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›Ein düsterer Thriller … Jablokov vermischt die Welt eines Ray- mond Chandlers und Dashiell Hammetts mit dem CYBERPUNK von William Gibson und Bruce Sterling.‹ Starlog Manchmal hat die Erinnerung ein Eigenleben. Früher einmal war er Theo Bronkman, einer der sieben verlore- nen Seelen, die während des letzten Krieges an dem geheimen Regierungsprojekt NIMBUS arbeiteten. Nun ist er Peter Ambrose, ein arbeitsloser Jazzmusiker, der illegal Plantate in die Gehirne reicher Klienten einpflanzt, die ihre geistigen Fähigkeiten künstlich vergrößern wollen. Morgen ist er vielleicht schon ein anderer. Oder ...
Autor Anonym
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›Ein düsterer Thriller … Jablokov vermischt die Welt eines Ray- mond Chandlers und Dashiell Hammetts mit dem CYBERPUNK von William Gibson und Bruce Sterling.‹ Starlog Manchmal hat die Erinnerung ein Eigenleben. Früher einmal war er Theo Bronkman, einer der sieben verlore- nen Seelen, die während des letzten Krieges an dem geheimen Regierungsprojekt NIMBUS arbeiteten. Nun ist er Peter Ambrose, ein arbeitsloser Jazzmusiker, der illegal Plantate in die Gehirne reicher Klienten einpflanzt, die ihre geistigen Fähigkeiten künstlich vergrößern wollen. Morgen ist er vielleicht schon ein anderer. Oder er ist tot. Denn ein lange unterdrückter Alptraum erwacht zu neuem Leben und wirft ihn in eine Welt, in der Persönlichkeiten wie Kleider ge- wechselt werden – und in der jemand nach und nach alle Mit- glieder des NIMBUS-Teams ermordet. Peter könnte der nächste sein… wenn er dem Killer nicht zuvorkommt.,

ALEXANDER JABLOKOV NIMBUS

Science Fiction Roman Ins Deutsche übertragen von Michael Kubiak, BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Erste Auflage: Band 24213 Juni 1996 © Copyright 1993 by Alexander Jablokov All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1996 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach Originaltitel: Nimbus Lektorat: Axel Merz/Stefan Bauer Titelbild: Tony Stone Images Umschlaggestaltung: Quadro Grafik, Bensberg Satz: Fotosatz Schell, Hagen a.T.W. Druck und Verarbeitung: Brodard & Taupin, La Fleche, Frankreich Printed in France ISBN 3-404-24213-0, Für Mary, die mit einem Schriftsteller verheiratet ist und weiß, was das bedeutet,

DANKSAGUNGEN

Wie immer an den Cambridge Science Fiction Workshop: Jon Burrowes, Steve Caine, Pete Chvany, Margaret Flinn, James Patrick Kelly, Steve Popkes, David Smith, Sarah Smith und Paul Tumey., KAPITEL 1 Ich rang nach Luft und erwachte. Ich atmete langsam und ließ die dunklen Bilder des Schlafs aus meinem Bewußtsein perlen wie Regentropfen an einem nächtlichen Fenster. Die Decke wurde von irgendwo unten angeleuchtet. Die Laken hatten sich, wie immer, schweißfeucht und klebrig um meine Beine gewik- kelt. Ich befreite mich träge von ihnen wie eine müde, noch nicht eingesponnene Raupe und setzte mich auf die Bettkante. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen. Ein Körper lag ausgestreckt auf dem Bauch inmitten der schmutzigen Wäsche, die den Fußboden bedeckte. Eine Hand war unter einer Boxershorts versteckt. Der Körper schimmerte wie von einer weichen inneren Lichtquelle erhellt. Ich betrach- tete ihn blinzelnd und fragte mich, ob ich den Fernseher hatte laufen lassen, als ich eingeschlafen war. Ich nahm es nicht an. Ich hatte den größten Teil der Nacht im Operationsraum ge- standen. Ich wedelte mit der Hand, um die Lautstärke zu erhöhen. »… geschätzter Zeitpunkt des Todes acht Uhr morgens am acht- zehnten Oktober 2030 – achtundvierzig Stunden, bevor die Leiche vom Hausverwalter gefunden wurde.« Der leuchtende Mann trug einen Pyjama, der sauberer aussah als mein eigener. Sein Kopf war ein undurchsichtiger schwarzer kreisrunder Fleck., »Laut Informationen der Polizei von Chicago wurde das Op- fer erwürgt. Weitere Einzelheiten dürften die zur Zeit noch andauernden Ermittlungen ergeben.« Alphanumerische Symbole blinkten über der Leiche: »BE- LOHNUNG N$10.« Eine bescheidene Summe, zehn Nudes. »Einzelheiten.« Es klang ganz danach, als schweige die Polizei sich über eine raffinierte neue Mordmethode aus. Vielleicht war es ein ganz gewöhnlicher durch Angriffsimpuls ausgelöster Tod mit irgendeiner lächerlich ausführlichen Form von Verstümme- lung. Für mich nicht unbedingt von Interesse. Weshalb also hatte der Apparat diese Nachricht aufgerufen? Ich schaltete das Gerät aus, tappte zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Mühsam drangen die Sonnenstrahlen durch die schmierigen Fensterscheiben und die staubige Luft herein. Ich blinzelte wegen der plötzlichen Helligkeit und sah mich im Zimmer um. Beinahe hätte ich zu atmen vergessen. Im Laufe der Nacht hatten meine Inneneinrichtungsralfies mein Schlafzimmer in ein Teenagerzimmer der fünfziger Jahre umdekoriert. Collegewimpel hingen an den Wänden. Die Möbel waren ziemlich ramponiert und imitierten den Kolonial- stil. Üppig, aber eher dilettantisch bemalte Modelle von Schiffen und Tieren füllten die Regalbretter, und Modellflugzeuge hin- gen an einer Schnur unter der Decke und schienen mit ihren Bordwaffen imaginäre Ziele zu attackieren. Die Nachttischlam- pe war geformt wie ein Kompaßhaus und trug als Verzierung ein blaues Segelboot auf dem Schirm. Die Kleider auf dem Fußboden, immun gegen die Aktivitäten der Ralfies, waren noch meine eigenen. Keine mit Grasflecken beschmutzte Base- ballkluft und keine abgetragene Cordhose mit Schleuder in der, Gesäßtasche befand sich darunter. »Gottverdammt!« Die Ralfies selbst hatten sich als Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg verkleidet – und zwar als ziemlich korpulente Exemplare. Sie erinnerten an wehrdienstpflichtige Stutenkerle und standen auf dem Schreibtisch in Habachthal- tung zwischen Bleistiften und bekritzelten blauen Ringbüchern. Ich griff nach dem Football, der auf der Ablage am Kopfende des Bettes lag, um die armseligen Gegenstände damit umzuwer- fen, aber er war synthetisch und etwa so kompakt wie Zucker- watte. Er zerfiel in meinen Händen. Die Ralfies saugten den Schaum aus irgendeinem Bioreaktor in den Hauswänden, der sie aus Gott weiß was herstellte. In aufwallendem Zorn schlug ich mit der Faust auf das Kopf- brett – ebenfalls aus Synthetik, wenn auch etwas fester als der Football – und spürte befriedigt, wie es ebenfalls zerbröselte. Aber es lag auf einem festen Rahmen, und ich knallte mit der Handkante dagegen und kugelte mir beinahe den kleinen Finger aus. Ich stieß eine Flut von Verwünschungen aus und stolperte im Zimmer umher. Kleider angelten besorgt nach meinen Füßen. Auf einem schmalen Regalbrett am Fenster standen Trophä- en in der Gestalt berühmter Komponistenbüsten. Ich griff nach dem Kopf von Robert Schumann. ›Sylvanus West High School, Regionaler Klavierwettbewerb – 2. Platz, Januar 2019. Theo Bronkman.‹ Ich betrachtete Schumanns romantisches Elfen- beingesicht des neunzehnten Jahrhunderts. Er war im Wahn- sinn gestorben, doch die Büste blickte ernst und normal drein, als mißbillige sie meinen Mangel an Selbstkontrolle. Schumann flog durch das Zimmer und prallte mit dem Ge-, sicht gegen die Wand. Ihm folgten Beethoven, Strawinsky und der Rest. Theo Bronkman. Ich hatte diesen Namen seit Jahren nicht mehr gelesen. Er war mal meiner gewesen. Wie waren die Ralfies an diese Information gelangt? Ich stand auf, massierte meinen schmerzenden kleinen Fin- ger und hatte Mühe, nicht aufzuschreien. Ich hatte keine Ah- nung, weshalb ich so wütend war. Es schien, als hätten sich in den fernsten Winkeln meines Bewußtseins irgendwelche Dinge eingenistet, die ich noch nicht hatte aufstöbern und eliminieren können. Nach einiger Zeit lockerte sich die enge, heiße Fessel um meine Brust jedoch so weit, daß ich wieder reden konnte, ohne gleich zu brüllen. »Das kommt davon, wenn man immer den billigsten Kram kauft.« Die Ralfies reagierten nicht. Sie waren darauf program- miert, nur eine begrenzte Anzahl von Befehlen entgegenzu- nehmen. »Neueinrichtung«, sagte ich. »Zurück auf Null und Neustart. Zeigt mir was anderes.« Ich überlegte einen Augen- blick. »Ludwig der Sechzehnte vielleicht?« Ich hatte vor ein paar Wochen ein TV-Feature über antike Möbel gesehen. Es war das erste, was mir einfiel. »Ausführung.« Die Ralfies zuckten und rollten vom Tisch herunter. Sie sa- hen bereits nicht mehr wie Soldaten aus, und ihre Gesichtszüge und Gestalten zerflossen wie zu heiß gewordene Wachskreide- bilder. Trug der letzte etwa schon die ersten Anzeichen einer Perücke? Sie lebten und suchten sich ihre Energie in den Wän- den wie Hitech-Mäuse. Ich konnte sie dort herumhuschen hören, wie sie von der Datenbank für Inneneinrichtung pro- grammiert wurden und dann darauf warteten, daß ich hinaus- ging, damit sie mit ihrer Arbeit beginnen konnten. Ich suchte, wahllos einige Kleidungsstücke zusammen und schlüpfte hin- ein. Dabei fühlte ich mich müde, klebrig und schmutzig. Ich verfluchte den verdammten Fernseher, weil er mich geweckt hatte, obgleich unten Arbeit auf mich wartete. Die Diele war dunkel. Ich hatte schon längst ein paar zusätz- liche Lichtquellen anbringen wollen. Man kam sich vor wie in einem unterirdischen Verlies. Ich schlich die Treppe hinunter, schämte mich bereits meines Wutausbruchs, obgleich niemand ihn mitbekommen hatte. Das Haus war still und hielt die Luft an. Während ich durch die Küchentür trat, blickte ich hoch, ein Reflex, den ich schon vor langer Zeit unterdrückt zu haben glaubte. Nichts befand sich da oben und wartete darauf, mir auf den Kopf zu fallen, nichts als eine schmuddelige Zimmerdecke. Ich war zwar durchaus paranoide, aber das war doch ziemlich übertrieben. Weshalb sollte mich in meinem eigenen Haus ein Bluthund angreifen, nach so vielen Jahren? Die Behausung war umgeben von Warnsystemen, die mich über jede Feldmaus und jedes Eichhörnchen informierten, die über mein Anwesen rannten, indem sie mir hübsche, wenngleich total bedeutungs- lose Frequenz-Histogramme über die nächtlichen Aktivitäten von Nagetieren lieferten. Ich ließ mich auf einem hölzernen Küchenstuhl nieder und sah zu den Töpfen und Pfannen hoch, die über dem Herd hingen. Ihre Kupferböden glänzten. Wenigstens meine Küche sah so aus, als wohnte hier ein anständiger Mensch. Ich hatte alles hinausgeschafft, was Corinne hereingeholt hatte. Ihr Küchengeschmack paßte nicht zu meinem. Ein Pizzastein aus Terrakotta stand neben der Doppelspüle. Zwischen den Ar-, beitsschichten im Operationsraum hatte ich am Vorabend eine ganze Salami-und-Pepperoni-Pizza zubereitet und – mein Gott! – auch verzehrt. Vielleicht war sie die Ursache für meinen Anfall von Paranoia. Ich drückte auf meinen prallen Bauch. Die verdammte Pizza brachte meine Blutchemie durcheinander, veränderte die Ausschüttung von Neurotransmittersekreten oder was auch immer. Käse ist voll von Tryptophan, einem Vorprodukt des Serotonins. Das mußte es sein. Aus irgendeinem Grund hatte ich die Fenster offen gelassen. Ein kalter Wind wehte herein. Ich reichte über die Spüle und zog die Fenster zu. Dabei stieß ich gegen eine große, mit ir- gendeiner weichen Masse gefüllte Tasse auf der Anrichte. Stirnrunzelnd kostete ich den Inhalt. Das war mal heiße Scho- kolade gewesen. Ein scheußlicher Pizzabegleiter, dachte ich. Was hatte mich denn da geritten? Ich konnte mich noch nicht einmal daran erinnern, Kakaopulver zu besitzen. Wahrschein- lich stammte es noch aus Corinnes Zeit. Ich schüttete das Zeug in die Spüle und wischte die Anrichte sorgfältig ab. Aber ich konnte nicht länger warten. Ich mußte mich zwin- gen, aus dem Fenster zu schauen. Ich hatte Angst, die kahlen Berge von Bessarabien und dahinter, am Horizont, die wuchti- gen Karpaten zu sehen. Es fiel mir schwer, den Kopf zu drehen, als drückte ich ihn gegen eine Messerklinge, deren Spitze meine Schläfe berührte. Es ist ein altes und absurdes Spiel, sich in die Richtung des größten Widerstandes zu bewegen, und zwar aus keinem anderen Grund als dem, daß er einfach da ist. Ich tat es. Alles, was ich erblickte, war mein dicht mit Bäumen bestande- ner Garten. Der Erdboden zwischen den Baumstämmen war mit einer in mehreren Jahren entstanden Schicht welken Laubs, bedeckt. Die Ahornblätter veränderten bereits wieder ihre Farbe. Bessarabien. Ich stand auf, holte Kaffeebohnen aus dem Ge- frierschrank und zerstieß sie in einem Handmörser, fügte ein paar Kardamomsamen hinzu und hoffte, daß dieses vertraute Ritual die Erinnerungen vertreiben würde. Offenbar hatte ich eine ganze Flut davon ausgelöst, und nun quollen sie hervor wie Gerümpel aus einem überfüllten Schrank. Ich schüttete das Kaffeemehl in einen Filter und ließ Quellwasser, das kurz vor dem Siedepunkt war, darüberrinnen. Bessarabien. Anthony Watkins hatte mir die Originale jener Trophäen im oberen Stockwerk überreicht, ein halb boshafter, halb freundlicher Scherz, während ich mich am Klavier in den alten Baracken in Camp Fitzwater abmühte. Die Originale waren längst zerstört. Watkins war mit mir in Bessarabien gewesen. Sie alle waren es. Die gesamte Gruppe. Plötzlich schien es mir, als stünden all meine alten Kameraden an einem bisher unsichtbaren Horizont, und als hätte eine aufgehende Sonne ihre Schatten meilenweit bis zu mir reichen lassen. Reiß dich zusammen, Ambrose. Das ist Jahre her, längst versunken. Genauso wie die Trophäen. Genauso wie die Bluthunde. Peter Ambrose, das war jetzt mein Name und nicht mehr Theo Bronkman. Der war zusammen mit allem anderen in Verges- senheit geraten. Ich trank einen Schluck Kaffee und tat so, als hätte ich mir nicht gerade die Lippen und die Zunge verbrüht. Ich atmete pfeifend kalte Luft ein. Bessarabien. Scheiß auf Bessarabien. Ich fühlte mich unwohl. Meine Haut kam mir vor wie die, erkaltete und eingetrocknete Oberfläche der Pizza vom Vortag. Ich sollte nach unten gehen und mich um meinen Kunden kümmern. Ich hatte lange genug gewartet. Ich begab mich ins Badezimmer neben der Küche und wusch Gesicht und Hände. Körnige Bimsseife, dampfend heißes Wasser aus den edlen Silberkränen. Noch einmal. Ein rauhes Handtuch. Mein schlaffes Gesicht war ein rosafarbener Fleck in dem beschlagenen runden Spiegel. Ich fühlte mich kein bißchen sauberer. Mit der Kaffeetasse in der Hand trat ich durch die automati- sche Tür am Fuß der Treppe. Sie glitt hinter mir mit einem saugenden Geräusch zu. Hier war der wahre Mittelpunkt mei- ner Behausung, versteckt im Innern des sich allmählich zur Seite neigenden Vororthauses. Überall glatte Flächen, und nicht die leiseste Andeutung einer Ecke. Ausfällkreise und Filter hielten die Luft absolut rein. Energieversorgung und Milieu- steuerung waren vom restlichen Haus abgetrennt. Die Funktionseinheit hatte früher als Notfall- Überlebenssystem eines interplanetaren Raumschiffs gedient, das ausrangiert worden war. Erstanden hatte ich sie in einem riesigen industriellen Recyclingzentrum, das auf einer ehemals als Wohngebiet ausgewiesenen Landparzelle im Panhandle Floridas in der Nähe der Eglin Air Force Base eingerichtet worden war. Ich hätte auch Turbinenpropellertriebwerke oder Niederorbitmotoren oder irgendwelchen anderen militärischen Kram für den erdnahen Einsatz kaufen können, der nach dem Ende der Devolutionskriege nutzlos geworden war. Mein Über- lebensmodul stammte von einer ukrainischen Beobachtungsin- sel. Ich konnte die kyrillischen Aufschriften noch immer nicht, lesen. Das grelle Sterilisationslicht des Operationssaals überflutete den nackten Körper eines blonden Mannes im mittleren Alter. Er lag auf dem OP, die gespreizten Beine höher als der Kopf. Das Gewebe wurde schon ein wenig schlaff an den Seiten, am Bauch und den Oberarmen, wie es mit all unseren Körpern geschieht, wenn das Leben uns niederdrückt wie ein Daumen ein Geleebonbon. Tausende feiner Elektroden sprossen wie ein silberner Pelz entlang seiner Wirbelsäule vom Kreuzbein bis zum Hinterkopf. Sein offizieller Name lautete Thomas Francis Inman, und er war an diesem Nachmittag zu seiner letzten Implantationsbehandlung hergekommen. Da war Inman, bekleidet mit einem malaysischen Seidenan- zug mit einer verzierten goldenen Klammer, die den sorgfältig arrangierten Faltenwurf seines Halstuchs fixierte, noch ganz der selbstsichere, anspruchsvolle Manager gewesen. Nun, den Kopf nach unten und nackt im unbarmherzig entlarvenden blau- weißen Licht, sah er aus, als hätten ihn Aliens von Beteigeuze vergewaltigt und einfach im Straßengraben liegengelassen. Ich gab mir Mühe, die Vorstellung nicht belustigend zu finden. Inman war schließlich mein Kunde. Ich gab den Befehl, die Kreuzbeinsonde zurückzuziehen, de- ren Infomyzel in den unteren Teil seines Rückenmarks einge- drungen war, drückte Inmans Beine zusammen, brachte den OP zurück in die Waagerechte und startete den Aufwachvor- gang. Im Raum standen zahlreiche schwarze Kästen mit abgerun- deten Kanten, deren Flüssigkristallschirme eine Flut von Daten über Blut-pH-Werte, Leitfähigkeit der Haut und Leukozyten-, zahl lieferten. Ihre Oberflächenbeschaffenheit glich der mensch- licher Haut. Mit einer Hand über die optischen Faserstöpsel zu streichen konnte ein verstörend erotisches Erlebnis sein. Bei Inman setzte eine erste primitive Nervenfunktion ein. Ich belebte Herz und Lungen und führte eine letzte Reihe von Systemchecks über die Leitgeschwindigkeit der Nerven und den Transfer in sein Großhirn durch. Gestern war Inman ein wenig verkrampft gewesen, beinahe verärgert, als sei an dem, was ich mit ihm angestellt hatte, irgend etwas nicht richtig gewesen. Aber alles lief bestens. Ich hatte die letzten Virts in seinem Gehirn installiert, jeder von seinem Hersteller mit sechs inein- ander verschlungenen Ringen markiert, einem mir fremden Firmenlogo, und hatte seine Nervenfunktionen ein Dutzendmal überprüft. Im Augenblick, während er noch auf meinem Operations- tisch lag, war er nicht mehr als eine Masse hochspezialisierter Materie voller sich vermehrender Aktionspotentiale, sprudeln- der Neurotransmitter, flackernder Natrium- und Kaliumakzep- toren. Sobald ich auf ein paar Felder auf meiner Kontrolltafel drückte, würde aus genau den gleichen Potentialen, Neuro- transmittern und Ionen Thomas Francis Inman werden, ein Heo einer Firma namens Transcendental Transition. Ich hatte schon immer gedacht, daß zwischen diesen beiden Stadien ein größerer Unterschied bestehen sollte. Ich trat zurück, um darauf zu warten, daß Inman wieder exi- stierte. Und um darüber nachzudenken, weshalb der Fernseher sich entschieden hatte, das Bild eines Mordopfers auf meinen Schlafzimmerboden zu projizieren., KAPITEL 2 »Wie fühlen Sie sich?« fragte ich. Inman, der nun in einem Wohnzimmersessel saß, dachte über die Frage nach. Er hatte sich genauso sorgfältig herausge- putzt wie am vorhergehenden Abend und trug einen seidenen Freizeitanzug, der eher auf ein Sonnendeck am Strand des Siamesischen Meeres gepaßt hätte als in ein kühles herbstliches Wohnzimmer in einem Vorort von Chicago, Illinois. Inman hatte in zwei Schweinslederkoffern mehrere Garnituren Klei- dung zum Wechseln mitgebracht. Die Koffer waren so groß, daß ich mich fragte, ob sie nicht auch noch einen scharlachro- ten Reitdreß und eine formelle Jellaba enthielten. »Sie haben den ganzen Tag damit zugebracht, jeden meiner Nervenimpulse zu analysieren, und fragen mich noch, wie ich mich fühle?« Inmans Stimme war eher neugierig als ungehalten. »Wissen Sie das denn nicht?« Ich blinzelte ihn an. In seiner Stimme lag eine träge Autori- tät, die mich in Rage brachte. Ich suchte Zuflucht in technischer Sachkenntnis und kam mir im gleichen Moment vor wie ein Datenfreak. »Ich weiß, wie mathematische Daten aus dem Netz über den Gyrus supramarginalis in Ihr Bewußtsein gelangen. Ich weiß, wie der Hilfsprozessor im Nukleus ventralis posterio- ris Ihres Thalamus funktioniert. Ich weiß nicht, wie Sie sich fühlen. Und das möchte ich erfahren. Es ist wichtig.« »Ich fühle mich gut.« Er hob die Hand und fuhr sich damit über den Kopf. Es schien ihn zu verblüffen, daß er dort sein krauses braunes Haar vorfand. Er wickelte eine Strähne um, einen Finger. »Es ist nur … es ergibt überhaupt keinen Sinn.« Er blinzelte in den morgendlichen Sonnenschein, erhob sich, zog den Sessel von seinem Platz in der Wohnzimmersitzgruppe weg und drehte ihn so, daß die Lehne dem Vorderfenster zugewandt war. »Ich mache mir Sorgen. Ich komme jetzt seit … wie lange komme ich her? Sind es drei Wochen? Alle möglichen Dinge sind mir im Kopf herumgegangen. Ich fühle mich ir- gendwie nicht ganz in Ordnung.« »Sehen Sie?« sagte ich. »Deshalb habe ich Sie gefragt. In wel- cher Weise fühlen Sie sich nicht ganz in Ordnung?« »Keine Ahnung. Ich bin kein Experte. Es ist, als würde ich in verschiedene Richtungen gezogen. Als hätte ich völlig fremde Gedanken. Funktioniert alles richtig? Sämtliche Hirnmodifika- tionen – Sie nennen sie Virts, nicht wahr? Arbeiten sie ord- nungsgemäß?« Er trank einen Schluck Kaffee. Er schien sich darüber zu freuen, wenigstens ein paar Brocken kranialen Slang zu kennen. »Technisch gesehen, ist alles einwandfrei, Mr. Inman.« Ich achtete darauf, nicht ungeduldig zu klingen. »Sind Sie sich dessen absolut sicher?« wollte er wissen. »Ich bin mir sicher.« Ich blieb völlig cool. Kunden reagieren nach ihren Operationen manchmal ein wenig überheblich, da sie annehmen, ich betrachte ihre Gehirne lediglich als etwas komplizierteren grauen Haferschleim. Diese Annahme war korrekt. »Sie können es selbst überprüfen, wenn Sie wollen. Der in Ihrem Schläfenlappen implantierte Eingriffsmonitor gestattet Ihnen den Zugriff auf alle Testergebnisse. Denken Sie einfach daran, und Sie werden sich erinnern.« Er blies die Backen auf, ließ die Luft entweichen und sah, plötzlich aus wie ein kleiner Junge. Daten strömten in seinen Geist wie längst vergessene Erinnerungen an Lektionen aus der dritten Klasse. Er vergegenwärtigte sie sich und schaute leicht verärgert drein. »Perfekt. Alles wurde vertragsgemäß ausge- führt. Trotzdem fühle ich …« Er beugte sich nach vorne über den Rauchertisch aus Kirsch- holz. Er zog eine Kekspackung zu sich herüber, die ich bereitge- legt hatte, um ihm seine Rückkehr aus der Bewußtlosigkeit etwas angenehmer zu gestalten. Die elegante, japanisch ange- hauchte Verpackung öffnete und löste sich auf, und am Ende hielt er nur noch eine dünne Schnur in der Hand. Er griff nach einem Ingwerplätzchen und betrachtete es. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich richtig an alles erinnern kann. An alles, was ich brauche.« Er wirkte ein wenig hilflos. »Ihr Vertrag hat mir nicht gestattet, mich für Sie an irgend etwas zu erinnern.« »Ich weiß, ich weiß.« In Inmans Gehirn wimmelte es von Bewußtseinsblöcken, die geschützte Informationen abschirmten. Eine Reihe neuer Blök- ke war kurz vor seinem ersten Besuch bei mir eingesetzt worden – für den Fall, daß ich auf der Lohnliste eines Konkurrenten von Transcendental Transitions stehen und versuchen würde, mir die Informationen zu beschaffen, indem ich zusätzliche Verbindungsbahnen anlegte. Im Augenblick waren Inmans eigene Gedanken verschlüsselt. Ich hoffte, daß er es schaffen würde, nach Hause zu finden. Es war ein Geschäft mit dem Teufel, wenn man für eine sensible Firma wie Tran2 arbeitete, aber es gab viele, die dazu bereit waren. Daß er sich seine eige- nen Gedanken immer nur zeitlich begrenzt ausleihen konnte,, war etwas, womit Inman sich schnell abfand. Natürlich war ›Thomas Inman‹ nur ein Etikett. Ich kannte seinen richtigen Namen nicht, ebensowenig die Namen seiner Freunde und Verwandten, und ich wußte auch nicht, wie er von Kindern genannt wurde. Es wäre eine Vertragsverletzung meinerseits gewesen, wenn ich versucht hätte, mehr herauszu- bekommen. Wie viele Firmen-Heos besaß er eine professionelle Persönlichkeit, in Form gehalten für optimale Effizienz: zielge- richtet, gelassen, nicht ablenkbar. Aber jetzt wirkte er nicht professionell. Er sah eher ängstlich aus. »Wenn Sie vermuten, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist, dann sollten Sie es mir mitteilen«, sagte ich. »Überhaupt, wenn Sie mit meiner Arbeit unzufrieden sind …« »Nein, nein. Sie sind der Beste, das weiß ich. Deshalb habe ich ja auch Sie engagiert.« Er lächelte mich an, und Fältchen entstanden in seinen Augenwinkeln. Er sah durchaus liebens- wert aus. Ich hatte nicht überprüft, ob das in der Haut enthalte- ne Keratin um seine Augen von einem MikroChirurgen zu einem Muster namens ›Mächtiger-aber-sensibler-Topmanager‹ massiert worden war, aber wenn es sich tatsächlich so verhielt, dann war er ganz schön raffiniert. Die meisten Männer, vor allem Heos, schworen auf Gesichtschirurgie, durch die ihre Gesichter so verdächtig glatt wurden wie retuschierte Fotos von der High-School-Entlassungsfeier. »Es wurde mir von jeman- dem gesagt, auf dessen Meinung ich vertraue.« »Wie nett.« Ich nahm selbst ein Ingwerplätzchen. Knusperig und aromatisch. Es war etwas Handfestes, Greifbares, was man von Inman nicht behaupten konnte. Ich hatte während der vergangenen drei Wochen alles, was ich in seinem Nervensy-, stem installiert hatte, einer letzten Überprüfung unterzogen, sämtliche zusätzlichen Prozessoren, die Netzverbindung im Kreuzbeinsegment seines Rückenmarks, die Erschöpfungs- hemmer, die Koordinationsoptimierer, alles. Es gab nirgendwo einen Fehler. »Ihr Geist ist nicht für das geschaffen, was mit dem Gehirn darunter angestellt wurde. Wie Sie sich vielleicht erinnern können, haben wir all das vorher ausführlich bespro- chen …« »Das weiß ich doch. Ich weiß!« Seine Augen zuckten hin und her. »Ich hatte nur nicht erwartet, daß ich mich hinterher so verloren fühlen würde. Es ist alles so groß da draußen. Ich habe das Gefühl, es saugt mich auf. Greift nach mir. Dabei bin ich kein bißchen verändert.« Ich seufzte. Was hier geschah, war mir sattsam bekannt. »Ich weiß, es ist schwer, sich daran zu gewöhnen. Aber am Ende schaffen wir alle es trotzdem. Die Ergebnisse entsprechen nicht unseren Erwartungen. Das können sie nicht. Die Tatsache, daß man den direkten Zugriff auf Terabytes von Daten hat, daß deren Verarbeitung und Zuordnung erheblich beschleunigt abläuft, macht einen nicht unbedingt glücklich. Daraus ergibt sich nicht zwangsläufig, daß das Universum der Vernunft gehorcht. Es macht einen nicht zu einem besseren Menschen, sondern nur zu einem effizienteren. Damit leben wir. Mehr können wir nicht tun.« »Es sollte lieber nicht alles sein, was Sie tun können. Das ist Gigascheiße, mehr nicht. Gigascheiße.« Erneut legte er die Hand auf seinen Kopf und schien wieder über sein Haar zu erschrecken, als ob er erwartet hätte, mit kahlem Schädel auf- zuwachen. Er zupfte an den Haaren. »Das kann ich nicht ertra-, gen.« Ich wurde allmählich ungehalten. »Mr. Inman, Sie können sich selbst mittels hemmender amygdaloider Stimulation beru- higen, wenn Sie wollen. Wie im Vertrag vereinbart, besitzen Sie nun die Fähigkeit …« »Ich will mich aber verdammt noch mal nicht beruhigen! Ich möchte herausbekommen, wo Sie Mist gebaut haben.« Er stand auf, stieß gegen den Tisch und ließ den Stapel Plätzchen auf den Fußboden kullern. Ich konnte mir im letzten Moment verknei- fen, mich sofort hinzuknien und das Gebäck wieder ordentlich auf den Tisch zu legen. Aber Kaffee war auf das Kirschholz gespritzt. Wenn Flecken zurückblieben, würde Corinne … verdammt noch mal, er ging mir allmählich ganz schön auf die Nerven. »Ich brauche mehr, als Sie mir gegeben haben, Ambrose.« Inman atmete zischend ein. »Viel mehr.« Er baute sich drohend vor mir auf. Sein Gesicht verschwand im Lichtschein, der durch die Fenster drang. Für einen kurzen Moment verspürte ich Angst. »Mr. Inman! Bitte entspannen Sie sich. Benutzen Sie Ihr Amygdal, setzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand ein, nehmen Sie was immer Ihnen einfällt. Aber hören Sie auf. Damit kommen wir keinen Deut weiter. Bitte.« Er starrte mich an, seine Pupillen waren vergrößert, und er atmete schwer. Sein Zorn war so etwas wie sein Wachhund. Inman wollte spüren, wie er knurrte und an der Leine zerrte, und nicht, wie er aufgrund eines plötzlich Ausstoßes von Neu- rotransmittersubstanz verschwand. Ohne abzuwarten, was er als nächstes tat, ging ich in die Kü-, che, nahm Schwamm und Kaffeekanne und kehrte zurück. Ich wischte den Tisch ab und schenkte ihm eine frische Tasse ein. Dieser war, wie auch alle anderen Möbel, im scharfkantigen missionsbeeinflußten rot-grauen Stil gehalten, der allgemein unter der Bezeichnung Solar Mission bekannt war. Auf klassi- sche Art unmodern, und er erinnerte mich irgendwie an Corin- ne, aber ich brauchte schließlich irgendeine Sitzgelegenheit. Meine ohne Hast ausgeführten haushaltlichen Aktivitäten verblüfften ihn, soweit das überhaupt möglich war. Es war dumm von mir gewesen, sein verdammtes Amygdal zu erwäh- nen. Wer wäre nicht in die Luft gegangen? Es war unentschuld- bar, daß ich es ausgesprochen hatte. Ich fragte mich, was an ihm mich eigentlich so sehr ärgerte. »Okay, okay. Tut mir leid.« Inman setzte sich wieder und trank seinen Kaffee, wobei ihm nicht anzumerken war, daß er mich kurz vorher noch angebrüllt hatte. Vielleicht hatte er ja doch sein Amygdal benutzt. »Sie haben Kardamom hineinge- tan. Diese Sitte stammt aus dem Jemen, nicht wahr?« Ich trank friedlich meinen eigenen Kaffee. Gerade im Jemen war ich noch nicht gewesen, weshalb ich vor allem dort übliche Gebräuche kultivierte. Ein paar gemusterte Teppiche, ein paar Ziergegenstände aus gehämmertem Messing, und jeder, der irgendeinen Verdacht hegte, würde sofort in die falsche Rich- tung bellen, hoffte ich. »Ich hatte Freunde, die dort starben.« Inman war nachdenk- lich geworden. »Haben Sie gedient?« »Mal hier, mal da«, antwortete ich auf jene ausweichende Art und Weise, die typisch war für Devo-Kriegsveteranen. »Jetzt ist alles vorbei.«, »Ja.« Er lachte. »Wir meinen immer, daß alles vorbei ist.« Er grinste mich selbstgefällig an. Er machte mich wirklich nervös. Ich wollte, daß er endlich mein Haus verließ. »Mr. Inman, ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie mir nicht mit ein paar Einzelheiten …« »Corinne Zamm meinte, Sie seien gut. Sie wollten fragen, wer Sie empfohlen hat, aber Sie haben es nicht getan. Ich möch- te wissen warum? Sie waren doch mal mit ihr verheiratet, nicht wahr? Sie hat sich positiv über Sie geäußert. Ex-Ehefrauen tun so etwas gewöhnlich nie, deshalb nahm ich an, es hätte etwas zu bedeuten.« Mir verschlug es die Sprache. Corinne hat diesen Kerl zu mir geschickt? Weshalb um alles in der Welt? Ich hatte Corinne seit Jahren nicht gesehen oder mit ihr ge- sprochen. Einmal entdeckte ich sie rein zufällig, als sie auf der Michigan Avenue beladen mit Weihnachtspaketen in einen langen Elektrowagen stieg. Es schneite ein wenig, Christbaum- kerzen funkelten in den kahlen Bäumen, und sie sah mit ihrem hellbraunen Haar, das unter ihrem Hut hervorquoll, und den gelben Handschuhen an den schlanken Fingern atemberaubend aus. Sie reichte die Pakete weiter und stieg dann elegant in den Wagen. Ich stand erstarrt im Schneematsch und versuchte zu erkennen, wer den Wagen lenkte. Ich hatte mich ganz bewußt dagegen gewehrt, etwas über ihr neues Leben zu erfahren, hatte aber in diesem Moment den dringenden Wunsch zu wissen, wie sie lebte. Und jetzt schickte sie mir Kunden? Soweit ich wußte, hatte Corinne keinen Schimmer davon, wie ich zur Zeit meinen Lebensunterhalt verdiente. Als wir uns trennten, war ich nur, Musiker gewesen. Ein Musiker mit einer ganzen Menge Ge- heimnisse. Das paßte gar nicht zu ihr. Sie war streng, aber sie war nie- mals grausam gewesen. Ehe ich etwas sagen konnte, schüttelte Inman den Kopf. »Das war gemein von mir.« Er schenkte mir ein verkniffenes Lächeln. »Verzeihen Sie mir. Ich muß nach Hause.« Er zog die Schultern hoch. Meine Gesellschaft verursachte ihm plötzlich Unbehagen. Ich erkannte, daß er wahrscheinlich mehr gesagt hatte, als er beabsichtigte und war verblüfft, weil er mich als beunruhigend empfand. »Mr. Inman«, sagte ich. »Ich möchte, daß Sie etwas verste- hen. Sie sind nicht Sie selbst. Wir brauchen noch eine Nachbe- handlung, vielleicht sogar mehrere Sitzungen, bis Sie Ihr eigenes Nervensystem völlig unter Kontrolle haben. Wir können Ter- mine …« »Von jetzt an bin ich ständig beschäftigt. Vielleicht laufen wir einander noch mal über den Weg.« Er blickte hoch, als ein Alarmsignal anzeigte, daß ein Wagen in die Auffahrt eingebo- gen war. »Das wird wohl Priscilla sein. Es ist schon später als ich dachte. Entschuldigen Sie mich, ja? Was Sie da gemacht haben ist sehr hübsch.« Und er schritt in perfekter Haltung in die Umkleidekabine neben der Küche. Ich blickte auf meine Hände. Unbewußt hatte ich die Verpackungsschnur ergriffen und sie um die restlichen Ingwerplätzchen geflochten. Verdammt. Ich habe es noch nie gemocht, wenn Kunden meine zwanghaften Verhaltensweisen beobachteten. Ich stand auf, um die Haustür zu öffnen. Blendender Sonnenschein fiel durch die kahl werdenden, Bäume, und die mit welkem Laub und umgeknicktem trocke- nem Gras bedeckten Stellen, wo die Strahlen auftrafen, erzeug- ten in meinem Gesichtsfeld ein Schattenmuster, so daß nichts mehr vertraut erschien. Aufragende Baumstämme verschwan- den, zerschnitten vom Licht, und die Vorderfront meines Halbgeschoßhauses erschien wie eine Wand aus grellem Licht und dunklen Findlingen. Ein Paar hochhackiger Stöckelschuhe aus glänzendem Leder standen auf dem rissigen Beton der Vorderveranda. Sie waren so neu, daß das goldene Etikett zwischen Absatz und Sohle noch unberührt aussah. Ich betrachtete sie verständnislos. Laub raschelte leise. »Kümmern Sie sich jemals um Ihren Ra- sen, Mr. – oder sind Sie Dr.? – Ambrose? Ich dachte, in den Vororten tue das jeder.« Eine Windböe fuhr durch die Bäume, und aus den zitternden Sonnenscheinflecken tauchte eine Frau auf wie eine plötzliche optische Illusion. Sie stand in ihren Strümpfen im Gras und schleuderte mit dem Fuß ein paar welke Blätter in die Luft. Sie besaß dunkle, seidige Haut, eine hohe Stirn und seltsam kurze Finger wie ein kleines Mädchen. »Diese Vororte sind wohl woanders«, sagte ich. Sie ergriff meinen Arm, um auf die Veranda zu klettern und nickte mit dem Kopf, um sich für meine Hilfe zu bedanken. Sie berührte die Innenseite meines Arms wie eine schmusesüchtige Katze, sanft, aber mit Nachdruck. »Hier bevorzugen die, äh, Sons of Glen Canyon die Wildnis. Sie erzwingen sie sogar.« Sie lächelte amüsiert, ein Ausdruck, perfekt geschaffen für ihre beweglichen Lippen und großen braunen Augen. »Das ist doch keine Eichengrassavanne. Oder eine Hochgrasprärie. Ich, bin keine Botanikern, aber … das ist vielleicht ein Durcheinan- der! Ein absolutes Chaos.« Sie lachte. »Nicht daß es mir etwas ausmacht. Die Welt kann manchmal einfach zu ordentlich sein. Oder schlimmer, bewußt unordentlich.« Sie schlüpfte wieder in ihre Schuhe und reichte mir die Hand. »Mein Name ist Priscilla McThornly.« Dann zuckte sie zusammen und bewegte die Zehen in ihren Schuhen, die offenbar ungewohnt für sie waren. Wenn sie so weitermachte, bekäme das glatte Leder am Ende häßliche Falten. »Jetzt sind meine Strümpfe naß.« »Peter Ambrose.« Wir reichten uns in einer Geste übertrie- bener Förmlichkeit die Hand. Ihr Griff hatte den gleichen sanften Druck wie der Zug an meinem Arm vorher. »Aber das wußten Sie längst … nur Mister, nicht Doktor.« »Ich weiß nicht viel von Ihnen. Tom hat so geheimnisvoll getan. Er ist Geschäftsmann. Und die haben in ihrem Leben nicht genug Geheimnisse.« Die Art und Weise, wie sie seinen Namen aussprach, bestätigte meinen Verdacht, daß er falsch war und nur für diesen Anlaß benutzt wurde. »Nur wenige von uns haben welche.« Sie lächelte, als hätte ich etwas ausgesprochen Kluges gesagt und nichts, was eher nach leerem Partygeplauder klang. »Dann sind wir es einander schuldig, dafür zu sorgen.« McThornly trug einen eng geschnittenen dunklen Mantel gegen die Herbstkälte. Er war zugeknöpft und gegürtet, um- schmiegte die Rundungen ihrer Hüfte und Brüste, und ich betrachtete ihn und versuchte mir vorzustellen, wie ich ihr aus dem Mantel helfen würde, wenn ich dazu die Gelegenheit bekäme. »Ich fürchte, ich kann nicht viel Geheimnisvolles bieten.« Ich, deutete auf mein Haus. »Was Sie da sehen ist alles, was es zu sehen gibt.« »Sie stochern in den Schädeln anderer Menschen herum und haben keine eigenen Geheimnisse? Ist das nicht gefährlich?« Sie löste ein wenig geistesabwesend die obersten drei Schnallen ihres Mantels. Das Kleid, das sie darunter trug, war hochge- schlossen, streng. Ich konnte sie in der stillen Luft riechen und war überrascht über die Lebendigkeit ihres Duftes. »Ja«, antwortete ich. »Das ist es.« Sonnenlicht erfüllte meinen Kopf. Sie lächelte und hakte sich bei mir unter, als spazierten wir nach einem Abend in einem Restaurant die Straße entlang. In einem teuren Restaurant. Es war eine so vieldeutige Berührung, daß es unmöglich war, ihr zu widerstehen, und ich ließ mich an der Seite meines Hauses vorbeiführen. »Überdies«, sagte sie. »Lügen Sie mich an, nicht wahr? Das Labor eines verrückten Wissenschaftlers im Keller und ein Klavier, um die Bestien zu besänftigen, die Sie hier erschaffen … keine Geheimnisse, Peter?« Der Weg am Haus bestand aus rissigem Beton, der schon lange ausgebessert werden mußte. Sie schritt in ihren Stöckel- schuhen vorsichtig über die gegeneinander verschobenen Betonplatten, zog mich vorbei an ungestutzten Büschen und dem verrosteten Maschendrahtzaun, der mein Grundstück von dem des dunkelroten Klinkerbaus nebenan trennte, dessen Bewohner ich noch nie gesehen hatte. Vergessener Abfall lag auf dem kahlen Erdboden neben dem Fundament. Ich hatte keinen Mantel übergezogen. Die Luft zwischen Erdboden und Himmel war kälter, als ich erwartet hatte, trotz, des hellen Sonnenscheins, und ich fröstelte. Vertrocknete, zusammengerollte Überreste sommerlichen Unkrauts knister- ten und zerfielen, als wir hindurchschritten, und zahllose mit winzigen Haken und Dornen versehene Samenkörner blieben an ihrem Mantel und meiner Hose hängen. Sie schien es nicht zu bemerken. »Was wissen Sie über mein Klavier?« fragte ich, plötzlich mißtrauisch geworden. Das Kellerstudio war mein ganz privater Ort, und niemand gelangte jemals dorthin. Zwischen dem Studio und der Außenwelt gab es zahlreiche Türen, die man überwinden mußte. Sie lachte. »Sie sind Musiker, Pianist. Sie spielen in Clubs, und zwar ganz offen, wo jedermann Sie sehen kann. Nicht schlecht dazu, wie ich höre. Sie sind ein echter Musiker, und echte Musiker spielen, wenn niemand anderer sie hören kann. Deshalb haben Sie ein Klavier.« »Aber woher wissen Sie, daß es im Keller steht?« Sie schürzte die Lippen, ungehalten über meine Hartnäckig- keit. »Weil Thomas sonst nirgendwo eins finden konnte. Ich bat ihn, sich im Haus umzusehen.« »Weshalb?« »Weil ich neugierig war, wer sich an Thomas' offenem Schä- del zu schaffen machte.« Sie faßte einen überhängenden Eiben- ast und schüttelte ihn. Tau regnete auf uns herab und funkelte in der Sonne. »Und ich erfahre, daß es ein Mann mit einem geheimen Klavier ist.« »Es ist nicht geheim.« Ich war mürrisch wie ein Kind mit ei- nem Schatz in einer ramponierten Zigarrenkiste, den man soeben als etwas furchtbar Alltägliches entlarvt hatte., »Weshalb ärgern Sie sich denn so, daß ich danach frage?« Sie betrachtete mich mit durchbohrender Eindringlichkeit, ein bei ihr eher spaßig wirkender Gesichtsausdruck. Ich atmete aus, und es wurde ein Lachen daraus. »Keine Ah- nung. Es ist etwas sehr Privates.« »Das ist gut«, sagte sie und wirkte plötzlich zerknirscht. »So etwas braucht jeder. Tut mir leid, daß ich Sie damit bedrängt habe. Mein Gott, Peter, dieses Durcheinander ist ja noch schlimmer. Oder besser.« Wir hatten den Garten hinter dem Haus erreicht. Jenseits der jungen Bäume, die auf der ehemaligen Rasenfläche wuchsen, waren die verbrannten und zerfallenen Ruinen des Hauses zu erkennen, das früher auf der anderen Seite des Blocks gestanden hatte. Seit zehn Jahren wohnte dort niemand mehr. Ich besaß die Parzelle, und die Ruine bildete die äußere Grenze meines Verteidigungsgürtels. Ein rundlicher Engel lag in der trockenen Vogeltränke in der Nähe der Hintertür, wahrscheinlich der Mittelteil eines rein hypothetisch ganzjährig grünen Beetes, und blickte mich schüchtern an. Dabei taten die Exkremente enttäuschter, dur- stiger und ungebadeter Vögel seinem Charme keinen Abbruch. »Ich nehme an, ich sollte mal rausgehen und ein paar Blätter zusammenkehren«, sagte ich. »Trotz der Sons of Glen Canyon?« »Zum Teufel mit ihnen.« Ich wurde mutig. »Ich gebe ihnen ein paar mit meinem Rechen drüber.« Ich blickte mich suchend um. »Das heißt, wenn ich ihn finde.« Sie lachte erneut. Am Küchenfenster erschien eine dunkle Gestalt. Inman sah, zu uns heraus. Er lehnte sich über den Tisch und stützte eine Hand gegen die Glasscheibe. Die Hand wurde flachgedrückt, war weiß und größer als sein Kopf und sah aus wie etwas, das unter Wasser lebte. »Es scheint, als ob Thomas – was ist los?« Priscilla ergriff meinen Arm. »Sehen Sie ein Gespenst?« Ich ertappte mich dabei, wie ich mit großen Augen das Kü- chenfenster anstarrte. Ich zwinkerte, aber Inman war ver- schwunden. »Wer ist er?« Ihr Gesicht wurde abweisend. »Sie sind durch sein Gehirn gestreift. Die Hälfte von allem, was jetzt drin ist, haben Sie selbst reingesteckt. Sie müßten es eigentlich besser wissen als jeder andere.« »Nein, ich … es ist … ich habe keine Ahnung, wer er ist. Wie sein richtiger Name lautet. Thomas jedenfalls nicht. Das höre ich aus der Art und Weise, wie Sie den Namen aussprechen. Ich weiß auch nicht, was er tut. Mit wem er … verheiratet ist.« »Soweit ich mich entsinne, haben Sie einen Vertrag unter- schrieben, in dem erklärt wird, daß diese Dinge für Sie nicht von Interesse sind.« Ihre Stimme klang plötzlich auf professio- nelle Weise kühl. »Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der besagt, daß ich nicht in seinen Geist eindringe, um es herauszufinden. Darin stand nicht, daß ich niemanden danach fragen darf.« »Nun, Peter, auch ich habe meine Verträge. Gehen wir wie- der nach vorn. Thomas brennt sicher schon darauf, endlich wegzukommen.« Diesmal war ihre Hand an meinem Ellbogen drängender. Ich sträubte mich dagegen. Sie ließ ihre Hand sinken, und ich folgte ihr zur Vorderseite des Hauses., Thomas Inman trat aus der Tür, und Priscilla McThornly ging zu ihm hin. An diesem Morgen bestand sein Halsschmuck aus einem versilberten Präzisionsinstrument, eine Reminiszenz an die mächtige industrielle Vergangenheit unserer Nation. Sein Kragen war in Gold eingefaßt und war mit Kontaktzungen alter Computertastaturen besetzt. Seine Kleidung war ein wenig zu aufdringlich. Eine gewagte Kombination. Aber Männer wie Inman kleideten sich nicht, um aufzufallen. Die Art und Weise, wie McThornlys kindliche Hand sich an den Ärmel seiner Jacke klammerte, verriet mir, daß sie die Sachen für ihn ausgesucht hatte. Ich weiß nicht, weshalb mich das so sehr interessierte, aber ich ziehe nun mal gerne völlig nutzlose Schlußfolgerungen über Menschen, die überhaupt nichts mit mir zu tun haben. »Vergessen Sie nicht, mich anzurufen«, sagte ich. »Ich muß Sie noch mal sehen.« Ich fühlte mich schlapp, fett, wünschte mir plötzlich einen gestärkten weißen Kragen, der meinen Kopf daran hinderte, herabzuhängen wie eine Sonnenblumenblüte im Herbst. Ich widerstand dem Drang, meine Augen zu reiben oder mir mit den kleinen Fingern das Schmalz aus den Ohren zu pulen. Inman schaute mich teilnahmslos an, seine Augen tote blaue Glasmurmeln, dann ließ er sich von McThornly zu ihrem schnittigen Wagen hinunterführen. Sie ging elastisch neben ihm her, ein Dutzend korrespondierender Bewegungsabläufe bei jedem Schritt, während er mit der Gelenkerschütternden Schwerfälligkeit eines ehemaligen Collegesportlers dahinstapfte, dessen Muskeln völlig erschlafft sind. Sie lächelte mich über die Schulter an und winkte mir, wobei sie mit jedem einzelnen Finger spielte. Sie besaß wundervolle Beine, wie ich nun sehen, konnte. Die dunkle Strumpfnaht saß mit mathematischer Genauigkeit genau in der Mitte ihrer Waden. Sie verschwanden hinter den gleißenden Wagenfenstern aus Reflektorglas. Ich blinzelte und wandte mich ab. Ich kehrte ins Haus zurück und ging die Treppe hinunter in den Keller. KAPITEL 3 Ich hatte mir dort ein Musikstudio eingerichtet, in dem ich üben konnte, ohne daß man es im übrigen Haus hörte. Das war natürlich nicht mehr nötig. Wahrscheinlich hatte ich deshalb die schallschluckenden Platten nicht ersetzt, die sich von der Betonwand gelöst hatten. Ich stand da, stützte mich mit einer Hand aufs Klavier und betrachtete die nackte Betonfläche. Sie wurde von einem schwarzen Riß durchzogen, und ein dunkler, bedrohlich aussehender Fleck reichte bis zur Decke hoch. Es sah beunruhigend aus, als seien die Grundfesten des Hauses im Begriff zusammenzubrechen, aber ich wußte, daß es schlimmer aussah, als es wirklich war. Der Schaden war eher kosmetischer Natur. Die andere Hälfte des Kellers war früher Corinnes Tanzstu- dio gewesen, wo sie gelegentlich kleine Klassen unterrichtet hatte. Widerstrebend öffnete ich die Studiotür und ging hinein. Der Schwingboden federte noch immer ohne Knarren unter meinen Füßen. Hier gab es keine Risse oder Feuchtigkeitsspu- ren. Corinne hätte so etwas niemals geduldet, und es schien, als, gälten ihre Regeln immer noch. Der verstaubte Spiegel war eine Nebelbank, in der meine re- flektierte Gestalt nur als Navigationshindernis zu erkennen war. Ich wischte darüber. In den klaren Streifen konnte ich mich stückweise deutlich erkennen. Ich zwinkerte mir zu. Mein Ärmel war am Handgelenk abgescheuert, und meine Hose flatterte am Gesäß. Gewöhnlich schenkte ich solchen Mängeln wenig Beachtung, aber so hatte mich Priscilla McThornly gesehen. Nämlich als fähigen, aber schlampigen Vorortchirurg. Ich war ein wenig entsetzt. Mein dünnes blondes Haar, viel zu lange nicht mehr ge- schnitten, stand auf meinem Schädel wie Weizen, der nach dem Tod des Farmers im Stich gelassen worden war. Sogar meine Wimpern waren blond und verliehen mir ein leicht dämliches Aussehen. Ich wischte mir durchs Gesicht – unrasiert, wie ich nun feststellte. Da ich ziemlich groß und massig war und ein flaches, breites Gesicht besaß, sah ich eigentlich aus wie der dumme Schulrabauke, der sich ins Fäustchen lachte, während er darauf wartete, daß die kleineren Jungen auf dem Nachhause- weg die Abkürzung durch die Gasse nahmen, in der er lauerte. Ich betastete mein Gesicht: wer verdächtigt schon jemand so Häßlichen, sich einer kosmetischen Operation unterzogen zu haben? Aber es schien, als sähe ich schlimmer aus als je zuvor. Ich hatte mit Sicherheit besser ausgesehen, als ich noch dieser starke junge Pianist gewesen war, den das Melinsky Studio engagiert hatte, um für einen Ballettanfängerkursus bei Miss Corinne Zamm Tschaikowsky zu spielen. Ich mußte einfach besser ausgesehen haben. Damals war ich professioneller Jazzmusiker und hatte das, Glück, meinen Lebensunterhalt auf musikalische Art und Weise zu verdienen. Im Melinsky Studio stand ein alter Hallet Davis, ein wundervolles Instrument, das in der trockenen Radiatorluft arg gelitten hatte. Ich besitze breite Hände, eine Reichweite von mehr als einer Oktave, und biegsame Finger. Meine erste ernst- hafte Diskussion führte ich mit Corinne, als ich herausfand, daß meine boogie-woogie-mäßigen Improvisationen über Schwa- nensee nicht gerade das waren, was sie sich für ihr petit allegro vorgestellt hatte. »Ein guter Musiker sollte alle Arten von Musik spielen können«, erklärte sie mir. Also spielte ich von da an Delibes und Tschaikowsky in unverfälschter Form und erledigte den Job, für den ich bezahlt wurde. Irgendwann bat sie mich, nach Unterrichtsende zu bleiben und ihr weitere Variationen vorzuspielen. Es war eine Heraus- forderung. Sie betrachtete mich als Klugscheißer und wollte mir irgend etwas beweisen. Während ich durch die uralten Boogie- Woogie-Acht-Takte-Rhythmen des Pianoblues von 1920 sprang, tanzte sie dazu ihre eigenen Variationen. Ich hatte schon oft gehört, daß eine gute Jazztänzerin eine ebenso lyri- sche Improvisatorin ist wie ein guter Musiker, aber ich hatte es nie wirklich geglaubt. Ich traute Tänzern nicht sehr viel Intelli- genz zu, jedenfalls nicht mehr als Berufsringern. Ich hatte stets die Auffassung vertreten, daß Leute, die sich für Tanz interessieren, zu dumm waren, um ein Theaterstück zu verstehen, und zu phantasielos, um sich ein Musikstück anzu- hören, ohne daß auf der Bühne irgend etwas geschieht. Aber Corinne drang in die Musik ein, benutzte sie nicht als Werk- zeug. Die meisten Tänzer weisen Musikern die Rolle von Beglei- tern zu. Wir waren jedoch ein Duett, bei dem der eine Partner, nichts ohne den anderen vollbringt. Als wir aufhörten, waren wir beide in Schweiß gebadet, und der Hausmeister des Me- linsky-Studios stand ungeduldig mit Besen und Eimer in der Tür. Dabei wippte dieser Bastard noch nicht mal mit dem Fuß den Rhythmus mit. Verdammt, Inman hatte mich tatsächlich in Rage gebracht. Daß ich so intensiv an Corinne dachte, war ein schlechtes Zeichen. Ich wandte mich von ihrem Spiegel ab und kehrte in mein eigenes Klavierstudio zurück. Ich kniete mich hin und durchstöberte einen Wandschrank. Er war vollgestopft mit unordentlichen Notenstapeln. Der Staub, der bei meiner Sucherei hochwirbelte, reizte mich zum Niesen. Ich ließ mich nicht durch die faszinierende Musik ablenken, die ich längst vergessen hatte, wie zum Beispiel vikto- rianische Musikhallenlieder, die populären Noten von 1920, Kompositionen von Szymanowski und Reger. Schließlich fand ich, was ich suchte: ein Exemplar von Beethovens 17. Klavier- sonate in d-Moll. Der gelbe Umschlag war schon vor langer Zeit eingerissen und mit Klebeband geflickt worden. Die Klebe- masse hatte sich aufgelöst, und das Papier darunter war stärker vergilbt. Das Notenheft fiel beinahe auseinander, als ich es aus dem Schrank zog. Ich legte es auf den Notenhalter des Klaviers, ließ mich nie- der und spielte ein paar Takte der Einleitung. Es war eine Ewigkeit her. Ich konnte mich nicht erinnern wie lange. Die Noten erschienen mir irgendwie vertrocknet und verstaubt. Ich schlug einen falschen Akkord an und hielt inne. Mein Herz hämmerte wie wild. Ein Winkel im Flur des oberen Stockwerks im Haus meiner Großmutter hatte mir das gleiche Gefühl, vermittelt. Der Korridor beschrieb kurz vor dem Bad einen kleinen Knick, und genau dort, an der Wand, war unter der Blümchentapete ein rätselhafter dunkler Fleck zu erkennen gewesen. Ganz gleich, wie oft die Tapete gewechselt worden war, der Fleck war immer wieder durchgedrungen. Auch der Geruch im Flur war immer der gleiche gewesen, nach Lakritze und angebranntem Öl, ein Geruch, der mich heute noch an meine Großmutter erinnerte. Aber der Fleck, der Fleck war niemals deutlich zu sehen gewesen, und er hatte mir niemals seine wahre Form enthüllt. Im Zeitalter mentaler Modifikationen ist ein plötzlicher, un- widerstehlicher Impuls stets verdächtig. Vielleicht steigt er nur aus dem uralten Eidechsenmittelhirn im wabernden Sumpf des umgebenden limbischen Systems auf, wo es an archaischen Erinnerungsströmen saugt. Möglicherweise ist er auch das kalkulierte Ergebnis eines implantierten mikroskopischen Prozessors, der auf künstliche Art und Weise den Neurotrans- mitterfluß an genau definierten Synapsen stimuliert. Jedenfalls saß ich an meinem Klavier, atmete die kalte Studioluft und konnte nicht entscheiden, woher der Impuls kam. Ich nahm allwöchentlich eine sorgfältige Überprüfung mei- nes Zentralnervensystems vor, so wie viele Leute ihre alten Autos pflegten. Noch hatte ich keine Beweise für eine nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst vorgenommene Manipu- lation gefunden. Ich ließ die Notenblätter auf dem Klavier liegen, erhob mich und ging langsam hinüber in Corinnes Studio. Ich zählte Bodenbretter von der Rückwand ab und drückte auf einen Holzdübel. Eine Falltür schwang auf. Corinne hatte, nie von ihrer Existenz gewußt. Es war nur ein weiteres der vielen Geheimnisse, die ich vor ihr hatte. Sie und ihre Schüler waren jahrelang darüber hinweggetanzt und hatten mit ihren Ballettschuhen darauf herumgetreten. Ein Kriechgang, in dem es feucht und nach Vergessen roch, führte zu versteckten elektronischen Schaltungen. Es war ein idealer Platz, um irgendwelche Dinge zu verstecken, aber ich hatte dort nichts versteckt. Meine Geheimnisse steckten im Holz der Falltür. Es war gut, daß ich kleine Geheimnisse hatte. Der Kasten, den ich herausholte, maß dreißig Zentimeter im Quadrat, war aber nur knapp acht Zentimeter hoch. Ich hatte seit zehn Jahren nicht mehr hineingeschaut. Weshalb also sollte ich es jetzt tun? Warum war auf dem Fußboden meines Schlafzimmers ein Körper aus dem Holo-TV erschienen? Ich legte den Kasten auf den Boden. Die Gruppe befand sich darin. Vielmehr das, was ich davon noch besaß. Und das war es. Die Gruppe. Vor langer Zeit hatte ich beschlos- sen, sie zu vergessen, und ich hatte diesen Entschluß mit menta- len und neurochemischen Sperren unterstützt. Aber zu verges- sen ohne sich zu erinnern war gefährlich. Ich hatte Abwehr-, Warn- und Wachsysteme geschaffen – und sie waren aktiv geworden. In der vergangenen Nacht. Irgendwie war die Grup- pe zurückgekommen. Ich öffnete den Deckel des Kästchens. Zahlreiche kleine Ge- genstände befanden sich darin: das reichverzierte Stichblatt eines japanischen Schwerts. Eine Kindermurmel, die aussah wie die Erde, aus dem Weltall betrachtet. Ein schwerer automati- scher Ratschenschlüssel. Ein antikes Skalpell mit Horngriff. Ein weicher Lederhandschuh und – ich nahm es heraus und dra-, pierte seinen Seidenstoff auf meinem Arm – ein blau-grünes formelles Halstuch, das mit entfernt indonesisch anmutenden Figuren bemalt war. Ich knüllte das Tuch zusammen, stopfte es zurück und schlug den Deckel des Kastens zu. Mein Herz schlug heftig. Charlie Geraldino. Ich erinnerte mich plötzlich an ihn, sah ihn deutlich vor mir, eine sinnlos grinsende Gestalt mit einer Schwäche für Dünnbier. Die Falten von Charlies Gesicht hatten immer ausgesehen, als hätte er sie mit weißem Puder überstäubt. Das Bemalen von Halstüchern war sein Hobby gewesen, so wie ich zum Zeitvertreib Klavier gespielt hatte. Was tat man nicht alles, um sich in Camp Fitzwater die Zeit zu vertreiben. Charlie war tot. Aber nicht schon seit Jahren. Was hatte der Sprecher gesagt? Gestern nacht vor achtundvierzig Stunden. Ermordet. Ich rannte mit dem Kasten unterm Arm die Treppe hinauf. Als ich die Tür meines Schlafzimmers öffnete, erblickte ich eine Mischung aus Versailles und Supermarkt. Die Ralfies waren auf ihre unkritische Art fleißig gewesen. Verschwunden war das Jugendzimmer von 1950 mit seinen verräterischen, geistverwir- renden Trophäen; ersetzt durch Unmengen mit Schnitzereien versehenen, simulierten Holzes, einen bestickten Betthimmel, der aus Spinnweben zu bestehen schien und einen eleganten kleinen Schreibtisch, der zu Staub zerfallen wäre, wenn ich ihn auch nur sacht berührt hätte. Die Ralfies standen in Reih und Glied unter dem Fenster, bekleidet mit höfischen Gewändern und Perücken. Ich rief das Bild des ermordeten Mannes ab. Der TV-Dämon war schlauer als ich und hatte es gespeichert. Er befolgte In- struktionen, die jemals gegeben zu haben ich mich nicht mehr, erinnern konnte; Instruktionen, die schon viele Jahre alt waren. Der Körper erschien wieder auf meinem Fußboden. Nach einigen zusätzlichen Bemühungen lieferte der Fernseher auch ein detailliertes Holobild der Wohnung des Opfers, während mein eigenes Zimmer verblaßte. Der Tote hatte in einem eini- germaßen geräumigen Apartment gelebt, das im längst verges- senen Hotech-Stil von vor zehn Jahren möbliert und dekoriert war. Ich schlenderte durch die Szenerie und nahm Einzelheiten zur Kenntnis wie zum Beispiel die halbleere Cornflakesschüssel auf dem Tisch. Die Cornflakespackung stand in einer Weise davor, wie man sie bei Leuten beobachten kann, die ständig aufs neue den Packungstext lesen, während sie frühstücken. Bilder hingen schief, ein Stuhl war umgekippt. Die Leiche trug nur einen Pantoffel, und die andere Fußsohle war schmut- zig. Dicht über einer ausgestreckten Hand befand sich eine Stange mit sorgfältig geordneten Halstüchern, alle handbemalt mit farbenfrohen Mustern. Ein einfaches Hobby für einen Gruppen-Veteranen. Der tote Mann auf dem Fußboden war Charles Geraldino, und er hatte mir einmal so nahe gestanden wie ein Bruder. Was bedeutete, daß ich ihn manchmal gehaßt und mir oft gewünscht hatte, ihn nie wiederzusehen. Die Polizei besaß nur wenig neue Informationen: Der Tote war als Morris Lanting identifiziert worden: Einwohner von Avondale. Sonst nichts. Mein alter Kollege war bereits zu einem routinemäßigen Mordfall geworden, unter falschem Namen und falscher Identität. Niemand, der ihn wirklich kannte, betrauerte seinen Tod. Vielleicht steckte wirklich nicht mehr dahinter. Routine, ein wahlloser Mord, dem zufälligerweise ein ehemaliges Gruppenmitglied zum Opfer gefallen war, ohne daß, seine Vergangenheit irgendeine Bedeutung gehabt hätte. Ich konnte nicht recht daran glauben. Der eisige Wind der Vergan- genheit, der mir mit einemmal in den Nacken wehte, hinderte mich daran. Ein ausladender alter Sessel mit zerschlissenen Polstern, in- mitten der glatten und pflegeleichten Möbel des restlichen Apartments völlig fehl am Platz, stand mit dem Rücken zum hellen Fenster und glich so einem Thron. Er war von seinem angestammten Platz vor dem Fernseher verschoben worden, wie der faltige Teppich an einem seiner Beine vermuten ließ. Es wäre ein hervorragender Platz gewesen, um dazusitzen und zuzusehen, wie Charlie Geraldino starb. Mir wurde übel. Ich hatte es blockiert, hatte alles blockiert. Nach dem Ende der Devolutionskriege hatte die Gruppe sich getrennt, und wir waren alle unserer Wege gegangen in dem sicheren Wissen, daß niemand uns je aufstöbern könnte. Aber jemand hatte Charlie Geraldino gefunden. Mein System hatte seine Leiche genau vor mir auf den Fußboden projiziert, und ich hatte nicht weiter darauf geachtet, weil ich statt dessen den Vormittag damit verbracht hatte, mich mit einem anmaßenden Patienten herumzustreifen. Falls die Abschirmungen, die ich um diese Zeitspanne in meiner Erinnerung errichtet hatte, verhinderten, daß ich echte Bedrohungen als solche erkannte, wurde es Zeit, daß ich mich davon befreite. So schmerzhaft das auch sein mochte. Und dazu brauchte ich Corinne. Kein Wunder, daß meine Gedanken sie umspült hatten wie Wasser, das durch eine Re- genrinne strömte. Sie besaß einen Schlüssel zu einem Schloß in meinem Gehirn, den ich nicht hatte. Ich hatte ihn ihr gegeben,, hatte geglaubt, es tun zu müssen, als ich sie liebte, und hatte ihn nicht zurückbekommen. Ich hätte nie gedacht, daß ich ihn eines Tages benötigen würde. Ich riß mich gewaltsam aus meinen Gedanken und wanderte weiter durch Geraldinos Apartment. Drei Bilder hingen an der Wand. Eins zeigte einen dichten Wald und schien aus einem Reiseprospekt ausgeschnitten zu sein. Eins war ein Foto von Michelangelos David in einem schmuckvollen Rahmen, der aussah wie Marmor. Ein weiteres Bild erweckte mein Interesse. Es war ebenfalls ein Foto, hing schief und zeigte eine Gruppe von Männern und Frauen. Sieben Personen befanden sich auf dem Foto, fünf Männer und zwei Frauen. Sie standen ein wenig linkisch vor einem Labortisch. Ihren Kleidern nach zu urteilen war das Bild wenig- stens zehn Jahre alt. Seit mindestens 2019 trug niemand mehr derart ausgepolsterte Schultern. Wahrscheinlich war es dieses Bild gewesen, das mein Sicher- heitssystem alarmiert, die Leiche in mein Zimmer gezogen und die Ralfies zu ihrer wilden nostalgischen Bauorgie animiert hatte. Das Sicherheitssystem war dank der Programmierung, die ich vor langer Zeit vorgenommen hatte, gewiß in der Lage, diese Leute zu identifizieren. Ich kannte alle Gesichter. Die ernste dunkelhäutige Karin Crawford. Den schon damals halbmechanischen Hank Rush. Den kantigen Gene Michaud. Den cleveren Anthony Watkins, Lori Inversato in einem Automechanikeroverall und den trauri- gen Charlie Geraldino. Ich hatte die Jahre meiner Jugend mit ihnen verbracht. Das siebte Gesicht kannte ich nicht mehr – ein intelligentes, ein wenig überhebliches Gesicht mit ausgeprägtem, Kinn und hoher Stirn; das Gesicht eines jungen Mannes, der noch nicht die Grenzen seiner Möglichkeiten, kennengelernt hat. Damals hieß er Theo Bronkman. Name und Gesicht sind heute anders, aber ich kannte ihn. Das war ich selbst. KAPITEL 4 »Hallo? Wer ist …« Corinne hielt inne und atmete heftig ein. »Peter. Hallo.« Ich starrte für einen Augenblick ihr Bild an und räusperte mich. Das hätte ich lieber tun sollen, ehe ich sie anrief. »Hi, Corinne. Tut mir leid, daß ich auf diese Art und Weise bei dir hereinplatze, aber … ich habe eine Frage. Es ist ziemlich wich- tig.« Ihr Bild wurde aufbereitet, so daß sie wie eine silberne Ma- donna im Halblicht erschien. Ihre Haut war seidig. Ihr ernstes Gesicht verriet nichts von ihren Reaktionen. Ich fixierte sie eindringlich, als könnte ich die Bildmanipulation ihres Heimsy- stems wegwischen, wenn ich nur intensiv genug hinsah. »Ich weiß«, sagte wie. »Du würdest nicht anrufen, wenn du nicht dringend irgend etwas brauchtest.« »Corinne, das ist nicht fair! Ich …« Ein taktischer Fehler. Ich klang wie ein quengeliges Kind, das ein größeres Stück Kuchen als sein Bruder haben möchte. »Thomas Inman. Kennst du ihn?«, Sie wurde wachsam. »Peter, ich begreife nicht, was …« Sie überlegte einige Sekunden. »Ja, ich kenne ihn.« »Warum hast du ihn zu mir geschickt?« Die Frage klang ir- gendwie zusammenhanglos. Es war nicht die Frage, die ich hatte stellen wollen. Thomas Inman, wer immer zur Hölle sich hinter dem Namen verbergen mochte, war ein eher nebensäch- licher Punkt. Ich mußte Corinne bitten, meinen Geist aufzu- schließen. Ich mußte sie sehen. Ihr Gesicht veränderte sich nicht. Die Augen auf dem Schirm blieben lebhafte blaue Murmeln ohne Pupillen. Waren die Pupillen zu sehen gewesen, als sie geantwortet hatte? Es war mir nicht aufgefallen. »Ich? Ich habe Thomas nicht zu dir geschickt, Peter. Obgleich ich weiß, daß du in einem Gewerbe tätig bist, für das er sich interessiert.« Ein Unterton von Verwirrung schlich sich in ihre Stimme. »Zuerst war ich mir nicht einmal sicher, daß du dich hinter dem Namen verborgen hast. Du nimmst Gehirne auseinander? Wie bist du denn dazu gekom- men, Peter?« Ich lächelte gegen meinen Willen. Die ratlose Verwirrung in ihrer Stimme bewirkte, daß ich mich ihr nahe fühlte. »Das ist eine lange Geschichte. Jetzt ist kaum der richtige Zeitpunkt, um sie zu erzählen.« »Nun, ruf mich nicht an, um mir mitzuteilen, was du mir nicht erzählen willst. Und laß Thomas Inman aus dem Spiel.« Diese verdammten Telefonprozessoren. Ich konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Aber ihre letzte Bemerkung brachte mich von meiner ursprünglichen Absicht ab. »Weshalb sollte ich?« fragte ich herausfordernd. »Wer ist er, Corinne? Erzähl mal.«, Die Augen der Madonna blitzten und verliehen ihrem Ge- sicht einen rötlichen Schimmer. »Ich möchte dir gar nichts erzählen, Peter. Das weißt du.« Sie hielt inne. »Aber das ist nicht fair, nicht wahr? Das hättest du sagen müssen. Das hast du immer getan.« Sie holte tief Luft. »Thomas Francis Inman ist der Corporanym meines Mannes, Gideon Farley.« Sie ver- stummte und beobachtete mich, um meine Reaktion zu deuten. Es erschreckte mich weniger, als man hätte erwarten können, denn ich hatte von Anfang an den Verdacht gehabt. Ihr Mann. Warum nicht? Es war eigentlich gar nichts Ungewöhnliches. »Habe ich deine Frage beantwortet?« sagte sie. »Hast du nun, was du wolltest?« Ich konnte den Zorn in ihrer Stimme hören, obgleich das Gesicht auf dem Schirm unbewegt blieb. »Warte!« Ich brauchte gar nicht den Verzweifelten zu mi- men. »Was habe ich gesagt? Es war doch ganz natürlich, daß ich es wissen wollte. Was hattest du denn erwartet? Das ist alles. Es tut mir leid! Ich verstehe nicht …« Sie sah nun mein wahres Gesicht, voller Panik und verschwitzt. Ich öffnete mich völlig. Verstand sie das? Sie schüttelte den Kopf. Es sah aus wie eine Marmorbüste, die auf einem Plattenteller rotierte. »Es gibt nichts, was du über mich wissen müßtest, Peter. Überhaupt nichts. Es tut mir leid, wenn ich auch nur indirekt irgend etwas mit Gideons Besuch bei dir zu tun haben sollte.« »Aber ich brauche …« Meine Stimme versagte. Ich brauche meinen Kopf. Ich brauche meine Seele. Du hast sie, du hast alles. Du weißt es nur nicht. Aber ich sagte nichts von alledem. »Es tut mir leid.« Das Madonna-Bild zerfloß, und für einen kurzen Moment, schien Corrines echtes Gesicht durch. Ihr Haar war unter einem Turban verborgen, und ihre glatte Haut schimmerte rosig vom Bad. Sie trug kein Make-up, und in ihren Augenwinkeln waren Fältchen zu sehen, die ich bei unserer letzten Begegnung noch nicht bemerkt hatte. Ihre kurzen Wimpern verliehen ihren Augen einen Ausdruck der Verletzlichkeit. Es war ein privates Gesicht, wie es normalerweise nicht per Telefon übermittelt wurde. Auch sie öffnete sich. »Es ist schon in Ordnung. Beden- ke, daß ich herausfinden mußte, was du überhaupt wolltest.« Ihr Lächeln schien müde. »Vielleicht bin ich nur ein wenig aus der Übung. Ich bin sicher, du findest, was du brauchst. Leb- wohl, Peter.« Der Telefonwürfel verblaßte. Ich bückte mich und schlüpfte in meine Schuhe. Ich zog die Schnürsenkel so fest ich konnte, bis es an meinen Füßen weh tat. Wie immer legte ich das Gespräch mit Corinne in meinem Kopf ab wie verbrauchte Reaktorstäbe in einem Kühlbad, bis ich fähig war, mich damit auseinanderzusetzen. Charlie Geraldino war tot. Von allen möglichen Fakten auf der Welt war dies im Augenblick der einzige wichtige Punkt. Man hatte ihn ermordet. Seine Leiche lag im Kühlraum des Cook-County-Leichenschauhauses, einem Teil des Atman Medical. Ich mußte dorthin, um sein totes Gesicht zu betrach- ten und nachzusehen, ob er mir irgend etwas mitteilen würde. Ich hatte ihn aufgegeben, so wie ich jeden aufgegeben hatte, als die Gruppe zerbrach. Vielleicht könnte ich jetzt meinen Frieden mit ihm machen. Ich hatte sonst niemanden mehr. Corinne war mit dem sogenannten Inman verheiratet, dem Mann, den ich operiert und mit dem ich geredet hatte. Dieser Hurensohn hatte in meinem Wohnzimmer gesessen, auf Co-, rinnes altem unbequemen Sessel, freundlich geschwatzt und mir nichts gesagt. Eine automatische Bahre glitt auf leisen Rädern an mir vorüber, auf gespenstisch konzentrierte Art und Weise ihrer Tätigkeit nachgehend. Der Leichencontainer war ein älteres Modell, ein mit Satin ausgeschlagenes hexagonales Prisma. Die neueren, die einer organiformen Ästhetik entsprachen, ähnelten riesigen Insekteneikammern. Ich folgte der Bahre durch den Krankenhauskorridor wie ein anonymer Trauergast, und sie führte mich auf die rundum verglaste Plattform, von der aus man in den Kühlraum des Cook-County-Leichenschauhauses blicken konnte – Cook County Dead, Sister Death, wie die Angehörigen unseres Ge- werbes den Raum gewöhnlich nannten. Auf einer Seite stand ein Empfangspult. Der Kühlraum war eine beeindruckende pharaonische Kon- struktion. Die Grundfläche tief unten betrug etwa ein Acre. Die Wände, Reihen von Konservierungsmodulen, stiegen hoch und neigten sich nach innen wie das, Innere einer Pyramide, aber das Licht von oben war zu stark, um erkennen zu können, ob die Wände sich jemals trafen. Die Bahre rollte durch eine Kontrollsperre, glitt auf den spinnenhaften Lift und sank herab zum betreffenden Modul. Das Modul öffnete sich, und die Bahre entlud ihren Inhalt, alles ohne Hilfe menschlicher Hände und für menschliche Augen unsichtbar. Für mich öffneten sich die Türen nicht. Dies war kein Ort, an dem lebendige menschli- che Wesen willkommen waren. Der Kühlraum befand sich unter mehreren Schichten schüt-, zender Sicherheitsbarrieren und -sperren. Der Schnitt in einen Brustkorb anläßlich einer Autopsie könnte ein Nervengas freisetzen, das im Brustbein abgesondert wurde, und jeden im Operationssaal töten. Bei mindestens einer Gelegenheit hatte ein nicht aufgespürtes System kontraktiler analomyciner Fa- sern, das von einem post mortem aktiven Modul im Hirnstamm der Leiche gesteuert wurde, einen toten und teilweise sezierten Körper wild herumtanzen und lose Organe verlieren lassen. Eine organiforme Bahre koppelte an die Pyramidenwand an. Für einen kurzen Moment stand sie da, geheimnisvoll und verwirrend, dann zog sie einen transparenten Würfel heraus, der eine menschliche Leber enthielt. Zufrieden mit ihrer Aus- beute rollte sie zügig über den geländerlosen Balkon und ver- schwand in einem fernen Tunnel. Sämtliche Autopsieergebnisse wurden in Suspension aufbewahrt, da man Videoaufzeichnun- gen und Computerdaten manipulieren konnte. Es war eine Vision der Welt nach ihrem Untergang. Maschi- nen konnten menschliche Körper und Körperteile als Währung benutzen, damit Handel treiben und sich elektrische Energie und Daten verschaffen. Durch eine Doppeltür links von mir gelangte man in den Ambulanzbereich. Ein schnittiger Krankenwagen stand dort. Zwei Sanitäter lehnten dagegen und rauchten mürrisch. Die Herbstsonne schickte ihren warmen Schein auf den mit Ölspu- ren übersäten Asphalt. Das Empfangspult, ein mit dunkelgrünen Adern durchzoge- nes Organiformgewächs, wurde von einer Frau mit rundem Gesicht und zurückgekämmtem grauen Haar besetzt. Sie trug ein strenges, präzise aufgetragenes Make-up, wie man es bei, einem Richter erwarten würde. Es brachte ihre Jochbögen besonders zur Geltung. Sie hatte die stämmige, kräftige Figur einer Frau, die Zementsäcke schleppen konnte, und sie schien an die fünfzig Jahre alt zu sein. Es schien mein Tag zu sein, um Frauen jeglicher Art und Erscheinung zu begegnen. Ich war froh, daß ich mich umgezogen hatte. Die Frau strahlte eine strenge Exaktheit aus. Ich zupfte an meinem Revers und hoffte, daß mein Anzug nicht total ruiniert war. »Verzeihen Sie«, sagte ich. Sie wandte sich um und sah mich an. Es war ein verstörend stechender Blick. Dann setzte sie ein professionelles Lächeln auf. »Ja, bitte? Kann ich Ihnen behilflich sein?« Ihre Stimme klang leise und ein wenig heiser. »Ich soll hier eine Leiche identifizieren … ein Freund von mir. Es gibt keine Angehörigen. Soweit ich verstanden habe, ist es eine notwendige Formalität. Eigentlich sollte alles vorbereitet sein.« Sie reagierte mit einem Ausdruck des Mitgefühls. »Aha. Und wer ist es?« »Sein Name lautet Morris Lanting.« Ich hatte mir alles über Charlie Geraldinos Tarnidentität besorgt. Er hatte bei Daemon Harmonetics als Neurotransmitterarchitekt gearbeitet und sich auf monoamine Neurotransmitter spezialisiert. Das lieferte eine plausible berufliche Verbindung mit ihm, falls jemand mißtrau- isch werden sollte. »Mal sehen.« Sie blickte auf ihren Tisch. »Lanting … wie traurig. Wer sind Sie?« »Ambrose. Peter Ambrose.« »Waren Sie zusammen in der Schule? Oder haben Sie in der, Armee gedient?« »Hm?« Letzteres kam der Wahrheit gefährlich nahe. »Wir waren Arbeitskollegen.« Sie lächelte besänftigend. »Ich wollte nicht neugierig sein. Gehen Sie hinunter zu Zimmer … oh, verdammt!« Sie blickte auf ihren Schirm, dann wieder mir in die Augen. »Verdammt.« Sie besaß eine hohe Stirn und ein vorstehendes Kinn. Ihre Augen blinzelten schläfrig, daher war es schwierig, ihre Farbe festzustellen. »Wir hatten einen Unfall. Ein toxisches Virus wurde freigesetzt – möglicherweise sogar die schnelle Kuru. Ein die Nervenfasern auflösender Stoff.« Sie sprach die Begriffe genußvoll aus. »Niemand darf die Sicherheitszonen betreten, bis der Erreger neutralisiert ist. Ich fürchte, Sie müssen warten. Aber es dürfte nicht allzu lange dauern.« Ein Piepen ertönte. »Entschuldigen Sie.« Sie meldete sich und begann sofort ange- regt zu plappern. Draußen näherte sich ein müde wirkender Monteur den Sa- nitätern. Er steckte in einem Overall und hatte eine Mütze der Cubs auf dem Kopf. Er wedelte mit einem rosafarbenen Formu- lar und machte ganz den Eindruck eines kleinen Jungen, der Automechaniker spielt. Die Sanitäter warfen sich verwirrte Blicke zu, dann zuckten sie die Achseln und entfernten sich vom Krankenwagen. Das Montage-Kit des Monteurs aktivierte den Prozessor des Fahrzeugs, und es pumpte sich zwecks einer Inspektion selbst in die Höhe. Er rutschte darunter. Die Geschichte von der Freisetzung des toxischen Erregers, die die Rezeptionistin aufgetischt hatte, klang nicht sehr über- zeugend. Ich sah nirgendwo Dekon-Leute in Schutzanzügen, die herbeieilten und sich darum kümmerten, und eine herun-, tergefallene Petrischale mit einem Virus hätte sie sofort auf den Plan gerufen. Ringsum war alles völlig ruhig. Das Ganze sah nach einer schnell improvisierten Verzögerungstaktik aus. Ich musterte die Frau mißtrauisch, aber sie schwatzte munter weiter und gestikulierte dabei mit den Händen, so daß schwere Armbänder an ihren kräftigen Handgelenken hin und her rutschten. Ihre Worte waren hinter einem privaten Schall- schirm nicht zu verstehen. Ich dachte daran, kehrtzumachen und davonzulaufen. Der tote Charlie Geraldino kam mir plötz- lich vor wie der Köder in einer Falle. Aber wenn es eine Falle war, hätten sie sich bestimmt eine bessere Geschichte ausge- dacht … Eine Bahre verließ den Kühlraum am Kontrollpunkt und glitt langsam an mir vorbei hinaus zum wartenden Krankenwa- gen. Der Monteur wich ihr aus, als er hinausging, nachdem er seinen Reparaturauftrag schnell ausgeführt hatte. Er war ein hochgewachsener, schlaksiger Mann, der nicht genug Spannung in seinen Gelenken hatte. Während er aus dem durch die Türen begrenzten Gesichtsfeld verschwand, erschien ein anderer Sanitäter, diesmal eine große Frau. »Es war sehr nett von Ihnen, daß Sie hergekommen sind, Mr. Ambrose«, sagte die Empfangsdame und legte den Hörer auf. »Aber glücklicherweise ist eine Identifizierung durch Sie nicht mehr nötig.« »Sie ist nicht mehr nötig? Weshalb?« Sie zuckte die Achseln. »Ich vermute, wir haben einen Ange- hörigen gefunden. Alle Formalitäten sind erledigt. Ich bedaure, daß Sie so viele Unannehmlichkeiten hatten.« Für einen Moment spürte ich unerträgliche Frustration., Plötzlich war Charlies erwürgte Leiche die wichtigste Sache auf der ganzen Welt, als könnte ich meine Hände auf seinen miß- handelten Hals legen und sofort begreifen, wie und weshalb er sterben mußte. Er hatte keinen verdammten Angehörigen. Niemanden, der ihm näher stand als ich. Der Blick der Empfangsdame huschte über meine Schulter. Ich wandte mich um. Die automatische Bahre bettete eben ihren Körper in den Krankenwagen, und die Sanitäter stiegen ein. Sie blickten nervös zu der Frau hinüber, die gerade einge- troffen war. Sie war gekleidet wie eine Angehörige des Kran- kenhauspersonals, sah aber überhaupt nicht so aus. Sie war eine nüchterne und athletische Frau mit kurzgeschnittenem Haar, und sie hatte Augen, die sich prüfend umschauten, denen nichts entging. Die Doppelkugel an ihrem Gürtel hätte durchaus ein Notfall-Diagnosegerät und Medikamente enthalten können, aber das glaubte ich nicht. Viel eher befand sich eine Waffe darin. Alles an ihr, die entspannte, locker-wachsame Haltung, die zuckenden Kiefermuskeln, die krankenhausfremden Stra- ßenschuhe verkündeten Polizei. Ich beobachtete, wie der Leichencontainer in den Ambu- lanzwagen glitt und spürte die Blicke der Empfangsdame auf mir. In diesem Krankenwagen befand sich die Leiche von Charlie Geraldino. Ich war mir dessen plötzlich ganz sicher. Ohne mir darüber klar zu sein, was ich tat, ging ich auf den Wagen zu, als würde es mir schon helfen, wenn ich nur in seine Nähe kam. Ehe ich zwei Schritte gemacht hatte, explodierte der Kran- kenwagen., KAPITEL 5 Die Türen leuchteten orangefarben auf und zersplitterten. Heiße Luft schlug mir ins Gesicht. Ich duckte mich, rollte über den Boden und schützte mit den Armen meinen Kopf. Flam- men brüllten auf, leckten über meine Kleidung, verschwanden ebenso schnell wieder und ließen Brandgeruch zurück. Alarm- glocken schrillten. Ich kroch durch die Überreste zersprungener Deckenfliesen. »Behalt ja den Kopf unten, Charlie«, murmelte ich. Moldawi- sche Freischärler hatten Raketen in unsere Forschungsanlage am Ufer des Byk oberhalb von Kishinyov geschossen und eine ehemalige industrielle Hühnerfarm in die Luft gejagt. Hühner- scheiße brannte wie Zunder. Kräftige Hände packten meine Schultern und drehten mich auf den Rücken. Ich starrte in die stechenden dunklen Augen der Empfangsdame. Wenn die Explosion sie irgendwie in Mitleidenschaft gezogen hatte, so ließ sie sich nichts anmerken. Ihre Haut spannte sich straff über die vorstehenden Knochen ihres Gesichts und schimmerte im Feuerschein, als sollte sie sich stets auf diese Weise der Umwelt darbieten. »Sind Sie in Ordnung?« fragte sie, und ihre Stimme verriet nur mildes Interesse. Ich hustete. »Ja. Was …?« Aber sie war bereits verschwunden und rannte hinaus auf die brennende Straße. Ich konnte auf dem rechten Auge nichts sehen. Ich wischte mit der Hand über mein Gesicht, und als ich sie herunternahm, war sie rot. Trotz der Unmengen Blut, die schon über meinen Operationstisch geflossen waren, wurde mir schlecht. Ich steckte einen Finger in eine, wie ich befürchtete, versengte und leere Augenhöhle. Ich stieß gegen meinen Augapfel und fügte mir selbst mehr Schmerzen zu als die Explosion. Ich wischte das Blut von meiner Stirn und konnte sehen. Das biegsame Glas der Türen hing in Fetzen herab, und Trümmer waren im Empfangsbereich verstreut. Eine Bahre rumpelte vorsichtig über den plötzlich unebenen Fußboden, ohne der herrschenden Hektik Beachtung zu schenken. Aber die Kühlraumtüren befürchteten das Eindringen von Schmutz und verweigerten ihr den Einlaß. Gleichmütig bog sie in den Gang mit dem Hinweis DEKON ein. Ich quälte mich auf die Füße. Die Empfangsdame besaß kan- tige, sachliche Hüften und einen breiten Rücken. Sie hatte die Schuhe von den Füßen geschleudert und brüllte etwas in den in Qualm eingehüllten Lärm im Innern des Gebäudes. Die kurz- haarige, als Sanitäterin verkleidete Polizisten stand schwerfällig auf. Blut glänzte auf ihrer krankenhausgrünen Tracht. Ihr linker Arm hing schlaff und zerfetzt herab. Sie griff an ihren Gürtel und zückte eine Pistole, mehr aus einem Reflex heraus, als daß sie gewußt hätte, was sie damit tun sollte. Die beiden Frauen sahen einander für einen kurzen Moment an. Sie standen als Silhouetten vor den Flammen, halb verhüllt von Rauchschwa- den, dann ergriff die Empfangsdame die Pistole und ver- schwand. Die Polizistin fiel auf die Knie und starrte auf den Boden, als sei sie in ein Kinderspiel vertieft, auf dessen nächsten Zug sie sich konzentrierte. Dann stürzte sie nach vorne aufs Gesicht., Meine kräftige Empfangsdame war ebenfalls Polizistin, aber welcher Art konnte ich nicht feststellen. Ich konnte nur ihre Stimme hören, als sie wütende Befehle schrie. Ich mußte schnellstens raus. Die Türen, durch die ich hereingekommen war, wollten sich für mich nicht öffnen. Die Kühlraumtüren nahmen meine Anwesenheit nicht zur Kenntnis. Das einzige Türpaar, der einzige Fluchtweg aus dem Empfangsbereich, der plötzlich zu einer Falle geworden war, führte in Richtung des brennenden Krankenwagens. Ich strich mit beiden Händen die Haare zurück, klopfte mir den Staub der Deckenfliesen von der Kleidung und schlenderte hinaus. Polizisten in Uniform waren im Begriff, das untere Ende der Krankenwagenzufahrt, die sich in einem weiten Bogen von der Straße zu uns heraufschwang, hermetisch abzuriegeln. Eine Menschenmenge sammelte sich dort an, angelockt von der Unruhe. Feuerwehrmänner mit Schutzhelmen spritzten flam- menerstickenden Schaum auf den Krankenwagen und bedeck- ten ihn mit Schlagsahne. Im Wagen flackerte für einen kurzen Moment Licht auf, dann erlosch es. Rettungsmänner hoben die verletzte Polizistin hoch und betteten sie auf eine Tragbahre. Ein roter Fleck blieb auf dem Asphalt zurück. Die beiden Sani- täter im Krankenwagen waren schwarz vor Verbrennungen. Krankenhauspersonal schloß sie an intravenöse Tropfe an, sprühte Gewebeversiegelung auf die Wunden und brachte sie weg. Bessarabien war ein Krieg gewesen, wenn auch nicht unser Krieg. Die Gruppe verfolgte andere Dinge, Dinge, die sich nur in den Schädeln der Menschen abspielten. Aber der Krieg war stets gegenwärtig. Ich hatte Reihen von Leichen vor einer Wand, an einer Bushaltestelle gesehen, deren nackte Füße, von denen die Schuhe gestohlen worden waren, unter verschlissenen Synthetikplanen hervorragten. Lebendige Menschen bildeten gleich neben ihnen eine Schlange, die auf den Bus wartete. Ich reihte mich ein. Anders konnte man sich in Kishinyov nicht verhalten. Ich stellte fest, daß ich zitterte. Es geschieht sehr leicht, daß man durch dramatische Vorgänge wie explodierende Kranken- wagen und waffenschwingende Empfangsdamen beunruhigt wird. Aber das Ding war nicht explodiert, weil ein Sanitäter seine Zigarettenasche in einen Wasserstoffschwamm geschnippt hatte. Der Wagen war explodiert, weil der Monteur mit der Cubs-Mütze eine Bombe darunter plaziert hatte. Soviel schien klar zu sein. Dieser verdammte lässige, unbeteiligt dahinschlur- fende Monteur, der nichts ernstzunehmen schien – ich blieb abrupt stehen, als mir seine Identität klar wurde. Der schwarze, dicke Qualm verflüchtigte sich in den klaren Himmel. Nachdem er sein Werk vollbracht hatte, wurde der Schaum von den breiten Düsen der Recyclingmaschinen mit ihren angehängten emaillierten Behältern aufgesaugt. Eine von ihnen glitt über den Blutfleck hinweg, und auch der ver- schwand. Feuerwehrmänner in glänzenden Mänteln öffneten die Hecktür des Krankenwagens mit Karbonstahlzangen. Beauf- sichtigt wurden sie dabei von der in gespannter Haltung daste- henden Gestalt meiner grauhaarigen Empfangsdame, die trotz ihrer unpraktischen Jacke und ihres Schmucks Autorität aus- strahlte. Sie deutete befehlend mit dem Finger, als Qualm aus dem Heck des Krankenwagens hervorquoll. Ein Feuerwehr- mann gab mit dem Feuerlöscher zwei schnelle Schaumstöße ab,, dann kroch er hinein. Einen Moment später wandte die Frau sich achselzuckend ab. Es war nichts übriggeblieben. Charles Geraldinos Körper war verbrannt, Asche zu Asche, Staub zu … Und Anthony Watkins hatte es getan. Ich hätte seine lang- armige, affenartig aufrecht gehende Körperhaltung auf Anhieb erkennen müssen. Er hatte sich seit den Tagen der Gruppe nicht verändert. Kein bißchen. Er war immer noch der alte, verspielte Typ. Wenn die Trompete Jerichos erklingt, erheben sich die Toten. Ich rannte die Auffahrt hinunter; so schnell mich meine Fü- ße trugen. Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen, und ich wünschte mir, ich hätte wenigstens einen letzten Rest willentlicher autonomer Kontrolle des Nervensystems aus der Gruppenzeit zurückbehalten. Ich hatte alles weggegeben, als wir uns getrennt hatten, da ich nicht hatte wissen können, ob eine der Eigenschaften eine Falle war. Nichts unterstand mehr meiner Kontrolle. Mein Körper fühlte sich klebrig an. Der Polizeikordon hatte keine detaillierten Informationen erhalten und achtete nur darauf, Gaffer vom Tatort fernzuhalten. Für die andere Seite, meine Seite, die einzige Seite, die von Bedeutung war, waren sie blind. Ich schlüpfte hinaus auf die belebte Straße und lief zu meinem Wagen. Verschwunden war das Objekt meines Interesses, Geraldinos Leiche. Bedeutungslos, wahrscheinlich von Anfang an. Ich war fast herangekommen, doch die Polizei umschwirrte sie wie ein Fliegenschwarm. Ein paar dieser Fliegen wollten jetzt sicher auf mir landen. Sie würden ihre kleinen schwarzen Füßchen anein- anderreihen und sich an meiner Haut gütlich tun. Immerhin, hatte ich meinen Namen genannt. So ein Mist. Ich trommelte mit den Fingern auf der Lenkradhülle und suchte nach einem Weg, wie ich aus all dem wieder herauskommen könnte. Ich mußte Watkins suchen und finden. Er war meine einzige Verbindung zu den Vorfällen und der einzige, der vielleicht andeutungsweise wußte, was überhaupt im Gange war. Natür- lich konnte er durchaus auch derjenige sein, der den armen Charlie umgebracht hatte. Auch in diesem Fall, so überlegte ich, wäre er immer noch meine beste Informationsquelle. Ich rief auf dem Navigator des Wagens die Adresse von Mor- ris Lantings Apartment ab. Das war alles, was ich noch tun konnte. Das Apartment befand sich jetzt hinter einer Polizeiab- sperrung. Alle Einzelheiten wurden in einer Ermittlungsdaten- bank gespeichert, aber es gab weit und breit keinen anderen Hinweis, an den ich mich hätte halten können. Außerdem wußte ich, wie gründlich Watkins war. Er hatte sicher nicht die Absicht, diesen Ort sich selbst zu überlassen, voller Beweise und Dinge, die Wochen oder Monate später im Licht neuer Er- kenntnisse untersucht und neu bewertet werden konnten. Lanting/Geraldinos Apartment befand sich in Avondale auf der Near West Side. Ich verschaffte mir einen Platz auf der Kenne- dy. Um diese Tageszeit herrschte nicht viel Verkehr, daher flitzte ich über das obere Deck, zu angespannt, um den Blick auf die City zu genießen, der sich mir bot, und wurde in Diversey ausgespuckt. Ich kam schon wieder zu spät. Ein Block vor Lantings Apartment sperrte ein weiterer Polizeikordon die Straße ab. Darunter standen mehrere Feuerwehrautos, aus deren Düsen ein in der Sonne funkelnder Nebel aufstieg und sich mit dem, Qualm vermischte, der vier Stockwerke höher aus einer Reihe Wohnungsfenster hervorwallte. Ein wie geflochten aussehender Wasserstrom rauschte durch den Rinnstein, wirbelte trockenes Laub mit sich und verschwand in einem Gully. Ein Polizist mit Leuchtstab dirigierte den Verkehr in eine Umleitungsstraße. Es lohnte sich nicht, anzuhalten und aus dem Wagen zu stei- gen. Watkins hatte auch hier gründliche Arbeit geleistet. Es war schön, daß meine Schlußfolgerungen immer noch genau ins Schwarze trafen. Schade war nur, daß sie immer noch so lang- sam kamen. Die Stahlrahmen der Apartmentfenster waren nach außen gebogen. Zerschmettertes Glas glänzte auf dem Bürgersteig. Ein präziser Treffer, wahrscheinlich durch eine per Schulterrohr abgefeuerte Frisbeescheibe mit Turbulenz-Sprengstoff. Ein wunderbares Zeug. Mikroskopische Kristalle sublimieren in der Luft. Die Energie, die durch die Sublimierung freigesetzt wird, erzeugt einen Wirbel. Die Kristalle entzünden sich. Mehr Ener- gie wird frei, der Wirbel rotiert mit Überschallgeschwindigkeit, und schon hat man eine genau berechnete explosive Linse, und zwar im Bruchteil einer Sekunde. Ich hatte in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes einen verbogenen T-Träger gesehen, auf dem das Autogramm des Täters, durch die Explosion ein- graviert, zu lesen war. Im Apartment war nichts mehr übrig – während in dem Stockwerk darüber noch nicht einmal eine Porzellantasse zu Bruch gegangen war. Da ich in diesem Moment keine weiteren Pläne hatte, ließ ich mich vom Leuchtstab des Polizisten weiterwinken, fuhr dann kreuz und quer durch die benachbarten Straßen und schaute mich um, als suchte ich einen freien Parkplatz. Es war eine, winzige Chance, aber es war meine einzige – Watkins konnte keinen allzu großen Vorsprung vor mir haben. Außerdem hatte er mindestens ein paar Minuten gebraucht, um Geraldinos Apartment zu zerstören. Ich entdeckte ihn in der dritten Straße, in der ich nachschau- te. Er stieg gerade in einen ramponierten, von einer Gasturbine getriebenen Kleinlaster. DOMESTIC HYDRO-DYNAMICS stand in altmodisch pulsierenden Hololettern auf den Seiten. Seine Körperhaltung war schlaff, total desinteressiert an dem, was um ihn herum vorging. Mochten Apartments reihenweise in die klare Oktoberluft fliegen, ihn ging das nichts an. Er hatte repariert, was er reparieren sollte, und nun fuhr er nach Hause. Mit einer lässigen Schulterbewegung beförderte er seinen Werkzeugkoffer auf den Sitz neben sich und schwang sich in den Kleinlaster. Ich beobachtete ihn fasziniert. Was Tony Watkins auch tat, stets sah er aus, als spiele er nur. Als amüsiere er sich ein wenig zu übertrieben. Im Augenblick spielte er einen Hausmeister. In Fitzwater hatte er mir die Komponistenbüsten überreicht – auch das ein Spiel für ihn. Der Van setzte zurück und verließ die Parklücke. Da mein Wunsch nach Tarnung kurzfristig stärker war als meine Neugier, machte ich Anstalten, die Park- lücke zu besetzen. Dann jedoch trat ich entschlossen auf die Bremse. Anthony Watkins. Er hatte soeben drei Menschen schwer verletzt, wahrscheinlich zwei davon getötet und Charlie Geral- dinos Leiche und Wohnung vernichtet. Welches Spiel trieb er? Ich fädelte mich in den Verkehr ein und folgte ihm., KAPITEL 6 Der Laster reihte sich glatt in den Verkehr ein, als interessiere es ihn nicht die Bohne, ob jemand ihn verfolgte oder nicht. Auch das war Watkins. Ob in einem Krankenhausflur oder in den in Trümmern liegenden Straßen in Kishinyov, stets war er dahin- geschlendert, als gebe es nichts, was ihm den Tag verderben könnte. Ich lernte Anthony Watkins in einem heruntergekommenen Wohnwagenpark kennen, den das Militär auf den Namen Camp Fitzwater getauft hatte. Ich habe niemals in Erfahrung gebracht, wo Camp Fitz lag – irgendwo in den trockenen Re- gionen von Ost-Oregon nahm ich an, aber auch das konnte ein durchaus kalkulierter Irrtum gewesen sein. Das Leben war voll davon. Wir Mitglieder der Gruppe waren damals nur Forscher und wogen die Verheißung auf Forschungsgelder und technische Hilfe gegen die Bedrohung einer allgemeinen Dienstverpflich- tung ab, die zur Folge haben konnte, daß unsere aufwendig hochgezüchteten Gehirne über die Felsen irgendeiner armseli- gen Splitterrepublik verteilt wurden. Die Allgemeine Wehr- pflicht beseitigte während der Devo-Kriege eine ganze Menge nutzlosen akademischen Ballast, was sich als unbeabsichtigte positive Nebenwirkung erwies. Wir landeten alle im Projekt Nimbus. Wenigstens nicht ganz im Arsch, wie Watkins es sofort formuliert hatte. Eher Arsch als Gehirn, wäre wahrscheinlich passender gewesen, aber so dachte er nun mal. Dr. Anthony Watkins, Doktor der Medizin, John-, Hopkins-Universität. Watkins von Hopkins. Ich mochte ihn auf Anhieb. Wir waren offiziell unabhängige Forscher, die irgend- wo im wissenschaftlichen Feudalismus der Kriegsverwaltung untergegangen waren. Die Welt verwandelte sich, und wir waren ein Stoßtrupp der Zukunft, die sich durch die empfindli- che, gerötete Haut der Gegenwart fraß. Das alles war vorbei. Camp Fitzwater, Nimbus, die Gruppe waren Vergangenheit. Zumindest bis jetzt. Bilder tauchten in meinem Bewußtsein auf. Karin Crawford, eine langbeinige schwarze Frau mit silbrigen Rastalocken, die triumphierend auf das Holobild einer Nervenfaser deutete, die vor ihr in der Luft schwebte. Hank Rush besaß einen funktions- gestörten mechanischen Arm, aus dessen hydraulischen Röhren und Zylindern qualmendes Schmiermittel austrat. Er lachte, wenn der Arm quietschte und krampfhaft zuckte, und er zeigte dabei seine Zähne, halbe Glasstummel, die aussahen wie alte Vakuumröhren. Gene Michaud stand da, einen dicken Fuß auf dem Reifen eines APC, und unterhielt sich mit einem zwar mißtrauischen, aber trotzdem zu einem Geschäft bereiten Armeemajor in makellos gebügelter Uniform und verhandelte über Gott weiß welches Stück militärischen Krams. Das Licht schien mir in die Augen und war in der Vergangenheit so hell, daß ich in der Gegenwart die Augen zusammenkneifen mußte und die Straße vor mir nicht sah. Eine dunkle Gestalt erschien im Licht, ein glattes Gesicht, das auf mich herabstarrte … Ich zuckte zusammen und vermied es gerade noch, eine Frau mittleren Alters in einem teuren Sudoledermantel mit japanisch anmutenden Tätowierungen zu überfahren. Sie stand auf der Kreuzung, schleuderte mir ein Schimpfwort hinterher und, schüttelte drohend einen Fischhautschirm. Es war ein mutiger Akt: einen Sudoledermantel zu tragen, der aus der Haut einer anderen Rasse gefertigt ist, kann … sagen wir, Feindseligkeit auslösen, obgleich der boshaft glänzende Haken an der Schirm- spitze andeutete, daß diese Lady sehr wohl wußte, wie sie sich vor Sektierern schützen mußte, die sich an ihrem Aufzug stie- ßen. Ich trat aufs Gaspedal und fuhr weiter. Der Kleinlaster bremste und bog in einem verlassen wirken- den Industriebezirk auf einen Betriebshof ab. Ich fuhr langsam an der Einfahrt vorbei und erhaschte einen kurzen Blick auf Watkins, den müden Monteur, als er aus seinem Wagen stieg. Eine Stunde später wanderte ich langsam über den Paracelsus Square, das gesellschaftliche Zentrum eines neokulturellen Viertels namens Thotville. Watkins befand sich ein Stück vor mir. Der Paracelsus Square war ein weitläufiger, mit Klinker ge- pflasterter Ort, gesäumt von mageren, schnell gewachsenen Eichen. Der Himmel hatte sich verdunkelt, und eine einzelne Schneeflocke, ein nicht mehr zu korrigierender Fehler eines allzu ausgelassenen Wetterkobolds, segelte durch den Lichthof einer Straßenlampe auf einem Aluminiummast. Ein Kind rannte an mir vorbei und verfolgte einen wild umherhüpfenden Ball, der einen nach dem Zufallsprinzip reagierenden Gleichge- wichtsmechanismus enthielt. Das kleine Mädchen hatte seinen Spaß an dem Spiel und kreischte jedesmal, wenn ihm der Ball entwischte. Am Ende fiel es, ermattet vom eigenen Gelächter, auf seinen kleinen Po. Die Mutter hob es hoch und nahm es auf den Arm. Auf dem Square waren genügend abendliche Fuß-, gänger unterwegs, so daß ich nicht auffiel, obgleich ich mich völlig fehl am Platze fühlte: alle anderen schienen genau zu wissen, wie sie sich zu kleiden hatten. Der Mann und die Frau zum Beispiel, die auf der löwenfüßigen Parkbank saßen, waren hyperchic: er in hautenger, mit Schuppenmuster versehener Schlangenhaut, die Muskeln erahnen ließ, die er gar nicht besaß, sie in einem schwarzen Wollmantel, der erst auf den zweiten Blick offenbarte, daß er mit nebelhaften Kolonien bioluminezenter Pilze überzogen war, die sie wie etwas ausse- hen ließen, das man durch ein Teleskop betrachtete. Sie hielten sich bei den Händen, wobei sie mit ihrem Finger ein Muster auf seine Handfläche zeichnete und leise und traurig redete. Es war in keiner Weise mit dem überfüllten, zusammenbre- chenden Kishinyov zu vergleichen, in dem es auf dem Höhe- punkt des Bessarabischen Krieges von Flüchtlingen gewimmelt hatte. Hysterische Terroristen hatten sich der Busse zu bemäch- tigen versucht in der irrationalen Hoffnung, damit in eine bessere Welt entfliehen zu können. Satellitenlaser rösteten beliebig ausgewählte Zonen wie ein kleines Kind, das sich heftig die Windpocken kratzt. An all das erinnerte sich vorwiegend meine Nase, an diesen Geruch zusammengepferchter, ungewa- schener Menschen, an den Gestank offener Abwasserkanäle, an den Übelkeit erregenden Odem verwesender Leichen unter den geborstenen Betonplatten eines Apartmenthauses, das nach einem Raketenangriff eingestürzt war. Es war die anthropoide Gestalt von Tony Watkins, die meine Erinnerung an Kishinyov weckte. Die Gruppe war in den Rui- nen einer alten Kolchose am Byk River stationiert gewesen, wo sie behutsam die Nervensysteme ausgesuchter Revolutionäre, neu justierte, aber Watkins hatte immer auf seinen kleinen Expeditionen zum Kennenlernen der nächsten Nachbarschaft bestanden. Ich erinnerte mich, wie er während unserer Ausflüge durch die dem Untergang geweihte Stadt gelaufen war. Watkins verschwand in einer Bar mit dem Namen Discreet Event. Sie befand sich im Parterre eines alten dreistöckigen Gebäudes, dessen Rückseite an die hohe Mauer grenzte, die diese neokulturelle Gegend von der benachbarten trennte. Zwei Korkenzieherlifte beförderten Leute zwischen dem Erdboden und den leuchtenden Zelten hin und her, die das Dach bildeten. Ich blinzelte bei dem Anblick. Ich begriff nicht, wo ich war. Ich hatte das Gefühl, an einem Ort zu stehen, der aus der Geschich- te herausgelöst war, in einer Blase aus irgendeinem anderen Universum. Ich atmete tief die eisige Nachtluft ein. Zum Teufel damit. Wenn ich Watkins im Auge behalten wollte, dann könn- te ich es auch aus einer warmen Bar heraus versuchen, wo ich etwas zu trinken bekommen konnte. In der Bar herrschte lebhafter Betrieb. Das Licht kam aus un- erwarteten Winkeln und hob die abnormen Teile in den Ge- sichtern der Leute hervor. Kultgestalten standen in Wandni- schen, künstlerisch geformt, streng: Miriam Tarant, Hector del Annas, Barclai, Elvis Holly III. Watkins setzte gerade ein Bier- glas ab. Meine Blase war voll, ein Problem, das Detektive in den Bü- chern, die ich las, niemals zu haben schienen. Wenn ich mich an die Theke stellte, würde ich einen Drink bestellen müssen, und das würde mich ganz sicher auffliegen lassen. Ich drängte mich durch die Gästeschar und verließ die Bar durch die Hin- tertür. Watkins würde noch ein paar Minuten mit seinem Bier, beschäftigt sein. Die Herrentoilette befand sich im Keller am Ende eines langen Flurs hinter den Reinigungsutensilien. Das Stimmengemurmel war kaum mehr zu hören. Ich erledigte mein Geschäft. Während ich die Tür aufdrückte, um die Toilet- te zu verlassen, erahnte ich am Rand meines Gesichtsfeldes das Zucken einer Bewegung. Ich ließ mich augenblicklich fallen. Der Schlag wischte an meiner Wange vorbei, und ein heftiger Schmerz brandete in meiner Schulter auf. Ich rollte weg und stieß mich von der Wand in Richtung meines Angreifers ab, eine rein reflexartige Reaktion. Es war Watkins. Meine Aktion überraschte ihn völlig, und er flog zwischen das Putzzeug, riß Besen und Schrubber um. Ich ver- folgte ihn. Mein Fehler – ich hätte lieber abhauen sollen wie jeder andere vernünftige Mensch. Er zog sich an einigen Regalbrettern hoch und rammte mir die Füße vor die Brust. Ich rollte mich auf dem Boden ab und wollte ihn erneut attackieren. Unter den gegebenen Umständen war ich sehr schnell. Er war jedoch schneller. Sein Konter erwischte mich in der Nierengegend. Indem ich mich selbst neu verdrahtet hatte, hatte ich meine Schmerzblöcke lahmgelegt. Ich knickte ein. Er nutzte seinen Vorteil, trat mir die Beine unterm Körper weg und legte seinen Unterarm wie eine Klammer um meinen Hals. Ich rang mühsam nach Luft und starrte in sein vor Erregung verzerrtes Gesicht., KAPITEL 7 »Sieh mal an, Theo Bronkman, du alter Hurensohn.« Watkins betrachtete mich mit einem Ausdruck belustigter Verblüffung. Ich spürte den rauhen Zement des Fußbodens unter meinen Schulterblättern und sein Gewicht auf meiner Brust und mei- nen alten Namen wie einen Schlag ins Gesicht. Ich konnte kaum atmen. »Verzeihen Sie, ich fürchte, ich …« Das ärgerte ihn. Er packte meine hyperchicken Revers und schlug meinen Kopf auf den Fußboden, nicht sehr hart, aber durchaus mitteilsam. Mein Schädel dröhnte wie ein Gong. »Du weißt, wer ich bin, Theo. Du verfolgst mich. Du hast ein neues Gesicht, aber wenn du ein neues Gesicht lange genug trägst, sieht es schon bald genauso wie das alte aus.« Wann hatte er mich bemerkt? Das war die Frage, die ent- schied, wieviel ich getrost verschweigen konnte. »Ich heiße nicht Theo, Tony. Sondern Franklin, Hen …« Er grinste. »Peter Ambrose. Du solltest in deinem Gewerbe nicht berühmt werden, wenn du anonym bleiben willst. Aber es heißt auch nicht Tony. Mein Name ist … Stephen Underhill.« Er richtete sich auf und zog mich vom Fußboden hoch. Er wußte meinen richtigen Namen, aber ich konnte seinen nicht überprüfen. »Tut mir leid, daß ich dich ausgeknockt habe. Aber in meinem Alter reagiert man schon mal übernervös.« »Und … wie hat das Leben dich behandelt, Stephen?« erkun- digte ich mich. »Nicht übel.« Er sah mich lauernd an, als sei er sich nicht, mehr ganz so sicher, wer ich war. »Wir müssen uns über eine Menge unterhalten.« »Ich glaube, das müssen wir.« »Sind Sie da unten auf der Toilette endlich fertig?« Ein ele- gant gekleideter Mann stand schüchtern auf der Treppe und blickte zu uns herab. Sein Blick irrte zu den verstreut liegenden Besen und Flaschen mit Reinigungsmitteln. Er wußte nicht, was er davon halten sollte. »Ja, ja, kein Problem.« Watkins blickte drohend. »Gehen Sie ruhig rein, lassen Sie sich durch uns nicht stören.« »Klar«, sagte ich. »Das Türschloß funktioniert nicht, aber deshalb brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Wir halten sie gerne für Sie zu.« Die Augen des Mannes weiteten sich, und er wich die Treppe hinauf zurück. Er murmelte davon, wieder zu seinem Platz zu wollen und entfernte sich. Watkins und ich sahen einander an und lachten. Nur kurz. Selbst ein verdorbener alter Bruder ist immer noch ein Bruder, und wir hatten nun mal unsere alten Familienspiele. Niemand sonst wußte, wie man sie richtig spielte. »Gehen wir«, sagte er. Ich dachte nicht einmal daran zu widersprechen. Er ging voraus durch die Hintertür in eine Gasse. Ich hatte keine Angst, obgleich ein Mord hier draußen viel eher möglich war als im Flur zur Bar. Watkins hatte offenbar etwas ganz anderes im Sinn. Leuchtkörper über uns legten Zebrastreifen aus Licht auf die Gasse. Sie wurde von den wuchtigen Behältern der Gär- und Kompostiertanks des Restaurants gesäumt. Die Luft war schwer vom süßlichen Geruch ihrer Produkte, und das leise Blubbern, der aufsteigenden Gasblasen in ihrem Innern war zu hören. Wir gingen ein Stück an einer Klinkermauer entlang, bis wir zu einer großen Stahltür gelangten. Watkins machte sich an einigen Kontrollen zu schaffen, und die Tür öffnete sich rum- pelnd. »Der Zugang zur Müllvernichtung«, erklärte er. »Die einzige Verbindung zwischen den Neokulturellen und dem Rest der Welt. Ich brauche dir über die Nützlichkeit dieser Einrichtung nichts zu erzählen.« Wir gingen hindurch. Obgleich wir nur ein paar Meter zurückgelegt hatten, befan- den wir uns in einer völlig anderen Welt. Wir standen auf einem Gehsteig aus hochwiderstandsfähigem Drahtgeflecht. Abfall war darin von zahllosen Füßen festgetreten worden. Grelle Punktspots, die hoch über unseren Köpfen in ihren Gehäusen hingen, warfen scharf umrissene, seelenlose Schatten auf die laute, mit Autos verstopfte Fahrstraße. Auf der anderen Straßenseite standen riesige, eierkartonför- mige Lagerhäuser. Der schwache säuerliche Gestank wehte über die Straße zu uns. Sie befanden sich in einem erbärmlichen Zustand und sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick die Straße unter sich begraben. An den Schuppen ganz rechts gedrängt, beinahe unsichtbar im tiefen Schatten, stand ein älteres Lagerhaus aus verbogenem, verrostetem Stahl. Ein Schild über dem Eingang verkündete BAR. Wir rannten über die Straße und durch die schwere Ein- gangstür. Als wir hineingingen, blickte Watkins – Underhill, obgleich ich ihn in Gedanken nicht so nennen mochte – nach oben. Er hatte demnach den gleichen reflexartigen Tick, mit dem ich am Morgen aufgewacht war. Hatten wir ihn durch, Erfahrung gelernt, oder war er direkt in unser Nervensystem implantiert worden? Ich hatte Jahre damit verbracht, mein Gehirn nach solchen Erscheinungen zu durchsuchen, aber ich hatte nie etwas gefunden. In der Bar war es öde und dunkel. Die Tische standen auf dem extrem haftenden und rutschsicheren Fußboden weit auseinander. Jeder besaß eine eigene Lichtquelle, die von der hohen Decke herabhing. Massige Schemen von Maschinen waren in der Dunkelheit um die winzigen Ausschankoasen zu erkennen, beleuchtet vom gelegentlichen Lichtschein baumeln- der, von Käfigen umschlossenen Glühbirnen, die in ein Gitter- netz aus Stromstreifen auf dem Fußboden eingestöpselt waren. Rasselnde, nichtssagende Musik erklang irgendwo über den Köpfen der Gäste. Die meisten Barbesucher waren jung, und immer wieder verschwanden Paare in den nach Gleitmittel und Transformatorstrom riechenden Räumen, um auf den hydrauli- schen Liften zu bumsen. Ihre Haut mußte klebrig sein von altem Öl und voller Narben von ausgelaufener Batteriesäure. Silikonöl als sexueller Schmierstoff. Fettnippel als Sexhilfen. Eine Reparaturanleitung für einen 1998er Chevy als industriel- les Kama Sutra. Das alte Industriezeitalter hatte seine unbestrit- tenen Reize, aber das war einer, von dem ich mich niemals angesprochen gefühlt hatte. Wir suchten uns einen Tisch am Rand der dunklen Zone. Watkins ging zur Bar und kam mit zwei von Kondenswasser glänzenden, langhalsigen braunen Flaschen zurück. Dieser Laden, ein Denkmal archaischer Technologien, verfügte nicht über einen eigenen Bioreaktor, so daß ich mich an einem echten Bier erfreuen konnte. Und dazu noch in Gesellschaft eines alten, Freundes. »Nun, Peter Ambrose.« Er ließ den Namen auf der Zunge zergehen. »Irgendwie paßt der Name zu dir. Du warst eigentlich niemals ein Theo.« Er musterte mich aufmerksam. »Es ist lange her. Ich möchte nicht lügen und behaupten, du hättest dich nicht verändert.« »Das ist sowieso das Grausamste, was alte Freunde zueinan- der sagen können. Aber es ist schlimm, wenn man die Jahre zählt.« »Oder die Toten.« Er hob die Flasche, um mir zuzuprosten, und leerte sie in einem Zug zur Hälfte. Ich trank etwas gemäch- licher. Bitter und gut. Die richtige Bar zu finden war eins der Talente, die Watkins schon früher besessen hatte. »Du bist also zurück im Hirnbastelgeschäft, Theo … ich meine, Pete?« Watkins grinste, und seine grau-blauen Augen funkelten. »Ich weiß noch, wie es ist – eine Hitech-Wespe, die den Leuten Eier in die Gehirne legt. Es macht sicher Spaß, wenn man sich heimlich an diesen Windungen entlangtastet. Was hat dich nach Thotville verschlagen? Suchst du frische Matschbir- nen, die sich an Bessel-Funktionen Zweiter Ordnung oder die Merowingerkönige Frankreichs erinnern wollen, ohne alles richtig lernen zu müssen?« »Geschäft ist Geschäft, heute wie damals.« Ich versuchte, gleichmütig zu klingen. »Das ist es, das ist es wirklich … aber kannst du damit aufhö- ren?« Die Temperatur in der Bar war gerade hoch genug, damit sich das Kondenswasser auf der Flasche niederschlug und das Etikett ablöste. Ich hatte daran herumgekratzt und es fast un-, versehrt von der Bierflasche abgezogen, eine seltene Trophäe. »Sicher … Stephen. Mr. Underhill. Wenn es dich so sehr stört.« »Mein Gott, Pete – mir gefällt der Name, wirklich – du siehst furchtbar aus, weißt du das? Wenn du nicht bei einem Schön- heitschirurgen warst, um dir unreine Haut zu holen, ein paar Pfunde zuviel draufzupacken und die Kinnlappen senken zu lassen, dann hat das Leben dir ziemlich übel mitgespielt. Du bist zappelig wie ein Tourette-Opfer.« Ich betrachtete ihn genauer. Sein Haar war bürstenkurz ge- schnitten und bedeckte einen knotigen Schädel, der aussah, als hätte ihn jemand geöffnet und danach nur nachlässig wieder verschlossen. Ein Muskel zuckte deutlich sichtbar unter seinem linken Auge und ließ seine Worte wie grausame Selbstverhöh- nung klingen. »Du siehst aber auch nicht gerade toll aus, Bud- dy.« Er lachte. »Verdammt richtig. Ich hatte ein paar harte Jahre. Ein paar unschöne Auseinandersetzungen mit dem Komitee da oben.« Er klopfte gegen seinen Schädel. »Auf der Straße laufen Sachen, gegen die ist unsere Zeit im Camp Fitz nicht mehr als ein paar lauwarme Bier auf dem Rücksitz von Daddys Auto. Ich habe einiges lernen müssen. Habe mir einiges zurechtgebogen. Alte Fertigkeiten verlernt man nicht so schnell, weißt du.« »Ich weiß. Ich halte mich auf dem laufenden.« Ich betrachte- te ihn eingehend. »Es sieht so aus, als wäre mal zuviel Elysion dabei gewesen. So was ist immer eine Versuchung. Ich wette, dazu kamen auch noch ein paar psychomimetische Virts. Die sind bei euch verglasten und gezähmten Typen ja beliebt. Hast du auch mal eins dieser lust-paranoiden Module gehabt? Ich, setze sie nicht ein, aber man kann immer jemanden finden, der es doch tut. Du weißt schon, mit diesen Dingern hast du das Gefühl, als sei alles und jeder hinter dir her, beobachte dich, wolle dich anmachen, mit dir bumsen, die ganze Welt ist hart und pulsiert, und wo du hinsiehst, läuft dir schon der Saft entgegen …« »Du bist ein Arschloch, weißt du.« Nun war ich an der Reihe zu lachen. Es war das erste Mal, daß ich die Kontrolle über unser Gespräch hatte. Watkins hatte mich schon immer aus dem Konzept bringen können. »Hast du dir denn keine Notizen gemacht, keine Seelenmatrix angefer- tigt, damit du sie jederzeit zu Rate ziehen und deinen eigenen Verfall überprüfen kannst? Wir können doch alle deutlich sehen, was wir mal waren …« »Das EEG von Dorian Gray?« Er lachte. »Ich hätte daran denken sollen. Wir sind alle Wracks. Sieh dich doch an. Du kannst ja noch nicht einmal stillsitzen. Vielleicht hast du bei dir selbst ein paar zwangerzeugende Veränderungen vorgenom- men, oder? Du verbringst einen ganzen Nachmittag mit dem Spülen eines Glases. Sehr schön für die Phantasielosen. Und ..« er senkte plötzlich die Stimme, während er die Hand ausstreck- te, um mein Gesicht zu berühren. »Du wirst allmählich schwer- fällig. Woher hast du all die Schnitte? Du siehst aus, als seist du durch ein Fenster gesprungen.« Ich zuckte zurück. »Ich habe meinen Wagen repariert. Das hintere Batteriepack …« »Wenn du an deinem Wagen arbeitest, trägst du normaler- weise eine Schutzbrille. Du bist nicht dumm. Dieser Kranken- wagen hatte ein hinteres Batteriepack. Ich sah es, als ich darun-, ter kroch. Möglicherweise war es das, was dich erwischt hat. Was meinst du?« »Ich – wann hast du mich entdeckt?« Mir blieb nichts ande- res übrig, als ehrlich zu sein. »In der Nähe von Geraldinos Wohnung. Ziemlich clever, daß du mich dort gefunden hast. Ich hatte erst viel später mit je- mandem gerechnet, nachdem ich eine hübsche Spur gelegt hätte. Ärgere dich nicht. Du warst ziemlich gut, und ich habe festgestellt, daß ich mich auf deine Fähigkeiten verlassen konn- te. Außerdem hatte ich schon auf dich gewartet.« »Auf mich?« »Nicht auf dich persönlich, sondern … auf einen von uns. Auf irgendwen.« Seine Selbstkontrolle ließ nach, und er fiel in sich zusammen wie eine aufblasbare Puppe mit einem Loch. »Auf einen aus unserer Gruppe. Wir sind in Schwierigkeiten, Peter, großen Schwierigkeiten. Wir dürfen nicht länger getrennt sein. Meinst du nicht auch?« »Bestimmt. Wenn ich etwas mehr wüßte.« »Du weißt wahrscheinlich mehr als du ahnst.« Er streckte eins seiner langen Beine aus und schob den dritten Stuhl von unserem Tisch weg, als erwartete er, daß jemand sich darauf setzte. »Bestimmt mehr, als du zugeben würdest.« Ich konnte meine Augen nicht von dem leeren Stuhl abwenden. Er hatte etwas Bestimmtes an sich, als er so dastand auf dem schmutzi- gen Fußboden, eine beinahe körperlich spürbare Aura von Abwesenheit. Als ob die Person, die nicht darauf saß, realer wäre als wir. »Erinnerst du dich noch an Direktor Straussman?« fragte er. Ich rang nach Luft. Meine Kehle zog sich zusammen, und ich, – konnte – nicht – atmen. Watkins hatte beide Hände um seine Bierflasche gelegt und beobachtete mich teilnahmslos. Ich konnte die Schritte im Flur hören. Cordschuhe, weiche Leder- sohlen auf dem verworfenen Holz des Zeitgebäudes. Er kam immer dann, wenn man ihn am wenigsten erwartete. Außer daß ich ständig mit ihm rechnete. Immer. Die Schritte verhiel- ten an der Tür. Mein Kopf war an die Armaturen gefesselt, und ich konnte ihn nicht drehen, um hinzuschauen. Nur die drei Winkelgrade in der Mitte unseres Gesichtsfeldes sind scharf und detailreich. Es ist eine physiologische Tatsache, die uns normalerweise verborgen bleibt, weil unsere Augen ständig in Bewegung sind. Sobald man diese Bewegung unterbindet, sieht man den größten Teil der Welt nur noch verschwommen. Ich konnte nicht sehen. Ich konnte nichts anderes sehen als den leeren Stuhl genau vor mir, dessen geschwungene Lehne vor dem Lichtsee dahinter als Silhouette zu erkennen war. »Straussman ist tot«, brachte ich hervor. Watkins verzog säuerlich das Gesicht. »Genau das habe ich auch immer angenommen.« »Er ist tot, Tony.« Und mein Name lautet nicht Tony, son- dern Stephen. Klar, Peter?« »Klar. Sein Flugzeug, Stephen. Es ist in Nord-Alberta abge- stürzt. Er war allein unterwegs. Er flog immer alleine. Eine Schlucht in der Nähe des Mount May, hundert Meilen von der nächsten menschlichen Behausung entfernt. Ich habe es mir auf der Landkarte angeschaut.« »Schön. Und jemand hatte einen falschen Flugplan für ihn eingereicht. Als das Wrack endlich entdeckt wurde, hatten Wölfe die Leiche gefressen und die meisten Knochen wegge-, schleppt. Es war ein kalter Winter, und die Wölfe waren sehr hungrig. Viel war wirklich nicht mehr von Straussman übrig.« »Was redest du da?« Ich fröstelte, als spürte ich plötzlich den eisigen Wind Albertas. »Denk doch nach. Erinnerst du dich an Straussman?« »Was habe ich denn gerade gesagt?« »Du hast gesagt, du wüßtest, wo sein Flugzeug abgestürzt ist. Hast jede Menge Einzelheiten aufgezählt. Erinnerst du dich an ihn?« Der Stuhl war noch immer leer. »Nein, das tue ich nicht. Und ich brauche es auch nicht. Er ist tot.« Watkins sah mich an. Er ging zur Bar und holte zwei neue Flaschen. Er kam zurück, setzte sich und starrte mich an. Seine Augen sahen aus wie lose Kugeln, die jeden Moment herausfal- len konnten. »Ich glaube, Linden Straussman hat Charlie Geraldino er- mordet.« Aus irgendeinem Grund erschütterte mich die Neuigkeit nicht besonders. Vielleicht, weil sie überhaupt keinen Sinn ergab. Ich trank von meinem Bier und fragte mich, ob Watkins tatsächlich verrückt war. Verdammt unvorsichtig von einem Gruppenmitglied, es mit sich selbst so weit kommen zu lassen. »Du warst es doch, der das Sicherheitssystem überwunden, eine Bombe gelegt und ihn in die Luft gesprengt hat. Du hast zwei Sanitäter verbrannt und einer Polizistin den Arm zerfetzt. Sie könnten ebenfalls tot sein.« Die Körper der Sanitäter hatten geglänzt wie Insektenpanzer. Watkins machte eine wegwerfende Geste, als wolle er diese Sorge beiseite wischen. »Der beste Ort, um jemanden zu verlet-, zen, ist direkt vor einem Krankenhaus. Das war doch nett von mir, oder? Ein Krieg ist im Gange, Peter. Erinnerst du dich an den Krieg? Du hast versucht, ihn zu ignorieren, aber er war ständig da. Und er wird immer da sein. Du solltest froh sein, daß ich all das vernichtet habe, sonst säße dir schon längst InterCranial im Nacken. Charlie ging mit seinem Schädel ziemlich schlampig um, wie du weißt. Sein Gehirn war voller Modifikationen aus Camp Fitzwater. Er hat sie nie ersetzt, sondern nur umgangen oder vorübergehend stillgelegt. Wenn ich mich nicht um ihn gekümmert hätte, würde längst ein Neuropath-Team von IC seinen Kortex auseinanderfieseln und darauf kommen, daß die Gruppe noch immer existiert und nicht nur der verrückte Einfall eines überladenen und reizmä- ßig unterforderten Datenfreaks war. Kraniale Archäologie. Sie hätten alle möglichen Bruchstücke von uns gefunden. Psycho- splitter. Sie sind wahre Künstler bei der Rekonstruktion unter- gegangener Bewußtseinsinhalte.« Die Empfangsdame … eine Agentin von IntraCranial? Es erschien irgendwie einleuchtend. Aber auch nur irgendwie. Woher sollte IC gewußt haben, daß an Geraldinos Leiche irgend etwas Besonderes war, ehe sie eine Autopsie durchge- führt hatten? »Das klingt richtig abenteuerlich, aber hast du irgendeinen handfesten Beweis für deine Annahme?« fragte ich. »Hast du ihn gesehen? Mit ihm ein Bier getrunken?« Ich verzichtete darauf, an dem Etikett meiner neuen Bierflasche herumzukrat- zen. »Nein, habe ich nicht.« Seine Stimme klang kurz angebun- den., »Irgendeinen Beweis dafür, daß er etwas anderes ist als … abwesend?« Noch während ich redete, staunte ich über meine eigene Eindringlichkeit. Als brauchte ich nur Watkins zu über- zeugen, um alles in Ordnung zu bringen. Geraldino war tot. Es konnte auch irgendein ordinärer Einbrecher gewesen sein, der sich auf seiner nächtlichen Tour befand. Mit anderen Worten, ein Zufall. Ich machte mir grundlos Sorgen. Nein – nicht völlig grundlos. Der Grund saß direkt vor mir. Watkins hatte Geral- dino nicht getötet. Aber er hatte die Beweise beiseite geschafft, für wen auch immer. Es gab noch eine ganze Menge, von der er mir nichts erzählte. Wenn er schon in meinem Schädel ein Durcheinander an- richten konnte, dann konnte ich das gleiche auch mit seinem tun. »Bist du ganz sicher, daß Geraldinos Leiche im Wagen lag?« »Was meinst du?« »Na schön, du hast den Krankenwagen hochgehen lassen. Aber was war drin, Stephen? Wir haben gesehen, wie eine Bahre rausgefahren kam – aber wir haben keine Ahnung, was oder wer sich darin befand. Es hätte doch jemand ganz anderes sein können …« »Quatsch.« Ich war auf etwas gestoßen, an das er nicht ge- dacht hatte. »Wenn du noch mal zu Sister Death zurückkehren willst, um ihn zu suchen, dann nur zu. Der arme Charlie. Es scheint, als sei er als Toter um vieles Interessanter als je zu seinen Lebzeiten.« »Charlie ist tot.« Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gese- hen, aber ich vermißte ihn plötzlich, vermißte seine zusammen- gekauerte Gestalt, wenn er sich darauf konzentrierte, ein Hals-, tuch zu bemalen. Er pflegte dabei immer die Lippen zu schür- zen und Opernarien vor sich hin zu pfeifen. Wenigstens hatte er immer behauptet, es seien Opernarien. Ich hatte keine Mög- lichkeit, das nachzuprüfen. »Kein Grund, auf seine Leiche zu pinkeln.« »Irgend etwas geht da draußen vor, Ambrose. Ich habe es schon seit Monaten geahnt.« Watkins streckte die Hand aus. Sie zitterte ein wenig, aber innerhalb der normalen Grenzen. »Des- halb bin ich sauber. Weil ich dieses Schwein zur Strecke bringen will. Ich habe mich immer gefragt, weshalb ich so lange überlebt habe. Jetzt weiß ich es. Für ihn. Nur für ihn. Und ich brauche dich. Wenn wir ihn jemals finden wollen, brauche ich jede noch so geringe Information, die du besitzt.« Er war voller Energie. Sogar seine Haare schienen sich ein wenig aufzurichten. »Ich habe dich aufgestöbert, und jetzt mußt du mir helfen. Komm, wir fahren gleich zu dir und gehen die Datenspeicher durch.« Er ergriff meine Hand. »Laß mich auf einem Gästebett schlafen. Es wird genauso sein wie früher. Es gibt bestimmt etwas, von dem du gar nicht weißt, daß du es weißt. Etwas, das uns helfen könnte, ihn zu finden. Etwas …« Ich riß meine Hand aus seinem Griff. »Laß mich verdammt noch mal in Ruhe, Watkins – Underhill – wie immer du dich jetzt nennst.« Ich stand auf. Er blieb sitzen und sah mich stumm an. »Ich habe mich aus der Gruppe gelöst. Wir haben es so geplant und ausgeführt, jawohl. Wir sind frei, wir alle. Frei voneinander. Auf keinen Fall lasse ich zu, daß du mich wieder zurückholst, hast du mich verstanden?« Meine Stimme war mittlerweile so laut geworden, daß Gäste an anderen Tischen zu uns herüberschauten., »Sei kein Idiot, Peter«, sagte Watkins. »Er ist da draußen. Du kannst ihm nicht entkommen.« »Ich kann nicht glauben, daß ich den ganzen Nachmittag damit vergeudet habe, hinter einem Irren herzurennen. Bleib ja weg von mir.« Ich zitterte. Watkins beobachtete mich voller Interesse. »Wenn du dich auch nur von weitem blicken läßt, dann sorge ich dafür, daß jemand erfährt, wer diesen Kranken- wagen gesprengt hat. Ansonsten bleibt es ein Geheimnis. Hast du mich verstanden?« »Ich verstehe, daß du ein Problem hast, Peter.« Er erhob sich nicht von seinem Platz. »Es wird nicht lange dauern, bis du begreifst, was für ein Problem es ist. Nimm meine Karte.« »Ich will nicht …«Ich holte meine Flexicard aus der Briefta- sche. Sie war nun durchsichtig mit der schlichten Inschrift ›Gregory Zis‹ in schwarzen Lettern und einem Zugriffscode darauf. »›Gregory Zis‹?« »Ein Alias. Ein Netzname. Was sollten wir sonst haben? Gute Nacht, Peter Ambrose. Schlaf gut.« Er wandte seine Aufmerk- samkeit wieder seinem Bier zu. Und das war die letzte Demütigung. Er ließ nicht einmal zu, daß ich wütend hinausstürmte und er mir irgend etwas hin- terherrief. Er entließ mich einfach. Aber ich hatte nicht vor, mich noch einmal an den Tisch dieses Verrückten zu setzen. Ich hatte andere Sorgen., KAPITEL 8 »Ja, Peter, ja, ich gebe bald etwas auf.« Sheldon schaltete eine Reihe Ultraschallreiniger aus, und ein unterschwelliges Sum- men verstummte. Er überprüfte die Schaltkreise mit ernster Miene. »In genau zwei Minuten.« Er deutete auf einen Stapel grauer Briefumschläge mit goldenen Rändern, die auf einem Tisch zum Zusammenfalten der Kleider lagen. »Du kannst doch so lange warten, oder?« »Aber ja, Sheldon. Ich muß nur eine Nachricht abschicken, mehr nicht.« »Das ist alles, was wir unser ganzes Leben lang tun können. Wir wissen nie, ob irgend jemand zuhört. Wir wissen nicht, ob ein Publikum existiert. Wir wissen es nicht und senden trotz- dem.« Wir blieben bei einer unglaublich dicken Frau stehen, die mehrere Schichten Mäntel und Schals übereinander trug. Umgeben von Wäschemassen, war sie die letzte Kundin der Münzwäscherei und schien wenig Interesse daran zu haben, Schluß zu machen und in die nasse Kälte hinauszugehen. »Ich arbeite so gut ich kann, Sheldon«, sagte sie. »Es ist kaum zu glauben, wieviel sich im Laufe einer Woche ansammelt. Verstehen Sie das?« »Nun, nein, Margareet. Ich kann es nicht. Stiehlst du schon wieder anderen Leuten die Wäsche?« »Sie wissen, daß das nicht wahr ist, überhaupt nicht! Das war dieses Biest Lana, sie hat gesagt …« Sheldon kicherte und griff nach einer großen orangefarbenen, Bluse. »Na schön, Margareet, sieh zu, daß du fertig wirst. Hilfst du mal, Peter?« Sheldon war eine Mischung aus Asiate und Afrikaner und ähnelte mit seinem langen Kinn und seiner schmalen Stirn einer Gottesanbeterin. Er war ein bedienter Posaunist, und als solcher hatte ich ihn auch kennengelernt. Ich setzte mich und begann, ballonförmige Unterwäsche zu- sammenzufalten. Wenigstens hatte ich etwas zu tun. Die Wä- scherei war hell erleuchtet und still. Sheldon, der im Stockwerk darüber wohnte und den Salon leitete, hatte jede Menge aus- rangierte Möbel herangeschafft und so eine heimelige Atmo- sphäre geschaffen. Der Schuß war nach hinten losgegangen, weil seine Kunden sich nun lieber bei ihm aufhielten, als nach Hause zu gehen. Genauso wie Margareet. Information. Das war es, was ich nötiger hatte als alles ande- re und was Watkins mir nicht hatte geben wollen. Statt dessen hatte er unsinnige und offensichtlich falsche Theorien über Tote aufgestellt. Ich mußte mich über Watkins informieren. Ich mußte mich auch – meine Gedanken umkreisten sie wie aufge- scheuchte Spatzen – mit Corinne in Verbindung setzen. Das könnte vielleicht der wichtigste Punkt von allen sein. Ich hätte mich nicht mit nur zwei Bier in Watkins Gesell- schaft zufriedengeben sollen. Sie reichten nicht aus, um die Schärfe der Gedanken zu mildern, die wie Messer durch meinen Kopf schnitten. »Weißt du, was ich oben habe?« Sheldon stellte die Frage in verschwörerischem Ton. »Zwei von Chester Donatos Num- mern.« »Chester …?« Sheldons Gesicht leuchtete auf, als er mich erwischt hatte., Und er hatte, denn ich wußte, daß wir über Donato gesprochen hatten. »Er hat bei den Bremmer Boys Saxophon gespielt, draußen in Philly. Anfang der achtziger Jahre. Ich hab' ein paar alte Scheiben von ihnen, die dich bestimmt interessieren. Du mußt dir mal seine Version von ›Why Don't You Do‹ anhören.« »Aber klar.« Allmählich erinnerte ich mich an unser Ge- spräch. »Chester Donato … hat er nicht mal mit Calvin Min- senger gespielt?« »Nee. Er hat's einmal versucht. Bei einem Clubauftritt. Sie konnten einander nicht leiden. Aber ich frag' dich, wer kam schon mit Minsenger aus?« Weder Chester Donato, der berüchtigte Calvin Minsenger noch die Bremmer Boys hatten tatsächlich existiert, jedenfalls nicht in unserer Welt. Sie waren totale Produkte von Sheldons Phantasie, obgleich ich nicht daran zweifelte, daß die Schallplat- ten echt waren. Viele Phantasieprodukte Sheldons waren echt. Mit einiger Hilfe von mir hatte er sich eine vollständige al- ternative Vita geschaffen, die von der unseren etwa zu der Zeit abzweigte, als Chuck Berry und Fats Domino die Szene betra- ten. In seiner Vita hatte das fehlgeschlagene Experiment Rock'n'Roll niemals stattgefunden. Statt dessen hatte der Jazz sich ohne Unterbrechung vom Bebop bis ins einundzwanzigste Jahrhundert weiterentwickelt. Sheldons Vita war gespickt mit nicht existierenden Clubs, Stars, Verhaftungen, Auseinander- setzungen und romantischen Erlebnissen. Er hatte einen au- thentischen Hintergrund dazu geschaffen; mit Programmen, Fotos, Erinnerungsstücken wie Hüten, Frackschleifen und Chester Donatos zerkratzten Schallplatten, sogar mit den Auf- nahmen von Interviews mit nicht existierenden Musikern. Ich, hatte miterlebt, wie einige dieser Dinge entstanden, aber nun waren sie real. Die Echtheit eines Zylinders von Duke Ellington war von der eines Tropenhelms von Rory Barilleau nicht zu unterscheiden. Hinter Sheldon befand sich eine Welt, die funktionierte, und obgleich ich einiges zu ihr beigesteuert hatte, konnte ich sie nicht teilen. Seine Geschichte war um vieles lebendiger und farbiger als die, die tatsächlich stattgefunden hatte. Sheldons Vergangenheit ergab einen Sinn. Mir ging etwas durch den Kopf, und ich sprach es aus, ohne lange nachzudenken. »Aber ich dachte, Chester Donato sei langjähriges Bandmitglied bei Calvin Minsenger gewesen. Donato ging von ihm weg, nachdem sie sich während einer Studebaker-Ausstellung in South Bend, Indiana, heftig gestrit- ten hatten. Erinnerst du dich nicht mehr? Sie traten anläßlich der Vorstellung des neuen Modells auf. Wie hieß es noch mal? … Consul, glaube ich. Ende der Siebziger. Minsenger schlug Donato mit einem Brecheisen eins über den Schädel oder so …« Ich verstummte, als ich den Ausdruck in Sheldons Gesicht bemerkte. Er sah aus wie ein Schlittschuhläufer, der gerade gehört hat, wie das Eis unter ihm zu brechen beginnt. Er hatte mir diese Geschichte in allen Einzelheiten vor ein paar Monaten erzählt, sie aber wohl vergessen. Ich konnte seine Atemzüge in der stillen Wäscherei über dem kaum wahrnehmbaren Ge- murmel Margareets hören, mit dem sie die Wäsche zusammen- legte. Meine Gedanken rasten. Sheldon war erstaunlich verletzbar, was sein Universum betraf. Als würde es schon bei der ersten Andeutung eines Widerspruchs zu Staub zerfallen. Seine Welt, brauchte eine gewisse Robustheit. Sie brauchte einen weiteren Augenzeugen, um zu existieren. Vieldeutigkeit ist ein Kennzei- chen der Realität, so wie durchbrochene Symmetrien ein Kenn- zeichen des physikalischen Universums sind. Ich hatte gedacht, ich könnte ihm dazu verhelfen. »Das ist die Geschichte, die sich alle erzählen«, sagte ich. »Ich glaube, du hast es auch getan. Schäm dich, Sheldon, sie einfach nachzuplappern, ohne sie zu überprüfen. Ich glaube nicht, daß Chester Donato jemals in South Bend war. Aber Leatherlips McKonnachie war dort. An ihn erinnerst du dich sicher.« »Klar.« Sheldons Gesicht hellte sich auf. »Trompeter. Machte immer Ärger.« »Genau. Er hatte es sich mit Brock Stolier verdorben …« »Als sie mit Phaedrus's Follies spielten, Minsengers Band. Natürlich. Gar nicht gut, es sich mit Candy Ass Baboon zu verderben. Ich wußte gar nicht, daß Leatherlips überhaupt mit jemandem auskommen konnte.« Ich konnte verfolgen, wie Sheldons Geist zu fliegen begann. »Donato wird die Geschichte zugeschrieben, weil niemand je etwas von McKonnachie gehört hat. Teufel noch mal, ich hab' drei oder vier verschiedene Schreibweisen seines Namens in einem Buch gefunden. Er war auf keinem der Bilder. Außer auf einem, natürlich.« Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Darauf sieht er sogar aus wie Donato.« »Sie könnten Brüder sein.« »Das waren sie vielleicht auch. Donatos Ma war ständig auf Achse. Sie hat ihre Babies überall auf der unteren Achtundvier- zigsten verteilt. Die reinste Gebärmaschine.« Sheldon grinste. »Hat selbst ein ganz schön bedientes Klavier gespielt. Genauso, wie du. Komm mit rauf und spiel. Nachher kommen ein paar Leute rüber. Mir machen eine heiße Abend-Jam-Session. Das sind sowieso die besten. Wir brauchen keine Sonne. Jazz ist schließlich keine Blume.« »Eigentlich sollte ich …« »Hast du was Besseres vor? Komm schon. Wir vermissen dich, wenn du nicht dabei bist.« »Danke, Sheldon.« Mir wurde warm ums Herz bei dem Ge- danken, daß mich irgend jemand irgendwo vermißte. »Ich komme.« »Hey, Mister, falten Sie den Büstenhalter nicht so. Das soll kein Origamikunstwerk werden. Geben Sie her!« Ich reichte Margareet den riesigen BH. Ich mußte mich mit Sal Tigranes in Verbindung setzen. Ich konnte wochenlang durch die Datennetze streifen und würde doch nicht an die Informationen herankommen, die ich bei einer Tasse Tee aus ihm herausholen könnte. Er wußte viel- leicht etwas über Watkins … oder Stephen Underhill – oder, zur Hölle, Gregory Zis. Vielleicht hatte er sogar gehört, ob IntraCranial im Atman herumschnüffelte, um herauszube- kommen, was Charles Geraldino zugestoßen war. Möglicher- weise könnte er ein Streichholz anzünden und die Dunkelheit erhellen, die mich umgab. Ich war zu Sheldon gegangen, weil er der einzige war, der kurzfristig an Tigranes herankam. Die Briefumschläge auf dem Tisch würden noch heute durch Tigranes' speziellen Boten- dienst verschickt werden. »Da kommt er schon«, sagte Sheldon. Ich schaute von Margareets Overalls hoch. Wir waren fast, fertig mit dem Zusammenfalten. Ein hochgewachsener Mann mit einer extravaganten, feder- verzierten Mütze betrat die Münzwäscherei. Er trug mit kom- plizierten Webmustern versehene Seidenkleidung keiner spezi- ellen historischen Periode. Die Sachen waren von einem Com- puterprogramm entworfen worden, das dem ähnelte, welches meine mit Schleifen versehenen Keksdosen erschaffen hatte: eine Verpackung für ein menschliches Wesen, das essen, schei- ßen und pinkeln, sich in Computernetze einschalten, schlafen, Zweikämpfe ausfechten, lieben, auf Gebäude klettern und, man glaubt es kaum, Wale harpunieren, Odette oder Odile in Schwanensee tanzen konnte. Vielleicht brauchte er dank Shel- dons Ultraschall-Reinigungssystem die Sachen niemals auszu- ziehen, und ein einfacher Druckverschluß auf dem Rücken öffnete die Kleider und verwandelte sie in ein einziges Tuch. Ich überlegte, ob ich diese Technik nicht Margareet empfehlen sollte. Er durchquerte den Raum mit schnellen Schritten und schob den Stapel Briefumschläge in eine große Ledertasche. Wie ein Briefträger in der guten alten Zeit. Gleich wäre er schon wieder draußen und verschwunden. Ich stand auf. Er wandte sich um und erstarrte. Er betrachtete mich auf- merksam. Er besaß hohe, superdünne Augenbrauen, wahr- scheinlich das Werk eines chirurgischen Eingriffs. Ich mußte mir genau überlegen, wie ich ihn ansprach. Falls meine Frage nicht korrekt formuliert wäre, würde er sie, auch wenn er sie verstand, ignorieren wie ein aufreizend überheblicher Pariser. Es war ein verdammungswürdiger, dekadenter Formalismus, aber die Leute bestanden auf seiner Einhaltung. In jedem, Kommunikationssystem ist die Form sehr wichtig. Ich war darauf vorbereitet. Ich griff vorsichtig in meine Brusttasche. Ein falscher Atemzug, und meine Hand könnte mit einem Springmesser an mein Brustbein genagelt werden. Stra- ßenstreuner machten sich einen Spaß daraus, Boten das Leben zu erschweren. Daher hatten sie gelernt, sich zu schützen. Mit zwei Fingern nahm ich ein Päckchen heraus, öffnete es und schob eine getrocknete Pflanzenwurzel zu ihm hinüber. Erde klebte noch daran und bröselte auf den Tisch. Auf die Erdbrocken legte ich noch ein Bündel silbriger, im Orbit herge- stellter Monofilamente. »Für ihn selbst?« fragte der Bote schließlich mit der leisen, einschmeichelnden Stimme eines Kinderschänders. »Höchstpersönlich.« Die Symbole stammten nicht aus der Geschichte, wenigstens nicht aus der Geschichte, die ich kannte. Sie entsprangen einem in sich geschlossenen System aus Zeichen und Symbolen, das vermutlich nur Eingeweihten bekannt war. Allerdings wurden sie ständig von populären Illustrierten und Netzklatsch ›ent- hüllt‹ – stets mit einigen grotesken Fehlern, die Belustigung vielleicht auch Zorn auslösten, aber keinesfalls zu einer Kom- munikation führten. Das Ganze war unglaublich clever einge- richtet, und ich vermutete dahinter unendliche Geheimnisse. Ich benutzte das System, aber ich verstand es nicht. Aus einer anderen Tasche meines Anzugs zog ich ein Stück dunkles Papier. Unter den aufmerksamen Blicken des Boten schrieb ich: »Sal. Wir müssen uns treffen. Bitte gib mir so bald wie möglich Bescheid. Peter Ambrose.« Ich faltete das Papier in eine komplizierte Form und reichte es dem Boten. Er machte, augenblicklich kehrt und verließ die Münzwäscherei. Sheldon blickte ihm hinterher. »Wow. Ob sie unter all den Kleidern menschlich sind, was meinst du? Er bewegt sich, als liefe er auf Rollschuhen.« Dann beäugte er mich neugierig. »Du hast geschäftlich mit ihnen zu tun?« »So könnte man es nennen.« Ich wollte mich nicht weiter dazu äußern. Sheldon wedelte mit der Hand vor meinen Augen herum. »Tut mir leid, entschuldige. Das ist draußen, weit weg. Es paßt nicht zu meinen Aufzeichnungen.« »Es ist schon in Ordnung, Sheldon.« Ich ließ mich nieder und fühlte mich unglaublich müde. Der Tag forderte seinen Tribut. Ich hatte den Kasten mit den Gruppen-Erinnerungen aus dem Wagen mitgebracht. Ich spürte seine scharfen Kanten in meiner Tasche. Unter lautem Seufzen und Stöhnen verließ Margareet end- lich mit Taschen und Säcken voller Wäsche die Münzwäscherei. Ihre fette Gestalt war unter der Last kaum zu sehen. Sheldon blickte ihr nach. »Nächste Woche ist sie wieder hier, mit demselben Zeug. Das meiste ist noch nicht mal ange- schmutzt.« Er schüttelte den Kopf. »Es muß doch schönere Orte geben. Weshalb ausgerechnet eine Wäscherei?« »Vielleicht weil du hier bist«, sagte ich. »Ich kann mich we- nigstens mit der Musik entschuldigen.« Seine dunkle Haut errötete, und er lächelte, ohne mir in die Augen zu blicken. »Fang ja nicht an mit mir zu flirten, Peter. Sonst muß ich Arnie davon erzählen.« . »Arnie weiß, daß ich harmlos bin.« Ich überlegte kurz. »Kannst du etwas für mich tun, Sheldon? Es fällt in dein Res-, sort.« Er straffte sich und nahm eine seiner Meinung nach profes- sionelle Haltung an. »Na klar.« Ich holte Charlie Geraldinos zerknautschtes Halstuch hervor. »Kannst du das für mich bügeln? Ohne es zu beschädigen. Es ist Seide.« »Ich weiß, was Seide ist.« Ich hatte seinen professionellen Stolz beleidigt. Er deutete durch ein Lächeln an, daß er mir diesen faux pas verzieh, nahm das Tuch und ging damit zu einer kleinen Bügelmaschine hinüber. Wenige Sekunden später kam er zurück. Das Tuch war makellos glatt. Ich faltete es vorsichtig zusammen, bis das Päckchen die Form einer Blume hatte, und legte es zurück in den Kasten. Charlie war tot. Es war eins der wenigen Dinge, die von ihm in dieser Welt noch existierten. Ich schloß den Kasten und be- trachtete ihn nachdenklich. Sheldon musterte mich besorgt, legte eine Hand auf meine Schulter. »Kommst du mit hoch?« Ich wünschte es mir so sehr, daß es in mir wie ein Feuer brannte, ein Feuer, das nur durch Musik gelöscht werden konnte. »Laß uns gehen.« Ich spielte an diesem Abend über meinem Durchschnitt, was mich nicht überraschte, denn die Leute, die Sheldon eingeladen hatte – Wynans, Elzbeth, Lars, der Fagottist – waren ausgespro- chen gut. Elzbeth hatte ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, und Melodielinien um ihre Synkopen zu flechten, war geradezu erfrischend. Gegen Morgen legten wir eine Pause ein. Das Apartment,, vollgestopft mit Jazzandenken aus Sheldons alternativem Uni- versum, schien von der Musik zu vibrieren, die wir darin ge- spielt hatten. Sheldons Geliebter, Arnie, lag in einer Ecke unter einem kunstvoll drapierten Stapel Satinlaken. Ich konnte nicht feststellen, ob er zuhörte, weil er sich nicht rührte, außer daß er ab und zu destilliertes Wasser aus einer Röhre trank. Mit sei- nem entblößten Oberkörper und dem langen lockigen Haar sah er aus, als säße er einem Maler großartiger historischer Szenen Modell. Ich saß am Klavier und wischte meinen Schweiß von den Ta- sten. Die anderen gingen umher und schwatzten oder holten Bier aus dem Kühlschrank in der Küche, aber ich hatte über eine Menge Dinge nachzudenken. Sie spürten das, und nie- mand sprach mich an, außer durch die Musik. Ich öffnete meinen Kasten und betrachtete die Gegenstände darin. Die blaue Murmel. Ich hielt sie auf Armeslänge und sah sie sanft leuchten. Die Erde, wie man sie aus dem Weltraum sieht. Anthony Watkins. Die Murmel hatte ihm gehört, ein Teil seiner umfangreichen Spielesammlung, das meiste ausrangiert und verschollen. Watkins hatte mit wahrer Begeisterung Murmeln gespielt. Ich schnippte sie mit dem Daumen hoch und fing sie in der Handfläche auf. Das Skalpell mit Horngriff, früher einmal Teil einer Instru- mentensammlung im schwarzen Lederkoffer eines viktoriani- schen Arztes, neben Knochenzangen, Sägen, einem Gallenstein- zertrümmerer. Diese Gegenstände hatten Karin Crawford das Gefühl vermittelt, daß ihr Fachgebiet alt war und schon seit Jahrhunderten bearbeitet wurde, obgleich es eigentlich eine, Erfindung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts war. Davor hatte das Wort ›Medizin‹ einen Beiklang von Folter und Aberglauben besessen. Der Ratschenschlüssel. Ich drehte ihn hin und her und hörte ihn klicken. Ein schlichtes Werkzeug, immer noch mit einem dünnen Film alten Motorenöls bedeckt. Lori Inversato hatte die Zündkerzen eines alten Wagens damit ausgewechselt, dann hatte sie den Schlüssel auf dem Betonboden der Werkstatt liegengelassen, wo ich ihn gefunden und aufgehoben hatte. Ein schmierfettbesudeltes Symbol von ihr, und, wie ich annehme, ihr liebstes obendrein. Der weiche Lederhandschuh. Ich ergriff ihn und begann, ihn über die Hand zu ziehen. Scharfe Stiche bremsten mich. Ich hielt den Handschuh hoch und blickte hinein. Sein Innenfutter bestand aus stählernen Nadelspitzen, die im schwachen Licht schimmerten. Aus einem meiner Finger quoll ein Blutstropfen. Ich lutschte ihn auf. Es war Hank Rush's kleiner Schabernack, einer von vielen. Er hatte den Handschuh an seiner syntheti- schen Hand getragen und die Nadelspitzen als weiches Massa- getuch empfunden. Das handbemalte Halstuch, das wie eine Blume zusammen- gefaltet war. Und ein vierblättriges Stück polierten, rot patinierten Metalls mit einem langen, dreieckigen Schlitz in der Mitte. Darauf befanden sich, in Gold gearbeitet, zwei Phoenixe. Es war ein japanisches Stichblatt aus der Schule von Kaneiye. Der Gegen- stand wurde tsuba genannt. Gene Michaud war stets ein fru- strierter Liebhaber alles Militärischen gewesen und hatte Milita- ria gesammelt, um sich eine Verbindung mit der Wissenschaft, der kreativen Vernichtung zu schaffen. Ich hatte das tsuba an mich genommen, als wir aus Camp Fitzwater geflohen waren, nach dem Tod von … Ich leerte den Kasten, drehte ihn um. Es war nichts mehr darin außer jenen sechs Gegenständen, einer für jeden Angehö- rigen der Gruppe, meine Verbindung zu ihnen. Von Linden Straussman gab es nichts. Ich erschauerte und legte alles wieder zurück. Jedesmal, wenn ich spielte, erfuhr ich etwas Neues über mich. Es holte mich wieder auf festen Boden zurück. Es tat mir bereits leid, daß ich gegenüber Watkins aufgebraust war. Aber er hatte eine seltsame Gabe dafür. Er brachte mich in Rage, dann lehnte er sich zurück und beobachtete, wie ich reagierte. Ich mußte ihn suchen. Ihn und die anderen. Ich hatte bereits damit begonnen. Während der letzten Pause hatte ich die Netzmärkte nach japanischen Militaria-Sammlerstücken abgesucht – und eine Info-Anfrage für dieses Teil abgesetzt. Es war ein Unikat. Gene Michaud würde es sicherlich auffallen. Ich würde seine Reakti- on abwarten müssen. Soweit ich mich erinnerte, war er ein impulsiver Mensch. Er würde reagieren, und zwar schnell. »O nein, Sheldon«, hörte ich eine klagende Stimme hinter mir ausrufen, »nicht schon wieder einen deiner nicht existie- renden Jazzgiganten.« »Von wegen«, sagte Sheldon. »Eine Berühmtheit, du solltest ihn eigentlich kennen. Dieses Foto wurde 1978 auf einer kleinen Werbeveranstaltung geschossen. Im Studebaker-Ausstellungs- raum in South Bend, Indiana. Dort kam es zu dem berüchtigten Nebelhorn-Vorfall.« Das weckte mein Interesse. Ich drehte mich um. Wynans, ein, rundlicher Rechtsanwalt, der ein wunderschönes Tenorsax spielte, schlug sich mit der Hand gegen die Stirn und blickte zur Decke, als wollte er Gott um Hilfe anrufen. Er sah zu mir her- über und schüttelte den Kopf. »Verrückt. Sein Kopf und das Universum sind total aus dem Takt.« Im Gegensatz zu seinem Instrument klang seine Stimme schrill und quäkig. Sheldon ignorierte Wynans' mangelndes Interesse, grinste mich an und legte ihm ein postkartengroßes Foto vor. Ich schob mich näher heran und warf einen Blick darauf. Ein Jazz-Sextett. Phaedrus's Follies stand in roten Lettern auf der Baßtrommel. Sie spielten auf einer kleinen Bühne vor einer Schar von Tänzern. Hinter der Band war ein Halbkreis aus neuen Automodellen zu erkennen. Scheinwerfer spiegelten sich in ihrem glänzenden Lack. Der Wagen in der Mitte besaß dramatisch aussehende Flügeltüren, die nach oben geöffnet wurden. Die Männer trugen lächerlich lange Koteletten, die Frauen kurze Röcke. Es sah aus wie die siebziger Jahre. Unsere siebziger Jahre, meine ich, die echten, wenn man irgendwelche Siebziger Jahre überhaupt als echt bezeichnen kann. Der Saxophonist blies sich die Seele aus dem Leib. Seine Augen waren allerdings geschlossen. Er blickte dem Fotografen eisig entgegen, als spiele nur sein Körper das Instrument, während sein Geist sich mit völlig anderen Dingen beschäftigte. Er war ein starker, schwar- zer Mann mit kahlem Schädel, auf dem ein kompliziertes Mu- ster von Narben zu erkennen war, die beinahe rituellen Stam- mesnarben glichen. Sheldon tippte auf das Foto. »Brock Stolier«, sagte er erklä- rend. »Nannte sich selbst Candy Ass Baboon. 1952 in Baton, Rouge, Louisiana, geboren. Einer der großen Tenoristen. Wy- nans, hast du noch nie von ihm gehört? Er hätte Bird aus dem Grab blasen können.« »Wenn es ihn je gegeben hätte«, schnaubte Wynans. »Aber es gab ihn nicht.« Sheldon zuckte die Achseln. Ihn interessierte Wynans' Skep- sis nicht. »Damals beschäftigte Stolier sich intensiv mit einem neo-afrikanischen Jazzstil namens TseTse.« »Weshalb? Weil man davon einschlief?« Wynans freute sich über seine clevere Bemerkung. Sheldon seufzte. »Möchtest du wirklich dein ganzes Leben lang einer toten Kunst frönen?« »Tot? Sie ist nicht tot, Sheldon.« »So sieht sie für mich aber aus.« Ich betrachtete das arrogante Gesicht Brock Stoliers. Seine Lippen waren fest um das Mundstück geschlossen. Wann hatte Sheldon es geschafft, dieses Foto herzustellen? Es war ein Pro- dukt seines Bilderzeugungssystems, das den größten Teil des Raums einnahm. Während ich es betrachtete, war ich über- zeugt, daß keine noch so umfangreiche technische Analyse den Beweis erbringen könnte, daß dieses Foto eine reine Erfindung war. Und ich war sicher, daß er es als Folge unserer letzten Unterhaltung geschaffen hatte. Während einer Kaffeepause vielleicht? Sheldon konnte sehr schnell arbeiten. »Das war die Gelegenheit, wo es geschah.« Sheldon deutete auf den Trompeter, der hinter Stolier stand und starr geradeaus blickte, das Instrument unterm Arm, ein fetter Typ mit zerzau- stem Haar und dem Gesichtsausdruck des klassischen Unruhe- stifters. »Am Abend vorher hatte Leatherlips McKonnachie, Brock Stoliers Saxophon geklaut und es in eine rund um die Uhr geöffnete Schweißwerkstatt gebracht. Sie haben es aufge- schnitten und eine Hupe eingesetzt. Eine E-Dur-Hupe, die nur dann ertönte, wenn Stolier diese Note und keine andere Note griff. Vor der Studebaker Show sorgte Leatherlips dafür, daß Stolier sich betrank. Daher bemerkte er nichts Ungewöhnliches, bis er zu spielen begann. Beim ersten E hätte er das Instrument beinahe fallengelassen.« Sheldon lachte, als sei er persönlich dabei gewesen. »Die restliche Band wußte Bescheid und spielte weiter, als sei überhaupt nichts passiert.« »Und was geschah weiter?« fragte ich. »Gab es Streit? Wurde ein neuer Musikstil geschaffen?« »Wie bitte?« Sheldon blinzelte verwirrt. »Es ist eine ziemlich bekannte Geschichte. Stolier lockte Leatherlips nach hinten, um sich den Wagen in der Mitte etwas näher anzusehen. Dann knallte er ihm vor allen Anwesenden die Flügeltür auf den Kopf. Den Automanagern gefiel das gar nicht, denn nun sah es so aus, als sei der Wagen nicht sicher. Regent hieß das Modell. Phaedrus's Follies waren nicht einmal besonders bekannt. Sie waren gut, sehr gut sogar, aber eben nicht besonders bekannt. Sie lösten sich 1982 in Tacoma auf, nach einer schlecht verlau- fenen Tournee. Sie hatten einen unangenehmen Bandleader, einen Knaben namens Calvin Minsenger.« Er grinste mich an. Ich erwiderte das Grinsen. »Das mit McKonnachie ist schon seltsam. Er sieht genauso aus wie Chester Donato.« »Tja, verdammt komisch.« Sheldon lachte. Nachdem der Streit beigelegt war, begannen Sheldon und Wynans über einen Club-Termin zu reden. Neben seiner Funk- tion als Wäschereikönig der Near North Side betrieb Sheldon, auch noch einen interaktiven offenen Jazzclub mit dem Namen Le Moustier. Er benutzte Tigranes Boten, um Einladungen an Leute zu schicken, die er dafür ausgesucht hatte. Die Einladun- gen steckten in den grauen, goldgeränderten Kuverts, die ich am Abend vorher gesehen hatte. Sheldon wußte, daß die mei- sten Menschen überhaupt keine Musik verstanden. Seine spezi- ellen Erfindungen waren der Versuch, eine Kultur zu erschaf- fen, die mit Musik etwas anfangen konnte. Eine Kultur, die seine musikalische Geschichte verstand, in der Rock and Roll eine Kuriosität und in etwa genauso wichtig war wie Gregoria- nische Gesänge. Ich wünschte ihm dazu Glück. Lars, der Fagottist, begann eine flotte kleine Tangomelodie zu spielen. Erst als ich die Finger auf die Tasten legte, erkannte ich, wie vertrackt dieser Tango war. Verdammte Fagottisten. Sie kommen nur selten zum Spielen, deshalb verbringen sie die meiste Zeit mit Nachdenken. Ich habe eigentlich noch nie einen kennengelernt, der kein Unruhestifter war. Ich stimmte ein und ließ dem Fagottisten genügend Raum für seine versponnenen Improvisationen. Wir spielten, bis der Morgen ans Fenster klopfte. Draußen auf der Straße hatte sich eine Eule auf der Motorhaube meines Wagens niedergelassen. Alles war im morgendlichen Licht scharf und unbarmherzig. Der angeschwemmte Gossen- abfall um die Reifen des Wagens peinigte meine Augen mit seinen vielfältigen grellen Farben. Die Straße schlief mit offe- nem Mund und schnarchte. Nur die Eule bewegte sich, pluster- te ihr Gefieder auf und trippelte seitlich über die Haube. Ich erkannte sie. Sie gehörte Tigranes. Die Eule blinzelte und drehte, den Kopf in meine Richtung. Ich blieb stehen und beobachtete sie. Sie streckte die Füße, und Infomyzel, fast unsichtbare glänzende Fäden, entstand zwischen ihren Krallen. Die beiden Augen waren unterschiedlich. Das rechte war echt, während das linke eine Prismenoptik enthielt, die wahrscheinlich mein Bild direkt auf Tigranes' Schreibtisch übermittelte. Ich winkte. Das Infomyzel der Eule wand sich durch die Spalten des In- formationssystems meines Wagens und aktivierte induktive Datenspeicher. Ein Navigationsprogramm zu Tigranes' Haus wurde eingespeist. Die Eule schüttelte sich, zog ihr Infomyzel ein und startete mit elegantem Flügelschlag von der Motorhaube. Ich sah ihr nach, bis sie mit dem strahlend blauen Himmel verschmolz. Verdammt. Es war heller Tag. Wußte sie denn nicht, daß sie eigentlich schlafend, mit dem Kopf nach unten in irgendeiner Höhle hängen sollte? Nein, Moment, das galt für Fledermäuse, dachte ich. Ich habe niemals behauptet, ein Naturkenner zu sein. Ich stieg in den Wagen. KAPITEL 9 Das schmiedeeiserne Tor in der hohen Mauer glitt auf, als ich darauf zurollte, und schloß sich hinter mir. Eine Geschwindig- keitsbeschränkung bremste den Wagen abrupt ab, als sei er plötzlich gegen eine Wand aus schwerer, solider Luft geprallt. Stattliche, langweilige Häuser standen stolz inmitten umgeben-, der Rasenflächen, glücklich, daß die Stadt weit weg war. Tigra- nes' neue Behausung war ursprünglich ein französisches Cha- teau mit Klinkerfassade gewesen und hatte sich in nichts von den benachbarten Bauten unterschieden, doch er hatte bereits ein Treibhaus angebaut, das sich an der Seite des Hauses er- streckte. Ich konnte flüchtig leuchtendbunte Urwaldblumen im dichten Grün erkennen. Neue Erker ragten aus dem hohen schwarzen Hausdach und deuteten auf nachträglich zugefügte Zimmer hin. Das Haus besaß ein eigenes Tor, welches ebenfalls beiseite- glitt und mich dann einschloß. Ich gelangte zu einem gepfla- sterten Parkplatz unter einer Hecke. Mein Motor verstummte. Das Türschloß klickte, und meine Tür schwang auf. Ich schaute mich um, während ich ausstieg, und hielt Ausschau nach Ge- wehrstellungen und Laserzielsuchern, aber ich entdeckte ledig- lich eine Kolibrifutterstelle und eine Vogeltränke. Im Gegensatz zu meiner eigenen war diese hier mit Wasser gefüllt. Ich schritt über den Gehweg. Der löwenköpfige Türklopfer pochte einmal gegen die Tür, und sie öffnete sich. In der dunklen Eingangshalle schlug eine Standuhr geheim- nisvoll verhalten. Ihre Oberfläche fühlte sich an wie Haifisch- haut, und Zähne aus Obsidian, in einem Kreis angeordnet, markierten die verstrichenen Stunden. Die Eule saß auf der Uhr, drehte sich zu mir um und betrachtete mich blinzelnd, als fragte sie sich, weshalb ich so lange gebraucht hatte. »Hier hinten, Peter.« Eine Terrassentür am Ende des Korri- dors öffnete sich zu einem sonnenbeschienenen Garten. Drau- ßen kniete Sal Tigranes, der trotz des dicht bewölkten Himmels einen breitkrempigen Sonnenhut trug, vor den Rosensträu-, chern, die er auf den herannahenden Winter vorbereitete. Isolierende Kristalle wuchsen an den Dornen, als er sie ein- sprühte, und verwandelten die Rosen in Kandiszucker. Sein weißer Bart wallte über seinen Overall wie ein Gletscher. Unter seinen blassen Fingernägeln hatten sich Schmutzränder ange- sammelt. Tigranes sah mich grinsend an, sein dunkles Gesicht ein La- byrinth von Falten. »Schön, daß du gleich kommen konntest, Peter.« Er stand langsam auf, erst ein Fuß, dann der andere, und wischte sich die Hände an einem Putzlumpen ab. Er hängte die Sprühpistole zwischen die Hacke und eine glänzende, antike Heckensichel aus dem viktorianischen England. Ich ließ den Blick über den Garten schweifen. Abgesehen von den Rosensträuchern, die sich an die Hauswand schmiegten, bestand er aus einem fleckigen Rasen, der sich bis zu einem Maschendrahtzaun erstreckte. »Das sieht aber nicht sehr viel- versprechend aus, Sal.« »Im Augenblick ist nicht viel da«, gab er zu. »Nur die frühere typische Monokultur der Vorstädte. Aber warte bis zum Som- mer. Dann bekommst du einiges zu sehen.« Er unternahm mit mir einen Rundgang durch einen imaginären Garten voller winterharter Pflanzen, sorgfältig gestutzter Sträucher, duftender Bodenpflanzen und moosbewachsener Felsen und erklärte mir die noch nicht vorhandenen Attraktionen. Er bohrte die Finger zwischen zwei Grasflecken in die Erde. Sie war hart gestampft und gab nicht nach. »Das war früher mal Ackerland. Gutes Ackerland, ehe sie den größten Teil in den Mississippi spülten. Davor war es Savanne. Gletschermoränen, darauf Schwemm- land. Wenn man sich vorstellt, seine Zeit damit zu vergeuden,, dieses seltsame eurasische Bodengewächs anzubauen, das nicht mal die Hitze eines Illinois-Sommers verträgt!« »Meinst du das Gras? Ich dachte, es käme aus … Kentucky oder so.« Ich hockte mich neben ihn, obgleich ich nichts ande- res als Gras und Erde sehen konnte. Er zwinkerte mir zu. »Mein Gott, Peter! Hast du denn nicht aufgepaßt? Was würden die Sons of the Canyon sagen, wenn Sie dich hören könnten?« »›Kunstdünger‹.« Ich imitierte, was ich mir unter einer scharfen Canyonisten-Stimme vorstellte, die einen Befehl gab, und mußte unwillkürlich frösteln. Tigranes lachte. »Nicht in meinem Garten. Die Erde würde zu sauer. Vielen Dank für das Angebot.« Er unternahm eine ganze Menge, doch sein Hobby als Gärtner war Tigranes' größ- ter Stolz. Dinge wachsen zu lassen, oder eher, Dinge in eine andere als ihre ursprüngliche Form zu bringen, was die eigentli- che Arbeit eines Gärtners ausmacht. »Wo kommt der Baum hin?« »In die Ecke dort, neben der Garage. Eine Großfrüchtige Ei- che.« Egal wo er wohnte und für wie lange, Tigranes pflanzte immer einen Baum, gewöhnlich eine dickborkige Großfrüchtige Eiche, ein weitverbreiteter Baum im nördlichen Illinois. Ich hatte keine Ahnung, wann er damit angefangen hatte, aber ich wußte, daß er es schon seit mehreren Jahren tat. »Was meinst du, wie groß die älteste mittlerweile ist?« Ich war auf einen dunklen Punkt in Tigranes' Vergangenheit gestoßen. Für einen Moment verdüsterte sich sein Gesicht. »Ich habe es geschafft, das zu vergessen.« Er stand auf und streckte seinen Rücken. Er war ein schlanker Mann und in viel besserer, Verfassung als ich. »Soll ihr Schatten auf jemand anderen fallen.« Während wir weitergingen, dachte ich über diesen ersten Baum nach. Ich stellte mir vor, wie er alleine dastand, auf einem Feld in der Nähe einer dem Verfall ausgesetzten Stadtwohnung, in einem Vorstadtgarten, nur ein Baum, nichts als ein Baum. Ich glaubte nicht, daß es nur ein Baum war. Ich wollte ihn suchen, auf seinen Ästen herumklettern und ihn nach seinen Geheimnissen fragen. Was hatte der junge Tigranes gedacht, während er ihn eingepflanzt hatte? Ich warf einen verstohlenen Blick auf den ernsten, vornübergebeugten Kopf des alten Tigra- nes. Wie schön, wenn die eigene Tragödie die Gestalt einer Eiche hat. Auf diese Art und Weise tat sie wenigstens etwas. Zwei Leute, ein Mann und eine Frau, hielten sich in der Ein- gangshalle auf. Sie trugen die gleichen langen, kunstvoll gear- beiteten Gewänder aus gewebter Seide wie mein Chicago-Bote. Ihre Blicke huschten flüchtig über mich hinweg, klassifizierten und ließen mich fallen. Hier im Haus trugen sie nichts auf den Köpfen, und die komplizierte geometrische Struktur ihrer haarlosen Schädel war im bläulichen Schein der Gaslampen an der Decke deutlich zu erkennen. In der Theorie war es eine Art embryologischer Neotenie-Unterdrückung, eine Demonstration der Gewichtigkeit anthropoider Knochensubstanz, die sich ungehindert hatte entwickeln können. Ich wußte jedoch, daß es sich in Wirklichkeit um Gebilde aus umschäumtem Chromstahl handelte, die am Schädel befestigt waren. Tigranes' Leute hatten die Mode der alternativen Geschichte auf eine bizarre Spitze getrieben – sie sollten tatsächlich entfernte Abkömmlinge des Australopithecus robustus oder so etwas Ähnliches darstellen., Ich konnte an ihnen vorbei ins Wohnzimmer blicken. Die Möbel waren nüchterne, dezente Organiform. Ein ausladender Kleiderschrank leuchtete mit dem matten Schimmer von Schmetterlingsflügeln in einem düsteren Dschungel. Die helle Tränenform einer Schreibtischlampe wurde von einem ge- schwungenen skelettartigen Hals mit verlängerten Rückenwir- beln gehalten. Die beiden Boten mit ihren massigen Schädeln und exotischen Gewändern, die bei einem seltsamen und kon- zentrationheischenden Spiel winzige Symbole auf einem einge- legten Schachbrett umherschoben, sahen aus wie ein Paar Sammlerstücke. Wir setzten uns in der Küche in eine Ecknische. Er schenkte mir ein Glas Limonade ein. Tigranes wäre wegen seiner Limo- nade berühmt geworden, wenn er der Typ gewesen wäre, der es zuließ, daß nicht nur wenige Leute von seiner Existenz wußten. Ich konnte schwach den Arbeitsschweiß seines Körpers wahr- nehmen, ein Geruch von Moos und muffigen Reisekoffern. Er stützte das Kinn in die Hände und schob mir seinen Bart entgegen. »Nun, Peter? Welches Problem beschäftigt dich?« Er hatte seinen Sonnenhut abgenommen und seinen kahlen Schä- del entblößt. »Es ist schon lange her, seit ich die letzte formelle Nachricht von dir erhielt.« Ich wurde plötzlich schüchtern. Tigranes war mein Freund, aber auf gefährliche Weise, denn er war nützlich für mich. Er lieferte meine High-end-Virts. Obgleich ich mich für einen guten Neurochirurgen und Erkenntnispsychologen hielt, hätten meine Fähigkeiten als Unterwelthai noch nicht einmal ausge- reicht, um eine Portion Elysion auf einem Schulhof zu erstehen. Ich stand auf und öffnete das Fenster. Dann ergriff ich mein, Glas und ließ die Eiswürfel leise darin klirren. Das Geräusch war entspannend, als gäbe es auf der ganzen Welt nicht die geringsten Probleme. »Ich brauche Informationen, Sal.« »Ah.« Er nickte, und sein kahler Schädel mit seinem langen Bart war gewichtige Nachdenklichkeit. »Welche Art von Infor- mationen?« Das hatte ich mir intensiv durch den Kopf gehen lassen. Ti- granes gab keine Informationen umsonst, auch wenn mir manchmal die Preise, die er verlangte, gar nicht gefielen: Wenn ich für Information bezahlte, war alles andere, was wir taten, sicher und sauber. Außerhalb dieses Austausches konnten wir Freunde sein. »Teils einfach«, sagte ich, »teils schwierig.« »Überlaß mir die Entscheidung, was einfach ist. Was ist der erster Punkt?« »Ich brauche Informationen über jemanden. So viel du hast. Er benutzt mehrere Namen. Stephen Underhill und Gregory Zis sind zwei davon. Ich kann dir seine Kartendaten geben …« Tigranes betrachtete das Display, das sich aus der Wand klappte. »Okay. Was sonst noch?« »Ich möchte in Erfahrung bringen, ob jemand eine Spionin von IntraCranial ist, und wenn ja, wie ihr Auftrag lautet.« Das machte Tigranes nachdenklich. Er schob seine buschigen weißen Augenbrauen hoch und wandte sich von mir ab, schaute durch das Fenster in seinen für den Winter bereiten Garten, wo der Blick auf die Statue einer nackten muskulösen Frau gelenkt wurde, die entweder einen Bogen spannte oder ein dickes Bündel Spaghetti zerbrach. »Eine IC-Spionin? Ist sie hinter dir her?«, »Nicht daß ich wüßte. Ich bin ihr rein zufällig begegnet – nehme ich zumindest an. Sie war getarnt als Empfangsdame bei Sister Death. Jemand, den ich kenne, kam unter sehr unschönen Umständen ums Leben. Sie untersucht seinen Tod – erneut, wie ich glaube.« Er massierte seine Stirn. »Ich habe einiges gehört … nichts Endgültiges, aber IC ist ja stets von Geheimnissen umgeben. Sie kümmern sich eigentlich nicht um uns kleine Fische. Aber es ist immer ratsam, sich vorzusehen, denn es könnte passieren, daß wir doch mit ihnen aneinandergeraten. Mal sehen, was ich zu Tage fördern kann.« »Und was möchtest du?« fragte ich. »Als Honorar?« Das durfte nicht vergessen werden. Tigranes zögerte nicht. »Ich brauche dich als Helfer. Du mußt mit mir ins Atman Medical Center einbrechen, um etwas zu holen, das ein Kontaktmann dort für mich hinterlegt hat.« Ich denke, daß ich eigentlich ganz schön abgebrüht bin, aber Tigranes' Forderung verschlug mir die Sprache. Ich blinzelte ihn an und versuchte, seinen gerade ausgesprochenen Worten eine andere Bedeutung zu geben. »Also, Peter, so schlimm ist es nicht. Das Atman ist immer- hin ein Riesenkrankenhaus.« »Mal ganz ernsthaft, Sal. Verglichen mit den Sicherheits- maßnahmen bei Atman müßte man in das Holocaust-Genlager auf dem Putarana Plateau mit einer zurechtgebogenen Büro- klammer reinkommen. Ich weiß das, denn ich habe dort bereits zu tun gehabt. Außerdem, warum willst du ausgerechnet mich dabei haben? Ich bin kein Experte im Überwinden von Alarm- anlagen und Sicherheitssystemen.«, »Du weißt darüber viel mehr als du glaubst.« »Das erzählen mir die Leute über fast alles. Ich glaube, dann stimmt es wohl.« »Es stimmt.« Die beiden in ihr Spiel vertieften Boten aus der Eingangshalle waren verschwunden. Dafür stellte eine außerordentlich große Frau kommentarlos eine Schüssel mit einer wäßrigen Suppe voller Grünzeug vor mir auf den Tisch. Ich kostete sie. Sie schmeckte bitter und war nicht gesalzen. Die Boten waren sehr geschickt in symbolischer Kommunikation und der Erhaltung von Tigranes' verbotenem Imperium, aber nicht einer von ihnen konnte kochen. Es war eine Symbologie, die sie nicht interessierte. Oder vielleicht versuchten sie eine Botschaft zu übermitteln, die ich ganz einfach nicht empfangen wollte. »Also, was weiß ich denn nun darüber?« fragte ich. »Du kennst Franklin Sanderson in der für das County- Leichenschauhaus zuständigen Abteilung. Ein alter Geschäfts- partner, nicht wahr?« »Stimmt«, gab ich widerstrebend zu. »Ich kenne Slip. Genau- so wie jeder mein Gewerbe kennt.« »Wir müssen einen Deal mit ihm machen. Er hat begrenzten Zugang zu einfach gesicherten Bereichen bei Atman. Dort befindet sich der Teil eines Puzzles, der mir fehlt. Du weißt, wie man mit ihm Verbindung aufnimmt. Ich behaupte nicht, daß er dir vertraut – er vertraut niemandem. Ein kluger Mann. Aber du kannst ihn überzeugen. Du kennst die Dinge, die er haben will.« Das Schlimme war, ich kannte sie wirklich. Ich kannte Slip Sanderson schon seit mehreren Jahren. Damals hatten wir, zusammen bei Sister Death illegale Virts hinein- und herausge- schmuggelt, Sanderson als Insider und ich als Outsider. Noch nicht einmal in dieser Zeit hatten wir einander besonders gemocht. Aber ich wußte, worauf Slip scharf war, was er haben wollte, was ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen oder ihn in die Hose machen ließ. Allerdings wußte er das gleiche auch über mich. Mit Tigranes' Mitteln könnte ich ihn bestechen oder überreden, aber der Gedanke gefiel mir nicht. Ich wollte Slip Sanderson eigentlich nie wiedersehen. »Um was geht es, Sal?« »Ich muß etwas herausholen. Ich habe eine Kontaktperson in einem Hochsicherheitsbereich. Sie hat Angst, ist nur vorüber- gehend stabil und kann jeden Moment den Mund aufmachen.« »Und worüber?« »Über das Sicherheitssystem bei Atman, wegen dem du dir vernünftigerweise solche Sorgen machst. Sie arbeitet als Heo in der Forschung und beschäftigt sich mit hochqualitativen Virts für Quantenübergänge. Sie war bisher eine meiner besten Quellen, hat mir das Zeug besorgt, aber sie glaubt, daß man ihr auf die Schliche gekommen ist. Der Druck auf sie ist schneller gestiegen als ihre Preise, und sie steht im Begriff, den Laden dichtzumachen. Sie hat für irgend etwas Geld gespart – um zu verschwinden, nehme ich an. Um zu flüchten. Sie möchte mir noch ein paar letzte Teile liefern. Stratoteure Teile.« »Wie strato?« Er wandte mir seine lange Nase zu. »Jedes Teil in ihrer Sta- sisbox dürfte auf dem Markt mindestens fünftausend Nudes bringen.«, Fünftausend neue Dollars in einer Welt, wo ein Abendessen bei L'Angoulème, inclusive Wein, mehr als zehn kostete, waren ein guter Teil meines Jahreseinkommens. Fünftausend Mega- bucks oder fünf Millionen in alter Greenback-Währung. Die Währungsreform hatte Berechnungen erheblich vereinfacht und uns das Nickel-Bier zurückgegeben. Letztendlich geht alles auf Bier zurück, hatte mir jemand erklärt. Ich besaß einen Freund, der Wirtschaftsfachmann war. Ich blickte Tigranes an. Er starrte aus dem Fenster. Seine Na- se wirkte so scharfkantig wie der Schnabel eines Falken. »Na schön«, sagte ich schließlich. »Ich tu's. Zugang zu Atman über Slip Sanderson. Aber das ist alles.« Er verzog das Gesicht. »Was meinst du damit, das ist alles?« Es fiel mir schwer, Tigranes, meinem Freund, etwas zu versa- gen, aber ich mußte es tun. »Ich meine, ich wende mich an Slip Sanderson und verschaffe dir Zugang, aber ich werde nicht in das verdammte medizinische Zentrum eindringen. Bei mir steht einiges auf dem Spiel, Sal. Zuviel. Ich möchte die Informationen nicht von dir, weil ich nur neugierig bin. Ich brauche sie drin- gend. Aber ich kann weder Zeit noch Energie darauf vergeuden, bei Atman einzubrechen. Ich kann es einfach nicht.« Für einen Moment schwieg er. »Na schön, Peter. Ich sehe, was ich tun kann.« »Diese Zis-Information ist im Augenblick wichtiger als die …« Er hob eine Hand und brachte mich zum Schweigen. »Au- ßerdem weißt du, daß ich diese IC-Info besorgen muß, auch wenn du sie nicht haben willst. Ich kann es mir einfach nicht leisten, sie nicht zu kennen.«, »Also, Sal …« »Erzähl mir keinen vom Pferd, Peter.« Seine Stimme klang ernst. »Geh schon rauf. Ich komme gleich nach.« Ich saß im oberen Stockwerk in einem leeren Zimmer auf einem Fußboden, der so glatt poliert war, daß er sich fast rei- bungslos anfühlte. Gaslampen an der Decke spendeten Licht. Ich befand mich in den geheimen oberen Bereichen des Hauses. Wo Tigranes jeweils wohnte, gab es weite Bereiche, die mir verborgen blieben, so rätselhaft wie die geschwärzten Zonen auf Charlie Geraldinos Fernsehkörper. Durch das Fenster konnte ich die Lichter anderer Häuser sehen, die beruhigend durch die Nacht schimmerten. Ein Bote reichte mir eine gewebte Bentobox. Sie sah aus wie ein riesiger Kokon. Ihre synthetischen Seidenfasern waren nachgiebig, bis man darauf Druck ausübte, dann wurden sie starr. Ich konnte die darin eingeschlossenen Speisen ertasten, aber ich brauchte gut eine Viertelstunde, um herauszufinden, wie man den Behälter öffnete. Die Knödel darin schmeckten, als seien sie mit aufgewärmtem Tapetenkleister gefüllt. Ich war kurz vor dem Verhungern und aß sie trotzdem. Tigranes, nunmehr gekleidet wie seine Angestellten, kam herein und verdunkelte die Gasflamme. Er benutzte diese Technologie nicht aus irgendeiner romantischen Einstellung heraus. Es war reinste Paranoia. Er vermied jeden unnötigen Kontakt mit dem Energienetz, da er eine Schwächung seines Sicherheitssystems befürchtete. Wer wußte schon, welche parasitären Signale getarnt im Rauschen der Energieleitung durchdringen konnten? Diese Angst war mir vertraut. Daß sie, paranoide war, machte sie durchaus nicht irrational. Als ich Tigranes das letzte Mal besucht hatte, wohnte er in einem alten Holzstoß von einem Haus in Lake Forest auf einer Felsnase oberhalb des Lake Michigan. Lenkbohrer hatten sich in die Wände gefressen, hatten faser-optische Leitungen durch die alten Eichenbalken gezogen und im Dachstuhl Höhlungen für Prozessoren geschaffen. Es war die reinste Informationstermi- tenseuche. Dieses Haus war vor ein paar Monaten aufgeflogen und daraufhin so überstürzt aufgegeben worden, als sei es mit einem Fluch belegt. Das Haus war immer noch das gleiche, mit ehrwürdigen Holzschindeln und umlaufender Veranda, aber seine digitalen Geister waren nun pervertiert und dienten dunklen Mächten. Deshalb war Tigranes hierher umgezogen. Er legte einen Beutel auf den Tisch. Kristalle, getrocknete Laubblätter und winzige Metallfigürchen purzelten heraus – die Morpheme seines seltsamen Kommunikationssystems. Er spielte einen Moment lang nachdenklich mit ihnen, ordnete sie zu Mustern an und zerstörte sie wieder. Er ließ mich lange genug unbeachtet dasitzen, so daß ich ein schlechtes Gewissen bekam, weil ich mich weigerte, ihm zu helfen. »Wer ist deine Kontaktperson?« fragte ich. Er strich sich mit einem Daumen über die Lippen, und die Stelle dehnte sich. »Also wirklich, Peter. Wenn du nicht mit- machst, dann brauchst du es auch nicht zu wissen.« Er dachte längere Zeit nach. »Aber vielleicht solltest du doch etwas dar- über erfahren. Es könnte für dich von Interesse sein. Weil es durchaus eine Verbindung geben könnte. Meine Kontaktperson hat immer darauf geachtet, die richtige Adresse für die Virts zu finden, die sie in ihrem Labor herstellte. Davon war sie gerade-, zu besessen. Sie war nicht mal zu Verhandlungen bereit, wenn ich ihr nicht garantierte, ihre Instruktionen genau zu befolgen.« Er sah mich an. »Einmal kam sie mit einem Virt zu mir und sagte, ›ich glaube, der sollte von einem Musiker eingesetzt werden‹.« Die kalte Klinge eines alten Trepaniermessers, das aus einem Grabhügel geborgen worden war, streichelte die Rückwand meines Schädels. »Von einem Musiker?« »Ja. Ist das nicht seltsam? ›Nur der beste, Sal, nur der beste Musiker, den du finden kannst. Dies ist ein kompliziertes und, was noch wichtiger ist, ein vieldeutiges Modul. Nur ein Musiker kann es verstehen. Ein Improvisator, kein klassischer Geiger oder so was. Ein Jazzer. Meinst du, es gibt noch welche in dieser Welt?‹ Das tut sie sehr oft, Forderungen aufstellen, die man als … sagen wir, untechnisch bezeichnen kann. Wie jemand seinen Hut trägt, ob die betreffende Person religiös ist oder nicht. Virts sind sehr komplex, interaktiv. Wer kann wagen zu behaupten, daß ihre Forderungen irrelevant sind? Nun, in diesem Fall kannte ich einen guten Musiker.« Jemand da draußen wußte, wer ich war. Sie hatte eine Tar- nung aufgebaut, aber ich war mir sicher. Seine Kontaktperson. Eine Frau, kein Name. Ich mußte in Erfahrung bringen, wer sie war oben bei Atman. »Ja, Sal. Wahrscheinlich bin ich der einzige, den du kennst.« »Das stimmt.« Der Winkel des Lichteinfalls hatte sich verändert, und plötz- lich sah alles völlig anders aus. Atman war nun keine unbedeu- tende Episode mehr, sondern ein Loch in meinem Wissen, ein blinder Fleck in meinem Gesichtsfeld, von wo aus etwas mich, attackieren konnte. Ich mußte mich dort umschauen, um in Erfahrung zu bringen, was sich dort verbarg. Ich räusperte mich. »Sal?« Er hob die Augenbrauen. »Ja?« »Ich hab's mir anders überlegt. Ich … ich gehe mit dir zu Atman. Wenn du immer noch willst.« »In Ordnung.« Und das war es. Wenn er meine plötzliche Bereitschaft mit seiner Information über seine Kontaktperson in Verbindung brachte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmer- ken. Er schnalzte nachdenklich mit der Zunge. »Ich habe deinen Gregory Zis überprüft – der eigentlich Mack Salvucci heißt.« »Mack Salvucci?« Das war ein neuer Name. »Genau. Bis vor ein paar Monaten ein Mali-Penner, ein no- torischer Konsument. Der typische Abschaum. Jetzt ist er clean, soweit ich es beurteilen kann. Ein modernes Wunder. Er sollte in Talk-Shows auftreten.« Er sah mich mißtrauisch an. »Wer, zum Teufel, ist Mack Salvucci?« »Jemand, mit dem ich mal zu tun hatte, vor einigen Jahren. Er ist wieder hochgekommen, clean, wie du sagst. Er behauptet, ich hätte ihm etwas untergeschoben, er sei betrogen worden. Er ist hinter mir her. Ich möchte ihn loswerden.« »Gegen eine kleine Sonderzahlung kenne ich ein paar Leute …« »Das geht ganz alleine mich an. Sonst niemanden. Ich mußte ihn nur aufstöbern.« Tigranes hatte zahlreiche Informationsquellen, viele außer- halb des Netzes. Einige eingefleischte Netzfreaks glauben nicht an solche Dinge. Sie sind überzeugt, das alles, was sich zu wis- sen lohnt, in Bits zerlegt verfügbar ist. Das rührt von all dem, Direktperzeptions-Schrott her, den wir in die ansonsten ver- kümmerten Gehirne der Leute eingepflanzt haben. Ich sollte es eigentlich wissen. Ich habe schließlich selbst genug von den Dingern installiert. »Und was deine Spionin betrifft …« Er runzelte die Stirn. »In dieser Richtung Informationen zu erhalten war einfacher, als ich dachte. Name: Amanda TerAlst. Verheiratet, Ehemann verstorben – bei einer Schießerei mit einer bewaffneten Bande. Er war recht erfolgreich. Zwei Kinder, aber ich konnte nichts über ihr Alter und ihre Schulen herausbekommen . Das ist gesichert. Sie beschützt sie. Wohnt oben auf der North Side, in einem älteren Haus. Sie ist eine Inhärente Potentialistin … was bedeutet, daß sie unsere Arbeit total ablehnt.« »Das ist doch so eine Art primitivistische Philosophie, nicht wahr?« »Äußere dich nicht so abfällig darüber, mein Freund. IPs sind zäh und clever. Sie wissen ihre Gehirne effektiv einzuset- zen, besser als jeder andere. Am wichtigsten ist, daß sie wissen, wer sie sind. Es ist vielleicht nicht gerade das, was du oder ich sein wollen, aber sie sind solide. Ich würde mich an deiner Stelle in acht nehmen, Peter. Behalt sie im Auge. Die restlichen Daten über die beiden sind jetzt in dein System überspielt.« »Danke, Sal.« »Und nun zu unserem Projekt. Die Zielperson hat alle Vor- bereitungen getroffen. Es ist eine direkte Übergabe, aber es muß aussehen wie Einbruch und Diebstahl.« »Es darf also nicht nach Unterstützung von innen riechen.« »Auf keinen Fall. Dazu habe ich mich verpflichtet. Du wirst dies brauchen.« Er reichte mir einen Datenkrümel., Ich betrachtete den getrockneten Kakerlakenkadaver in mei- ner Hand. »Es handelt sich um ein Sicherheitsüberprüfungssystem, um in Atmans Datenspeicher einzudringen.« »Was ist …« »Es gibt nichts, was ich dir näher erklären könnte, Peter. Es handelt sich um hochkomplizierte Software. Algorithmen, Verhaltensregeln, Codierungskniffe, Kausalketten und zuneh- mend unwahrscheinliche Möglichkeiten. Es ist nur ein Schlüs- sel, mehr nicht.« »Nur ein Schlüssel.« Das trockene Ding in meiner Hand be- saß genügend Datenverarbeitungsenergie, um damit ein Che- miewerk zu steuern. Es gab für mich keinen Anhaltspunkt, um das zu begreifen. Ein gefangener Geist, ein verzaubertes Schwert, ein verhexter Schlüssel, der mir von einem Magier geschenkt wurde. Ich könnte mich für den Rest meines Lebens in ein Kloster zurückziehen und mich dem Studium seiner komplizierten Elemente widmen, und ich hätte doch nicht die geringste Aussicht darauf, auch nur einen Bruchteil zu verste- hen. Ich steckte das Ding in die Tasche. »Dann gehst du also zu Sanderson. Ich bezahle sehr gut, wenn ich kann. Aber ich befürchte, er wird nicht mitmachen. Du wirst ihn unter Druck setzen. Du mußt irgendeinen Weg finden. Ich brauche dich, um ihn gefügig zu machen.« »Ich werde mein Bestes tun.« Ich überlegte einen Augen- blick. »Sal. Es steckt noch mehr dahinter, als ich gesagt habe.« »Ich weiß.« Er blickte durch das Fenster auf die anonymen Lichter seiner Nachbarn und sah mich nicht an. »Es gibt da eine Vergangenheit … die ich zum größten Teil, habe vergessen können. Aber sie ist noch immer da.« »Der Hinterkopf mit all seinen Inhalten verschwindet nicht, nur weil man ihn nicht sehen kann.« »Hm, stimmt. Aber es ist ganz plötzlich wieder hochgekom- men. Wie ein verloren geglaubter Bruder … Sal, es ist sehr schwierig.« Er streckte die Hand aus und legte sie auf meine Schulter. Ich glaube nicht, daß er mich schon jemals zuvor berührt hat. Seine Hand war kräftig und fest. Ich erkannte, weshalb Pflanzen unter seiner Fürsorge so gut gediehen. »Die Vergangenheit ist ein schlimmer Ort, weil wir sie nicht ändern können. Das mindeste ist, daß wir uns richtig an sie erinnern.« »Das ist richtig. Und ich erinnere mich nicht. Aber ich muß.« Er drehte sich zu mir um und sah mir in die Augen. »Hast du dich jemals gefragt, wie ich in dieses Gewerbe geraten bin?« » Natürlich «, sagte ich. »Sehr rücksichtsvoll von dir, mich niemals direkt gefragt zu haben.« »Eher vernünftig, würde ich sagen.« Er musterte mich, unsicher, ob ich das nicht scherzhaft ge- meint hatte. Ich glaube nicht, daß er je begriff, wie sehr er mir manchmal Angst machte. »Meine Tochter hat mich in dieses Geschäft gebracht.« Er setzte eine Glasscherbe auf ein Basili- kumblatt und zog sie darüber. Die scharfe Glaskante durch- schnitt das Blatt, und ich roch den Kräuterduft in dem geschlos- senen Raum. Tigranes hatte noch nie von seiner Familie gesprochen, we- der von einer Ehefrau, Eltern, Kindern. Man könnte meinen, er, sei aus einer Bohne gekeimt und aufgewachsen. »Es war ein Unfall – nehme ich an. Niemand weiß etwas, es gibt so viele Pläne auf dieser Welt. Shira war gerade … fünf oder sechs, glaube ich. Seltsam, ich kann mich gar nicht genau erinnern, obgleich ich es nachschlagen könnte, wenn ich wollte. Ein intelligentes Kind, aber intelligent sind ja all unsere Kinder. Vielleicht sollte ich normal sagen. Ihre Mutter brachte sie zu einer Ballettstunde. Per Handbetrieb. Ein vielgliedriger Truck erwischte sie und zerquetschte den Wagen. Shiras Mutter war auf der Stelle tot. Shira … überlebte, aber ihre linke Körperseite war zerquetscht. Desgleichen die linke Seite ihres Gehirns. Aphasie, somatische Distortion, Defekte bei Weitblick und Urteilsvermögen, Verletzungen im Bereich der präfrontalen und der parietalen Lappen. Irgendwo existierte noch immer ein intelligentes Wesen, das spürte ich, aber man konnte es nir- gendwo in diesem brabbelnden und sabbernden Ding erken- nen, das da im Krankenhausbett lag, an zahlreiche Schläuche angeschlossen.« Tigranes' Stimme klang unbeteiligt, als habe er sich total von dieser Erinnerung distanziert. Ich begriff, daß ich den Namen seiner Frau niemals erfahren würde. Sie war zu- sammen mit dem Rest seines alten Lebens verschwunden. »Ich besorgte mir das frühe Modell eines Sprach- und Re- chenprozessors, ein Nebenprodukt irgendeines geheimen militärischen Projekts. Ich erfuhr lediglich seinen Namen: Projekt Nimbus.« Hätte er mich angesehen, hätte er sicherlich bemerkt, wie ich bleich wurde, so aber blickte er schon wieder aus dem Fenster. »Das Ding war … seltsam, und es hatte zahl- reiche Mängel. Zum Beispiel konnte meine Tochter damit schreiben, gestikulieren, sich mit Symbolen mitteilen – aber, nicht sprechen. Es verfügte nicht über die notwendige motori- sche Kontrolle. Aber sie konnte kommunizieren, wenn auch auf eine spezielle Art und Weise. So kam es, daß ich für ein paar Jahre eine vernunftbegabte, allerdings stumme Tochter hatte. Doch es reichte nicht. Einige Jahre später starb sie.« Er sah mich an, und Zufriedenheit lag in seinem Blick. »Nicht alles, womit wir uns beschäftigen, ist nutzlos, Peter.« »Das hatte ich auch niemals angenommen«, erwiderte ich. KAPITEL 10 Am nächsten Morgen, nach traumlosem Schlaf auf Tigranes' Holzfußboden, trat ich durch die Türen der Mall of Mysteries. Ich mußte mir einige Informationen verschaffen, ehe ich mit Slip Sanderson redete, und Mysteries war dazu der geeignetste Ort. In der Mall of Dreadful Night wimmelte es von Menschen. Es war heiß, zu heiß, und es stank – scharf, ranzig und süßlich. Das Innere war riesig und hell erleuchtet. Geschwungene Wan- delgänge und mehrgeschossige Läden, deren früher marmorge- täfelte Eingänge sich nun in einem traurigen und überhaupt nicht reizvollen Zustand des Verfalls befanden. Speisenverkäu- fer hockten vor ihren Grillpfannen und Tanduröfen, umdrängt von ganzen Familien, während im Hintergrund mit Energiezel- len betriebene Kühlbehälter voller Hammelkeulen und Würst- chen summten. Einer der Händler hatte einen Stapel militäri-, scher Proviantdosen, die jahrelang im Wüstensand vergraben gewesen und dann herausgeholt worden waren. Ihr Inhalt, Mahlzeiten aus Thanksgiving-Truthahn, Beilagen und Kartof- feln, erhitzte sich nach dem Öffnen der Dosen von selbst. Rauch kräuselte sich in die oberen Bereiche der Mall, schwärzte die Balkone und hinterließ eine Rußschicht an der kuppelförmigen Decke. Ich bummelte umher und betrachtete die Auslagen in den Schaufenstern. Sich direkt um Informationen zu bemühen, führte nur selten zum Erfolg. Informationen verhielten sich wie der Vierteldollar, den man aus einer Sofaritze herausfischen will – je näher man ihm kommt, desto weiter rutscht er weg, bis man nichts anderes zutage fördert als eine Handvoll Staub und Stoffflusen. Davon gab es eine ganze Menge in der Mall Heureux, der Mall of Broken Dreams. Aber wenn man etwas Seltenes und Wertvolles suchte, dann war dies oft der einzige Ort, denn hier konnte man so tun, als halte man nach etwas völlig anderem Ausschau, Das riesige Hologramm eines menschlichen Gehirns hing über der zentralen Atriumhalle der Mall und sprühte vor Ener- gie. Verschiedene funktionale Bereiche – Basalganglien, Sprach- zentren, das limbische System – blitzten auf und verloschen und hinterließen ein Gewirr rechteckiger japanischer Ideogramme und kabbalistischer Diagramme. Dieses Eidolon kennzeichnete den Bereich der Wahrsager. Moderne Seher benutzten die komplizierten Wege des ZNS in gleicher Weise, wie voraufge- gangene Generationen Teeblätter, I Ging und Tarotkarten zu Rate gezogen hatten. Pseudozufällige Muster, aus denen pro- phetische Informationen herausgelesen wurden. Ihre Stände,, zusammengebaut aus veraltetem chirurgischen Hotech-Stahl und Quantenenergie-Legierungen und erhellt von einem unge- wissen inneren Lichtschein, wurden von all jenen umlagert, die sich keine richtige Gehirnmodifikation leisten konnten. Einer der Propheten, ein bärtiger Mann, dessen Kopf mit symbolisch blutbesudelten chirurgischen Bandagen umwickelt war, hob den Vorhang zu seinem Stand hoch, und ich sah eine fette Frau mittleren Alters in einem grünen Krankenhausnacht- hemd, die sich gerade in seinen geklauten tomografischen Positronen-Scanner legte. Der Prophet stellte ihr Fragen und würde anschließend ihre Zukunft anhand der komplizierten Muster der reagierenden aktiven Bereiche ihres Gehirns weissa- gen können. Ich ging zu Reve Tokaido, den Nudelimbiß in der dritten Ebene, um zu hören, was in der Szene lief. Ich hätte die neue- sten Nachrichten natürlich auch zu Hause aufschnappen kön- nen – Partikel aller möglichen Datalinks, ein Informationsholo- gramm, dessen Einzelteile für sich schon alles Wissenswerte enthalten –, aber wie jedermann setzte ich mich lieber auf einen zerkratzten Plastikstuhl, gesellte mich zu ein paar verrufenen Kollegen und schlürfte ein paar Nudeln, während ich mir den jüngsten Klatsch anhörte. Ich bestellte Chow fun mit Gumbo filé und eine Flasche Saiji- to Black. Die Serviererin mit dem weiß gepuderten Gesicht schürzte mißbilligend die Lippen, weil schwarzer Sake schon lange out war, aber viele alte Kraniaks tranken ihn noch, also tat Reve Tokaido seinen Stammgästen den Gefallen und behielt ihn im Angebot. Ich vermutete, viel lieber hätte der Laden den alten Kerlen eine Mode- und Trendbewußtseins-Therapie spendiert., Das Lokal bestand aus einem Labyrinth von im Druckguß- verfahren hergestellten Plastiksäulen, die durch Punktstrahler beleuchtet wurden. Jeder der zerkratzten Plastikstühle des Nudelimbiß' war anders geformt, besaß jedoch ein genaues Ebenbild in jedem anderen Reve Tokaido im Lande. Es gab mindestens zweihundert Lokale, die in jeder Hinsicht mit diesem hier identisch waren, und alle waren untereinander durch teure Leitungen in einem geschäftlichen Breitbandnetz verbunden. Sie verschmolzen miteinander in der Informations- Sphäre wie Zuckerwürfel in einem Kessel voll kochenden Was- sers. Das ist nun mal die gesellschaftliche Kongruenz eines Filial-Unternehmens. Die hutzelige Gestalt eines Spielsüchtigen rotierte in einer herumwirbelnden Blase über uns wie ein Fötus in seinem Amnion, spielte irgendein idiotisches Spiel und kämpfte gegen ein nicht existierendes Universum. Sicherlich war er unter hirngeschädigten Menschen eine ähnlich internationale Be- rühmtheit. Er hielt für einen Moment reglos inne, und seine geweiteten Pupillen beobachteten den grellen Schein einer Nova, die ihre Planeten sterilisierte. Sein Körper schien völlig schlaff und nur noch ein Anhängsel seiner Augen zu sein. Dann stieß er einen jaulenden Freundenlaut aus und rotierte weiter. Während ich meine Nudeln verzehrte, flackerten holo- graphische Darstellungen von Gästen anderer Reve Tokaidos an mir vorbei und tauschten Klatsch aus, die einzig gültige Wäh- rung der Netze. Netzfreaks. Irgendwelche Theoretiker hatten vor langer Zeit noch damit gerechnet, daß die Verbindung von Netzen den Datentransfer steigern würde. Falls das wirklich der Fall ist, dann bleibt er unter wahren Gebirgen von Desinforma-, tion, Fehlinterpretation, tedenziöser Darstellung, Teilwahrhei- ten und dreisten Lügen verborgen, so daß es unmöglich ist, sich darauf Zugriff zu verschaffen. Gerüchte und Klatsch hingegen … dafür gibt es die Netzfreaks. Das meiste kannte ich bereits. »Erinnert ihr euch noch an Kalmbach? Er schmuggelte für Sebong Hard-memory-Pressen über Brunei. Ein großer Kerl, phantasielos, ein Vorteil, wenn man da draußen tätig ist … Wurde von einem Datenfresser angefallen – fraß ihm den Geist total aus dem Schädel und ließ ihn als leuchtende Röhre zurück … Nein, ich glaube nicht, daß Datenfresser AIs sind, das ist Quatsch. Aber vielleicht verbrei- ten sie sich über das Netz, indem sie Erinnerungsstrukturen aufnehmen und damit ein Vergangenheitsbewußtsein besitzen, wenn nicht sogar ein gegenwartsbezogenes … Was meinst du, das sei absurd? Wie erklärst du dir denn …?« Irgendwelche Mächte versuchten das Netz zu beherrschen. Das Netz wollte die Geister der Menschen erobern, und ir- gendwo im Netz lauerten künstliche Intelligenzen. Der übliche Quatsch. Ich dachte an Charlie Geraldino und stellte mir vor, wie er alleine lebte. Alleine starb. Das heißt, bis auf die Anwesenheit seines Mörders. Es hatte keine umgekippten Möbel und keiner- lei Anzeichen eines Kampfes gegeben. Charlie hatte sich nicht gewehrt. Ich sah ihn wieder vor mir, wie er seine Brieftasche suchte und dabei unsicher eine kreischende Prostituierte auf dem nach Exkrementen stinkenden Hof eines Apartmenthauses in Kishi- nyov angrinste. Sie trug ein Stück alten Teppich als Stola, auf dem Kopf eine belorussische Militärmütze mit abgerissener, Krempe, ihre roten Fingernägel waren wie Messerklingen. Als ich ihn dort aufstöberte, war ich überzeugt, daß er einer dieser stillen Sexualverbrecher war, ein ›Aber er war doch so ein netter Junge‹-Typ, der soeben jemandem die Kehle aufgeschlitzt hatte. Statt dessen stellte sich heraus, daß er sich von der Prostituier- ten in irgendein Geschäft hatte verwickeln lassen, das den Schmuggel billigen, bioreaktiv-hergestellten Whiskeys über die Grenze ins Freie Moldavien betraf, ein Geschäft, das offenbar total in die Hose gegangen war … So oder ähnlich war es gewe- sen, so ganz habe ich es bis jetzt noch nicht begriffen. Ich wußte nur, daß es uns beide am Ende eine Menge Geld kostete, um Charlie vor dem Zugriff der Polizei zu bewahren, die in dieser Woche in Kishinyov gerade Dienst tat. Als Beweis, daß sie nicht nachtragend war, schenkte die Prostituierte uns eine Gallone Whiskey. Charlie und ich tranken das widerliche Zeug, bis unsere Kehlen in Flammen standen, und wir lachten und heul- ten den Mond an, denn nun waren wir viel zu abgebrannt, um uns noch etwas anderes erlauben zu können. Charlie hatte seinen Mörder hereingelassen. Es hatte keinen Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gegeben. Er hatte ihn eingelassen, wobei er immer noch seinen Pyjama trug und gerade sein frugales Frühstück einnahm. Er hatte ihn eingelas- sen und sich hingesetzt, um mit ihm zu schwatzen, und war dann vom Stuhl gestoßen und erwürgt worden … Ich saß an diesem Tisch im Reve Tokaido und spürte zum ersten Mal meine eigene Einsamkeit. Ich war alleine, und keine der eifrig plappernden Stimmen in meinen Ohren konnte diese Tatsache verdecken. Ich spürte, wie etwas meinen Rücken berührte. In einem An-, fall eisiger Panik ließ ich mich zur Seite wegkippen, packte den störenden Arm und zerrte heftig daran. »Hey!« Eine Gestalt stürzte zu Boden. Ich folgte, warf mich auf sie und preßte ihr meinen Unterarm auf die Kehle. Ich starrte in das entsetzte Gesicht Newton Pavlichucks. »Was soll das?« fragte er. »Laß mich aufstehen.« Ich konnte spüren, wie seine Brust sich mühsam hob und senkte. Er war ein feingliedriger Mann mit breiten, muskulösen Schultern, die, wie ich jetzt ertasten konnte, künstlich waren. Sein Haar war lang und locker, nicht fettig, wie es bei Daten- freaks üblich ist. Ich befreite ihn von meinem Gewicht, und er stand auf und untersuchte sich sorgfältig. »Ich habe lediglich versucht, dir stilmäßig ein wenig behilf- lich zu sein, Peter. Du brauchst dich deshalb nicht gleich aufzu- regen.« Er hielt ein selbstklebendes 3D-Poster hoch, das eine Gruppe von Neuronen zeigte, die glitzerten wie Eiskristalle an einem sonnenbeschienenen Fenster und die Aufschrift NEU- RAL LIBERATION FRONT zeigte. Das Poster war auffällig, wenngleich kaum informativ. »Zumal du, Peter Ambrose, einer der Hauptgegner des Nervengewebes bist.« Er war ernst. Wir setzten uns an den Tisch. Es gab nicht viel, was ich hätte tun können, daher schenkte ich ihm einen Becher dampfenden schwarzen Sake ein. Er ergriff ihn mit beiden Händen, verneigte sich mit einem Ausdruck spöttischer Dankbarkeit und leerte ihn. »Ich möchte mit dir über die NLF reden.« Seine Stimme war so nüchtern wie die eines Versicherungsvertreters. »Du kennst natürlich unsere Arbeit.« Ich seufzte. Wenn man nach Daten sucht, stößt man unwei-, gerlich auf einen Freak. Es war immer die gleiche alte Geschich- te. Pavlichuk war ein armseliger kleiner Lauscher, der Bruchstücke verstreuter oder gestohlener Daten verhökerte. Er lebte sozusagen von den Abfällen und Überresten großer Pro- jekte, ähnlich wie die Vögel, die mit den Nashörnern umherzie- hen und die Käfer fressen, die die riesigen Tiere aus dem Erd- reich wühlen. Er beugte sich mit ernster Miene zu mir vor. »Künstliche Entwicklungen ins Gehirn einzufügen, ist im Grunde eine technokratische Unterdrückung des von Natur aus freien Gehirngewebes. Es ist eine Entscheidung, die zu treffen der Geist, der nichts anderes ist als ein Epiphänomen synaptischer Interaktionen, gar nicht das Recht hat. Wir, die NFL, sprechen uns für das Neuron aus.« »Aber ist deine Gruppe denn nicht ebenfalls ein Epiphäno- men des Bewußtseins?« Wenn er Schwierigkeiten machen konnte, ich schaffte das auch. »Demnach bist du ja ziemlich weit von eurer Satzung entfernt.« »Wir sind sehr reduktionistisch eingestellt«, vertraute er mir an. »Um nicht zu sagen, fraktal Format-unabhängig. Die NFL tritt für gewisse neuronale Anliegen ein.« Pavlichuk rieb sich die Hände wie ein Teppichhändler, was mich unerklärlicherweise frösteln ließ. Es schien, als hätte ich diese Geste früher schon mal gesehen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wo das war. »Mein Leben hat sich zum Guten gewendet«, Peter«, sagte er, als seien wir alte Freunde. »Wenigstens kann einer das behaupten.« Ich konnte einem Anflug von Selbstmitleid nicht widerstehen. Aber was wollte ich eigentlich? Das Mitleid Pavlichuks? Das war doch lächerlich., »Man muß die Dinge nur im richtigen Blickwinkel sehen. Das ist das einzig Wichtige.« Pavlichuk wirkte glücklicher, als ich ihn je erlebt hatte. Er war der Prototyp jener Leute, die einen riskanten Lebensstil pflegten, die ständig mit einem Fuß am Abgrund standen, die ihre Geschäfte machten, die Fäden zogen, die betrogen und betrogen wurden – weil er tatsächlich nicht allzuviel Gefallen daran zu finden schien. Ständig nur 52 Card Pickup zu spielen kann auf die Dauer langweilig werden. In seiner Welt war Langeweile gleichbedeutend mit Tod. »Jemand ist in mein Leben zurückgekehrt, den ich schon lange für verlo- ren gehalten hatte.« Es sah so aus, als hätte Pavlichuk ein neues Spiel gefunden. »Du hast doch auch schon Menschen in deinem Leben verlo- ren, nicht wahr, Peter? Hast sie verloren und geglaubt, sie nie mehr zurückzubekommen, oder?« Pavlichuks Kopf ruckte vor und zurück, als säße er auf einer Ratsche. Es war kein besonders angenehmer Anblick. Schmerzlich und völlig gegen meinen Willen erinnerte ich mich an Corinne. Ein dunkler Schweißfleck prangte auf dem Rücken ihres T-Shirts, als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um mir etwas hochzureichen, während ich auf einer Leiter saß und in meinem Kellerstudio arbeitete. Licht fiel aus der Küche auf die Treppe und schien durch ihr hellbraunes Haar, das über ihre Schultern herabfloß. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte mich nicht mehr entsinnen, was sie mir hochreichte. Einen Hammer, ein Sandwich, einen Karton Nägel. Es blieb verschwommen. Sie hielt sich an mir fest, hatte einen kräftigen Arm um meinen Hals gelegt, während ich ihr einen Holzsplitter aus der Hornhaut ihrer Fußsohle zog. Wir saßen am Fuß einer, verwitterten Treppe, die in Indiana eine Sanddüne hinunter- führte. Ihre gebräunten Beine streckten sich glatt und lang unter ihrem Sommerkleid. Eines ihrer Knie war zerkratzt und mit einem Pflaster überklebt. Wie viele Tänzerinnen stürzte sie häufig, weil sie vergaß, daß die Welt kein Tanzboden war. Ich konnte sie riechen, ihr Wüstenparfüm, überlagert von dem fettigen Geruch einer Sonnencreme. Erinnerte ich mich wirk- lich daran? Sie schritt durch den Garten. Es war früher Morgen. Sie war umringt von blauem Rittersporn und dunkelblauem Eisenhut und Ziertomaten. Sie hielt den Kopf gesenkt, so daß man die Halswirbel unterscheiden und die feinen goldenen Härchen dort erkennen konnte. Ich konnte es unmöglich vom Küchenfenster aus sehen, wo ich saß und den Atem anhielt, trotzdem erinnerte ich mich daran. Der Sommer neigte sich dem Ende entgegen. Sie war schon früh aufgestanden, hatte mich nicht geweckt, war wie ein Geist unter den Laken hervor- geglitten. Als ich erwachte sah es so aus, als hätte niemand neben mir gelegen. Wir hatten am Abend vorher einen schlim- men Streit gehabt. Sie hatte wissen wollen, was ich ihr ver- schwieg. Es gab einen guten Grund, weshalb ich es ihr nicht erzählte. Während ich sie betrachtete, blickte sie durch die Bäume, und ihre Schultern hoben sich, als sie ihre Entscheidung traf. »Ja«, sagte ich zu Pavlichuk. »Ich habe in meinem Leben Menschen verloren. Und gewußt, daß ich sie niemals zurückbe- kommen würde. So lernt man zu leben.« »Na schön, dann weißt du ja, wovon ich rede.« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar auf seinem Hinterkopf, als wolle er es aufschütteln, eine Geste, die eher zu einem Friseur als zu, einem Datenfreak paßte. Er massierte nachdenklich seine gebrochene Nase. »Du führst einen Job für Sal Tigranes aus, nicht wahr, Peter? Ein verrückter Kerl. Er spielt immer mit zu hohem Risiko.« »Wo hast du das denn her?« »Ich bitte dich. Man hört so einiges. Es wird soviel geredet, daß man sich gar nicht alles merken kann, auch nicht annä- hernd. Hast du noch was für mich?« »Hast du gehört, daß Präsident Gombrovich durch Aliens von Rigel ermordet wurde?« »Rigel ist zu jung für bewohnte Planeten.« Pavlichuk runzelte die Stirn, als sei dieses Thema immer noch von entscheidender Bedeutung. Das Gerücht war schon vor einigen Monaten aufge- kommen. »Aber ich will doch nur helfen. Also bohr nicht meine Wirbelsäule an.« »Na schön«, sagte ich. »Weshalb bist du interessiert?« »Ich habe eine Zeitlang mit Sal zusammengearbeitet. Schwellkopf und so weiter.« Pavlichuk strich sich über den Kopf. »Man bekommt auf jeden Fall starke Halsmuskeln davon. Und dann dieses seltsame Symbolsystem von ihm. Eine ziem- lich interessante Sache.« »Inwiefern?« Er lächelte verschwörerisch. »Die Verbindungen reichen weit zurück, Peter. Ganz weit. Es gab da während der Devo-Kriege einige Projekte. Alles mögliche. Einige hatten mit früher Virt- Technologie zu tun. Seltsames Zeug, es wurde nicht weiter verwendet. Aus einem davon bezieht Tigranes sein Material, den Namen habe ich vergessen. Weißt du, wer dir weiterhelfen könnte? Lemuel, unten im The Penitentes. Er hat seine Finger, überall drin.« Also Lemuel … Das war eine gute Idee, und ich hatte bereits an ihn gedacht. Ich brauchte etwas, irgendwas, über Slip San- derson, um mir seine Unterstützung zu sichern. Und wenn jemand etwas wußte, dann wäre es Lemuel. »Danke, Newt.« »Schon in Ordnung«, erwiderte er desinteressiert und sah zu der rotierenden Blase hinauf. »Hey. Er ist fertig. Jetzt bin ich an der Reihe.« Ohne weiteren Kommentar stand er auf und ging rüber zum mittlerweile freigewordenen Spiral-Death-Spiel. Der vorherige Spieler lag ausgestreckt auf dem Fußboden und wurde von einer Serviererin mit einem Riechstimulans versorgt. Angestell- te in Spielhallen müssen zumindest eine medizinische Erste- Hilfe-Ausbildung vorweisen. Ich habe schon gesehen, wie Spieler weggeschafft wurden, denen das Blut aus den Ohren lief. Und die hatten sogar gewonnen. Pavlichuk kletterte in die Spielblase und versetzte sie in Dre- hung. Er bevorzugte ein Bein, als habe er sich dort verletzt. Ich befand mich in einem gesteigerten Wachzustand, und jedes noch so unwichtige Detail erschien mir bedeutsam. Ich mußte diesen Zustand abschütteln, denn sonst wäre ich niemals in der Lage, Dinge zu erkennen, die wirklich von Bedeutung waren. Ich bezahlte und machte mich auf den Weg runter zu The Penitentes., KAPITEL 11 Lemuel saß im hinteren Teil von The Penitentes, einem angeb- lich hochklassigen Unternehmen, das seine Speicherinterfaces unter Punktstrahlern auf schwarzen Samthänden ausstellte, die aus einem pleite gegangenen Juwelierladen stammten. Er war ein schwammiger Mann mit mißmutiger Miene. Ich traf ihn an, wie er gerade säuerlich eine Gruppe Teenager beobachtete, die sich kenntnisreich über die Vorzüge verschie- dener Speichermodule unterhielten, als ob diese wirren Visio- nen von sexuellen Kontakten vor dem Taj Mahal bei Mond- schein oder auf einem Tisch während einer Debatte des Unter- komitees des Senats über Landwirtschaftssubventionen künstle- risch anspruchsvolle Produkte seien. Lemuel freute sich überhaupt nicht, mich zu sehen. Sicher, er freute sich eigentlich über gar nichts, aber ich glaubte dennoch in seiner Reaktion ein gewisses Zögern zu erkennen, als hätte er durchaus erwartet, mich zu sehen, und das Gegenteil gehofft. »Ambrose«, begrüßte er mich. »Von dir habe ich lange nichts mehr gehört.« Er sah aus, als sei er verärgert. »Ich hatte schon das Gefühl, total ausgestiegen zu sein.« Ich fragte mich, wie ich ihn dazu bringen könnte, mir irgend etwas über Slip Sanderson zu verraten, falls er überhaupt etwas wußte. Er liebte den Klatsch, ließ sich aber genauso gerne dafür bezah- len. »Wie ich hörte, hat Scamman eine ganze Ladung Myomo- dule, die er nicht loswerden kann.« Ich griff auf ein Gerücht zurück, das ich soeben in der oberen Etage aufgeschnappt hatte. Vielleicht hatten noch nicht alle Details die Runde gemacht., Lemuel hätte spöttisch grinsen müssen. Er tat immer so, als stünde er weit über derartigen hirnlosen Unternehmensent- scheidungen. Statt dessen zuckte er die Achseln. »So was kommt vor. Unvorhersehbare Geschäftsentwicklungen. Er wird sie sicherlich auf kleineren Märkten los. Bei High-School- Sportlern und ähnlichen … Kunden.« Er verzog abschätzig den Mund. Veraltete Technologie in den Körper einpflanzen zu lassen, war in seinen Augen ein evolutionärer Rückschritt, ähnlich wie das Herausbilden überhängender Augenbrauen und eines Schädelkamms. »Ich brauche Informationen, Lemuel. Ich …« »Heute nicht, Peter.« Lemuel klang unnachgiebig. »Ich habe alles verkauft, was ich hatte, und es ist noch keine neue Liefe- rung eingetroffen. Tut mir leid.« Das sah ihm völlig unähnlich. »Aber Lemuel, es geht tatsäch- lich um eine interessante Sache. Ich habe einen alten Freund …« »Den haben wir alle. Die meisten sind überhaupt keine Freunde. Gibt es sonst noch was?« Ich starrte ihn an. »Ich möchte nur ein paar …« In diesem Moment erschien sie, meine polizeiliche Emp- fangsdame von Atman, ebenso ruhig und würdig wie eine Frau, die einem respektvollen Historiker das Heim ihrer Vorfahren zeigt. Ihr Gesicht erschien älter als vorher, im Krankenhaus. Sie trug ein konservatives, fast uniformhaftes Kleid. Ich erstarrte. Lemuel kam mit schlurfenden Schritten von der Theke zu- rück. Ich sah ihn traurig an und schüttelte den Kopf. »Ach, Lemuel, das ist eine miese Art, Geschäfte zu machen. Eine verdammt miese Art.«, »Sieh mal, Peter«, setzte er an. »Ich konnte nicht …« »Er hatte keine Wahl«, unterbrach ihn die unechte Emp- fangsdame. Ihre Stimme war so kalt und klar wie eisgekühlter Wodka. »Und habe ich eine?« Ich musterte sie und verdrängte meine Angst. Sie erwiderte ruhig meinen Blick. Das Fehlen von Furcht machte keinen Eindruck auf sie. Allerdings hätte offen zur Schau gestellte Angst auch nicht ihr Mitleid oder ihre Abscheu erregt. »Nein, Mr. Ambrose, die haben Sie nicht. Bitte – hier ent- lang.« Ich folgte ihr ins Hinterzimmer. Sie hatte mich nicht zur Mall Half As Old As Time verfolgt, denn ich hatte nicht die Absicht gehabt, hierher zu kommen, bis ich auf den Parkplatz rollte. Sie mußte genau das gleiche getan haben wie ich, nämlich dort nach Informationen gesucht haben, wo sie am reichlichsten zu bekommen waren. Aber sie hatte eine Falle aufgestellt, für alle Fälle – dieses Schwein Pavlichuk. Er hatte mich aufs Kreuz gelegt. Dessen war ich mir sicher. Amöben wie er ließen sich immer mit dem Strom treiben. Aus irgendeinem Grund besaß Lemuel nur einen einzigen Ralfie. Als sei das noch nicht genug, ließ er das arme Ding niemals eine Dekoration bis zum Ende ausführen, ehe er ihm den Befehl gab, etwas anderes zu tun. Wir ließen uns in zwei Sesseln nieder, aus deren halbfertigen Chippendalebeinen noch Armaturen herausragten. Der Ralfie löste schicksalsergeben einen roten klassischen Stützpfeiler auf, der mitten in einer Betonwand steckte, und erbrach die Rückstände in eine gur- gelnde Schlauchmündung, die mit verspritztem Schaumstoff verklebt war., Eine Nische auf einer Seite war mit etwas besetzt, das aussah wie eine besonders exzentrische Doktorarbeit zum Thema Servomotorsteuerung. Da waren ein halbes Dutzend sich kom- pliziert bewegender weicher Skulpturen von Playmates des Monats aus alten Playboy-Nummern. Jede benutzte die mehr oder weniger willkürlich ausgewählten Requisiten, die damals in diesen Fotos verwendet wurden. Eine saß auf einem Fahrrad, eine andere schwang immer wieder einen Golfschläger und zielte auf einen unsichtbaren Golfball, eine dritte – sie trug einen kleinen Tirolerhut auf dem Kopf – kletterte an einer endlosen Felswand empor. Die übergroßen Brüste hüpften, während die Models sich bewegten. Im Innern flackernde Lampen enthüllten den Komplex von Servomotoren und Schaltkreisen unter ihrer seidigen Haut. Mit einem ungehalte- nen Stirnrunzeln überlegte TerAlst einige Sekunden lang, wie sie sie ausschalten könnte. »Vielleicht wollen Sie wissen, wer ich bin«, sagte sie, während sie die Schalter auf dem Tisch ausprobierte. Ich holte meine Flexicard hervor und warf einen Blick dar- auf. Ihre Fotos erschienen, von vorne und im Profil wie von der Polizei aufgenommen, kein Make-up, keine Ohrringe. Die Karte identifizierte sie als aktive Polizeidetektivin beim Chicago Police Department, Name Amanda TerAlst. Der Name war richtig, aber der Arbeitgeber war falsch. Ich wußte, daß sie bei IntraCranial beschäftigt war. Ich wußte sehr viel mehr über sie, als sie ahnte. Ich rief mir das ins Gedächtnis, um mich ein wenig zu beruhigen. Die Karte leerte sich, nachdem sie mir alle Informationen geliefert hatte, auf die ich gesetzlich Anrecht hatte., In irgendeinem längst vergessenen Werbeprospekt hatte ir- gendein Presseheini Beamte von IC mit Leukozyten verglichen. Lange hatte sich dieser Vergleich nicht gehalten, aber wir nann- ten sie noch immer Lukes. Ihr Zuständigkeitsbereich befand sich dort, wo das innere Universum sich mit dem äußeren überschnitt. Die harte Hülle des Nervensystems heißt dura mater, wodurch einige von ihnen zu einem zweiten Spitznamen gelangten. Und so wie es aussah, war Mrs. TerAlst ganz gewiß eine Dura Mama. »Sie wissen bereits, wer ich bin«, sagte ich. »Vielleicht weiß ich es, Mr. Ambrose. Ich bin mir nicht si- cher.« Sie klopfte mit einem völlig nutzlosen Schreibstift gegen ihre Zähne. Nirgendwo war ein Notizblock zu sehen, auf dem sie etwas hätte aufschreiben können. Wahrscheinlich schnitt sie meine Worte auf irgendeinem Kurzzeitspeichermedium mit. War ein mit dem Hippokampus verbundener synthetischer Erinnerungsspeicher eine Aufnahme oder ein Augenzeugenbe- richt? Bei den Gerichten rang man noch immer um eine ein- deutige Festlegung. »Können Sie mir verraten, was Sie am Nachmittag des ein- undzwanzigsten Oktober bei Atman Medical zu suchen hat- ten?« »Sie meinen gestern.« »Richtig.« »Ich glaube, ich habe es Ihnen bereits erklärt, als ich dort war. Ich wollte die Leiche von Mr. Morris Lanting identifizie- ren. Ich kannte ihn flüchtig, hatte mal ein paar Bier mit ihm getrunken, wissen Sie, und ich dachte, es sei ein Jammer, daß er nun dort lag, um Genbreite vom Tod ereilt. Das Ganze mag ja, nur eine Formalität sein, aber sie ist wichtig. Wir dürfen nicht sterben, ohne daß sich später jemand an uns erinnert.« »Sehr hübsch, Mr. Ambrose. Woher wußten Sie, daß nicht schon vor Ihnen jemand da war, um ihn zu identifizieren?« Jede Frage aus ihrem Mund war eine Falle. »Ich habe angerufen und mich erkundigt, weil ich damit rechnete, daß genau dies der Fall sein könnte«, sagte ich und improvisierte aus dem Stegreif. »Jemand im Büro, eine mitfüh- lende Seele, hat mir Bescheid gesagt. Den Namen weiß ich bis heute noch nicht.« »Aha. Sehr lobenswert. Und wo waren Sie am Abend des achtzehnten Oktober? Also vor vier Tagen, am Mittwoch?« »Ich hatte einen Termin mit einem Kunden, Kukrit Prema- sad, Generaldirektor einer in Bangkok gemeldeten Firma na- mens Amaryllis. Das Treffen dauerte von sechs Uhr abends bis Mitternacht. Danach kehrte ich nach Hause zurück und fiel voll wie eine Haubitze in mein Bett. Wir hatten uns über eine La- bor-Netzverbindung für ihre Fabriken auf Borneo und in Sulawesi …« »Ich bin mit den Geschäftspraktiken der Thai vertraut, Mr. Ambrose.« TerAlsts Stimme klang eisig und feindselig. »Aber die stehen hier nicht zur Diskussion.« Die Thais waren für ihre kortex-gebremste Arbeit bekannt. Menschen schufteten wie Hühner in einer Legebatterie. Es gab eine Menge Jobs, sogar im einundzwanzigstens Jahrhundert, bei denen Bewußtsein nicht gerade eine erwünschte Arbeitertugend war. Ich hob die Augenbrauen. »Ich versichere Ihnen, Mrs. Ter- Alst, ich habe keinerlei den Techexport betreffende Beschrän- kungen verletzt.«, »Davon bin ich überzeugt.« Daß ich mich mit Premasad getroffen hatte war ein Glücks- fall, und nicht nur in finanzieller Hinsicht. An den meisten Abenden hing ich nur so herum und sah fern und aß … Würst- chen, mit Schokolade überzogene Kartoffelchips, Kalbsschnitzel und was sonst noch alles. Wenn ich dann morgens aufwachte, konnte ich mich nicht mehr erinnern, was ich gesehen oder gegessen hatte. Das wäre als Alibi sicherlich nicht viel wert, auch wenn es der Wahrheit entsprach. TerAlst konnte mir den Mord nicht anhängen, und selbst wenn sie es versuchte, würde sie mich mit der Vernichtung der Leiche nicht in Verbindung bringen können. Mit anderen Worten, ich war keines der Verbrechen schuldig, für die sie sich möglicherweise interessierte. Weshalb jagte sie mir dann soviel Angst ein? Durchaus möglich, daß sie sich mit der gleichen Inbrunst auch in jede routinemäßige Zeugenbefragung stürzte. Aber das glaubte ich nicht. »Ich sehe, daß Sie auch recht enge Geschäftsbeziehungen mit … wie lautet der verrückte Name … Transcendental Transition unterhalten.« Das machte mich wachsam. Inmans Firma. Was zum Teufel hatte das mit allem zu tun? »Wie bitte? Mit denen habe ich absolut nichts zu schaffen.« »Sie hatten … Kontakt mit einem ihrer leitenden Angestell- ten, Mr. Ambrose. Thomas Francis Inman lautet sein Corpoa- nym. In seiner Alltagsidentität ist er mit Ihrer Ex-Frau verheira- tet.« Sie sah mich an, als rechnete sie damit, daß diese Informa- tion mich aus meinem Sessel aufspringen ließ. Wenn Corinne mir nicht den Namen ihres Mannes genannt hätte, hätte ich, tatsächlich so reagiert. »Meine Kontakte betreffen einzig und allein die einzelnen Personen, nicht das Unternehmen an sich.« Ich hoffte, daß diese Aussage ausreichend formell klang. Sie tat es. TerAlst verzog ärgerlich das Gesicht. »Eine hüb- sche Unterscheidung.« »Die Gesetze bestehen, soweit ich weiß, fast ausschließlich aus hübschen Unterscheidungen.« Anstatt ihren Zorn anzustacheln, schienen meine Worte sie zu besänftigen, ja zu amüsieren. »Das stimmt tatsächlich.« Sie betrachtete mich prüfend. »Ich weiß nicht, ob Sie begreifen, wie genau das zutrifft. Sie verwirren mich, Mr. Ambrose.« »Ich verwirre mich selbst.« Ihre gute Stimmung verflog augenblicklich. »Ein simpler symbolanalysierender Algorithmus brächte eine solche Antwort zustande. Und wäre dabei genauso ehrlich.« Offensichtlich war sie von mir nicht gerade begeistert. Das war schade, denn plötzlich verspürte ich den dringenden Wunsch, ihr zu gefallen. Ich hatte den Eindruck, daß es schwie- rig war, ihren Respekt zu erringen. Die Augen unter ihren herabhängenden Lidern waren überhaupt nicht braun, sondern von einem derart tiefen Blau, daß es braun aussah. Vielleicht ließ auch die geballte Wucht der dahinter steckenden Intelli- genz die Augen so dunkel erscheinen. Sie glitzerten wie Skalpel- le. Ein Blick, und schon wünschte man sich, daß sie woanders hinschauten. »Sie geraten per Zufall in die Ermittlungen eines Mordfalles, werden Zeuge der Vernichtung der Leiche und des Krankenwa- gens, und dann verschwinden Sie, ohne meine Fragen zu be-, antworten. Weshalb?« Nun schien sie nur mäßig neugierig zu sein und nur noch Konversation zu machen. »Ich hatte Angst.« Das war eine weitgehend ehrliche Ant- wort. »Ich wußte überhaupt nichts und wollte nicht da hinein- gezogen werden. Es tut mir leid, wenn Sie dadurch den Ein- druck gewannen, ich hätte es getan.« »Überlassen Sie mir die Entscheidung, ob Sie etwas wissen oder nicht. Vielleicht haben Sie etwas Wichtiges gesehen und wissen es nur nicht. Können Sie sich noch erinnern, welches Wetter an dem Tag herrschte?« Ich sah ihr in die Augen. »Son- nig, klar und kalt.« »Konnten Sie den Sonnenschein durch die Türen sehen?« Und so lief es weiter. Sie ging mit mir jede Einzelheit in den Minuten vor und nach der Explosion des Krankenwagens durch. Ich hatte das Gefühl, als säße ich in einer Achterbahn auf Schienen aus Rasierklingen. Was hatte ich gesehen? Was war mir entgangen? Ich hatte nicht vor, ihr zu verraten, daß ich Watkins beobachtet hatte. Es ist eine wahre Kunst, einen Garten zu erfinden, um die Anwesenheit einer echten Kröte zu erklären, und ich war nicht sehr gut darin. Als sie die Befragung beendete, war ich in Schweiß gebadet. »Pu- uuh«, seufzte TerAlst, und ihre Haltung entspannte sich. Diese Entspannung war ein bewußter Akt. Ihr Körper war stämmig und zu muskulös, um mütterlich zu wirken. Ihre Hände mit den kurzgeschnittenen Fingernägeln waren breit und rechteckig wie Spatenblätter. Zwei Kinder, hatte Tigranes gesagt. Wahr- scheinlich schon fast im Collegealter. »Nun«, sagte sie, »so schlimm war es doch nicht, oder?« Sie beugte sich vor, und ihre Miene wurde erneut beschwörend, eindringlich. »Wir brauchen diese Informationen, Peter. Wir haben nicht viele Anhaltspunk-, te, und wir brauchen jedes Detail, um den Mörder Ihres Freun- des Morris Lanting zu fangen. Leuchtet Ihnen das ein?« Ihre dunkelblauen Augen fixierten mich. Für einen kurzen Moment meldete sich mein schlechtes Ge- wissen. Wenn sie nun wirklich nur eine Detektivin der Mord- kommission war und hier ihre ehrliche Arbeit verrichtete? In diesem Fall wäre ich nur ein Zufallszeuge und nicht besonders interessant. Aber sie war es nicht. Das wußte ich. Sie war hinter etwas anderem her. Der arme tote Charlie Geraldino war für sie lediglich ein Wegweiser, der dorthin zeigte, wo sie eigentlich hinwollte. Ich fragte mich, was das war. »Ich verstehe«, erwiderte ich. »Gut. Ich möchte nicht, daß Sie annehmen, ich würde Sie nur zum Zeitvertreib belästigen.« Ehe ich auf diese Entschuldi- gung reagieren konnte – falls es tatsächlich eine war –, stand sie auf. »Sollte Ihnen noch etwas Wichtiges einfallen, dann wissen Sie, wie Sie mich erreichen können.« Sie geleitete mich an dem niedergeschlagen dasitzenden Le- muel, der uns nicht beachtete, vorbei und hinaus ins Gewimmel der Mall. Während wir The Penitentes verließen, blickte ich hinauf zu den Deckenlampen. Und sah hoch oben an der Wand einen vertrauten Schatten. Ein schwarzer Punkt löste sich und fiel auf uns zu, fast un- sichtbar vor dem grellen Lichtschein. Ich rammte TerAlst mit meiner Schulter und wischte das Ding mit dem Handrücken beiseite. Ich spürte ein Stechen. Es war eine einfache, lässige Methode, dem drohenden Tod zu entgehen. Es prallte auf den Fußboden und krabbelte. Es sah aus wie eine Spinne und bewegte sich mit mechanischer Entschlossen-, heit. Meine Welt verengte sich auf dieses krabbelnde Ding auf dem schmutzigen Boden. Mit einem olfaktorischen Ortungssy- stem ausgerüstet, war es immer noch fähig zu töten. Schließlich gelang es mir, es mit dem Absatz zu zertreten. Als ich meinen Fuß hochhob, verschwand es, löste sich in Luft auf. Nichts blieb übrig, was darauf hinwies, daß es je exi- stiert hatte. »Sieh doch, Ambrose, ich mußte es tun.« In dem Moment, als er mich erneut seinen Laden betraten sah, hob Lemuel die Hände. »Du weißt, daß ich nicht anders konnte. Ich habe dich sogar davor bewahrt, den Mund zu weit aufzureißen und dich zu verquatschen. Erinnerst du dich? Du hast versucht …« »Ja, ja.« Mein Kopf summte noch immer von der Nähe des drohenden Todes. Ich drängte mich an Lemuel vorbei. »Komm schon. Ich muß ein paar Dinge wissen.« »Aber …« »Komm endlich!« Im Hinterzimmer hatte der Ralfie den Pfeiler vertilgt. Er hing an der Decke und produzierte ein kunstvolles Relief an der Wand. Mit einer Geste seiner Hand schaltete Lemuel ihn ab. Der Ralfie blieb an Ort und Stelle hängen, als sei er hingerichtet worden. Lemuel ließ sich hinter einem Hotech-Schreibtisch aus ei- nem Granitblock mit mehreren 3D-Computerdisplays darin nieder. Das Möbel schwebte über den Stahlzylindern seiner Beine auf supraleitenden Magnetfeldern. Eine Lampe aus inein- ander verwobenen dendritischen Kristallen warf intensives Licht auf die glatte Steinoberfläche des Tisches. Es war ein, drolliges, altes Ding und typisch für Lemuels gediegenen Stil. Er betrachtete abwesend seine nun regungslosen Playboy- Playmates und schaltete sie wieder ein. Ihre pneumatischen Bewegungen schienen ihn zu entspannen. »Ich glaube nicht, daß sie speziell nach dir gesucht hat«, sagte er. »Wie hat sie mich denn dann gefunden?« Er zuckte die Achseln. »Ich habe keine Ahnung von Polizei- arbeit.« Lemuel war mindestens ein halbes Dutzend mal wegen Ver- stößen gegen verschiedene neurale Statuten verhaftet worden, aber ich erwähnte es nicht. »Vergiß es einfach«, sagte ich. »Ich bin an etwas anderem interessiert. Ich glaube, du kannst mir behilflich sein.« Ich deutete an, daß ich Slip Sanderson unter Druck setzen müsse, ohne ihm jedoch zu erklären, weshalb. Wie erwartet war Lemuel eifrig darauf bedacht, meine Gunst wieder zu erringen, so daß er mir in jeder Weise helfen wollte. In vieler Hinsicht war Lemuel ein dummes Orakel: Er wußte fast alles, aber er hatte keine Ahnung, was er alles wußte. Es half nicht, daß ich keine Ahnung hatte, wonach ich suchte. Aus früheren Erfahrungen wußte ich jedoch, welche Art von kompromittierendem Zeug aus Slips Büro bei CCD kam. Und, wer sagt es denn, wir fanden es: drei gestohlene Aggressi- on/Attacke-Schaltkreise, sogenannte Aggatts, die offenbar von jemandem, der es eigentlich hätte besser wissen müssen, bei Autopsien in der Leichenhalle beiseite geschafft worden waren. »Ich habe keine Ahnung, weshalb ich die überhaupt mitge- nommen habe«, sagte Lemuel und legte sie in ihre Behälter, zurück. »Eine Art Sammlerstücke, vermute ich. Diese Dinger stammen aus der Eisenzeit.« »Bestimmt, Lemuel. Bis bald.« »Versuch das nächste Mal, ohne Cops im Schlepptau herzu- kommen.« KAPITEL 12 »Ich bin hier drüben!« rief Corinnes Stimme von irgendwoher. »Durch die Tür links von dir. Zieh Pantoffeln an.« Ihre Stimme klang so angenehm, daß ich mir für einen kurzen Moment vorstellte, sie käme von irgendwo in meinem eigenen Haus. Ein Blick auf die gemusterten, mit Eidechsenschuppen bedeckten Organiformwände ihrer Vorhalle zerstörte diese Illusion. Ich zog die Schuhe aus und schlüpfte in ein Paar bestickter Haus- pantoffeln, die ich in einem Korb neben der Tür fand. Die Zimmer waren mit Holzmöbeln ausgestattet, die aussa- hen, als seien sie aus massiven Baumstämmen herausgeschnit- ten worden. Ich schlängelte mich an einer Kommode aus Red- wood vorbei, deren Türen von einer Lawine gemusterter Sei- denkimonos einen Spaltbreit aufgedrückt wurden. Trotz des teuren Durcheinanders herrschte in Corinnes Wohnung eine unglaubliche Ordnung. Bei näherer Betrachtung erkannte ich, daß die lässig herabhängenden Kimonoärmel mit langen Silbernadeln und handgeschnitzten Korallen- und Elfenbeinköpfen kunstvoll arrangiert waren. In einem Anflug, von Boshaftigkeit zog ich ein ganzes Bündel davon heraus, warf die Ärmel durcheinander und steckte die Nadeln wieder hinein. Dann machte ich einen schlurfenden Pantoffelschritt über den Parkettfußboden in die mit warmem Licht erfüllte Küche. Durch hohe Fenster konnte man auf den Chicago River hinaus- blicken. Der Fluß war mit glänzenden gelben Vasen gesäumt, die aus zwei Meter langen geschmolzenen Blütenkelchen ge- formt waren und deren Stiele in Wassertümpeln standen, in denen sich Fische tummelten. Als raffinierte Anspielung auf die organiforme Ästhetik funkelten in den Blumenkelchvasen zahlreiche bei Schwerelosigkeit hergestellte Eisen- und Quarz- kristalle. Corinne selbst saß in einem dunkelblauen Hausmantel am Tisch. Sie betrachtete mich ernst, den Kopf leicht gesenkt und das Kinn auf den Daumen gestützt. Vor ihr stand ein Früh- stücksteller auf dem Tisch, ein zweiter auf der anderen Tischsei- te. Neben ihrem Ellbogen sah ich ein Glas mit einem klaren roten Saft. Kirsche? Preiselbeere? In Restaurants bestellte sie den Saft stets nach der Farbe. »Guten Morgen, Peter.« Sie lächelte ausgesprochen freund- lich. »Du weißt, daß ich nicht wollte, daß du herkommst.« »Ich weiß. Aber ich mußte kommen. Ich konnte nicht an- ders.« Ich blieb stehen, stützte mich mit den Fingerspitzen einer Hand auf die Tischplatte und verlagerte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ihre Miene wurde ernst. Sie musterte mein Gesicht mit gro- ßen Augen. »Setz dich. Möchtest du einen Kaffee?« Ich ließ mich mit einem Seufzer auf dem Stuhl nieder, als lüde ich eine schwere Last ab, und schob den Teller beiseite. Er, gehörte Gideon Farley, nahm ich an. Er hatte gut gespeist. Ich konnte Reste von Ei, Speck, gebratenem Rinderhack, Toast und Orangenmarmelade erkennen. Ich hatte Orangenmarmelade immer gehaßt. »Kaffee. Gerne.« Sie sprang auf, offenbar froh, etwas tun zu können. »Schwarz? Darin hast du dich doch nicht geändert, oder?« »Gewöhnlich gebe ich jetzt einen Schuß Motorenöl hinein, für ein postindustrielles Aroma. Am besten 10W-40, wenn du die Sorte hast.« »Hmm.« Das Schweigen war reine Verlegenheit, verstärkt durch meinen jämmerlichen Versuch, einen Scherz zu machen. Ich erinnerte mich, wie leicht es früher gewesen war, miteinan- der zu reden. Schläfrig am Morgen im Bett liegend, eines ihrer Beine um meine Hüfte geschlungen und ihre Brüste sanft meine Schulter streichelnd. Oder in der hereinbrechenden abendli- chen Dunkelheit im Park auf einer rot-weiß karierten Tischdek- ke sitzend, das Picknick seit einigen Stunden vorbei, ich mit einem Kranz Löwenzahnblüten um den Hals, den sie geflochten hatte, sie mit einer leeren Champagnerflasche gestikulierend, um zu unterstreichen, was sie gerade erklärte. Und noch weiter zurück bis zu meinen ersten Erinnerungen an sie; ich an mei- nem Klavier sitzend und mich auf meine Musik konzentrierend, und sie, nach ihrem Training verschwitzt und leicht säuerlich riechend, sich über mich beugend, wobei ihr Haar unter dem Gummiband hervorrutschte und sich über ihre und meine Schultern ergoß. Ich konnte mich an nichts erinnern, worüber wir gesprochen hatten, nur an den Klang unserer Stimmen wie Wind in den Bäumen., Das einzige, woran ich mich jetzt erinnern konnte, waren die Dinge, über die wir niemals geredet hatten. Ein kleiner The- menkreis. Er umfaßte praktisch alles Wichtige. Sie stellte eine Tasse vor mir auf den Tisch. Sie benutzte noch immer das gleiche Parfüm, einen Duft von Wüstenblumen und sonnengebleichten Zitronenbäumen im Schatten einer warmen Steinmauer. »Peter, du bist in meinen vier Wänden. Ich wollte dich niemals hier haben. Ich habe keine Ahnung, weshalb du den Wunsch haben solltest hier zu sein. Und plötzlich stehst du vor meiner Tür … etwa wegen Gideon?« Ihre Augen fixierten mein Gesicht. »Er hat mir alles erzählt, nachdem er bei dir war. Ich habe ihn nicht zu dir geschickt. Glaubst du mir das?« »Ich weiß nicht. Es erscheint mir ein wenig naiv, bei all dem an einen Zufall zu glauben.« »Was meinst du damit?« Fältchen entstanden in ihren Au- genwinkeln. »Ich bitte dich, Peter, was glaubst du denn, mit wem du redest?« »Ich weiß es nicht genau.« Ich fühlte mich mürrisch und klang auch so. »Werd nicht unangenehm.« Sie setzte sich mit übertriebener Haltung hin, war deutlich entrüstet und sah aus dem Fenster. Ich folgte ihrem Blick. Die Wohnung befand sich in einem alten aus Kalkstein erbauten Lagerhaus, das über die sauberen Fluten des Flusses hinausragte. Nüchterne Bauten aus rotem Klinker standen auf der anderen Flußseite und wurden von den mit grüner Patina überzogenen Kupferdächern der beiden Türme einer katholischen Kirche überragt. Braune Unkrautpflanzen brandeten gegen die verwitterten Holzzäune der Hinterhöfe. Eine Leine voll flatternder Wäsche wies auf die Nähe von je-, mand hin, der nicht zu den Kunden Sheldons gehörte. Ein in Neonkleidung gehüllter Radfahrer strampelte über den Lein- pfad, wobei sein rotbraunes Ebenbild sich im ebenholzschwar- zen Wasser widerspiegelte. Er war das einzige lebende Wesen, das ich sehen konnte. »Natürlich habe ich über dich gesprochen.« Sie sah mich nicht an, während sie das sagte. »Anfangs nicht, aber später, als wir Vertrauen zueinander gefaßt hatten. Er hatte Informationen über dich. Über deine Tätigkeit. Du warst jemand, der die Schädel anderer Menschen öffnete und das neu ordnete, was darin war.« »Etwas, das ich gelernt hatte …« »Das hast du nicht gelernt, Peter.« Wenigstens sah sie mich jetzt an. Es war ein verzweifelter, zorniger Blick, der gleiche Blick, den ich mir immer eingehandelt hatte, wenn ich mich um irgendeine Erklärung herumdrückte. »Es war etwas, das du wußtest. Das dir die ganze Zeit bekannt war, die wir zusammen waren. Stimmt's?« »Es stimmt.« Ich holte tief Luft. »Es tut mir leid, Corinne.« »Das hast du bereits gesagt.« Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätte ich Gideon erzählt, daß du Musiker bist. Ein wunderbarer Musiker, heiß und kalt gleichzeitig, wie brennendes Eis. Ein schreckliches Klischee, nicht wahr? Aber du warst der beste. Ich hätte ihm niemals empfohlen, dich aufzusuchen und sich das Gehirn neu ordnen zu lassen. Eine Sache über dich habe ich ihm erzählt. Ich erklärte, daß er dir auf jeden Fall vertrauen könne.« »Vielen Dank.« »Du solltest dich nicht bedanken. Es tut mir leid, daß ich es, gesagt habe. Du ahnst gar nicht, wie leid es mir tut.« Ihre Stim- me bekam einen scharfen Unterton. »Was willst du hier, Peter? Dich vergewissern, ob ich glücklich bin? Ich bin's. Ich weiß zwar nicht, was du davon hast, die Gehirnwindungen meines Mannes zu betrachten, aber ich bin hier, so lebendig wie nie zuvor. Reicht dir das?« »Deshalb bin ich nicht hergekommen.« Ich trank meinen Kaffee und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, als er sich in meinem Magen in Batteriesäure verwandelte. Ich verfügte über das unwillkommene Wissen, daß ihr Mann sich eine professionelle Geliebte hielt. Ich konnte mir keinen Streit vorstellen, der heftig genug wäre, um mich zu zwingen, diese Tatsache zu enthüllen, aber ich fragte mich allmählich, wie ihr Leben wirklich aussah. »Vor ein paar Tagen war ich im alten Studio. Es ist alles verstaubt.« Sie runzelte die Stirn und zeigte ansonsten keine weitere Re- aktion. »Ist das so ungewöhnlich? Es befindet sich schließlich in deinem Keller.« Ich zuckte die Achseln. »Ich betrete es nicht sehr oft.« Sie sah mich an. Ich glaubte erkennen zu können, daß ein wenig Mitleid in diesem Blick lag. »Hast du hier ein Studio?« fragte ich. Eine kaum wahrnehmbare Veränderung in ihrer Haltung verriet ihre Wachsamkeit. »Ich habe eins. Gideon hat es für mich eingerichtet.« »Darf ich es mir ansehen?« Ihre Hand tastete sich zu ihrem nackten Hals hoch. »Gibt es dafür einen besonderen Grund?« »Den gibt es.«, Sie führte mich durch einen langen Flur, von dem auf beiden Seiten Türen abgingen. Ich bemühte mich, nicht neugierig zu sein, aber ich ertappte mich dabei, wie ich mir an jedem Zim- mer, an dem wir vorbeigingen, fast den Hals verrenkte, um einen Blick hineinzuwerfen. Zwei Gästezimmer, das eine nüch- tern und kristallklar, das andere mit schweren Mahagonimö- beln und dicken Federbetten eingerichtet. Gideon Farleys maskulines Büro, allerdings unmaskulin aufgeräumt. Ein mit Grünpflanzen in einen Dschungel verwandeltes Badezimmer. Ein kleiner, leerer pfirsichfarbener Raum mit einer Tür zum Schlafzimmer. Die Decke war mit aufgeplusterten Kumulus- wolken bemalt. Ich betrachtete sie blinzelnd. Mit gemessener Entschiedenheit zog Corinne die Tür zu. »Sei nicht so neugierig, Peter.« Dabei klang sie eher müde als ungehalten. »Corinne«, sagte ich. »Wenn wir eine Tochter hätten, wie hättest du sie genannt?« »Melissa.« Sie zögerte nicht. »Dieser Name hat mir schon immer gefallen. Ich hätte ihr Haar wachsen lassen und es re- gelmäßig gebürstet.« »Warum haben Gideon und du keine Kinder?« »Verdammt noch mal, Peter!« Sie fuhr zu mir herum. »Ist er zu beschäftigt, oder bist du es?« »Es geht nicht darum, wer zu beschäftigt ist.« Sie lehnte sich an die Wand, als stünden wir irgendwo auf einer Straße und unterhielten uns. »Obgleich es so aussieht, als passiere alles einfach zu schnell. Es ist nur so … Gideon glaubt nicht, daß wir uns an einem ausreichend sicheren Ort befinden, um Kinder zu haben.«, Ich blickte den langen Korridor hinunter. »Wo in der Welt ist es schon sicher?« »Nicht hier, Peter.« Ihre Stimme klang sachlich und duldete keinen Widerspruch. »Ganz gewiß nicht hier. Das ist unsere Welt.« Sie straffte sich und stieß sich von der Wand ab. »Aber das geht dich überhaupt nichts an.« »Da hast du recht.« Wir gingen weiter. Das Studio war ein großer Raum mit einem auf Hochglanz polierten Holzfußboden. Vorne und auf einer Seite befanden sich Spiegel, während die Rückwand falsche Fenster aufwies mit einem Blick auf langsam dahinziehende Wolken, die von unten beleuchtet wurden wie von einer brennenden Stadt. Es sah eher aus wie ein Ort, an dem philosophische Physikversuche durch- geführt wurden, als wie ein Tanzstudio. Sie beobachtete mich aufmerksam, während ich über den federnden Fußboden zum Klavier in der Ecke ging. Ich zog die Bank vor und setzte mich. Ich strich mit den Fingern über die gemaserten, künstlich gezüchteten Elfenbeintasten. Sie reagier- ten genauso wie lebendige Wesen. »Du hast es behalten«, stellte ich fest. Sie zuckte die Achseln. »Du hast darauf bestanden, daß ich es mitnehme, erinnerst du dich? Es ist ein gutes Klavier. Aber interpretiere nicht zuviel hinein.« »Das werde ich schon nicht.« Ich lehnte mich zurück und betrachtete mich im Spiegel. Brennende Wolken türmten sich über meinem Kopf wie obszön geformte Denkblasen in einem Comicstrip. Das war mein Klavier, das Instrument, auf dem ich in all den Jahren unserer Ehe gespielt hatte. Als wir uns trenn- ten, stellte ich fest, daß ich mir nicht mehr vorstellen konnte,, jemals wieder darauf zu spielen, und ich drängte es einer wider- strebenden Corinne zusammen mit einer Menge anderer Dinge auf, insgesamt fast eine halbe Tonne Erinnerungen. Ich vermiß- te es sofort, aber ich hatte sie niemals deshalb angerufen. »Corinne, ich …« Meine Kehle war mit Staub verklebt, als wäre ich lange Zeit begraben gewesen und erst jetzt wieder von desinteressierten Archäologen ausgegraben worden. Ich fing an zu spielen, nur ein paar einfache Pianonummern, nichts, das meinen Geist in irgendeiner Form forderte. Ich konnte einen Margarita trinken, mit der Serviererin flirten und mit mehreren Gästen gleichzeitig über ihre jeweiligen persönli- chen Tragödien reden, während ich ihre Wunschtitel spielte und mich dabei die ganze Zeit fragte, ob sie vielleicht einen Deut ehrlicher waren als ich. Eine teuflische Fähigkeit. Manch- mal fühlte ich mich wie ein elektrisches Klavier, das aus keinem einsichtigen Grund Intelligenz entwickelt hatte. »Corinne, ich bin hergekommen, weil ich deine Hilfe brau- che.« Die Töne perlten unter meinen Fingern hervor. Wären sie nicht gewesen und hätten meine Worte getragen, ich wäre abgestürzt in die eisige Kälte, die sich unterhalb der Musik ausbreitete. »Was willst du von mir?« Ihre Stimme klang gequält, der gleiche Tonfall, den sie immer spät abends bekommen hatte, nachdem sie wieder einmal vergeblich versucht hatte, mir meine Geheimnisse zu entlocken. Ich sah sie an und wendete den Blick schnell wieder ab. Sie lehnte sich mit der Stirn gegen den Spiegel wie ein kleines Mädchen, das mit dem Bild kom- munizieren will, das sie dort sah, dem Bild der einzigen Person, die sie vielleicht verstehen konnte. Ihre Finger glitten über das, Glas, suchten menschliches Fleisch und fanden nichts als kaltes Glas. »Du mußt mir erzählen, wer ich bin.« Cole Porter, also das ergab für mich einen Sinn. Beinahe hätte ich nur darauf geach- tet. Und auf nichts anderes, als … Es war genauso schwer wie der Blick zurück im Garten neu- lich vormittags. Die Realität erschien weich und angenehm, bis man sich eingehender mit ihr befaßte und auf ihre scharfen Kanten und Ecken stieß. Vorsichtig ließ ich mich auf besagten Kanten und Ecken nieder. »Ich habe dir nie … etwas erzählt«, sagte ich. »Und stell dir vor, Corinne, ich will es noch immer nicht. Ich hoffe nur, daß ich dir genug mitteilen kann, damit du verstehst. Genug ver- stehst, um mir zu helfen.« Sie rutschte mit dem Rücken am Spiegel herunter, spreizte die Beine, stellte die Füße hoch, bis sie mit dem Gesäß den Fußboden berührte. Sie verlagerte ihr Gewicht nach vorne auf die Ellbogen und streckte den Rücken. Ich konnte erkennen, daß sie unter ihrem Hausmantel ein Tanztrikot trug. Sie rutsch- te mit den Ellbogen nach rechts hinüber, um sich am rechten Bein zu kratzen. Ihr Haar fiel auf ihr Knie herab. Plötzlich verspürte ich eine heftige Begierde. Ich schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Sie war nicht mehr meine Frau. »Laß mich selbst verstehen, Peter. Überrede mich nicht. Das schaffst du nicht. Du kannst mich zu nichts animieren, das ich nicht will.« »Nun, das stimmt.« Ich gab mir Mühe, nicht zu lachen. »Ehe wir uns kennenlernten, kam ich von einem furchtbaren Ort. Ich werde dir davon nichts verraten, außer daß es ein Projekt war,, das mit den Devolutionskriegen in Verbindung stand.« »Ich habe niemals …« »Ich habe es dir nie erzählt, ich weiß.« Ich ertappte mich da- bei, wie ich mich an einem Nocturne von Chopin versuchte, ein absolut lächerliches Unterfangen. Es klang eher wie ein Stapel Eßteller, die die Kellertreppe hinunterpurzeln. Ich schaltete um auf ein Potpourri von Hits aus den achtziger und den neunziger Jahren. Ich konnte mich an nicht einen einzigen Namen erin- nern. Ich glaube nicht, daß es jemanden gab, der es noch konn- te. »Ich kam von dort draußen, lernte dich kennen und ent- schied, daß das beste, was ich tun könnte, darin bestand zu vergessen, was ich durchgemacht hatte, meine Familie eben … alles. Ich entschied außerdem, wieder von vorne anzufangen.« »Deine Familie …« Ihre Stimme klang sinnend, und ihr Haar bedeckte jetzt ihr linkes Knie. Ich konnte deutlich sehen, wie die Muskeln ihres Unterschenkels und der Innenseite des Ober- schenkels sich unter der Haut abzeichneten. Sie hatte nichts von ihren Reizen verloren. »Keine biologische Familie. Aber wer nimmt denn noch ge- netische Zuordnungen vor? Es war die einzige Familie, die ich je kannte. Sie fanden uns mittels eines auffälligen Paradigmas, gestörte Kinder, Veteranen eines Dutzends von Waisenhäusern, Deserteure jener blutigen Kriege, die innerhalb häuslicher Wände ausgefochten werden, und schenkten uns etwas, das wir niemals zuvor gekannt hatten. Ein Zuhause. Alles, woran ich mich aus meiner Kindheit erinnern kann, meiner wahren Kindheit, ist ein nebelhaftes Arrangement aus Fernsehen und Kühlschranktüren. Ich erinnere mich an ein paar Magnete, die geformt waren wie Früchte …«, »Die armen Kinder! Niemand darf Kinder in eine solche La- ge bringen.« Ihr Stimme drang unter ihrem Haar hervor. »Das ist nicht fair. Sie können sich doch nicht dagegen wehren.« Ich musterte sie und fragte mich, was zwischen ihr und Gideon ablief, wer von beiden sich gegen eigene Kinder wehrte. »Ich glaube, wir waren verrückt, wir alle. Wir wohnten in verlassenen Baracken irgendwo in der Wüste Oregons. Die Möbel sahen aus, als seien sie von einer Studentenverbindung ausrangiert worden. Sie waren über und über verstaubt. Und wir saßen herum und absolvierten technische Intensivkurse, anstatt Geschichten vorgelesen zu bekommen. Das war meine Familie.« »Peter, bist du in Ordnung?« Corinne schüttelte meine Schulter. Meine zu Klauen verkrampften Finger griffen auf der Klaviatur einen mißklingenden Akkord, und das Pedal sorgte dafür, daß er nur langsam verklang. Ich nahm die Finger von den Tasten und ließ sie in meinen Schoß sinken. Das Klavier verstummte. »Ich bin in Ordnung.« Sie ließ ihre Hand auf meiner Schulter liegen. »Ich habe dafür gesorgt, daß ich alles vergaß.« Ich be- gegnete ihrem Blick. »Ich habe es weggeschlossen, Stück für Stück, bis nichts mehr übrig war. Es war gefährlich. Wir waren in Dinge verwickelt, die niemals das Licht des Tages hätten erblicken dürfen.« Tränen standen in ihren Augen. Sie blinzelte, und ich konnte erkennen, daß sie sich über sich selbst ärgerte. Weine niemals wegen Ex-Ehemännern. Das war eine vernünftige Regel. »Wes- halb erzählst du mir das alles jetzt?« »Weil ich es muß. Meine Familie ist wieder da. Einer ist tot., Ermordet. Ich darf diesen Komplex nicht länger verdrängen. Und du besitzt den Schlüssel dazu.« Sie ließ die Hand fallen und entfernte sich. Sie schien wie ein Gespenst davonzuschweben. »Du hast mich benutzt!« Wahr- scheinlich hatte sie es schon die ganze Zeit geahnt und als paranoiden Verdacht einer betrogenen Ehefrau verdrängt. Ich drehte mich auf der Bank um. »Deine Tanzschritte. Ich habe sie als Schlüssel zu meinen Erinnerungsblöcken benutzt. Ich mußte es tun … mußte etwas benutzen, das ich liebte, um es zu schaffen. Es war das einzige, was stark genug war.« »Du hast mir beim Tanzen zugeschaut, damit du vergißt?« . »Ja.« »Hatte ich deshalb das Gefühl gehabt, daß der Mann neben mir im Bett allmählich hohl wurde, als ob irgend etwas ihn von innen her verzehrte? Wegen dem, was ich tat? Wegen dem, was ich liebte?« »Es lag nicht an dem, was du tatest. Es ging um das, was du wolltest, brauchtest. Ich dachte, wenn ich vergaß, könnte ich geheilt werden.« Sie schüttelte den Kopf. »Du warst schon immer ein ver- dammter Idiot, Peter.« Ihr Tonfall war nachdenklich, nicht zornig. »Ein Fernrohr, dessen Ende im Dreck steckt.« »Das bin ich.« Ich lauschte meiner Stimme. »O verdammt, Corinne, ich wollte keinen faulen Scherz machen. Sei … mir nicht böse. Ich wollte nur …« Ich wollte zu ihr hinübergehen, sie in die Arme schließen, spüren, wie ihr Atem sich mit mei- nem vermischte. Ich wollte fähig sein zu fliegen. »Ich bin ge- kommen, um dich um Hilfe zu bitten. Ich habe meine Erinne- rung an dich gekoppelt, ohne dich davon in Kenntnis zu setzen., Es war eine Möglichkeit, uns beide aneinander zu binden. Eine törichte Art und Weise. Dir die Kontrolle über ein Ventil in meiner Aorta zu übertragen, damit du mich liebst. Du brauchst sie mir nicht zurückzugeben. Genau darum ging es doch, nicht wahr? Um die freie Wahl der Dinge. Aber ich bitte dich, mir zu helfen.« Bedeutungslose Worte sprudelten über meine Zunge. Ich wollte alles gleichzeitig sagen und brachte am Ende gar nichts mehr hervor. Sie redete nicht. Sie griff nur nach unten und zog sich den Hausmantel über den Kopf. Darunter trug sie ein türkisfarbenes Trikot. Sie hatte tanzen wollen, als ich bei ihr auftauchte. Sie hatte in der Küche gesessen, eine letzte Tasse Kaffee getrunken, ehe sie mit ihrer Arbeit begann. Manchmal hatte ich mich gefragt, ob sie aufgehört hatte, ob die Ehe mit einem reichen Mann sie dazu gebracht hatte, alles aufzugeben. Ich hätte es besser wissen müssen. Sie nahm ein Gummiband von einer Lautsprecherbox und band ihr Haar nach hinten. »Dann laß uns endlich anfangen.« Wir hatten uns im Laufe der Jahre eine ganze Menge Stücke erarbeitet, von experimentellen bis hin zu den eindeutig archa- isch altertümlichen. Und darin, an die Musik und die Tanz- schritte gebunden, befanden sich die Schlüssel zu meinen Erinnerungen. Wir arbeiteten den ganzen Nachmittag. Sie erinnerte sich an fast jeden Schritt und führte ihn makellos aus. Und sie mußte sich auch daran erinnern. Ich konnte es genauso wenig, wie ein Schloß sich seinen eigenen Schlüssel schaffen kann. Sie glitt über den polierten Fußboden und drehte sich in der Luft. Jeder ihrer Tanzschritte zuckte durch mein Gesichtsfeld wie ein Blitz., Ich spielte besser, als ich es je getan hatte, wenn ich alleine war. Das Klavier schien unter meinen Fingern nachzugeben. Als es vorbei war, als sie unser gesamtes Repertoire durchge- gangen war, sank sie vor dem Spiegel zusammen. Ihr Rücken war schweißnaß, ihr Haar glänzte feucht, und sie atmete keu- chend. »Sind wir fertig?« fragte sie, während sie mit der Stirn an der Glasscheibe lehnte. »Wir sind fertig. Corinne …« »Dann geh. Du weißt ja, wo die Tür ist.« Ich erwiderte nichts mehr und eilte durch die Halle, um mei- ne Schuhe zu suchen. KAPITEL 13 Ich lag in meinem Bett und lauschte dem eisigen Regen, der draußen auf die Bäume herabprasselte. Ich sah zu dem bereits zerfallenden Baldachin meines Louis-XVI-Bettes empor. Ir- gendwo am Rand meines Gesichtsfeldes waren Ralfies fleißig bei der Arbeit. Linden Straussman hatte immer sorgfältig manikürte Fin- gernägel gehabt, seine einzige physische Eitelkeit. Seine Finger hinterließen keine Abdrücke; sie glitten reibungslos über die Dinge. Ich versuchte sie mir mit weißen Knöcheln am Ende eines Stricks vorzustellen, der um Charlie Geraldinos mageren Hals geschlungen war. Es ergab keinen Sinn. Straussman hatte, niemals etwas für sich selbst getan. Er war lediglich eine Defor- mation im psychologischen Raum, die Dinge in Gang setzte, ohne selbst aktiv zu werden. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie er in diesem Sessel am Fenster saß, sich die Stirn mit einem Taschentuch abtupfte und zusah, wie sein alter Arbeitgeber erwürgt wurde. Er war nach den Operationen immer zu uns gekommen. Ich erinnerte mich, wie ich in einem Stützkorsett dasaß, als mein Schädel verheilte, während er sich mit mir unterhielt. Er saß neben mir, redete, und ich konnte mich nicht zu ihm umdre- hen. Alles, was ich aus einem Augenwinkel erkennen konnte, war seine Hand. Zumindest dachte ich, daß es seine Hand war. Sie lag auf dem Tisch, und ich bekam das Gefühl, daß er selbst sie ebenfalls betrachtete, während er redete. Wenn ich meine Augen mühsam in die andere Richtung drehte, konnte ich seinen Schatten sehen, der von der Leselam- pe hinter ihm gegen die Tür geworfen wurde. Es war kalt im Zimmer, eine winterliche Wüstenkälte, denn die Fenster stan- den offen. Straussman liebte die frische Luft und hätte sicher- lich sogar in der Antarktis alle Fenster aufgerissen. Er erzählte mir von unserer geplanten Expedition nach Kis- hinyov. ›Konzeptionskorrektur‹ nannte er es. Freiwillige Revo- lutionäre würden ihre ›selektiven Affinitäten‹ modifizieren, Bindungen verlagern und ihr Verständnis dafür, wer sie waren, verändern lassen. Manchmal kam es mir vor, als glaubte Straussman, daß ethnische Identität sich an einem bestimmten Ort im Gehirn lokalisieren ließ. Er schrieb sich ein paar Schlüs- selwörter auf einen kleinen Spickzettel, eine Gewohnheit von ihm. Während er sprach, vertrieb ich mir die Zeit mit der, Bestimmung zwölfstelliger Primzahlen. Es langweilte mich schon bald. Selbst die chirurgisch installierte Fähigkeit, kompli- zierte mathematische Berechnungen durchzuführen, bewirkte nicht, daß ich gesteigerten Gefallen daran fand. Das kam erst später. Schließlich gab ich meine Versuche einzuschlafen auf, schwang die Beine aus dem Bett und setzte mich. Ich hatte das Gefühl, daß der Raum sich verlagert, ich mich aber nicht be- wegt hatte. Straussman war auf dem Foto an Geraldinos Wand nicht zu sehen gewesen. Wo hatte er sich an diesem Tag auf- gehalten? Ich schaltete den Fernseher ein und rief das Bild des Fotos ab. Plötzlich, so klar und deutlich, als hätte ich die ganze Zeit darüber nachgedacht, erinnerte ich mich an die Umstände, unter denen es aufgenommen worden war. Ich hatte auf einem durchgesessenen Sofa in einer Ecke des östlichen Labors gelegen und träge die schematische Explosi- onszeichnung eines experimentellen Sprachprozessors angese- hen, der über meinem Kopf hing. Es war ein Entwurf Karin Crawfords; auf charakteristische Weise idiosynkratisch und unter Ausschluß der Gehirnbereiche Wernickes und Brocas, also der normalen Sprachgestaltungs-Zyklen. Sie versuchte, einen skeptischen Anthony Watkins von irgendeinem abstrusen Punkt innerhalb des Prozesses der Symbolaufschlüsselung zu überzeugen, den ich nicht verstand. Mir gefiel die Betrachtung der sich entfaltenden Diagramme, von denen jedes mit sechs ineinander verschlungenen Kreisen gekennzeichnet war: Sym- bolen einer anderen Denkebene. Gene Michaud saß vornübergebeugt an einem Labortisch und untersuchte einen experimentellen Aggression/Attacke-, Kreis, einen Aggatt. Er stellte einen neuen Teil des alten limbi- schen Systems dar, zwischen Amygdalin und Hypothalamus, und gestattete eine teilweise willentliche Kontrolle von Zorn und Furcht. Über ihm an der Wand hing ein Bild Kaiser Napo- leons. Lori Inversato, in dieser Inkarnation eine überraschend blonde Afrikanerin, verströmte den Hautcreme- und Ammoni- akgeruch eines Friseursalons und trug einen pinkfarbenen Kittel mit dem Namensschild ›Margie‹, das oberhalb der rech- ten Brust aufgenäht war. Sie war soeben von Maniküre- Terminen aus der Stadt zurückgekommen und zeigte Michaud, wie er Nervenwachstum in seiner Konstruktion anregte. Mi- chaud legte ein gereiztes Interesse an den Tag. Hank Rush stand auf der anderen Seite des Tisches und ta- stete mit der Hand in dem Aggatt herum. Er hatte vor kurzem den kleinen Finger seiner linken Hand durch eine Kombination aus Laserskalpell und Mikromanipulator ersetzt, womit er chirurgische Eingriffe an jungen Baumtrieben vornehmen konnte. Es hatte zwar nichts mit seinem Job als digitaler Codie- rungs- und Dechiffrierungsexperte zu tun, aber die Einrichtung hatte sich als nützlich erwiesen. Dann war Charlie Geraldino, entgegen der geltenden Vor- schriften, mit einer Kamera hereingekommen, die er irgendwo erstanden hatte. »Ein Familienfoto. Wie nett.« Watkins reagierte verärgert, war aber dann doch aufgestanden und hatte sich zu uns gesellt, so daß unsere Schultern sich berührten, während die Kamera ein Selbstauslöserfoto schoß. Lori Inversato hatte, indem sie ihre Hand von hinten nach vorne schob, mich unterm Arm, gekitzelt, so daß mein Gesicht einen übertrieben fröhlichen Ausdruck annahm. Lori Inversato. Ich betrachtete eingehend ihr Gesicht. Sie hatte eine knollenförmige Nase, die sie sich bei einem Unfall als Kind gebrochen hatte. Ganz gleich, welche Identität sie für sich aussuchte, sie behielt diese Nase – verdammt noch mal. Aber wirklich verdammt noch mal. Newton Pavlichuk. Ich leerte den Schirm und dachte daran, daß ich mich noch gestern morgen mit ihm unterhalten hatte. Ein fein gezeichnetes Gesicht … und eine gebrochene Nase. Und er hatte sich die Hände gerieben, ähnlich wie ein armenischer Teppichhändler, so wie Lori es immer getan hatte. Ich rief ihr Gesicht wieder auf. In meiner Erinnerung legte es sich auf Pavlichuks Gesicht. Sie hatte mich die ganze Zeit hinters Licht geführt. Sie hatte gewußt, daß ich irgendwie blockiert war und sie nicht erkennen würde. Wie oft hatten sich unsere Pfade seit Bessarabien ge- kreuzt? Ich hatte vage Eindrücke von anderen Gesichtern, jedes das ihre, die Jahre zurückreichten. Ich zog meinen Kasten unter dem Bett hervor, öffnete ihn und nahm den Ratschenschlüssel heraus. Der mit Kreuzlagen schraffierte Griff war noch immer glitschig von alten Ölresten. Ich drehte die Ratsche klickend, legte den Schalter um, ließ sie in die andere Drehrichtung klicken. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie Lori früher ausgesehen hatte, aber ich schaffte es nicht. In ihrem obsessiven Drang der Körpermodifikation aktualisierte Lori lediglich, was wir jeden Tag auf unseren Telefonschirmen sahen. Ich entsann mich an eine stämmige Frau mit kräftigen Gesichtszügen und Knollennase. Es war, schon seltsam, eine gebrochene Nase als einziges stabiles Merkmal in einem vom Chaos bestimmten Universum zu benutzen – aber das war nun mal Loris Art. Wie sollte ich in dieser lächerlich brodelnden Welt der Da- tenfreaks Newton Pavlichuk wiederfinden? Antwort: Ich konnte es nicht. Lori Inversato würde nie mehr aufgestöbert werden, wenn sie nicht wollte. Ich mußte sie dazu bringen, mich zu suchen. Ich tauchte in die Netze ein und wählte Pavlichuks Mailbox an. Ich könnte ihr eine Nachricht hinterlassen und sie – Das System informierte mich, daß eine solche Entität nicht existierte. Pavlichuks Mailbox war als DEAKITIVTERT-ERLOSCHEN gekennzeichnet. Ich wählte den Kondolenzservice und hinterließ eine kurze Nachricht. »Von Newton Pavlichuks Familie: Wenn der Schuh paßt, dann gib ihm Wasser. Wir müssen miteinander reden.« Sollte ihr Dämon die Nachricht finden und übermitteln. Ich zog mich an, ohne Licht zu machen. Ralfies können keine Fackeln herstellen. Ich hatte sie schon mehr als einmal darum gebeten. Die Flammen würden sie und all ihre Werke ver- schlingen, daher gehörten sie nicht zu ihrem Repertoire. In unserem alten ländlichen Hauptquartier in Bessarabien hatten wir nachts Fackeln benutzt, teils um nicht von Suchflugzeugen entdeckt zu werden und teils um Generatorenergie zu sparen. Es erscheint romantisch, aber damals benutzten die meisten Dörfer ringsum Fackeln und Kerzen. Ihre Energieversorgung war durch Bombardierungen zerstört worden. Wir konnten sie im Dunkeln flackern sehen, eine Vision, die manchmal durch ein brennendes Dach erhellt wurde, das der Funkenflug ange-, zündet hatte. Ich erinnerte mich an eine Nacht auf diesem alten Gut am Ufer des Byk … es kann auch eine Folge von Nächten gewesen sein, alle zusammengemischt von einem trägen Gedächtnis, das sich niemals an etwas Neues erinnert, wenn etwas Altes so weit modifiziert werden kann, daß es paßt. Unser Eßzimmer befand sich mitten in einem ausgebombten alten Gebäude mit kunst- voll gefertigten Fensterrahmen. Man konnte sie drei Stockwerke übereinander sehen, weil die Fußböden im Hauptteil des Hau- ses weggesprengt waren. Wenn alle schwiegen, konnte man sogar ganz schwach das Rauschen des Flusses unten am Ufer hören. Fackeln hatten schwarze Rußstreifen auf der geblümten Tapete hinterlassen. Eine transparente, aufgespannte Zeltplane bildete das Dach, als wären wir eine Ameisenfarm und für die Beobachtung durch irgendeinen Studenten freigegeben. Die Sterne schienen zu mir herab, während ich am Tisch saß. Watkins und Michaud kamen verstaubt nach ihrem Golfspiel herein. Sie hatten im Camp Fitzwater eine Abschlag- und Puttingbahn benutzt, die eher nach einer Mondlandschaft aussah. Hier gab es wenigstens auch noch Grünflächen zwi- schen dem Fluß und den Labors. Allerdings wäre der Ball nach einem Slice nach links genau im Entlüftungsrohr der Abfallgär- anlage gelandet. »Der letzte Schlag war ein Glückstreffer«, sagte Watkins. »Seltsam, wie verbesserte Fertigkeiten das Glück positiv be- einflussen«, erwiderte Michaud. »Wie Clausewitz mal erklärt hat.« »Clausewitz war ein Klugscheißer.« Sie ließen sich rechts und links von mir nieder, schmutzig, wie Straßenbengel, bedeckt mit nach Rindermist riechendem Staub. Die Erde rund um unsere Gebäude bestand aus nur halb verrottetem Rindermist und reizte an trockenen, windigen Tagen zu Hustenanfällen. Watkins wischte sich das Gesicht ab und verteilte den Dreck nur gleichmäßiger auf seiner Haut. »Diese Schlappschwänze sind ja total hinüber«, sagte Wat- kins. »Geradezu hoffnungslos. Verdammt, wenn sie könnten, würden sie sich selbst die Schädel öffnen und zulassen, daß wir ihnen die Gehirne rauslöffeln.« »Sie wollen Macht«, ließ Karin Conrad sich von der anderen Seite des Tisches vernehmen. Sie hatte die ganze Zeit dort gesessen und in einem Buch gelesen, und ich hatte beinahe vergessen, daß sie überhaupt da war. »Was ist das wert?« »Bestimmt nicht das eigene Gehirn«, sagte Watkins. Aller- dings klang er nicht mehr überzeugt. Vielleicht erinnerte er sich daran, wieviel jeder von uns weggeben hatte, um dort sein zu können, wo wir waren. Er blickte nachdenklich drein. »Nicht einmal meins.« »Kaiser Gaius tat so, als litte er unter Epilepsie, weil er glaub- te, daß alle großen Feldherren Epileptiker wären«, äußerte Michaud. »Wenn wir ihm tatsächlich Epilepsie hätten verpassen können, dann hätte er es bestimmt von uns verlangt.« Er zog einen seiner Stiefel aus und spielte unter dem Tisch mit den Zehen. Die Sitzbank knarrte. Er schien stets viel massiger zu sein, als seine Körpergröße vermuten ließ. »Und seinen Generä- len seine EEGs gezeigt.« »Gaius?« fragte Watkins ungehalten. »Möglich, daß du ihn als Caligula besser kennst.« »Wenn du Caligula meinst, dann sag es auch. Sei nicht so ein, Pedant, Gene. Das ist keine besonders anziehende Eigenschaft.« Ich hatte keine Ahnung, wer Caligula war, daher beteiligte ich mich nicht an der Diskussion. Ich dachte an unsere molda- wischen Revolutionäre, die nun betäubt in den alten Arbeiter- unterkünften lagen und es kaum erwarten konnten, zu anderen Persönlichkeiten zu werden, und deren lückenhafte Gehirne wie zerfetzte Segel im Wind flatterten. Ich hatte ursprünglich be- fürchtet, daß wir Leute entführen müßten, wenn sie auf den Feldern Getreide mit der Sense abernteten, daß wir sie mit breiten Lederriemen festbinden und ihnen die Schädel mit Messinghämmern öffnen müßten. Aber sie kamen uns regel- recht zugeflogen, ganz wild darauf, jemand anderer zu werden. »Die Köche haben sich heute mal wieder übertroffen«, ver- kündete Charlie Geraldino, während er den Verpflegungskarren hereinschob. »Sie scheinen glücklicher als sonst zu sein.« Er nahm den Deckel von einer Terrine und begann, Eintopf in Teller zu schöpfen. Er klapperte mit dem Deckel. »Hank, der Griff ist lose. Könntest du …?« Hank Rush ging neben dem Wagen in die Hocke. Ein grelles Gleißen erleuchtete sein nachdenkliches Gesicht, in dem das rechte Auge eine glänzende Nachtkampfoptik war, während er den Griff mit seinem kleinen Finger anschweißte. »Das Ruthenische Hetmanat hat im Rahmen des am 5. Juni geschlossenen Waffenstillstandsabkommens Geiseln aus dem nördlichen Transsylvanien freigelassen«, sagte Michaud, der stets über jede Einzelheit der unglaublich komplizierten poli- tisch-militärischen Lage informiert war. »Sie müßten zur Fami- lie gehören. Das ist eine Feier wert.« »Wenn ein spendiertes Essen schon als Feier betrachtet wer-, den kann«, sagte ich. Die meisten Köche waren Transsylvanier, ein erheblicher Fortschritt gegenüber den Wallachen vom vorigen Jahr, die die Verpflegung als Instrument des Terrors benutzt hatten. Ich fand einen dicken Knödel im Eintopf und stopfte ihn mir in den Mund. Der Geschmack weckte in mir den Wunsch, als Trans- sylvanier aufgewachsen zu sein. Dann hätte ich in meiner Jugend wenigstens etwas Anständiges zu essen bekommen, wenn schon nichts anderes. »Essen ist immer etwas Feierliches«, sagte Hank Rush, der nur selten etwas zu sich nahm. Charlie streckte die Hand nach dem Topf aus, aber Hank zog ihn weg. »Er ist noch zu heiß. Sei vorsichtig. Du willst doch nicht die Haut an deinen Fingerspit- zen verlieren, oder?« »Sehr aufmerksam, Hank«, bedankte sich Charlie. Lori Inversato schwebte lachend aus der nächtlichen Dun- kelheit ein. Sie war wie eine Zigeunerin gekleidet, und ihre Ringe und Armbänder klimperten, als sie sich an den Tisch setzte und einen Holzkasten vor sich stellte. Sie hatte ein vier- schrötiges, schlaffes Gesicht mit fleckigem Teint und einem deutlich wahrnehmbaren Schnurrbart. Ein Wahrsagerinnen- schal war dramatisch um ihr Haar gewickelt. Sie wählte stets Gesichter und Körper, die sexuelles Interesse abwehrten, zu- mindest das von Männern. Vielleicht war es das, was sie in die Lage versetzte, durch die zerstörten Dörfer zu streifen und unversehrt wieder zurückzukommen. »Okay«, sagte Karin. »Du möchtest sicher, daß ich frage, also tue ich es. Was ist in dem Kasten?« Sie beugte sich mit interes- sierter Miene vor., Lori lachte wieder. »Ich hab' ihn im Keller eines Hauses ge- funden. Nun, ich nehme an, daß vorher dort ein Haus gestan- den hat, sonst hätte es wohl keinen Keller gegeben.« »Brillante Erkenntnis«, murmelte Watkins mit vollem Mund. »Aber wenn sie den Bau in die Luft gesprengt haben, wie konnte der Keller heil bleiben?« Sie schnippte den Deckel des Kastens mit dem Daumen auf und nahm einen funkelnden Kristallkelch heraus. Ein Augenblick des Schweigens entstand. Der Kelch sammel- te das Licht der Fackeln und den Sternenschein und schien hell zu strahlen. »Sie müssen schon sehr alt sein«, sagte Lori, »und lange darauf gewartet haben, daß jemand sie betrachtet.« »Ist keiner zerbrochen?« Charlie beugte sich über den Kasten und schaute hinein. Er trug ein dunkelrotes Tuch, das er kunst- voll um seinen Hals geschlungen hatte. Es sah aus wie ein persischer Teppich. Sein Gesicht wirkte darüber sehr bleich. »Keiner.« Sie nahm sie heraus und verstreute Holzwolle über den ganzen Tisch. Ich mußte einige Späne aus meinem Eintopf fischen, ehe ich meinen Teller leeren konnte. »Es sind insgesamt acht Stück. Einer für jeden von uns.« Sie stellte an jeden Platz einen Kelch. »Und einer für den Direktor.« Sie plazierte Straussmans Kelch am Ende des Tischs, gefährlich nah am Rand. Hoch über uns befand sich eine Tür mit einem wuchtigen Türsturz, auf dem das zerbrochene Wappen der adligen Familie ruhte, die früher in diesem Haus gewohnt hatte. Die Tür selbst, massives Holz mit kunstvoll verzierten Gußeisenscharnieren, hatte die Bombardierung unversehrt überstanden. Sie öffnete sich ins Nichts, weil der Fußboden weggesprengt worden war., Oder eher in fast nichts: Die Reste einer Steintreppe führten an der mit abblätterndem Putz bedeckten Wand nach unten. Watkins, plötzlich in ausgelassener Stimmung, entkorkte mehrere Flaschen eines starken, ledrig schmeckenden ungari- schen Rotweins und füllte unsere Gläser. Mit lässiger Geste schenkte er auch Straussmans Kelch voll, und die rote Flüssig- keit leuchtete im Fackelschein. Die Tür über uns schwang lautlos auf und warf einen riesigen Schatten, der geformt war wie ein Fledermausflügel, in den verlassenen dritten Stock. Eine Gestalt erschien in der Öffnung und blickte auf uns herab. »Direktor Straussman!« Charlie Geraldino richtete sich auf und hob das Glas zu einem Toast. Plötzlich standen wir alle und riefen seinen Namen. »Linden, kommen Sie runter! Das Essen ist heute prima! Bravo, Direktor! Diesen Krieg gewinnen wir im Handumdrehen!« Während er die Treppe herabstieg, stießen wir uns gegensei- tig an, reckten ihm unsere Weingläser entgegen und stießen laute Rufe aus wie auf dem Exerzierplatz. Wir waren müde, wir hatten zu hart gearbeitet, unsere Augen schmerzten, unsere Geister protestierten gegen das gleichzeitige Zerstören ganzer Städte und die Mikromanipulation von Nervenbahnen, aber wir waren mit Freude erfüllt, mühten uns gemeinsam für den Mann ab, den wir respektierten, sogar … Ich schaltete alle Lampen an und legte meine schlechte Haushaltsführung grausam offen. Ich trat auf schmutzige Kleider, als ich durch den Raum stolperte. Mein Herz fühlte sich an, als flimmerte es nur noch, als schlüge es fast gar nicht mehr. Ein Atemzug erschien mir zu groß und zu heiß für meine, Lunge. Ich lehnte mich an den Türpfosten und befahl den Muskeln in meiner Brust und meinem Bauch sich zu entspan- nen. Das Telefon klingelte. Ich brachte einen zittrigen Atemzug zustande. »Hallo?« »Peter. Theo.« Eine beinahe vertraute Stimme. »Was ist dir lieber? Ich bin froh, daß du dich endlich bei mir gemeldet hast. Es war ein wenig … frustrierend, sich mit dir zu unterhalten, weißt du.« »Lori«, antwortete ich. »Wie geht es dir?« »Mir ging's niemals besser, Peter. Ich nenne dich so, weil du das letzte Mal, als wir miteinander sprachen, auf diesen Namen gehört hast.« »Wann warst du Newton Pavlichuk?« »Der liebe, tote Newton. Du hast ihn gerade mit deinen glän- zenden kleinen Knopfaugen angesehen und nichts erkannt. Und dabei habt ihr Typen mich immer angemacht, weil ich mit einem Schädel herumpfuschte. Und mit meinem Körper.« Ich konnte hören, daß es dort, wo sie sich aufhielt, ebenfalls regne- te. Es war ein unregelmäßiges, klopfendes und klirrendes Ge- räusch von Metall auf Metall. »Verdammter Regen. Er liegt genau auf dem offenen Fenster. Aber wir brauchen die frische Luft, nicht wahr? Es tut gut, frei atmen zu können.« »Lori, ich muß dich sehen.« »Du siehst mich doch schon seit Jahren.« Sie kicherte. »Na schön, Peter. Nur weil du mich so nett bittest. Wir treffen uns in der Nähe von Benton Harbor, am See, morgen, und zwar ganz früh. Sagen wir um sieben? Wir trinken einen Kaffee und reden über die alten Zeiten.«, »Lori …« »Ta-ta. Bis dann.« Sie legte auf. Mein System zeigte ihre Tele- fonnummer auf, aber ich konnte nicht sagen, wo sie sich tat- sächlich aufhielt, außer, daß es irgendwo in Chicago war. Ich legte mich zwischen die schmutzige Wäsche auf den Fußboden und schaute zur Decke, suchte sie sorgfältig, Zenti- meter für Zentimeter, nach einem herabbaumelnden Bluthund ab. Ein Bluthund kann sich praktisch aus dem Nichts auf einen herabfallen lassen und einen in seine Bestandteile auflösen. Es ist einem Angehörigen unseres Hilfspersonals passiert, während er in einem überfüllten Omnibus in Kishinyov unterwegs war. Nicht einmal die Leute, die um ihn herumstanden, begriffen, was passiert war, bis der Bus die nächste Haltestelle erreichte und die dicht gedrängte Menschenmenge sich so weit auflok- kerte, daß er genug Platz zum Umfallen hatte. Und niemand besaß eine Erklärung, weshalb ihm so etwas zustieß, diesem ausgesprochen harmlosen mazedonischen Installateur. Viel- leicht war es eine persönliche und keine politische Angelegen- heit, obgleich Watkins mit Nachdruck erklärte, in der Politik gebe es nichts, das nicht persönlich ist. TerAlst hatte auf die Attacke mit Stil reagiert und sich über- schwenglich für mein schnelles Eingreifen bedankt. Und dann hatte sie mich stehengelassen, als hätte ich nichts anderes getan, als sie davor zu bewahren, vor einem zu schnell heranrasenden Wagen auf die Straße zu treten. Gene Michaud steckte hinter diesem Bluthund. Ich war mir dessen sicher. Vor meinem geistigen Auge entstand plötzlich ein Bild Michauds, ernst, kantig, entschlossen, mit einer Stahl- brille, die glänzte wie eine Schwertklinge. War das vielleicht, eine Reaktion auf meine Tsuba-Annonce? Wenn ja, dann versuchte er nicht mich zu töten. Er würde es nicht tun, ehe er es nicht zurückgeholt hatte. Ich verließ mich darauf, daß ich dadurch geschützt war. Wenn er TerAlst töten wollte, dann bedeutete es, daß sowohl er als auch sie mehr über die Ereignis- se wußten als ich. Und das wiederum bedeutete, daß ich ihn suchen und finden mußte. Oder er mich. KAPITEL 14 Der Lake Michigan war von mehreren Reihen mächtiger Be- tonklötze gesäumt. Sie hatten sich im Laufe der Jahre geneigt, seit sie eingesetzt und ausgerichtet worden waren, und verroste- te Eisenstangen ragten aus ihnen wie die Fossilien urzeitlicher Würmer. Wir gingen schnell an ihnen vorüber und ließen das einsame, für die Dauer des Winters verrammelte Strandhaus, wo wir uns getroffen hatten, hinter uns. Die trägen Wellen des Sees klatschten gegen den Beton unter uns. Das Seeufer schwenkte hinter uns weg; dorthin, wo die Tür- me des Loop die Morgensonne verdunkelten. Weit draußen im Wasser waren Gebilde zu erkennen, die an gestrandete Stein- schiffe erinnerten, an die Fahrzeuge zum Untergang verurteilter Seefahrer. Diese Rippen, in Wirklichkeit Steinmauern, die die Wasseransaugrohre schützten, hatten Generationen von Chica- goer Schulkindern als geheimnisvolle Symbole gedient. Diesmal hatte ich keine Schwierigkeiten, Lori zu erkennen., Sie war wieder zu ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild zurückgekehrt, soweit ich mich daran erinnern konnte: eine Frau mit ausdrucksvollem Gesicht und feinem, sandfarbenem Haar. Wahrscheinlich mußte sie es färben, um die Schattierung zu erhalten – ihre Follikel waren schon vor langer Zeit umpro- grammiert worden, damit sie völlig pigmentfreies Haar produ- zierten und das Färben leichter fiel. Sie hatte ihre gebrochene Nase. Sie verfügte über verformba- re Säcke auf den Knochen unter ihren Gesichtsmuskeln, und über Verlängerungen der Muskeln selbst. Ihr Jochbogen war durch ein ausgeklügeltes System ersetzt worden, das seine Form wechseln konnte. Sie konnte ihr Gesicht verändern, indem sie die Wangenknochen anhob oder absenkte, ihre Brauen runzel- te, ihr Kinn oder die Wangen anschwellen oder einschrumpfen ließ. Aber sie behielt stets die gebrochene Nase. »Lori«, sagte ich und berührte die Nasenspitze mit einem Finger. »Wie ist das passiert?« Sie zuckte zurück, als wäre mein Finger Hank Rushs Schweißgerät. »Das weiß ich nicht mehr.« »Warum behältst du sie dann? Hast du keine Angst, daß sie dich verraten könnte?« »Mich verraten!« Sie lachte. »Du hast mich nie erkannt, oder? In all den Jahren nicht.« »Das stimmt, Lori«, sagte ich, ein wenig ungehalten. »Ich weiß, daß du in Wirklichkeit jeder warst, den ich seit Fitzwater getroffen habe.« »Beinahe.« Sie sah nachdenklich drein. »Erinnerst du dich noch, wie du dir vor drei Jahren mit einem Händler für ge-, brauchte Schlachthofeinrichtungen ein Taxi vom Flughafen geteilt hast? Ein schwarzer Bursche, grauhaarig, Schnurrbart? Er baute Modellschiffe in seinem Keller. Das war sein Hobby. Vorwiegend Sklavenschiffe. Man konnte die Decks zur Seite schieben und die winzigen Leute sehen, die darin eingepfercht waren. Er hat bis spät abends gearbeitet. Er tat es und redete mit niemandem darüber.« »Du?« Ich erinnerte mich an den Händler, an seine Knollen- nase und alles andere. Ein recht vernünftiger Kerl, der mir auf seltsame Art und Weise vertraut erschienen war. Seine massi- gen Arme und sein dicker Bauch waren eigentlich nur Säcke unter ihrer Haut gewesen, gefüllt mit einer Substanz, welche die Eigenschaften von Körperfett aufwies. Sie besaß nahezu un- sichtbare Ventile in ihrem Bauchnabel, in den Ellbogen und Schultern. Wir hatten nachher ein Bier getrunken, und wir hatten uns niemals über unsere Hobbies unterhalten. »Das war ich. Und diese Frau, mit der du ein paar Monate nach dem Ende deiner Ehe geschlafen hast? Die Theologiestu- dentin aus Chicago. Eine engelhafte Erscheinung. Sie kam zu dir rauf und meinte, du würdest auf dem Klavier eine heiße Taste spielen. Auf solche Dinge bist du schon immer total abgefahren.« »Das stimmt. Du warst damals eine Latino …« »Aus Guatemala. Ich hab's dir alles erklärt. Vergißt du Frau- en so schnell?« »Du hast mich verwirrt, weil dein Akzent eher nach Hondu- ras klang.« Sie lachte. »Red keinen Quatsch, Peter. Ich weiß genau, was ich tue. Ich war perfekt. Ich wurde in einem Dorf in den Bergen, um Quetzaltenango geboren und habe Quechua und Spanisch gelernt. Der Akzent war echt – Englisch war meine dritte Fremdsprache. Die Beeinflussung des Sprachzentrums hat seit unserer aktiven Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Mich würde interessieren, ob Karin sich noch immer damit beschäf- tigt. Und ich trage diese wunderschöne Mestizenhaut. Die du sehr bewundert hast, soweit ich mich erinnern kann.« »Das habe ich.« Sie hatte künstliche Pigmentzellen in die Ba- salschicht ihrer Epidermis einpflanzen lassen, die innerhalb der Haarfollikel und der tieferen Epidermisschichten einen Mela- ninersatz erzeugen oder absorbieren konnten. Die Tönung ihrer Haut konnte sich über Nacht drastisch ändern, gesteuert durch einen Schaltkreis in der Nähe ihrer Zirbeldrüse. Ich wußte es, denn ich hatte alles selbst installiert. »Kannst du dich noch daran erinnern, sie gewesen zu sein?« »Carina Maria? Nicht so richtig. Sie ist mittlerweile nur noch ein Teil meines Familienstammbaums. Ich glaube nicht, daß ihr diese Erfahrung gefallen hat, wie ich leider zugeben muß. Sie war lesbisch. Hat sich deswegen geschämt. Allerdings hat sie die Musik sehr geliebt. Das hat ihr Spaß gemacht. Daran erinnere ich mich. Sie wollte dir einen Gefallen tun. Das hat Carina Maria eigentlich immer getan. Sie war eine Art sexueller Fran- ziskus.« »Du bist ganz bewußt als eine Persönlichkeit aufgetreten, die an dem, was sie tat, keinen Gefallen hatte?« Ich wußte jetzt wieder, daß Carina Maria wunderschöne, zumindest teilweise künstliche Brüste hatte. »Hey, es ist immerhin eine Erfahrung. Außerdem ist der vor- gespielte Orgasmus der Ursprung aller religiösen Rituale. Cari-, na Maria schrieb eine Arbeit darüber.« Diesmal lachte ich. »Es war mir ein Vergnügen, ihr bei ihren Recherchen behilflich zu sein.« »Ja, nun, die Zeit für Recherchen ist vorbei. Es heißt wieder, zurück zu den Grundlagen.« Lori Inversato hatte sich schon früh von uns anderen abge- sondert und sich sehr weit vorgewagt, was die Definition der Identität betraf. War Lori Inversato noch immer sie selbst, als sie als Mechaniker auftrat? Als albern kichernde Maniküre? Als schwarzer Geschäftsmann, der mit gebrauchten Schlachthaus- geräten handelte und in seinem Keller heimlich Sklavenschiffs- modelle bastelte? Als homosexuell veranlagtes Bauernmädchen, das an der Universität von Chicago Theologie studierte? Als Newton Pavlichuk? Die Frage war wichtig, denn sie hatte sich in diese Personen verwandelt und sie nicht nur gespielt. Sie war eine seriell multiple Persönlichkeit. Also wer war sie? Mit wem unterhielt ich mich? »Trägst du Make-up?« fragte ich. »Weshalb?« Sie schürzte die dunkelroten, mit Lippenstift geschminkten Lippen. »Ich wollte so gut wie möglich aussehen, Peter. Das ist ein wichtiger Punkt. Nur sein Gesicht zu verändern reicht manchmal nicht aus. Man will mit sich selbst irgend etwas tun. Aus einem Anlaß.« »Was für einen Anlaß meinst du?« Sie lächelte. Ich hatte sie noch nie zuvor auf diese Weise lä- cheln gesehen, auch nicht mit anderen Gesichtern. »Es ist schon lange her, seit ich irgend etwas für mich alleine hatte, Peter. Du weißt, wie das ist. Wir haben alles weggegeben. Weißt du was? Andere Menschen sind nicht glücklicher als du es bist. Glaube, mir, ich weiß es. Ich habe sie alle verkörpert.« Eine Baumreihe tauchte auf und verlief parallel zu unserem Weg. Sie klirrten leise über dem Toben der Wellen und dem Lärm des Verkehrs auf dem Lake Shore Drive dahinter. In der Sonne glänzte Eis auf ihnen, Überreste des Regens der vergan- genen Nacht, der die meisten Blätter von ihren Ästen geschla- gen hatte. Bei jeder Windbö brachen Stücke von den Zweigen ab und fielen zu Boden. Lori führte mich durch eine Unterführung unter dem Lake Shore Drive hindurch, und wir ließen den See hinter uns. Vor uns ragten die hohen, alten Apartmenthäuser auf, die direkt am Park standen, und die kleineren Bauten, die um einen Blick auf den See dahinter kämpften. »Ich hab' dir etwas mitgebracht«, sagte ich und holte den Ratschenschlüssel hervor, den ich ihr damals entwendet hatte. Sie betrachtete ihn staunend. »Das ist ja mein alter S-K Way- ne! Du verdammter Kerl. Ein hervorragendes Werkzeug. Ich habe ihn nie ersetzen können.« Sie drehte klickend den Kopf. »Das war ein schönes Leben. Autos strahlen etwas Solides, Handfestes aus.« Sie verstaute den Schlüssel in ihrer Handta- sche. »Nicht, daß ich ihn noch brauche. Das bin ich nicht, nicht mehr. Oder glaubst du, ich könnte in diesen eleganten Pumps einen Wagen reparieren? Du hast die Schuhe noch nicht einmal bemerkt …« Ich packte ihren Arm und riß sie herum, so daß sie mich an- sehen mußte. »Was weißt du über Charlies Tod?« »Charlie?« Ihre Augen weiteten sich. »Unser Charlie? Was ist mit Charlie passiert?« Sie versuchte nicht, sich von mir loszu- machen. »Erzähl schon, Peter.«, »Er wurde ermordet. In seiner Wohnung. Unter dem Namen Morris Lanting. Vor zwei Tagen.« Sie schüttelte verständnislos den Kopf. »Das wußte ich nicht.« »Wie ist es möglich, daß du nicht …« Ich verstummte abrupt und ließ ihren Arm los. Es gab keinen Grund, daß sie es wissen müßte. Es war zum Teil einem Zufall zuzuschreiben, daß ich selbst Bescheid wußte. Er starb unter anderem Namen, mit einem anderen Gesicht. »Anthony Watkins hat seinen Körper in die Luft gesprengt.« Ein Lächeln entstand in ihren Mundwinkeln. »Ach ja, der gute alte Tony. Wie geht es ihm?« »Ein Scheißkerl.« Ich war selbst über die rasende Wut er- staunt, die ich empfand. »Wie immer.« »Hat er Charlie getötet?« Ich seufzte. »Ich glaube nicht. Hast du eine Idee, wer ihn umgebracht haben könnte?« »Ach, red nicht mehr vom armen Charlie. Er hat nicht akzep- tiert. Ich tue es aber.« Plötzlich, es war furchtbar, traten ihr Tränen in die Augen und glitzerten am Ende der übertrieben langen Wimpern. »Wir waren alle so schrecklich dumm. Ich hab' dich vermißt, Theo. Ihr alle habt mir gefehlt. Ich hab' versucht, ganz allein eine Familie zu sein, und es hat nicht funktioniert. Man kann sich selbst nur für kurze Zeit etwas vormachen … Ich hab' mir die Nase gebrochen, als ich als Kind aus einem Baumhaus abstürzte. Ich weiß nicht mehr, wann das war oder ob mich jemand hinuntergestoßen hat. Ich kann mich auch nicht erinnern, ob sich anschließend jemand um mich gekümmert hat. Es ist nicht von Bedeutung. Das war nicht mein, wirkliches Leben, meine wirkliche Familie. Ich weiß, wer meine richtige Familie ist. Du. Ihr alle. Und ich möchte euch zurück haben. Willst du das nicht?« »Nein«, sagte ich gegen meinen Willen. Sie fixierte mich eindringlich. »Du lügst.« Ich erinnerte mich an das Haus, in dem ich aufgewachsen war, ein trockener Barackenbau, dessen alte Bretter sich von den glänzenden Nägeln hochbogen. Ich hatte im Zimmer am Ende des Flurs Klavier geübt. Ich hatte bei meiner Großmutter gewohnt. Im Flur hatte es immer nach Öl und Lakritze gero- chen. Im oberen Flur, den ich nie gerne betreten hatte, war der dunkle Fleck auf der Tapete gewesen. Vom Fenster aus konnte man die Wüste von Oregon sehen. Das war alles an Kindheit, das ich hatte. Nichts außer der Gruppe. Aber Moment mal – ich sehe meinen Vater wieder vor mir, wie er in einer Türöffnung steht und vom Licht aus dem Flur umflossen ist. Er erdrückte mich geradezu mit seiner Größe. Sein riesiger Kopf füllte alles aus. Er streckte die Hand aus. Seine Finger schlossen sich um die Haltestange meines Rollstuhls. Die Fingernägel waren makellos gepflegt … ver- dammt noch mal! Schon wieder dieser Hurensohn Straussman. Nicht mein Vater, wer immer das gewesen sein mochte. Es war gleichgültig, ob dieser Vater wieder zum Leben erwachte. »Na schön, ich lüge«, lenkte ich ein und erkannte, daß ich zumindest teilweise wirklich gelogen hatte. »Weißt du, wohin es uns alle verschlagen hat?« Sie machte ein verschmitztes Gesicht wie ein Kind, das ein Geheimnis kennt. »Oh, nicht von allen – obgleich ich es bei den meisten erraten kann. Wie bei Hank. Was meinst du denn, wo, er sich herumtreibt?« »Im Augenblick?« Ich dachte an die Implantate, die mecha- nischen Körperteile. »Er könnte eine automatische Orbitalfa- brik sein. Oder eine Flotte per Netz miteinander verbundener Lastwagen, die auf dem Highway quer über den Kontinent brausen. Alles mögliche, nur kein menschliches Wesen.« »Sehr gut. Er ist nichts davon, aber er kommt einem manchmal so vor, wie ich hörte. Er ist eine Fabrik. Eine stillge- legte Fabrik, verlassen, von Unkraut überwuchert. Ich weiß nicht mehr, was er mal hergestellt hat – Farbe vielleicht, oder Badeenten. Keine Ahnung. Aber er steckt drin, arbeitet weiter, verändert Dinge.« »Woher weißt du das?« fragte ich. »Also wirklich, Peter, liest du denn nicht deine Vereinsnach- richten?« »Die haben dort wohl meine neue Adresse noch nicht. Sonst noch jemand?« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Karin tut immer noch das gleiche wie früher, glaube ich. Gene Michaud führt Krieg. Irgendwo, irgendwie kämpft er. Das weißt du ja schon. Watkins hast du vermutlich selbst getroffen.« »Charlie ist tot.« Sie hielt für einen Moment inne, dann nickte sie. »Charlie ist tot.« »Und …«Ich holte tief Luft. »Linden Straussman?« Lange erwiderte sie nichts. Wir schlenderten langsam die Straße hinauf. Der Vormittagsverkehr wurde dichter, und die Gehsteige belebten sich zusehends. Es war ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Stadt., Lori wischte sich über die Augen. »Du bist schuld, wenn mein Maskara verläuft, Peter. Es muß tadellos aussehen. Laß mich mal eben …« Sie blieb mitten im Fußgängerbetrieb ste- hen, legte die Hände auf meine Schultern und sah mich an. »Ich erzähl's dir, Peter. Ich erzähl' dir alles. Ich muß nur … Im Augenblick habe ich andere Probleme. Verstehst du?« »Nein.« Sie lachte unsicher. »Gedulde dich einen Moment. Erst mal mein Make-up.« Sie betrat ein bengalisches Restaurant und verschwand um eine Ecke. Der rundliche Mann am Empfangs- pult beobachtete sie und hob verärgert die Augenbrauen. Er gab der Serviererin ein Zeichen, die gelangweilt an der Wand neben der Küchentür lehnte. Widerstrebend ergriff sie eine der groß- formatigen Speisekarten und folgte Lori. Ich tat das gleiche. Der Mann am Empfang blickte noch be- leidigter drein, als ich ihn ebenfalls ignorierte und meinen Kopf um die Ecke schob. Eine Herren-, eine Damentoilette, ein Abfallbehälter und kein anderer Ausgang. Sie würde jedenfalls nicht verschwinden und mich alleine zurücklassen. Die Servie- rerin kam mit grimmiger Miene aus der Damentoilette, unterm Arm noch immer die Speisekarte, auf der die Abbildung einer mehrarmigen Hindugottheit mit Tellern in jeder Hand zu sehen war, und kehrte auf ihren Warteplatz an der Wand zurück. Mit einem Achselzucken für den Empfangschef, der meinen Blick kühl erwiderte, trat ich den Rückzug an und wartete draußen auf der Straße, von wo aus ich den Flur wachsam im Auge behielt. Sie blieb lange weg. Ich begann unruhig zu werden. Vielleicht war sie durch das Fenster der Toilette geklettert und durch die, Gasse geflüchtet. Ich stellte mir vor, wie sie sich in ihrem Kleid und den hochhackigen Schuhen abmühte. Es erschien mir reichlich unwahrscheinlich … Ein schlanker Mann in einem kurzen lila Hemd, das seine Bauchmuskeln freiließ, kam um die Ecke, nickte dem Mann am Empfangspult zu und ging dicht an mir vorbei. Er verströmte einen scharfen Geruch. Ich sah ihm nach. Er besaß kunstvoll gelocktes und geöltes schwarzes Haar und eine gelblich braune Haut. Ich hatte keine Ahnung, welcher Rasse er angehörte. Seine Hose war extrem eng. Er ging schnell die Straße hinauf und beeilte sich, einen Citybus an der nächsten Haltestelle, einen halben Block entfernt, zu erreichen. Dieses verdammte Luder. Sie hielt mich wohl für einen Idio- ten und hatte damit beinahe recht. Ich spurtete hinter der aufreizend stolzierenden Gestalt her und holte sie ein, als sie im Begriff stand, in den Bus zu steigen. Ich ergriff ihren Ellbogen und zog sie zurück. »Verdammt …« Sie war es nicht, das erkannte ich sofort. Keine Spur von veränderlichen Jochbögen und Wangensäcken, die ihr Gesicht in diese hagere Visage mit weit auseinanderste- henden Augen und spitzem, vorragendem Kinn hätten verwan- deln können, die mich jetzt anstarrte. Dazu wären erhebliche chirurgische Eingriffe nötig gewesen. »Ich kenne Sie nicht«, stieß er angespannt und verärgert zwi- schen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Tut mir leid«, sagte ich ratlos. »Ich dachte, Sie seien …« »Natürlich, Mister Flat Man. Aber ich bin es nicht, ganz und gar nicht. Hoffentlich finden Sie sie.« Er schwang sich in den Bus und wackelte spöttisch mit den Hüften., Sie? Er hatte die beiden Stufen erklommen, als ich erneut nach ihm griff und ihn am Kragen packte. »Hey!« Er hatte nicht mit diesem neuerlichen Angriff ge- rechnet und fiel nach hinten. Ich fing ihn mit einem Arm auf, er war nicht sehr schwer, und stellte ihn wieder auf den Gehsteig. Ich sah die Busfahrerin mit einem entwaffnenden Grinsen an. »Nichts für ungut. Er schuldet mir Geld.« »Regeln Sie Ihre Finanzen gefälligst woanders«, schimpfte sie, schloß die Bustür und lenkte das Fahrzeug in den Verkehr. »Du Hurensohn, du hast es nicht anders gewollt!« Er griff sich, wie ich glaubte, an seinen nackten Bauch, der sich jedoch als Sudoskin entpuppte. Vermutlich war in dem übertrieben ausgeprägten rectus abdominis ein Messer verborgen. Kleine Typen können gefährlich und zäh sein, aber Körpergröße hatte eindeutig ihre Vorteile. Ich rammte ihm locker den Ellbogen vors Kinn und stieß ihn mit dem Rücken gegen eine Betonmau- er. Sein Kopf schlug mit einem dumpfen Laut dagegen. Er ächzte und wurde nach vorne geworfen. Ich hielt ihn fest. »Sie hat das Ganze geplant, diese hübsche Ablösungsnummer. Erzähl mal.« »Ich weiß nicht – autsch!« Ich genoß es, den Brutalo zu spie- len, und schlug ihn heftiger, als die Umstände es verlangten. Es war einer dieser kurzen Haken, die von weitem beobachtet ganz harmlos wirken. Die falschen Bauchmuskeln fühlten sich unter meinen Knöcheln ziemlich fest an, schienen ihn aber nicht sehr zu schützen. Er knickte nach vorne ein, und ich richtete ihn auf. Dann legte ich ihm den Arm um den Hals, preßte den Unterarm gegen seine Kehle und ging mit ihm zurück zum Restaurant., »Du weißt, daß ich auf eine Frau gewartet habe. Gibt es einen Grund, weshalb ich dich mit einer Frau verwechseln sollte?« »Hey, das ist doch nicht …« »Du weißt, wer es ist. Rede.« Er seufzte. »Okay, Mister Beef. Sie sagte, es sei nur ein Scherz. Mit einem Freund. Scheiße, sie hat nichts davon gesagt, daß Sie wütend würden. In diesem Fall hätte ich niemals mitge- spielt. Ich lege mich nicht mit Leuten an, die ich nicht kenne. Klar?« »Klar.« »Es war nur ein kleiner Spaß. Klar?« »Dann erzähl mal die ganze Geschichte.« Ich spannte für ei- nen kurzen Moment meinen Unterarm und drückte seinen Hals zusammen. Ich stellte mir in Gedanken vor, wie er zer- knickte wie eine dünne Eierschale. »Es gibt nicht viel zu erzählen.« Er redete schnell. »Die Lady kam vor zwei Tagen zu mir und fragte, ob ich nicht einen kleinen Job für sie erledigen möchte. Ein ganz einfache Sache. Ich müßte nur etwa eine Stunde lang in einer Toilette warten, sollte dann rausgehen und in einen Bus steigen. Ganz simpel, und sie hat gut bezahlt. Sie sagte nicht wann und rief mich plötzlich heute morgen um sechs an. Sie sagte, sie würde das Doppelte zahlen, und ich solle hingehen und tun, was sie mir erklärt hatte. Ich hatte nichts vor, deshalb tat ich es. Das ist alles. Sie meinte, mir würde nichts passieren, wenn Sie Ihren Irrtum bemerkten. Sie hat gelogen, und das, nachdem sie mich auch noch um sechs aus dem Bett …« »Wo ist sie jetzt?« Er zuckte die Achseln so gut er es mit meinem Arm um sei-, nen Hals vermochte. »Sie machte sich aus dem Staub, als Sie hinter mir herrannten. So war es geplant. Warum und weshalb hat sie mir nicht verraten. Ich wurde nur für meinen Job bezahlt und weiß von nichts.« »Na schön, in Ordnung, du Prachtstück. Wo hast du sie zu- erst gesehen? Wo habt ihr euch kennengelernt?« »Lassen Sie mich endlich los!« Ich tat es. Er brachte sich mit einem Sprung vor mir in Sicherheit und musterte mich nervös. »Sie!« »Erzähl einfach, wo du sie gesehen hast.« »Weshalb, zum Teufel, sollte ich?« »Ich kann in Erfahrung bringen, wer du bist und deine Mut- ter anrufen und ihr erzählen, wo du dich rumtreibst.« »Meine Mutter!« Er spuckte aus und funkelte mich wütend an. Ich hielt ihn für einen Ausreißer aus den Vorstädten. Scheinbar lag ich damit richtig. »Genau. Erzähl's mir. Und danach trennen sich unsere We- ge.« »Irgendwo oben im Nordteil«, sagte er und wedelte mit dem Arm. »In der Nähe von Upton Village.« Er zog ein Drahtmesser aus seinem falschen Magen, aber dann schien er sich nicht ganz schlüssig zu sein, was er damit tun sollte. Ich nickte langsam. »Das reicht mir. Du kannst jetzt ver- schwinden.« »Ich kann also verschwinden! Sie verfolgen mich, sorgen da- für, daß mir der Bus vor der Nase wegfährt, schubsen mich herum …« »Es tut mir leid«, schnitt ich ihm das Wort ab. »Die Angele- genheit war zu wichtig, um Zeit zu vergeuden.« Nun, da er, nicht mehr in meiner Gewalt war, fühlte ich mich ein wenig unwohl. Ich schämte mich dafür, daß ich es genossen hatte, ihn so heftig zu traktieren. »Sie können sich nicht aufführen wie ein Verrückter und nachher so tun, als sei nichts gewesen.« Er unterstrich jedes Wort mit einer Geste des Messers, als sei es ein Zeigestock. »Ist Ihnen das klar, Mister Oil Spot?« »Da hast du nicht ganz unrecht. Aber du solltest mit diesem Ding nicht so wild herumfuchteln, am Ende verletzt du jeman- den damit. Zum Beispiel dich selbst.« Aus einem Reflex heraus, von dessen Existenz ich nichts geahnt hatte, trat ich gegen sein Handgelenk. Das Drahtmesser wirbelte durch die Luft. Wir duckten uns beide unter der Klinge weg, und sie landete klir- rend auf dem Gehsteig. Er sah mich an. »Ich habe einiges zu erledigen«, sagte ich und schlug die Richtung ein, in die er gezeigt hatte, nämlich eine Wohnsiedlung namens Upton Village. »Lassen Sie nach dieser Sache ja nicht mehr Ihren Hintern hier blicken, Mister Cold Cut.« Er hob sein Messer von der Straße auf, machte aber keine Anstalten, mich zu verfolgen. »Vielen Dank für die Hilfe«, rief ich über die Schulter. »Aber einen Rat habe ich noch für dich: Sieh dir in Zukunft genauer an, von wem du Geld annimmst.«, KAPITEL 15 Upton Village war eine kleine Ansammlung festungsähnlicher Häuser, die mißtrauisch die Straße betrachteten und deren Eingänge sich wie Tunnels auf den Gehsteig schoben. Ich wußte, daß ich am richtigen Ort war, als ich in dem einsamen kleinen Park auf der anderen Straßenseite die Windskulptur rotieren sah und das Klirren und Klappern als das Geräusch erkannte, das ich während Loris Telefonanruf im Hintergrund gehört hatte. Hebel wie Arme wirbelten herum und schlugen auf Gegenstände, die aussahen wie emaillierte Töpfe und Pfan- nen. Offenbar war das Ganze ein ständiger Affront gegen die Bewohner von Upton Village. Lori hatte an einem windigen, kalten Tag die Fenster geöffnet und dem Ding zugehört … wegen der frischen Luft, meinte sie. Irgend etwas rührte sich in meinem Gedächtnis. Die Fenster der Stadthäuser waren in den unteren Stockwer- ken schmal und darüber mit hohen Rundbögen versehen. Die Mauern sahen aus wie roh behauener Stein, bestanden aber in Wirklichkeit aus einem aufgeschäumten Material, das durch ein kristallines Gerüst zusammengehalten wurde – ich hatte im Fernsehen einen Bericht darüber gesehen. Die Gebäude waren stabil, anonym, ihre Eingänge weit voneinander entfernt. Der ideale Ort für Lori Inversato, um dort zu leben und ihre Identi- tät zu wechseln. Die Nachbarn blieben wahrscheinlich durch irgendeine Bestimmung anonym, oder es gab ein elektronisches Signal, das ihnen verriet, wenn ein anderer Mitbewohner drau- ßen herumlief, so daß sie drinnen bleiben konnten hinter ihren, verhangenen Fenstern. Ich bereitete mich innerlich darauf vor, vom einen Ende der Straße bis zum anderen an den Türen zu klingeln, als mir eine Idee kam. Ich konnte über mir im obersten Stock offene Fenster erkennen. Ich holte meine Flexicard hervor und befragte mei- nen Heimcomputer. Er suchte mir die Herkunftsnummer von Loris Anruf heraus und wählte sie. Nach ein paar Sekunden hörte ich das Rufzeichen eines Telefons. Es drang aus den Fenstern des – ich lief auf dem Gehsteig auf und ab und ver- suchte, das Geräusch direkt zu orten und die Echos von den Mauern ringsum zu ignorieren – drittletzten Hauses in der Straße. Ich schritt durch den engen Zugang zur Haustür und betätig- te die Klingel. Ich konnte nichts hören, und die Tür blieb ab- weisend geschlossen. »Lori!« rief ich und hoffte auf eine stimm- aktivierte Reaktion. »Lori. Ich bin's, Peter.« Nichts. Ich drückte gegen die Tür, aber sie war fest und solide wie eine Felsplatte. Ich hämmerte mit den Fäusten dagegen. Kein Laut erklang, und ich tat mir nur die Hand weh. Ich trat von der Tür zurück. »Lori!« brüllte ich zu den offenen Fenstern über mir hinauf, ohne mich daran zu stören, ob ich die Nachbarn belästigte. Niemand erschien an einem der Fenster. Ich klingelte noch zweimal aus Gründlichkeit, dann umrun- dete ich die Häuser. Ein Eingang befand sich unterhalb des Straßenniveaus und führte zur Parkdeckzufahrt. Das Tor schloß sich langsam, nachdem soeben ein Fahrzeug hinausgefahren war. Ehe ich einen zusammenhängenden Gedanken fassen konnte, ließ ich mich fallen und rollte unter der Torkante hindurch. Die Gasse war dunkel, nur ein schmaler Streifen, Himmel war über mir zu erkennen, und die Häuser wirkten von hinten noch bedrohlicher. Ich lief über die mit sechseckigen Steinplatten gepflasterte Zufahrt zur Rückseite des Hauses, in dem Lori wohnte. Neben den Gär- und Recyclingbehältern befanden sich zwei Gästeparkplätze, beide unbesetzt, und eine Hintertür. Sie war nicht ganz geschlossen. Ich näherte mich ihr, hielt die Luft an und drückte dagegen. Sie schwang auf, und ich eilte hindurch. »Lori!« Ich erkannte im Halbdunkel die Einrichtung einer kunstvoll gestalteten Küche. Wie Saurierklauen geformte Mes- ser mit einlagigen Kristallklingen hingen über einem Schneid- brett mit den Ausmaßen eines Tennisfeldes, und an der Wand stand ein ausladender buddhaförmiger Backofen aus glänzen- dem Messing. Der Fußboden federte leicht wie ein angespann- ter Muskel unter der Haut. Ich konnte beinahe spüren, wie er sich unter meinen Füßen bewegte. »Lori, verdammt noch mal, wo bist du? Warum hast du mich auf diese Art abgehängt?« Hinter der Küche erkannte ich unregelmäßig geformte Räu- me um eine Mitteltreppe. Ich stieg die Stufen hinauf und rief leise ihren Namen, als schliefe sie und als wollte ich sie behut- sam wecken. Ich spürte von oben den kühlen Windhauch, der hereinwehte. Eine Tür stand offen, bewegte sich leicht. Ich zog sie ganz auf und trat über die Schwelle. Lori lag tot auf dem weißen Bettvorleger im oberen Schlaf- zimmer, ein Bein verdreht unter sich. Ein Schuh stand aufrecht neben ihr, als sollte er angezogen werden. Blut war auf dem Bettvorleger verteilt wie Farbe, die aus einem Künstlerpinsel gespritzt war. Ihr Kopf war auf die Seite gedreht, und ich konnte die Ursa-, che des Todes erkennen: ein Schlag auf den Hinterkopf. Blut hatte sich unter ihrer Schulter gesammelt und ihr Kleid ge- tränkt. Ein kleiner Tisch war umgekippt, und Toilettenartikel lagen verstreut auf dem Fußboden: eine Papiernagelfeile, Nagel- schere, eine kleine Hornhautraspel. »O Lori«, sagte ich. »Weshalb bist du vor mir weggelaufen?« Ich kniete neben ihr nieder. Ich suchte in ihrem toten, stillen Gesicht nach einem Hinweis. Ihre Haut, zu oft gestreckt und zusammengedrückt, lag schlaff wie ein luftloser Ballon auf den deformierten Knochen ihres Gesichts und ließ sie aussehen, als wäre sie schon seit mehreren Jahrhunderten tot. Sie hatte die Absicht gehabt, sich mit jemandem zu treffen und den Morgen damit verbracht, darüber nachzudenken, ob ich sie begleiten sollte. Irgendwo hatte ich bei einem Test ver- sagt und mich als ungeeignet erwiesen, als unzuverlässig, und so hatte sie mich abgehängt, um alleine zu ihrer Verabredung zu gehen. Nun war ich am Leben, und sie war tot. »Wen hast du getroffen?« fragte ich sie. »Wer war es?« Ich war zornig und wütend wegen ihrer Begriffsstutzigkeit, ihrer Weigerung, mir irgend etwas mitzuteilen, und wegen der Tatsa- che, daß ich sie nun für immer verloren hatte. »War es dieselbe Person, die Charlie getötet hat?« Ich redete jetzt etwas leiser. »Hast du ihn ebenfalls reingelassen, genauso wie er?« Aber Charlie war erwürgt worden, nicht mit einem stumpfen Gegen- stand erschlagen. Und es gab nur eine einzige Verbindung zwischen Charlie Geraldino und Lori Inversato, eine Verbin- dung, die weit in der Vergangenheit lag: das Projekt Nimbus und die Gruppe. Ich berührte ihr schlaffes Gesicht. Die Haut verrutschte unter, meinen Fingerspitzen. »O Lori.« Ihr sterbendes Gehirn hatte ihren veränderlichen Gesichtszügen widersprüchliche Signale gesandt. Ein Wangenknochen war hochgerückt und scharfkan- tig, der andere war einfach nur dick. Vor meinen Augen ver- dunkelte sich plötzlich ihre Stirn, als Melanin sich in der Haut ausbreitete. »Du konntest noch nicht einmal mit deinem eige- nen Gesicht sterben.« Ein Geräusch erklang wie das Pfeifen des Windes durch ei- nen Spalt in einer fernen Felswand. Es erklang ein zweites Mal, ehe ich begriff, daß es Loris Türklingel war. Ich stieg vorsichtig über Loris ausgestrecktes Bein und aktivierte die Sprechanlage. »Mrs. Inversato?« Ich erkannte die Stimme auf Anhieb. Es war Amanda TerAlst. »Mein Name ist Ku Bremmer. Ich kom- me von Laurentian Biosupplies und rede mit allen Mitgliedern Ihrer neokulturellen Gemeinschaft über die beabsichtigten Änderungen in der Müllverwertung Ihres Blocks. Haben Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit für mich? Hier ist mein Aus- weis.« Sie schob eine Karte in den Schlitz, und ihre Identifikati- on erschien auf einem Flachschirm, aus der hervorging, daß sie die war, als die sie sich ausgab. Lukes haben jede Menge Zugriffsmöglichkeiten, viel mehr als die reguläre Polizei. Viel- leicht war es aber auch nur Amanda TerAlst, die den Zugriff hatte … Ich machte kehrt und rannte die Treppe hinunter. Ich hatte keine Ahnung, ob TerAlst die Berechtigung oder die Autorität hatte, durch die Haustür hereinzukommen, aber ich konnte mir nicht leisten, so lange zu warten, um es zu erfahren. Ich eilte schnell und leise die Stufen hinab, rechnete mit Ge- räuschsensoren, Bewegungsmeldern … eine Frauengestalt, erschien plötzlich vor mir in der Küchentüröffnung und ver- sperrte mir den Weg zur Hintertür. Sie lehnte am Türpfosten, eine Hüfte vorgeschoben und die Füße lässig über Kreuz ge- schlagen. »Also Peter, Sie sollten wirklich nicht in den Häusern frem- der Leute herumschleichen.« Es war Priscilla McThornly. Der Ärmel ihrer weiten hochge- schlossenen Jacke war hochgerutscht und entblößte ihr schlan- kes Handgelenk, das sie gegen den Türpfosten stützte. Unter der Jacke trug sie ein Hemd aus dickem Baumwollstoff und eine schwere Denimhose. Sie sah aus, als wolle sie auf die Jagd gehen. »Was, zum Teufel, suchen Sie hier?« fragte ich. Meine Angst drückte sich in meiner Stimme als Verärgerung aus. Sie schürzte die Lippen und berührte sie mit einem langen rot lackierten Fingernagel. »Das ist aber nicht sehr höflich.« Sie seufzte. »Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, ich bin Ihnen gefolgt. Sie sahen so verlockend verstohlen aus. Es war unwider- stehlich. Was zum Teufel haben Sie hier zu suchen?« Ich glaubte ihr kein Wort, aber jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt für lange Dispute. »Vorne ist jemand, dem ich nicht gerade begegnen möchte«, sagte ich. »Eine alte Freundin?« Ihre Stimme klang träge. »Nein! Kommen Sie!« Die Türklingel schlug erneut an. »Eine Verfolgungsjagd! Wie aufregend!« Sie folgte mir hin- aus, vorbei an den hängenden Messern in der Küche. Ihre lässige Sorglosigkeit ärgerte mich. Ich hatte Lust, sie nach oben mitzunehmen und ihr meine ermordete Freundin zu zeigen. Aber wollte ich das wirklich? Nur um zu erleben, wie ihr Ge-, sichtsausdruck sich veränderte? Vielleicht ja. »Deren Sicherheitssysteme haben keine Ahnung, daß ich hier bin«, sagte Priscilla, als wir ihren Wagen erreichten. »Wahr- scheinlich auch nicht, ob die Polizei in der Nähe ist. Kommen Sie schon, schnell, steigen Sie ein. Verschwinden wir von hier.« »Wie haben Sie …« Die Tür öffnete sich, und ich gehorchte ihrer Aufforderung. »Wie schafft die liebe Priscilla es, Sicherheitsschranken zu umgehen?« Sie setzte eine Sonnenbrille auf, deren Gläser die Form von Katzenaugen hatten, und band sich ein buntes Tuch um den Kopf. Mit einem Summen setzte der Wagen rückwärts aus der Parklücke. »Es wurde alles von einem Freund instal- liert.« Sie trat aufs Gaspedal, und wir rollten mit der sirrenden Lautlosigkeit eines guten Elektrowagens zur geschlossenen Nebenausfahrt. Sie tippte mit dem Daumennagel gegen das Lenkrad, und das Tor schwang für uns auf. »Ein Freund?« fragte ich. Sie lächelte mich listig an und zog den Wagen zügig um die Ecke auf die Hauptstraße. »Ich liebe es, wenn Tom ein wenig mißtrauisch ist – aber nicht zu viel. Doch das ist eher ein tech- nisches Problem, und Sie sind in einem völlig anderen Gewerbe tätig. Ich glaube nicht, daß es Sie interessiert.« »Ich bin an allem interessiert … auch an Technik.« »Das kann ich mir vorstellen.« Priscilla war jener Typ Frau, der nützliche Liebhaber hat, so- gar Liebhaber, die nicht für ihre Dienste zahlen mußten, da ihr Farleys Geldquellen offenstanden. Ein weiteres geheimes Leben, eher schon mehrere. Ich betrachtete sie blinzelnd und fragte mich, ob auch ich eins werden könnte. Es würde mir sehr, gefallen, das Geheimnis von jemand zu sein. Auch wenn ich nur eines unter vielen wäre. Ich drehte den Kopf, um einen Blick auf Upton Village zu werfen, während wir uns mit hohem Tempo entfernten. Ich hatte dort zu viele Geheimnisse zurückgelassen. Mit wem hatte Lori sich getroffen? Weshalb war TerAlst dort erschienen? Bestimmt nicht, um den Mord an Lori aufzuklären; soweit ich es beurteilen konnte, wußte noch niemand davon. Hatte sie es geschafft, ins Haus einzudringen? Sah sie vielleicht in diesem Moment in Loris totes Gesicht und fragte sich, wie die arme Frau gestorben war? Oder hatte sie aufgegeben und war nach Hause gefahren, um Loris Namen durch irgendeine routinemä- ßige Überprüfung in Erfahrung zu bringen? Ich hätte dort bleiben und mich im Schrank verstecken sollen. Nein, das war verrückt. »Sie haben noch immer nicht erklärt, was Sie in diesem Haus zu suchen hatten«, sagte ich. Sie zog einen Schmollmund. »Und das, nachdem ich Sie vor der Polizei bewahrt habe? Das ist nicht sehr dankbar von Ihnen, Peter.« Sie seufzte. »Aber habe ich es Ihnen nicht längst gesagt? Ich bin Ihnen gefolgt.« Sie lachte. »Es war ziemlich einfach – Sie scheinen sich nicht viele Sorgen zu machen, daß jemand Sie beobachten könnte.« Sie streckte sich und fuhr mit den Fingern durch das kurze schwarze Haar. »Gewöhnlich passiert mir das nicht oft«, erwiderte ich ge- reizt. Insgeheim war ich beunruhigt. Gab ich tatsächlich ein so einfaches Ziel ab? »Oh, ich wette, es geschieht öfter als Sie annehmen.« »Weshalb sollte man mich verfolgen?«, Sie musterte mich, und ihre Miene war plötzlich ernst. »Wol- len Sie das wirklich wissen?« »Sonst hätte ich Sie wohl kaum gefragt.« Sie überlegte einen Moment lang, zupfte mit Daumen und Zeigefinger an ihrer Unterlippe. »Ich weiß es nicht«, sagte sie schließlich. Dann fiel ihr etwas anderes ein. »Haben Sie Ihren Wagen dort stehengelassen, so daß die Polizei ihn findet?« »Nein«, beruhigte ich sie. »Habe ich nicht. Wo haben Sie denn sozusagen meine Spur aufgenommen?« Sie schüttelte entrüstet den Kopf. »Sie geben niemals Ruhe, oder? ›Woher wußten Sie, daß ich ein Klavier habe? Was, zum Teufel, tun Sie hier?‹ Ich bitte Sie, Peter, vergessen Sie mal Ihr Mißtrauen. Ich hab' Sie am See entdeckt. Ich nehme an, Sie haben dort einen Spaziergang gemacht. Sie kamen aus Downer's Grove und sind mit einer alten Freundin, dieser etwas welken Frau, herumgebummelt.« »Welk?« »Na ja, ein wenig verblüht, ist ja auch egal. War es eine alte Freundin?« »Vergessen Sie's.« »Aha, mein Leben ist ein offenes Buch. Aber seins? ›Verges- sen Sie's.‹ Das ist okay. Wir können es so halten, wenn Sie wollen.« Sie nahm mit quietschenden Reifen eine Kurve und fuhr in Richtung See. »Sie haben sicherlich auf einem der Plätze in der Nähe des Strandhauses geparkt. Soll ich Sie hinbringen?« »Wohin sonst?« fragte ich ein wenig geistesabwesend. Sie grinste. »Ich dachte mir, ich könnte Sie in mein Haus mitnehmen und Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten. Ich habe nämlich noch keinen gehabt, und der Morgen ist schon fast, vorüber.« Ich sah sie von der Seite an, aber sie konzentrierte sich auf die Straße und den Verkehr. »Klingt nicht übel«, sagte ich. KAPITEL 16 Priscilla hielt inne, kaum daß sie ihre Wohnungstür geöffnet hatte und über die Schwelle getreten war, und lauschte. Ich lauschte ebenfalls, hörte jedoch nichts. Mit einem leisen Seufzer ging sie weiter in die Küche. »Sie tun Kardamom hinein, nicht wahr?« rief sie. Ich hörte, wie ein Schrank geöffnet und darin herumgekramt wurde, dann das Geräusch einer Tüte Kaffeebohnen, die auf die Anrichte gelegt wurde. »Woher …« »Woher ich das weiß? Sie haben neulich etwas in Thomas' Kaffee gestreut. Wenn er mir nicht davon erzählt hätte, hätte ich es an seinem Atem gerochen.« Auf einem Tisch von der Beschaffenheit und Farbe des In- nern einer Seemuschel kauerte insektengleich eine bulgarische Espressomaschine aus multisegmentiertem Metallochitin. Osteuropäer verwendeten Organiform auf recht seltsame Art. Nur die Ränder spitzenartiger Flügel ragten unter dem grünen Schimmer des Rückenschilds hervor. Rudimentär, vermutete ich. Espressomaschinen können gar nicht richtig fliegen. Das hätte ich gewußt. Zwei Espressotassen standen daneben, Kaffee-, satz klebte an ihnen. Ihre Haushaltsführung war so gut, daß ich nicht annahm, sie stünden schon seit mehreren Tagen dort. »Ich möchte lieber Espresso«, sagte ich. »Wenn das möglich ist.« »Sogar sehr möglich.« Ehe sie die Tassen vom Tisch räumte, blieb sie am Fenster stehen und schaute hinunter auf die Straße. Sie sah aus wie ein einsames Kind, das auf die Heimkehr der Mutter wartet. Sie wandte sich um und setzte sich halb auf die Fensterbank. »Tom verläßt sich auf mich, wirklich. Ich weiß gar nicht, wie er früher zurechtgekommen ist.« »Vielleicht hat seine Frau ihm geholfen?« Zu meiner Verblüffung errötete sie. Ich nahm es nicht sehr ernst. Es ist leicht, diesen Reflex bewußt zu steuern und auch den Abgebrühtesten als Unschuldsengel dastehen zu lassen. »Sie hat mich mal angerufen. Sie heißt Imelda. Ich habe keine Ah- nung, wie sie an meine Nummer herangekommen ist. Vielleicht hat Tom sie ihr gegeben. Sie … hat sich bei mir bedankt, daß ich ihn aus dem Haus geholt habe.« »Wenn ich mit Tom Inman verheiratet wäre, würde ich wahrscheinlich genauso empfinden.« »Dann beschimpfte sie mich als Hure und legte auf. Ich kann verstehen, weshalb Männer mit Frauen Schwierigkeiten haben.« »Sollte er eigentlich hier gewesen sein?« fragte ich. »Als Sie hereinkamen?« Ich äußerte keine Zweifel an dem total bizarren Szenario, an der erfundenen Ehefrau und den zweifellos erloge- nen Details. Es war das erste Mal, daß Priscillas Fähigkeit, auf jede meiner Fragen eine Antwort parat zu haben, versagt hatte, und das erfüllte mich mit Zufriedenheit. Ich würde mein Wis-, sen, daß Thomas Inman eigentlich Gideon Farley hieß und mit meiner Ex-Frau Corinne verheiratet war, einstweilen für mich behalten. »Ich weiß nicht.« Ihre Augen blickten ins Leere. »Wie hätte er hier sein können? Er kommt und geht.« »Wo ist er jetzt?« »Ich sagte doch, ich weiß es nicht!« Sie wandte sich abrupt um, spülte die Tassen aus und schaltete die Espressomaschine ein. Während das Wasser sich erhitzte, zirpte der Apparat wie eine Grille. Das Apartment war eine regelrechte Organiform- Ausstellung. Die Sessel waren modifizierte Kakteen mit gummi- artigen Massagestacheln. Der Barschrank sah aus wie ein Wal- maul. Der Rauchtisch war ein riesiges grünes Laubblatt. Die Lampen bestanden aus grotesk angeschwollenen Protozoen, deren Mitochondrien als grelle punktförmige Lichtquellen ausgebildet waren. Sie veränderten ständig ihre Form, während in ihrem Inneren Organellen pulsierten. »Gefällt Ihnen das?« fragte ich. Die Wohnung sah aus, als hätte Priscilla einen verrückten Ökologen anstatt eines Innenar- chitekten mit der Gestaltung betraut. »Verdammt noch mal, nein! Immer wenn ich auf der Couch sitze und eine Illustrierte lese, habe ich das Gefühl, daß jeden Moment die Lampe herunterkommt und mich verschlingt.« »Weshalb …« »Eine Angehörige des Gunstgewerbes muß stets mit der Mode gehen. Für was sonst ist sie da? Wenn Sie nur Sex wollen, sollten Sie zu einer dieser aufgemotzten Prostituierten gehen, die in einem Freudenhaus in den Vororten wohnen. Die ver-, kaufen sich stundenweise. Ich weiß Bescheid. Es gehört zu meinem Geschäft, alles zu wissen. Das System speist Träume von Tod, von einem ruhigen Familienleben, Sekretärinnenkur- se, was immer sie wollen, direkt in ihre Köpfe, der Kunde programmiert den Körper, alles zu tun, was er sich wünscht, und jeder ist zufrieden. Ein grandioses System. Es ersetzt ganze Universitäten. Eleganz ist nicht gefragt.« Sie verschwand im Bad. »Außerdem habe ich einen Ralfie im Schlafzimmer. Wenn Tom nicht da ist, lasse ich ihn Chintz produzieren. Ich zerwühle das Bett, dann lasse ich das arme Ding alles verzehren, ehe Tom zurückkommt.« Ich schlenderte auf dem dicken Teppich durch das Apart- ment, berührte aber nichts. Ein dicker schwarzer Regenschirm lehnte in einem Ständer an der Tür. Farley war gestern abend hergekommen, als es regnete, und er war am Morgen bei Son- nenschein wieder gegangen. Was hatte Corinne die ganze Zeit getrieben? Der Schirm könnte natürlich schon seit einigen Wochen dort stehen, könnte jemand anderem gehören, war vielleicht sogar ein Teil der Wohnungseinrichtung . Durch ein breites, dreiteiliges Fenster konnte man zum See- ufer hinunterschauen, vorbei an einem hohen Apartmenthaus. Ich konnte den Verkehr auf dem Drive erkennen und sah auch die dünne Baumreihe, die den Weg am Strand entlang markier- te. Tatsächlich, Priscilla wohnte nicht weit von der Stelle ent- fernt, wo ich Lori getroffen hatte. Sie hätte mich per Zufall dort entdecken können. Ein Regal war mit alten Büchern mit bauchigen Rücken und goldenen Inschriften gefüllt, vorwiegend Gedichtbänden – ich blätterte in einigen herum, deren Autoren mir fremd waren –, und anspruchsvollen literarischen Ergüssen, alle auf dickem, solidem Papier gedruckt. Sie sahen aus, als würden sie gelesen und nicht nur zur Verzierung dienen. Daneben standen zahlrei- che Bildbände: historische Fotos von Chicagoer Fabriken, ein großformatiges Buch über die Kolumbianische Ausstellung, Wildtiere von Nord-Illinois, ein Buch über Zierdecken. Auf dem Regalbrett darüber – ich war wie elektrisiert. Kunstvolle Fetische, Kombinationen von Kristallen, Federn, Emaille und einem Material, das aussah wie menschliche Haut, waren nebeneinander aufgereiht. Ich hoffte, daß es Sudohaut war. Die Gegenstände glichen den Symbolen, die von Tigranes' Boten benutzt wurden. »Sind die nicht schön?« fragte sie hinter mir. »Eine einheimi- sche Kunstform.« Die Espressomaschine rülpste, als sie Kaffee in die Tassen füllte. »Absolut original.« »Was ist das? Woher haben Sie sie?« Sie schürzte mißbilligend die Lippen, als wolle sie sich gegen weitere neugierige Fragen aus meinem Mund verwahren. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich gegen irgendeine Vereinbarung verstoßen, obgleich ich mich nicht erinnern konnte, daß wir eine getroffen hatten. »Sie sind mittlerweile zu Sammlerstücken geworden. Banden in den Städten und den Vororten benutzen sie als formelle Fehdesymbole. Ich habe keine Ahnung, woher sie das haben. Sicherlich kann man schon bald billige Imitatio- nen in den Boutiquen kaufen.« Sie war jetzt barfuß, nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen hatte. Wir setzten uns auf die Couch und tranken unseren Espresso. Sie hatte winzige Zehen, die ihren Fingern entspra- chen. Ich spürte die Wärme, die von ihrer Haut abstrahlte. Und, roch ihren Duft, der mir in der stillen Luft vor meinem Haus aufgefallen war. Er war süß und trocken zugleich, wie Bitter- orangen im Sonnenschein. Sie wirkte unverfälscht und herb- reizvoll in ihrer Freiluftkleidung. Das schwere Tuch ihrer Bluse unterstrich die Feinheit ihrer Haut. »Ich bin Ihnen gefolgt, weil ich wissen wollte, wer Sie sind«, sagte Priscilla leise. Sie streckte die Hand aus und strich sanft mit ihren Fingernägeln über meinen Unterarm. Die weichen Kuppen ihrer Finger berührten meine Knöchel, und die schar- fen Kanten ihrer Nägel zupften an der Haut zwischen meinen Fingern. Dann ergriff sie meine Hand und streichelte mit der Zunge meine Fingerspitzen. Mein Herz schlug heftig, und ich hatte Mühe zu atmen. Die Symptome der Lust gleichen denen der Angst. In der Wohnung war es unnatürlich still, als sei sie mit schweren Stoffbahnen verhängt. Es schien sogar plötzlich dunkler zu sein. »Und wer bin ich?« fragte ich tonlos. »Das versuche ich noch immer herauszufinden. Helfen Sie mir.« Ihre Lippen schmeckten genauso wie ihr Parfüm, ein wenig nach Citrusfrüchten. Sie küßte mit der gleichen drängenden Sanftheit, mit der sie mich berührt hatte. Der Stoff ihres Hem- des war weicher als er aussah, und die Knöpfe glitten so leicht aus den Knopflöchern, als hätten sie überhaupt nichts festgehal- ten. Ihr Bauch war rund, die Linien ihres Körpers weich und glatt, nicht so wie Corinne – und weshalb sollte ich ausgerech- net jetzt an sie denken? Priscilla stemmte die Hüften von der Couch hoch, und ich half ihr dabei, das Höschen herunterzu-, streifen. Sie ließ ihr Gesäß auf die Couch zurücksinken. Ihre Haut war gerötet. Mit meiner Kleidung war es schwieriger, da sie nicht dafür geschaffen war, schnell abgelegt zu werden, und es dauerte einige träge, mit Kichern erfüllte Sekunden, ehe ich davon befreit war. Sogar die Luft in der Wohnung prickelte auf meiner Haut, strömte über sie hinweg wie warmes, fließenden Wasser. Priscilla lehnte sich auf der Couch zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ein Bein ruhte mit angezogenem Knie an der Sofalehne, das andere lag über der Armlehne und hing auf den Fußboden herab. Ich schob meine Hüften über die Weichheit ihrer Oberschenkel und verfolgte mit der Zunge die schmale Haarlinie unterhalb ihres Bauchnabels. Sie schmeckte salzig, da ihr ganzer Körper bereits mit einem dünnen Schweiß- film bedeckt war. Sie gab kehlige Laute von sich, ein seidiger Ton, keine Worte, nichts, das man hätte verstehen können. Ihre Finger kraulten die Haare an meinem Hinterkopf, und sie zog mich zu sich hoch. »Halt mich fest«, murmelte sie gegen meine Brust. Ich schlang die Arme um sie, fesselte ihre Hände. Ihre kurzen Finger streckten sich, dann erfaßten sie meine. Sie stemmte sich gegen das Hindernis, aber nicht kräftig genug, um sich zu befreien. Ihre Ferse preßte sich gegen mein Gesäß, während sie mich in sich hineinzog. »Ich weiß jetzt Bescheid«, sagte sie, und ihre Stimme klang überhaupt nicht schläfrig. Ihr Kopf ruhte auf meiner Schulter. Sie schien so leicht, als schwebte sie über mir, als berührte sie, mich kaum. Ich konnte die letzten Spuren ihres Parfüms über ihrem Schlüsselbein riechen. Ich hatte gedöst und erwachte nun vollständig. Ich wußte, daß sie die Anspannung meiner Muskeln spüren konnte. »Was weißt du?« Ihr Kopf war zur Seite gedreht. Sie betrachtete ihre eigene Wohnung mit großen Augen. »Ich weiß, daß Thomas Inman unter einem anderen Namen mit Corinne verheiratet ist. Gide- on Farley lautet der Name. Viel interessanter als Tom, meinst du nicht? Du hättest es mir sagen sollen, anstatt mich über – wie habe ich sie genannt? – Imelda und all den anderen Mist reden zu lassen. Es ist mir sehr peinlich.« »Das lag nur daran, daß du so hochnäsig und geschäftsmäßig warst, als ich dich in meinem Haus fragte.« »Geschäftsmäßig. Ich glaube, das war ich wirklich.« Sie atme- te tief ein. Ich konnte spüren, wie ihre Rippen sich gegen meine drückten. »Wenn ich das, was ich tue, nicht ernstnehme, was soll ich denn dann ernstnehmen?« Ihre Hand ruhte auf meiner Hüfte, und ich verspürte ein Aufflammen frischer Begierde. Sie erahnte es, rutschte von mir herunter und setzte sich auf. »Ich weiß es nicht, Priscilla. Sieh mich an.« Diese Frau war ein totales Rätsel. Hatte sie Lori ermordet und dann in der Dunkelheit der Küche oder im Geschirrschrank oder wo auch immer gewartet, daß ich die Treppe herunterkam? Es erschien unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. »Was treibst du? Weshalb bist du hier eingesperrt?« »Hier ist es genau wie anderswo.« Ihre Stimme hatte einen Unterton müden Spotts, der mich schmerzte. »Das ist keine Antwort.«, Sie seufzte ungehalten. »Glaubst du, nur weil du mit mir ge- bumst hast, hättest du das Recht, mich über mein Leben auszu- fragen? Was geht es dich an? Oder liegt es daran, daß ich mit dem Mann deiner Ex-Frau schlafe? Geht es vielleicht um deine Familienehre?« Sie stand auf und streckte sich. Sie war wunder- schön trotz ihrer Gereiztheit. Sie besaß kleine Brüste, volle Oberschenkel, schmale Schultern. Eigentlich hätte sie gar nicht so sexy wirken dürfen. Ihre Muskeln zitterten beim Strecken. Ich krümmte mich innerlich. »Priscilla«, sagte ich und strich mit einem Finger über ihren Oberschenkel. »Du weißt, daß ich ein Klavier habe. Aber ich weiß überhaupt nichts von dir.« Ich fragte mich, ob meine Stimme irgendwie falsch oder verlogen klang. Sie war selbst ein Rätsel, aber sie gehörte gleichzeitig zu einem anderen, noch größeren Rätsel. Farley, Corinne, Priscilla. Die Leiche meiner Freundin Lori Inversato, Amanda TerAlst. Ich kannte keinen der Beteiligten, am wenigsten mich selbst. »Ich möchte, daß du mir irgendwann einmal etwas vor- spielst«, sagte sie einlenkend. »Das tue ich.« Sie verschwand in ihrem Schlafzimmer. »Möchtest du eine Geschichte hören, Peter? Okay, hör sie dir an und sag mir, was du davon hältst.« Ich hörte das Klicken einer Schranktür, die geöffnet wurde. »Ich wurde geboren, als meine Mutter dreizehn war. Sie gab mich weg – verkaufte mich – an eine Adoptions- agentur. Ich hoffe, sie hat einen guten Preis erzielt. Eine Adop- tionsagentur mit einem interessanten Programm. Sie haben seit damals ihren Profit zusammengerafft und den Laden aufgelöst. Ich nehme an, ich könnte die Beteiligten aufstöbern, aber welchen Sinn hätte es?«, Ich fröstelte. Ein seltsamer Unterton lag in ihrer Stimme. Leidenschaftsloser Haß. »Welche Art von Adoptionsagentur erzielt hohe Gewinne?« »Eine, die ihre Klienten genau beobachtet und ihre … Lauf- bahn steuert. Ich wurde von einer reichen Familie adoptiert. Sie hatte noch drei weitere Kinder, ebenfalls adoptiert. Ich weiß nicht, welches Leben sie geführt hatten. Sissy, Karl, Tara. Sie haben sicherlich etwas anderes durchgemacht. Wir haben nie miteinander geredet, nicht darüber. Soweit ich weiß, hatten sie alle eine glückliche Kindheit. Bis auf Karl, natürlich. Ich nenne sie normal und glücklich, aber ich habe keine Ahnung, wie viele es da draußen noch gibt. War unsere Kindheit normal und glücklich?« Kleider raschelten unsichtbar. Ich hatte in einem kleinen Zimmer am Ende der Baracken Klavier gespielt. Mein großer Bruder, Anthony Watkins, hatte mir kleine Plastiktrophäen geschenkt, die er in der Stadt gekauft und mit Inschriften erdachter Wettbewerbe versehen hatte. Ich kam stets auf den zweiten und dritten Platz. »Man könnte sagen, sie war es. Ich erinnere mich an nichts mehr.« »Wie schön für dich. Damit kannst du unbelastet ganz von vorne anfangen.« »Ich kann nirgendwo anfangen.« Sie tauchte aus dem Schlafzimmer auf. Die Freiluftfanatike- rin war verschwunden, dafür stand eine Stadtlady vor mir. Priscilla trug nun einen langen Rock und einen tief ausgeschnit- tenen, roten Bustier mit einer Weste darüber. »Mein Vater war abweisend, furchteinflößend.« Während sie redete, kniete sie sich hin und öffnete ein Fach im Sockel eines behaarten schwarzen Schränkchens, das mit roten Spinnenau-, gen bedeckt war. »Ich hatte immer den Wunsch, ihm zu gefal- len. Wenn du das für ein Klischee hältst, hast du recht. Viel- leicht eher ein Archetypus. Ich denke, die hatten einen genauen Plan. Ich habe später einige Nachforschungen angestellt. Dad, den ich als Dad betrachtete, war ein chemisch unter Kontrolle stehender Sexualverbrecher, der früher mal als Crosby Hills Vergewaltiger traurige Berühmtheit erlangt hatte. Du kannst dich im Zeitungsarchiv über ihn informieren. Er wurde einer vom Gericht verfügten Behandlung unterzogen, aber irgend jemand hatte Rezeptorbereichssperren entwickelt, die zeitweise die Kontrolle ausschalteten. Die Gerichtsmonitore haben nie etwas bemerkt. Als ich dreizehn war, so vermute ich, sollte er mich vergewaltigen.« Ich sah sie an. Ihr dunkles Gesicht war angespannt, während sie in dem Schränkchen herumstöberte Wie ein Archäologe, der einen wertvollen Fund freilegt. Sie sah verblüffend jung aus, fast wie ein Kind. »Er tat es nicht. Irgend etwas lief schief, oder es steckte ein komplizierterer Plan dahinter … was auch immer. Ich war dreizehn, heiß, stand derart unter Druck, daß ich dachte, ich müßte platzen und meine Eingeweide im ganzen Haus vertei- len. Es war, als stemmte ich mich von innen gegen meine eigene Haut. Es war ein schwüler Sommer, und ich trug fast nichts am Leibe, wohl wissend, daß Männer mich angafften. Abends lag ich im Bett, hatte das Fenster offen und die Beine gespreizt, nur um den kühlen Windhauch zwischen ihnen zu spüren. Der Wind hatte eine Zunge …« Sie fand, wonach sie gesucht hatte, und hockte sich auf die Fersen. Ihre Zehen verkrampften sich unter ihrem Gesäß. Es, erschien mir seltsam, daß sie noch keine Strümpfe angezogen hatte. »Karl tat es ebenfalls. Mein lieber Bruder. Er war ein hübscher Junge. Lange Haare, wundervolle Brust. Er spielte in der Tennismannschaft. Sah in Weiß riesig aus. Er war zwei Jahre älter als ich. Eines Tages rangelten wir auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Niemand war zu Hause. Es war natürlich nicht unschuldig, obgleich wir später so taten, als sei es das gewesen. Er war viel stärker als ich. Er nahm mich in einen halben Nelson, und ich spürte seinen heißen Atem an meinem Kopf, und er preßte sich hart gegen mich. Ohne richtig darüber nachzudenken, griff ich nach hinten und berührte ihn durch seine Hose. Ich spürte, wie er sich meiner Hand entgegendräng- te. Es war etwas, das mir gehörte.« Sie ließ sich neben mir auf der Couch nieder und spreizte die Beine unter ihrem weiten, fließenden Rock. Sie wandte mir den Rücken zu und streckte die Hände nach hinten aus. In einer lag ein weicher, sich selbst zuziehender Lederriemen. Es war das, was sie aus dem Schränkchen geholt hatte. Der Riemen war kunstvoll verziert, irgendein Stück Volkskunst. Langsam und behutsam schlang ich den Riemen um ihre Handgelenke und zog ihn fest. Sie atmete erschauernd aus. »Er hatte einen solchen Riemen. Er hatte ihn sich von einem Freund ausgeliehen. Er schlang ihn um meine Hände, genauso wie du jetzt. Dann zog er mir die Hose herunter und leckte mich, langsam und sanft, spielerisch. Nicht so, wie ein Fünf- zehnjähriger es tun würde, sondern gezielt.« Ich kniete vor der Couch nieder und schob ihr den Rock hoch. Sie war darunter nackt, ihre Beine glatt und offen. Meine Zunge fuhr langsam an den weichen Innenseiten ihrer Schenkel, hinauf. Nicht nur Karl beherrschte die spielerische Art. Sie atmete schneller und versuchte sich in meinen Mund zu drän- gen. Ich ließ es nicht zu. Lange verweigerte ich mich ihr. Sie stöhnte. Endlich schmeckte ich ihre moschushafte Säure. Sie wand sich über mir. Ich befand mich im dunklen Zelt ihres Rocks. »Ich mag es immer noch. Ich wehre mich dagegen, immer wieder. Aber bei Gott, ich mag es. Ja!« Ihre Beine legten sich um meinen Kopf, während sie sich mir entgegenhob. Sie kam mit einem krampfartigen Zittern zum Höhepunkt. Ich richtete mich auf. Sie lag auf der Couch, halb auf der Seite und sah mich an, schweigend und still. »Nein, laß mich nicht frei«, sagte sie, als ich die Hand nach dem Riemen ausstreckte. »Noch nicht. Wir rissen zusammen aus. Ich glaube, Karl gehörte tatsächlich zu dem Szenario, oder er war eine der Alternativen, die sie geplant hatten, je nachdem in welcher Richtung ich reagierte. Ich weiß nicht, ob er Sissy und Tara genauso unterwiesen hatte. Wir flohen in die Stadt und lebten in einem verlassenen Lagerhaus. Es war eine wilde Zeit. Die Devo-Kriege zerrissen die Welt, es gab Aufstände hier in Chicago, die Robert Taylor Hornes gingen in Flammen auf, die Jackson Park Assembly, all die alten Geschichten. Karl handelte zusammen mit einem ausgebrannten Jemenkriegs- Veteranen mit Psychotropen. Eines Tages verschwand er. Er hatte seine Schulden nicht bezahlt, und einer seiner Freunde kam zu uns, um ihn zu suchen. Statt dessen fanden sie mich und holten sich ihre Bezahlung. Er muß ihnen eine Menge geschuldet haben.« Meine Finger zitterten, als ich teils widerstrebend die Fessel, löste. Sie sah so entspannt aus, wie sie dalag, das Gesicht in die Polster gepreßt, die Beine angezogen. »Anschließend ließen sie mich auf einem Haufen alter Dach- pfannen im strömenden Regen zurück. Einer von ihnen rollte eine alte Jacke zusammen, die er irgendwo gefunden hatte, und stopfte sie unter meinen Kopf. Diese sinnlose freundliche Geste hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich war zu angegriffen, um mich zu bewegen. Ich konnte nur noch die Jacke unter meinen Kopf hervorziehen und so weit wie möglich wegschleu- dern. Die Nacht war nicht sehr kalt, aber ich denke, ich wäre sicher umgekommen, wenn ich noch länger dort gelegen hätte. Ich wünschte es mir. Ich wurde von einem Mann gerettet, einem sehr attraktiven Mann in einem roten Sportwagen. Silbergraues Haar. Ein Heo-Typ. Schicker Anzug, eine Hals- tuchbrosche aus Gold und zitronengelben Kristallen. Ich erin- nere mich, wie die Brosche im Licht der Straßenbeleuchtung glitzerte. Ich hatte so etwas noch nie gesehen.« »Mein Gott«, sagte ich. »Noch ein moderner Archetyp? Sah er aus wie dein Vater?« »Ja, ja. Wie sollte er sonst ausgesehen haben? Er war sehr nett, nahm mich mit, säuberte und wärmte mich. Wir besuch- ten ein Hunan-Restaurant, einen kleinen Laden in der Nähe des Lake Calumet. Auf dem Zettel im Glückskeks stand: ›Möchtest du einen Job?‹« »Und du wolltest.« »Ich wollte. Wofür sonst war ich gut? Seitdem bin ich dabei- geblieben.« Sie strich mit der Hand an ihrer Seite entlang, über den Satinbustier. »Und sieh dir nur die schicken Kleider an, die ich trage.«, »Wer war das?« fragte ich. »Wer hat dir das getan?« »Ich hab's dir gesagt – irgendwelche Leute. Böse Leute, die ihre eigenen Ziele verfolgten. Erwartest du etwa, daß ich dir irgendeine geheime, allmächtige Organisation nenne? Modron? Nimbus? Irgendein Atman-Projekt? Das sind nur Entschuldi- gungen. Moderne Dämonen, Dinge, die in technologischen Wäldern hausen, Kinder aus feudalen Apartments stehlen und in Cybersklaven verwandeln. Buhmanntech. Netzfreaks, die zu Mythen erhoben wurden. Erzähl mir ja nicht solchen Mist, Ambrose. Das vertrage ich nicht.« Die Erwähnung von Nimbus ließ mich nicht zusammenzuk- ken, doch fragte ich mich, inwieweit Nimbus in ihre Geschichte verwickelt sein mochte. Eines Tages würde ihre Wut vielleicht das geeignete Objekt finden. Aber war das möglich? Jeder von denen, die ihr diese Dinge angetan hatten, war längst ver- schwunden – oder selbst ein Opfer geworden. Es war niemand mehr übrig, den man hätte hassen können. Es sei denn, der Haß galt jedermann. Sie musterte mich. »Nun, Peter, kennst du mich jetzt?« »Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte ich. »Nach der Ge- schichte hätte ich jemand anderen erwartet. Jemanden, der ängstlicher ist. Ich bin froh, daß du noch immer leben kannst.« »Danke, Peter.« Sie streichelte für einen kurzen Augenblick meinen Handrücken. »Schreckliche Dinge wurden mit mir getan, glaube ich. Aber was hat Sartre gesagt? Wichtig ist nicht das, was mit uns geschieht, sondern wichtig ist alleine, was wir mit dem anfangen, was uns geschehen ist.« »Und was hast du damit angefangen?« fragte ich, ohne zu wissen, wer Sartre war., Ihre Mundwinkel rutschten nach unten. »Willst du nach al- lem andeuten, daß ich genau das bin, als was sie mich haben wollten?« »Ich habe doch nicht…« »Oh, es ist schon in Ordnung.« Sie sprang von der Couch auf und ging hinüber zu einem kleinen Schminktisch mit Spiegel. Sie setzte sich und begann, winzige Fläschchen und Döschen aus einer Schublade zu nehmen. »Gideon kommt bald her. Ich glaube, ich kann ihn jetzt so nennen.« Sie zog sich selbst eine Fratze im Spiegel und begann sich schnell und geschickt zu schminken. Ich habe Frauen schon immer gerne beim Schmin- ken zugesehen. Es sah genauso aus wie eine Katze, die sich putzt. »Er geht mit mir aus. Seine Frau ist heute an irgendeiner Wohltätigkeitsaktion beteiligt. Es geht um verlassene Kinder oder so etwas. Sie beschäftigt sich sehr intensiv damit.« Sie verteilte irgendwelche funkelnden Kristalle unter ihren Augen, und sie verschwanden vollständig, spurlos. Sie lächelte mich im Spiegel an. »Ein ganz spezieller Stil. Das ist IR-Make-up, bei normalen Lichtwellen unsichtbar. Es offen- bart sich nur auf Kontrollbildern. Du erkennst auf meinem Gesicht einen Schmetterling, wenn du mich durch eine Infra- rot-Sicherheitskamera betrachtest.« Ich sah sie an. Was war das für eine Frau, die ein Make-up benutzte, das nur für jemanden sichtbar wurde, der mißtrau- isch, ängstlich oder paranoide war? »Wo geht ihr denn hin?« wollte ich wissen. Sie seufzte schicksalsergeben. »Zu irgendeiner Feier. Als Heo bei Tran2 wird Gideon zu allen möglichen Anlässen eingeladen. Er geht kaum hin, und wenn er es tut, dann nimmt er seine, Frau mit. Dies hier ist eigentlich ungewöhnlich.« Sie schwang mit ihrem Sessel herum. »Bitte geh, Peter. Zieh dich an und geh. Ich melde mich später bei dir.« Ich schlüpfte langsam in meine Kleider und verließ die Wohnung. Ich hatte heute nacht selbst etwas vor, bei Sister Death. Priscilla sah mich nicht an, als ich hinausging. KAPITEL 17 »Ich glaube, anfangs war alles für ihn nur ein Spiel.« Slip San- derson blieb vor einem hohen Stahlregal stehen, das von gene- rationenlang auslaufenden Schmierstoffen und Batteriesäure aus den dort aufbewahrten Reinigungsmaschinen korrodiert war, und ließ seinen Blick über sie hinweggleiten, als suchte er etwas, das er verlegt hatte. »Eine Erweiterung irgendeiner Ernährungsmodifikationsmethode, weißt du? Hasp hat derarti- ge Dinge ernstgenommen. Ich habe Brokkoli nie richtig ge- mocht, nur als Beispiel. Die Beschaffenheit, nicht den Ge- schmack. Der Geschmack ist ganz okay, aber du wirst nie erleben, daß ich mir einen abbreche, um das Zeug zu essen.« Bunt gefärbte Rohre verästelten sich über unseren Köpfen und transportierten krankenhaustypische Substanzen: Sauerstoff, Stickstoff, Wasser, Vakuum. »Mir geht es so mit Marmelade«, sagte ich. Slip öffnete eine Tür, und ein kalter, feuchter Wind umwehte uns. Wir befanden, uns in den Fluren unter Sister Death, der Basis von Slips eige- nem Reich. Slips Augen funkelten für einen kurzen Moment, dann trat er über die Schwelle. Ich folgte ihm. »Hm, ich selbst mag Marmelade auch. Aber man kommt auch ohne aus, stimmt's? Wie dem auch sei, zuerst pflegte Hasp rohes Fleisch zu essen. Egal welches oder wie frisch es war. Große Stücke. Neolithische Diät nannte er das. Er bekam davon schrecklichen Mundgeruch.« In dem endlosen, grell erleuchteten Flur roch es nach tan- kerweise geliefertem industriellen Desinfektionsmittel, und die Muster im Fußboden waren vom Schlurfen unzähliger Füße abgenutzt. Ich hatte niemals den Wunsch gehabt, hierher zu kommen. »Slip, ich brauche …« »Aber das reichte ihm nicht, o nein, nicht Hasp.« Slips Stimme klang gehetzt. Ich betrachtete die Rückseite seines runden Schädels. Er war im Laufe der Jahre noch größer ge- worden und ähnelte nun einem riesigen, grausamen Baby. »Er steigerte sich. Fing an, sich hier einzuschleichen. Er war dazu autorisiert, trug sogar Programmverantwortung. Er benutzte die Bahren als Eßgeschirr, verdammt noch mal, als Rechaud. Klemmte sich ein Krankenhauslaken unters Kinn und haute rein. Lebern, Herzen, Bauchspeicheldrüsen, was du willst. Es schmeckte ihm sichtlich. Das reinste Ambrosia. Er konnte keine normalen Speisen mehr vertragen. Nach einem Hamburger hätte er sicher gekotzt. Oder nach einer Möhre. Nach Tofu. Egal was.« Slips hysterische Geschichte war interessant, denn als ich ihn vor einigen Jahren kennenlernte, war er ein Ghoul. Ich glaube, das klingt wie ein Reizwort. Dabei meine ich es eher deskriptiv., Eine mentale Prothese, ein Virt, ist ein unglaublich teures Gerät, allerdings fast immer auch ein illegales. Es verliert seinen Wert nicht deshalb, weil die Person, deren Gehirn es aufge- motzt hat, gestorben ist. Wo es einen Markt gibt, operieren immer Händler. Slip dachte sich schon frühzeitig nach Beginn seiner Karriere bei Sister Death, daß die Hinterbliebenen, wenn die Leiche mitsamt Schmuck und goldenen Zahnfüllungen geliefert wurde, sich vermutlich nicht die Mühe machten nach- zuprüfen, ob der Feinproprioperzeptions-Prozessor, den Onkel Frank sich verbotenerweise ins Kleinhirn hatte installieren lassen, immer noch vorhanden war. Vor allem dann nicht, wenn Onkel Frank sich niemals dazu geäußert hatte. Slip kam auf die Idee, einen neuralen Gebrauchtteilehandel aufzuziehen. Ich war völlig am Boden gewesen, als ich ihn kennenlernte. Ich hatte den Zusammenbruch meiner Ehe und mein bisheriges Leben halbwegs überstanden und klammerte mich an das einzige, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte: meine alten neural-manipulativen Fähigkeiten. Slip und ich waren einander nützlich gewesen, er, indem er Virts aus toten Schädeln holte, ich indem ich sie in lebendige hineinsteckte. Nun stattete ich ihm wieder mal einen Freundschaftsbesuch ab, und er wußte verdammt genau, daß dies nicht ohne triftigen Grund geschah. »Hasp versorgte sich ausschließlich mit Material abgeschlos- sener Fälle. Dinge, die niemand sich noch einmal ansehen wollte. Er hatte es vor allem auf Tumore abgesehen. Meinte, sie schmeckten wie Trüffeln.« Er warf mir einen prüfenden Blick zu, um sich zu vergewissern, ob ich angeekelt reagierte. »Ich weiß nicht, wie Trüffeln schmecken, Slip.«, Er zuckte die Achseln. »Wer zum Teufel weiß das schon? Ich weiß noch nicht mal, was das ist. Wie dem auch sei, irgend jemand erwischte ihn – ließ sich einen alten Autopsiebericht kommen und fand eine Leber, aus der einige Bissen fehlten. Sie kamen ihm auf die Spur und begriffen, was er war. Jagten ihn dann durch die Hallen hier. Ich hab's auf Video, wenn du es dir mal ansehen willst. Zwar aus der Hand gefilmt, aber ziemlich ruhig, gar nicht so übel. Ein paar Kopien wurden sogar in der Mall verkauft. Am Ende schloß er sich in einem der Räume hier unten ein und weitete den Umfang seiner Modifikationen noch aus … und verspeiste sich selbst. Jedenfalls teilweise, wobei er ganz unten anfing. Schließlich fraß er sich durch seine Ober- schenkelarterie, verblutete und trank dabei die ganze Zeit. Das beste Dinner, das er je hatte, nehme ich an. Als sie die Tür aufbrachen, war nicht mehr sehr viel von ihm übrig.« Slip grinste mich an. An einem seiner Vorderzähne klebte ein Stück Salatblatt. »Der arme Hasp.« »Der arme alte Hasp.« Wir kamen schließlich zu einem Operationssaal, in dem ge- rade eine Autopsie vorgenommen wurde. Die Tür war ver- schlossen, und zwei Chicagoer Polizisten in Uniform standen davor. Slip deutete mit einem Kopfnicken in ihre Richtung. »Schon wieder so ein verdammtes Mordopfer. Sie wurde heute in ihrer Wohnung aufgefunden, mit eingeschlagenem Schädel. Jedenfalls ließ die Polizei etwas Derartiges verlauten. Jemand glaubt, es war ein Serienmörder. Schöne Scheiße.« Mir lief es kalt über den Rücken, als hätte Slip mich gerade an die Polizei verraten. »Ein Serienmörder?«, »Ja, aber ohne den üblichen Modus operandi. Ein Opfer wur- de erwürgt, das andere erschlagen. Hab' keine Ahnung, weshalb sie glauben, es sei nur einer gewesen, der beide erledigt hat. Aber zum Teufel, ich begreife sowieso nicht, weshalb die Cops das tun, was sie tun. Ich kümmere mich nur um die Leichen.« Er führte mich in ein tristes unterirdisches Büro mit mehre- ren ramponiert aussehenden alten Stahlschreibtischen und Aktenschränken. Wasser gurgelte in den Rohren, die aus dem feuchten Fußboden herauskamen. Der halbe Raum war mit sterilen Tupfern gefüllt, die andere Hälfte vom Wasser ruiniert. Das, so wußte ich, war nicht Slips richtiges Büro. Das richtige befand sich hoch oben im Atman-Gebäude, besaß große Fen- ster und einen Dentiformschreibtisch mit Beinen aus ver- schlungenen Eberzähnen. Aber die Person, die jenes Büro benutzte, war eine andere als die, die ich einst gekannt hatte. Die Person, die ich kannte, hatte hier unten gelebt. »Jetzt weißt du Bescheid, Peter. Ich kann hier wirklich nicht viel für dich tun.« Er sah mich nicht an, statt dessen öffnete und schloß er seine Schreibtischschubladen. »Der Wachdienst hier ist verdammt streng, wenn du weißt, was ich meine.« »Das weiß ich«, sagte ich. »Ich weiß auch, daß du bevorrech- tigten Zugang hast. Du weißt, wie man rein und wieder raus kommt.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist nicht mehr so wie in den alten Zeiten. Ich kann mich nicht mehr so einfach reinschleichen, weißt du. Da oben ist alles dicht. Unüberwindlich. Da gibt's kein Durchkommen.« »Du weißt, was wir anbieten.« »Sicher, und ich bin dir und deinen … Leuten wirklich, dankbar, Peter, ganz ehrlich. Aber ich kann nicht …« Slip blieb standhaft und unbeugsam. Ich kannte nicht den Grund dafür, aber ein guter dürfte es nicht gewesen sein, denn ich wußte, daß es immer noch Wege gab, wie man bei Atman reinkommen konnte. Es lag an der Bauweise des Betriebes, und Slip wußte ebenfalls Bescheid. Ein Gebäude ist ein komplexes System. Zu komplex, als daß der menschliche Geist es verstehen könnte. Es wird von Scharen von Leuten entworfen, die sich erfahrener Softwareassistenten bedienen – Weichärsche werden sie auch genannt. Wasser- und Abfallrohre schlängeln sich zwischen Versorgungs- und Heiz- leitungen hindurch. Software-aktivierte Sicherheitsschlösser reagieren auf infrarot-gesteuerte Bewegungsmelder. Bei Atman hatte jemand Ausgangs- und Eingangswege durch das System eingefügt. Die Sicherheit bei Atman war niemals so gut gewe- sen, wie die Leute annahmen – dazu war der ganze Laden viel zu schlecht organisiert. Zeit für Plan B. Ich liebe es, stets einen Plan B parat zu ha- ben. »Ich sollte dir etwas verraten, Slip. Die Sicherheit bei Sissy- D ist nicht so perfekt, wie sie sein sollte.« Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. »Vor nicht allzu langer Zeit stieß ich auf vom Militär ausgemusterte Aggression/Attacke-Module, die unten bei Mysteries zum Kauf angeboten wurden. Es ist ziem- lich schwierig, diese alten psychotomimetischen Virts zu finden, wie du wahrscheinlich weißt. Es sind echte Klassiker, neurale Duesenbergs. Einige Leute sind immer noch verrückt genug, damit zu handeln.« Slip Sanderson war plötzlich ganz still. »Unten in der Mall of the Mysteries wird alles mögliche verhökert. Ausgerechnet dort., In wessen Laden hast du sie gesehen?« »Das tut nichts zur Sache.« Im stillen dankte ich Lemuel da- für, daß er dafür gesorgt hatte, in meiner Schuld zu stehen, indem er mich an TerAlst verriet. »Nur ein Irrer würde einen Aggatt installieren, es sei denn, jemand hält ihm eine Pistole an den Kopf. Der Virt könnte vielleicht für einen Neuralhobbyi- sten von Interesse sein, der zu Hause am Wochenende Versu- che zur mentalen evolutionären Regression an Eidechsenhirnen vornimmt. Aber es scheint, als gehörten sie drei Saufkumpanen, allesamt Jemen-Veteranen. Ursprüngliche User aus einem der früheren Projekte. Der Fahrer setzte ihren Wagen vor einen Brückenpfeiler auf dem Northwest Expressway. Sie hatten den Autopiloten des Fahrzeugs neutralisiert und fuhren ohne Kon- trolle. Aggatts stören gelegentlich schon mal die Motorkontrol- le, wußtest du das? Ganz zu schweigen von dem Streß, den sie auf dein endokrines System ausüben, bis es zusammenbricht. Diese Kerle mußten die reinsten Wracks gewesen sein, als sie in dem Wagen saßen, zitternd und krank von der Nebenwirkung eines Biers. Verdammte Schande. Aber all das mußt du wissen. Schließlich wissen wir beide sehr genau, wo die Körper zwecks Autopsie und anschließender Organverteilung gelandet sind.« Slips Gesicht verschloß sich. »Ich überwache nicht jede Lei- che, die eingeliefert wird.« »Oh, das weiß ich, Slip. Ich bin sicher, das weiß jeder.« Jemand hatte Mist gebaut, vermutete ich, hatte ein kleines privates Geschäft gemacht, ohne Slip daran zu beteiligen oder ihn auch nur zu informieren. Dumm, wenn es so war. Von diesen alten Aggatt-Hypothalamus-Virts waren nicht mehr viele übrig, und jeder war ein regelrechter Grabstein gewesen., Ich erinnerte mich. Die Virts waren leicht aufzuspüren. Es war keine ausgiebige Korrelationssuche nötig gewesen, um darauf zu stoßen, wem sie mal gehört hatten und wo die Leichen gelandet waren. Aber die Feds reagierten noch immer empfindlich auf alles, was mit dem Jemen zu tun hatte. Wenn das herauskam, gäbe es eine gründliche Untersuchung, die sich auf das gesamte Büro erstreckte. Slip konnte sich das nicht leisten, ganz gleich, wie oft er sich die Hände gewaschen hatte, um den Leichengeruch loszuwerden. Ich würde gerne berichten, daß sich auf seiner Stirn Schweiß bildete, aber er blieb so kühl wie Marmor. Wie viele andere Manager auch hatte Slip seine Schweißdrüsen im Interesse eines guten dienstlichen Auftretens verringern lassen. Man kann sofort erkennen, wer diese Leute sind: Sie fallen während des Softballmatches anläßlich des Betriebsausflugs am Vierten Juli um wie die Fliegen. Er war auf seltsame Art und Weise froh gewesen, mich zu sehen. Ein alter Kumpel, der sich nach langer Zeit wieder mal blicken ließ und bereit war, über die alten Zeiten zu reden. Nachdem unser Geschäft erledigt war rechnete ich beinahe damit, daß er mich zu einem Bier einladen würde. Nur um jemanden zu haben, mit dem er sich unterhalten konnte. Je älter wir werden, desto schneller gehen uns die Leute aus, mit denen man schwatzen kann. Statt dessen hatte ich seine Schwachstelle erwischt. Sogar ei- ne alte Schildkröte wie Slip Sanderson hatte ein paar schwache Punkte, und ich ahnte, daß ich einen solchen gerade genau getroffen hatte. Fast hätte ich ihm meine Hand entgegenge-, streckt und gesagt, er solle alles vergessen. Wir könnten ruhig ein Bier trinken gehen. Oder sonst was tun. Nichts von dem, was ich erzählt hatte, sei wichtig. Statt dessen beobachtete ich, wie seine Gesichtshaut sich straffte, als würde sie von einem nicht spürbaren Wind ausge- trocknet. Ich fragte mich, wo er wohnte, wenn er nicht hier war. Ich wußte noch nicht einmal, ob er eine Ehefrau hatte, ob er an den Wochenenden Golf spielte, was auch immer. Es war egal, sagte ich mir. Es tat nichts zur Sache. »Na schön, Peter. In Ordnung. Eine Sekunde nur, wir holen es.« »Du bekommst die volle Summe …« »Brich dir keinen ab. Vergiß es.« Er verließ schlurfend das Büro und ließ mich in dem fluores- zierenden Licht zurück, das überhaupt nicht wirkte wie Licht, sondern wie die andere Seite der Dunkelheit. Machte er jetzt vielleicht einen kleinen Spaziergang hinüber zu den Polizisten, die die Autopsie von Lori Inversatos Leiche bewachten? Ich umklammerte die Armlehnen meines Sessels, um zu verhin- dern, daß ich aufsprang. Die Wasserrohre rumpelten und gurgelten. Ein Klappern im Flur, und Slip rollte ein Terminal auf einem Karren herein. Es war ein modernes Gerät, mit schwarzer Folie zugedeckt. Er schloß es an. »Sie machen sich Sorgen, daß er dieses Opfer auch in die Luft sprengen könnte.« »In die Luft sprengen?« »Hast du nicht gehört? Dieser Serienkiller kann alles. Er sprengte seine letzte Leiche in die Luft, ehe sie sie einer Autop- sie unterziehen konnten. Wie findest du das?« Diagramme, erschienen auf dem Monitor. »Es gehen Gerüchte um, daß es jemand von ganz oben ist, der eine Menge Kontakte und Bezie- hungen hat. Vielleicht sogar jemand bei der Polizei selbst …« Ich setzte mich vor den Schirm und begann, gesicherte In- formationen aufzusaugen. Atman war ein Labyrinth von inter- stitiellen Räumen. Der Raum, der von Menschen eingenommen wurde, stellte die kleinere Hälfte dar. Ich plante eine Route durch Hintertüren, die von meiner alten Verkommenheit errichtet worden waren. Die meisten verantwortlichen Leute waren vermutlich längst bezahlt und hatten sich zur Ruhe gesetzt, aber ihr Erbe blieb erhalten. Tigranes hatte mir mitgeteilt, wohin wir wollten, aber nicht, wer seine Kontaktperson bei Atman war. Wenn es nach ihm ging, wenn ich es nicht zu wissen brauchte, dann sollte ich es auch nicht wissen. Aber ich wußte, daß dieser Person klar war, wer ich war und mir diese Virts geschickt hatte. Ich mußte herausbekommen, wer es gewesen war. Die Ebene, in die Tigranes und ich eindringen wollten, wur- de vollkommen von einem Labor ausgefüllt. Neben einer Men- ge anderer Daten speicherte ich die des Personals des Labors in Tigranes' Datenkäfer ein. Sobald das erledigt war, spuckte das Terminal den Daten- Käfer wieder in meine Hand. Ich schloß meine Finger darum wie ein Kind um ein Bonbon. Slip lächelte mich nichtssagend an. »Hast du, was du brauchst?« erkundigte er sich. »Keine Ahnung. Wir werden sehen.« Ich wußte nicht was, aber irgend etwas stimmte nicht. Slip hatte sich geweigert, als er genau das nicht hätte tun sollen, und er hatte kapituliert, als er, es nicht hätte tun dürfen. Nun war er das Entgegenkommen in Person. Und einfach so, wie eine unwillkommene Erkenntnis, die sich einstellt, während man die lässige Art betrachtet, mit der eine untreue Geliebte ihren Mantel nimmt und unter ir- gendeinem fadenscheinigen Vorwand hinausgeht, wußte ich, daß er mich betrogen hatte. Die meisten Informationen auf dem Datenkäfer waren zweifellos korrekt, aber irgendwo gab es eine Falle. »Brauchst du sonst noch etwas?« fragte Slip. »Nein, Slip.« Ich legte den Datenkäfer in sein Etui. »Ich glaube, du hast mehr als genug für mich getan.« »Hast du bekommen, was du wolltest?« Sheldons Geliebter Arnie trug sein Hemd immer offen, obgleich seine Brust, offen gesagt, nicht so toll war. Er schüttelte sein langes Haar und trank einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, auf der das Bild eines zwinkernden Hector del Annas in Gauchokostüm zu sehen war. »Ja, ja.« Sheldons Apartment wurde allmählich gleichbedeu- tend mit zu wenig Schlaf. Ich rieb mir die Augen. »Du siehst aber nicht so aus.« Arnie setzte sich an den Früh- stückstisch und schob einen Stapel handgeschriebener Noten beiseite. Das oberste Blatt war ein Arrangement von ›Why Do You Do‹ von Chester Donato mit seiner krakeligen Unterschrift am Rand. »Nun.« Ich blickte auf den Schirm auf dem Tisch vor mir. »Wir wollen eben nicht immer das, was für uns am besten ist.« Er starrte mich an. Arnie wußte nicht, was er von mir halten sollte. Er war einfach zu geradeheraus., Sheldon kam aus dem Schlafzimmer. »Hast du, was du woll- test, Peter?« »Er hat bekommen, was er wollte, weiß aber nicht, ob es für ihn das beste ist«, erklärte Arnie. »Falls du verstehst, was das heißen soll.« »Natürlich verstehe ich das, Arnie.« So früh am Morgen sah Sheldon richtig verletzlich aus. Sein Gesicht wirkte noch kno- chiger als sonst. »Und was genau soll das heißen?« In Arnies Stimme schlich sich ein scharfer Unterton. »Nein … nichts, Liebling. Nun komm schon. Möchtest du noch Kaffee?« »Klar.« Arnie war bereit, sich besänftigen zu lassen, wenn man sich ein wenig Mühe gab. Er schaute aus dem Fenster. Ich sah Sheldon nach, als er schnell in die Küche ging. Das war eine Eigenschaft von ihm, die ich nicht sehr oft zu sehen bekam: der nervöse und empfindliche Liebhaber. Es gefiel mir nicht, aber mir gefiel auch alles andere nicht, was von der Musik ablenkte. Ich betrachtete wieder den Schirm. Ein Name stand dort: He- lena Mennaura. Es war ein vertrauter Name. Ich hatte ihn auf Schriften über Symbolmanipulation und ähnliche Themen gesehen und nie intensiver darüber nachgedacht. Dieser Name schnitt nun wie ein Skalpell durch meinen Kopf. Ich wußte, daß sich Karin Crawford dahinter verbergen mußte. Ich erinnerte mich an sie, so scharf wie das Skalpell mit Horngriff, das ich als Symbol für sie entwendet hatte. Sie saß neben dem Gebäude der Hühnerfarm, das die Gruppe in Bessa-, rabien als Zuhause benutzte. Sie sonnte sich auf der Bank mit dem zerbrochenen Brett und zeichnete dabei mit einem Stock ein Diagramm in den Staub. Neben ihr auf der Bank lag ein dickes Buch. Sie beschäftigte sich mit einer Lieblingstheorie Straussmans über Gruppenidentifikation. »Man kann ethnische Gruppierungen künstlich erzeugen«, sagte sie, schüttelte ihr sorgsam geflochtenes Haar und ließ Silberlocken in der Sonne schimmern. »Binde ihre Identität an simple Sprachakzente und laß alle anderen ethnischen Gruppen sie dadurch identifizieren, und schon erhältst du eine emotiona- le Reaktion. Man kann die Reaktion sogar berechnen. Ein Schibboleth. So etwas wurde schon früher gemacht. Sehr sim- pel. Du kennst die Geschichte?« »Nein«, gab ich zu. Sie schüttelte den Kopf. »All diese gebildeten Männer. Wir haben all die Geschichten in der Kirche gehört. Du solltest wirklich öfter mal in der Bibel lesen, Theo. Du könntest etwas daraus lernen. In der Zeit der Richter führten zwei israelitische Stämme, die Ephraimiten und die Gileaditen, gegeneinander Krieg. Die Gileaditen kontrollierten die Furten des Jordan, und fliehende Ephraimiten versuchten den Fluß zu überqueren, wobei sie ihre Herkunft leugneten. Die Gileaditen verlangten von ihnen, das Wort ›Schibboleth‹ auszusprechen. Die Ephrai- miten sprachen einen anderen hebräischen Dialekt und konn- ten nur ›Sibboleth‹ sagen, und so wurden sie gefangengenom- men und erschlagen.« »Heißt Schibboleth irgend etwas?« fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts Wichtiges. Wichtig war nur die Aussprache. Wir können uns mit der rumänischen Aus-, sprache beschäftigen und innerhalb weniger Wochen fünf unterschiedliche Gruppen in Kishinyov schaffen.« »Innerhalb von Wochen?« staunte ich. »All diese Last der Erinnerung, einfach weg? Sie würden sich nicht daran erinnern, wer sie vorher waren?« »Das ist nicht so wichtig, wie es vielleicht erscheint. Du weißt ja, wie Gruppen entstehen, Theo. In der Armee. In einer Sportmannschaft. Im Sommerlager. Mit den richtigen Reizen entwickeln Menschen innerhalb von Minuten Merkmale für Gruppenmitglieder und Gruppenfremde. Sobald die allgemei- nen Begleitumstände verändert werden, ändern sich auch die Gruppen.« »Manche Gruppen halten sich viel länger«, sagte ich. »Es wä- re schon eine mittlere Katastrophe notwendig, um sie zu än- dern.« Sheldon stieß mich an. »Bist du in Ordnung?« Ich löschte Karin Crawfords neuen Namen, Helena Mennau- ra, vom Schirm. »Kannst du etwas für mich tun, Sheldon?« »Spuck's aus.« »Ich möchte, daß du heute noch eine persönliche Einladung von mir in den Club Le Moustier schickst.« Er sah mich zweifelnd an. »Eine Musikfreundin?« Ich erinnerte mich, wie Karin Crawford manchmal da saß und mir beim Klavier spielen zuhörte. Es gefiel ihr, obgleich ich den Eindruck hatte, daß es sie auch irgendwie mit Angst erfüll- te. »Eine Musikfreundin«, sagte ich. »Bitte, Sheldon.« »Kein Problem.« Er holte einen grauen Briefumschlag mit Goldrand hervor., Ich öffnete ihn und schrieb unter die Einladung: »Bitte komm. Ich muß mit Dir reden. Theo Bronkman.« »Bist du bereit, heute zu spielen?« Sheldon faltete die Einla- dung zusammen und verschloß den Umschlag. »Ich war nie- mals mehr bereit.« KAPITEL 18 »Sieh dir das mal an«, sagte Sheldon. Er hielt ein kompliziertes Blechinstrument hoch, das aussah wie eine Tuba, die eine Schlankheitsdiät gemacht hatte. Die Plakette des Herstellers funkelte silbern am Trichter. Wir standen in einer relativ ruhi- gen Ecke im Vorraum des Club Le Moustier und lehnten an den zusammengebrochenen Resten einer Zwischenwand. »Was, zum Teufel, ist denn das?« »Also wirklich, Peter. Man könnte meinen, du hast über- haupt keine Ahnung von Musikgeschichte. Das ist die B-dur Ophikleide, die von Barnabas Barabbas in dem RKO-Film Dark Summer gespielt wurde. Erinnerst du dich? Er spielte sie in jener Spielkasinoszene in Havana. Ein afrokubanischer Stan- dard mit diesem stampfenden Bandrhythmus, den sie für so vertrackt hielten, aber er machte seine Sache sehr gut.« »Wann wurde er gedreht … 1978?« Der Raum füllte sich allmählich, als der Lastenaufzug fast im Minutentakt Scharen von Gästen ausspuckte. »Ja, ich glaube schon. Er macht Paidea Forza mit diesem, Ding den Hof. Dann singt sie dieses Zeug aus Bahia und zieht sich völlig aus. Weißt du noch?« »Wie konnte ich das nur vergessen?« Er hatte tatsächlich fal- sche Clips von dem Film hergestellt. Er mußte Tage dafür gebraucht haben. Sheldon blies. Die Ophikleide hatte einen tiefen, leisen Trompetenton, auf seltsame Weise sinnlich. Eher geeignet, damit ein wolliges Mammut anzulocken als eine Frau, aber es gab keinen Grund, Sheldon gegenüber eine entsprechende Bemerkung zu machen. Er sammelte ein wenig Publikum um sich. Die Leute, die zu Le Moustier kamen, waren wild auf Musik und erwarteten, daß sie aus jeder möglichen Richtung an ihre Ohren drang. Ich konnte die goldgeränderten grauen Kuverts in ihren Händen sehen, Embleme unserer gemeinsamen Obsession. Es war etwas Besonderes, ein Stegreifkonzert im Vorraum geboten zu be- kommen. Sheldon hielt inne, verbeugte sich ausdruckslos vor den Ap- plaudierenden und packte das Instrument wieder in seinen mit Fell ausgeschlagenen Lederkoffer. Seine selbstbewußt kühle Art konnte nicht den freudigen Glanz in seinen Augen verbergen. Ich selbst verspürte ebenfalls einen sanften Schauer der Freude und Bewunderung. Die Luft fühlte sich dünner und kälter an, als wäre ich sehr hoch aufgestiegen und würde dort von auf eine vertraute, aber geheimnisvolle Landschaft hinabblicken. »Gehen wir«, sagte Sheldon. »Wir müssen uns auf der Bühne aufwärmen.« »Sicher.« Ich half ihm beim Tragen einiger seiner Instrumen- tenkoffer. Ein Pianist bringt nichts anderes mit als seine Finger, und ist daher ein wenig im Hintertreffen, wenn er seine Funkti- on demonstrieren will. Das Schleppen der seltsam voluminösen Lederkoffer verlieh mir eine sichtbare Legitimation, auch wenn ich nicht genau wußte, welche Instrumente sich in den Koffern befanden. Mehrere runde Türen führten durch die Wand vor uns wie die Mundöffnungen unterirdischer Ringelwürmer. Ihre mes- singgefaßten Türen ließen nur ausgewähltes Publikum durch. »Hey, Moment mal!« beschwerte sich jemand. »Das ist doch lächerlich. Ich bin mit ihr gekommen.« Ein großer Mann in einem teuren Anzug, dessen Halstuchhalter aus einem großen goldenen Adler bestand, bückte sich ein wenig, um einen der winzigen Asiaten anzubrüllen, die die Türen bewachten. »Sie hat eine Einladung.« »Tut mir leid. Sie nicht reinkönnen.« Er hatte seine Hand am Ellbogen einer Frau mit ernstem Ge- sicht und langem dunklen Haar, die dreinschaute, als wäre sie lieber an jedem anderen Ort, nur nicht hier. »Weshalb nicht?« »Sie keine Einladung haben.« »Aber ich habe Ihnen doch gerade erklärt, sie …« »Sie rein kann. Sie nicht rein.« Die Frau legte dem Mann eine Hand auf die Schulter. »Ich hab' dich gewarnt, Schatz. Sie lassen nicht zu, daß …« Er schüttelte ihre Hand ab. »Weshalb zum Teufel willst du denn dann rein? Verschwinden wir von hier. Wir können im L'Angouleme zu Abend essen. Dort kennt man mich.« Ihre Augenbrauen rutschten hoch. »Ich gehe rein. Ich treffe dich nach dem Konzert.« Die beiden Männer an der Tür nah-, men ihre Einladung entgegen, verneigten sich und komplimen- tierten sie hinein. Dann wandten sie sich mit kontrolliert freundlichen Mienen zu dem Mann um, bereit, ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen. Ihre Köpfe reichten kaum bis zu seinen Schultern. »Nein, das tust du nicht!« brüllte er ihr hinterher, machte kehrt und stolzierte hinaus. Die Menge applaudierte ihm, von seiner Vorstellung fast genauso begeistert wie von der Sheldons. Le Moustier existierte nur als vorübergehender Treffpunkt von Leben und Musik. Menschen, deren Leben einander nor- malerweise niemals nahe kamen, reagierten hier in diesem abgelegenen Ereignisraum. Die Türwächter, die nach genauen Vorschriften des Le Moustier agierten, trennten die eingelade- nen Gäste von Kollegen, Freunden und Bekannten und zwan- gen sie, den Club gesellschaftlich isoliert zu betreten. Die Musik versetzte sie in einen Zustand erregter Energie, und, indem sie direkt mit anderen Gästen Kontakt aufnahmen, entwickelten sie neue Bindungen und Beziehungen. Vor einiger Zeit war das Le Moustier zu einer Sensation ge- worden, und seither gierten alle nach einer Einladung. Erbost, da er wußte, daß nur ein kleiner Teil der Besucher sich für Musik interessierte, gewährte Sheldon jedermann Zugang und quälte die Gäste mit endlosen Konzerten monotoner tibetani- scher Gesänge, dargeboten von alkoholisierten Gassenstreu- nern. Der Höhepunkt war erreicht, als der weißbärtige Priester, der den Chor dirigierte, sich in den Schoß einer elegant geklei- deten Frau in der ersten Reihe erbrochen hatte. Le Moustier blieb nicht lange eine Sensation. Die Wächter nickten grüßend und winkten uns durch. Sie, waren Immigranten aus zahlreichen chinesischen Republiken, Königreichen, Domänen, Kriegsherrschaften, Komtureien, Hegemonien. Die meisten sprachen kein Englisch. Die anderen Angestellten kommunizierten mit ihnen mittels eines Geräts, das gesprochenes Englisch in holographische Ideogramme verwandelte, die in der Luft leuchteten. Die chinesischen Dia- lekte waren auch untereinander unverständlich, daher benutz- ten die Wächter das gleiche Gerät, um sich miteinander zu unterhalten, da die geschriebene Form immer die gleiche war. Einige von ihnen hockten in einer Ecke auf dem Fußboden und aßen Reis aus kleinen Schüsseln. In der Luft über ihnen flim- merten in schnellem Wechsel Ideogramme, die auf einen hefti- gen Disput hinwiesen. Wir kletterten auf die Bühne und blickten auf ein getüpfeltes Tuch aus unzähligen Gesichtern. Segmentierte Hubwagen hievten zusammengepferchte Zuschauergruppen in Ermange- lung normaler Balkone in die Höhe. Die Kranführer suchten ruckend ihre Positionen auf und gingen mit ihren ausgelassen kreischenden Ladungen um, als seien sie nicht mehr wert als Videobilder. Ich suchte Karin Crawfords Gesicht, ein Bemühen, das genauso vergeblich war, als wollte man ein bestimmtes Bonbon auf einem Fließband finden. Die Musiknoten auf dem Klavier stammten laut Informati- onstext auf der Rückseite von einem Musikverlag namens Aaron and Ismail in Beirut. Im Libanon. Der Text war franzö- sisch mit arabischen und hebräischen Anmerkungen. Auf der Rückseite befand sich die Darstellung eines Halbmondes, von dem Eiszapfen herabhingen. »Hey, Sheldon«, sagte ich und blätterte die Noten durch., »Das sieht aus wie Kairoer Retro-Hadschi-Zeug. Ägypto- syrische Wiedergeburt. Wie das, was die Leute in Topeka An- fang der neunziger Jahre spielten, von all diesen arabischen Immigranten in Kansas. Du weißt, Shara Shirkut, Aziz Mufuela, Bamboose, der Türke, diese Leute.« Ich liebte Sheldons Univer- sum viel mehr als die reale Vergangenheit. Es war üppig wie ein Regenwald. Sheldon schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber kein Stück, Pe- ter. Das hier ist Falafel. Französisch-arabische Musik aus dem libanesischen Bergland. Jüdische Siedler haben es komponiert, die Christen in den Städten haben es aufgegriffen, Moslems haben es verjazzt und in die Staaten gebracht. Mufuela hat zwei Platten dieser falafel-beeinflußten Musik mit seiner Gruppe aufgenommen, der Lecompton Constitution.« »Ach ja, stimmt«, sagte ich, obgleich ich keine Ahnung hatte. Er konnte mich jedesmal übertreffen. Wir begannen zu spielen. Es war merkwürdig, aber alles in allem nicht schlecht. Ausgiebige, komplizierte Gitarrenparts wechselten mit verwickelten Akkordfolgen, bei denen sich meine Finger verknoteten. Die ›blauen‹ Noten konnte ich vergessen, der Bläsersatz spielte arabische Vierteltöne und heulte und jaulte. Sheldon stand auf und übernahm ein Solo. Er spielte auf einer seltsam geformten Posaune mit silbernen Ventilen, die nicht nach normalen Noten gestimmt war. Ich konnte nicht entscheiden, wonach er sie gestimmt hatte, daher trifft die Behauptung zu, daß Pianisten sich die Ohren verder- ben, wenn sie dauernd den wohltemperierten Tönen ihrer Instrumente lauschen. Nach den zweiundzwanzig srutis indi- scher Musik? Oder nach irgendeiner hypothetischen Compu-, terserie? Also saß ich da, auf dem Präsentierteller, und spielte. Ich überließ Karin Crawford – die sich nun Helena Mennaura nannte – die Entscheidung. Ich saß vor ihr, sichtbar und ver- letzlich. Ich wußte, wenn ich sie verfolgt hätte, nach Hause oder zu ihrem Büro bei Atman, und sie zur Rede gestellt hätte, wäre sie starr und abweisend geworden und nicht mehr ansprechbar. Sie hatte es immer geliebt, Dinge auf ihre Art und nach ihrer Zeiteinteilung zu erledigen. Ich hatte keine Ahnung, ob sie da draußen im Publikum saß, und wenn, ob sie ein paar Augen- blicke hier blieb, ohne sich zu erkennen zu geben. Deshalb spielte ich. Die Nacht schritt voran, während wir mit unserer Musik an ihr sägten. Auf mein Kopfnicken hin brachte ein Kellner Raki, bitteren Anislikör aus dem gleichen mythischen, fremdbe- herrschten Libanon, aus dem die Musik stammte, und jeweils dazwischen Tassen mit starkem türkischen Kaffee. Während wir spielten, konnte ich sehen, wie der allzeit skeptische Wy- nans aus Leibeskräften in sein Tenorsaxophon blies. Ganz gleich, ob er an Sheldons alternatives Universum glaubte oder nicht, im Augenblick schien er offensichtlich an ihre Musik zu glauben. Die Pausen zwischen den Auftritten waren lang, weil es die ganze Nacht weiterging und die Musik nur ein Teil des Pro- gramms war. Ich schlich mich von der Bühne und mischte mich unter die Menge. Der Club Le Moustier nahm ein, was noch vor kurzem das siebzehnte bis neunzehnte Stockwerk des Büroge- bäudes gewesen war. Durchgänge und Räume führten vom Hauptsaal weg wie vagabundierende Pseudopoden. Nichts war, mehr von dem Betrieb übrig, dessen Angestellte vorher hier gearbeitet hatten. In einem runden Raum saß ein Mann, dessen Kleider mit farbigen Punkten phosphoreszierender Pilze bedeckt waren – Ruinoform, der neueste Trend, die logische und transzendente Auflösung von Organiform. Seine Wangenknochen wiesen einen matt orangefarbenen Bewuchs von Hautschimmel auf, und die Haut seiner Hände war geschwollen als wäre sie vom Licht einer Supernova verbrannt worden. Er bewegte sich nicht, sondern summte nur leise vor sich hin. »Er sieht aus wie exhumiert, nicht wahr, Theo?« sagte eine leise Stimme hinter meiner Schulter. »Genau wie alle anderen von uns.« »Helena«, sagte ich. »Bist du das?« Eine Hand legte sich um meinen Ellbogen und drückte ihn. »Jetzt bin ich es.« Ihre Stimme klang ein wenig bitter. »Mein Mann sagt Helena zu mir. Meine Tochter ebenfalls. Und ich habe mich nie richtig daran gewöhnen können.« »Das ist schlimm. Ich mag Peter Ambrose lieber, als ich den anderen Namen je gemocht habe.« Ich drehte mich um und sah sie an. Ihr Gesicht, früher voller Schärfe, blickte nun ernst. Sie hatte sich nicht die Mühe ge- macht, das Gesicht entscheidend zu verändern. Die kunstvollen, mit Silber umwickelten Zöpfe waren verschwunden und einem kurzgeschnittenen Lockenkopf gewichen, der den grauen Schimmer des Alters zeigte. Sie war außer Dienst, aber ihr hochgeschlossenes Kleid ließ sie noch immer aussehen wie eine Lazarettschwester aus irgendeinem Krieg, den man nur aus alten Filmen kennt., »Peter also. Na schön.« Wir schlenderten durch einen Flur und ließen den verfaulenden Mann zurück. Sie musterte mich mit suchenden Blicken. »Warum hast du ausgerechnet dein Gesicht verändert?« »Weil es wirklich meins ist. Ich bin nicht mit dem richtigen auf die Welt gekommen.« »Das ist lustig. Wenn die meisten Menschen ihre wahren Ge- sichter finden, sind sie aufregend attraktiv. Deins ist es über- haupt nicht.« »Du hast mich sofort erkannt, nicht wahr? Obwohl ich kein bißchen so aussehe wie damals in Fitzwater.« Ich war nicht beleidigt durch … Mennauras berühmt-berüchtigte Offenheit. Ich hatte dieses Gesicht selbst ausgesucht, und es war meins, selbst wenn es aussah wie das Gesicht eines dummen Bauern, der von jeder Aufgabe überfordert war, die über das Sortieren von Kartoffeln und Rutabagas hinausgeht. »Das stimmt nur zum Teil. Ich habe dich eher an der Art deines Spiels erkannt. Was du, wie ich denke, auch erwartet hast.« Wir stiegen auf einer schmalen Stahlleiter zu einer hängen- den Plattform hinauf, die mit Polstern bedeckt war. Von ir- gendwoher, weit weg, konnte ich wieder Sheldons Ophikleide hören. Es klang wie ein heulender Schrei aus dem Pleistozän. »Es tut mir leid«, sagte ich, während wir uns setzten. »Ich wollte dich nicht aus deinem Leben herausreißen, aber …« »Ich wurde bereits herausgerissen. Deshalb habe ich darauf gewartet, daß irgendwer zu mir kommt. Vor fast sechs Monaten erschien ein Mann bei mir im Büro bei Atman. Barney Wi- nooski lautete sein Name. Er schlurfte herein. Ein hochgewach-, sener, schlaksiger Mann. Ich erkannte ihn natürlich auf An- hieb.« »›Barney Winooski‹. Mein Gott, es wird immer lächerlicher. Es war Anthony Watkins.« »Genau der. Er sah furchtbar aus. Seine Haut war wie tot, beinahe losgelöst von seinem Fleisch. Seine Corneae hatten jenen milchigen Schimmer, den man vom exzessiven Elysion- genuß bekommt.« »Ein Nimbus, sagen einige Leute dazu. Man sieht einen Nimbus.« »Ja, richtig, das sagen sie.« Sie schien überrascht zu sein, als sei ihr diese Verbindung niemals aufgefallen. »Ich habe ihn offen gefragt, ob er zu mir kam, um seine Sucht loszuwerden.« »Und er hat gelacht.« Ich brauchte nicht einmal nachzuden- ken, wie seine Reaktion ausgefallen sein mochte. »Stimmt. Er wurde nicht wütend. Er lachte nur. Du kennst ihn ja, Peter.« »Wir alle kennen ihn. Er ist unser großer Bruder.« »Er hat sich uns nicht nacheinander auf die Brust gesetzt, um zu zeigen, wer der Chef ist, daher nehme ich an, es stimmt wohl. Er hat sich bedankt und meinte, daß er ganz alleine aufgehört habe. ›Ich hab' nur ein wenig mentale Stahlwolle genommen‹, sagte er. ›Überhaupt nicht schwer, wenn es sein muß. Ich hab' bei dem Prozeß ein paar Windungen eingebüßt, aber dort, wo die herkommen, gibt es noch mehr von der Sorte.‹« »Hat er gesagt, weshalb er aufgehört hat?« fragte ich und er- wartete, daß sie die paradoxe Wiederauferstehung Linden Straussmans, unseres zurückkehrenden Vaters, erwähnte und damit zu dem Thema überleiten würde, an dem ich interessiert, war. »Er sagte, wir würden ausgeforscht, nach Jahren der Nicht- beachtung. Das heißt, die Gruppe. Jemand sei hinter uns her. Jemand aus der Regierung. Ein getarnter Agent. Ein Luke.« Ich verspürte ein eisiges Frösteln. Sechs Monate vor Geraldi- nos Tod hatte jemand sich mit der Gruppe beschäftigt. Amanda TerAlst? Sie schien mir die wahrscheinlichste Kandidatin zu sein. Aber was hatte ihre Nachforschungen ausgelöst, wenn nicht die Ermordung Geraldinos? Vor sechs Monaten! »Hat er gesagt, wer es ist?« Sie schüttelte den Kopf. »Er war mehr darauf erpicht, mich zum Handeln zu zwingen, als mir irgend etwas zu erzählen. Du weißt ja, wie er war. Ist.« »Was für ein Handeln?« Ihre dunklen Augen waren groß, als sie mich ansah. »Er wollte uns finden. Uns alle. Jedes Mitglied der Gruppe. Ich war trotz allem am einfachsten aufzustöbern. Mein Gesicht ist fast dasselbe, desgleichen mein Beruf. Ich habe auch gar nicht richtig versucht mich zu verstecken. Ich glaube, ich redete mir ein, daß niemand je nach uns suchen würde. Oder daß man mich finden würde, ganz gleich welche Tarnung ich mir suchte. Aber ihr anderen wart verschwunden, hattet euch ausgelöscht und neu geschaffen. Für mich wart ihr alle tot oder hattet alles vergessen, was euch zu dem gemacht hatte, was ihr wart.« »Bis zu einem gewissen Grad«, gab ich zu, »stimmt das. Ich habe eine ganze Menge abgeworfen, um leben zu können. All die Kanten und Auswüchse, die mich ständig mit allem mögli- chen zusammenstoßen ließen.« Sie schüttelte den Kopf. »Warum willst du dann leben, wenn, das alles ist, was du übriggelassen hast?« Ich grinste sie an und riß den Mund auf, als hätte ich eine Maulsperre. »Ich habe außerdem die Neigung entfernt, mir diese spezielle Frage zu stellen. Es ist erstaunlich, um wieviel das Leben leichter wird, wenn man sich nicht mehr darum sorgt.« »Aber jetzt sorgst du dich, nicht wahr?« Sie blieb hartnäckig. »Ich hab's gehört – als du gespielt hast. Ich habe dein Spiel schon immer gemocht.« »Ich sorge mich wirklich – obgleich voller Hingabe zu spielen einfacher ist, als du glaubst. Deshalb habe ich dich herbestellt. Wir müssen es wissen. Wir alle. Charlie Geraldino und Lori Inversato wurden ermordet – Lori erst heute morgen.« Das Blut wich aus ihrem Gesicht und ließ ihre Haut schlaff auf den Knochen liegen. »Was … wie?« Demnach gab es also mehr als nur eine Art und Weise, wie man Dinge ignorierte, denen sich zu stellen schmerzhaft war. Ich hatte die Techniken des einundzwanzigsten Jahrhunderts angewendet, Modifikation und Unterdrückung von Erinnerungen. Helena Mennaura hatte sich der uralten Methode bedient, einfach nicht hinzuschauen. Ich zuckte die Achseln. »Du müßtest eigentlich in den Nach- richten davon gehört haben. Charlie … nun, die Polizei hat nichts verlauten lassen, aber ich hörte, er soll erwürgt worden sein. Ich weiß, wie Lori starb. Ich selbst habe ihre Leiche gefun- den. Sie bekam eins über den Schädel. Da war eine Unmenge Blut. Sie wollte jemanden treffen. Ich gewann den Eindruck, daß es … Daddy gewesen sein soll.« Überraschenderweise funkelte Wut in ihren Augen. »Daddy! Ist das nicht typisch von ihr? Sie wußte nie, wer zum Teufel sie eigentlich war – deshalb wußte sie auch nicht, wer andere, waren.« »Helena«, sagte ich. »Ich versuche dahinter zu kommen, was eigentlich vorgeht. Was im Augenblick passiert. Was in der Vergangenheit geschah …« »Es ist genauso wichtig. Warum sonst hast du soviel Mühe aufgewendet, dich zu erinnern? Es ist alles wieder da, Peter. Alles hat eine Bedeutung. Ich wußte es in dem Moment, als Anthony Watkins durch meine Tür trat und die Vergangenheit mitbrachte.« »Ich hoffe es«, sagte ich düster. »Ich hoffe ganz fest, daß alles eine Bedeutung hat.« Sie sah mich kopfschüttelnd an. »Du erinnerst dich noch immer nicht an alles – du denkst auch nicht daran, oder? Sogar an Dinge, die wichtig sind.« »Schon möglich. Also was hat Watkins …« »Du hörst mir nicht zu.« Nun, da ich Karin Crawford hinter ihrer Tarnung als Helena Mennaura hervorgeholt hatte, schien sie die Absicht zu haben, alles andere mitzubringen, und zwar Relevantes wie Irrelevantes. »Du mußt die Verbindung herstel- len. Erinnerst du dich noch an dieses kleine Mädchen, Tundra? Die in Fitzwater gestorben ist? Sie war eine Waise. Unadoptier- bar. Eine Waise, weil ihr Vater sie geschlagen und danach ihre Mutter und sich selbst getötet hat.« »Was …?« Der Kopf des kleinen Mädchens war von der Ge- walt, die sie erlitten hatte, deformiert gewesen, eingedellt wie ein Fußball mit zu wenig Luft. Sie war monatelang in einem Krankenhaus, mehrere hundert Meilen von Camp Fitzwater entfernt, abgelegt worden – es gibt kein anderes Wort dafür – schweigend, sabbernd, mit bedeutungslosen, aber seltsam, fließenden Bewegungen, die an den Tanz von Unterwasser- pflanzen erinnerten. Sie brachte das Krankenhauspersonal zur Verzweiflung – nicht länger menschlich, aber mit einem menschlichen Körper. Quälender Sand im Getriebe der Defini- tion, nicht lebendig, aber ohne Erlaubnis zu sterben. Keine Angehörigen, die sie besuchten. Abgesehen von den motorischen Schäden war sie aphasisch. Der Teil der linken Hirnhälfte, der Sprache verstand, war nicht mehr richtig mit jenem Teil verknüpft, der Sprache produzierte. Schäden an ihrem Sehzentrum hatten sie praktisch erblinden lassen, obgleich ihre Augen unversehrt waren. Auf Geheiß Straussmans hatte man sie ins Camp Fitzwater verlegt, welches, wunderbarerweise, in ›Fitzwater Rehabilitationszentrum‹ um- benannt worden war. Im Rahmen eines Experiments hatten Karin Crawford und ich der Kleinen einen Ersatzsprachprozessor implantiert, den Crawford selbst entwickelt hatte. Er besaß Ausläufer, die durch den Corpus callosum bis zur rechten Hemisphäre reichten, weiter in die Gyri cognate und zum Broca-Zentrum in der linken Hemisphäre – in der rechten Hirnhälfte findet man statt der Sprachfähigkeit das Musikempfinden. Eine Strukturanalyse half die funktionierenden Teile ihres visuellen Assoziationskor- tex zu identifizieren. Ich erinnerte mich an das kleine Mädchen mit dem grausam deformierten Gesicht. Eine rosa Schleife hing mit einer Klam- mer an den Überresten ihrer Haare. Ihr Name war eigentlich Tundra, aber als sie schließlich mit uns kommunizieren konnte, wurde daraus ein melodisches Vogelzwitschern. Patienten mit motorischer Aphasie können sich oft an die Texte von Liedern, erinnern, wenn sie sie singen, selbst wenn sie zu normaler Sprache nicht fähig sind. Dank der Unterstützung von Karins Implantat besaß Tundra diese Fähigkeit in extremem Ausmaß. Sie kommunizierte vermittels gesungener Worte, die tonale Informationen enthielten. Sie konnte Dinge sehen, die sich bewegten oder ›tanzten‹, aber nichts, das stillstand. Alles mußte rhythmisch, im Gleichklang, fließend sein. Ich, der Musiker, kommunizierte mit ihr mittels der seltsam- sten Duette, an denen ich je mitgewirkt hatte. Dennoch drang ich nur zum Teil in ihre Welt vor. Sie war eine Nation für sich. Niemand sonst in unserer Welt sprach oder verstand ihre Sprache. Das war vermutlich der Grund, weshalb sie eines Tages versuchte, mit der Sonne zu reden, indem sie aus einem Fenster sprang. Ich war es, der ihren winzigen Körper fand, bekleidet mit einem blauen Overall mit einem weißen Kaninchen auf der Brust. Sie lag auf dem Erdboden, die gebrochenen Gliedmaßen regungslos, zu einer bedeutungslosen Hieroglyphe erstarrt. »Ich erinnere mich«, sagte ich. »Aber du erinnerst dich nicht genug. Der Prozessor, den ich für sie anfertigte, war ein früher Typ, aber es war ein Typ, an dem ich seitdem ständig gearbeitet habe. Ich nenne sie Kunda- lini-Module. Nach den Lehren des Kundalini-Yoga gibt es sechs Zentren, oder chakras, die sich auf der menschlichen Wirbel- säule aufsteigend verteilen …« Mit halluzinatorischer Deutlichkeit erinnerte ich mich. Ein durchscheinender Virt lag in einer Nährlösung wie eine kei- mende Bohne, bereit für seine Installation. Auf der Rückseite fand sich ein winziges Symbol: sechs ineinander verschlungene, Kreise. Es war ein Virt, den ich von Sal Tigranes hatte. »Du hast mir diesen Virt geschickt!« sagte ich. »Du wußtest, daß Tigranes mir diesen Virt geben würde. Aber du hast einen Fehler gemacht.« »Welchen?« »Du dachtest, wenn ich das Muster sähe, würde ich mich an deine Arbeit mit den Kundalini-Modulen erinnern und wissen, daß du ihn geschickt hast, und mich mit dir in Verbindung setzen. Aber ich habe mich an nichts erinnert, Helena. Ich hatte ganz bewußt alles vergessen, jedes kleine Detail.« »Aber du hast mich gefunden. Trotzdem.« »Ja. Nachdem zwei von uns tot sind.« »Da steckt noch mehr dahinter, weißt du. Nicht nur sechs ineinander verschlungene Ringe. Das könnte auch ein Emblem auf einer Handtasche sein. Was in diesen Virts steckt … ich habe viel von Tundra gelernt. Das arme Kind.« Sie seufzte. »Vielleicht zuviel. Es kam so weit, daß ich alles nur noch als Symbol sah, als Zeichen von etwas anderem, das wirklich war. Alles repräsentierte etwas anderes.« »Apropos …« Ich faßte in meine Jackentasche und ergriff, was ich dort verstaut hatte. »Ich habe etwas von dir.« Ich holte das antike Skalpell mit dem Horngriff hervor. »Ich hab's ge- nommen.« Sie hielt es verblüfft in der Hand. »Ich hab' nicht mehr viele von diesen Dingern. Sie sind im Laufe der Jahre verschwunden. Das Stethoskop. Der Patellarreflex-Hammer. All die Dinge, die Ärzte früher besaßen, um sich kenntlich zu machen. Danke, daß du es zurückbringst. Du hast gut gewählt, weißt du? Für uns alle.« Ich mußte erschrocken hoch geschaut haben, denn sie, lächelte. »Oh, ich wußte es, Peter. Ich wußte es. Du wolltest Verbindung zu uns halten. Das schien vernünftig. Die kleinen Dinge, die du dir genommen hast … ich hielt das für richtig gut.« »Und ich hatte immer geglaubt, es sei ein Geheimnis.« Sie schüttelte den Kopf. »Keiner von uns hat Geheimnisse, jeden- falls keine richtigen. Da ist immer etwas in uns, das reden möchte.« Ich dachte darüber nach, fand ihre Argumentation aber un- aufrichtig. Vielleicht lag es auch nur daran, daß es schon Nacht war. »Was wollte Watkins von dir?« »Er ist ein seltsamer Mann. Ich glaube, das war er schon im- mer. Was er wollte – jedenfalls sagte er das – war ganz einfach, daß ich verstehe. Er wollte, daß ich die Wahrheit erkenne. Das war natürlich nicht alles. Er brauchte Geld, er brauchte Kontak- te, er brauchte Beziehungen durch die Daten, die mir zur Ver- fügung standen: geschützte Datenspeicher, die nicht auf norma- lem Weg zugänglich sind. Geld war am wichtigsten. Er brauchte es für sein ›Projekt‹.« »Linden Straussman zu finden?« »Oder ihn wieder zum Leben zu erwecken.« KAPITEL 19 Im milchfahlen Halblicht des frühen Morgens verlor alles seine Räumlichkeit. Wir schritten vorbei an scheinbar schwankenden Papierfassaden der Häuser. Die scharf umrissenen Stahlschie- nen der EL, die sich über uns spannten, verwandelten sich in, eine aufgespannte Papiergirlande, die Schulkinder als Schmuck für einen kahlen Christbaum gebastelt hatten. Helena Mennaura blickte durch das Schaufenster eines Stoff- ladens auf Berge gemusterten Tuchs. »Ich habe Darlene ein Kleid aus Stoff aus diesem Laden genäht«, sagte sie. »Das einzi- ge Kleid, das ich je selbst gemacht habe. Die Arbeit nimmt so viel Zeit in Anspruch … und weißt du, Peter, ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, was ich tue. Ich erinnere mich, daß ich mir in die Finger stach, als ich das Kleid nähte, daß ich schief säumte und alles wieder auftrennen mußte, daß ich mich abmühte, die verdammten Zeichen auf der geborgten Maschine zu verstehen – wer immer dieses verdammte Ding erfunden hatte, hätte auch Hirnoperationen durchführen können –, aber Arbeit … es ist beinahe, als wäre all das vor einer Million Jahren passiert, und ich erinnere mich noch nicht einmal daran. Das Kleid war nicht mal besonders toll. Es hätte einer Buckligen viel besser gepaßt.« »Ich bin sicher, daß deine Tochter sich darüber gefreut hat.« Mennaura hatte mir ein Bild ihrer Tochter Darlene gezeigt, ein süßes kleines Ding mit Zöpfen. Demnach hatte sie wenigstens Zeit, sich mit dem Haar ihrer Tochter zu beschäftigen. »Das ist ja das Lustige. Sie hat sich gefreut. Obgleich es nicht richtig saß. Sie nannte es Moms Kleid, und sie tat so, als hätte sie es sich gerade von mir geliehen. Als gehörte es einer Erwach- senen. Als ob ein Erwachsener eine solche Monstrosität jemals tragen würde.« Ein Klirren stampfenden Metalls und das durchdringende Kreischen irgendeiner Werkzeugmaschine erklang hinter einem Maschendrahtzaun neben dem Stoffladen. Es war das einzige, Geräusch auf der frühmorgendlichen Straße. Die EL-Schienen tauchten hier auf, flankiert von zwei kahlen, gekrümmten Klinkermauern. Während Mennauras traurige Mutteraugen die Brokatstoffe, den Taft und die feine Seide betrachteten, die niemals zu Kleidern für ihre Tochter verarbeitet werden wür- den, blickte ich auf den Schrottplatz unter den Schienen, hin- weg über die Wand aus Ailanthusästen, die sich durch den rostigen Zaun geschlängelt hatten, und versuchte zu erkennen, was da hinten los war. Der blendende Schein eines Schweißap- parats drang flackernd durch ein mit Draht verstärktes Fenster. »Ich arbeite bei Atman in einem Hochsicherheitsbereich.« Mennauras Stimme klang verträumt, als hinge sie einer Erinne- rung aus ihrer frühen Kindheit nach. »Daher habe ich dort eine sicherheitsbewußte Persönlichkeit. Wenn ich nach Hause komme, erinnere ich mich an … Ich weiß nicht. Imposante Klippen, umtost von Wellen, riesige schlurfende Puppen ohne Augen, Feuer, das über den Boden huscht. Es macht es einem so schwer, Arbeit nach Hause mitzunehmen … Und manchmal erinnere ich mich, was wir taten, damals, als wir alle zur Gruppe gehörten, und mir kommt es vor, als hätte ich euch alle dort zurückgelassen, vor ein paar Minuten erst.« Hochsicherheitsarbeiter litten unter einer multiplen Persön- lichkeitsstörung, wenn ihnen der Zugang zu geheimstem Wis- sen gewährt wurde. So wie Gideon Farley seinen Namen in Thomas Inman geändert hatte, die eigenen Gedanken ver- schlüsselt, lebten sie mehrere Leben, und nur eines davon ernst, ruhig, ausschließlich innerhalb der Mauern eines Sicherheitsla- bors verbracht, durfte die Geheimnisse kennen. Es reichte einigen Menschen, so schien es, an einem frühen Morgen nach, frischem Schneefall im Bett zu liegen, geweckt vom Knirschen gummibestiefelter Füße auf dem Gehsteig draußen, und sich darüber bewußt zu sein, daß ein Teil ihres Geistes, zu dem sie keinen bewußten Zugang hatten, von einer Wahrheit wußte, die immer völlig verborgen blieb. Ich hätte nie gedacht, daß aus Karin Crawford auch ein solcher Mensch werden könnte. »Vielleicht ist das da drin Karin Crawford, in diesem Labor«, sagte ich zu Helena Mennaura. »Dein altes Ich, immer noch am Leben.« Sie erschauerte. »Ich hoffe nicht. Diese Frau war schrecklich einsam. Und ich bin nicht mehr einsam.« Sie ergriff drängend meinen Arm. »Ich geriet in Panik, als Watkins auftauchte. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich konnte Mose, meinen Mann, nicht fragen, denn er weiß nichts von alledem. Und er glaubt immer, er könnte mich beschützen.« Dicht hinter dem Zaun waren in langen Reihen unzählige Autokühler aufgebaut und alterten im sauren Regen Chicagos. Ich konnte einige der emaillierten Logos erkennen: Hupmobile, LaSalle, Mercer, Dutyea. Eine Masse Autoteile war dahinter aufgestapelt, sortiert nach Baujahr und Fabrikat. Hatten sie 1957 tatsächlich Duesenbergs gebaut? Wer brauchte den Zylin- derblock von einem 1973er Crossley? Mein Blick wanderte weiter, blieb an einer schlanken, mit einer Plane bedeckten Form hängen. War das vielleicht ein 1979er Studebaker Regent, der Wagen, mit dessen Flügeltür Brock Stoller Leatherlips umgehauen hatte? Ich konnte nur das Funkeln einer glänzen- den Radkappe sehen. Dieser Maschinenladen, Temporal Requisition Inc., produ- zierte Vergangenheit. Nicht die echte Vergangenheit, die sich,, trotz allem, selbst produziert hatte. Statt dessen produzierten sie Artefakte aus zahllosen alternativen Vergangenheiten, und zwar auf Bestellung. Der Betrieb war berühmt für seine Genauigkeit in bezug auf historisch korrekte Metallegierungen und Ferti- gungstechniken. Er stellte alles her, von Wachsausschmelzmo- dellen aus dem von Shang-Chinesen beherrschten Mexiko bis hin zu Motorblöcken aus Monokristall. Von hier stammte Sheldons B-Dur Ophikleide, seine seltsame Posaune mit den silbernen Ventilen und die anderen merkwürdigen Geräte für seine Musik. Ich klammerte mich an den rauhen Rost des Maschendrahtzauns. Ich denke, er hinterließ auf meinem Gesicht seine braune Spur. »Hank Rush sollte mal herkommen«, sagte Mennaura und blickte über meine Schulter. »So wie eine Frau einen Juwelierla- den oder die Parfümtheke aufsucht.« »Was weißt du über Hank Rush?« Ich war plötzlich wach- sam. Von ihm hatte ich bisher keine Spur gefunden. Nur eine widersprüchliche Information von der armen Lori, daß er eine Art ›Fabrik‹ war. Hank Rush und Gene Michaud, obgleich ich nicht daran zweifelte, daß Michaud schon bald zum Vorschein käme, und zwar auf irgendeine unangenehme, wahrscheinlich gewalttätige Weise. »Erinnerst du dich an den Militärparkplatz in Lvov? Er war vollgestopft mit diesen alten Transportern, und Hank …« Sie begann zu lachen, ein ehrliches Gelächter mit zurückgelegtem Kopf. »Und Hank …« »Ich erinnere mich.« Ich lachte selbst. »Ich erinnere mich.« Hank hatte seinen Geist in ein riesiges Gerät verwandelt, einen Kran auf massiven Raupenketten. Zwei große runde Treibstoff-, tanks waren an die Basis angeschweißt worden. Er fuhr damit auf dem Parkplatz Amok und zerquetschte die abgestellten Transporter wie Eierkartons. Man brauchte nur ein paar Se- kunden, um zu erkennen, daß seine Maschine ein gigantischer, technobarocker Penis war. Rush hatte vor unwiderstehlicher Lust gekreischt. Klirrendes Glas, reißender Stahl und wildes Gelächter, alles verstärkt durch mächtige Lautsprecher. Am Ende war seine Maschine auf den Überresten des letzten Trucks zusammengebrochen und wurde von der verwirrten belorussi- schen Militärpolizei weggeräumt. »Es war eine ökologische Sache, meinte er«, erklärte Men- naura. »Sie kippten Giftmüll in nach Süden strömende Flüsse, um die ungarischen Truppen da unten zu vergiften. Die Was- serläufe waren voller toter Fische …« Sie schüttelte den Kopf. »Es wäre besser gewesen, er hätte keinen Grund für seinen Auftritt gehabt.« »Weißt du, wo er sich jetzt aufhält, Helena? Es ist lange her, seit ich das letzte Mal von ihm hörte.« »Er hatte sich unserem Leben auf dieser Erde verschrieben. Auf seine ureigene Art. Immer nur auf seine eigene Art. Ja, Peter. Ich weiß, wo er ist. Er lebt in Chicago. Das ist keine Überraschung, denn das tun wir offenbar alle, nicht wahr?« Es war mir gar nicht seltsam vorgekommen, aber nun er- kannte ich die Wahrheit in ihren Worten. »Er ist nicht mehr … ganz menschlich. Er hat lange daran gearbeitet, wie wir alle. Er wohnt unten in der Nähe des Lake Calumet, in den Sumpfgebieten, wo früher die ganzen Fabriken standen.« »Hat er eine Adresse?«, Sie schüttelte den Kopf. »Er wohnt nirgendwo. Nicht so wie wir jedenfalls. Er ist einfach dort. Such ihn auf, wenn du willst. Laß uns gehen. Ich sollte nach Hause zurückkehren. Jeder sollte jetzt gehen.« An der Straßengabelung – drei Straßen stießen wie be- schwipste Fußgänger im Nebel zusammen – war das Pflaster aufgebrochen und enthüllte die vergessenen Schatten der EL, ein Doppelband Straßenbahnschienen. Rauhe Pflastersteine, die sich ihren Weg durch sich auflösenden Asphalt bahnten, mach- ten darauf aufmerksam, daß unsere Welt nur ein oberflächli- ches Graffiti ist, das wir über eine völlig andere Wirklichkeit gekritzelt haben. Die EL stand auf der Straße wie ein angriffslu- stiger stählerner Tausendfüßler. Ihre alten Beine wurden von massiven Nieten zusammengehalten, deren Kanten durch Generationen von Farbe gerundet worden waren. Ein Zug polterte oben vorbei und schleuderte eine Handvoll Funken auf die Straße. Ich roch Frühstücksduft: frischgebackene Brötchen und Kaf- fee. Eine unleserliche Neonreklame beleuchtete ein beschlage- nes Fenster rot und blau. Morgendliche Kunden gingen durch die Tür ein und aus. Mennaura sah ihnen nach. »Darlene gefällt dieser Laden. Sie holt sich morgens auf dem Weg zur Schule einen Krapfen – irgendein armenisches Gebäck, sagt sie, glaube ich. Ich habe es nie probiert. Sie mag das Zeug. Ich selbst war noch nie dort drin.« Ein Schwall warmer Luft drang jedesmal heraus, wenn die Tür aufging. »Es sieht gut aus«, sagte ich und dachte an eine Tasse Café au lait. Und an armenisches Gebäck. War sie denn nicht neugierig, genug gewesen, um es wenigstens einmal zu kosten? »Das tut es, das tut es.« Sie ging weiter, und wir ließen das vom Dampf beschlagene Fenster hinter uns. Ich habe nicht herausbekommen, wie der Laden hieß. Ich fragte mich, ob Mennaura es wußte. Und ich fragte mich, weshalb sie dort nach ihrer Tochter suchte, als sei sie eine alte Freundin, die ihre Adresse geändert hatte und die man höchstens zufällig wieder- sah. »Er mochte heiße Schokolade, weißt du«, sagte Mennaura plötzlich. »Ich sah ihm immer zu, wenn er sie trank. Vor allem abends wollte er sie.« »Wer?« Eine altmodische gelb gestrichene Verkehrsampel mit einer balinesischen Mütze blinkte mir unter ihrem Crou- pierschirm hervor zu. »Oh …« Sie hielt inne. »Linden Straussman. Es war eine Art Gewohnheit. Du weißt ja, er hat nie getrunken, und ich glaube nicht, daß er überhaupt begriff, wozu Drogen da sind. Die Idee, sein Bewußtsein zu verändern, ergab für ihn keinen Sinn.« »Er war ein Mensch ohne physische Sünden«, sagte ich, in- dem ich mich an etwas erinnerte, das Watkins einmal gesagt hatte. Obgleich es meiner Meinung nach eher Unverständnis als Tugend war. Er hatte ganz einfach nicht begreifen können, welches Vergnügen andere beim Essen, beim Schlafen, beim Sex hatten. In unseren Augen hatte ihn das stark gemacht. Seine Sünden lagen woanders. »Ja, er hatte für diese heiße Schokolade wirklich etwas übrig.« Sie redete mit dem liebevollen Ausdruck einer Tochter, die sich nicht länger mit ihrem Vater herumschlagen muß. »Watkins denkt, daß Straussman Charlie getötet hat. Das, gleiche nimmt er wahrscheinlich auch von Lori an.« »Ich weiß. Er irrt sich. Er irrt sich gründlich.« »Wer hat denn dann …« »Pst, Peter! Wir sind fast zu Hause. Ich habe keine Ahnung, weißt du? Keine Ahnung.« Wir befanden uns in einer friedlichen Chicagoer Straße mit Einfamilienhäusern aus Klinker und Kalkstein und kleinen Veranden. Mennauras Haus war eine schlichte Schuhschachtel aus gelbem Klinker, mit grünem Steindach und einem herbst- lich leeren Blumenkasten unter dem Vorderfenster. »Komm rein, Peter«, sagte sie. »Es ist niemand zu Hause.« Im Haus war es still und ruhig. Alles wirkte adrett und aufge- räumt, bis auf ein paar Spielzeuge, die auf dem Wohnzimmer- teppich verstreut lagen: eine Puppe, deren Arme über den Kopf hochgebogen waren, ein Bilderbuch, eine Kugel mit Sternen darin. Die Sternenkugel war von einer Staubschicht bedeckt. Ein Photo von Mennauras Ehemann und ihrer Tochter – er ein massiger Samoaner mit vollem schwarzen Haar, sie eine schlan- ke, lächelnde Zehnjährige auf seinem Schoß – stand auf dem Kaminsims. Das Zimmer roch muffig, als sei schon seit längerer Zeit kein Fenster mehr geöffnet worden. Draußen schoben zwei Frauen mit hellem Turban auf dem Kopf Kinderwagen über den rissigen Gehsteig. Sie unterhielten sich angeregt und mit anmutigen Armbewegungen. »Helena«, sagte ich beschwörend. »Geh weg. Jetzt sofort.« »Wie bitte?« Sie wandte sich verwirrt zu mir um, als sei ich ein Kind mit einem exzentrischen Wunsch, einem Hotdog in Traubensaft oder so etwas. »Zieh aus. Nimm deine Familie mit. Du hast doch sicher ge-, nug Geld. Verlaß diesen Ort. Jetzt. Heute. Verschwinde von hier, so weit du kannst.« Sie schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich, Peter. Das weißt du. Ich habe einen Job … er ist sehr verantwortungsvoll … ich kann nicht so einfach aussteigen …« »Helena.« Ich ergriff ihre Arme. »Irgend jemand lauert da draußen.« Ich starrte aus dem Fenster, als könnte ich sehen, wer immer er sein mochte, wie er durch den Vorgarten zur Haustür kam, um zu klingeln. »Er hat schon zwei von uns umgebracht. Straussman, Watkins, wer, zum Teufel, es auch sein mag, ich weiß es nicht. Du kannst dir dieses Risiko nicht leisten. Du hast Familie. Sie brauchen dich.« »Das tun sie«, sagte sie leise. »Sie brauchen mich, um existie- ren zu können.« Sie gab sich einen Ruck und ging in die Küche. »Möchtest du heiße Schokolade, Peter? Ich habe gestern welche gekauft. Es war so eine Idee, ich weiß nicht weshalb. Es geht schnell, sie zuzubereiten …« »Helena …« »Ich kann jetzt nicht weg. Es ist zu wichtig. Keine Angst, uns passiert nichts. Mein Gott, ist es hier drin stickig.« Sie schob ein Küchenfenster auf. Ein kühler Wind wehte ins Wohnzimmer. Ich fragte mich, was Tigranes wohl sagen würde, wenn er wüßte, was ich tat. Ich setzte unseren Ausflug nach Atman aufs Spiel. Wenn Mennaura ihren Posten ohne Vorankündigung verließ, würden alle Sicherheitsmaßnahmen sofort geändert. Wir hätten keine Chance. Aber mir blieb wirklich keine andere Wahl. Ich mußte sie überzeugen … Die Spielsachen auf dem Fußboden gehörten eigentlich ei- nem Kind, das viel jünger war als das auf dem Photo. Ich be-, trachtete das Familienbild auf dem Kaminsims etwas eingehen- der. Auf Grund der modernen Bildbearbeitungstechnologien kann man nicht mehr erkennen, ob ein Photo manipuliert war oder gar vollständig künstlich erzeugt wurde. Waren diese Menschen echt? Selbst wenn ich nach oben ging und Moses' Unterwäsche in der Schublade fände, wäre das noch kein siche- rer Beweis. Darlenes Zimmer könnte voll sein mit kindlichen Dingen, zerlesenen Biographien berühmter Frauen, krakelige Notizen von Schulkameradinnen. Nichts davon hatte irgendei- ne Bedeutung, außer daß es Ausdruck einer gewissen Notwen- digkeit war. Wenn eine falsche Vergangenheit geschaffen wer- den kann, dann gilt das auch für eine falsche Gegenwart. Wir besaßen die Technologie, wenn das Bedürfnis vorhanden war. Ich betrachtete die verstaubte Sternenkugel und spürte ein Kribbeln im Nacken. Ein grünes Schulheft lag auf dem Rauchtisch. ›Darlene Tatu- pu, fünfte Klasse‹ stand darauf in sorgfältiger Handschrift. Die Buchstaben waren mit Schatten verziert, so daß sie dreidimen- sional wirkten. Was, wenn überhaupt, stand in dem Heft? »Möchtest du nun eine Tasse Schokolade?« Mennauras Stimme erklang direkt neben meinem Ohr. Ich zuckte zusammen. »Nein, danke.« Ich sah sie an. Ihr Ge- sicht war bedrückt, ernst. Ihr Geist war zu sehr von den darauf einwirkenden Kräften zerrissen worden: Fitzwater, Atman, ihr Leben. Die meisten von uns scheitern furchtbar bei dem Ver- such, auch nur eine einzige Person zu sein. Wie soll es da je- mand schaffen, mehr zu sein? »Mach schon, schlag es auf«, sagte sie. »Darlene ist fleißig. Sie hat sicherlich nichts dagegen, wenn du dir ansiehst, was sie, leistet.« »Nein, ich …« »Sieh es dir schon an, verdammt noch mal!« Sie ergriff das Heft und drückte es mir in die Hand. »Sieh hinein!« Ich schlug das Heft auf. Auf der ersten Seite befand sich eine kindliche Zeichnung von einer aufgehenden Sonne mit langen Strahlen. Ein kleines Mädchen in einem Kleid stieg zu ihr auf. Ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht. »War es nicht toll?« sagte Mennaura. »Daß sie so fliegen konnte? Ich hätte es nie geglaubt.« Als ich Tundras Körper vom Erdboden aufgehoben hatte, hatte er sich angefühlt wie ein Bündel zerbrochener Stöcke. Sie hatte überhaupt nichts mehr gewogen. Warum sollte sie nicht gedacht haben, daß sie fliegen könnte? Weshalb sollte Karin Crawford anders gedacht haben? Ich blätterte weiter. In makelloser kindlicher Handschrift, in verschiedenen Farben, las ich Gleichungen, die den Zustand neuraler Schaltkreise definierten. Zeichnungen von Nervenfa- sern erschienen wie Seetang, der sich um eine Wasserleiche gewickelt hatte. Ein mehrfarbiges Diagramm trug die Über- schrift: CORONALER SCHNITT DURCH FRONTALLAPPEN IM BEREICH DES HINTEREN NERVENSTRANGS. Ein implantierter Virt übertrug Prozesse in den Corpus callosum. Ein Teil davon trug die Bezeichnung »graue Hirnmasse«, der Rest ›Tapiokapudding‹. An den Rändern befanden sich kleine Zeichnungen und Ge- dichte. ›Ich mag Tod‹, umrankt von Herzchen. ›Darlene + Tod für immer‹, unter einem Baum mit der Bezeichnung ›Unter den Linden‹. Eine Liste der jüngsten Musikhits von Barclai. Zeich-, nungen von Katzen und Pferden. Abgesehen vom Inhalt sah es aus wie ein völlig normales Schulheft einer Zehnjährigen. Dann eine Grundrißzeichnung von einem Gebäude mit der Überschrift MEINE SCHULE. Es gab Stellen mit verschiedenen Bezeichnungen: ›Mrs. E's Zimmer‹, ›Wo ich im letzten Jahr brechen mußte‹, ›Trinkbrunnen mit Spritzflecken‹ und ›Wo die Jungen sich prügeln‹. Der Fleck war groß und befand sich auf den gesprungenen Fliesen über dem Trinkbrunnen. Ich konnte erkennen, weshalb ein kleines Mädchen gewisse Hemmungen hatte, daraus zu trinken. Ich wollte schon weiterblättern, als ich die Bildunterschrift entdeckte. »Das ist es, worauf es ankommt, Mann.« Ich blinzelte und sah genauer hin. Es war tatsächlich eine sorgfältige Zeich- nung der Sicherheitseinrichtungen rund um Mennauras Labor bei Atman Medical! Ein dunkles Gebilde befand sich in der Mitte, sorgfältig verschnürt und mit einem Schild ›Teerbaby-Ei‹ versehen. Eine kleine Gestalt mit angespanntem Gesicht schien mit ihrer Hand daran hängengeblieben zu sein. Das Gebilde war von krakeligen bunten Linien umgeben, daneben stand zu lesen: ›Das haben sie gestern geändert‹, und ein Datum. Das Datum von gestern. Ich sah Helena an. Sie blickte aus dem Fenster, und Tränen rannen über ihre Wangen. »Ich kann nicht weggehen, Theo«, sagte sie. »Wenn ich durch diese Türen bei Atman gehe, dann geben sie mir alles zurück, und ich bin wieder real. Ich tue meine Arbeit und bin real.« »Weißt du das genau?« »Es muß so sein«, flüsterte sie. »Ich kann mich nicht daran erinnern, aber ich weiß, daß ich echt bin.«, »Helena, bitte …« »Nein! Es gibt nichts, wovor man Angst haben müßte. Char- lie und Lori hatten ihre eigenen Probleme. Sie haben nichts mit uns zu tun, oder mit Mose und Darlene. Bitte geh, Theo … Peter. Bitte geh. Für dich gibt es hier nichts zu tun.« »Na schön, Helena. Steht dein Angebot noch? Die heiße Schokolade?« Sie lächelte trotz ihrer Tränen. »Natürlich, Peter. Ich mach' dir eine Tasse.« Während sie in der Küche hantierte, riß ich die Seite mit der Atman-Zeichnung aus Darlenes Heft und entschuldigte mich in Gedanken bei ihr, wer oder was sie auch sein mochte. KAPITEL 20 Die massiven steinernen Schachfiguren standen in einem kleinen Park, der von Gebäuden umsäumt war. Trockene Blumenbeete umgaben das Feld aus schwarzen und weißen Quadraten und bestimmten, wo der Kampf stattfand und wo nicht. »Komm schon, Paula. Komm schon, wirf das Ding!« Der ru- fende Junge, verwegen aussehend unter seiner mit einer Gold- medaille verzierten roten Baskenmütze, hielt sich an der linken Seite des etwas größeren Jungen, seines Beschützers. Ein schlak- siges Mädchen, wahrscheinlich besagte Paula, warf einen hellro- ten, grapefruitgroßen Ball. Er prallte von der steinernen Stirn, der Statue eines Mannes mit schütterem Bart und einem Kopf- schmuck mit der Aufschrift Tutmosis III ab, der als Turm der weißen Seite fungierte. Als der Ball wegsprang, verursachte er ein Geräusch wie zerbrechender Kristall. Der Junge kreischte begeistert und fing den Ball. »Ein guter Schuß, Paula«, rief er und rannte um eine der gegnerischen Figuren von Tutmosis' Mannschaft herum, auch dieser die hoch aufragende Gestalt eines anderen rätselhaften bärtigen Königs, dieser mit dem Namen Sennacherib. Ich hatte nicht die gering- ste Vorstellung, wie man es aussprach. Der Junge ließ den Ball gegen das Vorderbein einer riesigen Kuh mit bärtigem Men- schenkopf springen – der Springer von Schwarz –, dann wich er zurück. Der Ball setzte das Spiel fort, folgte unverständlichen Regeln, die, soweit ich wußte, sich mit jedem glaszerklirrenden Auf- springen änderten. Kinder rannten zwischen stirnrunzelnden Statuen von Pharaonen und alten Königen längst vergessener Nationen umher. Ein kleinerer Junge, zu winzig, um mitzuspie- len, war an einer bedrohlich aussehenden Figur mit ausgesto- chenen Augen namens Sargon hochgeklettert und hing dort, beobachtete aufmerksam das Spiel und drehte dabei seinen Kopf hin und her wie ein Lemure. Ein fliegender Ball hätte ihn beinahe von seinem Platz gestoßen, und seine Mutter, deren Geduld anscheinend erschöpft war, rief ihm zu herunterzu- kommen. Auf der anderen Seite des Spielfeldes, die grauen Haare über einem schwarzen Mantel flatternd, stand Amanda TerAlst. Sie hielt sich hinter der Bank und verfolgte das Spiel, neben ihr mehrere andere Mütter, von denen zwei die Kinderwagen, zukünftiger Konkurrenten schaukelten. Sie hatte die Ellbogen auf die Rückenlehne der Bank gestützt und schwatzte angeregt mit einer Frau in einem roten Mantel, die ein strampelndes Baby auf dem Schoß hatte und vergebens versuchte, irgendei- nen Frisurfehler zu korrigieren. In diesem Moment sah ich sie ganz anders. Als Mutter, die allen anderen Müttern sehr ähnlich war. Sicherlich verbrachte sie nicht ihre ganze Zeit damit, die Vergangenheit aus getrock- netem Blut zu rekonstruieren. Ich sah zu den lachenden, krei- schenden Kindern und fragte mich, ob eines oder mehrere davon ihr gehörten. Tigranes' Information hatte zwei genannt, Geschlecht und Alter unbekannt. Dieses angespannt zusam- mengekauerte Mädchen mit der altmodischen White-Sox- Mütze mit nach hinten gedrehtem Schirm, das lauernd zwi- schen den Beinen eines anderen ägyptischen Pharao stand und auf den Ball wartete – hatte sie diesen intensiven Blick von ihrer Mutter geerbt? Aber nein – wie immer ihre Pläne und Intrigen aussehen mochten, TerAlst würde niemals ihre Kinder zu einer Begegnung mit einem möglichen Gewalttäter, einem Mörder mitnehmen, nicht einmal aus erzieherischen Gründen. Außer- dem wohnte sie weit weg von hier, irgendwo auf der North Side. Sie hatte einen Treffpunkt vorgeschlagen, von dem niemals ein negativer Einfluß auf ihre heimischen Gefilde ausgehen könnte. Hätten Corinne und ich eine Tochter besessen, dann hätte sie ihr gerne den Namen Melissa gegeben. Ich stellte mir das Mäd- chen mit der White-Sox-Mütze als unsere Tochter vor. Plötz- lich, aus keinem bestimmten Grund außer purer Lebensfreude, lachte das Mädchen auf und hüpfte. Dann, als Reaktion auf eine wilde Aktion auf der anderen Seite des Spielfeldes, schlüpfte sie, hinter den Pharao und verschwand aus meinem Gesichtsfeld. Ich wartete, aber sie tauchte nicht mehr auf. Vielleicht hatte ihre Mutter sie gerufen, und sie hatte das Spiel verlassen. Vielleicht hatte sie aber auch Freunde oder Freundinnen gesehen und war zu ihnen gelaufen. Ich hoffte, daß sie unbehelligt zu Hause ankäme. Ich ging um den Rand des Schachbrettes herum auf TerAlst zu. Die Herbstluft roch frisch wie ein Apfel, und nur ein paar dahinziehende Wolken markierten den Himmel. Alles erschien im Sonnenschein klar und solide. Sogar die exzentrischen, uralt wirkenden Schachfiguren schienen irgendwie logisch, als wäre ihr Jahrtausende währendes Spiel durch das pilzartige Wuchern der Stadt um sie herum unterbrochen worden und als warteten sie jetzt darauf, daß dieses verdammte Ding endlich wieder im See versank. Seit mindestens zwei Tagen deutete alles auf Gene Michauds Auftreten hin, auf seine Reaktion auf mein Tsuba-Angebot. Jede unbekannte Erscheinung war einer seiner Agenten. Diese ständige Wachsamkeit war ermüdend. Und das, so erkannte ich plötzlich, mußte die nicht lokalisierbare Qual der Paranoia sein: ihre Müdigkeit. TerAlst hatte einen Treffpunkt ausgewählt, der verteidi- gungsmäßig perfekt war. Auch hier war der Kontext allesent- scheidend. Die beiden Männer, die am Rand des Platzes ent- langschlenderten, hätten überall in der Stadt unauffällig ge- wirkt, außer hier, inmitten dieser Eltern und Kinder. Die Steinköpfe der antiken Tyrannen und Krieger waren domestiziert und zu Elementen in einem Kinderspiel reduziert worden. Die beiden Männer in ihren langen, breitschultrigen, Mänteln und den langen Handschuhen weckten etwas von dem Terror in diesen geschnitzten schweren Gesichtern. Sie taten, als gingen sie spazieren und schwatzten: ein dünner Mann mit langem blonden Haar und ein kahl werdender, schwarzer Mann mit dem Äußeren eines Firmenbuchhalters, das Gesicht aber narbenübersät und zäh und gemein wie ein Straßenköter. Ihre Unterhaltung schien angeregt, und sie achteten nicht auf ihre Umgebung, während sie dahinspazierten, aber ich war trotzdem überzeugt, daß ihnen nichts entging. Mein Verdacht bestätigte sich, als ein Fehlwurf den Ball von der Stirn einer mächtigen Statue mit dem ebenso mächtigen Namen Tiglath- Pileser III in ihre Richtung abprallen ließ. Die Kinder hielten die Luft an, als sie sahen, daß ihr Spiel plötzlich echte Erwach- sene mit einbezog. Ohne auch nur aufzuschauen und sich zu unterbrechen schlug der kahlköpfige Mann den Ball mit dem Handrücken zu den Kindern. Er landete auf dem Feld, und die Kinder vergaßen erneut alles andere bis auf ihr Spiel. Michauds Männer, vermutete ich. Ich hatte keinen der bei- den in der Mall of the Mysteries gesehen, daher konnte ich nicht entscheiden, ob sie hinter dem blutigen Überfall steckten. Ich schaute zu TerAlst, aber nichts in ihrer Miene deutete darauf hin, daß sie sie bemerkt hatte. Sie richtete sich auf, verabschiedete sich von der anderen Mutter und kam auf mich zugeschritten. »Sie sehen ein wenig mitgenommen aus, Peter«, sagte sie in sanftem Tonfall. »Ich hatte gestern einen Auftritt«, antwortete ich mit der Wahrheit. »Ich war noch nicht im Bett. Ich bin sofort herge- kommen.«, »Weshalb?« Ihre Stimme klang nüchtern. Sie wollte nicht um den heißen Brei reden. Ich schluckte. »Weil ich Angst habe.« Sie schickte mir einen prüfenden Blick, sagte jedoch nichts. »Ich habe Angst, daß irgendwer mich töten will.« Wir gingen ein paar Schritte und ließen den Spielplatz hinter uns. »Weshalb haben Sie Angst?« fragte sie ruhig. »Hat man Ihnen gedroht? Vor wem fürchten Sie sich?« Ich entschied mich, die letzte Frage zuerst zu beantworten. »Ich weiß nicht, wer es ist. Ich habe keine Ahnung, weshalb ich ein Ziel sein soll. Aber es ist schwierig zu verstehen.« Ich dachte darüber nach, wie ich am besten an das Thema herangehen sollte. »In der vergangenen Woche sind zwei Morde passiert.« »In Chicago gab es in der letzten Woche mehrere Dutzend Morde.« Offensichtlich wollte sie mir nicht helfen. »Zwei, die für meinen Fall wichtig sind. Ich sagte nicht, die beiden einzigen, die Sie untersuchen.« Ich wollte ihre Tarnung als Angehörige der Chicagoer Stadtpolizei noch immer aner- kennen. Mein Wissen, daß sie eine Icy Luke war, konnte sich noch als vorteilhaft erweisen. Ich brauchte jeden noch so winzi- gen Vorteil, der sich mir anbot. »Ein Mann namens Morris Lanting wurde in seiner Wohnung in der Achtzehnten Straße umgebracht und eine Frau namens Lori Inversato in ihrem Apartment in der Dreiundzwanzigsten. Die Mordwaffen wur- den nicht genannt.« »Sie hören nicht die richtigen Nachrichten«, sagte TerAlst. »Wenn Sie das täten, würden Sie wissen, daß der Killer ziemlich makabren Humor bewies. Lanting wurde mit einem seiner eigenen Halstücher erwürgt. Offenbar pflegte er das Stecken-, pferd, sie zu bemalen. In seinem Apartment fand sich eine ganz ansehnliche Sammlung. Sorgfältige, schöne Arbeiten, soweit ich sehen konnte. Sie schienen alle ungetragen zu sein.« Ich verspürte einen eisigen Schauer. »Und gibt es auch ir- gendwelche Meldungen über den zweiten Mord?« »Die sind nicht so interessant. Der Hinterkopf wurde mit einem stumpfen Gegenstand eingeschlagen: einem ordinären Ratschenschlüssel. Da sie in ihrem Schlafzimmer getötet wurde, geht man davon aus, daß der Mörder den Schlüssel mitgebracht hat. Er wurde sorgfältig gesäubert, und zwar so gut, daß das Labor einige Zeit brauchte, um festzustellen, daß er tatsächlich die Mordwaffe war.« »Mein Gott«, platzte ich heraus. Sie fixierte mich. »Seltsam, sicher, aber nicht aufsehenerre- gend. Sie wären überrascht, auf welche Ideen Mörder kommen. Eine Bratpfanne aus Gußeisen, Glasscherben, eine Porzellanbü- ste Lenins. Und das in einer Welt, in der keine Knappheit an anständigen Waffen herrscht.« Sie schüttelte den Kopf über die ewige Unzuverlässigkeit von Mördern. Ein Halstuch, ein Ratschenschlüssel. Tod. Und ich hatte He- lena Mennaura unbekümmert ihr antikes Skalpell zurückgege- ben. Plötzlich schien es wie ein Fluch zu sein, ein schlimmes Omen. Man mochte es drehen und wenden, wie man wollte – irgend jemand aus der Gruppe steckte hinter den Morden. Nicht irgendeine andere Organisation. »Also, Peter? In welcher Verbindung stehen Sie zu diesen Leuten? Ich weiß, daß Sie Lanting durch Ihre Arbeit kannten, aber die andere …?« In ihrer Stimme lag ein Anflug von Miß- trauen, genug, um mich wissen zu lassen, daß ich leicht in, Schwierigkeiten geraten konnte. Wir gingen durch ein Sandsteintor mit burgähnlichen Zin- nen. Es sah aus wie eine alte Fabrik, eine von denen mit riesigen Schornsteinen aus gelbem Klinker, an denen kleine, wacklige Stahlleitern bis zur Krone führen, so daß man hinaufklettern und mitten in den Qualm blicken kann. Auf der anderen Seite befand sich eine ganz andere Gegend mit einer strengeren Atmosphäre als die, die wir gerade verlassen hatten. »Wir waren mal Musiker. Während der Devo-Kriege.« »In einem Musikbatallion?« »Lachen Sie nur. Wir haben zusammen gespielt und für die Armee gearbeitet. Gott weiß, was man sich damals gedacht hat.« »Bald weiß es wirklich nur noch Gott«, sagte sie. »Der größte Teil dieser Geschichte ist schon jetzt ein verdammter weißer Fleck, wie ein schlechter Drogentrip. Aufzeichnungen wurden ausgelöscht. Massenweise. Man könnte meinen, es habe ein Sonnenfeuer gegeben, von der Mall in D.C. bis nach Diego Garcia. Und nun tun wir alle so, als erinnerten wir uns an nichts. Es war nur ein langer Schlaf, und wir hatten einen kleinen Alptraum. Mehr nicht.« Ihre Stimme bebte vor Wut. Auch sie hatte diese Kriege erlebt, irgendwie, irgendwo. Sie haßte es mitansehen zu müssen, daß sie vergessen wurden. »Na schön, sie waren also Musiker. Ich habe keinerlei Aufzeichnun- gen, ob eines der Opfer ein Musikinstrument spielen konnte, aber das ist nicht überraschend. Ich habe noch nicht einmal Geburtsurkunden von ihnen, keine Schulunterlagen und auch nichts Zahnärztliches, verdammt noch mal.« Sie preßte die Lippen zusammen und sammelte sich. »Reden Sie weiter.«, Ich zweifelte an ihrem zungenfertigen Geständnis, daß sie überhaupt nichts wußte. »Viel mehr ist da wirklich nicht. Wir haben zusammen gespielt, vor fast zehn Jahren. Natürlich unter anderen Namen. Ich kann sie Ihnen geben, wenn Sie wollen.« Ich hatte mir hübsche Namen ausgedacht, Namen, die nicht weniger echt waren als die, die sie tatsächlich getragen hatten. »In welchem Theater?« »Dnjestr-Prut.« Die Geschichte, die ich erzählte, war phanta- stisch, unglaublich. Meine einzige Hoffnung war die reale und solide Tatsache, daß alles unglaublich war, Wahrheit und Phantasie zusammen, ein einziger großer Wahnsinnsball, auf dem jeder unter seinem Kostüm eine weitere Verkleidung trug. Aber das war Sheldons Schuld, allein Sheldons. Wenn man einmal mit so einer Sache anfängt, kann man nicht mehr aufhö- ren. »Na schön. Dann spielten Sie also in einer … was? Einer Jazzband?« »Richtig. Cloud of Witnesses lautete unser Name. Ich habe keine Ahnung, wer ihn sich ausgedacht hat. Wir waren zu acht.« Der Name, Cloud of Witnesses, war eine Phrase, die Karin Crawford benutzt hatte. Aus der Bibel, hatte sie gesagt. Ich hatte keine Ahnung, was sie bedeutete oder auf was sie sich bezog, aber sie war mir im Gedächtnis haften geblieben. Und ich sah sie vor mir: ein scheppernder, klappernder Per- kussionist, wie eine Maschine: Hank Rush. Ein stiller, verträum- ter Bassist: Charlie Geraldino. Eine süße Klarinettistin: Karin Crawford. Eine Ventile bedienende Holzbläserin: Lori Inversa- to. Ein grandioser, sardonischer Saxophonist: Anthony Wat- kins. Ich, der Pianist; und schließlich der Bandleader, ein dunk-, ler, großer Mann namens Linden Straussman. Das Bild war für einen winzigen Moment lebendig, lebendiger, als die Wahrheit es je sein konnte. »Haben Sie eine Vermutung, weshalb jemand den Wunsch haben könnte, irgendeinen von Ihnen zu töten?« Ich zuckte die Achseln. Dies war der Punkt, an dem meine Geschichte sich glatt in die realen Ereignisse dieser Zeit einfüg- te. Es war ganz hübsch, so als dehnte sich eine Zeichnung in die dritte Dimension aus. »Wir spielten in den wilden Städten von Bessarabien, Mol- dawien, Ostrumänien, sogar von Odessa. Und dort ist eine ganze Menge Mist passiert, in jenen Jahren.« »Und Sie meinen, daß jemand Sie wegen diesem ganzen Mist töten will?« »Wer weiß?« Es war so schwer. Auch nur dicht an die Wahr- heit heranzukommen verursachte mir Übelkeit. »All dieses Zeug. Das Attentat auf General Otatea in Odessa. Das Manifest von Brasov. Der Griff des Krim-Syndikats nach der Donau. Suchen Sie sich was aus.« »Schon gut. Wissen Sie, wo sich die anderen Mitglieder Ihrer Band zur Zeit aufhalten?« Sie war voller Energie. Ich betrachtete sie aufmerksam. Wer war sie wirklich? Die Gruppe hatte Aktionen ausgeführt, nicht gerade ungewöhnliche Aktionen für die damalige Zeit, und sich dann aufgelöst. War tatsächlich noch jemand hinter uns her? Wenn ja, warum dann nicht diese selbstsichere Icy Luke? Wer sonst eignete sich besser dazu, uns zu suchen? Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie ein handbemaltes Halstuch um Charlie Geraldinos Kehle schlang. Es paßte nicht. Sie war dafür zu wählerisch, zu präzise. Wenn, sie jemanden töten müßte, dann würde sie es sauber erledigen. Mit einem Schnitt durch das Rückenmark unterhalb des Hin- terhauptlochs, und anschließend würde sie die Leiche sofort in eine Kühlkammer stecken, mit Namen und Todeszeitpunkt auf der Stirn. Wir befanden uns in einer Neubaugegend. Die Häuser be- standen aus Ziegeln, hoch und schmal und schauten mit hoch- näsigem Ausdruck in ihren Mehrglasfenstern auf uns herab. Über den bürgerlichen Fassaden trugen sie aufwendige Frisuren aus gehämmertem Kupfer oder gebranntem Aluminium: Roset- ten, Tiaras, grinsende, hochmütige Gesichter unter zerbeulten Römerhelmen. Ich schaute zu ihnen hoch, verständnislos, nicht wissend, wo ich mich befand. »Peter.« Ihr Tonfall klang drängend. »Wenn ich Sie beschüt- zen soll, dann muß ich Sie finden, Sie alle.« Die Stimme einer Verführerin. Die Stimme der bösen Hexe im Wald. »Ich möchte, daß Sie den Mörder suchen«, sagte ich. »Sie sol- len herausfinden, wer er ist.« Meine Zunge fühlte sich in mei- nem Mund geschwollen an. »Das werde ich. Aber Sie müssen mir helfen. Haben Sie eine Idee? Irgendwas? Irgendeinen Verdacht?« »Nein! Ich weiß nur, wer Leute waren. Ich weiß nicht, wer oder was jemand ist.« Ich ließ mir das für einen Moment durch den Kopf gehen. Watkins. Ich konnte Watkins' Namen nennen. Sicherlich würde sie ihn finden, irgendwo unter der Masse seiner Alias. Aber ich durfte nicht. Er war mir immer noch zu nahe. Und ich war mir nicht sicher. Eigentlich nahm ich nicht an, daß er der Mörder war. Genausowenig wie ich annahm, daß Priscilla irgend etwas mit Loris Tod zu tun hatte. Aber was, wußte ich schon? Ich wußte nur, daß ich nicht so einfach jeden an Amanda TerAlst verraten konnte. Nicht ohne mir ganz sicher zu sein. »Nun gut«, sagte sie. »Wenigstens kann ich Sie beschützen. Es gibt einen sicheren Ort in West Virginia, in den Bergen. Es war mal ein Dorf, aber jetzt lebt dort niemand mehr. Es ist eine Art Zufluchtsstätte. Soweit ich weiß, ist es dort sehr schön.« »Sehr schön!« Ich konnte ihn mir nicht vorstellen, diesen si- cheren Ort in den Bergen. Für mich sah er aus wie Camp Fitz- water, irgendwo hingeklotzt mit hohen Felsen drumherum. »Sie sind dort sicher, das garantiere ich Ihnen. Der Killer, wer immer es ist, wird niemals dorthin kommen.« »Nein, Amanda.« Ich brauchte noch nicht einmal darüber nachzudenken. »Wenn ich dorthin gehe, werde ich es niemals wissen.« »Was werden Sie niemals wissen?« »Ich werde es niemals erfahren! Alles. Ich werde nichts ande- res tun, als in Ihrer Behausung zu hocken und in alten Illu- strierten zu blättern. Vielleicht spiele ich auch Golf. Ich kann nicht…« Der Gedanke machte mir Angst. Es war genauso, als drückte jemand ein Kopfkissen auf mein Gesicht. Wir blieben an einer mit Ziegeln gepflasterten Ecke unter einer Lampe aus Schmiedealuminium stehen. Ein batteriege- triebener Lieferwagen entlud glänzende, rundliche Kühlschrän- ke mit verrückten Namen: Crosley-Shelvador, Ben-Hur, Su- premacy. War die Welt vielleicht ein besserer Ort, wenn sie alte Produkte wieder aufleben ließ? Die Overalls tragenden Boten- männer und -frauen mit ihren Ledermützen und weißen Hand- schuhen sahen aus wie die gewöhnlich unsichtbaren Kontrol-, leure der enthüllten Welt, nämlich wie völlig übertrieben ge- kleidete Bunraku-Puppenspieler. Die bunten Kühlschränke hatten Uhren in den Türen, Radios, eingebaute Stimmgenerato- ren, die einem das Körpergewicht nannten. Sie wurden alle in ein brandneues Gebäude aus gelbem Klinker gerollt, das künst- lich gealtert worden war, damit es verfallen aussah. Eine ge- langweilte Frau mit einem Pillboxhut und Netzstrümpfen stand in der Türöffnung, überprüfte Rechnungen und verteilte die Kühlschränke auf die entsprechenden Apartments. Ihre Beine waren okay, aber nur okay. »Sie müssen reden«, sagte TerAlst. »Ich verlange es. Haben Sie mich verstanden?« Ihre Stimme hatte an Schärfe gewonnen. »Ich will nicht …« Hinter dem Kühlschranktransporter stand ein weiterer Lie- ferwagen, dieser mit der Aufschrift New Deal Moving in Gold- lettern auf rotemailliertem Grund. Daneben befand sich das Bild von einem bebrillten Mann mit langer Zigarettenspitze, der einen Rollstuhl voller Kisten und Kartons vor sich her schob. Ich verstand den darin enthaltenen Scherz auch nicht andeu- tungsweise. »Wenn Sie mir nicht die Information geben wollen, die ich brauche, dann bin ich befugt, Sie als nicht kooperativen Zeugen in Gewahrsam zu nehmen.« Die Hecktüren des Lieferwagens schwangen auf. Anstatt auf Kistenstapel blickte ich in ein fahr- bares Polizeilabor. »Peter Zacharias Ambrose.« Die Polizistin, die mich verhörte, war eine sachliche Frau. Auf ihrem Namensschild stand ›Glo- ver‹ zu lesen. »Dies ist eine routinemäßige Neuro-Prüfung. Es, ist weder eine Gerichtsverhandlung noch haben Sie mit irgend- einer Strafe zu rechnen, haben Sie verstanden?« »Ja.« Ich spürte, wie der Prüfsessel sich um meine nackte Haut schmiegte. »Obgleich die Ergebnisse für eine abschließende Bewertung Ihres Falles nicht zugelassen sind, kann auf Wunsch ein Rechts- berater der Prüfung beiwohnen. Äußern Sie diesen Wunsch?« Ich konnte TerAlst am Tisch sitzen sehen, wo sie etwas auf einem Soft-Display las. Sie schaute nicht zu mir. »Mein Rechtsvertreter ist mein Heimcomputer.« Ich ver- suchte genauso sachlich und nüchtern aufzutreten wie die Polizei. »Ich möchte eine Netlink-Verbindung herstellen und die Prüfergebnisse kopieren. Mein Computer ist bei der An- waltskammer von Illinois registriert.« Glover blickte aufmerksam auf ihren Schirm. »Okay. Ihr Heimsystem ist einverstanden. Sind Sie bereit?« Ich seufzte. »Bleibt mir etwas anderes übrig?« »Wenn Sie wollen, können wir noch ein paar Minuten war- ten, damit Sie sich vorbereiten können. Müssen Sie die Toilette benutzen?« »Nein, nein, ich bin bereit. Fangen Sie an.« Ich spürte die kalte Berührung von Mikroelektroden, die sich zwischen meine Rückenwirbel schoben und mein Rückenmark anzapften. Eine Gesichtsmaske legte sich saugend auf meine Haut und schickte Infomycel in meine Schädelnerven. Ein Licht entstand in meinem Kopf. Dann saß ich da und trank zufrieden ein Glas Orangensaft. Ich trug meine eigene Kleidung und lächelte Glover an. Sie hatte rote Haare und war wirklich sehr schön. Ich trank einen, Schluck Saft und versuchte einen Blick auf ihre Brüste unter der adrett gebügelten blauen Uniform zu werfen. Ihr Holo- Namensschild bewegte sich vielversprechend. Ein Kollege von ihr erschien, ein seltsamer asiatischer Mann mit einer hohen, kahlen Stirn. Während er sich hinsetzte, lieferte ein Schirm zahlreiche Daten. Sie blickten beide auf den Schirm und beachteten mich nicht. »Sind Sie sicher?« fragte Glover. »Null Defekt. Das ist eindeutig.« Sein Namensschild lautete ›Smith‹. Die beiden sahen mich anklagend an, als ob ich, bewußtlos an einen Prüfsessel gefesselt, meine Persönlichkeit strukturell vereinheitlicht wie ein Karton voll Katzenstreu, ihr System irgendwie manipuliert hätte. »Uns wurde erklärt …« begannen sie gleichzeitig, hielten in- ne und sahen sich an. »Sie sind ein bekannter Implanteur«, sagte Glover streng. Sie lehnte sich vor und stützte sich auf die Ellbogen. Ich gewann die Überzeugung, daß sie tatsächlich große Brüste besaß, obgleich ich sie nicht sehen konnte. »Aber die Scans zeigen keine Modi- fikation. Uns wurde mitgeteilt, Sie seien sogar erheblich modifi- ziert.« »Dann hat man Ihnen etwas Falsches mitgeteilt. Es wäre ja nicht das erste Mal, oder? Die Leute erzählen Ihnen doch im- mer, was Sie finden sollen. Ich weiß, wie das funktioniert.« Sie hatten nichts für meinen vertraulichen Ton übrig und fixierten mich mit einem Ausdruck ärgerlicher Verwirrung. Die Polizei mag keine Überraschungen. »Wenn Sie jetzt noch irgendwelche Virts verstecken, könnten, Sie sich strafbar machen«, sagte Glover. »Vielleicht können Sie uns eine Erklärung geben«, sagte Smith, der umgängliche. »Warum trägt ein Implanteur selbst keine Implantate?« »Weshalb verhaften Sie sich nicht selbst?« Glover funkelte mich wütend an, und Smith seufzte. Aber; sie konnten nichts tun. Die Überprüfung war abgeschlossen, auch wenn sie nicht die Ergebnisse geliefert hatte, die zu erwarten sie allen Grund gehabt hatten. Aber nun wurde ich allmählich nervös. Es war schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal die Zeit gefunden hatte, mich selbst zu überprüfen. Gab es wirklich keine Veränderung in meinem Gehirn, keine selbsterzeugten Modifikationen? Die Möglichkeit bestand eigentlich immer. »Sind Sie sich, daß keine Mods vorhanden waren?« fragte ich. »Keine einzige«, bekräftigte Glover knapp. »Absolut sicher? Haben Sie auch nach einer parasitären Plat- te in der Blut-Hirn-Barriere des chorioiden Plexus gesucht? Ripeno in Malta experimentiert gerade mit so einer herum. Sie erzeugt paracrine Schübe in der cerebrospinalen Flüssigkeit. In der Wirkung ziemlich grob, aber bei einem standardmäßigen Scanning beinahe unsichtbar.« Aufgeschreckt rief Smith irgend etwas auf seinem Bildschirm ab und betrachtete es eingehend. »Nein«, sagte er schließlich. »Nichts im chorioiden Plexus.« »Huta Bowodowa, eine mährische Firma, führt einen induk- tiven Sichtmusterprozessor, der genau ins laterale Geniculum paßt und auf das Pulvinar thalami einwirkt. Es handelt sich um, einen im Handel befindlichen Prozessor, und seine Wirkung ist weitestgehend spontan, so daß es manchmal schwierig ist …« »Mr. Ambrose.« Die reizende Glover wurde allmählich un- gehalten. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, uns bei unserer Arbeit zu helfen, aber bitte unterlassen Sie das.« »Sie verstehen nicht. Ich habe berechtigte Gründe, mir Sor- gen zu machen, und Sie können mir eine unbeeinflußte Bestäti- gung liefern. Haben Sie schon mal an eine Schläfer-Prothese gedacht?« Smiths Miene drückte höfliches Interesse aus. Glover er- schien verärgert. Ich redete schnell weiter. Meine Worte überschlugen sich. Ich hatte daran gedacht. »Ich stelle mir ein modifiziertes Onko- gen vor, das auf irgendeinen codierten Reiz reagiert und eine Reihe künstlicher metastasenartiger Tumore im Nervensystem oder in der umgebenden Neuroglia bildet. Diese Informationen verarbeitenden Tumore könnten die Nervenbahnen unter ihre Kontrolle bringen und die Funktion des ZNS völlig verändern. Verstehen Sie denn nicht? Das Onkogen könnte in der DNS irgendwelcher harmlos aussehender Zellen verborgen sein. Sie würden es nicht in einer Million Jahre finden. Aber ein einziger entsprechender Stimulus, und schon ist mein Gehirn innerhalb weniger Stunden total hinüber.« »Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht längst passiert ist«, sagte Glover boshaft. »Sie sind nicht modifiziert. Sie sind ver- rückt.« Sie schüttelte ihr rotes Haar. »Wollen Sie mich vielleicht wegen boshaften Wahnsinns festnehmen?« »Das überlassen wir den Gerichten.«, »Den Gerichten und, wie ich annehme, Amanda TerAlst.« Sie zuckte zusammen und blickte dorthin, wo TerAlst arbei- tete. »Mrs. TerAlst hat mit unseren Aktionen nichts zu tun. Die Metropolitan Police von Chicago hat ihre Dienste lediglich aus Hilfsbereitschaft angeboten.« »Hm. Da habe ich aber etwas anderes gehört.« Glover beugte sich vor – bereit, mir den Kopf abzureißen, wie ich annahm. Später könnte diese Wut gegen IntraCranial umgelenkt werden, die sich in ihre Aktionen einmischten. Das könnte für mich nützlich sein. Smith legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Er hört gar nichts. Laß dich nicht von ihm in Rage bringen.« Und das war es. Sie lehnte sich zurück und lächelte freund- lich, und es stimmte alles. Sie konnte tun, was sie wollte, und ihre Brüste vor mir verbergen, und ich war immer noch ein Gefangener. TerAlst kam herbei und warf einen Blick auf den Bericht. Wenn sie überrascht war, so zeigte es sich nicht in ihrem Ge- sicht. »Heute abend startet von O'Hare eine Maschine nach Wheeling. Wir können zu Ihrem Haus fahren und ein paar Sachen einpacken …« »Sie meinen es ernst«, sagte ich und verzweifelte. Wenn sie mich jetzt fortschickte, würde ich niemals begreifen. Ich würde nach Luft ringend oben in den Bergen sterben. »Ich meine es immer ernst, Peter.« »Das bezweifle ich nicht.« Ich studierte ihr Gesicht. Es war genauso informativ wie eine Briefmarke. »Frei bin ich viel nützlicher für Sie.« »Das bezweifle ich nun wieder nicht. Aber nur, wenn Sie mir, etwas erzählen. Irgendwas, Peter.« Sie wurde ungeduldig. Hungrig. Lange herrschte Schweigen. »Der Mörder«, sagte ich schließ- lich. »Der Mörder ist ein Toter.« Sie gab keine sichtbare Reakti- on von sich. »Suchen Sie nach einem Mann mit …« Die Gedan- ken entglitten mir, als lägen sie auf Eis. Was unterschied Straussman von anderen? Sein Hut? Ich konnte mich an keinen Hut erinnern, noch nicht einmal daran, wie sein Kopf ausgese- hen hatte. Ich überlegte angestrengt. »Er mag … er mag heiße Schokolade. Und offene Fenster. Und – Moment – er ist gera- dezu besessen ordentlich, stellt ständig irgendwelche Dinge um, arrangiert sie neu, und er hat extrem saubere Fingernägel.« In Loris Schlafzimmer hatten Maniküreutensilien herumge- legen. Nagelzangen, eine Papiernagelfeile, eine kleine Diamant- feile. Sie war mal Maniküre gewesen. Es war in ihrem Bild. Ihr Name hatte Margie gelautet, und sie war schwarz mit blondem Haar gewesen. Ich konnte mich erinnern. Seltsamerweise reagierte TerAlst nicht, als sei ich verrückt. »Sonst noch etwas?« »Das … das nächste Opfer könnte mit einem Skalpell ermor- det werden. Mit einem antiken Stück mit Hirschhorngriff. Es ist schwierig, jemanden mit einem Skalpell zu töten. Jedenfalls dann, wenn das Opfer nicht sterben will. Die Klinge ist zu klein, ganz gleich wie scharf sie ist. Es ist meine Schuld, das Skalpell, meine ich.« »Ich verstehe.« Erneut längeres Schweigen. »Es ist nur eine Vermutung«, sagte ich. Ich plapperte jetzt. »Ich rate drauflos. Ich habe keine Visionen. Es gibt keine Stimmen, die zu mir sprechen. Da ist, eine Verbindung … die letzten Mordwaffen. Sie ergeben ein bestimmtes Muster. Es könnte natürlich auch reiner Zufall sein.«Ich holte tief Luft. »Helena Mennaura. Die Frau mit dem Skalpell heißt Helena Mennaura. Sie ist als Wissenschaftlerin bei Atman Medical beschäftigt.« »Lieutenant Glover.« TerAlsts Stimme klang überfreundlich. »Bitte, geben Sie Mr. Ambrose seine persönlichen Dinge zurück und lassen Sie ihn laufen.« »Ja, Ma'am.« Glover schien über die Entscheidung überrascht zu sein, widersprach aber nicht. Wir stiegen aus dem Polizeivan. Sobald wir auf der Straße standen, wurden die Türen geschlossen, und der Wagen fuhr leise davon, um seinen New Deal irgendwoanders abzuladen. Plötzlich erschien mir der Tag kalt, das Sonnenlicht wenig hilfreich. Die Stadt ringsum – nach philosophischen Prinzipien erbaut, die ich nicht verstand – weigerte sich, mich zu beachten. Als TerAlst mir einen Arm um die Schultern legte, war es für mich ein Schock. Sie war kleiner als ich und fühlte sich härter an, trotz ihrer mütterlichen Erscheinung. »Keine Sorge, Peter«, sagte sie leise. »Ich werde Ihre Freun- din nicht verraten.« Ich hoffte nur, daß sie die Wahrheit sagte. Ich hoffte außer- dem, daß ich meine alte Freundin Karin Crawford nicht soeben zum Tode verurteilt hatte., KAPITEL 21 Die Prärie nahm einen gesamten Block in einer ansonsten dicht bewohnten Gegend ein und bot einen überwältigenden Anblick. Sie sah aus wie ein Wunder, ein übernatürlich klares Bild von etwas, das in Wirklichkeit meilenweit entfernt war. Automobile parkten dicht an dicht auf dem nackten Asphalt um die Prärie herum. Das Gras war jetzt, im Herbst, trocken und braun. Ich kenne meine Gräser nicht, wie Tigranes bemerkt hatte, kann Bartgras nicht von Wildgerste unterscheiden, und es war in den Voror- ten eine Art Pop-Kult. Ich könnte es lernen, falls die Realitäts- version der Canyoniten jemals virtuell würde und ich es lernen müßte. Ich stand da und betrachtete es. TerAlst hatte mich dort zurückgelassen und wußte sehr wohl, daß mich irgend etwas erwartete. Sie hatte die Information, die sie brauchte, und sie würde mich frei herumlaufen lassen, damit ich noch mehr beschaffte. Zwei Männer gingen an mir vorbei, ohne aufzuschauen. Ich erkannte sie aus dem Schachspielpark. Wo waren sie die ganze Zeit herumgelaufen? Sie blieben in der Nähe stehen und blick- ten hinaus auf die Prärie, als hielten sie Ausschau nach Büffeln. Ihr Blick war so eindringlich, daß ich mich dabei ertappte, wie ich genauso angestrengt in die Ferne schaute. Das Gras stand sicherlich hoch genug, um eine Herde zu verbergen. Eine kleine Herde, die von einer verrückten blauhaarigen alten Lady in einem Hausanzug aus einer Papiertüte gefüttert wurde. »Hast du denn nicht den Wunsch hier zu parken?« fragte der, langhaarige blonde Mann. »Ich meine, reizt es dich nicht?« »Mich reizen? Bist du verrückt? Mir den Hintern als Dünger unterpflügen lassen reizt mich nicht.« »Sie benutzen keinen Pflug. Falsche Technik. Sie lassen dich fallen, damit die Vögel dich erwischen.« »Was, Tauben sollen mich fressen? Die fangen doch an zu kotzen.« Der kahlköpfige Mann kicherte. »Ihnen wird schlecht, und sie sterben.« »Aasgeflügel.« Der blonde Mann sprach das Wort genußvoll aus. »Große, stinkende Dinger, rasiermesserscharfe Schnäbel. Ökologisch korrekt.« Der schwarze Mann blickte zu den Dächern der Gebäude auf der anderen Seite der Prärie hinüber, als erwarte er, dort Geier hocken zu sehen, die geduldig darauf warteten, daß er tot umfiel. »Ja, sicher. Falsche Technik. Sie haben Rummsbumms benutzt, um diese Häuser zu sprengen, nicht wahr? Richtig urwüchsig.« Ein paar verkohlte Überreste der alten Gebäude lagen aufge- häuft am Rand des geborstenen Gehsteigs. Es gab in Chicago- land ein Dutzend solcher Orte. Feuer, Explosionen, seltsam eng umgrenzte Erdbeben – was immer es war, blockweise stürzten verlassene Gebäude zusammen, und an ihrer Stelle entstanden Prärien. »Turbulenz-Sprengstoff, klar.« Blondie fuhr sich mit der Hand durch sein langes Haar und schwang hin und her, als habe er gerade den Namen seiner Lieblingsband genannt. »Die falsche Technik frißt sich selbst vom Schwanz her auf, nicht vom Kopf. Hast du das schon mal gehört, Leslie?« »Ja, ich hab's gehört. Ich hab's nie verstanden.«, »Du hast es nicht verstanden? Okay, park deinen Wagen.« Der Blonde deutete aufs Gras. »Ein schöner Fleck. Wer soll das schon merken.« »Werd vernünftig. Du weißt, wer es bemerkt.« »Wer? Wer?« Spott in der Stimme. »Die Sons of Glen Canyon, Schwachkopf.« Leslie erhob die Stimme und bewies seinen Mut. »Soweit es sie betrifft, bist du lediglich Dünger, der zu beweglich ist.« Ein Wind wehte vom See herauf, und das Gras raschelte. Jungfräulich und unberührt, so blieb es, weil jeder vor den Sons of the Canyon Angst hatte. Sie waren radikale Ultraökologen, waren sehr reizbar und verfügten über immense, geheimnisvol- le Geldmittel. Ihre Chicagoer Gruppe hatte einen harmlosen Namen wie Friends of the Lake, aber niemand benutzte ihn. Ihre Version von Chicago war eine schöne, elegante Prärie, die am Rand des Sees in Sumpf überging. Eichen- und Hickorywäl- der bedeckten die Hochflächen, und die Himmel waren dunkel von Schwärmen von Wandertauben, die aus wiederbelebten Genen gezüchtet worden waren, welche man gemeinen Tauben eingepflanzt hatte. Canyoniten diskutierten darüber, ob man nicht irgendeine Version nomadisierender Amerindianer ins Leben rufen sollte. Es war die Paradiesversion von jemand anderem. Aber andererseits lebten wir alle in der Paradiesversi- on eines anderen. Die beiden Männer begannen sich lachend gegenseitig zum Gras zu drängen. Soweit allgemein bekannt, hatten die Sons of the Canyon nichts dagegen, wenn Leute das Gras nur betraten, aber wer wollte schon ein Risiko eingehen? »Komm schon, geh raus, spring rein und laß etwas wachsen«,, sagte der kahlköpfige Mann. »Dann beug den Kopf runter.« »Du …« Sie stießen sich heftiger. Diese Männer waren eindeutig Künstler, aber es war kalt, ich war müde, und ich hatte keine Lust darauf zu warten, bis sie ihr Vorhaben hinreichend sorgfältig vorbereitet hatten – mich einfach von der Straße zu entführen. »Hey!« sagte ich. Sie unterbrachen ihre Rangelei und sahen mich an. »Ich möchte mit Gene Michaud sprechen. Können wir endlich hinfahren?« Ich klang ungehaltener, als ich beabsichtigt hatte. Das weckte den Zorn des kahlköpfigen Schwarzen. Sein Ge- sicht verhärtete sich. »Was, zum Teufel …« Sein Gefährte legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Diese Typen kennen den Boß schon lange. Du hättest damit rechnen müssen …« »Ich muß mit Scheiße rechnen, Myron.« Leslie ging auf mich zu. Myron grinste mich an und zuckte die Achseln, als wolle er sagen, daß er nun keine Kontrolle mehr über die weitere Ent- wicklung hätte. Er vergrub die Hände in den Taschen seines langen Mantels und schwenkte ihn mit kleinen Tanzschritten hin und her. Ich verließ den Gehsteig und spürte das Knirschen getrockneter Samenkörner unter meinen Füßen. Dabei drehte ich mich halb zur Seite und hielt mich bereit, um ins Gras zu rennen. Aufgeschreckte Krähen flatterten aus dem Gewirr trockener Halme auf, kreischten wütend und meldeten viel- leicht mein unbefugtes Betreten an die zuständigen Organe weiter. Ich würde mich zu einem späteren Zeitpunkt mit den, Canyoniten auseinandersetzen müssen. Leslie hielt wachsam inne und balancierte auf seinen Fußspitzen. »Hören Sie«, sagte ich. »Ich möchte mit Gene Michaud spre- chen. Sie wollen mich zu ihm bringen. Meinen Sie nicht, daß wir uns irgendwie einigen können?« Leslie schüttelte stur den Kopf. »Ich kenne keinen Gene Mi- chaud. Ich will auch keinen Gene Michaud kennen. Unser Boß ist Aylmer Brandt, ManPower. Klar? Er will Sie sehen. Drin- gend.« »Okay, prima, wunderbar.« Mein Angst vor ihm war berau- schend wie eine Droge. »Können wir jetzt endlich zur Sache kommen?« Ich hatte gewußt, daß Michaud – Aylmer Brandt nach der in meiner Familie üblichen Tradition der doppelten Namensgebung – der Möglichkeit nicht widerstehen könnte, seine Tsuba zurückzuholen. Das wäre der einzige Weg, wie ich mit ihm würde Kontakt aufnehmen können. Gene Michaud war stets ein solcher Sicherheitsfanatiker gewesen, daß es für mich, mit meinen begrenzten Mitteln, völlig unmöglich gewe- sen wäre, ihn ohne seine Mithilfe zu finden. Ich wäre noch nicht einmal in der Lage gewesen, seinen neuen, lächerlichen Namen Aylmer Brandt in Erfahrung zu bringen. Ich hätte gerne mit Myron und Leslie eine clevere Vereinba- rung getroffen, die meine Sicherheit garantierte, aber ich hatte kein Druckmittel, trotz meiner Fähigkeit, mich im hohen Gras zu verstecken wie ein kleines Kind. Um zu bekommen, was ich wollte, mußte ich den Kopf in den Rachen des Löwen stecken, und es gab nicht die geringste Chance, ihn zu überreden, daß er auch nur ein Pfefferminzbonbon für frischen Atem lutschte., Eine halbe Stunde später, nach einer gefährlichen Fahrt in einem keuchenden, alten, mit Methan angetriebenen Lieferwa- gen, standen wir auf einem großen windumtosten Platz unter einem hohen Apartementturm. Der Turm war die reinste Bruchbude. Die Hälfte der Fenster war mit Brettern vernagelt, und an den Wänden waren die schwarzen Rußstreifen von diversen Wohnungbränden zu sehen. Auf der Rückseite türm- ten sich wahre Gebirge von jahrelang nicht weggeschafftem Abfall. Ähnliche Apartmenthäuser waren in allen Richtungen zu sehen. Die meisten waren jetzt unbewohnt, ihre Fahrstühle funktionierten nicht, und Wasser und elektrischer Strom waren gesperrt. Im kalten Licht des Spätnachmittags erschien das Gebäude vor mir angsteinflößender als jeder dieser schwarzen Türme aus Fantasyromanen, die wenigstens für sich in An- spruch nehmen konnten, halbwegs pittoresk zu sein. Ich war froh, daß meine Entführer bei mir waren. Alleine hätte ich mich nicht dorthin gewagt. Sie geleiteten mich in die Halle, wo weißer Fugenmörtel an den Wänden auf fehlende Fliesen hindeutete, und stießen mich in einen Fahrstuhl. Sie wandten sich von mir ab, während die Türen sich schlossen. Die Kontrolltafel des Lifts war abgerissen worden, und übriggeblieben war ein Gewirr loser Drähte. Der Fahrstuhl setzte sich langsam, rumpelnd nach oben zu irgend- einem nicht näher genannten Stockwerk in Bewegung und ließ mich wenig später aussteigen. Anstatt in einem der engen, mit abblätternder Farbe ge- zeichneten Flure des sozialen Wohnungsbaus stand ich in einem weiten Vorraum und blickte auf zwei riesige, sorgfältig bearbeitete Rüstungen. Zwischen ihnen entdeckte ich einen, kräftigen, ernsten Mann in einem seidenen Hausmantel, der Hauskleidung eines Halbamerikaners. Das Firmenlogo – ich erkannte es nicht sofort – war in das Muster eingewoben. Sein Gesicht war mir völlig fremd, seine Schultern wirkten unnatür- lich breit, als gehörten Epauletten zu seinem Knochenbau. »Gene?« sagte ich. »Gene Michaud?« Ich trat mit ausge- streckter Hand vor. »Es ist lange her.« Er schüttelte den Kopf. »Ich heiße Aylmer Brandt. Ich bin der Chef von ManPower, einem Ableger von Hyundai- Chunkoju. Wir müssen uns unterhalten …« »Ich muß mich auch unterhalten, aber nicht mit Aylmer Brandt, ganz gleich zu welcher Firma er gehört. Ich brauche Gene Michaud. Komm schon. Charlie ist tot. Lori ist tot. Wat- kins ist völlig hinüber. Und Straussman ist … was immer er ist.« »Ganz richtig.« Er ergriff schließlich meine Hand. »Was im- mer er ist.« »Wir hatten niemals einen geheimen Händedruck, Gene«, sagte ich. »Die Gruppe. Weshalb nicht?« Ich erkannte, daß zumindest seine Augen noch wie früher aussahen: scharfe Falkenaugen, grün mit braunen Punkten. Menschen, die nicht so geboren werden, müssen eine Menge für solche Augen bezahlen. »Wir wußten eigentlich nie so richtig, was, zum Teufel, wir taten«, sagte er leise. »Was und wer auch immer wir waren. Und mein Name ist, wie ich Ihnen, glaube ich, gesagt habe, Aylmer Brandt, Mr. Peter Ambrose.« »Verdammt noch mal, nenn mich Theo, wenn du dich dabei besser fühlst.« »Besser nicht. Ich denke lieber daran, wer wir sind.«, Da ich eine Menge Zeit und Mühe darauf verwendet hatte, herauszufinden, wer ich gewesen war, und nicht wer ich im Augenblick war, irritierte mich seine Zufriedenheit. Ich grinste. »Deine Sicherheitsvorkehrungen sind sehr … pittoresk, aber nicht besonders gründlich. Hat Hyundai- Chunkoju sich nicht ausreichend beteiligt? Und ich habe von ManPower gehört – du sollst sehr gut sein. Woher willst du wissen, daß ich nicht einen Prismen-IR-Laser in meinem linken Auge habe, damit deine Retina fotografiere und sie in eine ID- Mikrokortex-Datenbank in meinem dritten Ventrikel einspeise? Die Augen, denke ich, sind immer noch deine eigenen, Gene.« Das brachte ihn zum Blinzeln. »Aber das tun Sie doch nicht, oder, Mr. Ambrose?« »Nein, das tue ich nicht. Und wenn ich irgendeine aktuelle ID-Datenbank anzapfen würde, erhielte ich sicherlich den Namen Aylmer Brandt. Du hast bestimmt alle Querverbindun- gen neu angelegt. Aber wer weiß, vielleicht hast du eine verges- sen.« Ich wollte seine Zufriedenheit erschüttern, die so glatt und schwer war wie waffenfähiges U235, hatte aber dabei versagt, wie es mir immer passierte. »Bitte, hier entlang.« Michaud, der sich Brandt nannte, führ- te mich zwischen den Rüstungen hindurch. Eine hielt eine mit zahlreichen Stacheln versehene Keule, die einem vergrößerten Strahlentierchen glich und aus grotesk angeschwollenen Insek- tenteilen, aus glänzendem Metallochitin zu bestehen schien. Die Rüstung hatte das Aussehen eines Samurai, mit jenem böse dreinblickenden Schnurrbartgesicht, das sie so gerne benutzen. Die andere bestand aus funkelndem, stromlinienglattem Stahl mit einer breiten stilisierten Brust – eine Art-Deco-Rüstung,, geeignet, um auf einem Wolkenkratzer zu stehen. Ich stellte sie mir als einen in der Höhe tätigen Helfer vor, der mit einer Hand die Ankerseile eines Zeppelins festhält. ManPower. Das war eine Organisation, von der ich schon gehört hatte. Sie rekrutierte aus den Banden der South Side Schwarze, Weiße, Bengalis, Afrikaner, Eritreer, Albanier, Ber- ber, Juden und Moslems für die militärischen Streitkräfte der Welt. Die Gesellschaft hatte einen Weg gefunden, um die ver- borgensten Aspekte der menschlichen Persönlichkeit zu mani- pulieren, aber sie hatte keine Ahnung, wie man eine Stadt zu einem bewohnbaren Ort für normale menschliche Wesen machte. Daher hatten Gesellschaftsingenieure sich der Situation bemächtigt, hatten besonders hübsche Bandenkulte und -riten für ihre eigenen Zwecke ausgebeutet – aus der Überlegung heraus, daß man, wenn man schon ein Leben ruinierte, es wenigstens auf nützliche Weise tun sollte. »Wie laufen die Geschäfte?« fragte ich. Die Innenwände des Gebäudes waren entfernt worden, und aus dem Gedränge enger Apartments, die diesen Raum früher ausgefüllt hatten, war ein weiter Saal entstanden. Michaud drehte sich nicht einmal um. »Besser denn je. Das weißt du doch.« Die Banden beherrschten die Straßen in ihren Wohngegen- den und glaubten an ihre eigene Unabhängigkeit, dabei waren sie genauso durchorganisiert und gesteuert wie Pfadfindergrup- pen. Sie fochten ständig wilde Stadtkämpfe aus und erwarben sich so einen Ruf als hervorragende Stadtguerrillas, nach denen große Nachfrage bestand, so wie die Wikinger im Mittelalter überall als Söldner verpflichtet wurden. Die Banden waren, militärische Saisonarbeiter. Aylmer Brandt managte die Organi- sation und verkaufte sie an Geschäftspartner in anderen Natio- nen, die weniger gefestigt waren als unsere. Ich machte mir Sorgen wegen des maschinenhaften Insek- ten-Samurai. Ich würde mich niemals als Kenner bezeichnen, aber nachdem ich einige seiner besten Arbeiten aus nächster Nähe gesehen hatte, entschied ich, daß es sich um einen echten Hank Rush handelte. Weshalb war Michaud so verrückt, ihn in seinem eigenen Haus zu haben? Rush ließ immer eine Menge von sich selbst in seine Werke einfließen. Wenn schon nichts anderes, so hätte mir spätestens der gro- ße hintere Raum eindeutig verraten, wer er war. Vollgestopft mit alten militärischen Memorabilien, denen Gene Michauds Sammelleidenschaft galt, herrschte ein totales Durcheinander, wie von Michaud gewohnt. Alles war so dicht zusammenge- schoben, daß man kaum Platz hatte, um sich zu bewegen. Ich setzte mich auf die Korduanledercouch. Um mich herum hingen Schwerter, farbige Landkarten von Gettysburg und Austerlitz, Messinghelme mit Büschen aus Pferdehaar und Radschloß-Duellpistolen. Damals in Camp Fitzwater hatte er seine gesamte Kollektion noch in einer einzigen Holzkiste unterbringen können, die während des Zweiten Weltkriegs Annäherungszünder enthalten hatte. Ich glaubte, eines der Originalstücke wiederzuerkennen, ein gefährlich aussehendes Bajonett aus dem achtzehnten Jahrhundert mit, wie er behaup- tete, echten Blutflecken auf der Klinge. Das Bajonett hielt er peinlich sauber, aber die Blutflecken wischte er nicht ab. »Ich habe die Nachfrage nach der Tsuba aufgegeben, weil ich wußte, daß du sie sehen würdest«, sagte ich. »So gut du dich, auch versteckt hattest, ich wußte, daß du sie nicht ignorieren konntest. Gib mir eine Tasse Kaffee, und wir können uns un- terhalten. Über Straussman und Watkins. Über alles, worüber wir reden müssen.« Michaud sah mich lange an. Sein neues dunkles und attrakti- ves Gesicht sah entfernt aus, als stamme es von irgendeiner Insel in der Karibik. Er trug noch immer die sternenförmigen Narben an den Schläfen wie Stammessymbole, die Überreste direkter Waffenkontroll-Verbindungen. Es war interessant, daß er diese gefährlichen Beweisstücke in seinem Gesicht behalten hatte. Stolz steckte dahinter, fehlgeleiteter Stolz auf die profes- sionellen Kennzeichen einer militärischen Vergangenheit. Die Wirkung wurde ein wenig durch die jüngste Mode unter den jungen Leuten gemildert, sich mit künstlichen Narben zu schmücken, die denen aus den Devo-Kriegen nachempfunden waren. Für einen Angehörigen der jungen Generation sah Michaud aus, als äffte er (vergebens) jugendliche Moden nach. Ich blickte ins Foyer. Die beiden mit Visieren versehenen Helme der Rüstungen hatten bei meinem Eintritt zur Fahrstuhl- tür geblickt. Sie hatten sich nun gedreht und sahen mich an. Ich schluckte. Hier ging einfach zu viel vor. Diese Rüstungen ent- hielten komplizierte interne Robotereinrichtungen. Hochge- fährlich, von Michauds Standpunkt aus betrachtet. Zu behaup- ten, daß Hank Rush viel von sich selbst in seine Werke ein- bringt, ist nicht metaphorisch gemeint. Nachdem er sich in etwas verwandelt hatte, das einer Maschine sehr nahe kam, begab er sich per Netlink in seine diversen Schöpfungen hinein. Irgendein Teil von Rushs Geist befand sich in dieser Insekten- rüstung. Ein Teil seines Geistes, der sich total innerhalb von, Gene Michauds kunstvollen Verteidigungsanlagen aufhielt. »Wie wär's mit einer Tasse von deinem berühmten Gebräu, Gene?« fragte ich, um auf andere, weniger beunruhigende Gedanken zu kommen. Manchmal sind es die dämlichsten Zeilen, die einem in Erin- nerung bleiben. Er betrachtete mich lange. »Seit zehn Jahren hat niemand mich mehr Gene genannt.« »Mein Gott, ist dir Aylmer wirklich lieber? Charlie Geraldino nannte sich Morris – Morris Lanting. Hat man euch diese Titel verpaßt, als ihr ausgemustert wurdet? Ein schlechter Scherz.« »Wir wurden niemals ausgemustert, Theo.« »Ich weiß. Das ist einer der Punkte, über die ich mit dir re- den möchte.« Er machte auf dem Absatz eine stramme militärische Kehrt- wendung. »Tasse K kommt sofort.« Er wußte genau, wo es war, obgleich er es sich wahrschein- lich zehn Jahre nicht mehr angesehen hatte. Eine Minute später erschien Michaud mit einem zerbeulten schlamm-grünen Gefäß und stellte es auf einen Ständer auf dem Fußboden. »Aylmer Brandt existiert, weißt du«, murmelte er, während er aus einer mit Grasflecken übersäten Feldflasche Wasser in die Kaffeemaschine schüttete. »Alles genau abgestimmt, bis zum Anfang. Sieh dir seine hochsicherheitsgeschützten Kindheitsak- ten an, und du findest die Zeugnisse der ersten Klasse. Ein stilles Kind. Ein Sehr Gut ausgerechnet in Schönschreiben. Nicht unbedingt der Typ Junge, der sich für den Krieg eignet.« »Abgesehen davon, daß Aylmer Brandt nicht existiert.« »Du siehst ihn vor dir. Es ist Gene Michaud, der nicht exi- stiert.« Er hatte sogar Schwierigkeiten, seinen alten Namen, auszusprechen. »Aylmer Brandt, ob Schönschreiber oder nicht, würde nicht einmal mit mir reden. Du hättest den ganzen Weg gehen, Gene, und deine Originalidentität völlig unterdrücken lassen sollen. Das ist gar nicht schwierig. Man braucht nur so viele modifi- zierte Versionen realer Erinnerungen wie möglich zueinander in Beziehung zu bringen. Wer sollte denn entscheiden, ob die Party zum zehnten Geburtstag mit dem Kleb-den-Schwanz-an- den-Esel-Spiel für Gene Michaud oder Aylmer Brandt veran- staltet wurde? In deiner Erinnerung mußt du die verschiedenen Rassenzugehörigkeiten der eingeladenen Kinder ein wenig verändern und ein oder zwei Mütter auswechseln, und schon bist du am Ziel.« »Einige Menschen begehen auf diese Art und Weise Selbst- mord. Sie löschen ihre Erinnerungen aus und lassen nur den Körper zurück.« Ich zuckte die Achseln. »Viele Leute betrachten das nicht als Selbstmord. Wenn die Verknüpfung individueller Erinnerun- gen sie zu jemand anderem macht, nun, warum nicht? Du bist viel zu weichherzig. Aber andererseits sind einige Leute in bezug auf ihre alten Persönlichkeiten genauso sentimental wie bei ihren alten Collegepullovern.« Er blickte mich aufmerksam an. »Du redest um das Thema herum. Was immer es ist.« »Das Thema ist lediglich für Gene Michaud von Interesse.« Ich griff in meine Jacke und holte die Kanieya Tsuba heraus. Ich legte sie vor mir auf den Tisch, zwischen einen Aschenbecher aus Muschelschalen und einen viktorianischen Briefbeschwerer, ein Andenken an das Relief von Mafeking., Er betrachtete sie. »Die gehört mir, weißt du.« Seine Stimme klang ruhig. »Sie gehört Gene Michaud. Ich habe sie ihm gestohlen, als wir uns trennten. Kurz nach Straussmans Tod in den Rockies.« Wie ich auch anderen etwas gestohlen hatte, als ich ihr Gepäck untersuchte, während wir uns auf die Flucht vorbereiteten. Charlie Geraldino würde niemals sein bemaltes Halstuch zu- rückbekommen, und Lori Inversato würde nie mehr irgendeine Schraube mit ihrem Ratschenschlüssel lösen. Ich fragte mich, was Karin Crawford wohl mit ihrem Hirschhorngriffskalpell anfangen würde. Und sie hatte es gewußt, hatte gewußt, daß ich es getan hatte. Was hatte sie mit der Information gemacht? »Weshalb hast du sie an dich genommen?« »Ich wollte ein Souvenir haben. Etwas Greifbares. Eine Erin- nerung an jeden von euch, damit mein Gedächtnis euch leichter vergegenwärtigen konnte, falls es nötig werden sollte. Du weißt ja, wie unzuverlässig Erinnerungen sein können.« Er schaute auf die Tsuba herab, griff aber nicht danach. Es war ein sehr schöner Gegenstand, die Kanten gerade und genau, die mattglänzende Patina reflektierte das Licht genau im richti- gen Maß. »Ich hätte sie gut gebrauchen können, in jenen ersten Jahren nach den Kriegen. Ich bin fast verhungert. Ein Sammler hätte dafür ein Vermögen bezahlt. Ich hätte ein komfortables Dasein führen können und hätte nicht ständig Angst um mein Leben haben müssen.« »Du hättest sie niemals verkauft, Gene. Nie.« »Du hast recht.« Er streckte die Hand aus und hob die Tsuba hoch. »Komm her.« Die Kaffeemaschine gurgelte und zischte und bereitete nach einem Jahrzehnt wohlverdienter Pension, widerstrebend Kaffee. Ich stand auf. Gleich hinter einer Trenn- wand befand sich eine javanische Kanone, die geformt war wie ein zähnefletschender Basilisk. Dahinter befand sich ein lackier- ter Ständer mit zwei Schwertern darauf, eins länger als das andere, beide in reich verzierten Scheiden. »Ein Katana und ein dazu passendes Tachi«, sagte Michaud. »Eins zum Kämpfen, eins für bestimmte Zeremonien.« Er griff nach dem kürzeren Schwert. »Dieses Tachi besitzt noch seinen originalen Schmuck. Ich hatte Jahre gebraucht, es zu finden. Die Kashira«, er deutete auf den Handschutz, »die Fuchi«, ein Ring am Heft, »und die Menuki«, ein paar goldene Wolken am Griff selbst. Dort, wo der Handschutz hätte sein müssen, befand sich eine Scheibe aus transparentem Plastik. Er nahm sie ab. »End- lich habe ich alles zusammen. Jetzt, wo ich das Stück bekomme, mit dem ich ursprünglich angefangen habe.« Er schob die Tsuba, die ich mitgebracht hatte, auf sein Schwert. Ihre Verzie- rungen paßten zu den anderen. »Sie waren seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr zusammen.« Er sah mich an, vertraute Augen in einem nicht vertrauten Gesicht. »Du willst mir doch nicht weismachen, daß du ein schlechtes Gewis- sen bekommen hast, weil du sie gestohlen hast, oder?« »Natürlich nicht. Ich mußte mit dir reden und wußte, daß dies der einzige Weg war, an dich heranzukommen. Du bist zu sentimental, weißt du? Die Brandt-Identität ist ansonsten perfekt. Aber du wolltest du selbst bleiben. Das ist heutzutage eine Schwäche, Gene. Du hättest dein Sammelinteresse an etwas anderes hängen sollen. An Briefmarken, an Elvis-Andenken, oder an Bierkrüge. Aber das hast du nicht getan.« »Nein, das habe ich nicht.« Sein Gesicht war jetzt abweisend., Bis auf die Augen hatte es vorher einen ziemlich sanften Aus- druck gehabt. »Was wollen Sie von mir, Peter Ambrose? Ich habe hier ein Leben, eine Welt. Ich brauche Sie nicht darin.« »Sie sind ein militärischer Mensch, Mr. Brandt. Sie können eine Drohung nicht ignorieren.« »Verdammt richtig, Peter«, erklang eine Stimme hinter mir. »Nett von dir, daß du dich persönlich herbemüht hast.« Anthony Watkins trat hinter einer Trennwand hervor. KAPITEL 22 Ich hätte nicht überrascht sein sollen, aber ich war es, und er konnte es sehen. Ich zuckte beim Klang seiner Stimme zusam- men. Er grinste. »Ein bißchen wie ein Kastenteufel, was, Petey- Boy? Oder wie eine dieser Erdnußkrokantdosen in den alten Cartoons. Hey, Gene, hast du noch etwas Erdnußkrokant für mich?« Michaud erwiderte nichts darauf. Watkins legte einen schlanken Arm um meinen Hals und drückte mich mit dem Ellbogen in einer halb-feindseligen Großer-Bruder-Umarmung. Ich schaute ihn an. Er sah besser aus als beim letzten Mal, als ich ihn in der Bar gesehen hatte. Seine grau-blauen Augen waren hell und klar. Seine Persönlich- keit hatte sich aufgebläht und füllte sein gesamtes Gesicht aus. Alle Spuren der Hölle, in der er die letzten zehn Jahre gelebt hatte, waren verschwunden. Wenigstens einem hatte Strauss-, mans Auftauchen einen gewissen Nutzen gebracht. »Gene … Verzeihung, Aylmer hat sich in dieser Welt, die wir für ihn geschaffen haben, einen recht guten Platz erkämpft, oder nicht?« Michauds Gesicht verhärtete sich bei Watkins' Lob, das wie immer ein gerüttelt Maß an Spott enthielt. Wat- kins spazierte zu einem Fenster hinüber. »ManPower organi- siert militärische Ausbildung und Rekrutierung für die ganze Stadt, wußtest du das? Und für die Umgebung, aber die Vororte haben nie viel an Kriegern hergegeben. Die South Side ist ein besonders gutes Trainingsgelände. Dagegen ist Kishinyov der reinste Spielplatz.« Er wandte sich um und musterte mich mit funkelnden Augen. Er ärgerte sich offensichtlich über irgend etwas. »Wir sollten dich dort rausschicken, Peter, und ihnen ein bißchen Spaß gönnen.« Michaud, der sich stets darüber im klaren war, daß Wut im handwerksmäßigen Geschäft des Krieges nichts zu suchen hatte, war offensichtlich über das theatralische Getue seines Kollegen verärgert. »Bernard«, sagte er. »Er hat recht. Wir haben etwas Geschäftliches zu besprechen.« »Bernard?« fragte ich. »Bernard Bolcolme«, sagte Watkins und verbeugte sich iro- nisch. »Nenn mich ja nicht Bernie. Aber wirklich, Pete ist ein Veteran, ausgebildet. Er könnte deinen Jungs echte Probleme machen. Was meinst du, Aylmer?« »Ich sage, beruhig dich, Bernard. Meine Soldaten sind für dich kein Spielzeug.« »Bernard«, sagte ich. »Mein Gott, kann sich denn niemand von euch einen normal klingenden Namen aussuchen?« Ich wandte mich an Michaud. »Wo ist der Kaffee, den du mir, versprochen hast? Wir müssen miteinander reden.« Ich setzte mich wieder auf die Korduanledercouch und hoff- te, daß mich keine Angstschweißflecken verrieten, wenn ich aufstand. Michaud hockte vor mir, als hielte er sich irgendwo draußen, auf irgendeinem Schlachtfeld auf. Watkins ließ sich in einen durchlöcherten Stahldrehsessel fallen, der aus irgendeinem Zerstörer der Marine ausgebaut und auf Aylmer Brandts Fußboden geschraubt worden war. »Denkst du noch immer, daß Straussman nicht existiert, Peter? Er hat Lori auch erwischt, hat sie unter dem entdeckt, was sie als ihr neues Ich betrachtet hatte. Und niemand konnte das wissen, denn sie wußte es nicht einmal selbst.« »Deshalb bin ich hier, in Gottes …« »Und dann … die arme Karin Crawford. Helena Mennaura, zu der sie, glaube ich, geworden ist.« Er beobachtete mich aufmerksam und schätzte meine Reaktion ab. »Was ist mit Karin geschehen?« Ich beugte mich vor. »Erzähl schon.« Ich erinnerte mich daran, wie Helena Mennaura mitten in ihrem Wohnzimmer stand und mir von ihrer nicht existieren- den Tochter erzählte. Was für ein Gefühl ist Liebe, wenn sie einem Phantom gilt? Unsere Sprache hat sich nicht weiterent- wickelt, um unsere neuen Zustände und Stadien beschreiben zu können. Sie wollte nicht weglaufen. Wollte nicht weglaufen, obgleich sie genau wußte, was auf sie zukam … Watkins zuckte die Achseln. »Sie traf Straussman, genauso wie Charlie und Lori. Sie ließ ihn sofort herein. Saß mit ihm zusammen, schwatzte über alte Zeiten. In ihrer Küche. Sie bereitete ihm heiße Schokolade. Stell dir das nur mal vor. Nach, der ganzen langen Zeit konnte sie sich noch immer daran erinnern, was er gern hatte. Zwei Tassen standen auf dem Tisch. Seine war leer, und ihre Tasse war noch halbvoll.« Ich stellte mir vor, wie ihr Körper ausgestreckt auf dem Kü- chenfußboden lag, daneben die Schränke, blutbespritzt. »Er hat sie mit einem Skalpell aufgeschlitzt.« Watkins erschrak. »Mein Gott, was für eine Vorstellung.« Er massierte nachdenklich sein Kinn. »Vielleicht hat er es erst später getan, aber das läßt sich nicht feststellen.« »Hör auf mit dem Unsinn.« »Sei doch nicht so mürrisch. Ich weiß nicht, wie sie starb – falls sie überhaupt tot ist –, denn es gab keine Leiche. Ich war sicher, daß eine da war, obgleich ich keine so hübsche Erklä- rung hatte wie du. Ein Skalpell! Ich bin bei ihr eingebrochen. Da waren mehr Sicherheitsvorkehrungen als in einer Apotheke in der Mall. Eine Stunde brauchte ich, sogar mit Genes Hilfe, und es war niemand da. Leer. Und ich glaube nicht, daß irgend jemand zurückkommen wird.« »Also was …?« »Straussman tötete ihre Familie. Jedes Spielzeug war zerstört. Bei jedem Foto war die Emulsion gebleicht worden, so daß jedes Foto, immer noch säuberlich im Rahmen steckend, leer war, bis auf sie, die alleine dastand, und nichts war um sie herum. Im Kamin – es wirkte alles sehr traditionsbewußt, wie in einem alten Roman – lag die Asche eines Kinderbuchs. Er hatte sie deprogrammiert. Gemein. Er ist immer noch das raffinierte Schwein, das er früher war. Warum soll man Leute erwürgen oder ihnen eins über den Schädel geben, wenn es so viele besse- re Methoden gibt, um sie zu vernichten?«, Mir war übel. »Und Karin?« Watkins zuckte die Achseln. »Habe ich nicht erwähnt, das wüßte ich nicht?« Und dieses Nichtwissen störte ihn, das konn- te ich sehen. Er haßte es, das zuzugeben, selbst wenn es wirklich keine Möglichkeit für ihn gab, es zu erfahren. »Vielleicht hat sie sich einfach nur aufgelöst. Puff! Seltsam, nicht wahr? Das einzige, was für sie existierte, war etwas, das nicht … existierte.« »Wie witzig«, sagte ich. Hatte ich sie reingeritten? Ich malte mir aus, wie Amanda TerAlst sie eiskalt aufspürte und zum Verhör mitnahm. Meine Schuld. Michaud reichte mir eine zusammenklappbare Isoliertasse voll Kaffee. Es war Feldkaffee, heiß, schwarz und so wohl- schmeckend wie abgelassenes Getriebeöl. Es war lange her, seit ich ihn das letzte Mal getrunken hatte, und jetzt fragte ich mich, weshalb ich ihn so sehr vermißte. »Erinnerst du dich noch an die Belagerung von Dubossary?« fragte Michaud. »An die Nacht, als sie den Damm sprengten und den gesamten Dubossary-Stausee den Dnjestr runterrau- schen ließen?« Seine Augen blitzten, und sein Gesicht wurde lebendig. Dunkelheit, Getöse, und am Morgen verrenkte und zerschlagene Körper in den oberen Baumästen. War das seine Art von Nostalgie? Karin Crawford war in dieser Nacht in Kriulany gewesen, stromabwärts gleich hinter Dubossary, zusammen mit einigen reprogrammierten Terroristen, die aus unserem Projekt entlas- sen worden waren. Alle ihre Begleiter waren ertrunken, und sie hatte die Nacht auf einem brüchigen Ziegeldach verbracht. Beruhigungsmittel und eine Spezialbehandlung waren nötig, damit sie ihre Finger wieder strecken konnte. Ich war über-, zeugt, daß sie davon noch immer Alpträume hatte. »Ich erinnere mich lieber an den Morgenspaziergang entlang der oberen Trajansmauer.« Das Gras war noch voller Rauhreif gewesen. Der größte Teil der Mauer war als Steinbruch benutzt und abgetragen worden, übriggeblieben war nur ein mit Gras bewachsener grüner Hügel. Aber Michaud hatte einen begei- sterten Vortrag über die Eroberungsstrategie des Römischen Imperiums gehalten. Ich hatte keine Ahnung gehabt, daß die Römer jemals so weit gekommen waren und etwas derart Großes gebaut hatten. Aber ich hatte auch keine Ahnung von der Geschichte dieser eher schrillen Gegend, Bessarabien, gehabt oder weshalb wir eigentlich dort waren. »Ja«, sagte Michaud. »Das ist schon lange her.« »Zweitausend Jahre, Gene.« Für einen Moment fühlte ich mich diesem auf Distanz bedachten Mann nahe. Er hatte immer ein Soldat sein wollen, und die Gruppe war alles andere als Soldaten. Er hatte endlich in seinem späten Leben die Erfüllung seiner Wünsche gefunden. »Es waren all diese verrückten Typen, die wir erschufen«, sagte Watkins. »In unseren Labors in jenem Hühnerstall. Was zum Teufel haben sie sich eigentlich gedacht, das sie sind? Irgendein alter Stamm, der an der Seite der Römer gekämpft hat? Dacianer? Von wegen.« »Ich glaube, sie hatten eine Theorie, daß sie aus einem Stamm hervorgegangen sind, der mit den Sarmatianern ver- wandt war«, murmelte Michaud. »Ich glaube, sie sagten etwas von Costobocis.« »Costobocis. Das klingt wie der Name eines Spiels, mit dem alte Männer sich im Park die Zeit vertreiben.« Watkins richtete, seinen Blick auf mich. »Dann erzähl doch mal, Peter. Was, zum Teufel, fällt dir ein, mit Amanda TerAlst, der eisigsten Luke von allen, herumzuhängen?« Die Atmosphäre im Raum schlug um in grelle Feindseligkeit. Michaud und Watkins starrten mich an. Ich hatte bereits Wat- kins' neuen Namen vergessen. »Ich konnte es kaum vermeiden, mit ihr ›herumzuhängen‹, nachdem ihr mich zu einem Hauptzeugen eurer Vernichtung von Charlie Geraldinos Leiche gemacht hattet. Oder habt ihr das schon vergessen? Ihr seid abgehauen und habt mich als potentiellen Verdächtigen zurückgelassen. Feuer und Leichen- teile überall verstreut und ich mittendrin mit dem Daumen im Arsch.« »Und weshalb warst du eigentlich dort?« Watkins schaute hochnäsig drein, eine seiner unangenehmsten Mienen. »Verdammt, weil jemand Charlie ermordet hatte und das der einzige Weg war, wie ich irgend etwas darüber herausbekom- men konnte.« Ich wurde allmählich ungehalten. »Das weißt du genau.« »Und du hast sie seither zweimal getroffen.« Watkins redete mit der sorgfältigen Schärfe eines Staatsanwalts. Michaud lehnte sich einfach nur zurück und schaute zu, der typische Militär, der angeregt die Aktionen ziviler Organe verfolgt, bis sie ir- gendwelche Fehler machen. »Und wenn es so ist?« Der Zorn, den ich auf Watkins emp- fand, vertrieb einige Schleier, unter denen meine Argumente versteckt gewesen waren. »Was denkst du denn, hinter was sie her ist?« »Sie ist hinter uns her«, sagte Watkins. »Hinter der Gruppe., Sie will uns.« »Tatsächlich? Wofür?« Für einen Moment brachte Watkins vor Entrüstung kein Wort heraus. »Wofür? Bist du total verrückt? Sie will uns. Die Gruppe ist verschwunden, wir sind abgehauen, sind ihnen entwischt. Und jetzt wollen sie uns zurück.« »Ich muß noch einmal fragen, Tony. Wofür? Wegen unseres technischen Wissens? Ich habe seitdem in diesem Bereich gearbeitet, und ich kann dir versichern, man ist mittlerweile viel weiter. Was damals von dem, was wir wußten, wichtig war, ist es nicht mehr. Geheime militärische Informationen? Im Grun- de wußten wir doch nie so richtig, was im Gange war …« »Rede für dich alleine«, sagte Michaud. In seiner Stimme, die leiser war als Watkins', lag die Schärfe der Autorität. »Ich sage doch nur, daß IntraCranial oder sonst irgend je- mand keinen Grund hat, die Gruppe zu verfolgen. Oder kennst du jemanden, den ich nicht kenne?« Es fiel mir schwer, das auszusprechen, denn ich wußte tief in meinem Innersten, jenseits aller Logik und allen Intellekts, daß sie hinter uns her waren. Nicht so sehr wegen dem, was wir getan hatten oder wußten, sondern einfach weil wir waren, was wir waren. Aber meine begründeten Schlußfolgerungen wurden dem emotionalen Begreifen nicht gerecht. Ich hatte einmal gelesen, daß jeder, sobald die richtige Tem- peratur erreicht ist, über glühende Kohlen gehen kann. Die Füße werden dabei durch eine nicht leitende Schicht extrem heißen Dampfs isoliert. Es soll eine letzte Prüfung für Physiker sein – wenn sie sich dazu überwinden können, sich nach ihrem intellektuellen Verständnis von Wärme zu richten, und erken-, nen, daß es wertvoller ist als ihre atavistische Angst, sich die Füße im Feuer zu verbrennen, dann betreten sie die Kohlen ohne lange nachzudenken. Und die Füße müssen nackt sein, damit der Schweiß sich in den isolierenden Dampf verwandeln kann. Schuhe würden verbrennen und ihrem Träger zu ver- kohlten Beinstümpfen verhelfen. Meine Schlußfolgerungen wagten sich gerade barfuß auf die glühenden Kohlen. Wären meine ehemaligen Kollegen bereit, mir zu folgen? »Über was, zum Teufel, redest du?« Watkins war so wütend, daß er kaum sprechen konnte. »Gene.« Ich wandte mich an Michaud. »Du hast dir solche Sorgen gemacht, daß TerAlst irgend etwas in Erfahrung bringen könnte, daß du versucht hast, sie mit diesem Bluthund zu töten. Du mußt wissen, wovor du Angst hast. Was ist es?« »Es war eine simple Vorsichtsmaßnahme.« Seine Stimme klang knapp. »Um was zu verhindern …« »Leute bringen ständig Detektive um, ehe diese etwas heraus- finden.« Watkins hatte sich für einen unbeschwert aufgeräum- ten Ton als Verteidigung gegen mich entschieden. »Selbst wenn der Detektiv nach etwas völlig anderem sucht. Plötzlich kommt jemand daher, vollzieht die Schlußfolgerungen des Detektivs nach – und bumms! Gene wollte sie aus dem Weg schaffen, ehe sie auch nur andeutungsweise der Wahrheit nahe kam.« »Ihr seid schon so weit gekommen, daß ihr jemanden um- bringt, nur weil er etwas über euch in Erfahrung bringen könn- te, und wenn auch nur durch Zufall?« Ich war zutiefst entsetzt. Die Devo-Kriege waren lange vorbei, und dafür konnte man, Gott danken. Ich wollte diese Zeit nicht wieder erleben. »Wes- halb dann kein Massaker bei IntraCranial? Und wenn du schon dabei bist, bring auch gleich das gesamte Morddezernat der Chicagoer Polizei um.« »Wir müssen schrittweise vorgehen, immer eins nach dem anderen.« Watkins ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Da du mit ihr so vertraut bist, wärst du der beste, um sie zu töten.« Er grinste mich an. »Nur um zu beweisen, daß wir noch immer Freunde sind.« Ich war wieder daheim. Michaud und Watkins redeten an mir vorbei und hörten nicht auf das, was ich vielleicht dazu zu sagen hatte. Sie wechselten einen Blick über meinen Kopf hinweg. Was für ein armes Baby, sagte der Blick. Regt sich über den Tod einer dämlichen Detektivin auf. »Warum seid ihr so sicher, daß sie gegen uns ist?« fragte ich. »Vielleicht ist sie selbst auch hinter dem Mörder her, wer im- mer es sein mag. Hinter derselben Person, vor der wir alle Angst haben.« »Wir haben keine Angst«, sagte Michaud. »Wir sind … be- sorgt.« »Wir sind sauer, paßt wohl besser«, fügte Watkins hinzu. »Vergiß es, Peter. IC hat nicht vor, unsere süßen Hintern zu retten, ganz gleich, was sie sonst noch vorhaben.« Er schaute nachdenklich drein. »Obgleich sie den Killer natürlich auch für ihre eigenen Zwecke hätten einsetzen können. Um uns rauszu- locken. Dann behalten sie saubere Hände und können alles abstreiten.« »Jetzt mal ganz langsam«, bat ich. »Ihr denkt also, Amanda TerAlst brachte Charlie Geraldino und Lory Inversato um und, ließ Karin Crawford verschwinden. Habe ich das richtig ver- standen? Oder er überredete jemand anderen, es zu tun. Er zerrte ihn wie an einer Leine herein und ließ ihn laufen. Wer dann? Oder reden wir kompletten Unsinn und beschimpfen sie, nur weil wir sie sehen können? Was für ein verdammtes Spiel spielen wir hier schon die ganze Zeit? Wenn wir ihr nicht helfen wollen, was sollten wir gegen den … Killer unternehmen?« »Du meinst Straussman, unseren alten Bastard?« Watkins lehnte sich vor. »Wenn er es wirklich ist.« »Oh, glaubt mir nur, er ist es.« Watkins war sich ganz sicher. »Na schön, wer zum Teufel ist Straussman?« Ich kam mir vor, als spielten wir Basketball im Nebel. Ab und zu flitzte der orangefarbene Ball vorbei, aber niemand kannte den Spielstand. »Falls er nicht aus der Erde gekrochen ist, seine Knochen einge- sammelt und nach Chicago geschlurft ist, war er zehn Jahre lang irgendwo abgeblieben. Wer war er gewesen? Wo ist er jetzt? Habt ihr irgendwann mal ernsthaft darüber nachgedacht?« »Irgendwie ist er zurückgekommen.« Seine Stimme klang angespannt. »Ich weiß nicht wie. Sein Tod in Alberta war eindeutig ein Schwindel. Er hat die Welt verlassen, indem er ein Toter wurde.« »Und kam er wieder zurück, indem er … wer wurde?« »Worauf willst du hinaus?« Michauds Stimme war auf träge Weise ungehalten. Seine Haltung war nur oberflächlich locker, aber ich konnte erkennen, daß er gespannt war wie eine Bogen- sehne. Er wollte, daß irgend etwas passierte. Wenn es nicht dazu käme, würde er dafür sorgen. »Da draußen existiert eine reale Welt, hört ihr? Es ist nicht, nur ein Spielplatz für die Gruppe. Charlie, Lori und Karin haben irgend jemanden hereingelassen, der ihnen nahestand. Ihr denkt, es war Linden Straussman. Schon möglich. Aber wie konnte er so nahe herankommen? Überlegt doch mal folgendes: Er erschien als jemand, den sie erkannten, als jemand, mit dem sie zu tun hatten. Vielleicht hat Straussman alles so inszeniert und seit Jahren geplant. Es war jemand, den sie kannten.« »Okay«, sagte Watkins. »Du hast eine Frage gestellt. Irgend- welche Antworten?« »Es könnte einer von uns sein, ein Mitglied der Gruppe, das als Straussmans Vertreter handelte.« Die Gedanken kamen mir, während ich redete. »Oder wenn Straussman zu jemand ande- rem wurde, warum nicht zu einem von uns? Wen könnte er wohl am besten nachmachen? Vielleicht dich, Tony.« »Quatsch.« »Vielleicht ist es dir noch nicht einmal bewußt.« Ich erwärm- te mich für meine eigene absurde Theorie. »Ortsspezifische Persönlichkeiten sind gang und gäbe. Warum nicht auch eine situationsspezifische Persönlichkeit? Straussman existiert gar nicht – es sei denn, er muß erscheinen. Die restliche Zeit ist er ein ärgerlicher, selbstverliebter Anthony Watkins, der noch nicht mal weiß, daß er das falsche Ich liebt.« Watkins grinste mich an. »Jetzt ist Peter wieder der Theo Bronkman, den ich von früher kenne. Voller absurder Ideen. Glaubst du das wirklich? Ich bin ihm rein physisch doch gar nicht ähnlich.« »Wirklich? Denk an ihn. Streng dich an. Bist du größer oder kleiner als Linden Straussman, Tony?« Das Bild des Mannes, der im Licht auftauchte, pulsierte in meiner Erinnerung. Das, Licht brannte in meinen Augen, und es war so schwierig, etwas zu sehen. »Sicherlich sieht er anders aus als du. Nicht so … breit.« »Ich kann mich nicht erinnern, daß Straussman ausgespro- chen breit war«, sagte Michaud. »Was immer das heißen soll. Ich erinnere mich nur an seine Ohren. Witzig, stimmt's? Mu- schelähnliche Ohren, absolut sauber. Kein Haar darin, nichts. Aber ich glaube nicht, daß sie richtig funktionierten. Ich glaube nicht, daß er jemals etwas von dem gehört hat, was einer von uns sagte.« Watkins schüttelte ungehalten den Kopf. »Seine Ohren? So ein Quatsch, Gene. Du hast doch nie auf ihn geachtet, oder? Das hättest du tun sollen. Er war das wichtigste in unserem Leben. Und so wie es aussieht, ist er es noch immer. Er hatte solche Riefen in seinem Schädel, ähnlich wie man sie bei Schildkröten antreffen kann. Und seine Nase. Er hatte eine lange, gerade … Nase.« Er hielt verwirrt inne. »Verdammt.« »Was ist los, Tony?« fragte ich. Ich wußte es längst. Er massierte seine Stirn. »Ich habe ihn verloren. Ich hatte ihn genau hier.« Er tippte sich gegen die Schläfe. »Ich schwöre es. Und jetzt ist er … nur eine Dunstwolke mit einer Nase und einem Hals.« Michauds Kopf fuhr beim Klang einer fernen Trompete her- um. »Entschuldigt mich für einen Moment.« Er ging mit stamp- fenden Schritten aus dem Raum, wie ein Ziegelstein mit Beinen. »Jetzt bleibt uns nur noch übrig, Hank zu suchen«, sagte To- ny. »Er hat sich wahrscheinlich schon längst in den Orbit ge- schossen«, sagte ich, »und sich da oben einen Körper zusam-, mengebaut.« Ich wußte, daß es nicht stimmte, aber ich wollte hören, was Watkins dazu meinte. Watkins machte ein spöttisches Gesicht. »Da oben gibt es für ihn nicht genug Abfall. Du weißt ja, wie seltsam er kurz vor dem Ende auf dieses Thema reagierte. Er saugt all diese Gift- stoffe auf, darauf kannst du dich verlassen.« Michaud kehrte zurück. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber ich konnte etwas spüren. Zorn, Frustration, Raserei. Die Nach- richt, die er gerade erhalten hatte, ließ ihn hell auflodern. »Das Haus, in dem ich aufwuchs, hatte einen großen Ka- min«, sagte er ohne Einleitung. »Aus Ziegeln, nach oben hin breiter werdend. Ich glaube, er war richtig alt. Jedenfalls kam er mir so vor. Mein Dad hat in der Feuerstelle eine Menge Kram verbrannt. Ich hab keine Ahnung, was alles. Eisenbahnschwel- len. Reifen. Uralte Mumien. Er hat mich niemals zusehen lassen. Was es auch war, der Qualm war immer schwarz. Schwarz wie der Tod. Er hing dort oben am Himmel und warf einen Schatten auf unseren Vorgarten. Man konnte noch nicht einmal hindurchsehen. Schwarz, schwarz, riesengroß und schwarz. Ich erinnere mich, daß ich mit meinen Zinnsoldaten auf der Wiese spielte und dann hochschaute, weil ich wissen wollte, wohin die Sonne verschwunden war.« »Du erinnerst dich nicht an so etwas, verdammt noch mal«, sagte Watkins scharf. »Das tut keiner von uns. Wir haben keine Kindheit. Keiner von uns. Was willst damit erreichen, Gene?« Michaud schaute erschrocken in die Runde. »Nichts. Es ist nur …« »Es ist eine falsche Erinnerung. Ein Implantat. Du mußt auf diese Dinger besonders sorgfältig achten. Das mußten wir alle, lernen. Vielleicht hattest du das vergessen?« »Ich habe überhaupt nichts vergessen. Aber wir wurden her- ausgefordert. Dieser Bastard. Er lachte uns aus, stachelte uns auf. Was meinst du, weshalb er so offen operiert?« »Aylmer.« Watkins machte zum erstenmal ein sorgenvolles Gesicht. »Wir haben einen Plan.« »Einen Plan! Wir erwarten ihn auf seinem eigenen Terrain und schlagen ihn. Nach all den Jahren. Dann sehen wir, wer zuletzt lacht.« Er hatte irgendwie ein Zeichen gegeben, was ich aber nicht bemerkt hatte. Leslie und Lyron, der kahle Schwarze und der hochgewachsene Blonde, erschienen hinter mir und nahmen mich in die Mitte. »Tut mir leid, Peter, aber ich kann dir nicht trauen, jedenfalls nicht jetzt. Vielleicht können wir später wieder zusammenarbeiten.« »Aber Gene, was ist mit …?« Ich wollte aufstehen, dann spürte ich eine eiserne Hand auf jeder meiner Schultern, die mich nach unten drückten. Seine Augen waren verschleiert. »Alles, was du über die Gruppe sagst, kann wahr sein. Vielleicht haben wir überhaupt nichts Falsches getan. Vielleicht wollen sie uns Orden anheften und mit uns eine Parade die State Street hinunter veranstalten. Aber das ist egal, nicht wahr? Wir alle haben seitdem eine Menge getan. Sehr viel, was wir den Leuten eigentlich nicht so gerne unter die Nasen reiben würden. Nicht wahr?« Ich konnte erkennen, daß Watkins von dieser plötzlichen Demonstration von Macht überrascht wurde. Das war eindeutig nicht ihr ursprünglicher Plan gewesen. Welche Nachricht Michaud auch erhalten hatte – es hatte seine Pläne geändert. Watkins hingegen hatte nicht vor zu protestieren. Er betrachte-, te mich nur mit einer spöttisch hochgezogenen Augenbraue. Ich drehte mich, und in der linken Seite meines Kopfs explo- dierte ein rasender Schmerz. Leslie zog die Faust zurück und zeigte sie mir. Die Gelenke seiner Finger waren mit scharfkanti- gen Stahlbändern versehen. Ich atmete zischend aus. Blut sickerte kühl an meiner Schläfe herab. »Danke, daß du mir am Ende die Tsuba doch noch zurück- gegeben hast«, sagte Michaud. »Über den Rest können wir später reden.« KAPITEL 23 Sie führten mich im Gänsemarsch einen Gang hinunter, stießen mich in ein Zimmer und verriegelten die Tür. Das Zimmer war voll weiterer militärischer Souvenirs, mehr Leder, das Zimmer eines Mannes, wie etwas, das meine Ralfies an einem schlechten Tag herstellen würden. An einer Wand befand sich eine vom Computer geschaffene politische Landkarte von Bessarabien und Moldawien, blaßgrün und gelb getönt, so daß sie antik aussah bis hin zu Wasserflecken und Benutzungsspuren. Schauplätze von Unternehmungen der Gruppe während der letzten Kriege waren mit schwarzer Tinte eingezeichnet. Ich hatte wenig Interesse daran. Für einen kurzen Moment stand ich da und betastete mit den Fingerspitzen das Blut an der Seite meines Kopfes. Ich war alleine mit nur einem Satz in Leder gebundener Aus-, gaben von Freemans Lee's Lieutenants als Gesellschaft, jeder Band mit einer Widmung des Autors versehen. Nachdem ich einen Moment gewartet hatte, versuchte ich mein Glück an der Tür. Solide, als sei sie in den Rahmen geschweißt worden. Die Klinke wackelte noch nicht einmal. Ich konnte nicht hören, was jenseits der Tür vor sich ging. Die restliche Wohnung hätte genauso gut leer sein können. Ich strich mit der Hand über das glatte Korduanleder der Couch und spürte die Vertiefungen der Polsterknöpfe. Ich ging durch den Raum zum Fenster. Während meines Aufenthaltes im Haus war der Abend angebrochen. Eine streng geordnete Gruppe trabte über den mit Flutlicht erhellten Platz vor dem Gebäude. Sie trugen keine Uniformen, sahen aber so aus: dunkle Mäntel und Mützen mit hellen Metallschirmen. Aus meiner Höhe konnte ich nicht einmal ihre Rasse erkennen. In ihrer Bewegung lag etwas Geducktes, Raubtierhaftes, als seien es Wiesel, die gelernt hatten aufrecht zu gehen. Ich preßte meine Stirn gegen die kalte Glasscheibe und beobachtete, wie sie zielstrebig davonmarschierten. Am Fuß des Gebäudes herrschten irgendwelche Aktivitäten, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Ein umgebauter Schulminibus, der mit den Insignien irgendeiner Bürgerge- meinschaft bemalt war, rollte hüpfend über die nackte Erde vor dem Gebäude und kam zum Stehen. Die Türen öffneten sich. Ihm folgte ein prächtig geschmücktes blau-silbernes koreani- sches Automobil mit großen, nicht aerodynamischen Schein- werfern, das für diese Gegend viel zu teuer war. Zwei Männer stiegen aus und unterhielten sich kurz. Ein blaues Schimmern zwinkerte mir aus den zerbrochenen, Fenstern des Gebäudes gegenüber zu. Ein Raum war erhellt, die Schatten menschlicher Gestalten huschten über die Wände und die Decke. Sie drängten sich um ein Feuer, so wie es aussah einen Biwakherd aus Armeebeständen, bei dem der Reflektor- schirm fehlte. Ich beobachtete sie lange und versuchte, aus dem Spiel ihrer Schatten Aufschluß über ihre Aktivitäten zu gewin- nen. Sie kochten Essen, erkannte ich, und brieten etwas auf dem Ofen. Als es fertig war, hockten sie sich alle hin, wobei ihre Schatten sich in formlose Klumpen verwandelten, und aßen. Es muß in dem Zimmer bei all den zerstörten Fensterscheiben kalt gewesen sein. Sie waren wahrscheinlich den ganzen Weg dort hinaufgestiegen, über die schwarzen Treppen des verlassenen Gebäudes, um den disziplinierten Banden zu entgehen, die die unteren Regionen beherrschten. Ich wünschte, ich hätte hinü- bergehen und mich an ihrem Abendessen beteiligen können. Einige Gestalten tauchten aus dem Eingang von Michauds Gebäude auf. Ein Licht hinter ihnen, im Gebäudeeingang, warf ihre monströsen Schatten auf die verfallenen Häuser ringsum. Weiße Wolken drangen aus ihren Mündern. Zwischen ihnen entdeckte ich die stämmige Gestalt Gene Michauds selbst. Er schwang, unwahrscheinlicherweise, ein Schwert. Die beiden Männer aus dem koreanischen Wagen kamen ihm entgegen. Sie mußten Heos von ManPower oder vielleicht von der Mutterge- sellschaft, Hyundai-Chunkoju, sein: nervöse globale Vorortbe- wohner, deren pseudomilitärische Mäntel wenig überzeugend um ihre Schultern schlotterten. Einer von ihnen versuchte mit Michaud zu diskutieren, doch Michaud wandte sich ablehnend um und stieg in den Van. Sein restliches Team folgte ihm. In der Ferne, hinter einer Reihe Apartmenthäuser, brannte, ein Gebäude. Ich konnte es kaum erkennen, aber der orangero- te Flammenschein beleuchtete die tiefhängenden Wolken. Lag dort der Ursprung des Knatterns von Handfeuerwaffen? Es war durch das dicke Glas der Fensterscheibe nur schwer zu hören. Und noch weiter weg, wie das zornige Summen einer einge- sperrten Fliege vor einem Fenster, das Geheul von Polizeisire- nen. Der Minibus fuhr davon und ließ die beiden Heos mit ihrem Wagen und der Nacht zurück. Nach einem kurzen Mo- ment stiegen sie ein und entfernten sich ebenfalls. Auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes trabte eine andere Gruppe vorbei. Verdammter Verein. Ich war in dieser Zelle eingeschlossen, von allen Seiten abgeschirmt, in der Falle. Diese Schweine, Michaud und Watkins, hielten mich davon ab herauszube- kommen, was ich wissen mußte. Ich unterdrückte mühsam ein Gefühl fast klaustrophpbischer Panik. Um mich herum wallte düstere Ignoranz. Ich drehte mich um und hämmerte gegen die massive Tür. »Watkins!« brüllte ich, so laut ich konnte. »Verdammt noch mal, Tony, mach die Tür auf!« Ich wollte gerade nach einem schweren Gegenstand suchen, um damit die Tür zu bearbeiten, als das Schloß entriegelt wurde und die Tür aufging. Watkins stand auf dem Flur. Er trug eines dieser raffinierten Handgelenkholster, bei dem ein Zucken mit dem kleinen Finger die dekorative Pistole direkt in die wartende Hand gleiten ließ, die ansonsten frei war um jemanden zu begrüßen oder damit Sushi zu essen. In der anderen Hand hielt er ein dickes Buch, einen Finger als Lesezeichen zwischen die Seiten geklemmt. »Was ist das Problem, Peter? Mußt du auf die Toilette? Gene, meinte, unter der Couch stünde ein wunderschöner Nachttopf aus Messing. Er soll irgendeinem General gehört haben, ich bin sicher, er weiß genau welchem. Du solltest dich geehrt fühlen, so grandios scheißen zu dürfen …« »Tony, weißt du, wo Gene hinwill?« Er musterte mich finster. »Du hast mich aus einem gemütli- chen Sessel hochgescheucht, um mich nach Dingen zu fragen, von denen ich dir nichts erzählen kann? Geh zurück auf dein Zimmer, Peter, sei ein braver Junge. Wir können später darüber reden.« Seine Ruhe und Gelassenheit waren gefährlich. Mi- chauds plötzlicher Aufbruch hatte ihn geärgert, und wenn ich mich nicht in acht nahm, würde er seine Wut an mir auslassen. »Du verstehst nicht! Sind wir tatsächlich solche einfachen Opfer? Während wir doch alle meinen, wir seien so clever? Was meinst du denn, wohin er so eilig verschwinden mußte?« »Petey …« »Laß es mich anders ausdrücken. Dieser Bau ist eine Festung, bis unters Dach mit Waffen vollgestopft. Man braucht eine ganze Armee, um hier reinzukommen. Falls jemand an Gene Michaud – oder Aylmer Brandt, wenn es dir so lieber ist – heranwollte, was würde er wohl als erstes tun?« »Ihn hier rauslocken«, antwortete Watkins spontan und oh- ne es zu wollen. »Aber …« Watkins war nicht dumm. Er be- trachtete mich einige Sekunden lang. »Willst du behaupten, daß Straussman …« »Ihn rausgelockt hat.« Ich war mir nicht sicher, ob es wirk- lich Straussman war, aber das war jetzt nicht der wesentliche Punkt. »Was denkst du, wo er hingefahren ist, Tony?« »Das hat er nicht gesagt.« Watkins wurde sichtlich nervös., »Meinst du, er ist dort?« Meine Geste war unnötig drama- tisch, aber sie brachte Watkins dazu, in die entsprechende Richtung zu blicken. Er starrte auf das ferne brennende Gebäu- de. »Verdammt noch mal. Das kommt sicher in die Nachrichten. Die Leute sind ganz scharf auf so was.« Er rannte den Flur entlang und durch eine Tür mit maurischem Torbogen. Ich folgte ihm. Es war Michauds Zimmer. Wie ich erwartet hatte, schlief er auf einem zusammenklappbaren Feldbett. Er hatte Vorhänge an die Decke gehängt, so daß wir uns vorkamen wie in einem großen Zelt, das mit dicken, mit Goldfäden durch- wirkten Seilen verspannt war. Der Fußboden bestand aus Holzplatten, auf denen man sich mit nackten Füßen Splitter hätte in die Haut reißen können. Allerdings war Michaud der Typ Mensch, der seine Füße in kugelsicheres Komposit steckte. In einer Ecke stand ein Reisesekretär, auf dessen Schreibfläche militärischer Nippes herumlag. Watkins legte sein Buch ab, dessen fremdartiger Titel Quo vadis? lautete, dann setzte er sich auf die Pritsche und betätigte eine Kontrolle. »Verdammt, wenn du recht hast.« Er massierte heftig seinen Unterkiefer. »Es ist eine simple Grenzstreitigkeit – zwei Banden, die aneinandergeraten sind, nichts Wichtiges. Ich denke, es ist eher eine Art Kriegsspiel. Zum Teufel, vielleicht ist es auch eine Prüfungsaufgabe für die neuen Offiziere der maze- donischen, sezchuanesischen und jorubanischen Armeen.« Ein lebensechtes holographisches Bild des brennenden Ge- bäudes erschien mitten im Zimmer. Lautes Getöse war zu hören, als das Dach einbrach. Über dem Rumpeln konnte man laut rufende menschliche Stimmen hören, begleitet von einem, gelegentlichen Pistolenschuß. Zwei Feuerwehrwagen versprüh- ten Flammen erstickenden Schaum. Ohne die gleichzeitig die Größe angleichende Kanalinformation in der visuellen Kortex kam einem das Bild vor wie ein brennendes Puppenhaus. »… ein Bandenstreit, der außer Kontrolle geraten zu sein scheint«, erklärte der Sprecher soeben. »Örtliche Krisenkom- mandos sind bereits in Stellung gegangen.« Zwei Polizeiwagen mit Blaulicht glitten die Straße hinunter. Flammen wurden von ihren spiegelnden Flächen reflektiert. »Ein Trainingseinsatz, dachte ich«, sagte Watkins. »Etwas ganz Alltägliches für ihn. Aber es gab doch etwas Spezielles, weshalb Michaud sich Sorgen machte. Er sagte, irgendein Bandenführer habe es auf ihn abgesehen. Er fordere ihn her- aus.« »Straussman?« »Nun, nicht ganz so direkt, verdammt noch mal. Ein wenig Raffinesse wird wohl dabei sein, klar? Gene muß die Chance haben, sich selbst etwas vorzumachen. Es war irgendein hiesiger junger Krieger, meinte Gene. ›Er macht es auf perfekt kunstvol- le Art und Weise‹, erklärte Gene mir, was immer das zum Teufel heißen mag. ›Genau die angemessene formelle Heraus- forderung.‹ Irgendwo da drin wurde ein netter kleiner Knopf gedrückt … ›Komm schon, hau Daddy in die Fresse, du kleiner Bastard.‹« Er lachte. »Michaud konnte niemals der Versuchung widerstehen, zu beweisen, wie hart er war. Jedem gegenüber.« »Aber ihr hattet doch eine Vereinbarung.« Er fuhr zu mir herum. »Natürlich hatten wir eine verdammte Vereinbarung. Keiner von uns sollte verrückt spielen. Wir hätten es schriftlich festhalten sollen.«, »Der Kampf tobt so heftig, daß sie jetzt das Gebäude betre- ten«, meldete der Sprecher. Erregung schwang in seiner Stimme mit, setzte sich gegen seine professionelle Gelassenheit durch. »Das Haus brennt, und sie dringen ein.« Man konnte tatsäch- lich sehen, wie Leute über die Absperrungen sprangen und ins Gebäude rannten, wobei ihre hitzewabernden Gestalten als scharf umrissene Silhouetten vor dem Feuer auftauchten. Sobald sie verschwunden waren, schwenkte die Kamera herum und zeigte fettigen schwarzen Qualm, von unten rot beleuchtet, der zur Wolkendecke aufstieg. »Riskieren Kopf und Kragen für ein verdammtes Prüfungs- cum laude«, sagte Watkins bitter. »Michauds Musterschüler. Dieser Bastard. Er hat mir versprochen, er würde es nicht verlieren. Deshalb habe ich …« Er hielt inne und blickte auf Michauds Sekretär. Die Objekte – kunstvoll gearbeitete Sil- bersporen, die aussahen wie Meereslebewesen, zwei Handgra- naten aus dem Zweiten Weltkrieg, ein asiatischer Krummdolch, ein paar nicht identifizierbare Pistolenteile – waren säuberlich auf der Schreibfläche aufgereiht wie zu einer Inventur. Dies war eine erst vor kurzem hergestellt Ordnung. Die Staubflecken verrieten, daß die Teile vorher wahllos verstreut gewesen waren. Watkins sprang von der Pritsche hoch und eilte an mir vor- bei, als hätte er meine Anwesenheit völlig vergessen. Ich blieb ihm auf den Fersen. Vor ihm stieg der Fahrstuhl rumpelnd nach oben. »Er war hier, Tony«, sagte ich. »Ist es nicht das, was du denkst? Während ihr beide eure hübschen Pläne geschmiedet habt, hat Gene Michaud Straussman zu einem kleinen Schwätz- chen auf sein Zimmer eingeladen. Und während sie sich unter-, hielten, hat Straussman dagesessen und alles auf dem Schreib- tisch geordnet, wie immer. Er war ja schon früher ein Ord- nungsfanatiker. Stimmt's nicht?« Watkins sah mich, das Gesicht verkniffen, entsetzt. »Ja, rich- tig. Sie haben sich offenbar unterhalten. Leute gehen hier stän- dig ein und aus, hörst du? Nachdem er benachrichtigt worden war und wir dich eingesperrt hatten, verschwand Gene, um sich fertig zu machen. Er brauchte dazu etwa zehn Minuten. Dann kam er heraus und ging weg, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.« »Was sagst du da?« »Hast du vielleicht gesehen, daß Straussman sich unterm Bett versteckt hatte?« Die Fahrstuhltüren öffneten sich. »Gene hat es selbst getan.« Er schüttelte den Kopf. »Er hat es verdammt noch mal selbst getan!« Während er den Fahrstuhl betrat, kamen Leslie und Myron heraus. Sie musterten ihn, mißtrauisch, erkannten ihn aber offensichtlich als jemanden, der sich frei bewegen und eigene Entscheidungen treffen durfte. »Tony!« sagte ich. Er drehte sich nicht nach mir um, wäh- rend die Türen sich hinter ihm schlossen. Ohne einen weiteren Gedanken machte ich kehrt und rannte durch den Korridor. Ich überrumpelte sie, da sie angenommen hatten, ich würde mich benehmen wie ein braver Junge und mich in meine Zelle zurückbringen lassen, damit sie ihren eigentlichen Geschäften nachgehen konnten. Irgendwo in diesem Wust von militärischen Memorabilien mußte es etwas geben, das ich als Waffe gegen sie würde benut- zen können. Doch noch während sie sich an meine Verfolgung, machten, selbstsicher und siegesgewiß auf ihrem ureigensten Terrain, wußte ich, daß ich in der Falle; saß. Sie waren mit echten Waffen ausgerüstet und nicht mit versilberten Hellebar- den, und sie wußten genau, was sie tun mußten. Was ich ganz gewiß nicht wußte. Ich rannte leise, hob dabei meine Füße hoch wie eine Person in einer Farce. Ich verharrte im abgetrennten Teil neben der malaiischen Basiliskenkanone. Ich schaute blinzelnd zum Ständer mit den japanischen Schwer- tern. Das lange war noch dort, aber das kurze, an dem Michaud die Tsuba befestigt hatte, war verschwunden. Ich hätte am liebsten einen lauten Fluch ausgestoßen. Ich lauschte so angestrengt, daß es in meinen Ohren wider- hallte. Ein zischendes Einatmen. Ich ging in die Knie und schob den Kopf um die Kante der Trennwand. Leslie stand, mit dem Rücken zu mir, in entspannter Haltung mit leicht gespreizten Beinen vor mir. Ohne lange zu überlegen warf ich mich gegen seine Beine. »Verdammt noch mal!« brüllte er, während wir beide hinstürzten. Wenn ich ihn ausschalten könnte, bliebe nur noch … Mit unglaublicher Kraft rollte er sich herum und schlug mir seine eingebauten Messingknöchel ins Gesicht. Ich kippte nach hinten, krachte gegen die Basiliskenkanone. Er kam auf die Füße, stand in geduckter Lauerhaltung vor mir, fixierte mich, das Gesicht dunkel vor Zorn. »Leslie!« rief Myron aus einem anderen Raum. »Verdammt, es bewegt sich!« Leslies Kopf fuhr herum wie der einer Schildkröte. »Der Scheißer ist hier drin, Myron. Komm her!« Mit einem unver- mittelten, irrealen Flattern tauchte ein gelb-schwarzer Schmet-, terling im Raum auf. »Verdammter Mist – mein Gott!« Lautes Getöse drang aus dem vorderen Raum herein. Und ein seltsamer Laut, ein schril- les Quietschen wie von einer schlecht geölten und nur lose zusammengeschraubten Maschine, die ohne Schwungrad lief. Myron stürmte mit nervös zuckenden Augen in den Raum. »Laß uns verschwinden, Partner. Sofort!« Leslie richtete sich auf. Eine Pistole erschien in seiner Hand – ich denke, ich hatte nicht mit so etwas gerechnet. »Erzähl!« »Es ist diese Rüstung, Leslie. Das verdammte Ding … es, es ist lebendig!« Leslie reagierte nicht sonderlich beeindruckt. »Es wurde im- mer ferngesteuert. Ein reines Ausstellungsstück. Dem Boß hat es gefallen. Es war hauptsächlich für …« Mit schweren, krachenden Schritten stampfte die insektoide Rüstung aus dem Vorraum herein und holte mit dem mit Messern gespickten Morgenstern aus. Ein paar bunte Troddeln hingen nun daran, als bewerbe sie sich für einen Job als Schön- heitstänzer. »Ha«, sagte Leslie mit erstaunlich ruhiger Stimme. »Sie muß wohl zu diesen Abwehreinrichtungen gehören. Wir sollten uns einfach zurückhalten und zusehen, wie sie es diesem Burschen besorgt.« Myron hob zweifelnd die Schulter. »Nun, wenn du dir so si- cher bist, daß …« Mit atemberaubender Geschwindigkeit streckte die Rüstung einen Arm aus und schleuderte Myron quer durch den Raum. Er prallte gegen einen Ständer mit dekorativ angeordneten Hellebarden und Piken und stürzte mit ihnen unter lautem, Getöse zu Boden. Für einen Moment lag er nach Luft schnap- pend da, dann kämpfte er sich auf die Hände und Knie hoch. »Nun, Leslie?« fragte er mühsam. »Was hattest du gesagt?« Leslie starrte die riesige Rüstung wie betäubt an. Auch ich schaute hin und mußte blinzeln. Grüne Ranken wuchsen unter ihren Augen um die Kanten der Panzerplatten herum. Und die insektenpuppengleichen Knoten platzten auf. Die Troddeln waren Schmetterlinge mit immer noch feuchten Flügeln nach dem Ausschlüpfen aus ihren Puppenhüllen, die abwarteten und sich auf den ersten Flug vorbereiteten. »Verdammt«, sagte er ehrfürchtig. »Verdammt noch mal. Die Canyoniten. Sogar hier oben. In der Residenz des Chefs. Es sind die Sons of Glen Canyon, Myron!« Wurzeln wuchsen aus den Beinen der Rüstung und breiteten sich auf dem Fußboden aus. Laubblätter entfalteten sich und deckten alles mit Grün ab, während die Schmetterlinge starteten und die Luft mit ihrem farbenfrohen, tanzenden Flug erfüllten. »Ich verschwinde besser von hier«, sagte Myron ruhig. Er stand auf und verließ im Laufschritt den Raum. Ich schaute ihm nach und staunte über eine so vernünftige Aktion. Der massige Helm der Rüstung wandte sich Leslie zu. Blu- men sprossen durch das zähnefletschende Samuraigesicht. Die Arme, die den stacheligen Morgenstern hielten, senkten sich auf ihn herab. »Die Sons!« sagte Leslie mit einem erstickten Schrei und rannte hinter Myron her. Ich hörte, wie die Fahrstuhltüren aufglitten. »Hank?« sagte ich. »Hank Rush? Bist du da drin?« Die Rü- stung antwortete nicht, rührte sich aber auch nicht mehr. Sie war fast unsichtbar unter einer zuckenden grünen Pflanzen-, schicht. Es mußte sich um hochentwickelte organiforme Syn- thetikmaterialien handeln, die den Wuchs echter Pflanzen perfekt imitieren konnten. Niemand wußte, wie man echte natürliche Pflanzen dazu brachte, sich genauso zu verhalten. Die Schmetterlinge waren wahrscheinlich echt. Man hatte sie wohl in einer Art biologischem Schlafstadium für diesen Au- genblick bereitgehalten. Die Wände waren nun mit flatternden Massen von Schmetterlingen in allen Farben von Stahlblau bis Weiß bedeckt. Wahrscheinlich war es ein Symbol, das Gene Michaud irgend etwas mitteilen sollte, wenn der richtige Moment gekommen war. Aber Gene Michaud war nicht da, er war in den Kampf um ein brennendes Gebäude verwickelt und auf der Jagd nach der Schimäre Linden Straussman. Bei sich hatte er ein kurzes Schwert mit der Tsuba, die ich ihm gebracht hatte, daher sah nur ich es, auch wenn ich nicht fähig war es zu begreifen. Ich richtete mich auf und spürte den Schmerz in meiner Sei- te, mit der ich gegen die Kanone gekracht war. Ganz gleich, wie erschrocken Leslie und Myron auf den Anblick rachsüchtiger Canyoniten reagierten, sie würden schon bald mit Verstärkung zurückkehren. Ich konnte den Fahrstuhl nach unten nicht benutzen: Er war eine Falle. Also konnte ich irgend etwas anderes tun? Ohne große Hoffnung verließ ich den Raum mit der Rüstung und durchsuchte das Apartment. Sie ließ mich unbehelligt laufen. Weitere Türen, Ausrüstung, Waffen aus verschiedenen Zeit- altern … und eine kahle Tür mit einer brennenden blauen Lampe darüber. Eine Druckplatte ließ sie nach außen aufgehen. Natürlich. Wie das Bild von dem Brand in Michauds Zim-, mer gezeigt hatte, brauchte man stets einen sicheren Fluchtweg im Falle eines Brandes, ganz gleich, was für ein Sicherheitssy- stem man installiert hatte. Die Technologie eliminierte niemals den primitivsten aller Schrecken. Michaud und seine Männer konnten unerreichbar im zehnten Stock dieses verlassenen, wuchtigen Turms hocken und dann ausgeräuchert werden, gekocht wie junge Täubchen, schreiend, brennend aus zerbor- stenen Fenstern stürzen. Daher – eine Feuertür. Ich schlug auf die Platte und drückte die Tür auf. Durchaus möglich, daß jetzt irgendwo Alarmsirenen losheulten. Daran konnte ich auch nichts ändern. Ich rannte durch die Tür und die Stahltreppe hinunter. Ihr extrem haftender Sicherheitsbo- den hielt meine Füße fest, und ihre Konstruktion war im hellen Licht deutlich zu erkennen. Ich raste so schnell ich konnte hinunter, stürzte beinahe und purzelte die extrem rutschfesten Stufen hinab. Ich lauschte verzweifelt, ob ich außer dem Trap- peln meiner Füße und dem Pfeifen meines hechelnden Atems noch etwas anderes hören konnte. Ich vernahm ein fast lautloses Klicken und spürte eine Ver- änderung des Luftdrucks. Jemand hatte eine Tür geöffnet, wahrscheinlich irgendwo über mir. Die Feuertür direkt vor mir, gebaut, um Menschen auf die Treppe hinaus, aber nicht ins Gebäude hineinzulassen, besaß einen selbst leuchtenden Over- ride-Schalter. Schnell betätigte ich diesen Schalter und stolperte durch die Tür. Im gleichen Moment erloschen die Lichter im Treppenhaus. Die Tür schwang zu und verriegelte sich hinter mir. Jemand hatte endlich ein Override-System für die Feuertüren aktiviert und versperrte mir meine Fluchtroute. Aber ich hatte sie längst verlassen … Irgendwo., Das Stockwerk, in dem ich mich befand, war verwaist und in einem Zustand heilloser Unordnung. Der Korridor vor mir war vollgestopft mit beschädigten und zerschlagenen Möbeln, die Wände waren mit Graffiti in einem Dutzend verschiedener Sprachen bekritzelt, unter denen eine phosphoreszierende Obszönität auf Armenisch das Auffälligste war. Licht drang von den Sicherheitslampen draußen durch die zertrümmerten Fenster herein. Ich rannte in eine Wohnung und blickte aus dem Fenster. Ein kalter Wind pfiff mir um die Nase. Der Erdboden befand sich zwei Stockwerke unter mir und sah im grellen Lichtschein brutal hart aus. Ich entdeckte keine Menschenseele. Sie waren alle im Haus und suchten mich. Ich kehrte schnellstens auf den Flur zurück und lief dorthin, wo ich den hinteren Teil des Gebäudes vermutete. Ich agierte nur noch auf Grund reiner Reflexe aus dem unteren Stammhirn und hatte keine Ahnung, weshalb es für mich so wichtig war, dorthin zu gelangen. Ich begriff es, sobald ich dort war. Bei unserer Ankunft hatte ich bemerkt, daß hinter dem Gebäude ein wahres Gebirge von unrecyceltem Abfall lag. Es bedeckte einen früheren Kinder- spielplatz, und das obere Ende einer Schaukel ragte immer noch über die oberste Abfallschicht hinaus wie das Rückgrat eines zum Fossil erstarrten Sauriers. Ich umfaßte den Fensterrahmen, schwang mich durch die Fensteröffnung und ließ mich fallen. Die Stadt pfiff an mir vorbei und erwischte mich schließlich in Gestalt erfrorenen Abfalls. Ich krabbelte den Hügel hinunter, rechnete jeden Moment damit, daß um mich herum Gewehr- und Pistolenku- geln einschlugen, und rannte in die Nacht hinein., KAPITEL 24 Am Ende drang genügend Licht durch die Wolkendecke am Himmel, so daß ich den Zeitpunkt als Morgen definieren konn- te. Mit einem schrecklichen Knirschen in meinen Gelenken wühlte ich mich aus meinem Versteck, grub mich aus meinem Kokon aus alten Zeitungen, Abfalltüten und trockenem Laub heraus und kehrte zurück in die mitleidlose Welt. Ich stand am Rand eines mit grauem Morast gesäumten Sumpfs. Der Erdboden ringsum war mit toten Baumästen bedeckt. Die stille Wasseroberfläche blinkte durch eine Schicht frisch gefallenen Laubs. Im dichten Unterholz waren Teile von Automobilen, Waschmaschinen und Radiogeräten zu erken- nen. Das Dach eines anderen Automobils ragte aus dem mit Laub bedeckten Wasser des Sumpfs heraus. Blut kehrte gewaltsam mit einem brennenden Schmerz in meine Beine zurück. Ich lehnte mich an den Stamm einer toten Ulme und bemühte mich, nicht aufzuschreien. Ich fühlte mich, als hätte sich jemand in der Nacht herangeschlichen und mir die Zehen mit einem Bolzenschneider abgezwickt. Was, zum Teufel, war Farley? Das war der Gedanke, der meine kalten Nachtstunden beherrscht hatte, keine umsichtigen Pläne, wie ich wohl mein Überleben sichern könnte. Er hatte meine Frau geheiratet und hatte außerdem eine wunderschöne Geliebte nebenbei. Der Gedanke an Priscilla vermittelte mir für einen Moment ein Gefühl der Wärme. Ich dachte an Gideon Farley, herrisch und unbehaglich zur gleichen Zeit, wie er in meinem Wohnzimmer saß. Er hatte mit beiden Frauen geschla-, fen. Ich hatte diese Virts in seinen Kopf eingesetzt … Ich war in der eisigen Dunkelheit zusammengezuckt und hatte den aufdringlich neugierigen Waschbären aufgeschreckt, der mich die ganze Nacht ständig schnüffelnd umkreist hatte, ungläubig, daß ich nichts zu essen bei mir hatte. Farley hatte Karin Crawfords Kundalini-Virts in seinem Nervensystem. Und was hatte sie gesagt? Irgend etwas über die Virts und die Symbole darin. Verdammt! Die Ware, die der Mann meiner Ex- Frau in sich trug, war auf gewisse Art und Weise bedeutsam für meine Notlage. Meine alte Kollegin Karin Crawford hatte etwas in diesen Virts versteckt, irgendeinen symbolzergliedernden Algorithmus, eine Serie von Verbindungen, die etwas mit Linden Straussman zu tun hatten. Und ich hatte sie lediglich installiert, wie ein anständiger Arbeiter, ohne darüber nachzu- denken, was in ihnen steckte, und hatte den Träger hinausge- schickt in sein neues Leben. Ich hatte gehofft, alles darüber zu vergessen, über Corinne, über Gideon Farley. Sogar über Priscilla, falls das möglich war. Aber das war es nicht. Nun mußte ich ihn ärgerlicherweise wieder suchen. Ich mußte feststellen, ob er mich zu Straussman führen konnte. Und der Weg zu Farley führte über Priscilla. Ich suchte mir einen Weg am Rand des Sumpfs entlang, ta- stete mich vorsichtig durch den rutschigen grauen Morast, auf dem ich ausgleiten und ins stinkende Wasser stürzen konnte. Ich kam zu einem verlassenen Erzfrachter, der halb im Sumpf versunken war und dunkelorange vor sich hin rostete. Ein paar Enten schwammen friedlich daran vorbei und schenkten mir keinerlei Beachtung. Gegenüber dem Sumpf erhob sich ein flacher Hügel von Schlacke aus den Stahlwerken, die früher in, dieser Gegend in Betrieb gewesen waren. Alles war jetzt verlas- sen, und in dem giftigen Erdreich hatten sogar erste Pflanzen Fuß gefaßt. Was ich für einen schiefen, abgestorbenen Baum gehalten hatte, entpuppte sich als verlassener Kran. Rotblättrige Schlingpflanzen waren bereits bis zur halben Höhe an ihm emporgeklettert. Ein Kabel hing am Ende des Auslegers herab und hielt einen fröhlich geschmückten künstlichen Weih- nachtsbaum. Ich konnte irgendwo auf einem Highway Automobile hören, aber hier tat sich nichts. Dies war wildes Marschland, die ur- sprüngliche Landschaft Chicagos, und niemand war daran interessiert, hierher zu kommen und sich nasse Füße zu holen. Ich wußte, daß er hier war, irgendwo. Alle Hinweise, die ich erhalten hatte aus dem Tagebuch von Helena Mennauras nicht existenter Tochter, aus Loris Beschreibungen von Hanks Fabrik, plazierten Hank Rush irgendwo hier unten, inmitten der Gift- mülldeponien, der Sümpfe und der industriellen Schrottplätze, die die südlichen Ausläufer der Stadt kennzeichneten. Vielleicht hatte ich die ganze Zeit unter Beobachtung seiner Sensoren gestanden. Ich hielt Ausschau nach winzigen Fisheyeobjektiven in Astlöchern, nach Mikrofonen unter angebrochenen Ästen. Ich konnte nichts finden. Wenn man mich fragt, so hatte ich mein ganzes Leben seit Camp Fitzwater unter Beobachtung seiner Sensoren gestanden. Ich verfluchte mein früher mangelndes Interesse für umwelt- rechtliche Angelegenheiten, denn ich wußte, daß das Leben um mich herum ausreichende Hinweise auf Rushs physischen Aufenthaltsort lieferte, wenn ich nur genug gewußt hätte, um sie zu sehen und zu verstehen. Es hingen noch genug Blätter an, Ästen und Zweigen, um Bäume zu identifizieren. Das mußten Reste meiner für immer vergessenen realen Kindheit sein. In Camp Fitzwater hatte ich diese Fähigkeit ganz bestimmt nicht erlernt. Der dicht belaubte Alianthus zum Beispiel, ein auf freien Flächen häufig vorkommender Baum. Selbst ich wußte, daß er aus China stammte. Demnach war dies nicht Rushs Territorium. Der Baum wäre von ihm niemals geduldet wor- den. Aber dort drüben, jenseits des mit Wasser gefüllten Grabens, stand eine Gruppe Platanen mit weiß-grün-braun gefleckter Rinde und kleinen pelzigen braunen Früchten an den Zweigen. Ein solider Illinois-Baum. Ich biß die Zähne zusammen, watete durch das schlammige Wasser und spürte, wie die Kälte sich hungrig meiner Beine bemächtigte. Ich trottete eine kleine Anhöhe auf der anderen Seite, ein Stück vom Wasser entfernt, hinauf. Ich sah keine Bäume, die hier nichts zu suchen hatten, keine Mangroven oder Sequoias, aber was wußte ich schon darüber? Das Unterholz war dicht, voller Büsche, Schlingpflanzen und abgebrochener Äste. Ich kämpfte mich hindurch. Ich kletterte über einen umgekippten Maschendrahtzaun. Hier war die Konzentration abgewrackter Maschinen viel dichter. Spuren massiver Fundamente waren zwischen dem Pflanzenbewuchs zu erkennen. Dahinter befand sich die zer- klüftete Ruine einer automatisierten Fabrik. Sie konnte in zwei Jahrzehnten nicht ohne sehr viel Hilfe in diesem Maße zugewu- chert sein. Betonteile schoben sich stellenweise zwischen den trockenen Farnwedeln und welken Blättern heraus wie geologi- sche Findlinge., Das Unterholz lichtete sich ein wenig, und ich sah eine Gruppe von jungen Bäumen mit geraden Stämmen und gelben, gezackten Blättern, ähnlich wie Ulmenblätter, aber länger und schlanker. Stachelige Kugeln hingen an den Ästen. Ich blieb stehen und betrachtete sie blinzelnd. Ich kannte sie, aber nicht, weil ich ein Baumexperte war, sondern weil sie von einer wun- dervollen Sage umgeben waren. Sie waren der Heilige Gral des auf Originalität bedachten Heimökologen. Ihr Bild, eher als das, was sie in der Wirklichkeit darstellten, war jedermann vertraut. Ich riß eine Kugel ab und öffnete sie. Darin, zusammenge- drängt, befanden sich drei Kastanien. Ich schnippte sie nach- einander mit dem Daumen ins Laub. Die Amerikanische Kastanie war in der freien Natur seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert ausgestorben, nachdem sie irgendeiner ausländischen Krankheit zum Opfer gefallen war. Es sah so aus, als hofften die Canyoniten, daß sie wieder in unsere Wälder zurückkehrte. Natürlich hatten verschiedene andere Gruppen eine unterschiedliche Auffassung über die Wichtigkeit eines solchen Schritts. Ich hatte gehört, daß Debat- ten darüber in irgendwelchen Canyons in Utah, wo sie ihre Treffen abhielten, in Gewalt ausgeartet sein sollen. Ich räusperte mich. »Hank Rush?« fragte ich und kam mir vor wie ein Idiot. Niemand antwortete mir, noch nicht einmal die Bäume, da sich kein Lüftchen regte. Die Sonne über den Wolken schien die Luft keinen Deut angewärmt zu haben. Ein kleines Stück von der Gruppe Amerikanischer Kastanien entfernt befand sich das verlassene Gehäuse einer Art Stahl- hochofen. Es war ein Stück in die Erde eingesunken, und ein Riß lief an der Seite entlang. Der Riß war mit einem dünnen, Silberdraht geflickt worden, der zwischen glänzenden Bolzen gespannt worden war. Ich mußte grinsen. Wenn das nicht Hank Rush war, dann wußte ich es wirklich nicht. »Hank! Bist du zu Hause?« Leise kippte der alte Ofen nach hinten wie der Helm einer Ritterrüstung. Er war offensichtlich doch nicht in der Erde versunken. »Was ist los?« fragte eine ruhige und mißtrauische Stimme aus der Dunkelheit. »Ich bin's. Theo Bronkman.« »Peter Ambrose jetzt. Es ist okay, Peter. Ich komme damit klar.« Mit einem knisternden Geräusch im Unterholz um mich herum tauchten Dutzende von segmentierten Metallröhren aus dem Erdreich auf und umtanzten mich wie grotesk vergrößerte Cilien. Jede Röhre war doppelt so groß wie ich, und eine einzige von ihnen hätte mich blitzschnell außer Gefecht setzen können. Ich hatte keine Ahnung, ob Hank mich bedrohte oder sich nur reckte und streckte. Ich kniete mich hin und schaute in die Schwärze unter dem Ofen, aber ich konnte nichts erkennen. »Bist du da drin, Hank?« »Ich bin nicht in irgendeinem Ort.« Während er redete, konnte ich in mehreren verschiedenen Richtungen im Unter- holz irgendwelche Maschinen rumpeln hören. Unter meinen Füßen spürte ich die Vibration von irgendwelchen Dingen, die sich unter der Erdoberfläche bewegten. »Du weißt das. Es engt einen so sehr ein.« Nach dieser Bemerkung verstummten die Geräusche. »Das stimmt, Hank. Aber jeweils nur an einem Ort zu sein,, ist eine schlechte Gewohnheit von mir.« »O Peter.« Er seufzte. »Das liegt nur daran, daß du immer noch dieses alte Behelfshirn benutzt, mit dem du geboren wurdest. Die Evolution ist ein sehr schlechter Weg, um zu guten Entwürfen zu gelangen.« »Demnach hast du dein Bewußtsein in irgendwelche Hard- ware übertragen? Ich wußte nicht …« »Das habe ich nicht, nein.« Seine Stimme klang klar und deutlich, aber ich spürte, daß ich es geschafft hatte, ihn zu verärgern. »Man verliert immer noch etwas, wenn man es tut.« »Ja. Zum Beispiel sich selbst.« Trotz aller Bemühungen hing das menschliche Bewußtsein immer noch sehr eng mit dem menschlichen Gehirn und all seinen Fehlern und Nachteilen zusammen. Unser Geist war ein großes Durcheinander wie auch unsere evolutionär zugekleisterten Gehirne ein großes Durcheinander waren, und das Uploaden bewirkte meistens, daß die Mängel beseitigt wurden. »Eines Tages wird es dafür sicherlich die entsprechende Technik geben.« »Mein Gott, hoffentlich nicht.« Er kicherte. »Du bist ja richtig konservativ geworden, Peter.« »Ja, ich sehne mich nach den Tagen zurück, als Menschen noch Menschen waren und Maschinen Maschinen.« »Ich bitte dich.« Seine Stimme klang amüsiert. »Machen wir einen Spaziergang und unterhalten wir uns.« »Irgend etwas geschieht mit der Gruppe«, sagte ich. »Charlie Geraldino und Lori Inversato sind tot. Karin Crawford wird vermißt, und Gene Michaud …« »Geh weiter. Wir befinden uns auf meinem Privatgrund –, mir gehört diese Fabrik und das gesamte Land dazu –, aber ich möchte nicht auffallen. Wenn ich dich nicht erwartet hätte, wärest du nicht einmal in die Nähe gekommen. Also geh schon.« Ich trottete durch das Unterholz. »Du hast eine stillgelegte automatisierte Fabrik gekauft?« »Nun, wer sonst hätte daran Interesse gehabt? Niemand will etwas in dieser Gegend. Sie ist ein ökonomisches und ökologi- sches Desaster. Hier wurde im Krieg eine Menge produziert, und du kennst ja die Standards, nach denen das geschah. Ich habe sie über verschiedene Tarnorganisationen gekauft. Die Stadt denkt, ich bin eine Giftmüllentsorgungsfirma. Ich sammle Organometalle, Biomüll, PCBs, was immer du möchtest, be- komme Zuschüsse von der Regierung, und alle sind glücklich. Wer möchte der Sache schon näher auf den Grund gehen?« »Und du arbeitest mit den Sons of Glen Canyon zusammen.« »Nun, natürlich tue ich das, Peter. Wir sind selbst eine eigene Ökologie. Wir alle wirken in dem, was wir tun, zusammen.« Ich schlenderte weiter, vorbei an riesigen gebogenen Rohren, die mit massiven Nieten zusammengefügt waren. Vorbei an den Überresten von Fließbändern und Reaktorkammern. »Du kannst für einen Moment hier anhalten.« Ich setzte mich auf einen Stein und schaute mich auf der Suche nach dem Ursprung der Stimme um. Sie kam von einem mechanischen Gesicht in einer Reihe ähnlicher Gesichter, die sich auf der Innenseite eines umgekippten I-Trägers befanden. Einige der Gesichter waren Gummimasken mit Antriebsmotoren, andere waren elektrische Schaltbilder, eines war ein Ionisationsbündel in einer luftleeren Kugel. Während Rush redete, sprang seine, Stimme von einem Gesicht zum anderen. Keines von ihnen sah so aus, wie ich ihn von vor Jahren in Erinnerung hatte. »Was bist du jetzt, Hank?« fragte ich. »Oh, eigentlich immer der gleiche, weißt du. Ich habe mein Rückgrat mit Nanomodulen versehen, die aufgeschäumte Erythrocyten auf Kupferbasis erzeugen, die meinen eigenen entsprechen. Sie sind ein kleiner Fortschritt gegenüber diesen seltsam geformten Hämoglobindingern, auf die du dich verläßt. Ich – brauche – diese – Gesichter …« Seine Stimme wechselte bei jedem Wort zu einem anderen. »Obgleich sie sich überhaupt nicht in der Nähe meines Prozessors befinden, denn, seien wir doch ehrlich, dieser Schädelnerv von dir arbeitet nicht sehr schnell, und ich schaffe die gleiche Reaktion über eine Entfer- nung von Kilometern hinweg. Stell dir das mal vor. Und dein Gesicht klebt direkt unter deinem Gehirn.« »Fabelhaft, Hank«, sagte ich. »Ganz fabelhaft.« Abgesehen von einem gelegentlich sichtbaren großen Haufen Industrieschutt bestand die Umgebung aus Grasland, kleinen Waldflecken und klaren Teichen. Der Beton war langsam und methodisch zerbrochen worden, wahrscheinlich mit der ortho- doxen Methode der Canyoniten, indem sie Löcher bohrten, diese mit Wasser füllten und dieses gefrieren ließen. Sie benutz- ten eine reale Zustandsänderung, um eine metaphorische zu symbolisieren. »Mein Gott«, sagte eines der Gesichter mit verzweifeltem Ausdruck. »Ich möchte am liebsten von hier verschwinden.« »Wo möchtest du denn hin?« fragte ich. »Weg von hier«, flüsterte er. »Das ist unser letztes großes Ziel.« Das redende Gesicht erschlaffte zu einem Ausdruck der, Not. »Diesen Globus zu verlassen, damit er weiterleben kann. Es ist die einzige Möglichkeit, weißt du. Es ist eine logische Schlußfolgerung. Wir haben bewiesen, daß wir nicht mit der Welt koexistieren können.« Vielleicht war Hank Rush trotz all seiner Modifikationen und Zusatzprozessoren, aller vermutlich umfangreichen Feedback- Checks und Redundanzen einfach nur verrückt. Die Gesichter mit ihrem ständig wechselnden Ausdruck schienen einem Schizophrenen zu gehören. »Lebt Straussman?« fragte ich. »Ist er hier draußen, Hank? Weißt du etwas darüber?« »Ich weiß nichts darüber. Ich gehe weg, Peter. Das Hauptziel der Sons ist, die menschlichen Wesen aus der Gleichung zu eliminieren. Menschen nehmen die Position der Null im Nen- ner an. Nichtanalytisch. Menschen sorgen dafür, daß Dinge die Unendlichkeit erreichen, daher hat keiner der anderen Teile eine Bedeutung. Entferne sie, und die Welt ist sicher … wir können die Menschen aus den Aufzeichnungen streichen wie eine Ungleichförmigkeit.« »Hank!« Ich hatte das Gefühl, als schrie ich in den Wind. Ich hatte mein Orakel gefunden, aber seine prophetischen Köpfe plapperten Unsinn. »Ich muß es wissen.« »Was mußt du wissen?« Seine Stimme klang plötzlich ernst und vernünftig. »Straussman …« »Tot. Pflanzendünger.« Ich wartete einen Moment, aber er sagte nichts mehr. »Wo- her weißt du …« »Wünschst du kriminalistische Beweise? Bemooste Kno-, chen? Die habe ich nicht. Er ist auf dem Mt. May in Alberta abgestürzt. Es war ein Unfall, mehr nicht. So etwas kommt vor. Wenn keine Unfälle passieren würden, würde überhaupt nichts passieren. Ist dir das jemals durch den Kopf gegangen? Deter- minierung ist Stillstand. Sieh dir doch nur mal die Geschichte der Erde an. Massenausrottung, Selektion aus absolut keinem ersichtlichen Grund, Glück und Unglück sind absolut gleich- gültig gegenüber Schicksalen, und von dort kommt das Leben. Ohne all das wäre das Leben ein perfekt symmetrischer Kristall. Wenn Straussman nicht gestorben wäre … nun, vielleicht hätte sich gar nichts geändert, da ihr Typen euch immer noch so verhaltet, als sei er am Leben. Darüber solltest du lieber mal ein wenig nachdenken. Betrachte mal diesen Stein, auf dem du sitzt.« Ich schaute zwischen meinen Beinen hinab. Es war ein Klotz aus irgendeinem Fossilien führenden Gestein, voll mit Seewür- mern. Aber – ich sah genauer hin. Sie hatten kunstvolle Mund- öffnungen. Einige waren so gut erhalten, daß ich die Vorrich- tungen sehen konnte, mit denen sie geöffnet und geschlossen wurden. Ein anderer Stein in der Nähe mit einem metallischen Glanz hatte die Überreste von einigen seltsamen Lebewesen bewahrt, die sich mit winzigen Schaufelrädern vorwärts beweg- ten. In ihren Schalen befanden sich die Steuerkreise. »Das ist meine Geschichte«, sagte Rush voller Stolz. »Ich kann meine Herkunft bis ins Kambrium zurückverfolgen, weißt du.« »Und wo sind wir bei all dem, Hank?« fragte ich. »Wo ist Fitzwater? Wo die Gruppe?« »Verschwunden, weggespült. Steine entstehen, Schicht für, Schicht, in Millionen von Jahren. Dann zerfallen sie. Auch das dauert ein paar Millionen Jahre, danach entstehen sie wieder von neuem. Das Ergebnis nennt man, wenn du dir einen High- wayschnitt ansiehst, Ungleichförmigkeit, eine Lücke fehlender Zeit. Die Fossilien über der Ungleichförmigkeit unterscheiden sich erheblich von denen darunter. Frühe Geologen haben angenommen, daß die Ungleichförmigkeiten die Folge von gigantischen Katastrophen sind, die die Welt innerhalb weniger Jahre total verändert haben. Sie begriffen nicht, daß die strati- graphischen Daten irreführend sind, daß es keine Kontinuität gab. Die Welt ergibt durchaus einen Sinn, wenn man weiß, wie man sie richtig betrachtet, und die Diskontinuitäten sind nichts anderes als verborgene Kontinuitäten.« »Du bist gar nicht so fern von allem, wie du behauptest«, sag- te ich. »Du weißt, daß etwas im Gange ist, du weißt, daß etwas uns … tötet. Uns ausmerzt. Du hast diese Rüstung in Michauds Haus gebracht …« »Hat sie dir gefallen?« Rush klang sehr selbstzufrieden. »Ge- ne war so schrecklich habgierig – er hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht herauszufinden, was es war. Er hat natürlich genau inspiziert, festgestellt, daß sie völlig unbeweglich war, und daraus geschlossen, daß sie das Produkt eines fehlgeschla- genen Experiments militärischer Automatisierung war. Wer weiß, aus welcher alternativen Zeitlinie das Ding stammt. Und als er es betrachtete, war es tatsächlich unbeweglich. In diesem Zustand hätte es unmöglich selbständig handeln können. Aber er ignorierte die Tatsache, daß Dinge wachsen können, daß Dinge sich verändern können, so drastisch wie ein Tausendfüß- ler, wenn er sich in einen Schmetterling verwandelt … ein, netter Gag, die Schmetterlinge, findest du nicht?« »Du hast mir damit den Hintern gerettet, Hank, das ist zu- mindest sicher. Und die Schmetterlinge waren wirklich süß.« Und das war immer ein Charakteristikum Rushs gewesen: eine seltsame Art von Süße, die hinter den Vielfachlinsen und Breit- bandphotoverstärkerkreisen hervordrang, durch die er die Welt betrachtete. »Nun, ich mußte mit dir reden. Das Ding hatte lange genug da gestanden und Staub angesammelt. Es wurde Zeit, daß irgend etwas geschah.« »Aber irgend etwas ist geschehen. Straussman …« »Es ist nicht Straussman.« Er klang trotzig, ungehalten dar- über, daß ich ihm nicht zuhörte. »Es sind nur deine Erinnerun- gen an ihn. Er hüpft herum, vermehrt sich … befreie dich von ihm. Weigere dich, ihn zu verstehen, akzeptiere nicht, was dir gesagt wird. Ordne ihn neu. Stück für Stück. Nimm ihn ausein- ander, immer nur ein kleines Stück auf einmal, und nach einer Weile sieht er aus, als sei er durch eine thermonukleare Explo- sion zerrissen worden. Eine nicht existierende Katastrophe.« Eine Unkonformität hatte er es genannt. Die Fitzwater- Unkonformität. Das war die beste Beschreibung dieses Teils meines Lebens, die ich je gehört hatte, auch wenn sie aus einem halbelektronischen Gehirnkasten kam. »Hank, du mußt mir noch mehr Informationen geben.« »Nein, das tue ich nicht. Die ganze Geschichte interessiert mich eigentlich nicht sehr, weißt du. Ich habe andere Dinge im Sinn. Viele andere Dinge. Das Schicksal der Erde. Solche Dinge, zum Beispiel.« »Weshalb hast du mich dann herkommen lassen?« wollte ich, wissen. Ein längeres Schweigen setzte ein. Ich dachte, er hätte sich am Ende von mir zurückgezogen, hätte seine Sensoren entfernt und sich in seine Dunkelheit geflüchtet. Ein Wind wehte durch die Bäume, ließ ihre hellen Blätter auf mich herabsegeln. Ein entenähnlicher Vogel, ein Eistaucher vielleicht, schwamm im Wasser eines Teichs umher, steckte den Kopf ins Wasser und reckte den Schwanz in die Höhe. »Weil ich dich sehen wollte, Theo«, sagte er schließlich. Die Gesichter flüsterten gemeinsam, und es klang wie der Gesang der Zikaden an einem heißen Sommerabend. »Ich wollte mit dir reden.« »Sicher, Hank«, sagte ich. Der Kopf des Eistauchers kam mit etwas – einem Fisch – aus dem Wasser. Ein kurzes silbriges Blitzen, und er war verschwunden. »Es ist schon so lange her. Es tut gut, dich wiederzusehen.« »Eine lange Zeit. Ich bin mit einigen schnellen Prozessoren verbunden. Da erscheint es noch länger.« »Weißt du noch, als du der Spezialist für Töpfe und Pfannen in Kishinyov warst?« sagte ich. »Ich glaube, die warst damals der beliebteste Mann der ganzen Stadt.« »Ich hatte etwas zu tun.« Trotz seiner betonten Gleichgültig- keit seines Tonfalls erkannte ich, daß ich irgendeinen wichtigen Bereich in ihm angesprochen hatte. »Du hast gute Arbeit geleistet. Sie erinnern sich ganz be- stimmt noch an dich.« »Ja, sicher. Ich hätte niemals gedacht, daß ich mir meinen Lebensunterhalt mit dem Reparieren von Samowaren verdienen würde.«, Irgendwann während seiner Karriere der Selbstmodifikation hatte Hank Rush sich ein Laserschweißgerät in die linke Hand eingebaut. Dies, wie vieles, das er mit sich tat, hatte eigentlich keinen richtigen Zweck. Doch sobald das Schweißgerät instal- liert war, erkannte er, daß er damit kleine Objekte für die Ar- men von Bessarabien reparieren konnte, die unter Myriaden von kleinen Kriegen litten, die durch diese Region zogen wie Regenfronten. Ich hatte in einem mit vergilbten Stuckarbeiten verzierten Gebäude in der Nähe des alten Stadtzentrums eine alte Musik- schule gefunden. Ich spielte dort an den Tagen, wenn wir einmal Urlaub von unserem Dienst am Byk machen konnten, auf einer Bühne vor einem Zuschauerraum, der als Vorrats- raum benutzt wurde. Die Sitzreihen waren entfernt und durch eine Anzahl Stahlregale ersetzt worden, die mit unbeschrifteten Holzkisten gefüllt waren, die niemals bewegt zu werden schie- nen. Ich konnte mir noch nicht einmal vorstellen, wie jemand zwischen die Regale gelangen könnte, um etwas herauszuholen, falls es gebraucht wurde. Die alten, mit silbernen Sternen gemu- sterten Vorhänge hingen noch immer und verbargen teilweise die bürokratisch symbolische Szene von dort, wo ich am alten Konzertflügel saß. Ich überzeugte Rush davon, einen kleinen Stand vor dem Gebäude aufzustellen. Jeden Morgen, an dem er hingehen konnte, bildete sich eine lange Schlange, wand sich um die Gebäudeecke und reichte bis hinauf zum Marktplatz. Sie brach- ten ihre alten Waschbecken, ihre Töpfe, ihre Pfannen, ihre Heißwasserboiler und ihre Samoware. Die Samoware fielen vom oberen Fenster am meisten auf, an dem ich immer vorbei-, ging, wenn ich nach dem Training eine Pause machte: riesen- große Messingbehälter mit Beinen und Hähnen, sehr oft von mehreren Generationen in Ordnung gehalten wie ein Geschenk an einen Gott. Rush saß geduldig da, flickte und klebte, wobei das grelle Leuchten seiner linken Hand sein halb-menschliches Gesicht erhellte. Der Krieg hatte das Leben so nachhaltig ge- stört, daß niemand seinen Modifikationen Beachtung schenkte. Und wenn jemand etwas bemerkte, dann nahm man allgemein an, daß es die Folgen von Kriegsverletzungen waren. Am Ende des Tages kam Rush herauf und hörte meinem Spiel zu. Ich konnte niemals eindeutig feststellen, ob es ihm wirklich Spaß machte oder ob er es nur aus Dankbarkeit für die neue Karriere tat, die ich für ihn gefunden hatte. Ich war ein- fach nur froh, daß jemand mir zuhörte. Es überzeugte mich, daß ich wirklich etwas von mir gab und ich mir nicht alles eingebildet hatte. Watkins beendete es auf seine clever maliziöse Art. Er schmuggelte, Gott allein wußte wie, eine falsche Bratpfanne aus Magnesiumerz herein. Rushs Schweißgerät setzte sie sofort in Flammen, die sofort den notdürftig zusammengezimmerten Marktstand aus Holz und die Krone von einem der Bäume auf dem Hof verschlangen. Ich hörte die Rufe und Sirenen sogar in meiner nahezu schalldichten Zelle und eilte zum Fenster, um Rush dastehen zu sehen, ganz alleine, mit einer Erscheinung in der Hand, die an eine miniaturisierte Nova erinnerte. Wenn man direkt hineinsah, ließen grelle bunte Nachbilder einen regelrecht erblinden. Ich fiel nachher fast die Treppe herunter. Sein Haar schien nach hinten zu fliegen, als verstreute er tat- sächlich kleine Sonnenfeuer. Aber das mußte der Wind gewe-, sen sein. Brennende Holzstücke lagen herum, und seine Kleider waren versengt. Er selbst reagierte ausdruckslos, als ob nichts um ihn herum, nicht die johlende Menge, nicht der armselige städtische Feuerwehrwagen, der nach Monaten des immerwäh- renden Kampfes gegen mutwillig angefachte Wohnungsbrände zusammengebrochen und kaum mehr fähig war, einen dünnen Wasserstrahl aus den geborstenen Rohren hinauszuschicken, nicht daß das Feuer, das er in der Hand hielt, irgendeine Bedeu- tung für ihn hätte. Die Polizei schloß sein kleines Unternehmen wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, eine lächerliche Begründung während eines modernen Krieges, aber nicht widerlegbar ohne Bestechungsgeld, das Rush nicht zahlen wollte. »Tony hätte das nicht tun sollen«, sagte ich. »Es war sinnlos und gemein.« »Ach, nun.« Rush war unbekümmert. »Es ist die Schuld des Körpers, weißt du, Peter. Er ist es nicht wert, erhalten zu wer- den, wenn er solche Dinge durchmachen muß. Nicht, wenn er durch Elemente ersetzt werden kann, die um vieles besser sind.« Es wurde Zeit. Ich griff in die Tasche und holte Hanks zu- sammengeknüllten, mit Nadeln gefütterten Handschuh heraus. Er hatte ihn an der Hand getragen, die die ersetzte, mit der er die Bratpfanne festgehalten hatte. »Da«, sagte ich. »Das gehört dir« »Wirf ihn einfach auf den Boden«, sagte er. »Meine Müll- sammler heben ihn auf.« »Es ist Watkins, nicht wahr, Hank?« sagte ich. »Er ist der Grund, weshalb du mit allem nichts zu tun haben willst. Mit der Suche nach dem Mörder.«, »Watkins macht mir gar nichts aus. Er hat überhaupt keine Bedeutung.« »Es ist schon okay ihn zu hassen, Hank. Du hast dafür Grün- de, die gut genug sind.« »Du würdest ihn niemals hassen«, sagte Hank. »Du hast ihn irgendwie gemocht. Und zwar immer schon.« Ich ließ mir das durch den Kopf gehen. »Ich denke, das stimmt.« »Ach, es macht mir nichts aus. Man muß sich mit solchen Dingen nur vorsehen, mehr nicht.« Ich seufzte. Ich würde nichts aus ihm herausbekommen, nicht über das Thema, das mich interessierte. Aber dennoch … er war hier alleine, alleine trotz seiner Verbindungen in der Welt der ökologischen Umkehr. Ich hatte später eine Verabre- dung mit Tigranes, die ich eigentlich nicht einhalten wollte. Aber ich hatte keine Wahl. Tigranes, auf seine unorthodoxe symbol-orientierte Art, hatte unser Treffen für den Zeitpunkt angesetzt, wenn der Abendstern der Venus unterging, etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Und ich saß an einem der wenigen Plätze in Chicago, von wo aus ich sie sehen könnte. So hatte ich zwei Stunden Zeit, die ich mit einem alten … Bruder verbringen konnte. Es war Jahre her, seit wir das letzte Mal miteinander geredet hatten. »Nun, Hank, wie möchtest du denn, daß die Welt aussieht?« fragte ich. Er erklärte es mir. Wir sprachen darüber, daß die westlichen Regionen von Nebraska und Kansas wieder zu endlosen Prärien würden mit Büffelherden und daß die Weizenfarmen, die soviel Wasser verbrauchten, austrocknen und verfallen würden., Alligatoren würden in verlassenen Jaccuzzis in verfallenen Alten-Apartmentsiedlungen in Süd-Florida baden. Er schilderte mir, wie Chicago vom urtümlichen Ufer des Lake Michigan entfernt würde. Ich beneidete ihn um seine Verbindung zu diesen entschlos- senen, wenngleich verrückten Leuten. Sie hatten ein Ziel vor Augen und waren bereit, so gut wie alles zu tun, um es zu erreichen. Und sie kämpften gemeinsam. So wie die Gruppe es früher getan hatte. »Und wo sind wir?« fragte ich. »Was geschieht mit denen von uns, die zufälligerweise in dieser Welt leben?« »Ihr werdet den gleichen Weg gehen wie ich. Es ist die einzi- ge mögliche Alternative. Diese Bioreaktoren, die ihr Körper nennt, sind schrecklich ineffizient. Das ist das wahre Problem. Folgt mir, und Milliarden von Menschen können mitten im Herzen dieser Welt leben, ohne sie im mindesten zu schädigen. Ein wenig Solarstrahlung, ein paar geothermale Gradienten, ein bißchen Wind – und das Leben kann weitergehen ohne unsere verseuchten Fußabdrücke darauf.« »Du haßt uns«, sagte ich staunend. »Du haßt uns alle.« »Nein! Nein, ich …« Eine längere Pause entstand. »Ich hasse euch nicht, Peter.« Seine Stimme klang leise. »Ich möchte, daß ihr lebt. Ihr werdet leben. Alles, was ich tun kann, ist euch meine eigene Lösung anbieten. Meine eigene.« »Du möchtest verschwinden«, sagte ich. »Du willst wegge- hen.« »Welche andere Möglichkeit gibt es denn?« Es gab eine Million andere Alternativen, aber ich hatte keine Lust, über diesen Punkt mit ihm zu diskutieren. Für ihn gab es, vielleicht keine andere Möglichkeit. Für mich schon. Ich gähnte. Die kalte Nässe des Morastes klebte immer noch an meinen Beinen. Die Nachmittagssonne, obgleich herbst-fahl, war warm im Vergleich mit meinen Erinnerungen des Vorta- ges. »Hank«, sagte ich. »Kann ich mich hier irgendwo hinlegen und ein wenig schlafen?« »Schlafen?« Für eine Sekunde dachte ich, er würde behaup- ten, nicht mehr zu wissen, was das war. »Du bist müde.« Ich gähnte erneut. Nun, da ich es gesagt hatte, spürte ich es auch. Ich hatte das Gefühl, als hingen schwere Gewichte an jedem Partikel meines Seins. »Ja. Ich muß schlafen.« »Ich habe kein Haus, Peter.« Seine Stimme klang traurig. »Ich habe keinen Schlafraum für dich. Ich wünschte, ich hätte einen.« Während er redete, stellte ich mir ein stabiles altes Messingbettgestell, würdige Spitzenvorhänge, dunkle Portraits von Familienahnen auf einer gestreiften Tapete, ein Waschbek- ken in einer Zimmerecke vor. Wenn Hank ein menschliches Wesen geblieben wäre, hätte er sicherlich so ein Gästezimmer gehabt, dessen war ich mir sicher. Aber es war zu kalt, als daß ich mich einfach unter freiem Himmel hätte ins Gras legen können. Die kalte Erde und der kräftige Wind würden sämtli- che Wärme aus mir heraussaugen, und am Ende würde ich frieren und mich ziemlich armselig fühlen. »Warte!« Erregung schwang in seiner Stimme. »Ich weiß et- was. Komm, geh nach links.« Als Reaktion auf seine Worte ging ich um den I-Träger her- um und gelangte in einen schmalen Gang zwischen zwei halb- zerstörten Mauern. Nach einer Ecke sah ich ein schulterhohes, Stück aus geschmolzenem Klinkermauerwerk, das früher ein- mal die Wand eines Pausenraums für Angestellte gewesen war. Auf der anderen Seite sah ich ein Beet leuchtend bunter Blu- men, deren hellgrüne Blätter trotz der Witterung noch immer prall und saftig waren. Die Toiletten waren verschwunden, allerdings konnte ich den runden Rand eines Klosettbeckens durch einen dichten Kleeteppich erkennen. »Leg dich hin, Peter.« Hanks Stimme klang weich. »Leg dich hin.« »Ich …« Aus einer Blume blickte mich eine Taube mit gro- ßen Augen an. Sie zuckte mit dem Kopf, erhob sich und segelte so schnell davon, daß ich nach einigen Sekunden gar nicht mehr sicher war, ob ich sie überhaupt gesehen hatte. Die geschmolzene Wand hielt den Wind ab und hatte die Wärme der Nachmittagssonne gespeichert. Und als ich mich auf das dichte, weiche Pflanzenbett sinken ließ, schien der Boden wärmer zu sein, als er es eigentlich im Oktober hätte sein dürfen. »Weshalb ist es hier so warm, Hank?« Ich hatte die Frage noch nicht' ganz ausgesprochen, da fielen mir schon die Augen zu. »Ich leite Wärme.« Hank schlug jetzt einen beifallheischen- den Ton an, als wünschte er sich sehnlichst, für seine Klugheit gelobt zu werden. »Ich verfüge über ein System aus matt- schwarzen Rohren. Es sind die Überreste eines alten Experi- ments mit Solarwärme. Es war wohl nicht sehr wirtschaftlich. Vielleicht wurde die Fabrik deshalb stillgelegt. Ich habe es nie in Erfahrung bringen können. Aber die Rohre transportieren genügend Wärme, um diesen Bereich zu heizen. Tiere kommen, hierher, um sich auszuruhen und zu schlafen. Es ist wärmer als sonst irgendwo.« »Es tut mir leid, Hank«, murmelte ich. »Ich hab' dich so lan- ge nicht gesehen, und jetzt schlafe ich einfach ein.« »Das ist schon in Ordnung. Du hast eine Menge zu tun.« »Zuviel.« Meine Augen schlossen sich vollends. »Viel zu viel.« Ich schlief ein. KAPITEL 25 Der North Branch des Chicago River floß düster irgendwo unter uns. Seit Jahrhunderten von Betondämmen eingegrenzt, war er zu deprimiert, um ein Geräusch zu verursachen, und nur als eine schwarze Linie jenseits des rostigen Zauns sichtbar, der das Ende des Schrottplatzes anzeigte, wo ich mit Tigranes stand. Er hatte keine Bemerkungen dazu gemacht, daß ich mit einge- trocknetem Morast und Samenkapseln bedeckt war. »Was ißt du?« fragte er statt dessen. Ich schluckte einen Bissen hinunter. »Ein Hot dog. Ein Wie- ner Würstchen. Möchtest du auch?« Ich hielt es ihm einladend hin. Tigranes betrachtete das angebotene Hot dog und hatte plötzlich einen hungrigen Blick. »So eins habe ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen.« »Dann nimm. Das ist schon mein viertes. Die anderen drei habe ich mit zwei Bissen verschlungen. Komm.« Ich umkreiste, den nervösen Verkäufer wie ein Geier und versuchte mir je- desmal einzureden, ich hätte genug. Sorgsam darauf achtend, daß er sich den Bart nicht mit Senf beschmierte, nahm er einen kleinen Bissen. »Mein Gott, schmeckt das gut!« »Ich habe sie gekauft, als ich feststellte, daß ich mich nicht mehr erinnern konnte, wann ich sie zum letztenmal gegessen hatte. Und mein Gedächtnis ist heute besser denn je zuvor. Ich hab' den Tag bei einem alten Freund verbracht.« Hank hatte mich sanft geweckt, als es für mich Zeit wurde zu gehen. Ich fragte mich, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. »Sal – ich erfahre zuviel. Ist dir so etwas schon mal passiert? Ich verstehe nichts mehr. Alles, was ich zu wissen glaubte …« »Es wird schon alles an seinen richtigen Platz fallen. Du kannst doch denken.« »Vielen Dank für diesen Vertrauensbeweis. Wird mir denn gefallen, was ich am Ende begreife?« »Weshalb sollte es? Wenn es dir gefallen würde, würdest du es längst verstanden haben.« »Hm. Kaffee?« Ich hielt die Thermotasse hoch. Tigranes lachte. »Jetzt habe ich mein gesamtes Einbruchs- werkzeug mitgebracht, und du zeigst mir, wie dürftig ich vorbe- reitet bin. Vielen Dank.« Wir gingen ein Stück, und er erklärte mir seinen Angriffs- plan. Ich leckte Ketchup von meinen Fingern. Schrottautos türmten sich ringsum auf. Keine Hupmobiles oder Hispano- Suizas des späten zwanzigsten Jahrhunderts – es sah aus, als hätten wir es mit der echten Vergangenheit zu tun. Die Wagen der unteren Schichten waren verrostet und vom zunehmenden, Gewicht darüber zusammengequetscht worden. Ich konnte die kitschigen Lenkradhüllen und Türverkleidungen der späten neunziger Jahre erkennen, jene barocken Extravaganzen des letzten Jahrzehnts billigen Treibstoffs. Darauf ruhten die soli- den Wagen des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts mit ihren langweilig praktischen Stromlinienformen. Bei einigen leuchteten sogar noch die Instrumententafeln, gespeist von Sonnenzellen. Darüber lagerten die kollisionsfesten Kunstharz- fahrzeuge späterer Jahre. »Und wie geht es deiner Freundin, der eisigen Luke? Hast du ihre Kinder schon kennengelernt?« Und das war ein Thema, über das Tigranes nicht lässig hin- weggehen konnte. Von Tigranes' Standpunkt aus betrachtet war Amanda TerAlst ein freies Radikalagens in einer Zelle, jederzeit bereit, die komplizierten Enzyme stückweise zu zerstören. Ich wagte gar nicht daran zu denken, was geschehen würde, wenn meine Interessen mit seinen kollidierten. »Nein. Aber sie war seltsam … hilfsbereit.« »Das sind sie manchmal. Es ist merkwürdig, ein Fehler im System. Diese angeboren vielseitigen Typen … nun, irgend- wann wollen sie sich nützlich machen. Ein Problem des Sy- stems. Bringe Leuten bei nachzudenken, und, bei Gott, sie tun es sogar dann, wenn es überhaupt nicht angebracht ist.« »Schon möglich«, sagte ich. Er nickte zustimmend. »So ist es. Sie ist schlauer als du, Pe- ter. Denk immer daran. Es ist nicht persönlich gemeint. Sie ist darauf trainiert, intelligent zu sein, nicht nur geschickt. Und sie hat ihren eigenen Willen. Weder ihre bürokratischen Arbeitge- ber noch du werden es jemals schaffen, sie in eine Richtung zu, drängen, die sie nicht einschlagen will.« »Du kennst sie nicht.« Es war eine halbe Frage. »Nein, ich kenne sie nicht. Aber liege ich so falsch?« »Nein, Sal«, sagte ich. »Du liegst nicht falsch.« Die meisten brauchbaren Autoteile waren ausgeschlachtet worden. Was von den Wagen übriggeblieben war, hatte man zusammengeschweißt, und es diente als kompliziertes Heim für einige der zahlreichen Flüchtlinge aus dem globalen Chaos der Devo-Kriege. Sie wühlten sich durch die aufgestapelten Auto- wracks und bauten sich dort ihre Nester. Der blaue Lichtschein von Heizungsanlagen, die mit selbstgebrautem Treibstoff in Gang gehalten wurden, drang durch die Windschutzscheiben und wurde von den Rückspiegeln reflektiert. Ich konnte schwach aus einem Radio arabisch-brasilianische Fava- Salsamusik hören. Auf der anderen Seite des Flusses ragte unser Ziel auf, das Atman Medical Center. Mit seinen sechzig Stockwerken nahm es mehrere ehemalige Wohnblocks ein und hatte auch die Straßen dazwischen in sich aufgesogen. Sein Skelett leuchtete. Die schattenhafte Gestalt einer Frau erschien auf einem Ver- koep-Luftkissenfahrzeug, dessen kunstvolle Heckflossen von einigen ungewöhnlich geduldigen Teenagern zu Spiralen ver- dreht worden waren. Die Frau griff in ihren Mantel und ließ einen Vogel frei, der sich mit flappenden Schwingen in die Nacht erhob. Tigranes holte feierlich einen Kristall mit vielen Facetten aus einem Kompressionsbehälter und warf ihn hoch. Er flackerte von einem inneren Licht dank eines piezoelektri- schen Effekts. Einen Moment später kehrte der Vogel, nachdem er eine Runde über der Gegend geflogen war, auf die Schulter, der Frau zurück. »Wir kommen sicher durch diesen Bereich«, flüsterte Tigra- nes mir zu. »Wir sind im Augenblick im äußeren Abwehrbe- reich von Atman. Wenn sie wüßte, daß wir schon hier sind, würde sie uns niemals durchlassen. Diese Menschen existieren mit Duldung des Krankenhauses, weil sie symbiotische Hilfe liefern. Der Handelsweg für benutzte und verdorbene medizini- sche Güter führt hier durch. Injektionsnadeln, Klammern, Röhren, Medikamente, alles mögliche. Anstatt auf teuren kontrollierten Deponien entsorgt zu werden, kommen die Dinge hierher. Ein häßliches Giftmüllproblem für Atman wird in eine Einnahmequelle für kleine Angestellte und Helfer ver- wandelt.« Ich dringe regelmäßig in die in Millionen von Jahren entwik- kelten Schutzbereiche des Gehirns vor, in die Hirnhaut und die endothelen Schichten. Ich konnte mir nicht erlauben, irgend- welche Risiken einzugehen, indem ich mit verdorbenem Mate- rial arbeitete. Ich mußte ein ziemlich entsetztes Gesicht ge- macht haben. Tigranes kicherte. »Nun sei nicht so kritisch, Peter. Man muß das Zeug nur etwas stärker sterilisieren, es bestrahlen – und schon ist es so gut wie neu. Das Krankenhaus kann es sich nicht erlauben, sich damit aufzuhalten. Außerdem handelt es sich bei diesen Leuten um Immigranten; ihnen muß unter die Arme gegriffen werden. Kapitalismus. Erinnerst du dich noch daran? Es war das Wirtschaftssystem, das vor dem Unterneh- menssyndikalismus galt.« »Ich bin Kapitalist«, protestierte ich. »Ein Unternehmer.« Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Peter. Du bist ein Kri-, mineller. Das ist wohl nicht ganz dasselbe.« »Verbiete den Kapitalismus, und schon werden nur noch ge- setzlose …« »Ach, sei leise. Komm, wir gehen.« Unsere Führerin war eine hochgewachsene Frau mit kahlra- siertem Kopf, die aussah wie eine Maori. Ihr Vogel, so erkannte ich, als wir näherkamen, war eine Taube. Einige Virts sorgten dafür, daß sie friedlich auf ihrer Schulter saß. Wahrscheinlich betrachtete das Tier sie als eine Kreuzung aus einem Baum und seiner Mutter. Die Frau öffnete die Tür eines alten Mercedes, und wir stiegen ein. Die Sitze waren entfernt und das Dach zu einem hohen Ovoiden ausgebeult worden. Ein funkelndes Licht glänzte im Scheitelpunkt. Unter der stummen Anleitung unse- rer Führerin reinigten wir unsere Schuhe mit einer Sprühdüse. Ein kurzes Abtrocknen mit einem Quarzheizer, und schon gingen wir durch einen langen, gewundenen Tunnel, der von Notlampen erhellt wurde. Ferne Motoren pumpten Luft durch den Flur. Faseroptische Kabel schlängelten sich durch verschie- dene Löcher in der Wand heraus und hinein. Gesichter betrach- teten uns durch milchiges Glas. Durch eine breite Windschutz- scheibe sahen wir eine asiatische Familie, die in Schalensitzen gemütlich um eine große Schüssel Suppe herumsaßen. Das jüngste Kind, ein kleines Mädchen in einem hübschen blauen Kleid, war mit einem Sitzgurt angeschnallt. Sie hielt den Schöpflöffel wie ein königliches Zepter in der Hand. »Amanita muscaria«, sagte Tigranes, »der Fliegenblätterpilz. Er ist giftig und wird in Sibirien als halluzinatorische Substanz eingesetzt. Es ist kein angenehmes Medikament. Einem wird davon schlecht, und man muß sich übergeben. Der Urin einer, amanitisch vergifteten Person ist ebenfalls halluzinogen, aber viel weniger giftig. Einer der aktiven Bestandteile, Muskimol, wird unverändert aus dem Körper ausgeschieden, während die giftigeren Bestandteile vom Körper aufgenommen werden. Die Tschuktschen von Sibirien trinken den Urin eines berauschten Schamanen und haben unter seiner magischen Anleitung eigene Visionen.« »Das ist faszinierend, Sal«, sagte ich. »Von ekelhaft ganz zu schweigen.« »Der Körper ist ein interessantes Gebilde, mein Freund. Es gab mal bei Atman einen lebhaften Handel mit Urin, und zwar genau hier. Eine Vielzahl teurer, nicht rezeptpflichtiger Medi- kamente gelangen genauso unverändert in den Urin. Mit Hilfe einer einfachen Fraktionsmethode kann man sie gewinnbrin- gend extrahieren. Wieder in Gelkapseln und Injektionsspritzen zurückgesteckt, sind sie bares Geld. Aus irgendeinem Grund dachte man bei Atman, das ginge zu weit. Sie wurden weich und fingen an, Buch über die Pissemengen zu führen.« Er lachte meckernd, worauf unsere Führer in mit unverhohlenem Ärger reagierte. Wir kletterten durch einige ältere Fahrzeuge hinunter, dar- unter auch ein uralter gelber Schulbus, dessen Fenster auf die dampfenden Becken eines Badehauses hinausgingen. Die Bek- ken waren zerschnittene und neu zusammengeschweißte Ab- schnitte eines Tanklastzugs. Dutzende von Leuten planschten im dampfenden Wasser herum, das von oben durch eine Reihe Nebelwarnleuchten erhellt wurde. Die Szene weckte in mir den Wunsch, meine Kleider abzustreifen und hierzubleiben. Unsere Führerin betätigte einen massiven Hebel und schob, mit unserer Hilfe eine stählerne Sicherheitstür auf. Wir traten hinaus auf einen dreißig Zentimeter breiten Vorsprung aus brüchigem Beton dicht über dem Wasser und hörten, wie die Tür hinter uns wuchtig ins Schloß glitt. Unsere Führerin hatte noch immer kein einziges Wort von sich gegeben. Atman sah von hier noch furchteinflößender aus. Es war vollkommen von schwarzem Wasser umgeben und von der Stadt ringsum völlig abgetrennt. Auf zwei hoch gewölbten Brücken waren die Blaulichter von Krankenwagen und Polizei- wagen zu sehen. Ein fernes, blechernes Sirenengeheul drang über das Wasser bis zu uns. Hubschrauber schwebten über uns hinweg. Vor dem konturlosen bedeckten Himmel sahen sie aus, als befänden sie sich in Wirklichkeit tief unter uns im Wasser. Unsicher auf dem Vorsprung balancierend zogen wir unsere Thermoanzüge und Atemgeräte an. Mein Anzug hielt mich angenehm warm. Ich schaute hinauf zu dem drohenden Pango- lin hinter Atman. Irgendwo da drin erwartete mein alter Freund Slip Sanderson, daß ich erwischt wurde. Er hatte von den Ände- rungen im Sicherheitssystem gewußt, auf die in Darlenes No- tizbuch hingewiesen wurde, und rechnete damit, daß ich unge- warnt in sie hineintappte. Irgendwie machte mir das viel weni- ger aus, als es eigentlich sollte. Man darf sich nie über die Quali- tät gewaltsam beschaffter Informationen beklagen. Ich war gespannt, was wir dort finden würden. Wenigstens diese Operation war klar. Sie war vernünftig. Ob erfolgreich oder nicht, ich wußte, was ich tat. Ich war den Versuch leid, eine längst vergessene Vergangenheit aus den verbrannten Resten alter Knochen zu rekonstruieren. Ich verspürte plötzlich einen Schub frischer Energie. Die ganze Sache fing an mir Spaß, zu machen. Unser Gepäck enthielt integrierte Ausrüstung für ein Dut- zend Eventualitäten: ein Rhodopsin desaktivierendes Gas, das vorübergehende Blindheit erzeugte, Arztkittel und -ausweise, ein Schlauchboot, Infrarotstörstrahler, zielgenaue elektroma- gnetische Impulsgeber zum Ausschalten integrierter Schaltkrei- se. Ich hoffte, daß wir nichts von all dem brauchten. Tigranes und ich setzten unsere Brillen auf und ließen uns ins kalte, stille Wasser des Flusses gleiten. Die Stelle, wo wir eindringen wollten, war der Zufluß zur ei- genen Kläranlage von Atman. Wir schwammen langsam strom- aufwärts, fast blind, und zählten Piers. Zehn Minuten nachdem wir aufgebrochen waren, passierten wir die gewölbte Betonkon- struktion, die auf den Beginn des Atman-internen Wasserkreis- laufs hinwies. Wir überkletterten ihn und gelangten nun mit der Strömung zu den schweren Gitterstäben des Wehrs, das alle schweren und großen Gegenstände im Fluß auffing. Tigranes klopfte mir auf die Schulter und ging an die Arbeit. Er hatte mir die Geräte gezeigt, ehe wir gestartet waren: zwei simple Brechei- sen aus Stahl. Zwischen die Gitterstäbe geklemmt und als Hebel eingesetzt, ließen sich damit die Gitterstäbe weit genug ausei- nanderbiegen, so daß man sich seitlich hindurchschieben konnte. Er ließ die Hebel an Ort und Stelle, um irgendeinen später hier tätigen Sicherheitsinspektor ein wenig zu verwirren. Der Einlaß verengte sich, und die Strömung nahm zu. Ent- sprechend dem Plan blieb Tigranes zurück und hielt sich am Wehr fest. Ich glitt an ihm vorbei, und das viel schneller, als ich beabsichtigt hatte. Ich tastete die Wände ab, aber sie boten keinen Halt. Das Wasser schäumte, und ich drehte mich. Ich, prallte gegen ein Hindernis und verlor völlig den Richtungs- sinn. Ich atmete zwar, glaubte aber, in einem kindlichen Alp- traum gefangen zu sein, in dem ich unweigerlich ertrinken würde. Sekundenbruchteile später knallte ich schmerzhaft gegen einen festen Halt. Ich wurde gegen ein Stahlgitter gepreßt. Lichter waren da- hinter zu sehen. Na prima. Jetzt konnte ich hier bleiben, platt wie ein überfahrener Igel, bis der Wartungstrupp im Frühjahr erschien und mich abkratzte. Ich zog Arme und Beine langsam an, wobei ich befürchtete, meinen Anzug zu zerreißen. Dann rollte ich mich über das scharfkantige Gitter, kämpfte gegen die Strömung an und schaffte es, jeden Zentimeter meines Körpers zu einer Schmerzzone zu machen. Ich schlang den Arm um die Kante und zog mich hoch. Ein paar zittrige Atemzüge durch meinen wunderbarerweise immer noch funktionierenden Atemapparat, und ich konnte schließlich in meine Werkzeugtasche greifen, die ich mir zwi- schen Nieren und Schoß um den Leib geschnallt hatte. Ich suchte zwischen den Werkzeugen herum. Sie waren nach Tigranes' Plan mit bestimmten Oberflächen und Schwingungen codiert, wobei der Griff jedes Werkzeugs auf meine Berührung taktile Daten lieferte, die zu verstehen ich gewisse Probleme hatte. Schließlich zog ich den richtigen Ratschenschlüssel heraus. Atman mußte eine ganze Reihe kreative Irre mit einer Menge Zeit beschäftigen, um so viele verschiedene Schichten für ihr Sicherheitssystem zu entwickeln. Das Gitter im Wassereinlaß wurde von verschiedenen asymmetrischen Steckbolzen an Ort und Stelle gehalten. Mit einem Standardwerkzeug wären sie, nicht zu lösen. Bei Atman wußte man, daß die Datenfreaks, die ihre netzwerksichernde Software geknackt hatten, wahrschein- lich unfähig waren, einen Nagel gerade einzuschlagen, ge- schweige denn mit reinem Krafteinsatz physische Hindernisse zu überwinden. Der Kopf des Ratschenschlüssels zog sich selbst in die Steckhülsen. Ein Spritzer Lösungsmittel, und ich begann das Gitter abzuschrauben, wobei ich meinen Körper so weit es ging aus der Strömung bewegte, damit ich nicht erneut gegen das Gitter gedrückt wurde und vielleicht auch noch den Schlüs- sel verlor. Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, nach der ich mir vorkam wie ein extrem geklopftes Kotelett. Tigranes erschien neben mir. Gemeinsam stemmten wir ei- nen Teil des Gitters auf und schlüpften hindurch ins Licht der Filteranlage. Wir schauten uns in dem leeren Raum um und stiegen über eine Wartungsleiter aus dem Wasser. Wasser wirbelte in Becken geheimnisvoll im grellen Schein der Deckenbeleuchtung unter uns. Eine starke Pumpe dröhnte hinter einer Wand und transportierte Trinkwasser zu Patienten in den oberen Stockwerken. Ein riesiger Hitzeaustauscher leitete die Abwärme des Krankenhauses in den Chicago River. Wir streiften unsere Thermoanzüge ab und stopften sie in die Rucksäcke. Mit einem antiken Patellarreflexhammer klopfte Tigranes gegen die Wand in der Nähe der Pumpe und benutzte zum Abhören ein Stethoskop. Was er neben dem Getöse sonst noch hören wollte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstel- len. Ich hielt mir die Ohren zu. Er winkte mich herbei. »Nichts ist hier einfach.« Er holte ein dreizinkiges Werkzeug hervor, stocherte damit herum und drehte sich um. Eine, Wandplatte, nahezu unsichtbar, öffnete sich. »Bitte, nach dir.« Tigranes vollführte eine großzügige Geste. Ich zögerte einen Moment, dann ging ich hindurch und stieg die Sprossen einer Leiter in der Wand hoch. Tigranes folgte mir. Je höher wir vordrangen, desto leiser wurde das Rauschen der Klär- und Filteranlage unter uns. Wir befanden uns in dem ausgesparten Raum zwischen den bewohnten Bereichen des Krankenhauses, der die Versorgungs- systeme enthielt: optische Kabel, Belüftungsschächte, Reserve- energieleitungen, sanitäre Installation. Die Zugangsleitern für die Wartungstrupps schlängelten sich durch ein Gewirr von Anlagen, die sich jedesmal, wenn wir in den Bereich zwischen den Etagen gelangten, vor uns entfalteten, so weit unsere Augen reichten. Wir kämpften uns weiter, unsichtbare, eingesperrte Bergsteiger, die sich bemühten, leise zu sein, waren sie doch nur eine Handbreit vom Leben und Tod durch Atman entfernt. Das Hospital befand sich in seiner Nachtphase, stumm, vergraben unter Bettlaken und feucht vom Nachtschweiß. Wir konnten genau hören, was in den Räumen geschah, an denen wir vorbei- kamen. Hier das Geräusch rasselnden Atems, dort das Piepen eines lebenserhaltenden Systems und gelegentlich das Rattern von Krankenbahren im Flur. »Ist schon Morgen?« fragte eine klagende Stimme. »Nein, Liebling«, antwortete eine Krankenschwester. »Das ist der Mond. Er geht gerade auf.« »Ich wünschte, es wäre die Sonne.« »Die kommt auch bald wieder.« »Das dauert mir zu lange.« Wir hörten Krankenschwestern auf den Stationen miteinan-, der über ihre Ehemänner, Liebhaber, Kinder, Veränderungen im Krankenhausmanagement schwatzen. Einmal war Tigranes nicht vorsichtig genug. Er stieß mit dem Kopf gegen eine Leiter- sprosse und verursachte einen dumpfen Laut. »… und ich schwöre, daß Connors unter seinem Kittel nichts trägt. Nein, ehrlich, lacht nicht. Wenn er nicht Arzt ist, ist er nichts – hast du das gehört?« »Was, Susan?« Ein dritte Stimme: »Hat Dr. Connors seine Eier fallen las- sen?« »Nein, wirklich, ich dachte …« Tigranes und ich hielten die Luft an. »O Gott, vielleicht ist dieses Krankenhaus am Ende doch verflucht, und es spukt hier.« »Der einzige Spuk sind die Ärzte.« »Kein Gespenst könnte sich so hohe Versicherungsbeiträge leisten.« Während wir weiterkrochen, baute Tigranes Alarmmodule in die Schaltkreise des Hospitals ein. Er entdeckte Befehlsleitun- gen zu den Fahrstühlen, lokalisierte Wärme-und-Bewegungs- Signale aus den gesicherten Fluren und fand Signalleitungen zu elektronischen Schlössern. Wir passierten eine Wartungstür, die Tigranes mit einem seiner elektronischen Schlüssel öffnete. Das war das Loch in der Verteidigung, geschaffen und erhalten durch die interne Klein-Korruption, die verhinderte, daß tech- nologische Zivilisationen sich völlig abkapselten. Dahinter war es dunkel. Wir verließen die Wartungsleiter und krochen auf allen vieren durch den Raum zwischen den Stockwerken, zusammengekauert wie Grubenarbeiter, die ein besonders schmales Flöz abbauen. Tigranes fand offenbar den, richtigen Punkt und hielt inne. Er wartete längere Zeit, wobei er den Kopf schief legte und lauschte. »Sehen wie ein Moskito«, erklärte er mir. »Wärme, Feuchtigkeit, Kohlendioxid. Was einen Menschen von einer Maschine unterscheidet.« Dann zuckte er die Achseln, hängte eine Leine an eine Stütze über uns, bedeutete mir, die Brille abzunehmen und hob eine Bodenplatte hoch. Licht drang herein. Wir warteten einen Moment, um unsere Augen an die Helligkeit anzupassen, dann schlängelten wir uns hindurch und ließen uns in Helena Men- nauras gesichertes Büro hinunter. KAPITEL 26 »Ich dachte, hier wäre vielleicht jemand«, sagte Tigranes. »Aber es ist wohl irgendein Labortier. Für einen Menschen sind es zu wenige Daten.« Trotzdem ging er umher und schaute überall nach. Wir brauchten einige Sekunden, um uns im Labor zu orien- tieren, einem Komplex von nach innen gekrümmten Räumen, ähnlich den Wirbeln, die sich an der Vorderkante eines Über- schallflügels bilden. Die Einrichtung war aggressiv modern mit Konsolen, die mit sinnlichem Pliablack bedeckt waren, mit Tischbeinen mit leuchtenden Eidechsenschuppen, mit Bücher- regalen wie feines Maßwerk gläserner Knochenstruktur. Orga- niform gaukelte neueste Mode vor, auch wenn es nicht viel mit Funktion zu tun hatte. Weshalb die Benutzung eines lemniska-, tisch gekrümmten Bildschirms und die Bedienung einer war- men Keyboardtaste, deren Oberfläche und Druckwiderstand sich anfühlte wie eine erregte weibliche Brustwarze, den Ein- druck erwecken, daß man automatisch Kontrolle über Techno- logie erlangte? Fragen Sie mich nicht; ich kann noch nicht einmal alle Kontrollen in meinem Wagen benutzen. »Jemand könnte sich hier versteckt haben«, nannte ich eine Möglichkeit. »Abgeschirmt.« Er zuckte die Achseln. »Irgendwo über der Decke könnte so- gar eine gesamte Armee in einem Niederfunktionswinterschlaf liegen und darauf warten, per Herzstart ins Leben zurückgeru- fen zu werden und sich auf uns zu stürzen.« Unwillkürlich blickte ich nach oben und stellte mir vor, wie ihre Füße durch die Deckenplatten brachen. »Nun, man kann sich nicht über alles den Kopf zerbrechen.« »Nein, das kann man sicher nicht.« Unser Ziel befand sich in der ruhigen Mitte eines Strudels, an einem Punkt der Ruhe inmitten des Chaos. Es war ein matt- schwarzer Zylinder, halb in den Fußboden eingelassen, und er sah aus wie eine Waffe. In gewissem Sinn war er das auch. Wenn Waffen die letzten Mittel der Politik sind, dann sind mentale Prothesen die letzten Mittel der Philosophie. »Unsere Kontaktperson konnte mir nichts darüber erzählen, wie man reinkommt«, sagte Tigranes. »Sie konnte mir erklären, wo das Ding zu finden ist und in etwa, wie es aussieht, aber das war auch schon alles. Viel mehr wußte sie wirklich nicht. Nor- male Aktivierung und Anwesenheit war nötig, du kennst das ja. Ich konnte es nicht gewaltsam aus ihr herausholen, und sie hätte es sich sicherlich auch nicht so ohne weiteres gefallen, lassen. Eine Manipulation hätte irgendwelche Spuren hinterlas- sen, und sie wird in unregelmäßigen Zeitabständen eingehend überprüft.« Der Zylinder fühlte sich irgendwie schwer an, als sei er aus den Tiefen der Erde hochgezogen worden, und als wollte er immer noch wieder dorthin zurückkehren. Subtile, taktile Hinweise – und aus keinem besonderen Grund. Wen zum Teufel interessierte es schon, wie schwer der Gegenstand er- schien? Ich dachte darüber nach. Die für die Persönlichkeitssi- cherung der Anlage zuständige Abteilung muß dieses Masse- empfinden als mentalen Eindrucksauslöser benutzt haben. Für die Mennaura-Persönlichkeit, die hier jeden Tag arbeitete, war es nichts anderes als ein sicheres Aufbewahrungsmodul. Tauch- te es in den Träumen der häuslichen Persönlichkeit als ernste, akute Bedrohung auf? Was war mit ihr geschehen, nachdem ihre Familie getötet worden war? Ich stellte mir vor, wie sie sich in den Chicago River stürzte; ich wußte nicht genau weshalb. Wie ein Charak- ter in einem alten Bühnenstück, von dem ich mal gehört hatte, der Blumen an einer Felskante pflückte und abgestürzt war, weil ihm alles gleichgültig war. Schon möglich. Ich sah zu Tigranes. Er beugte sich über den Zylinder und hatte einen kleinen Kasten in der Hand, dessen ungewöhnliche gelbe Farbe auf etwas Wasserdichtes schließen ließ. Die eine Seite glänzte von einer molekular veränderten Klebemasse. Es handelte sich um einen auf hochdichte Materialien abgestimm- ten esemplastischen Prozessor, der nun auf Eindringen pro- grammiert war. Tigranes grinste mich ein wenig nervös an. Atman war bekannt für clevere Sicherheitsfallen. »Eine holo-, graphische Vielfachkopie. Ich durchsuchte ihre Erinnerung von einem freien Tag im Park bis hin zu ihren Kenntnissen über numerische Methoden. Erinnerungen hängen manchmal über- aus sonderbar miteinander zusammen. Es gibt Assoziationswe- ge … falsche Zuordnungen. Ich grenzte die Liste möglicher Zugangswege ein. Ich benutze zum Abtasten eine magnetische Induktionstechnik …« »Laß es.« Mein Stimme hatte einen scharfen Klang. »Es ist nicht da drin.« Er schaute verblüfft hoch, zog die Augenbrauen zusammen. »Warum sagst du das, Peter?« Gute Frage. Aber das Gefühl der Bedrohung war stark, so stark, daß ich mich so weit möglich von diesem giftigen Ei zurückziehen wollte, ehe es explodierte. Ich spürte, wie mich ein kalter Wind umwehte. Plötzlich wollte ich Tigranes fragen, ob Mennaura sich daran erinnert hatte, an jenem Tag im Park alleine gewesen zu sein. Oder hatte sie ihr kleines Mädchen bei sich gehabt? An was aus ihrem Leben hat sie sich erinnert? Was wollte ich … »Ich habe mit ihr gesprochen«, sagte ich plötzlich. »Wie bitte?« Er dehnte die Frage und machte ein fast ängstli- ches Gesicht. »Ich habe mit Helena Mennaura gesprochen … in ihrem Haus.« Meine Worte sprudelten in einem hastigen Geständnis heraus. »Ich mußte – es war etwas, das ich wissen mußte, etwas, das mit dem hier überhaupt nichts zu tun hatte. Aber in einem verborgenen Sinn doch … oh, verdammt, Sal, ich rede totalen Unsinn. Aber ich habe dich nicht verraten … es war etwas …« »Peter.« Seine kräftige Hand umfaßte meine Schulter. Er sah, mich an, als sei ich sein Sohn, der ihm gerade unter Tränen gestand, eine Beule in den Kotflügel des Familienautos gefahren zu haben. »All das könnte wirklich von großer Bedeutung sein. Wir unterhalten uns. Aber im Augenblick stehen wir mitten in einem der am besten gesicherten Bereiche im ganzen Land, und wir haben triftige Gründe, hier zu sein. Wenn du jetzt …« »In Ordnung.« Ich atmete tief durch. Dies war nicht der Zeitpunkt, ihn um die Absolution von allen meinen Sünden zu bitten. »Das ist ein hohles Ei. Ein holographisches Gewimmel … du hast die Erinnerung an mehreren Stellen gefunden, nicht wahr? Im Park, in den mentalen Techniken, in den Fertigkeiten. Angelötet wie Kesselblech, alles bedeckend wie schwarze Schmiere.« »Ja«, sagte er widerstrebend. »Es war überall. Aber es ist wichtig, verdammt noch mal. Es befand sich in ihrem Geist. Drohend. Dunkel. Die Sicherheit bei Atman ist äußerst streng. Sie hat sich nie daran gewöhnt.« Ich schüttelte den Kopf. »Vor allen anderen solltest du doch wissen, daß man sich an alles gewöhnen kann. Waren ihre Erinnerungen zur Routine geworden? Verinnerlicht?« »Nein, sie …« Er starrte den Zylinder an, als sei er soeben erst darüber gestolpert. »Eine aufgeprägte Erinnerung. Eine installierte Sicherheitsinfo, um uns reinzulocken. Sie besaß eigentlich nichts in ihrer Erinnerung, was darauf hindeutete, daß sie dieses Ding wirklich benutzt.« »Sie hat einen bestimmten Ausdruck benutzt … Ich habe ihn gelesen. In ihren Notizen. Ich erkläre das später. Sie sind wahr- scheinlich jetzt verschwunden, vernichtet, aber ich habe sie gelesen. Es klang wie eine Anspielung auf etwas. Sie nannte es, ein Teerbaby-Ei.« Er lachte bellend. »Ha, es sieht so aus, als sei Bruder Atman schlauer als ich dachte. Ich sage nichts weiter, aber wir können jetzt unmöglich umkehren. Ich erklär dir das später.« Er legte den gelben Code-Leser beiseite, wobei die sparsame Präzision seiner Bewegungen die Wut widerspiegelte, die in ihm tobte. »Ein Teerbaby. Scheiße. Es gibt eine absolut sichere Ablage in dieser Einrichtung, aber die ist es nicht. Es ist eine Falle. Ein verdammtes Teerbaby.« »Wir können es finden, Sal.« »Der Zeitplan … geh schon.« Wir durchsuchten sorgfältig das Labor. Es steckte voller For- schungsausrüstung, einiges davon erst vor kurzem hereinge- schafft und noch nicht organiformmäßig bearbeitet. Tische waren von ihren genau berechneten Standorten verschoben worden, um Platz für die neuen Geräte zu schaffen. Tigranes zeigte offen seine Nervosität, da er erkannte, daß er die Situation nicht in dem Maße unter Kontrolle hatte, wie er erwartet hatte. Aus irgendeinem Grund beruhigte mich das. Wenigstens gab es einen guten Grund, daß er mich mitgenom- men hatte. Dieser komplexe Ort war es, an dem Helena Mennaura sich am wohlsten gefühlt hatte. Hier hatte sie die geheimen Funk- tionen des menschlichen Gehirns untersucht, und das, obgleich große Bereiche ihrer eigenen Persönlichkeit für sie unzugäng- lich waren. Und als Straussman, oder wer auch immer, ihr Leben draußen vernichtet hatte, wohin hätte sie gehen sollen? »Hier ist es«, flüsterte Tigranes. »Verdammt.« Die Gegenstände, die wir holen wollten, befanden sich in ei-, nem gepanzerten Schwebebehälter, der die Basis eines mikrofo- kalen PET-Scanners bildete. Die Basis sah nicht so aus, als verfüge sie über genügend Raum, um irgend etwas zu enthalten, aber das war eine clevere optische Täuschung. Tatsächlich gab es einen Aufbewahrungsraum von mindestens einem Liter Inhalt. »Hier bestand die aufgeprägte Erinnerung – dieses ver- dammte Teerbaby da drüben – aus einem relativ simpel codier- ten Sicherheitsbehälter.« Tigranes starrte ins Leere, während er redete. »Es ist ein Milsek-Sicherheitssafe. Ein EternArk. So etwas kann sogar die Explosion einer Fusionsbombe überste- hen.« Wir bildeten ein gutes Team. Je nervöser er wurde, desto ru- higer wurde ich, wie es auch bei einer guten Ehe sein sollte. »Schade. Habe ich die thermonuklearen Apparate bei mir? Kein Wunder, daß mein Rucksack so schwer war.« »Häh?« Er stutzte kurz. »Das ist nicht lustig. Die Decodie- rungs-Links befinden sich in einem Quanten-Spin-Zustand.« »Können wir das ganze Ding nicht einfach mitnehmen? So groß ist es nicht, jedenfalls nicht so groß wie das falsche Ei.« Er schüttelte heftig den Kopf. »Sieh es dir genauer an. Es ist Teil der Kristallstruktur des Gebäudes.« Ich befolgte seinen Rat. Er hatte recht. »Verdammt, verdammt, verdammt. Peter. Ich verfüge nicht über die notwendige Computerleistung für so etwas.« Er hielt den gelben Prozessor in der Hand, als wollte er ihn quer durch den Raum schleudern. »Aber wenn wir rausge- hen, kommen wir nicht mehr rein.« Ich hockte mich bequem hin und ließ alles, was wir im Labor gesehen hatten, vor meinem inneren Auge Revue passieren. Die, neuen Geräte waren hastig aufgestellt worden, zweifellos für irgendwelche wichtigen, eiligen Forschungsarbeiten. »Allmäh- lich gelange ich zu der Auffassung, daß Mennaura alles für uns vorbereitet hat. Sie wußte, daß es irgendeine Sicherheitseinrich- tung geben würde, und sie wollte, daß wir sie überwinden. Der Sicherheitsgrad dieses EternArk ist für uns zu hoch.« Ich deute- te auf den mit insektenflügeldünnem Material bedeckten Kör- per eines mährischen Dichteprozessors. »Aber ich wette, daß du in dieses Ding reinkommst. Und wir haben Vorrichtungen bei uns, um den Elektronenspin zu manipulieren – Dieser quan- tenharmonische Scanner ist noch nicht einmal abgeschaltet.« Mennaura hatte Einfluß. In dem Labor stand die raffinierteste Ausrüstung, die man finden konnte. Ich hatte natürlich absolut keine Vorstellung, wie ich tun sollte, was ich soeben so fröhlich vorgeschlagen hatte. Ich hatte einfach drauflosgequatscht in der Hoffnung, daß Tigranes sich schon irgend etwas ausdenken würde. Tigranes schaute sich um und grinste. »Was meinst du? Es sieht so aus, als hätten sie hier schon längere Zeit keine System- sicherheitsüberprüfung vorgenommen und nach synergisti- schen Sicherheitslücken gesucht. Ha! Dann mal los!« Ein überraschend raffinierter Sicherheitskompromiß von Mennaura, falls sie ihn so geplant hatte. Atman hatte sogar noch weit mehr Probleme, als ich ursprünglich angenommen hatte. Aber Mennaura war mal Karin Crawford gewesen, ein Mitglied der Gruppe. Wir hatten damals auch einiges gelernt. Der mährische Computer gab seinem esemplastischen Pro- zessor nach etwa fünf Minuten nach. »Keine wichtigen Infos in den Dateien, daher hat niemand sich die Mühe gemacht, sie zu, schließen. Nun brauchen wir nichts anderes zu tun, als den Prozessor mittels eines Treibers an den quantenharmonischen Scanner anzuschließen. Das verdammte Ding ist dazu da, statistische Analysen synaptischer Übertragungen vorzuneh- men, und nicht um in Milsek-Quantenschlösser einzudringen, aber es wird schon funktionieren.« Ich faßte mir an den Kopf. »Versuch nicht, mir alles ver- ständlich zu machen, Sal. Du würdest mich nur verwirren. Ich ziehe diesen magischen Datenchip, den du mir gegeben hast, vor, um ins Computersystem einzudringen.« »Richtig.« Tigranes beugte sich über seine Geräte. »Während ich mich hiermit befasse, könntest du vielleicht unseren Rück- weg überprüfen?« Und danach vergaß er meine Anwesenheit völlig. Ich schnappte ein paar von seinen Sicherheitsscannern und ging an einer Reihe hoher Fenster entlang. Ich blickte hinaus auf die Flutlichter von Chicago. Die Stadt des dicken Hinterns, der gezuckten Achseln, wo der Nebel blutige Tatzen- abdrücke auf dem rissigen Beton hinterließ … und es war auch nicht ein einziges Schwein zu sehen, das sich nicht in bratferti- ger Form in irgendeiner biologisch abbaubaren Verpackung befand. Tigranes hatte das einmal gesagt, als er jemanden zitierte. Er hatte mich das Original lesen lassen, damit ich verstand, über was er seine Scherze machte. Ich konnte mich nicht mehr an den Dichter erinnern – Sanders, dachte ich. Colonel? Oder war es jemand anderer? Der Typ, der Elvis Presley gemanagt hatte … Die Kultur des zwanzigsten Jahrhun- derts war ein riesiger Abfallbehälter, aus dem es mittlerweile ziemlich übel stank. Gewöhnlich machte ich mir nicht die Mühe, ihn zu durchsuchen. Kein Wunder, daß Sheldon ihn, ausspritzen und von vorne anfangen wollte. Ein antiker phrenologischer Kopf stand auf Mennauras Schreibtisch, dessen verschiedene Regionen eingezeichnet waren: Liebesdrang, Fortpflanzungstrieb, Selbstbestätigungs- drang. Und da ich Mennaura – Karin Crawford – kannte, war ich sicher, daß es tatsächlich ein antikes Stück und keine Nach- bildung war. Ich tippte auf einen Punkt an der Seite des Kopfes in der Nähe des Scheitels. Die Stelle sah aus wie der Ort des zentralen sensorischen Bereichs des Scheitellappens, aber dort stand die Bezeichnung ›Hoffnung‹. Neben dem Kopf befand sich ein Bild Mennauras und ihrer Familie. Ich griff danach. Der schwergewichtige samoanische Ehemann, die hübsche kleine Tochter. Und Mennaura, der man ihr stilles Glück ansah. Ihre Familie existierte nicht mehr, war vernichtet und lag zerbrochen auf dem Fußboden in ihrem Haus. Wohin war sie selbst gegangen? Ich schaute mich im Büro um und verspürte ein Prickeln im Nacken. Ihre Diplome hingen an den Wänden in geschwungenen Rahmen, wie nasses Laub, das der Wind dorthin geweht hatte. In einem Glaskasten lagen eine Knochen- säge und eine chinesische Diagnosefigurine aus Elfenbein mit aufgezeichneten Meridianen und zugehörigen Ideogrammen. In winzigen, mit Jadestopfen verschlossenen Gläsern wurden geheimnisvolle Kräutermedizinen aufbewahrt. Was hatte sie gesagt? Wenn sie durch die Türen von Atman trat, dann wurde sie real. Nirgendwo sonst. Wohin hätte sie außerdem gehen können, wenn alles andere nicht mehr exi- stierte? Ich ging an einem Lagerbereich vorbei zum hinteren Teil des, Labors und weiter in ein geräumiges Büro. Hier befand sich ein neuer Bereich, der im Notizbuch von Mennauras Tochter mit hellen Farben eingezeichnet worden war. Dort sah alles blitz- sauber aus. Ich konnte das leise Flüstern von Gebläsen hören. Die Route nach draußen, die wir zusammen mit Slip Sander- son ausgearbeitet hatten, begann in einer Ecke des Büros, dicht über einem chirurgischen, von anatomischer Software gesteuer- ten Laserbohrer. Eine runde Schädelklammer, ähnlich einem alten astronomischen Gerät mit metallischen Längen- und Breitenlinien versehen, stand glänzend darunter. Der Bohrer besaß zahllose winzige Justagemotoren. Der Kontrollschirm sowie das Bedienungspult waren aus ihrer ursprünglichen Position am Platz des Operators entfernt worden und ruhten auf einer Behelfsanordnung aus zwei aufeinandergestellten optischen Speichermodulen. Die silberne Schädelkugel betrach- tete im Kontrollschirm ihr eigenes Spiegelbild. Laut unseren Informationen gab es einen Weg, der parallel zu einer Abwasserleitung aus einem oberen Stockwerk verlief. Wir konnten uns nach unten und in einen öffentlichen Flur unweit der Herzchirurgie durcharbeiten. Wir hatten Freigabe- chips für unsere grüne Krankenhauskluft, die uns zu einem äußeren Fußgängerweg bringen würden. Von dort aus würden wir so schnell wie ein mit Vaseline geschmierter Zivilrechtsfall in einem Saal voller Anwälte losrennen und in der Nacht ver- schwinden. Aber ehe wir zu dem Abflußrohr gelangten, mußten wir durch einen Belüftungsschacht klettern, der sich durch eine enge, geburtskanalähnliche Art von Anordnung schlängelte, die direkt über meinem Kopf begann und unter der Ausbuchtung eines Löschwassertanks verschwand., Falls jemand eine Falle hatte anlegen wollen, dann war dies der ideale Ort. Ich kletterte auf einen Schreibtisch, der mit einem Wust von Datenchips, Papieren und benutzten Kaffeebechern voller Schimmel bedeckt war. Ich ließ eine Flut von Notizen auf den Fußboden fallen und entschuldigte mich im stillen beim Besit- zer des Schreibtisches, der wahrscheinlich überhaupt nichts bemerken würde. Ich fragte mich kurz, wer es wohl sein moch- te. Sicherlich jemand, mit dem ich gut auskommen könnte. Ich streckte die Hände zur Decke aus – und hielt inne. Ich betrachtete die Anordnung des chirurgischen Lasers unter mir. Unter welchen Umständen würde jemand, der in das Operati- onsgeschirr gesperrt war, Befehle an den Laserbohrer senden wollen? Es ergab irgendwie keinen Sinn. Ich sprang wieder auf den Fußboden hinunter, löste einen weiteren Schneesturm von Papieren aus und untersuchte den Laserbohrer. An einer seiner Stützen war mit Heftpflasterstrei- fen ein altmodisches Skalpell mit Horngriff befestigt. Die saube- re Klinge blitzte silbern im Halbdämmer. Die Antwort war irgendwo in meiner Nähe verborgen. Ich konnte sie beinahe atmen hören. Und als ich Tigranes' Moskito- suchgerät aufsetzte, konnte ich es sehen: nur ein dünner Strom feuchter, warmer Luft aus einem Einlaßgitter in meiner näch- sten Nähe, ähnlich einem Faden geisterhaften Ektoplasmas. Ich hatte keine Waffe – es war auch nicht daran zu denken, sich mit dem Sicherheitsdienst von Atman auf eine gewaltsame Auseinandersetzung einzulassen und zu glauben, als Sieger daraus hervorzugehen. Diese Gedankenfolge hielt mich nicht davon ab, mir völlig entblößt vorzukommen., Ich muß fast eine ganze Minute völlig erstarrt dagestanden haben. Dann legte ich meine Handfläche auf die Türplatte und drückte dagegen. Ein Klicken, ein Zischen von Luft, als der Druckverschluß nachgab, und sie schwang auf. Ich hielt erneut inne. Tigranes war bei seinem schnellen Sicherheitscheck hier gewesen. Die Tür war fest verschlossen gewesen. Aber die Berührung meiner Hand hatte sie geöffnet … Beinahe sah ich sie zuerst gar nicht. Es war dunkel. Der größ- te Teil des Lichts kam von der Stadt jenseits der hohen Fenster. Der Raum war noch nicht fertiggestellt mit seinen nackten Deckenrohren, heraushängenden Drahtleitungen und Stapeln modularer Wandplatten. Dem äußeren Anschein nach würde dies ein keimfreier Raum, wenn sie ihre Arbeiten abgeschlossen hätten. Ich spürte einen Lufthauch, als die Tür hinter mir zuschwang. Helena Mennaura saß als dunkle Gestalt am Fenster. Ihr Kopf war nach vorne gesunken, und sie blickte nicht auf, als ich hereinkam. Ihr früher zu Zöpfen geflochtenes Haar war lang und fiel über ihr Gesicht. Ich tastete die Wand auf der Suche nach einem Lichtschalter ab, aber da war offenbar keiner. Die Beleuchtung war noch nicht installiert worden. »Helena?« fragte ich und hörte ein nervöses Zittern in mei- ner Stimme. Sie rührte sich nicht. Ich knipste meine Schläfen- lampe an. Ich drehte sie weg, damit sie sich nicht wie eine Tatverdächtige mitten im Lichtkegel befand, sondern statt dessen vom Licht beschienen wurde, das von den Wänden reflektiert wurde. Sie richtete sich auf, langsam, wie eine der Pflanzen in diesen Zeitrafferfilmen, die sich zur Sonne drehen. Ich trat zu ihr und legte eine Hand unter ihr Kinn. Sie schau-, te zu mir hoch, vermittelte aber nicht den Eindruck, mich zu sehen. Ein verwirrter Ausdruck glitt über ihr Gesicht, als ob sie wüßte, daß sie eigentlich etwas sehen müsse. Sie trug einen einfachen Overall, wahrscheinlich die zurückgelassene Kluft eines Arbeiters. Ihr Haar war lang, aber stellenweise war es roh abgeschnitten worden. Ich hob eine Handvoll Haar hoch und blickte auf einen rasierten Fleck an ihrer linken Schläfe. Mehrere rote, aufgewor- fene, geschwollene Krater in der Haut waren mit einer durch- sichtigen Bandage bedeckt. Ich betrachtete sie blinzelnd. Sie waren mitten durch die Sprachbereiche der linken Hemisphäre sowie durch die Hör- und Assoziationszone gebohrt worden. Durch die Zerstörung des Wernicke-Bereichs war Mennaura nicht mehr fähig, die Bedeutung gesprochener Worte zu verste- hen. Ich war mir noch nicht einmal sicher, ob sie sie überhaupt als Worte begriff. In diesem Zustand enthielt das Pfeifen des Windes in den Bäumen oder die Explosion von Feuerwerkskör- pern in einer Mülltonne etwa genauso viel an Bedeutung wie alles, was ich sagte. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, es wenigstens zu ver- suchen. »Warum?« brüllte ich und schüttelte sie. »Was zum Teufel hast du getan? Karin! Bist du da?« Wenigstens das Schütteln schien sie zu stören. Sie entwand sich meinem Griff und wandte sich ab. Ich lockerte meinen Griff und streichelte sie, fuhr mit den Fingern durch ihr Haar. Wenigstens die Berührung schien noch eine Bedeutung für sie zu haben. Sie hatte jedenfalls keine Brandlöcher in ihrem post- zentralen Gyrus. Das Haar auf ihrem Schädeldach war noch dicht., Ich legte ihren Kopf vorsichtig auf die Seite. Ein winziges Loch mit aufgeworfenen Rändern befand sich links von ihrem Hinterkopf und führte durch den visuellen Kortex. Sie schien nicht erblindet zu sein. Ich war mir nicht ganz sicher, aber nach der Art und Weise der restlichen Wunden zu urteilen, vermute- te ich eine ganz spezielle Schädigung eines Teils des Hinterkopf- lappens, der visuelle Informationen verarbeitete, speziell ge- schriebene Worte. Mit einem einzigen programmierten Strahl aus dem chirurgischen Laser hatte sie sich in einen Zustand der Dyslexie gestürzt, in dem keine symbolische Darstellung gleich welcher Art jemals wieder irgendeine Bedeutung für sie haben würde. Sie hatte vermutlich nicht mehr als zwei Gramm ihrer eige- nen Gehirnmasse verdampft und sich damit total der Fähigkeit beraubt, an der Menschenwelt Anteil zu nehmen. Ich hielt ihre Hände fest und sah ihr in die Augen. Sie erwiderte meinen Blick, doch ihre Pupillen waren derart geweitet, daß sie in ihrem Gesicht wie schwarze Löcher wirkten. »O Karin.« Ich sank vor ihr zusammen. »O Karin.« Niemand anderes als sie selbst hatte ihr das angetan. Sie hatte die entspre- chenden Bereiche auf ihrem Schädel rasiert, hatte sich die Schädelklammer aufgesetzt, die Kontrolltafel zurechtgelegt und eine Reihe von Laserstößen programmiert, die insgesamt nur wenige Sekunden gedauert, aber sämtliche Brücken zur Au- ßenwelt abgebrochen hatten. Die Klammer hatte ihre Wunden mit Sprühverband versorgt und sie dann losgelassen. »Wir nehmen dich mit«, sagte ich zu ihr, obgleich sie mich nicht verstand. »Ich kann dir Virts einsetzen … dann kannst du wieder reden.« Ihr Gesicht war ausdruckslos. Sie hatte nicht den, Wunsch, wieder zu reden oder irgendeines meiner Worte zu verstehen. Sie würde sich nicht bei mir dafür bedanken, daß ich sie aus dem Abgrund des Schweigens herausholte. Nun, ver- dammt noch mal, darüber könnten wir später diskutieren. Ich drehte ihren Stuhl nach außen, so daß er hinaussah auf die Lichter von Chicago, und setzte sie wieder hin. Sie schien nicht zu reagieren, sondern nur vor sich hinzustarren. Waren selbst diese bunten Lichter nun für sie bedeutungslos? Sie war jetzt ein evolutionäres Rätsel. All ihre Fähigkeiten zu argumen- tieren, zu denken und Emotionen zu empfinden waren intakt. Sämtliche Fähigkeiten, Gedanken oder Emotionen per Kom- munikation weiterzugeben, waren verschwunden. »Ich bin gleich zurück. Du wirst bald wieder in Ordnung sein.« Und ich redete mir ein, daß das Zurseitekippen ihres Kopfes eine Antwort war. KAPITEL 27 Ich kletterte wieder auf den Schreibtisch. Die Deckenplatte ließ sich leicht hochklappen, als sei dies ein ganz normaler Weg aus dem Büro, um eine Zigarettenpause zu machen. Ich streckte mich, um mich durch die Öffnung nach oben zu ziehen – und baumelte schließlich hin und her und trat mit den Füßen um mich wie einer jener mit Handschellen gefesselten Häftlinge, die so gerne in philosophisch tiefschürfenden Cartoons verwendet werden. Ich ließ mich wieder auf den Schreibtisch herab und, holte tief Luft. Klimmzüge. Wenn ich im Keller neben dem Eingang zu meinem Operationsraum eine Stange installierte und regelmäßig trainierte, hätte ich vielleicht in einem Jahr genügend Kraft im Oberkörper, um mich an irgendeinem Vorsprung hochzuziehen … Aber im Augenblick war ich kaum mehr als ein Stück Schlachtvieh, das zum Zerlegen an einem Haken hing. Ich stellte einen Schreibtischsessel auf den Formularberg und kletterte darauf. Ich stützte meine Ellbogen in die Deckenöff- nung und stemmte mich keuchend hoch. Ich kam mir vor wie ein Fisch, der aus dem Meer gezogen wird. Ich beschloß, so bald wie möglich mit den Klimmzügen anzufangen. Wenn all dies vorüber wäre, würde ich ihnen mein restliches Leben widmen. Mein Gesicht preßte sich gegen die rauhen Fasern eines Luft- filters. Ein kurzer Einsatz eines Schraubenziehers, und ich konnte den Filter weglegen. Selbst wenn ich damit keinen Zentimeter gewonnen hatte, so hatte ich wenigstens unsere Flucht erleichtern können. Der enge Gang schlängelte sich vor mir dahin, tauchte unter den voluminösen Wassertank, der darauf zu drücken schien wie ein wachsender Tumor auf eine Ader, und verschwand außer Sicht. Mit übertriebener Vorsicht befestigte ich eine Ankerleine an der Seite des Ganges. Wir hatten keine Kletterausrüstung mit- genommen, da sie zu voluminös und schwer für unser Unter- nehmen gewesen wäre, aber Tigranes hatte ein extrem leichtes Sicherungsgeschirr als zusätzliche Hilfe eingepackt. Die doppel- te Halteleine wurde am Geschirr dicht oberhalb meiner Schul- terblätter befestigt. Die Röhre vor mir sah ziemlich steil aus, und ich wollte nicht mit dem Kopf zuerst hindurchrutschen, auf, das nächste Filtergitter prallen und mein Gesicht in eine Waffel verwandeln. Ich glitt langsam und vorsichtig durch das Rohr. Ich mußte sehen, was sich hinter der Kurve befand. Ich spürte, wie sich die Leine an meinem Geschirr abwickelte. Das Licht, das seitlich an meinem Kopf befestigt war, flackerte – ein leuchtendes, hüp- fendes Nagetier kroch vor mir her. Ich ließ mich bis zum tief- sten Punkt der Kurve hinab, wo durch ein größeres Gitter mit Filter die Luft nach unten abgesaugt wurde, und orientierte mich nach vorne. Die Katastrophe war offensichtlich. Wo Tigranes' Plan zeigte, daß die Röhre sich nach oben schwang, um neben der abwärts- führenden Abwasserleitung herzulaufen, befand sich nichts als eine Wand aus glänzendem Metall. Die Röhre war verlegt worden. Und zwar erst vor kurzem. Ich konnte ein paar glit- zernde Metallspäne erkennen, wo das Metall zurechtgeschnitten und -gebogen worden war, und die Kanten waren rauh und ebenfalls glänzend. Ich klopfte mit den Fingern gegen das neue Hindernis. Es klang nicht leer und hohl. Die Wand war ver- stärkt worden. Das war die Falle, in die Slip Sanderson mich rachsüchtig hatte hineinkriechen lassen. Mit zwei kaum hörbaren Klicklauten gab das Gitter unter mir nach. Einen völlig irrealen Moment lang schwebte ich darüber, sah, wie es durch den Schacht hinabtaumelte, sich drehte und immer kleiner wurde. Es klang wie ein Kieselstein, der in einer Stahlmülltonne herumgeschleudert wird. Dann stürzte ich. Ich erlebte einen grellen Moment des tota- len Grauens, dann krachte ich gegen die Seitenwand des verti- kalen Schachts, als meine Halteleinen mich auffingen. Dort hing, ich dann, benommen, das rechte Auge von Blut geblendet, und hatte nur einen einzigen Gedanken: Kein Leben war vor mei- nem geistigen Auge vorübergerauscht, nicht einmal das, woran ich mich tatsächlich erinnerte. Die dünnen Leinen verschwanden über der Kante ein Stück über mir. Mein Gesicht schmiegte sich an die Schachtinnen- wand. Ich stieß mich ab. Meine Füße baumelten unter mir. Ich blickte zwischen ihnen hindurch den endlosen Schacht hinun- ter. Der Filterrost hatte einen Höllenlärm verursacht, als er hinuntergefallen war. Wahrscheinlich hatte er in der Etage, in der er gelandet war, jeden geweckt. Sicherlich würde jemand den Wartungstrupp rufen, wenn nicht noch jemand anderen. Für einen kurzen Moment bewegte ich mich im Zeitlupen- tempo und versuchte, an der Schachtinnenwand mit den Füßen Halt zu finden. Den gab es aber nicht. Ich schaffte es nur, mir heftig die Knie zu stoßen. Die Leinen waren zu dünn, um mich mit den Händen daran hochzuziehen, und die Schachtkante befand sich außer Reichweite. Die Sicherungsleinen hatten mir das Leben gerettet, nur um mich jetzt hier wie die Beute einer Spinne zum Trocknen hängen zu lassen. Wie die Beute einer … plötzlich spürte ich kalte Luft, die durch den Schacht wehte. Sie pfiff an mir vorbei, und ihre Wirbel fingen sich unter meinen stinkenden, schweißnassen Achselhöhlen. Sie ließ mich frösteln, kühlte mich aber nicht. Welche Art von Vergeltung, welche Art von Wut gib es auf der Welt? Unsere Wut wird durch unser Leben und unsere Lebens- umstände auf seltsame Art und Weise gebrochen und ist eigent- lich nicht kalkulierbar. Karin Crawford hatte versucht, ein stummes, mißhandeltes kleines Mädchen zu retten, aber verge-, bens. Sal Tigranes hatte versucht, seine stumme, mißhandelte Tochter zu retten, ebenfalls vergebens. Wer war Sal Tigranes? Eigentlich wußte ich es gar nicht. Sein Leben war, wie es seinem Gewerbe entsprach, eine düstere, hallende Stille. Ich wußte nur, daß er aus irgendwelchen unbekannten Gründen mittels Sym- bolen kommunizierte. Mit Symbolen wie einem Halstuch, einem Ratschenschlüssel, einer Tsuba und einem Skalpell. Ich schimpfte mich einen Idioten. Ich konnte meinen eige- nen Gedanken nicht mehr trauen. Ich hatte jegliche Herrschaft über sie verloren. Sal war mein Freund. Selbst wenn man die Beschränkungen berücksichtigte, die ihm durch seine Position auferlegt waren, war niemand freundlicher oder gütiger zu mir gewesen. Dennoch hatte ich plötzlich ein Gefühl, als sei Sal Tigranes ein Strudel, den ich lange Zeit ungefährdet umkreist hatte, der mich aber jetzt mit zunehmender Geschwindigkeit in sich hineinsog. Und er hatte mich hierher geschickt. Verdammt! Er hatte außerdem die Leinen mitgebracht, de- nen ich mein Leben verdankte. Und die mich jetzt vielleicht retteten. Ich zupfte an ihnen. Sie vibrierten wie Klavierseiten in einem ungestimmten Akkord. Die Schachtkante befand sich einen guten halben Meter über meinen ausgestreckten Händen. Ich mußte mich aus meinem Geschirr befreien. Es war die einzige Möglichkeit. Ich tastete um meinen Körper herum. An der Basis meines Brustbeins befand sich ein Schnellverschluß. Er sollte eigentlich nur in Notfällen betätigt werden, falls die Gürteltasche mich gefährlich behinderte. Nun, das tat sie. Ich biß die Zähne zu- sammen und zog am Verschlußhebel. Ich hatte erwartet, daß der Verschluß sich langsam öffnete, und mir gestattete, nach dem sich lösenden Gürtel zu fassen. Aber es war eine Noteinrichtung, dazu geschaffen, mich sofort freizugeben, falls ich hängengeblieben war. Der Verschluß sprang mit einem Knall komprimierten Kohlendioxids auf, knallte schmerzhaft auf meine Unterarme, und ich fiel regel- recht aus dem Gürtel heraus. Ich schnappte danach wie eine abstürzende Katze und schaff- te es, mich mit dem Ellbogen einzuhaken. Für einen kurzen Moment baumelte ich hin und her, spürte die saugende Tiefe unter meinen Füßen, dann schaffte ich es, mich hochzuziehen und den Gürtel unter meine Achselhöhle zu klemmen. Ich schaukelte hin und her. Es war eine Situation, die sich keinen Deut besserte, wenn ich ganz gleich wie lange abwartete. Indem ich mit den Beinen austrat, als könnte ich in dem Schacht hinaufschwimmen, hievte ich mich mühsam und langsam hoch. Nach langen, qualvollen Minuten stand ich auf dem Gürtelpack wie ein Kind in einer Autoreifenschaukel.. Aus dieser Position konnte ich die Schachtkante erreichen und mich bis auf die Ellbogen hochziehen. Die Anstrengung machte sich als bren- nender Schmerz in meinen Schultern und meinem Rücken bemerkbar. Ich vermutete, daß es sicherlich eine Woche dauern würde, bis ich die Arme wieder über den Kopf heben könnte. Ich rollte mich auf den Rücken und lag auf dem Rücken im Lüftungsrohr, kaum fähig, einen richtigen Atemzug zu machen. Ich war gerettet. Aber nicht wir. Der Rost hatte sicherlich irgendwelche Alar- me ausgelöst. Ich zog mich an den Sicherheitsleinen hoch, schlang sie um meine Hüften und, indem ich mich auf den Rücken legte, schob mich mit Hilfe der Beine und meiner, Fersen durch das Rohr nach oben. Ich fiel aus der Decke heraus und landete mit dem Hintern auf dem Schreibtisch. Wir würden wohl die andere Route benutzen müssen. Es war die Route, auf die in Mennauras kindlichen Notizen hingewiesen worden war. »Sal!« rief ich. »Komm rein.« Seine Stimme klang ruhig. »Komm rein und sieh es dir an.« Ich rannte hinaus und in den anderen Raum. Er kauerte noch immer über dem EternArk und schien sich während der Zeit, in der ich mich beinahe selbst umgebracht hatte, nicht gerührt zu haben. Nichts schien verändert zu sein. Sein Rücken war breit und friedlich. Wie sollte er denn sein, daß ich vor ihm Angst hatte? »Sal …« Er hob eine Hand, und ich verstummte. Der Plasmaschirm des quantenharmonischen Scanners zeig- te eine komplizierte, langsam wachsende Form, eine Darstel- lung der Spinstadiums-Muster, die er im Schloß modifizierte. Das Muster wurde deutlicher. Plötzlich öffnete sich die Schwebebox völlig lautlos. Sie war vollgestopft mit winzigen Modulen, zur Betrachtung erheblich vergrößert, und ihre Abbilder standen darüber in der Luft. Ich erkannte die Logos aller wichtigen Prothesenhersteller: Fulger, Paralogix, Hesseman AG, Cephalik, Xinhua von Sezchuan. Und mitten zwischen diesen Neurodesignerjuwelen befanden sich fünf winzige Module, die mit sechs ineinander verschlungenen Kreisen in einer Reihe gezeichnet waren. Es waren die restlichen Kundalini-Module. Aber … ich be- trachtete sie eingehender. Es waren hübsche, kompakte Module,, das Produkt einer kleinen industriellen Herstellung, zweifellos irgendwo in diesem Labor. Alle waren mit Identifikations- nummern mikrocodiert. Es gehörte zur bürokratischen Inven- turkontrolle, die in allen Einrichtungen dieser Art üblich war. An einigen konnte ich die Symbole für verschiedene Probeläufe erkennen. Aber von Farleys Virts hatte keiner eine Inventurnummer oder irgendwelche Bezeichnungen für bestimmte Experimente getragen. Aber mehr als einer von ihnen war repariert oder modifiziert worden. Ich erinnerte mich an mikroskopische Mängel und Abweichungen. Ich hätte niemals ein experimen- telles Modul bei einem meiner Kunden eingepflanzt. Ein paar Dinge machten zunehmend Sinn. Was genau hatte Mennaura mir überlassen? Diese Virts hatten ganz spezielle Funktionen. Was hatte sie gesagt? Alles war ihr zunehmend als Symbol für etwas anderes erschienen. Tigranes betrachtete sie mit einem wissenden Ausdruck. »Wir haben ein Problem, Sal«, sagte ich schließlich. »Im Ne- benzimmer …« Er riß den Kopf als Reaktion auf irgendein inneres Signal herum. »Und wie wir das haben. Jemand nähert sich diesem Stockwerk.« Während er die Kundalini-Module einsammelte und die Schwebebox wieder verschloß, erklärte ich die Situation: Unsere Hauptfluchtroute war abgeschnitten. Meine Überprüfung dieses Weges hatte offenbar die Bluthunde auf unsere Fährte gelockt. Helena Mennaura, hirngeschädigt, der Sprache nicht mächtig, saß in einem sicher verschlossenen Raum., Ich faltete den mehrfarbigen Bogen aus Darlenes Notizbuch auseinander und deutete auf die neue Route. Dabei kam ich mir vor wie ein Idiot. Das Blatt, so sah ich, hatte an den Ecken grinsende Gesichter. »Ist schon gut«, sagte Tigranes. »Es ist mir gleich, wo es her- kommt.« »Ich habe es von Mennaura persönlich bekommen, obgleich ich nicht annehme, daß die Persönlichkeit, mit der ich redete, genau wußte, was sie weitergab. Laß uns gehen.« Tigranes kam mir zuvor und drückte auf die Sensorplatte. Nichts geschah. Er wandte sich zu mir um. »Ich dachte, du hättest gesagt …« Ich drängte mich an ihm vorbei und versuchte es ebenfalls. Die Tür öffnete sich. »Das ist für mich. Sie wollte, daß ich sie finde.« Mennaura hatte ihren Sessel verlassen und saß auf dem Fuß- boden. Sie hatten den Kopf zurückgelegt, so daß ihre restlichen Haare herunterhingen. Sie sah aus, als sonnte sie sich am Strand. Tigranes kniete sich hin und schickte sich an, eine Bodenplatte zu lösen. Ich hätte ihm dabei helfen sollen, denn wir hatten nicht viel Zeit. Statt dessen versuchte ich Mennaura hochzuheben. Sie drehte sich weg und flüchtete auf Händen und Knien vor mir. Sie erkannte mich nicht. Ich war lediglich etwas, dem man entkommen mußte, wie ein kalter Luftzug oder eine Stechmük- ke. »Peter!« rief Tigranes hinter mir. »Komm schon!« Ich sah ihn an. »Wir müssen sie mitnehmen. Wir können sie nicht hier zurücklassen.« Das war offensichtlich. Ich konnte, nicht anders. Er blickte mich verständnislos und mit großen Augen an. Alarmsignale hallten durch das Gebäude, Sicherheitskräfte waren zu unserem Stockwerk unterwegs, und für Tigranes war meine Absicht überhaupt nicht selbstverständlich. »Was ist mit ihr?« fragte er. Ich faßte sie unter den Armen und zog sie hoch. Sie sackte gegen mich. Sie roch nach Puder und einer milden Seife, wie ein Baby. »Sie kann nicht reden, Sal. Sie hat sich das Sprachzentrum aus dem Gehirn gebrannt. Ich kann sie nicht hier lassen. Un- möglich!« Er stand kurz vor einem Wutausbruch. Ich hatte so etwas noch nie bei ihm erlebt, wußte jedoch, daß er durchaus dazu fähig war. Sein Mund hatte sich geöffnet, um mir einen schar- fen Befehl zu geben. Dann schloß er ihn. Er streckte die Hand aus und berührte ihr Gesicht sanft mit den Fingerspitzen. Sie drehte den Kopf in seine Richtung, reagierte auf die Berührung, aber ihre Augen erfaßten ihn nicht. Er starrte sie an und schien allmählich zu begreifen. »Na schön«, sagte er. »Wir nehmen sie mit. Das bedeutet, daß wir geschnappt werden.« Er fixierte mich. »Ist dir das klar?« »Okay«, sagte ich. »Dann werden wir eben geschnappt. Laß uns verschwinden.« Wir stiegen durch den Fußboden hinunter in einen anderen Wartungsbereich. Die Systeme bei Atman waren so kompliziert und derart anfällig gegen Defekte und Störungen, daß es zahllo- se Zugänge gab, die den Sicherheitsdienst an den Rand des Wahnsinns gebracht haben mußten. Einige Etagen tiefer kro-, chen wir erneut durch einen schmalen Gang zwischen den Stockwerken. Dann die stählernen Sprossen einer Leiter hinun- ter. Mittlerweile hatte ich völlig die Orientierung verloren und kam mir vor, als sei ich dazu verurteilt, für den Rest meines Lebens wie eine verirrte Seele durch die Eingeweide von Atman zu wandern. Mennaura reagierte erstaunlich bereitwillig und folgte dem Druck meiner Hand auf ihrem Arm. Die neuralen Schädigungen hatten weder ihren Gleichgewichtssinn noch ihre Koordination beeinträchtigt, und sie war noch immer zu kom- plizierten, willentlich gesteuerten Bewegungen fähig. »Da«, sagte Tigranes leise. Er brach einen Zugangskasten auf und befestigte Klammern an mehreren Drähten. Dann löste er einige Bolzen und schob eine Platte zur Seite. Wir blickten in einen Fahrstuhlschacht, in dem die Halteka- bel wie Schlangen vorbeiglitten. Mir wurde schlecht. »Ich will das nicht noch mal erleben«, sagte ich. »Ich kann nicht.« Ich stellte mir vor, wie ich an den Kabeln hing und daran hinunterrutschte, tiefer und tiefer, in einen bodenlosen Schacht. »Keine Angst«, sagte er aufgeräumt. »Das ist ein Kinder- spiel.« Sein Blick streifte Mennaura, und seine Miene wurde ernst. Plötzlich fuhr der Fahrstuhl rumpelnd nur wenige Zentime- ter von unseren Nasen entfernt vorüber. »Was …« »Warte ab.« Tigranes fingerte an einem kleinen Kontrollka- sten herum. »Das verdammte Ding muß erst leer sein. Wir haben schon genug Probleme, ohne irgendwelches unschuldiges Krankenhauspersonal zum Schweigen zu bringen.«, Ein paar Minuten später kam der Fahrstuhl wieder herunter. Er verlangsamte seine Fahrt, als er in unsere Nähe kam, und blieb schließlich stehen, so daß sich das Kabinendach mit der Unterkante der Wandöffnung auf einer Höhe befand. Tigranes kletterte auf das Dach. Nach kurzem Zögern folgte ich seinem Beispiel und zog Mennaura hinter mir her. »Hilf mir mal«, murmelte Tigranes. Zusammen schoben wir die Wandplatte wieder an Ort und Stelle und befestigten sie. Dann zogen wir die Einstiegsklappe im Fahrstuhldach auf. Tigranes sprang in die Kabine. Ich ließ Mennaura, die sich nicht wehrte und nicht protestierte, an den Händen hinunter. Tigra- nes nahm sie in Empfang und setzte sie behutsam auf den Kabinenboden. Dann kam ich hinterher. Tigranes grinste mich an. »Hey, sieh doch mal, endlich kommen wir auf normale Art und Weise weiter.« »Na, ich weiß nicht«, sagte ich und schaute mich um. »Das sieht ziemlich gefährlich aus.« Tigranes gab nur einen Knurrlaut von sich und schlüpfte in die grüne Krankenhauskluft, die wir mitgenommen hatten. Als ich das gleiche getan und meinen mit Foto versehenen Haus- ausweis an meiner Brust befestigt hatte, drückte er auf einige Knöpfe, so daß der Fahrstuhl seine Position zwischen den Stockwerken verlassen konnte. Wenig später stoppte er wieder, die Türen glitten auf, und wir traten hinaus in einen Kranken- hausflur – ähnlich einem chemischen Stoff, der die Barriere zwischen Blutbahn und Gehirn überwindet. Wir waren zurück- gekehrt in die Welt der Menschen. »Mach ein überhebliches Gesicht«, riet ich Tigranes. »Sonst fallen wir ganz bestimmt auf.«, Er schnaubte, seine Blicke nahmen die Situation auf. Auf den Fluren herrschte eine Hektik wie in einem Hornissennest, das ausgeräuchert wurde. Die eigentlich übliche Nachtruhe war erheblich gestört, und überall waren aufgeregte Diskussionen im Gange. Trotz unserer Kittel hatten wir unsere Ausrüstung bei uns. Die Medizin hatte sich mehr und mehr zu einem Zweig der Ingenieurswissenschaften entwickelt, doch Bergsteigergeräte und raffiniert aussehende Einbruchswerkzeuge waren dafür nicht nötig. Zudem sah Mennaura, die friedlich zwischen uns ging, überhaupt nicht aus wie eine Patientin. »Wir brauchen irgendeine Requisite«, sagte Tigranes. Er schaute in mehrere verdunkelte Zimmer und entdeckte schließ- lich einen Rollstuhl. Es war ein halb-intelligentes Gerät, das Richtungsanweisungen über eine direkte Verbindung mit dem Rückenmark des Patienten empfangen konnte. »Ich gehöre Wally Melnick«, sagte der Rollstuhl. »Ich bitte um Nachweis der Benutzungsbefugnis.« Wir hielten inne, und Tigranes steckte einen falschen Akti- vierungsschlüssel in die Bedienungsplatte des Rollstuhls. Die Sicherheitsschaltungen waren nicht sehr zuverlässig und eigent- lich nur dazu gedacht, allzu dreiste Jugendliche am Mißbrauch des Geräts zu hindern. »Danke sehr«, sagte der Rollstuhl. »Sei still«, befahl ich. Wir versteckten unsere Ausrüstung im Sitzsockel. »Das ist kein sicherer Aufbewahrungsort«, meldete der Roll- stuhl. »Halt die Klappe«, wiederholte ich meinen Befehl., Wir setzten Mennaura in den Rollstuhl und drapierten eine Decke über ihre Beine. »Wurde Wally Melnick von meiner Neuzuteilung unterrich- tet?« fragte der Rollstuhl. »Sei endlich still!« zischte ich. Tigranes musterte mich verwundert. »Weshalb brüllst du das Ding an? Es ist nur eine Maschine.« »Wenn es nur eine Maschine ist, weshalb diskutiert es dann mit uns?« Ich geriet plötzlich in Wut. »Ich hasse diese ver- dammten Dinger.« Ich legte eine zitternde Hand auf Mennauras brutal geschorenen Schädel und zwang mich dazu, mich zu beruhigen. Ich fühlte mich, als würden meine Muskeln jeden Moment explodieren. »Wally kann seine Beine nicht benutzen«, klagte der Roll- stuhl. »Ohne künstliche Hilfe kann er sich nicht fortbewegen.« »Verdammtes Ding«, sagte ich. »Wenn du nicht endlich still bist, setze ich dir einen neuen Sprachchip ein, und dann kannst du nichts anderes mehr sprechen als völlig falsches Finnisch mit einem chinesischen Akzent.« »Ich darf ausschließlich in einer registrierten Montagezone gewartet werden. Unbefugte Reparaturen führen zum Erlöschen der Garantie. Versuchen Sie nicht, selbst …« Ich holte einen Schraubenzieher aus meiner Werkzeugtasche und schloß den Stimmkasten kurz. Ein scharfes Knistern, und er verstummte. »Verdammte neunmalkluge Spielereien«, murmelte ich. »Wenn es nach einigen Leuten ginge, würden sogar unsere Toiletten kichern und sich bei uns dafür bedanken, daß wir in sie hineinscheißen. Es kommt daher, daß die Menschen einan-, der nichts mehr zu sagen haben. Nichts! Da ist es schon besser, vollständig den Mund zu halten!« »Ich wußte gar nicht, daß du der Kultur derart kritisch gege- nüberstehst.« »Ja, nun, ich kann eben auch denken, weißt du.« Und so, mit gemäßigtem Tempo und einen Rollstuhl vor uns herschiebend, schlüpften wir aus dem Krankenhaus und ver- schwanden in der Nacht. Erneut standen wir über dem bewegten tintenschwarzen Was- ser, jetzt allerdings auf der anderen Seite der Atman-Gebäude, von wo wir gestartet waren. Dies war ein Kanal, eigentlich ein Bach, den man von dem Betondeckel befreit hatte, der ihn ein Jahrhundert lang verschlossen hatte, um Atman von der Stadt ringsum zu isolieren. Er mündete direkt unter uns in den Fluß. Eine schnelle Modifikation, und ich konnte den Rollstuhl freilassen, nachdem ich seinen winzigen Speicher völlig geleert hatte. Ich schaute ihm nach, wie er über den Laufgang flitzte und in sein Zuhause zurückkehrte. Menschliche Gedächtnisse waren nicht so geordnet. Dort blieben immer irgendwelche Spuren zurück, wie Staub in den Poren eines Holzfußbodens, unmöglich vollständig zu säubern. »Steig runter und blas das Schlauchboot auf«, sagte Tigranes, »damit wir über den Lethe setzen können.« »Was ist das, Sal?« Ich war müde und haßte die kleinen ver- balen Fallen, die er immer für mich einbaute. Es gab immer irgend etwas, das ich nicht verstand, das ich nicht wußte … »Der Fluß des Vergessens. Er fließt durch den Hades. Du trinkst nach deinem Tod daraus, damit du nicht von den Erin-, nerungen daran gequält wirst, was du mal warst.« »Sicher, Sal. Sicher.« Ich kletterte die schlüpfrige Leiter hin- unter. Sie befand sich in schlechtem Zustand, und verrostete Bolzen lösten sich aus dem brüchigen, minderwertigen Beton der Mauer. Ich ließ mich vorsichtig ins Wasser gleiten, spürte, wie es an meinem Anzug hochstieg/und löste das Schlauchboot aus. Mit scharfem Zischen blähte es sich auf. Ich hielt mich mit einer Hand an der untersten Leitersprosse fest, an der anderen Hand hatte ich das Schlauchboot. »Laß sie herunter, Sal. Ich helfe ihr beim Einsteigen.« Ich leg- te den Kopf nach hinten und schaute hinauf zu den Lichtern von Atman. Aus welchem Stockwerk waren wir gekommen? Was war jetzt dort im Gange? Ich hatte keine Ahnung. Ein paar Sekunden später sah ich Sal die Leiter herunterstei- gen. Er trug Mennaura im Arm, als sei sie federleicht. Sie war völlig schlaff und blickte ausdruckslos auf die für sie bedeu- tungslose Stadt, die sich vor ihr erstreckte. Sie rutschte ein wenig in seinem Arm, und ihre Füße tauchten ins Wasser. »Verdammt!« Mennaura wand sich heftig in Tigranes' Griff, sobald das kalte Wasser sie berührte. »Peter!« Es war zu spät. Ehe ich das Schlauchboot, die Leiter und mein eigenes Gewicht vollkommen in der Gewalt hatte, hatte Mennaura sich aus Tigranes' Arm befreit und war in den Fluß gestürzt. Ich ließ das Schlauchboot los, denn ich dachte mir, daß ich es später holen könnte, und schnappte nach ihr. Sie trieb auf dem Rücken, wobei das Haar sich fächerartig um ihren Kopf ausbreitete. Ihre Augen standen weit offen. Sie keuchte und atmete geräuschvoll aus. Wasser schlug über ihrem Gesicht zusammen, und sie verschwand mit gespenstischer, Plötzlichkeit. »Karin!« Ich tauchte hinterher und ruderte mit den Armen durchs Wasser in der Hoffnung, irgendeinen Teil ihres anson- sten unsichtbaren Körpers zu berühren. Ich dachte, ich hätte eine Handvoll von ihrem Haar erwischt, aber ich war mir nachher nicht mehr sicher. Es entglitt mir, und sie war einfach weg. Ich kam keuchend an die Oberfläche, legte mein Atemge- rät an und tauchte hinter ihr her. Selbst im Schein meiner Schläfenlampe konnte ich in der Dunkelheit des Flusses nichts erkennen. Sie war verschwunden, mitgerissen von der starken Strömung an dieser Stelle, und meinem Zugriff entzogen. Und sie war tot. Sie war ertrunken, vor Minuten schon, wahrschein- lich sofort nachdem ich sie zum letztenmal gesehen hatte. Ihr Körper klemmte unter irgendeinem Hindernis, oder er würde morgen bei Wolfs Point auftauchen und von den Pendlern auf den Brücken entdeckt werden. Mein Kopf brach durch die Wasseroberfläche. Ich brauchte einige Sekunden, um mich zu orientieren. Schließlich entdeckte ich den dunklen vertikalen Schatten der Leiter. Tigranes stand ein paar Stufen über der Wasseroberfläche und schaute sich suchend um. Sein Körper verdeckte die Lichter des Atman Medical Center hinter ihm. Ich nahm den Atemschlauch aus dem Mund, weil ich daran zu ersticken glaubte. Ohne ihn konnte ich in der Luft auch nicht leichter atmen. »Peter.« Seine Stimme klang ruhig, als wolle er sich erkundi- gen, ob ich den Wagen abgeschlossen hätte. »Was ist passiert?« Ich wich vor dem Klang seiner Stimme zurück und ging auf Distanz. »Du …« brachte ich hervor. »Du hast sie getötet…«, »Peter!« Seine Stimme klang besorgt. Ich hörte, wie er ins Wasser glitt. »Sie ist gefallen. Du hast es gesehen.« Er begann auf mich zuzuschwimmen. »Das Risiko hat die ganze Zeit bestanden, und wir wußten es.« »Nein!« Ich floh, ruderte verzweifelt durch das Wasser und hatte das alptraumhafte Gefühl, daß ich überhaupt nicht vom Fleck kam. Das Wasser umschlang mich, zerrte an mir, ver- suchte mich ebenso in die Tiefe zu ziehen wie Karin Crawford. Und hinter mir war Linden Straussman in der Verkleidung meines alten Freundes, eines Menschen, dem ich vertraut, an den ich geglaubt hatte. Ich würde ihn auf dem gegenüberliegen- den Ufer treffen. KAPITEL 28 Auf dem gegenüberliegenden Flußufer befand sich ein leerer, unkrautüberwucherter Parkplatz, der von einem stellenweise umgekippten Maschendrahtzaun umgeben war. Nur noch die Hälfte der Parkplatzlampen funktionierten. Dennoch hatte jemand es für angebracht gehalten, sie einzuschalten, und sie beleuchteten den rissigen Asphalt in unregelmäßigen Flecken. Es erinnerte an einen geheimnisvollen binären Code, der nur aus der Luft gelesen werden konnte. Ich zog mich aus dem Wasser. Der Fluß versuchte mich fest- zuhalten. Mit Hilfe der Ellbogen und die Beine hinter mir herziehend schlängelte ich mich durch ein Loch im Zaun. Ein, Räuber lauerte hinter mir im Wasser. Ich war nicht auf ihn vorbereitet. Ich wäre niemals vorbereitet. »Peter! Verdammt, was ist los mit dir?« Tigranes folgte mir keuchend. Ich konnte hören, wie er sich durch die leeren Kon- servendosen und Flaschen und durch die Möbeltrümmer am Parkplatzrand wühlte. Eine abgewetzte schwarze Couch stand verlassen da. Sie sah auf den Fluß hinaus. Wahrscheinlich kamen Teenager aus der Gegend hierher, um im Angesicht des massigen Atman- Gebäudes dem Sex zu frönen. Jüngere Kinder kamen her, um den Helikoptern zuzuschauen, die hier herumschwirrten. Bierdosen lagen haufenweise auf dem Asphalt um die Couch verstreut. Ich wollte über den Parkplatz und in die Nacht rennen, aber es war genauso, als versuchte man, vor seinem eigenen Kopf zu fliehen. Es hatte keinen Sinn. Ich ließ mich auf die Couch sinken. Sie gab müde unter mir nach. Der Staub, der von ihr hochwirbelte, reizte mich zum Niesen. Tigranes blieb ein paar Schritte von mir entfernt stehen. Sein dunkles, faltiges Gesicht war ernst. »Was ist los, Peter?« »Warum nennst du mich nicht bei meinem richtigen Na- men?« Meine Stimme klang hoch und brüchig. »Theo Bronk- man.« Er runzelte die Stirn. »Kenne ich Theo Bronkman?« »Du weißt, daß du ihn kennst.« »Peter – ist es okay, wenn ich dich so nenne? So kenne ich dich. Diesen anderen … den kenne ich nicht. Peter, ich habe deine Freundin nicht ermordet. Sie hat sich selbst aus meinem Arm losgerissen.« Er blickte auf seine Hände, die schlaff am, Ende seiner Arme hingen, als hätten sie eine Antwort, irgendei- ne Erklärung für ihn. »Sie hatte Angst. Vor dem Wasser. Sobald es sie berührte.« Er kam nicht weiter auf mich zu, aber ich konnte sehen, wie er innerlich zusammensackte, als würde irgendeine wichtige Stütze entfernt. »Sie ist jetzt tot. Aber ich habe sie nicht getötet. Das mußt du begreifen.« »Weshalb sollte ich dir glauben?« »Ich brauchte sie auch. Ist es nicht furchtbar, den Tod von jemand zu betrauern, weil der Betreffende für einen hätte nützlich sein können? Aber so ist es nun mal in unserem Ge- schäft, nicht wahr? Ich habe sie nicht den weiten Weg durch die Sicherheitssysteme bei Atman geschleppt, um sie am Ende in den Fluß zu werfen. Das ist absurd, Peter. Das weißt du.« Seine Stimme wurde schärfer. »Sie hätte schwimmen können, hätte aus dem Wasser klettern können … Es gibt zu viele praktische Argumente gegen deine Anschuldigungen, falls das, was du über mich weißt, nicht ausreichen sollte, um dich zu überzeu- gen.« Er klang beleidigt. Nein, mehr als das – zutiefst verletzt. Un- willkürlich empfand ich Bedauern. Tigranes war lange mein Freund gewesen. »Du wußtest, daß sie sich vor dem Wasser fürchtete«, sagte ich. »Nach dem, was in Dubossary geschah.« »Wovon redest du, Peter?« Ich blickte in seine Augen und erinnerte mich an meine Be- merkung zu Watkins und Michaud über situationsspezifische Persönlichkeiten. Erinnerte er sich wirklich nicht daran, wer er war? »Erinnerst du dich an deine Kindheit?« fragte ich., Er zog seine Augenwinkel kraus. »Das würde ich doch mei- nen. Ich denke seit kurzem des öfteren daran. Ich werde alt. Meine Memoiren … ich wurde 1960 geboren. Ich erinnere mich an alles von meinem Training in der Baseballkinderliga bis hin zu meinem ersten Kuß. Was willst du wissen?« Das brachte mich keinen Deut weiter. »Ich will nicht …« »Wie kann ich dich überzeugen, daß ich wirklich der bin, für den ich mich ausgebe?« Falls Straussman sich unter einer anderen Persönlichkeit ver- steckte, wie könnte ich es herausfinden? Wann tauchte er selbst auf? Die Antwort war einfach. Er tauchte dann auf, wenn er ein Mitglied der Gruppe ermorden mußte. Ich zwang mich dazu, mich zu entspannen und zu lächeln. Die Schultern sinken zu lassen war genauso, als setzte ich mich in einen Kessel voll kochenden Wassers. »Es tut mir leid, Sal. Ich weiß nicht … Der Streß ist einfach zuviel. Ich habe nicht genug Schlaf, weißt du. Es gibt da Dinge in der Vergangenheit … aber sie sind jetzt nicht mehr wichtig. Verzeih mir. Ich wollte dich nicht … beschuldigen.« Mein Lächeln mußte ausgesehen haben wie die entblößten Zähne eines Fisches, der am Strand liegt und verendet. Es war das Schwierigste, was ich je voll- bracht hatte. Tigranes kam auf mich zu, Schritt für Schritt. Ich konzen- trierte mich auf seine Augen, wartete darauf, daß irgend jemand anderer aus den Nischen und Winkeln seines Gehirns hervor- kroch, wartete darauf, daß Linden Straussman erschien. Ich dachte, Tigranes würde sich aufblähen wie ein Ballon, während Straussmans Persönlichkeit in ihn einströmte. Welche Tö- tungsmethode hatte er sich für mich ausgedacht? Welches, Symbol würde man bei meiner Leiche finden? Die Luft um mich herum schien zu gerinnen. Tigranes legte mir eine Hand auf die Schulter. Ich schaffte es, nicht entsetzt zusammenzuzucken. »Peter.« Seine Stimme war kaum zu hören. »Ich weiß nicht, was nicht stimmt. Vielleicht werde ich es niemals wissen. Aber wenn du es mir erzählen willst … es tut mir leid, daß deine Freundin tot ist.« Er roch genau wie immer. Es war dieser ledrige, moosige Geruch. Er war der Mann, den ich immer gekannt hatte. Ich konnte jedes Lachfältchen und jede Sorgenfalte in seinem abgenutzten Ge- sicht sehen. Sein Bart war fast durch und durch grau. Er hatte sich niemals die Mühe gemacht, die Follikel nachzubessern. Ich ergriff seine von der Gartenarbeit rauhe Hand. Ich ver- suchte mir vorzustellen, wie er Geraldino erwürgte, wie er Inversatos Schädel einschlug, wie er Michaud ins Feuer stieß, wie er Crawfords imaginäre Familie vernichtete. Ich konnte es nicht. Die Hand auf meiner Schulter wurde schwerer und drückte mich auf die durchgesessene Couch. »Mir tut es auch leid«, sagte ich. »Ich habe sie nicht oft gese- hen, aber ich werde sie vermissen.« Wie ich auch alle anderen vermissen würde. Er seufzte tief. »Du mußt mir sagen, was du denkst, Peter.« Ich sah ihn an. Etwas zerrte an meiner Seele. Ich wünschte, ich hätte ein Klavier. Es gab Dinge, die ich aussprechen mußte, aber ich hatte keine Möglichkeit, sie auszusprechen. Die Spra- che, die mein Kehlkopf erzeugte, war nicht die Sprache, die ich benutzen wollte. »Sal, weshalb hattest du dieses Fenster geöffnet?« Wo immer Straussman sich aufhielt, wehte ein kühler Wind. Er liebte die, frische Luft. Er runzelte verwirrt die Stirn. »Welches Fenster?« »In deiner Küche. Als wir uns unterhielten. Und diese gott- verdammte Operation planten.« Ich hielt die Luft an, als würde ich ihn jetzt in einer Falle fangen. »Peter, du warst es, der das Fenster geöffnet hat. Erinnerst du dich nicht?« »Ich habe …« Mit einem hohen Summen, wie Moskitos, die dicht an einem Ohr vorbeifliegen, flitzten zwei Boote mit schlankem Rumpf den Fluß hinauf und suchten die Ufer mit starken Scheinwer- fern ab. Andere Lichter tasteten sich über das gegenüberliegen- de Ufer. Ohne ein weiteres Wort rutschten wir von der Couch und rannten zu einem umgekippten Zaunabschnitt hinüber. »Zieh die Kapuze über«, rief Tigranes. »Sie schützt dich vor den IR- Sensoren.« Wir überwanden den verbogenen Maschendraht und flüchteten in die Straßen des angrenzenden Viertels. Mög- lich, daß die Suchtrupps bei Atman sich mit lauten Rufen verständigt hatten. Das Blut dröhnte so laut in meinen Ohren, daß ich mir nicht ganz sicher war. Nachdem wir mehrere Minuten lang nur gerannt waren und dabei mindestens zwei Mülltonnen umgeworfen und einen angeketteten Hund zur Raserei getrieben hatten, fanden wir uns in einer Gegend mit alten, aus Klinkern erbauten Apartment- häusern und dreistöckigen Kalksteinbauten wieder. Für die hier Lebenden war noch immer das zwanzigste Jahrhundert. Die funkelnden, faltigen Atman-Bauten überragten immer noch alles wie die Verheißungen eines Alptraums, schauten hinab auf, die Lichtmasten mit ihren defekten Glühbirnen, auf die Ersatz- halogenstrahler, die wie Parasiten an ihnen befestigt waren, auf die verwaisten Haustreppen, auf die sorgfältig gepflegten winzi- gen Vorgärten, auf die Rosensträucher, die bereits gestutzt und mit Schutzfolien bedeckt waren. Es war kurz vor Sonnenauf- gang, und in den Häusern ringsum brannten die ersten Lichter. Tigranes und ich standen in einer Gasse und schälten uns aus unseren Thermoanzügen. Nach ein paar Minuten waren wir nichts weiter als ganz normale Fußgänger. Männer, die von der Nachtschicht nach Hause kamen. Wir überquerten eine Straße, und ich konnte das Surren schnell fahrender Wagen auf einer belebteren Straße hören. Das Geräusch wurde von den alten Klinkerbauten abgeschirmt, die die Straße säumten. Im Rinnstein lag Abfall, und phosphoreszierende Graffiti be- deckten eine Ziegelmauer. Ich ertappte mich dabei, wie ich lachte. Die Luft, die ich dabei einatmete, kitzelte in meiner Lunge. »Peter!« Tigranes packte meine Schulter und war offensicht- lich über meinen hysterischen Anfall beunruhigt. »Denk nach!« »Ich denke nach!« rief ich. Aber ich hörte auf zu lachen. Es schien ihn nervös zu machen. Das Lachen hatte mir den Kopf klar gemacht wie ein kalter Wasserguß. Ich war benommen, als würde ich die von Sonnenschein erfüllte Luft des ersten war- men Frühlingstages atmen. »Können Sie nicht verdammt noch mal still sein?« brüllte jemand aus einem der Häuser zu uns herunter. »Okay!« brüllte ich zurück. »Haben Sie ein Bier für uns?« Die Antwort war ein zugeschlagenes Fenster. »Peter …«, »Keine Angst, Sal. Zuerst bedrohe ich dich, benehme mich wie ein Geisteskranker, dann werde ich hysterisch, siehst du es so?« »Hast du eine bessere Erklärung?« »Die habe ich. Ich lebe. Das ist die beste Version, die ich bie- ten kann. Ich lebe, und so soll es auch bleiben, ganz egal, wie die Pläne anderer aussehen, hast du verstanden?« »Nein.« »Sal.« Ich stoppte ihn und legte ihm die Hände auf die Schul- tern. Tigranes sah allmählich schrecklich nervös aus. »Sal, jemand versucht mich umzubringen. Er ist irgendwo da drau- ßen.« Ich machte eine ausholende Geste, die die ganze Stadt einschloß. »Er hat schon vier Menschen getötet. Vier Men- schen, die mir sehr nahe standen. Er ist auch hinter uns anderen her. Hinter Angehörigen meiner … meiner Familie, könnte man sagen. Angefangen hat es damals als Metapher. Doch nun ist es um einiges mehr.« »Gehört zu dieser Familie auch Helena Mennaura?« »Das tut sie. Deshalb habe ich dir die Schuld gegeben, als sie starb.« Er ließ sich das durch den Kopf gehen. »Du glaubst, daß ich dich töten will?« »Ich hab's gedacht, Sal. Das tat ich. Es tut mir leid.« »Es tut ihm leid, sagt er.« Tigranes wirkte nur leicht verletzt, als handelte es sich um ein alltägliches Mißverständnis, mit dem er jeden Tag konfrontiert wurde. »Das tut es.« Ich legte meine Arme um ihn und drückte ihn. Er hatte eine athletische Brust. Sein buschiger Bart rieb an meinem Gesicht. »Du ahnst gar nicht, wie leid es mir tut, Sal.«, »Aber klar doch.« Er erwiderte meine Umarmung. »Natür- lich, Peter.« In seiner Stimme lag noch immer ein Unterton der Verwirrung. Ich löste mich nun von ihm, verlegen über meinen plötzli- chen Gefühlsausbruch. Woher kam das? Meine … Liebe zu Tigranes, wenn das überhaupt das richtige Wort dafür war, hatte immer nur im Verborgenen geblüht, früher. Es schien, als habe das Wirken des Todes um mich herum dieses Gefühl an die Öffentlichkeit gezerrt. »Wir waren während der Devolutionskriege eine Gruppe, die ein Spezialunternehmen durchführte«, sagte ich und achtete darauf, daß meine Stimme so neutral wie möglich klang. Ich versuchte gleichzeitig, meine Gedanken zu ordnen. Sie wanden sich und rollten umher wie übermüdete Kinder. »Unser Leiter ist gestorben, jedenfalls nahmen wir das an, und wir trennten uns. Und jetzt scheint es, als sei er – oder jemand, der für ihn tätig ist – wieder zurückgekehrt und lebendig. Und als wollte er uns alle umbringen. Mennaura hat dir diese Virts überlassen und dir aufgetragen, sie einem Jazzmusiker zu verkaufen. Sie hat versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen und mich zu warnen.« »Aha.« Er wartete, aber ich schwieg. Wir wanderten neben- einander durch die nächtliche Straße. Was tat ich da? Ich wollte es jemandem erzählen, ich wollte es ihm erzählen. Aber ich hatte TerAlst von Mennaura erzählt, und einen Tag später war Mennaura verrückt, dann tot. Nun wollte ich mit Tigranes reden. Was wußte ich eigentlich von allen? Die Welt hatte sich verschworen, alles aus mir herauszu- locken, was ich so lange in meinem Kopf geborgen hatte, und es, dann zu benutzen. »In diesen Virts war etwas, Sal. Irgendeine Art von Informa- tion.« Ich versuchte, mich genau zu erinnern, was sie gesagt hatte. »Es ist etwas Wichtiges, etwas, das mit allen von uns zu tun hat. Sie hoffte, daß ich es irgendwie herausbekäme … aber ich war damals blind. Ich hatte es nicht gesehen.« »Du hast sie einem Kunden eingepflanzt.« »Ja, ja, das habe ich getan. Es wäre sicherlich nicht passiert, wenn ich gewußt hätte …« »Und wo befindet sich dieser Kunde jetzt?« Seine Stimme klang rauh, knapp. »Wo?« Ich war mir unsicher. Wo wäre Gideon Farley jetzt, in diesem Moment? Mit Corinne im Bett? Oder mit Priscilla? Unterwegs zwischen den beiden? »Ich weiß es nicht.« Ich ertappte mich dabei, daß ich flüsterte, als ob jeder es wissen wollte und als hätte ich Angst, daß irgendwer uns belauschte. »Peter.« Tigranes war geduldig. »Du erzählst mir das alles doch aus einem bestimmten Grund.« Ich dachte nach. »Ich glaube schon.« »Du hast deinen Kunden verloren und deine Virts mit ihm. Sie sind für dich wichtig. Willst du, daß ich sie für dich suche?« »Ich weiß nicht …« Das erste Licht der Dämmerung glitt über die Ladenfronten. Wollte ich wirklich, daß Tigranes Co- rinnes Ehemann für mich aufstöberte, während ich mich zu- rücklehnte und ausruhte? »Nein. Nein, Sal. Er ist mein Problem. Ausschließlich meins.« »Dann solltest du dich lieber an die Arbeit machen. Jetzt so- fort.« In seiner Stimme schwang geballte Autorität mit. »Wenn dir dein Leben etwas wert ist, was ja nach deiner eigenen Aussa-, ge der Fall sein soll. Und wenn ich dir helfen kann …« »Vielen Dank, Sal. Ich weiß, wo ich hingehen muß.« Ich blickte nach vorne, zwischen den Gebäuden hindurch, suchte Priscillas Haus und lächelte vor mich hin. Wie wunderbar, daß ich einen triftigen Grund hatte, um sie wiederzusehen. »Hervorragend.« Er klopfte mir auf die Schulter. Weshalb war er plötzlich so fröhlich? Er spiegelte meine total unbegrün- dete gute Laune wider. »Ich will dir mal was sagen, Peter. Etwas, das vielleicht eine Erklärung sein könnte. Ein paar Wochen, bevor meine Tochter Shira ihren Unfall hatte, gab ich ihr ein Geschenk: einen kleinen Aufziehhund. Vollkommen mecha- nisch, keine Elektronik. Eine Antiquität, die ich in einem völlig verstaubten Laden gefunden hatte. Wenn man ihn aufzog, spielte er eine Melodie. Sie hatte den Hund bei sich, als der Lastwagen ihre Mutter überfuhr und sie verletzte. Nachher war er verbogen und spielte nicht mehr … Ich glaube, das Lied war ›How Much Is That Doggy in the Window?‹ Ein furchtbar altes Lied. Sie hatte die Fähigkeit verloren, irgend jemanden wieder- zuerkennen, auf irgend jemanden zu reagieren. Aber sie wußte, was der Hund war – er war meine Liebe zu ihr. Sie wußte es, siehst du. Das war ihr Symbol dafür. Dieser veränderte Virt, den ich eingesetzt habe, bediente sich dessen.« Er schüttelte den Kopf. »Die Technologien, die wir entwickeln, sind nichts ande- res als immer kompliziertere Labyrinthe, die unsere Emotionen durchlaufen. Sei deshalb nicht überrascht über das, was ge- schieht, wenn du am Ende deinen Kunden findest. Sei über gar nichts überrascht. Ich verlasse dich jetzt.« Wir standen an einer Ecke, die sich durch nichts von ande- ren Ecken in der Stadt unterschied. Mit dem heraufziehenden, Morgen waren ein paar Fußgänger auf den Gehsteigen aufge- taucht. Die Stadt kam allmählich in Schwung. »Ich will dir meine Hilfe nicht aufzwingen«, sagte Tigranes. »Aber wenn du mich brauchst, dann laß es mich wissen. Benutz dies.« Er reichte mir eine alte, abgewetzte Münze mit einem Adler darauf. »Steck sie in irgendeinen regulären Eingabe- schlitz. Versuch nicht, auf andere Art und Weise mit mir Kon- takt aufzunehmen. Du würdest mich nicht erreichen.« »Vielen Dank, Sal.« Wir umarmten einander, und ich sah ihm nach, wie er langsam und gewichtig die Straße hinunter- stampfte, den Kopf nachdenklich gesenkt, bis er um eine Ecke bog und verschwunden war Ich hatte keine Ahnung, wie er nach Hause gelangen würde, stellte mir aber vor, daß Boten ihn holen würden, auf Einrädern oder in einem Elektrowagen oder in einem Conestoga-Fahrzeug. Wer wußte das schon? Ich hielt Ausschau nach einem Telefon, um Priscilla anzuru- fen. KAPITEL 29 »Als ich dich bat, dich bei mir zu melden, dachte ich nicht, daß es so lange dauern würde.« Priscilla ließ sich mit elegantem Hüftschwung neben mir auf der Couch nieder. Ich blinzelte sie an. Diese Couch. Der Stoff war weich auf meiner Haut, wie der Atem einer Geliebten. Es war eine eroti- sche Couch. Ich liebte diese Couch., »Du bist doch nicht nur hergekommen, um die Zeit totzu- schlagen, oder, Peter? Du hast mir etwas zu sagen.« »Habe ich. Gib mir ein paar Minuten, um mir darüber klar- zuwerden, was es ist.« Ich hatte das Gefühl, in einen sicheren Hafen eingelaufen zu sein. Was draußen war, konnte mir nichts mehr anhaben. Dabei gab es noch nicht einmal einen triftigen Grund für dieses Gefühl. »Okay.« Sie lächelte mich an. Das gefiel mir. »Was empfindest du für mich, Priscilla?« fragte ich plötzlich, obgleich ich nicht hergekommen war, um darüber zu reden. »Empfinden?« Ihr Lächeln wurde unsicher. »Sollte ich etwas für dich empfinden, Peter Ambrose?« Das war hart und kalt. Ich hätte damit rechnen müssen. »Nein … nein … natürlich nicht. Es ist nur … ich mag es, wenn du mich anlächelst. Mehr nicht.« »Das tun die meisten Männer. Aber sei vorsichtig. Ein Lä- cheln ist nicht viel echter als ein Make-up. Eigentlich noch unechter, da es mehr Mühe kostet, ein Make-up aufzulegen, und das könnte man schon fast wieder als irgendwie ehrlich bezeichnen.« Sie war nicht von mir weggerückt. Ich konnte ihre Wärme spüren, Bein an Bein, und sie riechen. Sie trug das gleiche Parfüm. Es regte meine Erinnerung an. Keine Erinnerung an sie. An etwas anderes, an jemand anderen. Es war ein trockener Duft, wie von Wüstenblumen, wie von Orangenblüten in einem Wind, der von den Bergen herabweht. Er hatte die gewünschte Wirkung eines Damenparfüms – er öffnete die Poren meiner Begierde. Ich wußte, daß sie es spürte. Aber sie rückte noch immer nicht von mir weg., »Ein Lächeln kann auch echt sein«, sagte ich und kam mir vor wie ein Kind, das behauptet, im Garten hinterm Haus einen Elefanten gesehen zu haben. Sie betrachtete mich ein wenig ungehalten, vielleicht auch enttäuscht. »Du, bei deinem Gewerbe, sagst so etwas? Gibt es denn in deinem Gehirn keinen fürs Grinsen zuständigen Schaltkreis, den du aktivieren oder stillegen kannst wie einen Schalter?« »Es ist etwas komplizierter«, sagte ich. »Aber nicht viel. Vom Hypothalamus über die motorischen Zentren im Hirnstamm zu den Gesichtsmuskeln. Du hast recht. Trotzdem bleibe ich bei dem, was ich gesagt habe. Es gibt ein Lächeln, das echt ist. Es sieht nicht anders aus. Aber es ist anders.« Ich gähnte und spürte die Nacht, die ich mit Tigranes unterwegs gewesen war, in meinen Knochen. Sie musterte mich verwundert. »Was ist denn mit dir pas- siert, mein Freund?« »Viel. Verdammt viel sogar. Würdest du mir vielleicht eine Tasse Kaffee machen, oder möchtest du lieber weiter auf mir herumhacken?« Sie grinste, dann wischte sie das Gesagte mit einer Handbe- wegung beiseite. »Okay, es war ein echtes, glaube ich. Okay, okay. Ich schmeiß mal die Maschine an.« Sie beugte sich über die insektenhaft aussehende Kaffeemaschine und schaltete sie ein. Sie trug ein geripptes Wollkleid, das sich eng an ihre Kur- ven schmiegte. »Sei bloß vorsichtig, wenn du jemanden wie mich nach seinen Gefühlen fragst.« Sie hantierte an der Ma- schine herum und vermied es, mich anzusehen. »Wenn du die Wahrheit erfährst, könnte es sein, daß sie dir nicht gefällt. Was, weißt du über Liebe, Peter?« »Nicht das geringste.« Sie lachte hell. »Habe ich einen wunden Punkt getroffen, oder was? Sei nicht so böse. Letzten Endes weiß niemand von uns besonders viel darüber.« »Einige wissen mehr als andere. Und was weißt du?« Die Kaffeemaschine zischte und gurgelte, und sie wandte sich von ihr ab, stützte ihr rundes Gesäß gegen den Muschelschalen- tisch und betrachtete mich ernst. »Was Chemie und Mechanik angeht, eine ganze Menge. Da kann ich mich sogar Expertin nennen. Liebe? Die Menschen reden viel zuviel über Liebe, mehr nicht. Aber es bringt nicht viel. Willst du wissen, ob ich Gideon Farley liebe?« Ich wollte es zwar nicht wissen, aber ich nickte. »Ja, natürlich liebe ich ihn.« Ihre Stimme klang leicht und unbeschwert. »Es steht so in meinem Vertrag. Daher hänge ich an Gideon Farley. Und liebe ihm die Seele aus dem Leib. Beglei- te ihn überall hin. Es gefällt mir sogar.« Sie atmete geräuschvoll durch die Nase ein. »Liebt seine Frau ihn auch, weißt du das?« Sie klang verletzbar, eifersüchtig. Das störte mich noch mehr als ihre Unbeschwertheit. »Es scheint so.« Ich hatte das Gefühl, als würde irgend etwas unter mir Stück für Stück weggeschlagen. Sie schüttelte den Kopf. »Erstaunlich. Und sie braucht es noch nicht einmal.« Sie schenkte Kaffee in kleine Tassen und reichte mir eine. »Du kannst es doch für mich ablegen, oder? Dieses Gefühl. Niemand würde etwas bemerken.« »Möchtest du?« »Zum Teufel, ja!« Sie funkelte mich an. »Es macht eine Frau, wehrlos, wenn sie so etwas empfindet. Das ist heutzutage das Schlimme an diesem Gewerbe. Früher konnte man sicher sein, daß einem seine Gefühle ganz alleine gehörten, so schmutzig sie auch sein mochten. Das ist aber nicht mehr der Fall. Ganz und gar nicht.« »Priscilla, ich brauche Gideon Farley.« Sie beobachtete mich unter halbgesenkten Lidern hinweg. »Wofür?« »Er hat etwas, das ich dringend brauche. Etwas in seinem Kopf. Ich muß irgendwie herankommen.« »Etwas in seinem Kopf? Etwas, das du hineingesteckt hast?« »Ja.« »Ha! Bist du verrückt? Meinst du, er läßt dich auch nur in die Nähe seines wertvollen Schädels? Er ist ans Netz angeschlossen, er ist heiß, sein Gehirn fliegt durch die Weltgeschichte. Mög- lich, daß es irgendeine Fehlfunktion ist, ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß es ihm gefällt.« »Wovon redest du?« Was sie sagte, machte mich nervös. Gott allein wußte, wie stark Mennaura diesen Virt modifiziert hatte oder was er nun bewirkte. »Das ist in etwa alles, was ich weiß. Oder meinst du, ich könnte seine Netzverbindungen analysieren und mir ansehen, was sich da tut? Das ist dein Job.« Sie dachte nach. »Trotzdem hast du ihm etwas gegeben. Etwas Besonderes. Natürlich habe ich von all diesem Zeug keine Ahnung, wie hoch entwickelt das Ganze ist und so weiter, aber ich weiß, daß du irgend etwas mit ihm gemacht hast.« Sie zupfte nachdenklich an ihrer Unterlippe. Ich rutschte auf der Couch hin und her, während sie das tat. Sie hatte das be-, sondere Geschick, aus der Tätigkeit des Nachdenkens eine erotische Aktion zu machen. »Er hat etwas gefunden. Etwas Wichtiges. Das Gelobte Land vielleicht. Und hier hatte er angenommen, wie alle anderen, daß er höchstens über den Fluß zum anderen Ufer blicken könnte … tut mir leid, das ergibt keinen Sinn. Moses hat tatsächlich nach diesem verdammten Ort gesucht. Vierzig Jahre lang. Ich glaube nicht, daß Gideon es jemals getan hat. Aber nun ist er dort, labt sich am Honigtau und trinkt den Nektar des Paradie- ses.« »Ich verstehe noch immer nicht.« Ich begriff nicht einmal ihre Zitate, die sie wahrscheinlich aus der Bibel oder sonstwoher hatte. »Oh, ich weiß nicht.« Ein Leuchten entstand unter ihrer Haut. »Ich weiß nur, daß es mich frei macht. Er braucht mich nicht mehr. Er braucht niemanden mehr. Wenn er Sex hat, dann nicht mehr mit mir. Ich bin für ihn lediglich das Medium, mit dem er sich direkt befaßt, wenn er es dem Universum besorgt.« »Ich würde gerne einiges über seine verhaltenstypische …« »Verdammt noch mal, vergiß es!« Ihr Gesicht war gerötet. Sie griff nach hinten und öffnete ihr Kleid. Es rutschte herunter und drapierte sich um ihre Füße. Ihre Unterwäsche bestand aus roter Spitze, die so fein war, daß es aussah, als sei sie auf ihre Haut gezeichnet worden, und die Röte reichte bis über ihre Brust. Sie drehte sich von mir weg und musterte mich fragend über die Schulter. »Kommst du?« fragte sie., Ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Das Schlafzimmer war matt erleuchtet. Der Ralfie hatte hier Überstunden gemacht. Spitze und Krausen umbrandeten mich wie eine Flut. Ich drehte den Kopf. Priscilla stützte sich auf einen Ellbogen und betrachtete mich amüsiert. Sie trug immer noch ihre rote Spitzenunterwä- sche. Ich versuchte mich zu erinnern … »Du bist eingeschlafen«, sagte sie staunend. »Ich habe dich in mein Schlafzimmer geführt, damit du mich liebst, und du bist eingeschlafen.« Ich suchte nach einer Erklärung. »Ich war müde.« Sie lachte selig. »Du warst müde! Du warst müde!« Sie schlängelte sich über die Spitzenkissen und die Laken zu mir herüber und legte den Kopf auf meine Schulter. »Danke, Peter.« »Wofür?« Ich strich mit den Fingern durch ihr Haar. »Dafür, daß du eingeschlafen bist.« Ich gähnte und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. »Ich nehme an, das erklärst du mir gleich.« Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht sollte ich das gar nicht. Du bist einfach eingedöst. Ich habe meine eigenen Methoden, Männern das Gefühl zu geben, daß sie … männlicher sind als in Wirklichkeit. Es ist nicht so kompliziert. Aber ich wollte sehen, was du tust, hier, jetzt. Und du hast dich einfach an mich geku- schelt und bist eingeschlafen, wie ein großes, liebes Tier.« »Na ja«, sagte ich. »Ich habe mich hier sicher gefühlt. Ich weiß auch nicht warum.« »Wahrscheinlich weil du es bist. Ich habe mich auch sicher gefühlt.« »Vielleicht.« Ihre Finger strichen weich über meine Stirn. »Aber ich bin nicht hergekommen … ich bin nicht deshalb, hergekommen.« Ich hatte eine Erektion, brannte lichterloh. Ich wollte sie. Aber ich wußte, daß es nun zu spät war, daß da andere Dinge waren, die ich tun mußte. Hatte sie mich gerade jetzt stimuliert, um mir das klarzumachen? Ich wußte nicht, zu was sie fähig war. »Was wäre, wenn ich dir erklären würde, daß du von allen Männern, die ich kennengelernt habe, derjenige bist, den ich am innigsten lieben möchte? Was würdest du tun?« Ich atmete ganz flach, versuchte mich so wenig wie möglich zu bewegen, um diesen Gedanken nicht zu stören, so wenig Sinn er für mich auch ergeben mochte. »Ich weiß es nicht. Ist dein Lächeln echt? Weißt du, ob es das ist?« »Meinst du, ich sollte mich in einen kalten dunklen Raum zurückziehen und versuchen, darüber hinwegzukommen?« Sie lächelte. »Ich sag dir was, Peter. Wenn du dem nicht traust, wenn du meinst, es sei eine manipulierte Illusion wie alles andere in dieser Welt, wie das, was ich für Farley empfinde, dann tu etwas für mich. Leg mich in deinem Labor auf den Operationstisch und befreie mich davon. Das kannst du doch, oder nicht? Es ist doch genauso, als würdest du irgendeine Phobie entfernen oder die Fähigkeit zum Jonglieren einpflan- zen. Ich muß dir sagen, daß ich dich liebe.« Ihre Augen leuchte- ten, nicht mit schmerzlicher, kindlicher Ernsthaftigkeit, son- dern von einem heißen Feuer, das alles war, was ein Mann sich von einer Frau wünschen konnte. »Laß es mich sagen, dann versenke mich in den Schlaf und wisch es weg. Dann brauchst du dir deswegen nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Du brauchst keine Angst mehr davor zu haben. Du wirst wissen, daß es nicht mehr existiert. Ich bin einverstanden. Wie eine, völlige Neujustierung. Okay? Ich habe gehört, du bist der Beste. Wenn irgend jemand es schaffen kann, dann du.« Der Gedanke verursachte mir eine Gänsehaut. »Das will ich nicht. Du weißt, daß ich das nicht will.« »Was willst du denn?« »Jetzt gleich? Aber sei mir nicht böse.« »Ich bin dir nicht böse.« »Ich will Gideon Farley.« »Du Schweinekerl.« Sie sprang aus dem Bett. Ich ergriff ihrer Hände. Sie riß sich von mir los und trat einen Schritt zurück. Nur einen einzigen Schritt, aber er ließ einen Spalt zwischen uns aufreißen. »Ich brauche ihn«, sagte ich. »Vier Menschen sind in den letzten beiden Wochen gestorben. Und ich könnte der nächste sein. Und dieser Virt, den ich ihm eingepflanzt habe, könnte einen Schlüssel zu allem liefern. Du erzählst, daß irgend etwas in ihm passiert ist. Ich muß herausfinden was.« »Gestorben? Du meinst doch ermordet, nicht wahr?« »Das meine ich.« »Okay.« Sie war ganz cool. »Weißt du, wer es ist?« »Ich weiß nicht, wer der Mörder ist.«Ich richtete mich auf, verließ das Bett und legte meine Arme um sie. »Bitte, hilf mir, Priscilla. Dieser Virt in Gideon Farleys Kopf könnte einen Teil der Antwort enthalten. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, nicht aus dieser Entfernung. Ich muß ihn sehen.« Ich war erschrocken über ihren Mangel an Reaktion bei dem Hinweis auf einen Mord. Aber meine Berührung ließ sie reagieren. »Laß mich los! Laß mich … Ist das der Grund, weshalb du …? Weshalb du herge-, kommen bist?« Sie versuchte, sich mir zu entziehen, aber ich hielt sie fest. Die Spätnachmittagssonne schien durch das Schlafzimmerfen- ster herein. Ihre Kommode, ein wachsgelbes Hinterteil von einem anderthalb Meter hohen menschlichen Schädel mit Schubladen, war mit reinweißer Spitze bedeckt. Als das Ge- spinst von der überhängenden Wölbung des Hinterkopfs her- unterrutschte und die gewundenen Nähte der Schädelknochen entblößte, produzierte der Ralfie mehr. Die Basis des Schädels war unter einer wahren Spitzenflut verborgen. »Nein, Priscilla.« Ich drehte sie so, daß ich das Schlagen ihres Herzens an meiner Brust spüren konnte. »Nein.« Ihre Frage hatte so klagend geklungen, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Ihre Rippen bewegten sich im Atemrhythmus unter meinen Händen. Sie sah mich an, blickte mir in die Augen. »Du hast so fest geschlafen, daß die Falten der Laken sich auf deiner Wange abzeichnen.« Sie rieb mit den Fingerspitzen über die Streifen. »Sie sind bald wieder verschwunden.« »Ich möchte am Leben bleiben. Wir mögen zwar Liebe haben oder einen mehr oder weniger hinreichenden Ersatz dafür, es mag viel Mist geben, aber ich möchte am Leben bleiben. Kannst du das verstehen?« »Ich kann es verstehen, aber ich glaube es nicht so richtig, Peter. Da, zieh dich wieder an.« Ich hatte meine Kleider achtlos auf den Fußboden geworfen, aber sie hingen jetzt ordentlich über der Rückenlehne eines Formholzsessels. Als ich nach ihnen griff, entdeckte ich mich in dem großen, massiven Spiegel neben ihrem Kleiderschrank. Ich, sah denselben massigen, übergewichtigen Mann, den ich immer sah. Aber sein Gesicht hatte ein paar neue Falten, und seine Bewegungen wirkten gehetzter. Ich sah aus wie ein Opfer. Indem ich mich gegen automatische Reflexe wehrte, ließ ich meine Schultern herabsinken, straffte meinen Rücken, ent- spannte meine Hände. Ich zog auch den Bauch ein, obgleich das wenig Sinn hatte. Priscilla hatte ihn sicherlich schon längst bemerkt. »Weshalb gehst du nicht …« »Ganz einfach. Wenn am Leben zu bleiben für dich das Al- lerwichtigste wäre, würdest du mit dieser netten Polizistin, Amanda TerAlst, zusammenarbeiten.« Ich zog gerade meine Hose an. »Du hast mit ihr gespro- chen?« »Sie hat mir kaum eine andere Wahl gelassen. Wir haben zu- sammen Tee getrunken, draußen im Wohnzimmer. Hatten wirklich ein nettes Gespräch. Über dich und Farley und dar- über, daß du ihr bei ihren Ermittlungen nicht sonderlich hilfst. Und darüber, daß der eine oder andere von euch durchaus das nächste Opfer des Mörders werden könnte.« Deshalb hatte meine Erwähnung der Morde sie nicht er- schreckt. Das erschien logisch. Ich ging dauernd davon aus, daß TerAlst untätig herumsaß und darauf wartete, daß irgend etwas passierte, aber das war totaler Quatsch. Sie arbeitete an diesem Fall, aus welchem Grund auch immer, und wollte ihn lösen. Meine Verbindung zu Priscilla war TerAlst bekannt geworden, daher war es durchaus verständlich, daß Priscilla ausgefragt wurde. Aber weshalb dachte TerAlst, daß auch Farley ein Opfer sein, könnte? Er war niemals Mitglied der Gruppe gewesen. Das einzige, was er getan hatte und was vielleicht eine Verbindung im weitesten Sinn darstellte, war seine Heirat mit Corinne … und daß er irgendwelche Ware von mir in Empfang genommen hatte. »Demnach bemühst du dich nicht sonderlich, am Leben zu bleiben, scheint mir. Sonst würdest du nämlich deine Unter- stützung anbieten. Sie würde dich beschützen, das weißt du. Du willst etwas anderes, Peter. Was ist es?« »Ich möchte es endlich wissen, verdammt noch mal. Liegt dein Leben offen vor dir, Priscilla? Verstehst du? Du weißt noch nicht einmal, wer dein Handeln bestimmt. Du hast keine Ah- nung, weshalb das alles passiert ist.« »Es ist nun mal passiert! Soll ich etwa hingehen und die Mo- tive von allen Beteiligten überprüfen? Und was wüßte ich dann, wenn ich fertig wäre? Nichts, was irgendwie von Bedeutung ist.« Sie sah mich mit blitzenden Augen an. »Aber darum geht es dir überhaupt nicht, oder? Du möchtest im Schlamm her- umwühlen, weil du vielleicht etwas Wichtiges verloren hast, stimmt's?« »Wenn es sein muß.« Sie fixierte mich noch einige Sekunden länger, dann wandte sie sich ab und begann sich anzuziehen. Sie schlüpfte schnell in ihre Kleidung. »Es tut mir leid, Priscilla.« »Weshalb?« Ich überlegte. »Ich weiß nicht genau. Weil ich dich geärgert habe. Das war nicht meine Absicht. Ich wollte nur …« »Ich weiß, ich weiß.« Ihre Stimme wurde sanfter. »Zieh dich, an. Wir haben eine Menge zu tun.« »Sind wir …« »Ich höre zu, wenn du spielst. So lautet die Abmachung. Das hast du mir schon früher versprochen. Oder geschah das nur, um mich ins Bett zu bekommen?« »Ha. Wir hatten bereits miteinander geschlafen, als ich dir das versprach.« »Wie toll. Dann mußt du es ernst gemeint haben.« »Das habe ich.« Ich legte meine Hände auf ihre Schultern. Sie entspannte sich, ein wenig nur, gerade soviel, daß ich die Run- dung ihres Gesäßes an meinem Schoß spüren konnte. Ich überlegte, ob ich sie jetzt lieben und einfach die Welt zur Hölle fahren lassen sollte. Vielleicht gab es Dinge, für die es sich lohnte, alles zu vergessen. »Na schön.« Sie zog sich von mir zurück. »Bereite etwas vor. Etwas Musikalisches, eine kleine Sache. Schaffst du das?« »Ja«, sagte ich langsam. »Ich habe einige Freunde. Wir könn- ten ein kleines spontanes Konzert organisieren. Weshalb?« »Tu das, und ich bringe Gideon mit. Es gefällt ihm, wenn ich ihn mit ungewöhnlichen Kleinigkeiten überrasche. Unter anderem bezahlt er mich auch dafür. Sieh zu, daß du es noch heute schaffst. Dann werden wir sehen.« »Danke, Priscilla.« »Warte ab, was geschieht. Danach kannst du dich noch im- mer bei mir bedanken.«, KAPITEL 30 Priscilla rutschte auf die Bank auf der gegenüberliegenden Seite der Nische und lächelte mich an. »Bist du gerne hier?« Ohne sich nach einem Kellner umzusehen, hob sie einen Finger und zauberte vermittels weiblicher Magie zwei große rote Schalen Café au lait herbei. »Nein«, sagte ich. »Ich bin noch nie hier gewesen. Ich habe es aus der Erinnerung eines Freundes.« »Mir gefällt es hier. Ich bin froh, daß die Zukunft nicht über- all gleichzeitig stattfindet. Das wäre doch ziemlich traurig.« Wir saßen in dem Café, das Helena Mennaura mir als Lieb- lingsort ihrer Tochter Darlene genannt hatte. Der Betrieb und die Hektik des frühen Morgens hatten sich gelegt und wurden von gedämpftem Besteckklappern und Stimmengemurmel abgelöst. Es war auf gewisse Weise ein Symbol, und ich hätte mich eigentlich vor Symbolen in acht nehmen sollen, die in letzter Zeit allzu real gewesen waren. Aber irgend etwas in meiner Seele verlangte danach. Mennaura war selbst niemals hierher gekommen, zumindest nicht bewußt. Ich hätte hier sicherlich gerne mit ihr mal eine Tasse Kaffee getrunken. Ich hatte Sheldon angerufen und ihm erklärt, was ich wollte. Dann hatte ich den Ort beschrieben, so gut ich das mit meinen wenigen Informationen konnte. Er wußte auf Anhieb Bescheid. »Amaliks! Ich kenne den Laden. Ich wasche manchmal ihre Uniformen. Ein paar Somalier, Typen aus der Wüste, schlafen draußen auf dem Dach, wenn das Wetter schön ist, was aber nie der Fall ist. Einer von ihnen spielt Flöte, ziemlich gut sogar. Er, kann bei uns einsteigen. Okay?« »Okay«, hatte ich gesagt und empfand eine Erleichterung, die nichts damit zu tun hatte, daß Gideon Farley aus seinem Ver- steck herausgelockt würde. Ich vermißte Sheldon, das einzige zuverlässige Element in meinem gesamten Universum. Ich befürchtete, daß er sich als totale Illusion entpuppte. Priscilla fuhr mit ihrer kurzfingrigen Hand über die dunkel lackierten Gitterstäbe der Nische und tastete die alten Graffiti ab, die dort eingeschnitzt waren. »Aber glaubst du denn, daß dies hier wirklich alt ist? Oder wurde das Alter nur simuliert? Diese Namen, ›Hector und Luisa‹, könnten doch von einem computergesteuerten Stichel eingraviert worden sein.« »Niemand simuliert mehr die echte Vergangenheit«, sagte ich. »Wenn du einen Beweis findest, daß es aus einer Vergan- genheit stammt, die interessanter ist als unsere eigene, dann weißt du, daß es ein Schwindel ist.« Sheldon, der Apostel der nichtexistenten Realität, erschien in der Tür, den Posaunenkasten unter dem Arm, und winkte mir zu. Ich bedeutete ihm, er solle herüberkommen. »Hallo, wie geht's dir«, sagte er. »Endlich erhalte ich von dir mal etwas Gutes, Mr. Ambrose. Es scheint, als würde die Musik aus deinem kleinen Gehirn direkt ins Blut fließen.« Er ließ sich neben mir auf die Sitzbank fallen und grinste Priscilla an. »Ist diese Lady der Grund für das große Ereignis? Du solltest sie öfters mitbringen. Das Blut muß in Wallung geraten, damit die Musik richtig reingeht.« Ich machte die beiden miteinander bekannt. Er schüttelte ihr die Hand und zwinkerte ihr zu. Dann gab er mir einen Rippen- stoß., »Wie kommt es, daß du mir nie etwas erzählst?« »Du gibst mir ja keine Gelegenheit dazu.« »Stimmt nicht, mein Freund, stimmt nicht. Ich gebe dir Raum, laß dich spielen. Es ist nicht meine Schuld, wenn du deine Solos ganz allein für dich spielst. Aber wo wir gerade davon reden, ich habe dir etwas mitgebracht.« Er rollte vor mir auf dem Tisch eine Klaviatur aus. Ich ließ die Finger über die stummen Tasten laufen. Sie boten zwar nicht den gleichen Widerstand wie echte Tasten, aber es fühlte sich ziemlich gut an. »Haben Sie das Ding immer bei sich?« fragte Priscilla. »Für den Fall, daß Sie Peter irgendwo begegnen?« »Nun, wissen Sie, Schätzchen, es ist so, daß in den meisten Bars kein Klavier mehr steht. Früher gab es, wie ich hörte, in jeder dunklen Ecke so ein Ding. Das oder einen Pooltisch. Aber heutzutage kann ich wenigstens so eins mit mir rumschleppen, und wenn ich einen Freund treffe, der es von einer Computerta- statur unterscheiden kann, nun, dann können wir zusammen spielen. Es ist zwar kein Platz da, daß sich eine Lady drauflegen und ihre Beine herzeigen und vielleicht sogar einen heißen Song trällern kann, aber so ist das nun mal. Viele Dinge fallen dem Fortschritt zum Opfer. So sagt man jedenfalls. Was mich be- trifft, ich reite rückwärts und sehe mir die Spuren an, die wir hinterlassen.« »Das ist schade«, erwiderte sie mit einem perfekten Schmollmund. »Ich hätte wirklich gerne etwas gesungen.« »Sind Sie denn Schnulzensängerin?« Sheldon betrachtete sie, als versuchte er, sie in irgendeinem verräucherten Club unter- zubringen., »Sie schauen wirklich zurück. Was soll ich Ihnen vorsingen? Etwas, das Gershwin geschrieben hätte, wenn er nicht 1938 gestorben wäre?« Sheldon warf mir einen Blick zu und nickte anerkennend. »Da hast du dir aber eine heiße Nummer an Land gezogen, Peter, hörst du?« »Ich höre. Legen wir nun los und ärgern die anderen Gäste?« »Zum Teufel, nein. Wir legen los und sorgen dafür, daß sie glücklich sind, jetzt zu leben. Auf keinen Fall sollen sie uns verprügeln und rauswerfen.« Er zwinkerte Priscilla zu. »So oder so machen wir ihnen eine Freude. Peter hat mich wegen Amalik angerufen. Das war eine Überraschung. Ab und zu lassen sie uns hier spielen. Das ist Amaliks besondere Note, der den Laden leitet und ihm seinen Namen gibt.« Er deutete mit einem Kopfnicken auf eine leere Ecke, die aussah, als fehlte dort ein Tisch. »Ich glaube, dort sollen wir uns hinstellen. Ich bin mir aber nicht sicher, ich frage lieber.« »Ich frage«, bot Priscilla sich an. »Bin gleich wieder zurück.« Wir sahen ihr nach, wie sie davontänzelte. »Junge«, sagte Sheldon. »Es sieht zwar ein wenig lächerlich aus, aber manch- mal hat es durchaus seinen Sinn, wenn du hetero bleibst.« »Ja«, sagte ich. »Alte Gewohnheiten lassen sich nicht so leicht ablegen.« Es gab ein wenig Unruhe, als zwei andere Musiker herein- kamen: Swandown, ein junger Musikstudent mit speziellen Glasfingernägeln für seine piezoelektrische Gitarre, und der mürrische Wynans mit seinem Saxophon und immer noch nicht davon überzeugt, daß die Musik, die er spielte, wirklich existierte. Zu ihnen gesellte sich der Flöte spielende Kellner., Es war eine Arbeitssession mit Publikum. Wir gingen ein paar Stücke Sheldons durch, Nummern aus dem Repertoire nichtexistenter Combos. Ich hatte nicht meinen besten Tag. Meine Finger fühlten sich hölzern an. Jedes Aufschwingen der Tür kündigte für mich Farleys Erscheinen an. Und Gott allein wußte, was dann geschehen würde. »Hey«, murmelte Sheldon mir ins Ohr. »Laß mal deine Freundin singen. Dann kannst du dich ausruhen, hey?« »Klar«, sagte ich. »Aber immer, Sheldon.« Er gab ihr ein Zeichen, und sie kam herüber. Sie steckten die Köpfe wie Verschwörer zusammen. Dann redete Sheldon mit Swandown, der ungehalten reagierte. Sheldon summte etwas. Swandown klimperte auf den Saiten herum, dann zuckte er die Achseln und nickte. Sheldon schlug mir auf die Schulter. »Gershwin. Als er noch lebte. ›Lady Be Good‹. Kommen Sie damit zurecht, Lady?« »Ich werd' mir Mühe geben«, antwortete Priscilla. Sie spielten leise, ließen die Instrumente klingen, als wären sie weit entfernt, und Priscilla sang verhalten. Sie hatte eine weiche, dunkle Stimme, wie schwarze Schokolade, die eher bitter als süß ist und auf Körpertemperatur erwärmt wurde. »›Oh please have some pity, I'm all alone in this big city‹«, sang sie. Sie kannte den Text. Das ist bei Musikern eher selten der Fall. Die Eingangstür schwang auf und prallte gegen den Stopper. Ich blickte auf. Aber anstelle Gideon Farleys kam seine Frau Corinne herein., Meine frühere Ehefrau wußte genau, wie man einen Auftritt inszenierte. Sie stand lange da, während eine Mischung aus Nacht und Licht von der Straße ihre Figur vor der gedämpften Beleuchtung von Amalik herausschälte. Ihr langes Haar flatterte um ihre Schultern. Sie trug einen weiten, bodenlangen Mantel in Hellrot. Sie kam langsam herein, in aristokratischer Haltung, und zog die Handschuhe aus. Das Licht spielte über ihr seidiges Haar, als sie es mit den Fingern zurückstrich. Ein Kellner half ihr aus dem Mantel, was er bei allen anderen Gästen niemals getan hätte. Seine Belohnung war ein gnädiges Kopfnicken. Sie setzte sich. Priscilla sang die letzten Textzeilen, obgleich ihre Stimme plötzlich wie Sandpapier klang. Sie sah mich mit ängstlichen Augen an. »Wir sollten lieber eine Pause machen«, sagte ich zu Sheldon. Er hob die Augenbrauen und nickte. »Natürlich. Wollt ihr euch jetzt prügeln? Ich habe keine Lust, die Möbel zu bezahlen.« Er gab der restlichen Band ein Zeichen, damit sie sich verkrü- melte. »Keine Angst, Sheldon, ich regle das schon.« Er schüttelte den Kopf und murmelte »Heteros« und drehte sich dann um, um den Speichel aus seiner Posaune zu klopfen. Ich schob mein Keyboard beiseite und ging zu Corinne. Sie saß steif auf ihrem Stuhl. Sie trug ein blaues Seidenkleid und als Schmuck eine geflochtene Kette aus Süßwasserperlen. Sie sah aus, als habe sie sich für eine jener Wohltätigkeitsveranstaltun- gen zurecht gemacht, zu denen Gideon Corinne häufig mit- nahm, wie Priscilla mir erzählt hatte. Sie hatte sich ein Bier bestellt und schenkte es jetzt langsam, in ihr Glas. Dabei konzentrierte sie sich auf den Vorgang, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Der Flaschenhals schlug klirrend gegen den Glasrand. Sie stellte die Flasche zurück auf den Tisch, verblüfft, wie verräterisch ihr Körper reagierte. »Hallo, Corinne«, sagte ich. Sie sah mich nicht an. »Du. Du auch. Verdammt, was zum Teufel geht hier vor?« Ich ließ mich ihr gegenüber nieder. »Ich dachte, du seist her- gekommen, um mit mir zu sprechen.« »Ich bin nicht wegen dir hergekommen. Sondern wegen ihr.« Sie blickte zu Priscilla, die neben Sheldon lehnte, sich mit ihm über irgend etwas unterhielt und den Eindruck totaler Lässig- keit vermittelte. »Du bist sozusagen ein Sonderbonus.« Die Frage kam von selbst über meine Lippen. »Wo ist Gide- on?« »Gideon?« Sie schaute sich unsicher um, als erwartete sie, daß er in irgendeiner Nische saß. »Ich weiß nicht, wo Gideon ist. Ich glaube nicht, daß du es sonderbar findest, wenn ich sage, daß es mir völlig egal ist.« Sie sprach jedes Wort präzise und unmißverständlich aus. Ich wollte nicht mit der Angelegenheit konfrontiert werden. Das hatte überhaupt nichts mit mir zu tun. »Corinne.« Ich stürzte mich kopfüber mitten in den Schla- massel. »Ich muß wissen, wo Gideon steckt. Es ist wichtig.« »Ich habe keine Ahnung!« Sie öffnete ihre Handtasche, kramte darin herum und klappte sie wieder zu, als sie das Gesuchte nicht fand. »Hol sie her, Peter. Sie kann nicht die ganze Zeit so tun, als sei ich unsichtbar.« »Okay.« Ich stand auf. Ich konnte ihr Parfüm riechen. Es war, ein Geruch, der manchmal aus einer vergessenen Schublade drang, die nach Jahren wieder geöffnet wurde: Wüstenblumen, ein warmer Wind, der durch das Laub von Zitronen- und Orangenbäumen wehte, getrocknete Kräuter und weite Berg- hänge. Einige dieser Assoziationen stammten natürlich von dem Bild, so deutlich und lebhaft wie ein altes Apfelsinenki- stenetikett, das die mundgeblasene Parfümflasche auf ihrem Schminktisch verziert hatte. Wir setzen auf unsere eigene dumpfe Art alles zwischen den funkelnden Bruchstücken ein, die zu dem Universum gehören, das wir tatsächlich wahrneh- men. Ehe ich zwei Schritte gemacht hatte, kam Priscilla auf mich zu. Ich erkannte, daß sie genau dasselbe Parfüm trug, und genauso roch. Ich verharrte, geschockt, wie gründlich ich mani- puliert worden war. Gerüche dringen direkt ins gute alte limbi- sche System ein und lösen dort unsere grundlegendsten Emo- tionen aus. Priscilla drängte sich an mir vorbei und blieb vor Corinne stehen. Ihre Haltung war nicht so kontrolliert, ihre Gesichtszü- ge nicht so feingezeichnet, und auch ihr dunkles, wildes Haar erschien roh im Vergleich mit Corinnes heller, seidig brauner Haarflut. »Corinne, ich …« »Ich bin nicht hergekommen, um mit Ihnen zu schwatzen.« Corinne lehnte sich langsam auf ihrem Stuhl zurück, als sei sie sich nicht ganz sicher, ob er eine Rückenlehne hatte, und als hätte sie Angst, nach hinten auf den Fußboden zu kippen. Ihre Wirbelsäule berührte einen Widerstand, und sie entspannte sich. »Ich glaube nicht, daß wir einander irgend etwas zu sagen, hätten.« »Vielleicht nicht. Aber ich bin nicht hergekommen, um es nicht zu sagen.« »O nein.« Corinne war voller Spott. »Weshalb sind Sie hergekommen, wenn ich fragen darf?« »Nur um Sie zu sehen. Nicht, um mir von Ihnen erzählen zu lassen, daß er immer meinen Namen nennt, wenn er zum Höhepunkt kommt, oder um mich mit Ihnen darüber zu unter- halten, was für einen Abschaum wir beide lieben. Ich wollte nur sehen, wer und was Sie sind.« Corinnes Haß strahlte wie die Hitze eines Feuers von ihr ab. Priscilla wich nicht zurück, aber sie hatte auch kein Interesse, das Feuer zu ersticken. Der Haß von Ehefrauen war etwas, das zu ihrem Gewerbe gehörte. »Trotzdem müssen Sie genau das sein, was er sich wünscht. Er hat sich wegen Ihnen erheblich verändert. Er ist jemand ganz anderer geworden. Nur für Sie.« »Wie?« entschlüpfte mir die Frage. »Sag mir inwiefern. Ich muß es wissen.« Corinnes Kopf drehte sich zu mir. »Und du, Peter. Ich glaube nicht, daß dir diese totale Kontrolle besonders gut gefallen hat. All diese einstudierte Leidenschaft.« Ich drückte Priscillas Hand. Sie hatte mich manipuliert – aber ich hatte mich bereitwillig manipulieren lassen. Meine Empfindungen waren wie ein unentwirrbarer Knoten. Aber ich würde ihn einfach durchschlagen. Mich interessierte jetzt nur eines: Gideon Farley zu finden. »Corinne«, sagte ich. »Ich muß nach Hause, und ich habe keinen Wagen. Kannst du mich mitnehmen?«, Ich spürte, wie Priscilla sich neben mir versteifte. Corinne stieß ihren Stuhl zurück und stand auf. »Gerne, Pe- ter. Warum nicht? Dann ziehst du mit Gideon gleich, nicht wahr?« Ich spürte, wie meine Haut brannte, als ich errötete. Das er- schreckte mich. »Das ist nicht das, was ich will, Corinne. Ich brauche eine Mitfahrgelegenheit. Und ich muß mit dir reden.« »Du bist wahnsinnig«, sagte Priscilla in mein Ohr. »Vielleicht. Ich muß es wissen.« »Du mußt es wissen. Nun, dann wisse, du Hurensohn. Wis- se!« Corinne zog ihren Mantel wieder an. »Komm.« Ich suchte Sheldons Blick, aber er wollte nicht zu mir her- überschauen. Er packte seine Posaune in den Kasten und igno- rierte Swandowns heftige Einwände. Ich folgte Corinnes ent- schlossenem Rücken aus dem Restaurant. KAPITEL 31 Mein Haus war kalt und still. Ich war lange nicht mehr dort gewesen. »Hier sieht es aus wie früher«, stellte Corinne fest. »Wohnst du wirklich hier?« »Ja.« »Kommt dir denn nicht ständig die Vergangenheit in die Quere? Mir würde das passieren.« Sie klopfte mit den Knöcheln, gegen die Lehne eines Solar-Mission-Sessels. »Die Kanten an diesen Dingern sind viel zu scharf. Tänzer sind ein wenig unge- schickt, weißt du. Ich hatte ständig blaue Flecken davon. Ich hab' sie schon vor längerer Zeit rausgeschafft.« Sie zog ihren Mantel aus, legte ihn zusammen und setzte sich. »Du weißt, weshalb ich mit dir hergekommen bin, nicht wahr?« »Corinne, ich …« »Nicht um mit dir zu schlafen. Das willst du doch auch gar nicht, oder?« Ihre Stimme klang müde, als würde sie es ohne Einwände tun, wenn ich sie darum bäte, sozusagen als lästige Pflichtübung. »Nein, natürlich nicht.«Ich ließ mich ihr gegenüber in den Sessel sinken. »Ich hab' dich hergebracht, damit du meine Möbel begutachtest.« Sie lächelte verkniffen. »Ich möchte mit dir über Gideon sprechen. Darüber, was mit ihm passiert ist.« »Okay. Das war auch meine Absicht.« Sie atmete tief ein. »In all den Jahren, die ich dich jetzt kenne, hätte ich niemals gedacht, daß du zu so einer grotesken und billigen Rache fähig wärst.« Sie mußte diesen Satz auf dem Weg hierher geübt haben, um ihn ohne Versprecher herauszubrin- gen. »Was meinst du?« »Hast du dich an irgend etwas erinnern können?« fragte sie. »Ja, das habe ich. Vielen Dank für das, was du getan hast. Ich weiß, daß es nicht leicht war.« Sie biß die Zähne zusammen. »Na schön, Peter. Ich bin we- gen dem hergekommen, was du mit meinem Mann gemacht, hast. Du hast ihn operiert, hast irgend etwas in seinen Kopf gepflanzt. Reicht dir das an Information, um meine Frage zu beantworten? Was hast du mit ihm getan?« »Ich … ich habe getan, was sein Vertrag verlangt hat.« Meine brüchige Stimme klang unecht, sogar für mich selbst. Ich hatte getan, was der Vertrag verlangt hatte – und dabei ein von Mennaura entwickeltes Modul eingesetzt, ohne eine Ahnung davon zu haben, was es bewirkte. »Vertrag!« Tränen glitzerten in ihren Augen. Ich wurde wachsam. Um willkürlich zu weinen, brauchte man keinen Virt. Dazu reichten ein paar Minuten Training völlig aus. Tränen waren Symbole, nichts Echtes. Nichts, weshalb man Bedauern empfinden mußte. »Du bist so verdammt clever, Peter. Was hast du dir nur dabei gedacht? Du hast ihn in etwas verwandelt, das ich mir verzweifelt gewünscht habe, und dann hast du dafür gesorgt, daß ich es nicht bekommen konnte.« Meine Erwiderung entsprang einem dummen Reflex. »Wenn er zu Beginn nicht das war, was du dir gewünscht hast, weshalb hast du ihn dann geheiratet?« »Das geht dich nichts an. Du warst auch nicht, was ich mir wünschte, und ich habe dich trotzdem geheiratet. Ich habe dich sogar geliebt.« Sie wischte sich die Augen. Ich versuchte gelöst zu sein. »Na gut. Erinnern wir uns. Wes- halb ist er zu mir gekommen? Wußtest du, was er bei sich hatte?« Sie zuckte die Achseln und schien sich plötzlich unbehaglich zu fühlen. »Genau weiß ich es nicht. Er wollte ein paar Schalt- kreise für eine Netzverbindung, für Datenanalysen … Dinge, die in seinem Gewerbe zum Standard gehören. Ohne sie konnte, er sich gegenüber der Konkurrenz nicht behaupten. Möglich, daß ich deinen Namen erwähnt habe, ich weiß es nicht, aber das war es, was er wollte. Dich, Peter Ambrose. Er kam zurück und war vollauf zufrieden. Er erzählte mir, er sei bei dir gewesen. Ich war sogar ein wenig stolz auf dich.« »Corinne.« Ich beugte mich vor. »Was stimmt nicht mit Gi- deon? Weshalb bist du hier? Rede.« Plötzlich wich sie meinem Blick aus. »Gideon war immer ein … guter Mann. Das mußt du verstehen, Peter.« »Das tue ich.« Und das Seltsame war, daß ich es tatsächlich verstand. Ich mochte ihn nicht, aber er war kein schlechter Mensch. »Aber als er von dir zurückkam, da war er verändert. Nicht nur, daß er Aktienkurse mit der Zunge schmecken konnte, sondern …« »Hat er das gesagt?« »Er sagte alle möglichen Dinge. Er spüre die Kraft, sagte er. Er spüre die Geister, die über das Netz miteinander verbunden waren. Ich hielt es für einigermaßen albern. Man hört immer wieder Leute, die so reden, zum Beispiel in diesen dämlichen Shows über Netzhacker, Datenfreaks, solche Typen. Sie haben seltsame Zuckungen und bohren sich ständig in der Nase … sie sind überhaupt nicht wie Gideon. Aber er schien es ernst zu meinen.« »Sonst noch was?« »Ja.« Ihre Augen fixierten mich. »An diesem Punkt kamst du dann mit deinen Tricks. Du weißt viel mehr als ich über diese Reflexe, diese Schaltkreise, was immer es ist, daher habe ich keine Ahnung, was du getan hast. Ich habe versucht, mich, kundig zu machen – habe mich mit den Nerven der bulbospon- giosen Muskulatur, mit dem Plexus prostaticus des parasym- pathischen autonomen Nervensystems, dem Gyrus cinguli posteriori und superiori beschäftigt …« Sie stolperte über die Silben. »Aber nichts davon traf auf meine Situation zu. Betrach- test du die Welt durch dieses gebrochene Mosaik, Peter?« »Ja.« Ich versuchte, sachlich und vernünftig zu bleiben, ob- gleich ich mir vorkam, als hätte ich einen Tritt in den Bauch erhalten. »Ist es das? Sex?« Sie hatte die Muskeln aufgezählt, die für die Ejakulation verantwortlich sind, die Nerven, die die Erektion steuern, sowie das Hirnzentrum, das den Sexualtrieb erzeugt. Nicht gerade die normale Bettlektüre für sie, soweit ich mich erinnern konnte. »Ja, Peter. Sex. Ein schönes kurzes Wort, nicht wahr, für et- was, das wir nicht begreifen? Gideon war … du hast aus ihm einen besseren Liebhaber gemacht. In fast jeder Hinsicht. Nicht nur physisch … obgleich auch das zutraf. Egal, wie wir drum- herumreden, auch das war der Fall.« Was hatte in dem von Mennaura entwickelten Virt gesteckt? War es etwa ein priapistischer Virt gewesen? Ich nahm es nicht an – es mußte eher eine Nebenwirkung sein, so wie ein Tumor im posterior-superioren Teil des Gyrus cinguli zu Nymphoma- nie oder Satyriasis führen kann. Irgendeine Nebenwirkung. »Ist das ein Problem für dich?« Ich redete wie ein Psychothe- rapeut. Überraschenderweise ärgerte sie sich nicht darüber. Viel- leicht war sie zu müde. Oder zu wütend. »Das ist nicht das Problem.« Ich sah sie an, wie sie zusam- mengerollt auf der Couch lag. Ich erinnerte mich an die reizvol-, le Absurdität der körperlichen Ausdrucksform unserer Liebe. Ich atmete ein. Sie mußte mich mit diesem Zitrone-und-Sonne- Duft, den sie trug, infiziert haben, indem sie ihn während unseres Liebesspiels in mein limbisches System eingeleitet hatte. Ich wollte Corinne, und sie wußte es. Und Priscilla wußte es ebenfalls. »Aber es sieht so aus, als hätte unsere Freundin Priscilla auch ihren Spaß daran, oder?« Sie schob die Beine nach vorne und entblößte sie dabei fast bis zur Hüfte. »Aber das ist ein Scherz. Nicht wahr, mein Süßer?« Ihre Stimme troff vor Spott. »Weil du irgend etwas dazu hineinbugsiert hast. Er ist ans Netz ange- schlossen. Sein Geist berührt alles, wie ein Ozean, sagt er. Er ist glücklich. Du solltest mal den Glanz in seinen Augen sehen. Es ist, als bediene er sich aus einer Energiequelle, die für uns andere nicht zugänglich ist.« »Corinne, es tut mir leid. Ich wußte es nicht … aber ich habe etwas getan. Ich stelle diese Virts nicht her, diese Module, die ich den Leuten in die Köpfe setze. Ich beziehe sie von anderen Firmen, von Cephalik, von Xinhua, du hast sicher schon von ihnen gehört. Mindestens einer der Virts, die ich in Gideons Kopf eingesetzt habe, war ein experimenteller Typ. Er war verändert. Ich wußte es nicht, als ich ihn einsetzte. Ich habe es nicht mit Absicht getan. Es tut mir leid.« Ich ergriff ihre Hand. Sie war kalt. Sie erwiderte den Griff nicht, aber sie zog die Hand auch nicht weg. »Ich weiß nicht, was da im Gange ist«, sagte ich. »Aber das, was in seinem Kopf steckt, stellt die Verbindung her zu allem, was ich wissen muß. Ich muß mir über ihn genauso Klarheit verschaffen wie du.« Es gab, so hatte ich mal gelesen, einen Parasiten, der einen, Teil seines Lebenszyklus in einer Schnecke verbringt. In der nachfolgenden Phase muß er seine Eier in den Verdauungska- nal eines Vogels legen. Um den Sprung von der Schnecke zum Vogel zu schaffen, drang der Parasit in die Fühler der Schnecke vor und ließ sie anschwellen und sich hellrot färben. Dadurch sah die Schnecke ähnlich aus wie die Raupen, die eine bevor- zugte Beute des Vogels waren. Die vom Parasiten veränderten Schneckenfühler waren wie eine Neonreklame, die FRISS MICH schrie. Farley hatte ebenfalls einen Parasiten in sich, eben jenen Virt, den ich implantiert hatte. Welchen Vorteil gewann dieser Parasit aus den Veränderungen in Farleys Ver- halten? Corinne sah mich erschrocken an. »Ich … ich habe das nicht erwartet, Peter. Ich weiß nicht … ich dachte, du würdest es leugnen, es verschweigen. Mir ausweichen, wie du es immer getan hast, wenn es um etwas Wichtiges ging.« »War ich … siehst du mich etwa so?« »Wie sonst? Du hast so getan, als hättest du alles erzählt, was zu erzählen war. Aber das hast du nicht getan. Deine Augen nahmen einen leeren Ausdruck an, und wenn ich dich fragte weshalb, gerietest du in Wut. Nicht in normale Wut wie damals zum Beispiel, als wir uns mit dem Wagen verfahren hatten und du meintest, es sei meine Schuld gewesen, sondern es war eine abwehrende Wut, als hätte ich dich etwas gefragt, das ich nicht hatte zur Sprache bringen dürfen.« Ich hatte immer versucht, ihr die Schuld an unserem Schei- tern zuzuschieben. Corinne hatte von mir verlangt, mehr Geld zu verdienen, ein besseres, sichereres Leben zu führen, und ich war aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage gewesen, für, alles zu sorgen. Aber vielleicht wollte sie im Grunde nur einen Ehemann, der nicht die glimmenden Feuer des Projektes Nim- bus in sich trug, dessen Flammen ständig über die Wände der Brennkammer leckten und seinen Körper nach und nach ver- brannten, bis man nichts anderes mehr tun konnte als sich in den fernsten Winkel zu verkriechen und zu hoffen, daß die Glut eines Tages erlöschen würde. »Dies ist nicht der Zeitpunkt, um über unser persönliches …« Meine Stimme versiegte. Es war unser persönliches Pro- blem, das unentwirrbar mit allen anderen Problemen verfloch- ten war wie Wisterien, die sich zwischen den Stäben eines Gartenzauns hindurchschlängelten. »Na gut. Ich hab's verbor- gen, alles, und indem ich es verbarg ließ ich zu, daß es vernich- tete, was zwischen uns gewesen war. Damals, während der Devo-Kriege …« Und ich erzählte erneut die Geschichte, verriet die Gruppe. Es war einfacher geworden, aber ich verspürte immer noch ein … schlechtes Gewissen darüber, daß ich uns alle enttarnte. Vielleicht war es auch nur deshalb einfacher geworden, weil nur noch wenige von uns übrig waren. »Es wird niemals zurückkehren«, sagte ich. »Ich meine das, was zwischen uns gewesen ist. Wir müssen jeder unser Leben weiterführen. Aber vier Angehörige der Gruppe sind jetzt tot.« Sie starrte mich mit großen Augen an. »Tot? Wie?« »Die Einzelheiten tun nichts zur Sache. Sie wurden von etwas getötet, das wir zu vergessen versucht haben.« »Und du denkst, daß Gideon irgendwie darin verwickelt ist. Wie? Meinst du, daß das, was immer du in seinen Kopf einge- pflanzt hast, ihn zum Mörder gemacht hat? Hast du das mit ihm gemacht?« Ihre Stimme wurde lauter, ob aus Zorn oder Angst, wußte sie wahrscheinlich nicht einmal selbst. »Das nicht. Wie hast du uns gefunden? In dem Café?« »Mein Gott, Peter, ist das jetzt noch von Bedeutung?« Sie sah mich an. »Ich fand eine Notiz. Eine kurze handgeschriebene Nachricht auf der Rückseite einer Rechnung des Lebensmittel- ladens. Gideon machte das neuerdings. Warum weiß ich nicht.« »Hm. Und wo ist er hingegangen?« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Er ist in letzter Zeit seine eigenen Wege gegangen. Hat seine verdammte Geliebte besucht oder was auch immer, ich weiß es nicht. Als ich heute morgen aufwachte, war er weg. Keine Nachricht, nichts. Nur die verdammten Fenster standen offen. Ich fror. Ich hatte Alpträume von … Gletschern und Eiszapfen. Vielleicht ist er aus dem Fenster geklettert und den Fluß runtergeschwommen. Ich habe keine Ahnung mehr, wer er ist.« Ich glaubte jetzt, Bescheid zu wissen. »Corinne, du mußt mit mir reden, mußt ehrlich zu mir sein. Dies hier betrifft uns alle.« Für einen Moment erweckte sie den Eindruck, als würde sie aus ihrer trügerisch entspannten Haltung auf der Couch auf- springen und zu ihrem Wagen hinauslaufen. Wenn sie das tat, würde ich sie nicht aufhalten. »Wovon redest du, Peter?« Ich glaube, dein Mann ist ein Mörder. Ich denke, daß er durch eine Verbindung, die Mennaura in seinem Kopf installiert hat, den Auftrag Linden Straussmans ausführt, ganz gleich ob dieser tot oder noch am Leben ist. Ich glaube, daß er seine Fingernägel vom Blut säubern muß, ehe er zu dir ins Bett kommt, um mit dir zu schlafen. »Hat Gideon vielleicht eine Vorliebe für heiße Schokolade entwickelt?« lautete die Frage, die ich statt dessen stellte., KAPITEL 32 Langsam erwachte ich. Der Morgen war längst vorbei, und helles Licht drang durch die staubigen Ritzen der Fensterläden. Die Decke aus Schalldämmplatten war nach jahrelangen un- dichten Stellen im Dach mit braunen Flecken übersät. Die Wandplatten bogen sich von den nachlässig eingeschlagenen Nägeln weg und enthüllten das Aluminiumgerippe des Barak- kenbaus. Ich begann sofort zu schwitzen. Es war ein kalter, klebriger Schweiß, als sei er von Alchemisten mit langen, rau- hen Tupfern von den Körpern gehenkter Sträflinge abgesam- melt worden, um in rätselhafte Zaubergebräue ausgedrückt zu werden. Ich richtete mich auf und sog die Luft ein. Ich saß auf einem Eisenbett. Die Wandplatten waren in tristem Militärgrün gestri- chen, einer Farbe, die, wie Michaud mir mal versichert hatte, von römischen Legionen während des Garnisondienstes erfun- den worden war. Ich hatte das nie überprüfen können. Es war mein Zimmer, in den Baracken von Fitzwater. Ich erkannte die Bücher in den Regalen, den alten parallel- rechnenden Computer mit seinen Stapeln von Datenchips. Das schwammartige Gehirnmodell auf kleinen motorgetriebenen Rädern, das wir nachts durch die Flure und Korridore flitzen ließen. Diese verdammten Ralfies. Diesmal waren sie zu weit gegangen. Wartet nur, bis ich euch in die Finger kriege … »Ein Sicherheitssystem ist nicht besonders nützlich, wenn du es nicht einschaltest.« Anthony Watkins lümmelte fast genauso, wie er es immer, tat, in dem ramponierten Ohrensessel in der Ecke. Das war sein Lieblingsplatz während der endlosen Männergespräche gewe- sen, aus denen in Fitzwater im wesentlichen die Abendunterhal- tung bestand und die dazu beitrugen, die Gesellschaft zu for- men, in der wir nun lebten. »Diese Dinger sind trotzdem ziemlich clever. Sie sind fast wie Menschen. Man kann sie dazu bringen, fast alles zu tun.« Wat- kins hielt einen Ralfie in der Hand. Er trug eine elegant ge- schnittene amerikanische Soldatenuniform aus der Zeit der Devolutionskriege. Er drehte ihn in meine Richtung. Der Ralfie hatte Gene Michauds totes Gesicht bis hin zu den Narben an seinen Schläfen. Watkins ließ ihn fallen, und er lag ausgestreckt auf dem Fußboden. »Was willst du, Tony?« Watkins war nicht der Mörder. Er war unangenehm, abstoßend, aber er haßte Linden Straussman mehr als jeden anderen Menschen. Dennoch verspürte ich ein ängstliches Frösteln. Die Opfer hatten den Mörder hereingelas- sen, und ich hatte mich schlafen gelegt, ohne meine Alarmanla- ge einzuschalten, nachdem Corinne mich gegen Morgen verlas- sen hatte. Ich hatte ihn beinahe eingeladen hereinzukommen. »Ich hätte niemals gedacht, daß du es bist«, sagte Watkins in einem plötzlichen Zornesausbruch. »Von uns allen ausgerech- net du, Theo.« Sein dämliches Handgelenkholster ließ die Pistole in seine Hand gleiten, und er richtete sie auf mich. Aber er hatte mich nicht erschossen, während ich ahnungslos schnar- chend vor ihm lag, daher hatte er offensichtlich andere Pläne mit mir. »Daddys kleiner blonder Liebling, häh? Mein Gott!« »Wie bitte? Tony, du glaubst doch nicht etwa …« »Doch, ich glaube, Petey-Boy. Du magst ja ein absolut geris-, sener Killer sein, doch als Lügner bist du eine Null. Und mein Name lautet Martin – Martin Schaeffer.« Er hatte die Waffe, er hatte alles unter Kontrolle, aber die Anschuldigung war derart absurd, daß ich Mühe hatte sie ernstzunehmen. »Erwartest du, daß ich jetzt ein Geständnis ablege?« Ich richtete mich auf und hob eine Garnitur Unterwä- sche vom Fußboden auf, ohne nachzusehen, ob sie frisch war. Der ME, der meine Leiche auf einem Tisch bei Sister Death untersuchen würde, konnte sich damit befassen. »Werd ver- nünftig, Tony – Martin, wenn du darauf bestehst. Ich habe niemanden getötet. Allerdings fange ich an mich zu fragen, ob es bei dir nicht anders aussieht.« Er schnaubte wütend. »Red keinen Quatsch. Deine Hand- schrift ist deutlich zu erkennen. Ein ausgefuchstes Verzöge- rungsmodul. Du raffinierter Hund. Du hast uns immer gehaßt, nicht wahr? Uns alle. Die Gruppe. Du wolltest immer nur Klavier spielen und den restlichen Verein zur Hölle fahren lassen.« Ich zog meine Jeans an. Ich konnte nicht entscheiden, ob dies eine von seinen verrückten Hypothesen war, an die er selbst nur halb glaubte. Watkins nahm auch die abwegigsten Dinge tod- ernst. »Du redest dummes Zeug«, sagte ich. »Du hast von nichts eine Ahnung … Martin. Du schlägst im Dunkeln mit den Fäusten um dich in der Hoffnung, irgendwas zu treffen.« Wie früher seufzte Watkins angesichts des plötzlich enthüll- ten Abgrunds meiner Dummheit. Lichtstreifen glitten über sein hageres Gesicht. Irgendein großes Fahrzeug dröhnte draußen die Straße entlang, und es klang wie ein Fünftonner, der mit irgendeinem unergründlichen militärischen Auftrag unterwegs, war. Trotz meiner Lage beruhigte mich das. Als ich noch zur Gruppe gehörte, hatte ich wenigstens gewußt, wo ich stand. »Nun, das habe ich doch. Ich habe dich voll am Kinn er- wischt.« Ich zuckte die Achseln. »Wie du meinst. Was ist mit Gene passiert?« »Mit dem berühmten Aylmer Brandt? Sie werden sein Por- trät wohl mit einer Nadelpistole als Denkmal in irgendeine Wand ritzen müssen. Er ist tot. Er kam nicht mehr aus dem Gebäude raus. Er ist darin verbrannt.« »Und du denkst, daß ich – was, Tony, was? Was habe ich ge- tan, um ihn zu töten?« »Ich heiße Martin«, sagte er mürrisch. »Und ich weiß nicht, was du getan hast. Ich weiß nur, daß du Straussmans Versteck- pferd bist. Du suchst uns, und er tötet uns. Ich habe dich nie- mals für Daddys kleinen Liebling gehalten, aber nichts ist jemals richtig klar, nicht einmal bei den besten gestörten Familien.« Er stand auf und begann auf und ab zu gehen, wobei er Wäsche- stücke über den Fußboden kickte. »Er hat die Kontrolle über uns alle. Man kann nicht mit ihm reden. Wir können nur versuchen, ihn zu entfernen. Ihn zu vernichten. Ihn zu töten.« »Straussman? Straussman ist tot.« »Er ist nicht tot!« Watkins wedelte mit der Pistole herum. »Er treibt sich irgendwo in der Nähe herum.« »Nein, Martin.« Ich war müde. Ich hatte nicht genug Schlaf gehabt. »Es ist schon seit langer Zeit vorbei. Wir sind alleine dafür verantwortlich.« »Vorbei, eh? Weshalb wohnst du in der Nähe von Chicago, Peter? Warum alle anderen, ehe sie starben? Ursprünglich, kamen die Angehörigen der Gruppe aus dem ganzen Land. Ich habe die Akten eingesehen. Maine, Kalifornien, Nord-Dakota. Warum hierher? Weil Linden Straussman hier aufgewachsen ist. In den Vororten natürlich, wie jeder normale weiße Junge. Später zog er auf die Near North Side. Kannst du dir das vor- stellen, Petey? Daß Linden Straussman wie ein ganz normaler Mensch irgendwo wohnt? Ich nicht. Aber deshalb kamen wir alle hierher, nachdem wir uns getrennt hatten und jeder seiner Wege ging. Um uns stets an unseren alten Dad zu erinnern. Seine Hand ruht auf uns allen. Und dort wird sie bleiben, bis wir sie wegziehen. Aber es ist seine Hand, die dich antreibt, nicht wahr, Peter? Der gehorsame Sohn. Der brave Junge.« Seine Stimme wurde lauter. »Ich weiß nicht, wovon du redest.« »Du hast die meisten von uns umgebracht, aber das wird mich nicht aufhalten. Hast du gehört, Straussman?« Er brüllte es hinauf zur Decke, wobei er am ganzen Körper zitterte. »Wußtest du, daß du verrückt bist, Tony?« Ein mattes Husten erklang, wie von einem Spielzeug, und der Fensterrahmen zerschellte dicht neben meinem Gesicht und überschüttete mich mit Glassplittern. »Mein Gott!« Ein Reflex warf mich nach hinten gegen die Wand. Blut floß über mein Gesicht. Ich wischte darüber, und meine Hand war dunkelrot. »Ha!« Watkins grinste spöttisch. »Benutz deine Laken, du Idiot. Du wirst sie sowieso für nichts anderes mehr brauchen.« Ich zog einen Kissenbezug ab und säuberte damit mein Ge- sicht. Überall Blut. Ich brauchte einen Spiegel und eine Pinzette, um die Glassplitter herauszuziehen. Ich steckte tief in der Klemme. Ich hatte Corinne mit einer Münze losgeschickt,, einem Zeichen für Tigranes. Wenn er herkäme, wäre es zu spät. »Laß uns gehen«, sagte er. »Du bist ein Idiot.« Trotz meiner Angst schlug ich einen rauhen Ton an. »Ich habe die anderen nicht getötet. Falls du mich beseitigst … Farley hat das Geheimnis. Gideon Farley. Ich habe einen Virt in seinen Kopf eingepflanzt, den Karin …« »Oh, erspar mir das.« Watkins hob die Hände in einer thea- tralisch abwehrenden Geste. »Komm mir nicht mit irgendwel- chen Ablenkungsmanövern. Jetzt beweg dich endlich!« Ich baute mich vor ihm auf. »Verdammt, nun hör mir doch mal zu …« »Daddys Laufbursche«, sagte er spöttisch. »Geraldino im Krankenhaus. Dann hast du dich mit Inversato getroffen, und sie wurde tot aufgefunden. Das ist wohl dein Hobby, wie Pilze sammeln. Dann hattest du ein kleines Frühstück mit der Craw- ford – und sie verschwand. Du tauchst bei Michaud auf – und er rennt los und verbrennt. Ich wette, du hast Hank Rush auch schon gefunden, nicht wahr? Für Straussman.« Es rieselte mir kalt über den Rücken, als ich vor ihm die Treppe hinunterging, obgleich es absurd war. Gott allein wußte, nach welchen implantierten Programmen wir handelten und was ich getan hatte, ohne es zu wissen. Zum Beispiel: Wie kam es, daß wir alle wieder miteinander Kontakt aufgenommen hatten? Jede unserer unabhängig motivierten Aktionen hatte am Ende zum gleichen Ergebnis geführt: unsere Pfade hatten sich gekreuzt. »Ich wußte gar nicht, daß Geraldino tot war, bis die Meldung im Fernsehen kam«, sagte ich. »Mein Fernseher holte sich mein altes Gesicht von dem Bild, das an seiner Wand hing, und teilte, mir den Mord mit, ohne mich vorher zu fragen.« »Natürlich warst du es nicht. Du warst nie in seiner Woh- nung. Hast ihn nie gesehen.« »Das ist richtig. Ich erhielt noch nicht mal Gelegenheit, seine Leiche zu betrachten. Du hast sie in die Luft gesprengt, um die belastende Fracht zu verbergen, die er in sich trug.« »Du hast ihn nie gesehen.« Watkins' Stimme klang unbetei- ligt. »Warum, frage ich mich dann, lag eines seiner berühmten handbemalten Halstücher in deiner Kommode?« Ich bemerkte das blau-grüne Flackern aus dem Augenwinkel, und dann schlug er mich, mit voller Wucht, und schleuderte mich die restlichen Treppenstufen hinunter. Ich landete auf dem Absatz, rollte mich ab und starrte in die Mündung seiner Pistole. Er warf mir das Halstuch vor die Füße wie ein Football- schiedsrichter, der eine Spielstrafe verhängt. Ich betrachtete die indonesischen Gestalten darauf. Es war mein Souvenir von Charlie Geraldino. »Du bist nicht besonders gut als Mörder, wenn du solches Zeug am Tatort herumliegen läßt«, sagte Watkins. »Eine Unter- suchung …« »Würde ergeben, daß das Ding mindestens zehn Jahre alt ist. Es stammt aus den alten Tagen. Aus Fitzwater. Vielleicht erin- nerst du dich sogar daran, daß er es selbst trug, als er durch die schönen Straßen von Kishinyov spazierte.« Er setzte sich auf die Stufen und stellte die Füße dicht neben meinen Kopf. Ich versuchte erst gar nicht aufzustehen. »Und dies.« Zwischen den Fingern hielt er eine blau-grün leuchtende Glasmurmel. »Das ist meine, nicht wahr?« »Ja, Tony. Es ist deine. Ich nahm sie, als wir uns trennten., Ein Souvenir.« Er ließ sie auf seinen Fingern in die Handfläche herabrollen. Ich betrachtete sie und kam mir vor, als hätte ich sie noch nie zuvor gesehen. Charlie Geraldino, erwürgt mit einem bemalten Halstuch. Lori Inversato, den Schädel mit einem Ratschen- schlüssel eingeschlagen. Gene Michaud, der seine Tsuba entge- gennahm, ehe er in den Flammen unterging. Karin Crawford, die Seele von einem Laser eingekerkert, an dem ein Skalpell mit Horngriff befestigt war. Was war mit Hank Rush geschehen, seitdem er seinen mit Stacheln gefütterten Handschuh zurück- bekommen hatte? Und Tony Watkins hielt seine Murmel in der Hand. Die Schachtel war leer, und beinahe alle aus der Gruppe waren tot. Was hatte ich getan? Wo war ich gewesen? »Komm jetzt«, sagte Watkins mit müder Geringschätzung. Er half mir auf die Füße. »Gehen wir.« Wir traten hinaus in den kalten, sonnenbeschienenen Vorgarten. Er brachte mich zu demselben ramponierten Lieferwagen, den er benutzt hatte, als er Geraldinos Leiche und seine Wohnung sprengte. Der Autositz engte sofort meine Bewegungsfreiheit ein, als ich mich hineinsetzte. Es mußte eines der Extras dieses Lieferwagenmodells sein. Watkins fuhr hinaus zu dem Indu- striegebiet, wo er seinen Van geparkt hatte, als ich ihn zum erstenmal verfolgte, vor all diesen psychologischen Jahren, ein Ort voller riesiger Elektromagneten, wassergefüllter Lehmgru- ben, summender elektrischer Lichtbogenschmelzöfen. Brutale Materiemanipulation. Und ich hatte geglaubt, daß wir das in unserer Welt längst vergessen hätten., »Denk mal darüber nach, was du tust«, sagte ich und brachte ein Argument vor, das ich mir auf dem Weg ausgedacht hatte. »Du bist es, der mich tötet.« »Das ist richtig, Petey. Gut beobachtet.« »Nun, was heißt das? Welchen Beweis hast du, daß du nicht der Mörder bist, Tony? Vielleicht hast du auch alle anderen umgebracht und dir eingeredet, es sei nötig, Straussman zu erwischen. So liegen die Dinge doch, nicht wahr? Alles rechtfer- tigt sich selbst.« Watkins setzte den Lieferwagen rückwärts auf einen rissigen, mit Unkraut zugewucherten Parkplatz neben einem extrem verrosteten Lagerhaus aus Stahlblechplatten. »Ich war es nicht.« »Na schön. Weshalb hast du dann mit Karin darüber gespro- chen, die Gruppe wieder zusammenzutrommeln, lange bevor Charlie ermordet wurde?« Darüber mußte er doch nachdenken. »Ich habe versucht, die Gruppe wieder zusammenzuholen. Es war die einzige Möglich- keit – alle von uns gleichzeitig. Du wolltest nicht mitmachen, weißt du noch? Karin war sich nicht sicher, ob sie damit zu- rechtkäme. Lori wollte es. Aber sie wurde getötet, ehe sie kom- men konnte.« . »Wenn sie zu dir wollte, dann nur weil sie annahm, sie könne auf diesem Weg Daddy finden.« »Vielleicht.« Er schien an meinen Argumenten kein Interesse mehr zu haben. »Aber weshalb, Tony?« »Vergiß es. Es gibt keine Gruppe mehr, die sich wieder ver- einigen könnte. Dank dir.« »Wenn du mich tötest, wird die Polizei dich als Verdächtigen, herauspicken.« »Das wird sie nicht. Sie wissen, daß du es warst.« »Das alte Halstuch reicht als Beweis wohl kaum aus …« Er kicherte. »Du hältst mich wohl für einen Idioten, nicht wahr, Ambrose? Insgeheim hast du das immer getan. Ich habe einen PhD am Johns Hopkins geschafft, aber du glaubst, daß mein Gehirn voller Bindegewebe ist.« »Willst du mich etwa deshalb töten? Weil ich dich nicht ge- nug respektiere?« »Ich brauche noch nicht einmal einen so guten Grund. Ich bin ein Gott. Ich habe einen eisernen Willen.« Der Sitz gab mich frei, und ich stieg auf eine Geste seiner Pistole hin aus dem Wagen. Er dirigierte mich in das alte Lagerhaus, wobei er halblaut vor sich hin murmelte. »Es wird so aussehen, als hättest du Selbstmord begangen, Ambrose. Das lächerliche Ende eines sinnlosen Lebens. Eine Demonstration, wie bedeutungslos das Leben tatsächlich ist. Eine ungrammatische, existentialistische Aussage.« »Es ist schon schlimm genug, den eigenen Tod miterleben zu müssen, ohne sich deine unausgegorenen philosophischen Ergüsse anhören zu müssen.« Er blieb einen Moment lang stehen, dann lachte er bellend. »Weißt du, jetzt fällt mir auch wieder ein, weshalb ich dich damals besonders gemocht habe, Theo. Vor der Zeit, als du ein verrückter Killer wurdest oder der Helfer eines verrückten Killers oder was auch immer du sein magst. ›Er war so ein netter Kerl‹, sagen sie immer. Deshalb habe ich netten Kerlen niemals über den Weg getraut. Ich hasse sie. Sie sind zu fast allem fähig, weil sie so verdammt langweilig sind. Dabei wollen, sie interessant sein. Sie sind so wild darauf, daß sie sich an ihrer eigenen Spucke verschlucken. Sie mißbrauchen Kinder und reißen ihren Müttern die Zungen aus dem Hals, nur um für jemanden, egal für wen, interessant zu sein, auch wenn es nur ein gelangweilter Polizeibeamter ist, der ihren Namen falsch ausspricht.« »Ich habe niemanden getötet, Tony. Es gibt keinen Beweis, der mich mit irgendeinem Mord in Verbindung bringt.« »Du warst vielleicht schlau genug, keinen zu hinterlassen. Ich weiß es nicht. Aber du weißt, daß virtuell real ist. Richtig? Das Netz hat eine Masse Anfragen von dir nach Informationen über die Tarnidentitäten deiner Opfer erhalten. Du hast eine richtige Suchaktion durchgeführt und dabei deine Spuren verdammt gut verwischt. Die Polizei wird wahrscheinlich einige Wochen brauchen, um alle Details zu ordnen und dahinter zu kommen, was für einen Wahnsinnsplan du in deinem verqueren Hirn ausgebrütet hast. Das Nimbus-Projekt hatte immer Zugriffs- Vorrang – und ich habe ihn noch immer. Manchmal vergißt das System ihn zu eliminieren, wahrscheinlich weil es vergessen hat, daß die Gruppe je existierte.« Ich sah ihn fragend an. »Du hast also die Anfragen eingege- ben. Wann – kurz nach Geraldinos Tod?« »Ja, richtig. Ich hatte das Gefühl, daß die Scheiße nach und nach immer größer wurde.« »Also«, sagte ich sinnend, »hast du Anfragen nach den Tarn- identitäten aller eingegeben, die jetzt tot sind.« Er starrte mich an und schien für einen Moment an sich selbst zu zweifeln. »Setz dich hier hin.« Ein kleiner, abgeteilter Bereich in dem riesigen Lagerschup-, pen, früher das Büro des Frachtmeisters, hatte offensichtlich als eine Art Versteck für Watkins gedient. Das Büro hatte keine eigene Decke, und man konnte zu den verbogenen und durch- hängenden Streben des Schuppendachs hoch oben hinaufblik- ken. In dem Büro befanden sich eine Pritsche mit akkurat gefalteten Decken, ein Feldkühlschrank aus Armeebeständen und ein harter Holzsessel mit geschwungener Rückenlehne, Überbleibsel aus einer Bibliothek oder einem Schulzimmer. Ich ließ mich mit weichen Knien in den Sessel sinken. Ich beobach- tete, wie er einige meiner Habseligkeiten im Zimmer verteilte als Beweis dafür, daß ich darin wohnte. Er hatte die Dinge aus meinem Haus geholt. Ein zur Hälfte geleertes Blech Lasagne wanderte in den Kühlschrank. Ich versuchte mich zu erinnern, wie alt es war. Er legte einen Stapel Klaviernoten unter die Pritsche. Ein alter, zerschlissener Ballettschuh, ein Andenken an Corinne, das ich niemals weggeworfen hatte, wurde an einen Nagel in der Wand gehängt. Ich starrte den Schuh an. Corinne hatte mein Haus traurig und alleine verlassen. Ich hoffte, daß sie sich meine Warnung zu Herzen genommen hatte und nicht nach Hause zurückgekehrt war, um sich ins Bett zu legen und auf den Mörder zu warten. Das heißt, falls Farley wirklich der Mörder war und nicht Watkins. Oder ich. Ich hatte keine Ahnung, was Watkins vorhatte, aber ich hatte nicht vor zuzulassen, daß mein Tod am Ende aussah wie ein Selbstmord. Wenn ich aufsprang und flüchtete und ihn damit zwang, mich wie ein Ziel in einer Schießbude aufs Korn zu nehmen, dann würden die Spuren nicht mit einem selbst zuge- fügten Tod übereinstimmen. Es würde mir zwar nicht das Leben retten, aber wenigstens würde die Untersuchung meines, Todes nicht ins rein Fiktionale abirren. Aber ich konnte meinen Körper nicht zu einer Reaktion aktivieren. Ich saß reglos im Sessel. Er grinste mich an. »Weißt du, Peter, ich habe lange darüber nachgedacht, wie ein Installeur und Mörder wie du Selbstmord begehen würde. Durch irgendeine Art simultaner Neurotrans- mitter-Neutralisation? Ein Stich durch den weichen Gaumen? Selbstinfizierung mit Kuru? Herzdepolarisierung mit Kalium- chlorid?« »Nun, Tony, ich habe keine Ahnung. Hast du mir einen Ab- schiedsbrief geschrieben?« »Weniger als einer von fünf Selbstmördern hinterläßt einen Abschiedsbrief, auch wenn es nur ein elektronischer ist. Die Gerichte gehen immer die letzten Netz-Mitteilungen durch, um sich über die Motive Klarheit zu verschaffen. Nein, du rätselhaf- ter und schweigsamer Bastard, du hast keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Aber du hast dich auf eine überaus interessante Art und Weise getötet.« Die Mündung der Pistole berührte das Lid meines linken Auges. Was zum Teufel war daran so interes- sant? Ich empfand für einen kurzen Moment aufwallenden Ärger darüber, wie er sich selbst auf den Rücken klopfte. Watkins nahm die Waffe zurück und grinste mich an, nun halb verborgen durch ein blaues Druckphosphen. Ich blinzelte, was kein bißchen half. Ein Schlag in den Nacken, und er traf mein Rückgrat. Ich verlor jegliches Gefühl vom Hals an abwärts und kippte beinahe aus dem Sessel. Er setzte mich mit sanften Gesten wieder gerade wie jemand, der sich um einen greisen Patienten bemüht. Dann ließ er einen seltsam geformten Behälter innerhalb, meines Sehbereichs auf die Pritsche fallen. Ich konnte den Kopf nicht bewegen, nur meine Augen. Der Behälter war roh zu- sammengeschweißt, aber eine organiforme Weichkoralle hatte ihn überwuchert und die Schweißnähte in winzige rosafarbene Grate verwandelt. Ich betrachtete den Gegenstand und kam mir vor, als befände ich mich zusammen mit Helena Mennaura unter Wasser. Datenleitungen führten von dem Kasten zu einer Insertionsmaske mit Infomycel. Es war ein Vollzugangsgerät. Am Gesicht befestigt, schickte es Infomycel durch die Foramen in den Gesichtsknochen entlang den Schädelnerven und Blutge- fäßen, die durch diese Öffnungen traten, und verband sich an Hunderten von Stellen mit dem Gehirn. So umfassend und gründlich, wie es geschehen konnte, ohne den Schädel zu öffnen. Ich hätte mir das Ding sehr leicht über den Kopf ziehen und einschalten können. Totalsinnessüchtige taten es ständig. »Es ist eine konterrevolutionäre Sache«, sagte Watkins. »Ein Abstieg in den neuralen Sumpf.« Er ließ die Maske an einem Finger hin und her baumeln. »Ein Experiment. Ich habe dieses kleine Plastikding darauf programmiert, bestimmten Verbin- dungen in der ZNS selektiv den Sauerstoff zu entziehen. Es fängt mit deinem labilen Kurzzeitgedächtnis der letzten Minu- ten an. Dann wandert es weiter zu deinem Langzeitgedächtnis und versucht zu entscheiden, welche Verbindungen erst in jüngster Zeit entstanden sind, und eliminiert sie. Ein verdammt schwieriges Integrationsproblem, nicht wahr? Die Ergebnisse werden aufgezeichnet, damit jemand sie sich anschauen kann. Ein netter Gag, du als sich selbst opfernder Wissenschaftler wie auch als brutaler Killer. Die neuen Kanäle werden einen großen Tag erleben.«, Wenn mein Herz vor Entsetzen raste und damit auf die Si- gnale des Sympathikussystems reagierte, dann konnte ich es jedenfalls nicht spüren. Mein Körper fühlte sich an wie Baum- wollwatte gepackt, ähnlich einem Familienerbstück auf dem obersten Brett in einem Schrank. Meine Stimme funktionierte noch, obgleich ich Schwierigkeiten hatte, meine Atmung unter Kontrolle zu halten, aber ich würde ihm nicht zu dem Vergnü- gen verhelfen, über diese Angelegenheit zu reden. »Danach weiten wir den Eingriffsrahmen aus.« Daß ich kaum auf seine Mitteilungen reagierte, störte ihn nicht, und ich hatte auch nichts anderes erwartet. »Als nächstes eliminiert es die entwicklungsgeschichtlich jüngeren Teile des Neokortex wie die Fähigkeiten der symbolischen Kommunikation, der willkür- lichen Bewegung sowie visuo-konstruktive Fertigkeiten und eine Menge anderer schematischer Prozesse. Anschließend bist du nur noch ein niederes Säugetier und funktionierst nach Impulsen unterhalb des Basalganglions. Danach wird das limbische System entfernt und mit ihm grundlegende Verhal- tensmuster wie Dominanz und Unterwerfung, sexuelle Wer- bung …« »Es reicht.« Ich wollte nicht, daß er mir einen eintönigen Vortrag über meine Rückstufung auf Primatenniveau mit anschließendem Verlust der Stammhirnfunktionen sowie der nachfolgenden Einstellung von Herz- und Lungentätigkeit hielt, auch wenn es bedeutete, daß ich noch einige Minuten länger leben könnte, solange ich ihm zuhörte. Watkins reagierte verletzt. »Peter, ich dachte immer, auch du würdest von einer grundlegenden intellektuellen Neugier angetrieben.«, »Du kannst mich mal.« »Na ja. Wenn dein Neokortex weg ist, kannst du auf elemen- tarerem Niveau reagieren. Vielleicht wirst du dann etwas um- gänglicher. Ich hoffe, du genießt deinen kleinen Spaziergang die Evolutionsleiter hinunter.« »Farley«, brachte ich hervor. »Überprüf Farley. Um Gottes willen, Tony, auch wenn ich tot bin.« Es war ein Versuch, ihn davon zu überzeugen, daß er sich selbst retten müsse, auch wenn er sich anschickte, mich zu töten. »Nimm dich vor ihm in acht. Er steht in irgendeiner Verbindung zu dem alten Knaben. Alle Zeichen deuten darauf hin, die heiße Schokolade, die Fenster, die Notizen …« »Danke, Peter. Ich werde beizeiten darüber nachdenken.« Er legte mir die Maske aufs Gesicht, und die Welt um mich herum wurde dunkel. Jemand riß die Maske von meinem Gesicht. Ich erwachte und starrte auf eine schmuddelige Betonfläche. Ich konnte ihre Rauheit an meiner Wange spüren, obgleich mein restlicher Körper völlig taub war. Nach ein paar Minuten nahm ich das Prickeln der in Finger und Zehen zurückkehrenden Tastfähigkeit wahr. Das Betäu- bungsmittel wurde schnell umgewandelt, so daß es Verschwun- den und nicht mehr nachweisbar wäre, wenn Watkins' neurale Zeitmaschine mich zu toter Materie reduziert hätte. Selbstmör- der paralysieren sich nicht immer selbst, ehe sie ihr Werk vollbringen. Schließlich verfügte ich wieder über genug Muskelkontrolle, um meine Brust vom Fußboden hochzustemmen. Vor meinen Augen erschienen zwei Paare auf Hochglanz polierter Schuhe,, deren Eigentümer nebeneinander auf Watkins' Pritsche saßen. Ich drückte mich noch weiter hoch. Auf der Pritsche befanden sich zwei von Tigranes' geckenhaf- ten Angestellten, ein Mann und eine Frau. Der Mann trug einen Turban, aber der kunstvoll verformte Schädel der Frau lag frei, und die Knochenwülste wurden durch ein hellblaues Make-up hervorgehoben, das scheinbar eigens zu diesem Zweck entwik- kelt worden war. Jeder von ihnen hatte einen Gegenstand auf den Knien, der aussah wie eine Leier, die aus menschlichen Knochen bestand. Die Frau streichelte ihr Instrument mit unglaublich langen Fingern. Sie lächelte und ließ eine gen- behandelte dunkelblaue Rose vor mir auf den Beton fallen. Tauperlen klebten auf ihren Blütenblättern. Die Blume befreite mich. Ich spürte es, irgendwo in meinem Innern. Aber ich konnte nicht sprechen. Ich versuchte es, aber kein Wort drang über meine Lippen. Indem ich mich an der Wand abstützte, kämpfte ich mich mühsam auf die Füße. Der kalte Wind draußen pfiff durch zwei Löcher, die in die dünne Blechwand gebohrt worden waren. Ich schaute mit einem Gefühl verständnislosen Erstaunens zu ihnen hoch. Worte entstanden, aber es waren die falschen. Sie teilten mir nichts Wichtiges mit. Ich ergriff den Arm des Mannes und blickte eindringlich in sein Gesicht. Ich konnte Tigranes sehen, sein Gesicht, seine Gesten, nahm seinen moosigen Geruch wahr, aber sein Name fiel mir nicht ein, nicht zu diesem Zeitpunkt, als ich ihn brauchte. Tränen begleiteten meine Anstrengungen. Ehe ich mir dessen bewußt wurde, strömten sie über meine Wangen, brannten in meinen Augen, und ich hatte keine Ahnung, weshalb ich weinte., KAPITEL 33 Einer meiner Retter reichte mir eine mundgeblasene Glaskugel mit faltiger Oberfläche. Darin befand sich ein wütend mit den Flügeln schlagender Käfer mit einem irisierend grünen Rücken- schild. Nach einem kurzen Moment landete er auf dem Boden der Kugel und faltete seine Flügel zusammen. Mit kurzen, stur vorwärtsstrebenden Beinen arbeitete er sich die Wölbung empor, rutschte zurück und begann von vorne. Es war ein ganz spezielles Symbol, eines, das sie gewöhnlich nicht mit sich führten. Ein Kommunikationssystem, dessen Morpheme physisch greifbar sind, hat deutliche Mängel. Ich betrachtete den stummen Mann und die stumme Frau. Ihre Gesichter waren ausdruckslos, eine weitere unbeachtete Kom- munikationsmodalität. Die Bedeutung ihres Symbols war nicht allzu hintergründig – sie hatten mich gerettet, daher gehörte ich ihnen. Sie kamen in drohender Haltung näher. Jedes der leierähnli- chen Geräte enthielt einen Knochenpfeil. Daran erkannte ich, um was es sich handelte: Es waren überschallschnelle Armbrü- ste, die ihre Pfeile mittels analomyciner Kontraktion abfeuerten. Dieses Verschmelzen von raffinierten biologischen Analogien mit primitiver Technologie war in den alternativen Gegenwar- ten weitverbreitet. Überschallschnelle pseudoorganische Arm- brüste waren etwas, das überentwickelte Australopithekantropi benutzt haben mochten, um Streitigkeiten zu entscheiden. Sie hatten während ihres Angriffs auf Watkins' Stützpunkt Löcher in die Wand geschossen, eine Attacke, die ich nicht mitbekom-, men hatte, da ich gerade im Begriff gewesen war, meinen Geist zu verlieren. Der Lärm der Pfeile, als sie sich durch die Blech- wand bohrten, mußte ohrenbetäubend laut gewesen sein. Ich wünschte, ich hätte Watkins' Gesicht sehen können, als es passierte. Ich checkte mich schnell durch, um mich zu vergewissern, daß ich keine Schädigungen davongetragen hatte, während ich spinalbetäubt war. Auf dem Fußboden vor mir lagen eine blau- grüne Glasmurmel und ein weicher Lederhandschuh, meine beiden letzten Symbole. Ich kniete mich hin und hob sie auf. Dann streckte ich die Kugel den Boten entgegen. Ihre Gesten signalisierten Ablehnung. Ohne einen weiteren Gedanken schleuderte ich die Kugel auf den Betonfußboden. Sie zerschellte in einem feinen Splitterre- gen. Der Käfer hockte auf dem Fußboden, dachte für einen Moment über seinen schlagartig gewachsenen Lebensraum nach, dann klappte er seine Flügel auf und flog davon. Sie reagierten nicht auf meine vorhersehbare Symbologie, sondern geleiteten mich aus dem stillen, widerhallenden Lager- schuppen hinaus. Tigranes' Haus war mit dem Gemurmel eifriger Aktivitäten erfüllt. Seine seltsamen Angestellten huschten eilig umher, öffneten Wandfächer und holten Geräte heraus, gaben Befehle in Konsolen ein und entfernten geblümte Fenstervorhänge und legten sie zusammen. Niemand blickte auf mich oder nahm Notiz von meiner Anwesenheit. Tigranes' Körper lag ausgestreckt auf dem Wohnzimmertep- pich am Fuß der Haifischlederuhr. Seine Gliedmaßen waren, unnatürlich verdreht, und ich verspürte den inneren Drang, sie geradezubiegen, um der Leiche wenigstens den äußeren An- schein von Behaglichkeit zu verleihen. Ich kniete neben ihm nieder und barg in Mißachtung aller Polizeiregeln seinen Kopf in meinen Armen. Er war entsetzlich locker und löste sich vom Hals.. Seine Kehle war von seinem eigenen viktorianischen Gar- tenwerkzeug aufgerissen worden, das blutig neben ihm auf dem Fußboden lag, auch dies ein Symbol, das ich wahrscheinlich ausgewählt hätte, um es als Erinnerung an ihn in meine Kiste zu legen. Sein Bart hatte sich geteilt und enthüllte den furchtbaren Zustand seines Halses, und neben seinem Kopf hatte sich Blut in einer Pfütze gesammelt. Er war vor nicht mehr als einer Stunde gestorben. Ich ergriff seine Hand, die bereits kalt war, und saß neben ihm. Die Tränen in meinen Augen waren noch nicht versiegt, und ich ließ sie ungehindert strömen. Ringsum wurde sein Reich auseinandergenommen, zweifellos laut einer vorher getroffenen Verfügung. In wenigen Minuten gäbe es in dem Haus keinen Beweis mehr, daß es einmal mehr gewesen war als ein normales Vorortheim. Ich hielt einen seiner Männer auf, als er an mir vorüberging, und wollte ihn fragen, was passiert war und wie, aber ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Er blickte an mir vorbei, sah mich überhaupt nicht, sondern griff in seinen Sack und holte einen alten, schweren Schlüssel hervor. Damit schlug er mir vor die Brust und wandte sich wieder seiner Tätigkeit zu. Ich umklammerte den Schlüssel und war mir nicht sicher, ob er nur ein Symbol war oder ob sich damit tatsächlich irgendeine Tür im Haus öffnen ließ., Niemand beachtete mich, aber sie hatten gewisse Grenzen installiert, ähnlich den Wänden eines unsichtbaren Labyrinths, in das einzudringen meine Aufgabe war. Wenn dies ein Rätsel war, das Tigranes vor seinem Tod für mich entworfen hatte, dann war ich mir nicht sicher, ob ich irgend etwas damit zu tun haben wollte. Aber alles war besser, als untätig neben dieser verkrümmten Leiche zu hocken. Ich tätschelte Tigranes' Schul- ter, als würde ihn das trösten können, und machte mich auf die Suche nach Zeichen und Symbolen. Ein Blick, eine Geste, eine drohende, kaum wahrnehmbare Linie aus violettem, beinahe UV-blauem Laserlicht, alles reichte aus, um mich eine andere Richtung einschlagen zu lassen. Ich hörte, wie die Tür hinter mir elektronisch verriegelt wurde, nachdem ich sie durchschrit- ten hatte. Eine weitere schwang auf, als ich mich ihr näherte, und atmete warme, feuchte Luft hinaus. Ich wanderte durch das langgestreckte Treibhaus auf der Rückseite des Hauses. Orangerie hatte Tigranes es genannt, und in der Nähe eines Fensters standen tatsächlich zwei Zwergoran- genbäume, deren Äste sich unter dem Gewicht ungepflückter, normal großer Früchte bogen. Ich zog eine Blutorange von einem Ast, rieb über die Schale, um die ätherischen Öle zu riechen, und schälte unbeholfen die Frucht, wobei ich meine Finger über und über mit rotem Saft beschmierte. Ich spuckte die Kerne auf den Fußboden. Vielleicht würden sie dort kei- men, und am Ende würden ihre sich ausbreitenden Äste die Blumenkästen beiseiteschieben. Die restliche Orangerie war voll von üppigen, dicht wu- chernden Pflanzen – fleischigen Orchideen, Bromelien, zarten, vielfarbigen Anemonen. Hier befand sich die Quelle der Sym-, bole, die von seinen Leuten benutzt wurden. Bunte Blumen, die als Vorstellungen und als Mitteilungen dienten. Ein Garten der Symbole. Wer würde sich jetzt, wo Tigranes nicht mehr war, darum kümmern? Der wahnwitzige Wirbelsturm der Vernich- tung hatte seine Bleibe noch nicht heimgesucht, daher standen vielleicht suborbitale Fähren mit laufenden Startmotoren am O'Hare bereit, um sie zurückzubringen in die Urwälder, in denen sie geboren waren. Als ich dort stand, wie ein vom Sonnenstich heimgesuchter Urwaldforscher, kam die hochgewachsene Frau herein, die mir vor langer Zeit ein armseliges Mittagessen bereitet hatte. Sie drückte mit dem Daumen gegen einen großen Mahagonizylin- der, der mit hängenden Orchideen bedeckt war, und er öffnete sich. Er enthielt eine Schwebebox. Aus dieser holte sie den schwammartigen, gläsernen Container mit den Kundalini- Modulen heraus und überreichte ihn mir wie ein Zauberer, der demonstriert, das sein Hut tatsächlich leer ist. Danach ergriff sie ein Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit, das sie über dem Container ausschüttete. Der Inhalt floß träge heraus. Blut. Tigranes' Blut, wie ich mir sicher war. Das war die nächste verfügbare Quelle. Die Frau packte den Container ein, wandte sich um und entfernte sich. Ich wollte ihr nachlaufen, wollte Klarheit fordern, Informa- tionen, aber ich blieb einfach stehen und starrte auf ihren kleiner werdenden Rücken. Links von mir befand sich eine Holztür, die aus einem Haus stammte, das viel älter war als dieses. Der Schlüssel in meiner Hand paßte in das altmodische Schlüsselloch. Auf der anderen Seite befanden sich mit Teppich belegte Stufen, die offenbar zu, Tigranes' persönlichem Büro führten, einem Raum, den es in jedem seiner Häuser gab und den ich noch nie gesehen hatte. Es war ein nüchternes Zimmer, beinahe leer, obgleich die meisten Dinge wahrscheinlich längst eingepackt worden waren. Ich setzte mich hinter das einzige Möbelstück, einen rampo- nierten Schreibtisch aus Holz mit einer rissigen ledernen Schreibunterlage. Der Tisch verfügte über Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Schubladen. Vielleicht hatte er in irgendei- nem Labor zur Aufbewahrung von Proben gedient. Er war bedeckt mit Staubflocken, wie sie beim Verrücken anderer Möbel hochgewirbelt werden, sowie mit zerbrochenen Bleistif- ten, verbogenen Büroklammern, Papierfetzen, eben dem ganzen Durcheinander, das nach einem hastigen Umzug zurückbleibt. Außerdem stand auf dem Tisch eine Fotografie in einem silber- nen Rahmen. Ich nahm sie hoch und betrachtete sie. Das Bild zeigte einen viel jüngeren Tigranes und seine Fami- lie. Sie saßen irgendwo vor einer Steinmauer neben einem Obstgarten. Man konnte trotz der Unscharfe die Früchte an den Bäumen erkennen. Tigranes' Ehefrau, schlank und mit einer hochgeschlossenen weißen Bluse bekleidet, lehnte den Kopf an seine Schulter. Auf seinem Schoß saß seine Tochter, ein reizen- des Mädchen von drei oder vier Jahren mit einer Pferde- schwanzfrisur. Das war etwas, das er stets für sich behalten hatte, all die Jahre, seitdem sie unter den Rädern eines auf Schnee ins Schleudern geratenen Lastwagens ums Leben ge- kommen waren. Das Foto war hier zurückgelassen worden, weil er keine Verwendung mehr dafür hatte. Ich sah mir die Papiere an, die Quittungen, die Notizen, die Postwurfsendungen. Einige Fotografien lagen mit dem Gesicht, nach unten auf dem Tisch. Ich drehte sie um. Das erste war undeutlich, ein Blättergewirr in der Orangerie – ich erkannte die Schwebebox aus der Mahagonisäule –, mit undeutlichen Schatten dahinter. Auf dem zweiten Bild waren die Schatten deutlicher und fügten sich zu Gideon Farleys Gesicht zusam- men. Farley blickte nachdenklich auf etwas hinab, das sich außerhalb des Aufnahmewinkels der Kamera befand. Eine eingeblendete Schrift in einer Bildecke zeigte das Datum vom Vortag. Corinne hatte mir erzählt, daß Gideon verschwunden war. Er hatte Priscilla mitgeteilt, er käme zu unserem kleinen Stegreif- konzert. Er hatte es nicht geschafft. Tigranes hatte ihn überredet oder einfach mitgenommen und hierher gebracht. Aber wes- halb? Es ergab keinen Sinn. Was hatte Tigranes von Gideon Farley gewollt? Und weshalb hatte Gideon Farley, ein Killer, sich bereiterklärt zu kommen? Licht traf mich plötzlich von rechts. Ich blinzelte in die plötz- lich aufflammende Helligkeit. Was ausgesehen hatte wie eine solide Wand, komplett mit einem Ölgemälde von einem Segel- schiff, das an einer windumtosten Küste entlangsegelte, war einer klaffenden Lücke gewichen. Das Licht dahinter war blen- dend hell. Eine Glaskugel rollte über den Fußboden und kam neben meinem Fuß zur Ruhe. Ich bückte mich und hob sie auf. Es war eine dieser alten Winterszenen mit weißen Plastikflocken, die umherwirbelten, wenn man die Kugel schüttelte. Aber – ich sah genauer hin. Anstelle des altmodischen Hauses mit von der Dachrinne herabhängenden Eiszapfen, das gewöhnlich zu solchen Szenen gehörte, war ein Autounfall dargestellt. Ein, kleiner Personenwagen lag zerquetscht unter einem mehrglied- rigen Lastwagen. Die Bremsspuren des Personenwagens waren in der dünnen Schneedecke auf der Straße deutlich zu erken- nen. Ich schüttelte die Kugel und beobachtete, wie der umher- wirbelnde Plastikschnee den Unfall zudeckte, bei dem Tigranes' Tochter ihre Sprache und ihre Mutter verloren hatte. Dann blickte ich hoch. Sie stand in der Wandöffnung, so gut sie es mit ihrem nur noch auf der linken Seite halbwegs funktionsfähigem Körper vermochte. Ihr Kopf wurde von einem bunten Turban umhüllt. Das Licht hinter ihr wurde allmählich schwächer und ließ Details erkennen, wo vorher nur eine Silhouette zu sehen gewe- sen war. Indem sie versuchten, ihr eine Freude zu machen, hatten die Ärzte, die sich nach dem Unfall bemüht hatten ihr Leben zu retten, ihr ein Gesicht mit hohen Wangenknochen und weicher, glatter Haut geschenkt. Es ähnelte kaum dem Gesicht des kleinen Mädchens auf dem Foto. Ich hob grüßend die Hand. Das wunderschöne Gesicht blieb ausdruckslos, das rechte Auge dunkel und lebendig, das linke eine nichtssagende durchsichtige Glasmurmel in Eisblau. Kei- ner von uns sagte ein Wort. Ihre Sprachzentren waren irrepara- bel zerstört, und die experimentellen, exzentrischen Sprachpro- zessoren, die ihr Vater sich aus den qualmenden Überresten des Projekts Nimbus herausgesucht hatte, kommunizierten mittels anderer, weniger verständlicher Symbole. Das war eines der Gebiete Karin Crawfords während des Projektes gewesen. Sie trat vor in den Raum aus jenem geheimen Teil von Ti- granes' Haus, der immer ihr gehört hatte, dem Bereich, den ich niemals hatte kennenlernen dürfen. In jedem Haus, in dem, Tigranes je gewohnt hatte, gab es diesen dunklen, unbekannten Bereich. Ich reckte den Kopf, um zu sehen, was sich dort be- fand, was einen Raum ausfüllte, in dem jeder Gegenstand und jede Beziehung zwischen Gegenständen eine bestimmte Bedeu- tung hatte, aber die Wand glitt zu und bewahrte ihr Geheimnis. Sie zog ihr linkes Bein nach. Ich runzelte irritiert die Stirn. Wenn wir in der Lage waren, alles von der Ebene des praemoto- rischen Kortex bis hin zur Ebene der neuromuskulären Verbin- dungen zu reparieren, weshalb war sie dann behindert? Ihre linke Hand beschrieb eine abgezirkelte Geste, und sie legte Gedanken auf den Tisch: ein knorriges Stück roter Korallen, ein glasiges Tektit, eine helle Feder eines tropischen Vogels, eine kleine Messingbrille. Ein ätherisches Öl erfüllte die Luft mit seinem scharfen Duft, der an Verfall und Fäulnis erinnerte. Sie schob die Gegenstände behutsam hin und her, zeigte mir ihre Beziehungen untereinander und offenbarte sich und ihre Frage. Auf meinen fragenden Blick hin zog sie flache, breite Schreibtischschubladen auf und enthüllte endlose Reihen von Gegenständen, die, wie ich jetzt erkannte, nach den seltsamen grammatischen Regeln geordnet waren, die von der Interaktion ihres Geistes mit dem exzentrischen Kommunikationsprozessor erzwungen wurden, den Karin Crawford seinerzeit konstruiert und dessen Schicksal sie nicht geahnt hatte. Und das war natür- lich der Grund, weshalb Shira immer noch gezeichnet war, sich immer noch unbeholfen bewegte und ihr Bein nachzog. Die Person vor mir stellte eine Verschmelzung dieses Prozessors und dieses Gehirns miteinander dar. Und es war eine Person, die leben wollte. Tigranes hatte zweifellos befürchtet, dieses Individuum bei dem zum Scheitern verurteilten Versuch end-, gültig zu zerstören, die Tochter wiederherzustellen, die er von früher kannte, jene graziöse Tochter, die seine Frau zur Ballett- stunde gefahren hatte, als sie ums Leben kam. Ich dachte an das kleine Mädchen, Tundra, dessen Leben wir vergeblich gerettet hatten. Nein, nicht gerettet. Es war nicht möglich, ein Leben zu retten. Nur es zu verlängern. Sie hatte sich mittels Musik mitgeteilt, so wie Shira mittels konkreter Symbole ›sprach‹. So wie Helena Mennaura am Ende ihres Lebens überhaupt nicht mehr hatte sprechen können, da jede mögliche Kommunikationsverbindung durch automatische Laserchirurgie zerstört worden war. Als Tigranes sie und ihre Arbeit kennenlernte und dann hörte, wie ich Leben und Schick- sal der Gruppe beschrieb, muß er schließlich die Ursprünge dessen verstanden haben, was sich im Kopf seiner Tochter abspielte. Und er hatte Gideon Farley hergebracht, einen Mann, der ebenfalls einen Virt in seinem Kopf hatte, der von Karin Craw- ford, nun Helena Mennaura genannt, konstruiert worden war. Tigranes hatte diese Information aus mir herausgelockt, als wir uns das letzte Mal miteinander unterhielten. Er mußte mir gefolgt sein, hatte mein Treffen mit Priscilla beobachtet und war mir danach wieder zurück gefolgt. Er hatte herausgefunden, wem ich die kritischen Virts eingepflanzt hatte. Die Sprache der Boten, die Sprache von Shira Tigranes, so erkannte ich jetzt, war eine Sprache, die ich nicht fließend beherrschte. Verdrossen zog ich weitere Schubladen auf, er- blickte ganze Kolonnen unverständlicher Symbole, die bereitla- gen, um mit Bedeutungen versehen zu werden. Ich verzweifelte darüber., Etwas mußte ich sagen. Ich fand einen verwitterten, toten blauen Papagei und lehnte ihn gegen Tigranes Foto, um ihr mitzuteilen »Dein Vater ist tot«. Darüber hinaus konnte ich wenig mehr an Erklärung liefern. Sie schaute auf den Vogel, auf dessen Brust ein Quarzkristall lag, und nickte. Dabei liefen ihr die Tränen aus ihrem lebendi- gen Auge. Das andere starrte ins Leere. Sie stellte keine Fragen – wie, wann, weshalb –, sondern arrangierte lediglich ihre Koralle, das Tektit, die Feder und die anderen Teile um. »Wann hast du das erste Mal erkannt, wer du bist?« Ich sah Shira an. Sie stand aufmerksam vor mir und wartete auf meine Antwort. Ich schüttelte den Kopf, dann schlang ich meine Arme um sie. Sie erschrak und musterte mich lange und eindringlich. Dann, ein wenig steif und unsicher, legte sie den Kopf auf meine Schulter. Es war zuviel. Viel zuviel. Zuviel Tod, zuviel Zerstörung, zu- viel Verzweiflung. Ich hatte ihr nichts zu sagen, nichts zu erzäh- len, nichts zu geben außer dem Schmerz, den wir bereits teilten. Ich weiß nicht, wie lange wir einander auf diese Weise fest- hielten. Es ergab keinen Sinn, überhaupt keinen. Es gab Dinge, die getan werden mußten. Von Gewalt geprägte Ereignisse würden mit dem Tod von Sal Tigranes nicht aufhören. Es war schwer, sie loszulassen, sie stehen zu lassen, still und alleine, im Haus ihres Vaters. Shira betrachtete mein Gesicht eine ganze Minute lang, viel- leicht auch länger. Ich blieb völlig unbeweglich stehen, als posierte ich für ein Porträt. Dann deutete sie wieder auf ihre Frage: »Wann hast du zum erstenmal erkannt, wer du bist?« Mit einer Glasscherbe konnte ich endlich die gestammelte, Antwort geben: »Genau in diesem Moment.« Wir unterhielten uns. In meinem immer noch wortlosen Stadium war es eher etwas, das mir vertraut war. Es war wie eine Jamsession mit einem ausgewogenen Musiker, einem Musiker, der viel besser war als ich. Wenn ich sagen würde, ich hätte keine Ahnung gehabt, was wir sprachen, würde ich nicht lügen, aber wenn ich sagte, ich hätte alles verstanden, wäre es auch nicht näher an der Wahrheit. Bleiglanzkristalle, vergilbte Handwurzelknochen, Spritzer aromatischen Benzoins, Netzsy- steme aus Spinnwebfäden, konserviert mit biegsamer Plastik- masse, Samenkapseln tropischer Pflanzen – die Morpheme drückten derart viel aus, daß es beinahe verschwenderisch erschien, seriöse menschliche Ideen mit ihnen weiterzuvermit- teln. Vielleicht benutze ich dies auch nur als Entschuldigung. Ich fürchte, daß der Versuch, mit mir zu kommunizieren, für sie außerordentlich frustrierend gewesen sein muß. Eine Sache gab es, die ich wissen wollte. Wie würde ihr wei- teres Schicksal aussehen? Wohin ging sie? Wohin wollte sie gehen? Mit den Boten, erwiderte sie. Ihr Platz im Leben sei bei den Boten. Die Symbole vermittelten einen Ausdruck von Endgül- tigkeit. Ich zuckte die Achseln. Okay. Dann, mit dem Gefühl, daß ich die Gegebenheiten ihres gesamten Weltsystems verletzte, reich- te ich ihr eine Visitenkarte. Ich habe stets ein paar bei mir für die Leute, die keine Flexicards benutzten. Sie hielt sie in der Hand und starrte sie an, als wüßte sie nicht, was es war. »Meine Telefonnummer.« Meine Stimme klang seltsam in meinen Ohren. Ich konnte mich nicht entsinnen, wann ich sie, das letzte Mal gehört hatte. »Meine Adresse.« Als meine Spra- che zurückkehrte, hatten die Symbole, die die Platte des alten Schreibtisches bedeckten, für mich noch weniger Bedeutung. Ich empfand Verzweiflung. Ich schaffte es schließlich, eine Seemuschel hervorzuholen, das Symbol der Sicherheit, des Zuhauses, und deutete ihr damit an, daß sie mit mir kommen könnte, wenn sie es wollte. Sie könnte zu mir kommen, und sie wäre mir stets willkommen. Shira ergriff die Muschel und hielt sie in der Faust. Unter lautem Getrappel harter Schuhsohlen auf der Treppe erschienen die Boten. Es gab nichts mehr zu sagen. Ich sah ihnen zu, wie sie Shira aus dem Raum geleiteten, betrachtete ihre bedeckten Köpfe, ihre Kleider, ihre rätselhaften Symbologi- en. Tigranes hatte sie erfunden, damit seine Tochter jemanden hatte, mit dem sie reden konnte. Sie hatten ihre eigene Bedeu- tung entwickelt, und ihr Einfluß wirkte sich auf die ganze Welt aus. Sie stand noch immer im Mittelpunkt ihrer Aufmerksam- keit, war noch immer Schöpferin und Erhalterin ihrer Sprache. Ich sah ihr nach, wie sie davonging. Sie drehte sich nicht um. Der letzte Bote, der mich ebenfalls nicht ansah, schloß und verriegelte hinter Ihr die Tür. In der plötzlichen Stille hörte ich eine kleine mechanische Melodie. Es war ein altes Lied, ein abgedroschener kultureller Artefakt: ›How Much Is That Doggy In The Window?‹ Ich blickte nach unten. Zerbeult und verbogen von dem, was er durchgemacht hatte, saß ein kleiner Aufziehhund auf dem Fußboden, ein Hund, der den Kopf gesenkt hatte und dessen spiralförmiger Schwanz sich immerfort drehte, während die Melodie abgespielt wurde. Das erste und letzte Symbol der, Liebe eines Vaters, der Anfang von Shiras Ausblick auf die Welt. Er gab noch ein paar letzte schräge Töne von sich und verstummte. Ich ließ ihn auf seinem Platz sitzen. KAPITEL 34 Die Möbel waren verschwunden, und auf den Dielen lagen keine Teppiche mehr. Mehrere Wände waren bis auf den Fuß- boden abgetragen worden, um wegzuschleppen, was früher dahinter versteckt gewesen war. Die Fenster standen offen, und die kalte Oktoberluft drang herein. Nicht ein Staubkörnchen blieb zurück, das hätte darauf hinweisen können, daß hier jemand gewohnt hatte. Selbst der Garten – ich schaute durch die offene Terrassentür hinaus – war verschwunden, ehe er hatte blühen können. Nun war nichts mehr vorhanden außer einer Wildnis umgepflügter Erde. Nur ein Ding blieb zurück, um auf Tigranes' frühere Existenz hinzuweisen. Eine junge Eiche stand an der Garagenecke, leicht vorgebeugt gegen den herannahenden Winter, die Blätter kupferfarben. Die Wurzeln wurden von einer Schicht weißen Plastikschaums gegen die Kälte isoliert. Ich saß hier fest, weit draußen in den Vororten, weit weg von jeglicher Fahrgelegenheit, und ich zweifelte nicht daran, daß der überbezahlte Sicherheitsdienst dieser privilegierten Enklave schon bald erscheinen würde, um mich nach draußen zu beför- dern oder wegen unbefugten Betretens zu verhaften. Eine, sitzende Ente sowohl für Watkins wie auch für Gideon Farley. Aber Tigranes, oder seine Boten, hatten mir einen letzten Gefallen getan. Mein eigener Wagen, ramponiert, aber noch intakt, stand auf dem Ziegelparkplatz unter der Hecke, und das Tor dahinter war entriegelt. Mit zitternden Fingern sprang ich hinein, fuhr zum südöstlichen Highway und schlug die Rich- tung zu Hank Rush ein. Die Landkarte des Wagens zeigte mir die Straßen rund um den Lake Calumet, konnte mir aber nicht verraten, wo ich in den Sümpfen und Wäldern von Rushs Reich umhergewandert war. Zwischen den Wohnvierteln mit ihren kleinen Häusern gab es weite Flächen voller verlassener Fabriken, Giftmülldepo- nien und riesiger Abfallhaufen, die mit den züngelnden Flam- men brennenden Methangases bedeckt waren. Und während ich herumsuchte, war Farley, unser Mörder, zweifellos zu seinem nächsten Opfer unterwegs. Hank Rush existierte vor- wiegend mechanisch und elektronisch, aber er konnte durchaus ermordet werden. Dann sah ich es, weit weg, einen langen Kran, rostbraun, mit einem geschmückten künstlichen Weihnachtsbaum am Haken. Ich lenkte den Wagen sofort an den Straßenrand und wäre beinahe im Straßengraben neben einem zerbeulten Kühl- schrank und einem Herd gelandet, die gemütlich aneinanderge- schmiegt im Unterholz standen, zurückgelassen von einem aufgeregten, renovierenden Hausbewohner. Ich rannte los, gepeitscht von niedrig hängenden Ästen, at- tackiert von Dornenbüschen. Falls es eine Schutzzone gegeben hatte, so war sie jetzt verschwunden. Nichts behinderte meinen rasenden Lauf., »Hank!« rief ich, während ich rannte. »Hank Rush!« Er ra- schelte als Antwort noch nicht einmal mit dem restlichen Eichenlaub. Ich überwand den umgekippten Maschendrahtzaun mit ei- nem mächtigen Satz und vermied es nur knapp, mit den Füßen im Draht hängenzubleiben. Dahinter befand sich die Lichtung mit dem Schmelzofengehäuse. Es war nach hinten gekippt. Davor standen Bäume, an die ich mich nicht erinnerte, ge- krümmte, astlose Gebilde wie Palmen, über die gerade ein Wirbelsturm hinweggefegt war. Ich brauchte einen Moment, um in ihnen die Gliederröhren zu erkennen, die während meines Gesprächs mit Rush aus dem Erdreich aufgetaucht waren, um mir Angst einzujagen. Sie waren nun abgestorben, mitten im Todeskampf erstarrt. Während ich zwischen ihnen hindurchging, sah ich, daß der Silberdraht, der das geborstene Ofengehäuse zusammengehalten hatte, durchgetrennt war, und daß der obere Teil abgerutscht war und sich steil zur Seite gelegt hatte wie eine Gassenstreunermütze. Die vorher kühle Herbstluft war nun ein heißer Schmerz in meinen Lungen, aber ich zwang mich, mein hohes Tempo beizubehalten. Der Wald blieb zurück, und ich stand auf der freien Fläche, wo Rushs Gummi- und Ionisationsfeldgesichter zu mir gesprochen hatten. In einem Schaukelstuhl saß Gideon Farley. Er schaukelte gemütlich auf einer bis jetzt noch nicht zerfal- lenen Betonfläche und erweckte den Eindruck eines Mannes auf seiner eigenen Veranda. Der Schaukelstuhl war alt und abge- nutzt. Eine Kufe war mit Schlamm und Grashalmen bedeckt, demnach hatte er ihn wahrscheinlich aus einem Graben heraus-, gezogen, wo er zurückgelassen worden war. Sein Kopf war nachdenklich vornübergebeugt, und er schaute nicht hoch, obgleich ich pustete wie ein Wal beim Luftholen. Ein dumpfes Rumpeln ertönte, das ich durch meine Fußsoh- len spüren konnte. Ein paar Schritte entfernt bewegte sich der Erdboden, nur ein wenig, als grübe sich ein riesiger Maulwurf unter der Oberfläche hindurch. »Hank!« rief ich. Nichts, nicht einmal der Wind, antwortete mir. Farleys Kopf wandte sich mir langsam zu. Er lächelte. »Peter! Was für eine schöne Überraschung. Ich hätte niemals erwartet, Sie hier zu sehen.« Er trug einen von Tigranes' Hausmänteln aus roter Seide, ordentlich zugebunden. Er legte seine sorgfältig manikürten Finger auf die Armlehnen des Schaukelstuhls und drehte sich zu mir um. Ich konnte jetzt erkennen, daß der Hausmantel überhaupt nicht ordentlich war, sondern zerfetzt und zerrissen von den Dornbüschen, die Rush umgaben. Das schien Farley nichts auszumachen, der sich lässig in seinem Sessel zurück- lehnte. »Was, zum Teufel, haben Sie hier zu suchen, Farley?« Er schien über meinen unfreundlichen Ton nicht zu er- schrecken. Er zuckte die Achseln, als wären wir alte Freunde und als wüßte er, daß ich nur mal wieder eine meiner Launen hatte. »Ich knüpfe ein paar lose Enden zusammen.« Er streckte mir die gespreizten Hände entgegen, als böte er mir irgend etwas an. Die Erde wogte hinter ihm, und Erdbrocken flogen in die Luft. »Ich sorge dafür, daß alles ordentlich und sauber ist.« Er lächelte. »Ergibt das für Sie keinen Sinn?« Er bemerkte, meinen Blick über seine Schulter und streckte deutend den Arm aus. »Hanks Maschinen. Er hatte viele davon. Einige sind ziem- lich clever, wirklich. Sie graben. Einige tarnen sogar ihre eige- nen Rohrleitungen, während sie sich vorwärts bewegen. Große, kleine – einige sind winzig und ziehen faseroptische Kabel durch das Erdreich. Nun, sie sind genauso nützlich, um Dinge auch wieder auseinanderzunehmen.« Ein alptraumhafter, riesiger Wurmkopf mit drei rotierenden Zahnreihen tauchte aus dem Erdreich auf und schwang ein paar Sekunden lang vor und zurück, bevor er wieder in die Erde eintauchte. Eine Schleife seines langen Körpers blieb über der Erde, während er sich bewegte. Seine glänzenden Metallseg- mente durchliefen diese Schleife fast eine Minute lang. »Ich kann sie steuern. Aber nur mit Ihrer Hilfe, Peter. Dank dessen, was Sie mit mir gemacht haben. Dafür bin ich Ihnen einiges schuldig.« Farley zupfte mit zwei Fingern ein Taschen- tuch aus seiner Brusttasche und tupfte sich damit die Stirn. Die Luft in meinem Hals schien zähflüssig zu werden. Es war eine vertraute Geste. Farley war jemand, den ich schon vor langer Zeit gekannt hatte. Jemand, den ich vermißt hatte. Je- mand, den ich – »Setz dich, Theo.« Seine Stimme war leise. »Ich glaube nicht, daß uns jemand stören wird. Übrigens, Hank wurde versetzt … woanders hin. Ich denke, wir brauchen uns seinetwegen keine Sorgen zu machen.« Er klopfte auf einen Stein neben sich, der mit einer Art mechanischer Trilobiten bedeckt war. Ich tat zwei Schritte vor, dann blieb ich stehen und balancier- te auf einem Fuß. Die Welt wurde plötzlich in zwei Bilder zerrissen, die ausgefranste Ränder aufwiesen. In dem einen Bild, saß ein Mörder geduldig da und wartete darauf, daß ich zu ihm kam, damit er der Liste seiner Opfer meinen Namen hinzufü- gen konnte. Im anderen Bild – ich spürte den Teppich unter meinen Knien, während ich schnell zur Tür krabbelte, wo ich mich hochziehen und durch die unterste Glasscheibe dorthin blicken konnte, wo Daddy gerade aus dem Wagen stieg. Seine langen Beine mit den großen braunen Oxfordschuhen waren alles, was ich sehen konnte, und ich kicherte und wischte mit den Fingern über das Glas, denn ich konnte es kaum erwarten, daß er hereinkam und mich unter den Armen ergriff und hoch in die Luft warf, so daß ich für eine Sekunde unter der Flurlam- pe in der Luft schwebte und auf sein Gesicht hinunterschaute, während er mich anlächelte, mein Vater … »Direktor Straussman«, sagte ich, und meine Stimme brachte kaum ein mattes Flüstern zustande. »Du kennst mich. Nicht wahr?« Ich leckte mir über die Lippen. Sie waren völlig trocken. »Ja.« Und so war es. Alles, von der Art, wie er saß, wie er den Kopf hielt, wie er lächelte, bis hin zu der Art und Weise, wie er mich zu sich lockte, verriet mir, wer er war. Sein Lächeln wurde ein wenig traurig. »Ich habe dich ver- mißt, Theo. Ich habe euch alle vermißt. Es ist schon so lange her. Was hast du die ganze Zeit getrieben?« »Ach, alles mögliche. Nichts Besonderes.« Ich machte noch einen Schritt auf ihn und zu und verharrte erneut. Er nickte mitfühlend. »Ich weiß, wie es sein muß. Langweilig. Das Zivilleben – nun, es liegt keine große Herausforderung darin, nicht wahr?« Er schaute über die Lichtung hinüber zu der verlassenen Fabrik. »Alles wird stetig langsamer wie dickes Blut., Träge. Habe ich recht?« »So übel ist es nicht. Wenn man die Musik hat.« »Aha.« Ein warmes Lächeln glitt über sein Gesicht. »Dem- nach spielst du also noch. Das ist gut. Das habe ich dir ge- schenkt, weißt du. Du brauchtest es. Und du hast es noch immer.« »Ich habe es noch.« Er interessierte sich für mich. Er interes- sierte sich dafür, wie es mir ergangen war. Das war alles, was ich wissen wollte, und ich hatte Angst gehabt, Angst, daß er jegli- ches Interesse an mir verloren hatte. Aber er interessierte sich noch. »Ich möchte für Sie spielen«, sagte ich. »Ich würde gerne spielen … was Sie immer gerne gehört haben.« Er nickte sanft. »Beethovens Siebzehnte Sonate. Ich habe nicht viel Ahnung von Musik, Theo, das weißt du ja. Ich hatte nie viel Ahnung. Ich weiß auch nicht, weshalb es gerade dieses Stück ist. Weißt du es? Einige dieser Sonaten haben doch Na- men, nicht wahr? Mondschein, Appassionata – das war Lenins Lieblingssonate, hörte ich mal. Die Siebzehnte … wie heißt sie?« »Einige Leute nennen sie die Frühlingssonate.« »Ich wußte, daß es dir einfällt. Ich mag sie sehr. Ich hoffe, du kannst sie für mich spielen. Mir hat deine Art zu spielen schon immer gefallen.« Ich würde mich nicht in seine Nähe begeben. Ich würde ihm nicht anbieten, ihm die Fingernägel zu polieren oder ihm heiße Schokolade zuzubereiten oder ihn zu einem Zweikampf in einem brennenden Gebäude herausfordern, all diese Dinge, die meine Geschwister hatten tun wollen, um die Rückkehr ihres Daddys willkommen zu heißen., Ich würde es nicht tun. Nein. Ich machte einen weiteren Schritt vorwärts. Er beugte sich vor. »Hast du mich vermißt, Theo?« Ich nickte. Und erinnerte mich schließlich daran, wie es ge- wesen war, als wir ihn verloren hatten. Sie hatten uns wieder ins Camp gesteckt, nachdem alles vor- über war, nachdem wir unseren Auftrag in Bessarabien erfüllt und unsere Lektionen gelernt hatten. Ich glaubte nicht, daß sie irgendeinen speziellen Plan hatten, weder verderblich noch wohlwollend. Es war der einzige Ort, der ihnen einfiel, um uns dorthin zu verfrachten. Es war dort genauso wie immer. Er war bereits alt, als wir ihn fanden, so daß ein paar Jahre mehr keinen Unterschied mehr machten. Aber das Gefühl war irgendwie nicht richtig. Alles war zu klein, als wären wir zurückgekehrt, um uns in unsere alten Schulbänke aus der fünften Klasse zu zwängen und auf eine schlecht abgewischte Wandtafel zu starren. Die Welt war im Aufruhr. Städte brannten, und die Kom- munikationssysteme wurden von Aryans in den Bergen von Idaho bedroht. Dann stieg Linden Straussman in seine Maschi- ne, um über die Berge von Alberta und British Columbia hin- weg nach Norden zu fliegen. Ich weinte, als ich es hörte. Schlimmer als ich je zuvor ge- weint hatte. Ich weiß, daß ich seitdem nicht mehr so schlimm geweint habe. Ich warf mich auf mein Bett und mit dem Gesicht auf den zerschlissenen Kopfkissenbezug. Er würde nie wieder zurück- kommen. Ich würde ihn nie wiedersehen. Ich würde nie mehr für ihn spielen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben, ohne ihn sein würde. Die anderen hielten sich in ihren Zimmern auf, stellten sich seiner Abwesenheit auf ihre eigene Art und Weise. Ich war sicher, daß sogar Tony Watkins trübsinnig in seinem Bett lag und das Gefühl hatte, als sei etwas aus ihm herausgerissen worden und als führe der eisige Wind hindurch. Deshalb wollte nach diesem Tag keiner dem anderen ins Gesicht schauen, als wir uns frei fühlten. Und nun war Linden Straussman zurückgekehrt. Die Hitze von meinem Lauf durch den Wald und die Sümpfe verließ meinen Körper, und ich begann trotz der hochstehen- den Sonne die Kälte zu spüren. Ich fror. Denk nach, verdammt noch mal. Dieser Mann hat Charlie, Lori und Gene ermordet und Karin dazu gebracht, sich selbst zu töten. Dieser Mann hatte meinem Freund Sal Tigranes die Kehle zerfetzt. Es hatte nicht die geringste Bedeutung, daß ich ihn liebte. »Weshalb?« sagte ich und spürte, wie Staub von dem Wort gefegt wurde, als ich es aus meiner Kehle preßte. »Weshalb haben Sie es getan?« Er schüttelte den Kopf, weil er nicht verstand. »Ich bin zu- rückgekommen, um dich zu sehen, Theo.« »Nicht mich. Nicht nur mich.« Ich hörte einen fernen Schrei von zerreißendem Metall. »Was tun Sie mit Hank?« Er zuckte die Achseln. »Ich stutze ihn ein wenig zurecht. Das hat er schon immer gebraucht, nicht wahr? Er hat sich gerne ausgebreitet. Das war manchmal ziemlich störend. Wenn man nicht wußte, welcher der Gegenstände er war.« »Ja«, sagte ich. »Sehr störend.« »Ich meine, sieh dir doch diesen Unsinn an.« Er deutete auf, den I-Träger mit Hanks Gesichtern. Sie waren alle erstarrt. Während ich sie betrachtete, veränderten sie sich und nahmen allmählich einen Ausdruck des Grauens an. »Hören Sie auf!« sagte ich. »Na schön.« Seine Stimme klang ruhig. »Laß uns – aber du hast doch etwas für mich, nicht wahr, Peter?« »Was? Ich weiß nicht …« »Was ist es denn? Hank. Denk nach. Wie habe ich ihn finden können?« Er überlegte einen Moment, dann hielt er den weichen Le- derhandschuh mit dem Innenfutter aus spitzen Stacheln hoch. Farley lächelte. »Das ist es. Das ist es, was ich brauche. Nun können wir auch den ganzen Rest eliminieren.« Zwei Grabklauen stiegen aus dem Erdreich hoch und zogen Kabel hinter sich her. Ein paar Schnitte, und die Kabel fielen herab auf den Erdboden, wo sie als verschlungenes Knäuel liegenblieben. Die Klauen näherten sich dem ersten Gesicht, einem flexiblen, das mit den Farben einer japanischen Thea- termaske bemalt war, und rissen es vom Träger herunter. Die Münder der anderen Gesichter öffneten sich und schrien in stummer Qual. Endlich bewegte ich mich, reagierte, aber nicht in Gideon Farleys Richtung. Es war typisch Hank Rush, eine ausgedehnte komplizierte Struktur zu erzeugen, die sich meilenweit erstreck- te, bis tief in die Erde reichte, und dennoch das Schmerzemp- finden für das Ganze zu erhalten. Schmerzen waren etwas, dem er nicht entrinnen konnte. Ich stürzte mich auf die Grabklauen. Es war dumm, dümmer fast als alles, was ich bisher getan hatte. Die Klauen, gepanzert und geschützt, waren genauso, einfach zu bekämpfen wie ein Motorblock. Sie schüttelten mich ab und machten einfach weiter, rissen Hanks Gesichter herun- ter und zerfetzten sie. Mit mechanischer Lässigkeit schnippte eine der Klauen mich weg und zu Boden. »Du warst stets zu symbolorientiert«, sagte Farley, und seine Stimme klang bedauernd. Er schüttelte den Kopf. »Dann ist da noch Tony. Wir müssen ihn suchen, mit ihm reden. Er ist nicht da. Hast du ihn gesehen? Hast du sein Objekt bei dir? Natürlich hast du es.« »Nein, ich …« Ich machte einen Atemzug. Meine Rippen schmerzten, wo die Klaue mich erwischt hatte. »Wo waren Sie?« Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Brauen, als er die Stirn runzelte. »Wo ich war? Theo, ich bin hier, genau vor dir. Was brauchst du sonst noch zu wissen? Du hast dich immer zu intensiv mit den Dingen beschäftigt, eine schlechte Gewohn- heit, wirklich. Aber es ist schon okay. Ich komme damit zu- recht.« Ich kämpfte mich auf die Füße. Ich war nutzlos, hilflos. »Sie haben sie getötet«, sagte ich. »Sie alle.« »Also, Theo, red kein dummes Zeug. Sie haben mich zurück- geholt. Stück für Stück haben sie mich gerufen. Und ich bin gekommen. Mit deiner Hilfe bin ich jetzt hier.« »Verdammt noch mal! Ich will Sie nicht! Ich brauche Sie nicht hier.« Ich machte zwei Schritte rückwärts. Meine Füße fühlten sich an, als schleiften sie durch hart werdenden Zement. »Theo«, sagte er. »Versuch nicht wegzugehen. Wir haben eine Menge zu bereden.« »Wir haben überhaupt nichts …« Er stand plötzlich auf, und seine Augen weiteten sich. Er sah, sich um, als hätte er keine Ahnung, wo er sich befand. Dann faßte er sich mit beiden Händen an den Kopf und brüllte. Es war ein Schrei, wie ein Schamane ihn ausstoßen würde, um Felsen zu zertrümmern oder einen weit entfernten Feind zu töten. Seine Kehle mußte davon bluten. Er hallte zwischen den Knochenplatten meines Schädels wider und zerrte an den innersten Bereichen meines Gehirns. Unwillkürlich warf ich mich auf den Erdboden, als wollte ich diesem Schrei entfliehen. Er holte Luft, eine kurze Stille trat ein, und dann brüllte er erneut. »O Gott! Wo sind sie? Wo sind sie alle?« Er sank auf die Knie, preßte die Hände auf seinen Kopf. Die Grabklauen waren mitten in der Bewegung erstarrt. Das unterirdische Rumpeln hatte aufgehört. Überall herrschte Ruhe. Farley schloß die Augen, schüttelte den Kopf und schlug die Augen wieder auf. Als er mich ansah, blickte ich in die Augen eines normalen, gesunden Mannes. Gideon Farley und niemand sonst. Ich kam mir albern vor, daß ich mir so sicher war, aber es war so klar und deutlich, wie ich noch nie zuvor etwas erkannt hatte. »Sie sind jetzt in Ordnung, Gideon«, sagte ich. »Es ist alles gut.« »Ich bin nicht in Ordnung. Ich bin verrückt.« Seine Stimme klang leidenschaftslos. »Das wird man beizeiten sehen.« Er erhob sich. »Richtig.« Was war mit ihm geschehen? Er hatte immer noch dieses abweichende Kundalini-Modul in seinem Gehirn. Karin Craw- ford hatte es mit symbolischen Verbindungen zur Gruppe gefüllt. Es waren Verbindungen, die Linden Straussman hatten, auferstehen lassen unter der Verwendung von Hilfsmitteln, deren Wirkungsweise ich noch nicht verstand. Was immer geschehen war, der Virt war noch immer in seinem Schädel. Linden Straussman konnte jederzeit zurückkehren. »Wissen Sie, wer Sie sind?« fragte ich. »Ja.« Er schien über die Frage ein wenig überrascht zu sein. »Mein Name ist Gideon Farley. Ich bin ein Heo bei Transcen- dental Transition. Ich bin verheiratet mit Corinne Zamm. Sie war mal mit Ihnen verheiratet.« Ich wartete darauf, daß er sich dafür entschuldigte, daß er es mir nicht gesagt hatte, als wir uns das letzte Mal sahen, aber von ihm kam nichts mehr. Tatsächlich hatte er die letzten Worte mit einem vorwurfsvollen Unterton ausgesprochen, als ob ich Corinne für ihn verdorben hätte. Er war wieder Gideon Farley mit allen Mängeln seiner Persönlichkeit. Ich denke, das hätte mich beruhigen sollen. »Entsinnen Sie sich, wer Sie vorhin gewesen sind?« fragte ich. Er starrte mich an, als hätte ich soeben eine besonders imper- tinente Frage gestellt. »Ich entsinne mich, was Sie mit mir gemacht haben.« »Und was war das?« »Sie haben mich getötet. Daran erinnere ich mich. Sie alle haben mich getötet. Und das hat mich in Rage gebracht. Ich war absolut sauer. Nach allem, was ich getan hatte … nach der Liebe, die ich Ihnen gab. Ihr habt mich verdammt noch mal getötet. Und jeder von euch hatte ein Stück von mir. Das mußte ich mir zurückholen. Deshalb habe ich … euch alle getötet.« Er blinzelte und war verwirrt über seine eigene Erinnerung. »Einen nach dem anderen. Das hat mich stärker gemacht.«, »Das waren nicht Sie, Gideon. Das war jemand anderer.« »Jemand anderer? Es ist sonst niemand hier. Nur Sie und ich.« »Das stimmt, er ist jetzt verschwunden. Er war ein Artefakt Ihrer Verbindung mit dem Netz. Er existiert nicht mehr.« »Ebensowenig all die Leute, die ich getötet habe. Oder sind sie am Leben und nach Hause zurückgekehrt, wo sie vor dem Fernseher sitzen?« »Nein«, entgegnete ich. »Sie sind tot.« »Ja, auch dieser Freund von Ihnen, der mit der Tochter. Ich vermisse sie, wissen Sie? Sie hat nicht geredet, aber sie hatte mehr zu sagen als jeder, den ich bisher kennengelernt habe. Es war zu schade, ihn zu töten, aber ich mußte weg, mußte mich verabschieden. Ich hatte einiges zu tun, und es erschien durch- aus richtig.« Er atmete tief durch. Ich empfand Haß auf diesen Mann, der meinen Freund so beiläufig ermordet hatte. Ich unterdrückte meinen Haß – ich mußte mich mit ihm beschäftigen, mußte dafür sorgen, daß es nicht noch einmal geschah –, aber der Haß war noch dort. Ich wußte, daß er es erkennen konnte. »Sie müssen mich begleiten«, sagte ich. »Dieser Virt, den ich Ihnen eingepflanzt habe, ist defekt. Es gibt noch Garantie …« »Einen Teufel werde ich tun.« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Ich lasse Sie nicht mehr an mich heran. Schließlich ist es mein Gehirn. Nichts zu machen.« Er betrachtete den zerrisse- nen Hausmantel, den er trug. »Ich sollte sowieso zusehen, daß ich nach Hause komme. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Peter.« Ich war verzweifelt. Linden Straussman war noch immer da, irgendwo. Dies war nur eine vorübergehende Remission. Ich, mußte dafür sorgen, daß sie dauerhaft war. »Gideon. Sie verste- hen nicht …« »Ich verstehe sehr gut. Sie sind sauer, weil ich Ihre Frau habe. Nun, es tut mir aufrichtig leid, aber so ist nun mal der Lauf der Welt.« Es besteht ein erheblicher Unterschied dazwischen, den au- genblicklichen Ehemann ihrer Ex-Frau zu hassen oder den Mann zu hassen, der ihre Freunde ermordet hat. Ich versuchte, die beiden Empfindungen voneinander zu trennen. Ich rückte etwas näher an ihn heran. Es war gegen alle Regeln, verstieß gegen die Art und Weise, wie ich mein Gewerbe ausübte, aber ich würde ihn tätlich angreifen und außer Gefecht setzen müs- sen wie ein Tier in einer Dressurnummer. Dann müßte ich ihn in mein Labor bringen und gegen seinen Willen seinen Schädel öffnen. »Seien Sie vorsichtig, Peter Ambrose«, sagte er und wich zu- rück. »Ich habe Ihren Freund total auseinandergenommen, mit seinen eigenen Werkzeugen.« Er deutete mit einer umfassenden Geste auf den unsichtbaren Hank Rush. »Bedenken Sie, was geschehen könnte, wenn …« »Irrtum!« donnerte eine Stimme um uns herum. »Sie reißen mir ein Stück Chrom ab und glauben, Sie hätten mich ausge- schaltet? Sie sind sowohl dumm als auch ein Mörder, Linden Straussman! Sie haben mich statt dessen für meine nächste Aufgabe befreit!« Ich betrachtete den immer noch lebendigen Hank Rush. »Er ist nicht Linden Straussman, Hank. Straussman ist tot. Das hast du mir selbst erzählt.« »Ich weiß.« Das einzige am I-Träger noch vorhandene Ge-, sicht lachte. »Deshalb habe ich ihn erneut getötet.« »Du hast ihn vom Netz abgetrennt?« »Er befindet sich hier auf meinem Gelände, Peter. Er hat sich geöffnet, um meine Werkzeuge unter seine Kontrolle zu brin- gen. Deshalb drang ich ein und trennte ihn ab, als er erledigt hatte, was erledigt werden mußte. In Karins Modul ist ein Fehler. Manchmal denke ich, daß sie die Fehler mit Absicht eingebaut hat. Weil alles Wertvolle irgendeinen Mangel auf- weist.« »Kannst du mir bei Farley behilflich sein?« fragte ich. »Ich bin an ihm nicht interessiert.« Farley, der sich beim Klang der dröhnenden Stimme entsetzt umgeschaut hatte, lachte nun. »Sehen Sie, Ambrose? Niemand steht auf Ihrer Seite.« »Sie werden nur Sie selbst sein«, sagte ich. »Ist es nicht das, was Sie sein wollen?« »Wie, zum Teufel, wollen Sie wissen, wer ich bin? Ich bin, was nötig ist. Deshalb leite ich Tran2, während Sie sich in die- sem armseligen Vorort nichts anderes als Pizza leisten können.« Er war süchtig nach Macht. Das erkannte ich deutlich. Je- mand anderer zu sein, auch wenn es der mordlustige Linden Straussman sein sollte, war kein zu hoher Preis für die Macht. Verbindung mit dem Netz, Kraft, Wille, all das wollte er. Viel- leicht hatte Gideon Farley niemals richtig existiert außer als leerer Empfänger für Linden Straussman. Ein tiefes Seufzen erklang ringsum, das sich anhörte wie eine heftige Sturmbö. »Ist es das wirklich wert, Peter?« »Das ist es, Hank.« »Ich muß jetzt gehen. Ich habe mich hier schon viel zu lange, aufgehalten.« »Sie wollen schon weg? Das ist zu …« Mitten im Satz fuhr ich herum, sprintete los und warf mich gegen Gideon Farley. Vollkommen überrumpelt stürzte er und prallte wie ein Sack Kartoffeln auf den Boden. Er wehrte sich heftig, schlug mir mit den Händen ins Gesicht, benutzte seine Ellbogen, seine Stirn. Ich rollte mich zur Seite und knallte meine Handkante gegen seine Schläfe. Er atmete ächzend aus und wehrte sich nicht mehr. Ich klopfte mein Hemd ab, als ob ich irgendeinen haut- durchdringenden Betäubungsspray bei mir hätte, aber es war nichts dergleichen vorhanden. Mein OP war weit weg. »Ich bin immer noch da, Peter. Aber nicht bewußt, nicht so, wie du es verstehen würdest. Es ist der einzige Weg, um diese Welt für das Leben sauber zu halten, das hier eigentlich gedei- hen sollte. Wir verwandeln uns in Maschinen und verlassen sie, indem wir uns unter ihre Oberfläche begeben. Das ultimative Ende meiner Evolution. Ich lasse diese fruchtbare und üppige Erde hinter mir. Ich bleibe unten und versuche, einige der Schäden zu reparieren, die wir auf ihr hinterlassen haben. Eines Tages wird sie wieder erblühen und uns verzeihen. Vielleicht sehe ich dich irgendwann einmal wieder, Peter Ambrose. Das fände ich schön. Ich werde unsere Gespräche vermissen.« »Hank …« Der Untergrund rumpelte, aber weitaus stärker als zu dem Zeitpunkt, an dem Farley versucht hatte, Hank mit seinen eigenen Maschinen zu vernichten. Tauchte er einfach unter die Oberfläche, um sich an den Pfützen und Blasen voller Giftstoffe und radioaktiver Müllreste zu laben, oder grub er sich tiefer, hinein in die Kruste, um das Aufsteigen von Magma zu ermög- lichen? Würde er seine eigenen elektromechanischen Fossilien in den Gesteinsschichten der Erde hinterlassen? Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Ich winkte. »Mach's gut, Hank.« »Mach's gut, Peter.« Der I-Träger mit dem letzten Gesicht stürzte zu Boden. Die verlassene Fabrik fiel in sich zusammen. Zwischen mir und der Ruine stieg Qualm vom Erdboden auf. Ich kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, wodurch er hervorgerufen wurde. Farley nutzte meine Abgelenktheit, spannte sich unter mir und entschlüpfte meinem Griff. Er rannte über das Feld auf die zerfallene Fabrik zu. Ich ver- folgte ihn ein paar Schritte weit, dann blieb ich stehen. »Gide- on!« rief ich, »Stop!« Er wurde nicht langsamer. Flammen züngelten vom trockenen Präriegras hoch, früher eine natürliche Erscheinung in jedem Herbst. Die Hitze brande- te fast gleichzeitig auf. Es gab Gräben und feuchte Gebiete, um das Übergreifen des Feuers auf die Wälder ringsum zu verhin- dern, aber die Lichtung, auf der wir standen, wurde ein Raub der Flammen. Ich beobachtete, wie schwarzer Qualm zum Himmel hochwallte. Farley verlangsamte seinen Schritt und stolperte. Flammen breiteten sich um ihn herum aus wie eine verschüttete, helle Flüssigkeit. Nach ein paar Sekunden war es so heiß, daß ich das Gesicht abwenden mußte. Die Hitze attackierte meine Haut. Hinter ihm herzurennen wäre genauso, als würde man von einem Gebäude hinunterspringen, um jemanden an den Füßen festzuhalten, der abgestürzt war., Farley schrie einmal – ein hoher Ton, der fast wie ein Lachen klang –, dann herrschte nur noch Stille. Ich blinzelte in die Hitze, das Licht und den Qualm und konnte nichts erkennen. Linden Straussman hatte sein letztes Opfer gefunden. KAPITEL 35 Tigranes hatte mir mal von einem uralten Philosophen erzählt, der glaubte, daß das grundlegende Element, das man in allem ringsum finden kann, das Feuer ist. Irgendwann mußte der alte Grieche ein Präriefeuer erlebt haben. Trockene Äste und Gras explodierten zu züngelnden Flammen, als ob es genau das sei, was die Natur sich schon die ganze Zeit gewünscht hatte, um zu offenbaren, was sie wirklich war, nämlich Feuer, das während des Frühlings und des Sommers gebändigt und grün gehalten wurde. Hitzewellen waberten über allem, so daß es mir vorkam, als befände es sich unter Wasser. Meine Haut schien Blasen zu werfen, aber ich flüchtete nicht. Ich zog mich lediglich Schritt für Schritt zurück, starrte dabei ins Feuer, als könnte ich dort etwas Wichtiges sehen, das geschwärzte Skelett Linden Straussmans in der Hölle vielleicht. Ich konnte noch nicht einmal die Überreste Gideon Farleys aufstöbern. Nach ein paar Minuten verdrängte ein aufkommender Wind das Knattern des Feuers, und ich hörte eine Stimme um Hilfe rufen. Ich war in den Morast des Sumpfgebietes zurückge- schleudert worden. Ich wirbelte herum und rannte mit alp-, traumhafter Trägheit und Langsamkeit auf die Stimme zu. Der Stoff meiner Hose scheuerte meine Knie auf, als er sich dagegen preßte. Es erschien unmöglich, daß Farley durch diese Hölle gerannt war und überlebt hatte, aber andererseits war auch unmöglich erschienen, daß er irgend etwas von dem getan haben könnte, was er tatsächlich getan hatte. »Theo!« rief die Stimme. »Verdammt noch mal, wo zur Hölle bist du?« Ich blieb stehen. Schlammiges Wasser umspülte meine Knie wie Schokolade, die in Milch eingerührt wird. »Hier, Tony«, antwortete ich. »Ich bin hier.« Watkins kauerte auf einem kleinen Hügel unter einer Eiche. Flammen leckten den Hügel hoch, und die restlichen Blätter entzündeten sich erst einzeln nacheinander, dann in Massen. Watkins' Gesicht war schwarz, seine Kleider versengt. Flam- men hatten sich um den Hügel herum ausgebreitet und ihn zu einer Insel, umgeben von Hitze und Licht, gemacht. Eine vorü- bergehende Insel. Glühende Teilchen, die früher mal Eichen- blätter gewesen waren, schwebten auf ihn herab wie brennende Schneeflocken. »Hank, dieser verdammte Kochtopf war nur ein Scherz!« brüllte er eine ziemlich verspätete Entschuldigung für den Streich, den er Rush in Kishinyov gespielt hatte. »Ich hatte doch keine Ahnung – verdammt, Theo, zum Teufel …« Er schaute blinzelnd in die Lichtflut um ihn herum und wischte sich mit dem rußgeschwärzten Handrücken über die Augen. Ich glaubte nicht, daß er irgend etwas erkennen konnte. Er rief meinen Namen aus blindem Vertrauen, oder aus Hoffnung. Wenn ich wollte, könnte ich mich umdrehen und ihn dort in den Flam-, men umkommen lassen und auf alle Fragen verzichten, deren Antworten er vielleicht kannte. Ich ließ mich wie ein Reptil in den Graben gleiten. Das Was- ser strömte über meine Haut, kalt und klebrig, und ignorierte das hektische Feuer, das an seinem Rand loderte. Als ich mich aufrichtete, waren meine Kleider schwer von Morast und Was- ser. »Peter Ambrose!« Er wechselte die Namen, als wollte er mich herbeizaubern. »Bist du da?« Er lauschte für einen Moment den knatternden Flammen, aber ich antwortete nicht. »Ich bin nur hergekommen, um mit Hank zu reden, mich über die alten Zeiten zu unterhalten und irgendeine Erklärung für das zu finden, was geschieht. Dann hat dieser Verrückte …« Die Flammen rissen ihm die Worte von den Lippen. «… was immer er ist. Oder war. Daher wußte ich, daß nicht du es getan hast. Diese verdammte Crawford hat uns allen eine verdammte Falle gestellt. Peter!« Ich trottete den Hang hinauf, triefnaß, als wäre ich tatsäch- lich irgendein primitiver Lungenfisch, der sich aufs Trockene retten will, der sich unbedingt selbst verbrennen will, nachdem er jahrelang vom Wasser aus fasziniert den heißen Schimmer über ihm beobachtet hat. Meine nasse Kleidung hielt die Hitze der Flammen für die paar Sekunden ab, die ich brauchte. Ich erwischte Watkins voll. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Wir rollten den Hang hinunter, durch das brennen- de Gras, und Watkins schrie. Dann landeten wir gemeinsam im Wasser. »Peter?« Er konnte mich noch immer nicht sehen, nun durch Schlamm und faulendes Unkraut geblendet anstatt durch Feuer., Er wischte sich mit den Händen übers Gesicht. »Da bist du …« Mit verzweifelter Wut drückte ich seinen Kopf mit beiden Händen unter Wasser. Er tauchte spuckend wieder auf. »Hey …« Ich tauchte ihn erneut unter, warf mich mit meinem gesam- ten Körpergewicht auf ihn. Sein Kopf schoß hoch, und ich gestattete ihm einen halben Atemzug, ehe ich ihm den Ellbogen ins Gesicht rammte und ihn erneut hinunterstieß. Ich bewegte mich schnell genug, so daß er sich nicht aus- rechnen konnte, aus welcher Richtung ich meinen nächsten Angriff führen würde. Er strampelte unter mir wie eine Krabbe, sackte aber erneut weg. Ich hätte ihn liebend gerne dort und in diesem Moment er- tränkt und seinen Körper im Wasser treiben lassen, damit die Polizei ihn fand und sich darüber den Kopf zerbrach – ein Mann verbrannt, einer ertrunken, einer in den Tiefen der Erde verschwunden. Verbinde diese Punkte mit einer einzigen Linie, ohne den Bleistift vom Papier zu heben. Aber – ich konnte es nicht. Er war der einzige, der von uns noch übrig war. Das letzte Mitglied unserer einmaligen disfunk- tionalen Familie. Der einzige, der mich noch verstehen konnte. Ich wollte mich nicht durch meine eigene Hand zum Einzelkind machen. Ich stemmte mein Knie zwischen seine Schulterblätter und stieß sein Gesicht in den Morast, während ich seinen rechten Arm nach hinten riß und die Pistole aus seinem Bizepsholster zog. Dann endlich gestattete ich ihm, das Gesicht aus dem Wasser zu heben und die Mündung seiner eigenen Pistole an seinem Auge zu spüren., Er schnappte danach. »Nein, nein, Tony. Das tut man nicht.« Ich rammte ihm ein Knie vor den Solar plexus. »Was zum Teufel ist das?« Er starrte auf die Pistole und machte das Gesicht eines Verratenen. »Hast du vergessen, daß du versucht hast mich zu töten, To- ny?« »Das habe ich doch schon erklärt.« Er ärgerte sich über mei- ne Begriffsstutzigkeit. »Es war ein Irrtum. Ich hatte keine Ah- nung von Farley …« »Wie beruhigend, nur wegen eines kleinen Fehlers in deiner Logik ermordet zu werden und nicht, weil ich wirklich schuldig bin. Ich fühle mich schon viel besser.« Er zuckte die Achseln und schaffte es, ganz ruhig zu bleiben, nun, da er wieder frei atmen konnte, obgleich er im Morast lag und ihm heiße Ascheflocken ins Gesicht wirbelten. »Du bist es doch, der diesen Hurensohn operiert hat, und nicht ich. Und du hast dir nicht die Mühe gemacht, mir irgendwelche Informatio- nen zukommen zu lassen. Was zum Teufel sollte mich denn davon abhalten, eine falsche Fährte zu verfolgen?« Seine blau- grauen Augen funkelten böse und forderten mich heraus, ihn zu erschießen. Rasende Wut stieg in mir hoch, und ich hätte ihm beinahe seinen Wunsch erfüllt. Es ist viel einfacher, einen Abzugshebel zu betätigen, als jemandem den Kopf unter Wasser zu halten, während er sich heftig dagegen wehrt. Seine Großspurigkeit geriet ein wenig ins Schwanken, als er mein Gesicht betrachtete. »Laß uns verschwinden«, sagte ich. »Farley ist tot, und wir haben eine ganze Menge zu bespre- chen.«, »Wohin bringst du mich?« Der nervöse, ängstliche Unterton in seiner Stimme war Belohnung genug für alles, was ich durch- gemacht hatte. »Nach Hause«, sagte ich. »Ich glaube, ich sollte jetzt nach Hause gehen.« Beschmiert und beladen mit trocknendem Schlamm wie belebte Tonstatuen stolperten wir in mein Kellerstudio. Watkins schau- te sich um, dann setzte er sich unter den Fleck im rissigen Beton. Ich schaute hoch. Wie, zum Teufel, war denn dieser Riß entstanden? Er war, soweit ich mich erinnern konnte, sauber gegossen worden. Und die Schalldämmplatten waren einfach heruntergefallen. Minderwertiger Klebstoff, schlechte Arbeit, das alles bedrückte mich. Ich setzte mich auf die Bank und stützte die Ellbogen auf das Klavier hinter mir. »Sie hat uns gesucht«, sagte Watkins. »Diese verdammte eisi- ge Luke, TerAlst. Ich weiß nicht warum. Ich weiß auch nicht, wie sie so viel über uns hat herausbekommen können, aber das war es, was mich hat aktiv werden lassen. Sie … hat gegraben und es herausgefunden. So eine wie sie kannst du nicht aufhal- ten, wenn sie einmal angefangen hat.« »Daher hast du also unsere restlichen Leute gesucht.« »Ja, habe ich. Weißt du, es war lustig. Sobald ich angefangen hatte, begriff ich, was mir gefehlt hatte. Du. Ihr alle. Es war, als hätte es niemals etwas anderes gegeben. Und ich hatte euch alle gehen, davonziehen, verschwinden lassen.« Er saß mit gespreiz- ten Beinen da und hatte seine langen Hände entspannt in den Schoß gelegt. »Ist dir denn niemals in den Sinn gekommen, daß TerAlst, ohne deine Suche nicht einen von uns hätte finden können?« Watkins' Kopf ruckte herum. »Was sagst du?« »Du weißt verdammt genau, was ich sage. Wenn jemand ein Handlanger war, dann du. Du warst der einzige, der genug wußte, um die anderen zu suchen und zu finden. Wie hast du erfahren, daß IC hinter uns her war? Sie haben dir sicherlich keine entsprechende Nachricht mit der Post geschickt, oder?« »Nein, sie haben mich nicht benachrichtigt.« Er war ungehal- ten. »Ich habe immer die Ohren offengehalten, sogar als ich auf einer Couch in der Mall lag und schlief. Und ich habe genau zugehört. Jemand erkundigte sich nach der Gruppe. Jemand suchte nach uns. Wir haben gute Arbeit geleistet, indem wir Nimbus in ein einfaches Netzprogramm umwandelten, aber ich spürte, daß die richtigen Fragen irgendwo im Hintergrund lauerten. Jemand wollte sich kundig machen.« »Deshalb hast du Karin Crawford – Helena Mennaura – auf- gesucht.« »Sie war leicht zu finden. Sie machte genau das, was sie schon immer gemacht hat. Es war fast so, als sei es ihr völlig egal, ob man sie findet oder nicht.« »Vielleicht war es ihr gleichgültig. Vielleicht hätte keiner von uns sich deshalb Sorgen machen sollen. Vielleicht wären wir dann alle noch am Leben.« Seine Augen verengten sich. »Ja, vielleicht. Und für was? Was bin ich jetzt?« »Du? Du bist das, was du immer warst, Tony. Was du immer sein wolltest.« »Richtig.« Er griff in seine Brusttasche und holte etwas her- aus. Ich spannte mich innerlich und fragte mich unwillkürlich,, ob es eine Waffe war, die ich nicht gefunden hatte. Aber es war lediglich ein Tablettendöschen, das ich bereits inspiziert hatte. Er nahm eine Kapsel heraus und legte sie auf seine Handfläche. Ich entspannte mich. Solange er mich nicht zu überwältigen versuchte, um mich zu zwingen, Gift zu schlucken, brauchte ich nichts zu befürchten. »Aber ich muß zugeben, Peter, daß ich in den letzten zwei Wochen mehr Spaß hatte als je zuvor … zu- mindest seit wir das letzte Mal Fitzwater verließen.« »Es gibt keinen Grund, weshalb sich das ändern sollte.« »Nein, den gibt es nicht. Aber wir brauchen jemanden, der alle Fragen beantwortet, jemanden, der das Aushängeschild ist. Schließlich ist unser Mörder tot, im Feuer verbrannt. Die Virts, die du ihm eingepflanzt hast, sind mit seinem Schädel zerkocht. Glück für dich, denke ich. Aber was von alledem kann man der Polizei auftischen? Es ist ein großer Mist, Peter, und das weißt du selbst. Du weißt, wie die Polizei reagiert, wenn sie hungrig ist. Sie wollen uns, wollen uns aus dem Verkehr ziehen. Irgend etwas müssen wir ihnen anbieten. Und diese TerAlst ist eine ganz hungrige. Ich kann ihren Magen bis hierher knurren hören.« »Das ist aber alles, was wir haben.« Gegen meinen Willen wurde ich nervös. Watkins demonstrierte eine ganz spezielle Art von heiterer Zuversicht, als wüßte er – wieder einmal – genau, was er tat. »Ja, ja. Das ist es, was wir haben.« Er machte ein nachdenkli- ches Gesicht. »Linden Straussman. Wo war er? Wo ist er?« »Tot.« Meine Stimme klang barsch. »Ich bin es leid, mich weiter dazu zu äußern.« »Ich auch. Knochen oder keine Knochen, wo immer sie sein, mögen, es wird allmählich Zeit, daß wir uns mal mit ihm unter- halten, nicht wahr?« Er grinste mich an. »Eine interessante Geschichte, nicht wahr, die Michaud uns von dem Rauch über dem Haus seines Vaters erzählt hat. Ich hatte auch eine Ge- schichte auf Lager. Ich habe sie nicht erzählt, weil ich etwas ganz Bestimmtes verstand. Ich frage mich, ob es dir genauso ging. Meine Mutter ließ immer den Teekessel auf dem Herd stehen. Es war ein riesiges, gußeisernes Ding, viel größer als ich selbst, und sie setzte es immer auf den Herd und ging dann weg und vergaß es. Ich schrie und schrie wie eine dieser Fabriksire- nen, die sie in den Zeichentrickfilmen zeigen. Und der Dampf… eine riesige Wolke, Peter. Eine Kumuluswolke in dieser grünen Küche mit den gelb geblümten Fenstervorhän- gen. Der Kühlschrank war bedeckt mit Magneten, die wie Früchte geformt waren. Und eine große schwarze Gewitterwol- ke, die aus dem Kessel aufstieg und über mir hing, während ich mit meinen Lastwagen auf dem Linoleumfußboden spielte. Ich schrie nach meiner Mami, aber sie konnte mich bei dem Geheul dieses verdammten Teekessels nicht hören …« Sein Gesicht verzerrte sich bei der Erinnerung, als verursachte sie ihm ganz besondere Schmerzen. Er sah mich an. »Es war ein kreidiger Geruch, wie von Essig und verbranntem Haar. Ich kann ihn immer noch riechen. Deshalb trinke ich keinen Tee.« »Tony, das ergibt überhaupt keinen Sinn.« »Du hast recht. Das ergibt überhaupt kein verdammtes biß- chen Sinn.« Er zerdrückte die Kapsel zwischen den Fingern. Ich nahm einen scharfen, komplizierten Geruch wahr. Scharfes heißes Öl und Lakritze. Der Geruch war so stark, so daß ich ihn auf der Zunge schmecken konnte. Es war der Geruch des Hau-, ses meiner Großmutter, im oberen Flur. Der Geruch, so er- kannte ich plötzlich, der überhaupt keinen Sinn ergab. Meine Großmutter, wer immer sie gewesen sein mag, hatte nicht in einer Kombination aus Autowerkstatt und Süßwarenladen gewohnt. Ich erinnerte mich an den Flur und an den Knick, den er … vor dem trockenen Klavierzimmer in Camp Fitzwater machte. Er führte nirgendwohin, absolut nirgendwohin. Es gab keinen Flur, keine Großmutter, keinen Fleck. Ich schwang meine Beine herum und wandte mich dem Kla- vier zu. Der Deckel schien aus eigener Kraft hochzuklappen, und ich spürte, wie meine Finger über die rauhen Flächen der Tasten aus künstlichem Elfenbein glitten. Ich brauchte es, brauchte die Musik wie eine Droge. Wenn ich jetzt nicht spielte, würde ich nicht mehr atmen können. Das Spiel hatte mich am Leben erhalten, in Fitzwater, in Bessarabien, in den Jahren nach Corinne. Nichts anderes war wichtig. Außer Linden Straussman. Er erschien düster über mir an der Wand, wo er all die Jahre gestanden hatte, in denen ich annahm, ihm entkommen zu sein. Ich spürte, wie sein Schatten auf mich fiel. »Du warst kein Musiker, als du nach Fitzwater kamst«, sagte Watkins, während er sich neben mich auf die Bank setzte. »Ganz und gar nicht. Niemand in deiner Familie war es, und du hattest keine entsprechende Ausbildung. Aber er fand den latenten Kontrollhaken, vermittelte dir das Können und ließ dich laufen. Aber der Haken war immer da gewesen, hatte gewartet, auf dich gewartet.« Die Tasten unter meinen Fingern waren wie helle Lichter. Noten lagen bereits aufgeschlagen auf dem Klavier: Beethovens, Siebzehnte Sonate in d-Moll. Straussmans Lieblingsstück. Er hatte mich gebeten, es zu spielen. Die Noten drangen hinaus in die Stille der Welt. Es war ein machtvolles physisches Empfin- den, als sammelte ich die Noten ein, die in meiner Hand vi- brierten, und als schleuderte ich sie zu den Wolken hinauf. »Ist er da?« Watkins' Stimme klang angespannt. »Siehst du ihn?« Ich gab keine Antwort. Er ergriff meinen Arm, brachte mich dazu, einen Akkord zu verpassen. Die falschen Töne wurden angeschlagen. »Wo ist er? Ist er da?« Straussman streckte die Hände nach mir aus, und ich hätte mich beinahe nach hinten geworfen. Er hatte mich die ganze Zeit beobachtet. So war er nun mal, still, verschlagen, immer da, wenn man ihn am wenigsten erwartete. Außer, daß ich gelernt hatte, immer mit ihm zu rechnen, nicht wahr? Ich glaube, das hatte ich vergessen. »Nein«, sagte ich über die Musik. »Ich sehe ihn nicht. Er ist tot, Tony.« Unwillkürlich straffte ich die Schultern, während ich redete, denn ich kannte die Intensität von Straussmans Wut. Er beugte sich über mich, wobei seine sauberen Fingernägel in der Dun- kelheit leuchteten. »Du lügst!« brüllte Watkins. »Verdammt noch mal, er ist da. Du kannst ihn sehen. Erzähl mir, was er sagt!« Vorsichtig fügte ich der Musik Verzierungen hinzu, barocke Verzierungen, als spielte ich Bach oder Scarlatti. Beethoven hätte mich wohl von der Bühne gejagt, brüllend, mit wild wallendem Haar, aber er war noch toter als Straussman. Ich fügte Noten hinzu, Triller, Mordente. Natürlich verdarb das alles. Beethoven hatte gewollt, daß jede Note an ihrem Platz, blieb, und sie standen so dicht zusammen, daß sie sich gegensei- tig fast auf die Füße traten. Wenn Watkins die Siebzehnte gekannt hätte, hätte er gewußt, daß irgend etwas nicht stimmte, aber er hatte schon immer schlechte Ohren gehabt. »Ich sehe überhaupt nichts, Tony.« Luft geriet in Bewegung, und der Raum war voller Gesichter. Sie schwebten herum und zerflossen und ergaben keinen Sinn. Es waren nur Gesichtszüge, keine Verbindungen, wie schlecht geklebte Tapete. Und Klingen, Messer, Blut und Haare … die Welt schwankte sinnlos um mich herum. Nur die Musik, die ich mit den Fingern produzierte, war solide. Nur sie konnte mich aufmuntern. Während ich spielte, sah ich die Band, die ich für Amanda TerAlst geschaffen hatte – die Gruppe. Hank Rush spielte auf seinem eigenen vielplattigen Körper Percussion, Charlie Geral- dino brummte die tiefen Töne auf dem Baß, Karin Crawford glitt mit den Fingern geschickt über die Klarinette, Lori Inversa- to wechselte mitten im Spiel zwischen Kornett und Flügelhorn hin und her, Anthony Watkins vollführte unglaubliche Dinge mit seinem Saxophon und Linden Straussman schwebte düster über allem. Wir waren alle Nonexistent Jazz Greats. Musik erscheint soli- de und fest, bis man versucht sie aufzugreifen, und dann schlängeln sich einem die Noten aus den Fingern und sinken zu Boden wie geschwollene Spermazellen. Ich mußte Sheldon davon erzählen, ich mußte es einfach. Es paßte sehr gut in seine Welt. Die verdammte Gruppe. Bandleader bei Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, und die Gruppe spielte weiter, als sei er überhaupt nicht gestorben. Sie konnten ihn sehen, da vorne,, wie er im Licht der Scheinwerfer einen Schatten warf. Cloud of Witnesses, die spielten in Bessarabien. Kein Haufen von Datenfreaks, die mit den Gehirnen der Menschen herum- pfuschten. Das war richtig so, das war es, was einen Sinn ergab. So stellte ich es mir vor. Ich betrachtete es als die Vergangen- heit, die ich hatte. Niemand wäre je daran interessiert, Leute zu ermorden oder zu verhaften, die nur gute Musik spielten, oder? Trotzdem konnte ich nicht weg, so sehr ich es versuchte. Es war mir sogar unmöglich, die Finger von den Tasten zu lösen. Statt dessen veränderte ich das Thema von Ludwig van. Ich spielte eine ganze Reihe von Variationen, die auf einigen Noten der linken Hand basierten, veränderte dabei Tonart und Rhythmus, bis die ursprüngliche Melodie total verschwunden war. Ich wußte nicht einmal mehr, was ich spielte. Dann verschwand ein ganzer Block Noten am unteren Ende der Klaviatur. Als ich auf die Tasten schlug, hörte ich gar nichts, nur Stille. Ich schüttelte irritiert den Kopf, atmete zischend ein und zog die Finger zurück. Die Stille blieb, hoch durch die Tonleitern, trieb mich lang- sam auf der Klaviatur nach oben, deckte die Musik zu und entfernte sie. Thematische Kompliziertheit verschwand. Was ich spielte wurde immer mehr beschnitten, die Harmonien wurden immer simpler, bis ich bei Tigranes' Stück ›How Much Is The Doggy In The Window?‹ landete und die verzerrten Töne von Shiras zerbeultem Aufziehspielzeug imitierte, und zwar im oberen Bereich der Töne, so daß nur ein Klimpern und Klirren zu hören war. Ich weinte um ihn, weil ich ihn vermißte, und um seine stumme Tochter, wo immer sie im Augenblick sein mochte. Dann verschwanden auch diese Töne, und, schließlich saß ich vor einem völlig stummen Piano. Ich blickte auf. Ich mußte blinzeln, um etwas zu erkennen. Am Ende des aufgeklappten Flügels stand Priscilla McThornly. Ihr Haar war primitiv geschoren, wie Holz, das mit einer Axt gekürzt wurde. In der Hand hielt sie eine Drahtschere. KAPITEL 36 Priscilla sah mich an, als hätte sie Schwierigkeiten mich wieder- zuerkennen. »Ich … habe gewartet«, sagte sie. »Das hat sie mir gesagt. Warte ab. Aber ich konnte nicht mehr warten. Etwas stimmte nicht … etwas an der Art, wie du gespielt hast. Es tut mir leid, daß ich dein Klavier ruiniert habe. Es sieht aus … als … sei … es … sehr … schön … gewesen.« Sie ließ die Draht- schere fallen und sank zu Boden. Ich schüttelte den Traum ab und erhob mich von der Kla- vierbank. Der Fleck an der Wand war nun nichts Besonderes mehr, lediglich die Folge schlechter Arbeit. Hatte ich den Riß in der Wand selbst verursacht, so daß Straussman über mir er- schien? Ich wußte es nicht, jetzt jedenfalls. Straussman hatte sich in die Wolken verwandelt, in den Rauch, der aus einem Schornstein aufstieg, in den Dampf über einem pfeifenden Teekessel, und er hatte sich wie ein Gott in die Welt um uns herum zurückgezogen, in die Welt in unseren eigenen Köpfen. Lange Haare lagen um Priscilla herum auf dem Fußboden. Sie kniete sich hin und hob langsam Hände voll davon auf. Sie, blickte zu mir hoch. Das gestutzte Haar ließ ihre Augen größer erscheinen. »Ich habe gehört, wenn man sein Haar nimmt und es nach draußen ins Gras wirft, dann sammeln die Vögel es auf und bauen damit Nester, in denen sie ihre Jungen großziehen. Meinst du, das stimmt?« »Es stimmt.« Ich ging neben ihr in die Knie, um ihr zu hel- fen. »Ich bin ganz sicher, daß es stimmt.« Das dunkle Haar war lang, lag ausgebreitet auf dem Fußboden und schmiegte sich weich in meine Hände. »Das tun wir, weißt du«, sagte sie mit verschwörerischer Stimme. »Frauen. Wenn wir an einem Punkt in unserem Leben angelangt sind, dann schneiden wir uns die Haare ab. Deshalb verbringen wir soviel Zeit damit, es wachsen zu lassen und zu pflegen. Damit wir ein Zeichen setzen können.« Ich ließ die losen Haare durch meine Finger gleiten und at- mete den köstlichen Duft ein. Es war nicht mehr Corinnes Parfüm, erkannte ich. Es war ein dunklerer, kräftigerer Geruch. »Was für ein Zeichen?« fragte ich, und meine Stimme klang schärfer, als ich es beabsichtigt hatte. Obgleich sie einen hübschen Plisseerock trug, setzte sie sich auf den Fußboden und schlang die Arme um ihre Knie wie ein Kind, das im Gras sitzt. »Zuerst wollte ich gar nicht herkom- men.« Ich ließ mich neben ihr auf den Fußboden plumpsen. Die Anspannung dessen, was sie tat, spiegelte sich auf ihrem Ge- sicht wider. »Erzähl's mir, Priscilla.« »Sheldon hat mich überredet.« Sie sah mich nicht an, son- dern lehnte sich an mich, so daß die Wärme ihrer Schulter sich auf meine übertrug. »›Peter ist ein Idiot‹, sagte er. ›Er sieht gut, aus, sicher, aber er verbringt soviel Zeit mit Hinschauen, daß er manchmal vergißt gut zu sein, Tatsache. Er ist Musiker, also verzeih ihm!‹« Ein Musiker. Ich verspürte ein Frösteln. Nun wußte ich, wes- halb es so war. »Danke, Sheldon.« »Du bist noch immer mißtrauisch. Weshalb?« Ich drehte mich um und roch an ihrem Hals. Immer noch dieser weinige, rosinenhafte Duft, schwer und primitiv. »Du hast dein Parfüm gewechselt.« Ihre Augen weiteten sich. »Ha! Und da nehmen wir dieses Zeug, wissen genau, daß die Männer es überhaupt nicht bemer- ken, so wie sie auch nicht auf die tollsten Schuhe achten, und du hast es gerochen. Deshalb! Deshalb hast du mich bei Amalik so angeschaut. O Peter. Frauen riechen Parfüm. Vor allem Ehe- frauen. Wenn ich einen anderen Duft getragen hätte als jenen, den auch Corinne immer nahm, hätte sie mich an Gideon gerochen, wenn er nach Hause kam. Sie hätte sofort Bescheid gewußt. Sie hätte begriffen.« »Ah.« Ich holte mühsam Luft. Ich wollte ihr glauben. Ich wollte Vertrauen zu ihr haben. »Dann muß ich dich etwas fragen … Dieser Tag, an dem ich dich in deiner Wohnung besucht habe …« »O Gott … was war oben, Peter? Was hattest du vorher gese- hen, was hatte deine Haut so gespannt?« Ich beschloß, auf ihr Spiel einzugehen. »Eine Leiche, Priscilla. Der ermordete Körper meiner Freundin, der Frau, die in dem Apartment gewohnt hat.« »Das ist es also, was er tut. Er ist ein Mörder!« Sie lachte. »Mein Geliebter war ein Mörder.« Ihre Fingernägel gruben sich, in meinen Oberarm. »Wie, Peter? Er war nicht so. Er war kein Mörder, als er mich engagierte, als wir … uns ineinander ver- liebten. Er war es nicht!« Nein, Priscilla, wollte ich sagen. Er war es nicht, ehe ich ihn dazu machte. »Weshalb …?« »Weshalb ich dort war? Ich bin Gideon gefolgt. Ich machte mir Sorgen. Nein, nein, nicht wegen einer anderen Frau. Nun, vielleicht doch, ein bißchen nur. Aber eigentlich wegen ihm. Irgend etwas ging mit ihm vor … ich wußte nicht was. Wie viele Menschen hat er getötet?« Ich zählte in Gedanken und fügte Karin Crawford, die im Chicago River ertrunken war, der Zahl hinzu. »Fünf. Aber es war nicht …« »Moment mal.« Sie gestikulierte heftig. »Laß mich nachden- ken.« Ich ließ sie in Ruhe, während sie in konzentriertem Schweigen dasaß. »War eins der Opfer Mitglied einer dieser militärischen Banden?« »Nicht ganz. Aber einer starb in einem Bandenkrieg. In ei- nem brennenden Gebäude.« Sie schüttelte sich. »Diese verdammten Kämpfe. Das sah ihm gar nicht ähnlich, das wußte ich. Solches Zeug zu sammeln.« Ich entsann mich der detailliert ausgeführten symbolischen Fetische in ihrem Bücherregal. Sammlerstücke, hatte ich ange- nommen. »Er forderte jemanden heraus. Er machte sich bereit. Ich erinnere mich an einen … Diese verdammte nachgemachte menschliche Haut mit irgendwelchen eingenähten Dingen. Eine Schachfigur, Teile einer Uniform … aller möglicher Kleinkram. Gideon! Ich kann es kaum glauben.« Das war es, was an jenem Abend bei Michaud abgegeben, worden war, eine detaillierte Herausforderung auf der Grundla- ge dessen, was Straussman über seine Beziehung zu Michaud wußte, genau das, was ihn aus der Reserve lockte. Ich frage mich, ob es immer noch in seinem Stützpunkt auf der South Side herumlag. Ich hätte gerne mal einen Blick darauf geworfen, um mir ein Bild davon zu machen, wie Straussman, natürlich in symbolischer Form, Gene Michaud sah. Nun, da ich darüber nachdachte, erinnerte ich mich, daß ne- ben den Fetischen ein Buch über die Geschichte der Fabriken Chicagos gelegen hatte, außerdem ein Buch über Wildtiere, ein Buch über den südlichen Teil Chicagos … alles Material für die Suche nach Hank Rush. Es war alles da gewesen, direkt vor mir. Und ich hatte nur mit Priscilla geschlafen. Ich hatte nicht darauf geachtet. »Wo …« Ihre Stimme war weich. »Wo ist Gideon? Was ist mit ihm passiert?« »Tot.« Es gab keine Möglichkeit, das Wort abzumildern, und ich versuchte es gar nicht erst. »Er hat versucht, noch einen von uns zu töten. Und dabei ist er … gestorben.« »Oh.« Sie saß dort, die Arme um die Knie geschlungen, und starrte den großen Fleck an der Wand an. »Oh.« Tränen glitzer- ten in ihren Augen. Sie wischte sie weg. »O Peter, es ist so töricht …« Ich zog sie an mich. »Ja. Es ist töricht. Laß dich nicht ver- rückt machen.« Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und verbarg ihre Tränen. »Ich hatte keine Ahnung, was er trieb. Auch das war dumm.« Sie putzte sich die Nase. »Ich sollte nicht – Peter. Du hast mir Angst gemacht, als du aus diesem Haus herauskamst. Ich hatte, keine Ahnung, was du dort machtest, was Gideon dort zu suchen hatte … aber ich wußte, daß ich ihn schützen mußte. Bis ich endlich alles verstand.« »Deshalb hast du mit mir geschlafen?« sagte ich und atmete ganz flach, weil ich Magenschmerzen hatte. »Um mich abzulen- ken?« »Ja! Ich meine nein … ich glaube, zum Teil traf es zu. Es war sehr einfach, dafür zu sorgen, daß du nicht mehr nachdachtest.« »Ja. Wirklich einfach.« »Nicht! Ich sagte zum Teil. Aber der Rest … ich bin nicht hergekommen, um Gideon zu schützen, Peter. Ich bin hier …« »Du bist hier. Ich glaube nicht, daß ich ohne deine Hilfe hät- te fliehen können. Vor dem dort fliehen …« Ich deutete mit einem Kopfnicken auf das Klavier. Ihre feuchten Augen sahen mich an. »Hast du mit ihr ge- schlafen? Mit deiner lieben Ex-Frau, als du mich am Café abgesetzt hast und sie hierher gebracht hast. An jenem Abend neulich.« Ich hätte niemals damit gerechnet, daß die Eifersucht eines anderen mich so glücklich machen könnte. Es war wie ein Energiestoß an der Basis meiner Wirbelsäule. »Nein, Priscilla.« Und dann dachte ich – ich muß es Corinne sagen. Ich muß sie aufsuchen, um ihr mitzuteilen, daß ihr Mann nicht mehr lebt. Niemand anderer sollte das tun. Niemand anderer sollte diese Worte aussprechen. »Gute Antwort.« Ich wollte sie nicht gehen lassen, aber da waren noch Fragen, die beantwortet werden mußten. Es gab immer irgendwelche Fragen zu beantworten. Es schien, als würde mein Leben nie, mehr ganz frei von ihnen sein, nach so vielen Jahren ohne Fragen oder Antworten. »Wie bist du hereingekommen?« brachte ich mühsam her- vor. Sie sah mich überrascht an. Ich erwartete fast, daß sie mir erklärte, ich selbst hätte sie eingelassen. In meinem verrückten musiksüchtigen Zustand hätte ich praktisch alles tun können. Aber nein, ich konnte Priscilla nicht hereinlassen, ohne meine Finger von den Tasten dieses Klaviers zu lösen, und das war etwas, was meine Konditionierung mir niemals gestattet hätte. »Diese Freundin von dir hat aufgemacht«, sagte Priscilla. »Die Frau mit dem grauen Haar. Sie ist oben in deinem Wohn- zimmer und trinkt Kaffee.« »Oh.« Ich überlegte kurz. Hatte ich Amanda TerAlst erklärt, Wo mein Kaffee steht? Vielleicht. Vielleicht war dies das Thema all ihrer Verhöre gewesen. »Sie hat dich hereingelassen?« »Ja. Ich weiß nicht, was ich sonst getan hätte. Wahrscheinlich wäre ich vor deiner Tür auf der Treppe erfroren. Aber sie öffnete die Tür und meinte, ich solle hinuntergehen.« »Wie viele Leute sind sonst noch da oben?« In meinem Haus wimmelte es wahrscheinlich von Polizisten. »Nur sie und ein Mann. Hochgewachsen, graue Augen. Er schien ein wenig nervös zu sein. Ich hatte keine Zeit, ihn einge- hender zu betrachten, Peter. Ich habe mir wegen dir Sorgen gemacht.« Ich stand auf. »Schienen sie befreundet zu sein?« Sie grinste. »Nein, natürlich nicht. Sie ist eine Polizistin. Das erkennt man schon an der Art und Weise, wie sie sitzt. Es sieht aus, als wohnten sie hier, aber es scheint ihnen nicht sehr zu, gefallen. Er ist ein Gefangener, aber er stand nicht unter Arrest. Ich glaube nicht. Noch nicht. Er redete sehr schnell. Ich glaube nicht, daß es ihm besonders gut ging. Er wird diese Geschichte vor Gericht erzählen.« Für einen Moment stand ich ratlos am Fuß der Treppe, und sie küßte mich. Danach sah sie mich an und lachte. »Jetzt guck nicht so erschrocken, Peter.« Ich schüttelte nur den Kopf. »Nichts ergibt mehr einen Sinn. Es scheint, als finge ich an, diesen Zustand zu mögen.« Und ich stieg die Treppe hinauf. Winzige Entfernungszahlen des IR-Suchgeräts flackerten am Rand meines Gesichtsfeldes und nannten die jeweiligen Entfer- nungen verschiedener Objekte im überprüften Sektor. »Ich fand sie im Sommer«, sagte TerAlst. »Was man an Sommer in diesen Längen- und Breitengraden antreffen kann. Es war Ende Juli. Aber ich wollte keine Beweise für meine Suche hinterlassen, indem ich dort herumwühlte.« Mein Wohnzimmer war voller Schnee. Er türmte sich auf allen Seiten auf und verdeckte die Wände. Die dicken, geraden Stämme von … Kiefern, denke ich, Föhren, irgendwelchen verdammten Gebirgsbäumen, ragten heraus und bohrten sich durch die Decke. »Warum nicht?« Ihr Achselzucken spürte ich mehr, als daß ich es sah. »Zu diesem Zeitpunkt wußte ich nicht, welche Bedeutung die In- formation hatte. Ich wollte erst alles klären, ehe ich jemand anderen hineinzog.« »Und haben Sie?«, Sie seufzte. »Sie können einem wirklich auf die Nerven ge- hen, Peter Ambrose. Nein. Ich habe überhaupt nichts geklärt. Außer jemanden zu verhaften … wie, hatte er gesagt, lautet sein Name? Thorfinn Nurmi?« Der Pulverschnee war von einer Düse weggeblasen worden, und der festgebackene Schnee der tieferen Schichten taute unter der Einwirkung von Infrarot-Quarz-Heizgeräten. Der Berghang war unnatürlich sauber in einem Kreis mit einem Radius von etwa drei Metern. Zu sehen waren in diesem Bereich herumlie- gende Äste und abgestorbene, zerdrückte Pflanzen. »Thorfinn?« »Anthony Watkins, soweit es Sie betrifft, Peter … und ich bleibe bei diesem Namen, okay? Peter Ambrose. Nicht … bei dem anderen.« »Das ist in Ordnung, Amanda.« Corinnes Solar-Mission- Sessel war so unbequem wie eh und je. Ich rutschte darin hin und her. »Aufgrund welchen Vorwurfs haben Sie ihn verhaf- tet?« Ich hielt die Luft an. Zugehörigkeit zur Gruppe? Mord an Linden Straussman? Folgte gleich meine eigene Verhaftung? »Wegen Zerstörung eines Krankenwagens und der fahrlässi- gen Tötung von Krankenhauspersonal. Ganz zu schweigen davon, daß eine Polizistin in Ausübung ihrer Pflicht schwer verletzt wurde. Was dachten Sie?« »Ich wußte nicht, was ich denken sollte. Es gibt viele Gründe für Verhaftungen …« »Es gibt Vergehen, und es gibt Gesetze.« TerAlst machte ein ungeduldiges Gesicht. »Sie können nachschauen. Wir wissen, was sie sind. Mord ist ein Verbrechen. Meinen Sie etwa, ich sei eine Art Vergeltungskommando?«, »IC hat einen gewissen Ruf.« »Ja, und der hilft mir, einen Job zu erledigen. Nehmen Sie nur nicht gewisse Gerüchte aus der Mall für bare Münze.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Er hat auch mich zu töten versucht, nicht wahr? In der Mall of the Mysteries, mit diesem krabbeln- den Käfer-Ding.« »Ich weiß nicht …« Sie hob eine Hand. »Sie brauchen mir jetzt nichts zu sagen. Möglicherweise brauchen wir es gar nicht. Ich verbuche das unter auftragsgebundenen Risiken. Ich weiß noch nicht einmal, weshalb ich es so persönlich nehme, wenn Verdächtige mich zu töten versuchen. Es ist doch nur eine schlechte Angewohnheit.« Das Bild um uns herum wurde größer. Ein mächtiger, mit Flechten bewachsener Fels ragte vor uns auf. Darunter befand sich ein dunkles Loch. »Sie sind viel weiter den Abhang hinuntergerollt, als die Suchmannschaften es zu Beginn erwartet hatten«, sagte TerAlst. »Dann schleifte ein Fuchs den größten Teil in seinen Bau, wie es aussieht. Die Explosion muß ihn völlig zerfetzt haben.« Vor dem dunklen Loch waren säuberlich Menschenknochen ausgebreitet und nach Größe sortiert worden. Der eine voll- ständige Oberschenkelknochen war am deutlichsten als menschlich zu erkennen. Hand- und Fußknochen waren ledig- lich kleine Häufchen von Knochensplittern. Viele der langen Knochen waren angeknackst oder ganz gebrochen. Das holo- graphische Bild des zerlegten Skeletts wanderte an mir vorbei, und Zahlen flackerten auf den Knochen. »Computerberechnetes Bertillon«, sagte TerAlst. »Dutzende von Parametern. Die ID ist zweifelsfrei festgestellt worden. Und, falls es Zweifel gab …« Ein Schädel grinste mich an, seine schwarzen Augenhöhlen starrten leer. Röntgenaufnahmen von Zahnfüllungen, aus mehreren verschiedenen Winkeln aufge- nommen, legten sich darauf, überlagerten einander und blink- ten, um anzuzeigen, daß Ähnlichkeiten festgestellt worden waren. »Das ist das Zahnbehandlungsprotokoll. Es entspricht seinen ärztlichen Unterlagen in jeder Hinsicht. Ziemlich gute Zähne.« Ein Flüstern, und der Computer lieferte ein berechne- tes Muskel-und-Haut-Bild, das sich auf die Gesichtsknochen des Schädels legte. Ein Gesicht erschien, das wie ein grotesker Fund auf nackter kanadischer Erde lag. Die Augen waren ausdruckslose Murmeln, und es gab keine Haare und keinen speziellen Gesichtsausdruck, aber ich blickte in das schon seit langem tote Gesicht von Linden Straussman. Ich umklammerte die Armlehnen meines Sessels. Ich bekam keine Luft mehr. »Nein, es ist wirklich keine Frage mehr. In diesem Moment, Freundchen, blicken Sie auf die sterblichen Überreste Ihres alten Kollegen, Linden Timothy Straussman, geboren am 12. Dezember 1960 im Rush-Presbyterian-St. Luke's Medical Cen- ter in Chicago, Illinois, und gestorben am 27. März 2021 auf den Hängen des Mt. May in Alberta, Kanada.« Es konnte natürlich ein Schwindel sein. Eine totale Fiktion wie alles andere. Eine alternative Welt, in der Linden Strauss- man tatsächlich gestorben war. Aber ich wußte, daß es stimmte. Er war tot. Es war diese Welt, so wenig jeder von uns es auch glauben wollte. Die winterliche Gebirgsszene verschwand, und mein Wohn- zimmer erschien wieder. TerAlst musterte mich. Sie trug ein dunkles Kleid, und ihr silbergraues Haar schimmerte im Halb-, dämmer. »Nun, Peter«, sagte sie. »Ich möchte etwas von Ihnen. Ich muß ein paar Dinge wissen.« Ich erkannte die Dringlichkeit ihres Wunsches in ihrer angespannten Körperhaltung. »Aber wie?« sagte ich, der ich nicht einmal fähig war mir selbst zu helfen. »Weshalb haben Sie damit angefangen?« Ich vollführte eine umfassende Geste und versuchte neben allem anderen auch die mittlerweile verschwundenen Knochen Straussmans mit einzubeziehen. »Nein, ich bin über sie gestolpert, als ich eine Wanderung unternahm.« Sie legte ihre Fingerspitzen gegeneinander und bildete mit den Händen eine Pyramide. »Wir haben geheime Recherchenzeit bei Intra Cranial eingeräumt bekommen. Es klingt lächerlich, nicht wahr? Wir sind so überarbeitet. Aber jemand dachte sich eine gute Politik aus. Sehr oft verschmelzen gegensätzliche Dinge miteinander, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Eine Tarnung ist beabsichtigt, um Räuber abzulenken, die nach etwas Bestimmtem Ausschau halten. Und alles könnte ebensogut auch nur ein Weg sein, um uns zu erfreuen und zu unterhalten. Auf jeden Fall fand ich einen Hinweis, eine kleine Information, aus der hervorging, daß das Projekt Nimbus real war – ich hatte wie jeder andere immer geglaubt, daß es nichts als dämlicher Netzklatsch ist.« »Nicht ohne Grund. Was für eine Information?« »Es war seltsam.« TerAlst lehnte sich ein wenig zurück, hielt ihren Rücken jedoch weiterhin gerade. »Aber mein Job ist voll von seltsamen Dingen. Es war eine Nachricht am Schwarzen Brett, die sich auf eine andere, nichtexistente Nachricht bezog und in Verbindung mit militärischen Operationen in der Ge-, gend von Dnjestr und Prut während der Devolutions-Kriege stand. Ich überprüfte die Aufzeichnungen über die militäri- schen Unternehmungen und stieß auf gewisse begriffliche Mängel, obgleich die Aufzeichnungen selbst lückenlos schienen. Das weckte mein Interesse erst richtig. Ich konnte nicht heraus- bekommen, wer diese Nachricht am Schwarzen Brett hinterlas- sen hatte.« »Ich weiß es«, sagte ich. »Linden Straussman.« Eine steile Linie erschien zwischen ihren Augen. »Strauss- man ist tot.« »Das erzählt mir jeder. Und das ist das Problem. Für ihn. Denn er hat nie erwartet zu sterben.« »Was meinen Sie?« »Er erwartete, daß wir aus dem Dienst ausschieden und uns trennten. Vielleicht hatte er auch etwas Entsprechendes geplant. Diese Nachricht am Schwarzen Brett war eine Art posthypnoti- scher Auslöser, ein Fernschalter, der tief in der Erinnerung versteckt war und auf seinen Einsatz wartete. Wenn er am Leben geblieben wäre, hätte er ihn deaktiviert, ehe er betätigt werden konnte. Der Auslöser würde nur aktiv, wenn Strauss- man tot wäre. Er implantierte in jedem von uns bestimmte Verhaltensmuster für den Tag, an dem er uns wieder brauchen, uns wieder benutzen würde. Ich glaube nicht, daß er damals schon wußte, wofür er uns brauchen würde. Vielleicht um die Regierung zu stürzen. Oder um ihm den Haushalt zu führen. Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, daß er niemals gewollt hat, daß wir uns trennen.« Ich dachte an die Vorfälle der ver- gangenen Wochen. »Er pflanzte eine Art Tropismus in uns ein. Das ist klar. Die Regel schien zu lauten: Wenn man irgendwie, ein ehemaliges Mitglied der Gruppe an irgend etwas beteiligen kann, dann soll man es auf jeden Fall tun. Dieser simple Tro- pismus holte uns aus unseren Verstecken, sorgte dafür, daß wir wieder zusammenkamen und machte uns anfällig für alles, wofür wir ausersehen waren, was uns vorbestimmt war.« »Und all das geschah, obgleich er gar nicht mehr da war. Weshalb also …« »Wenn er nicht da wäre, dann mußte es seiner Meinung nach einen Grund dafür geben – nämlich, daß wir ihn irgend- wie ermordet hätten.« »Und haben Sie?« »Soweit ich weiß nein. Es war ein Unfall. Er ist auf diesem dämlichen Berg ganz alleine abgestürzt. Reiner Zufall laut Hank Rush, die Quelle unserer Evolution. Er war tot, aber Teile seiner Persönlichkeit, seiner Bedürfnisse, seines Zorns existierten noch immer. Es gab Funktionsschemata zur Verbreitung von Daten- banken. Es gab …« »Er haßte Sie«, unterbrach sie mich. »Aber warum auch nicht? Soweit er es wußte, hatten Sie ihn getötet.« »O Gott.« Ich ließ mich in meinem Sessel nach hinten sin- ken. »Das ist lächerlich. Er ist doch kein Gespenst.« »Nein, und er ist auch nicht der Kommandant, der Sie vom Friedhof aus aufs Korn nimmt. Aber er ist eine umfangreiche Kollektion von Überzeugungen, Gewohnheiten, Routinen, Standpunkten. Einige davon steckten, oder stecken, in den Geistern ehemaliger Angehöriger der Gruppe.« »Nur die Idee von Straussman«, sagte ich. »Sie existierte völ- lig selbständig. Und wir haben sie wieder zum Leben erweckt.« »Genau so. Eine Idee, die wie ein Parasit in den Mitgliedern, der Gruppe lauert. Aber wie ich schon sagte, er haßte sie. Es war ein Haß, der über seinen Tod hinausreichte und seinen Aus- druck in jenem Virt fand, den Sie in Gideon Farleys Kopf einsetzten.« »Natürlich«, sagte ich müde und niedergeschlagen. »So war es immer. Wir haben es selbst bewirkt. Wir brauchten Linden Straussman nicht einmal dazu. Wir machten fröhlich weiter, als wäre er noch immer am Leben. Genauso wie diese bessarabi- schen Revolutionäre, die etwas anderes sein wollten. Wir ließen es mit uns geschehen. Wir waren keine Opfer. Straussman schuf lediglich eine Möglichkeit für unsere Verbrechen. Vielleicht existierte er überhaupt nicht richtig, sondern nur als eine Ent- schuldigung.« Ich schüttelte den Kopf. »Es dreht sich alles im Kreis.« »Wahrscheinlich noch mehr, als Sie denken.« TerAlsts Stimme klang ruhig. »Soweit sich aus den Informationen er- kennen läßt, war Linden Straussman nicht mehr als ein eher kleiner, unwichtiger technologischer Zulieferer während der Devolutions-Kriege. Ich fand seine Knochen und überprüfte seine Identität. Und weiter? Ich hätte die ganze Angelegenheit beinahe auf sich beruhen lassen. Aber ich bekam heraus, daß ich genau dort wohnte, wo er aufgewachsen war, wo er viele Jahre lang gelebt und gearbeitet hatte – in Chicago. Deshalb fing ich an, Erkundigungen einzuziehen, Fragen zu stellen.« Ich sah sie an. »Natürlich. Und die Nachricht von Ihrer Su- che drang Anthony Watkins zu Ohren. Er reagierte und akti- vierte seine lange Zeit stillgelegten Verbindungen. Er bedrängte Helena Mennaura … verdammt noch mal! Und sie schickte den Virt los, damit ich ihn installiere – um Tony endlich loszuwer-, den. Dieser Virt enthielt die Symbologien und die Verbindun- gen, die Straussman und die Gruppe charakterisierten. Er gestattete ihm zu existieren. Sie hatte das niemals beabsichtigt. Sie hatte bestimmt nicht gewollt, daß er uns alle tötet.« Sie nickte. »Während ich mich allmählich der Gruppe näher- te, erwachte die Gruppe wieder zum Leben … und starb, einer nach dem anderen, ehe ich an die einzelnen Angehörigen herankam. Verdammt noch mal, Peter.« »Sie haben uns zum Leben erweckt. Wir waren die Antwort auf Ihre Frage.« Ich glaubte, gleich loskichern zu müssen. »Wenn Sie nicht alles hätten herausbekommen wollen, wenn Sie Ihre Neugier nicht hätten befriedigen wollen, wären alle noch am Leben, und ich wäre noch … tot.« Sie erhob sich und strich ihr Kleid glatt. »So ist es. Nichts. Alles, was ich suchte, verschwand, sobald ich es entdeckte, und die einzige Verhaftung, die ich vornahm, betrifft jemanden, der durch meine Untersuchung zu seinen Aktivitäten gedrängt wurde. Es ist nichts mehr übrig.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich muß jetzt nach Hause. Vielen Dank für den Kaffee.« Sie ging durch die Tür hinaus und schloß sie hinter sich. »Peter«, rief Priscilla aus der Küche, wo sie auf das Ende meines Gesprächs mit Amanda TerAlst gewartet hatte. »Komm her. Kennst du sie?« Stirnrunzelnd trat ich neben sie ans Küchenfenster und schaute hinaus. Eine kleine Gestalt humpelte durch das welke Laub im Vorgarten und blickte am Haus hoch. Ein langer dunkler Mantel umhüllte ihre verzerrte Gestalt. Sie war alleine. Die Boten, die sie sonst begleiteten, waren verschwunden. »Ich kenne sie«, sagte ich. »Mach die Tür auf und laß sie her- ein.«, KAPITEL 37 Corinnes Apartment hatte einen kleinen Balkon, der auf den Fluß hinausging. Sie saß dort in einem Holzsessel, von Kopf bis Fuß warm eingewickelt gegen die Kälte des herannahenden Winters. Sie nahm eine kauernde Haltung ein und wirkte wie eine alte Frau. »Corinne, ich …« »Mach die Tür hinter dir zu. Du läßt die Wärme raus.« Ich wandte mich um und zog die Verandatür zu. Die Pfützen vor dem alten Lagerhaus hatten sich in Eis verwandelt. Die mit Grünspan bedeckten Kupferdächer der Zwillingstürme der katholischen Kirche bildeten vor dem kalt-blauen Himmel einen lebhaften Kontrast. »Ich hätte viel lieber etwas anderes getan als hierher zu kommen.« »Weshalb bist du dann gekommen?« Ich konnte nur ihre Augen sehen, und die blickten mich nicht einmal an. Sie schau- te hinaus auf den Fluß, als erwartete sie, daß auf ihm ein wichti- ges Schiff zu ihr käme. »Weil ich mit dir reden mußte. Um dir alles zu erzählen.« »Du mußtest zu mir kommen, um mir zu sagen, daß mein Mann tot ist? Du hättest mir doch eine kurze Nachricht schik- ken können. Eine Annonce hätte es doch auch getan.« »Corinne …« Ich machte eine Bewegung in ihre Richtung, stoppte sie jedoch sofort, und sie schien sich noch mehr in sich selbst zurückzuziehen. »Es ist nicht richtig. Wir hatten es – es ergab einen Sinn. Das ist alles, was ich mir je gewünscht habe. Aber nicht einmal das, klappte, nicht wahr? Du weißt doch über alles Bescheid. Er hat die Frau engagiert … und jetzt ist er tot. Ich denke, ich sollte froh sein.« »Nein, du solltest nicht froh sein. Meine Vergangenheit hat ihn vernichtet. Ich habe versucht, es zu erklären … alles, was ich selbst verstand. Ich habe zu lange gebraucht, um es zu erken- nen.« »Er hat diese Leute umgebracht«, sagte sie nachdenklich. »Und die Polizei hat niemals die Verbindung zwischen ihnen hergestellt. Sie hielten es nur für eine Reihe zufällig begangener Morde. Und Gideon hat sie verübt.« »Ich habe versucht, es dir zu erklären. Nicht Gideon hat sie begangen. Linden Straussman, ein Toter, war dafür verantwort- lich.« »Verantwortlich. Das war Gideon niemals, weißt du. Hat er Selbstmord begangen?« »Nein!« Sie schüttelte den Kopf. »Wenigstens das wäre doch ehren- voll gewesen, oder nicht? Verantwortung für das zu überneh- men, was geschehen ist.« Corinne hätte es getan, erkannte ich plötzlich. Ob Virt oder kein Virt, sie hätte zu ihrer Rolle bei den Verbrechen gestanden. Auch wenn es nicht fair gewesen wäre. »Das hätte keinen Sinn gehabt«, sagte ich. »Einen logischen vielleicht nicht. Emotional? Das denke ich doch. Wie konnte er so mit sich im Einklang leben? Wie ist er gestorben? Erzähl es mir. Deshalb bist du doch hier, nicht wahr?« »Er ist mir entwischt und weggerannt. Er rannte mitten in, ein Präriefeuer. Lange hat er bestimmt nicht mehr gelebt. Ich kann dir nicht erzählen, daß er ohne Schmerzen, in aller Stille und so weiter gestorben ist. Das war nicht der Fall. Er hat geschrien.« Sie erschauerte. »Er hat es nicht anders gewollt, nicht wahr? Meinst du nicht, daß es ziemlich dumm ist, mitten ins Feuer zu rennen?« »Ich glaube nicht …« »Peter. Du hast mir soeben erzählt, daß mein Mann vor Schmerzen schreiend gestorben ist. Ich habe dich gefragt, und du hast es mir erzählt. Meinst du, daß es dumm ist, in ein loderndes Feuer hineinzulaufen?« Michaud hatte das gleiche getan, fiel mir ein. »Genauge- nommen nicht dumm. Getrieben. Sie – er wollte irgend etwas.« »Er wollte sterben.« Ihr Stimme hatte einen endgültigen Ton- fall. »Was Gideon auch sonst gewesen sein mochte, Peter, dumm war er ganz bestimmt nicht. Wenn er starb, dann nur, weil er es wollte.« Ich dachte an die Gestalt des verzweifelt davonrennenden Farley. Hatte er sich tatsächlich selbst das Leben genommen, abgestoßen von seinen eigenen Verbrechen, trotz seiner tapfe- ren Worte zu mir? Es erschien mir wenig wahrscheinlich, aber möglich war es. »Du könntest durchaus recht haben«, sagte ich. »Ich glaube, ich habe recht.« Sie sah mich an. »Du bist jetzt mit ihr zusammen, nicht wahr? Wie kannst du sie dir leisten?« Ich seufzte. »Ich besitze sie nicht.« »Bekommst du alles umsonst, Peter?« Sie wandte sich ab und starrte wieder hinaus auf den Fluß. »Du warst schon immer ein ganz Raffinierter.«, »Jetzt werd nicht gemein, Corinne. Schrei mich an oder sei höflich zu mir. Nichts sonst wird dem gerecht, was mit uns geschehen ist.« »Sie wird nicht bei dir bleiben, weißt du. Jedenfalls nicht lan- ge. Sie ist nicht der Typ dafür.« »Vielleicht nicht.« Ich dachte an Priscilla McThornly, die gutbezahlte Geliebte, die gerade in meinem Haus saß und geduldig versuchte, mit dem schrecklich entstellten Mädchen zu kommunizieren, das mal Tigranes' Tochter gewesen war. Ich konnte wirklich nicht sagen, wie sie sich ihr Leben vorstellte. »Vielleicht nicht.« Corinne stand auf. Dabei verwandelte sich ihr Kapuzenman- tel von einem Witwenschleier in das Kleid einer aristokrati- schen Lady. Sie klappte die Kapuze zurück und schüttelte ihr Haar. Sie war bildschön. »Wir hätten diese Tochter bekommen sollen. Melissa. Oder wie immer wir sie genannt hätten. Ich wollte es, so wie ich es mit Gideon niemals gewollt habe. Bei ihm hatte ich … Angst. Ich wußte nie weshalb.« »Ich weiß«, sagte ich. »Wir hätten sie haben sollen.« »Lebewohl, Peter.« Sie streifte einen Handschuh ab und legte ihre Finger auf mein Gesicht. »Ich glaube nicht, daß ich dich noch einmal wiedersehen werde.« »Lebewohl, Corinne.« Sie geleitete mich durch die Dunkelheit des Hauses und zur Haustür. Ich trat hinaus in den Sonnenschein, betrachtete blinzelnd die Welt und machte mich auf den Weg die Straße hinunter zu dem Haus, in dem Priscilla und Shira auf mich warteten.

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In der Nacht des 13. Mai 1933 kommt es im Salonwagen des Zuges Berlin-Breslau zu grauenhaften Ereignissen: die 17-jährige Marietta von der Malten wird zusammen mit ihrer Gouver- nante und dem Zugführer tot aufgefunden. Als Kriminalin- spektor Eberhard Mock mit seinen Männern am Tatort er- scheint, b
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F C. M. Kornbluth starb 1958 im Alter von 35 Jahren und hinterließ, darin sind sich Literaturkritiker und Science-Fiction-Fans einig, eine nur schwer zu füllende Lücke nicht nur innerhalb der Science Fiction, sondern bei der amerikanischen Literatur im allgemeinen. Mary G. Kornbluth, seine Witwe, ha
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GoMttIChHoAlIdL BEApKhUrNaINim Less ing PHILOSOPHIE DER TAT Emilia G alotti Gotthold Ephraim Lessing Emilia Galotti Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen Personen EMILIA GALOTTI ODOARDO und CLAUDIA GALOTTI, Eltern der Emilia HETTORE GONZAGA, Prinz von Guastalla MARINELLI, Kammerherrdes Prinzen CAMILLO RO
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Yasmina Khadra Herbst der Chimären
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