Herunterladen: DIE GEIER

JOEL HOUSSIN DIE GEIER Science Fiction Roman Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN p0t0si HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4462 Titel der französischen Originalausgabe LES VAUTOURS Deutsche Übersetzung von Georges Hausemer Das Umschlagbild schuf Klaus Holitzka Redaktion: Friedel Wahren Copyright © 1985 by Editions Fleuve Noir, Paris Copyright © 1988 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1987 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3-453-00981-9 PRO...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 2

Dokumentinhalt

JOEL HOUSSIN

DIE GEIER

Science Fiction Roman Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

p0t0si,

HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4462 Titel der französischen Originalausgabe LES VAUTOURS Deutsche Übersetzung von Georges Hausemer Das Umschlagbild schuf Klaus Holitzka

Redaktion: Friedel Wahren Copyright © 1985 by Editions Fleuve Noir, Paris Copyright © 1988 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1987 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3-453-00981-9,

PROLOG

Die Luft war feucht und kalt. Über Nacht verwandelte sich der seit vier, fünf Tagen anhaltende Regen in Glatt- eis. In der Tat, in diesem Jahr schien es einfach kein Herbst werden zu wollen. Im Norden wie im Süden war es eisig kalt. Bereits eine Woche nach der Rückkehr der letzten Urlauber war der Sommer plötzlich zu Ende und der Winter übergangslos über ganz Europa hereinge- brochen. Trotz dieser jähen Wetterverschlechterung ga- ben sich die Meteorologen überraschend optimistisch. Ihrer Ansicht nach war in Kürze mit einem herrlichen Spätsommer zu rechnen. Zum Nachweis ihrer These führten sie immer wieder Satellitenfotos vor, auf denen ein gewaltiges Hochdruckgebiet über dem Atlantik zu sehen war. Ärgerlich war nur, daß dieses Hochdruck- gebiet es keineswegs eilig zu haben schien, die langsam über dem Festland kreisenden kalten Luftmassen zu vertreiben. David Toland war das Wetter völlig gleichgültig. Ent- gegen allen Vermutungen wurde seine Arbeit, stati- stisch gesehen, bei Glatteis oder Dauerregen nicht leich- ter. Und die Niedergeschlagenheit, die ihm deutlich im Gesicht geschrieben stand, hatte nichts mit dem Klima zu tun. Er stand am großen Fenster seines Appartements und schaute gelangweilt auf die Stadt hinunter, über der ein trüber Dunstschleier hing. In der Ferne sah er die Win- dungen des Straßenkreuzes, auf denen sich endlos lange Wagenkolonnen voranschoben. Noch weiter weg, in der Nähe eines hoffnungslos stillstehenden Armes der Seine, erkannte er die eindrucksvolle Verbindung, der westlichen Umgehungsstraße mit den schnellen Zufahrtsstraßen aus den nördlichen Vorstadtgebie- ten. Diese Verbindung glich einer intravenösen Injek- tion. Jenseits des Flusses, rechts vom Turm, erkannte Da- vid den Saint-Louis-Flügel des Amerikanischen Hospi- tals, eines unheimlich vielversprechenden Neubaus. Tag und Nacht wurde dort operiert, dank Einrichtungen und dank eines Personals, das imstande war, mehr als zwanzig Eingriffe gleichzeitig durchzuführen. Dennoch war das Lagersystem wenige Monate nach seiner Inbe- triebnahme bereits völlig überlastet, so daß ungeachtet der geltenden Vorschriften die Unfallstation und die freien Betten ausschließlich den Mitgliedern der Ge- werkschaft vorbehalten waren. Natürlich hatte David hierfür keinerlei Beweise, doch die abschlägigen Ant- worten häuften sich, die er als Unabhängiger vom Auf- nahmepersonal bekam. David war ein guter, zweifellos einer der besten Sammler. Er arbeitete schnell, und die Organe, die er ablieferte, waren gesund und wurden in erstklassigen Substanzen konserviert. Doch er hatte ei- nen Fehler: Er weigerte sich, der Z.S.A. (Zentrale Sammler-Abteilung) beizutreten, der von Steve Odds, diesem fettleibigen und eingebildeten Amerikaner, ge- führten Gewerkschaft. Odds hatte alles mögliche versucht, um Toland von der Notwendigkeit zu überzeugen, Mitglied seiner Or- ganisation zu werden. Er hatte ihn beschworen, ihm gedroht. Zunächst hatte er, ziemlich ungeschickt, ver- sucht, ihn mit Geld zu überreden, doch David ließ sich nicht bestechen. Die Mitglieder der Gewerkschaft wa- ren prozentuell am Gewinn beteiligt. Die besten ver- dienten viel und genossen zudem sämtliche Vorteile und den Schutz der Z.S.A. Genau das war es, was Da- vid ablehnte. Der Konkurrenzkampf, der sogar inner- halb der Organisation herrschte oder bald einzusetzen drohte, konnte die Arbeitsbedingungen nur verschlech-, tern. Es herrschte ein schlechtes, durch anarchische Re- krutierungsmethoden vergiftetes Arbeitsklima. Die öf- fentlichen Auftritte von gewissen Gewerkschaftsmit- gliedern, die von Psychologie und Ästhetik keine Ah- nung hatten, bestärkten überdies den schlechten Ruf der Sammler. Dann hatte Odds seine Taktik geändert. Er behaupte- te, die Rivalität zwischen den unabhängigen Sammlern und den Gewerkschaftsmitgliedern würde der Qualität der Arbeit und der ganzen Medizin nur schaden. Logi- scherweise aber konnte er seine Leute nicht dafür ta- deln, daß sie schlampige Arbeit leisteten, weil ein Un- abhängiger ihnen auf den Fersen war. Folglich stellten die Unabhängigen für Odds eine echte Gefahr für die Gemeinschaft und den ganzen Berufsstand dar. David allerdings dachte genau das Gegenteil. Er nahm seine Aufgabe viel zu ernst, als daß er sie einer Monopolge- sellschaft, einem Trust, überlassen konnte, deren einzi- ges Interesse eine möglichst große Rentabilität war. Steve Odds zählte zu jenen Busineßleuten, die ihr Glück in jeder Art von Geschäft versuchen, sofern da- mit Geld zu verdienen ist. Und mit dem Handel von Organen war jede Menge Geld zu verdienen. Weshalb sich Steve Odds dieses Geschäft mit niemandem teilen wollte. Angesichts der neuerlichen Absage griff Odds zu ei- ner Waffe, die seinem Charakter noch besser entsprach: Korruption. Es gelang ihm, die Mehrzahl der Kranken- häuser, die Kliniken und öffentlichen Spitäler, derart unter Druck zu setzen, daß sie den Unabhängigen keine Organe mehr abnahmen. Trotz einiger Widerstände sa- hen die Chirurgenteams schließlich ein, daß es einfa- cher war, auf die unabhängigen Sammler zu verzichten, als sich der Organisation von Steve Odds zu widerset- zen. Infolgedessen geriet David Toland in große Schwie- rigkeiten. Er hatte erhebliche Schulden machen müs-, sen, um sich eine hochentwickelte Ausrüstung - sowohl für die Ortung als auch für die Entnahme und den Transport der Organe - anschaffen zu können. Der Scanner und das Terminal erlaubten es ihm, die Haupt- stadt und einen Umkreis von fünfzig Kilometern abzu- decken. Jenseits dieser Grenze war die Ortung völlig nutzlos. Innerhalb dieser fünfzig Kilometer und auf dem Stadtgebiet selbst war es David möglich, als erster an Ort und Stelle zu sein. Sein Spezial-Cherokee, ein wahres Wunderwerk an Kraft und Technik, ermöglichte es ihm, problemlos fünf Leichen in Behältern mit einer Salzlösung gleichzeitig zu transportieren. Ebenfalls für die Entnahme, die Aufbewahrung und den Transport auch noch so zarter und empfindlicher Organe war er bestens ausgerüstet. Aus Gründen der Sicherheit und Leistungsfähigkeit hatte David sich mit Gerard Roussel, zusammengetan, einem der Pioniere auf diesem Gebiet. Als Sammler war Roussel zwar nicht sehr talentiert, aber in Sachen Ana- tomie kannte er sich bestens aus. Innerhalb weniger Se- kunden konnte Roussel die Todesursache eines Leich- nams herausfinden und eine genaue Liste der nicht be- schädigten Organe aufstellen. Was einen erheblichen Zeitgewinn bedeutete. An seiner Seite hatte David wirklich das Gefühl, noch etwas dazulernen und gute saubere Arbeit leisten zu können. Andererseits stand Roussel in sehr schlechtem Kontakt zu den Verbrau- chern; es fehlte ihm an Ausstrahlungskraft, stets wirkte er zerstreut und hatte zittrige Hände. Man hatte kein Vertrauen zu ihm. Oft wurde er angegriffen. Die- ser Makel verhinderte, daß er eine große Karriere mach- te, was er allerdings lange Zeit nicht einsehen wollte. Genau in dem Moment, als Roussel seinen Beruf bereits aufgeben wollte, trat David mit seinem ganzen Enthu- siasmus und seiner Ausrüstung auf. David war das genaue Gegenteil von Roussel. Seine Selbstsicherheit und sein Verhalten beeindruckten. Er, verstand es, andere zu überzeugen, knifflige Situatio- nen rasch zu meistern und laut und deutlich zu spre- chen, während er mit sicherer Hand ins Fleisch schnitt. Einmal hatte Roussel ihm dabei zugesehen, wie er ei- nem bei einem Autounfall getöteten Kind in Anwesen- heit dessen Eltern die Augen herausoperierte, obschon diese ihn eine Minute zuvor noch lynchen wollten, wenn er es wagen würde, ihrem Sohn auch nur ein Haar zu krümmen. Während er dann am Jungen her- umschnippelte, gelang es ihm fast, die Angehörigen zu trösten, ihnen Mut zuzusprechen. Zu Roussels großer Überraschung, der sich in einer solchen Situation eiligst aus dem Staub gemacht hätte, bedankten sich die An- gehörigen am Ende sogar noch bei David. Es gab nichts, wovor David Angst hatte, und Roussel, der in dieser Hinsicht über eine gewisse Erfahrung verfügte und die Menschen gewöhnlich richtig einzuschätzen wußte, be- griff, daß David Toland ein großartiger Sammler war. Wenn er auch jetzt vielleicht noch nicht der allerbeste war, so würde er es jedoch bald werden. Davids Ruf wurde besser und besser. Ungeachtet ei- niger Bedenken führte er eine Art >Kundendienst< ein. Systematisch informierte er die nahen Verwandten des >Operierten< über den Verwendungszweck von dessen Organen und gab ihnen damit gewissermaßen das Ge- fühl, es sei ihm gelungen, ihre Tochter oder ihren Ehe- mann zu neuem Leben zu erwecken und den Tod in gewisser Hinsicht zu umgehen. David verstand es, Nie- derlagen in Siege und Trauer in Hoffnung zu verwan- deln. Dieser wachsende Erfolg brachte Steve Odds ganz of- fensichtlich in Zorn. Der Krieg der Sammler war ange- sagt. Es wurde für David immer schwieriger, die fälligen Raten zu zahlen, die ihn gehörig schröpften. Zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Zusammenar- beit waren Toland und Roussel mit einer unglaublichen Situation konfrontiert: Es gelang ihnen nicht mehr, die, entnommenen Organe zu verkaufen. Der Cherokee ra- ste von einer Klinik zur anderen, doch überall bekam David die gleiche abschlägige Antwort zu hören: »Tut uns leid, wir brauchen nichts.« Oder noch hinterlistiger: »Sie bieten uns nicht das an, was wir brauchen.« Da- vid mußte sich mit einigen Notfällen und seltenen Fäl- len von Übereinstimmung zufriedengeben. Ihr Team war von nun an dem Zufall ausgeliefert. Seltsamerweise hörte Odds genau zu dieser Zeit auf, David zu bedrängen. Das bittere Ende nahte, und das wußte er. Bald würde der Tag kommen, an dem David den Entschluß fassen müßte, einen Teil seiner Ausrü- stung zu verkaufen, um seine Schulden bezahlen zu können. Und da er dann noch weniger konkurrenzfähig wäre, würden seine finanziellen Probleme noch größer werden. Schon jetzt genoß Odds den Augenblick, wo der völlig ruinierte David Toland in sein Büro gekrochen käme und um einen Job in seiner Organisation betteln würde. Nach einer kurzen Unterbrechung fing es erneut an zu regnen. David öffnete das über zwei Aluminiumschie- nen gleitende große Fenster. Der Spalt war nicht einmal breit genug, um einen Menschen hindurchzulassen. In diesem Haus - wie in allen anderen neu errichteten Wohntürmen der Hauptstadt - befürchtete man Selbstmorde. Aber David hatte keineswegs die Absicht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er haßte ganz einfach nur die frische trockene Luft, die die Klimaanlage ins Zimmer blies. Er näherte sich dem Fenster, legte beide Hände auf die Scheibe und hielt das Gesicht unter die Regentropfen, die vom Metallbeschlag abprallten. In drei Tagen war die nächste Rate fällig. Er hatte kei- nen einzigen Pfennig mehr, und der Scanner meldete keinen einzigen Verkehrsunfall. Erneut schloß David das Fenster. Weiter unten brei- tete sich die graue verregnete Stadt aus. David kannte, diese erstaunlichen Momente dumpfer Stille, diese paar Stunden vorübergehender Aufhellung, in denen sich die Menschheit gegen ihn zu verschwören schien, um nicht in seiner Reichweite sterben zu müssen. Überall warteten die Sammler, belauerten die Stadt wie Geier ...,

Erstes Kapitel

Die Verbindung der westlichen Umgehungsstraße mit den Schnellstraßen entlang des Flusses stellte die Ver- antwortlichen dieses Straßensektors vor unlösbare Pro- bleme. Die Lösungen, die sie in Betracht zogen, stießen bei den Gemeindepolitikern stets auf heftigen Wider- stand. Die Umgehungsstraße müßte ihren Benutzern unbedingt einen direkten Zugang zu den Straßen ent- lang des Flusses, dem Verkehrskreuz, der Autobahn und sogar zu den Außenbezirken ermöglichen. Ein äu- ßerst gewagtes Projekt, das einer der Ingenieure schlicht als >psychotische Verbindung< bezeichnete. Von einigen Wortgefechten abgesehen, kam es allerdings nicht zum offenen Kampf zwischen den Spezialisten und Politi- kern. Die Umgehungsstraße sollte in der Nähe des Ver- kehrskreuzes enden. Über alles andere machte man sich keine großen Gedanken. Das Prinzip eines Engpasses wurde einstimmig ak- zeptiert. Ein Engpaß ermöglichte gleichzeitig eine Um- gehung des stark abschüssigen letzten Teilstücks und der überlasteten bereits vorhandenen Fahrbahnen. Eine Art Drehkreuz sollte alle verrückten Raser, denen die Geschwindigkeit zu Kopf stieg, daran hindern, wie ein Pfeil auf die ständig verstopfte Kreuzung zuzurennen. Um Platz zu gewinnen, konnte man weder die Seine zubetonieren noch die Wohntürme abreißen, die von nun an auf der anderen Seite der Fahrbahn emporrag- ten, sondern man mußte das Projekt in allergrößter Vor- sicht angehen und hoffen, daß schon alles gutgehen würde. In den ersten sechs Monaten nach der Inbetrieb- nahme ereigneten sich mehr tödliche Unfälle auf der Strecke zwischen dem Beginn des abschüssigen Teil-, Stücks und der Kreuzung als auf den beiden miteinan- der verbundenen Umgehungsstraßen. David Tolands Appartement lag kaum fünfhundert Meter von diesem entscheidenden Sektor entfernt. Mitten im Tunnel, unter den orangefarbenen Bögen, de- ren Lichter wie aneinandergereihte Leuchttürme blink- ten, setzte der Schmerz ein. Der Mann fuhr mit seinem billigen Fiat auf der mittleren Fahrbahn. Das Wagenin- nere war viel zu eng für seinen mächtigen Körper. Wie an jedem Mittwochabend kam er aus Versailles zurück, wo seine beiden Kinder und deren Mutter seit kurzem lebten. Diese Trennung machte dem Mann schwer zu schaffen, und trotz zahlreicher Bemühungen war ihm nur ein einziger lausiger Besuchstag pro Woche gestat- tet worden. Eine richterliche Entscheidung, die ihm wie eine unerträgliche Ungerechtigkeit vorkam. Er hatte al- les getan, um seine Frau und seine Kinder glücklich zu machen. Sein Zuhause war sein ein und alles, sein ein- ziger Lebensinhalt, in den er seine ganze Kraft, seine ganze Energie investiert hatte. Innerhalb weniger Wo- chen hatte man ihm das alles weggenommen, und er wagte nicht einmal den Versuch, sich dagegen zu weh- ren. In der Nacht nach der Trennung hatten sich die ersten Symptome bemerkbar gemacht. Gegen drei Uhr nachts war er schweißgebadet und von einem nicht zu unter- drückenden Brechreiz gequält aufgewacht. Ein unend- lich schweres Gewicht lastete ihm auf der Brust. Bis zum frühen Morgen stand er über das Waschbecken ge- beugt und erbrach sich; zwischen den einzelnen Krämpfen starrte er immer wieder in den Spiegel. Sein Gesicht machte ihm angst. Die Haut war ganz grau ge- worden, und die bläulichen Schatten um die Augen ver- liehen dem hilflosen Blick einen noch beängstigenderen Ausdruck. Am nächsten Abend, nachdem er sich einen ganzen, Tag lang ausgeruht hatte, erinnerte ihn nur noch ein leichter Druck auf der Brust an dieses Unwohlsein, das er ganz einfach seiner Verärgerung zuschrieb. Da er sich kaum sportlich betätigte, beunruhigte es ihn nicht son- derlich, daß ihm bei der geringsten körperlichen An- strengung sogleich der Atem ausging. Da er durch die Trennung von seinen Kindern wie vor den Kopf gesto- ßen und nun mit immer neuen Problemen des Jungge- sellendaseins konfrontiert war, versäumte er es, seinen Arzt aufzusuchen. Wahrscheinlich hätte er dann erfah- ren, daß er seinen ersten Herzinfarkt hinter sich hatte. Eine zweite Warnung erhielt er im Lauf des Mitt- wochnachmittags, als er mit seinen beiden Kindern im Schloßpark von Versailles spazierenging. Er wurde von einem plötzlichen Schwindel erfaßt und mußte sich an einer Säule abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ein stechender Schmerz fuhr ihm in den lin- ken Arm und lähmte ihn bis in die Fingerspitzen. Er sah, wie die Kinder einem Ball nachliefen und wildes Indiandergeschrei ausstießen. Er verzog das Gesicht zu einer Fratze. Das Atmen fiel ihm schwer, und der Schmerz drang bis in den Unterleib vor. Seine kleine Tochter stellte sich vor ihn. »Was hast du, Papa? Bist du krank?« Er wußte, daß das Lächeln, zu dem er sich in diesem Moment zwang, alles andere als Zuversicht ausstrahlte. Er löste sich von der Säule und gab sich Mühe, nicht umzufallen. Das Kind sollte sich nicht ängstigen. Ein einziger Tag in der Woche, ein einziger kurzer und allzu oft mißlungener Tag. Das kleine Mädchen durfte ihn nicht als kranken Mann in Erinnerung behalten. Der Park kam ihm wie das Deck eines vom Sturm hin und her geworfenen Schiffes vor. »Es ist nichts. Mir ist ein wenig kalt.« Er spürte, daß er bald zerplatzen würde. Das kleine Mädchen rümpfte auf eine komische Art und Weise die Nase., »Du siehst so seltsam aus. Du mußt einen Schal tra- gen und Orangen essen.« Der Mann schüttelte den Kopf. Der Schmerz ließ nach. Der Mann glaubte, der Schmerz würde nachlas- sen. Aber vielleicht hatten die Schmerzen sich ganz ein- fach nur stabilisiert und aufgehört, sich in seinem Kör- per auszubreiten ... Dem Mann war klar, daß es sich nur um einen Aufschub handelte, um eine kurze Pause, die seine Krankheit ihm gönnte. Er mußte jetzt schnell- stens handeln. »Ruf deinen Bruder! Wir gehen nach Hause.« »Jetzt schon? Aber wir sind doch eben erst gekom- men!« »Tu, was ich dir sage, bitte!« »Ach! Das ist aber nicht lieb von dir!« Das Mädchen biß sich auf die Lippen, als bereute es diesen letzten Satz. Einen Moment lang sah es seinen Vater genau an, öffnete den Mund, ohne jedoch ein Wort zu sagen, und rannte zu dem älteren Bruder, um ihm zu sagen, daß der Spaziergang bereits zu Ende sei. Während der Junge schmollte, mußte die Kleine ir- gendwie erkannt haben, daß mit ihrem Vater etwas nicht in Ordnung war. Brav trippelte sie auf dem Heimweg neben ihm her. Der Schmerz hatte sich auf die rechte Körperseite konzentriert. Der Mann war von dem Gefühl, dem Tod ganz nahe zu sein, so sehr über- wältigt, daß er nicht den Mut fand, seiner Frau gegen- überzutreten. Aber vor ihr wollte er sich auch keine Blöße geben. Vor dem Haus umarmte er seine Kinder und ging dann zu seinem Wagen, ohne sich noch ein- mal umzudrehen. Nach Hause fahren, sich hinlegen, schlafen. Morgen würde er anrufen, sich entschuldigen und erklären, was mit ihm los war. Und sich bei seinem Hausarzt einen Termin geben lassen., In der Tunnelausfahrt erreichte der Schmerz seinen Höhepunkt. Der Mann riß den Mund auf, um laut zu schreien. Das bereits von zwei Infarkten angegriffene Herzgewebe in seiner Brust zerriß langsam. Der Wagen schleuderte zur Seite, streifte die Leit- planke und kam auf die mittlere Fahrbahn zurück. Mit schmerzverzerrtem Gesicht beugte sich der Mann über das Lenkrad und betätigte unbeabsichtigt die Hupe. Sein Fuß drückte das Gaspedal nieder. Das Herz schlug unregelmäßig. Plötzlich riß ein Fäd- chen der Mitralklappe. Der Mann wurde bewußtlos. Auf dem abschüssigen Straßenstück gewann der Fiat an Geschwindigkeit. Seltsamerweise reihte der Wagen sich erneut zwischen einen Lastkraftwagen und einen Pkw ein, ohne mit diesen zu kollidieren. Wie ein Pfeil schoß der Wagen an den Geschwindigkeitsbegren- zungsschildern vorbei. Der Fahrer des Lastwagens hupte mehrmals. David Toland wollte sich gerade vom Fenster abwen- den, als er mit einem Mal das kleine rote Auto bemerk- te. Er runzelte die Stirn, faltete die Hände und ließ die Gelenke knacken. Sein durchdringender Blick folgte der irren Fahrt des Fiat. Angesichts der nassen Fahrbahn täte dieser Kamikazefahrer gut daran, jetzt zu brem- sen ... »Wetten, daß es jetzt kracht«, murmelte David. Ein mittelmäßiger Fahrer in einem Durchschnittswagen konnte nicht schneller als mit sechzig Stundenkilome- tern in diese Kurve gehen. Der Bremssektor war so an- gelegt, daß auch die Waghalsigsten, die Ungeschickte- sten und gleichzeitig Hochmütigsten gewöhnlich mit erheblichem Blechschaden davonkamen. Die Asse am Steuer durften von sich behaupten, die Kurve mit hun- dertzwanzig Stundenkilometern zu meistern, vorausge- setzt, sie waren im Besitz erstklassiger Stoßdämpfer, ei-, nes schnell reagierenden Motors und einer ungewöhn- lichen Geschicklichkeit. Mit seinem Cherokee war das David Toland mehrfach schon gelungen. Der Fiat je- doch verfügte über schlechte Stoßdämpfer, einen trägen Motor und hatte vor allem keinen Fahrer mehr am Steu- er. Eine Sekunde lang wandte sich David Toland von der roten Rakete ab, um sich nach einer möglichen Auf- prallstelle umzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Leitplanke dem Zusammenstoß standhalten und den Wagen auf die Fahrbahn zurückschleudern würde, war gleich Null. Schließlich fiel sein Blick auf die Wagenko- lonne, die sich unten am Fluß entlang voranschob. »Um Himmels willen ...!« Dieses verwirrende Labyrinth aus unzähligen Fahrbah- nen, Auffahrten, Signalbrücken und Betonstrukturen, diese paranoide Architektur wies einige wunde Punkte auf. Die kreisförmig angelegte Kurve, die gefährlich über die Schnellstraßen hinausragte, war ein solcher Schwachpunkt, und der Fiat steuerte geradewegs dar- auf zu. Mit voller Wucht prallte der Wagen gegen die an dieser Stelle doppelt gesicherte Leitplanke, durchbrach die Stahlträger und stürzte ins Leere. Der Kopf des Mannes zerschmetterte an der Windschutzscheibe, die Lenksäule bohrte sich ihm wie eine Lanze in den Unter- leib. Die Limousine zermalmte die Fahrerkabine eines Lie- ferwagens, dessen Fahrer vergeblich versuchte, sich mit einem Plastikfeuerzeug eine Zigarette anzuzünden. Der Schädel des Lieferanten barst, und der Fensterrahmen trennte ihm den linken Arm ab. Ein mit Kindern vollgestopfter Schülerbus geriet auf die andere Fahrbahn und prallte gegen einen mächtigen Stützpfeiler. Der Begleiter, der zum Zeitpunkt des Zu- sammenstoßes neben dem Fahrer stand, wurde gegen, die Windschutzscheibe geschleudert, die in tausend Scherben zersprang, und rollte auf die rechte Fahrspur, wo eine schwere Limousine ihn erwischte. Während inmitten brennender Autoreifen und eines grauenhaften Hupkonzerts mehrere Wagen zusam- menstießen, setzte der halb zertrümmerte Fiat seine mörderische Fahrt fort. Die zu einer Harpune gewor- dene Motorhaube wirbelte einen Augenblick lang durch die Luft, ehe sie schließlich einem Motorradfahrer, der mit vollem Tempo angerast kam, den Kopf abschlug. Der Körper des Motorradfahrers fing Feuer und zischte wie ein wahrer Kometenschweif durch den Rauch des brennenden Benzins, das aus dem Motor des roten Fiat hervorschoß. Auf allen Schnellstraßen wurden Körper von Metall in Stücke gerissen ... Mit zitternden Fingern drückte David Toland auf den Knopf der Sprechanlage. Roussels näselnde Stimme kam durch den Lautsprecher: »Was ist los?« »Hast du auch gesehen, was ich eben gesehen habe?« »Ja, ganz deutlich. Der Schiedsrichter war bestochen. Castello ist kaum berührt worden. Das ist doch der rein- ste Betrug!« »Ich spreche nicht vom Fernsehen!« schrie Toland. »Setz deinen Hintern in Bewegung und bring das Mate- rial runter in den Cherokee. Ich warte dort auf dich!« »Was ist denn los?« »Das Glück hat sich gewendet, mein Freund! Es gibt Arbeit für uns. Verdammt viel Arbeit!« »Du spinnst wohl?« David war bereits auf dem Flur. SCHWERER UNFALL AM ENDE DER UMGE- HUNGSSTRASSE WEST - AUFRUF AN ALLE MIT- GLIEDER. Die Nachricht erschien auf sämtlichen Bildschirmen, im Versammlungsraum der Gewerkschaft. Einige Sammler in schwarzen Lederuniformen mit violetten Schulterstücken erhoben sich an ihren Tischen. Hinten im Raum saß, mit den Füßen auf einem Stuhlrücken, der kräftige Milan, der beste Sammler der Z.S.A. Er zog eine Spielkarte aus seiner Tasche, küßte das Bild der Pikdame, räkelte sich ausgiebig und gähnte. Goldman, sein Begleiter, setzte die Kaffeetasse auf den Tisch. »Scheint eine ernste Sache zu sein. Was sollen wir tun?« Verächtlich verzog Milan den Mund. »Nichts.« »Wieso nichts?« Milan schien gelangweilt. Er streckte den gewaltigen Körper und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Mach dich doch mit einem Team auf den Weg, wenn du Lust hast! An Platz wird es nicht fehlen. Ich rühre mich jedenfalls nicht von der Stelle!« Ungläubig schüttelte Goldman den Kopf. »Aber es ist ein Aufruf an alle!« »Was schert das mich?« Goldman sah sich um, so als wüßte er nicht, wie er sich verhalten sollte. Ein Aufruf an alle .Es mußte sich wirklich um einen ernsten Unfall handeln. Be- stimmt würde es eine Menge Arbeit geben. Und Milan war weiß Gott nicht der Typ, dem Geld egal war. »Du könntest mir wenigstens eine Erklärung geben.« »Kennst du David Toland?« seufzte Milan. »Der Unabhängige, der unserem Boß soviel Kopfzer- brechen bereitet?« »Erraten, Junge. Ganz genau. Dieser Scheißkerl wohnt keine fünfhundert Meter vom Ende der Umge- hungsstraße entfernt. Bis wir am Unfallort sind, hat er sich längst alles unter den Nagel gerissen. Uns bleiben nur noch unbrauchbare Reste, zerschundene Typen, von denen nicht einmal mehr die Fingernägel übrigge- blieben sind.«, »Diese ganze Arbeit will er ganz allein schaffen?« fragte Goldman erstaunt. »Der Kerl ist imstande, in zwei Stunden ganz Stalin- grad zu säubern«, stellte Milan nachdenklich fest. »Geh hin und sieh ihm bei der Arbeit zu, dann wirst du be- greifen und vielleicht noch etwas dazulernen.« Bei Massenkarambolagen werden die Sammler eher ge- duldet als bei einfachen Verkehrsunfällen. Sie mischen sich unter die Sanitäter, und das offizielle Erschei- nungsbild ihrer Uniformen und Geräte besänftigt die oft moralisch wie physisch zutiefst erschütterten Betroffe- nen. Ihre Anwesenheit beruhigt. Roussel saß im Cherokee und ging rasch die Liste der verschiedenen Organe durch, die in den Krankenhäu- sern der näheren Umgebung dringend benötigt wur- den. Während David den Wagen steuerte, prägte er sich diese Liste genau ein. Er würde nichts vergessen. Er vergaß nie etwas. Er mußte schnell handeln, ohne zu zögern. Die Auswahl der Toten erleichterte nicht gerade seine Arbeit. Der Cherokee konnte höchstens fünf Leichen gleichzeitig transportieren. Es war also völlig sinnlos, ganze Körper aufzuladen, um am Ende doch nur eine einzige mickrige Niere zu verkaufen. Er mußte eine Wahl treffen, schneiden, nur das Benötigte herausneh- men und den Rest den Nachzüglern überlassen. Wenn alles klappte, wenn er gute Arbeit leistete, könnte er al- lein sämtliche Krankenhäuser mit den benötigten Orga- nen beliefern und mit diesem Verdienst eine Weile seine Schulden bezahlen. Jeder andere Sammler würde sich in einem solchen Fall damit begnügen, ein Maximum an intakten Körpern mitzunehmen. Aber David Toland war nicht irgendein Sammler. Er war der beste und hatte nun erneut die Gelegenheit, das zu beweisen. An der Unfallstelle herrschte unbeschreibliche Panik., Schreiend rannten die Menschen umher. Der Schüler- bus hatte Feuer gefangen, und die wenigen geretteten Kinder standen fassungslos da und sahen zu, wie ihre Kameraden bei lebendigem Leib verbrannten. Eine völ- lig durchgedrehte Frau zerschlug die Wagenfenster mit einem Wagenheber. Trotz eines unterhalb des Knies abgetrennten Beins hüpfte sie von Auto zu Auto. Ab einem gewissen Punkt wird ein schrecklicher Ver- kehrsunfall zu einem völlig abstrakten Geschehnis. Es kommt zu einem Kurzschluß im Gehirn, und die mei- sten Schaulustigen sehen den furchtbarsten Grausam- keiten zu, als handelte es sich um ein Volksfest. Der Zufall wollte es, daß Toland sich sogleich um den Urheber der Katastrophe kümmern konnte, um den Fahrer des roten Fiats, dessen Körper am Ende durch das Wagendach geschleudert worden und neben dem Seitenstreifen gelandet war. Unverzüglich stellte Rous- sel die Diagnose. »Herzinfarkt. Die Lungen sind beschädigt, und die Leber ist mächtig angeschwollen ...« Ansonsten gab es nicht viel zu sagen. Nur noch Teile waren übriggeblieben. Toland beugte sich bereits über den kopflosen Körper des Motorradfahrers, dessen Herz noch schlug und aus dessen durchgetrennter Halsschlagader noch Blut hervorspritzte. Roussel legte sein Arbeitsgerät nieder und führte die Spritze mit si- cherer Hand in den Arm des jungen Mannes ein. »Gruppe A Rhesusfaktor positiv. Das Herz flim- mert ...« Er verzog das Gesicht. » .die Lungen sind voller Blut.« Toland griff zum Skalpell. Nach einer knappen Mi- nute lag die rechte Hand des Jungen auf Eis, und die beiden Nieren schwammen in einer Salzlösung. Roussel hatte Mühe, ihm zu folgen. In einiger Entfernung war Toland bereits damit beschäftigt, einer etwa dreißigjäh- rigen Frau den Oberkörper zu öffnen., »Gehirnerschütterung. Glatte Linienführung. Das Hirn muß vom Rückenmark abgetrennt worden sein ...« »Welche Blutgruppe?« »0 positiv. Das Herz schlägt normal.« »Okay. Lad sie ganz auf! Leg sie in die untere Kiste!« Die meisten Halswirbelbrüche waren auf die Kopf- stützen der Pkws zurückzuführen. Ein wahrer Segen für die Sammler. Während die Organe noch tadellos funktionierten, war das Hirn tot, abgeschaltet. Im Geier-Milieu nannte man das >der saubere Tod<. Mit Ausnahme der Todesfälle, bei denen offensichtlich alle Organe zerstört waren, gehörten die >unsauberen To- ten< in die Gruppe der chemotherapeutischen Selbst- mörder. David erinnerte sich an jenen Eingriff einige Monate zuvor in einem der südlichen Außenbezirke der Haupt- stadt. Die Eltern hatten ihn, was höchst selten vorkam, unmittelbar informiert. Ihre fünfzehnjährige Tochter hatte sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Toland entnahm ihr die Nieren, das Herz und die Augen. Aber da gab es noch etwas, was die Eltern nicht wußten. Be- vor das Mädchen sich eine Kugel in den Kopf jagte, hatte es eine starke Dosis Schlaftabletten geschluckt. Der erste Empfänger, ein Adeliger, der bereits seit sechs Monaten in Nierenbehandlung war, wäre deswegen fast gestorben. Die Nieren waren vergiftet, das Herz war unbrauchbar, und die Augen warf man kurzerhand in den Mülleimer. Am darauffolgenden Tag machte Da- vid neue Schulden, um sich den berühmten Rectan X 5000 kaufen zu können, ein tragbares Gerät, mit dem man in weniger als drei Minuten eine komplette Blut- analyse durchführen konnte.,

Zweites Kapitel

Roussel lud sich den Frauenkörper auf die Schultern, erhob sich mühsam und ging zum Cherokee. Unermüd- lich, ohne ein Wort zu sagen, setzte David seine Arbeit fort. Nur ab und zu erteilte er Roussel einen kurzen Be- fehl, den dieser sogleich ausführte. Wie gebannt sah eine Gruppe Neugieriger ihnen bei der Arbeit zu. Sie waren sich bewußt, daß sie einem sehr ungewöhnlichen Ereignis beiwohnten, das weit über die Bedeutung des Verkehrsunfalls hinausging. Äußerst behend begab sich David von einem Verletzten zum anderen. Aber sein Verdienst errechnete er niemals nach der Zahl der toten Organspender, sondern nach der Zahl der geretteten Leben. Es war nun einmal so, daß die einen sterben mußten, damit die andern leben konnten. In diesem Kreislauf war David nichts weiter als ein Mittelsmann. Die Schnelligkeit, mit der Toland seine Arbeit ausführte, war verblüffend. Während Roussel noch damit beschäf- tigt war, die Körper nach dem Grad ihrer Verletzungen einzuordnen und Tests durchzuführen, begann David bereits mit dem Schneiden. Er legte die Wundhaken an, befestigte die Klammern, um einen Blutstau zu verhin- dern, entnahm das gewünschte Organ und legte es in den Konservierungskasten. »Mein Gott!« murmelte ein Schaulustiger. »Dieser Kerl arbeitet so schnell, daß er am Ende noch einen Un- verletzten aufschneiden wird ...« Einen Augenblick lang jedoch zögerte David: Die Frau, die vor ihm auf dem Asphalt lag, trug ein buntes Kleid, das ihr über die nackten Beine hochgerutscht war. Er kniete neben ihr nieder und riß den leichten Stoff entzwei. Unter dem Kleid kam ein schwarzer Bü- stenhalter zum Vorschein. Der schwergewichtige Mann der Frau stand neben ihnen. Sein Gesicht zeigte Ver- brennungen, und er stand unter Schock. »Nehmen Sie ihr die Augen raus!« stammelte er. »Ich, war verrückt nach ihren Augen. Ich würde sie so gern wiedersehen ...« Ohne zu antworten, gab David Roussel ein Zeichen. Unverzüglich setzte Roussel der Frau den Defibrillator auf die Brust. Der reglose Körper zuckte krampfartig zusammen. Das kraftlos gewordene Herz fand zu sei- nem normalen Rhythmus zurück und ließ das gestockte Blut in die Arterien zurückfließen. Die Frau öffnete die Augen und versuchte sogleich, ihre nackten Brüste zu bedecken. Toland richtete sich erneut auf. »Ihre Frau lebt noch, mein Lieber. Bringen Sie sie schnellstens zur Untersuchung in ein Krankenhaus.« »Gott sei Dank«, murmelte der Mann. Der Mann suchte nach Worten, um sich zu bedanken, aber da beugte sich David bereits, ungefähr zehn Meter weiter entfernt, über die Leiche eines jungen Mannes, der durch die Windschutzscheibe seines Wagens ge- schleudert worden war, um dann am Kühlergrill eines Sattelschleppers zu zerschellen. Roussel wollte bereits erste Analysen vornehmen, aber David hielt ihn zurück und deutete auf die rote Plakette an der Brust des Toten. Kein Organspender. Rasch prüfte David das Ausstel- lungsdatum. Die Plakette war völlig ordnungsgemäß. Roussel verzog das Gesicht. Das Irvin-Baylor-Kranken- haus benötigte dringend eine Leber der Blutgruppe AB negativ, und genau dieser junge Mann war Träger die- ser äußerst seltenen Blutgruppe. Und die Kunden des >Baylor< zahlten gut. Man müßte diese Plakette nur ent- fernen ... Aber schon war David wieder mit einem anderen Körper beschäftigt. Etwas weiter weg, und noch schnel- ler. Als Steve Odds, der Gewerkschaftsführer, die Tür zum Versammlungsraum öffnete, spielte Milan nach wie vor mit seiner Pikdame. Nervös fuhr Odds sich mit der Hand durch die wenigen Haare, die ihm geblieben wa-, ren und in fettigen Strähnen bis tief in den Nacken hin- gen. Sein Blick glitt über die leeren Tische und die Bild- schirme, auf denen immer noch der allgemeine Aufruf zu lesen war. Schließlich starrte er Milan an. »Sie sind hiergeblieben?« Milan verzog den Mund. »Sieht so aus.« Odds räusperte sich. In Milans Gegenwart fühlte er sich stets unwohl in seiner Haut. Es gab nur wenig Leu- te, denen es gelungen war, ihn zu beeindrucken, aber Milan hatte es immer wieder geschafft. Ständig redete Odds sich ein, daß Milan wie alle anderen auch, nur ein einfacher Angestellter der Z.S.A. war. Mit dem einzi- gen Unterschied, daß Milan ein wenig erfahrener und erfolgreicher war als die anderen Sammler. Ständig sagte Odds sich, daß er, der Führer der Gewerkschaft (der den Direktoren der Muttergesellschaft gleichge- stellt war, dessen Autorität sich sogar die medizinischen Kapazitäten fügten und vor dessen Wutanfällen jeder sich fürchtete), nicht den Launen eines einfachen Ange- stellten nachgeben durfte. Odds hatte sich also fest vor- genommen, Milan eine Lektion zu erteilen, doch sobald sie sich Auge in Auge gegenüberstanden, vergaß der Boß sämtliche Vorsätze und fügte sich ohne Widerrede den Entscheidungen des Sammlers. »Es scheint sich allerdings um eine gute Gelegenheit zu handeln«, sagte Odds zögernd. »Ein Zusammenstoß von rund fünfzig Wagen. Ein Verrückter soll die Leit- planke durchbrochen haben.« Milan schüttelte den Kopf, ohne vom Antlitz der Pal- las Athene, der schwarzen Königin, aufzuschauen. Odds schnüffelte. »Sind Sie wegen Toland nicht hingegangen?« Die Pikdame wirbelte durch den Raum und schlug nur wenige Zentimeter neben dem Kopf von Steve Odds in der Tür ein. Der schwergewichtige Odds schaute die Karte an, die tief ins Holz eingedrungen, war. Ihre Kanten waren so scharf wie die Klingen eines Rasiermessers. »Was sollen diese verdammten Karten, Milan?« schrie Odds mit feuerrotem Gesicht. Langsam erhob sich Milan vom Stuhl und ging auf seinen Chef zu. Er trat so nahe an ihn heran, daß er ihn beinahe berührte. »Als ich hier anfing, besaß ich nur einen Bearcat 250. Das war alles, was ich hatte. Einen schäbigen, ver- dammten Scanner, einen verrotteten Wagen, der so viel Öl verlor, daß man mir anhand der Ölspuren folgen konnte, und primitives Chirurgenwerkzeug. Kinder- spielzeug. Und dennoch bin ich der größte und beste Sammler geworden. Also lassen Sie mich endlich mit diesem Toland in Ruhe, okay?« Er streckte den Arm in Richtung Odds aus, der zur Seite wich, als befürchtete er, eine runtergehauen zu bekommen, und zog die Pikdame aus der Tür. »Das wollte ich damit nicht sagen«, stammelte Odds. »Ach ja?« knurrte Milan und ließ die Karte in seiner Jackentasche verschwinden. Odds trat einen Schritt zur Seite. Milan stand zu nahe bei ihm, und der Vergleich der beiden Körper fiel nicht gerade zugunsten des Chefs aus. »Toland vernichte ich, wann immer ich will!« tobte Odds. Milan lachte. »Deswegen brauchen Sie sich doch nicht gleich so aufzuregen, Boß!« Anschließend wurde er schnell wieder ernst. Seine dunklen Augen funkelten wie Onyxsteine. »Es ist nicht Toland, den Sie fürchten müssen, son- dern das Beispiel, das er gibt«, sagte er klar und deut- lich. »Wenn Sie den Mann zerstören, stärken Sie seinen Einfluß. Dieser Scheißkerl hat ein ungeheures Image. Die Leute beten ihn an, und alles, was Sie gegen ihn un- ternehmen, richtet sich automatisch gegen uns selbst., Seit er sich einen Namen gemacht hat, hat sich die Zahl der Unabhängigen verdreifacht.« Odds zuckte mit den Schultern. »Und was soll ich dagegen tun? Er weigert sich, zu uns zu kommen.« Milan grinste. »Geben Sie mir freie Hand, und er wird zu uns kom- men. Ich bitte Sie nur um einen einzigen Gefallen ...« Odds runzelte die Stirn. »Und der wäre?« »Wenn Toland der Gewerkschaft beitreten wird, möchte ich mit ihm in einem Team zusammenarbeiten.« Odds war sprachlos. Damit hatte er nicht gerechnet. Milans Lachen ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Mit neun Jahren erhielt David Toland seinen ersten CB-Scanner. Es war ein alter Ladenhüter, den irgend- welche Bengels irgendwann wohl geklaut hatten. Die Mehrzahl der Spannungsteiler war defekt oder unter- schlug regelmäßig etliche Frequenzmaße. Das Gerät und seine Verwendungsmöglichkeiten faszinierten Da- vid so sehr, daß er ohne zu zögern das funkelnagelneue Fahrrad dagegen eintauschte, das seine Mutter ihm zwei Wochen zuvor zum Geburtstag geschenkt hatte. Davids Mutter geriet darüber schrecklich in Wut und nahm ihm den Scanner wieder weg. Wie David später erfuhr, versuchte sie, das Fahrrad wiederzufinden und die Schlingel ausfindig zu machen, die ihrem naiven Sohn ein kaputtes Radiogerät gegen ein teures Fahrrad angedreht hatten. Obwohl sie stundenlang auf der Straße lauerte und sämtliche Geschäftsleute aus dem Viertel ausfragte, denen sie, zu Davids Scham, die ganze Geschichte erzählte, bekam sie das schöne blaue Fahrrad nie wieder zu Gesicht. Erst als David an einer Rippenfellentzündung erkrankte, die er sich bei einem Fußballspiel auf hart gefrorenem Rasen zugezogen hat- te, und das Bett hüten mußte, gab seine Mutter ihm den, Scanner zurück. Sie hatte ihn säubern und reparieren lassen. »Ich begreife einfach nicht, wieso du so sehr an die- sem alten Ding hängst! Die Langwellen sind nicht zu empfangen, und das, was man hört, versteht man nicht. Ich glaube, du hast dich schön reinlegen lassen, mein Junge.« Während seiner Genesung lauschte David stunden- lang voller Entzücken dem Knarren aus seinem Scan- ner. Polizei, Krankenwagen, Taxis, Telefongespräche, Krankenhäuser - nichts entging ihm. Nach mehr als zwei Monaten war sein Dossier mit den benutzten Fre- quenzen und den verschiedenen Codewörtern kom- plett. Und vier Wochen später, in einer Nacht von Samstag auf Sonntag, schlich er sich aus der Wohnung. Voller Neugierde lief er zum Boulevard Diderot, der nicht weit von seinem Zuhause entfernt lag und wo sich ein tödlicher Verkehrsunfall ereignet hatte. Die Polizei war schon an der Unfallstelle, doch der Ambulanzwa- gen kam erst nach David. Zu jener Zeit bedurfte es noch komplizierter Geneh- migungen, um Organtransplantationen vornehmen zu dürfen. David wußte ganz genau, was es mit dem Tod auf sich hatte, und er hatte sogar richtig Angst davor; doch in jener Nacht sah er zum ersten Mal einen richtigen To- ten. Der Mann lag gekrümmt im Rinnstein. Die einzige sichtbare Verletzung war eine Platzwunde an der linken Schläfe, die ein wenig blutete. Seine Frau kniete neben ihm. Sie stieß eigenartige Schreie aus, wie ein verletzter Hund. David war fest davon überzeugt, daß der Mann erneut aufwachen und aufstehen würde, so als sei überhaupt nichts geschehen. Der Autofahrer, der ihn überfahren hatte, stand etwas abseits und diskutierte mit einem Polizeibeamten. Er flüsterte, so als befürchte er, jemand könnte hören, was er sagte. Der Krankenwagen traf wenige Minuten später an, der Unfallstelle ein, genau in dem Moment, als David endlich begriff, daß der Mann tatsächlich tot war. Selt- samerweise stellte das Kind zwischen der Verspätung des Krankenwagens und dem Tod des Fußgängers ei- nen Zusammenhang her. Diese Zeitspanne sah er als unerträgliche Ungerechtigkeit an, und so beschloß er, der schnellste Sanitäter auf der ganzen Welt zu wer- den. Als er nach Hause kam, erwartete seine Mutter ihn im Treppenhaus. Er bekam eine gehörige Tracht Prügel, sein Scanner wurde erneut beschlagnahmt und er mußte für ein Trimester zu Tante Eva ins Internat. Eine schlimmere Strafe konnte es für David nicht ge- ben. Ein nervöses Zucken bewegte die schlaffen Wangen von Steve Odds. »Was haben Sie vor?« »Das geht nur mich etwas an«, antwortete Milan schroff. »Ich benötige nur Ihre Zustimmung. Ich will, daß Toland neben mir in meinem Wagen sitzt.« Odds zwickte sich an der Nase. »Einverstanden, aber ..« Milan versetzte ihm einen kräftigen Fausthieb in die Rippen. »Dann ist alles in Butter, Chef!« Er freute sich. »Ich werde mich der Sache annehmen.« Der Sammler ging bereits auf den Fernschreiber zu, als Odds ihn noch einmal ansprach. »Milan!« Griesgrämig drehte Milan sich um. »Was gibt's denn noch?« »Ich will keinen Ärger, Milan. Ich will auch gar nicht wissen, wie Sie es anstellen wollen, daß Toland zu uns kommt, aber wenn Ihr Vorgehen der Gewerkschaft schadet, bin ich meinen Job los. Und dann bekommen Sie es mit den Leuten aus New York zu tun. Und diesen, Leuten, das können Sie mir glauben, sind Sie nicht ge- wachsen.« Milan lachte nur hysterisch. Das Telefon läutete. Odds hob ab. »Ja?« »Ich will mit Milan sprechen.« Odds hielt dem Sammler den Hörer hin. »Es ist für Sie.« Milan ergriff den Hörer und gab Odds zu verstehen, daß er bei dem Gespräch unerwünscht war. »Bist du es, Mirko?« »Ja.« »Wir haben was für dich. Du mußt sofort herkom- men.« Eine steife Haarsträhne hing Milan ins Gesicht. Die Knöchel seiner Finger am Hörer wurden ganz blaß. »Sofort? Was heißt das?« »Stefan spielt verrückt. Er schlägt in seinem Zimmer alles kurz und klein! Und Ma ist nicht da. Du mußt kommen, Mirko!« »Ich komme«, sagte Milan und legte den Hörer auf. Er stieß Odds zur Seite, rannte durch das Zimmer und streifte seine schwarzviolette Jacke über. »Milan?« Nervös zog der Sammler die breiten Reißverschlüsse des Overalls hoch. »Ich weiß nicht, was Sie und Ihre Brüder so alles trei- ben, Milan, aber es gefällt mir nicht. Die Z.S.A. ist kein ...« »Halt den Mund!« brummte Milan leise. Odds schreckte zusammen. Sein Gesicht wurde feu- errot. Noch nie hatte ein Sammler es gewagt, so mit ihm zu sprechen. »Ich ... ich ...« Wütend zeigte Milan mit dem Finger auf ihn. »Sie, Sie begnügen sich gefälligst damit, das Geld zu kassieren! Und wenn Sie noch ein einziges Mal auf, meine Brüder zu sprechen kommen, kratze ich Ihnen die Augen aus und verkaufe sie dem Muselmanischen Hospital!« Mit aller Wucht schlug Milan die Tür hinter sich zu. Odds blieb allein im Versammlungsraum zurück. Sein Blick glitt über die Bildschirme. Er kannte die Regeln der Internationalen Z.S.A., die offiziöse Order des Vor- stands: sich durchsetzen, ohne sich dabei unbeliebt zu machen. Die Konkurrenz der Unabhängigen hatte ihn gezwungen, die in der Charta festgelegten Vorschriften zu übertreten, was ihm jedoch keineswegs Kopfzerbre- chen bereitete. Er hatte Leute einstellen müssen, die keinen Wert auf gepflegte Arbeit legten, sondern nur möglichst schnell zu Geld kommen wollten, und bei denen er sich kaum oder überhaupt nicht durchsetzen konnte. Auch wußte er ganz genau, daß Typen wie Milan unmittelbar in zahlreiche unsaubere Geschichten rund um die Z.S.A. verwickelt waren. Er hatte keine Möglichkeit, sie daran zu hindern, und war sich be- wußt, daß das alles ein böses Ende nehmen würde. Odds steckte sich eine Zigarre zwischen die Lippen. Dann trat er ans Empfangsgerät und nahm Verbindung zu seinen Sammlern auf. Durch die Lautsprecher dröhnte eine aufgeregte Stimme: »Wir kommen nicht auf die Schnellstraßen! Die Zu- fahrtsstraßen sind total verstopft. Und einer dieser ver- dammten Unabhängigen reißt sich alles unter den Na- gel.« Odds schaltete ab. »Lauter Idioten ...« David war zu einem der besten Krankenwagenfahrer des Nordsektors geworden, als - nach heißen Diskus- sionen und einem Referendum, das für manche Aufre- gung sorgte - die neuen Gesetze über Organhandel verabschiedet wurden. In den USA, der BRD sowie in den meisten skandinavischen Ländern gab es ähnliche, Verbände wie die Z.S.A. bereits seit fast fünf Jahren. Von administrativer Seite wurde es nun äußerst schwie- rig, die Organentnahme im Fall eines Unfalltodes zu verweigern. Ferner waren die Werbekampagnen derart gut organisiert, daß alle, die bislang hartnäckig darauf bestanden hatten, unangetastet zu verwesen, von star- ken Schuldgefühlen geplagt wurden. Die Zahl jener re- ligiösen Sekten, die für eine Unversehrtheit des menschlichen Körpers eintraten, nahm zu; aber sie fan- den nur wenig Echo, so daß die Schmährufe der Ver- leumder mit der Zeit deutlich leiser wurden und schließlich gänzlich verstummten. Die Kollekte wurde zur Sitte. Und David machte sie zu seinem Beruf. Das letzte Teilstück der Umgehungsstraße sowie die Kreuzung und sämtliche Zufahrtsstraßen waren ver- stopft, vollständig lahmgelegt. Die Krankenwagen hat- ten große Schwierigkeiten, zur Unfallstelle vorzudrin- gen. Ein Detail, das David genauestens miteinkalkuliert hatte. Bevor seine Konkurrenten die ersten Wracks er- reicht hätten, wäre er mit seiner Arbeit schon längst fer- tig- Er entnahm einer Mischlingsfrau die Nieren und die Gebärmutter, richtete sich auf und entledigte sich un- geduldig seiner Handschuhe. »Wie weit sind wir?« fragte er mit müder Stimme. »Es fehlt uns immer noch eine Leber der Blutgruppe AB negativ«, erklärte Roussel. »Aber der Cherokee ist bereits bis obenhin voll.« Sanft massierte sich David die Schläfen und schaute zu dem jungen Mann mit der roten Plakette hinüber, der etwa zwanzig Meter weit entfernt lag. »Baylor würde uns eine Menge Geld für eine solche Leber bezahlen«, beharrte Roussel zögernd. »Die Geier der Z.S.A. werden keinerlei Hemmungen zeigen.« Wütend sah David ihn an. »Schon gut«, brummte Roussel, »vergiß es!« Der schrille Schrei einer Frau ließ sie aufhorchen. Die, Frau taumelte zwischen den Wagen hin und her. Sie sah ganz verstört aus und hielt einen kleinen Jungen im Arm. Die offizielle Uniform der Sammler hatte sie her- beigelockt. Zuerst ging sie auf David zu, aber dann überlegte sie es sich doch anders, wich zurück und drückte das Kind noch fester an sich. »Rührt ihn nicht an! Ihr Schweinehunde! Dreckskerle! Ihr werdet meinen Sohn nicht bekommen!« Toland kannte diese Art von Reaktion sehr gut. Die Frau stand unter Schock. Sie würde immer lauter schreien und dann die Wut der versammelten Menge, die Davids wahre Absichten falsch verstand, immer größer werden lassen. Das war in solchen Situationen immer so. Roussel packte David am Arm. »Komm, laß uns verschwinden! Es wird Ärger ge- ben.« David riß sich los und ging auf die Frau zu. Ein Kerl wie ein Schrank stellte sich ihm in den Weg. »Was hast du vor?« Die Frau trat näher. Sie tobte und spuckte David ins Gesicht. »Du Schwein!« Ganz ruhig wischte sich David die Wange ab. Er be- trachtete das Kind, das bereits ganz blau im Gesicht war. »Roussel! Sieh dir den Jungen einmal an!« Der Mann mit den athletischen Schultern zog ein Springmesser aus der Tasche. Die Klinge verfehlte To- lands Augen nur um wenige Zentimeter. »Und wenn ich dich ebenfalls in Stücke schneide?« Roussel kam näher. Er schwitzte und sah sich ängst- lich nach allen Seiten um. Er versuchte, den Jungen ab- zuhorchen, doch die Frau wich erneut zurück und knurrte wie ein wildes Tier. »Ich werde dir den Bauch aufschlitzen, Dreckskerl!« »Kaputte Luftröhre«, murmelte Roussel und wollte be-, reits vorsichtig den Rückzug antreten. »Da ist nichts mehr zu machen.« Ohne seinen Gegner aus den Augen zu lassen, sagte David klar und deutlich: »Madame, ich könnte Ihrem Jungen vielleicht das Leben retten. Ich muß einen Luft- röhrenschnitt vornehmen, damit er wieder atmen kann.« »Du Hurensohn!« brüllte der Koloß. »Hast du denn vor nichts Respekt?« Plötzlich packte David den Mann mit dem Messer am Handgelenk, verdrehte ihm den Arm und riß ihn brutal an sich, um ihm einen kräftigen Stoß zwischen die Beine zu versetzen. Der Athlet ließ die Waffe fallen und brach jammernd vor den Füßen des Sammlers zusammen. David sah, wie die schwarzvioletten Uniformen der Z.S.A.-Angestellten zwischen den Autos allmählich näher kamen. »Was soll ich tun?« Ängstlich schaute die Frau sich nach den Sammlern der Gewerkschaft um. Sie klapperte mit den Zähnen. »Sein Herz hat aufgehört zu schlagen ...«, murmelte sie mit tränenerstickter Stimme. David stieß den Angreifer von sich, nahm das Kind und legte es auf den Boden. Als die Frau die Klinge sei- nes Skalpells aufblitzen sah, stieß sie erneut einen Schrei des Entsetzens aus. Roussel, der ganz bleich im Gesicht geworden war, kniete sich neben das Kind. »Wenn der Junge stirbt, sind wir dran«, warnte Da- vid. In dem Moment, als David den winzigen Schnitt un- ter dem Adamsapfel des Jungen ausführte, stürzte sich der Koloß von neuem auf ihn. Schnaufend wie zwei Holzfäller wälzten sich die beiden Männer am Boden. Völlig verschwitzt führte Roussel den Eingriff zu Ende und blies Sauerstoff in die gelähmten Lungen des Jun- gen. Die magere Brust wölbte sich. Dann setzte Roussel den Wiederbelebungsapparat an. Das Herz zeigte kei-, nerlei Reaktion. Mit dem Handrücken wischte Roussel sich den Schweiß von der Stirn, der ihm in die Augen tropfte. Der Mann war unglaublich stark, aber er wußte mit seiner Kraft nichts anzufangen. Mit einem jähen Knie- stoß trat David ihm in die Hoden, richtete sich schnell wieder auf und erledigte seinen Gegner mit einem wir- kungsvollen Kinnhaken. Das Herz des kleinen Jungen zeigte nach wie vor kei- nerlei Reaktion. Toland hockte sich neben seinen Part- ner. »Es ist zu spät«, stöhnte Roussel. Toland hockte sich über das Kind. Mit seiner ganzen Kraft drückte er auf dessen Brust, die sich im Rhythmus der vom Sauerstoffgerät eingepumpten Luft immer wieder aufblähte. Nun schwitzte auch David. Auf Roussels kleinem Bildschirm bewegte sich nichts. Die Pupillen des Kindes blieben starr und weit geöffnet. Der Sammler stöhnte im Rhythmus der künstlichen Beatmung. Es war wie eine Herausforderung des Todes, der sich an dem Men- schen rächte, der sich seiner Unabwendbarkeit schon so oft widersetzt hatte. Toland wußte, was in dem Hirn des Jungen vorging. Die Zellen, die nicht mehr ausreichend durchblutet wurden, verkümmerten, verfärbten sich blau und starben schließlich ab. Alles Leben versank im Cytoplasma. Die Organe hörten nach und nach auf zu funktionieren. Fassungslos beobachtete Roussel seinen Partner. Er begriff nicht, warum Toland sich so sehr bemühte. Es gab doch nichts mehr zu retten. Und selbst wenn dieses kleine verfluchte Herz plötzlich wieder schlüge, bliebe das Kind für den Rest seines Lebens ein Krüppel. Toland verlangte nach einer Adrenalinspritze, die er direkt ins Herz führte. Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie das Herz rea- gierte. Aber es schlug viel zu schnell, so als wollte es die, verlorene Zeit wieder aufholen. Toland injizierte eine starke Dosis Digitoxin. Die Herzschläge wurden regel- mäßiger. Langsam, mit nachdenklicher Miene und angestreng- tem Blick richtete Toland sich wieder auf. Erst in diesem Augenblick wurde er sich der Menschenmenge bewußt, die sich um ihn herum versammelt hatte. In den Augen all dieser Fremden las er Bewunderung und wußte, daß er wieder einmal gewonnen hatte. Als sie erneut im Cherokee saßen, versuchte Roussel, ihn auf den Boden der Realität zurückzuholen. »Das Kind wird ein Idiot bleiben.« Der Anflug eines Lächelns huschte über Tolands Ge- sicht. »Ich dachte, du wüßtest, wie wichtig Publicity ist«, murmelte David und startete den Motor.

Drittes Kapitel

Im Saint-Louis-Flügel des Amerikanischen Hospitals surrte es wie in einem Bienenstock. Oftmals fragte sich David, wie das Personal es überhaupt schaffte, sich in einem solchen Durcheinander zurechtzufinden. Tagein tagaus herrschte dort eine wahnsinnige Hektik, und je- der, Ärzte wie Putzfrauen, schrie, um sich verständlich zu machen. Die Kranken, die in dieses Wirrwarr hinein- gerieten, hatten alle nur ein Ziel: schnellstens wieder hinauszukommen. Das Problem allerdings war, daß die meisten Patienten, die ins Saint-Louis eingeliefert wur- den, selten die Möglichkeit hatten, wieder rauszukom- men. Ein alter Mann im Rollstuhl lachte sich krumm, weil dieses Durcheinander ihn an die Bordelle in Saigon er- innerte. Gewisse Krankenhäuser glichen heiligen Stät- ten. Dort gab es nur gedämpfte Geräusche, Anweisun-, gen wurden nur geflüstert. Man verhielt sich so, als be- fürchtete man, ein schlafendes, unglaubliches Unge- heuer zu wecken. Im Saint-Louis war das genaue Ge- genteil der Fall. Und jeder Angestellte verlor durch- schnittlich zwei bis drei Kilo an Gewicht pro Tag. Um hier nicht völlig durchzudrehen, mußte man Nerven aus Stahl haben. Am allerschlimmsten waren die Zustände in der Auf- nahmehalle, eine wahre Arena aus Schmerzen, Schrei- en, Rempeleien und Auseinandersetzungen mit den Verwaltungsangestellten. Nicht selten verprügelten sich die Kranken gegenseitig. In Spitzenzeiten ging es dort zu wie auf einem Jahrmarkt, wo die Tragbahren sich in Autoscooters verwandelten. Mit seiner Organliste in der Hand betrat David To- land diese wahnsinnige Arena. Die Hektik in der Auf- nahmehalle erschien ihm diesmal noch ungezügelter als bei früheren Besuchen. Immer mehr Opfer der Massen- karambolage wurden eingeliefert, hierhin überführt und hier aufgenommen. Dutzende von Krankenwagen sicherten die Verbindung zwischen der Unfallstelle und dem Amerikanischen Hospital. Im Nu wurden die Wandtelefone von Verletzten besetzt, die oft noch voller Blut waren. Krankenschwestern stießen Türen auf, rannten quer durch die Halle und verschwanden hinter weiteren Türen. Die Leute, die nie zuvor im Saint- Louis-Hospital waren, mußten einfach glauben, niemand würde sich je um sie kümmern, und sie müßten in die- ser Halle sterben, regelrecht verbluten. Aber David wußte, daß diese Panik nur täuschte. In Wirklichkeit verfügte das Saint-Louis über die beste Unfallstation in ganz Europa, niemand mußte hier infolge mangelnder Fürsorge sterben. Hinter den leicht vorspringenden dunklen Glaswän- den oberhalb der Halle lag der sogenannte >Untersu- chungsraum<, wo etwa ein Dutzend Assistenzärzte sich die Verletzungen ansah und die Verteilung der Kranken, in die entsprechenden Abteilungen vornahm. Von Zeit zu Zeit kam einer von ihnen in die Halle herunter, ging auf einen Verletzten zu, nahm an Ort und Stelle einen Luftröhrenschnitt vor, beugte einem Blutsturz vor oder spritzte ein Kardiakum in die Venen des Verletzten, be- vor er ihn in eine der Operationsabteilungen führte. Die anderen mußten warten und begriffen nicht, daß diese Wartezeit mit dem Grad ihrer Verletzungen zusam- menhing. Wer im Saint-Louis zwei Stunden lang war- ten muß, ohne einen Arzt zu Gesicht zu bekommen, kann sicher sein, daß er noch am selben Abend völlig gesund nach Hause gehen darf. Die Patienten jedoch, um die man sich sogleich kümmerte - das waren nicht immer diejenigen mit den offensichtlichsten Verletzun- gen -, mußte man wirklich bedauern. Ihr Leben hing nur noch an seinem seidenen Faden. David betrat den Untersuchungsraum. Einige der Ärzte erkannten ihn wieder und grüßten ihn. »Ist Gaborit da?« »In Block 8. Wie es aussieht, hast du auf der Umge- hungsstraße ziemliches Unheil angerichtet.« »Schrecklich!« lachte David. »Aber jetzt habe ich den nötigen Ersatz für die Hirne dieser verfluchten Straßen- bau-Ingenieure.« Affenhirne in Konservenbüchsen. David verließ den Raum und ging zu den Operations- sälen. Als die Hunde Milans Studebaker kommen sahen, leg- ten sie die Ohren an und verkrochen sich im Wohnwa- gen. Milan steuerte den Wagen durch die Hauptallee. Geräuschvoll rollten die Reifen mit den dicken Profilen durch den Dreck. Ob im Winter oder im Sommer, ob es regnete oder nicht, der Boden des Parks war stets schlammig und voller Furchen, in denen sich übelrie- chendes grünes Wasser ansammelte. Auf beiden Seiten der Allee erhoben sich wahre Wände aus alten Auto-, wracks jeder Marke. Kein Fahrer war lebendig aus einem dieser Wagen ausgestiegen. Das wußte Milan besser als jeder andere. Er hatte ihnen die Organe entnommen und seinen Brüdern den Schrott überlassen. Die Ge- brüder Milan handelten mit wiederverwertbarem Mate- rial. Mit Fleisch und Metall. In einer riesigen öllache blieb der Studebaker stehen. Sogleich stand Vito mit ölverschmiertem Gesicht neben der Wagentür. »Das hat aber lange gedauert!« knurrte er. Dabei schürzte er die Lippen, so daß seine krummen schmut- zigen Zähne zu sehen waren. Vito war so knochig, wie sein Bruder muskulös war. Seine Augen glichen zwei Halden inmitten einer un- ebenen eitrigen Landschaft. Sein ausgemergeltes Gesicht war bereits voller Runzeln, und jede schmutzige Furche war mit unzähligen entzündeten Pickeln übersät. An den Schläfen gingen ihm bereits die Haare aus, wäh- rend sie in seinem Nacken lang nach unten hingen. Nicht nur ein Bad hatte er dringend nötig, sondern eine umfassende Säuberung. Von Jahr zu Jahr sah er der fau- ligen, mit Kohlenwasserstoff vollgepumpten Erde und den zerbeulten Automobilen ähnlicher - ein echter Fall von Osmose. Als Milan die Wagentür öffnete, mußte Vito einen Schritt zurückweichen. »Allmählich habe ich die Schnauze voll mit euren Dummheiten!« brüllte Milan. »Ist Ma eigentlich schon zurück?« »Sie ist in Montreuil, beim Unterernährten.« Milan spuckte in die Ölpfütze. »Mist!« Dann plötzlich packte er seinen Bruder am Jackenkra- gen und zog ihn ganz nahe zu sich heran. Irgendwo im Park winselte ein Hund. »Los! Pack aus, Idiot! Was habt ihr diesmal ange- stellt?«, Vitos Augen änderten die Farbe. »Es ist nicht meine Schuld, Mirko, das mußt du mir glauben! Es war diese Frau. Sie brauchte einen neuen Rückspiegel für ihren BM ...« Milan runzelte die Stirn. »Weiter!« knurrte er. »Sie wackelte mit dem Hintern, das hättest du sehen müssen! Und wie sie mit ihren hohen Absätzen durch den Schlamm watete, ihre Strümpfe waren voller Schmutz ...« Vito hatte Mühe weiterzusprechen. »Ich hab es nicht verhindern können. Mit einem ein- zigen Hammerschlag hat Stefan ihr den Kopf zertrüm- mert.« Milan verzog das Gesicht. Einen Augenblick lang schaute er zum wolkenverhangenen Himmel hoch. »Ich hatte dir doch gesagt, du sollst den Kleinen ein- sperren, wenn Ma weg ist! Erinnerst du dich?« schrie er und schüttelte seinen Bruder. »Hatte ich dir das befoh- len, ja oder nein?« Vito schluchzte erbärmlich. »Ja, aber ...« »Und dann? Was war dann?« Vito zog den Kopf ein, als befürchtete er eine gehörige Tracht Prügel. »Als ich ihn daran hindern wollte, versuchte er, auch mir mit dem Hammer den Kopf einzuschlagen. Er schwang ihn hoch über seinem Kopf - so. Ich wagte es nicht, mich ihm zu nähern. Er schrie wie ein Verrückter. Und dann habe ich dich angerufen.« Einen Moment lang schwieg Milan und starrte seinen Bruder an. Vito wich seinem Blick aus. »Wo ist der Kleine jetzt?« »Er hat sich im Scheißhaus eingesperrt. Du weißt, wie er ist, danach. Er weint stundenlang.« Milan kniff die Augen zusammen. »Und das Mädchen?«, »Ich habe sie in den blauen Lieferwagen gelegt, dort hinten.« Milan versetzte ihm eine kräftige Ohrfeige. Jaulend fiel Vito in die Ölpfütze. »Schlag mich nicht, Mirko, bitte, schlag mich nicht!« »Und eine solche Gelegenheit hast du dir natürlich auch nicht entgehen lassen, du Saukerl!« Er zeigte mit dem Finger auf seinen Bruder. »Eines Tages ... eines Tages werde ich euch alle beide umbringen. Zuvor aber wird Ma davon erfahren und dir sämtliche Knochen deiner stinkenden Finger bre- chen!« Vito kroch durch den Schlamm, klammerte sich an die Füße seines Bruders und drückte das Gesicht gegen dessen Schuhe. »Sag ihr nichts davon, bitte! Sie darf es nicht erfah- ren.« Mit tränenden Augen sah er Milan an. »Wir machen's wie immer, nicht wahr, Mirko? Nie- mand wird je etwas erfahren. Sie sieht auch gar nicht übel zugerichtet aus, weißt du.« Milan bückte sich, packte seinen Bruder an den Haa- ren und warf ihm den Kopf nach hinten. Vito stöhnte kurz auf. »Wir werden überhaupt nichts tun«, sagte Milan. »Eine Vergewaltigung hinterläßt immer Spuren. Du wirst das Mädchen unter die Walze legen und den Wa- gen unter die Presse. Und wenn die Polizei hier auf- kreuzt, sperrst du den Kleinen ein und läßt Mutter mit ihnen sprechen. Ich will nicht ein einziges Haar von der Frau hier sehen. Kapiert?« »Einverstanden«, schluchzte Vito. »Ich werde alles tun, was du sagst.« »Das will ich aber auch hoffen«, zischte Milan und ließ seinen Bruder wieder los. Erneut fing es zu nieseln an. Milan ging zu der winzig kleinen Holzbaracke, die als, Klo diente und wo sein kleiner Bruder hockte und wein- te: ein Mongoloide von 17 Jahren und hundertdreißig Kilo, Mamas Liebling. David sah, wie Loic Gaborit aus dem Operationssaal kam. Der Chirurg warf seine Plastikhandschuhe zu Bo- den. »Ein Massaker! Ein wahres Massaker!« Soeben hatte er einer Frau, deren Blutgefäße völlig verstopft waren, ein Dacron-Transplantat im Bein ein- setzen müssen. Diese Patientin war von einem Motor- rad angefahren und vom Gaspedal der Maschine ziem- lich schwer am Oberschenkel verletzt worden. Ihr Arzt war bei der Behandlung der Wunde sehr nachlässig ge- wesen: Er hatte vergessen, das durchtrennte Segment durch ein künstliches Arterienstück zu ersetzen. Inner- halb weniger Tage war das Bein erheblich angeschwol- len, und auf der Haut, auf der sich bereits Schuppen bildeten, waren zahlreiche rötliche Striemen zu sehen. Wenn Gaborit nicht eingegriffen und ihr das Transplan- tat eingesetzt hätte, das nun wieder einen normalen Blutkreislauf sicherte, hätte man der Frau das Bein am- putieren müssen. Gaborit war ein junger Chirurg, der sich erst bewäh- ren mußte, aber seine Wutanfälle standen denen seiner berühmteren Kollegen in nichts nach. Die Assistenz- ärzte fürchteten ihn ebenso wie die weltweit anerkann- ten Professoren. David schätzte ihn wegen seiner Fach- kenntnisse, aber das war nicht der einzige Grund ihrer besonderen Beziehung. Auch Gaborit widersetzte sich dem Druck der Gewerkschaft. Und er machte keinen Hehl daraus, daß er Steve Odds und seine Männer ver- achtete. Beim Wettstreit um die Organe bevorzugte er niemanden in irgendeiner Weise, sondern kaufte auch bei den Unabhängigen, vorausgesetzt, man bot ihm ge- sunde Organe an. In dieser Hinsicht richtete sich Gabo- rit einzig und allein nach den Interessen seiner Patien-, ten, ein Wagemut, der ihm sogar eine immer größer werdende Zahl von Feinden wert war. Andererseits bewunderte auch der Chirurg Tolands Mut und Berufsethik. Gaborit war nicht der einzige Arzt im Saint-Louis-Hospital, der befugt war, mit den Sammlern Geschäfte abzuschließen, aber Toland hatte ihn kurzerhand zu seinem einzigen Vermittler gemacht. Gaborit sah, wie David auf ihn zukam. Seine hellen Augen waren ständig in Bewegung, so als bereitete es ihm große Mühe, seine Aufmerksamkeit auf einen be- stimmten Punkt zu konzentrieren. Die beiden Männer gaben sich die Hand, und Gaborit nahm den Sammler mit in sein Büro. »Und, was ist mit diesem Unfall?« »Eine üble, sehr üble Sache.« Gaborit schüttelte den Kopf, ging zum Waschbecken und seifte sich ausgiebig die Hände ein. »Was hast du mir anzubieten?« »Alles, was du benötigst. Erstklassige Ware.« Gaborit trocknete sich die Hände ab. »Wunderbar! Du hast gute Arbeit geleistet.« Er ging um seinen Schreibtisch herum, nahm die Li- ste, die Toland ihm reichte, und griff nach einer Zigarre in der dunklen Holzkiste. Nach jeder Operation mußte er eine davon rauchen. An manchen Tagen kam er bei- nahe auf fünfzehn Stück. Im Saint-Louis wurde ge- munkelt, Gaborit schlafe nicht mehr als drei Stunden am Tag, und der Operationssaal sei regelrecht eine Droge für ihn geworden. »Wunderbar«, wiederholte der Chirurg. »Als ich vor- hin am Computerschirm vorbeikam, haben die Kerle der Z.S.A. Baylor eine Leber der Blutgruppe AB negativ angeboten. Haben sie dir diese Leber etwa vor der Nase weggeschnappt?« David schnitt eine Grimasse. »Nein, nicht ganz. Der Mann trug eine Plakette.« Gaborit sah den Sammler an., »Ich verstehe«, murmelte er nach einer Weile. David nahm sich einen Stuhl und setzte sich. »Loic, ich habe da noch was. Einen ganzen Körper mit Nackenbruch und eine Menge anderer interessanter Dinge ...« Gaborit lehnte sich nach hinten und blies eine blaue Rauchwolke in den Raum. »Ich habe keinen Zugang mehr zur Lagerabteilung.« David schien überrascht. »Seit wann?« »Seit drei Tagen«, seufzte der Arzt. »Ein Entschluß der Direktion. Diese Abteilung steht fortan unter der Kontrolle der Verwaltung. Abgesehen von der Unfall- station, wo ich glücklicherweise weiterhin das Sagen habe, habe ich mit der Organaufnahme im Saint-Louis nichts mehr zu tun. Es tut mir leid, David.« »Steve Odds?« zischte David. Gaborit zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Gewisse Chirurgen des Hospitals haben ihre diesbezüglichen Vorrechte verteidigen können, und sie alle arbeiten ausschließlich mit der Z.S.A. zusammen.« Toland schlug kräftig mit der Faust auf den Schreib- tisch. »Das verstößt gegen die Charta! Diesmal geht's aber wirklich zu weit! Du könntest dich an den Ausschuß wenden ...« Gaborit lächelte gelangweilt. »Es steht jedem Hospital völlig frei, Organe zur Lage- rung aufzunehmen oder nicht. Es gibt keine Vorschrif- ten über die Quantität, die von den Unabhängigen und den Mitgliedern der Z.S.A. geliefert wird. Und nicht ich bin es, der sich dieses verfluchte Gesetz ausgedacht hat.« David war nach wie vor wütend. »Aber wenn wir uns das gefallen lassen, wird man sich in zwei Wochen oder in einem Monat nicht einmal, mehr in Notfällen an uns wenden. Sie werden die Charta ganz einfach umgehen und behaupten, die Or- gane, die wir abliefern, seien unbrauchbar. Das ist das Ende für die Unabhängigen.« »In unserem Hospital wird es sicher nicht so weit kommen.« »Das meinst du!« unterbrach ihn David und erhob sich. »Wenn die Z.S.A. eine Blockade über das Saint- Louis verhängt, werden sich die Patienten anderswo behandeln lassen, in anderen Spitälern, die von der Gewerkschaft beliefert werden, und dich wird man feu- ern, Loic! Dich werden sie ganz einfach auf die Straße setzen, egal wie gut du als Chirurg bist.« Gaborit legte die Hände zusammen und beugte sich ein wenig nach vor. »Du irrst dich, David. In unserem Beruf existiert noch so etwas wie ein Orden, es gibt einen Eid. Und auch wenn dies nicht immer respektiert wird, so halten sich zumindest die großen Mediziner dieser Welt daran. Sie werden nicht zulassen, daß ein Sammlermonopol ent- steht.« David lachte höhnisch. »Bis es soweit ist, bin ich längst ruiniert. Meine Geräte wird man beschlagnahmen, und keine einzige Bank wird mir einen Kredit gewähren. Und so heftig sich dein verdammter Orden auch beschwert, auf dem gan- zen Markt wird es nur mehr einen einzigen Lieferanten geben: Steve Odds und seine Geier.« Der Chirurg erhob sich langsam aus seinem Sessel. »Ich muß noch schnell bei einigen Kranken vorbei- schauen. Ich möchte, daß du mich begleitest.« Stefan saß auf der dreckigen Klobrille und weinte. Er weinte hemmungslos und ließ die Tränen über das auf- gedunsene Gesicht laufen. Nervös zerknüllten seine Wurstfinger das Pappröhrchen einer Klopapierrolle. Of- fensichtlich hatte er schon wieder einem Mädchen den, Kopf eingeschlagen. Er hatte es nicht tun wollen. Er hatte sich ihr nur genähert, um sie besser anschauen, sie vielleicht kurz berühren zu können. Sie war so hübsch. Er wollte sie streicheln, sie in seine Arme nehmen, da- mit sie sich nicht schmutzig machte. Sein Verlangen war so groß, daß er jedesmal vergaß, wie er das anstel- len sollte. Als sie ihn sah, begann sie laut zu schreien. Sie hätte nicht schreien dürfen. Vito würde es doch hören. In dem Moment erwachte das Ding, das in Stefans Bauch schlief. Mamas Lieblingssohn streckte die Arme aus, um dem Mädchen verständlich zu machen, daß es nicht schreien, nichts sagen, sich nicht in die Hose machen durfte. Aber das Mädchen war dumm. Es schrie noch lauter. Vito würde herbeigerannt kommen, laut schimp- fen und seinen Bruder mit Füßen in den Bauch treten. Und anschließend selbst mit dem Mädchen seinen Spaß haben. Stefan schnaubte laut. Ein dickes Rotzseil hing ihm aus der Nase. Mit der Zunge leckte er es weg. Mit dem Hammer schlug er das Mädchen auf den Kopf. Damit es endlich ruhig war. Mädchen sind nicht so robust wie Autos. Auch das hatte er vergessen. Wenn das Ding in seinem Bauch zu wachsen begann, vergaß er alles. Dann gab es nur noch dieses Feuer in seinem Kopf. Mit dem Hammer machte er Vito angst. Stets profi- tierte Vito von den totgeschlagenen Mädchen. Das war nicht richtig. Stefan krümmte sich, sein Gesicht wurde feuerrot, und er furzte fürchterlich laut. Das Geräusch erinnerte ihn an den Laut, den das Mädchen von sich gab, als er sich zu amüsieren begann. Stefan gluckste. Ein Lächeln huschte über sein Mondgesicht. Doch dann fing er so- gleich wieder zu weinen an. Bald würde Ma zurückkommen. Sie würde erfahren, was mit dem Mädchen geschehen war. Sie erfuhr im-, mer alles. Vor Ma konnte man nichts verbergen. Sie würde Vito und ihn bestrafen, und in den nächsten drei Tagen würde keiner von beiden sich auf seinen Hintern setzen können. Ma war außergewöhnlich stark für ihre Größe. Stefan hob den Kopf. Jemand näherte sich dem Klo. Es war nicht Ma. Ma hätte mit ihrer schrillen Stimme nach ihm gerufen. Er umklammerte den Hammer, den er gegen die Tür gelehnt hatte. »Stefan, ich bin's, Mirko! Mach auf!« »Mir-ko?« Stefan holte tief Luft, blähte seine Wangen auf und glich einem Fisch. Mirko mochte er sehr. Mirko hatte ihn noch nie geschlagen. Mirko war sein großer Bruder. Er beschützte ihn. Wenn Mirko bei Stefan war, machte niemand sich über ihn lustig. Mit Vito war das ganz anders. Manchmal brachte er abends Freunde mit. Sie betranken sich und warfen mit den leeren Flaschen nach Stefan. Stefan klammerte sich noch heftiger an den Hammer- stiel. Eines Tages würde er auch Vito den Kopf ein- schlagen. »Nun mach schon auf, Kleiner! Mach auf!« Stefan schnaubte, rollte mit den Augen, vergaß den Riegel zu öffnen, drückte mühelos die Tür ein und warf sich mit seinen hundertdreißig Kilo in Mirkos Arme. Vor lauter Glück machte er sich in die Hose.

Viertes Kapitel

Der Saint-Louis-Flügel bestand aus einer riesigen An- nahmehalle für Notfälle und aus einem nicht weniger eindrucksvollen Operationsblock, wo alle möglichen Eingriffe vorgenommen wurden, vor allem solche, bei denen es um Leben und Tod ging. Einige der besten Chirurgen der ganzen Welt wurden dort ausgebildet, und leisteten zumindest ihr Praktikum hier ab, bevor sie sich dann nach lukrativeren Kliniken umsahen. Es be- durfte schon der Leidenschaft eines Gaborit, um es auf Dauer in dieser Fabrik auszuhalten. Im Prinzip wurden die Patienten nach der Operation in andere Abteilungen des Amerikanischen Hospitals überführt, wo man sie bis zu ihrer völligen Genesung pflegte. Doch auch Saint-Louis verfügte über äußerst hochentwickelte Vorrichtungen zur Nachbehandlung. Außer den Reanimationsräumen und der Intensivsta- tion gab es im Saint-Louis etwa fünfzig Doppelbett- zimmer für die kritischen und komplizierten Fälle, bei denen jederzeit mit einem neuerlichen Eingriff gerech- net werden mußte. Auf der obersten Etage brachte man gewöhnlich die Kranken unter, die nur noch eine ge- ringe oder gar keine Überlebenschance mehr hatten. Nach Loic Gaborits Ansicht waren diese Patienten nur ein Vorwand, den engstirnige Verwaltungsbeamte auf- rechterhielten, da sie die Kosten langer und komplizier- ter Operationen scheuten. Der junge Chirurg war der Überzeugung, daß es für jedes Problem eine Lösung gab und man den Todeskandidaten wenn schon keine Hei- lung versprechen konnte, so doch wenigstens eine Frist gewähren mußte. Der wissenschaftliche Fortschritt er- laubte es, daß selbst die lächerlichste Frist bei aller Ver- nunft als Sieg betrachtet werden konnte. Gaborit arbei- tete in diesem Sinne. David begleitete ihn zu den Kranken, bei denen er je- den Morgen vorbeischaute, sobald er seinen Dienst im Saint-Louis-Hospital antrat. Der Gegensatz war über- wältigend. Hier hörte man nichts mehr von dem wirren Lärm in der Aufnahmehalle. Nur das ölige Gleiten der Aufzüge brach in diese beinahe erdrückende Stille ein. Instinktiv sprach David leiser: »Warum bringst du mich hierher?« Eine winzige Falte grub sich in Gaborits linke Wange. Er deutete auf die erste Tür., »Kennst du Boris Gerstein?« fragte er mit heiterer Stimme. »Den Pressezar?« »Genau. Den Pressezar, den Besitzer zahlreicher Werbeagenturen in ganz Europa, den Direktor von Ha- vas France, von Verlagen, Produktionsfirmen, interna- tionalen Handelsgesellschaften und so weiter und so weiter. Ein steinreicher Mann. Seit zwei Monaten ist Gerstein bei uns in Behandlung. Ein ganz klarer Rou- tinefall. Abgesehen von seinen Nieren, die so trocken sind wie zwei uralte Nüsse, ist Gerstein bei bester Gesundheit. Die Analysen ließen auf maximale Verträg- lichkeit schließen. Keinerlei Risiko für eine Transplan- tation.« David runzelte die Stirn. »Und?« »Nun, kommt es dir nicht sehr merkwürdig vor, daß er zu uns gekommen ist, um sich operieren zu lassen? Er hätte sich problemlos einen Aufenthalt im Hospital Des Moines bei den Nierenspezialisten leisten können. Großen Luxus und die weltweit besten Chirurgen für solche Eingriffe. Warum nun aber hat er sich ins Saint- Louis-Hospital verkrochen, in dieses Durcheinander im größten Saustall dieses Scheißstaates? Na, warum wohl?« David lachte. »Weil er von dem allergrößten Doktor namens Loic Gaborit operiert werden wollte!« Der Chirurg schüttelte den Kopf. »Du irrst dich. Komm mit!« David folgte Gaborit in das Krankenzimmer. Gerstein saß vor dem Fernseher, einem alten Kasten mit kleinem Bildschirm, der allerdings mit einer Zusatzantenne aus- gestattet war. »Was ist los, Gaborit?« tönte Gerstein. »Ärgert man um diese Zeit seine Klienten? Genügt es nicht, daß ich Sie bereits jeden Morgen ertragen muß? Sie werden, doch wohl nicht vorhaben, zweimal am Tag Krankenvi- site zu machen?« Gaborit lachte, schaltete den Fernseher aus und wandte sich an David. »Ich vergaß, dich darauf hinzuweisen, daß der Cha- rakter des Boris Gerstein dem Umfang seines Bankkon- tos angepaßt ist.« »Ich habe einen dieser verfluchten Kommunisten an mir herumschnippeln lassen!« knurrte Gerstein. »Und nun schalten Sie gefälligst wieder diese Schundkiste ein. Demnächst werden einige meiner Werbespots ge- sendet.« »Ich hab etwas Besseres für Sie.« »Der Vorsitzende des Obersten Sowjets will mir einen seiner Gesellen vorstellen?« Gaborit deutete auf David. »Ich will Sie mit David Toland bekannt machen.« Gerstein schaute auf und verzog das Gesicht, als er sich erhob. »Toland? Sie sind Toland?« David wußte nicht, was er antworten sollte. Er ver- stand nicht, was hier eigentlich vor sich ging. »Kommen Sie näher!« befahl Gerstein. »Vom tage- langen Glotzen habe ich Brei in den Augen.« David folgte seinem Befehl und stellte sich neben das Bett. Gerstein sah ihn sich einen Moment lang an und reichte ihm dann die Hand. »Gratuliere, Toland!« schrie Gerstein so laut, daß sämtliche Fenster des Stockwerks aus dem Rahmen zu fallen drohten. »Ich bin verdammt stolz darauf, eine Ih- rer Nieren im Leib zu haben. Das ist mir lieber als eine Widmung.« »Eine meiner Nieren?« stotterte David und sah Gabo- rit an, während der Milliardär ihm beinahe die Hand zerquetschte. Der Chirurg nickte mit dem Kopf. »Ja ja!« seufzte er. »Boris Gerstein hat sich hier ope-, rieren lassen, weil ich der einzige war, der ihm ein Or- gan versprechen konnte, das der berühmte David To- land beschafft hatte. Was sagst du dazu?« David war sprachlos. »Ich ... ich weiß nicht ...« Die beiden Männer verließen Gersteins Zimmer, nachdem sie den Fernseher erneut eingeschaltet hatten. »Auf der Liste seiner Präferenzen stehst du genau zwischen Gott und Geld ...« Er krempelte sich die Hemdsärmel hoch und fuhr fort: »Und Gott unternimmt nicht viel, um seinen Rück- stand aufzuholen.« David zuckte mit den Schultern. »Quatsch!« murmelte er. »Aber ich könnte ihn im- merhin bitten, mich ein wenig finanziell zu unterstüt- zen.« »Es würde mich wundern, wenn er das täte«, entgeg- nete Gaborit. »Havas ist einer der Hauptaktionäre der Z.S.A.« Er stieß eine andere Tür auf und trat zur Seite, um dem Sammler den Vortritt zu lassen. Auf dem Bett saß ein kleines Mädchen mit ungewöhnlich großen Augen. Es trug einen Pyjama, der viel zu groß für sie war. Sie kämmte das gelockte Haar einer riesigen Puppe. Im Vergleich zu ihrem kleinen Körper wirkte tatsächlich al- les irgendwie unproportioniert. Als das Kind Gaborit sah, begannen seine Augen zu strahlen, und die Wan- gen erröteten leicht. »Guten Tag, Sandrine«, sagte der Chirurg freundlich. »Wie fühlst du dich heute?« »Weniger müde als gestern«, erklärte das Kind mit er- staunlich tiefer Stimme. Sie zeigte auf das eine Bein der Puppe. »Sophia hat sich letzte Nacht das Bein gebrochen, als sie aus dem Bett fiel. Können Sie ihr nicht ein anderes besorgen?« »Ich werde mich persönlich darum kümmern«, ver-, sprach der Chirurg und zwinkerte ihr verständnisvoll zu. Er näherte sich dem Mädchen, nahm seine Hände und schaute sich die Fingernägel an. »Es ist so komisch«, murmelte Sandrine. »Was ist komisch?« »Die Farbe meiner Hände. Habe ich auch andere Hände bekommen?« »Nein, ich habe nichts mit deinen Händen getan.« Rasch prüfte Gaborit den täglichen Krankenbericht. Sandrine hatte normal uriniert, was bewies, daß das transplantierte Herz die Nieren mit ausreichend Blut versorgte. Man hatte keine verdächtigen Blutungen entdeckt, die Lungen funktionierten einwandfrei. Nach einer solchen Operation konnte es Sandrine gesund- heitlich einfach nicht besser gehen. Gaborit war einer jener Ärzte, die sich mit Mißerfol- gen nur schwerlich abfinden und bei Kindern schon gar nicht ertragen können. Er wandte sich an David. »Ich habe dir den Herrn mitgebracht, der dein neues Herz gefunden hat.« Die Augen der Kleinen wurden noch größer. »Danke«, flüsterte sie. »Es funktioniert wirklich sehr gut. Nur nachts schlägt es ein bißchen zu laut, aber es ist bestimmt ein verdammt gutes Herz.« David verschlug es die Sprache. »Es ist das beste Herz auf der ganzen Welt«, sagte er ziemlich verlegen. Als die beiden Männer erneut im Flur standen, geriet David plötzlich in Wut. »Herrgott noch mal! Was soll das alles?« Ganz gefaßt erzählte Gaborit Sandrines kurze Ge- schichte: »Sandrine wurde mit einer schweren Mißbildung, ei- ner Umkehrung der Herzgefäße, geboren. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre ein solches Kind bereits we- nige Tage nach der Geburt gestorben. Doch Professor, Mustard, ein Kanadier, hat einen Weg gefunden, diesen Moment hinauszuzögern. Er hat diesen Kindern eine Frist gegeben, verstehst du? Sandrine war ein soge- nanntes >blaues Kind<. Hast du die Augen der Kleinen gesehen?« David nickte mit dem Kopf. »Nun, diese Augen sind mit denen, die sie vorher hatte, nicht zu vergleichen. Der Blick der >blauen Kin- der< ist entsetzlich. Sie sind sich des Todes ganz genau bewußt.« »Aber warum war in diesem Fall eine Transplantation nötig? Gab es keine andere Lösung?« »Nein. Im Prinzip wird der Mustard-Eingriff sofort nach der Geburt durchgeführt. Dann wartet man vier oder fünf Jahre, bis das Kind stark und alt genug ist, um den Eingriff vorzunehmen, der die Mißbildung endgül- tig beseitigt. Mit Sandrine aber gab es Probleme. Ihr Herz war zu groß, und zusätzlich kam es zu einem Blut- stau. Ihr Blut wußte nicht mehr, wohin es fließen sollte. Zweimal mußten wir sie operieren, ohne Erfolg. Ihr Herz war drauf und dran zu zerreißen, als ich den Not- fall in den Computer eingab. Neun Stunden später brachtest du mir ihr neues Herz.« David verzog den Mund und rieb sich die Nase. »Und wie lange muß das gutgehen?« Gaborit rümpfte die Nase. »Sie steht auf Verträglichkeitsstufe C, aber mit dem neuen Serum wird Sandrine noch gut zehn Jahre ohne Beschwerden leben können. Erst dann werden die er- sten Abstoßungsreaktionen auftreten. Vielleicht dauert es weniger lang, vielleicht länger, ich weiß es nicht. Aber zehn Jahre, David! Zehn Jahre! Bis dahin werden wir wahrscheinlich eine definitive Lösung für Sandrines Problem gefunden haben. Ich bin fest davon überzeugt, daß sie gerettet ist.« Er zeigte auf die nächsten Türen. »Jean-Pierre Pujol: Transplantation der Hornhaut., Adrienne Legal: Transplantation der Leber. Und alle die anderen. Alle haben David Toland ihr Leben zu ver- danken. Die ganze Etage müßte nach dir benannt sein. Und du willst aufgeben, nur weil eine Dilettanten-Ge- werkschaft dir Sorgen bereitet.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Weißt du, was ich an deiner Stelle täte? Ich würde Mitglied der Z.S.A. Jawohl! Ich würde mitten unter ihnen meinen Kampf fortsetzen.« »Damit du auch meine Organe lagern könntest, habe ich recht?« knurrte David. »Hör zu, David ...« »Nein!« brüllte Toland. »Gib dir keine Mühe! Was soll dieser Zirkus mit den Kranken? Das mit Gerstein hast du wohl auch so inszeniert?« »Apropos Gerstein: Ich finde, daß ihr euch vom Cha- rakter her ganz ähnlich seid!« »Das würde dir so passen«, lachte David. »Wenn er eines Tages völlig verblödet ist, setzt du ihm einfach mein Hirn ein. Das würde keinen andern Menschen aus ihm machen. Bis es aber so weit ist, will ich versuchen, mein Material zu verkaufen, und wie die Dinge im Mo- ment stehen, werde ich noch die ganze Nacht zu tun haben. Tschüs, Loiic!« Mit großen Schritten entfernte sich David auf dem Flur und verschwand im Treppenhaus. Der Chirurg stieß einen langen Seufzer aus. »Mein lieber Gaborit, mit den Fingern kannst du vielleicht zaubern, aber als Psychologe mußt du noch eine ganze Menge lernen ...« Am anderen Ende des Flurs tauchte ein Assistenz- arzt auf. »Doktor Gaborit, wir warten schon seit zwanzig Mi- nuten in der Operationsabteilung auf Sie.« Mit Daumen und Zeigefinger massierte der Chirurg ausgiebig seine Augen. »Was steht als erstes auf dem Programm?«, »Eine Hüfte. Sind Sie sicher, daß mit Ihnen alles in Ordnung ist?« fragte der Arzt besorgt. »Ja ja, Kleiner, ich fühle mich topfit! Doch soeben ist mir der heikelste Eingriff dieses Tages danebengegan- gen.« »Und was war das?« »Der Versuch, jemanden von seinen Idealvorstellun- gen abzubringen«, antwortete Gaborit und betrat die Aufzugskabine. Vito stand mit einem Kunden am Eingang des Parks. Milan betrat das Haus mit den vom Salpeter zersetzten Mauern. Als er den Dreck und die Unordnung im Wohnzimmer sah, verzog er das Gesicht und flüchtete in die Küche. Er öffnete den Kühlschrank und nahm sich eine Dose Bier, die er in langen Zügen austrank. Die leere Dose zerquetschte er in der bloßen Hand, und mit dem Hemdsärmel wischte er sich den Mund ab. Stefan war ein echtes Problem. Man konnte unmög- lich zulassen, daß er einem ganzen Heer von Frauen den Kopf einschlug. Zweimal bereits war die Polizei in den Park gekommen, da in den letzten drei Monaten mehrere Mädchen verschwunden waren. Ma war es gewohnt, die Polizisten wegen Vito und seiner Trunk- sucht zu empfangen. Autodiebstahl, Kreditschwindel, verschiedene Überfälle. Vitos Akte auf dem Kommissa- riat wurde immer umfangreicher. Diesmal jedoch ging es um verschwundene Frauen, und diese verfluchten Bullen begannen ernsthaft, Stefan zu verdächtigen. In ihren Augen mußte ein geistig zurückgebliebener Koloß einfach zum idealen Verdächtigen werden. Es mußte schnellstens ein Weg gefunden werden, um den kleinen Bruder unschädlich zu machen, ihn an weiteren Dummheiten zu hindern. Milan schauderte es bei der Vorstellung, daß Ma eines Tages nicht mehr da sein würde, um auf ihn aufzupassen. Er nahm sich eine weitere Dose Bier und trank sie zur, Hälfte leer. Da betrat auch Vito die Küche und sah sich ängstlich um. »Wo ist er?« »Er schläft«, knurrte Milan. Vito seufzte erleichtert, nahm eine Flasche mit dunk- lem sauren Wein und trank einen Schluck. »Verdammt! Ich hatte wirklich geglaubt, diesmal würde er auch mir den Kopf einschlagen!« Mit dem Handrücken schlug Milan ihm die Flasche weg, die an der Wand zerschellte. »Hör auf zu saufen, Idiot!« schrie Milan. »In diesem Zustand bist du doch nicht einmal in der Lage, auf ein Kind aufzupassen!« Ein nervöses Zucken bewegte Vitos runzeliges Ge- sicht. »Ein Kind von hundertdreißig Kilo, du hast mir viel- leicht ...«, stammelte er. »Gewöhnlich stellst du dich doch nicht so zimperlich an. Warum hast du dir dieses Weib nicht einmal angeschaut?« »Weil du dann ein ruhiges Gewissen haben könntest, Arschloch!« schrie Milan und trank sein Bier aus. »Ich sollte dir beide Arme brechen, damit du endlich be- greifst, daß du deinen kleinen Bruder nicht immer für deine Schweinereien ausnützen sollst. Eine Leiche - perverser geht's wohl nicht!« Er rülpste und sah Vito an. »Mach dir doch nicht gleich in die Hose, ich werde dich nicht anrühren.« Vito atmete auf. Das Zucken seiner Wange wirkte grotesk. »Ma braucht dich doch, um den Laden hier zu schmeißen«, knurrte Milan und wischte sich den Staub von den purpurfarbenen Schulterteilen seiner Uniform. »Und ich brauche dich ebenfalls.« Neugierig hob Vito den Kopf. »Mich?« »Triffst du dich immer noch mit den Apachen aus, Montreuil?« fragte Milan, während er die Bierdose wie eine Papierrolle zerdrückte. Fasziniert sah Vito ihm dabei zu. »Ich sehe sie ab und zu«, antwortete er vorsichtig. »Ich hab Arbeit für sie.« Mit dem Zeigefinger tippte er auf die Brust seines Bruders und verzog das Gesicht. »Aber hör gut zu! Du wirst deinen abscheulichen Freunden sagen, daß ich von ihnen verlange, daß sie meinen Anweisungen aufs Wort gehorchen. Keine Dummheiten, verstanden?« »Verstanden ...«, flüsterte Vito. »Setz dich, ich werde dir erklären, was zu tun ist. Kennst du einen Kerl namens David Toland?«

Fünftes Kapitel

Der Computer hatte ein kleines Vermögen gekostet. Doch David zog es vor, noch mehr Schulden zu ma- chen, um sich das Gerät kaufen zu können, als mit ei- nem gewöhnlichen Operator zu arbeiten. Übrigens er- füllte der Computer seine Funktionen perfekt. Gemäß einem von Toland ausgearbeiteten Programm sortierte er die Informationen, schlüsselte sie auf und gab sie so- fort in den Cherokee weiter. Die Auswahl traf er nach dem geografischen Standpunkt des Wagens. Wenn Da- vid unterwegs war, wies unverzüglich ein kurzer Pieps- ton ihn darauf hin, daß auf dem Zeilendrucker am Ar- maturenbrett eine Nachricht eingegangen war. Im Ver- gleich zum Menschen hatte der Computer einen weite- ren Vorteil, der für David von größter Wichtigkeit war: der Computer war Tag und Nacht einsatzbereit. Die Geier der Z.S.A. verfügten über eine riesige Funkzentrale, die nach dem Schema einer Fernrufan- lage für Taxifahrer funktionierte. Ihre Meldungen wa-, ren verschlüsselt, um zu verhindern, daß Unabhängige ihren Sender abhören und von den Informationen pro- fitieren konnten. Auch Tolands Computer verschlüsselte die Mittei- lungen. Von Zeit zu Zeit machte er - eine von Roussels Ideen - auch falsche und zugleich witzige Durchsagen, um die Blutsauger der Gewerkschaft und der Presse in die Irre zu führen. Es wurde Nacht. David und Roussel waren bei der sechsten Klinik angelangt; sie hatten nur ein einziges Auge absetzen sowie eine Herz-Lungen-Kombination an einen unsympathischen Chirurgen verscherbeln können, der zudem behauptete, eigentlich könnte er nur die Arterien gebrauchen. Offensichtlich hatte die Z.S.A. ihre Blockade auf weitere Kliniken ausgedehnt. Der Druck wurde stärker. »Bald sind wir gezwungen, sogar in der Provinz zu verkaufen«, sagte Roussel verärgert. »Dort ist es noch schlimmer. Dort wird alles von der Gewerkschaft kontrolliert. Alle Unabhängigen lassen sich in Paris nieder.« Roussel seufzte und warf einen Blick in den Fond des Cherokee. »Und was tun wir mit dem ganzen Zeug?« »Die Gebärmutter verkaufen wir ans Lilien-Hospital«, erklärte David und konnte gerade noch einem zerstreu- ten Fußgänger ausweichen. »Die werden dort immer gebraucht ...« Nach kurzer Überlegung fügte er hinzu: »Aber warum zum Teufel lassen all diese Weiber ihre Bäuche verfaulen? Antibiotika werden nicht mehr geschluckt, man schmeißt das alte Organ einfach weg und setzt ein neues ein!« »Das Higgins-Syndrom«, erklärte Roussel. »Zwei oder drei Wochen nach einer Geburt oder einer Abtrei- bung entzündet sich die Gebärmutter und bewirkt eine Verstopfung der Eileiter, die in wenigen Tagen ver-, kümmern. Gewöhnlich greift die Entzündung auch auf die Milchdrüsen der Brüste über. Die Einnahme von Antibiotika würde unverzüglich einen Uterusprolaps verursachen ...« David runzelte die Stirn. »Was hat man sich denn darunter vorzustellen?« »Der Uterus senkt sich in die Scheide. In Wirklichkeit verkümmert die ganze Gebärmutter, und alles sackt ein. Wenn die Entzündung dann endlich unter Kontrolle ist, ist das Genitalsystem völlig ausgetrocknet und un- fruchtbar. Es sieht ganz so als, als hätte die Natur plötz- lich beschlossen, daß jede Frau nur noch ein einziges Kind zur Welt bringen darf.« »Das ist doch völlig verrückt«, entgegnete David. »Und wie viele Frauen sind von dieser Schweinerei betroffen?« »Zwischen zehn und fünfzehn Prozent in den Indu- strieländern, fast dreimal soviel in allen übrigen Län- dern.« Roussel kratzte sich am Kinn und betrachtete seinen Fingernagel, als hoffte er, dort die Bestie ausfindig zu machen, die ihn so juckte. »Und die Transplantation? Hilft das diesen Frauen?« Mit dem kleinen Finger, dessen Nagel unglaublich lang war, begann Roussel, in seiner Nase herumzusto- chern. »Das weiß man noch nicht. Wir kennen das Higgins- Syndrom erst seit fünf Jahren, und die erste Gebärmut- tertransplantation liegt noch weniger lange zurück.« David schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Diese Frauen sind bereit, sich unters Messer zu begeben, ohne zu wissen, ob der Ein- griff sie nicht völlig zerstören und ihnen das Leben un- erträglich machen wird.« Roussel sah Toland an. »Sie wollen weitere Kinder bekommen. Worüber be- klagst du dich eigentlich? Findest du, daß es zu viele, Käufer gibt? So lange Transplantationen in Mode sind, brauchen wir nicht Hunger zu leiden.« Der Drucker am Armaturenbrett knatterte. Der Com- puter ließ ihnen eine verschlüsselte Nachricht zukom- men. David nahm den Fuß vom Gaspedal und überflog den Inhalt der Mitteilung. Bei einer Demonstration des Front National hatte es an die zwanzig Opfer gegeben. Die Auseinandersetzungen griffen auf sämtliche Stra- ßen rund um den Sportpalast über. »Fahren wir hin?« fragte Roussel. »Das ist nicht nötig. Es wäre verlorene Zeit. Die Ty- pen der Gewerkschaft sind bestimmt schon alle da, und die Bullen würden uns sowieso daran hindern, dort zu arbeiten. Ich sag dir eins, Gerard: Es sind nicht nur die Frauenbäuche, die in diesem Land verfaulen ...« Während David Toland völlig verdrossen seine Fahrt fortsetzte, wurde Pamela Sirchos jenseits des Atlantiks zum dritten Mal in neun Monaten ins Sprague-Hospital in Miami eingeliefert. Alle liebten Pamela. Eine zweiunddreißigjährige Frau mit einer unglaublich zarten Porzellanhaut, ein Topmo- dell aus den Luxusmagazinen, das ungeheuer intelli- gent war und dem die Türen aller Universitäten offen- gestanden hätten, wenn Pamela es gewollt hätte. Zu- dem war Pamela ungewöhnlich liebenswürdig. Ihre Freunde behaupteten, Pamelas Fotos in den Zeitschrif- ten hätten mehr Herzinfarkte verursacht als die große Krise von 1929, Marilyn Monroes Tod und Marie Dek- kers Sturz im 1500-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen von Los Angeles zusammen. Wenn Pamela ih- ren veilchenblauen Blick auf einen Mann richtete, mochte die ganze Welt aus den Fugen geraten, in die Luft gehen und sich auflösen, ohne daß der Mann die- ses göttliche Bild jemals vergessen würde. In einer Zei- tung, deren Titelbild mit der leichtbekleideten Pamela geschmückt war, hieß es, ihr Körper sei sogar in der, Lage, die Hoden eines Eunuchen zu neuem Leben zu erwecken. Alle Männer träumten von Pamela, auch wenn keine seriöse Studie die Legende belegen konnte, nach der man die ganze UdSSR mit dem Sperma jener Amerikaner überfluten könnte, die sich beim Gedanken an Pamela tagtäglich einen runterholten. Jeder bewunderte Pamela, doch kein Mitglied des Krankenhauspersonals in Miami war glücklich darüber, sie an jenem Tag dort zu sehen. Pamelas Beschwerden begannen vor zwanzig Jahren. Als Zwölfjährige wurde sie damals im Turnsaal ihrer Schule von einem unstillbaren Erbrechen gepackt. Man brachte sie in die Krankenabteilung der Universität, wo sie über Druck auf der Brust klagte. Der Arzt diagnosti- zierte ein rheumatisches Fieber, wie es bei Kindern oft vorkommt. Nur ein geringfügiger Herzklappenfehler. Nach einer kurzen Genesungsphase wurde Pamela ganz einfach geraten, ihr Herz zu schonen und allzu große körperliche Anstrengungen zu vermeiden. Doch Pamela dachte nicht daran, diesem Rat zu folgen, und trieb weiterhin Sport. Obschon bei jeder weiteren ärztli- chen Untersuchung dieser Herzklappenfehler festge- stellt wurde. Erst achtzehn Jahre später, nach einem neuerlichen Unwohlsein, stellte ein Kardiologe eine Mißbildung des Herzens sowie einen Fehler an der Herzklappe fest. Diese Diagnose, die bewies, daß Pamelas Herz nur zu vierzig Prozent funktionierte, wurde von den Herzspe- zialisten in Miami bestätigt. Zuerst wurde Pamela Sir- chos von Professor Russel operiert. Er ersetzte die feh- lerhafte Klappe durch eine Kunststoffklappe, die sich bei den meisten Patienten mit einer ähnlichen Mißbil- dung bewährt hatte. Das Implantat hielt nur eine Wo- che. Die künstliche Herzklappe ging auf einmal kaputt, und fast wäre Pamela gestorben, kurz nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatte. Die Venen in sämtlichen Gliedern schwollen zu gefährlich dicken Krampfadern, an und die ach, so berühmte Porzellanhaut war mit bläulichen Blutergüssen übersät. Die von aller Welt ver- götterte Pamela Sirchos schien dazu verurteilt zu sein, auf dem Gipfel ihres Ruhms zu sterben. Auch in ihrer völligen physischen und moralischen Verzweiflung bewies das Starmannequin, das westliche Topmodell number one, die Echtheit ihrer Liebenswür- digkeit und ihren Humor, der jeder Belastungsprobe widerstand. Das Personal des Sprague-Hospitals be- handelte sie ausnahmslos mit aufrichtiger Freundlich- keit. Da die künstlichen Herzklappen dem Druck ihres Herzens nicht standhalten konnten, fertigte Doktor Russel mit einem Stück Haut, das man der Patientin am Schenkel entnahm, eine neue Klappe an. Hugo Russel war fast hundertprozentig sicher, daß der Eingriff gelin- gen würde. Pamela müßte nur einige Monate lang dar- auf verzichten, im Badeanzug vor den Fotografen zu posieren. Während acht Monaten schien Russel tatsächlich recht zu behalten. Die zweite Klappe funktionierte. Erst als Pamela nach dem Schwimmen am Strand von Flo- rida plötzlich im Sand zusammenbrach, wurde sie zum dritten Mal ins Sprague-Hospital in Miami eingeliefert. Professor Zorski, der weltweit beste Herzspezialist, der gewöhnlich in Philadelphia tätig war, erwartete sie im Operationssaal. Hugo Russel sollte ihm dabei assistie- ren. Zorski war als äußerst launenhafter Chirurg bekannt, der ohne Umschweife seine Meinung sagte und immer wieder das amerikanische Budget für medizinische For- schung kritisierte. Auch ging er regelmäßig zu Cocktail- partys und in die Spielcasinos, wo er unglaubliche Geldsummen verspielte. Er war bei jedem gesellschaft- lichen Anlaß zugegen, wo er hoffte, einen möglichen Geldgeber von seinen halb offiziellen, halb im geheimen durchgeführten Studien über Schädeltransplantationen überzeugen zu können. Zorskis Zeitungsartikel und In-, terviews übten stets großen Einfluß auf politische Um- fragen im Land aus. Aber Mark Zorski war nicht nur diese eigenwillige und zugleich faszinierende Persönlichkeit, die sich im Scheinwerferlicht wohl fühlte, vor Mikrophonen bestens zu überzeugen wußte und für die nach Idolen lechzen- den Amerikaner ein perfektes Ideal darstellte. Sondern er war tatsächlich auch der unglaublichste Herzspezia- list auf der ganzen Welt. Jeder seiner Eingriffe war An- laß zu einem unwahrscheinlichen Begeisterungssturm, und die Zahl seiner Bewunderer (nicht nur die üblichen Studenten und Praktikanten, sondern auch internatio- nale Persönlichkeiten aller politischen Schattierungen) wurde größer und größer. Mit geradezu zauberhafter Geschicklichkeit und Schnelligkeit brachte Zorski es zu diesen Triumphen. Von nun an nannte man ihn überall den Champion, das As der Asse. Er war in der Herz- chirurgie das, was Fischer im Schach war. Eine echte lebende Legende. Zu seinen Launen gehörte auch die Weigerung, je- mals anderswo als in Philadelphia zu operieren. Aus der ganzen Welt kam man zu ihm nach Philadelphia gepilgert. Doch an jenem Tag nahm er das Flugzeug nach Miami, um Pamela Sirchos eine dritte Herzklappe einzusetzen. Es gab mehrere Gründe für diese Reise, doch der wichtigste war zweifellos Pamelas Heirat mit Alexander Sirchos, dem reichsten Mann der Welt. Alexander Sirchos hatte Zorski persönlich angerufen und ihm die Situation kurz erläutert. Das war im Grunde nichts Ungewöhnliches, denn Zorski wurde aus den Arabischen Emiraten, aus Afrika und Australi- en, aus Europa und sogar aus der UdSSR angerufen. Die Antwort jedoch, die der Chirurg übermitteln ließ, war jedes Mal die gleiche: »Nein. Kommen Sie nach Philadelphia, und dann werde ich entscheiden, ob ich Sie operiere oder nicht.«, Die Reise nach Philadelphia bedeutete also nicht un- bedingt, daß der Stararzt die Operation am offenen Herzen auch wirklich vornehmen würde. Zorski verfügte auf seinem Gebiet über die absolute Macht. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika konnte nicht sicher sein, daß Zorski ihn operie- ren würde. Als Alexander Sirchos ihm den Fall seiner Gattin ge- schildert hatte, sagte Zorski nur einen einzigen kurzen Satz: »Ich komme.« Die Apachen versammelten sich in einem riesigen leer- stehenden Fabrikgebäude zwischen Montreuil und Ro- mainville. Die Halle lag mitten auf einem weiten unbe- bauten Grundstück, das mit zahlreichen kraterähnli- chen Vertiefungen übersät war, in denen es von Insek- tenscharen nur so wimmelte. Das Haus sollte eigentlich gänzlich abgerissen und später im Rahmen der Stadt- planung wieder neu aufgebaut werden. Aber irgend- wann war das Projekt abgebrochen worden, die Arbei- ten wurden eingestellt. Nur dieses Gebäude war von den Bulldozern verschont geblieben und stand nun völ- lig unpassend irgendwo im Nichts. Die verfaulende Ruine war zum Revier der Apachen geworden. Hier re- parierten sie ihre Motorräder, bumsten ihre Mädchen, teilten sich die Beute ihrer Raubzüge, und hier schliefen sie oft. Aber ihre Hauptbeschäftigung bestand darin, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und sich wie wilde Hunde am Boden zu wälzen. Beim Überqueren des unbebauten Geländes wich Vito geschickt den Löchern aus. Ein Bomber mußte sich über dem Gelände verirrt und aus Versehen tonnen- weise Granaten abgeworfen haben. Diese Erklärung ge- fiel Vito. Er näherte sich den an der Mauer abgestellten Motorrädern. Sein Blick schweifte über die unzähligen Reifen und den Plunder, der in einer Ecke aufgestapelt war, und fiel schließlich auf Bismarks Electra Glide. Die, Maschine mit ihren violetten Seitenstücken, den makel- los glänzenden Chromteilen und dem weißen Leder bildete einen starken Kontrast zur Landschaft. »Was suchst du hier?« Vito drehte sich um. Im Lagertor stand ein etwa zwölfjähriger Bursche, der so schmierig aussah wie ein alter Zylinderkopf und die Finger hinter den Gürtel sei- ner schmutzigen Jeans geklemmt hatte. Eine Hasen- scharte schürzte auf sonderbare Weise seine Lippen und gab eine verfaulte Zahnreihe frei. Der eingebildete Bengel ließ sich Ranky nennen. Seinen richtigen Namen hatten alle längst vergessen. »Hi, Ranky.« »Hi, Banane, kommst du zur Corrida?« Vito runzelte die Stirn. »Zu welcher Corrida?« »Die Karatemannschaft aus dem Gymnasium kommt«, erklärte Ranky und lachte sich halbtot. »We'll destroy them, und den lahmen Kasten setzen wir in Brand!« Vito schüttelte den Kopf. »Ich hab keine Zeit. Ich muß sofort mit Bismark re- den.« »Ist mit seinem Mädchen beschäftigt. Kannst ihn jetzt nicht stören.« »Sag ihm, daß ich hier bin. Es eilt!« »Wie du willst, Banane.« Ranky verschwand in der Lagerhalle, und Vito folgte ihm. Die ganze Bande hatte sich unter dem Wellblech- dach versammelt. Lauter wertlose Scheißkerle, die hier im Dreck und in der Feuchtigkeit noch einmal verrecken würden. Ein halbes Dutzend Apachen stand um einen Billardtisch, ein wackliges altes Gestell, dessen Teppich bereits total zerfetzt und mit Brandlöchern übersät war. Zwei rothaarige Mädchen stießen ihre Messer in einen Fußball. Überall Leute, die an Stahlträgern lehnten, sich auf dreckigen Matratzen im Schmutz wälzten. Flaschen, und Joints machten die Runde. Es stank nach Äther und Pisse. Vito fühlte sich wie zu Hause. »Hey, Vito!« schrie eine Stimme. »Hast du an meinen Range Rover gedacht?« Irgendwo in einer Ecke ertönte ein hysterisches La- chen. »Keine Zeit bisher.« Ein kahlköpfiger Zwerg sprang von seiner Sitzstange und Vito direkt vor die Füße. In der Hand hielt er einen Schlagring mit rostigen Spitzen. »Scheiße, worauf wartest du denn noch? Schon vor zwei Wochen hab ich dich danach gefragt.« »Reg dich nicht auf!« knurrte Vito. »Du wirst deinen Schrotthaufen schon noch bekommen.« Eines der Messer drang bis zum Griff in den Lederball ein. Die Mädchen kreischten. Ein gräßliches Grinsen verzerrte dem Zwerg den Mund. Er hielt ein rechtecki- ges Stück Papier in der Hand. »Superstoff. Wir haben einen stinkreichen Opa aus- geraubt. Wenn du Geld hast, könntest du .« »Bin völlig platt«, unterbrach Vito und schielte nach dem Papier mit dem Stoff. »Aber wenn du mir bis mor- gen abend was leihen kannst ...« Der Gnom schnitt eine Grimasse. »Das würde dir so passen, alter Bettler. Für nen Schuß fragst du am besten Pif. Wir halten uns heute abend an Wodka. Drei Zentiliter in die Röhre, und du weißt nicht mehr, ob du ein Männchen oder ein Weib- chen bist. Machst du mit?« Vito kratzte sich die Eier. »Bei der Fiesta im Gymnasium?« Der Zwerg schnalzte mit der Zunge. »Rein in den Mist und zustechen. Das wird 'n Spaß, Mann! Das darfst du dir einfach nicht entgehen las- sen.« Lollipop kam näher. Ihre Brüste baumelten aus ihrer geschnürten Lederweste. Ihre Vorderarme waren voller, Tätowierungen. Schon seit Jahren ließ sie sich vom sel- ben Knallkopf vögeln. »Hi, Vito!« zierte sich die Kleine. »Hi, Lolli!« »Wann bringst du mir endlich deinen kleinen Bruder mit, Vito? Ich hätte große Lust, dem netten Kerlchen kräftig einen zu blasen.« Der Gnom lachte laut auf. Lollipop wölbte verführe- risch den Busen. »Es wird gemunkelt, daß du und dein Brüderchen gern in kaltem Fleisch rumfummeln. Und daß der große Milan euch mit den Leichen beliefert.« Der Gnom lachte noch lauter. Vitos Runzeln wurde seltsam grau. In seiner Hosentasche löste er bereits den Haken seines Springmessers. Der Gnom hob den Faust- ring. »Ein bißchen Training gefällig, Vito?« Plötzlich tauchte erneut Ranky auf. »Komm, Banane! Bismark erwartet dich.«

Sechstes Kapitel

Mark Zorski leerte eine letzte Tasse Kaffee, während Hugo Russel Pamela Sirchos' Brustkorb zum dritten Mal öffnete. Zorski setzte die Tasse nieder, zog sich erneut die Schutzmaske über den Mund und näherte sich dem Körper des Stars. Diesmal gab es bei der Operation nur einen einzigen Zuschauer: Alexander Sirchos, der, dis- kret im Hintergrund, in der letzten Reihe hinter der Glaswand Platz genommen hatte. Einen Moment lang beobachtete Zorski Pamelas Herz, hob den Kopf und sah Russels ängstlichen Blick. Das Herz war in sehr schlechtem Zustand. Es wies einen großen grauen Fleck auf, der auf ein Absterben des Gewebes schließen ließ. Auch längst der Nahtstiche war das Gewebe bereits ab-, gestorben. Zorski seufzte. Mit den Fingerspitzen klopfte er auf die zu ersetzende Herzklappe. Ständig wischte eine Krankenschwester Hugo Russel den Schweiß von der Stirn. Pamelas Herzmuskel schien tatsächlich so schwach zu sein, daß kein Chirurg auf der Welt das Ri- siko eingegangen wäre, einen dritten Eingriff vorzu- nehmen. Zorski hatte sich für ein Kunststofftransplantat ent- schieden. Unter den verblüfften Blicken seines Assi- stenten begann er mit der Operation. Er ersetzte die Herzklappe und befestigte ein Maximum an gesundem Gewebe an der Öffnung des Transplantats. In der Ge- schichte der Herzchirurgie hatte noch nie zuvor ein Arzt eine solche kompakte Naht zustande gebracht. Russel war schweißgebadet. Zusätzlich verstärkte Zorski die Naht durch einen Dacron-Schutz, den er über die Nar- ben legte. Er arbeitete mit außergewöhnlicher Fingerfer- tigkeit und Schnelligkeit. Es war, als würde er im Ver- lauf der Operation etwas Neues erfinden, etwas Neues schaffen, und den Augenzeugen seiner großen Leistun- gen gab er das Gefühl, eher einen Bildhauer als einen überdurchschnittlich begabten Handwerker bei dessen Tätigkeit zu beobachten. Während der ganzen Operation sagte Zorski nur ei- nen einzigen Satz: »Der Druck auf die Herzklappe ist zu groß. Ich werde eine Abzweigung vornehmen und eine zweite Klappe einsetzen.« Beinahe wäre Russel vor Überraschung auf der Stelle tot umgefallen. Fast zwei Stunden lang operierte Zorski Pamelas Herz; dann richtete er sich endlich auf und gab Russel den Befehl, den Brustkasten erneut zu schließen. Russel hatte, obwohl er auch nicht gerade der erstbeste Chirurg war, den Eindruck, seine erste praktische Lehr- stunde hinter sich gebracht zu haben. »Ich glaube, diesmal wird es halten«, murmelte Rüs- sel. Zorski sah ihn mit völlig ausdruckslosen Augen an, und ging hinaus. Alexander Sirchos erwartete ihn am Ausgang des Operationssaals. Bismarks riesiger weißer Arsch bewegte sich wild auf und ab. Der Apache mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, um das Mädchen, das auf einer Kante des Reso- paltisches hockte, vögeln zu können. Er fickte sie wie ein Pferd. Von Zeit zu Zeit warf er den Kopf nach hin- ten, schüttelte die roten Haare und stieß eine Art Wie- hern aus. Ranky schaute dem Schauspiel zu und fuhr sich immer wieder mit der Zunge über die rissigen Lip- pen. Vito konnte sich nicht erinnern, dieses Mädchen schon einmal gesehen zu haben. Aber im Gegensatz zu Bismark war sie sehr schön. »Na, Banane, kriegst 'nen Steifen?« grinste Ranky. Mit knapper Not entging der Bursche Vitos Schlag ins Gesicht. »Geh und wichs dir einen, Rotznase!« Mit beiden Händen kramte Ranky seinen Schwanz und die Eier aus seiner Jeans. »Willste mal kurz anfassen, Banane? Man erzählt sich doch, du wärst ein phantastischer Lutscher!« Ranky sprang nach hinten. Die Klinge von Vitos Springmesser streifte seinen Oberschenkel. Frech lutschte der Junge seinen Mittelfinger und zeigte damit auf Vito. Während er weiterfickte, knurrte Bismark gereizt und drehte sich zu Vito um. »Du willst mit mir sprechen?« Das Schauspiel war zugleich grotesk und beeindruk- kend. Bismark deutete auf einen kaputten Sessel. »Setz dich. Ich hör dir zu.« Vorsichtig hockte Vito sich auf die Sesselkante. Bis- mark hatte seinen Rhythmus deutlich beschleunigt. Er fickte wie rasend. Das Mädchen klammerte sich an ihn, ohne einen Laut von sich zu geben., »Und?« fragte Bismark ungeduldig. »Du bist doch wohl nicht hergekommen, um zu sehen, wie ich diese Nutte bearbeite?« Vito schluckte mühsam. »Es gibt Arbeit.« »Was für 'ne Arbeit?« »Ein Sammler.« Plötzlich löste sich Bismark von seiner Partnerin und ejakulierte auf ihren Bauch. Er hatte einen riesigen, überlangen Schwanz, der so knorrig wie ein Rebstock war. Er schob ihn in seine Lederhose zurück und gab dem Mädchen einen Klaps auf den Hintern. »Los, Kleine, hau ab! Ich hab zu tun.« Schamlos krümmte sich das Mädchen. Spermatrop- fen perlten über ihre Schamhaare. »Darf ich heute abend mit dir zur Corrida?« bettelte sie. »Nein, du gehst schön brav mit Lollipop und Pissette auf den Strich.« Damit war jede Diskussion beendet. Das Mädchen seufzte enttäuscht und ging tänzelnden Schrittes da- von. »Schickt Milan dich?« Vito nickte. »Und was sollen wir mit deinem Geier anstellen?« Vergnügt ließ er den Daumen unter dem Kinn ent- langgleiten. »Nein. Nur sein Material soll zerstört werden. Der Wagen und die Geräte.« »Und der Kerl soll nicht umgelegt werden?« fragte Bismark erstaunt. »Nein. Das möchte Milan auf keinen Fall.« »Und wann soll's über die Bühne gehen?« fragte Bis- mark und zog den Reißverschluß seiner Hose hoch. »Heute nacht«, seufzte Vito. Bismark trat näher, wie üblich grinsend. Brutal packte er Vito an den fettigen Haaren und riß seinen Kopf nach, hinten. Vito jammerte. Bismark beugte sich über ihn, als wollte er ihn küssen. »Was stellt ihr euch in euren verdammten Köpfen bloß vor?« brüllte der Häuptling der Apachen. »Daß ich diesem Blödmann von Milan ständig zur Verfügung stehe? Daß er nur mit den Fingern zu schnippen braucht und ich prompt antrete ...?« »Es ist die Gewerkschaft, die bezahlt!« fügte Vito rasch hinzu. Bismark lockerte seinen Griff, hob sein Opfer hoch und brachte dessen Frisur mit der flachen Hand wieder in Ordnung. »Das hättest du gleich sagen sollen«, flüsterte er sal- bungsvoll. »Warum hast du den Mund nicht aufge- macht?« Mit einem kräftigen Ruck stieß der Häuptling Vito in den Sessel zurück. »Du weißt ganz genau, daß ich Milan nichts abschla- gen kann«, erklärte Bismark und nahm eine Flasche Whisky aus einem alten Koffer. »Milan ist wie ein Bru- der für mich.« In Wirklichkeit haßten die beiden sich. Eine alte Ge- schichte, die bis in ihre Kindheit zurückging. Alle wuß- ten, daß Milan, sofern er es nicht vorgezogen hätte, sei- ne Macht anderswo auszuüben, Bismarks Stelle einge- nommen hätte und König der Ratten, Kaiser im Wun- derland geworden wäre. Vito wußte auch, daß gewisse Wunden nie ganz verheilten. Bei der erstbesten Gele- genheit würde Bismark Milan beweisen, daß er der Stärkere von beiden war. Auch Milan wußte das. Vito begriff überhaupt nichts mehr. Er griff nach der Flasche, die Bismark ihm hinhielt. »Hast du das Geld mitgebracht?« fragte Bismark un- geniert. Mit der flachen Hand wischte Vito über die Öffnung des Flaschenhalses. »Einen Vorschuß bekommst du, wenn du den Auf-, trag annimmst. Den Rest nach erfolgreichem Ab- schluß.« Vito nahm einen Schluck Whisky. Bismark kam er- neut näher, packte die Flasche, hielt sie senkrecht und zwang Vito zu trinken. »Trink, Hurensohn!« murmelte Bismark. »Trink auf mein Wohl!« Vito bekam fast keine Luft mehr und schielte auf den in Bismarks linke Hand eintätowierten Skorpion. Vor Jahren hatte sein Bruder Milan ihm immer wieder ge- sagt: >Von vorn sehen die Skorpione völlig ungefährlich aus, doch in ihrem Rücken halten sie ihr tödliches Gift versteckt. Der erste Skorpion wurde am Tag der Toten geboren !< Mark Zorski war es gewohnt, es mit den Mächtigen die- ser Welt zu tun zu haben. In diesem strahlenden Mikro- kosmos, in diesen Sphären der absoluten Macht hatte er die schrecklichsten und außergewöhnlichsten Men- schen kennengelernt, aber niemand hatte ihn so sehr beeindruckt wie Alexander Sirchos. Der Milliardär schien aus reinstem Stahl zu sein. Von seinen silber- grauen Schläfen, die sich wie zwei Pfeile in sein tief- schwarzes Haar bohrten, bis zu seinen metallgrauen Augen wirkte Sirchos wie der perfekte Androide, wie eine vollkommene, unerschütterliche Skulptur. Als Kenner der menschlichen Anatomie war Zorski sogleich aufgefallen, daß es an Sirchos keinerlei Rundungen gab. Sein Gesicht und sein Körper, von den unwahrschein- lich stark vortretenden Backenknochen bis zu den lan- gen schmalen Fingern - alles war eckig und kantig. Seine Haut glänzte in bläulichen Farben. Seine offen- sichtliche Geschmeidigkeit verhinderte nicht eine tadel- lose, unerbittlich gerade Körperhaltung. Keine seiner Bewegungen wirkte willkürlich oder zögernd. Seine er- staunlich tiefe Stimme unterstrich die Kälte, die er aus- strahlte., Am Telefon hatte Sirchos nur einen Vorschlag ge- macht. Einen einzigen. Im Falle einer erfolgreich durch- geführten Operation würde er Zorski sämtliche Kredite gewähren, die dieser für seine Hospitäler und seine For- schungsarbeit benötigte, ohne quantitative oder zeitli- che Begrenzung. Keiner von beiden hatte von einem möglichen Mißerfolg gesprochen. Soeben hatte Zorski die teuerste Operation in der Ge- schichte der Medizin abgeschlossen. »Wie geht es ihr?« fragte der Milliardär. Zorski begriff sofort, daß er diesem Mann keine der üblichen Antworten geben konnte wie: >Die Operation ist gelungen. Ihrer Frau geht es den Umständen ent- sprechend gut .. .< Solche Antworten würde Alexander Sirchos nicht akzeptieren. Zorski holte tief Luft und seufzte eher, als daß er klar und deutlich sprach. »Nicht besonders gut, fürchte ich. Ich wußte nicht, daß Pamelas Herz so sehr in Mitleidenschaft gezogen war. Und ich kann Ihnen nicht versprechen, daß diese neue Klappe länger halten wird als die vorherigen. Das Gewebe ist zum Teil abgestorben. Es ist zweifellos nicht mehr in der Lage, den Druck eines normalen Herzens auszuhalten. Ich habe eine Abzweigung vorgenommen, um das Gewebe um die Herzklappe zu entlasten. Sie müssen verstehen, daß dieses Herz, das viel zu lange mit weniger als fünfzig Prozent seiner Leistungsfähig- keit funktioniert hat, nun nicht mehr in der Lage ist, eine hundertprozentige Leistung zu bringen.« Sirchos wirkte verkrampft, seltsam nervös. Pamela war unbestreitbar sein schwacher Punkt. Der Milliardär hätte alles darum gegeben, sie vor dem Tod zu retten, und mit seiner Ohnmacht konnte er sich nur schwerlich abfinden. »Wie stehen die Aussichten auf Erfolg?« fragte er ziemlich gefühllos. Zorski zuckte mit den Schultern., »Schwer zu sagen, Mister Sirchos. Das hängt von so vielen Einzelheiten ab. Die neue Klappe kann fünf Tage oder zehn Jahre lang funktionieren. Was mir eher Sor- gen bereitet, ist das Herz. Es kann jeden Augenblick aufhören zu schlagen.« Als Zorski sah, wie Sirchos völlig reglos dastand, war ihm klar, daß er ihm nicht ständig nur mit schlechten Nachrichten kommen durfte. »Sie müssen gut auf Pamela aufpassen«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Sie muß ständig unter ärztlicher Kon- trolle sein, und Sie müssen sie vor jeder Anstrengung oder Aufregung schützen, die ihren Herzschlag be- schleunigen könnte. Unter diesen Bedingungen und mit der entsprechenden chemotherapeutischen Be- handlung kann Pamela noch so lange leben, bis ...« Er zögerte kurz. »Wie lange?« ermutigte ihn der Milliardär. »Bis wir eine ihrem Problem tatsächlich entspre- chende Lösung gefunden haben.« Er räusperte sich. »Es hat keinen Sinn, Ihnen etwas vorzumachen, Mi- ster Sirchos. Eine vierte Herzklappe können wir ihr nicht einsetzen. Ich habe Ihrer Frau nicht das Leben ge- rettet, sondern es nur verlängert. Ich habe ihren Tod nur etwas weiter hinausgezögert, mehr nicht, und ich will für meine Arbeit auch gar nicht bezahlt wer- den.« Der Blick des Milliardärs verriet ihm, daß ihm nun auch der schwierigste Teil der Operation gelungen war. Denn soeben hatte er Alexander Sirchos' vollstes Ver- trauen gewonnen und war somit zum mächtigsten Mann der Welt geworden. Wie David vermutet hatte, kaufte die Lilien-Klinik ih- nen - nach einer kurzen, aber unangenehmen Diskus- sion über die von der Gewerkschaft festgesetzten neuen Tarife - die Gebärmutter ab. Anscheinend war Steve, Odds nach einer neuen Taktik vorgegangen, um sich auch mit den letzten Krankenhäusern zu verbünden, die nach wie vor vorurteilslos mit den Unabhängigen zusammenarbeiteten: Er verkaufte zu drastisch gesenk- ten Preisen. Seit einigen Tagen gaben die Z.S.A.-Geier ihr Material zu regelrechten Schleuderpreisen ab, um jegliche Konkurrenz zu erdrücken. Trotz aller Sympa- thie, die er Toland entgegenbrachte, konnte der Chirurg der Lilien-Klinik, der ihn empfing, ihm nicht verspre- chen, auch in Zukunft noch Organe zu kaufen, die viel teurer waren als die, die der größte Lieferant des Landes anzubieten hatte. «Zudem gehört das nicht mehr in meinen Aufgaben- bereich«, erklärte er. »Ich bekomme Schwierigkeiten mit der Verwaltung.« »Die Z.S.A. wird diese niedrigen Preise nur so lange beibehalten, bis alle Unabhängigen das Feld geräumt haben«, antwortete David. »Sobald wir von der Bildflä- che verschwunden sind, werden die Preise erneut stei- gen, und Sie können sicher sein, daß dieser verdammte Steve Odds das verlorengegangene Geld schon wieder eintreiben wird.« Der Chirurg lächelte. »Halten Sie uns nicht für dumm, Toland. Was Sie eben gesagt haben, wissen wir schon lange. Die Z.S.A. strebt das Sammlermonopol an. Das ist nicht unbedingt wünschenswert, einverstanden, aber versuchen Sie mal, sich der Gewerkschaft zu widersetzen. Wie wollen Sie den Patienten erklären, daß sie für eine Operation oder einen Krankenhausaufenthalt mehr bezahlen müs- sen, nur damit die Konkurrenz überleben kann? Wie wollen Sie die Finanzabteilung davon überzeugen, daß sie von zwei gleichwertigen Artikeln den teueren kau- fen muß? Und selbst wenn Ihnen das gelingen sollte, würde die Z.S.A. unverzüglich eine gigantische Werbe- kampagne starten, und sehr schnell hätte die Gewerk- schaft sämtliche Verbraucher auf ihrer Seite. Wissen, Sie, Toland, in den USA sind die besten Sammler längst Mitglied der mächtigsten Gewerkschaften .« David verzog das Gesicht. »Sie sind schon der zweite verdammte Arzt, der mir an diesem verdammten heutigen Tag diesen Vorschlag macht. Aber Sie verlieren damit nur Ihre Zeit. Ich habe nicht die Absicht, mich in Steve Odds' Dienst zu stel- len.« Als sie erneut im Cherokee saßen, schien Gerard Roussel völlig entmutigt zu sein. Wütend zerriß er die letzten Meldungen über die Zwischenfälle in der Nähe von Bercy. »Diesmal, glaube ich, gibt's nichts mehr zu retten ...« David drehte sich zu ihm um. »Ich habe rasch eine kleine Berechnung aufgestellt«, erklärte sein Partner. »Mit dem, was wir in diesem Mo- nat verkauft haben, können wir nicht einmal unsere Unkosten decken, selbst wenn wir uns den neuen Tari- fen anpassen. Weißt du, was das bedeutet? Wir arbeiten mit Verlust, mein Lieber. Mit Verlust!« David nickte. »Genau!« erwiderte er. Roussel runzelte die Stirn. »Was willst du damit sagen?« »Die Z.S.A. hat doch noch viel höhere Unkosten als wir, oder?« »Na und?« »Ewig lange wird sie das also nicht durchhalten«, sagte David lächelnd. »Odds kann die New Yorker Banken nicht ständig um finanzielle Unterstützung bitten. Wir müssen nur lange genug Widerstand lei- sten.« »Widerstand leisten?« stöhnte Roussel. »Aber wie, verdammt noch mal? Wenn das so weitergeht, halten wir es keine vierzehn Tage mehr aus. Und spätestens in zwei oder drei Monaten werden die Gerichtsvollzieher unsere ganze Ausrüstung beschlagnahmt haben. Erklär, mir mal, wie du unter solchen Voraussetzungen Wider- stand leisten willst!« »Indem wir doppelt soviel Arbeit leisten«, antwortete David gelassen und steuerte den Cherokee zum Aus- gang des Lilien-Hospitals. Keiner von beiden bemerkte den Studebaker, der am Bürgersteig parkte. Am Steuer des mit dem Z.S.A.-Sie- gel gekennzeichneten Wagens saß Mirko Milan und be- obachtete die Abfahrt des Cherokee ...

Siebtes Kapitel

So unwahrscheinlich es auch erscheinen mochte, aber Alexander Sirchos hatte beschlossen, im Hospital zu bleiben, nur etwa fünfzig Meter vom Zimmer seiner Frau entfernt. Man hatte ihm einen Raum zur Verfü- gung gestellt, den er in wenigen Stunden einrichten und umgestalten ließ und der ihm sowohl als Büro als auch als Schlafzimmer diente. Er hatte sogar beschlos- sen, dort etliche seiner Vorstandssitzungen abzuhalten. Was auch immer geschehen mochte, Sirchos war nicht bereit, das Sprague-Hospital in Miami für mehr als zwei Stunden zu verlassen. Pamela brauchte ihn; die ande- ren sollten zu ihm kommen. Unter der strengen Auf- sicht seiner Innenarchitekten hatte sich das einstige Krankenzimmer mit den sechs Betten in ein luxuriöses Wohnzimmer mit herrlichen königsblauen Seidenbe- hängen an den Wänden verwandelt. Ferner war es mit bequemen Ledersesseln und einem supermodernen Schreibtisch ausgestattet. Sechs verschiedenfarbige Te- lefonapparate, zwei Fernschreiber, ein Computer und eine grell orangefarbene Kaffeemaschine waren einige Stunden zuvor bereits aufgestellt worden. In einem Ne- benzimmer wurden zwei Sekretärinnen untergebracht, die dem Milliardär jederzeit zur Verfügung standen., »Ich habe sie zurückhalten müssen«, entschuldigte sich Sirchos und trat einen Schritt zur Seite, um Mark Zorski vorbeizulassen. »Sonst hätten sie sogar noch ei- nen Teppichboden gelegt.« Zorski wußte es zu schätzen, mit welcher Eleganz Sir- chos es verstand, seinen Gesprächspartnern ihre Befan- genheit zu nehmen. Der Milliardär bot dem Chirurgen einen Sessel an und nahm selbst hinter seinem Schreib- tisch Platz. Unverzüglich setzte er sich über die Direkt- leitung mit dem Direktor der Bank of Florida in Verbin- dung und bat ihn, ein Konto auf Mark Zorskis Namen zu eröffnen. Der Chirurg wurde von einem seltsamen Schwindelgefühl erfaßt. Einen Moment lang betrachtete er die Kaffeemaschine, die so gar nicht in diesen Raum paßte. Sirchos legte wieder auf. »Von diesem Konto können Sie jede beliebige Summe abheben, die Sie benötigen«, erklärte Sirchos. »Über Ihre Ausgaben brauchen Sie mir in keinster Weise Re- chenschaft abzulegen.« Eine Zeitlang saß Sirchos schweigend da. Dann nahm er eine Zigarre aus einem Kistchen und rollte sie unend- lich lange zwischen den Fingern, ohne, wie es schien, tatsächlich die Absicht zu haben, sie zu rauchen. »Allerdings nehme ich Ihre Weigerung, bezahlt zu werden, zur Kenntnis, Monsieur Zorski«, sagte der Mil- liardär mit einem milden Lächeln, »und füge meinem ersten Vorschlag eine neue Bedingung hinzu. Mein ganzer Reichtum steht Ihnen zur Verfügung ...« Ein kurzes ausdrückliches Schweigen, bevor er hin- zufügte: »... solange Pamela lebt.« Zorski war froh, daß er sich hingesetzt hatte. Er suchte nach einer passenden Antwort, fand jedoch nicht die richtigen Worte. »Ich weiß, daß Ihre Forschungsarbeiten Ihnen sehr viel bedeuten und Sie ihnen enorm viel Zeit widmen«, fuhr Sirchos fort. »Daher werde ich Sie auch nicht bit-, ten, Pamelas medizinische Betreuung, zu der Sie mir ge- raten haben, selbst zu übernehmen. Können Sie mir ei- nen guten Arzt empfehlen?« Zorski hatte Lust auf einen doppelten Bourbon. »Warum nicht Hugo Russel?« schlug er vor. »Er ist ein ausgezeichneter Chirurg.« Sirchos schien von diesem Vorschlag nicht allzu be- geistert zu sein und verzog ein wenig den Mund. »Er ist bereits zweimal gescheitert«, brummte er. Zorski schüttelte den Kopf. »Es geht nicht darum, daß Russel Ihre Frau ein weite- res Mal operieren soll, Monsieur Sirchos«, antwortete der Chirurg. »In Anbetracht der Verhältnisse und der Bedingungen unserer neuen Vereinbarung bin ich unter keinen Umständen bereit, einem anderen die Verant- wortung zu überlassen. Ich nehme an, daß Sie genau das erreichen wollten. Aber wenn es darum geht, einen Arzt zu finden, der Pamelas Genesung und Betreuung überwachen und mich bei etwaigen Problemen sogleich benachrichtigen soll, dann ist Russel genau der richtige Mann. Und was Pamela angeht, so hat Russel noch ei- nen zusätzlichen Vorteil.« »Wieso?« »Weil er schreckliche Angst vor Ihnen hat, Monsieur Sirchos.« Der Milliardär lächelte. Zwei winzige Grübchen zeig- ten sich auf seinen Wangen. »Und Sie? Haben Sie keine Angst vor mir?« Zorski runzelte die Stirn. »Doch«, gab er zu. »Aber sobald ich den Operations- saal betrete, vergesse ich, wen ich da eigentlich operie- ren soll.« Sirchos beugte sich leicht nach vorn. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie vorhin keine Se- kunde lang daran gedacht haben, daß Sie Pamela Sir- chos operierten?« fragte er mit einem Mal ganz interes- siert., »Nicht eine Sekunde lang«, antwortete Zorski. Sirchos erhob sich und trat an die Kaffeemaschine. »Ich glaube, Sie sind die beste Geldanlage, zu der ich mich jemals entschlossen habe, Doktor Zorski«, mur- melte er. »Möchten Sie eine Tasse Kaffee?« »Nein, danke. Aber wenn Sie mir einen doppelten Bourbon mit sehr viel Eis anbieten könnten .« Sirchos lachte laut und ehrlich. Zorski war völlig ent- spannt. Mein Gott, dieser Mann war also doch ein Mensch! Langsam fuhr der Cherokee nach Pre-Saint-Gervais. Der Computer gab keine Meldungen aus Bercy mehr durch. »Okay«, seufzte David. »Was bleibt uns noch?« Rasch überflog Roussel die Liste. »Die Null-positiv-Leiche und die Augen.« David schaute kurz auf die Digitaluhr am Armaturen- brett. Zwei Uhr nachts! Ein unglaublicher Zeitaufwand, um das Material an den Mann zu bringen, das sie in knapp einer Stunde gesammelt hatten. Die Geier der Gewerkschaft kannten jedenfalls keine solchen Proble- me. Sie waren nicht einmal für den Verkauf ihrer Ware zuständig. Sie brachten die Organe nur in ihre Zentrale, wo eine spezielle Abteilung für den Verkauf sorgte und die Zwischenhändler belieferte. David war so müde und angespannt, daß er sich einen riesigen Organhan- del zwischen Grossisten und Kleinhändlern vorstellte, der gänzlich von Steve Odds beherrscht wurde. »Im Rothschild-Hospital werden Hornhäute ge- braucht«, sagte Roussel mit müder Stimme. »Sollten wir da nicht mal vorbeischauen?« David nickte. »Schon unterwegs.« Einen Augenblick lang schwiegen die beiden Männer. Dann sagte David plötzlich: »Wir brauchen einen Ver- käufer. Einen Verkäufer und einen zweiten Wagen. So-, bald der Cherokee voll wäre, übernähme dieser Mann den Wagen und würde sich um den Verkauf der Organe kümmern. In dieser Zeit könnten wir weiterarbeiten.« Fassungslos schloß Roussel die Augen. »Ein Verkäufer ...«, flüsterte er. »Wir wissen nicht einmal, wie wir unsere Schulden bezahlen sollen, und du sprichst davon, einen zweiten Wagen zu kaufen und einen weiteren Mann einzustellen. Was stellst du dir ei- gentlich vor, David? Man könnte meinen, du wärst dir unserer momentanen Lage absolut nicht bewußt. Fak- ten, David, sieh dir doch bloß die Fakten an! Um wieder auf die Beine zu kommen, brauchen wir täglich zwei solcher Unfälle wie heute. Zwei pro Tag! Hörst du?« »Wir müssen einen Weg finden, um den Cherokee rund um die Uhr in Betrieb zu halten.« »Das wären zwölf Stunden für jeden von uns bei- den«, grinste Roussel. »Genau.« »Aber das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!« seufzte Roussel. Der Drucker am Armaturenbrett begann zu knattern. Die Auseinandersetzungen hatten nun auf Austerlitz und Bastille übergegriffen und bewegten sich in Rich- tung Quartier Latin. Alle Sammler der Z.S.A. waren im Einsatz. »Was ist nur los, Gerard?« murmelte David. »Was zum Teufel ist in diesem verfluchten Land nur los?« Roussel kratzte sich am Kinn. Es wurde höchste Zeit, sich mal wieder zu rasieren, zu duschen und vor allem zu schlafen. David schaltete die Scheinwerfer ein. Schmutziger Regen besudelte die Windschutzscheibe. Der Fotograf versteckte sich im Dunkel einer Torein- fahrt. Am anderen Ende der Straße erhellte ein riesiges, von Explosionen erschüttertes Flammenmeer die Häu- serfassaden. Die Sirenen und das Zischen der Granaten, drangen durch die Stille. Der Mann zog ein Taschen- tuch aus seiner Jackentasche und wischte sich das Ge- sicht ab. Er sah Schatten über die Straße huschen, hörte Schreie, Rufe, Schüsse ... Der Mann drückte sich gegen den Türstock. Schüsse! Das ist doch nicht möglich! dachte er. Er mußte sie mit den Detonationen eines Granatwerfers verwechselt ha- ben. Erneut beugte er sich nach vorn. Eine Gruppe Mani- festanten standen um das Feuer. Am anderen Ende der Straße rückten, Seite an Seite, zwei Schützenpanzer vor, gefolgt von einer Meute behelmter Polizisten. Ein Kugelhagel prasselte auf die Maschinen nieder. Der Fotograf legte einen neuen Film ein. Mit unglaub- licher Brutalität schossen die Polizisten um sich. Mit zit- ternder Hand fotografierte der Mann die Szene, Bild um Bild. Fassungslos sah er, wie ein Manifestant zu Boden fiel und von einem der Schützenpanzer rücksichtslos überfahren wurde. In den anderen Straßen ertönten weitere Schüsse. Das verrückte Knattern eines Maschi- nengewehrs ... Der Mann senkte seine Kamera. »Mein Gott ...« Als er hinter den Polizisten eine Reihe kleiner Last- wagen auftauchen sah, erfaßte ihn ein noch größerer Schrecken. Alle Wagen trugen das Zeichen der Z.S.A. Die Geier in ihren schwarzvioletten Uniformen luden die Leiche des überfahrenen Manifestanten auf. Der Fotograf lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter. Im Rothschild-Hospital erlebten Gerard und David ihre größte Enttäuschung. Auch wenn der Assistenzarzt, der für die Lagerung zuständig war, den Unabhängigen die Organe diesmal noch problemlos abkaufte, so wies er doch darauf hin, daß die neuen Preise bereits am, nächsten Tag in Kraft treten würden und er die Anwei- sung erhalten habe, sich danach zu richten. Die von der Z.S.A. festgesetzten Preise waren so lächerlich niedrig, daß die Gewerkschaft sich das Monopol ohne Zweifel sichern würde. In Zukunft hätten die Unabhängigen nichts mehr zu lachen ... »Für die Verwaltung des Instituts ist es ein wahrer Glücksfall«, erklärte der Assistenzarzt und legte das Material der Sammler in einen Konservierungskasten, der merkwürdigerweise das Zeichen der Raumfahrtbe- hörde trug. »Zumal die Gewerkschaft zweihundert zu- sätzliche Wagen in Betrieb nehmen wird.« David zuckte zusammen. »Woher wissen Sie das?« »Von meinem Schwager. Er arbeitet dort in der Zen- trale, und die Gewerkschaft stellt auch dauernd neue Leute ein.« Er schaute David an und wurde unsicher, so als wäre er sich plötzlich bewußt geworden, daß er mit Konkur- renten der Z.S.A. sprach. »Es wird schwierig für Sie werden ..«, flüsterte er und wandte sich ab. »Danke für die Warnung«, brummte Roussel fas- sungslos. »Das haben wir uns fast schon gedacht.« An der Kasse des Hospitals ließen die beiden Samm- ler sich bezahlen und gingen zum Cherokee zurück. David pflegte seine Ausrüstung sehr sorgfältig, und der Wagen glänzte im Neonlicht des Parkplatzes. Für Rous- sel jedoch war der Cherokee ab sofort nur noch etwas, was unheimlich viel Geld verschlang. »Wir müssen nur zweimal soviel arbeiten, nicht wahr?« lästerte er und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. David startete den Motor und drückte kräftig auf das Gaspedal. »Wo nehmen die nur das ganze Geld her?« fluchte er vor sich hin. »Es gibt in diesem Land doch gar nicht ge-, nug Arbeit für zweihundert neue Wagen und vierhun- dert zusätzliche Sammler! Es ist heller Wahnsinn! Sie werden doch wohl nicht sämtliche amerikanischen Banken ruinieren wollen, nur um die europäischen Un- abhängigen aus dem Weg zu räumen ...« »Sollten wir nicht besser zu Bett gehen?« schlug Roussel vor und streckte sich. Der Cherokee verließ das Gelände des Rothschild-In- stituts und fuhr in Richtung Ringautobahn. Hinter ihnen fuhr auch Mirko Milans Studebaker mit ausgeschalteten Scheinwerfern los .Gelassen schlürfte Mark Zorski seinen zweiten Bour- bon. Von Zeit zu Zeit knatterte einer der Fernschreiber wie ein Maschinengewehr und stieß einen etwa zwan- zig Zentimeter langen bedruckten Papierstreifen aus, dem Alexander Sirchos jedoch nicht die geringste Auf- merksamkeit schenkte. Offensichtlich schien der Mil- liardär nur noch an Zorskis Erfolg interessiert zu sein. Unermüdlich stellte er Fragen und wollte alles ganz ge- nau wissen, wie ein kleines Kind. Kaum daß er sich von Zeit zu Zeit erhob, um einen Blick auf den Monitor zu werfen, wo Meldungen in einer Sprache vorbeizogen, die Zorski nicht entziffern konnte. Obwohl der Chirurg von sich behaupten konnte, zwölf der meistgesproche- nen Sprachen der Welt, einschließlich Russisch, Chine- sisch und Japanisch zu beherrschen. Doch von den Sät- zen auf dem Bildschirm konnte er kein einziges Wort entziffern. Die Atmosphäre in diesem nun in einen Computerraum verwandelten einstigen Krankenzim- mer war fremdartig, magisch. Zorski war seltsam zumu- te. Er ertappte sich bei der Vorstellung, ins Zentrum der Welt vorgedrungen zu sein, dorthin, wo alle für diesen Planeten wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Und das Erstaunlichste an der ganzen Geschichte war, daß er sich dort ausgesprochen wohl zu fühlen begann. Mit einer Hand deutete er auf den Bildschirm., »Ein Geheimcode?« Augenblicklich erstarrte Sirchos' Gesicht, wurde här- ter, bevor sich schließlich erneut ein Lächeln andeutete. »Ja«, gestand der Milliardär. »Eine krankhafte Ange- wohnheit aus meiner Kindheit. Wie so viele Jugendliche führte auch ich ein geheimes Tagebuch. Mit dem Unter- schied allerdings, daß ich alles in Geheimschrift schrieb und das System alle paar Wochen änderte. Aber glau- ben Sie nur nicht, daß es sich um simple Codes handel- te. Wahrscheinlich wissen Sie, daß mein Vater einer der Direktoren des CIA war. Mit zehn Jahren bereits konnte ich die Mitteilungen entschlüsseln, die er erhielt. Und ich darf mit Stolz behaupten, daß ich als Vierzehnjähri- ger einen quasi unentschlüsselbaren Code entwickelte, der heute noch vom Geheimdienst benutzt wird ...« Als er die Verwirrung des Chirurgen sah, fügte er la- chend hinzu: »Aber ich fürchte, ich habe diese Fähigkeiten fast ganz verloren. Heute könnte ich die Texte aus meiner Jugendzeit nicht mehr entziffern. Meine literarischen Anfänge sind also nicht mehr nachvollziehbar.« »Besitzen Sie diese Tagebücher nicht mehr?« »Pamela hat sie sorgfältig aufbewahrt«, sagte Sirchos und schenkte sich die zehnte Tasse Kaffee dieses Abends ein. »Sie hat sie in einen Safe gesperrt wie wertvolle Reliquien. Ich weiß nicht warum. Oft schon habe ich sie wegen dieser Manie ausgelacht. Denn - ich sage es Ihnen noch einmal - selbst die größten Speziali- sten des CIA und des KGB könnten nicht mehr als ein Viertel davon entziffern.« Zorski genehmigte sich einen Schluck Bourbon. Ein Eiswürfel knirschte ihm zwischen den Zähnen. Er schaute erneut auf den Bildschirm. »Aber diesen Code entziffern Sie problemlos?« fragte er. Zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Unterhaltung schien das Thema des Gesprächs Sirchos zu verstim-, men. Er trat an den Monitor und legte eine Hand auf das Gerät. »Es ist ein Spiel, Doktor Zorski. Ein Spiel weltweiter Strategie. Ich glaube zu wissen, daß auch Sie manchmal spielen, oder irre ich mich?« Zorski rutschte auf seinem Sessel hin und her und starrte in sein Glas. »Jetzt bin ich in die Offensive übergegangen«, sagte Sirchos lächelnd. »Ich habe attackiert und das Ziel ge- troffen. Mein Angriff hat Sie aus der Fassung gebracht und augenblicklich verwundbar gemacht. Das ist das Prinzip jedes Strategie-Spiels. Man muß seine Gegner und das Terrain kennen, auf dem sie sich bewegen. Ihre natürlichen Neigungen und ihre chronischen Abnei- gungen ebenfalls. Man muß die historische Entwick- lung und die politische Situation studieren und das Re- sultat vor allem voraussehen. Selbstverständlich habe ich nicht genügend Zeit, mich weltweit mit solchen Studien zu befassen. Statt dessen steht mir ein Team von Spezialisten zur Seite, das für mich arbeitet, die In- formationen aus aller Welt auswählt, sie nach den von mir ausgearbeiteten Mustern analysiert und mir die Re- sultate über diesen Schirm zukommen läßt. Es ist eine Art Zeitung, die ständig und ausschließlich für mich zu- sammengestellt wird.« Zorski lächelte verkrampft. Es gelang ihm nicht, sich von dem Unbehagen zu befreien, das ihn allmählich er- griff. »Werden Sie auch über die Börsenentwicklung in- formiert?« stammelte er. »Die Börse, Doktor Zorski?« grinste der Milliardär. »Aber das ist doch ein absolut dummes, völlig uninter- essantes Spiel, wenn man die Bedingungen selbst fest- legt .. .« Seine Stimme wurde lauter: »Wir überwachen den Devisenmarkt, Doktor Zorski! Würden Sie immer noch so gern Poker spielen, wenn, Sie im voraus wüßten, wer welche Karten in der Hand hält? Nach wenigen Spielen, die Ihrer Überlegenheit schmeicheln und Ihr Machtgefühl weiter steigern wür- den, würde dieses Spiel sehr schnell zu einer peinlichen Qual werden. Am Ende würden Sie anderen Ihre Macht übertragen und sich nicht einmal mehr um die Gewinne kümmern.« Zorski nickte. »Ich verstehe«, murmelte er ziemlich zerstreut. Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, Milliardäre brächten die meiste Zeit da- mit zu, ihren Reichtum zu ermessen.« Sirchos brach in schallendes Gelächter aus. »So wird es in schlechten Filmen dargestellt. Seinen Reichtum ermessen ist ein Privileg der armen Leute ...« Zorski schauderte. Nach wie vor starrte er auf den Bildschirm, auf dem nun eine Liste verschlüsselter Na- men vorbeizog.

Achtes Kapitel

Am Feuer vorbei überquerten die Geier die Straße und näherten sich einem zweiten Manifestanten, der am Bo- den lag und aufschrie, als er versuchte, sich wieder auf- zurichten. Der Mann hob seine Kamera und fotografierte die Szene. Er war weit, viel zu weit entfernt. Er trat aus der Toreinfahrt hervor und schlich an der Hauswand ent- lang. Einen Moment lang fand er sein Verhalten ziem- lich lächerlich. Warum versteckte er sich? Es war weder die erste Manifestation, die er fotografierte, noch die er- ste Reportage, die er über die Geier machte. Aber das al- les vergaß er, als er die Schreie des Manifestanten hörte. Er mußte näher ran. Der Manifestant rührte sich nicht mehr. Die Geier standen um ihn herum. Einer von ih-, nen beugte sich über den jungen Mann und berührte ihn mit einem Gegenstand, der die Form eines Steuer- knüppels hatte. Der Körper bäumte sich kurz auf und fiel unverzüglich wieder in eine groteske Position zu- rück. Mein Gott, sie töten ihn! dachte der Journalist. Ein Geier, der das Klicken seiner Kamera gehört ha- ben mußte, drehte sich jäh um und zeigte mit dem Fin- ger auf den Mann. Der Journalist lief los. Noch wußte er nicht, welcher Gefahr er sich ausgesetzt hatte, wovor er flüchtete, doch eins wußte er ganz genau: Einen Zeugen würden die Geier nicht entkommen lassen. David Tolands Computer gab eine weitere Nachricht in den Cherokee durch. Roussel knurrte mißmutig. Vor lauter Müdigkeit fiel er fast um. Er hätte nicht mehr die Kraft, einen weiteren Eingriff vorzunehmen. David streckte die Hand aus und riß das von dem Drucker beschriftete Blatt Papier ab. »Tödlicher Unfall in der Nähe der Porte de Clignan- court«, sagte er. »Da müssen wir hin!« Er drückte aufs Gaspedal. Wie ein Pfeil schoß der Cherokee die Zufahrtsstraße zur Ringautobahn hinauf. Roussel klammerte sich an seinen Sicherheitsgurt. Er wußte, wie David fuhr, wenn er als erster an der Unfall- stelle sein wollte. »Dem da wirst du doch wohl nicht die Vorfahrt neh- men?« jammerte Roussel verzweifelt. David antwortete nicht einmal. Mit eingeschalteter Lichtsirene raste der Cherokee in Richtung Außenring. Wenn David sich in einem solchen Zustand der Erre- gung befand, beachtete er keinerlei Beschilderung mehr, überfuhr Stoppschilder und rote Ampeln, ohne das Tempo auch nur im geringsten zu drosseln, und ra- ste durch Straßen mit Fahrverbot und über die Schnell- streifen. Wenn Roussel vor Kreuzungen mal wieder um, sein Leben fürchtete und David zur Vorsicht mahnte, erinnerte dieser ihn daran, daß das Blaulicht ihnen Vor- fahrt gab. In dieser Hinsicht hatte David bislang tatsäch- lich jedesmal großes Glück gehabt. Schon tausendmal waren sie um ein Haar einer Katastrophe entgangen. Mitsamt der Ausrüstung war der Cherokee beinahe hunderttausend Dollar wert, wovon jedoch nur ein Drittel versichert war. Roussel schauderte es bei der Vorstellung, es könnte etwas passieren. Auf der Ringautobahn war die Gefahr einer Kollision geringer. David begnügte sich damit, mit höchster Ge- schwindigkeit zu fahren und sich zwischen den lang- samer fahrenden Wagen, die nicht ausweichen wollten, hindurchzuschlängeln. Es war zu einer Art Spiel geworden. Es ging nicht mehr nur darum, vor der Konkurrenz an der Unfall- stelle einzutreffen, sondern auch vor dem Krankenwa- gen, der Polizei und der Feuerwehr. Oft gelang das Da- vid. Mit einem Lächeln stellte Roussel sich vor, daß sein Partner eines Tages bereits an der Unfallstelle eintreffen würde, bevor der Unfall sich überhaupt ereignet hätte. Toland ließ die Sirene aufheulen, um einen offenbar zerstreuten Fahrer, der mit hundert Stundenkilometern über die Autobahn kroch, zur Seite zu bewegen. Der Mann war so überrascht, daß er abrupt nach rechts aus- scherte und um ein Haar die Leitplanke gerammt hätte. »Vielleicht ist dies überhaupt die beste Methode«, seufzte Roussel. »Was meinst du?« »Die Unfälle selbst verursachen, um ganz sicher zu sein, als erster an der Unfallstelle einzutreffen.« David lächelte gequält. Rücksichtslos wechselte der Cherokee die Fahrbah- nen und reihte sich auf der Umgehungsstraße ein. Die nächste Kreuzung war völlig leer, und die Ampel stand auf Rot. Roussel verkrampfte sich. David würde doch wohl nicht auch dort durch Rot fahren?, David bremste. Gerard seufzte erleichtert auf. Die Lichtmasten, die diesen Straßenteil unterhalb der Um- gehungsstraße beleuchten sollten, waren außer Betrieb, und der gesamte Streckenabschnitt lag im Dunkeln. Ein Lieferwagen stand quer auf der Fahrbahn, mit einem Rad auf dem Bürgersteig. Die Windschutzscheibe des Wagens war zerbrochen, das Motorrad, das den Küh- lergrill beim Zusammenprall eingedrückt hatte, lag in der Nähe eines Hochspannungsmastes. David runzelte die Stirn. Irgend etwas stimmte hier nicht. Er sah die am Boden liegende dunkle Gestalt. Wahrscheinlich der Motorradfahrer. Hinter der zersplit- terten Windschutzscheibe entdeckte er den Fahrer des Lieferwagens, der reglos hinter dem Steuer saß. Am Bürgersteigrand hockte ein Mädchen, das sich den Kopf hielt und unruhig hin und her schaukelte. »Worauf wartest du noch?« fragte Roussel ungedul- dig. Nach einem letzten Blick in die Umgebung fuhr David näher an die Unfallstelle heran. Dann sprangen die bei- den Sammler aus dem Wagen. Noch einmal schaute David sich nach dem Lieferwagen um, bevor er zu sei- nem Partner ging, der bereits neben dem Motorradfah- rer stand. Plötzlich richtete der Motorradfahrer sich auf. Er lä- chelte und hielt einen Revolver in der Hand. »Hallo, ihr Idioten!« grinste der Gauner. Auch das Mädchen sprang vergnügt auf; unverzüg- lich öffneten sich die Schiebetüren des Lieferwagens, und eine Schar mit Messern bewaffneter Apachen stürmte heraus. Entsetzt wich Roussel zurück und stotterte irgend et- was vor sich hin. Es war der Beginn des schrecklichsten Alptraums, den er bislang erlebt hatte. Plötzlich stürzte er zu Boden. David sah, wie das Ding, das ihn im Ge- sicht getroffen hatte, am Boden aufprallte. Breitbeinig, zum Kampf gerüstet, stellte David sich, hin. Ein kahlköpfiger Liliputaner löste sich aus der Apa- chenbande und begann vor Toland hin und her zu hüp- fen. Der Faustring in seiner Hand funkelte im Schein- werferlicht des Cherokees. »Na, Schwanzlutscher!« knirschte der teuflische Zwerg. »Komm her, ich streichle dir die Eier!« Das Mädchen lachte schrill. Der Motorradfahrer stürzte sich auf Roussel und begann mit dem Revolver- griff auf ihn einzuschlagen. »Nein!« schrie David. Ein heftiger Schlag traf ihn an der Schläfe und warf ihn mehrere Meter nach hinten. Wie bewußtlos blieb er am Boden liegen. Während zwei Apachen ihn festhiel- ten, näherte sich der Gnom. Ein grausames Zucken ver- zerrte sein groteskes Gesicht. Doch mit einem Mal wa- ren die Schläge, der Zwerg und dessen Faustring David völlig gleichgültig. Er sah nur noch diese Wilden, die la- chend in den Cherokee kletterten; er hörte nur noch, wie sie seine Ausrüstung zerschlugen, alles vernich- teten und verwüsteten. Zwei Apachen zertrümmerten den Wagen Stück für Stück mit ihren Äxten. Mehrere andere Wandalen umstellten Roussel, prügelten auf ihn ein und gingen langsam um ihn herum wie bei einem kultischen Tanz. Mit einem kräftigen Ruck versuchte David sich zu be- freien. Der Gnom versetzte ihm einen brutalen Schlag in den Magen. Ein kurzer heftiger Schlag, der ihn fer- tigmachen sollte. Es stieß dem Sammler bitter auf. Die immer lauter lachenden Apachen sahen zu, wie er zu Boden sank. Ständig hüpfte der Zwerg wie wild um ihn herum. »Brauchst du einen Schwanz, Dreckskerl? Einen hüb- schen Schwanz für deinen Arsch?« David ließ den Cherokee nicht mehr aus den Augen. Ein dumpfer, von einer Explosion gefolgter Schlag ließ ihn kurz aufstöhnen. Der Wagen stand in Flammen. Vor Begeisterung schreiend liefen die Apachen davon., Der Cherokee brannte wie ein Reisigbündel. Eine schwere schwarze Rauchwolke stieg langsam zum Au- ßenring hoch. Ein Apache in weicher Lederuniform stieß den Liliputaner zur Seite und faßte David am Kinn. Der Sammler glaubte, sein Kiefer würde unter diesem Druck zerbrechen. »Das nächste Mal werde ich dir mit dem Stiefel das Maul eindrücken!« knurrte Bismark. Mit einer Hand hob der Chef der Apachen David hoch, schleifte ihn zu einem Hochspannungsmast und preßte ihn dagegen wie ein Wahlplakat. Mit der ande- ren Hand griff er ihm brutal zwischen die Beine. Dann knallte Bismark ihn mit dem Kopf gegen den Stahlpfeiler. Ein roter Schleier senkte sich vor die Au- gen des Sammlers. Das letzte Bild, das er erkannte, be- vor er ohnmächtig wurde, war der eintätowierte Skor- pion auf der Hand des Apachen und im Hintergrund der brennende Cherokee ... Plötzlich änderte Alexander Sirchos seine Haltung, und unverzüglich fühlte sich Zorski aus einer Welt ausge- schlossen, mit der er eben erst vertraut geworden war. So als sei er völlig allein im Zimmer, ließ sich der Mil- liardär an seinem Schreibtisch nieder und drückte den Knopf der Sprechanlage. »Sagen Sie Doktor Hugo Russel, er solle zu mir kom- men«, befahl er. Dann richtete er sich wieder auf und schaute den Chirurgen an, als sei er mit einem Mal durchsichtig geworden. Zorski räusperte sich. Es war ihm nun peinlich, sich so lange in den Gemächern des Herrn aufgehalten zu haben. »Soll ich nach Pamela sehen?« fragte er in einem Ton, den er sich autoritärer gewünscht hätte. »Nicht nötig«, entschied Sirchos. »Wie Sie vorhin bereits vorgeschlagen haben, wird Russel sich bald, mehr um meine Frau als um sein eigenes Leben küm- mern ...« Sirchos rieb sich die Nasenwurzel und schnitt eine Grimasse, als litte er an einer Stirnhöhlenvereiterung. »Ich habe ihn herbestellt, damit Sie ihm Ihre Anwei- sungen geben können«, fuhr er fort. »Ich habe vollstes Vertrauen in Sie, Doktor Zorski. Von nun an ist Ihr Le- ben eng mit dem von Pamela verbunden.« Zorski ärgerte sich über sich selbst, da er nicht sofort begriffen hatte, daß dieses Angebot, dieser vielverspre- chende Vorschlag, in Wirklichkeit eine schreckliche Be- drohung war. Er war ganz einfach einen schlechten Handel eingegangen, der sich mit einem einzigen Satz zusammenfassen ließ: Wenn Pamela sterben würde, würde ihr Mann auch Zorski zerstören. Der Chirurg stellte sein leeres Glas wieder hin. Noch hatte er nicht genug getrunken, um Sirchos die Stirn bieten zu können. Dennoch wagte er sein Glück: »Auch mit allem Geld dieser Welt können Sie sich kein Leben erkaufen, Mister Sirchos. Wenn Gott ent- schieden hat ...« »Lassen Sie Gott aus dem Spiel!« brüllte Sirchos. Er machte eine Handbewegung, als wollte er unsicht- bare Insekten verscheuchen. »Gott ist nur die Fessel der Unterwerfung«, dröhnte der Milliardär. »Ein Ersatz für die geheimen Mühen der Arbeiterklasse!« Er beugte sich nach vorn. Sein Gesicht hatte einen grauenvollen, alptraumhaften Ausdruck angenommen. »Wir haben Gott erfunden! Verstehen Sie, was ich meine, Doktor Zorski?« Das Wort >Doktor< hatte er ganz deutlich mit einer gewissen Verachtung ausgesprochen. Wenn Zorski sich wirklich hundeelend fühlte, wenn ihm nach Kotzen zumute war, dann pflegte er sich an jenen Tag im Mai 1980 zu erinnern, als er eine kleine achtjährige Kambo- dschanerin in seinen Armen sterben sah. Während einer, ganz gewöhnlichen Operation, wie er sie bereits mehr als tausendmal erfolgreich durchgeführt hatte. Zehn Tage zuvor hatten die Eltern des Mädchens ihm ein Te- legramm geschickt, einige verzweifelte Zeilen, auf die er mit einigen wenigen Worten geantwortet hatte: >Kommen Sie nach Philadelphia, ich werde Ihr Kind ko- stenlos operieren!< Seinem Antwortschreiben hatte er einen internationalen Scheck beigelegt, der dem Preis der Flugreise entsprach. Acht Tage später wurde das kleine Mädchen ins Hospital in Philadelphia eingelie- fert, wo es kurze Zeit später auf dem Operationstisch sterben sollte, ohne daß der berühmte Doktor Zorski ir- gend etwas tun konnte, um es zu retten. Es war ein ganz gewöhnlicher Eingriff gewesen, eine banale Ope- ration. Zorski hatte alles versucht, alles unternommen, um das Kind zu retten. Ohne Erfolg. Massagen, Adre- nalin- und Digitoxinspritzen, künstliche Beatmung - al- les vergeblich. Das Herz des kleinen Mädchens weigerte sich, wieder mit dem Schlagen zu beginnen. Das an jenem Tag anwesende Chirurgenteam glaub- te, Zorski würde verrückt werden. Unaufhörlich ging er im Operationssaal auf und ab, gab seltsame Jammertöne von sich und fuchtelte mit den Armen um sich. Plötzlich verließ er das Krankenhaus, stürzte in den Park, um- klammerte einen Baumstamm, kniete am Boden nieder und schrie beinahe fünf Minuten lang. Anschließend kehrte er ins Krankenhaus zurück, benachrichtigte die Eltern über den Tod ihrer Tochter und zog sich in einen anderen Operationssaal zurück, um dort eine weitere Herzoperation vorzunehmen. In den darauffolgenden Wochen arbeitete Zorski wie ein Wahnsinniger. Er operierte täglich beinahe fünfzehn Stunden lang, eilte von einem Operationssaal in den anderen, von einem Patienten zum anderen, ohne auch nur ein einziges Wort mit jemandem zu sprechen. Bei seinen Schülern machte er sich verhaßt, seine Assisten- ten fühlten sich ungerecht behandelt. Er durchlebte die, schrecklichsten drei Monate seines Lebens; nachts hatte er Angst einzuschlafen, um nicht von Alpträumen ge- quält zu werden. Eine Krankenschwester schwor, ihn in seinem Büro, in dem er sich zwischen zwei Operationen einzuschließen pflegte, mehrmals weinen gesehen zu haben. Trotz seines Ehrgeizes und seines außerordentlichen Engagements begriff Zorski, was Demut heißt. Damals wurde er sich bewußt, daß weder Talent noch Geld ein Leben retten kann, das dem Tod geweiht ist. Gewisse Grenzen sind bekannt, andere bleiben im geheimen, doch niemand darf sich rühmen, mit gleichen Waffen gegen den Tod anzukämpfen. Und daran würde auch Sirchos nichts ändern. Die Sprechanlage rauschte und kündigte Doktor Rüs- sel an. »Ab heute«, erklärte der Milliardär dem Chirurgen, »ist meine Frau Ihre einzige und alleinige Patientin. Sie haben Doktor Zorskis Anweisungen zu befolgen. Er wird Ihnen genau erklären, was er von Ihnen erwartet.« Sirchos wandte sich ab und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Meine Herren, Sie können jetzt gehen ... Ich brau- che etwas Ruhe.« Die beiden Ärzte verließen das Zimmer und gingen schweigend den Flur entlang. »Was halten Sie von ihm?« fragte Russel schließlich. Zorski schien aus einem Traum zu erwachen. »Wie bitte?« »Alexander Sirchos. Was halten Sie von ihm?« Zorski blieb stehen, schaute seinen Kollegen einen Moment lang an und zuckte mit den Schultern. »Ein Verrückter. Ein gefährlicher Größenwahnsinni- ger. Ein intelligenter Neurotiker, der in einer völlig pa- ranoiden Familie aufgewachsen ist. Ich kenne viele Zy- niker, viele Gauner, die ihre Gemeinheiten ins Philoso- phische erheben, psychopathische Ungeheuer, aber Sir-, chos ist der schlimmste von allen: er glaubt an das, was er sagt, und er versteht es, andere davon zu überzeu- gen. Was auch immer er anfaßt, wird pathologisch. Im Guten wie im Bösen. Die Krankheit seiner Frau ist nur eine Herausforderung seiner Macht.« Zorski zögerte kurz, bevor er abschließend sagte: »Stimmt meine Beschreibung?« Hugo Russel wischte sich die Stirn ab, steckte das Ta- schentuch in die Hosentasche zurück, lächelte und streckte Zorski die Hand entgegen. »Ich bin wirklich sehr glücklich, mit Ihnen zusam- menarbeiten zu dürfen, Doktor Zorski. Ich hoffe, es ge- lingt uns, Pamela zu retten.« Lange schüttelten sich die beiden Männer die Hand. Der Mann stieß gegen die Stoßstange eines abgestellten Wagens und wäre beinahe auf den Bürgersteig gefallen. Einige Sekunden lang ruhte er sich aus und massierte sich das schmerzende Schienbein. Er hörte schnelle Schritte, Rufe, weitere Schreie ... die Geier waren hin- ter ihm her, kreisten ihn ein. Auf seiner überstürzten Flucht hatte er nicht einen einzigen Augenblick daran gedacht, daß er sich in Todesgefahr befand. Doch nun war er sich dessen plötzlich gewiß. Die auf seinem Film festgehaltenen Bilder gingen ihm durch den Kopf. Die von den Sammlern getöteten und aufgeladenen Mani- festanten, das unvergeßliche Wappen der Z.S.A., ein Symbol des Lebens, das ihn von nun an an einen mitten ins Herz der Welt gestochenen Dolch erinnerte; die schwarzen Lederuniformen mit den violetten Ärmel- aufschlägen, der Ton dieser von den Gasmasken ge- dämpften Stimmen ... Die Realität bestand aus etwas anderem als diesen gewöhnlichen Verbrechen, die von den nach Organen suchenden Sammlern begangen wurden. Die Wahrheit war viel schrecklicher, noch viel abscheulicher. Und als er diese Bilder schoß, war der Vorhang irgendwo gelüftet worden., Mitten auf dem Bürgersteig trafen die Scheinwerfer ihn wie ein häßliches Insekt. Er schüttelte den Kopf, wollte den Mund öffnen zum Schrei, als die erste Kugel ihn an der Schulter traf. Der Einschlag schleuderte ihn mehrere Meter nach hinten. Er zwängte sich gegen die Fassade eines alten Gebäudes. Mit den Fingerspitzen berührte er die blutende Wunde. Entsetzt schaute er sich nach allen Seiten um. Einen Schuß hatte der Journalist nicht gehört. Und dennoch hatte jemand ihn angeschossen! Irgendwo zu seiner Linken vernahm er ein Lachen. »Ich bin Journalist. Sie haben nicht das Recht ...« Erneutes Lachen als Antwort. Dann traf ihn eine zweite Kugel in der Seite. Der Scheinwerferstrahl holte ihn erneut ein und blieb auf ihn gerichtet. Der Mann beobachtete seinen Schatten, der unendlich lang auf den Bürgersteig fiel. Er berührte beinahe die Stiefel der ersten Geier ... Der Mann jammerte leise und verschwand im Ge- bäudeinnern. Er stürzte die Treppe hoch. Er hatte fürchterliche Schmerzen in der Schulter, und den Arm konnte er so gut wie gar nicht mehr bewegen. Auf der zweiten Etage blieb er stehen und lauschte den Geräuschen aus der Eingangshalle. Einen Moment lang glaubte er, in die Hose gepinkelt zu haben. Ein breiter dunkler Fleck war auf seiner Hose, in Höhe des Unterleibs, zu sehen. Das Blut lief ihm an den Schen- keln hinunter und tränkte den Stoff. Der Mann begann zu zittern. Hastig spulte er den Film zurück und öffnete die Kamera. Fast wäre die Filmrolle ihm aus der Hand gefallen. Die Geier kamen die Treppe herauf! Er beugte sich nach vorn und sah die behandschuhten Hände, die über das Geländer glitten. Der Mann ging den Flur entlang und pochte heftig gegen eine Tür. Nur ein Skandal könnte ihn jetzt noch retten. Mit aller Kraft klopfte er an eine zweite Tür, an, eine dritte Tür. Niemand öffnete ihm. Trotz des Angst- kloßes im Hals wollte er einfach nicht schreien. Hör- ten die Leute Schreie, würden sie erst recht nicht öff- nen. Der Mann stürzte zur Treppe und stieg ins dritte Stockwerk hinauf. Das Licht ging aus. Der Flur lag im Dunkeln. Der Mann schaute sich nach dem orangefar- benen Schalter des Minutenlichts um. Dann entdeckte er den Lichtstrahl unter einer mit einem grellen Poster geschmückten Tür. Der Mann näherte sich der Tür. Der lähmende Schmerz erfaßte den ganzen Körper. Statt dessen über- legte er nun mit unglaublicher Schnelligkeit und kon- zentrierte sich nur mehr auf den Film in seiner Faust. Die Fotos retten ... Außer Atem und mit halbgeschlossenen Augen lehnte er sich gegen die Tür. Mit der Hand suchte er nach der Klingel. In der Wohnung war ein merkwürdi- ges Läuten zu hören. Schnell. Schnell ... Der Mann be- tete. Aus den unteren Stockwerken war ein Rascheln und Gleiten zu hören. Die Geier kamen näher. Plötzlich wurde die Tür geöffnet, und beinahe wäre der Journalist einer jungen Frau in einem indischen Kleid und mit geflochtenem Haar in die Arme gefallen. Sie schien noch sehr jung zu sein, ihre ungewöhnlich hellen Augen sahen den Mann erstaunt an. Der Mann drückte dem Mädchen den Film in die Hand. Ihre zarten Finger schlossen sich um die Kunst- stoffhülle. »Nehmen Sie das an sich. Und öffnen Sie nieman- dem ... Bitte ...« Er stieß sie ins Innere der Wohnung zurück und schloß eigenhändig die Tür. Wahrscheinlich hatte die junge Frau absolut nichts von diesem merkwürdigen Auftritt verstanden. Der Mann betete darum, daß sie trotzdem niemandem öffnen möge. Erneut stürzte er zur Treppe und begann seinen letzten Aufstieg., Sein Herz raste. Mit der flachen Hand schlug er auf den Knopf des Minutenlichts.

Neuntes Kapitel

Pamela Sirchos ging es gut. Sie war problemlos aus der Narkose aufgewacht, hatte sogleich wieder ihre sagen- hafte Liebenswürdigkeit an den Tag gelegt und Zorski beteuert, daß sie sich noch nie so wohl gefühlt hätte wie jetzt. »Ich hätte große Lust, stundenlang zu schwimmen und eine riesige Portion Sektsauerkraut zu verschlin- gen«, sagte sie fröhlich, als der Chirurg einige Tests durchführte. »Mögen Sie die europäische Küche?« »Ich liebe Europa«, antwortete Pamela. Aufmerksam betrachtete Zorski den Druckstreifen des Elektrokardiogramms. Das Herz schlug etwas zu schnell. Der Chirurg flüsterte Russel etwas zu. »Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte Pamela besorgt. Zorski lächelte. »Man könnte meinen, Ihr Herz möchte die verlorene Zeit wieder wettmachen«, erklärte er. »Es ist ganz wie Sie: lebenshungrig. Doktor Russel wird Ihnen eine Spritze geben, damit es sich wieder beruhigt.« Zorski hatte große Mühe, dem ausdrucksvollen Blick seiner Patientin standzuhalten. Nie zuvor hatte er der- art dunkelblaue Augen mit solch dichten, unheimlich sinnlichen Brauen und solch langen braunen Wimpern gesehen. Der Chirurg war verwirrt und schließlich froh, das Miami Hospital wieder verlassen zu dürfen. Russel fuhr ihn zum Flughafen. »Jahrelang habe ich für diesen Beruf hart arbeiten müssen«, erklärte Russel. »Tag und Nacht habe ich darum gekämpft, ein guter Chirurg zu werden. Ich, glaube, ich habe eine gute Technik entwickelt und bin geschickt genug, um sie richtig anwenden zu können. Doch wozu das alles? Um nun Krankenpfleger zu spie- len. Das ist es doch, was ich geworden bin.« Zorski schaute seinen Kollegen an. Die Operation und die darauffolgende Nacht hatten ihn arg mitge- nommen. Offensichtlich war er einer Depression nahe. Zorski machte sich Vorwürfe, daß er diesen Zustand nicht schon früher bemerkt hatte. »Sirchos glaubt, ich hätte bei den beiden vorangegan- genen Eingriffen versagt«, fuhr der Arzt fort. »Er hat mir deswegen zwar nie den geringsten Vorwurf ge- macht, und ich war auch sogleich damit einverstanden, daß er sich an Sie gewandt hat, als die Herzklappe er- neut kaputtging. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß er mich für die beiden Mißerfolge verantwortlich macht. Glauben auch Sie, daß diese Operationen mir mißlun- gen sind?« Zorski überlegte. »Ehrlich gesagt, nein. Sie haben keinen Fehler began- gen.« »Ich weiß, daß ich keinen Fehler begangen habe«, er- klärte Russel. »Aber die Herzklappe hat nicht gehalten. Es ist genauso, als würden Sie eine richtige mathemati- sche Formel anwenden und trotzdem ein falsches Re- sultat erhalten. In der Medizin kommen solche Wider- sprüche oft vor. Aber Sirchos scheint dies nicht akzep- tieren zu wollen. Ihn interessiert einzig und allein das Endresultat. Wie man es erzielt, ist ihm völlig gleichgül- tig. Dieser Mann wird mich noch zugrunde richten ...« »Warum haben Sie seinen Vorschlag angenommen?« fragte Zorski erstaunt. Russel schluckte nervös. »Alexander Sirchos schlägt man nichts ab. Haben Sie das noch nicht gemerkt?« Zorski schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, Sie irren sich, Russel. Es war mein, Wunsch, daß Sie sich um Pamela kümmern. Ich war es, der Sie Sirchos empfahl, was ich nun sehr bedauere. Sie hätten eher mit mir sprechen müssen ...« »Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen«, sagte Russel und fuhr die Limousine auf den Parkplatz des Flughafens. »Ich kann sehr gut verstehen, daß auch Sie sich haben täuschen lassen. Sirchos ist nun mal ein Mei- ster der Manipulation.« Zorski runzelte die Stirn. »Wie, zum Teufel, meinen Sie das?« »Lange bevor Sie zu uns ins Hospital kamen, hat Sir- chos mich gebeten, mich ausschließlich um die Betreu- ung seiner Frau zu kümmern. Alle nötigen Vorkehrun- gen hatte er längst getroffen.« Zorski öffnete den Mund, sagte jedoch kein Wort. Er erinnerte sich an seine Unterredung mit dem Milliardär. Und plötzlich hatte er das peinliche und absurde Ge- fühl, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Auch im Flugzeug, das ihn nach Philadelphia zurück- bringen sollte, wurde er diesen Gedanken nicht los. David heulte, damit jemand komme und die über sei- nem Kopf kreisenden Lichter ausschalte. Er schrie, aber er hörte nur dieses ölige Gleiten, das aus seinem eige- nen Kopf zu kommen schien. Vielleicht schrie er auch nicht wirklich? Oder er war taub geworden? Er versuchte sich zu bewegen, sich aufzurichten, aber sein Körper hatte sich in eine leblose, empfindungslose, völlig gefühlslose Fleischmasse verwandelt. David fühlte sich wie jener Dummkopf, der versucht, allein durch die Kraft seiner Gedanken etwas von der Stelle bewegen zu können. Er hätte nie geglaubt, daß das Be- wegen eines Fingers ihm solche Mühe bereiten könnte. Er begann zu lachen und spürte, wie eine laue Flüs- sigkeit ihm über die Wangen lief. Daraus schloß er, daß er nicht lachte, sondern weinte. Eine innere Ruhe über- kam ihn. Alles in allem war es absolut nicht ungewöhn-, lich, daß eine derartige Verletzung seines Körpers schwere geistige Störungen mit sich brachte. Dennoch fragte sich David, wer er eigentlich war, be- vor er erneut das Bewußtsein verlor. In Gedanken bedankte er sich bei demjenigen, der diese verfluchten Lichter ausgeschaltet hatte, und schlief unverzüglich ein. Einer AFP-Meldung zufolge hatte sich der Journalist im obersten Stockwerk eines Mietshauses im Quartier Re- publique aus dem Fenster gestürzt. Die Z.S.A.-Samm- ler hatten die Leiche gefunden und die einzelnen Or- gane sogleich in verschiedene Krankenhäuser der Hauptstadt gebracht. Auch wenn der Selbstmord des Journalisten in den größten Tageszeitungen des Landes nur am Rande er- wähnt wurde, so stellte er für die Mieter des Wohnhau- ses, aus dem er gesprungen war, doch das Hauptge- sprächsthema dar. Auf sämtlichen Etagen, von der Pförtnerloge bis hinauf zu den Mansardenzimmern, die an Studenten vermietet waren, war von nichts anderem als dem Journalisten die Rede. Natürlich hatten alle (oder fast alle) die Krawalle der Manifestanten auf der Straße, die Explosionen und die Sirenen gehört, doch niemand konnte sich erinnern, im Haus selbst auch nur das leiseste Geräusch vernommen zu haben. Den Journalisten hatte niemand zuvor jemals gesehen. Dem jungen Inspektor, der mit der Untersu- chung des Falles beauftragt war, war völlig unklar, warum der Mann dieses Wohnhaus betreten hatte, ob- wohl er keinen der Mieter kannte. Aber es mußte ganz einfach eine Erklärung dafür geben. Der Polizist be- schloß, vor dem Abschluß der Ermittlungen mit sämtli- chen Hausbewohnern zu reden. Er hielt es für logisch, auf der letzten Etage damit zu beginnen. Als er auf dem dritten Stockwerk ankam und immer noch nichts erfah-, ren hatte, wachte eine Etage tiefer das Mädchen mit dem geflochtenen Haar auf und öffnete die Augen. Sie richtete sich auf, streckte sich ausgiebig, schwang sich aus dem Bett und streifte sich ein Paar Wollsocken über. Morgens, vor allem am Tag nach einer Hasch- und Liebesfete, holte sie sich leicht einen Schnupfen, wenn sie barfuß in der Wohnung umherlief. Einen Moment lang blieb sie reglos stehen, noch halb im Schlaf versun- ken. Sie fühlte sich wirklich schlapp, und die vielen Joints, die sie in der letzten Nacht geraucht hatte, hatten einen bitteren Geschmack im Mund zurückgelassen. Dieser Zustand frühzeitiger Alterserscheinungen ent- lockte ihr ein nervöses Lachen. Ein starker Kaffee, eine erfrischende Dusche und eine gute Stunde Morgengymnastik würden sie schon wie- der auf die Beine bringen. Sie drehte sich um und schaute den Jungen an, der in ihrem Bett lag, auf dem Bauch, das Gesicht ins Kopfkissen gedrückt, und einen Arm aus dem Bett hängen ließ. Welchen Kerl aus der Clique hatte sie diesmal mit in ihre Wohnung gebracht? Diese Gedächtnislücke ärgerte sie. Sie erinnerte sich nicht einmal mehr an den Namen des Jungen, mit dem sie die Nacht verbracht hatte! Verdammte Joints! Der junge Mann brummte verschlafen und drehte sich auf die andere Seite. Mustapha Moussi, genannt Mouss. Pousse-Mousse für die Kleinen. Allmählich erinnerte sich Sylvie an die Geschehnisse vom Vorabend. Sie beobachtete weiter- hin den ausgestreckten muskulösen Körper ihres Freundes. Er war ein junger Regieassistent und vor drei Monaten erst zu ihrer Clique gestoßen. Und er hatte sich sogleich unsterblich in Sylvie verliebt. Vor einer Woche hatten sie bereits miteinander geschlafen, was Sylvie sehr gut gefallen hatte. An die letzte Nacht konnte sie sich zwar nicht mehr genau erinnern, aber ihr Körper sagte ihr, daß es erneut sehr schön gewesen sein mußte. Doch Mustapha konnte nicht nur gut bum-, sen. Er war ein besonders hübscher, erstaunlich zärtli- cher, ziemlich wohlhabender und sehr liebenswürdiger junger Mann. Kurzum, er stellte die meisten von Sylvies früheren Liebhabern bei weitem in den Schatten und erniedrigte die männlichen Mitglieder der Clique zu tölpelhaften Hengsten. Sylvie strahlte vor Glück. Es war verdammt lange her, daß sie das letzte Mal neben einem Mann aufgewacht war und nicht den Wunsch hatte, ihn zum Fenster hinauszuwerfen. Als sie sich erhob, um Kaffee zu machen, fiel ihr Blick auf die Filmrolle, die auf dem Nachttisch lag ... Armyan Simba war leicht wiederzuerkennen. Er war ein Schwarzer, kahlköpfiger als eine Billardkugel, lief ständig mit einem Walkman auf dem Kopf umher und war beinahe zwei Meter fünfzehn groß. Außerdem trug er stets einen tadellos weißen dreiteiligen Anzug. Ge- nau der Typ, der nicht am Steuer seines Cadillacs durch eine amerikanische Stadt fahren konnte, ohne ein hal- bes dutzendmal von der Polizei angehalten zu werden. Nur dank der Tatsache, daß er als Chirurg im Spital von Philadelphia arbeitete, kam er immer wieder unbehelligt davon. Sobald er sich auswies, hörten die Bullen unver- züglich auf, ihn zu verprügeln oder zu fragen, in wel- cher Straße seine Mädchen denn nun auf den Strich gingen. Seit zwei Jahren arbeitete Simba mit Mark Zorski zu- sammen an dem Projekt der Kopfverpflanzungen. Auf diesem Gebiet war äußerste Diskretion geboten. Man wußte zwar, daß die Sowjets und die Chinesen sich ih- rerseits mit dem Problem beschäftigten, doch Nachrich- ten sickerten nur selten durch. Inoffiziell aber schienen Simba und sein Hund Jeep, dem der schwarze Riese den Kopf eines Schäferhundes verpflanzt hatte, den Überlebensrekord innezuhalten. Jeep hatte genau sechs Monate und drei Tage überlebt, bevor er innerhalb we- niger Stunden von einer schrecklichen Abstoßungskrise, dahingerafft worden war. In diesem halben Jahr war Simba keine Sekunde lang von Jeeps Seite gewichen. Tag für Tag, Stunde für Stunde beobachtete er das Verhalten des Hundes und hielt jedes Detail in end- los langen Berichten fest, die Zorski aufmerksam stu- dierte. Den beiden Chirurgen war ganz genau bewußt, daß die Wissenschaft sich in diesem Fall dem Phantasti- schen annäherte. Vom ethischen Standpunkt her mußte natürlich genau festgelegt werden, wer der Organspen- der und wer der Organempfänger war. Jeep, der niedli- che Bastard? Oder Flash, der aggressive, herrenlose Schäferhund? Logischerweise deutete alles darauf hin, daß der Charakter des Schäferhundes sich durchsetzen würde. Simba, der den Eingriff vorgenommen hatte, beharrte jedoch darauf, dem Hybriden den Namen Jeep zu geben. Es dauerte einige Tage, bis Zorski begriff, daß dies ein absichtlicher und besonders intelligenter Trick seines Kollegen war. Da die meisten Versuchstiere bereits wenige Tage nach der Operation starben, erwiesen sich die Resultate des dank seiner Dauer äußerst ungewöhnlichen Expe- riments als extrem faszinierend. Jeep war nicht mehr Jeep, aber auch keineswegs Flash. Offensichtlich hatte der Hund seine Aggressivität verloren. Er gab sich - au- ßer wenn er eine Spritze sah - verhältnismäßig zahm, weigerte sich jedoch beharrlich, auf den Namen Flash zu hören. Man mußte sich davor hüten, voreilige Schlüsse daraus zu ziehen, worauf Simba in seinen Be- richten ausdrücklich hinwies. Es gab in der Tat keinerlei Beweise dafür, daß das Hirn des Schäferhunds den neuen Körper vollkommen beherrschte. Die Verhaltens- änderungen des Hundes konnten auf den Operations- schock oder - nüchterner ausgedrückt - auf die unge- wöhnliche Aufmerksamkeit zurückzuführen sein, die man ihm nun plötzlich schenkte. Der Hybride wurde verhätschelt, geliebkost, ständig überwacht. In seinem, früheren Leben war Flash ein unglücklicher, geprügel- ter und völlig verängstigter Hund gewesen. Schon die Veränderung seiner Umgebung konnte die Verwand- lung seines Charakters erklären. Was hingegen weniger zufallsbedingt zu sein schien, waren Flashs Erfahrungen mit Jeeps Körper. Bis zu sei- nem Tod verhielt sich der Hund äußerst ungeschickt, fiel dauernd hin, hatte Mühe zu fressen und zu trinken und schien sich nahezu wie ein Blinder fortzubewegen. Dauernd mußte man auf ihn aufpassen, damit er sich nicht verletzte. Simba behauptete, daß die Zeit, die das Erfahren und Entdecken des neuen Körpers in An- spruch nehmen würde, keineswegs ungewöhnlich lange sei, doch Zorski gab sich weniger optimistisch. Sechs Monate - so lange hatte noch niemand eine Kopftransplantation überlebt. Das eigentliche Problem waren die hundertvierzig Hunde, die geopfert werden mußten, damit dieser einzigartige Erfolg erzielt werden konnte. Doch sowohl Zorski als auch Simba wußten, daß gewisse Eingriffe bei Hunden regelmäßig scheiter- ten, während sie beim Menschen sehr wohl gelingen konnten. Ein Beispiel dafür waren die künstlichen Herzpumpen. Mark Zorski war nur nach Miami geflogen, um die Mittel zu beschaffen, die diesen letzten Schritt ermögli- chen würden. Die beiden Ärzte waren bereit. In der Flughafenhalle sah Simba, wie der Chirurg auf ihn zu- kam. Noch wußte er nichts über den Ausgang von Pa- mela Sirchos' Operation. Er konnte nur hoffen und be- ten. »Und?« fragte Simba sogleich. »Bist du mit dem Wagen gekommen?« »Natürlich bin ich mit dem Wagen hier. Seit du fort bist, hat es nur Krach gegeben. Ich habe zwei Flaschen geleert und mir zehnmal einen runtergeholt - und du willst nur wissen, ob ich mit dem Scheißwagen gekom- men bin? Willst du mich verarschen, Mann?«, Mehrere Leute drehten sich nach den beiden Män- nern um. Zwei Polizisten kamen langsam näher. Zorski lachte, und die beiden Polizisten blieben ste- hen und taten so, als würden sie woanders hinschauen. Simbas Tobsucht gefiel Zorski. Dieser schlaksige Kerl hatte etwas Magisches an sich: in seiner Art sich zu be- wegen, zu gehen, eine Spannung mit einem süßen Lä- cheln oder einem schlüpfrigen Scherz zu entschärfen. Es war etwas Magisches in seinem Widerstand, in sei- nem wahren Lebenshunger, seiner Lust auf Entdeckun- gen und vor allem in seinen Bewegungen, wenn er am Operationstisch stand. Zorski erinnerte sich an die vie- len Stunden, wo er sich, buchstäblich fasziniert, die Vi- deofilme von Simbas chirurgischen Eingriffen ange- schaut hatte. Zorski verkörperte die Perfektion, den Willen zum Sieg, den Mann der Rekorde, den Meister. Simba, das war das Genie, das Naturtalent, der Einzig- artige. Seit langem hatte der Tod keine schlimmeren Feinde mehr kennengelernt als die beiden. »Ich glaube, ich pinkel dem fetten Babylonier jetzt bald auf den Koffer!« zischte Simba und verdrehte die Augen. »Pamela lebt«, sagte Zorski schließlich. Simba wurde wieder ernst. »Was heißt das: >Pamela lebtHerz aus Stein<, und niemand wußte Genaueres dar- über. Wenn dieser zum Glück sehr seltene Fluch über Pamela kommen würde, wäre der Chirurg nicht im- stande, sie zu retten. Aber Russel wollte nicht, daß sie stürbe, bevor Sirchos endlich eingesehen hätte, daß er, wirklich alles unternommen hatte, um das zu verhin- dern. Um diesen jähen Tod auszuschließen, hatte er be- schlossen, auf das Sauerstoffgerät zurückzugreifen, das sich bei der geringsten Herzschwäche sofort einschalten würde. Er verging buchstäblich vor Angst. Alexander Sirchos stand hinter ihm und sah ihm dabei zu, wie er mit die- sen Apparaten am Kopfende von Pamelas Bett hantier- te. Eine Spur von Verachtung lag im Blick des Milliar- därs. Er wandte sich ab und ging mit großen Schritten davon. Eine Sekretärin holte ihn mit schnellen Schritten ein. »Monsieur Sirchos!« Der Milliardär ging merklich langsamer. Die junge Frau auf ihren unglaublich hohen Absätzen war völlig außer Atem. Ihre Pumps klapperten auf dem Fliesenbo- den. »Die neuen Räumlichkeiten in Genf sind fertig«, keuchte sie und drückte den Ordner fest an ihre Brust. »Gut«, sagte Sirchos leicht zerstreut, so als würde diese Angelegenheit ihn nicht im geringsten interessie- ren. »Soll ich Doktor Zorski nicht benachrichtigen?« wun- derte sich das Mädchen. Sirchos blieb stehen und schaute seine Sekretärin an. »Sie unternehmen nichts, wozu ich Sie nicht beauf- tragt habe«, brummte er schroff. »Wie heißen Sie?« Das Mädchen wurde ganz rot im Gesicht. »Vanessa Belon«, murmelte sie. »Vanessa Belon«, wiederholte Sirchos nachdenklich. »Und wo arbeiteten Sie, bevor ich Sie engagiert habe? Als Striptease-Tänzerin in einer Bar in Detroit?« Die Sekretärin wurde knallrot im Gesicht. Sirchos wandte sich ab und schloß sich in sein Büro ein., Zehntes Kapitel Sylvie näherte sich dem Nachttisch und starrte die Film- rolle an, als handelte es sich um ein ekelhaftes Tier. Vor- sichtig nahm sie die Rolle zwischen Daumen und Zeige- finger und drehte sie langsam zwischen den Fingern hin und her. Angesichts der Erinnerungsfetzen aus der letz- ten Nacht und des sie umhüllenden Nebels hatte Sylvie größte Mühe, die einzelnen Puzzlestücke wieder zu- sammenzusetzen. Wie kam dieses Ding auf ihren Nachttisch? Sie erinnerte sich vage an einen Traum, in dem ein Mann in blutbesudelten Kleidern an ihre Wohnungstür gepocht, ihr etwas in die Hand gedrückt und sie gebe- ten hatte, niemandem zu öffnen. Diese Erinnerung ließ sie kräftig schlucken. Dann starrte sie auf den dunklen Fleck auf der gelben Kunststoffhülle. Es wurde höchste Zeit, daß sie endlich aufhörte, dieses Zeug zu rau- chen ... Mehrmals zog sie die Nase hoch, zuckte mit den Schultern, warf die Rolle aufs Bett und ging in die Kü- che. Sie stellte einen Topf Wasser auf den Elektroherd und kam genau in dem Moment in das Schlafzimmer zurück, als Mouss die Augen öffnete. Er sah aus wie ein Maulwurf, der in der prallen Sonne die Erde aufgewühlt hatte. Lachend warf sich Sylvie auf ihn, küßte ihn und schob ihre Zunge zwischen seine Lippen, während ihre Hand den bereits ganz steif gewordenen Penis des jun- gen Mannes streichelte. Gewöhnlich haßte sie es, früh morgens mit einem Mann zu schlafen. Sie fühlte sich schmutzig, ausgetrocknet und hatte einen unangeneh- men Mundgeruch. Aber mit Mouss war das etwas ganz anderes. Sie wollte, daß er jetzt in sie eindringe, sofort, ohne Vorspiel, beinahe mit Gewalt. Sie legte sich auf den Rücken und spreizte die Beine. »Fick mich!« stöhnte sie., Lustvoll richtete Mouss sich auf. Die durch die Jalou- sien scheinenden Sonnenstrahlen fielen auf seine kup- ferbraune Haut. Er hob das Becken des blonden Mäd- chens leicht an und drang langsam in sie ein. Dann packte er Sylvies Beine und legte sie sich auf die Schul- tern. »Nein ...«, stöhnte sie. Er wußte, daß ihre Lust unendlich größer war als diese Weigerung, diese verlockende Furcht, verletzt zu werden. Mouss bewegte sich kaum. Sein Schwanz füllte die Vagina seiner Partnerin vollständig aus. Die Begierde war zu stark, und er beschloß, die Lust ganz von allein aufkommen zu lassen. Wie jedesmal, wenn sie dem Orgasmus nahe war, schien Sylvie plötzlich keine Luft mehr zu bekommen. Gierig schnappte sie mit dem Mund und wälzte den Kopf unruhig hin und her. Mouss biß sich auf die Unterlippe. Er fühlte, daß es ihm bald kommen würde. Bereits nach knapp zwei Mi- nuten, dachte er, nicht gerade eine Meisterleistung. Aber er wußte, daß bei nüchternem Magen nicht viel mit ihm anzufangen war. Er bumste Sylvie so heftig, daß er wenig später bereits ejakulierte. Er versuchte, an etwas anderes zu denken (doch frühmorgens funktio- nierte dieser Trick fast nie), stellte sich die Metro vor, malte sich aus, wie die U-Bahn mit hoher Geschwindig- keit durch den Tunnel raste, und befreite sich schließ- lich seines Spermas in vier, fünf Zuckungen, die ihm ein langgezogenes dumpfes Klagen entlockten. Mit glän- zender Stirn und völlig außer Atem hockte er über Syl- vie und stützte sich mit beiden Armen ab, um nicht auf sie zu fallen. Mit leuchtenden Augen und einem Lä- cheln auf den Lippen schaute sie ihn an. Er beugte sich nach vorn, um sie zu küssen. »Es tut mir leid«, flüsterte er. »Warum?« gluckste sie fröhlich. »Weißt du, mit dir ist es wirklich phantastisch.«, Mouss runzelte die Stirn. »Phantastisch?« »Ich hatte Lust, einfach so gebumst zu werden, schnell ...«, murmelte sie. »Damit es dir sofort kommt.« Vor Schmerz verzog sie das Gesicht. Besorgt stieg Mouss von ihr herunter. »Hab ich dir weh getan?« Sylvie drehte sich zur Seite und suchte mit einer Hand unter ihrem Rücken. »Nein, nicht du, dieses Ding, auf dem ich die ganze Zeit lag«, erklärte sie und zog die Filmrolle hervor. »Die Stelle an meinem Rücken wird man wohl noch nach ei- ner Woche sehen können.« Mouss nahm das Röllchen. »Was ist das denn? Machst du Fotos?« Sylvie schüttelte den Kopf. »Nein. Da war ein Kerl, letzte Nacht, der .« Plötzlich hielt sie inne. »Ein Kerl, und dann?« fragte Mouss ungeduldig. Aus der Küche war ein seltsames Zischen zu hören. »Das Wasser!« schrie Sylvie und sprang aus dem Bett. Mouss betrachtete die Filmrolle in seiner Hand. Der Studebaker schlingerte hin und her. Die vier An- triebsräder befreiten den Wagen aus dem Schlamm und beförderten ihn an den Eingang des riesigen Pavillons. Früher fanden dort die allergrößten Rockkonzerte statt, wovon das ganze Viertel profitiert hatte. Zahlreiche un- gewöhnliche kleine Geschäfte waren dort entstanden. Später jedoch war das Pavillon aus der Mode gekommen und zu einer Ruine verfallen. Das defekte Dach war durch uringelbe Plastikplanen ersetzt worden, und auf der von verrosteten Stahlträgern gestützten Bühne konnten nur noch einige hartgesottene Gruppen auftre- ten, die vor einem ebenso kleinen wie verrückten Publi- kum ihre Show abzogen. Riesige Ratten tummelten sich zwischen den Beinen der Zuschauer, und nicht selten, kam es vor, daß eine dieser schäbigen Bands die Bühne vorzeitig verlassen und sich vor den Wurfgeschossen der Apachen, die dort für Ordnung zu sorgen hatten, in Sicherheit bringen mußten. Allein die Bestandsauf- nahme dieser Wurfgeschosse hätte ein ganzes Lexikon der gemeinen Verbrechen füllen können. Das Pavillon war die oberste Spitze des Apachendreiecks. Mirko Milan sprang aus dem Studebaker und sah sich angeekelt um. Er erinnerte sich an die mörderischen Kämpfe, an den endlosen Krieg, den er führen mußte, um in diesem Bezirk die Vorherrschaft übernehmen zu können. Bismark, diese hochnäsige Sau, hatte seinen Rückzug zwangsläufig wie einen Sieg empfinden müs- sen. Aber da hatte er sich geirrt! Milan hatte ihm dieses Gebiet nicht aus Angst oder Überdruß überlassen. Er hatte sich zurückgezogen, weil dieses Reich zu begrenzt für ihn geworden war, weil es seiner Position nicht mehr entsprach. Mit dem Daumen hielt er sich ein Nasenloch zu und rotzte in eine ölig schimmernde Pfütze. »He, Schwanzlutscher! Suchst du jemanden?« Milan drehte sich zum Liliputaner um, der auf einem Dachbalken des Pavillon hockte. Nervös zupfte der Gnom an dem Efeu herum, das an der Fassade hoch- wuchs und von Ungeziefer zerfressen war. »Ich habe dich was gefragt, oder?« stieß der Gnom hervor. Milan schien überrascht. »Meinst du etwa mich?« Der Liliputaner hielt sich die Hand über die Augen und tat so, als würde er den Horizont absuchen. »Ich sehe weit und breit keinen anderen Schwanzlut- scher«, meinte er nach einer Weile. Milan lächelte. Er bückte sich, hob einen Stein vom Boden und schleuderte ihn mit aller Kraft in Richtung Liliputaner. Der Stein verfehlte dessen Kopf nur um wenige Zentimeter., »Bist du völlig verrückt geworden?« schrie der Lilipu- taner und versuchte, zum Fenster zu gelangen. Ein Viertel der Bruchsteinmauer stürzte genau vor ihm ein, der Gnom konnte nicht weiter. Er geriet in Pa- nik. Er rutschte auf dem Balken aus. Verzweifelt klam- merte er sich an eine blattlose Efeuliane. »Ich werde dich zerquetschen wie eine häßliche Spinne«, drohte Milan und ergriff einen Betonbrocken. »Dann erinnerst du dich auch wieder an den Schotter, mit dem du auf meinen kleinen Bruder geworfen hast!« »Zum Teufel mit deinem Bruder!« fluchte der Zwerg, dessen unförmiger Körper gefährlich über der Tiefe baumelte. »Mach dein Testament!« fluchte Milan mit dumpfer Stimme und holte weit aus. Da packte ihn eine Hand am Gelenk und zwang ihn durch eine brutale Drehung, sein Wurfgeschoß loszu- lassen. »Ein lustiges Spiel, nicht wahr?« grinste Bismark. »Aber ich bin leider gezwungen, es zu unterbrechen.« Er deutete auf den Liliputaner, der versuchte, sich in Sicherheit zu bringen, und dabei fürchterlich fluchte. »Ich brauche ihn noch. Wenn das eines Tages nicht mehr der Fall sein sollte, lasse ich's dich wissen. Dann werden wir einen flotten Ringkampf veranstalten, wie in der guten alten Zeit. Nicht wahr, Milan?« Er tätschelte ihm unsanft den Nacken. »Wie in der guten alten Zeit!« wiederholte er mit hy- sterischer Stimme. »Nicht wahr, Milan? Nicht wahr?« Dann wurde er plötzlich wieder ernst. »Du weißt doch, daß du nicht mit Steinen auf das Zwerglein werfen sollst!« murmelte er zynisch. »Du kennst ihn doch, er ist sehr nachtragend. Wenn er je- manden nicht riechen kann ...« »Behalt deine Sprüche für dich, Bismark!« unterbrach ihn Milan. »Wenn ich diesen Knirps noch mal dabei er- wische, daß er mit toten Ratten nach meinem Bruder, Stefan schmeißt, wird er sich in den eigenen Schwanz beißen!« Einen Augenblick lang trübte sich Bismarks Blick. Haßerfüllt starrte er Milan an. Dann bekam er sich wie- der unter Kontrolle und klopfte Milan auf die Schulter. »Aber Milan! Du wirst unsere gute alte Freundschaft doch nicht durch solche Lappalien aufs Spiel setzen wollen, oder? Oder? Eine so feste, alte Freundschaft!« Milan schob Bismarks Arm zur Seite. »Willst du etwa nicht mehr mein Freund sein?« fragte der Bandenchef und schnitt eine Grimasse, die ihn wie ein Dinosaurier aussehen ließ. »Vito hat dir ganz deutlich zu verstehen geben, daß du nur die Ausrüstung zerstören solltest, nicht die Männer!« knurrte Milan. »Ach so! Deswegen bist du gekommen! Um mir Vor- würfe zu machen? Mir?« sagte Bismark und legte seine tätowierte Hand auf die Brust. »Hierher bist du ge- kommen, um mir Vorwürfe zu machen?« »Du wurdest für eine ganz bestimmte Arbeit bezahlt, für eine einfache Arbeit, die ich den Kindern aus der Gegend für eine Handvoll Kröten hätte anbieten kön- nen. Und du bist nicht imstande, das zu erledigen?« zischte Milan und trat vorsichtigerweise einen Schritt nach hinten. »Der Geier ist tot?« fragte der Bandenführer belustigt. »Nein, aber so gut wie. Er liegt im Koma, im Saint- Louis.« »Ich hab ihn kaum angerührt, das schwör ich dir«, verteidigte sich Bismark. Dabei grinste er, ehrlich wie ein Versicherungsagent. »Hör zu, Milan, du kennst sie doch, diese Giftzwerge. Oder? Wenn du sie nicht dau- ernd anbrüllst, nehmen sie dich nicht für voll. Ich hab ihm wirklich nicht den Kopf einschlagen wollen. Was kann ich denn dafür, daß deine Kumpel Köpfe wie Ka- narienvögel haben, verdammt noch mal!« Milan schüttelte den Kopf., »Du weißt nicht, wie stark du bist«, sagte er ironisch. »Genau«, frohlockte Bismark und schnippte mit den Fingern. »So ist es. Ich kenne meine Kraft nicht.« Er lachte laut und spuckte Milan genau zwischen die Stiefel. »Ich warte nur darauf, daß jemand kommt und seine Kräfte mit mir mißt«, schloß er mit rauher Stimme. Milan schauderte. Er hatte große Lust, diesen Drecks- kerl mit dem Kopf in den Schlamm zu stopfen und ihn auszupeitschen. Dieser Wunsch stand ihm wohl im Ge- sicht geschrieben, denn Bismark drehte sich langsam um und faßte sich mit der Skorpionhand an den Gürtel. »Wenn ich jetzt in meine Jacke greife, legst du mich dann um?« murmelte Milan. »Unter uns gesagt, so was tut man nicht ...«, antwor- tete Bismark. »Um so besser«, grinste Milan und zog ein Bündel Banknoten aus der Tasche. Bismarks Verkrampfung löste sich merklich. Gewiß hatte die Zeit ihn vieles vergessen lassen, doch er hätte sich unbedingt daran erinnern müssen, daß er Milan nie, nicht einmal eine halbe Sekunde lang, aus den Augen lassen durfte. Dessen wurde er sich aber lei- der erst wieder bewußt, als ihm das Messer in den Un- terleib drang. Milan packte ihn am Nacken und ver- setzte ihm zwei Schläge zwischen die Augen. Dann zog er ihn nahe an sich heran. »Erinnerst du dich an die gute alte Zeit, Bismark?« flüsterte er ihm ins Ohr, während der Blick des Banden- führers sich trübte. »Keine Zeugen, hieß es. Niemals ei- nen Zeugen.« Bismark sank in die Knie. Milan drückte ihn gegen die Tür des Studebakers. »Sauhund!« zischte Milan. »Du stinkst bereits nach Aas, aber so einfach kommst du mir nicht davon. Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Stefan! Vito!«, Entsetzen breitete sich in Bismarks Augen aus, als er Milans Brüder aus dem Studebaker springen sah. Vito hielt eine Maschinenpistole auf das Pavillon gerichtet, wo sich nichts und niemand rührte. Mit gierigen Augen näherte sich Stefan, das Riesenbaby, dem Apachen- führer und öffnete bereits den Reißverschluß seiner Hose. »Du wirst merken, wie gut das tut!« tobte Milan. Verzweifelt schüttelte Bismark den Kopf. Milan warf ihn auf alle viere in den Schlamm. Mit dem Messer schnitt er die Lederhose des Apachenhäuptlings auf und entblößte dessen riesigen runden Hintern. »Du bist 'ne Sau!« spie Milan. »'ne dicke brünstige Sau!« Das Schauspiel erregte Stefan, der das wirklich nicht nötig hatte ... Die Lichter waren nicht mehr so grell und kreisten lang- samer. Es erinnerte nun an einen scheußlichen Alkohol- rausch. David hatte unbändige Lust zu kotzen. Als er versuchte, sich aufzurichten, vernahm er eine Stimme in seinem Kopf: »Bleiben Sie ruhig liegen, Monsieur Toland.« Warum schrie man denn so? David wurde erneut be- wußtlos. Wie erwartet, lösten die Nebelschwaden sich nach einer guten Tasse Kaffee und einer Dusche allmählich auf. Als Mouss mit den Croissants vom Bäcker zurückkam, konnte Sylvie sich wieder ganz genau an den Mann er- innern, der ihr die Filmrolle gegeben hatte. Aber sie sagte kein Wort, sondern blieb eher nachdenklich. Mouss setzte sich, nahm ein Croissant aus der Papiertü- te, schnitt es der Länge nach auf, strich Butter auf die eine Hälfte und tauchte sie in seinen Kaffee. »Man erzählt, letzte Nacht habe sich ein Mann hier im Haus das Leben genommen«, erklärte der junge Bur-, sehe und verschlang gierig sein aufgeweichtes Crois- sant. Sylvie hob den Kopf. »Die Bullen befragen sämtliche Mieter«, fuhr Mouss fort. »Der Kerl ist aus dem Fenster im obersten Stock- werk gesprungen. Muß das ein Sturz gewesen sein!« Plötzlich hielt er inne, und der Kaffee tropfte von sei- nem Croissant auf die Tischdecke. »Was hast du? Was machst du für ein Gesicht ...?« »Der Kerl ...«, stammelte Sylvie verwirrt. »Was ist mit dem Kerl?« fragte Mouss besorgt. »Es muß dieser Typ gewesen sein, der mir den Film gab«, erklärte das Mädchen. »Jetzt erinnere ich mich. Er war verletzt, schien vor etwas zu flüchten ...« »Hör zu«, seufzte Mouss. »Wir waren völlig zu letzte Nacht.« »Na und?« schnappte Sylvie. »Ich habe diesen Kerl gesehen. Voller Blut. Er gab mir den Film und schloß eigenhändig die Tür, bevor er die Treppe hinauf- stieg.« Mouss schüttelte den Kopf. »Gut, du hast jemanden gesehen, der dir Fotos unter- gejubelt hat. Und dann? Was beweist das schon? Wenn er wirklich verfolgt wurde, warum ist er dann nicht ein- fach in die Wohnung gekommen?« »Weiß ich doch nicht«, murmelte Sylvie. Sie schien völlig ratlos, fast sogar verängstigt zu sein. Mouss konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals in einem solchen Zustand gesehen zu haben. Normaler- weise war Sylvie ein unbekümmertes, selbstsicheres, unkompliziertes Mädchen ohne Probleme oder Kom- plexe, das stets gut gelaunt war. Und nun hatte diese banale Filmrolle eines Unbekannten sie völlig aus der Fassung gebracht. Es war verrückt. Den Rest des Croissants ließ Mouss im Kaffee schwimmen. »Am einfachsten wäre es, zu einem der Polizisten, die, im Haus herumrennen, zu gehen und ihm die ganze Geschichte zu erzählen ...« Entsetzt hob Sylvie den Kopf. »Nein!« Mouss runzelte die Stirn. »Wieso nicht?« »Ich will nicht, daß die Bullen in meinen Privatange- legenheiten rumschnüffeln!« schrie Sylvie. Doch dann beruhigte sie sich wieder. »Weißt du, was wir tun werden? Wir werden diesen verfluchten Film ganz einfach in die Mülltonne werfen und niemandem etwas davon erzählen. Einverstan- den?« Einen Augenblick lang zögerte Mouss. Dann zuckte er mit den Schultern. »Einverstanden«, seufzte er. Er erhob sich, nahm den Film und verließ die Woh- nung. Mit lautem Knall öffnete er den Deckel der Müll- tonne, ließ den Film in seinem Hemd verschwinden, klappte den Deckel erneut zu und ging - sich die Hände reibend - zu seiner Freundin zurück. »Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Aus- flug zum See machen?« schlug er vor. »Eine hervorragende Idee«, stimmte Sylvie freudig zu und sprang von ihrem Stuhl auf. »Vielleicht könnten wir dann auch reiten?« »Wenn du möchtest«, antwortete Mouss. Er hatte nicht die geringste Lust, zum See hinauszu- fahren und eine Stunde auf dem Rücken eines dieser verdammten Gäule zu verbringen. Er hatte nur ein Ver- langen: sich in ein Labor zurückzuziehen und diese Bil- der zu entwickeln. Bestimmt würde sich ihm eine Mög- lichkeit bieten, sich im Lauf des Nachmittags irgend- wann zu verdrücken ... Armyan Simba hatte eine wundervolle Mischlingsfrau geheiratet, die himmlisch kochen konnte. Simba und, seine Frau waren seit zwölf Jahren verheiratet und hat- ten einen zwölfjährigen Sohn. Zorski konnte sich nicht erinnern, die beiden jemals miteinander streiten gehört zu haben. Beim Genuß des Cognacs, der zur Krönung des vorzüglichen Mahls serviert wurde, ertappte Zorski sich dabei, daß er seinen Kollegen beneidete. Bei gutem Essen und köstlichen Weinen wurde ihm stets etwas wehmütig zumute; fast bedauerte er es, ein einge- fleischter Junggeselle zu sein, von einem Kasino ins an- dere zu hetzen, von Operationssälen zu Cocktailpar- tys, von offiziellen Empfängen zu zwielichtigen gesell- schaftlichen Ereignissen; fast bedauerte er es, nur selten im selben Bett zu schlafen und noch seltener mit dersel- ben Frau. Zorski war ein umschwärmter Mann, den die Frauen der prominenten Persönlichkeiten, mit denen er zusammenkam, bedenkenlos in die Kategorie der ver- führerischen Männer einordneten. Fast die Hälfte aller Frauen, die von den Agenturen zu den Starmannequins gezählt wurden, hatten in seinen Armen gelegen. An jenem Abend jedoch wäre er gern an Simbas Stelle ge- wesen, hätte er gern das friedliche Leben und die treue Leidenschaft seines Kollegen genossen. Dieser Anflug von Eifersucht hielt jedoch nie lange an. Solche Gefühle waren beim Meister der Herzchirur- gie nicht von langer Dauer. Allerdings machte der Kon- trast zwischen Simbas scheinbarem Einfallsreichtum und der Beständigkeit seines Familienlebens Zorski weiterhin stutzig. Zorski war das genaue Gegenteil von Simba, die Rückseite des Spiegels, das Negativ, sowohl von der Hautfarbe als auch von der Lebensart her. Junior, Armyan Simbas Sohn, trat ins Wohnzimmer. Er trug einen ausgefallenen orangefarbenen Trainings- anzug und warf seine Sporttasche aufs Sofa. Er ließ sich in einen Sessel fallen und seufzte laut. »Schon wieder verloren?« erkundigte sich Simba. Junior verzog den Mund und nickte traurig mit dem Kopf., »Diese Idioten haben eine Basis gesprengt, und der Schiedsrichter hat nichts gesehen«, knurrte er. »Und euer neuer Werfer?« »Kannst du vergessen!« zischte Junior und sprang mit einem Satz auf. Er trat an den Tisch und reichte Zorski die Hand. »Guten Tag, Mister Zorski. Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin total erledigt.« »Das kann ich gut verstehen« sagte Zorski lächelnd und schüttelte Junior die Hand. Der Junge wandte sich an seinen Vater. »Papa, gibst du mir bitte den Schlüssel zum Univer- sum zurück?« »Kommt nicht in Frage.« »Bitte«, flehte Junior. »Ich muß ein neues Spielpro- gramm ausarbeiten. Ich bin sicher, daß ich es diesmal verkaufen kann.« »Am Sonntag sprechen wir noch mal darüber«, ent- schied Simba mit ruhiger Stimme. »Geh in die Küche, deine Mutter hat dir etwas zu essen gemacht.« Junior zuckte mit den Schultern und verließ das Wohnzimmer. »Der Schlüssel zum Universum?« fragte Zorski er- staunt. Simba lächelte. »Das ist das Zimmer, wo er seine Computer stehen hat«, erklärte der schwarze Riese. »Nach zwei Geldstra- fen und fünf Polizeibesuchen war ich gezwungen, das Zimmer abzuschließen. Ich sage dir, Mark, diese Com- puter-Kids werden in diesem Land noch für so manches Durcheinander sorgen. Apple und American Express habe ich bereits Schadenersatz zahlen müssen, mit Na- tional Drug und der Informatikabteilung des M.I.T. habe ich einen Prozeß laufen. Wenn das so weitergeht, arbeite ich am Ende nur noch, um für Juniors Dumm- heiten zu bezahlen.« Zorski lachte., »Du beklagst dich, daß du einen begabten Sohn hast?« »Du hast gut reden«, seufzte Simba. »Letzten Monat hatte er nichts Besseres zu tun, als in das System meiner Bank einzudringen und imaginäre Einzahlungen auf mein Konto zu verbuchen. Es ist ihm gelungen, die Ge- heimcodes sämtlicher Versicherungen hier aus der Ge- gend zu entschlüsseln und täglich mehr als tausend Dollar auf mein Konto zu überweisen. Kannst du dir das vorstellen? Dieser Bursche treibt mich noch in den Wahnsinn.« Zorski lachte noch lauter, doch dann plötzlich hielt er inne. »Was hast du?« fragte Simba beunruhigt. »Heißt das, daß Junior verschlüsselte Systeme knak- ken kann?« Simba nickte. »Natürlich nur dann, wenn er den Einstiegscode her- ausgefunden hat. Viele Kinder vertreiben sich mit sol- chen Spielereien die Zeit.« »Und wenn er keinerlei Operationen vornimmt, kann niemand ihm auf die Spur kommen?« Simba schlug die Hände über dem Kopf zusam- men. »Mein Gott, woher soll ich das wissen? Das mußt du ihn schon selbst fragen. Aber warum ...« Zorski beugte sich leicht nach vorne. »Ich möchte, daß Junior versucht, Verbindung mit dem Miami Hospital aufzunehmen«, murmelte er.,

Elftes Kapitel

Abgesehen von einer leichten Migräne, anhaltenden Beschwerden in der Leistengegend und einem ständi- gen Obelkeitsgefühl ging es David Toland viel besser. Er war wieder bei Bewußtsein, und auch wenn seine Erin- nerungen nach wie vor in dichten Nebel eingehüllt wa- ren, so wußte er doch wieder, wer er war und wo er sich befand, als er seinen Freund Loic Gaborit ins Zimmer treten sah. Der Arzt lächelte, konnte seine Besorgnis aber nur schwerlich verbergen. »Kannst du mir vielleicht erklären, warum diese blöde Krankenschwester sich weigert, mir zu essen zu ge- ben?« schimpfte David und richtete sich in seinem Bett auf. Gaborit trat an sein Bett und schob ihm ein zusätzli- ches Kissen in den Rücken. »Eine Anweisung von mir«, gestand der Arzt. »Natürlich«, seufzte David. »Es ist ein wahres Ver- gnügen, auf der Abteilung eines guten Freundes unter- gebracht zu sein. Mein Gott, Loic, ich habe Hunger!« Gaborit ließ sich auf der Bettkante nieder. »Willst du eine umfassende Darstellung deines Zu- standes hören?« »Das wäre nett«, knurrte David. Gaborit hob den Kopf. »Als du vor zwei Wochen hierher gebracht wur- dest ...« Toland riß die Augen auf. Vor zwei Wochen? »... hattest du ein Blutgerinnsel im Kopf und warst zu drei Vierteln gelähmt. Du befandest dich in einem Zu- stand, den wir als vigiles Koma bezeichnen. Dein Kör- per und dein Gesicht waren vor lauter Blutergüssen komplett geschwollen. Es ist mir gelungen, das Gerinn- sel durch Laserstrahlen zu beseitigen, worauf du so- gleich eine starke Gelbsucht bekamst. Diese Gelbsucht, war das erste Symptom einer akuten Urämie. Du konn- test nicht mehr pinkeln. Nicht einen einzigen Tropfen! Man hatte dich dem Tod entrissen, und du steuertest wieder schnurstracks auf ihn zu, wie ein alter Nieren- kranker. Alle meine Kollegen sprachen sich für eine so- fortige Nierentransplantation aus. Wir hatten eine Niere auf Lager, die dich hätte retten können .« Gaborit grinste spöttisch. ».eine von der Z.S.A. gelieferte Niere«, verdeut- lichte er. »Ich war der Meinung, daß dieser Umstand dich schneller in den Tod treiben würde als die Krank- heit selbst, und so habe ich unsere guten Beziehungen ausgenützt, um dir diese Schmach zu ersparen. Ich bin also das Risiko eingegangen und habe dich an eine künstliche Niere angeschlossen und gewartet .« David runzelte die Stirn. »Und dann?« »In der darauffolgenden Nacht hast du ins Bett ge- pißt«, grinste Gaborit. »Deine Nieren begannen erneut normal zu funktionieren. Ich bedanke mich bei dir, daß du mir recht gegeben hast. Zur Belohnung sollst du heute abend einen kleinen Imbiß gestattet bekommen. Was möchtest du haben?« »Eine Spargelcremesuppe, Nieren in Madeirasauce mit riesigen Champignons und eine Schokoladenmous- se«, zählte der Sammler auf. Gaborit seufzte enttäuscht und rieb sich die Nase. »Sojabohnensalat, mageres Fisch-Püree und Apfel- kompott«, murmelte er. »Ich hoffe, es war nur ein Spaß?« »Ja«, gab David mit einem entzückten Lächeln zu. »Stell dir vor, ich weiß, was eine Urämie ist. Ich kenne doch meine Kundschaft.« Dann wurde er gleich wieder ernst. »Loic.« Der Arzt hob den Kopf. »Ja?«, »Ich habe mir von einer Bande Ganoven den Kopf einschlagen lassen, nicht wahr?« Gaborit zog die Nase hoch und wandte sich gelang- weilt ab. »Loic, verdammt noch mal, hör mir zu!« erregte sich David. »Allerlei Bilder gehen mir durch den Kopf, aber ich kann mich nicht mehr an das erinnern, was genau passiert ist! Ich muß es wissen.« Mit den Fingerspitzen rieb Gaborit sich die Wange. »Gut«, gab er schließlich nach. »Unter der Umge- hungsstraße an der Porte de Clignancourt hat man dich gefunden. Man hatte dich verprügelt. Du sahst aus, als hättest du einen halben Tag lang mit dem Boxweltmei- ster im Schwergewicht im Ring gestanden.« David fuhr sich mit rauher Zunge über die nach wie vor geschwollenen Lippen. »War ich allein?« fragte er mit leiser Stimme. Gaborit schwieg. »Was ist mit Gerard?« beharrte David. Der Arzt schüttelte den Kopf. »Gerard Roussel ist tot«, flüsterte er und starrte zum Fenster hinaus. »Und der Cherokee ist total ausge- brannt.« David zeigte keinerlei Reaktion, so als sei er völlig gei- stesabwesend. »Was hast du vor?« fragte Gaborit. David schwieg einige Sekunden lang, bevor er mit ausdrucksloser Stimme antwortete: »Warum hast du mich nicht krepieren lassen, Loic?« »Wir leben nicht mehr in einer Zeit, da Menschen an einem Gerinnsel oder an einer defekten Niere sterben müssen«, antwortete der Arzt nervös. »Das müßtest du doch am besten wissen.« Als sein Freund weiterhin hartnäckig schwieg, fuhr Gaborit fort: »Ich weiß nicht, ob jetzt wirklich der richtige Moment ist, um mit dir darüber zu sprechen, aber ...«, Einen Moment lang zögerte er. David schien die Fort- setzung ihrer Unterhaltung überhaupt nicht mehr zu in- teressieren. »Erinnerst du dich an Boris Gerstein?« »Der Pressezar und Aktionär der Z.S.A.?« murmelte David. »Genau«, bestätigte Gaborit. »Als er erfuhr, was ge- schehen war, schlug er vor, deine Versicherung zu dek- ken und deine sämtlichen Schulden zu bezahlen. Ohne irgendwelche Bedingungen.« David drehte sich auf die Seite und kehrte Gaborit den Rücken zu. Stille, Schweigen. Eine Minute später erhob sich der Arzt und verließ das Zimmer. David Toland sah zum Fenster hinaus auf einen von fasrigen Wolken durchzo- genen Himmel ... Zwei Wochen nach dem Eingriff durch Mark Zorski ver- ließ Pamela Sirchos das Krankenhaus und sah in kein- ster Weise wie jemand aus, der seine dritte Operation am offenen Herzen hinter sich hatte. Erneut zeigte sie sich von ihrer liebenswürdigsten Seite, stand einem Heer von Journalisten, die sie am Ausgang des Kran- kenhauses erwarteten, Rede und Antwort und gab ih- ren jungen, aus allen Teilen des Landes angereisten Verehrern tonnenweise Autogramme. Ihr Ehemann wußte ganz genau, daß es keinen Zweck hatte, sie von den Medien fernzuhalten. Pamela liebte es, im Rampen- licht der Öffentlichkeit zu stehen, und auch die pein- lichsten Fragen der unnachgiebigsten Journalisten konnten den Rhythmus ihres Herzschlags nicht um mehr als zwei oder drei Schläge pro Minute beschleuni- gen. Da Alexander Sirchos ebenfalls wußte, wie starr- köpfig Journalisten sein konnten, hielt er es berechtig- terweise für angebracht, der Sache ein schnelles Ende zu bereiten. Pamela war fit and well. Schluß. Pamela und alle ihre medizinischen Betreuer, an de-, ren Spitze Hugo Russel stand, zogen in die wundervolle Villa der Familie Sirchos in West Palm Beach ein. Abge- sehen von dem extravaganten Luxus, der ihn charakte- risierte, war dieser Ort eine wahre Insel der Ruhe, wo es nur den Vögeln erlaubt war, geräuschvoll ihre Anwe- senheit zu bekunden. Die schweren Eisengitter, die Unbefugten den Zu- gang zum Park verwehrten, öffneten sich, um den Lin- coln Continental passieren zu lassen, der langsam den Kiesweg zum Wohnsitz der Familie Sirchos hinauffuhr. Ohne echte Begeisterung betrachtete Pamela durch die getönten Wagenfenster hindurch die eindrucksvolle Silhouette der Villa. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der vorgab, diesen Ort zu lieben, hatte Pamela jedesmal, wenn sie hierherkam, das schmerzliche Gefühl, in einen goldenen Käfig eingesperrt zu werden, in ein perfekt geschütztes, vollkommen keimfreies, geruch- und ge- schmackloses Aquarium, das sorgfältig vor der Außen- welt abgeschirmt wurde. Doch diesmal müßte sie min- destens ein Jahr lang hier verweilen, bis feststand, daß auf ihre neue Herzklappe Verlaß war. Vom Flugzeug aus erinnerte die Villa inmitten des Ozeans an ein prachtvolles Schmuckstück aus Weiß- gold, das von zwei Swimmingpools - einer mit Meer- und einer mit Süßwasser - umgeben war und in einem grünblauen Schmuckkästchen lag, das der riesige fran- zösische, nach strikten geometrischen Mustern ange- legte Garten mit den unzähligen Springbrunnen und kleinen Teichen darstellte. Die Wachtürme an den äu- ßersten Winkeln des Parks waren unauffällig getarnt, beinahe vollkommen unsichtbar. Pamela seufzte leise und drückte die Stirn an das kühle Wagenfenster. Sie, die das Leben so liebte, die so gern durch die Welt reiste, die anderen Leuten begeg- nen und sie kennenlernen wollte ... Hier würde sie be- stimmt depressiv werden, bevor diese verfluchten Ärzte ihr erlauben würden, ein normales Leben zu führen., Ungeachtet dessen, was Alexander behauptete, wußte Pamela auch, daß er nicht mehr so oft bei ihr sein würde. Selbstverständlich hatte er in Fort Lauderdale, nur wenige Kilometer von der Villa entfernt, neue Büro- räume einrichten lassen, aber bald schon würden seine Geschäfte ihn wieder zu unendlich langen und geheim- nisvollen Reisen um die ganze Welt führen. Nicht alle Einzelheiten ließen sich aus der Ferne regeln, manchmal war seine Anwesenheit einfach unabdingbar. Pamela konnte nicht vergessen, wie er einmal gesagt hatte, daß er die Atmosphäre eines Landes unbedingt selbst spü- ren müßte, bevor er sich dort engagieren könnte, und daß selbst die besten Mitarbeiter nicht immerzu nur mobili- siert werden könnten, wenn sie ihren Chef nicht von Zeit zu Zeit zu Gesicht bekämen. Alle diese Erklärun- gen dienten im Grunde nur dazu, Pamela von der Not- wendigkeit seiner Abwesenheit zu überzeugen. Sie mußte sich den Tatsachen beugen: Sie konnte ihn nicht mehr überallhin begleiten. Als sie aus dem Lincoln stieg und die drei Kranken- schwestern sah, die sie, wie Figuren einer düsteren Ko- mödie, mit starrem Lächeln auf den strengen Gesich- tern auf der Treppe erwarteten, fragte sie sich, ob dieses Leben eigentlich noch lebenswert war ... Mark Zorski hieb mit der Faust auf den Schreibtisch. Aber der Direktor, ein hagerer kleiner Mann mit einer spitzen Nase und winzig kleinen rechteckigen Brillen- gläsern, zeigte keinerlei Reaktion. »Wie konnte denn eine solche Entscheidung ohne mein Einverständnis getroffen werden?« brüllte der Chirurg. »Sie waren vom Verwaltungsrat nur als Berater hin- zugezogen worden«, berichtigte der Direktor mit leiser Stimme. »Sämtliche Aktionäre des Krankenhauses so- wie die Gemeindevertreter von Philadelphia waren an- wesend, nur Sie zogen es wie gewöhnlich vor, der Sit-, zung fernzubleiben. Sie hielten es nicht einmal für nö- tig, sich vertreten zu lassen.« »Und was hätte das geändert?« wetterte Zorski. »Der Verwaltungsrat hat mich hintergangen, das ist die Wahrheit!« Gemächlich schüttelte der Direktor den Kopf. »Die Wahrheit ist, daß Ihnen eine komplette Etage des Hospitals zur Verfügung steht und wir uns eine derartige Belastung nicht mehr leisten können. Ihre Forschungsarbeit belastet das Budget unseres Instituts schwer. Zudem haben wir dieses Jahr die dringend be- nötigten Subventionen leider nicht gewährt bekommen.. Noch vor Ende dieses Jahres werden weitere hundert- dreißig Betten aufgestellt, und die Aerospace liefert uns endlich die beiden geforderten Scanners. Wir brauchen mehr Platz, Doktor Zorski, und ferner möchte ich Sie daran erinnern, daß Sie es bislang nicht für angebracht hielten, den Mitgliedern des Verwaltungsrats irgend- welche Resultate Ihrer geheimnisvollen Forschungen vorzulegen, so daß sie nicht länger das Geld und den Raum rechtfertigen, den Sie für Ihre Arbeit beanspru- chen. So jedenfalls lauten die Beschlüsse des Verwal- tungsrats.« Zorski musterte den Direktor und begann laut zu la- chen. »Ich bin Mark Zorski!« brüllte der Chirurg. »Und ich habe den Eindruck, daß die Mumien, die sich in Ihrem verdammten Verwaltungsrat den Bauch vollstopfen, das vergessen haben. Mir allein haben Sie mehr als die Hälfte aller Patienten Ihres verfluchten Hospitals zu verdanken. Aus aller Welt kommen Kranke nach Phila- delphia, um sich von Zorski operieren zu lassen. Haben Sie das vergessen?« »Auch über dieses Detail wurde lange diskutiert«, antwortete der Direktor mit gleichbleibender Stimme. »Aber das Funktionieren eines Instituts wie des unsri- gen bringt Zwänge mit sich, die auch Sie nicht außer, acht lassen dürfen. Wir haben Ihnen vieles bewilligt Doktor Zorski. Abgesehen davon, daß Sie gegen gel- tende Vorschriften verstoßen, einen Teil des Hospitals für Forschungsarbeiten beanspruchen, die keinen einzi- gen Dollar einbringen, gehen Sie sogar so weit, des öfte- ren und aus irgendwelchen schleierhaften humanitären Gründen Eingriffe vorzunehmen, ohne Geld dafür zu verlangen. Wir sind in der Tat nicht länger bereit, Ihr Image und Ihre spektakulären Auftritte in der Öffent- lichkeit zu finanzieren.« Zorski trat einen Schritt nach hinten und runzelte die Stirn. Nie zuvor hatte der Direktor es gewagt, in diesem Ton mit ihm zu reden. Bislang hatte Zorski als unan- tastbar gegolten, als wahres Aushängeschild des Hospi- tals von Philadelphia. Der Arzt bezweifelte, ob eine ge- wöhnliche Verwaltungsratssitzung einen solchen Mei- nungsumschwung bewirkt haben konnte. Es mußte eine Erklärung für diese Kraftprobe geben. Vielleicht wollte man ganz einfach nur seine Reaktion auf die Probe stellen? In dem Fall würde er es ihnen schon zei- gen .»Es gibt eine Menge Krankenhäuser und Kliniken in diesem Land, die sich meine Dienste eine schöne Stange Geld kosten lassen würden«, knirschte er. Er deutete mit dem Zeigefinger auf den Direktor, den diese Drohung aber offensichtlich völlig kalt ließ. »Und wenn ich gehe, wird auch Doktor Simba ge- hen«, fügte Zorski hinzu. »Auf einen Schlag werden Sie zwei der weitbesten Chirurgen verlieren, und Ihre ver- fluchte Klinik wird in der Bedeutungslosigkeit versin- ken. Ist es wirklich das, was die Autoritäten dieser Stadt anstreben?« Der Direktor räusperte sich leise. »Den Autoritäten von Philadelphia ist das völlig gleichgültig, aber die Aktionäre haben es satt, ihr Geld zu verlieren. Ich hoffe, Sie verstehen, daß .« »Ich verstehe überhaupt nichts«, entgegnete Zorski., »Morgen früh haben Sie meine Kündigung auf dem Schreibtisch liegen, und die von Doktor Simba eben- falls. Bis Ende der Woche wird der Operationsplan noch eingehalten.« »Wie Sie wollen ...«, murmelte der Direktor. Zorski verließ das Büro und schlug die Tür wütend hinter sich zu. Einen Augenblick lang betrachtete der Direktor seine Fingerkuppen, dann hob er den Telefonhörer ab. »Verbinden Sie mich bitte mit Alexander Sirchos im Miami Hospital ...« Weder der Reit- noch der üblichen Ruderpartie war Mu- stapha entkommen. Total erschöpft, mit wundem Rük- ken und Blasen an den Händen verabschiedete er sich von Sylvie. Im Lauf des Tages war er immer unruhiger, immer ungeduldiger geworden. Zwischen seiner Liebe zu Sylvie und seinem Wunsch, diese Fotos zu entwik- keln, hatte er sich schließlich für letzteres entschieden und sich seiner Freundin gegenüber ziemlich barsch benommen. Sylvie wollte mit der Clique zusammen zu abend essen. »Du hattest mir doch versprochen, wir würden diesen Tag zusammen verbringen!« hatte sie protestiert. »Hör zu, ich war den ganzen Tag mit dir zusammen. Ich hasse Pferde, um ein Haar hätte ich mir das Ge- nick gebrochen, die Hände habe ich mir blutig geru- dert auf diesem verfluchten See! Jetzt habe ich noch zu tun ...« Er zog die Nase hoch und schaute zur Seite, ehe er mit leiser Stimme hinzufügte: »Eine Filmmontage fertigzustellen.« Nach dieser letzten Erklärung verschwand der hüb- sche Mouss. Sylvie war wütend über das, was ihr wie ein unverständliches Sichentziehen vorkam. Letzte Nacht noch hatte der junge Mann nur davon gespro- chen, daß er sie nie wieder verlassen würde, und seine, feurigen Umarmungen durch flammende Worte betont. Seine Zärtlichkeiten waren also doch nur Schein. »Du weißt, wo du mich findest!« hatte Sylvie schroff geantwortet und ein Taxi herbeigewunken. Dabei tat Mouss diese brutale Trennung wirklich leid. Nur allzugern hätte er seine Neugier mit Sylvie geteilt, die Fotos mit ihr zusammen entdeckt, aber ihre Reak- tion am Morgen war derart heftig gewesen ... Wer weiß, was sie getan hätte, wenn sie erfahren hätte, daß Mouss den Film nicht in die Mülltonne geworfen hatte? Unter diesen Umstanden war es wirklich besser, sie aus allem herauszuhalten, auch wenn es dadurch zum Streit kam. Auf der Heimfahrt, in der Metro, dachte er bereits nicht mehr an Sylvie, sondern nur noch an den Film und an die Fotos. Er befürchtete, er habe sich von kind- lichen Illusionen hinreißen lassen, sich einen wahren Roman in seinem Kopf ausgedacht. Die Aussicht, mög- licherweise nur banale und zugleich bestürzende Fe- rienbilder zu entwickeln, beunruhigte ihn. Eine ältere Dame, die ihm gegenübersaß, warf ihm einen mißtraui- schen Blick zu. Noch am selben Abend schloß Mustapha Mouss sich in sein Amateurlabor ein und fixierte die Negative des Films. Er verließ die Wohnung, um Lebensmittel und einen Kasten Whisky einzukaufen, schloß sich in seinem Ap- partement ein und zog den Stecker des Telefons aus der Wand. Zwei Wochen lang blieb er von der Außenwelt abgeschnitten. Vierzehn Tage, die er einzig und allein damit verbrachte, nach einem logischen Zusammen- hang dieser vierundzwanzig Bilder zu suchen, die er vergrößert und an den Wänden seiner Wohnung befe- stigt hatte. Es war schrecklicher als alles, was er sich vorgestellt hatte. Schließlich ging er in die Nationalbibliothek und machte Fotokopien von sämtlichen Zeitungen, die am, Tag nach dem Selbstmord des Journalisten erschienen waren. Sorgfältig schnitt er alle Artikel über die De- monstration und die nachts ausgebrochenen Unruhen aus. Beim Lesen des letzten Artikels fiel sein Blick auf eine kurze Notiz zum Überfall, dem ein unabhängiger Sammler namens David Toland zum Opfer gefallen war ... Auf Mark Zorski warteten weitere Überraschungen. Im ganzen Hospital suchte er nach Simba, um ihn über die Entscheidung des Verwaltungsrats und die gemein- same Haltung, die er in dieser Angelegenheit einneh- men wollte, in Kenntnis zu setzen. Ein Assistenzarzt teilte ihm mit, daß Doktor Simba sich bei den beiden letzten Operationen dieses Tages vertreten ließ, jedoch keineswegs krank zu sein schien und auch keinerlei Er- klärungen abgegeben hatte. Was ganz und gar nicht Simbas Art war. Wie Zorski hätte auch der schwarze Riese noch mit vierzig Grad Fieber und zwei gebroche- nen Beinen operiert. Zorski rief bei seinem Kollegen zu Hause an, wo er von dessen Frau erfuhr, daß sie nichts von ihm gehört hatte und der Meinung war, er hielte sich nach wie vor im Krankenhaus auf. Mit besorgter Miene legte Zorski wieder auf. Ge- wöhnlich war es nicht Simbas Art, spurlos zu ver- schwinden und seine Patienten gewissermaßen auf dem Operationstisch im Stich zu lassen. Ferner wußte Zors- ki, daß sein Freund äußerst empfindlich auf Mißerfolge reagierte, und so erkundigte er sich über die Eingriffe, die Simba an diesem Tag, vor seinem Verschwinden, vorgenommen hatte. Auf seiner Abteilung hatte es seit vierzehn Tagen keinen Todesfall mehr gegeben, und auch die Operationen an diesem Tag, unter anderem eine besonders komplizierte Herzkranzarterien-Trans- plantation, waren ohne die geringsten Schwierigkeiten verlaufen. Der Assistenzarzt betonte sogar, daß diese, lange Serie von erfolgreichen Operationen eine Art neuen Rekord auf diesem Gebiet darstellen würde. Zorski wollte die Hoffnung bereits aufgeben, als Simba sich endlich über Telefon meldete. Wütend rannte Zorski den Flur hinunter zum Wandtelefon. »Wo bist du, Idiot?« brüllte der Chirurg. »Ich suche dich überall!« »Ich warte in der Blue Bar auf dich«, stammelte Simba mit seltsam dumpfer Stimme. »Hier gibt's phantasti- schen Rum!« Einen Moment lang war Zorski wie vor den Kopf ge- stoßen. Simba schien stockbesoffen zu sein. »Glaubst du wirklich, jetzt sei der richtige Moment, um sich vollaufen zu lassen?« schrie Zorski. Einige Krankenschwestern kamen aus dem Auf- sichtsraum und schauten ihn erstaunt an. »Es wird niemals einen besseren Moment geben als gerade heute«, erwiderte Simba am anderen Ende der Leitung. »Komm her, sag ich dir.« Brutal hängte Zorski ein. Der Telefonhalter löste sich von der Wand und krachte auf die Fliesen. Wie aufge- scheuchte Hühner liefen die Krankenschwestern in ihr Büro zurück. »Ich werde diesem Idioten einen Schimpansenkopf auf die Schultern pflanzen!« tobte Zorski und rannte die Treppe hinunter.

Zwölftes Kapitel

Armyan Simba lehnte an der Bar. Er saß auf einem die- ser unendlich hohen, mit blauem Leder bezogenen Hockern. Nachdenklich starrte er auf die Zuckerverzie- rungen an seinem Glas, das mit weißem Rum gefüllt war. Er war noch nicht wirklich betrunken, aber von den vier Gläsern Alkohol, die er bereits gekippt hatte,, war er doch ziemlich träge geworden. Allmählich stieg leise Euphorie in ihm auf und entspannte seinen vor Wut völlig verkrampften Körper. In einer Ecke klim- perte ein riesiger schwitzender Neger auf einem wun- derschönen blaulackierten Yamaha-Flügel Jazzmelodi- en. In dieser vornehmen Bar war alles in Blau gehalten. Deswegen war Simba hierher gekommen, dieser er- staunlichen Farbe wegen, die auch dem weißen Rum einen besonderen Geschmack gab. Ferner hatte ein letz- ter Funken Würde ihn dazu getrieben, sich in einer we- nig besuchten Bar vollaufen zu lassen. Die Blue Bar war in der Tat eines dieser Lokale, wo man sein Elend und seine Einsamkeit mit einem Rest Würde wegspülen konnte, wo die Anhänger der Selbst- zerstörung sich in aller Ruhe ihrem Hang zum Selbst- mord hingeben konnten. Angesichts der hohen Preise der Getränke mußte man allerdings schon außerge- wöhnlich reich sein, um in dieser Bar zum Alkoholiker zu werden. Simba begann, sich ausgesprochen wohl zu fühlen. Zwei Hocker weiter saß eine junge Frau in einem un- glaublichen Kleid, die ihn seit gut einer Viertelsrunde nicht mehr aus den Augen ließ. Eine dieser überkandi- delten Blondinen, die sich eine Haarsträhne merklich heller färben lassen und darunter das halbe Gesicht verbergen. Sie war weder hübsch noch besonders an- ziehend, und auch die ausgefallenen Klamotten, die sie trug, ließen sie keineswegs vorteilhafter erscheinen. Man mußte kein besonders kluger Psychologe sein, um herauszufinden, daß dieses Mädchen aus irgendeinem gottverlassenen Kaff kam und man ihr die Blue Bar emp- fohlen hatte, weil dort müßige, aber reiche alte Männer zu verkehren pflegten. Sie hatte ihr Glück bereits bei einem Sechzigjährigen versucht, der an einem Tisch in der Nähe des Klaviers saß und sich damit begnügt hatte, hintereinander sechs Gläser Jerez hinunterzukippen und sich die Augen nach, ihr auszugucken. Das Mädchen konnte noch so sehr die Brust wölben, ihre unglaubliche rosafarbene Boa über die nackten Schultern gleiten lassen und versuchen, durch unbeholfene Beinbewegungen den gewagten Schlitz in ihrem bunten Kleid zur Wirkung zu bringen; am Ende schob der Alte eine Fünfzigdollarnote unter sein letztes Glas und verließ die Blue Bar, ohne die Un- glückliche eines weiteren Blicks zu würdigen. Gewiß hatte der Kerl für die nächsten drei langen Wochen nun genug zum Träumen. Alle Bemühungen des Mädchens waren umsonst gewesen. Enttäuscht und mit vor Wut leicht verzerrtem Schweinsgesicht wandte sie sich anschließend Simba zu, dessen weißer, im blauen Neonlicht besonders blendender Anzug vermutlich ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Der Chirurg war sich dieser Aufmerksamkeit, die man ihm nun plötzlich schenkte, durchaus bewußt. Er drehte sich zu dem Mädchen um und lächelte ihm zu. Mein Gott, wie häßlich sie war! Simba unterdrückte ein nervöses Lachen und vertiefte sich erneut in die Be- trachtung seines Glases. Das Mädchen schien jedoch nicht gewillt zu sein, sich auch nur die kleinste Beute entgehen zu lassen. Sie wußte, daß in ungefähr einer Stunde, wenn die Büros schließen würden, andere, jün- gere und unendlich begehrenswertere Jägerinnen in der Bar aufkreuzen würden, um sich hier ihr Gehalt ein we- nig aufzubessern, das heißt, sich einen stinkreichen Vati zu angeln. Dann würde sie keine Chance mehr haben. Unter diesen Umständen war jetzt höchste Eile ge- boten, sie durfte keine großen Ansprüche mehr stel- len. Also ran an den Neger! Der Dollar hat nur eine Farbe! Mit dem Ellbogen schubste sie ihre Handtasche zu Boden, genau neben Simbas Füße. Der Arzt sprang von seinem Hocker, hob die Tasche auf und reichte sie dem Mädchen, das bereits neben ihm stand. Sie verströmte, einen Duft, der eine ganze Ferkelhorde hätte umbringen können. »Entschuldigen Sie«, flüsterte sie absichtlich verwirrt. »Ich wollte mir nur eine Zigarette nehmen und ...« Simba bemerkte ihre krummen Zähne und die Schwangerschaftsstreifen auf den Brüsten. Er lächelte und hielt ihr sein eigenes Zigarettenpäckchen hin. Zu- erst wollte sie das Angebot gar nicht annehmen. »Ich bitte Sie«, beharrte der Chirurg, sichtlich belu- stigt. Mit ihren zinnoberrot gefärbten Fingernägeln, die of- fenbar genauso falsch waren wie das Vuitton-Schild- chen auf ihrer Handtasche, die sie sich um die Schulter gehängt hatte, zog sie eine Zigarette heraus, steckte sie sich zwischen die zu stark geschminkten Lippen und beugte sich über das Feuerzeug, das Simba ihr hinhielt. Der Arzt sagte sich, daß es wenigstens drei oder vier Schaumbädern mit viel ätherischen Salzen oder Ölen bedürfte, um den von dieser Heuschrecke verströmten Duft wieder loszuwerden. »Darf ich Ihnen ein Gläschen spendieren?« fragte Simba. »Ich weiß nicht, ob ...«, begann das Mädchen. »Ach ja«, unterbrach Simba. »Verzeihen Sie bitte. Ich heiße Armyan Simba und arbeite als Chirurg im Central Hospital in Philadelphia.« Das Mädchen gab einen seltsamen Pfeif ton von sich. Simba diagnostizierte eine Verkrümmung der Nasen- scheidewand, die eine Funktionsstörung der Nasen- höhle bewirkte. »Olivia Frederickson«, stellte sie sich vor. »Ich komme aus Chattanooga, Tennessee. Kennen Sie Chattanoo- ga?« Simba räusperte sich. »Eh, nein ...« »Dabei ist es eine große Stadt«, bemerkte Olivia ein wenig vorwurfsvoll., »Gewiß«, besänftigte sie Simba. »Was möchten Sie trinken?« »Einen Whisky mit Zitrone. Mit viel Zitrone«, sagte das Mädchen und sog an der Zigarette. Simba bestellte und gab sich Mühe, weiterhin ernst zu bleiben. »Sind Sie in Philadelphia geboren?« fragte Olivia und schlug die Beine übereinander. »Nein, in Washington.« Sie nickte, als sei das eine Selbstverständlichkeit. »Ist das ihr Cadillac, der draußen vor der Bar steht?« fragte sie weiter. »Ja.« Erneut gab sie ein merkwürdiges Quietschen von sich, das Simba als den Versuch eines Lachens deutete, das durch die Furcht, ihre schlechten Zähne zeigen zu müssen, leicht verfremdet war. »Wissen Sie was?« »Nein ...« »Sie sehen gar nicht aus wie ein Chirurg.« »Ach ja?« »Sie sehen eher aus wie einer dieser Zuhälter, wie man sie aus dem Fernsehen kennt.« Simba lehnte sich zu Olivia hinüber und setzte eine komplizenhafte Miene auf. »Ich sehe, Kleine, dir kann man nicht so leicht etwas vormachen«, knurrte er. »Nein, auf keinen Fall!« beteuerte das Mädchen und schien nicht im geringsten darüber empört zu sein, daß Simba sie nun plötzlich duzte. »Bei dir ist es wirklich etwas ganz anderes«, fuhr Simba fort und pfiff durch die Zähne. »Du hast Klasse, große Klasse. Anders als diese blöden Flittchen, denen man in Philadelphia begegnet. Man sieht sofort, daß du etwas ganz Spezielles hast, etwas ..« »Etwas?« fragte Olivia erstaunt, zugleich geschmei- chelt und neugierig., Simba schnippte mit den Fingern. »Nun, etwas ... etwas Geheimnisvolles«, sagte er schließlich, als der Kellner die Getränke hinstellte. Simba hob sein Glas, wußte aber nicht so recht, wor- auf er eigentlich anstoßen sollte. »Auf die Mädchen aus Chattanooga?« schlug Olivia vor. Um ein Haar hätte Simba sich verschluckt. »Genau«, stimmte er zu. »Auf die Mädchen aus Chattanooga!« Er nahm einen Schluck Rum und stellte sein Glas wieder hin. »Und was hat ein Mädchen deines Formats in diesem verfluchten Staat zu suchen?« Plötzlich verfinsterte sich der Blick des Mädchens. »Ach! Eigentlich bin ich nur auf Durchreise!« antwor- tete sie. »Nächste Woche soll ich eine Freundin in New York treffen.« »Ich verstehe«, murmelte Simba und zog die Nase hoch. »Und wo haust du?« »Wie bitte?« »Du mußt doch 'ne Bude hier in Philadelphia haben?« »'ne Bude?« »Nun, ein Zimmer, ein Platz zum Schlafen. Wohnst du in einem Hotel?« Olivia runzelte die Stirn. »Sie gehen aber hart ran, Sie!« gluckste sie. »Ich bin eben ein Zauberer, Püppchen«, sagte Simba, schnitt eine Grimasse und spielte den Angeber. »Was auch immer du hier suchst, ich kann es dir bieten. Los, sag schon, was du von mir willst!« »Aber ich ...« »Du bist hergekommen, um den Dealern aus Big Apple aus der Patsche zu helfen, stimmt's? Es scheint, daß sie seit zwei Wochen in New York nur noch Aspirin schnupfen.« Verdutzt schüttelte das Mädchen den Kopf. Unter der, hellen Haarsträhne verbarg sich ein wundervolles blaues Auge, wahrscheinlich das Resultat ihrer ersten Begegnungen in Philadelphia. »Los, Puppe, pack aus!« sagte Simba und äffte den Akzent der Ganoven aus Harlem nach. »Bei mir bist du an den richtigen Mann geraten. Brauchst du Morphium, Kokain, Speedball-Hasch, Opium, Black Bombay, Brown Sugar, LSD, Yellow Sunshine Explosion, STP Vroom-Vroom? Barbitol, Anti-Selbstmord-Tabletten in 24er Röhrchen, Metedrin, Benzedrin, Demerol, Ko- dein ...« Gierig fuhr er sich mit der Zunge über die Lip- pen. »Worauf wartest du noch, Kleines?« Um ein Haar wäre Olivia vom Hocker gefallen. Sie riß ihr einziges, noch sichtbares Auge weit auf und war baß erstaunt. »Jetzt weiß ich's!« schrie Simba. »Du brauchst Waf- fen! Natürlich! Ich kann dir Dan Wessen, 357 Maximum, einen Rolls-Ballermann anbieten. Eine kleine Bazooka, kapiert? Du kannst auch einen Colt, einen Ruger, eine Beretta oder eine Uzi kriegen. Was du willst. Alle Grö- ßen, jede Menge!« Er zwinkerte. »Alter Knastbrauch! Wenn es für einen Guerillakrieg sein soll, ich hab 's. Für eine Revolution, hab ich eben- falls. Für einen Staatsstreich? Kein Problem! Kanonen, Raketen, Tanker, Flugzeuge und Kalaschnikows! In rauhen Mengen. Ich kann's dir beschaffen, Kleine, ein- fach alles! Du hast wirklich an die richtige Tür geklopft. Oder soll's noch ausgefallener sein? Fliegende Fische? Landungsboote, Ultimax-Sturmgewehre, einen Alpha- jet? He, Puppe, ich kann dir alles besorgen, was du brauchst, um diesen Scheißplaneten in die Luft zu sprengen!« Olivia nahm ihre Tasche und drückte sie fest an sich. Verzweifelt suchte sie nach einer Möglichkeit, von ih-, rem Hocker runterzusteigen, ohne auf den Teppich zu fallen. »Nein, ganz und gar nicht!« wiederholte sie mit leicht hysterischer Stimme. Simba schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Jetzt weiß ich's!« seufzte er. »Entschuldige, Mäd- chen. Ich habe mich etwas daneben benommen. Be- stimmt suchst du einen Job. So wie du aussiehst, möch- test du wohl in Fleischer-Tonys Puff unterkommen. Stimmt's?« Bald würde das Mädchen laut zu schreien beginnen. »Verdammt, du hast aber wirklich Glück«, fügte er mit einem Blick über Olivias Schulter hinzu. »Da kommt Tony gerade. Ich werde dich ihm vorstellen .« Das Mädchen drehte sich um und sah, wie Mark Zorski die Bar betrat. Der Kerl da sah nicht besonders freundlich aus. Olivia wurde ganz blaß im Gesicht, stieg umständlich von ihrem Hocker, verstauchte sich dabei den Knöchel, ließ einen Schuh auf dem Teppich zurück und verließ schleunigst die Blue Bar, nachdem sie sich ein letztes Mal entsetzt nach Fleischer-Tony umgedreht hatte. »Daß du die Mäuschen aber auch immer so erschrek- ken mußt!« sagte Simba mit perfekter Unschuldsmiene. Allmählich verbesserte sich Davids Gesundheitszu- stand. Er befand sich praktisch außer Lebensgefahr, war aber noch außerordentlich schwach. Der plötzlichen Schwindelgefühle wegen hatte er allergrößte Mühe, länger als fünf Minuten auf den Beinen zu sein. Doktor Gaborit besuchte ihn auch weiterhin regelmäßig, unter- ließ es jedoch, über die katastrophale finanzielle Lage seines Freundes zu sprechen. Wie erwartet und gemäß den Bestimmungen des vom Sammler unterzeichneten Vertrags hielten die Versicherungen es nicht einmal für nötig, einen Experten zur Schadensprüfung zu schik-, ken, und waren nicht bereit, für mehr als ein Drittel der Schäden aufzukommen. Die Gläubiger allerdings ließen nicht lange auf sich warten; sie wollten die Ausrüstung zurückhaben, die aller Wahrscheinlichkeit nach nie be- zahlt werden würde. Gaborit mußte sie regelrecht aus dem Krankenhaus hinauswerfen lassen. Toland stand vor dem Nichts, seine Moral war angeknackst, vor al- lem wegen Roussels Tod, weswegen sich seine Gene- sung merklich verlangsamte. Er begann zu bedauern, daß er den Überfall der Rowdies überlebt hatte. Flüchtig durchblätterte David eine Zeitschrift, als der Polizist sein Zimmer betrat. Einer dieser Typen, die niemals stillstehen können, deren Blick niemals ruht und deren Gedächtnis jedes Wort, jedes Zögern, jede Ungereimtheit speichert ... Sein ganzes Verhalten deu- tete darauf hin, daß er schnell zum Ende kommen woll- te, daß er womöglich mit irgendeiner aufgedonnerten Blondine verabredet war und der Fall, um den er sich zu kümmern hatte, ihn mindestens soviel interessierte wie der derzeitige Stand der französischen Wasserballmei- sterschaft. »Ich bin Inspektor Mescard«, stellte sich der Polizist vor und warf einen flüchtigen Blick auf die Fiebertabelle des Sammlers. »Ich sollte Sie eigentlich schon vor eini- gen Tagen befragen, aber Ihr Arzt bat mich, damit noch eine Weile zu warten.« Da David nicht antwortete, begann er zu husten. Dann zog er ein riesiges kariertes Taschentuch aus sei- ner Manteltasche und schneuzte sich geräuschvoll. »Diese verdammte Grippe!« knurrte er und zog die Nase hoch. »Die schleppe ich jetzt schon fast zwei Wo- chen mit mir herum. Scheint eine Epidemie zu sein. Ein chinesischer Virus, sagt man.« Als er das Taschentuch erneut sorgfältig zusammen- gefaltet hatte, steckte er es in seine Tasche zurück. »Sogar die Schule, in die meine Tochter geht, hat man schließen müssen, und mein jüngster Sohn liegt nun, schon seit zwei Tagen mit neununddreißig Grad Fieber im Bett«, fuhr er fort. »Vielleicht hätte ich meine ganze Familie impfen lassen sollen. Meine Frau hat sich imp- fen lassen, und ihr geht es blendend. Keine Bronchitis, keine Grippe, nicht einmal ein kleiner Schnupfen, nichts! Es ist unglaublich ..« Er rieb sich die Nase, als müßte er jeden Augenblick niesen. Dann fügte er hinzu: »Unglaublich, denn meine Frau raucht wie ein Schlot und säuft wie ein Loch. Wenn ich nur ein Viertel von dem rauchen und von dem trinken würde, was sie raucht und trinkt, wäre ich längst begraben!« Er lachte laut auf. Mit finsterer Miene griff David er- neut nach seiner Zeitschrift. »Kannten Sie sie?« David schaute auf. »Wie bitte?« »Ob Sie die Leute kannten, die Ihnen das zugefügt haben?« David schüttelte den Kopf. »Nein. Nie gesehen.« »Waren es viele?« David zuckte mit den Schultern. »Ungefähr zehn, vielleicht auch mehr ...« Der Inspektor räusperte sich. »Ich weiß, daß das nicht sehr lustig für Sie ist, aber Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie mir erzählen könn- ten, wie es passiert ist.« »Wir bekamen eine Meldung übermittelt, wir fuhren hin, und die Rowdies warteten auf uns .« »Mitten in der Nacht?« David runzelte die Stirn. »Sie arbeiten nachts?« David schnitt eine Grimasse. »Gewöhnlich arbeiten wir am Tag, aber nachts versu- chen wir, die gesammelten Organe an den Mann zu bringen.«, »Ich verstehe«, murmelte der Polizist. »Sie machen sich keine Notizen?« fragte David er- staunt. »Wie bitte?« »Gewöhnlich kritzeln Polizisten, die mit einer Unter- suchung beschäftigt sind, ständig auf einem Notizblock rum.« »Ach ja!« lachte der Inspektor. »Ich verstehe, was Sie meinen. Aber das ist nicht meine Art. Sie sprachen von einer Meldung?« David legte die Zeitschrift beiseite und kreuzte die Arme. »Sie wissen nicht genau, wie ein Sammlerteam arbei- tet, Inspektor?« fragte er mit leicht ironischem Unter- ton. »Ich habe mich in den letzten Tagen erkundigt«, ver- riet der Polizist und starrte unentwegt zum Fenster hin- aus. »Sie sind mit einem Computer ausgerüstet, der die Informationen auswertet und sie, je nach Ihrer Position, an Sie weiterleitet. Das stimmt doch, oder?« »Sie haben sich sehr gut informiert!« Erneut zog der Inspektor die Nase hoch und schien zu zögern. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Monsieur To- land. Ich stelle Ihnen diese Fragen nicht aus reiner Neu- gier ...« Er trat merklich näher ans Bett. »Haben Sie Feinde?« »Alle Sammler haben Feinde. Ich nehme an, Sie wis- sen, wie man uns in der Öffentlichkeit nennt.« Der Inspektor hustete leise. »Ich meine«, verbesserte er sich, »haben Sie persönli- che Feinde?« Tolands Blick verfinsterte sich. Einen Augenblick lang schwieg er. »Ich muß das wissen, Monsieur Toland«, ermutigte ihn der Polizist. »Denn, verstehen Sie, um ein solches, Attentat planen zu können, mußten die Ganoven Ihren Standort genau kennen. Auf den ersten Blick deutet al- les auf ein willkürliches, zufällig begangenes Verbre- chen hin, das gegen den erstbesten Sammler gerichtet sein konnte, der die Falschmeldung empfangen hätte und an der Unfallstelle eingetroffen wäre. Diese Hypo- these scheint die Tatsache zu untermauern, daß Sie kei- nen der Angreifer gekannt haben. Aber .« Er legte eine kurze Pause ein, die Toland für reichlich theatralisch hielt. »Aber da gibt es ein Detail, das mir keine Ruhe läßt«, fuhr der Polizist fort. »Unseres Wissens hat sich kein anderer Sammler an der vermeintlichen Unfallstelle eingefunden. Sie wurden von einem Taxifahrer gefun- den, und nur zwei Augenzeugen haben sich bei uns gemeldet. Dabei herrscht in Ihrem Beruf ein ziemlich harter Konkurrenzkampf. Es kommt eher selten vor, daß nur ein einziger Sammler einem Aufruf Folge lei- stet, nicht einmal nachts.« »Sie scheinen sehr viel über unseren Beruf in Erfah- rung gebracht zu haben«, murmelte David. »Ich hatte fast drei Wochen Zeit, mich zu informie- ren«, antwortete der Inspektor ohne Zögern. »Sie lei- sten hervorragende Arbeit, Monsieur Toland, aber nicht jeder Sammler ist so gewissenhaft wie Sie.« Er ging im Zimmer auf und ab wie eine in einem Käfig eingesperrte Raubkatze. »Ich habe mir die Zeit damit vertrieben, Ihren Weg in der Nacht des ... des Unfalls zu rekonstruieren. Und ich habe herausgefunden, daß es äußerst einfach war, Ihnen zu folgen, da die Unfallstationen der verschiede- nen Hospitäler, je weiter Sie sich entfernten, von dem Computer nicht länger erfaßt wurden. Unter diesen Umständen kann ich mir sehr gut vorstellen, daß man Ihre Strecke problemlos voraussehen konnte.« David machte ein gelangweiltes Gesicht. »Sie irren sich, Inspektor. Ich ...«, »Waren Sie nicht im Rothschild-Hospital, bevor Sie bei Clignancourt in die Falle gerieten?« David runzelte die Stirn. Dieser Bulle brachte ihn völ- lig aus der Fassung, sowohl durch sein Verhalten als auch durch den verschlungenen Gang seiner Überle- gungen. »Ja, aber ...« »Aber das Rothschild-Hospital stand nicht auf der Computerliste!« triumphierte der Polizist. »Wenn ich erraten habe, daß Sie sich in dieses Institut begeben ha- ben, so kann jeder andere das ebenfalls erraten haben. Abgesehen davon, daß Sie von jemandem verfolgt wer- den konnten ...« Der Inspektor rieb sich heftig die Nasenspitze. »Ich möchte Ihnen eine sehr wichtige Frage stellen, Monsieur Toland. Und ich bitte Sie, gut zu überlegen, bevor Sie diese Frage beantworten.« David war aufmerksam geworden. »Haben Sie das Gefühl, daß die Übeltäter auf Sie ge- wartet haben?« flüsterte der Inspektor. »Auf Sie und nicht auf irgendeinen anderen Sammler?« Seit David erneut bei Bewußtsein war, hatte er sich diese Frage immer wieder gestellt. Und schließlich war er zu einer Antwort gelangt, die er nun jedoch ins ge- naue Gegenteil umdrehte: »Ich habe den Eindruck, daß diese Rowdies dem erst- besten Sammler, der ihnen in die Hände fallen würde, den Kopf einschlagen wollten. Es tut mir leid, Sie ent- täuschen zu müssen, Inspektor. Ich hatte Pech, ganz einfach Pech.« Einen Moment lang zögerte der Polizist. Dann schüt- telte er den Kopf. »Es braucht Ihnen nicht leid zu tun«, sagte er zer- streut. »Für mich spielt das sowieso keine Rolle. Was denken Sie über Skorpione, Monsieur Toland?« Um ein Haar wäre David aus seinem Bett gefal- len., »Was soll diese Frage?« stammelte er erstaunt. »Am Tag nach Ihrem Unfall haben wir die Leiche ei- nes Bandenführers gefunden, der sich mit seinen Leu- ten im städtischen Renovierungsgebiet des nördlichen Außenbezirks herumzutreiben pflegte. Auf dem Hand- rücken hatte dieser Kerl einen Skorpion eintätowiert. Er ist erstochen und sexuell mißbraucht worden. Den Aussagen unserer beiden Augenzeugen zufolge könnte es sich um dieselbe Bande handeln, die auch Sie über- fallen hat. Die Beschreibung paßt, aber diese Rowdies sehen sich ja alle verdammt ähnlich .« Ratlos zog er die Nase hoch. »Eigentlich müßten Sie recht haben. Es handelt sich um eine Folge von Zufällen.« »Warum verhören Sie nicht die übrigen Mitglieder dieser Bande?« fragte David. »Man sieht, daß Sie diese Ganoven nicht kennen«, gluckste der Inspektor nervös. »Diese jungen Leute ha- ben es sich zur Devise gemacht, erst mit einem Bullen zu sprechen, nachdem sie ihm den Hals durchgeschnit- ten haben. In einer Gesellschaft wie der unseren ist das Schweigen ihre stärkste Waffe. Wie dem auch sei, viel- leicht hat der Zufall Sie bereits gerächt, Monsieur To- land ...« Nach einer weiteren Pause fügte er mit trübseliger Stimme hinzu: »Und mir bleibt nichts anderes übrig, als diese Akte vermodern zu lassen. Aber es gibt noch so viele andere Fälle. Entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie gestört habe. Ich muß in diesem Hospital noch andere Leute verhö- ren. Unzählige Opfer, die glauben, daß ich ihren An- greifer schon zehn Minuten nach ihrer Aussage stellen werde.« Er ging zur Tür. »Wenn alle so wären wie Sie ...«, sagte er und verließ das Zimmer. Noch lange dachte David über die Zweideutigkeit, dieser letzten Bemerkung des Polizisten nach. Dann schlief er ein und sank in einen Traum, in dem es von Skorpionen nur so wimmelte ...

Dreizehntes Kapitel

Das blaue Licht in der Blue Bar änderte nichts an Mark Zorskis Wut. Nach kurzem Zögern angesichts des über- stürzten Aufbruchs der großen Blondine packte der Chirurg seinen Kollegen am Arm und zog ihn an einen etwas abseits stehenden Tisch. »Was zum Teufel ist in dich gefahren?« protestierte Simba. »Das müßte ich dich fragen!« schrie Zorski wütend. »Weißt du, was passiert ist, während du dich mit dieser Nutte besoffen hast? Na, was meinst du?« Simba lächelte nur. »Das Krankenhaus hat unsere Arbeitsräume beschlag- nahmt, und du hast unseren Rücktritt eingereicht«, antwortete er belustigt. Zorski war ganz verwirrt. Simba pfiff auf zwei Fin- gern, um den Kellner an ihren Tisch zu rufen. »Findest du nicht, daß du schon genug getrunken hast?« knurrte Zorski. »Laß mich in Ruhe!« erwiderte der schwarze Riese grimmig. Der Kellner kam und schaute noch eisiger drein als die Ausstattung der Bar. »Eine Flasche Rum und dazu zwei Gläser!« bestellte Simba. Der Kellner kehrte wieder um. Zorski beugte sich über den Tisch. »Woher weißt du das?« murmelte er. »Woher ich was weiß?« »Daß ich unseren Rücktritt eingereicht habe«, sagte, der Chirurg ungeduldig. »Hat das Krankenhaus dich benachrichtigt?« Simba riß die Augen auf, schaute seinen Freund einen Moment lang erstaunt an und lachte dann laut auf. »Weil du nicht informiert bist!« prustete Armyan ver- gnügt. »Hat niemand dich benachrichtigt? Was ist mit deinen Freunden, Zorski? Mit deinen berühmten Freun- den aus der Politik. Die Frauen der Senatoren scheinen dich im Stich gelassen zu haben. Du kannst kein beson- ders guter Liebhaber gewesen sein!« Zorski schnitt eine Grimasse und sah sich ängstlich in der Bar um. »Sprich bitte etwas leiser!« forderte er Simba auf. »Ich begreife kein Wort von dem, was du da erzählst. Wer hätte mich worüber informieren sollen?« Mit einer Flasche weißem Rum in den Händen und einem etwas verächtlichen Blick kam der Kellner an ih- ren Tisch zurück. »Nehmen Sie das wieder mit und sagen Sie mir, was ich Ihnen schulde!« befahl Zorski in barschem Ton. Dann wandte er sich erneut an seinen Kollegen. »Und du erzählst mir jetzt auf der Stelle, was du alles weißt!« Plötzlich war Simba wieder vollkommen nüchtern. Neugierig betrachtete er Zorski. »Hast du wirklich keine Ahnung?« fragte er. »Ich weiß nur, daß das Central Hospital sämtliche Kredite für unsere Forschungsarbeiten gestrichen hat«, gestand Zorski. »Aber was zum Teufel müßte ich denn noch wissen?« Simba stand von seinem Stuhl auf und streckte sei- nen riesigen Körper. »Komm mit! Ich zeig dir was.« Zorski bezahlte eine astronomische Summe für den Rum, dessen Preis dem eines narzissengelben Diaman- ten entsprach, und verließ die Blue Bar. Draußen regnete es in Strömen. Die Schauer hatten die Straßen von Phil-, adelphia innerhalb weniger Sekunden leergefegt. Die Passanten suchten in den Hauseingängen Schutz. Die beiden Ärzte stiegen rasch in den Cadillac. Simba schüttelte sich, öffnete das Handschuhfach und warf Zorski einen Stapel Zeitschriften auf den Schoß. »Das alles ist in den letzten beiden Tagen über uns beide erschienen«, erklärte Simba und schaltete die Deckenlampe der Limousine an. »Über uns?« wiederholte Zorski ungläubig. »Die Medical World News etwa schreibt«, zitierte Simba lakonisch: »>Max Zorski und die Untergrund-For- schung<. Das Journal of the American Medical Association: >Die Experimente im Hospital von Philadelphia. Zorski und Simba halten sich für Zauberer<. Die Time und die New York Daily News: >Doktor Zorski sorgt für den Skandal im amerikanischen Ärztemilieu<. Medical Com- munications: >Mystik und Forschung, Prolegomena einer verspotteten Ethik<. Esquire: >Zorski und Simba wollen unsere Köpfe austauschen<. Bulletin of the New York Aca- demy of Mediane: >Es kommt zu einer Untersuchung über die von Mark Zorski im Hospital von Philadelphia geleiteten Forschungsarbeiten<. The American Journal of Psychiatry: >Die neuen Gegner der Schizophrenie, Zorski hält sich für Mengele ..< .« Fieberhaft durchblätterte Zorski die Zeitschriften. Sein Gesichtsausdruck erstarrte. »Das gibt's doch nicht«, stammelte er. »Das ist doch nicht möglich ...« »Ist das dein Ernst?« fragte Simba völlig verblüfft. »Hast du wirklich nichts davon gewußt?« Wütend schob Zorski die Zeitschriften zur Seite. »Das ist doch eine gemeine Verschwörung«, fluchte er vor sich hin. »Alle diese Schundblätter, die zur glei- chen Zeit diese Artikel veröffentlichen. Die wollen uns fertigmachen ...« Simba schüttelte den Kopf., »Ehrlich gesagt, ich glaubte, diese ganze Scheiße wäre deine Idee gewesen«, flüsterte er. »Um den Ärztever- band zu zwingen, uns Subventionen zu gewähren ...« »Subventionen?« schrie Zorski. »Ich pfeife auf dessen Subventionen. Sirchos' ganzer Reichtum steht mir zur Verfügung! Ich könnte in dieser verfluchten Stadt ein Hospital bauen lassen, das zehnmal größer ist als das Central Hospital. Ein kurzer Anruf würde genügen.« Mit den Fingerspitzen rieb Simba sich die Wange. »Meiner Meinung nach wird es allmählich höchste Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken«, flüsterte er ver- legen. »So wie die Dinge momentan stehen, wird man uns bald nicht einmal mehr erlauben, eine simple Blinddarmoperation vorzunehmen.« Mustapha Moussi hatte sich seinen Plan sehr genau überlegt. Stundenlang saß er vor den Vergrößerungen der Bilder; Tag und Nacht studierte er die Artikel, die in der Woche nach den Zwischenfällen erschienen waren, legte sich ein Dossier an und stellte die verrücktesten Hypothesen auf, während sich in seinem Kopf bereits eine logische Erklärung für diese unglaubliche Ge- schichte herauszuschälen begann. Seine Überlegung war verhältnismäßig einfach: Die Z.S.A.-Sammler hat- ten die Manifestanten getötet, und die Todesanzeigen der Opfer waren aller Wahrscheinlichkeit nach unter der Rubrik Vermischtes, Verkehrsunfälle, Selbstmorde und Brände abgedruckt worden. In zwei Fällen war Mouss absolut sicher, die Leute auf den Fotos identifi- ziert zu haben. Das erste Opfer war von einem Panzer- fahrzeug der Polizei überrollt und anschließend vermut- lich von den Sammlern getötet worden. Den zweiten Manifestanten, dessen Todeskampf in Großaufnahme besonders erschütternd war, hatten die Sammler buch- stäblich eigenhändig niedergemetzelt, und zwar mit ei- nem seltsamen Ding, mit einer Art elektrischer Lanze, die das Zeichen der Aerospatial trug. Diese Tatsachen, waren nicht zu leugnen. Mouss hatte beinahe eine ganze Woche damit verbracht, den beiden ermordeten Manifestanten auf die Spur zu kommen. Der erste war, mit drei Freunden zusammen, bei einem Autounfall auf der westlichen Umgehungsstraße ums Leben gekom- men, und der zweite war beim Baden einem Strom- schlag erlegen, als ein Kofferradio ins Wasser gefallen war. Ganz offensichtlich waren diese beiden Morde im geheimen Einverständnis mit der Polizei begangen und von der Z.S.A. als Unfalltode getarnt worden. Der zweite Teil seiner Überlegung war genauso wich- tig wie der erste und betraf den Pseudo-Selbstmord des Journalisten, der diese Bilder geknipst hatte. Mouss zweifelte keine Sekunde daran, daß der Fotograf von den Sammlern überrascht und anschließend aus dem Fenster geworfen worden war. Blieb also nur noch her- auszufinden, ob seine Mörder wußten, daß es ihm ge- lungen war, einem Hausbewohner, in diesem Fall Syl- vie, den Film anzuvertrauen .In dem Fall, daß der Journalist vorsorglich einen leeren Film eingelegt hatte, den die Sammler unverzüglich zerstören konnten, mußte die Z.S.A. sich in Sicherheit fühlen. Aber es gab auch noch zwei andere Möglichkeiten. Der Fotograf hatte keinen anderen Film eingelegt, oder die Sammler hatten den leeren Film entwickeln lassen. In diesen bei- den Fällen mußte die Z.S.A. nun eifrigst damit beschäf- tigt sein, den Film zu suchen, der vor jedem Gericht zwangsläufig ihre Schuld beweisen würde. Die Vorstellung, einen riesigen landesweiten Skandal zu verursachen und derjenige zu sein, der eine myste- riöse, von der Polizei und den Z.S.A.-Sammlern ange- zettelte Verschwörung aufdeckt, begann Mouss zu be- geistern. Doch seine Angst dämpfte diese kindliche Aufregung gehörig. Plötzlich fühlte er sich bedroht und entsetzlich schwach. Es würde den Geiern nicht schwerfallen, Sylvie ausfindig zu machen und sie zum Reden zu bringen. Allerdings ging es Sylvie blendend., Sie hatte das unschickliche Verschwinden ihres Gelieb- ten längst überwunden und sich unverzüglich einen neuen gesucht. Alles schien darauf hinzudeuten, daß die Z.S.A. glaubte, die Sache mit dem unerwünschten Fotografen sei endgültig erledigt ... Dann wurde Mouss mit einem Mal bewußt, daß seine Wohnung mit den an den Wänden befestigten Doku- menten zu einer wahren Goldgrube geworden war. Er hatte sich über die Z.S.A., ihr Kapital und ihre Unter- stützung aus dem Ausland erkundigt und war zu dem Schluß gekommen, daß er den Coup trotz aller Gefahr wagen sollte. Wenn er keinen Fehler beginge, wäre seine Zukunft gesichert ... Die Versuchung war groß, und Mouss konnte ihr nicht widerstehen. Das erste Foto schickte er an Steve Odds in die Z.S.A.-Zentrale. Die geforderte Summe stand hinten auf dem Bild. Sämtliche Negative des Films sowie die von ihm angelegte Akte vertraute er einem Anwalt an, der auf das Urheberrecht spezialisiert war und den er bat, die Unterlagen im Falle seines plötzlichen Todes ei- nem gewissen David Toland auszuhändigen. Der An- walt kassierte dreitausend Francs und verstaute alles in seinem Safe. Mouss war bereit, Millionär zu werden ... Die aparte Vanessa Belon drückte auf den Knopf der Sprechanlage. Alexander Sirchos saß an seinem Schreibtisch und studierte einen Computerbericht. Der Apparat gab einen leisen Piepston von sich. Verärgert schob der Milliardär seine Aufzeichnungen beiseite und hob den Hörer ab. »Ja?« »Doktor Zorski möchte Sie sprechen«, sagte die Se- kretärin. Sirchos lächelte zufrieden. Es lief also alles so, wie er es sich vorgestellt hatte., »Stellen Sie das Gespräch durch«, sagte er und be- trachtete die wie Perlmutt schimmernden Rundungen seiner Fingernägel. Sogleich ertönte Zorskis helle Stimme durch den Ap- parat: »Monsieur Sirchos!« »Wie geht es Ihnen, Doktor Zorski?« fragte der Mil- liardär scherzhaft. »Schlecht. Die Presse fällt über mich her, das Central Hospital hat uns sämtliche Forschungskredite gestri- chen ...« »Ich weiß«, antwortete Sirchos. Einen Moment Stille am anderen Ende der Leitung. »Was gedenken Sie zu tun?« fragte der Milliardär. Zorski zögerte. Zwar kannte er die Klauseln ihrer Vereinbarung ganz genau, doch er sträubte sich dage- gen, schon jetzt darauf zurückzugreifen. »Ich habe meinen Rücktritt eingereicht.« »Eine richtige Entscheidung«, meinte Sirchos ermuti- gend. »Eines meiner Teams beschäftigt sich bereits mit Ihrem Fall. Doch ich bezweifle, daß Ihre Akte bis vor den Senat kommt und eine amtliche Untersuchung ein- geleitet wird. Man wird von Ihnen verlangen, Rechen- schaftsberichte vorzulegen, Doktor Zorski. Was haben Sie vorzuweisen?« »Man weiß ganz genau, welchen Forschungsarbeiten ich mich widme«, empörte sich Zorski. »In ganz Ame- rika habe ich meine Arbeiten vorgestellt, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Nun wird man doch wohl nicht behaupten, nie etwas davon gehört zu haben.« »Sie sind wie Ratten, und Ihr Schiff ist am Sinken«, seufzte Sirchos. »Keiner von ihnen wird das Risiko auf sich nehmen, in einen Skandal verwickelt zu werden.« »In welchen Skandal?« fragte der Chirurg mit heiserer Stimme. »Wir haben nichts anderes getan, als neue Transplantationsformen an Labortieren auszuprobie- ren.«, »Kopftransplantationen«, fügte Sirchos mit leiser Stimme hinzu. »Das ist keine Kleinigkeit. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, gegen welche Mauer Sie stoßen werden. Die über Sie erschienenen Artikel deuten es bereits an. Aber wenn Sie sich weiterhin auf Tiere be- schränken, brauchen Sie im schlimmsten Fall selbstver- ständlich nur mit einem formellen Verbot der Experi- mente zu rechnen. Offiziös heißt das, daß Sie dem Ver- teidigungsministerium unterstehen werden und unter dessen Aufsicht Ihre Arbeiten fortsetzen können. In dem Fall arbeiten Sie unter denselben Bedingungen wie Ihre sowjetischen Kollegen.« Betroffenes Schweigen folgte dieser Erklärung des Milliardärs. »Aber wir sind soweit!« entgegnete Zorski leise. »Wir müssen die Transplantationen jetzt am Menschen vor- nehmen. Es muß sein! Ich habe nicht die ganzen Jahre über gearbeitet, damit meine Erkenntnisse auf dem Schreibtisch irgendeines Generals landen. Die militäri- schen Auswirkungen meiner Forschungen interessieren mich nicht!« »Sie wollen also weder aufhören noch abwarten, noch unter der Aufsicht des CIA weiterarbeiten?« »Nein.« »Warum haben Sie mich angerufen, Zorski?« »Ich ... ich dachte, Sie könnten diese Pressekam- pagne vielleicht stoppen ... Druck ausüben auf ...« »Unmöglich!« antwortete Sirchos. »In diesem Land ist niemand vor der Presse sicher, das wissen Sie ganz genau. Lange Zeit haben Sie die Medien für Ihre Zwecke genutzt, und nun beklagen Sie sich darüber, daß diese Macht sich gegen Sie richtet. Sie wollen gleichzeitig eine öffentliche Persönlichkeit und ein im Verborgenen arbeitender Wissenschaftler sein. Dieses Verhalten wird man Ihnen nicht verzeihen.« »Wenn ich Erfolg habe, werden sie mir alle zu Füßen liegen«, knurrte der Chirurg., Der Milliardär schien sich bei ihrem Gespräch bestens zu amüsieren. »Im Moment erinnern Sie mich eher an Doktor Fran- kenstein als an Professor Barnard. In Ihrem Fall wäre ein Gelingen nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Aber sind Sie wirklich davon überzeugt, es auf Anhieb zu schaffen? Wie wollen Sie Ihre Spender und Ihre Emp- fänger finden, Doktor Zorski? Ich fürchte, einzig und allein das Militär kann Ihnen solches Material liefern. Es sei denn ...« »Es sei denn ...?« fragte Zorski hoffnungsvoll. »In Genf kann ich Ihnen eine komplett neue Klinik zur Verfügung stellen. Sie können sie einrichten, wie Sie es immer wünschen. Und ich werde mich darum kümmern, daß man Sie hier so schnell wie möglich ver- gißt.« Erneut zögerte Zorski. »Und unsere Experimente bleiben geheim?« »Ja, solange Sie das für richtig halten.« »Allerdings verstehe ich nicht, wie dieser Vorschlag das Problem ... das Problem des menschlichen Mate- rials lösen soll.« Sirchos erlaubte sich ein diskretes Lachen. »Haben Sie in dieser Hinsicht Vertrauen zu mir. Sie brauchen nur zu fragen.« »Und was verlangen Sie als Gegenleistung?« »Als Gegenleistung?« »Ich darf doch annehmen, daß Sie nichts umsonst tun. Wie lauten Ihre Bedingungen ..?« »Ich stelle nur eine einzige Bedingung, Doktor Zorski. Ich will, daß Pamela weiterhin lebt.« Zorski legte den Hörer wieder auf, während Simba an der anderen Seite des Tisches mit gesalzenem Kaffee gegen seinen Rausch ankämpfte. »Hast du das gehört?« fragte Zorski. Simba hob den Kopf., »Ich hab's gehört«, antwortete er nur und ließ eine Brausetablette in ein großes Glas Wasser fallen. »Und?« Simba schnitt eine Grimasse. »Nun, es gefällt mir ganz und gar nicht. Weißt du, bisher hatte ich nicht gerade das Gefühl, illegal zu arbei- ten.« Merklich verstimmt schüttelte er den Kopf. »Mark«, fuhr er mit klagender Stimme fort, »ich bin ein Spezialist in der Herzchirurgie, der eine neue Transplantationsform erforscht. Aber ich habe keine Lust, zu einem Paria zu werden. Ich will ein amerikani- scher Arzt bleiben, und wenn unsere Experimente in der Öffentlichkeit auf Widerstand stoßen ...« Wütend schlug Zorski mit der Hand auf das Telefon. »Alles Neue stößt doch in der Öffentlichkeit auf Wi- derstand!« brüllte er. »Von der Erfindung der Elektrizi- tät bis hin zur Atomenergie, von der Windkraft bis hin zur Quarzuhr, vom Aspirin bis zur Dialyse, alles Neue macht den Menschen Angst! Wir müssen kämpfen, ständig kämpfen, wir müssen uns dieser Massenhyste- rie widersetzen, die jede revolutionäre Entdeckung aus- löst! Das ist nun mal unser Schicksal, Armyan, daran können wir nichts ändern. Muß ich dich daran erinnern, wo wir stehen? Herztransplantation? Ein Mißerfolg! Künstliches Herz? Ein Mißerfolg! Die Wahrheit ist doch, daß wir diesen verdammten Muskel einfach nicht erset- zen können. Also müssen wir den ganzen Körper erset- zen. Mein Gott, du warst doch genauso begeistert wie ich! Du warst bereit, für dieses Projekt alles andere auf- zugeben, und nun plötzlich erzählst du mir, daß du ein amerikanischer Arzt bleiben willst. Was soll dieser Un- sinn?« In einem Zug leerte Simba sein Glas Sprudelwasser. Er schnalzte mit der Zunge und starrte seinen Kollegen an. »Du solltest alle diese Artikel über uns einmal lesen,, Mark«, murmelte er. »Manche davon stimmen mich nachdenklich.« »Ich will mit dieser Scheiße nichts zu tun haben!« brummte Zorski. »Ich weiß nur eins: Wir sind bereit, die Transplantation zu versuchen. Das sind wir wirklich, oder?« Simba nickte. »Ja, das sind wir ... technisch gesehen«, fügte er hin- zu. »Weißt du, als Jugendlicher konnte ich Einstein nie verzeihen, daß er die militärischen Auswirkungen sei- ner Entdeckungen nicht bedacht hatte, und bis heute glaube ich, daß die Wissenschaftler eine gewisse menschliche Ethik respektieren und Intelligenz bewei- sen, ganz einfach Intelligenz beweisen müssen. Ich bin überzeugt, daß Einstein glaubte, dem Menschen zu hel- fen, aber er hat sich geirrt. Ich bitte dich, mir ganz ein- fach nur zu erklären, wie du das Problem des Spenders lösen willst. Angenommen, der Organspender ist der- jenige, der den Körper liefert, wo sollen wir diesen Spender finden? Sind es die Selbstmörder, die sich eine Kugel in den Kopf jagen? Die Geisteskranken? Oder sollen sie regelrecht gezüchtet werden? Wir müssen uns den Tatsachen beugen, Mark. Mit Ausnahme der Ver- letzten gibt es keine natürlichen Spender.« Zorski verzog den Mund. »Zwischen dem heftigen Willen zum Erfolg und dem Wechsel von Vertrauen und Erschöpfung scheint dieses Licht zugleich ganz nahe und unendlich weit entfernt zu sein«, seufzte er. »Komm mir nicht mit Einstein! Mit seinen Schriften kann ich deinen dümmlichen Überle- gungen genau das Gegenteil beweisen.« Plötzlich zeigte er anklagend mit dem Finger auf sei- nen Freund. »Ich werde dir genau sagen, wovor du dich fürchtest. Trotz deiner ungezwungenen Haltung, trotz deiner verblüffenden Kleidung und deines Luxuswagens ist dir sehr viel an deiner neuen Ehre gelegen. Doktor Ar-, myan Simba, der berühmte Herzmechaniker. Denn ge- nau das ist es, was du ewig bleiben wirst: ein Mechani- ker. Ein guter Handlanger der Herzchirurgie. Diese ver- fluchten Artikel haben dir Angst gemacht, weil in ihnen von Hexern die Rede ist. In deinem Kopf gibt es keine klare Trennung. Armyan, ich sage dir, was passiert: Deine Wurzeln fressen dein Wissen auf. Du hast Angst, weil du ein Schwarzer bist.« Simba zog die Nase hoch und fühlte sich merklich unwohler. Zorski verstand es, die psychologischen Schwachpunkte seines Gesprächspartners ebenso schnell herauszufinden wie die Schwächen eines Herzmuskels oder eine Venenverstopfung. »Aber das ist noch nicht alles, Mark«, flüsterte Simba und senkte den Blick. »Sprich dich aus!« »Ich habe Junior gebeten, auf deinen Wunsch hin Verbindung mit dem Miami Hospital aufzunehmen ...« Er machte eine kurze Paue, bevor er fortfuhr: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie begeistert er war! Es war wie eine Prüfung für ihn. Drei Tage und wahr- scheinlich auch drei Nächte lang brauchte er, um her- auszufinden, was du wissen wolltest. Dein Geheimnis verbirgt sich hinter einem Geflecht von Lieferlisten der Klinik, deren Zugangscode sechs Buchstaben hat: PA- MELA.« Zorski runzelte die Stirn. »Und weiter?« »Nun, ich weiß zwar nicht, wer dieser Alexander Sir- chos ist«, sagte Simba schließlich. »Aber dieser Kerl macht mir größere Angst als alle Anklagen der Hexerei zusammen.« »Hat Junior sich die Informationen ausdrucken las- sen?« Simba nickte. »Zehn Stunden lang hat er ununterbrochen Informa- tionen gesammelt, doch dann brach das Programm, plötzlich zusammen. Er hat alles aufgezeichnet. Junior glaubt, daß der Zugangscode alle vierundzwanzig Stun- den geändert wird, es sei denn, es sind die Listen, die re- gelmäßig ausgetauscht werden. Meiner Meinung nach hat Sirchos keinen Grund mehr, noch länger im Miami Hospital zu bleiben, und seinen Computer anderswo hinstellen zu lassen.« »Ich nehme an, du hast versucht, die zehnstündigen Aufzeichnungen zu entschlüsseln«, meinte Zorski. Simba lächelte verlegen. »Ja«, gestand er. »Aber es ist in die Hose gegangen. Dabei glaubte ich, für eine solche Aufgabe ausreichend begabt zu sein, aber ich mußte es aufgeben. Es ist viel zu schwierig für mich.« »Sirchos ist der Erfinder des geheimsten Codes des CIA«, unterstrich Zorski und lächelte bitter. »Jedenfalls wird deine Erfahrung im Lösen von Kreuzworträtseln nicht genügen, um Sirchos' bestes System zu knacken.« Simba schob seine Kaffeetasse auf dem Tisch hin und her. »Juniors Patenonkel arbeitet im M.I.T.* Ich habe ihm eine Kopie der Aufzeichnungen geschickt. Ich warte auf seine Antwort.« Zorski kniff die Augen zusammen. »Aber was suchst du eigentlich genau?« »Dasselbe wie du«, antwortete Simba. »Ich will wis- sen, für wen ich arbeite ...« * Massachusetts Institute of Technology,

Vierzehntes Kapitel

Steve Odds war nicht allzusehr überrascht, als er das er- ste Foto erhielt. Diese Geschichte des Journalisten, der anscheinend Selbstmord begangen hatte, gefiel ihm nicht so recht, und eigentlich hatte er die ganze Zeit schon mit irgendwelchen Folgen gerechnet. Auch der Abschluß der von der Polizei ziemlich nachlässig durchgeführten Untersuchung hatte ihm keine Sicher- heit gegeben. Das Bild war scharf genug, um den Manifestanten genau identifizieren zu können. Die Z.S.A.-Geier auf diesem Foto sahen aus wie auf dem Entwurf für ein Werbeplakat. Auf dem Rücken des Fotos stand nur, daß demnächst mit einem Telefonanruf zu rechnen sei. Vermutlich würde ihm dann die Art und Weise der Geldübergabe mitgeteilt. Odds, für den Erpressungen und die damit verbun- denen Vorgänge nichts Neues waren, ging davon aus, daß man ihm höchstwahrscheinlich das beste Foto aus einer ganzen Serie geschickt hatte, was in Anbetracht der hervorragenden Qualität des Bildes aber nichts an der Sache selbst ändern würde. Rasch las er die Akte je- ner bewegten Nacht durch, vergewisserte sich, daß er an jenem Abend (was er längst wußte) ohne jede offi- zielle Rückendeckung gearbeitet hatte, und ließ Daniel Goldman zu sich rufen, der bei dieser Gelegenheit zum neuen Chef der Brigade ernannt worden war, da Mirko Milan zu jenem Zeitpunkt nicht anwesend war. Trotz seiner Abneigung gegen Milan war Odds sicher, daß die ganze Geschichte nicht passiert wäre, wenn sein bester Sammler an besagtem Abend nicht mit einer anderen Aufgabe betraut gewesen wäre. Goldman hatte nicht das Zeug zum Chef, und vor allem fehlten ihm die wichtigsten Eigenschaften eines guten Z.S.A.-Geiers: der richtige Riecher sowie die Erfahrung mit Unter-, grund-Aktionen. Milan besaß diese Eigenschaften durch und durch. Zweifellos ahnte Goldman, warum er gerufen wurde, denn als er das Büro seines Vorgesetzten betrat, war er in einem Zustand höchster, beinahe pathologischer Er- regung. Odds drückte seine Zigarre aus und betrachtete sei- nen Angestellten mit finsterem Lächeln. »Haben Sie den Inhalt des Fotoapparats geprüft, den der von Ihnen aus dem Fenster geworfene Journalist bei sich trug?« fragte Steve Odds ohne Umschweife. Goldman war ganz verlegen. Nervös trat er von ei- nem Bein auf das andere. »Ich habe den Film eigenhändig vernichtet«, vertei- digte er sich mit unsicherer Stimme. »Eigenhändig!« betonte Odds spöttisch. »Und haben Sie auch daran gedacht, daß es sich um einen leeren Film handeln könnte?« Goldman stand da wie ein Adjutant beim Appell vor seinem Vorgesetzten. »Wir haben den Journalisten durchsucht und die vier anderen Filme, die er bei sich trug, ebenfalls vernichtet«, sagte er mit erstaunlich unsicherer Stimme. Einen Augenblick lang schien diese mechanische Hal- tung Odds zu amüsieren. Er nahm sich eine weitere Zi- garre und rollte sie langsam zwischen den Fingern hin und her. »Goldman?« »Ja, Monsieur.« »Goldman, halten Sie es für möglich, daß dieser Jour- nalist einen Film verstecken konnte, bevor Sie ihn sich schnappten?« fragte Odds übertrieben höflich. Goldman war verwirrt. Jeder andere Idiot hätte sofort begriffen, daß Odds ihm eine Falle stellen wollte. Irgend etwas war schiefgegangen, und zudem bestand längst kein Zweifel mehr daran, daß es diesem verfluchten Fotografen gelungen war, einen Film in Sicherheit, zu bringen. Der Geier beschloß, Odds zuvorzukom- men. »Wir haben den Journalisten nur während knapp zehn Minuten aus den Augen verloren«, erklärte er schweißgebadet. »In der Zeit zwischen seinem Betreten des Hauses und ...« Er hielt inne. »Und seinem Selbstmord?« ermutigte ihn Odds. »Genau«, seufzte Goldman. Odds ließ sich Zeit, um seine Zigarre anzuzünden. Die Art, wie er die Lippen um den Tabakzylinder schloß, ekelte den Geier an. Odds blies eine dichte Rauchwolke aus, beobachtete die Glut mit Zufriedenheit und hielt seinem Angestell- ten das Foto hin. Goldman schaute es sich nur kurz an. Er schwitzte am ganzen Körper. »Was haben Sie dazu zu sagen?« Im Büro breitete sich eine unangenehme Stille aus. Steve Odds Zigarre verströmte einen widerlichen Ge- stank. »Schauen Sie sich dieses verdammte Foto bitte etwas genauer an!« brüllte Odds. »Und hören Sie endlich auf, sich hier vor Angst in die Hose zu machen. Es wäre bes- ser, Sie würden mir sagen, ob ein zweiter Fotograf an der Unfallstelle gewesen sein kann!« Goldman beugte sich über das Bild. Dann schüttelte er unverzüglich den Kopf. »Nein. Das kann nur unser Journalist gewesen sein.« Erleichtert und zugleich wütend lehnte sich Odds in seinem Sessel zurück. »Ich will, daß Sie den Mieter ausfindig machen, dem dieser Idiot den Film gegeben hat«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Erklären Sie Milan Ihr Problem. Für einen sol- chen Job ist er genau der richtige Mann.« Mit geschlossenen Augen lag Pamela Sirchos in ihrem Liegestuhl am Rande des Meerwasser-Swimmingpools,, dessen Salzgeruch sich mit dem aufdringlichen Duft der blühenden Orangenbäume vermischte. Russel, ihr Leib- arzt und Schutzengel, hatte ihr erlaubt, sich eine halbe Stunde in die Sonne zu legen. Doktor Zorski hatte in der Tat ein kleines Wunder vollbracht, innerlich natür- lich, aber auch äußerlich. Die Narbe zwischen Pamelas Brüsten war kaum größer als die Narbe nach einer Gal- lenblasenoperation und zudem unendlich ästhetischer. Der jungen Frau schienen diese Details völlig gleichgül: tig zu sein, doch Russel hatte ihr versprochen, daß nach ihrer Genesung alle Spuren des Eingriffs verschwunden sein würden. Was Russel mehr noch beunruhigte als die launenhafte Herzklappe, war die seelische Verfassung seiner Patientin. Die sonst sehr umgängliche und fröhli- che Pamela wurde immer schwächer, ihre blauen Au- gen verfinsterten sich, und sie lachte immer selte- ner. Mit der Hand verscheuchte sie eine Stechmücke und schaute dann zum gewaltigen Gebäude hoch. Während zehn Monaten im Jahr kümmerte sich aus- schließlich das Hauspersonal, das in einem separaten Pavillon am Eingang des Parks wohnte, um die Villa. Alexander und seine Frau hielten sich pro Jahr selten länger als vierzig oder fünfzig Tage dort auf, höchstens im Winter, wegen des angenehm warmen und milden Klimas. Im Sommer mieden sie die Ostküste wie die Pest. Jedenfalls behauptete Pamela stets, sich dort zu Tode zu langweilen, und auch dieser erzwungene Auf- enthalt würde wahrscheinlich nichts an ihrer Meinung ändern. Einige Tage vor Pamelas Ankunft waren unzählige Lieferwagen die Alleen des Guts auf und ab gefahren. Die Villa und ihr Park hatten sich in einen wahren Ameisenhaufen verwandelt. Während die Kranken- pfleger die Geräte aufstellten, die Zimmer umgestalte- ten und die sonderbarsten Anweisungen in die Tat um- setzten und die Diener sämtliche Vasen mit bunten Blu-, men füllten, die Schwimmbecken säuberten, sämtliches Geschirr spülten, die Hecken stutzten und die weißen Kieswege harkten, kam Bewegung in das Haus, das für einige Stunden auflebte, um anschließend erneut in seine gewohnte Benommenheit zurückzufallen. Alexander hatte an alles gedacht. Da er die Vorliebe seiner Frau für diese Art von Musik kannte, ließ er wö- chentlich für mehrere Stunden sogar einen berühmten Violinisten aus Österreich einfliegen. Die Bibliothek, die Diskothek und die Videothek waren sowohl mit Neuerscheinungen als auch mit Klassikern gefüllt. Aber das alles half nichts: Pamela verwelkte nach und nach. Vom großen Fenster aus betrachtete Hugo Russel den wunderschönen Körper des reichsten Fotomodells auf der ganzen Welt. Er spürte, wie sich in seiner Hose et- was zu regen begann. Mein Gott! Einer solchen Folter kann doch kein Mann widerstehen. Er schüttelte sich und wurde erneut unruhig. Er mußte unbedingt etwas unternehmen, um Pamela von ihrer Verdrossenheit zu befreien. Obwohl er sich der Notwendigkeit bewußt war, zö- gerte er, Zorski über seine Besorgnis zu unterrichten. Angesichts des bevorstehenden Skandals in der Presse hatte der berühmte Chirurg vermutlich andere Sorgen als die möglicherweise nur eingebildeten Depressionen einer Milliardärsgattin. Zudem war dieses Exil Sirchos' Idee gewesen, und eine Beschwerde von Seiten Russels drohte den Milliardär erheblich zu verstimmen. Ein un- lösbares Problem. Der Arzt schaute auf die Uhr, verließ die Villa und stieg die wenigen Stufen zum Swimmingpool hinunter. Pamela hörte seine Schritte und öffnete die Augen. Russel schauderte. Im Vergleich zu diesem Mädchen sah Merle Oberon aus wie Marty Feldmann. Pamela schmollte wie ein kleines Kind. »Noch eine kleine Viertelstunde«, bettelte sie. »Die Sonne tut mir so gut.«, Russel ergriff einen Sonnenschirm und hielt ihn so, daß Pamelas Körper im Schatten lag. »Sie sind noch schlimmer als mein Mann!« prote- stierte Pamela und richtete sich auf. Widerspruchslos schluckte Russel diese Bemerkung. Eine Krankenschwester rollte das Elektrokardio- gramm-Gerät an den Liegestuhl heran. Eines der Räd- chen quietschte fürchterlich. Russel schaltete das Gerät ein und beobachtete die leuchtende Linie. »Warum kommen Ihre Freunde Sie nie hierher besu- chen?« fragte er nach einer Weile. Überrascht drehte Pamela sich um. Es war das erste Mal, daß er eine persönliche Frage an sie richtete, und zudem nicht in diesem emotionslosen Ton, in dem Ärzte gewöhnlich mit ihren Patienten zu sprechen pflegen. Bisher hatte sie stets geglaubt, jedes Wort aus dem Mund dieses Mannes müsse eine thera- peutische Wirkung haben und ihn genauso erscheinen lassen wie diese seelenlose Villa: entsetzlich langweilig. Russel starrte nach wie vor auf den Schirm. »Ich weiß es nicht«, gestand sie und zuckte mit den Schultern. »Ich nehme an, Alexander hat sie gebeten, mich in Ruhe zu lassen.« Den Vornamen ihres Mannes sprach Pamela stets mit europäischem Akzent aus. »Sie könnten sie doch anrufen«, schlug der Arzt vor. Sie lachte kurz auf. »Ich fürchte, das wäre ihnen äußerst peinlich«, er- klärte sie und setzte sich ihre Sonnenbrille auf. »Zwei- fellos hätten sie dann das Gefühl, den großen Alexander Sirchos zu hintergehen!« Russel räusperte sich, ohne vom Elektrokardiogramm aufzuschauen. »Ist's so interessant?« murmelte Pamela. »Wie bitte?« »Sehen Sie den Leuten nie in die Augen, wenn Sie mit ihnen sprechen?« fragte sie., Mit nervöser Hand schaltete Russel das Gerät ab. Er fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut. »Ihrem Herzen geht es sehr gut«, sagte er in einem nun wieder sehr fachmännischen Ton. »Diesmal scheint die Herzklappe zu halten und ...« Pamela schwang die langen Beine zur Seite und tauchte die Füße ins Meerwasser. »Ich hätte große Lust zu schwimmen!« sagte sie fröh- lich. Einen Moment lang stand Russel mit halboffenem Mund da und kam sich unheimlich lächerlich vor. Diese Frau brachte ihn noch um den Verstand. »Das kann ich Ihnen leider nicht erlauben«, stam- melte er. Pamela stieß einen kurzen Seufzer aus und schaute den Arzt über das Perlmuttgestell ihrer Sonnenbrille hinweg an. »Sagen Sie mir bitte, Doktor Russel, ob diese Herz- klappe in einem Jahr etwas stabiler sein wird.« Der Arzt runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen ..« »Ich möchte wissen«, sagte sie geduldig, »ob diese Herzklappe mit jedem Tag zuverlässiger oder ob sie von Tag zu Tag schwächer wird.« »Mit jedem Tag vergrößern sich die Aussichten, eine endgültige Lösung für Ihr Problem zu finden«, antwor- tete Russel. Pamela lächelte verkrampft. Ganz offensichtlich gab sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. »Genaugenommen handelt es sich also gar nicht um eine Genesung?« beharrte sie. Russel schwieg. Pamela drohte ihn aus dem Konzept zu bringen. »Nicht nur heute muß ich jede Anstrengung, jede Aufregung meiden, sondern mein ganzes Leben lang muß ich das tun!« sagte Pamela schließlich ziemlich barsch., Sie erhob sich aus ihrem Liegestuhl und schlüpfte in ihre Pumps. »In drei Wochen habe ich Geburtstag«, sagte sie. »Und ich will, daß mein Mann ein Fest organisiert. Hier in diesem Park. Ein riesiges, ein gigantisches Fest!« Russel hörte, wie sich das Klappern ihrer Absätze auf dem weißen Marmor entfernte. David Toland stand am Fenster, hielt die Hände auf dem Rücken und schaute auf den Parkplatz des Kran- kenhauses hinunter, als Loic Gaborit sein Zimmer be- trat. »Wie fühlst du dich?« fragte der Arzt fröhlich. »Wie ein Gelatineklumpen auf wandernden Dünen«, knurrte Toland. »Du brauchst eben mehr Bewegung«, lachte Gaborit. »Es ist genauso, als wärst du soeben aus einem tiefen Winterschlaf erwacht ...« »Ich bedaure die Murmeltiere«, seufzte David und drehte sich um. Gaborit hielt ein Bündel Papiere in der Hand. »Die Resultate deiner letzten Analysen«, erklärte er. »Du bist wieder völlig gesund, David. Du kannst das Krankenhaus heute noch verlassen.« David nickte. Mit einer Hand zeigte er nach draußen. »Seit drei Stunden stehe ich hier am Fenster und be- obachte das Hin und Her der Krankenwagen. Bisher habe ich nur Fahrzeuge der Z.S.A. gesehen. Keinen einzigen Unabhängigen!« Gaborit schnitt eine Grimasse. »Kannst du an nichts anderes mehr denken?« »An etwas anderes?« fragte David empört. »Bitte ich dich etwa, an etwas anderes zu denken als an deine Chirurgie? Diesem verdammten Beruf habe ich mein ganzes Leben geopfert! Und nun verlangst du von mir, daß ich ihn aufgebe, nur weil eine Handvoll Rowdies mir die Visage eingeschlagen haben?«, Gaborit zuckte mit den Schultern. »Das ist es nicht, was ich dir vorwerfe. Aber du ver- hältst dich genauso verbissen wie der kleine Lebens- mittelhändler an der Ecke, wenn gegenüber seinem La- den ein Supermarkt eröffnet wird ..« »Scheiße!« fluchte David wütend. »Noch vor nicht allzulanger Zeit hast du mich durch die Flure deiner verdammten Station geschleppt, um mich den Kran- ken vorzustellen, denen du mein Material verpflanzt hast.« »Es gibt in diesem Krankenhaus hundertmal mehr Patienten, die mit Organen der Z.S.A. behandelt wur- den«, entgegnete Gaborit gelassen. »Und niemand von ihnen hat sich je über zweitklassige Ware beklagt.« »Du willst also immer noch, daß ich in den Dienst die- ses Idioten namens Steve Odds eintrete, nicht wahr?« brüllte David. »So ist es doch?« »Ich habe dir keine guten Ratschläge zu erteilen«, murmelte Gaborit. »Meine Aufgabe bestand nur darin, dich zu heilen. Und geheilt bist du jetzt. Was du tust, wenn du dieses Zimmer verlassen hast, geht mich nichts an.« Müde ließ er sich auf der Bettkante nieder. »Man hat mir das Messer auf die Brust gesetzt, David. Keine ungerechtfertigten Bevorzugungen mehr. Ab sofort arbeitet das Saint-Louis ausschließlich mit der Z.S.A. zusammen. Und wenn ich es wagen sollte, gegen diese Vorschriften zu verstoßen, wird man mich auffordern, mein Talent anderswo unter Beweis zu stellen.« Er zog die Nase hoch und wandte den Blick ab. »Ich habe nachgegeben. Und weißt du warum? Weil ich so bin wie du! Weil dieser Scheißberuf mein Leben ist!« »Und weißt du, wohin eine derart dämliche Überle- gung führt?« schrie David. Bestürzt schüttelte Gaborit den Kopf. »Du hast nicht das Recht, so etwas zu sagen. Ich habe, es versucht. Verdammt noch mal, ich habe es wirklich versucht! Ich glaubte, mein guter Ruf würde mir jede Menge Türen öffnen. Und weißt du, was man mir ange- boten hat? Einen Job als Gerontologe in der Provinz. Ich bin überzeugt, einer der Besten zu sein, David, ehrlich, aber die sind nun mal stärker als ich. Die Erfolge, die ich aufzuweisen habe, interessieren sie einen Dreck. Und nun frage ich dich: Was hätte ich denn tun sollen? Hätte ich in die Schweiz auswandern sollen, um dort in einer dieser exquisiten Kliniken milliardenschwere Patienten gesund zu pflegen? Hätte ich Sultane, Nabobs und Emire in den Arabischen Staaten operieren sollen, in diesen Luxus-Hospitälern, die sie sich bei den ersten Anzeichen ihrer Krankheit erbauen und am Tag nach ihrer Genesung wieder niederreißen lassen?« Er begann sich zu ereifern. »Klar, das wäre natürlich eine Lösung gewesen! Und wenn du Steve Odds entkommen willst, dann kann ich dir nur eins raten! Emigriere nach Südafrika, Brasilien, Argentinien, nach Arabien, dort gibt es genug Arbeit! Dort träumen sie davon, sich einen David Toland an Land zu ziehen. Du brauchst nur der Polizei zu folgen, um auf gutes Material zu stoßen.« Einen Augenblick lang zögerte er, ehe er weiterfuhr: »Aber mach dir keine Illusionen. Das Kapital, von dem du dort lebst, ist dasselbe, das du hier ablehnst ...« Gegen Mittag rief Juniors Patenonkel an. Zorski, der am Ende doch nicht nach Hause gegangen war, schlief noch im Gästezimmer. Simba, der sich von der Sauferei am Vorabend noch nicht so richtig erholt hatte, hob ab. »Armyan?« »Ja ..« »Was für'n Ding hast du mir denn da geschickt? Wo hast du das her?« Simba gähnte heftig. »Hast du den Code entschlüsselt?« stammelte er., »Nein. So was hab ich noch nie gesehen. Dieser Text scheint auf Variablen zu beruhen, die nach bestimmten Prinzipien funktionieren, die ich beim besten Willen nicht begreifen kann. Es gibt derart viele Schlüssel, daß man sich ernstlich fragen muß, welcher Wahnsinnige ein solches Durcheinander jemals dechiffrieren könnte. Kannst du mir sagen, woher du das hast?« Armyan schüttelte sich und schwang die Beine aus dem Bett. »Würdest du die Lösung finden, wenn du mehr Zeit hättest?« fragte er. »Nein«, gestand der Anrufer unverzüglich. »Ich habe dir doch gesagt, daß es sich um einen sich verändern- den Code handelt. Er verändert sich jeweils nach zwan- zig oder dreißig Signalen. Ich kann nur Hypothesen aufstellen, und selbst dann ... Meiner Meinung nach entsprechen die Überschriften der verschiedenen Kapi- tel den Namen von Ländern oder Regionen. Höchst- wahrscheinlich gibt es auch Namenslisten, die mögli- cherweise Personen oder Städten entsprechen. Und je- der Name hängt mit einer Zahl zusammen. Das ist alles, was ich herausgefunden habe, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das stimmt.« »Gut«, seufzte Simba. »Ich danke dir.« Er legte wieder auf und fuhr sich nachdenklich über den Kopf. Viel klüger war er jedenfalls noch immer nicht geworden. Aber was hatte er sich eigentlich er- wartet? Herausfinden zu können, daß Alexander Sir- chos für den KGB arbeitete? Er schluckte nervös und war sich der Absurdität dieses Gedankens vollauf be- wußt. Jahrelang hatte er an Zorskis Seite gekämpft, in Zorskis Schatten gestanden. Zorski hatte sich in die Öf- fentlichkeit begeben, um utopische Kredite zu ergat- tern. Stets hatte e.r in der ersten Reihe gestanden, doch nun, da die Ärztevereinigung sich gegen ihn richtete, ließen alle ihn im Stich. Sogar sein Assistent, sein bester Freund., Simba war sich selbst zuwider. »Du bist ein elender Feigling!« murmelte der Chir- urg.

Fünfzehntes Kapitel

Sylvie döste in dem Taxi, das sie nach Hause brachte, vor sich hin. Dieser entsetzlich lange Abend hatte sie to- tal erschöpft. Begonnen hatte alles mit der Vernissage zur Ausstellung von Bernardo, diesem großen, von sich selbst so sehr eingenommenen schwulen Idioten, der sich weiß der Teufel etwas darauf einbildete, daß eine kleine, erbärmliche, zwischen der Samaritaine und den Schrotthändlern gelegene Galerie sich erbarmt hatte, endlich seine scheußlichen Bilder auszustellen. Rotwein und kaltes Buffet - und das Riesenarschloch behaupte- te, das sei der letzte Schrei .Es war zum Kotzen. In einem verrauchten, stinkigen Keller, inmitten von son- derbaren Figuren und umgeben von abscheulichen Gemälden hatte sie sich, mit einem Glas saurem Wein in der Hand, das selbstgefällige Geschwafel des Schmierfinks anhören müssen, dem eine Handvoll Buf- fetpicker auch noch applaudieren zu müssen glaubten. Sylvie war einem Nervenzusammenbruch nahe und fragte sich, was sie inmitten all dieser Hohlköpfe eigent- lich zu suchen hatte. Als sie zwei Stunden später im La Coupole saß, einem aus der Mode gekommenen Restaurant mit schlechter Bedienung und scheußlichem Essen, in das der Künstler alle eingeladen hatte, fragte sie sich das immer noch. Eine entsetzliche Omelette Norvegienne sollte die Unver- schämtheit beschließen. Rechts neben Sylvie saß ein ekelhafter Punk, der eine riesige Portion Sauerkraut verschlang und ihr unentwegt ins Ohr flüsterte, daß die Kunst ihm scheißegal sei; links neben ihr saß ein un-, glaublicher Italiener, der sich dazu verpflichtet fühlte, ihr hemmungslos den Hof zu machen, und immer wie- der behauptete, ein guter Freund von Bernardo zu sein. Ganz offensichtlich hielt er sie für ein Groupie des >Mei- sters<. Während Sylvie die abgeschmackten Albernheiten dieses Schwätzers über sich ergehen ließ, dachte sie an Mouss. Seit vier Wochen hatte sie ihn nicht mehr gese- hen. Nach einer beiderseitigen Phase des Schmollens hatte sie schließlich erfolglos einige Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen. Mouss meldete sich nicht. Er kam auch nicht mehr mit der Clique zu- sammen. In gewisser Hinsicht fühlte Sylvie sich schul- dig. Rückblickend hielt sie ihr damaliges Verhalten für unangebracht. Bestimmt hatte Mouss erfahren, daß sie die Nacht nach ihrer Trennung mit Serge verbracht hat- te, einem uninteressanten Liebhaber, mit dem sie sich seit fünf Jahren sporadisch traf .Es war eine schmerz- liche Nacht, eine Nacht ohne jeden Reiz gewesen. Seit- dem fühlte Sylvie sich immer miserabler und spürte, wie ihre Neurasthenie sich nach und nach in schreckli- che Wutanfälle verwandelte. Und stets war die Erinne- rung an Mouss der Katalysator. Vor drei Tagen, als sie mit den Nerven am Ende war, suchte sie ihn in seiner Wohnung auf, doch die Tür war verschlossen. Eine Stunde lang wartete sie im Flur auf ihn, vergeblich. Dabei wünschte sie sich so sehr, sich mit ihm zu versöhnen, noch einmal mit ihm zu schla- fen ... Wie hatte sie sich nur so dumm benehmen kön- nen? Mit leerem Blick schaute sie den Italiener an. Der Blödmann grinste völlig idiotisch zurück. »Zum Abschluß gehen wir noch ins Opera-Night«, flü- sterte er übertrieben salbungsvoll. »Sie kommen doch mit?« Ziemlich verdutzt schüttelte Sylvie den Kopf. »Nein, ich bin müde. Ich werde nach Hause gehen.«, Doch der Italiener ließ nicht locker. »Gestatten Sie mir, daß ich Sie nach Hause begleite?« Dieser Idiot versuchte tatsächlich, sich wie ein Kava- lier der alten Schule an sie ranzumachen. Sein Gerede ergänzte er durch unsinnige Gesten, seine Sätze betonte er durch irrwitzige Grimassen, die Sylvie bei einer an- deren Gelegenheit wahrscheinlich zum Lachen ge- bracht hätten. Doch an diesem Abend ekelten diese Grimassen sie eher an. »Das ist nicht nötig ...«, begann sie. »Oh! Aber es wäre mir ein Vergnügen!« entgegnete der Italiener. »Wo wohnen Sie denn?« Ziemlich brutal stieß Sylvie den Tisch von sich. »Nicht nötig, hab ich gesagt!« schrie die junge Frau dumpf. »Gib dir keine Mühe, Idiot!« Einige Gäste drehten sich nach ihr um, als witterten sie einen Skandal. Sylvie erhob sich und steuerte auf den Ausgang zu. »Du gehst schon?« rief Bernardo ihr über vier Tische nach. Sylvie begnügte sich mit einem stummen Nicken und verließ schnell das Restaurant. Welch ein Scheißabend! Zum Kotzen! Vor dem Eingang ihres Hauses blieb das Taxi stehen. Sylvie beugte sich nach vorn, um den Preis vom Zähler abzulesen. Ein Turbo-Zähler, dessen rote Digitalziffern eine schrecklich hohe Summe angaben. Mit dem Geld hätte sie sich zwei Tage lang ernähren können. Da sie überzeugt war, daß der Fahrer sie übers Ohr gehauen hatte, gab Sylvie kein Trinkgeld, weshalb sie sich vom Fahrer beschimpfen lassen mußte. Ins Bett schlüpfen, den Kopf unter dem Kissen ver- graben, nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Als sie in ihrer Tasche nach den Wohnungsschlüsseln suchte, fragte sie sich besorgt, ob sie wohl noch einige Tabletten Mogadon im Haus hatte. Das Röhrchen Binoctal war je- denfalls leer, das wußte sie., Mit diesen Sachen durfte sie auf keinen Fall übertrei- ben. Sie begann, schon richtig süchtig danach zu wer- den. Sie schloß die Tür auf, machte Licht und erschrak heftig, als sie die völlig auf den Kopf gestellte, verwü- stete Wohnung sah. Eine unwahrscheinlich brutale Ohrfeige schleuderte sie ins Wohnzimmer. Sie prallte gegen einen Sessel und fiel der Länge nach auf den Teppich, auf dem ihre sämtlichen Bücher herumlagen. Der nächste Schlag war noch brutaler; er erstickte den Schrei, der ihr im Hals steckte, und verwandelte ihn in ein lächerliches Quietschen. Dann bekam sie noch einen Fußtritt in den Magen, ehe sie ein unerträgliches Ge- wicht auf ihrem Rücken spürte. Rücksichtslos packte Mirko Milan sie an den Haaren und zwang sie, den Kopf zu heben. »Na, kleines Luder!« brüllte der Sammler. »Was hast du mit diesen verdammten Fotos angestellt?« Alexander Sirchos spazierte über das Deck seiner Jacht. Sein imposanter, muskulöser Oberkörper glänzte in der Sonne über der Ostküste. Er trug eine weiße Leinenho- se, die Sonnenbrille mit dem vergoldeten Gestell hatte er sich ins Haar gesteckt. Einen Augenblick lang blieb er stehen und betrachtete den Horizont, der in einen bei- nahe weißen Himmel überging; dann marschierte er rasch auf die drei Männer los, die am Heck des Schif- fes an einem runden Tisch saßen und auf ihn warte- ten. »Wie Wetterfahnen verhalten Sie sich!« brüllte Sir- chos und zeigte mit dem Finger auf das Metalldreieck am Großmast, das im Wind sanft hin und her schaukel- te. »Gestern noch gaben Sie mir grünes Licht, und heute behaupten Sie, Ihre lächerlichen Komitees hätten die Absicht, den Krieg der Sterne zu subventionieren? Ein ruinöses Regierungsprojekt, das das Land vor un- lösbare Probleme stellen wird!« Er machte ein verächtliches Gesicht., »Wenn Ihre Gesellschaften nichts anderes als Su- per-Steuerzahler sein möchten, hätten Sie nicht zu mir zu kommen brauchen!« schimpfte er. Die drei Männer schienen sich ziemlich unwohl in ih- rer Haut zu fühlen. Einer von ihnen räusperte sich. »Was hat es für einen Sinn, ein Vermögen in Boden- Boden-Raketen zu stecken, wenn wir nicht einmal wis- sen, wo wir sie aufstellen sollen?« fragte er zögernd. Sirchos schaute ihn an. »Ich dachte, das wäre längst geklärt«, knurrte er. Der Mann war außerstande, dem eisernen und un- glaublich starren Blick des Milliardärs noch länger standzuhalten. Er tat so, als beobachtete er die Wellen, die die Jacht sanft hin und her schaukelten. »Im Grunde geht es nicht in erster Linie darum, un- sere vorherigen Beschlüsse erneut in Frage zu stellen«, fuhr ein anderer fort, »sondern wir müssen endlich wis- sen, wo wir stehen.« Sirchos hob die Schultern, als würde er tief durchat- men. Er setzte sich die Sonnenbrille auf die spitze Nase zurück. Die Männer schienen erleichtert zu sein, diesen Blick nicht länger ertragen zu müssen. »Bestimmt möchten Sie, daß ich Ihnen einen Bericht vorlege«, grinste der Milliardär. Er hob beide Hände und spreizte die Finger. »Zehn Jahre! Ich will Sie nur daran erinnern, daß wir uns auf eine Frist von zehn Jahren geeinigt haben, eine Frist, die angesichts der Bedeutung des Projekts immer noch unglaublich kurz ist. Zehn Jahre, um die Ge- schichte auf den Kopf zu stellen! Ist das wirklich zuviel verlangt? Es bleiben uns noch vier Jahre. Und erste Re- sultate zeigen sich bereits im Mittleren Orient und in Europa ...« »In Europa?« fragte der Mann erstaunt, der zuvor als erster gesprochen hatte. »In Westdeutschland, in Italien, in Belgien«, betonte Sirchos. »Unsere Leute stehen bereit, und in den kom-, menden Generationen wird es so gut wie keine negati- ven Elemente mehr geben. Und das Vermögen, das Sie vorhin angesprochen haben, gehört zum größten Teil mir. Ich brauche nur Ihren internationalen Schutz, meine Herren, nicht Ihr Geld.« Er hob den Kopf. »Sie sollen ruhig wissen, daß ich Ihr Verhalten nicht begreifen kann«, fuhr er mit beeindruckender Autorität fort. »Ich nehme an, daß Sie die geopolitische Entwick- lung dieser Länder mit größter Aufmerksamkeit verfol- gen. Überall, in jeder Region, in jeder Stadt, in jedem Dorf sind wir auf dem Vormarsch. Und diese Entwick- lung hat bislang nicht den kleinsten Skandal hervorge- rufen. Also frage ich mich, meine Herren, wovor Sie Angst haben!« »Die Sowjets üben Druck aus«, erwiderte der dritte Mann, der etwas ruhiger wirkte als seine Kollegen. »Die Sowjets?« gluckste Sirchos. »Wenn Ihre Exper- ten einen solchen Unsinn in die Welt gesetzt haben, so können Sie sie getrost auf die Straße setzen, mein Lie- ber, denn dann sind sie keinen Pfifferling wert. Die So- wjets wissen längst, daß sie nicht die Mittel haben, sich an dem Wettlauf um die militärische Vormachtstellung im All zu beteiligen. Jedenfalls nicht mehr als wir! Die Kosten? Unermeßlich! Der Gewinn? Gleich Null! Wie wir wollen auch sie, daß der Krieg sich anderswo ab- spielt. Vergessen Sie nicht, daß unsere wie ihre Interes- sen in diesem Punkt dieselben sind. Was die Presse- kampagnen angeht, vor deren Folgen Sie sich so sehr zu fürchten scheinen ... Die Presse kontrollieren wir hier wie dort.« Unruhig, so als leide er an Hämorrhoiden, rutschte der dritte Mann auf seinem Stuhl hin und her. »Trotzdem ...«, meinte er zögernd, »sind die Bezie- hungen zu Israel oft sehr problematisch ...« »Unsinn!« entgegnete Sirchos. »Sie verwechseln die Medieninformationen mit den CIA-Berichten. Israel, wartet. Wir sind noch nicht ganz so weit. Also warten sie ...« Nach wie vor zweifelnd schauten sich die drei Män- ner an. »Los!« ärgerte sich Sirchos. »Rücken Sie doch endlich mit der Sprache heraus! Was ist nicht in Ordnung?« »Unsere Gesellschaften sind der Ansicht, daß die Verantwortung für ein solches Projekt vernünftiger- weise nicht auf den Schultern eines einzigen Mannes la- sten darf. Die Risiken sind, prozentual gesehen, zu groß.« »Risiken? Welche Risiken?« »In dem Wort >Mensch< vereinen sich alle Risiken«, erklärte der andere. »Auch Sie sind vor Fehlern nicht gefeit ...« »Habe ich bisher auch nur einen einzigen Fehler be- gangen?« fragte Sirchos schroff. »Jeder Mensch begeht irgendwann einen Fehler.« »Ich nicht! Nichts und niemand werden mich je von meinem Weg abbringen. Versuchen Sie, Ihre Komitees davon zu überzeugen!« »Wir werden es versuchen«, seufzte einer der Män- ner. Steve Odds war dabei, die Verteilung der neuen Z.S.A.-Fahrzeuge zu prüfen, als Mouss sich erstmals seit dem Versand des Fotos meldete. Odds ließ das Te- lefon dreimal klingeln, bevor er abhob. Eine alte Ge- wohnheit aus jener Zeit, als er sozusagen ohne einen einzigen Pfennig seine erste Frachtgesellschaft gegrün- det hatte und selbst rund um die Uhr am Apparat saß und auf Anrufe wartete, was er sich jedoch nicht an- merken lassen wollte. Seitdem war er sechzig Kilo schwerer und etliche Mil- liarden reicher geworden, doch das Telefon ließ er im- mer noch dreimal klingeln. »Monsieur Odds?« fragte Mouss. »Steve Odds?«, Der Boß der Z.S.A. runzelte die Stirn. Er starrte den Apparat an, als wüßte er nicht, wie er funktionierte. Die Nummer dieser Direktverbindung kannten nur die Team- chefs, die sich ihrer aber nur in äußerst dringenden Fällen bedienten, sowie einige wenige Persönlichkeiten, in der Hauptsache Politiker, deren Einfluß diese Aus- nahme rechtfertigte. Auch Odds' Geliebte kannte diese Nummer. Aber diese Stimme hatte er nie zuvor ge- hört ... »Hallo?« fragte die Stimme beunruhigt. »Ja, hier Steve Odds«, knurrte der Dicke. »Monsieur Odds!« frohlockte Mouss am anderen Ende der Leitung. »Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr es mich freut, mit Ihnen zu sprechen.« Odds begriff sofort, mit wem er es zu tun hatte. »Wer sind Sie?« »Ein Hobbyfotograf«, gluckste Mouss. »Vor kurzem hatte ich das Vergnügen, Ihnen eines meiner Lieblings- fotos schicken zu können. Erinnern Sie sich?« »Ja. Was haben Sie damit vor?« »Nun ...! Eigentlich nichts Besonderes. Ich finde, es ist ein wenig unscharf, ziemlich unterbelichtet. Künstle- risch gesehen ein sehr schlechtes Bild. Ich schenke es Ihnen, Monsieur Odds!« Odds kaute an dem Inhalt eines hohlen Zahns hinten im Mund. »Ich habe noch andere Bilder, und die möchte ich verkaufen«, sagte Mouss. »Ich bin nicht daran interessiert«, murmelte Odds mit einer Spur Trägheit in der Stimme. »Das kommt noch, davon bin ich überzeugt«, lachte die Stimme. »Sie sind nämlich nicht der Mann, der sich die Gelegenheit zur Förderung eines Talents entgehen läßt.« »Sie sollten dem Innenministerium Ihre Ware zum Verkauf anbieten. Bei Unfällen ist einzig und allein die Polizei zuständig.«, »Unfälle nennen Sie das, Monsieur Odds? Es tut mir leid, aber in diesem Punkt bin ich nicht ganz Ihrer Mei- nung. Ihre Sammler haben in jener Nacht mehrere Ma- nifestanten absichtlich umgebracht. Diese Morde haben sie als banale Autounfälle getarnt, und die Organe der Opfer haben sie an die umliegenden Hospitäler gelie- fert ..« »Reinste Erfindung!« »Ich habe mich nicht damit begnügt, Schlüsse aus diesen Bildern zu ziehen, auf die auch ein fünfjähriges Kind kommen könnte«, fuhr Mouss fort, ohne sich um die Unterbrechung zu kümmern. »Ich habe alles genau untersucht, Monsieur Odds. Punkt für Punkt, sämtliche Details. Ein erheblicher Arbeitsaufwand. Aber das Re- sultat ist ein dicker Aktenordner, von dem die Presse begeistert sein wird und der in der Bevölkerung für ei- nige Aufregung sorgen wird.« »Sie phantasieren, mein lieber Freund ..« »Wenn Sie das Risiko eingehen, Monsieur Odds, dann versichere ich Ihnen, daß Sie noch vor Ende dieser Woche auf der Straße sitzen werden«, drohte Mouss. »Gegen diese Flutwelle haben Sie keine Chance. Auch wenn Sie die Polizei beschuldigen, einige ihrer Sammler entlassen und Ihre Unschuld beteuern, wird niemand Ihnen glauben, daß Ihre Opfer irgendwelche Opfer wa- ren. Ich habe das Leben jedes einzelnen genau stu- diert. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Monsieur Odds?« Ein nervöses Zucken bewegte Steve Odds' Wangen. Dieser Dreckskerl war noch weiter gegangen, als er es für möglich gehalten hatte. »Es wird nicht einfach sein, das alles zu beweisen«, knurrte er. »Haben Sie Vertrauen zu mir!« spottete Mouss. »Rechnen Sie sich aus, wie groß Ihre Chance ist, einem solchen Skandal unbeschadet zu entkommen. Ich werde mich wieder melden.«, »Warten Sie! Es wäre mir lieber, wenn wir uns sehen könnten ...« »Das glaube ich Ihnen gern! Sie halten mich wohl für blöd!« Steve Odds' fette Finger klammerten sich an den Te- lefonhörer. »Sagen Sie mir wenigstens Ihren Preis und welche Bedingungen Sie stellen«, beharrte er. »Versuchen Sie nicht, mich reinzulegen, Odds!« ent- gegnete Mouss bissig. »Ich will fünfzehn Millionen für sämtliche Unterlagen.« »Fünfzehn Millionen!« wiederholte Odds. »Alles zusammen oder in Raten, das ist mir egal!« sagte Mouss spöttisch. »Das Geld werden Sie auf ein Nummernkonto in Genf überweisen. Das Konto läuft bereits auf meinen Namen, und ich brauche nur anzu- rufen, um mich zu vergewissern, ob Überweisungen er- folgt sind. Auch die Währung überlasse ich Ihnen. Und wenn Sie noch mehr Zeit und Geld zu verlieren haben, so versuchen Sie ruhig herauszufinden, wer Inhaber des Kontos ist. Ich werde so viele Transfers kreuz und quer durch die ganze Welt tätigen, daß Ihnen ganz schwindelig wird. Schließlich ist auch nicht auszu- schließen, daß ich mich auf Spekulationen mit Z.S.A.- Aktien einlasse. Als ausgleichende Gerechtigkeit. Ich bin sicher, daß mein Geld bei Ihnen in guten Händen ist. Bis dann, Odds, und grüß mir dein Magenge- schwür!« Der schrille Piepston gellte in den Ohren des Z.S.A.-Chefs. Mouss verließ die Telefonzelle und rieb sich die Hän- de. Er hatte das eindeutige Gefühl, das Spiel, dessen er- ste Angriffe er sehr sorgfältig vorbereitet hatte, richtig begonnen zu haben. Aber er wußte auch, daß die wahre Angst mit dem Warten auf eine Antwort seines Gegen- spielers erst so richtig begann, auch wenn er deren Symptome zu verdrängen versuchte. Für welches Ver-, teidigungssystem würde Odds sich entscheiden? Oder würde er sich gleich beim ersten Angriff geschlagen ge- ben? Würde er versuchen, Zeit zu gewinnen? Wahr- scheinlich. Aber er durfte sich nicht täuschen lassen. Andernfalls würde Odds zum Gegenangriff übergehen, und Mouss kannte den Schwachpunkt seines Plans nur zu gut: Sylvie Vercauteren. Odds und seine Männer waren sehr wohl imstande, sie ausfindig zu machen. Und somit auch ihn. Wenn es Odds gelänge, die Identi- tät seines Gegners herauszufinden, wäre die Sache nicht mehr so einfach. Dann würde der Kampf sich ver- schärfen. Schließlich kam Mustapha Moussi von sich aus - und vermutlich auch aus einer gewissen Nachgiebigkeit - zu der Überzeugung, daß er es wagen, ja sogar das zusätz- liche Risiko eingehen konnte, Sylvie vor der ihr dro- henden Gefahr zu warnen. Doch sollten Odds' Gesellen Sylvies Wohnung bewachen, so würden sie sich um- sonst bemühen: Mustapha hatte keinesfalls die Absicht, dieses Haus noch einmal zu betreten. Die andere Mög- lichkeit stellte ihn allerdings vor unlösbare Probleme. Sollte er sich mit Sylvie versöhnen? Ihr gestehen, daß er den Film nicht auf den Müll geworfen hatte? Ihr erklä- ren, daß er vorhatte, den großen Chef der Z.S.A. zu er- pressen? Das alles wäre viel zu kompliziert. Sollte er sie sich zur Komplizin machen? Sie zwingen, sich eine an- dere Wohnung zu suchen? Zu verschwinden? Damit wäre sie nicht einverstanden. Er erinnerte sich an ihre unglaubliche Angst, als sie von dem angeblichen Selbstmord des Journalisten erfuhr. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, daß Sylvie, im Falle eines Falles, diese Nacht vergessen hätte, und vor allem, daß sie sich nicht mehr erinnern würde, mit wem sie diese Nacht verbracht hatte ... Um sein Gewissen zu beruhigen, ging Mouss den- noch in die Telefonzelle zurück und wählte Sylvies Nummer. Er hatte nicht die Absicht, auch nur ein einzi-, ges Wort zu sagen. Er tat es nur aus Neugier. Aus purer Neugier. Gut zehnmal ließ er es klingeln, bevor er wie- der auflegte. Sylvie war nicht zu Hause. Bestimmt trieb sie sich wieder mit ihrer Clique herum. Das war auch besser so. Mouss' Anruf hatte einzig und allein zur Folge, daß Milan einen Moment lang aufhörte, auf Sylvie einzu- schlagen. Einige Sekunden lang hielt er inne und fragte sich, ob es nicht besser wäre, wenn das Mädchen sich melden würde, um so einen möglichen Komplizen in die Falle zu locken. Aber Sylvie war von derartiger Pa- nik erfaßt daß sie wahrscheinlich laut zu schreien ange- fangen hätte, so daß er es sein ließ. Das Klingeln schien Goldman sichtlich nervös zu machen, wie ein gehetztes Tier schaute er sich nach allen Seiten um. Als das Tele- fon schließlich wieder verstummte, seufzte er erleichtert auf. Sylvie blutete aus der Nase. Ihre rechte Schulter und ihr Bauch taten ihr schrecklich weh. Bei jeder Bewe- gung, zu der ihr Folterer sie zwang, stieß sie einen Kla- geschrei aus, der sogleich von der riesigen, nach Äther riechenden Hand erstickt wurde. Vor lauter Angst be- griff sie nicht sogleich, was diese Männer eigentlich von ihr wollten. Bilder von Vergewaltigungen und Plünde- rungen gingen ihr durch den Kopf, am Ende sogar erin- nerte sie sich verschwommen an die Silhouette des aus dem Fenster gestürzten Journalisten. Milan drehte sie um und warf sie brutal gegen das Bett. Entsetzt riß Sylvie ihre hellen Augen auf, als sie das lange Messer vor dem Gesicht sah. Die Spitze der Klinge berührte die Lippen der jungen Frau, glitt lang- sam in ihren Mund und berührte ihre zusammenge- preßten Zähne. »Mach den Mund auf oder ich zerschneide dir das Zahnfleisch!« knurrte Milan, der rittlings auf Sylvie saß., Das Mädchen zitterte am ganzen Körper. Sie spürte, wie die Klinge ihr in den Mund rutschte. »Wenn du schreist, steche ich zu«, warnte Milan mit einem häßlichen Grinsen. »Und bei jeder falschen Ant- wort schneide ich dir ein Stück von der Zunge ab.« Sylvie spürte, wie die Tränen ihr über das Gesicht lie- fen. Ihr war nach Kotzen zumute. »Ist der Journalist zu dir gekommen?« fragte Milan. Sie spürte das kalte Messer auf der Zunge. Ihr Mund füllte sich mit Speichel. »Ja.« Sie bemerkte die Erleichterung ihres Folterers und begriff, daß er nicht sicher war, die richtige Tür aufge- brochen zu haben. »Und er hat dir den Film gegeben?« Sylvie röchelte. Milan zog sein Messer einige Millime- ter zurück und wiederholte seine Frage. Erneut bejahte Sylvie die Frage. Milan warf Goldman einen triumphierenden Blick zu. Er hatte sich also nicht geirrt. Er irrte sich nie. »Wo sind die Fotos?« »Weggeworfen ...«, gurgelte Sylvie. Milan runzelte die Stirn und beugte sich über das Mädchen. »Was sagst du?« »Wir haben den Film in die Mülltonne geworfen.« Sylvie spürte einen brennenden Schmerz am Gau- men. »Hältst du mich für blöd?« knurrte Milan. »Wir haben sie in die Mülltonne geworfen«, jammerte Sylvie. »Ich schwöre es.« Milan wollte ihr bereits in die Wange schneiden, als er es sich plötzlich anders überlegte und beinahe über- rascht innehielt. »Was heißt >wirSechzehntes Kapitel Hugo Russel konnte seine Besorgnis nur mühsam ver- bergen. Mit einem gewissen Erstaunen betrachtete er seine zerbissenen Fingernägel - eine widerliche Ange- wohnheit, die er wenige Tage nach Pamela Sirchos' er- ster Operation angenommen hatte. Und bedauerli- cherweise war das nicht das einzige Anzeichen seiner Verwirrung. Innerhalb weniger Wochen begann er, an Schlaflosigkeit zu leiden, unglaublich viel zu schwitzen und Unmengen von Beruhigungsmitteln zu schlucken. Die Wangen waren eingefallen, bedrohlich blaue Ringe umgaben die Augen, und die Haare verlor er büschel- weise. Er betrachtete Alexander Sirchos' Wartezimmer, das ihn irgendwie an eine kleine Bahnhofshalle erinnerte. Die Einrichtung und das Dekor, das im wesentlichen aus Metall, Spiegeln und riesigen Grünpflanzen bestand, vermittelte eine außerordentlich eisige Atmosphäre, die Russels Meinung nach gut zu ihrem Besitzer paßte., Vormittags hatte der Arzt angerufen, um einen Ter- min zu vereinbaren. Zuerst hatte die Sekretärin ihm ge- antwortet, das sei absolut unmöglich, da Monsieur Sir- chos sich dringend nach New York begeben müßte, um von dort aus nach Buenos Aires weiterzufliegen. Natür- lich weigerte sich Russel zu sagen, warum er mit Sirchos sprechen wollte, und beschränkte sich darauf, die Se- kretärin zu bitten, Alexander Sirchos möge sich nach seiner Rückkehr unverzüglich mit ihm in Verbindung setzen. Zwei Minuten nach seinem Anruf klingelte das Tele- fon, und die dunkle Stimme des Milliardärs dröhnte durch den Hörer. »Nun, Russel, was ist los?« Russel wußte nicht, womit er anfangen sollte. Sirchos brachte ihn völlig aus dem Konzept. Kaum war er im- stande, die einfachsten Sätze zu formulieren. Dum- merweise hatte er geglaubt, dieses lähmende Gefühl könnte dank des Telefons spürbar abgeschwächt wer- den. Aber nun kam es ihm vor, als wäre es noch schlimmer geworden. »Ich muß mit Ihnen über Ihre Frau sprechen, Mon- sieur ...« »Reden Sie, ich höre Ihnen zu!« entgegnete Sirchos, der offensichtlich schlecht gelaunt war. »Es ist ...«, meinte der Arzt zögernd, »es ist nicht so einfach ...« Am anderen Ende der Leitung vernahm er ganz deut- lich einen Seufzer der Verärgerung. »Hält die Herzklappe nicht?« Russel schüttelte den Kopf, als könnte sein Ge- sprächspartner ihn sehen. »Nein, das ist es nicht ..« »Hören Sie, Russel!« sagte Sirchos ungeduldig. »Was sind Sie denn für ein Arzt? Geht es meiner Frau gut, ja oder nein?« Russel atmete tief durch., »Physisch geht es ihr gut«, antwortete er. Ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Merkwürdigerweise - aber das war ein rein subjektiver Eindruck von ihm - glaubte Russel, dem Milliardär würde jeden Augenblick der Kragen platzen und er wolle ihn beschimpfen. Doch wundersamerweise über- legte Sirchos es sich dann doch anders. »Ich werde heute nachmittag nach Fort Lauderdale kommen«, sagte er mit müder Stimme. »Kommen Sie Punkt fünfzehn Uhr dreißig in mein Büro. Aber ich werde nur wenig Zeit für Sie haben, da ich anschließend nach Argentinien weiterfliegen muß.« Dann legte er auf und ließ Russel noch ratloser zurück als je zuvor. Um fünfzehn Uhr fünfzehn, eine Viertelstunde zu früh (aber bereits eine Stunde zuvor war er in Fort Lau- derdale angekommen) wurde Doktor Russel von einer bezaubernden Sekretärin empfangen und in den - wie sollte er den Raum anders nennen? - Wartesaal geführt, wo er sich in einen nur mäßig bequemen Sessel fallen ließ und nun schon seit zwei Stunden schweißgebadet wartete. Niemand hielt es für nötig, ihm diese Verspä- tung Sirchos' zu erklären oder ihm wenigstens ein Glas Wasser anzubieten. Russel konnte Sirchos nicht leiden. Ja, man könnte sogar behaupten, daß er ihn haßte. Heute jedenfalls haßte er ihn. Doch Russel weigerte sich zuzugeben, daß dieser Haß auf die Tatsache zurückzuführen war, daß beide dieselbe Frau leidenschaftlich liebten ... Dieses Gedankens war er sich kaum bewußt. Er glaubte, sein Haß hätte andere Gründe. Denn Sirchos hatte ihn ganz einfach kaputtgemacht, seine Karriere ruiniert, seine Nerven zerstört, sein Privatleben wie sein Berufsleben vernichtet. Sirchos machte ihn für die beiden mißlun- genen Operationen Pamelas verantwortlich. Hundert- mal, tausendmal hatte er diese Operation in seinen schlaflosen Nächten noch einmal durchlebt. Er hatte, nicht den geringsten Fehler begangen. Gewiß, Zorski war vielleicht begabter als er. Aber vor allem war er sich der Komplexität des Problems bewußt, hatte mit außer- gewöhnlichen Nähten eine neue Herzklappe einsetzen können und eine so offensichtlich perfekte Arbeit gelei- stet, daß Russel eine Abstoßung wie eine wahre medizi- nische Ungerechtigkeit vorkommen mußte. Im Gegen- satz zu allen anderen Chirurgen, die einen möglichen Mißerfolg zu den niemals auszuschließenden postope- rativen Risiken zählten. Russel wußte nicht, was Sirchos dem berühmten Chir- urgen angeboten hatte, damit dieser Philadelphia ver- ließ, wozu er sich bislang stets geweigert hatte, aber in seinem Innern war er davon überzeugt, daß Zorski ei- nen ähnlichen Mißerfolg hätte einstecken müssen, wenn er der erste gewesen wäre, der Pamela operiert hätte. Nichtsdestoweniger war es Sirchos gelungen, alle Zweifel und alle Schuld auf Russel abzuwälzen. Zwei- fellos war das seine Art und Weise, seine Untergebenen allmählich um den Verstand zu bringen. Bei der Vorstellung, Sirchos erneut die Stirn bieten zu müssen, schauderte er. Dabei hatte er sich seine Argu- mente bestens überlegt, sich seine Sätze präzise zu- rechtgelegt, jedes Wort genau abgewägt und die mögli- chen Antworten eines Gegenübers bedacht, der ihm unweigerlich wie ein Feind vorkommen mußte. Sein Wunsch zu fliehen, wurde plötzlich so unwiderstehlich, daß er sich aus seinem Sessel erhob und wie ein gefan- genes Raubtier im Zimmer auf und ab ging. Er schaute auf seine Armbanduhr. Siebzehn Uhr fünf- undvierzig. Was war mit der am Telefon so sehr beton- ten Pünktlichkeit? Sirchos machte sich wohl über ihn lustig. >Punkt fünfzehn Uhr dreißig .< - >Ich werde nur wenig Zeit für Sie haben .. .< Blind vor Wut ging Russel auf die Tür zu, als plötzlich die Sekretärin auf der Schwelle stand. »Monsieur Sirchos wird Sie nun empfangen«, erklärte, sie, genauso als warte Russel erst seit drei Minuten. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen ...« Augenblicklich beruhigte sich der Chirurg. Er folgte dem Mädchen durch ein Labyrinth von Gängen, an de- ren Wänden diskret beleuchtete impressionistische Gemälde hingen. Der lange gerade Flur mündete in ei- nen seltsamerweise türlosen riesigen Raum, der aus- schließlich aus malvenfarbenem Marmor zu bestehen schien. Sirchos saß an einem halbkreisförmigen Schreibtisch, auf dem sich nicht einmal ein Telefonapparat, keine Schreibunterlage, kein einziges Blatt Papier oder sonsti- ges Büromaterial befand, sondern ausschließlich ein leicht nach rechts versetzter Computerterminal. Vor dem Schreibtisch stand ein einziger schmaler Sessel. Die Wände waren kahl, und das fahle Licht schien aus dem Nichts zu kommen. Das aus einem Stück beste- hende Zimmer hatte keine Fenster. Die Sekretärin entfernte sich und ließ Russel im Ein- gang zu diesem verblüffenden Büro stehen. Einige Se- kunden lang war er nichts als seiner nackten Angst aus- geliefert. Der ganze Raum war so angelegt, daß er Sir- chos' Gesprächspartner in einen Zustand tiefen, uner- klärlichen Unbehagens versetzte. Das Fehlen jeglicher Tür und die völlige Stille in diesem Raum gaben Russel den Eindruck, der Milliardär würde seine Anwesenheit schlichtweg ignorieren. Außer dem Unbehagen, das ihn bedrückte, kam der Arzt sich nun auch noch ziemlich dumm vor, und als er gerade leise husten wollte, hob Sirchos plötzlich den Kopf, lächelte ihm zu und bat ihn, Platz zu nehmen. Wie gelähmt schritt Russel durch den Raum. Vage er- innerte er sich an seine Studentenzeit, an die Examen, wenn sein Kopf mit einem Mal völlig leer war. Dennoch gelang es ihm, sich hinzusetzen, ohne den Sessel zu verfehlen. »Ein unerwarteter Streik der Fluglotsen«, erklärte Sir-, chos in knappen Worten. »Die Maschinen konnten nicht starten. In diesem verfluchten Land haben die Transportunternehmer alle Macht. Wie geht es Ihnen, Russel?« Nur undeutlich kamen dem Arzt die vorbereiteten Sätze wieder in den Sinn; sie waren völlig durcheinan- dergeraten und folgten einem chronologischen Ablauf, der eher burlesker Dichtung als medizinischer Bericht- erstattung entsprach. Woran dieser unberechenbare, völlig entspannte und übertrieben freundliche Sirchos auch nicht gerade etwas änderte. »Es geht mir gut, danke«, stammelte Russel ziemlich dämlich. Die stählernen Augen des Milliardärs betrachteten ihn beinahe belustigt. Natürlich war Russels panische Angst nach wie vor viel zu groß, als daß er auch nur die geringste Spur von Provokation in dieser Haltung hätte erkennen können. »Ist die Hitze noch zu ertragen?« fragte Sirchos, des- sen Lächeln mehr und mehr einer Grimasse ähnelte. Im allerletzten Moment entzog sich Russel der Bedro- hung. »Es ist nicht die Hitze, die Ihrer Frau zu schaffen macht, Mister Sirchos«, erklärte er in einem selbstbe- wußten Ton, der ihn selbst überraschte. Sirchos kratzte sich mit seinen manikürten Fingernä- geln an den vorspringenden Wangenknochen. »Ich habe meine Sekretärin gebeten, uns einen Kaffee zu machen«, sagte der Milliardär mit leidenschaftsloser Stimme. »Oder möchten Sie lieber etwas anderes trin- ken?« Russel war verwirrt. Dabei hatte er geglaubt, auf alle Reaktionen Sirchos' gefaßt zu sein. Auf seine Wut und auf seine Besorgnis, auf sämtliche selbstherrliche Ent- scheidungen, die ein Mann treffen konnte, der beinahe jeden durch die Welt transferierten Dollar kontrollierte. Auf alle möglichen Reaktionen war er vorbereitet, und, für jede davon hatte er sich eine passende Antwort aus- gedacht. Auf alles war er gefaßt, nur nicht auf das Nichts. Nur nicht auf diese unglaubliche Interesselosig- keit. Plötzlich fragte sich Russel, warum er eigentlich ge- kommen war. Und selbstverständlich erriet Sirchos auch diesen Gedanken seines Gegenübers. »Pamela langweilt sich, nicht wahr?« Russel zuckte zusammen. Wie hatte er nur annehmen können, einem solchen Mann die Stirn bieten zu kön- nen? Er schluckte mühsam. »Sie langweilt sich nicht nur, Monsieur Sirchos«, ver- besserte er leise. »Sie wird neurasthenisch.« Mit einem Mal gab sich Sirchos interessierter, beugte sich leicht nach vorn und stützte sich mit den Ellbogen auf der Schreibtischplatte ab. »Ist das nicht bei den meisten Genesenden der Fall?« Russel schüttelte den Kopf. »Nein«, entgegnete er. »Neurasthenie ist eine Krank- heit für sich. Und bei Ihrer Frau häufen sich die Sym- ptome dieser Krankheit.« Sirchos schien sich zu entspannen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Sehen Sie, Doktor Russel, Pamela ist eine Frau, die es gewohnt war, intensiv zu leben, von Fotografen um- geben zu sein, sich auf prächtigen Cocktailpartys zu amüsieren und von männlichen Bewunderern um- schwärmt zu werden. Ich glaube ganz einfach, daß sie ...« »Es handelt sich keineswegs um eine bloße Laune Ih- rer Frau«, erwiderte Russel. »Wegen einer solchen Lap- palie hätte ich mich nicht an Sie gewandt! Pamela ...« Sogleich bereute er es, ihren Vornamen genannt zu haben. ».Pamela leidet an einer Störung des Nervensy- stems. Schlaf- oder Beruhigungsmittel können absolut, nicht dagegen helfen. Wie in den meisten Fällen tau- chen erst einmal somatische Störungen auf. Sie klagt über Schmerzen, in erster Linie natürlich über Herzbe- schwerden.« Sirchos begann nervös mit den Fingern gegen die Schreibtischkante zu trommeln, so als wollte er schnell zum Ende ihrer Unterredung kommen. »Hatten wir nicht vereinbart, daß Sie bei Komplika- tionen Doktor Zorski zu Rate ziehen sollten?« murmelte er wie beiläufig. Russel räusperte sich verlegen. Sein Mund war völlig ausgetrocknet, und er fühlte sich immer unwohler in seiner Haut. »Ihre Frau braucht einen Psychotherapeuten, keinen Chirurgen«, sagte Russel. »Außerdem möchte ich Sie darauf hinweisen, daß Pamela die Absicht hat, ihren Geburtstag mit einem großen Fest zu feiern. In zwei Wochen ...« Sirchos lächelte spöttisch. »Ich danke Ihnen, daß Sie mich an den Geburtstag meiner Frau erinnern«, knurrte er. »Sie will alle ihre Freunde zu diesem Fest einladen«, fügte Russel hinzu, »eine große Party geben. Meiner Meinung nach ist das eine großartige Idee, vorausge- setzt natürlich, Pamela bleibt vernünftig.« »Vernünftig?« schrie Sirchos mit wütendem Blick. »Kennen Sie die Leute, die wie Parasiten um meine Frau kreisen, Doktor Russel? Diese berühmten Hollywood- stars? Diese zwielichtigen, mit Kokain und Tequila voll- gestopften Wracks, diese unkultivierten Gigolos und diese alten brünstigen Playboys ... Ich hasse Künstler, Russel, und ich haßte den Beruf meiner Frau. Ich habe sie absichtlich von der Westküste weggeholt, um sie von diesen Leuten fernzuhalten, und nun bitten Sie mich, all diese Leute hierher einzuladen?« Er legte beide Hände flach auf den Schreibtisch. »Diese Leute sind es, die ihr Herz kaputtgemacht ha-, ben, begreifen Sie das immer noch nicht?« brüllte er. »Aber seien Sie unbesorgt, Pamela wird sie schnell wie- der vergessen.« Russel war eher vom Gegenteil überzeugt. Aber was Sirchos' Motive anging, so begann er, deren Umrisse allmählich zu erkennen. Pamelas Krankheit war für ihn der willkommene Vorwand, seine Frau in einen Käfig einzusperren. Der Milliardär schaute kurz auf seine Armbanduhr. »Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben, Doktor Russel?« Sichtlich enttäuscht nickte der Arzt mit dem Kopf. »Sind diese somatischen Störungen, von denen Sie vorhin sprachen, wirklich gefährlich für Pamelas Ge- sundheit?« Russel zuckte mit den Schultern. »Alle Neurasthenien können Symptome von Tetanie und Tachykardie aufweisen«, murmelte er. »Aber im Moment sind Herzrhythmus und Blutkreislauf völlig normal.« Seltsamerweise hielt Russel es nicht mehr für nötig zu kämpfen. Er fühlte sich völlig leer, erschüttert, voll- kommen kraftlos. Am Ende hatte er nur mehr einen einzigen Wunsch: diesen Mann und diese krankhafte Faszination loszuwerden, die er für ihn empfand. »Ich werde Ihnen den besten Psychiater in die Villa schicken«, sagte Sirchos und erhob sich. »Und sagen Sie Pamela, daß ich ihren Geburtstag nicht vergessen und mir eine Überraschung für sie ausgedacht habe.« Damit war die Unterredung beendet. Russel reichte dem Milliardär zögernd die Hand und ging die vielen türlosen Gänge zurück, die ihn immer noch an ein von einem Wahnsinnigen entworfenes Labyrinth erinner- ten. Eine andere Sekretärin erwartete ihn am Ende des Flurs und führte ihn langsamen Schrittes zum Ausgang. Als Russel das Gebäude verließ, hatte er nicht einmal das wohltuende Gefühl, frische Luft einzuatmen. Wie, eine schmelzende Bleiglocke lastete die Luft von Fort Lauderdale auf der ganzen Umgebung. Um hier Selbstmord zu begehen, brauchte man sich nur eine dicke gefütterte Windjacke zu kaufen und zwanzig Mi- nuten lang zu tragen. Er überquerte den Parkplatz der Sirchos Company und beachtete nicht im geringsten die Männer in den geschmeidigen Uniformen der Aerospatial Research, an denen er vorbeiging. Im Innern der Corvette war es so heiß wie in einem Grillgerät. Die Klimaanlage war defekt. Das Leben war wirklich grandios ... Seit dem Tag, an dem er Steve Odds das erste Foto ge- schickt hatte, lebte Mouss vorsichtshalber bei einem Freund. Dieser Freund wohnte in einer Siedlung am Rande der Stadt und war mit einem Weib verheiratet, das den Mund nur auftat, um irgendwelche Obszönitä- ten von sich zu geben, und das ihm drei schreckliche Kinder geboren hatte, deren Haupteigenschaften vom Wandalismus bis zur Inkontinenz reichten. Eigenschaf- ten, bei denen es den reizenden Kleinen weder an Phantasie noch an Hartnäckigkeit mangelte. Aufgrund der Bürgerkriegsstimmung, die unentwegt in der Wohnung herrschte, war Mouss physisch wie psychisch völlig am Ende, und einen Moment lang überlegte er sich, ob er nicht doch in seine Wohnung zu- rückkehren sollte. Die Versuchung war so groß, daß er sich sogar auf den Weg dorthin machte, um es sich auf halber Strecke dann doch wieder anders zu überlegen. Sein derzeitiges Problem bestand darin, daß er kein Geld hatte. Zwar würde er bald ein reicher Mann sein, aber im Moment war er völlig blank. Rasch rechnete er seine mageren Ersparnisse zusammen, mit denen er sich allerdings nicht einmal eine Übernachtung in einer der erbärmlichsten Pensionen hätte leisten können. Dann zog er sein Scheckbuch aus der Tasche. Auf, seinem Konto verblieben ihm noch einige hundert Franc. Vor dem Eingang zur Metro, wo sich um diese Zeit nur mehr sehr wenig Leute aufhielten, zögerte er plötz- lich. Was zum Teufel sollte diese Knauserei? In wenigen Tagen würde er reich sein, unglaublich reich. Und um den bevorstehenden Kampf angehen zu können, mußte er einen klaren Kopf haben, ausgeruht und in bester Verfassung sein. Schließlich rang er sich zu einem Kompromiß durch und eilte entschlossenen Schrittes auf das Hotel Stella los. Ein gemütliches Etablissement mit noch vernünftigen Preisen, das nur wenige Meter vom Bahnhof Cardinet entfernt lag. Er ahnte nicht im geringsten, daß dieser Entschluß ihn vor dem grausamsten aller Tode gerettet hatte ... Nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Mieter nicht zu Hause war, drang Mirko problemlos in Mouss' Wohnung ein. Er nahm sich die Zeit, die Klinke abzu- schrauben, den Riegel zu lösen und das Schloß, das er zuvor aufgebrochen hatte, wieder einzusetzen. Natür- lich hätte er diese Tür in wenigen Sekunden aufbrechen können, aber er wollte keine Spuren eines Einbruchs hinterlassen. Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, blieb er eine Weile reglos im winzig kleinen, völlig dunklen Flur stehen. Seltsamerweise erinnerte dieser Tag ihn an seine Ein- brechervergangenheit, und er wunderte sich über diese Erregung, die ihn jedes Mal ergriff, wenn er in fremde Wohnungen eindrang, um sie auszurauben. Im Gegen- satz zu seinem Bruder Vito hatte er dabei nie auch nur die geringste Angst verspürt. Dieses berauschende Ge- fühl, in die Privatsphäre eines Fremden einzudringen, dieser zwischen Diebstahl und Voyeurismus schwan- kende Trieb, dieses wahre Glücksgefühl, das über ihn kam, wenn er Möbelstücke durchsuchte, mit den Fin- gern in Schubladen herumwühlte wie in den Scham-, haaren eines Mädchens, wenn er zu riechen, zu fühlen, die Atmosphäre wahrzunehmen begann ... Nichts von all dem hatte er völlig verloren ... Er schüttelte sich, faßte sich wieder und griff in seine Westentasche. Er zog eine kleine Taschenlampe hervor, die ein sehr helles, stark gebündeltes Licht ausstrahlte. Der grelle Lichtpunkt begann auf den Wänden zu tan- zen. Milan ging ins Wohnzimmer. Er drehte an dem Rädchen seiner Lampe und der Strahl wurde breiter, das Licht merklich schwächer. Triumphierend verzerrte der Sammler den Mund. Er ließ das Licht über die an den Wänden befestigten Vergrößerungen der Fotos wandern. Einmal mehr hatte er die richtige Adresse er- wischt. Der Kerl wohnte tatsächlich hier. Milan schaute sich weiterhin um. Da waren noch zwei andere Zimmer: das Schlafzimmer und das Ar- beitszimmer, an dessen Wänden zahlreiche Bücherre- gale standen und das Mouss wahrscheinlich ebenfalls als Entwicklungsraum genutzt hatte. Milan machte sich keine allzu großen Illusionen, begann aber dann doch, alles systematisch und peinlich genau zu durchsuchen, wobei er jeden Gegenstand wieder an seinen Platz zu- rückstellte. Zweifellos hatte dieser Idiot die Negative bei sich. Es sei denn, er hatte sie anderswo versteckt ... Wie auch immer, sobald er Milan in die Hände fallen würde, würde er schon alles ausplaudern. Der Sammler nahm sich einen Kaugummi und steckte das Papier in seine Tasche zurück. In aller Ruhe setzte er sich an den Schreibtisch, schaltete die Bürolampe an und begann sich die wenigen Gegenstände, die er bei seiner Durchsuchung aufgestöbert hatte, genauer anzu- sehen. Sorgfältig kopierte er das Adreßbüchlein, in dem auch Sylvie Vercauterens Name und Anschrift stand, und blätterte einen dicken Aktenordner mit Unterlagen über die Arbeiten der Z.S.A. in den letzten sechs, sie- ben Monaten durch. Gelassen kaute Milan seinen Kau- gummi, blätterte die Seiten um, verweilte von Zeit zu, Zeit bei einem Zeitungsausschnitt über einen Unfall, der in den Tageszeitungen kaum Beachtung gefunden und den Mouss mit einem roten Filzstift gekennzeichnet hatte. Zweimal vernahm der Geier ein Geräusch im Haus, schaltete die Lampe aus und legte die Hand auf sein Messeretui. Sobald er merkte, daß es sich bloß um an- dere Mieter handelte, die nach Hause kamen, schaltete er das Licht wieder an. Er las weiter und runzelte die Stirn, als er auf einen Artikel über den Sammler David Toland und dessen Unfall stieß. Was konnte diesen kleinen Dreckskerl daran nur so interessieren? In dem Moment suchte Milan nicht weiter nach einer Erklärung. Er schloß die Akte, lehnte sich im Sessel zurück, kreuzte die Hände vor seinem Bauch und machte eine dicke Kaugummi- blase. Diese Akte hatte die Sprengkraft einer Atom- bombe, mit der man die Z.S. A. und sämtliche Aktionäre auffliegen lassen und einen der aufsehenerregendsten Prozesse der Justizgeschichte in Gang bringen könnte. Milan zog die Nase hoch und schaute gedankenverlo- ren auf den Deckel des Ordners, auf den der Erpresser mit einem dicken Filzstift die drei Initialen der Z.S.A. sowie das ziemlich ungeschickt nachgemalte Siegel der Geier gemalt hatte. Der Dummkopf glaubte also, Nitro- glyzerin in Gold umwandeln zu können. Er wollte die- sen ganzen Krämerladen kräftig durcheinanderrütteln und den gesamten Planeten in die Luft sprengen. Milan drehte sich etwas zur Seite und betrachtete das alte Fotokopiergerät, das in einer Ecke des Zimmers auf dem Boden stand. Er erhob sich, trat an das Gerät und fischte eine zerknüllte, zu dunkel geratene Kopie aus dem Papierkorb. Jetzt bestand also kein Zweifel mehr. Dieser Mistkerl hatte Kopien seiner Unterlagen angefer- tigt. Die Angelegenheit wurde immer brenzliger ...,

Siebzehntes Kapitel

Als David Toland seine Sammlerjacke anzog, hatte er das seltsame Gefühl, alles sei nur ein böser Traum ge- wesen, nur ein etwas zu lange dauernder, etwas zu rea- listischer Alptraum ... Sein Bild im Wandspiegel ver- scheuchte dieses Hirngespinst wieder. Er betrachtete sein schmaler gewordenes Gesicht, die vorspringenden Backenknochen, die seine hohlen, von einem dichten Bart bedeckten Wangen noch stärker betonten, und vor allem diesen glanzlosen, gleichgültigen und beinahe fremdartigen Blick. Er schaute auf das an die Brust sei- ner Jacke genähte Abzeichen, ein goldfarbenes rundes Stück Stoff mit einem Symbol, das das Leben darstellte, und einem schwarzen Randstreifen, auf den die Namen >Toland< und >Roussel< aufgestickt waren. Mit dem Zei- gefinger glitt er unter die Naht und riß das Abzeichen wütend ab. Das Leder riß einen Zentimeter weit ein. Nachlässig warf Toland den Stoffetzen auf das Kran- kenhausbett und verließ das Zimmer. So als warte er schon seit Stunden auf den Sammler, stand Boris Gerstein, der Pressezar, mit dem Rücken gegen die Flurwand gelehnt und rauchte ein Zigarillo, dessen Glut er von Zeit zu Zeit zufrieden betrachtete. Lächelnd ging er auf David zu. »Sie verlassen uns schon?« David hatte nicht die geringste Lust, sich mit Gerstein zu unterhalten. Er wollte zu den Aufzügen weiterge- hen, aber Gerstein stellte sich ihm entschlossen in den Weg. »Haben Sie über meinen Vorschlag nachgedacht?« »Über welchen Vorschlag?« knurrte David. Gerstein tippte mit dem Zeigefinger auf die Brust des Sammlers. »Sie sind der Beste, Toland. Und ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, die Besten auf meine Seite zu ziehen. Wenn ich mich an einem Geschäft beteilige,, wähle ich mir nur die allerbesten aus. Okay? Ich habe viel Geld in die Z.S.A. gesteckt. Und wenn Sie bei mir mitmachen, komme ich für alle Ihre Schulden auf, ka- piert?« Toland streckte den Arm aus und stieß Gerstein mit einer gleichzeitig verächtlichen und arroganten Bewe- gung zur Seite. »Geben Sie sich keine Mühe, Gerstein«, murmelte David. »Ich werde meinen Beruf an den Nagel hän- gen.« Der Sammler ging zum Aufzug. »Was bilden Sie sich ein, Toland?« schrie Gerstein. »Daß Sie noch eine andere Wahl haben?« Die Türen schlossen sich hinter dem Sammler. Mit einem öligen Gleiten setzte sich der Lift in Bewegung. Toland konnte Gersteins hysterische Stimme immer noch hören: »Sie werden es sich schon noch überlegen, Toland! Sie werden sehen! Sie werden es sich schon noch über- legen!« Schweren Schrittes stieg Armyan Simba die Treppe hoch. Seine schwarze knochige Hand klammerte sich an das Geländer. Er war außerstande, sich mit dem Wi- derspruch abzufinden, der ihn quälte, und war wieder in die Blue Bar gegangen, um sich erneut zu betrinken, maßloser noch als am Tag zuvor. Zorski war nach New York gereist, um die Einrichtung zu prüfen, mit der er die neue Klinik in Genf ausstatten wollte. Simba hatte seiner Frau angekündigt, daß sie dem- nächst nach Europa umziehen würden. Da Simbas Frau in Philadelphia geboren war, nahm sie diese Nachricht nicht mit allzu großer Begeisterung auf. Für sie lag die Schweiz irgendwo zwischen Neuseeland und der äuße- ren Mongolei. Auf Juniors Globus zeigte Armyan ihr das winzige Land, in dem sie von nun an leben würden. Daß Frankreich, ein Land, dessen Erzeugnisse sie seit-, samerweise schätzte, ganz in der Nähe lag, schien sie nicht wirklich zu trösten. Im Grunde konnte sie gar nicht begreifen, warum die beiden besten Chirurgen der Vereinigten Staaten in ein Land emigrieren mußten, das fünfmal kleiner war als North Carolina. Daraufhin hatte Armyan ihr verworrene Erklärungen über den Interna- tionalismus der hochentwickelten Medizin gegeben, über die Möglichkeit, die man ihnen bot, ihre For- schungsarbeiten erfolgreich abzuschließen, über ... über ... Sein Vortrag endete in einem totalen Durchein- ander. Mit großen treuherzigen Augen sah seine Frau ihn an. »Und du, Army, möchtest du wirklich fort?« mur- melte sie. Der schwarze Riese schnitt eine Grimasse und fuhr sich mit der flachen Hand über den Kopf. Er nickte mit dem Kopf. »Ich kann Mark nicht im Stich lassen«, sagte er. »Nicht jetzt.« Einen Augenblick lang schwieg sie. »Weißt du«, fuhr sie dann mit sanfter Stimme fort, »ich habe alle diese Zeitungen gelesen, die über dich und Mark schreiben. Ist das, was dort behauptet wird, wirklich die Wahrheit?« »Was meinst du damit?« »Ich bitte dich, Army, alle diese Ärzte, die eure For- schungen kritisieren, diese ganzen Unterschriften, diese Artikel, die eure Experimente anprangern, du hast sie doch auch gelesen, nicht wahr? Zwingen die euch, Amerika zu verlassen?« »Hör zu, Mark würde jetzt zu dir sagen, daß .« »Es ist mir egal, was Mark jetzt sagen würde!« schrie seine Frau. »Ich will wissen, wie du darüber denkst. Du, nur du allein. Du sprichst von Internationalismus, von grenzenloser Medizin, und du wanderst ab in ein entle- genes Land, in eine anonyme Klinik, die von einem, Mann subventioniert wird, über den wir überhaupt nichts wissen.« Armyan war sprachlos. Nie zuvor hatte seine Frau in dieser Weise mit ihm geredet. »Wir haben um dieses Projekt gekämpft«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ich kann Mark nicht allein gehen las- sen.« Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Begreifst du denn nicht, daß wir den Tod besiegen, wenn unser Vorhaben gelingt? Die Lebenserwartung wird einen Jahrhundertsprung tun .« »Wessen Lebenserwartung?« fragte die junge Frau leise. »Und auf wessen Kosten?« Brutal stieß Armyan seinen Stuhl nach hinten, erhob sich und nahm seine Jacke. »Du redest genauso wie die Journalisten dieser ver- fluchten Zeitschriften!« schrie er, bevor er das Haus ver- ließ und in die Blue Bar eilte. Einige Stunden später kam er, nach Rum stinkend, nach Hause zurück und stieg mühsam die letzten Trep- penstufen zu den Schlafzimmern hoch. Sein Blick fiel auf den Lichtstrahl unter der Tür von Juniors Zimmer. Er schaute kurz auf seine Uhr, runzelte die Stirn und klopfte leise an die Tür, in der Hoffnung, um drei Uhr nachts sei sein Sohn längst eingeschlafen und habe nur vergessen, das Licht zu löschen. »Komm rein!« flüsterte Junior. Ziemlich verdutzt, hin und her gerissen zwischen Wut und Trunkenheit, betrat Armyan das Zimmer sei- nes Sohnes. Junior saß vor seinem Computer, dessen Bildschirm den Raum in ein flackerndes grünliches Licht tauchte. »Ich werde dir das ganze Zeug erneut wegnehmen müssen«, seufzte Armyan. »Ich muß morgen erst um elf zum Unterricht«, vertei- digte sich Junior. »Und ich glaube, ich habe etwas sehr Wichtiges herausgefunden. Komm und sieh es dir an!«, »Und was soll das sein?« brummte Simba. »Hast du erneut eine Versicherungsgesellschaft bespitzelt?« Aufgeregt klimperte Junior auf den Tasten des Com- puters herum. »Hast du schon mal was von >Global Control War< gehört?« Armyan runzelte die Stirn. »Ein neues Spiel?« »Jede dritte Information, die Alexander Sirchos übermittelt wird, trägt diesen Code-Titel«, erklärte Ju- nior. Simba mußte sich hinsetzen. Verdutzt betrachtete er die Zahlen, die mit unglaublicher Geschwindigkeit auf Juniors Bildschirm vorbeizogen. »Es .es ist dir gelungen, Sirchos' Mitteilungen zu dechiffrieren?« stammelte er. Sichtlich betrübt schüttelte Junior den Kopf. »Nicht ganz. Aber es ist mir gelungen, mit Hilfe die- ses Zugangscodes Verbindung mit der Zentrale der Sir- chos Corporation aufzunehmen. Leider haben sie ein System, das sämtliche Anrufe nach einer Viertelstunde automatisch abschaltet. Ich habe versucht, eine neue Verbindung herzustellen, aber das hat nicht geklappt. Das reinste Geduldsspiel, dieses Ding!« Armyan deutete auf die Zahlen auf dem Bildschirm. »Und das? Was ist das?« Unruhig rutschte Junior auf seinem Stuhl hin und her. »Habe ich noch nicht herausgefunden, aber es wird nicht mehr lange dauern«, entgegnete er. »Da gibt's Namen von Ländern, von Städten, deren Codenummer sich mit jedem Abschnitt ändert. Innerhalb der Ab- schnitte gibt es noch komplexere Informationen, wahr- scheinlich die Namen von Gesellschaften, politischen Parteien, sowie weitere Angaben, mit denen ich nichts anzufangen weiß.« Junior zögerte einen Moment lang., »Und noch etwas ...« »Was?« »Als ich versuchte, erneut mit der Zentrale der Sir- chos Corporation Verbindung aufzunehmen, spielte der Computer plötzlich verrückt.« »Verrückt?« »Plötzlich liefen Telefonnummern mit großer Ge- schwindigkeit über den Bildschirm.« Auf einmal wurde seine Stimme leiser, unsicherer. »Die Vorwahl entsprach Philadelphia«, fügte er hinzu und senkte den Blick. Simba riß die Augen auf. »Wann war das?« flüsterte er. Junior zuckte mit den Schultern. »Vor ungefähr einer halben Stunde ... Vielleicht auch später ...« Wütend sprang Simba auf und packte seinen Sohn am Sweatshirt-Kragen. »Sie suchen nach dir, Dummkopf!« schrie er. »Hast du das nicht begriffen? Sie versuchen, den Anruf zu lo- kalisieren!« »Aber Papa, ich habe doch gleich wieder aufgelegt!« jammerte Junior. »Ich schwöre dir, sie hatten nicht ge- nug Zeit, um ...« Es war Junior nicht vergönnt, seinen Satz zu Ende zu bringen. Im Erdgeschoß zersplitterte soeben die Ein- gangstür ... Nur die unschätzbare CD-Sammlung von Charlie Min- gus, das Bett, ein Tisch und drei Stühle waren übrigge- blieben. Alles andere war mitgenommen, durchwühlt, von den Wänden gerissen worden - was blieb, waren die lächerlichen Überreste der Razzia. Ein halbes Dut- zend blauer und weißer Quittungen lagen auf dem Tisch. Diesmal waren nicht anonyme Apachen für die Verwüstung verantwortlich, sondern offizielle Ge- richtsvollzieher, vereidigte Geier, die sehr wohl befugt, waren, sich den Besitz anderer Leute anzueignen oder zu zerstören. Die ganze Ausrüstung, Computer, Scan- ner und Dispatcher, waren verschwunden. Auch die bereits bezahlte medizinische Ausrüstung, die Konser- vierungsbehälter, die Klammern und Skalpelle und ver- schiedene andere Werkzeuge, die Minigefriertruhe wa- ren nicht verschont geblieben. Eine ganze Minute lang stand David Toland reglos da. Sein asketisches Gesicht verriet keinerlei Gefühl, nicht die leiseste Spur von Zorn oder Verzweiflung. Er ging zum Bett, ließ sich, schwer wie ein Stein, rückwärts darauf fallen. Er verschränkte die Hände hin- ter dem Kopf und starrte die Decke an. Beim Inventar der Ruinen, die man ihm bereitwillig überlassen hatte, hatte er das Telefon vergessen. Er ließ es gut zehnmal klingeln, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne auch nur die leiseste Andeutung von Verwirrung zu zeigen. Wie tot lag er da. Erneut trat Stille ein, nur noch das Surren der Klimaanlage war zu hören. Langsam stand David auf, jede seiner Bewegungen vollzog sich wie in verzweifelter Zeitlupe. Er ging zu dem in die Wand eingefaßten Plattenspieler, eine tech- nische Spielerei, mit der die Architekten neuerdings sämtliche Wohnungen ausstatteten. Prayer Meeting und Charlie Mingus füllten das Wohn- zimmer und trugen den Sammler zehn Kilometer weit über die Stadt hinaus, weit weg, sehr weit weg, dorthin, wo der Geruch der Fäulnis ihn nicht mehr erreichte ... Die Kerle öffneten nichts, sondern schlugen einfach al- les ein. Türen, Schränke, Abstellkammern, alles flog in Stücke, wie bei einer gewaltigen Explosion. Sie trugen blaue Uniformen und Gasmasken mit breiten Augenlö- chern, die sie wie Insekten aussehen ließen. Einige tru- gen orangefarbene Behälter auf dem Rücken und hiel- ten ein langes Rohr in der Hand. In wenigen Sekunden waren sämtliche Zimmer des unteren Stockwerks mit, gelbem Rauch gefüllt, durch den sich die Eindringlinge wie Gespenster, wie seltsame, auf systematische Zerstö- rung programmierte Roboter bewegten. Die beiden un- zertrennlichen Kanarienvögel in ihrem stilisierten, an der Wohnzimmerdecke befestigten Käfig waren die er- sten, die sterben mußten. Mit einem unheimlichen Zi- schen strömte das tödliche Gas aus den Rohren. Im ersten Stockwerk stieß Simba einen entsetzlichen Schrei aus. Er packte Junior, zog ihn auf den Flur hinaus und schrie mit aller Kraft nach seiner Frau. Die Männer standen bereits auf der Treppe, setzten ihre mörde- rische Arbeit unerbittlich fort. In Kommandoformation rückten sie vor, ohne sich um Juniors Schreien zu kümmern. Simba roch den süßlichen Duft des Gases. Er kannte dessen Eigenschaften und wußte, daß bereits beim Ein- atmen seines charakteristischen Geruchs die ersten zer- störerischen Effekte auf seinen Organismus einwirkten. Kürzlich war ein halbes Dutzend Soldaten einer winzi- gen Dosis dieses Gases zum Opfer gefallen und unver- züglich, wenn auch nur inoffiziell, ins Central Hospital nach Philadelphia, auf Zorskis Station, eingeliefert wor- den. Als Gegenleistung für gute und treue Dienste. Zorski wußte nichts über dieses Gas und erkundigte sich im Pentagon über dessen Zusammensetzung, doch man verweigerte jede Auskunft. Keiner dieser unglück- lichen Soldaten überlebte länger als fünfzehn Stunden. Der Widerstandskräftigste starb auf der besten Intensiv- station weit und breit, in einem Bett, in dem sogar eine Leiche innerhalb weniger Minuten wieder zum Leben erweckt worden wäre. Dieses Gas war die abscheulich- ste Waffe, die der Armee je in die Hände geraten war. Sozusagen gleichzeitig bewirkte es eine totale Lähmung der Atemwege, einen Muskelkrampf, der den letzten Stadien einer Tetanusvergiftung entsprach, und schwere Gehirnschäden, wie man sie bislang nur bei tatsäch- lichen Schädelexplosionen hatte feststellen können., Es gab nichts Schrecklicheres, und Simba war felsen- fest davon überzeugt, daß diese entsetzliche Waffe nur in beschränkter Quantität an Armeen im Mittleren Orient verkauft worden war und vermutlich ausschließ- lich zu Experimenten dienen sollte. Der schwarze Riese taumelte. Die Beine trugen ihn nicht mehr und brachen unter seinem Gewicht zusammen. Ein brennender Schmerz explodierte in seiner Brust. Er drückte Junior fest an sich und versuchte, ihn am Atmen zu hindern, indem er ihm die Hand auf das Gesicht preßte. Der Junge wehrte sich mit unglaublicher Kraft, denn er wies bereits erste Anzeichen einer erhöhten Muskelspan- nung auf. Drei Megatonnen Migräne entluden sich im Kopf des Chirurgen. Er fiel auf die Knie und ließ Junior los, der sich auf dem Teppich krümmte und den Mund zu ei- nem Röcheln öffnete. Eine Tür flog auf. Simbas Frau kam aus ihrem Zim- mer gestürzt, sie war völlig nackt. Simba streckte ihr die Hand entgegen ... Eine ockergelbe Rauchwolke um- hüllte die beiden. Die junge Frau schwankte. Ein Schrei des Entsetzens blieb ihr im Hals stecken. Sie sackte zu Boden, mit starren Gliedern und einem von Muskel- krämpfen geschüttelten Körper. Die Familie Simba lebte nicht mehr. Genau fünfund- zwanzig Sekunden nach dem Eindringen des Mörder- kommandos starb sie ... Außer seiner überwältigenden Zerstörungskraft bot das Thunder TX 650-Gas auch noch andere Vorteile. Es war ein äußerst flüchtiges Gas und hinterließ keine Spuren, weder im Organismus der Opfer noch an den Orten, wo es eingesetzt wurde. Die Militärexperten hatten sehr rasch begriffen, daß es sich dabei eher um eine Stadt- guerilla-Waffe handelte als um echtes Kriegsmaterial. Und schließlich bot es noch eine letzte Besonderheit: Das Gas war in den Laboratorien der Sirchos Corpora-, tion entwickelt worden, einer äußerst attraktiven Abtei- lung der Aerospatial. In weniger als zwanzig Minuten waren alle Spuren des Giftgases verschwunden. Die nach wie vor maskier- ten Eindringlinge zerrten die Frau in ihr Zimmer und zerschlugen einige Möbelstücke. Drei Männer verge- waltigten die Frau. Sie taten es ohne die geringste Rüh- rung, fast automatisch. Dann kehrten die Männer auf den Flur zurück, zer- trümmerten Juniors Kopf und jagten Simba eine Kugel in den Kopf, bevor sie ihn ins Wohnzimmer trugen. Dann plünderten die Männer in aller Eile die Woh- nung. Sie nahmen ein paar hundert Dollar Bargeld, ei- nige Schmuckstücke, eine Mini-Laser-Stereoanlage, zwei Tonbandgeräte, einige Wertsachen und fast die ge- samte Computerausrüstung von Junior mit. Sie verließen die Villa der Simbas, ohne ein einziges Wort gewechselt zu haben. Ihre Arbeit war beendet. Für alles andere war die Polizei zuständig. Langsam drehte Milan die Pikdame zwischen den Fin- gern. Von Zeit zu Zeit starrte er auf einen imaginären Punkt an der Wand, setzte zum Wurf an und behielt die Karte dann doch in der Hand. Er schaute kurz auf die Uhr. Seit vier Stunden saß er auf dem Stuhl, mit den Stiefeln auf dem Schreibtisch, und wartete. Draußen wurde es allmählich hell. Er hörte, wie draußen auf der Straße immer mehr Autos vorbeifuhren, wie die Plastik- säcke auf die Müllwagen geladen wurden. Er vernahm Schritte und Stimmen, hörte wie die Eisengitter der Ge- schäfte hochgezogen wurden ... Die Stadt erwachte, wertlos und verabscheuungswürdig. In den benachbarten Wohnungen machten sich die Leute zum Aufbruch bereit. Sie hatten schlechte Laune und einen bitteren Geschmack im Mund. Sie zogen bru- tal die Rolladen hoch und schlugen die Türen mit unbe- greiflicher Gehässigkeit zu. Im ganzen Haus ertönte das, Rauschen der Wasserspülung. Überall wurde, wie auf Kommando, geschissen und gepißt, vom Erdgeschoß bis zur obersten Etage. Sie wuschen sich das Gesicht, brachten sämtliche Wasserleitungen zum Erzittern, stellten sich dreißig Sekunden lang unter die Dusche, wobei sie darauf achteten, sich die Haare nicht naß zu machen, pißten ins Becken, schalteten ihre Radios oder Fernseher ein, tauchten ranzige Butterbrote in alte, mit Milchkaffee gefüllte Tassen. Häufig stritten sie sich, über nichts und wieder nichts, über eine nicht aufzufin- dende Socke, ein zerknittertes Hemd ... Dieser allgemeine Verdruß schien auf Milan abzufär- ben; er stieß einen kaum hörbaren Fluch auf die ganze Welt aus. Die Pikdame fiel ihm aus der Hand, und ein Tropfen Blut perlte ihm am Mittelfinger herunter. Er lutschte an der Wunde und hob die Karte wieder auf. Er glaubte nicht mehr, daß Mustapha Moussi demnächst zurückkommen würde. Bestimmt hatte dieser kleine Dreckskerl anderswo geschlafen. Eine Folge von Zufäl- len oder bewußte Vorsichtsmaßnahme? Milan tendierte zur zweiten Hypothese. Die Wohnung schien seit meh- reren Tagen leerzustehen. Der Araber hatte Verdacht geschöpft. Wahrscheinlich hatte er begriffen, daß es nicht besonders schwierig war, ihn ausfindig zu ma- chen. Aber dieser kleine widrige Umstand störte den Sammler nicht. Der Mann war nur ein Anfänger, ein er- bärmlicher Wicht. Er würde ihn sich schon noch schnappen. Moussi war ein Nichts, nur ein Haufen Dreck, Scheiße. Milan erhob sich und streckte sich. Es hatte keinen Sinn, noch länger in dieser Wohnung zu bleiben. Rasch warf der Sammler einen letzten Blick in die Zimmer und verließ die Wohnung. Er beschloß, sich ei- nige Stunden schlafen zu legen und seinen Bericht für Steve Odds auf später zu verschieben.,

Achtzehntes Kapitel

Stefan hockte auf der Motorhaube eines reifenlosen Chevrolet Caprice und war in einen seiner Träume ver- sunken, die niemand je begreifen konnte. Geistesabwe- send, ohne wirklich zu wissen, was er tat, schlug er mit einem schweren Hammer gegen den Kühlergrill des amerikanischen Wagens. Milan stellte den Studebaker am Eingang des Schrottplatzes ab, genau dort, wo Ma es wünschte. Er sprang aus dem Wagen, genau neben eine Schlammla- che, und beobachtete einen Moment lang seinen Bru- der. Oft stellte er sich vor, Stefan lebe in einer anderen Welt, in seiner eigenen Welt, in einer Welt, in der er der Beste und Stärkste war, wo sein Aussehen weder Neu- gier noch Spott hervorrief, in einer Welt, wo er wirklich glücklich wäre von dem Tag an, da er für immer dort bleiben könnte. Milan schauderte. Wenn Ma irgend- wann nicht mehr da wäre, würde Stefan seinen Ham- mer ergreifen und allen die Köpfe einschlagen, alle Köpfe dieser Welt, ohne daß jemand ihn daran hindern könnte. Starker Kaffeegeruch kam von den Baracken her. Milan ging los, und das Monsterkind hob den Kopf. Ein freudestrahlendes Lächeln trat auf das mongoloide Ge- sicht. Er ließ seinen Hammer zu Boden fallen und sprang mit einem überaus kräftigen Satz vom Chevro- let. »Mirko!« gurgelte Stefan strahlend. »Ma wird froh sein, daß du kommst. Sie macht gerade Kaffee. Guten Kaffee.« Milan deutete auf den Chevrolet. »Was hat dieser arme Wagen dir getan, daß du so auf ihn eindrischst?« Verärgert runzelte Stefan die Stirn. Er drehte sich zu dem Autowrack um, dessen Kühler er völlig demoliert hatte. Eine Speichelblase schwoll in seinem Mundwin-, kel an. Milan ging auf ihn zu und packte ihn an den Schultern. »Macht doch nichts, Kleiner!« murmelte er. »Gar nichts. Es war doch nur ein alter, blöder, unbrauchbarer Karren.« Er nahm seinen Bruder mit zu den Baracken. Nun lä- chelte Stefan wieder. Voller Bewunderung schaute er seinen großen Bruder an. »Wir haben es ihnen gegeben, nicht wahr, Mirko?« Milan nickte. »Aber ja. Wir haben es ihnen gegeben. Bis auf die Knochen haben wir sie gefickt.« »Sie werden nie wieder herkommen und über den Zaun nach mir werfen?« »Nein, nie wieder«, bestätigte Milan. Stefan lächelte beruhigt. Er war noch ein Kind. Ein Kind, das vor einigen Tagen stöhnend einen Mann ge- fickt hatte, der tot im Schlamm lag. Milan verjagte die- ses Bild aus seinem Kopf und stieß die Tür auf, über der ein altes verrostetes Schild mit der Aufschrift >Empfang< quietschend hin und her schaukelte. »Hallo, Ma. Wir sind's!« rief Milan. »Stefan und ich!« »Ich bin doch nicht blind!« brummte Ma und schenkte den Kaffee in riesige Tassen aus gebranntem Ton. Auf jeder Tasse stand der Vorname eines ihrer drei Söhne, mit schwarzer Farbe und ziemlich ungeschickt geschrieben. Ma war eine kleine, im Vergleich zu den drei Sprößlingen, die sie geboren hatte, unglaublich kleine Frau. Ihre durch Arthritis entsetzlich verformten Hände stellten die Kaffeekanne auf den Kocher zurück. Seit Vaters Tod trug sie stets dasselbe schwarze Kopf- tuch. Pa war ein maßloser Säufer gewesen, der im- stande war, mit gut drei Litern Whisky im Bauch meh- rere Tonnen Gußeisen hochzuheben, ohne fremde Hilfe ein Polizeikommissariat in die Luft zu sprengen, zwan- zig Kerle mit nichts als seinen Fäusten krankenhausreif zu schlagen und Ma immer und überall zu bumsen,, wenn ihm danach zumute war. Pa war kein Mann, den man so ohne weiteres vergessen konnte. Eines Morgens fand man ihn tot in einem Rinnstein in der Nähe eines Müllabladeplatzes: stocksteif, am Alkohol krepiert und vor allem mit einem Messer im Rücken. Das war seine letzte Prügelei gewesen. Damals war Stefan vier Jahre alt. Seit jenem Tag trug Ma Trauer. Und jedesmal, wenn dieser Idiot von Vito zu behaupten wagte, er hätte gese- hen, wie Ma Pa das Messer in den Rücken stach, ver- paßte Milan ihm eine solche Ohrfeige, daß er fast aus den Socken kippte. Vito sagte, an jenem Morgen habe er nicht einschlafen können. Pa sei ganz einfach, wie das öfters bei ihm der Fall war, viel zu betrunken gewe- sen, um nach Hause zu finden, und habe sich in die Straße gelegt, nur um ein wenig zu schlafen. Mit dem Gesicht im Rinnstein habe Ma ihn dort liegen gesehen, sei ins Haus zurückgeeilt und mit einem Küchenmesser in der Hand wieder herausgekommen. Doch heute wagte der Dreckskerl es nicht mehr, diese Geschichte zu erzählen. Im Gegensatz zu den anderen Damen ihres Alters hatte Ma ein völlig glattes, frisches Gesicht. Abgesehen von den drei Furchen, die sie seit jeher auf der Stirn hat- te, durchzog keine einzige Falte ihr Gesicht. Milan sah es nicht gern, wenn sie allzuoft zum Unterernährten nach Montreuil fuhr, aber er wagte es nicht, seiner Mut- ter deswegen Vorwürfe zu machen. Ma wußte nur zu gut, wie man sich eines Schürhakens bediente. Stefan ließ sich am Tisch nieder, beugte sich über seine Tasse und schlürfte den heißen Kaffee in langen Zügen. Ma gab ihm einen kräftigen Klaps auf den Hin- terkopf. »Trink nicht so schnell, du wirst dich noch verschluk- ken!« Verwirrt stellte Stefan seine Tasse auf den Tisch zu- rück, zog die Nase hoch und wischte sich die Lippen mit, dem Ärmel ab. Fast flehend schaute er Milan an, so als suche er Hilfe, Trost. »Wo ist Vito?« fragte der Sammler und warf seine Jacke über die Rückenlehne eines Stuhls. »Der Taugenichts schläft«, antwortete Ma und reichte ihrem Jüngsten zwei Butterbrote. »Er hatte mal wieder eine Schlägerei und hat die ganze Nacht gesoffen wie ein Loch. Und wer kümmert sich heute um die Kunden? Kannst du mir das sagen? Wer wohl?« »Ich lege mich ins Bett«, sagte Milan und ging hinaus. Mit haßerfüllten Augen sah seine Mutter ihm nach. »Möchtest du keinen Kaffee trinken?« »Ich lege mich ins Bett«, wiederholte Milan und ver- ließ die Baracke. Mas schrille Stimme drang durch die wackeligen Holzwände nach draußen. »Verfluchte Saubande! Es wäre klüger gewesen, euch alle drei einfach abtreiben zu lassen!« Rasch überquerte Milan den Schrottplatz, durch eine Ölpfütze watend. Verängstigt flüchteten die Hunde un- ter die Wracks. Mark Zorski genoß den Augenblick, als er den Straight Flush langsam durch die Finger gleiten ließ. Die Neun, die ihm fehlte, hatte er unter seiner Jacke hervorgezo- gen. Ein kurzes Frösteln lief ihm über den Rücken. Seine beiden Gegner beobachteten ihn. Seit dem Be- ginn des Spiels war der Chirurg bestrebt, sein Spiel schnell zusammenzulegen, wenn er schlechte Karten in der Hand hielt. In den seltenen Fällen, wenn er ein gu- tes Blatt in der Hand hielt, breitete er sein Spiel langsam aus. Oft hatte er geblufft und nach zwei Stunden fast viertausend Dollar verloren. Nun legte er seine Karten zusammen, verzog nicht die geringste Miene und schob drei Hundert-Dollar-Jetons über den Teppich. Einer seiner Gegner konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Zorski wußte, daß die Falle zuschnappen, ihre Beute ge-, fangenhalten würde. Es gelang ihm, den in ihm aufstei- genden Haß einzudämmen, der auf das Gefühl von Entspannung folgte, die ihn überkam, sobald der Feind in der Falle saß. Die beiden anderen Spieler, die sich von der Partie zurückgezogen hatten, taten so, als wür- den sie sich für etwas anderes interessieren, und disku- tierten mit gedämpfter Stimme über die Gewinnchan- cen eines gewissen >Gold Moon<, ein fünfjähriger Wal- lach, der am Nachmittag im Hollywood Park an den Start gehen sollte. Von den beiden übriggebliebenen Spielern hatte der eine seinen Einsatz erhöht und drei Karten verlangt, was darauf hinzudeuten schien, daß er bereits ein gutes Pair in der Hand hielt, während der andere sich auf zwei Karten beschränkte, was besten- falls bedeutete, daß er einen Dreier, schlimmstenfalls gar nichts in der Hand hatte. Der Mann mit dem guten Pair schloß sich Zorski an und erhöhte seinen Einsatz mit einem gequälten Lächeln um tausend Dollar. Der dritte zog sich zurück. Für den letzten Gegenspieler schien die Sache klar auf der Hand zu liegen. Der hochnäsige Zorski hatte sein Spiel wütend zusammengelegt, was soviel bedeu- tete, daß er die erwünschte Karte nicht bekommen hat- te. Mit einem Two Pairs und dem As hatte er so gut wie gewonnen. Trotzdem zuckte er zusammen, als der Chir- urg seinen Einsatz um dreitausend Dollar erhöhte. Die anderen hörten zu diskutieren auf und interessierten sich auf einmal wieder für das Spiel. Der Fall schien al- len klar zu sein. Zorski, der bereits viel Geld verloren hatte, setzte alles auf eine Karte, um die tausend Dollar und den verhältnismäßig hohen Einsatz zu gewinnen. Er bluffte. Dennoch zögerte sein Gegenspieler einige Sekunden lang. Es ging um viel Geld. Wenn er gleichzog, um sich die Karten aufdecken zu lassen, und das Spiel verlor, würden ihm zusammengerechnet zweitausendfünf- hundert Dollar durch die Lappen gehen. Wenn er er-, höhte und das Spiel gewann, könnte er ein nettes Sümmchen einstecken, doch dann würde man ihm den Vorwurf machen, seine wahre Chance nicht genutzt zu haben: die Gelegenheit nämlich, Zorski im richtigen Moment in größte Verlegenheit zu bringen. Mit zögernder Hand schob er seinen Einsatz neben den Haufen der übrigen glänzenden Jetons. »Ihre dreitausend«, sagte er, »und sechstausendfünf- hundert dazu!« Zorski wandte sich zu dem dicken Mann um, der abseits vom Tisch saß und in eine Zeitung vertieft war. »Vorschuß?« Der Fettleibige begnügte sich mit einem Kopfnicken. »Und viertausend«, flüsterte Zorski. Sechsundzwanzigtausendeinhundert Dollar lagen in der Mitte des grünen Teppichs. Der Gegner begann zu schwitzen. Einen Moment lang verlor er die Beherr- schung. »Man erzählt, Sie wären ein guter Freund von Alex- ander Sirchos«, spottete er. Unverzüglich bedauerte er diesen Ausrutscher. Sicht- lich überrascht schauten die anderen Spieler ihn an. »Ich erhöhe um viertausend«, antwortete der Chir- urg. »Ich bin pleite«, knurrte sein Gegner und wischte sich die Stirn mit einem strahlendblauen Taschentuch ab. »Wurde zu Beginn des Spiels nicht gesagt, der Spiel- einsatz sei unbegrenzt?« fragte Zorski erstaunt. »Sie ha- ben kein Wort gesagt, als ich vorhin um einen Vorschuß bat, um mithalten zu können.« Der Feind gab ein seltsames Knurren von sich, griff in seine Jackentasche und legte ein Scheckbuch auf den Tisch. »Nun bin ich wieder flüssig«, fügte er mit überhebli- cher Stimme hinzu. »Paßt das Ihnen?« »Nein, Bargeld ist mir lieber«, entgegnete Zorski ohne Zögern., Ein triumphierendes Lächeln erhellte das glänzende Gesicht seines Gegenübers. »Das dachte ich mir!« schrie er. »Sie bluffen, Zorski! Sie sitzen in der Falle!« Er wandte sich an den dicken Mann. »Vorschuß?« Der Fettleibige senkte seine Zeitung. »Wieviel?« »Ihn hast du vorhin nicht gefragt, wieviel!« brüllte der Spieler. Der Dicke blieb unerbittlich. »Ich will dieses Blatt sehen!« schrie der Spieler. »Ein Scheck über viertausendzwei für viertausend Dollar, okay?« Der Dicke nickte und vertiefte sich erneut in seine Zeitung. »Ich will's sehen, Zorski!« grinste der Spieler. Ohne sich die geringste Erregung anmerken zu las- sen, deckte der Chirurg seinen Straight Flush auf. Sein Gegner verzog das Gesicht. Seine Wangen begannen zu zittern, so als würden sie von innen bewegt. Voller Be- wunderung schauten die anderen Spieler Zorski an. Er hatte alle an der Nase herumgeführt. Zum Glück war nur einer von ihnen in diese prächtige Falle gegan- gen. »Warum ... warum haben Sie meinen Scheck abge- lehnt?« stammelte der unglückliche Verlierer. »Taktik«, antwortete Zorski und raffte die Jetons zu- sammen. Wütend erhob sich der Spieler. »Genug für heute. Salut!« Er unterzeichnete dem dicken Mann einen Scheck über viertausendzweihundert Dollar und verließ den Raum. Einer der anderen Spieler seufzte und zündete sich eine Zigarre an. Er blies eine schwere Rauchwolke zu den Neonlampen empor., »Ich schlage vor, das Spiel nach einem solchen Streich zu beenden«, erklärte er wichtigtuerisch. Damit waren alle einverstanden. Der dicke Mann er- hob sich, ging nach wie vor unerbittlich zu der kleinen, in eine Ecke des Raums eingefaßten Minibar und tauchte eine Flasche Champagner in einen Eiskübel. »Sie sind ein fabelhafter Spieler, Zorski«, sagte der Zigarrenraucher. »Sie haben uns alle geblufft. Ehrlich, ich war felsenfest davon überzeugt, Sie hätten nichts in der Hand.« Mit einem Kopfnicken bestätigten die anderen seine Worte. »Ich nehme an«, fuhr der Raucher fort, »Ihr Beruf hilft Ihnen, sich besser zu konzentrieren.« Höflich schüttelte Zorski den Kopf. »Sie irren sich. Medizin hat mit Poker nichts zu tun. Die Medizin ist eine exakte Wissenschaft. Mit dem Le- ben der Menschen spielt man nicht.« Der Raucher lächelte spöttisch. »In einer Zeitschrift habe ich allerdings gelesen, wenn ich mich recht erinnere, daß Ihre Experimente sehr oft vom Zufall abhängen.« Der Chirurg warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Der Champagner kam genau im richtigen Moment auf den Tisch, um die Atmosphäre erneut zu entspannen. Als die Spieler gerade anstoßen wollten, klingelte das Telefon. Der Dicke hob ab und wandte sich an Zorski. »Es ist für Sie.« Zorski runzelte die Stirn und ergriff den Hörer. Kurze Zeit hörte der Chirurg aufmerksam zu, dann wurde er plötzlich aschgrau im Gesicht und ließ sein Sektglas fal- len, das am Boden zerschellte. Der Polizist am anderen Ende der Leitung teilte ihm mit, daß man Simba und seine Familie ermordet hatte., Als Inspektor Mescard die Wohnung betrat, glaubten alle anwesenden Polizisten zunächst, er hätte sich auf der Etage geirrt und würde nach einer kurzen Entschul- digung gleich wieder hinausgehen. Mescard jedoch zog lediglich die Nase hoch und schaute sich um. »Worum geht's?« knurrte er. Ein Polizist deutete auf einen jungen Mann, der etwas abseits von der Gruppe stand. »Dieser junge Mann behauptet, seine Freundin sei verschwunden.« Mescard runzelte die Stirn. »Na und?« fragte er mürrisch. »Ich nehme an, er hat auf der Polizeiwache eine Vermißtenanzeige aufgege- ben. Was haben wir damit zu tun?« Der Polizist kratzte sich am Hinterkopf. »Nun ja ...«, sagte er zögernd. »Die Sache ist etwas komplizierter. Er behauptet ebenfalls, über Nacht seien ihre sämtlichen Möbel ausgetauscht worden.« Mescard blickte auf seine Armbanduhr. »Also handelt es sich um einen Umzug und nicht um ein Verschwinden«, meinte er und gähnte ge- langweilt. »Das Mädchen haben wir jedenfalls gefunden«, fügte der Polizist hinzu. Mescard riß die Augen auf. »Und wo ist sie?« »Die Sammler haben sich ihrer angenommen«, flü- sterte der Polizist und schaute zur Seite. »Wir haben sie heute morgen am Steuer ihres Wagens gefunden. Ge- gen einen Baum gerast. War nicht besonders schön an- zusehen.« »Sylvie hat nie einen Führerschein besessen«, erklärte der junge Mann. »Und sie hatte auch keine Lust, das nachzuholen. Sie haßte Autos.« Mescard klopfte die Taschen seines Dufflecoats ab. »Hat jemand eine Zigarette für mich?« Einer der Polizisten reichte ihm sein Päckchen., »Ich will nämlich mit dem Rauchen aufhören«, er- klärte Mescard und steckte sich die Zigarette in den Mund. »Deshalb kaufe ich mir keine mehr, aber es ist nicht so einfach.« Der Polizist gab ihm Feuer. Mescard nahm einen Zug, hustete und wandte sich an den jungen Mann. »Wohnten Sie und das Mädchen zusammen?« Die Frage schien dem jungen Mann ein wenig pein- lich zu sein. »Nein, nicht wirklich. Wir sahen uns nur von Zeit zu Zeit ...« Mescard nickte und betrachtete die Zigarette, wobei er die Nase rümpfte. »Verdammt, schmeckt scheußlich!« fluchte er. »Sahen Sie sie mehrmals die Woche?« »Am Anfang schon. Aber dann sahen wir uns immer seltener. Natürlich trafen wir uns immer mit den ande- ren, nachmittags .« »Mit den anderen?« »Nun, mit den Freunden aus der Clique. Wir treffen uns in Saint-Germain. Wir diskutieren, gehen ins Kino, Sie verstehen?« »Ich verstehe«, antwortete Mescard, zutiefst ange- ekelt. »Und mit dem Mädchen lief nichts mehr?« Der junge Mann zuckte mit den Schultern. »Sicher ist jedenfalls, daß sie mit jedem ins Bett ging«, murmelte er. Mescard zog die Nase hoch und klopfte sich auf die Nasenflügel. »Mit jedem, aber nicht mehr mit Ihnen?« »Vor einigen Wochen haben wir es erneut miteinan- der versucht. Sie war ziemlich deprimiert. Ich glaube, ihr Freund hatte sie sitzenlassen.« »Und wann waren Sie das letzte Mal hier in dieser Wohnung?« »Vorgestern.« »Sind Sie die ganze Nacht geblieben?«, Der junge Mann zögerte. »Nein.« »Und heute morgen sind Sie wieder hergekommen?« »Ja, ich sollte ihren Schlüssel zurückbringen.« »Und da waren es nicht mehr die gleichen Möbel?« seufzte Mescard, den die ganze Geschichte nicht im ge- ringsten zu interessieren schien. »Das Bett, der Schrank und der Schreibtisch sind neu. Die Sessel ebenfalls. Der Teppich ist entfernt und der Fußboden ist gereinigt worden.« Er sah sich um, als fürchtete er, irgend etwas verges- sen zu haben. »Einfach unglaublich ...«, sagte er schließlich. »Aber sie könnte das doch auch alles getan haben, ohne Ihnen Bescheid zu sagen«, erwiderte Mescard. »Bestimmt schickte sie Ihnen doch nicht jedesmal ein Telegramm, wenn sie einen neuen Stuhl kaufte, oder?« »Ihre Möbel waren so gut wie neu«, protestierte der junge Mann. »Und den Teppich haben wir erst letzten Monat zusammen mit Freunden gelegt.« Mescard wandte sich an einen seiner Kollegen. »Wem gehörte der Wagen?« »Er war geklaut.« »Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß Sylvie ein Auto geklaut haben soll«, meinte der junge Mann und zuckte mit den Schultern. »Das ist doch wirklich lächer- lich ...« Außer Mescard, der nach einem Aschenbecher such- te, schauten alle Polizisten ihn an. »Nahm sie Rauschgift?« fragte der Inspektor zerstreut und ließ die Asche auf den Fußboden fallen. »Wie bitte?« schluckte der junge Mann. »Haschte sie? Spritzte sie?« Der junge Mann wurde feuerrot im Gesicht. »Bestimmt nicht.« »Woher wollen Sie das wissen? Sie schliefen doch kaum noch mit ihr und sagen doch selbst, daß sie de-, pressiv zu sein schien. Vielleicht ging sie sogar auf den Strich, um sich Stoff kaufen zu können ...« »Sind Sie wahnsinnig?« schrie der junge Mann. Einer der Polizisten gluckste leise. »Was glauben Sie denn, was passiert ist?« fragte Mes- card ungeduldig. »Daß jemand das Mädchen entführt, es in einen gestohlenen Wagen gesetzt und gegen einen Baum krachen gelassen hat, um anschließend hierher zurückzukommen und die Möbel und den Teppich aus- zuwechseln? Ich weiß sehr wohl, wie schwierig es heut- zutage ist, eine Wohnung zu finden, aber trotzdem ...« Der junge Mann war ganz verwirrt. »Wie heißen Sie?« fragte der Inspektor. »Carron. Serge Carron«, stotterte der junge Mann. »Und Sie liebten diese ... diese ...« Er wandte sich an einen Kollegen. »Wie hieß sie noch gleich?« »Sylvie Vercauteren.« »Und Sie liebten diese Sylvie Vercauteren, Monsieur Carron?« »Nun ja ... nein«, stammelte der Freund. »Ich meine, ich mochte sie, sie war eine gute Freundin ...« »Aber es wäre Ihnen lieber gewesen, wenn sie nicht mit jedem ins Bett gegangen wäre?« »Sylvie war eine emanzipierte Frau«, antwortete Car- ron mit zusammengebissenen Lippen. »Sie tat das, was sie für richtig hielt.« Mescard lächelte. Dann begann er, mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab zu gehen. Er- staunt beobachteten die Polizisten ihn. Plötzlich blieb er vor einem von ihnen stehen und fragte: »Hat in diesem Haus nicht vor kurzem ein Journalist Selbstmord begangen, in der Nacht der Manifestationen in Bercy?«,

Neunzehntes Kapitel

Bereits zum dritten Mal innerhalb von zwei Minuten wiederholte Goldman, daß Milan sich um die Sache kümmerte und er keine anderen Anweisungen gegeben hatte, als die These des Unfalls offiziell zu bestätigen und sich der Leiche von Sylvie Vercauteren anzunehmen. Steve Odds konnte nicht mehr ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Er bewegte die gewaltige Fettmasse, die dicken Backen und den angeschwollenen Hals durch das Büro und schnaubte dabei wie ein Stier im Zwinger. Gold- man hüttete sich vor dem Hinweis, daß der Chef selbst Milan auf diesen Fall angesetzt hatte und er zwangsläu- fig hätte wissen müssen, daß dieser Kerl unberechenbar war, sobald man ihn mit einer offiziösen Mission be- traute. Milan auf einen solch verworrenen Fall anzuset- zen, hieß nach Goldmans Ansicht soviel, wie einen mit Nitroglyzerin vollgeladenen Lastwagen auf eine mit Wellblech ausgelegte Strecke zu schicken. Mit ernstli- chen Problemen mußte gerechnet werden. »Er könnte zumindest anrufen, verdammt noch mal!« brüllte Odds in seltsam weinerlichem Ton. »Mir sagen, wie's steht.« Beinahe hilflos wandte er sich Goldman zu, so als su- che er Unterstützung. »Da Sie die Adresse dieses verfluchten Arabers ken- nen, sollte man vielleicht eine Mannschaft hinschik- ken.« Goldman, der von der Vorstellung, die Verantwor- tung für eine solche Operation übernehmen zu müssen, nicht sonderlich begeistert war, fand die richtige Ant- wort. »Milan kennt sich aus mit solchen Jobs. Wir würden ihm nur im Weg stehen.« Odds fluchte. »Aber warum ruft dieser Idiot nicht an?« wiederholte er und setzte sich an seinen Schreibtisch zurück., Er quetschte seine Fettwülste zwischen die Sesselleh- nen, öffnete eine Schublade und nahm ein Spraydös- chen hervor, mit dem er sich zweimal kräftig in die Na- senlöcher spritzte. »Sind Sie sicher, daß wir mit dem Mädchen keine Scherereien bekommen?« Goldman begann von einem Bein auf das andere zu balancieren. »Was den Unfall und die Leiche betrifft: nein«, ge- stand er. »Aber ihre Möbel mußte ich ersetzen. Milan hatte geglaubt, er würde den Film sogleich finden, und ...« »Und hat alles kurz und klein geschlagen«, seufzte Odds. »Ich kenne diese Macke. Alles kurz und klein schlagen, das ist eine Marotte von ihm. Köpfe, Möbel- stücke, Autos, alles, was ihm in die Hände gerät. In der Familie Milan sind Plünderung und Wandalismus eine Erbanlage. Und es zeigt sich beileibe keine rückläufige Tendenz! Im Gegenteil, von Generation zu Generation breitet sich diese Spezialität weiter aus.« Das Telefon klingelte. »Na endlich!« schrie Odds und hob ab. Er runzelte die Stirn, schnaubte und wurde feuerrot im Gesicht. »Was soll dieser Quatsch?« schrie er. »Du verwech- selst mein Büro wohl mit dem Personalbüro. Die Neuen sollst du doch zu Volta schicken, auf die zweite Etage, verstanden?« Odds wollte erneut losschimpfen, als er plötzlich in- nehielt. Sein Gesicht wurde blasser, entspannte sich, während ein widerliches Lächeln die fleischigen Lippen verzerrte. »Bist du sicher?« murmelte er nur. Sichtlich erfreut nickte er mit dem Kopf. »Schick ihn sofort in mein Büro!« verlangte er schließ- lich und legte wieder auf. Zufrieden rieb er sich die Hände., »Rat mal, wer uns besuchen kommt?« jubelte er. Goldman zuckte mit den Schultern. »Milan?« erwiderte er. »Noch besser!« triumphierte Odds. »Monsieur David Toland höchstpersönlich. Auf allen vieren kommt er angekrochen!« Mit einer ungeduldigen Handbewegung schickte er Goldman aus seinem Büro. Zwei Dinge ließen Milan wach werden. Zunächst ein- mal ein starker Geruch von verbrannten Autoreifen und dann eine Folge von Fausthieben, die ein Verrückter ihm gegen die Schulter versetzte. Der Sammler rollte sich zur Seite und stieß gegen die Karosserie des Wohnwagens, während er rasch die Pikdame zwischen seinen Fingern auftauchen ließ. Verängstigt wich Vito einige Schritte zurück. Er war dreckiger als jemals zuvor. »Mach keinen Mist, Mirko!« sagte er schnell. »Ich bin's.« Milan knurrte, steckte die Karte mit den scharfen Kanten in seine Tasche zurück und versuchte umständ- lich, sich aufzurichten. »Wieviel Uhr ist es?« murmelte er. Vito zuckte mit den Schultern. »Es ist noch hell draußen«, antwortete er nur. Milan warf ihm einen wütenden Blick zu. »Du stinkst wie ein Sack voll toter Katzen«, sagte Mi- lan, indem er sich mühsam von der schmalen Matratze erhob. »Es ist Stefan, der die alten Autoreifen verbrennt!« protestierte Vito. »Du stinkst nicht nach Gummi, Blödmann!« schimpfte Milan. »Du stinkst nach Dreck und Alkohol, nach Pisse, Abfall, Scheiße .Es gibt doch eine Dusche in diesem Haus. Warum stellst du dich nicht mal eine Stunde drunter, statt mir auf den Wecker zu fallen?«, Vito fürchtete sich vor der Kraft seines älteren Bru- ders, doch seine Beleidigungen und seine Moralpredig- ten waren ihm völlig egal. Und den Gestank, den man ihm unterstellte, den roch er nicht einmal. So lange sich nur die anderen daran störten ... »Trois-Pommes will mit dir sprechen«, sagte er zu- frieden grinsend. Der Blick des Sammlers verfinsterte sich. »Trois-Pommes? Was will der Liliputaner von mir?« Vito lächelte noch schmieriger. »Was weiß ich? Er will mit dir sprechen. Er wartet am Eingang zum Schrottplatz. Er traut sich nicht herzu- kommen, wegen Stefan.« »Ist er allein?« »Scheint so.« Bösartig schaute Vito seinen Bruder an. »Vor diesem Dreckskerl wirst du doch wohl keinen Schiß haben«, fügte er herausfordernd hinzu. Milan zog seine Jacke an, schnallte sich die Scheide seines Dolches um den Oberschenkel und strich sich die Haare hastig mit der flachen Hand glatt. »Manchmal wundere ich mich, daß du überhaupt noch lebst«, murmelte er leise vor sich hin. »Das kann nur Zufall sein, bei deiner Dämlichkeit.« »Ma mag es gar nicht, wenn du so mit mir sprichst«, muckte Vito auf. Mit einer Hand packte Milan seinen Bruder am T- Shirtkragen und zog ihn brutal an sich. »Du lebst noch, weil du mein Bruder bist!« brüllte Milan. »Vergiß das nie, Blödmann! Dich respektiert man nur, weil man mich fürchtet, kapiert? Trois-Pommes will Nachfolger dieses Scheißkerls namens Bismark werden, und wenn er mich heute umbringt, bist du morgen ebenfalls tot, erstochen und über das ganze Gebiet verstreut.« Mit der freien Hand ergriff Milan den 22er Long Rifle Karabiner., »Hier, nimm und versteck dich in der Nähe des Che- vrolets! Wenn Trois-Pommes Dummheiten macht, jagst du ihm eine Kugel zwischen die Augen.« »Soll ich nicht lieber die Pumpaction nehmen?« fragte Vito erstaunt. Bestürzt schüttelte Milan den Kopf. »Ich werde Ma eines Tages doch fragen müssen, ob du tatsächlich mein Bruder bist«, seufzte Milan. »Eine Pumpaction ... Dann kannst du auch gleich mit einer Granate nach uns werfen!« Der Sammler drückte seinem Bruder den Karabiner in die Hand, stieß die Tür des Wohnwagens auf, zog seine Lederhose kurz hoch und sprang hinaus in den Schlamm. In einiger Entfernung steckte Stefan gerade einen Haufen alter Autoreifen in Brand. Fasziniert lächelnd beobachtete er die schwarzen Rauchwolken, die ein launischer Wind nach unten drückte. »Stef!« brüllte Milan. Entzückt drehte der dicke Mongoloide sich zu seinem großen Bruder um. »Schau dir dieses schöne Feuer an! Schau dir dieses schöne Feuer an!« »Ich habe dir schon hundertmal gesagt, daß du keine Reifen verbrennen sollst, wenn der Wind nach Süden weht!« schimpfte Milan. Verwirrung trat auf Stefans pausbäckiges Gesicht. Milan runzelte die Stirn. »Wo ist Ma?« »Sie ist wieder zum Unterernährten gefahren«, stammelte Stefan verlegen. Milan spuckte kräftig zwischen seine Stiefel und schritt zum Eingang des Schrottplatzes. »Scheiße!« fluchte er leise vor sich hin. Trois-Pommes erwartete ihn am Straßenrand; mit ge- kreuzten Armen lehnte er an einer Platane. Er hatte sich einen grünen Strich auf seinen kahlen Kopf gemalt und, sah noch häßlicher aus als sonst. Mit einem kurzen Blick schätzte Milan die Entfernung zwischen dem Chevro- let-Wrack und dem Zwerg ab. Wenn Vito von der Sau- ferei am Vorabend nicht mehr allzu sehr benebelt wäre, könnte er ohne allzu große Schwierigkeit genau ins Ziel treffen. »Will dein kleiner Bruder die ganze Stadt einräu- chern?« grinste der Zwerg, schürzte die Lippen und zeigte seine schrecklich gelben Zähne. »Was willst du?« fragte der Sammler schroff. »Ich bin Verwalter einer Erbschaft geworden, wenn du verstehst, was ich meine«, gluckste Trois-Pommes und entfernte sich einige Schritte vom Baum. »Nein, versteh ich nicht.« Der Zwerg lachte, wobei er den Kopf auf eine komi- sche Weise zur Seite neigte. »Dann werde ich's dir erklären«, sagte er schließlich. »Aber zuerst sagst du deinem Bruder, daß er sich eine andere Zielscheibe suchen soll als meinen Kopf!« Milan seufzte. Natürlich hatte Trois-Pommes, Bis- marks ehemaliger Leutnant, der geborene Unruhestif- ter, in der Zone nicht mit einer seiner Körpergröße ent- sprechenden Intelligenz überleben können. Was ihm an Zentimetern fehlte, machte er durch Grips spielend wieder wett. »Man hat mir erzählt, du seist sehr nachtragend«, sagte Milan. »Also wirst du verstehen, daß man zumin- dest vorsichtig ist.« Trois-Pommes zuckte mit den Schultern. Nach wie vor lag ein spöttisches Lächeln auf seinen blaßblau ge- färbten Lippen. »Dann hat man dir Dummheiten erzählt«, grinste der Liliputaner. Milan blieb mißtrauisch. Kurz blickte er sich nach al- len Seiten um. Vermutlich war Trois-Pommes nicht al- lein gekommen. Aber wo zum Teufel hielten sich die anderen versteckt?, »Cool, Mann, cool!« lachte Trois-Pommes. »Wenn ich dich hätte umlegen wollen, wäre das schon längst ge- schehen.« Plötzlich wurde er wieder ernst und schaute ganz finster drein. Milan blieb vorsichtig. »Da du Bismark kalt gemacht hast, willst du bestimmt seinen Platz einnehmen, oder? Du willst das Dreieck haben?« Milan schüttelte den Kopf. »Idiot, das Dreieck ist mir doch scheißegal. Wenn die anderen damit einverstanden sind, dann nimm es dir, los, tu dir keinen Zwang an!« Der Liliputaner schien nicht sogleich zu begreifen. »Warum hast du Bismark dann umgelegt? Was geht in deinem verfluchten Kopf vor?« Auf der anderen Straßenseite tauchte plötzlich Ran- ky, der Dreckige, hinter einem Baum auf und zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an, ohne den Sammler aus den Augen zu lassen. »Was hat denn der hier verloren?« knurrte Milan wü- tend. Trois-Pommes drehte sich zu Ranky um. »Der da? Ist doch noch ein Kind. Vor einem Kind wirst du doch keinen Schiß haben.« »Ein Kind, das mit seinem verfluchten Blasrohr eine Hornisse im Flug abschießen kann?« entgegnete Milan. »Suchst du Streit, Idiot?« Nervös biß Trois-Pommes sich auf die bläulichen Lip- pen. »Du sollst mich nicht mehr Idiot nennen!« tobte er und zeigte seine gelben Zähne. Überrascht runzelte Milan die Stirn. »Schau an! Man könnte meinen, du hättest die Nach- folge dieser Fettsau namens Bismark bereits angetre- ten!« »Vielleicht! Ich bin gekommen, um zu erfahren, was du vorhast. In der Zone wird behauptet, du seist der, neue Chef der Bande. Wenn das der Fall ist, dann komm ins Dreieck. Dort wird's sich dann entscheiden.« »Hör zu, Trois-Pommes«, seufzte Milan. »Ich überlaß dir deine Apachen, deine idiotischen Zweikämpfe und die ganze verfluchte Zone. Aber laß meine Brüder in Frieden. Andernfalls zerdrücke ich dich mit den Stiefel- absätzen im Schlamm. Kapiert? Du befiehlst, du kas- sierst, du fickst, wen du willst, aber wenn ich dich und deine Männer brauche, bist du für mich da. Und zwar gratis. Okay?« Der Liliputaner zögerte. In seiner Bösartigkeit be- hauptete er, niemanden zu fürchten. Auch er hatte Bis- mark längst umlegen wollen. Aber mit Milan war das trotzdem etwas anderes. Niemand konnte von sich be- haupten, den Sammler jemals in die Knie gezwungen zu haben. »Wieso gratis?« knurrte Trois-Pommes. »Bisher hast du die Apachen doch stets für ihre Arbeit bezahlt!« Milans Gesicht erstarrte. Unmerklich hatte der Lilipu- taner sich ihm genähert. Er stand jetzt nur mehr drei oder vier Meter von ihm entfernt. Eine zu geringe Di- stanz, um zu überleben. »Noch ein Schritt, und du liegst flach!« zischte der Sammler. Der Zwerg wich zurück und hob die Hände hoch. »Schon gut, Geier!« grinste er. »Nur keine Aufre- gung. Es gibt keinen Grund, warum wir uns streiten sollten, du und ich. Wenn du mir die Zone überläßt, be- kommst du, was du verlangst. Brauchst nur zu fragen. Also, schließen wir Frieden?« Ein verächtliches Zucken bewegte Milans Lippen. »Um Frieden zu schließen, braucht man einen Geg- ner. Ich habe keinen Gegner, Idiot. Denjenigen, die es werden wollen, ergeht es wie Bismark. Sie enden im Schlamm, wie eine brünstige Sau. Ich bin die number one, kapiert?« Er streckte ihm den Mittelfinger entgegen., »Schütz deinen verfluchten Arsch vor der Familie Milan, wenn du Karriere machen willst«, sagte der Sammler schließlich. Milan wagte es, sich umzudrehen und zum Eingang des Schrottplatzes zurückzugehen. Die Chancen, im nächsten Moment zu sterben, standen fünfzig zu fünf- zig. Zehn Minuten später lebte Milan immer noch und schlürfte Schluck für Schluck eine Tasse bitteren Kaf- fee. Während es in der Gegenüberstellung von Milan und Trois-Pommes wenigstens noch einen Funken Respekt gab, waren die Diskussionen zwischen Steve Odds und David Toland einzig und allein durch heftige Feindse- ligkeit und Verachtung geprägt. Dabei gab Odds sich sichtlich Mühe, sich seinen Triumph nicht anmerken zu lassen. Er jubelte, strahlte vor Freude in seinem Sessel. So lange hatte er auf die- sen Augenblick gewartet, auf den Tag, da er Toland in der Hand halten, da Toland zu ihm kommen und ihn um eine Anstellung bitten würde, daß er nun beinahe vergaß, daß es auch noch einen gewissen Mustapha Moussi gab, einen blutigen Anfänger in Sachen Erpres- sung. Er mußte wohl eingestehen, daß Milan die un- glaubliche Fähigkeit besaß, bei allem, was er unter- nahm, Erfolg zu haben. Er hatte ihm Toland verspro- chen, und nun stand Toland vor ihm. Er öffnete eine Zigarrenkiste und hielt sie dem Samm- ler hin. »Rauchen Sie?« »Nein.« Odds räusperte sich. Tolands Arroganz und Stolz verdarben ihm merklich die Freude. Er neigte den Kopf leicht zur Seite und gab sich schmerzlich betrübt. »Wenn Sie nur zwei oder drei Wochen früher ge- kommen wären«, murmelte er. »Ich hatte neues Mate-, rial bekommen, eine Superausrüstung, und ich brauchte neue Männer. Nach drei Tagen und sehr strenger Auswahl hatte ich eine komplette Mannschaft beisammen. Im Moment sucht jeder nach Arbeit.« Er stieß einen unerträglichen Seufzer aus. »Das war vor drei Wochen, ja, aber heute .Es sei denn ...« Toland konnte sich kaum noch beherrschen. Natür- lich hatte er mit solchen Demütigungen gerechnet. »Es sei denn?« »Alle meine Wagen sind vergeben, aber vielleicht könnte ich Sie als Beifahrer gebrauchen.« Toland ballte die Fäuste. »Als Beifahrer?« knurrte er. »Warum setzen Sie mich nicht gleich in die Telefonzentrale?« Er trat einige Schritte nach vorn und stützte sich mit den flachen Händen auf den Schreibtisch. Odds lehnte sich nach hinten. »Ich bin David Toland!« brüllte der Sammler wütend. »Seit Jahren versuchen Sie, mich mit Ihren verfluchten Mafia-Methoden für Ihre Gewerkschaft zu gewinnen! Toland als Mitglied der Z.S.A., das würde Ihr Image gewaltig heben, nicht wahr? Ich habe eine gute Kund- schaft, und ...« »Sie haben gar nichts mehr, Toland!« entgegnete Odds brutal. »Weder eine Ausrüstung noch eine Kund- schaft. Auch wenn Sie erneut versuchen würden, als Unabhängiger zu arbeiten, wären Sie dennoch gezwun- gen, mit uns zu verhandeln, um Ihre Ware an den Mann bringen zu können. Hier sind Sie nur ein Anfänger, wie alle anderen auch. Ich werde für Sie keine Ausnahme machen.« »Ich bin der beste Sammler in dieser ganzen ver- dammten Stadt!« schrie Toland. »Und das wissen Sie ganz genau!« »Der beste?« gluckste Steve Odds und zündete sich eine Zigarre an. »Das wird sich herausstellen, wenn Sie, erst einmal ein paar Tage mit Mirko Milan zusammen- gearbeitet haben ..« Toland schwankte, wich etwas zurück. Odds hatte er- reicht, was er beabsichtigte. »Was ist los, Toland?« murmelte der Boß und blies eine schwere Rauchwolke an die Decke. »Haben Sie et- was gegen Milan?« Toland war außerstande, eine Antwort zu geben, und schüttelte den Kopf. »Sein Assistent ist momentan krank«, sagte Odds und betrachtete beiläufig die Glut seiner Zigarre. »Wenn Sie Lust dazu haben, können Sie ihn ersetzen.« Toland blinzelte. »Das war von Anfang an so geplant, nicht wahr?« »Was soll von Anfang an so geplant gewesen sein?« fragte Odds erstaunt. »Sie werden uns doch wohl nicht unterstellen wollen, Ihren peinlichen Unfall arrangiert zu haben? Ich möchte Sie nur daran erinnern, daß die Anwälte der Z.S.A. zu den besten Europas zählen. Sie würden Sie bis auf den letzten Cent ausnehmen, Mon- sieur Toland!« Er beugte sich nach vorn, preßte seinen Fettwanst ge- gen die Schubladen und legte die Hände auf seinem Schreibtisch zusammen. »Na, Meister, nehmen Sie den Job an oder nicht?« David nickte. »Selig sei der Tag, an dem Sie krepieren werden. Es wird mir eine Freude sein, mich höchstpersönlich um Ihre Organe zu kümmern, Chef«, zischte der Sammler. »Sie können sich darauf verlassen, ich werde Sie be- stens pflegen ...« Toland drehte sich um und verließ den Raum. Auf dem Flur hörte er, wie Steve Odds in schallendes Ge- lächter ausbrach. Inspektor Mescard kroch auf allen vieren auf dem Fuß- boden herum und nahm jede Ecke des Zimmers so ge-, nau unter die Lupe, als suchte er nach seinen Kontakt- linsen. Die Möbelstücke, die der junge Serge Carron nie zuvor in der Wohnung gesehen zu haben vorgab, besah er sich noch genauer. Immer wieder fuhr er mit den Fingern an den Fußleisten entlang, hob das Bett hoch ... Völlig verdutzt schauten die anderen Polizisten ihm dabei zu. Dann richtete Mescard sich wieder auf, faßte sich ei- nen Augenblick an den Rücken und hüstelte gelang- weilt. »Sie sprachen von einem Freund, der ihr vor kurzem den Laufpaß gegeben hatte?« murmelte er. Der junge Mann nickte mit dem Kopf. »Mouss. Er ist als letzter zu unserer Clique gestoßen. Natürlich mußte Sylvie auch ihn ausprobieren.« Der Inspektor runzelte die Stirn. »Mouss?« »Mustapha Moussi«, erklärte Carron. »Ein Regieassi- stent. Ich glaube, er wohnt in der Nähe der Porte de Champerret.« Mescard ging zum Teletel, schaltete das Gerät ein und tippte die Angaben ein. Die Antworten erschienen auf dem Bildschirm. Es gab in Paris siebenundsiebzig Moussis, neun hießen mit Vornamen Mustapha und zwei wohnten im siebzehnten Bezirk. Mescard notierte ihre Adressen, riß das Blatt aus seinem Notizblock und reichte es einem Polizisten. »Bringen Sie mir diesen Kerl ins Präsidium!« befahl er. Die Polizisten verschwanden. Mescard stellte sich vor Carron. »Erinnern Sie sich an die Unruhen anläßlich der De- monstration in Bercy?« Serge zuckte mit den Schultern. »Ich hab davon gehört ...« »War dieser Mustapha Moussi in jener Nacht mit Syl- vie Vercauteren zusammen?«, Der junge Mann war empört. »Ich führe keine Liste mit Sylvies Liebhabern und ge- nauen Zeitangaben!« Mescard seufzte und schaute einen Moment lang zum Fenster hinaus. »Sie können gehen ...«, zischte er nach einer Weile. »Sie brauchen mich nicht mehr?« fragte Carron er- staunt. Mescard ließ sich auf der Bettkante nieder. »Warum fragen Sie? Möchten Sie weitere Enthüllun- gen machen? Haben die Mörder etwa auch das Ge- bäude verändert? Ist es am Ende nicht einmal mehr die- selbe Stadt?« Carron kniff die Lippen zusammen und verließ die Wohnung. Mescard wühlte in den Taschen seines Regenmantels. Wie sollte er sich konzentrieren können, wenn er immer nur an diese verfluchten Zigaretten denken mußte? Die Sache wurde wirklich zu kompliziert. Er beschloß, zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Rauchen aufzuhören und nun erst einmal Tabak zu kaufen. Irgendwo in seinem Kopf gab es einen Zusammenhang. Der >Selbstmord< des Journalisten, die Manifestationen, der Tod dieses Mädchens, das alles mußte zwangsläufig miteinander zusammenhängen. Aber noch fehlten ihm zu viele Teile des Puzzles, um das Motiv herausfinden zu können. Wenn er sich seine Zigaretten selbst drehen würde, würde er bestimmt weniger rauchen ...,

Zwanzigstes Kapitel

Das Essen ging in einer unheilvollen Atmosphäre zu Ende. Der Küchenchef, ein düster wirkender Mann, dessen Vokabular einzig und allein aus den Namen der Menüs und Weine, die er servierte, zu bestehen schien, brachte den Nachtisch, eine köstliche Erdbeercreme, die Pamela Sirchos jedoch kaum anrührte. Auf der anderen Seite des Tisches saß Hugo Russel und machte ein trau- riges Gesicht. Diese Frau, die einst so begehrenswert, so wunderschön, so voller Lebenslust, Liebenswürdigkeit und Fröhlichkeit gewesen war, diese einzigartige Frau verkümmerte, schrumpfte in sich zusammen, verwelkte wie eine gepflückte Blume. Am Nachmittag war der von ihrem Mann bestellte Psychiater eingetroffen und hatte sich beinahe zwei Stunden lang mit Pamela unterhalten, um Doktor Russel die Lage anschließend in wenigen Worten zusammenzufassen. »Sie hatten recht«, bestätigte er sogleich. »Es geht ihr nicht besonders gut. Ihr Lebensrhythmus ist völlig aus der Bahn geraten, ist unterbrochen worden, und mit dieser neuen Belastung will Frau Sirchos sich nicht ab- finden. Muß sie wirklich jede Anstrengung, jede Aufre- gung vermeiden?« Russel verzog ein wenig den Mund. »Die vorherigen Herzklappen haben infolge der An- strengungen nachgegeben«, erklärte er. »Pamela ist das, was wir als einen Fall mit hohem Risikofaktor bezeich- nen. Und Monsieur Sirchos hält es für angemessener, nicht das geringste Risiko einzugehen.« Ratlos nickte der Psychiater mit dem Kopf. »Ich werde dreimal die Woche zu ihr kommen. Ich hoffe, wir werden es schaffen.« Damit war ihre Unterredung beendet. Der Psychiater gab Russel die Hand und schien bereits gehen zu wol- len, als er es sich plötzlich doch anders überlegte. »Doktor Russel?«, »Ja?« »Sind Sie, abgesehen von den Hausangestellten und den Krankenschwestern, die einzige Person, mit der sie täglich zusammengekommen ist?« Stutzig geworden, runzelte Russel die Stirn. »Ja ...« Der Psychiater schnitt eine seltsame, beinahe belu- stigte Grimasse. »Dann hängt ihre Genesung zum größten Teil von Ihnen ab«, murmelte er und verließ die Villa. Russel dachte immer noch über den genauen Sinn die- ses letzten Satzes nach, als Pamela plötzlich vom Tisch aufstand. »Eine Partie Schach?« schlug sie barsch vor. »Gern«, antwortete der Arzt. Er erhob sich, wischte sich den Mund ab, faltete seine Serviette zusammen und folgte Pamela ins Spielzim- mer. Die Milliardärsgattin ließ sich an dem prunkvollen Marmorbrett nieder, auf dem die getönten Kristallfigu- ren aufgereiht waren. Dann nahm auch Russel Platz. »Falten Sie Ihre Serviette immer zusammen?« fragte sie mit leisem Spott und schob den Königsbauer ent- schlossen zwei Felder vor. »Sie haben also noch nie ge- merkt, daß man Ihnen nie dieselbe Serviette gereicht hat?« Russel ließ sich seine Verwirrung nicht anmerken. Pamela machte sich in letzter Zeit immer häufiger über ihn lustig. Auch wenn er sich noch immer nicht wirklich daran gewöhnt hatte, so war er doch weniger verwund- bar geworden und fühlte sich nicht mehr so oft belei- digt. »Ich bin so erzogen worden«, antwortete er nur. »Es fällt mir schwer, mich umzustellen, und selbst wenn ich mir die Mühe gäbe, so bliebe es doch eine Gewohnheit, die ich sogleich wieder annehmen würde, wenn dies al-, les hier einmal vorbei sein wird. Junggesellen haben keine Schränke voller Servietten.« Pamela schaute ihn mit seltsamer Miene an. »Ich wollte Sie nicht kränken«, flüsterte sie. Eine winzig kleine Sekunde lang glaubte Russel, die sagenhafte Liebenswürdigkeit der wahren Pamela in ih- ren Augen aufleuchten zu sehen. »Es ist nicht weiter schlimm«, antwortete er ziemlich dämlich. Seine Stimme zitterte ein wenig. Pamela schien im- mer neugieriger zu werden. »Sie können es also kaum erwarten, daß dies alles hier, wie Sie sagen, vorbei sein wird?« fragte sie. Russel vertiefte sich in die Betrachtung des Schach- spiels. Er war verwirrt und spürte, wie ungeschickt und dumm er sich benahm. Doch von diesen lähmenden Gefühlen einmal abgesehen, fragte er sich, ob Pamela sich nicht ganz einfach auf seine Kosten amüsierte. »Ich muß gestehen, daß ich lieber woanders wäre«, sagte er entschlossen und bedauerte seine Worte be- reits, kaum daß er sie ausgesprochen hatte. Erstaunt hob Pamela die Augenbrauen. »Und warum haben Sie das Alexander nicht längst gesagt?« fragte sie. »Sie sind in diesem Land doch nicht der einzige Arzt, der fähig ist, meine Genesung zu überwachen. Haben Sie etwa Angst vor seiner Reak- tion?« »Vor seiner Reaktion?« wiederholte Russel. »Man behauptet, Alexander könnte Leuten, die ihm etwas verweigern, nur schwerlich verzeihen«, sagte Pamela. Russels Mund verkrampfte sich. »Was soll er mir denn noch Schlimmeres antun?« knurrte er. »Gestern noch war ich einer der besten Chir- urgen in ganz Florida. Und heute verbringe ich meine Zeit damit, Ihren Herzrhythmus zu überwachen, Ihnen den Blutdruck zu messen und Ihre Urinproben zu ana-, lysieren! Glauben Sie wirklich, daß er mir noch Schlim- meres antun kann?« Plötzlich erhob er sich. »Und überdies habe ich Ihren Mann im Verdacht, meine Gefühle für Sie längst erraten zu haben!« brüllte er wirklich wütend. In seiner Verärgerung warf er die Königin um, die am Boden zerschellte. Einen Augenblick lang betrachtete Pamela die Kri- stallscherben. »Dieses Spiel hat ein Vermögen gekostet«, murmelte sie. »Keine Sorge!« knurrte Russel. »Ich werde dafür auf- kommen. Ich werde für meine Arbeit hier nämlich au- ßergewöhnlich gut bezahlt.« Rasch durchquerte er das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Einige Minuten später saß er am fluoreszierenden Schwimmbecken, rauchte eine Zigarette und fragte sich, ob ein solches Gebaren wirklich dazu angetan sei, Pa- mela zu heilen. Als er die von einer leichten Brise sanft hin und her bewegten Wasserwellen anstarrte, ver- spürte er nur mehr ein einziges Verlangen, einen aller- letzten Wunsch: sich in diesem Swimmingpool das Le- ben zu nehmen ... Nachdem Mouss bislang stets fest davon überzeugt ge- wesen war, eine perfekte Partie geliefert zu haben, stellte er nun plötzlich einen ersten Fehler in seiner Of- fensivtaktik fest. Einen offenkundigen, derart groben Fehler, daß er plötzlich ernsthaft an sich selbst zweifel- te. Wie hatte er bloß einen derart dummen Fehler bege- hen können? Die Beweise seiner Schuld zurückzulas- sen, obwohl er seine Feinde doch für fähig hielt, ihn ausfindig zu machen? All diese Fotovergrößerungen an den Wänden, die Originalunterlagen ... entsetzlich ... Mouss war wie zerschlagen. Erst nach einigen Minuten, faßte er sich wieder und kam zu der Einsicht, daß es be- stimmt noch nicht zu spät war, diese dumme Panne wieder wettzumachen. Obwohl er sich bemühte, sich wieder zu beruhigen, pochte sein Herz merkwürdigerweise wie wild, als er den Schlüssel ins Schloß seiner Wohnungstür steckte. Er hatte noch einmal lange gezögert, ehe er beschloß, das Gebäude zu betreten. Er war einige Minuten lang im Viertel herumspaziert, die Straße mehrmals auf und ab gegangen ... Alles war in Ordnung, und Mustapha gelangte zu einer gewissen Sicherheit zurück. Unver- züglich begann er mit der Arbeit, löste die Fotos von den Wänden, leerte die Papierkörbe, schaute in den Schubladen seines Schreibtisches nach und packte sämtliche Dokumente in eine große Sporttasche. Wenn die Geier in seine Wohnung eindrängen, fänden sie nichts Verräterisches mehr vor. Nichts, was sie glauben lassen könnte, den Feind ausfindig gemacht zu haben. Mouss war wieder völlig beruhigt und gönnte sich sogar Zeit für eine Tasse Kaffee. Um ein Haar wäre ihm der Topf mit dem kochenden Wasser aus der Hand ge- fallen, als er es an der Tür klingeln hörte. Mouss hielt den Atem an. Erneut pochte sein Herz wie wild, er rührte sich nicht ... Ein feiner Schweißfilm glitzerte auf seiner Stirn. Er betrachtete die Sporttasche, die auf dem Tisch im Wohnzimmer lag. Dann klingelte es ein zweites Mal, diesmal sogar hef- tiger. Mouss biß sich auf die Unterlippe, stellte den Topf sehr vorsichtig hin, nahm die Tasche und ging auf Ze- henspitzen ins Badezimmer. Als es schließlich endlos lange zu klingeln begann, zog Mouss vorsichtig die gekachelte Öffnung in der Badewanne auf und schob die Tasche zwischen Email und Wasserrohrleitung. Sorgfältig schob er die Platte an ihren Platz zurück, rich- tete sich auf und rieb sich die Hände. Natürlich war dies kein ideales Versteck, aber er hatte nicht die Zeit, sich ein anderes auszudenken., Er hörte Stimmen im Treppenhaus, erkannte die schrille Stimme der Concierge, die den Fremden erklär- te, sie habe den Mieter vorhin heimkommen gesehen. Verfluchte Klatschtante! Mit Schrecken dachte Mouss daran, daß sie zu sämtlichen Appartements einen Zweitschlüssel besaß. Jemand begann mit den Fäusten gegen die Tür zu hämmern. »Aufmachen, Polizei!« Überrascht runzelte Mouss die Stirn. Polizei? Was wollte denn die Polizei von ihm. Er zog seine Jacke aus, entledigte sich seiner Schuhe und zerzauste sich das Haar. »Ich komme!« knurrte er. Vor der Tür standen zwei Polizeibeamte, die eher wie zwei Verkehrspolizisten aussahen. »Sie sehen, ich hatte recht!« kreischte die Klatschbase. »Ich bin doch nicht verrückt ...« »Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe geschlafen«, stammelte Mouss und rieb sich die Augen. »Sind Sie Mustapha Moussi?« fragte einer der beiden Bullen. Mouss nickte. »Kannten Sie eine gewisse Sylvie Vercauteren?« fragte der andere. Mouss' Beine begannen zu zittern. Einen Augenblick lang hatte er gehofft, dieser Besuch hätte nur einen ganz banalen Grund, einen Verstoß gegen die Straßenver- kehrsordnung oder etwas ähnliches, aber nun bestand kein Zweifel mehr, daß diese beiden Polizisten wegen seiner Affäre zu ihm gekommen waren. In seiner Verwirrung merkte er allerdings nicht, daß der Polizist in der Vergangenheitsform von Sylvie ge- sprochen hatte. »Ja, ich kenne sie«, flüsterte er. Es hatte keinen Sinn, sich noch tiefer in eine Lüge zu verstricken., Die beiden Bullen schauten sich zufriedenen Blickes an. »Sieht aus, als hätten wir diesmal das große Los gezo- gen«, jubilierte der mit dem dichten braunen Schnurr- bart. »Ja, sieht ganz so aus«, wiederholte der andere. »Es hätte ein anderer sein können, aber er ist es, den wir suchen«, sagte erneut der Schnauzbärtige. »Es hätte auch ein anderer sein ...« »Verdammt Glück gehabt!« »Ja, verdammt Glück ...« Mouss räusperte sich. »Worum geht's?« Die beiden Polizisten schauten ihn an, als hätten sie ihn vorübergehend ganz vergessen. Die Concierge stand etwas abseits von den drei Männern und wartete mit Spannung auf den Fortgang des Gesprächs. »Wir haben einige Fragen an Sie«, erklärte der Schnauzbärtige gelangweilt. »Wenn Sie Zeit haben, können Sie sofort mit uns aufs Präsidium kommen. Wenn nicht, lassen wir Ihnen eine Vorladung da.« Seltsamerweise beruhigte dieser letzte Ausdruck Mouss. Die beiden Polizisten waren also nicht gekom- men, um ihn zu verhaften. Sie wollten nur einige Aus- künfte über Sylvie haben. Gleich im nächsten Moment kam ihm der Gedanke, daß sie sich umgebracht haben könnte. »Ist Sylvie etwas zugestoßen?« murmelte er. Der Schnauzbärtige zog die Nase hoch und schaute zu seinem Kollegen, als würde der die Frage beantwor- ten. Als die Concierge merkte, daß ihr Mieter nicht di- rekt etwas mit der Sache zu tun hatte, war sie sichtlich enttäuscht. Erbost griff sie nach dem Kehrbesen und fegte heftig über die Treppenstufen. »Sie hatte einen Unfall«, antwortete schließlich der mit dem Schnurrbart. Mouss spürte, wie ihm die Haare zu Berge standen., Einen Unfall? Dieser Ausdruck erinnerte ihn merkwür- digerweise an die Methoden der Geier. Die Tarnung ei- nes Verbrechens als banaler Verkehrsunfall. Sie hatten Sylvie also gefunden! Und durch sie würden sie zwangsläufig auch ihn finden, den Feind ... Plötzlich fühlte der junge Mann sich völlig hilflos. Am liebsten hätte er den Polizisten auf der Stelle alles er- zählt. Doch der Schnauzbärtige entschärfte diesen plötzlichen Eifer. »Möchten Sie lieber erst morgen kommen?« fragte er. Mouss schüttelte den Kopf. »Nein, nein ... Gehen wir.« Die beiden Polizisten schienen zufrieden zu sein und brachten Mustapha mit einem Mal offenkundig Sympa- thie entgegen. Daß sie ihn gefunden hatten, war sehr gut, aber daß sie ihn sogleich ins Präsidium mitnehmen konnten, war schon eine Glanzleistung. »Es wird nicht lange dauern«, meinte der Schnauz- bärtige beruhigend und zugleich erkenntlich. »Eine reine Formalität«, sagte der andere und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Insgeheim machte Mouss sich den Vorwurf, in seine Wohnung zurückgekehrt zu sein, aber gleichzeitig war er auch froh darüber. Nun würde er die Rolle des Geg- ners erst so richtig übernehmen. Doch er schauderte bei der Vorstellung, daß genausogut die Geier ihn hätten empfangen können ... Vom Steuer seines Studebakers aus sah Mirko, wie Mu- stapha Moussi das Haus in Begleitung von zwei Polizei- beamten verließ. Diese Beobachtung entlockte ihm ei- nen leisen Fluch. Die Annahme, der Vogel werde nicht in sein Nest zurückkehren, war falsch gewesen ... Milan haßte es, Fehler zu begehen. Dennoch war er nach wie vor überzeugt, daß die Wohnung mehrere Tage - vielleicht sogar zwei oder drei Wochen lang - leergestanden hatte. Was war geschehen? Hatte der Er-, presser sein Geheimnis an die Polizei verraten? Milan erinnerte sich an die Fotos an den Wänden, an den Ak- tenordner, der gut sichtbar auf dem Schreibtisch lag ... Er sah, wie das Trio in einen Break Pie stieg. Es sah ab- solut nicht wie eine Verhaftung aus. Milan griff in die Tasche seiner Lederhose, zog ein Stückchen Papier heraus, faltete es auseinander und schnupfte gierig den ihm noch verbliebenen Koks ... Der Geier warf den Umschlag auf den Beifahrersitz des Studebakers. Irgend etwas an dieser ganzen Ge- schichte hatte er noch nicht herausgefunden ... Er ver- suchte, sich die verschiedenen Möglichkeiten auszuma- len. Unmöglich, daß dieser junge Araber nur ein Lock- vogel der Polizei war, um die Z.S.A. in die Falle zu lok- ken. Odds wurde von gewissen Leuten bei der Polizei kräftig unterstützt. Vielleicht war Moussi in eine andere Sache verwickelt und nun geschnappt worden? Was angesichts seiner of- fenkundig freundlichen Behandlung durch die Bullen jedoch ebenfalls auszuschließen war. Milan knurrte verärgert und griff nach dem Autotele- fon. Dann wählte er die Nummer der Direktverbindung zu Steve Odds. Langsam richtete Hugo Russel sich auf, warf einen letz- ten Blick auf die Oberfläche des Swimmingpools und stieg müden Schrittes die Treppe zur Villa hoch. Jede seiner Bewegungen drückte Enttäuschung und Ver- zweiflung aus. Eben hatte er sich innerlich sogar über seinen eigenen Zustand lustig gemacht. Wie sollte er sich ernstlich um Pamela sorgen und kümmern können, wenn er nervlich selbst völlig am Ende war ..? Fast eine Stunde lang hatte er allein am Schwimmbecken ge- sessen und gedankenverloren in das blaugrüne Licht der fluoreszierenden Lampen gestarrt. In der Zeit hatte er sich alles ganz genau überlegt. Nach Alexander Sir- chos' Rückkehr würde er ihn unverzüglich um eine wei-, tere Unterredung bitten und seinen Rücktritt einrei- chen. Ganz gleich, wie dieser wahnsinnige Megalo- mane darauf reagieren würde! Paradoxerweise gab diese zermürbende Verzweiflung ihm ein tiefes Gefühl von Unverwundbarkeit. Sirchos würde ihm nichts an- haben können. Nichts ... Er schob den Bambusvorhang zur Seite und ging un- verzüglich zur Bar, die aus einem Aquarium bestand, in dem unglaublich vielfarbige Fische dämlich-unbeküm- mert umherschwammen. Plötzlich wurde Russel sich bewußt, daß er in diesem Haus alles zu hassen begon- nen hatte, jedes Dekor, jedes Möbelstück ... Die un- wichtigsten Einzelheiten, jedes auch noch so kleine Ob- jekt erinnerte ihn an dessen Besitzer, lag an einem Platz, der ihm seit ewigen Zeiten zuzustehen schien, gemäß einer paranoiden Ordnung, die nichts und niemand je anzufechten wagte. In seiner Naivität hatte er geglaubt, der berühmte Mark Zorski wäre imstande, den Milliardär in die Schranken zu verweisen; er hatte geglaubt, es gäbe noch Menschen, eine medizinische Ethik, die der Macht des Geldes trotzen könnte. Zorski besaß Macht. Und auf seinem Gebiet war er unbestreitbar der Beste. Aber Sirchos war dabei, auch ihn zu zerstören, mühe- los, so wie man ein lästiges Insekt, ein belangloses Wunder beseitigt. Russel hatte die in den Fachzeit- schriften erschienenen Artikel gelesen, die die Arbeit des berühmten Chirurgen kritisierten, und er zweifelte keinen Moment lang daran, daß Sirchos der Anstifter dieser Intrige war. Wie alle anderen würde auch Zorski sich dem Gesetz des Tyrannen beugen. Der Arzt gluckste, gab drei Eiswürfel in ein Glas und schenkte sich eine übermäßige Portion Scotch ein. »Wollen Sie sich betrinken?« Um ein Haar hätte Russel das Glas fallen lassen. Er drehte sich um und sah Pamela, die auf der obersten Treppenstufe stand und sich am Geländer festhielt. Sie, trug ein atemberaubendes perlenbesticktes Neglige, das ihren nackten Körper wie ein morgendlicher Nebel- schleier umhüllte. Russel schluckte mühsam. Es war das erste Mal seit dem Verlassen des Krankenhauses und der Ankunft in der Villa, daß Pamela sich wieder geschminkt und ihre Haare zurechtgemacht hatte. Mit einem Mal sah der Arzt in ihr wieder die wunderbare Frau, die vor ihrer ersten Herzoperation sämtliche Titel- bilder der Modezeitschriften schmückte. Angesichts dieser überwältigenden Erscheinung fühlte er sich ge- radezu wie ein Vollidiot und war unfähig, Haltung zu bewahren. Pamela kam die Treppe herunter und näherte sich der Bar. »Ich habe Lust auf einen Gin-Tonic«, sagte sie fröh- lich. »Gönnt mein Leibarzt mir diese kleine Freude?« Mit stotternder Stimme gab Russel jenen wenig geist- reichen Satz zur Antwort, der ihm einige Sekunden zuvor entfallen war. »Viel Tonic und einige Tropfen Gin, das scheint mir durchaus vernünftig zu sein .« Pamela lächelte und trat deutlich näher an ihn heran. Sie trug vornehme blaue Pumps mit fein gekordelten schmalen Riemen um die Knöchel. Sie verströmte einen feinen leichten Duft. Es gelang Russel, sich diesem Bann zu entziehen, in- dem er hinter die Theke ging und ihr den Gin-Tonic einschenkte. Mit ihren lackierten Fingernägeln trommelte sie leise gegen sein Glas mit dem Scotch. »Finden Sie, daß das eine vernünftige Portion ist?« fragte sie eher liebenswürdig als ironisch. Er stellte ihr das Glas hin. Das prickelnde Getränk funkelte im meerblauen Neonlicht seltsam fluoreszie- rend. »Erzählen Sie mir ein wenig über sich«, murmelte sie. Russel riß die Augen auf., »Über mich?« »Woher stammt Ihr Vorname?« Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, meine Großmutter war ungarischer Her- kunft.« »Hugo ...« Mit zusammengeschnürter Kehle hob Russel den Kopf. »Ich möchte mit Ihnen schlafen.«

Einundzwanzigstes Kapitel

Inspektor Mescard schien sich absolut nicht mehr daran zu erinnern, warum er Mustapha Moussi ins Präsidium bestellt hatte. Er wühlte in seinen Papieren herum und fluchte leise vor sich hin, während Mouss ihm verwirrt zuschaute. Was war das bloß für ein Polizist? Einer aus einer amerikanischen Fernsehserie? Plötzlich schlug Mescard sich an die Stirn, eilte zu einem Metallschrank, riß dessen oberste Schublade auf und holte ein altes Päckchen zerknitterter Zigaretten hervor. »Ich wußte doch, daß ich irgendwo welche versteckt hatte!« sagte er. Er ging an seinen Schreibtisch zurück, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch mit großer Zu- friedenheit an die Decke. Als sein Blick erneut auf den jungen Araber fiel, hatte Mouss wirklich das Gefühl, der Inspektor würde ihn nun tatsächlich fragen, wer er sei und was er in seinem Büro verloren habe. Jedenfalls schien der Polizist ziemlich verärgert zu sein, was aller- dings nicht nur eine Vermutung von Mouss war. »Letzte Nacht ist Sylvie Vercauteren am Steuer eines Autos ums Leben gekommen«, sagte Mescard gelassen, unterließ es jedoch darauf hinzuweisen, daß es sich um einen gestohlenen Wagen handelte., In diesem Ton hätte er ebensogut die Wahl seines Schwagers in den Gemeinderat von Auvers-sur-Oise bekanntgeben können. Mouss, der durch die Ereignisse der letzten Zeit völlig außer Fassung geraten war, zeigte keine Reaktion. Wahrscheinlich hielt Mescard dieses Schweigen für Gleichgültigkeit. Er rollte die Zigarette zwischen den Fingern hin und her, bevor er sich erneut an Mouss wandte. »War Fräulein Vercauteren nicht Ihre kleine Freun- din?« fragte er schroff. Mouss verzog das Gesicht. »Wir haben einmal miteinander geschlafen, wenn Sie das meinen«, antwortete er. Mescard zog mehrmals die Nase hoch und betrach- tete das weißglühende Ende seines Zigarettensrummels mit einem Ausdruck heftigen Ekels. »Ich kann einfach nicht damit aufhören«, murmelte er. »Es ist stärker als ich. Glauben Sie, daß das an mei- nem schwachen Willen liegt?« »Ich weiß nicht«, stammelte Mouss verwirrt. Mescard lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Einen Großteil meiner Zeit verbringe ich damit, nach Zigaretten zu suchen, die zu kaufen ich mir verbiete«, knurrte er leise vor sich hin. »Es ist wirklich zu blöd.« Wütend zerdrückte er den Stummel in dem leeren Aschenbecher. »Fuhr sie schnell?« »Wie bitte?« schreckte Mouss zusammen. »Pflegte Fräulein Vercauteren schnell Auto zu fah- ren?« Mouss schüttelte den Kopf. »Soviel ich weiß, fuhr sie überhaupt nicht Auto. Sie hatte nicht einmal einen Führerschein.« Mescard warf ihm einen seltsamen forschenden Blick zu. Mouss hatte das unangenehme Gefühl, durchsichtig zu sein., »Wer kann Ihrer Meinung nach, Monsieur Moussi, ein Interesse daran gehabt haben, Sylvie Vercauteren verschwinden zu lassen?« fragte Mescard in völlig un- beteiligtem Ton. Mouss spürte, daß er erneut zu schwitzen begann. Er wischte sich die Stirn mit dem Hemdsärmel ab. Dieser Bulle könnte ihm in der Tat aus der Patsche helfen! Jetzt oder nie ... »Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, stammelte Mouss anstatt zu sagen, was er wußte. Mescard kreuzte die Arme und hatte immer noch die- sen gelangweilten Gesichtsausdruck. »Ich werde Ihnen sagen, was ich von der ganzen Sa- che halte, Monsieur Moussi«, sagte er und starrte auf seine Zigarettenschachtel. »Sylvie Vercauteren wurde ermordet. Diejenigen, die das getan haben, suchen be- stimmt nach irgend etwas. Sie haben ihre Wohnung auf den Kopf gestellt und nach dem Verbrechen sämtliche Möbel ausgewechselt, um den Mord als Unfall zu tar- nen. Bedauerlicherweise hätte ich eine Autopsie der Leiche vornehmen lassen müssen, um das beweisen zu können. Ich bin fest davon überzeugt, daß Ihre Freun- din bereits tot war, als ihre Mörder sie ans Steuer des Wagens setzten. Aber leider sind die Sammler uns zu- vorgekommen ..« Sehr genau beobachtete Mescard die Reaktionen des jungen Arabers. Mouss schwieg hartnäckig. Allmählich begann er das Spiel seiner Gegner zu durchschauen. Die Geier hatten Sylvie ausfindig gemacht (er hätte viel eher begreifen müssen, daß das nicht besonders schwie- rig war), sie aller Wahrscheinlichkeit nach zum Spre- chen gebracht und dann getötet. »Das alles scheint Sie nicht sonderlich zu überra- schen, Monsieur Moussi«, fügte Mescard hinzu, listig wie ein Pavian. Mouss zuckte mit den Schultern. »Ich sagte Ihnen doch schon, daß ich sie kaum kann-, te. Sie verkehrte in einer Clique mehr oder weniger mü- ßiger Künstler. In Saint-Germain-des-Pres habe ich sie kennengelernt, aber ich wußte so gut wie nichts über sie.« »Waren Sie in jener Nacht bei ihr, als dieser Journalist sich in ihrem Haus aus dem obersten Fenster stürzte?« fragte Mescard plötzlich. Mouss zuckte zusammen. Dieser Polizist verwirrte ihn in der Tat immer mehr. Allmählich bekam der junge Mann es mit der Angst zu tun. »Ja, ich glaube, ich war in jener Nacht tatsächlich bei ihr«, antwortete er vorsichtig. »Das glauben Sie nur?« fragte der Inspektor erstaunt. Mouss nickte. »Nun ja, ich bin sicher«, gestand er schließlich. »Am nächsten Morgen wurde im ganzen Haus von nichts anderem mehr gesprochen. Aber ich kann beim besten Willen keinen Zusammenhang erkennen .« Es war nicht einfach, zu lügen, Theater zu spielen vor einem Gesprächspartner, dem es scheinbar völlig gleichgültig war, was man aussagte. Der Inspektor stellte keine typischen Polizeifragen und führte sein Verhör nicht so, wie jeder andere Polizist das getan hät- te. Er verhielt sich eher wie ein Analytiker, ohne sich ir- gendwelche Gefühle anmerken zu lassen. Er versuchte eher zu begreifen, als etwas zu erfahren. »Sie waren es, der die Beziehung zu Fräulein Vercau- teren abbrach?« fragte Mescard und unterstrich seine Frage mit einem wenig diskreten Gähnen. Unruhig rutschte Mouss auf seinem Stuhl hin und her. »Ja, genau.« »Und aus welchem Grund?« »Ich verstehe nicht«, flüsterte Mouss nervös. »Ich habe einmal mit diesem Mädchen geschlafen. Von et- was anderem war nie die Rede. Ist Ihnen so was noch nie passiert?«, Mescard lächelte. »Mir fällt es schon schwer genug, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber dieses Mädchen wollte Sie wiederse- hen, nicht wahr?« Mouss verzog das Gesicht. »Sie hat einige Male auf meinen Anrufbeantworter gesprochen, das stimmt«, gab der junge Mann zu. Erneut fingerte Mescard an seiner Zigarettenschachtel herum. »Ich weiß nicht, wie lange diese Schachtel hier schon rumliegt, aber der Tabak schmeckt irgendwie ko- misch ...« Angeekelt stieß er das Päckchen von sich. »Warum haben Sie sich seit jener berüchtigten Nacht nicht mehr mit Ihren Freunden in Saint-Germain ge- troffen?« Mouss spürte, wie ihm eine Schweißperle von der Augenbraue tropfte. »Ich hatte eine Menge zu tun und ... ich wollte Sylvie nicht unbedingt wiedersehen.« Der Inspektor nickte mit dem Kopf. »Ich verstehe«, murmelte er. »Eine letzte Frage noch, Monsieur Moussi. Kennen Sie Serge Carron?« Mouss runzelte die Stirn. »Er gehört ebenfalls zur Clique, oder?« »Genau«, bestätigte Mescard. »Wußten Sie von seiner Beziehung zu Sylvie Vercauteren?« Unschlüssig verzog Mouss das Gesicht. »Ich glaube, sie lebten eine Zeitlang zusammen ...« »Glauben Sie, daß Fräulein Vercauterens unzählige Abenteuer Carron etwas ausmachten?« »Wie soll ich Ihre Frage verstehen?« »Monsieur Moussi, wenn Sie schon so lange bei der Polizei wären wie ich, dann wüßten Sie, daß es für die in diesem Land begangenen Verbrechen drei Hauptmotive gibt: Habgier, Alkohol und Sex. Ich möchte herausfin- den, zu welcher Kategorie der Mord an diesem Mäd-, chen gehört. Und es will mir einfach nicht gelingen ... Es muß doch ein Motiv geben für dieses Verbrechen, verstehen Sie? Vor allem, weil die Mörder sich soviel Mühe gegeben haben.« »Haben Sie Serge Carron im Verdacht, Sylvie aus Ei- fersucht getötet zu haben?« schluckte Mouss. Mescard schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht, daß er es war. Ohne seine Aussagen wäre Sylvie Vercauterens Akte wahrschein- lich längst in der Schublade mit den Verkehrsunfällen verschwunden. Aber .« Er machte eine kurze Pause. »Manchmal gibt es Kriminelle, die für ihre Tat bestraft werden wollen, ob bewußt oder unbewußt«, sagte er schließlich. Er erhob sich und reichte Mouss die Hand. »Ich danke Ihnen, Monsieur Moussi. Ich hoffe, ich habe Sie mit dieser Geschichte nicht allzusehr belä- stigt!« Da dieses plötzliche Ende des Gesprächs Mouss ziemlich überraschte, zögerte er einen Moment lang, bevor er dem Inspektor die Hand reichte. Für ihn war selbstverständlich noch längst nicht alles verloren, aber die Tatsache, daß seine Feinde jetzt ganz genau wußten, wer er war, machte ihm große Angst. Noch konnte er es sich anders überlegen ... Eine Minute nachdem er das Büro des Inspektors ver- lassen hatte, war es bereits zu spät. Einige Meter vom Kommissariat entfernt wartete der Studebaker. Andere Geier hatten die unter Mouss' Badewanne versteckten Dokumente gefunden, und Steve Odds' Anweisungen waren klar und deutlich ... Mark Zorski betrachtete die drei nebeneinander aufge- stellten Särge im Totenzimmer. Riesige Blumenkränze schmückten den Raum und entspannten die im Haus herrschende düstere Atmosphäre erheblich. Obwohl, Zorski jeden Tag mit dem Tod in Berührung kam, hatte er in dieser Nacht die emotionslose Beherrschung des Chirurgen verloren, diese unglaubliche Gefühlskälte, die seine Patienten und die Assistenzärzte für Gleich- gültigkeit hielten. Der strenge Gesichtsausdruck war milder geworden, doch graue Schatten umgaben die ausdruckslosen Augen, und ein nervöses Zucken be- wegte ständig seine Wangen. Nach mißlungenen Ope- rationen verspürte er oft dieses Verlangen, laut zu schreien, alles kurz und klein zu schlagen, aber noch nie hatte er sich derart mutlos, erschöpft und verzweifelt gefühlt ... Nur mit Mühe konnte er die Tränen zurück- halten, die ihm in den Augen brannten. Er konnte die Gründe für dieses Massaker einfach nicht begreifen. Zwei Beamte der Kriminalpolizei hatten ihm erklärt, daß es sich wahrscheinlich um das gemeine Verbrechen einer dieser Gaunerbanden handelte, die sich in den Vororten von Philadelphia herumtrieben. Armyans Frau war vergewaltigt worden, und nach dem dreifachen Mord hatte ein unglaublicher Akt von Wan- dalismus stattgefunden. Diese Brutalität war der Polizei nicht neu. In den Vierteln, in denen diese Rowdies sich gewöhnlich versammelten, waren Razzien geplant. Zorski hörte den Beamten zu, doch keines ihrer Worte vermochte er wirklich zu begreifen. Der Schmerz ver- jagte jede Erklärung. Waren sie umgebracht worden, weil sie Schwarze waren? Oder weil sie reich waren? Oder beides zugleich? Um diese Fragen scherte Zorski sich nicht. Was blieb, war dieses erdrückende Gefühl der Leere, das sich obendrein noch mit wirren Gedan- ken vermischte, etwa an diese Pokerpartie, ohne die Zorski aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt mit den Sim- bas zusammen hier wäre. Taumelnd verließ er das Zimmer, durchquerte das Wohnzimmer und ging unter dem kunstvoll gearbeite- ten Käfig vorbei, in dem die Kadaver der beiden Kana- rienvögel verwesten. Seltsamerweise machte niemand,, weder ein Polizist noch der Freund, sich Gedanken dar- über, woran dieses Vogelpaar gestorben war ... Dabei lag die Erklärung für dieses Massaker in diesem golde- nen Käfig, dessen Schatten an den Wohnzimmerwän- den sanft hin und her schaukelte. Zorski ging zu seinem Wagen zurück, warf einen kur- zen Blick auf Simbas weißen Cadillac, gab wütend Gas und raste ins Central Hospital. Ganz gleich, ob er nun zurückgetreten war oder nicht, er wollte operieren, er wollte arbeiten, Herzoperationen oder Blinddarment- zündungen, Wucherungen oder Transplantationen, es spielte keine Rolle. Stunden-, tage-, nächtelang wollte er arbeiten, so lange, bis diese brennende Welle des Schmerzes, die in ihm aufgebrandet war, sich wieder gelegt haben würde. Ein anderes Heilmittel kannte er nicht ... Der Widerschein des beleuchteten Swimmingpools warf seltsame wasserförmige Bewegungen an die Zim- merdecke. Pamela hatte sich auf die Seite gelegt und war eingeschlafen. Das Satinlaken bedeckte ihre Hüf- ten. Sie drehte Hugo Russel den Rücken zu. Der Arzt zögerte, doch er ließ sie nicht aus den Augen. Sollte er in sein Appartement zurückgehen oder hier bei ihr blei- ben? Dieses Abenteuer hinterließ einen bitteren Nach- geschmack in seinem Mund. Pamela hatte seine Zärt- lichkeiten zurückgewiesen und von ihm verlangt, daß er sogleich in sie eindringe. Fast unverzüglich war Russel zum Orgasmus gekommen, aber den Blick aus ihren blauen Augen, die ihn anstarrten, als würde er sie ver- gewaltigen, konnte er kaum ertragen. Dieser brutale, beschämende Liebesakt hatte Russel tief bestürzt. Nun war ihm noch viel elender zumute, und seine Lust, sich zu betrinken, war größer als je zuvor. Pamela bewegte sich im Schlaf, stieß einen leisen Seufzer aus und drehte sich langsam auf den Rücken. Hugo betrachtete ihre Brüste und die Narbe, die sie, trennte. Nach wie vor war diese Frau die schönste Frau der Welt, und wie selbstverständlich gehörte sie dem mächtigsten Mann der Welt. Scheißwelt. Plötzlich fühlte Russel sich völlig fehl am Platz. Seine Anwesen- heit in diesem Bett, an der Seite von Pamela Sirchos, kam ihm völlig unangebracht vor. Blind vor Verlangen, war ihm nicht einmal bewußt geworden, welches Maß an Krankhaftigkeit in Pamelas Einladung lag. Russel schaute weg. Er hatte sich benommen wie ein Arzt, der sich an einer Patientin unter Narkose vergeht, wie ein Sargträger, der ... Ein Angstklumpen schwoll in seiner Brust an. Sanft schob er das Laken von sich, stieg aus dem Bett, hob seine Kleider vom Boden und verließ das Schlaf- zimmer. Vorsichtig zog er die Tür hinter sich zu und gab einen erschrockenen, schrillen Laut von sich, als er Jimmy O'Neal, den Hausmeister und Vertrauensmann von Alexander Sirchos, auf dem Flur stehen sah. Das lä- cherliche Abenteuer artete allmählich in eine wahre Ka- tastrophe aus. In tadelloser Livree, wie immer perfekt gekleidet, kam Jimmy den Flur herauf. Sein undurchdringlicher Ge- sichtsausdruck verriet nicht die geringste Spur von Verwunderung. Er tat so, als würde er seit Jahren jeden Abend einem völlig nackten Arzt begegnen, der mit sei- nen Kleidern in der Hand das Schlafzimmer der Haus- herrin verließ. Auf Russels Höhe jedoch blieb er stehen. »Kann ich etwas für Monsieur tun?« fragte er in völlig neutralem Ton, ohne den geringsten Anflug von Ironie. Russel schwankte zwischen der Angst und der offen- kundigen Absurdität der Situation. In den nächsten Stunden würde Alexander Sirchos erfahren, was vorge- fallen war, doch seltsamerweise befreite diese Gewiß- heit den Arzt von dem Unbehagen, das ihm seit sei- ner Ankunft in dieser Villa die Kehle zuzuschnüren drohte., »Bringen Sie bitte etwas Bewegung in den Swim- mingpool«, sagte er mit einer erstaunlich klaren Stim- me. »Ich glaube, ich werde noch einige Längen schwimmen.« Jimmy zog eine Augenbraue etwas in die Höhe. Ge- wiß war das seine Art, auf der Stelle tot umzufal- len. »Gut, Monsieur ..« »Noch was, Jimmy ..« »Ja, Monsieur?« »Welchen Cocktail würden Sie mir empfehlen?« Nun zog Jimmy die andere Augenbraue hoch. »Ich würde Monsieur einen White Lady empfehlen«, schlug der Hausmeister vor. »Der Erfinder war Sir Harry Mac Elhone, der Gatte meiner Urgroßmutter. Das wahre Geheimnis des White Lady wurde von Genera- tion zu Generation weitervererbt.« Nun nickte Russel verblüfft mit dem Kopf. »Einen White Lady also. Bringen Sie ihn mir an den Swimmingpool ...« Nach diesen Worten entfernte sich Hugo Russel mit erhobenem Kinn und einem verkrampft-nervösen Lä- cheln auf den Lippen. Es handelte sich um ein altes Modell aus den siebziger Jahren, um einen Mercury Monterey, dessen Silberfarbe bereits abbröckelte und dessen Flanken eine mit schwarzer Farbe ziemlich ungeschickt aufgemalte Auf- schrift trugen: RIOT SQUAD. Die schwere Limousine bog von der Küstenstraße ab und rollte langsam durch die Orangenbaumalleen. Im Wageninnern reichten vier Jugendliche lachend eine Flasche Scotch herum. Neben dem Fahrer saß ein erheblich älteres Mädchen mit schwarzweiß geschminktem Gesicht und einer grel- len grünen Irokesenfrisur. Die vier Burschen trugen schwarze Lederhosen und mit Nägeln und verschiede- nen Stickereien geschmückte Jacken., »Hör zu, Shelley!« knurrte der Fahrer. »Warum bringst du uns in diese verfluchte Gegend? Hier wim- melt es nur so von Bullen.« »Halt's Maul, Schwanzlutscher!« entgegnete das Mädchen. »Hier wimmelt es vor allem von Moneten!« Diese Antwort sorgte im Fond des Mercury für allge- meines Gelächter. »Du bist wohl völlig übergeschnappt?« muckte der Fahrer erneut auf. »In jeder dieser Baracken gibt's Wächter ...« Das Mädchen brach in hysterisches Lachen aus. »Was kümmern uns die Wächter?« Sie klappte das Handschuhfach auf, nahm den 45er Colt heraus und drehte sich zu den drei Rowdies um, die hinten im Wagen saßen. »Wir haben doch, was wir brauchen, oder?« brüllte sie. Daraufhin schwiegen alle. Verlegen schauten die Bur- schen einander an. »Oder?« beharrte sie ungeduldig. Einer der Kerle zog die Nase hoch. »Natürlich, Shelley, wir haben alles, was wir brau- chen .. .«, murmelte er. »Eier und Schießeisen!« grinste das Mädchen mit überschriller Stimme. »Los, heute abend veranstalten wir mit diesen Arschlöchern eine kleine Fiesta! Wir werden ihnen zeigen, was Riot Squad ist!« Ihre Erregung sprang auf die übrigen Insassen der Limousine über. Alle hatten Respekt vor Shelley. Auch wenn ihnen an dieser verrückten Expedition irgendwas nicht ganz geheuer war, so wagte doch niemand, ihr zu widersprechen. Mit einem widerlichen Grinsen auf den stark gefärb- ten Lippen wandte sie sich erneut an den Fahrer. »Fahr langsamer, die da vorn nehmen wir uns vor!« befahl sie und zeigte auf eine prächtige weiße, in einem eindrucksvollen Park gelegene Villa., »Hör zu, Shelley, mach keinen Mist!« seufzte der Fah- rer und griff mit den Händen oben ans Steuer. »Du darfst dich ruhig verdrücken, wenn du Schiß hast«, entgegnete das Mädchen rücksichtslos. Sie warf den Kopf nach hinten, und ihr verkrampftes Lachen dröhnte durch den Wagen. »Heute nacht will ich mich amüsieren! Und niemand wird mich daran hindern!« Wütend wandte sie sich an den Fahrer. »Aber bevor du mich ficken darfst, mußt du erst ein- mal beweisen, was du drauf hast!« knurrte sie. Dann drehte sie sich erneut zu den drei Burschen um. »Das gilt auch für euch!« Der in der Mitte nickte mit dem Kopf. »Wir ... wir bleiben, Shelley«, sagte er wenig über- zeugend. »Wir folgen dir bis ans Ende der Welt.« Ein anderer nahm einen kräftigen Schluck Whisky, wischte sich mit dem Jackenärmel die Lippen ab und gluckste aufgeregt. »Bestimmt gibt's in diesem Häuschen einen ver- dammt gut bestückten Weinkeller!« zischte er gierig. Shelley zwinkerte ihm zu. »Den besten Bourbon weltweit, französischen Cham- pagner, alles, was du willst«, bestätigte sie geil. »Und vielleicht sogar stramme Weiber ... Na, hättet ihr Lust, eine Dame der besseren Gesellschaft zu vögeln?« Unruhig begann der dritte hin und her zu rutschen und stöhnte leise vor sich hin. »Sie muß mir einen blasen!« wimmerte er. »Nicht wahr, Shelley? Du wirst sie zwingen, mir einen zu bla- sen!« Shelley grinste entzückt und deutete auf ihren Colt. »Und den hier werde ich ihr in den Hintern stecken!« zischte sie. Dann schnitt sie erneut eine verächtliche Grimasse und wandte sich an den Fahrer. »Was ist mit dir? Kommst du mit?«, »Nein, ich bleibe hier«, sagte schließlich der Junge nach einigem Zögern. »Ich will noch ein Weilchen le- ben.« Shelley drückte ihm den Colt an die Schläfe und be- gann ihn mit der anderen Hand zwischen den Beinen zu streicheln. »Na, Vince, dein Schwanz liegt wohl auf Eis?« flü- sterte sie. »Ich wette, du kriegst keinen Steifen, wenn man dir einen Revolver an den Kopf hält.« Ihr Streicheln wurde energischer. Der Fahrer stieß Shelleys Hand zurück, öffnete die Wagentür und ging die Straße zum Meer hinunter. Das Mädchen schaute ihm nach und schürzte die Lippen, so daß ihre ungewöhnlich weißen Zähne zum Vorschein kamen. »Kommt, Jungs, wir brauchen dieses Arschloch nicht!« entschied sie. »Gehen wir!« Das von Shelley angeführte Quartett stieg aus der Limousine und näherte sich dem verschlossenen Tor zum Park. Das Gitter schien nicht besonders schwer zu überwinden zu sein. Man mußte nur aufpassen, nicht von den kunstvoll verzierten Spitzen der Eisenstäbe aufgespießt zu werden ...

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Traurig wie ein Junge, der den ganzen Abend mit einem Mädchen verbracht und nicht ein einziges Mal gewagt hatte, es zu küssen, verließ Mouss das Kommissariat. Eine Stimme in ihm flüsterte ihm zu, daß er soeben die Gelegenheit verpaßt hatte, sich aus einer Falle zu befrei- en, deren Klammern ihn immer fester gefangenzuhalten begannen. Verdrossen verzog er das Gesicht. Aber was erhoffte er sich eigentlich? Es mit einer kriminellen Organisation wie der Z.S.A. aufnehmen zu können?, Mit einer perfekt organisierten, legalen und unglaublich mächtigen Vereinigung ... Er hob den Kopf und atmete die frische Luft des Spätnachmittags ein. Eine Chance blieb ihm noch, um die Niederlage seiner Gegner zu beschleunigen. Er müßte die Unterlagen verkaufen. An die Presse. An den Meistbietenden. Ja, das würde er tun. Sämtliche Tages- zeitungen und Zeitschriften mit großen Auflagen ab- klappern und alles ausplaudern. Mit diesem Geld könnte er endlich eine gewisse Distanz zwischen sich und den Geiern schaffen, die Grenzen abstecken und in aller Ruhe abwarten, daß die Presse die Vernichtung des Feindes übernähme. Mouss war wieder voller Opti- mismus. Das Alleinsein hatte seine Vor- und Nachteile. Er mußte eine andere Taktik anwenden und sich der Druckmittel bedienen, die ihm zur Verfügung standen. Gegen die Journalisten wäre die Z.S.A. völlig machtlos. Es käme zum Skandal, der die Geier wie eine Flutwelle hinwegraffen würde ... Seltsamerweise erleichterte diese Aussicht Mouss von der Last der Schuld, die ihm auf den Magen drückte, seit er von Sylvies Tod erfahren hatte. Außer dem Geld, das er kassieren würde, könnte er zudem Rache neh- men und die Öffentlichkeit über die bestehenden Miß- stände aufklären. Er ging zur Metro. Einige Dutzend Meter entfernt schloß Mirko Milan die Tür des Studebaker. Er warf den Schlüsselbund kurz in die Luft, steckte ihn in seine Ta- sche und ging ebenfalls in Richtung Metro, während er die Pikdame zwischen den Fingern hin und her gleiten ließ. Wütend schwamm Hugo Russel auf und ab, so als ver- suchte er, den Ekel, der in ihm war, durch die Anstren- gungen und den Schmerz zu verdrängen, der seine Muskeln lähmte. Der Arzt war in einer ziemlich guten körperlichen Verfassung, aber natürlich verfügte er, nicht über die physischen Reserven eines Spitzensport- lers. Bei der zwölften Wende spürte er, daß sein Körper nicht mehr reagierte. Die Bewegungen seiner Füße voll- zogen sich eher automatisch denn gewollt, und seine Armzüge wurden mechanisch, zu einem unüberlegten Reflex. Ein Hauch von Panik brachte den Ablauf seiner Bewegungen durcheinander, und Russel schluckte Wasser. Scheußlich schmeckendes, grauenhaft chlor- haltiges Wasser, an dem er zu ersticken drohte. Der Tod, den er sich in einem bestimmten Moment so sehr herbeigewünscht hatte, war plötzlich allzu nah, zu fühlbar und derart unerträglich, daß Russel einen letz- ten Versuch unternahm, an den Schwimmbeckenrand zurückzugelangen. Seine Bewegungen waren hektisch, komisch fast, wie die eines jungen Hundes, der sein er- stes Bad nimmt. Russel bekam keine Luft mehr. Sein Körper war hart wie Stein, schwer wie ein grober Gra- nitblock, unglaublich schwer. Plötzlich wurde er von ei- ner unabwendbaren Lethargie befallen, von einer selt- samen Osmose zwischen verwundetem Fleisch und der Marmorstruktur der Sirchos-Villa. Der Schrei, den er ausstieß, kam ihm lächerlich schwach und weit entfernt vor. Mit einer Hand klammerte er sich an den mit Kacheln ausgelegten Schwimmbeckenrand. Doch seine Finger rutschten wieder ab, und der Arzt tauchte erneut unter. Er hatte keine Kraft mehr und war außerstande zu rea- gieren. Er beschränkte sich darauf, die gewissermaßen bereits nicht mehr existierende Atmung zu unterbre- chen - ein letzter, lächerlicher Überlebensinstinkt. Pa- radoxerweise wich seine Angst einem seltsamen Gefühl äußerster Gelassenheit, Erleichterung und vollkom- menster Ausgeglichenheit. Er verflüssigte sich, wurde leicht und war mit einem Mal von den Qualen befreit, die ihn bis zu diesem Äußersten getrieben hatten. Plötzlich spürte er, wie er nach oben gezogen, an die Oberfläche gerissen wurde, wie er auftauchte und Au-, gen und Mund weit aufriß. Mit unglaublicher Kraft zog Jimmy O'Neal ihn aus dem Schwimmbecken und legte ihn kurzerhand auf den Fliesenboden. Völlig verwirrt lag Russel da, heftig atmend und den Sauerstoff in sich saugend. Er röchelte wie ein an Asthma erkrankter alter Mann. »Zu solch später Stunde sollte Monsieur nicht versu- chen, neue Rekorde aufzustellen«, sagte der Hausmei- ster gelassen und streifte sich die Hemdsärmel wieder herunter. Phosphoreszierende Lichter tanzten vor Russels Au- gen. Er schüttelte sich, versuchte sich aufzurichten und brach erschöpft wieder zusammen. Jede Faser seines Körpers tat ihm weh. Ein unerträglicher Schmerz, der sich in sämtlichen Muskeln ausbreitete und seinen Kör- per in nichts als eine Schmerzmasse verwandelte. Er verzog das Gesicht und versuchte, sich den Puls zu füh- len. Sein Herz schlug beinahe hundertsechzigmal in der Minute. Er gab einen eigenartigen Pfeifton von sich, legte sich flach auf den Rücken und betrachtete die Sterne. Es war eine phantastische Nacht, eine typische Florida-Nacht. »Kennen Sie das Othello-Spiel, Jimmy?« »Nein, Monsieur.« »In einem bestimmten Moment des Spiels, wenn Sie in große Schwierigkeiten geraten sind, läßt jede Ihrer Bewegungen Sie in noch größere Probleme geraten. Wenn Sie mit den weißen Steinen spielen, fallen die schwarzen über Sie her, und Sie können nichts anderes mehr tun, als Ihren Niedergang noch weiter zu be- schleunigen und zuzusehen, wie auch Ihr letzter Stein definitiv verschwindet ...« »Wie ein zwischen wandernden Sanddünen einge- schlossener Mann?« Russel stützte sich auf den Ellbogen und schaute den Hausmeister verdutzt an. »Ja, ich kann mir vorstellen, daß das ein ähnliches Ge-, fühl ist«, sagte er nach einer Weile. »Hatten Sie dieses Gefühl schon einmal Jimmy? Je stärker Sie dagegen an- kämpfen, um so tiefer werden Sie hineingezogen.« Einen Augenblick lang zögerte der Hausmeister. »Gewiß spielt Monsieur auf den Muskelkrampf an, der ihn mitten im Bassin überrascht hat.« Russel schüttelte den Kopf. »Nein, Jimmy, ich spreche vom Leben. Von diesem eigenartigen Spiel, das sich von der Geburt bis zum Tod abspielt. Die Dauer einer Partie ...« Seine Herzschläge beruhigten sich. Der Schatten des Todes löste sich auf. Es gelang ihm, sich hinzusetzen, die Knie an seine Brust zu ziehen. ' »Es ist ein Spiel, bei dem die Steine ungerecht verteilt sind, Monsieur«, bemerkte Jimmy und zog seine Weste zurecht. »Aber niemand zwingt Monsieur, gegen Geg- ner zu kämpfen, die mächtiger sind als er.« Russel zog die Nase hoch. Seiner Nacktheit schämte er sich nicht mehr im geringsten. Der Schmerz und das Herannahen des Todes hatten ihn von allen seinen Komplexen befreit. »Bitte, Jimmy, nennen Sie mich nicht länger Mon- sieur«, flüsterte er. »Das ist doch lächerlich.« Diese letzte Bemerkung schien dem Hausmeister nicht zu gefallen. »Sie sind doch ein intelligenter Mann, Jimmy«, fuhr Russel fort und massierte sich sanft die Knöchel. »Und zweifellos ist das die große Stärke des mächtigen Alex- ander Sirchos: er versteht es, die richtigen Leute um sich zu scharen. Auf sämtlichen Gebieten.« Der Hausmeister sagte kein Wort. Russel schaute zum Park hinüber. »Haben Sie das ebenfalls gehört?« »Es gibt eine Menge Vögel hier, Monsieur«, erklärte Jimmy nach kurzem Schweigen. »Brauchen Sie mich noch?« Der Arzt lächelte leicht verkrampft., »Nein, ich glaube nicht«, murmelte er. »Ich habe nicht die Absicht, noch einmal in den Pool zu springen ...« Der Hausmeister nickte und ging in Richtung Villa davon. Wahrscheinlich würde er Sirchos über das Ver- halten seiner Frau unterrichten. Und höchstwahr- scheinlich würde es Russel sehr schwerfallen, eine the- rapeutische Rechtfertigung für sein Abenteuer mit Pa- mela zu finden ... Mühsam erhob er sich, ließ sich in einen Liegestuhl fallen und nahm sein Cocktailglas in beide Hände. Rat- los drehte er das runde Gefäß eine Weile zwischen den Fingern; er war außerstande, einen Weg zu finden, um der Bestrafung zu entgehen, die der Milliardär zweifel- los über ihn verhängen würde. Mouss stand am Ende des Bahnsteigs, neben einer Gruppe aufgeregter Jugendlicher in blauen Trainings- anzügen, die wahrscheinlich von oder zu einer Sport- veranstaltung unterwegs waren. Milan trat an einen Automaten und nahm sich ein Päckchen Kaugummi. Ohne den jungen Araber aus den Augen zu lassen, wik- kelte er ein Stück aus dem Papier, das er in der Hand zerknüllte und anschließend zu Boden warf. Unauffällig betrachtete er die Werbeplakate und nä- herte sich seiner Beute. Die Metro hatte Verspätung, und der Bahnsteig füllte sich. Ein undefinierbarer Ge- ruch, eine Mischung aus Wasserfarbe und Urin, lag un- ter der Kuppel. Leise fuhr die prallvolle Metro in die Stadt ein. Mit ei- nem schrillen Pfeifton blieb sie stehen. Plötzlich be- schleunigte Milan seine Schritte. Im Gedränge gelang es ihm, sich genau hinter Mouss zu stellen, ganz dicht in seinen Rücken. Diese gewollte Intimität entlockte dem Sammler ein seltsames Lächeln. Das Opfer mußte den Atem seines Jägers im Nacken spüren. Die Metro setzte sich in Bewegung. Die stehenden, Passagiere schaukelten bedrohlich hin und her und er- innerten an die Fan-Gruppen in englischen Fußballsta- dien. Mit einem Blick über Mouss' Schulter vergewis- serte sich der Geier der Abfolge der Stationen. Die nächste Station war nicht von Bedeutung, doch die übernächste war eine wichtige Anschlußstation und würde für etliches Gedränge sorgen. Langsam glitt Mi- lans Hand in seine Hosentasche und zog die Karte mit äußerster Vorsicht hervor. Die unglaublich scharfe Kante der Karte wurde von einer harten Lederhülle ge- schützt. Irgendwo zu seiner Rechten schimpfte eine weibliche Stimme über ein Kind. Mit der freien Hand ließ Milan die Karte langsam her- ausgleiten. Er wußte, wohin er zielen mußte, um den sofortigen Tod seines Opfers herbeizuführen. Der Geier beugte sich leicht nach hinten, um genügend Distanz zwischen sich und Mouss zu schaffen. Das Gedränge der übrigen Fahrgäste würde genügen, um den jungen Araber umzubringen. Ein plötzlicher Schwenk zur Seite durchkreuzte den Plan des Geiers. Mouss wurde gegen die mittlere Stange gedrückt und stand nun gut einen Meter weit von ihm entfernt, während ein nach Mottenkugeln und Schweiß stinkender dicker Fünfzigjähriger sich vor Milan stellte. Der Geier hatte zweifellos zu lange gezö- gert. Die wichtigste Station auf dieser Linie verband mit vier Anschlußstationen und einem Bahnhof. Die Hälfte der Fahrgäste stieg aus. Eine eindrucksvolle Men- schenmenge strömte anderen Gängen, anderen Trep- pen anderen Aufzügen zu. Inmitten dieses unerbittlichen Andrangs hatte Milan kaum Zeit, die Karte wieder in seine Tasche zu stecken. Er mußte sich seiner Ellbogen bedienen, um sein Opfer, das sich bereits in Richtung Bahnhof entfernte, nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Streitlustiger, Typ Ge- schäftsmann mit Aktentasche, begann plötzlich zu mek- kern und hielt Milan am Ärmel fest., »He, Sie! Sie könnten sich zumindest entschuldigen!« zischte der Idiot. Mit einem kurzen kräftigen Kinnhaken schlug Milan ihm drei Zähne ein und setzte seine Verfolgung fort. Hinter ihm waren Schreie zu hören. Mouss stand be- reits am oberen Ende der Rolltreppe. Vermutlich war der junge Araber durch das Geschrei und die Flüche aufmerksam geworden, denn plötzlich drehte er sich um, und für einen Sekundenbruchteil kreuzte sein Blick den des Geiers, der die Treppe hin- aufrannte. Unbewußt bekam Mouss es mit der Angst zu tun und ging schneller. Schließlich begann er zu laufen, so als fürchtete er, seinen Anschluß zu verpassen. Um diese Zeit lief gut ein Zehntel der Fahrgäste, die ihren Zug nicht verpassen und rechtzeitig zum Beginn des Spielfilms zu Hause sein wollten. Inmitten der Sprinter, deren Leben sowohl geographisch als auch zeitlich nach den Fahrplänen der Züge ausgerichtet war, inmitten der kurzatmigeren Läufer, die von den Unwägbarkeiten der Pariser Transportunternehmen abhängig waren, und der Spaziergänger, der wahren Zombies, die sich mit unglaublicher Frechheit über alle anderen lustig zu ma- chen pflegten, fiel Mustapha Moussis Rennerei natür- lich nicht im geringsten auf. Er hatte instinktiv gehandelt, wie ein Reh, das plötz- lich davonläuft, ohne einen Verfolger bemerkt oder ge- rochen zu haben. Da Mouss nervlich völlig am Ende war, konnte er solche Reaktionen nicht mehr bewußt kontrollieren. Im Laufschritt durchquerte er die Bahnhofshalle, ging zum Taxistand und stellte sich hinten an der Warte- schlange an. Immer wieder schaute er sich ängstlich nach seinem Verfolger um. In regelmäßigen Abständen fuhren die Taxis vor und luden die zwischen den Me- tallschranken wartenden Fahrgäste auf. Mouss hatte nicht mehr viel Bargeld bei sich. Rasch zählte er das we- nige Geld, das ihm geblieben war. Es würde reichen,, um den Fahrer zu bitten, ihn zu einer anderen, etwas weiter entfernten, in einem anderen Viertel gelegenen Metrostation zu bringen. Vor ihm stand nur noch eine alte Frau mit zwei schweren Koffern, als er ein Brennen am Hals verspür- te. Er faßte sich mit der Hand an die schmerzende Stelle und zog sie blutüberströmt zurück. Um ihn herum er- klang entsetzliches Geschrei. Mouss drehte sich um, war unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen, und streckte hilfesuchend die Hände von sich. Entsetzt, völ- lig verdutzt wichen die Leute vor ihm zurück. Niemand begriff, was geschehen war. Mouss taumelte. Das Blut spritzte in dicken Strahlen aus seiner Kehle. Die Zeugen dieses abscheulichen Todeskampfes schrien noch lau- ter, als Mouss plötzlich das Gleichgewicht verlor und rückwärts zu Boden fiel. Fast berührte seine Hand die auf dem Asphalt liegende Spielkarte, eine Pikdame, die Königin Pallas Athene, deren Stahlkanten ihm soeben die Kehle durchschnitten hatten. In einiger Entfernung ging Milan ruhigen Schrittes gegen den Strom der Schaulustigen, die an den Ort des Zwischenfalls eilten, in Richtung Boulevard davon und kaute gelassen seinen Kaugummi, der allmählich an Geschmack verlor. Kein Arzt würde Mustapha Moussi jetzt noch retten können. Gedankenverloren blickte er zum MotorSpeed der Z.S.A. hinüber, das neueste Spezialmodell der Motors, der langsam auf den Parkplatz des Bahnhofs rollte. Mirko Milan spuckte seinen nun völlig geschmacklos gewordenen Kaugummi aus, griff in die Innentasche seiner Jacke und zog eine neue Karte hervor. Noch eine Königin. Judith. Herzdame. Der Geier zuckte mit den Schultern und betrat ein Re- staurant. Diese Verfolgungsjagd hatte ihm Appetit ge- macht., Vor lauter Erschöpfung schlief Hugo Russel seit gut fünf Minuten in seinem Liegestuhl, als ein kräftiger Faustschlag in den Magen ihn erneut in die schmerzli- che Realität zurückholte. Wie durch ein Wunder war der White Lady ihm zuvor nicht aus der Hand gefallen, doch nun zerbrach das runde Glas auf den Bodenfliesen neben dem Swimmingpool. Russel kniff die Augen zusammen, fluchte und wollte sich aufrichten. Er stieß gegen den Lauf eines 45er Colts, den ein unglaubliches Mädchen in der Hand hielt. Mit ihrem grinsenden Gesicht und ihrem steif emporste- henden Haarkamm, dessen grüne Farbe an den Wider- schein des Meerwasserschwimmbeckens erinnerte, sah sie aus wie ein Clown des Hasses. Neben ihr standen drei Burschen, die dämlich grinsten und einander zu- zwinkerten. Der einzige Nachtwächter, dem sie auf ih- rem Weg hierher begegnet waren, lag tot auf dem wei- ßen Kiesweg. Shelley hatte recht gehabt. Es war ein- facher gewesen, als sie dachten. Russel schüttelte den Kopf, schwankte zwischen Wirklichkeit und Alptraum. »Ich wußte doch, daß diese Idioten in Palm Beach so kleine Schwänzchen haben!« zischte das Mädchen in aggressivem Ton. Ihre Freunde glucksten. »Schaut euch das an!« fuhr das Mädchen fort. »Man könnte meinen, eine Schnecke, die Schiß hat, aus ihrem Häuschen hervorzukriechen!« Hemmungslos hielten sich die Burschen vor Lachen den Bauch. »Deine Frau hat wohl nicht jede Nacht ihre Freude mit einem solchen Ding«, knurrte Shelley. »Aber diesem Übel werden wir schon abhelfen, nicht wahr, Jungs!« Gleichzeitig stimmten ihre Freunde ihr zu. Plötzlich beugte Shelley sich nach vorn und bohrte den Lauf ih- res Revolvers in die Wange des Arztes. »Aber vielleicht hoffst du ja, daß die Schwänze im Mondschein wachsen«, spottete sie., »Sie irren sich«, stammelte Russel, dessen Herz nun ernstlich erste Anzeichen von Schwäche zeigte. »Ich bin nicht ...« »Halt's Maul, Krüppel!« schrie Shelley. »Du sagst mir jetzt schön brav, wo du deinen Zaster versteckt hast, während meine Freunde sich ein wenig um deine Frau kümmern werden.« Mit unglaublicher Kraft packte sie Russel an den Haa- ren und zwang ihn, sich aufzurichten. »Beweg dich! Wir folgen dir!« »Ich will, daß seine Frau mir einen runterholt!« schrie der kleinste der drei Burschen heiser. »Nur keine Sorge, Sunny!« knurrte das Mädchen. »Sie wird dir das Mark aus den Knochen saugen ... Nicht wahr, Jammerlappen?« fügte sie hinzu und stieß den Revolverlauf gegen Russels Kopf. »Ich schwöre Ihnen, Sie machen einen Fehler!« win- selte der Arzt und warf einen verzweifelten Blick zur Villa. Halbkreisförmig fiel das durch das matte Glas des Oberlichts über der Eingangstür gedämpfte Licht, aber Jimmy O'Neal war verschwunden. Wie der Wächter, der das Tor und den Park bewachen sollte. Die übrigen Bediensteten des Hauses schliefen auf der anderen Seite des Grundstücks in der Jagdhütte. Russel fragte sich, ob er schreien sollte, um die andern zu alarmieren. Das Mädchen schien seine Absicht erra- ten zu haben, denn nun drückte sie dem Arzt den Re- volverlauf ins Genick. »Wenn du Dummheiten machst«, flüsterte sie, »jag ich dir eine Kugel in den Kopf. Und meine Freunde werden ein Blutbad in deinem Schlößchen anrichten.« Sie stieß Russel zum Haus. Wo zum Teufel war Jim- my? Der Arzt war völlig ratlos. Auf die allgemeine Be- ruhigung folgte nun der allerschrecklichste Wirbel- sturm. In dieser Nacht hatte das Schicksal ihn auf eine wahre Geisterbahn getrieben, auf eine entsetzliche, Strecke. Im Vergleich dazu ging es im schrecklichsten Gespensterzug wie in einem Kinderzimmer zu. Und von neuem flößte seine Nacktheit dem Arzt einen pein- lichen Minderwertigkeitskomplex ein. Die Rowdies benahmen sich keineswegs wie Einbre- cher. Sie waren anscheinend eher gekommen, um alles zu zerstören, als um zu stehlen. Die Burschen gingen sogleich an die Bar und hantierten laut lachend mit den Flaschen herum. Es war kein Einbruch, sondern eher eine Invasion. Ein Krieg, ein Plündererkommando, das auf Zivilisten losgelassen worden war. Leicht angetrun- ken und berauscht von dem Gefühl absoluter Macht, begannen sie mit der Zerstörung, indem sie sämtliche Flaschen mit voller Wucht gegen die Spiegel und Ge- mälde schleuderten. Einer von ihnen riß die Leitungen des Aquariums aus der Wand. Das Wasser strömte auf den Fußboden. Sie schnitten das Telefonkabel durch, schlitzten mit ihren Messern das Sofa und die Sessel auf, plünderten die phantastische Schallplattensamm- lung der Sirchos und warfen sich die Langspielplatten wie Frisbee-Scheiben an den Kopf. »Ihr hört euch in dieser Baracke ja doch nur Schrott an!« schrie einer der Rowdies und trampelte auf der Mozart-Sammlung herum. Shelley stand die ganze Zeit neben Russel und sah dem Schauspiel sichtlich vergnügt zu. Der Arzt wurde von einem heftigen Zittern erfaßt, ein Syndrom der Ohnmacht, der krampfhaften Lähmung, der Angst ... »Ist dir kalt, Schätzchen?« flüsterte das Mädchen und brach in ein ohrenbetäubendes Lachen aus. Es war unmöglich, daß O'Neal diesen Krach nicht hörte. Doch dann kam dem Arzt plötzlich der Gedanke, daß sie sowohl den Wächter als auch den Hausmeister außer Gefecht gesetzt haben könnten, bevor sie ihn am Swimmingpool antrafen. Die Villa war menschenleer. Nur auf der ersten Etage ... »Was geht hier vor?« schrie eine gereizte Stimme., Gleichzeitig drehten sich die Rowdies zur Treppe um, auf deren oberster Stufe Pamela stand. Sie trug nach wie vor ihr bezauberndes Neglige, und in ihrem Ge- sichtsausdruck lagen Wut und Entsetzen. Einer der Kerle versetzte seinem Komplizen einen Ellbogenschlag in die Magengrube. »He, Mann! Sieh dir die an!« schrie er. Der Besessenste des Trios schnalzte mit der Zunge. Mit der einen Hand fingerte er nervös an seinem Springmesser herum, während er sich mit der anderen Hand zwischen den Beinen massierte. »Scheiße«, murmelte er nur. Pamelas Erscheinen schien Shelley äußerst ungelegen zu kommen. Sie stellte sich dicht neben den Arzt, so daß ihre Lippen fast sein Ohr berührten. »Scheinst doch nicht so stinkfad zu sein, Kleiner!« flüsterte sie nun mit leicht veränderter Stimme. »Ich dachte, du würdest eher auf fette Tanten der besseren Gesellschaft stehen ... Auf eine schmuckbehangene alte Schreckschraube, verstehst du? Aber ich habe mich leider geirrt! Der Herr steht auf scharfe Weiber. Eine Luxushure, nicht wahr ..« Der Besessene wurde ganz zappelig. »Du hast gesagt, sie bläst mir einen!« kreischte er mit seltsam weinerlicher Stimme. »Du hast es mir verspro- chen ...« »Ruhig Blut, Sunny!« entgegnete das Mädchen schroff. »Sie wird alles tun, was ihr Mann von ihr ver- langt. Aber zunächst einmal wird sie diese Treppe run- terkommen und uns begrüßen.« Mit einemmal war es mit der Zerstörungswut der Rowdies vorbei. Sie hatten nur noch Augen für Pamela, die versuchte, sich vorsichtig davonzuschleichen. »Bleib stehen, Flittchen!« befahl Shelley. »Oder ich jag deinem Idioten von Mann eine Kugel in den Kopf!« Pamela blieb stehen und schaute abwechselnd das Mädchen und Russel an., »Mein Mann?« wiederholte sie verblüfft. Einen Moment lang schienen die Eindringlinge ver- wirrt zu sein, was Russel auszunützen versuchte. »Ich bin nicht ihr Mann«, erklärte er mit zitternder Stimme. »Ich bin ihr Arzt. Sie ist schwerkrank und ...« »Und von Zeit zu Zeit legst du sie auf den Rücken«, beendete Shelley seinen Satz. Erneut lag ein widerliches Grinsen auf ihren Lippen. Russels Schultern sanken nach unten. Jeder Be- schwichtigungsversuch erwies sich als zwecklos, lächer- lich und drohte den abgrundtiefen Haß dieser Bande nur noch größer werden zu lassen. »Irgendwo hab ich dieses Weib schon mal gesehen«, sagte derjenige, der immer noch an der Bar stand. Im leeren Aquarium kämpften die exotischen Fische mit dem Tod, vergeblich zappelnd, mit zuckenden Mündern und weit aufgerissenen Kiemen. Russel glaubte, völlig den Verstand zu verlieren, als er Pamela Sirchos langsam die Treppe herunterkommen sah und hörte, wie sie beinahe ungeniert fragte: »Mit wem soll ich beginnen?«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Natürlich hatten die beiden Männer schon voneinander gehört. Mehrmals schon hatten sie sich gesehen, doch einander wirklich gegenübergestanden hatten sie noch nie. Mirko Milan saß auf der Kante von Steve Odds' Schreibtisch, machte ein teils spöttisches, teils gleich- gültiges Gesicht und spielte gedankenverloren mit einer Karte, die er mit unglaublicher Geschwindigkeit zwi- schen den Fingern hin und her wandern, anschließend hinter seinen Fingern verschwinden und schließlich wieder auftauchen ließ. David Toland stand in der Mitte des Zimmers, unbe-, weglich, mit gespreizten Beinen und vor der Brust ver- schränkten Armen. Der Ausdruck verkrampfter Befriedigung auf dem Gesicht von Steve Odds hätte die beiden Sammler glauben lassen können, er wäre gerade dabei, sich hin- ter seinem Schreibtisch einen runterzuholen. Als das Schweigen immer bedrückender wurde, beschloß Odds plötzlich, die beiden miteinander bekannt zu machen. »Toland, Sie werden mit Milan zusammenarbeiten«, sagte er nur mit einer gewissen hochnäsigen Ungeduld. »Er wird Ihnen die Ausrüstung zeigen, und dann kön- nen Sie sofort losfahren ...« Milan runzelte die Stirn. Er steckte die Herzdame in die Tasche zurück, nahm den Kaugummi aus dem Mund und klebte ihn an den Aschenbecherrand. »Sofort losfahren?« fragte er erstaunt. Mit einem Mal schien Odds ein wenig verlegen zu sein. »Es ist einem Überfallkommando gelungen, in die sowjetische Botschaft einzudringen«, erklärte er. »Sie halten Diplomaten und Angestellte als Geiseln fest. Be- stimmt wird es Tote geben, und der Zwischenfall wurde bisher noch nicht offiziell bekanntgegeben. Man will verhindern, daß die Journalisten die Botschaft stür- men ...« Milan gab einen kurzen bewunderungsvollen Pfeifton von sich. »Bei den Rußkis? Alle Achtung ... diese Kerle schrecken vor nichts zurück«, sagte er. »Und wer weiß noch davon?« »Die G.I.G.N.«, antwortete Odds. »Beeilt euch, es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis man die Botschaft stürmen wird! Goldman und der junge Gayle werden euch im Chevrolet Research folgen.« Milan nickte, nahm seinen Kaugummi wieder in den Mund und zwinkerte seinem Vorgesetzten zu. »Wirklich nett von Ihnen, die guten Fälle für uns zu, reservieren!« grinste er und sprang vom Schreibtisch runter. Als er sich Toland näherte, verblaßte sein Lächeln. »Nicht sehr geschwätzig, wie?« Ziemlich teilnahmslos beobachtete Odds diese erste Begegnung der beiden Männer, so als ginge das, was sich von nun an zwischen ihnen abspielen würde, ihn nichts mehr an. Einer der beiden würde den anderen zerstören, das stand fest, und Odds war es egal, wer üb- rigbleiben würde. Milan war ein geschickter und be- sonders für geheime Missionen geeigneter Sammler, und Toland genoß hohes Ansehen bei den Medien. Doch über keinen von beiden konnte man wirklich Kon- trolle ausüben. Beide lebten nur noch aus ein und dem- selben Grund: sie waren die Besten. Odds' persönlicher Ansicht nach reichte diese Be- gründung nicht aus, doch der Boß der Z.S.A. war ande- rer Meinung. Immer und überall verlangte Alexander Sirchos die höchste Perfektion, das Optimale, das große Können ... Allem Anschein nach hatte diese Taktik sich bestens bewährt, doch Odds war nach wie vor skep- tisch. Da man nur noch die Besten anheuerte, bekam man es zwangsläufig mit Bandenführern zu tun ... mit Männern, die sich keinerlei Anweisungen fügten. Und am Ende nahmen sie sich sogar das Recht heraus, selbst zu entscheiden, anstatt sich den Entscheidungen derje- nigen zu beugen, von denen sie bezahlt wurden. Längst hatte Milan, das mußte auch Odds zugeben, der Z.S.A. seinen Stempel aufgedrückt. Und wenn er hin und wieder um das Einverständnis seiner Vorge- setzten bat, so war das nicht einmal mehr eine Frage des Prinzips, sondern ganz einfach lächerlich. Und letzten Endes war David Tolands Beitritt nur eine neue Herausforderung für ihn. Wenn Milan diese Partie auch noch gewinnen würde, könnte nichts und niemand ihn mehr aufhalten. Odds stieß einen leisen Seufzer aus und nahm sich, eine Zigarre aus der Schachtel. Zum Glück wußte Alex- ander Sirchos nichts über die momentane Situation in Frankreich. Er hatte keine Ahnung, daß die Z.S.A., ein wichtiges Glied in der Kette jener Organisationen, die ihm zur absoluten Macht verhelfen sollten, mit knapper Not einer Katastrophe entgangen war - wegen eines er- bärmlichen Journalisten und eines jungen Arabers, der gerade noch klug genug war, sich sein tägliches Brot zu verdienen. Als die beiden Sammler das Büro verließen, fragte Odds sich erneut, warum Mirko Milan die Dokumente, die er in Moussis Wohnung gefunden und gelesen ha- ben mußte, und den Tod des Arabers mit keinem Wort erwähnte. Ohne Zweifel war diese Verschwiegenheit ein weiterer Beweis seiner geheimen Absichten. Auf die gewagte Bemerkung von Pamela, die nun be- reits auf der untersten Treppenstufe stand, folgte ein Augenblick tiefer Bestürzung. Shelley spürte (oder glaubte zu spüren), wie sehr ihre jungen Komplizen von dieser wunderschönen Frau und ihrem Verhalten be- eindruckt waren. Mit einem Mal wußte sie nicht mehr, was sie tun sollte. Sogar Sunny, der Hysteriker der Bande, der sozusagen in einem Zustand ständiger Erre- gung war, schien plötzlich unentschlossen zu sein. Verwirrt und beschämt wie ein bei einer Unartigkeit er- tapptes Kind, hörte er auf, in seiner Lederhose zu ona- nieren. »Was ist, Sunny?« brüllte Shelley wütend. »Worauf wartest du noch?« Der jüngste der drei Rowdies zögerte. Pamela lächelte wie in ihrer Glanzzeit als Mannequin und ging auf ihn zu. »Du bist also Sunny?« fragte sie ohne die geringste Spur von Herausforderung oder Ironie in der Stimme. Der Besessene der Bande schien völlig verzweifelt zu sein. Er drehte sich zu seinen Freunden um, ganz so, als, suchte er nach Hilfe, Zustimmung, Rat ... Der übermä- ßige Alkoholkonsum, der zuvor sämtliche Tabus und alle Furcht beseitigt hatte, trieb ihm nun die Tränen in die Augen. »Hol deinen Schwanz raus!« schrie Shelley böse. »Diese Nutte wird dir einen blasen!« Pamelas Verhalten erzwang Bewunderung. Hugo Russel hielt den Atem an, aus Angst, dieses seltsame Kräfteverhältnis, das entstanden war, zum Kippen zu bringen. Pamela trat einen Schritt nach vorn, Sunny wich einen Schritt zurück. Dieses Ausweichmanöver versetzte Shelley in hysterische Wut. Sie stieß den Arzt zur Seite und richtete ihre Waffe auf Pamela. Genau in diesem Moment gab Jimmy O'Neal mit sei- nem Karabiner den tödlichen Schuß ab. Shelleys Schä- del explodierte. Russel stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Der Schuß hatte Shelley gegen die Wand geschleu- dert, wo sie nun von einem fürchterlichen Nervenzuk- ken erfaßt wurde. Der Butler drückte ein zweites Mal ab. Mit zerfetzter Brust fiel einer der Burschen zwischen die toten Fische. Dann richtete Jimmy seine Waffe auf den zweiten Jun- gen, der sein Messer fallen ließ und rasch die Hände in die Höhe hob. »Nicht schießen, Mister!« schrie er. Der kleine Sunny rülpste laut auf und kotzte. Damit war die kurze Geschichte der Riot Squad zu Ende. Jimmy wandte sich an Russel. »Würde Monsieur bitte in den Pavillon gehen und die Polizei benachrichtigen ..« Obschon auch David Tolands Cherokee verhältnismä- ßig gut ausgerüstet war, er hätte doch nie mit dem Stu- debaker konkurrieren können. Als der Sammler auf dem Beifahrersitz Platz nahm, hatte er das Gefühl, vor den Bordinstrumenten eines Düsenjets zu sitzen. Die Konservierungsbehälter sowie die medizinischen Ge-, räte im Fond des Wagens waren hingegen relativ ein- fach. Milan machte eben nicht viel Federlesens, und Goldman und Gayle würden in ihrem Chevrolet Re- search auf jeden Fall ausreichend Platz zur Verfügung haben. David beugte sich über ein zwischen dem Scanner und dem Schnelldrucker eingefaßtes Gerät. »Was ist denn das?« Milan grinste und bog auf die Zufahrtsstraße zur Ringautobahn ab. »Eine Erfindung der Z.S.A.-Ingenieure. Eine kleine technische Spielerei, mit der wir alle andern Funker zum Teufel jagen und bei den Unabhängigen ein riesi- ges Durcheinander anrichten können. Sie haben es Ty- phoon genannt ...« Nach wie vor seinen Kaugummi kauend, schaute er Toland an. »Ferner kann dieses Gerät die Aufstellung der drin- genden Fälle ganz schön durcheinanderbringen, erfun- dene Meldungen in Umlauf bringen .« »Und auf einer bestimmten Frequenz die Nachricht eines fiktiven Unfalls durchgeben?« beendete David den Satz und zog den Reißverschluß seiner Jacke hoch. Milans Gesicht erstarrte, er kniff die Augen zusam- men. »Ja, Toland, auch das ist möglich«, murmelte er nach einer Weile. »Aber versuch erst einmal, dich mit dieser ganzen Apparatur vertraut zu machen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Der Studebaker nahm an Geschwindigkeit zu. Milan schaltete die Scheinwerfer und Sirenen ein. Der von Goldman gesteuerte Chevrolet hatte Mühe, ihnen zu folgen. »Du wirst die andern noch abhängen«, bemerkte Da- vid. »Sie wissen doch, wo wir hinfahren«, knurrte Milan nur und gab noch mehr Gas., Unaufhörlich knatterte der Computer. Offensichtlich übermittelte die Z.S.A.-Zentrale ständig neue Nach- richten, eine erstaunliche Liste von Unfällen und Todes- fällen, zu denen es allein in Paris und Umgebung ge- kommen war. Nun erst wurde David bewußt, welch ungleichem Kampf er sich vergeblich gestellt hatte, welch unbegrenzter Macht er die Stirn bieten wollte. Der arme Gerard Roussel hatte recht gehabt: die Unab- hängigen und alle Verrückten, die nach wie vor ver- suchten, ihr eigenes Sammlernetz aufzubauen, waren hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. David erinnerte sich an die langen nächtlichen Fahrten durch die Stra- ßen von Paris, an das Warten auf Anrufe, die nie ka- men. Nur sein guter Ruf hatte den unvermeidlichen Zu- sammenbruch seines Unternehmens noch eine Zeitlang hinausgeschoben. »Dreh dieses Scheißding doch endlich ab!« brüllte Milan wütend. »Und schalt den Scanner auf die G.I.G.N. ein.« »Welche Frequenz?« »Tipp die Buchstaben G.I.G.N. in die rote Tastatur!« seufzte Milan. »Ich frage mich, wie dein Schrottkasten eigentlich ausgerüstet war!« »Ich besaß alles Nötige zur Rettung von Menschenle- ben«, antwortete David gelassen. »Das Abhören ande- rer Sender interessierte mich nicht.« »Zur Rettung von Menschenleben!« gluckste Milan. »Daß ich nicht lache. Hör mir jetzt gut zu, Toland, hier bist du mit mir zusammen. In meinem Wagen. Also ar- beitest du auch mit mir zusammen und vergißt endlich deine Ideale und deine blöde Romantik! Als Mitglieder Z.S.A. bist du zum Geier geworden! Zum Aasgeier, zum Leichenfresser! Mit Poesie hat das nichts zu tun ...« David schwieg und tippte die Buchstaben G.I.G.N. in die Tasten. Sogleich tauchte auf dem Bildschirm in leuchtender Digitalschrift eine Codenummer auf, die, Toland in den Scanner weitergab. Der Lautsprecher knatterte los. »Von der Waldseite aus werden sie zur Erstürmung ansetzen«, erklärte Milan in knappen Worten. »Be- stimmt hat man die Avenue du Marechal Fayolle bereits abgesperrt.« Eine Stimme aus dem Lautsprecher teilte ihnen mit, daß der Hubschrauber soeben gestartet und die Ram- pen bereits installiert waren. »Die Rampen?« fragte David. »Die Scheinwerferrampen«, erklärte Milan. »In weni- gen Minuten wird die Botschaft der Rußkis nur noch aus Ton und Licht bestehen. Das große Spektakel! Wenn alles klappt, haben wir bereits zwanzig Tote auf- geladen, bevor die anderen Arschlöcher überhaupt merken, daß in dem Viertel etwas los ist.« David warf Milan einen neugierigen Blick zu. Einen Blick voller Verachtung und Wut. »Soll ich die Liste der dringenden Fälle durchgehen?« fragte er. Milan brach in schallendes Gelächter aus. »Hör doch endlich mit diesem Blödsinn auf, Toland! Hier herrschen andere Verhältnisse. Sämtliche Auf- nahmeabteilungen stehen uns zur Verfügung. Du ent- nimmst alles, was noch irgendwie unbeschädigt zu sein scheint, den Rest überläßt du den Angehörigen. Okay?« Mit vollem Tempo raste der Studebaker die Zufahrts- straße zur Porte Dauphine hinauf. Die Bereitschaftspo- lizei hatte den Platz mit ihren Wagen abgeriegelt. »Immer noch so aufdringlich, diese Idioten«, knurrte Milan. »Schrecken vor nichts zurück .« Zum fünfzehnten Mal hintereinander stand der legen- däre Torero Mark Zorski in der Arena, im Scheinwerfer- licht, umgeben von verdutzten Matadoren. Vom An- fang bis zum Ende stand er seine Kämpfe durch. Im Gegensatz zu den anderen großen Chirurgen dieser, Welt nahm Zorski den ersten Einschnitt und die letzte Naht eigenhändig vor. Er machte so viel selbst, daß seine Assistenzärzte sich ernstlich fragten, was sie denn eigentlich am Operationstisch verloren hatten. Doch an jenem Tag stellten sie sich diese Frage nicht. Völlig fasziniert, wie Schlafwandler, todmüde und voll- gestopft mit Koffein, folgten sie ihrem Meister von ei- nem Operationszimmer ins andere, und trotz ihrer Er- schöpfung wußten sie, daß sie an der unglaublichsten Leistung in der Geschichte der Herzchirurgie teilnah- men. Um nichts in der Welt hätten sie einem anderen ihren Platz überlassen. Zorski aber zeigte nicht die geringste Ermüdung. Sei- nen fünfzehnten Kampf trug er mit einem zweiundvier- zigjährigen Mann aus, der an einer Erweiterung einer Arterie litt, die Zorski einschnitt und durch ein Da- cron-Transplantat perfekt ersetzte. Jedes von ihm geret- tete Leben befreite ihn ein wenig mehr von der Angst, die auf seiner Brust lastete. Ein pakistanischer Arzt, der im Central Hospital von Philadelphia ein Praktikum absolvierte, flüsterte einer Krankenschwester zu: »So etwas habe ich noch nie gesehen! Schläft er denn nie?« Doch die Krankenschwester bat ihn nur, keine Fragen zu stellen und sich ruhig zu verhalten. Und in der Tat: Es herrschte eine Stille wie in einem Zirkuszelt, nach dem Trommelwirbel, der die gefährlichste Phase einer Luftakrobatennummer angekündigt hat. Eine halbe Stunde später schnitt Zorski in einer Ne- benabteilung einem noch ganz jungen Mädchen den Unterleib auf. Er operierte eine verkümmerte Niere her- aus, hob den Grimmdarm leicht an, um einen zu großen Druck auf das Transplantat zu verhindern, und setzte das neue Organ ein. In Zukunft könnte das Mädchen sich die unangenehmen Zwänge der Dialyse erspa- ren., Zorski streifte seine Gummihandschuhe ab. Der An- ästhesist kam auf ihn zu. »Da sind zwei Polizisten, die mit Ihnen sprechen wol- len«, murmelte er. »Hab jetzt keine Zeit«, entgegnete der Chirurg. »Was steht als nächstes auf dem Programm?« Er ging zur Tür hinaus und stolperte beinahe über die beiden Kriminalbeamten. »Doktor Zorski?« Mit großen Schritten ging Zorski zwischen den bei- den Polizisten den Flur hinauf, die scheinbar nicht die Absicht hatten, sich abschütteln zu lassen. »Sie waren ein sehr guter Freund von Doktor Simba?« fragte einer von ihnen. »Was steht als nächstes auf dem Programm?« fragte Zorski ungeduldig. »Eine Herzgefäßobstruktion«, antwortete der Anäs- thesist, der sich alle zwei Minuten den Schweiß von der Stirn wischte. »Wir haben bereits eine Vene aus dem Oberschenkel entnommen. Die Operation kann beginnen.« Zorski nickte und wandte sich an die Polizisten. »Ziehen Sie sich einen Kittel und einen Mundschutz über«, befahl er. »Sie können mir Ihre Fragen stellen, während ich operiere.« Verblüfft schauten die Beamten einander an. Eine Krankenschwester reichte ihnen zwei sterile Kittel. Starker Kaffeegeruch vermischte sich mit dem ständi- gen Äthergeruch in den Gängen. Der Patient war ungefähr vierzig Jahre alt, fettleibig und hatte ein durch mangelnde Bewegung, übermäßi- gen Alkoholgenuß und fettreiche Ernährung stark ge- schwächtes Herz. Der klassische Fall von Herzversagen. Zorski betrachtete die Vene, die in einem metallenen Behälter lag. »Haben Sie die Undurchlässigkeit überprüft?« fragte er schroff., Der erste Assistenzarzt nickte mit dem Kopf. Zorski nahm die elektrische Säge, schaltete sie ein und schnitt ohne Zögern das Brustbein des Kranken an. Einer der Polizisten wandte sich ab, während der an- dere völlig verkrampft dastand und plötzlich totenblaß im Gesicht wurde. Die Assistenzärzte legten Spreizhaken an, um den Brustkorb offen zu halten. Zorski hantierte im Schein- werferlicht mit dem Skalpell. »Was wollen Sie von mir wissen?« fragte er die Beam- ten. »Ich ... wir ...«, stammelte derjenige, der leichenblaß geworden war. Mit einem kurzen Ruck riß Zorski den Herzbeutel auf und deckte das Herz auf. Der Polizist schluckte und eilte zum Ausgang. Zorski legte die Klammern an und setzte seine Vergrößerungsbrille auf. Zuerst befestigte er ein Ende der herausoperierten Vene an der Aorta, die er dann mit der Herzarterie verband, indem er darauf achtete, das verstopfte Teilsrück zu umgehen. Eine un- glaublich genaue und beschwerliche Präzisionsarbeit, die mit dem Versuch zu vergleichen war, einen Regen- wurm zusammenzunähen und ihn an hartgekochtem Eiweiß zu befestigen. Eine Ausweichstrecke. Viele Chir- urgen haßten diesen Eingriff. Selbst die besten nahmen gewöhnlich nie mehr als eine oder zwei solcher Opera- tionen pro Woche vor. Man setzte sein Augenlicht und seine Nerven dabei aufs Spiel. Zorski hingegen arbei- tete wie gewohnt, mit teuflischer Geschicklichkeit und Gelassenheit. Mühelos vollendete er die erste Naht. Von Zeit zu Zeit schaute er den Polizisten an, der im Operationssaal geblieben war. Der Mann gab sich merklich Mühe, anders- wo hinzuschauen, aber immer wieder wurde sein Blick wie von einem unsichtbaren Magneten auf dieses frei- gelegte Herz gezogen, und mit jedem Mal wurde er blas- ser. Unter seinem Mundschutz lächelte Zorski belustigt., »Ja, ich kannte Doktor Simba sehr gut«, sagte er und nahm die Herzschlagader in Angriff. Der Beamte riß den Mund auf, sagte jedoch kein Wort. Irgendwo zu seiner Rechten kicherte eine Kran- kenschwester. Zorski richtete sich etwas auf und bewegte den Kopf leicht hin und her, um seinen Nacken ein wenig zu ent- spannen. »Sie können gehen«, flüsterte er dem Polizisten zu. »Ich will nicht noch einen Herzinfarkt behandeln. In wenigen Minuten stehe ich Ihnen zur Verfügung.« Der Polizist senkte den Blick und verließ den Opera- tionssaal. Zorski wußte, daß er gewonnen hatte. Er hatte seinen Schmerz besiegt. Nun würde er befreit über Simba sprechen können, ohne diese entsetzliche Übelkeit im Magen zu verspüren. Der Eisberg der Angst war wieder berechenbar geworden. Er überprüfte seine Arbeit. Die Vene war lange ge- nug, um eine zweite Umleitung vorzunehmen. Doch Zorski hielt diese erste für ausreichend. Es war nicht nö- tig, die Risiken eines Risses zu verdoppeln. Andere Chir- urgen - sogar die berühmtesten - hätten sich in Anbe- tracht des Zustands dieses Herzens mit einer zweiten, vielleicht sogar mit einer dritten Umleitung abgesichert. Zorski jedoch hielt es für unendlich viel wirksamer, nur eine anzulegen, dafür aber eine sehr widerstandsfähige. Und seine bisherigen Erfolge erlaubten kaum Kritik an dieser Vorgangsweise. Der Chirurg trat einen Schritt zurück und setzte seine Vergrößerungsbrille wieder ab. Es war Zeit, die Karten aufzudecken. Er gab dem Anästhesisten ein Zeichen, worauf dieser das Sauerstoffgerät abschaltete. Sogleich fing das Herz regelmäßig und ohne die geringste Kom- plikation zu schlagen an. Der Defibrillator war nicht einmal nötig. Zum ersten Mal im Verlauf dieses verrückten Ma- rathons klatschten die Studenten, Praktikanten, As-, sistenzärzte und Krankenschwestern stürmisch Bei- fall. »Aufhören, sonst wacht er noch aus der Narkose auf!« sagte Zorski. Dem Beifall folgte Gelächter. Der Chirurg schloß den Brustkorb - eine Arbeit, die man gewöhnlich den Prak- tikanten überließ - und streifte sich den Mundschutz ab. »Das wär's für heute«, sagte er. »Legt euch einige Stunden schlafen. Ich glaube, ihr habt's nötig. Ich danke euch allen.« Er trat auf den Flur hinaus, wo die beiden Polizisten auf ihn warteten. Sie schienen sich noch nicht so recht erholt zu haben. Zorski hatte ihnen einen bösen Streich gespielt. »Gehen wir in mein Büro.« Die Polizisten folgten ihm und waren sich ihrer Vor- rechte schon nicht mehr ganz so sicher.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Dank der Straßensperren, die ein langsameres Fahren verlangten, gelang es Goldman, mit seinem Chevrolet erneut zum Studebaker aufzuschließen. Offensichtlich genossen die Wagen der Z.S.A. ein beinahe unbe- schränktes Passierrecht. Toland war verblüfft. Mit sei- nem Cherokee wäre er mitten im Stau steckengeblie- ben. Der Sammler wußte sehr wohl von den Verbin- dungen zwischen den Hospitälern und der Organisa- tion von Steve Odds, denn die damit verbundenen Un- annehmlichkeiten hatte er am eigenen Leib verspüren müssen, doch diese offenkundige Zusammenarbeit mit der Polizei war ganz neu für ihn. Milan steuerte den Studebaker, trotz Fahrverbot, in die Avenue du Mare-, chal Fayolle. Eine zweite Sperre der Bereitschaftspolizei wurde geöffnet, um ihm den Weg freizumachen. Ein junger Polizist in Jeans und Wildlederjacke und mit einem offen zur Schau getragenen Revolver an der Hüfte sprang auf das Trittbrett. »Na, ihr Geier!« grinste er. »Die guten Fälle entgehen euch nie, wie?« »Salut, Cowboy!« antwortete Milan und fuhr langsa- mer. »Ich möchte dir den Neuen vorstellen: David To- land.« Neugierig schaute der Polizist David an. »Toland?« Mit einer Hand schob Milan den Polizisten zur Seite und spuckte zum Fenster hinaus. Dann deutete er auf das imposante Botschaftsgebäude. »Wie sieht's denn da drinnen aus?« Ratlos verzog der Polizist das Gesicht. »Schlecht«, murmelte er. »Sehr schlecht. Ein israeli- sches Kommando, das sich als Cristal-Miliz aus dem Südlibanon ausgibt. Ungefähr zwanzig Kerle mit Uzis, Ingram M II-Waffen und Zersplitterungsgranaten. So- viel wir wissen, sind sie momentan dabei, im ganzen Gebäude Sprengkörper anzubringen. Wenn wir jetzt angreifen, lassen sie alles in die Luft fliegen.« »Scheiße«, zischte Milan. »Gibt es bereits Tote?« Der Polizist nickte. »Diese Idioten haben drei Kollegen des Wachdienstes und zwei Angestellte der Botschaft aus dem Fenster geworfen.« »Und wo sind sie jetzt?« »Pech gehabt, Milan. Der Innenminister hat den Be- fehl gegeben, daß die Opfer nicht angerührt werden dürfen.« Milan runzelte die Stirn. »Der Innenminister kann mich am Arsch lecken. Oder tragen die Toten etwa Verbotsplaketten?« »Milan!« seufzte der junge Polizist. »Drei Polizisten, und zwei ausländische Diplomaten, das kannst du doch nicht machen!« Der Geier fluchte und griff nach dem Mikrophon. »Goldman, wir haben fünf Klienten in Aussicht! Sag Gayle, er soll die nötigen Vorbereitungen treffen, in der Zwischenzeit warten wir auf die Genehmigung.« »Auf welche Genehmigung?« knatterte es durch den Lautsprecher. »Die Heinis aus dem Ministerium wollen, daß wir die Spitäler mit halbverwesten Leichen beliefern!« brüllte Milan und schaltete das Mikrophon kurzerhand wieder ab. Er wandte sich an den Polizisten. »Was habt ihr denn nun vor? Setzt ihr zur Erstür- mung an oder nicht?« Der Polizist zuckte mit den Schultern. »Deswegen sind wir ja hier«, knurrte er. »Aber es lau- fen noch geheime Verhandlungen. Es besteht eine Di- rektleitung zum israelischen Premierminister.« Milan verzog den Mund. »Scheiße!« zischte er. »Das wird in die Hose gehn. Denn am Ende ergeben sich diese Idioten noch .« Nachdenklich kratzte er sich an der Wange und zog eine Karte aus seiner Tasche. Das Pikas. »Los, Toland«, befahl er und öffnete die Wagentür. »Wir werden uns die Sache mal genauer ansehen ...« Während die Überlebenden der Riot Squad-Bande ab- geführt wurden, der Gerichtsmediziner sich mit Shel- leys Leiche beschäftigte und ein Polizist, der eben erst aufgestanden zu sein schien, Jimmy O'Neal verhörte, kümmerten Russel und zwei Krankenschwestern sich um Pamela Sirchos. Als die Polizei eintraf, wurde die Milliardärsgattin von einem leichten Unwohlsein befal- len. Russel ließ sie auf ihr Zimmer in ihr Bett bringen, das noch die Spuren ihres Liebesspiels von vorhin auf- wies. Der Arzt fühlte sich peinlich berührt, als er das, Sockenpaar erblickte, das er am Fuß des Bettes verges- sen hatte. Durch Zufall - oder auch aus Taktgefühl - bemerkte keine der beiden Krankenschwestern es. Pamela war zwar bei Bewußtsein, doch sie redete kein Wort. Ihre Haut war wie durchsichtig, von feinen, leicht vorspringenden Äderchen durchzogen. Ihre Augen standen weit offen, genau wie damals, als sie zu ihrer dritten Operation ins Sprague-Hospital in Miami einge- liefert wurde. Russel empfand größte Mühe, sich seine Besorgnis nicht anmerken zu lassen. Ausführlich horchte er Pamelas Brust mit seinem Stethoskop ab. Das Elektrokardiogramm zeigte bereits eine deutliche Schwächung des Herzmuskels an. Erst nach einigen Minuten begriff Russel, daß Pamela nicht sprechen konnte, da ihre Zunge geschwollen war. Er unterdrückte eine verächtliche Grimasse und horchte die Schläge ihres kranken Herzens ein weiteres Mal ab. Pamela betrachtete ihn mit demselben eisigen Blick, mit dem sie ihn anschaute, als er mit ihr schlief. Russel richtete sich wieder auf, entledigte sich des Stethoskops und bat die Krankenschwestern, mit ihm auf den Flur zu kommen. Einer der beiden jungen Frauen standen bereits die Tränen in den Augen. Auch Pamela mußte begriffen haben, was mit ihr los war. »Geben Sie unverzüglich Doktor Mark Zorski in Phil- adelphia Bescheid«, befahl Russel in unbeteiligtem Ton. »Und versuchen Sie ebenfalls, Alexander Sirchos zu erreichen.« Eine Krankenschwester zog die Nase hoch. »Hat die Herzklappe erneut nachgegeben?« fragte sie mit weinerlicher Stimme. Jeder, egal ob Mann oder Frau, vergötterte Pamela. Russel zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht«, murmelte er. »Da ist so ein Ge- räusch.« Die beiden Frauen verschwanden. Einen Augenblick, lang stand Russel reglos da, verzweifelt, mit dem Rük- ken an die Flurwand gelehnt. Auf der anderen Seite der Wand lag Pamela Sirchos im Sterben ... Die beiden Polizisten hatten ihre Arroganz gänzlich ver- loren. Offensichtlich erwartete jeder von ihnen, der an- dere werde das Wort ergreifen und mit dem Verhör be- ginnen. Zorski spüre, wie die lange hinausgeschobene körperliche und nervliche Erschöpfung ihn allmählich überwältigte. Nun endlich würde er wieder schlafen können. Er hatte den Alptraum besiegt, die schreckli- chen Bilder überwunden. Er würde es sogar ertragen, daß diese beiden Beamten die Erinnerung nun wieder aufleben ließen. Der Polizist, der es länger im Operationssaal ausge- halten hatte, räusperte sich. Seine von feinen roten Äderchen durchzogenen Augen, sein fettiges Haar, das ihm an den Schläfen bereits ausging, wiesen auf einen vermutlich durch Alkohol und Streß überbeanspruch- ten Organismus hin. Sein Hüftspeck und sein aufge- blähter Bauch prophezeiten eindeutig eine spätere Dia- betis. In fünf, spätestens in zehn Jahren würde auch dieser Mann vor ihm auf dem Operationstisch liegen. Und dann würde er sich daran erinnern, was er am heu- tigen Abend gesehen hatte ... »Wir haben erfahren, daß Sie und Doktor Simba eine heftige Auseinandersetzung am Telefon hatten, be- vor ...« Er hielt inne, da er sich der Ungeheuerlichkeit seiner Verdächtigung plötzlich bewußt wurde. Ein nervöses Lachen erklang aus Zorskis Kehle. »Muß ich ein Alibi vorlegen?« fragte er. Der zweite Polizist schüttelte den Kopf. Dieser Be- amte hatte ein schlaffes Gesicht. Von den Augen über die Mundwinkel bis zu den zahlreichen Falten, die seine Stirn durchzogen, schienen sämtliche Gesichtsmuskeln, gleichermaßen nach unten zu hängen. Die Suche nach einem glücklichen und zufriedenen Leben hatte er längst aufgegeben. Er überlebte mit einer Leber, die sich in einem jämmerlichen Zustand befand. Mit einer Le- ber, die ihn in ungefähr zehn Jahren - wenn nicht schon früher - von diesem Leidensweg befreien wür- de .»Das ist nicht nötig«, sagte er rasch. »Wir wissen, wo Sie an besagtem Abend waren.« Zorski beugte sich über seinen Schreibtisch. »Würden Sie mir jetzt bitte sagen, warum Sie herge- kommen sind?« fragte er. Da die Polizisten erneut zögerten, fügte er hinzu: »Oder ziehen Sie es vor, mir Ihre Gründe schriftlich mitzuteilen?« Zorski war nach wie vor völlig ratlos. Ungeachtet der Beteuerungen der Kripobeamten am Tag nach dem Blutbad hatte die Polizei sich nicht damit begnügt, halb- herzige Nachforschungen über die Rowdie-Banden an- zustellen, sondern sie hatte auch im Freundeskreis des Ermordeten herumgeschnüffelt - ziemlich unauffällig, gewiß, aber auch mit etlichem Erfolg. In keinem Mo- ment hatte Zorski den Eindruck gehabt, verdächtigt und rund um die Uhr beschattet zu werden. »Wußten Sie, daß Doktor Simba Mitglied einer Voo- doo-Sekte war?« fragte plötzlich der Polizist mit dem traurigen Blick. Um ein Haar wäre Zorski vom Stuhl gefallen. »Was?« schrie er. »Wir haben dafür eindeutige Beweise«, beteuerte der Inspektor. »Das haben wir herausgefunden, als wir seine Papiere durchsahen. Und sein Name steht auch auf der Liste dieser ... dieser Sekte.« »In dieser Sekte gibt es nur Schwarze«, fügte der an- dere mit angeekeltem Gesichtsausdruck hinzu. Völlig verdutzt schüttelte der Chirurg den Kopf. »Und einen solchen Unsinn glauben Sie?« seufzte er., »Armyan Simba war mein Freund, und ich kann Ihnen versichern, daß er ..« Der traurige Polizist legte ein Foto auf den Schreib- tisch. Das Bild zeigte Simba zusammen mit vier anderen Schwarzen irgendwo an einem Strand; an der Farbe des Sandes war deutlich zu erkennen, daß es sich nicht um die amerikanische Ostküste handeln konnte. »Dieses Foto wurde auf einer jamaikanischen Insel aufgenommen«, erklärte der Polizist mit müder Stim- me. »Der Mann in der Mitte wurde letztes Jahr verhaf- tet, da er unter dem Verdacht steht, ein kleines Mäd- chen von acht Jahren buchstäblich in Stücke zerlegt zu haben, anläßlich einer ... einer ...« »Einer Voodoo-Zeremonie«, ergänzte sein Kollege. »In der Strafvollzugsanstalt von McNeil Island wartet er nun auf seinen Prozeß«, fuhr der Inspektor fort. »Und ... mmh ...« Er hielt kurz inne. »Er gibt zu, den Befehl zum Mord an der Familie Simba gegeben zu haben«, sagte er und schaute zu Bo- den. Zorski zog die Nase hoch. »Darf ich ganz offen mit Ihnen reden?« murmelte er. Mit einem Mal hoben die beiden Polizisten interes- siert den Kopf. »Selbstverständlich«, antworteten sie einstimmig. »Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich mir einen solchen Quatsch anhören müssen«, sagte der Chirurg laut und deutlich. »Ich weiß nicht, wer Ihnen diesen Bä- ren aufgebunden hat, aber Armyan Simba war nie und nimmer Mitglied einer Sekte. Man versucht ganz ein- fach, ihn in Verruf zu bringen und dadurch die ganze Arbeit zu zerstören, die wir gemeinsam geleistet haben. Ich will Ihnen sagen, was ich von der ganzen Sache hal- te. Wahrscheinlich hatte Armyan herausgefunden, wer hinter diesem Komplott steckte, und deshalb hat man ihn umgebracht!«, Die Polizisten hörten ihm zu und schauten ihn mit mitleidiger Miene an, was Zorski außerordentlich wü- tend machte. »Begreifen Sie überhaupt, was ich Ihnen gesagt habe?« schrie der Chirurg verärgert. »Wir verstehen ...«, flüsterte der Polizist mit den er- schlafften Gesichtszügen. »Sie verstehen überhaupt nichts!« unterbrach Zorski barsch. »Aber ich versichere Ihnen, daß ..« Plötzlich leuchtete ein rotes Lämpchen auf, und das Telefon klingelte. Zorski hob ab. »Ich will jetzt nicht gestört werden!« brüllte er. »Ich bin mit ... Wer?« Der Arzt runzelte die Stirn. »Gut, stellen Sie die Verbindung durch!« sagte er nach einer Weile. Eine Zeitlang hörte er zu. Seine Wut verwandelte sich in Verärgerung, seine Verärgerung in Bestürzung. Am anderen Ende der Leitung erklärte Hugo Russel ihm, welches Drama sich in West Palm Beach abgespielt hatte und daß Pamela Sirchos sich in einem sehr kritischen Zustand befand. Schließlich teilte er Zorski noch mit, daß auf dem Flughafen von Philadelphia eine Maschine der Sirchos Corporation ihn erwartete. »Ich komme«, murmelte er nur und legte auf. Dann schaute er die Polizisten an, als wüßte er plötz- lich nicht mehr, wer sie waren und weshalb sie in sei- nem Büro saßen. Sein Blick fiel auf das Foto, das er in den Händen hielt. Er schob es den Polizisten wieder hin. »Sie wollen von mir wissen, ob mir einer dieser Män- ner bei Simba begegnet ist?« Die Inspektoren nickten. »Tut mir leid«, seufzte der Chirurg sichtlich erschöpft. »Abgesehen von seiner Gattin, einer Mischlingsfrau, und seinem Sohn ist mir in Simbas Haus nie ein, Schwarzer begegnet. Ich glaube, er haßte es sogar, ein Schwarzer zu sein. Und die einzige Vereinigung, bei der er wahrscheinlich bereitwillig Mitglied geworden wäre, akzeptierte keine Neger ...« Er erhob sich. »Ich muß weg. Entschuldigen Sie mich bitte ..« Auch die beiden Polizisten erhoben sich. Zorski stand bereits an der Tür. Er öffnete sie und wandte sich noch einmal an seine Besucher. »Darf ich Ihnen noch einen letzten Rat mit auf den Weg geben?« Die Beamten schauten einander an. »Trinken Sie weniger Bourbon, rauchen Sie weniger und essen Sie weniger Brathähnchen. Andernfalls lan- den Sie, der eine wie der andere, mit wundervollen Fettpfröpfen in den Adern auf dem Operationstisch«, sagte der Chirurg. »Etwas mehr Bewegung könnte auch nicht schaden. Ich weiß nicht, aber . .. Nun, verfolgen Sie weiterhin Ihre schwarzen Hexer. Aber zu Fuß, wenn ich bitten darf!« Der Polizist mit der Halbglatze zog die Nase hoch. »Dürfen wir auch ganz offen mit Ihnen reden?« fragte er. »Nur Mut!« »In dem Zustand, in dem Sie sich momentan befin- den, würde ich mich lieber von meinem Tankwart ope- rieren lassen ...« In der Nähe der Umgehungsstraße, in den Grünanlagen und auf dem Boulevard hatte die G.I.G.N. Scheinwer- ferrampen errichtet, von wo aus die vier Seiten des rie- sigen Würfels beleuchtet wurden, der die russische Bot- schaft darstellte. Dieses Gebäude war einer der dreißig strategisch wichtigsten Punkte, deren Erstürmung re- gelmäßig von den Elitetruppen der Gendarmerie ge- probt wurde; allerdings erschwerte die von den Sowjets streng geheimgehaltene Anordnung der Büroräume, und insbesondere der Kellerräume die Arbeit der Ein- satzkräfte erheblich. Im Moment schien in den Reihen der Polizei eine gewisse Verwirrung zu herrschen. Wi- dersprüchliche Anweisungen waren im Umlauf, ent- wickelten sich zu Gerüchten, wurden plötzlich wieder dementiert und durch neue Befehle ersetzt. Die Geier hockten hinter einem Gebüsch auf der an- deren Seite der Avenue du Marechal Fayolle, gegenüber der Botschaft. Die Terroristen hatten absichtlich alle Lichter im Gebäude ausgeschaltet. Von Zeit zu Zeit tauchten hinter den riesigen Fenstern der Botschaft ei- nige flüchtige Schatten auf. Terroristen oder Geiseln? Das konnte niemand wissen. Die Cristal-Gruppe war eine Splittertruppe der is- raelischen Armee, die sich nach zahlreichen Attentaten der libanesischen Miliz und palästinensischen Kom- mandotruppen zusammengeschlossen hatte. Da jedoch immer mehr unschuldige Opfer zu beklagen waren, be- gann ein großer Teil der zionistischen Armee an dem Sinn dieses endlosen Krieges zu zweifeln. Mit der Zeit war die Cristal-Gruppe, die von der Mehrheit der is- raelischen Bevölkerung unterstützt wurde, offiziell un- kontrollierbar geworden. So mußte man sowohl auf die amerikanischen Interessen als auch auf die Bestimmun- gen der UNO Rücksicht nehmen. Sehr schnell hatten abtrünnige Soldaten der Cristal-Gruppe auf sich auf- merksam gemacht, indem sie mit unglaublicher Grau- samkeit ihre Kommandoeinsätze im Libanon verstärk- ten und die Stellungen der schiitischen Truppen angrif- fen und sogar für spektakuläre Attentate in Syrien und im Iran die Verantwortung übernahmen. Die israelische Regierung antwortete auf die Aktionen dieser Splitter- gruppen mit offiziellen Erklärungen, deren lakonischer Ton eine gewisse Zufriedenheit kaum verbergen konn- te. Die Cristal-Gruppe war weltweit aktiv geworden. Im Gegensatz zu anderen Terroristenorganisationen mar- schierten sie munter über Grenzen hinweg, entführten, Flugzeuge, nahmen Geiseln und griffen, überall in der Welt mit großem Erfolg, Länder an, die Israel feindlich gesonnen waren. »Was ist eine Ingram M II?« flüsterte Toland. »Ein wahres Wunderding«, antwortete Milan. »Ein kleines Maschinengewehr, kaum größer als ein Revol- ver. Achthundertfünfzig Schuß pro Minute und so prä- zis, daß du damit eine Hecke zurechtschneiden könn- test. Hat nie Ladehemmungen und legt mit einem Schlag ein ganzes Polizeikommando um.« Der Geier spuckte von neuem. »Verdammt, worauf warten die bloß?« fluchte er. »Ich habe keine Lust, die ganze Nacht hier zu hocken!« Die beiden Sammler schauten zum Dach der Bot- schaft, auf dem soeben ein Mitglied des Kommandos in Begleitung einer blonden Frau auftauchte. Ein Scheinwerfer ging an und wurde auf das Paar ge- richtet. »Schaltet diesen verfluchten Scheinwerfer aus, ihr Idioten!« schrie ein Unteroffizier rechts von den Geiern. Der Scheinwerfer erlosch wieder. Der Terrorist schien auf die Frau einzuschlagen. Aus dieser Entfernung und in der Dunkelheit war nicht genau zu erkennen, was er vorhatte. »Er wird sie runterwerfen ...«, flüsterte Milan hoff- nungsvoll. David zuckte zusammen und schaute seinen Kollegen an. Er traute den Sammlern der Z.S.A. einiges zu, doch daß sie so weit gehen würden ... Milan bemerkte Tolands überraschten Blick. »Was schaust du mich so an?« knurrte er. Erst in dem Moment, als der junge Polizist auf den Fersen zu ihnen gekrochen kam, schaute David wieder weg. »Was ist los?« fragte Milan. »Sie geben auf«, erklärte der Polizist. »Drei Minibusse werden sie nach Roissy fahren.«, Milan runzelte die Stirn. Ein Lichtstrahl fiel auf die goldenen Schulterbesätze seiner Lederuniform. »Habt ihr auf der Fahrt dorthin irgend etwas ge- plant?« »Nein.« »Im Flugzeug?« Der junge Polizist schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts. Wir lassen sie abhauen. Von nun an haben wir nichts mehr mit der Sache zu tun.« Milan schien wütend zu sein. »Was soll dieser Quatsch? Die Idioten haben schließ- lich drei Polizisten umgebracht.« Der Polizist zuckte mit den Schultern. '»Ich gebe nicht die Befehle«, antwortete er nur. »Scheiße!« fluchte der Geier mit zusammengebisse- nen Zähnen. Er deutete auf das Paar auf dem Dach des Botschafts- gebäudes. »Und der da oben treibt's mit dem Mädchen? Was soll das bloß?« Halb spöttisch, halb verbittert verzog der junge Poli- zist den Mund. »Er opfert sich für die anderen. Wenn das Flugzeug gestartet ist, läßt er das Mädchen frei und ergibt sich. Es sei denn ...« Er beendete seinen Satz nicht. Was auch nicht nötig war. Milan beobachtete die Silhouette des Paares, die sich gegen den Sternenlosen Himmel abhob. »Sind die Minibusse bereits eingetroffen?« murmelte er. »In wenigen Minuten werden sie hier sein.« Milan richtete sich etwas auf und legte Toland eine Hand auf die Schulter. »Wart hier auf mich!« befahl er, bevor er im nahen Dickicht verschwand. Toland blieb mit dem jungen Polizisten zurück. Es schien zu einem Waffenstillstand gekommen zu sein., Die Nervosität hatte sich gelegt. Die Ruhe vor dem Sturm? »Diese Kerle sind echte Soldaten«, flüsterte der Poli- zist. »Und sie wissen verdammt gut, was Krieg ist. Mir ist es lieber, wenn sie verduften. Ich hab derart Angst, daß ich mir nicht einmal mehr den Hintern abwischen könnte ...«

Fiünfundzwanzigstes Kapitel

In der Villa herrschte eine bedrückende Atmosphäre. Eine Stimmung wie nach einer Katastrophe, eine Atmo- sphäre der Zerstörung und Verzweiflung, wo nur noch die schrillen Schreie weinender Frauen fehlten. Die In- spektoren der Kriminalpolizei hatten es kategorisch un- tersagt, daß das Wohnzimmer und die Bar aufgeräumt und gereinigt wurden. Woraufhin Jimmy O'Neal ganz einfach beschlossen hatte, den Zutritt zu diesem Teil des Hauses zu verbieten; er verschloß sämtliche Türen und nahm die Schlüssel an sich. Im Nu verwandelte das Personal Pamelas Schlafzim- mer in eine Intensivstation. Die Milliardärsgattin schien eingeschlafen zu sein, nachdem sie um mehrere Gläser Wasser gebeten und diese sogleich wieder erbrochen hatte. Mark Zorskis Können hatte den Tod nur für eine Weile verdrängt, nun setzte er seine Krallen erneut im Herzen der jungen Frau fest. Und diesmal würde sogar der geniale Zorski dem Ausmaß des Übels machtlos ge- genüberstehen. Eine neue Herzklappe könnte er nicht einsetzen, da das Herzgewebe zu sehr beschädigt war. Die Diagnose war klar und eindeutig. Noch einige Stunden, vielleicht einige Tage lang würde Pamela mit dem Tod kämpfen, vorausgesetzt, man griff auf harn- treibende Mittel zurück, um die Giftstoffe, die sich be- reits in ihrem Körper angesammelt hatten, zu neutrali-, sieren, und setzte Aderpressen an ihre Glieder, um ein Anschwellen des Herzens zu verhindern. Aber am Ende würde sie dann doch unweigerlich sterben, ohne daß jemand etwas für sie tun könnte. Hugo Russel saß im Spielzimmer, beugte sich über das Schachspiel mit der fehlenden Königin und schlürfte einen Martini Dry, dessen bitterer Geschmack die ihn lähmende Angst zu beseitigen schien. In etwa zwanzig Minuten würde Zorski in der Villa eintreffen, und das Personal - die Krankenschwestern wie auch die Hausdiener - schien fest davon überzeugt zu sein, daß der berühmte Chirurg erneut ein Wunder vollbringen könnte. Russel hatte nicht die Kraft, ihnen die Wahrheit zu sagen. Es gab keine Rettung mehr für Pamela Sir- chos. Zorski würde sich vergeblich hierher bemühen und sich dessen nach spätestens fünf Minuten ebenfalls bewußt werden. Russel hingegen wurde von einem anderen Rätsel gequält. Hatte die Herzklappe vor oder nach dem Ein- dringen der Rowdies nachgegeben? Was war die ge- naue Ursache des Unfalls? Die Gauner oder ... dieser widerwärtige bestialische Liebesakt, dem er sich unter Pamelas eisigem Blick hingegeben hatte? Nach zweimaligem kurzen Klopfen betrat der Butler das Zimmer. »Die Köchin hat ein kleines Mahl zubereitet«, sagte er. »Wenn Sie Hunger haben ...« Russel schüttelte den Kopf. »Nein danke, im Augenblick nicht.« »Wir haben Monsieur Sirchos in Montreal erreichen können. In drei oder vier Stunden wird er hier sein«, fügte O'Neal hinzu. Russel hob den Kopf. In dem starren Blick des Butlers war keine Spur von Feindseligkeit zu erkennen. An- scheinend beschränkte er sich darauf, die Nachrichten zu übermitteln. Aber auch ein Anflug von Komplizen- schaft war nicht zu erkennen. Jimmy O'Neal hatte ge-, sehen, wie ein nackter Mann das Schlafzimmer seiner Herrin verließ, und zwei Jugendliche getötet, doch er blieb kühl wie ein Eisberg. »Gibt es wirklich nichts, das Sie aus der Fassung bringen kann, Jimmy?« fragte der Arzt leise. Eine Sekunde lang zögerte der Hausmeister. Zumin- dest sah es so aus, als würde er zögern, aber bestimmt war auch das wieder nur eine Taktik von ihm. »Doch, Monsieur«, gestand er in völlig unbeteiligtem Ton. »Vorhin, als Sie sich im Schwimmbecken das Le- ben nehmen wollten, war ich einen Augenblick lang versucht, nicht einzugreifen.« Russel verzog das Gesicht. »Warum haben Sie es dann doch getan?« »Ich dachte, daß es Monsieur später vielleicht leid tun würde«, sagte O'Neal ungeniert. »Um ganz ehrlich zu sein: Ich hätte auch geschossen, wenn das Mädchen Monsieur nicht zur Seite gestoßen hätte. Und diese Waffe ist nicht besonders wählerisch ..« Russel zuckte mit den Schultern. »In dem Fall hätten Sie nichts anderes getan, als mir das Leben, das Sie mir vorhin gerettet hatten, wieder zu nehmen«, knurrte er leicht verärgert über den schulmei- sterlichen Ton des Butlers. Jimmy O'Neal räusperte sich. »Ich wollte damit sagen, daß ich die Möglichkeit hat- te, diese Rowdies am Eindringen in die Villa zu hin- dern«, fügte er hinzu und ging hinaus. Diese letzte Bemerkung hatte zumindest das Ver- dienst, die Situation klarzustellen. Jimmy O'Neal hielt Russel für alles verantwortlich und ließ keine mildernden Umstände gelten. Und der Arzt war nicht weit davon entfernt, dasselbe zu den- ken ... Er nahm eine Glasfigur und hielt sie lange in der Hand., Da sie wußten, daß es am Ende wahrscheinlich doch nicht zu einem Einschreiten kommen würde, wurden die Polizisten deutlich nachlässiger. Aus verschiedenen Gründen, aus Angst oder aus einer gewissen Sympa- thie für die Cristal-Truppen, schienen alle mit diesem Ausgang zufrieden zu sein. Nur die Erinnerung an die ermordeten Bereitschaftspolizisten verwirrte sie noch ein wenig. Ohne diese Toten hätten die Kommando- mitglieder die Botschaft fast sogar unter stürmischem Beifall verlassen können. Einige Polizisten spazierten in den angrenzenden Grünanlagen umher, stellten sich zusammen, um miteinander zu diskutieren, und über- querten schutzlos die Avenue du Marechal Fayolle. Die vor einigen Minuten noch äußerst angespannte und kri- tische Situation hatte sich rasch entspannt. Und nur sehr wenige Anwesende begriffen sogleich, daß der Schuß aus einer Maschinenpistole stammte. David Toland glaubte, der Knall stamme aus dem Auspuff eines auf der Umgehungsstraße vorbeifahren- den Wagens. Erst als er den Mann vom Dach fallen sah, begriff er. Jemand hatte den Terroristen erschossen. Mit einem häßlichen Geräusch schlug das Kommandomit- glied auf dem Rasen direkt vor dem Botschaftsgebäude auf. Sogleich waren aus allen Richtungen laute Befehle und entsetzte Schreie zu hören, welche die Panik der Polizisten noch größer werden ließen. Die Tore zur Hölle öffneten sich. Die Mitglieder der Cristal-Gruppe begannen wie wild um sich zu schießen und zerschlu- gen von innen die riesigen Fenster des Gebäudes. Eine gewaltige Explosion erschütterte den Boden des sech- zehnten Pariser Bezirks bis hin zur Place de l'Etoile. Schwarze Rauchwolken stiegen aus dem linken Flügel der Botschaft auf. Die Polizisten beantworteten das Feuer und nahmen die Fassaden des Botschaftsgebäu- des unter Beschuß. Etwa zehn Leichen lagen bereits auf der Fahrbahn., Die Rinde des Baumes, hinter dem Toland sich ver- steckt hielt, flog in Stücke und schien von einer unsicht- baren Säge zerfetzt zu werden. Um sich noch besser zu schützen, klammerte sich der Sammler noch enger an den Baum. Der junge Polizist lag sterbend auf dem Rük- ken im Gras. Außer dem Stakkato der Maschinenpistolen und den unaufhörlichen Schüssen aus Revolvern und anderen Waffen hörte Toland plötzlich das Surren eines Rotors. Der Hubschrauber der G.l.G.N. flog heran. Die Grana- ten zogen Rauchwolken durch die Nacht. Die Lage wurde von Sekunde zu Sekunde auswegloser, und je- der versuchte, um sein eigenes Leben zu kämpfen. Sämtliche Scheinwerfer waren auf die Botschaft ge- richtet, die in dichten Nebel gehüllt zu sein schien. Die- sen Nebel ließ das grelle Scheinwerferlicht noch un- durchdringlicher erscheinen. Der Hubschrauber setzte etliche Polizisten auf dem Dach der Botschaft ab. Unterdessen breitete sich im nördlichen Flügel des Gebäudes ein riesiges Flammen- meer aus, von der ersten bis zur letzten Etage. Toland krümmte sich noch mehr zusammen. Sein ganzer Kör- per bestand nur noch aus Angst. Einige Meter von ihm entfernt sackte ein weiterer Polizist zu Boden. Kugel- splitter hatten ihn getroffen. Die Busse und Wagen der Ordnungskräfte wurden von den Kugeln durchlöchert, manche Einschußlöcher waren so dick wie der Arm ei- nes Kindes. Plötzlich wurden die Schüsse seltener. Statt dessen waren dumpfe Explosionen zu hören, die das ganze Viertel erschütterten. Der Rauch der Flammen, der von einem lauen Wind am Boden gehalten wurde, machte die Situation unbeschreibbar. Dröhnend hielt ein zweiter Hubschrauber über der Botschaft im Flug inne. Die Flammen griffen auf die öst- liche Fassade des Gebäudes über. Mit ungeheurer Ge- schwindigkeit zerstörten sie die massiven Mauern. Toland, der zu ersticken drohte, hustete wie ein alter, Mann. Plötzlich wurde er von einer kräftigen Hand hochgerissen. »Was tust du denn hier?« brüllte Milan. »Es gibt Ar- beit.« Er drückte dem verdutzten Sammler eine Gasmaske in die Hand und deutete auf den jungen Polizisten. »Die Leber und die Nieren!« befahl er. »Dafür besteht eine große Nachfrage. Und dieser Kerl hat in seinem ganzen verfluchten Leben keinen einzigen Tropfen Al- kohol getrunken! Los, beweg dich!« Milan eilte zu einem anderen Toten, den er rasch auf den Rasen zog. Die Geier spürten, wie die schreckliche Hitze des Feuers ihnen durch die Lederuniform auf die Haut brannte. Eine halbe Stunde vor der Landung des von der Sirchos Corporation gecharterten Flugzeugs war Mark Zorski eingeschlafen. Als er wieder aufwachte, fühlte er sich todmüde und völlig erschöpft. Gegen diesen Zustand mußte er etwas unternehmen, und so schluckte er, ohne Wasser, zwei Amphetamintabletten. Eine strahlend weiße Limousine erwartete ihn beim Verlassen der Maschine. Zorski hatte größte Mühe, die schmale Gangway hinunterzugehen; schließlich nahm er im Fond des Wagens Platz. Seine Lippen waren von der starken Amphetamin-Dosis wie zugeschweißt. Zwei Motorräder begleiteten den Wagen, der mit wahn- sinniger Geschwindigkeit nach West Palm Beach raste. Mit heulenden Sirenen jagten sie bei Rot über die Kreu- zungen. Auf dieser bewegten Fahrt kam Zorski allmählich wieder zu sich. Das Aufputschmittel besiegte seine Er- schöpfung, doch am nächsten Tag würde er für diese Methode sehr teuer bezahlen müssen. In Gedanken versunken, massierte er sich das Zahnfleisch sanft mit dem Zeigefinger, um die eisige Betäubung loszuwer- den, die die Zähne wie weißglühende Dolche im Mund, anfühlen ließ. Er erinnerte sich an jede Sekunde, an je- den Handgriff von Pamela Sirchos' Operation. Diese Herzklappe hätte dem Druck standhalten müssen. Nie zuvor hatte er derart widerstandsfähige Nähte ange- bracht. Er konnte sich ein Scheitern einfach nicht vor- stellen. Normalerweise fügte sich der Chirurg dem Schicksal, diesem beinahe unbegreiflichen Prozentsatz an Todesfällen. >Steinerne Herzen<, Abstoßungen - er akzeptierte einen gewissen Prozentsatz an Verlusten, die man lakonischerweise in den Archiven aufbewahrte, ohne sie jemals wirklich analysieren zu können. Am Anfang seiner Karriere hatte er sich darüber em- pört, was er buchstäblich für Diebstahl hielt, für ein Eindringen des Todes auf sein Gebiet, für eine wahre Ungerechtigkeit. Bis er schließlich einsah, daß der Tod keine Regeln befolgte, daß es nach wie vor Geheimnisse gab, die man in den allzusehr gefüllten Katalog der > An- ästhesie-Toten« aufnahm. Auf dieser Stufe der medizi- nischen Erkenntnisse gab es keine Erklärungen mehr. Täglich, stündlich standen die Ärzte dem Unmöglichen gegenüber, vor Problemen, deren Lösung ihnen völlig unbekannt war. Der Star-Chirurg wie der einfache Landarzt, alle be- trieben letzten Endes das, was Armyan Simba scherz- haft >Magie der Versuchung< zu nennen pflegte, Ver- suchsmedizin. Blindlings hantierten sie im menschli- chen Körper und zerstörten dabei oft mehr, als sie wie- der reparieren konnten. Wenn Komplikationen auftra- ten, war Zorski stets der Meinung, es sei gescheiter, die Körper zu öffnen und nachzusehen, als Ungewisse Dia- gnosen zu stellen. Trotz dieser Geheimnisse, die Legionen von Wissen- schaftlern zu lüften versuchten, war Zorski felsenfest davon überzeugt, daß Pamela Sirchos' Herzklappe stark genug sein würde, um jeden Druck auszuhalten. Wahr- scheinlich hatte Hugo Russel sich geirrt. Eine andere Erklärung gab es für ihn nicht., Eine halbe Stunde später mußte Zorski sich den Tat- sachen beugen: Russel hatte sich nicht geirrt. Die Herz- klappe hatte sich tatsächlich verschoben, und Pamelas Herz drohte zu zerreißen. Unverzüglich ließ Zorski Aderpressen an den Armen und Beinen der jungen Frau anbringen, doch er wußte ganz genau, wie nahe sie dem Tod war. Russel und das Krankenpersonal erwarteten ihn in der Bibliothek der Villa. »Das Geräusch hat sich leicht verändert«, erklärte er in knappen Worten und legte seinen Aktenkoffer auf den Bridgetisch. »Das Gewebe hat nachgegeben. Eine Herzbeutelblutung. Der Blutdruck ist auf unter dreißig Prozent gefallen.« Er vermeinte, alle Anwesenden seufzen zu hören. Alle, mit Ausnahme von Russel, der längst wußte, was der Chirurg soeben erklärt hatte. An ihn wandte sich Zorski nun. »Was halten Sie von der Sache?« Trotz seiner Verwirrung fühlte Russel sich irgendwie geschmeichelt von der ihm entgegengebrachten Auf- merksamkeit. »Wir können nicht mehr allzuviel für sie tun«, mur- melte er. Zorski schüttelte den Kopf. »Es ist zu spät«, flüsterte er. »Während wir noch Ana- lysen vornehmen und nach einer letzten Rettungsmög- lichkeit suchen, ist Pamela Sirchos längst gestorben. Seit drei Jahren führe ich keine Herztransplantationen mehr durch. Der Prozentsatz an Mißerfolgen ist einfach zu groß.« Er sank in einen mit grellrotem Samt bespannten Ses- sel. »Ich glaube, daß ..«, flüsterte er. Er beendete seinen Satz nicht. Nun hatten alle begrif- fen, was los war., Als es hell wurde, sah man das ganze Ausmaß der Kata- strophe. Ein schmutziger Tag begann, ein Tag, so grau wie die Trümmer, in denen die Sammler, Sanitäter und Feuerwehrmänner herumwühlten. Die sowjetische Botschaft war bis auf die Grundmau- ern niedergebrannt, der Nord- und der Ostflügel waren eingestürzt und hatten die Toten und Verletzten unter tonnenschwerem brennenden Schutt begraben. Die pri- vilegierte Lage des Gebäudes hatte verhindert, daß das Feuer auf die benachbarten Häuser übergreifen konnte, doch sämtliche Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite trugen die Spuren des erbitterten Kampfes, den die Soldaten der Cristal-Truppe und die Elitekämp- fer der G.I.G.N. sich drei Stunden lang geliefert hatten. Die Geschosse hatten die Fassade durchlöchert, die ele- gante Architektur zerstört, die Fensterscheiben waren zerbrochen, die Bäume verkohlt ... Noch immer stieg grauer Rauch aus den Ruinen auf, und ein undefinier- barer, unangenehmer und betäubender Geruch von Kampfgas und verbranntem Fleisch schwebte über dem Viertel. Auf dem Höhepunkt des Gefechts hatte David To- land wie durch ein Wunder zu seinen Reflexen zurück- gefunden und sich einem unglaublichen Kampf gestellt. Mit außergewöhnlichem Einsatz und großer Verbissen- heit hatte er die leblosen Körper zerlegt, die ihm von Milan und den Geiern geliefert wurden. Natürlich wa- ren der Studebaker und der Chevrolet Research bald überfüllt, und auf Milans Anfrage hin schickte Steve Odds beinahe alle verfügbaren Wagen an die Unfallstel- le. Der junge, ganz aufgeregte Gayle, der Toland assi- stieren sollte, war sehr schnell überfordert und konnte dem rasenden Rhythmus des Sammlers nicht mehr fol- gen. Deshalb mußte David mehr als die Hälfte der Ein- griffe selbst vornehmen, wobei er kein Wort sprach und seine Angst und seine Zweifel in diesem makabren Ma-, rathon rasch vergaß. Im Morgengrauen waren alle Kon- servierungsbehälter gefüllt, kein brauchbarer Toter war Tolands Skalpell entgangen. Völlig verdreckt, mit blutverschmiertem Gesicht und vom Rauch geröteten Augen ließ Toland sich auf dem Trittbrett des Studebakers nieder. Das Skalpell glitt ihm aus der Hand und fiel zwischen seine Füße auf den Asphalt. Gayle hockte ihm genau gegenüber im Gras und starrte ihn gleichzeitig voller Bestürzung und voller Be- wunderung an. Natürlich kannte er Tolands Ruf schon, ehe dieser der Z.S. A. beitrat, aber nie zuvor hatte er sich vorstellen können, daß ein Mann derart viele Organe mit derartiger Präzision und Schnelligkeit entnehmen konnte. Tolands Können war wirklich verwirrend, fast sogar beschämend. Auf diesem Gebiet war Perfektion nicht erwünscht. Diesen Beruf mußte man wirklich lie- ben, um es zu solchem Können, zu solch außerordentli- chen Leistungen zu bringen. Weiter hinten saß Goldman auf einer steinernen Bank, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schien zu schlafen. Seit einer Viertelstunde hatte er sich nicht mehr gerührt. Für ihn würde diese Nacht auf ewig mit dem Stempel des Alptraums geschlagen bleiben. Dann tauchte Milan auf. Er trug immer noch seine Gasmaske. Die rechte Schulter seiner Uniform war zer- rissen, und der linke Knöchel war mit bereits getrockne- tem Blut besudelt. Etwas unterhalb des Knies trug er eine Abschnürbinde, und er humpelte leicht. Er pflanzte sich vor Toland auf und riß sich die Maske vom Gesicht. Er lachte. »Ich glaube, wir haben es geschaft, du und ich!« grin- ste er. »Wir beide werden ein fabelhaftes Team abge- ben!« Er versetzte Toland einen Schlag gegen die Schulter, der ihm beinahe den Arm ausrenkte und ihn fast zu Bo- den geworfen hätte. Schwankend hob der Sammler sein, Skalpell auf und stellte sich vor Milan. Seine Augen funkelten vor Wut. »Wenn ich den Kerl erwische, der den Mann vom Dach geschossen hat«, schrie er mit heiserer Stimme, »werde ich ihn Zentimeter für Zentimeter, Stück für Stück zerschneiden, bis er seine eigene Mutter ver- flucht, ihn auf die Welt gesetzt zu haben!« Lange starrten die beiden Männer sich an. Die Klinge des Skalpells warf wirre Schatten auf Milans Gesicht. »Einer dieser verfluchten Bullen muß die Nerven ver- loren haben«, murmelte Milan gelassen. David blieb mißtrauisch, zweifelnd. »Glaub ich nicht!« knurrte er wütend. Wie die Kralle eines Reptils schnellte Milans Hand vor und packte David am Handgelenk. Er näherte sich sei- nem Gesicht. Fast berührten sich ihre Lippen. »Wag es nicht, mich zu bedrohen, Toland!« zischte Milan. »Nie! Steck schon deine Prämien ein und halt's Maul!« Ein letztes Mal las der Anwalt die Spalte durch, in der über Mustapha Moussis gewaltsamen Tod berichtet wurde. Der Stil des Journalisten zeugte von eisiger, bei- nahe ärgerlicher Gleichgültigkeit. Der Artikel endete mit der nur ungenau formulierten Hypothese eines ras- sistischen Verbrechens. Moussi war auf offener Straße die Kehle durchgeschnitten worden, doch es meldete sich kein einziger Zeuge, der bereit war, auch nur ein Wort über den Mörder auszusagen. Der Anwalt legte seine Zeitung beiseite, fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und erhob sich aus seinem Sessel. Er stellte sich vor die hintere Wand seines Büros und schob eine kunstvoll gearbeitete Holzplatte auf, hinter der sich ein gewaltiger Tresor be- fand. Aus Erfahrung wußte er, daß man es eventuellen Einbrechern nicht zu leicht machen durfte, indem man während allzulanger Zeit dieselbe Zahlenkombination, benutzte. Die Rippen stumpften ab, und mit einem einfa- chen Stethoskop konnte man die abgenutzten Tiegel lo- kalisieren, die ein eindeutig dumpferes Klicken von sich gaben, wenn der Bolzen sie streifte. Um diesem Pro- blem zuvorzukommen, änderte der Anwalt seine Zah- lenkombination monatlich. Nachdem er den Schlüssel eingeführt hatte, drehte er ungeduldig an den beiden Kreuzen, drückte den Griff nach unten und zog mit aller Kraft an der Eisentür. Der Tresor wollte sich nicht öff- nen. Der Anwalt fluchte leise, ging mit großen Schritten an seinen Schreibtisch zurück, blätterte aufmerksam in seinem Terminkalender, stellte mit Erleichterung seinen Irrtum fest. Eine sehr häufig anzutreffende unange- nehme Begleiterscheinung eines verhältnismäßig kom- plizierten mnemotechnischen Systems. Seltsamerweise jedoch beruhigte ihn diese Schwierigkeit jedesmal, wenn sie auftauchte. Er ging zum Tresor zurück, der sich nun problemlos öffnen ließ. Er griff nach einem dicken Aktenordner, den er in einen gepolsterten Umschlag steckte, auf den er mit einem schwarzen Filzstift den Namen von David Toland schrieb. Dann suchte er im elektronischen Telefonbuch nach der Adresse des Sammlers und schrieb auch diese auf den Umschlag. Er verschloß das Dokument mit einem Kunststoffclip und legte es in das Fach seiner Sekretä- rin. Was weiter damit geschehen würde, ging ihn nichts mehr an.,

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Die Villa war wie in einem Rausch. Zwischen dem abge- sperrten Wohnzimmer und Pamelas Schlafzimmer im ersten Stock, wo eine unheimliche, irgendwie feierliche Stille herrschte, liefen todmüde Gestalten umher wie Blinde durch ein auswegloses Labyrinth. Der übermäßige Genuß von Amphetaminen gab Zorski ein nicht zu unterdrückendes Verlangen nach ei- nem schweren alkoholischen Getränk, und als er seinen dritten Southern Comfort austrank, hörte er, wie Alex- ander Sirchos' Lincoln Continental auf dem Kiesweg der Hauptallee vorfuhr. Anschließend geriet das ganze Haus in noch größere Hysterie. Jeder schien sich für Pamelas Zustand verantwortlich zu fühlen. Nur Mark Zorski und Jimmy O'Neal, der Hausmeister, zeigten sich von der Ankunft des Milliardärs absolut nicht be- eindruckt. Russel, der dem berühmten Chirurgen gegenübersaß, war leichenblaß im Gesicht geworden. Bläuliche Schat- ten hoben sich von seiner fahlen Haut ab. »Hören Sie doch endlich mit diesen Selbstvorwürfen auf!« seufzte Zorski. »Sie trifft doch keine Schuld ... Diesmal haben Sie sie doch nicht operiert.« Mit völlig starren Augen schaute Hugo Russel seinen namhaften Kollegen an. »Das können Sie nicht verstehen«, murmelte er. Zorski verzog das Gesicht. Die Zeit der feingeistigen Komplimente war längst vorbei. »Scheren Sie sich zum Teufel!« entgegnete er und er- hob sich. Wütend stieß er seinen Stuhl zurück und zeigte dro- hend auf Russel. »Sie wären bestimmt ein hervorragender Chirurg, wenn Sie vor allem einmal lernen würden, das Leben zu genießen, statt sich mit dem Tod abzugeben! Ich glaub- te, Sirchos hätte sich trotz Ihrer Mißerfolge für Sie ent-, schieden, weil Sie Angst vor ihm haben, weil Sie sich so sehr vor ihm fürchten, daß Sie bereit sind, Tag und Nacht am Krankenbett seiner Frau zu wachen. Ich glaubte diesen Unsinn, aber es war ein großer Bluff! In Wirklichkeit hat er Sie genommen, weil Sie total in Pa- mela verknallt sind! Weil Sie sie abgöttisch lieben!« In dem Moment betrat Jimmy O'Neal die Bibliothek. Wahrscheinlich hatte er diesen letzten Satz mitbekom- men. Russel war tief in seinem Sessel versunken. »Monsieur Sirchos erwartet Sie in seinem Büro«, sagte der Butler. Russel richtete sich auf. »Nein, nicht Sie«, entgegnete O'Neal mit gleichgülti- ger Stimme. »Nur Doktor Zorski.« Russel schrumpfte noch mehr in seinem Sessel zu- sammen. Er war in diesem Haus nur noch ein gewöhn- licher Diener, der es gewagt hatte, das Bettlaken seines Herrn und Vorgesetzten zu beschmutzen. Alexander Sirchos benutzte sein Büro in West Palm Beach nur sehr selten, aber dennoch glänzte das Zim- mer wie ein Diamant auf dem Meeresgrund. Allein das Büro nahm ein Viertel der obersten Etage ein und hätte problemlos in ein Dutzend geräumiger Studios ver- wandelt werden können. Die lackierten Wände und rie- sigen Glasfenster ließen es wie ein verrücktes Solarium wirken, in dem das Licht so grell war, daß Zorski beim Eintreten beinahe das Gleichgewicht verlor. Alexander Sirchos saß hinter einem halbrunden Aluminium- schreibtisch. Er erhob sich nicht, um den Chirurgen zu begrüßen, sondern fragte ohne Umschweife: »Können Sie Pamela noch retten?« Zorski schaute sich vergeblich nach einem Stuhl um. Eine sonderbare Methode, seinen Gesprächspartnern keine Sitzgelegenheit anzubieten. »Ich glaube nicht«, antwortete der Chirurg mit ruhi- ger Stimme. Der Milliardär mußte diese Antwort erwartet haben,, denn er zeigte keinerlei Verwunderung. Seine metalle- nen Augen starrten Zorski mit grauenhafter Unbe- weglichkeit an. »Wann ist es soweit?« fragte er, genauso als erkun- digte er sich nach der Startzeit seines nächsten Flug- zeugs. Zorski zuckte mit den Schultern. Der Southern Com- fort und das Aufputschmittel hatten seinen Mund völlig ausgetrocknet. »Wäre ihr Herz weniger schwach, so könnte ich ihr Leben um fünf oder zehn Monate verlängern. In ihrem jetzigen Zustand wird sie keine zwei Wochen mehr überleben.« Der nüchterne Ton der Unterhaltung inmitten dieses grellen Lichts verlieh der Szene einen gänzlich irrealen Aspekt, den der Chirurg allerdings auf seine Erschöp- fung zurückführte. »Warum wagen Sie keine Transplantation?« Mark Zorski schüttelte den Kopf. »Darf ich Platz nehmen?« fragte er. Zu seiner großen Überraschung erhob sich Alexander Sirchos und bat den Chirurgen, in seinem Schreibtisch- sessel Platz zu nehmen. Einen Moment lang zögerte Zorski, ehe er sich setzte. Der Milliardär begann in sei- nem Büro auf und ab zu gehen - ein Verhalten, das trotz seines undurchdringlichen Gesichtsausdrucks eine ge- wisse Nervosität verriet. Es war das erste Mal, daß Zorski sah, wie der Milliardär ungeduldig und unruhig wurde. »Wir haben alle erforderlichen Analysen mit Ihrer Frau durchgeführt, vor allem im Hinblick auf ihre Anti- gene im Falle einer Transplantation. Noch kennen wir nicht alle Besonderheiten der weißen Blutkörperchen, aber wir sind jetzt in der Lage, annähernde Prognosen aufzustellen. Im Fall Ihrer Frau gibt es drei verschiedene Möglichkeiten der Genpaarung. In den Fällen C und D wären wir gezwungen, ihr ein eher schwaches und un-, stabiles Herz einzusetzen, was den Tod von Frau Sir- chos wenige Tage oder Wochen nach dem Eingriff be- deuten würde. Mit neunzigprozentiger Sicherheit käme es zu einer Organabstoßung.« Sirchos blieb stehen und runzelte die Stirn angesichts dieser erschreckend hohen Zahl. Offensichtlich fragte er sich, ob der Chirurg nicht absichtlich den Teufel an die Wand malte. »Im Fall B«, fuhr Zorski fort, »ist das Transplantat stärker, und die Erfolgsaussichten stehen besser, auch wenn sie die zwanzig Prozent nicht übersteigen. Um so mehr, da wir bereits feststellen konnten, wie empfind- lich Ihre Frau auf Transfusionen von immunisiertem Blut reagiert.« Bevor er mit seinen Erklärungen abschloß, zögerte er einen Moment lang. »Wir müssen auf eine Transplantation verzichten.« »Den Fall A haben Sie gar nicht erwähnt«, bemerkte Sirchos. »Der Fall A setzt das Vorhandensein eines geneti- schen Zwillings voraus. Eines richtigen Zwillings. In der Herzchirurgie wurde ein solches Experiment bis heute noch nie versucht. Ich nehme an, Sie verstehen, warum.« Der Chirurg konnte das grelle Licht in diesem Sola- rium-Büro kaum mehr ertragen. Nervös blinzelte er mit den Augen und spürte, wie ein dumpfes Kopfweh sich hinter seinen Schläfen ausbreitete. »Haben Sie nicht unlängst einen längeren Artikel über das Problem der genetischen Zwillinge verfaßt?« fragte der Milliardär. »Über Beispiele wahrer Leukozy- ten-Doppelgänger. Sie behaupten darin sogar, daß die Patienten, an denen in den sechziger Jahren die ersten Transplantationen vorgenommen wurden und die manchmal mehr als dreißig Jahre überlebten, wahr- scheinlich in diese Kategorie gehören, die Sie als fal- sche echte Zwillinge< bezeichnen.«, Bislang hatte Sirchos nie den geringsten Anschein gegeben, medizinische Fachkenntnisse zu besitzen. Seine Bemerkungen überraschten den Chirurgen, denn der Artikel, von dem er sprach, war vor vier Jahren in einer nur in Fachkreisen bekannten Zeitschrift mit dem Namen Cardiovascular Research Center Bulletin erschie- nen. In der Tat war die Zahl solcher genetischer Dop- pelgänger weitaus größer, als die unendlich kleine Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher Zufall sich ereigne- te, vermuten ließ. Es handelte sich um ein echtes Ge- heimnis, um ein wissenschaftliches Rätsel, an dem die Forscher sich die Zähne ausbissen. Die am häufigsten aufgestellte Hypothese, die der vorsichtigere Zorski üb- rigens nicht verteidigte, stützte sich auf das glückliche Zusammentreffen von Genverschmelzung und Bluts- verwandtschaft. Der Chirurg fragte sich, ob Alexander Sirchos die jüngst zu diesem Thema veröffentlichten Artikel erst nach den dramatischen Zwischenfällen ge- lesen hatte oder ob er sie bereits zur Zeit ihrer Veröf- fentlichung zur Kenntnis genommen hatte und sich noch sehr genau daran erinnern konnte. Der Milliardär schien zu beidem fähig zu sein. Mark Zorski seufzte. »Mister Sirchos, Ihre Frau hat eine ziemlich seltene Blutgruppe, ein noch ungewöhnlicheres Blutgewebe und derart komplexe Eiweißgene, daß ihre ganze aller- gische Vergangenheit davon bestimmt wird. Außenste- hende meinen, ich käme einfach so daher, würde mich mal kurz an den Operationstisch stellen und den vor mir liegenden Patienten aufschneiden und das kranke Organ ersetzen, ohne überhaupt zu wissen, wen ich da vor mir liegen habe. Ich muß zwar zugeben, daß die Vorstellung, die andere von mir haben, mir nicht miß- fällt, aber sie ist falsch. Völlig falsch. Ich studiere jede Krankenakte ganz genau und veranlasse zusätzliche Analysen, wenn sie mir unvollständig erscheint. Wenn ich einen Menschen operiere, weiß ich alles - oder fast, alles - über ihn. Ich weiß, wann er das erste Mal an Ma- sern und zum letzten Mal an Pocken erkrankt war, ich weiß, ob er sich den Bauch mit gebratenen Hähnchen oder magerem Fisch vollstopft. Soweit das möglich ist - sogar bei dringenden Fällen -, bemühe ich mich, alles über das Leben des Patienten in Erfahrung zu bringen. Ich glaube, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sorg- fältig ich mich mit der Krankheitsgeschichte von Pamela Sirchos beschäftigt habe. Die Möglichkeit, daß wir einen genetischen Doppelgänger finden, ist genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, daß ein Affe, der aufs Gerate- wohl auf den Tasten einer Schreibmaschine herum- klimpert, den Roman Krieg und Frieden neu schreibt.« Alexander Sirchos' Gesichtszüge verhärteten sich mehr und mehr. Seit einem Moment hatte er aufgehört, im Zimmer auf und ab zu gehen; seither bewegte er sich so gut wie überhaupt nicht mehr und machte den Ein- druck eines durch schnell bindenden Zement verstei- nerten Mannes. »Ich bin nicht Ihrer Meinung«, entgegnete er, fast ohne die Lippen zu bewegen. Plötzlich wurden die Kopfschmerzen des Chirurgen immer stärker; die beiden größten Schmerzherde lagen genau über den Augenbrauen. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Schreibtisch und begann sich sanft die Stirn zu massieren. Er wußte nicht, wie er die Ungeheu- erlichkeit, die der Milliardär soeben geäußert hatte, in- terpretieren sollte. »In dem besagten Artikel behaupten Sie, jeder von uns hätte zumindest einen genetischen Zwilling ir- gendwo auf der Welt«, fuhr Sirchos fort. »Und nun wol- len Sie behaupten, daß das bei Pamela nicht der Fall ist?« Mark Zorski streckte die Hände von sich und seufzte, als stünde er einem ungeschickten und schlecht ausge- bildeten Praktikanten gegenüber. »Selbst wenn es diesen Doppelgänger gäbe, so sind, die Chancen, daß er in den nächsten Tagen mit einer Ku- gel im Kopf und einem gesunden Herzen in ein Kran- kenhaus eingeliefert wird, gleich Null, Monsieur Sir- chos. Und wenn Sie diese negative Wahrscheinlichkeit noch mit der Möglichkeit multiplizieren, daß dieser Zwilling zwei Monate oder fünfundsiebzig Jahre alt sein kann, so erhalten Sie eine Zahl mit derart vielen Nullen hinter dem Komma, daß Sie sie nicht einmal auf fünf- hundert engbeschriebenen Schreibmaschinenseiten festhalten könnten. Glauben Sie mir, es hat keinen Sinn.« Sirchos lächelte, doch sein Lächeln glich eher dem Gähnen eines Dinosauriers. »Sie verlangen von mir, daß ich mich mit der Vorstel- lung abfinde, daß Pamela in wenigen Tagen stirbt? Während Sie heute noch lebt?« knurrte er. »Sie kennen mich schlecht, Doktor Zorski! Ich bin bereit, mein gan- zes Vermögen - bis zum letzten Cent - für Pamela zu opfern.« »Sie haben Ihr Vermögen schon einmal verpfändet«, entgegnete der Chirurg. »Für nichts und wieder nichts. Aber diesmal gibt es wirklich keine Rettung mehr.« Der Blick des Milliardärs verriet eine gewisse Verärge- rung. »Haben Sie nie daran gedacht, daß Pamelas geneti- scher Zwilling zwangsläufig mit denselben Allergien geplagt sein muß?« beharrte er in einem völlig respekt- losen Ton. »Daß er beim ersten Wespenstich vermutlich eine prächtige Geschwulst bekommen hat? Daß er in je- dem Frühjahr an Asthma leidet? Daß seine Haut sich entzündet, wenn sie mit Kupferlegierungen in Berüh- rung kommt? Daß er eine Plakette bei sich tragen muß, die auf seine Allergie gegen Tetanusserum und Penicil- lin verweist? Und daß er letzten Endes wegen dieser Al- lergien gezwungen ist, einen Arzt aufzusuchen?« Diesen letzten Satz schrie er förmlich heraus. Faszi- niert hörte Zorski ihm zu. Er hatte das makabre Gefühl,, einer riesigen Hornisse dabei zuzuschauen, wie sie ver- sucht, sich aus einem Spinnennetz zu befreien. »Irgendwo existiert eine Karteikarte dieses Doppel- gängers«, sagte Sirchos schließlich. »In irgendeiner Krankenhausabteilung oder in den Archiven eines Spe- zialisten. Ich habe meine ganze Organisation eingesetzt, um diesen Zwilling ausfindig zu machen .« »Na und?« unterbrach ihn Zorski. Sirchos war verwirrt und zögerte. »Wie bitte?« »Wenn Sie ihn irgendwo zwischen Grönland und Neuguinea gefunden haben, was wollen Sie dann tun? Werden Sie ihm vorschlagen, Ihnen sein Herz zu ver- kaufen?« Mit eiskalten Augen starrte der Milliardär den Arzt an. »Lassen Sie dieses Problem meine Sorge sein, Doktor Zorski. Beschränken Sie sich darauf, sich für die Opera- tion bereitzuhalten ..« Zentimeter für Zentimeter war Mustapha Moussis Wohnung durchsucht worden, doch außer einigen miß- lungenen, entweder zu hell oder zu dunkel eingefärbten Fotokopien, die in einem Papierkorb lagen, hatten die Polizisten nichts finden können. Die meisten Kopien waren unleserlich, völlig unentzifferbar, und die weni- gen anderen bezogen sich auf banale Unfälle, die aus europäischen Tageszeitungen stammten. Man hatte ebenfalls das leere Versteck unter der Badewanne ent- deckt und bemerkt, daß in der ganzen Wohnung keiner- lei Koffer oder Tragetaschen vorhanden waren und im Kleiderschrank nur noch zwei beinahe funkelnagelneue Anzüge sowie einige von Motten zerfressene Klamotten hingen. Offensichtlich hatte Moussi die Wohnung be- reits vor einigen Tagen verlassen. Das Fotokopiergerät war mit einem Hauptzähler und einem Tageszähler ausgestattet. Der erste Zähler be-, sagte nichts, da das Gerät bestimmt gebraucht gekauft worden war, doch der zweite Zähler gab eine beachtli- che Zahl an. Mescard kratzte sich am Kopf und wandte sich an einen seiner Kollegen. »Läßt sich herausfinden, ob dieses Gerät in letzter Zeit in Betrieb war?« fragte er. Der andere zuckte mit den Schultern und konnte ihm keine Antwort geben. Der Inspektor versagte sich eine Grimasse. So was nennt sich ultramoderner Polizist, mein Gott! Er legte seine Hand flach auf die gläserne Platte des Geräts und drückte auf den Einschaltknopf. Eine grünliche Leucht- röhre bewegte sich mit einem leisen öligen Geräusch rasch hin und her. Das Gerät surrte noch einige Seku- nen lang, bevor es erneut ausschaltete. Allerdings kam keine Kopie herausgeglitten. Inspektor Mescard run- zelte die Stirn. Einen Augenblick lang fingerte er am Gerät herum, dann gelang es ihm, es zu öffnen. Ein völ- lig zerknittertes und zerfetztes Blatt war unter der Trommel hängengeblieben. Der Polizist zog einige Fet- zen hervor und versuchte, sie wieder zusammenzuset- zen. Nur ein einziges Stück der Überschrift war zu ent- ziffern: Zu Händen Anwalt Jean-Louis Vo ... Der Rest war völlig verwischt und von dicker Tinte bedeckt, mit der Mescard sich schließlich Hände, Gesicht, Hemd und Hose beschmierte. Im alltäglichen Ritual, das sich im Saint-Louis-Flügel des Amerikanischen Hospitals abspielte, beendete Dok- tor Loic Gaborit seine letzte Operation dieses Morgens: Entfernung eines faustdicken Gallensteins. Dann eilte er sogleich unter die Dusche. Er war sehr schlecht ge- launt. Einige Stunden zuvor hatte man ihn wegen einer dringlichen Operation gerufen: Brustkorbblutung bei einem etwa zwanzigjährigen Soldaten. Eine ungeheure Blutung, die bereits die ganze linke Seite der Brust über- flutet hatte. Der Patient war bereits am Abend zuvor ins, Saint-Louis eingeliefert worden, und selbstverständlich hätte er sogleich operiert werden müssen. Diese für eine Intensivstation unbegreifliche Verzögerung hatte dazu geführt, daß der junge Mann in völlig hoffnungslosem Zustand auf Gaborits Operationstisch landete. Der Chir- urg hatte alles versucht. Er hatte den Brustkorb geöff- net, die für die Blutung verantwortliche innere Ventri- kelmißbildung entdeckt und behoben und ein Maxi- mum an Blut herausgepumpt. Leider konnte er einen normalen Kreislauf nicht wiederherstellen. Sämtliche Arterien waren verkümmert, und das Blut floß heraus wie Wasser aus einem alten Gartenschlauch. Es war nicht das erste Mal seit der Auseinandersetzung zwi- schen dem Chirurgen und der Krankenhausdirektion, daß ein solcher Zwischenfall sich ereignete. Wenn das so weiterginge, würden immer mehr Leichen auf seine Station gebracht. Und die Rücksichtslosigkeit der Ver- waltung ließ den Prozentsatz an Gaborits Mißerfolgen immer größer werden. Man verzieh ihm seine Aufsäs- sigkeit nicht, und trotz seines Widerstandes zerstörte man allmählich seinen guten Ruf. Man untergrub seine Moral, wischte ihn nach und nach von der Bildfläche. Im ganzen Krankenhaus wurde bereits gemunkelt, Ga- borit sei nicht mehr mit den Gedanken bei seiner Arbeit, diese ganzen Todesfälle seien allein ihm zuzuschreiben, seine Hände würden ihn im Stich lassen, und wahr- scheinlich würde er unvernünftigerweise viel trinken. Wie ein Lauffeuer breiteten diese und noch andere Ver- leumdungen sich aus und bewirkten, daß seine beson- ders beeinflußbaren und abergläubischen Mitarbeiter den Antrag stellten, in eine andere Abteilung versetzt zu werden. Der starke Duschstrahl befreite den Chirurgen von den Giften, die sich unter seiner Haut angesammelt hat- ten, und von einem großen Teil seiner düsteren Ideen. Mit einer leichten Mahlzeit, einem Glas Bordeaux und zwei starken Espressos würde er wieder zu Kräften, kommen. Nach der kurzen Phase der Niedergeschla- genheit, die stets auf den Tod eines Patienten folgte, empfand er erneut Lust, zu kämpfen und sich zu schin- den. Nicht nur dem Tod wollte er die Stirn bieten, son- dern auch dieser Verwaltung, die sich seinen Tod wünschte. Er legte sich ein großes Handtuch um die Schultern, stand lange vor dem leicht beschlagenen Spiegel und brachte seine Haare wieder in Ordnung. Mit dem Kamm zwischen den Zähnen trocknete er sich ab und zog anschließend den rauhen Baumwollkittel auf die nackte Haut an. Am Abend würde er eine Gegendar- stellung über den Zustand des jungen Soldaten verfas- sen, in dem er anderthalb Stunden vor seinem Tod auf Gaborits Operationstisch gelegt worden war. Entgegen den Gepflogenheiten würde er die Verteilung der Kran- kenwagen und die Nachlässigkeit der Nachtdienste an- prangern, damit die Verwaltung einen Status quo ak- zeptierte. Er verließ den Duschraum und ging lässigen Schrittes ins Restaurant. Er kam an seinem Büro vorbei und sah, wie eine diensttuende Krankenschwester eine Mittei- lung an der Magnettafel befestigte. Neugierig trat er nä- her. Zuerst nahm er den Inhalt der Mitteilung zur Kenntnis, dann runzelte er überrascht die Stirn und schließlich, als er den charakteristischen Stempel der Z.S.A. entdeckte, zuckte er zusammen. »Was ist denn das?« fragte er. »Man hat uns befohlen, diese Mitteilung an alle Ärzte zu verteilen«, erklärte die Frau. »Eine Rückenmark- transplantation für einen Leukämiekranken. Man sucht einen genetischen Zwilling. Sie wissen ja, was das be- deutet.« Gaborit biß sich auf die Unterlippe. Aufmerksam las er ein zweites Mal die Zahlen und die Zusammenstel- lung der verschiedenen Blutkörper. Die pathologische Eigenart dieser Analysen machte ihn stutzig. Er hatte, das seltsame Gefühl, diese Angaben schon einmal gele- sen zu haben, konnte sich jedoch nicht erinnern ... »Einen genetischen Zwilling ...«, seufzte er. »So ein Quatsch!« Angesichts der erstaunten und leicht schockierten Miene der Krankenschwester fügte er hinzu: »Ein genetischer Zwilling ist Ihre genaue genetische Entsprechung, eine beinahe perfekte Kopie ..« »Ein Doppelgänger?« schluckte die Krankenschwe- ster. »Genetisch gesehen, ja«, bestätigte Gaborit. »Aber Ihr wahrer falscher Zwilling kann auch ein fettleibiger, kahlköpfiger, zahnloser, schielender alter Mann sein ...« »Danke für das Kompliment!« empörte sich die Frau beleidigt. Gaborit lächelte. »Ich wollte damit nur sagen, daß Sie vielleicht ir- gendwo auf der Welt einen genetischen Doppelgänger haben, der Ihnen ganz und gar nicht ähnlich sieht«, er- klärte der Arzt. »Der Amerikaner Zorski hat auf die Exi- stenz dieser ...« Er zögerte einen Moment lang. »... dieser Duplikate hingewiesen. Aber soviel ich weiß, ist dies das erste Mal, daß man nach einem sol- chen sucht. Diese Kerle schrecken wirklich vor nichts zurück!« Erneut glitt sein Blick über den offiziellen Stempel der Z.S.A. Welches Interesse konnte Steve Odds an dieser Sache haben? Eine astronomische Prämie? Der Kranke mußte notgedrungen einer dieser außergewöhnlich Rei- chen sein. Als die Krankenschwester das Büro verließ, dachte Gaborit immer noch über den eigentlichen Zweck dieses Rundschreibens nach. Im Grund genom- men war diese Suche nach dem Unmöglichen gar nicht so unlogisch, wie er anfangs geglaubt hatte. Wenn der >wahre falsche Zwilling< dieses Kranken wirklich exi-, stierte, so mußte sich seine Krankenakte zwangsläufig in den Archiven eines Allergologen befinden. Wahr- scheinliche Vorgeschichten mit Quincke-Geschwüren, Allergien gegen Penicillin, Heuschnupfen, Pfefferge- wächse, Chrom und Kupfer, anaphylaktischer Schock ... Angesichts dieser Aufzählung der Symptome erin- nerte Gaborit sich wieder ... Ein noch ganz junges, fünfzehn- oder sechzehnjähri- ges Mädchen mit blonden Haaren und großen, unwahr- scheinlich dunkelblauen Augen. Mit einer akuten Blinddarmentzündung und zwei Porzellanpuppen im Arm war es ins Saint-Louis eingeliefert worden. Gabo- rit, damals noch ein sehr junger Arzt, war überrascht gewesen von den feinen Gesichtszügen dieser Patien- tin, von ihrer Sensibilität, ihrer Intelligenz und ihrer Ähnlichkeit mit den Puppen, von denen sie sich nie trennte. In einem Alter, in dem andere Mädchen schon lange die Pille nehmen und zwischen zwei Examens- prüfungen und zwölf Rockkonzerten nur von ihren se- xuellen Abenteuern sprechen, schien dieses Mädchen aus einer Parallelwelt zu kommen. Trotz der Gefahr ei- ner Bauchfellentzündung mußte der Eingriff wegen ei- ner schweren Allergie-Vergangenheit und der Eigenart ihrer Antikörper verschoben werden. Anschließend war alles normal verlaufen. Vier oder fünf Jahre waren seither vergangen, Gaborit hatte da- mals mit Doktor Franck zusammengearbeitet. Vor ei- nem Jahr war Franck tragischerweise an Bord seines Se- gelschiffes vor der irischen Küste ums Leben gekom- men. Administrativ gesehen lag dieses Mädchen in den Archiven des Spitals begraben. Von nun an könnte nur Gaborit sie wieder auferstehen lassen. Ein letztes Mal betrachtete er den Stempel der Z.S.A., dann verließ er mit leichten Schritten das Büro ...,

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Völlig erschöpft ließ Mark Zorski sich auf das Bett fallen, ohne unter das Laken zu schlüpfen, ohne sich auszu- ziehen. Er streifte nur die Schuhe ab und versank in ei- nen unruhigen, tiefen, dunklen Schlaf voller Funken, die seine Träume wie Messerstiche durchstießen. Sein Alptraum setzte sich aus verworrenen, unzusammen- hängenden Bildern zusammen, in denen Armyan Simba nackt oder in Trance auftauchte, ein geköpfter Junior, ganze Berge von bleichen Leichen, die von ge- waltigen Bulldozern abtransportiert wurden, ein Ge- hängter, dessen Gesicht dem Hugo Russels ähnlich sah, ein Alexander Sirchos mit Vampirzähnen, der wie Char- lie Chaplin mit einem heliumgefüllten Globus spielte. Sein Kopfkissen war schweißdurchnäßt, als eine Krankenschwester ihn weckte. Er hatte so schlecht und so wenig geschlafen, daß er das Gefühl hatte, blind und taub geworden zu sein. Die Amphetamine, die er ge- schluckt hatte, verstärkten noch dieses Gefühl, und wie ein an einem Sonnenstich leidender Koalabär richtete er sich in seinem Bett auf. Die Krankenschwester, die bestimmt schon manch anderen Rauschgiftsüchtigen und Schnapsbruder ge- pflegt hatte, hielt ihm ein großes Glas eiskaltes Wasser an die Lippen. Der Schmerz war so groß, daß Zorski so- gleich wußte, daß er nicht tot war. Wie viele Southern Comforts mochte er nach seinem Gespräch mit Sirchos wohl hinuntergeschüttet haben? Zwei, sechs, zwölf? Er wußte es nicht ... Er schüttelte sich und schnaubte wie ein brünstiger Seehund. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals zu- vor derart erschöpft gefühlt zu haben. »Geben Sie mir meine Tasche und holen Sie mir bitte ein eiskaltes Bier!« bat er mit heiserer Stimme. Er war sich nicht sicher, ob er diese Worte klar und deutlich ausgesprochen hatte, aber die Krankenschwe-, ster hielt ihm seine Tasche hin und verließ das Zimmer. Zorski gab ein nervöses Glucksen von sich, zuckte mit den Schultern und begann in seiner Reisetasche zu wühlen. Er zog ein ovales Döschen mit einem wie Perl- mutt glänzenden Deckel hervor und entnahm eine Prise Kokain, die er aus seiner hohlen Hand ziemlich unge- schickt schnupfte. Mit dem Zeigefinger und dem Dau- men schloß er das Döschen erneut, ließ es zwischen seine zusammengeknüllten Wollsocken fallen und legte den Kopf in den Nacken. »Ein Royal Flush für achtundvierzig Stunden Schlaf!« seufzte er. Er wurde sofort erhört. Die Krankenschwester kam mit einem japanischen Bier zurück, das aus purem Eis zu bestehen schien. Hinter ihr tauchte Hugo Russel auf. Angesichts dieser doppelten Erscheinung konnte Zorski sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er griff nach der Fla- sche und trank sie in einem Zug zu drei Vierteln leer, bevor er sich bewußt wurde, daß er immer noch in einer ziemlich lächerlichen Position am Fuß seines Bettes saß. Mühsam richtete er sich auf. Abgesehen davon, daß er sich der Absurdität der Situation nun vollkommen be- wußt wurde, hatte das Kokain ihm nicht geholfen. Ner- vös durchwühlte er sein seidiges schwarzes Haar, das ihm bei den Frauen so viel Erfolg einbrachte. »Nun los, Russel«, murmelte er, »laden Sie Ihren Kummer ab!« Russel und die Krankenschwester schauten einander kurz an. »Wir haben Probleme mit Pamelas Zunge«, sagte der Arzt. Zorski wurde von einem verrückten, nicht enden wollenden Lachen gepackt, das ihm buchstäblich die Kehle zuschnürte. »Mit ihrer Zunge?« stammelte er heftig schluckend. »Sie haben Probleme mit ihrer Zunge?« Russel blieb ernst, doch im Halbdunkel des Zim-, mers ähnelte er immer mehr einem häßlichen Transve- stiten. »Ihre Zunge ist stark angeschwollen«, erklärte er, während Zorski sich vor Lachen fast krümmte. »Sie ist ganz schwarz und faserig geworden und weist zahlrei- che Geschwüre auf.« Russel benahm sich wie ein Praktikant. Sein Verhal- ten schien Mark Zorski sichtlich zu ernüchtern. Er gab ein kehliges Knurren von sich, das seine Gesprächs- partner in Erstaunen versetzte. »Und was kann das Ihrer Meinung nach sein?« mur- melte er, indem er gegen den Wunsch, wieder einzu- schlafen, heftig ankämpfte. »Ein Hefepilz«, antwortete Russel unsicher. »Eine starke Vermehrung von Candida albicans.« Zorski runzelte die Stirn. »Und wegen eines verdammten Pilzes bringen Sie mich um meinen Schlaf!« »Mister Sirchos hat ausdrücklich betont, daß wir Sie über jede Veränderung des Gesundheitszustandes sei- ner Frau sofort informieren müssen«, entgegnete die Krankenschwester anstelle des völlig ratlosen Russel. Zorski fluchte leise vor sich hin und stieg schließlich mit sichtlicher Mühe aus seinem Bett. Mit meergrünen Augen schaute er die junge Frau an. »Wissen Sie, wie man ein Bad gegen Müdigkeit ein- laufen läßt, Schätzchen?« »Ich kann Ihnen einen starken Kaffee machen«, ant- wortete sie. »Schon gut!« seufzte Zorski. »Kommen Sie, Russel, wir schauen uns diese schwarze Zunge einmal etwas genauer an ...« Erneut lachend, schwankte er auf die Zimmertür zu. Der Transpac-Computer des Amerikanischen Hospitals war ungewöhnlich leistungsfähig und bot außerordent- lich bequeme Nachschlagmöglichkeiten. Loic Gaborit, stellte eine annähernd chronologische Liste der Blind- darmoperationen auf, die Doktor Franck durchgeführt hatte, und schaffte es, sein Forschungsfeld auf die zwölf- bis achtzehnjährigen Patienten einzugrenzen. Schließlich beschloß er, die Informationen nach der Krul-Methode abzurufen, und setzte sich mit einem Pfund Aprikosen vor den Schirm. Als er den siebten Kern ausspuckte, tauchte endlich der gesuchte Name auf dem Monitor auf. Per Knopf- druck stoppte er das Bild und rief die Krankenakte ab. Giova Llorens. Merkwürdigerweise löste dieser Name den berühm- ten Funken aus und lüftete den Schleier, der sein Ge- dächtnis trübte. Die Kleine lebte bei ihrer Mutter, einer stattlichen Mamma italienischer Herkunft, deren plumpe Gestalt in krassem Gegensatz zu dem grazilen Ausse- hen ihrer Tochter stand. Giova Llorens ... Auf dem Bildschirm erschien die komplette Kranken- akte mit den Resultaten sämtlicher Analysen, die Dok- tor Franck hatte durchführen lassen. Gaborit verglich die Zahlen mit denen auf dem Z.S.A.-Plakat. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Es war unglaublich ... Ein wahrer genetischer Zwilling. So wie der Amerika- ner Zorski ihn beschrieben hatte ... Die Erinnerungen kehrten wieder, schmerzlos, träge, wie dicke, mit Bildern angefüllte Luftblasen. Wenige Stunden nach der Operation hatte Giova, noch halb un- ter Narkose, eine ihrer Puppen zu Boden fallen lassen, woraufhin ein Arm der Puppe auf den Fliesen zerbrach. Als Giova wieder zu sich kam, war sie darüber so trau- rig, daß Doktor Franck die Puppe nahm, ihr den kaput- ten Arm wieder anklebte und ihr einen Verband anleg- te. »Diesen Verband mußt du acht Tage lang dranlas- sen«, hatte Franck der Kleinen ans Herz gelegt. Giova strahlte vor Freude und ihr Lächeln hellte das, ganze Krankenzimmer auf. Sie sprach kaum mit den anderen Kindern, die ihr - wie sie Gaborit gegenüber geäußert hatte - viel zu eingebildet waren und zuviel Krach machten. Je nach Tag oder Stunde entwickelte sich ihr geistiges Alter um sechs oder dreißig Jahre wei- ter. Das Krankenhauspersonal hielt sie für geistig zu- rückgeblieben, doch Franck dachte genau das Gegen- teil. Aus Neugierde ließ er während den fünf Tagen ih- rer Genesung eine ganze Reihe von Tests durchführen, die eindeutig bewiesen, daß Giova problemlos die Uni- versität besuchen könnte und einen ausgesprochen ho- hen Intelligenzquotienten hatte. Wie alle wirklich über- durchschnittlich begabten Kinder bewegte sich Giova auf dieser Welt wie ein Albatros an einem ölverdreckten Strand. , Zu jener Zeit war sie fünfzehn Jahre alt; seither waren vier Jahre vergangen. Zusätzlich zum eigentlichen Ziel seiner Nachforschungen fragte sich Gaborit, was wohl aus Giova Llorens geworden war, welchen Platz sie in- mitten von lauter Ungleichen eingenommen hatte. Der Arzt notierte sich die Adresse, die in der Akte vermerkt war. Vielleicht hatte er Glück, und sie stimmte immer noch. Aber das war nicht das Wesentlichste. Viel wichtiger war es herauszufinden, warum die Z.S.A., die nicht gerade für ihre Menschenfreundlichkeit bekannt war, sich für diesen Fall interessierte. Es mußte ver- dammt viel Geld auf dem Spiel stehen. Und vielleicht würde sich für Gaborit die erfreuliche Möglichkeit bie- ten, das Kräfteverhältnis auf den Kopf zu stellen und den Schwierigkeiten, mit denen er derzeit konfrontiert war, definitiv ein Ende zu bereiten. Anschließend versuchte er, das Archivdokument zu vernichten, was ihm jedoch nicht gelang. Aber es be- stand ohnehin nur wenig Aussicht, daß ein zu jener Zeit bereits tätiger Assistenzarzt die Suchmeldung lesen und sogleich eine Verbindung zum Fall Giova Llorens her- stellen würde., Genau in dem Moment, als David Toland in der Leder- uniform der Z.S.A.-Sammler das Zimmer betrat, schal- tete Gaborit das Gerät ab. Gaborit machte mit seinem Stuhl eine halbe Umdrehung, betrachtete seinen Freund von Kopf bis Fuß und nickte anerkennend mit dem Kopf. »Man hat's mir bereits gesagt«, flüsterte er verblüfft, »aber ich konnte es einfach nicht glauben ..« »Dabei muß es dich doch von einer schweren Last be- freit haben, oder?« entgegnete David bissig. Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Warum bist du Mitglied geworden? Wegen des Gel- des oder weil du kämpfen willst?« Einen Augenblick lang nickte David mit dem Kopf und kaute seinen Kaugummi, ehe er eine Antwort gab. »Eines Tages werde ich beweisen, daß diese Kerle Mörder sind, bezahlte Killer, Kopfjäger ...«, murmelte Toland. »Weißt du, mit wem ich in einer Mannschaft zusammenarbeite?« Gaborit schüttelte den Kopf. »Mit Mirko Milan«, sagte David. Der Chirurg pfiff kurz durch die Zähne. »Sie meinen's wirklich gut mit dir«, sagte er lächelnd. Dann wurde er sogleich wieder ernst. »Ich hatte schon mehrmals mit diesem Milan zu tun. Ich mag diesen Kerl überhaupt nicht. Er ist ein Apache. Bevor Steve Odds ihn engagierte, herrschte er über die Zone. Nimm dich in acht vor diesem Burschen, Da- vid ...« Mißmutig schaute David Gaborit an. Die Warnung kam etwas spät. Er war nach wie vor überzeugt, daß Milan für das Gemetzel in der sowjetischen Botschaft verantwortlich war, daß er das Kommandomitglied auf dem Dach kaltblütig erschossen hatte, was er allerdings nicht beweisen konnte. Sein einziges Anklagemotiv war seine persönliche Überzeugung. Aber das war zu we- nig. Der junge Polizist, der Milans plötzliches Ver-, schwinden hätte bezeugen können, war tot, und selbst wenn ... Nicht einmal hundert Zeugen könnten den Geier an der Behauptung hindern, er hätte sich nur ent- fernt, um pinkeln zu gehen. Ein weiteres Detail ließ Da- vid keine Ruhe. Mit welcher Waffe hatte Milan den Ter- roristen getötet? Es konnte sich nicht um eine einfache Handfeuerwaffe handeln, da die Entfernung zu groß und die Sicht zu schlecht war ..Im ersten Moment hatte David logischerweise an die Gewehre mit dem Infrarot-Visier gedacht, mit denen ein Großteil der Po- lizisten bewaffnet waren, die das Gebäude umstellt hat- ten. Eine solche Behauptung würde jedoch nur dazu beitragen, Milan noch mehr zu entlasten, da er sich ei- ner derart auffälligen Waffe weder bemächtigen noch sie bei sich verstecken konnte ... David seufzte. »Woran denkst du?« fragte Gaborit erstaunt. »Einfach so. Ich glaube, ich brauche einige Stunden Schlaf. Aber was treibst du eigentlich hier?« Gaborit schaute dem Sammler kurz über die Schulter, bevor er ihm die Suchmeldung der Z.S.A. reichte. »Könntest du dich vielleicht diskret hierüber infor- mieren?« fragte er. Rasch las David die Meldung durch und verweilte ei- nen Moment lang auf dem Stempel der Organisation von Steve Odds. »Was hat das zu bedeuten?« »Das wüßte ich auch gern«, entgegnete der Arzt. »Weswegen ich dich bitten möchte, dich mal ein wenig umzuhören.« David schwenkte das Fahndungsblatt der Z.S.A. hin und her. »Glaubst du, die Sache ist so wichtig?« Gaborit hob die Schultern. »Ich weiß nicht, aber es könnte sein«, entgegnete er leise., Mark Zorskis Metamorphose war geradezu spektakulär. Die Erschöpfung auf seinem Gesicht, seine an Hysterie grenzenden Reaktionen, auf geheimnisvolle Weise war alles verschwunden. An Pamelas Krankenbett wurde er wieder zum berühmten, hervorragenden Herzchirur- gen. Bevor er sich die schwarze Zunge anschaute, auf die Russel ihn aufmerksam gemacht hatte, hörte er die Herzschläge der jungen Frau ab. Die Milliardärsgattin war bei vollem Bewußtsein, schaute ihm aufmerksam zu, doch sie sprach kein Wort. Tief in ihrem Innern mußte sie spüren, daß der Tod ganz nahe war; ihre Angst davor ließ sie sich allerdings nicht anmerken. Sie wußte nichts von dem verzweifelten Versuch ihres Mannes, einen genetischen Zwilling zu finden. Zorski hingegen konnte an nichts anderes mehr denken. Zu- sätzlich zu dieser verrückten Hoffnung stellte er sich immer wieder dieselbe Frage: Was würde geschehen, wenn die Organisation von Sirchos tatsächlich einen >wahren falschen Zwilling< in bestem Gesundheitszu- stand ausfindig machen würde? Er richtete sich auf und schaltete das Elektrokardio- gramm ab, das ihn zu irritieren schien. »Das Geräusch erinnert mich an einen alten kaputten Blasebalg«, meinte er mit einem charmanten Lächeln. Pamela war völlig entspannt und reagierte mit einem Lächeln auf die betonte Lässigkeit des Chirurgen. Rus- sel, der etwas abseits stand, erkannte mit einemmal die alte Pamela wieder, die von aller Welt verehrt wurde, und hatte das Gefühl, sie müsse den Tod wie eine Erlö- sung empfinden. Die neuerdings defekte Herzklappe schien sie eher von ihren existenziellen Neurosen zu be- freien als hundert Jahre Psychotherapie. »In einer der Schreibtischschubladen meines Mannes finden Sie ausgezeichneten Alleskleber«, erklärte sie mit seltsam veränderter Stimme. »Bringen Sie den Schaden schnellstens wieder in Ordnung. Bald habe ich Geburts- tag, und dann will ich die ganze Nacht durchtanzen ...«, Merklich erschöpft von diesen wenigen Sätzen, hielt sie inne. »Ich glaube, ich werde Ihnen diesen Alleskleber di- rekt in den Mund spritzen«, antwortete Zorski ziemlich barsch, »Öffnen Sie bitte den Mund.« Überrascht runzelte Pamela die Stirn. »Öffnen Sie den Mund und strecken Sie die Zunge heraus!« wiederholte der Chirurg. Pamela Sirchos gehorchte und zeigte dem Arzt ihre unglaublich faserige und schwarze Zunge. Die tiefen Furchen darauf bildeten zwischen der Schleimhaut- höhle und der Zungenspitze ein T. Zorski setzte seinen Stirnreif auf und leuchtete der Frau in den Mund. Er öffnete die Geschwüre, indem er mit beiden Daumen auf die Zunge drückte. Pamelas Augen füllten sich mit Tränen. Gleichzeitig röchelte sie. Zorski ließ die Zunge wieder los und nickte kurz mit dem Kopf, als Pamela zu husten begann. »Tut es weh?« fragte er nach einer Weile. Das Atmen fiel Pamela schwer. »Mir ist, als hätte ich ein Staubknäuel im Mund«, seufzte sie. Zorski kratzte sich an der Wange und schien sich erst jetzt bewußt zu werden, daß er sich seit zwei Tagen nicht mehr rasiert hatte. »Das ist nicht weiter schlimm«, sagte er und erhob sich. »Das werden wir schon wieder hinkriegen ... Ich komme später noch einmal zu Ihnen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zim- mer. Hugo Russel und eine Krankenschwester folgten ihm. »Sie müssen ein Präparat zusammenstellen«, sagte er, als sie auf dem Flur standen. »Zweimal am Tag reiben Sie ihr damit die Zunge ein. Sobald sie über ein uner- trägliches Brennen klagt, müssen Sie ihr den Mund sorgfältig ausspülen. Vermeiden Sie es, mit dem Zahn- fleisch und dem Gaumen in Berührung zu kommen., Der Schmerz würde eine Beschleunigung des Herz- rhythmus bewirken.« »Ist es doch kein Pilz?« fragte Russel erstaunt und fassungslos. Zorski schüttelte den Kopf. »Nein, ein klassischer Fall von >schwarzer Zunge<. Die Zungenwärzchen verhärten sich wie die Handin- nenflächen eines Holzfällers. Ein starkes Vitamin A- Konzentrat wird den Prozeß aufhalten. Pamela wird mit einer gesunden rosigen Zunge sterben .« Die Frau war vorzeitig gealtert. Abgesehen von ihren grauen Haaren und den drei tiefen Furchen auf der Stirn trug sie ein klassisch geschnittenes graues Kleid, und mit leicht herunterhängenden Schultern saß sie da auf der Stuhlkante, so als schämte sie sich, hergekom- men zu sein. Sie vermied es, ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen, und starrte statt dessen auf den Teppich, als würde sich dort das interessanteste Spek- takel aller Zeiten abspielen. Ein Lifting und etwas mehr Schminke hätten ihr ihre vierzig Jahre augenblicklich wiedergegeben. Man brauchte kein guter Morpho-Psy- chologe zu sein, um zu erkennen, daß diese Frau einst eine sehr schöne Frau gewesen war. Steve Odds kaute an seinem Kugelschreiber und ließ ihr genügend Zeit, sich in die neue Situation einzuge- wöhnen. Die Angelegenheit war viel zu wichtig, als daß sie durch übertriebene Hast verdorben werden durfte. »Ich bin die Frau von Doktor Franck«, murmelte sie schließlich. »Mein Mann ist letztes Jahr an Bord seines verfluchten Schiffes ums Leben gekommen ..« Der Name Franck sagte Odds gar nichts, aber nun be- griff er, warum diese Frau vorzeitig gealtert war und warum sie ihren ganzen Haß und ihre Verzweiflung auf ein Boot konzentrierte, das ihrer Meinung nach für die Tragödie verantwortlich war. Der Boß der Z.S.A. fragte, sich, ob er es nicht ganz einfach mit einer Verrückten zu tun hatte ... »Er hat mich mit drei Kindern und seiner Lebensver- sicherung zurückgelassen .« Das Ende ihres Satzes ging in ein Schluchzen über. Odds verzog den Mund und hielt der Frau die Such- meldung hin. »Wollten Sie darüber mit mir sprechen?« Sie schaute auf das Blatt, als sähe sie es jetzt zum er- sten Mal, und nickte traurig mit dem Kopf. »Mein Mann war ein hervorragender Chirurg«, flü- sterte sie. »Wenn er abends nach Hause kam, erzählte er mir von seinen Operationen, und die interessantesten Fälle pflegte er in seinen Heften schriftlich festzuhal- ten.« Sie hob den Blick, und der Haß in ihren Augen machte Odds völlig sprachlos. »In Wirklichkeit«, fuhr sie mit plötzlich lauterer Stimme fort, »hatte er sich buchstäblich in dieses kleine Luder verliebt. Nachdem sie das Krankenhaus verlas- sen hatte, traf er sich mehrmals mit ihr. Sie ist schuld an seinem Tod!« Odds runzelte die Stirn. Er strich sich mit den dicken Fingern über die dichten Augenbrauen. Er begriff über- haupt nichts mehr. »Aber von wem sprechen Sie eigentlich?« fragte er. »Von diesem Mädchen!« kreischte die Frau. »Mit ih- ren Puppen und ihrer Unschuldsmiene ..« Dann brach sie in hysterisches Lachen aus. »Dabei war sie nicht einmal mehr Jungfrau, als mein Mann sie kennenlernte!« Odds schüttelte den Kopf; dieser Wutausbruch ver- dutzte ihn völlig. Die kleine schüchterne Dame, die eben noch mit dem Mobiliar verschmelzen zu wollen schien, um von dieser Welt zu verschwinden, verwan- delte sich vor seinen Augen in einen anderen Men- schen., »Eine kleine Hure ist sie!« knurrte sie erneut. »Eine kleine Hure, die von ihrer Mutter an den Meistbieten- den verkauft wurde! Und das liebte sie, dieses Biest!« Beschwichtigend hob Odds die Hände. »Gut, einverstanden ... Aber was hat das alles hier- mit zu tun?« fragte er und deutete auf das Fahndungs- blatt. Im Blick der Frau glitzerte ein anderes, gieriges, noch härteres Funkeln. »Wieviel zahlen Sie?« Odds gab sich empört. »Hören Sie, Madame! Wir haben dieses Plakat veröf- fentlicht, um ein Menschenleben zu retten ..« »Daß ich nicht lache!« schrie die Frau mit erstaunlich ordinärer Stimme. »Mein Mann hat mir viel über Sie und Ihre Organisation erzählt. Glauben Sie wirklich, daß es in diesem Land noch einen einzigen Arzt gibt, der sich irgendwelchen Illusionen über die wahren Mo- tive der Z.S.A. hingibt?« Dieser aggressiven Bemerkung folgte ein kurzes Schweigen. Nachdenklich beobachtete Odds die Frau, die seinem Blick diesmal standhielt. »Zehntausend«, sagte er schließlich leise, wie mit schwerem Herzen. Die Frau gluckste nervös. »Soll das ein Witz sein?« »Eine beachtliche Summe«, entgegnete Steve Odds. »Nichts!« unterbrach ihn die Frau schroff. »Die Sache ist hundertmal mehr wert.« Odds riß die Augen auf. Diese kleine unscheinbare Frau wagte eine Million Dollar von ihm zu verlangen. Bluffte sie einfach nur, oder kannte sie den tatsächlichen Zweck dieses Plakats und den Namen des Mannes, der es finanzierte? Odds versuchte nun seinerseits zu bluf- fen und log, um die Wahrheit zu erfahren. »Ist Ihnen das Leben eines an Leukämie erkrankten Kindes soviel wert?«, Die Frau kniff die Augen zusammen. Sie drückte ihre Handtasche fest an sich und erhob sich. »In dem Fall ... befürchte ich, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben.« Sie ging bereits auf die Tür zu, als Odds sie zurück- rief.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Inspektor Mescard machte den Eindruck eines wüten- den Mannes, der sich auf den Weg zu seinem Friseur gemacht hat und aus Zerstreutheit im Wartezimmer seines Zahnarztes gelandet ist. Fast eine Stunde lang ließ Anwalt Jean-Louis Voline ihn warten, bevor er sich bereiterklärte, ihn zu empfangen. In der Zwischenzeit hatte Mescard beim Durchblättern der ausliegenden Zeitschriften nahezu alles über die enttäuschenden Lie- besaffären der monegassischen Fürstenfamilie und über die Techniken des Zyklon-Surfens erfahren, einer neu- en, von der amerikanischen Westküste stammenden Sportart, die er aller Wahrscheinlichkeit nach niemals ausüben würde, dann endlich wurde er in das Büro des Anwalts gebeten. Anwalt Voline glaubte, der Polizist würde sich so- gleich entschuldigen und wieder hinausgehen. Denn Mescard schaute sich um, als hätte er ganz vergessen, weshalb er eigentlich gekommen war. Merklich ungeduldig räusperte sich Jean-Louis Voli- ne. »Kommen Sie als Klient oder als Polizist?« fragte er. Mescard zog die Nase hoch. »Ich verstehe ...«, murmelte er. Der Anwalt runzelte die Stirn. »Was verstehen Sie?« »Wieviel verlangen Sie?«, Der Anwalt zuckte zusammen. »Das hängt ausschließlich von dem Fall ab, den Sie mir anvertrauen wollen«, erklärte er bissig. »Ich habe keine Pauschalpreise.« Ungeniert begann sich Mescard mit dem Zeigefinger in der Nase zu bohren. »Ich ermittle in einem Mordfall.« »Also sind Sie als Polizist hier?« »Nicht unbedingt«, antwortete Mescard geheimnis- voll. »Hören Sie, ich bin Anwalt und nicht Detektiv. Was ist los, Inspektor? Hat ein Wahnsinniger die Nutte um- gelegt, auf die Sie ein Auge hatten? Hat einer Ihrer Hin- termänner sich schnappen lassen?« Die Augen des Polizisten funkelten belustigt. »Lesen Sie gern Kriminalromane?« »Nein, überhaupt nicht.« »Dann sollten Sie welche schreiben. Sie haben ein be- sonderes Talent dafür, gewisse Dinge zu beschreiben. Nein, im Ernst, die Leute sind versessen auf so was.« Die Überspanntheit seines Gesprächspartners schien dem Anwalt schwer auf die Nerven zu gehen. Verärgert schaute er auf seine Armbanduhr. »Ich habe eine Verabredung«, sagte er. »Es tut mir leid, aber ...« »Eigentlich ermittle ich in einem dreifachen Mord- fall«, unterbrach ihn Mescard. »Verstehen Sie, es han- delt sich nicht um eine Kleinigkeit. Und ich habe Be- weise dafür, daß Sie eines der Opfer kannten ...« Er zuckte mit den Schultern. »... Ich könnte Sie problemlos vor den mit dem Fall beschäftigten Untersuchungsrichter bringen. Mit drei Morden kann ich haufenweise Rechtshilfeersuchen er- gattern!« Der Anwalt lächelte böse. »Dann versuchen Sie's doch«, grinste er herausfor- dernd., Mescard wehrte ab. »Nein, nein! Ich habe nicht die Absicht, so etwas zu tun. Und wissen Sie auch, warum?« Der Anwalt runzelte die Stirn. »Ich weiß nur eins, Inspektor«, knurrte er. »Im Lauf meiner Karriere habe ich viele Ihrer Kollegen kennenge- lernt, und ich habe herausgefunden, daß es drei Arten von Polizisten gibt: die Beamten, die Verbitterten und die Duckmäuser. Ehrgeizlinge sind stets dieser letzten Kategorie zuzuordnen. Ich weiß nicht, ob Sie ehrgeizig sind oder nicht, aber in Sachen Heuchelei wird so schnell niemand Ihnen das Wasser reichen.« Mit dem Handrücken rieb Mescard sich über die Nase. »Monsieur Jean-Louis Voline«, begann er in leiden- schaftslosem Ton, »Sie haben im Lauf Ihrer großartigen Karriere nicht nur die Rechte von Witwen und Waisen verteidigt. Sie wissen ganz genau, daß ein Gauner oft viel mehr ausplaudert, als er gefragt wird .« Er klopfte die Taschen seines Dufflecoats ab. »Hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?« Der Anwalt schob ihm ein Kästchen zu, dessen Dek- kel er öffnete. Mescard griff hinein, steckte sich eine Zi- garette zwischen die Lippen und fünf andere in die Manteltaschen. »Ehrlich gesagt«, fuhr er fort, indem er nach dem schweren runden Feuerzeug auf dem Schreibtisch des Anwalts griff, »ich bin kein begeisterter Anhänger des Gesetzbuches. Die Zeiten sind hart, jeder muß schauen, wie er zurechtkommt. Und in meinem Alter beschäftigt man sich nicht mehr mit solchen Lappalien wie Steuer- hinterziehung, Verkaufsbetrug, Falschnamen beim An- kauf von Wohnhäusern, die zur Prostitution und ande- ren Geschäftchen bestimmt sind .« »Reden Sie doch keinen Quatsch!« unterbrach ihn Voline. »Kommen Sie endlich zur Sache. Ich hab nicht viel Zeit!«, »Wissen Sie, daß Sie denselben Ton draufhaben wie Bogart? Wie schaffen Sie es, einen solchen Akzent zu haben, ohne den Mund zu verziehen? Mir gelingt das einfach nicht ...« Der Anwalt seufzte laut auf. »Mustapha Moussi«, sagte der Inspektor nur. Anwalt Voline runzelte die Stirn. »Darauf hätte ich wetten können«, entgegnete er. Langsam blätterte Odds den medizinischen Bericht durch, dessen erste Seite fehlte. Auf den ersten Blick schien die Akte echt zu sein, und die meisten Resultate der Analysen stimmten mit den Angaben auf dem Fahndungszettel überein. Mein Gott! Odds unter- drückte einen Seufzer. Der von Alexander Sirchos ge- suchte genetische Zwilling existierte tatsächlich, und er lebte hier, in diesem Land, auf dem Territorium der Z.S.A., auf seinem Gebiet! Das war zu schön ... Seine Euphorie wurde wieder ein wenig gedämpft, als er merkte, daß weder die Identität des Mädchens noch der Name des Krankenhauses, in das es vor einigen Jahren eingeliefert worden war, in der Akte aufschienen. Wahrscheinlich hatten sie auf der herausgerissenen er- sten Seite gestanden. Ohne diese Angaben war die Akte nichts wert. Er hob den Kopf. Die Frau lächelte. Odds schauderte. Er hatte Feinde, viele Feinde, doch nur we- nige von ihnen ließen ihn nachts nicht ruhig schlafen; aber es wäre ihm lieber gewesen, diese Hexe nicht zu den letzteren zählen zu müssen. »Ich benötige eine Zahlungsgarantie«, sagte die Frau. Odds kreuzte die Arme. Im Prinzip hätte er sogleich Alexander Sirchos benachrichtigen müssen, aber er legte großen Wert auf seine wichtige Vermittlerrolle. Seinem amerikanischen Korrespondenten zufolge stan- den unbegrenzte Kredite und Prämien zur Verfügung. Einen solch lukrativen Job ließ Odds sich nicht so einfach durch die Lappen gehen., »Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag«, erklärte er. »Eine jährliche Rente von hundertfünfzigtausend bis an Ihr Lebensende sowie eine erste Überweisung, sobald wir die Echtheit dieser Akte geprüft haben. Was halten Sie davon?« »Eine Rente?« entgegnete die Frau sichtlich verärgert. Odds beugte sich leicht nach vorn. »Verstehen Sie mich nicht falsch, Madame ...« »Madame Franck.« »Madame Franck. Wir kaufen nicht nur diese Akte, wir möchten uns ebenfalls auf Ihre Diskretion verlassen können. Und eine jährliche Rente ist die beste Methode, uns Ihre Diskretion zu sichern.« »Eine Rente, die Sie nicht mehr überweisen müßten, sobald mir etwas zustieße, nicht wahr?« knurrte die Frau. Odds gab sich entrüstet. Er setzte zu einer Antwort an, aber die Frau kam ihm zuvor: »Jeder weiß, daß Sie es mit den moralischen Eigen- schaften Ihrer Angestellten nicht so genau nehmen ...« Sie kniff beide Augen zusammen. »... Und daß Ihre Geier sich nicht immer nur mit Lei- chen zufriedengeben, nicht wahr? Sie werden mir fünf- hunderttausend sofort überweisen, und dann jährlich zehn mal fünfzigtausend, einverstanden?« Odds fand, daß man in letzter Zeit wahrhaftig viel Geld von ihm verlangte, aber er war sich nicht zu scha- de, um noch zehnmal mehr von Sirchos zu fordern. Die kühle Entschlossenheit der Frau überzeugte ihn schließ- lich davon, daß er keinen günstigeren Kompromiß aus- handeln könnte. »In bar selbstverständlich«, fügte sie mit einem häßli- chen Grinsen hinzu. Odds breitete die Arme aus. »Aber wie soll ich denn Ihrer Meinung nach eine sol- che Summe aus meinem Schreibtisch hervorzaubern?« entgegnete er. »Die Z.S.A. ist eine offizielle Institution,, die von der Ärztekammer und der Regierung unter- stützt wird, und keine geheime Filiale der Mafia, wie Sie zu glauben scheinen! Ich unterstehe einem Wirtschafts- prüfer, Madame Franck. Glauben Sie etwa, ich könnte ein Loch von fünfhunderttausend in der Kasse vor ihm verbergen?« Die Frau erhob sich. »Ich bin sicher, daß Sie sich schon zu helfen wissen. Ich habe Zeit ...« Nachdenklich schaute er ihr nach, wie sie das Büro verließ. Zeit ... Pamela Sirchos hatte immer weniger Zeit. Der Boß der Z.S.A. klappte die Krankenakte wie- der zu, die die Frau ihm freiwillig dagelassen hatte. Mit den wenigen Angaben, über die er verfügte, brauchte er mindestens einen Monat, um die Identität dieses Mäd- chens und des Krankenhauses herauszufinden, in das es eingeliefert worden war. Es sei denn ... Wenn er die Karriere dieses Doktor Franck etwas genauer unter die Lupe nehmen würde ... Odds schüttelte den Kopf. Wieviele Blinddarmoperationen mochte ein Chirurg in- nerhalb eines Jahres wohl durchführen? Und wie viele Ärzte tragen den Nachnamen Franck? Und wie viele Archive gab es, die irgendwo in einem Datenverarbei- tungsgerät schlummerten? Die Nachfragen in den Allergie-Abteilungen hatten zu rein gar nichts geführt. Außer daß ein Spinner im Norden des Landes geglaubt hatte, anhand der geneti- schen Angaben auf dem Fahndungsblatt einen seiner Patienten wiedererkannt zu haben, der vor fünf Jahren verstorben war. Die einzige interessante Spur war diese Frau, deren leicht süßliches Parfüm nach wie vor im Raum schweb- te. Odds hob den Telefonhörer ab. David Toland betrat seine Wohnung, hängte seine Jacke an einen Kleiderhaken und warf den dicken gepolster-, ten Umschlag achtlos auf einen Sessel. Dann ließ er sich auf sein Bett fallen und lockerte die Riemen seiner Stie- fel, die er sich mit den Füßen abstreifte. Herrgott! Er war erschöpft, völlig ausgebrannt, kraftlos und fühlte sich innen wie außen schmutzig. Er legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute sich voller Enttäuschung in seinem von den Gerichtsvollziehern geplünderten Wohnzimmer um. Boris Gerstein, der europäische Pres- sezar, ließ sich Zeit mit der Erfüllung seines Verspre- chens. Bislang hatte noch kein Scheck Tolands Chero- kee wieder in Schwung gebracht. Trotzdem brauchte sich David keine Sorgen über seinen Kontostand zu ma- chen. Dank der letzten Nacht, des entsetzlichen Massa- kers und sämtlicher Prämien, die Milan ihnen gesichert hatte, besaß er genug Geld, um seine Wohnung neu einzurichten. Diese Vorstellung ekelte ihn an. Er war einer von ihnen geworden ... Ein Aasfresser, ein Geier, der von nun an mit dem Gesindel von Idioten zusam- menarbeiten müßte, die von diesem Schwein namens Steve Odds engagiert worden waren, für den ein ent- nommenes Organ eher eine Handvoll Dollarnoten als ein gerettetes Leben bedeutete. David erinnerte sich an die Worte von Gerard Rous- sel, seinem ehemaligen Assistenten, der angesichts des leidenschaftlichen Idealismus seines Gefährten immer wieder behauptet hatte, in der Geschichte der Medizin sei diese Art der Kunst immer auch mit dem Prinzip der Rentabilität verbunden gewesen. Die Gesundheits- händler ... Den Bereich der Medizin, in dem eine Ver- staatlichung nötiger war als in irgendeinem anderen Be- reich, hatten die verschiedenen Regierungen einem völ- lig schwachsinnigen System der freien Konkurrenz ausgeliefert. In diesem Bereich lähmte der Konkurrenz- kampf den Fortschritt, wurden falsche Eide geleistet, jede Ordnung zunichte gemacht. Zwischen dem offe- nen Krieg der Laboratorien und dem Hegemonie-Stre-, ben der Z.S.A. stürzte die Medizin in ein paranoides Universum ab. Den kleinen Jungen, der mit glänzenden Augen einem vorbeifahrenden Krankenwagen hinter- herschaut, gab es längst nicht mehr. Todmüde schlief David ein und wurde von hoff- nungslosen Bildern gequält. Zorski saß am Rand des Schwimmbeckens und hatte ei- nen fürchterlichen Kater. Wie alle anderen auch, aber wahrscheinlich mit einem ausgeprägteren Bewußtsein, hatte er im Lauf seiner Karriere schwere Momente der Verzweiflung überwinden müssen. Doch nie zuvor hatte er sich derart schlecht, derart hilflos gefühlt. Eines Tages verspüren die allermeisten Chirurgen dieses be- rauschende Gefühl, Herr über Leben und Tod zu sein, den Kundendienst des Schöpfers zu übernehmen. Die- ses eigenartige, mit seinem Beruf eng verbundene Ge- fühl hatte Zorski zu einem anderen Menschen gemacht; eine Gewißheit, von der er sich nicht mehr befreien konnte und die von seinen Recherchen über Kopftrans- plantationen nur noch verstärkt wurde. Seitdem er mit der unglaublichen Macht von Alexander Sirchos kon- frontiert war, wurde er sich seiner Verwundbarkeit und der möglichen Ausbeutung seiner Entdeckungen all- mählich bewußt. Man mußte schon ein Idiot sein, um nicht zu begreifen, daß Sirchos einen Unschuldigen op- fern würde, um das Leben seiner Frau zu retten. Der Chirurg lag auf seinem Liegestuhl im Schatten eines bunten Sonnenschirms und fragte sich, ob er überhaupt noch eine andere Wahl hatte, ob er sich wei- gern könnte, sich an einer äußerst zweifelhaften Opera- tion zu beteiligen. Er beschäftigte sich noch mit den wi- dersprüchlichen Antworten auf diese Fragen, als plötz- lich Hugo Russel in sein Blickfeld trat. Ohne so recht zu wissen warum, haßte Zorski diesen Arzt allmählich. Gewiß sah er in ihm sein eigenes Spiegelbild, die Um- risse seiner eigenen Zukunft, die Zukunft eines von ei-, ner fremdartigen Macht zerstörten Mannes, der mani- puliert wurde wie eine gewöhnliche Marionette. »Sirchos möchte mit Ihnen sprechen«, sagte Russel. »Ich glaube, sie haben gefunden, was sie suchen.« Zorski richtete sich auf. »Was sagen Sie da?« »Sie haben einen genetischen Zwilling in Europa ge- funden«, erklärte Russel. Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: »Die Suchmeldungen wurden unter dem Vorwand einer Rückenmarktransplantation veröffentlicht. Sie wissen ganz genau, daß dem nicht so ist. Was haben Sie vor? Wollen Sie zum Komplizen in einem Mordfall wer- den?« Zorski setzte diese zugleich überraschte und wütende Miene auf, mit der er Gegnern gegenüberzutreten pflegte, die gegen die Konventionen einer Pokerpartie verstießen. Eine Mischung aus Zorn und Mitleid. »Warum bleiben Sie denn hier, Russel?« murmelte er. Einen Augenblick lang zögerte Russel. »Ich wollte Ihnen ganz einfach nur sagen, daß Ihr Entschluß absolut nichts an der Sache ändern wird«, er- klärte er und starrte auf den Grund des Swimming- pools. »Sirchos hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, selbst zu operieren oder einem anderen Chirurgen zu assistieren, falls Sie sich weigern würden. Ich habe ein- gewilligt.« Mit einem verächtlichen Grinsen auf den Lippen er- hob Zorski sich. »Sie sind bereits ein toter Mann, Russel«, knurrte er. »Ich werde diesen idiotischen Vorschlag ablehnen, und ich versichere Ihnen, daß niemand jemanden töten wird, um das Leben einer Milliardärsgattin zu retten!« Wie eine angriffsbereite Dogge starrte Russel ihn an. »Das glauben Sie!« erwiderte der Arzt. »Nichts und niemand kann sich Alexander Sirchos widersetzen. Es war falsch von mir, das Gegenteil zu glauben, und es, war vor allem falsch, einen Augenblick lang zu hoffen, der berühmte Mark Zorski könnte ihm die Stirn bieten.« Er grinste verkrampft. »Sie waren nicht einmal imstande, Ihren Freund Simba zu retten.« Zorski stürzte sich auf Russel und packte ihn brutal am Hemdkragen. Um ein Haar wären die beiden Män- ner ins Schwimmbecken gefallen. »Was sagen Sie da?« raunte der Chirurg. Russel versuchte sich zu befreien, aber er hatte keine Kraft mehr. »Er wartet auf Sie«, stammelte er. Zorski ließ nicht locker. »Sie wissen, was in diesem Haus gemunkelt wird«, flüsterte er grausam. »Daß es nicht das Eindringen der Rowdies war, das für Pamela Sirchos' Zustand verant- wortlich ist! Scheren Sie sich zum Teufel, Russel! Pak- ken Sie Ihren Koffer und verschwinden Sie! In fünf Mi- nuten wird Monsieur Sirchos diesen Befehl bestätigen.« Russel wurde blaß, totenblaß. Er schwieg, während Zorski mit großen Schritten auf die Villa zuging und fest entschlossen war, den Fluch, der auf diesem Haus lag, aus der Welt zu schaffen. Sehr langsam, Schein für Schein, zählte die Frau das Geld. Odds beobachtete sie und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Kante seines Schreibtischs. Schließlich schloß sie das Köfferchen, öffnete ihre Handtasche und zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor, das sie dem Boß der Z.S.A. reichte. »Sie heißt Giova Llorens«, sagte sie und verzog den Mund, als würde dieser Name ihr die Kehle auskratzen. »Sie ist umgezogen, und ihre neue Adresse kenne ich nicht ...« Wütend griff Odds nach dem Koffer. Die Frau wich rasch zurück. »Aber ich weiß, daß sie in Paris wohnt, und ich weiß,, wie man sie in wenigen Stunden ausfindig machen kann«, fügte sie schnell hinzu. »Sie hätten mir sämtliche Informationen liefern müs- sen«, entgegnete Odds mit feuerrotem Gesicht. Unter Steve Odds' drohendem Blick mußte die Frau sich erheben und um ihren Stuhl herumgehen. »Hören Sie!« schrie sie. »Dieses kleine Luder muß re- gelmäßig ein spezielles Medikament einnehmen. Da Ihre Nachforschungen bei den Spezialisten nichts erge- ben haben und es sich um eine nach den Angaben des Arztes zubereitete Arznei handelt, brauchen Sie nur in den verschiedenen Apotheken nachzufragen.« Odds fluchte leise vor sich hin und drückte mehrere Tasten seines elektronischen Telefonbuchs. »Nicht nötig«, sagte die Frau. »Ich habe es bereits ver- sucht. Der Name der Mutter dieser verdammten Hure steht in keinem Verzeichnis. Es ist möglich, daß sie ein zweites Mal geheiratet hat und Giova nach wie vor bei ihr lebt.« Wütend wandte sich Odds von dem Apparat ab. »Sie machen sich wohl über mich lustig?« knurrte er. »Glauben Sie, ich habe fünfhunderttausend Dollar lok- ker gemacht, nur um den Namen eines unauffindbaren Mädchens zu erfahren?« »Ich besitze ebenfalls die Namen der fünf oder sechs Apotheken, die befugt sind, diese ganz spezielle Arznei zusammenzustellen«, bemerkte die Frau. »Mein Mann war es, der dieses Heilmittel gegen starke Asthmaan- fälle erfunden hat. Bis zu jener Zeit hatte alles nichts geholfen. Nachdem er sich die Analysen genauer an- gesehen hatte, sagte er mir, die Kleine müßte wahr- scheinlich ihr Leben lang dieses Medikament einneh- men.« Odds schien sich merklich zu beruhigen. Er las den Text des Blattes, das man ihm soeben ausgehändigt hat- te. Er verzeichnete den Namen des Mädchens, das Da- tum und den Ort seiner Einweisung in ein Krankenhaus, sowie den Namen des Chirurgen, der es operiert hatte. Doktor Serge Franck. »Ich kann hier weder die Liste der Apotheken noch den Namen des Produktes finden«, sagte er mit un- freundlicher Stimme. Die Frau runzelte die Nase auf eine komische Art und Weise. Die drei Falten auf ihrer Stirn glichen mehr und mehr abscheulichen Hiebwunden. »Das steht alles in einem Heft, das ich in ein Schließ- fach gesperrt habe. Hier ist der Schlüssel«, antwortete die Frau und hielt dem fettleibigen Boß einen winzigen, an einem gelben Kunststoffrechteck befestigten Schlüs- sel vor die Nase. Odds schüttelte den Kopf. »Sie werden doch wohl nicht annehmen, daß ich Ih- nen mein Geld für diesen Blödsinn überlasse?« sagte er im heiteren Ton eines Schachspielers, der ganz genau weiß, daß er seinen Gegner schachmatt setzen wird. »Madame Franck, bislang ist es noch keinem Gauner gelungen, mich reinzulegen.« »Ich wußte, daß Sie so reagieren würden«, entgegnete die Frau selbstsicher und mit einer schrillen Stimme, die in krassem Gegensatz zu ihrer unauffälligen Erschei- nung stand. »Unten auf dem Blatt, das ich Ihnen gerade gegeben habe, können Sie eine Reihe von neun Ziffern und Buchstaben lesen. Es handelt sich um ein Codewort der Archive des Amerikanischen Hospitals. Dort kön- nen Sie meine Informationen überprüfen.« Verblüfft schaute Odds die Frau an. Dieses Weib wußte, was es wollte. »Nehmen Sie Platz!« befahl er. »Ich brauche nur fünf Minuten.« Die Frau setzte sich wieder hin. Eine Viertelstunde später konnte Odds feststellen, daß Giova Llorens vor vier Jahren wegen einer Blind- darmentzündung in die Abteilung von Doktor Franck aufgenommen worden war und daß die Einzelheiten, der vorgenommenen Analysen genau mit der Suchmel- dung übereinstimmten. Er brach die Verbindung ab und rief im Amerikanischen Hospital an, wo man ihm erklärte, daß es völlig unmöglich sei, falsche Angaben in den Archiven der Zentrale zu speichern, da diese nur durch ein täglich sich änderndes Codewort zugänglich seien. Wenigstens in diesem Punkt hatte Madame Franck also nicht gelogen, und plötzlich war Odds fest davon überzeugt, daß sie auch in allen andern Punkten die Wahrheit sagte. Dennoch erlaubte er sich eine letzte Frage. »Durch eine Rückenmarktransplantation ist bislang noch kein Mensch gestorben«, murmelte er. »Wieso glauben Sie, sich an diesem Mädchen rächen zu kön- nen, wenn Sie uns helfen, sie ausfindig zu machen?« Die Frau lächelte traurig. »Wenn Sie die Absicht hätten, ein an Leukämie er- kranktes Kind zu retten, hätten Sie eine umfangreiche Werbeaktion gestartet, um Ihr Image wieder aufzupolie- ren«, sagte sie ruhig. »Nun aber sind Ihre Nachfor- schungen eher diskret, wenn auch erfolgreich. In den Medien wurde noch nicht darüber berichtet.« Sie erhob sich von ihrem Stuhl und fügte hinzu: »Und Sie müßten sich mein Schweigen nicht auch noch erkaufen. Ich weiß, daß Giova Llorens sterben wird.« Steve Odds' kräftige Hand schloß sich um den Schlüsselanhänger aus gelbem Plastik. Die Frau zog die Tür hinter sich zu, und Odds war si- cher, sie nie wiederzusehen. Was er jedenfalls hoffte. Diese Frau hatte ihn das Schaudern gelehrt. Er drückte auf den roten Knopf der Sprechanlage. »Schicken Sie Milan und Toland zu mir, sofort!«,

Neunundzwanzigstes Kapitel

Zorski, der einige Sekunden zuvor noch so fest ent- schlossen war, mußte nun gegen die magnetische An- ziehungskraft ankämpfen, die Alexander Sirchos auf seine Gesprächspartner ausübte. Gegen das unwider- stehliche Charisma, dessen er sich immer wieder be- diente, wenn er sich einem wichtigen Kampf zu stellen hatte. Und dies war ein wichtiger Kampf! Keiner der beiden Männer ließ sich vom anderen an der Nase her- umführen, und momentan beschränkten sie sich darauf, den anderen zu beobachten, wobei die üblichen Höf- lichkeitsbezeugungen die Heftigkeit des sich anbah- nenden Kampfes nur sehr schwer verbergen konnten. Sirchos nahm eine Flasche Cristal Roederer aus dem feuchten Kübel, der das Wappen seiner Familie trug. Als er den Champagner ausschenkte, gab er sich plötzlich gut gelaunt, was bislang nicht oft der Fall gewesen war. »Um einen Mann wieder in Schwung zu bringen, gibt es nichts Besseres als einen guten französischen Cham- pagner«, erklärte er. Zorski begriff ganz genau, was Sirchos damit sagen wollte. Die offenkundige Anspielung auf sein schlech- tes Aussehen war um so unerträglicher, da er ganz ge- nau wußte, daß auch er, der Milliardär, seit seiner An- kunft in der Villa keinen einzigen Moment hatte ausru- hen können. Physisch schien er jedenfalls in der Lage zu sein, ein Tennismatch über fünf Sätze durchzustehen und sich anschließend mit zwanzig Schwimmbecken- längen zu entspannen. Als erfahrener Spieler wußte Zorski, daß die körperliche Erscheinung und sogar die Kleidung sich beträchtlich auf den Ablauf einer Partie auswirken konnten. Sirchos hob sein Glas. »Wir haben großes Glück, Doktor Zorski.« Der Chirurg stand reglos da und verzichtete absicht- lich darauf, mit Sirchos anzustoßen., »Sie haben einen genetischen Zwilling für Pamela ge- funden?« fragte er mit zusammengekniffenen Augen. Sirchos schien die Reserviertheit des Arztes nicht zu irritieren. Er nippte an dem Champagner und stellte sein Glas wieder hin. »Das Wunder kommt aus Frankreich«, erklärte er. »Ein junges Mädchen, das Opfer einer schweren Schä- delverletzung geworden ist und nun in tiefem Koma liegt. Die Ärzte haben die Hoffnung auf eine Rettung aufgegeben ...« Plötzlich hielt er einige Sekunden lang besorgt inne. »Ich kann verstehen, daß es Sie schockiert, wenn ich mich über das Unglück dieser Frau freue. Es fällt mir schwer, diese Reaktion zu rechtfertigen, aber als ich er- fuhr, daß ihre Analyseresultate in sämtlichen Punkten mit denen von Pamela übereinstimmen, habe ich dem Himmel gedankt, Doktor Zorski.« Tief erschüttert biß der Chirurg sich auf die Unterlip- pe. »Bei diesem Rennen standen Ihre Chancen hundert- tausend zu eins«, murmelte er. Der kalte Blick des Milliardärs traf Zorski. »Ich will, daß Sie mir helfen, dieses Ermittlungssy- stem zu modernisieren. Überall auf der Welt warten Kranke auf ihren >echten falschen Zwilling<. Ich habe vor, meine ganze Organisation in ihren Dienst zu stel- len ...« »Und wir werden miterleben, wie die Mächtigen sich das Leben ihrer genetischen Doppelgänger erkaufen können«, unterbrach ihn Zorski. Überrascht runzelte Sirchos die Stirn. »Ich muß gestehen, daß ich den Sinn Ihrer Überle- gung nicht ganz begreife, Doktor Zorski«, behauptete er mit einer Spur von Unnachgiebigkeit in der Stimme. »Aber welche Ziele verfolgten Sie denn, als Sie mit Ihrer Forschungsarbeit über Kopftransplantationen began- nen? Angenommen, Ihre Experimente bringen positive, Resultate und setzen sich weltweit durch: Glauben Sie wirklich, Sie könnten kontrollieren, wie Ihre Entdek- kungen in der ganzen Welt angewandt werden?« In diesem Punkt hatte sein Freund Simba Zorski be- reits in arge Verlegenheit gebracht, und auch jetzt fiel ihm nicht gleich eine Antwort auf dieses Argument ein. Sirchos war kein leidenschaftlicher Wissenschaftler und kannte nicht diese grundlegende Passion, die die Wis- senschaft vorantreibt. Er beschränkte sich darauf, die Argumente, die man ihm entgegenhielt, mit einer uner- bittlichen Logik zu widerlegen; einer Logik, die auf der schwerlich zu kritisierenden Basis des Humanismus fußte. »Nun! Ich kann das!« erklärte Sirchos. »Ich kann Ih- nen anbieten, Ihre Wahl zu treffen! Ich sage es Ihnen noch einmal: Sie brauchen nur zu fragen. Wenn Sie be- fürchten, daß Ihre Studien boykottiert werden, dann ziehen Sie sich in diese nur für Sie eingerichtete Klinik in Genf zurück und tun Sie ausschließlich das, wozu Sie Lust haben! Brechen Sie Ihre Arbeit ab, wenn Sie das für richtig halten. Doch vergessen Sie nie, daß wir beide gemeinsam und innerhalb weniger Jahre in der Lage sind, die Lebenserwartung des Menschen zu verdop- peln. Vielleicht sogar zu verdreifachen .« Zorski holte tief Luft. Die grauen Augen des Milliardärs strahlten. »Weil ich in meinem Leben alles erreicht habe, Doktor Zorski. Aus allen meinen Kämpfen bin ich als Sieger und noch mächtiger hervorgegangen. Ich habe nur mehr einen einzigen Feind, und das ist derselbe, den auch Sie haben: der Tod.« Mit einer riesigen Zigarre im Mund und freudestrah- lend wie ein Schmarotzer, der sich in fremden Möbeln häuslich niedergelassen hat, lehnte sich Mirko Milan in seinem Sessel zurück und blies eine dicke blaue Rauch- wolke aus. Mit dem Daumen klappte er seine fünf Kar-, ten zu einem Fächer auf. Gelassen nahm er Kenntnis von seinem Blatt, schaute sich frech seine Gegenspieler an, gab ein kurzes spöttisches Lachen von sich und legte seine Karten wieder zusammen, so daß sie in seiner dik- ken Mörderfaust verschwanden. Er warf den Kopf nach hinten, schüttelte das struppige Haar und schob die Hälfte seiner Jetons in die Mitte des Teppichs. »Sie werden Blut spucken, meine Herren!« drohte er. Milans Vulgaritäten wurden im Klub nicht besonders geschätzt. In der ersten Zeit hatte er noch durchaus reizvoll gewirkt, doch dann war er allen Mitgliedern des Klubs rasch unerträglich geworden. Nur noch Boris Gerstein, der Pressemagnat, fand die spöttischen Be- merkungen des Sammlers nach wie vor komisch. Doch niemand konnte Milan den Zutritt zum Spielzimmer wirklich verwehren. Abgesehen von der unglaublichen Brutalität, mit der dieser Mann vorzugehen pflegte, wurde er auch noch protegiert. Offensichtlich liebte Milan es hierherzukommen. Die Entrüstung, die allein seine Anwesenheit im Kreis die- ser hohen Tiere bewirkte, schien ihn bestens zu amüsie- ren, und es gefiel ihm, mit seiner Unverschämtheit bis zum äußersten zu gehen. Doch dieses Gefühl der Macht, das er zwangsläufig verspüren mußte, kam ihm teuer zu stehen. Milan war ein miserabler Pokerspieler. Er bluffte oft und zudem ziemlich schlecht und wußte mit seinen Spielen nichts anzufangen. Seine Gegner hingegen, die zu den ehrbarsten und reichsten Män- nern Europas zählten, waren gefürchtete Pokerspieler und seit langem mit allen Tricks vertraut. Das nahm Milan ihnen jedoch nicht übel. Er zahlte, aber er revan- chierte sich auf diese Weise an dem Schicksal, das ihn in einer Zone auf die Welt hatte kommen lassen, wo die Sonne nicht einmal auf das Elend scheinen und den Schlamm trocknen konnte. Drei Spieler am Tisch hielten sogleich mit und veran- laßten den Geier, noch höher zu setzen. Milan lachte, noch lauter. Er kaute an seiner Zigarre herum und schaute seine Gegenspieler unverschämt an, einen nach dem anderen. Ein Mann in purpurroter Livree trat neben ihn. Er hielt einen Telefonapparat in der Hand, beugte sich zu ihm und murmelte. »Monsieur Odds will mit Ihnen sprechen.« Mit einer betont lässigen Bewegung stieß Milan den Mann zur Seite, so als würde er ein lästiges Insekt ver- scheuchen. »Später, mein Lieber, später!« wies er ihn in sonder- bar überspitztem Ton zurück. Boris Gerstein brach in schallendes Gelächter aus, und die anderen Spieler warfen ihm vernichtende Blicke zu. »Ich glaube, es ist äußerst wichtig«, beharrte der Diener. Milan seufzte, ergriff den Hörer, lehnte sich mit sei- nem Stuhl nach hinten und legte die Füße auf den Spieltisch. »Nun, Chef, was gibt's?« Am anderen Ende der Leitung drohte Odds vor Zorn fast zu ersticken. »Ich habe einen Spezialauftrag für Sie, Milan!« er- klärte der Boß der Z.S.A. »Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir!« Gewöhnlich bedeutete der Ausdruck >Spezial<, daß es sich um einen äußerst widerlichen, aber sehr lukrativen Job handelte. »Im Moment spiele ich«, entgegnete der Geier gelas- sen. »Das ist mir scheißegal!« brüllte Odds. Milan grinste unverschämt. »Ist es wirklich so wichtig?« »Allerdings!« zischte Odds. »In dem Fall spiele ich meine letzte Partie zu Ende«, sagte Milan. »Und meine Prämie wird so hoch sein wie mein letzter Einsatz.«, Odds schwieg einen Augenblick lang am anderen Ende der Leitung. »Was soll dieser Quatsch denn nun schon wieder, Milan?« »Bei dieser Partie ist die Einsatzhöhe unbegrenzt, aber ich habe nicht mehr viel Geld. Geben Sie mir Rücken- deckung?« Odds war erneut völlig verblüfft. »Was?« schrie er. »Gegen wen spielen Sie denn über- haupt?« »Gegen Carlus, den krabbenförmigen Rachitiker, der sich im nationalen Handel und in der Automobilindu- strie abrackert«, antwortete Milan glucksend. Dem alten Carlus fiel das Monokel von der Nase, und er schluckte vor Wut, während Gerstein sich vergnügt auf die Schenkel klopfte. »Und gegen Ihren Freund Passanti, der Liebling der Rußkis, der immer noch nach Gas stinkt«, fuhr Milan fort. Gerstein bekam vor lauter Lachen fast keine Luft mehr. »Und auch gegen dieses Ferkel namens Gerstein, wie Sie ihn zu nennen pflegen«, schloß der Geier. Augenblicklich erstarrte Gersteins Gesicht. Vergnügt legte Milan den Hörer auf den Tischrand und schaltete das Mikrophon ein, damit Odds die anderen Spieler hö- ren und selbst von ihnen gehört werden konnte. »Los, Boß, wir sind am Zug!« sagte der Geier. »Sie sind wohl völlig übergeschnappt, Milan!« brüllte Odds. »Ich ...« »Jetzt wird nicht mehr geredet, jetzt wird gespielt!« unterbrach Milan schroff. Boris Gerstein beugt sich etwas nach vorn. »Mein lieber Odds, hier spricht das Ferkel namens Gerstein. Übernehmen Sie tatsächlich die Garantie für diesen überheblichen jungen Mann?« »Natürlich tut er das!« antwortete Milan und tat, als, würde er dem Hörer rechts und links eine runterhauen. »Nicht wahr, Boß? Nicht wahr?« »Einverstanden«, seufzte Odds. Milan setzte sich erneut bequem hin und kaute wei- terhin an seinem Zigarrenstummel. »In dem Fall«, sagte Gerstein, »befürchte ich, daß Sie in wenigen Minuten einen großen Teil des Kapitals Ih- rer Firma verlieren werden.« »Milan, ich . ..«, flehte Odds. »Ruhe!« schrie der Geier. »Wir sind hier beim Pokern und nicht auf einer Pressekonferenz!« Sehr schnell wurden die Einsätze auf zwanzigtausend erhöht, und Passanti zog sich zurück. Milan saß zwi- schen Carlus und Gerstein, deren haßerfüllte Blicke starr auf den freudestrahlenden Milan gerichtet waren, der nach jedem weiteren Einsatz ein vergnügtes Gluck- sen von sich gab. Odds beschränkte sich darauf, am anderen Ende der Leitung mit immer leiser werden- der Stimme zu murmeln, daß er weiterhin mithalten werde. Plötzlich schien Gerstein der Partie überdrüssig zu werden; auf einen Schlag erhöhte er auf fünfhundert- tausend. Carlus verlor erneut sein Monokel. Im Hörer herrschte Stille. »Was ist, Odds?« spottete Gerstein. »Hast du Schiß?« »Er wird mithalten«, sagte Milan. »Noch habe ich das nicht aus seinem Mund gehört!« schrie der europäische Pressezar. »Weil Sie nicht nur ein Idiot, sondern zudem auch taub sind«, entgegnete Milan. »Odds hat deutlich er- klärt, daß er für jeden meiner Einsätze die Garantie übernimmt.« »Ich will von ihm selbst hören, daß er bei fünfhun- derttausend mithält«, beharrte Gerstein. Alle Blicke waren auf den Telefonhörer gerichtet. »Ich halte mit«, flüsterte die Stimme. Die Zuschauer, die um den Tisch herum standen und, die Partie verfolgten, wurden unruhig. Die Reihe war an Carlus, aber Gerstein war immer noch wütend. »Eine solche Summe besitzen Sie doch gar nicht, Odds!« brüllte er. »Wenn ich auch nur die kleinste Un- regelmäßigkeit in der Buchhaltung der Z.S.A. entdecke, bringe ich Sie vor Gericht.« Carlus war derart alt und mager, daß zu befürchten war, bei der ganzen Aufregung würde er ganz einfach zu Staub werden und nur noch als winziges Aschen- häufchen unter seinem Stuhl übrigbleiben. Mehrmals sah er sich seine Karten an. »Geben Sie auf, Carlus!« riet Gerstein ihm mit heise- rer Stimme. »Ich will diesen Dummkopf allein fertigma- chen!« Carlus seufzte mit heller Stimme und legte seine Kar- ten nieder. »Ich passe ...« Gerstein lächelte. »Sie haben mehr als sechshunderttausend auf dem Teppich liegen, Odds. Und ich habe einen Straight in der Hand.« Fächerförmig breitete er seine Karten auf dem Samt- teppich aus. Die Unruhe unter den Zuschauern nahm zu. Milan saß völlig reglos da. Zwei Zentimeter aufge- weichter Zigarre tauchten zwischen seinen Lippen auf. Mit einem Mal stellte er seinen athletischen Oberkörper zur Schau und legte mit einer geschmeidigen Bewegung sein Fullhouse auf den Tisch. Fast wären Gerstein die Augen aus dem Kopf gefallen, während der Saal vor Begeisterung tobte. »Was ist los?« rauschte es im Telefonhörer. »Was ist los?« Milan beugte sich über den Tisch. »Hinterlegen Sie Ihren Scheck am Eingang des Klubs, Gerstein«, erklärte er ruhig. »Ich werde morgen vorbei- kommen und ihn abholen. Ich hoffe, Sie sind nun nicht gezwungen, Ihre Z.S.A.-Aktien zu verkaufen, um diese, Schuld begleichen zu können. Diese Aktien steigen nämlich.« Odds verlangte am Telefon immer noch fieberhaft nach weiteren Erklärungen. Das Alarmsignal des Computers schreckte Toland auf. Schweißgebadet richtete er sich in seinem Bett auf. Der rote Knopf der Direktleitung zu Steve Odds blinkte auf, und der Fernschreiber hatte soeben zu knattern aufge- hört. Toland erhob sich, verzog das Gesicht, ging durch das Zimmer und riß die Mitteilung ab. Sein Rücken tat ihm erneut weh. Dringender Appell der Z.S.A. - Steve Odds. David gähnte heftig, zerknüllte das Papier, verfehlte den Papierkorb um beinahe einen Meter, eilte ins Bad und hielt den Kopf unter den eiskalten Wasserstrahl. Knurrend schüttelte er sich, bespritzte die Wände mit Wasser und ging mit einem großen Frottiertuch um den Kopf ins Wohnzimmer zurück. Er wählte die Nummer der Z.S.A. und bekam Goldman an den Apparat. »Was ist los?« fragte er. »Keine Ahnung. Odds ist in seinem Büro beschäftigt. Er will, daß du sofort herkommst.« David trocknete sich die Haare. »Hat man der Zentrale einen großen Coup übermit- telt?« »Nein, nichts Besonderes«, antwortete Goldman nur. »Es wird doch wqhl nicht so weitergehen wie letzte Nacht«, brummte Toland und warf das Handtuch auf einen Sessel, genau auf den gepolsterten Umschlag. »Ich komme.« Dann legte er auf. Vom kalten Wasser hatte er wieder einen klaren Kopf bekommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde Odds ihn wieder zu einem miesen Fall los- schicken. Warum tat er das? Warum ließ er ihn mit Mi- lan, dem Schlimmsten von allen, zusammenarbeiten? Allmählich begriff David, was los war. So wie das bei, zahlreichen kriminellen Organisationen üblich war, ver- suchte Odds, dem Sammler Angst einzujagen und ihn in verworrene Situationen zu verwickeln, um zu ver- hindern, daß er eines Tages gegen seine Arbeitgeber aussagen könnte. David zog seine Stiefel an und schnürte die Riemen unterhalb des Knies fest zu. Er schloß seine Jacke und stellte sich vor den großen Spiegel, in dem er das Bild eines dieser Geier sah, die er so lange gehaßt hatte. Langsam streifte er seine weichen Lederhandschuhe über und schlug derart kräftig gegen die Glasscheibe, daß sie auf ihrer ganzen Fläche einen riesigen Riß be- kam. »Armes Schwein!« fluchte er leise und verließ die Wohnung. Statt den Aufzug zu nehmen, rannte er die Treppe hinunter, um sich die Beinmuskeln zu lockern. Im un- terirdischen Parking blieb er vor dem gewaltigen roten Motorrad mit dem Seitenwagen stehen, in dem Gerard Roussel in der ersten Zeit ihrer Zusammenarbeit, bevor sie den Cherokee kauften, Platz zu nehmen pflegte. Trotz ihrer Schnelligkeit und Wendigkeit hatte sich diese Maschine mit der begrenzten Ladekapazität und der verhältnismäßig einfachen Ausrüstung sehr bald als unzulänglich erwiesen. David setzte seinen Sturzhelm auf und schwang sich auf die Maschine, deren Motor gleich beim ersten Start- versuch aufzuheulen begann. Die Zeiten, wo er auf die- sem roten Motorrad durch die Straßen der Hauptstadt kurvte und als einziges Material einen Scanner, eine Metallkiste mit einigen chirurgischen Werkzeugen und zwei kleine Kühltaschen besaß, waren längst vorbei. Mit dieser amateurhaften Ausrüstung hatten die beiden Männer trotzdem gute Arbeit geleistet und die fehlende Quantität durch Schnelligkeit und Geschicklichkeit wettgemacht. Sie waren so sehr von ihrer Arbeit über- zeugt ..., Das Motorrad fuhr die Ausfahrt hoch, das Eisengitter öffnete sich und gab den Ausgang des Parkings frei. Mit schwindelerregender Geschwindigkeit raste David auf die Schnellstraßen zu. Inspektor Mescard stand am Eingang des Gebäudes und zündete sich eine der Zigaretten an, die er sich beim Anwalt geborgt hatte. »Das Flugzeug erwartet uns, Doktor. Ich will, daß Pa- mela so schnell wie möglich operiert wird.« Mark Zorski zog die Nase hoch. Das Kokain hatte zu einer Entzündung seiner Stirnhöhle geführt. Gewiß, Sirchos wußte zu überzeugen, aber im Grunde war es mehr als das. Die Leute liebten es, von ihm überzeugt zu werden. Seine Entschlossenheit, diese teuflische Fä- higkeit, aus völlig hoffnungslosen Situationen einen Ausweg zu finden, nötigte auch dem Chirurgen Be- wunderung ab. Er erinnerte sich an die Bemerkung des Milliardärs über Pokerspiele, die man in der Schwebe lassen muß. Zorski hatte das sonderbare Gefühl, an ei- nem Spiel teilzunehmen, bei dem er das unsagbare Ver- langen hatte, es zu verlieren. Der Arzt hob die Augen und spürte im grauen Blick seines Gegners, daß sie den Höhepunkt des Kampfes erreicht hatten. »Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Mister Sirchos?« Der Milliardär gab sich etwas erstaunt. »Aber selbstverständlich.« »Sie behaupten, Ihre ganze Kraft gegen den Schmerz und den Tod einsetzen zu wollen, aber wären Sie bereit zu töten, um Ihre Frau zu retten?« Die Augen des Milliardärs verengten sich ein wenig, so als sei er kurzsichtig und würde auf diese Weise ver- suchen, klarer sehen zu können. »Vielleicht«, gestand er mit deutlicher Stimme. »Ich empfinde Pamelas Krankheit als eine große Ungerech- tigkeit, und gewiß wäre ich nicht abgeneigt, mich mit, einer anderen Ungerechtigkeit dagegen zu wehren. Aber ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.« Diese Antwort verunsicherte Zorski erneut. Er war nach wie vor davon überzeugt, daß Sirchos bluffte, aber er hätte keinen Cent mehr darauf gewettet. Seine Über- zeugung ließ allmählich nach. »Ich will ebenfalls ganz ehrlich zu Ihnen sprechen«, sagte er und bedauerte den Mangel an Bestimmtheit in seiner Stimme. »Ich habe nicht die Absicht, dem Vor- schlag, Ihre Frau zu operieren, zu folgen.« Sirchos' Gesichtszüge verhärteten sich, verschlossen sich vor innerer Wut. »Das ist ganz allein Ihre Entscheidung ..« Zorski versuchte, der sich anbahnenden Spannung entgegenzuwirken. »Seit Monaten habe ich keine Herztransplantatio- nen mehr vorgenommen. Doch andere Chirurgen in Europa führen solche Operationen regelmäßig durch. Es wäre klüger, sich an einen von ihnen zu wenden.« Sirchos' Augen wurden zu zwei horizontal in eine Ei- senmaske geschlagenen Schlitzen. »Ist das der einzige Grund für Ihre Ablehnung, Dok- tor Zorski?« Zorski runzelte die Stirn. »Genügt der Ihnen nicht?« fragte er etwas lauter. »Es gibt Fakten, Mister Sirchos, die nicht zu leugnen sind. Bei meiner vorherigen Operation Ihrer Frau habe ich versagt. Genau wie der arme Russel, der seine Mißer- folge niemals überwinden kann. Warum also diese Ver- bissenheit? Ich sage es Ihnen noch einmal: Es gibt in Eu- ropa mindestens zwanzig hervorragende Chirurgen, die mit den Techniken der Transplantation vertraut sind und denen dieser Eingriff höchstwahrscheinlich gelin- gen wird.« »Höchstwahrscheinlich«, betonte der Milliardär. »Nun ist es an mir, Ihnen eine Frage zu stellen, Doktor Zorski.«, Der Chirurg schwieg und hörte Sirchos aufmerksam zu. »Nehmen wir an, diese Herztransplantation mißlingt, wären Sie in dem Fall bereit, die Transplantation von Pamelas Kopf auf einen anderen Körper zu versuchen?« Zorski riß den Mund auf, doch er bekam keine Luft mehr. Sehr genau betrachtete er das Gesicht des Mil- liardärs, um möglicherweise einen letzten Ausweg darin zu entdecken, aber die Maske blieb undurchdring- lich. Dies alles war vollkommen absurd. Seines Wissens war eine solch unglaubliche Transplantation noch nie mit einem Menschen versucht worden, und nun schlug Sirchos ihm allen Ernstes den großen Coup mit seiner Frau vor, an der er doch mehr zu hängen vorgab als an irgend etwas anderem auf der ganzen Welt ... Und vor einigen Minuten noch hatte der Chirurg behauptet, er wolle ihre vorhergehende Abmachung nicht einhalten und auf das Geld und den Ruhm verzichten, den Sir- chos' wirtschaftliche Macht ihm gewährleisten würde. Zorski hatte plötzlich den Eindruck, jeder von ihnen beiden würde auf seiner hinterhältigen Position behar- ren und noch schrecklichere Wahrheiten hinter stich- haltigen Argumenten verbergen. »Ich möchte wenigstens, daß Sie den Chirurgen aus- suchen, der den Eingriff vornehmen soll, und ihm dabei assistieren«, sagte Sirchos schließlich. »Und ich flehe Sie ebenfalls an, Pamelas Transport zu überwachen und Ihre Entscheidung im Flugzeug noch einmal zu über- denken.« Natürlich konnte Zorski Sirchos keine dieser beiden letzten Bitten abschlagen. Was den Rest anging, be- schloß er, seine Antwort auf später zu verschieben ... Als er das Büro verließ, hatte der Chirurg das unan- genehme Gefühl, Sirchos hätte ihn soeben aus einem Flugzeug geworfen und einzig und allein der Milliardär könnte entscheiden, ob der Fallschirm, mit dem er aus- gerüstet war, sich öffnen würde oder nicht.,

Dreißigstes Kapitel

Mescard wurde ungeduldig: »Sag mal, Gege, ich hatte dich für schneller gehal- ten.« Gege, sechzig Jahre alt und ein Ganove der alten Schule, konzentrierte sich auf das widerspenstige Schloß und schwitzte wie ein Affe. Mit einem Knie am Boden hantierte er mit dem Dietrich und dem Magnet herum, ließ seine Zunge kreisen und mühte sich seit gut fünf Minuten ab. Von Zeit zu Zeit stieß er einen unver- ständlichen Fluch aus, den ein Außenstehender, der nichts von Geges Treue zu Courbevoie wußte, wahr- scheinlich für einen regionalen Dialekt gehalten hätte. »Mit meinen Keilen und der Stange hätte ich dieses verdammte Ding längst geöffnet«, knurrte der alte Ein- brecher leise vor sich hin. »Auf den ersten Blick sieht's kinderleicht aus, aber in Wirklichkeit ... Nun, halt so eine moderne Vorrichtung!« Mit dem Hemdsärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Inspektor Mescard stieß einen langen Seufzer aus und kreuzte die Arme. Früher war der Himmelsstürmer Gege der Schrecken aller Urlauber, die Plage aller Wochenendhäuschen, ein wirklicher Artist. Kein Schloß widerstand ihm. Von Bricard über Fichet bis nach City kannte er sich aus wie in seiner eigenen Hosentasche. Ohne diesen schrecklichen Husten, den er sich bei seinem letzten Aufenthalt im Knast geholt hatte, hätte der Unermüdliche sich bestimmt nicht so schnell zurückgezogen. Die Panzertüren, Sicherheits- schlösser und Alarmanlagen belustigten ihn eher, doch der blutdurchsetzte Schleim, den er regelmäßig ins Waschbecken seiner vorstädtischen Behausung spuck- te, gab ihm zu verstehen, daß es höchste Zeit war, sich zur Ruhe zu setzen. Mescard, ein noch junger Inspektor voller Bewunde- rung für jede handwerkliche Arbeit, hatte ihn bereits, zweimal gelobt, nach dem alten Prinzip: besser ein guter Einbrecher als ein Haussuchungsbefehl. Jetzt spielte Gege ihm den Ball zurück. Doch auch wenn er einige Fortschritte gemacht hatte, so hatte er dennoch erheb- lich an Durchschlagskraft verloren. »Ich lasse dir meine Adresse da«, meckerte Mescard und schaute auf seine Uhr. »Du schreibst mir dann, so- bald es dir gelungen ist, die Tür zu öffnen.« »Machen Sie sich nicht lustig über mich, Kommissar, man kann nicht in allem perfekt sein«, entgegnete Gege und drehte erneut an seinem Dietrich. »Ich bin nicht Kommissar«, knurrte Mescard. »Du übertreibst, Gege. Ein kurzer Aufenthalt in den Ateliers von Clairvaux bringt dich vielleicht wieder auf die rich- tige Spur. Ich weiß, daß es mit dir bergab geht, aber die Lagerhallen von Kocilor, das warst du doch, oder?« Die Schweißtropfen flossen an Geges Schläfe herun- ter. »Kocilor?« brummte er und bog an seinem Dietrich herum. »Das müßte erst einmal bewiesen werden!« Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem leisen metalli- schen Klicken. Gege erhob sich. »Sie müssen sie nur hinter sich schließen«, meinte er und ließ das Werkzeug in seinen Jackentaschen ver- schwinden. »Der Alarm schaltet sich automatisch wie- der ein. Sieht tückisch aus, ist aber alles nur Schein!« Mescard nickte unmerklich mit dem Kopf. »Du kannst gehen. Aber versuch in Zukunft, dich nicht mehr mit Anfängern einzulassen. Das wird dir eine Menge Probleme ersparen.« Gege zog seine fast weißen Augenbrauen hoch. »Wollen Sie mit mir über Kocilor plaudern?« Mescard zuckte mit den Schultern. »Ich kann dich nicht immer nur in Schutz nehmen, Gege ...« Gege lachte kurz auf und deutete auf die offenste- hende Tür., »Mit Ihren Methoden steuern Sie geradewegs auf eine vorzeitige Pensionierung zu«, scherzte er. »Heut- zutage arbeiten die Verurteilten hauptsächlich an Com- putern. Im Grunde sind Sie genau wie ich: Wir liegen beide völlig daneben ...« Erschöpft nahm der alte Gege den Aufzug. Der In- spektor sah, wie die Tür sich hinter ihm schloß, und be- trat das Appartement des Sammlers David Toland. Nach und nach verlor Dr. Loic Gaborit alle Illusionen. Die Anschrift auf dem Krankenzettel von Giova Llorens stimmte nicht mehr. Das Gebäude war abgerissen wor- den, um einem neuen Stück Autobahn Platz zu ma- chen. Ein ganzes Wohnviertel hatte einem weitläufigen Verkehrskreuz weichen müssen. Logischerweise hatte Gaborit auf das elektronische Telefonbuch zurückge- griffen, aber auch hier eine Niederlage einstecken müs- sen. Dabei mußte er sie finden, bevor die Geier der Z.S.A. ... Je weiter seine Nachforschungen voranschritten, de- sto mehr Erinnerungen an die Jugendliche kamen ihm in den Sinn. Giovas Studien entsprachen kaum ihrer In- telligenz. Sie war um etwa ein, zwei Jahre in Rückstand geraten, vermutlich hatten die zahlreichen Umzüge ih- rer Mutter sie verwirrt. Nach kurzer Überlegung beschloß Gaborit, sich an die verschiedenen Universitäten zu wenden. Dort erfuhr er, daß Giova in Dauphine eingeschrieben war, auf einer Fakultät, die auf ausgezeichnete Schulnoten schließen ließ, wo sie aber offensichtlich keinen einzigen Kurs be- sucht hatte. Die Adresse von Fräulein Llorens war die- selbe, die er schon einmal aufgesucht hatte. Sie war dort nicht bekannt. Gaborit mußte wieder von vorn begin- nen. Doch es gelang ihm wenigstens, die Schulakte von Giova zu erhalten, der zu entnehmen war, daß sie ihre Abschußklasse im Lycee Chaptal, einem alten verwin- kelten Gebäude zwischen der Rue de Rome und dem, Boulevard des Batignolles, beendet hatte. Er begab sich dorthin, und nach einem knappen und mühsamen Ge- spräch mit dem jähzornigen Direktor lernte er einen Philosophieprofessor kennen, der sich sehr gut an das junge Mädchen erinnern konnte. »Giova war nicht grundsätzlich intelligenter als ihre Kommilitonen«, erklärte der Professor. »Aber sie war anders, reifer, doch manchmal verhielt sie sich seltsam kindisch. Ihre schulischen Leistungen waren unge- wöhnlich gut, aber leider war sie sehr oft abwesend. Ihre Mutter behauptete, sie hätte gesundheitliche Pro- bleme.« Einige Sekunden lang schwieg der Professor und schien nachzudenken, bevor er schließlich hinzufügte: »Ich weiß nicht viel über Giova Llorens, aber eins steht fest: Sie war das hübscheste Mädchen, das je in ei- ner meiner Klassen saß.« Ratlos nickte Gaborit mit dem Kopf. Er war kaum weitergekommen und wußte nicht, an wen er sich noch wenden sollte. »Sie ... Sie wissen nicht zufällig, wo sie damals wohnte?« fragte er ohne große Überzeugung. »Nein, aber ich kenne jemanden, der Ihnen Genaue- res sagen kann ...« Gaborit sperrte die Augen weit auf. »Die Krankenschwester des Lyzeums. Eines Tages er- litt Giova einen Asthmaanfall oder so etwas, und die Krankenschwester begleitete sie nach Hause. Ich glau- be, sie war auf ein spezielles Medikament angewiesen. Kommen Sie mal mit.« Der Chirurg folgte dem Professor ins Krankenzim- mer, wo eine dicke Rothaarige mit müdem Gesichts- ausdruck gerade eine Zigarette in einem Aschenbecher ausdrückte, der bereits zu drei Vierteln mit Kippen ge- füllt war. Die Krankenschwester konnte sich ebenfalls an Fräu- lein Llorens und ihren Asthmaanfall erinnern, aber sie, wußte nicht mehr, an welche Adresse sie die Schülerin begleitet hatte. Sie wußte nur noch, daß es in der Nähe von Chaptal war, eine Seitenstraße der Place Villiers, wo Giova mit ihrer Mutter ein schäbiges Studio, ein dop- peltes Wohnzimmer, bewohnte. Mit leerem Blick schaute Gaborit sie an. »Warum suchen Sie sie?« Einen Moment lang zögerte der Chirurg. »Wissen Sie, was ein genetischer Doppelgänger ist?« Seltsamerweise kam es Gaborit plötzlich so vor, als versuchte die Rothaarige Giova zu schützen, als könnte sie sich sehr wohl an die Adresse erinnern und weigerte sich aus unerfindlichen Gründen, sie ihm mitzuteilen. Da er nicht mit offenen Karten spielen konnte, beschloß er, den von der Z.S.A. vorgezeichneten Weg zu wäh- len. »Ein kleiner Junge droht an Leukämie zu sterben«, erklärte er. »Auf der Suche nach Verwandten sind wir auf Giova Llorens gestoßen, die mit einer Blinddarm- entzündung bei uns in Behandlung war. Verstehen Sie, was ich sagen will? Giova ist wahrscheinlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der dieses Kind retten kann.« »Sie kennen die Mutter nicht!« entgegnete die Kran- kenschwester. Gaborit runzelte die Stirn. »Wessen Mutter?« »Giovas Mutter. Sie würde einer Transplantation niemals zustimmen. Und wissen Sie auch, warum?« Gaborit schüttelte den Kopf. »Weil Giova ihr einziges Vermögen ist«, erklärte die dicke Rote. Der Chirurg hob die Schultern. »Ich verstehe nicht«, gestand er. Die Krankenschwester warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. »Warten Sie im Cafe gegenüber auf mich«, befahl sie, und zündete sich eine weitere Zigarette an. »Ich werde Ihnen alles erklären.« Inspektor Mescard bemerkte nicht sofort den gepolster- ten Umschlag, den das Badetuch zum Teil bedeckte. Er ging im Appartement hin und her, öffnete einige Schub- laden und durchwühlte einige Schränke, bevor sein Blick schließlich auf den Sessel fiel, auf den Toland das Dokument gelegt hatte, ohne es zuvor zu öffnen. Der Polizist ließ sich neben dem Fernschreiber nieder und löste den Plastikverschluß des Umschlags. Er brei- tete die Fotokopien der Zeitungsausschnitte vor sich aus und las aufmerksam den Einleitungstext, den Mustapha Moussi an den Sammler gerichtet hatte. Seine Hände zitterten ein wenig. Endlich waren alle Teile des Puzzles beisammen. Falls die Hirngespinste des jungen Arabers bezüglich eines angeblichen weltweiten Komplotts auch weiterhin unzuverlässig wären, so gäbe es doch endlich ein Motiv für den Mord am Journalisten und indirekt auch für den Mord an Sylvie Vercauteren und Musta- pha Moussi. Offensichtlich waren die im Verlauf des nächtlichen Aufstandes begangenen Morde der R.A.I.D. zuzu- schreiben, der Spezialeinsatztruppe der Polizei, die bei dieser Gelegenheit von den Geiern der Z.S.A. unter- stützt wurde. Die Fotos waren der unwiderlegbare Be- weis. Nun verstand Mescard auch, warum seine Vorge- setzten ihm, ohne direkt Druck auszuüben, höflich ge- raten hatten, sich mit vermeintlich interessanteren Fäl- len zu befassen. Er fragte sich, ob man im Ministerium wohl schon von der Zusammenarbeit zwischen der Z.S.A. und verschiedenen Polizeibrigaden wußte. In der Folge versuchte Moussi anhand etlicher be- merkenswerter Fakten, die seine These untermauerten, zu beweisen, daß die Polizei mit dem Schutz der Samm- ler von Steve Odds seit mehreren Monaten zukünftige politische Führer ermordete. Je weiter er mit der Lek-, türe dieser Dokumente vorankam, um so sicherer war er, daß er wahren Explosionsstoff in den Händen hielt. Material, mit dem vermutlich mehrere europäische Re- gierungen gestürzt werden könnten ... »Ist's interessant?« fragte eine Stimme hinter dem Rücken des Polizisten. Wie versteinert saß Mescard da. »Und vor allem: keine Bewegung!« riet die Stimme ruhig und entschlossen. Die Verwirrung im Kopf des Inspektors war total. Hinter ihm konnte nur David Toland stehen, der ver- mutlich annahm, einen Dieb überrascht zu haben. Doch er erkannte dessen wie erstickt klingende Stimme nicht wirklich wieder .Er wandte sich um und sah den Geier: ein Riese in Lederkleidung und das Gesicht hin- ter dem Visier eines Integralhelms verborgen ... »Wer sind Sie?« fragte der Inspektor. Flink kam der Geier näher, faßte ihn mit einer Hand brutal am Kinn, während in der anderen Hand die Klinge eines Skalpells aufblitzte. Der Polizist spürte ein leichtes Brennen am Hals, doch als er atmen wollte, füll- ten sich seine Lungen bereits mit Blut ... Der Alptraum begann von neuem. So wenigstens kam es den meisten Angestellten in der Villa von West Palm Beach vor, als sie die beiden Explosionen auf der ersten Etage hörten. Die Komplizen der Halbstarkenbande wa- ren wiedergekommen, hatten die Wächter ein weiteres Mal überrascht, und mit einem Mal hatte jeder große Angst um Pamela Sirchos. Die Schüsse schienen aus ih- rem Zimmer zu kommen. Mark Zorski, der beim Kofferpacken von den Schüs- sen überrascht wurde, stürzte hinaus auf den Flur und gelangte unverzüglich nach Alexander Sirchos auf die erste Etage. Das Bild, das sich ihnen bot, war grauen- haft. Wegen der Beruhigungsspritze war Pamela nicht, einmal wach geworden. Am Fuße ihres Bettes lag die Leiche von Hugo Russel, in seinem Mund steckte der Lauf einer großkalibrigen Pistole. Die Ladung war an seinem Hinterkopf wieder herausgetreten, und die linke Hälfte seines Gesichts fehlte. Offensichtlich hatte Hugo Russel sich zwei Kugeln in den Mund geschossen. Eine Krankenschwester hielt sich die Hand vor den Mund und zog sich unverzüglich zurück. Die Luft im Zimmer schien erstarrt zu sein. Niemand wagte zu at- men oder sich zu bewegen, so als könnte noch etwas geschehen. Es war nicht nötig, sich über den Körper des Mediziners zu beugen. Mit einem halben Schädel konnte niemand leben. Um das herauszufinden, be- durfte es keiner Studien. Sirchos trat näher, undurchdringlicher als je zuvor. »Macht das wieder sauber!« befahl er nur. Zorski kniete am Boden und beobachtete ihn. Der Anblick der Leiche veränderte seinen Gesichtsausdruck nicht im geringsten. Der Milliardär zeigte nur eine leichte Verwirrung, so als hätte ein Hund auf den Tep- pich uriniert. Jimmy O'Neal reagierte als erster. Er beugte sich über Russels Körper und mußte fest ziehen, um die Pistole aus dem Mund des Doktors nehmen zu können. Die Zähne hatten zugebissen und waren am Stahllauf zer- brochen. Mit aller Kraft drückte er den Unterkiefer nach unten, um die Pistole zu befreien, die wie eine Fuchs- pfote in einer Wolfsfalle eingeklemmt war. Schlagartig und mit einem dumpfen Krachen öffnete sich das Ge- biß. »Sie ...«, stotterte Zorski, »Sie dürfen ihn nicht be- rühren, bevor die Polizei hier ist.« Wütend starrte Sirchos ihn an. »Und was glauben Sie, was passiert, wenn Pamela aufwacht und dies in ihrem Zimmer sieht?« Im selben Moment drehte sich Pamela mit einer gra- ziösen Bewegung auf die rechte Seite., Der Butler lud sich die Leiche auf die Schulter. Zorski ließ ihn vorbei. O'Neal schien mit denselben Wassern gewaschen zu sein wie sein Arbeitgeber. Blutstropfen liefen an seiner Brust hinunter. Ein Mann brachte einen prachtvollen tunesischen Teppich. Sirchos wandte sich an den Chirurgen. »In Fort Lauderdale wartet ein Falcon auf uns, um uns nach Washington zu bringen«, erklärte er. »Dort neh- men wir ein anderes Flugzeug nach Paris.« Zorski sah sich im Zimmer um. Russels Körper hatte sich in Luft aufgelöst, der Teppich bedeckte die Flecken, die Blutspritzer hatte man weggewischt - der Chirurg fragte sich, ob er nicht etwa nur geträumt hatte. Goldman hatte die Dokumente, die Doktor Francks Witwe ihnen versprochen hatte, bereits an der Gepäck- aufbewahrung im Bahnhof von Lyon abgeholt und Da- vid Toland wartete schon seit etwa einer halben Stunde, als Mirko Milan das Z.S.A.-Gebäude endlich betrat. Er legte seinen Integralhelm auf den Tisch, ging grußlos an Toland vorbei und betrat unverzüglich das Büro von Steve Odds. »Sie sind aber spät dran!« knurrte Odds. »Ich dachte, Sie sollten Toland mitbringen. Er wartet seit einer hal- ben Stunde.« Milan öffnete seine Lederjacke und zog einen blutbe- fleckten Briefumschlag hervor, den er auf den Schreib- tisch seines Chefs warf. »Ich habe noch etwas anderes mitgebracht«, grinste er. Odds schaute den dicken Umschlag an, ohne zu be- greifen. »Im Studebaker liegt noch ein Paket«, fuhr Milan fort. »Da muß es doch einen Zusammenhang geben.« »Ein Paket?« stotterte Odds. Milan stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch und beugte sich nach vorn., »Worauf warten Sie denn noch, Boß? Auf daß irgend- ein Schnüffler Ihre Baracke mit einem Dutzend Fotos in die Luft fliegen läßt?« Odds überwand seinen Ekel vor den blutigen Flecken auf dem Umschlag, öffnete ihn und zog die Dokumente hervor. Sogleich erkannte er die Negative und Zei- tungsausschnitte wieder, die die Geiermannschaft vom jungen Araber mitgebracht hatte. »Noch mehr!« seufzte er. Milan nickte. »Tja ... Und diesmal war es ein Bulle, der das alles in der Tasche hatte.« Odds riß die Augen auf und schnappte nach Luft. »Sie ... Sie haben einen Bullen umgelegt?« Ein Grinsen huschte über Milans Gesicht. »Was hätten Sie an meiner Stelle getan, Chef?« fragte er. Seine Frage klang nach offensichtlicher Verachtung. »Einen Polizisten ...«, wiederholte Odds fassungslos. Milan nahm einige Blätter aus der Mappe und zerriß sie sorgfältig. »Jetzt brauchen sie sich keine Sorgen mehr zu ma- chen, Boß«, erklärte er scheinheilig. »Von diesem Zeug gibt's nur noch eine einzige Kopie, und die ist in guten Händen ...« Odds verzerrte das Gesicht. Mehrere Sekunden lang betrachtete er Milans spöttische Miene. »Sie?« hauchte er. Milan streckte beide Arme von sich. »Natürlich, Boß!« entgegnete er. »Was hätten Sie ge- tan?« Plötzlich beugte er sich ein weiteres Mal über den Schreibtisch und blies Odds seinen Atem in die Nase. »Ich bin ein guter Schüler, Chef!« knurrte er. »Erpres- sung, Betrug, haben Sie etwa nicht so begonnen?« Odds schien sich aufzublähen wie eine häßliche Krö- te., »Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben!« drohte er. »Genau!« antwortete Milan. »Das will ich ja gerade herausfinden. Für wen ich arbeite .« Er schlug mit der Faust auf die grüne Schreibunterla- ge- wich will mit den Amerikanern Kontakt aufnehmen!« forderte er. »Ab jetzt bin ich Ihre rechte Hand, Ihr Schatten, Ihr Alter ego! Haben Sie immer noch nicht be- griffen, warum ich Toland in meiner Mannschaft haben möchte? Weil jeder ihm glaubt, falls es Schwierigkeiten gibt. Dieser Typ ist meine Garantie dafür, daß Sie nicht versuchen werden, mich reinzulegen.« Abrupt zog er weitere Blätter aus der Mappe und we- delte damit vor der Nase des Z.S.A.-Gründers her- um. »Sie wissen, was passieren würde, wenn Toland die- ses Zeug in die Hände bekäme?« Er warf die Blätter in die Höhe. »Eine Explosion! Bumm! Schluß mit Odds und seinen Geiern! Zerfall!« Plötzlich sprach er leiser. »Wir spielen das Spiel zusammen, Boß. Fifty-fifty. Und zu Beginn ...« Er sprang auf und riß das Fahndungsplakat von der Wand. »... sagen Sie mir, was diese Schweinerei zu bedeu- ten hat!« Nach zwei Gläsern Bier, vier Zigaretten und einer kur- zen Diskussion war die dicke Krankenschwester endlich bereit, Loic Gaborit in die Rue Dulong hinter der Place Villiers zu führen, in ein kleines sechsstöckiges Ge- bäude mit Innenhof und zahlreichen schäbig eingerich- teten Einzimmerwohnungen. »Ich warne Sie«, erklärte die Krankenschwester mit kehliger Stimme. »Solange man der Mutter der Kleinen, keinen Geldschein in die Hand drückt, ist sie völlig taub.« »Tatsächlich?« wunderte sich der Chirurg. Die Rothaarige lachte laut auf. »Schlimmer noch. Aber Sie werden ja sehen.« Rasch schaute sie sich die Briefkästen an. »Sie wohnen noch immer hier«, bestätigte sie. Gaborit atmete erleichtert auf. Bis zuletzt hatte er be- fürchtet, es könnte sich erneut um eine falsche Adresse handeln, doch diesmal stimmte sie ... Bald würde er derjenigen gegenüberstehen, die von den Z.S.A.-Gei- ern so fieberhaft gesucht wurde. Jetzt nahm er Revan- che. Die sechs Stockwerke kamen der Krankenschwester reichlich hoch vor. Mühsam stieg sie die Treppen hinauf und mußte sich von Zeit zu Zeit vor Erschöpfung an das Geländer lehnen. »Ich hätte unten auf Sie warten sollen«, knurrte sie. »Schließlich brauchen Sie mich nicht mehr.« »Wenn diese Frau wirklich so mißtrauisch ist, wie Sie behaupten, traut sie Ihnen bestimmt doch am ehesten. Los, nicht aufgeben, bald haben wir's geschafft!« Schließlich erreichten Sie die sechste Etage und stan- den vor einer Tür, von der die Farbe abblätterte, die sich schälte wie verbrannte Haut. Einen Moment lang lehnte die Krankenschwester sich dagegen, da sie außer Atem war. Der starke Geruch von geröstetem Knoblauch lag im Treppenhaus. Als der Chirurg ungeduldig wurde, nickte die Rothaarige mit dem Kopf, trat vor und klopfte an die Tür. Gaborit war sichtlich erstaunt, als ein Mann die Tür öffnete und auf die Schwelle trat. Der Kerl war nicht wirklich fett, aber sein unförmiger Magen beulte sein ekelhaft schmutziges Unterhemd aus. Seine wenigen glänzenden Haare hatte er nach hinten gekämmt, und ohne den Hühnerschenkel aus dem Mund zu nehmen, an dem er nagte, schaute er abwechselnd die Kranken-, Schwester und den Doktor an. Die fettigen Hände wischte er sich an der Hose ab. »Worum geht's?« fragte er schließlich wenig freund- lich. »Wir würden gerne mit Madame Llorens sprechen«, erklärte die Krankenschwester. Mit dem langen dreckigen Nagel seines kleinen Fin- gers stocherte sich der Mann in den Zähnen herum. Dann fuhr er sich mit der Zunge durch die hohlen Bak- kenzähne, was ein seltsames Schnalzen bewirkte. Er zog die Nase hoch, betrachtete erneut die Kran- kenschwester, wandte sich nach hinten und schrie: »Besuch für dich, Schlampe!« »Verpiß dich!« antwortete eine Stimme aus der Woh- nung. Verdutzt sah Gaborit die Krankenschwester an, die daraufhin mit den Schultern zuckte. »Das Luder liegt den ganzen Tag im Bett«, sagte der Mann. »Hat anscheinend kranke Beine ..« Er trat zur Seite und bat die beiden in die Wohnung. »Ich will mit niemandem sprechen!« schrie die Stimme mit ausgeprägtem italienischen Akzent. Die Einzimmerwohnung glich eher einer Abfallkam- mer als einem Appartement. Verdreckte Klamotten la- gen auf dem abgewetzten Teppich herum, auf dem Re- sopaltisch standen Dutzende leerer Weinflaschen, aus den Wänden sickerte die Feuchtigkeit, in der verkom- menen Kochnische stapelten sich die Abfalltüten, der Geruch von verfaulten Lebensmitteln, abgestandenem Rauch und Urin erfüllte das Zimmer. Hinten in der Ecke, in einer Nische, stand das Bett, auf dem eine Frau lag, deren Glieder von einer schweren Polyarthritis ver- formt waren und deren Gesicht von Cortison aufge- schwemmt war. Es gelang ihr kaum, die Augen zu öff- nen, und sie schien die Krankenschwester nicht wieder- zuerkennen. Gaborit war von diesem Anblick wie vor den Kopf gestoßen. Er erinnerte sich an das zarte Ge-, sicht der kleinen Giova. Hier konnte sie doch unmög- lich leben. Sie doch nicht ... »Ich bin die Krankenschwester aus dem Chaptal-Ly- zeum«, erklärte die Rothaarige. »Wir hätten gern mit Giova gesprochen ...« Die Frau fluchte auf italienisch. »Diese kleine Hure ist schuld, daß ich hier liege!« kreischte sie. »Sie ist abgehauen, ohne es mir zu sagen, ohne mir Geld dazulassen, nichts! Nach allem, was ich für sie getan habe!« Der Mann im Hintergrund kicherte. Gaborit hingegen sah seine Hoffnungen schwinden, obwohl er gleichzei- tig irgendwie auch erleichtert war, daß das kleine Mäd- chen mit den Puppen diese abscheuliche Behausung verlassen hatte. »Warum suchen Sie sie überhaupt?« fragte Giovas Mutter. Der Chirurg wollte gerade von dem an Leukämie lei- denden Kind und dessen genetischer Verbindung zu Giova zu erzählen beginnen, als die Krankenschwester ihn anschaute und ihn mit einem Hüsteln daran erin- nerte, daß an einem Ort wie diesem Erklärungen ohne finanziellen Nachdruck sinnlos waren. Gaborit zog seine Brieftasche hervor und legte einen Hunderter auf den Bettrand. Zweifellos war die Frau durch ihr Rheu- ma sehr behindert, doch der Geldschein verschwand schneller, als Gaborit schauen konnte. »Wir haben ein neues Medikament entwickelt und glauben, daß wir Giova damit definitiv von ihren Aller- gien heilen können«, begann der Mediziner und ver- zichtete mit einemmal darauf, den humanitären Aspekt der ganzen Angelegenheit weiterhin zu bemühen. »Soll sie doch verrecken!« krächzte die Mutter, indem sie auf die Brieftasche schielte, die der Doktor nach wie vor in der Hand hielt. Plötzlich kam Wut in Gaborit auf, und er empfand große Lust, auf das Bett zu springen und dieses ab-, scheuliche Weib zu erwürgen, diese Mutter, die die Schönheit und Intelligenz ihrer Tochter so wenig zu schätzen wußte. »An ihrem achtzehnten Geburtstag ist sie abgehau- en«, fügte die Frau nach einem kurzen Hustenanfall hinzu. »So als hätte sie nur auf diesen Tag gewartet.« Gaborit konnte das Mädchen gut verstehen. Be- stimmt hatte Giova in dieser familiären Umgebung die Tage in ihrem Kalender angekreuzt wie die Gefange- nen, die Striche an ihre Zellenwände malen. »Das Laboratorium, mit dem wir zusammenarbeiten, würde Sie gern für Ihre Hilfe bei der Suche nach Giova entschädigen«, beharrte der Chirurg. Die Frau biß sich unentwegt auf die Unterlippe. Hab- gier leuchtete unter den schweren Lidern hervor. Da wurde Gaborit klar, daß sie nicht wußte, wo ihre Toch- ter steckte, aber auch nicht auf die in Aussicht gestellte Entschädigung verzichten wollte. Sie fragte sich nur, wie sie es anstellen sollte, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. »Wieviel bieten Sie mir?« murrte sie mit ihrer vom Al- kohol und Tabak gekennzeichneten Stimme. Gaborit rieb sich die Nase und begegnete ein weiteres Mal dem mehr und mehr angeekelten Blick der Kran- kenschwester. »Ich denke, die Belohnung wird sich auf etwa zehn- tausend Francs belaufen«, entgegnete er. Sie streckte ihm ihre vom Cortison aufgeschwemmte Hand entgegen. »Geben Sie her!« forderte sie gierig. »Erst wenn wir Giova gefunden haben«, erwiderte der Arzt. Die Frau verzog das Gesicht und warf Gaborit einen haßerfüllten Blick zu. »Nur ich allein kann Giova wiederfinden«, knurrte sie. »Entweder Sie schicken das Geld, oder Sie können sich Ihr Medikament in den Arsch stecken.«, Ihr Freund, der Mann im Unterhemd, lachte laut und dröhnend auf. Nervös stieg Gaborit von einem Fuß auf den anderen. Die Krankenschwester packte ihn am Arm. »Kommen Sie!« flüsterte sie ihm zu. »Wir haben hier nichts mehr verloren.« Nach einem letzten Zögern nickte Gaborit mit dem Kopf und verließ fluchtartig, ohne sich zu verabschie- den, das Elendsquartier der Familie Llorens. Der Mann schloß die Tür und schenkte sich ein Glas Wein ein, dessen Gerbstoff zahlreiche Kreise auf dem Resopal zurückließ. Stöhnend richtete die Frau sich in ihrem Bett auf. »Kopfkissen!« befahl sie. Gemächlich trank der Mann sein Glas halbleer, setzte es auf den Tisch und wischte sich die Lippen mit dem Handrücken ab, bevor er den Rücken der Frau mit den Kopfkissen stützte. »Wird Zeit, daß du deinen Arsch wieder in Bewegung setzt, Saufbold!« knurrte sie. »Daß du die Kleine ausfin- dig machst, und zwar schnell! Es gibt was zu verdie- nen.« Der Mann zuckte mit den Schultern. »Und wo soll ich sie finden, deine blöde Tochter?« Sie zog die Lippen über ihr zahnloses Zahnfleisch und lachte wie verrückt. »Als ob du das nicht selbst wüßtest, Idiot!« Der Mann tippte sich mit den Fingerspitzen an die Stirn. »He, Dicke, bist du verrückt geworden? Du glaubst wohl, ich geh zum Araber und nehm dem das Luder weg? Um sie anschließend einem Doktor zuzuspielen! Du willst uns wohl alle wieder in den Knast bringen, du Schlampe?«,

Einunddreißigstes Kapitel

Steve Odds hatte kaum mehr eine andere Wahl. Milan hatte ihn in der Hand, und so problemlos wie eines kleinen Erpressers oder neugierigen Inspektors würde er sich seiner wohl nicht entledigen können. Kurzfristig hatte Odds keine andere Möglichkeit, als die Forderun- gen des Geiers zu erfüllen und ihm die wahren Gründe für die Verteilung dieses Fahndungszettels zu erörtern. Gewöhnlich ließ Milan sich nicht so leicht beeindruk- ken, doch diese Neuigkeit verdutzte ihn. Alexander Sir- chos, neben dem die Familie Rockefeller zum arrivierten Kleinbürgertum schrumpfte, war also der große Chef des Unternehmens, und seiner Frau sollte man das Herz der Giova Llorens einpflanzen, ihrer genetischen Dop- pelgängerin. Wenn diese Affäre aufflöge, wäre es mit sämtlichen Geierorganisationen weltweit definitiv vor- bei. Kein kleiner Fisch! Milan strich sich das Haar nach hinten. Für eine ganze Weile schwieg er, so sehr hatte diese Enthüllung ihn überrascht. »Wer weiß von der Existenz dieser Giova Llorens?« fragte er schließlich. Odds schüttelte den Kopf. »Niemand ...« »Und wie haben Sie sie entdeckt?« wollte Milan wis- sen. »Machen Sie sich darüber keine Sorgen«, entgegnete Odds. »Die Sache ist geregelt.« »Halten Sie mich für einen Idioten oder wie?« entrü- stete sich der Geier. »Ihre verdammten Plakate hängen in sämtlichen Krankenstationen und Kliniken dieses Landes. Und mich bitten Sie, dieses Mädchen umzule- gen, das bald berühmter sein wird als die Freiheitssta- tue?« Odds rutschte in seinem Sessel hin und her. Dann schaute er auf die Uhr., »In zehn Stunden ungefähr kommen Alexander Sir- chos und seine Frau in Paris an. Glauben Sie wirklich, uns bliebe noch Zeit für Skrupel? Bisher schienen Sie für solche Gefühle doch nicht so anfällig zu sein. Offi- ziell wurde Giova Llorens vor knapp einer Woche in eine Vorstadtklinik eingeliefert. Sie liegt in tiefem Koma und leidet an einer schweren Schädelverletzung sowie an inneren Blutungen.« Milan knurrte und deutete mit dem Daumen auf die geschlossene Tür. »War es wirklich nötig, Toland hinzuzuziehen?« Odds gluckste. »Wer würde denn dem großen David Toland zutrau- en, ein junges unschuldiges Mädchen töten zu wollen, um der Frau eines amerikanischen Milliardärs das Le- ben zu retten?« Odds begann zu lachen. »Wenn er Ihnen dabei hilft, die kleine Llorens zu fin- den, glaubt dieser Idiot doch, einem an Leukämie er- krankten Jungen das Leben zu retten.« Milan verzog den Mund. »Genau!« lästerte er. »Und bestimmt applaudiert er mir noch, wenn ich der Kleinen den Schädel einschla- ge.« »Aber wer bittet Sie denn, so was zu tun?« fragte Odds ungeduldig. »Ich möchte, daß Sie dieses Mädchen entführen und unverzüglich in die Klinik bringen. Ob mit oder ohne ihr Einverständnis, das ist mir völlig gleichgültig, da niemand aus ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis über ihr Schicksal etwas weiß. Niemand darf Sie sehen, Milan, vergessen Sie das nicht! Später kümmern wir uns dann um die Kleine. Und anschlie- ßend wird sie ganz offiziell ins Amerikanische Ho- spital überführt, wo die Transplantation durchgeführt wird.« In den Augen des Geiers sah das Unternehmen nun plötzlich ganz anders aus., »Wieso im Amerikanischen Hospital?« wunderte er sich. »Jedermann wird Bescheid wissen.« »Genau das wollen wir ja«, gestand Odds. »Eine Persönlichkeit wie Pamela Sirchos operiert man doch nicht in einer schäbigen Vorstadtklinik.« Eine Weile schwieg Odds. »Milan?« »Ja?« »Versuchen Sie, Toland zu überzeugen, und lassen Sie ihn mit der Kleinen reden. Die Leute vertrauen ihm. Begnügen Sie sich damit, das Unternehmen zu überwa- chen.« Milan runzelte die Stirn. »Wollen Sie, daß er in der Tinte sitzt, wenn etwas schiefgeht?« fragte er. Odds lehnte sich in seinem Sessel zurück, dick und fett wie ein Sumokämpfer voller Bier. »Mir wäre das lieber«, erwiderte er. Zwei Männer stützten Alexander Sirchos beim Ausstieg aus dem Falcon auf dem Washingtoner Flughafen. Zum ersten Mal sah Mark Zorski eine Regung auf dem Ge- sicht des Milliardärs. Es war nur ein flüchtiger Eindruck, ein rasch vergängliches Bild, aber es kam ihm vor, als hätte Sirchos Angst. Er zeigte eindeutige Anzeichen von Besorgnis und schien unendlich viel beunruhigter zu sein als nach Hugo Russels Selbstmord im Schlaf- zimmer seiner Frau. Einen Moment lang diskutierte Sirchos mit den bei- den stämmigen Kerlen, bevor er sich dem Chirurgen näherte. In seinem harten Blick war ein scheuer, fast ängstlicher Glanz. »Ich bin gleich wieder da. Kümmern Sie sich um Pa- melas Transfer in die Concorde.« Zorski nickte mit dem Kopf und sah, wie der Milliar- där, nach wie vor in Begleitung der beiden Zerberusse, im Zollgebäude verschwand. Vielleicht gab es irgend-, welche Probleme mit den Ausweis- oder Visum-Papie- ren? Alles war so schnell gegangen, vermutlich hatte er nicht genug Zeit gehabt, um diese Dinge in Ordnung zu bringen. Obwohl auch das ziemlich unwahrscheinlich war ... Denn Sirchos überschritt die Grenzen, wie an- dere eine Straße überqueren. Der Chirurg hob die Schultern, versuchte nicht länger zu begreifen und kümmerte sich um das Umsteigen der Ärztemannschaft von einer Maschine in die andere. Der Mann war so alt, so vollkommen reglos, daß jeder, der ihn sah, ihn für tot hielt. Er saß zusammenge- krümmt in seinem Rollstuhl, und mit seinem wächser- nen Gesicht, seiner Pergamenthaut erinnerte er an eine Mumie. Ein leichtes Zittern bewegte unaufhörlich seine linke Hand. Ein prächtiges Wappen mit den aufgestick- ten Initialen J.M. schmückte die Decke, die auf seinen Knien lag. Neben seinem Rollstuhl stand eines der drei Vorstandsmitglieder: der Mann, der ihm bei der letzten Versammlung an Bord seiner Jacht so viele Probleme bereitet hatte. Er hielt die Hände vor dem Bauch ge- kreuzt, hob den Kopf leicht an - eine Haltung, die Sir- chos als aggressiv beurteilte - und verbarg die Augen hinter einer vornehmen rechteckigen Sonnenbrille. Die beiden Gorillas des Sicherheitsdienstes stellten sich hin- ter den Rollstuhl. »Was bedeutet diese ..«, begann der Milliardär. »Monsieur M hat Paraguay heute morgen verlassen, um sich mit Ihnen zu treffen«, sagte der Mann mit der Sonnenbrille. »Wir hatten Sie gewarnt, Monsieur Sir- chos. Für ein solches Projekt kann nicht ein einziger Mann verantwortlich sein, und sei es auch der reichste Mann der ganzen Welt. Die verschiedenen Vorstände haben einmal mehr ihre Zustimmung verweigert, aber angesichts Ihrer Unnachgiebigkeit wurde beschlossen, Monsieur M diese Entscheidung zu überlassen.« Sirchos schaute die Mumie an, die von diesem Ge-, sprach nichts mitzubekommen, sondern ins rätselhafte innere Delirium eines Greises versunken zu sein schien. Zwei Männer, nur zwei Männer auf der ganzen Welt kannten das komplette Ausmaß des Projekts. Monsieur M und er. Die anderen, jede Abteilung, jedes Komitee, verfügten nur über einen winzigen Bestandteil des Puzzles, über ein einziges Steinchen, mit dem das ge- samte Projekt unmöglich nachvollzogen werden konn- te. Das einzige Privileg von Alexander Sirchos, dem obersten Befehlshaber der Operation, bestand darin, die Kommunikationscodes ausgearbeitet zu haben. Er war der einzige, der sie dechiffrieren konnte, was ihn un- verwundbar machte. Bis zu jenem Abend, als er plötz- lich nicht mehr ganz sicher war ... »Und was entscheidet Monsieur M?« fragte er mit tonloser Stimme. Der Mann mit der Sonnenbrille öffnete den lippenlo- sen Mund. Sirchos wußte seit langem, daß dieser Dreckskerl die graue Eminenz der Mumie war und er ihn haßte. Hemmungsloser Fanatismus trieb ihn an, und Sirchos' ständige ökonomische Berechnungen är- gerten ihn gewaltig. »Sie behaupteten, keinen schwachen Punkt zu haben, Monsieur Sirchos!« lästerte der Mistkerl. »Das Unglück Ihrer Frau beweist das Gegenteil.« »Meine Frau hat damit überhaupt nichts zu tun«, ver- teidigte sich der Milliardär. »Was Sie nicht sagen!« erwiderte der Mann mit der Sonnenbrille. »Sie sollten mit Mark Zorski nach Genf fahren, um dort die zweite Phase des Projekts vorzube- reiten. Statt dessen mobilisieren Sie das Personal der Organisation, um einen genetischen Doppelgänger aus- findig zu machen, und reisen schließlich nach Paris. Was beabsichtigen Sie dort zu tun?« »Meine Frau muß dort operiert werden, und ..« »Und Sie begehen weitere Fehler!« unterbrach der Typ ihn erneut. »Ihre unaufhörlichen Reisen haben ei-, nem Jugendlichen ermöglicht, einen Ihrer Codes zu de- chiffrieren. Wegen Ihnen und Ihrer Frau waren wir ge- zwungen, Armyan Simba und dessen Familie zu besei- tigen.« Plötzlich redete er lauter. »Fast hätten wir wegen dieser Geschichte Zorski ver- loren. Können wir es weiterhin riskieren, daß Sie Ihrer Frau zuliebe das ganze Projekt aufs Spiel setzen?« Das Wort >Frau< sprach er voller Verachtung aus. Die Mumie in ihrem Rollstuhl zeigte nach wie vor nicht die geringste Rührung, nicht die winzigste Reaktion. »Wenn diese Herztransplantation mißlingt, wird Pa- mela Zorskis erstes Versuchskaninchen sein«, erklärte Sirchos. »Einen eindeutigeren Beweis meiner Aufrich- tigkeit konnte ich ihm nicht geben. Vergessen Sie nicht, daß meine Frau Ihnen schon einmal geholfen hat, Druck auf den Chirurgen auszuüben. Kein Dienst ist kosten- los.« Plötzlich hob die Mumie die rechte Hand, worauf alle Anwesenden mit einem Mal wie versteinert dastan- den. Der Mann mit der Sonnenbrille beugte sich zu dem Alten hinunter und hielt ihm das Ohr dicht vor den Mund. Sirchos vernahm nur ein undeutliches Murmeln, ein verunsicherndes Geräusch wie das von zwei gegen- einandergeriebenen Händen voller Kies. Die Sekunden wurden zu Stunden. Offensichtlich verärgert richtete der Mistkerl sich er- neut auf. »Monsieur M erlaubt Ihnen abzureisen«, erklärte er bitter. Fast hätte Sirchos vor Erleichterung laut aufgeatmet, doch der andere fuhr dazwischen: »Unter einer Bedingung ...« Sirchos verkrampfte erneut. »Welche?« »Ich begleite Sie«, erklärte der Mann mit wild verzerr- tem Mund., Nach drei Fehlschlägen, die Steve Odds jedesmal etwas mehr außer Fassung brachten, antwortete die vierte Apotheke endlich mit einem positiven Bescheid. In der Tat, sie präparierte regelmäßig eine auf Antihistamini- kum basierende injizierbare Lösung für eine Kundin namens Giova Llorens. Odds nahm sogleich wieder Fassung an. Der Apotheker betonte allerdings, daß er Fräulein Llorens bislang noch nie zu Gesicht bekommen habe und das Präparat jeden Freitag einem Mann aus- gehändigt werde. »Was soll diese Geschichte?« knurrte Odds verärgert. Es war sinnlos, den Apotheker nach der Adresse des Mädchens zu fragen. Heute war Freitag. »Um wieviel Uhr kommt dieser Mann?« fragte Milan. »Am späten Nachmittag«, antwortete der andere. Milan warf rasch einen Blick auf seine Uhr, dankte seinem Gesprächspartner und legte auf. Stumm beob- achtete David Toland das Geschehen. Milan hatte ihm ausführlichst erklärt, was es mit diesem an Leukämie erkrankten Kind und der Entdeckung seines geneti- schen Doppelgängers auf sich hatte. David, der sich an Gaborits Mißtrauen gegenüber den besagten Plakaten erinnerte, begnügte sich damit, Milan zuzuhören. Die Eltern dieses kranken Kindes mußten verdammt reich sein, um sich die Dienste der Z.S.A. leisten zu kön- nen ... Auf alle Fälle schien dieser Schweinehund von Steve Odds sich die Sache zu Herzen zu nehmen. Im Moment verweilte der Sammler in abwartender Hal- tung. »Die Zeit reicht gerade noch, um hinzufahren«, er- klärte Milan und erhob sich. Tief enttäuscht betrat Loic Gaborit den Überwachungs- raum im Saint-Louis-Flügel. Nachdem er bei seinem Versuch, Giova Llorens wiederzufinden, kläglich ge- scheitert war, mußte er eine weitere Niederlage einstek- ken, als ihm bewußt wurde, daß die Z.S.A. ihm im letz-, ten Moment zuvorgekommen war. Toland hatte ihn gewarnt. Nach seinen Informationen hatte Odds diese Kampagne gestartet, um ein an Leukämie erkranktes Kind zu retten; ein Unternehmen, das von Erfolg ge- krönt war, da es auch ihm gelungen war, die Existenz von Giova Llorens, der berüchtigten genetischen Dop- pelgängerin, in Erfahrung zu bringen. Der Chirurg ver- stand nicht, wie das Odds hatte gelingen können. Hier- über hatte Toland ihn jedenfalls nicht unterrichten kön- nen. Die letzte Hoffnung schwand dahin. Gaborit würde weiterhin gedemütigt und schikaniert werden und unerbittlich an Image verlieren, bis er schließlich sogar gezwungen wäre, das Amerikanische Hospital zu verlassen. So lautete das Gesetz des Stärkeren. Nun war er zum Opfer geworden. Vor der Verteilertafel hielt er inne und runzelte die Stirn. »In den Merrill-Saal ist niemand eingeliefert wor- den?« wunderte er sich. Ein wohlbeleibter Assistenzarzt stellte sich neben ihn. »Nein, er ist für dich reserviert ...« Gaborit zog die Augenbrauen hoch. »Was heißt das?« Der Assistenzarzt, der aus seiner Sympathie für den Chirurgen nie einen Hehl gemacht hatte, war heiter ge- launt. »Man hat dich den ganzen Tag lang gesucht, um dir die Nachricht mitzuteilen.« »Welche Nachricht?« fragte Gaborit ungeduldig. »Willst du dich vorher nicht lieber hinsetzen?« Der Chirurg knurrte gereizt. »Eine Herztransplantation steht dir bevor, mein Freund«, erklärte der Assistenzarzt. »Und nicht irgend- eine Transplantation! Du wirst die große Pamela Sirchos operieren, und der weltberühmte Mark Zorski wird dir dabei assistieren. Er hat dich dazu auserwählt wegen deines hohen Prozentsatzes an erfolgreichen Eingriffen, und deiner Artikel über Herztransplantationen. Das hast du allen jenen Unglücklichen zu verdanken, an de- nen du herumgeschnippelt hast und die sich hoff- nungslos am Leben festklammern. Nun, was sagst du dazu?« Gaborit war völlig sprachlos. »Red doch keinen Blödsinn!« murmelte er. Der Assistenzarzt nickte begeistert mit dem Kopf. »Die Direktion wollte dich da raushalten, doch Zorski bestand darauf. Noch in dieser Nacht oder spätestens morgen werdet ihr beide die Operation durchführen. Im Moment sitzen sie im Flugzeug. Die Herren aus der Direktion und die Geier können dich mal, mein Freund! Du gehörst zu den ganz Großen, zu den Unantastba- ren!« Gaborit schnaubte und streckte beide Arme von sich. »Zorski ...«, seufzte er. »Gibt's denn das ... Aber das ist doch völlig verrückt! Ich kenne nicht einmal die Akte dieser ... öhh ...« »Pamela Sirchos. Sobald Zorski hier ist, wird er dich ins Bild setzen.« »Gibt's denn das ...?« wiederholte der Chirurg. »He! Loic ...« »Was ist?« »Man wird dich beauftragen, für die Operation ein Ärzteteam zusammenzustellen.« »Na und?« Der Assistenzarzt war ein wenig verlegen. »Nun, seit Jahren bin ich total in diese Pamela Sirchos verknallt ... Verstehst du .Ich dachte ... Also, ver- dammt! Es wäre unheimlich wichtig für mich, irgendwie das Gefühl zu haben, an ihrer Rettung beteiligt zu sein.« Gaborit grinste. »Geh zu Sevrin und sag ihm, daß du ihm bei der Nar- kose assistieren wirst.« Der Assistenzarzt stieß einen Schrei der Begeisterung aus und hüpfte einige Male hin und her., »Beruhige dich doch!« forderte Gaborit ihn auf. »Ich will nicht, daß wegen dir irgend etwas schiefgeht. Wo- her bekommen wir übrigens das Transplantat?« Der Assistenzarzt hob den Blick zur Decke und zuckte mit den Schultern. »Eine Hirnblutung, nehme ich an. In unserem Lager ist es jedenfalls nicht.« Der Chirurg kratzte sich an der Wange. Es wurde höchste Zeit, sich mal wieder zu rasieren. »Sind sämtliche Vorbereitungen abgeschlossen?« wollte er wissen. »Und auf wessen Rechnung arbeiten wir?« Der Assistenzarzt zwinkerte ihm zu. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Alexander Sir- chos, das bedeutet Raumfahrt, Banken, Ölfelder, Ener- giequellen fast überall auf der Welt, Unmengen Geld; du glaubst doch nicht etwa, daß wir seiner Frau ein Af- fenherz in die Brust verpflanzen!« Erneut schaute er an die Decke. »Mein Gott, die Brust von Pamela Sirchos...!« seufzte er.

Zweiunddreißigstes Kapitel

Den Zuhälter sah man dem Mann bereits auf hundert Meter an. Er war maghrebinischer Herkunft, hatte ge- pflegtes sauberes Haar, trug einen Maßanzug und Schuhe aus Krokodilsleder; die Fingernägel waren ebenfalls sehr gepflegt. Brillantringe schmückten die Finger, und unter der Nase sproß ein schmales Gano- venbärtchen. Er stieß die Tür zur Apotheke auf und trat an den Verkaufstisch. Milan hielt sich hinter den Rega- len versteckt und verspürte ein leichtes Kribbeln zwi- schen den Schulterblättern. Er schaute Toland an, den das Aussehen dieses Mannes offenbar ebenfalls beun-, ruhigte. Der blitzblanke Bolide, der vor dem Geschäft in der zweiten Reihe parkte, paßte nur zu gut zum Gehabe des stinkreichen Zuhälters. Steve Odds' derart perfek- ter Plan begann sich allmählich als undurchführbar zu erweisen, und Tolands Taktik nützte ihrem Vorhaben soviel wie ein Paar Rollschuhe einer Ringelnatter. Unauffällig stellte sich Milan neben David. »Wir greifen nicht ein«, flüsterte er. »Wir folgen ihm.« Überrascht runzelte Toland die Stirn. Der Apotheker legte das Präparat und die sterile Pla- stikspritze auf den Tresen. Der Araber schob ihm einen Hunderter zu, wartete auf das Rückgeld und schaute sich mit dem mißtrauischen Blick jener Leute im Raum um, die etwas zu verbergen haben. Als die Tür sich erneut hinter dem Araber schloß, tra- ten die beiden Sammler aus ihrem Versteck. Verblüfft schaute der Apotheker ihnen nach. Er hatte keinerlei Fragen zu stellen, denn die Z.S. A. kontrollierte mehr als die Hälfte seiner Lieferanten. David und Milan stiegen in den Studebaker. Glückli- cherweise schien der andere im Sportwagen keine Eile zu haben. Wie ein ausgesprochen braver Bürger wartete er vor der Verkehrsampel. »Warum sprechen wir ihn nicht an?« »Hast du den Schädel dieses Kerls nicht gesehen?« erwiderte Milan. »Der reinste Wilde! Jetzt verstehe ich auch, warum das Mädchen seine Medikamente nie selbst holt. Bestimmt hält er sie gefangen, dieser Dreckskerl!« Etliche Fragen gingen David durch den Kopf, doch er stellte keine einzige davon. Übrigens brauchten sie nicht einmal sehr weit zu fahren. Vor einem alten, von exotischen Geschäften umgebenen Gebäude blieb der Wagen stehen. »Na, hatte ich recht?« triumphierte Milan. »Ein Ara- ber! Da drin ein Mäuschen zu fangen, wird kein Honig- lecken sein ...«, Er hob das Autotelefon ab. »Was hast du vor?« fragte David. »Verstärkung anfordern!« knurrte der Geier. »Die Bullen?« »Die Bullen ..«, kicherte Milan. »Die haben doch noch nicht die Straße gefunden, wenn der Käfig längst abtransportiert und der Vogel längst ausgeflogen ist. Was stellst du dir eigentlich vor? Mit den Weibern fak- keln die Araber nicht lange.« »Aber ich dachte, sie sei Studentin«, meinte Toland, als er noch einmal die Personenbeschreibung durch- las. »Wenn du wüßtest, wie viele Studentinnen ihre Stu- dien als billige Nutten beenden!« grinste Milan. »Aber man könnte doch zahlen, oder?« fragte David. »Zahlen ...«, seufzte der Geier. »Hast du denn immer noch nicht begriffen? Das ist doch alles nur Theater! Nichts als Augenwischerei. Keinen Pfennig besitzen die Eltern dieses leukämiekranken Kindes. Denkste! Da- mit's funktioniert, müssen sie auf arm machen, ver- stehst du? Man rettet ein Kind, David Toland, Idol der Todeskandidaten, erkennst du den Nutzen? Oder willst du, daß Steve Odds uns dazwischenfunkt?« Tolands Blick verfinsterte sich. »Und wenn wir überdies ein Mädchen vor der Prosti- tution retten, wird Odds mit dem Verdienstkreuz deko- riert«, brummte er. »Möglich«, erwiderte Milan. »Doch es bleibt dir keine andere Wahl mehr. Wenn du dich jetzt verdrückst, wird Odds auch davon profitieren.« Man hatte Pamela vorn in der Überschallmaschine unter ein Sauerstoffzelt gelegt. Langsam, unerbittlich wurde ihr Herz immer schwächer. Der Mann mit der dunklen Sonnenbrille beobachtete sie wie jemand, der sich den Kothaufen anschaut, in den er eben getreten hat. Dann setzte er sich erneut zu Sirchos., »Und deswegen bereiten Sie uns all diese Probleme!« seufzte er angeekelt. Langsam setzte Sirchos sich aufrechter hin. »Wenn Sie noch ein Wort über sie sagen, werfe ich Sie über dem Atlantik raus, und zwar mit einem Regen- schirm anstelle eines Fallschirms«, erwiderte er halb- laut. Die beiden Männer verstummten, als Mark Zorski sich ihnen mit sorgenvoller Miene durch den Mittelgang näherte. Weder zu der seltsamen Szene auf dem Flug- hafen noch zu der unerwarteten Anwesenheit dieses Unbekannten mit der schwarzen Sonnenbrille hatte er auch nur eine einzige Frage stellt. Er hatte sich damit begnügt, gut zwei Stunden lang zu schlafen, bevor er er- neut seine Patientin untersuchte. Vor dem Milliardär blieb er stehen. Er blickte äußerst pessimistisch drein. »Ich werde die letzten Informationen nach Paris schicken«, murmelte er. Seltsam - wie an einem Totenbett wagte in diesem Flugzeug niemand mit lauter Stimme zu sprechen. Sir- chos richtete sich auf. »Was ist denn los?« »Die Reise ermüdet sie sehr«, erklärte der Chirurg. »Ihr Herz schlägt immer langsamer. Es hat keine Kraft mehr, trotz der Vorbeugemaßnahmen nehmen die Giftstoffe zu. Sobald wir ankommen, muß operiert werden ...« Er schien einige Sekunden lang zu überlegen. »Wie weit ist es vom Flughafen bis ins Krankenhaus?« fragte er. Sirchos zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht genau. Eine Stunde vielleicht ..« Zorski verzog das Gesicht. Pamelas Herz, das mit Unmengen von Blut gefüllt und durch die aufeinander- folgenden Operationen geschwächt war, bot trotz der Notbehelfe, die es stärken sollten, viel weniger Wider- stand als vorhergesehen und drohte nun jeden Moment, zu zerreißen. Die abgestorbenen Teile würden den Druck nicht aushalten. »Wir benötigen einen Wagen mit einem Sauerstoffap- parat«, forderte Zorski. »Das Implantat muß vorbereitet werden, der Franzose Gaborit und sein Team müssen sich für einen Eingriff bereithalten ..« Sirchos hob den Kopf und stand von seinem Sitz auf. »Ich werde sie informieren.« »Schicken Sie Gaborit auch die Resultate der letzten Analysen«, sagte der Chirurg noch. »Ich möchte, daß er weiß, worauf er sich vorbereiten muß .« Daß der Franzose sich auf das Schlimmste gefaßt ma- chen sollte, fügte er lieber nicht hinzu. Auf ein Herz bei- spielsweise, das in seinen Händen buchstäblich explo- dieren könnte ... Stumm nickte Sirchos erneut und ging ins Cockpit. Innerhalb weniger Stunden hatte sich der Milliardär völlig verändert. Seine harten, willensstarken Gesichts- züge hatten sich aufgelöst und waren erschlafft. Sirchos wurde immer grauer. Zorski kannte nur einen Grund, der einen Mann der- art verwandeln konnte: die Angst ... Milan nahm einen kräftigen Schluck Whisky und hielt Toland die Flasche hin. »Da, trink!« David war ganz verkrampft und lehnte mit einer kur- zen Geste ab. »Verdammt! Was bist du für einer?« wütete Milan und schloß die Flasche. »Ich hab gesehen, wie du an Dutzenden von Kerlen rumgeschnippelt, ihnen den Bauch aufgeschnitten, in ihren Eingeweiden herumge- wühlt und ihnen ins Fleisch gebohrt hast, ohne dich je- mals zu beklagen, ohne ein Wort zu sagen ... Nicht einmal einen Stärkungstrunk benötigst du, um deine Arbeit tun zu können. Es sieht aus, als würdest du nicht das geringste dabei empfinden. Wer von uns beiden ist, denn nun der Hemmungsloseste, Toland? Du oder ich?« Angesichts des hartnäckigen Schweigens von David fügte Milan hinzu: »Ich kann zu meiner Entschuldigung wenigstens an- führen, daß ich es für Geld tue.« Der Piepston des Autotelefons war zu hören. Milan hob ab. »Ja ...«, brummte der Geier. »Milan? Ich bin's, Odds. Wir haben das Programm geändert. Wo seid ihr?« »Vor dem Käfig, in dem Ihr kleines Flittchen schläft, Boß!« witzelte Milan. »Was?« »Die kleine Llorens. Eine Gangsterbande hat sie sich geschnappt«, erklärte der Geier. »Wird nicht so einfach sein, sie da wieder rauszuholen. Ich hab meine Brüder zu Hilfe gerufen. Und Sie melden sich dann wieder, zur psychologischen Unterstützung.« Auf Milans Erklärung folgte ein kurzes Schweigen. »Haben Sie sie gesehen?« fragte Odds. »Woher denn? Wir wissen nicht einmal, ob sie wirk- lich da drin ist ...« »Beeilen Sie sich, Milan!« flehte Odds. »Eben hab ich Nachricht erhalten aus der Concorde mit ... na, Sie wis- sen schon. Sieht sehr schlecht aus. Die Transplantation muß sofort nach der Landung durchgeführt werden. Spätestens in drei Stunden ... Sie wissen, was das be- deutet?« Milan griff erneut nach der Whiskyflasche. »Nein«, knurrte er verwirrt. »Das bedeutet, daß es sich nicht einmal mehr lohnt, das Mädchen ins Saint-Louis zu bringen, Milan«, er- klärte Steve Odds. »Nehmen Sie sich das Benötigte an Ort und Stelle!« Ohne zu antworten, legte Milan wieder auf. Toland beobachtete ihn aufmerksam., »Was ist los?« Milan zögerte. Wilde Entschlossenheit verhärtete seine Gesichtszüge. »Die Frau ist im Anflug«, murmelte er reglos. »Wenn wir uns dieses Mädchen jetzt nicht schnappen, ist's zu spät .. .« Vor ihnen, am anderen Ende der Straße, tauchte Vito Milan auf, der den riesigen Stefan wie eine furchterre- gende Dogge an der Leine hinter sich her zog. Ein Lä- cheln erhellte das Gesicht des Geiers. »Gehen wir!« befahl er und öffnete die Tür des Stu- debakers. Doktor Sevrin war einer der besten Anästhesisten, die man finden konnte. Mit einem ellenlangen Text betrat er das Büro von Loic Gaborit. »Das hat uns gerade noch gefehlt!« seufzte er. Gaborit, der in das Studium der neuesten Berichte über die Herztransplantationen in seiner Klinik vertieft war, hob den Kopf. »Was ist denn?« fragte er und betrachtete den langen Papierstreifen, den der Anästhesist bis auf den Boden hängen ließ. »Der Beginn der Schwierigkeiten«, erwiderte Sevrin und legte das Telex auf das Pult. »Das Herz deiner hüb- schen Patientin ist dabei durchzudrehen. Es fehlte nicht viel, und man hätte uns gebeten, die Operation direkt am Flughafen von Roissy vorzunehmen. Hier einstwei- len die neuesten Analysen. Ich habe sie für das Labor kopiert. Zorski möchte, daß wir aufgrund der Analysen Spezialvorkehrungen treffen. Die Yankees scheuen wirklich weder Mühe noch Kosten.« »Spezialvorkehrungen?« fragte Gaborit überrascht und runzelte die Stirn. »Lies das, dann begreifst du. Pamela Sirchos ist ein schwieriger Fall.« Gaborit schaute sich das Telex an, auf dem sämtliche, Analysen aufgeführt waren, die man bei seiner zukünf- tigen Patientin vorgenommen hatte. Unverzüglich ver- banden sich diese Angaben mit der Liste der Z.S. A. Der Chirurg spürte, wie er kreidebleich im Gesicht wurde. »He!« meinte Sevrin besorgt. »Was hast du denn?« Gaborit verglich die Angaben beider Listen ein zwei- tes Mal miteinander. Es bestand kein Zweifel mehr. Pamela Sirchos und Giova Llorens waren genetische Doppelgängerinnen. »Wer ist der Spender?« flüsterte er mit schwacher Stimme. Sevrin zuckte mit den Schultern. »Die Papiere sind noch nicht eingetroffen. Das Im- plantat kommt aus einer Klinik außerhalb der Stadt. Mehr hat man mir nicht gesagt.« Gaborit schüttelte den Kopf. Das durfte doch nicht wahr sein! Sein Freund David Toland konnte sich doch unmöglich an einem solchen Willkürakt beteiligen ... Diese Ungewißheit richtete sich sogleich gegen ihn selbst. Welche Entscheidung müßte er treffen, falls die gleichzeitig mit dem Spenderherz eintreffenden Analy- seresultate die Hypothese eines Mordes bestätigen würden? »Klappt was nicht?« fragte Sevrin, besorgt über den sonderbaren Gesichtsausdruck des Chirurgen. Gaborit faßte sich mit beiden Händen an den Kopf und massierte sich die Schläfen ausgiebig mit den Fin- gerspitzen. »Alles in Ordnung. Ich möchte nur ein wenig allein sein ...« Sevrin zögerte einen Moment lang, schien eine wei- tere Frage stellen zu wollen, überlegte es sich aber plötz- lich anders und verließ das Büro. Gaborit öffnete den Mund, so als würde es ihm an Sauerstoff fehlen. Diese Herztransplantation war die Chance seines Lebens. Er stand kurz davor, einem in- ternationalen Star ein neues Herz in die Brust zu setzen,, und zwar in Zusammenarbeit mit einem gewissen Mark Zorski, den die ganze medizinische Fachwelt als den größten Herzspezialisten auf der ganzen Welt ansah. In dem Fall, da es sich tatsächlich um das Herz von Giova Llorens handelte, wären die Erfolgsaussichten außerordentlich groß ... Alle seine Träume, die in letz- ter Zeit so oft gefährdet waren, schienen mit einemmal in Erfüllung zu gehen. Wie teuer müßte er für ihre Ver- wirklichung bezahlen? Toland blieb in einiger Entfernung hinter den Milans zu- rück. Die drei Brüder diskutierten auf dem Bürgersteig miteinander. Von Zeit zu Zeit wandte sich der mongo- loide Stefan um und lächelte David mit entwaffnender Naivität zu. Plötzlich ging Milan auf Toland zu. »Kannst du mit einer Waffe umgehen?« Der Sammler zuckte zusammen. »Mit einer Waffe?« »Mein Bruder kennt sich hier aus«, erklärte der Geier. »Drinnen halten sich mindestens drei mit Drogen voll- gestopfte Gorillas auf, außerdem der Zuhälter aus der Apotheke. Du glaubst doch wohl nicht, daß wir ihnen nur eine Ohrfeige verpassen wollen.« Toland biß sich auf die Unterlippe. »Ich will keine Waffe!« beschloß er. Milan warf ihm einen wütenden Blick zu. »Dann bleib im Wagen, wir brauchen dich nicht.« »Gut. Aber sobald wir das Mädchen haben, bringen wir es sofort in diese Klinik und überwachen die Ope- ration.« Milan kniff die Augen zusammen. »Und dann gehen wir nie wieder auseinander?« ent- gegnete er ironisch und betonte das >Wir<, wie David das getan hatte. »Genau«, antwortete Toland. »Ganz genau.« Milan deutete ein Lächeln an. »Du bist der, der entscheidet, Kamerad«, flüsterte er, und zog eine Spielkarte aus der Tasche. »Schon wieder diese verdammte Herzdame!« Er näherte sich dem roten Sportwagen des Zuhälters und schleuderte die Karte in einen der Reifen, in dem sie zitternd steckenblieb. Wie in Angriffsformation standen seine beiden Brüder neben ihm, so als hätten sie in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes getan. Während Toland im Studebaker Platz nahm, betraten sie das Gebäude. Ihr Wortwechsel beschränkte sich auf ein Minimum. Milan warf sich auf den Mann an der Rezeption, packte ihn am Kragen, versetzte ihm einen kräftigen Schlag mitten ins Gesicht und schleuderte ihn in die Arme sei- nes Bruders Stefan, der ihn mit einer Ohrfeige nieder- streckte, die genügt hätte, einem Büffel die Hörner vom Kopf zu schlagen. Vito, der mit einer riesigen 44er Ma- gnum bewaffnet war, trieb die wartenden Kunden auf der Treppe zusammen. Der Überraschungseffekt war so groß, daß der Widerstand sich schwächer zeigte als be- fürchtet. Der zweite Wächter erhielt einen prächtigen Tritt zwi- schen die Beine und schlug gegen die Wand, wo Stefan, den die Situation bestens zu amüsieren schien, ihn mit einer weiteren Ohrfeige buchstäblich festnagelte. Die Lage verschlechterte sich merklich für die Ge- brüder Milan, als plötzlich der Kerl aus dem roten Wa- gen mit einem Gewehr in der Hand auftauchte. Unver- züglich richtete Vito seine Waffe auf ihn. »Nein!« befahl Milan. Vito zögerte, der Zeigefinger am Abzug wurde ge- fährlich blaß. »Wo ist Giova?« fragte Milan. Der Zuhälter riß die Äuglein auf. Ein ekelhaftes Grin- sen trat ihm auf die Lippen. »Man hat mich wissen lassen, daß jemand nach ihr sucht«, grinste der Araber. »Sie ist nicht mehr hier.« »Wer hat dich gewarnt?«» fauchte Milan., »Ihre Alten!« knurrte der Zuhälter nach wie vor in Kampfstellung. »Ich hab sie gekauft. Wenn du sie ha- ben willst, mußt du zahlen.« »Wieviel?« »Hunderttausend«, antwortete der Araber. Milan schnippte mit den Fingern und wandte sich an Vito. »Schieß ihm in die Beine!« befahl er seelenruhig. Der Schuß tönte wie ein Donnerhall, und der Kerl ging heulend zu Boden. Milan stürzte sich auf ihn und setzte ihm die Klinge seines Skalpells wenige Millimeter neben das Auge. »Hör mir gut zu, du Dreckskerl!« brüllte der Geier. »Entweder du sagst mir jetzt auf der Stelle, wo du die Kleine versteckt hältst, oder ich schneide dir den Schwanz ab.« Der Araber litt entsetzlich, sein Kopf schwankte auf seinen Schultern hin und her, gefolgt von der glitzern- den Klinge des Geiers. »Oben!« stöhnte er. »Auf dem Speicher ..« Stefan lachte laut und kindisch auf, als Milan dem Zuhälter die Kehle durchschnitt. Einer der Kunden drehte durch und versuchte zu fliehen, aber unter dem Kolbenschlag von Vitos Waffe sackte er auf der Stelle zu Boden. »Halt alle diese Schweine in Schach!« befahl Milan und eilte die Treppe hoch. »Ich kümmere mich um die Fracht. Stefan, du kommst mit mir.« Das grelle Lachen des dicken Mongoloiden dröhnte durch die Halle. Er fühlte sich gut. Stark. Sehr stark. Unendlich viel stärker als immer dann, wenn, wie heute wieder, Trois-Pommes, Pissette, Ranky und die anderen kamen und durch das Gitter des Abstellraumes mit Hundekot nach ihm warfen. Dabei hatte Milan ihm ver- sprochen, daß das nie wieder passieren werde; aber sie waren erneut gekommen. Vito war nicht da, um ihn zu beschützen. Wie gewohnt war Stefan auf das Klo ge-, flüchtet, aber dort konnte er nicht bleiben. Wegen Mas Kopf, der abgetrennt aus dem Pißbecken ragte. Er fragte sich, wie er Vito das alles erklären sollte, als Mirko anrief. Im Moment dachte er nicht einmal mehr daran. Er fühlte sich gut. Und wenn er heimkäme, würde Ma vom Unterernährten zurückgekehrt sein und würde ihm eine gute Suppe mit dicken Fleischstücken zubereiten ... »Wart auf mich, Mirko, wart auf mich!« schrie er, au- ßer Atem und folgte seinem Bruder. Der Piepston und das rote Lämpchen des Autotelefons ließen Toland zusammenzucken, der in düsteren Ge- danken versunken war. Er hob ab und nannte seinen Namen. »Ein Anruf für dich, Toland«, teilte Goldman ihm mit. »Übernimmst du?« »Ja ..« Nach mehrmaligem Klicken ertönte die Stimme von Loic Gaborit im Hörer. »David, ich bin's, Loic. Bist du allein?« »Ja, aber ...« »Hör mir gut zu, David! Die Z.S.A. schert sich einen Dreck um das Rückenmark von Giova Llorens. Was sie benötigen, ist ihr Herz. Sie werden sie töten, begreifst du das?« Tolands Hände begannen zu zittern. »Was sagst du da?« stotterte er. Der Hörer glitt ihm aus der Hand. Einen Moment lang starrte er wie von Sinnen durch die Windschutz- scheibe nach draußen; dann stürzte er aus dem Stude- baker und rannte auf das Gebäude zu, in das die Ge- brüder Milan eingedrungen waren. Im Wageninnern schaukelte der Hörer am Ende des Kabels hin und her, nur noch das verzweifelte »Hallo!« von Loic Gaborit war zu hören.,

Dreiunddreißigstes Kapitel

Der Chirurg legte den Hörer wieder auf und wußte, daß er unwahrscheinlich feige gehandelt hatte. Da er nicht imstande war, selbst eine Entscheidung zu treffen, hatte er seinen Freund David Toland vor den hinterhältigen Tricks der Z.S.A. gewarnt und somit alle Verantwor- tung auf ihn abgewälzt. Er sank auf seinen Schreibtisch und vergrub das Gesicht in den gekreuzten Armen. Er fühlte sich nicht stark genug, um die einmalige Gele- genheit abzulehnen, die Mark Zorski ihm bot. Die Gele- genheit, zu dem zu werden, was er sich immer schon er- träumt hatte: einer der berühmtesten Chirurgen auf der ganzen Welt ... Die Gelegenheit, seine Arbeit, seine nächtelangen Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt zu sehen. Einerseits der Ruhm, andererseits die An- onymität oder die Unehre. Die Ungleichheit der Menschen vor der Medizin, vor der Gesundheit hatte ihm schon oft zu denken gegeben. Und bislang hatte er sich stets untadelig verhalten und die Vorschläge von unendlich vornehmeren Kliniken als dem Saint-Louis stets abgelehnt. Das Dilemma war nun an seinem kritischen Punkt angelangt. Und seine Ent- scheidung lag ab sofort in den Händen eines ande- ren ... Der dritte Gorilla stand auf der Treppe und hielt eine Pumpaction in den Händen. Er hatte die Schreie und Schüsse gehört und zwischen der ersten und zweiten Etage Stellung bezogen. Ein unheimlich magerer Kerl mit heroinzerfressener dreckiger Haut. Ein echt finste- rer Geselle. Die Waffe zitterte ihm in den spindeldür- ren Fingern, und der Schweiß rann ihm von der Stirn. Plötzlich tauchte Milan in seinem Blickfeld auf. Er zielte auf sein Gewehr und drückte zweimal ab. Die La- dungen zerfetzten die Wand, eine dichte Gipswolke, stieg auf, tiefe Krater bohrten sich in die Treppenhaus- mauern. Milan konnte sich gerade noch auf die Stufen nieder- werfen. Einige Bleisplitter drangen durch seine Leder- uniform und kratzten ihm den Rücken auf. Der mit Zementstaub bedeckte Geier richtete sich wieder auf und zielte im Stil eines Frisbeespielers mit einer Karte auf den anderen. Das stählerne Rechteck bohrte sich tief in die Stirn des Fixers, genau über den Augen. Er ver- drehte die Augen, schwankte und fiel langsam über das Geländer. »Pik Zehn ...«, murmelte Milan und setzte seinen Aufstieg fort. Stefan folgte ihm, wie betäubt durch die Explosion, und rieb sich die Ohren wie ein Wahnsinniger. Auf allen Etagen stürmten nur mit der Unterhose be- kleidete Kunden aus den Zimmern, rannten die Trep- pen hinunter und drückten sich zitternd gegen die Wände, wenn die Gebrüder Milan an ihnen vorbeilie- fen. Ab und zu streckte Stefan, der immer zu solchen Späßen aufgelegt war, einen von ihnen mit einem Kinnhaken zu Boden. Er liebte es, solche Schläge auszu- teilen, aber noch lieber ging er mit dem schweren Hammer um, den er in Vitos Chevrolet zurückgelassen hatte. Er vermißte diesen Hammer, doch Vito hatte ge- sagt, damit fiele er auf der Straße zu sehr auf. Vor allem er ... Sie erreichten das oberste Stockwerk, wo eine Alumi- niumleiter vor einer halboffenen Klappe stand. »Wart hier auf mich!« befahl Milan. Mißmutig verzog Stefan das Gesicht. »Darf ich nicht mit dir kommen?« stöhnte er. Milan stellte sich vor seinen Bruder und gab sich Mühe, sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Das Brennen der Wunde erreichte nun den Nacken, und das Blut floß ihm den Rücken hinunter. Er nahm den dicken Kopf des Monogoloiden in beide Hände., »Hör mir gut zu, kleiner Bruder«, flüsterte er mit sanf- ter Stimme. »Ich möchte, daß du die Leiter bewachst. Eine Leiter ist etwas sehr Wichtiges. Wenn jemand kommt und sie wegnimmt, während man oben ist, kann man nicht mehr runtersteigen. Verstehst du?« Verwirrt nickte Stefan mit dem Kopf. »Ich passe auf die Leiter auf«, versprach der Koloß und starrte auf seine Schuhspitzen, wo eine dicke schwarze Schlammschicht abbröckelte. Milan drehte sich um und stieg die Leiter hinauf. Der Speicher war dreckig, feucht und dunkel. Der Geier schwang sich durch die Luke, richtete sich vorsichtig auf und blieb völlig reglos stehen, während seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Zuerst vernahm er ein schwaches Atmen, dann ent- deckte er auf der rechten Seite eine hellere Silhouette. Er zündete sein Feuerzeug an und näherte sich lang- sam. Das Mädchen schlief. Das war auch besser so. Der Geier nahm sein Skalpell hervor, auf dessen Klinge sich sogleich das Licht des Feuerzeugs spiegelte und einen riesigen Schatten auf einen Balken warf, auf dem un- zählige Schaben hin und her rannten. Er bückte sich, und sein Herz machte einen wahrhaft gefährlichen Sprung. Giova Llorens war nur mit einem leicht durchsichti- gen Schleier bekleidet. Ihr Gesicht war glatt und blaß wie das von alten Porzellanpuppen, ihr langes blondes Haar umgab ihren Oberkörper wie ein goldenes Lei- chentuch, und als der Geier sich über sie beugte, öffnete sie ihre großen blauen Augen. David Toland stürmte in die Eingangshalle des Gebäu- des. Vito schreckte auf und richtete seine Magnum auf ihn. Vor dem leblosen Körper des Mannes mit dem ro- ten Wagen hielt der Sammler inne. Sein Blick fiel auf die beiden anderen am Boden liegenden Araber. »Was suchst du hier?« knurrte Vito., David hob den Kopf. Er sah die Waffe und die etwa zehn Männer, die schön brav an der Wand standen. »Wo ist Milan?« fragte er mit heiserer Stimme. Vito zögerte. Sein Bruder hatte ihm geraten, diesem Sammler nicht zu trauen, mehr nicht. In der Zone be- deutete Mißtrauen nur, daß man stets versuchen mußte, als erster zu schießen. Aber hier ... Toland erkannte die Gefahr. Sonderbarerweise aber beruhigte ihn das Verhalten von Milans Bruder. Er wurde also nicht als Komplize, sondern als Feind ange- sehen. »Ich muß sofort mit Milan sprechen«, sagte David. »Eine Programmänderung.« Plötzlich richtete Vito seine Waffe auf einen Kunden, der verzweifelt versuchte, seine Hose hochzuziehen. Ohne Zweifel hätte Toland diese Gelegenheit nutzen und sich auf seinen Gegner stürzen können, doch er blieb völlig reglos stehen. Vito aber wartete nur auf eine eindeutige Bewegung Tolands, um ihn niederstrecken zu können. »Du wartest hier auf ihn!« beschloß er plötzlich. »Es eilt!« behauptete Toland. »Du mußt ..« »Ich muß überhaupt nichts«, entgegnete Vito, der sichtlich nervös war. Es waren einfach zu viele Männer, die er bewachen mußte. Die Spannung erhöhte sich noch, als der Gorilla, den Milan angeschossen hatte, Blut zu spucken und zu jammern begann. Diese leise Klage inmitten der lauten Töne ließ Vito völlig durchdrehen. »Halt's Maul, du dreckige Sau!« schrie er und schoß zweimal auf den Verletzten. David war niedergekniet, als wolle er sich schützen. Mit den Fingerspitzen hob er das Springmesser auf, das der Kerl mit dem roten Wagen fallengelassen hatte. Vito brüllte immer noch. Er hatte sich den von panischer Angst erfaßten Kunden zugewandt. Toland hatte noch nie jemanden getötet. Doch dank seiner perfekten Ana-, tomiekenntnisse wußte er, wie er vorgehen mußte, um ein lebenswichtiges Organ zu treffen, aber er hatte es noch nie getan. Er nahm das Messer fest in die Hand und warf sich auf Vito. Vito ahnte die Bewegung zu seiner Rechten, ver- suchte auszuweichen, doch die Hand des Sammlers packte ihn bereits am Handgelenk und riß ihm den Arm nach oben. Ein erneuter Schuß zertrümmerte einen Quadratmeter Decke. Toland zögerte eine Sekunde lang, bevor er seinem Gegner die Klinge ins Herz stieß. Eine Sekunde zu lange. Trotz seines rachitischen Aus- sehens und seines fleckigen Säufergesichts erwies sich Vito als gefährlicher Gegner mit überraschend großer Energie. Der Kräfteunterschied zwischen den beiden Männern wurde durch die größere Prügelerfahrung der Gebrüder Milan wieder aufgehoben. Vito wiegte sich in den Hüften und versetzte dem Sammler einen brutalen Kniestoß in die Leber. David krümmte sich. Die Luft entwich aus den Lungen, und ein fürchterlicher Schmerz lähmte ihm den Unterleib. Die Kunden nutz- ten den Kampf der beiden Männer, um zu fliehen. »Ich bringe dich um, du Schwein!« zischte Vito. Eine voreilige Behauptung, denn es gelang David, alle seine Kräfte zu mobilisieren, Vito in den Griff zu be- kommen und ihm den Arm auf den Rücken zu biegen. Vitos Schulter krachte dumpf. Er heulte fürchterlich und ließ seine Magnum zu Boden fallen. Als David mit seinem Messer zustechen wollte, erschien Milan oben auf der Treppe. Seine Stimme tönte wie ein Peitschen- hieb. »Genug!« »Er hat mir den Arm gebrochen!« jammerte Vito, der auf den Knien am Boden saß. »Dieses Schwein hat mir den Arm gebrochen!« David wich etwas zurück. Er traute seinen Augen nicht. Hinter Milan, einige Stufen höher, stand der mongoloide Riese, grinste selig und hielt Giova Llorens, in den Armen, die zerbrechliche blonde Puppe, deren seidenes Haar dem Koloß bis auf die Hüften herunter- hing. Ein unpassendes, völlig surrealistisches Paar. »Ich lasse dich nicht mit ihr verschwinden«, warnte Toland und hob die 44er Magnum auf. »Ich weiß von euren Schweinereien!« Unerschütterlich kam Milan die Treppe herunter. »Bleib stehen!« bellte Toland. »Mach keinen Quatsch, Kamerad!« seufzte der Geier. »Wenn ich das getan hätte, wozu ich beauftragt bin, hielte ich ihr Herz bereits in den Händen. Aber dazu hatte ich keine Zeit ...« David runzelte die Stirn. Milans Stimme hatte sich verändert, war unglaublich schwach geworden. Bevor er schwankend innehielt, stieg er noch eine Stufe hin- unter. »Ich hätte diesen Kretin längst umlegen müssen«, murmelte der Geier. »Morgen wird es ihm leid tun ... Toland, im Studebaker ist ein Geschenk für dich, unter dem großen Kasten .« Milan sackte zu Boden, ein Beil zwischen den Schul- terblättern. »Die Puppe gehört mir«, sagte das Monster mit wei- nerlicher Stimme und streichelte sanft über Giovas Haar. »Niemand nimmt sie mir weg. Sie ist so hübsch. Niemand darf sie kaputtmachen.« Sein stumpfer Blick fiel auf Vito, der nach wie vor am Boden kniete, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. »Du wirst sie mir nicht wegnehmen, Vito! Diesmal nicht!« Giova umschlang den dicken Hals des Riesen mit ih- ren zarten Armen. Stefan kam die Treppe herunter und stieg über die Leiche seines Bruders. »Mirko wollte sie kaputtmachen«, brummte er. »Und du willst sie auch kaputtmachen!« Mit schmerzverzerrtem Gesicht erhob sich Vito und, hielt sich die gebrochene Schulter. Er wandte sich an den Sammler. »Worauf wartest du noch? Warum schießt du nicht?« schrie er heiser. »Siehst du nicht, daß er völlig verrückt geworden ist?« David war vor Bestürzung wie versteinert. Er konnte gerade noch kopfnickend vor dem näherkommenden Monster zurückweichen. »Niemand mehr wird mit Hundescheiße nach mir werfen«, fuhr Stefan fort. »Niemand wird mich hauen. Heute wollte Ma mich hauen. Da habe ich ihr den Kopf eingeschlagen. Auch den Hunden habe ich den Kopf eingeschlagen.« Mit einem Mal sprang der Koloß auf seinen Bruder zu, der drei Meter von ihm entfernt war, packte ihn und zog ihn vom Boden hoch. »Hör auf, Stefan, hör auf!« flehte Vito. Stefan schleuderte seinen Bruder mit unglaublicher Kraft gegen die Wand, so wie er es immer mit den neu- geborenen Welpen tat, die Ma nicht behalten wollte. Vi- tos Körper blieb einen Moment lang an der Mauer leh- nen und rutschte schließlich wie ein Stück Dreck und wie in Zeitlupe zu Boden. Dann drehte der Mongoloide sich zu David um. »Ich - ich will deine Puppe nicht kaputtmachen!« stotterte der Sammler, verblüfft von der Albernheit sei- ner eigenen Worte. »Im Gegenteil, ich bin hier, um sie zu retten. Du hast doch gesehen, wie ich mit deinem Bruder um sie gekämpft habe.« Der Riese zögerte. Sein Gesicht verwandelte sich. Die Worte des Sammlers bahnten sich mühsam einen Weg durch sein vernebeltes Hirn. Giova schmiegte sich noch fester an die Brust des Ko- losses. Diese Berührung entlockte dem Mongoloiden ein strahlendes Lächeln. Bevor er erneut Toland an- schaute, streichelte er ihr einen Moment lang über das Haar. Ein eisiges Frösteln lief David den Rücken herun-, ter. Dieser Kerl da war imstande, ihn mit einer Hand zu zermalmen, ihm durch ein Drücken auf die Schläfen die Augen aus dem Kopf springen zu lassen ... »Du hilfst mir, damit ich meine Puppe behalte!« be- schloß Stefan plötzlich, so als erklärte er seinen Kame- raden aus dem Kindergarten die Regeln eines neuen Spiels. David nickte mit dem Kopf. »Einverstanden.« Das Lächeln des Mongoloiden wurde eindeutiger. Speichel rann ihm über das Kinn. Er warf einen zärtli- chen Blick auf Giova. »Mit ihr habe ich kein Feuer mehr im Bauch«, mur- melte er. »Sie ist wie eine richtige Puppe. Sie hat diesel- ben Dinge im Kopf wie ich ...« Davids Blick fiel auf die durchscheinenden, in den El- lenbogen von dunklen Punkten übersäten Arme des jungen Mädchens. »Deine Puppe ist krank«, erklärte Toland. »Krank?« stammelte Stefan. »Schau dir ihre Arme an!« erklärte David. »Sie haben ihr Gift in die Adern gespritzt ...« Stefan schrie laut auf. »Ich werde ihnen den Kopf abreißen, ihnen allen!« brüllte er und ging auf den letzten der noch lebenden Gorillas zu, der immer noch benommen dalag. »Zuerst mußt du dich um deine Puppe kümmern!« schrie Toland. Der Koloß hielt inne. »Gehen wir weg von hier!« riet David mit ruhiger Stimme. »Wenn die Bullen kommen, nehmen sie dir deine Puppe wieder weg.« Gehorsam und brav folgte Stefan David auf die Stra- ße. Die Z.S.A.-Geier bildeten eine wahre Kette aus schwarzvioletten Uniformen auf dem Bürgersteig. Alle trugen ihren Integralhelm mit dem Lebenssymbol über dem heruntergelassenen Visier., Das Personal auf der Merrill-Abteilung, die vollständig für Pamela Sirchos reserviert war, wurde allmählich immer ungeduldiger. Das Implantat war noch immer nicht eingetroffen, und die Concorde konnte jeden Moment landen. Nur Doktor Loic Gaborit schöpfte inmitten der zu- nehmenden Besorgnis neue Hoffnung. Vermutlich war es Giova Llorens gelungen, ob mit oder ohne Tolands Hilfe, den Fängen der Geier zu entkommen. Man mußte also beschließen, Madame Sirchos ein anderes Herz in die Brust einzupflanzen. Als Gaborit bereits dabei war, das Lager nach einem Ersatzorgan zu durchsuchen, kam Steve Odds höchst- persönlich, um alle Anwesenden zu beruhigen. »Es gab ein kleines Problem«, erklärte er. »Aber in wenigen Minuten wird das Herz eintreffen.« Gaborit rannte auf die Toilette und erbrach sich. Einer der Geier löste sich aus der Gruppe und trat vor. Mit gekreuzten Armen pflanzte er sich vor Toland auf. In seiner behandschuhten Hand funkelte ein Skalpell. »Sag dem Dicken, er soll uns das Mädchen geben, dann geht alles in Ordnung!« befahl er mit vom Inte- gralhelm gedämpfter Stimme. Mit einem Mal überschlugen sich die Ereignisse. Stefan näherte sich und haute dem Geier mit der Faust auf den Kopf wie mit einem Hammer. Das Visier zer- splitterte, und Blut bespritzte David. Die übrigen Geier zögerten, bevor auch sie ihre Skalpelle hervorzogen. Der Koloß übergab Giova dem Sammler. »Geh in den Wagen und warte auf mich!« David öffnete den Mund, um zu antworten, aber schon ging Stefan auf die Geier los. Die Skalpellklingen zischten blitzend auf ihn nieder. David rannte zum Stu- debaker. Hinter ihm setzte der dicke, am Oberkörper, den Schultern und im Gesicht verletzte Mongoloide seinen Kampf fort. Vier Geier lagen bereits am Boden., Dolche tauchten in den Händen von Steve Odds' Schergen auf. David legte Giova Llorens auf den Rücksitz, nahm hinter dem Lenkrad Platz und startete den Motor. Die Porzellanpuppe war nach wie vor von Sinnen, mit Dro- gen vollgestopft und merkte nichts von dem, was vor sich ging. Einer der Geier, der flinker war als seine Kol- legen, wich einem Schlag Stefans aus und pflanzte dem Mongoliden mit aller Kraft seinen Dolch in den Bauch. Das Messer steckte bis zum Griff im Nabel des Kolosses. Stefan zögerte. Großes Erstaunen zeichnete sein Ge- sicht. Fasziniert beobachtete David die Szene durch die Windschutzscheibe des Studebakers. Stefan fauchte er- neut und trommelte mit beiden Fäusten auf seinen Gegner ein. Der andere sank auf den Asphalt. Der wahnwitzige Anblick dieses geistesgestörten Dicken, der mit einem Dolch im Bauch weiterkämpfte, schien die Geier zu beeindrucken. Plötzlich wurden sie vor- sichtiger, einige von ihnen wichen sogar vor ihm zu- rück. Ein zweiter geschleuderter Dolch bohrte sich mit einem dumpfen Geräusch zwischen Stefans Schulter- blätter. David gab Vollgas und raste mit hoher Geschwindig- keit auf die Kreuzung zu. Es hatte keinen Sinn, auf Stefan zu warten. Er würde nicht mehr kommen. Nie- mals mehr. Mit blutüberströmtem Gesicht schaute der Riese dem vorbeifahrenden Studebaker hinterher. Hin- ter den Wagenfenstern erkannte er Giovas goldenes Haar. »Meine .meine Puppe ..« , jammerte er. Er schleuderte einen letzten Geier fünf Meter weit durch die Luft, bevor ein dritter Dolch ihm das Herz durchstach. Dumpf fiel er auf die Knie und hob die Au- gen zum Himmel. »Mirko?« flüsterte er mit kindlicher Stimme. Dann sank er mit dem Gesicht nach vorn zu Boden,, auf dem Asphalt gestrandet wie ein riesiges harpunen- gespicktes Meeressäugetier. Die Geier eilten zu ihren Fahrzeugen, den Motorrä- dern und Lieferwagen. Der Studebaker war seit mehr als einer Minute verschwunden. Milans Auto war der schnellste aller Z.S.A.-Wagen. Nur die Motorräder hat- ten eine Chance, ihn in den Straßen der Hauptstadt ein- zuholen. Was sie wahrscheinlich auch getan hätten, wenn David sich nicht wenige Straßen weiter in einem unterirdischen Parkhaus versteckt und die Meute der Geier mit heulenden Sirenen ruhig über sich hinweg- fahren gelassen hätte ... Eine ganze Weile betrachtete er Giova, die zusam- mengekrümmt wie ein Fötus auf dem Rücksitz lag; dann kletterte er nach hinten in den Studebaker. Er er- innerte sich an Milans letzte Worte: >Unter dem großen Kasten ist ein Geschenk für dich<. Er entfernte die vier Schrauben, mit denen der Container befestigt war, schob ihn zur Seite und nahm den dicken Umschlag, der auf dem Wagenboden lag. Zusätzlich zu dem von Mustapha Moussi zusammengestellten Dossier mit den eindeutigen Fotos aus der Nacht der Demonstrationen enthielt er ein Schreiben des Geiers Mirko Milan, eine ausführliche Aufstellung der im Auftrag der Z.S.A. be- gangenen Verbrechen, zu denen auch der Mord an Ge- rard Roussel zählte, dem einstigen Gefährten Davids. Das Atmen fiel David schwer. Seine Erregung war zu groß, zu heftig. Er war am Ziel seiner Bemühungen ... Am nächsten Tag lag das Spenderherz in einer Salzlö- sung. Aber es war nicht das Herz von Giova Llorens. Pamela Sirchos lag auf dem Operationstisch, um sie herum stand das Ärzteteam. Langsam streifte Loic Ga- borit sich die Handschuhe über und bewegte dabei die Finger, wie er das stets zu tun pflegte, während Mark Zorski den Derivator überprüfte. Zwei Stunden zuvor hatten die beiden Chirurgen der Verhaftung von Steve, Odds beigewohnt. Weitere Festnahmen würden folgen, und keiner der beiden Chirurgen konnte wirklich sicher sein, den Verhaftungen zu entgehen, zu denen es in der Folge kommen würde. Das ganze Gebäude, das Reich des Alexander Sirchos, würde zusammenstürzen wie ein Kartenhaus. Alle Komplizen der Organisation wür- den unausweichlich in diesen höllischen Strudel hin- eingezogen werden. Plötzlich trat Gaborit an den Operationstisch und öff- nete die Brust der jungen Frau, wobei er es sorgfältig vermied, mit den bereits bestehenden Narben in Berüh- rung zu kommen. Zorski näherte sich und stellte den schlechten Zustand des beschädigten Herzmuskels fest. Er sah, daß seine Nähte, im Gegensatz zu Russels An- nahme, nicht nachgegeben hatten, sondern daß sich der Riß weiter oben, am Rande eines breiten blutleeren Ge- webeteils befand. Gaborit tauchte mit beiden Händen in Pamelas Brust, betastete die Nähte der Dacron-Klappe und warf Zorski einen bewunderungsvollen Blick zu. Dann stellte er sich wieder aufrecht hin und bat um neue Handschuhe. »Ein wahres Wunder, daß dieses Herz so lange funk- tioniert hat«, sagte er. »Es sind noch weitere Gewebe- teile abgestorben.« Er gab den Befehl, die Herz-Lungen-Maschine unver- züglich in Gang zu setzen. Sevrin führte den Befehl aus. Es war keine Seltenheit, daß im Saint-Louis ein leben- der Patient mit offenem Brustkorb und einem Loch an- stelle des Herzens auf dem Operationstisch lag, doch diesmal hielt jeder den Atem an. Der in Pamela Sirchos verliebte Assistenzarzt schwitzte heftig. Gaborit begann, das neue Herz anzunähen. Es war etwas kleiner als das Original. Selbstverständlich hätte Gaborit auch ein größeres Herz auswählen können, doch er hatte diesen starken Muskel vorgezogen. Er stammte von einem jungen Sportler, der auf einem Jahrmarkt auf tragische Weise ums Leben gekommen, war, als an einem Schießstand eine Kugel von der Me- tallwand zurückprallte, durch das rechte Auge in das Gehirn drang und dort für eine irreparable Beschädi- gung sorgte. Sein Herz war so gesund, daß es noch hundert Jahre lang schlagen könnte. Die Analysen hat- ten ergeben, daß die Gewebestrukturen zwar nicht völ- lig identisch waren, die Blutgruppen aber perfekt über- einstimmten. Gaborit fertigte makellose Nähte an. Nur einen Moment lang regte er sich über das Blut auf, das sich in den Kammern ansammelte. »Klemmen prüfen und Blut entfernen!« knurrte er hinter seinem Mundschutz hervor. Zorski übernahm diese Aufgabe höchstpersönlich. Gaborit arbeitete schnell, mit präzisen und sicheren Handgriffen. Zorski sah, daß sein französischer Kollege sehr vorsichtig mit dem neuen Herzen umging. Er be- rührte es respektvoll und äußerst behutsam. Zorski legte stets großen Wert darauf, wie ein Chirurg mit ei- nem bloßliegenden Organ umging. Danach beurteilte er seine Kollegen. Im Falle Gaborits hatte er sich nicht ge- täuscht. Das neue Herz war an seinem Platz. Gaborit stellte sich aufrecht hin. Eine Krankenschwester wischte ihm den Schweiß von der Stirn. »Überprüfen Sie bitte meine Arbeit!« bat er Zorski. Der amerikanische Chirurg trat näher und betrachtete jede Naht sehr genau. Er hätte es nicht perfekter tun können. Er richtete sich auf und hob die Faust mit em- porgehaltenem Daumen. Einen Augenblick lang entfernte Gaborit sich vom Operationstisch und kam mit dem Defibrillator zurück. Zorski begann die Klemmen zu entfernen, die den Blut- fluß unterbrachen. Sevrin stand in der Nähe des Sauer- stoffgeräts, und sein Assistent hatte sich soeben in die Hose gemacht. Es herrschte keine wirkliche Stille. Im Raum gab es ein Murmeln, ein Brummen aus etwa zehn Mündern, die unentwegt denselben Psalm beteten. Das, Blut verließ den Derivator und ergoß sich in die Herz- kranzarterien. Nach einem kurzen Ruck begann das Herz des jungen Sportlers wieder zu schlagen, so als hätte es nie damit aufgehört. Gaborit richtete sich auf und schaute Zorski an. Die Augen des Amerikaners funkelten. Dann nähte Gabo- rit, so wie auch Zorski das zu tun pflegte, Pamela Sir- chos' Brustkorb eigenhändig wieder zu. Erschöpft, völlig außer Atem verließ er den Opera- tionssaal, ging den Flur hinauf und blieb plötzlich vor einem Geier stehen, der ihm den Weg versperrte. Der Mann, der mit der traditionellen schwarzvioletten Uni- form von Steve Odds' Geiern bekleidet war, verbarg das Gesicht hinter dem quecksilberfarben getönten Visier seines Integralhelms. Der Unbekannte hob die Arme und nahm langsam den Helm ab. »David«, flüsterte Gaborit. Toland und der Chirurg fielen einander in die Arme. Der Mann mit der dunklen Sonnenbrille näherte sich dem Sessel, in dem Alexander Sirchos vor sich hin dämmerte. Er legte dem Milliardär eine Zeitung auf das Gesicht und jagte ihm eine Kugel in den Kopf. Allmäh- lich breitete sich das Blut über den Titel der Tageszei- tung aus, die von der Verhaftung von Steve Odds, dem für die R.A.I.D. verantwortlichen Kommissar und von rund dreißig Geiern und Polizisten berichtete. Die Säu- berungsaktion hatte erst begonnen. Man sprach bereits von internationalen Ermittlungen über die Sammler- Aktivitäten. Der Artikel war mit dem Namen David To- land unterzeichnet. Der Mann mit der dunklen Sonnenbrille zog die Tür des Appartements sanft hinter sich zu ...]
15

Similar documents

Christian von Kamp
Christian von Kamp todsichere Tips für ein mißlingendes Leben eBOOK-Bibliothek Christian von Kamp todsichere Tips für ein mißlingendes Leben (2006) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Christian von Kamp http://www.christian-von-kamp.de Bitte beachten Sie: Der Text dieses Ratg
DAS WEISSEHÖRN
KLEINEJUGENDREIHEI. JEFREMOWDAS WEISSEHÖRNUNDAMSEEDERBERGGEISTERVERLAGKULTURUNDFORTSCHRITTBERLINDAS WEISSE HORN Deutsch von Karel Hemzal In dem bleichen, glühendheißen Himmel kreiste träge ein Lämmergeier. Ohne jede Anstrengung schwebte er regungs- los in großer Höhe. Ussolzew sah neidvoll, wie der
lichtung manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum! tanz nördl ich südl du östl ich westl du südl ich nördl du westl ich
lichtung manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum! tanz nördl ich südl du östl ich westl du südl ich nördl du westl ich östl du das fanatische orchester der dirigent hebt den stab das orchester schwingt die instrumente der dirigent öffnet die lippen das orchester s
Die Welt von morgen im Roman von heute
Die Welt von morgen im Roman von heute ROBERT A. HEINLEIN [ Robert Anson Heinlein (1907-1988) ] Weltraum-Piloten Das spannende Buch behandelt ein interessantes Zukunftsproblem: die Aufrechterhaltung der interstellarischen Ruhe und Ordnung durch einen Weltraum-Sicherheitsdienst, der in ständigem Eins
Zu diesem Buch Als Hemingway im Jahre 1956 mit seiner Frau Mary im Hotel Ritz in Paris abstieg, ließ er
Zu diesem Buch Als Hemingway im Jahre 1956 mit seiner Frau Mary im Hotel Ritz in Paris abstieg, ließ er sich aus dem Keller die alten Koffer holen, die dort seit mehr als zwanzig Jahren gelagert hatten. Sie enthielten seine Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als er
Gabriel García Márquez Von der Liebe und anderen Dämonen
Gabriel García Márquez Von der Liebe und anderen Dämonen Roman / Kiepenheuer & Witsch GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZ VON DER LIEBE UND ANDEREN DÄMONEN Gabriel García Márquez Von der Liebe und anderen Dämonen ROMAN AUS DEM SPANISCHEN VON DAGMAR PLOETZ KIEPENHEUER & WITSCH 1. Auflage 1994 Titel der Originalau
KARL MAY Die beiden NachtwächterMKeBHUMORESKE
KARL MAY Die beiden Nachtwächter ay arlMKeBHUMORESKE B Karl May Die beiden Nachtwächter Humoreske (877) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Karl May (25.02.1842 – 30.03.1912) 1. Ausgabe, September 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe I. Wer da etwa glaubt, daß blos
MICHAIL BAKUNIN PHILOSOPHIE DER TAT Herbert Marcuse Kult ur und Gesellschaft
MICHAIL BAKUNIN PHILOSOPHIE DER TAT Herbert Marcuse Kult ur und Gesellschaft edition Suhrk amp SV Herbert Marcuse Kultur und Gesellschaft 1 Suhrkamp Verlag Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin, lehrt heute als Professor der Philosophie an der University of California (USA). Er hat in Berlin und F
Ab das N.I.C.E., das National Institute of Coordinated Expe-
Ab das N.I.C.E., das National Institute of Coordinated Expe- riments, den Bragdon Wald bei Edgestow aufkauft, in dessen Nähe das uralte Bracton-College liegt, sind die Fachleute und Kenner der Geschichte dieser Gegend alarmiert – und nicht nur sie. Die Eingeweihten vermuten mit Recht, daß die Er- ri
DIE CHRONIK VON TORNOR
DIE CHRONIK VON TORNOR Die Zwingfeste (06/3955) Die Tänzer von Arun (06/3956) Die Frau aus dem Norden (06/3957) Tornor Keep, eine der düsteren Zwingfesten im Nor- den Aruns, hatte man im ersten Jahrhundert der Be- siedlung errichtet, um das fruchtbare Land und die Handelsstädte am Fluß und im Delta
DIE CHRONIK VON TORNOR
DIE CHRONIK VON TORNOR Die Zwingfeste (06/3955) Die Tänzer von Arun (06/3956) Die Frau aus dem Norden (06/3957) Im Galbareth, der fruchtbaren Ebene von Arun, ha- ben sich im Laufe der Jahrzehnte Menschen, die über besondere mentale Gaben verfügen, über Telepathie, die Kunst des Gedankenlesens und de
Ransom, der Erdenmensch, der Malakandra, wie der Mars von
Ransom, der Erdenmensch, der Malakandra, wie der Mars von seinen Bewohnern genannt wird, besucht hat und unter Le- bensgefahr zur Erde zurückgekehrt ist, wird ausersehen, eine Mission auf der Venus zu übernehmen. Der Morgenstern, den die Eldil, die geheimnisvollen Statthalter Gottes, Perelandra nenn
Inhalt: Das Bostoner Detektivteam Patrick Kenzie
Inhalt: Das Bostoner Detektivteam Patrick Kenzie und Angela Gennaro wird von zwei hochrangigen Senatoren beauftragt, ihre verschwundene Putzfrau Jenna samt streng vertraulicher Dokumente wiederzufinden. Scheinbar eine leichte Übung für die beiden. Doch dann wird Jenna auf offener Straße erschossen,
Stanisław Lem TEST Phantastische Erzählungen F
Stanisław Lem TEST Phantastische Erzählungen F Über dieses Buch Die vorliegende Sammlung utopischer Geschichten zeigt die reiche Skala Lem’scher Phantasie. Geht es hier um die oft gespenstischen Abenteuer, die Weltraumnavigator Pirx mit detektivischem Verstand zu meistern hat, so entwik- keln dort ü
Die beiden Wissenschaftler Devine und Weston starten zum
Die beiden Wissenschaftler Devine und Weston starten zum Mars, um als Glücksritter zu Vermögen und Macht zu gelan- gen. Sie verschleppen dabei den Cambridger Philologen Ran- som, um ihn den Eingeborenen zu überlassen, wenn es mit ih- nen Schwierigkeiten geben sollte. Malakandra, wie die Einge- boren
Jeff Lindsay Des Todes dunkler Bruder
Jeff Lindsay Des Todes dunkler Bruder s&p 05/2006 Dexter Morgan arbeitet als Spezialist für Blutanalysen bei der Polizei von Miami – und mordet gerne. Aber seine Morde dienen einem höheren Zweck: Jedesmal, wenn er zuschlägt, erwischt es einen ganz gewöhnlichen, brutalen Killer. Einer weniger! Doch a
Fenster zur Unendlichkeit
Fenster zur Unendlichkeit 16 Begegnungen mit der Zeit Anthologie sowjetischer Phantastik herausgegeben von Herbert Krempien Verlag Das Neue Berlin Gescannt von c0y0te. Nicht seitenkonkordant. Dieses e-Buch ist eine Privatkopie und nicht zum Verkauf bestimmt! Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten 1.
In der Nacht des 13. Mai 1933 kommt es im Salonwagen des
In der Nacht des 13. Mai 1933 kommt es im Salonwagen des Zuges Berlin-Breslau zu grauenhaften Ereignissen: die 17-jährige Marietta von der Malten wird zusammen mit ihrer Gouver- nante und dem Zugführer tot aufgefunden. Als Kriminalin- spektor Eberhard Mock mit seinen Männern am Tatort er- scheint, b
DARREL T. LANGART
DARREL T. LANGART Die fremde Macht Dieses Buch wird unter der Bedingung verkauft, daß es ohne Zustimmung des Verlages gewerbsmäßig weder weiterverkauft noch vermietet oder auf ähnliche Weise genutzt wird. Die vom Verlag gewählte Ausstattung darf weder durch einen festen Einband noch einen besonderen
KEITH LAUMER Botschafter im Kosmos (Envoy to New Worlds)
KEITH LAUMER Botschafter im Kosmos (Envoy to New Worlds) ERICH PABEL VERLAG • RASTATT (BADEN) Personen: James Retief, Vizekonsul und Dritter Sekretär des DCT* Botschafter Spradley, DCT Ben Magnan, Zweiter Sekretär F’Kau-Kau-Kau, Herrscher auf Yill Hoshick, Anführer der Sportkämpfer auf Adobe Konsul
F C. M. Kornbluth starb 1958 im Alter von 35 Jahren und hinterließ, darin
F C. M. Kornbluth starb 1958 im Alter von 35 Jahren und hinterließ, darin sind sich Literaturkritiker und Science-Fiction-Fans einig, eine nur schwer zu füllende Lücke nicht nur innerhalb der Science Fiction, sondern bei der amerikanischen Literatur im allgemeinen. Mary G. Kornbluth, seine Witwe, ha
GoMttIChHoAlIdL BEApKhUrNaINim Less ing PHILOSOPHIE DER TAT Emilia G alotti
GoMttIChHoAlIdL BEApKhUrNaINim Less ing PHILOSOPHIE DER TAT Emilia G alotti Gotthold Ephraim Lessing Emilia Galotti Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen Personen EMILIA GALOTTI ODOARDO und CLAUDIA GALOTTI, Eltern der Emilia HETTORE GONZAGA, Prinz von Guastalla MARINELLI, Kammerherrdes Prinzen CAMILLO RO
Heinz G. Konsalik Liebe auf dem Pulverfaß
Heinz G. Konsalik Liebe auf dem Pulverfaß Inhaltsangabe In Köln, in einem Freibad, lernten sie sich kennen. Und es war Liebe auf den ers- ten Blick. Als sie ihre Namen nannten, konnten sie ahnen, was sie erwartete: ihn, den Medizinstudenten Kehat Yonatan aus Tel Aviv, und sie, Amina Murad aus Qnaitr
Heinz G. Konsalik Die schöne Rivalin
Heinz G. Konsalik Die schöne Rivalin Inhaltsangabe Endlich erfüllt sich für Sonja der Traum von Sonne, Meer und blauem Himmel, als sie mit ihren Eltern an die Côte d'Azur fahren darf. Gleich die ersten Tage in Saint Tropez beginnen recht turbulent: Sonja lernt Michel kennen und fühlt sich bald im si
Yasmina Khadra Herbst der Chimären
Yasmina Khadra Herbst der Chimären scanned 07-2006 3. Band der Commissaire-Llob-Trilogie. ISBN: 3-85218-358-8 Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe Nachwort von Beate Burtscher-Bechter Verlag: Haymon Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2000 Dieses E-Book ist nicht zum Ve
Wolfgang Jeschke DAS CUSANUS-SPIEL Roman
Wolfgang Jeschke DAS CUSANUS-SPIEL Roman Droemer Besuchen Sie uns im Internet: www.droemer.de Die Einschweißfolie ist biologisch abbaubar. Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier ge- druckt. Copyright © 2005 bei Droemer Verlag. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Na
Yasmina Khadra Doppelweiß
Yasmina Khadra Doppelweiß scanned 07-2006 2. Band der Commissaire-Llob-Trilogie. ISBN: 3-85218-337-5 Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe Nachwort und Interviwe mit Yasmina Khadra von Beate Burtscher-Bechter Verlag: Haymon Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2000 Dieses
Yasmina Khadra Morituri
Yasmina Khadra Morituri scanned 07-2006 1. Band der Commissaire-Llob-Trilogie. ISBN: 3-85218-307-3 Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe Mit einem Nachwort von Beate Burtscher-Bechter Verlag: Haymon Erscheinungsjahr: 1. Auflage 1999 Dieses E-Book ist nicht zum Ver
Meiner Philosophische Bibliothek G. Pico della Mirandola Über die Würde des Menschen Lateinisch – Deutsch
Meiner Philosophische Bibliothek G. Pico della Mirandola Über die Würde des Menschen Lateinisch – Deutsch GIOVANNI PICO DELLA MIR ANDOLA De hominis dignitate Über die Würde des Menschen Übersetzt von Norbert Baumgarten Herausgegeben und eingeleitet von August Buck Lateinisch–deutsch FELIX MEINER VER
In der Reihe der Ullstein Bücher: Ullstein Buch Nr. 3073
In der Reihe der Ullstein Bücher: Ullstein Buch Nr. 3073 Science-Fiction-Stories im Verlag Ullstein GmbH, Band 1 bis Band 40 Frankfurt/M – Berlin – Wien Titel der Originalausgabe: Science-Fiction-Romane »Brain Twister« aka Poul Anderson: »That Sweet Little Old Lady« (1959) Feind aus dem All (2990) R