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Christian von Kamp LETZTSCHRIFTEN eBOOK-Bibliothek Christian von Kamp LETZTSCHRIFTEN Roman (2005) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Christian von Kamp http://www.christian-von-kamp.de Bitte beachten Sie: Der Text sowie das Titelbild dieses Romans unterliegen dem Copyright. Eine kommerziel- le oder auch nicht-kommerzielle, eine weitere oder an- derweitige Nutzung des Textes oder des Titelbilds ohne Genehmigung des Autors ist nicht gestattet. Wenden Sie sich bitte bei Fragen an E-Mail ist versteckt. Wir werden Ihre Anfragen an den Autor weiterleiten. 1. Ausgabe, Mai 200...
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Christian von Kamp

LETZTSCHRIFTEN

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Christian von Kamp LETZTSCHRIFTEN

Roman (2005) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet, Christian von Kamp http://www.christian-von-kamp.de Bitte beachten Sie: Der Text sowie das Titelbild dieses Romans unterliegen dem Copyright. Eine kommerziel- le oder auch nicht-kommerzielle, eine weitere oder an- derweitige Nutzung des Textes oder des Titelbilds ohne Genehmigung des Autors ist nicht gestattet. Wenden Sie sich bitte bei Fragen an E-Mail ist versteckt. Wir werden Ihre Anfragen an den Autor weiterleiten. 1. Ausgabe, Mai 2005 Text: © Christian von Kamp, 2005 Titelbild: © Christian von Kamp, 2005 © eBOOK-Bibliothek 2005 für diese Ausgabe,

DAS BUCH

Wissen befreit — und kann doch zugleich schwer belasten. Leben auch wir in einer Spätzeit, vielleicht sogar in einer Endzeit? Wer- den in Kürze, in wenigen Jahrzehnten, in ein oder zwei Jahrhun- derten, auch bei uns Letztschriften entstehen? Und dann folgt der Untergang oder die Versteinerung? Oder sollte unser Schick- sal ein anderes sein als das früherer Kulturen? Wüßte ich es nicht, so bliebe die Hoffnung; leider weiß ich es, weiß auch, daß es zukünftigen Zivilisationen ebenso wie uns ergehen wird. Denn es steht im Buch. In den Letztschriften. Und doch: ein Teil wird überleben. Ich erhoffe es nicht, ich weiß es. Wir wissen es: Moni und ich. Wie alles begann? Mit Onkel Thomas. Er war ein Zyniker und liebte die Menschen nicht besonders, denn er kannte sie zu gut; zu- gleich — so meine Meinung — kannte er sie zu wenig. Vor einigen Wochen starb er. Auch uns hatte er in seinem Testament bedacht. Das Häuschen in Winterberg fiel an seine Tochter, wir erhielten das, was sie vermutlich ohnehin weggeworfen oder verscherbelt hätte: einige hundert Bücher, sein kleiner Wissensschatz. Als wir die Pakete öffneten — wobei wir uns gut vorstellen konnten, wie meine Cousine sich über das Porto geärgert haben mochte —, staunten wir über die Fülle philosophischer Werke, besonders von Schopenhauer und Nietzsche. Und dann fiel mir dieses eine, unscheinbar aussehende Buch in die Hände, das uns beide so sehr beeindrucken und unser Leben beeinflussen sollte. Buch? Man sollte es eher als Mappe bezeichnen, als eine Samm- lung von Blättern, die im nachhinein zum Buch gebunden wur- den. Der erste Teil davon bestand aus handbeschriebenen Seiten,, vielleicht in Sanskrit oder einer ähnlichen Schrift. Sie waren ver- mutlich schon einige hundert Jahre alt, jedenfalls ließ die Tinte sich an manchen Stellen nur noch mühsam erkennen, sie war ver- blaßt, das Papier fleckig und brüchig. Die zweite Buchhälfte: wei- ße Blätter, auf denen ich die Schriftzüge meines Onkels erkannte, möglicherweise eine Übersetzung des vorhergehenden Teils ins Deutsche. Ich wunderte mich, über welche mir unbekannten Fähigkeiten Onkel Thomas anscheinend verfügt hatte. Diese neueren Seiten trugen groß die Überschrift „Letztschriften“. Das Buch legte ich vorläufig beiseite, mitten hinein in meinen „Chaos-Haufen“, den ich für die in der näheren Zukunft zu erledi- genden Aufgaben aufgestapelt hatte, denn die Letztschriften hat- ten so viel Interesse in mir geweckt, daß ich beschloß, in den kom- menden zwei oder drei Wochen mit der Lektüre zu beginnen. Die anderen Bücher ordneten wir grob nach Sachgebieten in verschiedene Stapel und gönnten uns dann zur Erholung einen längeren Abendspaziergang. Als wir heimkehrten, stellten wir sofort fest, daß unser Häus- chen Besuch von Einbrechern erhalten hatte. Das Küchenfen- ster war aufgebrochen, sämtliche Schranktüren und Schubladen standen offen, Kleidungsstücke und andere Gegenstände lagen verstreut am Boden, vor allem aber pflasterten die Bücher meines Onkels in wildem Durcheinander den Boden. Sofort schauten wir nach den Wertgegenständen, konnten aber nicht feststellen, daß auch nur ein einziger Silberring oder der kleinste Geldschein fehlten. Die Eindringlinge hatten die Wertsachen zwar in Hän- den gehalten, sie dann aber achtlos zu Boden geworfen. Die herbeigerufene Polizei konnte sich ebensowenig wie wir einen Reim darauf machen. „Vielleicht haben sie etwas Bestimm- tes gesucht“, meinte schließlich eine junge Polizistin. „Und Sie vermissen wirklich nichts?“ Wir konnten nur verneinen. Allen- falls hatten die Einbrecher wertlose Kleinigkeiten mitgenommen, deren Fehlen uns nicht auffiel., Einige Wochen später stellte die Polizei die Ermittlungen ein. Als ich nach Abschluß des utopischen Romans „Paradision“ wieder mehr Zeit hatte, an etwas anderes als die Schriftstelle- rei zu denken, begann ich, die Letztschriften, die mutmaßliche Übersetzung meines Onkels, zu lesen.,

Erste Letztschrift DIE WILDE

Schon als ich ein Kind war, ein Junge von vier Jahren, fühlte, wuß- te ich: Ich bin alt. Egal, ob ich mit acht oder mit 80 Jahren sterben würde: auf jeden Fall würde ich als alter Mensch verscheiden. Dieses Wissen machte mich keineswegs traurig. Vielleicht ein wenig melancholisch, heiter-melancholisch. Ich hatte keine Angst vor dem Tod. Nicht etwa deshalb, weil ich nicht an ihn gedacht oder ihn weit weg von mir gewähnt hätte. Im Gegenteil, ich sann oft über ihn nach, ganz im Gegensatz zu vielen meiner Freunde. Aber schon damals erkannte ich: Zum Alter gehört der Tod. Wenn das Leben gelebt ist — und das wird nicht nach Jah- ren, sondern nach dem Gefühl bemessen —, dann muß es seinen Abschluß finden. Doch nicht von mir will ich hauptsächlich erzählen. Sondern von Elea, meiner geliebten Elea, meiner toten Elea. Draußen im Wald liegt sie begraben. Seit dreißig Jahren weilt sie nicht mehr an meiner Seite, und ich werde immer älter und kann nicht ster- ben. 42 Jahre nur wurde sie alt, 42, dann raffte das Fieber sie hin. Seitdem verfluche ich Tag für Tag mein Weiterleben und verstei- nere mehr und mehr. Bald werde ich sein wie meine Skulpturen, starr und unbeweglich. Äußerlich. Doch im Inneren durchzieht mich weiterhin die Qual. Meine Freunde bestaunten meine frühen bildhauerischen Werke. Die Fratzen, die ich schuf. Sie priesen mein schöpferisches Genie. Ich allein wußte, daß es bloße Machwerke waren, reine Zufallsprodukte experimenteller Formwut. Ich hieb auf den Stein ein, mit verbundenen Augen, und was dabei entstand, erklärte ich mit vielen Worten als etwas tief Geheimnisvolles., Elea war da ganz anders als meine Bekannten und Förderer, Kritiker und Bewunderer. Sie scherte sich nicht um meine Kunst. Sie lebte einfach, sie blühte. Mit 40 war sie jünger, als ich mit vier gewesen war. Sicher hätte ich sie niemals kennengelernt, wenn ich nicht damals die Fußreise in die nahegelegene Kolonie unternommen hätte. Ein halbes Jahr meines Lebens hat mich dieser Protest- marsch gekostet, doch er hat mir das größte Geschenk beschert. Damals war ich noch jung an Jahren, kaum über dreißig, und gönnte mir einfach diese Extravaganz. Hinter mir her zog ich an einem Seil drei Holzklötze, den ganzen Weg entlang, auch über steinige Strecken und felsige Wege. Diese durch den unsanften Kontakt mit dem Boden geformten Holzstücke sollten nach der Rückkehr zu Köpfen von Skulpturen unserer Drei-Herrscher wer- den. Möglicherweise würden sie mich dafür ermorden lassen; ich nahm es in Kauf. Sie taten es nicht, wahrscheinlich, weil ich schon zu berühmt war und sie nicht wieder einen Volksaufstand riskieren wollten. Der letzte hatte fast zu ihrem Sturz geführt und die konkurrierenden Familien gefährlich gestärkt. Meine Reise in die Kolonie war nicht ungefährlich, denn ich konnte nicht einschätzen, wie die Wilden auf meinen unge- wöhnlichen Auftritt reagieren würden. Vielleicht sähen sie mich als Vertreter der Unterdrücker an, vielleicht aber auch würden sie erkennen, daß ich meiner Gesinnung nach ihr Freund war. Von den Soldaten unserer Garnisonen hatte ich sicher keine große Hilfe zu erwarten. Zwangsläufig begegnete ich immer wieder einzelnen oder Gruppen von Wilden, auf den Waldstraßen — man sollte sie wohl eher als Trampelpfade bezeichnen — wie auch in den mit Palisaden bewehrten Dörfern. Natürlich erkannten sie mich an meiner Hautfarbe sofort als Angehörigen des Unterdrücker- Volks, obwohl so mancher über meinen wild wuchernden Bart erstaunt sein mochte, ein für sie ungewohnter Anblick, denn sie, selbst — natürlich nur die Männer — trugen gepflegte, zweige- teilte Bärte, wohingegen bei uns Bärte weitgehend verpönt wa- ren, außer bei Künstlern. Manchmal näherten einige der Wilden sich mir mit drohendem Gesichtsausdruck, als sie aber erkannten, was ich hinter mir her zog, fingen sie an zu grölen und lauthals zu lachen, schlugen sich gegenseitig auf den Rücken und brachen nicht selten vor Heiterkeit in Tränen aus. Mir wurde bald klar, daß sie mich für einen Verrückten hielten, und vermutlich hat mich dieser Umstand vor Schaden bewahrt. Ja, mehrmals sogar brachte dies mir den Vorteil, daß ich über Nacht von Wilden in ihr Haus geladen wurde, die sich davon ein besonderes Vergnü- gen versprachen und dieses auch tatsächlich genossen, indem sie etwa beim gemeinsamen Essen mich genau beobachteten und wiederholt laut drauflos lachten. Abgesehen von diesem ihrem für mich etwas unangenehmen Verhalten legten alle, die mich einluden — ausnahmslos alle — großen Wert auf Gastfreund- schaft, verwöhnten mich, bereiteten das beste Essen für mich, stellten mir ihr eigenes Schlaflager zur Verfügung, und niemals hatte ich auch nur im geringsten den Eindruck, bedroht zu sein, im Gegenteil, in den Häusern fühlte ich mich bestens behütet. Dabei kannte ich nicht ein einziges Wort ihrer Sprache, und die meisten von ihnen verstanden meine ebensowenig. Den- noch gelang die Verständigung mittels einfacher Zeichen ohne Probleme. Einige wenige allerdings, bei denen ich nächtigte, hatten sich die Sprache meines Volks in Grundzügen angeeignet und ver- suchten sich abends, oft sogar bis tief in die Nacht hinein, in Gesprächen mit mir. Dabei mußte ich feststellen, daß diese Men- schen alles andere als dumm waren. Was mich aber am meisten erstaunte: Bei allen, die mit mir zu sprechen in der Lage waren, entdeckte ich eine ungeheure Wißbegierde sowie ein waches Leuchten und Funkeln der Augen. Auch wenn sie meinem Volk gegenüber nicht wohlgesonnen waren, so behandelten doch, gerade diese Wißbegierigen mich mit Achtung und Offenheit. Nur bei einem einzigen meiner Gastgeber hatte ich den Eindruck, daß er hinterhältig war. Ich gab deshalb schon nach kurzem vor, die Bettstatt aufsuchen zu wollen, und verabschiedete mich von ihm am nächsten Morgen so früh wie möglich. Ob mein Ein- druck zutreffend gewesen war, kann ich im nachhinein nicht beurteilen. Und dann endlich erreichte ich ihre Hauptstadt. Na ja, ei- gentlich war es eher ein Hauptdorf, größer zwar als die anderen Dörfer, aber mit den gleichen niedrigen Häuschen. Wenn ich da an unsere Städte dachte, mit ihren zwei- bis vierstöckigen Ge- bäuden; und in Gurimot, unserer Reichszentralstadt, hatte ich sogar Riesenbauten mit bis zu sieben, ja sogar acht Stockwerken gesehen! In der Mitte der Hauptstadt der Wilden fand ich ihren Tempel, von dem schon so mancher Reisende berichtet hatte. Wie recht hatten sie gehabt, sich über ihn lustig zu machen, denn er war nur unwesentlich breiter und höher als die Wohngebäude, und seine Säulen bestanden aus vergänglichem Holz. Ob dieser Bau- stoff so viel wertvoller sei denn die Lehmwände und Strohdächer der Wohnhütten, hatte einer meiner Freunde gespottet. Nur die Tatsache, daß der Tempel auf einem kleinen Hügel errichtet war, hob ihn aus den profanen Bauten heraus. Es war übrigens der einzige Hügel im gesamten Umland; wie anders dagegen unser Kernreich, dessen Landschaft fast nur Hügel und kleine Berge aufwies. Gerade wollte ich die in die Holzsäulen des Tempels einge- schnitzten Ornamente näher betrachten, da hörte ich hinter mir lautes Geschrei. Aus einem der Häuschen drangen mehrere Män- ner ins Freie, gestikulierten wild und rauften sich die Bärte. Erst jetzt, als sie stehenblieben, bemerkte ich in ihrer Mitte ein jun- ges Mädchen; sechzehn oder siebzehn Jahre mochte sie alt sein. Sie wirkte ganz verstört und hatte ihre Augen niedergeschlagen., Die Gesichter der Männer spiegelten Zorn wider. Jetzt spie ei- ner nach dem anderen vor dem Mädchen auf den Boden, dann wichen sie zurück und bildeten einen Kreis um sie. Einer von ihnen trat jetzt vor sie hin. Sein graues Haupt wies ihn als den ältesten der Männer aus, die anderen, jüngeren, mochten seine Söhne sein. Der Alte, ebenso wie die anderen von muskulösem Körperbau, zitterte am ganzen Körper, aber offenbar nicht aus Schwäche, sondern vor Wut. Er atmete einmal tief ein, dann griff er das Gewand des Mädchens und begann, es ihr vom Leib zu zerren. Sie wehrte sich nur schwach. Das wurde mir denn doch zuviel; ich trat auf die Gruppe zu und wollte dem Mädchen beistehen — wie, wußte ich noch nicht. Denn sicher würde niemand mir helfen; einige Nachbarn schauten zwar neugierig zu, machten aber keine Miene, irgend- wie einzugreifen. Als ich mich zwischen die jungen Männern drängen wollte, stieß einer von ihnen mich einfach zu Boden, von dem ich mich mühsam aufrappelte. Der Alte hatte inzwischen dem Mädchen die Kleidung vom Körper gerissen. Sie stand voller Angst da und versuchte, not- dürftig ihre Blößen zu bedecken; da hob der Alte den Arm und wies mit seiner Hand in Richtung des Stadttors. Sie wollte ihm etwas sagen, es klang wie ein Flehen, doch unerbittlich und mit kalter Strenge zeigte er erneut zum Tor. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu gehen. Sie schlich an den Nachbarn vorbei, von de- nen einige höhnisch lachten, die anderen zogen sich gleichgültig zu ihrer Arbeit zurück. „Grausam“, dachte ich. „Barbarisches Verhalten.“ Ich wollte der Frau folgen, vielleicht konnte ich ihr helfen, doch da vertrat mir der Mann den Weg, der mich eben zu Boden gestoßen hatte. „Jetzt ist mein letztes Stündlein gekommen“, schoß es mir durch den Kopf. Zwar hatte man den Wilden alle Waffen abgenommen, doch besaß dieser Mann hier solche Kraft, daß er mich mit einer, Hand hätte erwürgen können. Aber er sah mich nur verächtlich an und sagte dann in kaltem Stolz: „Du … fort von hier … sonst du tot.“ Dann begleitete er, gemeinsam mit seinen Brüdern, den Vater in das Haus zurück. Einen Moment lang dachte ich über das Geschehnis nach. Was war der Grund für dieses brutale Verstoßen aus dem Haus und der Stadt? War dieses Mädchen die Hausmagd gewesen und hatte sich Schweres zuschulden kommen lassen? Oder war sie gar — ich mochte diesen Gedanken gar nicht ausdenken — eine Tochter des Hauses? Als ich wieder aufsah und nach ihr suchen wollte, entdeckte ich sie nicht mehr. Vermutlich ging sie ihren Weg durch schmalere Seitengassen, wo nicht so viele Menschen ihre Schmach sahen. Traurig nahm ich das Seil mit den drei Holzklötzen wieder auf. In dieser Stadt wollte ich nicht länger bleiben. Ich hatte die Be- richte über die Grausamkeit der Wilden immer für aufgebauschte Gerüchte gehalten, aber nach diesem Erlebnis war ich geneigt, ihnen zu glauben. Vorübergehend. Nicht weit hinter dem Stadttor begann wieder der Wald. Kaum war ich in seinen Schatten getreten, als ich hinter einem Gebüsch ein Geräusch hörte. „Strauchdiebe“, erschrak ich, aber da erblickte ich das Gesicht des Mädchens. Sie sah mich scheu an, doch ich war zu überrascht, um zu reagieren. Da sagte sie zu mir: „Du mir helfen gewollt.“ Erstaunlich, daß sie das in die- ser Situation der Angst, Verwirrung und Scham wahrgenommen hatte. „Du gutes Mensch“, fuhr sie fort; und nach einer Weile, als ich immer noch zauderte, ergänzte sie: „Ich Elea.“ Jetzt erinnerte ich mich, daß sich in meinem Reisegepäck, das ich auf dem Rücken trug, noch ein zweites Obergewand von mir befand. Ich reichte es ihr; dabei fiel mir auf, wie furchtbar es nach Schweiß roch. Sie nahm das Kleidungsstück dankbar ent- gegen und gluckste fast fröhlich: „Du guter Geruch.“ Von da an blieb sie bei mir. Elea, meine Elea., Später, als sie die Verbannung aus ihrem Elternhaus einiger- maßen überwunden hatte — übrigens waren ihre Mutter und ihre drei Schwestern dabei in der Hütte geblieben —, und als sie meine Sprache auch viel besser beherrschte, erzählte sie mir eines Tages unvermittelt den Hintergrund des damaligen Ereig- nisses: Ihr Vater, einer der vier Stadtvoigte, hatte beschlossen, sie mit dem Sohn eines befreundeten Voigts zu verheiraten. Um der Familie willen hätte sie vieles mit sich machen lassen, gera- de diesen jungen Mann aber lehnte sie entschieden ab, weil sie wußte, schon von Kindheit an, wie hinterhältig und machtgie- rig er war. Ihre Eltern ließen sich jedoch von ihrer ablehnenden Haltung nicht im geringsten beeindrucken, schließlich handel- te es sich um eine unter Erwachsenen ausgemachte Sache. Aus Protest tat sie so, als sei sie in den Sohn einer armen Familie, die am Ende der Straße in einem Schuppen hauste, verliebt. Ihre Eltern jedoch nahmen dieses ihr Gerede nicht ernst. Da blieb sie eines Nachts von zu Hause fern und verkündete bei ihrer Heim- kehr am nächsten Morgen, sie habe die Nacht im Bett des armen Jungen verbracht. In Wirklichkeit war sie nur stundenlang durch den Wald gelaufen und hatte dann auf einem Strohhaufen ge- nächtigt. Als der Junge auf Nachfrage hin die Liebesnacht auch noch bestätigte — sie hatte ihn mit einem ordentlichen Stück Rehfleisch bestochen —, war die Aufregung groß. Elea hatte die Familienehre verletzt, und dieses Vergehen schrie nach Sühne! Zwar hatte sie durchaus gewußt, daß ein Liebesverhältnis mit einem der Familie nicht genehmen Partner die Ehre zutiefst be- schädigt, hatte jedoch naiverweise — oder gutmütigerweise — darauf vertraut, ihres Vaters gehobene gesellschaftliche Position werde sie vor allem Schaden bewahren; zudem hatte sie immer den Eindruck gehabt, die Lieblingstochter ihres Vaters zu sein. Doch sie hatte die Situation falsch eingeschätzt. Vielleicht spiel- te auch eine Rolle, daß der arme Junge, stolz darauf, auf einmal wichtig bei „gesellschaftlichen Ereignissen“ zu sein, überall von, dem „Schäferstündchen“ herumerzählte und dabei weitere inti- me Einzelheiten hinzuerfand. Wie auch immer: Elea hatte die Familie unmöglich gemacht, und nur ihre Verstoßung aus Haus und Stadt konnte die Ehre wiederherstellen. Übrigens erfuhr ich zufällig nach Jahren, daß Eleas Vater kur- ze Zeit nach der Ausweisung der Tochter verstorben und die Fa- milie aufgrund der Spielsucht eines der Söhne verarmt und in die Bedeutungslosigkeit versunken war. Ich erzählte Elea niemals davon. Schon in der ersten Nacht meiner Weiterreise durch die Kolo- nie, die drei Holzklötze immer als Wegbegleiter, schliefen wir, da wir nicht mehr rechtzeitig ein Dorf erreichten, eng aneinanderge- kuschelt auf dem moosigen Boden hinter einem Busch. Dank der Tauschgüter, die ich aus der Heimat mitgenommen hatte, konn- te ich Elea in der nächsten Siedlung ein Frauengewand kaufen. Während der ganzen Reise blieb sie an meiner Seite, wobei sie mich geradezu anhimmelte; nur wenn sie auf meine Holzklötze schaute, brach sie jedesmal in unbändiges Gelächter aus, schaute mir danach jedoch halb schuldbewußt in die Augen. Einen Tagesmarsch entfernt von meiner Heimatstadt legten wir eine zweitägige Rast ein. Ich sandte einen Boten voraus, der meine Freunde von meiner bevorstehenden Ankunft in Kenntnis setzen und sie an den vorher verabredeten Empfang erinnern sollte. Und wie wir es vor einem halben Jahr geplant hatten, so geschah es dann auch: An der Stadtgrenze erwarteten sie mich mit einer großen Menschenmenge. Zunächst wollte Elea uns, das heißt dem sich nun bildenden Zug, in einiger Entfernung folgen, doch ich bat sie, an meiner Seite zu bleiben. Zugegeben, ein wenig wunderte sich so mancher schon über die Wilde, die mich begleitete; den meisten war allerdings klar, daß Künstler extravagant zu sein und sich ungewöhnlich zu verhalten hat- ten, und so vermuteten sie in Elea einen Teil der nun folgenden Performance., Eine Gruppe von einhundert jungen Männern und Frauen zog laut stöhnend das um ein Vielfaches verlängerte Seil mit den un- förmigen Holzklötzen langsam hinter sich her in Richtung auf das Stadtzentrum, als handelte es sich um eine schwere Last. Neben ihnen her gingen einige kräftige Athleten mit entblößten Oberkörpern, knallten mit Peitschen in der Luft und gebärdeten sich wie Sklavenaufseher. Hinter den Klötzen aber liefen ältere Kinder her und droschen mit Geißeln auf das Holz ein. Als der Zug in der Stadtmitte, auf dem Marktplatz, angekom- men war, lösten Helfer die die Köpfe symbolisierenden Holzteile vom Seil und trugen sie zu den drei senkrecht stehenden ton- nenförmigen Gebilden hin, die die vollgefressenen Körper der Drei-Herrscher darstellen sollten. Dort wurden die „Holzköpfe“ auf die dornförmigen Hälse aufgespießt. Ich mußte mir inner- lich eingestehen, daß das Ganze mehr als lächerlich wirkte, und doch schienen alle Handelnden überzeugt von dem Ernst ihres Tuns. Nur Elea merkte ich an, daß sie mit Mühe und Not ein La- chen unterdrückte. War sie die Einzige, die erkannte, wie albern wir handelten? Am nächsten Tag übrigens fanden sich keine Spuren mehr von meinen Skulpturen. Die Schergen der Drei-Herrscher hatten sie in der Nacht still und heimlich beseitigt. Nach und nach verzog sich die Menge. Meine Freunde jedoch belagerten mich, damit ich ihnen von meinen Erlebnissen berich- tete. Gut gelaunt begann ich, unterbrach meine Rede dann aber und vertröstete sie auf die folgenden Tage, als ich sah, daß Elea sich an den Rand des Marktplatzes zurückgezogen hatte und ge- langweilt herüberschaute. Habe ich Elea überhaupt schon beschrieben? Trotz ihrer sieb- zehn Jahre hatte sie einen eher kindhaften Körperbau ohne gro- ße Rundungen. Ihre langen, dunkelbraunen Haare fielen ihr fast bis auf die Hüfte. Das Gesicht offenbarte besonders ihre Zier- lichkeit: eine kleine, gerade Nase, dunkle Augen mit schmalen, Brauen, und die winzigen Ohrmuscheln wirkten geradezu zer- brechlich. Ich kann nicht sagen weshalb, aber täglich liebte ich sie mehr. Nimmt es Wunder, daß ich Eleas Gestalt und ihr Gesicht fort- an in meine Kunst einfließen ließ? Und daß meine Schöpfungen, dank Elea, deutlich naturalistischer wurden? Wie viele Frauen- und Mädchenbüsten schuf ich seitdem, die alle mehr oder we- niger ihre Gesichtszüge wiedergaben. Und wie viele Skulpturen zierten nach und nach mein Haus, die Elea ähnlich sahen und von denen ich nur zwei verkaufte, schweren Herzens, die ande- ren behielt ich für mich. Meine Freunde waren erstaunt, einige Kritiker redeten von einem Stilwandel, einer prägte sogar den Be- griff der „Elea-Phase“. Dieser Ausdruck war richtig — und falsch zugleich. Denn die „Phase“ hörte nicht auf, wurde nicht von ei- ner anderen abgelöst. Noch jetzt, als Greis, denke ich, wenn ich ein neues Kunstwerk schaffe, an Elea, an Dich. Du, meine Muse, mein Vorbild, mein Ziel. Nach diesem triumphalen Einzug in meine Heimatstadt und der Verabschiedung der Freunde nahm ich Elea bei der Hand und ging mit ihr — endlich ohne Seil und Holzklötze — zu meinem Haus, das fortan unser gemeinsames Haus sein sollte. Elea sah sich auf den Straßen und Gassen neugierig um — sie kannte un- sere Kultur ja noch nicht näher, allenfalls aus Berichten und Ge- rüchten aus ihrer Heimat, denn auf dem Weg hierher hatten wir alle Städte gemieden —, und sie fand sich erstaunlich schnell mit allem zurecht. Vor meinem Grundstück blieben wir stehen. „Das da dir ge- hören?“ Mein Haus mußte sich, da es die Wohnstatt eines Künstlers war, natürlich von den anderen Wohngebäuden unterscheiden: Während diese normalerweise einer Pyramide glichen, deren Spit- ze abgeschnitten war, ähnelte meines einem auf dem Kopf ste- henden breiten Kegel, der ringsum von Säulen gestützt wurde., Über eine Wendeltreppe gelangten wir ins obere Stockwerk. Bis auf einen gesonderten Gästeraum gab es hier nur einen ein- zigen Saal, der zugleich als Wohnraum, Eßraum, Schlafzimmer und Atelier diente. Der kleine Raum im Untergeschoß war mein Speicher. Elea ging neugierig herum, sah sich alles an, roch an al- lem. Manchmal schloß sie auch die Augen und befühlte einfach nur die Einrichtung und die Kunstgegenstände. „Wie ein Kind“, ging es mir durch den Kopf. Zuletzt begutachtete sie das große Bett in der Mitte des Saals. Ungläubig drückte sie mehrmals die weiche Matratze und warf sich dann darauf, wobei sie laut aufjauchzte. Sie war bisher nur harte Lager gewohnt. In diesem Bett schliefen wir von nun an gemeinsam. Schon am nächsten Morgen begann ich damit, die erste Holz- büste von Elea zu schnitzen. Fast ungläubig betrachtete sie das Ergebnis: Das sollte sie sein? Zukünftig saß oder stand sie mir häufig Modell. Besonders gern fertigte ich Akte von ihr. Sie mochte es allerdings nicht, längere Zeit unbewegt zu verharren, so daß ich mich genötigt sah, große Teile der Arbeit aus dem Gedächtnis anzufertigen. Stattdessen liebte sie es, mit mir ge- meinsam etwas zu unternehmen, Spaziergänge, Ausflüge, kür- zere oder längere Reisen. Anfangs mußte ich mich an dieses bewegte Leben erst gewöhnen, doch mit der Zeit gefiel es mir immer besser, zumal ich sah, welch große Freude ich ihr damit bereitete. In finanzielle Probleme geriet ich dadurch nicht; mein Vermögen hätte mir auch erlaubt, auf die Früchte meiner Hände Arbeit gänzlich zu verzichten. Die Fülle der Anregungen, die mir die Reiseeindrücke verschafften — und die Liebe zu Elea öffnete zudem meine Sinne in unfaßbarer Weise —, verlieh mir neue Gestaltungskraft und floß in meine Kunstwerke ein. Die Kritiker prägten das Wort „eleatische Reisephase“. Nach zwei Jahren gebar Elea unser erstes Kind, einen Jungen, der jedoch, trotz aller ärztlichen Kunst, nach wenigen Monaten, starb. Wir waren tief traurig. Ein Jahr später kam Eletta zur Welt, die uns viel Freude bereitete, jedoch nach einer neuen Order der Drei-Herrscher, die ich dafür verfluche, schon als Fünfjährige das Elternhaus verlassen mußte, um in einem staatlichen Erzie- hungsheim „aufgezogen“ zu werden, wie die Regierenden das nannten. Die Zeit mit Elea war reich und schön, ausgefüllt bis zum letzten, zugleich verging sie wie im Flug. Und dann, als sie 40 geworden war, begannen die Jahre der Unruhe und des Schrek- kens. Einer der Drei-Herrscher verstarb, die beiden überlebenden Brüder zerstritten sich, und mit ihnen entzweite sich das Reich. Diese Situation nutzten die Völker der Kolonien sowie auch eini- ge Völkerschaften außerhalb des Reichs, um in die Zentralberei- che einzudringen. Erstaunlicherweise verlief dies anfangs sogar weitgehend un- blutig, da weder die Reichsbevölkerung noch die unmotivierten Soldaten den Fremdlingen groß Widerstand entgegensetzten, ja, oft wurden sie sogar als Befreier gefeiert. Erst als sie die Reichs- hauptstädte angriffen, regte sich erbitterte Gegenwehr, was schlagartig im gesamten Reich Unfrieden schuf. Viele Menschen kamen durch Gewalt, dann auch durch Krankheiten ums Leben. Die Versorgung der Reichsbevölkerung brach zusammen, die meisten verließen die Städte und flüchteten in die Wälder. Auch Elea und ich flohen, als eines Tages, mitten im Winter, die Wil- den vor den Toren der Stadt standen. Auf unserer Flucht stürzte Elea unglücklich und zog sich eine blutende Wunde zu. Drei Wochen später erlag sie der fieberhaf- ten Erkrankung. Kurz bevor sie starb, erlangte sie noch einmal ihr Bewußtsein zurück und sah mich so innig und voller Liebe an, daß ich es nie vergessen werde. Dann schloß sie für immer die Augen. Ich begrub sie im Wald, nahe einer jungen Eiche. Nicht lange darauf kehrte ich in meine Heimat zurück. Die Wilden hatten in den Häusern Quartier bezogen, mein Haus, allerdings nicht einmal betreten, wohl aus einem Aberglauben heraus, wegen seiner grotesken Form. Es war mir gleichgültig, was sie mit mir machen würden, doch sie duldeten mich, ja schie- nen sogar Scheu vor mir zu empfinden. Seither sehe ich täglich die Skulpturen von Dir, Elea, voll Wonne und tiefem Schmerz. Ich altere, wie noch nie ein Mensch innerlich gealtert ist. Und kann nur an Dich denken. Elea, meine Elea. Das Reich? Es zerfiel innerhalb weniger Jahre. Unser Volk schwand dahin. Vielleicht waren wir alle zu alt. Doch um mich herum erblüht neues Leben. Niemals zuvor habe ich so viele Kin- derstimmen gehört.,

Zweite Letztschrift VERFALL

Da liegt mein Mann Arun und schnarcht vor sich hin. Er hat es sich wahrlich verdient, ausruhen zu dürfen, nachdem er zwei Tage unterwegs gewesen war, um etwas zu essen zu suchen. Drei Kaninchen und einen Auerhahn hat er gefangen, und einen Korb voller Früchte mitgebracht, das reicht für einige Tage. Es lohnt sich kaum, die Lebensmittel tiefzukühlen, wir werden sie eh’ bald verzehrt haben. Zu unserem Glück hat Arun sich in jungen Jahren mit dem „Überleben in der Wildnis“ beschäftigt, es war früher sein Stek- kenpferd gewesen. Eine seltene Beschäftigung, er ist in einem alten Buch auf sie gestoßen. Ein Buch, tatsächlich! Seine Mutter hatte ihm beigebracht zu lesen, sie besaß neun Bücher, und er hat diesen Schatz auf vierundzwanzig vermehrt. Als er wieder einmal auf der Suche nach Büchern war, lernten wir beide uns kennen. Eine gemeinsame Leidenschaft. Als ich ihm dann auch noch erzählte, daß ich die alte, bei den meisten in Vergessen- heit geratene Kunst des Schreibens beherrsche, geriet er völlig aus dem Häuschen. Wir verliebten uns bald ineinander, und ein halbes Jahr später heirateten wir. Bemüht hat er sich zwar, das Schreiben zu lernen, weit ist er damit aber nicht gekommen. Er ist immer schon ganz stolz, wenn er zwei oder drei Zeilen zu Papier bringt. Meist sagt er zu mir: „Mach du das.“ In der ganzen Stadt kenne ich außer Arun niemanden, der noch lesen, und erst recht niemanden, der auch schreiben könnte. Keinen einzigen Menschen innerhalb der 137 Familiengruppen, die in unserer Großstadt leben, keinen Erwachsenen, von den insgesamt drei Kindern ganz zu schweigen., Die Bahnen rollen immer noch automatisch von Station zu Station, und ich fahre gerne mit ihnen durch die menschenleeren Häuserschluchten. Allerdings darf ich nicht unvorsichtig werden. Erst kürzlich ist eine Bahnlinie ausgefallen und konnte von den Reparaturmaschinen nicht wieder aktiviert werden. Nach und nach bricht in den nördlichen Stadtteilen auch die Energieversor- gung zusammen. Vor zwei Jahren waren wir deshalb genötigt, uns eine andere Wohnung zu suchen. Obwohl die Randbezirke eher verwahrlosen als das Zentrum, haben wir uns doch für die östliche Stadtgrenze entschieden, da wir von hier aus nur ein kurzes Stück bis zum Wald zu gehen haben. Auch der Große See ist nicht zu weit von hier entfernt, so daß es manchmal Fisch zu essen gibt. Der Nachteil unserer Wohnlage: die Abwehrmechanismen funktionieren nicht mehr einwandfrei, und so sahen wir schon mehrmals Ratten in den Straßen, einmal sogar ein Wildschwein. Wir versuchten, es zu fangen, leider entkam es. Auch Unkraut ist immer häufiger auf den Straßen und Plätzen zu sehen, wo es in der zunehmenden Verschmutzung einen Bo- den zum Keimen findet. In meiner Jugend hatte ich einmal einen Zukunftsroman von meinen Eltern geschenkt bekommen, in dem verfallende Riesen- städte auf einem anderen Planeten geschildert wurden, die nach einem Krieg gänzlich entvölkert waren und in deren Ruinen nach und nach Barbarenvölker einzogen. In letzter Zeit mußte ich immer wieder an den Roman denken, an die vielen Ähnlich- keiten. Und doch ist es bei uns anders: Es gibt keine Barbaren mehr auf der Erde, überhaupt keine anderen Völker außer unse- rem Einheitsvolk. Genau kann man es ja nicht wissen. Immerhin haben im Laufe der Jahrhunderte so manche Bewohner die Städ- te und die Zivilisation verlassen, Eigenbrötler, Geheimgruppen oder wer auch immer. Vielleicht sind es gar nicht so wenige, die da möglicherweise ein Wildnisvolk gegründet haben. Ich kann, mir nicht vorstellen, daß von diesen Menschen Gefahren drohen, aber ich befürchte, wir selbst, die wir unsere Kultur, zumindest unseren Kulturraum, nicht verlassen haben, werden über kurz oder lang zu Barbaren. Vor mehr als 100 Jahren, damals, als es noch eine starke Regierung gab, wurde das Lesen in den Schulen abgeschafft. Es sei, sagten die Fachleute, überflüssig geworden. Zunächst traten Computer an ihre Stelle. Die Menschen wur- den jedoch immer abhängiger von ihnen, gleichzeitig lernten sie immer weniger. Schließlich erfand man die Lernkübel, in die die Kinder gesetzt wurden, die sofort in eine Art Schlaf fielen und aus denen sie nach einem halben Tag, angefüllt mit Wissen, herausgenommen wurden. Diese Prozedur wurde alle fünf Tage wiederholt, es war gesetzlich so vorgeschrieben. Nach wenigen Jahren waren die Kinder genügend mit Wissen für ein Leben in unserer hochtechnisierten Welt ausgestattet. Ich bezweifle, daß einzelne Lernkübel, wie Arun behauptet, heute noch funktions- fähig sind. Die Nutzung der Computer wurde für Kinder wei- testgehend eingeschränkt, doch für die Erwachsenen bildeten sie und andere Kommunikationsgeräte weiterhin ein großes Problem, vor allem für die Männer, von denen viele nur noch in einer Scheinwelt lebten. Die Zahl der Kinder nahm nicht erst in den letzten Jahr- zehnten immer weiter ab. Zwar erhofften sich die meisten Paare Nachwuchs — anders als in den Jahrhunderten zuvor, als Kinder noch als Armutsfaktor und als Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben angesehen wurden —, doch trotz weitestgehen- der Abschaffung und Verbot der „Verhütungsmittel“, wie man diese Stoffe damals genannt hatte, wurden weniger und weniger Menschen geboren. Seit langem schon fiel die Kurve der Bevölke- rungszahl steil nach unten. Die Experten lieferten alle möglichen Erklärungen, aber wer glaubte ihnen, die sich so oft geirrt hatten und nicht hatten helfen können, inzwischen noch? Waren es ge- netische Faktoren, oder eher das denaturalisierte Leben? Sogar, die Erziehung mußte als Begründung herhalten. Die führenden meiner Geschlechtsgenossinnen behaupteten, schuld sei die Ver- weichlichung der Männer. Und sie hatten sicher nicht ganz un- recht. Ich dachte selbst schon, ob es nicht sein könnte, daß das einerseits lustlose, andererseits überreizte Leben unserer Vorfah- ren sich im Erbgut niedergeschlagen hat. Letztlich kann ich das natürlich nicht beurteilen, ich bin keine Fachfrau. Wie oft in letzter Zeit bin ich verbittert, weil auch wir selbst keine Kinder haben. Seit Arun in den Wald ziehen muß, um Tiere zu jagen und Früchte herbeizuschaffen, ist er aber doch im Bett erstaunlich aktiv geworden, ganz im Gegensatz zu unseren Wohl- standsjahren vorher, als die automatische Versorgung mit Le- bensmitteln noch funktionierte. Dennoch wurde ich bisher nicht schwanger. Und werde wohl auch als alte Frau kinderlos sein. In unserer Stadt hat sich, nach dem Zusammenbruch der Erd- führung, keine Regionalregierung gebildet. Hier leben einfach zu wenige, wie in den meisten der anderen Städte auch. Dabei wäre es nicht schlecht, wenn es eine Ordnungskraft gäbe. Denn seit das Trinkwasser nicht mehr den Agressionsminderungszusatz enthält — es ist einfach niemand da, der die Wasseranlagen noch warten kann, nachdem die Automatik ausgefallen ist —, klagt meine Nachbarin Idoo, die drei Blöcke weiter wohnt, über zu- nehmende Aggressivität bei ihrem Mann; auch unsere fünfzehn- jährige Stadtjugendliche soll schon ausfallend geworden sein, er- fuhr ich gestern von unserer Stadtseniorin, die ich zufällig bei der Fahrt ins Zentrum traf. Dort übrigens bin ich seit Tagen auf der Suche nach einem Bücherversteck. Von der Nordstädterin hatte ich erfahren, ihr Mann habe ihr erzählt, bei der — erfolglosen — Suche nach einem Korb oder einem sonstigen für den Transport von Nah- rungsmitteln geeigneten Behältnis habe er in einem Haus nahe der Bahnlinie West-Zentrum-See einen Gegenstand gefunden, den man aufblättern und zuklappen und aus dem man dünne, Seiten herausreißen könne, auf denen eigenartige schwarze Spu- ren zu sehen gewesen seien. In dem Raum hätten noch mehrere dieser Gegenstände herumgelegen, vielleicht das „Spielzeug ei- nes Perversen“, aber leider nichts, das wirklich zu gebrauchen gewesen wäre. An den genauen Ort des Gebäudes konnte er sich, als ich ihn selbst später fragte, nicht mehr erinnern, mir nur den Block nennen. Doch ausgerechnet dort sind die Häuser bis zu 80 Stockwerke hoch, so daß sich in jedem Haus viele hunderte Räu- me befinden. Ein wenig Erleichterung verschafft es mir, daß nur etwa jede vierte Wohnung aufgebrochen ist, und um eine solche muß es sich hier handeln. Falls ich überhaupt Erfolg haben soll- te — und hier hilft nur systematisches Vorgehen —, werde ich eventuell bis in den Herbst hinein suchen müssen. Arun regt sich. Sicher will er mich gleich wieder zu sich ins Bett ziehen. Zugegeben, ich mag es ja. Werde ein andermal weiter- schreiben. Erst jetzt, mitten im Winter, komme ich dazu, mit dem Schrei- ben fortzufahren. Hier am Feuer kann ich mir die Finger wär- men, sonst wäre ich nicht in der Lage, auch nur einen Satz aufs Papier zu bringen. Die Ereignisse haben sich überschlagen. Ein Erdbeben vernichtete die letzten funktionsfähigen Versorgungs- anlagen unserer Stadt. Keine Energie mehr, kein Trinkwasser. Zwar blieben die Gebäude der Stadt weitgehend unbeschädigt, dennoch entschlossen wir uns, die Wohnung zu verlassen und in die Wildnis zu ziehen, wo wir näher am Wasser leben. Hier hatte Arun zum Glück bei seinen Streifzügen geräumige Höhlen entdeckt; die zweckmäßigste suchten wir uns aus, ehe eine der anderen Familien sie in Beschlag nehmen würde. Aruns Eltern sind bereits verstorben, meine leben weit entfernt von hier, so- mit ließen wir keine Verwandten in der Stadt zurück., Im nachhinein sollte es sich als richtig herausstellen, daß wir alleine hierhin gezogen sind und uns nicht um gemeinsame Un- terkünfte zusammen mit den anderen bemüht haben. Die mei- sten von ihnen hatten sich am nördlichen Stadtrand niederge- lassen, nahe dem Fluß. Dort waren sie, als der Winter nahte, in Streitigkeiten um die Lebensmittel geraten. Es hatte mehrere Tote gegeben. Daraufhin zerstreuten sich die Familien in alle Winde. Vor wenigen Tagen dann das große Glück meines Lebens, fast so wertvoll wie Arun: Meine Kinder erblickten das Licht der Welt. Ein Junge und ein Mädchen. Arun hat mir bei der Geburt mit rührender Hilflosigkeit beigestanden. Männer sind nun ein- mal tolpatschig, aber ich liebe ihn deshalb nicht weniger. Nebenbei bemerkt: Unseren Schatz an Büchern haben wir mitgenommen. Sobald die Kinder vier oder fünf Jahre alt sind, werde ich versuchen, ihnen Lesen und Schreiben beizubringen. Inea schreit schon wieder, sie ist lebhafter als ihr Brüderchen. Ich muß jetzt aufhören. Nicht weit entfernt von unserer Höhle fanden wir diese Spuren. Sie stammen mit Sicherheit von einer Gruppe von Menschen, die wir nicht kennen; die Schuhabdrücke unterscheiden sich deut- lich von den Abdrücken unseres städtischen Schuhwerks. Arun und ich haben lange darüber diskutiert, zunächst war er dagegen, aber jetzt wagen wir es doch. Immer nur einsam in der Wildnis: Eine grausame Vorstellung. Morgen wollen er und ich mit den Kindern den Spuren folgen und sehen, wer diese Menschen sind. Es ist gefährlich, es kann tödlich enden. Wir haben ganz schön Angst, aber vielleicht finden wir eine Gemeinschaft, der wir uns anschließen können. Hoffen wir es. , Viele Jahre lang war dieses Heft verschollen gewesen. Ich dach- te, es wäre in der Zeit der Wanderschaft verlorengegangen. Jetzt fand ich es zufällig wieder — und stelle erfreut fest, daß ich das Schreiben nicht verlernt habe. Leider ist auch die letzte Seite fast vollständig beschrieben. Ich hoffe, endlich einmal einen Stoff zu finden, auf den ich ähnlich wie auf Papier schreiben kann. Dann werde ich auch alle die Legenden und Märchen aufschreiben, die ich Abend für Abend an den Lagerfeuern höre. Zwar kenne ich sie inzwischen auswendig; wie oft habe ich, wenn meine Enke- linnen und Enkel zu Arun und mir ins Zelt kamen, ihnen diese Geschichten erzählt. Ich bin auch nicht besorgt, daß sie in dem Volk, das uns adoptiert hat, verloren gehen. Doch möchte ich sie alle auch in einem Buch verewigen, denn Bücher sind etwas unermeßlich Wertvolles. Am Horizont dämmert ein neues Licht herauf.,

DIE BRIEFE

Drei Wochen waren vergangen seit jenem mysteriösen Einbruch in unser Haus. Wir hatten uns soeben einen Kurzurlaub in Mün- ster gegönnt. Diese Stadt in der Vorweihnachtszeit mit den Ad- ventskränzen in den Arkadenbögen des Prinzipalmarkts: ein Gedicht voller Stimmung. Die zweite der „Letztschriften“, die ich im Hotelzimmer durchlas, hatte gar nicht übel dazu gepaßt. Allerdings wunderte ich mich über die Science-Fiction-Elemente, die sie enthielt; unmöglich konnte diese Geschichte eine Über- setzung der uralten Handschrift sein, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Vielleicht war mein Onkel schriftstellerisch tä- tig und hatte sich diese Erzählung einfach ausgedacht, immerhin liegt diese Begabung in der Familie. Die alte Handschrift lieferte ihm eventuell Anregungen dafür. Wer weiß? Als wir mit dem Wagen in unsere Garage zurückkehrten, überkam uns gleich das Gefühl: Irgend etwas stimmte mit dem Haus nicht. Schnell stellte es sich heraus, daß man erneut einge- brochen hatte. Und das in unserer eher dörflichen Wohngegend am Stadtrand, wo Einbrüche selten vorkamen. Die Polizei war so ratlos wie beim ersten Mal. Hinweise auf die Täter fanden sich nicht. Wieder hatten sie die vorhandenen Wertsachen nicht mitgenommen. Wenige Tage später fand sich der erste Brief ohne Absender- angabe in unserem Briefkasten. Für einen Gegenstand „ohne jede materielle Bedeutung“ bot „Mr. Anonymus“ uns 10.000 Euro. Wenn ich einverstanden sei, solle ich am folgenden Tag eine brennende Kerze ins Wohnzimmerfenster stellen., Die Polizei hielt den Brief für einen Scherz. Natürlich entzün- dete ich keine Kerze. Wenige Tage darauf stieg das Angebot für das „Liebhaber- stück“, das „ungerechtfertigt“ in unseren Besitz gelangt sei, auf 100.000 Euro. Allmählich ging uns ein Licht auf. Mir wurde immer mulmi- ger zumute.,

Dritte Letztschrift SCHLOSS-TIEFEN

Vor mehr als 200 Jahren wurde die Großehe gesetzlich einge- führt. Eine Ehegruppe muß aus mindestens vier Eheleuten beste- hen, maximal dürfen es 20 sein. Das Geschlecht ist dabei gleich- gültig. Es gibt z. B. Ehegruppen aus fünf Frauen, oder aus einer Frau und 19 Männern, oder umgekehrt. Die Kinder werden nach Belieben von einem oder mehreren der Partner betreut und auf- gezogen. Der Tausch von Kindern zwischen zwei Ehegruppen oder ihr Verkauf an eine andere Ehegruppe ist zulässig, wenn alle Beteiligten zustimmen. Verboten ist die Kleinehegruppe aus zwei Personen, denn sie birgt das Risiko der Absonderung von der Gesellschaft aufgrund eines Egoismus zu zweit. Das Verbrechen der Kleinehe wird mit Trennung und Zwangsumsiedelung bestraft, im Wiederholungs- fall mit Ausweisung aus dem Weltstaat auf eine der winzigen künstlichen Inseln, die in den Meeren geschaffen wurden. Auf jedem dieser Inselchen ist nur ein einziger Strafgefangener unter- gebracht, der selbst dafür sorgen muß, mit Hilfe eines Wasserent- salzungsgeräts und einiger Pflanzen, von denen er seine Nahrung bezieht, zu überleben. Übrigens wurde bisher nur selten jemand wegen Führung einer Kleinehe bestraft, da die meisten ohnehin die Großehe bevorzugen. Ich will Euch eine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte von Rumuo und mir, Jaala. Als Dreißigjährige verliebten wir uns ineinander. Doch ich beginne besser ein wenig früher, zu dem Zeitpunkt, als wir beide uns kennenlernten. Innerhalb unseres Teams, zuständig für die Erhebung der Kopfsteuer im östlichsten Stadtbezirk von, Druumula, war ich Innendienst-Sachbearbeiterin im Amt für das Steuerlenkungswesen. Vor einem Jahr begegnete ich Rumuo zum ersten Mal. Er prüfte im Außendienst die sog. Einkunfts-Groß- köpfe, die des öfteren den Großkopf-Steuerzuschlag zu umgehen versuchten, und mußte nun seine Daten mit den Innenteam-Da- ten abstimmen. Gleich fiel mir auf, daß er ein wenig hinkte. Er schien meine Gedanken erkannt zu haben, wies auf seine Hüfte und sagte: „Angeboren.“ Eigenartig, daß man ihn nicht bereits als Vorgeburtler ausgesondert hatte, offenbar war beim gesetz- lich vorgeschriebenen automatischen Screening ein Fehler unter- laufen. Anscheinend war der Makel auch nicht bis zur Vollen- dung des ersten Lebensjahres aufgefallen, sonst hätte man ihn nachentsorgt. Die Daten waren schnell abgeglichen. Rumuo schaute aus dem Fenster. „Schon faszinierend, aus dem 150. Stockwerk auf den Schloßpark zu blicken. Und das Schloß, so winzig. Wohne selbst nur im 20. , da hinten, am Fluß.“ Er deutete auf die kleinen Wohnbauten am Rhenus. Ich war ein Fan von Schloß und Park, Überbleibseln aus ural- ten Zeiten. „Diesen täglichen Blick von hier oben liebe ich; nur große Künstler konnten so eine wundervolle Anlage schaffen.“ Zehn Tage später erschien Rumuo erneut im Büro. „Will sicherheitshalber nochmals Datenabgleich vornehmen“, sagte er in seiner sonderbar knappen Redeweise. „Zugegeben, ist eigent- lich gar nicht erforderlich.“ Er grinste, ging dann zum Fenster und schaute hinunter. „Bauzeit des Schlosses war ‚Ruckuku‘. Tja, damals hatten die Zeiten noch Namen.“ Was war das? Hatte er sich ein wenig kundig gemacht, um bei mir Eindruck zu machen? Nun, ich hatte ihn von Anfang an sympathisch gefunden, trotz oder vielleicht gerade we- gen seiner Eigenarten. Er war anders als alle diese geleckten schönen Männer mit vor Kraft und Gesundheit strotzenden Körpern., Als er sich verabschiedete, schlug ich ihm vor, nach Dienst- schluß einen gemeinsamen Spaziergang durch den Schloßpark zu unternehmen, dabei könne ich ihm das eine oder andere zu diesem Gesamtkunstwerk erläutern. Begeistert stimmte er zu. Von da an sahen wir uns täglich, meist am Nachmittag, oft auch schon im Büro. Sehr schnell berührten unsere Gespräche private Bereiche, und ich erfuhr, daß er drei Mütter und drei Väter hatte. Seine Lieblingsmutter hatte ihn wegen seiner Behin- derung über alle Maßen geliebt und eine besonders enge Bezie- hung zu ihm unterhalten. In der Lehranstalt hatte er sich als lernbegierig erwiesen und dadurch manche Defizite, die früh bei ihm aufgetreten waren, wettgemacht. Ich wiederum berichtete ihm von meinen zehn Eltern und meiner glücklichen Kindheit im Kreise meiner Familie und Freunde, von meinen Geschwistern und meinem Lieblingsvater. Ja, und dann hatte ich als Siebzehn- jährige diesen schweren Unfall mit Hirnverletzung gehabt. Seit- dem quälten mich krankhafte Ängste und körperliche Schwä- chezustände, die auch durch die Medikamente nicht vollständig beseitigt wurden. So war also auch ich, ebenso wie Rumuo, mit einem Makel behaftet. Als ich ihm das erzählte, zeigte er sich überaus einfühlsam. Nach kurzer Zeit war aus der Verliebtheit, die sich schon nach wenigen Spaziergängen bei uns beiden eingestellt hatte, gegen- seitige Liebe geworden, die täglich wuchs. Wir beide wohnten in kleinen Single-Wohnungen. Nachdem wir uns bereits ein halbes Jahr lang kannten, äußerte Rumuo den Wunsch, mit mir zusammen in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Abgesehen davon, daß dies zum gegenwärtigen Zeit- punkt unmöglich war, da Mehrpersonenwohnungen nur an Ehe- gruppen vermietet oder verkauft werden durften, wir also zu- nächst weitere bereitwillige alleinstehende Freunde für eine Ehe hätten finden oder in eine bestehende Ehegruppe hätten einhei- raten müssen, stand einer gemeinsamen Wohnung noch ein ganz, anderes Hindernis entgegen: meine krankhafte Angst. Sie stieg ins Unermeßliche, wenn ich auch nur daran dachte, mit anderen gemeinsam zu wohnen. Lebhaft stellte ich mir vor, wie mich Schwäche befallen würde, wenn ich nach der Vormittagsarbeit, für die ich immerhin noch genügend Kräfte aufbrachte, von Mit- tag an mein Leben mit anderen hätte verbringen müssen. Rumuo hatte großes Verständnis für mich und bemühte sich, dieses Thema nicht mehr anzusprechen, aber ich spürte immer mehr seine Sehnsucht, mit mir zusammenzuleben. Auch in mir wuchs das Verlangen nach seiner Gegenwart. Da ich erkann- te, daß er auf mich größtmögliche Rücksicht nehmen würde, überwand ich schließlich weitgehend meine Ängste vor einem Zusammenleben mit ihm. Aber mit mindestens zwei weiteren Personen eine Wohnung zu teilen, war mir vollkommen unmög- lich. Selbstverständlich auch nicht in der Form der selten vor- kommenden Scheingroßehegruppen, die im Grunde aus mehre- ren Kleinehepaaren bestanden. Diese Scheingroßehen wurden als Umgehung des Verbots der Kleinehen in gleicher Weise als Verbrechen verfolgt. Rumuo verabscheute es ebenfalls, mit mir innerhalb einer Großehegruppe leben zu sollen. Er tat dies keinesfalls nur mir zuliebe, sondern weil er tatsächlich mit mir „alleine zusammen“ sein wollte. So standen wir vor einem großen Problem. Wir verzehrten uns innerlich geradezu nach einem gemeinsamen Leben, aber wir durften es nicht führen. Einfach heimlich zusammen in einer Singlewohnung zu leben, wäre wegen der Enge schon schwer ge- wesen, vor allem aber wegen der allgegenwärtigen Polizeispitzel nicht ratsam. Was tun? Andere Staaten außer dem Weltstaat, in die wir hätten auswandern können, gab es seit Jahrhunderten nicht mehr. Den Plan der Schaffung von Weltraum-Kolonien, in denen möglicherweise lockerere Gesetze als auf der Erde das Gemein-, schaftsleben geregelt hätten, hatte man seit langem aufgegeben. Mehrmals hatte es schon Initiativen von einzelnen oder Klein- gruppen gegeben, eine Änderung der Ehegesetzgebung herbeizu- führen, aber sie alle waren samt und sonders gescheitert. Wir verzweifelten beinahe, weil wir keine Lösung fanden. Ich wandte mich an meinen Lieblingsvater, der mit mir fühlte und litt, aber auch er wußte keinen Rat. Im Amt begann man, Witze über uns zu machen und nach dem Heiratstermin zu fragen. Mein armer Rumuo sann besonders viel über unser Problem nach und hatte dabei manchmal die verrücktesten Ideen. Eines Tages kam er voller Begeisterung zu mir. „Ich hab’s!“ verkündete er stolz und glücklich. „Wir suchen mit einem Bodengleiter die Wildnisgebiete ab. Mit Sicherheit werden wir irgendwo eine ver- steckt liegende, bewohnbare Höhle finden. Dort leben wir dann frei von allen Gesetzen, ernähren uns von wilden Früchten und von Kleintieren, die wir in Fallen fangen, und …“ Ich ließ ihn ausreden. Es tat mir leid, ihn enttäuschen zu müs- sen, doch es blieb mir nichts anderes übrig. „So schön das klingt: Abgesehen davon, daß keiner von uns auf ein Leben in der Wild- nis eingerichtet ist: Ich als kranker Mensch käme dort um. Ich breche ja schon zusammen, wenn ich nur daran denke, in einer vollständig fremden Umgebung leben zu müssen. Es würde mei- ne Ängste ins Unermeßliche steigern. Noch viel weniger könnte ich die Anstrengungen bewältigen, die mit einem Leben in der Wildnis verbunden sind. Die Temperaturen, Kleidung waschen, Nahrung sammeln.“ „Das alles würde ich machen — soweit ich es könnte. Du sollst dich so wenig wie möglich anstrengen müssen!“ Er war die Fürsorge in Person. Nicht zuletzt deswegen liebte ich ihn auch so sehr. „Rumuo, dein Angebot ist ja so lieb! Aber leider geht es nicht, ich glaube, ich kann nicht auf die Zivilisation verzichten.“, Einen Moment lang war er sehr niedergeschlagen. Aber dann raffte er sich zusammen und versuchte, fröhlich zu wirken. Ich wußte, er tat das nur, weil er mich nicht betrüben wollte. Die Tage verrannen, ohne daß sich etwas änderte. Einer mei- ner Vorgesetzten fragte mich einmal, ganz „nebenbei“, wie es mit meinen Zukunftsplänen aussehe. Eines Tages verschwand Rumuo. Er hatte mir eine hand- schriftliche Notiz hinterlassen, er sei unterwegs, eine Lösung für uns beide „zu suchen und zu finden“; übrigens gehörte er — wie ich auch — zu den wenigen Menschen, die noch mit der Hand zu schreiben in der Lage waren. In dieser Zeit grausamer Einsam- keit fand ich Trost bei meinem Lieblingsvater, mit dem ich früher schon alles hatte besprechen können. Endlich, endlich kehrte Rumuo zurück, ganz deprimiert, da er nichts gefunden hatte. Wir suchten vermehrt Abwechslung und Ablenkung und stürzten uns daher, soweit meine Kräfte es zuließen, in die Frei- zeitbeschäftigungen, die die Stadt reichhaltig bot. Massagen und Verwöhnstreichelungen, visuelle Abenteuer und Historienerleb- nisse, Duftentspannungen und erotische Überraschungen. Doch all das war letztlich nicht geeignet, unsere Sehnsucht zueinander zu stillen. Und dann begegneten wir dieser Frau. Eines Nachmittags, als wir händchenhaltend die Sinnenrausch-Halle verließen, sprach sie uns an. Sie war etwas älter als wir und machte gleich einen sympathischen Eindruck auf mich. „Sie beide wären gerne verheiratet, nicht wahr? In einer Klein- ehe.“ platzte sie heraus. „Ich sehe es Ihnen an … Seit Tagen habe ich Sie schon beobachtetet.“ „Sie vertun sich“, sagte Rumuo und zog mich weiter. Er hatte recht: Wußten wir, ob diese Frau ein Polizeispitzel war? „Ich verstehe Ihre Angst.“ Sie ging hinter uns her. „Aber ich meine es ernst und kann Ihnen mit Sicherheit helfen. Wenn Sie morgen um diese Zeit beim Schloß sind — Sie kennen es doch,, nicht wahr? —, werde ich Ihnen eine interessante Kleinigkeit zeigen. Um das Schloß herum zu spazieren ist nicht verdächtig, dafür wird Ihnen niemand etwas vorwerfen können. Überlegen Sie es sich.“ Wir überlegten es uns. Und kamen zu dem Ergebnis, daß wir es wagen sollten. Was konnte man uns schon anhaben? Wir hat- ten nichts eingestanden und würden auch nichts eingestehen. Im übrigen war die bloße Absicht, eine Kleinehe einzugehen, nicht strafbar. Zwar würden wir unsere geheimen Wünsche offenba- ren, aber unsere Verzweiflung trieb uns zu dieser Handlung. Wir spazierten also am folgenden Nachmittag um das Schloß herum, das man als Denkmal erhalten und erst vor dreißig Jahren restauriert hatte. Für die Öffentlichkeit war es nicht zugänglich, allerdings fanden hier gelegentlich Empfänge für hohe Würden- träger statt. Bedauerlicherweise überspannte die fünf Flügel eine Glaskonstruktion, die aussah wie ein Gewächshaus und der Si- cherung vor Umwelteinflüssen, aber auch vor Menschen dienen sollte. Doch zum Glück waren die Gebäude, deren pfirsichblü- tenfarbener Anstrich mir so überaus gefiel, deutlich zu sehen. Da erkannten wir im Eingangsbereich des „Gewächshauses“ auch schon die Frau. Sie winkte uns zu sich. Ängstlich sahen wir uns nach möglichen anderen Personen um, die sich vielleicht hinter Bäumen versteckt hielten, konnten aber niemanden entdecken. Die Frau begrüßte uns. „Entschuldigung, gestern habe ich mich noch nicht vorgestellt. Ich heiße Uolle und bin die Kastel- lanin des Schlosses. Sicher möchten Sie es einmal von innen se- hen, nicht wahr?“ Sie rieb ihre Hand über eine dunklere Stelle des Glases, und schon tat sich eine weite Öffnung auf, die wir durchschritten und die sich hinter uns wieder schloß. Wir gingen die ehemalige Kutschenauffahrt des Hauptgebäudes hinauf und betraten es dann durch das Eingangsportal. Frau Uolle führte uns kurz durch die Prachträume des Erdgeschosses, die wir bis- her nur schemenhaft von der Glasmauer aus hinter den Fenstern, hatten erahnen können. Leider blieb keine Zeit, die Tapeten, Mö- bel oder Deckengemälde längere Zeit zu bewundern. Frau Uolle eilte mit uns in den ehemaligen Baderaum des Schlosses und be- rührte dann mit ihrem Fingerring einen Spiegel. Sofort begann das Zimmer, sich in schneller Fahrt nach unten zu bewegen, wie ein Aufzug. Natürlich erschraken wir. Nach kurzer Fahrt, die uns aber eine erhebliche Strecke in die Tiefe befördert haben mußte, blieb der Baderaum stehen. Eine Wand öffnete sich, und Frau Uolle führte uns … in eine andere Welt. Wir befanden uns in einer hell erleuchteten Stadt mit klei- nen Häusern und Ziergärten, an Stelle des Himmels sahen wir diffuses bläuliches Licht, in den Straßen gingen Menschen und schwebten leichte Gleiter. Wo die gigantische Halle oder Höh- le — denn um eine solche mußte es sich ja handeln — an den Seiten endete, ließ sich nicht erkennen. Staunen bemächtigte sich meiner, Staunen und Verwirrung, zugleich ein leises Gefühl des Glücks. Schweigend führte die Frau uns herum, auch wir sprachen kein Wort. Dies hier war eine Welt ähnlich der unseren, jedoch bescheidener und beschaulicher, nicht so gigantoman. „Wir würden uns freuen, wenn Ihr bereit wäret, uns anzuge- hören — uns, die wir alle Flüchtlinge sind, hierhin geflohen vor dem Weltstaat“, erläuterte Frau Uolle, nachdem wir auf einer Bank Platz genommen hatten, am Rande eines kleinen Wäld- chens. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Hier könntet Ihr beide heiraten und als Paar leben, so, wie es uralte Tradition ist, die leider von den Machthabern“ — sie deutete nach oben — „verraten wurde. Ja, in dieser Welt könntet Ihr einem Beruf nachgehen, der Eurem bisherigen entspricht. Hier findet Ihr viele andere Paare, Menschen, die dort“ — wieder wies sie in Richtung Erdoberfläche, und in ihrem Gesicht waren einen Au- genblick lang Ärger und Ablehnung zu lesen — „nicht mehr leben möchten. Wir sind glücklich über jeden, der zu uns stößt. Sagt es, mir bitte, und Ihr könnt sofort hierbleiben, wir werden Euch ein Häuschen geben, Einrichtung, Kleidung, alles, was Ihr braucht. Wenn Ihr hingegen zurück wollt, so werden wir Euer Gedächtnis der letzten Tage löschen, und es wird so sein, als wäret Ihr mir niemals begegnet, hättet dies hier nie gesehen. Entscheidet Ihr Euch zu bleiben, so könnt Ihr leider Eure Freunde, Eure Verwand- ten nie mehr wiedersehen. Wir müssen das so machen, zu unse- rer eigenen Sicherheit. Ihr könnt ihnen einen Sprechbericht hin- terlassen und ihnen darin mitteilen, daß es Euch gut geht, und wir werden diesen Bericht überbringen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Nun, möchtet Ihr hier leben?“ Rumuo und ich sahen einander in die Augen. Und dann, uns bei den Händen greifend, sagten wir gleichzeitig: „Ja, wir wollen!“,

Vierte Letztschrift DIE SELIGEN

Übermorgen soll er sterben. Mir wird schwarz vor Augen, wenn ich daran denke. Aber ich kann nicht anders, ich muß es ein- fach niederschreiben, auch wenn ich am ganzen Leib zittere und meine Schrift kaum lesbar ist. Vielleicht hilft es mir, wenn ich versuche, so nüchtern wie möglich zu bleiben. Er hatte heute Pech im Spiel, bei der Hauptwette des Reichs- spielfests schon wieder ein Lebensjahr verloren. Damit ist sei- ne Lebenszeit auf 61 gesunken. Übermorgen jährt sich das Jahr seiner Zeugung zum 61. Mal, und das bedeutet, bis Mitternacht muß er das Gift genommen haben. Also bleibt uns fast keine Zeit, eine Abschiedsfeier mit Angehörigen und Freunden vorzuberei- ten. In drei Tagen ist dann unser Paarbündnis beendet. Ich dagegen hatte bei der diesjährigen Wette wieder Glück und ein Jahr hinzugewonnen. Zum neunten Mal hintereinan- der mußte ich keine Lebenszeit an andere abgeben. Inzwischen konnte ich auf 97 Jahre aufstocken. Noch drei Jahre dazu, und ich habe die gesetzlich erlaubte Höchstlebensdauer von 100 er- reicht. Damit dürfte ich noch mehr als 40 Jahre leben, falls ich nicht meine Zeit wieder verwette. Joanuh hingegen ist mit sei- ner Pechsträhne fast bis an die untere Wettgrenze gelangt. Wie unendlich gerne würde ich ihm Jahrzehnte meiner Lebenszeit geben, wenn es nur möglich wäre. „Frau,“ sagte er vorhin zu mir, „du wirst mich also um viele Jahre überleben.“ Dabei grinste er so komisch. „Ja,“ erwiderte ich tieftraurig und zugleich resigniert, „so ist das eben.“, „Nun,“ sagte er daraufhin, „du wirst erstaunt sein, Frau, aber ich bin damit nicht einverstanden.“ Er hatte recht, ich war tat- sächlich erstaunt, zugleich aber auch verwirrt. „Was meinst du damit, Mann?“ fragte ich ihn. „Wie kannst du nicht einverstanden sein? Es ist Gesetz und Ehrenpflicht, es gibt keine Ausnahme!“ „Alle denken so, Frau, alle. Weil es immer so war, seit vielen Generationen. Aber muß es für immer so bleiben? Schon seit lan- gem mache ich mir Gedanken … Nun, wenn mein Plan mißlingt: Sterben muß ich ohnehin. Es könnte halt sein, daß es auch für dich den Tod bedeutet. Wärst du bereit, bei mir zu bleiben und mitzumachen?“ Wir schauten uns in die Augen, und er wußte auch ohne Wor- te meine Antwort. Schweigend umarmten wir uns, Tränen liefen über unsere Gesichter. Schon wieder versagt mir die Hand. Ich schreibe daher lieber etwas über die vergangenen Tage. Die diesjährigen Feierlichkeiten zum Reichsspielfest hatten nicht wie üblich zehn, sondern zwanzig Tage vor den Haupt- wettspielen begonnen, denn man beging das 250. Jubiläum. Die angebotenen Speisen und Getränke waren von einer Köstlichkeit, wie wir sie bisher noch nicht kennengelernt hatten. Sie reizten, vermute ich, die Geschmackssinne bis zum Äußersten. Auch die Spiele und Kleinwetten boten diesmal Außergewöhnliches. Wie bekannt wurde, hatte die Regierung es sich viel kosten lassen; hunderte von Spieleerfindern hatten sich jahrelang das Gehirn zermartert, um die spannendsten, aufregendsten, mitreißend- sten Spiele und Wettbewerbe zu kreieren. Viele Tausende von Profi-Schiedsrichtern waren ausgebildet worden, um die Reichs- bevölkerung und damit immerhin sechshundert Millionen Spie- ler, angefangen von den Jugendlichen bis zu den Ältesten, fach- gerecht zu begleiten., Wie immer ging es dabei darum, Besitz und Lebensstandard zu vergrößern — oder zu verlieren. Bei manchen Wetten bestand der Einsatz in Körpertrophäen; die meisten Reichsbewohner hatten schon einen oder mehrere Finger verwettet, die jetzt bei den Siegern in Vitrinen ausgestellt waren. Als noch wertvoller galten erwettete Ohren. Einzelne waren sogar bereit, ihre Nase einzusetzen. Für die verwetteten natürlichen ließen viele sich künstliche Finger, Ohren oder Nasen anbringen, weniger um der Schönheit willen, sondern um die Schande zu verbergen. Schon als kleine Kinder hatten wir in der Schule gelernt, daß der Spieltrieb uns Menschen im Blut liegt, uns angeboren ist. Damit diese natürliche Veranlagung die Menschheit nicht ins Unglück stürzt, hatte die Reichsregierung Gesetze zur Regulie- rung und Kanalisierung der Spielleidenschaft beschlossen, insbe- sondere aber die Jahresspielzeiten eingeführt. Drei Mal jährlich finden die Spiele statt, die Hauptveranstaltung, das Reichsspiel- fest, im Sommer. Zusätzlich wurde jeder siebte Tag zum Spieltag deklariert. An den Nichtspieltagen arbeitet die Reichsbevölkerung hart. Der Feierabend ist dem Essen und der Zerstreuung gewidmet. Spiele mit Einsatz sind an diesen Tagen verboten. Weshalb schreibe ich das alles nieder, was doch ohnehin je- der weiß? Ich kann es nicht genau sagen, es drängt mich einfach, unser Leben, unseren Alltag zu skizzieren, besonders jetzt, da Joanuh wohl in Kürze sterben wird. Vielleicht wird irgend je- mand irgendwann einmal in ferner Zeit das hier lesen. Ich bin einer der ganz wenigen Menschen, die noch schrei- ben und lesen können. Mein Vater hat es mir beigebracht. Die meisten meiner Bekannten belächeln mich: Lesen, Schreiben? Unnütz, überflüssig. Es genügt, wenn Beamte Teile davon be- herrschen, um das Reich verwalten zu können. , Joanuh hat mir soeben seinen Plan vorgestellt: fliehen, und an- schließend möglichst andere für die eigene Überzeugung gewin- nen. Die Lebenszeit-Wette ist ungerecht, es sei daher dringend geboten, sie abzuschaffen. Bisher wußte ich nicht, daß mein Mann eine subversive Meinung hat, er war immer so still, so schweigsam. Warum sind Männer nur so ungesprächig? Man weiß nicht, woran man bei ihnen ist. Aber vielleicht mußte es bei Joanuh so sein. Vielleicht mußte er schweigen — bis jetzt. Denn vorhin tat er den Mund auf und redete und redete und legte mir alle seine Gedanken dar. Das Wichtigste ist zunächst, daß wir beide uns in Sicherheit bringen. Zwar leben wir hier am Rande des Reichs, und bis zur Grenze ist es nicht weit; mit einem Gefährt können wir sie in wenigen Stunden erreichen, und da es ohnehin nicht verboten ist, das Reich zu verlassen — die Grenztruppen sind nur deshalb dort stationiert, es vor den wilden Stämmen zu schützen —, wäre die Flucht problemlos zu bewerkstelligen, wenn … ja wenn es nicht andere Hindernisse gäbe. Bis auf das wenige, das wir auf dem Wagen mitführen könnten, müßten wir all unser Hab und Gut aufgeben, vor allem unser Haus. Wir müßten die Kontakte zu Verwandten und Freunden abbrechen, zumindest für einige Jah- re. Wir müßten alleine in der Wildnis leben, wobei wir nicht wis- sen — zumindest ohne jegliche Erfahrung sind —, wie wir dies machen sollen, wo wir wohnen und schlafen, wie uns vor Hitze und Kälte schützen, was wir essen sollen. Oder wir würden uns anderen Flüchtlingen anschließen, die möglicherweise flüchtige Verbrecher wären, oder einem wilden Stamm beizutreten versu- chen, der uns — weiß man es? — sofort töten würde. Vor allem aber: Wir müßten auf das Manna verzichten und da- mit auf den Stoff, der — vor einem halben Jahrhundert erfunden — dafür sorgt, daß negative Gefühlsregungen weitgehend ausge- schaltet werden und wir glücklicher und zufriedener leben. Fast jeder von uns hat im Rahmen von verlorenen Wetten schon einmal, oder mehrmals dem Manna entsagt, und alle berichten, daß das Leben ohne die tägliche Ration viel schwerer zu ertragen ist. Man bricht dann fast zusammen unter der Last der negativen Gefühle. Ob und wie ein Leben ohne Manna auf Dauer möglich sein soll, wissen wohl nur die wilden Völker — und die Flüchtlinge. Kein Wunder, daß nur wenige das Reich verlassen, wissen sie doch, daß jenseits der Grenzen nicht nur die Wildnis der Natur droht, sondern auch die Ungezähmtheit der eigenen Empfindungen. Noch einen anderen Grund gibt es, weshalb so wenige der Be- wohner aus dem Reich fliehen: Seine Spielschulden nicht einzu- lösen gilt als höchst ehrenrührig. Das hat man uns von Kindheit an beigebracht, und wir können das Gefühl, bei Nichteinlösung von Spielschulden versagt zu haben, nicht so einfach abschütteln. Die meisten schneiden sich lieber ihre Finger ab oder trinken das Gift, als von der Gesellschaft geächtet zu werden und sich mit einem Makel behaftet zu wissen. Doch Joanuh meinte dazu, ihm sei es wichtiger, den Rest seines Lebens mit mir zu verbringen, als gesellschaftliche Anforderungen zu erfüllen oder Reichsge- setze zu befolgen. Wie mag es ihm nur gelungen sein, sich inner- lich davon frei zu machen? Über so manches werden wir noch zu reden haben. Wir hatten uns entschieden, und so setzten wir den Plan auch rasch um. Noch am Nachmittag sagten wir unseren Verwandten und Freunden Lebewohl; vor allem der Abschied von unseren bei- den erwachsenen Söhnen fiel uns schwer, aber wir versprachen ih- nen, alles daranzusetzen, sie sobald als möglich wiederzusehen. Dann beluden wir unseren Wagen und fuhren am nächsten Morgen los. Unsere Kinder begleiteten uns bis zur Reichsgrenze. Die Soldaten grinsten, und einer rief uns hinterher: „Wetten, daß Ihr in zehn Tagen nicht mehr lebt?“ Ein anderer entgegnete laut:, „Ich halte dagegen. Sie werden sicher zwölf Tage schaffen.“ Meh- rere von ihnen lachten laut und grölten. Schließlich waren wir allein. Hinter uns die gewaltige Mau- er, die das Reich schützt, vor uns eine weite leere Ebene, in der Ferne der Wald. Hier gab es keine Straßen mehr. Der Wagen holperte über den unregelmäßigen Boden. Am Waldrand angekommen, ließen wir das Gefährt stehen, da es zu breit war, um zwischen den Bäu- men hindurchfahren zu können. Wir nahmen zunächst nur das Nötigste mit und wollten den Rest nachholen, sobald wir eine Unterkunft für die kommende Nacht gefunden hätten. Es war alles andere als einfach, sich einen Weg durch das dich- te Unterholz zu bahnen. Endlich, nach langer Suche, fanden wir eine Lichtung, wo wir unser Zelt würden aufschlagen können. Wir legten im Gras ab, was wir bis hierher geschleppt hatten, und suchten den Weg zurück zur Waldgrenze. Zum Glück hatte Joanuh, was ich erst am Vortag erfahren hatte, sich schon seit Jahren Gedanken über ein Leben in der Wildnis gemacht und un- terwegs die Baumstämme mit Leuchtfarbe markiert, so daß der Rückweg leicht zu finden war. Als wir am Waldrand ankamen, sahen wir es sofort: Unser Eigentum war verschwunden, nur der leere Wagen stand noch da. Daß jemand aus dem Reich sich die Ladung angeeignet haben sollte, kam uns eher unwahrscheinlich vor. Um das Gefährt her- um fanden wir etliche Fußspuren, die vom Wald her kamen und dorthin zurück führten. Wir schauten uns nur kurz an und wußten, daß wir das Glei- che dachten. Sofort machten wir kehrt und hasteten, soweit un- ser Alter es uns erlaubte, zurück zur Lichtung. Als wir sie endlich erreichten, erwies sich, daß unsere Ahnung der Wirklichkeit ent- sprach: Auch von dort hatte jemand unsere Habe mitgenommen. Unser Vorrat an Manna war fort, ebenso das Zelt. Wir besaßen nur noch, was wir am Leib trugen, darunter mein Tagebuch., Trotz der Wirkung des heute früh genommenen Manna waren wir nahe daran, in Verzweiflung zu fallen. Wie konnten wir jetzt überleben? Kurz besprachen wir, ob wir ins Reich zurückkehren sollten, verwarfen diesen Gedanken dann aber. Wenn wir schon sterben mußten, dann gemeinsam in der Wildnis. Aber Opfer der Diebe zu werden, die möglicherweise in der Nacht über uns herfallen würden, das wollten wir nun doch nicht. So gingen wir weiter hinein in den Wald, immer lauernd und lauschend, ob uns jemand folgte, legten mehrere falsche Fähr- ten, wobei die Leuchtfarbe sich als hilfreich erwies, und fanden schließlich eine Höhle zwischen den Wurzeln eines mächtigen Baums, groß genug, uns als Schlaflager zu dienen. Wir sammel- ten Moos, damit wir nicht so hart lagen, tranken Wasser an ei- nem nahen Bach und gingen hungrig schlafen. Am nächsten Morgen erwachten wir durch ein Geräusch. Um uns herum standen mehrere Frauen und Männer mittleren Alters in einfachster Kleidung. Wir erschraken, doch sie sahen nicht aus, als hätten sie feindliche Absichten, vielmehr lächelten sie uns an. „Habt keine Angst,“ beruhigte uns eine Frau, „wir tun Euch nichts an.“ „Ihr habt die Prüfung bestanden,“ sprach ein Mann, „denn Ihr seid nicht bei den ersten Schwierigkeiten zurückge- kehrt ins Reich. Damit habt Ihr bewiesen, daß Ihr mutig seid und bereit, Euch vom Alten zu lösen.“ „Euer Eigentum erhaltet Ihr natürlich zurück“, ergänzte die Frau. „Wenn Ihr möchtet, so folgt uns, Ihr werdet sodann ein neues Leben kennenlernen.“ Wir folgten ihnen. Da sie uns bisher freundlich gesonnen waren, hoffen wir, daß sie uns auch zukünftig nicht feindlich behandeln werden. Vielleicht eröffnet uns diese Begegnung die Chance auf eine bessere Existenz? , Seit dreißig Tagen sind wir jetzt hier, im „Dorf der Friedvollen“. Wir mußten einen halben Tagesmarsch durch den Wald zurück- legen, um hier anzukommen. Unterwegs sprach selten jemand ein Wort. Gegen Mittag gelangten wir im Dorf an, das nahe dem Ufer eines Flusses lag. Allmählich stiegen immer mehr unange- nehme Gefühle und unschöne Gedanken in uns auf, denn die Wirkung des Manna ließ nach. Wir baten die „Seligen“ — so nannten sich diese Menschen —, uns unser Gepäck zurückzu- geben, das bereits eine vorausgeeilte Gruppe ins Dorf gebracht hatte, denn wir lechzten nach Manna. Lächelnd wies man uns ein Häuschen an, das wir fortan bewohnen durften, und in ihm fand sich auch unser Eigentum wieder. Die Seligen empfahlen uns jedoch, das Manna wegzuwerfen, statt es zu essen, denn abgesehen davon, daß es ohnehin bald aufgezehrt sei, lebe man freier ohne diesen „Bewußtseinstrüber“. Wir folgten dem Rat, verzichteten auf den Stoff und ließen uns erschöpft in die uns zur Verfügung gestellten Betten fallen. Spät am Nachmittag erwachten Joanuh und ich aus tiefem Schlaf. Hatte der Marsch uns so sehr mitgenommen? Als wir nach draußen traten, kamen uns zwei Frauen in oran- gefarbenen Gewändern entgegen, nahmen uns bei der Hand und führten uns in das Zentrum des Dorfs, zu einem großen Platz. Seine Mitte nahm ein prachtvolles Gebäude ein, das, wie wir von den Frauen erfuhren, ein Tempel war. In dem bescheidenen Häuschen daneben wohnte die Große Vorsitzende, zu der die Frauen uns nun geleiteten. Wir wunderten uns, unterwegs nie- mandem begegnet zu sein. „Jetzt beginnt die Dämmerung und damit die Stunde der Meditation“, klärte uns eine der beiden auf. „Alle, die älter als drei sind, tauchen dann in ihre Seele, um mit dem Allgeist Zwiesprache zu halten.“ Sie lachte, und tiefes Glück strahlte aus ihren Augen. Zwar verstanden wir kaum, was sie mit die- sen Worten meinte, doch die liebenswerte Stimme tat uns gut,, besonders angesichts der bösen Gefühle, die uns immer stärker überfielen. Die andere Frau trat ins Haus der Vorsitzenden und meldete uns an. Dann bat sie uns hinein. Wir betraten einen dunklen, fensterlosen Raum, den nur ein kleines Öllicht spärlich beleuchtete. Neben dem Lämpchen saß eine ältere Frau mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, die sich, als sie uns eintreten sah, erhob und uns beide herzlich umarmte, als seien wir ihre liebsten Freunde. Auch sie trug, soweit wir das bei dem wenigen Licht erkennen konnten, ein orangefarbenes umhangartiges Kleidungsstück, das allerdings aus einem feine- ren Stoff als bei den jüngeren Frauen zu bestehen schien. „Willkommen, willkommen!“ empfing sie uns mit zärtlicher Überschwenglichkeit. „Seid auf das Herzlichste begrüßet. Solan- ge Ihr wollt, könnet Ihr unsere Gäste sein, so wie wir schon viele Gäste beherbergt, die sich von der Grenze hierher zu uns geleiten ließen.“ „Schön ist es hier“, sagte Joanuh etwas tolpatschig. „Nun, wenn Ihr Euch dazu entschließen könnet und bereit sei- et, einige Regeln einzuhalten, so könnet auch Ihr an diesem Orte den Friedliebenden angehören, so daß Ihr eine feste, auch im Geiste verankerte Wohnstatt habet.“ Selig lächelte sie uns an. Zugegeben, die Sprache hörte sich eigenartig an, irgendwie altertümlich, aber es klang viel Sympathie aus der Stimme der Großen Vorsitzenden. „Doch genug davon. Lebet Euch erst einmal ein, fühlet Euch wohl — und zuerst: Kommet los von der Droge namens Manna, wir helfen Euch dabei. Dann auch werdet Ihr Euch baldiglich heimisch fühlen.“ Mit einer Handbewegung entließ sie uns. Die beiden Frauen führten uns zu einem in der Nähe liegenden größeren Gebäude, in die „Halle der Öffentlichkeit“. Dort boten sie uns Holzblöcke zum Sitzen an und reichten uns ein teeartiges Getränk, von dem, wir reichlich zu uns nehmen sollten. Es helfe uns, die Abhängig- keit vom Manna zu überwinden. Tatsächlich stillte es ein wenig unsere innere Unruhe und schenkte uns friedvollere Gefühle. Die beiden verwickelten uns in Gespräche, fragten vieles und ließen uns aus unserem bisherigen Leben berichten. Bald kamen andere Dorfbewohner hinzu, ebenfalls orangefarben gekleidet, stellten sich uns vor, plauderten mit uns und lenkten uns so von einer Beschäftigung mit uns selbst ab. Spät in der Nacht fielen wir todmüde ins Bett und schliefen, dank eines Schlafmittels, das man uns gereicht hatte, tief und fest. Zu unserem Erstaunen wachten wir erst am Nachmittag des folgenden Tages auf. Seit fast zwei Tagen hatten wir nichts gegessen. Offenbar hatte das Teegetränk den Hunger unterdrückt. Jetzt aber verspürten wir großen Appetit. Kaum waren wir aus dem Haus getreten, als uns eine fröhlich jubelnde Kinderschar empfing. Die Kleinen nahmen uns bei der Hand und führten uns in die uns schon bekannte Halle. Dort ser- vierten uns mehrere Männer und Frauen köstliche Speisen, die nach uns unbekannten Gewürzen schmeckten. Anschließend setzte sich ein älteres Paar zu uns; die beiden berichteten uns lange über ihr eigenes Leben im Reich und ihre Flucht. Der Mann hatte seine sämtlichen Finger verloren und sich — ebenso wie wir — entschieden, gemeinsam mit seiner Frau vor dem Giftbe- cher zu fliehen. Hier hätten sie schnell Spiel- und Mannasucht überwunden und seien nun ganz erfüllt von dem Großen All- geist. Am nächsten Tag, wenn es uns recht sei, würden sie uns gerne in den Tempel führen. Und wieder schliefen wir wie Tote. Als wir am kommenden Mittag aufwachten, waren die üblen Gefühle wie weggeblasen. Die beiden Alten, die uns am Vortag betreut hatten, nahmen uns bei der Hand, schlenderten mit uns zum Großen Platz und öffneten das Portal des Dorf-Heiligtums. Wir traten ein. Innen hatten wir Statuen oder Bilder von Göttern erwartet, doch wir, sahen: Nichts! Lediglich eine Kerze brannte in der Mitte des ho- hen Saals, dessen Decke sich nur erahnen ließ. Die Frau und der Mann schauten uns begeistert in die Augen: „Nun, erkennet Ihr es? Erfühlet Ihr es?“ Ich war ratlos und sah Joanuh an, daß er ebensowenig er- kannte und erfühlte wie ich. „Ihr seid am Anfang. Uns erging es ebenso wie Euch, als wir herkamen. Seid unbesorgt, es wird Euch schon werden!“ Die Frau erläuterte uns, daß alles seine Bedeutung habe: „Das Kerzenlicht symbolisiert die Erleuchtung, die jedem einzelnen, dir wie mir, zuteil werden kann. Die Anfänger des ‚Weges‘ setzen sich an den äußersten Rand der Halle, die Fortgeschrittenen schon nä- her hin zur Flamme, und die Erleuchteten direkt davor, so nah, daß sie, wenn sie ihre Hand ausstrecken, die Hitze erspüren, die sie gemahnt an das Feuer der inneren Leidenschaft. Der weite leere Raum zeigt an, daß wir Jünger der Seligkeit innerlich frei und leer werden müssen von der Fülle unnützer weltlicher Ab- lenkungen. Die nicht erkennbare Höhe des Raumes ist Sinnbild der Unendlichkeit in uns, und die Rundung des Saales zeiget die Ewigkeit des Daseins unserer inneren Existenz an.“ Wir verstanden nicht so recht, was die Frau uns damit sagen wollte, und hofften, die Bedeutung dereinst mit unserer schwa- chen Intelligenz zu erfassen. Was uns jedoch immer klarer wur- de: Dies hier war ein ganz anderes Leben als das uns bekannte im Reich. Und so beschlossen Joanuh und ich, zunächst einmal hier zu bleiben. Nicht nur konnten wir hier gesichert wohnen, sondern wir konnten Freunde gewinnen und uns vielleicht ge- genseitig mit unseren Ansichten und Überlegungen bereichern. In der folgenden Zeit zeigte uns das Paar Leben und Arbeit im Dorf. Die Bewohner waren fleißig, legten aber keinen Wert auf Luxus, widmeten sich vielmehr drei Mal täglich der Selbstversen- kung. Die Kinder lernten begierig, und ihre Fröhlichkeit steckte uns an. Selten erlebten wir jemanden mürrisch oder grüblerisch., So ließen wir denn nach einigen Tagen der Großen Vorsit- zenden mitteilen, daß wir uns den Dorfbewohnern dauerhaft anschließen wollten. In einer feierlichen Zeremonie nahm man uns auf in die Gemeinschaft, und alle, von den Kindern angefan- gen bis hin zu den Ältesten, umarmten und küßten uns. Dann gab man uns orangefarbene Gewänder. Selbstverständlich boten wir unsere Mithilfe an, und man wies uns leichte Arbeit in der Großküche zu. Täglich erhielten wir Belehrung über die Mög- lichkeiten der Entsagung von den unglücklich machenden Sin- neseindrücken, und man führte uns in die heilige Kunst der Me- ditation ein. Alle schienen um uns bemüht zu sein, und mit der Zeit kannten wir jeden im Dorf. Dieses Leben gefiel uns beiden außerordentlich gut, wir ka- men dem inneren Frieden näher, begannen zu ahnen, warum die Seligen sich diesen Namen gegeben hatten. Endlich ein Dasein ohne die unglückselige Abwechslung: dem Verlangen nach Sucht und ihrer Befriedigung. Gestern hatten wir ein denkwürdiges Erlebnis. Ein aus dem Reich geflohenes, noch junges Paar war vor einer Woche im Dorf ein- getroffen. Sie waren in ähnlicher Weise wie Joanuh und ich einer Gruppe von Dorfbewohnern begegnet. Und jetzt äußerten sie den Wunsch, ins Reich zurückzukehren, um dort in ihrer Stadt zu verkünden, daß es ein erfülltes Leben ohne Spiele und Manna gebe. Da erinnerte sich Joanuh, daß er nicht einfach hatte fliehen, sondern seine Überzeugung auch anderen vermitteln wollen. So war ja unser Plan gewesen: darauf hinzuarbeiten, eine Ände- rung im Reich herbeizuführen. Hatten wir zunächst nur daran gedacht, daß es nötig sei, die Lebenszeit-Wette abzuschaffen, so sahen wir inzwischen, nach unseren Erfahrungen im Dorf der Friedvollen, der Seligen, daß die Spiele und Wetten überhaupt, ein Unwesen darstellten und uns Menschen von Wichtigerem im Leben ablenkten. Ebenso verhielt es sich mit dem Manna, wie wir hier inzwischen gelernt hatten. Widerliche Gefühle und Ge- danken waren unangenehm, sicher, aber sie gehörten zu unse- rem Leben dazu, und sie halfen uns, nicht selbstzufrieden auszu- ruhen und stehenzubleiben. Mit mehreren unserer neuen Nachbarn sprachen wir heute unbefangen über unsere Absichten, etwas zugunsten der Reichs- bewohner zu unternehmen, und fragten sie auch um ihre Mei- nungen und Ideen, da uns noch nicht klar war, wie wir unsere Vorstellungen verwirklichen konnten. Sollten wir zurückkeh- ren und heimlich aus dem Untergrund heraus Anhänger unse- rer Befreiungsideen zu gewinnen versuchen? Oder sollten wir vom Dorf aus Botschaften über die Grenze schicken? Beim Ab- schied von unseren Freunden hatten wir bei einigen Sympathie für unsere freiheitlichen Überlegungen erkennen können, und vielleicht wäre der eine oder andere bereit, Mitteilungen zu über- bringen. Joanuh sah in seiner Begeisterung das „Dorf der Fried- vollen“ schon als Zentrum der Befreiungsbewegung. Leider gewannen wir bei unseren Gesprächspartnern den Ein- druck, daß ihnen dieses Thema unangenehm sei, und auf unsere Fragen antworteten sie ausweichend. Soeben ließ uns die Große Vorsitzende die Bitte übermitteln, sie heute mittag in ihrem „bescheidenen Hause“ aufzusuchen. Als wir gestern die Wohnung der Vorsitzenden betraten, sahen wir dort bereits das junge Paar, das die Heimkehrwünsche ge- äußert hatte, am Boden sitzen. Die Hausherrin bedeutete uns, ebenfalls Platz zu nehmen. „Es freut mich sehr, daß Ihr gemeinsam hier seiet“, begann sie mit zärtlicher Stimme. Dann wandte sie sich an das Paar. „Ihr, wollet also zurückkehren in das Reich? Es sei Euch unbenom- men. Nehmet Eure Habe mit und lasset Euch Wegzehrung geben. Man wird Euch heute noch zur Grenze geleiten. Gedenket im- mer unser, falls Ihr eines Tages wiederkehren möchtet. Und tuet, so meine Bitte, dieses bescheidenen Dorfes im Reiche keiner Er- wähnung. So gehabet Euch denn wohl.“ Und damit entließ sie die beiden. Als diese das Haus verlassen hatten, flüsterte sie leise: „Wir werden ihrer nicht mehr angesichtig werden.“ Nun sprach die alte Dame uns an. Die Zärtlichkeit in ihrer Stimme bekam auf einmal einen strengen Unterton. „Wie ich vernahm, überleget auch Ihr, möglicherweise das Dorf zu verlassen? Das Dorf, das Euch aufnahm in seine Gemein- schaft, Euch auf Dauer ein Haus und Nahrung und Sicherheit bietet, Euch einführt in die heiligen Lehren des inneren Friedens. Oder aber, so vernahm ich weiterhin, Ihr wollet das Dorf zu ei- nem Ausgangspunkt machen für Änderungen im Reich. Habe ich das richtig vernommen?“ Zögernd stimmten wir zu. „Nun, dann habet Ihr nicht verstanden, was Euch geschenket wurde. Ein neues inneres Leben wurde Euch hier zuteil, und Ihr wollt es tauschen gegen den geistigen Unrat des Reichs? Oder gar den Unfrieden hierhin bringen, an den Ort der Seligen?“ „Aber … aber wir wollen doch gerade den Reichsbewohnern zeigen, daß sie ein anderes Leben führen können, als sie es bisher tun“, stotterte Joanuh. „Wir wollen, daß man auch im Reich …“ „Das Reich und seine Bewohner“, unterbrach ihn die Vorsit- zende mit verächtlichem Ton. „Sie vegetieren dort, wo die Nie- derungen sind. Wir hier weilen im Licht! — Nun, überleget Euch, was Ihr zu tun gedenket. Überlegt es Euch genau!“ Und damit wurden auch wir entlassen. Wir waren betroffen und erschüttert. Ich selbst hatte zunächst ein schlechtes Gewissen, doch Joanuh sagte: „Das also ist das ‚Dorf der Friedvollen‘ “. An diesem Nachmittag besprachen wir, unsere Lage. Mein Mann überzeugte mich bald, daß dies nicht unsere Heimat sein konnte. Schnell stand fest: Hier wollten wir auf keinen Fall bleiben. Als wir später aus dem Fenster schauten, sahen wir etwas abseits drei Männer sitzen, die den Hausein- gang unauffällig-auffällig beobachteten. Man behielt uns also im Auge, traute uns offenbar nicht. Noch in dieser Nacht wollten wir fliehen. Wir setzten uns zu einer abendlichen Plauderei vor das Haus, sahen dabei „zufäl- lig“ unsere drei Bewacher, tranken gemeinsam mit ihnen einen Fruchtsaft, in dem wir das versehentlich noch nicht weggeworfe- ne Manna aufgelöst hatten, schenkten den dreien immer wieder nach und zogen uns schließlich zurück. Kurze Zeit darauf lagen unsere Bewacher, die Droge nicht gewöhnt, schlafend am Boden. Wir hatten Glück, daß bis zum völligen Einbruch der Dunkelheit niemand sie bemerkte. Endlich luden wir uns das zum Überleben Notwendigste auf und schlichen aus dem Dorf. In dieser Nacht legten wir eine für unser Alter weite Strecke durch die Wälder zurück. Allerdings bewegten wir uns nicht in gerader Richtung auf die Reichsgrenze zu, sondern hatten einen weiten Umweg eingeplant, um eventuelle Verfolger zu täuschen. Am darauffolgenden Morgen suchten wir ein Versteck, das wir im Unterholz bald fanden, und verbrachten dort den ganzen Tag, wobei wir viel schliefen und Kräfte sammelten. In der kommen- den Nacht zogen wir weiter und orientierten uns wieder an den Sternen. Zum Glück hatten wir einen Wasserschlauch mitgenom- men, den wir unterwegs noch einmal auffüllten, und konnten so unseren Durst stillen, der sich wegen der hochsommerlichen Temperaturen oft meldete. Als wir am nächsten Morgen wieder ein Versteck suchten, hör- ten wir in der Nähe ein leises Stöhnen. Zu unserer Verblüffung, fanden wir das junge Paar, das zurück ins Reich hatte reisen wol- len, erschöpft und halb verdurstet am Boden liegend. Sofort gaben wir ihnen zu trinken, später dann von unseren Essensvorräten. Einigermaßen zu Kräften gekommen, erzählten sie uns, die Begleiter aus dem Dorf hätten sie in die Irre geleitet, was sie zu spät bemerkt hätten, und seien plötzlich verschwunden gewesen. Den Rückweg hätten sie leider nicht mehr gefunden. Unser aller einzige Erklärung war: Die Seligen wollten nicht, daß das Reich von dem „Dorf der Friedvollen“ erführe, deshalb hatte man be- absichtigt, das Paar ins Verderben zu führen. Da vorne vor uns: die große Mauer, die das Reich schützen soll. Wir vier haben beschlossen heimzukehren, um dort die ande- ren zu überzeugen vom Glück eines Lebens ohne Sucht. Ob wir etwas erreichen werden, wissen wir nicht. Aber wir werden es versuchen.,

Fünfte Letztschrift DER VORGANG ALANEA

Mein Name ist Jaro. Jaro Pawo. Ich bin die Nummer sieben der dritten Staffel der Befruchter. Oder vielmehr: Ich war es. Mehr als 1.000 Frauen habe ich befruchtet. Es war die Arbeit von annähernd elf Erdenjahren. Jetzt habe ich mich zurückgezo- gen. Richtiger: Ich bin desertiert. Gemeinsam mit Alanea lebe ich in einem Versteck, auf der Erde, seit mehr als 36 Mondphasen. Die Aussichten, nicht entdeckt zu werden, bleiben ungewiß. Immerhin mehren sich die Anzeichen für einen baldigen Zu- sammenbruch des Systems. Doch ich will nicht vorgreifen, sondern versuchen, von An- fang an zu berichten. Wir 144.000 Männer der Befruchtungsgruppe wurden von der Regierung als Siebzehnjährige angeworben. Ausschlagge- bend waren vor allem unsere genetischen Dispositionen. Denn dadurch konnte die Reichsführung, zumindest was den männ- lichen Teil der Erbanlagen betraf, gesunde und kräftige Nach- kommen prognostizieren. Unsere Herrscher sahen eine Zunahme guter Nachkom- menschaft als unbedingt erforderlich an, nachdem in den letzten 50 Jahren die Geburtenrate in bedrohlichem Maß ab- gesunken war und sich in elf von zwölf Staatsbezirken ein Zu- sammenbruch innerhalb der kommenden drei Jahrzehnte ab- zeichnete. Unsere Hauptaufgabe: so viele Kinder wie möglich zu zeu- gen. Je mehr, desto höher waren unsere Prämien. Mit regelmä- ßig knapp über einhundert Stück jährlich befand ich mich fast, durchgehend unter den Top Ten. In der ersten Staffel hatte die Spitzenposition noch bei 80 Stück gelegen. Im ersten Jahr wurden wir Rekruten einer strengen Ausbil- dung unterzogen. Am härtesten dabei erwies sich unsere voll- ständige Loslösung von den Sinnenbeglückern, die uns, wie ich im nachhinein sagen kann, in teuflischer Abhängigkeit von ih- ren künstlich in uns erzeugten Sinneseindrücken gehalten hat- ten. Diese unter die Schläfen implantierten Chips bewirken vor allem bei den Volks-Menschen, wie ich erst jetzt klar erkenne und mir eingestehe, eine beständige Sucht, einen abwechslungs- reichen Rausch, vor allem aber eine jedes freie Denken und Han- deln unterdrückende Lähmung, zumindest Betäubung. Unsere Ausbilder sprachen von friedenserhaltender Volksbeglückung. Um unserer Mission willen wurden alle Sinnenglücksimpulse, die uns ablenken konnten, abgeschaltet, unser sexuelles Begeh- ren jedoch verdreifacht. Es fiel uns schwer, all den vielfältigen Visionen und Empfindungen entsagen zu müssen, doch unsere heldenhafte Aufgabe der Weltrettung verlangte uns dieses Opfer ab. Untersuchungen hatten ergeben: Die Sinnenbeglücker waren zwar nicht die einzige, aber doch eine der Hauptursachen dafür, daß die Geburtenrate in so staatsgefährdendem Maße gesunken war. Überaus zufrieden mit ihrem Leben, verzichteten die Men- schen gerne auf den Geschlechtsverkehr, ja empfanden dies gar nicht als Verzicht. Eine vor Jahrzehnten versuchte Anpassung der Beglücker durch Förderung des sexuellen Triebs und Her- absenken der anderen Sinnenbeglückungen scheiterte kläglich, denn sie warf die Menschen aus dem Gleichgewicht und förderte Unzufriedenheit und Aggressivität. Anders als bei uns Rekruten, die wir ideale Dispositionen mitbrachten und mit Wissen und Wollen an dem Entzug arbeiteten, konnte die unfreiwillige und ungewünschte Umstellung beim Volk nicht gelingen. So erarbei- tete die Regierung die Lösung mit den Befruchter-Staffeln., Unsere Klientinnen, die wir nach Ablauf unserer einjährigen Ausbildung aufsuchten, waren junge Mädchen ab 16 bis hin zu 28jährigen Frauen, die man aufgrund des genetischen Materials, das sie zur Verfügung stellten, ausgesucht hatte. Offiziell wur- den sie darüber informiert, daß sie vom Staat ausersehen seien, Kinder der Zukunft zu gebären. Für jeden Nachkommen, den die Frauen der Welt schenkten, wurden ihnen Vergünstigungen, Orden und eine erhöhte Glückszufuhr in Aussicht gestellt, und ab dem dritten Kind durften sie den Titel einer Edelbefruchteten tragen. Die meisten stimmten dem verlockenden Angebot freu- dig zu. Nur ganz selten hatten eventuelle Partner der Frauen etwas gegen die Fremdbefruchtung einzuwenden. Immerhin profitier- ten auch sie von den Vorteilen, die ihre Partnerinnen erhielten, und deren kurzes Zusammensein mit einem der gutaussehenden Befruchter, das von wenigen Stunden bis zu maximal drei Tagen dauerte, störte nur geringfügig die Alltags-Gewohnheiten. Gerne räume ich ein, daß die Erfüllung meiner Aufgaben und Pflichten mir großes Vergnügen bereitete. Natürlich meine ich damit nicht zuletzt die körperlichen Freuden. Doch fast eben- soviel bedeutete mir das Kennenlernen der unterschiedlichsten Mädchen und Frauen, die gemeinsamen Gespräche, die der ver- trauensschaffenden Vorbereitung dienen sollten und zu diesem Zweck auch eingeplant waren. Das Gesprächsangebot nahmen die meisten von ihnen gerne in Anspruch, nur ganz wenige ver- zichteten darauf. Übrigens spielte Verliebtheit selten eine Rolle. Bei meinen Klientinnen kam sie gelegentlich vor; etwa drei bis fünf Mal jährlich war es daher besonders schwierig für mich, die richtigen Antworten auf ihre gefühlsmäßigen Erwartungen zu finden. Selbstverständlich hatte unsere Ausbildung uns auch auf diese Situationen vorbereitet, dennoch erforderten sie von uns jedesmal von neuem ein besonderes Reaktionsvermögen. Wir selbst waren übrigens bestens trainiert, nicht dem Gefühl der, Verliebtheit zu verfallen. Deshalb traten solche mißliebigen Zu- stände bei uns Befruchtern nur etwa alle zwei bis drei Jahre ein. Wir hatten uns dann sofort bei unserer Kommandatur zu melden und wurden einem mehrtägigen Gefühlswechsel-Marathon un- terzogen, um die Verliebtheitsgefühle zu überwinden. Und dann, vor gut drei Erdenjahren, kam ich, in Erfüllung meiner Pflichten, mit Alanea zusammen. Sie war, meinem Plan zufolge, die letzte Klientin vor einem längeren Urlaub, den ich auf der Paradiesstation zu verbringen gedachte. Gleich zu Beginn unserer ersten Begegnung fiel mir auf, daß Alanea ein ungewöhnlicher Mensch war; die Gründe dafür er- fuhr ich erst später. Schnell stellte sich heraus, daß sie durch ein Versehen auf die von mir abzuarbeitende Liste geraten war. Da ich mich jedoch schon auf meinen Urlaub eingestellt hatte und mir daher eine — möglicherweise zeitraubende — Klärung dieser Angelegenheit bei der zuständigen Behörde ungelegen kam, da ich Alanea au- ßerdem ungewöhnlich sympathisch fand und die Gespräche mit ihr mich fesselten, ließ ich die Sache auf sich beruhen und ver- merkte — wahrheitswidrig — in meiner Liste einen vorgenom- menen Befruchtungsversuch. Immerhin führte ja auch sonst — trotz Zyklenberechnung — nicht jeder Versuch zum Erfolg, und obwohl in diesen Fällen Nachbesserung angeboten und in der Regel auch durchgeführt wurde, nahm doch nicht jede Frau das Wiederholungsangebot an. So konnte also auch der „Vorgang Alanea“ unter die mißlungenen Versuche eingeordnet werden. Was nun faszinierte mich so an diesem — gemessen an einer idealen weiblichen Körperform — eher unscheinbaren 24jähri- gen Mädchen? Ihr langes dunkelbraunes Haar mochte eine Rolle spielen, ebenso ihr spitzbübisches Gesicht mit den großen Au- gen, das immer zu einem Lächeln bereit zu sein schien. Oder lag es an der außergewöhnlichen Lebhaftigkeit ihrer Mimik, der Lebendigkeit des Blicks — Eigenschaften, die bei einem Volks-, Menschen ganz selten nur anzutreffen waren? Ich glaube, vor allem die Wärme, die sie ausstrahlte, hatte es mir angetan, ein Wohlwollen, das ich nicht zu Unrecht auf mich bezog. Ich muß gestehen, schon nach kurzem Zusammensein mit ihr verliebte ich mich in sie, und sehr bald entwickelte sich in mir ein großes Verlangen, bei ihr zu bleiben. Solch ein Gefühl hatte ich bisher nicht gekannt. Zwar war mir durchaus bewußt, daß ich ein schweres Dienstvergehen beging, wenn ich nichts dage- gen unternahm, doch dachte ich nicht weiter darüber nach. Alanea fragte mich vieles über meine Reisen und Erlebnisse, schließlich war ich von Berufs wegen weit herumgekommen. Ich berichtete ihr gerne, soweit ich meinen Verschwiegenheits- eid damit nicht verletzte. Im Gegenzug erzählte sie mir munter sowohl aus ihrem Alltagsleben in ihrer Allerweltsstadt wie auch aus ihrer bisherigen Biographie, und ich hing dabei wie gebannt an ihren Lippen. Früher einmal hatte sie für zwei Jahre in einer Raumkörper-Analysenstation gearbeitet, bis sie sich bei einem Sturz eine gefährliche Kopfverletzung zugezogen hatte, worauf- hin sie fast ein Vierteljahr lang im Koma gelegen hatte. Aufgrund ihrer teuren Ausbildung hatte man ihr diese Zeit gewährt, und zum Glück war sie wenige Tage vor dem Abschalten der Le- benserhaltungssysteme erwacht. Sehr schnell hatte sie danach neue Kräfte gewonnen, aber eine Zeitlang ungewöhnlich lebhaf- te seelische Äußerungen an den Tag gelegt, die ihr die weitere Ausübung ihres anspruchsvollen Berufs unmöglich machten. Sie wurde daher auf der Marskolonie für einfachere Maschinenpfle- gearbeiten abgestellt. In ihrer Wohnstadt hatte sie sich bald mit Nachbarn angefreundet, die überwiegend Facharbeiter waren. Die Gespräche mit Alanea fanden überwiegend in ihrem kargen Wohnraum statt, der als Möbel nur wenige Sitzwülste und Schränke, immerhin aber eine Echtholztruhe enthielt, und an dessen mattsilbern schimmernden Wänden nicht der übli- che animierte Schnickschnack hing, wohl ein antikes Foto von, einem grünen Erdental, auf dem man lebendige Wälder sah. Gute, alte Zeit. Einmal führte Alanea mich durch die künstlich beleuchteten Straßen der öden Stadt mit ihren quaderförmigen Unterkünften, über uns der simulierte blaue Himmel, von dem doch alle wuß- ten, daß er nicht echt war, befanden wir uns doch tausende von Metern unter der Mars-Oberfläche. Wie viele solcher gleichför- migen Städte und Straßen hatte ich schon gesehen. Und wie an- ders, um wie vieles prächtiger und abwechslungsreicher waren die Bezirks-Hauptstädte gestaltet, ganz zu schweigen von Nova- lis, der Regierungszentralstadt, die ich allerdings erst einmal zu Gesicht bekommen hatte. Alanea stellte mich übrigens auch einem befreundeten Paar vor. Ich weiß nicht, woran es lag, aber irgendwie hatten auch diese beiden etwas Besonderes an sich, das sicher nicht nur mit ihren wachen Blicken oder ihrem irgendwie gehobenen Verhal- ten zusammenhing; fast möchte ich behaupten, von ihnen ging eine außergewöhnliche Ausstrahlung aus. Als nach den drei Tagen unseres Zusammenseins der Zeit- punkt kam, Abschied zu nehmen, fragte ich Alanea — und mich selbst überraschte meine Kühnheit —, ob sie mich in den Urlaub begleiten mochte. Ich sehnte mich danach, mit ihr zusammen zu bleiben. Sie zögerte zunächst und sagte dann ja, unerwartet und doch erhofft. Hätte sie abgelehnt, so hätte ich vermutlich auf die Reise verzichtet und wäre, wenn sie einverstanden gewesen wäre, bei ihr in der kargen Stadt geblieben. Mit einer Klientin eine Beziehung einzugehen, die über die notwendige Zeit des Befruchtungsaktes und dessen Vor- und Nachbereitung hinausging, war uns strengstens untersagt, da dies unseren Auftrag gefährdete. In meiner ganzen Laufbahn hatte ich von einem einzigen derartigen Fall gehört. Der Geset- zesbrecher soll in eine Strafkolonie versetzt worden und dort nach wenigen Jahren gestorben sein., In der Hochstimmung, in der ich mich zur Zeit befand, schätzte ich mein Risiko nicht als besonders groß ein. Denn im Urlaub durften wir, unter gewissen Voraussetzungen, durchaus sexuelle Kontakte pflegen, die allerdings bei erneutem Dienst- antritt beendet sein mußten. Das Wichtigste war, daß derartige Verhältnisse oberflächlich zu bleiben hatten und keineswegs in eine Liebesbeziehung münden durften. Nur eine Ausnahme gab es davon: Wenn unser zwölfjähriger Dienst ohnehin in ein bis zwei Mondzeiten abgeleistet sein würde, drückte die Obrigkeit ein Auge zu. Selbst falls ich auf der Paradiesstation einem Kollegen oder gar Vorgesetzten begegnen würde, so wußte doch niemand, daß es sich bei Alanea um eine Klientin handelte. Von den üblichen der dort zahlreichen Kurtisanen unterschied sie sich zwar äu- ßerlich, aber es gab eben auch Liebesdienerinnen für besondere Geschmäcker. Zum Paradies hatte jedermann freien Zugang. Im allgemei- nen konnten sich jedoch nur Angehörige der Oberschicht einen Urlaub an diesem exquisiten Ort leisten. Aufgrund der weniger benebelnden Einstellung ihrer Sinnenbeglücker bereitete ihnen ein Aufenthalt in der Station ein erheblich größeres Vergnügen als den gewöhnlichen Volks-Menschen. Um Alaneas Herkunft aus dem Volk zu verschleiern, schenkte ich ihr einige gehobene Gewänder. Der Urlaub wurde ein Traum: Noch nie in meinem Leben hat- te ich mich derartig wohl gefühlt. Das lag an der Station, sicher, mehr aber noch an Alanea. Anders als die üblichen Raumstationen hatte das Paradies gi- gantische Ausmaße, die sogar die unserer 300 riesigen Kolonie- Frachter übertrafen. Regelmäßig beherbergte es bis zu 60.000 Gäste. Die Station hatte die Form von zwei dicken Ringen, von denen der eine beständig um seinen eigenen Mittelpunkt kreiste, wodurch die entstehende Zentrifugalkraft der Schwerelosigkeit, entgegenwirkte und einen Ersatz für die Schwerkraft bildete, während der andere Ring, der senkrecht zum ersten stand und durch dessen Mittelpunkt ging, gleichsam an diesem befestigt um ihn herum schwang, so daß der eine Teil von Ring Zwei kei- ne, der andere aber der Erdanziehung entsprechende „Gravita- tionskräfte“ entwickelte. Zwischen beiden Ringen verkehrten pausenlos Raumfähren. Ring Eins mit den gleichmäßigen Anziehungskräften beher- bergte neben den Schlafunterkünften und den Speisesälen vor allem Entspannung- und Vergnügungseinrichtungen der unter- schiedlichsten Art, wohingegen Ring Zwei, in dem sich Bereiche der Schwerelosigkeit befanden, eher den Abenteuerurlaubern und Aktivsportlern vorbehalten blieb. Doch Erlebnisse wie der „Sturz in die Schwere“ waren nicht das, was Alanea und ich uns als begehrenswert vorstellten. Auch das „1/4-G-Golfen“ ent- sprach nicht so recht unserem Geschmack; wir überließen es lie- ber den Senioren, sich in diesem Bereich zu tummeln. Was uns beiden allerdings größtes Vergnügen bereitete, war das Tauchwasser im Schwerelos-Bereich. Durch den stabilen Os- mose-Trennschaum, der das Wasser in Form einer gewaltigen Kugel zusammenhielt, so daß es nicht in alle Richtungen davon- fliegen konnte, schwebten wir unbekleidet in das warme Naß hinein und bewegten uns Hand in Hand zwischen den überall perlenden Riesenluftblasen hindurch. Sobald wir Atem holen mußten, ließen wir uns in eine der Blasen gleiten. Alanea lach- te und jauchzte dabei jedesmal wie ein kleines Kind. Eigenartig, wie wenig ihr Sinnenbeglücker sie von Freuden aus der Außen- welt ablenkte. Vielleicht hing das mit ihrem früheren anspruchs- vollen Beruf zusammen. Im Zentrum der Wasserkugel schwebte die größte Luftblase, bekannt als Liebesparadies, da ein vor allem von Liebespaaren bevorzugter Aufenthaltsort. Man wird es kaum glauben, doch hier erst küßten Alanea und ich uns zum erstenmal. Ich begehrte, mehr von ihr, sie aber wehrte sanft ab. Ihr Verhalten verstand ich nicht, da wir beide so gut miteinander zurechtkamen, doch weil ich sie so sehr mochte — und täglich wurde mein Verlangen, mit ihr zusammen zu bleiben, größer —, unterließ ich es, sie zu bedrängen. Fast täglich suchten wir das Liebesparadies auf, aber jedesmal lehnte Alanea weitergehende Zärtlichkeiten ab, wobei sie mich flehend anblickte. Eines Abends, als wir uns zu Bett begaben, fragte ich sie deshalb, wie ich mir ihre ungewöhnliche Abwei- sung erklären solle, die so gar nicht zu einer Frau ihres Alters pas- se, zumal wir uns doch zweifelsfrei liebten. Sie sagte nur, wieder mit einem flehenden Ausdruck ihrer Augen: „Bitte, laß uns eine schöne, eine unvergeßliche Zeit hier verbringen. Vielleicht wird die Zukunft es richten.“ „Aber was ist denn bloß los mit dir? Was hindert dich, daß wir uns einander ganz hingeben?“ Mit ihr zu schlafen bedeutete für mich unendlich viel mehr als die im Rahmen meines Berufs erlebte körperliche Lust. Doch sie entgegnete nur: „Ich bitte dich: Frag mich nicht.“ Trotz dieser ihrer mir unverständlichen Haltung verbrachten wir wunderbare Tage auf der Station. Besonders gerne hielten wir uns im „Red-Bereich“ auf, wo Landschaften der guten, alten Erde nachgebildet waren. In der Schule schon hatte man uns vie- le Geschichten von unserem Herkunftsplaneten erzählt, von der Verseuchung ganzer fruchtbarer Kontinente, vom Rückzug der verbliebenen Menschheit auf eine große Insel, die man einstmals Grönland genannt hatte. Hier auf der Station spazierten wir durch Parks, schlender- ten Hand in Hand unter Palmen einen Strand entlang und setz- ten uns nebeneinander an ein Flußufer, wo ich meinen Arm um Alanea legte. Das immerhin duldete sie, nein, sie genoß es. Doch dann, gegen Ende des Urlaubs, begegneten wir auf dem Weg zu unserem Schlafraum diesem Mann. Alanea wandte sich,, um von ihm nicht erkannt zu werden, zur Seite und bückte sich zu Boden, als hätte sie etwas fallen lassen. Zum Glück schätzte ich die Lage sofort richtig ein und stellte mich so hin, daß die- ser Mann nicht ihr Gesicht erkennen konnte. Arglos ging er vor- bei — zumindest schien es uns so. „Wer war das? Weshalb fürchtest du ihn?“ fragte ich Alanea, als wir endlich unsere Unterkunft erreicht hatten. Tatsächlich hatte sie sich auf dem letzten Wegstück immer wieder ängstlich umgeschaut. „Wenn er mich entdeckt, ist es aus mit uns. Um mich selbst mache ich mir am wenigsten Sorgen, ich rechne unentwegt da- mit, erkannt zu werden. Aber du schwebst in derselben Gefahr wie ich, weil wir zusammen sind.“ Dann blickte sie mir eindring- lich in die Augen und schwieg. „Sag bitte endlich, worum es hier geht!“ fuhr ich sie mit sor- genvoller Ungeduld an. „Er ist ein Aufspürer.“ Das waren ihre einzigen Worte. Ich erschrak. Ein Aufspürer. Man hörte immer wieder von ih- nen, meist gerüchteweise. Ich selbst war bisher noch keinem be- gegnet, jedenfalls hatte ich noch keinen zur Kenntnis genommen. Soviel ich wußte, spürten sie Gesetzesbrecher auf, aber nicht we- gen kleinerer Delikte, sondern in Fällen wie Massenmord oder Staatsverrat. Dann aber stellten sie zäh mit aller nur möglichen nachrichtendienstlichen Technik ihren Opfer nach, oft über Jah- re hin, und häufig waren ihre Jagden von Erfolg gekrönt. Alanea mußte also ein überaus schweres Verbrechen begangen haben, oder — ein Hoffnungsschimmer — sie wurde — oder fühlte sich — irrtümlicherweise verfolgt. „Aber woher…? Seid Ihr Euch früher einmal … begegnet?“ stammelte ich. „Nein, aber an den drei Muttermalen auf dem linken Ohrläpp- chen erkenne ich ihn als Aufspürer. Dieses Zeichen ist der Allge- meinheit nicht bekannt.“, „Und … was hast du … getan?“ Fragend und bittend sah ich sie an. Da öffnete sie ihre Hüfttasche und zog einen handgroßen Ge- genstand hervor, den sie mir reichte. „Nimm und sieh. Es war illusorisch von mir zu glauben, ich könnte dich heraushalten.“ Mit trauriger Stimme fügte sie leise hinzu: „Ich hätte entsagen müssen. Aber ich hatte gehofft, dich überzeugen zu können, bei der richtigen Gelegenheit. Und unsere Liebe … und wir hätten dann …“ Ihre Stimme versagte. Ganz verwirrt nahm ich das Teil entgegen, beachtete es aber nicht weiter, sondern nahm Alanea in die Arme, um sie zu trösten. „Was auch immer es sein mag, weshalb du verfolgt wirst: Ich halte zu dir. Ich denke, ich weiß jetzt, daß wir zusammenge- hören. Vertraue mir. Und … und wenn ich mit dir gemeinsam fliehen müßte.“ In diesem Augenblick glaubte ich allerdings noch nicht ernsthaft an die Notwendigkeit einer Flucht. Alanea hatte ihre Haltung zurückgewonnen. „Sieh es dir an“, deutete sie auf den Gegenstand. Ich hatte keine Ahnung, was das war. „Ein Buch“, klärte Alanea mich auf. Das half mir nicht weiter. Noch nie hatte ich etwas von einem Buch gehört. „Der Besitz von Büchern ist seit dreißig Jahren strengstens verboten und wird schwer bestraft. Dieses Verbot wurde jedoch niemals öffentlich bekanntgegeben, um nicht etwa den ‚Appetit‘ am Verbotenen zu wecken. Schon lange vor dem Verbot wurden die Bücher nach und nach vernichtet und allmählich vollständig totgeschwiegen, gleichzeitig wurden die Schüler immer weniger und schließlich überhaupt nicht mehr im Lesen und Schreiben unterrichtet. An die Stelle der Schrift traten Koordinaten und Listen-Symbole.“ Lesen? Schreiben? Schrift? Ich verstand immer weniger. Alanea erläuterte mir die einzelnen Begriffe., „Und weshalb das Totschweigen? Das Verbot? Was soll denn schlimm daran sein, wenn Menschen Bücher lesen?“ „Ganz einfach: Bücher enthalten Wissen, und Wissen bedeu- tet Macht. Das gefiel der Weltregierung nicht, denn sie sah die Gefahr, daß mit Hilfe des Wissens die bestehenden Machtver- hältnisse verändert werden. Die Regierung wollte diese aber für immer befestigen und auf dem damaligen Stand einfrieren.“ „Woher … woher hast du nur alle diese Gedanken, woher weißt du das alles?“ „Ich weiß es eben“, antwortete Alanea etwas patzig. Doch dann schien es ihr leid zu tun, und sie fügte leise hinzu: „Sei mir bitte nicht böse, aber ich denke, jetzt ist nicht der richtige Moment, es dir zu offenbaren. Du … oder vielmehr: die Zeit ist noch nicht reif dafür.“ „Und wann, bitte sehr, ist sie reif genug?“ Diese Geheimnistue- rei regte mich auf. Ich wollte ihr doch wirklich nur helfen! Da- her sagte ich eindringlich: „Ich will dir doch wirklich nur helfen! Merkst du nicht, daß ich dich liebe?“ „Ich dich auch“, sagte sie und sah mich voll Zärtlichkeit an. Dann begann sie, ihre wenigen Sachen zu packen. „Hier und jetzt ist leider keine Zeit für weitere Erläuterungen. Du bist dir also sicher, mit mir zusammenbleiben zu wollen? Das bedeu- tet für dich, daß du alles verlassen mußt. Noch hättest du die Chance, aus der Angelegenheit ohne Schaden herauszukommen. Falls der Aufspürer gar nicht mich gemeint hat. Oder falls du eine dich entlastende Erklärung für das Zusammensein mit mir fin- dest“. Ich wehrte ab und bestand darauf, bei ihr zu bleiben. Ala- nea fiel mir um den Hals, löste sich aber sofort wieder von mir. „Wir müssen uns beeilen und in aller Kürze die Station verlassen, selbst wenn ‚er ‘ mich heute noch nicht erkannt haben sollte“, sagte sie. Auch ich raffte daher schnell meine Habseligkeiten zusammen. Kurz darauf befanden wir uns in einer Raumfähre., Natürlich würde es einem Aufspürer nicht schwer fallen, un- seren Spuren zu folgen, den persönlichen Daten, die wir in allen Raum-Transportern zu hinterlassen hatten. Erst auf einem Pla- neten — falls wir nicht bei der Ankunft schon abgefangen wür- den — könnten wir zu Fuß oder mittels eines Kleinfahrzeugs verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Doch Alanea enttäuschte mich in dieser Hoffnung. „Auf die- se Weise hätten wir keine Chance. In allen menschlichen Ein- richtungen sind Datenlesegeräte angebracht, die unsere Identität auslesen.“ „Wie? Tatsächlich?“ Woher wußte sie das nur wieder? „Und wenn wir unsere Identkarten wegwerfen?“ sprach ich einen ret- tenden Gedanken aus. „Das nützt leider gar nichts. Die Sinnenbeglücker verraten den Aufenthalt jedes einzelnen Menschen, selbst in großer Ent- fernung.“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Wenn das stimmte, was sie da sagte — und sie sagte es mit großer Bestimmtheit —, dann beobachtete man uns also ständig. Uns, die wir doch alle frei waren, wenn auch die Oberschichtpersonen mehr Wertgrade be- saßen als die Volks-Menschen. Warum hatte niemand die Öffent- lichkeit über die Dauer-Beobachtung aufgeklärt? Nicht einmal uns Befruchter, die wir doch staatlich beauftragte Helden wa- ren? Jetzt war ich ratlos. Wir saßen in einer Zweier-Kabine und konnten somit unge- stört miteinander reden. Durch die Glaswände, die wir nicht ver- dunkelt hatten, sahen wir ringsum unsere Kabinennachbarn. Mir fiel auf, daß Alanea sie, seit wir uns hier niedergelassen hatten, aufmerksam beobachtete. Ich betrachtete ihr Gesicht, in dem sich ihre Hilflosigkeit widerspiegelte, in dem ich aber gleichzeitig auch Anflüge von Hoffnung zu erkennen glaubte. Auf einmal schlug ihre Stimmung um. „Es gibt keinen Grund, den Mut zu verlieren.“ Ihre Stimme klang gelöst, fast fröhlich., „Wollen wir nicht einfach den Herrn von dort hinten, am Ende des Ganges, zu uns hereinbitten?“ Und erklärend fügte sie hinzu: „Ich bin mir fast sicher, daß er uns helfen kann.“ Dieser ältere Herr in seiner dunklen Kleidung war mir bereits aufgefallen, weil er, offenbar in Gedanken, spielerisch immer wieder seine Zeigefinger kreuzte — eine seltene Angewohnheit, die ich gelegentlich auf meinen Reisen schon bei dem einen oder anderen gesehen hatte. Alanea winkte zu seiner Kabine hinüber und legte dann, wie zufällig, auch ihre beiden Zeigefinger kreuz- weise übereinander. Sofort erhob er sich, wobei er uns dezent zu- lächelte, kam gemessenen Schrittes zu uns herüber und betrat die Kabine durch die Osmose-Wand, die Alanea freigeschaltet hatte. „Hilfe von oben“, grüßte der Mann. Und Alanea erwiderte: „Hilfe von oben.“ „Und er?“ fragte er. „Vom Boden aufstrebend“, lautete die Antwort. Das alles spielte sich so schnell und leise ab, daß ich mit Sicherheit nicht hätte folgen können, wenn ich nicht über meine hervorragenden genetischen Dispositionen verfügt und eine großartige Ausbildung genossen hätte. Ein normaler Volks-Mensch hätte diesen Dialog nicht einmal mitbekommen. Was nur spielte sich hier ab? Ich war gänzlich verwirrt. „Mein Name ist Bisch. Bisch Off“, stellte der Herr sich uns vor und nahm dann, nachdem auch wir unsere Namen genannt hat- ten, uns gegenüber Platz. „Haben Sie Ihr Werkzeug dabei?“ fragte Alanea ihn, nachdem sie die Wände hatte undurchsichtig werden lassen. Herr Off klopfte auf seine Hüfttasche, und Alanea stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Weiß er schon?“ wandte Herr Off sich an sie. „Nein“, sagte sie kurz. „Wir sollten vorsichtig sein“, sprach er blitzschnell. Doch ich verstand es. „Bitte, Herr Off, helfen Sie uns. Wir sind in einer Notlage!“ sprach sie flehentlich. Und dann schilderte sie ihm in knappen, Worten unsere gegenwärtige Situation. Es erstaunte mich, welch großes Vertrauen sie diesem uns unbekannten Mann entgegen- brachte. „Sie werden verstehen,“ wandte er sich an mich, „daß ich miß- trauisch sein muß, besonders gegenüber einem Staatsdiener. Ich sehe mich daher gezwungen, gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen — Ihnen beiden gegenüber. Wenn Sie es ehrlich mei- nen, werden Sie auf meinen Vorschlag eingehen. Wir werden ei- nen Ort aufsuchen, wo uns, anders als hier, genügend Zeit zur Verfügung steht, um uns über verschiedene Dinge im klaren zu werden, sowohl Sie wie auch ich, und erforderlichenfalls Hilfs- maßnahmen zu ergreifen. Sie beide werden nicht wissen, wo dieser Ort ist. Erlauben Sie, daß ich einen winzigen Chip an Ihrer Kopfhaut befestige?“ Alanea nickte voller Hoffnung, und ich stimmte auch zu, mehr im Vertrauen auf Alanea als auf Herrn Off, dessen Worte mich noch mehr verwirrt hatten. Als ich mein Bewußtsein wiedererlangte, befanden wir drei uns in einem mit Sitzmöbeln ausgestatteten hellen Raum. Oder vielmehr: Das Bewußtsein hatten Alanea und ich die ganze Zeit über nicht verloren, sondern die Chips hatten bewirkt, daß nach- träglich unser Gedächtnis seit dem Zeitpunkt ihrer Anbringung ausgelöscht wurde. Außerdem hatten sie, wie Herr Off uns jetzt erzählte, unsere Identität verschleiert und es damit etwaigen Verfolgern unmöglich gemacht, uns anhand unserer Ident-Daten aufzuspüren. Jetzt befanden wir uns, wie wir weiter erfuhren, hinter dicken Schutzwänden, die verhinderten, daß wir von au- ßen ausgelesen werden konnten. Andererseits wären wir ohne Herrn Offs Hilfe nicht imstande gewesen, diese Örtlichkeit zu verlassen, und wußten nicht, wo wir uns befanden, ob auf ei- ner Raumstation oder einem Planeten. So konnte auch Herr Off zunächst sicher gehen, daß wir, falls wir etwa Aufspürer sein sollten, nicht in der Lage wären, Informationen über ihn oder, über diesen geheimen Ort nach außen zu geben. Wenn ich auch beunruhigt war, was nun geschehen würde, schien mir doch im- merhin sicher zu sein, daß wir den Aufspürer aus dem Paradies abgeschüttelt hätten. Es folgte eine Befragung. Während Herr Off schon nach weni- gen Auskünften Alaneas erklärte, ihr zu vertrauen, stand ich ihm lange Rede und Antwort. Ich vermute, daß er den Wahrheitsge- halt meiner Aussagen und die Ehrlichkeit meiner Rede zusätzlich mit technischer Hilfe prüfte, wenn ich auch keine derartigen Ge- rätschaften in diesem Raum, der mir am ehesten Teil einer Wohn- unterkunft zu sein schien, entdeckte. Endlich schien Herr Off zufrieden zu sein. Offenbar hatte er festgestellt, daß wir keineswegs Spione waren und daß ich keine Absicht hatte, ihn und die Seinen, wer auch immer das sein mochte, zu verraten, vielmehr um Alaneas willen bereit und entschlossen war, meiner Vergangenheit als Staatsheld den Rücken zu kehren. „Haben Sie schon einmal etwas von den Aussätzigen gehört?“ fragte er mich, als er uns Wasser mit Anisgeschmack in Zinnkrü- gen reichte. „Ja, während meiner Ausbildung. Sie sind, erzählte man, be- haftet mit einer ansteckenden Krankheit, die unheilbar ist, und deshalb verpflichtet, abseits der anderen Menschen zu leben. Keiner weiß genau, wohin sie sich zurückziehen. Wenn sie es dennoch wagen, sich in Menschensiedlungen blicken zu lassen, werden sie mit strengen Strafen belegt.“ „Sie werden sofort getötet“, korrigierte Herr Off mich. „Vor- ausgesetzt, man erkennt sie als Aussätzige.“ „Weshalb sollte man sie nicht erkennen? Die Krankheit kenn- zeichnet sie doch?“ „So? Haben Sie denn erkannt, daß Alanea eine Aussätzige ist? Und daß ich ebenfalls an dieser Krankheit leide?“ „Aber das ist unmöglich. Alanea … ist gesund. Das bist du doch, oder?“ Erschrocken blickte ich sie an., „Vielleicht macht die Krankheit sich auf andere Weise bemerk- bar. Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß Ihre Freundin anders ist als die Menschen, die Sie normalerweise kennen?“ Mir schien, Herr Off redete doppeldeutig. Alanea nahm mich bei der Hand. „Sei unbesorgt“, sagte sie in beruhigendem Ton. „Ich bin nicht krank, und Herr Off ist es ebensowenig. Die sogenannte Krankheit ist eine Lüge.“ „Aber er sprach doch von deinem Anderssein“, wandte ich, halb noch zweifelnd, ein. „Liebchen, wir sind anders, weil wir frei sind. Frei von der Beeinflussung durch die Sinnenbeglücker, von ihren Manipula- tionen, von ihrer Suchterzeugung. Es ist uns gelungen, sie auszu- schalten.“ Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Daher also ihre Lebendigkeit, ihr wacher Blick! Aber was steckte hinter dieser Aussätzigen-Bewegung? Warum wurden ihre Anhänger ver- folgt? Und weshalb belog die Regierung sogar uns Staatsdiener? Ich überschüttete Herrn Off und Alanea mit Fragen. „Jeder von uns ist auf seine eigene Weise ‚Aussätziger ‘ gewor- den“, erläuterte sie. „Ich erzählte dir doch von meinem Unfall und der Kopfverletzung. Dabei wurde mein Sinnenbeglücker so sehr beschädigt, daß er mich kaum mehr mit künstlichen Sinne- nimpulsen versorgte. Anscheinend meldete der Chip aber wei- terhin nach außen, er sei intakt, so daß er nicht instandgesetzt oder ausgetauscht wurde. Mein ungewöhnliches Verhalten in der Zeit nach dem Erwachen aus dem Koma war auf den Entzug zurückzuführen. Ich glaube, du kannst das nachvollziehen, denn du hast ähnliches durchgemacht, wenn auch freiwillig, kontrol- liert und im Dienst einer Sache, die ich nicht billigen kann, die ‚wir ‘ als würdelos empfinden. Bis jetzt schwieg ich dazu.“ Zum erstenmal seit unserem Kennenlernen hörte ich Kritik von Ala- nea, die ich — noch — nicht verstand. Sie fuhr mit ihrem Bericht fort: „Danach stellte ich fest, daß ich — gänzlich ungewohnt für, mich — freier denken konnte. Ich erzählte jedoch niemandem etwas davon, weil ich nicht wieder in den alten Zustand zurück- versetzt werden wollte. Und dann begegnete ich auf einem Flug einer älteren Dame, die mir durch ihren wachen Gesichtsausdruck auffiel und die auch bei mir gleich erfaßte, daß ich anders war als die meisten anderen. Bei dieser Frau handelte es sich — wie du natürlich sofort erahnst — um eine ‚Aussätzige ‘. Von ihr erfuhr ich, bei unseren anschließenden regelmäßigen Treffen, nach und nach vieles über die Bewegung, und schloß mich ihr dann an. Übrigens: meine Freunde vom Mars, die ich dir vorstellte, hatte ich erst vor kurzem als Anhänger der ‚Aussätzigen‘ geworben.“ Noch immer wußte ich nicht, was es mit diesen „Aussätzigen“ auf sich hatte. Sahen sie sich als Armee zur Befreiung der Volks- Menschen? Oder was war letztlich ihr Ziel? Drei Jahre später, auf der Erde. Der Abschied von Alanea fiel mir schwer, zumal sie hochschwanger war. Aber ich hatte meine Aufgabe zu erfüllen, und wenn alles gut ginge, würde ich nach Ablauf einer Mondphase wieder zurück sein. An Bord eines Rohstoff-Frachters verließ ich den Heimatplane- ten. Der Spediteur gehörte zu uns, daher stellten interplanetare Flüge für uns kein Problem dar. Es war bereits mein dritter Missionsflug. Auch auf dieser Rei- se hoffte ich, weitere Anhänger zu gewinnen. In den letzten Jahren war die geheime Kolonie auf der Erde beträchtlich angewachsen. Hier vermutete uns so schnell nie- mand, hier auf dem ehemals „Europa“ und jetzt von uns „Hoff- nung“ genannten Kontinent. Denn die Umwelt war immer noch verseucht, und jeder, der hier lebte, nahm eine deutlich verkürzte Lebensdauer in Kauf. Aber dafür waren wir frei. Selbst wenn man uns hier suchen würde, würde man doch nicht so leicht, unsere Höhlendörfer entdecken. Und den gesamten Kontinent einfach durch Waffen zu zerstören, konnte man sich nicht lei- sten, zu viele Rohstoffe würde man dadurch vernichten. Tausende von uns reisen mit deaktivierten Sinnenbeglückern und veränderten Ident-Daten durch den Raum, immer in dem Bemühen, auch die anderen Menschen zu befreien, unabhängig davon, ob sie der Oberschicht oder dem Volk entstammen. Viele von uns leben auf Dauer in den Raum-Kolonien, um dort an Ort und Stelle Anhänger zu gewinnen, wie auch Alanea es bisher getan hatte — bis sie mich kennenlernte und wir heirateten. Wir werden verfolgt, weil wir Bücher besitzen und lesen. Wir werden verfolgt, weil wir frei sein wollen und damit den An- spruch des Staats auf Alleinherrschaft in Frage stellen. Wir wer- den verfolgt, weil wir einer höheren Macht als der menschlichen vertrauen. Seit vielen Jahrtausenden werden wir verfolgt, Kultur um Kultur ging unter, doch wir überlebten. So werden wir auch diese untergehende Kultur überdauern, als Christen.,

DER PROFI

Nachdem wir auch auf den letzen Brief mit dem Angebot von 100.000 Euro nicht reagiert hatten, wurde es täglich schlimmer. Vorgestern zerstachen sie die Autoreifen, gestern warfen sie un- sere Wohnzimmerscheibe mit einem Ziegelstein ein, und heute morgen brannte unser Rasen. Zum Glück konnte ich mit einem Feuerlöscher die Flammen ersticken, das Haus wurde nicht be- schädigt. Auf einem Zettel im Briefkasten fanden wir die War- nung: „Drei Tage Ruhe sind. Dann großes Unglück passieren, wenn ‚es‘ nicht vorher übergeben wird. ‚Es‘ immer bei Spazier- gängen dabei haben, wir es dann irgendwann tauschen gegen 150.000 Euro. Keine Polizei einschalten!“ Schon seit Tagen vermuteten wir, daß diese Leute das Buch mit den Letztschriften haben wollten, und es wurde uns immer mehr zur Gewißheit. Seltsam, daß sie es nie direkt aussprachen, sondern in ihren Mitteilungen umschrieben. Wer nur waren diese Menschen, und was bedeutete ihnen dieses Buch? Um den literarischen oder künstlerischen Wert der Schriften ging es ihnen wohl kaum. Gut, vielleicht würden Sammler oder Museen viel Geld für die Handschrift bezah- len. Warum traten „sie“ nicht offen an uns heran und kauften uns das Buch einfach ab? Wir hätten uns sicher über den Preis geeinigt. Oder dachten sie, wir würden es nicht verkaufen? Jetzt, unter diesen neuen Umständen, waren wir, wohl aus Trotz und Neugierde, tatsächlich nicht mehr bereit, das Buch herzugeben. Moni kannte von früher her einen Kriminalbeamten, Horst, der mit ihr dieselbe Schule besucht hatte. Nachdem sie ihn heute, morgen — er wohnt nicht weit von uns entfernt — über alles informiert hatte, besuchte er uns noch an diesem Nachmittag, und zwar in eindeutiger Freizeitkleidung, damit niemand einen Polizisten in ihm vermuten sollte. Als er unser Haus betrat, wollte ich ihm gerade meine neue- sten Überlegungen mitteilen, da signalisierte er uns zu schwei- gen. Dann zog er ein kleines Gerät aus der Hosentasche und ging damit durch sämtliche Räume, immer wieder einen Blick auf das handgroße Kästchen werfend. Er bedeutete uns, weiterhin nicht zu reden, und winkte uns schließlich, mit ihm das Haus zu verlassen. Erst als wir in seinem Kleinwagen einige Häuserblocks weit gefahren waren, öffnete Horst den Mund: „Alles verwanzt bei Euch, in jedem Raum. Da waren Profis am Werk.“ Moni und ich sahen uns ungläubig an. „Verwanzt?“ fragte ich schließlich dumm. „Von den Einbrechern?“ „Hm!“ Es dauerte, ehe seine Antwort kam. „Schwer zu sa- gen.“ Das klang bedeutungsvoll. „Die Einbrecher waren sicher auch keine Kleingauner. Aber sie haben deutliche Spuren ihrer Einbrüche hinterlassen. Nein, nein, ich denke eher, es war eine andere Gruppe. Einige Stufen höher. Möglicherweise … ein Geheimdienst.“ Uns schwindelte. Ob es hier etwa um Spionage oder ähnli- ches ging, fragte ich mich. Horst ergänzte seine Feststellungen: „Vielleicht geht es hier um Spionage oder ähnliches.“ Seine Stimme klang zufrieden. Pause. „Hm!“ Wieder der bedeutungsschwere Tonfall. „Kann ich das Buch mal sehen?“ Er hielt den Wagen am Straßenrand an, schaute — zum wie- derholten Mal — vorsorglich in den Rückspiegel (eventuell wur- den wir ja verfolgt), zog sich dann Gummihandschuhe an und nahm vorsichtig das Buch entgegen, das Moni in ihrer großen Handtasche mitgenommen hatte. Zunächst betrachtete er es, von allen Seiten — erneuter Blick in den Rückspiegel —, dann öffnete er es ganz behutsam, blätterte hin und her — Blick in den Rückspiegel —, schloß es wieder, klopfte daran, schüttelte es — Blick in den Rückspiegel — und gab es Moni zurück. „Hm … kann daran nicht viel erkennen. Normales altes Buch, oder? Ori- ginale Handschrift.“ Ich muß gestehen, daß diese geniale Feststellung mich ärgerte. Er brachte uns wieder nach Hause. „Kann Euch leider nicht helfen. Ich horche mal etwas herum, vielleicht höre ich was“, verabschiedete er sich, stieg ein und fuhr davon. Ich sah in Monis Gesicht, daß sie das Gleiche dachte wie ich. „Hier, nimm das Buch und geh schon mal ins Haus. Auf den Schreck hin hole ich uns eine Flasche Wein.“ Sie ging los. Das Geschäft lag nur hundert Meter entfernt von hier. Gerade wandte ich mich zur Haustür, da sah ich den schwarzen Mercedes um die Straßenecke biegen. Der Wagen fuhr ganz langsam. Das kam mir seltsam vor. Ich reagierte eine Sekunde zu spät. Gerade als ich Moni zurufen wollte, schnell wegzulaufen, zerrten die Männer sie schon ins Auto hinein und rasten davon. Nicht einmal das Nummernschild konnte ich erkennen, und Zeugen gab es nicht. Ich rannte ins Haus hinein, um die Polizei anzurufen. Am Te- lefon klebte ein Blatt, darauf stand in fetten Lettern: „Sobald Sie die Polizei verständigen, stirbt Ihre Frau. Warten Sie auf unsere Mitteilung.“ Aus Sorge um Moni ließ ich die Polizei aus dem Spiel. Ich konnte heute unmöglich schlafen und wartete die ganze Zeit auf den Anruf. Natürlich sollten „sie“ das Buch bekommen, das war doch jetzt keine Frage mehr, Hauptsache, Moni geschah nichts. Von jetzt an hatte ich viel Zeit. So beschloß ich, den Text mei- nes Onkels zu Ende zu lesen.,

Sechste Letztschrift WOLFSKINDER

Hier sitze ich nun, hier oben auf dem Hügel, und bin ganz traurig. Hinter mir befindet sich der Eingang zur Bibliothekshöhle, in der mein Zwillingsbruder und ich uns notdürftig eingerichtet haben. Über der Feuerstelle brät er gerade Fische. Ich nenne ihn Brüder- chen, so wie er mich Schwesterchen nennt. Die Namen, die die Erwachsenen uns gegeben haben, als sie uns unten unserer Mutter, der Wölfin, weggenommen haben, die verwenden wir beide nicht. Da ganz ganz weit hinten, in der Ferne, da sehen wir nachts, bei gutem Wetter, die Lichter der Großen Stadt. Ich glaube nicht, daß sie noch einmal hierher kommen wer- den, die „Wissenschaftler“, wie sie sich nennen. Sechs Mal war jetzt schon Vollmond, und keinen von ihnen haben wir seit dieser langen Zeit gesehen. Sie wissen ja auch nicht, daß wir hierhin geflohen sind. Sicher haben sie uns schon vergessen. Hier sind wir aufgewachsen. Anfangs nicht auf dem Hügel, sondern unten im Wald. Hier oben hin haben sie uns erst ge- bracht, als sie uns von unserer Mutter wegnahmen und das „Ex- periment in die entscheidende Phase bringen wollten“, wie sie sagten. Verstanden haben wir nicht, was sie damit meinten. Gerne wüßten wir beide, wie alt genau wir sind. Dreizehn Jahre? Oder schon vierzehn? Ich möchte das, was ich hier schrei- be, zu Ende bringen, ehe wir zu erwachsen werden. Und dann möglicherweise sogar werden wie die in der Stadt. Den fertigen Bericht will ich in der Bibliothekshöhle aufbe- wahren. Vielleicht finden ihn mal irgendwelche Menschen. Hof- fentlich solche, die lesen können. Ob wir beide dann noch leben, wissen wir nicht., Brüderchen meint, im Wald gibt es genug zu essen. Aber wie wird es im Winter? Wir haben ja keine Mutter mehr, die uns säugt, und keine Geschwister, mit denen zusammen wir so schön warm schlafen können. Immerhin haben wir drei oder vier Jahre im Wald gelebt, und wir kennen die Kälte. Außerdem ist es in der Bibliothekshöhle nicht ganz so kalt. Aber ich will jetzt mal ganz von Anfang an berichten, soweit ich das überhaupt kann. Sonst verstehen andere, die das hier le- sen, nicht alles. An die ersten Jahre unseres Lebens erinnere ich mich kaum. Auch Brüderchen hat das meiste vergessen. Die Wissenschaftler, die haben uns eine Menge erzählt. Sie sagten, unsere richtigen Eltern sind bei einem Unfall ge- storben, als wir ganz klein waren und noch nicht laufen konnten. Die Leute vom „Institut“, die Wissenschaftler, haben uns gefun- den. Sie haben uns, um uns am Leben zu erhalten, hierhin in die Wildnis gebracht, zu unserer Mutter, der Wölfin, die gerade kleine Kinder hatte und die auch uns als ihre Kinder angenom- men hat. Von der sind wir dann mehrere Jahre lang aufgezogen worden, zusammen mit unsern Wolfsbrüdern und -schwestern, und haben die ganze Zeit in dem großen Rudel gelebt. Und eines Tages sind die Wissenschaftler zurückgekommen. Wie haben wir uns erschreckt, als wir zum erstenmal andere Menschen sahen — oder vielmehr: zu sehen glaubten, denn unseres ersten Zusam- menseins mit ihnen konnten wir uns nicht mehr entsinnen. Sie haben uns von unserer Wolfsmutter und unseren Geschwistern getrennt und uns hier oben hin auf den Hügel gebracht. Brüder- chen und ich hatten wahnsinnige Angst, als sie uns mit Wasser gewaschen und uns Kleidung angezogen haben. So etwas kann- ten wir bis dahin noch nicht, es war uns furchtbar unangenehm, den Stoff an der Haut und die Schuhe an den Füßen fühlen zu müssen, so hinderlich, so beengend! Wir wollten die Sachen im- mer ausziehen, aber die Erwachsenen haben sie uns stets von, neuem angezogen. Da haben wir uns dann doch ein wenig dar- an gewöhnt. Aber jetzt, nachdem wir weggelaufen sind, haben wir alles wieder abgelegt. Wir ziehen die Kleidung nur dann an, wenn es gar zu kalt wird. Um den Hügel herum haben sie einen Zaun gezogen. Das soll- te zu unserer Sicherheit sein, haben sie uns später erklärt. Damit „wilde Tiere“ uns nichts antun können. Aber der Zaun hinderte uns, wieder zurück in den Wald zu gehen. Oft warteten wir am Zaun, ob unsere Mutter käme. Leider haben wir sie und unsere Wolfs-Geschwister und all die anderen Wölfe nie wieder gese- hen. Wir wußten nicht, ob sie weitergezogen waren, oder ob ih- nen etwas zugestoßen war. Lange Zeit waren wir deshalb sehr, sehr traurig. Hier oben auf dem Hügel lebten wir dann in der Bibliotheks- höhle. Ich nenne sie so wegen der vielen Bücher, die man hier untergebracht hat. Neben der Höhle stand ein kleines Haus, das jetzt aber schon halb verfallen ist. Dort wohnten ständig die Wissenschaftler, zwei Frauen und zwei Männer. Abgesehen davon, daß wir Klei- dung tragen mußten und das umzäunte Gelände nicht verlassen durften, behandelten sie uns ganz lieb. Wir durften machen, was wir wollten. Sie brachten uns das richtige Gehen und Laufen bei, denn bisher waren wir auf allen Vieren gekrabbelt und konnten uns nicht gut nur auf zwei Beinen halten. Es machte richtig Spaß. Sie lehrten uns die Sprache, und später dann das Schreiben und Lesen, aber immer nur dann, wenn wir auch Lust dazu hatten. Und noch alles mögliche andere boten sie uns zum Lernen an, zum Beispiel Rechnen und Tierkunde. Nur für uns beide hatten sie die vielen Bücher mitgebracht, damit wir so viel lesen konn- ten, wie wir wollten. Wir nahmen eine ganze Menge begierig auf. Dabei schauten sie uns immer genau zu, was wir machten und wie schnell wir lernten, und schrieben alles auf. Sie sagten uns oft, daß wir ganz liebe und kluge Kinder sind. Wenn sie sich, miteinander besprachen, hörte ich sie schon mal sagen, daß wir „zufriedenstellende Fortschritte“ machten und sich dieses „päd- agogische Experiment“ lohnt. Wir wußten nicht genau, was sie damit meinten. Brüderchen sagte, daß sie glücklich waren, weil wir lernten, wie reich die Welt ist. Auf jeden Fall glaubten wir beide, sie wollten uns viel Gutes tun. Manchmal hatten wir aber überhaupt keine Lust zu lesen. Dann tobten wir über die Wiese oder versteckten uns hinter Bäu- men, oder wir sprangen in den Bach, der unten am Hügel vorbei- fließt. Brüderchen hat dabei auch geübt, Fische mit der Hand zu fangen. Ich habe es auch versucht, bei mir klappte es aber nicht; dafür kann ich besser schreiben als er. Na, und manchmal waren er oder ich schlecht dran, hatten einfach an nichts Freude und haben uns dann irgendwo ins Gras gelegt, möglichst so, daß nie- mand uns so schnell fand, weil wir alleine sein wollten. Mehrmals kamen andere Menschen hierher. Wir beide hatten anfangs immer Angst, wenn wir jemanden sahen, den wir nicht kannten, und wären dann am liebsten davongelaufen. Aber mit der Zeit haben wir uns auch daran gewöhnt, und dann fanden wir es sogar gut, wenn Fremde vorbeischauten. Einmal hatten wir Probleme mit anderen. Es waren Kinder, die uns besuchten; zum erstenmal in unserem Leben sahen wir Menschenkinder! Da waren wir selbst schon ungefähr zehn Jah- re alt. Wir wußten nicht, was wir machen sollten. Ich versuchte, zu ihnen zu sprechen, aber sie schwiegen nur. Ein Junge lachte und sagte dabei etwas von Wolfskindern, aber da haben unsere Erwachsenen ihn böse angeschaut. Unsere vier Wissenschaftler haben Namen, und wir sollten sie damit anreden. Der jüngere Mann hieß Pau, und die junge Frau, mit der er zusammen war, Jurii. Die ältere Frau wollte Maanua genannt werden, sie war der Liebste von den vieren. Sie lebte zu- sammen mit ihrem Mann Rusch, der strenger als die anderen war und einen grauen Bart trug. Vor ihm hatte ich am meisten Angst., Zweimal haben wir es geschafft wegzulaufen, weil die Er- wachsenen vergessen hatten, das Tor zu schließen. Wir hatten einfach Sehnsucht danach, wieder zu leben wie früher, vielleicht haben wir uns das alte Leben auch schöner vorgestellt, als es gewesen war. Brüderchen und ich haben uns also gut im Wald versteckt, aber dennoch haben sie uns beim erstenmal schnell gefunden. Beim zweiten Weglaufen sind wir mehrere Tage allei- ne geblieben. Es hat uns richtig gut getan. Aber wir haben nicht genug zu essen gefunden, nur Beeren und solche Sachen, die ha- ben uns nicht richtig satt gemacht. Da sind wir dann, als un- ser Hunger zu groß wurde, von alleine wieder zurückgegangen. Rusch war dann etwas böse zu uns, die anderen haben getan, als wenn es nicht weiter schlimm gewesen wäre. Wir konnten aber merken, daß sie erleichtert waren. Und dann kam der Tag, an dem wir unsere Heimat verließen und in die Große Stadt gebracht wurden. Dort wollten sie „das Experiment fortsetzen“, um festzustellen, wie wir uns in eine „bestehende Sozietät einpassen“. Wir waren gar nicht froh dar- über. Was bedeutete das, eine Stadt? Dort sollten sehr viele Men- schen leben. Die Wissenschaftler hatten uns vieles darüber in den Büchern unserer Bibliothekshöhle gezeigt. Brüderchen und ich hatten riesige Angst, fast soviel wie damals, als man uns von unserer Wolfs-Mutter trennte. Wie sollte das nur gut gehen? Vie- le, viele tausend neue Gesichter um uns herum! Und wer wußte, vielleicht waren manche dieser Menschen böse auf uns und ta- ten uns etwas an? Uns war inzwischen klar, daß wir irgendwie anders waren als die anderen. Mit Schrecken dachten wir daran zurück, daß manche der Besucher auf dem Hügel uns wie fremd- artige Tiere angestaunt hatten. Lange Zeit fuhren wir auf einer Straße durch den Wald, in einem Fahrzeug, das sich von alleine bewegte. Und dann tauch- te sie vor uns auf, diese Große Stadt. Uns war schon eigenartig zumute, als wir sie das erstemal sahen. Diese unendlich vielen, Häuser, und in jedem lebten oder arbeiteten Menschen. Was uns sofort auffiel: Jedes Haus sah anders aus als alle anderen Gebäu- de in seiner Umgebung. Mal waren sie groß, dann klein, mal breit, mal schmal. Einige sahen wie Kugeln oder Eier aus, ande- re wie Schüsseln, Vasen, Kegel oder Pyramiden. Manche hatten ganz breite Fenster, manche so hohe, daß sie vom Untergeschoß bis zum Dach reichten, und bei manchen waren die Fenster ganz winzig. Auch die Eingänge sahen alle anders aus: gewaltige Tore oder schmale Türen. Manche Häuser hatten Dächer, in verschie- denen Formen, spitz oder flach, manchmal weit über die Wände hinaus hängend oder bis zum Boden reichend. Und dann all die Farben der Wände, und die aufgemalten Muster. Übrigens hatten wir all dies schon vorher gelernt, man hatte uns Bilder gezeigt und gesagt, wie die einzelnen Teile heißen. Aber die Wirklichkeit war doch umwerfend. Unterwegs sahen wir auch viele Menschen. Alle trugen un- terschiedliche Kleidung. Und jede Menge von diesen selbstbe- wegten Fahrzeugen gab es in den Straßen. Natürlich sah auch von denen keins wie die anderen aus. Unser Gefährt fuhr nicht besonders weit in die Stadt hin- ein. Man wollte uns nicht verwirren durch allzuviele Eindrük- ke. Da war dann auch schon das Institut, es bestand aus etli- chen Gebäuden auf einem großen Grundstück. Wir beide und unsere vier Erwachsenen bekamen eine Wohnung in einem kleinen Häuschen, mitten auf dem Gelände. Aber Brüderchen und ich erhielten getrennte Schlafräume, und das gefiel uns überhaupt nicht, vor allem deshalb, weil uns hier alles so fremd war. Wir hatten unser Leben lang beieinander geschlafen und uns gegenseitig gewärmt. An den ersten zwei oder drei Tagen mußte ich die ganze Zeit heulen, erst nach und nach wurde ich ruhiger. Brüderchen fand sich besser als ich mit der Situation zurecht, er war schon immer neugieriger als ich gewesen und bereits nach kurzer Zeit im Institut ganz gespannt darauf, die, Stadt kennenzulernen. Aber mit mir nachts zusammen zu sein, das wollte er auf jeden Fall. Bald fand er heraus, wie er mit ei- nem Draht die Zimmertüren öffnen und dadurch nachts zu mir in mein Bett kommen konnte, wo er an meiner Seite friedlich einschlief. Die Wissenschaftler zeigten uns nach und nach viele Stadttei- le und alle möglichen wichtigen Einrichtungen. Sie fuhren uns mit dem Fahrzeug herum, oder sie nahmen uns an der Hand und gingen mit uns durch die Straßen. Dabei fühlte ich mich jedes- mal unwohl, alles kam mir irgendwie so verrückt und durchein- ander vor. In unserer Wolfsfamilie und im gesamten Rudel hatte da mehr Ordnung geherrscht, jeder hatte gewußt, an welchen Platz er gehört. Die Menschen hier wirkten unglücklich, als fehle ihnen etwas, jedenfalls war das mein Gefühl. Und dann baten unsere Wissenschaftler uns, in eine öffentli- che Schule zu gehen. Viele Tage lang wehrten wir uns dagegen, weil wir nicht mit anderen Kindern zusammensein wollten; mit Erwachsen kamen wir besser zurecht. Doch die vier redeten lan- ge so lieb auf uns ein, bis wir schließlich zusagten, es zumindest mal zu probieren. Als wir in die Schulklasse kamen, herrschte erst große Aufre- gung. Wir wären am liebsten sofort zurück ins Institut gelaufen, aber die Wissenschaftler waren auf einmal weg und kamen erst am Nachmittag wieder, um uns abzuholen. Die anderen Schüler staunten uns an, manche lachten über uns. Voller Angst setzten wir uns ganz nach hinten in den Raum. Aber dann beachteten die Kinder uns gar nicht mehr. Vorne redete die Lehrerin, sie war auch ganz lieb zu uns. Die meisten Kinder kümmerten sich nicht um das, was sie sagte, manche schliefen sogar ein. So ein Ver- halten hätte unsere Wolfs-Mutter nicht zugelassen, als sie uns das Leben lehrte. Wie wir mit der Zeit bemerkten, konnten die meisten Schüler kaum schreiben und fast gar nicht lesen, nicht einmal die älteren., Brüderchen hörte sehr interessiert zu, was die Lehrerin er- zählte, und auch ich hatte mir vorgenommen, von ihr zu lernen. Sie schien uns richtig dankbar zu sein, daß wir an ihren Lippen hingen. So gingen wir viele Tage lang in die Schule und lernten vieles dazu, was wir noch nicht kannten. Schon nach kurzem stellte sich heraus, daß wir beide viel schneller lernten als die anderen. Jetzt hatte unsere Lehrerin ein großes Problem, denn eigentlich durfte sie uns beiden nicht mehr beibringen als den Klassen- kameraden, damit, wie sie sagte, „niemand benachteiligt“ wür- de. Aber heimlich steckte sie uns doch Bücher und Hefte zu, aus denen wir mehr als die anderen lernen konnten. Ja, und dann kam die Zeit, in der wir neue Eltern bekamen. Wir sollten unser Heim im Institut verlassen und „in eine Familie eingegliedert“ werden. Die Bezirksbürgermeisterin der Nordstadt und ihr Mann wollten uns „adoptieren“. Und wieder redeten un- sere vier Wissenschaftler auf uns ein, um uns zu überzeugen, daß dies das beste für uns wäre. Wir stimmten endlich zu. Die Bürgermeisterin, „Mama Rieke“, war ganz lieb zu uns, ebenso auch „Papa Nald“. Wir kamen in ein Haus, das ganz groß war und aussah wie ein riesiger Kohlkopf. Innen war es richtig gemütlich, es erinnerte uns an die Bibliothekshöhle. Leider beka- men wir wieder getrennte Schlafzimmer, aber Brüderchen fand erneut schnell heraus, wie er nachts unbemerkt sein Zimmer ver- lassen und zu mir ins Bett kommen konnte. Mama Rieke jammerte häufig. Sie klagte, die Welt würde im- mer schlechter, und die Menschen seien faul und träge. Kaum ein Schüler ist mehr bereit zu lernen, meinte sie, und sie schwor darauf, daß die Erde „bald zugrunde gehen“ wird. Immer wieder hörten wir von ihr die Worte „verdorben, nichts als verdorben“. Über Brüderchens und meinen Lerneifer freute sie sich beson- ders. „Ihr werdet eines Tages ganz groß herauskommen“, sagte sie zu uns., Auf „gute“ Kleidung legte sie ganz viel Wert. Brüderchen und ich haßten das, weil es besonders unangenehm war, es zwickte und kniff überall. Bei Tisch mußten wir uns aufrecht hinsetzen, und das Essen ganz vorsichtig mit feinem Besteck zu uns neh- men. Auch wenn Mama Rieke immer eine liebe Stimme hatte, konnte diese doch irgendwie unangenehm lieb klingen, wenn wir manches nicht so machten, wie sie es wollte. Papa Nald hatte eine viel normalere Stimme als Mama, und ihn schien es nicht besonders zu stören, wie wir uns verhielten. Er war einfach lieb zu uns, nicht so komisch aufgeregt. Nach der Schule und an schulfreien Tagen durften wir beide uns im Garten aufhalten, oder auch im Wohnraum sitzen und lesen. Wir hatten es abgelehnt, mit anderen Kindern zusammen- zukommen und zu „spielen“. Aber Mama meinte, eines Tages seien wir auch hierzu bereit. Als ein halbes Jahr bei den neuen Eltern vergangen war, woll- ten sie uns zeigen, welche „Freizeitmöglichkeiten“ es in der Stadt gibt. Gemeinsam besuchten wir ein Museum, wo „Kunst“ prä- sentiert wurde. Brüderchen und ich waren sicher zu dumm, um das zu verstehen. Dort gab es Tafeln, auf die berühmte Men- schen etwas draufgemalt hatten. Leider konnten wir nirgendwo erkennen, was es war. Oder da lagen riesige Sandhaufen herum, die aussahen wie Ameisenhaufen. Daneben stand „Weiche Pyra- miden Nr. 13 und 14“. An einem Abend gingen wir in die „Oper“. Dort schrien einige Männer und Frauen sich gegenseitig an, und von irgendwoher kamen ganz gräßliche Töne, die von „Instrumenten“ stammen sollten. Wir hätten uns am liebsten die Ohren zugehalten, aber Mama schaute uns streng an. Dann zogen die Männer und Frau- en sich aus. Ich mußte an das freie Leben in unserer Heimat, im Wald, denken, und mir wurde ganz warm ums Herz. Aber statt sich zu freuen, ohne enge Kleider herumlaufen zu dürfen, brüll- ten die Sänger noch schlimmer als vorher und bespritzten sich, gegenseitig mit roter Farbe, und eine Frau pinkelte auf den Boden, während ein Mann kackte. Die Zuschauer klatschten begeistert. Brüderchen und ich sahen uns ratlos an. Was für ein seltsames Vergnügen, an dem die Erwachsenen Freude hatten. Fast jeden Tag kam einer von den vier Wissenschaftlern bei uns vorbei, sprach lange mit Mama Rieke und schrieb sich eine Menge auf. Mami erklärte uns, das Institut sei sehr an unserem Wohlergehen und unseren „Fortschritten“ interessiert. Wir fühl- ten uns inzwischen ganz wohl hier und hatten uns an fast alles gewöhnt. Manchmal verbrachten wir sogar den Nachmittag zu- sammen mit anderen Kindern und lernten dabei auch, wie wir mit ihnen gut auskommen konnten. Ja, und dann kam die ganz schreckliche Zeit. Es begann damit, daß ich an einem Tag keine Lust hatte, in die Schule zu gehen, weil ich mich nicht wohl fühlte. Ich kehrte vom Schulweg heim- lich nach Hause zurück und versteckte mich in meinem Zimmer. Kurz darauf kam einer von den Wissenschaftlern ins Haus, es war Rusch, den ich nicht so sehr mochte. Er hatte eine laute Stimme, und so konnte ich ihn von meinem Zimmer aus hören. Er sagte etwas über Brüderchen und mich, da wurde ich neugierig und kroch leise zur Wohnraum-Tür hin. Das Schleichen auf allen Vieren konnte ich immer noch ganz gut, von früher her. Da hörte ich Rusch zu Mama Rieke sagen: „Hier ist das Geld. Danke für die gute Zusammenarbeit. Wir werden also die Kinder in den nächsten Tagen abholen und ins Institut brin- gen. Dort werden wir sie präparieren, Einzelheiten hierzu will ich Ihnen ersparen. Es ist gut für die beiden, und gut für die Neue Welt. Hoffen wir, daß sie diese Reise überstehen.“ Ich erschrak tief und fing an zu heulen. Schnell zog ich mich in mein Zimmer zurück, damit ich mich nicht verriet. Viele Ge- danken gingen mir durch den Kopf: Wir sollten zurück ins Insti- tut, und dort wollten sie irgend etwas mit uns machen, das ich nicht verstand. Und dann sollten wir eine Reise unternehmen,, die wir vielleicht nicht überleben würden. Und Mama Rieke, die uns bisher immer gesagt hatte, wie lieb sie uns hat, machte das mit und bekam Geld dafür. Am Nachmittag, als Brüderchen die Schule verließ — ich lief ihm bis dorthin entgegen —, erzählte ich ihm alles. Auch er be- kam feuchte Augen, aber er unterdrückte das Weinen. Männer- getue. Doch dann stieg die Abenteuerlust in ihm auf, und er hat- te eine Idee, die er „Plan“ nannte. Was er ausheckte, schien mir gut zu sein. Und so geschah es dann auch. Als es draußen dunkel wurde, sagten wir zu den Eltern, wir seien müde und wollten ins Bett. Mama Rieke wunderte sich, aber Papa Nald meinte: „Kann ich verstehen, ich bin auch müde.“ So zogen wir uns zurück und verließen kurz darauf heimlich das Haus. Den Weg zum Institut kannten wir ja zum Glück. Unser „Plan“ war, dort in den Häusern zu suchen, wir wußten nicht wonach, aber vielleicht fiel dort etwas in unsere Hände, das uns weiterhalf. Obwohl das weite Gelände umzäunt war, fanden wir doch einen Zugang zum Institut, nämlich — mit einem Gespür, das wir von unserer Wolfsfamilie hatten — eine undichte Stelle im Zaun. Wir krochen hindurch und schlichen leise zu den Häusern hin. Zwar liefen einige große Wachhunde übers Gelände, aber sie kannten uns und schlugen deshalb nicht an. Wir streichelten sie, und dann krochen wir weiter. Zufällig sahen wir, wie Rusch aus einem der Häuser kam und auf den Ausgang der Anlage zuging. Dieses Haus hatten wir bisher noch nie betreten. Wir beschlossen, hier zuerst nachzuforschen. Die Tür war nicht abgeschlossen. Vorsichtig betraten wir das Gebäude und schauten in alle Räume hinein, fanden aber nichts, was uns weitergeholfen hätte. Nur eine einzige Zimmertür ließ sich nicht gleich öffnen. Zum Glück hatte Brüderchen einen Draht dabei, und nach einigem Probieren gelang es ihm, die Tür aufzuschließen., Hier drinnen sah es ganz hübsch aus. Überall standen Bücher herum, aber die sagten uns nichts; was man darin lesen konn- te, war uns alles zu hoch. Mitten auf einem Tisch lag ein Heft. Ich schaute auf die aufgeschlagene Seite, dort las ich: „Phase 147: Abholung der Kinder aus der Gastfamilie“. Sofort blätterten Brü- derchen und ich das Heft durch, es war nicht besonders dick. Wir waren furchtbar aufgeregt dabei, denn mit den Kindern waren wir gemeint. Und als wir das Heft durchgelesen hatten, mußten wir schrecklich weinen. Wie wir da lasen, waren wir beide so etwas wie menschliche Versuchskaninchen. Man hatte uns, als wir Babys waren, unse- ren Eltern, die arm waren, abgenommen und ihnen dafür Geld gegeben. Und dann hat man uns im Wolfsrudel ausgesetzt, als unsere Wolfsmutter gerade Junge geworfen hatte. Sie hat uns als Kinder angenommen. Die ganze Zeit über beobachteten uns die Wissenschaftler, und auch danach, auf dem Hügel, haben sie „Daten und Fakten“ über uns gesammelt. Unsere Wolfs-Mama haben sie getötet, einfach totgeschlagen, damit wir nicht mehr mit ihr zusammenkommen konnten! Mit den Erkenntnissen darüber, wie Menschen sich unter sol- chen „natürlichen Umständen“ und „frei von menschlicher Be- vormundung“ in den ersten Lebensjahren entwickeln, wollten sie eine neue Erziehungslehre schaffen. Den Auftrag für dieses „geheime Projekt“ hatten sie von der Regierung erhalten. Eigens dafür wurde das Institut, in dem hunderte von Wissenschaftlern arbeiten, gegründet. Das Projekt nennt sich „vollkommene Ge- sellschaft“. Und dann lasen wir weiter, daß auch andere Kinder schon diesem oder ähnlichen „Experimenten“ unterzogen wurden, alle unter der Aufsicht von „Viererteams“. Dabei hätte man schon eine Menge gelernt. Mit uns beiden sollte die Versuchsreihe ab- geschlossen werden. Danach würden alle Kinder, also auch wir, auf eine abgelegene Insel gebracht werden, um die Erkenntnisse, in der Praxis anzuwenden und eine „Neue Menschheit“ zu schaf- fen. Anschließend wäre noch zu prüfen, ob die „alte Menschheit“ irgendwie angegliedert werden könne, oder wie sonst mit ihr zu verfahren sei, damit „das Alte“ in absehbarer Zeit verschwinde. Ich will nicht viel darüber schreiben, wie wir uns fühlten. Es war ganz schrecklich. Noch jetzt wird uns unwohl, wenn wir daran denken. In dem Heft fand sich auch die Angabe, in welchem Gebäude die Kinder nach Abschluß des Experiments „schlafweise aufzu- bewahren“ seien. Wir wunderten uns, denn wir hatten niemals andere Kinder auf dem Gelände gesehen oder gehört. Vielleicht hatte man sie ja vor uns versteckt und uns vor ihnen. Es mußte so etwas wie ein riesiger Schlafsaal sein, wo sie nachts schliefen. Kurz darauf verstanden wir, was das Heft, das wir einfach mitnahmen, mit der schlafweisen Aufbewahrung meinte. Das Gebäude, groß wie eine Lagerhalle, fanden wir nach einigem Suchen in dem uns unbekannten Bereich des Grundstücks. Die Tür war nicht verschlossen. Wir traten ein. Da innen kein Licht brannte und wir auch keinen Lichtschalter fanden, entzündete Brüderchen einen Holzscheit, er holte ihn von draußen herein, mit einem Feuerstift, den er in einer alten Truhe im Keller un- seres jetzigen Elternhauses gefunden hatte und den er zur Flam- menerzeugung kurz an der Wand rieb. Dann gingen wir tiefer in den Raum hinein. Es war kühl drinnen, und wir fröstelten. Zunächst erkannten wir kaum etwas, nur daß es an vielen Stellen im Saal von dem Licht des Holzscheits funkelte. Doch dann schauten wir genauer hin: Da standen, in mehreren Reihen, viele längliche Behälter aus Glas, in denen Menschen lagen und schliefen, Kinder in unserem Alter, oder auch älter, und junge Erwachsene. Sie sahen alle so friedlich aus. Aber wie konnten sie in diesen verschlossenen sargähnlichen Gebilden überhaupt at- men? Sie machten keine Atembewegungen. Vorsichtig klopften wir an einen der Behältnisse. Er war ganz kalt, wie Eis! Sollten, alle diese Jungen und Mädchen, Frauen und Männer eingefroren sein? Und vielleicht tot? Oder doch noch leben, irgendwie? Auch mit uns beiden hätten sie das gemacht. Ach, es war alles so grau- sig. Wir schauderten zusammen! So schnell wir konnten, liefen wir aus der Halle hinaus. Drau- ßen warf Brüderchen den Holzscheit beiseite, und wir rannten zum Zaun, um dieses schlimme Gelände zu verlassen. Gerade als wir ankamen und die undichte Stelle suchten, hörten wir die Hunde laut bellen. Kurz schauten wir uns um, da sahen wir den Feuerschein: Irgend etwas brannte, vielleicht ein Holzhau- fen. Wir kümmerten uns nicht darum und krochen durch das Loch ins Freie. Dort blieben wir erst mal stehen, fielen uns in die Arme und versuchten, uns gegenseitig zu trösten. Was tun? Wo- hin jetzt? Nach Hause? Dort würden wir möglicherweise schon morgen abgeholt, um dann ebenso wie die armen Menschen in der Halle eingefroren zu werden. Aber wohin sonst? In dieser Stadt, da wollten wir nicht bleiben. Sie war so grauenhaft, wir fühlten es wie noch nie zuvor. Also blieb uns nur eines: zurück in den Wald. Wir kannten die Richtung dorthin. Allzu weit konnte es nicht bis zum Stadtrand sein. Unterwegs blieben wir stehen und blick- ten zurück, die Straße entlang, die zum Institut führte, um fest- zustellen, ob uns jemand folge. Da sahen wir einen hellen Feuer- schein gegen den dunklen Himmel. Demnach mußte ein größerer Teil des Institutgeländes, vielleicht auch eines oder mehrere der Gebäude, in Brand geraten sein. Wir erschraken, aber eine Um- kehr war ausgeschlossen. Vom Waldrand aus schauten wir uns noch einmal um und sa- hen, daß der Himmel über der Großen Stadt sich ganz rot gefärbt hatte. Wir konnten aber nicht abschätzen, wie weit das Feuer tat- sächlich um sich gegriffen hatte. Erst jetzt hörten wir in der Fer- ne die Sirenen der Feuerwehr. Soviel wir wußten, war sie schon sehr lange nicht mehr im Einsatz gewesen, weil seit vielen Jahren, nicht mehr mit brennbaren Stoffen, sondern durch irgendwelche harmlosen chemischen Reaktionen Wärme erzeugt wurde. Im Wald irrten wir lange Zeit umher, weil wir nicht die Stra- ßen benutzen wollten, auf denen man uns am ehesten aufgreifen konnte. Dann, endlich, fanden wir unseren Hügel, auf dem wir so lange gelebt hatten. Doch wir wagten zuerst nicht, wieder in die Bibliothekshöhle zu ziehen, aus Angst, die Wissenschaftler könnten uns hier suchen. Daher hielten wir uns im nahen Wald auf. Doch sie kamen nicht, und so ergriffen wir schließlich Be- sitz von dem Hügel und der Höhle. Das mitgebrachte schreckli- che Heft legten wir zu den Büchern. Seither leben wir hier. Vielleicht werden wir ja eines Tages wieder anderen Menschen begegnen. Aber fürs erste haben wir die Nase voll von diesen Lebewesen aus der Stadt.,

Siebte Letztschrift DIE FRIEDENSDROGE

Mit mir wird, glaube ich, der letzte Mensch sterben. Jedenfalls der letzte der zivilisierten Menschheit. Möglich, daß es irgend- wo noch ein Naturvölkchen gibt, das ich nicht kenne, auf einer kleinen Insel im Pazifik oder irgendwo im Himalaja, wer weiß; vielleicht gibt es sogar noch mehrere, und eines Tages wird wie- der so etwas wie eine Kultur entstehen. Aber alle bekannten Völ- ker, die noch vor einigen Jahrhunderten als wild galten, wurden schon vor mindestens zweihundert Jahren zivilisiert, und sie alle sind jetzt ausgestorben, genauso wie die Völker, die sich für be- sonders fortgeschritten hielten. Ich weiß nicht, weshalb ich hier sitze und schreibe, hier in der Ruine unseres Hauses. Schon meine Eltern wohnten in diesem Haus, und hier lebte ich Jahrzehnte lang mit meiner Frau, die ich vor zwei Jahren im Garten begrub — alleine, denn es war nie- mand da, der mir hätte helfen können. Wie sollte das, was ich hier niederschreibe, ein „Vermächtnis“ sein, da doch niemand mehr am Leben ist, der es in Empfang neh- men könnte? So schreibe ich wohl einfach nur, weil es mich drängt, meine Gedanken zu Papier zu bringen, bevor ich selbst sterbe, wohl wissend, daß das Papier früher oder später verfaulen wird. Wie nur konnte es dazu kommen, daß die Menschen ausge- storben sind? Man sollte es nicht glauben, aber tatsächlich ist es möglich, die gesamte Menschheit innerhalb von zwei bis drei Jahrhunderten auszulöschen, ohne dabei Gewalt anzuwenden. Letztlich war es wohl, so widersinnig dies klingt, der legitime menschliche Wunsch, glücklich zu sein und in Frieden zu leben, der zum Untergang führte., Ich will versuchen, die Ereignisse chronologisch wiederzugeben. Es sind jetzt 243 Jahre her, seit man im Urwald Brasiliens, im Amazonasgebiet, auf diese Pflanze gestoßen war, die 13 Jahre später vom Volksmund „Friedensrose“ genannt wurde. Nach der damaligen Zeitrechnung schrieb man das Jahr 2014 nach Christus. Die Pflanze fand man auf der Suche nach Mitteln gegen tödliche Infektionskrankheiten, die in den Jahren zuvor in beängstigen- dem Maße zugenommen hatten. Die Friedensrose war nur eine unter vielen neu entdeckten Pflanzen, die die Wissenschaft auf medizinisch bedeutsame In- haltsstoffe untersuchte. In den Wurzeln des äußerlich rosenähn- lich aussehenden Gewächses fanden europäische Forscher eine unbekannte Substanz, die ihnen aufgrund gewisser chemischer Ähnlichkeiten mit einem besonders wirksamen Antibiotikum vielversprechend erschien. Versuche an Tieren erwiesen jedoch, daß die Hoffnungen auf eine Heilwirkung der Substanz sich nicht erfüllten. Schon sollte die Versuchsreihe abgebrochen werden, zumal man inzwischen bei anderen Pflanzen Substanzen gefunden hat- te, die sich als hochwirksam im Kampf gegen die gefährlichen Krankheiten zu erweisen schienen. Da geschah einem deutschen Wissenschaftler, der mit dem Namen Peter Schmitz in die Ge- schichte einging, ein kleines Mißgeschick, das weltumwälzende Folgen zeitigen sollten. Schmitz, als wissenschaftlicher Assistent beteiligt an der Un- tersuchung der neuen Substanzen, hatte Überstunden im Labor geleistet und wollte den Heimweg antreten. Übermüdet, stieß er bei einer ungeschickten Bewegung ein Glas mit dem aus der Friedensrosenwurzel extrahierten Pulver um und verschüttete es auf seine Hose. Oberflächlich wischte er das Pulver ab und eilte in seine Wohnung, wo ihn ungestüm sein Dackelrüde „Sir Hen- ry“ empfing. Als Schmitz seine Hose ausgebürstet hatte, bemerk- te er, daß der Dackel den Boden ableckte. Schmitz machte sich, darüber keine Gedanken, da das bläuliche Pulver sich als gänz- lich ungiftig erwiesen hatte. Er selbst hatte — natürlich nach- dem es an verschiedenen Tieren getestet worden war — einmal ein winziges Pröbchen davon zu sich genommen. Zumindest für Menschen war es geruch- und geschmacklos. Am nächsten Morgen stellte Peter Schmitz erstaunt fest, daß Sir Henry ihn schwanzwedelnd und fröhlich gelaunt begrüßte. Das war insofern ungewöhnlich, als sich der Hund seit einigen Monaten vor allem morgens ohne ersichtlichen Grund aggres- siv gezeigt und sogar schon mehrfach nach seinem Herrchen ge- schnappt hatte. Der Tierarzt hatte empfohlen, ihn einzuschlä- fern, was Schmitz bisher abgelehnt hatte. Und nun dieses. Ob das geänderte Verhalten möglicherweise mit dem Pulver zu- sammenhing? Wahrscheinlich war es Zufall gewesen. Aber was sprach dagegen, die harmlose Substanz, die ohnehin in Kürze entsorgt werden würde, an dem Dackel zu erproben? Schmitz brachte am Abend dieses Arbeitstags ein wenig von dem Pulver mit nach Hause. Der Hund war nach wie vor freund- lich, sein Herrchen bezeichnete diesen Zustand als „stillver- gnügt“. Dieses Wort wurde Monate später von der Presse begie- rig aufgegriffen. Am nächsten Morgen jedoch knurrte der Hund ihn wieder an, wenn auch zurückhaltender als in den Monaten zuvor. Peter Schmitz mischte ein wenig von dem Pulver in Sir Henrys Frühstück. Bereits nach einer Stunde hatte das Tier sich beruhigt und war der liebste nur denkbare Hund. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage an. Schmitz unterrichtete seine Vorgesetzten über seine Feststel- lung. Sie wollten diesen „Unsinn“ zunächst nicht glauben, ließen sich dann aber doch dazu überreden — wobei ein russischer For- scher, den Sir Henry bereits einmal gebissen hatte, ihm Schüt- zenhilfe leistete —, die Substanz auf eine mögliche entspannen- de Wirkungsweise hin zu untersuchen. Bereits die erste Testreihe, an Ratten durchgeführt, überzeugte die Wissenschaftler, daß, das Mittel deutlich Aggressionen minderte. Bisher hatte man auf Ergebnisse dieser Art nicht geachtet. Auch Untersuchungen an höheren Säugetieren, darunter Affen, führten zum gleichen Re- sultat. Zudem schien das Mittel darüber hinaus stimmungserhel- lend zu wirken. War man also auf ein neues Beruhigungsmittel gestoßen? Jahrelange Tests an kranken wir auch an gesunden Menschen förderten immer erfreulichere Wirkungen zutage: Das Pulver be- ruhigte nicht nur und hob nicht nur die Laune, sondern es mach- te glücklicher und zufriedener, wobei es zugleich die Konzentra- tionsfähigkeit wie auch die Leistungsbereitschaft steigerte, und nicht zuletzt förderte es die Friedensliebe. Dabei traten, außer im Fall der Überdosierung, niemals größere unangenehme Ne- benwirkungen auf. Durch eine gezielte Indiskretion eines der Wissenschaftler, der sich bei einer Beförderung benachteiligt fühlte, wurden das geheime Projekt und seine Ergebnisse der Öffentlichkeit bekannt. Die Medien zeigten sich brennend an dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Peter Schmitz und seinem Zufallsfund interessiert. Sogar „Sir Henry“, der im Alter von 16 Jahren verschieden war, wurden postmortal mediale Ehren zuteil. Die — inzwischen auch synthetisch herstellbare — neue „Wunderdroge“, die man bald darauf auch „Friedensdroge“ nann- te, entwickelte sich weltweit zu einer Jahrhundert-Sensation. Kaum auszudenken, was man mit ihr alles bewirken konnte. Die Schulleistungen würden nach oben schnellen, die Menschen besser miteinander zurechtkommen, sie würden glücklich und zufrieden sein und dennoch nicht phlegmatisch werden. Welch einen Schub könnte dies für die kulturelle Entwicklung der Menschheit bedeuten. Konflikte, sogar Kriege würden seltener werden. Was bis jetzt für Waffen und Friedenssicherung gezahlt wurde, konnte weitgehend dem Wohlstand der Menschen zu- gute kommen. Eines wäre natürlich Voraussetzung, damit diese, Visionen in Erfüllung gingen: Die Verteilung der Friedensdroge an die Bevölkerung, und zwar weltweit. Die Regierungen gerieten unter gewaltigen Druck. Gerne hät- ten einige von ihnen die Droge in einer Weise eingesetzt (oder eben auch nicht eingesetzt), wie es ihnen genehm gewesen wäre. Durchaus nicht alle waren etwa an einem beständigen Frie- den oder am Wohlergehen der Bevölkerung interessiert. Doch schließlich wurde der Druck der Medien, der Bevölkerungen, et- licher Regierungen und nicht zuletzt auch der pharmazeutischen Industrie, die neue Gewinnchancen witterte, so groß, daß sich ihm kein Volk und keine Volkslenkung mehr widersetzen konn- te. Man berief eine Weltkonferenz ein, auf der man auch alle möglichen Nachteile der Einnahme dieses Mittels diskutierte. Doch nennenswerte negative Folgewirkungen hatten sich auch nach langen Tests an Tieren wie Menschen, sogar an ganzen Dorfgemeinschaften in Entwicklungsländern, nicht feststellen lassen. Schließlich beschlossen die auf der Konferenz vertrete- nen Gruppierungen mit überwältigender Mehrheit, die weltwei- te Produktion und Verteilung der Friedensdroge in die Wege zu leiten. Schon nach einem Jahr wurden alle Menschen mit der Frie- densdroge versorgt, und man konnte davon ausgehen, daß fast alle sie auch nahmen. Eine Dosis pro Woche reichte vollständig, um die positiven Wirkungen ständig aufrechtzuerhalten. Und wie allgemein erwartet, ließen sich auch nach längerer Einnahme keine Nachteile feststellen. Die Menschheit erfuhr einen neuen, einen gewaltigen Aufschwung. Noch niemals waren Individuen wie auch ganze Völker so glücklich gewesen. Die Wirtschaft ge- dieh, und nach und nach fielen immer mehr persönliche und po- litische Grenzen. Man zwang niemanden zur Einnahme der Droge. Daher konn- te natürlich nicht ausgeschlossen werden, daß einzelne Fanatiker sich weigerten. In den ersten einhundert Jahren wurden etwa, zwei Dutzend solcher Menschen bekannt, die auch öffentlich dazu standen. Die Medien machten sich über sie lustig. In den Jahren danach änderte sich dies sehr rasch. Doch es war zu spät. Das Unheil ließ sich nicht mehr aufhalten. Zunächst dachte niemand daran, daß es an der Droge liegen konnte. Doch selbst wenn man es sofort gewußt und die Droge früher abgesetzt hätte, es hätte ohnehin nichts geholfen. Am Anfang dieser verhängnisvollen Entwicklung, vor etwa einhundertdreißig Jahren, fiel auf, daß immer weniger Kinder zur Welt kamen. Gut, solche Phasen hatte es in der Weltgeschichte des öfteren gegeben. Für vielen Kulturen hatte dies den Tod be- deutet, doch bei einigen ging es irgendwann einmal wieder auf- wärts, zumindest starben sie nicht aus. Vor ungefähr zwei- bis dreihundert Jahren etwa hatten weltweit die Völker zu schrump- fen begonnen, die einen früher, die anderen später. Doch dank staatlicher Maßnahmen konnte diese Entwicklung aufgehalten werden, seitdem war die Zahl der Menschen weitgehend stabil. Bis dann der Niedergang begann, der in wenigen Jahrzehnten zu einem Absturz führte. Die Regierungen versuchten, die Entwicklung aufzuhalten, indem sie höhere Kindergelder bezahlten, außerdem bemühten sie sich, das Kinderkriegen als populär zu propagieren. Es half so gut wie gar nicht. Soziologen und Mediziner untersuchten fie- berhaft die möglichen Ursachen der Kinderlosigkeit. Immerhin war äußerst merkwürdig, daß es sich um ein weltweites Phäno- men handelte. Die Vermutung, Umweltgifte könnten sich auf die Fruchtbarkeit ausgewirkt haben, erwiesen sich als falsch. Und dann stellte sich heraus, daß Männer und Frauen immer weniger Geschlechtsverkehr miteinander hatten. Die Frauen konnten daher gar nicht mehr so häufig schwanger werden! Kluge Wissenschaftler entdeckten schließlich, daß es an der Friedensdroge lag: Sie hatte das Erbgut der Menschen ver- ändert, und zwar derart, daß nach einigen Generationen der, Geschlechtstrieb nicht mehr vorhanden war, was sich in den Generationen davor nicht angekündigt hatte. Dies hatten selbst die langfristigen Tests an Menschen nicht zeigen können. Bei den sich viel schneller vermehrenden Tieren wie z. B. Ratten, an denen die Droge ebenfalls erprobt worden war, hatte sich diese Wirkung nicht gezeigt. Die durch die Friedensdroge eingetretenen Veränderungen in den Menschenhirnen waren so tiefgreifend, daß medizinische Maßnahmen nicht halfen. Die Regierungen wollten mit Zwangsmaßnahmen wie künst- licher Befruchtung gegensteuern, doch es gelang nicht. Denn zu- gleich mit dem Sexualtrieb schwand im weiblichen Organismus auch die Fähigkeit, Kinder auszutragen. Es kam fast nur noch zu Totgeburten. Die anschließenden gesellschaftlichen Entwicklungen waren dramatisch. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden fast keine Kinder mehr geboren. Ich war eines der letzten, die das Licht der Welt erblickten. Das Durchschnittsalter der Menschheit stieg zunächst rasend schnell an. Doch dann stagnierte es und fiel wieder ab. Nicht etwa weil jüngere Menschen hinzukamen, sondern weil jetzt die Katastrophen eintraten. Immer weniger waren gesund, kräftig, arbeitsfähig. Die Versorgung in den Städten brach zusammen. Es gab kaum medizinische Hilfe für die immer häufiger der Hil- fe Bedürftigen. Seuchen kamen auf. Die Häuser verfielen. Man schloß sich in kleinen Gruppen, in Notgemeinschaften zusam- men, und trennte sich dann wieder. Es war ein Kampf ums Über- leben, und meist siegten die Stärkeren. Besonders viele starben in den kalten Jahreszeiten. Und dann gab es nur noch wenige winzige Grüppchen, die einsam durch die Lande zogen. Es glich einem Wunder, wenn man anderen Menschen begegnete. Der letzte Mensch, den ich lebend sah, war meine Frau. Drei Jahre vor ihrem Tod waren wir in unsere Heimat zurückgekehrt. Und, jetzt lebe nur noch ich, jedenfalls weiß ich von niemand anderem weit und breit. Wenn ich richtig gezählt habe, werde ich in Kürze 89 Jahre alt. Nachtrag: Leide ich unter Halluzinationen, oder war ich vorhin, als ich nach Nahrung suchte, tatsächlich Zeuge einer Prozession, in der Menschen singend und betend einem Priester folgten — wie in uralten Zeiten?,

WAS NUN?

Als ich die letzte Geschichte zu Ende gelesen hatte, gingen mir die Augen auf. Jetzt wußte ich, warum „sie“ — war es eine, waren es mehrere Gruppen? — das Buch haben wollten. Oder beherrsch- te mich ein wahnsinniger Gedanke, geboren aus Geistesverwir- rung? Denn ich hatte unbeschreibliche Angst um meine Moni. Ich dachte: „Die“ halten das, was in dem Buch steht, für wahr, für Berichte aus der Vergangenheit und aus der Zukunft. Irgend- wie müssen sie Kenntnis von Teilen der Letztschriften erhalten haben. Da sind Kräfte, Organisationen, Gruppierungen, die die Droge haben wollen, die Friedensdroge, und damit wollen sie … Was wollen sie? Die Menschheit retten? Oder die Menschheit zerstören!? Oder vielleicht einfach nur (!) die größte Erpressung, die es je gab und geben würde, begehen, indem sie den Regie- rungen drohten, Trinkwasser und Lebensmittel heimlich mit der Droge zu „vergiften“, mit den aus dem Buch bekannten Folgen. Jetzt erst einmal Ruhe bewahren, sagte ich mir. Ich stand auf und trank ein Glas Leitungswasser. Drehe ich jetzt durch und fange an zu spinnen? Aber was, wenn diese siebte Letztschrift tatsächlich eine Vi- sion unserer Zukunft wäre, wie sie unweigerlich einträte? Nun, dann könnten auch die CIA und das FBI nichts daran ändern, und erst recht ich nicht. Wenn diese Geschichte aber nur eine Möglich- keit widerspiegelte, eine mögliche Zukunft? Immerhin gab es bei- spielsweise auch die Erzählung mit dem Befruchter und Alanea, die eine andere Zukunft vorherzusagen schien. Dann, ja dann wäre meine persönliche Verantwortung ungeheuer groß! Denn von meinem Handeln konnte es abhängen, was in der Zukunft, geschah, ob die Droge eventuell gar nicht gefunden würde, oder ob die Menschheit vor ihr gewarnt würde. Wer dann die Schrif- ten besaß, der hielt die Zukunft der Menschheit in der Hand! Durfte ich sie unter diesen Umständen herausgeben? Hätte ich doch wenigstens ein Duplikat von ihnen. Da fiel mir zum Glück ein, daß es heutzutage nicht schwierig war, Kopien in elektronischer Form herzustellen. Schnell holte ich meine Digitalkamera und fotografierte mit ihr jede einzelne Seite des Buchs. Dann speicherte ich die Foto-Dateien verschlüs- selt auf mehreren Internet-Servern, auf die ich anonym Zugriff hatte. Dabei wendete ich alle mir bekannten Tricks an, um eine Nachverfolgung meiner Surfwege unmöglich zu machen, selbst wenn auf meinem Rechner heimlich Spionageprogramme instal- liert worden sein sollten. Jetzt machte es sich bezahlt, daß ich mich früher aus Spaß intensiv mit Hackern, Viren, Trojanern und ähnlichem beschäftigt hatte. Auch einem Freund sandte ich per E-Mail die Fotos zu mit einigen Erläuterungen und der Bitte, sie nach drei Tagen nach eigenem Gutdünken zu veröffentlichen, falls ich bis dahin nichts anderes verlauten ließe. Außerdem ver- steckte ich die Memory-Karte in einem Brot. Bei alledem war ich mir nicht ganz sicher, ob es richtig wäre, die Texte der Allgemein- heit bekannt zu machen. Immerhin konnte dadurch das Unglück möglicherweise erst recht in Gang gesetzt — oder aber, was ich im Moment für wahrscheinlicher hielt, aufgehalten werden. Als ich das Buch anschließend verbergen wollte — denn als Schlüssel zu Monis Befreiung besaß es für mich einen unschätz- baren Wert —, ließ ich es ungeschickterweise zu Boden fallen. Ich hob es auf und bemerkte dabei, daß der Einband an einer Stelle aufgeplatzt war; etwas Graues schimmerte hervor. Vor- sichtig zog ich es heraus. Es war ein Lederbeutelchen. Ich öffnete es und sah — ein hellblaues Pulver. Erschreckt sank ich auf einen Stuhl. Sollte es sich etwa um die Friedensdroge handeln? Und falls ja: Wie kam sie hier hinein? Stammte sie etwa — aus der, Zukunft? Oder hatte jemand sie nach der Beschreibung in der Letztschrift hergestellt? Ich wußte nicht, ob ich verwirrt sein oder einfach nur lachen sollte. Was tun mit dem Pulver? Sofort im Klosett wegspülen? Ich beschloß, es vorläufig zu verstecken, und schmolz es daher samt Lederbeutel in eine breite Kerze ein. Für das Buch fand ich ein besonderes Versteck. Ein Freund von mir, der sich zum Künstler berufen fühlte, bewahrte vor- übergehend eine beinahe fertiggestellte „Installation“, mit der er seine Bekannten in Kürze überraschen wollte, bei mir auf. Das Werk bestand aus einem Haufen verschiedener, eher weniger ästhetisch aussehender Gegenstände: halbleere Joghurtbecher, Puppen ohne Arme und Beine, und eben auch alte Bücher mit schmutzigen Umschlägen. Ich tauschte einfach eines davon ge- gen das Letztschriften-Buch aus und hoffte, daß mögliche das Haus durchwühlende Bösewichte das Kunstwerk als solches erkennen und respektieren würden. Doch auch, wenn sie es einfach für einen Haufen Abfall hielten, mochte diese Tarnung ebenso wirksam sein. Dann setzte ich mich hin und wartete. Zäh tropften die Se- kunden in die Zeit. Die Anspannung zerrte an meinen Nerven, ich spürte zunehmende Erschöpfung. Endlich kam der Anruf — oder vielmehr: der erste Anruf dieses Abends; ich war wieder hellwach. „Haben Sie es?“ fragte eine weibliche Stimme mit stark ameri- kanischen Akzent. „Wir es sofort tauschen. Gegen 150.000.“ „Das Geld ist mir egal. Ich will meine Frau wiederhaben, die Ihr entführt habt!“ „Frau … entführt? Wir? Shit!“ klang es, und die Gegenseite legte auf. Was war denn das, fragte ich mich? Anscheinend doch wohl nicht die Entführer? Also gab es mehrere Gruppen, die hinter dem Buch her waren!, Kaum hatte ich mich wieder im Sessel niedergelassen, als das Telefon sich erneut bemerkbar machte. Hastig ergriff ich den Hörer. „Hier Dr. Müller. Ich rufe an im Auftrag der Bundesregierung. Herr von Kamp, wir müssen unbedingt ein Gespräch miteinan- der führen. Es ist von nationalem, möglicherweise sogar inter- nationalem Interesse und duldet keinen Aufschub. Ich werde in — sagen wir — zehn Minuten bei Ihnen sein.“ Bevor ich ein „Aber …“ herausbrachte, hatte die Gegenseite schon aufgelegt. Auch das noch. Alles wurde immer komplizierter, und mei- ne Panik wuchs. Wenn dadurch Monis Befreiung verhindert würde! Doch ich kam gar nicht dazu, mich meiner Angst zu überlas- sen. Denn schon wieder klingelte das Telefon. Es war ein Profes- sor Umenuß, „Mitglied der Geschäftsführung eines bedeuten- den Wirtschaftskonzerns“, der „in diesem Stadium“ noch nicht namentlich genannt werden wollte. Er ersuchte freundlichst um ein sofortiges Gespräch, es gehe um ein „wirklich großes Ge- schäft“, und es solle mich nicht reuen, wenn ich ihm „gewisse Texte“ zu einem mehr als angemessenen Preis verkaufe. Gerade wollte ich sagen, daß dieses Gespräch im Moment äu- ßerst ungelegen sei, da kam mir die Schnapsidee, vielleicht Ver- bündete gewinnen oder gar die Parteien gegeneinander ausspie- len zu können. Ich gebe zu, daß es ein vollständig verrückter und unausgegorener Gedanke war, der alles noch schlimmer machen konnte, aber was tut man nicht alles in seiner Verzweiflung! So lud ich also Prof. Umenuß ein, mich sofort aufzusuchen. Ich „wußte“, dies war nicht das letzte Telefonat an diesem Abend. Und wirklich, eine Minute später schellte es erneut. „ ‚Wir ‘ haben Ihre Gespräche abgehört. Ihre Frau lassen wir nur dann frei, wenn Sie ‚uns‘ das Buch übergeben. Ich werde in wenigen Minuten bei Ihnen sein. Und: kein Wort über die, Entführung zu den anderen, sonst …“ Mit dieser Drohung ende- te das Gespräch. Vermutlich würde mir nichts anderes übrig bleiben, als dieser letzten Gruppe das Buch zu geben, um Monis willen. Zunächst traf Dr. Müller ein, Vertreter der Bundesregierung, ein wohlgenährter älterer Herr, der auf mich wie ein Rechtsan- walt wirkte. Kaum hatte er sich vorgestellt und umständlich be- gonnen, mir darzulegen, daß „große Besorgnis“ ihn bzw. die von ihm Vertretenen dazu treibe, mich zu nächtlicher Stunde aufzu- suchen, als die Türglocke erneut ertönte. Es war Prof. Umenuß, etwas nachlässig gekleidet und mit weißem Haar, der, als er Dr. Müller erblickte, irritiert dreinschaute, sich dann aber sofort fing und mit dem Austausch von Höflichkeiten begann. Als hätten sich alle untereinander verabredet, standen zwei Minuten später auch der mir von seiner Stimme her bekann- te „Vertreter“ der Entführer, der sich mit „Tom“ angesprochen wissen wollte und überaus smart aussah, sowie „Ann“, die ich unter anderen Umständen wegen ihrer Öko-Kleidung und dem entschlossenen Gesichtsausdruck als Greenpeace-Aktivistin ein- gestuft hätte, in meinem Wohnzimmer. Da kein gemeinsames Gespräch in Gang kommen wollte, die Besucher sich vielmehr mißtrauisch gegenseitig beäugten, mach- te ich den Anfang. „Sie alle sind, vermute ich, an einem gewissen Buch interessiert.“ Nach anfänglichem Zögern einhelliges Nicken ringsum. „Nur damit wir nicht an der Sache vorbeireden: Meinen wir dasselbe Buch?“ „Der letzte Schriften“, warf Ann mit ihrem amerikanischem Akzent in den Raum. „Genau, die Letztschriften“, bestätigte Dr. Müller. Prof. Umenuß schloß sich ihm an. Durch ein überlegenes Lächeln und eine leichte Kopfbewe- gung gab „Tom“ zu verstehen, daß auch er dieses Buch meinte. Er, hatte das beste Argument, nämlich Moni. Dennoch meinte ich, in seinem Augenausdruck eine leichte Unsicherheit zu erkennen. Sollte er tatsächlich irritiert sein, weil ich hier eine Art Auktion zu veranstalten schien? „Die Letztschriften also“, versuchte ich möglichst cool zu sa- gen. Innerlich war ich aufgewühlt. „Und weshalb, wenn ich fra- gen darf?“ Schweigen. Stille. „Geht es vielleicht um … Geld?“ warf ich vorsichtig — und doch mit einem unverkennbaren Maß an Spott — in den Raum. „Geld!“ griff Prof. Umenuß mein Angebot auf. „Dreht sich nicht alles um Geld?“ fragte er rhetorisch. „Was meinen Sie denn, worauf ein Industrieunternehmen ausgerichtet ist? Seitdem Ihr Herr Onkel diese verschlüsselten Andeutungen in verschiedenen Internet-Foren brachte, war uns bald klar, daß doch ein ‚gewis- ses ‘ wirtschaftliches Potential dahinter stecken könnte.“ „Sie staunen“, kommentierte Dr. Müller das, was er in meinem Gesicht zu sehen meinte. „Zunächst wurden unsere Dienststel- len durch Schlüsselwörter auf die Äußerungen Ihres Onkels auf- merksam, meinten dabei erst, es gehe um eine größere Rausch- gift-Lieferung. Bis unsere Textanalysen und Nachforschungen in der Biographie Ihres Onkels ergaben, daß es sich bei dem ‚Pulver ‘ um etwas Bedeutenderes als um Rauschmittel handeln mußte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits verstorben.“ Dr. Müller hatte recht, ich war tatsächlich erstaunt: weil mein alter Onkel Thomas in Foren Beiträge zu den Letztschriften ge- postet haben sollte. Also kannte er sich, was ich niemals ver- mutet hätte, in gewissem Umfang mit dem Internet aus. Doch weshalb hatte er dort Hinweise eingestellt, noch dazu in ver- schlüsselter Form? Was hatte er damit bewirken wollen? War es eine Warnung an die Menschheit gewesen? Aber warum dann in dieser versteckten Weise? Oder hatte er ein gefährliches Spiel getrieben, war er eine Spielernatur gewesen?, „Was steht,“ setzte ich meine Fragen fort, „außerdem hinter Ihrem Interesse? In welcher Weise soll das Pulver eingesetzt werden?“ „Ich bin sicher, Sie werden ‚uns‘ das Buch überlassen; Sie sollen es nicht bereuen“, sagte „Tom“ mehrdeutig. „Aber um es Ihnen noch leichter zu machen, will ich Ihnen gerne ‚unseren‘ Grund nennen: ‚Wir ‘ wollen verhindern, daß andere die Informationen des Buchs mißbrauchen und das besagte Pulver in einer Weise verwenden, die der Menschheit nicht zuträglich wäre. Übrigens,“ er schaute mich streng an, „mit Computern und dem Internet kennen wir uns bestens aus!“ Damit wollte er mir wohl zu ver- stehen geben, daß meine vorhin vorgenommenen Sicherungs- maßnahmen von seiner Gruppe verfolgt worden seien. Oder sprach aus seinen Worten doch eine gewisse Unsicherheit? „Herr ‚Tom‘, versuchen Sie doch nicht, sich als Wohltäter der Menschheit aufzuspielen“, hakte Dr. Müller nach. „Wenn ich richtig vermute — und ich bin mir ziemlich sicher —, gehören Sie einem Nachrichtendienst an, sagen wir, jenseits des Teichs. Ihnen geht es mit Sicherheit nicht um das Wohlergehen der ge- samten Menschheit, sondern um Vorherrschaft in der Welt. Das ist kein Geheimnis. — Wir hingegen, ich meine die Bundesregie- rung, wollen das Buch wissenschaftlich zur Kenntnis nehmen, zum Vorteil der menschlichen Zukunft, und es dann unzugäng- lich wegschließen. Manche Informationen sind einfach zu ge- fährlich, als daß sie der Allgemeinheit bekannt gegeben werden dürfen.“ Das klang widersprüchlich und wenig überzeugend: Wes- halb etwas sowohl wegsperren wie auch „wissenschaftlich zur Kenntnis nehmen“? „Weshalb Informationen wegsperren und sie dennoch ‚wissen- schaftlich zur Kenntnis nehmen‘, wie Sie so schön sagen, und das auch noch ‚zum Vorteil der Menschen‘?“ wandte Prof. Umenuß ein. „Das klingt widersprüchlich und wenig überzeugend. Nein,, wollen wir doch offen sein: Eine kontrollierte Verwendung des Pulvers kann durchaus Vorteile bringen. Sehen Sie, manche Fa- milien möchten vielleicht keine Nachkommen, auf Dauer, aus welchen Gründen auch immer. Wenn dennoch Kinder kommen, ok. Aber bei den Enkeln oder Urenkeln ist dann halt Schluß. Freie Entscheidung, darauf kommt es an.“ „Freie Entscheidung?“ höhnte Dr. Müller. „Wie sollen diese Urenkel sich frei entscheiden, wenn sie keine Kinder mehr be- kommen können, also gar keine Wahl haben? Abgesehen davon: Sie finden sicher noch ganz andere Möglichkeiten, mit dem Pul- ver Geld zu verdienen. Es ließe sich sehr wohl als langsam aber sicher wirkende Waffe einsetzen. Das wäre eine neue Form des internationalen Waffenhandels.“ „Kommen wir doch mal auf Ihre menschenfreundlichen Mo- tive zu sprechen“, erwiderte Prof. Umenuß. „Lassen Sie mich ra- ten: Ihnen ist, etwa wegen der Knappheit der Staatsfinanzen, das Vorhandensein einiger Menschengruppen nicht angenehm, und mit Hilfe des Mittels können Sie sie auslöschen, ohne Gewalt anwenden zu müssen. Ich denke da an so manche Erbkranke. Ausrottung von Schizophrenie oder von Brustkrebs, indem man die Familien mit den verdächtigen Genen aussterben läßt. Habe ich recht? Oder“, und er wandte sich an Tom, „Auslöschung miß- liebiger Völker. Man verhindert einfach ihre Fortpflanzung, nicht wahr?“ Bisher hatte Ann geschwiegen. „Sie alle reden unsinnig. Das Wichtigste sein doch die Rettung der Erde. Umwelt schützen. Den Ökologie von der Planet erhalten.“ „So eine sind Sie also“, meinte Tom abfällig. „Was für eine? Ruhig aussprechen!“ Anns Augen schimmerten kampflustig. „Anhänger der ‚Mutter Erde‘, wie? Entvölkerungsaktivistin, was?“ Aus Toms Worten klangen unverhohlen Spott und Herab- lassung heraus., „Wir das Beste für Welt tun! Nicht so Lüge wie Ihr alle zusam- men. Wir wollen retten die Umwelt! Retten Erde! Retten Gaia vor den Menschen!“ „Da hört man es. Sie sagt es selbst.“ Toms Stimme klang kühl- triumphierend. „Umwelt, das ist für diese Gruppen die Welt ohne Menschen. Sie versuchen die Regierungen zu beeinflussen, kin- derfeindliche Gesetze zu erlassen. Nicht ohne Erfolg, wie man sieht, schließlich gibt es beste Kontakte zu den Vereinten Natio- nen. Sie versuchen, die Menschen dazu zu bewegen, sich nicht fortzupflanzen. Und nur, damit ein paar Millionen Eichhörnchen mehr herumhüpfen und das Gras nicht mehr gemäht wird. Sie wollen die gesamte Menschheit vernichten, um Pflanzen und Tiere zu retten.“ „Klingt so negativ. Wirklichkeit viel mehr positiv. Eine ein- zige Spezies sterben lassen, die krank sein und die ganze Welt vergiften. Dafür Millionen Arten von Pflanzen und Tieren über- leben.“ „Schluß mit dem Gelaber! Das Buch her!“ Dr. Müllers Stimme klang alles andere als freundlich. Er hatte eine Pistole auf mich gerichtet. Der Moment, in dem er seine Aufmerksamkeit mir zuwandte, genügte den anderen. Sekunden später hielten alle eine Waffe in der Hand und beobachteten einander. Ich hatte den Eindruck, in eine Komödie geraten zu sein. Das Ganze war so unwirklich. Und ausweglos. Und … Da machte ich eine unwillkürliche Bewegung. In diesem Au- genblick krachte der Schuß … und ich erwachte. Verwirrt schau- te ich um mich. Auf dem Boden neben dem Sessel lag ein zerbro- chenes Glas, das ich wohl soeben hinuntergeworfen hatte. Nur ein Traum — Gott sei Dank! Also bisher keine Telefonate; keine vier, die mich bedrohten. Aber Monis Entführung war bit- tere Wirklichkeit, und es gab vielleicht auch diese zwei konkur- rierende Organisationen. Es war zum Verzweifeln., Und wieder hieß es: warten, warten. Irgendwann mußten die Entführer sich ja melden. Allmählich kam ich wieder ans Grü- beln. Ich hatte zwar nur geträumt von den verschiedenen Inter- essengruppen, die Buch und Pulver haben wollten. Aber konnte, was Traum war, nicht Wirklichkeit werden? Wäre es nicht mög- lich, daß die Entführer oder auch andere Gruppierungen ähn- liche menschenverachtenden Ziele verfolgten wie diese vier im Traum? Wirtschaftsbosse, die zu allem, was Geld brachte, bereit wären. Regierungen und Geheimdienste, die mißliebige Gruppen oder Nationen aussterben lassen könnten. Umweltfanatiker, die für ihre Ziele die Menschheit opfern würden. Und wenn diese Gruppen oder auch nur einige von ihnen sich verbündeten, wäre das Unheil wohl kaum mehr aufzuhalten. Nur Unheil? Katastro- phe? Viel schlimmer: die Verneinung der Menschheit. Das Böse schlechthin, das sich gegen das Leben wendet. Auch wenn ich das Buch und das Pulver vernichten würde: Würde von nun an nicht immer diese Gefahr über der Mensch- heit schweben? Was hatte ein kluger Mensch gesagt: Ein einmal gedachter Gedanke läßt sich nicht mehr rückgängig machen. Er ist in der Welt und drängt nach Verwirklichung. Da hörte ich ein Geräusch. Die Haustür. Ich sprang auf und schaute in den Flur. Vor mir stand Moni. „Meine Engel“, schrie ich auf. Ich freute mich unbändig und wollte sie in den Arm nehmen, doch sie schaute mich böse an und wehrte ab. „Wie konntest du mich nur so anlügen?“ kam es kalt über ihre Lippen. Ich war vollkommen baff. Was war das? Noch nie hatten wir beide uns angelogen, wir vertrauten einander vollkommen. Hat- ten diese Verbrecher ihr Gehirn gewaschen? „Aber … du bist frei“, stammelte ich ratlos. „Mir sind die Augen aufgegangen, als sie mir zeigten und be- wiesen, daß du gemeinsame Sache mit den Verbrechern machst,, die die Menschheit vernichten wollen. Die ganze Zeit über hast du mir etwas vorgespielt. Dabei war ich bisher überzeugt, daß du mich liebst!“ Tränen traten ihr in die Augen. „Du Heuchler, du!“ schrie sie und ohrfeigte mich. „Christian. Christian!“ Monis Stimme drang an mein Ohr. Sie rüttelte mich. „Christian, wach auf!“ Ich öffnete die Augen. Es war Nacht, ich lag neben Moni im Bett. „Entschuldige, daß ich dich geweckt habe. Du hast die ganze Zeit so gestöhnt, da wußte ich, du hast einen Alptraum.“ „Was ist mit den Letztschriften? Von meinem verstorbenen Onkel Thomas?“ stammelte ich schlaftrunken. „Letztschriften? Was meinst du damit? Und Onkel Thomas tot? Er erfreut sich bester Gesundheit. Christian, du mußt schreck- lich geträumt haben.“ Erst allmählich wurde mir klar, daß alles, wirklich alles, nichts weiter als ein Traum gewesen war. Sogar von dem Traum mit den vieren hatte ich nur geträumt. Wie unendlich freute ich mich, daß zwischen Moni und mir alles in Ordnung war, und daß uns und die Menschheit niemand bedrohte. Am nächsten Tag flogen wir nach Nizza. Als wir nach drei Wochen heimkehrten, fanden wir die Nach- richt von Onkel Thomas’ Tod, außerdem mehrere Pakete mit Bü- chern, die er mir vermacht hatte.]
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Heinz G. Konsalik Die schöne Rivalin Inhaltsangabe Endlich erfüllt sich für Sonja der Traum von Sonne, Meer und blauem Himmel, als sie mit ihren Eltern an die Côte d'Azur fahren darf. Gleich die ersten Tage in Saint Tropez beginnen recht turbulent: Sonja lernt Michel kennen und fühlt sich bald im si