger bogen sich so stark, daß es bis auf die Knochen schmerzen mußte. Riniard zuckte zusam- men. Dann sprach Kel eindringlich mit Riniard. Er senkte den Kopf ergeben. Seine Hand krallte sich um den roten Schal. Ilene seufzte. Riniard hob den Kopf wieder. Er weinte. Kel knuffte ihn leicht auf die rechte Wange. Kels Stimme war noch immer so leise, daß sie außer Riniard keiner hören konnte. Kel nahm Riniard den roten Schal aus der Hand und band ihn ihm um den rechten Oberarm. Der Rotfuchs richtete sich auf. Sie gingen zu dem freien Platz in der Waldlichtung mit dem Teich. Calwin und Ilene hatten sich von Ile- nes Schwester einen Schlauch Wein erbettelt. Die Sonne strebte dem Westen zu, fiel schräg durch die, Stämme der Zypressen und Eichen. Im Geäst sirrten Insekten. Die Oberfläche des Teiches war hell wie Glas. Der Weinschlauch kreiste und kreiste ringsum in der kleinen Runde. »Ich kann das einhändig nicht machen«, klagte Kerris. Elli sagte: »Halt ihn, und ich drücke.« Kerris lehnte sich gegen einen Stamm und richtete die Öffnung des Weinschlauchs gegen den Mund. Er bekam eine La- dung Wein ins Gesicht. Er wischte sich die kühle Flüssigkeit aus den Au- gen und funkelte Elli an. »Du hast schon mal bessere Ideen gehabt!« »Ach, gib ihn doch einfach weiter«, mahnte Aril- lard. »Wir wollen eigentlich trinken, nicht drin ba- den.« Auf der gegenüberliegenden Seite des Kreises teilten sich Kel und Ilene eine Decke. Elli streckte sich auf dem Boden aus. »Ich hab' ei- nen Stein im Rücken!« Sie bog den Leib nach oben. »So.« Sie schleuderte den Stein in den Teich. »Wenn ich bloß ein Kissen hätte!« »Hier«, sagte Kerris und klopfte sich auf den Schenkel. »Sei bedankt!« Sie wälzte sich zu ihm herüber und machte es ihrem Kopf in seinem Schoß bequem. »He, Riniard!« rief sie leise. Der Rote schaute auf. Er hatte sich im Teich gewaschen, sein Gesicht war nicht mehr schmutzig. Die Schwellung an seiner linken Kinnbak- ke war zu einem blauroten Mal abgeklungen. »Was hat Kel im Garten zu dir gesagt?« Arillard neigte sich vor, um zuzuhören. Riniards Blick glitt zu Kel hinüber und wieder zurück. »Er hat gesagt, daß ich nicht davonlaufen kann. Er hat gesagt,, daß ich gebraucht werde.« Seine Stimme klang un- gläubig. Aus dem Schatten reckte Jensie die Hand vor und streichelte ihm den Handrücken. »Es ist wahr«, sagte sie. »Ja, es ist wahr«, stimmte Elli zu. Riniard sagte: »Ich nehme an, ich brauche euch. Soviel weiß ich. Aber ich glaube, mir wäre eine Tracht Prügel lieber gewesen.« Ilenes Kopf zuckte hoch. »Die wirst du bekom- men!« sagte sie von der anderen Seite der Lichtung. »Sobald die Prellung in deinem Gesicht verschwun- den ist. Ich verspreche es dir!« Arillard sagte: »Hör mal, Rotkopf, ich hab' Kel ge- sagt, nachdem sie dich erwischt hatten, daß ich viel- leicht genau das gleiche hätte tun können wie du.« Riniard antwortete: »Ach, hätte ich doch bloß nicht! Vielleicht, wenn ich nicht ...« – er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen – »vielleicht wäre Sefer nicht ... vielleicht wäre er noch ...« »Nein!« sagte Arillard scharf. An seinem Hals sah man den Puls schlagen. »Du darfst dir nicht die Schuld geben. Nicht du hast ihn getötet!« »Wem sonst soll ich die Schuld geben?« fragte Ri- niard. »Es war nicht irgend jemand im besonderen.« Arillards Stimme wurde rauh und hart. »Es war nicht einmal dieser arme, verdammte Scheißkerl Barat!« Der Name hing lastend in der Luft. Elli sagte: »Weißt du was, mein Alter, das ist das freundlichste Wort, das ich je von dir über die Asech gehört habe.« »Daß Barat ein armer, verdammter Scheißkerl war?«, »Nein. Daß nicht einer von ihnen für einen Tod verantwortlich ist.« Arillard rieb sich mit beiden Händen über das Ge- sicht. »Das Mädchen ist ja auch gestorben«, sagte er. »Viel zu viele Menschen sind gestorben. Der Mensch kann auch zu lange über den Tod nachdenken.« Er starrte auf die dunkelschimmernde Scheibe des Tei- ches. Der Wind fuhr rauh durch die Zweige der Bäume. Kerris fühlte ein Frösteln auf der Haut bei diesem unheimlichen Geräusch. Elli zog die Knie an die Brust. »Es wird kalt.« Sie grinste zu Kerris herauf. »Ist dir mein Kopf zu schwer?« »Nein.« Der Mond schob seinen weißen Bug durch das Geäst. Jensie sagte: »Wir könnten Zweige sammeln und ein Feuer bauen.« »Nein!« sagten Elli und Riniard einstimmig. Wie- der überlief Kerris ein Frösteln. In all ihren Seelen spürte er das gleiche Bild. Es wurde immer kälter. »Arillard!« Es war Kels Stimme. Er saß aufrecht da. Seine Stimme schwankte. »Hast du Zunder und Feuerstein mit?« »Wo sonst sollte ich sie haben?« »Mach uns ein Feuer!« Riniard und Jensie gingen Zweige und trockenes Laub sammeln. Cal machte eine Stelle am Teich frei und setzte einen Kreis nasser Steine darum. Arillard entzündete auf der Feuerstelle ein Feuer. Die Pinien- nadeln knackten und zischten unter den kleinen Flammen. In dem schwarzen Spiegel des Teiches brannte ein zweites Feuer. Der Geruch des brennen- den Holzes war angenehm und sauber. Kerris blickte, zu Kel hinüber. Er lag auf dem Rücken, und Ilene sprach auf ihn ein. Einen Arm hatte er über die Au- gen gelegt. Wieder kreiste der Weinschlauch. Cal hob ihn hoch. »Er ist fast leer«, sagte er trübsinnig. »Wir könnten noch einen holen gehn.« »Du hast genug getrunken«, sagte Arillard. »Ich bin nicht die Spur betrunken!« Kel und Ilene kamen aus der Dunkelheit näher an den Feuerkreis. »Wir werden uns nicht besaufen!« sagte Kel. Er ließ sich schwer ins Gras fallen. Kerris vermochte nicht zu entscheiden, ob der Glanz in sei- nen Augen von Tränen herrührte oder vom Wein. »Wir ziehen morgen weiter!« »Wirklich?« fragte Elli und setzte sich auf. »Wohin gehen wir?« »Wohin auch immer«, sagte Ilene. »Weit kann es nicht sein.« »Warum nicht?« »Weil wir eine Verpflichtung in einem Dorf im Galbareth haben und rechtzeitig zur Herbsternte dort sein müssen.« Der Wind trieb Funken aus dem Feuer. Im Gehölz schrie eine Eule. Elli sagte mit träumerischer Stimme: »Wir könnten nach Mahita ziehen.« Das Feuer zeichnete kupferne Bänder auf ihr Haar. Sie schlug Kerris aufs Knie. »Mahita würde dir gefallen, Kerris!« »Wir könnten nach Kendra-im-Delta gehen«, sagte Ilene. »Wir könnten in Mahita haltmachen und dann die Große Straße am Fluß entlang hinunterreiten.« Kel sagte: »Das werden wir. Ich muß dorthin.« Arillard fragte: »Warum ›muß‹, Kel?« »Keren lebt dort. Sefers Schwester.« Es war das er-, stemal seit dem Tag zuvor, daß Kerris ihn den Na- men seines toten Geliebten aussprechen hörte. Es herrschte Schweigen. Kerris durchbrach es und sagte: »Ich komme nicht mit euch nach Mahita.« Elli drehte sich um und starrte ihn an. Das Feuer spielte auf ihrem Gesicht. »Ich hab' gedacht ...« Er unterbrach sie – er mußte es tun. »Ich weiß, daß du das gedacht hast.« Sie hörten ihm jetzt alle zu. »Ich bin kein cheari. Ich bin keiner von euch. Ich kann nicht mitkommen. Elath ist ...« – er atmete tief – »Elath ist meine Heimat. Ich bin hier geboren, und ich hab' Verwandte hier.« Er stierte in das Gezüngel der Flammen, um nicht Kels Augen sehen zu müssen. Das Feuer färbte die Stämme der Bäume orange. Kel sagte leise: »Du mußt tun, was du willst, chelito.« Das zärtliche Kosewort drang wie eine Kralle in Ker- ris' Herz ein. Ein Zweig zerbrach in Ellis Hand. Jensie wies hin- auf zu dem leuchtenden Sternengürtel. »Schaut! Ein fallender Stern!« »Ich hab' ihn verpaßt«, sagte Riniard. »Ich hab's gesehen«, rief Elli. Sie klatschte auf den Boden. Nadeln stoben davon. »Das ist ein gutes Zei- chen! Laßt uns nach Mahita gehn und den Fluß hin- unterreiten. Welche Sau hat sich den ganzen Wein in den Hals gegossen?« Sie teilten brüderlich die letzten paar Schlucke aus dem Schlauch. Ilene sang ein Kinderlied, ein Schlaf- lied. Es wurde noch dunkler. Die Flammen brannten heller. »Ich sehe Gestalten im Feuer«, sagte Jensie. »Ich sehe einen Baum.« »Ich sehe einen Wasserfall«, sagte Ilene. Kerris sah einen chearas reiten., Sie schliefen. Einmal erwachte Kerris, er spürte den Morgen heraufziehen. Fernab krähten Hähne die Sonne wach. Er spürte mehr, als daß er sah, wie der chearas sich regte, wie sie sprachen. Die Bäume ragten düster vor dem heller werdenden Himmel auf. Eine Hand berührte seine Stirn. Schlaf, Kerris! Die Worte und die Hand wogen schwer. Er sank unter ihnen wieder in den Schlaf zurück. Als er erwachte, sangen die Vögel einander in den Baumwipfeln streitlustig zu. Der Himmel stand blau und heiß hoch oben. Kerris rollte auf die Seite. Das Feuer war erloschen, die Asche feucht. Nur die Spu- ren auf dem Boden und der noch herumhängende Weindunst verrieten, daß während fast der ganzen Nacht noch andere Menschen hier gewesen waren. Sie hatten ihm die Decken dagelassen. Er setzte sich auf. Er hatte Ellis gelbes Hemd an, und sein Mes- ser lag neben ihm. Er nahm es. Er konnte sich nicht erinnern, ob er es selbst abgelegt oder ob jemand es ihm abgenommen hatte. Sie werden zurückkommen, sagte er sich. Er schob das Messergehänge auf den Gurt. Sie würden auf ih- rem Weg zurück ins Galbareth wieder durch Elath kommen. Sie würden im Hof tanzen, und er würde im Schatten des Wächters stehen und ihnen zuschau- en. Und vielleicht würde er sogar wieder mit Kel nackt in dem dunklen Schweigen der Pinien liegen. Er stieg den Hang hinab und ging ins Dorf. Die sil- bernen Häuser sahen sauber aus und wirkten massiv vor den goldenen Feldern. Er kam an den Bienen- stöcken vorbei. Das Flugloch an einem war schwarz von Immen. Eine Frau winkte ihm zu. Auf dem Kopf, trug sie einen Strohhut. Sie schob ihn zurück, so daß er ihr Gesicht erkennen konnte. Es war Cleo. »Ein fei- ner Tag«, sagte sie. Eine schwarzgelbe Biene surrte unter seiner Nase vorbei. Er trat hastig zurück. »Ein schöner Tag. Sind die Wüstenreiter also fort?« »Sie sind gestern weitergezogen«, sagte sie. »Aber es sind noch zwei im Dorf. Der eine, dem Kel den Arm gebrochen hat, und der andere.« Sie neigte den Kopf zu den Stöcken. »Du gehst jetzt besser. Sie wer- den gleich rauskommen, um zu sehen, mit wem ich da spreche. Bienen sind recht eifersüchtig.« »Wirst du denn nie gestochen?« fragte er. Sie lächelte. »Nie.« Mit einer Hand machte sie eine fortscheuchende Bewegung. Er erinnerte sich an Kels Bienengeschichte und strebte eilig den Hang hinun- ter, bis er außer Reichweite der Stachelbiester war. Er trat auf den Dorfplatz. Er kam am Gerberhaus, am Schlachterladen vorbei. An beiden waren Türen und Fenster weit geöffnet. Im Fleischerladen weinte jemand. Auch die Türen zur Schmiede standen offen. Und die der Seilerei. Auf dem Trittstein der Seilerei standen zwei vorgebeugte Frauen: die eine hielt einen Besen, die zweite einen offenen Rupfensack. Frischgewaschene Wäsche hing auf Leinen. Die Frauen winkten ihm zu. Er wanderte an Laras Haus vorbei. Auch hier war die Tür weit geöffnet und wurde von einem schweren Stein festgehalten. Er entschloß sich plötzlich und ging hinein. Alle Bodenmatten standen aufrecht an der Wand. Lara und eine ihm unbekannte Frau fegten den Boden., Als sie ihn sah, unterbrach Lara ihre Arbeit. Sie stützte sich auf den Besen. »Kerris! Einen schönen Tag! Das ist meine Tochter Sorith. Sorith, dies ist Ker- ris-no-Alis.« Sorith lächelte. Ihr Gesicht war flach und breit wie das ihrer Mutter. Das Haar trug sie in einem blauen Tuch hochgesteckt. »Ich geh m-m-mal nach dem Brot schauen«, sagte sie. »Entsch-tsch-tschuldigt mich!« Sie verschwand hinter dem hohen Wandschirm. »Sorith hat heut Sauerteig angesetzt, und er geht jetzt«, erklärte Lara. Auch die Wandbehänge hingen nicht mehr da. Die Statue des Wächters war aus der Nische verschwun- den. Kerris deutete auf den Besen, auf die Wände. »Was bedeutet das?« fragte er. »Alle Türen sind ...« »Das machen wir immer so«, sagte Lara, »wenn jemand aus Elath gestorben ist.« Das Wort brachte ihm alles zurück. Seine Kehle brannte. Er sagte: »Es kommt einem so unglaublich vor.« »Ich weiß«, sagte die alte Frau. »Man findet keine Entschuldigung, wenn Junge sterben. Aber auch sein Tod ist ein Teil der Harmonie. Ich muß dies einfach glauben. Er würde es tun.« Der kleine Junge mit dem nackten Po tauchte in der Gartentür auf. »Waa?« fragte er. »Deine Mutter ist in der Küche, chelito«, sagte Lara. Er wackelte durch das Zimmer auf den Wandschirm zu und widmete dabei seine ganze Aufmerksamkeit den braunen Fußbodenbrettern. Kerris vermutete, daß er sie noch nie zuvor gesehen hatte. »Kerris, dein Pack ist hier.« »Danke.« Er runzelte die Stirn, da ihm einfiel, daß, er die Decken oben beim Teich hatte liegen lassen. Plötzlich und überraschend füllte sich sein Kopf mit Bildern von Kel, Erinnerungen an Kel: Kel, wie er ihn liebte, Kel lachend, Kel mit Tränen im Gesicht ... Er ver- schloß sein Denken gegen diese sträflichen Bilder und wartete gleichmütig, daß sie verschwinden würden. »Das Papier, das Merith dir gegeben hat, ist auch dabei.« »Ich danke dir«, sagte er nochmals. Dann dachte er daran zu fragen: »Wie geht es ihr, lehi?« Aus der Küche kam ein Wehgeschrei, dann Soriths leise Stimme. »Es geht ihr nicht besser«, sagte Lara. »Sie ist schon seit Monaten unverändert so. Ich glau- be nicht, daß es viel besser oder viel schlimmer mit ihr werden wird.« Eine Fliege summte durch den langen Raum. Kerris hob die Hand, um sie zu fangen, aber sie zog eine Schleife und verschwand in Richtung auf die Küche. »Lehi ...« Das entzückende Krähen des kleinen Jungen unterbrach ihn. »Ja?« fragte die Frau. »Warum kannst du sie nicht heilen?« Sie war über die Frage nicht beleidigt, wie er be- fürchtet hatte. Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder. »Es sind die Menschen, die wir am tiefsten lieben, die wir nicht retten können«, sagte sie. Sorith kam um den Wandschirm herum, ihren Sohn auf der Hüfte tragend. Scheu blickte sie von Kerris zu Lara. Dieses vorsichtige Spähen ließ sie als fast so kindlich erscheinen wie ihren Sohn. Der Kleine glitt an ihrem Rock zu Boden und wackelte, den Daumen ernst im Mund, hinaus in den Garten. Eine Glocke ertönte., »Ich g-g-geh schon«, sagte Sorith. Lara sagte: »Nein! Sie will mich sehen. Es ist immer so.« Und mit dem Ausdruck eines Soldaten, der in den Krieg zieht, reichte sie ihrer Tochter den Besen. Kerris ging wieder auf die Straße zurück. Er war auf der Jagd nach etwas. Aber er wußte nicht, wonach er suchte. Er ertappte sich dabei, daß er einen ihm vertrauten Pfad beschritt. Die Brise strich durch die Zypressen. Der dunkle Stieg, der zum Tanjo führte, wirkte wie ein Tunnel. Er trat aus ihm hervor in den hellen dufterfüllten Garten. Die Sonne blitzte reflektierend auf dem Standbild des Wächters. Er erlaubte sich längere Blicke auf die Statue, sah jedoch dazwischen immer wieder von ihr fort. Das Bildnis sah nicht aus, als wäre es von Menschenhand geformt. Es wirkte naturhaft, ein Ding aus Wind, Wasser, Erde oder Feuer. Elementar. Es war nicht un- angenehm, es anzusehen. Es wurde ihm nicht schwindlig dabei. Er schaute das Bild lange Zeit ruhig an und versuchte sich zu erinnern, warum er früher vor ihm Furcht gehabt hatte. Das Sonnenlicht rann die Kanten des Tanjos herab. Er hörte Sefer sagen: Ich hätte gern, daß du in Elath bleibst und an der Schule unterrichtest. Wenn er hier- blieb, konnte er bei Lea und Ardith wohnen. Du hast einen Platz hier, sagte er zu sich selber. Im Gras, nahe bei seinem Fuß, blitzte etwas. Er hob es auf. Es war eine rote Perle. Er rollte sie zwischen den Fingern. In den Zypressen sang ein Vogel. Es war ein silbriger Laut. Er hatte zu Elli gesagt – und er hatte gewünscht, es möge die Wahrheit sein: Elath ist meine Heimat. Elath bot ihm einen Platz, an dem er nützlich sein, konnte, eine Aufgabe, Gefährten. Aber das war auch auf Tornor der Fall gewesen. Und er begriff, warum die heiligende Gegenwart sich aus dem Garten zu- rückgezogen hatte. Er war nicht Sefer. Er konnte hier nicht bleiben. Er ließ die rote Perle ins Gras fallen. Für ihn war hier aus allem die Seele, das Herz ver- schwunden., 15. Kapitel Er kehrte zu Laras Haus zurück. Als er durch die Tür trat, verschwand Sorith hinter dem Wandschirm vor der Küche. »Ich komme meinen Pack holen«, sagte er. Lara suchte zwischen den zusammengelegten Wandbehängen, fand seine Sachen und brachte sie ihm. Er schnürte die Rolle auf. Das Papier lag mit da- bei. Auch sein Wollhemd, eins seiner Leinenhemden, aber nicht das zweite, sein Mantel, die Zunderbüchse und Feuersteine. Sein Reitleder lag zweifellos ir- gendwo in Sefers Hütte herum. Er beschloß, es dort zu lassen. Er rollte die Decke wieder zusammen. »Lehi«, sagte er, »ich gehe nach Mahita.« Sie nickte. Dreimal. »Wir werden dich vermissen.« »Ich komm wieder. Elath ist meine Heimat.« »Es wird Lea und Ardith leid sein. Sie haben ge- hofft, daß du bei ihnen bleibst.« »Ich rede mit ihnen«, sagte Kerris. »Sie werden es schon verstehen.« Ihre dunklen Augen schienen in ihn hineinzustar- ren, als vermöchten sie bis ganz in seinen innersten Kern zu blicken. »Der Friede des chea ziehe mit dir, Kerris-no-Alis!« »Und er sei mit dir, lehi«, gab er zurück. An der Tür zögerte er, dann drehte er sich um und brachte ihr ei- ne tiefe, von Herzen kommende Verneigung dar. Auf seinem Weg zum Hof seines Onkels hielt er am Teich an und schaute zu, wie die roten Fische ihre unendlichen Kreise zogen. Sein Blick folgte dem Lauf des Baches, der den Teich speiste, und er sah etwas,, das er vorher nicht bemerkt hatte: den Umriß einer Schleuse. Er blickte bachabwärts und sah eine zweite. Er fragte sich, wie viele der Bäche und Wasserläufe, die durch Elath flossen, dies in künstlichen Kanälen taten, an Teichen vorbei, die ausgehoben worden wa- ren, um das Frühjahrshochwasser aufzunehmen, und alle reguliert durch Schleusen. Es gab in dieser Stadt so vieles was er nicht wußte. Er kam an dem Gehölz vorbei, in dem er die Rehe gesehen hatte. Es war jetzt leer dort. Er strebte dem Giebeldach des Bauernhauses zu. Die Sonne stand hoch. Ein roter Vogel kreuzte über seinem Pfad, und er schaute ihm nach, wie er höher und höher stieg und hinter dem Kamm der Senke verschwand. Ich folge dir bald nach, dachte er hinter dem Vogel drein. Als er bei dem Gehöft angelangt war, schwitzte er heftig. Die Senke hielt die Tageshitze fest wie in einer Schüssel. Die Tür des Hauses stand weit offen, und vor dem Haus standen sämtliche Bodenmatten hoch- kant. Der Stuhl der abu stand im Freien, und die alte Frau hockte auf ihm, die Decken über die Knie ge- breitet. Kerris trat zu ihr. »Guten Morgen, abu«, sagte er. »Erinnerst du dich noch an mich? Ich bin Kerris, Ar- diths Schwestersohn.« Das uralte Gesicht hob sich zu ihm. Die Lider über den milchigen Augen blinzelten. Die alten Finger be- wegten sich. Dann sank die Greisin wieder in ihren Stuhl zurück, der langsam schaukelte. So entlassen, trat Kerris an die Haustür. An der Südseite des Hauses waren Stangen mit Wäschelei- nen aufgestellt worden, und auf ihnen wehten Dek- ken im Wind. Kerris spähte ins Haus hinein. Meda, und Lea standen in dem langen Gemach. Meda hatte einen Besen in der Hand. Lea stapelte die Kissen an einer Wand. Tallith lag beim Kamin auf den Knien und schaufelte Asche in einen Holzeimer. Tazia rief von oben herab etwas, die Worte waren durch die Decke nur undeutlich zu vernehmen. Der Tisch war auf die Kante gekippt, und alle Behänge waren von Wänden und Fenstern entfernt worden. »Kerris!« rief Lea. »Komm rein! Laß ruhig die Stie- fel an, das macht gar nichts.« Sie erhob sich von den Knien und trat auf ihn zu. Sie streckte ihm die Arme entgegen. Er ließ sein Gepäck fallen, und sie schloß ihn in die Arme. Auf den breiten Wangen hatte sie Staubstreifen, und sie roch auch nach Staub und nach Stroh. Ihr Lächeln hieß ihn warm willkommen. Kerris fuhr sich verlegen über die Lippen. Sie gab ihn frei und wandte sich zu Talith. »Chelito, sag deinem Va- ter, daß Kerris gekommen ist!« »Nein! Warte doch!« sagte Kerris, als Talith sich hochrappelte. »Ich – ich bin nicht gekommen, um zu bleiben.« Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann sagte Lea: »Geh es ihm trotzdem sagen, Tali!« Die Tür zum Garten stand offen. Der Duft von den Kräutern bewirkte, daß Kerris' Nase zuckte. »Komm«, sagte Lea und berührte seinen Arm, »gehn wir an die Luft!« Eine Katze saß mitten in einem Beet und knabberte mit tiefem Interesse an den breiten Blättern eines Strauches. Als sie herankamen, richtete sie den Schwanz steil auf und verdrückte sich mit einem Satz in Richtung auf den Schuppen. »Verzieh dich!« rief Lea. Sie setzten sich ins Gras. Ardiths Hut und dann, Ardith in Person kamen um die Ecke des kleinen ro- ten Gebäudes. »Also«, sagte er und ließ sich neben seiner Frau nieder. »Ich bin gekommen, um auf Wiedersehn zu sagen«, erklärte Kerris. Ardith legte seine Hand über die seiner Frau. »Ich hab' den chearas heut morgen fortreiten sehen«, sagte er. »Und ich hab' mir gedacht, Kerris ist nicht dabei! Das bedeutet, er hat sich entschlossen, in Elath zu bleiben.« »Ich hab' auch bleiben wollen«, sagte Kerris. »Aber dann bin ich in den Tanjo gegangen, und ich hab' den Wächter angeschaut und darüber nachgedacht, und da schien mir plötzlich, daß ich ... daß ich nicht blei- ben konnte. Ihr wollt, daß ich bleibe. Sefer – Sefer wollte auch, daß ich bleibe und in der Schule unter- richte. Aber ...« Es war schwerer, es auszusprechen, als er erwartet hatte. Er rang nach Worten. »Aber du willst nicht«, sagte Lea. Er spürte ihre Enttäuschung und ohne Überlegung griff er über das Schweigen hinweg und berührte sie mit seiner Seele. Alis, dachte die Frau, er ist Alis so ähnlich – und das Bild einer kleinen dunklen Frau, das Haar in einen langen, dichten Zopf geflochten, in grünem Kleid glitt verstohlen durch seinen Kopf ... War dies Leas Erinnerung oder seine eigene? Leas liebevolles, besorgtes Gesicht legte sich über die Züge der Alis von Elath. Kerris sagte: »Ich kann nicht so einfach die Person sein, die meine Lehrer gern in mir sehen möchten. Ich muß herumsuchen – muß heraus- finden, nicht nur, was ich tun kann, sondern vor al- lem auch, was ich tun will.«, »Wenn du von deiner Begabung sprichst«, sagte Ardith, »dann gibt es keinen besseren Ort als Elath. Hier gibt es andere Innensprecher, von denen du ler- nen kannst.« »Ja, ich weiß«, sagte Kerris. »Aber ...« Der rote Vo- gel schwebte über den Baumwipfeln. Kerris wandte sich um und sah ihm nach. Die Katze maunzte in den Sträuchern. »Ich muß fortgehn.« Ardith sagte sanft zu Lea: »Nika, er ist siebzehn!« Sie seufzte. »Ja«, sagte sie dann, »und man kann keinen Zaun um die jungen Leute bauen, es zerbricht ihren Mut ...« Sie strich Kerris über das Handgelenk. »Wirst du dem chearas folgen?« »Ja. Kel wollte das.« »Aber du bist kein Cheari.« »Nein. Ich kann nicht kämpfen, und ich kann nicht tanzen. Aber es muß irgendwas geben, was ich für sie tun kann.« Er erinnerte sich an etwas, das Kel zu ihm gesagt hatte, und er wiederholte es nun. »Das Muster fühlt sich richtig an, wenn ich dabei bin.« »Wer sagt das?« fragte Ardith. »Kel.« Der Bauer schob die Lippen vor. »Kel ist ein Mu- sterweber. Wenn er es gesehen hat, dann muß es wohl so sein.« Er stand auf. »Komm! Wenn du sie heute noch einholen willst, dann mußt du dich auf die Socken machen.« Er hielt Lea beide Hände hin, und sie stand auf und drängte sich in seine Arme, die sie umfingen. Von dort schaute sie Kerris an. »Wirst du wiederkommen?« fragte sie. »Irgendwann mal. Ich verspreche es.« Sie gingen ins Haus zurück. Reo stand an dem ge- säuberten Kamin. Auf seinem schmalen Gesicht lag, ein fragender Ausdruck. »Talith hat gesagt, daß du da bist.« Er machte eine Handbewegung nach oben. »Ich war da oben mit Tazi.« »Ich bin nur gekommen, um auf Wiedersehen zu sagen«, erklärte Kerris. »Ich werde nach Mahita ge- hen.« »Oh! Und ich hab' gedacht ...« Reo schob den nackten Fuß auf dem Bretterboden hin und her. »Ach, nichts weiter«, sagte er, die Augen auf das Gesicht seiner Mutter gerichtet. »Ich hoffe, du hast eine gute Reise.« »Ich danke dir.« Dann sagte Reo: »Wenn du zufällig weiter nach Süden kommst, beispielsweise bis nach Kendra-im- Delta, und wenn du zufällig durch die Goldschmied- gasse kommen solltest, glaubst du, du könntest dann einen Moment stehenbleiben und ...« »... deinen Freund aufsuchen?« Kerris grinste. »Das mach ich gern.« »Devo-no-Demio ist sein Name, und er arbeitet für den Schmiedemeister Tian.« »Ich weiß es noch«, sagte Kerris. »Ich könnte ihm sogar deinen Brief mitnehmen.« »Ach, der ist weg«, sagte Reo. »Paps hat ihn heut morgen dem chearas mitgegeben.« Lea fragte: »Hast du alles, was du brauchst? Klei- dung, Essen?« »Ja«, antwortete er, obschon er mit keinem Gedan- ken ans Essen gedacht hatte. Es spielte keine Rolle. Er mußte fort. Er nahm seinen Pack auf. »Gehabt euch wohl!« »Reise in Sicherheit«, sagte Ardith. Der leichte Wind wehte durchs Zimmer und trug Staub mit sich., Kerris nickte Meda zu. Sie hob den Besen und salu- tierte vor ihm. Rasch drehte er sich um und ging durch die offene Tür. Er trat in den Stall. »Hallo, meine Schöne«, sagte er zu Magrita, als er neben ihr in die Boxe glitt. Sie schien sich zu freuen, als sie ihn sah, und war keineswegs gebrochen durch den schrecklichen Ritt, zu dem er sie gezwungen hatte. Sie prustete ihm zärtlich ins Ohr. Er ließ sie das Salz von seiner Handfläche lecken. An einem Haken in der Boxe hing ihr Sattelzeug; es war sauber poliert. Kerris überlegte, wer es wohl ge- fettet haben mochte, Lalli oder Sosha. Er trat aus der Boxe und ging tiefer in den Stall hinein, um jemand zu finden, der ihm helfen konnte. Das Stroh raschelte unter seinen Schritten. Es würde ihm schwerfallen, die lauflustige Stute ganz allein zu satteln und ihr das Zaumzeug einzulegen. Er ging durch die ganze Scheune, sah aber keines von den zwei Kindern. Er trat ans hintere Tor. Wie er richtig vermutet hatte, führte es auf die Weide. Ein mächtiger Fuchshengst galoppierte übermütig über die Koppel, aber er konnte keine Menschen entdek- ken. Er kehrte in die saubere unbewachte Pferde- scheuer zurück. Er hatte Magritas Boxe beinahe wieder erreicht, als er ein Husten hörte. Er drehte sich um. Am Gatter ei- ner der leeren Boxen stand Nerim. Er trug schlichte Kleidung, ein Baumwollhemd, Reithosen, die Klei- dung eines arunischen Bauern. Hinter ihm hockte Ja- cob auf dem Boden der Boxe. Als Kerris ihn an- schaute, stand er auf. Auch er trug andere Kleidung. Der rechte Arm war mit einer Tuchschlinge fest an, seinen Leib gebunden. Der Arm war mit Leinen um- wickelt und zwischen zwei Stücken Holz geschient. Aus der Leinenbandage schauten die Holzstücke hervor. Die Finger waren frei. Die beiden Männer lä- chelten Kerris zögernd an. Jacob machte den Mund auf, schielte zu Nerim und sagte dann klar und deut- lich: »Guten Tag.« »Hallo«, gab Kerris zurück. In der leeren Boxe lag ein Strohsack und ein Reisepack und eine Decke. »Seid ihr jetzt hier untergebracht?« Jacob blickte zu Nerim. Dieser sagte: »Wir beide hier. Wir schlafen, helfen mit Pferde, arbeiten ...« Er imitierte das Streuharken. Also gehörte der Fuchs- hengst draußen Nerim. Kerris fragte sich, wo Jacobs Rappe mit dem weißen Stiefel sein mochte. Er spähte ein wenig tiefer in die Boxe und sah, daß die Waffen der zwei Asech, ihre Schwerter und Mes- ser, auf dem Boden lagen. »Die anderen – Li Omani – sind gestern fortgezogen«, sagte er. Nerim nickte. »Sie fortgehen. Wir bleiben. Er ...« – er schlug Jacob auf die rechte Schulter – »heilen, gan- zwachsen. Ist gebrochen drei!« Er sagte es mit Ver- gnügen, als sei er voll Bewunderung für den Stoß, der so etwas bewirkt hatte. »Wenn alles heil, dann wir fortgehen.« »Werdet ihr in die Wüste zurückkehren?« »Nein«, sagte Nerim. »Wir gehen Westen. Zu Waf- fenplatz. Er sagt, Kel, ihr gehn Waffenplatz in Ber- gen.« Kerris erinnerte sich. Kel hatte gesagt: Ich muß mit Jacob sprechen. »Er hat euch nach Vanima geschickt?« Jacobs dunkle Augen begannen zu leuchten. »Va- nima«, stammelte er. »Zayin.«, Nerim sagte: »Er sagen, Jacob, du gehen lernen. Chearisein. Wenn lernen, Chearisein, kommen und finden mich.« Jacob sagte noch einmal: »Zayin.« Er grub nach et- was in der Boxe und brachte ein Stück Kalbshautper- gament zurück. Er rollte es auf, wobei ihm Nerim hel- fen mußte. In feinen schwarzen Linien, mit der Feder gezogen, war eine Karte aufgezeichnet. Nerim zeigte, wo Elath lag, Shanan und die Roten Berge. Dazwi- schen war eine gestrichelte Linie gezogen, die auf dem Velingrund nach Nordwesten verlief. Kerris hätte gern gewußt, wer die Karte gezeichnet hatte. Es konnte ja kaum Kel gewesen sein. Vielleicht konnte Ilene zeichnen? Es standen keine Runen auf dem Blatt, nur große schwarze X-Zeichen, um Dorf, Stadt und Tal zu markieren. Mit dem Gehabe eines Mannes, der ganz in einen Schatz versunken ist, rollte Jacob das Pergament vor- sichtig zusammen und verbarg es wieder. »Willst du auch ein Cheari werden?« fragte Kerris Nerim. Nerim verzog das Gesicht. »Nein. Ich wollen nicht. Ich nicht Mustermacher. Ich helfen nur mein Freund.« »Ich verstehe.« Weiter unten wieherte Magrita. »Schön. Würdest du mir vielleicht helfen, mein Pferd zu satteln? Ich kann es nicht allein.« »Ich machen«, sagte Nerim voll Eifer. Er rieb Magritas Nüstern, redete sanft in seiner ei- genen Sprache auf sie ein, und sie ließ sich seine An- wesenheit in der Boxe ohne weiteres gefallen. Er schob ihr das Gebiß in den Mund, legte die Zügel an, warf die Decke auf und sattelte sie. Die Schnallen, schienen sich zu schließen, ohne daß er sie berührte, der Sattelgurt zog sich praktisch von selbst fest. Ker- ris reichte dem Asech seinen Reitpack, und die Schnur verknotete sich wie von selbst an der Hinter- pausche. »Ich danke dir«, sagte Kerris. Der Wüstenreiter lächelte. »Wo du gehen?« »Nach Mahita.« »Ah, du gehen mit ihnen.« »Ja«, sagte Kerris. Er nahm Magrita am Zügel. Es fiel ihm beiläufig ein, daß er kein Geld hatte, nicht ei- nen einzigen runden Kupferling. Er würde unterwegs fasten müssen. Oder betteln. Er überlegte, wie viele Tage es wohl bis Mahita sein mochten. Er mußte nach Süden reiten, soviel wußte er, und er konnte sich da- bei auf der Flußroute halten. Er hob grüßend die Hand zu Jacob hin, als er den Stall verließ. »Viel Glück!« Er ging aus dem Tor, die Stute tänzelte hinter ihm drein. Tek kam geradewegs auf das Stalltor zu. »He«, kollerte er. Die Ärmel spannten sich über seinen Muskeln. »Du bist spät dran. Die andern sind schon vor Stunden losgeritten. Sie haben gesagt, du gehst nicht mit.« »Ich hab' mir's anders überlegt«, antwortete Kerris. Der Stallmeister beäugte ihn. »Du weißt, wohin sie gezogen sind?« »Mahita.« »Du weißt, wie du dorthin kommst?« »Ich reite nach Süden.« »Also, du machst folgendes. Du schlägst die Straße nach Süden aus der Stadt raus ein.« Tek wies zum Südhang hinauf, wo sich ein braunes Band bis zum, Kamm hinaufwand und dann zwischen den Felsen verschwand. »Du folgst der Straße. So gegen Sonnen- untergang kommst du an eine Gabelung, wo die eine Strecke nach Westen abzweigt, die andere nach Süd- osten. Und die mußt du nehmen. Die andere führt nach Shanan. Die Südostroute bringt dich zum Gro- ßen Fluß.« Er biß auf das Ende seines Schnurrbarts. »Hast du Verpflegung?« Kerris schüttelte den Kopf. »Warte!« Der Mann ging in den Stall und kehrte mit einem Beutel zurück. Er band ihn am Zwieselring fest. »Da ist Pökelfleisch drin. Damit kommst du weiter. Von der Abzweigung bis Mahita ist's dann bloß noch ein Tagesritt.« »Dank dir.« »Du wirst sie auf der Straße nicht mehr einholen. Sie sind dir zu weit voraus. Wenn du nach Mahita kommst, ist der beste Weg, sie zu finden, wenn du einfach im Stall fragst.« Er klatschte Magrita auf die Flanke. »Steig auf!« Kerris tat es. »Steigbügel raus!« Er zog die Schlaufen in die richtige Länge zurecht. »Du siehst wie Kel aus, ein bißchen, aber du bist kür- zer. Hör mal, du sagst ihm von mir, er ist mir immer noch ein Wettrennen schuldig! Hast du gehört?« Sei- ne gewaltige Stimme hob sich zu einem Gebrüll. »Ich hab' dich ganz bestimmt gehört«, sagte Kerris. Er hob die Hand zum Gruß und berührte leicht mit den Hacken den Bauch seiner Stute. Magrita schoß auf die Straße wie ein Pfeil, der aus dem Bogen fliegt. Er war noch nie allein auf einer Landstraße gewesen. Als er durch die Bäume zum Kamm hinaufgelangte, holte er tief Luft. Sie schmeckte scharf und rein wie Salz. Hinter der besiedelten Talsenke lagen Wälder,, Grasland, Bäche, kleine Bauerngehöfte, andere Dör- fer. Er hatte vergessen, Tek zu fragen, wie er Mahita erkennen sollte, wenn er hinkam. Magrita nahm eine zügige Gangart an. Sie hatte ei- ne leichte Schwellung oben am Hals, wo ein Zweig gegen sie geprallt war. »Tut mir leid, mein Mäd- chen«, sagte Kerris zu ihr. »Ich konnte wirklich nichts dafür.« Bei seinen Worten stellte sie spielerisch die Ohren nach hinten. Es waren Schafe auf der Weide. Der schwere Woll- geruch ließ Kerris an Tornor denken, das nun so weit hinter ihm lag. Er trug noch immer den Brief an Josen in seinem Pack mit sich. Er würde eine Karawane finden und ihn ihr mitgeben müssen. Ein Bach lief ei- ne Strecke weit parallel neben der Straße her, bis er abbog und in den bewaldeten Hügeln verschwand. Ein Silberreiher stand zierlich auf einem Bein am Rand des Gewässers. Er fixierte Kerris mit einem schwarzen, undurchdringlichen starren Blick. In dem scherendünnen gelben Schnabel zappelte ein Frosch. Es wurde heiß. Kerris schnürte die Halsöffnung des gelben Hemdes auf. Wilde Bohnen wuchsen am Weg- rand. Er fragte sich, ob sie eßbar sein konnten. Er kam an einem Haus mit Giebeldach vorbei. Es sah ver- wittert und schütter aus wie ein altes Maultier. Ein schwarzer Hund verbellte ihn. Zwei Leute arbeiteten auf einem Feld zwischen den hohen Weizenhalmen. Er konnte nicht erkennen, ob es Männer oder Frauen waren. Die Straße wurde breiter. Kerris sah Rauch und schilfstrohbedeckte Häuser. Hinter einer Bodenerhe- bung gelangte er in ein Dorf. Es gab einen kleinen Dorfplatz, der mit langen Wimpeln geschmückt war., Es gab einen Trog zum Tränken der Tiere und einen Brunnen. »Wie heißt der Ort?« rief Kerris einer vor- beigehenden Frau zu. Sie beschattete die Augen mit der Hand und sah zu ihm herauf. Sie hatte ein rundes teigiges Gesicht und runde weiße Arme. Die Augen waren sehr blau und sahen aus wie Beeren auf einem Kuchen. »Warrin«, antwortete sie. »Warrintown.« Der Duft von backendem Brot wehte aus offenen Türen. Kerris vermutete, daß Backtag war. Der heiße Duft ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Am Südrand der kleinen Siedlung nahm er die Zügel zurück, hielt und öffnete Teks Beutel. Darin war ge- pökeltes Rindfleisch, und es schmeckte salzig und köstlich. Er aß zwei Stücke, aber es war so zäh, daß ihm die Kiefer taub wurden vom Kauen. Über ihm glühte die Sonne. Er wünschte, daß er einen Hut hät- te, um seinen Kopf zu schützen. Schweiß tröpfelte unablässig aus seinem Haar. Er hatte große nasse Flecken unter seinem Armstumpf und unter dem an- deren Arm. An einem Bach saß ein Mann mit einem Strohhut und fischte. Er hob eine Hand zum Gruß. Kerris rief ihm zu: »Sitzt du schon den ganzen Tag lang hier?« Der Mann kaute an dem Stengel eines Katzen- schwanzes. Er nahm das Schilfrohr aus dem Mund, um zu antworten. »Das bin ich.« »Ist heute, ganz früh am Tag, ein chearas vorbeige- ritten?« »Ist er.« »Ich danke dir«, rief Kerris. Der Mann steckte den Katzenschwanzstengel wieder zwischen die Zähne. »Ist das Wasser da trinkbar?«, Der Fischer holte erneut das Schilfrohr aus dem Mund. »Es ist trinkbar. Aber zieh weiter runter.« »Warum?« fragte Kerris. Der Mann legte den Kopf in den Nacken, so daß er Kerris ins Gesicht schauen konnte. In seinen Augen stand blanke Verwunderung. »Weil du«, sagte er, »mir die Fische verschreckst.« Kerris zog weiter. Etwas weiter unten stieg er ab. Das Wasser plätscherte quirlig über die Steine. Magrita tunkte die Nase in das rasch fließende Was- ser. Kerris schöpfte mit der hohlen Hand und schlürfte. Er mußte es mehrmals wiederholen. Er wünschte sich, er hätte Tek oder Lara um einen Be- cher gebeten. Das Trinken wäre leichter gewesen. Magrita schnappte nach den Gräsern am Wegrand. Er ließ sie eine Weile grasen. Der Himmel war wie ei- ne blaue Flamme. Und der halbe Mond schwebte wie ein Geist am östlichen Horizont. Kerris stieg wieder auf. Die Färbung des Himmels ließ ihn an Sefer denken. Er wendete Magrita erneut nach Süden. Er dachte daran, wie selbstsicher und klar Sefers Denken gewesen war. Er war noch nicht alt, einunddreißig. Kerris spannte die Schenkelmus- keln und streckte sie. Die Beine begannen allmählich zu schmerzen. Tod, das schien noch immer etwas Unmögliches zu sein. Er dachte an Thera und dann an Barat, wie er bei seinem Ende ausgesehen hatte, so böse und hoff- nungslos, mehr wie ein Tier als ein Mensch. Thera hatte ihm zu helfen versucht und dabei doch gewußt, daß ihm nicht zu helfen war. Es sind die Menschen, die wir am tiefsten lieben, die wir nicht retten können. Kel hatte Sefer nicht gerettet. Kerwin von Tornor hatte, sein Weib nicht gerettet. Alis von Elath hatte ihren kleinen Sohn nicht gerettet. Sein Armstumpf juckte. Nachdenklich kratzte er sich. Magrita wurde langsamer, als der Zügel sich hob. »Das hat nicht dir gegolten, altes Mädchen«, sagte er zu ihr. Einen kurzen Augenblick lang emp- fand er Mitleid mit dem Asechreiter. Er, Kerris, hatte sein Leben in der Gesellschaft von Leuten mit zwei Armen verbringen müssen. Er wußte, wie es war, wenn einem etwas fehlte. Der Bach zog sich in verwickelten Schleifen wieder in das Hügelland zurück. Die Straße hob sich, bog sich und lief über die Hügel hinweg. Einsam in einem schmalen Tal sah er wieder ein Haus mit Strohdach. Darum herum ein Flickenteppich von einigen weni- gen Feldern. Auf einer Wiese schlug ein Maultier mit den Hinterläufen aus. Eine Frau unterm Strohhut grub Wurzeln mit einem Eisenspaten aus dem Boden. Er kam wieder durch ein Dorf. Dieses hier war größer, und die Straße innerhalb der Grenzsteine war frei von Räderspuren und mit Ziegelsteinen einge- faßt. Vor einer Werkstatt stand ein Karren, der mit Baumwollballen beladen war. Das Tuchbanner vor der Werkstatt zeigte ein stilisiertes Stoffstück, in dem eine riesige Metallnadel steckte. Aus der Werkstatt hörte Kerris das Schlagen eines Webstuhls. Die Sonne sank in den Westen. Magrita zog in ste- tem Trott weiter, nun nicht mehr ausgelassen, aber noch völlig ohne Anzeichen von Müdigkeit. Kerris' Schenkel brannten. In der hellen Abenddämmerung sah er einen Fuchs über eine Weide schnüren. Zika- den zirpten einander zu. Die Kreuzung bei Shanan erinnerte ihn an die bei, Tezera. Ein paar unermüdliche Kaufleute riefen noch immer den Reisenden die Vorzüge ihrer Waren zu. Die Straße entlang standen Planwagen. Von rosigen Feuerstellen her kam der süßliche Duft von Him- melskraut geweht. Kerris stieg aus dem Sattel. Während er Magrita vorwärtsführte, zählte er elf Asechzelte. Lichter glänzten hinter blauem Glas. Er fing den Geruch von gekochtem Fleisch und von Wein auf. Ein unterneh- mungslustiger Bauer hatte Hacke und Sense beiseite- gelegt und an der Kreuzung eine Gastwirtschaft auf- gemacht, in der wohlhabende Reisende die Pferde unterstellen und die Nacht verbringen konnten. Ker- ris führte Magrita zu dem Gebäude, weil er dort eine Tränke zu finden hoffte. Und es gab eine, bei einer langen Reihe von Pfosten mit Ringen. Kerris ließ die Stute trinken, soviel sie wollte. Dann führte er sie vom Trog und von dem Gasthaus wieder auf die Straße und suchte nach einem Platz am Wegrand, der nicht bereits von den Tieren anderer Leute bean- sprucht wurde. Magrita würde Futter brauchen. Er überlegte sich, wie er sie wohl in Mahita unterbringen sollte, so ohne Geld. Der Duft gebratenen Geflügels wehte zu ihm herüber. In seiner Nähe spielten zwei Männer mit Würfeln und riefen sich dauernd die Au- genzahl zu. Kerris rieb sich über den Armstumpf. Er fühlte sich ausgelaugt und ein bißchen mutlos und sehr einsam. Sein Magen kollerte. Eine klare Stimme stieg in das Dämmerlicht, schwebte mit dem westlichen Wind. Bei Tage muß ich gehn, mein Schatz, Noch lacht der Sterne Schein. Im Mondlicht weiß und schön, mein Schatz, Laß nah mich bei dir sein. Singt he und juchhei für ein liebend Paar, Singt, he für die müde Sonn, Singt he für den Mann. Der mich glücklich machen kann, Wenn die Arbeit ist getan! – Er kannte dieses Lied. Er wanderte im Kreis, um den Sänger zu entdecken. Das Herz schlug ihm wild in der Kehle. Am Fluß ziehn wir im Mondenschein, Er scheint hell und klar Auf das Baumwollfeld und sanft und rein Auf dein goldenes Seidenhaar. Singt he und juchhei für ein liebend Paar, Singt he für die müde Sonn, Singt he für den Mann, Der mich lachen machen kann, Wenn die Ernte ist getan! Er sah die Sängerin bei einem Feuer stehen. Sie hatte eine blasse Haut und schwarzes Haar. Es war nicht Ilene. Sie bemerkte, daß er sie ansah, und hob eine Hand. »Hallo! Reiter mit der schwarzen Stute! Kenne ich dich?« Er trat ans Feuer. Es saßen mehrere Leute darum herum. Dahinter ragten die Schatten einer Wagenka- rawane auf. »Vergebt mir«, sagte Kerris, »ich bin auf der Suche nach Freunden von mir auf dieser Straße, und eine von ihnen ist Sängerin. Ich habe angenom- men, du bist es.« »Bin ich nicht.« Ihr Gesicht war freundlich. »So leid es mir tut. Wohin sind sie gezogen? Wir haben sie vielleicht gesehen.« »Nach Mahita.« Sie runzelte die Stirn. Ein Mann, der einen Fleisch- spieß in der Hand hielt, sagte: »Das liegt im Süden, Hetta.« »Oh. Tut mir leid. Wir kommen von Tezera.« Bei dem Duft des brutzelnden Fleisches ver- krampfte sich Kerris' Magen. »Ich danke euch«, sagte er. Er führte Magrita von dem quälend- verführerischen Duft fort., Zwischen zwei Wagen fand er einen freien Platz. Er breitete seine Decke auf dem Gras aus. Magrita mahlte glücklich das frische Grün. Während sie wei- dete, nahm er ihr Zaumzeug und Sattelzeug ab. Er brauchte ziemlich lange dazu. Er riß eine Handvoll Gras aus und rieb sie trocken. Nachdem er Magrita an einen Weidenschößling in der Nähe gebunden hatte, streckte er sich auf seiner Decke aus. Den Kopf legte er in die Sattelbiegung. Wie eine Brücke schwangen sich die Sterne im Bogen über die Welt. Der Dunst von den Lagerfeuern war dicht. Er roch den Duft von Wein. Er überlegte, wo der chearas jetzt sein mochte, in welchem Dorf, auf welchem Feld. Das Rumpeln von Wagen weckte ihn. Fluchend und schreiend bereiteten sich die Fahrenden darauf vor, ihrer Wege zu ziehen. Die Weststraße lag bereits un- ter einer Staubwolke. Kerris stand auf und reckte sich. Gespannführer fluchten mit ihren Pferden und miteinander. Ein Maultier ergriff die Flucht und kanterte durch das Wagengewirr, und sein Besitzer rannte hinter ihm her, mit der Weidenpeitsche fuch- telnd. Kerris rollte seinen Pack zusammen. Er ging Magrita suchen und zerrte dabei Sattel und Zaum- zeug hinter sich drein übers Gras. Sie wartete ruhig auf ihn, ein Grashalm steckte ihr zwischen den Lef- zen. Diesmal war keiner da, der ihm half. Die Leder- schnallen waren feucht und nicht leicht zu befestigen, und er konnte auch die Zähne nicht dabei zu Hilfe nehmen. Als er es geschafft hatte, war er schweißge- badet., Auch beim Gasthaus brachen die Leute auf. An der Vorderseite, beim Wassertrog, stand ein hochgewach- sener Mann und beobachtete die Menge. Er hatte hellbraunes Haar und Augen, die so grau waren wie ein Wintertag. Er trug ein gemustertes Seidenhemd und sehr gutes Reitleder. Ein roter Kamm blinkte in seinem Haar. Sein Tier war ein schlanker Grauhengst, nicht zu schade für den Lord einer Burg, und das Zaumzeug war mit Silberdrahtflechtwerk geziert. Der Wirt kam heraus und redete mit dem Mann. Er lächelte und verneigte sich unablässig. Der hochge- wachsene Mann reichte ihm eine Münze. Sie blitzte wie Gold. Kerris hätte gern gewußt, wer der Mann war. Vielleicht irgendein reicher Kaufherr, von ho- hem Rang in der Gilde – oder vielleicht sogar ein An- gehöriger eines der großen Häuser von Shanan oder Kendra-im-Delta. Er saß auf und wendete sich nach Osten. Magrita suchte sich ihren Weg durch das Gewirr von Wagen und Reisenden. Sie kamen an Hetta vorbei, der Frau aus Tezera. Sie saß auf dem Kutschbock eines Wa- gens und nahm ein Gespann von kastanienbraunen Wallachen mit gekonnter Umsicht zurück. Kurz bevor er wieder auf die Straße selbst zurück- kam, sah er eine Wagenreihe, auf der an Stangen blaue Bänder wehten. Ein Mann in einem blauen Baumwollhemd schritt neben dem Zug dahin und rief Befehle. Ein aufgeregtes Maultier bleckte seinem Treiber die gelben Zähne. Es sah dem ähnlich, das Kerris wild herumrennen gesehen hatte. Er überlegte, ob der Mann im blauen Hemd wohl der Herr der Ka- rawane war, beschloß aber, ihm nicht auf die Nerven zu gehen, indem er ihn fragte. Er hob die Hand, um, den Maultiertreiber zu grüßen. »Guten Tag!« rief er. »Tag!« knurrte der Treiber zurück. Er hieb dem Muli die Faust zwischen die Ohren. »Wenn du mich beißt, du schieches Mistvieh, dann schlag ich dir die verdammten Rippen zu Brei!« »Wohin reist ihr?« fragte Kerris. »Nordwärts. Tezera.« »Könnt ihr einen Brief nach Norden mitnehmen?« Wieder fluchte der Mann mit dem Maultier. »Drit- ter Wagen von vorn«, sagte der Mann, ohne aufzu- blicken. Kerris lenkte Magrita an die Spitze des Wa- genzuges und dann zurück zum dritten Fahrzeug. Es war mit Weinfässern beladen. Auf ihnen hockte ein Mann, hämmerte mit den Fersen auf den Bauch eines Fasses und rauchte dabei seine Pfeife. »Guten Tag«, sagte Kerris. Der Mann paffte. »Guten Tag.« »Kannst du einen Brief mit nach Norden nehmen. Für die Grenzfeste Tornor Keep?« fragte Kerris. Er drehte sich im Sattel um und wühlte in seinem Pack nach dem Brief. Er war verbogen, aber nicht zerknit- tert. Er drückte den Daumen auf das Wachssiegel. »Wir fahren nach Tezera«, sagte der Mann. Seine Hacken klopften an die Faßwand. Bong! Bong! Bong! Er streckte die Hand aus. »Aber wir werden in Tezera wen finden, der nach Westen reitet.« Kerris legte ihm den Brief in die Hand. »Wie lange werdet ihr bis Tezera brauchen?« fragte er. Der Mann zuckte die Achseln. Bong! Bong! machten seine Fersen. Die Pfeife qualmte. »Fünfzehn Tage. Sowas.«, 16. Kapitel Er ritt um eine Biegung, und da lag der Fluß. Kerris hatte geglaubt, er würde von einer einheitli- chen Farbe sein, doch das Wasser war vielfarbig: braun in Ufernähe, graugrün, blau und sogar rot. Er war viel breiter als der Rurian. Er spähte ans andere Ufer hinüber. Er sah Schuppen und Felder, die von Reihen blühender Sträucher bestanden waren. Und er konnte mit Mühe die winzigen Gestalten der Men- schen ausmachen, die sich zwischen den Pflanzenrei- hen bewegten. Er blickte das nähere Ufer entlang. Die rote Fär- bung im Wasser kam von Sägemehl. Er zog die Luft durch die Nase ein. Der Holzgeruch lag schwer in der Luft. Er ritt ein Stück weiter und gelangte an ein Dock, auf dem Baumstämme aufgestapelt waren. Auch hier wirkte das Wasser rostig vom Sägestaub. Weitere Stämme trieben schräg flußabwärts, sie sahen wie Nadelstiche auf einem abgeschabten Tuchfetzen aus. Am Südende des Docks erhob sich ein großer Schuppen. Dahinter schlängelte sich ein Pfad zum Wald hinauf. Zwei Holzfäller schwangen ihre Äxte gegen einen riesigen Stamm. Sie erblickten ihn und richteten sich auf. Kerris rief: »Liegt Mahita auf dieser Seite des Flusses?« »Auf beiden. Es gibt eine Brücke.« »Ich danke euch!« Er schnalzte Magrita zu. Ihre Hufe klangen hell auf der gepflasterten Straße. Wa- gen kamen ratternd vorbei, mit Kisten und Fässern und Säcken beladen, und die Räder wirbelten losge-, brochene Ziegelstückchen hoch. Zu seiner Linken rollte der Fluß, schimmernd wie der Rücken einer Schlange. Der Anblick der friedlichen Flußwindungen berei- tete ihm Vergnügen. Bei Tage muß ich gehn, mein Schatz – Er hatte keine Ahnung, ob er die richtige Tonlage hatte, und es war ihm auch gleichgültig. Und Magrita machte es ebenfalls nichts aus. Er ritt um eine weite Biegung, und da lag die Stadt. Eine graue Steinmauer faßte sie ein, und Felder mit gelbblühenden Pflanzen lagen ringsum und beinahe bis dicht an die Stadttore. Nur vor der Torzufahrt war der Boden frei. Auf den Mauergängen schoben Sol- daten Wache. Mit Planen bedeckte Stände waren am Straßenrand vor dem Tor aufgebaut, ein richtiger kleiner Markt. Karren, Maultiere, Pferde und Men- schen zu Fuß drängten sich auf der Zufahrt durchein- ander. Die Leute riefen einander laut zu. Kerris sah mehrere Asechreiter auf ihren hohen schlanken Pfer- den in dem Gewühl. Er hielt sich zurück, er fühlte sich ein wenig ver- schreckt. Ein Karren ratterte vorbei, und der Kutscher brüllte ihm zu, er solle den Weg freimachen. Die Dachfirste der Häuser erstreckten sich weiter und weiter, als wären sie ein Wald. Er fragte sich, wie in aller Welt er in diesem Wirrwarr von Straßen und Häusern und Menschen den chearas finden sollte ... Und er befahl sich selber, er solle sich nicht lächerlich benehmen. Wenn er seinen Bruder durch ganz Arun hin aufspüren konnte, dann würde es ihm ja wohl auch möglich sein, ihn in einer Stadt zu finden. Er zwang Magrita vorwärts. Er ritt an den Ständen vor- bei und schaute nicht auf die Früchte, den Käse, den, Wein, bemühte sich, nicht zu riechen, wie die Wach- teln dufteten, die sich an ihren Spießen drehten, oder die Fische auf dem Rost. Dann drängten sich die Kar- ren und Reiter und Fußgänger zu einer Prozession zusammen. Er gliederte sich ein. Peitschen knallten, wenn die Kutscher ihre Gespanne vorantrieben. Vor dem Rundtor begutachtete ein schläfriger Wachpo- sten Kerris von oben bis unten und schnippte dann mit den Fingern, zum Zeichen, daß er einreiten dürfe. Auf der Straße roch es nach kochendem Essen und nach Pferden. Nicht weit hinter dem Tor nahm das Gewühl ein wenig ab. Kerris verrenkte sich fast den Nacken, als er nach allen Seiten zugleich zu blicken versuchte. Das hier war so vollkommen anders als Burg Tornor und sogar als Elath. Überall hingen Fah- nen mit Bildern von Schuhen und Brot und Fleisch und Butter, von Wein und Stoffen und Kerzen, Töp- fen, Nadeln, Nägeln ... Das Straßenpflaster war aus Backsteinen. Die Häuser selbst halb aus Stein, halb aus Holz, und einige waren ziemlich hoch, andere wieder flache Kästen, und sie lehnten sich zueinander wie Lattenkisten. An der Straßenecke stand eine Frau mit Ringen in den Ohren und jonglierte mit sechs Sil- berkugeln. Sie sah, daß Kerris zu ihr blickte, und grinste. Die Kugeln flogen blitzschnell durch ihre flinken Finger. Sie machte eine träge einladende Kopfbewegung und begann sich die Straße hinab zu entfernen. Ihre weiten Röcke schaukelten um die Beine. »Ich suche nach einem Stall«, rief Kerris. Ein vorbeiziehender Wagenkutscher antwortete ihm: »Dort rüber!« Er zeigte mit der Peitsche. Kerris lenkte Magrita in die Richtung. Er blickte, kurz zurück. Die Frau war stehengeblieben und be- obachtete ihn. Sie lächelte schief, und ihre Hände wirbelten noch immer die Bälle durch die Luft. Die Stallung war riesig; es war ein breiter Bau, halb aus Baumstämmen, halb aus Ziegelsteinen gefügt. Als er aus dem Sattel stieg, kam ein langbeiniges Mädchen auf ihn zugerannt. »Bleibst du lang?« fragte sie und haspelte die Worte ganz rasch herunter. »Ich weiß noch nicht«, sagte Kerris. Seine eigene Sprechweise kam ihm neben der ihren träge vor. »Ich bin auf der Suche nach ein paar Freunden von mir. Vielleicht weißt du, wo sie geblieben sind – sie sind aus dem Norden gekommen, genau wie ich, nur frü- her.« »Warte hier!« Sie brüllte in die Tiefe der Stallung hinein: »Shay!« Sie klopfte ungeduldig mit dem blo- ßen Fuß auf die Erde. »Shay!« Ein zweites Mädchen kam aus dem Tor gestürzt. »Was willst du von mir?« Das erste Mädchen deutete mit dem Daumen nach hinten, wo der Neuankömmling stand. »Frag sie! Sie ist heute morgen hier gewesen.« Dann griff sie nach Magritas Zügel. Kerris ließ nicht los. »Einen Augenblick!« Shay kam zu ihm herüber. Sie war kurzgewachsen und dunkel und hatte wuchtige breite Schultern wie ein Hufschmied. Das Haar trug sie in vielen kleinen Zöpfen geflochten wie Elli. »Na, brauchste Hilfe?« »Ist heute früh ein chearas hier vorbeigeritten?« Shay gähnte. »Sicher doch! Sie wollen im Östlichen Hof tanzen. Ich hab's gehört, wie sie davon geredet haben. Kennst du sie?«, Kerris nickte. Das andere Mädchen sagte: »Also läßte jetzt deine Stute da oder nicht?« »Ich weiß nicht, ob das geht«, sagte Kerris. »Ich ha- be kein Geld.« Sie zuckte die Achseln. »Wirste welches kriegen?« »Ja.« »Dann stellen wir das Tier für dich unter. Wenn du nach den ersten drei Tagen nicht zahlst, verkaufen wir das Zaumzeug.« Sie schnürte Kerris' Bettrolle vom Hinterzwiesel, ließ sie in den Staub fallen und riß ihm die Zügel aus der Hand. »So, komm, meine schöne Dame!« Shay griente. Ihre Zähne waren gelb. »Sie wird das Zaumzeug nicht vor fünf Tagen verkaufen!« Kerris sagte: »Ich bin bestimmt früher zurück.« Er hob die Schlafrolle auf. »Wo ist der Waffenhof?« »Der Westliche Hof ist da drüben, ungefähr vier Straßen weit. Der Östliche Hof liegt hinter der Brük- ke. So an die acht Blocks nach der Brücke. Wenn du nach Osten gehst, kommst du an einen großen Stein- bau, das ist das Arsenal. Der Hof liegt gleich dane- ben.« »Ich danke dir«, sagte Kerris. »Kommste aus dem Norden?« Sie redete ein wenig langsamer als das andere Mädchen, wenn auch kaum merklich. »Ja.« »Tezera?« riet sie. »Tornor Keep.« Shay verzog das Gesicht. »Das ist ein weiter Weg, hab' ich gehört.« »Das ist es.« »Biste hungrig?«, Kerris lächelte. »Sieht man mir das an?« Sie lachte. »Leute, die von weit in die Stadt kom- men, sind meistens hungrig.« Sie wies nach Süden. »Du gehst in die Richtung, einen Block weit, dann kommste an die Halle. Die wird von der Stadt unter- halten. Das Essen ist einfach, aber es gibt reichlich, und sie geben's den Durchreisenden umsonst.« Die Halle erinnerte Kerris an das Speisehaus in je- nem namenlosen Dorf im Galbareth. Da standen lan- ge Holztische, und es gab ein Fenster, durch das das Essen ausgegeben wurde. Eine fette Frau in der Durchreiche händigte ihm eine Schüssel und einen Löffel aus und fragte erst gar nicht nach Geld. Es war eine Suppe mit Nudeln und Fleisch und Fisch, und es roch so verlockend, daß ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Es war fast leer im Gebäude, und so nahm er an, daß er sehr spät oder sehr früh gekom- men sein müsse. Über dem Geklapper der Töpfe konnte er das Küchenvolk schnattern hören. Sie re- deten sehr schnell. Er dachte an Paula. So hat sie sich auch einmal angehört, dachte er. Er überlegte sich, wie lange es gedauert haben mochte, bis sie sich dar- an gewöhnt hatte, im langsameren Rhythmus der Nordländer zu sprechen. Er hatte vergessen, Shay zu fragen, wann der chea- ras zu tanzen beabsichtigte. Er trug die Schüssel an das Durchreichefenster zurück und legte sie in den großen Korb. Die fette Frau schenkte ihm keinen Blick, sondern redete weiter drauflos. Er trat auf die Straße. Die Menschen strömten in beiden Richtungen an ihm vorbei. Er suchte die Brücke, und plötzlich sah er sie, wie sie sich im Bogen über den Fluß schwang. Das Wasser konnte er nicht sehen. Der, Menschentrubel verwirrte ihn. Er klemmte sich die Bettrolle fester unter den Arm und begann nach Sü- den zu gehen. Eine Frau, auf deren Schultern eine Katze lag, wanderte an ihm vorbei. Ein Mann schwankte hinter einer Schubkarre her, die mit gelben Früchten hoch beladen war. Eine der gelben Kugeln hüpfte herunter und rollte Kerris vor die Füße. Er hob sie auf und wollte sie zurückwerfen. Doch der Mann am Schubkarren schüttelte den Kopf. »Behalt sie!« Er blickte in das Fenster eines Ladens, in dem Ge- würze feilgeboten wurden. Die Auslage war vollge- stopft mit Krügen in verschiedenen Farben. In einer Ecke lag ein riesiges Faß mit einem Schöpfbecher an einer Schnur. Auf einem Schild an der Tonne stand: »Salz.« Ein Mann kam in entgegengesetzter Richtung gelaufen. Er trug eine lange Stange, an der frischer Fisch hing. Kerris warf seine Frucht in die Luft. Sie hatte fast keine Druckstellen. Er biß in die weiche, pelzige Schale. Der süße Saft lief ihm aus dem Mund und über das Kinn. Schließlich kam er an den Waffenhof. Er war sehr groß, fast so groß wie der ganze Burg- hof auf Tornor. Er legte sich die Bettrolle zwischen die Füße und stützte sich mit dem Ellbogen auf den Zaun. Zwei Männer waren beim Training mit Spie- ßen, ihre Haare flogen wild bei den angestrengten Stößen. In einer Ecke bog und drehte sich eine Frau ganz allein. Der Hof schien seltsam leer für eine Stadt mit so vielen Menschen. Er aß seine pelzige Frucht auf und warf den fransigen Stein auf die Straße. Seine Augen kehrten immer wieder zu einigen Kindern zu- rück, die paarweise trainierten. Er schaute zu, wie sie herumpurzelten und Ring-, kämpfe aufführten, sich drehten und zustießen, sich verflochten und tanzten. Ein bittersüßer Geschmack stieg ihm in die Kehle. »Ist irgendwas ...?« Ein kleiner untersetzter Mann stand plötzlich auf der anderen Seite des Zaunes vor ihm. Das Rattern eines vorbeifahrenden Wagens auf den Ziegelsteinen hatte seinen Schritt überdeckt. »Ich habe nur so zugeschaut«, sagte Kerris. Die Augen des Mannes glitten zu Kerris' leerem Ärmel und dann auf sein Gesicht zurück. »Ich heiße Charin.« »Kerris.« »Neu in der Stadt?« »Ja.« Irgend etwas, vielleicht die offensichtliche Freundlichkeit des Mannes, ließ Kerris hinzufügen: »Ich komme aus dem Norden.« »Ah?!« In der Stimme war ein Unterton von Inter- esse. »Also das habe ich gemerkt, daß du aus dem Norden kommst. Du redest wie ein Nordländer. Und die Scheide da ist eine Arbeit aus dem Norden. Aus Tezera?« »Ja«, antwortete Kerris. Charin stützte sich mit dem Ellbogen auf die Um- zäunung. Seine Handgelenke waren breit wie die ei- nes Hufschmieds. Das Haar war kurzgeflochten und reichte bis zum Hemdkragen. »Auf der Durchreise, oder bleibst du 'ne Weile hier?« »Ich weiß noch nicht«, antwortete Kerris. »Ich bin auf der Suche nach Freunden.« »Oh?« »Ja. Der chearas.« Charin nickte langsam. »Ich hab' sie heute morgen gesehen«, sagte er. Kerris bemühte sich, seine Überra-, schung nicht zu zeigen. Er hatte den Mann nur für ei- nen Müßiggänger gehalten, etwa für einen Soldaten der Stadtwache, mit der Pflicht, jeden Tag im Hof zu trainieren, der sich dazu herabgelassen hatte, freund- lich mit einem Fremden zu sein und so den Übungen zu entkommen. Aber der Mann mußte ein Lehrer sein. »Sie sind kurz vorbeigekommen, um mir guten Tag zu sagen.« Der Mann blickte zu den Kinderpaa- ren hinüber. »Von wo aus dem Norden kommst du?« »Von Tornor Keep.« »Hm. Und wo hast du deinen Arm verloren?« Niemals zuvor hatte man Kerris diese Frage so di- rekt gestellt. »Bei einem Überfall der Asech«, sagte er. »Ich war damals drei.« »Also warst du damals im Süden«, sagte Charin. »Die Asech haben niemals die Grenzfesten angegrif- fen. Wie schlimm, daß du dort landen mußtest. Scheußliche, einsame Orte, um drin zu leben.« Der Mann grinste. »Ich brauche Leute, massenhaft Leute um mich rum, und dann eine Möglichkeit, ihnen zu entkommen, wenn einem danach zumute ist.« Ein Zug weißer Vögel segelte über den Hof, sie mi- auten wie Katzen. Einer trug ein Stück grüner Rinde im Schnabel. Charin beobachtete die Übungen im Hof. Plötzlich rief er: »Gerri! Danu!« Bei den Kinderpaaren brachen zwei kleine Gestal- ten aus dem Kreis aus und kamen herübergelaufen. Sie trugen beide Messer. Eins der Kinder war ein Junge, schmal und hochgewachsen, mit braunem Haar und hellblauen Augen. Das zweite Kind war ein Mädchen, gleichfalls schlank und ebenfalls groß. Ihre Augen hatten eine etwas dunklere Blauschattierung, und ihr Haar war lang und schwarz., Kerris erstarrte. Kein bloßer Trainer erhielt derartig unmittelbaren Gehorsam erwiesen! »Wie lange trainiert ihr schon?« fragte Charin. Das Mädchen warf einen Blick auf den Stand der Sonne. »Ungefähr zwei Stunden, skayin«, sagte sie. »Das hab' ich mir gedacht. Ihr werdet müde. Geht, macht einen Spaziergang. Beide. Gerri, binde dir die Haare zurück. Lange Haare beim Kämpfen führen dazu, daß man dir die Gurgel durchschneidet, außer du bist so gut, daß es keine Rolle spielt. Noch bist du kein cheari!« Das Mädchen packte den dichten losen Haar- schweif und drehte ihn auf dem Kopf zusammen. Dann steckte sie den Knoten mit einem Beinkamm fest. »Es ist nur runtergefallen.« »Mach es so fest, daß es nicht fällt. Und jetzt, geht!« Sie begannen auf das Tor zuzulaufen. »Geht lang- sam!« rief der Mann hinter ihnen her. Gerri blickte sich um und griente. Sie verlangsamten ihre Schritte und schlenderten dann auf die Straße. Sie wirkten sehr gemessen. Kerris fragte: »Sind es Zwillinge?« »Ja«, sagte Charin. »Gerri liebt den Waffenhof. Das Messer und der Tanz sind für sie ein Spaß, eine Lust, ein Spiel. Eines Tages wird sie aufwachen und die Kunst darin begreifen.« Er spreizte die Finger zu ei- nem imaginären Strahlenkranz. »Und dann?« »Dann wird sie anfangen, ein cheari zu sein.« Charins Stimme hatte sich nicht verändert. Doch Kerris spürte eine Trübung in dem Klang, ein ver- haltenes, stummes Sehnen. »War es das, was du sel- ber gewollt hast?« fragte er und hätte sich am liebsten, die Zunge abgebissen. Selbst von einem Freund wäre die Frage grausam und ungehobelt gewesen, und er war kein Freund. Doch der Hofmeister hob nur die dichten schwar- zen Augenbrauen. »Ich wußte nicht, daß man es merkt.« »Es tut mir leid«, sagte Kerris. »Ich werde in einer kleinen Weile zum Östlichen Hof rüberwandern, um mir den chearas anzuschauen. Hast du Lust, mich zu begleiten?« Kerris antwortete: »Ich danke dir. Ja, das würde ich gern.« Charin nickte ihm zu. »Es ist leicht, sich an einem fremden Ort zu verirren. Entschuldige mich jetzt.« Er ging zu den Kampfkreisen zurück, und Kerris konnte jetzt sehen, daß er auf dem rechten Bein ein wenig hinkte. Aber abgesehen davon schritt er wie ein Cheari, graziös, federnd und vollkommen kontrol- liert. Kerris wanderte herum. Er wollte von dem Waffenhof fort. Er war ärgerlich auf sich selber. Als er zwei Straßen weit in dem Lärm der großen Stadt herumgetrieben war, ließ ihn ein Melodienstrang plötzlich den Schritt verhalten. Es war nicht der Klang einer menschlichen Stimme. Noch nie hatte er dergleichen gehört: ein weiches, drängendes, verwischtes Klagen. Er folgte dem Klang um eine Straßenecke. Er kam in eine Gasse hinter einer Werkstatt. In der Gasse fand er einen Haufen verfaulenden Gemüses, einen Hund, der in einem Rinnstein wühlte, und drei Kinder, die auf einem Stapel staubiger zerbröckelnder, Ziegel hockten. An der Wand hinter ihnen wuchs ein kümmerlicher Efeustrauch empor. Es roch nicht un- angenehm in der Gasse, wenn auch etwas dumpf. Zwei der Kinder erkannte er sofort wieder: es waren die Zwillinge, Gerri und Danu. Sie standen auf, um das dritte Kind mit den Schultern zu decken. »Es tut mir leid«, sagte Kerris rasch. »Ich geh sofort wieder weg, wenn ihr wollt. Aber ich mag den Klang wirklich – die Musik.« Die Kinder traten auseinander. »Wir haben, ge- dacht, du bist Ree«, sagte Gerri. »Er mag Suya nicht.« Das Kind hieß also Suya. Es war kleiner als die Zwil- linge, mager, staubbedeckt und wirkte sprungbereit und verschreckt. Seine Haare waren schwarz wie die Gerris, doch seine Haut war braun. Seine Kleider wa- ren voll Staub, aber das waren schließlich die der Zwillinge ebenfalls. Die Füße waren nackt. Er wirkte älter als die zwei anderen Kinder und viel abgerisse- ner. Kerris ging in der staubigen Gasse in die Hocke. Der Hund trottete herbei und beschnüffelte ihn. Er schob die Schnauze von seinem Pack fort, denn er wußte, es mußte nach dem Salzfleisch riechen. »Hau ab!« sagte Gerri und bückte sich, um einen Ziegel- scherben aufzuheben. Der Hund schlich mit eingezo- genem Schwanz vor der Drohung davon. Gerri blickte finster drein. »Es ist nicht richtig. So- gar wenn das die Hinterseite von seiner blöden Werkstatt ist!« Suya murmelte ihr etwas zu, und sie redete nicht weiter. Kerris bat: »Würdest du mir zeigen, wie du diesen Klang hervorbringst?« Suya öffnete die Hand. Die Fingernägel waren ab-, gesplittert und hatten schwarze Schmutzränder. In der kleinen Handfläche lagen hölzerne Röhren. Sie waren lang und schmal, und es waren Löcher darin. Der Junge hob das Holz an den Mund und blies dar- auf. Er schob die Röhren an seinen Lippen vorbei, und die Klagetöne wurden höher. Er führte das In- strument nach der anderen Seite, und das Klagen wurde dunkler und traurig. Kerris hörte fasziniert zu. Es klang wie eine Vielzahl von Stimmen, die alle zu- gleich, aber in verschiedener Tonhöhe sangen, und doch alle miteinander verschmelzend. »Was ist das?« fragte er. Suya hockte auf den Ziegeln. »Ein sho.« »Wie funktioniert es?« Der Junge zuckte die Achseln. »Mach noch mehr!« Der Knabe hob das Instrument an die Lippen und spielte eine langsame, träumerische Melodie. Kerris schloß die Augen und versuchte sich zu erinnern, wo er so etwas schon einmal gehört hatte. Es war das Wiegenlied, das Ilene gesungen hatte. »Schlafe, mein Kindchen, schlafe nun ein, süß sollst du träumen, wohl soll dir sein ...« Er sang es leise mit. »Das ist schön«, sagte er dann. Suya lächelte. Über Kerris' Kopf brüllte eine Stimme: »Ver- dammter Lärm!« Durch eine viereckige Öffnung schaute ein hartes dunkles Gesicht. Die Kinder sprangen auseinander. Kerris faßte Suya an dem dür- ren Handgelenk, bevor der Junge davonrennen konnte. »Ich hab's euch gesagt, ich will nicht ...« Der Mann erblickte Kerris, und das Geschrei erstarb ihm im, Mund. »Haben dich die Gören geärgert?« »Nein«, sagte Kerris. »Ich hab' sie gebeten, mir die Musik vorzuspielen.« »Ha! Musik! Musik nennst du das? Katzengeschrei nenne ich es.« Aber der Kopf verschwand blitzschnell wieder in dem Backsteinhaus. Kerris ließ Suyas Arm los. Gerri klatschte in die Hände. »Und jetzt können wir hierbleiben!« Suya blieb stehen. »Er hat mich verdroschen, das letztemal, wie er mich hier beim Schlafen erwischt hat.« Kerris schaute sich in der engen Gasse um. »Du schläfst hier?« Suya zuckte die Achseln. Gerri zischte: »Er hat kein Recht, dich zu schlagen. Giftgesicht Ree! Er ist nicht mit dir verwandt!« »Ich will ihn umbringen!« sagte der Junge ruhig. »Aber ich weiß nicht, wie, und keiner will es mir bei- bringen.« Danu blickte entsetzt drein. »Du willst ihn doch gar nicht umbringen«, sagte er. »Menschen töten, das bricht das chea. Du willst bloß, daß er aufhört, dich zu schlagen.« Gerri nickte zustimmend. Aber Suya stierte nur in den Staub. Ein weißer Vogel glitt durch die Gasse hinunter. Die Schwingen waren wie zwei Messer. Der Vogel legte die Flügel ordentlich an den fetten, glatten Kör- per und begann an den Karotten- und Rübenabfällen herumzupicken. Kerris fragte: »Wie heißt man diesen Vogel?« Die Kinder starrten ihn an. Schließlich gab ihm Gerri Antwort: »Das ist eine Möwe.« Kerris klemmte seine Bettrolle zwischen die Knie., »Ich komme aus dem Norden«, erklärte er, »und ich bin noch nie so weit im Süden gewesen. Warum mußt du auf der Gasse schlafen?« Suya schabte mit der Ferse im Staub. »Keine Ver- wandten.« »Sind sie tot?« Wieder zuckte Suya nur die Achseln. »Weiß nicht. Weiß nicht, wer sie sind.« Kerris lehnte sich an die rauhen Steine. Es erschien ihm undenkbar, daß ein Kind keine Verwandten, kei- ne Familie haben sollte. Suya sagte: »Meine Mutter war Asech.« Er wendete den Kopf, damit Kerris die kleinen Löcher in seinem Ohrläppchen sehen könne. »Weiß auch nicht, was mit ihr passiert ist. Mein Vater war ein Stadtkerl. Ihn kenn ich nicht.« »Aber wo lebst du denn?« fragte Kerris. »Auf der Straße.« »Wo kriegst du zu essen?« »Manchmal geben sie mir was in der Halle. Das ist zwar nur für Fremde gedacht, aber sie lassen mich manchmal rein.« »Wie alt bist du?« »Weiß nicht.« Das stumpfe Gesicht des Jungen wurde ein wenig dunkler. »Ich glaube, vierzehn.« Kerris erinnerte sich an einen kleinen Jungen, den er einst sehr gut gekannt hatte und der zusehen mußte, wie seine Freunde im Waffenhof von Tornor kreisten und zustießen und parierten und wieder kreisten. »Das ist alles nicht sehr gerecht«, sagte Ker- ris. Suyas dünne Schultern hoben sich wieder in die- sem verbitterten abwehrenden Zucken., Kerris schüttelte den Kopf. »Du brauchst jemand«, sagte er. »Irgendeinen Verwandten. Wenn nicht Mutter oder Vater, dann Tante oder Onkel. Oder ei- nen Bruder.« Er dachte daran, wie einsam sein Leben auf Tornor hätte sein müssen, ohne Paula, Josen, ohne Tryg – ja sogar ohne Morven. Sogar ohne Kili. Gerri sagte: »Ich sag ihm die ganze Zeit, er soll in den Hof kommen mit mir, und wir zeigen ihm, wie er Ree zu Fetzen hauen kann. Aber er mag nicht mit- kommen.« »Kannicht.« »Warum nicht?« fragte Kerris. Suya kickte einen Ziegelbrocken über die Gasse. Die Sohlen seiner Füße waren dreckig und sahen so hart wie Horn aus. »Kein Messer.« Er griff an seinen Gürtel und befingerte die Stelle, wo sonst das Messer hängt. »Und außerdem, sie wollen mich nicht dort haben.« In diesem kleinen Satz klang eine schreckliche Ein- samkeit auf, und Schmerz und Not. Kerris spürte, wie es die Mauer in seiner Seele berührte und von ihr ab- prallte. Es erschien ihm als ungerecht, daß unter allen Menschen ausgerechnet er zufällig diesem Kind be- gegnen mußte, er, ein Fremdling in dieser Stadt und im Süden. Suya schaute ihn mürrisch an, als sei er zornig darüber, daß dieser Fremde in seine geheim- sten Gefühle eingedrungen war, sich in seinen Schmerz gedrängt hatte ... Ein Gedanke blitzte in Kerris' Kopf auf. »Möchtest du in den Waffenhof?« fragte er lang- sam. Suya nickte. »Kannicht«, wiederholte er. Kerris stand auf, und der Junge erstarrte. »Du, brauchst keine Furcht vor mir zu haben«, sagte Ker- ris. »Wenn du in den Hof willst, dann werde ich dir dabei helfen.« Suyas dunkle Augen weiteten sich. »Wie?« »Ich kenne den Hofmeister.« Das ist eine echte Notlüge, dachte er. »Ich glaube, ich kann ihn überre- den, daß er dich in die Kindergruppe aufnimmt.« Suyas Gesicht spannte sich argwöhnisch. Aber Ger- ri stieß ein lautes freudiges Johlen aus, Sie hüpfte be- geistert auf der Gasse herum. Dann packte sie Suya bei der Schulter. »Ja!« drängelte sie. »Das ist eine gute Idee. Charin ist ein feiner Kerl. Der läßt dich be- stimmt in den Hof kommen, auch wenn du kein Mes- ser hast!« Es kostete einige Überredungskünste, bis Suya bereit war, aus seiner Gasse fortzugehen. Gerri und Danu leisteten die Hauptarbeit. Kerris wartete ab. Es war ihm unmöglich, nicht an Kel zu denken, an jene Nacht im Garten, an den Tag am Waldteich ... Er er- innerte sich, wie Kel ihre Mutter beschrieben hatte. »Sie kam immer ganz erschöpft nach Hause. Ich habe nie begriffen, warum es sie so müde machte, wenn sie Leute besuchte, bis mir klarwurde, daß sie ihre Gabe dafür einsetzte, zu vermitteln, Streit zu schlichten.« Und das erste, was er je für den chearas getan hatte, war einen Streit zu schlichten. Und was kann ich tun? Alles, was du willst. Er hörte Sefers Stimme es sagen. Seine Kehle kitzelte ihn. Was immer er auch tun würde, was immer er lernen würde – Sefer würde es nie erfahren. Der Waffenhof lag verlassen da. Charin stand, wartend am Eingang. Er hob die Hand, als er Kerris sah, und kam auf ihn zu. »Na, hast du dich verlau- fen?« rief er. »Ich hab' mir allmählich schon überlegt, ob ich noch auf dich warten soll.« Er trug die offizielle Kampfkleidung des Hofes: ein dickes Hemd, Kniehosen, Stiefel. Ein breiter Leder- gürtel schlang sich um seine Hüften. Ein Kurzschwert in feingearbeitetem Gehänge baumelte an seinem lin- ken Schenkel. Außerhalb des Waffenhofes wirkte er mächtiger als innerhalb der Umzäunung. Kerris merkte, wie Suyas Schritte immer zögernder wurden. Er legte dem Jungen die Hand fester auf die kno- chige Schulter. Gerri rannte ihnen voraus, Danu ging auf Suyas anderer Seite. Er hatte darauf bestanden, für Kerris die Bettrolle zu tragen. Charin schaute sich das seltsame Quartett an. »Was bedeutet das?« fragte er und blickte zu Suya. Kerris antwortete: »Sein Name ist Suya. Er ist halb Asech, halb Arun, sagt er, aber beide Rassen lehnen ihn ab und wollen ihn nicht haben. Er kann nicht in den Waffenhof kommen, weil er ohne Verwandte ist, er hat keinen, der ihm ein Messer geben kann. Er schläft in den Gassen, und die Werkmeister prügeln ihn. Und er ist vierzehn Jahre alt. Mir will scheinen, daß das kein Leben für einen Menschen ist. Auf einer Burg hätten sie ihn besser behandelt!« Charins Gesicht blieb unverändert. Der Junge warf ihm einen beredten Blick von unten her zu. Siehst du, sagten seine Augen. Du siehst es doch? Er versuchte seine Schulter aus Kerris' Griff zu befreien. Doch Kerris hielt ihn weiter fest. Er streckte seine Gedankenfinger nach dem großen Mann aus, schob die Oberflächenwiderstände beiseite, spürte Stolz,, Liebe, Mitleid und Mitgefühl – und behutsam sammelte er seine Kräfte. Dann schickte er sein Denken – wie einen gebündelten Sonnenstrahl – und ließ es über die bewußten Bereiche in der Seele des Hofmeisters spielen. Weil du ein anständiger Mensch bist, sagte er, und weil du weißt, wie man sich fühlt, wenn man wünscht und nicht erhält, wenn man sich sehnt und es einem ver- sagt wird, wegen eines Unfalls, eines Zufalls, eines Fehlers, an denen man schuldlos ist ... Ja, antwortete die Seele Charins, ja, ich weiß es – und dann reagierte sein Gehirn auf das Eindringen: Ver- dammt, du hast kein Recht, dich so in meinen Kopf zu schleichen! Geh raus! Verschwinde! Doch Kerris hatte sich bereits zurückgezogen. Er hielt weiterhin Suya fest und beobachtete, wie die großen Pranken des Hofmeisters sich ballten und wieder öffneten. Das Gesicht des Mannes war bleich geworden, und er hatte die Augen zusammengekniffen. Er wankte ein wenig. Schließlich machte er die Augen wieder auf und holte tief Luft. Er blickte Kerris an, dann wendete er hastig den Blick ab. Seine Augen hefteten sich auf Suyas Gesicht. Er streckte die rechte Hand aus, die Handfläche nach oben. »Komm her zu mir!« Der Junge schlüpfte unter Kerris' Hand weg. Er trat einen Schritt nach vorn. »Willst du lernen, wie man kämpft?« Ein Nicken. »Du weißt, wer ich bin?« »Meister im Hof.« »Ja. Wenn ich sage, du kannst in den Hof kommen, dann darfst du kommen, und kein Mensch kann dich fernhalten. Bekommst du genug zu essen?«, »Manchmal.« »Kämpfer müssen essen. Ich werde mit den Kü- chenleuten in der Halle reden. Und du kannst im Waffenschuppen schlafen. Da ist Platz genug für ei- nen Strohsack, und außerdem bist du dort vor dem Regen geschützt.« Hinter Charins Rücken schlug Gerri vor Freude ein Rad. Das Haar löste sich aus dem Knoten, der Kamm fiel scheppernd auf die Ziegelsteine. Ohne sich umzuwenden, sagte Charin: »Gerri, hör sofort auf damit!« Sie fischte den Kamm auf und rollte sich das Haar wieder auf dem Kopf zusammen. Charin sah erneut Kerris an. »Ihr Kinder, ich sag euch, ihr verschwindet jetzt von hier«, sagte er. »Ihr werdet zu spät kommen, um den chearas zu sehen.« »Es werden sowieso zu viele Leute dasein«, sagte Danu trübselig. »Die lassen uns bestimmt nicht rein.« »Bist du noch nie über einen Zaun geklettert?« Gerri packte Suya bei der Hand. »Komm mit!« sagte sie. »Ich weiß einen Hintereingang. Da werden sie uns nie sehen.« Danu ließ Kerris die Bettrolle vor die Füße fallen. Die Zwillinge stoben davon, doch Suya zögerte und drückte dann Kerris etwas in die Hand, einen kleinen, harten, kühlen Gegenstand. Kerris schaute es an. Es war das sho. Kerris wendete sich Charin zu. »Ich bin dir die Bitte um Vergebung schuldig!« Seine Finger schlossen sich fest um die Musikmaschine. »Es gab keine Möglich- keit, dich vorzuwarnen.« »Wie hast du das gemacht?« »Ich habe vierzehn Jahre lang oben im Norden ge-, lebt«, sagte Kerris. »Aber geboren bin ich in Elath, in der Hexenstadt.« Der Meister des Waffenhofes rieb sich über das glattrasierte Kinn. »Ich verstehe«, sagte er. Dann strich er sich mit der Hand übers Haar. »Ich hab' niemals ... keiner hat jemals ...« »Ich verstehe«, sagte Kerris. »Vergib mir!« Er strich mit den Fingerspitzen über das samtglatte Holz in seiner Hand. Er konnte es nicht glauben, daß Suya wirklich wünschte, er solle das sho behalten. »Aber es schien mir wichtig.« »Das muß es wohl gewesen sein«, sagte Charin und spähte nach dem momentanen Stand der Sonne. »Aber jetzt beeilen wir uns besser!« Kerris steckte das Instrument in seinen Gürtel und hob seinen Pack auf. Er klemmte ihn erneut unter den Arm. Langsam schritten sie dann nach Südosten, zum Fluß hinüber. Möwen schossen über ihre Köpfe weg und kreischten, als forderten sie etwas zu fressen. Charin sagte: »Ich hab' schon von solchen Sachen gehört. Aber ich hab' nie ...« Wieder fuhr er sich mit den Fingern über sein dunkles Haar. »Ich werde es nicht noch einmal tun«, versprach Kerris. Die Worte ließen ihn an Riniard denken. Die Brücke war breit genug, daß zwei Wagen an- einander vorbeifahren konnten. Sie ruhte auf vier steinernen Bögen und war aus einem grauen Stein er- richtet, in dem dunkle Adern sich wanden und ver- zweigten wie die Adern in einem Blatt. Möwen schwebten über der Brücke. Grüne Ranken wuchsen die Bögen herauf. Der Fluß roch nach Fisch. Auf beiden Ufern saßen Angler. Mit Stangen ge- triebene Schuten, Segelboote und Ruderboote zogen, über das flache grüne Wasser dahin. Im Süden stieg immer dichter ein weicher Dunst auf. Die Sonne sank in den Westen. Lichter begannen in dem Viertel, aus dem sie kamen, und in dem, auf das sie zuschritten, hier und da aufzublinken. Der östliche Teil der Stadt wirkte glatter, neuer, weniger voll von drängelnden Menschen. Die Straßen waren breiter, und auf vielen standen Bäume und spendeten den Haustüren Schatten. Ein Straßenfeger bewegte sich über das Ziegelpflaster und sammelte den Dung ein, den die Pferde zurückgelassen hatten. In einem Haus hörte man Menschen singen, und Ker- ris nahm durch die Mauern die weiche, süße Melodie einer Flöte wahr. Er zog sein sho aus dem Gürtel und hielt es fest in der Hand. Der Östliche Waffenhof war noch größer als der im Westen. Er war von einem hölzernen Zaun umgeben. Ein Posten am Tor zählte die herbeiströmenden Men- schen ab. Charin sagte: »Folge mir!« Er ging gerade- wegs auf das Tor zu. Kerris mußte grinsen, als er sah, wie die Leute ihm scheu aus dem Weg wichen. Sein Herz pochte donnernd. Er packte das sho so fest, daß ihm die Kanten in die Haut schnitten. Er hielt sich dicht an Charins Fersen. Der Hofmeister ging direkt bis zur ersten Reihe der Zuschauer. Kerris erblickte ein bekanntes Gesicht. Es war der Mann, den er vor dem Wirtshaus an der Shanan-Kreuzung gesehen hatte. Ringsum raschelte es von Samt und Seide. Eine Frau in einer karmesinroten Tunika starrte ihn an, als überlege sie, wer er sein mochte. Sie duftete nach Blüten. Sie merkte, daß er zurückschau- te, und lächelte ihm zu. Der weite Platz begann von Lichtern zu schwirren, als die Fackeln auf ihren Ei-, senpfählen zu flammen begannen. Und dann sah er sie. Sie standen im Kreis. Kels schimmerndes Haar floß lang und lose den Rücken hinab. Ilene hatte sich ihren Schal ins Haar gefloch- ten, so daß es wie eine Krone aussah. Elli stand im Gespräch mit Arillard da. Jensie und Riniard standen Seite an Seite, und Jensie hatte den Daumen durch Riniards Gürtelschlaufe gesteckt. Calwin kniete am Boden und band sich einen Schnürsenkel zu. Das Haar stand ihm vom Kopf ab wie Dorngestrüpp. Ker- ris begann zu zittern. Er setzte sich. Er wollte ihnen zurufen – und er wollte gleichzeitig abwarten, ver- borgen bleiben, zuschauen, als wäre er ein Fremder. Er hob erneut das sho an die Lippen. Strich darüber. Er war zu nahe bei ihnen. Früher oder später würden sie ihn entdecken. Es wurde stiller in der Menschen- menge. Es war Kerris gleich, was passieren würde. Er nahm die Bettrolle in den Schoß und beugte sich vor. Kels Kopf hob sich. Sein Stiefel stampfte, um den Rhythmus des Tanzes anzugeben. Und der chearas begann sich zu bewegen. Die Menge raunte vor Vergnügen. Kerris lächelte in sich hinein. Freude ließ ihn geduldig bleiben. Später war früh genug.]
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