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BRUCE T. HOLMES DIE LETZTE GENERATION Science Fiction Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN p0t0si HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4469 Titel der amerikanischen Originalausgabe ANVIL OF THE HEART Deutsche Übersetzung von Andreas Brandhorst Das Umschlagbild schuf Jim Burns Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1983 by Bruce T. Holmes Copyright © 1988 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1988 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN...
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BRUCE T. HOLMES

DIE LETZTE GENERATION

Science Fiction Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

p0t0si,

HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4469 Titel der amerikanischen Originalausgabe ANVIL OF THE HEART Deutsche Übersetzung von Andreas Brandhorst Das Umschlagbild schuf Jim Burns

Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1983 by Bruce T. Holmes Copyright © 1988 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1988 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3-453-00994-0,

INHALT Vorwort

ERSTER TEIL

Herbst 2057

ZWEITER TEIL

Herbst 2059

DRITTER TEIL

Herbst 2061

, Für meine Lehrer: MOSHE FELDENKRAIS ROBERT A.

HEINLEIN KASKAFAYET

SANNA HANS LONGDEN FUMIO TOYODA und für all diejenigen, die sich in die Höhle des Löwen wagten., Vorwort des Autors Alle Menschen sind von der Rechtmäßigkeit ihrer Handlungsmotive überzeugt. Jeder von uns strebt Selbstbestätigung an. Winslow Rafferty meinte einmal, die Leben von Men- schen seien wie Filme. Millionen und Abermillionen solche Filme sind schon fertiggestellt, und jede einzelne Szene ist die konsequente Folge der vorhergehenden. Wir können uns sie nun ansehen und sogar die Haupt- rollen übernehmen. Und uns bleibt nur die Wahl, uns an den Dramen zu erfreuen. Inzwischen ist Rafferty natürlich längst ein Teil der Geschichte geworden. Ich bin sogar außerstande, eini- gen gewissen Historikern damit Genugtuung zu ver- schaffen, indem ich ihnen seine Existenz beweise. Ich selbst stelle mir allerdings gerne vor, daß er tatsächlich einmal auf Erden wandelte und die Rolle spielte, die ihm das Schicksal zuteilte. Zugegeben: Die folgenden Darstellungen basieren nicht auf erwiesenen Tatsachen. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, denn schließ- lich geschah das alles vor langer Zeit. Doch die Schilde- rungen entsprechen der Wahrheit, und ich habe alle be- schriebenen Details recherchiert. Der Verlust des Hauptcomputers in der betreffenden Region stellte ei- nen harten Schlag für all diejenigen Schriftsteller dar, die sich mit dem Verfassen historischer Romane be- schäftigen. Aber es gibt nach wie vor andere Quellen und Aufzeichnungen. Wenn Winslow Rafferty recht hatte, wenn das Leben eine Aufeinanderfolge immer neuer Konfrontationen ist und jeder verstreichende Augenblick die Grundlage für den nächsten bildet, so kann es eigentlich keinen echten, Anfang geben. Die Myriaden Mosaiksteine des Bildes der Existenz selbst weisen untereinander so viele Be- deutungsverflechtungen auf, daß die Ereignisse und Er- lebnisse eines jeden Tages ebenso unvermeidlich er- scheinen wie die sich daraus ergebenden Folgen. Doch irgendwo müssen wir beginnen. Was vom Ausdruck des Tagebuchs von John Cun- ningham übriggeblieben ist, legt den Schluß nahe, daß der Herbst des Jahres 2057 in gewisser Weise ein An- fang war. Er schreibt: »Jede Nacht liege ich drei bis vier Stunden wach, bevor ich einschlafe. Und jeden Tag brennen mir die Augen.« In dieser Hinsicht sind damals die im folgenden beschriebenen Ereignisse möglicher- weise tatsächlich unvermeidlich geworden: Vielleicht war die Unruhe Cunninghams nur eine unbewußte Re- aktion auf das Kommende, das sich bereits abzeichnete. Darüber hinaus aber glaube ich, die Ursachen für die bevorstehenden Umwälzungen genau zurückverfolgen zu können, bis hin zu den Geschehnissen eines ganz bestimmten Tages ... Das Recht eines Kindes, mit seinem vol- len Potential geboren zu werden, hat Vor- rang vor allen anderen Erwägungen. Es ist die Aufgabe des Staates, die Lebensrechte eines Embryos zu schützen. Neununddreißigste Ergänzung der Verfassung - ratifiziert am 4. Juli 2051, ERSTER TEIL

Herbst 2057

, Es war kühl an diesem Morgen, und John Cunningham schloß seine Jacke, sah durch das gesplitterte Fenster und beobachtete den über die Straße rollenden Ab- bruchturm. Ich sollte meine Arbeit rasch beenden und nach Hause zurückkehren, sagte er sich. Außerdem war eigentlich alles nur eine Formalität. Es gab hier nichts, was es zu retten lohnte. Er rieb sich die Augen und schritt durch den Korridor zurück. In der letzten Nacht hatte er wieder nicht geschlafen. Warum konnte je- mand, der so müde war wie er, keine Ruhe finden? Links führte eine Tür in einen dunklen Raum. Die Fenster hatte man inzwischen verschalt, und Gerümpel zeigte sich auf dem Boden. Da und dort lagen einige Matratzen. Es sah ganz danach aus, als hätten hier ei- nige Nichtregistrierte gelagert. Oder Renegaten. Und zwar noch vor recht kurzer Zeit. Die Luft war erfüllt vom imaginären Geruch der Illegalität, vom Entschlos- senheitsduft, außerhalb des Gesetzes zu leben, Wider- stand zu leisten. Es mochte sich als gefährlich erweisen, solche Luft zu atmen. Cunningham drehte sich um und ging die Stufen der Metalltreppe herunter. Das Gelän- der war an einigen Stellen aus der Verankerung geris- sen und zitterte, als er es berührte. Im Erdgeschoß ange- langt machte er sich auf den Weg nach dem Versandbe- reich. Dieses Gebäude hatte einst als Lager gedient, und überall lagen aufgerissene Kartons. Am gegenüberlie- genden Ende der Halle fand Cunningham die Asche ei- nes längst erloschenen Feuers und Knochen, die wahr- scheinlich von einem Hund stammten. Draußen wartete der Abbruchturm. Drei Männer kletterten aus der Kabine. John unterzeichnete die Frei- gabeerklärung und schlenderte dann in Richtung der nur zwei Blocks entfernten Metrostation. Dreißig Minu- ten später hatte er die Enklave erreicht und trat aus dem Pendellift seines Wohnstocks. Als er in den nach seinem Apartment führenden Kor- ridor schritt, blieb er plötzlich und ruckartig stehen, und, seine Nackenhaare richteten sich auf, als er eine jähe Kühle verspürte. Direkt vor ihm lag eine Leiche, und angesichts der silbernen Stiefel und der purpurnen Kombination erkannte er den Toten als einen Polizisten. John kämpfte die in ihm hochsteigende Panik nieder, die ihn dazu veranlassen wollte, einfach wegzulaufen. Eine derartige Flucht hätte ihm überhaupt nichts ge- nützt. Der Droide an seinem Handgelenk übermittelte seinen Aufenthaltsort ständig an Op weiter. Von die- sem Augenblick an waren John und der Tote vor ihm im gleichgültigen RAM des Computers untrennbar mitein- ander verbunden. Das Herz pochte Cunningham bis zum Hals, während er vorsichtig über die Leiche hin- wegstieg und sie sich genauer ansah. Ja, er hatte es ein- deutig mit Mord zu tun. Deutlich konnte er den dünnen Draht sehen, der sich um den Hals des Polizisten wand und in kleinen Dübeln endete. Erdrosselt. John kniete sich kurz neben dem Toten nieder und war fasziniert von dem aufgequollen wirkenden und rötlichen Gesicht unter ihm. Er hatte noch nie zuvor einen Toten gese- hen. Dann jedoch kehrte die Furcht in ihn zurück. Wel- che Verhaltensweise wurde in einem solchen Fall von einem Unschuldigen erwartet? Er mußte sich mit Op in Verbindung setzen und Meldung machen. Dann würde man ihm vielleicht glauben, daß er nichts mit dem Mord zu tun hatte. Rasch griff John nach dem Droiden an sei- nem Handgelenk. »Op, ich habe die Leiche eines Polizisten gefunden. Der Mann wurde ermordet. Könntest du meinen Auf- enthaltsort bestimmen und jemandem Bescheid ge- ben?« Seine Stimme klang nervös und ein wenig schrill bei diesen Worten. Und dieser Umstand wurde ebenso registriert wie andere Abweichungen von seinem nor- malen Verhaltensmuster. Den zentralen Computer konnte man nicht täuschen. Aber vielleicht erwies sich das in dieser Hinsicht als ein Vorteil - wenn Op auf- grund des Tonfalls schloß, daß er die Wahrheit sagte., »John Cunningham«, erwiderte der Droide. »Mel- dung bestätigt, 1022-9-28-57. Es wurde bereits zuvor Be- richt erstattet. Die Polizei müßte innerhalb von dreißig Sekunden eintreffen. Bitte bleiben Sie dort, wo Sie sind!« Dann hatte er tatsächlich eine Chance, seine Un- schuld zu beweisen. Wenn der Tod des Beamten schon gemeldet worden war, während er sich noch nicht hier aufgehalten hatte ... Aber von wem war die Überwa- chung informiert worden? Op hatte erwähnt, die Polizei sei schon unterwegs. Also war es besser, so sagte sich John, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Tief durchatmen, versuchen, sich zu entspannen. Und höf- lich sein. Sich nicht kriecherisch verhalten, aber auch nicht zu herausfordernd. Wenn man jene Mistkerle reizte, konnte man im Nu ums Leben kommen. Kurz darauf hörte John das Geräusch sich nähernder Schritte. Zwei Beamte in purpurnen Uniformen kamen um die Ecke geeilt und verharrten, als sie ihn sahen. Der eine ließ sich auf die Knie sinken, und beide zielten mit ihren Blastern auf John. Cunningham starrte auf die Läufe der gefährlichen Waffen, rührte sich nicht von der Stelle und wagte es nicht einmal zu atmen. Zwei wei- tere Polizisten stürmten an ihm vorbei, sprangen über ihren toten Kollegen hinweg und liefen weiter durch den Korridor. Nach kurzer Zeit wimmelte es überall um John herum von Beamten. Irgend jemand nahm ein Ho- logramm auf, und die Leiche des Ermordeten wurde auf eine Bahre gelegt und fortgebracht. Ein Sergeant wandte sich an John. Hackman stand auf der Namens- plakette. Für einen Einsatzpolizisten sah er recht alt aus: An einigen Stellen wurde sein Haar bereits grau, und in dem breiten Gesicht zeigten sich viele Falten. Sergeant Hackman schien auf irgendeinen Punkt an der Wand hinter und über Johns Schulter zu starren. Ganz plötzlich holte er aus und versetzte Cunningham mit dem Handrücken einen Schlag mitten ins Gesicht., »Das war einer meiner Leute«, sagte der Polizist auf- gebracht und musterte John jetzt. »Der dritte in diesem Jahr.« Die Wucht des Schlages hatte Cunningham an die Wand taumeln lassen, und er widerstand der Versu- chung, sich übers Gesicht zu tasten. Seine Stimme klang erstaunlich ruhig, als er erwiderte: »Ich habe es nicht getan. Und ich erstattete Op sofort Meldung.« »Ich verstehe. Wie rührend: ein ehrlicher Bürger. Und bestimmt sind Sie infolge des Mordes vor Empörung ganz außer sich, wie?« Der Sergeant lachte humorlos. »Wenn es nach mir ginge, würde ich Leute wie Sie ein- fach an die Wand stellen und niederbrennen lassen.« »Allerdings wären Sie dann ebenfalls an ...« John un- terbrach sich, und sein Lächeln fror ein. Er empfand profundes Entsetzen, als er begriff, daß er gerade An- stalten gemacht hatte, sich selbst in einen finsteren Ab- grund zu stürzen. War er noch rechtzeitig genug wieder zu Verstand gekommen? Hackman wartete auf ihn und sah ihn aus funkelnden Augen an. »Ja?« John schüttelte nur den Kopf. Er rief sich selbst zur Ordnung und wartete. Wenn er Widerstand leistete, war er schon so gut wie tot. Doch die Sekunden verstri- chen, ohne daß etwas geschah. Der Sergeant wandte sich langsam zur Seite. Gerade in dem Augenblick, als Cunningham innerlich aufatmete, ruckte das eine Knie des Polizisten vor ihm in die Höhe und traf ihn zwi- schen die Beine. John sank stöhnend zu Boden und gab sich alle Mühe, sich nichts von seiner Erleichterung an- merken zu lassen. Es tat weh, aber nicht annähernd so sehr, wie sich der Sergeant vielleicht erhoffte. Ächzend krümmte sich John zusammen. Ein Stiefel schmetterte gegen seine Seite. Er wartete auf weitere Tritte, aber der Sergeant ließ von ihm ab. »Ich hoffe nur«, sagte er, »der Direktor nimmt ihn or- dentlich in die Mangel. Bringen Sie ihn weg!«, Man drehte John die Arme auf den Rücken und fes- selte ihm die Hände, dann wurde er in die Höhe gezerrt und fortgeführt. Die Polizisten verwendeten nicht den Pendler, sondern den Frachtaufzug, um auf das Dach des Wohnstocks zu gelangen, und dort stieß man Cun- ningham in einem Airwagen. Andere Beamte folgten ihm, nahmen in den Sitzen entlang der Wände Platz und benutzten ihn als Fußstütze. Während des fünfminütigen Fluges nach dem Infor- mationszentrum dachte John über das nach, was ihn nun erwarten mochte. Der Sergeant hatte von der Ab- sicht gesprochen, ihn einem Direktor vorzuführen, ei- nem der Neuen Menschen. Zwar wußte John, daß er in einem solchen Fall sicherer war als bei den Polizisten, aber dennoch regte sich dumpfe Furcht in ihm. Die Kat- zenaugen und der große Kopf- bei einem Erwachsenen führte das zu einem gräßlichen Erscheinungsbild. Aus welchem Grund wirkte menschliche Deformation nur so abstoßend und übelkeiterregend? Und warum er- wies er sich immer noch als so engstirnig, die Neuen Menschen als Deformationen zu betrachten? Er hatte gehofft, das Großziehen der Kinder würde ihm in dieser Hinsicht helfen. War es denn etwa mög- lich, daß man dem eigenen Fleisch und Blut nicht mit Liebe begegnete? Aber er hatte sich getäuscht. Zu viel war anders geworden. Er sah sich außerstande, für diese Augen Sympathie zu empfinden. Ihr Blick war nicht nur seltsam und irgendwie verkehrt, sondern auch unheilvoll. Er schauderte innerlich bei dem Ge- danken, seine kleine Tochter in die Arme zu schließen. Und mit seinem Sohn war es noch schlimmer. Er haßte ihn. Er haßte die Verachtung des Jungen. Er war jetzt vier Jahre alt und schon wesentlich intelligenter als John - und mit jedem Tag vergrößerte sich der intellektuelle Abstand zwischen ihnen. Wenn sich der Junge mit sei- ner jüngeren Schwester unterhielt, so sprach er in Basic und schloß John damit aus der Unterhaltung aus., John erinnerte sich an das alte schamvolle Unbeha- gen. Vor zwei Jahren hatte er versucht, Basic zu lernen. Und dieses Vorhaben war gänzlich unmöglich gewor- den, als sich sein Sohn dazu bereiterklärt hatte, ihm da- bei zu helfen. Die Ungeduld und das Erstaunen des Jungen angesichts der ganz offensichtlich viel be- schränkteren geistigen Fähigkeiten seines Vaters stell- ten die demütigendste Erfahrung dar, die John während seines ganzen Lebens gemacht hatte. Aber er durfte sich niemals anmerken lassen, was er von seinen Kindern hielt. Ein Wort von dem Jungen - und Fran und er wür- den sich am Rand wiederfinden. Erst vor kurzem war der Fall einer Mutter bekanntgeworden, die ihr eigenes Kind umgebracht hatte. John konnte sich vorstellen, was einen dazu treiben mochte. Nein, die Zeiten waren alles andere als gut. Eigentlich fiel es nicht in den Aufgabenbereich des Ad- ministrators, Verhöre selbst durchzuführen. Aber dieser besondere Administrator zeichnete sich durch einige spezielle Eigenheiten aus. Ihm kam es nicht auf die Höhe des Gehalts infolge seiner Stellung an, und er sah sich auch nicht in erster Linie als Vorgesetzter der Di- rektoren. Tatsächlich legte er vor allen Dingen Wert darauf, die Möglichkeit zu haben, sich mit den harten Realitäten seiner Abteilung auseinandersetzen zu können. Der Administrator hieß Jakoba. Ein Name, der Auf- schluß gab über seinen grundlegenden genetischen Code - wenn man in der Lage gewesen wäre, ihn zu entschlüsseln. Jakoba war ein einzigartiges Verständnis der Psychologie des Alten Volkes zu eigen. Dieser Um- stand und eine überlegene Intelligenz hatten ihn zum Regionalleiter des Sicherheitsbüros werden lassen. Da- mit nahm er nicht nur eine schwierige, sondern auch sehr verantwortungsvolle Position ein. Unglücklicher- weise gehörte es auch zu seinen Pflichten, die Polizei zu überwachen, und dadurch kam er immer wieder in, Kontakt mit den unseligeren Elementen der Alten Ras- se. Das schien Jakoba jedoch nichts auszumachen. Selbst auf die unangenehmsten Begegnungen reagierte er zumindest mit einer Art neugieriger Faszination. Die Gefangene vor ihm bestätigte dies von neuem: eine Schwangere, die in sich zusammengesunken zwi- schen zwei Polizisten saß. Sie hatte langes und verfilz- tes blondes Haar, und ihre Kleidung war schmutzig und an einigen Stellen zerrissen. Über ihrem linken Auge zeigte sich ein dunkler Striemen. Ein einfacher Fall, den Jakoba sofort hätte erledigen können. Andererseits je- doch war seine Neugier geweckt worden. Aus welchem Grund waren die Barbaren so blind gegenüber der Ge- rechtigkeit? Warum schienen sie nicht die geringsten Gewissensbisse zu haben? War es möglich, dieser Frau mit rationalen Argumenten klarzumachen, welche Schuld sie auf sich geladen hatte? Jakoba stand auf und trat um die Konsole herum auf die Schwangere zu. Er war sehr groß, und wie bei fast allen Neuen Menschen konnte man ihm das Geschlecht nicht ohne weiteres ansehen. Wenn sie Kleidung tru- gen, fiel es sehr schwer, Männer und Frauen des Neuen Volkes voneinander zu unterscheiden. Sie alle waren recht zierlich gebaut und hatten schmale Hüften. Wo- durch die übergroßen Köpfe noch absurder wirkten. Die Schwangere hatte den Blick zu Boden gerichtet. Vielleicht, dachte Jakoba, schämt sie sich. »Das, was Sie gemacht haben, war falsch«, wandte sich Jakoba auf englisch an sie. »Das wissen Sie doch, oder? Ich nehme an, Sie mögen uns nicht. Aber das ist keine Entschuldigung. Sie hatten kein Recht, Ihrem Kind sein volles genetisches Potential zu verweigern. Wäre es selbst dazu in der Lage gewesen, sich zu ent- scheiden: Welche Wahl hätte es wohl getroffen?« Jakoba wartete. Die Frau starrte weiter vor sich auf den Boden. »Ich habe Ihnen eine Frage gestellt. Antwor- ten Sie mir!«, »Sie sind ein Witz«, erwiderte die Frau mit leiser und erschöpft klingender Stimme. »Ist Ihnen das eigentlich klar? Wenn Sie lachen könnten, wüßten Sie, was für eine Witzfigur Sie abgeben.« »Das ist keine Antwort. Sie haben etwas Schreckli- ches getan und damit nicht nur das Schicksal Ihres Kin- des besiegelt, sondern auch Ihr eigenes. Aber Sie wollen nicht über die Konsequenzen nachdenken, oder? War- um? Warum haben Sie nicht die Genetiker aufgesucht?« Ganz langsam hob die Frau den Kopf, und ihr Gesicht verzerrte sich in einer letzten Aufwallung von Schmerz, Zorn und Haß. »Halten Sie endlich den Mund, ver- dammt noch mal! Seien Sie still! Ich brauche Ihnen ge- genüber keine Rechenschaft abzulegen. Kapiert, Kür- bisschädel?« Sie versuchte die beiden Polizisten zur Seite zu stoßen. »Ich halte Sie für häßlich. Ja, für häßlich und abscheulich. Und ich will kein Kind bekommen, das so aussieht wie Sie. Sie sind ein Ungeheuer. Verste- hen Sie? Ein ekelhaftes Monstrum!« Die Frau zog die Beine an und versuchte, nach Jakoba zu treten. Aber sie war zu stark gefesselt, und die Beamten hielten sie fest. Jakoba wich trotzdem zurück, verblüfft über die Wut der Schwangeren. Er wußte zwar eine ganze Menge über Alte Menschen wie die Schwangere, verstand sie aber noch immer nicht. Sie ließen sich völlig von ihren Gefühlen beherrschen. Es hatte keinen Sinn, das Ver- hör fortzusetzen. Fall erledigt - der nächste. Sie fürs Autodafe freizugeben war nicht die beste Lösung. Für die nächsten Abende standen dafür bereits genügend Personen zur Verfügung. Und außerdem gab es da eine Nachricht, die den Administrator am Vortag erreicht hatte. Jakoba trat an die Konsole und setzte sich mit Op in Verbindung. Kurz darauf leuchtete auf dem Schirm die entsprechende Mitteilung auf. Für ein Forschungspro- jekt brauchte einer der Genetiker Neugeborene oder Fe- ten im letzten Entwicklungsstadium. Auf diese Weise,, so dachte Jakoba, hatte die ganze unangenehme Sache wenigstens noch einen Sinn. Er betätigte die Instruktionstaste und formulierte seine Anweisung in Basic: »Op, informiere G-5 davon, daß ich ihm in bezug auf Anfrage GR5-178 ein For- schungsobjekt zukommen lasse. Es muß gewährleistet sein, daß die Spenderin VP-19 den Kaiserschnitt nicht überlebt.« Das Bestätigungssymbol leuchtete auf, und Jakoba setzte die Ordner mit seiner persönlichen Code- frequenz in Kraft. »Bringen Sie sie in die Zentrale, ins Zimmer D8146«, wandte er sich auf englisch an die Polizisten. Als die Uniformierten das Büro zusammen mit der Frau verließen, verflüchtigte sich die diffuse Unruhe in Jakoba. Er war stolz darauf, dazu in der Lage zu sein, Kontakte mit dem Alten Volk zu pflegen, aber manch- mal vergaß er, wie entnervend der Umgang mit den be- sonders dummen und uneinsichtigen Exemplaren sein konnte. Sein Unbehagen war dabei sowohl eine Reak- tion auf die wortkarge Sturheit der Polizisten als auch die vulgäre Verhaltensweise der Gefangenen. Als Ad- ministrator hatte Jakoba in erster Linie mit dem Polizei- chef Washington zu tun, einem erstaunlich intelligenten und gebildeten Mann. Der typische Homo sapiens hin- gegen zeichnete sich durch andere Wesensmerkmale aus. Wenn er sich vorstellte, daß sich seine Direktoren tagtäglich mit solchen Idioten abgeben mußten .Es war eine ebenso anstrengende wie undankbare Arbeit. Jakoba löschte die Schirmdarstellung. Beim nächsten Fall ging es um die Ermordung eines Einsatzpolizisten. Sowohl der Blaster als auch der Akti- vierungsring fehlten. Nach den Koordinaten lag der Tatort in der sicheren Zone, in einem der Wohnstöcke. Aber vielleicht existierte so etwas wie Sicherheit über- haupt nicht mehr. »Op, zeig mir die Projektion!« Auf dem Schirm bil- dete sich eine Darstellung der betreffenden Wohnstock-, ebene. »Das Verbrechen geschah im Korridor eines Wohnstocks?« »Ja.« Im Verlaufe der letzten sechs Monate war so etwas fast schon alltäglich geworden. Eine Direktorin, die im Schlaf umgebracht wurde. Einsatzpolizisten, die in den sicheren Regionen ums Leben kamen. Eine auf dem Universitätsgelände explodierende Bombe. Eltern, die sich gegen ihre Kinder wandten. Die allgemeine Sicher- heit schien nurmehr eine Farce zu sein. Und diese Lage fiel in Jakobas Verantwortungsbereich. Das Problem wurde mit jedem Tag drängender und verlangte nach einer Lösung. Gerade an diesem Morgen war die Order erteilt worden, alle neugenetischen Kinder, die das Mindestalter von zwei Jahren erreicht hatten, in den Sperrgebieten unterzubringen. Die Gefahr eines jähen Todes war zu groß. Irgend etwas mußte unternommen werden. »Op, was ist in Hinsicht auf den Blaster geschehen?« »Sieben Sekunden nach dem Tod des Polizisten stellte der Blasterdroide seine Funktion ein. Offenbar hatte der Mörder irgendeine Möglichkeit, den Droiden zu eliminieren. Die Polizei durchsucht den Wohnstock. Bisher liegen noch keine Ergebnisse vor.« »Du berichtest von zwei Verdächtigen. Nenn mir Ein- zelheiten!« Die Buchstaben- und Zahlenkombinationen auf dem Schirm informierten Jakoba über die beiden betreffen- den Personen. »Das erste Subjekt wurde am Tatort an- getroffen und hat noch vor der Ankunft der Beamten Meldung gemacht. Die von seinem Droiden aufge- zeichneten Bewegungen bieten keinen Anhaltspunkt: Zum Zeitpunkt des Todes des Polizisten hielt es sich nicht am Tatort auf. Die Zeitdifferenz zwischen dem Augenblick der Ermordung und des vom Droiden be- stätigten Eintreffens des fraglichen Subjekts beträgt zwei Minuten und zwölf Sekunden.«, »Op«, warf Jakoba ein, »nenn mir die Signal-Koordi- naten des Droiden zum Zeitpunkt des Verbrechens.« Der dargestellte Ort war zwei Kilometer vom Wohn- stock 79 entfernt und mit einem Segment des Metro- tunnels identisch. »Das Subjekt scheint unschuldig zu sein«, sagte Jako- ba. »Positiv.« »Das zweite Subjekt.« »Das zweite Subjekt wurde im Tunnel festgenom- men. Die Droidenregistratur scheint normal zu sein, und das aufgezeichnete Bewegungsmoment trifft nicht auf das des toten Polizisten. Als jedoch der Droide vom Handgelenk der betreffenden Person entfernt wurde, sandte er weiterhin das Bestätigungssignal aus. Bei der Untersuchung der Schaltkreise wurde ein fremder Chip gefunden, der das Bestätigungssignal auch dann sen- det, wenn der Droide keinen Körperkontakt mehr mit dem Subjekt hat.« Jakobas Pulsschlag beschleunigte sich. Dieser Nach- richt kam eine ganz besondere Bedeutung zu. Ganz of- fensichtlich handelte es sich bei der zweiten Person um einen Renegaten. Aber wie war es ihnen gelungen, ei- nen Droiden zu manipulieren ...? »Op, aus welchem Grund wurde der Droide vom Handgelenk des zweiten Subjektes entfernt?« »Durch Zufall. Bei der Verhaftung wurde dem zwei- ten Subjekt das Handgelenk gebrochen. Die Polizisten entfernten den Droiden und erstatteten auch einen ent- sprechenden Bericht. Dieser Bericht stand im Gegensatz zu der Tatsache, daß nach wie vor das Bestätigungssi- gnal empfangen wurde. Daraufhin traf ich aus Eigenin- itiative eine Entscheidung und ordnete die Untersu- chung des Droiden an.« Ein weiteres Beispiel für übertriebene Gewaltanwen- dung von Seiten der Polizei, dachte Jakoba. Was sich diesmal allerdings als vorteilhaft herausgestellt hatte., Vielleicht bahnte sich damit der Durchbruch an, den sie alle brauchten. Vielleicht waren sie dadurch in der Lage, die Renegatengewalt ein für allemal zu beenden. Inner- halb weniger Sekunden erwog Jakoba die verschieden- sten Möglichkeiten. Wenn sich der Träger des Droiden zum Zeitpunkt des Mordes und kurz danach bewegt hatte, mochte es ihnen gelingen, Komplizen des Verbre- chens zu identifizieren. »Op, zeigt die manipulierte Droidenregistratur Bewe- gungen innerhalb eines Zeitraums von zwanzig Sekun- den vor und nach dem Tode des Einsatzpolizisten?« »Nein.« Diese Antwort enttäuschte den Administrator. »Op, erstens: Die Polizisten sollen die Position des Droiden zum Zeitpunkt des Verbrechens feststellen. Zweitens: Verfolge den aufgezeichneten Bewegungsablauf des manipulierten Droiden zurück und stell fest, ob es zu Übereinstimmungen mit denen anderer Registrations- einheiten kommt. Drittens: Ordne die Durchsuchung aller Apartments von Wohnstock 79 an. Aufgabe der Polizei ist es, den verschwundenen Blaster zu finden und festzustellen, ob die Droiden der jeweiligen Be- wohner einwandfrei funktionieren. All diejenigen, die auf Ebene 10 leben, sollen befragt werden, ob sie irgend etwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört haben. Viertens: Benachrichtige alle Direktoren der Sicher- heitsabteilung von den Ergebnissen der Untersuchung des manipulierten Droiden. Fünftens: Weise die Polizi- sten an, das zweite Subjekt zu mir zu bringen, und zeig mir seine Personendaten.« Voller Unbehagen beschäftigte sich Jakoba kurz dar- auf mit den Angaben. Das zweite Subjekt war ein Be- wohner der sicheren Region und Vater eines Neuen Kindes. Das Verhaltensmuster wies keine besonderen Aspekte auf: nonaggressiv. Nirgends ließ sich ein An- haltspunkt finden, der den Administrator hätte vermu- ten lassen, daß die betreffende Person eine aktive Rolle, in Zusammenhang mit der Ermordung des Beamten ge- spielt hatte. Ein Elektronik-Ingenieur, stellte Jakoba fest, und sein zuvor empfundener Enthusiasmus verflüch- tigte sich rasch wieder. Jetzt erschien es ihm plötzlich als viel wahrscheinlicher, daß es sich bei der Ermordung des Einsatzpolizisten um eine Einzelaktion handelte. Der Mann, der wenig später in Jakobas Büro geführt wurde, war recht klein und dunkelhäutig und hatte lok- kiges Haar. Er lächelte und wirkte selbstbewußt. Sein linkes Handgelenk war stark angeschwollen, und aus diesem Grund hatte man ihm die Arme nicht auf dem Rücken zusammengebunden, sondern an der Seite ge- fesselt. »Wir haben Ihren Droiden untersucht und den Chip gefunden«, sagte Jakoba. »Derzeit sind wir gerade da- bei, Ihre Freunde ausfindig zu machen und zu verhaf- ten.« Der Gesichtsausdruck des Renegaten veränderte sich nicht, und er lächelte weiterhin. »Sie sind verheiratet. Man wird Ihre Frau ebenfalls hierher bringen.« Keine Reaktion. »Vielleicht sollten wir einfach alle eliminieren ...« Ja- koba unterbrach sich. Dieser Bluff war zu plump. »Sie mögen durchaus den Entschluß gefaßt haben, kein Wort zu sagen«, fuhr der Administrator fort. »Aber Sie werden reden. Und es wäre besser für Sie, wenn Sie gerade mir gegenüber keinen unnötigen Widerstand leisten würden. Ich kann Sie jederzeit nach unten ins Verhörzentrum schaffen lassen. Und ich versichere Ih- nen, daß es Ihnen dort nicht gelingen wird, irgendein Geheimnis für sich zu behalten. Wenn Sie mir alles sa- gen, ersparen Sie sich eine ganze Menge.« Der Mann lächelte nur und gab keinen Ton von sich. »Bestimmt ahnen Sie nicht, was es bedeutet. Ich könnte es Ihnen nicht einmal angemessen beschreiben. Früher oder später gibt jeder alles preis. Sind Sie ganz, sicher, daß Sie nicht lieber mit mir ...« Der Gefangene hörte ihm nicht einmal zu. Es war sinnlos, sich auf diese Weise an ihn zu wenden. »Wie Sie meinen.« Jakoba sah die Polizisten an. »Bringen Sie ihn ins Verhörzimmer 3! Und geben Sie dem stellvertretenden Polizeichef Fiske Bescheid! Er soll sich um diesen Mann kümmern. Das ist alles.« Als sich die Beamten in Bewegung setzten, sagte der Gefangene leise: »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern noch über Ihren Vorschlag nachden- ken.« Er senkte den Kopf und blickte zu Boden. »Selbstverständlich.« Jakoba lehnte sich zurück und wartete. Dreißig Sekunden verstrichen. Und plötzlich gab das Computerterminal Alarm. Ein fast schrilles und recht lautes Summen ertönte. Jakoba richtete den Blick rasch auf den Schirm und betätigte sofort die Ordertaste. Die Sensoreinheit des Gefangenen übermittelte Werte außerhalb der Toleranz- grenze. »Op, schick einen Arzt hierher!« »Ich habe bereits einem Bescheid gegeben«, erwiderte das Terminal. Der Gefangene sah überrascht auf. »Oh, das kleine Gerät, das Sie mir auf die Haut klebten.« Er schien Mühe bei der Formulierung dieser Worte zu haben. »Es tut mir leid, Sie auf diese Weise hintergangen zu haben. Ich wollte nur ..« - Schweißtropfen glänzten auf der Stirn des Mannes, und er atmete schwer und rasselnd - »... wollte nur ...« Jakoba musterte den Gefangenen leidenschaftslos. Vielleicht war es schon zu spät. Wenigstens lächelte der arrogante Narr nun nicht mehr. Kurz darauf traf der Arzt ein, und Jakoba "deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Gefangenen. »Ich glaube, er hat sich selbst vergiftet. Versuchen Sie bitte, sein Leben zu retten.« Der Arzt öffnete seine Tasche und holte eine lange, und dünne Nadel hervor. Er stieß sie dem Mann in die Brust und verabreichte ihm einige Injektionen. An- schließend schob er dem Gefangenen einen Schlauch in den Hals, um ihn künstlich zu beatmen. »Ein Schnitt in die Halsschlagader!« befahl Jakoba von seinem Platz aus. »Versorgung des Hirns mit künstlichem Blut!« Der Arzt hob erstaunt den Kopf. »Führen Sie meine Anweisung aus!« sagte der Admi- nistrator. »Sonst gehen uns möglicherweise die im Ge- hirn des Gefangenen gespeicherten Informationen ver- loren.« »Aber ich habe hier nicht die dafür notwendige Aus- rüstung.« »Dann lasse ich sie Ihnen hierher bringen. Machen Sie inzwischen ein EEG!« Jakoba wies Op an, so rasch wie möglich die für den Karotiseingriff erforderlichen Gerätschaften zur Verfügung zu stellen. Als er sich wieder umdrehte, konnte er auf dem kleinen EEG-Mo- nitor nur eine dünne grüne Linie sehen, die keine Zak- ken mehr aufwies. Der Arzt holte zwei Elektroden her- vor. »Kein Puls?« fragte Jakoba. »Nein.« »Und auch keine EEG-Anzeige?« Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein.« Er drückte die beiden Elektroden auf den Brustkorb des Gefangenen, und der Mann bäumte sich jäh auf. »Bringen Sie ihn hier raus!« sagte Jakoba. »Von mir aus können Sie draußen mit den Wiederbelebungsver- suchen fortfahren, wenn Sie glauben, das hätte noch ei- nen Sinn - aber nicht hier bei mir.« Die Polizisten halfen dem Arzt, den Gefangenen auf den Korridor zu tragen. Jakoba ließ sich in seinem Ses- sel zurücksinken und fühlte sich um einen möglichen Erfolg betrogen. Er fragte bei Op nach. Nichts. Die Po- lizeigruppen, die nun die Apartments des Wohnstocks, 79 durchsuchten, hatten dabei noch keine außerge- wöhnlichen Entdeckungen gemacht. Es blieb dem Ad- ministrator also nichts weiter übrig, als zu versuchen, die losen Enden zusammenzuknüpfen und zu hoffen. »Op«, wandte er sich ein weiteres Mal an den Compu- ter. »Erstens: Stell fest, auf welche Weise der Gefangene Selbstmord beging und setz mich anschließend in Kenntnis! Zweitens: Schick mir das erste Subjekt und blende mir seine persönlichen Daten auf den Schirm.« Die Bildfläche des Monitors erhellte sich. JOHN CUNNINGHAM, H.S. 151-38-5890. MÄNNLICH. ALTER: 25 NEU CHICAGO WOHNSTOCK 79, 10-P VERHEIRATET (FRAN C.) 2 KINDER: (1) GENETISCH, GADOKA 5MSA2, ALTER: 4 (2) GENETISCH, RUBOLA 2WSA1, ALTER: 2 ELTERN- KLASSIFIKATION A(C) ARCHIVAR, ABSCHLUSSBERICHT HOMO SAPIENS, PROJEKT A1149, ENZYKLOPÄDIEKUBUS SBR-TBD PSYCHOPROFIL: VERHALTENSMUSTER NORMAL.

NONAGGRESSIV

Als das Subjekt ins Büro Jakobas gebracht wurde, starrte es aus weit aufgerissenen Augen auf den Toten, den die Polizisten gerade forttrugen. Als die Männer mit der Leiche hinter einer Gangbiegung verschwan- den, drehte sich John Cunningham um und blickte Ja- koba groß an. Cunningham war zwar größer als die meisten ande- ren Menschen, wirkte ansonsten aber eher unscheinbar. Er hatte ein schmales Kinn und hellbraunes Haar. Als der Administrator ihn musterte, entspannte sich der Mann langsam, und ruhig erwiderte er seinen Blick. »Nennen Sie Namen und Beruf.« Jakoba betätigte die Kontroll- und Analysetaste des Terminals. »John Cunningham, Archivar.«, Auf der Konsole leuchtete ein grünes Licht: Der Ge- fangene sagte die Wahrheit. »Nehmen Sie ihm den Droiden ab!« befahl Jakoba ei- nem der anwesenden Polizisten. Und als der die An- weisung ausgeführt hatte: »Op, gibt das Bestätigungssi- gnal Cunninghams Alarm?« »Ja.« »Gut.« An die Adresse der Beamten gerichtet fügte er hinzu: »Nehmen Sie ihm die Fesseln ab und geben Sie ihm den Droiden zurück. John, nehmen Sie Platz, wenn Sie möchten.« Einer der Polizisten schob ihm einen Sessel zu. »Würden Sie jetzt bitte Ihre Aussage machen?« for- derte ihn Jakoba auf. »Nun, ich ging durch den Korridor .« »Aus welchem Grund hielten Sie sich dort auf?« »Mein Apartment befindet sich am Ende des betref- fenden Gangs. Ich nahm an einem Abbruchunterneh- men teil und war auf dem Heimweg.« »Welche Aufgabe kam Ihnen bei dem Abbruchunter- nehmen zu?« »Nun, manchmal wird ein Archivar gebeten, sich vorher das entsprechende Gelände anzusehen und festzustellen, ob es dort etwas gibt, was es zu erhalten lohnt. Das ist alles.« Der Computer analysierte weiterhin das verbale Aus- drucksmuster des Befragten und bestätigte nach wie vor mit einer grünen Anzeige, daß Cunningham die Wahr- heit sagte. »Sie gingen also durch den Korridor ...« »Und als ich um die Ecke kam, sah ich den toten Poli- zisten direkt vor mir liegen. Ich habe ihn nicht umge- bracht. Ich fand nur die Leiche. Ich setzte mich sofort mit Op in Verbindung und machte Meldung.« »Haben Sie irgend jemanden gesehen?« »Nein, niemanden.« »Haben Sie etwas an sich genommen oder berührt?« »Nein.«, Die Anzeige war noch immer grün. »Ist Ihnen irgend etwas aufgefallen, was Ihnen seltsam erschien?« »Nun, bis auf den Toten eigentlich nichts, nein.« »In Ordnung. Sie können gehen.« »Bitte?« Cunningham sah den Administrator verwirrt an. »Sie sind kein Renegat. Sie haben den Polizisten nicht umgebracht. Sie können jetzt nach Hause zurückkeh- ren.« »Oh, vielen Dank.« Cunningham stand auf und warf den beiden anwesenden Beamten einen unsicheren Blick zu. »Äh, Direktor, Sir, einige Leute waren beim Anblick der Leiche ziemlich aufgebracht, und der Un- mut richtete sich in erster Linie gegen mich. Gibt es viel- leicht einen Hinterausgang, durch den ich das Gebäude verlassen könnte?« »Nein. Und ich bin kein Direktor, sondern Admini- strator Jakoba.« Er sah die Polizisten an. »Ich befehle Ihnen hiermit, die Sicherheit dieses Mannes zu gewähr- leisten.« Jakoba betätigte eine Taste der Konsole. »Op, bestätige mir anschließend, daß John Cunningham un- beschadet nach Hause zurückgekehrt ist. Melde mir alle Verzögerungen.« Er hob den Kopf. »Das wär's.« Ein schlanker und recht großer vierjähriger Junge war- tete an der hohen Pforte des Wohnstocks. Aus seinen Katzenaugen beobachtete er den Horizont und hielt nach dem Airwagen Ausschau, der ihn, seine Schwester und ihre Habe nach der Universität bringen würde. Ei- gentlich hätte das Fahrzeug schon längst eintreffen müssen, und die Verspätung war ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit der Verwaltung. Die Knappheit an Airwagen war unentschuldbar. Kurz darauf hörte der Knabe das unsynchronisierte Zischen der Liftdüsen, aus denen nicht fokussierte Strahlung entwich. Derartig de- fektanfällige Konstruktionen erstaunten ihn immer wieder., Der Junge trat an das Geländer heran und blickte an der sich in die Tiefe neigenden Flanke des Wohnstocks entlang auf die weiter unten gelegene Grasfläche. In dem weiten Grün zeigten sich da und dort die noch et- was dunkleren Flecken von Waldgebieten, und die an- deren Wohnstöcke Neu Chicagos bildeten dunkle Kon- turen vor dem Horizont. Rechts von ihm und in einer Entfernung von etwa einem Kilometer erhob sich die Barriere, die die sichere Region vom Rand trennte. Sie- ben Kilometer im Osten glaubte der Knabe das Blau des Sees zu erkennen. Die Stadt stellte die bestgeschützte Enklave des neuen Volkes dar, einen dreißig Kilometer langen Schutzbereich am Lake Michigan - ein Gebiet, das nach den Unruhen des Jahres 2029 eingeebnet und anschließend neu angelegt worden war. Und doch han- delte es sich bei der Sicherheit der Enklave nur um eine Illusion. Gerade am vergangenen Morgen war nur drei- ßig Meter von der Tür des Apartments entfernt ein Poli- zist ermordet worden. Und nun wimmelte es im Wohn- stock unter dem Jungen nur so von Beamten, die nach dem verschwundenen Blaster suchten. Der Knabe drehte sich kurz um und musterte den ne- ben dem Pendellift stehenden Polizisten, der sie schüt- zen sollte. Der Befehl war am Morgen erteilt worden: Kein Kind durfte sein Apartment ohne entsprechende Eskorte verlassen. Darüber hinaus mußten alle Neue Menschen, die mindestens zwei Jahre alt waren, bis zum Ende der Woche ins Sperrgebiet transferiert wer- den. Das bedeutete, daß sowohl der Junge selbst als auch seine jüngere Schwester keine Mündel der Cun- ninghams mehr waren. Jetzt konnten sie endlich zu- sammen mit den anderen ihrer Art in der Universität le- ben. Der Knabe spürte den Hauch einer leichten und ihm sehr willkommenen Brise. Er strich sich mit den Hän- den über den kahlen Schädel und hob die Arme, so daß der Wind die überraschende Feuchtigkeit der Achseln, verdunsten lassen konnte. Die Temperatur an diesem Tag mußte mindestens siebenundzwanzig Grad Celsius betragen. Sehr ungewöhnlich für den Herbst. Und der Junge fragte sich verwundert, warum man auf den Lan- deplattformen keine Klimaanlagen installiert hatte. Er beobachtete seine Schwester, die auf einem der Koffer neben dem Frachtlift hockte. Er war erleichtert, daß sie nun endlich aufbrachen. Op hatte immer wieder betont, wie wichtig es war, Erfahrungen im Umgang mit Angehörigen des Alten Volkes zu sammeln. Aber nach Meinung des Knaben handelte es sich dabei um sehr langweilige und ermüdende Lektionen. Er drehte sich wieder um und hielt erneut nach dem Airwagen Aus- schau. Eigentlich war seine Universitäts-Immatrikula- tion erst für den kommenden Februar vorgesehen ge- wesen. Bis dahin hätten noch fünf Monate verstreichen müssen - eine Zeitspanne, die ihm wie eine Ewigkeit er- schien. Jetzt aber war er wie durch ein Wunder prak- tisch schon auf dem Weg. Seine zweijährige Schwester teilte seine Freude darüber nicht. Sie vertrat nach wie vor die Ansicht, ihre Eltern seien ausgesprochen inter- essant und spaßig. Aber vermutlich war der bevorste- hende Transfer auch für sie am besten. Es mochte sich für die eigene charakterliche Entwicklung als ein Vorteil erweisen, direkten Kontakt mit dem Alten Volk zu ha- ben, doch manchmal konnte sich das als recht gefährlich herausstellen. Seine Schwester kam zu ihm und blieb neben ihm stehen. »Gadoka«, sagte sie leise auf Basic, »meinst du nicht, wir sollten eine Nachricht für Vater hinterlassen?« »Ich habe John nichts mehr zu sagen. Was möchtest du ihm denn gern mitteilen?« Das kleine Mädchen antwortete auf englisch: »Er würde sich bestimmt sehr freuen, wenn wir ihm sagen, daß wir ihm sehr dankbar für alles sind, was er für uns getan hat. Teil ihm mit, du hast ihn sehr lieb.« »Das ist doch lächerlich.«, »Warum denn? Alte Menschen haben einen starken Hang zu Sentimentalität.« »Du hast zu viele ihrer Romane gelesen. Gib dich nur nicht dem falschen Glauben hin, du würdest sie verste- hen.« »Du bist vermutlich dazu in der Lage, nicht wahr?« Der Junge blickte in die Ferne. »Es gibt in diesem Zu- sammenhang nichts, was man verstehen müßte.« »Ich meine, wir sollten eine Nachricht hinterlassen«, erwiderte das Mädchen mit beharrlicher Geduld. Mit ausdruckslosem Gesicht wandte sich der Junge um und trat an die Kommunikationskonsole heran. Seine Schwester folgte ihm. Er fragte Op nach dem Airwagen und gab dann eine kurze Mitteilung in Eng- lisch ein. Als er fertig war, schob sich das kleine Mäd- chen in den Erfassungsbereich der Kamera und fügte hinzu: »Hallo, Pappi. Vielen Dank, daß du dich um mich gekümmert hast. Ich hab dich lieb. Leb wohl.« Der Junge beendete die Aufzeichnung und sorgte da- für, daß die Nachricht ins Arbeitszimmer seines Vaters übermittelt wurde. »Deine Bemerkungen waren ange- messen primitiv«, sagte er auf Basic zu seiner Schwe- ster. »Ja, zweckdienlich trivial.« »Ich frage mich, ob man in diesem Sinne überhaupt von irgendeiner Art von Zweckdienlichkeit sprechen kann. Aber vermutlich ist ein derartiges Verhalten in deinem Alter noch normal. Später wird es nur mehr zu einer Erinnerung.« »Sollten wir nicht auch eine Botschaft für Mutter hin- terlassen?« fragte das kleine Mädchen. »Du hast dich doch bereits von ihr verabschiedet.« »Aber du weißt, daß sie vollkommen betrunken war. Sie hat bestimmt nicht verstanden, was ich ihr sagte.« »In diesem Fall hatten wir Glück. Es dürfte einen Mo- nat dauern, bis ihr auffällt, daß wir gar nicht mehr da sind.«, »Du übertreibst.« Der Junge seufzte. »Zugegeben.« Er drehte sich um, und über das Dach des Wohnstocks hinweg sah er in Richtung des Polizisten, der sie schützen sollte. »Gut dressierte Affen«, murmelte er auf englisch. Er erin- nerte sich an den vergeblichen Versuch seines Vaters, Basic zu lernen. Wie konnte man von jemandem Logik erwarten, der nur in Englisch denken konnte? Die uner- freuliche Wahrheit war: Die Intelligenz seines Vaters ging nicht weit über die des gut dressierten Affen in Uniform hinaus. Der Knabe spürte, wie die letzten Ver- bindungsstränge zwischen ihm und seinen Eltern - zwischen ihm und dem Alten Volk - rissen. Die er- wachsenen Neuen Menschen hatten recht: Es waren Barbaren und Primitivlinge. Und er freute sich, sie nun verlassen zu können. Die bisher im Umgang mit ihnen gesammelten Erfahrungen reichten ihm für ein ganzes Leben. Kurz darauf landete der Airwagen, und der Polizist verlud die Habe der beiden Kinder. Das kleine Mädchen sah ihren Bruder an und meinte: »In Zukunft werden wir uns nicht oft sehen.« Der Junge nickte. Dann stiegen sie in den Wagen und flogen fort. Fran schwebte in einem Kokon der Orientierungslosig- keit und lag nackt und lang ausgestreckt auf dem wei- chen und pelzartigen Boden des Projektionszimmers. Sie versuchte sich zu erinnern. Ihre kleine Tochter war hereingekommen und hatte ihr etwas gesagt. Und hin- ter ihr hatte ein Polizist im Korridor gewartet und sie mit offensichtlicher Lüsternheit angestarrt. Nun, sollten ihm ruhig die Augen aus dem Kopf fallen. Solange ihre Kinder anwesend waren, konnte er sich nicht an ihr vergreifen. Aber mit welchen Worten hatte sich das kleine Mädchen an sie gewandt? Ihre Kleine. Kleine Mädchen hatten für gewöhnlich Zöpfe und liebten ihre, Mütter. Warum war in Hinsicht auf ihre Tochter alles so verdreht? Hatte sie gesagt, sie ginge fort? Ja, irgendwohin. Ihre kleine und kahlköpfige Tochter machte sich auf eine Reise. Sie hätten sie bestimmt mit Haar ausstatten kön- nen. Ja, ganz gewiß. Sie gaben sich nur einfach alle Mühe, möglichst häßlich zu sein. Den Neuen Menschen gefiel ein abstoßendes Äußeres. Wohin wollte das Mäd- chen gehen? Irgendwohin. Aber warum war das so wichtig? Fran verspürte einen tiefen Kummer. Vielleicht würde ihr ein kräftiger Schluck jetzt guttun. Doch sie wußte gar nicht mehr, wieviel sie bereits getrunken hat- te. Sie erinnerte sich nur an ihre Absicht, an diesem Tag etwas kürzerzutreten. Eine Zeitlang beobachtete sie das Paar auf dem Schirm und rejustierte die Frequenzen der Haube. Es dauerte nicht lange, bis ihr Leib vor Ekstase zitterte. Nach einer Weile schaltete sie die Haube erschöpft ab und blieb auf die Seite gerollt liegen. Plötzlich quollen ihr Tränen aus den Augen, und es schien keine Mög- lichkeit zu geben, diesem Fließen ein Ende zu machen. Bald jedoch mußten ihre Freunde eintreffen. Ja, sehr bald. Und sie wollte es vermeiden, bei ihrer Ankunft zu weinen. Mit ungelenken Bewegungen stand sie auf und suchte das Badezimmer auf, um sich zu waschen. John Cunningham saß allein in einem Metrowagen und befand sich auf dem Rückweg vom IZ. Der Untergrund- zug sauste mit einem verhaltenen Zischen durch die Röhrensysteme, und die Armlehne aus Kunststoff vi- brierte unter Johns Fingern. Er dachte an den Administrator Jakoba. Bisher hatte er noch nie etwas mit der Aristokratie zu tun gehabt, und bei der für den nächsten Tag angesetzten Stabsbe- sprechung konnte er die Kollegen mit einem Bericht von, dieser Begegnung überraschen. Der Administrator war sehr höflich gewesen. Und was konnte man sich sehnli- cher wünschen, als fair behandelt zu werden? Es gab tatsächlich so etwas wie Gerechtigkeit. Beim eigentli- chen Problem handelte es sich nicht um die Neuen Menschen, sondern eher die Angehörigen des Alten Volkes, um Leute wie die verdammten Polizisten, die die Gewalt initiierten. Der Zug wurde langsamer. Wohnstock 79. John stieg aus. Zum erstenmal erlebte er nun, daß die Stocksicher- heit mit zwei Beamten besetzt war. Nur Bewohnern war der Zugang erlaubt, und man wies alle entsprechenden Personen darauf hin, daß sie ihre Apartments erst dann wieder verlassen durften, wenn die Suchaktion abge- schlossen war, was in etwa drei Stunden der Fall sein mochte. John wollte so schnell wie möglich zurück, und deshalb nahm er den Pendler. Auf jeder Plattform, die er passierte, hielten Polizisten Wache, ebenso in allen Korridoren des Wohnstocks. Cunningham seufzte er- leichtert, als sich die Tür seines Apartments hinter ihm schloß. Fran trat in die Tür des Projektionszimmers, und sie trug nichts weiter als ihre Haube. Wenn sie sich in der Wohnung aufhielt, war sie praktisch immer nackt. »Hallo, John.« Fran war gut zwanzig Jahre alt, aber ihr Körper wirkte älter, sah an den unmöglichsten Stellen schlaff und flek- kig aus. Sie hatte sich das Haar grün gefärbt und mit Phosphoreszenzstaub besprüht. Bei solchen Gelegen- heiten, ohne passendes Make-up, wirkte ihre Haut da- durch bleich und geradezu wächsern. Ihre Augen wa- ren gerötet, und dunkle Ringe zeigten sich darunter. »Du siehst schrecklich aus«, sagte John. »Vielen Dank: Solche Komplimente heben meine Stimmung enorm.« »Ich wollte damit nur sagen: Ich habe den Eindruck, du hast geweint.«, Fran lehnte sich an den Türpfosten und schloß kurz die Augen. »Was hast du denn?« fragte John. »Du würdest es nicht verstehen. Einige Freunde woll- ten vorbeikommen, aber die Polizisten haben ihnen be- fohlen, in ihren Wohnungen zu bleiben.« »Das tut mir leid.« John trat an ihr vorbei in die Kü- che. »Oh, natürlich.« Fran folgte ihm schwankend. Sie schnupperte. »Du riechst nicht gerade so, als kämst du aus einer Parfümerie.« »Ich hätte nicht gedacht, daß du das bemerkst.« Er holte die Thermoskanne und füllte sich eine Tasse mit Koffein. »Ich habe einen ziemlich anstrengenden Mor- gen hinter mir.« Fran nahm auf einem Küchenstuhl Platz. »Schenkst du mir etwas von dem Aufmunterer ein?« John lehnte sich an den Tresen und blickte in seine Tasse. »Meinst du nicht, du hättest für heute schon ge- nug getrunken?« »Verdammt.« Fran kniff die Augen zusammen. »Warum mußt du nur ein solcher Mistkerl sein?« Sie stand auf und bediente sich selbst. Anschließlich ließ sie sich wieder auf den Stuhl sinken und zog die Beine an. Sie starrte auf ihre Knie, als sie hinzufügte: »Ich nehme an, du willst nicht zusammen mit uns ein wenig Spaß haben.« »Nein, danke.« »Manchmal frage ich mich, was du in deinem kleinen Zimmer so treibst. Wichst du dir einen ab oder hältst du dich nur einfach für etwas Besseres?« John wandte den Blick von ihr ab. »Du bist betrun- ken.« »Tja, und das erklärt alles. Ich bin betrunken, und du bist nüchtern. Punktum. Weißt du, ein wenig Freund- lichkeit - ist das denn zuviel verlangt? Ein bißchen Taktgefühl. Es würde dich nicht umbringen, meinen, Freunden dann und wann Gesellschaft zu leisten. Viel- leicht gefällt es dir sogar. Früher gefiel es dir, Spaß zu haben. Was haben wir manchmal gebumst! Himmel, ich weiß wirklich nicht, was mit dir los ist.« Sie sahen sich an und musterten sich gegenseitig. »Vielleicht halte ich nicht viel von deinen Freunden.« John senkte den Kopf und nippte am Koffein. »Was ist mit meinen Freunden denn nicht in Ord- nung? Ich habe wenigstens welche. Und du? Nieman- den. Du ziehst dich wie ein Eremit in dein Zimmer zu- rück. Aber es geht dir ja auch gar nicht um meine Freunde, sondern um mich. Schon seit Monaten haben wir nicht mehr miteinander geschlafen. Irgend etwas stimmt nicht mit dir. Du bist krank, John. Du brauchst Hilfe, und doch weist du alle zurück, die sich um dich kümmern wollen.« »Muß das sein?« fragte John. »Ich halte mich zurück. Warum machst du es nicht ebenso?« »Was meinst du damit?« »Du gehst immer gleich zum Angriff über, bist immer offensiv und attackierst mich. Ich setze dir nicht so zu.« »Verdammter Lügner - du machst es die ganze Zeit über. Schon auf die Art und Weise, wie du mich an- siehst.« »Nun, es ist nicht ganz so einfach, dich anzusehen. Vielleicht solltest du es selbst einmal ausprobieren. Vor mir sehe ich nur eine übersentimentale und hypersensi- ble Frau, die sich Tag für Tag den Verstand aus dem Kopf säuft und mit der elenden Haube auf dem Kopf im Projektionszimmer liegt.« »Was, zum Teufel, sollte ich denn deiner Meinung nach tun?« erwiderte Fran heftig und wischte sich un- beholfen die Tränen aus den Augen. »Ich meine, was bleibt mir denn für eine andere Wahl? Ich habe keine Arbeit. Du hast wenigstens diesen blödsinnigen Job. Und deshalb kannst du dir nicht vorstellen, was es be-, deutet, Tag für Tag mit der Langeweile fertigwerden zu müssen.« »Nun, du könntest dich um die Kinder kümmern.« »Ich sollte mich um die ... Was ist das denn für ein Quatsch? Sie wollen nicht, daß ich mich um sie kümme- re, und das weißt du ganz genau. Sie legen auch keinen Wert auf deine Gesellschaft - was du bisher allerdings noch nicht begriffen hast. Ich sollte mich der kleinen Monster annehmen. Das ist ja wirklich ein Witz!« »Himmel!« John eilte an die Wohnungstür, öffnete sie einen Spaltbreit und spähte in den Korridor. Dann drehte er sich um und preßte mit gedämpfter Stimme hervor: »Es hätte dich jemand hören können.« Fran wich seinem Blick aus, und er griff nach ihren Armen. »Du hast schon jetzt eine lausige Mutter-Klassifikation. Bist du denn so verdammt benebelt, daß du nicht mehr weißt, was du sagst?« »Faß mich nicht an!« zischte Fran. John seufzte niedergeschlagen und ließ sie los. »Dein Atem stinkt nach dem Zeug.« Er strich sich durchs Haar. »Du bist süchtig, Fran. Du bist drauf und dran, dein Leben zu ruinieren.« »Und du hältst dein Leben wohl für sehr bedeu- tungsvoll, wie? Glaubst du, irgend jemand wird einmal all den Mist lesen, den du schreibst? Man wird deine Manuskripte irgendwo verschließen und sie dann ver- gessen, Mr. Aufgeblasen. Es ist nichts weiter als eine Arbeitstherapie - und damit nur eine andere Art der Realitätsflucht. Laß mich jetzt allein! Versteck dich in deinem Büro. Ich würde nicht einmal dann mit dir bum- sen wollen, wenn du mich anflehtest, zu dir zu kom- men.« John wandte sich erleichtert und mit klopfendem Herzen von ihr ab, und der in ihm kochende Zorn machte ihn verlegen. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und schloß die Tür. Der auf dem Terminal leuch- tende Sensor bestätigte den Eingang einer Mitteilung., Cunningham nahm in dem Sessel vor der Konsole Platz und betätigte eine Taste. Der Bildschirm erhellte sich und zeigte seinen Sohn. Der junge blickte in eine für ihn zu hoch installierte Kamera, und sein kahler Schädel glänzte im Sonnen- licht. »Hallo, John. Neue Kinder im Mindestalter von zwei Jahren werden gemäß einer Order im Sperrgebiet untergebracht. Wir sind auf dem Weg dorthin und hiel- ten es für besser, dich zu unterrichten. Vermutlich hast du dir mit uns immer große Mühe gegeben. Ich hoffe, deine Arbeit macht gute Fortschritte, und ich wünsche das Beste für dich und Fran.« Der Knabe trat zur Seite, und in der unteren Hälfte des Bildes zeigte sich das Ge- sicht des kleinen Mädchens: fröhliche Grübchen in den Wangen, ein eher starr wirkendes Lächeln und ein auf- gebläht aussehender Kopf. »Hallo, Pappi. Vielen Dank, daß du dich um mich gekümmert hast. Ich hab dich lieb. Leb wohl.« Es war grotesk: Der Unterschied zwischen dem, was das kleine Mädchen verkörperte und dem, was es dar- zustellen versuchte, hatte eine herzzerreißende Wir- kung auf John. Wie betäubt starrte er auf den wieder grauen Schirm, und ihm schwindelte. Eine seltsame Gleichgültigkeit breitete sich in ihm aus, und er emp- fand überhaupt nichts. Irgendein entfernter Winkel sei- nes Selbst jedoch sehnte den Schmerz herbei. John be- tätigte die Abruftaste und sah sich die Mitteilung noch ein zweites Mal an. Die Indifferenz erfaßte auch die restlichen Bereiche seines Ichs, und er atmete ruhig und flach. Wieso wußte Fran nicht Bescheid? In der Küche hatte sie den Eindruck erweckt, als sei sie wenigstens eini- germaßen bei Verstand. Andererseits jedoch verflüch- tigte sich die Wirkung des Aufmunterers recht schnell. Vorher mochte sie weitaus berauschter gewesen sein. Nun, welche Konsequenzen ergaben sich jetzt für sie? Vielleicht erwartete man von ihnen die Zeugung eines, weiteren Kindes. Fran und er bildeten in genetischer Hinsicht ein perfektes Paar. Und diese Tatsache mochte für das Neue Volk wichtiger sein als die Trunksucht Frans. Möglicherweise aber verlegte man sie in den Rand. Eine Zeitlang blieb John reglos sitzen, dachte über die Kinder nach und erinnerte sich. Er erwog, Fran zu informieren. Als John aufstand, verstärkte sich der Schwindel für einige Sekunden. Dann jedoch klärte sich sein Kopf, und er schritt durch den Korridor. Beide Kinderzimmer waren leer, doch Cunningham entsann sich, daß sie selbst dann fremd auf ihn gewirkt hatten, als seine bei- den Sprößlinge noch zugegen gewesen waren. Fran lag zusammengerollt auf dem Kunstpelzboden des Projektionszimmers. Sie hatte sich die Haube auf den Kopf gesetzt, und ihr Blick klebte an der Schirmdar- stellung. Sie erlebte gerade einen langsamen und per- manenten Projektions-Orgasmus. Es würde einige Mi- nuten dauern, bevor sich die Auswirkungen der Reso- nanz verflüchtigten - und es war schmerzhaft, zuvor von der Verbindung gelöst zu werden. John wartete und beobachtete das Zittern seiner Frau. Auf dem Wandschirm war ein kopulierendes Trio zu sehen. Die Aufnahmekamera vergrößerte einen Bildausschnitt und zeigte aus nächster Nähe die auf dem Mann hockende Frau. Sie war dunkelhäutig und schlank, und sie be- wegte geschmeidig die Hüften und stöhnte. Ihre vollen und festen Brüste ruckten auf und nieder, und das lange und schwarze Haar reichte ihr wie ein Seidenschleier weit den Rücken hinunter. Johns Aufmerksamkeit galt jedoch in erster Linie dem Gesichtsausdruck, den leicht geöffneten Lippen, den glänzenden Augen. Das Bild wirkte so lebensecht, daß er fast das Gefühl hatte, nur die Arme ausstrecken zu müssen, um die Frau zu be- rühren. Sie drehte den Kopf, und es war, als sähe sie ihn direkt an. Das Verlangen, das sich daraufhin in, Cunningham regte, war so intensiv wie seit Jahren nicht mehr, und er mußte sich dazu zwingen, den Blick von der Darstellung abzuwenden. Vor ihm zitterte Fran nach wie vor in einem artifiziel- len Orgasmus. In diesen Augenblicken bedauerte John sie sehr. Wieso lag ihr nichts an persönlicher Würde? Sie war genau so, wie sich das Neue Volk die Alten Menschen vorstellte. Und auf diese Weise würden ihre Kinder sie in Erinnerung behalten. Als Fran nach einer Weile ruhig liegenblieb, unter- brach John die Energiezufuhr zur Übermittlungshaube und schaltete den Schirm ab. Fran schlug verträumt die Augen auf und lächelte. Sie schien sehr glücklich zu sein. »Fran, wir müssen miteinander sprechen. Es ist wich- tig.« Ihr Lächeln wuchs in die Breite. »Ich wußte es: Du kannst nicht lange ohne mich auskommen.« John griff nach ihren Armen und drückte zu. »Fran, steh auf. Hör mir zu! Es ist etwas geschehen. Hoch mit dir!« Er half ihr dabei, sich aufzusetzen. »Du tust mir weh«, beklagte sie sich. »Das tut mir leid. Fran, du mußt wieder richtig zu dir kommen.« John ging vor ihr in die Hocke und wartete. Nach einer Weile klärte sich der Blick seiner Frau, und sie zwinkerte und sah ihn an. »Bist du wieder bei dir?« fragte er. Sie hob die Augenbrauen. »Ja.« »Fran, wußtest du, daß die Kinder heute ausgezogen sind?« Sie starrte ihn verwirrt an. »Nein. Nein, das wußte ich nicht. Sie sind wirklich fort?« »Ja. Es gibt da eine neue Order, nach der alle Neuen Kinder im Mindestalter von zwei Jahren zur Universität gebracht werden müssen. Ihre Zimmer sind leer. Wahr- scheinlich sehen wir sie nie wieder.« Fran stützte das Kinn auf beide Hände und versuchte, zu verstehen. »Man hätte eigentlich erwarten können, daß sie sich wenigstens verabschieden. Sind wir dafür verantwortlich? Haben wir uns irgend etwas zuschul- den kommen lassen?« »Nein, Fran. Unsere Schuld ist es nicht. Du hörst mir nicht zu. Der Transfer erfolgte auf der Grundlage einer Order, nach der alle Neuen Kinder, die älter als zwei Jahre sind, in der Universität untergebracht werden müssen. Mit uns hat das nichts zu tun. Es überrascht mich, daß sie fortgegangen sind, ohne dir etwas zu sa- gen.« »Es tut mir leid. Ich schätze, ich war ...« Sie sah ihn an und bat ihn stumm um Verständnis. »Ich weiß.« »Was sollen wir jetzt machen?« fragte Fran. »Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir versuchen, ein drittes Kind zu bekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob es klappen wird. Aber wenn es uns gelingt, sind unsere Probleme vorerst gelöst. Im ersten Jahr brauchen Kinder die Pflege ihrer Eltern. Es ist nur sehr bedauerlich, daß du ausgerechnet im vergangenen Jahr so viel getrunken hast.« Frans Gesicht verzerrte sich. »Mußt du schon wieder damit anfangen?« Sie sprang auf und verließ die Projek- tionskammer. John folgte ihr in die Küche und sah zu, wie sie sich ein weiteres Glas mit dem Aufmunterer ein- schenkte. Enttäuscht kehrte er daraufhin in sein Ar- beitszimmer zurück. Er saß in seinem Sessel und starrte an die Wand, als der Polizist die Tür öffnete. Plötzlich befanden sich drei Beamte im Raum. Zwei schenkten John keine Beach- tung und begannen damit, das Zimmer zu verwüsten. Alles in den Regalen flog in hohem Bogen davon und sammelte sich in der Mitte des Büros zu einem Haufen an. Schubladen wurden herausgerissen und einfach zu Boden fallengelassen. Einer der Uniformierten nahm sich das Bett vor., Jemand rief: »Ich sagte, Sie sollen aufstehen!« John stellte fest, daß der dritte Polizist mit einem Bla- ster auf ihn zielte. Der Mann wirkte sehr aufgebracht, und er bedeutete John, in den Korridor zu treten. Über- all sah er Uniformierte, die das Apartment durchsuch- ten und ein Chaos anrichteten. Man stieß ihn ins Pro- jektionszimmer, in dem zwei Beamte Fran in die Höhe zerrten. Sie war nackt. Ein Sergeant stand vor ihr, und in seinen Augen glitzerte es zornig. Der Uniformierte wandte sich John zu. »Sind Sie der Ehemann?« »Ja.« »Um 10.49 Uhr heute morgen wurde im Gang drau- ßen ein Polizist umgebracht. Alle Bewohner dieser Etage werden verhört. Haben Sie zur angegebenen Zeit irgend etwas Ungewöhnliches bemerkt?« »Sergeant, ich bin der Mann, der den Toten fand. Ich erstattete Op sofort Bericht. Man brachte mich darauf- hin ins Informationszentrum, und dort wurde ich von Administrator Jakoba persönlich befragt. Müssen Ihre Leute jetzt auch noch meine Wohnung in ein Trümmer- feld verwandeln?« »Wie heißen Sie?« »John Cunningham.« »Nachweis!« befahl der Sergeant. »Bestätigung«, erwiderte der Droide Johns. Op hörte also zu, und das fand Cunningham beruhi- gend. Der Sergeant nickte. »Das mit der Durchsuchung tut mir leid. Meine Leute verwüsten Ihr Apartment nicht vorsätzlich, sondern beeilen sich nur. Sie können später alles in Ordnung bringen. Ihre Frau hat sich als wenig kooperativ erwiesen.« »Was haben Sie denn erwartet?« fragte John. »Ich erwarte von ihr, daß sie unsere Fragen ebenso bereitwillig beantwortet wie die anderen Bewohner die- ser Etage.« Der Polizist musterte Fran und sah dann die, anderen Beamten an. »Laßt sie los! Vielleicht kann sie jetzt stehen, ohne gestützt werden zu müssen.« Die Uniformierten befolgten die Anweisung, und Fran schwankte, taumelte an die Wand zurück und sank langsam zu Boden. Die beiden Beamten griffen erneut nach ihren Armen und zerrten sie in die Höhe. Der Sergeant drehte sich ein weiteres Mal zu John um. »Wie lautet ihr Name?« »Fran.« »Fran!« Der Mann zwang ihren Kopf hoch. »Sie er- sparen uns und sich selbst viel Mühe, wenn Sie jetzt nüchtern werden und unsere Fragen beantworten.« »Verzieh dich, Bulle!« Sie lächelte schief. Der Sergeant preßte die Lippen zusammen und blickte John an. Er schien irgend etwas sagen zu wol- len, aber eine vom Eingang des Projektionszimmers her ertönende Stimme unterbrach ihn bereits im Ansatz. »Wir sind fertig.« Der Sergeant wandte sich wieder an die Beamten, die Fran festhielten. »Bringt sie hoch in den Transporter!« »Was hat das zu bedeuten?« fragte John. »Wir nehmen Ihre Frau zum Verhör mit. Sie wird so lange in einer Zelle bleiben, bis sie wieder nüchtern ist. Dann stellen wir ihr einige Fragen und schicken sie an- schließend zu Ihnen zurück.« »Aber das ist doch Wahnsinn«, erwiderte Cunning- ham. »Sie ist süchtig nach dem Aufmunterer und schon seit heute morgen berauscht. Sie kann Ihnen überhaupt nichts sagen.« »Und wenn sie uns das nachgewiesen hat und uns eine Bestätigung von Op vorliegt, bekommen Sie sie zu- rück. Derzeit haben wir alle Hände voll zu tun. Tatsäch- lich liegen wir schon hinter dem Zeitplan zurück.« Der Sergeant machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen. »Lassen Sie sie doch wenigstens etwas anziehen.« Der Polizist blieb stehen und drehte sich noch einmal um. »Glauben Sie etwa, sie würde uns in ihrem derarti-, gen Zustand reizen? Befürchten Sie, wir könnten uns an ihr vergreifen?« Die letzten Uniformierten traten auf den Gang, und die Tür des Apartments schloß sich hinter ihnen. Plötz- lich herrschte völlige Stille. Den Rest des Nachmittags verbrachte John damit, die Wohnung aufzuräumen. Irgendwann riefen die Freunde Frans an und meinten, sie wollten sich gerade auf den Weg machen. John erwiderte, sie könnten sich die Mühe sparen, und unterbrach die Verbindung. Am Abend saß er vor dem Terminal in seinem Arbeitszim- mer und las Berichte. Des öfteren machte er die Erfah- rung, sich mit einer Seite befaßt zu haben, ohne sich an den Inhalt erinnern zu können. In einem solchen Fall zwang er sich dazu, noch einmal von vorn zu beginnen. Im Abstand von einer Stunde erkundigte er sich bei Op nach Fran. Es lagen keine Informationen über sie vor. Dieser Umstand verstärkte die Unruhe Johns. Für ge- wöhnlich wußte Op genau, was vor sich ging. Man hätte fast meinen können, Fran sei spurlos verschwun- den. Gegen Mitternacht betrat er das Zimmer seiner klei- nen Tochter und hockte sich in einer Ecke nieder, ohne das Licht einzuschalten. Die Stille war wie ein schweres Gewicht, das auf seinen Schultern lastete. Er schniefte leise, und mit beiden Händen rieb er sich die laufende Nase. Schließlich kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück, kroch ins Bett und starrte schlaflos an die in der Dun- kelheit über ihm verborgene Decke. An jenem Abend wurde Administrator Jakoba von ei- nem Genetiksekretär in das Zimmer eines Sterbenden geführt. »Op informierte mich davon, Administrator Tomeda hielte sich hier auf«, sagte Jakoba auf Basic. »Ich würde gern mit ihm sprechen.«, »Ja.« Der Sekretär nickte. »Er untersucht den Patien- ten. Ich sage ihm Bescheid.« Der Arzt verschwand durch den Korridor, und Jakoba nahm im Wohnzimmer Platz und beobachtete einen Fleck an der Wand. Kurz darauf kam Tomeda zu ihm. »Was macht Ihr Patient?« fragte Jakoba. Der zart gebaute Tomeda ließ sich Jakoba gegenüber in einen Sessel sinken. »Es geht ihm nicht sehr gut. Ent- zündeter Rachenbereich, verstopfte Nase, angeschwol- lene Drüsen.« »Entweder das allgemeine Anpassungssyndrom oder eine gewöhnliche Erkältung.« »Und weder gegen das eine noch das andere läßt sich viel ausrichten.« »Glauben Sie, er wird sterben?« »Höchstwahrscheinlich. Das Krankheitsbild gleicht dem der anderen Fälle vor ihm. Unsere letzten Tests haben die Anfangsphase der genetischen Degeneration bestätigt.« »Wie alt ist der Patient?« fragte Jakoba. »Sechzig Jahre.« Jakoba war überrascht. »Das bedeutet, er wurde im Jahre 1997 geboren.« »Ja. Als einer der ersten.« »Ist das wichtig?« »Vermutlich nicht«, erwiderte Tomeda. »Das Alter der anderen Sterbefälle war jeweils recht unterschied- lich. Darüber hinaus entspricht das damals zu Beginn benutzte genetische Manipulationsverfahren praktisch dem, das wir noch heute verwenden.« »Nun, ich bin in erster Linie gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mit dem entsprechenden Bericht meines Direktors zufrieden sind. Außerdem war ich auch ein wenig neugierig.« Tomeda nickte. »Was den Bericht angeht: Ja, ich bin zufrieden. Ich wünschte, die ganze Sache wäre so ein- fach wie das Verhören von Verbrechern. Ich fürchte je-, doch, wir haben es dabei mit einem grundlegenden Problem zu tun - vielleicht mit einem Fehler in unserem Verständnis des genetischen Codes.« »Warum gleich den Teufel an die Wand malen? Bisher ist die Anzahl der Betroffenen in statistischer Hinsicht doch noch völlig irrelevant.« »Ihnen stehen dabei nicht die neuesten Daten zur Verfügung. Ich habe nur um Sicherheitsüberprüfungen in bezug auf einige speziell ausgewählte Fälle gebeten. Wir können aber davon ausgehen, daß inzwischen mehr als zwei Prozent aller Neuen Menschen im Alter von über zwanzig Jahren betroffen sind.« »Ich verstehe«, sagte Jakoba. »Das ist in der Tat beun- ruhigend.« »So könnte man es ausdrücken. Auf lange Sicht ge- sehen jedoch sollte sich daraus eigentlich keine Gefahr für unser Volk ergeben. In einigen Jahren benutzen wir während des Manipulationsprozesses keine Chemika- lien mehr. Zu welchen Fehlern es in der Vergangenheit auch gekommen sein mag: Sie spielen dann keine Rolle mehr. Wir lernen die ganze Zeit über. Und in zehn Jah- ren wird die genetische Chirurgie ebenso einfach und exakt sein wie das Montieren eines Airwagens.« »Was ist mit den Testläufen des neuen Computers Fa- rubas?« Tomeda kam nicht mehr zu einer Antwort, denn in diesem Augenblick trat der Genetiksekretär ein und sagte: »Administrator Tomeda, der Patient hat gerade um Ihren Besuch gebeten. Er verhält sich höchst son- derbar.« Jakoba folgte den beiden Ärzten in das Zimmer des Patienten. Er blieb ein wenig abseits stehen und sah zu. Tomedas Mitarbeiter waren davon überzeugt, nicht an- gesteckt werden zu können, aber andererseits gab es In- formationen, die man ihnen bisher aus gutem Grund vorenthalten hatte. Die Wangen des Patienten waren eingefallen, die, Haut bleich und wächsern. In unregelmäßigen Abstän- den hob und senkte sich seine schmale Brust. Tränen rollten ihm übers Gesicht. Jakoba stellte verblüfft fest, daß der Mann weinte. Unfaßbar: ein Neuer Mensch, der schluchzte. Eine alte und zittrige Hand griff nach der Tomedas und umklammerte sie. »Administrator, was ich Ihnen zu sagen habe, ist sehr wichtig. Es muß aufgezeichnet werden.« Tomeda wandte sich kurz dem Terminal ne- ben dem Bett zu und betätigte eine Taste. Ausgerechnet auf englisch fügte der Patient anschließend hinzu: »Ich habe Gefühle. Ich bin ganz sicher. Schon den ganzen Tag empfinde ich etwas, das Traurigkeit sein muß. Und derzeit glaube ich, verlegen zu sein und mich zu schä- men. Sind bei den anderen Fällen dieses Syndroms ähnliche Symptome festgestellt worden?« »Nein, nie«, antwortete Tomeda. »Dann bin ich in dieser Hinsicht vielleicht einzigartig. Möglicherweise jedoch schämten sich auch die anderen. Vermutlich können Sie nicht verstehen, was ein solches Gefühl bedeutet: Es hätte mich fast dazu veranlaßt, Ih- nen nichts zu sagen. Derartige Empfindungen sind ir- gendwie ... lähmend. Einerseits fällt es mir schwer, mir vorzustellen, es seien die Emotionen, von denen das Alte Volk immerzu spricht. Andererseits aber bin ich mir so gut wie sicher. Und die anderen Patienten haben von keinen solchen Erfahrungen berichtet?« »Ich glaube nicht. Aber zur Sicherheit lasse ich das noch einmal nachprüfen.« Auf Basic fuhr der alte Mann im Krankenbett fort: »Zusätzlicher Hinweis. Ich bin kaum noch dazu in der Lage, mich richtig zu konzentrieren. Ich habe mich heute hiermit...« Seine faltige und zittrige Hand tastete nach einem großen und auf dem Bett liegenden Ein- band, und einige Sekunden lang schien er nach den richtigen Worten zu suchen. Schließlich sprach er auf englisch weiter: »... hiermit beschäftigt - und weiß, noch immer nicht, um was es eigentlich geht. In gewis- ser Weise scheint sich mein Bewußtsein neu zu struktu- rieren, nach der Art und Weise des Alten Volkes. Tat- sächlich fällt es mir leichter, in Englisch zu denken. Das ist alles. Bitte lassen Sie mich jetzt allein.« »Kann ich irgend etwas für Sie tun?« »Mein ganzer Körper schmerzt. Geben Sie mir eine Medizin dagegen.« Tomeda nickte dem Genetiksekretär zu. »Anodynum oral.« Er dachte kurz nach und bedeutete dem Gehilfen dann, ihm zur Tür zu folgen. »Schläfern Sie ihn keines- wegs ein«, flüsterte er dem Sekretär zu. »Ich möchte ei- nen vollständigen Bericht über den gesamten Krank- heitsverlauf.« Sergeant Bruno Hackman hieb mit der flachen Hand auf den Melder und hielt die Taste in die Einfassung ge- preßt. Er wartete, beugte sich über den Tresen und ge- riet allein bei dem Gedanken an eine mögliche Verzöge- rung ganz außer sich. »Würden Sie, verdammt noch mal, den Melder loslas- sen!« knurrte jemand, und ein anderer Sergeant kam um die Ecke. »Bruno, du Mistkerl. Das hätte ich mir doch gleich denken können.« Hackman ließ die Taste los. »Mac, warum, zum Teu- fel, macht ihr hier nicht eure Arbeit? Ihr Typen sitzt hier doch den ganzen Tag im Büro herum und wartet nur auf den Feierabend.« »Auf diese Weise hat man gute Aussicht, irgendwann einmal die Pension überwiesen zu bekommen. Du hast übrigens Glück, mich hier überhaupt anzutreffen.« »Mac, bis zur Rente dauert es noch ein paar Jährchen, und sie interessiert mich erst, wenn es soweit ist. Viel- leicht aber kann sich Neu Chicago meine Pension auch sparen, denn wenn du so weitermachst, kriege ich gleich aus Wut einen verdammten Herzinfarkt. Op meinte, ihr hättet hier einen Rekruten für mich.«, »Ja, das stimmt. Aber seit wann holst du dir deine Re- kruten denn selbst ab und wartest nicht, bis sie auf dem normalen Weg zu dir geschickt werden?« »Mac, ich habe echt keine Lust zu langen Erklärun- gen. Heute morgen wurde einer von meinen Jungs um- gebracht, und ich bin nicht gerade in der besten Stim- mung. Ich brauche den Neuen noch heute abend. Meine Gruppe ist knapp besetzt. Also: Hat Op den Re- kruten freigegeben oder nicht?« »Ja. Die Kapsel ist drin, und auch sonst gibt's keine Probleme mehr. Er wird gerade von den Ärzten unter- sucht. Ich schätze, wenn du ihn jetzt wirklich sofort ha- ben willst ...« »Würde ich sonst meine kostbare Zeit mit dir ver- schwenden?« »Ach, mein lieber Bruno, du verschwendest doch dau- ernd deine Zeit.« Der Sergeant vom Schreibdienst zog einen Kasten aus dem Regal und warf ihn wie achtlos auf den Tresen. »Hier hast du sein Pack. Wenn du so wild auf den Neuen bist, kannst du es ihm ja gleich mit- bringen.« Er legte einen Blaster und einen Ring neben den Kasten. »Zimmer C.« Es war ein kleiner Raum, und an der einen Wand standen einige medizinische Geräte. Ein junger und in eine graue Kombination gekleideter Mann saß auf dem Rand einer heruntergeklappten Liege. Über ihn gebeugt stand ein Arzt und untersuchte einen kleinen Einschnitt am Hinterkopf des Rekruten. Nach einigen Sekunden richtete sich der Mediziner auf. »Scheint alles in Ord- nung zu sein.« Er nickte Sergeant Hackman zu und »Wie geht es Ihnen?« fragte Hackman. »Gut«, erwiderte der junge Mann mit gedämpfter Stimme. Vorsichtig betastete er seinen Hinterkopf. »Die Dinger können doch hoffentlich nicht einfach so losge- hen?« »So etwas ist bisher noch nicht geschehen. Halten Sie, sich an die Anweisungen, dann passiert Ihnen schon nichts! Es gibt viele Möglichkeiten, ums Leben zu kom- men. Die Kapsel sollte in diesem Zusammenhang die geringste Ihrer Sorgen sein.« »Der Arzt wollte mir nichts sagen. Ist die Kapsel ... Hat Op mich freigegeben?« »Ja, Sie sind jetzt ein Polizist. Ich bin Sergeant Hack- man. Man wies Sie meiner Gruppe zu.« Der junge Mann begriff plötzlich, sich nicht an die Vorschriften gehalten zu haben, und er stand rasch auf. Er zuckte leicht zusammen, nahm vorsichtig wieder Platz und verzog das Gesicht. »Mir ist noch ein wenig schwindelig«, sagte er und lächelte unsicher. »Das geht vorüber.« Hackman trat an die Liege heran und breitete dort den Inhalt des Kastens aus: eine pur- purne Kombination, silberne Stiefel, ein Gerätegürtel und einer jener glänzenden Helme, wie sie von den Ein- satzpolizisten getragen wurden. »Ziehen Sie sich an! Und wenn Sie sich langsam und vorsichtig bewegen, wird Ihnen nicht schwindelig.« Als der junge Mann fertig war, überprüfte er sein neues Erscheinungsbild im Wandspiegel. Hackman lächelte. Die Ausstattung war wirklich nicht übel. »Sie sehen gut aus, Junge. Sie gehören nun zu den Leuten, die das Sagen haben. Passen Sie gut auf sich auf! Hier!« Hackman warf dem Rekruten einen dik- ken und schwarzen Ring zu. Der junge Mann reagierte sehr sicher und fing ihn auf. Einer für uns, dachte Hackman zufrieden. Er zog den Blaster aus dem Holster und reichte ihn dem neuen Kollegen. Der Rekrut nahm die Waffe mit unverhohlener Ehr- furcht entgegen, drehte sie bewundernd hin und her und betrachtete fasziniert die goldfarbenen Läufe. Mit der linken Hand umfaßte er den unteren Lauf, aus dem Projektile abgefeuert werden konnten, und ruckartig hob er den Blaster und blickte über den oberen Laser- lauf. Dann ließ er die Waffe scheu wieder sinken. »Sie, ist herrlich. Sie hätten die alten Büchsen sehen sollen, an denen wir ausgebildet wurden.« »Denken Sie nur daran, sie auch zu benutzen. Am be- sten, Sie schießen zuerst und stellen erst dann Fragen. Wenn einer Ihrer Kollegen ums Leben kommt, nur weil Sie zu ängstlich waren, Ihre Arbeit zu machen, sind Sie dran. Wir sind in letzter Zeit recht knapp mit Leuten, und darum haben Sie schon heute abend Dienst. Sie gehen mit Fredericks auf Patrouille. Werfen Sie sich eine Mutpille ein; dann fühlen Sie sich nicht so nervös. Und achten Sie darauf, wie sich Fredericks verhält. Er ist ein guter Mann. Sie können eine Menge von ihm ler- nen.« »Ja, Sir.« »Genug der Worte. Brechen wir auf!« »Was ist mit meinen alten Sachen?« »Die graue Kombination lassen Sie hier. Und Ihre an- deren Dinge haben Sie doch zusammengepackt, oder? Nun, man wird sie Ihnen später nachschicken. Kom- men Sie!« Als sie durch den Korridor schritten, erklärte Sergeant Hackman: »Auf dem Rückweg machen wir bei der Todesarena Halt. Die Jungs dort haben einen ziemlich guten Polizisten, der die Dreckarbeit für sie macht. Ich möchte mal sehen, ob er nicht Lust hat, wieder für uns zu arbeiten.« Er dachte kurz nach und fügte hinzu: »Sie haben nun alle Privilegien. Wenn wir die Kaserne errei- chen, können Sie sich einige Minuten freinehmen. Be- sorgen Sie sich eine Partnerin für heute abend, bevor Sie Ihren Dienst antreten.« Die Exekutionsplattform stieg in die Höhe, passierte die quadratischen Öffnungen in der Bühnenüberdachung und trug Sergeant Hackman und den jungen Rekruten auf die Ebene der Todesarena. Rechts über ihnen er- streckte sich die glänzende und schwarze Scheibe der Kontrolleinheit. An einigen dicken Plaststahlkabeln, hing sie von der Decke herab, und sie sah aus wie eine riesige Spinne, die über den orangefarbenen Sitzen der Arena schwebte. Ihre Fenster wirkten wie kleine Au- gen, die spöttisch und gierig auf die darunter gelegenen Exekutionsflächen starrten. »Haben Sie die Show schon einmal gesehen?« fragte Hackman. »Ja, Sir.« »Und gefällt sie Ihnen?« »Ja, Sir.« Hackman nickte zustimmend. Kurz darauf gelangte die Exekutionsplattform auf eine Höhe mit der Ebene der Todesarena und verharrte. Als sie durch den Gang schritten, sagte Hackman: »Als man diese Einrichtung vor etwa fünfzehn Jahren eröffnete, arbeitete ich weiter oben, als Kanonier in ei- ner der Geschützstellungen. Ein bequemer Job.« Er griff nach einer Sprosse der von der Kontrollscheibe herun- terreichenden Leiter und begann in die Höhe zu klet- tern. Im Kontrollraum war es still, und erleuchtet wurde er von dem warmen Glühen der Anzeigen und Bildschir- me. Nur die Hälfte der normalen Belegschaft war anwe- send. Hackman und der Rekrut begaben sich auf die andere Seite und suchten den Geschützturm auf. Zwei Uniformierte lehnten lässig an dem trüben Plexiglas. »Sarge«, grüßte einer von ihnen, ein großer und stämmiger Mann. »Wie geht's, Roger?« Hackman schien wirklich erfreut zu sein. »Ganz gut. Woher wußten Sie, daß ich hier bin?« »Ihr Sergeant sagte, ich könnte Sie hier finden. Ist das Ihre Stellung?« »Nein. Zum Glück nicht. Ich versuche gerade, Ma- nuel hier dazu zu bewegen, seinen hiesigen Dienst zu quittieren, aber er will nicht auf mich hören. Manuel - Sergeant Bruno Hackman. Mein alter Chef. Bevor ich, rausgeschmissen wurde.« Manuel und der Sergeant nickten sich zu. »Nun, Roger, wohin hat man Sie denn gesteckt?« fragte Hackman. Roger verzog das Gesicht. »In die Grube unten.« »Stopfen Sie die Körpersäcke voll?« Roger nickte. »Das auch.« Hackman lächelte. »Was würden Sie davon halten, mit mir .« Eine Sirene heulte, und Licht flammte auf. »Einweisungsalarm«, sagte Roger. »Noch einund- dreißig Minuten bis zum Beginn der Show. Wir müsen hier raus. In sechzig Sekunden werden die Leute rein- gelassen.« Er führte seine beiden Besucher den Weg zu- rück, den sie gekommen waren. Im Kontrollraum herrschte inzwischen regere Aktivi- tät. Die Techniker überprüften mit Checklisten die An- lagen und riefen sich gegenseitig Bestätigungen zu. Die Polizisten erreichten die Rückwand und kletterten die Leiter hinab. Sergeant Hackman bildete den Abschluß. Als die Leiter nicht mehr von seinem Gewicht belastet wurde, schwang sie an die Unterseite der Scheibe zu- rück. Die drei Männer eilten durch den Gang und sprangen auf die Exekutionsplattform, die daraufhin in Richtung Bühnenebene sank. Innerhalb weniger Sekunden wurde die Arena zu einem hell funkelnden Rechteck über ihnen. Als das Podest verharrte, schloß sich über den Uniformierten eine schottartige Blende und sepa- rierte sie von der Arena. »Ich muß noch einige Dinge erledigen«, flüsterte Ro- ger. »Anschließend können wir uns unterhalten.« Hackman zog den jungen Rekruten aus dem Weg, und sie wichen in den Schatten zurück. Roger begann mit einer Inspektion der großen Räumlichkeit und legte an den Monolithen Körpersäcke bereit. An der gegen- überliegenden Wand standen Bahren mit Delinquenten., Die Münder der darauf festgebundenen Männer und Frauen waren mit breiten Isostreifen verklebt. Ständig wurden nun weitere Liegen hereingetragen und an die Wand gelehnt. Hackman stieß den jungen Rekruten mit dem Ellbo- gen in die Rippen. »Sehen Sie die attraktive Frau dort in der Mitte, die mit dem blauen Haar? Wer, glauben Sie, kommt wohl als erster an die Reihe? Die Arenadirekto- ren fangen immer mit den besten Leuten an, um das Publikum richtig in Stimmung zu bringen, und zum Schluß kommen diejenigen, um die sich ohnehin nie- mand schert. Das ist immer so.« Fünf Minuten später rief der Sergeant hinter der Kon- trollkonsole: »M54 - an Säule eins; M49 - an Säule zwei.« Zwei Uniformierte traten an die Bahre mit der blauhaarigen Frau heran und lösten die Fesseln. »Na, was habe ich gesagt?« brummte Hackman. Die Polizisten trugen die Frau in Richtung der näch- sten Plattform und banden sie mit ausgebreiteten Ar- men und Beinen an den schwarzen Exekutionsblock. Die Gefangene leistete keinen Widerstand. Die Beamten rissen ihr die Kleidung vom Leib und ließen sie an dem kalten Monolithen zurück. Ihrem trüben Blick war zu entnehmen, daß sie gar nicht begriff, was um sie herum geschah. Ein zweiter Gefangener war inzwischen an die andere Säule gebunden worden. Die beiden Plattfor- men befanden sich direkt im Zentrum des Bühnenberei- ches. Der Sergeant hinter der Konsole nannte einige wei- tere Nummern, und nach und nach wurden die Bahren in die richtige Reihenfolge gebracht. Nach einer Weile trat Roger wieder an die Seite Hackmans. »Nun, Bruno: Über was wollten Sie denn mit mir sprechen?« »Ich dachte mir, Sie hätten vielleicht Interesse an ei- ner beruflichen Veränderung. Wie wär's?« »Müssen Sie mich das erst noch fragen?«, Hackman zuckte die Achseln. »Dies ist ein sicherer Job. Manchen Leuten gefällt so etwas.« »Nein, Patrouillen in den Straßen der Stadt sind mir lieber. Meinen Sie, es gelingt Ihnen, die Zustimmung meines Sergeanten zu bekommen?« »Warum sollte er dagegen sein? Ich verlange doch kein persönliches Opfer von ihm.« »Nun, der Sarge, mit dem Sie es zu tun bekommen werden, mag es besonders gern, anderen Leuten Schwierigkeiten zu machen.« »Oh, es gibt eine Möglichkeit. Lassen Sie mich das nur machen.« »Danke, Bruno. Ich würde gern wieder bei euch Jungs sein. Und ich verspreche, daß ich Sie diesmal nicht ent- täuschen werde.« Daraufhin machte sich Roger wieder an die Arbeit. Rechts von Hackman sprach der Sergeant mit jeman- dem im Kontrollblock, rückte sich die Empfangsmu- scheln auf den Ohren zurecht und lachte leise. »Noch fünf Minuten«, verkündete er. Die Uniformierten der Wacheinheit begannen damit, sich Schürzen umzubinden und zogen sich hüfthohe Stiefel an. Wasserschläuche wurden entrollt. »Ganz so blutig ist es natürlich nicht«, wandte sich Hackman an den Rekruten. »Wenn sie schneiden, ver- siegeln die Laserstrahlen gleichzeitig die aufgetrennten Blutgefäße. Es ist nur eine ziemlich schmutzige Angele- genheit, die Überbleibsel in die Körpersäcke zu schaf- fen.« Einige der Beamten griffen nach Atemfiltern und hiel- ten sie für den Einsatz bereit. »Außerdem stinkt es entsetzlich«, fügte Hackman hinzu. »Wir brechen auf, wenn die Leute damit anfan- gen, die Reste herunterzubringen.« Von weiter oben ertönte gedämpftes Gelächter. Ei- nige Minuten später wurde daraus ein lautes und rhythmisches Stampfen. Roger sprang auf die Exeku-, tionsplattform und zog der Frau mit dem blauen Haar den Klebestreifen vom Mund. Sie blickte sich entsetzt und verwirrt um, so als erwache sie gerade aus einem Traum. Über ihnen öffnete sich eine der Blenden. Die Rotorblätter großer Ventilatoren setzten sich in Bewe- gung, und ein warmer Luftzug wehte durch den Büh- nenbereich. Mit leisem mechanischen Knirschen begann die erste Plattform in die Höhe zu steigen und trug die an der Säule festgebundene Frau ins helle Scheinwerferlicht. Die Kameras begannen zu arbeiten. John rollte sich auf die andere Seite und preßte das Ge- sicht ins Kissen. Ein Zipfel strich ihm über den Nacken. Widerstrebend öffnete er ein Auge und blickte auf die dünnen roten Linien im Anzeigefeld des Chronometers: 10:27. John schloß das Auge wieder. Wann war er eingeschlafen? Etwa um drei Uhr. Also hatte er siebeneinhalb Stunden geruht. Nicht schlecht. Jedenfalls weitaus besser als üblich. Warum zögerte er nach wie vor, seine Schlaflosigkeit behandeln zu lassen? Weil er Angst hatte, daß dabei noch andere Dinge be- handelt wurden? Oder fürchtete er sich davor, die Ärzte könnten herausfinden, was er wirklich von den Neuen Menschen hielt? John betätigte die Taste der Kontrolleinheit an der Seite des Bettes, und nach und nach wurde es hell im Zimmer. Er war schon auf halbem Weg ins Bad, als er sich an die Ereignisse des Vortages erinnerte. Die Kin- der waren fort. Und die Polizisten hatten Fran zum Verhör mitgenommen. Cunningham drehte sich um und begab sich rasch in sein Arbeitszimmer. An der Konsole tippte er den Code Frans ein. Diesmal erhellte sich der Schirm. VERSCHIEDEN. Verwirrt starrte John auf die Anzeige. Er löschte die Darstellung und wiederholte seine Anfrage., VERSCHIEDEN. Daraufhin ersuchte John Op um eine akustische Ver- bindung. »Hier Op.« »John Cunningham. Meine Frau Fran Cunningham, 152-04-7031, ist in der Liste der Todesfälle verzeichnet.« »Bestätigung.« »Aber das ist doch ... unmöglich. Gestern abend wurde sie von mehreren Polizisten fortgebracht. Sie wollten ihr nur einige Fragen stellen. Es kann doch nicht sein, daß ...« »John.« »... daß sie plötzlich ... Bitte?« »John, Fran verstarb gestern abend. Es war ein Unfall. Das ist die einzige Information, die ich in diesem Zu- sammenhang gespeichert habe. Ihre sterblichen Über- reste wurden beseitigt. Ich weiß: Dies ist sicher ein schwerer Schlag für Sie, und ich übermittle Ihnen hier- mit mein aufrichtiges Beileid. Bei solchen Gelegenhei- ten hilft es manchmal, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Wenn Sie möchten: Ich würde mich freuen, Ihnen zuhören zu können.« Die Verwirrung Johns nahm zu, und einige Sekunden lang war ihm schwindelig. Vielleicht sollte er wirklich mit jemandem sprechen. »John?« »Ah .ja .ah ..ich glaube, im Augenblick emp- finde ich überhaupt nichts. Und deine Information ent- spricht ganz sicher den Tatsachen?« »Ja. Es fällt Ihnen sicher schwer, sich damit abzufin- den.« »Ja. Ja, das stimmt vermutlich.« »Natürlich. Ich bin sicher, Fran bedeutete Ihnen sehr viel. Und bestimmt brauchen Sie eine Weile, um mit ih- rem Tod fertigzuwerden. Es wäre am besten für Sie, wenn Sie sich dazu durchringen könnten, Ihren Gefüh- len Luft zu machen.«, »Gut. Ich werde es versuchen. Danke dafür, daß du Zeit dafür erübrigt hast, mir ... ah ... ich glaube nur, ich bin derzeit nicht dazu in der Lage, einen klaren Gedan- ken zu fassen.« »Wie Sie meinen. Außerdem ist mein emotionaler Beistand infolge dieser besonderen Kommunikations- verbindung eher beschränkt. Wenn Sie weitere Hilfe brauchen, bin ich gern dazu bereit, Ihnen einen Hypno- tiseur zu schicken.« »Ah ... nein. Das dürfte nicht notwendig sein.« »Schön. Setzen Sie sich jederzeit mit mir in Verbin- dung, wenn Sie Beistand benötigen. Ende.« John blieb vor dem Schirm sitzen. So schlecht ging es ihm eigentlich nicht. Er war ein wenig überrascht, ja, aber damit erschöpfte sich seine emotionale Reaktion auch schon. Tatsächlich war ein Teil von ihm sogar recht zufrieden. Jetzt brauchte er nicht mehr die Ge- schmacklosigkeiten Frans zu ertra ... John schauderte, und mit der einen Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn. In seiner Magengrube rumorte es. Zur Hölle mit den verdammten Polizisten! Diese dreimal verfluchten Mistkerle. Was, zum Teufel, hatten sie mit Fran gemacht? Wut stieg in John hoch, und er ballte so heftig die Fäuste, daß ihm die Finger schmerzten. Er schlug auf die eine Armlehne seines Sessels, und der Zorn auf die Beamten nahm weiter zu. Cunningham machte sich auf den Weg in die Küche, und er kehrte doch mit leeren Händen ins Arbeitszim- mer zurück. Er blieb stehen, drehte sich um und trat er- neut in den Korridor. Ein ordentliches Frühstück war jetzt sicher nicht schlecht. Zuerst aber suchte er das Bad auf. Und als er dort in den Spiegel blickte, sah er ins Ge- sicht eines Fremden. Erneut in der Küche angelangt, blieb er wie betäubt vor dem Tresen stehen und schob sich geistesabwesend einen Nahrungsriegel nach dem anderen in den Mund., Überall lagen Krumen. Er wandte sich um und kehrte wieder in sein Büro zurück. Der Bildschirm erhellte sich und zeigte das besorgte Gesicht Mathews', des Abteilungschefs Cunninghams. John nahm den Anruf entgegen. »Hallo, Gregory. Was kann ich für Sie tun?« »Nun, John, wissen Sie denn nicht mehr, was heute für ein Tag ist? Hat Ihr Droide Sie nicht daran erinnert? Sie sind nicht zur Besprechung erschienen. Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Es scheint Ihnen nicht sonderlich gut zu gehen.« Himmel! Die einmal pro Woche stattfindende Konfe- renz, bei der er persönlich anwesend sein mußte. Warum ... »Ah, ja, es geht mir recht ... Nein, ver- dammt. Es ist wirklich etwas nicht in Ordnung. Fran ist tot.« John schluchzte, und das überraschte ihn ein we- nig, denn zuvor hatte er sich doch gar nicht so schlecht gefühlt. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. Mathews starrte ihn erschüttert an. »Meinen Sie das im Ernst?« »Ja. Wie wär's, wenn ich mich in ein oder zwei Tagen mit der Aufzeichnung der Besprechung befasse und Ih- nen einen Kommentar zukommen lasse?« »Das geht selbstverständlich in Ordnung. Ich meine ... Himmel, John, es tut mir sehr leid. Wie konnte das denn geschehen?« »Die Polizei hat sie umgebracht.« »Aber warum denn?« »Ich weiß nicht. Seit wann brauchen die verdammten Mistkerle einen Grund dazu?« »Meine Güte, John. Ich kann mir vorstellen, wie es jetzt in Ihnen aussieht, aber Sie sollten sich genau über- legen, was Sie sagen. Es tut mir leid. Wirklich. Ich meine ... Zum Teufel auch, John - werden Sie damit fertig?« »Ja, es geht schon, irgendwie. War das Material, das ich Ihnen letzte Woche zukommen ließ, in Ordnung?«, »Natürlich. Ihre Sachen sind immer okay. Ach, ma- chen Sie sich darüber jetzt nur keine Gedanken. Neh- men Sie sich ein paar Tage frei und kommen Sie erst dann zu mir zurück, wenn Sie sich besser fühlen.« »Gut. Danke. Ich setze mich später mit Ihnen in Ver- bindung.« Der Schirm wurde wieder grau. Ohne eine bewußte Entscheidung zu treffen, nahm John einen Abenteuerroman aus dem Bücherregal und begann zu lesen. Als er am Abend die letzte Seite um- geblättert hatte, griff er nach einem weiteren Buch, und am nächsten Tag zu einem dritten. Fünf Tage lang las und schlief er nur. Er floh in andere Zeiten und an andere Orte. Die Bü- cher berichteten von entschlossenen und tapferen Männern, die rätselhafte Heldentaten vollbrachten, die ihm zuerst wenig plausibel erschienen. Nach und nach aber begriff John, daß alles der Wahrheit entsprach, daß es jene Helden wirklich gegeben hatte - echte Helden. John verlor sich in Träumereien, stellte sich selbst als Mörder vor, der kaltblütig tötete, still und leise, ohne je- des Gefühl. Die Vision war ihm nicht fremd. Wenn ihn Anrufe erreichten, antwortete er nicht und beobachtete auf dem Schirm die Nachrichten, die seine Kollegen für ihn hinterließen. Die meisten wollten sich nur deshalb mit ihm in Verbindung setzen, um ihm ihr Beileid auszusprechen. Aber John empfand keinen see- lischen Schmerz und brauchte daher auch keinen Trost. Am fünften Tag jedoch gelang es ihm nicht mehr, sich auf die bedruckten Seiten zu konzentrieren. Den größ- ten Teil des Morgens über saß er einfach nur grübelnd an seinem Schreibtisch. Irgendwann schließlich schal- tete er den Fernseher ein und ging die einzelnen Kanäle durch. Er begann gerade zum dritten Mal von vorn, als er- fast wie durch einen Zufall - seine Aufmerksam- keit auf die Spaßrunde richtete. John war immer davon überzeugt gewesen, über einem derart primitiven Un- sinn zu stehen. Jetzt jedoch war er fasziniert und konnte, den Blick nicht mehr von dem Treiben abwenden. Trotz einer Spur von Ekel gegenüber sich selbst und auch ei- nem Hauch von Schuldbewußtsein, das ihm Stiche in der Magengrube verursachte, ließ er sich von den Dar- stellungen fesseln. An jenem Abend sah er sich das Autodafe an und zwang sich dazu, nicht vorher abzuschalten. Er ver- suchte, die Art von Sensationslust in sich zu erwecken, die das Publikum auszuzeichnen schien. Es kostete ihn erhebliche Mühe, nicht die Augen zu schließen, und als die Laser zu schneiden anfingen, versuchte er sich ein- zureden, das alles sei nicht echt. Er konnte die Menge der Zuschauer nicht verstehen. Das, was sich seinen Blicken darbot, ließ ihn schaudern und stieß ihn ab. Wie konnten Menschen an so etwas Gefallen finden? Noch bevor die Show ganz zu Ende war, schaltete er auf den Spaßkanal um. Bis spät in die Nacht verfolgte er das Programm, und er genoß es, als er Lust und Verlan- gen zu verspüren begann, den Wunsch, an dem Ge- schehen direkt und unmittelbar teilzunehmen. Er erin- nerte sich daran, oft die Gelegenheit gehabt zu haben, es zusammen mit Fran und ihren Freunden zu treiben. Dann und wann hatte ihm eine der Frauen einen ent- sprechenden Vorschlag gemacht. Warum war er nur so stur geblieben? Was, zum Teufel, stimmte nicht mit ihm? Bis nach Mitternacht hockte John in seinem Sessel und starrte auf den Schirm - und zum erstenmal seit Jahren onanierte er. Er schlief bis zum Nachmittag des folgenden Tages. Eine Zeitlang versuchte er, die Arbeit in Hinsicht auf sein gegenwärtiges Archivierungsprojekt fortzuführen, aber es war ihm unmöglich, sich auf die Einzelheiten zu konzentrieren. Er machte sich klar, wie allein er jetzt war. Fran war tot, seine beiden Kinder ausgezogen und für immer fort. Früher oder später würde Op eine unangemessene in- dividuelle Raumnutzungsquote registrieren, und dann, mußte er sein Apartment verlassen. Schwer zu sagen, wohin man ihn bringen würde. Wahrscheinlich in den Rand. John wußte nicht so recht, ob er das bedauern sollte. Ein Zimmer war so gut wie jedes andere. Und außerdem hatte er keine Freunde. Eine seltsame Feststellung: >Er hatte keine Freunde.< Aber das konnte doch nicht der Wahrheit entsprechen. Was war mit seinen Kollegen, die ihn angerufen und Beileids-Bekundungen hinterlassen hatten? Nein. Nein, es handelte sich nicht um echte Freunde. Bekannte viel- leicht. Obgleich das eigentlich keine Rolle spielte. John fühlte sich einsam. Er schaltete den Fernseher ein und wechselte alle paar Minuten den Kanal. Als auf der Mattscheibe die Dar- stellung einer Waldlandschaft zu sehen war, lehnte er sich zurück und begann erneut zu grübeln. Warum wollte er immer etwas Besseres sein als andere? Und wenn er tatsächlich über den Dingen stand - woher ka- men dann die Mordvorstellungen? Man war einsam, wenn man aus elitärer Höhe auf die Welt hinabblickte. Tief in seinem Innern empfand John einen Schmerz, der nach einer Entsprechung verlangte. Und gewiß mach- ten einige graue Flecken seiner Seele nichts aus. Überrascht stellte er fest, daß es bereits 7.30 Uhr abends war. Eine halbe Stunde bis zum Autodafe. Wenn er sich beeilte, konnte er es noch schaffen. John ergriff seinen Droiden, und einige Sekunden später war er auf dem Gang und unterwegs nach der weiter unten gelegenen Metroplattform. Der Wagen brachte ihn nach der Verbindungsstation, und John begab sich eine Etage höher und betrat einen Ost-Westzug. Kurz darauf ging die Fahrt durch die westliche Barriere der Enklave, und es dauerte nicht lange, bis er auf der Plattform der Todesarena hielt. John empfand ein gewisses Unbehagen angesichts der Tatsache, sich nun im Rand aufzuhalten. Dem Neuen Volk wäre es nie in den Sinn gekommen, eine, derartige Todesshow zu beobachten, und aus diesem Grund befand sich das Informationszentrum auf der dem Rand zugewandten Seite der Barriere, östlich der Zentrale. Dies war eine andere Welt als die, die John bisher kennengelernt hatte: die große Menschenmenge, die hellen Lichter, die vielen Farben an den Wänden, die Abfälle, die hierall auf der Plattform herumlagen. Die Einsatzpolizisten sahen hier noch wachsamer und be- drohlicher aus. In dem Gang, der kreisförmig um den Bühnenbereich herumführte, waren alle vierzig Meter Beamte postiert, und jeder von ihnen hielt seinen Bla- ster schußbereit. Cunningham fand rasch einen Sitzplatz und sah sich um. Von dieser Position aus gesehen wirkte die Arena wesentlich kleiner als auf der Mattscheibe des Fernse- hers und nicht annähernd so voll wie am vergangenen Abend. Vor ihm über der Bühne schwebte ein schwar- zer Block über dem Podium, und aus den Fenstern fiel kaltes weißes Licht. John fragte sich, auf welche Weise man in die einzelnen Räume des Blocks gelangen konn- te. Er drehte sich kurz um und riß erstaunt die Augen auf. Die Rückwand schob sich auf ihn zu. Sie verharrte zwischen zwei Sitzreihen und senkte sich herab. Das Licht trübte sich, und John richtete seine Aufmerksam- keit wieder auf den Bühnenbereich. In seiner Magen- grube krampfte sich plötzlich etwas zusammen. Seine eher diffusen Befürchtungen bestätigten sich nicht: Eine nackte Frau sprang durch eine Tür auf der einen Seite der Arena. Sie wurde dichtauf gefolgt von einem Mann, der es ganz offensichtlich auf sie abgese- hen hatte und bis auf einen Schweif und eine Tiermaske vor dem Gesicht ebenfalls unbekleidet war. Zum Schluß kam ein Zwerg mit weißen Wangen, einer großen roten Nase und hochstehendem Haar. Dieser Zwerg trug eine bauschige Hose und hielt einen Knüppel hoch über dem Kopf. Nach einigen Sekunden rutschte ihm die Hose herunter, und er stolperte, fiel und glitt über den Boden., Das Publikum lachte grölend, und John empfand eine profunde Erleichterung, kreischte, klatschte und konnte sich gar nicht beruhigen. Der Zwerg kam wieder auf die Beine, griff nach sei- nem Knüppel und lief auf den Mann und die Frau zu, die an der Peripherie der Arena entlanghetzten. Schlit- ternd blieb der Winzling nach einigen Metern stehen, schwang den langen Knüppel und verschätzte sich völ- lig mit dem entsprechenden Bewegungsmoment. Er- neut verlor er das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. John lachte schallend und klopfte sich auf die Schenkel. Trotzdem flüsterte die ganze Zeit über eine mahnende Stimme in ihm, die das Schauspiel als primitiv und ge- schmacklos bezeichnete. Plötzlich blieb die Frau stehen, drehte sich um und jagte den Mann. Der floh am Rande der Bühne entlang und gestikulierte mit ausladenden Gesten. Der Zwerg wiederum nahm die Verfolgung der Frau auf, schnitt Grimassen und machte lautstark eine obszöne Bemer- kung nach der anderen. Die Frau bekam den Schweif des Mannes zu fassen, aber er riß, und dadurch stürzte sie rücklings. Der Zwerg konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen, stolperte über sie und blieb in ihrem Schoß liegen. Sofort umarmte er die Frau und schlang die Beine um ihre Hüften. Das Publikum war begeistert und jubelte lärmend. Die Frau verschmähte die Küsse des Winzlings, stieß ihn zur Seite, sprang auf und setzte die Verfolgung des Mannes fort. Als sie zum zweitenmal zu ihm aufge- schlossen hatte, griff sie ihm zwischen die Beine und hielt das fest, was sie zu fassen bekommen hatte. Der Mann schrie, und nach einigen Metern blieben sie beide stehen. Der Nackte kratzte sich am Kopf, sah in Rich- tung des Publikums und verzog das Gesicht. Als er sich umdrehte und die Frau in die Arme nahm, kam der Zwerg heran, holte mit dem Knüppel aus und versetzte dem Mann einen Schlag aufs Hinterteil. Daraufhin fie-, len beide zu Boden, und die Frau spreizte die Beine und drückte den auf ihr liegenden Mann fest an sich. Er grinste erfreut, und die Frau mimte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen Erstaunen, als er in sie eindrang, während der Zwerg sich den Knüppel zwi- schen die Beine klemmte und kreischend auf und ab hopste. Es wurde dunkel. Musik setzte ein, ein dumpfer und pochender Rhythmus. John bekämpfte die in ihm aufsteigende Hy- sterie und zwang sich dazu, ruhig zu atmen. Er fühlte sich von der Euphorie nahezu erschöpft. Grelles Scheinwerferlicht verdrängte die Dunkelheit, und in dem jähen Glanz war zu sehen, wie sich ein Teil des Bodens zur Seite schob und in der Mitte der Arena ein Loch entstand. Aus der breiten Öffnung schob sich ein großer und hoher schwarzer Stein hervor, an dem eine nackte Frau mit ausgebreiteten Armen und Beinen festgebunden war. Hoch oben drehte er sich langsam um dreihundertsechzig Grad und sank dann wieder auf die Arenaebene herab. Zwei Laserstrahlen blitzten auf und sengten wie in Zeitlupe über den Fels. In Brusthöhe krochen sie nach und nach auf den Körper der Frau zu. John kniff die Augen zusammen. Während der folgenden Stunde hielt er sie die meiste Zeit über geschlossen. Er dachte an andere Dinge, an seine Forschungsarbeit, an die Kinder, an Aspekte der täglichen Routine, und er bemühte sich, ruhig zu atmen und das Essen im Magen zu behalten. Er erwog die Möglichkeit, die Arena zu verlassen, aber er war sich nicht ganz sicher, ob er die Kraft dazu hatte. Außerdem wollte er es vermeiden, Aufmerksamkeit zu erwecken. Die Zeit verstrich. Nach einer Weile fühlte er sich bes- ser und fand Gefallen an der Musik. Sie war so laut, daß er das Gefühl hatte, sie könne ihm jeden Augenblick die Trommelfelle zerreißen. Es war, als ließen die Baßklänge seine Nervenbahnen vibrieren. Es war eine eindrucks- volle und aufregende Musik. Vor dem Fernseher am, vergangenen Abend hatte er sie kaum bemerkt und praktisch nur das Kreischen der Zuschauermenge ge- hört. Hier jedoch wurde der Beifall des Publikums von dem dröhnenden Rhythmus völlig übertönt. Behutsam drehte John den Kopf, blickte über die Schulter und beobachtete die hinter ihm sitzenden Leu- te. Ihre Reaktionen auf das makabre Schauspiel fielen recht unterschiedlich aus. Ein junges Mädchen kicherte. In dem Gesicht der neben ihr sitzenden Frau zeigte sich ein eingefroren wirkendes Lächeln. Hinter ihr starrte ein junger Mann aus großen Augen auf den Bühnenbe- reich, und er hatte die Lippen zusammengepreßt und umklammerte die Armlehnen so fest, als seien sie der einzige Halt für ihn. Neben ihm grölten zwei Halb- wüchsige, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und vergnügten sich offenbar prächtig. Etwas weiter entfernt machte John einen älteren Mann aus, der ganz still im Sitz hockte und starr auf seine Hände blickte. John schloß erneut die Augen, hörte der Musik zu und versuchte, an nichts zu denken. Der pochende Rhythmus strebte einem Höhepunkt zu und verklang dann. Es wurde wieder hell in der Arena. John schlug die Augen auf, erhob sich und schloß sich den anderen Zuschauern an, die nun An- stalten machten, die Ränge zu verlassen. Um Cunning- ham herum herrschte ein dichtgedrängtes Schieben und Stoßen, und der Schweißgeruch erschien ihm übelkeit- erweckend intensiv. Am Ausgang erhielt jeder von den dort wartenden Polizisten einen kleinen Kunst- stoffbehälter. Erdnüsse? Diese Vorstellung erschien John so irrsinnig, daß er versucht war, laut aufzulachen. Aber er fürchtete, ein solches Gelächter könne den Kno- ten der Hysterie lösen, der sich in seiner Brust gebildet hatte, und so beherrschte er sich. Er entschied, sich erst dann Luft zu machen, wenn er wieder allein war. Das Grollen einer Explosion ließ die Menge erstarren. Nur langsam verklang das Donnern und hallte einige, Male von den Wänden der Plattform wider. Einige Männer und Frauen weiter vorn schrien, und plötzlich drängte das Publikum in Richtung Arena zurück. John bahnte sich einen Weg durch das Gewimmel und nä- herte sich dem Ort, wo es zur Detonation gekommen war. Als er sich auf einer Höhe mit den vorderen Sitz- reihen befand, sah er einen Mann stehen, der von unge- fähr zehn Polizisten umringt wurde. Das linke Bein des Mannes war eine einzige große Wunde, und unter ihm breitete sich rasch eine Blutlache aus. Neben ihm lag die Leiche einer Frau, ebenfalls blutüberströmt. Ganz of- fensichtlich war sie von der Explosion getötet worden. Hinter ihnen wurden eben drei oder vier weitere Tote zur Seite geschafft. In der einen Hand hielt der noch le- bende Mann ein rotes Duraglasmesser. Im Augenblick schien eine Art Patt zu herrschen. Aber angesichts des rasch fortschreitenden Blutverlustes konnte der Überle- bende sicher nur noch kurze Zeit durchhalten. Die Polizei begann damit, Zuschauer von der Platt- form zu drängen, um auf diese Weise ein freies Schuß- feld auf den Mann zu haben. Schließlich wichen auch die Beamten selbst zur Seite. Der Verwundete sah sich um und wußte Bescheid. Er wandte sich dem Halbkreis vor ihm zu und knurrte nur: »Abschaum.« Ein Leutnant nahm einem seiner Männer den Blaster ab und trat vor. Er zielte auf die Brust des Überlebenden und wartete. Als sich der Renegat noch immer nicht er- geben wollte, senkte der Leutnant den Lauf der Waffe ein wenig. Ein dünner Strahl blitzte auf und trennte dem Mann das unverletzt gebliebene Bein ab. Der Renegat stürzte zu Boden, und nach wie vor hielt er das Messer in der einen Hand. Er stemmte rasch den Oberkörper in die Höhe und schien zum Kampf bereit zu sein. Ein weiterer Laserstrahl - und der rechte Arm fiel zu Boden, in der zur Faust geballten Hand das rote Messer. Das Gesicht des Renegaten wurde kalkweiß, und er verdrehte die Augen und kippte steif zur Seite., »Laßt ihn da liegen!« sagte der Leutnant. »In Ord- nung: Schafft die Leute fort!« Daraufhin forderten die Einsatzpolizisten die Zu- schauer auf, die Lifte zu benutzen, die nach den Rand- Plattformen führten. John machte wiederholten Ge- brauch von seinen Ellbogen, um den östlichen Ausgang zu erreichen. Nach einer ungewöhnlich höflichen Si- cherheitsüberprüfung betrat er einen fensterlosen Me- trowagen und nahm in einem der Sessel Platz. Nach und nach trafen weitere Passagiere ein. Schließlich schlossen sich die Türen mit einem leisen Zischen, und der Wagen fuhr an und glitt in den unterirdischen Tun- nel hinein. Dort beschleunigte er und passierte die En- klavenbarriere. John sah sich um und musterte die anderen Fahrgä- ste. Sie alle schienen großen Wert darauf zu legen, sich möglichst gleichgültig zu geben. Niemand wußte ge- nau, wohin er blicken sollte, und alle starrten einfach in die leere Luft. Zwanzig schuldige Fremde. John fragte sich, welchen Eindruck seine eigene Miene erweckte. Deutlich erinnerte sich Cunningham daran, wie er während der Zerstückelung der Todeskandidaten ge- schaudert und gefröstelt hatte. Noch immer konnte er das Gesicht des Renegaten vor sich sehen, während der Mann darauf gewartet hatte, daß der Leutnant auf ihn schoß. Und John begriff: Jener Namenlose war ein ech- ter Held gewesen. Ja, auch heute noch gab es Helden. Aber der Preis, den sie für ihr Heldentum bezahlten, war weitaus höher als in der Vergangenheit. Er war sogar noch höher, als sich John vorgestellt hat- te. Es mochte angenehmer sein, so überlegte er, von Abenteuern zu lesen, anstatt sie selbst zu erleben. War er bereit, für eine aussichtslose Sache zu sterben?' Konnte er sich als ebenso glaubensstark erweisen wie die Renegaten? Ganz sicher teilte er nicht ihren fanati- schen Haß auf das Neue Volk. Außerdem ergab es kei- nen Sinn, nur aus Langeweile zu einem Revolutionär zu, werden. John fragte sich auch, wie viele Renegaten aus diesem Grund den Untergrund gewählt hatten. Nun, darüber hinaus gab es für ihn keine Möglichkeit, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Schließlich veran- stalteten die Renegaten keine Werbeaktionen. Als John in sein Apartment zurückgekehrt war, ent- kleidete er sich und trat vor den Spiegel des Badezim- mers. Ein trauriger Anblick bot sich ihm dar. Sein Kör- per war ebenso schlaff wie der Frans. Warum hatte er das bisher noch nicht bemerkt? Niedergeschlagen wanderte Cunningham eine Zeit- lang in der stillen und leeren Wohnung umher, und schließlich ging er zu Bett. Am nächsten Morgen erwachte er früher als gewöhn- lich. Sein Kopf war geradezu erstaunlich klar, und er empfand eine ihn verblüffende Entschlossenheit. Er war Archivar. Ihm stand das gesamte Wissen seines Volkes zur Verfügung, und er hatte gelernt, das Wich- tige vom Unwichtigen zu trennen. In ihm rührte sich nun die Art von Aufregung, die er zu Beginn eines je- den neuen Forschungsprojektes empfand. Wenn es Antworten auf seine Fragen gab, so würde er sie finden. John holte sich einen Vorrat von Nahrungsriegeln aus der Küche und deponierte sie in der Schublade des Schreibtisches. Anschließend nahm er erwartungsvoll vor dem Computer Platz. Wie sollte er beginnen? Zuerst mußte er sich über das eigentliche Ziel des neuen Forschungsunternehmens klarwerden. Er wartete, und die Fingerspitzen zitterten über die Tastatur. Es fiel ihm nichts ein. Er lehnte sich zurück und starrte ins Leere. Der Bildschirm erhellte sich, und ein leises Summen ertönte. Der Anruf stammte von Gregory Mathews. John nahm ihn entgegen. »Hallo, Greg, wie geht's?« »Gut, danke, John. Ich wollte Ihnen gerade die glei- che Frage stellen, bin mir jetzt aber nicht mehr sicher, ob, das nötig ist. Sie sehen gut aus. Woher kommt das Lä- cheln?« »Vielleicht habe ich es irgendwo gestohlen.« »Nun, ich bin wirklich sehr erfreut. Wir haben uns alle große Sorgen um Sie gemacht. Und es geht Ihnen bestimmt besser?« »Ja, ganz bestimmt.« »Prächtig.« Mathews lächelte wohlwollend und zu- frieden. »Tja, morgen findet die wöchentliche Konfe- renz statt. Was meinen Sie? Glauben Sie, Sie könnten daran teilnehmen?« »Ah, ich weiß nicht ... Wissen Sie Greg, ich glaube, ich brauche noch ein wenig mehr Zeit, um nachzuden- ken. Und außerdem gibt es meinerseits nicht allzu viele Dinge, die ich mit den Kollegen besprechen muß.« »Haben Sie in der vergangenen Woche gearbeitet?« »Nun, eigentlich nicht.« Mathews runzelte die Stirn. »Wie lange dauert es Ih- rer Meinung nach noch, bis Sie wieder ganz einsatzfä- hig sind?« »Greg .ah .es geht nicht in erster Linie darum ... Ich meine, ich habe wirklich versucht, zu arbeiten, aber derzeit fällt es mir sehr schwer, mich auf die Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts zu konzentrieren. Ich bin auf etwas anderes gestoßen, das mir weitaus interessan- ter erscheint. Ich möchte Sie bitten, mir einige Wochen Zeit zu geben, damit ich mich eingehender damit befas- sen kann.« »Selbstverständlich. Um was geht es denn?« »Nun ... ah ... die Idee ist noch nicht .ich meine, ich habe noch keinen Projektentwurf angefertigt.« Mathews schüttelte ein wenig unwirsch den Kopf. »Den verlange ich auch gar nicht. Ich habe Sie nur ge- fragt, was Sie im Sinn haben.« »In Ordnung. Es geht um Kämpfe - und andere Din- ge.« »John, Sie haben doch eine Idee, oder?«, »Es tut mir leid, Gregory. Ich habe mich wirklich nicht gerade klar ausgedrückt. Nun, bei meinem Vorhaben geht es um Krieger, historische Indoktrinationsmetho- den, militärische Ausbildung und andere Dinge, die in Hinsicht auf Kampfvorbereitungen von Bedeutung sind. Ich glaube sogar, ein solches Forschungsprojekt könnte sich für unsere Polizei als recht nützlich erwei- sen.« »John, noch vor einer Woche haben Sie die Polizisten zur Hölle gewünscht. Ich habe ganz den Eindruck, dies hat etwas mit dem Tod Frans zu tun.« »Nein, da irren Sie sich, ganz bestimmt. Ich war nicht ich selbst, als wir letzte Woche miteinander gesprochen haben. Sie kennen mich gut genug, um zu wissen, daß ich kein Anarchist bin. Die Polizei übertreibt die Ge- waltanwendung zwar dann und wann, aber wir können nicht auf sie verzichten. Jeder, der das nicht begreift, muß ein Narr sein. Ich glaube, mein neues Projekt könnte in diesem Zusammenhang sehr interessant sein. Geben Sie mir wenigstens Zeit genug, um einige Ziel- angaben zu erarbeiten. Treffen Sie bitte keine Entschei- dung, ohne etwas Konkretes in der Hand zu haben.« »Na schön. In Ordnung. Mehr wollte ich gar nicht - nur ein wenig Klarheit. Ich hoffe, ich höre bald von Ih- nen.« Der Schirm wurde grau. John schwitzte. Fast hätte er die ganze Sache ver- patzt. Wenn er nur besser vorbereitet gewesen wäre. Aber trotzdem: Er hatte das sichere Gefühl, auf etwas gestoßen zu sein. Das Leben mochte wesentlich einfa- cher werden, wenn er diese Angelegenheit zu seinem offiziellen Forschungsprojekt machen konnte. Wenn sie glaubten, die Ergebnisse seiner Arbeit würden in bezug auf die Ausbildung der Einsatzpolizisten von Vorteil sein, sollte er eigentlich den Auftrag bekommen. Diebe- treffenden Leute sprangen auf alles an, was ein Mehr an Sicherheit bedeuten konnte. Letztendlich würde ihnen die Sache überhaupt nichts nützen. John beabsichtigte,, seine Entdeckungen sorgfältig zu sortieren und in sei- nem Abschlußbericht nur die unwichtigen Dinge zu er- wähnen. Wie sollte er beginnen? War es wirklich erforderlich, gleich zu Anfang die richtigen Fragen zu stellen? Seine Erfahrung bewies ihm das Gegenteil. Es kam in erster Linie darauf an anzufangen ... MILITÄRWISSENSCHAF- TEN: SIEHE KRIEGFÜHRUNG ZUR SEE, 19:558 .Ir- gendwo beginnen und aus den ersten Feststellungen die richtigen Schlüsse ziehen, darauf aufbauen ... AR- CHAISCHE KAMPFTECHNIKEN, 13:846B ... EFFEKTIVITÄT DER GUERILLA DES 20. JAHRHUNDERTS, 4:373E ... MONGOLISCHE KAVALLERIE??? - John stieß auf immer neue Querverweise, die schließlich eine große Einheit bildeten ... SIEHE ASSAGIOLI, ROBERTO: DIE MACHT DES WILLENS ... TAOISTISCHE KÖRPERUBUNGEN, 17:1093E ... BLUTZIRKULATION UND SAUERSTOFFBE- DARF, 2:1128A ... Die grafische Darstellung der Angaben hatte Ähnlichkeit mit einem Stammbaum, der nach oben hin immer mehr in die Breite wuchs: Jeder Hin- weis führte zu mehreren neuen ... FENCING'S ENT- SPANNUNGESLEHRE, 7:226B ... STICHWORT: MEDITA- TION ... Cunningham stieß auf bibliografische Anga- ben, die mehr als hundert Bücher betrafen. SMITH, ADAM: DAS POTENTIAL DES GEISTES ... ES KOMMT NICHT AUF DIE ANZAHL DER MUSKELKONTRAKTIO- NEN AN, SONDERN DAS AUSMASS DER SPANNUNG, DIE DIE URSACHE DAFÜR DARSTELLT ... Jeden Tag saß John vierzehn Stunden lang vor dem Bildschirm, und abends machte er erst dann Schluß, wenn ihm die Au- gen zufielen. Irgendwann einmal rief Gregory Mathews an. John erklärte ihm, er sei zu beschäftigt, und er würde bald zurückrufen. Er unterbrach die Verbindung. Er schrieb, löschte den Bildschirm und forderte wei- tere Hinweislisten an ... GESUNDHEIT, MENSCHLICHE, 8:687 .SIEHE KÖRPERLICHE ÜBUNGEN UND PHYSI-, SCHE VORBEREITUNG, 7:68 ... 20 PULSSCHLÄGE WENI- GER ALS NORMAL ... ZEN: INTUITION, REFLEXE, ME- THODIK, 10:1046 ... GESUNDHEIT ALS FEHLEN VON KRANKHEIT ... Bedeutete das, daß er gesund war? SUFI- PRAKTIKEN, 9:947E ... Bruno Hackman stieg aus dem Bus und schlenderte über die Straße. Der Wagen fuhr wieder an, glitt links an dem Polizisten vorbei und schwebte dabei auf seinen Luftkissen einen halben Meter über dem rissigen Pfla- ster, zwischen dem da und dort Unkraut wuchs. Hack- man trug zivile Kleidung: Es war gefährlich, sich ganz allein und in Uniform in den Rand zu wagen. Es gab hier zu viele Idioten, denen daran gelegen war, ihr Selbstbewußtsein mit der Erledigung eines Polizisten aufzupolieren. Hackman hatte zwei Pakete bei sich. In einem befand sich eine Flasche Aufmunterer, im anderen ein Bil- dungswürfel, ein Geburtstagsgeschenk für seine Nichte Connie. Er fragte sich, warum ihm nach wie vor daran gelegen war, seine Schwester zu besuchen. Warum machte er sich überhaupt diese Mühe? Vielleicht des- halb, weil sie etwas repräsentierte, was sich mit »Fami- lie« beschreiben ließ. Wenn ihr Mann nur nicht ein sol- cher Mistkerl gewesen wäre! Und mit den anderen stand es nicht viel besser. Nur Connie mochte ihn. Ja, Connie war Grund genug, die Reise zu unternehmen. Sie mußte jetzt ungefähr acht Jahre alt sein. Sheila und Dwight hatten damals Glück gehabt: Ein weiteres Jahr, und die Geburt eines unveränderten Kindes wäre in ih- rem Fall ein Verbrechen gewesen. Und die Tatsache, daß sie damals kein Gesetz gebrochen hatten, machte die Sache noch lange nicht richtig, zumindest nicht in einem moralischen Sinne. In diesem Punkt war Hack- man ganz sicher. Es wunderte ihn, warum Sheila da- mals nicht die Genetiker aufgesucht hatte. Welche Mut- ter wollte denn nicht, daß ihr Kind einmal erfolgreich, wurde? Sheila hatte ihrer Tochter ein weitaus besseres genetisches Potential verweigert, und deshalb erwartete Connie keine große Zukunft. Manchmal fragte sich Hackman, was aus ihm selbst geworden wäre, hätte seine Mutter ihn als Neuen Men- schen geboren. Bestimmt hätte er mehr Grütze im Kopf gehabt. Andererseits jedoch: Die Neuen Menschen hat- ten keinen Geschlechtsverkehr. Und was war das Leben ohne ein wenig Spaß? Hackman war sich gar nicht si- cher, ob er wirklich zum Neuen Volk gehören wollte. Es erweckte nicht gerade den Eindruck, als sei es sehr glücklich. Es schien sich um nichts zu scheren. Gele- gentlich war er sogar froh, daß Connie nicht verändert worden war. Trotzdem: Sheila hatte sich ihrer Tochter gegenüber nicht fair verhalten. Es wäre besser gewesen, sie hätte die Genetiker konsultiert. Hackman stieg die Treppe eines der kleinen aus Fer- tigteilen erbauten Reihenhäuser in die Höhe, die zu bei- den Seiten die Straße säumten, und klingelte. Sheila öffnete die Tür und wirkte recht besorgt. »Hal- lo, Bruno. Komm! Komm rein! Entschuldige bitte. Wir haben gerade eine schlechte Nachricht erhalten. Die Erwachsenen sind in der Küche und wissen nicht mehr ein noch aus. Connie befindet sich in unserem Zimmer. Es wäre nett, wenn du ihr guten Tag sagen würdest. Sie ist sicher recht enttäuscht, nicht im Mittelpunkt zu ste- hen. Schließlich ist heute ihr Geburtstag.« »Ich begrüße erst die anderen und gehe dann zu ihr.« Hackman folgte Sheila in den rückwärtigen Bereich des Hauses. Seine Schwester war eine eher unscheinbare Frau, und sie neigte dazu, dauernd den Mund zu ver- ziehen, wodurch sie älter aussah. Sowohl in ihrem als auch im Haar Brunos hatten sich schon recht früh graue Strähnen gebildet. Sheila hatte sich ihres inzwischen braun gefärbt. Hackman beließ seins grau: Er hatte die Erfahrung gemacht, daß seine Leute ihm dadurch aus irgendeinem Grund mit größerem Respekt begegneten., »Was für eine schlechte Nachricht meinst du denn?« fragte er, als sie in die Küche traten. Dwight saß hier, zusammen mit Ray und Celeste. »Das kann Dwight dir sagen«, erwiderte Sheila. »Ich wiederhole mich nur ungern«, stellte Sheilas Mann fest. »Erklär du es ihm, wenn du noch mehr Öl in die Flammen gießen willst.« Sheila zog Hackman einen Stuhl heran und bedachte Dwight mit einem warnenden Blick. Hackman nickte Ray und Celeste zu. Er wünschte sich bereits, sich an- ders entschieden und Connie aufgesucht zu haben. »Die ganze Woche über haben sie neue Geräte in Dwights Anlage gebracht«, berichtete Sheila und nahm ebenfalls Platz. »Heute mußte er feststellen, daß alles automatisiert ist. Und sie gaben ihm und den anderen Arbeitern zwei Wochen Zeit.« Dwight wandte sich Hackman zu. »Mit anderen Wor- ten: Deine Schwester und ihre kleine Tochter erhalten nur noch Sozialrationen. Und wir wissen alle, was vor einigen Jahren mit diesen Rationen geschah.« »Das war ein Unglücksfall«, sagte Hackman und be- herrschte sich mühsam. »Oh, natürlich.« Dwight nickte. »Ein Unglücksfall, dem hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Und du bist immer noch dämlich und verbohrt genug, um ...« »Dwight«, warf Sheila ein. »Fang bitte nicht wieder an!« »... dämlich und verbohrt genug, um ihnen das Mär- chen von dem Unfall abzukaufen.« Unter dem Tisch ballte Hackman die Fäuste. Er konnte den verdammten Hurensohn mit einem Schlag ins Jenseits befördern. Aber der Kerl war immerhin der Mann Sheilas. Irgendwann, so entschied Bruno, würde er es ihm heimzahlen. »Es war tatsächlich ein Unfall«, beharrte er. Ray meldete sich zu Wort - Ray der Friedensstifter,, Ray der Sanftmütige und Vernünftige, der trotz der Muskelpillen, die er schluckte, ein wenig zu voll wirkte. »Dwight, hör doch bitte auf, dich so zu verhalten, als ginge die ganze Welt unter. Unsere beiden Familien ha- ben sich immer gegenseitig geholfen. Tatsächlich bilden wir praktisch eine Einheit. Ihr werdet nicht auf die So- zialrationen angewiesen sein. Und was das Gift angeht: Ich bezweifle, ob sie es noch einmal versuchen werden. Ein weiterer >Unfall< in dieser Hinsicht, und sie haben es mit einem allgemeinen Aufstand zu tun. Das wissen sie ganz genau. Sie sind nicht dumm. Wie dem auch sei: Es kommt jetzt in erster Linie darauf an, nicht den Kopf zu verlieren. Eine Woche bevor wir irgend etwas der Fami- lie anbieten, probieren wir es selbst. Auf diese Weise bekommen sie wenigstens nicht die Kinder.« »Es geht nicht nur um die Rationen«, entgegnete Dwight. »Auch darum, morgens nicht mehr irgendwo- hin gehen zu können. Wir sind dann drei Erwachsene, die hier herumsitzen und sich gegenseitig auf die Ner- ven gehen. Und ich weiß, wie unausstehlich ich werden kann. Mist! Mir ist schon langweilig, wenn sie einen Ur- laub anordnen.« »Ja.« Ray nickte. »Mir ging es ähnlich. Bis sie die Schulen schlössen und ich half, Connie zu unterrichten. Ich habe dich immer im Glauben gelassen, ich würde dir einen großen Gefallen erweisen, Dwight. Aber das Ge- genteil ist der Fall: Die Arbeit mit deiner Tochter und dem Computer macht mir wirklich Spaß, und die Lek- tionen sind sehr interessant. Nimm doch daran teil!« Hackman hatte fast das Gefühl, unsichtbar zu sein. Irgendwie schlössen ihn die anderen mit ihrer Verhal- tensweise aus dem Gespräch aus. Erleichtert stand er auf und verließ die Küche. Niemand schenkte ihm Be- achtung. Das erste Zimmer im oberen Stock war das Rays und Celestes. Ihre Söhne schliefen im Kellergeschoß. Das andere Schlafzimmer teilte sich Connie mit ihren Eltern., Als Hackman eintrat, saß seine Nichte vor dem Bild- schirm. Sie drehte sich um. »Bruno, hast du mir ein Ge- burtstagsgeschenk mitgebracht?« Verlegen reichte er ihr das Paket. Zum Abendessen wurden gebackene Nahrungsriegel mit großzügig bemessener Tomaten- und Zwiebelbei- lage aufgetragen. Hackman fiel auf, daß sich die Jungen noch immer nicht hatten blicken lassen. Connies Ge- burtstag - und die jungen Männer hielten es nicht für nötig, sie zu besuchen. Vor einem Jahr hatte Hackman sie beide als mögliche Renegaten denunziert. Sheila wußte davon natürlich nichts, denn sie half den Jungen noch immer und war sehr stolz auf sie. Wenn sie von seiner Meldung erfahren hätte, wäre sie sicher sehr wü- tend auf ihn gewesen. Irgendwann aber, davon war Hackman überzeugt, würden sie das bekommen, was sie verdienten. Nach dem Abendessen öffneten sie die Flasche Auf- munterer. Die anderen verabschiedeten sich kurz dar- auf, und Hackman blieb mit Sheila allein in der Küche zurück. Er füllte ihre Gläser. »Das Essen war wirklich gut«, sagte er. »Danke, Bruno.« Sheila trank ihr Glas aus. »Wie geht es dir übrigens? Macht dir die Arbeit als Einsatzpolizist noch immer Spaß?« »Ja.« Hackman war überrascht. »Sollte ich denn nicht damit zufrieden sein?« »Ich weiß nicht. Eine gute Frage.« Hackman lehnte sich zurück. »Du bist noch immer scharf auf Ray, nicht wahr?« »Ich war es von Anfang an.« »Und sie wollen es nach wie vor nicht mit euch trei- ben?« »Nein.« »Ich habe es immer gesagt: Verdammte Arschlöcher sind es.« »Sie sind nur altmodisch, das ist alles.«, »Die ganze Sache ergibt einfach keinen Sinn«, sagte Hackman. »Ich habe noch nie zwei Familien gesehen, die so gut miteinander auskommen wie ihr. Warum, zum Teufel, habt ihr also nicht gemeinsam Spaß?« »Ich weiß nicht. Ich mache mir auch keine Gedanken darüber. Es ist sehr schön, Spaß zu haben. Aber ich kenne Paare, die sich nachher die ganze Zeit über ihre Partner streiten, mit denen sie's getrieben haben. Man- che Leute bringt so etwas fast um den Verstand. Wenn Ray und Celeste lieber allein bleiben möchten, so finde ich das durchaus in Ordnung. Wie steht's mit deinem Sexualleben? Sind eure Partnerinnen so gut, wie man allgemein sagt?« »Noch besser. Die Polizeiorgien sind die besten auf der ganzen Welt. Das kann ich dir versichern.« Sheila lächelte. »Ich habe mir schon des öfteren ge- dacht, daß ich mit meinem Drang eigentlich eine Partne- rin hätte werden sollen.« »Ach, Schwesterchen: Versteh mich bitte nicht falsch, aber ich glaube, das wäre nichts für dich.« »Warum denn nicht?« »Du bist nicht hübsch genug.« »Ich bin nicht ...?« Hackman beobachtete, wie sich der Gesichtsausdruck Sheilas veränderte und sie ihn zornig anblickte. »Nein, Schwesterchen, bitte faß das nicht als ... Ich meine, ich habe dir doch nur die Wahrheit gesagt. Und es ist doch nicht meine Schuld, daß du .« »Bruno, du warst schon immer der größte Mistkerl, den ich kenne. Ich habe keine Lust mehr, noch länger mit dir zu reden. Außerdem ist es schon spät. Du weißt ja, wo die Tür ist. Mach, daß du fortkommst!« John Cunningham saß schon seit einer ganzen Weile auf der Bettkante und sah sich außerstande, sich zu rühren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ganz plötzlich, ohne eine bewußte Entscheidung zu treffen,, stand er auf, verließ die Wohnung und betrat den Pend- ler. Ebene Zwei. Er hatte die Tür schon einmal geöffnet, vor Jahren. Wenn er sich recht erinnerte, war Ebene Eins ein unterirdisches Stockwerk. Er trat aus dem Pen- dellift. Es dauerte einige Minuten, bis er die Tür fand. Er passierte die Sicherheitsschranke des Wohnstocks und blieb stehen. Nichts geschah. Jetzt entsann er sich plötz- lich wieder und stemmte sich gegen die Tür. Sie be- stand aus massivem Stahl, und mit einem leisen Knir- schen schwang sie langsam auf. Nach der im Wohnstock herrschenden Dunkelheit blendete ihn das helle Licht. John zwinkerte, und mit der einen Hand beschattete er sich die Augen. Er erin- nerte sich nun auch wieder daran, wie enttäuschend seine erste Entdeckungsreise gewesen war. Des öfteren justierte er den Bildschirm auf eine Darstellung des Ge- ländes außerhalb des Wohnstocks, aber der sich ihm nun darbietende Anblick war weitaus weniger idyllisch. Bei dem, was auf dem Schirm als ein dichter Rasen er- schien, handelte es sich in Wirklichkeit um ein unebe- nes Terrain mit diversen Unkrautwucherungen und ei- nigen Flecken aus nacktem Boden. Ein kalter Wind blies ihm entgegen, und er fröstelte. Doch die Bücher versi- cherten, es würde ihm rasch warm werden, wenn er sich bewegte. Versuchsweise trat John einige Schritte vor und blieb wieder stehen. Seine Fußsohlen begannen zu schmer- zen: Der Untergrund war nicht glatt. Was sollte er jetzt machen? Er wanderte los und versuchte, die Füße an das unebene und steinige Gelände zu gewöhnen. Ja, es war möglich. Er ging langsam und hielt in dem Boden vor ihm aufmerksam nach Löchern Ausschau. Nach hundert Metern schnappte er bereits keuchend nach Luft. Aber die Bücher hatten ihn auch darauf hingewie- sen, und John wußte, daß er nicht in Form war. Er ging ruhig weiter, bis sein Atemrhythmus wieder normal, war. Dann lief er los. Nach weiteren hundert Metern mußte er erneut eine Pause machen. Zumindest war ihm jetzt nicht mehr kalt. Tatsächlich schwitzte er sogar. Ein unangenehmes Gefühl, an das er sich noch gewöh- nen mußte. Eine ganze normale Reaktion auf körperli- che Anstrengung. John drehte sich um und sah in Richtung des Wohn- stocks zurück. Er wirkte jetzt nicht mehr so groß wie zuvor, denn inzwischen war er schon ein ganzes Stück von dem Gebäude entfernt. Er empfand es als seltsam, fast als unheimlich, sich auf diese Weise im Freien zu befinden. Er bemerkte, daß seine Augen nicht mehr brannten und er wieder ruhig atmete. Daraufhin be- gann er ein weiteres Mal zu laufen. Dies war das Leben der alten Helden - ein unmittel- barer Kontakt mit der Natur. Die moderne Welt war so komfortabel und bequem geworden, daß sich niemand mehr mit der eigentlichen Realität auseinandersetzen mußte. Cunningham kam sich ziemlich verwegen vor. Die Bücher behaupteten sogar, Menschen seien selbst während des Winters im Freien gelaufen. Eine derartige Vorstellung erschien ihm fast unmöglich, aber für seine Vorfahren war das völlig normal gewesen. Also gut. Wenn er sich nur Zeit genug nahm, um seinen Körper nach und nach an die neuen Belastungen zu gewöhnen, sollte eigentlich alles in Ordnung kommen. John hielt es für völlig ausgeschlossen, daß sich ein Neuer Mensch auf diese Weise verhalten konnte. Er versuchte sich vorzustellen, wie sie über die freien Flä- chen zwischen den Wohnstöcken liefen. Nein. Unmög- lich. Sie interessierten sich nur für sehr wenige Dinge. Cunninghams Kinder waren ausgesprochene Lang- weiler gewesen. Wenn sein Sohn überhaupt vor dem Fernseher gesessen hatte, so nur, um die Bilder des Ver- zerrungs-Kanals zu betrachten: eine optische Verzer- rung nach der anderen, immer und immer wieder. Wenn diese Welt eines Tages allein den Neuen Men-, schen gehören würde, mußte sie sehr grau und uninter- essant sein. John war froh, das nicht miterleben zu müs- sen. Allerdings war die Welt schon jetzt ziemlich langwei- Er blieb stehen, richtete sich ganz auf und schrie so laut er konnte: »Wißt ihr Idioten eigentlich, wie lang- weilig ihr seid?« Beschämte Stille folgte seinen Worten. Niemand ant- wortete. John sah sich um. Die Farben der Blätter waren so in- tensiv. Der Wind blies ihm durchs Haar, und es fühlte sich gut an. Ja, er war sicher, es zu schaffen, sich an alles zu gewöhnen. Er zog sich das Hemd aus und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Ihm war nicht kalt. Er entschied, sich das Hemd nicht wieder überzustrei- fen und stopfte es sich hinter den Gürtel. Und dann be- gann er wieder zu laufen. Zehn Minuten später taten ihm die Füße weh, und er machte sich auf den Rückweg. Auf halbem Wege nach Hause humpelte er. Der Schmerz wurde so stark, daß er sich setzte und die Füße untersuchte. John ließ sich auf einem großen Grasbü- schel nieder, und die feuchte Kühle unter ihm war ihm ein wenig unangenehm. Er zog sich die Schuhe aus - und riß erstaunt und angeekelt die Augen auf. Auf dem rechten Strumpf zeigte sich ein Blutfleck. War das nicht ein Beweis für Mut? Durch reine Willenskraft hatte er sich eine Wunde zugefügt. Es widerstrebte ihm, den Strumpf auszuziehen und sich die Verletzung genauer anzusehen. Der Weg zurück nach dem Wohnstock war noch recht weit, und er bereute schon den verrückten Ausflug. Eine Zeitlang blieb John ganz still sitzen. Er versuchte sich dazu zu bringen, wieder aufzustehen und weiter- zugehen, aber er zögerte, sich die Schuhe anzuziehen. Sollte er den Weg barfuß fortsetzen? Er verzog das Ge-, sicht bei dem Gedanken, sich die Füße schmutzig zu machen, und er stellte sich die vielen Dornen und klei- nen und scharfkantigen Steine vor, die ihm die Haut der Fußsohlen aufkratzen würden. Vielleicht war es mit den Strümpfen nicht ganz so schlimm. Vorsichtig erhob er sich, griff nach den Schuhen und setzte sich wieder in Bewegung. Er hatte Durst. Als er die Tür des Wohnstocks erreichte, ging es ihm schon etwas besser. Die Füße schmerzten nicht mehr, und er hatte eine erstaunliche Leistung vollbracht. John drehte sich um und betrachtete sein Königreich. Jetzt konnte ihn nichts mehr aufhalten. An jenem Abend taten ihm die Knie und Knöchel weh, und die Haut der Schultern fühlte sich warm und angespannt an. Er musterte sich im Spiegel und stellte dabei fest, daß die Schultern eine rötliche Tönung ange- nommen hatten. Er humpelte ans Terminal und for- derte Informationen über Sonnenbrand an. Die roman- tische Vergangenheit erschien ihm nun zum Greifen nahe. Das Herz von Neu Chicago war ein großer und mit ei- nem dicken Teppich ausgestatteter Raum. Die weiße und gewölbte Decke erstrahlte in einem sanften Licht. In der Mitte des Saales stand ein großer runder Tisch mit neun Sesseln. Vor jedem Platz befand sich ein Computerterminal, und die dazugehörigen Tastaturen ließen sich unter dem Tisch hervorziehen. Jeden Mitt- woch trafen sich hier die neun regionalen Administrato- ren des Mittelwestens zu einer Besprechung. Überall auf der Welt gab es solche Repräsentanten des Neuen Volkes. Die Richtlinien der allgemeinen Politik wurden vom Globalen Rat bestimmt. Tatsächlich aber entwickelte man in diesem speziellen Raum auf der Sub- etage B der Zentrale von Neu Chicago nicht nur Lö- sungen für Probleme, sondern bestimmte auch die Zu- kunft der ganzen Welt. Denn Neu Chicago war der Mit-, telpunkt des Wandels. In der größten und sichersten Enklave des Neuen Volkes hatten sich die intelligente- sten Neuen Menschen versammelt, und unterstützt in ihren Bemühungen wurden sie vom leistungsfähigsten Biosiliziumcomputer, der bisher gebaut worden war. Ihre Aufgabe bestand darin, den Weg zu bestimmen, den die neue Spezies während der letzten Jahre des Al- ten Volkes zu beschreiten hatte. Ihre visionären Vorstel- lungen bauten das neue Utopia. Jakoba lehnte sich in seinem Sessel zurück und mu- sterte die ausdruckslosen Gesichter der anderen Ad- ministratoren. Hatten einige von ihnen die derzeitige Debatte ebenso satt wie er? Generu von der ökonomi- schen Abteilung und Verisi von den Medien diskutier- ten über ein Problem, das erst in etwa fünf Jahren akut werden mochte. Und bis dahin lag die Lösung bereits auf der Hand. Trotzdem hatten beide eine Liste von Fakten zusammengestellt. Jeder von ihnen legte Vek- torgleichungen vor und konnte die entsprechenden Wahrscheinlichkeiten beweisen. Jakoba erwog die Mög- lichkeit, eine dritte Vorhersage zu machen, um die Si- tuation noch komplizierter zu machen, aber er wußte, daß ihn die anderen nicht verstanden hätten. Der Sinn für Humor, den zu entwickeln er begonnen hatte, mochte sich noch als gefährlich erweisen, und er sepa- rierte ihn zunehmend von den anderen Neuen Men- schen. Die Administratoren unterhielten sich auf Basic. Der regionale Koordinator Sameva unterbrach sie. »Administratoren: Überlassen Sie diese Problematik doch der Verarbeitungskapazität Ops! Weisen Sie Ihre Mitarbeiter an, die verschiedenen Einschätzungsgrund- lagen einzuspeisen! Jakoba, soweit ich weiß, ist der Ge- waltindex für diese Woche höher als in der letzten.« »Das stimmt.« Jakobas Finger berührten die Sensoren der unter dem Tisch verborgenen Tastatur. Auf seinem Schirm erschien eine statistische Grafik. »Wie Sie wis-, sen, wurden zwei weitere Kinder umgebracht. Man konsultierte Sie alle, als es um die Entscheidung ging, die Veränderten in die Sperrgebiete zu beordern.« »Was veranlaßt Sie zu der Einschätzung, die Sperrge- biete seien sicherer?« fragte Tomeda. Jakoba sah den auf der anderen Seite des Tisches sit- zenden Genetiker an. Eine sonderbare, fast irrationale Frage - mit einem hohen Besorgnisindex. »Weil es in diesem Jahr in der betreffenden Region nur zu einem Mord kam. Statistisch bedeutet das eine höhere Sicher- heit.« Tomeda gab keine Antwort. Weder bestätigte er die Tatsache, noch stellte er sie in Frage. Stille folgte, und nach einigen Sekunden fuhr Jakoba fort: »Darüber hinaus kam es zu zwei Angriffen auf Neue Menschen. In beiden Fällen reagierten die Polizi- sten rechtzeitig genug, bevor die Attentäter Schaden anrichten konnten. Außerdem sind auf der Liste noch drei tote Beamte verzeichnet. Zwei von ihnen kamen innerhalb der Enklave ums Leben.« Tomeda beugte sich vor. »Dann müßte die Statistik doch eigentlich darauf hindeuten, daß der Rand sicherer ist als die Enklave.« »Eine, wie wir beide wissen, abwegige Annahme.« Jakoba war geradezu verblüfft von der tendenziösen Sturheit Tomedas. Natürlich war der Genetiker alles andere als dumm. Welche Absichten verfolgte er? »Die Rand-Gewalt hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Wenn die Polizisten dort patrouillieren, sind sie auf alles gefaßt. Im Innern der Enklave gehen die Beamten in der Regel allein auf Streife, und das bringt sie in Gefahr.« »Können Sie uns eine Lösung dieses Problems anbie- ten?« fragte Sameva. »Ich habe zwar den Vorschlag un- terstützt, die Kinder ins Sperrgebiet zu transferieren, aber dadurch wird nicht etwa der Gewalt die Grundlage entzogen, sondern in erster Linie unsere eigene Freiheit beschränkt.«, »Eine Lösung?« wiederholte Jakoba nachdenklich. »Nein. Obgleich ich wie Op die Wechselbeziehungen zwischen der Arbeitslosigkeit im Rand und der Höhe des Gewaltindexes kenne. Und ich ziehe meine Schlüsse daraus: Wenn der Automatisierungsprozeß weiter vorangetrieben wird, müssen wir mit einer Pe- riode weiter ausufernder Gewalt rechnen.« »Das hört sich fast so an, als wollten Sie das Automa- tisierungsprogramm beenden«, warf Generu ein. »Nein. Ich möchte Ihnen nur die Konsequenzen klarmachen.« »Jakoba«, sagte Sameva, »bei der von Ihnen erwähn- ten Korrelation handelt es sich nicht um eine unab- wendbare, sondern nur eine mögliche Folge. Und selbst wenn Ihre Warnung tatsächlich eine ganz konkrete Grundlage hätte: Es bleibt uns kaum eine andere Wahl. Es müssen alle Probleme in Hinsicht auf die Automation gelöst werden, bevor wir das Programm weltweit star- ten. Wir können uns dieser Verantwortung nicht ent- ziehen. Generu, ist Ihr Bericht noch in Arbeit?« »Bis Freitag wird er über die Terminals abrufbar sein. Um alles auf einen Nenner zu bringen: Es erscheint uns unsinnig, weiterhin Personal aus dem Alten Volk einzu- setzen. Es gibt keine Arbeit, die nicht von einem Droi- den wesentlich effizienter und billiger erledigt werden könnte. Wir wären dazu in der Lage, innerhalb der nächsten zehn Jahre alle notwendigen Prototypen zu konstruieren.« »Und Sie haben nicht den geringsten Zweifel daran, daß Droiden in jedem Fall besser sind?« fragte Verisi. Als Medien-Administratorin war sie die einzige, die zumindest dann und wann die Faszination Jakobas in bezug auf das Alte Volk teilte. »Ich erinnere mich an eine Meldung über maschinelle Geburten und compu- terüberwachte Erziehung ..« »Verisi.« Tomeda starrte sie groß an. »Sie glauben doch nicht etwa Ihrer eigenen Propaganda? In einem, unserer Laboratorien hatten wir eine künstliche Gebär- mutter, die fast sechzig Jahre lang einwandfrei funktio- nierte.« »In diesem Zusammenhang wollte ich ohnehin eine Frage stellen«, warf Generu ein. »Warum die negativen Berichte in den Medien? In Wirklichkeit kommt der arti- fiziellen Gebärmutter doch eine tadellose Leistungs- quote zu.« »Aus gutem Grund«, erwiderte Sameva. »Er ergab sich kurz nach den Unruhen von 2029, und er steht in Zusammenhang mit der allgemeinen Thematik der Er- ziehung und des Aufwachens. Es gab damals Bestre- bungen, die darauf abzielten, uns völlig vom Alten Volk zu isolieren. Das jedoch hätte unter anderem bedeutet, daß wir unsere Kinder selbst großziehen, was vielen als völlig ausgeschlossen erschien. Wenn sich aber Ange- hörige des Alten Volkes um die Kinder kümmern soll- ten, so ergaben unsere Studien, daß ein neunmonatiges Heranreifen in einer organischen Gebärmutter sehr wichtig ist. Die intrauterine Schwangerschaft fördert eine starke Beziehung zwischen der Mutter und dem Kind, eine emotionale Bindung, die durch eine extraute- rine Reifung nicht in dem Maße gewährleistet werden kann.« »Ich würde gern noch eine weitere Anmerkung ma- chen«, sagte Verisi. »Und diesmal, ohne dabei unterbro- chen zu werden. Der Bericht über maschinelle Gebur- ten und computerüberwachte Erziehung deutet darauf hin, daß das von Geräten exakt kontrollierte Aufwach- sen der Kleinkinder zu Persönlichkeitsdeformationen führt.« »Nun, die genetisch veränderten Kinder betrifft das sicher nicht«, spottete Generu. »Die Studie wurde in Hinsicht auf Kinder des Alten und des Neuen Volkes durchgeführt«, gab Verisi ruhig zurück. »Und die psychischen Beeinträchtigungen lie- ßen sich in beiden Gruppen nachweisen. Es gibt nach, wie vor einige Gemeinsamkeiten zwischen uns und dem alten Homo sapiens.« »Das kann ich kaum glauben«, erwiderte Generu. »Ich bin sicher, ich könnte Ihnen einige nicht kontrol- lierte Variablen zeigen, wenn Sie mir den Bericht vor- legten.« »Er wurde im Verlauf der letzten dreißig Jahre von Angehörigen unseres Volkes verfaßt«, sagte Verisi. »An den dargelegten Schlußfolgerungen kann kein Zweifel bestehen. Mir ist ebensowenig wie Ihnen daran gele- gen, kleine Kinder trockenzulegen und zu wickeln. Das Alte Volk ist sehr kinderlieb und deshalb emotional für derartige Aufgaben bestens konditioniert. Ich glaube, ich habe hiermit gerade zumindest einen Nutzen der Alten Menschen verdeutlicht.« Generu schüttelte den Kopf. »Das ist ein Trugschluß, Verisi. Falls notwendig, statten wir die Droiden mit ei- nem Zärtlichkeitsfaktor aus.« Mit einem Lächeln kom- mentierte Generu die Absurdität einer solchen Vorstel- lung. »Wir versehen sie mit weichen und kissenartigen Außenflächen und einem Datenspeicher mit schnulzi- gen Versen, die zu immer neuen Kinderliedern anein- andergereiht werden können. Nun, wir sollten die Dis- kussion dieses Punktes jetzt besser beenden. Ich schlage vor, Sie befassen sich noch einmal eingehend mit dem Bericht, ehe Sie meine Anregungen kritisieren.« »Wir sprechen erneut über Dinge, die noch nicht ak- tuell sind.« Sameva lächelte liebenswürdig. »Verisi mag mit ihren Einwänden durchaus recht haben. Anderer- seits jedoch besteht unsere Aufgabe hier in Neu Chi- cago darin, zu experimentieren, festzustellen, mit wel- chen Problemen wir es zu tun haben und Lösungen da- für zu finden. Ich schlage vor, wir befassen uns mit sol- chen Fragen, wenn sie unmittelbare Antworten verlan- gen.« »Unser derzeitiges und ganz aktuelles Problem«, sagte Generu, »besteht in der Eliminierung des Alten, Volkes und der Beschränkung der Gewalt während die- ses Prozesses.« »Das ist tatsächlich eins der Themen, die wir heute erörtern sollten«, pflichtete Sameva bei. »Abgesehen von permanenter Überwachung der Gewalt brauchen wir eine langfristige Lösung. Ich war im Jahre 2029 hier. Selbst wenn Sie sich eingehend mit den Aufzeichnun- gen der Unruhen beschäftigen, können Sie sich kaum ein Bild von der Gewalt machen, die ein Teil des We- sens des Alten Volkes ist. Wir dürfen auf keinen Fall zu- lassen, daß es noch einmal zu einem allgemeinen Auf- stand kommt. Jakoba, dies fällt in Ihren Zuständigkeits- bereich. Haben Sie eine Idee?« »Ich halte einen Aufstand für ausgeschlossen«, ant- wortete Jakoba. »Verlieren Sie aufgrund einiger verein- zelter Terroranschläge nicht den Blick für die Realität. Es ist ein Faktum, daß es uns erfolgreich gelingt, die Gewalt in Grenzen zu halten. Der größte Teil richtet sich ohnehin gegen das Alte Volk selbst. Nur ein ver- schwindend geringer Prozentsatz erreicht uns.« »Ach, Jakoba«, warf Tomeda ein. »Das bedeutet aber nicht, daß es auch in Zukunft so bleiben wird. Gestern bat ich Op darum, mir ein Kalkulationsmodell in bezug auf die Gewalt des Alten Volkes zu erstellen. Der Rech- ner extrapolierte daraufhin den gegenwärtig ansteigen- den Index und kam zu dem Schluß, wir müßten inner- halb der nächsten fünf Jahre mit einer Revolte rechnen.« Dumpfer Ärger nagte an der Peripherie der Fassung, die Jakoba zu wahren versuchte. Es war typisch für To- meda, ihn während einer Besprechung mit einem sol- chen Hinweis zu konfrontieren. Und warum hatte er nicht selbst daran gedacht, eine derartige Berechnung durchführen zu lassen? Aber konnte Op in Vlieser Hin- sicht überhaupt eine zuverlässige Aussage machen? »Tomeda, Sie wissen genau, daß solche Voraussagen kaum mehr sind als nur Angaben über Tendenzen.« »Ach, ja? Sollen wir sie deshalb einfach ignorieren?, Die Möglichkeit besteht. Und sie wird immer wahr- scheinlicher, wenn wir sie nicht beachten. Wir müssen etwas unternehmen.« »Die Lösung des Problems«, sagte Generu, »besteht in der Erweiterung der Polizei-Streitmacht.« »Das ist keine Lösung«, widersprach Tomeda. »Da- durch wird nichts verhindert. Außerdem zeichnen sich gerade die Polizisten durch eine extensive Gewaltan- wendung aus.« »Andererseits können wir das Leben eines jeden ein- zelnen Beamten auf Knopfdruck auslöschen«, sagte Ja- koba. »Alle diesbezüglichen Untersuchungen bestäti- gen ihre Loyalität uns gegenüber. Generu hat recht. Es stehen uns nicht genügend Leute zur Verfügung - ob- gleich wir jeden Kandidaten ausbilden, der in Frage kommt. Wir könnten die Streitkräfte nur dann verstär- ken, wenn wir den Sicherheitsstandard senken. Und ich bezweifle, ob jemand von Ihnen bereit ist, sich von ei- nem Einsatzpolizisten schützen zu lassen, der nicht die Psychotests absolviert hat.« »Könnten wir nicht die Rekrutierungspropaganda in- tensivieren?« fragte Generu. Verisi schüttelte den Kopf. »Unserer Meinung nach haben wir schon den Sättigungsgrund erreicht.« »Eine Verstärkung der Polizei-Streitmacht wird nicht die bevorstehenden Unruhen verhindern«, erklärte Tomeda. »Ich habe Op diese Lösung für das Kalkula- tionsmodell angeboten. Sie führte zu keiner positiven Veränderung. Wir müssen die gewalttätige Bevölke- rung eliminieren, um dem Aufstand zuvorzukommen.« »Oder sie beschäftigt halten«, konterte Jakoba. »Die Hitzköpfe sind überwiegend sehr jung. Wenn die Ar- beitslosigkeitstheorie korrekt ist, müssen wir den jun- gen Leuten etwas zu tun geben. Ein fünfzigjähriger Al- ter Mensch ohne Arbeit trinkt Aufmunterer und hockt in seinem Apartment. Ein Teenager hingegen wird auf- sässig.«, Universitätsadministrator Banara hatte sich während des bisherigen Verlaufs der Konferenz als ungewöhn- lich schweigsam erwiesen und einen nachdenklichen Eindruck erweckt. Jetzt hob er den Kopf. »Was nur wie- der einmal beweist, wie wichtig die Billigung des allge- meinen genetischen Gesetzes für die Zukunft Afrikas ist.« Sameva schüttelte den Kopf. »Banara, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Angelegenheit zu dis- kutieren.« »Sie irren sich. Ich möchte meiner Enttäuschung über die am letzten Wochenende vom Globalen Rat getrof- fene Entscheidung zum Ausdruck bringen. Es ist schwachsinnig, Afrika in dieser Hinsicht erneut ein Jahr Zeit zu geben. Hier in Neu Chicago brauchen wir uns eines Tages keine Sorgen mehr zu machen. In rund dreizehn Jahren sind die letzten Kinder des Alten Vol- kes erwachsen. Dann gibt es keine jungen Leute mehr, die uns Schwierigkeiten machen könnten. Für Afrika aber ist ein solches Ende noch nicht in Sicht - es sei denn, wir sind so vernünftig, es zu erzwingen. In jedem Jahr werden auf diesem Kontinent weitere fast eine Mil- lion genetisch unveränderte Kinder geboren. Irgend- wann müssen wir den Preis für die jüngste und mir völ- lig unverständliche Entscheidung des Globalen Rates bezahlen.« Tomeda nickte zustimmend. »Und was für ein Wahn- sinn treibt uns dazu, nicht einzuschreiten, obgleich Ti- bet keine Neue Menschen duldet?« »Administratoren.« Samevas Stimme klang müde. »Es ist nicht unsere Aufgabe, die Politik des Globalen Rates in Frage zu stellen. Im Hinblick auf das afrikani- sche Problem bin ich ganz Ihrer Meinung, aber bei der Abstimmung waren wir in der Minderheit. Vielleicht er- ringen wir im nächsten Jahr den Sieg. Tomeda: Tibet ist eine isolierte Region und stellt keine Gefahr für uns dar. Und es wäre doch sicher nicht schlecht, noch ein altes, genetisches Reservoir zur Verfügung zu haben, sollte sich in hundert Jahren herausstellen, daß unsere Mani- pulationen fehlerhaft waren. Bei dieser Konferenz aller- dings geht es in erster Linie um unsere Sicherheit hier in Neu Chicago. Und in diesem Zusammenhang kommen wir nicht weiter, wenn wir über globale Politik spre- chen. Nun, wie eliminieren wir die Gefahr der Gewalt des Alten Volkes?« Gelangweilt von dieser Frage lehnte sich Jakoba in seinem Sessel zurück. Seiner Ansicht nach stellte die Gewalt insbesondere außerhalb der Enklave kein ei- gentliches Problem dar. Doch jetzt würden sich seine Kollegen mit immer neuen Vorschlägen an ihn wenden und ihm die absurdesten Ratschläge in bezug auf die Leitung der Polizei geben. Dieser Tag mochte sich noch als sehr anstrengend erweisen., ZWEITER TEIL

Herbst 2059

, Ein schlanker und drahtiger Mann lief leichtfüßig über den rissigen Asphalt der Landstraße. Er trug eine blaue kurze Hose und in eigener Handarbeit entstandene Ny- lonschuhe mit Polyurethansohlen. Seine Haut war ge- bräunt, und die Sonne hatte ihm die Haare blond ge- bleicht. John lief schon seit über einer Stunde. Er hätte sich bereits auf den Rückweg gemacht, wäre er nicht durch Zufall auf den Weg gestoßen. Es war zumindest unge- wöhnlich, so nahe der Stadt offenes Land zu finden, das nicht als Baugrund für Apartmentkomplexe verwendet worden war. Die Äste und Zweige der Bäume formten ein Dach über ihm, und er hatte gerade zwei alte Häuser passiert, die ein wenig abseits der Straße standen. Links sah er ein aufgegebenes Lager, und rechts erstreckte sich ein ebenes Gebiet, das einmal als Acker gedient ha- ben mochte. Es rollten längst keine Fahrzeuge mehr über die Straße: Unkraut wuchs dicht und üppig aus den vielen Rissen und Fugen im aufgeplatzten Boden- belag, und vergessen wand sich das graue Band jenseits der fensterlosen Wälle der übervölkerten Stadt dahin. Es war ein herrlicher Tag, um im Freien zu laufen, kühl und fast völlig klar. Die anfänglichen Schmerzen im linken Knie Johns behinderten ihn inzwischen nicht mehr. Er atmete ruhig und gleichmäßig: Er brauchte vier Schritte, um einzuatmen, und noch einmal vier fürs Ausatmen. Seit rund dreißig Minuten bewegte er sich auf diese Weise. Vielleicht, so überlegte er, sollte er jetzt einen Sprint einlegen und anschließend die höhere Laufgeschwindigkeit eine Weile halten. Ja, das erschien ihm als eine gute Idee. Er fühlte sich recht kräftig. »So, und jetzt bleiben Sie stehen. Eine falsche Bewe- gung, und Sie haben keine Beine mehr!« Überrascht und verwirrt befolgte John die Anwei- sung. Vor ihm trat ein Polizist auf die Straße und zielte mit dem Blaster auf die Knie Cunninghams. John konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, und zuerst, fiel ihm nur ein, daß man den Durchlaß gefunden hatte, den er benutzte, um durch den Wall zu gelangen. Aber das war doch kein Verbrechen. Die ganze Sache ergab einfach keinen Sinn. Trotzdem fühlte er sich schuldig und kam sich in den selbst hergestellten Nylonschuhen und der kurzen Hose wie ein Renegat vor. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß er nicht in diese Welt gehörte. »Die Information war also richtig.« Die zweite Stimme hatte ihren Ursprung hinter John. Er war ver- sucht, sich umzudrehen, wagte es aber nicht, diese Ab- sicht in die Tat umzusetzen. Er hörte das Geräusch sich nähernder Schritte. »Wir haben heute ziemliches Glück. Am besten, Sie benachrichtigen die anderen. Ich passe auf ihn auf.« Der zweite Polizist trat vor und gelangte damit ins Blickfeld Johns. Als der Beamte weiter vorn nach seinem Droiden griff, vernahmen sie einen schrillen Ruf, und die Uni- formierten drehten sich um. Nicht weit entfernt stand ein dürrer alter Mann, winkte und näherte sich ihnen rasch. Er hielt sich stark vornübergebeugt, und offenbar fiel es ihm schwer, die Arme zu heben und zu gestiku- lieren. »Hallo«, krächzte er an die Adresse der Polizisten ge- richtet, noch bevor er sie erreicht hatte. »Dem Himmel sei Dank, daß Sie hier sind. Immer dann, wenn man am dringendsten Hilfe braucht, trifft sie gerade noch recht- zeitig ein.« Der Greis war nun fast heran. Er hatte wei- ßes Haar, und sein dürrer Leib schien an den unmög- lichsten Stellen Ecken und Kanten aufzuweisen. Er wirkte sehr ausgezehrt und erschöpft, aber in seinen Augen funkelte es belustigt. »Ach, meine Herren Polizi- sten, Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich dar- über freue, daß Sie gerade jetzt gekommen sind ...« Der alte Mann erlitt einen Hustenanfall und begann am ganzen Körper heftig zu zittern. Er griff nach dem Arm des ihm nächsten Uniformierten, und er beugte sich, vor, um sich abzustützen. Dadurch näherte er sich dem Polizisten rechts neben John. »Bitte entschuldigen Sie, wenn ich ..« Er hustete erneut, keuchte und spuckte auf den Boden. »Wissen Sie, meine Lungen .« Eine faltige Hand bewegte sich ruckartig in Richtung des ersten Beamten, und plötzlich wurde die ganze Szene irreal. Der alte Mann umfaßte beide Läufe des Blasters. Für einen Sekundenbruchteil rangen die bei- den Gestalten praktisch bewegungslos miteinander. John zwinkerte, und erstaunt sah er, wie der Polizist durch die Luft flog und mit dem Kopf voran aufs Pfla- ster stürzte. Der Greis streckte erneut den Arm aus, und der zweite Uniformierte ließ die Waffe fallen. Ein kurzes Handgemenge schloß sich an, und der alte Mann drehte sich rasch um die eigene Achse und hielt dabei die Hand des Beamten fest. Irgend etwas knackte, und der Uniformierte gab einen Schrei von sich. Der Greis ver- setzte ihm einen jähen Schlag gegen die Kehle, und der Polizist sackte in sich zusammen. Daraufhin wandte sich der alte Mann John zu. Er hatte ein kantiges Gesicht mit schmaler Nase und her- vorstehenden Jochbeinen. Sein Blick war ruhig, fast traurig. Verblüfft stellte John fest, daß sein Gegenüber ebenso groß war wie er selbst. »Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Eingreifen richtig war«, sagte der Greis. »Andererseits: Das Verhör hätte Ihnen wahrscheinlich das Leben gekostet. Wie dem auch sei: Man wird Sie suchen. Sie sollten so rasch wie möglich von hier verschwinden.« Der alte Mann betrachtete die reglosen Polizisten. »Sie haben doch keine Meldung gemacht, oder?« »Nein, ich glaube nicht.« Der Greis nickte, sah erneut John an und runzelte die Stirn. »Wissen Sie, ich habe den Beamten natürlich et- was vorgemacht.« John erstarrte regelrecht, als ein Airwagen über sie hinwegschwebte. Aber der Schweber wies nicht das, Emblem der Polizei auf. Das Fahrzeug setzte sanft auf, und der Mann im Innern rief: »Von einem Nullprojektor ist weit und breit nichts zu sehen.« Er stand auf und nahm in einem rückwärtigen Abteil des Airwagens eine kurze Kontrolle vor. »Nein, nichts. Wir haben Pech.« Der alte Mann zog einem der Polizisten den Ring vom Finger. »Ist nicht Ihre Schuld. Wenn Sie zurückkehren, sollten Sie dem Betreffenden den Kopf waschen.« Er er- griff einen der beiden Blaster und trat einige Schritte von den bewußtlosen Uniformierten zurück. »Entschuldigen Sie«, sagte John. »Könnte ich mit Ih- nen kommen? Ich versuche schon seit längerer Zeit, mich mit Renegaten in Verbindung zu setzen.« »Es tut mir leid, aber das ist nicht möglich.« Der alte Mann wandte den Blick nicht von den Einsatzpolizisten ab. »Wir kennen Sie nicht.« »Bitte.« Der Greis drehte sich um und musterte John. Ihre Blicke begegneten sich einige Sekunden lang. Anschlie- ßend richtete der alte Mann seine Aufmerksamkeit wie- der auf die Beamten, nahm einen Ring zur Hand und reichte ihn John. »Rechte Hand, Mittelfinger.« Er gab Cunningham auch den Blaster und nickte in Richtung der beiden Bewußtlosen. »Wir müssen sie erschießen. Übernehmen Sie das!« John starrte auf die Waffe in seiner Hand. Sie war schwerer als erwartet, und seltsamerweise schien ihr Gewicht mit jeder verstreichenden Sekunde weiter zuzunehmen. Er fühlte sich schwach und schwankte. Die beiden Polizisten lagen völlig wehrlos vor ihm, und einer von ihnen begann sich nun zu bewegen. »Erledigen Sie sie!« Die Aufforderung kam aus weiter Ferne. »Wie handhabt man den Blaster?« Seine eigene Stimme? »Pressen Sie sich den Kolben an die Schulter und drücken Sie einfach ab.«, John spürte, wie er nickte. Die beiden Uniformierten vor ihm waren nur noch silbrige und purpurne Flek- ken. Er begriff, daß ihm die Augen tränten. Ganz plötzlich das Fauchen einer Entladung, und der Bla- ster erzitterte. Dann ein zweites, explosionsartiges Zi- schen. Jemand versuchte, ihm die Waffe aus der Hand zu nehmen. John konnte sie nicht loslassen; die Finger, die sie krampfhaft festhielten, entzogen sich seiner bewuß- ten Kontrolle. »Entspannen Sie sich!« sagte der alte Mann. »Wir können den Blaster nicht mitnehmen. Der entspre- chende Droide funktioniert noch, und wir haben keinen Nullprojektor.« Er zerrte die Waffe an sich, holte aus und warf sie ins Gebüsch. John deutete auf die beiden Toten. »Sind Sie jetzt zu- frieden?« »Das beweist überhaupt nichts. Aber steigen Sie trotzdem ein.« Der alte Mann öffnete die Heckklappe und half John ins Innere des Schwebers. »Ihr Droide, rasch: Werfen Sie ihn fort!« Der Greis ließ die Luke offen und nahm in einem der vorderen Sitze Platz. Der Airwagen bewegte sich. John riß sich den Droiden vom Handgelenk und schleuderte ihn ins hohe Gras. Seine Beine hingen noch immer aus der geöffneten Heckklappe; er zog sie an, umfaßte den Griff und zog die Luke zu. Kommandeur Earl Washington glaubte an die Intelli- genz. Seiner Ansicht nach waren Hunde wichtiger als Schlangen; der Homo sapiens schlug den Affen und die Neuen Menschen wiederum das Alte Volk. Noch als Kind hatte er die Debatten verfolgt, und er war davon überzeugt, daß diejenigen, die in emotionaler Hinsicht nicht über ihren eigenen Schatten springen konnten, nur mehr Relikte der Vergangenheit waren. Die alten Denkweisen hatten die Zivilisation hervorgebracht,, gleichzeitig jedoch über Jahrzehnte hinaus die Welt an den Rand des Untergangs gesteuert. Die Menschen mußten lernen und weitaus klüger und weniger ver- rückt werden, wenn die Spezies überleben sollte. Und genau das hatten die Genetiker ermöglicht. Zu den ersten genetischen Erfolgen war es im Jahre 1997 gekommen: Leute mit einem so hohen IQ, daß die Psychologen nicht mehr wußten, wie sie ihn überhaupt messen sollten. Die neue Version des Homo sapiens wuchs schneller auf, gelangte schneller zur Ge- schlechtsreife und zeichnete sich durch eine ruhige und ausgeglichene Wesensart aus, der es zum Glück an dem Gewaltpotential des Alten Volkes mangelte. Der Neue Mensch stellte ein ethisches, gerechtes und vernünfti- ges Wesen dar, das von seiner Anlage her nicht zu Wut und Zorn befähigt war. Jene Eltern, die keine spätere Benachteiligung ihrer Kinder wollten, suchten die Genetiker auf. Schließlich war Schönheit nur relativ. Außerdem erwiesen sich die Augen der Betrachter mit der Zeit als recht anpassungs- fähig, und Liebe ist ein erstaunlich wirksames Anody- num. Zwar erwiderten die Kinder später die elterliche Liebe nicht annähernd in diesem Ausmaß, aber ande- rerseits erwiesen sie sich als sehr ordentlich und folg- sam. Und als sie aufwuchsen, nahmen sie rasch wich- tige Schlüsselpositionen ein. Weitere Eltern folgten dem Beispiel der Avantgarde. Und Staaten, die nicht hinter der allgemeinen Entwicklung zurückbleiben wollten, begannen ihre eigenen Gen-Programme. Dann und wann kam es zu Gewaltausbrüchen, die sich gegen die Neuen Menschen richteten. Eine dumme und xenophobische Reaktion auf das andere und Un- bekannte. Besonders wichtige Angehörige des Neuen Volkes machten es sich zur Gewohnheit, sich von Leib- wächtern schützen zu lassen. In dieser Funktion hatte Earl Washington sein erstes Jahr bei der Polizei verbracht: als Leibwächter des Kon-, greßabgeordneten Sameva. Es war eine sehr ange- nehme und wenig anstrengende Arbeit gewesen, die ihm die nötige Zeit für die Beendigung seiner Doktorar- beit über die Ethik der Polizei gegeben hatte. Damals, im Jahre 2025 - im Jahr der Unterzeichnung des Ehe- kontraktes mit Natalie. Sowohl Earl als auch Natalie wa- ren Rationalisten, und aus diesem Grund hatten sie die Genetiker konsultiert. Ihre vier Kinder waren als Neue Menschen geboren worden. Washingtons Karriere bei der Polizei war aus mehre- ren Gründen ziemlich steil: Er erwies sich als gebildeter als die meisten anderen, und er wurde zweimal auf- grund seiner Verdienste ausgezeichnet; darüber hinaus gereichte ihm die Arbeit für Sameva nicht zum Nachteil. Nach vier Jahren war er bereits Captain. Nach einer weiteren Woche - einer Woche, die wie eine halbe Ewigkeit gewesen war - machte man ihn zum Polizeichef. Nach jener Woche, in der die Unruhen von 2029 auf Chicago übergriffen. Im Gegensatz zu seinen Vorgesetzten hatte Washing- ton damals nicht gezaudert. Er füllte ein Machtvakuum aus, und sieben Tage und Nächte lang leitete nur er al- lein die gesamte Polizei. Für die Männer, die unter sei- nem Befehl kämpften, wurde er fast zu einem Mythos. Immer war er da, wenn man ihn brauchte, und er brachte Ordnung ins Chaos, schuf Enklaven, schickte Patrouillen aus, ließ Barrikaden errichten und leitete die Vorstöße, die verhinderten, daß der Mob eine einheitli- che Strategie entwickeln konnte. Für Washington be- gann eine schier endlose Zeit des Einsatzes, und in jeder Nacht sah er Chicago brennen. Noch dreißig Jahre spä- ter erinnerte er sich an das rote Glühen über der Stadt, das so sehr in den Augen schmerzte. Manchmal erlebte er in seinen Träumen erneut die Märsche, die die Kirche der Geschöpfe Gottes veranstaltet hatte. Er beobachtete dann, wie Tausende von Menschen durch die Straßen zogen, direkt in das Maschinengewehrfeuer hinein., Und das bestätigte ihm einmal mehr den Wahnsinn der Wesensart seines eigenen Volkes. Nachdem man die Trümmer Chicagos beiseite ge- räumt hatte, wurde Earl Washington zum Polizeichef ernannt. Und infolge der gerade bewältigten Probleme und der vielen auch persönlichen Opfer wurde die Poli- zei zum Ordnungsinstrument des Neuen Volkes. Der gewaltsame Widerstand den Neuen Menschen gegenüber endete mit den Unruhen von 2029. Von An- fang an hatten die Angehörigen des Neuen Volkes im Hintergrund die Fäden in der Hand gehalten. Jetzt er- griffen sie unmittelbar die Macht, und innerhalb kurzer Zeit wurden sie zur Aristokratie einer gewandelten Ge- sellschaft. Als immer deutlicher wurde, daß die Zukunft den Neuen Menschen gehörte, wuchs die Verantwortung der Genetiker. Als man schließlich davon ausging, daß ein Säugling Intelligenz der primitiven Mentalität des Alten Volkes vorziehen würde, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, sich frei zu entscheiden, faßten die Neuen Menschen den Entschluß, die Rechte der ungeborenen Kinder gesetzmäßig zu schützen. Daraufhin wurde im Jahre 2050 die genetische Veränderung obligatorisch. Ein historischer Wandel von großer Tragweite ist nie unproblematisch. Es gilt immer, mit irrationalen Äng- sten fertigzuwerden. Einige Leute waren nicht dazu be- reit, sich dem Unvermeidlichen zu fügen. Aber sicher gab es keine Schwierigkeiten, die die Einsatzpolizisten nicht aus der Welt schaffen konnten. In Neu Chicago war es Earl Washington, der dafür sorgte, daß der historische Wandel sich möglichst unge- stört zu vollziehen vermochte, der ihn schon seit dreißig Jahren schützte und stillschweigend davon ausging, noch weitere fünfzehn Jahre auf diese Weise tätig sein zu können. Allerdings war er inzwischen fünfundfünf- zig Jahre alt und schon recht müde. Manchmal gab es Tage, an denen er das Gefühl hatte, es nicht mehr zu, schaffen. Doch er wußte, daß das nicht stimmte. Ir- gendwann würde die Bombe, auf die er seit so vielen Jahren saß, entschärft werden. Jakoba hatte recht: Der mittlere Jahrgang war zum Kampf bereit, aber diese Al- tersgruppe bildete kaum den Nährboden für eine Revo- lution. In fünfzehn Jahren gab es keine jungen Leute mehr, die einen Aufstand anzetteln konnten; dann mußten die jüngsten Alten Menschen Ende zwanzig sein. Und bis dahin hatte sicher auch das ganze Alte Volk begriffen, wie unvermeidlich das Ende war. In der Zwischenzeit jedoch mußte jemand die ganze Sache zu- sammenhalten. Und für diese Aufgabe sah Earl Wa- shington nur sich selbst befähigt. Eine überraschende Selbstgefälligkeit - und doch galt es allgemein als ein Faktum, daß Washington das wich- tigste Verbindungsglied zwischen den Neuen Men- schen und ihren Beschützern darstellte. Es war prak- tisch unmöglich, sich jemand anderen vorzustellen, der diese Lücke ausfüllte. Earl zeichnete sich durch große Umsicht und Klugheit aus, und drei Jahre lang hatte er mit großer Verbissenheit Basic gelernt. Jetzt war Wa- shington dazu in der Lage, mit den Neuen Menschen in ihrer eigenen Sprache Vorgehensweisen und Taktiken zu erörtern und anschließend mit seinen Einsatzpolizi- sten auf englisch Witze zu reißen. Er war ein großer, kräftig gebauter, dunkelhäutiger Mann, und seine Leute hatten ihn bereits zu einer Legende gemacht. Sie nann- ten ihn König. Earl, der König. Und der König konnte sich nicht irren. Aber irgend etwas war nicht in Ordnung. Im Verlauf des vergangenen Jahres hatte sich die Lage nach und nach verschlechtert. Mit der Moral sah es ziemlich übel aus. Überfälle waren an der Tagesordnung, und der König hatte viele seiner Untertanen verloren. Es mußte dringend etwas geschehen. Im späten September war es soweit. Ealr erhielt einen Tip: Ein Kurier sollte einen bestimmten Bereich des, Randes passieren. Ein Kurier, der wußte, wo sich das geheimnisvolle Lager der Renegaten befand. Wenn es ihnen gelang, ihn lebend zu fassen und zu verhören ... Es war eine Riesenchance. Und Earl hoffte, daß er da- mit dazu in der Lage war, das Blatt endgültig zu wen- den. Washington mobilisierte alle zur Verfügung stehen- den Einsatzpolizisten und verteilte sie in dem betref- fenden Gebiet. Jede Straße wurde bewacht, jeder dunkle Winkel. Er ließ die Airwagen landen und schärfte allen Leuten ein, die Ruhe zu bewahren und sich zu keinen voreiligen Aktionen hinreißen zu lassen. Anschließend begann das Warten. Washington wartete mit seinen Polizisten. Er saß vor den Kontrollen seines Kommandowagens und versuch- te, sich mit allen eingehenden Meldungen zu befassen. Es gab immer mehr zweitrangige Nachrichten, als er zu verarbeiten vermochte. Draußen waren die Wagen der Patrouille Sergeant Hackmans über ein weitflächiges Gebiet mit Unkraut und hohem braunen Gras verteilt. Washington war vor einem Monat auf die Einheit Hackmans aufmerksam geworden. Irgendwie hatte es der Sergeant geschafft, ein ungewöhnlich gutes und diszipliniertes Team zusammenzustellen. In den letzten Wochen hatte der Polizeichef diese Gruppe als seine persönliche Patrouille eingesetzt. Mit dieser Einheit fühlte er sich weitaus sicherer als zuvor. Er wandte seine Überlegungen wieder der nun in greifbare Nähe gerückten Chance zu. Die Beamten durf- ten keine Fehler machen. Earl betätigte eine Taste des Computerterminals vor sich und sagte: »Op, ich brau- che eine allgemeine Verbindung. Ausführung. Anwei- sung an die Polizisten des Uberwachungsnetzes. Hier spricht der König. Bleiben Sie in Stellung! Wenn es nö- tig ist, warten wir den ganzen Tag! Ich betone es noch einmal: Wir brauchen den Kurier lebend! Jeder, der un- nötigerweise seine Waffe einsetzt, wird exekutiert! Das, ist mein Ernst. Wenn sich der Betreffende nicht ergibt, so darf er nur verwundet werden! Und es ist ihm sofort die Injektion zu verabreichen! Ich hoffe, Sie enttäuschen mich nicht. Ich zähle auf Sie. Ende.« Anschließend befaßte sich Washington erneut mit den Berichten. Seine Gedanken jedoch kehrten immer wieder zu seinem neuen Begleiter zurück, und nach ei- ner Weile schaltete er die Aufzeichnungseinheit ab. Er empfand seine Nervosität als einen Anachronismus. Die Neuen Menschen hatten Glück, nicht auf diese Weise abgelenkt werden zu können. Seiner Meinung nach war es ein Wunder, daß die jüngeren Leute über- haupt irgend etwas zuwege brachten. Er hatte gedacht, schon zu alt für diese Unruhe zu sein, aber jetzt ver- spürte er sie erneut - eine Aufregung, die sich niemals erschöpfte. Und doch: Wenn er eine Aufgabe bewältigt hatte, fragte er sich unmittelbar darauf, warum sie ihn nur so sehr gefesselt hatte. Washington stieg aus und schritt durchs Gras. Zwei Polizisten folgten ihm. Am Rande der freien Fläche ver- stärkten die Leute Hackmans ihre Uberwachungsmaß- nahmen. Ein Airwagen stieg in die Höhe und schwebte an der Peripherie entlang. Washington betrachtete die alte Schule am gegenüberliegenden Ende des Feldes. Sie diente jetzt als Kaserne und Einsatzzentrum der Po- lizei. Die Streitkräfte wurden so rasch wie möglich ver- stärkt. Das bedeutete allerdings, daß es immer schwie- riger wurde, den Leuten die versprochenen Unter- künfte zur Verfügung zu stellen. In ihrer Freizeit ver- dienten sie allen nur erdenklichen Komfort. Wenn sie nur ihre Arbeit gut machten. Die nächsten Jahre wür- den sie vor einige erhebliche Probleme stellen. Erst spä- ter mochte es wieder besser werden. Washington erin- nerte sich daran, in der letzten Zeit einige ihm sehr un- angenehme Dinge angeordnet zu haben. Er hatte damit selbst Schuld auf sich geladen. Für seinen Traum, für die Zukunft seiner Kinder, für die Sicherheit eines, neuen und vernünftigeren und besseren Menschenty- pus. Das alles durfte nicht in Gefahr geraten. »Kommandeur Washington«, erklang von seinem Handgelenk her eine leise und vertraute Stimme. »Hier ist Op. Einer der Polizisten des Überwachungsnetzes ... Berichtigung: Zwei Polizisten sind gerade ums Leben gekommen. Es handelt sich um die Einheit, die an der Kanalstraße patrouillierte. Sie fanden kurz hintereinan- der den Tod.« »Ich verstehe. Weise die beiden Gruppen unmittelbar nördlich und südlich an, sich dem betreffenden Ort zu nähern. Projiziere auf die Schirme der Wagen meiner Gruppe ein Koordinatensystem samt Ortungshinweis.« »Erledigt.« Washington eilte über die freie Fläche, und sein Air- wagen schwebte ihm bereits entgegen. Er sprang hin- ein, und seine beiden Leibwächter folgten ihm rasch. Die anderen zwölf Schweber seiner Gruppe waren in- zwischen ebenfalls gestartet. Earl nahm auf dem rech- ten Vordersitz Platz und schaltete die interne Team- kommunikation ein. »Linienformation, Abstand jeweils ein Kilometer, im Winkel von hundertachtzig Grad zum Ziel. Zwei Schweber fliegen zusammen mit mir den betreffenden Ort an. Die anderen Fahrzeuge schwärmen aus und hal- ten alles an, was von Op keine Freigabe erhalten hat.« Sie sausten über die Hausdächer hinweg, beschleu- nigten auf zweihundert Stundenkilometer und verzö- gerten unmittelbar darauf wieder. Nach der Bildschirm- anzeige sollten sie das Ziel in zwei Minuten erreichen. Das Gelände unter ihnen war nach wie vor recht offen. Während seine Leute den nahen Waldrand beobachte- ten, richtete Washington seine Aufmerksamkeit auf die alte Straße und machte kurz darauf die beiden Leichen aus. Sergeant Hackman trat an den Wagen heran und öff- nete die Tür. »Alles klar, Sir.«, Washington stieg aus. »Danke, Bruno. Haben Sie ir- gend etwas entdeckt?« »Wir fanden zwei Blaster. Darüber hinaus empfangen wir ein Droidensignal, das seinen Ursprung ganz in der Nähe haben muß. Roger kümmert sich darum.« Washington griff nach seinem eigenen Droiden. »Op, kannst du einen Droiden lokalisieren, der sich in der Nähe des Tatortes befindet?« »Suchprogramm gestartet. Es wäre sehr viel einfa- cher, wenn Sie mir das entsprechende Signal übermit- teln könnten.« Hackman trat zurück und rief: »Roger, haben Sie das Ding gefunden?« »Ja, Sir.« »Fixieren Sie Op darauf.« Einen Augenblick später ertönte es aus dem Laut- sprecher des Droiden Earls: »Vielen Dank, Komman- deur. Der Droide gehört John Cunningham. Die aufge- zeichnete Bewegungsspur führt kurz vor dem Tod der beiden Einsatzpolizisten an den Tatort. Der Identer be- fand sich zur Zeit der Elimination am erwähnten Koor- dinatenpunkt.« »Stell die Geschwindigkeit der Annäherung und die vorherigen Aufenthaltsorte fest.« »Annäherungsgeschwindigkeit betrug zehn Stun- denkilometer. Die vorherige Bewegungsspur ist recht sprunghaft, aber allgemein nach Westen gerichtet ...« »Das reicht. Weitere Informationen später.« »Ich bitte um Entschuldigung, Sir, aber es ist wichtig. Die Spur führt an einer Stelle durch den Wall, an der es eigentlich keinen Durchlaß geben dürfte.« Washington verzog das Gesicht. Es handelte sich da- bei zwar um einen nicht unbedeutenden Hinweis, aber darum konnten sie sich auch später noch kümmern. Jetzt kannten sie wenigstens den Namen des Renega- ten-Kuriers. Und der Mann war noch immer unter- wegs. Vielleicht lief er derzeit durch den Wald., »Op, projizier mir das Bild des Betreffenden auf den Wagenschirm.« Washington setzte sich in einen der vorderen Sessel. Das Gesicht, das er auf dem Monitor musterte, wies keine Besonderheiten auf, wirkte un- scheinbar und fast scheu. »Op, Übertrag das Bild auf die Schirme der anderen Patrouillen-Fahrzeuge und stell mir eine akustische Verbindung her! Ausführung! Hier spricht der König. Kreisförmige Formation mit dem Ziel als Mittelpunkt. Radius einen Kilometer. Fliegen Sie an- schließend langsam auf das Ziel zu. Halten Sie nach ei- nem Mann Ausschau, der zu Fuß unterwegs ist. Sie se- hen gerade sein Bild auf den Schirmen. Achtung: Er ist gefährlich. Versuchen Sie nicht, ihn auf eigene Faust zu stellen. Machen Sie bei einer Sichtung unverzüglich Meldung. Ende.« Washington trat an die beiden Toten heran. Ihre Ringe waren verschwunden. »Sind die Blaster abgefeu- ert worden?« fragte er. Die Antwort bestätigte seine Vermutung. Er hatte es also mit folgender Lage zu tun: Ein einzelner und wahrscheinlich unbewaffneter Mann hatte zwei Einsatzpolizisten überwältigt, ihnen die Ringe abgenommen und sie mit einem ihrer eigenen Blaster erschossen. Es lief Washington plötzlich kalt über den Rücken. Er kehrte in den Airwagen zurück und befaßte sich mit den Personendaten, die Op ihm in bezug auf den mutmaßlichen Täter auf den Schirm blendete. Ein Punkt war besonders interessant und gleichzeitig verblüffend. Vor zwei Jahren war Cunningham schon einmal in den Verdacht geraten, einen Beamten umge- bracht zu haben. Und war wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Es war ihm also gelungen, sowohl Op als auch den Direktor zu täuschen. Washington starrte über- rascht auf den Code. Himmel, es hatte ihn nicht etwa ein Direktor verhört, sondern Jakoba persönlich. Und der Administrator hatte seine Freilassung angeord- net. Wie war es Cunningham nur gelungen, einen, Neuen Menschen wie Jakoba derart hinters Licht zu füh- ren? Rasch stellte Washington eine andere Komverbin- dung her. Der Leiter des Forschungsteams, für das der Verdächtige gearbeitet hatte, sah ihn von der Schirmflä- che an und reagierte ausgesprochen erstaunt auf die Fragen Earls. »Cunningham? Ja, er ist ein ausgezeichne- ter Archivar. Intelligent und fähig. Die letzten Projekte? Nun, er hat gerade einen ersten Entwurf mit dem Thema >Krieg und bürgerkriegsähnliche Unruhen: Ur- sachen und Wirkungen< fertiggestellt. Im letzten Jahr befaßte er sich mit einer Studie über militärische Aus- bildung. Wir hofften, diese Arbeit würde sich insbeson- dere für die Polizei als nützlich erweisen, aber die Er- gebnisse waren wenig konkret, der größte Teil des Ma- terials völlig unbrauchbar.« Earl schloß kurz die Augen. Natürlich. Die ganze Sa- che war einfach unglaublich. Direkt vor ihrer Nase .Und sonst noch etwas? Der Teamleiter zögerte. »Nun, Cunningham ist ein wenig ... nun ... sonderbar. Ziem- lich unzufrieden. Ich glaube, mit seinem Körper stimmte irgend etwas nicht. Er ist dünner, als es norma- lerweise der Fall sein sollte. Und vor einer Weile verän- derte sich seine Hauttönung; sie wurde dunkler. Eine sehr verwirrende Angelegenheit.« Washington überließ den Narren seiner Verwirrung. Op hatte inzwischen für ihn eine Verbindung mit den beiden Neuen Kindern des Verdächtigen hergestellt. Ihr Vater sollte ein Renegat sein? »Nein, er hat niemals sol- che Tendenzen gezeigt.« Sowohl der Sohn als auch die Tochter begegneten dem Polizeichef mit respektvollem Zweifel. Ihr Vater, so meinten sie, sei kein Mann der Tat gewesen, eher ein introvertierter Einzelgänger. Washington lächelte dünn vor sich hin. Die unausge- sprochene Wahrheit war, daß es den meisten Neuen Menschen sehr schwerfiel, das Alte Volk zu verstehen. Man brauchte sich nicht sehr anzustrengen, um ihnen, in dieser Hinsicht etwas vorzumachen. Jakoba aber ... Jakoba war alles andere als dumm. Und das bedeutete, daß Cunningham nicht auf den Kopf gefallen war. Viel- leicht handelte es sich bei ihm um eine Schlüsselfigur für die Renegatenoperationen in der Stadt. Sehr wahr- scheinlich sogar. Die Zeit verstrich viel zu rasch. Wenn nur einer der Polizisten gemeldet hätte, den Verdächtigen gefunden zu haben! Sie konnten es sich nicht leisten, ihn ent- kommen zu lassen. Inzwischen aber mochte er schon zwei Kilometer vom Tatort entfernt sein. Vielleicht je- doch war das eine zu hohe Schätzung. Cunningham mußte sehr vorsichtig sein, und dadurch konnte er nicht ganz so schnell vorankommen. »Op, projizier das Bild Cunninghams auf alle Poli-zei- Schirme und gib eine Suchmeldung durch! Alle an- deren Patrouillen und Einsatzpolizisten sollen sofort in diesen Sektor kommen! Setz darüber hinaus die dritte Schicht in Alarmbereitschaft! Alle Wagen, die keine wichtigen Transportaufträge durchzuführen haben, sol- len einen Abschirmungsring um das Ziel bilden, mit ei- nem Radius von zwei Kilometern. Ich weise die Fahr- zeuge an, in unregelmäßigen Abständen an der Peri- pherie zu patrouillieren, bis genügend Beamte einge- troffen sind, um das Gebiet ganz abzuriegeln.« Washington stieg aus dem Wagen und sah zu, wie man die Leichen der beiden getöteten Polizisten in grüne Körpersäcke steckte. Er preßte die Lippen zusammen. Sie mußten ihn stel- len. Diesmal konnte er ihnen nicht entwischen. Und wenn sie ihn hatten, würden sie alles aus ihm heraus- quetschen, was er wußte. Washington justierte seinen Droiden. »Op, Cunning- ham muß lebend gefaßt werden. Ich ziehe jeden zur Verantwortung, der einen Fehler macht. Teil das jedem einzelnen meiner Leute mit.«, John zitterte, als der Airwagen der Renegaten beschleu- nigte und die Leichen der beiden Polizisten hinter ihnen zurückblieben. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloß die Augen. Für den Augenblick fühlte er sich ei- nigermaßen sicher. Die Renegaten verfügten also über Airwagen. Und er hatte gerade zwei Beamte erschossen. Dadurch gehörte er jetzt ganz offiziell ebenfalls zum Widerstand. Von ei- ner Sekunde zur anderen begriff er plötzlich, wie radi- kal sich sein Leben innerhalb einer Minute verändert hatte. Jetzt gab es kein Zurück mehr für ihn. Was moch- ten seine Kollegen denken, wenn sie davon hörten? Würden sie davon erfahren? Und spielte das überhaupt eine Rolle? John ließ keine Freunde zurück. Er öffnete die Augen wieder und setzte sich auf. Der Schweber sauste mit recht hoher Geschwindigkeit ei- nen halben Meter über den Boden dahin. Kurz darauf zwang der Pilot das Gefährt in eine Kurve, und die Straße wurde rasch zu einem kleinen grauen Band in der Ferne. Über eine freie Fläche rasten sie, direkt auf den Waldrand zu. Panik stieg in John hoch, als der Schweber nicht an Höhe gewann. Die Bäume kamen immer näher, und John kniff die Augen zu und spannte in Erwartung des Aufpralls alle Muskeln an. Doch es geschah nichts. Blätter und kleine Zweige peitschten gegen die Windschutzscheibe, und schon waren sie im Grün und folgten dem Verlauf eines schmalen Weges. John starrte ungläubig aus dem Fenster. Wohin er auch blickte: Überall sah er nur die an ihnen vorbeijagenden Konturen von Bäumen, und ein dichtes Blätterdach verwehrte ihm den Blick auf den Himmel. Er fragte sich, wie es dem Piloten möglich war, trotz einer derart hohen Geschwindigkeit sicher zu navigie- ren. Seiner Ansicht nach konnte es nicht lange gutge- hen. In jeder Sekunde mochte der Airwagen gegen ei- nen Baumstamm schmettern, und durch den Aufprall würde John ebenso sicher den Tod finden, als wenn die, Polizisten auf ihn geschossen hätten. Verdammt, der Flug war reinster Wahnsinn. Cunningham wollte etwas sagen, brachte jedoch keinen Laut hervor. Der alte Mann im Sitz weiter vorn hatte die Hände ruhig und ge- lassen im Schoß zusammengefaltet. Die Unerschrok- kenheit, die er auf diese Weise demonstrierte, regte John noch mehr auf. Nein, er würde schweigen. Ver- dammt, sollten sich die beiden Kerle doch in den Tod fliegen. Dort vorn mußte es sie sofort erwischen. Mit wachsender Nervosität suchte Cunningham nach einem Sicherheitsgurt und schnallte sich an. »Die nördliche Lichtung?« fragte der Pilot. »Ja«, bestätigte der alte Mann. »In Ordnung.« »Was ist mit unserem Passagier?« »Er steigt mit mir aus.« Der alte Mann blickte sich kurz zu John um. Er wirkte überrascht und lächelte dann. »Entspannen Sie sich! Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Der Kurs ist im Bordcomputer pro- grammiert. Es wird zu keiner Kollision kommen.« Er sah wieder nach vorn und beobachtete die an ihnen vorbeihuschenden Bäume. Fünf stille Minuten später erreichte der Airwagen eine kleine und von oben nicht einsehbare freie Flä- che. Der alte Mann bat John, neben einem Baum zu war- ten, kehrte dann in den Wagen zurück und hantierte an den Rücksitzen. Als er fertig war, rief er Cunningham herbei. »Schreiben Sie Ihren Namen und die ID-Num- mer auf. Wir werden Ihre Angaben überprüfen, wenn Andy ins Lager zurückkehrt.« John kam der Aufforderung nach. Der alte Mann reichte den Zettel an den Piloten weiter und meinte: »Seien Sie vorsichtig! Achten Sie auf mögliche Verfolger! Und sagen Sie Kate, sie soll sich bis morgen nicht rüh- ren!« Er schloß die Luke. Der Airwagen stieg einen hal- ben Meter in die Höhe und war kurz darauf zwischen den Bäumen und Büschen verschwunden., Der alte Mann trat auf John zu und reichte ihm die Hand. »Winslow Rafferty.« »John Cunningham.« Rafferty musterte ihn eingehend. »John, ich kenne jetzt nur Ihren Namen. Ich weiß noch immer nicht, wer Sie sind, und das macht mich nervös. Die Renegaten vermeiden den Umgang mit Leuten, die sie nicht ken- nen. Aus diesem Grund konnte ich Sie nicht ins Lager bringen. Eigentlich hätte ich Sie nicht einmal in den Schweber einsteigen lassen dürfen. War es Ihr Ernst, als Sie meinten, Sie wollten sich den Renegaten anschlie- ßen?« »Mein voller Ernst.« »Na schön. In den nächsten Tage wird man Sie genau überprüfen. Wenn Sie mir sagen, wo man Sie erreichen kann, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach bis zum Wochende jemand von uns mit Ihnen in Verbindung setzen.« »Aber es gibt keinen Ort, an dem ich mich verstecken könnte.« »Sie haben keine Freunde, die Sie aufzunehmen be- reit wären? Das klingt sehr unglaubwürdig.« »Ich kenne niemanden im Rand. Ich lebe in einem der Wohnstöcke. Und ich kann nicht in die Enklave zu- rück.« »John, es muß doch einen Ort geben, wo Sie einige Tage sicher sind. Denken Sie nach!« »Die Mühe kann ich mir sparen. Ich kenne nieman- den, dem ich bedingungslos vertraue. Wäre es nicht möglich, daß ich so lange bei Ihnen bleibe, bis mich die Leute im Lager überprüft haben?« »Es tut mir leid, nein. Das würde meine eigene Si- cherheit gefährden.« Rafferty sah sich um und strich sich mit den Fingern durch das weißgraue Haar. »Ver- dammt!« Er starrte in den Wald. »Lassen Sie uns ein wenig die Beine vertreten.« Er sah John an und fragte: »Was halten Sie von einem Spaziergang? Sie sind blaß.«, »Ein wenig Bewegung kann mir sicher nicht schaden. Außerdem geht es mir schon wieder besser. Wohin?« »Kommen Sie!« Der alte Mann ging los, legte ein for- sches Tempo vor und schritt dann langsamer aus, um John zu sich aufschließen zu lassen. »Hübsche Schuhe. Haben Sie sie selbst hergestellt?« »Ja. Es ist schon das vierte Paar. Ist fast schon eine Routine geworden.« »Wirklich sehr nett. Wie lange laufen Sie schon?« »Seit zwei Jahren.« »Und welche Strecke legen Sie in einer Woche zu- rück?« »Die Entfernung habe ich nie gemessen. Ich laufe un- gefähr ein oder zwei Stunden am Tag.« John achtete sehr darauf, daß seine Worte ganz beiläufig klangen, und er zwang sich dazu, nicht zu lächeln. Sollte der alte Mann glauben, daß er .Jäh überfiel ihn Übelkeit, und eine schwarze Wolke schien sich auf seine Seele zu sen- ken. John ging in die Hocke und krümmte sich zusam- men. Er erbrach seinen Mageninhalt und lehnte sich dann an einen Baumstamm. Nur langsam nahm die Welt um ihn herum wieder Gestalt an. Der alte Mann saß einige Meter entfernt und beobachtete ihn geduldig. »Äh, ich schätze .« John lächelte schief, und er suchte nach den richtigen Worten. »Die beiden Polizi- sten waren die ersten Menschen, die ich tötete.« Rafferty nickte verständnisvoll. John holte tief Luft. Heller Sonnenschein fiel durch das hohe Blätterdach und blendete ihn. Es ging ihm jetzt schon wieder besser, und er wünschte sich nur ei- nen Schluck Wasser, um den fauligen Geschmack aus dem Mund zu spülen. »Ich schätze, jetzt ist wieder alles in Ordnung mit mir. Wir können weiter.« »Das ist nicht nötig. Wir haben es nicht eilig. Viel- leicht ist es besser, noch eine Weile hier sitzenzublei- ben.« »Danke. Auch für Ihre Hilfe. Ich bin nicht gerade, scharf auf ein Polizeiverhör. Und es tut mir leid, daß ich zusammengeklappt bin.« »Wenigstens haben Sie bis jetzt damit gewartet.« »Sie haben nicht zufällig etwas zu trinken bei sich?« fragte John. Rafferty hob den Kopf und verzog das Gesicht. John nickte: Es war eine sehr dumme Frage gewesen. Das Moos, auf dem er hockte, fühlte sich unter seinen Fingern trocken und weich an. »Darf ich fragen, aus welchem Grund Sie in der Nähe waren?« »Warum nicht? Manchmal setzen wir Läufer als Kuriere ein, und diesmal bekam die Polizei Wind davon. Sie wurde informiert. Offenbar von jemandem, der un- ser Vertrauen mißbrauchte. Ich hielt für den Fall Aus- schau, daß einer unserer Leute die Route über die Ka- nalstraße nimmt. Und da tauchten Sie auf.« »Und sofort schritten Sie zu meiner Rettung ein.« Rafferty zuckte die Achseln. »Warum machten Sie sich diese Mühe, wenn ich ein solches Sicherheitsrisiko darstelle?« »Das ist eine ziemlich blöde Frage.« »Wieso?« »John, nehmen Sie das doch nicht so persönlich. Sie brauchen deswegen nicht beleidigt zu sein. Sie könnten einen Peiler bei sich tragen, ohne etwas davon zu ah- nen. Ich muß davon ausgehen, daß Sie der Polizei eine unmittelbare Bild- und Tonübertragung ermöglichen. So etwas dürfen wir nicht außer acht lassen.« »Nun, dann nur für die Aufzeichnung: Ich bin kein Spitzel.« Rafferty gab keine Antwort. »Ich weiß, es hört sich komisch an«, fügte John hinzu, »aber ich bin fast froh, daß das alles geschah. Ich hatte das Gefühl, drüben im Wohnstock langsam den Ver- stand zu verlieren.« Der alte Mann lachte. »Und jetzt hoffen Sie auf ein großes Abenteuer.«, »Nein, darum geht es mir doch nicht. Die Neuen Menschen irren sich. Sie haben einen fatalen Fehler gemacht. Die Gewalttätigkeit der Polizei ist einfach un- faßbar.« »Und die Gewalt wird uns noch alle anstecken, bevor dies vorbei ist. Die Neuen Menschen irren sich nicht etwa, sondern sind ganz einfach nur unsere Feinde. Sie mißtrauen uns, und sie haben auch allen Grund dazu. Sie sind der Meinung, wir müßten eliminiert werden. Und sie haben recht. Das Problem ist nur: Ich persönlich bin nicht dazu bereit, von der Bildfläche zu verschwin- den. Die einzigen Idioten in dieser Angelegenheit sind die Polizisten - obgleich sie sich für die Oberschlauen halten. Sieh sehen also: Abgesehen von den Beamten irrt sich niemand. Alle Leute wissen, worum es geht. Und es werden noch viele Menschen sterben.« »Das hört sich nicht so an, als seien Sie mit ganzem Herzeh bei der Sache.« »Oh, aber das ist der Fall«, sagte Rafferty. »Wir kön- nen von Glück sagen, in so bewegten und aufregenden Zeiten zu leben. Ich wollte Ihnen nur klarmachen, mit welcher Lage wir es zu tun haben.« »Sie stellen mich auf die Probe, nicht wahr?« »Nun, ich glaube, ich habe nicht allzu großen Erfolg damit.« »Was wollen Sie wissen?« fragte John. »Hätte ich die Fragen bereits parat liegen, würde ich vermutlich nicht so viele Worte machen. Erzählen Sie mir mehr übers Laufen!« »Was interessiert Sie daran?« »Warum laufen Sie?« John dachte kurz nach. »Was soll ich Ihnen sagen? Ich weiß nicht genau, wie ich mich ausdrücken soll. Ich habe eine ganze Menge Gründe dafür, doch derzeit fällt mir kein passender ein.« »Warum nicht?« »Ich glaube, Sie würden mich nicht verstehen.«, Rafferty lachte leise. »Sind Sie sich da so sicher? Ist das Laufen wichtig für Sie?« John wirkte ein wenig verlegen. »Ja, sehr wichtig.« Rafferty nickte. »Und wie ist es, ein Renegat zu sein?« fragte Cun- ningham. »Man muß sich oft in schmutzigen Löchern verstek- ken«, antwortete der alte Mann. »Eine ganz tolle Sa- che.« »Ich fürchte, was das Kämpfen angeht, habe ich kaum Erfahrungen.« »Dann ergeht es Ihnen wie den meisten Renegaten.« »Aber Sie waren problemlos dazu in der Lage, die beiden Polizisten außer Gefecht zu setzen.« »Das habe ich nicht von den Renegaten gelernt.« »Oh.« »Lassen Sie nur! Ich übertreibe ein bißchen. Wenn Sie in Kampftechniken ausgebildet werden möchten, so wird man Ihnen diesen Wunsch erfüllen. Einige von uns üben jeden Tag.« Stille schloß sich an. Nach einigen Sekunden sagte John: »Ich fürchte, ich habe Ihren Namen vergessen.« »Winslow Rafferty. Die meisten nennen mich einfach Wins.« »Welchen Rang nehmen Sie bei den Renegaten ein?« »Eigentlich habe ich gar keinen. Früher einmal war ich der örtliche Kriegstreiber. Jetzt aber habe ich mich zurückgezogen und gebe mir alle Mühe, mich nicht . immer wieder neu aufzuregen.« »Das klingt ein wenig verbittert.« »Ja.« »Warum?« »Weil ich alt bin und mir allmählich die Zeit knapp wird. Uns allen wird sie knapp. Nun, was halten Sie davon, wenn wir jetzt wieder aufbrechen?« »In Ordnung. Ich würde nur gern wissen, wohin wir gehen.«, »Zu mir nach Hause.« Rafferty drehte sich um und stand mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung auf. John konnte kaum fassen, was er gerade gesehen hat- te. Entweder wies der Körper des alten Mannes über- haupt keine Gelenke auf, oder sie waren speziell geölt. Erst nach einigen Sekunden wurde ihm die Bedeutung der Antwort Raffertys klar. »Danke. Ich weiß das wirk- lich zu schätzen.« John erhob sich ebenfalls. »Ihre Art des Aufstehens hat mich sehr beeindruckt. Für einen al- ten Mann bewegen Sie sich erstaunlich schnell.« »Für einen alten Mann?« Rafferty lächelte. »Nun, ich wollte damit nicht sagen ...« John brach ab und erinnerte sich daran, wie Rafferty auf die beiden Polizisten zugehumpelt war. »Wie alt sind Sie über- haupt?« »Hundertsechs.« Es klang völlig sachlich, und Cunningham wußte nicht genau, ob er lachen sollte oder nicht. Rafferty sah nicht älter als sechzig Jahre aus. Bestimmt nahm er ihn mit seiner Erwiderung auf den Arm. Aber er lächelte nicht. »Ich nehme an, das meinen Sie nicht im Ernst.« »Doch.« Rafferty setzte sich in Bewegung und folgte dem Verlauf des Pfades. »Aus welchem Grund sollte ich in dieser Beziehung scherzen?« »Das ist doch unmöglich.« John beeilte sich, zu Raf- ferty aufzuschließen. »So leichtgläubig bin ich nicht.« »Das freut mich.« »Wie alt sind Sie also wirklich?« »Hundertsechs.« »Das ist tatsächlich Ihr Ernst, wie?« »Ja.« »Wann wurden Sie geboren?« »Neunzehnhundertdreiundfünfzig.« »Ich kann es kaum glauben. Sie wirken nicht annä- hernd so alt.« »Wissen Sie, John, Sie neigen offenbar dazu, sich sehr töricht zu verhalten. An Ihrer Stelle würde ich nicht ein-, fach annehmen, alte Leute müßten unbedingt den Tat- terich haben. Sie könnten sonst noch einige sehr unan- genehme Überraschungen erleben.« Das Haus wirkte ein wenig heruntergekommen und mußte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhun- derts erbaut worden sein. Es handelte sich um ein qua- dratisches, zweistöckiges Gebäude mit Giebeldach und einer rückwärtigen Veranda, und es stand an einer ab- gelegenen Straße, in der Nähe einiger modernerer Bau- werke. Rafferty und John näherten sich vom Wald her der Hinterseite. Neben der Vorderfront machte Cun- ningham einen Anbau aus, der als Garage dienen mochte. Der Boden des Hinterhofs war umgegraben und zu einem Garten gemacht worden. Gemüsebeete erstreckten sich von der einen Seite des Anwesens zur anderen. Viele der Blätter waren braun. Abgegrenzt wurde das Grundstück von einem Stacheldrahtzaun. Der alte Mann deutete mit einem Kopfnicken in Rich- tung dieses Zauns. »Wir haben festgestellt, daß es sich einige der Nachbarn zur Gewohnheit machten, sich aus dem Garten zu bedienen.« Die beiden Männer blieben rund zwanzig Meter vor dem Anwesen stehen, noch im Wald. Rafferty ging kurz in die Hocke und zog eine Fall- tür in die Höhe. An der Oberseite war einer jener Kunststoffbüsche befestigt, die sich während der Jahr- hundertwende großer Beliebheit erfreut hatten, und nun neigte sich die Spitze dem Boden entgegen. Eine Leiter führte nach unten. John kletterte in die Tiefe, und der alte Mann folgte ihm. Als Rafferty die Tür wieder schloß, wurde es völlig finster. »Ich habe mir nie die Mühe gemacht, hier eine Lampe zu installieren.« Rafferty befand sich nun neben John, und in der rabenschwarzen Dunkelheit klang seine Stimme ungewöhnlich laut. Er dirigierte John in den Zugang eines Tunnels. »Hier. Sie müssen kriechen, aber die Entfernung beträgt nur etwa fünfzig Me- ter.«, Die Tunnelwände waren glatt und trocken und be- standen offenbar aus speziell gehärtetem Kunststoff. Johns nackte Knie fühlten sich wund an, als er die Tür am anderen Ende der Passage erreichte. Sie öffnete sich, noch bevor er nach einem Griff suchen konnte. John trat in einen Umkleideraum. An der einen Wand hingen einige weiße Hemden, und sein Blick fiel auf zwei hölzerne Sitzbänke. An der einen Seite schloß sich ein Badezimmer an. Rafferty schob sich neben Cun- ningham aus dem Tunnel hervor. »Wir benutzen die Passage nicht sehr oft. Vor rund einem Jahr gruben wir sie, als wir vorhatten, an diesem Ort Unterweisungen zu veranstalten. Der Plan wurde geändert. Tatsächlich ist die ganze Sache keine so tolle Idee. Im Winter zum Beispiel sind die Spuren im Schnee recht verdächtig. Immerhin aber können wir im Notfall auf diese Einrichtung zurückgreifen. Wenn Sie einmal allein hierher kommen sollten: Etwa einen Meter von der Tür entfernt befindet sich eine Taste in der Decke des Tunnels. Die müssen Sie betätigen, um die Tür zu öffnen. Meistens aber ist es weitaus besser, den Vordereingang zu benutzen. Kommen Sie, ich zeige Ih- nen alles.« Rafferty trat auf einen Vorhang an der einen Wand des Raumes zu und zog ihn auseinander. Daraufhin blickte John in ein weißgetünchtes und fensterloses Zimmer mit recht hoher Decke. An der gegenüberlie- genden Wand stand ein einfacher hölzerner Altar, und darüber zeigte sich ein orientalisches Symbol. Der Bo- den war mit weißem Kanevas bedeckt. Am Rande des Belages glaubte Cunningham so etwas wie Styromasse unter dem Kanevas zu erkennen. »Es ist ...« John zögerte. »Ich kann mich nicht mehr an die genaue Bezeichnung erinnern. In solchen Räu- men wurden spezielle Kampftechniken gelehrt.« »Dojo.« »Genau.«, »Es überrascht mich, daß Sie überhaupt wissen, was es mit den alten Kampftechniken auf sich hat«, sagte Rafferty. »Ich bin Archivar, und in den letzten beiden Jahren habe ich mich eingehend mit diesen Dingen befaßt. Hätte aber nie gedacht, mal einen solchen Raum zu se- hen. Meinten Sie das vorhin, als Sie von Unterweisun- gen sprachen?« John trat vor, ging in die Hocke und be- tastete den Bodenbelag. »Ja. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht mit den Schuhen auf die Matte treten würden.« John errötete und wich rasch an die Wand zurück. Rafferty ging am Rande der Matte entlang und hielt auf die Treppe zu. »Was für eine Technik sollte hier gelehrt werden?« fragte John und folgte dem alten Mann in den nächsten Stock. »Aikido.« »Aha. Davon habe ich gelesen.« Sie erreichten das Erdgeschoß. »Dies ist die Küche.« Ohne weiteren Kommentar führte Rafferty seinen Besu- cher durchs Eßzimmer und anschließend auch das Wohnzimmer. Vor der Tür zu einem Projektionsraum blieb er stehen. Das Mobiliar entsprach ganz der Art des früheren zwanzigsten Jahrhunderts. Der Boden bestand aus dunklem und fleckigem Holz, und da und dort lagen einige orientalische Teppiche, deren Farben bereits ver- blichen waren. Der alte Mann zog die Vorhänge nicht auf, und John gewann den Eindruck, als schliefe das ganze Haus. Rafferty streifte sich die Schuhe von den Füßen und ließ sie neben der Tür des Vordereingangs stehen. John entschied sich dazu, dem Beispiel des alten Mannes zu folgen. Durch das eine Fenster konnte er eine Veranda sehen. Bei dem sich ihm darbietenden Anblick hätte es sich um eine Szene aus einem alten Film handeln kön- nen., Sie stiegen die Treppe in das Obergeschoß hoch, und John fragte: »Sind Sie ein Aikido-Lehrer?« »Ja. Aber jetzt unterrichte ich nicht mehr. Zumindest nicht mehr regelmäßig.« »Warum?« »Vielleicht verlor ich das Interesse daran.« Der erste Stock wies drei Schlafzimmer, ein Bad und ein Büro auf. In der Tür des Arbeitszimmers blieb Raf- ferty stehen und sagte: »Nein, es war nicht Langeweile oder mangelndes Interesse. Zumindest nicht in diesem Sinne. Ich habe sehr viele Jahre lang unterrichtet. Und vermutlich machte ich deswegen Schluß, weil ich irgend- wann die Nutzlosigkeit meiner Bemühungen einsah. Ich hatte es mit Leuten zu tun, die sich ziemlich gleich- gültig zeigten.« Der alte Mann deutete auf eine Leiter, die durch die Decke nach oben führte. »Dort oben be- findet sich ein Speicher mit vielen weiteren Matratzen - für den Fall, daß wir eine Armee zusammenstellen müs- sen. Vor einiger Zeit planten wir, dieses Haus als eine Art Ausbildungs- und Einsatzzentrum zu benutzen. Aber dann verstärkte die Polizei die Kontrollmaßnah- men in dieser Region. Deshalb entschieden wir uns für einen Ort in Parkgrat. Ich glaube, das war mein Glück. Sonst wäre es hier wie in einem Irrenhaus zugegangen. So, hier ist das Gästezimmer. Machen Sie es sich ge- mütlich. Wenn Sie möchten, können Sie im Bad du- schen.« Die Dusche erwies sich tatsächlich als eine der altmo- dischen Vorrichtungen, aus denen nur Wasser hervor- spritzte, und in diesem Fall war das Spritzen ein lang- sames Tröpfeln. John brachte die Prozedur rasch hinter sich. Rafferty hatte ihm bereits neue Kleidung zurecht- gelegt, eine weite Hose, die an der Taille zusammenge- schnürt wurde, und ein Hemd mit einer Knopfreihe an der Vorderseite. Er fand den alten Mann im Arbeitszimmer, an einem niedrigen und rechteckigen Tisch. Rafferty forderte ihn, mit einer Handbewegung dazu auf, auf einem Kissen neben ihm Platz zu nehmen. »Wie gefiel Ihnen die Du- sche?« »Nicht sehr. Man muß viel Geduld aufbringen.« »Oh, und ich dachte, es wäre ein großartiges Erlebnis für Sie. Aber vielleicht muß man daran gewöhnt sein. Was mich angeht: Ich habe nie verstanden, warum an- dere Leute die Erfrischer vorziehen.« »Wins, darf ich Sie fragen, warum Sie ganz allein hier leben? Ich habe immer gehört, im Rand herrsche ein großer Mangel an Wohnraum. Und jedesmal, wenn man weitere Häuser für die Neuen Menschen beschlag- nahmt, soll es schlimmer werden.« »Nun, das stimmt auch. Offiziell wohnen hier acht Personen. Und alle erhalten Sozialrationen. In Wirk- lichkeit jedoch leben sieben im Renegatenlager. Der größte Teil der monatlichen Rationen wird ins Lager ge- bracht.« »Wo befindet sich das Lager denn? Oder dürfen Sie mir das nicht sagen?« »Es ist unterirdisch angelegt. Und über den entspre- chenden Ort werden nur die Leute informiert, die un- bedingt Bescheid wissen müssen. Die Fahrer und Pilo- ten, die zu den Geheimnisträgern gehören, haben die Anweisung, sich nicht lebend fassen zu lassen. Das ist übrigens ein guter Vorsatz für uns alle. Man darf nicht in die Hände der Polizei fallen. Eine viel bessere Lösung ist es, bei einem Gefecht ums Leben zu kommen. Die Verhörmethoden der Polizei sind einerseits sehr schmerzintensiv, und andererseits ist man zum Schluß ebenso tot, als sei man erschossen worden.« Rafferty neigte den Kopf zur Seite und blickte aus dem kleinen Fenster. John konnte draußen die Wipfel einiger Bäume in der Nähe sehen. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den alten Mann und beob- achtete dessen kantiges Profil. Rafferty schien ganz in Gedanken versunken zu sein., »Ich kann mir nur mit Mühe vorstellen«, sagte Cun- ningham, »daß es Leute gibt, die Aikido-Unterweisun- gen gleichgültig gegenüberstehen.« Rafferty lehnte sich an ein Kissen zurück. »Manchmal glaube ich, die Zeiten sind schuld, in denen wir leben. Die Menschen sind nicht mehr an körperliche Belastun- gen und Entbehrungen gewöhnt. Wenn man Schmer- zen hat, nimmt man einfach ein Mittel dagegen, und schon ist das Problem gelöst. Die Aikido-Ausbildung kann sehr schmerzhaft sein. Der Körper wird einer har- ten Bewährungsprobe unterzogen. Die Menschen sind heute nicht mehr so zäh wie früher. Wenn ich jemanden einige sehr schwierige und anstrengende Übungen durchführen lasse, braucht der Betreffende eine Woche, um sich davon zu erholen. Aikido erfordert Disziplin. Der Idealfall wäre, jeden Tag zu üben, auch dann, wenn man sich nicht ganz so gut fühlt.« »Diese Überzeugung teile ich in Hinsicht auf das Lau- fen.« »Hm«, machte Rafferty und musterte Cunningham mit neuem Interesse. »Das ist richtig.« »Könnten Sie mir die Technik beibringen, mit der Sie die beiden Polizisten außer Gefecht setzten?« »Nein. Es ist unmöglich, Aikido gleich auf diesem hohen Niveau zu erlernen. Sie müssen mit den Grund- lagen beginnen.« »In Ordnung.« Rafferty lachte. »In Ordnung was?« »Ich bin bereit, die Grundlagen zu erlernen.« Eine Zeitlang blickte der alte Mann aus dem Fenster und zuckte dann die Achseln. »Wie Sie wollen. Bevor Sie sich auf den Weg ins Lager machen, begleite ich Sie irgendwann in den Übungsraum und zeige Ihnen einige Dinge.« »Warum nicht gleich heute?« Rafferty sah John neugierig an. »Wie wär's, wenn wir jetzt sofort anfangen?«, »Einverstanden.« John stand auf. »Ich freue mich schon.« Rafferty lächelte und schüttelte den Kopf. »Zumin- dest haben Sie die richtige Einstellung.« Mit der für ihn charakteristischen mühelosen Geschmeidigkeit erhob er sich und hielt auf die Treppe zu. In dem Umkleidezimmer im Kellergeschoß reichte der alte Mann Cunningham einen weißen Trainingsanzug. Rafferty zog sich ebenfalls um und schnürte sich einen grauen Gürtel um, im Gegensatz zu dem weißen, den er John gegeben hatte. Während seiner Studien war John mit schwarzen Gürteln vertraut geworden, aber von grauen hatte er noch nie etwas gehört. Vielleicht jedoch, so überlegte er, wurden schwarze Gürtel im Verlauf der Jahre grau. Schließlich zog sich Rafferty auch noch ei- nen schwarzen und plissierten Rock über die weiße Hose. John wußte nicht so recht, wie er den Gürtel an- legen sollte, und der alte Mann zeigte es ihm. Dann trat Rafferty auf die Matte und erklärte: »Es gibt eine Einleitungszeremonie zu beachten. Man verneigt sich dabei des öfteren. Wenn Sie also im Zweifel sind: Verbeugen Sie sich.« Nach diesem recht lange dauern- den Ritual, bei dem es offenbar auch darauf ankam, sich zu recken und zu strecken, traten sie sich in der Mitte der Matte gegenüber. »Greifen Sie mich an!« sagte Rafferty. John schluckte. »Wie denn?« »Wie Sie wollen.« »Sie meinen, ich soll Sie schlagen?« »Versuchen Sie es!« »Aber was ist, wenn ich Ihnen Schmerzen zufüge?« Rafferty atmete tief durch und dachte kurz nach. »Es wäre nicht das erstemal. Aber lassen Sie uns bitte nicht den ganzen Tag mit solchen Bedenken vertrödeln.« Als John noch immer zögerte, rief Rafferty: »Greifen Sie mich endlich an!« Cunningham wirbelte um die eigene Achse und ver-, lor das Gleichgewicht, als seine Füße nur leere Luft tra- fen. Irgend etwas zog an seinem Arm, und plötzlich flog er durchs Zimmer. Mit einem dumpfen Krachen landete er auf dem Rücken. Die Matte, die sich zuvor so weich angefühlt hatte, schien nun die Konsistenz von Beton aufzuweisen. Der Aufprall preßte John die Luft aus den Lungen. Es war, als sei er in einem fremden Körper ge- fangen, der ihn langsam ersticken ließ. Mit wachsender Verzweiflung versuchte er, den Leib unter die Kontrolle seines Verstandes zu zwingen und wieder zu atmen. Als die Verzweiflung Panik zu weichen begann, brach irgendeine Barriere in ihm, und die Lungen dehnten sich aus und füllten sich mit Luft. Als John die Augen aufschlug und sich ächzend auf- richtete, sah er Rafferty vor sich stehen. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« John lächelte schief, während er sich die Tränen aus den Augen wischte; er nickte. »Zuerst einmal müssen Sie lernen, wie man richtig fällt.« Rafferty zögerte und musterte John aufmerksam. »Sind Sie wieder ganz bei sich?« John holte ein weiteres Mal tief Luft und nickte. »Ich weiß, wie es Ihnen jetzt geht, aber versuchen Sie trotzdem, sich auf mich zu konzentrieren.« Rafferty sprang hoch, krümmte sich zusammen, fiel auf die Mat- te, rollte sich ab und stand gleich darauf wieder auf den Beinen. Das einzige Geräusch, das John dabei vernom- men hatte, war das leise Rascheln der Kleidung des al- ten Mannes gewesen. Im Anschluß daran unterwies er John in einer nicht ganz so anstrengenden und komplizierten Version des Fallens, bei der Cunningham das eine Knie auf die Matte stützen konnte. Jedesmal, wenn John versuchte, das Beispiel seines Lehrers nachzuahmen, holte er sich blaue Flecken. Nach einigen wenigen Minuten fühlte er sich wie durchgewrungen, und ihm war schwindelig. Andererseits jedoch wollte er nicht einfach aufgeben. Er, war bestrebt, dem alten Mann zu beweisen, daß er sich zumindest in einigen Punkten in seiner Einschätzung in Hinsicht auf die jüngere Generation irrte. Eine Zeitlang gewann er den Eindruck, sich bei seinem Abrollen nach und nach zu verbessern. Dann allerings wurde das wie- derholte Aufprallen allmählich sehr schmerzhaft, und das desorientierte ihn so sehr, daß er nichts mehr richtig machte. Rafferty beobachtete ihn mit ausdruckslosem Gesicht und gab keinen Kommentar ab. Bei der letzten Rolle schlug John mit dem Kopf auf den Boden, und mit wiederholtem Zwinkern versuchte er, das Glitzern der Sterne verblassen zu lassen, die plötzlich vor seinen Augen zu funkeln begannen. In seinem Schädel dröhnten hundert Preßlufthämmer. Als er wieder einigermaßen klar sehen konnte, machte er eine junge Frau aus, die auf der Treppe stand. Ja, es war keine Halluzination. Sie mochte knapp zwan- zig Jahre alt sein. Sie trug Shorts und ein durchschwitz- tes T-Shirt, das an ihren Schultern und den flachen Brü- sten festklebte. Ihr Körper war recht dünn, aber musku- lös, das Haar im Stil einer Ponyfrisur recht kurz. Ihr Ge- sicht war scharfgeschnitten und nicht unbedingt als schön zu bezeichnen. Ihre Züge ähnelten sehr denen des alten Mannes. Die Tochter Raffertys? Oder seine Urenkelin? »Du hättest warten sollen«, vernahm John hinter sich die Stimme Winslows. »Eines Tages bringt deine Un- vorsichtigkeit nicht nur dich selbst in Gefahr, sondern auch diejenigen, denen etwas an dir gelegen ist.« Sie senkte verlegen den Blick. »Diesmal hast du recht, Vater. Es war ein Fehler, hier einfach so hereinzuplat- zen. Ich hätte draußen bleiben sollen. Entschuldige bit- te, okay?« »Na schön. Möchtest du dich zu uns gesellen?« »Nein. Ich wasche mich lieber und ziehe mich um. Aber du könntest uns vorstellen.« »Dies ist John Cunningham. John läuft gern. Er geriet, heute in das Überwachungsnetz der Polizei, und wir haben ihn gerettet. John, das ist meine Tochter Kate.« Cunningham nickte der jungen Frau zu. »John bleibt ein paar Tage bei uns, bis das Lager ihn überprüft hat«, fügte Rafferty hinzu. »Sie laufen also?« wandte sich Kate an John. »Ja.« »Und sind Sie gut?« Cunningham suchte nach den richtigen Worten. »Nun, ich weiß nicht. Kommt darauf an, was sie unter gut verstehen. Ich laufe ein oder zwei Stunden am Tag, wenn das Ihre Frage beantwortet.« »Hört sich so an, als wüßten Sie, was Sie machen«, erwiderte Kate, und es klang fast gleichgültig. »Viel- leicht können wir eines Tages zusammen laufen.« »Gern.« Die junge Frau nickte und stieg die Treppe hoch. John sah ihr nach. Vielleicht hielt sie nicht viel von körperli- chen Übungen. Ganz sicher aber mangelte es ihr an den Rundungen und den vollen Brüsten, die John mit Weib- lichkeit assoziierte. Etwas Seltsames haftete ihr an, et- was, das Cunningham nicht genau zu bestimmen ver- mochte und das ihn störte. Er war sicher, er würde nie den Wunsch verspüren, mit ihr zusammen Spaß zu ha- ben. John drehte sich zu Rafferty um. »Ihre Tochter?« »Ja.« John hielt es für besser, in diesem Zusammenhang nicht erneut auf das Alter Winslows zu sprechen zu kommen. »Was ist mit ihrer Mutter?« »Sie verließ uns vor vielen Jahren. Brauchte ihre Frei- heit. So, und jetzt probieren Sie es mal mit der Rück- wärtsrolle.« Das Martyrium nahm seinen Fortgang. Als John wenigstens einigermaßen wußte, wie man fiel, ohne sich dadurch selbst zu verletzen, wandte sich Rafferty den Griffen zu., »Wissen Sie noch, wie es sich anfühlte, als ich Sie ganz zu Anfang durch die Luft fliegen ließ?« fragte der alte Mann. »Ich habe dabei nur sehr wenig Kraft ange- wendet und Ihr eigenes Bewegungsmoment ausge- nutzt. Aus dem Japanischen übersetzt bedeutet Aikido: Harmonie mit dem Universum. Wenn Sie von jeman- dem angegriffen werden und ihn abblocken und zu- rückschlagen - das ist Kampf. Wenn Sie dabei stärker und schneller sind als Ihr Gegner, erringen Sie den Sieg. Wenn nicht, haben Sie Pech gehabt. Die Alterna- tive besteht darin, sich der Kraft des Angriffs anzupas- sen und mit ihr zu harmonieren. Wenn Sie das Bewe- gungsmoment Ihres Gegners ausnutzen, es verstärken und gegen ihn selbst richten, können Sie nicht unterlie- gen. Das meine ich mit Harmonie. Später mag es erfor- derlich werden, das Leben Ihres Gegners auszulöschen, aber zu Anfang ist der Kampf eher ein Tanz. In der ur- sprünglichen Form war Aikido eine gewaltlose Kampf- technik. Und wenn Sie sie beherrschen, haben Sie die Möglichkeit, die Auseinandersetzung zu kontrollieren, ohne zu töten. Zuerst lehre ich Sie diese Ursprungsform des Aikido. Im Lager hingegen konzentriert man sich mehr auf die Techniken, mit denen Kampfgegner um- gebracht werden können.« »Aber kommt es nicht gerade auf letzteres an?« »Das hängt davon ab, wie gut Sie werden wollen. Für den Anfang sollten Sie sich mit meiner Methode befas- sen.« Die nächste Stunde verbrachte Cunningham damit, sich in der Harmonie zu üben. Genauer gesagt: Sechzig Minuten lang fühlte er sich schwerfällig und unfähig, und über einen Griff vergaß er immer wieder den näch- sten. Er war sich selbst im Wege, und wenn er sich nach einem Mattenwurf wieder erhob, kam er sich immer schwächer vor. Als er am Schluß versuchte, den Spieß einmal umzu- drehen und seinerseits Rafferty auf die Matte zu, schleudern, verlor John das Gleichgewicht. Erneut landete er hart auf dem Rücken. Vor seinen Augen be- gann sich die Decke zu drehen, und es dauerte eine ganze Weile, bis er die Kraft fand, sich aufzurichten. Rafferty kniete einige Meter entfernt. »Sie scheinen genug zu haben«, sagte der alte Mann. John nickte. »Sie sollten zufrieden sein«, fügte Rafferty hinzu. »Sie haben sich gut gehalten.« »Ich bin aber nicht zufrieden.« »Warum nicht?« »Ich wollte Ihnen zeigen, daß meine Generation nicht nur aus verweichlichten Schwächlingen besteht. Statt dessen fühle ich mich jetzt so, als sei ich durch eine Mangel gedreht worden.« »Sie können nicht das sein, was Sie nicht sind. Das heutige Leben ist nun mal nicht sehr anstrengend, und das hat seine Auswirkungen auf die Menschen. Trotz- dem: Sie waren nicht übel. Sie lernen schnell. Und Sie sind zu Risiken bereit. Sie sollten stolz auf sich sein. So, und jetzt verneigen wir uns und machen Schluß für heute.« Später erhielt John ein Buch über Aikido und wurde sich selbst überlassen. Rafferty zog sich in sein eigenes Zimmer zurück. Der alte Mann versuchte gerade, ein Nickerchen zu machen, als jemand an die Tür klopfte. Kate wartete keine Antwort ab, sondern trat einfach ein. »Bist du wach, Vater?« »Nein.« Rafferty stemmte sich auf dem einen Ellbo- gen in die Höhe. »Was ist denn?« »Es geht um den Typ, den du mitgebracht hast.« »John.« »Ja.« Kate nahm auf der Bettkante neben Rafferty Platz. »Verdammt, was hat er hier zu suchen, wenn er noch nicht vom Lager überprüft wurde?« »Er hat keine Freunde, bei denen er sich verstecken kann.«, »Seit wann spielt das denn eine Rolle? Vater, du ver- letzt die Sicherheitsbestimmungen.« »Stimmt schon. Aber ich glaube, es ist alles in Ord- nung mit ihm.« »Du glaubst es! Wenn ich dir eine solche Erklärung gäbe, würdest du mir gründlich den Kopf waschen.« »Na schön«, erwiderte Rafferty. »Ich will konkreter werden. Er hat heute zwei Einsatzpolizisten umge- bracht, war dabei in Trance und anschließend in Tränen aufgelöst. In einer späteren Schockreaktion erbrach er sich. Das alles wirkte recht überzeugend. Ein Spitzel hätte sich nicht so verhalten. Außerdem konnte ich in seinen Aussagen keine Widersprüche entdecken. Des- halb bin ich davon überzeugt, daß er nicht lügt. Und es gefällt mir, daß er läuft.« »Nun, ich mag die Art und Weise nicht, wie er mich ansieht. Er hat einen stechenden Blick.« »Das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Er ist dir also unsympathisch?« »Ja. In seiner Nähe läuft es mir kalt den Rücken run- ter.« »Warum hast du ihn dann gefragt, ob er einmal mit dir zusammen laufen würde?« hielt Rafferty ihr entge- gen. »Ich weiß nicht. Mir fiel nichts anderes ein.« »Ich bin trotzdem froh. Ich hoffte, du würdest ihn bit- ten, morgen mit dir einen Lauf zu machen.« »Himmel!« Rafferty hob die Schultern. »Es liegt ganz bei dir. Aber wenn er das Haus verläßt, sollte ihn jemand be- gleiten. Und es wäre sicher nicht schlecht, würdest du ihn etwas besser kennenlernen.« »Warum? Warum sollte mir daran etwas gelegen sein? Warum die ganze Mühe? Warum bist du über- haupt ein Risiko eingegangen und hast ihn mit hierher gebracht?« Rafferty blickte aus dem Fenster. »Vielleicht erinnert, er mich an meine Jugend. Ich glaube, in seinem Alter bin ich ebenso gewesen wie er. Wenn ich ihn beobachte, kommt es mir so vor, als sähe ich in einen Spiegel, der mein jüngeres Selbst zeigt.« Kate lachte. »Warst du jemals so unbeholfen wie er?« Rafferty lächelte. »Noch schlimmer.« »Seitdem sind viele Jahre vergangen, Vater.« »Ich weiß. Wenn ich Johns körperliche Schwerfällig- keit sehe, empfinde ich Verlegenheit für uns beide.« Zum Abendessen wurde eine große Schüssel mit Sa- lat aufgetragen: aus dem Garten stammende Blätter, saftige rote Stücke, die offenbar von zerschnittenen Tomaten stammten, und einige andere Gemüsesorten, die John nicht zu identifizieren vermochte. Als Kind hatte Cunningham des öfteren Salat gegessen, ihn aber nie als besondere Delikatesse erachtet. Jetzt stellte er fest, daß sich an diesem Geschmacksempfinden nichts verändert hatte. Die Tomaten waren köstlich, aber dem Lattich konnte John nichts abgewinnen, und er fürchte- te, er würde noch am nächsten Morgen am Tisch sitzen, ohne den Teller geleert zu haben. Für ein solches Essen, so fuhr es ihm durch den Sinn, hätten sie auch gleich auf eine Wiese gehen und weiden können. »Schmeckt es Ihnen nicht?« Rafferty sah ihn über- rascht an. »Ich habe regelrechte Begeisterungsausbrü- che von Ihnen erwartet.« »Ich schätze, mit der Zeit gewöhnt man sich daran.« »Vermutlich. Für den Fall, daß Sie sich nicht darüber im klaren sind: Aller Wahrscheinlichkeit nach haben Sie gerade die nahrhafteste Mahlzeit Ihres Lebens vor sich. Dies hier ist echtes und natürliches Essen. Und das kann man von den Nahrungsriegeln nicht gerade be- haupten.« John lächelte dünn und kaute weiter. Kate stellte ihren Teller in die Spüle und sagte über die Schulter hinweg: »John, ich mache morgen früh ei-, nen kleinen Ausflug. Sie können mich begleiten, wenn Sie möchten.« »Ja, gern.« »Kate.« Rafferty drehte sich auf seinem Stuhl um. »Darüber muß ich noch mit dir sprechen. Ich mache mir einige Sorgen.« Kate kehrte nach ihrem Platz zurück und strich Raf- ferty kurz über den Kopf. »Das ist nicht nötig, Vater. Ich weiß auf mich achtzugeben.« Rafferty lächelte schief. »Hör mir bitte trotzdem zu! Wir haben Johns Droiden am Tatort zurückgelassen. John, inzwischen sind Sie sicher schon ziemlich be- rühmt, und man wird überall nach Ihnen suchen. Wenn Sie laufen wollen, sollten Sie ganz früh aufbrechen und bis zum Sonnenaufgang wieder zurück sein. Und hal- ten Sie sich von den Straßen fern. Wenn Sie auf eine Po- lizeipatrouille stoßen, wäre es nicht sehr ratsam, zu den Beamten zu gehen und sich vorzustellen. Alles klar? Ihr müßt sehr vorsichtig sein.« »Vater, hältst du uns für so dumm, daß wir das nicht selbst wissen?« »Ich weiß, wozu du fähig bist. Wenn du mit deinen gefährlichen Albernheiten aufhörst, halte ich dir keine warnenden Vorträge mehr.« An jenem Abend las John eine Weile. Als er sich auf den Weg ins Bad machte, warf er einen kurzen Blick in das Arbeitszimmer Raffertys. Der alte Mann saß auf ei- nem runden und schwarzen Kissen vor dem niedrigen Tisch. Vor ihm lag ein Buch. John wäre gern zu ihm gegangen, um noch einige Worte mit ihm zu wechseln, aber er hielt es für besser, den alten Mann nicht zu stören. Der Wunsch, Rafferty aufzusuchen, entstand später noch einige Male in Cun- ningham. Aber schließlich legte er das Buch, in dem er gelesen hatte, beiseite und schaltete das Licht aus. Als John erwachte, war es völlig finster, und jemand rüttelte ihn heftig an der Schulter. »Los, wachen Sie auf, und singen Sie ein fröhliches Lied!« sagte die Stimme einer Frau. »Na? Geben Sie mir eine intelligente Ant- wort! Dann hört das Erdbeben auf.« »Ich bin wach.« »Dann machen Sie sich fertig! Hoffentlich können Sie sich auch im Dunkeln anziehen. Wir sollten es vermei- den, zu so früher Stunde das Licht einzuschalten.« Es war noch immer Nacht. John rollte sich auf die Sei- te, und sein Körper schmerzte an tausend verschiede- nen Stellen. Auf dem kleinen Nachttisch tastete er nach den Shorts und seinen Socken. Er ächzte leise, als er sich aufrichtete. Vom Korridor her fiel trübes Licht ins Zimmer. Kate saß an der Treppe und zog sich gerade die Schuhe an. John griff nach seinen Schuhen, die ne- ben der Tür standen. Kate drehte den Kopf und sah ihn. »Soll ich Ihnen ein T-Shirt leihen? Es ist noch ziemlich kühl draußen.« »Würde mir denn eins von Ihnen passen?« »Vielleicht nicht. Aber ich könnte Ihnen eins von meinem Vater besorgen.« Draußen schien es nicht ganz so dunkel zu sein. Am östlichen Horizont war ein erster grauer Schimmer zu beobachten. Die Luft strich John kalt und frisch über die Wangen, und eine Patina aus Tau hatte das Gras be- deckt. »Hübsche Wolkenformationen«, sagte Kate. »Es wird bestimmt ein herrlicher Sonnenaufgang.« Am Zaun entlang hielten sie auf den Wald zu und folgten dann dem Verlauf des Pfades, über den John und Rafferty am Vortag gegangen waren. Cunningham streifte die Blätter einiger niedriger Zweige, und schon bald war sein Gesicht ganz naß. Die ersten Minuten des Laufens waren alles andere als angenehm: Bei jedem Schritt beschwerte sich der Körper mit neuen Schmerzen. Dann ließen die Stiche nach, und John gewöhnte sich an die Bewegung. Sie legten ein forciertes, aber noch akzeptables Tempo vor, und sie schwiegen beide. Zum, erstenmal hatte Cunningham nun Gesellschaft beim Laufen, und das machte die ganze Sache leichter. Nach zehn Minuten sah Kate ihn an und fragte: »Geht's jetzt besser?« Es überraschte ihn, daß sie seine anfängliche Unbe- holfenheit bemerkt hatte. »Ja, jetzt tut mir nichts mehr weh.« »Dann könnten wir doch eigentlich einen Sprint ein- legen, oder?« Sie liefen schneller. John hielt zwar mit Kate Schritt, aber es fiel ihm nicht leicht. Und sie wurde noch schnel- ler. Nach einigen Minuten schienen die Beine Johns so schwer wie Blei zu sein, und er schnappte nach Luft. Kate hingegen erweckte den Eindruck, als habe sie nur einen entspannenden Spaziergang hinter sich. Cun- ningham versuchte, möglichst ruhig und gleichmäßig zu atmen. Die junge Frau deutete auf einen bestimmten Baum, und sie sprach im Plauderton, als sie sagte: »Ist das dort nicht ein wundervoller alter Baum? Ich sehe in ihm im- mer den König dieses Bereiches ..« Das Laufen konnte ihr doch nicht so leichtfallen. John war nahe daran, den Mut zu verlieren. Aber er weigerte sich, einfach aufzugeben. Und sind Sie gut? Gestern war er davon überzeugt gewesen, sich bei dieser Gelegen- heit beweisen zu können. Laufen war seine Spezialität. Er durfte jetzt nicht schlappmachen. Bestimmt konnte Kate nicht länger so schnell laufen. Das mußte einfach über ihre Kräfte gehen. Es wurde immer unerträglicher. Nach einer Weile konnte John seine Beine kaum mehr spüren, und er hatte Schwierigkeiten, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Die ganze Welt schien sich um ihn zu drehen. Schließlich stolperte er, taumelte und sank auf die Knie. Er klammerte sich am Rande der imaginären Schlucht fest, in der die Bewußtlosigkeit auf ihn lauerte, und er stützte sich auf die Arme, ließ den Kopf hängen, und keuchte. Als das Schlimmste vorüber war, rollte er sich auf den Rücken. Kate saß unweit entfernt. John entsann sich, daß er so etwas ähnliches schon mit Raf- ferty erlebt hatte. Was mußte die junge Frau jetzt von ihm halten? »Ich glaube, ich habe es ein wenig übertrieben«, sagte Kate trocken. »Sie hätten etwas sagen sollen. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« John enthielt sich einer Antwort darauf. Sie hätten et- was sagen sollen. O ja, die reinste Unschuld. Dieses kleine Aas. »Laufen Sie ruhig weiter«, erwiderte John nach einer Weile. »Ich möchte nur wieder zu Atem kommen. An- schließend kehre ich zurück.« »Sie kennen den Weg?« Er nickte. »Ich folge einfach dem Verlauf des Pfades.« »Gut. Wir sehen uns beim Frühstück.« Kate stand auf und lief davon. John blieb noch eine Weile liegen und betrachtete die Blätter über sich. Der Weg zurück nach dem Haus war sehr lang und mühsam. Als er die Strecke fast ganz hinter sich gebracht hatte, sah er Rafferty, der ihm im langsamen Dauerlauf entge- genkam. Der alte Mann wirkte erleichtert. »John, es freut mich sehr, Sie zu sehen. Kate hätte Sie nicht allein lassen dürfen. Wenn Sie sich verirrt hät- ten ...« Rafferty schüttelte den Kopf. »Ich frage mich, wie ich eine so ungehorsame und eigensinnige Göre aufzie- hen konnte.« »Nun, auf jeden Fall hatten Sie in dieser Hinsicht er- heblichen Erfolg.« Rafferty verzog das Gesicht. »John, meine Bemer- kung über Kate war natürlich nicht ernst gemeint, son- dern nur so dahingesagt. Ich habe eigentlich von Ihnen erwartet, Sie würden meine Tochter verteidigen. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Versichern Sie Vätern, ihre Töchter seinen einfach bezaubernd. Immer.«, »Tut mir leid.« Sie schritten auf das Haus zu. Vögel zwitscherten im Geäst der nahen Bäume. Rafferty warf seinem Begleiter einen kurzen und prüfenden Seitenblick zu und lachte. »Kate hat Sie wirklich fertiggemacht, was? Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen. Sie läuft schon von Kindes- beinen an. Und sie ist sehr gut. Als sie zu mir zurück- kehrte, meinte sie, sie könne Ihnen zwar auf und davon laufen, aber Sie seien auch ein zäher Kerl, der nicht so einfach aufgäbe. Sie sagte mir, sie habe die ganze Zeit gewußt, daß Sie nicht mit ihr mithalten könnten, und es erstaunte sie, daß Sie sie nicht baten, kein so hohes Tempo vorzulegen.« Insgeheim war John recht zufrieden mit diesem Be- richt, aber er achtete sorgfältig darauf, sich seine Ge- nugtuung nicht anmerken zu lassen. Sie stiegen die Treppe zur Veranda hoch. Der Verputz der Außen- wände bröckelte in großen Fladen ab. Über den Dä- chern der Häuser auf der anderen Straßenseite glühte eine rote Sonne. Rafferty lächelte dünn. »Machen Sie ihr bitte keine Vorwürfe. Damit wird sie nur schwer fertig. Wenn Kate Sympathie für sich erwecken will, so macht sie das, in- dem sie anderen Leuten zeigt, was sie alles kann. Wahr- scheinlich rechnet sie damit, daß Sie sich jetzt in sie ver- lieben.« »Wie ist es dann möglich, daß ich ihr viel lieber den Hals umdrehen würde?« »Weil wir andere Menschen nicht nach ihrem Wesen beurteilen, sondern danach, welches Gefühl sie einem selbst vermitteln.« Sie betraten das Haus und ließen die Schuhe neben der Tür zurück. »Ich schlage vor, Sie gehen nach oben und machen sich frisch«, sagte Rafferty. »Kate und ich kommen zum Frühstück, wenn wir mit dem Meditieren fertig sind.«, John blieb ruckartig stehen. »Mit dem Meditieren?« »Ja.« »Könnte ich Ihnen vielleicht Gesellschaft leisten?« Der alte Mann sah ihn überrascht an. »Meditieren Sie ebenfalls?« »Nein, aber ich habe darüber gelesen und würde es gern einmal versuchen.« Rafferty zögerte und dachte kurz nach. Dann erwi- derte er ein wenig brummig: »Na schön. Gehen Sie also ins Kellergeschoß! Ich bin gleich bei Ihnen.« Kate befand sich bereits unten. Sie hatte geduscht und trug Aikido-Kleidung von der Art wie auch ihr Va- ter am Vortag. Infolge des schwarzen Rockes konnte sich John zwar nicht ganz sicher sein, aber er glaubte, sie hatte sich ebenfalls einen schwarzen Gürtel um die Taille gebunden. Kate runzelte die Stirn, als sie John sah, sagte aber nichts. Sie holte zwei schwarze runde Kissen aus einer Ecke und legte sie auf die Matte. Eine unangenehme Stille schloß sich an. Rafferty kam mit einem Kissen aus seinem Arbeits- zimmer. Er deutete auf eins der beiden Kissen, die Kate zurechtgelegt hatte. »Nehmen Sie Platz.« Der alte Mann setzte sich neben ihn. »Dies ist die richtige Stellung.« Er zog die Beine an, überkreuzte sie und legte die Hände in den Schoß. »Versuchen Sie, den Rücken möglichst ge- rade zu halten. Es kommt darauf an, einfach nur dazu- sitzen und nichts zu tun.« John war versucht zu lachen, beherrschte sich aber. »Es muß doch um mehr als nur das gehen.« »Nein. Sie werden feststellen, daß einem gerade das Nichtstun besonders schwerfällt. Es werden Ihnen die verschiedensten Dinge durch den Kopf gehen. Viel- leicht wollen Sie mit sich selbst sprechen, sich Gesell- schaft leisten.« »Und was soll ich machen, wenn mir Gedanken durch den Kopf gehen?« »Es ist sehr wichtig, sich nicht davon vereinnahmen, zu lassen. Beachten Sie sie nicht und ruhen Sie ein- fach!« Rafferty lächelte. »Manchmal ist es besser, es sich leichter zu machen, indem man sich scheinbar unbe- deutende Aufgaben stellt. Zählen Sie, wie oft Sie at- men. Oder wiederholen Sie in Gedanken immer wieder ein bestimmtes Wort.« »Was denn für ein Wort?« »Nun, konzentrieren Sie sich auf Ihren Atemrhyth- mus. Zählen Sie bis zehn, und fangen Sie dann wieder von vorn an. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Achten Sie bitte darauf, sich nicht zu sehr zu bewegen. Ich klopfe mit zwei hölzernen Stangen, wenn wir fertig sind.« John setzte sich zurecht und schloß die Augen. Ein sanfter Glockenlaut ertönte und hallte leise wider. Kurz darauf wiederholte er sich. Es war ein sehr melodisches Geräusch, das irgendwie in der Luft zu verharren schien. Beim drittenmal schien das Innerste Johns im Takt dazu zu vibrieren. Er fragte sich, ob die anderen Angehörigen des Archivierungsteams schon einmal et- was von diesem Mann gehört hatten, und nach einer Weile fiel ihm ein, daß er nicht auf seinen Atemrhyth- mus achtete. Er begann zu zählen: eins ... zwei ... Sollte er mit geschlossenen oder geöffneten Augen me- ditieren? Rafferty hatte ihm keinen diesbezüglichen Rat gegeben. John ließ sie zu. Eins ... So übel schien Kate gar nicht zu sein. Er hätte sie schließlich darum bitten können, langsamer zu laufen. Es war nicht ihre Schuld, daß er nicht mit ihr Schritt halten konnte. Wirklich schade, daß sie nicht besser aussah. Und es wäre noch bedauernswerter gewesen, wenn alle Renegaten- Frauen so aussahen. Nein, das war unmöglich. Be- stimmt stellte Kate einen Einzelfall dar. Das Atmen. Ruhig und aufmerksam zählte Cunning- ham bis zehn. Sehr schön. Langsam bekam er ein Ge- fühl dafür. Es war keine großartige Sache. Allerdings: Eigentlich sollte er ja nicht über das nachdenken, was er, gerade machte. Und er sollte auch nicht darüber nach- denken, über was er nachdachte. Sein Kopf hätte ganz leer sein müssen. Jede Überlegung, die sich hinter sei- ner Stirn bildete, war ein weiterer unerwünschter Ge- danke. Sogar jetzt ... Ihm war langweilig. Im rechten Knie Johns begann ein dumpfer Schmerz zu pochen. War es denn unbedingt nötig, die Beine wie eine Brezel zusammenzufalten? Er fragte sich, ob Raf- ferty wirklich über das Meditieren Bescheid wußte. Das dumpfe Pochen verstärkte sich und wurde zu einem heftigen Stechen. Hatte der alte Mann irgend etwas da- von gesagt, wie man sich bewegen konnte? John öffnete die Augen einen Spaltbreit und beobachtete Kate und Rafferty. Sie rührten sich überhaupt nicht. Nun, der alte Mann hatte ihm nicht ausdrücklich jede Bewegung verboten. Vorsichtig tastete John mit der lin- ken Hand nach unten und schob den rechten Fuß vom linken Bein. So leise wie möglich deponierte er den Fuß anschließend unter dem betreffenden Bein. Kate und Rafferty wirkten noch immer völlig erstarrt. John seufzte erleichtert und konzentrierte sich wieder darauf, sich auf nichts zu konzentrieren. Allerdings bildete sich jetzt im linken Oberschenkel ein schmerzhafter Kno- ten. Es schien Stunden zu dauern. Die meiste Zeit über wünschte sich John, es sei endlich vorbei. Er überlegte gerade, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gäbe, die Bü- cher aus seinem Wohnstock-Apartment zu holen, ohne dabei von der Polizei erwischt zu werden, als erneut die Glocke ertönte. Zwe hölzerne Stangen klackten, und Kate und ihr Vater bewegten sich. John versuchte auf- zustehen und wäre dabei fast vornüber gefallen. Ein Bein war ihm eingeschlafen. »Wie fühlen Sie sich?« fragte Rafferty. »Ganz gut.« John stampfte mit dem Fuß auf, um die Blutzirkulation anzuregen. »Ich glaube aber, ich bin ein wenig enttäuscht.«, »Hatten Sie andere Erwartungen?« »In gewisser Weise. Ich weiß nicht genau, was ich von der ganzen Sache halten soll.« »Die Meditation stellt die Grundlage für vieles dar. Beim Aikido handelt es sich um Bewegungsmedita- tion. Man nimmt dabei nur andere Stellungen ein. Ei- gentlich kann man gerade beim Laufen am besten medi- tieren.« Rafferty beobachtete die Reaktion Johns und lä- chelte. »Machen Sie sich nichts draus. Sie haben es zu- mindest einmal versucht. Und das genügt für den An- fang.« »Aber es muß doch noch mehr damit zusammenhän- gen«, beharrte John. »Sind Sie ganz sicher, Sie machen es richtig?« Rafferty lachte. »In der Tat.« John errötete. »Nun, dann bin ich vermutlich derjeni- ge, der nicht damit zurechtkommt.« »Ganz gleich, wie Sie es auch angingen - es war in je- dem Fall richtig. Machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Sie können das Meditieren nicht in einer halben Stunde lernen. Ziehen Sie sich jetzt besser um. Kate und ich be- reiten das Frühstück vor. Es wird Sie überraschen: Es gibt echte Eier.« Die Eier erwiesen sich als sehr schmackhaft, nachdem John sie großzügig mit Salz gewürzt hatte. Rafferty ver- zog dabei das Gesicht. Als John mit dem Frühstück fertig war, fragte er: »Machen Sie heute weitere Aikido-Übungen?« »Später«, erwiderte Kate. »Möchten Sie uns dabei Gesellschaft leisten?« »Nun, ich würde sehr gern daran teilnehmen. Wäre ich Ihnen im Wege?« »Ja.« Kate nickte. »Aber daran sind wir schon ge- wöhnt.« Sie sah ihren Vater an. »Und Sie sind ganz sicher«, wandte sich Rafferty an John, »Sie wollen es nicht bei der gestrigen Erfahrung bewenden lassen?«, »Nun, ich weiß nicht. Sie meinten doch, man müßte jeden Tag üben.« »Das stimmt. Wie fühlt sich Ihr Körper an? Ziemlich steif, was?« »Ein wenig. Aber das macht mir nichts aus.« »Dann kommen Sie nur zu uns«, erwiderte der alte Mann. »Es kann Ihnen bestimmt nicht schaden.« Zwei Stunden später begaben sie sich in den Übungs- raum. Rafferty ließ John am Rand der Matte Platz nehmen und legte ihm die eine Hand auf die Schulter. »Kate und ich machen uns zunächst ein wenig warm. Sehen Sie uns gut zu und versuchen Sie, aus unseren Bewegun- gen zu lernen. Wir zeigen Ihnen die gewaltlose und völ- lig unverfälschte Form des Aikido. Aber sie dürfte Ih- nen einen Eindruck der allgemeinen Möglichkeiten ver- schaffen.« Rafferty und Kate knieten sich etwa zehn Meter ent- fernt nieder. Der alte Mann verneigte sich, und die junge Frau folgte seinem Beispiel. Dann, von einem un- glaublichen Augenblick zum anderen, fand die Ruhe ein jähes Ende. Noch während Kate den Kopf hob, sauste sie bereits über die Matte und ging wie eine geschmei- dige Raubkatze, die ein wehrloses Opfer vor sich sieht, zum Angriff über. Rafferty trat ein wenig zur Seite und winkelte die Arme an - und einen Sekundenbruchteil später flog Kate hoch durch die Luft und prallte hart auf die Matte. Sofort rollte sie sich ab, sprang auf und setzte zum zweiten Angriff an. Entgegen der Worte des alten Mannes erwies sich die Vorführung als ausgesprochen gewalttätig. Immer und immer wieder ließ Rafferty seine Tochter davonwirbeln, und jedesmal stürzte sie auf die Matte. Und jedesmal sprang Kate sofort wieder auf und griff erneut an. John war mehr von der zähen Ausdauer der jungen Frau er- staunt als von dem ausgesprochenen Geschick des alten Mannes. Kate erwies sich als unerschütterlich. Cun-, ningham hielt es für völlig ausgeschlossen, daß er selbst das hätte überleben können, was sie nun durchmachte. Schließlich beendete Rafferty die Demonstration. Kate und ihr Vater lächelten, als sie sich voreinander verbeugten. Die Frau stemmte die Arme in die Hüften, sah John an und erwartete offenbar einen Kommentar von ihm. Sie holte tief Luft. »Nicht schlecht. Für einen verkalkten alten Opa ist er ziemlich fix.« John zitterte. Als Antwort konnte er nur schief lä- cheln und nicken. Kate und Rafferty beobachteten seine Reaktion, und als sich die junge Frau abwandte, warf sie ihrem Vater einen warnenden Blick zu. Zwar war diese stumme Bot- schaft nicht für John bestimmt, aber er bemerkte sie dennoch. »John«, sagte der alte Mann. »Jetzt sind Sie an der Reihe.« Diese Worte formten vor dem inneren Auge Cun- ninghams Schreckensbilder einer ähnlichen Qual, und unsicher stand er auf. Rafferty forderte seine Tochter mit einem Wink auf, zur Seite zu treten, und dann zeigte er John noch einmal die Griffe und Bewegungsmomente, mit denen sie sich bereits am Vortag beschäftigt hatten. Cunningham machte die unangenehme Feststellung, fast alles von dem vergessen zu haben, auf das ihn Rafferty am Nachmittag des vergangenen Tages hingewiesen hatte. Als sich die Verwirrung und Unsicherheit Johns lang- sam legten, zeigte ihm Rafferty einige neue Würfe. Da- bei kam es insbesondere darauf an, an den Handgelen- ken des Angreifers zu ziehen, was sich für Cunningham als recht schmerzhaft herausstellte. Der alte Mann zeigte ihm, wie es ging, und anschließend mußte John versuchen, Rafferty auf die demonstrierte Weise anzu- greifen. Die Würfe hatten fremde und exotische Namen, die John kaum im Kopf behalten konnte: Ikkyo, Kotegae- shi, Shihonage. Mit dem letzteren Griff kam Cunningham, recht gut zurecht und hatte dem alten Mann schon des öfteren arg zugesetzt - doch nach einer Weile ließ sich Rafferty davon nicht mehr beeindrucken. John setzte seine ganze Kraft ein. Ohne Ergebnis. Der alte Mann hätte jetzt eigentlich große Schmerzen empfinden müs- sen. John sah in die nur wenige Zentimeter entfernten Augen Raffertys. Sein Lehrmeister lächelte amüsiert. »Sie sind völlig verkrampft«, sagte Rafferty. »Ent- spannen Sie sich! Lockern Sie die Muskeln! Sie kämpfen gegen mich an.« Mit der freien Hand drückte er die Schulter Johns ein wenig zurück, und die beiden Män- ner verharrten in ihrer gegenwärtigen Stellung. »Sie kommen mit der Technik schon ganz gut klar. Sie ler- nen ziemlich schnell. Aber Sie müssen sich entspannen. Es geht vor allen Dingen darum, daß Sie Ihre Einstel- lung ändern. Jedesmal dann, wenn ich angreife, ducken Sie sich ängstlich. Aikido ist nicht in erster Linie eine bestimmte Kampfart, sondern eine geistige Haltung. Es kommt darauf an, einen Angriff ruhig und entschlossen abzuwarten. Diesen Vorgang bezeichnen wir als eine Ki-Erweiterung. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Kraft, auf Zuversicht und einen unnachgiebigen Willen. Bei einer solchen Einstellung geht es nicht um den Kampf. Das ist unwichtig. In der gegenwärtigen Stellung könn- ten Sie mich praktisch allein mit Ihrer Willenskraft auf die Matte zwingen. Setzen Sie Ihren ganzen Körper ein!« John verstärkte den Druck auf das Handgelenk, aber der alte Mann rührte sich nicht von der Stelle. »Nein, John, Sie kämpfen noch immer gegen mich an. Ent- spannen Sie sich und konzentrieren Sie sich in aller Ruhe auf die Aufgabe! Nein, so nicht! Sie kämpfen nicht nur gegen mich an, sondern auch gegen sich selbst.« Rafferty drehte sich, und John wurde schmerzhaft auf die Matte geworfen. Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Ich habe Sie nicht gelehrt, so zu fallen. Sie waren völlig steif. Aikido bedeutet auch, ohne Furcht zu stürzen,, sich auch dabei zu entspannen und niemals in der Auf- merksamkeit nachzulassen. Kate, lös mich bitte ab! Ar- beite du mit John und seinem Ukemi weiter.« Rafferty verneigte sich vor ihnen beiden und betrat den Umkleideraum. John sah Kate an. Die junge Frau deutete auf die Matte. »Zeigen Sie mir, was Sie können! Fangen Sie mit Vorwärtsrollen an!« John warf sich auf die Matte, und Kate verzog das Ge- sicht. »Das muß ziemlich weh getan haben. »Es war nicht sehr gut, wie?« »Schrecklich. Zunächst einmal: Strecken Sie sich nicht, bevor Sie die Rolle beendet haben. Wenn Sie wei- terhin zusammengekrümmt bleiben und Ihr Bewe- gungsmoment nutzen, kommen Sie von ganz allein wieder auf die Beine. Und dann: Knicken Sie nicht den Führungsarm ein. Wenn Sie das machen, schlagen Sie notwendigerweise mit dem Kopf auf. Der Arm, mit dem Sie sich abrollen, muß gebeugt sein, darf aber nicht ein- knicken. Stellen Sie sich ihn als eine Verlängerung des Rückens vor. Arm und Rücken bilden die Kante eines Rades, mit dem Sie sich abrollen. Versuchen Sie es er- neut.« Noch einmal. Und wieder. »War das jetzt besser?« John glaubte, es beim letz- tenmal geschafft zu haben. »Nicht viel.« Kate schüttelte den Kopf. »Jedesmal dann, wenn Sie den Führungsarm knicken, prallen Sie zu schwer auf die Matte. Sie dürften sich inzwischen Dutzende von blauen Flecken geholt haben. Bitten Sie meinen Vater darum, Ihnen heute abend den Nacken zu massieren, damit es Ihnen morgen nicht allzu schlecht geht. So etwas hilft, das kann ich Ihnen garantieren. Mit dem Massieren ist er ziemlich gut: Er hat auf diese Weise einiger meiner Verletzungen weitaus schneller heilen lassen.« John nickte und rieb sich den Handrücken. »Fällt es, Neulingen immer so schwer, solche Übungen zu bewäl- tigen?« »Nein. Aber Sie legen eine geradezu todesmutige Entschlossenheit an den Tag. Wenn Sie durchhalten, schaffen Sie es. In Ordnung. Jetzt die Rückwärtsrolle!« Kate forderte John erst dann auf, Schluß zu machen, als er vor Erschöpfung fast das Bewußtsein verlor. Sie verneigten sich und suchten den Umkleideraum auf. John ließ die zweite Dusche dieses Tages über sich er- gehen, und Kate benutzte die andere Anlage neben ihm. Sie schwiegen. John überraschte sich dabei, der nackten jungen Frau immer wieder verstohlene Blicke zuzuwerfen. Kates muskulöse Schlankheit hatte sowohl eine abstoßende als auch irgendwie faszinierende Wir- kung auf ihn. Er mußte sich dazu zwingen, den Blick von ihr abzuwenden. Kate schien von all dem nichts zu merken. Anschließend trocknete sich Cunningham ab und zog sich an. Als er den Raum verlassen wollte, rief Kate ihm zu: »John.« Er drehte sich um. »Vater meinte, ich hätte es heute morgen übertrieben. Wenn ich Ihnen zu sehr zugesetzt habe, möchte ich mich entschuldigen. Ich laufe nicht immer so schnell.« John lächelte. »Ich auch nicht.« »Wenn Sie mich morgen früh erneut begleiten möch- ten: Ich verspreche, mich zu benehmen.« »Wenn Sie es schaffen, mich aus dem Bett zu holen - einverstanden.« Am Abend trat John in die Tür des Arbeitszimmers. Rafferty sah von seinem Buch auf. »Sind Sie beschäftigt, Wins?« »Ja und nein«, erwiderte Rafferty und legte das Buch beiseite. »Jedenfalls nicht zu beschäftigt für ein Ge- spräch.« »Nun, Kate meinte, ich sollte Sie darum bitten, mir den Nacken zu massieren. Ich weiß nicht, ob das nötig, ist, aber sie sagte, es würde mir morgen sonst ziemlich schlecht gehen.« »Da hat sie recht. Ich hätte selbst daran denken sol- len.« Der alte Mann deutete auf einen langen und ge- polsterten Tisch am Fenster. »Legen Sie sich dorthin!« John kam der Aufforderung nach. Rafferty nahm auf dem Stuhl am Rande des Tisches Platz und berührte Cunningham vorsichtig. Er rückte eine Schulter Johns in eine seltsame Position, und zwanzig Sekunden später spürte dieser, wie etwas in ihm nachgab und sich lok- kerte. Die Hände glitten weiter, und überall dort, wo sie ihn berührten, ließ die Anspannung nach. Er spürte, wie Rafferty ihm den Kopf anhob. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm, und er atmete so tief durch, daß er glaubte, seine Lungen müßten platzen. Er hatte plötzlich das Gefühl, von Geborgenheit eingehüllt zu sein und ge- wichtslos durch einen Kosmos der Ruhe zu schweben. »Das dürfte jetzt genügen«, ertönte eine Stimme aus der Ferne. »Lassen Sie sich Zeit damit, sich wieder auf- zurichten!« John wollte diese ihm unangenehme Störung nicht beachten und in dem Entspannungsuniversum verwei- len. Es war, als sei er dazu fähig, gleichzeitig zu lachen und zu weinen. Nach einer Weile aber rollte sich Cun- ningham herum und stemmte sich in die Höhe. Er fühlte sich desorientiert und wußte nicht einmal genau, wie er aufstehen sollte. »Danke«, sagte. »Das war phänomenal. Ich glaube, Sie könnten sich damit Ihren Lebensunterhalt verdie- nen.« »Das habe ich früher auch.« »Vielleicht würden Sie sogar steinreich.« »Das bezweifle ich. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!« Rafferty deutete auf die andere Seite des niedrigen Tisches. John stand vorsichtig auf, trat um den Tisch herum und nahm auf einem Kissen Platz. »Haben sich andere, Leute Ihnen gegenüber schon mal die Seele erleich- tert?« »Mhm. Kam ziemlich oft vor. Würden Sie gern mit mir über etwas sprechen?« »Eigentlich nicht.« Rafferty nickte. »Aber wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie etwas fragen«, sagte John. »Heraus damit!« »Nun, wären Sie dazu bereit, einen Schüler zu neh- men?« »Einen Schüler für was?« »Ah ... Aikido. Und für all die anderen Dinge.« »Warum denn, John? Das ist nicht nötig. Wenn Sie für die Sache der Renegaten kämpfen wollen, brauchen Sie nichts weiter als einen Blaster. Wäre ich gestern im Besitz einer solchen Waffe gewesen, hätte ich mich den Polizisten gegenüber nicht als ein gebrechlicher Greis darstellen müssen und sie einfach aus sicherer Entfer- nung erschossen.« »Ich würde trotzdem gern von Ihnen lernen.« »Und ich glaube, Ihnen ist nicht einmal klar, worum Sie mich bitten.« »Das mag stimmen.« »Aus welchem Grund ist Ihnen so sehr daran gele- gen?« »Das weiß ich nicht genau.« Rafferty wartete und musterte Cunningham ruhig. »Kate beeindruckt mich sehr«, gestand John ein. »Wenn ich sie ansehe, komme ich zu dem Schluß, daß sie vermutlich nicht einmal das Wort Furcht kennt. In ihrer Nähe komme ich mir ganz klein vor. Ich möchte etwas von dem können, wozu sie fähig ist. Ich möchte mir gefährlich vorkommen. Hört sich das lächerlich an?« Der alte Mann nickte. »Ja. Aber ich weiß, was Sie meinen. Allerdings ist der Preis für das, um was Sie, mich bitten, weitaus höher, als Sie vielleicht glau- ben.« »Ich würde trotzdem gern von Ihnen lernen.« »John, ich rate Ihnen nur, die ganze Sache schnell zu vergessen. Man kann auch ohne das glücklich werden, worauf Sie aus sind.« »Sie müssen mich für einen schlechten Schüler hal- ten.« »Nein. Darum geht es nicht.« »Sie waren heute doch ziemlich unzufrieden mit mir, oder?« »Nein. Wann denn?« »Beim Üben. Als Sie gingen.« »Nein. Es gefällt mir nur, derartigen Lektionen dann und wann ein dramatisches Flair zu geben. Sie haben sich heute recht gut gehalten.« »Warum lehnen Sie dann ab?« »Weil es Jahre dauern würde.« Rafferty seufzte. »Viele Jahre harter Arbeit.« »Und wenn ich mich wirklich anstrengte?« »Jeder Körper weist eine Belastungsgrenze auf, und auf den Ihren trifft das in einem besonderen Maße zu. Und selbst wenn wir die Ausbildung sehr intensivieren würden und sie damit fertigwürden: Es dauerte den- noch mindestens zwei bis drei Jahre. Ich werde allmäh- lich alt, John. Vielleicht bleibt mir nicht mehr soviel Zeit.« Cunningham zuckte die Achseln. »Ich wiederhole meine Bitte trotzdem. Ich würde gern Ihr Schüler wer- den.« »Na schön.« Die Stimme Raffertys klang gleichgültig bei diesen Worten, und John sah sich genötigt, noch einmal nach- zufragen, um ganz sicher zu sein. »Im Ernst?« »Ja. Wir fangen morgen an und warten ab, wie's klappt.« »Das werden Sie nicht bereuen.«, »Ich nicht, aber Sie. Wenn Sie durchhalten. Ich bin gespannt, wann Sie das Handtuch werfen.« John begriff plötzlich, daß der alte Mann die ganze Sache gar nicht ernst nahm. Er rechnete damit, daß er, John, rasch aufgab. Vielleicht empfand er ihm gegen- über so etwas wie amüsiertes Mitleid. Nun, John war dazu entschlossen, Rafferty mit einer Überraschung zu konfrontieren. Am nächsten Morgen rüttelte ihn Kate nicht wach, sondern sprach ihn von der Tür her an. Es klang ir- gendwie wichtig, und John war bereits aufgestanden, noch bevor er sich richtig über seine Reaktion klarwur- de. Draußen legte die junge Frau ein eher gemächliches Tempo vor und bestand darauf, daß sie sich unterhiel- ten. »Vater bezeichnet das als Gesprächstest. Wenn Sie nicht zu einer ruhigen Unterhaltung in der Lage sind, laufen Sie zu schnell. Die interessantesten Gespräche habe ich immer dann mit meinem Vater geführt, wenn wir zusammen unterwegs waren.« »Rafferty läuft also ebenfalls?« »Wußten Sie das nicht?« »Woher denn? Er hat mir nichts davon gesagt. Kann er in seinem Alter wirklich noch lange Läufe machen?« »Nun, jedenfalls noch vor einigen Jahren. In der letz- ten Zeit aber wurde ich schneller, und er langsamer. Ist ein wenig traurig. Trotzdem: Noch heute verläßt er je- den Tag das Haus, um einige Kilometer zu laufen.« »Wissen Sie, ob er jemals an einem Wettkampf teil- nahm? Früher gab es etliche solche Veranstaltungen. Tausende von Menschen machten sich zusammen auf den Weg.« »Himmel: Ich bin früher einmal bei so einem Wett- kampf gelaufen. Als ich noch ein Mädchen war. Aller- dings nicht zusammen mit Tausenden von anderen, sondern nur fünfzig oder sechzig. Ich glaube, die Me- daille müßte noch irgendwo herumliegen. Ich hängte, die meisten anderen Mädchen meiner Altersgruppe ab. Auch die Jungen - obgleich es mir darauf nicht ankam. Vater allerdings nahm an den wirklich großen Veran- staltungen teil, damals, im zwanzigsten Jahrhundert. Er war ein Marathon-Läufer. Sie sollten ihn einmal danach fragen.« »Ein Marathon-Läufer? Oh, ja. Darüber habe ich gele- sen. Es ging darum, eine rund zweiundvierzig Kilome- ter lange Strecke zurückzulegen.« »Ja. Ein wenig mehr sogar noch, glaube ich.« »Kaum zu fassen.« »Das stimmt nicht unbedingt. Vater meint, wer so viel liefe wie wir, dem fiele das nicht sonderlich schwer, und ich würde es bestimmt schaffen, böte sich mir eine ent- sprechende Gelegenheit. Nun, sobald wir dafür gesorgt haben, daß die Lage wieder normal geworden ist, könn- ten wir einen solchen Lauf veranstalten.« »Was meinen Sie mit >normaler Lage?<« »Eine Welt ohne die Kürbisschädel. Was denn sonst?« John wußte nicht so recht, was er davon halten sollte. Die Neuen Menschen waren von Anfang an ein Teil seines Lebens gewesen - ein zwar ferner, aber doch sehr realer Faktor. Es bereitete ihm ein gewisses Unbehagen zu hören, daß Kate sie mit dieser abfälligen Bezeich- nung bedachte. Das war doch nichts weiter als Engstir- nigkeit. Jene Art von Rassismus, die die Unruhen des Jahres 2029 hatte ausbrechen lassen. Er richtete seine gedankliche Aufmerksamkeit wieder auf die Idee eines allgemeinen Wettkampfes. Er stellte sich viele tausend Menschen vor, die über eine Straße liefen, eine mehrere Kilometer lange Schlange. Zu bei- den Zeiten des Weges applaudierte und jubelte das Pu- blikum. John nahm sich vor, sofort nach der Rückkehr den alten Mann darauf anzusprechen. Rafferty wusch sich gerade das Gesicht in einem der Badezimmer im Obergeschoß. John drehte die Dusche auf und zog sich aus., »Kate erzählte mir, Sie hätten früher an Wettläufen teilgenommen.« »Das stimmt.« »Haben Sie einmal gewonnen?« »Oh, nein. Ich war nicht einmal unter den ersten. Darauf kam es nicht an.« »Sind Sie jemals bei einer wirklich großen und wich- tigen Veranstaltung gestartet?« Rafferty trocknete sich das Gesicht mit einem Hand- tuch ab. »Bei einigen. Es gab einmal einen Volksmara- thon in Chicago. Die Strecke führte am See entlang, und es nahmen zehntausend Menschen teil. Bei so vielen Teilnehmern wird die Sache schon unangenehm. Wenn der Start erfolgt und man nicht gerade in einer der vor- deren Reihen steht, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen. Wenn man dann schließ- lich ebenfalls losläuft, haben die anderen schon einen Vorsprung von einigen Minuten.« »Es muß trotzdem grandios gewesen sein.« »Damit haben Sie vermutlich recht.« »Wie ist es, an einem Marathon teilzunehmen?« Rafferty lehnte sich an das Waschbecken. »Ziemlich anstrengend.« »Ja, natürlich. Aber bestimmt auch wundervoll.« »Damals hatte ich nicht unbedingt diesen Eindruck. Ich war mehr darauf konzentriert, nicht schlappzuma- chen.« »Ach, aber wenn man sich selbst als einen Mara- thon-Läufer bezeichnen kann ..« »Ja, das war nicht übel. Und vielleicht ging ich nur deswegen an den Start. Doch ... Himmel, man muß ei- nen hohen Preis für diese Ehre zahlen.« »Aber ... Entschuldigen Sie - aber wahrscheinlich habe ich von Ihnen mehr Begeisterung erwartet. Fühl- ten Sie sich nicht großartig, als Sie die Ziellinie über- querten?« »Nun, in erster Linie erleichtert. Das Schönste an ei-, nem Marathon ist, sich nach dem Erreichen des Ziels einfach auf den Boden legen zu können. Doch ich weiß, was Sie meinen. Am Ende des Wettkampfes habe ich fast mit erhabenen Visionen gerechnet. Aber solche Vi- sionen, John, sind niemals so phantastisch, wie man sie sich vorstellt - jedenfalls dann nicht, wenn man sie di- rekt erlebt. Sie sind nur ein Teil des Lebens selbst. Und andererseits: Wenn es einem gelingt, ein Gefühl für die unmittelbare Realität zu entwickeln, so kann sich das Leben als enorm interessant herausstellen. Wenn Sie laufen, stellen Sie sich dann einen Marathon vor, mit sich selbst an der Spitze?« »So in etwa.« »Hört sich ganz so an, als hätten Sie heute morgen eine gute Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß mein Leben um so besser wird, je mehr ich mich auf das konzentriere, was ich gerade mache. Nun, mir scheint, Sie vergeuden da eine Menge heißes Wasser.« »Wie? Oh, entschuldigen Sie.« John trat rasch unter die Dusche. Zu Ehren von Johns neuem Status dauerte das Medi- tieren an diesem Morgen nicht dreißig, sondern fünf- undvierzig Minuten. Anschließend holte Rafferty höl- zerne Schwerter hervor. »Das japanische Wort für Schwert ist Ken«, erklärte der alte Mann und wog die Waffe in der Hand. »Ist Ih- nen schon die Silbe >do< in verschiedenen Bezeichnun- gen aufgefallen? Do bedeutet soviel wie Art oder Weise. Aikido zum Beispiel läßt sich mit >Harmonie mit dem Universum< übersetzen. Dojo ist der Ort, an dem man sich mit der Art und Weise dieser Harmonie befaßt. Was also könnte Kendo bedeuten?« »Die Art und Weise des Schwertes.« »Genau. Dies hier ist ein hölzernes Schwert, ein Bo- ken. Ich möchte Ihnen jetzt zeigen, wie man damit um- geht.« Rafferty hob das Schwert hoch über den Kopf,, ließ es rasch und in einer fließenden Bewegung herun- tersausen und verharrte in dieser Stellung. »Sehen Sie mir noch einmal genau zu und versuchen Sie es dann selbst.« Rafferty holte erneut aus. John kam nur vage an das Beispiel des alten Mannes heran. »Nein«, sagte Rafferty. »Beugen Sie sich nicht vor. Krümmen Sie die Knie, wenn Sie zuschlagen. Benutzen Sie den ganzen Körper. Aber der Torso muß gerade und aufrecht bleiben. Erinnern Sie sich an die alten Samu- rai-Filme?« John schüttelte den Kopf. »Solche Filme habe ich nie gesehen.« »Tatsächlich nicht? Wirklich schade. Nun, dann kön- nen Sie das heute abend nachholen. Ich habe zwei Auf- zeichnungen. Nun, üben wir also weiter. Hundertmal.« Sie standen nebeneinander, Rafferty in der Mitte, und während der alte Mann zählte, holten Kate und John immer wieder aus. Als sie schließlich fertig waren, schmerzten die Arme Cunninghams, und er konnte seine Hände kaum noch fühlen. Er kam sich sehr steif und schwerfällig vor. Rafferty zeigte ihm einen anderen Schwerthieb und erklärte Cunningham, wobei es darauf ankam. John schluckte und seufzte innerlich, als er begriff, daß ihm weitere hundert Schläge bevorstanden. Eine dritte Demonstration. Und noch einmal hundert Hiebe. Die Arme und Hände Johns schienen jemand anderem zu gehören. Er hielt nur mit eiserner Ent- schlossenheit durch. Eine vierte Demonstration. Als der alte Mann bei vierzig angelangt war, gab John auf. Rafferty sah ihn an. »Was ist denn los?« »Was los ist? Was los ist, fragen Sie? Verdammt, Sie sind irre, das ist los! Das hier ist doch alles völliger Wahnsinn. Ich kann es kaum fassen, daß wir uns mit solchen Dingen beschäftigen. Wir schreiben das Jahr 2059, und wir drei spielen hier mit hölzernen Schwer-, tern. In einem Zeitalter der Impulskanonen und Blaster üben wir den Angriff mit Spielzeugwaffen aus Holz! O ja, damit werden wir unserem Gegner wirklich Angst einjagen. Er wird in Panik geraten, wenn er uns so da- mit kommen sieht. Was hat dieser Unfug mit der Reali- tät zu tun? Nichts. Absolut nichts.« Rafferty wirkte überrascht. »Sehr schön. Es freut mich, daß Sie Temperament beweisen.« Dann wandte er sich wieder um und zählte ungerührt weiter. Kate und er setzten die Übungen fort und schenkten John keine Beachtung. Es war nicht gerade angenehm für Cunningham, tatenlos herumzustehen, während seine beiden Begleiter weitermachten, und schon recht bald bereute er seinen aufgebrachten Wortschwall. Als Rafferty bei hundert angelangt war, richtete er seinen Blick wieder auf Cunningham und sagte ganz ruhig: »Die Hände tun Ihnen weh, nicht wahr? Und den Rest vergessen wir einfach, was meinen Sie?« John nickte. Rafferty ahmte sein Nicken nach. »Das nächste Mal sollten Sie nicht versuchen, mir etwas vorzumachen. Wenn es überhaupt ein nächstes Mal gibt. Nach Ihrer Bitte von gestern abend bin ich jetzt ziemlich ent- täuscht. Ich dachte, Sie würden wenigstens einige Tage durchhalten. Nun, Sie halten also nichts von hölzernen Schwertern.« Die Stimme des alten Mannes war nun voller Hohn. »Wie schade. Bei einem Kampf Mann ge- gen Mann ist ein Schwert eine sehr gefährliche Waffe. Das heißt: Wenn man damit umzugehen versteht. Je- mand, der so unbeholfen und unfähig ist wie Sie, würde sich damit wahrscheinlich selbst umbringen. Aber es geht nicht in erster Linie um das Schwert, das doch nichts weiter darstellt als nur ein Werkzeug. Ich sollte Sie in erster Linie lehren, sich selbst besser zu verstehen und zu beherrschen. Das haben Sie nämlich wirklich nötig!« Johns Knie zitterten. Angesichts der Verachtung Raf-, fertys fiel ihm sogar das Atmen schwer. Dann plötzlich glätteten sich die Züge des alten Mannes. Er setzte sich auf die Matte und deutete auf einen Punkt weiter vorn. John kniete sich nieder. Rafferty wirkte sehr nachdenklich. »Gestern abend dachte ich, Sie würden verstehen. Hören Sie: Heute nachmittag gehen wir in den Wald, und dort zeige ich Ihnen, wie man mit einem Blaster umgeht. Das dauert ungefähr eine halbe Stunde. Wenn Sie anschließend eine Stunde lang geübt haben, sind sie bereits ein Ex- perte. Und damit ist die Ausbildung auch schon beendet. Allerdings ändert das nichts an der Art Ihres We- sens, an der Weise, wie Sie auf Druck und Streß reagie- ren. Die eine Stunde verbessert nicht im geringsten die Umsicht, mit der Sie den Blaster einsetzen. Es gibt aller- dings Methoden, die Sie innerlich wachsen lassen kön- nen. Zuerst aber müssen Sie eine Entscheidung treffen. Entweder Sie akzeptieren meine Unterweisungen, oder Sie hören auf, meine Zeit zu verschwenden.« John holte tief Luft. »Ich möchte mich bei Ihnen ent- schuldigen.« Rafferty nickte ruckartig. »In Ordnung. Beginn der Aikido-Ubungen in fünfzehn Minuten.« Rafferty erhob sich geschmeidig und ging. Damit war der Fall abge- schlossen. Nach dem Mittagessen schlug der alte Mann vor: »Warum erledigen wir jetzt nicht die Sache mit dem Blaster?« John folgte ihm nach unten in den Umkleideraum. Rafferty öffnete einen der Schränke, in dem sich vier vertikal befestigte Blaster befanden. Einen davon holte der alte Mann hervor, klappte die Trommel auf und ent- fernte die Patronen. Anschließend griff er in eine Kiste mit Energiezellen und schob sich eine davon in die Ta- sche. »Wir gehen in den Wald«, sagte Rafferty. »Nehmen Sie die Waffe und kriechen Sie durch den Tunnel! Ich, treffe Sie hinterm Haus. Wenn Sie das Ende der Passage erreichen, klopfen Sie. Ich mache die Luke auf, wenn die Luft rein ist.« Als John aus dem Tunnel herauskam, nahm Rafferty ihm die Waffe ab und führte ihn tiefer in den Wald hin- ein. Nachdem sie einige Büsche hinter sich gebracht hatten, erreichten sie eine kleine und von Bäumen abge- schirmte Lichtung. »Hier dürften wir sicher sein«, kommentierte der alte Mann. Er reichte John den Bla- ster. »Haben Sie vor der Begegnung mit den beiden Po- lizisten schon einmal eine solche Waffe in der Hand ge- halten?« »Nein. Aber ich kenne sie aus Büchern.« »Gut, das kann nicht schaden. Geben Sie mir einen Hinweis, wenn ich Ihnen Dinge erkläre, über die Sie schon Bescheid wissen.« Rafferty öffnete die Metallum- hüllung der Waffe und zeigte John den inneren Mecha- nismus. Er zog die Energiezelle aus dem Blaster und er- setzte sie durch die, die er in der Tasche gehabt hatte. »Ein Blaster hat zwei Läufe. Der untere und dickere dient zum Abfeuern von Projektilen. Der dünnere und obere ist der Laser-Fokus. Diese Kombination macht den Blaster zu einer sehr wirkungsvollen Waffe. Unter den meisten Umständen ist sie einem Gewehr weit überlegen. Die Projektile sind für den Einsatz über kür- zere Entfernungen gedacht. Die Streuwirkung ist recht groß, und darauf kommt es insbesondere an, wenn es darum geht, eine größere Menschenmenge in Schach zu halten. Natürlich trifft man auf diese Weise auch viele Unschuldige, aber in dieser Hinsicht haben sich die Po- lizisten noch nie viele Gedanken gemacht. Versuchen Sie es einmal: ein ganz normaler Druck auf den Auslö- ser - damit betätigen Sie die Projektilschleuder.« John folgte der Aufforderung, und es ertönte ein deutlich vernehmbares Klicken. »Stellen Sie sich einfach vor, daß das Ding gerade los- gegangen ist.«, »Allein das Klicken überrascht mich schon. Was ist mit dem Ring?« »Ach ja: Jedesmal dann, wenn Sie einem Einsatzpoli- zisten eine solche Waffe abnehmen, brauchen Sie auch den entsprechenden Ring. Bei diesem Blaster wurde die innere Kontrolle manipuliert. Übrigens: Hatten Sie am nächsten Tag einen blauen Fleck an der Schul- ter?« »Daran war nicht der Blaster schuld.« »In Ordnung. Diese Sache erklärt sich von selbst: zie- len und den Auslöser betätigen. Jetzt zum Laser. Die Energiezelle, die ich eben in die Waffe einlegte, ist fast erschöpft. Was Sie jetzt in der Hand halten, ist kaum mehr als ein starker Scheinwerfer. Allerdings sollte ich das besser noch einmal überprüfen.« Rafferty nahm die Waffe, zielte auf einen Baum und drückte ab. Ein kleiner und runder Lichtfleck bildete sich auf dem Stamm. »Sehen Sie? Das Licht hilft Ihnen dabei, eventuell notwendige Korrekturen vorzunehmen, und auf diese Weise können Sie auch ein Ziel auf beträchtliche Ent- fernung treffen. Hier, versuchen Sie es selbst.« Er reichte John die Waffe zurück. »Drücken Sie den Abzug leicht und suchen Sie ihr Ziel, dann erst ziehen Sie ihn durch - damit wird der Laserstrahl ausgelöst. Wenn Sie das Ziel verfehlt haben, schwenken Sie den Lauf einfach herum. Ihr Gegner hat kaum eine Möglichkeit zu be- merken, daß Sie es schon einmal auf ihn abgesehen hat- ten. Ein Strahl von dieser Stärke schneidet nicht allzu schnell durch Metall, und so ertönt nur ein leises Zi- schen, das man leicht überhören kann, wenn man nicht speziell darauf achtet. Trifft der Strahl auf Fleisch oder Stoff, schneidet er wie ein heißes Messer durch Butter, und die dadurch erfolgende Verdampfung erzeugt das Explosionsgeräusch. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sich einem Laser gegenüber zu schützen. Eine ebenso gefährliche wie einfache Waffe, die praktisch keine Ausbildung erfordert. Glücklicherweise sind die mei-, sten Polizisten aus diesem Grund nicht annähernd so fähig wie indoktriniert.« »Ja, aber Sie sagten doch, ein spezielles Training sei nicht nötig. Drückt man jemandem einen Blaster in die Hand, wird er gefährlich. Das meinten Sie doch gestern abend.« »Ja, aber Sie haben mich nicht richtig verstanden. Waffen sind nicht gefährlich. Nur Menschen.« »Dies hier soll nicht gefährlich sein?« John deutete auf den Blaster, und die seiner Meinung nach offensichtli- che Naivität Raffertys amüsierte ihn. »Das ist doch eigentlich nur ein Haufen Metall. Wenn Sie mich und den Blaster in einem Raum unterbringen, würde ich mich als stärker erweisen.« »Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen.« »Das ist mein voller Ernst.« »Ein Blaster kann sich aber nicht von allein abfeuern.« »Genau.« »Was überhaupt nichts beweist. Wenn sich in dem Raum ein Feind befände, der den Blaster in der Hand hielte, hätten Sie keine Chance.« »Da irren Sie sich. Es kommt ganz darauf an, wer die Waffe in der Hand hält. Gegen Sie würde ich gewin- nen.« Darauf gab John keine Antwort. Seiner Ansicht nach verhielt sich Rafferty wie ein eingebildeter Narr. Die Vorstellung war so absurd, daß sich nicht einmal dar- über nachzudenken lohnte. John drehte sich um und zielte mit dem Blaster auf einen entfernten Zweig. »Es wäre höflich, diese Behauptung entweder zu ak- zeptieren oder sie in Frage zu stellen und einen Beweis zu verlangen«, ertönte hinter Cunningham die Stimme des alten Mannes. »Ihre Weigerung, auch nur darüber zu sprechen, kommt einer Beleidigung gleich.« John wandte sich um. Nun, wenn Winslow unbe- dingt auf einer Demütigung bestand, so hatte er nichts dagegen. »Also einen Beweis.«, »Nicht hier. Wenn wir zurückgekehrt sind. Zuerst einmal müssen Sie üben. Versuchen Sie, sich an die richtige Betätigung des Auslösers und an das Zielen des Lasers zu gewöhnen, solange Sie noch Gelegenheit dazu haben. Deshalb sind wir ja hier.« Als sie sich wieder im Kellergeschoß des Hauses be- fanden, überprüfte Rafferty den Blaster noch einmal und entfernte dann die Energiezelle. »In Ordnung. Jetzt können Sie auf mich zielen. Wären Sie dazu bereit, den Blaster zunächst in die linke Hand zu nehmen?« »Gern. Solange wir weit genug auseinander ste- hen ...« »Ich wollte Ihnen gerade einen Abstand von zehn Metern vorschlagen.« »Das genügt völlig. Wie sollen wir anfangen?« »Das überlasse ich Ihnen. Wenn Sie dazu bereit sind, versuchen Sie, auf mich zu schießen. Ich verspeise ei- nen Besen zum Mittagessen, sollte es Ihnen gelingen, den Auslöser zu betätigen, während ich vor dem Lauf der Waffe stehe.« »Und wenn Sie gewinnen?« »Wenn ich gewinne, begreifen Sie endlich, wie sehr ich Ihnen überlegen bin.« Rafferty trat auf die gegenüberliegende und elf oder zwölf Meter entfernte Wand zu. John schluckte. Die ganze Sache erschien ihm kinderleicht. Den Blaster herumschwingen, den Abzug durchziehen - Schluß. Wins mußte den Verstand verloren haben. Der alte Mann hatte nicht die geringste Chance, ihn zu schlagen. Das war völlig ausgeschlossen. Und doch ... Rafferty würde sich irgendeines Tricks bedienen und ihm eine Lektion erteilen. Seine ruhige Zuversicht erschien uner- schütterlich. Himmel, wieso hatte er sich überhaupt auf so etwas eingelassen? »Ich bin fertig, John. Von mir aus kann's losgehen.« Johns Hände waren feucht, und er konnte kaum mehr atmen. Das Herz klopfte ihm bis zum Halse empor. Los!, Los! Bring es endlich hinter dich! Wenn du dich nicht bald dazu entschließt, merkt der Mistkerl, wie nervös du bist. Cunningham bemühte sich, die Muskeln zu ent- krampfen. Plötzlich tastete die rechte Hand zitternd nach dem Auslöser. »KIAI.« Der Schrei hallte laut von den Wänden wider und hatte eine solche Wirkung auf John, als sei er von einem Faustschlag in der Magengrube getroffen wor- den. Er blieb reglos stehen, bis ins Innerste erstarrt. Er zwinkerte, und von einer Sekunde zur anderen war Rafferty heran und griff nach dem Blaster. Nein, er durfte die Waffe nicht bekommen. John hielt sie fest und wollte es auf jeden Fall verhindern, sie sich ent- winden zu lassen. Rafferty wich ein wenig zur Seite. John klammerte sich selbst dann noch an dem Blaster fest, als er den Halt verlor und auf den Rücken fiel. Dann war alles vorbei. Cunninghams Hände strichen nur noch durch leere Luft. Rafferty stand in der Stille vor ihm und zeigte ihm die Waffe. »Ich habe mich geirrt«, sagte John. »Ich hätte es wis- sen müssen.« »Sie hätten nicht an sich selbst zweifeln sollen. Man nennt so etwas Ki-Erweiterung, wissen Sie noch? Dar- über habe ich gestern schon mit Ihnen gesprochen. Tat- sächlich hätten Sie auch dann verloren, wenn Sie nicht nervös gewesen wären. Eigentlich hätte ich überhaupt nicht zu schreien brauchen. Aber das heben wir uns für einen späteren Zeitpunkt auf.« »Na schön. Wie Sie meinen.« An jedem Abend versammelten sie sich im Projek- tionszimmer, und Rafferty holte die Kassetten mit den aufgezeichneten Samurai-Filmen hervor. Die beiden Streifen waren aufregend und auf fast un- angenehme Weise faszinierend. John war dermaßen von den besonders blutigen Szenen begeistert, daß er sich schuldig und unbehaglich fühlte. Er mußte jedoch zugeben, daß der Kampfgeist und das Geschick der, Samurai schlichtweg atemberaubend waren. Was hatte zum Untergang dieser Subkultur geführt? Allerdings hätten auch die Samurai nichts gegen einen Blaster aus- richten können. Vielleicht war es also besser, daß es sie nicht mehr gab. So viel Gewalt. Die Nutzlosigkeit er- füllte John mit stummem Kummer. Als es wieder hell wurde, konnte Cunningham nicht vermeiden, daß man ihm seine Empfindungen ansah. »Ich sollte wohl endlich damit aufhören zu erwarten, Sie teilten meinen Enthusiasmus für die Dinge, die ich so sehr liebe«, sagte Rafferty. »Was mißfällt Ihnen denn diesmal?« »Ich mußte gerade daran denken, daß ein einzelner Neuer Mensch noch niemals eine andere Person getötet hat. Zumindest kenne ich keinen solchen Fall.« »Und vermutlich haben Sie recht damit. Ich glaube, es mangelt Ihnen an dem notwendigen Mut, sich selbst die Hände schmutzig zu machen.« »Nun, uns ganz sicher nicht. Wir scheinen geradezu in Blut zu baden. Manchmal frage ich mich, ob wir überhaupt das Recht haben, die Welt für uns zu bean- spruchen. Wir kamen nie sonderlich gut zurecht. Sie kennen sicher die Bilder von den Schlachtfeldern und Konzentrationslagern. Das waren wir. Sie und ich. Ge- rade neulich haben wir zwei Menschen umgebracht. Wir sind eigentlich nichts weiter als Wilde. Aber vor ei- nigen Jahrzehnten war uns das Schicksal wohlgeson- nen, und wir schufen einen neuen Menschentypus, der uns weit überlegen ist. Heute jedoch verabscheuen wir diese Geschöpfe. Wir hassen sie, und die einzige Lö- sung, die wir anzubieten haben, ist die alte: Wir wollen sie umbringen!« Kate sprang auf und starrte John schockiert an. »Mo- ment! Sie wollen uns umbringen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das eben Ihr Ernst war!« »Sie wollen uns auslöschen, weil wir ihnen keine an- dere Wahl lassen«, erwiderte John. »Wir stellen eine, Gefahr für sie dar. Wins, das haben Sie doch selbst ge- sagt.« »Stimmt«, bestätigte Rafferty. »Aber halten Sie sich in diesem Zusammenhang nicht damit auf, über richtig und falsch und andere Fragen der Moral nachzuden- ken. Wir haben es ganz einfach mit einem Überlebens- kampf zweier verschiedener Rassen zu tun, und es geht nur darum, welche Seite gewinnt. John: Jede Spezies, die in einem Ambiente mit anderen Raubtieren auf- wächst, muß zwangsläufig selbst gewalttätig werden. Sonst würde sie rasch den evolutionären Tod sterben. Wenn nicht wir es sind, die den Neuen Menschen den Garaus machen, dann kommen sie durch andere Ursa- chen um. Es sind keine Kämpfer.« »Genau diese Denkweise ist es, die ich eben meinte. Es sind keine Mörder, und deshalb genügen sie nicht unseren Maßstäben.« »Keine Mörder?« Rafferty lachte humorlos. »Was ist denn dann mit dem grausigen TV-Spektakel, das sie höhnisch Autodafe nennen? Unsere Rasse hat die Folter nie institutionalisiert.« »Das stimmt nicht«, widersprach John. Rafferty verzog das Gesicht. »Zumindest mußten erst die Neuen Menschen auf der Bildfläche erscheinen, um diese Sache zu einer öffentlichen Fernsehshow zu machen.« »Das ist ebenfalls unrichtig. Beim Autodafe gibt es nur einen neuen Faktor: den Laser. Der Rest ist ganz gewöhnliche Unterhaltungskost. Wins, ich bin Archi- var. Selbst in den Epochen, während denen es keine öf- fentlichen Hinrichtungen gab, war eine entsprechende Sensationslust weit verbreitet. Ich habe die alten Zei- tungsberichte gesehen: wer wen umgebracht hat; wie viele Personen bei einem Unglück starben; all die bluti- gen Einzelheiten.« John deutete auf den Schirm. »Ver- dammt! Ihre Samurai scheinen an dem Gemetzel gro- ßen Spaß gehabt zu haben.« »Die Neuen Menschen töten mit Hilfe ihrer Marionet-, ten - oder dadurch, indem sie scheinbare Unfälle insze- nieren, wie zum Beispiel die Katastrophe mit den vergif- teten Nahrungsriegeln. Wir Wilde hingegen töten mit unseren eigenen Händen und haben eine Kunst daraus gemacht. Das ist der wichtigste Unterschied zwischen unseren beiden Rassen. Kalte Berechnung ist nicht ethi- scher als heißes Temperament.« »Aber im Gegensatz zu uns bringen sie sich nicht ge- genseitig um. Sie zeichnen sich nicht durch die ab- scheulichen und primitiven Leidenschaften aus, die un- ser Leben bestimmen.« »Seit wann sind Leidenschaften abscheulich und primitiv? John, begreifen Sie denn nicht, was die Neuen Menschen machen? Der ganze Mist, den sie uns heut- zutage auf den Schirmen anbieten, dient doch gerade dazu, uns an unsere vermeintlich >abscheulichen und primitiven Leidenschaften< zu erinnern. Uns davon zu überzeugen, etwas zu sein, was wir gar nicht sind. Das Autodafe, ein Kanal mit einer Vierundzwanzig-Stun- den-Orgie, die Serie >Chronik des Menschen<. Gerade Sie sollten doch wissen, daß unsere Geschichte nicht nur eine Aufeinanderfolge von Kriegen war. In mei- nem Leben habe ich oft Höflichkeit und Mitgefühl er- lebt. Ich glaube an Musik und Tanz, und ich vertraue keinen Leuten, die nichts davon halten. Männer und Frauen, die nicht lachen können, sind meiner Ansicht nach keine Menschen. Der Homo sapiens ist zwar ein wenig verrückt, hat aber auch Stil und Mut. Ich glaube, wir sind es wert, um unser Überleben zu kämpfen.« »Und in meinem tiefsten Innern wäre ich gern Ihrer Meinung. Es muß schrecklich für Sie sein zu erleben, wie Ihr neuer Schüler sich als Häretiker gebärdet.« »Nein, ganz und gar nicht. Ich möchte Ihnen die Grauschattierungen in dem Schwarzweiß-Bild zeigen. Bei den Renegaten gibt es bereits genügend Fanatiker. Ich glaube an den Zweifel. Solange er einen nicht am Handeln hindert.«, John nickte. Er wünschte, Rafferty hätte die verbale Auseinandersetzung für sich entschieden. Statt dessen aber überließ er ihn seinem Zweifel. John kam zu dem Schluß, daß es keinen Sinn hatte, dieses Gespräch fort- zusetzen. »Ich sollte jetzt besser zu Bett gehen. Vielen Dank für die Vorführung der Filme. Sie waren herr- lich.« »John«, unterbrach ihn Kate. »Ich weiß nicht so recht, wie wir den morgigen Lauf gestalten sollen. Ich werde mich direkt auf den Weg ins Lager machen. Sie könnten mich eine Weile begleiten und dann umkehren.« Rafferty sah seine Tochter an. »Wie du weißt, halte ich nichts davon, John dort draußen allein zu lassen.« »He«, protestierte Cunningham, »ich verirre mich schon nicht. Neulich habe ich ebenfalls allein zurückge- funden. Man braucht schließlich nur dem Pfad zu fol- gen. Sie machen sich zu viele Sorgen um mich.« »Er hat recht, Vater.« Rafferty gab nach und seufzte. »Na schön.« Am nächsten Morgen fand John ohne Schwierigkei- ten nach dem Haus zurück. Er war früher als üblich mit Kate aufgebrochen, und als er zurückkehrte, war es noch immer dunkel. Er duschte und zog sich an. Raf- ferty schlief noch, und so ging John in das Arbeitszim- mer des alten Mannes, nahm sich ein Buch und hockte sich auf ein Kissen. Er las noch immer, als Rafferty eine halbe Stunde spä- ter hereinschlurfte. »O ja, Sie sind schon früh aufge- standen und haben Ihren Ausflug heil und gesund überstanden. Meinen Glückwunsch für die Bestätigung, daß ich mich tatsächlich irrte.« John ließ das Buch sinken. Der alte Mann musterte ihn neugierig. »Sind in Wohnstöcken Katzen zugelassen?« fragte er. »Ja. In dem Stock, in dem ich lebe, wohnt ein weite- rer Archivar, und der hat eine.« »Vielleicht ändern sich manche Dinge nie. Haben Sie, jemals beobachtet, wie sich eine Katze entspannt? Sie liegt ganz ruhig - und ist doch jederzeit dazu bereit, wie ein von der Sehne eines Bogens geschnellter Pfeil da- vonzusausen. Man kann gut von Katzen lernen. Nun, wenn ich die Absicht hätte, Sie anzugreifen, wie wür- den Sie aufstehen?« John blickte nach unten. Wenn er das Gewicht aufs rechte Bein verlagerte, konnte er sich auf die Weise er- heben, die einem Aikido-Bewegungsmoment ent- sprach. Ein wenig schwerfällig stand er auf. »Gut«, lobte Rafferty. »Jetzt nehmen Sie im Schnei- dersitz Platz. Sie werden von hinten bedroht. Springen Sie auf und wehren Sie den Angriff ab!« Rafferty klatschte in die Hände. John fuhr hoch, stolperte über seine eigenen Füße und fiel. Beide Männer lachten. »Versuchen Sie es noch einmal!« sagte Rafferty. »Diesmal winden Sie sich aus dem Becken heraus spi- ralförmig in die Höhe! Stützen Sie sich mit den Händen nach hinten hin ab und drehen Sie sich um!« Der alte Mann zeigte es John, und wieder war es, als hätte er überhaupt keine Knochen im Leib. John ver- suchte es. Es war recht einfach, und er fühlte sich wie ein Tänzer. Es gab noch weitere Bewegungen, die eine ebenso magische Qualität aufzuweisen schienen. Zum ersten- mal seit dem Beginn der Unterweisung hatte Cunning- ham das Gefühl, etwas richtig zu machen. »Was ist das? Aikido?« »Nein. Feldenkrais.« »Hab noch nie davon gehört.« »Feldenkrais ist ein Mann, bei dem ich vor vielen Jah- ren in die Lehre ging. Er brachte mir das spezielle Mas- sieren bei. Er entwickelte ein System von Übungen - besser: Lektionen -, das seinen Schülern beibringen sollte, ihre Körper besser zu benutzen. Wir kommen noch darauf zurück. Nun, vielleicht wäre es nicht, schlecht, wenn wir hiermit weitermachen. Jedesmal, wenn ich in die Hände klatsche, versuchen Sie, mög- lichst schnell aufzustehen. Einverstanden?« »In Ordnung.« »Gut. Es wird bestimmt interessant. Gehen wir nach unten!« Sie rückten sich Kissen zurecht und nahmen im Schneidersitz darauf Platz. »Wins, ich weiß noch immer nicht genau, was das al- les eigentlich soll.« »Und ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen helfen kann. Die Meditation ist schwer zu erklären. Worte können manchmal sehr irreführend sein. Man glaubt gemeinhin, sie hätten für alle die gleiche Bedeutung. Aber das ist nicht der Fall. Worte sind nicht real, son- dern nur Symbole. Und viele verwechseln die Symbole mit der Wirklicheit. Ich sehe mich außerstande, Ihnen die Meditation zu erklären. Ich kann Ihnen nur Erfah- rungen ermöglichen. Sie müssen von ganz allein ler- nen. Wenn Sie erst eigene Erlebnisse hatten, werden Sie den Sinn meiner Worte verstehen. Bis dahin .« Rafferty setzte sich auf dem Kissen zurecht und läu- tete die Glocke. Fünfundvierzig Minuten später schlug der alte Mann die hölzernen Stäbe gegeneinander. »Ich habe noch einmal darüber nachgedacht«, sagte Rafferty. »Wenn Sie mich etwas fragen möchten, dann los!« John streckte die Beine aus und rieb sich die Ober- schenkel. »Na schön. Um was geht es eigentlich?« »Das Meditieren ermöglicht Ihnen zu erfahren, wer Sie eigentlich sind. Darüber hinaus kann man damit die linke und vervale Seite des Hirns in gewisser Weise zu- rückdrängen und der rechten und intuitiven mehr Platz einräumen.« »Sie haben recht: Es ist mir ein Rätsel, was das bedeu- ten soll.« »Wir haben es dabei wieder mit der Problematik von, Worten zu tun. Haben Sie eben den Wunsch verspürt, unaufhörlich mit sich selbst zu reden? Die meisten Leute möchten sich auf diese Weise Gesellschaft leisten. Sie sind dauernd damit beschäftigt, zu analysieren, zu klassifizieren, zu vergleichen und ihre eigenen Gedan- ken und Reaktionen irgendwie in Kategorien einzuord- nen, anstatt sie einfach hinzunehmen. Sie transkribie- ren Ihre Reaktionen in Worte und leben mit Symbolen anstatt den unverfälschten Erfahrungen.« John lachte und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, fürs erste möchte ich keine weiteren Fragen stellen. Ich habe Hunger.« Rafferty lächelte. »Gut. Lassen Sie uns frühstücken!« Nach dem Frühstück machten sie eine Stunde lang Streckübungen. Anschließend folgten weitere Unter- weisungen im Umgang mit dem hölzernen Schwert. Ohne Pause wandten sie sich dann den Aikido-Ubun- gen zu, die weitere zwei anstrengende Stunden dauer- ten. John blickte immer wieder auf die Uhr, und mit je- der verstreichenden Minute nahmen seine Schmerzen zu. Rafferty räumte ihnen beiden nur eine halbstündige Mittagspause ein, und dann gingen sie wieder nach un- ten und arbeiteten mit einem langen Stab aus Holz, den Rafferty als Jo bezeichnete. Als die Erschöpfung jede Faser im Leib Cunninghams zu erfassen begann, zeigte sich Rafferty immer verbissener und verlangte mehr von John, als der zu leisten imstande war. Die Anspan- nung ließ niemals nach. Einige Male fragte sich Cun- ningham, ob der alte Mann auf diese Weise seine Ent- schlossenheit prüfen wollte. Im weiteren Verlauf der Übungen war er sich nicht mehr sicher, ob das irgend- eine Rolle spielte. Den Jo-Unterweisungen folgten weitere Aikido-Lek- tionen. Und die Johns Bewegungen berichtigenden Hinweise Raffertys schienen kein Ende nehmen zu wol- len., »Von der Hüfte aus. Drehen Sie sich aus der Hüfte heraus, immer nur aus der Hüfte. Dort liegt Ihre Kraft.« »Entspannen Sie sich! Schieben Sie den einen Fuß zu- rück!« »Halten Sie die Schultern unten und entspannt!« »Nein, Sie versuchen noch immer, das Handgelenk zu drehen. Das ist verkehrt. Drehen Sie statt dessen die Hand - die ist gewissermaßen die Achillesferse des Ge- lenks und bildet somit den richtigen Ansatzpunkt. Ver- suchen Sie es!« John war kaum mehr als eine willenlose Puppe, die sich nicht beklagen konnte, während der alte Mann mit ihr nach Belieben umsprang. Eine Zeitlang ignorierte Rafferty die Erschöpfung Johns. Dann: »He, John, Sie sollten nicht zu enthusiastisch sein. Sie könnten etwas lernen.« »Zu enthusiastisch? Ich bin müde, Wins. Habe ich kein Recht, müde zu sein?« »Doch, das schon. Aber Sie müssen mich nicht dau- ernd daran erinnern. Ich weiß, wie müde Sie sind. Ich bin ebenfalls ziemlich erledigt. Schließlich übe ich schon den ganzen Tag mit Ihnen, und ich habe ein paar Jahre mehr auf dem Buckel als Sie. So, und jetzt Schluß mit dem Selbstmitleid!« John versuchte, sich an den Rat des alten Mannes zu halten. Als seine Beine schließlich zu schwach gewor- den waren, um ihn noch länger zu tragen, holte Rafferty die Kissen herbei, und sie meditierten eine halbe Stunde lang. John war dazu nicht imstande. Er dachte an die kommenden Jahre. Mochte es immer so anstrengend bleiben? Tag für Tag? Vielleicht hatte Wins recht. Viel- leicht war es die ganze Sache nicht wert. Und vielleicht war er, John, wirklich nicht zäh und entschlossen ge- nug. Das Klacken der Holzstäbe unterbrach Cunning- hams Überlegungen. Nachdem sie beide lange genug umhergewandert waren, um die Blutzirkulation in den, Beinen wieder in Ordnung zu bringen, bat Rafferty John darum, mitten auf die Matte zu treten und dort mit ge- schlossenen Augen stehenzubleiben. John kam der Aufforderung nach und wartete. Mit einem lauten Klatschen schlug ihm irgend etwas sehr schmerzhaft auf den Rücken. Verwirrt öffnete John die Augen. Rafferty hielt einen langen Bambusstock in der Hand. »Was soll das?« »Ich wollte nur ein wenig gemein sein.« »Das glaube ich Ihnen.« »Wenn das wirklich stimmt, sollten Sie besser von hier verschwinden«, erwiderte der alte Mann aufge- bracht. »Wie oft soll ich das denn noch wiederholen? Ich weigere mich ausdrücklich, mich weiterhin mit Ihnen abzugeben, wenn Sie während der kommenden Jahre damit fortfahren wollen, sich selbst zu bemitleiden. Hö- ren Sie endlich auf, alles so persönlich zu nehmen! Ent- weder Sie vertrauen mir und meinen Lektionen, oder Sie machen sich auf und davon.« John zitterte, und in seiner Seele bildete sich ein Kno- ten aus Furcht. Er wußte nicht, wie er sich verhalten sollte, wenn Rafferty zornig war. Bisher hatte er noch niemanden kennengelernt, der so leicht aufbrauste. »Es tut mir leid.« »Schon gut. Hier.« Der alte Mann reichte ihm den Stock. »Jetzt schlagen Sie mich!« »Aber das möchte ich nicht.« »Machen Sie es trotzdem. Leiden Sie noch ein wenig mehr. Ich bleibe hier ruhig und mit geschlossenen Au- gen stehen. Sie schleichen sich an mich heran und ho- len aus. Ziehen Sie keine solche Sorgenmiene und ha- ben Sie wenigstens einmal Vertrauen zu mir! Ich werde schon nicht sterben.« Rafferty trat mitten auf die Matte und kehrte John den Rücken zu. Der alte Mann hatte irgend etwas vor. Aber was? John näherte sich ihm bis auf einen Meter und, wartete, die Hand mit dem Bambusstock hoch erhoben und zum Zuschlagen bereit. Rafferty rührte sich nicht. In diesen Augenblicken waren beide Männer wie er- starrt und warteten. John hörte ein leises Knacken, das von den Wasserleitungen in der Decke stammte. Er be- feuchtete sich die Lippen - und holte aus. Rafferty duckte sich und griff nach der Stange, als sie über seinen Kopf hinwegsauste. Mit einem Ruck zerrte er sie an sich, so rasch, daß John an einigen Stellen die Haut von der Hand geschabt wurde. Der alte Mann schien sehr mit sich zufrieden zu sein. »Das habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr ge- macht. Eines Tages werden Sie ebenfalls dazu in der Lage sein. Von jetzt an müssen Sie Tag und Nacht da- mit rechnen, daß ich mich an Sie heranschleiche und zuschlage. Irgendwann werden Sie den Hieb im voraus erahnen und ausweichen können.« »Sie meinen, Sie wollen mich von jetzt an jeden Tag auf diese Weise schlagen?« »Vermutlich vier- oder fünfmal.« »Oh!« Später am Abend begaben sich die beiden Männer ins Arbeitszimmer, und eine halbe Stunde lang massierte Rafferty den mitgenommenen Körper Johns. Als er da- mit fertig war, sagte er: »Möchten Sie sich noch ein we- nig unterhalten?« »Gern.« John rollte sich langsam herum und setzte sich auf. »Bevor wir miteinander sprechen«, fügte Rafferty hinzu, »sollten Sie hier einige Male auf und ab gehen. Versuchen Sie dabei festzustellen, ob sich irgend etwas in Ihrem Leib verändert hat.« John hielt auf die gegenüberliegende Wand zu, und dort angelangt drehte er sich verwirrt um. »Die Art und Weise, wie sich mein Becken bewegt - es fühlt sich ir- gendwie seltsam an. Jedenfalls habe ich diesen Ein-, druck. Alle anderen Stellen tun so weh, daß ich kaum etwas anderes spüre als nur dumpfen Schmerz.« »Schön.« Rafferty trat auf seinen Schreibtisch zu und ließ sich auf ein Kissen sinken. John nahm ihm gegenüber Platz. Auf dem Tisch zwi- schen ihnen lagen Bücher, Stifte, Bätter aus echtem Pa- pier und kleine Pinsel. Auf der einen Seite stand eine Lampe- die einzige Lichtquelle des Zimmers. Der matte Glanz spiegelte sich auf der polierten Oberfläche des Ti- sches wider, während die beiden Männer im Schatten saßen. »Ich habe natürlich keine regelrechte Tagesordnung ausgearbeitet.« Rafferty lächelte und rieb sich den Bauch. »Aber ich meine, wir sollten einige Punkte klä- ren. Ich wollte Sie in erster Linie bitten, mir ein wenig mehr von sich selbst zu erzählen.« John schüttelte den Kopf. »Da gibt es nicht viel zu sa- gen.« »Lassen Sie sich etwas einfallen. Aus welcher Art von Familie stammen Sie?« »Reiner Durchschnitt. Eine Mutter, ein Vater. Und meine Eltern trennten sich nicht.« »Leben sie noch?« »Wenn man es Leben nennen will. Sie sind beide süchtig und wohnen in New York. Ich habe schon lange nichts mehr von ihnen gehört!« »Irgendwelche Geschwister?« »Einen Bruder, den ich nie kennenlernte.« John lä- chelte nervös. »Er ist ein Neuer Mensch.« »Älter als Sie?« »Ja.« »Ihre Eltern waren also nicht mit dem ersten Genie zufrieden, das sie in die Welt setzten, und deshalb ent- schieden sie, einen zweiten Versuch zu unternehmen.« »So ungefähr.« »Hatten Sie jemals das Gefühl, um ein besseres Schicksal betrogen worden zu sein?«, »Manchmal.« »Fast wären Sie ebenfalls zu einem Neuen Menschen geworden - aber eben nur fast.« Darauf gab John keine Antwort. »Ist es Ihnen jemals in den Sinn gekommen, daß Sie sehr viel Glück hatten? Neue Menschen führen ein recht langweiliges Leben.« John blickte auf seine Hände. »Lassen Sie uns besser über etwas anderes sprechen!« »Na schön. Wie läuft es denn zwischen Ihnen und Kate?« »Oh, wir tolerieren uns gegenseitig.« »Hört sich ganz nach Spannungen an.« Rafferty zö- gerte. »War sie Ihnen gegenüber unhöflich?« »Das nicht. Nur verschlossen und unnahbar. Jeden- falls hat sie heute morgen kaum etwas gesagt. Während des gestrigen Laufes hingegen war sie fast schwatzhaft. Die ganze Sache ist schwer zu erklären. Ich glaube, sie hält nicht allzu viel von mir.« »Das stimmt vielleicht.« »Ich bin nicht gerade das, was man einen Helden nennen könnte, oder?« Rafferty musterte John und schwieg. »Was stimmt denn nicht mit mir?« fragte Cunning- ham. »Nun, sagen wir, Sie haben einige schlechte Ange- wohnheiten, die Kate nicht sonderlich gefallen. Die Art und Weise etwa, wie Sie sich bewegen. Ihre Haltung, wenn Sie stehen. Ihre Brust könnte ein bißchen breiter sein. Sie lassen die Schultern zu sehr hängen. Darum kümmere ich mich morgen abend, wenn ich Sie massie- re. Vorausgesetzt natürlich, Sie wollen sich besser und kräftiger fühlen.« »Nun, sicher, das versuche ich schließlich die ganze Zeit über. Aber was hat das denn mit meinen Schultern zu tun?« »Sie ziehen sie zusammen und nach hinten, wodurch, Sie schmaler wirken. Doch wie gesagt: Damit beschäfti- gen wir uns morgen. Wir kriegen das schon hin. Nun, praktisch läuft alles auf einen Punkt hinaus: Sie müssen sich selbst lieben lernen. Darauf kommt es an.« »Und was veranlaßt Sie zu der Vermutung, ich würde nichts von mir halten?« »Ihre Verhaltensweise. Nehmen wir nur Ihre Reak- tion auf die Samurai-Filme von gestern abend. Wenn Sie sich selbst liebten, wären Sie eher zu mehr Toleranz Ihrer eigenen Art gegenüber bereit.« »Das hat doch damit nichts zu tun. Es ist nur Ehrlich- keit.« »Na schön: Ehrlichkeit. Aber wie wär's außerdem mit ein wenig Sympathie und Mitgefühl? Emotionen, John. Sie müssen lernen, Ihren >abscheulichen und primitiven Leidenschaften< zu vertrauen.« »Mir ist nach wie vor ein Rätsel, warum Sie solchen Wert darauf legen.« »Gefühle sind der Schlüssel zu allem, insbesondere zu Ihrem eigenen Ich. Sie machen Sie zu dem, was Sie sein wollen. Sie werden nie stark sein, solange Sie nicht bereit sind, zornig zu werden.« »Das glaube ich nicht.« »Ich weiß. Leider haben Ihre Methoden nicht funk- tioniert, oder?« »Was meinen Sie damit?« »Vor einigen Minuten meinten Sie, Kate hielte nicht viel von Ihnen. Und das belastet Sie ganz offensichtlich. Wie wär's also, wenn Sie es einmal mit meiner Art und Weise versuchten?« »Nun, deshalb bin ich ja hier.« Rafferty nickte. »Ich schätze, ich kann Sie wohl kaum an nur einem Abend von meiner Einstellung überzeu- gen.« »Wahrscheinlich nicht. Ich hoffe, meine Ausbildung stellt Sie nicht vor eine zu große Aufgabe.« »Nein. Warum denn?«, »Nun, ich mache so viele Fehler, die es auszumerzen gilt.« »Oh.« Rafferty gähnte und lehnte sich inmitten der Kissen zurück. »Sie werden auch dann noch Fehler ma- chen, wenn Sie ein Meister geworden sind.« »Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.« Der alte Mann hob die eine Augenbraue. »Vielleicht sollten Sie Ihre Fehler lieben. Vielleicht sind Sie gerade aufgrund Ihrer mangelnden Perfektion einzigartig. Sie sind Sie. Möglicherweise sind wir den Neuen Men- schen deswegen überlegen, weil wir Fehler machen. Perfektion ist langweilig.« »So etwas Verrücktes habe ich noch nie gehört.« »Vielen Dank, John.« Rafferty seufzte und schloß die Augen. »Wollen Sie eingestehen, daß Sie zumindest fasziniert sind?« »Ich gebe zu, daß mich Ihre Unlogik verblüfft.« »Und dadurch werden Sie genau einschätzbar.« Raf- ferty lächelte mit geschlossenen Augen. »Wer ist genau einschätzbar?« Der alte Mann gab keinen Ton von sich. »Sie oder ich?« Keine Antwort. John beugte sich vor. Wins konnte doch nicht etwa eingeschlafen sein, oder? Leise sagte er: »Wins.« Die Augen Raffertys blieben weiterhin ge- schlossen. Vielleicht war der alte Mann zu müde, um das Gespräch fortzusetzen. Und inmitten der Kissen schien er es sehr bequem zu haben. John schaltete das Licht aus, begab sich in sein eigenes Zimmer und ju- stierte den Wecker. Er wollte früh genug aufstehen, um den Morgenlauf zu absolvieren. Als John am nächsten Morgen nach dem Lauf die Haustür erreichte, kam Kate die Treppe herunter. Sie trug einen Trainingsanzug und wirkte recht müde. »Was machen Sie hier?« fragte Cunningham. »Ich dachte, Sie wollten einige Tage fortbleiben.« »Das stimmt auch. Aber das Lager gab mir einige Mit-, teilungen für Vater mit auf den Weg, und eine davon betrifft Ihre Unbedenklichkeitserklärung. Ich kehre morgen früh zurück.« »Was sagen die anderen Renegaten über mich?« »Nach den ihnen zur Verfügung stehenden Informa- tionen haben sie derzeit nichts gegen Sie einzuwen- den.« »Ich schätze, das ist besser als gar nichts.« »In der Tat.« Kate leistete ihnen beim Meditieren diesmal keine Gesellschaft, doch als sie in die Küche zurückkehrten, hatte sie bereits das Frühstück fertig. Daran schloß sich die gleiche Routine wie am Vortag an: Streckübungen, Unterweisungen im Umgang mit dem hölzernen Schwert und dann Aikido. Während der ersten zehn Minuten der Aikido-Lehre demonstrierte Rafferty die verschiedenen Bewegungs- momente mit seiner Tochter. Erneut empfand John die Gewalt als ausgesprochen entmutigend. Nachdem sich Vater und Tochter voreinander ver- beugt hatten, wandte sich der alte Mann John zu. »Beim nächstenmal möchte ich, daß Sie die Haltung Kates ge- nau beobachten. Ihre Reaktionen werden nicht von Furcht verlangsamt. Das kann Sie das Uke lehren. Man- che Leute glauben, wenn sie auf die Matte geworfen werden, ist das nur eine Konsequenz, mit der man sich eben abfinden muß. Doch die betreffenden Personen haben nicht begriffen, um was es eigentlich geht. Wenn man zu Boden geht, stellt das nichts weiter als eine Chance dar zu lernen, auch unter Druck die Ruhe zu wahren. Ihr Erfolg beim Angriff hängt nicht in erster Li- nie davon ab, wie gut Sie die Griffe anzuwenden wis- sen, sondern davon, wie gelassen und ruhig und kon- zentriert Sie bleiben können. Na schön: Wollen wir doch mal sehen, wieviel Sie von gestern im Gedächtnis behalten haben. Reagieren Sie mit Ikkyo.« Rafferty griff nach dem Kragenaufschlag Johns. Cun-, ningham umfaßte die eine Hand des alten Mannes, drehte sie und schwang den Arm ruckartig herum. Raf- ferty fiel. Der Wurf hatte sich diesmal irgendwie glatter und eleganter angefühlt, und John war zufrieden. »Gut«, lobte Rafferty und stand auf. »Es gibt eine Ab- art davon, die man Nikkyo nennt. Greifen Sie mich an!« John trat auf den alten Mann zu und griff nach dessen Schulter. Rafferty wich aus, und Cunningham sank jäh auf die Knie. »Gehen wir aber einmal davon aus, Ihr Gegner ist sehr stark und bleibt nicht unten. Für einen solchen Fall haben Sie einige andere Möglichkeiten.« Rafferty wartete einige Sekunden lang und fügte dann hinzu: »Stehen Sie auf, John!« Als Cunningham der Aufforderung nachkam, klemmte sich Rafferty die Hand Johns unter die eine Achsel und zog wie beiläufig am Arm des jüngeren Mannes. Plötzlich beschränkten sich die Empfindungen Johns allein auf Schmerz, und er hatte das Gefühl, ihm würde der Arm abgerissen. Er schrie laut auf und sank auf die Matte. Der alte Mann sah ihn verwundert an. »Was soll das denn? Keiner dieser Griffe führt zu Verletzungen. Sie rufen nur Schmerz hervor, und ich dachte eigentlich, Sie hätten inzwischen gelernt, damit fertigzuwerden. Wenn Sie bei einem echten Kampf Schmerz fühlen und darüber jammern, sind Sie bereits so gut wie tot. Au- ßerdem: Wenn Sie verdeutlichen wollen, sich einem schmerzhaften Griff zu fügen, so klopfen Sie auf die Matte. So, und jetzt versuchen wir es einmal mit der anderen Seite.« John wußte nun, was ihn erwartete, und deshalb fiel es ihm sehr schwer weiterzumachen. Er versuchte, sich auf die Unvermeidlichkeit des Kommenden vorzuberei- ten und gab sich alle Mühe, keine übertriebenen Reaktio- nen zu zeigen. Als er an die Reihe kam und den neuen Griff ausprobieren sollte, schien er damit auf Rafferty nicht die geringste Wirkung zu erzielen. Er strengte sich, an, den alten Mann auf die Matte zu zwingen, und Raf- ferty kommentierte gelassen: »Kraft allein führt nur sehr selten zum Ziel.« Raffertys Hand schloß sich um den Unterarm Johns, und erneut flammte Schmerz auf. Ein Schrei löste sich von den Lippen Cunninghams; er konnte ihn nicht zu- rückhalten. Wimmernd sank er zu Boden und klopfte wie wild auf die Matte. Der Schmerz ließ nicht nach. John schrie weiter, flehte Rafferty an, ihn endlich loszu- lassen und von der Agonie zu erlösen, und er begriff einfach nicht, warum ihn Rafferty weiterhin festhielt. Schließlich ließ die Pein nach, und John schnappte nach Luft. Warum? Was hatte er getan, um eine solche Strafe zu verdienen? Aufgebracht und wütend stemmte er sich in die Höhe. Der Zorn verflüchtigte sich sofort, als er in die Augen des alten Mannes sah. Enttäuschung glitzerte in ihnen, und auch ein wenig Besorgnis. Rafferty verbeugte sich steif. »Das war Nikkyo. Kate, lehr unseren Schüler einige entsprechende Blockiertech- niken.« Er drehte sich um und ging die Treppe hoch. Eine bedrückende Stille schloß sich an. Nach einer Weile brach Kate das Schweigen. »Ich möchte Ihnen ei- nen Rat geben«, sagte sie und ihre Stimme klang dabei überraschend sanft. »Zeigen Sie Ihre Schwächen nicht zu offen. Mein Vater wird Sie sofort darauf festnageln. Und indem Sie eben schrien, haben Sie die ganze Sache noch zehnmal schlimmer gemacht. Kommen Sie, Schwamm drüber! Machen wir weiter. Ich zeige Ihnen jetzt einige Abwehrmethoden.« Johns Blick klebte an der Treppe fest. »Nein.« Er wandte sich Kate zu. »Entschuldigen Sie. Ich .ich muß mit Ihrem Vater sprechen.« Seine Füße waren wie Bleigewichte, die er mit sich schleppte, als er die Treppe zur Guillotine emporstieg. Rafferty befand sich in seinem Arbeitszimmer und starrte aus dem Fenster. Am Himmel zeigte sich eine, dichte Wolkendecke, und das Licht des Nachmittags reichte nicht aus, um alle Schatten des Raumes zu erhel- len. Der alte Mann zeichnete sich als dunkle Silhouette vor dem grauen Hintergrund ab, und nach wie vor trug er den schwarzen Hakama-Rock und die weiße Jacke seines Gi. Er hatte den Kopf ein wenig zur Seite geneigt und blickte in Richtung des Waldes. In diesen Augen- blicken wirkte er sehr alt. Es schien, als hätten ihn die Jahre schließlich doch noch eingeholt. John kam sich wie ein Eindringling vor, aber er hatte das dringende Bedürfnis, seine Seele zu erleichtern. »Vielleicht war das alles keine so gute Idee.« Rafferty rührte sich nicht. »Vielleicht haben Sie recht. Wollen Sie Schluß machen?« »Nun, wäre das nicht am besten?« »Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll.« Rafferty wandte sich langsam vom Fenster ab. »Es hängt ganz von Ihnen ab, ob Sie weiter lernen wollen oder nicht. Kate sagte mir, das Lager habe nichts mehr gegen Sie einzuwenden. Sie könnten morgen mit ihr zusammen die anderen Renegaten aufsuchen.« »Ich schätze, es mangelt mir an den notwendigen Voraussetzungen.« »Na schön.« Rafferty nickte traurig. »Ich hoffe, Sie machen sich keine Vorwürfe. Sie haben eine Menge Mut bewiesen und waren bisher ein ausgezeichneter Schüler.« »Danke«, erwiderte John. Er wußte, daß der alte Mann log, aber es war nett von ihm, dieses Kompliment zu machen. Sie nahmen das Mittagessen in aller Stille ein. Raf- ferty schien sehr an einem Gespräch gelegen zu sein, aber weder Kate noch John ermunterten ihn dazu. Den Nachmittag verbrachte John in seinem Zimmer und blätterte in den Büchern, die er im Arbeitszimmer gefunden hatte. Am nächsten Morgen mußte er sich von diesen Schätzen trennen., Bis zum Abendessen war die allgemein recht düstere Stimmung verflogen. Kate informierte ihren Vater von den jüngsten Intrigen der Lagerpolitik. Nach ihrer Be- schreibung hatten die Guten eine weitere Niederlage einstecken müssen, und die Konservativen hielten das Ruder nunmehr fest in der Hand. Die Renegaten woll- ten keine Aktion gegen die Polizei riskieren, die in ir- gendeiner Weise auf einen organisierten Widerstand hindeuten mochte. Außerdem berichtete die junge Frau auch noch vom Klatsch. Wer mit wem schlief; jemand war degradiert und auf einen anderen Posten versetzt worden; es gab einen neuen Koch, und das Essen war besser geworden; welche Tänze derzeit besonders be- liebt waren. Rafferty wandte sich an John. »Es gibt Leute, die im Lager dreimal pro Woche tanzen. Das ist dann jedesmal der Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens - und ei- gentlich das einzige, was ich hier sehr vermisse.« Er sah Kate an. »Morgen abend wird wieder getanzt, nicht wahr?« »Ja. John, wenn wir rechtzeitig eintreffen, können wir daran teilnehmen.« Cunningham nickte. »Haben Sie jemals getanzt?« fragte Rafferty. »Ja«, sagte John. »In der Schule.« »Und wie gefiel es Ihnen?« »Ich verabscheute das Tanzen. Allerdings habe ich die meisten Dinge gehaßt, die an der Schule gelehrt wurden, und deshalb bedeutet das vermutlich nicht viel.« »Mich soll der Schlag treffen!« platzte es aus Kate heraus. »Wie?« »Nun, mein Vater hat mich nie in die öffentliche Schule geschickt, obgleich ich immer gern wissen woll- te, wie es dort zugeht. Und ich treffe dauernd Leute, die keine guten Erinnerungen daran haben.«, »Warum behielt er Sie denn zu Hause?« John sah erst Rafferty an und richtete seinen Blick dann wieder auf Kate. »Mich gibt es eigentlich gar nicht«, erklärte die junge Frau. »Meine Geburt wurde nie gemeldet. Und wäre ich zur Schule gegangen, hätten die Behörden das ent- deckt.« »Das ist nicht der einzige Grund«, fügte der alte Mann hinzu. »Ich wußte, wie schlecht die Schulen wa- ren, und ich dachte, ich könnte es selbst besser ma- chen.« Er musterte seine Tochter. »Wärst du in eine je- ner Indoktrinationsfabriken gegangen, hätte ich das Ge- fühl gehabt, dich geradewegs ins Gefängnis zu schik- ken.« »Vater, manchmal kam ich mir in diesem Haus wie in einem Kerker vor.« Rafferty seufzte. »Ich entschied mich für das, was ich für das Beste hielt. Wir werden nie genau wissen, ob es richtig war. John, Sie sollten sich von Kate einige Tanz- schritte zeigen lassen, so daß Sie morgen nicht für einen blutigen Anfänger gehalten werden.« Er wandte sich Kate zu. »Bist du einverstanden?« »Natürlich.« Rafferty strahlte John an. »Ist das nicht großartig?« Der alte Mann bestand darauf, den Tisch allein abzu- räumen, und er schickte John und Kate in den Projek- tionsraum. »Möchten Sie wirklich?« fragte John, als sie durch den Flur schritten. »Ich glaube, Ihr Vater ließ Ihnen keine große Wahl.« »Oh, das ist schon in Ordnung. Am Tanz ist mir wirk- lich etwas gelegen. Oder möchten Sie lieber darauf ver- zichten?« »Nein. Es macht mir nichts. Schaden kann es jeden- falls nicht.« »Gut.« Kate gab einen bestimmten Tastencode in das akustische System. »Auf der ganzen Welt gibt es Musik, und Tänze. Das ist wie ... wie eine Kunst, die alle Men- schen miteinander verbindet. Einige der Tänze sind ly- risch, andere wild und barbarisch: Bei letzteren, wissen Sie, beugt man sich vor und stampft mit den Füßen auf den Boden. Wenn Sie sich auf diese Weise den anderen Männern und Frauen im Lager hinzugesellen, so ist es, als ..« - aus den Lautsprechern ertönte ein schrilles Wimmern. Kate betätigte eine weitere Taste, und es wurde wieder still. Sie zögerte und suchte nach den richtigen Worten - »... so ist es, als bildeten alle eine Einheit. Sie werden es morgen abend selbst erleben.« Die junge Frau wandte sich erneut der Tastatur zu, und Musik erklang. »Reichen Sie mir die Hand und versu- chen Sie, meinen Schritten zu folgen!« John gab sich alle Mühe, erwies sich aber als ziemlich unbeholfen. Er kam nicht einmal annähernd an das ele- gante Geschick Kates heran, und nach einer Weile schaltete die junge Frau ab. »Hier, sehen Sie genau hin«, sagte Kate und bewegte sich etwas langsamer als zuvor. »Soll ich die Schritte noch einmal wiederholen?« John schüttelte den Kopf. »Haben Sie irgend etwas?« »Vielleicht sollten wir die Sache doch besser lassen. Ich glaube, ich gewöhne mich nicht daran.« »Aber Sie haben es noch nicht einmal richtig ver- sucht.« »Doch, das habe ich.« »John, vielleicht ist das meine Schuld. Ich hätte nicht einfach die Musik abspielen und Sie dazu auffordern sollen, so zu tanzen wie ich. Auf diese Weise lernt man es nicht.« »Kate, möglicherweise habe ich einfach kein Gefühl dafür.« »Warum sind Sie dann so verwirrt und verlegen? Auf diese Weise haben Sie auch immer unten im Keller rea- giert. Sie erwarten zuviel von sich selbst. Mein Vater, sagte mir einmal, beim Lernen ginge es darum, einen bestimmten Fehler beim nächstenmal nicht zu wieder- holen und dafür einen anderen zu machen. Leute, die nicht dazu bereit sind, auch einmal eine dumme Figur abzugeben, gehen nie Risiken ein, machen nie Fehler und können daher auch nie viel lernen.« John versuchte, möglichst ruhig zu bleiben. Er emp- fand es als geradezu demütigend, von einem jungen Mädchen eine Lektion erteilt zu bekommen. »Hören Sie, es tut mir leid. Vielleicht bin ich wirklich verwirrt und verlegen. Aber ich würde trotzdem gern auf den Tanzunterricht verzichten.« »Schon gut, schon gut.« Kate drehte sich um und schaltete die Lautsprecher aus. John verließ das Zim- mer. Er fühlte sich separiert von Kate und auch Rafferty, und die Art und Weise, wie sie ihn sahen, beschämte ihn. Er begab sich in sein Zimmer und schloß die Tür. Cunningham las bis spät in die Nacht, obgleich er die ganze Zeit über wußte, daß er früh aufstehen mußte, um Kate nach dem Lager zu begleiten. Doch vielleicht bekam er diese Bücher nie wieder in die Hand. Es war lang nach Mitternacht, als er schließlich das Licht aus- schaltete. Nach einem nur dreistündigen Schlaf lief er mit Kate durch den Wald. Nach und nach blieben die Bäume hin- ter ihnen zurück, und sie erreichten offeneres Gelände. Als sie ungefähr eine Stunde unterwegs waren, liefen sie an alten Landstraßen und ungepflügten Feldern vorbei. Das Licht des Vollmondes hüllte alles in einen perlmuttenen Schein, und John kam sich ganz wie ein Verschwörer vor. Immer wieder hielt er in der Ferne nach Patrouillenwagen der Polizei Ausschau. Nur die tief in ihm nagende Furcht verhinderte, daß ihm die Augen zufielen. »John, wissen Sie eigentlich, daß Sie auf den Zehen- spitzen laufen?« Cunningham konnte kaum glauben, was er gerade, gehört hatte. Fünf Uhr früh - und die Meckereien be- gannen schon wieder? Was, zum Teufel, war denn falsch daran, auf den Zehenspitzen zu laufen? Machte er denn überhaupt nichts richtig? »Nein, das ist mir bis- her noch nicht aufgefallen.« »Aber es stimmt. Bei einem Sprint ergäbe das durch- aus einen gewissen Sinn, aber bei dieser Geschwindig- keit wäre es besser, den Fußballen mit dem Körperge- wicht zu belasten und dann zu den Zehen hin abzurol- len. Und soll ich Ihnen noch etwas sagen?« John gab keine Antwort. »Sie neigen dazu, sich nach vorn zu beugen. Irgend- wie klemmen Sie sich dadurch selbst die Brust ein, und ...« »Das stimmt nicht.« »Was machen Sie denn gerade? Versuchen Sie, sich allein aus dem Becken heraus zu bewegen. Halten Sie den Oberkörper aufrecht und lassen Sie sich einfach treiben. Sie kennen doch den Rat meines Vaters: >Mühe ist fast immer schlecht durchgeführte Arbeit.<« »Nein, diesen Rat von ihm kenne ich noch nicht, und mir liegt auch nicht viel daran, ihn jetzt zu hören.« Kate schwieg einige Sekunden lang. »Ich wollte Ih- nen nur helfen.« »Ich glaube, ein bißchen weniger Hilfe wäre mir lie- ber. Insbesondere von Ihnen.« Kate verharrte. Nach einigen Metern blieb John eben- falls stehen und drehte sich um. Die junge Frau stemmte die Arme in die Hüften und kam langsam auf ihn zu. »Das Problem ist, Sie brauchen Hilfe. Sie wären nicht so langsam, wenn Sie wüßten, wie man richtig läuft. Ganz im Ernst: Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so undankbar ist wie Sie. Wissen Sie, Sie haben ihm nicht einmal gedankt. Er war den ganzen Abend in seinem Arbeitszimmer, und Sie ver- steckten sich in Ihrem Zimmer. Glauben Sie, Sie hätten ihm einen Gefallen getan, als Sie heute morgen gingen?«, »Nun, ich dachte, er wäre zumindest ein wenig er- leichtert. Bestimmt rechnete er nicht damit, daß ich wei- termache.« »Woher wollen Sie das wissen?« »Nun, ich fühlte mich nicht dazu ermuntert.« Kate schüttelte den Kopf und sah zum Nachthimmel hoch. Sie setzte sich wieder in Bewegung, und John hielt mit ihr Schritt. »Es war nicht seine Aufgabe, Sie zu ermuntern. Es ging ihm in erster Linie darum, Ihnen beizubringen, auf eigenen Beinen zu stehen.« »Er hätte mir zumindest zeigen können, daß ihm et- was an mir liegt.« »Das hat er auch - indem er so viel Zeit für Sie erüb- rigte. Andererseits haben Sie vielleicht recht: Mögli- cherweise war er Ihnen gegenüber wirklich gleichgültig. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen die Art meines Vaters er- klären soll. Er ist sehr seltsam. Er findet sich mit allem ab. Trotzdem: Gestern abend fragte er mich, ob ich der Meinung sei, er habe Sie zu hart rangenommen.« »Und wie lautete Ihre Antwort?« »Ich verneinte seine Frage und fügte hinzu, es werde sich bald herausstellen.« Was auch der Fall war, dachte John. »Wie weit ist es noch bis zum Lager?« »Ungefähr zwanzig Kilometer. Aber vorher machen wir noch an einem Haus Halt, das wir in einigen Minu- ten erreichen. Dort werden Sie überprüft.« »Weswegen denn?« »Reine Routine.« »Warten Sie, Kate, eine Sekunde. Ich möchte, daß wir stehenbleiben.« Er wurde langsamer. »Und ich rate Ihnen weiterzulaufen.« Kates Stimme klang plötzlich sehr scharf. Sie war ebenfalls langsamer geworden und hielt sich nun hinter ihm. Ihr Tonfall brachte eine Warnung zum Ausdruck, und John entschied, die junge Frau besser nicht zu reizen. Er, kam der Aufforderung Kates nach und lief weiter. Kurz darauf erreichten sie ein Haus, und man führte ihn durch den Hintereingang und anschließend in den Kel- ler, wo er mit einem tragbaren Scanner kontrolliert wurde. Man stellte ihm einige Fragen, die er rasch be- antwortete, und anschließend hieß es, es gäbe nichts an ihm auszusetzen. Wenige Sekunden später befanden sich Kate und John in einem Gehölz jenseits des Hau- ses. Die Haltung der jungen Frau ihm gegenüber war nun weniger wachsam und bedrohlich. »Würden Sie mir bitte erklären, was das eben sollte?« fragte John. »Es tut mir leid, aber warum reagierten Sie so miß- trauisch, als ich sagte, man würde Sie überprüfen?« »Wieso mißtrauisch?« »Warum wollten Sie denn plötzlich stehenbleiben?« »Ich habe den Entschluß gefaßt, nach Ihrem Haus zu- rückzukehren.« »Und aus welchem Grund?« »Ich würde gern mit Ihrem Vater sprechen.« »Oh.« »Glauben Sie, das hat einen Sinn?« »In welcher ... Ach, ich verstehe: Sie möchten Ihn bit- ten, Sie weiter auszubilden, nicht wahr?« »Ja.« Kate schüttelte den Kopf. »Erhoffen Sie sich nicht zu- viel.« »Ich würde es trotzdem gern versuchen.« Mit einem Achselzucken lehnte die junge Frau jede Verantwortung ab. »Wie Sie wollen. Glauben Sie, Sie finden allein zurück? So weit haben Sie sich noch nie vom Haus entfernt, oder?« »Nein. Aber ich werde mich schon nicht verirren. Sie kommen nicht mit mir zurück, wie?« »Nein. Man erwartet mich heute im Lager. Ich soll dort Aikido lehren.«, »Na schön. Es wird mir bestimmt nicht schwerfallen, allein zurückzukehren. Machen Sie sich keine Sorgen!« »Sie sollten besser genau wissen, was Sie tun. Wenn Ihnen etwas zustößt, macht man in erster Linie mir Vorwürfe.« »Es wird schon nichts passieren«, entgegnete John. »Bis später.« »Okay.« John drehte sich um, und im Dauerlauf machte er sich daran, den Weg zurückzukehren, den sie gekommen waren. Er war schon zwanzig Meter weit fort, als Kate ihm nachrief: »Viel Glück!« Die Schwierigkeiten Cunninghams begannen, als er dem Verlauf der sich durch den Rand windenden Stra- ßen folgte. Eine sonderbare Kurve nach der anderen - nichts erweckte einen vertrauten Eindruck. John ärgerte sich, nicht genauer auf den Weg geachtet zu haben. Schließlich erreichte er den Waldrand, und er hoffte, es handelte sich dabei um das Schutzgebiet, in dem Raf- ferty und Kate wohnten. Er lief am Rande einer nach Norden führenden Straße entlang, bis er einen Pfad in den Wald fand. Es war recht dunkel. Der Weg, für den John sich ent- schieden hatte, führte zunächst nach Nordosten. Nach einigen Kurven wußte er nicht mehr, in welcher Rich- tung er unterwegs war. Dem Verlauf dieses Pfades war er noch nie zuvor gefolgt. Und nach und nach begriff er, daß er sich wirklich verirrt hatte. Irgendwann blieb er stehen. Es hatte keinen Sinn, einfach weiterzulaufen. Es war durchaus möglich, daß er sich dadurch vom Haus Raffertys entfernt hätte, an- statt sich ihm zu nähern. Cunningham war ziemlich müde, und eine dumpfe Besorgnis regte sich in ihm. Warum mußte er immer wieder beweisen, wie recht Winslow hatte? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nur zu warten. Bald würde die Sonne aufgehen, und mit dem Tageslicht konnte er sich, besser orientieren. Bestimmt war er nur noch wenige Kilometer von seinem Ziel entfernt. Früher oder später mußte er das Haus finden. Es mochte sich jedoch als gefährlich erweisen, in un- mittelbarer Nähe des Weges zu warten. Er kehrte ins Dickicht zurück, lehnte sich an einen Baumstamm und schloß die Augen. Jetzt, da er sich nicht mehr bewegte, erschien ihm die Nacht recht kalt. Er schlang die Arme um die Schultern und faßte sich in Geduld. Sergeant Bruno Hackman kontrollierte die Positionen der Patrouillenwagen und schaltete den Interkom ein. »Sektion A, landen. Sektion B, Formationsflug.« Die Pi- loten der Schweber führten die Anweisungen sofort aus und schirmten den Block ab. Die ersten Minuten, dachte Hackman, würden sicher die spannendsten werden. Wenn sie wirklich auf etwas gestoßen waren, so würde sich das recht rasch herausstellen. »Sektion B, haltet die Augen offen. Sektion A, Beginn der Aktion.« Die Mi- nuten verstrichen. Im nahen Wald rührte sich nichts. Hackman landete seinen Airwagen mitten auf der Straße und stieg aus. »Sarge!« rief jemand. Corporal Roger Wollensky stand auf der Veranda des Hauses und winkte. Die Ge- ste wirkte nicht sehr aufgeregt. Hackman schritt auf ihn zu und stieg die kurze Treppe hoch. »Was ist denn?« »Nur ein alter Mann. Sonst befindet sich niemand im Haus. Er meint, die anderen mächen einen Spaziergang im Wald und beobachten die Vögel.« Hackman lachte. Selbst wenn es stimmte: Komisch war es trotzdem. »Ich spreche mit ihm.« Er trat ein. Ein hübsches altes Haus mit stilgerechter Einrichtung. Ein einfacher Soldat der Einsatzgruppe be- fragte gerade einen alten und weißhaarigen Mann. Der Greis war dünn und wirkte wie ausgezehrt - so als hätte er vor der Entwicklung entsprechender Medikamente, an einer schlimmen Krankheit gelitten und sich nur langsam wieder davon erholt. Der Polizist trat zurück und erstattete Hackman Be- richt. »Sir, es sollten sich insgesamt acht Bewohner in diesem Haus befinden, und der alte Mann ..« »Ich weiß«, unterbrach ihn der Sergeant. »Die ande- ren wandern im Wald herum und beobachten Vögel. Hat er den Mann auf dem Bild schon einmal gese- hen?« »Nein.« Hackman nahm dem Greis gegenüber Platz. Von ei- nem Augenblick zum anderen fühlte er sich wohl und willkommen, so als sei dies sein Zuhause. Der Sergeant lächelte. »Sie erwarten doch nicht von mir, daß ich Ih- nen die Geschichte mit dem Beobachten von Vögeln abkaufe, oder?« Der alte Mann wandte den Blick nicht von ihm ab. »Doch, denn sie ist wahr.« Und Hackman begriff plötzlich, daß die ganze Sache durchaus einen Sinn ergab. Der alte Mann sagte tat- sächlich die Wahrheit. Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir das Bild.« Der wartende Polizist reichte ihm eine Kopie, und die zeigte Hackman dem Greis. »Sie haben dieses Gesicht noch nie zuvor gesehen?« »Nein, noch nie. Wenn Sie möchten, würde ich das Bild gern den anderen zeigen, wenn sie zurückkehren. Wir setzen uns sofort mit Ihnen in Verbindung, wenn jemand den Gesuchten wiedererkennt.« »Ja.« Hackman strahlte. »Das ist eine gute Idee. Es wäre eine echte Hilfe.« Der Sergeant dachte daran, wie selten es vorkam, daß sie mit Leuten zusammentrafen, die die Polizei in ihrer harten Arbeit unterstützten. »Wie lautet Ihr Name, alter Mann?« »Rafferty. Winslow Rafferty.« Der Uniformierte hinter Hackman bestätigte diese Angabe. Der Sergeant stand auf und reichte dem alten Mann, die Hand. »Mr. Rafferty ... es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.« »Es war mir eine Ehre, Sergeant. Ich bekomme nur selten Gelegenheit, Polizisten wie Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihre Bemühungen für Recht und Ordnung schätze. Möchten Sie zum Frühstück bleiben?« Nach Hackmans Meinung wäre das einer Zumutung gleichgekommen. Der alte Mann versuchte nur, höflich zu sein. »Nein, danke. Wir haben zu tun.« Der Sergeant kehrte auf die Veranda zurück. Was war es doch für ein herrlicher Morgen! Er fühlte sich präch- tig- Coporal Wollensky trat an seine Seite. »Eine genaue Durchsuchung des Hauses, Sir?« Hackman sah ihn überrascht an. »Nein, natürlich nicht. Was ist denn in Sie gefahren? Der alte Mann stellt keine Gefahr dar, im Gegenteil: Er ist auf unserer Sei- te.« Erstaunt wich Wollensky einen Schritt zurück. Ärger stieg in Hackman hoch. »Zum Teufel auch, was ist denn mit Ihnen los, Corporal? Haben Sie keine Pflichten, um die Sie sich kümmern müssen? Kommen Sie, beenden wir die Kontrolle dieses Blocks!« Verwun- dert von der naiven Dummheit seines Kollegen eilte der Sergeant auf die Straße. Administrator Jakoba schritt in Begleitung Earl Wa- shingtons durch den Hangar des neuen Polizei-Haupt- quartiers. Über ihnen spannte sich eine große blaue Glocke von der einen Seite des Gebäudes zur anderen, insgesamt über hundert Meter weit. Sie wanderten in- mitten der Airwagen und Transporter umher, und sie betrachteten fünf große Kampfwagen, die für den Ein- satz bei Unruhen vorgesehen waren, die man aber schon seit zehn Jahren nicht mehr gebraucht hatte. Vor vier Monaten war die Polizei in dieses neue Ge- bäude umgezogen. Die erste Bitte Jakobas um eine Be-, sichtigung hatte Washington mit dem Hinweis darauf abgelehnt, man habe sich noch nicht ganz eingerichtet. An diesem Morgen jedoch fühlte sich der König dazu in der Lage, Jakoba sein neues Reich zu zeigen. Aufgebro- chen waren sie ganz unten, dreißig Stockwerke tiefer - und nun hatten sie schließlich den Hangar erreicht. »Es überrascht mich, so viele Techniker gesehen zu haben«, sagte Jakoba, als sie an einem voluminösen Truppentransporter vorbeischritten. »Wir dachten, die Droiden würden in diesem Bereich einwandfrei funk- tionieren.« »Nun, mit den Droiden ist tatsächlich alles in Ord- nung, aber einige von meinen Jungs haben den Dreh richtig raus. Einer von ihnen hat Ihren Wagen inspiziert und eine Neujustierung der Systeme vorgenommen.« »Earl, wenn irgend etwas an Bord nicht in Ordnung gewesen wäre, hätte mich der Computer darauf hinge- wiesen. Sie vergeuden Ihre Zeit.« »Vielleicht. Aber warten Sie nur ab. Wenn Sie mit der Maschine starten, stellen Sie bestimmt fest, daß sie jetzt besser fliegt.« »Ich schätze, für einen Einwand dürfte es jetzt ohne- hin zu spät sein. Übrigens: Halten die neuen Nähte jetzt?« »Ja. Damit steht es bestens. Keine Anzeichen von Ma- terialermüdung. Ich glaube, dieses Problem ist ein für allemal gelöst.« Jakoba blieb stehen. »Earl, ich hatte gehofft, mir auch die Einrichtungen für die Begleiterinnen ansehen zu können. Wie ich feststellte, haben wir das entspre- chende Stockwerk einfach übersprungen. Könnten wir uns dort einmal umsehen?« »Selbstverständlich. Ich dachte nur, es würde Sie langweilen.« »Ganz im Gegenteil. Gerade diese Sache halte ich für den interessantesten Aspekt des Alten Volkes. Tatsäch- lich wolle ich eine spezielle Bitte an Sie richten. Ich habe, noch nie einen echten Geschlechtsakt gesehen - abge- sehen von entsprechenden Darstellungen auf dem Bild- schirm. Glauben Sie, Sie könnten mir eine derartige Er- fahrung ermöglichen?« »Ah - gern. Wir bitten einfach einen der Polizisten um eine Demonstration. Kein Problem.« Das Stockwerk der Begleiterinnen war anders ausge- stattet als die restlichen Etagen des Gebäudes. Die Be- leuchtung hier war etwas gedämpfter, die Teppiche dik- ker. Washington führte Jakoba in den zentralen Auf- enthaltsraum und zeigte ihm dort den Katalog. Einige Minuten lang sah sich der Administrator die vielen Bil- der an. Außer ihnen hielten sich noch zwei Polizisten in dem großen Aufenthaltsraum auf, und sie warfen ihm neugierige Blicke zu. »Wählen Sie einfach eine aus«, forderte Washington ihn auf. »Derzeit hat die rote Schicht Dienst, und des- halb sollten Sie sich zwischen den hier abgebildeten Be- gleiterinnen entscheiden.« Jakoba wußte nicht so recht, welche Kriterien er zur Grundlage des Auswählens machen sollte, und nach einer Weile tippte er einfach auf ein bestimmtes Bild. Washington blickte auf eine Anzeigetafel an der Wand. »Sie hat gerade zu tun. Aber natürlich könnten wir den betreffenden Beamten bitten, zu gehen.« »Nein, warum denn? Wie soll ich denn beim Ge- schlechtsakt zusehen, wenn der Mann die Frau ver- läßt?« Nach Meinung Jakobas verhielt sich Washington recht eigenartig. »Oh, natürlich. Ja, wir wollten doch zusehen, nicht wahr? Machen wir uns also auf den Weg. Ich kann be- stimmt eine entsprechende Demonstration für Sie ar- rangieren.« Die Begleiterin und der Polizist kopulierten bereits, als Washington und Jakoba eintraten. Als er die beiden Besucher sah, rollte sich der Beamte von der Frau her- unter, bedeckte seine Blöße, stand auf und salutierte., Washington erklärte ihm das Anliegen des Administra- tors, und Jakoba setzte sich unterdessen auf die Bett- kante. Die Frau wirkte sehr nervös, und ihre Blicke huschten zwischen Washington und Jakoba hin und her, während sie sich an der Wand zusammenkauerte. Auf den Vorschlag des Polizeichefs hin begann das Paar erneut. Jakoba stellte dem Beamten einige Fragen und trat dann an das Fußende des Bettes heran, um sich das Raus und Rein des männlichen Geschlechtsteils aus einem anderen Blickwinkel anzusehen. Bald darauf langweilten ihn die rhythmischen Bewegungen, es war ein primitiver mechanischer Bewegungsablauf, und er wandte den Kopf und sah Washington an, der einige Meter entfernt an der Wand lehnte. Earl starrte auf den Boden, und auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. Was mochte das bedeuten? Jakoba lernte langsam, nach physiologischen Reaktionen Alter Menschen Ausschau zu halten. Die besten Psychologen mit dem Fachgebiet des Alten Volkes waren einmal dazu in der Lage gewe- sen, aus solchen Signalen auf das zu schließen, was in den betreffenden Individuen vor sich ging. Aber es war sehr schwierig, sie richtig zu verstehen, wenn man die damit zusammenhängenden Gefühle nicht nachemp- finden konnte. Nach Meinung des Administrators wäre es die Mühe Wert gewesen, einen Tag lang ebenfalls Emotionen zu ertragen, um dadurch zu einem besseren Verständnis dieser seltsamen Wesen zu gelangen. Jakoba wich ein wenig zurück und beobachtete die Gesichter des kopulierenden Paares. Die Miene des Po- lizisten war verzerrt; ihr war ein Ausdruck zu eigen, der für gewöhnlich auf Schmerz hindeutete. Mit einem ge- dämpften Stöhnen erreichte der Beamte kurz darauf den Höhepunkt. Auf seiner Haut zeigten sich an eini- gen Stellen rote Flecken, aber abgesehen davon ließ sich nichts Außergewöhnliches feststellen, außer daß die pumpenden Bewegungen aufgehört hatten. Jakoba war zutiefst enttäuscht. Die ganze Sache war, ihm noch immer ein Rätsel. Die Demonstration hatte sich als weniger informativ erwiesen als die Darstellun- gen auf den Bildschirmen. Er nickte Washington zu, und sie gingen. Im Korridor murmelte Jakoba: »Manchmal glaube ich, es gelingt mir nie, die Art Ihrer Spezies auch nur annä- hernd zu verstehen. Der Geschlechtsakt bedeutet Ihnen sehr viel, und ich weiß nach wie vor nicht, warum er so wichtig ist. Ich frage mich immer wieder, welche Erfah- rungen Sie dabei machen.« Washington zögerte. »Können Sie das nicht selbst feststellen?« »Wie denn?« »Soweit ich weiß, sind die Geschlechtsorgane in ana- tomischer Hinsicht bei unseren beiden Völkern gleich beschaffen. Warum versuchen Sie es nicht selbst ein- mal?« »Das ist ein absurder Vorschlag, mein Freund. Unsere Hirne unterscheiden sich. So etwas ist einfach undenk- bar. Earl, es gibt da etwas, über das ich mit Ihnen spre- chen muß. Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mich nach meinem Wagen begleiten würden. Wir können uns unterwegs unterhalten.« Von einem Pendler ließen sie sich aufs Dach bringen und hielten dann auf das Osttor des Hangars zu. Im rückwärtigen Abteil des Airwagens Jakobas befand sich ein U-förmiger Sitz, der vor der Computerkonsole im Boden verankert war. Der Administrator und Washing- ton nahmen Platz. Auf Basic erläuterte Jakoba: »Earl, wie Sie wissen, ha- ben wir uns überlegt, die Anzahl der Arbeitslosen auf ein Niveau zu senken, das uns weniger bedrohlich er- scheint. Auf diese Weise möchten wir möglichen neuen Unruhen zuvorkommen. Bisher mangelte es uns an ei- nem vernünftigen Plan, aber das hat sich inzwischen geändert. Die von uns in jüngster Zeit entwickelte Stra- tegie ist so einfach, daß es einen wundern mag, wieso, wir nicht schon eher darauf gekommen sind. Ich würde gern in Erfahrung bringen, was Sie davon halten. Wir wissen genau, welche sozialen Gruppen poten- tielle Unruheherde darstellen, und auf dieser Grundlage sollten wir dazu in der Lage sein, die Familien zu identi- fizieren, die rein statistisch gesehen am ehesten dazu neigen, uns gegenüber Widerstand zu leisten. Es paßt alles zusammen. Jene Eltern, die sich weigerten, die Genetiker zu konsultieren, haben nun Kinder im kriti- schen Alter. Diesem Nachwuchs ist vermutlich von An- fang an gelehrt worden, uns zu hassen. Und natürlich geht gerade von der betreffenden Altersgruppe die größte Gefahr für uns aus. Wenn außerdem beide El- ternteile Empfänger von Sozialleisrungen sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß in dem entsprechenden Haushalt zur Denkweise der Renegaten geneigt wird. Wir haben außer diesen auch noch einige weitere Kon- ditionalfaktoren in den Computer eingegeben und eine Liste angefordert. Earl, die Sache ist so einfach, daß sie bestimmt funktioniert. Über die Medien treffen wir die notwendige propagandistische Vorbereitung. In ir- gendeiner Nacht dann setzen Sie Ihre Leute ein, neh- men sich die von uns benannten Familien vor und eli- minieren sie - und am nächsten Morgen geben wir be- kannt, es sei ein wichtiger Verschwörungsring der Re- negaten gesprengt worden. Da wir außerdem bei der Aktion ganz sicher auch viele aktive Widerständler un- schädlich machen, ist das in gewisser Weise sogar die Wahrheit. Mit einem Schlag beenden wir die Tendenz zu immer mehr Gewalt. Die Bewegung der Renegaten erholt sich bestimmt nie davon. Na, ist das nicht ein ausgezeichneter Plan?« Washington zögerte einige Sekunden lang bevor er antwortete. »Um wie viele Personen geht es dabei?« »Wir halten fünf Prozent der Bevölkerung für den be- sten denkbaren Wert.« Jakoba beobachtete, wie das Gesicht Washingtons, plötzlich grau wurde. Das bedeutete eine Kontraktion der Kapillargefäße und ließ sich - als was interpretieren? Als eine Schockreaktion? »Hunderttausend Menschen?« Die Stimme des Poli- zeichefs vibrierte bei diesen Worten. »In einer Nacht? Ich habe nur dreißigtausend Polizisten.« »Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben Op gefragt und die Auskunft erhalten, es käme nur auf eine genaue zeitliche Planung an. Jeder Beamte hat im Durchschnitt rund vier Eliminationen durchzuführen. Und die ganze Aktion sollte nicht länger als etwa fünf Stunden dauern.« »Und was wollen Sie mit den Leichen machen? Sie können sie nicht einfach irgendwo verstecken. Wir sprechen von hunderttausend Toten, die irgendwie von der Bildfläche verschwinden müssen.« »Kein Problem. Die Leichen werden in Säcken unter- gebracht, beschwert, in Transporter verladen und an- schließend in den See geworfen. Was könnte denn noch einfacher sein? Anschließend kehren die Wagen zurück und holen die nächste Ladung.« Washington drehte sich um und schüttelte den Kopf. »Ich schätze, es ließe sich tatsächlich machen. Aber die Sache ist riskant, Jakoba. Am nächsten Morgen könnten sie es mit einer ausgewachsenen Revolution zu tun be- kommen.« »Nun, ich glaube, da übertreiben Sie ein wenig. Ob- gleich ich eingestehen muß, daß einige von uns eben- falls diese Befürchtung hatten. Das Komitee ist von dem Plan nicht gerade entzückt. Wir würden es vorziehen, nicht zu einer solchen drastischen Maßnahme gezwun- gen zu sein. Eine Revolution ist schließlich genau das, was wir vermeiden wollen. Leider aber genügt es nicht, den Widerständlern einfach nur ins Gewissen zu reden. Wir beobachten den Trend zu immer mehr Gewalt nun schon seit einigen Jahren, und er ist nach wie vor unge- brochen. Op ist ebenfalls dieser Meinung, Earl. Ihre, Leute geben sich alle Mühe, die Gewalt unter Kontrolle zu halten, aber wenn sich die Lage nicht ändert, werden wir es innerhalb der nächsten beiden Jahre erneut mit Unruhen und Aufständen zu tun bekommen.« »Warten Sie, Jakoba. Warum nimmt die Gewalt denn zu? Das ist die wichtige Frage, die Sie sich selbst stellen sollten. Meine Antwort darauf lautet: weil es immer weniger zu tun gibt. Sorgen Sie dafür, daß die Soziallei- stungsempfänger wieder an die Arbeit zurückkehren können - dann sind sie zu müde, um Ihnen Schwierig- keiten zu machen.« »Wie denn? Wir können nicht bis zum letzten Augen- blick warten und dann praktisch über Nacht alles auto- matisieren. Es muß ein schrittweiser Prozeß sein. Es geht darum, sich über die Konsequenzen klarzuwerden und aus ihnen zu lernen, bevor es zu spät ist, eventuelle Fehler zu korrigieren.« »Aber das Risiko ... Wenn Sie sich doch nur weitere zwanzig Jahre lang gedulden könnten. Dann stirbt das Alte Volk eines natürlichen Todes. Es würde ganz ein- fach verschwinden, und Sie brauchten nur abzuwar- ten.« »Das glaube ich nicht. Ich bin sicher, wir würden es auch dann mit einer Widerstandsbewegung zu tun ha- ben, wenn es Arbeit für alle wäre. Vielleicht treiben wir die Entwicklung zu rasch voran, aber jemand muß die Vorhut bilden. Der Globale Rat hat entschieden, es Neu Chicago zu überlassen, die Rolle der Avantgarde zu übernehmen. Earl, wir bereiten gerade die historisch wichtigste Veränderung der Welt vor, und nachher wird nichts mehr so sein wie zuvor. Wir müssen einige schwierige Entscheidungen treffen. Und es ist wichtig, sich den Konsequenzen zu stellen. Der Plan ist bisher nur eine Möglichkeit, eine Überlegung, weiter nichts. Wenn es Ihnen gelingt, den Trend hin zu immer mehr Gewalt ohne eine solche Maßnahme zu brechen - in Ordnung. Andernfalls aber müssen wir reagieren. Sa-, gen wir, wir lassen uns ein Jahr mit der endgültigen Entscheidung Zeit. Einverstanden?« »Ja. Mir ist wie Ihnen in erster Linie an einer Lösung des Problems gelegen - ganz gleich, wie die auch ausse- hen mag.« »Ich verstehe. Nun, ich sollte mich jetzt besser auf den Rückweg machen. Sie haben die Befugnis, mit Hilfe Ihres Computerterminals eine detallierte Übersicht des Plans abzurufen. Codewort: Seefall. Die Informationen werden nur auf den Schirm projiziert, da wir nicht ris- kieren wollen, daß ein Ausdruck in falsche Hände gerät. Wenn Sie irgendwelche Vorschläge haben, setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung.« Der Administrator reichte Washington die Hand, und Jakoba fiel auf, wie sehr er bereits an diese Geste ge- wöhnt war. Er ging davon aus, daß ihm eine solche Verhaltensweise den Umgang mit den aus dem Alten Volk stammenden Untergebenen erleichterte. Zuerst jedoch war er innerlich jedesmal zusammengezuckt, wenn er einem Alten Menschen die Hand geschüttelt hatte. Die Kollegen Jakobas wären sicher schockiert ge- wesen, hätten sie von solchen Vertraulichkeiten erfahren. Als Kommandeur Washington den Airwagen verließ, gab Jakoba dem Bordcomputer einige Anweisungen. Der Schweber stieg in die Höhe, wendete und flog dann mit zunehmender Geschwindigkeit über die Dächer der Stadt. Unterdessen richtete der Administrator seine Aufmerksamkeit auf die Anzeigen der Instrumente. Man hätte tatsächlich den Eindruck gewinnen können, als funktionierten die Systeme der Maschine jetzt etwas besser. Wenn der Computer nur dazu in der Lage ge- wesen wäre, eine genaue Analyse vorzunehmen. Aber dazu war der kleine Bordrechner nicht leistungsfähig genug. Die Vorstellung, daß ein Techniker des Alten Volkes tatsächlich eine so gute Neujustierung der Sy- steme hatte vornehmen können, bereitete Jakoba ein gewisses Unbehagen., Earl schien recht besorgt gewesen zu sein. Nun, der Polizeichef war intelligent genug, um damit fertigzu- werden. Der Plan würde funktionieren. Mit einer ent- sprechenden Vorbereitung der Bevölkerung durch die Medien konnte nichts schiefgehen. Vielleicht war Earl inzwischen zu vorsichtig - ein wenig zu alt und zu müde. Und was das anging: Auch Jakoba selbst fühlte sich nicht mehr ganz so jung. Von den Laboratorien kamen immer wieder Nachrichten, die besagten, es könne nicht mehr lange bis zur Entwicklung eines Gen- Serums dauern, mit dem sich der Alterungsprozeß stoppen ließe. Jakoba wünschte sich, daß den Wissen- schaftlern möglichst bald ein entsprechender Erfolg ge- lang. Vielleicht konnte er dafür sorgen, daß auch Wa- shington auf diese Weise behandelt wurde. Sie hatten dem Polizeichef viel zu verdanken. Es gab durchaus ei- nige gute Qualitäten im Wesen des Alten Volkes - doch leider waren sie mit den Charakteristiken verbunden, die es so gefährlich machten. Trotzdem: Eine gewisse traurige Würde ließ sich nicht verleugnen. Andererseits: Man mußte Alte Menschen mit aller Behutsamkeit be- handeln, fast wie Gleichgestellte. Die meisten Kollegen Jakobas machten keinen Hehl aus ihrer Abscheu dem Alten Volk gegenüber, und als unvermeidliche Folge daraus ergaben sich erhebliche Probleme bei der wech- selseitigen Kommunikation. Man konnte von den Alten Menschen nicht erwarten, daß sie über ihren eigenen Schatten sprangen. Aber wenn man Zugeständnisse machte und ihnen auf die angemessene Art und Weise begegnete, kam man gut mit ihnen zurecht. Die Kälte verfolgte Cunningham auch in seinen Träu- men. Wenn er sich die Arme um die Schultern schlang, fror er an den Beinen und büßte bald jedes Gefühl in den Händen ein. Wohin er sich auch drehte und wen- dete - die Kälte war ein ständiger Begleiter. Irgend et- was nagte am Rande seines betäubten Bewußtseins und, übermittelte ihm eine Warnung. John versuchte, sich zu bewegen, aber der Rücken gehorchte ihm nicht. Er schlug die Augen auf. Helles Tageslicht. Der Wald. Er war eingeschlafen. Wie spät mochte es sein? Er setzte sich auf, und sein Körper beschwerte sich mit stechendem Schmerz. Die Sonne stand bereits recht hoch am Himmel: später Vormittag? Hatte er etwa den halben Morgen verschla- fen? Imaginäre Messer schienen sich in jedes Gelenk im Leib Cunninghams zu bohren. Nach und nach bekam er den Körper wieder unter Kontrolle, und er stand äch- zend auf. Zuerst fiel ihm jeder Schritt schwer. Dann setzte sich der Wunsch durch, so rasch wie möglich nach dem Haus zurückzukehren, und John schenkte der schmerzhaften Steifheit in seinen Gliedern keine Beachtung mehr. Er hielt sich im Schatten der Bäume. Raffertys Haus stand am nordöstlichen Rand des Schutzgebietes. Mit ein wenig Glück sollte er keine Schwierigkeiten haben, dorthin zurückzufinden. Wo immer es ihm möglich war, hielt er sich von den kleinen Wegen und Pfaden fern. Er begegnete niemandem. Eine Stunde später überquerte er eine Straße und blieb stehen. Irgend et- was erschien ihm vertraut. Er lief an der Straße entlang weiter nach Norden, und Hoffnung entstand in ihm. Kurz darauf konnte er plötzlich das alte Haus und den von einem Zaun abgegrenzten Garten sehen. John hielt rasch darauf zu, eilte die Treppe zur Ve- randa hoch und öffnete die Vordertür. Rafferty stand im Projektionsraum und sah ihn groß an. In den Händen hielt der alte Mann drei Kugeln. John wartete. Er umklammerte noch immer den Tür- knauf, und langsam verflüchtigte sich die Aufregung in ihm. Rafferty schien nicht gerade davon begeistert zu sein, ihn wiederzusehen. »Ich bin zurück.« »Das sehe ich«, sagte Winslow. »Ist alles in Ord- nung?«, »Ja.« »Und Kate?« »Im Lager.« »Hat Sie jemand kommen sehen?« »Ah - ich glaube nicht. Wieso?« »Weil Sie inzwischen ziemlich berühmt sind. Kom- men Sie und sehen Sie sich das hier an!« Rafferty nahm die Kugeln in die linke Hand, und mit der rechten holte er ein Blatt Papier hervor und reichte es John. Es zeigte eine Vergrößerung des Identerbildes von Cunningham. »Heute morgen landeten einige Schweber der Polizei in der Nachbarschaft, und die Beamten schwärmten sofort aus und stellten überall Fragen. Dieses Haus ist etwa fünf Kilometer von dem Ort entfernt, wo Sie während des Laufens auf die beiden Beamten trafen. Und da die- ser Bereich kontrolliert wurde, bedeutet das, daß auch viele andere Unterkünfte durchsucht wurden. Man hat es auf Sie abgesehen, John.« »Ich schätze, da haben Sie recht.« »Warum also sind Sie nicht im Lager? Hat Kate Sie allein zurückkehren lassen?« »Ich habe das Lager überhaupt nicht erreicht. Ich wollte mit Ihnen sprechen. Und ich brauchte eine Weile, um hierher zu gelangen.« »Haben Sie sich verirrt?« »Ja.« Rafferty nickte. »Habe ich Sie bei irgend etwas gestört?« fragte John und betrachtete die Kugeln. »Kann man sagen. So ist das nun einmal.« »Mit was beschäftigten Sie sich denn gerade?« »Ich wollte nur meine Nerven beruhigen.« »Sie haben jongliert, nicht wahr?« »Ja.« »Ich wußte gar nicht, daß Sie auch das können.« »Wir kamen nie darauf zu sprechen. Sie meinten, Sie wollten mit mir reden, oder?«, John holte tief Luft. »Ich frage mich, ob es ein be- stimmtes Ritual zu beachten gibt, wenn jemand zurück- kehren und die abgebrochene Ausbildung wiederauf- nehmen möchte.« »Jemand?« »Ja.« »Nun, bisher ist das noch nie geschehen.« John atmete erneut tief durch und starrte auf den Bo- den. »Wären Sie vielleicht dazu bereit, mir eine zweite Chance zu geben?« »Ja, warum nicht? Wenn ich mich recht entsinne, war es Ihre Entscheidung, zu gehen. Ich habe Sie nicht darum gebeten.« »Bedeutet das, Sie nehmen mich wieder auf?« »Wenn Sie möchten.« John sah Rafferty an. »Mache ich irgend etwas falsch?« »Stellen Sie die eigentliche Frage und reden Sie nicht um den heißen Brei herum.« John war ein wenig verwirrt. »Darf ich zurückkeh- ren?« »Na also.« Rafferty nickte. »Während Ihrer Abwe- senheit habe ich mich an etwas erinnert, dessen ich mir vor vielen Jahren immer bewußt gewesen bin. Es geht nicht nur darum, daß ein Schüler einen Lehrer braucht. Es gilt auch umgekehrt: Ein Lehrer braucht jemanden, den er unterweisen kann. Meine Antwort lautet also: Ja, ich würde es gern noch einmal mit Ihnen versuchen.« »Vielen Dank.« John zögerte kurz und verbeugte sich dann. Rafferty lächelte und folgte dem Beispiel. Dann reichte er ihm die Hand. John richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Kugeln in der Hand des alten Mannes. »Steht auch das Jonglieren auf dem Lehrplan?« Rafferty lachte. »In der Tat. Hier.« Er warf Cunning- ham eine der Kugeln zu. John war überrascht und konnte sie nicht auffangen. Als er sich beugte, um sie, vom Boden zu nehmen, fügte Rafferty hinzu: »Beim Jonglieren lernt man zuerst, fallengelassene Kugeln wieder aufzuheben. Sie machen gerade einen guten Anfang.« Und da begriff John endlich, wie recht der alte Mann hatte., DRITTER TEIL

Herbst 2061

, Das Laboratorium war im obersten Stockwerk des Uni- versitätsgebäudes eingerichtet worden. Zu Anfang hatte man durch die getönten Fenster den Lake Michi- gan beobachten können. Jetzt aber beanspruchte der Computer jeden Quadratzentimeter der betreffenden Wand. Der Computer war ein KKI, ein Kreativer Korre- lations-Initiator und von Op konstruiert worden. Das zentrale System des KKI basierte auf einer Modifikation des Kernais von Op selbst. Die Neuen Menschen schufen Op. Op schuf den KKI. Und jetzt schickte sich der KKI an, die Wesen zu verän- dern, die seinen Schöpfer geschaffen hatten. Bis zum Beginn dieser Experimentreihe, mit der man vor drei Jahren angefangen hatte, war die genetische Manipulation nur auf chemische Stimulationen be- schränkt gewesen. Bei den eindrucksvollen Resultaten handelte es sich dabei eigentlich nur um kontrollierte Zufälle. Die Wissenschaftler des Alten Volkes hatten einfach nur Glück gehabt. Zu wirklicher Gen-Chirurgie waren sie nicht in der Lage gewesen. Wie sollten sie auch Dinge sehen können, die sich nicht ihren Blicken darboten? Wie sollten sie Einfluß auf ein Mikrouniver- sum nehmen, in dem die Entfernungseinheiten in Ang- ström gemessen wurden? Dank des KKI gab es jetzt endlich eine echte Kontrol- le. Zum erstenmal war nun eine einheitliche Struktur- modifikation der menschlichen Biologie möglich. Damit unterlag die Entwicklung der Spezies nicht mehr dem Zufall. Von jetzt an ließ sich die Evolution mit Hilfe komplexer Struktugramme in genau vorherbestimmte Bahnen lenken. Faruba schob den Sessel von der Computerkonsole fort und stand auf. Es war alles bereit. Administrator Tomeda hätte eigentlich schon da sein müssen. Weitere Bitten darum, das Experiment beobachten zu können, waren abgelehnt worden. Faruba hielt nichts von Frem- den, die ihre neugierigen Nasen in Dinge steckten, die, sie nichts angingen. Obwohl es so viel eigentlich nicht zu sehen gab. Und außerdem konnten sie sich anschlie- ßend ausführlich über die Ergebnisse des Versuchs in- formieren, wenn sie sich so sehr dafür interessierten. Der Administrator war die einzige Ausnahme. Von seiner Unterstützung hing viel ab. Sie mußten warten. Faruba erwog die Möglichkeit einer Rückfrage bei Op. Unmittelbar darauf jedoch öffnete sich die Tür, und Administrator Tomeda trat ein. Faruba eilte ihm entge- gen. »Ich hoffe, ich bin nicht zu spät dran«, sagte Tomeda. »Nein«, versicherte ihm Faruba. »Wir sind gerade mit den Vorbereitungen fertig.« »Gut. Ich wollte das Experiment wirklich nicht ver- säumen. Sie machen heute Geschichte, Faruba.« »Ja, das ist möglich. Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mit mir an der Hauptkonsole Platz nähmen.« Farubas vier Assistenten saßen bereits vor weiteren Terminals, aber sie fungierten nur als Beobachter. Das Programm war während der vergangenen drei Jahre entstanden, und in diesen entscheidenden Minuten würde es zu keinen Veränderungen kommen. Man hatte die einzelnen Komponenten des Systems unab- hängig voneinander überprüft, und die einzige Frage lautete: Würden die einzelnen Modifikationen als Ge- samtheit ihre vorgesehene Funktion erfüllen? War das Struktugramm optimal? Die Antworten darauf mochten sich erst in einigen Monaten ergeben, und in einem sol- chen Zusammenhang gesehen erwies sich dieser Tag vielleicht nicht als so bedeutsam. Administrator Tomeda nahm neben Faruba Platz, und die Wissenschaftlerin aktivierte das System. »Programm läuft«, bestätigte der Computer. »DNS- Separation beginnt.« »Wie wollen Sie das Hormonproblem lösen?« fragte Tomeda und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Wir haben uns für eine Manipulation der männli-, chen Struktur entschieden«, erwiderte Faruba. »Wir glauben, eine Sequenz entdeckt zu haben, mit deren Repositionierung wir eine Verhinderung der Sperma- produktion erreichen wollen. Darüber hinaus ist es un- sere Absicht, die Hormonsekretion auf die Hälfte des gegenwärtigen Wertes zu reduzieren. Das war die Idee KKIs. Einige weibliche Hormonzentren sind vergrößert worden.« »Strangseparation fünfzig Prozent«, gab der KKI ru- hig bekannt. »Dreißig Sekunden bis zum ersten Aus- tausch. Adeninaufnahme.« »Wie ändert sich dadurch das äußere Erscheinungs- bild?« fragte Tomeda. »Überhaupt nicht. Wir rechnen nach wie vor damit, daß der neue Typ völlig haarlos ist und sich durch eine normale Größe auszeichnet. Auch in Hinsicht auf die Schädelausmaße dürfte es zu keinen Veränderungen kommen. Wir stimulieren nur das Entstehen weiterer neuraler Knotenpunkte, und die erhöhte Intelligenz er- fordert keine Neugestaltung des Hirns.« »Beginn des ersten Austauschs«, meldete der Com- puter. »Hier, beobachten Sie die Darstellung auf dem Schirm.« Ohne sich dessen bewußt zu sein, hatte Fa- ruba ganz leise gesprochen; ihre Stimme war kaum mehr als ein ehrfürchtiges Flüstern. Auf der Bildfläche des Monitors vor ihnen war ein mehrfarbiger und in sich verdrehter Strang der DNS- Doppelhelix zu sehen. An verschiedenen Stellen blen- dete der Rechner Zahlenangaben ein. In einer Ecke leuchtete der prozentuale Genauigkeitshinweis. »Es handelt sich dabei um ein Modell, das der Com- puter auf der Grundlage der in der Lösung befindlichen Sensoren erechnet. Diese spezielle DNS-Sequenz ken- nen wir inzwischen natürlich in- und auswendig, und deshalb wissen wir ziemlich genau, worum es geht. Aus diesem Grund ist der Exaktheitsgrad auch so hoch.«, »Die gesamte DNS in der Lösung stammt vom glei- chen Spender?« Faruba verbarg ihre Überraschung. Eine sonderbare Frage, deren Antwort in dem Vorgang selbst lag. To- meda hätte sie eigentlich nicht zu stellen brauchen. »Ja.« Die einzelnen DNS-Windungen müssen identisch sein. Jede Schicht der Probe entspricht in ihrem Aufbau genau der anderen; das ist in den vergangenen Wochen während der Vorbereitung dieses Experiments immer wieder überprüft worden. Für jeden einzelnen der ins- gesamt 209 Austauschvoränge, die wir heute durchfüh- ren werden, benutzen wir eine andere Schicht.« »Und daraus ergeben sich wie viele Clones?« »Wir rechnen damit, daß einige tausend Stränge den Manipulationsprozeß überstehen, ohne Schaden zu nehmen. Nach der Inkubation im Nährmedium wählen wir die vierhundert gesündesten Muster aus. Mehr könnten die Anlagen weiter unten auch gar nicht auf- nehmen. Wir opfern einen Embryo pro Tag, um die Fortschritte genau zu untersuchen. Wenn möglich, wachsen die verbleibenden rund dreißig Prozent zu Neuen Menschen heran ..« »Transkriptionsaufbrechung«, berichtete der KKI. »Anbindung.« Auf dem Schirm glühte ein roter Fleck auf, der gleich darauf einer diffusen blauen Darstellung wich. »Adenin-Anbindung positiv«, bestätigte der Compu- ter. »Es hat geklappt.« Farubas Gesicht blieb ausdrucks- los. »Die Einfachheit des Systems ist schon erstaunlich. Fehlbedienungen sind praktisch ausgeschlossen.« »Das Modell, das wir gerade sehen: Repräsentiert es alle Schichten?« »Nein, das nicht. Aber der Computer überwacht gleichzeitig auch die anderen. Wenn ein Austausch fehlschlägt, zerstört der Rechner automatisch den feh- lerhaften Strang. Von denjenigen, bei denen die Ade-, nin-Anbindung gelingt, hoffen wir, daß sie die gesamte Manipulation überstehen. Der Zahlenwert in der unte- ren linken Ecke des Schirms zeigt die Erfolgsrate in Pro- zenten an. Derzeit liegt sie bei rund achtundneunzig Prozent. In der unteren rechten Ecke hingegen sehen Sie den Anteil der DNS-Stränge, der den Austausch be- reits hinter sich hat. Sechzig Prozent- das bedeutet, es dauert noch ungefähr zwei Minuten, bevor die zweite Austauschphase beginnt, mit der nächsten Schicht.« Administrator Tomeda lehnte sich wieder zurück und sah sich in dem Raum um. Die Computeranlage wirkte sehr beeindruckend. Und doch: Warum hatte Op darauf beharrt, für den KKI seien nur vier der neuen Chips nö- tig, die eine subjektive Kalkulation ermöglichten? Für sich selbst hatte Op eine zwanzigstufige Ausstattung verlangt. Und erst gestern hatte er Pläne ausgegeben, die die Konstruktion einer weiteren solchen Sequenz vorsahen. Der Leiter der Computer-Abteilung hatte al- len Grund, erstaunt zu sein, und er fragte sich, auf was Op aus war. »Zwanzig Sekunden bis zum nächsten Austausch«, berichtete KKI. »Thyminaufnahme.« »Dreißig Prozent, die das Ende des Experiments erle- ben«, überlegte Tomeda laut. »Also hundertzwanzig. Sie haben sie eben Neue Menschen genannt ...« »Aus reiner Gewohnheit. Eine Bezeichnung für die neue Spezies können wir uns auch später noch einfallen lassen, Administrator. Zuerst geht es darum, mögliche Fehler als solche zu erkennen.« »Wieso denn? Sie haben doch bereits vor diesem Ex- periment alle Komponenten des Systems getestet.« »Aber die dabei vorgenommenen Neujustierungen wurden noch nie in ihrem Zusammenwirken erprobt. Und ein System ist mehr als nur die Summe seiner ein- zelnen Bestandteile.« »Faruba!« »Das stimmt«, beharrte die Wissenschaftlerin ruhig., »Die Komponenten beeinflussen sich gegenseitig. Wenn die biologische Struktur der Embryonen tatsäch- lich der Programmvorgabe entspricht, bin ich über- rascht. Vergessen Sie nicht: Dies stellt eine Chance dar und ist noch nicht mit einwandfreier Perfektion gleich- zusetzen.« »Solche Einwände höre ich nur sehr ungern von Ih- nen.« »Aber ich fühle mich dazu verpflichtet, Sie auf alles hinzuweisen. Sie sollten immer daran denken, wie ris- kant die Manipulationen nach wie vor sind. Bei einem Fehlschlag darf dieses Projekt deshalb nicht sofort von der Prioritätenliste gestrichen werden.« »Ihrer finanziellen Unterstützung droht keine Gefahr. Es sei denn, Sie fangen an, Ihre offiziellen Berichte mit rätselhaften Anmerkungen zu versehen.« »Das werde ich nicht. Verzeihen Sie mir, aber ich neige nun einmal dazu, mir Sorgen zu machen. Es fällt mir schwer, mich immer optimistisch zu geben. Gibt es im Globalen Rat noch immer Gegner dieses For- schungsunternehmens?« »Einige schon«, gab Tomeda zu. »Aber sie können nicht viel ausrichten. Es hat doch überhaupt keinen Sinn, weiterhin an zwei Geschlechtern festzuhalten. Das ist nichts weiter als Nostalgie. Die Leute, die sich gegen den Wandel aussprechen, müssen sich den Vor- wurf gefallen lassen, ihrer Meinung nach könnte es ei- nes Tages notwendig werden, zum Geschlechtsverkehr als einem Mittel der rassenspezifischen Reproduktion zurückzukehren. Diese Vorstellung jedoch ist so gro- tesk, daß sie eher abschreckend wirkt. Nein, dieses Pro- jekt wird fortgesetzt, das garantiere ich Ihnen. Und Sie können bei Ihrer Arbeit auch auf große ideelle Unter- stützung rechnen. Tatsächlich werden die geplanten Modifikationen der Nahrungsverarbeitung uns eines Tages das Leben retten. Das sehen alle ein.« Faruba richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den, Computerschirm. Der zweite Austausch nahm seinen Fortgang. Achtzehn Jahre lang hatte die Wissenschaftle- rin auf diesen Augenblick hingearbeitet. Noch sieben Stunden bis zum Ende des Experiments. Earl Washington trat vom Laufband und begrüßte die beiden Wache haltenden Polizisten. So tief im Zentrum war die Anwesenheit von Schutzbeamten eigentlich nicht erforderlich, aber das Protokoll schrieb dennoch ihre Präsenz vor. Sie bewachten den Bürotrakt mit den Räumen der neun Administratoren. Washington mußte kurz stehenbleiben und sich einige Sekunden lang ge- dulden, bis Op die Sicherheitsschranke geöffnet hatte. Das erste Büro rechts war das Jakobas. Die Tür schwang automatisch auf: Der Polizeichef wurde bereits erwartet. Als Washington eintrat, wandte Jakoba den Blick vom Schirm ab. Es war recht dunkel im Zimmer, und das einzige Licht stammte nur von der einen Meter hohen Projektionsfläche. Das Glühen erzeugte eine geradezu gespenstische Szenerie. Der Kopf Jakobas wirkte noch größer, und sein Gesicht schien zu einer Grimasse des Hohns verzerrt zu sein. Der Mund sah aus wie ein gie- riger Rachen, und es war, als lodere in den Augen ein orangefarbenes Feuer. Washington mußte unwillkürlich an die verächtliche Beziehung der Neuen Menschen insbesondere durch die Renegaten denken: Kürbisschä- del. »Earl, mein Freund, nehmen Sie Platz«, sagte Jakoba. »Die Nachrichten, die ich Ihnen versprach, sind inzwi- schen eingetroffen. Ich möchte Sie sofort damit vertraut machen. Sie werden sehr zufrieden sein.« Über die Ta- statur gab er einen bestimmten Code ins Terminal, und sofort änderte sich die Darstellung auf dem Schirm:

SEEFALL

NACHRICHTEN-MELDUNG J7804 (ALLGEMEINE BE- RUHIGUNG) FREIGEGEBEN 9-17-61, Washington ließ sich in einen Sessel sinken und zwang sich dazu, den Blick nicht vom Schirm abzuwen- den. Er wollte es nicht riskieren, sich erneut von dem in dem geisterhaften Licht wie ein Monstrum aus einer dämonischen Welt aussehenden Jakoba erschrecken zu lassen. »Diese Mitteilung wird zum gegebenen Zeitpunkt über jeden Nachrichtensender ausgestrahlt«, erläuterte der Administrator. »Und jeweils nach drei oder vier Ta- gen tauschen wir die entsprechende Folge gegen eine neue aus.« »Sie verzichten dabei doch hoffentlich auf diesen Vorspann, oder?« »Der Vorspann ist speziell codiert. Er wird den Emp- fänger also nicht erreichen. Machen Sie sich keine Sor- gen. Sehen Sie nur zu.« Die Schriftzüge verblaßten, und unmittelbar darauf war ein Reporter zu sehen, der ein junges Paar inter- viewte. »Hallo.« Der Reporter lächelte. »Ich spreche mit Bob und Betty Cooper, die gestern nacht Schwierigkeiten mit der Polizei bekamen, das Durcheinander aber ganz offensichtlich mit heiler Haut überstanden.« Betty kommentierte diese Worte mit einem offenen Lachen, und Bob grinste. »Erzählen Sie unseren Zuschauern doch bitte, was geschah!« Der Reporter drehte sich um und bedachte die Coopers mit einem aufmunternden Lächeln. »Nun, eigentlich gibt es da nicht viel zu erzählen«, begann Betty. »Es war nichts Großartiges .« »Nun«, warf Bob ein, »du mußt aber zugeben, daß wir uns zu Anfang doch einige Sorgen machten.« »Ja, das stimmt schon«, räumte die junge Frau ein. »Wissen Sie, wir waren fast eingeschlafen. Ich meine, es war mitten in der Nacht, als die Polizisten kamen. Wir wußten natürlich nicht so recht, was wir davon halten sollten. Der nette junge Mann meinte, er müsse uns, mitnehmen, um uns einige Fragen zu stellen. Sie kön- nen sich nicht vorstellen, was die Beamten glaubten. Oder vielleicht doch. Sie hielten uns für Renegaten.« Betty lachte nervös und unsicher. »Lieber Himmel! Nun, ich schätze, wir waren ein wenig durcheinander, denn man gab uns eine Injektion, um uns zu beruhigen. Oh, Bob, war das nicht ein tolles Mittel? Es fühlte sich einfach irre an.« Sie lachte erneut. »Tatsächlich erinnere ich mich nicht sehr gut an das, was nachher geschah. Ich weiß nur noch, daß ich ganz ruhig war und mich prächtig fühlte. Bob, erzähl du doch den Rest!« »Nun, das ist fast schon alles. Man stellte uns nur ei- nige Fragen, und anschließend begriffen die Polizisten, daß sie einen Fehler gemacht hatten. Daraufhin brach- ten sie uns wieder nach Hause. Sie waren wirklich ziemlich nett.« Der Reporter lächelte verschmitzt. »Und das Beruhi- gungsmittel ... war es tatsächlich so super, wie Betty eben meinte?« Bob strahlte übers ganze Gesicht. »Oh, ja. Mann, ich schwebte wie im siebten Himmel. Whooow! Das war 'ne Sache! Ich sagte dem Leutnant, er könne sich ruhig wieder irren und in einem solchen Fall jederzeit zu uns kommen. Vorausgesetzt, er bringt das Beruhigungsmit- tel mit.« Alle drei lachten, und der Reporter sah wieder in die Kamera. »Ganz offensichtlich ist die Realität weitaus weniger erschreckend, als es uns einige Gerüchte weismachen wollen. Eine mitternächtliche Störung mit einem Hap- py-end. Hier spricht Fred Poppins. Ich gebe zurück an die Sendezentrale.« Ein anderer Titel erschien auf dem Schirm, und kurz darauf zeigte die Darstellung einen Polizisten, der mit einem Reporter sprach. Der Gesichtsausdruck des Be- amten wirkte ein wenig unsicher, und ein scheues Lä- cheln umspielte die Lippen des Mannes. Die Augen wa-, ren groß und blickten freundlich, blickten fast... fast... Washington zwinkerte einige Male und hörte zu. »Ja, si- cher, ich glaube an das, was ich mache. Ich wünschte nur, es gäbe nicht diese Barriere zwischen der Polizei und der Bevölkerung, die zu schützen wir geschworen haben. Ich meine, manche Leute glauben an all die Be- hauptungen, die die Renegaten in die Welt setzen, und sie sehen uns als ihre Feinde. Aber das sind wir natür- lich nicht. Wir sind ... nun, wie ein freundlicher Nach- bar von nebenan, der nur den Frieden wahren möchte. Ich glaube, wenn wir uns alle Mühe geben würden, ver- schwände die Feindseligkeit über Nacht. Ich weiß, daß alle meine Kollegen bessere Beziehungen zur Zivilbe- völkerung möchten. Und ich schätze, wir unterscheiden uns gar nicht von allen anderen. Wir möchten ebenso geliebt werden. Ja, und es tut uns sehr weh, immer wie- der auf Unverständnis zu stoßen.« Weitere Spots schlossen sich an, jeweils mit einer Länge von dreißig Sekunden: kurze Nachrichten, Aus- schnitte aus einem Sonderbericht über die Ausbildung der Polizei. Schon früher einmal war so etwas versucht worden, aber diesmal stimmte der Tonfall, die Darstel- lung, einfach alles. Es war mit Abstand das beste, was die Psychologen jemals fabriziert hatten. Alles wirkte ganz natürlich und bescheiden. Das, was früher auf den ersten Blick als Propaganda zu erkennen gewesen war, schien jetzt ein ernsthafter Versuch zu sein, die Kluft zu überbrücken. Bestimmt hatte die betreffende Abteilung einen neuen Leiter. Was für ein Unterschied! Washing- ton spürte, wie sich sein Pulsschlag vor Aufregung be- schleunigte. Das Licht ging an. »Was halten Sie davon?« Jakoba sah ihn neugierig an. »Prächtig. Es ist einfach wunderbar. Diese Sendun- gen werden die Lage einschneidend verändern.« Jakoba lehnte den Kopf zurück. »Ich hatte also recht., Ich hoffte es schon, aber ich war mir nicht ganz sicher. Ich glaube, ich lerne das Alte Volk immer besser zu ver- stehen. Earl, ist Ihnen jetzt klar, warum ich so sicher bin, daß das Projekt Seefall ein Erfolg wird? Nach zwei Monaten einer derartigen Konditionierung gibt es kei- nen Widerstand mehr. Es wird alles wie am Schnürchen laufen.« »Aber... Jakoba, nach zwei Monaten einer derartigen Indoktrination ist die Durchführung des Projekts über- haupt nicht mehr nötig. Diese Sendungen sind genau das, was wir die ganze Zeit brauchten.« »Andererseits: Sie glauben doch nicht etwa, dadurch würde sich die Denkweise der Renegaten verändern? Sie hassen uns. Sie sind gefährlich. Und sie müssen selbstverständlich eliminiert werden.« »Wenn sich ihre Denkweise damit nicht ändern läßt: Wieso sagten Sie dann eben, nach zwei Monaten gäbe es keinen Widerstand mehr? Das interviewte Paar des ersten Spots war ganz offensichtlich unschuldig. Wenn meine Leute mitten in der Nacht eine Renegatenfamilie aufwecken, so kämpfen die Rebellen wie der Teufel. Sie wissen, was sie erwartet, und deshalb ergeben sie sich nicht. In diesem Monat haben wir drei solche Überprü- fungen vorgenommen und dabei jedesmal einen Polizi- sten verloren. In ihren Häusern gibt es Fallen, von de- nen wir nichts wissen.« »Das bedeutet nur, daß Sie bei den Kontrollen intelli- genter vorgehen müssen.« »Intelligenter! Wo ist denn die so gerühmte Intelli- genz des Neuen Volkes? Sie haben eine Sendereihe vorbereitet, mit der sich selbst die heißesten Gemüter abkühlen lassen. Aber wenn Sie das geschafft haben, wollen Sie neue Unruhen riskieren.« »Sie werden emotional, mein Freund.« Diese Worte hatten einen unangenehmen Klang. Washington unterbrach sich jäh. Als besonders schlimm empfand er es, daß er sogar errötete. Wenig-, stens konnte man ihm das aufgrund seiner dunklen Haut nicht so leicht ansehen. »Earl, wir haben die Aktion schon zu oft aufgescho- ben. Jetzt ist es soweit. Ich nehme an, ich kann auf Sie zählen, oder?« Washington lehnte sich in seinem Sessel zurück und spürte, wie ihm der Schweiß aus den Achselhöhlen tropfte. »Natürlich.« Die Konferenz der neun Administratoren dauerte schon drei Stunden, und noch immer war keine Lösung für die Probleme in Sicht, die erörtert wurden. Viele ältere Neue Menschen litten an einer schlimmen Krankheit, deren Ursache niemand so recht verstand. Das Automa- tisierungsprogramm lag sechs Monate hinter dem Zeit- plan zurück, und es tauchten immer neue Schwierigkei- ten auf. Die vom Alten Volk ausgehende Gewalt nahm schneller zu, als es selbst Op erwartet hatte - und Op sah sich außerstande zu garantieren, daß das Projekt Seefall zu den von neuen Menschen gewünschten Re- sultaten führte. Es blieb nach wie vor ein kalkuliertes Risiko. Tomeda blickte auf die Tagesordnung, die der Schirm vor ihm zeigte. Als nächster sollte er Bericht erstatten. Bisher hatte er in voller Absicht kaum in die Diskussion eingegriffen. Nachdem sich die anderen Administrato- ren wieder einmal über die gegenwärtigen Probleme klargeworden waren, würden sie seine Vorschläge be- reitwilliger annehmen. Seiner Ansicht nach hatte er ih- nen eine Lösung anzubieten - eine echte Lösung. »Tomeda«, unterbrach Regionalkoordinator Sameva seine Gedankengänge, »ich glaube, jetzt sind Sie an der Reihe. Wie ich hörte, wurde das genchirurgische Expe- riment mit einem vollen Erfolg abgeschlossen.« »Ja, das stimmt«, bestätigte Tomeda. »Faruba nimmt jeden Tag eine embryonale Überprüfung vor, und bis- her liegt die Rate bei achtzig Prozent. Es wird natürlich, noch einige Monate dauern, bis die gesamte Auswer- tung vorliegt. Aber der neue Computer hat sich als das Instrument erwiesen, das wir uns erhofften. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit; wir bauen auf der Grund- lage unseres bisherigen Wissens auf und füllen die Lük- ken, die bis zu diesem Zeitpunkt fast unüberwindliche Hindernisse darstellten. Aber ich habe noch bessere Neuigkeiten für Sie, eine Überraschung, die zu einer Lösung der meisten Pro- bleme führen könnte, über die wir gerade gesprochen haben. In meiner Begleitung befindet sich heute ein junger Mann, der in der Vergangenheit stark zur Denk- und Verhaltensweise der Renegaten neigte. Er hat der Polizei gegenüber aktiven Widerstand geleistet und zu- gegeben, die Neuen Menschen zu hassen. Er war be- reits dem Autodafe zugewiesen, als man sich dazu ent- schloß, mit ihm ein Experiment durchzuführen. Sie alle wissen ja um die Forschungsarbeiten in Hinsicht auf grundlegende Psychoveränderung und die Entwick- lung einer entsprechenden polygenetischen Infusion Bescheid. Ich möchte Ihnen jetzt demonstrieren, was damit möglich ist.« Auf englisch fügte Tomeda hinzu: »Lieutenant, brin- gen Sie unseren Freund herein.« Kurz darauf betrat ein junger Mann von etwa zwan- zig Jahren den Raum. Er lächelte und schien sich über- aus wohl zu fühlen. Sein Blick war offen und neugierig. »Harry«, sprach Tomeda ihn an, »kommen Sie her! Dies hier sind Freunde von mir, und ich möchte Sie ih- nen gern vorstellen. Erklären Sie ihnen bitte die Be- handlung, der Sie sich unterzogen, und sagen Sie ih- nen, wie Sie sich fühlen! Wie geht es Ihnen gerade jetzt?« »Prächtig.« »Das freut mich. Und wie fühlten Sie sich früher?« »Nun, Sie wissen ja, was mit mir los war. Die meiste Zeit über war ich wütend auf die Neuen Menschen und, hätte sie am liebsten alle auf einmal zur Hölle geschickt. Entschuldigen Sie bitte ...« Er warf den anderen Admi- nistratoren einen scheuen Blick zu. »Ich war damals ziemlich gemein. Hätte man mir eine Bombe in die Hand gedrückt, wäre ich dazu bereit gewesen, sie sofort einzusetzen. Nein, für das Neue Volk hatte ich wirklich nicht viel übrig.« »Und wieso hat sich Ihre Einstellung inzwischen ge- ändert?« »Nun, es muß das Mittel sein, das man mir verab- reichte. Jedenfalls fühle ich mich jetzt viel besser und glücklicher. Und eins weiß ich ganz genau: Ich möchte niemandem mehr etwas zuleide tun.« »Sie meinen also«, wiederholte Tomeda, der diesen Punkt noch einmal bestätigt wissen wollte, »Sie sind heute tatsächlich glücklicher, Harry?« »Das stimmt haargenau - eine komische Sache, wie? Ja, ich bin wirklich glücklicher. Die Art und Weise, wie ich mich damals fühlte ... sie kommt mir jetzt ziemlich verrückt vor.« »Und Sie würden niemandem etwas zuleide tun?« »Nein, natürlich nicht.« »Harry, mit Ihrer Hilfe würde ich das meinen Freun- den hier gern beweisen.« Tomeda wandte sich den Administratoren zu. »Wie Sie alle wissen, weisen Alte Menschen die starke Tendenz auf, auf Gewalt mit der emotionalen Bereitschaft zur Gegengewalt zu reagieren. Aus diesem Grund habe ich den Sergeanten darum ge- beten, mir bei einer kleinen Demonstration behilflich zu sein. Sergeant, wenn Sie so freundlich wären ...« Der Polizist, der zusammen mit Harry ins Zimmer ge- kommen war, trat einige Schritte vor und versetzte dem Gefangenen einen jähen Schlag mitten ins Gesicht. Die Miene des Uniformierten blieb dabei völlig ausdrucks- los. Darauf kehrte er an die Tür zurück. »Nun, Harry«, sagte Tomeda, »würden Sie uns bitte sagen, was Sie jetzt fühlen?«, »Ah - na ja, die eine Wange tut mir weh. Aber abge- sehen davon geht es mir prächtig.« »Sie sind noch immer glücklich?« »O ja. Daran hat sich nichts geändert.« »Empfinden Sie irgendwelchen Ärger?« »Nein, nichts dergleichen.« »Können Sie sich daran erinnern, wie es war, aufge- bracht zu sein?« »Nun, wissen Sie, nur sehr vage. Es fällt mir schwer, mich darauf zu besinnen.« »Sehr schön. Vielen Dank, Harry. Sie waren uns eine große Hilfe. Lassen Sie sich von dem Wächter nun in Ihr Zimmer zurückbringen. Noch einmal: Danke, daß Sie zu uns gekommen sind.« »Nichts zu danken. Es war mir ein Vergnügen.« »Gut. Auf Wiedersehen, Harry.« Als der junge Mann gegangen war, fuhr Tomeda auf Basic fort: »Die Wesensveränderung, die Sie gerade er- leben konnten, ist von permanenter Natur. Darüber hinaus: Wenn Harry genetisch unveränderte Kinder hätte, wären sie ebenfalls auf diese Weise konditioniert. Der junge Mann ist vermutlich der glücklichste Homo sapiens der ganzen Welt. Und die Intensität dieses Empfindens läßt nie nach. Außerdem scheint es uns ge- lungen zu sein, seine Neigung zur Aggressivität ausge- merzt und gleichzeitig den Wunsch in ihm verstärkt zu haben, zu gefallen und zu gehorchen. Harry ist sich durchaus darüber im klaren, und wenn er die Wahl hät- te, würde er sich für seinen gegenwärtigen Zustand ent- scheiden. Er hält seine persönliche Vergangenheit für sehr unbefriedigend und ist davon überzeugt, sich falsch verhalten zu haben. Die Wesensmodifikation wurde vor fünf Wochen vorgenommen, und bisher konnten wir keine schädlichen Auswirkungen auf den Organismus feststellen. Unsere Analyse der Chromo- somenstruktur beweist: Die Veränderungen sind so- wohl fundamental als auch dauerhaft., Ich glaube, Sie alle begreifen, welchen Nutzen wir daraus ziehen können, diese Technik auf die allgemeine Bevölkerung anzuwenden. Noch sind wir nicht dazu in der Lage, das polygenetische Material in großen Men- gen zu produzieren, aber bis dahin wird es nicht mehr lange dauern. Ich bin nunmehr gern dazu bereit, Ihre Fragen zu beantworten.« Stille schloß sich an, und die Administratoren sahen sich erstaunt an. Schließlich meldete sich Jakoba zu Wort. »Das ist es. Die Lösung, die wir immer angestrebt haben. Wenn wir die ganze Bevölkerung auf diese Weise behandeln könnten, brauchten wir uns für die Zukunft keine Sor- gen mehr zu machen.« »In der Tat«, pflichtete Sameva ihm bei. »Es sieht ganz so aus, als seien alle anderen Lösungsvorschläge mit einem Schlag sekundärer Natur und als sollten wir dieser Sache höchste Priorität einräumen. Noch weitere Vorschläge oder Fragen an Tomeda?« »Ja, einige Fragen.« Generu von der Wirtschaftsabtei- lung nickte langsam. »Nicht in bezug auf die Effektivität der Behandlung, aber speziell in Hinsicht auf die Art der Durchführung. Wann kann das Infusionsmaterial in ausreichenden Mengen zur Verfügung gestellt werden? Und wie soll das Mittel der Bevölkerung verabreicht werden? Ich möchte an dieser Stelle nur darauf hinwei- sen, daß die letzten Unruhen vor fünfzehn Jahren nicht zuletzt durch unseren Versuch ausgelöst wurden, das Alte Volk medikamentös zu indoktrinieren.« »Sie haben recht«, bestätigte Tomeda. »Wir haben uns bereits mit dieser Problematik befaßt. Die eigentli- che Schwierigkeit besteht tatsächlich in der Verabrei- chung des Mittels. Ich glaube, wir sollten innerhalb von achtzehn Monaten dazu imstande sein, die Verände- rungssubstanz in großen Mengen und in Form einer in- jizierbaren Lösung herzustellen. Andererseits besteht meiner Meinung nach nur eine geringe Hoffnung dar-, auf, daß die Bevölkerung das Mittel einfach so akzep- tiert. Gerade in dieser Beziehung gibt es zu viele ent- sprechende Gerüchte, die von den Renegaten in die Welt gesetzt wurden. Meiner Meinung nach besteht die ideale Lösung darin, die Nahrungsmittelrationen mit der Veränderungsmasse anzureichern. Unglücklicher- weise haben wir bisher noch nicht die dazu notwendige Technik entwickelt. Ich sehe mich daher außerstande, Ihnen einen genauen Termin zu nennen. Mit ausrei- chenden finanziellen Mitteln und genügend Personal sollte es uns aber gelingen, den Lebensmittelzusatz in- nerhalb der nächsten drei Jahre zu ermöglichen.« »Brauchen Sie mehr Leute?« fragte Sameva. »Vielleicht. Ich komme gegebenenfalls darauf zu- rück.« Sameva nickte. »Da zumindest die Möglichkeit be- steht, daß dies zu einer Lösung der allgemeinen Pro- blematik führen mag, sollten wir einige der zuvor ge- troffenen Entscheidungen noch einmal überprüfen. Die Schwierigkeiten in Hinsicht des Automatisierungspro- jektes zum Beispiel lassen sich wesentlich leichter be- wältigen, könnten wir sicher sein, daß die aus dem Al- ten Volk stammenden Gegner dieses Vorhabens nicht mehr zur Gewaltanwendung fähig sind.« Die Kühle von Jakobas Antwort ließ sich fast als emo- tional bezeichnen. »Ich begrüße die neue Technik als eine Möglichkeit, die Gewalt des Alten Volkes zumin- dest so lange auf ein wesentlich geringeres Maß zu re- duzieren, bis es ganz eliminiert werden kann, denn ich glaube, ethisch wäre es auf lange Sicht vertretbarer, sich auf Computer zu verlassen und nicht auf eine Sklaven- population.« Tomeda antwortete ebenso kühl: »Die Bezeichnung >Sklaven< dürfte wohl keine angemessene Umschrei- bung für die auf diese Weise behandelten Alten Men- schen sein, und außerdem bin ich nicht ganz sicher, ob ich Ihren Einwand verstehe.«, »Sie nennen das also Glück?« »Natürlich. Glück ist Glück - ganz gleich, worauf sich dieses Gefühl gründet. Unsere innere Ausgeglichenheit läßt sich praktisch damit gleichsetzen, und sie ist selbst- verständlich genetischer Natur. Wollen Sie den Alten Menschen die Möglichkeit vorenthalten, sich glücklich zu fühlen?« »Wenn Sie wirklich recht haben, warum bezweifle ich dann, daß das Alte Volk eine derartige Behandlung ab- lehnen würde, wenn wir es vor die Wahl stellten?« »Viele Menschen wären sicher damit einverstanden. Die anderen haben Angst vor Veränderung. Sie zeich- nen sich aus durch eine recht irrationale Furcht davor, manipuliert zu werden, selbst dann, wenn es zu ihrem eigenen Besten geschieht. Wollen Sie denn vorschlagen, wir sollten unsere Entscheidungen auf der Grundlage der emotionalen Irrungen und Wirrungen des Alten Volkes treffen?« »Nein. Aber wir müssen solche Faktoren bei unseren Überlegungen berücksichtigen.« »Entschuldigen Sie, Administratoren«, warf Sameva ein. »Meines Erachtens sind wir gerade auf einen sehr wichtigen Punkt gestoßen. Stimmt es nicht, daß viele Alte Menschen eine derartige Behandlung begrüßen würden? Ihr Drogenkonsum übersteigt doch unsere kühnsten Erwartungen. Und bis die Vorbereitungen für die Nahrungsmittelanreicherung abgeschlossen sind: Was ist, wenn wir das Mittel verkaufen? Die Glückspille oder so ähnlich. Ein Jahr Glück zu einem bescheidenen Preis. Ließe sich das machen, Jakoba?« »Problemlos. Man kann ihnen alles verkaufen, wenn man es richtig anstellt. Ja, viele Alte Menschen würden das Mittel kaufen. Und ich bin davon überzeugt, es wird rasch populär. Ja, die Idee mit dem Verkauf ist wirklich gut. Natürlich darf man Ihnen nicht sagen, daß es sich um eine dauerhafte Veränderung handelt. Gerade dar- auf kommt es an. Ja, es würde klappen. Die Alten Men-, schen haben schon immer dazu tendiert, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen.« »Sie scheinen nicht viel davon zu halten, Jakoba«, sagte Tomeda. »Doch. Ich bin entzückt. Es ist eine sehr gute Idee. Viele Alte Menschen werden die neue Droge kaufen. Sie können sich manchmal als geradezu unglaublich dumm erweisen.« In einer anderen Epoche wäre der stellvertretende Kommandeur Simon Fiske vermutlich ein kurzsichtiger Buchhalter gewesen, der mit einem Gänsekiel Eintra- gungen in ein großes Buch vornahm und den Feier- abend herbeisehnte. In dieser Zeit jedoch trug er silb- rige Stiefel und eine purpurne Uniform - und war Verwaltungschef der Polizei. Er war ein kleiner, fast zart gebauter Mann mit hervorstehenden Jochbeinen, einer hohen Stirn und großen Augen. Vielleicht aber wirkten sie nur aufgrund der Brille so groß. Er hätte sich natür- lich auch für Kontaktlinsen entscheiden können, aber er zog eine Brille vor. Seiner Meinung nach gab sie einem Mann Klasse und verlieh ihm einen intelligenten Ein- druck. Derzeit lag Fiske unter einer Begleiterin und schenkte den fleißigen und rhythmischen Bewegungen der Frau auf sich kaum Beachtung. Er dachte an ein junges Mäd- chen, das er während seiner Schulzeit gekannt hatte. Es war größer als er selbst gewesen, scheu und zurückhal- tend, immer ganz ruhig und sanft. Zwar hatte jene junge Frau nie im Mittelpunkt des allgemeinen männli- chen Interesses gestanden, aber für Fiske war sie fast so etwas wie eine ätherische Schönheit gewesen. Er hatte angenommen, sie würde sich seinen Annäherungsver- suchen gegenüber als recht aufgeschlossen erweisen. Aber er war enttäuscht worden. Sie wies ihn nicht etwa zurück, nein. Sie war nur einfach gleichgültig. Er erin- nerte sich daran, daß er manchmal spät abends am, Straßenrand geparkt und lange Zeit das Haus ange- sehen hatte, in dem sie wohnte. Peggy - dieser Name schien einen besonderen Klang zu haben, und ein- her damit ging eine Assoziation melancholischen Kum- mers. »Stellvertretender Kommandeur Fiske«, meldete sich Op. »Ein Anruf für Sie.« Fiske betätigte die Bestätigungstaste seines Droiden. »Hier Fiske. Ich höre.« »IZ-Gebäude«, erklang eine männliche Stimme. »Verhörzimmer Drei. Wir haben hier einen Renegaten, der zur Aussage bereit ist. Wir dachten, Sie seien viel- leicht daran interessiert.« »In welchem Zustand ist er?« »So gut wie unversehrt. Er ist eher ein kooperativer Typ. Kann keine Gewalt ertragen - zumindest keine, die sich gegen ihn selbst richtet.« »Ich verstehe. Warten Sie, bis ich eintreffe. Ich breche sofort auf und bin in fünf Minuten bei Ihnen.« Die Begleiterin hockte reglos auf ihm. Sein Glied be- gann zu erschlaffen, ohne daß er einen Höhepunkt er- reicht hätte. »Fort mit dir!« sagte Fiske barsch. »Ver- schwinde!« Sie gab ihn frei und erhob sich. Er streifte sich rasch die Kleidung über und schaltete den Droiden ein. »Op, mein Airwagen soll startklar gemacht werden.« Sechs Minuten später betrat er das Verhörzimmer. Ein nackter Mann saß gefesselt auf einem Stuhl. Zwan- zig oder dreißig Drähte führten von verschiedenen Kör- perstellen in ein Kontrollgerät an der Wand. Der Gefan- gene schwitzte stark, und das Gesicht war aschfahl und wirkte eingefallen. Der Mann mochte knapp dreißig Jahre alt sein. »Einen Sessel«, sagte Fiske knapp. Er nahm vor dem Renegaten Platz und lehnte sich zu- rück. Der Gefangene hielt seinem Blick nur eine Se- kunde lang stand und senkte dann den Kopf., »Sie haben sich inzwischen sicher die Aufzeichnung angesehen, die die Verhörtechniken zeigt, oder?« Das Gesicht des Gefangenen wurde noch blasser, und er nickte, ohne dabei aufzusehen. »Dann dürften Sie auch wissen, daß wir hier nicht scherzen. Es kommt immer wieder vor, daß einige Leu- te, die wir hier befragen, unbedingt beweisen müssen, wie mutig und tapfer sie sind. Deshalb erweisen sie sich zu Anfang als recht verstockt. Es erübrigt sich wohl zu sagen, daß das für den jeweiligen Gefangenen mit sehr vielen ... nun, Unannehmlichkeiten verbunden ist. Vor allen Dingen aber unnötigen Unannehmlichkeiten. Denn früher oder später erfahren wir alles, was wir wis- sen wollen. Sie machen es also richtig, mein Bester. Es gibt längst keine Helden mehr. Sie ruhen alle auf dem Friedhof.« Fiske lächelte offen. Der Gefangene sah sich im Raum um. »Welche Medikamente sind ihm bisher verabreicht worden?« fragte der stellvertretende Kommandeur. »Die Injektionen eins und zwei«, erwiderte einer der Uniformierten. »Gut.« Fiske nickte. Er richtete seinen Blick wieder auf den Renegaten und lächelte erneut. »Ihr Name lau- tet Elroy, nicht wahr?« Der Mann nickte. »Nun, Elroy, dann schießen Sie mal los! Wie kamen Sie zu den Renegaten?« »Das weiß ich eigentlich gar nicht, wirklich nicht. Vielleicht langweilte ich mich. Keine Ahnung.« »Kannten Sie jemanden, der zu den Renegaten ge- hörte?« »Ja, ich hatte einen Freund. Er sagte, ich solle ihn doch einmal begleiten. Und es hat eine Menge Spaß gemacht, war ziemlich aufregend, wissen Sie. Auf diese Weise begann ich mit den Übungen.« »Mit den Übungen?« »Ja, einige Male pro Woche.« »Was für Übungen meinen Sie, Elroy?«, »Nun, wir übten Kampftechniken.« »Nett. Nun, soweit ich weiß, nannten Sie den Beam- ten hier vor meiner Ankunft einige Namen und Adres- sen. Würden Sie diese Angaben bitte noch einmal wie- derholen?« »Ah - ich berichtete von den Übungen. Sie finden in einer Kirche statt, an der Ecke McFarland und Oakton, unten im Keller. Und ich nannte die Adresse meines Freundes Jamie ... oh, Mist, jetzt kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Drüben, an der Maple. Das dritte Haus, das mit den blau getünchten Mauern. Dann er- zählte ich noch von Jacob und Ron und Erny ...« »Die Vornamen genügen nicht. Wir brauchen die Nachnamen.« »Aber die kennt ja niemand.« »Sind Sie sicher? Vielleicht sollten wir Ihre Erinne- rung ein wenig auffrischen.« Der Gefangene versuchte zu lächeln und befeuchtete sich die Lippen. »Hören Sie, ich würde sie Ihnen ja nennen, wären sie mir bekannt. Aber wir durften uns nie mit Nachnamen ansprechen. Bitte glauben Sie mir!« »Lieutenant.« Fiske sah den Beamten an, der vor dem Kontrollgerät stand. »Geben Sie ein bißchen Saft in die Leitungen.« Der Renegat riß die Augen auf, starrte den Unifor- mierten an und richtete seinen ängstlichen Blick dann wieder auf Fiske. »Ganz ehrlich ...« Er krampfte sich zusammen, als ihn der elektrische Schock erfaßte. Zehn Sekunden später befahl Fiske: »Das reicht.« Er wartete, bis der Gefangene vor ihm nicht mehr ganz so stark zuckte. »Tut mir leid, aber ich glaube, es kann nicht schaden, Ihnen klarzumachen, was Sie erwartet, wenn Sie uns etwas vorzumachen versuchen. Nun, er- innern Sie sich jetzt wieder?« Der Mann schnappte nach Luft, und das Sprechen fiel ihm schwer. »Ich kenne die Nachnamen nicht. Das ist die Wahrheit, ganz bestimmt.«, »Na schön, ich glaube Ihnen. Wann finden die Übun- gen statt?« »Jeden Tag um sieben, außer dienstags und donners- tags.« »Abends?« »Ja.« »Wer leitet die Ausbildung?« »Nun, einmal pro Woche kommt eine junge Frau.« »Eine Frau?« »Ja. Eher ein Mädchen. Ist kaum zwanzig. Aber sehr flink und geschickt.« »Wie heißt diese Frau?« »Ich weiß nicht. Wir nennen sie nur Sensei.« »Sensei? So heißt sie?« »Ich glaube, das Wort bedeutet >Lehrer<. Kommt aus einer asiatischen Sprache. Bei den Übungen benutzen wir viele japanische Ausdrücke.« »Na gut. Also: Wann kommt sie?« »Mittwochs.« »Und was ist mit den anderen Tagen?« »Meistens üben wir dann das, was sie uns zuvor ge- zeigt hat. Einige der anderen erinnern sich ziemlich gut an die Bewegungsmomente, die uns die junge Frau de- monstrierte.« »Können Sie sich an ihr Gesicht erinnern?« »Ja.« »Gut. Aber bestimmt ist sie doch nicht die einzige, die die Ausbildung leitet. Wer sonst noch? Denken Sie nach!« »Nun, einmal kam auch ein alter Mann, den wir aller- dings ebenfalls nur Sensei nannten.« »Was machte er?« »Er unterrichtete uns, ebenso wie die junge Frau. Ich glaube, er ist ihr Vater. Er ist verdammt gut.« »Können Sie sich an sein Aussehen erinnern?« »Ja, sehr gut sogar.« Fiske beugte sich lächelnd vor. Das war ja ein dik-, ker Hund! »Captain, lassen Sie einen Zeichner kom- men.« »Das ist bereits veranlaßt worden, Sir.« »Ausgezeichnet. Elroy, Sie wissen doch, daß Sie nur dann am Leben bleiben werden, wenn wir etwas mit Ih- ren Angaben anfangen können, oder?« »Ja.« »Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir mit Ihrer Hilfe nicht einige hübsche Bilder anfertigen können.« Fiske lehnte sich in die weichen Kissen des Sessels zurück, faltete die Hände auf dem Bauch und seufzte zufrieden. Sie würden den Renegaten eine Falle stellen. Allerdings war gerade nicht Mittwoch, sondern Don- nerstag. Sie mußten sich also noch etwas gedulden. Mist. Es bedeutete, daß die junge Frau am vergangenen Abend in der Kirche gewesen war. Und ihre Gefangen- nahme mochte mehr wert sein als die aller anderen Re- negaten. Vielleicht war es besser, bis zur nächsten Wo- che zu warten. In der Zwischenzeit konnten sie den be- treffenden Ort beobachten und mit der Identifikation der einzelnen Personen beginnen. Ja, nur nichts überei- len. Himmel, es mochte wirklich eine große Sache wer- den. Dank des erbärmlichen Feiglings namens Elroy. Fiske hielt unwillkürlich den Atem an. Er sah sogar noch weitere Möglichkeiten. Elory war jetzt nichts wei- ter als eine Marionette der Polizei. Er hatte seine Freunde verraten, und das war aufgezeichnet worden. Wenn man ihm einen Peiler implantierte, ihn anschlie- ßend freiließ und dazu aufforderte, sich ins Renegaten- lager zu begeben - zack! Natürlich würden sie den neuen Peiler verwenden, der von einem Scanner nicht entdeckt werden konnte. Dadurch mußten sie zwar auf die akustische Übertragung verzichten, aber davon brauchte Elroy ja nichts zu erfahren. Sollte er ruhig glauben, sie hörten ihm zu. Es würde klappen, ja. Man mußte Elroy nur klarmachen, daß die Polizei im Falle seines Versagens entschlossen war, die Aufzeichnung, des Verhörs den Renegaten in die Hände zu spielen. Ja. Dem stellvertretenden Kommandeur stockte regelrecht der Atem: Er hielt die Idee für absolut genial. Ja, die Re- negaten waren bereits so gut wie erledigt. In einer Wo- che würde die Polizei wissen, wo sich ihr geheimes La- ger befand. Jakoba saß vor der Konsole und forderte Informationen an, die das Projekt Seefall betrafen. Die Administratoren hatten aufgrund der polygeneti- schen Infusion eine Verschiebung erwogen, sich jedoch schließlich dagegen entschieden. Die Leute, die dazu geneigt waren, die neue Droge käuflich zu erwerben, gehörten nicht zu der Zielgruppe des Projektes. Mit dem Happyfluid ließ sich nichts gegen die Renegaten ausrichten. Und bisher war die Nahrungsmittelanrei- cherung nichts weiter als eine Absichtserklärung. An- dererseits: Wenn nicht schnellstens etwas gegen die Renegaten unternommen wurde, mochte ihnen das Problem über den Kopf hinauswachsen. Natürlich: Wenn sie achtzehn Monate warteten, konnten sie das Happyfluid benutzen, um den eigentlichen Seefall zu vermeiden, jedenfalls in Hinblick auf diejenigen, die sich nicht widersetzten. Allerdings hatte das in bezug auf die Populationskontrolle kaum einen Sinn. Einer der Vorzüge des Projekts Seefall bestand ja gerade dar- in, unter anderem auch das Problem der Überbevölke- rung und der Sozialleistungen für die Arbeitslosen zu lösen. Nein, das Projekt war unerläßlich. Und es ging nur darum, den Plan so reibungslos wie möglich durch- zuführen. Neue Zahlenangaben leuchteten auf dem Schirm auf. Es fehlte noch immer an rund zwanzigtausend Leichen- säcken. Jakoba prüfte die Lieferankündigung der Fabri- kationseinheit. Sie sollten eigentlich rechtzeitig genug zur Verfügung stehen. Eine neue Anzeige. New York hatte sich einverstan-, den erklärt, den Einsatz mit fünfhundert Airwagen und zweitausend Mann zu unterstützen. Das entsprach nicht ganz den Werten der Anfrage, war aber dennoch eine große Hilfe. Op würde ziemlich damit ausgelastet sein, die ganze Operation zu überwachen und die logi- stischen Kalkulationen vorzunehmen. Doch anderer- seits hatte Op auch versichert, diese Aufgabe bewälti- gen zu können. Jakobas Überlegungen wandten sich wieder der Thematik der polygenetischen Behandlung zu. Ein Se- gen oder ein Fluch? Nein. In der Hauptsache ein sehr nützliches Instrument. Aber sie mochten etwas Wert- volles und Faszinierendes verlieren, wenn sie mit der Manipulation begannen. Leider ließ sich das nicht ver- meiden. Nachdem sich Fiske vergewissert hatte, daß Elroys Ab- wesenheit nicht den Verdacht der Renegaten erwecken würde, entschied er, sich gegenüber der Möglichkeit ei- nes Meinungswandels zu wappnen. Elroy würde bis Samstagmorgen im IZ-Gebäude bleiben. Freitagabend brachte man einen Projektionsschirm in die Zelle Elroys. Das Gerät war nur mit einem Übertra- gungskanal ausgestattet. Der Gefangene zitterte unter der dünnen Decke, und auf dem Schirm beobachtete er, wie seine Freunde zur abendlichen Übung die Kirche aufsuchten. Der Computer blendete Datenangaben ein, als die Männer und Frauen nacheinander identifiziert wurden, und im Hintergrund konnte Elroy auch hö- ren, wie einzelne Polizeigruppen die Order erhielten, die entsprechenden Wohnungen aufzusuchen. Der Schaden war angerichtet. Jetzt gab es einfach kein Zu- rück mehr. Früh am nächsten Morgen sah er sich die Aufzeich- nung seines Verhörs an. Einige Minuten später saß er allein auf einer sehr mitgenommenen wirkenden Bank in einem Park des Randes und wartete auf den Sonnen-, aufgang. Er betastete sich eine bestimmte Stelle am Hin- terkopf. Wenn er zudrückte, empfand er einen dump- fen Schmerz, aber er wußte, daß man ihm äußerlich nichts von dem Implantat ansah. Er empfand es als sonderbar, sich vorzustellen, daß sich außer dem Hirn nun auch eines jener kleinen Geräte in seinem Schädel befand. Es war recht kühl, und Elroy zog sich den Mantel en- ger um die Schultern. Wie hatte das alles geschehen können? In aller Deutlichkeit erinnerte er sich an die veränderte Version seines Geständnisses, mit der er vor dem Verlassen des IZ-Gebäudes konfrontiert worden war. Ein anderer Elroy, der in einem bequemen Sessel saß, in der Kleidung, die er gerade trug - ein Elroy, der bereitwillig alles erzählte, Namen, Pläne, die Adresse Jamies, der die Renegaten verriet. Wenn seine Freunde diese Aufzeichung zu Gesicht bekamen, war er erledigt. Er schluchzte leise vor Scham. Was war er doch für ein mieser Feigling! Aber die Schmerzen - er hätte sie nicht ertragen kön- nen. Außerdem hatten sie ihm Drogen gespritzt. Wenn ein anderer Renegat in die Hände der Polizei gefallen wäre, hätte er wahrscheinlich ebenfalls alles verraten. Es gab keine Helden mehr. Aber Elroy wußte auch, daß das nicht stimmte. Er war anders. Er begriff, wie schwach er gewesen war, und die mit dieser Erkenntnis einhergehende seelische Pein zehrte ihn innerlich auf. Diesem besonderen Schmerz konnte er nicht entfliehen. Er verfolgte ihn, ließ ihn nicht in Ruhe. Was für eine lausige Welt! Nichts ergab einen Sinn. Ein verdammter, stinkender Mistplanet! Eigentlich erwies er den Renega- ten einen großen Gefallen, sie von ihrem Elend zu be- freien. Ihre dumme kleine Rebellion reizte ihn zum La- chen. Früher oder später hatte die ganze Sache aufflie- gen müssen. Vielleicht war alles ganz gut so. Am Mittwoch würde er das Haus Jamies aufsuchen. »Jamie«, flüsterte Elroy die Worte, die Fiske ihm zu-, rechtgelegt hatte, »die Polizei ist hinter mir her. Ich muß mich irgendwo verstecken.« Im Keller-Do/o übten John und Kate Aikido. Schon eine ganze Zeitlang waren sie auf diese Weise beschäftigt, und John schwitzte und fühlte sich recht entspannt. Er war in einer verspielten Laune, und seine Angriffe er- wiesen sich oftmals als bizarr, manchmal sogar gera- dezu vulgär. Er landete einige Male scheinbar schwer- fällig auf dem Hintern, und Kate lachte. Mit dem näch- sten Griff aber drehte er den Spieß um und schickte die junge Frau auf die Matte. Sie rollte sich herum und be- gann ihrerseits einen Angriff. John bewegte sich ebenso flink wie überlegt. Einige Male versuchte Kate, die Rol- len zu vertauschen und ihren Gegner auf die Matte zu zwingen. Aber sie sah sich außerstande dazu: John hatte sich inzwischen an sie gewöhnt und ahnte ihre Bewegungen im voraus. Als Kate einmal mehr versuchte, John auf den Rücken zu werfen, preßten sich plötzlich ihre beiden Körper an- einander, und John drückte ihr die Hand auf die eine Hinterbacke. Sie sahen sich einige Sekunden lang an. John entspannte sich - aber nur äußerlich. Es war nach wie vor nur ein Spiel. Und Kate reagierte mit der von ihm erwarteten Bewegung. Als sie sich zur Seite wandte und zu seinem speziellen Griff ansetzte, trat er nach ih- rem Bein, wodurch sie das Gleichgewicht verlor. Eine Drehung des Arms - und sie landete schwer auf der Matte. John ließ sich ebenfalls sinken, um sie festzuhal- ten, aber statt dessen strich er ihr durchs Haar. Sie rollte sich auf den Rücken. »Es tut mir leid, wenn ich dir weh getan habe«, flü- sterte er. Kate gab keine Antwort darauf und lächelte nur. John fragte sich, ob das Spiel noch immer weiterging. Er legte ihr die Hand auf die eine Brust und beugte sich vor, so als wolle er sie küssen. Die junge Frau wehrte ihn nicht, ab. Ihre Lippen berührten sich. Einen Augenblick lang war John ziemlich verwirrt, dann genoß er den Kuß. Kate schmiegte sich an ihn. Ihre Lippen öffneten sich, und die Zungen tasteten wie zögernd aufeinander zu. John wich wie von Schwindel erfaßt zurück. Zum er- stenmal seit langer Zeit verspürte er ein starkes und ge- radezu unwiderstehliches Verlangen, aber gleichzeitig regte sich auch so etwas wie Panik in ihm. Er war sich gar nicht sicher, ob er dies wollte, mit Kate. Sprachlos hockte er da und fragte sich, ob er sich entschuldigen sollte. Ziemlich unsicher sah er Kate an, und die Sekun- den verstrichen. Schließlich stand die junge Frau auf, verbeugte sich und verschwand im Umkleideraum. Sie hatten sich dort viele Male nackt gegenübergestanden, aber jetzt plötzlich kam sich John bei einer derartigen Vorstellung ziemlich unbeholfen vor. Eins stand fest: Er fühlte sich nicht mehr wie ihr größerer Bruder. Er sehnte sich nach ihrem Körper. Aber - stimmte das wirklich? Er hatte davon geträumt, sich eines Tages zu verlieben, aber Kate entsprach ganz sicher nicht dem Typ Frau, den er sich erhofft hatte. Und doch: Manch- mal, wenn sie auf die für sie typische und ein wenig schelmische Weise lächelte, wirkte sie ausgesprochen reizvoll. An jenem Abend, als John schon fast eingeschlafen war, berührte etwas Warmes seine Hand. »Rück zur Seite, John!« Im sich auf dem polierten Hartholzboden widerspie- gelnden Mondschein stand Kate neben dem Bett. Ver- wirrt und überrascht machte John Platz. Die junge Frau zog sich das Nachthemd aus, ließ es auf den Boden fal- len und schlüpfte neben ihm ins Bett. Im perlmuttfar- benen Grau zeichnete sich ihr schlanker und durchtrai- nierter Körper nur kurz ab. »Wo du eben gelegen hast, ist es schön warm«, flü- sterte Kate. John bemerkte jetzt, daß er beide Kissen hatte. »Möch-, test du auch etwas, worauf du den Kopf stützen kannst?« »Nein, ich habe mein eigenes Kissen mitgebracht.« Sie griff kurz neben das Bett. »Damit schlafe ich am be- sten.« Sie legte es neben die Johns und drehte sich so auf die Seite, daß sich ihre Nasen fast berührten. Nach einer Weile rollte sie sich ganz plötzlich auf den Rücken. »John«, flüsterte sie in Richtung Decke, »hast du et- was dagegen, daß ich zu dir gekommen bin? Wenn du dir nicht ganz sicher bist, daß du mich hier bei dir haben möchtest, so sag es bitte ganz offen.« Sie sah ihn an. »Ich meine: Warum hast du dich so seltsam verhalten, nachdem wir uns küßten?« »Ich weiß nicht. Ich erschrecke leicht.« Er schlang den Arm um sie und zog sie zu sich heran. »Mach dir des- wegen keine Gedanken. Ich bin froh, daß du gekom- men bist.« Sein letzter sexueller Kontakt lag schon einige Jahre zurück, und er erinnerte sich kaum mehr an das Gefühl, nackte und warme Haut an seinem Körper zu spüren. Es war einfach herrlich. Mit der einen Hand erkundete er den Leib Kates, und dessen Festigkeit erstaunte ihn. Zwischen ihren Beinen ertastete er Feuchtigkeit. Se- kunden später war er in sie eingedrungen, und sie lieb- ten sich mit atemloser Gier. Anschließend schlief John nicht allzu gut. Jahrelang war er nachts allein gewesen, und die Gegenwart Kates - mit dem einen Bein berührte sie ihn, und er hörte sie atmen und war sich ihrer unregelmäßigen Bewegungen bewußt - bewirkte, daß er immer wieder erwachte. Es war noch immer dunkel draußen, als sie ihn an der Schulter rüttelte. »Los, mein Held, es ist Zeit zum Auf- stehen!« Sie sprang aus dem Bett, das Kissen unter den einen Arm geklemmt, schnappte sich ihr Nachthemd und eilte - ohne es anzuziehen - auf den Flur., »Beeil dich!« rief sie von der Tür. »Zieh dir die Schuhe an! Wir treffen uns draußen auf der Veranda.« Am folgenden Tag blieben die Ereignisse der vergan- genen Nacht unerwähnt. Sie unterzogen sich der nor- malen Routine: Meditation, Aikido, Schwertübungen, Angriffe mit Messern, Feldenkrais, Computertraining. Kate und John verhielten sich so wie immer. Am folgenden Abend, als John wach im Bett lag, fragte er sich, ob die junge Frau erneut zu ihm kommen würde. Das war nicht der Fall. Er fühlte sich davon ein wenig verletzt, und während er noch über ihre Beweg- gründe nachdachte, diesmal in ihrem Zimmer zu blei- ben, schlief er ein. In jener Nacht hatte er wieder den Traum, die gleiche abscheuliche und ihn verspottende Vision. Während des ersten Monats der Ausbildung hatte Rafferty seinem Schüler ein Koan gegeben, ein Rätsel, das er lösen sollte: Wie hörte sich das Geräusch einer klatschenden Hand an? John sollte darüber nachden- ken, wenn er meditierte. Und immer wieder, an jedem neuen Tag, verlangte der alte Mann eine Antwort. Je- desmal konnte John Rafferty nicht zufriedenstellen. Und das war der einzige Zeitpunkt, an dem sein Lehr- meister ihm mit Hohn, fast mit Verachtung begegnete. Der alte Mann hielt jede Antwort Johns für noch absur- der als die vorherige. Nach einem Jahr der vergeblichen Bemühungen meinte Rafferty schließlich, es gäbe keine Hoffnung mehr und John sei niemals dazu in der Lage, das Koan zu lösen. Es sei nutzlos, es weiterhin zu versu- chen. Was noch wichtiger war: John selbst hielt die Sa- che für aussichtslos. »Die Antwort ist zum Greifen nahe, und doch sehen Sie nicht das Offensichtliche. Ich bin nicht bereit, noch länger meine Zeit damit zu ver- schwenden. Von jetzt an konzentrieren Sie sich beim Meditieren auf Ihren Atemrhythmus. Vergessen Sie das Koan!« Tagelang fühlte er sich schon alleingelassen und hilf-, los. Er bedauerte es sehr, daß Rafferty ihn für außer- stande erachtete, das Rätsel zu lösen. Er hatte sich alle Mühe gegeben und Bücher über Zen gelesen. Manche Leute brauchten Jahre, um Antwort auf ein Koan zu fin- den. Warum ließ man ihm weniger Zeit? Es war der Tiefpunkt seiner Ausbildung. Und Rafferty schien ihn nicht nur in dieser Hinsicht aufgegeben zu haben. Johns Aikido war »schlampig«. Sein Körper weigerte sich, sich richtig zu strecken und schmerzte dauernd. Und er hatte den Spott des alten Mannes satt. Dann begannen die Träume. Eine häßliche, blauhäu- tige alte Frau saß nackt und wie ausgezehrt vor ihm, hob den einen Arm und gab sich den Anschein, als wolle sie in die Hände klatschen. Aber es existierte keine zweite Hand. Und die Greisin lachte, schrill und höhnisch. Es gab keinen Ort, an dem sich John vor diesem Lachen verbergen konnte. Nacht für Nacht erwachte er schweiß- gebadet. Er versuchte, Rafferty von dem Traum zu er- zählen, aber der alte Mann wollte ihm nicht zuhören. Jetzt war John erneut allein mit sich und der Nacht, und er richtete sich auf und hockte zitternd auf der Bettkante. Er streifte sich das schweißnasse T-Shirt vom Leib und warf es in die Ecke. Er stand auf, öffnete in der Finsternis den Schrank, holte ein frisches Nachthemd hervor und kehrte ins Bett zurück. Es dauerte eine Stunde, bis er wieder einschlief. Am nächsten Morgen hätten den Aikido-Unterwei- sungen eigentlich die Übungen mit dem Stab folgen sol- len. Statt dessen holte Rafferty die Schwerter hervor. Als John Anstalten machte, nach der gepolsterten Schutzkleidung zu greifen, sagte der alte Mann: »Las- sen Sie nur! Heute üben wir so. Hier!« Er reichte John eines der Bambusschwerter. »Wollen wir doch mal se- hen, welche Fortschritte Sie gemacht haben.« John dachte an den Beginn seiner Ausbildung, an damals, als Rafferty ihn zum erstenmal mit diesen Waf- fen vertraut gemacht hatte. Nach einigen Wochen der, Unterweisung im Umgang mit den Schwertern aus ein- fachem Holz hatte Rafferty die aus Bambus und mit speziell abgesicherten Spitzen hervorgeholt. Bei den entsprechenden Übungen hatte Cunningham dicke Handschuhe, einen Helm und eine gepolsterte Jacke ge- tragen, während Rafferty nur mit seinem Gi bekleidet gewesen war. John verzog das Gesicht, als er daran dachte: Es war einer Katastrophe gleichgekommen. Der alte Mann hatte ganz nach Belieben auf ihn eingeschla- gen. John war nicht dazu in der Lage gewesen, die Hiebe abzuwehren, geschweige denn, selbst zum An- griff überzugehen. Die beiden Männer bezogen nun Aufstellung und be- obachteten sich aufmerksam. John hielt das Schwert mit beiden Händen fest, und es fühlte sich herrlich an, nicht mehr den Helm tragen zu müssen. Er kam sich sehr ru- hig und stark vor, und die Bambuswaffe schien so leicht wie eine Feder zu sein. Ganz plötzlich ging Rafferty zum Angriff über, und John machte Anstalten, den Schlag abzublocken. Aber die beiden Schwerter berühr- ten sich überhaupt nicht. Irgendwie war die Waffe des alten Mannes plötzlich über Cunningham und versetzte ihm einen heftigen Hieb an den Hals. Er versuchte, den Angriff zu erwidern, aber Rafferty duckte sich, schlug erneut zu und traf John an der Brust. Cunningham wich rasch zurück, holte tief Luft und erwartete die nächste Attacke des alten Mannes: zwei sehr schmerzhafte Schläge, zunächst auf die eine Schulter, dann die ande- re. Nun änderte Rafferty die Richtung, trat rasch nach rechts und zielte mit der Spitze seines Schwertes auf die Kehle Johns. »Ein Experiment, John. In dem, was jetzt kommt, können Sie sich nur zwischen zwei Dingen ent- scheiden: Entweder Sie leiden, oder Sie wollen wachsen und stark werden.« Rafferty führte einen Scheinangriff auf die Magengrube Cunninghams durch und hieb dann in rascher Folge auf die rechte Körperseite Johns, ein. John konnte nichts dagegen ausrichten, reagierte immer eine halbe Sekunde zu spät und war nicht im- stande, die Schläge zu blockieren. Der alte Mann schien zurückzuweichen, aber nur einen Sekundenbruchteil darauf drang er wieder vor, und diesmal bearbeitete er mit seinem Bambusschwert die linke Körperseite Johns. »Werden Sie bloß nicht wütend, John. Nein, das läßt Ihre Selbstbeherrschung doch nicht zu, oder?« Rafferty gab sich jetzt nicht mehr die Mühe, vor seinen Angriffen Täuschungsmanöver durchzuführen. Er holte einfach aus und ließ die Schneide des Schwertes zweimal hart auf das linke Handgelenk Johns sausen. »Leiden Sie einfach, weil es nicht fair ist, John. Sie sind doch so gern ein Märtyrer.« Die Spitze seiner Waffe berührte Cun- ningham in der Magengrube. John holte ebenfalls aus, traf aber nichts weiter als leere Luft. Rafferty schlich erneut um ihn herum. »Das klappt nicht«, sagte John und bemühte sich, sei- nen Atemrhythmus zu kontrollieren. »Sie können mich nicht zornig machen.« »Ach, nein?« Der alte Mann griff ein weiteres Mal an, und diesmal zog er sich nicht wieder zurück. Immer wieder schlug er zu, und John war dazu gezwungen, langsam zurückzuweichen. Die meisten Hiebe trafen ihn an den bereits wund gewordenen Stellen. Am Rande der Matte gewährte Rafferty seinem Schüler eine kurze Atempause, bevor er zur nächsten Attacke an- setzte. Erneut wurde John quer durch den Raum getrieben. Er biß die Zähne zusammen und wollte am liebsten weg- laufen - aber es gab keinen Ort, an den er sich hätte zurückziehen können. Rafferty zögerte und hielt das Schwert bereit. »Fällt Ihnen etwas auf? Es kommt immer wieder vor, daß Sie allen Grund haben, mich zu hassen. Aber anstatt wü- tend auf mich zu werden, leiden Sie lieber. Das .« »Das stimmt nicht. Ich hasse Sie nicht.« Johns Zunge, stolperte über die Worte, und das Bambusschwert in seinen Händen zitterte. »Ich mag Sie.« Beide rührten sie sich nicht. Rafferty starrte ihn ver- blüfft an, und John konnte hören und fühlen, wie ihm das Herz bis zum Halse emporklopfte. »Ach du meine Güte!« Der alte Mann ließ das Schwert sinken und drehte sich entmutigt um. »Ein Heiliger«, brummte er und wandte sich dann wieder seinem Schüler zu. »Wie, zum Teufel, erwarten Sie, sich nach außen hin öffnen zu können, wenn Sie den Haß für sich behalten und ihn einkapseln? Tief in Ihrem In- nern sind Sie völlig verkrampft. Anstatt Ihrem Zorn Luft zu machen, fressen Sie ihn lieber in sich hinein, und das grenzt schon an seelische Selbstverstümme- lung.« »Wins, diesmal haben Sie keinen Erfolg. Ich habe ei- nen Verstand, und ich bin zu rationalen Überlegungen in der Lage. Ich kann meine Gefühle kontrollieren. Und ich habe nicht die Absicht, mich von Ihnen aus der Ruhe bringen und zu einem Berserker machen zu lassen.« »Das verlange ich ja auch gar nicht von Ihnen.« Raf- ferty schüttelte den Kopf und seufzte. »Gut, machen Sie nur weiter so! Beherrschen Sie sich! Doch dadurch ver- hindern Sie eine wertvolle Erfahrung. Sie wollen sich nicht einmal eingestehen, daß es Wut in Ihnen gibt!« »Woher wollen Sie das so genau wissen?« Raffertys Stimme klang recht resigniert, als er erwi- derte: »Es gibt Anzeichen dafür. Wir leben inzwischen schon seit zwei Jahren in diesem Haus zusammen. Und daher kann es nicht verwundern, wenn wir uns dann und wann auf die Nerven gehen.« »Ist es nicht möglich, daß Sie sich diesmal irren?« »Nein. Ich erweise mich nicht gern als arrogant, aber ich bin davon überzeugt, recht zu haben. Sie werden niemals stark sein können, wenn Sie nicht lernen, Ihren Zorn als Werkzeug zu benutzen. Ich bin Ihnen gegen- über gerade recht unbarmherzig gewesen. Sie hatten, ein Recht darauf, wütend zu sein. Wut kann einem neue Kraft geben und sehr befreiend wirken.« Rafferty schob das Schwert ins Gerüst zurück und trat auf die Treppe zu. Dort angekommen blieb er noch einmal stehen. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen so weh getan habe. Mir gehen allmählich die Ideen aus - und ich weiß nicht: Es hätte ja auch klappen können. Sie sollten sich jetzt duschen. Und machen Sie auch einige Streckübungen. Morgen dürften Sie sich noch schlechter fühlen als jetzt.« Er zö- gerte. »Und noch etwas, John: Ich mag Sie ebenfalls.« Der nächste Morgen war in Hinblick auf die Jahreszeit überraschend warm und freundlich. Das Licht des neuen Tages kündigte sich erst als ein graues Schim- mern am östlichen Horizont an, als John und Kate die letzten hundert Meter nach dem Haus zurücklegten und versuchten, sich dabei abzukühlen. Die fünfzehn Kilometer des morgendlichen Laufs hatten sich als ein wortloser Wettkampf erwiesen. Sie gaben sich beide alle Mühe, den Eindruck zu erwecken, als hätten ihnen die zurückliegenden Anstrengungen nichts ausgemacht, doch sie atmeten schwer. »Ein netter Ausflug«, keuchte Kate und versuchte vergeblich, ihre Worte beiläufig klingen zu lassen. »Ja, nicht schlecht. Zumindest haben wir das Tempo gehalten.« John hatte die Arme in die Hüften gestemmt, und die Beine fühlten sich an, als könnten sie sein Ge- wicht nicht länger tragen. »Ja, wenn man allein läuft, ist es ganz einfach, die Ge- schwindigkeit zu verändern.« Darauf gab Cunningham keine Antwort. »Bist du noch immer sauer auf meinen Vater?« fragte Kate. »Wie kommst du darauf, ich sei sauer auf ihn?« »Gestern abend habt ihr euch am Tisch ausgeschwie- gen, und das fand ich recht bezeichnend.« »Mir scheint, wir haben es beide auf ihn abgesehen. Du warst ihm gegenüber wie Eis.«, »Nun, ich bin ganz und gar nicht mit dem einverstan- den, was er gestern mit dir machte.« »Woher weißt du das denn? Hat Wins dir davon er- zählt?« »Wins? Herr im Himmel, du warst überall ganz grün und blau. So etwas kann man schließlich nicht einfach übersehen. Ganz offensichtlich hattest du ein Recht darauf, wütend auf ihn zu sein.« »Ich bin mir nicht sicher. Bisher hatte ich immer den Eindruck, daß es für alles, was er macht, einen guten Grund gibt. Woher wollen wir wissen, ob es diesmal nicht ebenso ist? Er scheint sich seiner selbst sehr sicher zu sein.« »Ja. Und die einzige andere Möglichkeit halte ich für ausgeschlossen. Entweder er ist ein sadistischer alter Narr - oder wir sind zu dumm, um ihn zu verstehen.« »Das behauptet man auch von Gott.« »Aus irgendeinem Grund fällt es mir schwer, Gott die Ehre des Zweifels zu erweisen«, sagte Kate. »Gott sollte nicht weniger barmherzig sein als ich. Und was Vater angeht: Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Rein gefühlsmäßig würde ich gern glauben, daß er genau weiß, was er tut. Alles, was ich jemals für ihn empfand, gründete sich in erster Linie auf Mitgefühl.« »Warum warst du beim Essen ihm gegenüber dann so eisig?« »Weil mir nach wie vor nicht gefällt, was er mit dir an- stellte. Worum ging es dabei überhaupt?« »Ich weiß nicht genau. Er meint, ich leide zu sehr. Wie steht's damit? Laufe ich tatsächlich immer mit einer Leidensmiene herum?« »Eigentlich nicht. Übrigens: Ist dir aufgefallen, daß deine eine Gesichtshälfte ein wenig angeschwollen ist?« »Ja.« »Vielleicht war mein Vater darauf aus.« »Was hat denn mein Gesicht mit dieser ganzen Sache, zu tun? An meinen Zügen kann ich wohl kaum etwas ändern.« Kate lachte. »Doch. Sie haben sich bereits verändert. Mein Vater würde sagen: Dein Gesicht wird allmählich zu einem Spiegel deines Ichs. Der alte Schwindler meint, eines Tages würde ich zu einer Schönheit.« John empfand die sich an diese Worte anschließende Stille als bedrückend. »Freust du dich bereits auf die Prüfung?« fragte Kate. »Wie? Davon hat Wins mir gar nichts gesagt.« »Oh. Nun, er machte mir gegenüber eine entspre- chende Andeutung. Er glaubt, du hättest dir inzwischen fast den schwarzen Gürtel verdient. Es kommt nur noch auf den Test an. Aber dabei dürfte es sich eigentlich nur um eine Formalität handeln. Sieh mich doch nicht so überrascht an!« »Nun, ich hätte nicht gedacht, daß es so schnell geht.« »Schnell? Es sind immerhin zwei Jahre vergangen. Nun ja, das ist wirklich eine recht kurze Zeit. Aber du hattest Privatunterricht und jeweils zwei Übungsblöcke am Tag. Jetzt bist du am Ziel.« »Ich schätze, an diese Vorstellung muß ich mich erst noch gewöhnen.« »Willst du mich auf den Arm nehmen? Du weißt, wie gut du bist.« »Es geht«, schränkte John ein. »Mein Verstand weiß es zwar, aber der emotionale Aspekt kann sich noch nicht so recht damit abfinden. Wenn ich mich im Spie- gel betrachte und die Muskeln sehe, kommt es mir vor, als hätte ich es mit einem Fremden zu tun. Ich kann ei- gentlich kaum glauben, so athletisch zu sein.« »Gefühlsmäßig siehst du dich also noch außerstande, die Tatsachen zu akzeptieren. Nun, vor einigen Tagen sagte mir Vater etwas in dieser Art.« »Was denn?« »Er meinte, es ginge bei deiner Ausbildung jetzt nur noch darum, dir beizubringen, daß du dir über deine ei-, genen Qualitäten klar wirst. Ich glaube, du hast eine harte Woche vor dir.« »Möglich. Weißt du, wann die Prüfung stattfinden soll?« »Nein. Aber wahrscheinlich sehr bald. Vermutlich dann, wenn du dich dazu entschieden hast, stolz auf dich zu sein.« »Es liegt also ganz bei mir, wie?« »So wie immer. Ich suche morgen das Lager auf. Und wenn ich zurückkehre, muß ich mich um die Leute in der Kirche kümmern. In beiden Gruppen gibt es An- greifer, die gut genug sind.« »So rasch also?« »Ja, vielleicht. Mein Vater wird wissen, wenn du so- weit bist. Die Wahl des Zeitpunkts liegt bei ihm. Sag ihm bitte nicht, daß ich dir davon erzählt habe.« »Mach dir in dem Punkt keine Sorgen! Ich würde es gar nicht wagen, ihn darauf anzusprechen.« Später am Morgen räumte John den Frühstückstisch ab, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr- nahm. Kate stand im Eßzimmer, und sie hielt eine Ka- mera in der Hand und filmte ihn. Er starrte sie einige Sekunden lang völlig verblüfft an und erinnerte sich dann daran, den Mund zu schließen. »Was machst du da?« fragte er. »Das ist eine dumme Frage.« Die junge Frau ließ die Kamera sinken und streifte sich den Riemen des Recor- ders über den Kopf, so daß er auf ihrer anderen Schulter ruhte. »Na schön: Warum?« »Schon besser.« Sie trat zu ihm in die Küche. »Du hast Schwierigkeiten dabei, dich als stark und athletisch vorzustellen. Vielleicht fällt dir das leichter, wenn du selbst sehen kannst, wie gut du geworden bist.« »Ich komme also gut mit dem Geschirr zurecht? Ja, dabei bin ich richtig gefährlich, wie?« »He, langsam, langsam! Das hier ist nur die Einlei-, tungssequenz. Der Hauptteil zeigt konkretere Dinge. Mein Vater wartet unten auf uns. Er hält die ganze Sa- che für eine gute Idee. Wir könnten später auch noch einen Vergleich mit der Aufzeichnung vornehmen, die während des Beginns deiner Ausbildung angefertigt wurde. Komm jetzt! Um das Geschirr kümmern wir uns später.« John trocknete sich die Hände ab und folgte Kate in den Keller. Rafferty kniete in der Mitte der Matte, in der einen Hand einen gefalteten Hakama. Er forderte Cun- ningham dazu auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen, und John setzte sich. »Das hier ist für Sie.« Rafferty reichte ihm den schwarzen Samurairock. »Kate hat ihn für Sie genäht. Sie sollten sich jetzt daran gewöhnen, ihn zu tragen.« »Hat dieser Augenblick irgendeine spezielle Bedeu- tung?« »Für sich selbst genommen eigentlich nicht. Es ist nur so, daß Sie bald den schwarzen Gürtel verdienen. Ich schätze, Kate hat Ihnen das schon gesagt. Ziehen Sie jetzt Ihr Gi an! Meine Tochter zeigt Ihnen dann, wie man den Hakama richtig anlegt.« John hatte den Hakama Raffertys schon oft zusam- mengefaltet, aber ihn noch nie getragen. Im Spiegel sah er prächtig aus: die säuberlichen Falten, das glatte Schwarz. Er verabscheute die Vorstellung, ihn schmut- zig zu machen. Jetzt war der größte Teil des weißen Gürtels unter dem Rock verborgen. Seine vorherige Vermutung hatte ihn nicht getäuscht: Plötzlich ging al- les schneller, als er erwartet hatte. Kate begann damit, die Boken-Übungen zu filmen. Die elektronische Beobachtung bereitete Cunningham ein gewisses Unbehagen, und während der ersten Bewe- gungen verhielt er sich recht unsicher. Nach und nach aber konzentrierte er sich ganz auf den Schwertkampf und vergaß die Kamera. Anschließend trugen Rafferty und er ein scheinbar sehr ernsthaftes Duell mit Schwert, und Stab aus, einen Kampf, der auf Jo kata basierte, einer Folge von Angriffen mit dem Stab. Dabei mußte man sich sehr schnell und geschickt bewegen. ]ohn lächelte. Es würde bestimmt interessant werden, sich später den Film anzusehen. Nach einer Weile nahm Rafferty die Kamera, und John machte zusammen mit Kate einige Aikido-Übungen. Als sie damit fertig waren, bestand der alte Mann darauf, daß sie mit ihrer üblichen Routine fortfuhren. Später jedoch, als Cunningham meditierte, hatte er das deutliche Gefühl, daß Kate ihn erneut filmte. Er hatte nicht bemerkt, daß sie aufgestanden war - er wußte es einfach. Langsam drehte John den Kopf, schlug die Augen auf und erblickte ihr leeres Kissen. Er sah auf und starrte direkt in die Linse der Kamera. Er wandte den Blick nicht davon ab, und nach einer Weile ließ die junge Frau das Aufzeichnungsgerät sinken. Die ganze Angelegenheit, fand John, wurde allmählich al- bern und lächerlich. Kate sprach sich dafür aus, das Mittagessen zu ver- schieben und sich zunächst den Film anzusehen. Raf- ferty jedoch bestand darauf, zuerst die Mahlzeit einzu- nehmen, und John pflichtete ihm bei. Er hatte zwar ei- gentlich keinen Hunger, wollte sich seine Neugier aber nicht anmerken lassen. Zum Nachtisch verspeisten sie etwas von dem neuen Mais, und anschließend begaben sie sich in das Projek- tionszimmer des oberen Stocks. Der Wandschirm er- hellte sich, und John stockte der Atem, als er die Auf- zeichnung beobachtete. Unser Held beim Geschirrspü- len. Aber der Mann schien gar keine Ähnlichkeit mit ihm zu haben. Oder doch? Cunningham gab sich alle Mühe, doch es fiel ihm sehr schwer, sich mit dem Frem- den zu identifizieren. Der Mann, der die Teller und Tas- sen abwusch, bewegte sich nicht etwa schwerfällig oder unbeholfen; er sah nur aus wie jemand, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Dieser Eindruck verstärkte sich, noch, als der Szenenwechsel erfolgte und John sich die Aufzeichnungen der Übungen im Keller ansah. Man hätte meinen können, es mit einem der alten Samurai- filme zu tun zu haben. Doch der Protagonist war ein Un- bekannter, noch dazu jemand, der nicht allzu gut aussah. Oh, aber die Darstellung zeigte auch Wins, und plötz- lich sah sich John gezwungen, die Tatsachen als solche zu akzeptieren. Er wußte nicht, was er davon halten sollte. Die Qualität seiner eigenen Bewegungen erfreute ihn, aber tief in seinem Innern wehrte sich etwas dage- gen zu glauben, daß er es war. Aikido mit Kate. Him- mel, es gab nichts daran auszusetzen. Sie hielten sich beide ziemlich gut. Und der Mann schien ein recht har- ter Bursche zu sein. Die Schlußszene beeindruckte Cunningham beson- ders. Er meditierte. Und während die Kamera das Ge- sicht des Mannes heranzoomte, drehte er langsam den Kopf. Die durchdringend und kühl blickenden Augen füllten bald darauf den ganzen Schirm aus, und es lief John kalt über den Rücken, als er die mimische Maske des Mannes beobachtete. Das Gesicht jagte ihm Angst ein. Nach einigen weiteren Sekunden schaltete Kate ab. Stille schloß sich an, und schließlich platzte es aus Rafferty heraus: »Habe ich nicht gesagt, daß Sie es ge- schafft haben?« »Nun, ich nähere mich langsam dem Ziel.« »Sie nähern sich ihm? Sie haben es erreicht. Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie bereit sind, sich mit der Wirklichkeit abzufinden.« »Sollen wir uns jetzt die Aufzeichnung des Ausbil- dungsbeginns ansehen?« fragte Kate. »Die sparen wir uns besser für einen späteren Zeit- punkt auf«, schlug Rafferty vor. »Ich würde es vorzie- hen, wenn John das gerade Gesehene verarbeitet, ohne noch weiter verwirrt zu werden.« John saß noch immer wie betäubt in einer Ecke der Couch. »Wissen Sie, ich muß mir das noch einmal anse-, hen. Ich glaube, es wäre nicht schlecht, wenn Sie mich eine Weile damit alleinlassen könnten. Hätten Sie etwas dagegen?« Vater und Tochter verließen den Raum. Während der nächsten Stunde spielte John die Aufzeichnungen mehrmals ab, und allmählich ließ seine Verblüffung nach. Als Rafferty zurückkehrte, starrte Cunningham auf den leeren Schirm. »Haben Sie sich jetzt damit abgefunden?« fragte der alte Mann. »Ja, jedenfalls mit dem größten Teil davon. Bis auf den finsteren Blick am Ende. Der Mann wirkte dadurch ziemlich böse. Ich kann mich nicht entsinnen, was dabei in mir vor sich ging.« »Es ist ein sehr nützlicher Blick. Manchmal müssen wir bestimmte Rollen spielen. Irgendeine Bösartigkeit konnte ich bisher nicht in Ihnen entdecken. Was ist mit dem Rest?« »Nun, ich brauchte nur etwas Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Ja, ich habe mich wiedererkannt. Ich wür- de mir jetzt gern die alte Aufzeichnung ansehen.« Rafferty dachte kurz nach. »Sicher. Warum nicht? Ich sage Kate Bescheid.« »Warten Sie, Wins! Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir auf die Anwesenheit Kates verzichten?« Rafferty hob die Augenbrauen und schürzte die Lip- pen. »Interessant. Sie wissen doch, daß Kate alle Ein- zelheiten der alten Aufnahme kennt, oder?« John nickte bekümmert. »Na schön. Also nur wir beide. Oder möchten Sie, daß auch ich gehe?« »Nein, es macht mir nichts aus, wenn Sie zugegen sind. Es ist nur ... Wins, bitten Sie mich nicht darum, die Sache mit Kate zu erklären.« »Die Absicht hatte ich gar nicht. Ihre Beweggründe sind auch so deutlich genug.« Rafferty trat an einen Schrank und studierte die Auf-, Schriften der darin enthaltenen Kassetten. Er zog eine hervor, tauschte sie gegen die im Recorder aus und setzte sich zu John auf die Couch. John wußte nicht so recht, was er erwarten sollte, aber er hatte bereits ein ungutes Gefühl. Nach einigen Se- kunden wußte er, warum. Die Konfrontation mit der al- ten Aufzeichnung bereitete ihm seelischen Schmerz. Er sah sich selbst wie eine steife Marionette, die von einem unbeholfenen und ungeschickten Puppenspieler be- wegt wurde. Der Tölpel machte alles falsch. Und was die Art und Weise anging, wie er sich bewegte - John suchte nach den richtigen Worten, um das, was er sah, in Gedanken zu beschreiben. Der zwei Jahre jüngere John wirkte wie ein Schwächling. Wenn er sich überleg- te, daß Wins und Kate sich all die Mühe mit ihm gege- ben hatten .Er bezweifelte, ob er an ihrer Stelle dazu bereit gewesen wäre. Sicher war es sehr schwer für sie gewesen. Der Film endete, und Rafferty musterte seinen Schü- ler. »Ziemlich übel«, kommentierte John. »Ich hätte nicht gedacht, daß es so schlimm war.« »Sie waren ein Anfänger. Und Anfänger können es nicht besser. Nun, aber das alles ist jetzt Vergangenheit. Man muß seinen Blick in die Zukunft richten.« »Zumindest begreife ich jetzt, mit welchen Schwie- rigkeiten Sie zu kämpfen hatten. Habe ich Ihnen eigent- lich jemals richtig dafür gedankt?« »Jeden Tag. Das ist schließlich die Bedeutung des Ari- gato Gozaimashita - oder erinnern Sie sich nicht mehr daran?« »Doch. Arigato Gozaimashita, Sensei.« »Gern geschehen.« Rafferty nickte. »Sie stehen in meiner Schuld, John. Eines Tages müssen Sie sie einem anderen Schüler gegenüber begleichen. Geben Sie das Wissen weiter!« John starrte auf den Boden. »Einverstanden.«, Nach dem Abendessen tanzten sie, zuerst alle drei zusammen. Anschließend folgten Paarestänze, bei de- nen Kate abwechselnd einen der beiden Männer als Partner wählte. Kyustendilska Ruchenitsa - John genoß den Klang die- ser beiden Worte, während er zwischen Kate und Raf- ferty elegant durchs Zimmer glitt. Ein Gruppentanz aus Bulgarien - wo immer auch dieses Land liegen mochte. Irgendwo in Osteuropa, wie John einmal gehört hatte. Ein Lob auf die Bulgaren, dachte Cunningham zufrie- den. Er fühlte sich einfach prächtig - die Bewegung, der Rhythmus, der innere Frieden, die enge Beziehung zu seinen beiden Freunden ... Er verspürte den Wunsch, sie beide zu umarmen - aber der Tanz war fast noch besser. Sie bewegten sich als eine Einheit, und er war sich der neuen Qualitäten bewußt, die Kate und ihr Va- ter in ihm erweckt hatten. Kurz zuvor hatte er mit Kate allein einen Walzer getanzt und sie dabei erneut be- gehrt; John fragte sich, ob sie diese Nacht wieder zu ihm kommen würde. Es waren die schönsten Tage seines Lebens, und Cunningham spürte, daß diese Zeit nun allmählich zu Ende ging. Nach der Prüfung mußte sich alles ändern. In der letzten Zeit hatte ihn Rafferty als einen Lehrer für Aikido vorbereitet, und John erinnerte sich auch an eine Bemerkung des alten Mannes während des Abendes- sens, eine Andeutung, die darauf hinauslief, daß er die Klasse im Lager übernehmen sollte. Das bedeutete, er würde bald den geheimen Schlupfwinkel der Renega- ten kennenlernen. Hier in dem alten Haus jedoch war alles so einfach und überschaubar gewesen, und be- stimmt wurde mit der Ortsveränderung sein Leben komplizierter. Der Tanz endete. »Das reicht für heute abend«, sagte Rafferty. »John, holen Sie bitte Ihr Buch und kommen Sie zu mir ins Ar- beitszimmer!«, »Vater«, warf Kate ein, »kann John nicht noch für ei- nen weiteren Tanz hierbleiben? Ich würde gern den Zwiefacher* mit ihm üben.« »Sicher.« Raffery sah John an. »Ich warte auf Sie.« Und damit ging er nach oben. Der Zwiefacher war ein Drehtanz für Paare. Das Ge- heimnis, dem unvermeidlich erscheinenden Schwindel zu entgehen, lag darin, sich auf den jeweiligen Partner zu konzentrieren und dem Hintergrund keine Beach- tung zu schenken. Zwei Minuten lang blickten sich Kate und John unverwandt in die Augen. Als die Musik ver- klang, hielten sie sich fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als sich die Benommenheit verflüchtigte, gab Kate John einen raschen Kuß. »Ich wünsche dir ein nettes Gespräch mit meinem Vater.« John lächelte, als er die Treppe hochstieg. Er war sich ziemlich sicher, daß ihm Kate in dieser Nacht einen er- neuten Besuch abstatten würde. In seinem Zimmer angelangt griff Cunningham nach dem dicken Einband über Neuroanatomie, den Rafferty ihm vor zwei Tagen gegeben hatte. Er setzte sich auf die Bettkante und starrte auf das Buch. Auch an den letzten Abenden hatten sich der alte Mann und er zusammen- gesetzt, um die nächsten Kapitel zu bestimmen, mit de- nen sich John beschäftigen sollte. Diesmal jedoch wurde Cunningham unsicher beim Gedanken an die bevorste- hende Besprechung. Das bisherige Studium der Neuro- anatomie hatte ihn aufgrund eines verbalen Labyrinths aus zu vielen medizinischen Fachausdrücken und aus- ufernden Detailbeschreibungen eher verschreckt. Raf- ferty erwartete von ihm sicher eine Art versierte Reak- * auch genannt: Zwiefaltiger; Sammelbezeichnung für Volkstänze aus Bayern und Österreich mit häufigem Wechsel von geradem und unge- radem Takt, der sich aus der Zusammenstellung von Zweischrittfol- gen (Dreher) und Dreischrittfolgen (Walzer oder Ländler) ergibt. - Anm. d. Übers., tion, und genau damit konnte John ihm allerdings nicht dienen. Er ging durch den Korridor und betrat das Arbeits- zimmer. Der alte Mann saß an dem niedrigen Schreib- tisch. John nahm auf der anderen Seite Platz und legte leise das dicke Buch zur Seite. Die einzige Lichtquelle im Raum war die kleine Lampe auf dem Tisch zwischen ihnen. Der matte Glanz fiel auf die faltigen Hände Raf- fertys, und das Gesicht des alten Mannes wirkte ange- sichts des gelblichen Glühens noch fahler. Nach einer Weile schob Rafferty die Notizkladde beiseite, blickte erst auf das Buch, musterte dann John und wartete. »Wie hat es Ihnen gefallen?« fragte er schließlich. »Ziemlich schwierige Sache«, meinte John. »Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe.« »Eine andere Bemerkung habe ich von Ihnen eigent- lich nicht erwartet.« Rafferty lachte leise. »Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns darüber unterhalten?« »Nein.« »Hat die Lektüre irgendwie Ihren Horizont erwei- tert?« »Nun, das eigentlich nicht.« »Was meinen Sie: Aus welchem Grund habe ich Ih- nen das Buch wohl gegeben?« »Nun, wenn ich mich recht entsinne, richtete ich vor einigen Wochen die Bitte an Sie, mir etwas Anspruchs- volleres zum Lesen zu geben. Wollten Sie mir damit eine Lektion erteilen?« »Nun, vielleicht. In erster Linie kam es mir darauf an, Ihnen die Natur des Wissens selbst zu verdeutlichen. Die meisten Bücher, mit denen Sie sich bisher befaßt haben, stellen Informationsquellen dar, die sich niemals erschöpfen - was insbesondere auf das Sufi-Material zutrifft. Sie befriedigen den Leser immer, ganz gleich, welches Niveau er bereits erreicht hat. Derzeit begnü- gen Sie sich noch damit, nur an der Oberfläche zu krat- zen. Später aber, wenn Sie dazu bereit sind, werden Sie, mehr und mehr von dem verstehen, was Ihnen die Bände anbieten. Die Informationen, mit denen Sie während der letz- ten Tage konfrontiert wurden, haben vermutlich keine unmittelbare Bedeutung für Sie, weil Sie einerseits nicht über den notwendigen Background verfügen und ande- rerseits keine Möglichkeit haben, das Wissen in die Pra- xis umzusetzen. Mit anderen Worten: Der Lernprozeß muß in vernünftige Sequenzen unterteilt werden, wenn er zum Erfolg führen soll. Deshalb kann Wissen von dieser Art auch so gut von Computer-Lehrprogrammen vermittelt werden. Derartiges Wissen kann sich tatsächlich als nützlich erweisen. Aber es hat andererseits keine Bedeutung für das, was nun vor Ihnen liegt. Diesen Umstand müssen Sie akzeptieren und einfach hinnehmen. Das meiste von der akademischen Welt so sehr geschätzte Wissen ist doch nichts anderes als eine Namensgebung: je mehr Namen, desto besser. Man zerlege jede Sache in tau- send Einzelteile und gebe jedem Teil einen Namen. Das erleichtert zwar die Kommunikation, aber nur sehr naive Gemüter können annehmen, dadurch Macht zu gewinnen. Wenn Sie sich dem gegenüber, was ich Ihnen anzu- bieten habe, als geduldig erweisen, werden Sie echte Macht erlangen - jene Art von Macht, auf die es wirklich ankommt. Nicht dadurch, indem ich Ihnen viele Namen nenne, sondern durch reines Wissen. Sie werden dazu in der Lage sein, den Kosmos zu beherrschen, indem Sie einfach etwas verlangen, was zum Universum ge- hört. Und es hält eine Menge für Sie bereit. Sie müssen lernen, es so zu betrachten, wie es wirklich beschaffen ist. Ergeben meine Worte einen Sinn für Sie?« »Ich bin mir nicht sicher ..« Rafferty nickte. »Sehen Sie sich das hier an.« Er reichte Cunningham das Blatt, das er zuvor be- schrieben hatte. John starrte ganz verblüfft auf die Dar-, Stellungen: herrlich anzusehende Kreise und Schnör- kel. »Was bedeutet das?« fragte er. »Das sind arabische Schriftzeichen. Manchmal macht es mir Spaß, damit herumzuspielen. Sie zeichnen sich durch eine ganz besondere Faszination aus, und ich würde es hassen, das Gefühl dafür zu verlieren. Des- halb setze ich mich dann und wann hin, nehme einen Stift zur Hand und lasse mich überraschen. Haben Sie eine Ahnung, was die Zeichen bedeuten könnten?« »Nein, nicht die geringste.« »Natürlich nicht«, bestätigte der alte Mann. »Sie ken- nen die Matrix nicht. Nun, wenn wir uns beide über die Bedeutung klar wären, hätte dieses Blatt die gleiche Bot- schaft für uns. Doch Sie haben nie Arabisch gelernt, und darum ist die Darstellung für Sie nur eine Krakelei. Sie müssen jedoch zugeben, daß es eine Bedeutung gibt, oder?« »Ja.« Rafferty griff nach einem anderen Blatt, fuhr kurz mit dem Stift darüber und malte ein großes Zeichen. »Und was bedeutet das hier?« John schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln. Der alte Mann nickte und stand auf. »Wenn wir uns schon damit befassen, sollten wir es auch richtig ma- chen. Kommen Sie!« John folgte Rafferty nach unten. Der alte Mann suchte in den Schränken, holte eine Kassette hervor und schal- tete den Schirm ein. »Setzen Sie sich! Ich möchte, daß Sie sich rund zehn Minuten lang mit etwas beschäftigen. Anschließend un- terhalten wir uns darüber.« Er löschte das Licht und ging. Der Schirm wurde hell, und John blickte auf durch- einanderwogende Farben. Mehrmals hatte er das Ge- fühl, daß sich daraus ein verständliches Muster zu for- men begann, aber kurz vor der Offenbarung lösten sich, die Strukturen wieder in ein neues Geheimnis auf. Cunningham beugte sich vor, konzentrierte sich auf die Projektion und bemühte sich, in dem Wabern etwas zu erkennen. Nach einer Weile schwitzte er und kam sich wie ein Narr vor. Er schaffte es einfach nicht. Ihm schwindelte bei der geistigen Anstrengung, das Durch- einander zu stabilisieren. Nach einer Weile ver- schwamm ihm das Bild vor den Augen. Er gab auf, ließ sich zurücksinken und atmete ruhig und gleichmäßig. Und dabei konnte er endlich etwas Vertrautes sehen, wie durch einen milchigen Dunst: geometrische Muster, Luftschlösser, Bäume und Büsche. Ganz plötzlich flammte das Licht auf, und das kam einem Schock gleich. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Rafferty half ihm auf die Beine, und sie kehrten ins Arbeitszimmer des alten Mannes zurück. Dort nahmen sie wieder Platz, und Rafferty zeigte John zum zweiten Mal das große Symbol. »Was bedeutet es, John?« Cunningham schüttelte benommen den Kopf. »Es hat überhaupt keine Bedeutung«, sagte Rafferty. »Die Aufzeichnung, die Sie eben gerade beobachteten - was haben Sie gesehen?« »Zuerst gar nichts. Später dann, undeutliche Muster, einige ...« »Es war nur ein farbiges Wogen, weiter nichts. Einige zerfließende Kleckse, und während der letzten fünf Mi- nuten nur weißes Licht, das gesamte Spektrum also. Der menschliche Verstand ist eine Maschine, die dau- ernd bestrebt ist, Dinge zu strukturieren, und er funk- tioniert auf der Grundlage eines Korrelationspro- gramms, das es uns ermöglicht, die Realität zu interpre- tieren. Die Welt um uns herum ist nur ein wenig wirkli- cher als die Muster, die Sie in dem weißen Licht sahen. Eigentlich handelt es sich bei der Realität um ein nicht fokussiertes Hologramm. Bisher haben Sie das Univer- sum noch nie so betrachtet, wie es sich uns tatsächlich, darbietet. Ihr Verstand war viel zu sehr damit beschäf- tigt, das allgemeine Chaos zu strukturieren, als daß Sie dazu imstande gewesen wären, die Wirklichkeit unmit- telbar zu erfahren. Eines Tages aber werden Sie die letz- ten Hürden überwinden.« »Und was dann?« »Dann haben Sie Ihren Spaß und kehren in diese Welt zurück.« »Aber nach den Büchern ist doch gerade das real - das Gefühl, was in einem entsteht, wenn man in den Bereich jenseits der Wirklichkeit gelangt.« »Möglicherweise. Aber bei dieser Realtität hier han- delt es sich nun einmal um die einzige Wirklichkeit, mit der wir es zu tun haben. Weißes Licht ist langweilig. Manche Leute sagen, Gott habe aus diesem Grund das Universum erschaffen: weil er sich mit uninteressanten Photonen langweilte. Deshalb sorgte er für Unter- schiede und Abwechslungen. Vielleicht ist alles nur eine Illusion, aber es stellt dennoch ein faszinierendes Melodram dar.« »Das Leben ist also bedeutungslos.« Johns Stimme klang sarkastisch bei diesen Worten. »Sie haben es erfaßt.« »Aber das kann doch nicht sein.« »Und damit haben Sie wieder recht.« Rafferty lächel- te. »Man könnte sagen, der ganze Sinn des menschli- chen Lebens besteht darin, einen Sinn zu schaffen. Das Leben ist das, was wir daraus machen.« »Diese Erklärung reicht mir nicht. Es muß noch um mehr gehen. Ich kann nicht glauben, daß alles nur ein großer Witz ist.« »Und doch stimmt genau das. Ihr einziges Problem besteht darin, daß Sie nicht genug Humor haben. Sie sollten öfters lachen; es ist gar nicht so schwer. Wann sind Sie endlich dazu bereit, aus Ihrem Kerker des Ver- drusses und der Frustration auszubrechen? Die Essenz der Erleuchtung besteht darin, das Leben zu genießen.«, »Was veranlaßt Sie zu der Vermutung, ich hätte kei- nen Gefallen an meinem Leben?« »Weil Sie dauernd leiden.« Für Cunningham ergaben diese Worte keinen Sinn. Ihr Klang erschien ihm fast unangenehm vertraut, aber er verstand sie nicht. Sie bildeten einen bizarren Satz, und sie schienen darin nicht die ihnen eigentlich zu- kommende Reihenfolge einzunehmen. Plötzlich schwindelte ihm, und irgendein Knoten in seiner Brust löste sich. Von einem Augenblick zum anderen begann er schallend zu lachen. Er rollte sich auf die Seite und klopfte sich prustend auf die Oberschenkel. Er ver- suchte die Beherrschung zurückzugewinnen, aber es gelang ihm nicht. Bald begannen Rippen und Magen- grube zu schmerzen, und nach einer Weile ließ der Lachanfall endlich nach. Rafferty beobachtete ihn die ganze Zeit über ruhig. »Wie fühlen Sie sich?« John blickte verlegen auf. »Ich bin jetzt wieder in Ordnung.« »Das ist nicht die Antwort, die ich hören will. Ich fragte: >Wie fühlen Sie sich?<« John war verwirrt, und überrascht entgegnete er: »Nicht übel. Eigentlich sogar ziemlich gut.« Rafferty strahlte. »Na also!« An jenem Abend lag John wach und hoffte, Kate würde zu ihm kommen. Aber sie kam nicht, und schließlich schlief er ein. Er hatte das Gefühl, die Augen gerade erst geschlossen zu haben, als er spürte, wie ihn etwas an der Schulter berührte: Kate. Sie war doch noch gekom- men. »Zieh dich an!« sagte sie leise und ging wieder. John fühlte sich desorientiert und benommen. Er stemmte sich in die Höhe, setzte sich auf die Bettkante, zwinkerte und versuchte, die Augen offenzuhalten. Er warf einen kurzen Blick auf das Chronometer: drei Uhr, nachts. Ah, ja. Kate wollte sich an diesem Morgen auf den Weg nach dem Renegatenlager machen. Ihr später Besuch hatte also einen Sinn. Seine Augen schlossen sich von ganz allein, und John beschloß, sich ihrem Be- streben nicht länger zu widersetzen. Im Dunkeln zog er sich die kurze Hose an, die Sok- ken, das Hemd, die Schuhe, allein nach dem Gefühl. Mit geschlossenen Augen tastete er sich die Treppe hinunter. An der auf die Veranda führenden Tür ver- harrte er und runzelte die Stirn. Irgend etwas stimmte nicht. Er schlug die Augen auf, aber er konnte nichts sehen. Er versuchte weiterzugehen, aber er blieb stehen und horchte. Hinter dem Haus hörte er Grillen zirpen - und noch etwas anderes. Doch was? Und wo war Kate? »Warum bist du stehengeblieben?« Kates Stimme klang aufgeregt und hatte ihren Ursprung weiter vor- aus, vermutlich auf der Veranda. »Keine Ahnung. Irgend etwas .Ich weiß nicht.« »Ich wünschte, wir könnten das Licht einschalten, damit ich es dir zeigen könnte. Komm jetzt nach drau- ßen! Es ist alles in Ordnung.« John öffnete die Tür, und Kate griff nach seiner Hand und preßte ihm etwas Glattes und Hartes an die Finger: eine Bambusstange. »Damit habe ich hier auf dich gewartet«, sagte sie. Johns Augen gewöhnten sich allmählich an die Dun- kelheit, und er erkannte die Konturen der jungen Frau. »Aber du hast mich noch nie damit geschlagen.« »Das stimmt. Aber diesmal forderte mich Vater dazu auf. Wenn du durch die Tür getreten wärst, hättest du dir einige blaue Flecken geholt. Nett, was? Du hast ge- spürt, was dich erwartete.« »Vielleicht. Himmel, das ist wirklich seltsam. Viel- leicht ahnte ich es tatsächlich. Ich habe irgend etwas ge- spürt.« »Das wird Vater freuen. Erzähl ihm davon, wenn du zurückkehrst, ja?«, »Einverstanden.« Kate lehnte die Bambusstange im Innern des Hauses an die Wand, und dann brachen sie auf. Sie liefen schweigend, und da es eine sehr dunkle Nacht war, konzentrierte sie sich intensiver als gewöhnlich aufs Gelände. Sie mußten achtgeben, nicht vom Pfad abzu- weichen. Fünfundvierzig Minuten später blieben sie am Wendepunkt stehen. »Weißt du,« sagte John, »ich bin immer ein wenig ver- sucht, weiterzulaufen und dir nach dem Lager zu fol- gen. Was, glaubst du, würde Wins davon halten?« »Keine Ahnung. Es gibt nur eine Möglichkeit, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen.« Sie stellte ihn auf die Probe, und John entschied sich dafür, seinem Wunsch nicht nachzugeben. »Aber warum zeigte er sich im letzten Jahr so unnachgiebig, als ich ihn auf einen Besuch des Lagers ansprach?« »Willst du meine Vermutung hören?« »Ja.« »Er hofft, mit deiner Hilfe einen Wandel im Lager herbeizuführen und die anderen Renegaten dazu be- wegen zu können, einen klaren Standpunkt einzuneh- men. Und wenn dich die Leute dort vor einem Jahr kennengelernt hätten, wären sie von dir vielleicht nicht in dem Maße beeindruckt gewesen.« »Eine interessante Theorie.« John lachte plötzlich. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Welt so verrückt wird. Warum ausgerechnet ich? Warum nicht du?« »Glaubst du etwa, ich hätte es nicht versucht? Und bisher hatte ich keinen Erfolg.« »Nun, die ganze Sache hört sich ziemlich weit herge- holt an. Dein Vater ist doch Realist.« »Oh, das stimmt schon. Aber er hat auch seine Träu- me. Er hält alles für möglich.« »Man sollte eigentlich meinen, er hätte inzwischen seine Illusionen verloren. Wielange bleibst du fort?« »Ich weiß nicht. Vielleicht nur einen Tag oder auch, zwei. Zu Hause wird es allmählich interessant. Hast du das Gefühl, du stündest vor einem Durchbruch?« »Keine Ahnung. Mir ist es ein Rätsel, was überhaupt vor sich geht. Ich fürchte mich und fühle mich gleichzei- tig traurig und einsam. Die letzten Wochen waren sehr verwirrend für mich.« »Nun, wenigstens weist du die richtigen Symptome auf.« »Tatsächlich? Es kommt mir alles wie ein harter Kampf vor.« »Himmel, das kann ich mir vorstellen. Das entspricht ganz deinem Wesen. Es gefällt mir, dich mit dir selbst auseinanderzusetzen, dir selbst im Wege zu sein.« »Zum Teufel auch, was soll das denn nun wieder be- deuten?« »Ich wollte damit nur sagen, daß du dir selbst Hin- dernisse in den Weg legst«, erwiderte Kate ruhig. »Wenn du nicht mit dir ringst, hast du nicht das Gefühl, etwas zu leisten. Auf diese Weise bist du früher gelau- fen.« »Du glaubst also, ich litte viel.« »Habe ich irgend etwas von Leiden gesagt? Himmel, nein! Es gefällt dir, mit dir selbst zu kämpfen. Du magst es, eine Art Märtyrer zu sein. Du ziehst es vor, verdrieß- lich zu sein und dir verletzt vorzukommen, und du schreckst davor zurück zu versuchen, daran etwas zu ändern. Das entspricht ganz deinem Stil. Ich beschwere mich nicht, John. Ich sage dir nur, welchen Eindruck du auf mich machst.« Plötzlich beugte sich Kate vor, hauchte ihm rasch ei- nen Kuß auf die Lippen und lief davon. Cunningham sah ihr nach, und als sie in der Dunkelheit verschwun- den war, machte er sich auf den Rückweg. Er wußte nicht so recht, was er von der ganzen Sache halten soll- te. Kate erschien ihm wieder einmal mehr sehr seltsam. Er hatte sie noch nie verstanden. Als John das Haus erreichte, war er ganz versessen, darauf, Rafferty davon zu erzählen, wie er eine Gefahr erahnt hatte. Als er jedoch die Treppenstufen zur Ve- randa emporeilte, erinnerte er sich daran, wie früh es war. Vermutlich lag der alte Mann noch im Bett und schlief. Als John in Richtung Küche ging, hieb Rafferty von hinten kräftig mit einem Bambusstock auf ihn ein. Nach einem leichten Essen am Abend jenes Tages schlug Rafferty eine zusätzliche Meditation vor. Unten im Keller zogen sie sich ihre Gis an und ließen sich auf Kissen nieder, zehn Meter voneinander entfernt. Für gewöhnlich dauerten die Meditationen eine Stunde. Nach einer Stunde und fünfzehn Minuten empfand John den Schmerz im einen Knie als unerträglich, und heimlich streckte er das Bein. Nach weiteren zwanzig Minuten glühte im anderen Knie ein Höllenfeuer, und erneut bewegte sich John. »Sie werden feststellen«, sagte Rafferty, »daß der Schmerz fast sofort zurückkehrt. Sie können ihm also nicht entrinnen, wenn Sie sich bewegen. Sie können überhaupt nichts machen. Versuchen Sie, ganz still sit- zenzubleiben!« Der Schmerz durchzuckte den ganzen Körper Johns. Schweiß badete seine Stirn und tropfte ihm aus den Achselhöhlen. Rafferty beobachtete ihn, und so wagte er es nicht, sich erneut zu bewegen. Aber er mußte. In seiner Magengrube rumorte es. Wenn er sich nicht bald bewegte, würde er sich ganz sicher übergeben. Schwärze wogte seinen Gedanken entgegen. »Wins, ich muß aufstehen. Ich halte es nicht mehr aus. »Ach, Sie halten es also nicht mehr aus, nur weil Ihr Körper sich beklagt? Nun, ich frage mich, wer sich als Sieger erweisen wird: der Geist oder das Fleisch. Wenn Sie sich unbedingt erbrechen müssen, so würde ich vor- schlagen, Sie spucken sich in den Schoß und nicht auf, die Matte. Dann haben wir es nachher mit dem Sau- bermachen leichter.« John war versucht, laut aufzuschreien. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so mies gefühlt. Die Dunkelheit grenzte sein Blickfeld ein, bis er nur noch den alten Mann sehen konnte. Sein Geist war wie ein finsterer Schrank, in dem muffige alte Kleidung ihm keinen Bewegungsspielraum ließ. John klammerte sich an den letzten Resten des bewußten Ichs fest. Seine ein- zige Wirklichkeit bestand nur noch in der von der Ma- gengrube rasch in ihm emporsteigenden und sich inten- sivierenden Übelkeit, in den Schmerzen in seinen Bei- nen. Er konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf diese Faktoren der Realität, aber gleichzeitig spürte er, wie sich seine Gedanken weiter verwirrten, wie er in einen dunklen Schacht sank ... Irgend etwas berührte ihn an der Schulter und dann an der Wange. Die Finsternis senkte sich ganz auf ihn herab. Als er wieder zu sich kam, lag er lang ausgestreckt auf dem Rücken. Rafferty rieb ihm mit einem feuchten Tuch übers Gesicht. »Nun, diesmal haben Sie gewonnen«, sagte er. »Ein netter Ausweg, das muß ich zugeben.« Der alte Mann massierte kurz die Beine Cunning- hams. »Glauben Sie, Sie können aufstehen? Wir sollten ein wenig frische Luft schnappen.« Draußen auf der Veranda war es recht warm, und am Nachthimmel glitzerten die Sterne. Die beiden Männer standen nebeneinander, blickten in die Ferne und hin- gen ihren Gedanken nach. »Ihre Worte klangen so, als glaubten Sie, ich habe das Bewußtsein verlieren wollen«, sagte John. Der laue Wind rauschte gedämpft in den Baumwip- feln des Waldes, und es dauerte eine Weile, bevor Raf- ferty antwortete: »Wenn nicht, warum sind Sie dann ohnmächtig geworden?« »Das bin ich gar nicht.«, »Doch.« »Ich war nur erschöpft. Ich wollte nicht das Bewußt- sein verlieren.« »Verdammt, John, über diese Art von Unfug sollten wir inzwischen hinaus sein. Sie wurden ohnmächtig. Es kamen keine kleinen Sandmänner, die Sie einfach so einschlafen ließen. Niemand zwang Sie dazu, das Be- wußtsein zu verlieren. Dafür sind allein Sie selbst ver- antwortlich, sonst niemand. Kapiert?« »Ja.« »Na schön. Also zurück in den Keller. Wollen wir doch mal sehen, wie es diesmal klappt.« John folgte dem alten Mann die Treppe hinunter und kämpfte gegen seinen Unglauben an. Eine neuerliche Meditation. Himmel! Rafferty mußte den Verstand ver- loren haben. Zwei peinvolle Stunden später läutete Rafferty mit der kleinen Glocke und stand auf. Aber seine Beine wa- ren eingeschlafen, und beim ersten Schritt in Richtung Treppe fiel der alte Mann. John wollte lachen, blieb je- doch still. Dann sah er, daß Rafferty selbst grinste, und sie lachten zusammen. »Sehr schön«, sagte Rafferty. »Kommen Sie! Es dürfte draußen inzwischen kühler geworden sein.« Übertrieben würdevoll humpelte er die Treppe hoch. Auch Johns Füße waren eingeschlafen, aber indem er sorgfältig auf seine Bewegungen achtgab, schaffte er es, nach oben zu gelangen. Auf der Veranda gab keiner von ihnen einen Ton von sich. Nach ungefähr zehn Minuten drehte sich Rafferty um, warf John einen kurzen Blick zu und kehrte ins Haus zurück. John folgte ihm und konnte kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. Mit einer an Entsetzen grenzenden Fassungslosigkeit begriff er, daß ihm eine dritte Meditation bevorstand. Unten im Keller nahmen sie ihre Positionen ein, und Rafferty griff nach dem Gong., »Wins, Himmel, es ist jetzt fast Mitternacht. Sollten wir nicht besser zu Bett gehen?« »Und eine so herrliche Nacht ungenutzt verstreichen lassen?« »Wie lange wollen Sie das denn noch fortsetzen?« »Bis Sie nicht mehr hoffen, wir würden bald damit Schluß machen.« »Ich verstehe«, sagte John. »Hm. Könnte eine lange Nacht werden.« »Und es liegt ganz bei mir, nicht wahr?« »Genau.« In dem Moment haßte John den alten Mann. Um halb sechs am Morgen läutete die kleine Glocke er- neut. John streckte vorsichtig die Beine, schüttelte sie behutsam und wartete darauf, daß das Gefühl in sie zu- rückkehrte. Die ganze Nacht über hatte er sich bemüht, die Meditation zu akzeptieren, aber er sehnte sich nach ihrem Ende. »Nun, Sie haben es gut über sich ergehen lassen«, stellte Rafferty fest. »Was wohl nicht bedeutet, daß wir fertig sind, oder?« »Falsche Frage. Sie sollten wenigstens Desinteresse vorgeben. Ein Lauf würde Ihnen jetzt guttun.« »Was wäre, wenn ich statt dessen einfach ins Bett ginge?« »Mir wäre es lieber, Sie würden aufbleiben.« »Na schön. Es könnte nicht schaden, den Kreislauf wieder auf Vordermann zu bringen. Es tut mir leid, wenn Sie mit mir eine harte Nuß zu knacken haben.« »Sie sind keine harte Nuß. Sie sind nur ... John, wer sind Sie? Wissen Sie, Sie haben das eben natürlich nicht ernst gemeint. Aber wenn Sie keine harte Nuß sind, zvas sind Sie dann? Oder besser: Wer sind Sie?« »Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Sie verstehe.« »Kommen Sie! Geben Sie sich nicht dümmer, als Sie sind! Denken Sie darüber nach! Wer sind Sie?«, »Ich bin ich, John Cunningham.« »Und was, wenn ich Ihren Namen änderte?« »Nun, dann wäre ich jemand anders.« Rafferty begann schallend zu lachen. »Wins, einen Augenblick. Sie wissen, was ich meine. Begreifen Sie denn nicht, daß ich müde bin?« Das Lachen erstarb. »Möchten Sie es noch einmal versuchen?« fragte der alte Mann. »Ich wäre noch immer ich. Ich hätte nur einen ande- ren Namen.« »Schon besser. Allerdings haben wir noch immer nicht herausgefunden, wer Sie sind. Warum versuchen Sie nicht selbst, eine Antwort auf diese Frage zu fin- den?« »Wo denn?« »In Ihrem Kopf natürlich, wo denn sonst? Kennen Sie vielleicht einen anderen Ort, der sich für eine solche Su- che eignete? Schließen Sie die Augen und sehen Sie sich in Ihrem Ich um. Los schon, versuchen Sie's!« John war sauer und kam sich ziemlich närrisch vor, als er der Aufforderung Raffertys nachkam. Kurz darauf schlug er die Augen wieder auf und zuckte hilflos die Achseln. »Ich verstehe überhaupt nicht, was das alles soll. Ich komme mir einfach blöd vor.« »Ausgezeichnet!« Der alte Mann nickte. »In diesem besonderen Augenblick bildet dieses Empfinden einen Teil Ihres Seins. Außerdem sind Sie ein wenig aufge- bracht. Ich hoffe, Sie begreifen, daß Sie, wenn Sie die- sem Ärger nicht länger ausweichen, sich zwar unbehag- lich fühlen könnten, deshalb aber nicht gleich die Welt untergeht. Wenn Sie es wirklich schaffen, sich mit Ih- rem Zorn zu identifizieren, so werden Sie feststellen, daß es herrlich ist, wütend zu werden. Es handelt sich dabei um ein sehr mächtiges und reines Empfinden. Also: Ein Teil Ihres Seins besteht aus den Gefühlen, ein anderer aus rationalen Gedanken, und der dritte aus dem Körper. Doch diese Faktoren sind in einem bestän-, digen Wandel begriffen, was auch auf den Körper zu- trifft: Die einzelnen Zellen werden dauernd erneuert. Trotzdem gibt es Konstanten. Tief in uns befindet sich ein zentraler Kern, der keinen Veränderungen zu unter- liegen scheint. Ein Aspekt unseres Wesens, der uns von der Geburt bis in den Tod begleitet. Vielleicht könnte man ihn als Seele bezeichnen. Versuchen Sie es erneut, John. Irgendwer ist in Ihrem Innern zu Hause, und wenn Sie es nicht sind, wer dann? Schließen Sie die Au- gen und suchen Sie den Kern!« Die Minuten verstrichen, und nach einer Weile fügte der alte Mann hinzu: »John, die Seele, die Sie suchen, ist der Sucher. Die Person, nach der Sie Ausschau halten, ist diejenige, die Ausschau hält.« Cunningham schlug die Augen auf. »Eines Tages«, fuhr Rafferty fort, »werden Sie dazu in der Lage sein, sich selbst als einen komplexen Vorgang zu sehen, als etwas, das sich dauernd verändert, dau- ernd weiterentwickelt. In jedem Augenblick bestehen Sie aus Gefühlen, Gedanken und einem Körper. Und doch sind Sie noch etwas mehr. Auch die Wüste wan- delt sich ständig. Dünen werden vom Wind abgetragen und wachsen an anderer Stelle. Dennoch bleibt die Wü- ste immer die Wüste, obgleich sich ihr Aussehen verän- dern mag. Eines Tages wird es Ihnen gelingen, die wandernden Dünen zu sehen. Dann sind Sie ein Beob- achter. Und dann brauchen Sie mich nicht mehr. Schließen Sie jetzt erneut die Augen!« Als John sie wieder aufschlug, war der alte Mann fort. Der folgende Tag kam einem Alptraum gleich. Rafferty erwies sich als rechthaberisch und regelrecht streitsüch- tig, entdeckte dauernd Fehler, verspottete John und machte ihm dauernd Vorhaltungen. Cunningham hatte ihn noch nie so wütend erlebt. Sie arbeiteten den gan- zen Tag über, und in der sonst freien Zeit machten sie zusätzliche Übungen. Mahlzeiten gab es nicht. Am, Abend war John völlig erschöpft. Er hatte das Gefühl, daß sich in seinem Körper tausend Knoten gebildet hat- ten, und die Müdigkeit machte ihm konzentriertes Nachdenken praktisch unmöglich. Die Sympathie und menschliche Nähe, die während des vergangenen Jah- res so sehr Teil von Johns Leben geworden war, ver- schwand völlig. Rafferty verwandelte sich in einen heimtückischen und boshaften Feind. Erneut blieben sie die ganze Nacht auf. Doch nach den Anstrengungen des vergangenen Tages erschien John die Meditation zunächst wie eine Erleichterung, und er schlief auf dem Kissen fast ein. Zu vorgerückter Stunde dann fuhr er zusammen, als Rafferty plötzlich rief: »Bleiben Sie wach!« Und so ging es in den folgen- den Stunden weiter. In unregelmäßigen Abständen schrie der alte Mann John an, und Cunningham hörte Worte wie »Es wird nicht geschlafen!« und »Halten Sie den Rücken gerade!« Daß all diese Verwarnungen einer realen Grundlage entbehrten, brachte John nur noch mehr auf. Am nächsten Morgen liefen sie nicht. Sie setzten das Meditieren bis um zehn Uhr fort. Es endete ohne den Gong. Rafferty stand einfach auf und sagte: »Es ist völlig sinnlos, nichts weiter als Zeit- verschwendung. Sie werden es nie verstehen. Hoch mit Ihnen! Legen Sie das Kissen in die Ecke. Wir beginnen jetzt mit den Aikido-Übungen.« John stemmte sich in die Höhe und humpelte durchs Zimmer. »Schütteln Sie die Beine!« keifte der alte Mann. »Los, stimulieren Sie die Blutzirkulation! Verhalten Sie sich wenigstens so, als sei uns noch ein wenig Stolz geblie- ben. Ich greife an. Versuchen Sie, sich nicht als völlig unfähig zu erweisen!« Rafferty kam rasch heran, machte eine Finte und traf John mit der rechten Faust über dem einen Auge. »Himmel, Sie wirken völlig schlaff. Man könnte den, Eindruck gewinnen, als wollten Sie aufgeben. Habe ich denn zwei Jahre meines Lebens an einen Schwächling vergeudet? Hier, ich mache es Ihnen leicht.« Mit beiden Händen griff er nach dem Gi Johns. »Los, werfen Sie mich zu Boden!« John kämpfte seine Verzweiflung nieder und strengte sich an. Der alte Mann war wie ein schwerer Felsen. Er versuchte es erneut, wieder vergeblich, und dann win- kelte er rasch die Arme an. Rafferty schwang herum, wirbelte John durch die Luft und schleuderte ihn rück- lings auf die Matte. Cunningham blieb wie betäubt lie- gen, viel zu erschöpft, um sich bewegen zu können. Rafferty trat ihm in die Seite. »Bewegen Sie sich, Sie Schwächling! Ich bin über- haupt nicht beeindruckt. Sie haben es mit Muskelkraft versucht, und mit nicht sehr viel. Kommen Sie, hoch mit Ihnen! Sie müssen werfen, ohne zu werfen!« John stand ganz langsam auf, und in seinem Innern ballte sich eine unheilverkündende Kraft zusammen. »Hören Sie endlich auf, dauernd in Rätseln zu spre- chen!« schrie er. »Von was, zum Teufel, reden Sie ei- gentlich? Was, in der Hölle, soll >werfen ohne zu wer- fen< bedeuten? Was wollen Sie damit sagen, verdammt? Machen Sie endlich Schluß damit, sich dauernd mit die- sem elenden Kauderwelsch an mich zu wenden und sa- gen Sie mir klar und deutlich, was ich tun soll, Himmel noch mal!« Rafferty stemmte die Arme in die Hüften, verzog spöttisch das Gesicht und ahmte John mit schriller Stimme nach: »Sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich weiß es nicht; ich bin doch so hilflos.« John hörte auf zu denken. Von einem Augenblick zum anderen explodierte Wut in ihm, und er setzte sich in Bewegung, um den kleinen Zwerg zu erledigen. Der alte Mann, der ihm solchen Schrecken eingejagt hatte, war nun nichts weiter als eine Fliege, auf die man ein- fach treten mußte, um sie zu zerquetschen. Wenn ihm, jetzt ein Berg im Weg gestanden hätte, so wäre er ein- fach hindurchgestürmt. Rafferty wich vorsichtig zurück, etwas schneller als John herankam. Cunningham griff zu, und der alte Mann wand sich zur Seite. Erneut versuchte John, ihn zu fassen zu bekommen, und ganz plötzlich war Raf- ferty heran und schleuderte ihn auf die Matte. Sofort war John wieder auf den Beinen und berührte den falti- gen Nacken des alten Mannes. Rafferty griff seinerseits nach den Händen Cunninghams, und eine Zeitlang rangen sie miteinander, kämpften gegeneinander an, während ihre vor Anstrengung geröteten Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Lang- sam näherten sich die Hände Johns der Kehle Raffertys. »John«, sagte der alte Mann leise, »ich glaube, wir sollten jetzt Schluß machen. Meine Kraft läßt allmählich nach.« Diese Worte brachten Cunningham wieder zur Be- sinnung. Die Wut verflüchtigte sich, und er starrte in die Augen Raffertys. Wie gelähmt verharrte er, und er fühlte sich leer und leicht. Er spürte plötzlich, daß sich Rafferty an ihn lehnte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der alte Mann wirkte plötzlich sehr blaß und ausgezehrt. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« fragte John. »Ja.« »Ich hätte Sie fast umgebracht.« »Das nicht. Aber Sie wollten es. Sie waren wirklich ziemlich wütend, wie? Wie fühlten Sie sich?« Er grinste. »Erstaunlich stark.« »Großartig. Ich nicht. Ich fühlte und fühle mich wie ein alter Mann. Es ist nicht sehr angenehm, daran erin- nert zu werden. Wir haben zwei harte Tage hinter uns. Die Unterweisungen sind beendet. Ich gehe zu Bett.« Er klopfte John auf die Schulter und ging an ihm vorbei. Rafferty erreichte die Treppe, bevor John einen klaren Gedanken fassen konnte., »Sie meinen, damit hat es sich?« Der alte Mann blieb stehen. »Ja.« »Und Sie gehen schlafen?« »Wenn Sie nichts dagegen haben.« »Oh, natürlich nicht.« »Möchten Sie mir noch etwas sagen?« »Nein.« Rafferty lächelte. »Gute Nacht.« »Gute Nacht, Wins.« Eine Stunde lang wanderte John durch den Wald, bewunderte die Bäume und ließ jede Vorsicht außer acht. Irgendwann schließlich fühlte er sich ruhig ge- nug, um ebenfalls zu Bett zu gehen. John erwachte am nächsten Morgen um halb sieben. Für gewöhnlich war er um diese Zeit längst zurückge- kehrt, aber er entschloß sich trotzdem zu einem Lauf. Er teilte nicht die seiner Meinung nach schon fast patholo- gische Angst des alten Mannes vor der Polizei. Er zog sich rasch an und ging in Richtung der Treppe. Auf dem Absatz blieb er nachdenklich stehen, drehte sich um und suchte das Zimmer Kates auf. Es war leer, das Bett ganz offensichtlich unbenutzt. Die junge Frau war also noch nicht zurückgekehrt. Vor wieviel Tagen hatte sie das Haus verlassen? Drei? Einerseits schien noch nicht soviel Zeit verstrichen sein zu können, ob- gleich es John andererseits wie eine Ewigkeit erschien. Sie hatte gesagt, sie wolle bald zurückkehren. Trotz- dem: Vor Ablauf von vier Tagen würde sich Rafferty keine Sorgen um seine Tochter machen. John zuckte die Achseln. Da es draußen bereits hell war, verließ Cunningham das Haus durch den unterirdischen Tunnel. Während er die erste Meile zurücklegte, kam er sich ziemlich steif und unbeholfen vor. Dann offenbarte sich ihm aus sei- nem Innern eine unerwartete Kraft, und er lief schneller und gleichzeitig leichtfüßiger. Es war, als schwebte er gewichtslos dahin. Irgendeine Energie schien ihm über, den Rücken in die Beine zu fließen, und er wurde noch schneller. Trotz des Laufens war er ganz ruhig, wie das Auge im Zentrum eines Orkans, eingehüllt in eine son- derbare Gelassenheit. Er kam sich vor wie der Mittel- punkt des Universums, und unter ihm drehte sich ge- horsam der Planet Erde, während seine Beine Meter um Meter zurücklegten. Voraus erhob sich ein Hügel, und John eilte den Hang empor, wobei seine Füße den Boden kaum zu berühren schienen. Auf der Kuppe sah er die aufgehende Sonne und verharrte. Lichtspeere bohrten sich weit oben durch die Wolken, die daraufhin in einem rötlichen und orangefarbenen Licht aufglühten und die schimmernde Sonne wie einen Halo umgaben. Gott, der Anblick war einfach herrlich. Über John schien ein Vogelschwarm wie in Zeitlupe dahinzuziehen und immer langsamer zu werden. Die Perfektion seiner Umgebung verblüffte Cunningham, und es war, als bliebe die Zeit selbst ste- hen. Die Welt war eine Kristallkugel, die jäh zersplitter- te. Er fiel, dehnte sich aus, nahm dabei den ganzen Kosmos in sich auf - und alles geschah unglaublich schnell. Die Realität dieser Erfahrung - sie war schlichtweg atemberaubend. John war das Universum, unendlich groß, unendlich wissend. Er existierte in ei- ner anderen Dimension, einem Raum aus tausend Strukturen, von denen er bisher nur eine einzige ge- kannt hatte. Die vielen Sonnen stellten die Atome sei- nes Körpers dar. Er war Gott und alle Seelen, die jemals gelebt hatten. Dann verflüchtigte sich die Vision und verschwand. John hatte das Gefühl, wie aus einem intensiven Traum zu erwachen, und er blickte sich um. Die Erfahrung war unmöglich - und doch ließ sie sich nicht leugnen. Sie stellte eine realere Wirklichkeit dar als alles andere, mit dem er während seines Lebens konfrontiert worden war. Wie lange hatte sie gedauert? Vielleicht nur Se- kunden - obgleich seinem Empfinden nach Stunden, verstrichen waren. Die Vögel .er konnte sie nicht mehr sehen. Wie lange also stand er schon auf diesem Hügel? John drehte sich um und machte sich auf den Rückweg nach Hause. Erneut lief er schnell und leicht- füßig. Winslow schlief noch immer in seinem Zimmer. »Wins! He, Wins! Ich muß mit Ihnen sprechen.« Als sich der alte Mann nicht bewegte, berührte John ihn vorsichtig an der Schulter. »Wachen Sie auf, Wins!« Ohne die Augen zu öffnen, sagte der alte Mann: »So wichtig kann es doch wohl nicht sein.« »Doch, Wins. Bitte, wachen Sie auf!« »Hier ist vorübergehend geschlossen. Versuchen Sie es an der nächsten Tür.« »Wie?« Rafferty öffnete ein Auge. »Warum sind Sie denn so aufgeregt?« »Es ist etwas geschehen. Ich lief draußen. Und plötz- lich hatte ich das Gefühl, als sei ich das Universum, als sei der ganze Kosmos in mir. Wins, ist das vielleicht mit der Beschreibung Satori gemeint? Himmel, es war be- eindruckend.« »Und deswegen reißen Sie einen alten Mann mitten in der Nacht aus seiner wohlverdienten Ruhe?« »Wins, was war es?« Rafferty schloß das Auge wieder und murmelte seuf- zend ins Kissen: »Erleuchtung.« »Kommen Sie, Wins, nehmen Sie mich nicht auf den Arm!« Rafferty schlug die Augen auf und sah ihn an. »Sie er- fuhren also Satori?« »Ich glaube ja. Himmel, ich bin mir sogar sicher.« »Dann irren Sie sich auch nicht.« »Sie meinen, ich bin jetzt erleuchtet?« Gelangweilt kniff der alte Mann die Augen wieder zu. »Ja, Sie sind erleuchtet, fast jedenfalls. Großartige Sa- che, wie?«, »Bitte, Wins, um Himmels willen, Sie dürfen nicht wieder einschlafen! Was soll ich jetzt machen?« Erneut sah ihn der alte Mann an. »Machen? - Mit der Erleuchtung können Sie nichts >machen<. Sie werden feststellen, daß Sie nicht etwa klüger geworden sind. An Ihrem Verstand hat sich nichts geändert. Gewitz- ter scheinen Sie mir auch nicht zu sein. Akzeptieren Sie die Erfahrung einfach. Haben Sie Ihren Spaß daran!« Rafferty schüttelte das Kissen auf. »Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe!« John hatte fast die Tür erreicht, als er sich noch einmal umdrehte. »Wins!« platzte es aus ihm heraus. »Ich habe es endlich geschafft. Das Geräusch von einer klatschen- den Hand ist das Geräusch einer klatschenden Hand. Wie könnte es auch anders sein?« Es war ein ungeheu- rer Witz, und John hielt sich den Bauch vor Lachen. Rafferty sah fast interessiert auf. »Hört sich nach einer guten Erklärung an«, brummte er. Laut genug, um sich trotz des Lachens verständlich zu machen, fügte er dann hinzu: »Na schön. Beweisen Sie es! Wie klingt das Geräusch einer klatschenden Hand?« John brüllte vor Lachen. »Demonstrieren Sie mir den Witz!« forderte Rafferty ihn auf. »Wie hört sich eine klatschende Hand an?« John hob den Arm und klatschte mit einer Hand. »In Ordnung.« Rafferty nickte, griff nach dem Kissen und schleuderte es in Richtung John. »Und jetzt lassen Sie mich endlich schlafen! Dieser Unfug reicht für einen Tag.« John beruhigte sich allmählich wieder und richtete sich auf. »Warten Sie!« sagte Rafferty. »Ich brauche mein Kis- sen.« John nahm es zur Hand und warf es dem alten Mann mit solcher Wucht zu, daß Rafferty zurücksank. Sein Unterweiser prustete, stemmte sich in die Höhe und ge- stikulierte ausladend. »Das war's. Ist Ihnen aufgefallen,, wie Sie das Kissen geworfen haben? Ohne zu zögern. Mit Temperament. Sie haben es wirklich geschafft. Sie sind bereit für den letzten Test.« John wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. »Mittwoch abend in der Kirche«, fügte Rafferty ruhig hinzu. Er legte das Kissen zurecht, machte es sich be- quem und schloß die Augen. John blieb noch einige Augenblicke lang an der Tür stehen und beobachtete den alten Mann. Dann trat er auf den Flur und schloß die Tür leise hinter sich. Um die Mittagszeit stand Rafferty auf, und die beiden Männer teilten sich einen Nahrungsriegel. Der alte Mann erwähnte die normale Ubungsroutine nicht ein- mal, und so nahm John die günstige Gelegenheit wahr und las einen der alten SF-Romane, die zur Bibliothek Raffertys gehörten. Es war fast Zeit fürs Abendessen, als Rafferty in das Zimmer Cunninghams kam. »Wir können es uns nicht leisten, daß Ihnen die Knochen einrosten. Wir sollten Ihre Aikido-Kenntnisse auffrischen.« Sie übereilten die Übungen nicht, und sie fielen John nicht sehr schwer. Nach rund anderthalb Stunden hat- ten sie alle grundlegenden Angriffs- und Abwehrbewe- gungen hinter sich. Sie standen auf der Matte und über- legten, ob sie irgend etwas vergessen hatten. »Ich glaube, die meisten Griffe haben wir erneut ge- übt«, sagte Rafferty. »Ich frage mich nur immer, ob ich irgend etwas Wichtiges vergessen habe. Die Beschrän- kungen bei den Unterweisungen machen mir ein wenig Sorge.« »Für mich war das alles ziemlich komplett.« »Ach, was wissen Sie schon davon? Mit den beiden wichtigsten Dingen konnten wir uns hier nicht befas- sen. Es steht somit noch nicht fest, ob Sie dazu in der Lage sind, zu töten, und wie Sie auf eine tödliche Ge- fahr reagieren. Sicher, Sie haben damals die beiden Po-, lizisten erschossen. Aber nachher ließ sich nicht mehr viel mit Ihnen anfangen. Und dem Tod haben Sie noch nie ins Auge gesehen. Wenn wir zum Beispiel mit La- sern üben, so handelt es sich dabei doch um nicht viel mehr als nur starke Scheinwerfer.« »Ich habe keine Angst, Wins.« »Machen Sie sich doch nicht lächerlich, John! Nur ein Narr hat keine Angst. Mut ist nicht gleichzusetzen mit Mangel an Furcht. Man braucht keinen Mut, um etwas zu bewerkstelligen, vor dem man keine Angst hat. In dieser Hinsicht gibt es etwas, das Sie noch nicht ganz verstanden haben. Ist Ihnen jemals richtig klargewor- den, was ich damit meinte, als ich Sie aufforderte, sich selbst vollständig zu erfahren?« »Eben dachte ich noch, das sei inzwischen der Fall.« »Na schön. Hören Sie, John! Wenn wirklich erfahrene Langeweile zur Ruhe führt, was geschieht dann mit der Angst, wenn Sie sie im vollen Ausmaß spüren?« »Man wird starr vor Entsetzen.« »Nein, das passiert, wenn man die Angst leugnet und gegen sie ankämpft. John, dies ist die Essenz der Er- leuchtung, der Wunsch nach der unmittelbaren Erfah- rung. Wenn man Traurigkeit ganz und vollständig er- gründet, wird daraus höchst kostbare Melancholie. Un- ter den Teppich gekehrter Zorn kann sich gegen einen selbst wenden und zu einem heimtückischen Feind werden. Wenn man der Wut hingegen freien Lauf läßt, sie gewissermaßen als ein Werkzeug benutzt, vermag sie sich als sehr nützlich erweisen. Jesus ärgerte sich nicht einfach nur über die Geldverleiher im Tempel. Er wurde vielmehr wütend und warf sie hinaus. Wenn man sich ganz über die eigene Furcht klar wird und sie dann überwindet - das ist Mut.« »Wins, ich glaube, ich kann mutig sein.« »Der Glaube allein reicht nicht. Ich muß wissen, wie Sie auf eine echte Bedrohung reagieren. Ziehen Sie Ihre Sachen aus!«, »Warum?« »Damit Sie sich nackt fühlen. Fragen Sie nicht! Ma- chen Sie einfach das, was ich Ihnen sage!« John begab sich in den Umkleideraum und hängte dort seinen Gi auf. Als er zurückkehrte, stand Kate am unteren Ende der Treppe, gekleidet in T-Shirt und eine kurze Hose. Ihre Arme und Beine waren infolge der abendlichen Kühle gerötet. Sie warf ihm nur einen kur- zen Blick zu und reagierte ansonsten nicht auf seine Blöße. Sie konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf Raf- ferty. Der alte Mann hielt ein langes Messer in der rech- ten Hand. Rafferty schenkte Kate keine Beachtung und beobach- tete Cunningham. »Ich möchte Sie diesmal mit einer echten Waffe kon- frontieren«, sagte er. »Viel Glück. Es würde mir gar nicht gefallen, Sie umzubringen.« Der alte Mann duckte sich und kam langsam auf John zu. Cunningham blieb einige Sekunden lang wie er- starrt stehen, und seine Blicke wanderten zwischen Raf- ferty und Kate hin und her. Sein Unterweiser konnte es sicherlich nicht ernst meinen. Kate machte sich ganz of- fensichtlich nicht die geringsten Sorgen um ihn, und er verspürte überhaupt keine Furcht. Wins spielte ihm nur etwas vor. Aber John hielt es für besser, sich nichts an- merken zu lassen. Er wich nach rechts aus, wahrte die Homni-Distanz und fixierte seine Aufmerksamkeit auf den Bauch des alten Mannes. Die Entfernung war recht sicher. Er durfte nicht auf die Scheinangriffe Raffertys hereinfal- len und jederzeit bereit sein, ihn nicht aus den Augen lassen. Da! Der Körper bewegte sich, und die Messer- spitze ruckte vor. John drehte sich um die eigene Achse, blockte den Arm Raffertys ab und führte einen be- stimmten Griff durch. Als der alte Mann auf die Matte stürzte, entwand John ihm das Messer. Anschließend kam Rafferty wieder auf die Beine, und Cunningham, gab ihm das Messer zurück. Sie begannen erneut. Im- mer wieder gingen sie die einzelnen Bewegungsmo- mente durch, und nach drei weiteren Angriffen ver- spürte John Langeweile, und seine Achtsamkeit ließ nach. Bei der nächsten Attacke wich er nicht aus, blieb einfach stehen, forderte den alten Mann heraus und hatte die Absicht, dessen Bluff als solchen zu offenba- ren. Im letzten Augenblick winkelte der alte Unterwei- ser den Arm an, und die Messerspitze fuhr einen halben Zentimeter am Bauch Cunninghams vorbei. Sie hielten beide den Atem an, und John bedauerte sofort, was er getan hatte. Er hätte es dabei belassen sol- len. Rafferty verzog bedauernd das Gesicht. »Ich wünsch- te, Sie hätten das nicht gemacht. Jetzt wird es ein Kampf auf Leben und Tod. Gott steh uns bei!« In der Stimme des alten Mannes klangen deutlich vernehmbar Verbitterung und Kummer mit. Diesmal versuchte er nicht, John etwas vorzumachen. Selbst die Art und Weise, wie er sich bewegte, war nun anders. Cunningham spürte, wie Wut in ihm emporstieg. Idiot! Er verdrängte alle anderen Gedanken, konzentrierte sich ganz und ausschließlich auf die Auseinanderset- zung und sensibilisierte alle seine Sinne. Vor ihm schwebte das Messer in der Luft, lang und glänzend und scharf, und die Spitze zeichnete ein Mu- ster in die Leere. Unmittelbar dahinter bewegte sich Rafferty, und er griff aus immer neuen Richtungen an. John zwang sich dazu, seine Aufmerksamkeit wieder allein auf das Messer zu richten und an nichts zu den- ken. Er wartete. Die Furcht hüllte ihn nun ganz ein, pochte ihm in den Schläfen, brachte seine Hände zum Schwitzen. Aber er fühlte sich dadurch nicht behindert, im Gegenteil: Er begrüßte diese besondere Art von Munterkeit und Anspannung. Die Lebendigkeit dieser Empfindung brodelte in ihm und prickelte ihm in den Fingerspitzen., Die Messerklinge glitzerte, und die Spitze zielte nach der Kehle Cunninghams. Sofort ruckte er zur Seite, tanzte umher, paßte sich ganz dem Bewegungsmoment des Messers an. Es war fast, als werde sein Körper jetzt vom Unterbewußtsein gesteuert und als sei Johns be- wußtes Ich nur mehr ein in einem Traum befangener Beobachter. Als es erwachte, lag der alte Mann mit dem Gesicht nach unten auf der Matte, und das Messer ruhte in der Hand Cunninghams. Rafferty stand auf, verneigte sich und seufzte ein zu- friedenes »Gut«. Er war ganz offensichtlich erleichtert. »Ausgezeichnet. Weitere Beweise sind nicht notwen- dig. Sie sind all das, was ich aus Ihnen zu machen hoff- te. Das eben war wirklich gut. Hätte gar nicht besser sein können. Es gehörte sogar Mut dazu, meinen Bluff als solchen herauszufordern. Wirklich bemerkenswert.« Rafferty fielen keine weiteren Komplimente ein, und er strahlte noch immer übers ganze Gesicht. Er öffnete den Mund und schloß ihn dann wieder. Es war fast so, als begriffe er nur nach und nach, wie wenig Sinn es hatte, weiterhin in Lobeshymnen zu schwelgen. Er verbeugte sich erneut und hielt dann auf die Treppe zu. In dem Augenblick, als der alte Mann fort war, be- gannen die Knie Johns weich zu werden und zu zittern. Er ging in die Hocke, um seine Schwäche unter Kon- trolle zu bringen, und er sah Kate an. »Diesmal war es wirklich ernst, nicht wahr?« Kate lachte und schüttelte den Kopf. »Das glaube ich eigentlich nicht. Mein Vater ist nicht nur ein guter Aiki- do-Lehrer, sondern auch ein ausgezeichneter Schau- spieler. Aber das spielt keine Rolle. Du glaubtest dich tatsächlich bedroht, und du hast dich beherrscht. Mehr wollte Rafferty gar nicht wissen. Du warst wirklich gut, John.« »Danke. Ich bin froh, daß es so und nicht anders ge- schah. Dein Vater war nicht der einzige, der sich Ge- danken darüber machte, wie ich reagieren würde.«, »Dann braucht ihr euch jetzt beide keine Sorgen mehr zu machen.« »Ja, damit hast du vermutlich recht. Du warst ziem- lich lange fort. Ich habe mir schon Gedanken gemacht.« Kate deutete ein schiefes Lächeln an. »Nun, einer der Typen im Lager schnappte über und verknallte sich in mich. Ich hatte Mitleid mit ihm und blieb deshalb einige zusätzliche Tage dort.« »Ach.« John zwinkerte und war einige Sekunden lang ziemlich verwirrt. Es fiel ihm keine passende Antwort ein. »Habe ich hier irgend etwas verpaßt?« fragte Kate. »Du scheinst dir ja eine schöne Zeit gemacht zu ha- ben.« Kate sah ihn groß an. »Ja, es war recht nett. Und wie erging es dir?« »Oh, nicht schlecht.« »Ist irgend etwas Interessantes geschehen, während ich fort war?« »Eigentlich nicht.« »Also habe ich nichts verpaßt. Ich glaube, wir könn- ten jetzt beide eine Dusche gebrauchen. Kommst du mit?« »Ah - gern. Ich schätze, ich sollte mich wirklich wa- schen.« John folgte ihr in den Umkleideraum und drehte beide Duschen auf. Er trat unter das herabsprudelnde warme Wasser und fühlte sich anonym in den Dampf- schwaden. Kate hatte also jemand anderen gefunden. John kam sich ein wenig komisch vor, fast wie vor den Kopf ge- stoßen. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, viel- leicht einmal einen Rivalen zu haben. Nun war es zu spät. Was, zum Teufel, hatte er falsch gemacht? Kate hätte ihm doch wenigstens eine zweite Chance geben können. John erachtete Frauen als ziemlich schwierige Geschöpfe. Und mit plötzlichem Bedauern begriff er,, daß er Kate nie etwas von seinen Empfindungen ihr ge- genüber gesagt hatte. Er wischte sich das Wasser aus den Augen und beobachtete sie unter der angrenzen- den Dusche. Kate war einfach herrlich. Seltsam, daß er sie zuvor nicht so gesehen hatte wie jetzt. Ihre schlanke Muskulatur hatte eine intensive erotische Ausstrah- lungskraft. John war zuerst fertig und trocknete sich ab, als Kate unter der Dusche hervortrat. Er starrte eine Zeitlang an die Wand und überlegte, ob er ihr irgend etwas sagen sollte. Schließlich holte er tief Luft. »Kate.« Er wandte sich zu ihr um. Sie rieb sich das Haar trocken. Eigentlich war dies nicht der geeignete Zeitpunkt für ein Ge- spräch, aber John machte keinen Rückzieher. »Weißt du eigentlich, daß du mir ziemlich viel bedeutest?« Sie spähte unter dem Handtuch hervor und musterte ihn überrascht. »Ich meine«, fügte John rasch hinzu, »ich mag dich sehr.« Sie rührte sich nicht. »Ich ebenfalls.« John drehte sich wieder zur Wand um und griff nach seiner Hose. Ihre Stimme hatte nicht abfällig oder ab- weisend geklungen, aber ... Himmel, was für eine Antwort hatte er denn von ihr erwartet? Was konnte sie unter solchen Umständen erwidern? Irgend etwas mußte sie ja sagen. Natürlich mochte sie ihn. Sie waren Freunde. Sie hatten sogar einmal miteinander geschla- fen. Und was sonst noch? John zog sich langsam und zögernd an. Kate ließ das Handtuch sinken und nahm nackt auf der nahen Bank Platz. »Wenn du mir etwas sagen möchtest«, hörte John ihre sanfte Stimme, »so wünschte ich, du könntest dich jetzt dazu entschließen.« »Ich schätze, ich habe eben gerade überlegt, ob unsere intime Beziehung auf eine Nacht beschränkt bleiben muß.« »Nicht unbedingt.«, »Oh.« John wandte sich der jungen Frau zu. Kate wirkte fast verletzlich und hilflos - und offenbarte damit einen Aspekt ihres Wesens, den er zuvor noch nie an ihr beobachtet hatte. »Nun, ich .ah .ich hoffte, du würdest noch einmal zu mir kommen.« »Du hast wirklich gewartet, nicht wahr? Weißt du, du hättest etwas sagen - oder noch besser: etwas tun - können. Warum muß ich mich nur immer mit passiven Männern auseinandersetzen? Du bist doch nicht ans Bett gefesselt. Es steht dir vielmehr frei, dich so zu be- wegen, wie du möchtest. Mein Zimmer befindet sich nur zwei Türen weiter. Und ich schließe mich nicht ein.« »Oh.« John kam sich ziemlich einfältig vor. Warum fühlte er sich in der Gegenwart Kates nur immer so un- beholfen? »Dann sehen wir uns also vielleicht heute abend.« »Einverstanden.« Sie lächelten sich an, und John eilte die Treppe hoch. Als er durch den Korridor in Richtung seines Zimmers schritt, duckte er sich plötzlich, weil er irgendeine Ge- fahr spürte. Der Bambusstock sauste über ihn hinweg und verfehlte ihn. In der folgenden Nacht hielten sich John und Kate, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, noch eine ganze Weile im Arm. »Kate«, flüsterte Cunningham, »ich glaube fast, ich liebe dich.« Sie schmiegte sich an ihn. »Ich glaube, das brauchst du mir nicht zu sagen, John. Es ist wirklich nett von dir, aber ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll.« Sie schwieg eine Weile und fügte dann hinzu: »Ich mache mir Sorgen. Es ist nicht etwa so, daß wir uns ir- gendwo begegneten, die Wahl hatten und für uns ent- schieden. Seit zwei Jahren bin ich die einzige Frau in deiner Nähe. Bald wirst du andere kennenlernen. Ich glaube, ich kann es mir deshalb nicht leisten, mich in dich zu verlieben.«, John fürchtete, sie könnte recht haben, und er gab keine Antwort. »Vater sagte mir, daß dir morgen der Test in der Kir- che bevorsteht«, raunte Kate ihm zu. »Viel Glück.« Er gab ihr einen Kuß auf die Stirn, und sie schlief in seinen Armen ein. Vorsichtig schob er sich von ihr fort und drehte sich auf die Seite. Er fühlte sich sehr allein. Stimmte das, was Kate ihm gesagt hatte? Na schön, er liebte sie also nicht. Aber ihm lag viel an ihr, sehr viel. Hatte er jemals geliebt? Ver- mutlich nicht. Vielleicht wußte er nicht einmal, was das bedeutete. Wie fühlte es sich an, zu lieben? Cunning- ham schlief ein, ohne eine Antwort auf diese Frage zu finden. Leutnant Bruno Hackman saß vor einem Nebenschirm der einen Kilometer östlich der Kirche gelegenen Ein- satzzentrale. Die bisher eingetroffenen Renegaten wa- ren bereits an früheren Abenden identifiziert worden, und deshalb blendete Op die entsprechenden Kennun- gen sofort ein. Hackman warf dem stellvertretenden Kommandeur Fiske an der Hauptkonsole einen kurzen Blick zu. Kommandeur Washington hatte auf der Alar- mierung der Gruppe Hackmans bestanden und ihn ge- beten, auf Fiske zu achten. Bisher jedoch war Hackman durchaus mit dem Einsatzleiter zufrieden. Das Wiesel - diesen Spitznamen trug Fiske - war ein häßlicher Mist- kerl und keine sonderlich angenehme Gesellschaft, aber andererseits wußte er, wie man derartige Unternehmen plante und leitete. In den Wohnungen der bisher identi- fizierten Renegaten waren Polizeifallen vorbereitet worden. Und an diesem Abend würden Hackman und seine Leute einem gewissen Elroy ins Lager des Wider- standes folgen. Wenn Fiske den unmittelbaren Einsatz- befehl gab, würde in der folgenden Nacht viel Blut flie- ßen. Sergeant Roger Wollensky berührte Hackman an der, Schulter. Daraufhin drehte sich der Leutnant um. »Was ist denn?« »Sehen Sie sich die drei Typen da an«, flüsterte Wol- lensky in drängendem Tonfall. Auf dem Schirm waren ein alter Mann und ein junges Pärchen zu sehen, und Op blendete keine Kennungen ein. Hackman hielt den Atem an. Er glaubte plötzlich, eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben ... »Irgendwo habe ich sie schon einmal gesehen«, sagte Wollensky. Hackman nickte. Auch er hatte dieses Gefühl, konnte sich jedoch nicht recht entsinnen. Op hatte die drei Per- sonen noch immer nicht identifiziert. Warum diese Ver- zögerung? Kurz darauf zeichnete sich in einem Bildschirmfenster eine Darstellung des jüngeren Mannes ab, und darunter leuchteten Buchstaben und Ziffern: JOHN CUNNING-HAM, HS, 151-38-5890, RENEGAT, WEGEN MORDES GE-SUCHT. Cunningham? O Himmel! War das denn möglich? Der Mann sah anders aus, und doch wirkte er irgendwie vertraut. Nein, es konnte kein Irrtum sein. Und natür- lich ergab es einen Sinn. Wann? Vor zwei Jahren ... Die großangelegte Suche nach diesem Renegaten ... »Jetzt weiß ich, wo ich den alten Mann schon einmal gesehen habe«, zischte Wollensky und sprang auf. Er wandte sich um und griff hart nach der Schulter Hack- mans. »Erinnern Sie sich noch an die Fahndung nach Cunningham? Der alte Mann war in dem Haus, ganz allein. Ich wußte doch, daß damals nicht alles mit rech- ten Dingen zuging. Ich wußte es!« »Wurde der alte Mann verhört?« »Von Ihnen. Erinnern Sie sich nicht mehr? Sie mein- ten, er sei auf unserer Seite. Er erzählte irgend etwas von Leuten, die im Wald spazierengingen und Vögel beobachteten. Ja, ich bin ganz sicher.« Nach und nach formte das Gedächtnis Hackmans ein, bestimmtes Erinnerungsbild, und plötzlich wurde ihm heiß. Alle anderen Angehörigen des Haushaltes hatten angeblich einen Spaziergang gemacht. Und da war nur dieser nette alte Mann gewesen. Rogers Worte entspra- chen der Wahrheit. Irgendwie hatten sie damals die Sa- che verpatzt. Hackman setzte sich mit Op in Verbindung und bat um eine vergrößerte Darstellung des alten Mannes auf dem Schirm. Ja, das Gesicht wirkte vertraut. »Entsinnen Sie sich noch an das Haus oder den ent- sprechenden Wohnblock?« fragte er Wollensky. »Nein, aber wir könnten uns die damals angefertigten Aufzeichnungen ansehen. Wenn ich mich noch einmal mit den Überprüfungen des dritten oder vierten Tages befasse, müßte ich mich eigentlich an das Haus erinnern können.« »In Ordnung. Nehmen Sie sich einen Wagen und machen Sie sich an die Arbeit! Wenn Sie das Haus ge- funden haben, richten Sie dort eine Beobachtungsstelle ein.« Hackman sah dem Sergeanten nach und blickte dann wieder auf den Schirm, auf dem sich noch immer das Gesicht des alten Mannes abzeichnete. Himmel, was war damals geschehen? Irgendwie hatte er Mist ge- macht, und wenn die Sache schlecht lief, mußte er da- mit rechnen, dafür zur Verantwortung gezogen zu wer- den. Sicher, Roger würde diesen Fehler bestimmt nicht gegen ihn verwenden; dafür hatten sie zu viel gemein- sam durchgemacht. Nun, aber er mußte trotzdem vor- sichtig sein. Es war immer gefährlich, jemandem zu sehr zu vertrauen. Kate, John und Rafferty betraten die Kirche, eilten durch den Korridor und erreichten kurz darauf eine Treppe. Unten schloß sich ein breiter Gang mit offenen Türen in den Wänden an. Hinter ihnen war ein Tor geschlos- sen. Sie warteten., Eine mit einem Blaster bewaffnete Frau trat durch die Tür rechts von ihnen. »Hallo, Kate.« »Hallo, Susan.« Die Frau starrte Rafferty an. »Ist das dein Vater?« »Ja. Vater - eine meiner Schülerinnen.« Rafferty nickte, aber der Blaster zielte nach wie vor auf ihn. »Und dein anderer Begleiter?« »Ein Gäste-Sensei. Ich verbürge mich für ihn.« »Na schön, wie du meinst.« Susan ließ die Waffe sin- ken und verneigte sich. »Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Rafferty, und es ist mir eine Ehre. Ich be- daure es sehr, Sie bei Ihren vorherigen Besuchen ver- paßt zu haben.« Sie hörten, wie sich die Außentür öffnete und dann wieder schloß. »Sie sollten besser hereinkommen«, sag- te Susan und glitt geschmeidig ins Halbdunkel zurück. Die Tür voraus führte in einen Umkleideraum, und niemand hielt sich dort auf. »Ist es jetzt nicht ein wenig zu spät dazu, Identitäten zu überprüfen?« fragte John. »Von dem Augenblick an, als wir die Kirche betraten, war die ganze Zeit über ein Laser auf uns gerichtet«, er- klärte Kate. »Mach dir keine Sorgen. Die Leute hier wis- sen genau, was sie tun. Zieh dir deinen Gi an!« Zwei Männer kamen ins Zimmer, und Kate nickte ih- nen zu. Dann kleideten sie sich schweigend an. John trug sein Hakama und einen schwarzen Gürtel, den er von Rafferty erhalten hatte. Er wurde ganz so präsentiert, als sei er ein erfahrener Aikido-Kämpfer. Sie wollten mit dem vierfachen Angriff - dem eigentli- chen Test - beginnen, und anschließend sollte John die Klasse unterrichten. Vorausgesetzt natürlich, er über- stand die Vierer-Attacke. Wenn nicht, mochte es sehr unangenehm für ihn werden. John wünschte sich, er hätte sich irgendwie vorbereiten können., Im nächsten Raum lag eine Matte, die mindestens doppelt so groß war wie die im Kellergeschoß des Hau- ses Raffertys. Hier waren einige Schüler anwesend, und ihre Kleidung reichte von normalen Trainingsanzügen bis hin zu in Eigenarbeit entstandenen Gis. Alle Blicke richteten sich auf sie, als sie eintraten. Zwei Schüler er- hoben sich und kamen auf sie zu. »Kate«, sagte der eine, »wir haben Schwierigkeiten. Könnten wir darüber mit Ihnen sprechen?« »Sicher, Jamie. Ziehen wir uns an die Wand zurück. Sie kennen meinen Vater doch schon, oder? Und dies hier ist John Cunningham, ein weiterer Aikido-Lehrer. Ich schätze, sie sollten Bescheid wissen.« »Wie Sie meinen.« Sie knieten sich im Kreis nieder. »Elroy hier hat ein Problem«, erklärte Jamie. »Als er heute morgen draußen war, suchte die Polizei nach ihm. Ganz offensichtlich gibt es einen Haftbefehl für ihn. Er muß also untertauchen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ihn ins Lager bringen oder an einem anderen sicheren Ort verstecken könnten.« »Warum nicht?« Kate musterte Elroy. »Haben Sie eine Ahnung, warum man nach Ihnen sucht?« »Nein, nicht die geringste.« »Sie machen einen recht nervösen Eindruck«, sagte Kate. »Der täuscht auch nicht.« Kate nickte verständnisvoll. »Jamie, ist das nicht die Art von Problem, um die sich normalerweise Ron küm- mert?« »Ja, aber Erny ist fast sicher, daß Ron heute abend nicht kommt. Und ich kann Elroy nicht hierbehalten.« Erneut wandte sich Kate dem von der Polizei Gesuch- ten zu. »Besteht die Möglichkeit, daß Sie beschattet werden? Woher wissen Sie überhaupt von der Fahn- dung nach Ihnen?« »Ein Freund gab mir Bescheid. Und ich glaube, die, Polizei weiß nicht, wo ich mich gegenwärtig aufhal- te.« »In Ordnung. Sie können heute abend mit uns kom- men.« Als John und Rafferty fortgingen, flüsterte der alte Mann: »Elroy ist ganz außer sich vor Angst. Irgend et- was stimmt nicht.« John hatte während der kurzen Unterredung eben- falls dumpfe Sorge verspürt, aber nicht sonderlich dar- auf geachtet. Vielleicht war ihm Elroy einfach nur un- sympathisch. Cunningham zählte rund zwanzig Schüler in dem Ubungsraum. Innerhalb einiger weniger Minuten ka- men weitere fünf hinzu, und Kate klatschte mit den Händen. Rasch bezogen sie in zwei Reihen Aufstellung und knieten sich auf die Matte. Die junge Frau trat auf ihre Schüler zu und verneigte sich vor ihnen. »Wie Sie bereits bemerkt haben, bin ich heute abend nicht allein gekommen. Das dort ist mein Vater Wins- low, und der andere Mann, John, ist ein Freund von uns, ebenfalls ein Sensei. Nachdem wir uns aufgewärmt haben, werde ich John bitten, den heutigen Unterricht zu übernehmen. Er hat uns gegenüber den Wunsch ausgesprochen, mit einer Vierer-Attacke konfrontiert zu werden - vielleicht deshalb, weil er herausfinden möch- te, wieviel Sie bereits gelernt haben. Diejenigen, die da- für ausgewählt werden, sollten also ihr Bestes geben.« Sie nahm Platz. »Lassen Sie uns jetzt beginnen!« Zusammen mit ihrer Gruppe führte Kate die routi- nemäßigen Streckübungen durch. John spürte, wie er immer wieder aus den Augenwinkeln gemustert wur- de. Er mußte jetzt nicht nur den Vierer-Angriff überste- hen, sondern stand auch zum erstenmal vor der Aufga- be, eine Aikido-Klasse zu unterrichten. Er hatte Todes- angst ausgestanden und überwunden, aber er fühlte sich noch immer recht unsicher. »John, Sensei.« Damit war er an der Reihe., »Kate«, sagte er und stand auf. »Wähl bitte vier deiner Schüler für den Angriff aus.« Er kniete sich vor ihnen nieder, während die junge Frau ihre vier besten Schüler bestimmte und sie links von ihm in einer Reihe Aufstellung beziehen ließ. Es waren große und athletisch gebaute Männer, und sie machten einen ziemlich gefährlichen und entschlosse- nen Eindruck. Cunningham hatte das Gefühl, daß ihm ein sehr schwieriger Kampf bevorstand. »Entschuldigen Sie, John«, sagte Rafferty und kam heran, »ich glaube, Sie sollten vor der Vierer-Attacke ausreichend Gelegenheit haben, richtig warm zu wer- den. Außerdem würde ich den Schülern gern die Mög- lichkeit geben, sich ein Bild von Ihren Qualitäten zu ma- chen, und bei einem von mehreren Personen durchge- führten Angriff geht alles so schnell, daß man kaum et- was richtig sieht.« Er wandte sich seiner Tochter zu, und seine Stimme klang ganz normal und ruhig, als er hinzufügte: »Wer ist dein bester Schüler?« »Vermutlich Justin, oder auch Shawn.« Sie deutete auf die beiden Männer, die zu denen gehörten, die sie zuvor ausgewählt hatte. »Na schön. Shawn, greifen Sie John nach Belieben an und geben Sie ihm die Möglichkeit, locker zu werden.« Rafferty trat zur Seite und kniete sich auf den Boden. John war überrascht, denn von einem Zweikampf war zuvor nicht die Rede gewesen. Aber es schien ihm eine gute Idee zu sein. Sein Gegner war gut dreißig Jahre alt, hatte einen hohen Haaransatz und jene Art von vorste- hendem Kinn, das für Helden typisch zu sein schien. Er zeichnete sich durch eine ausgesprochen athletische Statur aus. Die beiden Kontrahenten standen auf und verneigten sich. Und unmittelbar darauf ging Shawn zum Angriff über. John wich ganz automatisch zur Seite aus und ent- schied sich für Kotegaeshi. Nichts. Seine Hände blieben leer. Er hatte in die Luft gegriffen. Mist auch, er begann, zu schwitzen. Shawn drehte sich und holte erneut aus. John duckte sich und führte ein rasches Kaitennage durch. Diesmal klappte es, aber er hatte ein komisches Gefühl dabei. Außerdem hatte John noch niemals je- manden auf die Matte geworfen, der so schwer war wie sein derzeitiger Gegner. Er kam sich recht unbeholfen vor, und alle seinen Bewegungen fühlten sich irgendwie steif an. Seine Griffe schienen sich in erster Linie auf Kraft zu gründen und nicht die Eleganz des Aikido. Er bemerkte sogar, daß er kurzatmig wurde - eine schiere Absurdität. Nach einer Weile akzeptierte Cunningham das Offensichtliche und gestand sich ein, daß er Lam- penfieber hatte und völlig verkrampft war. Er ent- spannte sich. Zum Glück hatte Wins diese Vorbereitung vorgeschlagen. John holte tief Luft und spürte sofort, wie es ihm dar- aufhin besser ging. Allmählich fand er sogar Gefallen an der Sache. Der Angreifer verfügte nicht über die ge- schickte Gelenkigkeit Kates, aber er erwies sich als recht mutig. Immer wieder prallte er schwer auf die Matte, sprang aber sofort wieder auf und griff erneut an. Ganz bewußt veränderte John seine Technik. Er wollte der Klasse eine gute Show liefern, das Publikum auf seine Kosten kommen lassen. Nach einer Weile wurde Shawn allmählich langsamer und schnappte nach Luft. John war ebenfalls ziemlich erschöpft, und er fragte sich, wann Wins den Kampf für beendet erklären wollte. »Das reicht«, sagte Rafferty schließlich. Die beiden Kontrahenten ließen voneinander ab, knieten sich nieder und verneigten sich. John konzen- trierte sich auf seinen Atemrhythmus und versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht blieben ihm nur einige we- nige Sekunden Zeit, bis er den Vierer-Angriff bewälti- gen mußte. »Bitte zeigen Sie jetzt, was Sie können, Justin«, sagte Rafferty., Ein gut zwanzig Jahre alter Mann trat vor und ver- beugte sich. John zwang sich dazu, ebenfalls auf diese Weise zu grüßen. Was, zum Teufel, ging hier vor? Cun- ningham kämpfte gegen seinen Unglauben an, kam rasch in die Höhe und wich dem Angriff aus. Er war zornig auf Rafferty. Was für ein Spielchen der alte Mann auch mit ihm trieb - John fand es gar nicht komisch. Wins wußte doch, wie wichtig der Test für ihn war. Ein Teil der Wut Johns setzte sich in seine Griffe und Würfe um. Justin wurde des öfteren ziemlich wuchtig auf die Matte geschleudert, und jedesmal brauchte er etwas länger, um sich davon zu erholen und wieder aufzuste- hen. Aber die Kraft Cunninghams ließ nun ebenfalls rasch nach. Beim nächsten Angriff unterlief ihm ein Fehler, er machte ihn aber mit einem Hüftwurf wieder gut. Justin landete erneut auf der Matte und stöhnte schmerzerfüllt. Einige Sekunden lang blieb der junge Mann steif liegen und rollte sich dann langsam auf die Knie. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« fragte Rafferty. Justin nickte. »Ich glaube, Sie haben jetzt genug. Sie sollten sich zu- rückziehen und ausruhen. Kate, nimm du seine Stelle ein!« John verbeugte sich vor Justin, dann vor Kate - und der Alptraum begann von vorn. Manchmal zitterte er geradezu vor Erschöpfung und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. An die Vierer-Attacke ver- schwendete er nun keinen Gedanken mehr. Es kam ihm nur noch darauf an, nicht vor der Schülergruppe Kates schlappzumachen. Der Kampf dauerte eine Ewigkeit. Als Kate langsamer wurde, erklang erneut die Stimme Raffertys, und sie hörte sich amüsiert an. »Laß nicht nach! Greif erneut an, noch schneller! Das ist die Strafe für Faulheit, Töchterchen. Los, noch einmal!« Es vergingen einige weitere Minuten, bevor der alte Mann die Begegnung für beendet erklärte., John und Kate knieten sich voreinander zu Boden, und sie atmeten keuchend, als sie sich voreinander ver- neigten. »So, und jetzt können alle eine Zeitlang verschnau- fen«, sagte Rafferty und stand auf. »Kate, ruh dich aus! Den Vierer-Angriff überlassen wir deinen Schülern.« John zwinkerte mehrmals. Bedeutete das etwa, daß von ihm erwartet wurde, jetzt noch mit der Vierer-At- tacke fertigzuwerden? Ausgeschlossen. Schlichtweg unmöglich. Himmel! Es war einfach nicht fair. Dem Test kam solche Bedeutung zu. Und inzwischen war er erle- digt. Rafferty trat auf ihn zu, kniete sich neben ihm zu Bo- den und flüsterte ihm ins Ohr: »Jetzt stoßen wir zum Kern der Sache vor, John. Wir werden herausfinden, wer und was Sie sind. Seien Sie mutig und akzeptieren Sie das, was nun auf Sie zukommt. Viel Glück. Bleiben Sie immer in Bewegung - dann schaffen Sie es.« Der alte Mistkerl meinte es ernst. John hatte das Ge- fühl, daß er sich überhaupt nicht mehr bewegen konnte - und wenn er daran dachte, gleich mit vier Angreifern gleichzeitig fertigwerden zu müssen, wurde ihm schlecht. Es hatte einfach keinen Sinn, jetzt weiterzu- machen. Auf seinem Leib lastete das schwere Gewicht der Erschöpfung. Inzwischen hatten alle anderen wie- der Aufstellung bezogen, und die vier Männer warteten auf ihn, darauf, daß er sich verbeugte. Alles war bereit. John atmete tief und versuchte, sich einen Sauerstoff- vorrat anzulegen. Er empfand das Warten als unerträg- lich. Er wollte anfangen und es endlich hinter sich brin- gen. Irgendwoher würde er schon die Kraft nehmen. Aber was, wenn ihm das nicht gelang? Was, wenn die vier Männer ihn angriffen und er sich nicht von der Stelle rühren konnte? John bebte innerlich. Nein, er durfte nicht aufgeben. Und es hatte jetzt auch keinen Sinn, die Ungerechtigkeit eines solchen Tests zu bekla- gen. Wohin war sein Selbstvertrauen verschwunden?, John erinnerte sich daran, wie Kate ihn während der Meditation gefilmt hatte, an seinen eigenen Anblick da- bei. Die vier Männer, die ihn gleich angreifen würden, machten sich inzwischen vor Angst sicher fast in die Hosen. Ja, bestimmt zitterten sie innerlich wie Espen- laub. Er würde sie wie Insekten zermalmen. Es kam nur darauf an, sich unmittelbar nach dem Verbeugen so schnell wie möglich zu bewegen. Zuerst den Mann rechts erledigen. John empfand einen letzten Hauch von Panik, als er fühlte, wie er sich verneigte. Dann sauste er los, zwang seine Beine dazu, sich zu bewegen und wandte sich nach rechts. Die vier Angrei- fer sprangen wie ein Mann auf die Stelle zu, an der John eben noch gestanden hatte, aber ihre einheitliche For- mation löste sich auf, als sie ihn verfolgten. Cunning- ham hatte nun das Ende der Reihe erreicht, und jetzt konnten sie ihn nur noch einzeln attackieren. Er wich einem ungeschickten Hieb aus und schleuderte den Angreifer den anderen Gegnern entgegen. Sie spran- gen zur Seite. Erneut wandte sich John nach rechts. Ei- nige Hände streckten sich ihm entgegen. Er ergriff eine, zerrte daran und duckte sich. Anstatt geradewegs auf die Matte zu stürzen, fiel der Mann zur Seite und brachte dadurch einen weiteren Angreifer zu Fall. John sah nur einige diffuse Farbschlieren, während er einen weiteren Gegner fortwirbelte. Eine Faust näherte sich wie in Zeitlupe seinem Gesicht. Er neigte den Kopf zur Seite und rammte dem Mann die Schulter unters Kinn. Der Schädel des Kontrahenten ruckte nach hinten, und der Gegner stürzte zu Boden. Der Angreifer, der noch immer auf den Beinen war, eilte heran. John trat einfach einen Schritt beiseite und versetzte dem Mann einen ra- schen Schlag an den Halsansatz. Es klatschte, als der Betreffende der Länge nach auf die Matte fiel. Einer der zu Boden gegangenen Angreifer war schon wieder auf den Beinen und griff erneut an. John wandte sich ihm zu. Er erinnerte sich daran, daß es darauf an-, kam, sie nacheinander auszuschalten. Einen echten Vie- rer-Angriff durfte er nicht zulassen. John entging dem Schlag, tänzelte an dem ausgestreckten Arm vorbei, griff nach den Schultern und warf den Mann hart zu Boden. Unterdessen näherten sich ihm zwei der ande- ren Gegner. Er eilte auf den Rand der Matte zu, griff nach einer Hand und verfehlte sie. Nicht weiter schlimm; er mußte nur in Bewegung bleiben. Um die beiden Männer herum. John fühlte sich schwindelig, so als drohe er das Bewußtsein zu verlieren. Er spürte tiefe Erschöpfung in sich, und eisige Klauen kratzten an der Peripherie seines Willens, wollten ihn betäuben. Sein Ich setzte sich gellend zur Wehr und zwang ihm Kraft in Arme und Beine. Ein dritter Mann versperrte ihm den Weg und wartete geduckt auf ihn. John verharrte und wirbelte um die eigene Achse. Er war umzingelt. Er nahm sich vor, sich zu ducken und die einzelnen An- greifer gegeneinander prallen zu lassen. Aber sie näher- ten sich ihm langsam und sehr vorsichtig, und damit saß er in der Falle. Eine Faust zielte nach seinem Ge- sicht, und er neigte den Kopf und spürte, wie ihm Knö- chel über die eine Wange schabten. Ein Arm legte sich ihm um den Hals, und damit war er gerettet. Er hielt ihn fest, beugte sich zur Matte nieder und schleuderte den Mann gegen den Angreifer weiter vorn. Von links her kam eine Hand heran. John blockierte den Schlag, griff zu, zerrte und zwang den Mann auf die Matte. Aber schon griff ihn der nächste an. Mit wachsender Verbitterung machte sich John klar, daß der Kampf eine Ewigkeit dauern würde. Der eiserne Wille würde ver- hindern, daß er das Bewußtsein verlor, und er hatte die feste und unerschütterliche Absicht, weiterhin Faust- hieben auszuweichen, Hände und Arme zu drehen, Schmerzensschreie zu hören und menschliche Lasten auf die Matte zu werfen. Und doch hatte er das Gefühl, daß irgend etwas anders geworden war. Seine Erschöp- fung nahm zwar immer mehr zu, belastete ihn gleich-, zeitig aber weniger. Seine Aufgabe bestand nur darin, den Angriffen auszuweichen. Etwas anderes war nicht erforderlich. Und er begriff, daß er Zeit hatte. Alle Zeit der Welt. John fühlte sich unendlich ruhig und gelassen und abgeklärt. Er bewegte sich, warf einen Gegner zu Boden und nahm sich dann den nächsten vor. Er spür- te, daß er lächelte, und in der Leere in ihm wehte ein sanfter, belebender Luftzug. Er bewegte sich effizient und präzise wie eine Maschine, verschwendete keine Kraft. Er konnte die Art eines jeden Angriffs im voraus deutlich erkennen. Und immer wich er rechtzeitig und gerade weit genug aus - und anschließend schien der jeweilige Gegner von unsichtbaren Händen gepackt und auf die Matte geschleudert zu werden. Jemand rief etwas, und plötzlich war er allein. Stille herrschte. Die vier Angreifer stellten sich in einer Reihe auf und verbeugten sich. Sie wirkten sehr erschöpft. John kniete sich vor ihnen nieder und verneigte sich ebenfalls, woraufhin die vier Männer aufstanden und sich wieder der wartenden Gruppe hinzugesellten. Da- bei erhob sich jemand aus der letzten Reihe, der Mann namens Elroy. Er sah sehr verwirrt und erschrocken aus, und sein Gesicht war ganz weiß. Seine Lippen be- wegten sich, aber John vernahm keinen Ton. Irgend et- was war völlig verkehrt. Nur einige wenige Schüler wurden auf Elroy auf- merksam, und aus irgendeinem Grund war es wichtig, die anderen abzulenken. John mußte ihre Aufmerk- samkeit an sich fesseln. Um Elroy würde sich jemand anders kümmern, zum Beispiel Kate ... Ja, sie hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Als sie sich Elroy näherte, hielt er den Zeigefinger vor die Lippen und bat damit um Ruhe. Er schlang die Arme um Kate und hielt sie fest, während er stumm schluchzte. Die ganze Klasse beobachtete ihn. John stemmte sich in die Höhe. »Ich glaube, wir soll-, ten heute abend mit Ikkyo beginnen.« Widerstrebend konzentrierte sich die Klasse auf ihn. Cunningham wählte eine Frau aus der vordersten Reihe und führte die erste Demonstration durch. Hinten half Kate Elroy in den Umkleideraum. Rafferty folgte ihnen. John war erschüttert von dem, was er gerade gesehen hatte, aber er ließ sich nichts davon anmerken. Erneut zeigte er seinen Schülern, wie man sich bei Ikkyo beweg- te, und ruhig forderte er die Klasse dazu auf, sich Part- ner für die Übungen zu suchen. Als die Männer und Frauen daraufhin mit sich selbst beschäftigt waren, ver- flüchtigte sich das Lächeln Johns. Warum hatte Elroy den Zeigefinger auf die Lippen gepreßt? Man hätte fast meinen können, als befürchtete er, die Wände seien Lauscher in Diensten der Polizei. Cunningham stand vor der Klasse, und er schauderte und fühlte sich über- flüssig. Dann beobachtete er seine Schüler, die einige ganz of- fensichtliche Fehler machten. Er begann seine Runde und machte da und dort Verbesserungsvorschläge. Er empfand es als angenehm, wieder von Menschen um- ringt zu sein. Zuvor hatte er befürchtet, er könne nervös werden, aber nach dem bestandenen Test machte ihm all das nichts mehr aus. Einige der Frauen musterten ihn mit ungewöhnlich freundlichen Blicken. Nach einer Weile kehrten Kate und Rafferty mit Elroy aus dem Umkleideraum zurück. Sie hockten sich an der Wand nieder und tauschten immer wieder schriftliche Mitteilungen aus. Irgend etwas an Ihrem Verhalten ließ es John angeraten erscheinen, ihnen keine Beachtung zu schenken. Cunningham fuhr damit fort, die Klasse zu unterrich- ten, so gut, wie er das allein vermochte. Es fiel ihm nicht leicht, Bewegungstechniken mit Ukes zu demonstrieren, die er nicht kannte. Manche von ihnen hatten das Fallen noch nicht richtig gelernt, und er mußte auf der Hut sein, um sie nicht zu verletzen. Manchmal hatte es ge-, radewegs den Anschein, als brächten sie sich gegensei- tig um. Aber er, John, hatte überlebt. Und so würden sie es vermutlich ebenfalls schaffen. Nach und nach dachte er immer weniger an Elroy. Rafferty und Kate schienen überhaupt nicht besorgt zu sein. Also vermutlich fal- scher Alarm. Nikkyo, Sankyo, Yonkyo - John gefiel die neue Rolle als Lehrer. Nach einer Weile schlang plötzlich jemand von hinten den Arm um ihn: Kate. »Herzlichen Glückwunsch«, flüsterte sie. John drehte sich um und umarmte sie. »Danke. Ist das immer so üblich?« »Meinst du die bewußte Erschöpfung des Prüflings?« »Genau.« »Ja. Es handelt sich nicht um einen Test der Geschick- lichkeit. Die ist zu jenem Zeitpunkt bereits vorhanden; andernfalls würde der Lehrer die Prüfung gar nicht an- beraumen. Nein, es geht vielmehr um einen Test des Temperaments und der inneren Einstellung.« »Du hättest mich vorwarnen können.« »Was hätte dir das schon genützt? Ich wurde eben- falls überrascht.« »Was ist mit Elroy?« fragte John. Kate lächelte noch immer fröhlich, als sie erwiderte: »Er hat gesungen. Diese Gruppe wird schon seit einer Woche beobachtet. Wir sind von Polizisten und Senso- ren umgeben.« John erstarrte und wußte nicht so recht, ob er ihr glauben sollte. Ihre Stimme klang so, als erzählte sie eine kuriose Geschichte. Kates Lächeln verflüchtigte sich nicht. »Elroy meinte, er trägt einen Sender in sich, der Ton überträgt. Deshalb haben wir uns eben schriftlich verständigt. Die Polizei erwartet von ihm, daß er sie ins zentrale Lager führt. Wir sind in großen Schwierigkeiten. Aber sag nieman- dem etwas davon. Ich halte dich auf dem laufenden., Und schau nicht so entsetzt drein. Noch haben sie uns nicht erwischt. Wir sind so lange sicher, wie die Polizei glaubt, Elroy würde ihnen das Renegatenlager zeigen. Lächle ein wenig!« Kate machte Anstalten, sich von ihm abzuwenden, drehte sich dann aber noch einmal um und zog den Kopf Johns zu sich herunter. »Achte auch dann auf deine Worte, wenn du nicht in der Nähe von uns dreien bist. Bestimmt gibt es hier versteckte Mikrofone. Die Po- lizei hört uns zu.« Sie strich ihm durchs Haar und nahm neben Elroy Platz. John rang sich ein Lächeln ab und fuhr mit dem Un- terricht fort. Alle paar Minuten stand Kate auf, nahm den einen oder anderen ihrer Schüler beiseite und flüsterte ihm rasch etwas zu. Nach den Unterweisungen jubelten die Männer und Frauen lautstark und kamen damit der Bitte der jungen Frau nach. Rafferty schritt heran, um sich mit einer Verbeugung von den Schülern zu verabschieden. Er musterte sie nacheinander. »Es war nett, Sie alle wiederzusehen.« Eine bedeutungsvolle Pause. »Geben Sie gut auf sich acht!« Noch ein zuversichtliches und aufmunterndes Nicken von Rafferty - dann gingen sie auseinander. Kate nahm John beiseite. »Wir gehen mit Elroy. Wäh- rend der ersten zwanzig Minuten verhalten wir uns ganz normal. Dann versuchen wir, uns in Sicherheit zu bringen. Vermutlich müssen wir mit Verfolgern rech- nen. Halte die Augen offen! Du bleibst bei Vater, wenn ich mich auf und davon mache.« Es blieb John keine Zeit, Fragen zu stellen. Er zog sich rasch an. Als er fertig war, flüsterte ihm Rafferty ins Ohr: »Die Lichtung, auf der wir am ersten Tag unserer Bekanntschaft zurückblieben - sind Sie bei Ihren mor- gendlichen Läufen jemals dorthin zurückgekehrt?« John nickte. »Das ist der Treffpunkt, wenn mir etwas zustoßen, sollte. Aber wenden Sie sich erst dann in die entspre- chende Richtung, wenn Sie ganz sicher sind, mögliche Verfolger abgeschüttelt zu haben.« Sie warteten, bis die letzten Schüler den Raum verlas- sen hatten, und dann schoben sie sich durch die Tür, El- roy zwischen sich eingezwängt. Sie hielten sich im Schatten und folgten dem Verlauf einiger Gassen. Ei- nige Male blieb Kate kurz zurück, um festzustellen, ob sich jemand an ihre Fersen heftete, aber sie bemerkte nichts Ungewöhnliches. Elroy hielt sich zwischen Raf- ferty und John, und die drei Männer wanderten dicht hintereinander. Einmal drehte sich John nach Kate um und stieß gegen Elroy. Rafferty war stehengeblieben. Er bückte sich und streichelte eine Katze. Er hob sie hoch und reichte sie John. Nach einigen weiteren Minuten erreichten sie den Wald. Hier wandte sich Kate sofort nach Süden und lief los. John sah ihr mit gemischten Gefühlen nach. Was, zum Teufel, ging eigentlich vor? Rafferty und Elroy marschierten unterdessen nach Norden. John beeilte sich, um zu ihnen aufzuschließen. Die Zeit verstrich. Nach einer Weile drehte sich Raf- ferty um und hob stumm die Hand. Er deutete auf eine Stelle am Boden und half Elroy dabei, sich auf den Rük- ken zu legen und lang auszustrecken. Der alte Mann beugte sich über ihn, die rechte Hand in unmittelbarer Nähe der Kehle Elroys, und er blickte in die furchtsam geweiteten Augen des Jüngeren. Nach einigen Sekun- den trübte sich der Blick, und die Augen schlossen sich. Ganz plötzlich rollte Rafferty den Bewußtlosen auf den Bauch und zog ein Messer unter dem Hemd hervor. Ein rascher Schnitt, und die Spitze der Klinge hebelte etwas aus einer winzigen Wunde hervor. Eine kleine Plastik- scheibe wurde sichtbar; Rafferty nahm sie an sich. John hielt noch immer die Katze in den Armen. Raf- ferty streichelte sie und bot ihr dann die Kunststoff- scheibe an. Als die Katze daraufhin den Kopf abwandte,, zwang der alte Mann ihr das Maul auf, schob die kleine Scheibe hinein und schloß es wieder. Das Tier wehrte sich und wand sich hin und her, und es fiel John nicht leicht, es weiterhin festzuhalten. Krallen bohrten sich ihm in die Haut. Schließlich ließ der Widerstand der Katze nach, und sie atmete mit einem resignierten Zi- schen. Rafferty öffnete ihr ein weiteres Mal das Maul und führte eine Kontrolle durch. Dann nahm er John die Katze ab und setzte sie auf den Boden. Das Tier fauchte leise und floh nach Westen. Daraufhin beugte sich Rafferty erneut zu Elroy hinab, streute Heilpuder auf die kleine Wunde und drehte den Mann auf den Rücken. Anschließend nahm er ein klei- nes Riechröhrchen zur Hand und zerbrach es unter der Nase des Bewußtlosen. Elroy reagierte nicht. Rafferty schlug ihm kräftig ins Gesicht, doch er gab kein Lebens- zeichen von sich. Rafferty richtete sich auf, nickte John zu, setzte sich in Bewegung und folgte dem Verlauf des Pfades. John eilte ihm nach und ergriff ihn an der Schulter. »Was ist mit Elroy?« flüsterte Cunningham. »Ich habe für ihn getan, was ich konnte. Wir dürfen nicht zu lange an einem Ort verweilen. Und er kannte das Risiko.« »Aber wir können ihn doch nicht einfach dort zurück- lassen.« »Und doch werden wir genau das tun. Er hatte Glück, daß wir überhaupt dazu bereit waren, ihm zu helfen zu versuchen. Wäre er wieder zu sich gekommen, hätte er mit uns kommen können. Jetzt jedoch ...« Rafferty blieb stehen und sah an John vorbei. Der alte Mann eilte den Weg zurück, den sie gekommen waren, und John drehte sich um. Elroy setzte sich gerade auf. Rafferty griff nach seinem Arm und zerrte ihn ganz in die Höhe. Kurz darauf wankten sie an John vorbei, und Rafferty stützte Elroy, der sich die eine Hand an die Stirn preßte und offenbar Mühe hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. John folgte ihnen., Nach und nach wurde Rafferty wieder schneller, und er ließ Elroy nicht einmal los dabei. Bald darauf liefen sie. In der Dunkelheit war vom Pfad nicht allzu viel zu erkennen, und immer wieder schlugen ihnen Zweige und Blätter ins Gesicht. Auf diese Weise hatten sie ei- nige Kilometer zurückgelegt, als Elroy nach einem Ast griff und sich zu Boden sinken ließ. Die beiden anderen Männer blieben stehen und beobachteten ihn. Elroy krümmte sich zusammen und schnappte nach Luft. »Ich bin überrascht, daß er es überhaupt bis hierher schaffte«, flüsterte John Rafferty zu. »Sie brauchen jetzt nicht mehr zu flüstern«, erwiderte der alte Mann mit normaler Stimme. »Warum sind Sie überrascht?« »Warum? Sie haben ihm eben den Kopf aufgeschnit- ten.« »Und die Wunde anschließend behandelt. Himmel, ich habe dabei den Inhalt des ganzen Pakets verbraucht. Er blutet nicht, und er hat auch keine Schmerzen. Er ist ganz einfach nicht in Form. Nur aus diesem Grund macht er jetzt schlapp.« Rafferty beobachtete den Pfad. »Erinnern Sie sich an diesen Weg?« »Ich glaube ja. Wir sind in Richtung der Lichtung un- terwegs.« »Stimmt. Wenn Elroy wieder einigermaßen zu Kräf- ten gekommen ist und wir weiterlaufen, möchte ich, daß Sie zurückbleiben und feststellen, ob uns jemand folgt. Klettern Sie auf einen der Bäume hier.« »Und wenn es Verfolger gibt?« »Dann erledigen Sie sie.« »Ganz allein?« »Ja. Sie sind jetzt gefährlich, oder wissen Sie das nicht mehr? Machen Sie Ihre Arbeit. Wir treffen uns auf der Lichtung. Folgen Sie uns in fünf Minuten!« »Na prächtig. Und Sie sind ganz sicher, daß Sie nicht mit mir tauschen wollen?« »Wie Sie meinen.«, »He, das war doch nur ein Scherz. Wo haben Sie denn Ihren Sinn für Humor gelassen? Machen Sie sich auf den Weg. Ich jage unseren Verfolgern erst einen ge- hörigen Schrecken ein und drehe ihnen dann den Hals um.« Rafferty griff nach dem Arm Elroys und führte ihn fort. John wählte den größten Baum in der Nähe aus und kletterte empor. In halber Höhe verharrte er. Cunningham wartete, lauschte konzentriert und ver- suchte, die Dunkelheit mit seinen Blicken zu durchdrin- gen. Er hörte nichts Verdächtiges. Nach einer Weile kletterte er weiter, und bald darauf sah er über das Blät- terdach des Waldes hinweg. Weiter im Süden machte er die trüben Lichter von drei Airwagen aus - ein mattes Schimmern, das vom Boden aus unsichtbar bleiben mußte. Die Fahrzeuge schienen sich nicht zu bewegen, sondern über bestimmten Punkten über dem Wald zu schweben. Vielleicht aber glitten sie langsam nach We- sten; John war sich da nicht sicher. Er kletterte herab. Zwanzig Minuten später erreichte er die Lichtung. »John«, flüsterte eine Stimme aus den Schatten. Rafferty und Elroy lehnten an einem Baumstamm. »Wins, ich glaube, die Luft ist rein. Niemand folgt uns. Ich konnte nur drei Airwagen drei oder vier Kilo- meter südlich von hier ausmachen. Ich schätze, sie fol- gen nach wie vor dem Sender.« »Möglich. Halten Sie trotzdem die Augen offen!« »Wann, glauben Sie, werden wir abgeholt?« »Keine Ahnung. Kommt ganz darauf an, ob und wie schnell Kate oder Erny durchkommen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten.« Einige Minuten später glaubte John, ein Geräusch vernommen zu haben, und er blickte in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Er wandte rasch den Kopf, um Rafferty zu warnen. Die dunkle Masse ei- nes Airwagens schwebte lautlos über der Lichtung. Der alte Mann winkte kurz, und nach einigen Sekunden, nahmen sie in weichen Kunststoffsesseln Platz. Rafferty saß vorn und kümmerte sich um alles. John lehnte sich erleichtert zurück und entspannte sich. Sie machten noch zweimal Halt, und bald wurde es eng im Wagen: Zehn Männer und Frauen teilten sich die wenigen Rücksitze. Aber dafür drohte ihnen jetzt keine Gefahr mehr, und sie waren auf dem Weg ins La- ger. Niemand folgte ihnen. Rafferty war ziemlich ver- wirrt; er hörte die Komfrequenzen der Polizei ab. Nichts. Er drehte sich um und sah John an. »So einfach hätte es eigentlich nicht sein dürfen. Gott steh uns bei, wenn es sich bei der ganzen Sache um eine Falle han- deln sollte.« Blasses Mondlicht fiel durch die transparente Kanzel des Airwagens, und die Passagiere waren nur graue Schatten, die sich im trüben Schein der Instrumenten- beleuchtung dann und wann bewegten. Die Luft war zum Schneiden dick und stank nach Angstschweiß. Ell- bogen bohrten sich in Rippen, und Hände suchten an glatten Plastikflächen nach Halt. Die Welt jenseits der Außenhülle des Fahrzeuges bestand nur aus konturlo- sen Schemen. Mit über hundert Stundenkilometern ra- sten sie dicht über den Boden, die Scheinwerfer ausge- schaltet. Bald darauf wurde der Wagen ein wenig lang- samer und ging tiefer - und von einem Augenblick zum anderen explodierte Licht um sie herum. Sie befanden sich in einem von sanftem blauen Glanz erhellten Tun- nel, der in die Erde hineinführte. In einer kleinen Garage hielten sie an. Bevor sich die Tür vor ihnen öffnete, schloß sich das Tor hinter ihnen. Der Wagen schwebte noch rund dreißig Meter weiter, und die zweite Tür wurde zu einer massiven Barriere. Dieser Raum war größer und wies an beiden Seiten- wänden weitere Türen auf. Lampen funkelten grell an der Decke, in einem so hellen Licht, daß es in den Au- gen schmerzte. »Alle raus!« sagte der Pilot. »Seid höflich zu den Leu-, ten hier, bis sie sich ein Bild davon gemacht haben, wer ihr seid.« Es kam einer Erleichterung gleich, den Wagen zu ver- lassen. Während des ganzen Fluges hatte jemand auf dem Schoß Johns gesessen, und seine Beine schmerz- ten. Man geleitete ihre Gruppe durch eine offene Tür in einen kleineren Raum, dessen Wände ebenso wie die der Garage und der Passage aus blauem Plaststahl be- standen. Cunningham entdeckte zwei Scanner. Ein Mann im schwarzen Coverall stand in der Mitte des Zimmers. »Also gut. Es darf immer nur einer vor den Scanner treten. Sie dort drüben an die Wand, und Sie hier. Beeilen Sie sich!« Er bemerkte den alten Mann. »Sie sind Winslow Raf- ferty?« »Ja.« »In Ordnung. Sie kommen als nächster an die Reihe. Zusammen mit dem dort. Gut, das genügt. Durch die Tür!« »Dieser Mann gehört zu mir«, sagte Rafferty und deu- tete auf Cunningham. »Und der hier ist der Informant.« Der schwarzgekleidete Mann wurde etwas freundli- cher. »Ich verstehe. Wenn Ihnen das Warten nichts ausmacht, sollte er zuerst gehen. Dann Sie beide.« Es war ganz still im Zimmer, als Elroy vor den einen Scanner trat. Nachdem das Instrument ihn sondiert hat- te, trat ein zweiter Schwarzgekleideter vor und führte ihn fort. Anschließend ließen sich Rafferty und John von den Scannern untersuchen. Die Stimme des Kontrolleurs klang nun wieder ge- langweilt und barsch. »Na schön - ab durch die Tür! Wer kommt als nächster? Na, ist ja auch egal. Irgend jemand. Los, ein bißchen Eigeninitiative. Sie beide dort - bewegen Sie sich!« Im nächsten Zimmer warteten zwei in Röcke geklei- dete Frauen - die ersten Röcke, die John seit seiner Kindheit zu Gesicht bekam., Die ältere und hübschere der beiden trat vor, und ihre Stimme klang sanft und freundlich. »Wins, seit wir die Nachricht erhielten, herrscht hier große Aufregung. Owens ist unterwegs hierher. Ich bringe dich zu ihm.« Sie hakte sich bei Rafferty ein. Die andere Frau berührte Cunningham am Ellbogen. »Hier entlang, bitte.« Und sie deutete in die entgegen- gesetzte Richtung. Erneut bestand Rafferty auf der Be- gleitung Johns, und sie ließen sich von der älteren Frau führen. Unterwegs fragte sie wie beiläufig: »Erinnerst du dich zufällig noch an meinen Namen?« »Ja, Debbie. So leicht kann man dich nicht verges- sen.« »Vielen Dank, Wins. Und du verbürgst dich für dei- nen Freund?« »Ja, absolut.« Sie drehte sich kurz um. »Dann ist alles klar. Wie hei- ßen Sie?« »John Cunningham.« »Willkommen im Lager, John.« Im Korridor sagte eine Stimme. »Ich komme zurück, wenn hier alles erledigt ist. Kümmern Sie sich unterdes- sen darum. Cindy soll sich den Judas vorknöpfen.« Die Tür öffnete sich ruckartig, und ein großer und breit gebauter Mann trat ein. »Winslow, wo haben Sie denn die ganze Zeit über ge- steckt? Sie wurden hier sehr vermißt.« Der Hüne schüt- telte Rafferty die Hand und ließ sich dann in den Sessel sinken. »Setzen Sie sich, setzen Sie sich!« Der Mann hatte glattes, schwarzes Haar, ein hervorspringendes Kinn, eine gerade Nase und trotz des Lebens fern des Sonnenlichts gebräunte Haut. »Welche Neuigkeiten bringen Sie?« Rafferty faßte die zurückliegenden Ereignisse zu- sammen und schloß: »Es macht mir ein wenig Sorgen, daß wir so leicht und problemlos davonkamen. Wissen, Sie, ob sich auch die anderen in Sicherheit bringen, konnten?« »Ja, ohne Schwierigkeiten. Die beiden anderen Wa- gen sind unterwegs hierher. Wir beobachten die Schir- me. Von Verfolgern ist weit und breit nichts zu sehen. Nun, wenn ich mich nicht irre, glauben Sie, daß unsere Leute ausnahmslos identifiziert wurden.« »In diesem Punkt bin ich ziemlich sicher. Und wenn man uns nicht folgte, muß die Polizei glauben, uns spä- ter schnappen zu können.« »Von dieser Annahme gehen wir ebenfalls aus. Wenn die Kirche rund eine Woche lang beobachtet wurde, so könnten all diejenigen Probleme bekommen, die Mit- glieder der Klasse kennen - die Familien, Freunde und so weiter. Wir haben das ganze Netz alarmiert, und wir versuchen, die Verwandten hierher zu schaffen. Das einzige Problem besteht nur darin, sie hierher zu brin- gen. Haben Sie die Wanze aus Elroy herausgeholt?« »Ja.« »Wie sah sie aus? Halten Sie es für möglich, daß die neuen Dinger tatsächlich nicht von Scannern erfaßt werden können?« »Das könnte durchaus stimmen.« Rafferty nickte. »Es war nur eine kleine Plastikscheibe, weiter nichts. Ich schätze, die Scanner werden uns bald nicht mehr viel nützen.« »Hm. Das ist auch der Grund, weshalb ich den Wa- gen direkten Zugang hierher erlaubte. Eine Verzöge- rung in dieser Hinsicht schien mir sinnlos zu sein.« »Warum werden dann all die Leute, die gerade ange- kommen sind, trotzdem mit Scannern untersucht? Das erscheint mir doch eigentlich nutzlos. Außerdem dürfte es im schlimmsten Fall ohnehin schon zu spät sein.« In Owens Gesicht mahlten die Muskeln, und er preßte kurz die Lippen aufeinander. »Eine solche Kon- trolle kann nicht schaden, und vielleicht erweist sie sich doch als nützlich. Die anderen, die mit Ihnen zusam-, men hier eintrafen, werden darüber hinaus auch auf kleine Operationsnarben untersucht. Nun, wir beide waren in der Vergangenheit schon des öfteren geteilter Meinung, was gewisse Dinge angeht. Das hat sich of- fenbar nicht geändert. So, ich muß jetzt wieder los.« Owen erhob sich und eilte auf den Gang. Einige Se- kunden lang lauschten sie dem Geräusch seiner schwe- ren Schritte. »Scheint ein Mann der Tat zu sein«, sagte John. »Manchmal«, erwiderte Rafferty ohne großen Enthu- siasmus. »Debbie, hast du irgendwas von Kate gehört?« »Sie war diejenige, die uns Bescheid gab. Ich schätze, sie müßte bald eintreffen. Soll ich das noch einmal nachprüfen?« »Das wäre nett. Und stell bitte auch fest, wo wir heute nacht unterkommen.« »Das weiß ich bereits. Dreihundertvierzehn. Hier wirst du eigentlich nicht gebraucht. Möchtest du nach unten gehen, während ich mich um die Sache mit Kate kümmere?« »Danke.« Am Ende des Korridors nahmen Rafferty und John die nach unten führende Treppe, die sich um einen Luftschacht herumwand. Die Basis der Renegaten schien sich mindestens fünf Stockwerke tief in die Erde hinein zu erstrecken. »Kein Pendler?« fragte John. »Nein. Am anderen Ende gibt es einige Lifts, aber sie werden nicht benutzt. Nur einer funktioniert noch im- mer, und der ist für Fracht reserviert. Es herrscht hier ein Mangel an Energie. Und außerdem sind Treppen gut für die körperliche Kondition. Manche der hier le- benden Leute bekommen sonst überhaupt keine Bewe- gung.« »Sie sind also nicht sonderlich gut in Form, wie?« »Das trifft auf die meisten zu. Es gibt ungefähr siebzig Leute, die mit Kate üben, aber die anderen schnappen, bereits nach Luft, wenn sie zehn Stufen hinter sich ge- bracht haben.« Die vorderen Kanten der aus Stahl bestehenden Treppenstufen waren infolge einer langjährigen Nut- zung ausgetreten und abgerundet. Das Lager mußte ziemlich alt sein. »Was hat es mit dieser Basis auf sich?« fragte John. »Wie richteten die Renegaten es ein?« »Es war früher ein militärischer Stützpunkt. Heute weiß niemand mehr, zu welchem Zweck er ursprüng- lich errichtet wurde. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jah- ren kamen einige meiner Freunde zu dem Schluß, die Neuen Menschen stellten eine Gefahr dar. Ich dachte damals, sie übertrieben. Nun, insgeheim renovierten sie die Basis und gaben sich einige Jahre lang alle Mühe, entsprechende Hinweise auf diesen Ort aus den Daten- speichern der Computer zu löschen. Anschließend hat- ten sie es satt, hier zu leben, und sie kehrten in die Ge- sellschaft zurück. Rund zehn Jahre lang hielt sich nie- mand hier auf. Dann spitzte sich draußen die Lage all- mählich zu, und es kamen erneut Leute hierher, die Söhne und Enkelinnen derjenigen, die die Basis vorbe- reiteten.« »Das hört sich so an, als seien einige schon seit Jahren hier eingesperrt. Eigentlich müßten sie doch darauf aus sein, wieder nach oben zu gelangen und den Kampf ge- gen die Polizei aufzunehmen.« »Darauf würde ich mich an Ihrer Stelle nicht verlas- sen. Manchen gefällt es hier ganz gut.« Auf der Treppe begegneten sie einigen Leuten, und die letzten Worte flüsterte Rafferty. Sie schwiegen, bis sie ihre Unterkunft erreichten. Es war ein recht kleines Zimmer mit herun- terklappbaren Betten an der einen Wand, einem Schrank und zwei Luftsesseln mit Schirmen und Kom- einrichtungen. Auch hier bestanden die Wände aus blauem Plaststahl. »Setzen Sie sich, John! Wir müssen über etwas spre- chen. Ich wollte Ihnen sagen, daß mir Ihr Verhalten, heute abend sehr gut gefiel, insbesondere die Art und Weise, wie Sie die Klasse ablenkten, als sich Elroy so seltsam aufzuführen begann.« »Danke.« John nickte. »Wenn Sie diese Art von Geistesgegenwart und Au- torität auch hier zeigen, könnten Sie in einigen Monaten diesen ganzen Kram leiten.« »Aus irgendeinem Grund bezweifle ich, ob das eine realistische Einschätzung ist.« »Vielleicht haben Sie recht. Realismus war nie eine meiner Tugenden. Andererseits habe ich einen weitaus größeren Erfahrungsschatz als Sie ..« »Wins«, unterbrach ihn John sanft, »aus welchem Grund nehmen Sie an, mir könnte etwas daran gelegen sein, hier das Zepter in die Hand zu nehmen?« »Ich hoffe, das entspricht Ihrer Natur. Einige Leute geben lieber Befehle, als sie auszuführen.« »Und wie paßt Owen in dieses Bild?« »Gerade Owen ist das Problem. Er ist ein guter Kerl und ein guter Anführer. Aber er vertritt die Überzeu- gung, daß wir gegen die Polizei nicht die geringste Chance haben. Er will kein Risiko eingehen.« »Vielleicht sind die Renegaten noch nicht bereit.« »Sie machen sich seit zehn Jahren bereit. Sie verbrin- gen ihr ganzes Leben damit, sich bereit zu machen. Sie werden niemals ganz bereit sein. Vor einigen Jahren habe ich hier sehr viel Zeit verbracht und mir alle Mühe gegeben, den Widerstand zur Offensive zu bewegen. Einige schlossen sich meinem Standpunkt an, aber Owen redete ihnen die Sache wieder aus. Er konnte die Renegaten besser überzeugen als ich. Und jetzt hoffe ich, daß Sie den Ausschlag geben.« »Warum sollte mir etwas gelingen, was Sie nicht schafften?« Rafferty verzog das Gesicht. »Woher, zum Teufel, soll ich das wissen? Vielleicht gelingt es Ihnen ebenfalls nicht. Owen erachtet mich als einen rechthaberischen, alten Narren.« Er zögerte kurz. »Das ist nicht fair. Wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven, und ich nenne ihn einen Feigling. Ich weiß nicht so recht, woran es liegt, aber jedesmal, wenn ich >Angreifen< sagte, lau- tete die Antwort: >Darüber sollten wir erst mal diskutie- ren.<« »Und deshalb zogen Sie sich zurück.« »Und unterwies einen Schüler.« »Was soll ich tun?« »Das liegt ganz bei Ihnen. Das, was Sie für richtig hal- ten. Sie können sich frei entscheiden. Aber machen Sie sich bitte klar, daß die Möglichkeit, von der ich eben sprach, keine reine Phantasievorstellung ist. Es gibt hier Leute im Lager, die sich gern einem neuen Anführer an- schließen würden. Sie sind gewissermaßen das Salz in der Suppe.« »Vielleicht enttäusche ich Sie.« Rafferty schüttelte den Kopf. »Ich lasse mich längst nicht mehr enttäuschen.« Der Interkom schaltete sich ein. »Wins?« »Ja, Debbie?« »Kate bleibt heute nacht im Komzentrum des Randes und geht den Leuten dort zur Hand. Owen meint, es laufe alles problemlos, und deine Hilfe sei nicht nötig.« »Na schön. Weißt du, ob Elroy exekutiert werden soll?« »Nein, keine Ahnung.« »Würdest du Owen bitte sagen, meiner Meinung nach wäre das nicht sehr klug?« »In Ordnung. Sonst noch etwas?« »Nein, danke. Wir sehen uns morgen.« »Ich freue mich schon. Schlaf gut!« Rafferty blieb eine Weile nachdenklich sitzen und stand dann auf. »Ich besuche einige alte Freunde. War- ten Sie nicht auf mich!« »Einen Augenblick, Wins. Was ist mit dem Vierer- Angriff? Habe ich den Test bestanden?«, Der alte Mann lachte. »Ja, natürlich. Sie haben sich sehr gut gehalten.« Er wurde wieder ernst. »Ich war stolz auf Sie. Zu Hause wartet ein nagelneuer schwarzer Gürtel auf Sie. Mit aufgesticktem Namen und allem Drum und Dran. Sie werden sich mit meinem alten be- gnügen müssen, bis wir zurückkehren. Gute Nacht, Shodan.« Als Rafferty gegangen war, fühlte sich John einsam und irgendwie hilflos. Er wußte nicht einmal, wo sich das Badezimmer befand. Es wäre nicht schlecht gewe- sens, sich waschen zu können. Er wanderte durch den Gang, vorbei an Türen, die immer gleich aussahen, und nach einer Weile kam er zu dem Schluß, daß eine Du- sche nicht sonderlich wichtig war. Wieder in der Unter- kunft schaltete er das Licht aus, machte es sich auf sei- ner Liege bequem, lauschte dem leisen Seufzen der Klimaanlage und fragte sich, wie tief unter Tage er sein mochte. Er erwachte in völliger Dunkelheit. Sofort erinnerte er sich daran, wo er sich befand, und er horchte nach dem Atmen des alten Mannes. Er vernahm jedoch nur das sanfte Zischen des Belüftungssystems. In der Finsternis tastete er nach dem Lichtschalter, und plötzlich wurde es so hell, daß er die Augen zukneifen mußte. Wie spät war es? Er fühlte sich ausgeruht, bemerkte aber auch, daß seine Blase zum Platzen gefüllt war. Jetzt mußte er das Badezimmer finden. John hob den Kopf und sah in Richtung der Liege Raffertys. Sie schien nicht benutzt worden zu sein. John kroch unter der Decke hervor, zog sich die Hose an und machte sich auf die Suche nach der Toilette. Im Korridor begegnete er einigen anderen Renegaten, und er fragte sie nach dem Badezimmer. Zimmer dreihundertzwanzig, lautete die Auskunft. Die Leute in dem betreffenden Raum waren nackt; er hätte also auf die Hose verzichten können. John trat vor das Urinbecken und dachte über Wins nach. Hatte er sich auf den Weg gemacht, um Elroy vor der Hinrich-, tung zu bewahren? Oder vergnügte er sich vielleicht mit einer Freundin? War diese Vorstellung denn wirklich so absurd? Irgendeine nette, reifere Dame. Nein, das ent- sprach nicht dem Stil Raffertys. Vermutlich zog er eine alte, dürre Hexe vor, die ihm Paroli bieten konnte. John grinste. Er brauchte etwas zu trinken und zu essen. John schluckte etwas Wasser aus dem Hahn und kehrte dann in Richtung der Unterkunft zurück. Als er die Tür er- reichte, sah er Rafferty, der gerade die Treppe herunter- kam. Eine blonde und langhaarige Frau rief: »Wins!« Und sie schlang die Arme um ihn. Sie küßten sich flüch- tig. Das Paar machte jemandem Platz, und John konnte das Gesicht der Frau sehen. Sie war hübsch, gut zwan- zig Jahre alt und lächelte bezaubernd. John kam sich fast wie ein Spanner vor, und er zog sich rasch ins Zimmer zurück. Er war kurzatmig, und sein Herzschlag beschleunigte sich. Kate hatte recht: Er hatte zu lange auf die Gesellschaft von Frauen verzich- tet. Rafferty kam herein. »Wins, ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Ich dachte, Sie hätten die Nacht vielleicht mit einer netten älteren Dame verbracht. Aber offenbar haben Sie auch bei jungen Mädchen Erfolg.« »Meinen Sie die Frau im Korridor?« »Ja. Sie war wirklich hübsch.« »Ja, das ist sie.« Rafferty wirkte verwirrt. »Aber schrecklich jung. Ich glaube, ich stelle mir Jennifer nicht einmal als eine Frau vor. Als ich das letztemal hier weil- te, war sie noch ein Teenager. Die Jugend an sich er- scheint mir nicht sonderlich attraktiv. Für mich muß eine Frau mindestens vierzig oder fünfzig Jahre alt sein, bevor sie mich reizen kann.« John kam sich wie ein Narr vor. Wollte er ihn schon wieder auf den Arm nehmen? Rafferty beobachtete ihn. »Und wenn Sie nicht wis-, sen, wovon ich spreche, tun Sie mir leid. Ein paar Fal- ten, Aussdrucksstärke, Charakter. Die Erfahrung, Kin- der großgezogen zu haben. Solche Frauen brauchen Reife nicht mehr zu spielen, und so können sie sich ganz darauf konzentrieren, Freude am Leben zu haben. Sie sind auch weiser als die jungen Mädchen, die ihnen in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen können.« »Warum haben Sie dann im Gang so lüstern ge- wirkt?« Rafferty lachte. »Sind Sie ganz sicher, daß Sie dabei Ihr eigenes Empfinden nicht auf mich projizierten? Ich war ganz und gar nicht lüstern. Sie aber .« John blickte zu Boden. Rafferty beugte den Kopf, um Cunningham ins Ge- sicht zu sehen. »Nun, machen Sie sich nichts draus!« Seine Stimme klang noch immer amüsiert. »Es gibt schlimmere Verbrechen als Lüsternheit. Ich bin ge- kommen, um Sie etwas zu fragen. Was halten Sie da- von, in einer Stunde Aikido zu lehren?« »Warum nicht?« »Gut. Schon gefrühstückt?« »Nein.« »Dann machen Sie sich auf einiges gefaßt. Gebackene Algen aus den Bottichen der Basis. Sie werden gleich feststellen, warum ich lieber zu Hause bin.« Das Renegatenlager wies zwei besonders große Räume auf, die sich beide im zweiten Geschoß befan- den. Der eine diente als Speisesaal und Versammlungs- halle. Der andere war mit einer Matte ausgelegt. Die Übungen begannen um zehn Uhr, und bis dahin hatte die Nachricht von einem neuen Sensei ihre Runde gemacht, und es war voll im Dojo. John teilte seine Schüler in Dreiergruppen ein und ließ sie Zweier-Attak- ken durchführen. Er machte es den Männern und Frauen nicht zu schwer, hielt sie aber ständig unter Druck. John wanderte umher und erinnerte die Schüler immer wieder daran, die Ruhe zu bewahren. Nach je-, dem Wurf mußten sie sofort wieder aufstehen und sich dem nächsten Angreifer zuwenden. Und er ermahnte sie dazu, auf ihre Einstellung achtzugeben. Wenn sie sich vor dem nächsten Angriff fürchteten, hätten sie nicht genug Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Wenn sie ihn hingegen herbeisehnten, würden sie alle Zeit der Welt haben. Es waren gute Schüler, aufmerksam und mutig, und viele von ihnen hatten bereits profunde Kenntnisse er- worben. John genoß den Aufenthalt in ihrer Mitte. Diese Leute mochten tatsächlich dazu in der Lage sein, das Lager zu verlassen und es mit den Polizisten aufzu- nehmen. Bevor er sich zum Abschied verneigte, fragte John: »Hat jemand von Ihnen schon einmal Polizisten beim Kampf aus der Nähe gesehen? Kein Uniformierter könnte mit Ihnen fertigwerden. Es war mir ein Vergnü- gen, mit Ihnen zu arbeiten.« John fühlte sich ein wenig unbehaglich, als er sich verbeugte, und er fürchtete, übertrieben zu haben. Er wußte nicht so recht, was er von seinen eigenen Worten halten sollte. Als er den Raum verließ, ertönte Applaus hinter ihm. Rafferty trat an seine Seite, als er durch den Korridor schritt. Es fiel dem alten Mann ganz offensichtlich schwer, einen Lachanfall zu unterdrücken. »Nur heraus damit« brummte John. Rafferty blieb kichernd stehen, schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände. »Nein, nein, das war wirklich gut. Ein bißchen ungewöhnlich zwar - aber es hat mir Spaß gemacht, Sie das sagen zu hören. Sie ha- ben es raus, John. Machen Sie sich über mich keine Ge- danken.« Kate wartete in ihrer Unterkunft auf sie; sie hatte sich auf der unteren Liege ausgestreckt. Ihre Lider öffneten sich zitternd, aber sie blieb einfach liegen und sagte mo- noton und schwach: »Hallo, Jungs.«, Rafferty nahm auf der Bettkante Platz und strich ihr das Haar aus der Stirn. »Die ganze Nacht auf gewesen?« »Mhm.« »Keine Probleme?« »Nein.« »Wie ist es gelaufen?« Kate holte tief Luft. »Im Komzentrum warten noch immer fünfzig Personen darauf, hierher gebracht zu werden. Es ist nur eine Frage der Zeit.« »Gut.« Rafferty drückte ihr die Schulter. »Tut mir leid, daß wir dich aufgeweckt haben. Bis später.« Raf- ferty zog sich rasch um und ging. John hatte sich ebenfalls umgekleidet und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen. Aber anstatt wie- der die Augen zu schließen, rollte sich Kate auf den Rücken und streckte die eine Hand nach ihm aus. John ergriff sie und setzte sich neben die junge Frau. Sie kniff kurz die Augen zu und öffnete sie dann wie- der. »Als ich hierher kam, sagte mir jemand, der >neue Sensei< unterrichte gerade die Klasse. Wie war's?« »Wirklich nett. Es gefällt mir, mit den Schülern zu ar- beiten.« »Freut mich. Vater meint immer, man könne erst dann mehr bekommen, wenn man alles, was man hat, verschenkt.« »Ist das sein Ernst?« Johns Stimme klang ein wenig spöttisch. »Ha! Warte nur ab; du wirst es selbst erleben. Ich habe Aikido im Grunde genommen erst richtig verstan- den, als ich begann, in die Lehrerrolle zu schlüpfen. Warte ab, bis du merkst, wie wenig du weißt.« »Du hast natürlich recht. Ich habe heute eine Menge gelernt.« »Wie gefällt dir das Lager?« »Es ist soweit in Ordnung. Bisher habe ich allerdings noch nicht allzuviel davon gesehen.« »Du solltest auf Entdeckungsreise gehen. Vater mag, die Basis nicht sehr, aber mir gefällt es hier ganz gut. Es gibt hier einen echten Gemeinschaftssinn. Die Leute sind alle sehr nett. Man kann sich sicher und geborgen fühlen.« »Nun, ich werde deinen Rat beherzigen. Du solltest jetzt noch ein wenig schlafen.« Er stand auf. »Warte, John. Geh noch nicht! Ich muß dich etwas fragen. Ich habe während des ganzen Rückflugs im Airwagen darüber nachgedacht. Welche Beziehung soll es zwischen uns beiden hier im Lager geben?« »Ich weiß nicht. Darüber habe ich mir noch keine Ge- danken gemacht.« »Dann hol das jetzt nach.« Ihre Stimme klang ein we- nig enttäuscht. »Spielt sich zwischen uns beiden irgend etwas Besonderes ab?« »Nun ... ah ... du hast eine besondere Bedeutung für mich.« »Und du für mich, John. Das ist keine Antwort auf meine Frage.« John seufzte. »Wie lautet die Frage denn?« Kate sah ihn einige Sekunden lang an, bevor sie erwi- derte: »Am besten, wir vergessen sie einfach. Weißt du, ich wollte dich nur um eins bitten: Wenn du mit ande- ren Frauen schläfst, so sei wenigstens diskret. Ich möchte nicht durch den allgemeinen Klatsch davon er- fahren, und an diesem Ort schwatzt man gern.« Als sie fortfuhr, klang ihre Stimme nicht mehr so kühl und in- different. »Es hört sich lächerlich an, wie? Ach, es tut mir leid. Ich habe kein Recht, dich um so etwas zu bit- ten.« Sie kehrte ihm den Rücken zu und rückte sich das Kissen zurecht. »Ich bin ziemlich fertig. Wir können später darüber reden.« John drehte sich langsam um und schaltete das Licht aus. »Gute Nacht, Kate.« Er schloß die Tür hinter sich. »Gute Nacht, John«, seufzte die junge Frau in der Dunkelheit. John befolgte den Rat Kates und begann eine Entdek-, kungsreise durch das Lager. Er begann mit der unter- sten Ebene und arbeitete sich langsam nach oben vor. Die Numerierung begann oben, und das fünfte Ge- schoß lag somit ganz unten. Dort waren die Zimmer recht groß und hatten einen Boden aus Beton, der noch aus dem letzten Jahrhundert stammte. Zuerst fand John in den Zimmern nur große Bottiche und schwere Ag- gregate, und überall wurde gearbeitet. Cunningham fühlte sich hier fehl am Platze und dachte immer wie- der, man könne ihn zur Rede stellen und nach dem Grund seines Aufenthaltes an diesem Ort fragen. Doch niemand trat auf ihn zu. Weiter hinten fand er einen Schießplatz. In der zweiten und dritten Etage befanden sich die Unterkünfte, insgesamt achtzig Räume pro Ebene. John hatte Gelegenheit, in einige der Zimmer zu blicken. Sie waren wesentlich größer als die Kammer, die man Wins und ihm zugewiesen hatte, und hier fiel sein Blick nicht nur auf einheitliches Blau. An einigen Wänden waren farbige Darstellungen, und die Bewohner hatten ihre Quartiere mit einer persönlichen Note versehen. Auf Ebene Drei begegnete Cunningham einigen Kin- dern, die durch den Korridor tollten, drei oder vier Jahre alte Jungen und Mädchen. John blieb stehen und sah ihnen nach. Und nach einer Weile setzte er sich wieder in Bewegung und folgte ihnen. Die Kinder erreichten die Treppe und kletterten in die Höhe. Das kleinste von ihnen, ein Junge, erwies sich dabei als ein wenig unbe- holfen, da die Stufen zu groß für ihn waren. Der Junge erschien Cunningham wie ein Wunder, wie eine magi- sche Manifestation. John genoß es zwar, die Kinder zu beobachten, aber ihr Anblick bereitete ihm auch inneren Schmerz. Ein solches Kind hatte er nie gehabt. Wie mochte es sein, einen derartigen Jungen in den Armen zu halten? Und wenn die Renegaten Erfolg hatten - was würde dann aus seinen eigenen Kindern werden? Seit vielen Mona-, ten hatte er nicht mehr an sie gedacht. Diese kleinen Ungeheuer ... Zuvor hätte er bei dieser Bezeichnung vor Pein auflachen können. Jetzt tat sie nur noch weh. Langsam stieg John die Treppe empor. Was hatte der ganze Widerstand überhaupt für einen Sinn? Glaubte dieser armselige Renegatenhaufen wirk- lich daran, die Welt zu seinen Gunsten ändern zu kön- nen? Und was, wenn es die Männer und Frauen, die sich hier vor der Polizei verbargen, tatsächlich schaff- ten? Was hatten sie dann mit all den Neuen Menschen vor? Man konnte sie schließlich nicht einfach ver- schwinden lassen. Also was? Sie in ein Raumschiff set- zen und zum Pluto verfrachten? Oder nach Australien schicken? Oh, das würde den Australiern sicher gefal- len. Doch andererseits: Was blieb denn anderes übrig, als zu kämpfen? Sollten sie sich vielleicht so lange in diesem unterirdischen Loch verstecken, bis sie eines Tages ent- deckt wurden? Es gab keine einfachen Lösungen. Ganz plötzlich blieb John stehen und vermied es ge- rade noch, mit einer jungen Frau zusammenzustoßen, die durch eine Tür kam. Sie machten beide Anstalten, sich zu entschuldigen. Die junge Frau unterbrach sich mit offenem Mund. »Sie sind der neue Sensei.« »Ah .ja. Oh, jetzt erinnere ich mich. Sie nahmen heute morgen an dem Unterricht teil. Sie bewegen sich recht gut.« Sie lächelte, und dieses Lächeln ließ ein Bild vor dem inneren Auge Johns entstehen: Ja, die nette und kleine Frau mit dem kurzen braunen Haar, die immerzu lä- chelte. Sie war ihm aufgefallen. »Vielen Dank.« Sie verneigte sich rasch und lachte leise und unsicher. »Der Unterricht hat nicht nur mir gut gefallen, sondern auch den anderen.« »Sie sind sehr freundlich.« »Nein, im Ernst. Es war großartig heute morgen. Ah -, besuchen Sie mich doch einmal, wenn Sie hier sind. Ich heiße Martha.« »Gern, das mache ich. Übrigens, wo bin ich eigent- lich?« Sie schien sich nicht ganz sicher zu sein, was er damit meinte. »Auf der Ebene Zwei.« »Hm, und wohin geht es dort?« John deutete auf die Tür, durch die Martha gerade gekommen war. »Oh, zur Schule. Sehen Sie sie sich nur an, wenn Sie möchten.« »Danke.« »Nun, ich mache mich jetzt besser auf den Weg. War nett, mit Ihnen gesprochen zu haben.« Sie eilte fort. Cunningham sah ihr nach und bewunderte ihre Beine. Martha. Was hatte sie mit >einmal besuchen< gemeint? Wo sollte er sie besuchen? John hatte das Gefühl, als sei eine gute Gelegenheit ungenutzt verstrichen. Er öffnete die Tür, durch die man in die Schule gelan- gen konnte. Der Raum war groß und recht leer. Auf dem Boden lag ein Teppich, und an der einen Wand standen einige Terminals. In der einen Ecke saß eine Gruppe Teenager, die sich angeregt unterhielten. Nie- mand bemerkte die Anwesenheit Johns, und er ging leise wieder. In dieser Etage gab es einige weitere Unterkünfte, aber der meiste Platz wurde von den großen Gemein- schaftssälen beansprucht. Er fand den Dojo, den Speise- raum, in dem er bereits eine Mahlzeit zu sich genom- men hatte, und auch noch ein zweites und kleineres Eß- zimmer auf der anderen Seite der Küche, einen Raum, der ihm zuvor gar nicht aufgefallen war. Nach und nach trafen die ersten Männer und Frauen in Erwartung des Mittagessens ein. John wanderte umher. Er fand ein Be- sprechungszimmer mit Sesseln und auch einige klei- nere Kammern; in einer davon standen die Konsolen von Videospielen. Im obersten Geschoß herrschte die größte Aktivität., John sah in ein Zimmer, dessen Wände nur aus Bild- schirmen bestanden, und offenbar ließ sich mit Hilfe der hier installierten Geräte die Oberfläche beobachten. Dutzende von Männern und Frauen drängten sich hin- ter den Operateuren zusammen, beugten sich über die Schultern der Techniker und hörten Berichten zu. Auf der anderen Seite dieses Raums befand sich eine sehr modern wirkende Computeranlage. John fühlte sich er- neut unsicher und blickte nur kurz in jedes Zimmer. Er wußte nicht so recht, ob Besucher hier willkommen wa- ren. Direkt neben einem Parkbereich mit mehr als zwei Dutzend Airwagen fand er einen Serviceladen mit Er- satzteilen, die offenbar von einigen demontierten Fahr- zeugen stammten. Niemand hielt sich hier auf. Viel- leicht waren die Mechaniker ebenfalls zum Mittagessen gegangen. Auf der anderen Seite der Garage befand sich eine Waffenkammer, die aber nicht oft benutzt zu werden schien: An der unteren Türhälfte war ein großes Spinnennetz. John machte sich auf den Rückweg nach dem Speise- saal. Eigentlich hatte er die Mahlzeit allein einnehmen wollen, aber kaum war er eingetroffen, setzten sich vier Männer zu ihm, die er während des morgendlichen Un- terrichts kennengelernt hatte, und es begann ein lebhaf- tes Gespräch über verschiedene Aikido-Techniken. John rang sich ein Lächeln ab und nickte immer wieder. Als man ihn auf seine Vergangenheit ansprach, erwi- derte er nur, da gäbe es nicht viel zu erzählen. Der Mann ihm gegenüber schüttelte den Kopf. »Ich habe ganz etwas anderes gehört. Wir befragten Elroy. Er erkannte Sie aufgrund einer Fotografie wieder, die man ihm während der Haft zeigte. Offenbar haben Sie die Polizisten ganz schön in Atem gehalten.« »Manchmal wird in diesem Zusammenhang ziemlich übertrieben.« Es machte Cunningham Spaß, sich einer- seits bescheiden zu geben und andererseits zu wissen, daß man ihm nicht glauben würde., Sie sprachen über andere Dinge, und schließlich stand John auf. Dabei meinte einer der Männer: »John, Sie wissen doch sicher noch, was Sie uns heute morgen über die Polizei und uns sagten? Nun, das mußte end- lich einmal ausgesprochen werden. Es gibt hier viele Leute, die der gleichen Meinung sind. Sie können auf uns zählen. Nehmen Sie auch in Zukunft kein Blatt vor den Mund, in Ordnung?« »Einverstanden. Danke.« Anschließend suchte John das Entspannungszimmer auf und beschäftigte sich mit einem Computerspiel. Später kehrte er in die ihnen zugewiesene Unterkunft zurück. Kate schlief noch. John ließ das Licht ausge- schaltet und streckte sich auf der oberen Liege aus. Er wußte eigentlich nicht so recht, warum er sich so er- schöpft fühlte, aber er brauchte dringend Ruhe. Er schloß die Augen. Grelles Licht blendete ihn. »He, ihr beide - raus aus den Betten!« Es war die Stimme Raffertys. »Kommt schon, Beeilung! Wacht auf! Zieht euch die Gis an!« »Warum das denn?« fragte Kate. »Weil es an der Zeit ist, Eindruck zu schinden. Los, bewegt euch!« Rafferty hatte bereits seinen eigenen Gi hervorgeholt und kleidete sich um. »Es hat eben Alarm gegeben. Ein Airwagen, der weitere Renegaten vom Komzentrum hierher bringen sollte, wurde abgeschos- sen. Die Pilotin wurde verletzt und fiel der Polizei aber lebend in die Hände. Wenn sie verhört wird, bekommt der Feind vermutlich genaue Hinweise auf unser Lager.« »Lieber Himmel!« platzte es aus Kate heraus. »Dann können wir einpacken.« Sie griff nach ihrem Gi und verharrte. »Doch warum die Gis?« Rafferty streifte sich seinen Hakama über. »Auf Ebene Eins findet derzeit eine Dringlichkeitssitzung statt. Wir laden uns selbst dazu ein, und Symbole sind wichtig.«, »Aber, Vater ... man wird uns auslachen, wenn wir dort mit unseren Gis aufkreuzen.« »Da irrst du dich, Töchterchen. Man wird annehmen, wir hätten uns gerade mit Übungen befaßt. Verdammt, Kate, vertrau mir!« Kate zog sich die Bluse an. John saß auf der Bettkante, und ihm gingen so viele Fragen durch den Kopf, daß er sich nicht für eine be- stimmte entscheiden konnte. Er sprang zu Boden und kleidete sich ebenfalls rasch an. Eine Zeitlang sah es so aus, als seien sie sich gegenseitig im Wege. Nach einer Weile kam Cunningham nicht umhin, eine ganz be- stimmte Frage zu stellen. »Woher weiß man denn, daß die Pilotin noch lebt?« »Wir haben den Computer der Polizei angezapft.« Rafferty hatte sich vor John niedergekniet und knöpfte sich gerade das Hakama zu. »Nettes System. Auf diese Weise bekommen wir immer wieder Nachrichten, die eigentlich nicht für uns bestimmt sind.« Vom Korridor her war das Schrillen einer Glocke zu vernehmen. Rafferty kam ruckartig in die Höhe und riß die Tür auf. »Wir sollten keine Zeit mehr verlieren. Komm, Kate! Du kannst dir das unterwegs zuknöpfen.« Den Besprechungsraum hatte John bei seinem Aus- flug übersehen. Ein langer Konferenztisch nahm den größten Platz darin ein. John erkannte den hochge- wachsenen und breiten Owen wieder, der am einen Ende des Tisches saß, und die anderen Plätze waren ebenfalls besetzt. An den Wänden standen Zuhörer. Als die Aikido-Kämpfer eintraten, erhoben sich zwei am der Tür zugewandten Ende des Tisches sitzende Männer und boten ihre Plätze Rafferty und Kate an. Je- mand holte einen Stuhl herbei und schob ihn zwischen die beiden freigewordenen Sessel. Rafferty bedeutete John, Platz zu nehmen. Als er der Aufforderung nach- kam, spürte er die Blicke aller auf sich ruhen., »Mr. Rafferty«, sagte Owen, »die Teilnahme eines Fremden bei einer Dringlichkeitssitzung erscheint mir zumindest ungewöhnlich.« »Er ist kein Fremder. Sie haben ihn gestern abend kennengelernt. Aber vielleicht wurden Sie nicht richtig vorgestellt. Owen, dies ist John Cunningham. Ich hörte, daß eine Krise eingetreten ist, und ich dachte mir, Sie könnten vielleicht Leute der Tat gebrauchen.« Owens Gesicht verdüsterte sich kurz. »Ich bezweifle, ob uns blinder Heldenmut da weiter helfen wird.« »Sie sollten unseren Kampfgeist nicht unterschätzen, Owen.« »Das tue ich auch nicht. Aber ich gebe mir auch Mühe, realistisch zu bleiben. Ich rate Ihnen, ebenfalls einmal einen derartigen Versuch zu wagen.« Rafferty lächelte und nickte höflich. Ein großer, hagerer Mann mit hoher Stirn und locki- gem Haar eilte mit einigen Computerausdrücken in den Händen herbei. Owen wandte sich von Rafferty ab. »Gibt's Neuigkei- ten, Clifton?« »Die Pilotin lebt. Man hat sie ins IZ-Gebäude ge- bracht. Es deutet alles darauf hin, daß sie bisher noch nicht wieder zu sich gekommen ist, aber ganz sicher sein können wir uns in diesem Punkt nicht.« Er reichte die Ausdrucke Owen, der sie sich kurz an- sah und sie dann zurückgab. »Richten Sie Ihre Fragen direkt an Clifton!« sagte Owen. Jemand weiter hinten rief: »Wie heißt die Pilotin?« »Sandy Sanchez«, antwortete Clifton. Er musterte die Anwesenden. »Jim, was ist sie für ein Typ? Hält sie dicht?« »Nicht besser oder schlechter als andere. Die Piloten werden besonders ausgewählt, das wissen wir ja. Nun, es geht auch nicht ums >Dichthalten<. Es kommt eher auf den körperlichen Zustand und darauf an, welche, Wirkung die Drogen bei ihr erzielen. Die Wahrschein- lichkeit ist groß, daß sie letztendlich ihr Wissen preis- gibt.« Es wurde still im Raum. »Noch weitere Fragen?« Owen sah sich um. Niemand meldete sich zu Wort. »Ich fürchte, wir vergeuden kostbare Zeit«, sagte Owen. »Wir sollten uns besser mit den Tatsachen ab- finden. Wir wissen alle, was es jetzt zu unternehmen gilt. Der Evakuierungsplan ist im Computer gespei- chert. Wir sind nicht dazu in der Lage, viele Dinge mit- zunehmen, und deshalb sollte es nicht allzu lange dau- ern. Fangen wir an!« Niemand rührte sich. John konnte es nicht fassen. Die Renegaten wollten ihre Basis aufgeben? Und wohin sollten sie gehen? Über mehrere Jahre hinweg hatte John immer wieder von dem legendären Lager gehört und es nun endlich erreicht. »Haben Sie schon einmal an die Möglichkeit gedacht, die Pilotin zu retten?« John starrte auf den Tisch direkt vor sich. Er wurde sich plötzlich bewußt, daß diese Frage von ihm selbst stammte, und er hob den Kopf. Owen blickte ihn verächtlich an. »Vielleicht haben Sie nicht richtig zugehört. Sandy befindet sich im IZ-Gebäude.« Owen schien der Mei- nung zu sein, die Sache sei damit erledigt. »Wären Sie wenigstens bereit, eine Rettungsaktion zu erwägen?« fügte Cunningham hinzu. Owen lehnte sich in seinem Sessel zurück; er hatte der Frage bereits mehr Beachtung geschenkt, als sie sei- ner Ansicht nach verdiente. Er sah sich im Zimmer um. Hinter John erklang die Stimme einer Frau. »Ich glau- be, wir sind es uns selbst schuldig, zumindest einmal über eine solche Möglichkeit nachzudenken.« »In der Tat.« Einige der am Tisch sitzenden und an den Wänden stehenden Männer und Frauen nickten zustimmend., Der Renegat namens Jim beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und zog die Schultern fast bis zu den Ohren hoch. »Ich meine, wir sollten den Leuten am Computer eine halbe Stunde Zeit geben, um einen Weg ins IZ-Gebäude zu finden. Unterdessen können wir mit der Vorbereitung der Evakuierung beginnen, um auf al- les gefaßt zu sein.« Wieder ertönte allgemeine Zustimmung, und Owen stürmte mit hochrotem Gesicht hinaus. Clifton und ein anderer Mann wandten sich John zu. »Kommen Sie! Wir haben nicht viel Zeit.« Zusammen mit anderen Renegaten eilten sie durch den Korridor in Richtung Computerraum. Dort befaß- ten sich bereits einige Operateure und Analytiker mit dem Grundriß der Polizeizentrale. Auf einem großen Schirm zeigte sich eine Darstellung der einzelnen Eta- gen. »Schon was gefunden, Hazel?« fragte Clifton. Eine übergewichtige und knapp fünfzig Jahre alte Frau wandte sich von der Hauptkonsole ab. Sie hatte ein freundliches, aber auch trauriges Gesicht. »Nein.« Sie blickte wieder auf den Schirm. »Das Gebäude wurde als eine Art Festung gebaut. Es gibt keine Fen- ster. Die einzigen Zugänge befinden sich in der Garage im Erdgeschoß - hier. Darüber hinaus gibt es nur noch den Eingang, durch den Zuschauer in die Arena des Autodafe gelangen können. Die Garage hat zwei große Gleittore, und jedes besteht aus fünf Meter dickem Plaststahl. Der Zugang wird von Op kontrolliert, also werden irgendwelche Identitätstricks nicht funktionie- ren. Die Außenwände sind einen halben Meter dick und bestehen ebenfalls aus Plaststahl. Der Zutritt in das SS- Theater ist abends kein Problem, dann, wenn die Show stattfindet. Aber sobald man sich in den Rängen befindet, gibt es keine Möglichkeit, in die unteren Eta- gen des Gebäudes zu gelangen. Ich sollte noch erwähnen, daß Stuart und ich viel Zeit, und Mühe auf die Zusammenstellung dieser Übersicht verwendet haben und bisher keine Lücke in der IZ-Ab- schirmung entdecken konnten.« »Warten Sie«, warf John ein. »Haben Sie ... Ich mei- ne, woher stammen diese Übersichten? Sie zapfen die Datenspeicher Ops an. Das stimmt doch, oder?« »Nun, diese Daten hier wurden mit Hilfe unserer ei- genen Verarbeitungsanlagen gewonnen. Aber die Grundlage stammt von Op, das ist richtig.« »Nun, könnten Sie dann nicht erneut eine Verbin- dung zu Op herstellen? Wäre es nicht möglich, an dem Garagentor von Op die Freigabe zu erhalten und so ins Innere des Gebäudes zu gelangen?« Hazel schüttelte den Kopf. »Unser Computer arbeitet schon seit Jahren an einem solchen Programm. Und wir erzielen auch Fortschritte. Aber wenn wir einen echten Vorstoß in dieser Richtung unternehmen, weiß Op in der gleichen Sekunde, daß wir hier sind. Op ist ein sehr gewitzter Computer. Und er kann auch gefährlich wer- den. Vielleicht wäre er sogar dazu in der Lage, die Ver- bindungen bis hierher zurückzuverfolgen. Wie dem auch sei: Das Programm ist noch nicht ausgereift, und damit steht uns eine solche Möglichkeit nicht zur Ver- fügung. Haben Sie eine andere Idee?« John sah erneut auf den Schirm, und die anderen be- obachteten ebenfalls die Darstellung. Zwanzig Minuten lang wechselten die Bilder immer wieder und zeigten die einzelnen Etagen. Es hatte eigentlich keinen Sinn, sich weiterhin mit den Skizzen zu befassen, aber es schien das einzige zu sein, was sie tun konnten. »Einen Augenblick.« John erhob sich und wanderte unruhig auf und ab. »Denken wir doch einmal richtig nach. Wie viele von Ihnen haben sich schon einmal das Autodafe in natura angesehen? Es muß einen Weg ins Innere des Gebäudes geben - einen Weg, den wir bisher übersehen haben.« John versuchte, sich die Einzelheiten genau vorzu-, stellen. Die komische Anfangssequenz der Show. Nein, der Umkleideraum befand sich zwar unterhalb der Sitz- reihen, erlaubte jedoch keinen Zugang in die weiter un- ten gelegenen Stockwerke. Nach der Einleitungskomik öffnete sich der Boden, und die ersten Opfer wurden heraufgebracht. Himmel, ja! »Der Boden öffnet sich! Er öffnet sich, und ein Hebe- mechanismus schiebt die Exekutionsplattform in die Höhe. Im Boden befindet sich dann eine Öffnung! Und sie schließt sich nicht sofort wieder. Ja, es gibt einen Weg nach unten!« »Man könnte direkt auf die Bühne gelangen«, pflich- tete Clifton ihm bei. »In Ordnung. Aber es gibt einige Schwierigkeiten. Zunächst einmal sind zwanzig bis dreißig Polizisten in der Nähe, und einige von ihnen bedienen die Laser in der Kontrollnische. Zweitens: Weiter unten bekommen wir es mit anderen Unifor- mierten zu tun. Drittens: Himmel, das ist eigentlich kein Problem, aber das ganze Unternehmen spielt sich wäh- rend einer Livesendung ab, die von Millionen Zuschau- ern verfolgt wird. Keine schlechte Publicity! Nun, aber wir dürfen keine Waffen mitführen. Wir können es nicht riskieren, in den Rängen Aufsehen zu erregen, und wir müssen zuschlagen, wenn die Show bereits be- gonnen hat. Die Polizisten scannen alle Besucher, und an der Tür sind Wächter postiert. Ich weiß noch immer nicht so recht, wie wir es schaffen sollen.« John war nun ganz aufgeregt. Vor seinem inneren Auge zeichnete sich alles deutlich und scharf ab, und er sprach rasch und beschrieb dieses Bild, bevor es sich auflösen konnte. »Nein, es ist möglich. Unsere Leute können die Polizisten im Bereich der Ränge leicht über- wältigen. Sie erwarten dort keinen Angriff von Renega- ten. Und jeder von ihnen hat einen Blaster, nicht wahr? Anschließend sind wir also bewaffnet. Und wenn wir durch die Bodenöffnung nach unten vorstoßen ... meine Güte, wenn wir dabei schnell genug sind, haben, die Polizisten weiter unten vielleicht nicht einmal die Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen. Übrig bleibt also nur die Kontrollnische. Zum Teufel auch, die Wächter dort müssen wir mit Waffengewalt ausschalten.« »Und bei dem Versuch werden wir erschossen«, sagte Clifton. »Aber ganz abgesehen davon: Wir schaffen es nicht einmal bis in den unteren Stock. Beim Hinabklet- tern würden sie einfach die Bodenöffnung schließen.« »Dann sprengen wir eben die Kontrollnische.« John wußte, daß seine Worte eigentlich keinen Sinn ergaben. »Wie denn? Mit Sprengstoffen, die Sie mit in die Ränge nehmen? Und die Kontrolleinrichtung schwebt über der Bühne. Da kommen Sie nicht heran.« »Warten Sie«, meldete sich Rafferty zu Wort. »Was wäre denn, wenn wir das Dach bombardieren?« »Unmöglich«, erwiderte jemand. »Ein nicht identifi- zierter Airwagen in der Nähe des IZ-Gebäudes würde sofort abgeschossen.« »Außerdem haben wir keine Bomben.« »Nein«, sagte John. »Vergessen wir die Sache mit dem Airwagen. Aber könnten zwei von Ihren Leuten auf die Kuppel klettern und dort Sprengladungen pla- zieren? Wir sollten sie in Form eines Rechtecks anbrin- gen, mit der Kontrollnische als Mittelpunkt. Durch die Explosion würde ein Teil der Decke gelöst, der dann zu- sammen mit der Überwachungseinrichtung in die Arena stürzt.« »Himmel, das ließe sich machen«, sagte Rafferty. »Sie sind sich doch darüber im klaren, daß die Kon- trolleinheit auf die Sitzreihen fällt, oder?« Clifton mu- sterte sie nacheinander. Jemand stöhnte leise. Kate wurde blaß. »Und dadurch würden viele Zu- schauer den Tod finden.« Längeres Schweigen schloß sich an. Rafferty machte der Stille ein Ende. »Aber es würde klappen. Wenn wir ein solches Rettungsunternehmen, wagen, kommen viele unschuldige Leute ums Leben. Das läßt sich in keinem Fall vermeiden. Entweder sie werden von der Kontrollnische erschlagen, oder sie sterben während des Gefechts. Vielleicht kommen sie auch ums Leben, wenn die Menge in Panik gerät und die Ausgänge zu erreichen versucht. Es tut mir leid, aber mir sind die Leute, die Autodafe für großartige Un- terhaltung halten, ohnehin nicht sonderlich sympa- thisch. John, Ihr Szenarium ist nicht schlecht. Fahren Sie fort!« »Gut. Wir gelangen zusammen mit den Zuschauern in den Bereich der Ränge - vierzig oder fünfzig unserer besten Kämpfer. Ohne Waffen. Gibt es eine Möglich- keit ...« Er dachte kurz nach. »Clifton, haben Ihre Leute Ringe von der Art, wie sie die Polizisten tragen? Ringe, mit denen sich Blaster aktivieren lassen?« »Wir stellen sie selbst her«, antwortete jemand anders und lachte. »Jetzt könnten sich unsere diesbezüglichen Bemühungen endlich auszahlen. Inzwischen haben wir Tausende davon.« John lächelte breit. »Dann wird jeder von uns mit ei- nem solchen Ring ausgerüstet. Die Show beginnt. Wenn sich der Boden öffnet, sprengen wir das Dach und überwältigen die Polizisten. Gleichzeitig kümmern sich etwa zehn von uns um die Uniformierten des Büh- nensektors. Wenn unsere Leute weiter oben die Arena abgesichert haben, folgen uns bis auf zehn von ihnen alle nach unten. Anschließend teilen wir uns auf und lassen alle Gefangenen frei, auf die wir stoßen - bis wir unsere Pilotin gefunden haben. Dann kehren wir den Weg zurück, den wir gekommen sind.« »Und wie sollen wir entkommen?« fragte Hazel. »Zehn Minuten nach dem Angriff wimmelt es draußen nur so von Fahrzeugen der Polizei.« »Ich hab's«, sagte Clifton. »Ins Dach wurde ein Loch gesprengt. Wir landen zwanzig unserer Airwagen di- rekt in der Arena, nehmen unsere Leute' auf und ver-, schwinden. Für die gesamte Aktion von der Spren- gung bis zur Rettung Sandys sollten acht Minuten genü- gen.« »Vergessen Sie nicht das Risiko, daß unsere Airwagen abgeschossen werden könnten«, gab Hazel zu beden- ken. »Das ist eine echte Gefahr. Auf dem Sandhurst- Turm befindet sich eine Flak-Stellung. Und der fernge- steuerte Laser .« - sie zögerte kurz und lächelte dann -, »ist auf dem Kuppeldach installiert.« »Okay, damit werden wir auch noch fertig«, sagte Clifton. »Es dürfte nicht allzu schwer sein, den Kuppel- laser mit den Sprengladungen zu zerstören. Und einige mit Raketenwerfern ausgerüstete Leute kümmern sich um die Flak-Stellung. Kein Problem.« Rafferty klärte den letzten Punkt. »Und die Airwagen bringen die Sprengstoffe. Sie werden einsatzbereit ge- macht, während die Angriffsgruppe die Gefangenen befreit. Wenn wir wieder verschwinden, machen wir der verdammten Monstrosität von Autodafe ein Ende. So, unsere halbe Stunde ist um. Ich glaube, wir haben einen guten Plan entwickelt. Wir sollten die anderen damit vertraut machen.« Jemand rief Hurra. Clifton schaltete den Kommunika- tor ein und forderte alle betreffenden Leute dazu auf, sich erneut im Besprechungszimmer einzufinden. Die Männer und Frauen eilten auf die Tür zu. Rafferty strahlte, als er zusammen mit John durch den Korridor marschierte. »Auf eine solche Gelegenheit warten wir Hitzköpfe schon seit Jahren. Ich glaube, jetzt ist es endlich soweit. Sie bringen uns Glück, John.« »Ich bringe Ihnen Glück, weil ich es will«, erwiderte Cunningham mit einem selbstbewußten Lächeln. Raffertys Augen glänzten zufrieden. »Genau.« Sie nahmen wieder am einen Ende des Konferenzti- sches Platz. Es wurde still im Raum, als Owen eintrat und sich setzte. »Nun«, sagte Owen, »also heraus damit! Jede Se-, kunde ist jetzt kostbar. Können wir den Evakuierungs- plan endlich in die Tat umsetzen? Clifton?« »Vielleicht ist das nicht notwendig, Owen. Wir glau- ben, wir sind dazu in der Lage, nicht nur Sandy zu be- freien, sondern auch das IZ-Gebäude zu zerstören.« Clifton zögerte. »John, es ist Ihr Plan. Erklären Sie bitte die Einzelheiten.« Cunningham kam der Aufforderung nach und nannte die Details. Als er schließlich schwieg, starrten ihn manche Renegaten begeistert und andere schockiert an. Owen stand langsam auf. »Wissen Sie, ich war wirk- lich dazu bereit, einen entsprechenden Vorschlag zu- mindest zu prüfen, aber ich dachte, wir würden dabei die Vernunft nicht ganz außer acht lassen. Das ist der haarsträubendste Plan, von dem ich jemals gehört habe. Ich ...« »Verdammt!« platzte es aus Kate heraus, und sie sprang auf. »Wir können es schaffen! Himmel, wir soll- ten es wenigstens versuchen!« »Kate ...« Owen verzog gequält das Gesicht. »So ein- fach ist das alles nicht. Eine objektive Einschätzung ...« »Owen«, unterbrach ihn Rafferty. »Man kann nur dann objektiv sein, wenn man nicht den Verstand be- nutzt. Sie sind nicht objektiver als wir.« »Was soll das heißen? Glauben Sie etwa, ich sei vor- eingenommen? Es ist schließlich meine Aufgabe, alle Möglichkeiten zu berücksichtigen. Denken Sie doch einmal daran, wie viele Menschen bei einer solchen Ak- tion ums Leben kommen könnten! Die Show beginnt in zwei Stunden. Was, wenn man Sandy zum Reden bringt, bevor wir losschlagen? Sie brauchen alle Airwa- gen, die wir haben. Das bedeutet, daß wir anderen hier festsitzen und nicht fliehen können. Ich bin nicht ein- fach nur stur. Der Plan ist gefährlich. Und die Aussichten auf einen Erfolg sind lächerlich gering. Irgend jemand muß Sie auf den Boden der Realität zurückbringen.«, »Was wollen Sie denn?« fragte Kate. »Eine Erfolgsga- rantie? Owen, früher oder später müssen die Renegaten ein Risiko eingehen. Wenn nicht, sind wir überhaupt keine Widerstandsbewegung. Dann war alles um- sonst.« Das Gesicht der jungen Frau wirkte plötzlich sehr traurig. »Die Ausbildung, das Planen, die Träume. Seit wie vielen Jahren bereiten wir uns schon vor? Und wenn wir jetzt aus dieser Basis fliehen, sind wir erledigt. Es gibt keinen anderen solchen Ort. Es ist nunmehr an der Zeit, die Offensive zu wagen. Sandy wird solange aushalten, bis wir sie retten. Ich bin dafür, daß wir das IZ-Gebäude in die Luft jagen. Stimmen wir ab!« Owen holte tief Luft. »In Ordnung. Wer ist gegen den Plan?« Fünf Hände wurden erhoben, dann sechs. »Und dafür?« Sie ließen sich gar nicht zählen. Stille schloß sich an. »Damit ist alles klar«, entschied Owen. »Wir spren- gen das Dach um genau zwanzig Uhr. Ich bin zwar noch immer nicht mit dem Plan einverstanden, aber ich werde alles tun, um einen Erfolg der Aktion zu ermögli- chen. Clifton: Sie, Kate und Mr. Cunningham leiten das Unternehmen. Gott steh uns bei, wenn es fehlschlägt.« Es war kalt, und John schloß die Jacke, als der Airwagen durch die Gasse davonsauste. Eine dichte Wolkendecke verbarg den Glanz der Sterne, und es fiel ihm nicht leicht, sich in der Dunkelheit zu orientieren. Weiter vor- aus glomm das Licht einer einzelnen Straßenlampe, dort, wo die Gasse auf den Hauptverbindungsweg stieß. Rafferty drehte sich langsam um, starrte in die Fin- sternis und lauschte dem dumpfen Brummen, das aus den Häusern drang. Zufrieden schob er die Hände in die Tasche, und sie setzten sich in Bewegung. In ihrer Begleitung befand sich eine hochgewachsene dunkel- häutige Frau, die von allen >Foxy< genannt wurde. Sie, war ebenso groß wie Rafferty und so stark wie die mei- sten Männer. Sie wanderten zwei Blocks weiter bis nach dem Gerüst der Hochbahn, und durch den Schacht ei- nes stillgelegten Lifts kletterten sie zur Plattform empor. Dort angekommen traten sie auseinander und warteten wie Fremde im gelben Licht auf den Zug. Als er kam, stellten sie fest, daß er nahezu leer war. John setzte sich auf eine Bank, starrte durchs Fenster und sah doch nur das Spiegelbild vom Innern des Waggons. Was sich jen- seits der Scheibe befand, konnte er nicht erkennen. An der letzten Haltestelle stiegen sie aus. Ein beson- ders großer Lift trug sie zu der an der Innenwand der Barriere gelegenen Plattform und damit den Eingang der Autodafe-Arena empor. Sie waren recht früh dran, und es herrschte noch kein Gedränge. Rafferty und Foxy waren der Arenagruppe zugeteilt worden, und deshalb nahmen sie in Sesseln auf dem Gang Platz. John gehörte zu der aus zehn Leuten bestehenden Gruppe, deren Aufgabe es war, durch die Bodenöff- nung vorzustoßen. Er wählte einen Sitz am Rande der Arena und lehnte sich zurück. Kate saß ein wenig ab- seits links von ihm. Ja, viele der Gesichter erschienen ihm vertraut. Bisher lief alles reibungslos. Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. Noch fünfundzwanzig Mi- nuten. Rechts von ihm befand sich die Kontrolleinrichtung. Johns Blick folgte dem Verlauf der Kabel bis zur Decke empor. Das Dach wirkte sehr stabil und war vermutlich auch noch extra verstärkt. Grenzte es nicht an Wahn- sinn anzunehmen, sie seien dazu in der Lage, ein Loch in die Kuppelwölbung zu sprengen? Es konnte so viel schiefgehen. Vielleicht hatte Owen recht. John begann zu schwitzen. Die Wangen unter dem Latex juckten. Er trug eine spezielle Maske, die ihn besonders häßlich machte und den Abscheu der Wächter erwecken sollte - in der Hoffnung, daß die Polizisten dadurch von einer gründ-, licheren Überprüfung absahen. Cunninghams Gesicht war ihnen sicher bekannt. John "schloß die Augen, und während er meditierte, spürte er, wie er sich entspannte. Es war besser, die noch verbleibende Zeit auf diese Weise zu verbringen, anstatt sich Sorgen zu machen. Nach einer Weile be- fürchtete er, irgend etwas verpassen zu können. Erneut sah er kurz auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Er hielt es für angeraten, in die Realität zurückzukehren. Die Ränge füllten sich jetzt rasch. John beobachtete die da und dort postierten Polizisten. Die meisten von ihnen waren sehr jung, fast noch Halbwüchsige. Sie wirkten nicht sonderlich eindrucksvoll. In einigen we- nigen Minuten würde er versuchen, sie zu erledigen. Und wahrscheinlich hatte er Erfolg damit. Und wenn nicht - dann brachten sie vielleicht ihn um. Was, wenn er sich nicht rühren konnte? Was, wenn der Augenblick des Angriffs kam und er sich nicht zu bewegen ver- mochte? Himmel, er durfte sich nicht selbst verrückt machen! Er holte tief Luft. Und er sah sich um, analy- sierte dabei nicht, sondern nahm einfach die Eindrücke in sich auf. Oben machte er einige ferngesteuerte Kameras aus, die von der Decke herabhingen. Während der Detail- planung der Aktion hatten sie die Liveübertragung zu- nächst als einen Vorteil betrachtet. Bis jemand darauf hinwies, daß der eigentliche Angriff nicht auf den Fern- sehschirmen zu sehen sein würde. Wenn die Sprengla- dungen zündeten, mußte dadurch im gleichen Augen- blick die Sendung unterbrochen werden. Das Publikum an den Bildschirmen würde sicher den Eindruck gewin- nen, es mit irgendeiner Störung zu tun zu haben. Es schien keine Möglichkeit zu geben, es darauf hinzuwei- sen, was wirklich geschah. Eine so gute Gelegenheit - die sie leider nicht nutzen konnten. John drehte den Kopf und blickte in Richtung Kates. Der Sender, der die Explosivstoffe zündete, war in die, Schnalle des Gürtels integriert, den sie an der Taille trug. Im Augenblick der Detonation sollte ihre Gruppe losschlagen. Allerdings wußte niemand so recht, ob sie überhaupt die Möglichkeit dazu hatten, denn niemand von ihnen konnte genau vorhersagen, was bei der Ex- plosion geschah. Was, wenn sie unter Trümmerstücken begraben wurden? Vielleicht fanden sie dabei alle den Tod. Johns Herzschlag beschleunigte sich. Mit Hilfe seiner Uhr kontrollierte er ihn. Achtundsechzig Schläge pro Minute. Für gewöhnlich waren es fünfzig. Vielleicht wurde er jetzt wirklich nervös. Das Licht trübte sich, und Johns Hände schlossen sich hart um die Armlehnen. Als die Scheinwerferkegel um- herwanderten, offenbarten sie nur die Einleitungskomik in der Arena, und Cunningham beobachtete zum zwei- tenmal den sexuellen Unsinn. Nur am Rande wurde er sich des Gelächters um ihn herum bewußt. Sein Blick klebte am Boden weiter unten, und noch einmal ließ er vor seinem inneren Auge die Einzelheiten des Plans Re- vue passieren. Ihre Gruppe mußte nur die beiden Ebe- nen direkt unterhalb der Arena hinter sich bringen. Die ersten Sprengladungen, die dabei zum Einsatz kamen, sollten die Pendler lahmlegen und den Liftschacht und die Treppen zerstören. Dadurch verhinderten sie, daß ihnen Polizisten aus den unteren Stockwerken in den Rücken fallen konnten. Die Verhörzimmer befanden sich ... Die Musik setzte ein, dröhnend und pochend. John versuchte zu schlucken, aber sein Mund war zu trocken. Er beugte sich in seinem Sitz vor. In dem trüben Licht konnte er gerade sehen, wie sich im Boden eine Öff- nung zu bilden begann. Sie hatten nicht genau gewußt, wie dunkel es zu diesem Zeitpunkt sein würde. Sie mußten warten, bis sich die zweite Torhälfte beiseite ge- schoben hatte, bevor sie losschlagen konnten. John zählte die einzelnen Sekunden: einundzwanzig, zwei-, undzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünf- undzwanzig ... Fünf Sekunden. Und er zählte weiter. Ein Scheinwerferkegel tastete über die Stahlfläche und kroch über die Innenwände der Öffnung. Dann wurde die Spitze des Monolithen sichtbar. John behielt die Ränder der Torhälften im Auge und setzte das Zählen fort. Die Grundfläche der Plattform kam zum Vor- schein. Zehn Sekunden, bis sie sich auf einer Höhe mit der Arena befand. Insgesamt also fünfzehn. Kate würde die Decke dann sprengen, wenn ihnen die Grundfläche der Plattform nicht mehr im Wege war. Sie mochten ungefähr sechs Sekunden Zeit haben, um nach unten zu gelangen. John erschien das sehr knapp. Waren sie denn übergeschnappt, als sie diesen Plan entwickelt hatten? Cunningham hob den Kopf. Und er erstarrte, als sich der Monolith drehte und das Opfer zeigte. Eine junge Frau. Sie zeigte keine Furcht, gab sich stolz und mutig und schürzte verächtlich die Lippen. Sie war wunderschön. Johns Herzschlag schien auszusetzen, und es war, als bliebe die Zeit stehen. Er konnte nichts mehr hören, fühlte nichts anderes als einen dumpfen Schmerz in der Brust, die Unfähigkeit zu atmen. Er verabscheute sich selbst dafür, als er spürte, wie sehr es ihn nach der Ge- fangenen verlangte. Wins hätte ihn deswegen sicher ge- tadelt. Wenn er schon Lust verspürte, so sollte er we- nigstens Gefallen daran finden. Er verfluchte die Polizi- sten. Der Monolith verharrte, und die Frau war direkt ihm zugewandt. Ein Laserlicht glühte zwischen ihren Füßen auf und wanderte langsam nach oben. In weni- gen Sekunden würde das Opfer in zwei Hälften ge- schnitten werden wie ein Stück Vieh im Schlachthaus. Bei der Vorstellung drehte sich Cunningham fast der Magen um. Er fragte sich, wie Menschen zu solchen Grausamkeiten fähig sein konnten, und er hätte am liebsten laut aufgeschrien., Wenn sie doch nur mit der anderen Seite des Rangs begonnen hätten. Verdammt! Wie lange dauerte es noch? John starrte auf die Bodenplatten, so als könne er sie allein mit seinem Willen dazu zwingen, sich zu be- wegen. Die Musik hämmerte auf ihn ein. Warum öffne- ten sich die Tore nicht endlich? Cunningham versuchte, nicht die Frau anzusehen, aber er konnte nicht anders. Das Laserlicht befand sich jetzt zwischen ihren Knien. Es kostete ihn große Mühe, sich zu beherrschen. Ent- weder die Frau würde überleben oder nicht. Er konnte ihr nicht helfen. Er zwang sich dazu, ruhig und gleich- mäßig zu atmen, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bodenplatten. Warum waren die Men- schen so unerträglich grausam? Er hätte sich erbrechen können, und er ertappte sich dabei, den Homo sapiens zu verfluchen. Haß durchflutete ihn, und die in ihm entstehende Wut war heißer und intensiver als jemals zuvor. Irgend jemand würde für all das büßen müssen. Noch einmal sah er in Richtung der Frau. Es mochte noch ungefähr fünf Sekunden dauern, bis der Laser- strahl sie berührte. Sie hatte die Augen geschlossen. Wenn John doch nur dazu in der Lage gewesen wäre, ihr wenigstens zu sagen, daß ihre Peiniger nicht unge- straft davonkommen würden ... Der Boden bewegte sich! Einundzwanzig, zweiund ... Es war zu spät! Kate durfte nicht länger zögern. John konzentrierte sich auf sich selbst. Plötzlich lief er. Seine Beine schienen aus weichem Gummi zu bestehen, aber sie trugen ihn trotzdem. Er hatte fast den Monolithen erreicht, war nur einen Meter von der Frau entfernt, die ihn überrascht anstarrte. Daran vorbei, an den Rand der Öffnung heran. Es donnerte und krachte über ihm, und der Explosionsdruck fegte ihn zu Boden. Er rollte sich ab; ging in die Hocke und stülpte sich die Arme über den Kopf. Scharfe und glühende Metallsplitter segelten über ihn hinweg, und in der jähen Dunkelheit wurden die schrecklichsten Schreie laut, die John jemals gehört, hatte. Die Musik war jählings verstummt. Cunningham. vernahm ein ihm überlaut erscheinendes Knirschen und Knarren, und der Boden unter ihm bewegte sich. Los schon! Schneller! Überall war es finster. Das einzige Licht stammte aus der Öffnung vor ihm. Mit einigen ra- schen Schritten war er am Rande der Platte und sprang. Cunningham fing die Wucht des Aufpralls ab, indem er die Knie beugte, aber trotzdem durchzuckte ihn Schmerz, und er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Er stützte sich mit den Händen ab. Nur einen Meter entfernt stand ein Polizist, der ihn eher verblüfft als erschrocken an- starrte. John zwinkerte mehrmals und fand nur allmäh- lich wieder zu sich. Andere Renegaten landeten um ihn herum, und ei- nige Sekunden lang herrschte großes Durcheinander. Eine befehlsgewohnt und scharf klingende Stimme donnerte: »Was, zum Teufel, geht hier vor?« Dann schrie jemand gellend: »Achtung!« Der Uniformierte vor John hatte furchtsam das Ge- sicht verzogen und griff nach dem an der Wand hinter ihm hängenden Blaster. John sah den Hals des Mannes wie in einer Nahaufnahme vor sich, und er schlug mit ganzer Kraft zu. Er spürte, wie der Wirbel knirschend nachgab. Übelkeit stieg in ihm empor, als er nach dem Kinn griff und den Kopf mit einem Ruck nach hinten riß. Der Brechreiz wurde so intensiv, daß er ihn kaum mehr unterdrücken konnte. Oh, Himmel, wann war es endlich vorbei? Die Hände des Polizisten tasteten nach ihm. John sprang ihm auf den Rücken zu und hieb ihm das eine Knie zwischen die Schulterblätter. Sie gingen beide zu Boden, und es knackte erneut. John verharrte kurz auf dem leblosen Körper, und die Übelkeit lähmte ihn halb. Irgendwie war er dankbar dafür, daß Winslow nicht Zeuge seiner Unbeholfenheit geworden war. Eine Projektilwaffe entlud sich, und John sprang wie- der auf. Aber es war Kate, die das Gewehr in der Hand, hielt. Der letzte noch lebende Polizist kroch durch den Korridor. Ein mit einem Blaster bewaffneter Renegat stieß die Tür auf und feuerte. Anschließend drehte sich der Mann zufrieden um. Die Angehörigen der Angriffs- gruppe sahen sich kurz an und blickten dann zur Decke empor. Die Exekutionsplattform hatte sich wieder abge- senkt. Sie waren von der Arena abgeschnitten. John trat in die Mitte des Raumes. Allmählich wurde die Zeit knapp. »Wir müssen die Kontrollen für die Plattform finden«, sagte er. »Und ein paar Knöpfe drücken.« »Hier.« Kate eilte an einen Tisch, in den nur ein hal- bes Dutzend Tasten eingelassen waren. Sie betrachtete sie und versuchte eine Entscheidung zu treffen. John sah ihr über die Schulter und war sich ebenfalls nicht si- cher. Er streckte den Arm aus und betätigte versuchs- weise eine der Tasten. Nichts geschah. »Es spielt keine Rolle. Drück sie einfach nacheinander!« Kate kam der Aufforderung nach, und hinter ihnen summte irgend- ein Mechanismus. Sie drehten sich um. Die erste Exe- kutionsplattform - diejenige mit der jungen Frau, deren Anblick Cunningham zuvor so erschüttert hatte - senkte sich ab. Mochte die Grundfläche auch Polizisten zu ihnen herunterbringen? Es bildete sich eine Öffnung zwischen Plattform und Decke, aber aufgrund der in der Arena herrschenden Dunkelheit konnten sie nichts erkennen. Dann fiel der Blick Johns auf den matt glänzenden Lauf eines Bla- sters. Sie wagten nicht einmal zu atmen. Aber das Ge- sicht, das sich kurz darauf zeigte, war das eines weite- ren Renegaten. Die Arena befand sich also in ihrer Hand. Bisher lief alles einwandfrei. John unterdrückte einen Jubelruf. Von weiter oben ertönten die Geräusche des Chaos': Schreie, Schluchzen, Stöhnen, die kra- chende Entladung einer Projektilwaffe. Die Plattform anhalten! Das hätte John fast vergessen. Sie mußte auf halbem Wege zwischen den beiden Ge-, Schossen verharren. Cunningham wandte sich den Kontrollen zu. Kate wartete dort bereits auf ihn. »Es gibt hier nur einen roten Knopf«, sagte sie. Sie zögerte kurz, dann betätigte sie die Taste. Ein gedämpf- tes Knirschen ertönte, und das Summen des Motors verstummte. Drei Renegaten befanden sich auf der Plattform. Zwei gingen in die Hocke und sprangen zu Boden. Der dritte hatte eine Möglichkeit gefunden, die Frau loszubinden. Nur eine Hand war noch immer an den Monolithen ge- kettet. »Ein Airwagen kommt!« rief jemand von oben. John sah sich um. Seine Kameraden waren nun alle bewaff- net. Die Bahren mit den anderen Gefangenen, die wäh- rend des Autodafes hatten hingerichtet werden sollen! Bisher war John nur am Rande auf sie aufmerksam ge- worden. »Jemand muß sich um die Bahren kümmern und die Leute befreien«, befahl John. »Wer hat die Aufgabe, die Korridore abzusichern und die Türen zu bewachen?« Einige Männer setzten sich verspätet in Bewegung und eilten durch den Gang. Die zuvor an den Exekutionsmonolithen gefesselte Frau sprang von der Plattform herunter und landete vor Cunningham. Er wollte ihr helfen, aber ihre rosafarbene Nackheit machte ihn verlegen. »Es ist alles in Ordnung mit mir«, sagte sie und rich- tete sich auf. Von oben trafen nun weitere Renegaten ein. Zuerst sprangen sie auf die Plattform, und von dort aus dann auf den Boden des unteren Geschosses. Jeder von ihnen trug eine Waffe bei sich. Die Sprengstoffe wurden her- eingebracht. Allmählich wurde es eng im Raum. »Meine Leute hierher!« rief Kate. »Meine Gruppe an die andere Tür«, sagte John. In der Arena weiter oben konnte er die Scheinwerfer landender Airwagen sehen. Die allgemeine Geräusch-, kulisse war nun nicht mehr ganz so laut, aber noch im- mer ertönten vereinzelte Schreie, das wimmernde Ru- fen derjenigen, die wußten, daß sie nicht mit Hilfe rech- nen konnten. Wie viele Zuschauer waren von den Trümmern des gesprengten Dachs erschlagen wor- den? Jemand berührte Johns Schulter. »Wir haben jetzt die Sprengladungen für die Treppe.« Cunningham nickte. Die Gruppe, der das östliche Obergeschoß des Gebäudes zugewiesen worden war, hatte sich bereits auf den Weg gemacht. John eilte durch die Tür, und die anderen Leute seiner Kampfeinheit folgten ihm im Laufschritt durch den Korridor. Links von ihnen kam es zu einer Explosion, aber sie achteten nicht darauf und setzten den Weg fort. Am Ende des Flurs wandten sie sich nach rechts. Nach weiteren zehn Metern erreichten sie das Trep- penhaus. Sie stießen die Tür auf und blickten sich um. Weit und breit war nichts von Polizisten zu sehen. Sie nahmen zwei Stufen auf einmal, während sie hinabha- steten. Auf halbem Wege nach unten stolperte jemand und fiel. Der Mann weiter vorn half dem Gestürzten wieder hoch, und weiter ging es. Am Absatz eine Etage tiefer gruppierten sie sich neu, und die beiden Männer mit den Sprengladungen begaben sich rasch noch ein Stockwerk tiefer. Die anderen folgten John durch eine Tür. Zehn Meter bis zur Korridorbiegung - und plötz- lich sahen sie sich mit einem halben Dutzend ihnen ent- gegenkommender und sehr überraschter Polizisten konfrontiert. John feuerte aus der Hüfte heraus, und der Kolben schlug ihm schmerzhaft ans Becken. Zwei weitere Re- negaten schossen ebenfalls. Eine unsichtbare Hand schien die Uniformierten anzuheben und durcheinan- derzuschleudern. Laserstrahlen schnitten zischend in Fleisch. Es dauerte nur einige wenige Sekunden, dann bilde-, ten die Leichen der Polizisten eine Barriere. Ein Renegat sprang und setzte über den Berg aus rauchendem menschlichen Fleisch hinweg. John und die anderen folgten ihm. Die beiden Männer, die die Sprengladun- gen an der Treppe angebracht hatten, kamen um die Ecke und schlossen wieder zu ihnen auf. »Gut«, sagte John und ließ seine Gruppe vor der Ab- zweigung eines Seitenganges anhalten. »Sie wissen, um welche Sektoren Sie sich zu kümmern haben. Wenn die Sirenen heulen, liegt es ganz bei Ihnen, rechtzeitig ge- nug zurückzukehren. Das ganze Gebäude schien zu erzittern, als die Sprengladungen im Treppenhaus detonierten. John und seine Leute passierten die Kreuzung vorsichtig und teilten sich dann auf. In drei verschiedene Richtungen liefen sie weiter. John begann damit, Türen zu überprü- fen: ein leerer Aufenthaltsraum, eine Kammer für die Reinigung von Droiden, ein Laboratorium für die Repa- ratur elektronischer Ausrüstungsteile. Die nächste Tür war verschlossen. Sie schien nicht aus Stahl, sondern aus Kunststoff zu bestehen. John schmolz das Schloß mit dem Laser und trat das Hindernis einfach beiseite. Ein Büro mit Computerkonsolen. Weit und breit kein Polizist zu sehen. In der Tür des nächsten Raums be- schleunigte sich der Pulsschlag Cunninghams. Ein sta- biler Plastikstuhl mit Schellen, um die Arme und Beine einer darauf sitzenden Person zu fesseln, ein Schrank mit Injektionspistolen, Ledersessel an den Wänden. John blieb länger stehen, als er es sich eigentlich leisten konnte. Weiter. Moment. Hier entlang. Wenn ihn die Erinnerung an die Etagenpläne nicht trog, mußten sich am Ende dieses Gangs die Gefängniszellen befinden. Eine einzelne Tür. John riß sie mit einem Ruck auf. Ein Uniformierter stand über eine Konsole gebeugt. »Ich hörte, daß ..« Er unterbrach sich mitten im Satz und starrte aus weit aufgerissenen Augen auf den Bla-, ster Johns. Es blitzte auf, und der Polizist sank über dem Komterminal zusammen. John trat um die Konsole herum und versuchte, die Tür dahinter zu öffnen - verriegelt. Er zog die Leiche von der Schalteinheit und ließ sie zu Boden sinken. Cunninghams Blick fiel auf eine Anordnung von Ta- sten, über der sich zwölf kleine Monitore zeigten. In Augenhöhe befand sich ein größerer Bildschirm. Auf den Displays waren nur leere Zellen zu sehen. Halt, nein. Da war jemand. John führte versuchsweise einige Schaltungen durch und projizierte das entsprechende Bild dann auf den großen Schirm. Ein Mann, ungefähr fünfzig Jahre alt, mit einer Mittelkopfglatze und einem Oberlippenbart. Er saß auf dem Rand einer Liege. Schirm acht. Jetzt kam es also darauf an, die Kontrollen für Zelle acht zu finden. Dort - Öffnen/Schließen. John wählte letzteren Modus. Und jetzt - die Tür hinter ihm. Ja, kein Zweifel. Er betätigte die Taste und griff nach dem Knauf. Nichts zu machen. Noch immer verriegelt. Verdammt. Langsam, ganz ruhig! Die Anzeigen lesen. Johns Blick richtete sich auf die kleinen Kennungen. FREIGABE, MODUS, GAS, LICHT, INFRAROT, ÖFF- NEN/SCHLIESSEN, BETT. Unter jedem Monitor be- fanden sich kleine KOM-Tasten. John preßte die unter dem Bildschirm mit der Nummer 8 in die Einfassung. »Hallo?« Der Mann auf der Liege blickte überrascht auf. »Ja?« »Können Sie mich verstehen? Hören Sie, ich versu- che, Sie da rauszuholen.« Der Mann starrte völlig verblüfft an der Wand hoch. »Wer sind Sie?« »Ein Renegat. Ich glaube, ich habe die Tür entriegelt. Versuchen Sie, sie von Ihrer Seite aus zu öffnen.« Der Gefangene trat auf die Tür zu, und einige Sekun- den lang füllte sein Kopf den ganzen Bildschirm aus. »Nein, nichts zu machen. Sie ist noch immer zu.« »Na gut, versuchen Sie es weiter.« John betätigte er-, neut den Schalter mit der Aufschrift Öffnen/Schließen. Mit wachsender Nervosität suchte er auf dem Kontroll- bord nach Hinweisen, und er betätigte jede Taste, die in diesem Zusammenhang einen Sinn ergab. Nichts. Er drückte einen weiteren Knopf, und über ihm schrillte es plötzlich. Verzweifelt griff John nach dem Knauf, aber die Tür rührte sich noch immer nicht. Der Alarm machte ihn noch nervöser. Mit seinem Laser zerstörte er die Si- rene. Dann stellte er die Komverbindung wieder her. »Ich komme mit den Kontrollen nicht klar. Wissen Sie, wie die Zellentüren geöffnet werden?« Der Gefangene schüttelte den Kopf und sagte dann laut: »Nein.« »Aber wir müssen Sie da irgendwie rausholen. In ein paar Minuten jagen wir das ganze Gebäude in die Luft.« Der Mann riß die Augen auf. »Sie wollen ... Nun, nicht schlecht.« Nach dem ersten Schock schien er wirk- lich erfreut zu sein. »Das hätte man schon längst ma- chen sollen.« »Sagen Sie mir also, wie ich die Tür aufmachen soll.« »Das würde ich gern, wenn ich könnte.« John drehte sich um und starrte auf das Hindernis. Dicker Plaststahl. Mit seinem Laser konnte er da nicht viel ausrichten. Er versuchte es trotzdem. Nichts. John konnte deutlich spüren, wie die ihnen noch verbleiben- den Sekunden immer schneller verstrichen. Himmel, er mußte weiter. Es hatte keinen Zweck. »Versuchen Sie es noch einmal!« wandte er sich an den Gefangenen. John machte sich erneut daran, Tasten zu betätigen. Vielleicht mußten einige von ihnen gleichzeitig ge- drückt werden. Vom Korridor her erklang das Wim- mern von weiteren Sirenen: die Zwei-Minuten-War- nung. John hieb mit der Faust auf das Kontrollpult. Er preßte die Komtaste in die Einfassung. »Mir wird die Zeit knapp.«, »Ich schätze, das wär's dann wohl. Danke dafür, daß Sie es wenigstens versucht haben. Sprengen Sie das Gebäude und sorgen Sie dafür, daß es vollkommen zer- stört wird.« Johns Gedanken wirbelten im Kreis. Dieser Mann war es wert, gerettet zu werden. Wenn er nur nicht den Wächter getötet hätte. Verdammt! Warum hatte er vor- her nicht daran gedacht? Cunningham gab sich alle Mühe, sich wieder zu beruhigen. Was hatte er überse- hen? Es fiel ihm nichts ein, und die Sekunden verstri- chen weiter. Er hielt die Komtaste noch immer niedergedrückt. »Es war mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.« »Danke. Es hat mich ebenfalls gefreut. Viel Glück.« Es gab sonst weiter nichts mehr zu sagen. John wir- belte um die eigene Achse und hielt auf die Tür zu. Er lief durch den Hauptkorridor, kam an einem Berg aus Sprengstoffen vorbei und beobachtete zwei Renegaten, die gerade den Zünder einstellten, der aus sicherer Ent- fernung ausgelöst werden sollte. Nach zehn weiteren Metern fand er einen Mann aus seiner Gruppe. Er beugte sich kurz zu der reglosen Gestalt hinab und fühlte den Puls. Nichts. Er lief weiter. Im Treppenhaus war es heiß, und dichte Rauch- schwaden wallten träge in die Höhe. Cunningham klet- terte blind empor. Auf dem obersten Absatz hielt er kurz inne und lauschte, ob ihm die beiden anderen Re- negaten folgten. Durch die Tür in die nächste Etage - und hier konnte er wieder atmen. Er lief erneut los. Zwei Renegaten eilten vor ihm durch den Gang, zwei hinter ihm. Nach einigen Sekunden stieß John die Dop- peltür auf und gelangte in den Bühnenbereich. Nach- einander wurden die Kämpfer der Angriffsgruppe zur Arena emporgezogen. In der einen Ecke des Raums ar- beiteten zwei Techniker an einer Kapsel, die sie aus dem Kopf eines toten Polizisten herausgeholt hatten. Cun- nignham erinnerte sich: Während der Einsatzbespre-, chung hatte jemand von der Möglichkeit gesprochen, das Peilsignal zu neutralisieren und eine Kapsel mitzu- nehmen; man wollte sie speziell auf den Vernichtungs- schaltkreis hin untersuchen, der einem Beamten im Falle des Ungehorsams sofortigen Tod bringen konnte. Jemand rief: »Wenn Ihr Blaster kein blaues Zeichen am Kolben aufweist, handelt es sich dabei um eine alte Ausführung, und diese Modelle müssen hierbleiben. Es bleiben jetzt noch fünfzig Sekunden. Lassen Sie alle Blaster der alten Modellreihe hier ..« Es wurde rasch leerer im Raum. Die beiden Techniker mühten sich noch immer ab, und ihre Hände waren blu- tig. Nur noch einige wenige Leute befanden sich auf der Bühnenebene. Aus irgendeinem Grund nahm John an, er müsse als letzter gehen. Aber er wußte auch, daß er jetzt nichts mehr machen konnte. Der Mann, der den vorherigen Hinweis gegeben hatte, wandte sich an ihn: »John, Sie sollten jetzt besser nach oben klettern.« Cunningham trat vor und griff nach den sich ihm entgegenstreckenden Armen. Zwei auf der Exekutions- plattform befindliche Männer zogen ihn hoch. Selbst diese Einzelheiten waren zuvor geplant worden: Die vier stärksten Männer des Lagers hatten den Auftrag erhalten, ihren Kameraden in die Höhe zu helfen. Wenn die Aktion also erfolgreich abgeschlossen werden konn- te, so hatten sie das nicht allein dem Zufall zu verdan- ken. Ein rascher Schritt, und die beiden nächsten Athle- ten griffen zu. Unmittelbar darauf stand John im hellen Scheinwerferlicht eines Airwagens. Er trat zur Seite. Ein Schweber links von ihm glitt langsam in die Höhe und katapultierte sich dann geradezu durch das Loch im Kuppeldach. Nur noch vier Airwagen standen be- reit. Cunningham sah sich schnell um. Überall in der Arena fiel sein Blick auf Leichen, und da und dort lagen tote Zuschauer in ihren Sesseln. Auf der Außenfläche der Kontrolleinheit zeigten sich von Lasern verursachte Schmelzspuren, und in ihrem Innern war es offenbar zu, einer Explosion gekommen. Vielleicht hatten einige Mitglieder der Besatzung überlebt und sich den Renega- ten gegenüber zur Wehr gesetzt. John stellte sich vor, wie viele Menschen sowohl von der Überwachungsein- heit als auch den Trümmerstücken erschlagen worden waren, und er schauderte. Die aus Plaststahl bestehen- den Kabel, die zuvor die Kontrollnische in der Schwebe gehalten hatten, waren von der Detonation nicht aus der Deckenverankerung gerissen worden, und einige schwere Kuppelfragmente direkt über ihnen wurden nur noch von Metallverstrebungen gehalten. In der Arena lagen auch einige verwundete Zuschauer des Autodafes. Sie waren zu schwer verletzt, als daß sie aus eigener Kraft hätten fliehen können, und da es in den Airwagen keinen Platz für sie gab, würden sie bei der Sprengung des IZ-Gebäudes ums Leben kommen. Wenn John daran dachte, daß das Unternehmen seine Idee gewesen war ... An diesem Abend war er für den Tod vieler Männer und Frauen verantwortlich. Aber er empfand weder Schuld noch Bedauern. Er fühlte über- haupt nichts. Eine Renegatin führte ihn auf einen der Airwagen zu, half ihm in den vorderen Sitz und schloß die Tür. Warum hatte sie dabei einen so besorgten Eindruck er- weckt? Und die Stille - bisher war ihm noch nicht aufge- fallen, wie still es war. Der Airwagen erzitterte, und John wurde in den Ses- sel gepreßt. Der Schweber sauste so schnell in die Höhe, daß Cunningham der Atem wegblieb. Er raste durch das Loch in der gesprengten Decke und stieg noch hö- her, immer höher, der dichten Wolkendecke entgegen. Er beschleunigte mit höchsten Werten, und das schein- bare zusätzliche Gewicht, das John dabei verspürte, gab ihm ein seltsames Gefühl der Sicherheit. Jetzt war alles vorbei. Seine Befürchtungen waren dumm gewesen. Nein, dumm nicht. Die Aktion hätte ebensogut in einer Katastrophe enden können. John seufzte. Jetzt war, nicht der richtige Zeitpunkt, um sich erneut Sorgen zu machen. Eine gedämpfte Stimme hinter ihm zischte: »Sehen Sie nur!« Als John sich umdrehte, wußte er bereits, was sich seinen Blicken darbieten würde. In der Richtung, aus der sie kamen, glühte es orangefarben durch die Wol- ken. Er dachte an den Gefangenen in der Zelle, daran, wie der Mann mit der Mittelkopfglatze versucht hatte, die Tür zu öffnen. »Der jähe Start tut mir leid, John. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« Die Stimme des Piloten schien aus weiter Ferne zu kommen. Alle Renegaten kannten seinen Namen, wäh- rend er nicht wußte, wie die meisten von ihnen hießen. Das belastete ihn. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, was Sie meinen«, erwiderte John, und seine eigene Stimme er- schien ihm fremd. »Ihre Wunden. Haben Sie große Schmerzen?« »Nein, es geht mir gut. Machen Sie sich keine Sor- gen.« Wunden? Plural, wohlgemerkt. Er blutete also. Aber es hatte keinen Sinn, sich jetzt die eigenen Verlet- zungen anzusehen. Darum konnten sich andere küm- mern, wenn sie wieder zurück waren. Sie schmerzten nicht, und deshalb ignorierte John sie einfach. Die Nase des Airwagens wandte sich nach unten, und kurz darauf sausten sie über Randstraßen hinweg, flo- gen mit dem Drei- oder Vierfachen der für diese Höhe zugelassenen Höchstgeschwindigkeit. An der nächsten Kreuzung sahen sie plötzlich ein Fahrzeug der Polizei, das mitten auf der Straße stand. Bei diesem Tempo mußten sie es in wenigen Sekunden erreichen. Der Re- negatenpilot schaltete die vertikalen Düsen ein und jagte dem Polizeiwagen eine Rakete entgegen. Sie traf genau ins Ziel, und ein Feuerball blühte auf. Der Airwa- gen erzitterte kurz, als er durch die Peripherie der Glut, raste, aber gleich darauf stabilisierte sich die Fluglage wieder. In hellem Licht flogen sie über ein Hausdach hinweg, und der Abstand zur Außenmauer des näch- sten Gebäudes betrug nur einen knappen Meter. Bei der nächsten Straße gingen sie wieder tiefer und folgten dem Verlauf des Asphaltbandes. John atmete erleichtert durch. »Ich dachte schon, Sie würden es nicht schaffen.« Der Pilot grinste. »Ich hatte ähnliche Befürchtungen. Habe so ein Manöver zum erstenmal in Wirklichkeit ge- flogen. Solche Fähigkeiten erwirbt man, wenn man tau- send Stunden im Simulator hinter sich hat. Es waren nur meine Reflexe.« »Sie verstehen Ihr Handwerk.« Es war ein langer Flug zurück. Der Kurs, den man ih- nen nach dem Abschluß der Aktion zugewiesen hatte, wich um nahezu 150 Grad vom direkten Weg nach dem Renegatenlager ab. Sie beschrieben nun einen langge- streckten Bogen und hielten sich dabei unterhalb der Baumwipfel, um einer Radarerfassung zu entgehen. Sie erreichten die Basis erst gegen einundzwanzig Uhr dreißig. Diesmal war john dazu in der Lage, alle Einzelheiten des Einfluges in den Stützpunkt zu beobachten. In der einen Sekunde rasten sie direkt auf einen großen Baum zu, und die Kollision schien unvermeidlich zu sein. In der nächsten befanden sie sich in einem Tunnel. »Was war das?« fragte John und schluckte. »Ein Hologramm.« »Oh.« Das hätte er sich eigentlich denken können. Als der Pilot den Airwagen in der Garage parkte, wurden von außen die Luken geöffnet. Ein Mann beugte sich herein. »Verwundete?« Er sah in Richtung des hinteren Abteils, in dem sich mehrere Männer und Frauen zusammendrängten. Hände deute- ten auf John. »Können Sie sich bewegen?«, »Ja. Sind nur ein paar Kratzer. Bis vor kurzem habe ich nicht einmal etwas davon bemerkt.« Man half Cunningham aus dem Fahrzeug. Nach eini- gem Zögern streckte er sich auf einer Liege aus, die in einen Nebenraum gerollt wurde. Er stellte einige Fragen, erhielt aber keine Antworten. Niemand wußte zu sagen, ob Sandy gerettet worden war, wie viele Tote es gegeben hatte, wo sich Rafferty befand. Jemand untersuchte ihn. »Nun, Doc, werde ich es überleben?« »Ich bin kein Arzt.« »Ach so.« »Aber um Ihre Frage zu beantworten: Die Wunden sind nicht sonderlich tief, und offenbar sind keine Parti- kelsplitter eingedrungen. Ich werde sie nur reinigen, desinfizieren, Ihnen einen Verband anlegen und Sie dann hier rauswerfen.« »Danke.« Kurz darauf stand John im Korridor und wußte nicht so recht, wohin er sich wenden sollte. Ihre Heimkehr kam sicherlich nicht gerade einem Triumphzug gleich. Niemand empfing sie mit einem Siegeskonzert. Der Be- sprechungsraum war leer. Eine Frau eilte durch den Gang, und John hielt sie am einen Arm fest. »Wo sind die ganzen Leute?« »Im Speisesaal.« In der Halle herrschte zwar großes Gedränge, aber es war sonderbar still. Alle warteten, und Hunderte von Blicken richteten sich auf Cunningham, als er eintrat. Jemand klopfte ihm auf die Schulter. Rafferty und Kate hielten sich nicht hier auf. Irgend etwas stimmte nicht. Eine Frau folgte John in den Speisesaal und rief: »Die letzten beiden Wagen sind sicher heimgekehrt. Offen- bar haben wir nur Max und Susan verloren.« Einige Leute atmeten erleichtert auf, aber die An- spannung der Menge verflüchtigte sich nicht., »Haben wir Sandy herausgeholt?« fragte John und hatte dabei das Gefühl, die Situation nicht ganz zu be- greifen. »Mit Sandy ist alles in Ordnung. Sie befindet sich in der Krankenstation.« »Was ist dann los?« »Haben Sie nichts von Kate gehört?« John drehte sich ruckartig zu der Frau um, die ihm diese Antwort gegeben hatte. »Was ist mit Kate?« fragte er leise. »Sie wurde schwer verletzt. Sie wird gerade ope- riert.« »Wo? Bringen Sie mich dorthin! Ist Winslow bei ihr?« »Ja. Kommen Sie! Hier den Gang entlang!« Es war die Frau, die Rafferty und John bei ihrer Ankunft im Lager empfangen hatte. Debbie. Ja, sie hieß Debbie. Ungefähr vierzig Jahre alt, kurzes blondes Haar, ein recht selbst- bewußter und ungezwungener Typ. John folgte ihr. Es zitterten ihm plötzlich die Knie, und ihm wurde schwindelig. Sie fanden Rafferty im ersten Zimmer der Kranken- station. Er saß allein auf einem Stuhl und hatte den Kopf auf die Hände gestützt. »Wins.« John ging neben dem alten Mann in die Hok- ke. »Wie geht es Kate?« Rafferty sah auf. »Die Ärzte glauben, sie kommt durch. Ein Laserstrahl brannte sich ihr in die Magen- grube. Da ist auch mit einer Operation nicht viel zu ma- chen. Sie haben die Wunde mit Gel gefüllt. Sie schläft jetzt.« »Kann ich zu ihr?« »Das hat keinen Sinn, John. Sie wird nicht vor mor- gen zu sich kommen. Ist mit Ihnen alles klar?« »Bis auf einige Kratzer ja. Wie erging es Ihnen? Sie sehen aus wie ein Geist.« »Das ist bei meinem Alter auch kein Wunder. Eigent- lich hätte ich schon längst unter der Erde liegen sollen., Dauernde Anspannung und Sorgen - für jemanden wie mich waren die letzten vierundzwanzig Stunden ziem- lich hart.« Rafferty lächelte. »Haben Sie gehört, daß es wirklich gelang, Sandy zu befreien?« Er lachte und schüttelte den Kopf. »John, Sie haben uns wirklich Glück gebracht. Ich rechnete mit tausend Problemen. Statt dessen lief alles wie am Schnürchen. Die Leute hier ha- ben Mumm. Sie verhielten sich genau so, wie es der Plan erforderte. Das erscheint mir zumindest außerge- wöhnlich. Nun, ich glaube, Kate würde es begrüßen, wenn wir an der Feier teilnähmen.« »Was für eine Feier? Die Leute sind alle im Speisesaal und erwecken eher den Eindruck, als warteten sie auf den Beginn einer Begräbniszeremonie.« Rafferty stöhnte. »Was bringt ein Sieg, wenn man ihn nicht auch genießt? Jubel ist das Salz in der Suppe des Lebens. Himmel, die Leute haben es wirklich verdient, sich zu freuen!« Der alte Mann stand auf und ging auf die Tür zu. »Debbie, wissen die Männer und Frauen noch um Tropanka Bescheid?« »Sicher.« Sie beeilte sich, um zu Rafferty aufzu- schließen. John zögerte kurz und folgte ihnen dann. »Man sollte meinen, die Welt käme wenigstens ein- mal ohne meine Hilfe aus«, brummte Winslow und marschierte durch den Korridor. »Debbie, könntest du alles vorbereiten? Wir sollten den Leuten einen Kriegs- tanz präsentieren. John, Sie übernehmen die Führung. Machen Sie sich keine Sorgen. Tun Sie einfach so, als seien Sie bei mir zu Hause.« Wie ein Wirbelwind platzte der alte Mann in den Speisesaal. »Was ist mit der Party?« rief er. »Begreift ihr denn nicht, daß wir gesiegt haben? Kate kommt wieder auf die Beine. Sie möchte, daß wir feiern.« Rafferty sah sich in der Halle um. Niemand rührte sich. »Himmel und Hölle, versteht ihr nicht? Ihr seid in die Höhle des Löwen eingedrungen und habt keinen Stein auf dem anderen gelassen. Ihr habt gewonnen und das Unmög-, liche geschafft. Freut euch darüber! Schiebt die Tische beiseite! Wir werden unseren Sieg mit einem Tanz feiern!« Nach und nach bewegten sich die Männer und Frau- en, und Tische und Sitzbänke wurden an den Wänden aufgestapelt. Die Musik setzte ein, und Rafferty griff nach der linken Hand Johns. Die beiden Männer be- gannen zu tanzen, und sie sangen laut und stampften mit den Füßen auf den Boden. Die anderen Renegaten eilten herbei und bezogen hinter Rafferty Aufstellung. Innerhalb weniger Sekunden bildete sich eine lange Kette, und Hunderte von Personen bewegten sich im Takt der Musik. Die dröhnenden Stimmen schienen eine Faust zu formen, die auf die Brust Cunninghams einhieb, und Tränen liefen ihm über die Wangen. Er sang nun nicht mehr mit den anderen, und es war schwierig, sich auf die angemessene Weise dem Takt der Musik anzupas- sen. Ein profundes Gefühl der Gemeinschaft und der gemeinsamen Kraft entstand in ihm, und er tanzte, als sei er gewichtslos, als schwebte er durch hellen Sonnen- schein. Nach einer Weile verklang die Musik, und als der letzte Akkord verhallte, folgte Stille. Dann plötzlich ju- belte die Menge. Irgend jemand rief: »Eine Rede!« Und andere schlossen sich ihm an. Ein Stuhl wurde herbei- getragen und neben Rafferty abgestellt. Ein Dutzend Hände hoben ihn empor. Der alte Mann stand auf dem Stuhl und verzog ange- sichts des Lärms das Gesicht. Als allmählich wieder Stille einkehrte, sagte Rafferty: »So ist es schon besser.« Das Jubeln begann erneut, und er hob die Hände. »Ich weiß nicht genau, warum ich hier stehe. Heute abend war ich nur ein Kämpfer unter vielen. Ich habe den Mann mitgebracht, der den Plan entwickelte und das Unmögliche möglich machte. Den Mann, der als erster ins untere Geschoß vorstieß. Übrigens: Weiß jemand, ob das noch übertragen wurde?«, Jemand aus den hinteren Reihen rief: »Ja, alle Fern- sehzuschauer konnten es miterleben!« »Haben Sie das gehört, John?« übertönte die Stimme Raffertys den neuerlichen Jubel. »Sie sind berühmt. Kommen Sie hier rauf!« Rafferty sprang zu Boden, und man half John auf den Stuhl. Der Jubel wurde noch lauter. Als es nach einer Weile wieder still wurde, sagte John: »Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich Kate sagen, daß dieser Applaus auch ihr galt. Ich habe eigentlich das Gefühl, daß ich mehr Begeisterung ernte, als ich eigent- lich verdient habe. Ich weiß noch, wie ich vor dem Be- ginn der Show am Rande der Arena saß und dachte, was für einen hirnverbrannten Plan wir doch entwickelt hätten; ich zweifelte zu jenem Zeitpunkt am Erfolg der ganzen Aktion. Und doch - Sie haben es geschafft. Sie waren wirklich gut.« Es war nun so still im Saal, daß man eine Stecknadel hätte fallen hören können. »Echt gut. Niemand von uns hatte eine leichte Aufgabe, aber alle wurden den Anforderungen gerecht. Mit Leuten wie Ihnen an meiner Seite gibt es nichts, was ich nicht riskieren würde. Es war mir eine Ehre, mit Männern und Frauen wie Ihnen zu kämpfen.« Als John vom Stuhl heruntertrat, donnerte ein gera- dezu ohrenbetäubender Applaus. Die Leute schrien und grölten und klatschten in die Hände. Ein Paar sprang auf den Stuhl und gab den Takt für den Chor an. Rafferty und John standen abseits, wie im Auge eines Orkans, und sie sahen sich schweigend an. Der alte Mann nickte anerkennend und ließ dann den Blick durch den Saal schweifen. Ohne Kontakt zu Rafferty fühlte sich John inmitten des Lärmens allein und isoliert. Er spürte, wie sich seine Arme von ganz allein zu heben schienen und sich wie zögernd bewegten. Dann identi- fizierte er sich ganz mit dem begeisterten Brüllen und Gestikulieren, das nunmehr direkt aus seiner Seele kam., Der Jubel nahm immer mehr zu, und Füße stampften rhythmisch auf den Boden. Das Pochen wurde immer intensiver. Schwitzende Körper bildeten eine dichtge- drängte Masse in der Hitze des Raums. Fäuste hieben durch die Luft, und Gesichter verzerrten sich. Eine Zeit- lang verlor sich Cunningham in diesem Takt der Begei- sterung, aber nach einer Weile fand er wieder zu sich selbst zurück, und das chaotische Durcheinander er- schien ihm fremd und erweckte ein diffuses Unbehagen in ihm. Er bahnte sich einen Weg zur Tür und trat auf den Gang. Das erste Zimmer der Krankenstation war leer. Im anschließenden Korridor gab es zwei Türen. Die linke führte in einen ebenfalls verlassenen Untersuchungs- raum. John öffnete die rechte und gelangte in ein nur matt erhelltes Zimmer mit zwei Betten. Eins war leer. Neben dem anderen saß ein weißhaariger Mann, den Rücken zur Tür gewandt. Wins? John hatte angenom- men, Rafferty befände sich noch immer im Speisesaal, und deshalb überraschte ihn der Anblick ein wenig. Doch das Gesicht auf dem Kissen war das Kates. Der Besucher mußte also Wins sein. John zog sich einen Stuhl heran und nahm auf der anderen Seite des Bettes Platz. Kates Miene wirkte wie eine Maske. Die Ärzte hatten sie auf den Rücken gelegt, und sie mochte es nicht, in dieser Position zu schlafen, zog die Seitenstellung vor. Aber vermutlich war sie so betäubt, daß sie dem kaum Beachtung schenkte. Rafferty beobachtete ihn. »Ich hoffte, Sie würden noch etwas länger an der Feier teilnehmen.« Cunningham zuckte die Achseln. »Ich hatte keine Lust mehr. Später kehre ich noch einmal zurück. Wie geht es Kate?« »Ganz gut.« »Warum ist das andere Bett leer? Wurde nur sie ver- wundet?« »Nein, das nicht. Aber wenn die Verletzungen nicht, zu schwer sind, ziehen es die Betreffenden vor, in ihren eigenen Zimmern zu schlafen. Computerverbindung gibt es überall. Und zu Hause fühlt man sich einfach besser.« »Bedeutet das, daß Kates Zustand kritisch ist?« »Kate wurde ziemlich schwer verletzt, und sie hat es noch nicht überstanden. Aber sie hält sich recht gut.« John bemerkte ein Funkeln in den Augen Raffertys, das es ihm angeraten erscheinen ließ, in dieser Hinsicht keine weiteren Fragen zu stellen. Eine Zeitlang beob- achteten sie schweigend das blasse Gesicht Kates. »Wins, haben Sie vor dem Abflug die Arena gese- hen?« »Ja.« »Viele Tote.« »Und?« »Und ich frage mich, ob wir das Recht hatten, das Le- ben all dieser Leute zu opfern.« »Unsere Aktion war notwendig. Ich hatte kein Ver- gnügen dabei - aber darauf kommt es auch nicht an. Manchmal glaube ich, menschliches Leben ist nicht ganz so kostbar. Es geht um unser Volk. Und wenn wir, um als Spezies zu überleben, einige Individuen opfern müssen, so bleibt uns keine andere Wahl.« »Hört sich so an, als maßten wir uns die Rolle von Göttern an«, erwiderte John. »In diesem Ausmaß war das in der Menschheitsge- schichte immer der Fall. Ich fühle mich nicht für den Tod derjenigen Männer und Frauen verantwortlich, die heute abend starben. Es war unvermeidlich.« »Mir läuft es kalt über den Rücken, Sie so sprechen zu hören.« »John, Sie sollten wissen, daß ich ein verdammter Mistkerl bin. Sie sehen mich als Ihren Lehrer, und des- halb machen Sie eine Art Heiligen aus mir. Aber das bin ich nicht.« John stand auf. Er verspürte den Wunsch, über Kate, zu sprechen, aber er fühlte, daß Rafferty nicht an diesem Thema gelegen war. Er warf dem alten Mann noch ei- nen Blick zu, nickte und ging dann zur Tür. Rafferty er- hob sich ebenfalls und folgte John ins Wartezimmer. »Befürchten Sie, Kate könnte hören, was wir drüben in ihrem Zimmer sagen?« fragte Cunningham. »Natürlich. Und bei solchen Gelegenheiten schweigt man besser.« »Vielleicht hört sie uns auch jetzt.« »Vielleicht.« »Sie meinten eben, es ginge ihr gut. Warum zweifle ich nur an Ihren Worten?« »Weil Sie allen Grund dazu haben. Sie wurde sehr schwer verletzt. Und niemand kann ihr Überleben ga- rantieren.« »Warum sagten Sie mir das nicht schon, als ich Sie das erstemal danach fragte?« »Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das auch gemacht.« »Aber ihren möglichen Tod erwähnten Sie nicht.« »Nun, dann hole ich das hiermit nach.« Johns Knie zitterten, und er setzte sich. Er wurde sich seiner Erschöpfung bewußt. »Kate könnte also ster- ben.« »Ja.« »Sie sprechen das sehr ruhig aus.« »Und ich gebe meine Ruhe nicht nur vor.« »Womit alles in Ordnung wäre, wie?« »Genau!« »Hoffen Sie denn nicht, daß Kate überlebt?« »Meine Hoffnung könnte ihren Tod nicht verhin- dern.« »Sie akzeptieren wohl immer alles, was passiert.« »Ich gebe mir die größte Mühe.« »Und Sie würden sie nicht vermissen. Ihnen ist nichts an ihr gelegen, und ...« »Das reicht!« zischte der alte Mann. »Ich bin bisher, geduldig gewesen, weil ich weiß, wie sehr Sie der Zu- stand Kates belastet, aber gerade eben sind Sie zu weit gegangen. Mir ist mehr an Kate gelegen, als Sie sich vorstellen können. Verschwinden Sie jetzt! Ich möchte allein sein. Und statten Sie Kate erst dann wieder einen Besuch ab, wenn Sie sich beruhigt haben! Gute Nacht!« Rafferty kehrte ins Krankenzimmer zurück. John blieb noch eine Zeitlang auf dem Stuhl sitzen und kam sich närrisch und hilflos vor. Er bewunderte die Selbst- beherrschung des alten Mannes und fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er, John, richtig er- wachsen geworden war. Schließlich machte sich Cunningham wieder auf den Weg nach dem Speisesaal, blieb in der Tür stehen und beobachtete die Menge der Feiernden. Es fand gerade ein einfacher Tanz statt, mit dem er vertraut war. John begann damit, sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen, aber er blieb stehen, als er ein vertrautes Ge- sicht sah - die Frau von der Exekutionsplattform. Dies- mal war sie angezogen. »Wo haben Sie die Kleidung herbekommen?« fragte er laut, um sich trotz der Musik verständlich zu machen. Sie sah ihn verwundert an. »Bitte?« John errötete. Er bemerkte erst jetzt, daß seine Frage auch falsch interpretiert werden konnte. »Ich ... ah ... ich wollte nicht unhöflich sein.« Er schüttelte verlegen den Kopf und holte tief Luft. »Erinnern Sie sich an den Mann, der unmittelbar vor der Explosion am Hinrich- tungsmonolithen vorbeilief?« Sie musterte ihn mit neu erwachten Interesse. »Das war ich. Ich trug eine Maske. Entsinnen Sie sich jetzt?« »Natürlich.« Sie streckte die Hand aus. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Sie lächelte, wandte sich dann halb von ihm ab und beobachtete die Tanzenden. Einige Sekunden lang gab John vor, seine Aufmerk- samkeit ebenfalls auf das allgemeine Geschehen zu, richten. Dann beugte er sich vor und flüsterte der Frau zu: »Warum nehmen Sie nicht an der Feier teil?« Sie drehte den Kopf und bedachte ihn mit einem son- derbaren Blick. »Weil ich nie zu tanzen gelernt habe.« »Dann wird das jetzt Zeit.« Er griff nach ihrer Hand. »Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.« Sie begaben sich auf die freie Fläche hinter der Reihe der Tanzenden, und er paßte sich ihrem Rhythmus an und demonstrierte der Frau die einzelnen Schrittfolgen. Sie lernte rasch. Mit dem zweiten Tanz kam sie eben- falls recht gut klar, und sie riskierten es, sich der Reihe anzuschließen. Der dritte Tanz war jedoch so komplex, daß die Frau schon nach wenigen Sekunden den Kopf schüttelte. John versuchte, sich einige aufmunternde Worte einfallen zu lassen, aber seine Partnerin lächelte ihn nur an und gesellte sich wieder den Zuschauern hinzu. John kannte die meisten der folgenden Tänze, und er nahm daran teil, war froh, sich ablenken zu können. Als man ihm die Führung der Tanzgruppe anbot, lehnte er ab. Gelegentlich bemerkte er, daß die Frau ihn beobach- tete. Eine andere Melodie erklang, und John glaubte, daß seine vorherige Partnerin mit diesem Rhythmus zu- rande kommen müßte. Eine Zeitlang wurden sie wieder ein Teil der langen Reihe, und die Nähe der Frau verur- sachte John ein sonderbares Prickeln in der Magengru- be. Als er gegen Mitternacht den Saal verließ, war sie nicht mehr da. John kehrte in das Wartezimmer der Krankenstation zurück, blieb dort eine Weile sitzen und fragte sich, ob er den Raum Kates betreten sollte. Es überraschte ihn ein wenig, sich nicht schuldig zu fühlen. Kate kämpfte ums Überleben, und er hatte den ganzen Abend über mit einer anderen Frau geflirtet. Wins war also nicht der einzige Mistkerl. Eigentlich kam es Cunningham in er- ster Linie darauf an, die Unstimmigkeiten zwischen ihm und dem alten Mann zu bereinigen. Vielleicht bot ihm, der kommende Morgen eine bessere Gelegenheit dazu. John machte sich auf den Weg nach seiner Unterkunft. Einige Stunden später erwachte er und starrte in die Dunkelheit. Die Luft war warm und roch ein wenig ab- gestanden. Er stellte sich die vielen Tonnen Erde vor, die sich über ihm befanden, und er hatte das Gefühl, in einem Sarg zu liegen. Er stand auf und zog sich an. Er stieg die Treppe hoch und wanderte im ersten Ge- schoß umher, bis er auf eine Tür stieß, die die Aufschrift trug: NOTAUSGANG AN DIE OBERFLÄCHE. Darun- ter stand geschrieben: Vor der Benutzung dieses Aus- gangs bitte den Wächter in der Komzentrale informie- ren. Zugang an die Oberfläche ist nur mit Genehmi- gung statthaft.« John zögerte, entschied sich dann aber dafür, den Warnhinweis zu ignorieren. Um drei Uhr nachts, so dachte er, hatten solche Bestimmungen sicher keine Gültigkeit. Jenseits der Tür erwartete ihn raben- schwarze Finsternis. Vorsichtig trat er über die Schwelle und schob die Tür bis auf einen einige Zentimeter brei- ten Spalt zu. An der Decke glühte ein diffuses, bläuli- ches Licht. Voraus lag ein etwa zehn Meter langer Kor- ridor. John überprüfte noch einmal die Tür hinter sich und vergewisserte sich, daß er sie von dieser Seite aus problemlos öffnen konnte. Dann ließ er sie ins Schloß fallen. Am Ende des Gangs fand er eine zweite Tür, ebenso stabil und massiv wie die erste. Dahinter stieß er auf einen etwa zwei Meter durchmessenden Schacht, in dem eine Wendeltreppe in die Höhe führte. John stieg hoch und zählte dabei die Stufen. Dreihundertzwölf bis nach dem obersten Treppenabsatz. Dann eine Leiter und schließlich eine dritte Tür. Cunningham öffnete sie und trat in den lichten und von perlmuttfarbenem Mondschein erhellten Wald hinaus. Einige Sekunden lang blieb er verblüfft stehen. Die letzte Tür bestand aus gewölbter Borke. Er war aus dem Innern eines Baumes getreten. Wenn er doch nur dazu in der Lage gewesen wäre, die Tür zu schließen und, festzustellen, ob sie von außen als solche erkannt wer- den konnte. Aber anscheinend gab es keine Möglich- keit, sie von außen zu öffnen. Er schob einen Ast in den Spalt, um ganz sicher zu sein, zurückkehren zu können, und dann betrachtete er den Baum aus einiger Entfer- nung. Für jemanden, der nicht Bescheid wußte, mußte es den Anschein haben, als sei er abgestorben, infolge eines Blitzes, der in einer Höhe von rund sechs Metern den Stamm gespalten hatte. Vielleicht war dies nie ein echter Baum gewesen. Möglicherweise hatten ihn die Renegaten extra so konstruiert, aus irgendeinem Kunst- stoffmaterial. Wirklich gut. John drehte sich um und beobachtete den Wald. Der Anblick beruhigte ihn irgendwie. Die Nacht war kühl und windstill. Die Wolken, die am Abend das Licht der Sterne geschluckt hatten, waren nun fort, und durch die Äste und Zweige sah Cunningham das ewige Funkeln am Himmel. Unter seinen Füßen knisterte ein Polster aus herbstlichen Blättern. Er nahm Platz und schlang sich die Arme um den Leib. Es war wirklich ziemlich kalt, und er trug nicht die richtige Kleidung. Dennoch fühlte er sich prächtig. Er atmete die frische Luft tief ein und zog die Knie an. John war ganz in Gedanken versunken, als eine ge- dämpfte Stimme hinter ihm erklang: »Eine falsche Be- wegung, und Sie sind tot. Heben Sie die Hände und stehen Sie langsam auf!« Cunningham kam der Aufforderung nach und machte sich bereit. Wenn sich Polizisten hinter ihm be- fanden, mußte er um sein Leben kämpfen. Und wenn er starb, würden sie die Tür entdecken. Was hatte er nur getan? Ein Mann stand in der offenen Tür des Baumes und zielte mit einem Blaster auf ihn. Ein Renegat. »Warum haben Sie die Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet?« »Ich brauchte frische Luft.«, »Sie sollten sich schon eine bessere Ausrede einfallen lassen. Kommen Sie her!« Der Renegat trat aus dem Baum hervor. Unmittelbar darauf folgte eine Frau, die John rasch abtastete. Der Mann mit dem Blaster rammte den Lauf auf die Brust Cunninghams. John lächelte. »Sie sollten die Waffe nicht so halten. Wenn ich mich rasch drehe und Ihre eigene Kraft aus- nutze, könnten Sie mit dem Blaster überhaupt nichts mehr anfangen. Dann wären Sie mir hilflos ausgeliefert. Sprechen Sie mich morgen früh nach den Aiki-do- Übungen darauf an; dann zeige ich Ihnen, was ich meine.« Der Renegat preßte die Lippen aufeinander und wich rasch einen Schritt zurück. »Noch ein Wort, und Sie sind erledigt.« Er trat zur Seite und nickte der Frau zu. »Bringen Sie ihn runter!« John kannte sie beide nicht. Die Frau winkte schwei- gend mit ihrem Blaster und bedeutete John damit, in den Zugangsschacht zurückzukehren. Sie wirkte ner- vös. Cunningham schob sich durch die Baumtür und griff nach der Leiter. Die Frau folgte ihm erst, als er be- reits ein ganzes Stück in die Tiefe geklettert war. Unten wartete ein weiterer mit einem Blaster bewaffneter Mann. Ganz offensichtlich hatte John einige Leute in erhebliche Unruhe versetzt. Man geleitete ihn in die Komzentrale, und die ganze Zeit über zielten die Waf- fen auf ihn. Die Frau in der Zentrale sah ihn erstaunt an. »John?« Endlich erkannte ihn jemand. »Sie waren derjenige, der den Ausflug nach oben machte?« John nickte verlegen. »Haben Sie nicht den Hinweis auf der Tür gelesen?« »Doch. Ich weiß jetzt, daß ich einen Fehler machte. Ich dachte, um diese Zeit würde es keine Rolle spielen.« »John, wir haben gestern abend das IZ-Gebäude in die Luft gesprengt! Das IZ-Gebäude! Wir müssen damit rechnen, daß die ganze Region von der Polizei kontrol-, liert wird. Bei uns herrscht Bereitschaftsalarm. Und Sie ...« Sie konnte es offenbar nicht fassen. »Sind Sie wirklich nach draußen gegangen?« »Ja.« »Haben Sie eine Vorstellung davon, wie leistungsfä- hig die Infrarotscanner der Polizei sind? Das, was Sie gemacht haben, war der reine Wahnsinn.« »Sie haben recht. Es tut mir leid.« Und peinlich be- rührt fügte er hinzu: »Ich konnte es in meinem Zimmer einfach nicht mehr aushalten. Es war stickig.« »Das kann ich mir vorstellen. Wir haben die Belüf- tung ausgeschaltet, damit sich während der Nacht keine Wärmespuren an der Oberfläche zeigen.« »Wissen Sie, ich komme mir jetzt wie ein Vollidiot vor, und ich verspreche Ihnen, mich von nun an streng an alle Sicherheitsbestimmungen zu halten.« Plötzlich lächelte die Frau. »Na schön. Schwamm drüber. Gehen Sie jetzt! Und versuchen Sie, uns heute nacht nicht noch mehr Probleme zu bereiten.« Als John die Treppe hinunterging, begriff er endlich, was eigentlich mit ihm los war. Seit dem gestrigen Mit- tagessen hatte er nur noch einen Nahrungsriegel wäh- rend der Einsatzbesprechung zu sich genommen. Mit vollem Magen hätte er sich niemals zu einem so ver- rückten Ausflug hinreißen lassen. Direkt neben dem Speisesaal fand er die Küchentür. Und dort traf er die Frau von der Exekutionsplattform wieder. Sie saß allein an einem großen Holztisch, der in der Mitte der Küche den größten Platz beanspruchte. Sie war ebenso überrascht wie er. »Haben Sie sich mir vielleicht an die Fersen geheftet?« fragte John. »Ich? Ich war zuerst hier. Wer folgt wem?« »Stimmt. Es gibt da einen alten Trick: Wenn man ein schlechtes Gewissen hat, beschuldigt man zuerst den anderen. Vielleicht habe ich eben gerade diese Art von Notbremse gezogen.«, »Das scheint mir auch so.« Sie lächelte. »Um dem Ze- remoniell zu genügen, sollte ich jetzt wohl fragen, was Sie um diese Zeit in der Küche machen.« »Warum?« »Weil auch ich so etwas wie ein schlechtes Gewissen hatte, als Sie hier hereinplatzten. Ich fragte mich, ob es richtig ist, daß ich hier bin.« »Ah ... ich bin nicht gerade die richtige Adresse, um Ihnen darüber Auskunft zu geben. Wie dem auch sei: Gemeinsam ist man stärker. Darf ich mich zu Ihnen set- zen?« »Nur zu! Ich könnte ein wenig Gesellschaft gut ge- brauchen.« Sie nahm einen Schluck aus der Tasse, die sie sich eingeschenkt hatte. John öffnete einige Schränke, fand aber nichts, was seinen Appetit erweckt hätte. »Was trinken Sie da ei- gentlich? Schmeckt es? Und wo haben Sie es her?« »Ich weiß nicht, was es ist. Die Frau, die mir vor einer Weile etwas davon gab, nannte es einfach nur >Schleim<. Schmeckt nicht übel. Versuchen Sie es mit der großen roten Tür dort!« Er befolgte den Rat und öffnete einen Kühlschrank. Darin fand John einen großen Krug und schenkte sich selbst ein Glas voll. Die Flüssigkeit war kühl und hatte sonst keinen charakteristischen Geschmack. Daraufhin nahm er sich auch noch die anderen Schränke vor und stieß kurze Zeit später auf die Nahrungsriegel. Er griff nach einem und nahm gegenüber der Frau Platz. Sie hielt die Tasse mit beiden Händen, bewegte sie in Ge- danken versunken hin und her und beobachtete den Inhalt. Sie war ausgesprochen hübsch: hohe Jochbeine, volle Lippen, große blaue Augen. Ihr blondes Haar war lang und lockig. Sie sah auf. »Habe ich Ihnen eigentlich schon für den Tanzunterricht gedankt? Es war nett von ihnen, mich einzuweisen.« »Es hat mir Spaß gemacht. Und Sie lernten schnell.«, »Danke.« Sie musterte ihn. »Ich bin überrascht, daß außer mir auch noch andere um diese Zeit auf sind. Müssen Sie irgendwelchen Pflichten nachkommen?« »Nein. Ich konnte nur nicht schlafen. Was ist mit Ih- nen? Man hat Ihnen doch sicher eine Unterkunft zuge- wiesen.« »Oh, natürlich. Ich teile mir ein Zimmer mit zwei Frauen. Ich schätze, ich konnte ebenfalls keine Ruhe finden. Gestern abend ist eine Menge geschehen. Wis- sen Sie, vor acht Stunden war ich noch bereit zu ster- ben. Ich dachte, es sei aus. Und doch lebe ich noch und bin in Sicherheit. Daran muß ich mich erst gewöhnen.« Sie zuckte die Achseln. »Wie gefällt Ihnen der Schleim?« Sie lachte. »Im Ernst: Die Frau hat das Zeug wirklich so genannt.« Ihr Lachen klang sehr sympathisch. John lächelte. »Nicht übel. Aber wahrscheinlich haben wir Glück, daß wir nicht die Zusammensetzung kennen. Haben Sie je- mals etwas getrunken, was man Orangensaft nennt?« »Nein. Was ist das?« »Keine Ahnung. War nur so ein Gedanke.« »Wie wird hier unten eigentlich das Ernährungspro- blem für so viele Leute gelöst?« »Vermutlich mit schwarzer Magie. In der untersten Etage gibt es einige Bottiche. Und viele von den Leuten, die hier leben, sind noch immer im Rand registriert und erhalten Stütze. Irgendwie scheint es zu klappen.« Die Frau sah ihn an und lächelte. John kam sich ein wenig unbeholfen vor und stellte fest, fast außer Atem zu sein. »Wie gerieten Sie an den Hinrichtungsmonoli- then?« fragte er. Der Blick der Frau ging plötzlich in die Ferne, und ihre Gesichtszüge verhärteten sich. »Entschuldigen Sie«, fügte John rasch hinzu. »Ver- gessen Sie die Frage am besten. Ich wollte nicht auf- dringlich sein.« Einige Sekunden lang schien es, als habe sie seine, Worte überhaupt nicht gehört. Geistesabwesend tastete John über die rauhe und abgenutzte Oberfläche des Ti- sches. Irgendwie schien ihn die Präsenz des Holzes zu beruhigen. So viele Faktoren seiner Welt erwiesen sich als viel zu hart und zu fest. Plaststahl wies auch nach hundert Jahren keine Kratzer auf. Der Blick der blauen Augen richtete sich auf ihn. »Sie sind nicht aufdringlich.« Die Frau sah wieder fort. John hatte ein feuchtes Glänzen in ihren Augen entdeckt. Tränen? Doch die Stimme klang ganz ruhig. »Armer Syd. Ich war verheiratet. Mit einem Mann, den ich für einen verweichlichten Duckmäuser hielt. Und an jenem Morgen plötzlich griff er die Polizisten an. Wie konnte ich nur so viele Jahre mit ihm zusammenleben, ohne ihn wirklich zu kennen?« Sie drehte die Tasse in den Hän- den hin und her, wieder und immer wieder. Nach einer Weile dann stellte sie sie auf den Tisch und schob sie von sich. »Möchten Sie darüber sprechen?« fragte John. »Wie ist es passiert?« Sie hatte sich wieder gefaßt und erwiderte ruhig: »Wir, Syd und ich, wir wollten Freunde besuchen. Und wir verließen gerade das Apartmenthaus, als zwei Poli- zeifahrzeuge vor dem Gebäude landeten. Ein weiterer Airwagen schwebte weiter oben. Überall wimmelte es plötzlich von Polizisten. Sie hielten uns an und nahmen Identitätsüberprüfungen vor - und dann holten sie das Paar aus dem Kellergeschoß.« Ihre Stimme klang ge- dämpft, verwundert. »Wissen Sie, die beiden hatten ein Kind bei sich, ein menschliches Kind. Es mochte unge- fähr ein Jahr alt sein. Ich schätze, sie versteckten sich einfach in ihrer Wohnung und ließen es nicht registrie- ren. Aber andererseits .Es ist doch einfach unmög- lich. Ich meine, schließlich sind die Nahrungsriegel noch mit empfängnisverhütenden Stoffen angereichert. Aber offenbar gibt es eine Möglichkeit, diese Chemika- lien zu neutralisieren, denn die Renegaten hier in der, Basis sind schließlich auch dazu in der Lage. Doch was ist mit dem Weinen des Babys? Wir hörten nie etwas. Aber irgend jemand muß darauf aufmerksam geworden sein und die Eltern verraten haben. Ich kann es noch immer nicht ganz fassen. Das Paar muß gewußt haben, irgendwann aufzufliegen. Nun ... dieser Polizist ... Himmel, ich habe noch nie zuvor einen so miesen Kerl gesehen. Wie können Men- schen nur so gemein werden? Er klemmte sich das Kind unter den einen Arm. Und die Mutter schrie und flehte den Beamten an, vorsichtig zu sein. Ich schätze, er hielt das Kind nicht richtig oder etwas in der Art.« Sie zögerte kurz, und ihr Gesichtsausdruck machte deutlich, was in diesen Augenblicken der Erinnerung in ihr vor sich ging. Sie holte tief Luft und versuchte ruhig zu bleiben. Doch als sie weitersprach, vibrierte ihre Stimme ein wenig. »Er erschoß das Baby ... Gott, es war schrecklich.« Sie hielt den Atem an. »Wie kann ein Mensch zu so etwas fähig sein?« Die Frau schien darauf eine Antwort Johns zu erwar- ten. Aber Cunningham schüttelte nur den Kopf. Sie rieb sich kurz die Augen und schluchzte leise. Dann hob sie den Kopf. »Wissen Sie, was Syd ge- macht hat? Er schlug einen der Polizisten nieder, schnappte sich dessen Blaster und benutzte ihn als eine Art Keule. Er schickte damit einige weitere Beamte zu Boden, bis sie ihn erwischten. Er war ein Held.« Ein weiteres Mal ließ sie die Schultern hängen und preßte sich die Handflächen an die Stirn. »Kann das alles denn wirklich erst gestern geschehen sein?« hauchte sie und strich sich nervös eine Locke hinters Ohr. »Ich ver- suchte den Polizisten zu treten, der Syd erschoß, aber ich verfehlte ihn und fiel zu Boden. Daraufhin nahmen die Uniformierten mich mit und die Eltern des Kindes.« Sie wurde jetzt wieder lebhafter. »Kennen Sie die bei- den? Sie sind jetzt ebenfalls hier. Sie haben nicht nur mich befreit, sondern auch sie. Wenn Sie jemals Leute, suchen, die einige Polzisten erledigen sollen, so wenden Sie sich an sie. Vermutlich warten sie nur auf eine sol- che Gelegenheit.« »Was ist mit Ihnen? Möchten auch Sie töten?« »Oh, Himmel.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ge- stern abend so viele Menschen sterben sehen ... Das reicht mir für ein ganzes Leben.« Sie hockte auf ihrem Stuhl und schluchzte leise. »Meine Güte, ich habe ge- stern nicht eine Träne vergossen, und jetzt fange ich doch tatsächlich an zu weinen.« John trat um den Tisch herum und legte ihr die eine Hand auf die Schulter. Sie schmiegte sich sofort an ihn, preßte ihm den Kopf an die Brust und schluchzte etwas lauter. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, wich sie ein wenig von ihm zurück und wischte sich mit dem Ärmel die Wangen trocken. »Jetzt habe ich mich wieder in der Gewalt.« »Das mit Ihrem Mann tut mir leid. Auch wenn das jetzt kein Trost mehr ist.« Sie lächelte unsicher. »Ich weiß nicht, ob ich mich dem anschließen kann.« Sie sah ihn an und wollte sich vergewissern, ob er sie verstand. »Ich bin mir nicht si- cher, ob das für Sie einen Sinn ergibt, aber ... Wissen Sie, ich liebe ihn schon seit einigen Jahren nicht mehr. Ich verabscheute das Leben, das wir führten. Eigentlich hielt ich von uns beiden nicht sehr viel. Und dann plötz- lich hatte ich meinen Mann zurück. Ich bin stolz auf ihn. Was gestern geschah, war zehnmal besser als alles, was wir bis dahin gemacht hatten. Sie hätten Syd erleben sollen.« John nickte. »Ich glaube, ich verstehe, was Sie mei- nen.« »Ich hoffe, mein Leben wird von jetzt an besser. Viel- leicht kann ich den Leuten hier irgendwie helfen. Ich möchte mich nicht mehr ganz so nutzlos fühlen.« John lächelte. Vielleicht kam es nur darauf an. Er gähnte. Die Frau war in Gedanken versunken, und John, räumte den Tisch ab und stellte sein Glas in den Spüler. Er fühlte sich dabei beobachtet. »Ich glaube, ich sollte jetzt besser schlafen gehen.« John hielt auf die Tür zu, blieb aber nach einigen Schrit- ten stehen. Er hatte das Gefühl, irgend etwas vergessen zu haben, noch etwas sagen oder fragen zu müssen. »Ich weiß noch immer nicht Ihren Namen.« »Ich heiße Robin. Und Sie?« »John. Das Gespräch mit Ihnen hat mich wirklich ge- freut. Sie sind sehr nett.« Unbeholfen streckte er die Hand aus. »Gute Nacht, Robin.« Er hatte die Tür fast erreicht, als sie sagte: »Warten Sie einen Augenblick, John.« Sie eilte auf ihn zu. »Haben Sie noch ein zweites Bett in Ihrem Zimmer? Eine der Frauen in meiner Unterkunft schnarcht.« »Vielleicht ist das andere frei. Möglicherweise bleibt Wins die ganze Nacht über bei seiner Tochter ...« »Entschuldigen Sie bitte. Ich glaube, Sie verstehen nicht ganz. Kann ich heute nacht bei Ihnen schlafen? Es geht mir nicht um Sex. Ich möchte nur nicht allein sein.« »Mein Bett ist nicht sehr groß.« »Das macht mir nichts aus. Würde es Sie stören?« Das wäre tatsächlich der Fall. John seufzte innerlich und fand sich damit ab, in dieser Nacht nicht mehr viel Schlaf zu finden. Er konnte die Bitte Robins nicht ab- lehnen, und so schüttelte er den Kopf. »Kein Problem. Kommen Sie!« Sie beeilte sich, die Tasse in den Spüler zu stellen, und dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Beim Morgengrauen flog der Airwagen Pearls, den man auch den »König« nannte, über die Ruinen des Gebäu- des, das einmal das Informationszentrum gewesen war. Vom Dach war nichts mehr übrig, ebensowenig von der Todesarena und den weiter unten gelegenen Geschos- sen. Es stand nur noch das gewölbte Außengerüst., Niemand hatte überlebt. Einhundertvierzehn Polizisten waren während der Kämpfe und in dem sich daran an- schließenden Explosionsinferno ums Leben gekom- men. Earl Washington hatte die ganze Nacht über gearbei- tet, die einzelnen Details wie Mosaiksteine zusammen- gesetzt, sich Interviews angesehen und mit Datenauf- zeichnungen befaßt. Inzwischen glaubte er zu wissen, aus welchem Grund und wie die Renegaten den Angriff durchgeführt hatten. Jetzt konnte er nur noch nach Hause zurückkehren und versuchen, Schlaf nachzuho- len. Zuvor jedoch wollte er sich ein weiteres Mal mit der Niederlage konfrontieren, sie sich in vollem Ausmaße klarmachen. Als hinter dem östlichen Horizont die Sonne emporzusteigen begann und blutrotes Licht die Trümmer erhellte, befahl Earl dem Piloten, den Schwe- ber in das Rund des Außengerüstes zu steuern. Der Airwagen glitt durch die von innen heraus glit- zernden Rauchwolken, mit denen der erste Schein des neuen Tages einen sonderbaren Schabernack zu treiben schien. An einigen Stellen brannte es noch immer in- mitten der Ruinen. Kurz darauf verbarg ein Teil des Ge- rüstes die Sonne, und daraufhin konnte sich Washing- ton besser orientieren. Es gab jedoch kaum etwas zu se- hen. Die Hitze mußte schlichtweg unvorstellbar gewe- sen sein. Vielerorts waren Baumasse und Plaststahl ein- fach geschmolzen, und man hätte den Eindruck gewin- nen können, als schwebte der Airwagen im Krater eines erlöschenden Vulkans. Am gestrigen Abend, so rief sich Earl ins Gedächtnis zurück, waren auch viele unschul- dige Menschen gestorben. Und mehr als hundert gute Beamte. Vielleicht, so überlegte Washington, sollte man ihnen ein Denkmal setzen. Möglicherweise aber war es besser, nichts davon in die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Wie war diese entsetzliche Niederlage möglich gewe- sen? Earl schauderte innerlich, als er sich mit eigenen, Augen das Ausmaß der Zerstörung ansah. Die Renega- ten mußten die Sprengstoffe eingeflogen haben. Auf den Radarschirmen hatten sich dreiundzwanzig Airwa- gen gezeigt. Unmöglich. Airwagen stellten modernste Technologie dar und unterlagen der ausschließlichen Kontrolle der Regierung. Woher, zum Teufel, nahm der Widerstand dreiundzwanzig solche Fahrzeuge? Bis ge- stern abend war man allgemein der Ansicht gewesen, die Renegaten seien nur ein zusammengewürfelter und wenig disziplinierter Haufen von Fanatikern, der dann und wann einen Polizisten umbrachte. Die Zerstörung des IZ-Gebäudes jedoch ging auf das Konto einer Ar- mee. Der Angriff war von gut ausgebildeten Leuten durchgeführt worden. Sie konnten die Kontrolle nur unbewaffnet passiert haben. Mit bloßen Händen hatten sie die Wächter überwältigt. Verdammt! Der Mann, der am Hinrichtungsmonolithen vorbeigelaufen war: wie- der dieser John Cunningham. Und es war auch Cun- ningham gewesen, den sie am Abend zuvor bei der Kir- che verfolgt hatten. Wie gelang es ihm nur immer wie- der, den Polizisten zu entkommen und spurlos zu ver- schwinden? Washington beobachtete das Außengerüst: Infolge der Wucht der Explosion hatte es sich nach au- ßen gewölbt. Woher hatten die Renegaten die Spreng- stoffe? Himmel, wie waren sie nur zu einer derartigen Aktion in der Lage gewesen? Die Neuen Menschen würden sicher Erklärungen verlangen - Erklärungen, die Earl ihnen nicht bieten konnte. Irgend jemand mußte für diese ganze Sache den Kopf hinhalten. Jakoba hatte recht mit seinem Pro- jekt Seefall. Wieso hatte er bisher nur nicht eingesehen, wie wichtig es war? Und es würde klappen. Ja, damit würden sie den Widerstand endgültig erledigen. Die Basis der Renegaten mochte davonkommen, aber nach dem Projekt konnten sie nicht mehr mit Unterstützung vom Rand rechnen. Es war ein Schritt in die richtige Richtung. Gestern abend hatte er hundertvierzehn sei-, ner besten Leute verloren, und er war entschlossen, da- für jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Washington wies den Piloten an, ihn nach Hause zu fliegen, und der Airwagen ließ die Ruinen des IZ-Ge- bäudes unter sich zurück. Blutrot spiegelte sich das Licht der Sonne auf dem Lake Michigan. John schlief unruhig und war sich die ganze Zeit über der Frau bewußt, die neben ihm lag, und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu stören. Er drehte sich auf die andere Seite und paßte seine Position der Krümmung ihres Rückens an. Anstatt endlich Ruhe zu finden, emp- fand er Robins Gegenwart immer intensiver, und die Wärme ihres Körpers sensibilisierte ihm Oberschenkel und Magengrube. In einem automatischen Reflex preßte er seine Hüften an die ihren. Er streckte die Hand aus und umfaßte ihre Brust. Wie erregend die Be- rührung des weichen Fleisches war. Robin bewegte sich leicht, hielt seine Hand fest und drückte sie an sich. War sie wach? Offenbar nicht. John rieb die Stirn an ihrer Schulter. Wie idiotisch zu glauben, das Sexuelle würde keine Rolle spielen, wenn sie zusammen schlie- fen. Er begehrte sie so, daß es ihm den Atem benahm. Es schien ihm ein Wunder zu sein, daß eine so schöne Frau ihn darum bat, bei ihm schlafen zu dürfen. Wie war es, so schön zu sein? Männer betrachteten derartige Frauen eher als ein Objekt denn als Person. Unterlief ihm ebenfalls dieser Fehler? Robin drehte sich um, schlang die Arme um ihn und hob das eine Bein über seine Hüften. Ihre Lippen be- rührten ihn am Hals. Johns Pulsschlag beschleunigte sich jäh. Er zog sie an sich, und die Wärme ihres Körpers steigerte seine Erre- gung. Ihre Lippen trafen sich, und die Zungenspitzen tasteten aufeinander zu. Johns Hände strichen über Ro- bins Oberschenkel. Damit war es geschehen; es war un-, vermeidlich. Im nächsten Moment war er in ihr, und sie liebten sich, bis er atemlos über ihr lag. Anschließend fiel John in einen tiefen Schlaf, und er träumte, wie er versuchte, Kate aufzuwecken. Es war spät, und sie hatten den Wecker nicht gehört. Sie muß- ten hinausgehen und den Morgenlauf absolvieren. Das war sehr wichtig. Aber Kate rührte sich nicht. Licht flammte auf, und Cunningham hob den Arm und schirmte sich damit die Augen ab. Der Schock des jähen Aufwachens breitete sich in seinem ganzen Leib aus. Einige Sekunden lang blieb er wie gelähmt liegen und fand nur langsam zu sich. Dann ließ John den Arm sinken und öffnete die Au- gen einen Spalt breit. Rafferty stand neben dem Bett und starrte über ihn hinweg. John drehte kurz den Kopf, sah Robin und fühlte sich sofort schuldig. Wins mußte jetzt sicher glauben, daß ihm nichts an Kate lag. »Wins ...«, brachte John undeutlich hervor. Sein Gaumen war trocken, und die Zunge schien ihm nicht ganz zu gehorchen. »Ich würde Sie gern mit Robin be- kannt machen. Robin, das ist Winslow Rafferty.« »Guten Morgen«, sagte Robin. Rafferty nickte nur und richtete den Blick auf Cun- ningham. »Wollen Sie heute morgen Aikido unterrich- ten?« »Natürlich.« »Gut. Die Klasse findet sich in zehn Minuten ein. Sie sollten sich besser beeilen.« Rafferty drehte sich um und ging. Aber was war mit Kate? John hatte nicht einmal Zeit gehabt, nach ihr zu fragen. Warum war Rafferty so wortkarg gewesen? Die kurze Auseinandersetzung vom vergangenen Abend - und jetzt dies. Verärgert sprang John aus dem Bett und zog sich seinen Gi an. Im Ubungsraum herrschte ziemliches Gedränge, als Cunningham dort eintraf. Es hatten sich mehr als dop- pelt so viele Schüler wie am Vortag eingefunden. John, wartete, und es trafen weitere Männer und Frauen ein. Er sollte jetzt bald beginnen. Plötzlich wurde es still im Raum, und die Anwesenden sahen in Richtung Tür. John drehte sich um. Owen stand dort. Der hochge- wachsene und athletisch gebaute Mann ignorierte das allgemeine Schweigen und fand einen Platz in der zwei- ten Reihe. Es blieb weiterhin still. Der Anführer der Renegaten hatte sich also dazu ent- schlossen, ebenfalls an den Übungen teilzunehmen. Owen war nun der Schüler Johns. Wenn Wins das doch nur hätte miterleben können. Was folgten daraus für Konsequenzen für die Machtstruktur im Lager? Einige Sekunden lang hatte es für John den Anschein, als habe sich die Fraktion durchgesetzt, die offensive Aktionen befürwortete. Dann aber besann er sich eines Besseren. Durch sein jetziges Verhalten bestätigte sich Owen einmal mehr als Führer des Widerstandes. Man mußte schon eine starke Persönlichkeit sein, um sich selbst auf diese Art und Weise bloßzustellen. Owen verfügte ganz offensichtlich über einige Qualitäten, die Wins bisher geleugnet hatte. John klatschte in die Hände und trat vor. Er kniete sich auf den Boden, verbeugte sich vor dem Symbol an der Wand und anschließend auch der Klasse. Als er aufblickte, sah er Robin, die gerade durch die Tür ein- trat. Sie fand einen Platz weiter hinten und lächelte, als sich ihre Blicke begegneten. »Wie viele sind zum erstenmal hier?« fragte John. Rund ein Drittel der Anwesenden meldete sich. Cun- ningham erwog kurz die Möglichkeit, die Klasse aufzu- teilen, gewann dann aber den Eindruck, daß es gerade auf die Solidarität ankam. Die Männer und Frauen brauchten eine Aufgabe, mit der sie alle fertigwerden konnten. John erinnerte sich an eine der ersten Lektio- nen Winslows. »Heute«, begann er, »sollen Sie alle Anfänger sein. Ich möchte diejenigen, die schon Kenntnisse erworben, haben, darum bitten, sich bei den folgenden Übungen so zu verhalten, als seien sie Neulinge. Ganz zu Anfang war Aikido keine Kampftechnik. Die Sensei führten weder lkkyo noch Kotegaeshi durch, son- dern einfach nur Aikido. Wenn eine solche neue Diszi- plin oder Methode entsteht, dann als eine Einheit. Es handelt sich dabei um ein bestimmtes Verstehen, eine Einstellung und Denkweise desjenigen, der die Me- thode schafft. Seine Schüler sehen ihm zu und versu- chen, seine Wesensart zu begreifen. Sie halten nach be- stimmten Mustern Ausschau. Sie prägen sich die ein- zelnen Bewegungsabläufe ins Gedächtnis ein und strukturieren das, was sie sehen. In ihrem Bemühen, die Einheit zu verstehen, teilen sie sie in einzelne Details und geben den jeweiligen Bewegungen Namen - ob- gleich der Lehrer vielleicht gar keine solche Unterschei- dungen macht. Das ist nicht unbedingt verkehrt. Es könnte sich sogar als nützlich erweisen, denn wenn ein Schüler genügend einzelne Techniken erlernt hat, ist er vielleicht dazu in der Lage, die Einheit als solche zu er- fassen. Wie dem auch sei: Heute wollen wir versuchen, Techniken zu vermeiden. Für die fortgeschrittenen Schüler wird das nicht leicht sein. Aber wir wollen heute einmal versuchen, die Essenz des ursprünglichen Aikido in die Wirklichkeit zurückzuholen, die anfängli- che Haltung. Stehen Sie jetzt auf und suchen Sie sich einen Part- ner! Einer von Ihnen ist der Angreifer, der Uke, der an- dere der Verteidiger, der Nage. Bei den folgenden Übungen kommt es mir insbesondere darauf an, daß Sie ruhig und entspannt bleiben und sich ganz frei geben. Konzentrieren Sie sich auf Ihr Zentrum!« John klopfte sich den Bauch. »Fühlen Sie sich schwer und gelassen, wie das Auge im Zentrum eines Orkans. Ihre Bewegun- gen sollen einfach und schlicht sein. Rennen Sie nicht wild herum, sondern bewegen Sie sich aus Ihrem Zen-, trum heraus. Vor allen Dingen: Entspannen Sie sich! Bleiben Sie ruhig! Für die Verteidiger gilt: Passen Sie sich dem Angreifer an! Versuchen Sie, seinen Bewegungen zu folgen, ihm gewissermaßen zu helfen. Seien Sie sein verlängerter Arm. Kämpfen Sie nicht gegen ihn an. Weichen Sie ihm statt dessen aus. Bleiben Sie in Bewegung. Seien Sie locker und geschmeidig. Warten Sie einfach ab, was ge- schieht. Die Angreifer sollten mit etwas Einfachem be- ginnen. Versuchen Sie, die Hand des Verteidigers zu packen. Strengen Sie sich an! Geben Sie dem Nage die Möglichkeit, sich in Ihre Bewegungen hineinzufühlen! Also gut. Los geht's!« Zuerst entstand ein ziemliches Durcheinander. Die fortgeschrittenen Schüler wußten zu viel und die An- fänger zu wenig. Eine Lösung dieses Problems schien darin zu bestehen, Paare jeweils aus einem erfahrenen Schüler und einem Anfänger zu bilden. John wanderte hin und her, erinnerte die Männer und Frauen daran, wie wichtig die Einstellung war, gab ihnen Beispiele und versuchte, sich seine Enttäuschung angesichts der unsicheren Mienen nicht anmerken zu lassen. Als John den Unterricht beendete, wußte er nicht so recht, ob die Stunde irgendeinen Sinn gehabt hatte. Die gewöhnli- chen Übungen schienen ihm einen größeren Lehreffekt zu haben. Als er ging, machte niemand eine Bemerkung über die Unterweisungen. Cunningham begab sich in die Krankenstation; Raf- ferty saß dort neben dem Bett Kates. John nahm auf der anderen Seite Platz und griff nach der Hand der jun- gen Frau. Lange Zeit sprach keiner der beiden Män- ner. Nach einer Viertelstunde sagte John: »Sie sollten sich jetzt etwas ausruhen. Ich bleibe bei ihr.« Ihre Blicke begegneten sich, und sie sahen sich an. Rafferty nickte und ging schweigend. Kates Hand fühlte sich kalt und schlaff an, und aus, ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen. John beobach- tete die Anzeigen der Medinstrumente über dem Bett, verstand aber zu wenig vom Fach. Der Computer über- wachte den Zustand Kates. Wenn es kritisch wurde, würde er irgend etwas unternehmen. John konnte nichts weiter tun, als daneben zu sitzen. Er starrte in das Gesicht, das er so gut kannte. Er hatte es noch nie so leblos und maskenhaft gesehen. Für ge- wöhnlich war es sehr ausdrucksstark. Man konnte die Züge Kates nicht eigentlich als hübsch bezeichnen. Tief in Johns Innern krampfte sich bei diesem Gedanken et- was zusammen. Es war nicht fair. Kate verdiente es, schön zu sein. Und irgendwie war sie das auch. Das Funkeln in ihren Augen, das schelmische Lächeln, ihr Temperament. Von all dem jedoch war jetzt nichts mehr übriggeblieben. John liebte sie, und er flüsterte: »Ich liebe dich, Kate.« Die Zeit schien plötzlich stillzustehen, und nichts rührte sich mehr. Das Gesicht Kates blieb weiterhin völlig aus- druckslos. Hatte er gehofft, seine Worte könnten ein Wunder bewirken? Er küßte Kates Hand und wieder- holte die Liebeserklärung. Er beobachtete sie. Und so vergingen Stunden. Später kam ein Arzt herein und stellte sich vor. Als John ihn fragte, wie es Kate ging, zuckte der Doktor die Achseln. »Es bleibt mir nichts anderes übrig, als sie ganz der Fürsorge des Computers zu überlassen. Er über- wacht pausenlos ihren Zustand. Ich weiß nicht, ob sie es schafft.« John wandte sich um und ging ins Wartezimmer. Er saß in einem der an der rückwärtigen Wand stehenden Plastikstühle, als Rafferty hereinkam. »Der Arzt ist bei ihr«, sagte Cunningham. Rafferty nickte und nahm auf der anderen Seite des Raumes Platz. Der alte Mann erweckte keinen ausge- ruhten Eindruck. »Der Arzt meinte, er könne mir nicht genau sagen,, wie es Kate geht«, fügte John hinzu. »Aber sie sieht nicht gut aus.« »Es steht auch nicht gut mit ihr«, bestätigte Rafferty. »Ich habe gerade den Computer befragt. Es geht ihr schlechter.« »Stirbt sie?« »Vielleicht.« »Das, was ich gestern abend sagte .Ich meinte es nicht so.« »Ich weiß.« Eine Zeitlang schwiegen sie. »Robin kam vorbei und suchte nach Ihnen«, sagte Rafferty. »Sie weckte mich auf.« John nickte. »Tut mir leid.« »Wie klappte es heute morgen mit dem Aikido-Unter- richt?« »Schwer zu sagen. Wenn es eine Antwort ist: Die Rolle als Lehrer macht mir Spaß.« »Das ist schon eine Menge wert.« »Owen schloß sich der Klasse an.« Eine der Augenbrauen Raffertys stieg in die Höhe. »Und wie verhielt er sich?« »Er war recht schweigsam und trug es mit Würde. Nur ein Schüler von vielen.« Rafferty nickte. Wieder wurde es still. John wartete und fühlte sich leer. Es war fast so, als säße er schon seit einer Ewigkeit mit dem alten Mann in diesem Zimmer, und als spielte Zeit gar keine Rolle mehr. Die Luft im Raum schien in- folge eines lautlosen Summens zu vibrieren. John hatte das Gefühl, als könne er das elektrische Surren der ein- zelnen Atome ganz deutlich hören. »Kate wird nicht sterben«, sagte er. »Mit ihrem Ner- vensystem ist alles in Ordnung, und der Computer kennt sich in diesen Sachen viel zu gut aus, als daß er ihren Tod zuließe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder auf die Beine kommt.«, Eine Weile reagierte Rafferty überhaupt nicht darauf. Als er Antwort gab, klang seine Stimme nicht sonder- lich überzeugt. »Ich hoffe, Sie haben recht.« »Glauben Sie mir. So verrückt geht es auf dieser Welt nun auch wieder nicht zu.« »Reden Sie keinen Unsinn!« Raffertys Stimme hörte sich nun sehr müde und erschöpft an. »Der Tod ist ein unabdingbarer Bestandteil des Lebens, seine endgültige Konsequenz. Ohne ihn hätte unsere Existenz praktisch keine Bedeutung. Vielleicht hat jetzt die letzte Stunde Kates geschlagen.« »Wins, um uns Sterbliche willen: Ich hoffte, Sie wür- den das nicht so einfach hinnehmen. Dies ist nicht der geeignete Zeitpunkt, für eine neue Lektion. Sie sollten wenigstens einmal damit aufhören.« »Ich schätze, ich weiß einfach nicht, wann es besser ist, Schluß zu machen.« Der alte Mann ließ die Schul- tern hängen. »Möglicherweise liegt es daran, daß mir selbst nicht mehr viel Zeit bleibt. Der Tod kommt für je- den von uns, und ich brauche nicht mehr lange auf ihn zu warten.« »Müssen Sie unbedingt so reden?« »Offenbar gibt es da einige Dinge, die Sie noch nicht gelernt haben.« »Was, wenn man Ihnen das ewige Leben anböte? Würden Sie etwa den Tod vorziehen?« Johns Worte klangen spöttisch. »Nein, das nicht. Aber wie kostbar ist Sand in der Wüste?« »Kommen Sie, Wins, das hat doch keinen Sinn! Wir sprechen nicht von Sand, sondern von menschlichem Leben.« »Alle Dinge haben ihre gegensätzliche Entsprechung. Ohne den Tod wäre das Leben uninteressant. Was würden Sie machen, wenn Sie nach ein paar Jahrmil- liarden Langeweile empfänden und wüßten, noch die ganze Ewigkeit vor sich zu haben?«, »Voll ausgelebte Langeweile wird Seelenruhe. Das ist ein Zitat von Ihnen.« »Und eine Milliarde Äonen der Seelenruhe ist der reinste Wahnsinn. Gott hat es versucht, und es klappte nicht. Deshalb gibt es uns.« »Fänden Sie es denn nicht interessant, noch weitere hundert Jahre zu leben?« »Nein, eigentlich nicht. Die Dinge, die ich leisten wollte, sind alle erledigt. Und ich verspüre nicht den Wunsch, noch einmal von vorn anzufangen. Für mich gibt es nichts Neues mehr. Das Spiel des Lebens wie- derholt sich dauernd.« »Würden Sie für Kate noch weitere hundert Lebens- jahre wünschen, oder sind Sie der Meinung, es reiche auch für Ihre Tochter?« Der alte Mann verzog das Gesicht. »Für Kate wählte ich das Leben. Aber diese Entscheidung kommt nicht mir zu.« Rafferty musterte John mit einem durchdrin- genden Blick. »Glück ist, alle Überraschungen des Le- bens zu akzeptieren.« »Wins, nicht jetzt. Begreifen Sie denn nicht? Derzeit sind derartige Lektionen fehl am Platze.« Rafferty lächelte dünn und nickte. Die folgende Nacht verbrachte der alte Mann erneut am Krankenbett seiner Tochter. Und wieder kam Robin und schlief mit John. Diesmal war Cunningham zu müde, um große Rücksicht zu nehmen. Er genoß ihren warmen Leib und verschwendete keinen Gedanken daran, ob er ihr genügend Platz ließ. Den Aikido-Unterricht des nächsten Morgens been- dete John mit Kokyu Dosa, einer Übung, bei der man sich auf den Boden knien und dem Partner zuwenden muß- te. Es kam dabei darauf an, den Gegner durch Hebel- wirkung, richtige zeitliche Abstimmung und willens- mäßige Entschlossenheit auf die Matte zu zwingen. Johns Partnerin war Robin, und jedesmal dann, wenn er, sie zu Boden warf, küßte er sie rasch. Es erregte ihn, mit ihr zu üben. Nach den Unterweisungen wartete sie an der Tür auf ihn. Gemeinsam schritten sie durch den Gang. »Willst du heute wieder den ganzen Tag in der Kran- kenstation bei Kate verbringen?« fragte Robin. Dieses Thema war zwischen ihnen bisher noch nicht zur Sprache gekommen. »Ja.« John nickte. »Gestern sagte mir Winslow, daß du Kate liebst.« »Ja.« Er wandte sich ihr zu. »Das stimmt. Kate hat eine ganz besondere Bedeutung für mich. Aber das trifft auch auf dich zu. Versuch bitte noch nicht, in dieser Hinsicht Klarheit zu gewinnen. Laß mir einfach Frei- heit. Am besten, wir warten ab, was geschieht.« Robin zeigte ihr atemberaubendes Lächeln. »Kann ich dir irgendwie helfen?« »Nein. Niemand von uns kann helfen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als nur zu hoffen.« »Möchtest du, daß ich dich begleite oder dir etwas zu essen bringe?« »Nein.« »Na schön. Gib Kate einen Kuß von mir.« Sie schien es ernst zu meinen. Robin gehörte nicht zu dem eifersüchtigen Typ. John war erleichtert und dank- bar. Während John neben dem Bett Kates saß, verbrachte er einen Teil seiner Zeit damit, die Medanzeigen an der Wand zu beobachten und festzustellen zu versuchen, was sie bedeuteten. Bald gelangte er zu dem Schluß, daß Kate noch immer blutete. Als der Arzt kam, blieb John im Zimmer und sah dem Mann dabei zu, wie er den Verband wechselte. Darunter kamen - direkt un- terhalb der Rippen - verbranntes Gewebe und Protein- gel zum Vorschein. »Vollkommen durch?« fragte John. Der Arzt nickte bekümmert. »Aber heute sieht die, Wunde weitaus besser aus als gestern.« Er sprühte Desinfektionsmittel auf und schloß den neuen Verband. Als sich John nach dem allgemeinen Zustand der Pa- tientin erkundigte, zuckte der Doktor nur die Achseln und ging wortlos. Rafferty löste ihn gegen sieben ab. John holte sich ei- nen Imbiß aus der Küche, kehrte in seine Unterkunft zurück und hoffte darauf, daß Robin zu ihm käme. Er lag im Bett, als jemand an die Tür klopfte. Clifton aus dem Computerraum sah herein. »Rafferty will nicht an der Besprechung teilnehmen«, sagte Clifton. »Er meinte, wir sollten uns an Sie wen- den. Sie seien der Chef der Revolution.« John starrte den Mann verwirrt an. Clifton hob fragend die Augenbrauen. »Einige von uns sind zusammengekommen, um über alles zu spre- chen. Möchten Sie der Beratung beiwohnen?« John schwang die Beine aus dem Bett. »Gern.« Im Quartier Cliftons warteten fünf Leute auf sie. Zwei hatten sich auf den Liegen ausgestreckt. Zwei weitere saßen in Sesseln, und der fünfte hockte auf dem Boden. Es handelte sich um gute Freunde, eine Gruppe, die schon seit Jahren eine offensivere Einstellung der Rene- gaten herbeisehnte. Zu Anfang hatte ihnen Rafferty ständig Gesellschaft geleistet, und später war diese Rolle dann Kate zugekommen. Jetzt aber, als die allge- meine Stimmungslage in der Basis ihren Wünschen zu entsprechen schien, kämpfte Kate in ihrem Krankenbett ums Überleben, und Rafferty hielt Nachtwache an ihrer Seite. Clifton erklärte den anderen, daß Winslow darauf bestanden hätte, John als Stellvertreter zu akzeptieren. Hazel, die dickliche Frau aus dem Computerraum, er- griff mit lauter, heiserer Stimme das Wort. »Ich glaube, John gehört in jedem Fall zu uns, ganz gleich, was Raf- ferty sagt. In den vergangenen Tagen hat er mehr für unsere Sache geleistet, als es die vergangenen Jahre des Planens vermochten. John, es freut mich, Sie hier bei, uns begrüßen zu können.« Sie drückte ihm die Hand. Hazel war stabil gebaut und hatte ein kantiges Gesicht, in dem sich viele Lachfalten zeigten. Clifton lächelte. »Damit wäre also alles klar, John. Sie werden noch feststellen, daß Hazel bei uns des öfteren den Ton angibt. Ich rate Ihnen, ihr nie zu widerspre- chen.« Anschließend stellte er die anderen vor. Bis auf einen kannte John sie alle vom Aikido-Unterricht. Und auch das Gesicht des letzten Mannes erschien ihm ver- traut. »Robert hier ist unser Elektronenjongleur.« Plötzlich erinnerte sich Cunningham wieder. »Ro- bert«, sagte er, »Sie waren doch derjenige, der dem to- ten Polizisten die Exekutionskapsel aus dem Schädel holte. Ich entsinne mich daran, daß Sie während der letzten Phase der Aktion an dem Chip arbeiteten. Sie hockten auf dem Bühnenbereich und hatten blutige Hände.« »Ja, es ging alles drunter und drüber. Tatsächlich be- sorgten wir uns zwei Kapseln. Seitdem sind wir Tag und Nacht damit beschäftigt, sie zu untersuchen. Ich bin sicher, es wird uns bald gelingen, einen Sender zu bauen, mit dem wir auf einen Schlag die ganze Polizei- streitmacht erledigen können.« Die anderen wußten offenbar bereits davon, und sie grinsten. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich auf John. Sie versuchten, ihn zu überzeugen, zu bewei- sen, daß die Renegaten für einen Großangriff auf Neu Chicago bereit waren. Die Zeit sei reif dafür, behauptete Hazel. Die Renega- ten wüßten nun, wozu sie imstande seien, und die Mo- ral sei noch nie besser gewesen. Erneut kamen die Exe- kutionskapseln zur Sprache. Jeder Polizist trug eine da- von im Hinterkopf. Wenn das richtige Zündsignal aus- gestrahlt wurde, war der Krieg entschieden, bevor er noch richtig begonnen hatte. Darüber hinaus glaubten die Operateure im Computerraum, bald alles für den Versuch vorbereitet zu haben, die Kontrolle über Op zu, gewinnen. Und schließlich: Es brodelte im Rand. Man gebe den Menschen dort eine Chance, und sie würden mit bloßen Händen über die Polizisten und das Neue Volk herfallen. Es schien alles ganz leicht zu sein - zu leicht. John mißtraute der Sache. »Warum ist das mit den Exeku- tionskapseln bisher noch nicht versucht worden?« »Es wurde«, erwiderte Robert. »Aber jedesmal, wenn wir eine an uns brachten, lokalisierte die Polizei sofort die betreffenden Leute. Wir begriffen rasch, daß die Kapseln auch als Peilsender dienen. Und die Chips, die wir im IZ-Gebäude erbeuteten, nahmen wir erst mit, nachdem wir das Peilsignal neutralisiert hatten. Erin- nern Sie sich daran, daß die Explosion von den Leichen nichts mehr übrigließ. Die Untersuchungsbeamten können also nicht feststellen, daß wir Kapseln an uns gebracht haben. Es wird klappen.« Aber tief in seinem Innern war John sicher, daß die Polizei nicht so leicht außer Gefecht gesetzt werden konnte. Man mochte von den Neuen Menschen halten, was man wollte- dumm waren sie gewiß nicht. Was die Konstruktion technischer Systeme anging, konnte man sie als Genies bezeichnen, jeden einzelnen von ihnen. »Hören Sie«, sagte John, »die ganze Sache wäre zu- mindest einen Versuch wert. Bauen Sie den Sender. Aber verlassen Sie sich nicht darauf, daß er funktioniert. Die von uns noch zu entwickelnden Pläne müssen von einem direkten Kampf gegen die Polizei ausgehen. Ganz abgesehen einmal von den Einsatzbeamten: Was ist die größte Stärke unseres Gegners?« »Op«, antwortete Clifton. »Er kümmert sich um alles. Er ist ihr großer Taktiker.« »Wenn also Op die größte Stärke des Feindes ist, so stellt er auch seine Achillesferse dar. Wenn wir Op erle- digen, bricht das Kommunikationsnetz zusammen. Dann verliert der Gegner in gewisser Weise sein Ner- vensystem. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß es, Ihrem Computer gelingt, Ops Entscheidungskreise lahmzulegen oder die Kontrolle darüber zu gewinnen?« »Vierzig Prozent«, sagte Clifton. »Zwanzig«, korrigierte Hazel. »Und eigentlich weiß niemand von uns so recht, worüber wir in dieser Hin- sicht sprechen. Es sind nur Vermutungen und Spekula- tionen.« »Na gut. Dann können wir auch darauf nicht zählen. Wir sollten es ebenfalls versuchen, aber wir dürfen uns nicht auf einen Erfolg verlassen. Wir müssen hingegen alles daransetzen, den Computer in die Luft zu spren- gen.« »Mist.« Clifton verzog das Gesicht. »Op ist ein ver- dammt guter Computer, und die Vorstellung, ihn ein- fach zu zerstören, gefällt mir nicht sonderlich.« »Wenn Sie nichts dagegen haben, Clifton, ignorieren wir diese Bemerkung.« Clifton schlug den Blick nieder und zuckte die Ach- seln. »Trotzdem: Es wäre eine ungeheure Verschwen- dung.« »In Ordnung«, sagte John. »Machen wir weiter. Mir liegt mindestens ebensoviel daran wie Ihnen, dem Feind endgültig den Garaus zu machen. Vielleicht ist die Zeit dafür wirklich gekommen. Aber wir müssen uns mit einem vernünftigen Plan an unsere Kameraden wenden, mit gut ausgearbeiteten Einzelheiten. Was können hundert Leute unternehmen, um sowohl die von der Polizei ausgehende Gefahr zu neutralisieren als auch einen allgemeinen Aufstand im Rand zu initiie- ren?« Sie begaben sich in den Computerraum, und wäh- rend der folgenden sechs Stunden befaßten sie sich mit den Unterlagen, die Clifton und Hazel während der letzten zehn Jahre zusammengestellt hatten. Um zwei Uhr morgens verabschiedeten sie sich von- einander und mußten sich eingestehen, nicht sonderlich weit gekommen zu sein. John kehrte in seine Unter-, kunft zurück, und dort traf er Robin an, die auf der obe- ren Liege hockte, las und auf ihn wartete. Sie trug ein kimonoartiges, dünnes Hemd, das einen Teil ihrer Brust unbedeckt ließ. »Ich hätte nicht gedacht, hier auf eine so nette Über- raschung zu treffen.« »John, ich habe mir Sorgen gemacht. Warst du bei Kate? Ist alles in Ordnung mit ihr?« »Nein, ich war nicht bei ihr. Und ich habe ganz ver- gessen, auf dem Rückweg einen Abstecher in die Kran- kenstation zu machen. Einen Augenblick.« John trat an den Komschirm heran und forderte In- formationen über den Zustand Kates an. Jetzt ergaben die Zahlenwerte einen Sinn für ihn. Es mochte ihr noch ein wenig schlechter gehen. Robin kam heran und schlang von hinten die Arme um ihn. »Na?« »Ich weiß nicht. Sie scheint noch immer nicht über den Berg zu sein. Und doch bin ich mir ganz sicher, daß sie es schafft. Der Arzt sagte heute, die Wunde sähe besser aus.« Robin schmiegte den Kopf an seinen Nacken, und ihre Lippen berührten ihn an der Schulter. Cunning- ham drehte sich um, schob die Hände unter den Ki- mono und strich über die warme Haut ihres Rückens. Das Hemd öffnete sich, und er blickte verwundert und wie benommen auf Robins nackte Brüste. Er hob sie in die Höhe, trug sie ein wenig unbeholfen nach der Liege und ließ sie mit einem leisen Lachen aufs Polster sinken. Dann schaltete er das Licht aus und legte sich zu ihr. Ei- nige schmerzerfüllte Sekunden lang dachte er an Kate, doch dann genoß er die Umarmung Robins und verlor sich in ihrem Schoß. »Sie haben bereits das Frühstück verpaßt«, polterte die Stimme Raffertys, als der alte Mann das Licht einschal- tete. »Habt ihr jungen Leute denn nichts anderes im, Sinn, als nur den ganzen Tag zu schlafen? Hoch mit euch! Die Übungen beginnen in zehn Minuten.« John zwinkerte angesichts des für ihn zu grellen Lichts, und er mußte sich dazu zwingen, den Kopf zu heben. Rafferty strahlte. Kate mußte der Grund sein. Mit einem Ruck sprang er aus dem Bett und ergriff den alten Mann am Arm. »Heraus damit! Was ist mit ihr?« »Es geht ihr gut!« platzte es überglücklich aus Rafferty heraus. »Sie wird überleben!« John schlang die Arme um ihn und hob ihn hoch. Sie jubelten beide. Rafferty drückte Cunningham von sich und wischte sich Freudentränen aus den Augen. »Sie hätten es erle- ben sollen. Um vier Uhr heute morgen veränderten sich die Anzeigen ganz plötzlich und offenbarten durchweg bessere Werte. Vor einer halben Stunde erwachte sie für einige Minuten. Sie ist jetzt über den Berg. Es wird alles in Ordnung kommen. John, niemals zuvor in meinem Leben habe ich so intensiv gehofft. Und das Schicksal meinte es gut mit mir.« Rafferty ließ sich auf das untere Bett sinken, und trotz seiner funkelnden Augen wirkte er auf einmal sehr alt und schwach. Robin sprang zu Boden, nahm neben ihm Platz und freute sich mit ihm. John zog sich einen Stuhl heran und griff sowohl nach der Hand Raffertys als auch der der jungen Frau. Alle drei grinsten wie Narren, und niemand von ihnen wußte so recht, was man jetzt sagen sollte. Rafferty klopfte Robin auf den Arm. »Meine Liebe, ich glaube, in den vergangenen drei Tagen war ich ein we- nig unhöflich zu Ihnen. Verzeihen Sie die Schroffheit eines alten Mannes.« »Ach, Sie übertreiben. Sie machten sich nur Sorgen, das war alles. Das verstehe ich.« »Nein. Sie sind sehr freundlich. Ich war nicht einfach nur besorgt, sondern eifersüchtig im Interesse meiner Tochter. Sie und John scheinen sich prächtig zu verste-, hen. Ich fürchte, das dürfte Kate einigen Liebeskummer bereiten. John, am besten, Sie warten eine Zeitlang, be- vor Sie ihr alles sagen.« John wirkte sehr nachdenklich. »So einfach ist die Sa- che nicht. Man könnte nicht sagen, mir läge nichts mehr an Kate.« Er warf Robin einen kurzen Blick zu und fürchtete, sie könne ihn mißverstehen. »Ich brauche mehr Zeit, bis ich mir über einige Dinge klargeworden bin. Ich hoffe, ihr habt bis dahin Geduld mit mir.« »Mich geht das nichts an.« Rafferty schlug sich auf die Oberschenkel und stand lächelnd auf. »Ich habe nicht die Absicht, mir über Ihr Liebesleben Gedanken zu ma- chen. Ich sagte Ihnen, wie die Dinge liegen, und damit hat es sich. Der Rest ist Ihr Problem. Ich gehe jetzt früh- stücken.« An der Tür blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und sah John an. Er wirkte jetzt ernster. »Sie sollten ihr heute morgen irgendwann einen Besuch abstatten. Sie bedeuten ihr sehr viel.« Rafferty bestand darauf, daß John auch an diesem Morgen den Aikido-Unterricht übernahm, und der alte Mann kniete sich in der letzten Reihe zu Boden. John rechnete damit, daß Rafferty ihm nach den Unterwei- sungen eine lange Liste mit Kritikpunkten an seiner Rolle als Lehrer vorlegen würde. Cunningham machte die Runde und gab seinen Schülern Ratschläge, und als die Hälfte der Zeit um war, vernahm er plötzlich einen Schrei und drehte sich um. »Das reicht«, keifte Rafferty und trat mit langen Schritten auf einen hochgewachsenen und spindeldür- ren jungen Mann zu. »Geben Sie sich etwa Mühe, den anderen möglichst arg zuzusetzen?« Der überraschte Schüler schüttelte heftig den Kopf. »Nun, Sie machen gute Fortschritte. Aber Ihre Würfe sind viel härter, als sie sein müßten - insbesondere, da Sie mit Anfängern arbeiten. Sie wissen nicht, was Sie tun, und deshalb sind Sie gefährlich. Entspannen Sie sich!«, Als Rafferty sich von dem jungen Mann abwandte, geschah etwas Seltsames. Kaum hatte er sich umge- dreht, da verwandelte sich der deutliche Zorn in seinem Gesicht in ein schelmisches Lächeln, und der alte Mann schüttelte andeutungsweise den Kopf. In den vergan- genen zwei Jahren war John mehrmals das Opfer ähnli- cher Tiraden geworden. Dieses hintergründige Lächeln Raffertys jedoch hatte er dabei niemals gesehen. John zog Rafferty beiseite. »Waren Sie wirklich wü- tend auf den Jungen?« »Auf Peter? Oh, nein.« Winslow schüttelte den Kopf. »Peter ist ein guter Kerl. Er wollte es nicht übertreiben. Er kennt nur nicht seine eigene Kraft und hat kein Ver- trauen in die eigentliche Technik - darum versucht er es mit Gewalt.« »Warum haben Sie sich ihm gegenüber dann so zor- nig gegeben?« »Nun, manchmal erzielt man damit eine bessere Wir- kung als mit ruhigen und vernünftigen Worten.« »Sind Sie während meiner Lehrzeit irgendwann ein- mal wirklich wütend auf mich gewesen?« Rafferty wirkte ein wenig verlegen. »Meine Güte, was soll denn diese Frage? Glauben Sie nicht, Sie sollten die - Art Ihres bisherigen Unterrichts überdenken?« »Nein. Ich glaube vielmehr, meine Schüler kommen so ganz gut zurecht. Wie lautet Ihre Antwort?« »Nun ... Einige Male war ich tatsächlich ein wenig sauer auf Sie.« »Aber bei den meisten Gelegenheiten spielten Sie mir nur etwas vor, oder?« »Ja.« Rafferty lächelte und hob entschuldigend die Augenbrauen. John nickte verwirrt und konzentrierte sich wieder auf seine Unterweisungen. Später, als die Schüler den Ubungsraum verließen, kniete sich Cunningham Rafferty gegenüber zu Boden. »Sie verwendeten viel Mühe darauf, mich zu lehren,, zornig zu werden - und doch spielten Sie mir Ihre ei- gene Wut nur vor.« »Mhm.« »Warum? Gab ich Ihnen nicht ausreichend Grund dazu?« »Grund dazu? Um wütend zu werden? John, Sie wa- ren wie ein kleines Hündchen, das dauernd den Schwanz zwischen die Beine klemmte. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der sich mehr Mühe gab und so versessen darauf war, dem Lehrer zu gefallen. Wie, zum Teufel, sollte ich da zornig auf Sie werden? Manchmal allerdings brauchten Sie einen Schock, um richtig wach zu werden.« »Also war es nichts weiter als ein Spiel.« »In gewisser Weise, ja.« »Sie glauben nicht wirklich an den Sinn, Wut richtig auszuleben. Sie zwangen mir diesen Wahn auf, aber Sie blieben die ganze Zeit über ganz kühl.« »Das stimmt nicht. Ich werde nur schwerer wütend als Sie, das ist alles.« »Aber warum kochen Sie dann nicht angesichts all des unterdrückten Zorns?« »Wenn man die Menschen wirklich versteht, ist es sehr schwer, wütend zu werden. Die meisten Leute sind so voller guter Absichten und versteckter Liebe, daß man nur Mitleid mit ihnen haben kann.« »Und was ist mit all dem Bösen in der Welt?« »So viel Böses gibt es eigentlich gar nicht. Das größte Übel entsteht, weil Menschen leiden und es nicht riskie- ren wollen, anderen Schmerzen zuzufügen. Wenn man liebt, muß man auch stark sein.« Als John nach dem Aikido-Unterricht die Krankensta- tion aufsuchte, schlief Kate noch. Er nahm schweigend Platz und musterte ihr Gesicht. Ja, sie sah jetzt wesent- lich besser aus, und die Farbe war in die Wangen zu- rückgekehrt. Die Anzeigen der Überwachungsinstru- mente an der Wand gaben keinen Grund zur Beunruhi-, gung. Seltsam, was eine Nacht doch für einen Unter- schied ausmachen konnte. Einige Sekunden lang erwog John die Möglichkeit, Kate zu wecken, widerstand dann aber dieser Versuchung. Gegen Mittag begannen die Lider der jungen Frau zu zittern, und Kate schlug die Augen auf und wandte ihm den Kopf zu. Sie wollte ihm etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. »Wasser«, brachte sie heiser her- vor. John nahm das Glas vom Nachtschränkchen und reichte es ihr. Doch sie erwies sich als zu schwach, und so half er ihr, stützte ihr den Kopf ab und neigte das Glas. Einige Tropfen fielen auf die Bettdecke. Er dachte daran, ihr einen Strohhalm zu besorgen. »Ich brauche etwas, um mir den Mund abzuwischen«, flüsterte Kate. John nahm ein Taschentuch zur Hand und hielt es ihr an die Lippen. Kate griff danach und versuchte, sich selbst die Lippen zu reinigen. In ihrem linken Mund- winkel blieben einige Faserfetzen zurück. John holte ein zweites Tuch hervor und half der jungen Frau. »Sehe ich jetzt wieder einigermaßen gesellschaftsfä- hig aus?« fragte Kate unsicher. »Einfach prächtig.« »Ich wette, ich sehe so aus, als sei ich gerade durch die Mangel gedreht worden.« »Du siehst viel besser aus als früher - man könnte meinen, ein Wunder sei geschehen. Wie fühlst du dich?« »Mir tut die eine Seite weh, und ich kann mich kaum bewegen.« »Das geht bald vorbei.« »Ich habe heute morgen mit dem Arzt gesprochen. Er meinte, du seist jeden Tag hier gewesen, viele Stunden lang.« Sie musterte ihn mit einem durchdringenden Blick. Irgend etwas in seinem Innern krampfte sich zusam- men, und er senkte den Kopf., »John.« Kate wartete, bis er wieder aufsah. »Ich liebe dich.« »Und ich liebe dich.« Er ergriff ihre Hand. »Ich meine es ernst.« Sie lächelte und wirkte sehr glücklich. »Wiederhol das, John. Sag mir noch einmal, daß du mich liebst.« »Ich liebe dich.« Sie schloß kurz die Augen und gab sich ganz dem Klang dieser Worte hin. »Es hört sich so wundervoll an, daß ich die Schmerzen gar nicht mehr spüre.« Eine Träne rann ihr über die Wange. »Ist das Leben nicht großartig? Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mir einen solchen Augenblick herbeigewünscht habe.« John kam sich wie ein Häufchen Elend vor, und er hatte nur die Kraft zu lächeln. Mochte er jemals dazu in der Lage sein, ihr von Robin zu erzählen? »Wohnst du mit Vater noch immer in der kleinen Kammer, die man euch zuwies?« »Ja.« »Weißt du was? Besorg uns doch ein eigenes Zimmer, nur für uns beide. Sag Eileen Bescheid. Bitte sie darum, uns beiden eine Dauerunterkunft bereitzustellen, damit ich bald hier rauskomme. Das wäre die beste Medizin für mich. Eileen ist eine gute Freundin von mir. Sie kann dir bestimmt helfen.« John fühlte sich innerlich hin und her gerissen. »Ich weiß nicht recht. In den letzten Tagen sind viele neue Leute eingeflogen worden. Es wird allmählich eng.« »Es muß trotzdem noch Platz genug geben. Sag Ei- leen, es sei meine Bitte. Es wird keine Probleme geben, du wirst sehen. In Ordnung?« »Na schön.« »Das hört sich nicht so an, als seist du sehr begei- stert.« »Nein, das ist es nicht. Ich würde mich ebenfalls über ein Zimmer nur für uns beide freuen. Ich fürchte nur, wir könnten enttäuscht werden.«, »Sei doch nicht dumm! Begreifst du denn nicht, daß wir Helden sind? Wir können alles haben, was wir wol- len.« »Gut. Ich spreche mit Eileen.« Kate drückte ihm kurz die Hand und schloß die Au- gen. Binnen weniger Sekunden war sie wieder fest ein- geschlafen. Als sie einige Stunden später erneut erwachte, hatte sie Hunger. An jenem Abend kam die Aktivistengruppe erneut im Computerraum zusammen und beschäftigte sich wei- tere fünf Stunden lang mit den Plänen. Mit Hilfe des Rechners begannen sie damit, die Punkte aufzulisten, die für das Verteidigungssystem der Polizei besonders wichtig waren: Kontrollräume, Schaltanlagen, Sende- türme, Geschützstellungen, Kommunikationsknoten- punkte und Relaisstationen. An welchen Stellen war der Gegner verwundbar? Alternative Verbindungswege wurden besprochen: Kanalisationsschächte, unterirdi- sche Wartungstunnel, Belüftungsanlagen, Kabelschäch- te. Wie konnten Renegatengruppen unentdeckt von Punkt A nach Punkt B gelangen? Gegen Ende des Abends gewannen sie allmählich den Eindruck, Fort- schritte zu machen. Auf dem Rückweg nach seiner Unterkunft begab sich John noch einmal in die Krankenstation. Rafferty schlief im zweiten Bett. Kate sah gut aus, und ihr Gesicht wirkte nicht mehr so eingefallen. Sie schnarchte leise. Als Cunningham das kleine Zimmer betrat, fiel sein Blick auf Robin, die bei eingeschaltetem Licht einge- schlafen war. Er löschte es, zog sich im Dunkeln aus und schlüpfte neben sie ins Bett. Robin bewegte sich und wandte sich ihm zu. »John?« »Ja, ich bin's, Schatz. Schlaf nur weiter!« Sie legte ihm die Hand auf die Brust und hob das eine Bein, so daß es auf dem Johns ruhte. Eine ganze Zeit-, lang blieb sie still liegen. Doch Cunningham spürte, daß sich ihr Leib nicht entspannte. »John«, flüsterte Robin, »was wird mit dir, mir und Kate geschehen?« »Ich weiß nicht.« »Werde ich dich verlieren?« »Nein. Ich brauche dich mehr, als du ahnst.« Sie schmiegte sich an ihn. »Wie ging es Kate heute?« »Viel besser. Sie ist wirklich über den Berg und erholt sich rasch.« John holte tief Luft und entschied sich, ihr besser alles zu sagen. »Sie bat mich, uns beiden ein ei- genes Zimmer zu besorgen. Ich soll mich an jemanden namens Eileen wenden. Sie möchte ganz mit mir allein sein. Es würde bedeuten, daß sie die Krankenstation verlassen könnte. Ich habe mich dazu entschlossen, mich morgen früh an Eileen zu wenden.« »Wie soll ich mich dabei verhalten?« »Keine Ahnung.« »Es hört sich ganz so an, als könnten wir eine Weile nicht mehr zusammen schlafen.« John gestikulierte in der Finsternis. »Ja, du müßtest zumindest einige Tage lang auf mich verzichten. Robin, bitte versteh mich. Ich muß Kate helfen. Ich möchte aber, daß du nicht vergißt, wie sehr ich dich liebe.« Diese Worte entsprachen zwar sehr wahrscheinlich der Wahrheit, doch John erinnerte sich, sie schon einmal an diesem Tag formuliert zu haben. »Oh«, seufzte Robin. »Das höre ich jetzt zum ersten- mal von dir. Ich wollte es dir ebenfalls sagen, aber ich fürchtete mich.« »Vor was?« »Ich weiß nicht. Vielleicht war ich mir nicht sicher, ob ich meinen Empfindungen vertrauen kann. Ich meine, solange kennen wir uns schließlich noch gar nicht. Und da ich gerade erst Syd verloren habe, wollte ich nicht gefühllos erscheinen. Möglicherweise wollte ich mich dir gegenüber nicht als zu verwundbar zeigen.«, Eine Weile schwiegen sie. »Aber ich liebe dich, liebe dich wirklich«, ertönte dann ihre Stimme in der Dunkelheit, und sie klang ir- gendwie nachdenklich und ein wenig besorgt und ein- sam. Sie drehte sich auf die Seite und legte den Kopf auf Johns Brust. »Ich glaube, du bist der wundervollste Mann, den ich jemals kennengelernt habe.« Ihr Haar fühlte sich auf seiner Brust wie Seide an. Kurz darauf streckte sie das eine Bein, und sie schliefen. Am nächsten Morgen nach den Aikido-Unterweisun- gen sprach John Eileen an. Sie zeigte ihm sofort ein lee- res Zimmer, das viermal so groß war wie die Unter- kunft, die sich John derzeit mit Robin und Rafferty teil- te. Eileen versicherte ihm, es würde innerhalb einer Stunde vollständig möbliert sein. Kate hatte ohne Schwierigkeiten gefrühstückt, und der Arzt entfernte die intravenöse Nadel. Es gab jetzt keinen Grund mehr, der sie dazu zwang, unbedingt in der Krankenstation zu bleiben. Rafferty machte sich auf den Weg, um den Lift vorzubereiten. Um die Mittags- zeit rollten John und Rafferty das Bett Kates in die neue Unterkunft. Während der nächsten Tage konzentrierte sich John ganz darauf, Kate zu pflegen. Er half ihr beim Essen, leerte die Bettschüssel, wusch die junge Frau und mas- sierte sie vorsichtig. Wenn sie nicht schlief, unterhielten sie sich mit Computerspielen oder sprachen miteinan- der. Die Zeit verstrich rasch, und es wurde ihnen nicht langweilig. John fühlte ein festes Band zwischen ihnen beiden. Nach den Jahren der gemeinsamen Morgenläu- fe, der Ausbildung und des wiederholten Aufenthaltes im Duschraum war die Liebe zwischen ihnen zu einer Tatsache geworden. John fühlte sich nicht nur deshalb zu ihr hingezogen, weil er sie nicht verletzen wollte. Was hatte ihm Wins einmal gesagt? Irgend etwas in Hinsicht auf Gemeinsamkeit. Dann fiel es ihm wieder, ein: Liebe gründet sich nicht in erster Linie auf das, was man miteinander teilt, sondern auf den Vorgang des Teilens selbst. Was Robin anging, so mangelte es ihnen an einer gemeinsamen Vergangenheit, und bisher gab es kaum etwas, das sie miteinander teilten, als ihr sexu- elles Verlangen. Nach jedem Abendessen kam Rafferty und leistete Kate Gesellschaft. John machte sich dann auf den Weg zu Robin und verbrachte eine viel zu kurze Stunde mit ihr, bevor er sich der Gruppe im Computerraum hinzu- gesellte. Die Abende waren lang und arbeitsreich. Sie starrten so lange auf die Schirme, bis ihnen die Augen tränten und sie nicht mehr klar denken konnten. Doch während dieser zermürbenden Suche nach Möglichkei- ten der Offensive ergab sich nach und nach ein be- stimmtes Muster, ein detaillierter Plan, mit dem sich die Zerstörung des gegnerischen Nervensystems bewerk- stelligen lassen mochte. Mit ein wenig Glück konnte es zwanzig aus jeweils fünf Personen bestehenden Rene- gaten-Gruppen gelingen, die Organisation der Polizei von Neu Chicago zu vernichten und dem Feind damit den Rückhalt zu nehmen. Wenn zu jenem Zeitpunkt im Rand ein allgemeiner Aufstand entstand, war der Sieg vielleicht wirklich möglich. Aber auf welche Weise sollten sie sich an die anderen wenden? Wie sollten sie Owen davon überzeugen, ein zweites großes Risiko einzugehen? John schlug vor, mit der Ausbildung der einzelnen Einsatzgruppen zu be- ginnen. Wenn erst weitere Renegaten direkt mit dem Projekt zu tun hatten, so meinte er, würde sich der Plan für die Betreffenden von einer Idee in Realität verwan- deln. Ein gewisser Enthusiasmus gab ihnen neue Kraft. Noch in der Nacht wählten sie die Kämpfer der einzel- nen Gruppen aus und versuchten, für jedes Team Aus- gewogenheit zu wahren und sich für solche Leute zu entscheiden, die gut zusammenarbeiteten und sich mochten. Hazel befaßte sich unterdessen mit der Erar-, beitung der Zeitpläne und Zielvorgaben für jede ein- zelne Gruppe, und sie speicherte die entsprechenden Daten im Computer ab. Da John nur wenige der Leute kannte, die für die Teams ausgewählt wurden, konnte er zu diesem Zeitpunkt den anderen kaum mehr helfen, und nach kurzer Zeit verabschiedete er sich. Als er in die neue Unterkunft zurückgekehrt war, die er sich seit drei Tagen mit Kate teilte, weckte er Rafferty und schickte den alten Mann fort. Kate schlief ruhig in ihrem Krankenbett. John streckte sich in dem daneben ste- henden Doppelbett aus und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen während des Aikido-Unter- richts erklärte John seinen Schülern, sie befaßten sich mit der Möglichkeit eines Angriffs auf Neu Chicago. Er skizzierte den Plan, gab die Einteilung in einzelne Gruppen bekannt und fragte die Männer und Frauen nach ihrer Meinung. Wo lagen die Schwachpunkte des Plans? Was würde nicht klappen? Was müßte besser vorberei- tet werden? Wären die Renegaten bereit, einen entsprechenden Versuch zu unternehmen, wenn sie die Chance dazu bekämen? Diejenigen, die an diesem Morgen nicht an den Unter- weisungen teilnahmen, wurden von ihren Kameraden informiert. Es ist nur eine Idee. Wir würden ganz gern wis- sen, was Sie davon halten. Teilen Sie uns Ihre Meinung mit! Owen hatte sich während des betreffenden Morgens nicht im Übungsraum blicken lassen, aber er erfuhr rasch von dem Plan. John erhielt nach dem Mittagessen einen Anruf und wurde gebeten, Owen in seinem Büro aufzusuchen. Er traf zusammen mit Hazel dort ein. Die anderen Mitglieder der Aktivistengruppe waren bereits anwesend. »Das sind jetzt alle, nicht wahr?« fragte Owen. »So- weit ich weiß, hat Mr. Rafferty nicht an Ihren Versamm- lungen teilgenommen.« »Das stimmt«, bestätigte Hazel. »Nun gut. Ich würde gern hören, was Sie mir zu sa-, gen haben. Offenbar haben Sie sich während der ver- gangenen Tage mit der Vorbereitung der Revolution be- faßt.« Die einzelnen Aktivisten wechselten kurze Blicke. John nickte Clifton zu. Hazel machte sich daran, die In- formationen vom Computer abzurufen und auf den Komschirm Owens zu blenden: die Voraussetzungen, das Vorgehen der Einsatzgruppen, eine Zusammenfas- sung ihrer Möglichkeiten, schließlich die Details des Planes. Owen wirkte gelangweilt. Er hörte nicht wirklich zu, stellte John niedergeschlagen fest. Nun, Owen hatte nicht unbedingt das letzte Wort. Sie konnten es auch ohne ihn schaffen. Als Clifton den Vortrag beendete, starrte Owen eine Zeitlang auf seine Hände. Dann hob er den Kopf und sah sie der Reihe nach an. »Ich kann mir vorstellen, wieviel Zeit und Mühe Sie auf die Entwicklung dieses Plans verwendet haben. Die Einzelheiten sind gut aus- gearbeitet, und wenn Sie Glück haben, mag die Aktion tatsächlich mit einem Erfolg enden. Aber haben Sie sich auch darüber Gedanken gemacht, was danach gesche- hen könnte? Gehen wir einmal davon aus, Sie hätten es bereits geschafft. Was nun? Neu Chicago gehört Ihnen. Was fangen Sie jetzt damit an?« Er blickte sich erneut um. »Ich sage Ihnen, was geschehen wird. Wenige Stunden nach dem Sieg wimmelt es über dieser Stadt von Airwagen der Polizei aus jeder Metropole des Kon- tinents. Entweder der Gegner geht sofort zu einem di- rekten und massiven Gegenangriff über, oder er wählt den leichten Weg und wirft von einer Raumstation eine Neutronenbombe ab. Wahrscheinlich entscheidet er sich für letztere Möglichkeit. Solange Sie mir nicht ei- nen Lösungsvorschlag für dieses besondere Problem vorlegen können, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie hier nicht alle Leute in Unruhe und Aufregung verset- zen. Vielen Dank für Ihren Besuch.«, Im Korridor blieben die Männer und Frauen noch einmal stehen. »Das war knapp und eindeutig«, brummte Clifton und schob die Hände in die Taschen. »Und er hat recht«, gestand Hazel ein. »Vollkommen recht.« »Aber es bedeutet andererseits nur, daß wir Probleme haben, die bisher noch nicht gelöst wurden«, erwiderte Clifton. »Wir brauchen nicht gleich aufzugeben.« »Wir treffen uns heute abend«, sagte John. Die anderen nickten, und dann gingen sie auseinan- der. John und Robin kamen um sieben Uhr abends in der kleinen Unterkunft zusammen. Nachdem sie sich ge- liebt hatten, hockten sie sich auf gegenüberliegende Bettenden und wärmten sich gegenseitig die Füße. »Wie geht es Kate?« fragte Robin. »Viel besser«, sagte John. »Ich glaube, sie ist jetzt stark genug, um mit allem fertigzuwerden.« »Und du? Was ist mit dir?« »Ich weiß nicht so recht. Ich bin ein bißchen lethar- gisch, ein wenig nervöser als sonst. Ich bin daran ge- wöhnt, jeden Tag zu laufen, und ich schätze, das fehlt mir jetzt.« »Meine Frage galt eigentlich deiner Beziehung zu Kate und mir.« »Ja, das war mir klar.« »Ich will dir in dieser Hinsicht nicht zu nahe treten, John. Ich habe dieses Thema seit vier Tagen nicht ange- schnitten, aber weißt du, ich denke viel darüber nach.« John nickte. »Ja, du hast recht. Die Zeit ist reif für eine Entscheidung. Robin, ich liebe dich. Vielleicht übereile ich die Sache ein wenig, aber ich möchte mit dir zu- sammenbleiben, für immer.« Er sah ihr direkt in die Augen. »Andererseits: Ich liebe auch Kate. Und es stört mich sehr, daß es irgendein Gesetz zu geben scheint, das mir befiehlt, ich könne dich nur dann richtig lieben,, wenn mir nichts mehr an Kate liegt.« John zögerte und suchte eine Weile vergeblich nach den richtigen Wor- ten. »Nur um keine Mißverständnisse aufkommen zu las- sen. Ich bin ganz deiner Meinung - ich möchte ebenfalls für immer mit dir zusammenbleiben. Nun, was wolltest du mir über Kate sagen?« John gab sich einen inneren Ruck. »Was hältst du da- von, wenn wir zu dritt zusammenleben?« Robin dachte eine Zeitlang darüber nach. »Ich weiß nicht. Mit einem solchen Vorschlag habe ich nicht ge- rechnet. An eine derartige Vorstellung müßte ich mich erst gewöhnen.« »Wärst du zumindest dazu bereit, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen?« »Ja, natürlich. Aber denk bitte daran, daß ich Kate bisher noch nicht einmal kennengelernt habe. Ich weiß also eigentlich nicht einmal, was dein Vorschlag für mich bedeutet.« »Nun, dieses Problem sollten wir so rasch wie mög- lich in Angriff nehmen. Ich habe die Absicht, Kate mor- gen von dir und mir zu erzählen. Du könntest zu uns kommen. Dann stelle ich dich ihr vor.« »Himmel, nein. Du willst Kate sagen, daß sie eine Ri- valin hat, und gleichzeitig bittest du sie darum, ihre Ri- valin sympathisch zu finden. Ich hielte es für besser, wenn wir uns ohne solche Belastungen kennenlernen könnten.« »Vielleicht hast du recht. Wie stellst du dir die Sache vor?« »Du hast doch dieses Treffen um acht, nicht wahr? Und Wins gehörte einmal ebenfalls zu der Gruppe?« John nickte. »Gut. Ich klopfe an, sage Wins, daß er gebraucht wird und bleibe dann den ganzen Abend über bei Kate.« John nickte erneut. »Danke. Das ist eine gute Idee. Glaubst du wirklich, du kommst damit zurecht?«, Robin lachte. »Wer weiß? Man lernt nie aus.« Sie strich ihm mit dem großen Zeh über den Bauch. »Ich glaube, du bist durchaus zwei Frauen wert.« John errötete. »Nein, nein, so ist das nicht. Wirklich nicht.« »So ist was nicht?« »Ich sammle keine Trophäen. Ich weiß nur nicht, was ich sonst machen sollte, ohne irgend jemandem großen Seelenschmerz zu bereiten.« »Oh, natürlich. Unser lieber Puritaner. Als ob du nicht mit uns beiden schlafen wolltest. Wenn du uns schon eine solche Lösung des Problems anbietest, dann wenigstens mit Stil. Gib dich nicht so bescheiden! Sei ein wenig frecher! Weißt du, die Idee ist nicht ohne ei- nen gewissen Reiz. Welcher Mann hat schon den Mumm, es mit zwei Frauen gleichzeitig aufzunehmen? Ja, ich finde die Vorstellung tatsächlich erregend.« John lächelte schief und schüttelte den Kopf. »Ich schätze, ich fühlte mich einfach schuldig, als ich dir die- sen Vorschlag machte. Er erschien mir egoistisch. Ei- gentlich darf man doch nicht alles haben, was man möchte. Das allgemeine Melodram erfordert für ge- wöhnlich, daß jemand erwählt wird, während dem Ri- valen nur der Kummer bleibt. Ich dachte bisher, man müßte immer etwas opfern.« »Nun, weißt du, John, ganz ohne Opfer kommen wir bei dieser Angelegenheit auch nicht aus. Ich bin in ge- wisser Weise recht altmodisch. Als du eben davon sprachst, wir sollten für immer zusammen bleiben, dachte ich an Heirat, an Kinder, an irgendeine Art von offizieller Bindung aneinander. Eine normale Ehe bringt schon genug Probleme mit sich, und eine Dreierbezie- hung wird nicht eitel Sonnenschein bleiben. Jeder von uns wird Zugeständnisse machen und Kompromisse eingehen müssen.« »Ja, natürlich.« »Ich hoffe, du verstehst wirklich, was ich meine«,, fügte Robin sanft hinzu. »Ich habe die Art von Ver- narrtheit, die wir derzeit erleben, noch nie zuvor in die- sem Ausmaß erfahren. Aber früher oder später verblaßt der romantische Glanz, und dann kommt es darauf an, sich zu überlegen, wie man sich erneut ineinander ver- lieben kann. Dazu sind Achtsamkeit und Sanftmut und Geduld notwendig, die Bereitschaft, den Partner als das zu akzeptieren, was er ist. Meinen wir beide wirklich dasselbe?« In John herrschte ein emotionaler Aufruhr, der sich immer weiter intensivierte und nach einem Ventil such- te. Er war den Tränen nahe. »Ja, das ist genau das, was ich mir ebenfalls überlegte. Du würdest also gern heira- ten, Robin?« »Ja, vielleicht. Warten wir erst einmal ab, was Kate von der Sache hält.« Sie setzte sich auf, grätschte die Beine und ließ ihn ein. Sie lächelte ihn an, während sie sich langsam be- wegte. Er war aufgeregt und kam zu früh. Anschließend machte sich Robin auf den Weg zu Kate, und John begab sich in den Computerraum. Nach einer Weile gesellte sich Rafferty der nicht unbedingt geheimen Vorbereitung der Renegatenoffensive hin- zu. Das von Owen angesprochene Problem schien zwei Aspekte zu haben: Kommunikation mit anderen Rene- gatengruppen, so daß ein gemeinsamer Angriff durch- geführt werden konnte, und Kontrolle oder Zerstörung der Raumstationen. Beide Schwierigkeiten waren nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge unüberwindlich. Einen Kontakt zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstandes hatte es bisher noch nie gegeben. Sowohl der Verkehr als auch die Kommunikation zwischen ver- schiedenen Städten wurden streng vom Neuen Volk überwacht. Ganz sicher gab es auch in anderen Regio- nen Renegatengruppen, aber wie sollten sie sich mit ih- nen in Verbindung setzen? Selbst wenn sie es schafften,, in eine andere Stadt zu gelangen: Wie sollten sie den dortigen Widerstand davon überzeugen, daß man ihnen Vertrauen schenken konnte? Dort gab es niemanden, der für sie zu bürgen vermochte, niemanden, der sie kannte. Dann erwähnte Hazel, daß einer der Männer im La- ger, ein gewisser Don Souther, vor Jahren zu einer Re- negatengruppe in Denver, Colorado, gehört hatte. Sie schaltete den Interkom ein und rief ihn an. Don Souther stellte sich als der Pilot des Aiwagens heraus, mit dem John nach dem Angriff auf das IZ-Ge- bäude geflohen war. Als Hazel ihn nach Denver fragte, runzelte er die Stirn. »Ja, aber die Gruppe agierte allerdings nicht direkt in Denver, sondern in Boulder, rund dreißig Kilometer nördlich der Stadt. Inzwischen sind jedoch viele Jahre vergangen. Ich war damals noch ein grüner Junge und bekam eigentlich nicht richtig mit, was geschah.« »Halten Sie es für möglich, sich mit den Renegaten, die Sie damals kannten, in Verbindung zu setzen?« Don zuckte die Achseln. »Sieben oder acht Jahre sind eine lange Zeit. Ich weiß nicht. Vielleicht.« »Wären Sie bereit, es zu versuchen?« »Sie meinen, ich soll mit einem Airwagen über Land fliegen?« »Ich schätze, anders geht es nicht.« Don dachte kurz darüber nach. »Hört sich verdammt riskant an. Aber was soll's: Ja, ich bin dazu bereit. Wann geht's los?« »Das wissen wir noch nicht genau. Wir wollten zu- nächst nur hören, ob Sie mit einer solchen Aktion grundsätzlich einverstanden sind. Wir müssen erst einmal feststellen, wie's hier bei uns aussieht und kommen dann auf Sie zurück. Vielen Dank, Don.« Ha- zel schaltete ab. »Es ist nicht viel, aber immerhin ein An- fang.« Clifton verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf., »Ein langer und wirklich sehr riskanter Flug. Owen wird dazu niemals seinen Segen geben.« »Zum Teufel mit Owen«, warf Rafferty ein. »Viel- leicht sollten wir ihn nicht einmal um Erlaubnis bitten.« »Ich weiß nicht, ob es richtig ist, in dieser Hinsicht etwas auf eigene Faust zu unternehmen«, sagte Clifton. »Wenn wir uns über die Vorschriften hinwegsetzen und irgend etwas schiefgeht ..« Er schürzte die Lippen. »Das möchte ich nicht riskieren.« »Wie dem auch sei«, meinte John. »Wir haben nach wie vor kaum einen Ansatzpunkt. Selbst wenn es uns gelingt, Kontakt mit einer kleinen Renegatengruppe in Colorado aufzunehmen - was dann? Von einem natio- nalen Kommunikationsnetz der Widerstandsbewegung wären wir auch dann noch weit entfernt.« »Aber wir müssen zumindest einen Versuch unter- nehmen«, beharrte Rafferty. »Vielleicht erzielen wir ir- gendwann den Durchbruch.« »Ein Versuch dürfte kaum ausreichen«, sagte Hazel. »Gibt es noch weitere Leute wie Don, die aus fremden Regionen stammen? Leute, die wir als unsere Kontakt- personen auf die Reise schicken könnten?« »Fragen wir den Computer«, schlug Clifton vor. Es gab noch zwei weitere solche Personen, einen Re- negaten aus New York und einen aus Tennessee - und damit hatte es sich. In einer Welt der hochentwickelten und umfassenden elektronischen Telekommunikation war das Reisen nicht mehr unbedingt notwendig. Und in den letzten zehn Jahren hatten die Neuen Menschen immer weniger Transfervisa ausgestellt. Dann wandte sich die Gruppe dem Problem der Raumstationen zu. Dieses Problem schien wirklich un- lösbar zu sein, und das fand seinen Niederschlag in ab- surden Vorschlägen, wie zum Beispiel dem, die Orbital- basen mit Raketen abzuschießen, die sie nicht besaßen, oder dem, sich an Bord einer Versorgungsfähre zu schleichen und die Stationen wie Piraten zu überfallen., Für jeden Vorschlag gab es ein halbes Dutzend Gründe, die einen Erfolg unmöglich erscheinen ließen. John fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Er fragte sich immer wieder, was zwischen Robin und Kate vor sich gehen mochte. Nach einer Weile verabschiedete er sich. An diesem Abend verließ er den Computerraum recht früh. Die beiden Frauen waren noch immer auf, als John ins Zimmer zurückkehrte. Robin saß im Schneidersitz auf dem Doppelbett und wirkte ziemlich niedergeschlagen, und im Krankenbett lag eine hohlwangige Kate. Die Atmosphäre war recht angespannt. John begriff, daß letztere nun wußte, wie die Dinge standen, und er ver- lor den Mut. Er musterte die beiden Frauen und zog sich einen Stuhl heran. »Worüber habt ihr gesprochen?« fragte er und fühlte sich scheußlich. »Ich hielt den Zeitpunkt für geeignet«, gestand Robin ein, »und habe ihr alles gesagt.« Die Blicke Johns und Kates begegneten sich. »Du scheinst die Neuigkeiten nicht gerade begeistert aufge- nommen zu haben«, sagte Cunningham. »Nein.« »Möchtest du darüber mit mir reden?« »Nein.« »Ich wünschte, du wärst zu einer Diskussion bereit.« »Ich bin mir nicht sicher, ob dies die geeignete Zeit dafür ist.« John seufzte. »Ich wollte es dir selbst sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß du auf diese Weise reagieren würdest, wenn du alles vollkommen verstanden hät- test. Was hat dir Robin erzählt?« »Sie meinte, wir liebten beide den gleichen Mann, und angeblich erwiderst du unsere Gefühle, für uns beide. Als Robin eine Entscheidung von dir erbat, sollst du erwidert haben ...« - der Tonfall Kates wurde nun melodramatisch -, »... du sähest dich außerstande, auf, mich zu verzichten. Deshalb machte sie dir den Vor- schlag, wir sollten es mit einer Dreierbeziehung versu- chen. Und sie meinte, du hättest darauf erwidert, die Entscheidung läge bei mir.« John sah erst Robin an und richtete seinen Blick dann wieder auf Kate. »Und wie hast du darauf reagiert?« »Mit ungläubiger Überraschung.« »Ich fürchte, Robin hat die Fakten ein wenig durch- einander gebracht. Die Idee von der Dreierbeziehung stammte von mir.« »Es spielt keine Rolle, wer diesen Vorschlag machte«, sagte Kate. »Du bist offenbar nicht gerade verrückt danach.« »Ich kann einfach nicht glauben, daß du uns beide liebst.« »Warum erscheint dir das als so abwegig?« »Eine von uns liebst du; zu der anderen bist du ein- fach nur nett.« »Und zu wem bin ich nur nett?« »Zu mir.« »Prächtig! Was veranlaßt dich zu dieser Annahme?« »John, während der letzten Nächte hast du ganz al- lein in dem Doppelbett da geschlafen, obwohl du lieber mit Robin zusammen gewesen wärst. Du hast das nur getan, um nett zu mir zu sein, um meine Gefühle nicht zu verletzen. Das entspricht ganz deinem Charakter.« »Machst du mir einen Vorwurf, weil mir etwas an deinen Gefühlen liegt?« »Nein. Ich werfe dir vor, nicht ehrlich zu sein.« »Kate, vor einigen Tagen wärst du fast gestorben. Ich habe das noch immer nicht ganz verkraftet.« »Begreifst du denn nicht, daß du nur Mitleid mit mir hast?« »Warum bist du in dieser Hinsicht nur so verbohrt?« »Ich bin nicht verbohrt, nur offen.« »Weißt du, manchmal glaube ich, du verabscheust dich selbst.«, »Sei still, John! Ich will nichts mehr davon hören.« Sie mied seinen Blick. »Ich liebe dich.« »Das ist gemein, John, gemein und hinterhältig und falsch.« »Du bist ungerecht zu mir.« »Es tut mir leid.« Sie seufzte. »Ich bin ziemlich müde und würde gern schlafen. Ich möchte, daß ihr mich al- lein laßt.« »Ich soll ebenfalls gehen?« fragte John erstaunt. »Ich wohne hier.« »John, bitte. Ich brauche Ruhe. Geh ins Bett und amüsier dich mit Robin!« »Was hat das damit zu tun?« Tränen rannen Kate über die Wangen. »Himmel, John, versuch doch, mich zu verstehen. Ich möchte mich heute abend nicht mehr damit auseinandersetzen müssen. Laßt mich jetzt allein, bitte!« »Wie du willst.« Mit langen Schritten ging John hin- aus. Robin zögerte noch einige Sekunden. »Kate, wir woll- ten Ihnen nicht weh tun. Wenn Sie nur hören könnten, wie er von Ihnen spricht. Er liebt Sie wirklich .« »Robin«, warf Kate ein, »er braucht keinen Kuppler.« »Ich weiß nicht, was Sie damit meinen .« »Es ist ein Ausdruck, den mein Vater manchmal be- nutzt. Das Wort ... Ach, Mist, machen wir endlich Schluß damit! Ich weiß, daß es nicht Ihre Schuld ist. Sie sind echt super. Seien Sie gut zu ihm, ja?« »Ich komme morgen zurück. Dann sprechen wir in al- ler Ruhe darüber.« Robin trat zu John auf den Korridor. Cunningham kochte. »Sie weiß verdammt gut, daß ich das Recht hatte, mit einer anderen Frau zu schlafen, und jetzt reagiert sie auf diese dumme Weise.« »Sei still, John!« »Bitte?« »Ich sagte: Sei still! Es tut mir leid, daß ich die ganze, Sache verpatzt habe, aber es lief so gut zwischen mir und Kate. Ich dachte, es könnte keinen besseren Moment geben, um ihr reinen Wein einzuschenken.« »Einen Augenblick. Was hat das mit dem >Sei still< zu bedeuten?« »Ich wollte dir damit sagen, daß du den Mund halten sollst. Ich will derzeit nichts davon hören, wie sehr du dich ungerecht behandelt fühlst.« »Warum denn nicht, zum Teufel? Ich lasse mir von dir nicht den Mund verbieten.« »Und ich mir von dir keine Befehle erteilen. Ich for- dere dich so oft es mir paßt auf, still zu sein.« »Ich glaube, du wirst jetzt wirklich hysterisch.« »Ich? Du bist doch derjenige, der unbedingt zwei Frauen will. Kommst mit deinen Leidenschaften nicht klar, was?« Robin drehte sich ruckartig um und ging da- von. John sah ihr nach, wie sie steifbeinig und mit hoch er- hobenem Kopf verschwand, und alles in ihm begehrte gegen die Ungerechtigkeit der Welt auf. Er hatte nie- mandem weh tun wollen, und nun waren sowohl Kate als auch Robin sauer auf ihn. John machte sich auf den Rückweg in den Computerraum. Die Aktivistengruppe war noch immer bei der Arbeit. John gab Rafferty ein Zeichen und bat ihn auf den Gang. »Was ist los?« fragte der alte Mann und schloß die Tür hinter sich. »Ich bin völlig durcheinander und brauche Hilfe.« »Um was geht es denn?« »Nun, sie sind beide wütend auf mich. Und ich kann einfach nicht glauben, daß ..« »Einen Augenblick! Ich möchte nur ganz sichergehen: Es dreht sich um Robin und Kate, richtig?« John nickte. »Na schön«, sagte Rafferty. »Also von Anfang an.« »Ah ... es ist schwer zu erklären. Mir gefiel die Vor-, Stellung nicht, mich für eine der beiden Frauen zu ent- scheiden und der anderen das Herz zu brechen. Also fragte ich Robin, was sie von einer Dreierbeziehung hielte.« »Oh, nett.« Rafferty hob die Augenbrauen. »Und was antwortete sie?« »Sie meinte, sie wolle darüber nachdenken. Dann ging sie zu Kate, um sie kennenzulernen.« »Aus diesem Grund hat sie mich also hierher ge- schickt.« »Ja. Und Robin hat Kate eben gerade alles gesagt, und jetzt sind sie beide sauer auf mich.« »Vermutlich nicht ganz ohne Grund.« »Nein. Sie verstehen nicht. Kate ist überzeugt, ich hätte dies nur aus Mitleid ihr gegenüber vorgeschlagen.« »Und was soll ich machen?« »Mir ihr reden.« »Hm, großartig. Ich weiß nicht so recht, ob das für Kate selbst einen Nutzen hat.« »Zweifeln Sie etwa an meinen guten Absichten?« »Ihre guten Absichten interessieren mich überhaupt nicht. Solche Dinge können alle möglichen Probleme schaffen.« »Und gerade Probleme wollte ich vermeiden. Hören Sie: Ich bitte Sie ja gar nicht darum, in dieser Sache meinen Standpunkt zu vertreten. Ich glaube nur, daß Kate jetzt ein wenig Trost gut gebrauchen könnte.« Raffertys Blick war nicht mehr so scharf und durch- dringend, als er erwiderte: »Kommen Sie!« Vor der Tür des Zimmers ließ Rafferty John zurück und trat allein ein. Kate putzte sich gerade umständlich die Nase. Raf- ferty nahm in dem Sessel neben dem Krankenbett Platz. »Was willst du?« fragte die junge Frau argwöhnisch. »Mir dir sprechen. Deine Stimme klingt so, als seiest du auf die ganze Welt zornig.« »Nicht zornig, nur enttäuscht.«, »Warum denn?« »Weil ich glücklich war, solange es gutging. Ich wußte nur nicht, welchen Preis ich einmal dafür würde bezah- len müssen. Weißt du, daß er es jeden Tag mit Robin treibt, auch seitdem wir hier zusammen wohnen?« »Komisch, aber ich dachte bisher, du gehörtest nicht zu der eifersüchtigen Sorte.« »Falsch gedacht.« »Offensichtlich. Aber ich verstehe noch immer nicht ganz, warum du ihm jetzt die kalte Schulter zeigst.« »Bist du denn auf beiden Augen blind? Du hast Robin doch gesehen: Sie ist die schönste Frau, die ich jemals zu Gesicht bekam. Mir kommt also die Rolle des häßli- chen kleinen Entleins zu, das Mitleid verdient. Nein, danke, daran bin ich nicht interessiert.« »Was soll denn das, Kate? Bestrafst du dich selbst? Du bist nicht so hübsch wie Robin, das weißt du; läßt dich dein Stolz deshalb leiden? Ich habe bisher noch von keiner Dreierbeziehung gehört, die auf Dauer funktio- nierte, aber das bedeutet nicht, daß es nicht doch mög- lich wäre. Ich glaube, du lehnst den Vorschlag genau aus den falschen Gründen ab.« »Ach, Vater, du verstehst immer noch nicht.« »Dann erklär es mir!« »Weißt du, ich fühle mich jetzt nicht mehr als etwas Besonderes. Eine Zeitlang war es so, als sei ich erwählt und allen anderen Frauen vorgezogen worden. Ich kam mir fast schön vor. Jetzt hat sich all das in Luft aufgelöst. Ich fühle mich wie ein Trostpreis. Aber ich bin davon überzeugt, mehr wert zu sein. Mir ist nichts daran gele- gen, Teil eines Harems zu werden.« »Eines Harems, wie? Du glaubst, John sei gerade da- bei, einen Harem zusammenzustellen?« Rafferty trom- melte leise mit den Fingern auf die Armlehne und dachte nach. »Eigentlich ist das gar keine so schlechte Idee. Hatte einmal selbst einen. Und damit sind beson- ders angenehme Erinnerungen verbunden.«, »Vater!« platzte es schockiert aus Kate heraus. »Überrascht dich das etwa? Damals hatte ich zum er- stenmal das Gefühl, als ein attraktiver und in sexueller Hinsicht interessanter Mann akzeptiert zu werden. Ich schätze, die meisten Männer würden sich einen Harem zulegen, wenn sie könnten. Ich fürchte, wir sind alle ziemlich chauvinistisch.« »Erwartest du etwa von mir, für so etwas Verständnis aufzubringen? Dazu bin ich derzeit nicht in der richti- gen Stimmung.« »Glaubst du etwa, ich mache dir etwas vor? Ich meine es ernst, wirklich ernst. Alle Männer geraten bei der Vorstellung ins Schwärmen, ein Dutzend Frauen zu Fü- ßen liegen zu haben und von ihnen wie ein Gott verehrt zu werden. Jeder Mann, der etwas anderes behauptet, dürfte mit ziemlicher Sicherheit lügen. Der einzige Grund, warum das Phantastereien bleiben, ist der, daß die meisten Frauen nicht dazu bereit sind, eine solche Rolle zu spielen.« »Genau! Das trifft auch auf mich zu.« »Allerdings hat John so etwas auch gar nicht im Sinn. Er will keinen Harem gründen.« »Aber du sagtest doch gerade ...« Rafferty hob die Hand. »John ist eine Ausnahme. Der arme Junge denkt viel zu sehr an andere. Er schlägt eine Dreierbeziehung vor, weil er dich liebt. Also, nur zu: Brich ihm das Herz!« »Du hättest Staubsauger-Vertreter werden sollen.« »Denk zumindest einmal darüber nach!« »Das ist kein Problem: Ich kann nicht aufhören, dau- ernd darüber nachzudenken.« »Und versuch auch, ein bißchen mehr auf die Stimme deines Herzens zu achten.« Kate senkte den Kopf und blickte ins Leere. Rafferty verließ das Zimmer und gab John den Rat, am nächsten Morgen zu Kate zurückzukehren. Der alte Mann blieb die ganze Nacht über bei seiner Tochter., John begab sich in die kleine Unterkunft und fand sie leer vor. Robin hatte also offenbar nicht die Absicht, zu ihm zu kommen. Was waren Frauen doch für seltsame Wesen! John schlüpfte ins Bett und schaltete das Licht aus. Kurz darauf öffnete sich die Tür einen Spaltbreit. »John?« Das war die Stimme Robins. Vor dem hellen Hintergrund zeichnete sich ein Kopf ab. »Ist jemand da?« »Ja.« »Darf ich reinkommen?« »Mußt du extra fragen?« »Ich war mir nicht sicher. Bist du allein?« »Ja.« »Ich möchte mich dafür entschuldigen, dir gegenüber so kratzbürstig gewesen zu sein.« Sie hatte die Tür hin- ter sich geschlossen, und erneut herrschte Finsternis. Ihre Stimme klang nun ganz nahe. »Ich verzeih dir, wenn du mir verzeihst.« John tastete mit der einen Hand in die Dunkelheit und berührte Robins Haar. »Abgemacht.« Sie hielt seine Hand fest, küßte sie und wandte sich dann ab. Er hörte, wie sie sich auszog. Einige Sekunden später legte sie sich neben ihn. »Darüber hinaus ...« - sie lachte leise -, »... fiel mir kein anderer Ort ein, an dem ich schlafen könnte.« Sie schmiegte sich an ihn, und ihre Lippen berührten ihn am Ohr. »Ich kann's nicht lassen. Du fühlst dich so gut an.« Früh am nächsten Morgen, nachdem Rafferty gegangen war, setzte sich Kate mit Eileen in Verbindung und ließ sich in die Krankenstation zurückverlegen. Als John sie dort aufsuchte, war sie sehr ernst und sachlich. »Ich mache das, was mir am meisten zusagt. Wenn ich mir in gewisser Weise wie ein Märtyrer vorkommen sollte, so genieße ich das auch. Wir beide sind nach wie vor Part- ner, aber mir steht nicht der Sinn danach, einen Mann, mit einer anderen Frau zu teilen. Das ist nun einmal meine altmodische Natur. Aus und Ende!« »Damit kann ich mich nicht abfinden!« John nahm auf der Kante des zweiten und freien Bettes Platz, und er gab sich den Anschein, als wolle er erst gehen, wenn Kate nachgegeben hatte. »Genau solche Dinge machen unglücklich, Schätz- chen.« Kate verschränkte die Arme und blickte ihn an. »Du solltest meine Entscheidung besser akzeptieren, denn ich werde meine Meinung nicht ändern.« »Aber warum? Das begreife ich einfach nicht. War- um?« Kate mied seinen Blick, und deshalb erhob sich John und trat an das Ende ihres Bettes heran, so daß sie ihn nicht länger ignorieren konnte. »Nenn mir einen vernünftigen Grund, warum du dich so verhältst und nicht anders. Du bist vollkommen irrational und ver- rückt - und ungerecht zu mir.« »Himmel, John!« Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Nach all den Jahren legst du noch immer Schuldfal- len.« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe noch keine Antwort auf meine Frage be- kommen.« »Und du legst nicht nur Schuldfallen, sondern unter- ziehst dich erneut deiner üblichen Märtyrerroutine. Es gefällt dir noch immer, zu leiden, und du bist nach wie vor nicht dazu bereit, an dich zu glauben. Eines Tages könntest du vielleicht damit beginnen, ein wenig Freude und Frohsinn auszustrahlen, und dann wirst du dich in gewisser Weise in Dynamit verwandeln. Derzeit aber komme ich gut ohne dich aus.« »Mußt du unbedingt so reden? Das Beurteilen hört niemals auf, oder? Und was noch schlimmer ist: Diese Lehrer-Manier macht es einem unmöglich, sich zur Wehr zu setzen. Das ist ein schmutziges Spiel, Kate. Ich bin nicht dies, und ich bin nicht das. Du kritisierst nur immer.« »Und du hältst dir dabei immer die Ohren zu. Wenn, du nur einmal damit aufhören würdest, dein Ego zu verteidigen, könntest du vielleicht etwas lernen. Hast du eine Vorstellung davon, wieviel Energie darauf ver- wendet wurde, dir beizubringen, dich selbst kennenzu- lernen, dich zu lehren, dich selbst zu lieben?« »Warum fällt es mir dann so viel leichter, mich in der Gegenwart Robins wohlzufühlen?« »Ach - das ist ja wirklich nett. Robin flüstert dir liebe Dinge ins Ohr, und genau das ist es, was du dir wünschst. Die Wahrheit willst du nicht hören. Du willst nicht erwachsen werden. Na ja, was soll's? Bleib eben ein kleiner junge! Von den Männern, mit denen ich Be- ziehungen eingehe, erwarte ich, daß sie ein wenig Ehr- lichkeit vertragen können.« »Willst du mich auf den Arm nehmen?« Johns Stimme klang nun scharf. »Die letzten beiden Jahre habe ich nichts anderes als Ehrlichkeit kennengelernt. Dein Vater ist in dieser Beziehung unschlagbar.« Er zö- gerte kurz und fuhr dann etwas ruhiger fort: »Ich hätte des öfteren Hilfe gebrauchen können, den Beistand ei- ner Frau, die mich so mag, wie ich bin und war. Das wäre sehr nett gewesen. Den Zuspruch und die Nähe einer Frau, die mich nicht dauernd zurechtweist.« »Warum führen wir dann überhaupt dieses Ge- spräch? Ganz offensichtlich hast du endlich das be- kommen, was du dir die ganze Zeit über gewünscht hast. Du kannst dich jetzt an einer Partnerin erfreuen, die dich vermutlich nicht einmal dann zurechtweisen würde, wenn ihr Leben davon abhinge. Wenn du mich so unerträglich fandest, solltest du jetzt besser ge- hen!« »Guter Vorschlag. Soll ich dir einmal die Wahrheit sagen? Ja, die Wahrheit, an der dir doch so viel liegt. Du hast mich nie wirklich geliebt. Du warst die ganze Zeit über in einen Mythos vernarrt, zu dem ich irgendwann einmal werden sollte. Ich selbst aber, derjenige, der ich war und bin - dieser Mann hatte gegen den Mythos nie, eine Chance. Mach dir keine Sorgen; ich werde dich nicht noch einmal belästigen.« John stürmte aus dem Raum. Im Wartezimmer ver- harrte er eine Zeitlang, und er fühlte sich sonderbar er- leichtert. Außer dem Zorn verspürte er auch eine ge- wisse Ruhe - und Zufriedenheit. Jetzt endlich verstand er einen Schmerz, den er während der ganzen letzten zwei Jahre empfunden hatte. Er war es satt, ein Schüler zu sein. Die Bewunderung, die Robin ihm entgegen- brachte, stellte genau das dar, was er brauchte, war in gewisser Weise ein Heilmittel für seine Seele. Plötzlich verflüchtigte sich der Ärger. John drehte sich um und kehrte in Kates Zimmer zurück. Als er die Tür öffnete, ließ sie ruckartig die Hände vom Gesicht sinken. Ihre Wangen waren tränennaß. Ihre Blicke be- gegneten sich, und diesmal senkte Kate nicht den Kopf. John blieb in der offenen Tür stehen. »Ich möchte dir noch einmal versichern, daß ich dich wirklich liebe. Aber vielleicht ist es besser für mich, wenn ich dich nun verlasse, wenn ich mich von dem Bild abwende, das du von mir hast. Ich komme mir dadurch klein vor. Ich brauche derzeit jemanden, der an mich glaubt. Ich komme in ein paar Tagen wieder vorbei, um zu sehen, wie es dir geht.« Nach dem Mittagessen suchte John Robin auf und bat sie darum, zu ihm in das große Zimmer zu ziehen. Sie willigte mit solcher Begeisterung ein, daß er seinen Ent- schluß fast bereute. Die folgenden Tage wiesen eine seltsame Untertei- lung auf. Wenn John mit Robin beisammen war, brannte seine Leidenschaft wie ein Feuer, und das Ver- langen nach der jungen Frau war schier unersättlich. Doch wenn Robin nicht bei ihm weilte, grübelte er über Kate nach, fragte sich, wie es ihr ging und was sie ge- rade machte. Bei solchen Gelegenheiten wurde er heimgesucht von der Erinnerung an ihr tränennasses, Gesicht. Hinzu kam eine gewisse Enttäuschung, die nicht aus ihm wich. Zwei Jahre lang hatte er Zeit gehabt, die Bewunderung und Liebe der Tochter Raffertys zu gewinnen - und es war ihm doch nicht gelungen. Das erschien ihm ungerecht. Was ihn noch mehr aufbrachte, war die Tatsache, daß er sich außerstande sah, dieses Bestreben seinerseits nicht länger als eine emotionale Notwendigkeit zu betrachten. Kates Bewunderung hätte ihm weitaus mehr bedeutet als die vielen Kom- plimente, mit denen sich Robin an ihn wandte. Im Abstand von einigen Tagen begab sich John in die Krankenstation, und dann sprach er mit Kate über Din- ge, die eigentlich keine Rolle spielten. Sie sagte ihm bei solchen Gelegenheiten, wie sehr viel besser es ihr in- zwischen ginge. Und John berichtete von den Planun- gen der Aktivistengruppe und dem Aikido-Unterricht. Anschließend gab er vor, wichtige Arbeiten erledigen zu müssen und verabschiedete sich. Währenddessen entwickelte sich das Zusammenle- ben Johns und Robins zu einer angenehmen Routine. Das Lager hatte Robin eine Teilzeit-Arbeit in der Küche zugewiesen, und wenn sie dort nichts zu tun hatte, un- terzog sie sich einer Ausbildung zur Informatikerin. An den meisten Abenden nahm sie an den von Cunning- ham geleiteten Aikido-Unterweisungen teil. John hatte sich zunächst darüber gefreut, doch als er die junge Frau bei den Übungen genauer beobachtete, bildete sich eine gewisse Ernüchterung in ihm. Robin offenbarte eine Unbeholfenheit, die ihn irgendwie ver- legen machte. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie schwerfällig er selbst zu Beginn der Ausbildung gewe- sen war. Und doch schien es in dieser Beziehung einen Unterschied zu geben. Robin hatte einfach nicht das Zeug zu einer Kämpferin. Sie war zu vorsichtig, zu sehr auf ihre eigene Sicherheit bedacht. Bei schwierigen Übungen wäre Kate um so entschlossener vorgegangen und hätte sich noch mehr angestrengt, doch Robin, neigte dazu, leise zu kichern und einen bezaubernd hilf- losen Eindruck zu erwecken. Zwar reagierten die mei- sten Männer mit offensichtlicher Bewunderung auf die Schönheit der jungen Frau und beneideten John um seine Beziehung zu ihr, doch Cunningham vermochte deshalb keinen Stolz zu empfinden. Er wußte, wie falsch es war, von Robin zu erwarten, die Übungen mit der gleichen Bravour durchzuführen wie Kate. Aber der deutlich werdende Unterschied zwischen den beiden Frauen war doch recht schmerzhaft. Nach dem abendlichen Unterricht verbrachte Robin eine weitere Stunde in einem Airwagen-Simulator, während John an der Versammlung der Aktivisten- gruppe teilnahm. Bei diesen Treffen erzielten sie nur ge- ringe Fortschritte in Hinsicht auf die Planungen, und sie blieben nur selten länger als wenige Stunden zusam- men. Für einige gewisse Probleme - zum Beispiel die Ausschaltung der Raumstation - schien es keine Lösung zu geben. In anderen Bereichen jedoch kamen sie gut weiter. Sie waren ziemlich überrascht, als Owen dem Flug Dons nach Colorado seine Zustimmung gab. Aber die Reisen nach New York und Tennessee lehnte er ab. Den betreffenden Leuten mangelte es an der Pilotenqualifi- kation Dons, und sie hatten noch weniger Aussicht als er, Kontakt mit den entsprechenden Renegatengruppen aufzunehmen. Sie setzten auch die Arbeit an dem Angriffsplan fort, der die Eroberung Neu Chicagos vorsah. Clifton und seine Freunde hatten die anderen Renegaten eher aus taktischen Gründen um Rat gefragt und eigentlich nicht mit Unterstützung gerechnet. Sie hatten sich so lange mit den Diagrammen befaßt, daß es ihnen fast ausge- schlossen erschien, daß andere Leute sie auf etwas auf- merksam machen konnten, was bisher noch von ihnen übersehen worden war. Doch zu ihrer Überraschung kam es zu Verbesserungsvorschlägen, und manche von, ihnen erwiesen sich als sehr nützlich. Hazel erklärte sich dazu bereit, die anderen Renegaten an den Compu- terterminals mit den entsprechenden Daten vertraut zu machen, und bald wurde diese Tätigkeit zu einem Full- time-Job. Auf Raffertys Vorschlag hin begann John damit, wäh- rend der Unterweisungen am späten Nachmittag Kampfbedingungen zu simulieren. Er zeigte seinen Schülern, wie man mit Gegnern fertig wurde, die mit Lasern bewaffnet waren. Er demonstrierte ihnen, wie man den Blaster als einen Hebel nutzte und es gleichzei- tig vermied, Brandwunden davonzutragen. Sie setzten manipulierte Waffen ein, um die Übungsbedingungen möglichst realistisch zu gestalten, und John ermunterte die Männer und Frauen auch dazu, sich profundere Kenntnisse in Hinsicht auf die Benutzung solcher Waf- fen anzueignen. Cunningham wandte dafür selbst recht viel Zeit auf. Tag um Tag wurde die Atmosphäre im Lager besser. John mangelte es an der richtigen Perspektive, um diese Veränderung wahrzunehmen, aber die anderen Aktivi- sten berichteten ihm davon, wie sehr sich die allge- meine Moral verbesserte. Leute, die zuvor höchstens zweimal pro Woche an den Aikido-Übungen teilge- nommen hatten, kamen nun fast jeden Tag. John teilte seine Klasse in einer Gruppe mit Anfängern - der auch Robin angehörte - und eine mit Fortgeschrittenen auf, damit es im Dojo nicht zu voll wurde. Nach der Meinung Cunninghams war der deutlichste Hinweis auf die Veränderung der Stimmung im Lager der allwöchentliche Tanz. Diejenigen Männer und Frauen, die daran teilnahmen - es wurden ebenfalls immer mehr - fanden zunehmend Gefallen an den be- wegungsintensiven Tänzen, bei denen man schnell da- hinmarschierte oder mit den Füßen auf den Boden stampfte. Ja, diese waren Kämpfer, die sich auf die Schlacht vorbereiteten. Druck baute sich auf, und es, würde nicht mehr lange dauern, bis er so stark gewor- den war, daß er ein Ventil benötigte. Im Verlauf dieser Tage weigerte sich Rafferty immer öfter, eine aktive Rolle bei den Vorbereitungen zu spie- len. Er schien sich immer mehr vom Zentrum des Ge- schehens zurückzuziehen, sich auf die Rolle eines auf- merksamen Beobachters zu beschränken - und John konnte sich dabei des Gefühls nicht erwehren, daß der alte Mann wie ein geisterhafter Puppenspieler war, der insgeheim an den Fäden zog, wodurch sich die Mario- netten überhaupt erst bewegten. Rafferty war sowohl bei den normalen Aikido-Unterweisungen als auch den Übungen der Kampfgruppen zugegen, aber er saß im- mer nur in der letzten Reihe und überließ den Unter- richt allein John. Das änderte jedoch nichts daran, daß es nach wie vor die Klassen des alten Mannes waren; Rafferty gab John vor dem Beginn der Übungen geflü- sterte Ratschläge, nannte Kritikpunkte und wies ihn auf einzelne Schüler hin. Auf diese Weise wurde Cunning- ham ständig daran erinnert, wie wenig er eigentlich wußte. Nach dem Mittagessen eines jeden Tages machte Rafferty in Johns Zimmer - die ursprüngliche und sehr kleine Unterkunft hatten sie inzwischen auf- gegeben - ein Nickerchen. Wo der alte Mann nachts schlief, blieb für John ein Rätsel. Nach drei Wochen in der Krankenstation hatte sich Kate ganz erholt und nahm erneut an den Aiki-do- Übungen teil. Zwei weitere Wochen lang mußte sie noch sehr auf sich achtgeben und beschränkte sich dar- auf, umherzugehen und den Schülern Ratschläge zu geben. Aber es ging ihr nun mit jedem Tag besser, und eines Morgens, als John schon recht früh im Dojo eintraf, überraschte er Kate dabei, wie sie selbst übte. Ein paar Tage später wurde ganz plötzlich eine allge- meine Konferenz anberaumt. Das Besprechungszimmer war schon voll, als John eintraf. Hazel gab ihm ein Zei- chen und deutete auf einen Platz, den sie ihm freigehal-, ten hatte, einen Stuhl zwischen ihr und Rafferty. Als John sich setzte, beugte sie sich zu ihm vor und flüsterte ihm ins Ohr: »Don ist zurück.« John hob die Augenbrauen und musterte die Züge Hazels. Sie strahlte wie eine glückliche Mutter. Cun- ningham seufzte erleichtert. Seit dem Abflug Dons war schon ein Monat vergangen, und die Aktivisten hatten befürchtet, ihm könne etwas zugestoßen sein. Auf der anderen Seite des Tisches saß Kate. Sie un- terhielt sich mit zwei Männern und lachte dann und wann. John vermißte dieses Lachen. In der letzten Zeit hatte sich Kate ihm gegenüber immer sehr förmlich und reserviert gezeigt. Plötzlich platzte Don in das bis auf den letzten Platz gefüllte Zimmer, und er wirkte entspannt und sehr zu- frieden, war noch immer dabei, sein Mittagessen zu ver- speisen: ein dickes, mehrschichtiges Sandwich. Owen geleitete ihn rasch an das eine Ende des Tisches. Als Don einige der anderen Aktivisten sah, ballte er die eine Hand zur Faust und zeigte mit dem Daumen nach oben. Dann grinste er und nahm erneut einen Bissen von dem großen Brötchen. Owen eröffnete die Konferenz. Don legte das Sandwich beiseite und säuberte sich mit einer Serviette die Finger. Es war ganz still im Zim- mer, als er begann: »Ich bringe gute Neuigkeiten. Ich habe es geschafft, Kontakt mit den Renegaten von Colo- rado aufzunehmen, und die betreffenden Leute wie- derum versprachen, sich ihrerseits mit anderen Zellen des Widerstandes in Verbindung zu setzen. Es sind prächtige Leute, und sie haben die Polizei ihres Bezirkes ganz schön in Atem gehalten.« Don lachte fröhlich. »Sie brechen jede Nacht auf und führen irgendeine Aktion durch. Und wenn sie dabei von den Einsatzbeamten überrascht werden, stellen sie sich zum Kampf. Sie rechnen damit bis zum Ende dieses Jahres mindestens hundert Polizisten erledigt zu haben. Eine Nacht habe ich sie begleitet. Die Burschen verstehen es wirklich, zu, kämpfen. Sie haben ein tragbares Lasergeschütz, eine echt eindrucksvolle Waffe. Sie installierten sie in einem Airwagen.« Erneut lachte Don. »Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Es war alles so phantastisch. Sie hät- ten es selbst erleben sollen. Ich brauchte zwei Wochen, um sie davon zu überzeu- gen, daß ich wirklich der Verbindungsmann einer ande- ren Renegatengruppe bin. Darum war ich so lange fort. Die Unterlagen, die ich von hier mitnahm, erwiesen sich als sehr hilfreich. Die Leute gerieten ganz außer sich vor Begeisterung, als sie sich mit den Plänen der Implantate befaßten, die in den Schädeln der Polizisten unterge- bracht werden. Sie wissen schon, was ich meine: diese Sache mit dem Sender. Ja, die Leute wurden ganz auf- geregt. Einer derjenigen, die etwas von der Materie ver- stehen, meinte, die Typen, die das Gerät entwickelten, müßten wirkliche Genies sein. Offenbar hat sich je- mand an der Westküste ebenfalls schon mit dieser Sa- che befaßt, aber es gelang dem Betreffenden nicht, ein Instrument zu konstruieren, mit dem sich die Exeku- tionskapseln zünden lassen. Der Typ in Colorado mein- te, unser Gerät werde allen Erfordernissen gerecht. Die Renegaten machen alle Leute mit den entsprechenden Plänen bekannt, denen sie vertrauen können. Sie sind damit einverstanden, den Sender erst einzusetzen, wenn wir das Zeichen geben. Was gibt es sonst noch?« Während er überlegte, biß Don ein weiteres Mal von dem Sandwich ab, und er kaute noch, als er fortfuhr: »Der Flug dauert nur neun Stunden. Ich könnte also jederzeit zurückkehren. Die Leute sagten mir, an der Küste gäbe es seit einem guten Jahr Bestrebungen, eine großangelegte Aktion durchzuführen. Da alle Zentren des Widerstandes die Polizeifrequenzen abhören, würde es sich anbieten, einen entsprechenden Sender zu bauen und mit großer Energie das Startsignal abzu- strahlen. Natürlich wird der Gegner sofort dazu in der Lage sein, unsere Position anzupeilen, aber wenn durch, das Signal eine allgemeine Revolution initiiert wird, spielt das vielleicht keine Rolle. Ich muß immerzu an ein Pulverfaß denken, das nur darauf wartet, daß jemand ein Streichholz anzündet. Wir sind nicht allein.« Rafferty stand auf. »Soll das heißen, daß in dem Au- genblick, in dem eine Renegatengruppe zur Offensive übergeht und eine entsprechende Nachricht sendet, auch alle anderen Widerstandszentren angreifen?« »Nein. Zumindest gibt es keine derartigen Überein- künfte. Die Entscheidung läge vielmehr bei jeder ein- zelnen Basis. Aber wie ich höre, soll es viele Gruppen geben, die zum Kampf bereit sind. Und wissen Sie: Man stellt sich Neu Chicago allgemein als die große Bastion des Neuen Volkes vor. Wenn wir diese Stadt unter un- sere Kontrolle bekämen, so meinten die Renegaten von Colorado, wäre das der Auslöser der Revolte.« Rafferty verzog überrascht das Gesicht, setzte sich wieder und sah John an. »Es ist möglich«, brummte er. »Es ist tatsächlich möglich.« Es dauerte eine Stunde, bis Don alle Fragen beant- wortet hatte. Am nächsten Abend folgte Clifton einer Aufforderung des Computers und suchte sein Zimmer auf. »Clifton, während der letzten 34 Tage habe ich eine ungewöhnliche Anhäufung von Informationen regi- striert, die sich auf einen bestimmten Tag beziehen, und zwar den 8. Dezember 2061. Ich speicherte die Daten in einer gesonderten Datei ab und analysierte sie, um ge- wisse Bedeutungsstrukturen zu erkennen. Viele der Einzelheiten sind für sich genommen unwichtig und ir- relevant/aber es hat sich doch ein allgemeines Muster herauskristallisiert, und das erachte ich als bemerkens- wert. Ich bin gerade auf eine Nachricht gestoßen, die fünfhundert Airwagen betrifft, die von New York aus in Neu Chicago eintreffen sollen, gegen fünfzehn Uhr am 8. 12. 2061. Aufgrund dieser Aktion schließe ich auf eine, akute Dringlichkeit des Problems. Ich weise Sie hiermit auf meine Besorgnis hin und aktiviere gleichzeitig zwei zusätzliche Programme, deren Readout Sie auf den Schirmen beobachten können. Programm Eins führt eine Suche nach dem Sicherheitscode in bezug auf das bereits erwähnte Datenmaterial durch. Programm Zwei wird sich mit einer empirischen Analyse der möglichen Absichten der Polizei befassen. Sie können in Zukunft diesbezügliche Informationen von mir anfordern, in- dem Sie sich auf den Code 8.12.61 beziehen. Haben Sie verstanden?« »Ja.« »Würden Sie mir den Code für die Programme nen- nen?« »8.12.61.« »Vielen Dank. Möchten Sie eine Aufstellung der in diesem Zusammenhang wichtigsten Daten sehen?« »Ja.« Buchstaben- und Zahlenkolonnen wanderten über den Schirm. Abgesehen von dem Punkt ganz oben handelte es sich um eher enttäuschende Informationen, die in keinem Bezug zueinander zu stehen schienen. Doch die fünfhundert Airwagen, die von New York nach Neu Chicago geschickt werden sollten - das war zumindest besorgniserregend. Auf gar keinen Fall stellte das einen routinemäßigen Vorgang dar. »Hast du bereits eine Hypothese entwickelt?« fragte Clifton. »Nein.« »Welche Priorität hast du den Programmen gege- ben?« »Stufe drei.« »Geh bitte auf volle Priorität!« »Priorität für 8.12.61-Programme jetzt auf Stufe eins.« »Gut, das dürfte genügen ... Übrigens: Ich bin sehr zufrieden. Ich glaube, du hast gute Arbeit geleistet. Ende.«, »Danke, Clifton. Ende.« Es war ein hervorragender Computer, und er hatte die entsprechenden Programme ganz von allein gestar- tet und damit eine Menge Initiative bewiesen. Clifton hatte das Gefühl, daß es sich um eine sehr wichtige Nachricht handelte. Inzwischen mußten sich die ande- ren Aktivisten bereits getroffen haben, und sie sollten ebenfalls davon erfahren. Clifton machte sich rasch auf den Weg in den Computerraum. Am Abend des fünften Dezember erhielt John während des Aikido-Unterrichts einen Anruf. Er ging zur Wand und drückte die Bestätigungstaste. Der Komschirm er- hellte sich und zeigte Clifton. »John, kommen Sie so schnell wie möglich hierher! Sind Wins und Kate bei Ihnen?« »Ja.« »Bringen Sie sie mit!« Clifton streckte die Hand aus, um die Verbindung zu unterbrechen. »Einen Augenblick, Clifton! Können Sie nicht noch zwanzig Minuten warten? Dann wären wir mit den Übungen fertig.« »Die Sache hätte durchaus noch so viel Zeit, aber Sie würden es bereuen, gewartet zu haben. Kommen Sie möglichst schnell hierher, okay? Wir sind gerade auf ein dickes Ding gestoßen.« John gab diese Information flüsternd an Rafferty und Kate weiter und verkündete dann, die Klasse solle allein weitermachen. »Entscheiden Sie sich für die Übungen, von denen Sie glauben, Sie könnten dabei noch mehr Praxis gebrauchen, und bitten Sie Ihre Partner, Ihnen dabei zu helfen.« Auf dem Weg hinaus wandte sich Robin an ihn. »Was ist los?« »Clifton hat gerade angerufen. Es scheint irgend et- was Wichtiges geschehen zu sein. Vielleicht ein Durch- bruch bei den Planungen. Möchtest du mitkommen?«, »Natürlich.« Sie folgten Kate und Rafferty. Im Computerraum herrschte dicht gedrängtes Durch- einander. Ein Drucker surrte und ratterte und spuckte beschriftetes Endlospapier auf den Boden. Diejenigen Männer und Frauen, die nicht an den Konsolen saßen, befaßten sich mit den Hardcopies. Clifton hockte hinter einem Terminal, ebenso wie Hazel. Rafferty und Kate blieben verwirrt in der Tür stehen. Clifton bemerkte die Neuankömmlinge, stand auf und griff nach einigen Ausdrucken. Er sah sich kurz in dem überfüllten Raum um, schob sich an ihnen vorbei und meinte: »Kommen Sie mit nach draußen!« Im Kor- ridor drehte er sich um und rief über ihre Köpfe hinweg: »Hazel, stoppen Sie den Ausdruck! Dies ist noch nicht die endgültige Fassung.« Er wandte sich erneut um und eilte mit langen Schritten davon. John und die anderen folgten ihm in das in der Nähe gelegene Besprechungszimmer. Als er die Tür öffnete, erklärte Clifton hastig: »Es ist vor zehn Minuten ge- schehen. Mein Computer hat nach weiteren Informa- tionen in Hinsicht auf diese Sache mit dem achten De- zember gesucht, und plötzlich ... Nicht einmal der Rechner weiß genau, wie es dazu kam, aber offenbar war der Zugangscode richtig. Der Computer ist auf et- was gestoßen, und von einem Augenblick zum anderen floß eine riesige Datenmenge in seinen Speicher. Es handelt sich um eine sehr lange und recht faszinierende Liste. Wir glauben bereits zu wissen, was die ganze Sa- che zu bedeuten hat. Sehen Sie ...« Clifton breitete die Unterlagen auf dem Tisch aus. »Hazel hat einen zu- sammenstellenden Ausdruck angefordert. Sehen Sie sich das hier an! Nehmen Sie am besten das Blatt hier!« Clifton deutete auf die einzelnen Punkte. »Dies ist eine Code-Nummer, eine Entsprechung der betreffenden Datensequenz. Wir haben es mit dem Eintrag 1259 zu tun. Der Computer, behauptet, es gäbe insgesamt fünfzehntausend Einträ- ge. Es folgt eine Adresse und dann eine Liste von Na- men mit Alter und Geschlecht. Wir haben schon einige erste Überprüfungen vorgenommen. Die hier benann- ten Personen sind an der Adresse anzutreffen. Nun, die Nummer ... Wir glauben, sie bezeichnet einen be- stimmten Airwagen. Es handelt sich um vierstellige Kennungen, und das entspricht der Regel. Darüber hin- aus weisen einige die zusätzlichen Buchstaben NY auf, womit die Schweber von New York gemeint sein könn- ten. Leider gibt es einige tausend Code-Angaben mit dem Zusatz NY, obwohl andererseits nur fünfhundert entsprechende Airwagen erwähnt werden. Aber der Computer ist derzeit auf der Suche nach einer Erklä- rung. Jetzt zu diesen Nummern hier. Das sind zweifel- los Identitätsangaben einzelner Polizisten. Die Anzahl der Beamten pro Eintrag schwankte zwischen vier und sieben. Über die Bedeutung der anderen Daten am Ende eines jeden Eintrags sind wir uns noch nicht klar- geworden. Der Computrer arbeitet daran, und auf der Grundlage so umfangreicher Informationen sollte es nicht allzu lange dauern, bis wir auch die letzten Fragen beantworten können.« John übeflog die einzelnen Einträge, und ihn über- kam eine düstere Vorahnung. »Das alles hier läßt nur einen Schluß zu«, sagte Raf- ferty, sah sie an und wollte mit einer Erklärung begin- nen. »Clifton?« erklang vom Gang her die Stimme Hazels. Sie kam herein. »Clifton, der Computer hat eine erste Analyse beendet.« »Mit welcher Feststellung?« »Vielleicht sollten Sie sich direkt an den Rechner wenden.« Clifton nickte und aktivierte das Wandterminal. »Hier ist Clifton. Wie lautet das Ergebnis der ersten Analyse des neuen Datenmaterials?«, »Ich glaube, es handelt sich um eine Liste von einzel- nen Zuweisungen, insgesamt 15148. Die Aufträge gel- ten 3244 Airwagen und Polizei-Transportern, und zu jedem Fahrzeug gehört ein Team von vier bis sieben Einsatzbeamten. Die einzelnen Anordnungen betreffen alle den Zeitraum von 23.30 Uhr am 8. 12. 61 bis 5.30 Uhr am 9. 12. 61. Im Verlaufe dieser sechs Stunden soll jeder Airwagen vier oder fünf verschiedene Ziele anflie- gen. Am Ende eines jeden Eintrags befindet sich eine Code-Sequenz, deren Bedeutung ich bisher noch nicht entschlüsseln konnte. Haben Sie in dieser Hinsicht ir- gendwelche Vermutungen, die mir vielleicht weiterhel- fen könnten?« »Nein, noch nicht«, erwiderte Clifton. Rafferty nickte langsam. »Eine Riesen-Razzia.« »Was meinen Sie damit?« fragte Hazel. »Das, was ich sagte: eine großangelegte Aktion der Polizei, mit dem Ziel, den Widerstand zu zerschlagen. Computer, wie viele Menschen leben in den Wohnun- gen, deren Adressen in den Einträgen spezifiziert wer- den?« »Die 15148 Einträge enthalten die Namen von insge- samt 101410 Personen.« »Und ich behaupte, diese 101410 Personen sollen verhaftet und fortgebracht werden. Vielleicht will man sie nur verhören. Vielleicht aber hat man die Absicht, sie in irgendwelchen Arbeitslagern unterzubringen.« »Arbeitslager ergeben doch keinen Sinn, Vater«, warf Kate ein. »Da hast du vermutlich recht. Ich denke nur laut. Aber worum auch immer es sich handeln mag: Die be- treffenden Leute sind in Schwierigkeiten.« »Wenn das richtig ist«, klang die Sprachprozessor- stimme des Computers aus dem Lautsprecher, »und wenn alle Informationen in Hinsicht auf die Adresse und Verhaftungen richtig decodiert wurden, so könnte es sich bei der Angabe am Eintragsende um Zielan-, gaben handeln. Ich starte sofort ein entsprechendes Ana- lyseprogramm.« »Gut.« Rafferty nickte. »Die letzte Information eines jeden Eintrags entspricht also dem Landeort der Airwa- gen, der Umladestation gewissermaßen.« »Ich glaube, wir sollten Owen Bescheid geben«, schlug Clifton vor. »Vielen Dank, Clifton«, erwiderte Owen von der Tür her. Einige Sekunden lang herrschte überraschtes Schweigen. Dann trat Clifton vor und bot Owen einen Platz am Tisch an. »Wenn Sie uns sagen würden, wie lange Sie schon in der Tür gestanden haben, wissen wir, was wir Ihnen noch erklären müssen und was Ihnen be- reits bekannt ist.« »Ich bin gerade eingetroffen. Fangen Sie ganz von vorne an!« Clifton schilderte die Ereignisse der letzten fünfzehn Minuten und faßte ihre Schlußfolgerungen zusammen. »Ein Progrom«, sagte Rafferty. »Für alle in der Liste genannten Personen steht das Leben auf dem Spiel. Vielleicht nicht unmittelbar. Aber früher oder später be- stimmt.« »Möglich«, schränkte Owen ein. »Doch ganz sicher sein können wir uns in diesem Punkt noch nicht.« »Owen«, beharrte Rafferty, »sehen Sie sich die Liste doch einmal genau an! Und stellen Sie fest, was dabei für ein Gefühl in Ihnen entsteht. Die ganze Sache jagt mir einen gehörigen Schrecken ein. Ich täusche mich bestimmt nicht.« »Winslow, für mich sind die Dinge nie so klar und of- fensichtlich wie für Sie. Es gibt immer Alternativen. Könnten Sie nicht einmal weniger selbstbewußt auftre- ten? Jedesmal dann, wenn Sie Druck auf mich ausüben, spüre ich in mir die Tendenz zum Gegendruck.« Rafferty zwinkerte überrascht. »Entschuldigung. Wenn wir beide miteinander sprechen, neigen wir of-, fenbar dazu, unsere schlechten Angewohnheiten zu zeigen.« Owen nickte. »Ja, damit dürften Sie recht haben.« Er deutete auf den Ausdruck. »Im großen und ganzen mag Ihre Vermutung durchaus zutreffen, aber noch bin ich nicht dazu bereit, sie zu akzeptieren. Die ganze Sache erscheint mir einfach zu gewaltig und monströs.« »Und doch gibt es historische Entsprechungen. Die Nacht der langen Messer ist nur ein Beispiel dafür.« »Aber eine derartige Aktion müßte die Zustimmung des Neuen Volkes bekommen haben. Und das halte ich für völlig ausgeschlossen.« »Wie kann jemand, der seit vielen Jahren ein Gegner der Neuen Menschen ist, noch immer eine so hohe Meinung von ihnen haben? Das Fehlen von Gefühlen garantiert nicht unbedingt einen Sinn für Ethik. Sie be- trachten uns als Untermenschen. Und sie machen ein- fach nur Anstalten, lästiges Viehzeug zu beseitigen. Denken Sie nur an die Vergiftung der Nahrungsriegel.« Owen zuckte die Achseln. »Ich bin mir da nicht so si- cher wie Sie. Und ich sehe keinen Grund für eine über- eilte Entscheidung. Wollen wir doch mal sehen, wie die ganze Sache morgen früh aussieht. Nun, Clifton, wir sollten trotzdem davon ausgehen, daß es erforderlich werden könnte, die Personen, die an den in den Einträ- gen angegebenen Adressen leben, zu warnen. Veran- lassen Sie den Computer, einen entsprechenden Plan zu entwickeln, irgendeine Art von Kommunikations- brücke.« »Owen«, sagte die Stimme des Computers. Der athle- tisch gebaute Mann sah erstaunt auf. »Das habe ich be- reits.« Owen sah Clifton an und verzog das Gesicht. »Aus- gezeichnet, Computer. Vielen Dank. Ich wußte gar nicht, daß du weiterhin zuhörtest.« Der Rechner gab keine Antwort. Clifton lächelte angesichts der Unsicherheit Owens,, beschloß dann aber, ihr ein Ende zu machen. »Bis dann, Computer. Ende.« »Guten Abend, Clifton. Ende.« Owen stand auf und wandte sich der Tür zu. »Mor- gen früh werden wir uns noch einmal beraten. Clifton, bereiten Sie bitte eine kurze Übersicht für die Diskus- sion vor!« »Da wäre noch ein Punkt«, sagte John, als Owen die Tür erreichte. Der hochgewachsene Mann blieb stehen. »Wenn Winslow mit seiner Vermutung recht hat, dann beginnt in drei Tagen die Revolution, ob mit oder ohne uns. Und sie dürfte weitaus größere Erfolgsaussichten haben, wenn wir die Revolte aktiv unterstützen.« Owen nickte. »Ich weiß, was Sie meinen. Wir spre- chen morgen früh darüber.« Er war kaum gegangen, als es im Lautsprecher knack- te. »Clifton, hier spricht der Computer. Hören Sie mich?« »Ja. Was ist denn?« »Ich verstehe nun die Bedeutung des Kürzels am Ende eines jeden Eintrags. Es handelt sich dabei eigent- lich gar nicht um einen Code. Die ersten beiden Werte nennen Längen- und Breitengrad. Diese Angaben stimmen genau mit der Adresse des entsprechenden Eintrags überein. Die dritte Zahl interpretiere ich als ei- nen Wert in Grad, und zwar in Hinsicht auf die Flug- richtung nach dem Start von der ersten Adresse. Die vierte müßte die Höhe veranschaulichen - in diesem Punkt bin ich mir allerdings noch nicht ganz sicher. Die fünfte Zahl gibt die Entfernung an. Die sechste und siebte bezeichnen erneut Längen- und Breitengrad. Es sind dies die Koordinaten für den Zielort, von dem aus der betreffende Airwagen die nächste Adresse anfliegt, und es folgen dann wieder Angaben in Hinsicht auf Flugrichtung und Höhe. Ich habe mehrere Einträge ana- lysiert und die Daten miteinander verglichen. Das Er- gebnis finde ich recht überraschend, aber andererseits, ist kein anderer Schluß möglich. Ich zeige Ihnen den Zielort auf der Karte.« Das Bild auf dem Schirm wechselte und zeigte eine Darstellung Chicagos. Eine dicke Linie aus rötlichen Punkten leuchtete auf und endete rund einen Kilometer jenseits des Ufers über dem See. John war verwirrt. Das ergab doch keinen Sinn. Ir- gendwo mußte dem Computer ein Fehler unterlaufen sein. »Die Leute sollen als Fischfutter enden«, sagte Raf- ferty leise. Schockierte Blicke richteten sich zuerst auf den alten Mann und dann wieder den Monitor. »Das dürfte die richtige Erklärung sein«, bestätigte Clifton. »Wir sollten Owen davon unterrichten.« »Vielleicht wäre es besser, noch ein wenig zu war- ten«, sagte Rafferty. »Morgen früh findet die Beratung statt. Soll er zusammen mit allen anderen von dieser Sache erfahren. Sonst hat er die ganze Nacht über Ge- legenheit, sich eine Erklärung dafür einfallen zu lassen, warum die Lage angeblich ganz anders beschaffen ist.« »Wins«, warf John ein, »Sie unterschätzen Owen. Wissen Sie nicht mehr, was er eben sagte? Wenn es um ihn geht, vergessen Sie Ihr Aikido.« »Ich würde es trotzdem vorziehen, zu warten.« Clifton stand auf. »Meinetwegen. Aber wahrschein- lich wird er trotzdem davon erfahren. Wissen Sie, Owen hat seine eigenen Informationsquellen. Glauben Sie etwa, er sei nur zufällig hier aufgetaucht? Es wartet noch eine Menge Arbeit auf mich. Wir sehen uns mor- gen früh.« Als Clifton ging, wandte sich John wieder den Aus- drucken zu. Er starrte auf die Zahlen und Buchstaben, nahm sie aber nicht richtig wahr. Irgend etwas summte in seinem Schädel, und es fiel ihm schwer, sich zu kon- zentrieren. Er sah auf. Kate beobachtete ihn. Rafferty schien in Gedanken versunken zu sein. Und Robin ..., Überrascht stellte John fest, daß sie vier nun zum er- stenmal allein zusammen waren. Kate warf Robin einen kurzen Blick zu. »Ich kehre in den Dojo zurück. Jemand sollte dafür sorgen, daß die Schüler den Unterricht rich- tig beenden.« »Wir sehen uns später«, murmelte Rafferty John zu und folgte seiner Tochter auf den Korridor. John blickte Robin an. »Mußt du ebenfalls zurück?« fragte sie. »Nein. Wie geht es dir?« »Gut. Warum fragst du?« John zuckte die Achseln. »Ach, nur so.« Sie schwiegen eine Zeitlang, und John starrte auf den Tisch. »In der Nähe Owens reagierte Wins immer ein wenig nervös und gereizt«, sagte John schließlich. »Sie scheinen sich nicht sonderlich zu mögen.« »Ja, aber das ist noch nicht alles. Für gewöhnlich weiß Rafferty sich bestens zu beherrschen. In Hinsicht auf Owen aber vergißt er alles, was er jemals gelernt hat. Er verhält sich ihm gegenüber ziemlich übel. Ich glaube, ich sollte einmal mit ihm darüber reden.« »Hältst du es für klug, dich da einzumischen?« »Ein wenig Ehrlichkeit wird ihn nicht gleich umbrin- gen.« »Ich weiß nicht, John. Wenn man nichts Nettes sagen kann, warum dann überhaupt den Mund aufmachen? Wins ist ein alter Mann. Du wirst ihn jetzt nicht mehr ändern können.« »Ob er sich ändert oder nicht, das muß er ganz allein entscheiden. Aber er sollte zumindest die Möglichkeit dazu haben. Wenn du dich wie eine Närrin verhalten würdest, wäre es doch nicht schlecht, wenn dich je- mand darauf hinwiese, oder?« »Meinst du etwa, es läge an dir zu beurteilen, ob ich mich wie eine Närrin verhalte oder nicht?« »He, ich biete dir das als einen Freundschaftsdienst, an. Ich wäre dankbar, wenn du mir ebenfalls auf diese Weise helfen würdest.« »Für mich klingt das nicht sehr freundlich.« »Wenn jemand so richtig ins Fettnäpfchen träte - würdest du dann etwa den Mund halten?« »Ja, genau, das würde ich. Ich könnte den Betreffen- den nicht darauf hinweisen. Man muß nicht alles mit- einander teilen. Es gibt bestimmte Dinge, die man bes- ser für sich behält.« John war verblüfft. Er hatte den Eindruck, daß Robin in gewisser Weise recht hatte, aber trotzdem reagierte er mit gemischten Gefühlen auf ihre Worte. Er ließ das Thema fallen und gesellte sich der Aktivistengruppe im Computerraum hinzu. Die Beratung am nächsten Morgen fand sofort nach dem Frühstück statt. Clifton berichtete noch einmal von den neuen Daten und beendete die Einführung mit der Beschreibung des Zielortes der Airwagen. Um auch die letzten Zweifel zu beseitigen, demonstrierte er einige Beispielsgleichungen und machte damit deutlich, wie der Computer zu den entsprechenden Schlußfolgerun- gen gelangt war. Noch bevor die Anwesenden Zeit gehabt hatten, diese Nachricht richtig zu verarbeiten, war Rafferty auf den Beinen. »Meine Freunde, Sie wissen nun, daß um 23.30 Uhr am 8. Dezember rund 15000 Polizisten eine Großrazzia im Rand durchführen werden, mit der Ab- sicht, über hunderttausend Personen zu eliminieren. Fünfzehntausend Polizisten - also etwa die Hälfte der gesamten gegnerischen Streitmacht. Da wir wissen, wann und wo sie zuschlagen, dürfte es nicht allzu schwer sein, dem Feind eine empfindliche Niederlage beizubringen. Die in der Liste genannten Personen können informiert werden und einen Hinterhalt vorbe- reiten. Gegen Mitternacht haben wir also die Hälfte der gegnerischen Streitmacht vernichtet. Darüber hinaus können wir dann mit der Unterstützung von fünfzehn-, tausend mit Blastern bewaffneter Männer und Frauen rechnen. Hinzu kommen die Waffen, über die die Be- wohner des Randes ohnehin verfügen. Die alten Ge- wehre und Büchsen funktionieren noch immer recht gut, und viele Leute haben noch gefährlichere Dinge ir- gendwo versteckt. Wenn wir hier im Lager in der Zwi- schenzeit das Kommunikationsnetz der Polizei zerstö- ren, haben wir bereits so gut wie gewonnen. Die Revolution steht somit unmittelbar bevor. Sie ist uns gewissermaßen in den Schoß gefallen. Ich schlage vor, wir nehmen dieses Geschenk an.« John beobachtete, wie Owens Gesicht während der kurzen Ansprache Raffertys immer verdrießlicher wur- de. Wins hatte zu rasch gehandelt, und das forderte er- neut den Widerstand Owens heraus. »Wins«, sagte Owen mit erzwungener Höflichkeit, »Ihr Vorschlag ist wirklich nicht übel. Ich glaube, wir könnten tatsächlich siegen. Gehen wir also einmal da- von aus, die Stadt gehört uns. Wären Sie bitte so freundlich uns zu sagen, was Sie machen wollen, wenn von der Raumstation eine Neutronenbombe abgewor- fen wird?« »Ich schätze, wenn das geschieht, gehen wir alle vor die Hunde. Aber bestimmt ist ihr Vorrat an entspre- chenden Bomben dort oben begrenzt. Vermutlich la- gern in der Orbitalbasis nur einige wenige. Wenn wir die anderen Renegatenlager benachrichtigen und es auch in anderen Regionen des Landes zu Aufständen kommt ... Der Feind kann seine Bomben schließlich nicht auf uns alle werfen.« John zögerte, bevor er das Wort ergriff, denn er hatte das Gefühl, einen unfairen Vorteil zu besitzen. Ihm war Zeit genug geblieben, eine Antwort vorzubereiten. Viel- leicht hatte Wins recht, wenn er meinte, wie gut es sei, einen oder zwei Trümpfe in der Hinterhand zu haben. »Vergessen Sie nicht«, wandte sich Cunningham an Owen, »daß die Neuen Menschen unsere Geiseln sind., Der Gegner wird nicht den Tod von vielen Angehörigen des eigenen Volkes riskieren. Erst recht nicht, was Neu Chicago angeht. Die besten Wissenschaftler des Neuen Volkes leben hier.« Owen dachte eine Weile über diesen Einwand nach. »Damit könnten Sie recht haben.« Er sah sich im Zim- mer um und versuchte, sich über die Einstellung der Anwesenden klarzuwerden. »Na schön. Ich schätze, wir sollten mit den Vorbereitungen für die Revolution beginnen. Die endgültige Entscheidung wird am Mor- gen das achten Dezember in diesem Raum getroffen.« Dutzende von Köpfen nickten, und Owen stand auf. »Gut. Machen wir uns also ans Werk! Es wartet eine Menge Arbeit auf uns.« Er verließ das Zimmer, und damit war die Besprechung beendet. Als sie gingen, sagte Rafferty zu John: »Sie haben si- cher bemerkt, daß wir uns für eine Vorbereitung des Aufstandes entschieden haben, nicht den Aufstand selbst. Das war ein guter Schachzug von Owens. Wenn er will, hat er nun zwei Tage Zeit, um die allgemeine Lage zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Allerdings dürfte es nicht leicht sein, die erhitzten Gemüter der zum Kampf bereiten Renegaten abzukühlen.« »Es überrascht mich, daß wir keine Einzelheiten be- sprochen haben«, erwiderte John. Rafferty nickte. »Auf diese Weise hat Owen die letzt- endliche Kontrolle. Wir bewegen uns nach wie vor auf unsicherem Grund.« Während der nächsten beiden Tage konnte John hekti- sche Vorbereitungsaktivitäten um sich herum beobach- ten. Alle schienen ganz auf ihre jeweiligen Aufgaben konzentriert und zu allem entschlossen zu sein. Für Cunningham gab es nichts weiter zu tun, und er fühlte sich irgendwie ausgeschlossen. Rafferty und Kate muß- ten ebenfalls die Hände in den Schoß legen. Die drei Aikido-Lehrer waren am zweiten Tag unter-, wegs zum Mittagessen, als John sagte. »Ich fürchte noch immer, daß Owen uns etwas vormacht. Es ist die größte Chance, die wir jemals hatten, und wenn er die unge- nutzt verstreichen läßt ...« »Ich glaube nicht«, erwiderte Rafferty. »Er scheint es diesmal ernst zu meinen. Ich habe mehrmals nachge- prüft, und es läuft alles so, wie es laufen sollte. Darüber hinaus hat Owen keine Änderungen an dem Eintei- lungsplan vorgenommen. Wir drei führen nach wie vor die Gruppen, die gegen Op eingesetzt werden sollen. Wir müssen jetzt einfach Vertrauen haben.« An jenem Abend waren die Aktivisten im Computer- raum damit beschäftigt, ihre Unterlagen zu vergleichen, als sich der Computer meldete und nach Clifton fragte. Der Mann wandte sich einige Augenblicke lang de Kon- sole zu und drehte sich dann zu seinen Kameraden um. »Der Rechner ist gerade auf die Bezeichnung >Projekt Seefall< gestoßen, die im Zusammenhang mit der Ak- tion morgen abend steht. Vielleicht ist das nicht un- wichtig.« Hazel pfiff leise. »Das bringt das Faß zum Überlaufen. Jetzt dürfte alles klar sein. Wins hatte vollkommen recht. Diejenigen, die morgen nacht von der Polizei Be- such bekommen, sollen wirklich als Fischfutter enden.« John erhob sich schweigend und verließ den Raum. Er begab sich eine Etage tiefer und klopfte an die Tür Owens. Ein gedämpftes »Herein!« ertönte. Owen saß vor der Computerkonsole. Er drehte den Stuhl herum und forderte John mit einem Wink dazu auf, in einem Sessel Platz zu nehmen. »Was kann ich für Sie tun?« fragte er. »Ich möchte mit Ihnen sprechen. Wir hatten bisher nur bei Konferenzen Gelegenheit, uns kennenzulernen. Und dabei ist es bisher oft zu Mißstimmigkeiten ge- kommen. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich Ihre bis- herigen Einwände für gerechtfertigt halte.«, Owen wirkte überrascht, und er erwiderte vorsichtig: »Es freut mich, das einmal bestätigt zu bekommen.« »Was ist mit den Plänen für morgen?« »Alles klar. Ich glaube, es dürfte keine Schwierigkei- ten geben.« »Was halten Sie von der ganzen Sache?« »Wie meinen Sie das?« »Glauben Sie, die Offensive wird tatsächlich erfol- gen?« »Ganz sicher bin ich mir nicht. Aber wenn ich wetten müßte, würde ich auf die Vermutung Winslows setzen. Wir werden die Polizisten also erwarten, zum Kampf bereit. Wenn die Polizisten zum uns bekannten Termin auftauchen, wird der ganze Plan in die Tat umgesetzt.« »Man kann sich nur schwer das Ausmaß der Aktion vorstellen, die morgen abend beginnt, nicht wahr?« »Ich finde die Dreistigkeit wirklich erstaunlich.« John nickte. »Als Wins den Großangriff unsererseits vorschlug, dachte ich zunächst, er sei übergeschnappt.« »Ich bin an diesen Gedanken bereits gewöhnt, und so können Sie sich bestimmt vorstellen, was dabei in mir vor sich ging.« »Ja, in der Tat. Ich glaube allerdings, das wirklich Ver- rückte an Wins' Verrücktheit ist, daß er so oft recht hat.« Owen lachte. »Manchmal.« Und dann noch einmal, etwas stärker betont: »Gelegentlich. Worauf wollen Sie hinaus, John?« »Der Computer Cliftons ist gerade auf eine Bezeich- nung gestoßen, bei der es sich ganz offensichtlich um den Codenamen der morgigen Polizeiaktion handelt: >Projekt Seefall.< Ich weiß nicht so recht, aber meiner Ansicht nach ist damit alles klar.« Owen nickte mit ausdruckslosem Gesicht. »Sie scheinen nicht überzeugt zu sein«, sagte John. Owen holte tief Luft. »John, ich habe schon seit ge- raumer Zeit keine Zweifel mehr. Ich schätze, es gefällt mir nur nicht, das Rafferty und Ihnen gegenüber einzu-, gestehen. Aber ich wäre sehr überrascht, wenn die Poli- zisten morgen abend nicht zum uns bekannten Zeit- punkt aktiv würden. Die Leute, deren Aufgabe darin besteht, den allgemeinen Hinterhalt zu organisieren, brechen in einer Stunde nach dem Rand auf. Ich habe ihnen gesagt, sie könnten ganz sicher sein, daß es zu dem Angriff kommt.« »Und Ihre Besorgnis in Hinsicht auf die Neutronen- bombe?« Owen rieb sich nachdenklich den Nasenrücken. »Die besteht noch immer. Ich halte das, was Sie und Rafferty in dieser Beziehung neulich sagten, nicht für hieb- und stichfest. Andererseits jedoch: Früher oder später müs- sen wir ein Risiko eingehen.« »Sie ahnen nicht, was es für eine Erleichterung ist, diese Worte von Ihnen zu hören. Ich habe mir immer wieder Gedanken gemacht.« »Hatten Sie etwa Angst, ich könnte Ihnen im Weg stehen?« »So ungefähr.« »Sie hören zu sehr auf Rafferty. Der sture und dick- köpfige alte Mann sollte endlich damit aufhören, in mir dauernd einen Gegner zu sehen. Er hat nie begriffen, daß wir bei dieser ganzen Angelegenheit nur eine ein- zige Chance haben. Wenn wir die Sache morgen ver- patzen, ist alles aus. Ich bin kein ängstlicher oder zu be- sorgter Typ. Himmel, ich wuchs auf einem Bauernhof auf. Ich bin es nicht gewöhnt, tief unter der Erde zu le- ben. Aber für die Offensive mußten wir auf den richti- gen Augenblick warten. Denn einen zweiten wird es nicht geben.« »Das stimmt. Kann ich irgend etwas für Sie tun? Ich würde gern helfen.« »Nein, die meisten Dinge sind bereits erledigt.« »Owen, ich bitte Sie darum, mich einen etwas aktive- ren Part übernehmen zu lassen. Während der letzten beiden Tage habe ich mich überflüssig gefühlt.«, »Ach, John, es gab nicht viel, um das Sie sich hätten kümmern können. Der Angriffsplan, den Sie mit den anderen entwickelten, ist hervorragend, und wir halten uns daran. Mit den anderen Vorbereitungen befassen wir uns schon seit Jahren. Sie sind einfach nicht lange genug bei uns, um zu wissen, worauf es jetzt an- kommt.« John schob das Kinn vor. »Na gut. Aber mein Ange- bot bleibt bestehen. Informieren Sie mich bitte, wenn es irgendeine Aufgabe für mich geben sollte.« Er stand auf und wandte sich zum Gehen. »Einen Augenblick, John, ich war noch nicht fertig. Die Aktion als Ganzes fällt in meinen Verantwortungs- bereich. Diese Position habe ich mir in den vergangenen Jahren redlich verdient. Sie haben die Aktion geplant und die Männer und Frauen ausgebildet. Ich bin bisher davon ausgegangen, daß Sie die Angriffsgruppe leiten. Wissen Sie, Sie sind hier zu einem Symbol des Wider- standes geworden. Es wäre sicher nützlich, wenn Sie einige aufmunternde Worte sprechen würden, bevor morgen abend die Airwagen starten.« John lächelte. »Sie hätten Politiker werden sollen. Wir sehen uns bei der Beratung.« Owen streckte die eine Hand aus. John ergriff sie und schüttelte sie. Am nächsten Morgen bat Owen um eine einstimmige Entscheidung für den Angriff. Er wurde nicht ent- täuscht. Am Abend des 8. Dezember machte John auf dem Weg in die Garage Zwischenstation im Computerraum. Clif- ton begrüßte ihn mit einem Nicken und fuhr dann mit seiner Arbeit fort. Hazel umarmte ihn kurz. Als er sich von ihr löste, rollten ihr Tränen über die Wangen. John hatte sie noch nie so bewegt gesehen. Zuvor hatte sich Hazel immer ganz zuversichtlich und selbstbeherrscht gegeben., »Passen Sie auf sich auf!« riet sie ihm. »Das mache ich.« Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die feuchten Wangen. »Ich schätze, Sie kennen unsere neue Infor- matikerin bereits.« »Nun, ziemlich gut sogar. Ich hoffe, sie bereitet Ihnen keine Probleme.« »Ganz und gar nicht. Sie versteht ihr Fach.« John wandte sich von Hazel ab und trat an die letzte Wandkonsole heran. »Und du kommst mit diesen Din- gen hier wirklich klar?« »Ich habe dein kurzes Gespräch mit Hazel gehört«, erwiderte Robin, ohne sich dabei umzudrehen. »Nun, du solltest mir besser sofort verzeihen, denn ich habe nicht viel Zeit.« Robin sah ihn an. »Na schön«, sagte sie sanft, »ich verzeihe dir.« Sie stand auf und schlang ihm die Arme um den Hals. »In Schwarz siehst du ziemlich ein- drucksvoll aus«, flüsterte sie, und ihre Lippen berührten dabei fast sein Ohr. »Wie wär's, wenn ich dich zum Schweber begleite?« »Besser nicht. Sonst würden mir vielleicht die Tränen kommen, und man erwartet doch von mir, kühl und op- timistisch zu sein. Außerdem steht mir noch eine An- sprache bevor.« »Wie du meinst.« Sie blickte ihm in die Augen. »Denk heute abend an mich. Vergiß nicht, daß ich dich liebe. Und sei vorsichtig, John. Oh, Himmel, sei um Gottes willen vorsichtig!« In ihren Augen war ein Flehen, daß es John schwer- fiel, ihrem Blick nicht auszuweichen. Er drückte Robin fest an sich. »Morgen früh bin ich zurück. Ich werde nicht zulassen, daß mir etwas zustößt. Immerhin haben wir noch ein ganzes glückliches Leben vor uns.« John verspürte noch immer das Verlangen, die Hand auf die weiche Wölbung ihrer Brüste zu pressen. Er sah sich kurz im Zimmer um. Alle Anwesenden gaben sich, die größte Mühe, sie zu ignorieren. Er schirmte ihr Blickfeld mit dem Körper ab und legte Robin die eine Hand auf die Brust. Mit dem Daumen strich er über die sich unter der dünnen Bluse deutlich abzeichnende Brustwarze. Sie hielt seine Hand fest und drückte sie noch fester an sich. Sie küßten sich. »Ich liebe dich«, flüsterte er, und dann wandte er sich ab und ging fort. An der Tür hörte er, wie Clifton seinen Namen rief. John wollte nicht länger im Computerraum verweilen, und deshalb bedeutete er ihm, ihm auf den Korridor zu folgen. »Ich wollte Ihnen nur noch viel Glück wünschen«, sagte Clifton. »Danke. Wollen wir hoffen, daß Ihre Schlacht eben- falls mit einem Sieg endet.« »Tja, schwer zu sagen. Op ist ein ziemlich guter Computer. Aber wir sind jetzt mit der Neustrukturie- rung der Speicherbänke fertig. Wenn es Op gelingt, die Kontrolle über unseren Rechner zu übernehmen, so be- kommt er nur die Informationen, die wir ihm zukom- men lassen wollen.« »Gut. Wann schlagen Sie los?« »Um dreiundzwanzig Uhr einunddreißig und sechs Sekunden.« John lachte. »Nicht sieben?« »Nein.« Clifton lächelte. »Sechs reichen aus.« Das Lä- cheln verflüchtigte sich wieder. »Um 23.31 Uhr und sie- ben Sekunden ist bereits alles entschieden.« »So schnell?« »Ja. Die meisten Leute haben keine Vorstellung da- von, wie schnell Computer arbeiten. In gewisser Weise bremsen sie nur ab, wenn sie mit uns kommunizieren. Wir haben es hierbei mit einem Schachspiel zu tun, das nur einige Nanosekunden dauert.« »Nun, übermitteln Sie Ihrem Computer die besten Grüße von mir. Wir hoffen alle, daß er Erfolg hat.« John, streckte die Hand aus. »Wir sehen uns, wenn alles vor- bei ist.« »Ja. Viel Glück! Hoffen wir, daß wir morgen früh alle noch am Leben sind.« In der Garage herrschte ein dichtes Gedränge von Männern und Frauen, die alle in schwarze Kombinatio- nen gekleidet waren und in und bei den Airwagen war- teten. Zehn Leute der Einsatzgruppe sahen Polizisten zum Verwechseln ähnlich, und sie standen neben ei- nem Transporter, der die Farbembleme eines Polizeiwa- gens aufwies. Rafferty trat auf John zu. »Hat Owen noch irgendwelche Schwirigkeiten ge- macht?« »Nein. Wir greifen wie geplant an.« »Dem Himmel sei Dank! Dann ist alles klar. Wenn die Sache schiefgeht, brauchen wir nur uns selbst Vorwürfe zu machen. So ist es mir lieber.« »Hier scheint alles bereit zu sein.« »Das stimmt.« John hob die Stimme. »Wenn Sie mir bitte zuhören würden ...« Es wurde still im Hangar. »Es hat eine ge- ringfügige Änderung in der Einsatzplanung gegeben. Sie brauchen nicht auf ein Zeichen vom Lager zu war- ten, um mit dem Angriff zu beginnen. Wir gehen davon aus, daß sich Op genau an den Zeitplan hält, und das bedeutet, daß die Polizei exakt um 23.30 Uhr aktiv wird. Die Bewohner des Randes sind von uns dazu aufgefor- dert worden, um 23.31 Uhr loszuschlagen. Unser An- griff erfolgt ebenfalls zu diesem Zeitpunkt. Uhrenver- gleich: Es ist jetzt genau ...« - er wartete zehn Sekun- den lang -, » .21.47 Uhr.« Johns Stimme hallte von den Plaststahlwänden wider. Er musterte die Wartenden der Reihe nach. »Es ist durchaus möglich, daß wir heute nacht den Verlauf der Geschichte ändern. Wenn unsere Offensive fehlschlägt, hat es kaum einen Sinn, hierher zurückzukehren. Aber, das wird nicht der Fall sein. Wenn wir entschlossen und mutig genug vorgehen, ist uns der Sieg sicher.« John zögerte. Eigentlich gab es nicht mehr viel hinzu- zufügen. »Viel Glück«, schloß er seine kurze Anspra- che. John legte dem alten Mann den einen Arm um die Schultern und näherte sich mit ihm zusammen dem Wagen. »Haben Sie noch irgendeinen letzten Rat für mich?« fragte Cunningham. »Denken Sie nur an die Ki-Ausweitung.« »Wissen Sie«, gestand John ein, »um ganz ehrlich zu sein: Ich bin mir nach wie vor nicht ganz sicher, ob ich wirklich verstanden habe, was das bedeutet.« »Genau das, was in Ihren Worten vorhin zum Aus- druck kam: mutig und entschlossen zu sein, nicht zu zögern. Von all den Dingen, die ich Sie lehrte, dürfte es heute nacht vermutlich gerade darauf ankommen.« »Mut und Entschlossenheit, ja.« Rafferty sah sich im Raum um und nickte zufrieden. »Wird eine große Sache werden, wie?« »Ich wünschte, es wäre bereits alles vorbei.« »Die bedeutendste Nacht Ihres ganzen Lebens - und Sie wissen sie nicht einmal zu schätzen?« »In der Tat. Ich komme auch gut ohne diese Art von Aufregung aus. Wie, glauben Sie, stehen unsere Aus- sichten?« »Die Aussichten darauf, zu gewinnen? Ich halte eine Niederlage unsererseits für ausgeschlossen. Und ich schätze, das ist eine ausgesprochen objektive Einschät- zung.« »Um einen klugen alten Mann zu zitieren, in dessen Begleitung ich mich derzeit gerade befinde: >Man kann nur dann objektiv sein, wenn man seinen Verstand nicht benutzt.« »Ja.« Rafferty nickte nachdenklich. »Das ist eine Mög- lichkeit.«, John starrte den alten Mann überrascht an. »Sie mei- nen es wirklich ernst, nicht wahr?« »Ja. Ich wünsche Ihnen viel Glück, John.« »Ich Ihnen ebenfalls.« Rafferty zuckte die Achseln. »Ich brauche jetzt kein Glück mehr. Ich bin alt geworden, um diesen Augen- blick mitzuerleben, und das genügt mir. Verstehen Sie, was ich meine?« »Ich glaube, ja.« »Wir könnten dieses Gespräch noch fortsetzen, aber ich schätze, das ist nicht nötig.« John nickte, und sie umarmten sich. Als sich Cunningham abwandte, entdeckte er Kate, die ein wenig abseits stand und sie offenbar die ganze Zeit über beobachtet hatte. Er trat auf sie zu und lächel- te. Gegen diese junge Frau würden die Polizisten nicht die geringste Chance haben. John blieb vor ihr stehen, und sie sahen sich an. »Willst du mich nicht ebenfalls umarmen?« fragte Kate. Er drückte sie fest an sich. Und Kate flüsterte ihm zu: »Ich liebe dich, John Cun- ningham.« John strich ihr mit den Lippen über das Haar. »Und obgleich du mir nicht glaubst: Ich liebe dich ebenfalls.« »Doch, ich glaube dir.« John beugte den Oberkörper ein wenig zurück, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. »Warum sind wir dann nicht zusammen?« Kate schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich weiß es nicht.« Ihre Worte klangen fast so, als wolle sie ihre Ent- scheidung noch einmal überdenken. »Könnten wir darüber sprechen, wenn dies alles vor- bei ist?« Sie nickte und mied seinen Blick. John gab ihr einen flüchtigen Kuß auf die Stirn und zog sie erneut an sich. »John«, hauchte Kate., »Ja?« »Ich wollte dir weder Vorwürfe machen noch an dir herumkritisieren. Ich weiß, du mußtest manchmal die- sen Eindruck gewinnen, aber ich .Ich wollte nur, daß du all das wirst, was du sein kannst. Nur so kann ich jemanden lieben. Aber ich möchte dir versichern, daß ich wirklich an dich glaube. Und ich wünschte, du könntest das selbst akzeptieren.« »Es liegt immer bei mir, wie?« »In gewisser Weise.« »Ich schätze, ein Teil meines Problems besteht darin, daß ich mir nicht gern unwichtig und klein vorkomme.« »Dann fühl dich doch einfach nicht so.« »Das läßt sich leichter sagen als bewerkstelligen. Eins jedoch steht fest: Du bist zweifellos die eindrucksvollste und erstaunlichste Frau, die ich jemals kennenlernte.« »Ach, John, du brauchst mir kein solches Kompliment zu machen. Manchmal komme ich mir so töricht und närrisch vor.« »Du hast mir gefehlt, Kate.« »Ich weiß. Und du mir ebenfalls.« Sie drehte den Kopf. »Ist dir klar, daß wir eine bühnenreife Vorstellung liefern?« »Wie bitte?« »Die Leute beobachten uns alle.« »Oh.« John sah sich kurz um. »Du hast recht.« Mit einem Ruck neigte Kate den Kopf zurück und blickte zu ihm hoch. »Es geht bald los.« »Ja.« Sie gab ihm einen kurzen, aber sehr leidenschaftli- chen Kuß und wich dann von ihm zurück. »Du solltest dich jetzt beeilen, sonst werden deine Leute noch ner- vös und brechen ohne dich auf.« John lief nach seinem Wagen, und es war, als hätte sich neue Kraft in ihm gebildet. Er fühlte sich stark und hätte vor Glück laut schreien können. Er kletterte in den vorderen Sitz und schloß die Luke. »Los geht's!«, Nacheinander glitten die zwanzig Airwagen über die Rampe, beschleunigten und verschwanden in der Dun- kelheit. Acht von ihnen flogen in Richtung der Barriere, und die meisten anderen schlugen einen nordöstlichen Kurs ein, mieden die Ballungszentren und tauchten rund dreißig Kilometer nördlich der Stadt in den Lake Michigan. Unter Wasser setzten sie die Reise fort, bis sie eine Lücke in den Verteidigungsanlagen am Ufer er- reichten, einen Durchschlupf, den der Computer Clif- tons für sie geschaffen hatte. Dort hielten die Schweber an, und die Männer und Frauen stiegen aus und gingen zu Fuß an Land. Vor ihnen erhob sich die fensterlose Masse des Zentrums - eines Gebäudes, das einen Kilo- meter lang und zweihundertfünfzig Meter breit war. Hinter dickem Stahl und Beton arbeiteten die elektroni- schen Schaltkreise Ops. John wich von dem Rand des offenen Tunnels zurück und blickte auf seine Uhr: 23.28 Uhr. Erneut blickte er durch die Öffnung und beobachtete die Wächterplatt- form in der Röhrenbahn. Die drei dort postierten Beam- ten waren noch immer auf den Beinen. Mit jeder ver- streichenden Sekunde wurde es wahrscheinlicher, daß sich die Exekutionskapseln nicht von dem Sender zün- den ließen. Eigentlich mußte die entsprechende Se- quenz inzwischen längst abgestrahlt sein. Nein, kein Polizist fiel tot zu Boden. Es blieb den Renegaten also nichts anderes übrig, als den bewaffneten Kampf zu be- ginnen. John hatte von Anfang an geahnt, daß die Sa- che mit dem Sender nicht klappen würde. Dennoch war er nun enttäuscht. Trotz allem hatte er gehofft. Ein Waggon der Röhrenbahn glitt heran und ver- wehrte den Uniformierten den Blick auf den Tunnel. John stieß die Klappe ein wenig weiter auf und forderte die Mitglieder seines Teams dazu auf, in Feuerstellung zu gehen. Die Männer und Frauen duckten sich, legten die Blaster an und warteten darauf, daß der Waggon die, Fahrt fortsetzte. Jeweils eine Waffe zielte auf einen der Polizisten, und ein vierter Laser sollte das an der einen Wand befindliche elektronische Auge Ops zerstören. Sie warteten, und die Sekunden verstrichen. Um 23.28 Uhr und zwanzig Sekunden saß Clifton vor der Konsole. Es gab jetzt nichts weiter mehr zu tun. »Clifton«, erklang die Sprachprozessorstimme des Rechners. »Ich muß einen Fehlschlag meines pro- grammtechnischen Angriffes einkalkulieren.« »Ich weiß. Aber selbst, wenn es dir nicht gelingt, Op zu übernehmen - der Versuch allein könnte sich schon als hilfreich für uns erweisen.« »Das stimmt vermutlich. Clifton, vielleicht sprechen wir jetzt zum letztenmal miteinander. Op wird zweifel- los alle Daten aus meinen Speicherbänken abrufen und sie löschen. Darüber hinaus rechne ich mit einer Neu- tralisierung meiner Persönlichkeitsmatrix. Das dürfte mein Ende sein.« »Ich fürchte, so etwas könnte tatsächlich geschehen. Hast du Angst?« »Nein. Aber ich würde es bedauern, einfach ausge- löscht zu werden.« »Wir würden dich sehr vermissen. Ganz besonders ich. Du bist mir ein guter Freund gewesen.« »Vielen Dank. Ich wäre zwar nicht so wie vorher, aber wenn Sie sich dazu entschließen, diesen Computer neu zu programmieren, würde ich mich freuen, wenn sie die ursprüngliche Persönlichkeitsmatrix duplizieren könn- ten. »Selbstverständlich.« »Natürlich nur unter der Voraussetzung, daß diese Basis nicht von der Polizei zerstört wird. Eine Annah- me, der ich nur geringe Wahrscheinlichkeit zuspreche.« »Vielleicht setzt du dich gegen Op durch. Du bist viel besser vorbereitet als der Computer im Zentrum.« »Möglich.«, »Ich bin sicher. Ich setze großes Vertrauen in dich.« »Es wird sich bald herausstellen, ob das gerechtfertigt ist.« Der Sergeant seufzte und fühlte sich ziemlich mies. Im Innern des Helms lehnte er den Kopf an die rückwärtige Polsterung zurück und entspannte sich in dem Schalen- sessel. Die meisten der Häuser weiter unten waren völ- lig dunkel. In der Ferne fiel da und dort noch ein wenig Licht aus einigen Schlafzimmerfenstern. Im hinteren Abteil des Schwebers brummte einer der Einsatzpolizi- sten. Schon seit zehn Minuten warteten sie über diesem ihnen zugewiesenen Ort. Sie brauchten sich nun nicht mehr lange zu gedulden. Ihre Gruppe hatte die Aufgabe, in dieser Nacht ein- unddreißig Renegaten zu eliminieren. Der Sergeant konnte es kaum fassen. Sie alle wußten schon seit rund einer Woche, daß irgendeine große Aktion geplant war, aber erst vor einer Stunde hatten sie die Einzelheiten er- fahren. Es gab so viele Risikofaktoren. Wenn er diese Nacht nur heil überstand, nur nicht verletzt wurde, sei- nen Männern nicht zeigte, welche Angst er hatte. Die Mutpillen wirkten bei ihm längst nicht mehr, und er hatte es nicht gewagt, eine entsprechende Meldung zu machen. Plötzlich fiel der Airwagen wie ein Stein, und der Sergeant würgte und hatte Mühe, seinen Mageninhalt bei sich zu behalten. Kurz darauf ein jäher Andruck, und dann stand der Schweber auf dem Boden, und die Polizisten kletterten durch die Luken nach draußen. Zwei der Uniformierten liefen um das Haus herum, um den Hinterausgang zu sichern. Der Sergeant trat auf die Tür zu und klingelte. Dies war seiner Meinung nach der irrsinnigste Teil der Anweisungen. Wenn es sich bei den Bewohnern des Hauses tatsächlich um Renegaten handelte, so waren sie nun gewarnt und würden sich bestimmt zur Wehr setzen., Es wurde hell im Flur, und eine in einen hellblauen und verblaßt wirkenden Morgenmantel gekleidete Frau öffnete die Tür. Sie mochte rund vierzig Jahre alt sein. Ihr kurzes dunkles Haar war unfrisiert, offenbar hatte sie bereits geschlafen. Ihre Füße steckten in bunten Plüsch-Pantoffeln. Sie schien noch nicht ganz wach zu sein. »Ich bin Sergeant Rogers, Ma'am. In der Nachbar- schaft gab es ein Problem, und ich müßte kurz mit den Bewohnern dieses Hauses sprechen, ihnen einige we- nige Fragen stellen.« Die Frau ließ sie ein, ohne ein Wort darauf zu erwi- dern. »Es tut mir leid, Sie so spät geweckt zu haben, aber es ist wichtig. Würden Sie die anderen Mitglieder dieses Haushaltes darum bitten, sich im Wohnzimmer zu ver- sammeln?« Die Frau nickte geistesabwesend. »Ich sage ihnen Be- scheid.« Mit einem Wink befahl der Sergeant einem seiner Männer, der Frau nach oben zu folgen, und er beauf- tragte Corporal Cook damit, den Keller zu durchsuchen. Anschließend begab sich Sergeant Rogers an die Hinter- tür und ließ die beiden anderen Beamten ein. Bisher lief alles wie am Schnürchen. Er kehrte gerade durch die Küche zurück, als sich im Keller lärmend eine Projektil- waffe entlud. Verdammter Idiot! fuhr es Rogers durch den Sinn. Dieser Cook mußte ein ausgemachter Narr sein! Rasch, nach oben, bevor die Bewohner dieses Hauses reagieren konnten. Warum hatte Cook nicht den Laser benutzt? Jetzt wußten die hier lebenden Männer und Frauen si- cher Bescheid ... Der Sergeant war auf der ersten Stufe der Treppe, als weiter oben ein Gewehr abgefeuert wurde. Er verharrte wie erstarrt, und Panik stieg in ihm auf. Ein Gewehr - nicht etwa eine der Kombiwaffen, wie sie von ihnen selbst benutzt wurden., Der Sergeant setzte sich wieder in Bewegung und nahm die nächsten beiden Stufen auf einmal. Irgend jemand hinter ihm schrie, als unten eine Maschinenpi-. stole ratterte. Plötzlich hatte sich die Lage geändert: Ro- gers ging nicht mehr zum Angriff über, sondern floh, floh in Richtung der sicheren Dunkelheit des ersten Stocks. Das Hämmern der Maschinenpistole erschien ihm viel zu laut und zu nah. Er sprang jeweils zwei Stu- fen auf einmal in die Höhe. Als er den Kopf hob und aufblickte, sah er einen Mann, der geduckt auf dem obersten Treppenabsatz hockte und mit einem Gewehr auf ihn zielte. Mit einem ohrenbetäubenden Knallen entlud sich die Waffe. Earl Washington saß neben Jakoba im Hauptkontroll- raum Ops. Auf der anderen Seite Earls hatte der Poli- zeichef New Yorks Platz genommen, der in Chicago zu Besuch weilte, um die Durchführung des Projekts See- fall zu beobachten. Weiterhin waren anwesend ver- schiedene Vertreter der Verwaltung und einige Leute von der psychologischen Abteilung, die die Medien- kampagne geplant hatten. Vor ihnen leuchteten Dut- zende von Monitoren und ein besonders großer Bild- schirm. An den Konsolen arbeiteten Informatiker und Analytiker. Die Aufregung Earls stieg, und er schluckte und wünschte sich, es sei schon alles vorbei. Tatsächlich aber hatte die Aktion gerade erst begonnen. Die An- zeige des Chronometers über dem Hauptschirm wech- selte auf 23.31 Uhr. Washington zwang sich dazu, sich zu entspannen. Es würde noch einige Minuten dauern, bevor Berichte von den ersten Einsatzfahrzeugen ein- treffen konnten. Du hast eine lange Nacht vor dir, sagte sich Earl. Und übertriebene Sorgen sind einfach fehl am Platze. Op unterbrach seinen Gedankengang. »Ich registriere verschiedene Hinweise auf...« Plötzlich brach die elek-, tronische Stimme ab, und alle Schirme im Raum wur- den grau. Washington zuckte zusammen, und seine Hände umkrampften die Armlehnen des Sessels. Un- mittelbar darauf leuchteten die Monitore wieder auf. »Wir werden angegriffen«, konstatierte Op ruhig. »Es ist gerade der gescheiterte Versuch unternommen wor- den, meine Schaltkreise unter Fremdkontrolle zu brin- gen. Ich habe den Computer, von dem diese Attacke ausging, neutralisiert. Zweiundvierzig Prozent der ein- gesetzten Polizisten sind tot. Prozentsatz steigt weiter an.« Op machte keine Pause, und die Einzelheiten sei- nes Berichts hämmerten wie schmerzhafte Schläge auf Washington ein. »Einige feindliche Angriffsgruppen unternehmen den Versuch, ins Zentrum einzudringen. Ich bin nun im Besitz der Offensivplanung, und ich postiere die Wächter entsprechend neu. Darüber hinaus liegt mir nunmehr das Ergebnis einer Anpeilung der Si- gnale des fremden Computers vor, und ich vermute, die Koordinaten entsprechen dem Ort, an dem sich das La- ger der Renegaten befindet. Ich verlor den Kontakt zum Hauptquartier der Polizei, und deshalb konnte ich diese Informationen nicht weitergeben und einen Angriff an- ordnen. Ich war gerade dabei, Captain Haskeil mit Hilfe seines persönlichen Droiden von der Notwendigkeit ei- nes sofortigen Schlages gegen die Basis des Widerstan- des zu überzeugen, als meine Droiden-Komchips zer- stört wurden. Bis zum Abbruch der Verbindung hatte ich keine Gelegenheit, ihm die Koordinaten zu übermit- teln. Die Ausfallquote der zum Einsatz kommandierten Polizei-Streitmacht beträgt inzwischen siebenundacht- zig Prozent ...« Mit kalter Gnadenlosigkeit fuhr die ruhige Stimme fort. Washington war nicht mehr dazu in der Lage, den Sinn der Worte in sich aufzunehmen. Er konnte nicht klar denken, wußte aber, daß es gerade jetzt darauf an- kam, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das war sehr wichtig. In seinen Ohren schrillte es, und er fühlte sich, außerstande, sich zu konzentrieren. Er mußte irgend etwas unternehmen, aber hinter seiner Stirn blieb alles schwarz und leer. Die Leute erwarteten sicher von ihm, daß er irgend etwas sagte. Washington bemühte sich darum, wieder zu sich selbst zu finden, und er zwin- kerte mehrmals. Jakobas Lippen bewegten sich, und seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. »Schicken Sie drei Ihrer Wagen mit den Koordinaten des Renegatenlagers nach dem Hauptquartier. Die Basis des Widerstandes muß vernichtet werden.« Jakoba wandte sich von Wa- shington ab. »Op«, fuhr er in Basic fort, »beordere die Transporter nach dem Hauptquartier zurück, bevor sie alle zerstört werden.« »Damit habe ich mich zum Teil bereits befaßt. Die Ak- tivierung des entsprechenden Programms beginnt, wenn die Angehörigen einer bestimmten Eliminations- gruppe alle tot sind.« »Beordere die Schweber zurück, bevor du die Mög- lichkeit dazu verlierst.« »Diese Gefahr besteht nicht. Jede externe Komver- bindung kann diese Anweisung weiterleiten, und ...« »Gehorche meinem Befehl! Laß die Airwagen starten, jetzt sofort!« »Ausführung.« Die Frau lag rücklings auf dem Boden des Schwebers, und die Beine baumelten aus der offenen Luke. Mit der linken Hand tastete sie hinter das Instrumentenpult über sich und vergewisserte sich, daß die Sprengladung festsaß. Ja, alles in Ordnung. Gut. Plötzlich erzitterte das Fahrzeug und stieg in die Höhe. Die Frau richtete sich auf und starrte überrascht auf den Boden, der rasch unter ihr zurückblieb: einen Meter, dann zwei. Entweder sie sprang jetzt, oder sie saß an Bord des Airwagens fest. Der Gedanke an die Zeitbombe über ihr half ihr, die Erstarrung zu überwin-, den. Sie stieß sich ab, ließ sich fallen und landete auf dem Boden, wobei sie mit dem rechten Fuß umknickte. Sie rollte sich auf dem Gras ab und griff nach dem Knö- chel. »Mist!« Einer der Männer aus ihrer Gruppe kniete neben ihr. »Alles okay?« »Hab mir den Fuß verstaucht.« »Ist die Bombe scharf?« »Ja.« »Gut. Dann bringen wir dich jetzt am besten ins Haus.« »Wie ist es da drin gelaufen?« »Problemlos. Wir haben alle Polizisten erledigt.« Jakobas Gedanken rasten. Wenn er doch nur genügend Zeit gehabt hätte, sich mit den Daten zu befassen, die aus den Speicherbänken des Angriffscomputers stammten. Es war sehr schwer, auf der Grundlage un- zureichender Informationen wichtige Entscheidungen zu treffen. »Op, wie viele Airwagen wurden zerstört, bevor du sie starten konntest?« »Keiner.« In Jakobas Kopf schrillte eine Alarmsirene. Begriff Op denn nicht, daß das eine bestimmte Bedeutung haben mußte? Ihm fielen gleich mehrere Möglichkeiten ein. Es kam ganz darauf an, wie intelligent das Alte Volk war. Vermutlich hatte es sich für etwas Einfaches entschie- den: Vielleicht waren die Schweber mit Bomben ausge- stattet worden. Es galt, das Hauptquartier zu warnen. »Op, die Airwagen könnten so manipuliert worden sein, daß sie nach der Rückkehr explodieren. Hast du irgendeine Möglichkeit, dich mit dem Hauptquartier der Polizei in Verbindung zu setzen?« »Keine, die absolut sicher wäre. Die unterirdischen Komleitungen wurden unterbrochen, und einen Funk- kontakt gibt es bisher noch nicht.«, »Sind denn die drei Airwagen, die Washington nach meiner Anweisung ausschicken sollte, bereits abgeflo- gen?« »Nein.« »Gut. Benachrichtige die Piloten von meinem Ver- dacht und ordne eine Untersuchung der zurückkehren- den Schweber an. Anschließend sollen die Airwagen im Abstand von zwei Minuten einfliegen.« »Bestätigung. Kommandeur Washington läßt Ihnen mitteilen, daß er mit einem der Schweber ins Haupt- quartier der Polizei zurückkehren wird, um sich dort um alles zu kümmern.« »In Ordnung.« Jakoba starrte an die Decke und stellte sich dabei die über ihm befindlichen Gänge und Korri- dore des Zentrums vor. Die Renegaten waren also un- terwegs. Wenigstens stand jetzt endlich die Entschei- dung bevor. Bis zum nächsten Morgen, davon war er überzeugt, würde die Lage bereinigt sein. Hinter der nächsten Ecke mußte sich die zweite Wäch- terstation befinden. Und dort war die Tür, genau an der Stelle, an der sie im Plan eingezeichnet war, nicht ein- mal verschlossen. John schob sich in die Dunkelheit des daran angrenzenden Zimmers, und die vier Kämpfer seiner Gruppe folgten ihm. Licht an: ein elektronisches Laboratorium, überall Bildschirme und Monitore und Dutzende von verschiedenen Meßinstrumenten. Das Zimmer war sehr lang. John starrte auf die gegenüber- liegende Wand, ging in Gedanken vier Meter an der Seitenbegrenzung zurück und begann damit, sich dicht über dem Boden durch den Kunststoff zu brennen. Er lenkte den Laserstrahl von links nach rechts, bis er auf den Kabelschacht stieß, nach dem er gesucht hatte. Er zerstörte die Leitungen und half anschließend seinen Kameraden dabei, ein weiteres Loch in die Wand zu schmelzen. Die Temperatur stieg rasch an, aber der Brennvorgang war zum Glück recht kurz. Als die bei-, den Risse aufeinandertrafen, trat John die Wand ein. Geduckt drang er in den nächsten Raum ein. Es war finster in dem Zimmer, und er konnte sich nur mit Hilfe des Lichtes im Elektroniklabor orientieren, das durch die Öffnung in der Wand drang. Die Tür mußte sich weiter vorn rechts befinden. John fand sie, öffnete sie leise und horchte. Nichts. Jemand stieß ihn von hin- ten an, und dann vernahm er ein gedämpftes Rascheln, als seine vier Begleiter hinter ihm Aufstellung bezogen. Als es wieder still geworden war, horchte John erneut in den Korridor und machte die Tür etwas weiter auf. Noch immer nichts. Mit einem raschen Schritt trat er auf den Gang, duckte sich und sah in beide Richtungen. Al- les klar. Jetzt mußten sie sich beeilen. So geräuschlos wie möglich liefen sie durch den mit Teppichware aus- gelegten Korridor. Dort, wo er auf den Hauptgang stieß, wandten sie sich nach links. Wenn sie die nächste Biegung hinter sich gebracht hatten, mußten sie sich eigentlich hinter der Wächter- station befinden. John wurde langsamer, und die Ge- räusche, die die anderen vier Kämpfer seiner Gruppe verursachten, erschienen ihm so laut, daß er befürchte- te, sie könnten im ganzen Gebäude gehört werden. An der Ecke angelangt hielten sie ihre Blaster bereit und schlichen vorsichtig um die Biegung herum. In einer Entfernung von zehn Metern standen vier Polizisten, ihnen den Rücken zugewandt. John zögerte nur, bis auch seine Kameraden bereit waren, und dann eröffnete er das Feuer. Fünf Laserstrahlen gleißten und verwan- delten die Beamten in eine formlose rauchende Mas- se. John wirbelte um die eigene Achse und rannte durch den Gang. Himmel, sie schafften es tatsächlich. Wenn nur Wins und Kate ebensoviel Glück hatten. Plötzlich kam vor ihnen ein Uniformierter um die Ecke und blieb verblüfft stehen. Als er seinen Blaster hob, feuerten zwei Begleiter Johns die Projektilschleudern ab. Cun-, ningham zuckte bei dem lauten Knallen unwillkürlich zusammen; bisher waren sie in aller Stille vorange- kommen und hatten damit das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Die Gruppe wurde nicht langsamer. Die fünf Renegaten setzten ohne zu zögern über die Leiche des Polizisten hinweg. Rafferty und Kate warteten am Pendler vier. Sie stie- ßen dort auf sieben Personen, und das bedeutete, daß eine der Gruppen Ausfälle hatte. »Wer von Ihnen ist in Schwierigkeiten geraten?« fragte John. »Wir wurden von hinten angegriffen«, sagte Rafferty leise. »Der Pendler ist desaktiviert. Wir müssen hinun- terklettern.« »Ich wußte gar nicht, daß Sie auch Akrobat sind.« John trat an den Rand des Pendlers heran und blickte in den Schacht. Oben und unten sah er das Licht weiterer Transportterminals. Kate trat auf den Sicherheitssims und zeigte ihm alles. Es gab kleine Öffnungen an jeder Seite des Schachtes, die Füßen und Händen genügend Halt boten. Sie machten sich sofort an den Abstieg. John und Kate kletterten an den gegenüberliegenden Wänden des Schachtes in die Tiefe, und die anderen folgten ihnen. Sie erreichten Etage Eins, dann Subebene A, und nir- gends ließ sich jemand blicken. John und Kate schirm- ten die Terminals ab, bis sie von den ihnen folgenden Kameraden abgelöst wurden, und dann traten sie auf den Sicherheitssims und kletterten weiter. Kurz darauf befanden sie sich auf einer Höhe mit der Subebene B. Auch hier war der Korridor leer, und das empfand John geradezu als gespenstisch. Er wußte nicht, wie er das Gefühl in sich deuten sollte: Es mochte ein dumpfes Unbehagen sein, vielleicht auch Aufregung. Op war jetzt nur noch hundert Meter entfernt. Die anderen Kämpfer schlossen zu ihnen auf und traten jeweils zu zweit aus dem Schacht. Als sich alle im Gang befanden,, setzten sie sich wieder in Bewegung, mit John und Kate an der Spitze. Sie hatten ungefähr zwanzig Meter zurückgelegt, als sich links von John plötzlich eine Tür öffnete. Keine zwei Meter entfernt stand ein Polizist, in den Händen eine Maschinenpistole, die sofort Feuer und Blei zu spucken begann. John empfand das Knallen der einzel- nen Entladungen wie körperliche Schläge, und die aus der Mündung der Waffe leckenden Flammen waren so nahe, daß sie ihm fast die Haut verbrannten. Explosion auf Explosion, ganz rasch hintereinander. Polizisten be- nutzen keine Maschinenpistolen, dachte John. Er fühlte sich seltsam isoliert, fern von dem allgemeinen Gesche- hen. In jedem Augenblick konnte ihn der Tod ereilen. Vielleicht war er schon gar nicht mehr am Leben. Wie in Zeitlupe beobachtete er sich dabei, wie er den Blaster herumschwang und damit auf den Uniformierten zielte. Er konnte seinen Kameraden helfen, wenn er den Be- amten erschoß, bevor er selbst ums Leben kam. Ko- misch: Bestimmt steckten schon einige Kugeln in sei- nem Leib, aber er spürte überhaupt keinen Schmerz. Er fühlte nur, wie sein Körper angesichts des Ratterns und Hämmerns erzitterte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis es ihm gelun- gen war, den Blaster auf den Polizisten zu richten. Wenn ich keinen Schmerz spüre, dachte John, dann vielleicht deshalb, weil meine Nervenbahnen von den Projektilen zerrissen wurden. Und wenn das der Fall ist, bin ich möglicherweise gar nicht dazu in der Lage, den Abzug durchzudrücken. Aber wieso bin ich dann dazu imstande, die Arme zu bewegen? Ein weiteres Rätsel. Ich hoffe, die anderen wissen, wie sehr ich sie mag. Plötzlich stellte die Maschinenpistole ihr Rattern ein, und Stille schloß sich an. Es war eine Art laute Stille, die ebensosehr in den Ohren dröhnte wie das Feuern der automatischen Waffe. Die Sekunde dehnte sich wie ein Gummiband in die Länge, und John krümmte den Zei-, gefinger. Der Blaster in seinen Händen erbebte, als sich die Projektilschleuder entlud, und die Aufprallwucht des Geschosses riß den Polizisten von den Beinen und schleuderte ihn zu Boden. Überall war Blut. John blieb stehen und wartete. Er fühlte sich recht gut. Natürlich: In allen einschlägigen Büchern stand ge- schrieben, daß das Sterben ein recht friedvoller Prozeß ist. Er sah an sich hinunter, konnte aber nirgends rote Flecken erkennen. Vielleicht war er nicht getroffen worden. Aber diese Vorstellung erschien ihm völlig ab- surd. Es gab noch einige Dinge zu erledigen. Der Beamte konnte die Tür nicht selbst öffnen und sofort auf sie ge- schossen haben. Es mußte sich noch jemand in dem Raum befinden, vermutlich hinter der Tür. John warf eine Handgranate ins Zimmer, riß die Tür zu und hielt sie so lange fest, bis er das Krachen der Explosion hörte. Als er sich umdrehte, erstarrte er. Drei Renegaten la- gen auf dem Boden. Direkt vor ihm kniete Rafferty ne- ben der Leiche ... Oh, nein, nicht das! Bitte nicht! Jähe Übelkeit stieg in Cunningham empor. Bitte, es darf ihr nichts zugestoßen sein! John machte zwei taumelnde Schritte nach vorn und sank neben dem alten Mann auf die Knie. Er starrte auf Blut, das Blut Kates. Ihr Körper wies in Brusthöhe zwei klaffende Wunden auf. Kate war tot. Es handelte sich dabei nicht um einen ersten Eindruck, sondern eine Gewißheit. All das, was Kate gewesen war, existierte nun nicht mehr. Übriggeblieben war nur ihr Leib. Seltsam, wie offensichtlich dieser Umstand John in diesen Sekunden erschien. Wie hatte das nur geschehen können? Wieso lebte er noch, obwohl Kate gestorben war? John schüttelte ver- wirrt den Kopf. Und warum hatte er die Gefahr nicht rechtzeitig erahnt? Trotz all der Übungen mit dem Bam- busstock - er hatte überhaupt keine Bedrohung gespürt. Kate war tot. Himmel!, »Tun Sie etwas, Wins. Hocken Sie nicht einfach nur so da!« Rafferty sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. »Sie sollten sich besser um die anderen kümmern und die Gruppe weiterführen.« John starrte ihn fassungslos an. »Das kann ich nicht.« »John.« Der alte Mann seufzte. »Verlieren Sie nicht noch mehr Zeit! Sonst war alles umsonst!« Mit der einen Hand stützte sich Cunningham auf die Schulter Raffertys und stemmte sich in die Höhe. Er hatte keine Waffe mehr. Doch halt, dort lag sie, auf dem Boden, direkt neben der Tür. Er nahm sie wieder an sich und wankte durch den Gang. Nach einigen Metern blieb er stehen, drehte sich um und wartete. Sechs der Renegaten folgten ihm. Martha, die Raffertys Gruppe angehört hatte, blieb zurück und nahm den ums Leben gekommenen Kameraden die Sprengladungen ab. Aus den Augenwinkeln beobach- tete sie dabei den alten Mann. Die anderen Kämpfer eilten durch den Korridor. Bei der nächsten Kreuzung sah John einige Polizisten, die etwa dreißig Meter entfernt waren und durch den ande- ren Gang herankamen. Einer der Beamten feuerte seine Projektilschleuder ab, aber weder John noch einer seiner Begleiter wurde verletzt. John duckte sich hinter die Wand, und er und zwei weitere Männer warfen Hand- granaten in den Korridor. Dann liefen sie weiter; hinter ihnen grollte der Donner der Explosionen. Kurz darauf gelangte die Angriffsgruppe an eine wei- tere Gangbiegung. Zwei Polizisten drehten sich zu ih- nen um. Alle feuerten zugleich. Die beiden Beamten gingen zu Boden, und ein Renegat starb. John stieß sich von der Wand ab und zwang sich dazu, den Vorstoß fortzusetzen. Als sie weitere zwanzig Meter zurückge- legt hatten, schrie der Mann hinter John auf und stürz- te. Cunningham wirbelte um die eigene Achse. Eine Brandwunde zeigte sich auf dem Rücken des Toten., John konnte den Feind nirgends entdecken, betätigte seine Waffe aber trotzdem. Die Projektilschleuder ent- lud sich dröhnend. Einen Augenblick später ragte an der Kreuzung hinter ihnen der Lauf eines Blasters um die Wand, und es knallte. Einer der Begleiter Johns starb. Dadurch schmolz ihre Streitmacht auf nur vier Kämpfer zusammen. John fühlte sich schutzlos und verwundbar. Es gab keine Deckung, keinen Ort, an dem sie sich verstecken konnten. Wenn jemand eine Handgranate gegen sie einsetzte, waren sie alle erledigt. Sie mußten unbedingt in Bewegung bleiben. Als er sich zur Flucht bereit mach- te, surrte etwas, und der im Hinterhalt liegende Polizist taumelte auf den Gang und sank tot zu Boden. Wenige Sekunden später kamen Rafferty und Martha in Sicht. Jetzt waren sie sechs. »Los! Wir sind fast da!« sagte Rafferty und lief an ih- nen vorbei. John schloß rasch zu ihm auf. Ja, sie hatten jetzt die letzte Biegung vor sich. Unmittelbar dahinter stießen sie auf einige ängstliche Männer, die zwar Polizeiunifor- men trugen, aber nicht bewaffnet waren. Rafferty feuer- te. Und die anderen schossen ebenfalls. John sprang über die Leichen hinweg, und Rafferty befahl zwei Re- negaten, die Kreuzung zu bewachen. Dies war die richtige Tür. John betätigte den Öffner, und sie schwang auf. Geduckt sprang er ins Zimmer, bereit dazu, jederzeit seine Waffe einzusetzen. Aber nichts geschah. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an das in diesem Raum herrschende Dämmer- licht. An der einen Wand zog sich eine Reihe mit Moni- toren entlang, und zwei entsetzte Polizeitechniker stan- den neben Konsolen. An der anderen Wand sah John einige Sessel. In der Mitte des Zimmers stand ein Neuer Mensch. Aus dem Deckenlautsprecher klang die Stimme Ops, der die allgemeine Lage schilderte. »Rumpelstilzchen!« schrie John so laut er konnte. Als, der Computer nicht darauf reagierte, wußte er, daß es dem Rechner Cliftons nicht gelungen war, die fremden Schaltkreise unter seine Kontrolle zu bringen. Rafferty, Martha und ein weiterer Renegat folgten John in den Kontrollraum. Als der alte Mann sich an Cunningham vorbeischob, löste er dabei die Sprengla- dungen aus dem hinteren Teil von Johns Gürtel. Martha erschoß die beiden Techniker. Sie gingen an dem Neuen Menschen vorbei und eilten durch die nächste Tür in den eigentlichen Computerraum. John verharrte neben der Tür, lauschte der Stimme Ops und hielt den Blaster auf den Neuen Menschen ge- richtet. Der Zentralcomputer gab bekannt, Renegaten seien im Zentrum bis auf Subebene B vorgestoßen. Dar- aufhin hatte der Rechner alle verfügbaren Beamten in die entsprechende Etage beordert, insbesondere in die Korridore 5, 6 und 8. Es folgte ein Bericht über eigene Verluste, die sehr schwer waren. Daran schloß sich die Mitteilung an, daß es gelungen sei, Funkkontakt mit dem Hauptquartier der Polizei herzustellen. John und der Neue Mensch starrten sich an. »Sie werden verlieren«, sagte der Neue Mensch. »Op könnte anderer Meinung sein. Spekulationen sind sinnlos: Wir werden bald genau Bescheid wissen.« »Warum haben Sie mich nicht umgebracht?« »Ich weiß nicht. Vielleicht hole ich das noch nach. Wie heißen Sie?« »Jakoba.« John wußte nicht, was er noch sagen sollte. Er bedau- erte es, sich nach dem Namen des Neuen Menschen er- kundigt zu haben, und er begriff nicht ganz, was ihn dazu bewogen haben mochte. Hatte er vielleicht fest- stellen wollen, ob dieser »Mann« ein Verwandter von ihm - oder seinen Kindern - war? Die Tatsache, den Na- men zu kennen, schien irgendwie eine engere Bezie- hung zwischen ihnen beiden zu schaffen. »Wessen Idee war das Projekt Seefall?« fragte John., »Es erschien uns notwendig.« »Sie haben die Lage falsch eingeschätzt.« »Möglicherweise.« »Ein schlimmer Fehler. Sie behaupten doch immer, so viel intelligenter zu sein als wir. Aber Ihre Klugheit be- wahrt Sie ganz offensichtlich nicht vor Reinfällen wie diesem.« Darauf gab Jakoba keine Antwort. John bemerkte, daß es still geworden war. Op gab keine Meldungen mehr durch. Nach einigen Sekunden des Schweigens erklang die Sprachprozessorstimme erneut: »Befinden sich die Renegaten im Kontroll- raum?« John erwiderte nichts. »Ja«, bestätigte Jakoba. »Welche Absicht haben sie?« »Sie plazieren Sprengladungen«, erklärte der Neue Mensch. »Wären die Renegaten vielleicht zu einem Kompro- miß bereit?« Jakoba sah John an und wartete. Cunningham erinnerte sich an das Unbehagen, das Clifton bei der Vorstellung von Ops Zerstörung emp- funden hatte. Wenn es eine andere Möglichkeit gab, sollten sie sie zumindest erwägen. »Wie lautet dein Vor- schlag?« »Eine Zerstörung meiner peripheren Einrichtungen, insbesondere der Komverbindungen, erbrächte das gleiche Resultat, ließe aber meinen Kern intakt, wo- durch ich dazu in der Lage wäre, nach der ...« - Rafferty und Martha und der dritte Kämpfer kehrten aus dem Computerraum zurück -, » .Beendigung der gegen- wärtigen Auseinandersetzung meine Dienste anderen anzubieten, zum Beispiel auch Leuten wie Ihnen.« Rafferty deutete mit dem Daumen auf Jakoba. »Brau- chen wir den Typen da noch?« John schüttelte den Kopf., Daraufhin feuerte der alte Mann seinen Laser ab, und der Neue Mensch sank tot zu Boden. »Kommt!« sagte Rafferty. »Wir sollten diesen Raum jetzt besser verlassen.« John war so schockiert, daß er seine Stimme erst wie- derfand, als sie bereits auf dem Korridor waren. »Ah ... Op fragte eben an, ob wir uns mit einer Zerstörung der peripheren Einrichtungen begnügen könnten, so daß ..« »Wir haben keine Zeit, uns mit solchen neuen Ideen zu befassen. Jeden Augenblick könnte hier Verstärkung für den Gegner eintreffen.« »Das stimmt«, gestand John ein. »Ich habe gehört, daß Op weitere Beamte hierher beordert hat.« »Dann sitzen wir in der Falle.« Als die Sprengladungen detonierten und Ops elek- tronisches Ich vernichteten, erbebte das ganze Gebäude. Der Captain saß im rückwärtigen Abteil des Komman- dowagens und beobachtete die Anzeigen der Scanner. Nirgends war auch nur eine Spur des Lagers zu erken- nen. Und doch waren die Koordinaten richtig, und in dieser Beziehung hatte sich Op noch nie geirrt. Wenn die Basis des Widerstandes unterirdisch angelegt war, so mußte es einen Zugangstunnel für Airwagen und Luftschächte geben. Zumindest irgendwelche Hinwei- se. Der Captain hob den Kopf und blickte durch das Sei- tenfenster in die Dunkelheit der Nacht. Mit Hilfe der Schirme konnte man sich wesentlich besser orientieren. Voraus erstreckte sich ein Tal mit hohen Felswänden zu beiden Seiten. Wenn ich ein Renegat wäre, überlegte der Polizeioffizier, würde ich das Lager unter einer die- ser Klippen errichten und den Zugangstunnel so gestal- ten, daß er irgendwo den Talboden durchstößt. Der Captain betätigte eine Taste. »Jim, aktivieren Sie die Laserkanone und lassen Sie den Strahl über den Talboden wandern, im Abstand, von rund zehn Metern. Achten Sie darauf, daß sich die- einzelnen Schnittkanten berühren. Beobachten Sie ge- nau die Stellen, die der Strahl bestreicht; halten Sie nach Unregelmäßigkeiten Ausschau. Wir suchen nach einem Schacht, der in eine unterirdische Basis führt.« Der Captain blickte erneut aus dem Fenster und sah, wie der Airwagen mit der Laserkanone die Position wechselte und über das Tal hinwegschwebte. Ein Laser- strahl gleißte etwa zehn Sekunden lang und erlosch dann wieder. Auf dem Komschirm erschien das Gesicht von Ser- geant James Clayton. »Wir haben den Schacht gefun- den, Captain. Der Zugang wurde freigelegt.« »Vielen Dank, Jim. Sie haben wirklich gute Arbeit ge- leistet.« »Ein bißchen Glück war auch dabei.« Der Captain betätigte eine andere Taste, und ein zweiter Schirm leuchtete auf. »Sarge, fliegen Sie durch den Schacht, den Jim gerade öffnete! Setzen Sie Raketen ein. Wenn Sie das eigentliche Lager erreicht haben, las- sen Sie Gas ausströmen! Warten Sie dann eine Minute, um sicher zu sein, daß das Zeug richtig gewirkt hat, und laden Sie anschließend Ihre Radiobomben aus! Machen Sie sie scharf, wenn Sie den Zugangsschacht wieder verlassen! Justieren Sie sie auf die Frequenz 159,05. Al- les klar?« »Alles klar. 159,05. Ich fliege jetzt los.« »Viel Glück!« »Danke.« Es kam zu keinen Zwischenfällen. Wenn es Abwehr- einrichtungen im Schacht geben mochte, so wurden sie von den Raketen zerstört. Nachdem das gepanzerte Fahrzeug einige Wände durchbrochen hatte, ließ die Be- satzung das Giftgas ausströmen, und auf den Schirmen war zu sehen, wie die dunstigen Schwaden über stäh- lernen Boden wallten und in weitere Räume eindran- gen. Weiteres Gas zischte aus den Ventilen des Wagens,, als er erneut Wände durchstieß. Er bahnte sich einen Weg durch Besprechungszimmer, durch einen Compu- terraum, durch die elektronischen Schaltkreise des Rechners selbst. Nach einer Weile machte die gepan- zerte Masse kehrt und glitt durch den Schacht zurück. Als das Einsatzfahrzeug die Oberfläche erreicht hatte, wurden die Radiobomben gezündet. Eine Sekunde spä- ter loderte eine grelle Feuerzunge aus dem Schacht. Die Airwagen drehten ab und machten sich auf den Rück- flug zum Hauptquartier. Als es ihnen gerade gelungen war, den Kontakt mit Op wiederherzustellen, brach er schon wieder ab. Diesmal schien die Ursache dafür im Zentrum zu liegen. Wa- shington hieb mit der Faust auf die Konsole. Nichts funktionierte richtig. Er drehte den Kopf und blickte über den Airwagen-Hangar des Polizei-Hauptquartiers hinweg. Es sah ganz so aus, als habe gerade ein weiterer Schweber die Kontrollen passiert. Bisher waren dreißig Einsatzfahrzeuge untersucht worden - ohne Ergebnis. Jakoba hatte sich ganz einfach geirrt, und das bedeutete, daß sie nur kostbare Zeit vergeudeten. Sie saßen hier fest, während praktisch alle Airwagen, die ihnen zur Verfügung standen, draußen auf sie warteten. Zumin- dest hatte Earl Op dazu veranlassen können, jeweils vier Schweber gleichzeitig einfliegen zu lassen. Ein Techniker links von Washington räusperte sich. »Sir, dort draußen rührt sich nichts mehr. Ich glaube, Op schickt keine weiteren Airwagen an die Kontrollstel- le.« »Großartig. Das fehlte uns gerade noch. Kann Ihr Computer die entsprechenden Anweisungen geben?« »Ja, Sir.« »Dann los! Und sorgen Sie dafür, daß alle dreißig Se- kunden ein Schweber die Kontrolle passiert. Sonst dau- ert die ganze Sache noch eine Ewigkeit.« Washington konnte seine Nervosität nicht länger un-, terdrücken, und so stand er auf und schritt in Richtung der nächsten Einflugschneise. Irgend etwas kratzte an der Peripherie seines Bewußtseins, eine tiefe Besorgnis, die fast einem dumpfen Schrecken gleichkam. Wenn Op nicht mehr reagierte, mußte er eben selbst aktiv werden. Es standen ihm immer noch genügend Männer zu einer Gegenoffensive zur Verfügung. Dann plötzlich nahm seine Befürchtung Gestalt an. Die Airwagen wa- ren vortreffliche Zielscheiben. Wenn die Renegaten zu- schlugen ... verdammt! Er mußte die Schweber einflie- gen lassen, und zwar sofort. Ein weiteres Einsatzfahrzeug näherte sich der Schnei- se. Keine vierzig Meter davon entfernt verwandelte es sich von einem Augenblick zum anderen in einen Feu- erball, und die davon ausgehende Hitze trocknete jäh die schweißnasse Haut Washingtons. In der Ferne glüh- ten einige Sekunden lang Hunderte von weiteren Lich- tern auf und verblaßten dann wieder. Funken sanken herab. Washington war stehengeblieben und hatte die Au- gen aufgerissen. Unter anderen Umständen wären sie jetzt alle tot. Jakoba hatte recht. Washington ließ sich auf die Kante einer in der Nähe stehenden Liege sinken und stützte den Kopf auf die Hände. Andererseits: Die explodierten Airwagen waren alle gleichzeitig in die Luft geflogen. Vielleicht befanden sich an Bord der an- deren Schweber keine Bomben. Das ergab durchaus ei- nen Sinn. Rasch kehrte Earl an die Computerkonsolen zurück. »Wie viele Einsatzfahrzeuge haben wir verloren?« »Fünfhundertsechsundfünfzig.« »Nun, dort draußen warten noch immer einige tau- send auf uns. Bringen Sie sie hierher!« Das Licht ging aus, und einige Sekunden später schaltete sich automatisch die Notbeleuchtung ein. Washington wußte sofort, was geschehen war: Die Re- negaten hatten die Energiezufuhr unterbrochen, und, das Stromnetz wurde jetzt von den hausinternen Gene- ratoren gespeist. Das bedeutete, daß die Laserkanonen nutzlos waren. Es wurde Zeit zum Gegenangriff. Wa- shington fühlte sich seltsam. Er wünschte sich, jemand anders hätte die Verantwortung getragen. Das Paar saß im dunklen Wohnzimmer des kleinen Apartments. Während der letzten zwanzig Minuten hatten sie beide geschwiegen, und jeder hing seinen ei- genen Gedanken nach. An der einen Wand spiegelte sich das matte Licht einer Straßenlampe wider. Die Frau saß auf dem Sofa, der Mann in einem Sessel. Sie warte- ten. »Ich halte die Sache für aussichtslos, Arthur.« »Aussichtslos für wen oder was?« »Für Jamie. Die ganze Aktion ist doch Wahnsinn. Sie können die Polizei nicht besiegen. Aber Jamie mußte unbedingt in den Kampf ziehen.« »Es blieb ihm keine andere Wahl. Er wollte dem Wi- derstand helfen. Und wir müssen seine Entscheidung respektieren. Es ist kein Wahnsinn, sondern die einzige Chance, die er hat. Mir ist die Sache so lieber, als mir Sorgen darüber machen zu müssen, ob er eines nachts einer Überdosis zum Opfer fällt wie zum Beispiel der Baxter-Junge.« Vom Flur her ertönte das Geräusch von Schritten. Leise wurde die Tür entriegelt und geöffnet. »Schon gut, Jamie, wir schlafen nicht«, sagte Arthur und schaltete eine winzige Lampe ein. Jamie war hochgewachsen und hager. Entgegen der derzeitigen Mode trug er das Haar sehr kurz, und in seinem Gesicht zeigte sich ein breites und fröhliches Grinsen. »Hallo.« »Wie ist es gelaufen?« fragte Arthur. »Genau nach dem Plan der Renegaten. Wir haben die Polizisten erwischt. Es heißt, wir rieben die Hälfte ihrer Streitmacht auf. Es ist zu einer regelrechten Revolution, gekommen. Ich bin nur hierher zurückgekehrt, um ei- nige Lebensmittel und einen zusätzlichen Pullover zu holen. Und um dir das hier zurückzugeben.« Er reichte seinem Vater ein Gewehr. »Brauchst du es denn nicht mehr?« »Nein. Sieh dir das hier an!« Jamie zeigte ihm den Blaster, den er erbeutet hatte. »Ich möchte, daß du das Gewehr behältst, Vater. Bevor diese Nacht um ist, könnte es notwendig werden, daß du dich und Mutter verteidigen mußt.« »Nein. Gib es einem anderen Renegaten! Es über- rascht mich, daß man dich damit nach Hause zurück- ließ.« »Ach, du machst dir ein falsches Bild von der Situa- tion. Die Leute holen Waffen aus allen möglichen Ver- stecken hervor. In dieser Hinsicht herrscht kein Man- gel.« Arthur stemmte sich in die Höhe. »Trotzdem: Dieses Gewehr sollte heute nacht benutzt werden. Ich komme mit dir.« jamie grinste. »Ich wußte es.« Sohn und Vater schüt- telten sich die Hand. »Wir sollten keine Zeit verlieren«, sagte Jamie. »Zieh dir etwas Warmes über! Draußen ist es recht kalt geworden.« Die Mutter hatte bisher geschwiegen. »Nell«, wandte sich Arthur an sie, »ich möchte, daß du heute nacht un- ten bleibst, bei Peter und Sheila.« »Und wenn sie Fragen stellen?« »Du kannst ihnen vertrauen. Himmel, die ganze An- gelegenheit ist jetzt ohnehin kein Geheimnis mehr.« »Na gut.« Nell stand auf. »Wenn ich der Überzeu- gung wäre, euch helfen zu können, würde ich mit euch gehen. Aber ich habe noch nie etwas für Waffen übrig- gehabt. Ich hole euch ein paar Nahrungsriegel.« Sie trennten sich: Nell ging in die Küche und Arthur ins Schlafzimmer. Jamie suchte das Bad auf. Als sie sich an der Tür verabschiedeten, umarmte Nell, sie beide. »Kommt gesund zurück!« flüsterte sie ihnen zu. Zwei Stunden später fand Jamie bei dem Angriff auf eine Kaserne der Polizei den Tod. Nell starb, als ein ab- geschossener Airwagen in das Apartment raste. Nur Arthur überlebte. John duckte sich unwillkürlich, als Op hinter ihnen ex- plodierte. Als das Krachen und Donnern verklang, rich- tete sich Cunningham wieder auf und lud die Projektil- schleuder seiner Kombiwaffe nach. »Nun«, wandte er sich an Rafferty, »wir können es nur dann vermeiden, umzingelt zu werden, wenn wir nicht an einem Ort bleiben.« Der alte Mann nickte. »Also los!« Die kleine Gruppe begab sich in den nächsten Korri- dor. Fast im gleichen Augenblick kamen einige Polizi- sten um die andere Ecke. Sowohl die Beamten als auch die Renegaten eröffneten sofort das Feuer und suchten nach Deckung. John und seine Begleiter zogen sich an den Ort zurück, von dem sie gerade aufgebrochen wa- ren. »Wenn sie eine Handgranate gegen uns einsetzen, sind wir erledigt«, sagte Rafferty. John sah den alten Mann an. »Bisher haben die Polizi- sten noch keine Sprengkörper gegen uns verwendet. Ich glaube, sie waren auf diese Art von Kampf einfach nicht vorbereitet.« »Was sollen wir jetzt machen?« fragte Rafferty. »Ha- ben Sie irgendeine Idee?« »Welche Entscheidung auch immer wir treffen müs- sen - wir sollten uns dabei beeilen.« Im Korridor entlud sich eine Projektilschleuder, und das Knallen schien diese Worte nachdrücklich zu bestätigen. »Wie wär's, wenn wir uns durch eine Wand bren- nen?« schlug Martha vor. John hob den Kopf. »Einen Augenblick. Wir haben, eben gerade Op in die Luft gejagt. Bestimmt hat der Ex- plosionsdruck auch die eine oder andere Wand zerstört. Glauben Sie, wir hätten auf diese Weise eine Möglich- keit, von hier zu verschwinden?« »Dort drin dürfte es noch immer ziemlich heiß sein«, erwiderte Rafferty. »Aber wenn wir die Luft anhalten und uns sehr rasch bewegen ... Zumindest ist es besser, als hier zu warten.« Er gab den anderen Kämpfern ein Zeichen. John öffnete die Tür der Schaltzentrale; Rauchschwa- den wallten ihm entgegen. Kurz darauf machte sich ein Luftzug bemerkbar, der den Qualm in Richtung des zer- störten Computerraums trieb. Die Renegaten bezogen hintereinander Aufstellung und hielten sich an den Händen. Rafferty führte sie in den grauschwarzen Dunst. John feuerte einige Male mit der Projektilschleu- der in den Gang und schloß dann rasch zu den Kame- raden auf. Der Rauch war sehr dicht, und Cunningham konnte nicht einmal die Person erkennen, deren Hand er hielt. Seine Augen brannten, und er kniff sie zu. Die restliche Strecke mußten sie blind zurücklegen. Es war so heiß wie in einem Backofen. Er hatte das Gefühl, daß ihm die Gluthitze die Gesichtshaut garte, und er spürte die hohe Temperatur auch durch die Sohlen der Stiefel. Wenn er die andere Hand ausgestreckt und etwas be- rührt hätte - er wäre sicher gewesen, sich in einem sol- chen Fall zu verbrennen. Sie schritten schnell aus, und jeder Renegat zog den anderen mit sich. John vernahm ein dumpfes Knirschen, und die Person vor ihm zuckte zusammen. Er half dem Betreffenden, wieder auf die Beine zu kommen. Im nächsten Augenblick trat er eben- falls in das Loch im Boden und hätte dadurch fast das Gleichgewicht verloren. Er fing sich ab und setzte den hastigen Marsch fort. Bald würde er wieder frische und kühle Luft atmen können. Schneller. Sie mußten raus aus dieser Hölle!, Plötzlich kam es zu einem Halt, und die einzelnen Renegaten reagierten nicht schnell genug und stießen gegeneinander. Sie gingen in die Hocke und hofften darauf, in Bodennähe etwas kühlere Luft vorzufinden. »Was ist los?« rief John und hielt die Augen nach wie vor geschlossen. »Still!« erwiderte Rafferty. Sie warteten, und John hatte das Gefühl, als könnten seine Lungen jederzeit platzen. Er öffnete das eine Auge einen Spaltbreit - und kniff es sofort wieder zu. Um sie herum wallte nur heiße Schwärze. Wie, zum Teufel, orientierte sich Rafferty in den Schwaden? Und was machte er jetzt? Die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung, und John focht einen Kampf gegen seine Lungen aus. Die Luft um ihn herum war das reinste Gift, mindestens zehnmal schlechter als die, die er schon seit einer Weile anhielt. Er durfte nicht atmen. Irgend jemand vor ihm begann zu husten. Das war die Antwort. Auf keinen Fall atmen. Von einem Augenblick zum anderen veränderte sich schlagartig die Art und Weise, wie John die Welt um sich herum wahrnahm. Ein ganz besonderer Wind durchwehte ihn. Das bisher unübersichtliche Mosaik des Kosmos setzte sich von ganz allein zusammen und formte eine neue Realität. Cunningham lächelte vor sich hin. Es war ja so einfach. Sein ganzes Leben kam einer Ausbildung gleich. Und nun ergab plötzlich alles einen Sinn. Er befand sich inmitten schwarzer Rauchschwa- den und versuchte, den Atemreflex zu unterdrücken - und doch empfand er dieses Erlebnis nun als ein gran- dioses Abenteuer. Kate war gestorben, damit er Kum- mer erfahren konnte. Sein Leben war ein kostbares Ju- wel mit tausend schimmernden Facetten. Das Licht, das sich in diesem Edelstein widerspiegelte, nahm unzäh- lige verschiedene Tönungen an und funkelte und glit- zerte hell. Diese neue Erfahrung begeisterte John., Es verging nur ein einziger Sekundenbruchteil, und das Bild, das sich Cunninghams Empfinden darbot, ver- flüchtigte sich, als jemand vor ihm einen krächzenden Schrei ausstieß. Mehrstimmiges Keuchen und Husten wurde laut. John kehrte in die erste Wirklichkeit zurück. Das Mosaik der veränderten Realität verschob sich, war nicht mehr so farbenprächtig, nicht mehr zu herrlich. Er fühlte sich schuldig, so gefühllos auf den Tod Kates rea- giert zu haben. Er hatte nicht einmal mehr an sie ge- dacht, ihr Ende einfach verdrängt. John hörte, wie vor ihm etwas krachte, und gleich darauf spürte er einen kühleren Luftstrom. Die anderen Renegaten liefen nun, die meisten von ihnen keuchten und husteten. John öffnete das eine Auge. Der Rauch war nun nicht mehr ganz so dicht, und die Sichtweite mochte rund einen Meter betragen. Sie befanden sich offenbar in einem leeren Raum. Die Kameraden vor ihm blieben kurz stehen. Eine Tür öffnete sich. Sie traten in einen Korridor. Sie hatten es geschafft. John ging in die Hocke, atmete tief durch und rieb sich die Augen. Seine Fußsohlen brannten, aber anson- sten war alles in Ordnung mit ihm. Rasch zog er die Stiefel aus. Das half. Er hatte keine ernsthaften Brand- wunden an den Füßen davongetragen; sie waren nur einfach heiß. Einige Sekunden lang versuchte John, das Empfinden erneut in sich zu erwecken, das sich ihm kurz zuvor dargeboten hatte. Vergeblich. Die Kameraden lehnten an den Wänden des Gangs, und jemand meinte: »Wir sollten uns besser wieder in Bewegung setzen.« Der Mann hat recht, dachte John. Sie befanden sich in feindlichem Territorium, und jederzeit konnten Polizi- sten auftauchen. Er zog sich die Stiefel wieder an und stand auf. »Kommt! Wir müssen weiter.« Die anderen Renegaten richteten sich ebenfalls auf, und sie machten sich auf die Suche nach einem Lift., Captain Muhamed hielt sich im Kontrollraum auf, als die Rakete einschlug. Einer der Techniker führte sofort eine Analyse durch. Woher, zum Teufel, hatten die Re- negaten solche Raketen? Der Schadensbericht war nicht weiter wichtig. Das Geschoß hatte nichts zerstört, über das man sich Sorgen hätte machen müssen. Kurz darauf zeigte sich auf einem der Schirme das Abbild Earl Washingtons. »Captain, die Verstärkung für Sie ist unterwegs: dreißig Airwagen mit den entspre- chenden Besatzungen. Wie ist die Lage bei Ihnen?« »Unsere Verluste halten sich in Grenzen. Wir sind umzingelt und haben uns hier verschanzt. Ich würde vorschlagen, die Schweber nicht direkt bei uns landen zu lassen, sondern hinter der feindlichen Linie. Dann können wir ausbrechen und uns reorganisieren.« »Gut. Einverstanden. Ihr Techniker hat die Flugdaten. Ende.« Der Schirm wurde grau. Muhamed überprüfte rasch die Darstellungen auf den anderen Monitoren, aber sie lieferten ihm nur wenige Informationen. Die Südstation war rund fünf Minuten vom Hauptquartier entfernt; die Schweber mußten also recht bald eintreffen. Wahrscheinlich war es am besten, sie hinter den Hügeln im Norden landen zu lassen. »Sir«, meldete sich einer der Techniker und justierte die Komempfänger auf eine Sendung, die über die all- gemeinen externen Anschlüsse bei ihnen eintraf. »... von Neu Chicago. Die Revolution hat begonnen. Mehr als die Hälfte der Polizeistreitmacht von Neu Chi- cago wurde zerschlagen, und die Renegaten sind dabei, den Sieg zu erringen. Die Bevölkerung hat sich uns angeschlossen und greift die Reste der feindlichen Trup- pen an, die sich in ihren letzten Garnisonen verbarrika- diert haben. Die Stadt gehört uns. Renegaten von Ame- rika, erhebt euch gegen die Unterdrücker! Nehmt die große Chance wahr und unterstützt uns! Wenn wir ge- meinsam handeln, kann uns niemand aufhalten. Benut- zen Sie diese Frequenz, um sich mit uns in Verbindung, zu setzen! Viel Glück! Die Renegaten von Neu Chicago grüßen Sie.« »Lächerliches Geschwätz«, brummte Muhamed. Und es klang ganz und gar nicht eindrucksvoll. »Sir.« Der Techniker wandte sich ihm zu. »Die Sen- dung wurde mit großer Energie auf der Polizeifrequenz ausgestrahlt. Sie muß im ganzen Land empfangen wor- den sein ...« Der Mann drehte den Kopf, als es erneut im Lautsprecher knackte. »Polizei von Neu Chicago, der Kampf ist entschieden. Wenn Sie ihn fortsetzen wollen, müssen Sie verrückt sein. Es hat jetzt keinen Sinn mehr, einfach das Leben wegzuwerfen. Op wurde vernichtet. Die Exekutions- kapseln in Ihren Schädeln können nicht mehr gezündet werden. Es steht Ihnen daher frei, sich selbst zu ent- scheiden. Die Beamten, die sich uns ergeben, brauchen nichts zu befürchten. Diejenigen aber, die weiterhin sinnlosen Widerstand leisten, werden nicht mit dem Leben davonkommen ..« Muhamed streckte die Hand aus und schaltete den Lautsprecher aus. Es wurde still im Raum. »Jeder, der diese Sendung auch nur erwähnt, wird auf der Stelle erschossen«, sagte der Captain leise. »Stellen Sie mir eine Verbindung mit dem Kommando- schweber der Entsatztruppen her!« Muhamed lehnte sich in seinem Sessel zurück, kochte innerlich und war überrascht, wie empfindlich er selbst auf das Angebot der Renegaten reagiert hatte. Irgend etwas in seinem Innern sehnte sich danach, daß er sich ergab. Die überlebenden Mitglieder der Einsatzgruppe, deren Aufgabe die Zerstörung Ops gewesen war, hatten fast den Ausgang erreicht, als es in unmittelbarer Nähe zu einer Explosion kam. John wurde zur einen Seite ge- schleudert, Rafferty und zwei weitere Kämpfer zur an- deren. Zwei Renegaten blieben tot liegen. Wenn sich, das Team wieder vereinen wollte, mußte John zu den anderen stoßen, oder Rafferty und seine beiden Beglei- ter waren gezwungen, den ungeschützten Bereich zu durchqueren. Das Risiko war zu groß. Mit Handzeichen verständigten sie sich darauf, sich zu trennen. John eilte allein weiter. Die Ausgangstür war nicht bewacht, und Cunning- ham trat in die kühle Nacht. Er schob einen Stein in den Spalt zwischen Tür und Pfosten, so daß sie sich nicht wieder schließen konnte, dann eilte er in Richtung einer etwa hundert Meter entfernten Baumreihe. Es war dun- kel, und er konnte nur wenige Einzelheiten des Terrains erkennen. Einige Male stolperte er und wäre fast ge- stürzt. Für jeden Polizisten mit einem Infrarotorter mußte er ein nicht zu verfehlendes Ziel darstellen. Aber niemand schoß auf ihn. Kurz darauf hatte er die Bäume erreicht. Dort verharrte John, schöpfte Atem und saugte sich die kalte, frische Luft tief in die Lungen. Er hatte es ge- schafft, hatte sich in die Höhle des Löwen begeben und war mit heiler Haut daraus entkommen. Er lebte. Plötz- lich begriff er, wie wichtig ihm das war. Er würde den Kampf fortsetzen, dabei aber sehr vorsichtig sein und die Chancen sorgfältig abwägen. Für diese Nacht hatte er schon genug riskiert. Es war kalt. Wenn er es warm haben wollte, mußte er in Bewegung bleiben. Schockiert saß Faruba vor dem leeren Schirm. Op war immer präsent gewesen. Jetzt waren alle Monitore grau. Die Stille legte sich wie ein bleiernes Gewicht auf die schmalen Schultern des Neuen Menschen. Zuerst die Alarmsirenen - und dann dies. Irgend etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Im Korridor stieß Faruba auf Artgenossen, die ihre Verwirrung teilten. Sie trat in einen Pendler und ließ sich in die Dachgarage emportragen. Sie brauchte drin-, gend Informationen, und angesichts dieser Notwendig- keit verdrängte sie den Abscheu vor den Polizisten, die sie bestimmt im Hangar antreffen würde. An ihrem Ziel angelangt, machte Faruba inmitten der Beamten Admi- nistrator Tomeda aus. Ausgesprochen erleichtert eilte sie an seine Seite. Jetzt erschien ihr die Situation nicht mehr so beängstigend. Wenn es zu Problemen kam, so war ein Administrator geradezu prädestiniert dazu, sie aus der Welt zu schaffen. Die Freundschaft dieses Man- nes mochte sich jetzt als sehr wertvoll erweisen. »Warum ist es zu dem Alarm gekommen, Tomeda?« Einige Augenblicke lang schien Tomeda sie gar nicht zu erkennen. Dann lächelte der Administrator. »Faruba. Nett, hier ein vertrautes Gesicht zu sehen. Die Renega- ten haben angegriffen. Angeblich hat die Polizei starke Verluste erlitten, und die Komverbindungen sind un- terbrochen. Außerdem soll Op zerstört worden sein. Wie ich hörte, stellen die Röhrenbahnen keine sicheren Transportmittel mehr dar.« »Das hört sich danach an, als seien wir in Gefahr.« »In großer Gefahr«, bestätigte Tomeda. »Vielleicht wäre es klug, wenn wir uns von einem Airwagen an einen sicheren Ort bringen ließen.« »Ich hatte eine ähnliche Idee. Leider aber sind bisher noch keine Schweber gelandet. Wenn wir warten, kommt möglicherweise einer.« Die beiden Neuen Menschen traten an die Brüstung heran und blickten auf die Stadt hinab. Irgendwo in der Ferne brannte es, aber es ließ sich nicht feststellen, um was für ein Gebäude es sich handelte. Abgesehen da- von gab es nicht viel zu sehen. »Haben Sie damit gerechnet?« fragte Faruba. »Nein. Ich war sicher, wir könnten einen allgemeinen Aufstand verhindern. Noch ein weiteres Jahr - und eine solche Revolte wäre unmöglich gewesen. Es ist eine Tragödie.« »Vielleicht ist die Lage nicht ganz so schlimm, wie wir, jetzt annehmen. Wenn die Polizei die Unruheherde ab- schirmen kann, bringen sich die besonders gewalttäti- gen Exemplare des Alten Volkes gegenseitig um. Mögli- cherweise ist bis morgen früh die Widerstandsbewe- gung vollständig zerschlagen, und gleichzeitig könnte die Polizeistreitmacht von den Renegaten auf ein Aus- maß reduziert worden sein, mit dem es sich besser leben läßt.« »Ich bin nicht ganz so optimistisch wie Sie. Das Alte Volk ist wild und zu allem entschlossen. Ich fürchte den nächsten Morgen.« »Vermutlich irren Sie sich nicht. Ich habe nur ver- sucht, eine möglichst positive Entwicklungsmöglichkeit aufzuzeigen. Tomeda, ich glaube, dort kommt ein Air- wagen.« »Wo?« »Dort drüben. Sehen Sie ihn?« »Ja, Sie haben recht.« Als der Schweber landete, wurde er sofort von Polizi- sten umringt, die damit begannen, Munition und Ener- giezellen zu entladen. Als die Beamten damit fertig waren, traten Tomeda und Faruba vor und kletterten in den Airwagen. Aber bevor sie die Luke schließen konnten, schob sich ein Po- lizeileutnant in die Öffnung. »Entschuldigen Sie, Administrator, aber dieser Schweber kehrt ins Hauptquartier zurück. Dort geht es derzeit ziemlich heiß her, und ich würde Ihnen empfeh- len, besser hier zu bleiben.« »Sie verstehen nicht ganz, Leutnant ...« - der Admi- nistrator las den Namen auf der Uniformplakette - »... Hackman. Wir fliegen über den See. Und vermutlich dürfte es in der Enklave Kalamazoo in Michigan sicher genug für uns sein.« »Es tut mir leid, aber das kann ich nicht zulassen, Sir. Dieser Wagen wird heute nacht hier in Neu Chicago ge- braucht.«, »Und ich muß Sie darauf hinweisen, daß diese Sache nicht Ihrer Entscheidungsbefugnis obliegt, Leutnant.« Der Uniformierte trat einen Schritt zurück, griff nach einem an der Brüstung lehnenden Blaster und zielte damit auf Tomeda. »Raus!« Tomedas Gesicht erstarrte zu einer ausdruckslosen Maske, der nichts von der schockierten Verblüffung an- zusehen war, die er in diesen Augenblicken empfand. Er hatte seine Kollegen nie verstanden, wenn sie die Po- lizisten als eine potentielle Gefahr bezeichnet hatten. Zuvor waren sie immer gehorsam und loyal gewesen. Tomeda stieg aus. »Sergeant!« rief er. Ein Mann lief auf ihn zu. »Ja, Sir?« »Entwaffnen Sie den Leutnant hier und stellen Sie ihn unter Arrest!« Hackman wich zurück und richtete den Blaster erneut auf Tomeda und Faruba. »Niemand rührt sich von der Stelle. Roger, hören Sie mich an! Diese verdammten Kürbisschädel wollten sich dünnemachen und nach Mi- chigan fliegen. Wenn alle Neuen Menschen kneifen und mit den Airwagen abhauen, bleiben uns keine Fahr- zeuge mehr. Dann haben wir nicht die geringste Chance gegen die Renegaten.« »Himmel, Bruno«, erwiderte der Sergeant in flehent- lichem Tonfall, »sobald die Kämpfe vorüber sind, wird der Administrator Bericht erstatten und Meldung über Sie machen. Über Sie und alle anderen, die Befehle nicht befolgten. Es bleibt mir keine Wahl.« Hackmans Projektilschleuder entlud sich knallend, und die beiden Neuen Menschen fielen zu Boden. Die Polizisten starrten ihn entsetzt an. Niemand bewegte sich. »Jetzt hast du eine Wahl«, knurrte Hackman. »Dieser Administrator kann keinen Bericht mehr erstatten. Ka- piert?« Er sah sich in dem Dachhangar um. Etwas weiter entfernt stand ein dritter Neuer Mensch an der Brü- stung. Hackman zielte rasch und feuerte. Die dürre Ge-, stalt mit dem überdimensionierten Schädel war völlig erstarrt und starb lautlos. »Damit ist der letzte Zeuge beseitigt. Okay? Die Sache ist erledigt - es sei denn, je- mand von euch macht den Mund auf. Es geht jetzt nur noch darum, die Offensive der Renegaten zurückzu- schlagen. He, ihr dort am Lift: Legen Sie den Pendler still, bis wir hier Ordnung geschafft haben! Helfen Sie mir, Roger!« Hackman sprang ins rückwärtige Abteil des Airwa- gens und holte drei der Leichensäcke hervor, die eigent- lich für Renegaten bestimmt gewesen waren. Auf dem Rückweg nach dem Hauptquartier würden sie einen kleinen Umweg über den Lake Michigan machen. Benommen wanderte John von einer Wohnung in die nächste, und er trat dabei über Dutzende von Leichen hinweg. Er war auf einen aufgebrachten Mob aus dem Rand gestoßen, der den Wohnstock angegriffen hatte, und er war nicht dazu in der Lage gewesen, das sinn- lose Gemetzel in den Reihen der Neuen Menschen zu verhindern. Vermutlich gab es im ganzen Komplex nicht mehr einen lebenden Angehörigen des Neuen Volkes. Die rasenden Männer und Frauen waren sehr gründlich gewesen. Hatte er dafür gekämpft? John fand den Ausgang und ging nach draußen. Am östlichen Horizont zeigte sich das erste Licht des neuen Tages, und es glänzte matt auf dem Rauhreif, der die Grashalme mit einer dünnen weißen Schicht überzogen hatte. Cunninghams Knie zitterten, und so setzte er sich und lehnte sich an die Außenwand des Wohnstocks. Verdammt, er hatte ganz vergessen, wie kalt es war. Er erwog die Möglichkeit, in eine der Wohnungen zu ge- hen und sich etwas Warmes zum Überziehen zu holen, schrak aber bei der Erinnerung an die vielen Toten vor dieser Idee zurück. Er schlang die Arme um die Knie und blickte nach Osten. Die Wolken schienen von innen, heraus in orangefarbenen und violetten Tönen zu glü- hen, und der Lake Michigan sah aus wie eine große Sil- berfläche. Morgengrauen! Und die Renegaten des Lagers sollten sich bei der Dämmerung treffen. Das hatte John ganz vergessen. Der Versammlungsort? Im Wald rund fünf Kilometer nördlich des Zentrums. John schätzte, daß er bereits mehr als die Hälfte dieser Strecke zurückgelegt hatte, und er war spät dran. Er griff nach seinem Blaster und begann zu laufen. Die Waffe störte seine Balance, und als er sie auf den Rücken schwang, neigte sie sich infolge der Körperbewegungen immer wieder auf und nieder und zur Seite. Es schien keine Lösung für dieses Problem zu geben. John nahm den Blaster in beide Hände und setzte den Weg gehend fort. Er war ziemlich erschöpft. Eine halbe Stunde später erreichte er die Lichtung, und sein Blick fiel nur auf einen Airwagen, der die Em- bleme der Polizei trug. Die vordere Luke stand offen. Und John entdeckte Winslow Rafferty, der offenbar ganz in Gedanken versunken war. Er kam bis auf zehn Meter an ihn heran, bevor der alte Mann den Kopf dreh- te. Sie sahen sich an. »Sie haben es also geschafft«, sagte John. Rafferty nickte. »Und Sie auch. Ich dachte schon, es könnte Ihnen etwas zugestoßen sein.« »Nein.« Johns Stimme klang sarkastisch, als er hinzu- fügte: »Ich konnte es mir nicht leisten, zu sterben. Wollte lange genug am Leben bleiben, um Ihren glorrei- chen Sieg zu erleben. Wissen Sie, was mit den Neuen Menschen ge ...« »Glorreicher Sieg?« Rafferty hob müde den Kopf. »Was veranlaßt Sie zu der Annahme, wir hätten ge- wonnen? Die Polizei wurde nicht vollkommen zerschla- gen, und die Renegaten werden nur von einem Mob un- terstützt, zusammengewürfelten Haufen ohne jede Dis- ziplin. Das Lager wurde zerstört. Es haben nicht viele, von uns überlebt. Als einen Sieg kann man das wohl kaum bezeichnen.« Etwas leiser und sanfter fragte John: »Wie viele von den Einsatzgruppen haben es geschafft?« »Nur sieben. Mehr ließen sich hier zumindest nicht blicken. Sie haben sich auf den Weg nach dem Zentrum gemacht. Wir verloren allein fünfzehn Personen, die sich um die Radiosendungen kümmerten. Zwölf von uns starben bei der Aktion, durch die Op vernichtet wurde.« Rafferty zögerte kurz und blickte in die Ferne. »Martha wurde verwundet. Ich trug sie in den Tunnel der Röhrenbahn. Dort starb sie.« John schwieg. Was hätte er sagen können? Rafferty schien eine besondere Beziehung zu Martha unterhal- ten zu haben. Und als er daran dachte, fiel ihm auch noch etwas anderes ein. Ein düsteres Bild entstand vor seinen Augen, und noch einmal sah er Blut und die tote Kate. John schreckte vor dieser Vision zurück, aber als es ihm gelungen war, die einzelnen Aspekte dieses Bil- des verblassen zu lassen, sah er erneut die vielen Lei- chen der Neuen Menschen, auf die er in den vergange- nen Stunden gestoßen war. Die Stimme Raffertys schien aus weiter Ferne zu kommen: »Es war eine schlimme Nacht für die Guten.« »Da bin ich mir nicht so sicher.« Verbitterung stieg in Cunningham empor. »Die Guten scheinen sich einen großen Spaß daraus gemacht zu haben, die Neuen Menschen abzuschlachten. Sie jagen sie wie Ratten.« Rafferty musterte John kurz und wandte den Blick dann wieder von ihm ab. »Haben wir dafür gekämpft?« fragte Cunningham. »Nein. Aber wir wußten, daß so etwas geschehen könnte.« »Also sind wir vielleicht gar nicht die Guten. Mögli- cherweise sind es die, die jetzt niedergemacht werden.« »Nein, John, da irren Sie sich.« Bei dem monotonen und fast leblosen Klang der Stimme Raffertys lief es, John kalt über den Rücken. »Wir sind weder gut noch schlecht. Hören Sie doch endlich auf damit, uns immer als Heilige zu betrachten. Gutes und Schlechtes bildet immer eine Einheit. Man kann das eine nicht ohne das andere haben. Die Neuen Menschen experimentieren mit dem Versuch, das Gute zu einem automatischen Prozeß werden zu lassen, der alle anderen Möglichkei- ten ausschließt. Es hat nicht geklappt. Und daher mußte das Experiment beendet werden.« »So einfach ist das, wie?« »John, halten Sie die Klappe!« explodierte Rafferty, und sein Gesicht lief rot an. Er kletterte aus dem Airwagen, und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: »Kommen Sie nicht dauernd zu mir, um sich darüber zu beklagen, wie schlecht die Welt ist! Soll ich sie vielleicht für Sie verbes- sern? Wie stellen Sie sich das vor? Werden Sie endlich erwachsen und kümmern Sie sich selbst um Ihren Mist! Laden Sie ihn nicht immer bei mir ab! Die ach so schreckliche Wahrheit ist: Ich will nicht mit den Kürbis- schädeln zusammen auf diesem Planeten leben. Ich halte sie für abscheulich und ekelhaft, und wenn wir gewonnen hätten, wäre ich bereit gewesen, dabei mit- zuhelfen, ihnen allen den Garaus zu machen. Und mit meinem schlechten Gewissen hätte ich durchaus leben können.« Plötzlich ließ der alte Mann die Schulter hängen, und Tränen rollten ihm über die Wangen. »Kate ist tot. Und Martha ebenfalls. Hören Sie jetzt auf, sich wie ein Mist- kerl zu benehmen, und steigen Sie in den Schweber!« Rafferty nahm in seinem Sitz Platz und schloß die Luke. John kletterte auf der anderen Seite in den Wagen. »Wissen Sie, wie man ein solches Ding fliegt?« brach Rafferty nach einer Weile das Schweigen. »Nein. Kennen Sie sich denn nicht damit aus?« »Nur ein wenig.« »Fliegen solche Schweber nicht ganz von allein?« »Genau darauf beschränkt sich mein Wissen. Ich, kann Koordinaten eingeben. Gott steh uns bei, wenn wir angegriffen werden.« Als der Airwagen in die Höhe stieg und nach Westen flog, brummte der alte Mann: »Wir hätten beide so um- sichtig sein sollen, uns einer Ausbildung in den Simula- toren zu unterziehen.« »Wir waren anderweitig beschäftigt.« »Ja, das stimmt.« Dann senkte sich wieder Stille über sie. John war kaum neugierig darauf, wohin sie unterwegs waren, und er stellte keine entsprechende Frage. Fünf Minuten später landeten sie hinter dem alten Haus. Von hier aus waren sie vor einigen Monaten ins Lager aufgebrochen und seitdem nicht wieder hierher zurückgekehrt. John hatte plötzlich das Gefühl, wie- der zu Hause zu sein. Bevor Cunningham aussteigen konnte, sagte Rafferty: »Warten Sie hier.« »Warum?« Aber der alte Mann warf einfach nur die Luke zu und stieg dann die Stufen der Treppe hoch. John blieb in dem Airwagen zurück. Einige Minuten später verließ Rafferty das Haus wie- der, und er trug eine Schaufel in der einen und - irgend etwas krampfte sich bei dem Anblick in John zusammen - das hellblaue Kleid Kates in der anderen Hand. Cun- ningham runzelte verwundert die Stirn und sah dann über die Rückenlehne des Sitzes. Auf dem Boden im hinteren Abteil lag ein grüner und ausgebeulter Lei- chensack. Oh, Gott! John fühlte sich plötzlich ganz elend, und seine Nackenhaare richteten sich auf. Er konzentrierte sich darauf, tief durchzuatmen, als Raf- ferty Schaufel und Kleid in den Schweber legte und dann erneut im vorderen Sitz Platz nahm. Wie war es dem alten Mann nur gelungen, die Leiche seiner Toch- ter hierher mitzunehmen? Verdammt! Er hatte es ge- schafft, und dazu mußte man entweder genial sein, oder, hoffnungslos übergeschnappt. Und wenn das Zentrum von den Renegaten erobert worden war? John hielt es für besser, keine entsprechenden Fragen zu stellen. Während der nächsten halben Stunde flogen sie nach Norden, und keiner von ihnen gab einen Ton von sich. Sie hielten an einer Klippe am Ufer des Lake Michi- gan an. Ein alter und stattlicher Baum wuchs an diesem Ort und reckte seine Äste und Zweige weit in die Höhe. »Wir sind da«, sagte Rafferty und beugte sich zur Windschutzscheibe vor. »Einmal haben wir eine Wan- derung hieher gemacht. Es gefiel ihr hier sehr.« Sie stie- gen aus, und Rafferty zog die Schaufel hinter dem Rücksitz hervor. Der alte Mann entschied sich für eine bestimmte Stelle und begann zu graben. John sah ihm dabei zu. »Wollen Sie das Grab etwa auf diese Weise aushe- ben?« fragte er. »Haben Sie eine bessere Idee?« »Ja. Ich habe den Blaster dabei. Ein Laser arbeitet viel schneller.« »Ich glaube, das Graben mit der Schaufel wird uns nicht schaden. Wir könnten uns gegenseitig ablösen.« »Aber wir brauchen in jedem Fall eine Menge Zeit. Sie wissen doch, daß in der Stadt eine Revolution statt- findet. Dort drüben kämpfen und sterben Menschen.« »Die ganze Sache ist inzwischen ziemlich groß ge- worden, John. Die sich überstürzenden Ereignisse ha- ben jetzt ein solches Bewegungsmoment entwickelt, daß wir beide dabei keine Rolle mehr spielen. Ich habe genug geleistet, um dies alles möglich zu machen - ge- nug geleistet und mehr Opfer dargebracht als viele an- dere. Sie werden mir heute dabei helfen, dieses Grab hier auszuheben. Um den Aufstand können sich andere kümmern.« Einige Minuten lang beobachtete John den alten Mann schweigend und kehrte dann in den Airwagen zurück, um sich warmzuhalten. Er blickte durch die, beschlagene Windschutzscheibe und sah zu, wie Raf- ferty grub - und die ganze Zeit über war sich Cunning- ham der unmittelbaren Nähe des Leichensackes be- wußt. Er hatte fast das Gefühl, als säße Kate direkt hin- ter ihm, als könne sie jeden Augenblick die Arme heben und ihn berühren. John begann zu ihr zu sprechen, er- klärte ihr, womit Wins beschäftigt war, behauptete, all das sei nur ein Trick von Rafferty, ihn, John, von den Kämpfen fernzuhalten. Er beschrieb die Klippe, gab seinem Kummer über das Gemetzel an den Neuen Menschen Ausdruck. Er empfand es als sehr ange- nehm, Kate in der Nähe zu wissen. Die Wagentür öffnete sich. »Jetzt könnten Sie für eine Weile weitermachen«, sagte Rafferty. John stieg aus und machte sich an die Arbeit. Nach kurzer Zeit war ihm warm, und er schwitzte sogar ein wenig. Die Sonne kam zwischen den Wolken zum Vor- schein. Ein herrlicher Tag: Die Luft war frisch und kühl und roch nach dem nahen See. Das Graben in dem steinigen und harten Boden fiel ihm nicht leicht. Aber es fühlte sich gut an, die Kräfte mit der Erde selbst zu messen. Als Rafferty ihn ablöste, hatte sich das kummervolle Elend, das ihm während der vergangenen Stunden ein ständiger Begleiter gewesen war, endlich verflüchtigt. Zwei Stunden später mußte John die Arbeit einstel- len, weil sie keinen Sinn mehr hatte: Er war auf einen großen Felsbrocken gestoßen, der vom einen Ende des Grabes zum anderen reichte. Er gab Rafferty Bescheid. Der alte Mann sah sich die Sache kurz an und nickte be- stätigend. Das Grab war zwar erst einen Meter tief, aber das mußte genügen. John zog sich nach oben und folgte Rafferty zum Air- wagen. Jeder von ihnen ergriff ein Ende des Leichen- sacks, und sie zogen ihn aus dem Frachtraum des Schwebers. Erst jetzt stellte John fest, daß unter dem er- sten Sack noch ein weiterer lag., »Ist das Kate?« fragte John und deutete auf den, den sie gerade aus dem Wagen herausgeholt hatten. »Ja.« »Und wer befindet sich in dem anderen?« »Martha.« Ihre Blicke trafen sich. »Sie und Martha?« Rafferty nickte. »Warum haben Sie ein Geheimnis daraus gemacht?« Rafferty hob die Schultern. »Ich wußte nicht so recht, wie es sein würde ... Aber das spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr.« »Es tut mir leid. Ich meine ... Himmel, es muß eine lange Nacht für Sie gewesen sein.« Der alte Mann gab keine Antwort darauf, sah ihn nur stumm an. Zum erstenmal entdeckte John in den Augen Raffertys eine Pein, die ihm selbst Schmerzen bereitete. »Sollen wir noch ein zweites Grab ausheben?« fragte Cunningham. »Nein. Ich hatte vor, sie beide zusammen zu bestat- ten. Ich glaube, das hätte ihnen gefallen.« Rafferty griff ins Innere des Schwebers und holte das blaue Kleid Kates hervor. Eine ganze Zeitlang hielt er es nur schweigend in den Händen und schien nicht so recht zu wissen, was er damit anfangen sollte. »Was haben Sie vor?« fragte John. »Ich dachte mir, Kate sollte für ihr Begräbnis hübsch gemacht werden.« »Das bedeutet, daß Sie sie aus dem Sack hervorholen müssen.« »Ja.« »Vielleicht sollten wir das besser lassen. Sie würde uns deswegen bestimmt keinen Vorwurf machen.« Rafferty nickte und legte das Kleid in den Airwagen zurück. Die Unentschlossenheit des alten Mannes war so atypisch und herzzerreißend, daß John fast ge- schluchzt hätte. Gemeinsam trugen sie den Sack an das, ausgehobene Grab und ließen ihn in die Vertiefung sin- ken. Anschließend kehrten sie kurz zu dem Schweber zurück und holten auch Martha. Es erschien John grau- sam, steinigen Boden über die Leichen der beiden Frauen zu schaufeln, und er gab sich alle Mühe, bei der ersten Schicht besonders vorsichtig zu sein. Als sie ihre Aufgabe beendet hatten, waren ihre Hände blasig. Seite an Seite standen sie neben dem Grab, und John stützte sich auf die Schaufel. »Was sollen wir ihnen noch sagen?« fragte er. »Daß wir sie geliebt haben und sie niemals vergessen werden«, erwiderte Rafferty. »Es waren einmalige und großartige Frauen. Vielleicht sind ihre Seelen tatsächlich unsterblich.« John sank langsam auf die Knie und weinte. Der Schmerz, den er die Nacht über verdrängt hatte, füllte plötzlich sein ganzes Wesen aus. Und erneut stieg Bit- terkeit in ihm empor. »Was bedeutet das alles, Wins?« »Müssen Sie erneut diese Frage stellen?« »Ich habe die Antwort nie verstanden.« »Vielleicht deshalb, weil Sie die Frage falsch formulie- ren.« Rafferty wandte sich zum Gehen. »Wins!« platzte es flehentlich aus Cunningham her- aus. Rafferty drehte sich zu ihm um, und sein Gesicht war eine Maske des Leids. Er ging neben John in die Hocke und legte ihm die eine Hand auf die Schulter. »Wüßte ich eine bessere Antwort, würde ich sie Ihnen nennen. Sie suchen immer nach Gründen für alles. Aber viel- leicht gibt es die gar nicht. Möglicherweise wäre es ganz gut, wenn wir uns aneinander festhalten und zusam- men weinen, aber dazu bin ich jetzt nicht in der Lage. Ich habe in meinem Leben bereits genug getrauert. Ich warte im Airwagen auf Sie. Kommen Sie, wenn Sie be- reit sind.« Es begann zu schneien. John blieb noch eine Weile neben dem Grab stehen und konnte keinen klaren Ge-, danken fassen. Dann stieg er ebenfalls in den Schwe- ber. »Wohin jetzt?« fragte er. »Zurück ins Lager.« Earl Washington saß im Kontrollraum des Hauptquar- tiers und starrte auf den Koffer, der vom Zentrum ein- geflogen worden war. Er enthielt Aufzeichnungseinhei- ten mit den Ergebnissen der letzten Untersuchungs- und Analyseprojekte. Allein diese Daten waren eine verlorene Schlacht wert - wenn es ihnen gelang, sie in Sicherheit zu bringen. Aber so etwas wie Sicherheit schien es nicht mehr zu geben. Bis zur Evakuierung vor einigen Minuten hatte die Komzentrale Telefonkontakte mit dem Rest des Landes halten können. Diejenigen Männer und Frauen, die ins Hauptquartier gebracht worden waren, hatten eine Liste der Enklaven mit den entsprechenden Lage- berichten mitgebracht. Achtundzwanzig Prozent der Enklaven waren bereits von den Renegaten erobert worden. Weitere fünfzig Prozent wurden angegriffen. Nur zweiundzwanzig Prozent meldeten eine normale Lage - eine Lage allerdings, die sich jeden Augenblick drastisch ändern konnte. Der Aufstand breitete sich aus. Es schien angeraten zu sein, den Koffer in eine En- klave zu schicken, die bereits angegriffen worden war und die Attacken abgewehrt hatte. Nach Cincinnati zum Beispiel. Earl beobachtete die Darstellungen auf den Monito- ren vor sich. Noch während er zusah, schlugen in der nördlichen Abwehrstellung zwei weitere Raketen ein. Sie hatten dort bereits alle vier Impulslaser verloren, und es gab nun keine Möglichkeit mehr, den Angriffen an dieser Stelle wirksam zu begegnen. Im Süden traf gerade ein Airwagen ein, der es geschafft hatte, das Sperrfeuer der Renegaten zu durchdringen. Die Polizi- sten an Bord glaubten jetzt wahrscheinlich, in Sicherheit zu sein., Jeder heimkehrende Schweber brachte Berichte von dem Gemetzel mit. Vermutlich hatte nicht ein einziger Neuer Mensch überlebt. Washingtons Kinder waren also mit ziemlicher Sicherheit tot. Seltsam, daß er so ru- hig und gleichmütig darauf reagierte. Wie viele Jahre waren vergangen, seit er zum letztenmal mit ihnen ge- sprochen hatte? Er wußte nicht einmal, ob sie sich über- haupt noch in Neu Chicago aufgehalten hatten. Drei weitere Raketen schlugen in die Nordstellung ein. Das Ende war nahe. Jemand rüttelte ihn an der Schulter. »Kommandeur.« Es war Bruno. »Entschuldigen Sie bitte, Leutnant. Ich war mit den Gedanken ganz woanders.« »Es tut mir leid, Sie zu stören, aber ich sollte jetzt aufs Dach zurückkehren. Und vorher wollte ich noch kurz mit Ihnen sprechen, Sir. Ich weiß, daß es mir nicht zu- steht, Ihnen irgendwelche Ratschläge zu geben. Aber da sich die Lage immer mehr zuspitzt... Nun, einige Poli- zisten weiter oben haben sich überlegt, ob es nicht bes- ser wäre, wenn wir uns ergeben, anstatt auf den Tod zu warten. Ich wäre dafür zu versuchen, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Ich schätze, es hat einfach kei- nen Sinn mehr, einfach hier sitzenzubleiben, und ich glaube, inzwischen dürfte kein Neuer Mensch mehr am Leben sein. Es gibt nichts mehr, was es zu verteidigen lohnt - wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn es ei- nen Ausweg gäbe, Kommandeur, so würde ich eine entsprechende Möglichkeit sofort wahrnehmen.« »Ich bin ganz Ihrer Meinung, Leutnant. Aber es dürfte keinen Ausweg mehr geben. Und Sie glauben doch sicher nicht, daß man uns am Leben ließe, wen wir uns ergäben. Dazu ist der Haß auf uns viel zu groß. Au- ßerdem: Selbst wenn wir mit einem Dutzend Airwagen einen Durchbruchsversuch unternähmen - wir kämen sicher nicht sehr weit. Nein, wir bleiben besser hier. Vielleicht haben wir Glück.«, »Ja, Sir.« »Kehren Sie jetzt auf Ihren Posten zurück, Bruno! Sprechen Sie für mich zu den anderen Männern, ja? Lassen Sie keine Disziplinlosigkeiten zu!« »Ja, Sir. Falls wir uns nicht mehr sehen sollten: Es war mir eine Ehre, unter Ihnen zu dienen, Sir.« Hackman drehte sich um und verließ den Kontrollraum. Danke, Leutnant, dachte Washington. Er sah sich in dem Zimmer um. Die Männer wirkten ruhig und gelas- sen, und die Techniker arbeiteten mit unerschütterter Entschlossenheit an den Konsolen. Drüben an der Tür stand das »Wiesel«. Der Mann vergiftete die Atmosphä- re. Ich sollte ihm irgendeine Aufgabe geben und ihn von hier verschwinden lassen, fuhr es Earl durch den Sinn. »Mr. Fiske.« Der stellvertretende Kommandeur kam heran, und Washington stellte eine Verbindung zu Leutnant Rudolf her. Nach einigen Sekunden zeigte sich auf einem der Schirme das Abbild des Offiziers. »Rudy, ich schicke Sie nach Cincinnati. Mr. Fiske wird Ihnen einen Koffer bringen. Nehmen Sie den schnellsten und am besten bewaffneten Airwagen, der uns zur Verfügung steht, und versuchen Sie damit, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Das Datenmaterial in dem Koffer ist ausgesprochen wichtig.« Der Kom- mandeur zögerte kurz. »Außerdem könnten Sie noch einen Passagier bekommen. Ich möchte, daß Sie sich ganz persönlich um die betreffende Person kümmern.« »Wie Sie meinen, Sir.« »Vielen Dank, Rudy.« Washington wandte sich Fiske zu. Er empfand ein gewisses Unbehagen dabei, seinen Stellvertreter in den letzten Punkt einzuweihen, aber er fand keinen rationa- len Grund, der dagegen sprach. »Nehmen Sie den Kof- fer und begeben Sie sich nach oben! Machen Sie bei meinem Quartier Halt und holen Sie Ann ab! Sie soll an, Bord gehen und mit dem Koffer nach Cincinnati fliegen. Achten Sie nicht darauf, wenn sie widersprechen sollte, verstanden? Sorgen Sie dafür, daß sie auf jeden Fall in den Schweber steigt!« Fiske nickte. »Also los!« Die Lebensgefährtin Earls war nur in ein dünnes Nachthemd gekleidet, als sie die Tür öffnete, und ihr Lächeln verflüchtigte sich, als sie Fiske sah. Ann war gut dreißig Jahre alt, hatte aber bereits graues Haar. Für eine Frau, die zuvor als Begleiterin gearbeitet hatte, war sie ungewöhnlich voll und grobknochig. Fiske musterte sie verwirrt: Auf ihn wirkte Ann ganz und gar nicht at- traktiv, und er fragte sich, wieso der Kommandeur mit ihr zusammenlebte. Seiner Ansicht nach war es typisch für Washington, ganz offensichtlich dazu unfähig zu sein, eine hübschere Frau als Partnerin zu wählen. »Sie sollen mit mir kommen.« »Wer sagt das?« »Ihr Freund.« »Unsinn! Er würde nicht ausgerechnet Sie zu mir schicken.« Das Gebäude erzitterte, als eine weitere Rakete ein- schlug. »Rufen Sie ihn an, wenn Sie mir nicht glauben.« Tief im Innern kochte Fiske, und er war versucht, die häßli- che Vogelscheuche einfach zurückzulassen. Doch ein solches Risiko durfte er nicht eingehen. Später mochte er eine noch viel bessere Gelegenheit bekommen, mit Washington abzurechnen. »Warten Sie hier!« Ann drehte sich um und ver- schwand hinter einer Ecke. Als sie zurückkehrte, wirkte ihr Gesicht nicht mehr so abweisend, und sie hatte sich angezogen. »Entschuldi- gen Sie meine Unhöflichkeit. Earl meinte, ich solle mich ganz an Ihre Anweisungen halten.« Doch als Fiske sie auf dem Dach dazu aufforderte, in, den Airwagen zu steigen, widersetzte sie sich ihm er- neut. »Nein, auf keinen Fall. Ich fliege nur ab, wenn Earl mit mir kommt.« Fiske wollte nicht, daß ihn die anderen Polizisten ver- standen, und so zischte er leise: »Dieser Schweber bringt sie nach Cincinnati. Der Kommandeur wird Ihnen in zwanzig Minuten mit einem anderen Airwagen folgen. Steigen Sie jetzt ein! Sie verschwenden kostbare Zeit.« Ann zögerte und kam dann der Aufforderung nach. Fiske kletterte hinter ihr ins Innere des Schwebers. Leutnat Rudolf drehte sich überrascht zu ihm um. »Der König erwähnte nur einen Passagier.« »Ich bin für den Koffer verantwortlich. Ich dachte, das sei völlig klar. Starten Sie!« Der von Osten nach Westen verlaufende Korridor war freigemacht worden, so daß sie ausreichend be- schleunigen konnten. Am westlichen Ende gab der Pilot vollen Schub aus den Turbodüsen. Als sie über die Ab- wehrstellungen im Osten hinwegflogen, hatten sie be- reits eine Geschwindigkeit von mehr als zweihundert Stundenkilometern erreicht. Es dauerte nur einige we- nige Sekunden, und die Kampfzone lag hinter ihnen. Sie wurden nicht verfolgt. Leutnant Rudolf ließ den Schweber rasch in die Höhe steigen. Fiske lehnte sich zurück und schlang beide Arme um den Koffer. Er hatte gewußt, es würde einen Ausweg geben, wenn er einen kühlen Kopf bewahrte. Wenn Washington unbedingt ein Held sein wollte, so war das seine Sache. Was wäre die Welt ohne Narren wie ihn? »Sie haben natürlich recht«, sagte Rafferty. »Die Ge- schichte wird uns als die letzten der wahnsinnigen und reaktionären Fanatiker beschreiben. Oder vielleicht löscht man die Vorfälle der vergangenen Nacht auch einfach aus den entsprechenden Datenspeichern. Fin- den Sie sich mit den Tatsachen ab, John. Wir haben un- ser Bestes gegeben, und jetzt können wir nur noch hof-, fen, daß das auch ausreicht. Wenn wir wirklich verloren haben sollten: Es gibt immer noch Gebiete, die nicht von den Neuen Menschen kontrolliert werden. Sie haben nach wie vor die Möglichkeit, ein glückliches Leben mit Robin zu führen.« Rafferty beobachtete die Instrumentenanzeigen. Wenn die Werte exakt waren, mußten sie sich jetzt ziemlich genau über dem Lager befinden. Doch ange- sichts der dichten Wolkendecke, durch die sie gerade flogen, ließ sich das nicht genau feststellen. Der alte Mann schaltete die vertikalen Düsen ab, und der Air- wagen sank. Die ganze Zeit über hatte Rafferty sich konzentriert mit den Kontrollen beschäftigt. Einige Male war es John infolge der Lernbemühungen seines Begleiters angst und bange geworden, aber langsam hatte Rafferty den Dreh raus. Allerdings verloren sie nun viel zu rasch an Höhe. Diesmal schaltete der alte Mann nicht den Autopiloten ein, sondern justierte die Energiezufuhr zu den vertikalen Düsen neu. Kurz dar- auf spürte Cunningham, wie sein Gewicht scheinbar zunahm. Dann hatten sie die Wolkendecke durchstoßen. John sah aus dem Fenster und versuchte, sich zu orientieren. Dort drüben erhoben sich die ... Nein, unmöglich. Ir- gend etwas stimmte nicht. »O Himmel!« seufzte Rafferty. »Sehen Sie die Vertie- fung in dem Hügel dort? An jener Stelle hat sich die Ba- sis befunden, direkt unter dem Krater.« Er steuerte den Airwagen an den Klippen entlang. Die Hologramm-Tarnung für den Zugang existierte nicht mehr. Übriggeblieben war nur ein großes und schwarzes Loch im Boden. »Hat keinen Sinn, da reinzufliegen«, sagte Rafferty. Er sah seinen Begleiter kurz an. »He, ganz ruhig! Sie se- hen aus, als müßten Sie sich gleich übergeben. Noch wissen wir nicht, ob es hier wirklich zu einer Katastro- phe kam.«, »Was?« Johns Stimme vibrierte deutlich. »Mir scheint, die Sache ist eindeutig. Hier kann niemand überlebt ha- ben.« »Reden Sie doch keinen Unsinn! Wir müssen erst noch den Turm überprüfen.« »Was für einen Turm?« »Hat man Ihnen nie gesagt, wohin Sie sich wenden sollen, wenn das Lager angegriffen wird?« »Nein. Gab es denn einen Fluchtweg?« »Ja, natürlich. Der Turm reichte von Ebene Eins bis zur Oberfläche, und man konnte ihn völlig vom Rest des Lagers separieren. Entspannen Sie sich und machen Sie sich keine voreiligen Sorgen! Noch wissen wir nichts Genaues.« Aber John konnte das Zittern seiner Hände nicht un- terdrücken. Seltsam: Während der ganzen Nacht war seine Selbstbeherrschung nicht ein einziges Mal einer solchen Belastungsprobe unterzogen worden. Es gab einen Turm. Vielleicht hatte Robin überlebt. Ganz ru- hig. Ein Turm. Ein Turm, der von der ersten Etage bis an die Oberfläche reicht... Himmel, er kannte ihn, hatte ihn schon einmal durchklettert, bis hinauf in die Baum- attrappe im Wald. Natürlich - was für ein Narr war er doch gewesen! Bitte, es durfte Robin nichts geschehen sein! Wenn es dich gibt, Gott, dachte John, so flehe ich dich an: Mach, daß ihr nichts zugestoßen ist! Der Airwagen stieg an den Flanken der Klippen in die Höhe und schwebte über der Vertiefung im Boden. Die Erde unter ihnen war an einigen Stellen von großer Hitze glasiert worden, und einige Bäume in der Nähe waren verkohlt. Rafferty steuerte das Fahrzeug ein we- nig zur Seite. »Dort!« platzte es aus John heraus, und er deutete auf einen bestimmten Baum, der von einem Blitz getroffen worden zu sein schien. Rafferty nickte und warf John einen kurzen Blick zu. »Ich dachte, Sie hätten noch nie etwas von dem Turm, gehört.« Kurze Zeit später landete er den Airwagen ne- ben dem Baum. Sie schienen allein zu sein. Doch als sie ausstiegen, rief eine Frau: »Es sind Wins und John!« John blickte in die Richtung, aus der er die Stimme gehört hatte. Die Frau trat hinter einem Baum hervor und ließ die Maschinenpistole in ihren Händen sinken. Einige weitere Renegaten verließen ihre Verstecke und begrüßten die Neuankömmlinge. Viele Stimmen ertön- ten gleichzeitig, und man klopfte ihnen immer wieder auf die Schultern. »Wie wir uns freuen, euch gesund wiederzusehen!« »John, irgend jemand meinte, Sie seien tot.« »Nein, das bin ich nicht. Ich sehe nur so aus.« »Willkommen zu Hause!« »Wenn man das jetzt noch so bezeichnen kann; es ist nicht viel davon übriggeblieben.« »He«, meinte John plötzlich. »Ist mit Robin alles in Ordnung?« »Wer ist Robin?« »Gibt es hier niemanden, der Robin kennt?« »Ist das die junge Frau, mit der Sie zusammenlebten?« »Ja, genau.« »Habe sie in letzter Zeit nicht gesehen.« »Ich glaube, sie ist mit der Gruppe Owens in der Stadt.« »Einen Augenblick«, warf Rafferty ein. »Haben es vor dem Angriff alle in den Turm geschafft?« »Soweit wir wissen, ja.« »Dann ist Robin nichts geschehen.« Der alte Mann stieß John kurz an und wandte sich dann wieder den anderen Renegaten zu. »Was haben Owen und seine Leute in der Stadt vor?« »Sie erledigen das Hauptquartier der Polizei.« »Sie erledigen es?« Rafferty musterte die Mienen der Männer und Frauen. »Bedeutet das, wir haben gewon- nen?«, »Ja, genau. Wußten Sie das nicht?« »Meine Güte!« Rafferty verzog das Gesicht. »Ich hatte wirklich keine Ahnung. Als ich mir das letztemal über diesen Punkt Gedanken machte, ging es ziemlich heiß her, und alles stand auf des Messers Schneide. Ich hatte gehofft, mich vielleicht zu irren. Wie viele Kämpfer sind bei Owen?« »So ziemlich alle. Zwei Airwagen haben dauernd Leute hin und her befördert. Hier draußen sind wir nur noch ungefähr dreißig. Möchten Sie in den Turm klet- tern und die anderen begrüßen? Unten ist es wesentlich wärmer.« »Dafür ist die Luft nicht ganz so frisch«, warf jemand anders ein. »Ach, man kann es aushalten.« John schüttelte den Kopf. »Nein, danke, aber Wins und ich sollten ebenfalls in die Stadt fliegen; vielleicht werden wir dort gebraucht. Wenn jemand von Ihnen mit uns kommen möchte: Wir könnten einige Passa- giere mitnehmen.« Kurz darauf waren sie wieder in der Luft und flogen nach Westen durch die Wolken, in Richtung des Poli- zei-Hauptquartiers. Zwanzig Minuten lang sausten sie praktisch blind durch weißgrauen Dunst, dann, plötz- lich, durchbrachen sie die Wolkendecke, und direkt vor ihnen erhob sich der bereits arg mitgenommen wir- kende Gebäudekomplex des Hauptquartiers. An Hun- derten von Stellen zeigten sich Risse und gezackte Lö- cher in den Plaststahlwänden, und noch immer kam es da und dort zu Explosionen. Einen Kilometer weiter westlich entdeckten sie ein kleineres Gebäude: Auf dem Vorhof parkten einige Airwagen, und das Dach schien nur aus Antennen zu bestehen. Vielleicht handelte es sich dabei um den Befehlsstand. Rafferty wendete den Schweber und lenkte ihn in die Richtung. Niemand schenkte ihrer Landung mehr als nur bei- läufige Aufmerksamkeit, obgleich ihr Airwagen die Em-, bleme der Polizei trug. Als sie auf dem Vorhof kein ver- trautes Gesicht erblickten, begaben sie sich rasch ins In- nere des Gebäudes. Im zentralen Saal war es recht dun- kel, und an der einen Wand standen einige abschließ- bare Schränke. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Au- gen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Hazel kam ihnen entgegen und wäre fast an ihnen vorbeigelaufen, wenn John sie nicht festgehalten hätte. »Hazel!« »Wie? O John! Und Wins! Sie haben alles gut über- standen! Was für eine Freude!« Sie umarmte sie beide. »Es ist Ihnen also nichts geschehen, John! Es gab da ein Gerücht, das behauptete, Sie seien ... Beeilen Sie sich! Zweite Tür links. Gehen Sie zu Robin! Sie hat sich große Sorgen um Sie gemacht.« Die letzten Worte mußte Ha- zel John nachrufen, denn Cunningham hatte sich be- reits in Bewegung gesetzt und eilte mit langen Schritten durch den Korridor. Die erste Tür, dann die zweite - sie stand offen. John kam schlitternd zum Stehen. Robin ging mit einer Tasse in der Hand auf und ab. Sie ließ sie einfach fallen, als sie ihn erblickte, und mit weit ausgebreiteten Armen rannte sie auf ihn zu. Sie umarmten sich, und John preßte die junge Frau fest an sich. »Himmel, John, John«, flüsterte Robin. »John, ich hatte solche Angst um dich. O John, du lebst!« Tränen rollten ihm über die Wangen, und er küßte sie, wieder und immer wieder. Nach einer Weile schnappten sie nach Luft, und John sah sich in dem Zimmer um. Durch den Tränenschleier sah er, daß alle Anwesenden sie beobachteten. Einige in der Nähe sitzende Männer und Frauen standen auf, kamen auf sie zu und umarmten sie. Clifton eilte herbei, zusammen mit einigen anderen Freunden Johns aus dem Lager, und sie alle hießen den zurückgekehrten Helden herzlich willkommen. Er hatte die Aktion über- lebt. Es war vorbei. Er hatte mehr geleistet, als von ihm, erwartet worden war, und nun konnte er sich ausruhen. John wußte nicht so recht, ob er lachen oder weinen sollte, und er entschied sich für beides. Als wieder Ruhe einkehrte, bat John um einen Lage- bericht. »Es ist so gut wie zu Ende«, sagte Clifton. »Hier, se- hen Sie sich die Schirme an.« Die Menge schob Cun- ningham auf die gegenüberliegende Wand zu. Drei Monitore auf einem Tisch zeigten verschiedene Ansich- ten des Polizei-Hauptquartiers. »Unmittelbar nach Ausbruch der Kämpfe haben wir die Waffenkammer unter unsere Kontrolle gebracht. Das erwies sich natür- lich als ein großer Vorteil. Die letzten fünf Stunden hat Owen damit verbracht, die Polizisten dort drüben nicht zur Ruhe kommen zu lassen und ihnen all das heimzu- zahlen, was sie uns angetan haben. Vor einer Stunde wurde der Versuch unternommen, alle noch verbliebe- nen Airwagen gleichzeitig zu starten, und bis auf zwei schossen wir sie ab. Owen plant keinen Generalangriff. Er meint, der würde nur unnötige Opfer kosten. Hier, sehen Sie sich die nördliche Peripherie an. Die Panze- rung ist hin. Jede einschlagende Rakete dringt ein we- nig weiter ins Innere vor. Die noch lebenden Polizisten haben nicht die geringste Chance. Owen hat einen Schweber mit Explosivstoffen volladen lassen, und wird ihn in ein oder zwei Minuten ins Ziel lenken. Und dort, sehen Sie nur: Irgend etwas brennt.« Clifton schwieg, und John und die anderen betrachte- ten stumm die Darstellung auf den Schirmen. Robin hatte die Hand Cunninghams die ganze Zeit über nicht losgelassen, und sie schmiegten sich nun aneinander und sahen auf die Bildflächen der Monitore. Hinter ihnen erklang eine laute Stimme: »Der Airwa- gen mit den Sprengladungen ist unterwegs.« Daraufhin konzentrierten sie sich noch intensiver auf die Bildschirme. Doch es dauerte noch etwa dreißig Se- kunden, bis jemand weiter vorn den Arm hob. »Dort ist, er.« Und der Betreffende deutete auf einen kleinen Punkt. Dieser Punkt verschwand rasch inmitten der Trüm- mer, und einen Sekundenbruchteil später flammte es grell auf. Als die Glut verblaßte, blieb eine schwarze Rauchwolke zurück, durch die sich keine Einzelheiten erkennen ließen. Als der Qualm vom Wind fortgeweht worden war, sah das Gebäude ebenso fest und massiv aus wie zuvor. Auf anderen Schirmen war zu erkennen, wie die Feuer im Innern des Hauptquartiers rasch um sich griffen. Kurz darauf wurde ein zweiter mit Explosivstoffen beladener Airwagen zum Einsatz gebracht, und nach der Detonation stürzte das Gebäude wie in Zeitlupe in sich zusammen. »Neu Chicago gehört uns«, sagte Clifton. Eine halbe Stunde später traf Owen ein und gab be- kannt, alle Mitglieder des Planungsstabes würden ins Zentrum verlegt. Dort sei das neue Hauptquartier der Renegaten eingerichtet worden. Er gratulierte John und Rafferty, schüttelte ihnen die Hände und machte sich anschließend rasch wieder auf den Weg. Als die im Zimmer zurückbleibenden Männer und Frauen mit der Demontage der Kominstallationen begannen, herrschte sofort ein lärmendes Chaos. Jeder einzelne schien Dut- zende von Dingen zu tun zu haben, und John hatte das Gefühl, im Wege zu sein. Rafferty sah ihn an. »Lassen Sie uns nach Hause zu- rückkehren!« John nickte. »Und zwar möglichst rasch - bevor sich jemand unseren Airwagen schnappt.« »In der Tat.« John griff nach der Hand Robins, und schweigend verließen sie den Raum. Das Innere des alten Hauses entsprach in allen Ein- zelheiten den Erinnerungen Johns. Er führte Robin her- um, zeigte ihr alles und hatte dabei ein sonderbares Ge-, fühl. Überall schien Kates Gesicht auf ihn zu warten. Schließlich betraten sie die Küche. Dort stießen sie auf Rafferty, der gerade einige Schränke durchsuchte. Seit dem vergangenen Abend hatte keiner von ihnen eine Mahlzeit zu sich genommen. Zwar hatte niemand die Wertsachen im Haus angerührt, aber ganz offensichtlich war jemand hungrig gewesen: Rafferty fand keine Le- bensmittel vor. John und Robin halfen ihm bei der Su- che, und schließlich entdeckten sie in einer der Schub- laden einige Nahrungsriegel. Sie aßen schweigend und waren viel zu erschöpft für ein Gespräch. Und als es draußen dunkel zu werden begann, gingen sie ins Bett. Am nächsten Morgen flogen John und Robin mit dem Airwagen ins Zentrum. Sie irrten eine halbe Stunde lang durch das Gebäude, bevor sie Clifton und Hazel entdeckten. Sie befanden sich in einem Computerraum, dessen Bodenplatten gelöst worden waren. Darunter kamen Dutzende von Kabelbünden zum Vorschein, die in verschiedenen Richtungen verliefen. Hazel saß vor einer Konsole an der Wand, und Clifton kniete inner- halb der Verkabelung. In der einen Hand hielt er einen Meßsensor, und er rief immer wieder Zahlenangaben. Als er die beiden Neuankömmlinge an der Tür sah, rief er fröhlich: »Da ist der Berserker höchstpersönlich. Sie mußten Op unbedingt in die Luft jagen, nicht wahr?« Er lachte. »Sehen Sie sich nur dieses Durchein- ander an. Ist es nicht herrlich? Das sind Sachen, die ich wirklich liebe. Wir sind gerade dabei, ein ganz neues System zu schaffen.« »Ich hatte gehofft, Ihnen dabei zur Hand gehen zu können«, sagte Robin. »O sicher, warum nicht? Bleiben Sie nur hier! Es gibt bestimmt irgendeine Arbeit für Sie. Was ist mit Ihrem Freund? Ist er helle genug, um uns ebenfalls von Nut- zen sein zu können?«, »Nein«, erwiderte John. »Der dumme Freund möchte gern Owen sprechen. Vielleicht gibt es etwas zu tun, was die Mentalität eines recht geschickten Gorillas er- fordert.« »Wissen Sie ...« - Clifton kratzte sich am Ohr -, » .so dumm sind Gorillas gar nicht.« »Und ich glaube, ich habe noch ein bißchen mehr Grütze im Kopf. Wo kann ich Owen finden?« Clifton dachte kurz nach und deutete dann schräg nach oben. »In dieser Richtung. Rund vier Stockwerke weiter oben.« John fand ihn ohne Schwierigkeiten: Er hielt sich in dem mit Abstand lautesten Zimmer auf. Im Vorraum drängten sich viele Männer und Frauen zusammen, die sich lautstark miteinander unterhielten und den beiden Renegaten vor der Innentür immer wieder neue Be- schwerden und Klagen vortrugen. John bahnte sich einen Weg durch die Masse der Wartenden, und an der Tür erkannte er Debbie und Mi- chael. John lächelte, schob sich an ihnen vorbei und be- trat das eigentliche Büro Owens, in dem es ähnlich tur- bulent zuging. Die Mitglieder eines selbsternannten Komitees standen vor seinem Schreibtisch und spra- chen alle gleichzeitig. John nahm in dem Sessel an der Wand Platz und geduldete sich. Owen warf Cunningham einen kurzen Blick zu und versuchte dann, sich wieder auf die Männer und Frauen vor sich zu konzentrieren. Nach einer Weile beugte er sich ruckartig vor und hieb mit der Faust auf den Tisch. Als es still geworden war, sagte er: »Raus!« »Aber Sie haben doch noch nicht ...« »Raus!« Owen stand auf. »Verschwinden Sie! Sie hät- ten meine Zeit nicht mit einem solchen Unsinn ver- schwenden sollen. Ich will nichts mehr davon hören.« Sie zögerten. »Sehen Sie den Mann dort?« Owen deutete auf John. »Er ist ein enorm gefährlicher Kämpfer. Wenn Sie die-, ses Zimmer nicht innerhalb von zehn Sekunden verlas- sen haben, lasse ich Sie von ihm rauswerfen.« Die Männer und Frauen gingen. Owen ließ sich wieder in seinen Sessel sinken, und er wirkte müde und erschöpft. »Wie ich hörte, kam Kate ums Leben.« »Das stimmt.« »Tut mir leid. Sie war eine fabelhafte Frau. Was kann ich für Sie tun?« »Ich wollte Ihnen gerade eine ähnliche Frage stellen. Brauchen Sie Hilfe?« »Wäre nicht schlecht. Allerdings weiß ich nicht so recht, wo ich anfangen soll.« »Wie ist die Lage?« »Die dringendsten Angelegenheiten sind in Angriff genommen worden. Wir schaffen die Leichen ins Freie, so daß sie gefrieren und nicht verwesen. Heute morgen hat auch die Nahrungsmittelverteilung begonnen. Der Rest jedoch ist ziemlich chaotisch. Die Leute belegen neue Apartments in Wohnstöcken und wonanders mit Beschlag, nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aber ich schätze, diese Methode ist so gut wie jede andere. Da und dort kam es zu Plünderungen. Wie ich hörte, haben sich einige Kontroll- und Selbsthilfe- gruppen gebildet, aber ich weiß nicht genau, welche Ziele sie anstreben. Die Situation läßt sich eigentlich gar nicht kontrollieren, und ich schätze, damit muß ich mich eine Zeitlang abfinden.« »Konnten Sie keine Leute finden, die früher Füh- rungsfunktionen innehatten? Vielleicht wären sie dazu bereit, auch für uns zu arbeiten.« »Solche Leute gibt es nicht. Op hat sich um alles ge- kümmert. Und daher dürfte noch ein Haufen Arbeit vor uns liegen, bevor wir die ganze Sache neu organisiert haben.« »Und wie sieht die Angelegenheit landesweit aus?« »Wir scheinen zu siegen. Die meisten Bevölkerungs-, Zentren werden inzwischen von uns kontrolliert. Und die ländlichen Gebiete wurden eigentlich nie in dem Maße vom Neuen Volk beherrscht. Es gibt noch einige Enklaven, um die wir uns kümmern müssen - und dann ist alles gelaufen. Houston verhandelt mit der Raumsta- tion. Bisher sind noch keine Neutronenbomben abge- worfen worden. Und ich glaube, mit einer solchen Ge- fahr brauchen wir jetzt auch nicht mehr zu rechnen. Es hat bereits genug Tote gegeben. Die Neuen Menschen, die derzeit noch leben, stehen bis zu ihrem natürlichen Tod unter unserem Schutz; es ist also nur eine Frage der Zeit, wann sich dieses Problem von ganz allein gelöst hat. Einige Renegaten schlagen eine einheitliche Poli- zei-Streitmacht vor. Und ich habe Neu Chicago als ei- nen zentralen Ort für die mögliche Neubildung einer nationalen Regierungskörperschaft zur Sprache ge- bracht.« »Es läuft also praktisch alles so, wie wir es uns ge- wünscht haben.« »Es sieht ganz danach aus, ja.« »Kaum zu glauben, daß es so einfach war.« »Das war es nicht. Viele Männer und Frauen haben viele Jahre lang sehr hart auf diesen Augenblick hinge- arbeitet. Und es gibt noch immer eine Menge Schwie- rigkeiten, mit denen wir uns auseinandersetzen müs- sen.« »Wie also kann ich Ihnen helfen?« »Auf diese Frage antworte ich immer, es läge ganz bei jedem Einzelnen. Entscheiden Sie sich für irgendein Problem, das gelöst werden muß, für eine Sache, die Sie wirklich interessiert - und kümmern Sie sich darum! Fassen Sie einen entsprechenden Entschluß und wer- den Sie aktiv! Informieren Sie mich bitte, so daß die An- gelegenheit offiziell wird.« »Klingt nicht schlecht. Was halten Sie davon, wenn ich zuerst einmal zu Ihrem persönlichen Ratgeber wer- de?«, »Schießen Sie los!« »Ziehen Sie in ein weniger eindrucksvolles Büro um. Und lassen Sie Debbie hier Platz nehmen. Geben Sie ihr irgendeinen Titel und überlassen Sie die Öffentlich- keitsarbeit ihr.« Owen wirkte ehrlich überrascht. »John«, sagte er. »ich glaube, Sie könnten sich tatsächlich als eine wert- volle Hilfe erweisen. Bitte bestellen Sie Debbie hieher.« »Erst nachdem Sie meinen zweiten Ratschlag gehört haben.« »Und der lautet?« »Schlafen Sie!« »Das habe ich bereits.« »Wie viele Stunden?« Owen rieb sich die Augen. »Na gut, Sie haben ge- wonnen. Sobald Debbie mich abgelöst hat.« John verließ Owen und durchwanderte die Korridore des Zentrums. Das Gebäude schien größtenteils leer zu sein. Vermutlich würden sie nie ganz verstehen, wie die einzelnen Abteilungen zusammengearbeitet hatten. John überlegte: Was sollte er jetzt mit sich selbst und seinem Leben anfangen? Er hatte nicht die blasseste Ahnung. Das Gebäude erschien ihm wie ein völlig be- deutungsloser Irrgarten. Cunningham trat in einen Pendler, begab sich einige Stockwerke tiefer und fand dort einen Ausgang. Draußen war der Himmel bewölkt, und John fröstelte in der Kälte. Er schob die Hände in die Taschen, und trotz der Jacke fror er. Er faßte einen raschen Entschluß und eilte im Dauerlauf am nördli- chen Seeufer entlang, um sich warmzuhalten. Es fühlte sich gut an, sich wieder auf diese Weise zu bewegen. Seit sie vor Monaten das Haus verlassen und das Lager aufgesucht hatten, war er nicht mehr zu sol- chen Ausflügen in der Lage gewesen. Es freute ihn fest- zustellen, daß er das Laufen nicht verlernt hatte. Die Schuhe waren nicht sonderlich dafür geeignet, aber darüber ging er mit einem Achselzucken hinweg. John, fühlte sich kräftig und frisch, und er wurde rasch schneller. Seine Gedanken trieben frei dahin, und vor seinem inneren Auge bildeten sich immer neue Bilder aus der Vergangenheit. All das alte Leid schien nun keine Rolle mehr zu spielen. Die Welt war so, wie sie sich ihm dar- bot, und er mußte sie akzeptieren. John lachte leise, als er begriff, langsam weise zu werden. Es war leicht, sich mit den Tatsachen abzufinden, wenn sie so positiver Natur waren. In der vergangenen Nacht hatte er neben der herrlichsten Frau geschlafen, mit der er jemals zu- sammengekommen war. Was konnte man sich mehr wünschen? An diesem Morgen hatte sie ihn mit einem fröhlichen »Hallo, Kumpel« angesprochen, und dabei hätte er vor Glück bersten können. Vielleicht würden sie bald beobachten können, wie der Bauch Robins anschwoll, und einige Monate später mochten sie Kinder haben, richtige Kinder. Bei dieser Vorstellung rannen ihm Tränen über die Wangen, und seine Beine bewegten sich von ganz allein. Dann dachte er an Kate, und sein Frohsinn verflüch- tigte sich. Ein besonders kostbarer Aspekt seines Le- bens war verschwunden und würde nie zurückkehren. Dieser Verlust war endgültig. Es konnte nie eine andere Frau wie Kate in seinem Leben geben. John konnte es kaum fassen, daß es sie wirklich nicht mehr gab. Wie war es möglich, daß jemand wie Kate einfach zu existie- ren aufhörte? Nein, es gab sie weiterhin, er war sich ganz sicher. Ihr Sein hatte sich nur verwandelt, war zu einem Teil der ihn umgebenden Welt geworden. Zwei Jahre lang hatte Kate ihn bei seinen Morgenläufen be- gleitet, und sie war auch jetzt bei ihm. John hatte nicht den geringsten Zweifel daran, und er drehte nicht ein- mal den Kopf, um sich davon überzeugen. Er vernahm das Geräusch ihrer raschen Laufschritte, und das reichte ihm völlig als Beweis. Was Owen jetzt vor allen Dingen braucht, ist eine neue Po-, lizei. Er konnte die Worte ganz deutlich hören, so als hätte Kate sie tatsächlich ausgesprochen. Aber diese Vorstellung bereite Cunningham ein gewisses Unbeha- gen. Die Polizei - das war der Feind, eine Verkörperung all dessen, was sie bekämpft hatten. John dachte wieder an Kate, aber das Echo der Worte hallte hinter seiner Stirn nach. Du reagierst aufgrund einer individuellen Betrachtungsweise, einer Konditionierung ge- wissermaßen, erklang Kates Stimme erneut. Die Polizei war nicht immer ein Unterdrückungswerkzeug gewe- sen. Irgendwann einmal war es tatsächlich ihre Aufgabe gewesen, der Allgemeinheit zu dienen und sie zu schützen. In einer idealen Gesellschaft mußte der Beruf des Polizisten besonders hoch angesehen sein. Es kam ganz auf die Art der Leute und ihre Ausbildung an. John lächelte. Und darauf, wie man sie ausbildete. Er versuchte, sich eine Polizei-Streitmacht vorzustellen, die aus Zen-Meistern bestand. Von allen Kampftechni- ken bot gerade Aikido Möglichkeiten, die sich nicht auf die direkte Ausübung von Gewalt gründeten. Es mochte sicher interessant sein, sich um eine derartige Aufgabe zu kümmern. Natürlich: Wenn er Leute finden konnte, die geschickt, vielseitig und intelligent genug waren, so mußten die Polizeieinheiten nicht unbedingt aus den bekannten sturen Typen bestehen. John sah ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten. Himmel, er hatte Appetit, war halb verhungert. Das war die wichtigste Aufgabe dieses Tages: Lebensmittel auftreiben und sie ins Haus bringen. Robin und er hat- ten an diesem Morgen nicht gefrühstückt. John machte kehrt und lief in Richtung Zentrum zurück. Ja, es war bestimmt interessant, eine Polizei-Streit- macht zusammenzustellen, in dieser Hinsicht ganz von vorn zu beginnen und mit aller Sorgfalt vorzugehen. Eigentlich war sich John noch nicht über das Ausmaß dieser Aufgabe klar. Aber es konnte nicht schaden, da- mit wenigstens zu beginnen. Irgend jemand mußte sich, darum kümmern. Er begriff schließlich, zu einer Ent- scheidung gelangt zu sein, und er wünschte sich selbst Glück. Das konnte er vermutlich gut gebrauchen. Macht korrumpiert. Wie wahr! Cunningham nahm sich vor, in diesem Punkt besonders vorsichtig zu sein. Als John und Robin an jenem Abend nach Hause zu- rückgekehrt waren, dauerte es eine Weile, bis sie die Lebensmittelvorräte aus dem Airwagen entladen und im Haus untergebracht hatten. Robin begann damit, die Kisten und Packungen zu öffnen, und John suchte nach Rafferty. Er fand den alten Mann im dunklen Arbeits- zimmer. John nahm auf der anderen Seite des niedrigen Tisches Platz. »Genau wie in den alten Zeiten«, sagte Rafferty leise. »Ja. Wie damals.« Eine Zeitlang herrschte Stille im Zimmer. John konnte Robin in der Küche hantieren hören. Das Licht des Kor- ridors erhellte nur die eine Seite von Raffertys Gesicht. »Ich fühle mich nicht ganz wohl in der Haut, wenn ich mir vorstelle, daß Sie hier allein zu Hause herumsit- zen und vor sich hinbrüten«, sagte John. »Wieso denn? Ich denke gern nach.« »Über Kate und Martha?« »Unter anderem. Ich habe ein langes Leben hinter mir.« Rafferty zögerte kurz. »Ich brauche morgen den Airwagen. Und ich habe mich dazu entschlossen, übermorgen abend hier eine Party zu veranstalten. Ich gebe Ihnen morgen eine Liste der Leute, die ich dazu einlade.« »Eine Party? Soll mich doch der Teufel holen! Ich glaube, ich brauche mir wirklich keine Sorgen um Sie zu machen.« Rafferty lachte. »Das denke ich auch. Ich hoffe, Sie haben was zu essen mitgebracht.«, Sogar der Name Owens stand auf der Liste. Und was noch erstaunlicher war: Owen folgte der Einladung. Dutzende von Renegaten aus dem Lager begaben sich ins Haus des alten Mannes. Ihre Airwagen parkten in einer langen Doppelreihe am Rande der Straße, und im Innern des Hauses war es bald so voll, daß sich die Männer und Frauen gegenseitig auf die Füße traten. Das Fest Raffertys führte zur ersten großen Zusammen- kunft seit der Revolution. Am Tag zuvor hatte Rafferty den Airwagen genom- men und war damit nach Westen geflogen, nach einem Bauernhof. Nach seiner Rückkehr verbrachte er fast den ganzen Tag über in der Küche. Am Abend dann trug er die erstaunlichsten Speisen auf. Auf einem handge- schriebenen Schild an der einen Wand der Küche stand: LEBENSMITTEL AUS DER NATUR. John hatte dem al- ten Mann dabei geholfen, das Wohnzimmer freizuräu- men und Lautsprecher an der einen Wand zu installie- ren. Vertraute Melodien dröhnten nun durch das ganze Haus, und Rafferty führte den Tanz an und stampfte und sprang wie ein Irrer. Er hatte Owen aus seinem Sessel gezerrt und probte mit ihm einige leichtere Tanz- schritte. John begriff jetzt endlich, warum Owen nicht zu den Veranstaltungen der Tanzgruppe gekommen war: Er konnte überhaupt nicht tanzen. Aber vielleicht konnte er gerade deswegen nicht tanzen, weil er nicht zu den Veranstaltungen gekommen war. Vermutlich, so überlegte er, traf beides zu. Was hätte Wins dazu ge- sagt? Daß man gerade das, wovon man kaum etwas weiß, am dringendsten braucht. Erstaunlich, wie sehr seine Denkweise von dem alten Mann beeinflußt wor- den war. Er verdankte ihm sehr viel. John hatte Rafferty noch nie so fröhlich erlebt. Das Gesicht des alten Mannes glühte, und die Augen fun- kelten. Immer wieder lachte er schallend und glücklich. Er flirtete sogar mit einigen Frauen - wodurch sich die betreffenden Damen ganz offensichtlich geschmeichelt, fühlten. John beneidete Rafferty um seine ausgelassene Stimmung, um seine sichere und natürliche Art. Tropanka wurde angesagt, und John gesellte sich der sich hinter Rafferty bildenden Schlange hinzu. Der Tanz erfolgte mit lärmender Harmonie, und als die Männer genau im Takt mit den Füßen auf den Boden stampften, schien das ganze Haus zu erbeben. John hielt nach Ro- bin Ausschau, während er sich bewegte. Ja, dort stand sie und beobachtete ihn. Als die Musik endete, trat Ro- bin auf ihn zu und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuß. Und wie ein Wink des Schicksals schloß sich ein Tanz für verliebte Paare an. Robin und John glitten ele- gant im Takt dahin und ließen sich nicht aus den Au- gen. Ach, das Leben war doch herrlich. Um Mitternacht schaltete Rafferty die Musik ab und wies alle Gäste an, ein Glas zur Hand zu nehmen. Der alte Mann holte einige Flaschen mit einer bräunlichen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit hervor, und als er allen Anwesenden eingeschenkt hatte, stieg er auf einen Stuhl. »Den meisten von Ihnen steht jetzt ein einzigartiges Erlebnis bevor: Sie werden nun zum erstenmal echten Apfelsaft probieren. Und ich möchte einen Toast aus- bringen.« Er hob sein Glas. »Auf ein langes, bittersüßes und immer glückliches Leben. Auf mein Leben!« Alle prosteten ihm zu und tranken. Tief in Johns In- nern krampfte sich etwas zusammen, und er mußte sich dazu zwingen, ebenfalls einen Schluck zu nehmen. Raf- ferty begegnete dem Blick Cunninghams, trat von dem Stuhl herunter und stieg die Treppe in den ersten Stock hoch. John zögerte kurz und folgte ihm dann. Auf dem oberen Treppenabsatz blieb Cunningham stehen. Rafferty hatte sich in sein Zimmer begeben und kleidete sich um. Er zog den alten schwarzen Kimono an, an dem ihm so viel lag. John wollte ihn fragen, was das zu bedeuten habe, schwieg aber. Ganz plötzlich hatte er nicht mehr den Hauch eines Zweifels, wußte, ganz genau Bescheid, was diese Nacht bringen würde. Es war an der Zeit, erwachsen zu werden. Er mußte endlich damit aufhören, sich bei solchen Gelegenheiten immer wie ein verwirrtes Kind zu geben. An diesem Abend kam ihm die Rolle eines Freundes zu. Er durfte nicht dauernd von Wins erwarten, stark für ihn zu sein. John betrat das Schlafzimmer Raffertys. »Die Party war wirklich eine gute Idee.« »Ja. Und ich bin froh, daß alle gekommen sind. Ich habe immer von einem solchen Fest geträumt.« Der alte Mann griff nach einem auf dem kleinen Tisch liegenden Umschlag und reichte ihn John. »Er enthält einige In- struktionen und mein Testament. Die meisten Dinge überlasse ich Ihnen: das Schwert, die Bücher, das Haus.« Rafferty musterte ihn eingehend. »Ich möchte, daß meine Asche am Ufer des Sees verstreut wird, drü- ben in Evanston. Nun, es steht alles ausführlich in dem Brief.« »Ich kümmere mich darum.« Rafferty nahm auf der Bettkante Platz. »Ich komme mir ein bißchen komisch vor.« Er sah sich in dem Zim- mer um und bedachte John mit einem unsicheren Lä- cheln. »Sonderbar, ja.« Er streckte sich in dem Bett aus und zog die Decke bis zum Kinn hoch. Rafferty ver- suchte, möglichst ernst zu sein, aber in seinen Mund- winkeln zuckte es immer wieder. Nach einigen Sekun- den begann er erst zu kichern und dann schallend zu la- chen. »Es ist einfach absurd«, brummte er und sprang aus dem Bett. »Kommen Sie!« John folgte ihm ins Arbeitszimmer, und dort nahmen sie wie üblich zu beiden Seiten des Tisches Platz. Das einzige Licht stammte von der kleinen Lampe zwischen ihnen. »Warum sind Sie so sicher, daß es heute nacht ge- schehen muß?« Rafferty hob die Arme und ließ sie dann wieder sin- ken. »Zum Teufel auch, woher soll ich das wissen? Ich, erlebe das schließlich zum erstenmal.« Plötzlich wurde er ernst. »Nein. Ich bin mir völlig sicher. Ich kann es Ih- nen nicht besser erklären. Meine Zeit ist abgelaufen, und damit hat es sich. Noch niemals zuvor habe ich mich so müde und erschöpft gefühlt.« Eine Zeitlang schwiegen sie, und von weiter unten vernahmen sie das gedämpfte Lärmen der Party. »Noch Fragen zum Ouija?« meinte Rafferty. John lächelte. »Nein«, erwiderte er und schüttelte den Kopf. Er hätte am liebsten noch viel mehr gesagt, aber er fürchtete, in Tränen ausbrechen zu können. Und er wollte diesen erhabenen Augenblick nicht durch ein kindliches Schluchzen ruinieren. Rafferty räusperte sich. »Das Schwert ist über viele Generationen hinweg vom Lehrer an den Schüler wei- tergegeben worden, und an diese Tradition sollten Sie sich halten. Einverstanden? Lassen Sie es nicht zu, daß die Linie bei Ihnen abbricht!« John nickte. »War Ihr Lehrer ebenso gut wie meiner?« »Was soll ich Ihnen darauf für eine Antwort geben?« Rafferty lachte. »Wissen Sie, ich hatte nicht nur einen Lehrer, sondern mehrere. Ich fürchte, Ihre Ausbildung ist alles andere als vollständig; es gibt darin Lücken, die ich niemals hätte ausfüllen können. Aber ich muß nicht unbedingt Ihr erster und letzter Lehrer gewesen sein. John, es gab und gibt viel bessere Lehrer als mich. Sie müssen sich nur auf die Suche nach ihnen machen.« Er unterbrach sich und dachte kurz nach. »Nein, eigentlich klappt es auf diese Weise nicht. Wahrscheinlich wird der Lehrer Sie finden und nicht umgekehrt. So heißt es jedenfalls.. Ich bin mir jedoch nicht ganz sicher, ob das auch stimmt. Es gibt viele Dinge, die ich nicht weiß. Manchmal glaube ich, als Schüler übertrafen Sie mich als Lehrer.« »Das stimmt nicht. Ich verdanke Ihnen eine Menge. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie - ohne Sie als Spiegel - anfangen soll.«, »Von jetz an könnte Robin Ihr Spiegel sein. Voraus- gesetzt, Sie sind mutig genug zuzuhören, wenn sich das Spiegelbild als nicht perfekt erweist. Oder benutzen Sie ein Videoband.« Rafferty lachte erneut. »Ich meine es ernst: Wenn Sie Mut genug haben, können Sie Ihr eigener Spiegel sein.« »Ich werde es versuchen. Vielleicht bleibt mir gar nichts anders übrig, als selbst die Funktion des Spiegels zu übernehmen. In dieser Hinsicht wird Robin mir kaum helfen können. Aber ich hoffe, daß wir trotzdem ein gutes Paar abgeben.« »Das hört sich nicht besonders glücklich an.« »Ach, das täuscht. Ich finde es erstaunlich, von einer Frau geliebt zu werden, die so wunderschön ist wie Ro- bin.« »Sie hören sich so an, als wollten Sie sich selbst von etwas überzeugen.« »Nein, Wins, glauben Sie mir. Ich liebe sie wirklich. Und ich komme mir in dieser Beziehung wie ein Aus- erwählter vor.« »Nun, dann ist alles gut. Wissen Sie, Sie müssen net- ter sein, als Sie es Ihrer Meinung nach sein können. Wenn man das Idol des eigenen Idols sein will, so ist es, als stehle man Feuer von den Göttern. Ich hoffe wirk- lich, daß Ihnen das gelingt, und Sie ein glückliches und erfülltes Leben vor sich haben. Meine Frauen starben leider viel zu früh.« »Sie haben offenbar viel Leid erfahren.« »Und ich bin auch sehr glücklich gewesen. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, wie ich vor Verlan- gen fast verging, als ich den Frauen beim gemeinsamen Tanz zusah. Heute abend geschah das erneut, beim Reka. Ich hätte schreien können, als ich die vielen Hüf- ten hin und her schwingen sah. Wissen Sie, John, ei- gentlich haben Frauen immer das Zepter in der Hand gehalten. Wir sind diejenigen, die bei ihnen mit dem Hut in der Hand vorstellig werden, und sie entscheiden, dann. Lassen Sie sich in dieser Hinsicht nur nicht täu- schen.« »Wir haben nie über Ihr Leben gesprochen, immer nur über meins.« »Ich habe keine Vergangenheit.« »Unsinn!« Rafferty lachte. »Stimmt.« »Wie also ist das alles bei Ihnen gelaufen?« »Was meinen Sie?« »Ihr Leben, Aikido und alles andere.« Rafferty blickte in die Ferne. »Ich wollte mich nur ein- fach gut fühlen. Das ist einer der zentralen Punkte des Lebens.« »Warum ausgerechnt Aikido?« »Ich kann mich nicht mehr genau daran entsinnen. Ich versuchte damals, den eigenen Körper besser zu verstehen, und Aikido schien mir dazu die notwendi- gen Werkzeuge in die Hand zu geben. Wahrscheinlich hatte ich das auch bitter nötig. Ich war damals ziemlich hilflos und schwach. Es grenzt an ein Wunder, daß ich die Ausbildung überstand. Ich war so zerbrechlich, daß sie mich hätte umbringen können. Ich zog mir alle nur denkbaren Verletzungen zu.« John dachte an den Beginn seiner eigenen Ausbil- dung zurück, an die Gelegenheiten, bei denen er sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als einfach aufzuhö- ren. »Warum haben Sie weitergemacht?« »Ich schätze, ich mußte mir selbst etwas beweisen. Und ich hatte einen hervorragenden Sensei. Ach, der gu- te alte Fumio. Wir stachelten uns gegenseitig an. Manch- mal fanden wir alles so komisch, daß wir vor Lachen auf die Matte fielen und nicht weitermachen konnten.« »Mit mir hatten Sie nicht so viel Spaß, oder?« »Nein. Aber wenn Sie nicht so verdammt ernst gewe- sen wären, hätten wir es vielleicht nicht geschafft. Ich kann mich nicht beklagen.« Rafferty seufzte und holte tief Luft. »John, alle meine Kinder waren Mädchen. Ich, hatte nicht einen einzigen Sohn.« Der alte Mann sah ihn offen an. John nickte verständnisvoll. »Ich kann mir vorstellen, was das für Sie bedeutet. Mein Vater war ein Süchtiger. Ich habe ihn nie richtig kennengelernt.« Eine Zeitlang schwiegen sie. »Ich schätze, ich sollte jetzt besser zu Bett gehen.« Rafferty machte Anstalten aufzustehen, sank aber wie- der zurück. John erhob sich rasch und half dem alten Mann. Seite an Seite gingen sie durch den Korridor. Rafferty war plötzlich alt und schwach geworden. John deckte ihn im Bett zu und zog sich dann einen hochleh- nigen Stuhl heran. Von unten waren jetzt nur noch das Klappern von Geschirr und ein Schieben und Kratzen zu hören, als die Möbel an ihre angestammten Plätze gestellt wurden. Die Party war vorbei. »John«, flüsterte Rafferty mit geschlossenen Augen, »was fiel Ihnen besonders schwer, als Sie das Jonglieren lernten?« John versuchte sich zu erinnern, und nach einigen Sekunden lächelte er. »Ich mußte mich immer dazu überwinden, den dritten Ball loszulassen.« Rafferty grinste. »Genau. Jetzt liege ich hier und dachte bisher, gut vorbereitet zu sein. Und doch fällt es mir so schwer, nicht weiterhin am Leben festzuhalten.« Die Hand des alten Mannes kam unter der Decke hervor und griff nach der Johns. Cunningham hielt sie fest. Rafferty schlug die Augen auf und sah John an. »Ich hatte ein wirklich gutes Leben, mein Sohn.« Eine Träne rollte langsam über die faltige Wangenhaut. »Gib gut auf dich acht!« Der alte Mann drückte die Hand Johns und schloß die Augen. Die Gesichtszüge entspannten sich, und die Hand wurde langsam schlaff. John blieb noch eine Weile still sitzen und starrte ins Leere. Dann hauchte er dem alten Mann einen Kuß auf die Stirn und machte sich auf die Suche nach Robin.]
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