Herunterladen: MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOWSOPaHnIE dDEeRr uTAnT gen durch die Mark Brandenburg

MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOWSOPaHnIE dDEeRr uTAnT gen durch die Mark Brandenburg Theodor Fontane Wanderungen durch die Mark Brandenburg Inhalt: Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin Vorwort Am Ruppiner See Wustrau Karwe Radensleben Neuruppin Die Ruppiner Garnison Regiment Prinz Ferdinand Nr. 34 Regiment Mecklenburg-Schwerin Nr. 24 Rheinsberg Rheinsberg Zwischen Boberow-Wald und Hugenow-See oder der Rheinsberger Hof 1786-1802 Köpernitz Zernikow Die Ruppiner Schweiz Die Ruppiner Schweiz Am Molchow- und Zermützel-See Zwischen Zermützel- und Tornow-See Die Menzer Forst und der Große Stechli...
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MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOWSOPaHnIE dDEeRr uTAnT gen durch die Mark Brandenburg, Theodor Fontane Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Inhalt: Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin Vorwort Am Ruppiner See Wustrau Karwe Radensleben Neuruppin Die Ruppiner Garnison Regiment Prinz Ferdinand Nr. 34 Regiment Mecklenburg-Schwerin Nr. 24 Rheinsberg Rheinsberg Zwischen Boberow-Wald und Hugenow-See, oder der Rheinsberger Hof 1786-1802 Köpernitz Zernikow Die Ruppiner Schweiz Die Ruppiner Schweiz Am Molchow- und Zermützel-See Zwischen Zermützel- und Tornow-See Die Menzer Forst und der Große Stechlin An Rhin und Dosse Das Wustrauer Luch Walchow Protzen Garz Das Dosse-Bruch, Neustadt a. D. Wusterhausen a. D. Trieplatz Tramnitz Auf dem Plateau Ganzer Gottberg Kränzlin Lindow Gransee Gentzrode Zweiter Teil: Das Oderland Vorwort zur dritten Auflage, Der Oderbruch und seine Umgebung Von Frankfurt bis Schwedt Das Oderbruch Freienwalde Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens Buckow Der große und kleine Tornow-See Möglin Quilitz oder Neu-Hardenberg Friedland Kunersdorf Gusow Schloß Friedersdorf, Jenseits der Oder Küstrin Tamsel I Tamsel II Zorndorf Auf dem Hohen-Barnim »Der Blumenthal« Prädikow Schloß Kossenblatt Steinhöfel Von Sparren-Land und Sparren-Glocken Am Werbellin Das Pfulen-Land, Dritter Teil: Havelland Vorwort zur zweiten Auflage Die Wenden und die Kolonisation der Mark durch die Zisterzienser Die Wenden in der Mark Die Zisterzienser in der Mark Kloster Lehnin Die Lehninsche Weissagung Kloster Chorin Spandau und Umgebung Sankt Nikolai zu Spandau Das Havelländische Luch Der Brieselang Der Eibenbaum im Parkgarten, des Herrenhauses Schloß Oranienburg Tegel Die Seeschlacht in der Malche Des Belvedère im Schloßgarten zu Charlottenburg Potsdam und Umgebung Die Havelschwäne Die Pfaueninsel Groß Glienicke Fahrland Die Fahrlander Chronik Sacrow Bornstedt, Wer war er? Marquardt Geheime Gesellschaften im 18. Jahrhundert Uetz Paretz I Paretz II Etzin Falkenrehde Zwei »heimlich Enthauptete« Wust Der Schwielow und seine Umgebungen Der Schwielow Caputh Petzow, Baumgartenbrück Alt Geltow Neu Geltow Werder Die Werderschen Glindow Vierter Teil: Spreeland Vorwort In den Spreewald In den Spreewald Zwischen Spreewald und Wendischer Spree Eine Osterfahrt in das Land Beeskow-Storkow, Die Wendische Spree An Bord der »Sphinx« An der Spree Schloß Köpenick Die Müggelsberge Der Müggelsee Rahnsdorf Friedrichsfelde I Friedrichsfelde II Rechts der Spree Buch Falkenberg Blumberg Werneuchen, Malchow Kienbaum Links der Spree Eine Pfingsfahrt in den Teltow Kleinmachenow oder Machenow auf dem Sande Großbeeren Geist von Beeren Berlin in den Tagen der Schlacht von Großbeeren Löwenbruch Schloß Beuthen Saalow, Gröben und Siethen Gröben und Siethen Der Scharnhorst-Begräbnisplatz auf dem Berliner Invaliden-Kirchhof An der Nuthe Saarmund und die Nutheburgen Blankensee Trebbin Schlußwort,

Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin Vorwort zur ersten Auflage

»Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.« Das hab ich an mir selber erfahren, und die ersten Anregungen zu diesen »Wanderungen durch die Mark« sind mir auf Streifereien in der Fremde gekommen. Die Anregungen wurden Wunsch, der Wunsch wurde Entschluß. Es war in der schottischen Grafschaft Kinross, deren schönster Punkt der Leven-See ist. Mitten im See liegt eine Insel, und mitten auf der Insel, hinter E- schen und Schwarztannen halb versteckt, erhebt sich ein altes Douglas-Schloß, das in Lied und Sage viel- genannte Lochleven Castle. Es sind nur Trümmer noch, die Kapelle liegt als ein Steinhaufen auf dem Schloßhof, und statt der alten Einfassungsmauer zieht sich Weidengestrüpp um die Insel her; aber der Rundturm steht noch, in dem Queen Mary gefangen- saß, die Pforte ist noch sichtbar, durch die Willy Douglas die Königin in das rettende Boot führte, und das Fenster wird noch gezeigt, über dessen Brüstung, hinweg die alte Lady Douglas sich beugte, um mit weit vorgehaltener Fackel dem nachsetzenden Boote den Weg und womöglich die Spur der Flüchtigen zu zeigen. Wir kamen von der Stadt Kinross, die am Ufer des Leven-Sees liegt, und ruderten der Insel zu. Unser Boot legte an derselben Stelle an, an der das Boot der Königin in jener Nacht gelegen hatte, wir schrit- ten über den Hof hin, langsam, als suchten wir noch die Fußspuren in dem hochaufgeschossenen Grase, und lehnten uns dann über die Brüstung, an welcher die alte Lady Douglas gestanden und die Jagd der beiden Boote, des flüchtigen und des nachsetzenden, verfolgt hatte. Dann umfuhren wir die Insel und lenkten unser Boot nach Kinross zurück, aber das Auge mochte sich nicht trennen von der Insel, auf deren Trümmergrau die Nachmittagssonne und eine wehmütig-unnennbare Stille lag. Nun griffen die Ruder rasch ein, die Insel wurd ein Streifen, endlich schwand sie ganz, und nur als ein Gebilde der Einbildungskraft stand eine Zeitlang noch der Rundturm vor uns auf dem Wasser, bis plötzlich unsre Phantasie weiter in ihre Erinnerungen zurück- griff und ältere Bilder vor die Bilder dieser Stunde schob. Es waren Erinnerungen aus der Heimat, ein unvergessener Tag. Auch eine Wasserfläche war es; aber nicht Weiden- gestrüpp faßte das Ufer ein, sondern ein Park und ein Laubholzwald nahmen den See in ihren Arm. Im Flachboot stießen wir ab, und sooft wir das Schilf am, Ufer streiften, klang es, wie wenn eine Hand über knisternde Seide fährt. Zwei Schwestern saßen mir gegenüber. Die ältere streckte ihre Hand in das küh- le, klare Wasser des Sees, und außer dem dumpfen Schlag des Ruders vernahm ich nichts als jenes leise Geräusch, womit die Wellchen zwischen den Fingern der weißen Hand hindurchplätscherten. Nun glitt das Boot durch Teichrosen hin, deren lange Stengel wir (so klar war das Wasser) aus dem Grunde des Sees aufsteigen sahen; dann lenkten wir das Boot bis an den Schilfgürtel und unter die weit überhängenden Zweige des Parkes zurück. Endlich legten wir an, wo die Wassertreppe ans Ufer führt, und ein Schloß stieg auf mit Flügeln und Türmen, mit Hof und Trep- pe und mit einem Säulengange, der Balustraden und Marmorbilder trug. Dieser Hof und dieser Säulen- gang, die Zeugen wie vieler Lust, wie vielen Glanzes waren sie gewesen? Hier über diesen Hof hin hatte die Geige Grauns geklungen, wenn sie das Flöten- spiel des prinzlichen Freundes begleitete; hier waren Le Gaillard und Le Constant, die ersten Ritter des Bayard-Ordens, auf und ab geschritten; hier waren in buntem Spiel, in heiterer Ironie, fingierte Ambas- saden aus aller Herren Länder erschienen, und von hier aus endlich waren die heiter Spielenden hinaus- gezogen und hatten sich bewährt im Ernst des Kampfs und auf den Höhen des Lebens. Hinter dem Säulengange glitzerten die gelben Schloßwände in aller Helle des Tags, kein romantischer Farbenton mischte sich ein, aber Schloß und Turm, wohin das Auge fiel, alles trug den breiten historischen Stem- pel. Von der andern Seite des Sees her grüßte der, Obelisk, der die Geschichte des Siebenjährigen Krie- ges im Lapidarstil trägt. So war das Bild des Rheinsberger Schlosses, das, wie eine Fata Morgana, über den Leven-See hinzog, und ehe noch unser Boot auf den Sand des Ufers lief, trat die Frage an mich heran: So schön dies Bild war, das der Leven-See mit seiner Insel und seinem Douglas- Schloß vor dir entrollte, war jener Tag minder schön, als du im Flachboot über den Rheinsberger See fuhrst, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her? Und ich antwortete: nein. Die Jahre, die seit jenem Tag am Leven-See vergan- gen sind, haben mich in die Heimat zurückgeführt, und die Entschlüsse von damals blieben unverges- sen. Ich bin die Mark durchzogen und habe sie rei- cher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus, und wenn meine Schilderungen unbefriedigt lassen, so werd ich der Entschuldigung entbehren müssen, daß es eine Armut war, die ich aufzuputzen oder zu vergolden hatte. Umgekehrt, ein Reichtum ist mir entgegengetreten, dem gegenüber ich das bestimm- te Gefühl habe, seiner niemals auch nur annähernd Herr werden zu können; denn das immerhin Um- fangreiche, das ich in nachstehendem biete, ist auf im ganzen genommen wenig Meilen eingesammelt worden: am Ruppiner See hin und vor den Toren Berlins. Und sorglos hab ich es gesammelt, nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Ähren aus dem rei- chen Felde zieht., Es ist ein Buntes, Mannigfaches, das ich zusammen- gestellt habe: landschaftliches und Historisches, Sit- ten- und Charakterschilderung – und verschieden wie die Dinge, so verschieden ist auch die Behand- lung, die sie gefunden. Aber wie abweichend in Form und Inhalt die einzelnen Kapitel voneinander sein mögen, darin sind sie sich gleich, daß sie aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat geboren wurden. Möchten sie auch in andern jene Empfindungen we- cken, von denen ich am eignen Herzen erfahren ha- be, daß sie ein Glück, ein Trost und die Quelle ech- tester Freuden sind. Berlin, im November 1861 Th. F.

Vorwort zur zweiten Auflage

Statt eines regelrechten Vorwortes heute lieber ein Wort über »reisen in der Mark«. Ob du reisen sollst, so fragst du, reisen in der Mark? Die Antwort auf diese Frage ist nicht eben leicht. Und doch würd es gerade mir nicht anstehn, sie zu um- gehen oder wohl gar ein »nein« zu sagen. So denn also »ja«. Aber »ja« unter Vorbedingungen. Laß mich Punkt für Punkt aufzählen, was ich für unerläß- lich halte. Wer in der Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu »Land und Leuten« mitbringen, mindestens keine, Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen ha- ben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittli- che Vergleiche totzumachen. Der Reisende in der Mark muß sich ferner mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausge- rüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich ei- nen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um be- friedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frau- en. »Auch die häßlichste« – sagt das Sprichwort – »hat immer noch sieben Schönheiten.« Ganz so ist es mit dem »Lande zwischen Oder und Elbe«; weni- ge Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden ver- stehn. Wer das Auge dafür hat, der wag es und rei- se. Drittens. Wenn du reisen willst, mußt du die Ge- schichte dieses Landes kennen und lieben. Dies ist ganz unerläßlich. Wer nach Küstrin kommt und ein- fach das alte graugelbe Schloß sieht, das, hinter Bas- tion Brandenburg, mehr häßlich als gespensterhaft aufragt, wird es für ein Landarmenhaus halten und entweder gleichgültig oder wohl gar in ästhetischem Mißbehagen an ihm vorübergehn; wer aber weiß: »hier fiel Kattes Haupt; an diesem Fenster stand der Kronprinz«, der sieht den alten unschönen Bau mit andern Augen an. – So überall. Wer, unvertraut mit den Großtaten unserer Geschichte, zwischen Linum und Hakenberg hinfährt, rechts das Luch, links ein paar Sandhügel, der wird sich die Schirmmütze ü- bers Gesicht ziehn und in der Wagenecke zu nicken, suchen; wer aber weiß, hier fiel Froben, hier wurde das Regiment Dalwigk in Stücke gehauen, dies ist das Schlachtfeld von Fehrbellin, der wird sich auf- richten im Wagen und Luch und Heide plötzlich wie in wunderbarer Beleuchtung sehn. Viertens. Du mußt nicht allzusehr durch den Komfort der »großen Touren« verwöhnt und verweichlicht sein. Es wird einem selten das Schlimmste zugemu- tet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkennt- nis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im vor- aus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird und wo nicht. Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein, und während du eben noch im Lande Teltow das beste Lager fandest, findest du vielleicht im »Schen- kenländchen« eine Lagerstätte, die alle Mängel und Schrecknisse, deren Bett und Linnen überhaupt fähig sind, in sich vereinigt. Regeln sind nicht zu geben, Sicherheitsmaßregeln nicht zu treffen. Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit. Fünftens und letztens. Wenn du das Wagstück wagen willst – »füll deinen Beutel mit Geld«. Reisen in der Mark ist alles andre eher als billig. Glaube nicht, weil du die Preise kennst, die Sprache sprichst und sicher bist vor Kellner und Vetturinen, daß du sparen kannst; glaube vor allem nicht daß du es deshalb kannst, »weil ja alles so nahe liegt«. Die Nähe tut es nicht. In vielen bereisten Ländern kann man billig reisen, wenn man anspruchslos ist; in der Mark, kannst du es nicht, wenn du nicht das Glück hast zu den »Dauerläufern« zu gehören. Ist dies nicht der Fall, ist dir der Wagen ein unabweisliches Wande- rungsbedürfnis, so gib es auf, für ein Billiges deine märkische Tour machen zu wollen. Eisenbahnen, wenn du »ins Land« willst, sind in den wenigsten Fällen nutzbar; also – Fuhrwerk. Fuhrwerk aber ist teuer. Man merkt dir bald an, daß du fort willst oder wohl gar fort mußt, und die märkische Art ist nicht so alles Kaufmännischen bar und bloß, daß sie dar- aus nicht Vorteil ziehen sollte. Wohlan denn, es kann dir passieren, daß du, um von Fürstenwalde nach Buckow oder von Buckow nach Werneuchen zu kommen, mehr zahlen mußt als für eine Fahrt nach Dresden hin und zurück. Nimmst du Anstoß an sol- chen Preisen und Ärgernissen – so bleibe zu Haus. Hast du nun aber alle diese Punkte reiflich erwogen, hast du, wie die Engländer sagen, »deine Seele fertig gemacht« und bist du zu dem Resultate gekommen: »Ich kann es wagen«, nun denn, so wag es getrost. Wag es getrost, und du wirst es nicht bereuen. Ei- gentümliche Freuden und Genüsse werden dich be- gleiten. Du wirst Entdeckungen machen, denn über- all, wohin du kommst, wirst du, vom Touristenstand- punkt aus, eintreten wie in »jungfräuliches Land«. Du wirst Klosterruinen begegnen, von deren Existenz höchstens die nächste Stadt eine leise Kenntnis hat- te; du wirst inmitten alter Dorfkirchen, deren zerbrö- ckelter Schindelturm nur auf Elend deutete, große Wandbilder oder in den treppenlosen Grüften reiche Kupfersärge mit Kruzifix und vergoldeten Wappen- schildern finden; du wirst Schlachtfelder überschrei-, ten, Wendenkirchhöfe, Heidengräber, von denen die Menschen nichts mehr wissen, und statt der Nach- schlagebuchs- und Allerweltsgeschichten werden Sagen und Legenden und hier und da selbst die Bruchstücke verklungener Lieder zu dir sprechen. Das Beste aber, dem du begegnen wirst, das werden die Menschen sein, vorausgesetzt, daß du dich dar- auf verstehst, das rechte Wort für den »gemeinen Mann« zu finden. Verschmähe nicht den Strohsack neben dem Kutscher, laß dir erzählen von ihm, von seinem Haus und Hof, von seiner Stadt oder seinem Dorf, von seiner Soldaten- oder seiner Wanderzeit, und sein Geplauder wird dich mit dem Zauber des Natürlichen und Lebendigen umspannen. Du wirst, wenn du heimkehrst, nichts Auswendiggelerntes ge- hört haben wie auf den großen Touren, wo alles sei- ne Taxe hat; der Mensch selber aber wird sich vor dir erschlossen haben. Und das bleibt doch immer das Beste. Berlin, im August 1864 Th. F.

Vorwort zur Volksausgabe

Der erste Band der »Wanderungen« – dem die drei andern in rascher Reihenfolge folgen werden – er- scheint hier in einer Volksausgabe, die, wie dies schon bei den frühren Auflagen der Fall war, aber- mals eine nicht unbeträchtliche Erweiterung erfahren hat. Das Kapitel »Wilhelm Gentz«, in dem ich zu, meiner Freude viel Autobiographisches mitteilen oder doch benutzen konnte, ist neu, während das den Lebensgang von Alexander Gentz darstellende Kapi- tel »Gentzrode« einer zugleich die mannigfachsten Verhältnisse der Stadt wie der Grafschaft behandeln- den Umarbeitung unterzogen wurde. Ein weiterer Aufsatz, den ich mit Rücksicht auf die hervorragende Bedeutung des darin zu Schildernden: Geheimerat Hermann Wagener (»Kreuz-Zeitungs-Wagener«, ge- boren am 8. März 1815 im Pfarrhause zu Segeletz), diesem ersten Bande gerne noch hinzugefügt hätte, mußte mit Rücksicht auf den ohnehin überschritte- nen Raum zurückgestellt werden. Vielleicht daß sich später, wenn auch von andrer Hand, eine Einreihung ermöglicht. Berlin, 9. März 1892,

Am Ruppiner See Wustrau

Da liegen wir zwei beide bis zum Appell im Grab. Der Ruppiner See, der fast die Form eines halben Mondes hat, scheidet sich seinen Ufern nach in zwei sehr verschiedene Hälften. Die nördliche Hälfte ist sandig und unfruchtbar und, die freundlich gelege- nen Städte Alt- und Neu-Ruppin abgerechnet, ohne allen malerischen Reiz, die Südhälfte aber ist teils angebaut, teils bewaldet und seit alten Zeiten her von vier hübschen Dörfern eingefaßt. Das eine dieser Dörfer, Treskow, war bis vor kurzem ein altes Käm- mereigut der Stadt Ruppin; die drei andern: Gnewi- kow, Karwe und Wustrau, sind Rittergüter. Das ers- tere tritt aus dem Schilf- und Waldufer am deutlichs- ten hervor und ist mit seinem Kirchturm und seinen Bauerhäusern eine besondere Zierde des Sees. Es gehörte seit Jahrhunderten der Familie von Woldeck; jetzt ist es in andere Hände übergegangen. Der letz- te von Woldeck, der dies Erbe seiner Väter innehat- te, war ein Lebemann und passionierter Tourist. Sei- ne Exzentrizitäten hatten ihn in der Umgegend zu einer volkstümlichen Figur gemacht; er hieß kurzweg »der Seebaron«. Das Wort war gut gewählt. Er hatte mit den alten »Seekönigen« den Wanderzug und die Abenteuer gemein., Karwe gehört den Knesebecks, Wustrau dagegen ist berühmt geworden als Wohnsitz des alten Zieten. Sein Sohn, der letzte Zieten aus der Linie Wustrau, starb hier 1854 in hohem Alter. Es gibt noch Zietens aus andern Linien, und überall, wo nachstehend vom »letzten Zieten« gesprochen wird, geschieht es in dem Sinne von: der letzte Zieten von Wustrau. Wustrau, wie viele märkische Besitzungen, bestand bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts aus vier Rit- tergütern, wovon zwei dem General von Dossow, eins den Zietens und eins den Rohrs1) gehörte. Wann die Zietens in den teilweisen Besitz von Wust- rau gelangten, ist nicht mehr sicher festzustellen. Ebensowenig kennt man das Stammgut der Familie. In der Mark Brandenburg befinden sich neun Ort- schaften, die den Namen Zieten, wenn auch in ab- weichender Schreibart, führen. Als die Hohenzollern ins Land kamen, lagen die meisten Besitzungen die- ser Familie bereits in der Grafschaft Ruppin. Hans von Zieten auf Wildberg, das damals ein fester und reicher Burgflecken war, war Geschworener Rat beim letzten Grafen von Ruppin und begleitete diesen auf den Reichstag zu Worms. Die Wildberger Zieten be- saßen Langen und Kränzlin; andere Zweige der Fa- milie hatten Lögow und Buskow inne und einen Teil von Metzelthin. Die Wustrauer Zieten, scheint es, waren nicht reich; sie litten unter den Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges und der Schwedenzeit. Der Vater Hans Joachims lebte denn auch in noch sehr beschränkten Verhältnissen. Erst Hans Joachim selbst verstand sich auf Pflug und Wirtschaft fast so, gut wie auf Krieg und Säbel und machte 1766 durch Ankauf der andern Anteile ganz Wustrau zu einem Zietenschen Besitztum. Es blieb bei seinem Sohne, dem letzten Zieten, bis 1854. Dieser ernannte in seinem Testamente einen Schwerin zum Erben. Daß dieser der nächste Verwandte war, wurde vielleicht noch von der Vorstellung überwogen, daß nur ein Schwerin würdig sei, an die Stelle eines Zieten zu treten. Albert Julius von Schwerin, der jetzige Besit- zer von Wustrau, ward 1859 unter dem Namen von Zieten-Schwerin in den Grafenstand erhoben. Wustrau liegt an der Südspitze des Sees. Der Boden ist fruchtbar, und wo die Fruchtbarkeit aufhört, be- ginnt das Wustrausche Loch, eine Torfgegend, die an Ergiebigkeit mit den Linumer Gräbereien wetteifert. Das eigentliche Dorf, saubere, von Wohlstand zeu- gende Bauerhäuser, liegt etwas zurückgezogen vom See; zwischen Dorf und See aber breitet sich der Park aus, dessen Baumgruppen von dem Dache des etwas hoch gelegenen Herrenhauses überragt wer- den. Dieses letztere gleicht auf ein Haar den adligen Wohnhäusern, wie sie während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in märkischen Städten und Dörfern gebaut wurden. Unser Pariser Platz zeigt zu beiden Seiten noch ein paar Musterstücke dieser Bauart. Erdgeschoß und Beletage, ein hohes Dach, ein Blitzableiter, zehn Fenster Front, eine Rampe, das ganze gelb getüncht und ein Wappen oder Na- menszug als einziges Ornament. So ist auch das alte Herrenhaus der Zieten, das freilich seinerseits eine reizende Lage voraus hat. Vorder- und Hinterfront geben gleich anziehende Bilder. Jene gestattet land-, einwärts einen Blick auf Dorf, Kirche und Kirchhof, diese hat die Aussicht auf den See. Wir kommen in einem Boot über den See gefahren, legen an einer Wasserbrücke an und springen ans Ufer. Ein kurzer Weg, an Parkgrün und blühenden Linden vorbei, führt uns an den Eingang des Hauses. Der Flur ist durch eine Glaswand in zwei Teile geteilt, von denen der eine, der mit Bildern und Stichen be- hängt ist (darunter der bekannte Kupferstich Chodo- wieckis: Zieten sitzend vor seinem König), als Emp- fangshalle dient. Der andere Teil ist Treppenhaus. Wir steigen die eichene, altmodisch-bequeme Treppe hinauf und treten oben in eine nach vornhin gelege- ne Zimmerreihe ein. Es sind fünf Räume; in der Mitte ein großer vier- oder fünffenstriger Saal, zu beiden Seiten je zwei kleinere Zimmer. Die kleineren Zim- mer sind durchaus schmucklos, nur über den Türen befinden sich Ölbilder, Kopien nach niederländischen Meistern. Das ist alles. Das Zimmer rechts vom Saal ist das Sterbezimmer des letzten Wustrauer Zieten. Der historische »alte Zieten« starb in Berlin, und zwar in einem jetzt umgebauten, dem Friedrich- Wilhelms-Gymnasium schräg gegenüber liegenden Hause der Kochstraße. Das Zimmer links vom Saal heißt das Königszimmer, seitdem Friedrich Wilhelm IV., etwa in der Mitte der vierziger Jahre, die Grafschaft Ruppin durchreiste und in Wustrau und Köpernitz (auf welch letzterem Gute damals noch die siebzigjährige Marquise, La Roche-Aymon lebte) einen längeren Besuch machte. Der große Saal ist die eigentliche Sehenswürdigkeit des Hauses. Alles erinnert hier an den Helden, der diese Stätte berühmt gemacht hat. Eine Kolossalvase zeigt auf ihrer Rückseite die Abbildung des auf dem Wilhelmsplatze stehenden Zieten-Denkmals, an den Wänden entlang aber gruppieren sich Portraits und Skulpturen der allermannigfachsten Art. Unter diesen bemerken wir zunächst zwei Büsten des »alten Zie- ten« selbst. Sie stehen in Wandnischen auf hohen Postamenten von einfacher, aber gefälliger Form. Die eine dieser Büsten, ein Gipsmodell vom berühmten Bildhauer Tassaert, ist ein großes Wertstück, durch- aus Portrait, das noch bei Lebzeiten des alten Zieten nach der Natur gefertigt wurde, die andere dagegen entstammt der neueren Zeit und erweist sich einfach als eine Marmorausführung des Tassaertschen Mo- dells. Die Arbeit dieses alten Meisters ist ganz vor- trefflich, vor allem von einer Lebenswahrheit, die den Schadowschen alten Zieten zu einer bloßen Tendenz- statue herabdrückt. Schadow hat nicht den Husaren- vater als Portrait, sondern das Husarentum als sol- ches dargestellt. Von dem Moment ab, wo man den wirklichen alten Zieten (den Tassaertschen) gesehen hat, wird einem das mit einem Male klar. Dies über- geschlagene Bein, diese Hand am Kinn, als ob mal wieder ein lustiger Husarenstreich ersonnen und ausgeführt werden solle, das alles ist ganz im Cha- rakter des Husarentums, aber durchaus nicht im Charakter Zietens, der von Jugend auf etwas Erns- tes, Nüchternes und durchaus Schlichtes hatte. Er, hatte ein verwegenes Husarenherz, aber die Husa- renmanieren waren ihm fremd. Es bedarf wohl keiner besondren Hervorhebung, daß mit diesem allen kein Tadel gegen den Schadowschen Zieten ausgespro- chen sein soll, der – nach der Seite des Geistvollen hin – ganz unzweifelhafte Vorzüge hat, dessen viel- betonte realistische Auffassung aber mehr scheinbar als wirklich ist. Das Postament der Modellbüste zeigt sich bei nähe- rer Betrachtung als ein Schrein von weißlackiertem Holz; ein Schlüsselchen öffnet die kaum bemerkbare Tür desselben. In diesem einfachen Schrein befindet sich der Säbel2) des alten Zieten, nicht jener türki- sche, den ihm Friedrich II. nach dem Zweiten Schle- sischen Kriege zum Geschenk machte, sondern ein gewöhnlicher preußischer Husarensäbel. Er zog ihn während des ganzen Siebenjährigen Krieges nur einmal, und dies eine Mal zu seiner persönlichen Ver- teidigung. Am Tage vor der Schlacht von Torgau, 2. November 1760, als er in Begleitung einer einzi- gen Ordonnanz auf Rekognoszierung ritt, sah er sich plötzlich von sechs österreichischen Husaren um- stellt. Er hieb sich im buchstäblichen Sinne durch und steckte den blutigen Säbel ruhig wieder in die Scheide. Nie sprach er von dieser Affaire. Die Blutfle- cke, ein rotbrauner Rost, sind noch deutlich auf der Klinge sichtbar. 1. In dem schönen, höchst anmutig gelegenen Schloßgarten von Wustrau befindet sich bis, diesen Augenblick, und zwar nur wenige Schritte vom See entfernt, das ehemalig Rohrsche Herrenhaus, ein alter Fachwerkbau, der jetzt teils als Gärtnerwohnung, teils als Orangeriehaus dient. Das Gaus ist interes- sant, einmal dadurch, daß es uns zeigt, wie schlicht und anspruchslos der Landadel früher lebte, andrerseits durch die Ornamentierung, die Graf Zieten ebendiesem Hause gegeben hat. Als nämlich der Perleberger Dom im ers- ten Drittel dieses Jahrhunderts restauriert und der alte Schmuck desselben beseitigt wurde, kaufte Graf Zieten allerhand Glasmalereien und Holzschnitzwerk, namentlich Heiligenbil- der und Engelsfiguren, auf und begann mit Hülfe derselben die Façaden und Fenster des alten Rohrschen Herrenhauses zu schmücken. Im ersten Stocke desselben befindet sich eine Rüst- und Antiquitätenkammer von sehr un- gleichem Wert; Gleichgültiges und Alltägliches steht neben wirklichen Raritäten. Das Se- henswerteste ist ein kleiner Holzaltar, viel- leicht von vier Fuß Höhe, der zwischen seinen beiden Säulchen ein ziemlich gut gemaltes Heiligenbild trägt. Wahrscheinlich stellt es ei- ne heiliggesprochene schlesische Fürstin (die heilige Hedwig) dar, denn dies Frauenbild, voll schöner Milde im Ausdruck, hält in der Linken einen Krummstab, während ihre rechte Hand auf einer Grafen- oder Fürstenkrone ruht. Dieser Altar befand sich in einem schle- sischen Kloster, wo bald nach der Schlacht von Hohenfriedberg der damalige Generalma-, jor von Zieten Quartier genommen hatte. Bei Tische saß er im Refektorium des Klosters diesem Bilde gegenüber und sah lange zu ihm auf. Die Äbtissin, die von Zietenschen Husa- ren nicht das Beste erwarten mochte, nahm Anstoß daran, und es kam zu einem Gespräch zwischen ihr und dem General. Er sagte ihr unbefangen, daß er das Bild betrachte, weil es ihn Zug um Zug an seine geliebte Frau, fern daheim am Ruppiner See, erinnere, und das Gespräch nahen nun eine freundliche Wendung. Bald darauf erfolgte der Weiter- marsch. Einige Tage später bemerkte Zieten eine riesige Kiste auf einem seiner Gepäck- wagen und begann zu schelten. Da hieß es denn zur Entschuldigung: Die Nonnen hätten die Kiste aufgeladen und Vorsicht eigens zur Pflicht gemacht, denn sie gehöre dem General Zieten, der sie mit heimnehmen wolle nach Wustrau. Nun befahl Zieten, die Kiste zu öff- nen, und man fand – Altar und Altarbild. 2. Außer diesem einfachen Husarensäbel existie- ren noch zwei Zietensche Prachtsäbel, von denen er den einen 1762 vom Kaiser Pe- ter III. von Rußland, den anderen, einen »türkischen«, schon vorher (1746) von König Friedrich II. zum Geschenk erhielt. Von die- sem erhielt er auch gegen Ende seines Lebens einen Krückstock. Die Krücke desselben ist von Elfenbein, und ein eigenhändiges Schrei- ben des Königs läßt sich in gemütvoller Weise darüber aus, warum sie von Elfenbein und, nicht von Gold sei. Stock und Handschreiben befinden sich beide in der Großherzoglichen Bibliothek zu Weimar. Der von Peter III. her- rührende Prachtsäbel ist im Besitze des Zie- tenschen Husarenregiments. Zietens Tigerde- cke sowie seine Zobelmütze mit dem Adler- flügel befanden sich früher in der Berliner Kunstkammer und sind jetzt, wenn ich nicht irre, im Hohenzollern-Museum in Schloß Mon- bijou. Kaum minder interessant als dieser im ganzen Kriege nur einmal gezogene Säbel sind die sechzehn le- bensgroßen Bildnisse, die ringsum die Wände bede- cken. Es sind die Portraits von sechzehn Offizieren des Zietenschen Regiments, alle 1749, 1750 und 1751 gemalt. Die Namen der Offiziere sind folgende: Rittmeister Langen, von Teiffel, von Somogy, Calau von Hofen, von Horn, von Seel, von Wieck, von Probst, von Jürgaß, von Bader; die Lieutenants von Reitzenstein, von Heinecker, von Troschke und die Cornets von Schanowski, Petri und von Mahlen. Mit Ausnahme des letzteren starben sie all' im Felde; von Seel fiel als Oberst bei Hochkirch, von Heinecker bei Zorndorf, von Jürgaß bei Weiß-Kostulitz. Von Wieck starb als Kommandant von Komorn in Ungarn; wie er dort hinkam – unbekannt. Im ersten Augen- blick, wenn man in den Saal tritt und diese sechzehn Zietenschen Rotröcke mit ungeheuren Schnauzbär- ten auf sich herabblicken sieht, wird einem etwas unheimlich zumute. Sie sehen zum Teil aus, als seien, sie mit Blut gemalt, und der Rittmeister Langen, der vergebens trachtet, seinen Hasenschartenmund durch einen zwei Finger breiten Schnurrbart zu ver- bergen, zeigt einem zwei weiße Vorderzähne, als wollt er einbeißen. Dazu die Tigerdecke – man möcht am liebsten umkehren. Hat man aber erst fünf Minu- ten ausgehalten, so wird einem in dieser Gesellschaft ganz wohl, und man überzeugt sich, daß eine Ru- benssche Bärenhatz oder ähnlich traditionelle Saal- und Hallenbilder hier viel weniger am Platze sein würden. Die alten Schnurrwichse fangen an, einem menschlich näherzutreten, und man erkennt schließ- lich hinter all diesem Schreckensapparat die wohlbe- kannten märkisch-pommerschen Gesichter, die nur von Dienst wegen das Martialische bis fast zum Dia- bolischen gesteigert haben. Die Bilder, zumeist von einem unbekannten Maler namens Häbert herrüh- rend, sind gut erhalten und mit Rücksicht auf die Zeit ihrer Entstehung nicht schlecht gemalt. Das Schöne fehlt noch, aber das Charakteristische ist da. Der große Saal, in dem diese Bilder neben so man- chem anderen historischen Hausrat sich vorfinden, nimmt mit Recht unser Hauptinteresse in Anspruch, aber noch vieles bleibt unserer Aufmerksamkeit üb- rig. Das ganze Schloß gleicht eben einer Art Zieten- Galerie, und nur wenige Zimmer treffen wir an, von deren Wänden uns nicht, als Kupferstich oder Ölbild, als Büste oder Silhouette, das Bildnis des alten Hel- den grüßte. Alles in allem gerechnet, befinden sich wohl vierzig Zieten-Portraits in Schloß Wustrau. Viele von diesen Bildnissen (besonders die Stiche) sind allgemeiner gekannte Blätter; nicht so die Ölbilder,, deren wir, ohne für Vollständigkeit bürgen zu wollen, zunächst acht zählen, sieben Portraits und das achte ein Genrebild aus der Sammlung des Markgrafen Karl von Schwedt. Es stellt möglicherweise die Szene dar (vergleiche Zietens Biographie von Frau von Blumenthal, Seite 56), wo der damalige Major von Zieten an den Oberstlieutenant von Wurmb heran- tritt, um die Remontepferde, die ihm zukommen, für seine Schwadron zu fordern, eine Szene, die be- kanntlich auf der Stelle zu einem wütenden Zwei- kampfe führte. Doch ist diese Auslegung nur eine mutmaßliche, da die hier dargestellte Lokalität zu der von Frau von Blumenthal beschriebenen nicht paßt. Die sieben Portraits, mit Ausnahme eines einzigen, sind sämtlich Bilder des »alten Zieten« und deshalb, aller Abweichungen in Uniform und Haltung unerach- tet, im einzelnen schwer zu charakterisieren. Nur das älteste Portrait, das bis ins Jahr 1726 zurückgeht und den »alten Zieten«, den wir uns ohne Runzeln und Husarenuniform kaum denken können, als einen jungen Offizier bei den von Wuthenowschen Drago- nern darstellt, zeichnet sich schon dadurch vor allen andern Bildnissen aus. Zieten, damals siebenund- zwanzig Jahr alt, trägt, wie es scheint, einen Stahl- küraß und über demselben eine graue Uniform (frü- her vielleicht weiß) mit schmalen blauen Aufschlä- gen. Ob das Bild echt ist, stehe dahin. Von Ähnlich- keit mit dem »alten Zieten« natürlich keine Spur. Wir verlassen nun den Saal und das Haus, passieren die mehr dem Dorfe zu gelegene Hälfte des Parkes, überschreiten gleich danach die Dorfstraße und ste- hen jetzt auf einem geräumigen Rasenfleck, in des-, sen Mitte sich die Dorfkirche erhebt. Der Chor liegt dem Herrenhause, der Turm dem Kirchhofe zu. Zwi- schen Turm und Begräbnisplatz steht eine mächtige alte Linde. Die Kirche selbst, in Kreuzform aufge- führt, ist ein Ideal von einer Dorfkirche: schlicht, einladend, hübsch gelegen. Im Sommer 1756, kurz bevor es in den Krieg ging, wurde der Turm vom Blitz getroffen. Das Innere der Kirche selbst unter- scheidet sich von andern Dorfkirchen nur durch eine ganz besondere Sauberkeit und durch die Geflissent- lichkeit, womit man das patriotische Element gehegt und gepflegt hat. So findet man nicht nur die übliche Gedenktafel mit den Namen derer, die während der Befreiungskriege fielen, sondern zu der allgemeinen Tafel gesellen sich auch noch einzelne Täfelchen, um die Sonderverdienste dieses oder jenes zu bezeich- nen. An anderer Stelle gruppieren sich Gewehr und Büchse, Lanze, Säbel, Trommel und Flügelhorn zu einer Trophäe. Zwei Denkmäler zieren die Kirche. Das eine (ohne künstlerische Bedeutung) zu Ehren der ersten Gemahlin Hans Joachims, einer gebornen von Jürgaß, errichtet, das andere zu Ehren des alten Zieten selbst. Dies letztere hat gleichen Anspruch auf Lob wie Tadel. Es gleicht in seinen Vorzügen und Schwächen allen andern Arbeiten des rasch-fertigen, hyperproduktiven Bernhard Rode1), nach dessen Skizze es von dem Bildhauer Meier ausgeführt wur- de. Wem eine tüchtige Technik genügt, der wird Grund zur Anerkennung finden; wer eine selbständi- ge Auffassung, ein Abweichen vorn Alltäglichen for- dert, wird sich nicht befriedigt fühlen. Ein Sarkophag und ein Reliefportrait, eine Minerva rechts und eine Urania links, das paßt so ziemlich immer; ein ge-, danklich bequemes Operieren mit überkommenen Typen, worin unsere Bildhauer das Unglaubliche leis- ten. Wenn irgendein Leben, so hätte gerade das des alten Zieten die beste Gelegenheit geboten zu etwas Neuem und Eigentümlichem. Der Zieten aus dem Busch, der Mann der hundert Anekdoten, die samt und sonders im Volksmund leben, was soll er mit zwei Göttinnen (einige sagen, es seien symbolische Figuren der Tugend und Tapferkeit), die ihn bei Leb- zeiten in die sicherste Verlegenheit gebracht hätten. Vortrefflich ist nur das Reliefportrait in weißem Mar- mor, das sich an dem dunkelfarbigen Aschenkruge des Denkmals befindet und außer einer im Schloß befindlichen Zieten-Silhouette sehr wahrscheinlich das einzige Bildnis ist, das uns den immer en face abgebildeten Kopf des Alten auch mal in seinem Pro- file zeigt. Daß dieses Profil nicht schön ist, tut nichts zur Sache. Alles in allem, das Marmordenkmal des alten Helden reicht an ihn selber nicht heran; es entspricht ihm nicht. Da lob ich mir im Gegensatze dazu das schlichte Grab, unter dem er draußen in unmittelba- rer Nähe der Kirche schläft. Der Raum reichte hin für vier Gräber, und hier ruhen denn auch die beiden Eltern des alten Zieten, seine zweite Gemahlin (eine geborne von Platen) und er selbst. Das Äußere der vier Gräber ist wenig voneinander verschieden. Ein Unterbau von Backstein erhebt sich zwei Fuß hoch über den Rasen, auf welchem Ziegelfundamente dann die Sandsteinplatte ruht. Noch nichts ist verfal- len. Auch der gegenwärtige Besitzer empfindet, daß er eine historische Erbschaft angetreten hat, und, eifert getreulich dem schönen Vorbilde des letzten Wustrauer Zieten nach, dessen ganzes Leben eigent- lich nur ein Kultus seines berühmten Vaters war. 1786 starb Hans Joachim von Zieten. Achtundsechzig Jahre später folgte ihm sein Sohn Friedrich Christian Emil von Zieten, achtundachtzig Jahre alt, der letzte Zieten aus der Linie Wustrau. Wir treten jetzt an sein Grab2). Es befindet sich unter der schon erwähnten schönen alten Linde, die zwischen der Kirche und dem leis ansteigenden Kirchhofe steht. Hinter sich die lange Gräberreihe der Bauern und Büdner, macht dies Grab den Eindruck, als habe der letzte Zieten noch im Tode den Platz behaupten wollen, der ihm gebührte, den Platz an der Front seiner Wustrauer. Ähnliche Gedanken beschäftigten ihn sicherlich, als er zehn oder zwölf Jahre vor seinem Tode dies Grab zu bauen begann. Ein Hünengrab. Der letzte Zieten, klein, wie er war, verlangte doch Raum im Tode. Denn er baute das Grab nicht bloß für sich, sondern für das Geschlecht oder den Zweig des Geschlechts, das mit ihm schlafen ging. Mit Eifer entwarf er den Plan und leitete den Bau. Eine Gruft wurde gegraben und ausgemauert und schließlich ein Riesenfeldstein, wie sich deren so viele auf der Wustrauer Feldmark vorfinden, auf das offene Grab gelegt. Am Fußende aber geschah die Ausmauerung nur halb, so daß hier, unter Einführung eines schräg laufenden Stol- lens, eine Art Kellerfenster gewonnen wurde, durch das der alte Herr in seine letzte Wohnung hineinbli- cken konnte. Mit Hülfe dieser Zuschrägung wurde denn auch später der Sarg versenkt. Als Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1844 den schon oben erwähn-, ten Besuch in Wustrau machte, führte ihn der Graf auch an die Linde, um ihm daselbst das eben fertig gewordene Grab zu zeigen. Der König wies auf eine Stelle des Riesenfeldsteins und sagte: »Zieten, der Stein hat einen Fehler!«, worauf der alte Herr erwi- derte: »Der drunter liegen wird, hat noch mehr.« Diese Antwort ist so ziemlich das Beste, was vom letzten Wustrauer Zieten auf die Nachwelt gekom- men ist. Einzelne andere Repliken und Urteile (zum Beispiel über die Schadowsche Statue sowie über Bücher und Bilder, deren Held sein Vater war) sind unbedeutend, oft ungerecht und fast immer schief. Er sah alles zu einseitig, zu sehr von einem bloß Zie- tenschen Standpunkt aus, um gerecht sein zu kön- nen, selbst wenn ihm ein feinerer ästhetischer Sinn die Möglichkeit dazu gewährt hätte. Dieser ästheti- sche Sinn fehlte ihm aber völlig. Selber eine Kuriosi- tät, bracht er es über die Kuriositätenkrämerei nie hinaus. Sein Witz und Humor verstiegen sich nur bis zur Lust an der Mystifikation. Den Altertumsfor- schern einen Streich zu spielen war ihm ein besonde- rer Genuß. Er ließ von eigens engagierten Steinmet- zen große Feldsteine konkav ausarbeiten, um seine Wustrauer Feldmark mit Hülfe dieser Steine zu ei- nem heidnischen Begräbnisplatz avancieren zu las- sen. Am Seeufer hing er in einem niedlichen Glo- ckenhäuschen eine irdene Glocke auf, der er zuvor einen Bronzeanstrich hatte geben lassen. Er wußte im voraus, daß die vorüberfahrenden Schiffer, in dem Glauben, es sei Glockengut, innerhalb acht Ta- gen den Versuch machen würden, die Glocke zu stehlen. Und siehe da, er hatte sich nicht verrechnet, und fand nach drei Tagen schon die Scherben. Sol- che Überlistungen freuten ihn, und man kann zugeben, daß darin ein Äderchen von der Herzader seines Vaters sichtbar war. Im übrigen aber war er unfähig, zu dem Ruhme seines Hauses auch nur ein Kleinstes hinzuzufügen; er fühlte sich nur als Verwal- ter dieses Ruhmes, ein Gefühl freilich, das ihm unter Umständen Bedeutung und selbst Würde lieh. Wo er für sich und seine eigenste Person eintrat, in den privaten Verhältnissen des alltäglichen Lebens, war er eine wenig erfreuliche Erscheinung: kleinlich, gei- zig, unschön in fast jeder Beziehung. Von dem Au- genblick an aber, wo die Dinge einen Charakter an- nahmen, daß er seine Person von dem Namen Zieten nicht mehr trennen konnte, wurd er auf kurz oder lang ein wirklicher Zieten. Er war nicht adlig, aber gelegentlich aristokratisch. Dies Aristokratische, wenn geglüht in leidenschaftlicher Erregung, konnte momentan zu wahrem Adel werden, aber solche Momente weist sein Leben in nur spärlicher Anzahl auf. Sein Bestes war die Liebe und Verehrung, mit der er ein halbes Jahrhundert lang die Schleppe sei- nes Vaters trug. In diesem Dienste verstieg sich sein Herz bis zum Poetischen in Gefühl und Ausdruck, wofür nur ein Beispiel hier sprechen mag. Auf dem mit Rasen überdeckten Kirchenplatz, etwa hundert Schritte vom Grabe Hans Joachims entfernt erhebt sich ein hoher, zugespitzter Feldstein mit einer in den Stein eingelegten Eisenplatte. Und auf ebendie- ser Eisenplatte stehen in Goldbuchstaben folgende Worte:, »Im Jahre 1851, den 23. April, stand an dieser Stelle das Blüchersche Husarenregiment, um den hier in Gott ruhenden Helden, den berühmten General der Kavallerie und Ahnherrn aller Husaren Hans Joachim von Zieten, in Anerkennung seiner hohen Verdienste durch eine feierliche Parade zu ehren. Ruhe und Friede seiner Asche! Preis und Ehre seinem Namen! Er war und bleibt der Preußen Stolz.« »Ahnherr aller Husaren« – ein Poet hätt es nicht besser machen können. 1. Von Bernhard Rode rührt auch das große, zur Verherrlichung des alten Husarengenerals gemalte Ölbild her, das sich, neben den Bil- dern anderer Helden des Siebenjährigen Krie- ges (alle von B. Rode), in der Garnisonkirche zu Berlin befindet. Die Komposition auch die- ses Bildes ist Dutzendarbeit und trotz der Prä- tension, geistvoll sein zu wollen, eigentlich ohne Geist. Auch hier ein bequemes Operie- ren mit traditionellen Mittelchen und Arran- gements. Eine Urne mit dem Reliefbilde Zie- tens in Front derselben; am Boden ein Löwe, der ziemlich friedlich in einer Zietenschen Hu- saren-Tigerdecke drinsteckt wie ein Kater in einem Damenmuff; außerdem eine hohe Frauengestalt, die einen Sternenkranz auf die Urne drückt – das ist alles. Das Reliefportrait ist schlecht, nicht einmal ähnlich, aber die U- rania oder Polyhymnia, die ihm den Sternen-, kranz bringt, ist in Zeichnung und Farbe um ein wesentliches besser, als gemeinhin Rod- esche Figuren (er war ein Meister im Ver- zeichnen) zu sein pflegen. 2. Friedrich Christian Emil von Zieten, dessen schon Seite 13 und 14 kurz Erwähnung ge- schah, war der einzige Sohn Hans Joachims aus seiner zweiten Ehe mit Hedwig Elisabeth Albertine von Platen. Dieser letzte Zieten aus der Wustrauer Linie wurde den 6. Oktober 1765 geboren und starb am 29. Juni 1854. Er war Rittmeister, Landrat des Ruppiner Kreises und Ritter des Schwarzen Adlerordens. Wurde gegraft am 15. Oktober 1840. (Aus Hans Joachims erster Ehe mit Leopoldine Judith von Jürgaß war ei- ne Tochter geboren worden, die sich später mit einem Jürgaß auf Ganzer verheiratete. Vgl. das Kapitel »Ganzer«.),

Karwe

»Vivat et crescat gens Knesebeckiana in aeternum.«

I

Unser Weg führt uns heute nach Karwe. Es liegt am Ostufer des Ruppiner Sees, und ein Wustrauer Fi- scher fährt uns in einer halben Stunde hinüber. Ein besonderer Schmuck des Sees an dieser Stelle ist sein dichter Schilfgürtel, der namentlich in Front des Karwer Parkes wie ein Wasserwald sich hinzieht und wohl mehrfach eine Breite von hundert Fuß und dar- über haben mag. An dieses Schilfufer knüpft sich eine Geschichte, die uns am besten in das starke und frische Leben einführt, das hier ein halb Jahrhundert lang zu Hause war und von dem ich Gelegenheit ha- ben werde manchen hübschen Zug zu erzählen. Es war im Jahre 1785. Der Sohn des alten Zieten auf Wustrau war Cornet im Leibhusarenregiment seines Vaters, und der Sohn des alten Knesebeck auf Karwe war Junker im Infanterieregiment von Kalckstein, das damals in Magdeburg stand. Der Zufall wollte, daß beide zu gleicher Zeit Urlaub nahmen und auf Besuch nach Haus kamen. Die beiden Nachbarfamili- en lebten auf dem besten Fuß miteinander, und auch die jungen Leute unterhielten einen freundschaftli-, chen Verkehr. Man sah sich oft und machte gemein- schaftliche Partien. Es war im August, See und Him- mel blauten, und der Schilfwald, der sich im Wasser spiegelte, stieg wie eine grüne Mauer aus dem Grun- de des Sees auf. An solchem Tage begegneten sich Junker und Cornet am Ufer, plauderten hin und her von der Strenge des Dienstes und von der Lust des Krieges und kamen endlich überein, in Ermangelung wirklichen Kampfes, zwischen Karwe und Wustrau eine Seeschlacht aufzuführen. Man machte auch gleich den Plan. Die Knesebeckschen sollten von Karwe her heftig angreifen und die Zietenschen bis nach Wustrau hin zurückdrängen, dann aber sollten diese sich rekolligieren und die Knesebeckschen in ihren Schilfwald zurückwerfen. So war es beschlos- sen. Man schied mit herzlichem Händeschütteln und freute sich auf den andern Tag. Die Eltern nahmen Anteil, und beide Dörfer gerieten in Aufregung. Nach Ruppin hin ergingen Einladungen an befreundete Offiziere, Pulver wurde beschafft und während Cor- net und Junker ihre Dispositionen trafen, verwandel- ten sich die Herrenhäuser von Karwe und Wustrau in Kriegslaboratorien, drin allerhand Feuerwerk, Schwärmer, Raketen und Feuerräder in möglichster Eile hergestellt wurden. So kam der ersehnte Abend. Mit dem Glockenschlage neun liefen beide Flotten aus, jede sechs Kähne stark, das Admiralboot vorauf. Als man aneinander war, begann die Schwärmerka- nonade, vom Ufer her scholl der Jubel einer dichtge- drängten Menschenmenge, und als ein pot à feu sei- ne Leuchtkugeln in die Luft warf, zogen sich ve- rabredetermaßen die Zietenschen nach Wustrau hin zurück. Aber nur auf kurze Distance. Eh sie noch in, die Nähe des Hafens gekommen waren, wandten sie sich wieder, und drei große Raketen fast horizontal über das Wasser hinschießend, gingen sie jetzt ihrer- seits mit verdoppeltem Ruderschlag zur Attaque ü- ber. Die Karweschen hielten einen Augenblick stand, aber nicht lange, dann begann ihre Retraite. Die Wustrauschen setzten nach und waren eben auf dem Punkt die Fliehenden bis in das dichte Schilf hinein zu verfolgen, als ein lautes, staunendes Ah, das vom Ufer her herüberklang, die Verfolgenden stutzen ließ und ihre Blicke nach rückwärts lenkte. Die Sieger waren gefangen. Im Karweschen Schilf hatte sich eine Flottille versteckt gehalten, die der Junker vom Regimente von Kalckstein als Mietstruppe für diesen Tag angeworben und von seinem Taschengelde be- zahlt hatte. Es waren Fischerboote von Alten- Friesack her, vierundzwanzig an der Zahl, jedes mit einer Laterne hoch am Mast. In langer Linie kamen sie aus dem Schilf hervor und legten sich quer vor. Das Laternenlicht war hell genug, die Fischergestal- ten zu zeigen, wie sie da standen mit vorgehaltenem Ruder, bereit, jeden Fluchtversuch zu vereiteln. Die Wustrauschen machten gute Miene zum bösen Spiel und sprangen lachend ans Ufer. Nie wurden Gefan- gene schmeichelhafter begrüßt. Als sie in den Kar- weschen Park traten, sahen sie dicht vor dem Her- renhause eine Ehrenpforte errichtet, an deren Spitze das von Lichtern umgebene Bild des alten Zieten leuchtete, darunter die Unterschrift: »Voilà notre modèle.« Am andern Tage erhielt der Junker von dem Knesebeck eine Einladung nach Wustrau. Der alte sechsundachtzigjährige Zieten, der gemeinhin einen grauleinenen Kittel trug, saß heut in voller Uni-, form auf seinem Lehnstuhle und rief den eintreten- den Junker zu sich heran: »Komm her, mein Sohn, und küsse mich. Werde so ein braver Mann wie dein Vater.« Knesebeck trat heran und bückte sich, um dem Alten die Hand zu küssen. Dieser aber legte beide Hände auf den Kopf des Junkers und sprach bewegt: »Gott segne dich!« Das ist die Geschichte von der Seeschlacht bei Kar- we; sie kann es aufnehmen mit manchem großen Sieg. Wer aber am Ruppiner See zu Haus ist, den freut es zu sehen, was auf seinem schmalen Ufer- streifen an Männern gewachsen ist. Auch wir kommen heute von Wustrau – minder rasch, aber sicherer als damals der Cornet von Zie- ten – und nähern uns, ohne unsere Rückzugslinie gefährdet zu sehen, auf einer der vielen durch den Schilfwald sich hinziehenden Straßen dem Holzsteg, an dem die Boote anzulegen pflegen. Und nun sprin- gen wir ans Ufer und befinden uns in dem Park von Karwe. Er ist ziemlich groß angelegt, mit vielem Ge- schmack in einem einfach edlen Stile, das Ganze vorwiegend eine Schöpfung unseres »Junkers vom Regiment von Kalckstein«, des am 12. Januar 1848 verstorbenen Feldmarschalls von dem Knesebeck. Dieser ausgezeichnete Mann wird überhaupt den Mittelpunkt alles dessen bilden, was ich in weiterem zu erzählen habe, da er, wie der Hauptträger des Ruhmes der Familie, so auch zugleich derjenige ist, der am segensreichsten an dieser Stelle gewirkt und, den toten Dingen entweder den Stempel seines Geis- tes aufgedrückt oder ihnen durch irgendeine Bezie- hung zu seiner Person zu einem poetischen Leben verholfen hat. Wir haben den Park seiner Länge nach passiert und stehen jetzt vor dem Herrenhause. Es ist einer jener Flügelbauten, wie sie dem vorigen Jahrhundert ei- gentümlich waren, und erinnert in Form und Farben- ton an das Radziwillsche Palais in Berlin. Nur ist es kleiner und ärmer an Rokokoschmuck. Auch das Ei- sengitter fehlt. Eine hohe Pfauenstange mit einem Pfauhahn darauf überragt vom Wirtschaftshofe her das Dach, und der vorgelegene Grasplatz steht in Blumen; aber trotz dieser Farbenpracht macht alles einen ernsten und beinah düstern Eindruck und läßt uns auch ohne praktische Probe glauben, daß das Karwer Herrenhaus ein Spukhaus sei. Karwe gehört den Knesebecks in der vierten Genera- tion. Der Urgroßvater des jetzigen Besitzers kaufte es im Jahre 1721 von dem Vermögen seiner Frau und errichtete das Wohnhaus, das wir, wenn auch verändert und erweitert, auch jetzt noch vor uns sehen. Die Umstände, die diesen Kauf und Bau be- gleiteten, sind zu eigentümlicher Art, um hier nicht erzählt zu werden. Der Urgroßvater Karl Christoph Johann von dem Knesebeck, zu Wittingen im Hanno- verschen geboren, trat früh in preußische Kriegs- dienste. Er war ein großer, starker und stattlicher Mann, aber arm. Die Regierungszeit Friedrich Wil- helms I. indes war just die Zeit, wo das Verdienst des Großseins die Schuld des Armseins in Balance zu, bringen wußte und gemeinhin noch einen Überschuß ergab. Karl Christoph Johann war sehr groß, und so erfolgte denn eine Cabinetsordre, worin die reiche Witwe des Generaladjutanten von Köppen, eine ge- borne von Bredow, angewiesen wurde, den O- berstlieutenant von dem Knesebeck zu ehelichen. Die Hochzeit erfolgte, und Karwe wurde, wie schon erwähnt, erstanden. Aber die Huldbeweise gegen den stattlichen Oberstlieutenant hatten hiermit ihr Ende noch nicht erreicht. Im Kopfe des Königs moch- te die Vorstellung lebendig werden, daß die reiche Witwe bis dahin eigentlich alles und die Gnade Seiner Majestät nur erst sehr wenig getan habe, und so versprach er denn dem jungen Paare, das neue Wohnhaus in Karwe einrichten und sogar zum Auf- bau desselben die Balken und den Kalk liefern zu wollen. Und wirklich, bald stand das Haus da, und die zugesagte Möblierung erfolgte mit einer Munifi- zenz, die bei dem sparsam gewöhnten Könige über- raschen mußte. Selbst königliche Familienportraits, zum Teil von der Meisterhand Pesnes, wurden gelie- fert und in einem Empfangssaale des ersten Stocks in das Mauerwerk fest eingefügt. Wir werden gleich sehen, wie wichtig es für den neuen Besitzer von Karwe war, diese stattliche Bilderreihe nicht aufge- hängt, sondern eingemauert zu haben. Denn kaum noch, daß einige Monate ins Land gegangen waren, als ein großer Planwagen vor dem Knesebeckschen Hause vorfuhr und den Befehl überbrachte, das durch königliche Munifizenz erhaltene Ameublement wieder zurückzuliefern. Es waren nicht die Zeiten, um solcher Ordre nicht sofort zu gehorchen, und so versanken denn sämtliche Spiegel, Kommoden und, Tische, die der gebornen von Bredow bereits lieb und teuer geworden waren, in die Heu- und Strohbündel des draußen harrenden Wagens. Was zu dieser Ordre geführt, ob einfach Laune oder aber die ökonomische Erwägung, »daß der von Knesebeck au fond reich genug sei, um nunmehro sich auch ohne geschenkte königliche Möbel behelfen zu können«, ist nie be- kannt geworden. Der Planwagen fuhr ab und ließ nichts zurück als die eingemauerten Bilder und einen alten Eichentisch, den sehr wahrscheinlich seine Un- scheinbarkeit gerettet hatte. Wir treten nun in das Haus selber ein. Das erste Zimmer mit der Aussicht auf den Park ist das Biblio- thekzimmer. Auf schlichten Regalen stehen schlichte Einbände, keine Goldschnittsliteratur zum Ansehen, sondern Bücher zum Lesen, »Krieger für den Werkel- tag«. Es sind Bücher und Broschüren, die der alte Feldmarschall in seinem achtzigjährigen Leben ge- sammelt hat und über deren Inhalt und Richtung seine eigenen Worte Auskunft geben mögen: »Mit meinen Studien in Geschichte, Philosophie und schö- nen Wissenschaften ging es besser; sie interessier- ten mich über alles, besonders Geschichte und Le- bensbeschreibungen, zu denen auch bis ins späte Alter mir die Neigung geblieben ist.« Die poetische Grundanlage des alten Herrn spricht sich in diesen Worten aus; hätte es je eine schaffende dichterische Natur gegeben, der nicht Biographien und Memoiren die liebste Lektüre gewesen wären! Aus dem Bibliothekzimmer tritt man in das dahinter gelegene Empfangs- und Familienzimmer. Es ist groß, und geräumig und macht vor allem den Eindruck behaglichen Geborgenseins. An Bildern weist es nichts von besonderem Interesse auf, außer einer Ansicht von dem in der Nähe von Salzwedel gelege- nen Schloß Tylsen, dem alten Familiensitze der Kne- sebecks. Die eigentliche Sehenswürdigkeit dieses Zimmers ist jener alte Eichentisch, der der Versen- kung in den Planwagen glücklich entging. Und doch war dies schlichte Wirtschaftsstück das eigentlichste Wertstück des Ameublements, wenn auch damals nicht, so doch jetzt. Dieser Tisch nämlich bildete sei- nerzeit einen Teil der langen Tafel, an der die Sit- zungen des Tabakskollegiums gehalten wurden. Es existieren solcher Tische nur noch zwei, dieser Kne- sebecksche in Karwe und ein Zwillingsbruder dessel- ben in Potsdam. Eine Decke von braunem schweren Seidenzeug verhüllt wie billig die eichene Derbheit dieses nicht salonfähigen Möbels, dessen Konstrukti- on ganz eigentümlicher Art ist. Die Platte besteht aus zwei abgestutzten Dreiecken und ruht auf sechs Fü- ßen, die wiederum ihrerseits zwei Dreiecke bilden. Verbindungshölzer und Eisenkrampen halten das Ganze zusammen und stellen einen Bau her, der allen Anspruch darauf hatte, nicht beachtet zu wer- den, als die Trumeaux hinausgetragen wurden. Links neben dem Empfangssaale befindet sich das Arbeitszimmer des gegenwärtigen Besitzers. Es ist sehr klein, etwas geräuschvoll gelegen und selbst zur Nachtzeit ohne wünschenswerte Ruhe. Die »Dame im schwarzen Seidenkleid« nämlich, als welche der, Karwer Spuk auftritt, beginnt von hier aus ihren Rundgang, und wer mag ruhig und gemütlich ein Buch lesen, wenn er fürchten muß, die Schwarze Frau steht hinter ihm und liest mit, wie zwei Leute, die aus einem Gesangbuch singen. Über dem Schreibpult im selben Zimmer hängt ein sehr gutes Crayonportrait des Feldmarschalls, und auf einem Tischchen daneben steht ein porzellanenes Schreibzeug mit einer Rosenguirlande, ein Geschenk vom alten Gleim, der dem Feldmarschall in seinen Halberstädter Lieutenantstagen nah befreundet war. Zur Rechten des Empfangszimmers ist der Speise- saal. Hier befinden sich neben anderen Schildereien vier Familienportraits: zunächst der Ahnherr des Hauses, einem Grabsteinrelief nachgebildet, das sich in der Kirche zu Hannoverisch-Wittingen bis diesen Tag erhalten hat. Unmittelbar darunter hängen die Bilder des Urgroßvaters und Großvaters des jetzigen Besitzers, von denen wir den ersteren als stattlichen und reich verheirateten Oberstlieutenant bei der Garde, den andern als Vater des Junkers vom Re- giment von Kalckstein bereits kennengelernt haben. Er wurde bei Kolin durch Arm und Leib geschossen und war der, auf den der alte Zieten die schon vorzi- tierten Worte bezog: »Gott segne dich, und werde so brav wie dein Vater.« Unter diesen beiden Portraits hängt das vortrefflich ausgeführte Ölbild des Feld- marschalls von dem Knesebeck, damals (unmittelbar nach dem Befreiungskriege) noch Generallieutenant in der Okkupationsarmee. Das Portrait zeigt in seiner linken Ecke den Namen: »Steuben; Paris, 1814«,, kurze Worte, die genugsam für den Wert des Bildes sprechen. Aus dem Speisesaale treten wir in das angrenzende Wohnzimmer, wo, über dem Schreibtisch der Dame vom Hause, eine Kopie des Correggioschen Christus- kopfes auf dem Schweißtuche der heiligen Veronika unsere Aufmerksamkeit fesselt. Das Original bildet jetzt, wenn nicht neuerdings wiederum Änderungen stattgefunden haben, eine Zierde unseres Berliner Museums. Früher hing es im Wohnzimmer zu Karwe, an derselben Stelle, die sich jetzt mit der bloßen Ko- pie behelfen muß. Interessant ist es, wie das Original in den Besitz der Familie kam. Der Feldmarschall bereiste, wahrscheinlich 1819, Italien und kam nach Rom. Kurz vor seiner Rückreise wurd ihm von einem Trödler ein Christuskopf zum Verkauf angeboten, dessen hohe Schönheit auch seinem Laienauge auf der Stelle einleuchtete. Er kaufte das Bild für eine ansehnliche Summe. Kaum aber war er im Besitz desselben, als sich das Gerücht verbreitete, eins der italienischen Klöster sei beraubt worden – der Cor- reggio'sche Christuskopf auf dem Schweißtuche der heiligen Veronika sei fort. Der nächste Tag brachte die amtliche Bestätigung, und Belohnungen wurden ausgesetzt für die Wiederbeschaffung und selbst für den Nachweis des berühmten Gemäldes. Knesebeck begriff die Gefahr und traf seine Vorkehrungen. Das Bild ward in ein Wagenkissen eingenäht, und der glückliche Besitzer, der bis dahin kaum selber ge- wußt haben mochte, was er besaß, nahm auf seinem neuen Schatze Platz und brachte so sein schönes Eigentum glücklich über die Alpen. Ich kann nicht, sagen, wie lange das Bild in Karwe blieb, mutmaßlich nur kurze Zeit. Jedenfalls nahm das Haus Knesebeck, das zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von den Hohenzollern ein halbes Dutzend Familienport- raits geschenkt erhalten hatte, zu Anfang des neun- zehnten Jahrhunderts Veranlassung, den Hohenzol- lern ein Gegengeschenk zu machen, und warf (in aller Loyalität sei es gesagt) einen Correggioschen Christuskopf gegen sechs Pesnesche Kurfürsten un- zweifelhaft siegreich in die Waage. Friedrich Wil- helm III. akzeptierte in Gnaden das Geschenk und willigte gern in Erfüllung des einen Wunsches, den Knesebeck bei Überreichung des Bildes geäußert hatte, »daß dasselbe nämlich unwandelbar in der königlichen Hauskapelle verbleiben möge.« Diese Zubewilligung ist indessen im Laufe der Zeit entwe- der vergessen oder aber aus einem Humanitätsge- fühle der Hohenzollern, »die nichts Schönes für sich allein haben wollen«, absichtlich geändert worden. Das Bild gehört nicht mehr der Hauskapelle, sondern dem Bildermuseum an. Nur bei Gelegenheit der Tau- fe des jungen Prinzen Friedrich Wilhelm, dessen Ge- burt im Januar 1859 alle loyalen Herzen in Stadt und Land mit Freudigkeit erfüllte, kam auch der Correg- gio wenigstens vorübergehend wieder zu seinem zugesagten Recht und wanderte auf vierundzwanzig Stunden aus den Museumssälen in den prächtigen Kuppelbau der Schloßkapelle hinüber. Wir machen von den Zimmern des Erdgeschosses aus noch einen Rundgang durch die Räume des obe- ren Stockwerkes, inspizieren im Hof den historischen alten Kaleschwagen, in dem 1812 der damalige O-, berst von Knesebeck die berühmte Reise nach Pe- tersburg antrat, um dem Kaiser Alexander zuzuru- fen: »Krieg und wieder Krieg! Die Quadratmeilen Rußlands sind die Rettung Europas« – und kehren dann in das Empfangs- und Familienzimmer zurück, dessen bequeme Polsterstühle zu einer kurzen Rast einladen. In diesem Zimmer pflegte Knesebeck auch in seinen alten Tagen noch, die Hände auf dem Rü- cken und den kurzen Sammetrock durch eine Schnur zusammengehalten, mit großen Schritten auf und ab zu gehn. Hier war die Arbeitsstätte seiner Gedanken, hier, wo er im besten Mannesalter sein Gehirn zer- sonnen hatte, wie Rettung zu schaffen und dem Feinde seines Landes, zugleich dem Feinde alles ech- ten Lebens, siegreich beizukommen sei. Und hier fand er es. Hören wir, was er selber darüber schreibt: »Die Karte von Rußland kam nicht von meinem Pult. Ich sah die unermeßliche Fläche, be- rechnete die möglichen Märsche des Eroberers, und siehe da, die beiden großen Alliierten Rußlands: der Raum und die Zeit, traten mit einer Lebendigkeit vor meine Seele, die mir keine Ruhe mehr ließ. Zur Ge- wißheit wurd es mir: so ist er zu besiegen, und so muß er besiegt werden.« Wir alle wissen jetzt, wie praktisch-richtig das poe- tisch Geschaute jener nächtlichen Stunden gewesen ist. Das glänzendste Zeugnis aber stellt unserem Knesebeck Napoleon selber aus. Dieser hatte den Knesebeckschen Plan gekannt, aber ignoriert. Im Frühjahr 1813 fand folgende Unterhaltung zwischen ihm und dem bis dahin am preußischen Hofe beglau- bigten Grafen von St. Marsan statt. Napoleon: »Erin-, nern Sie sich noch eines Berichtes, den Sie mir im Jahre 1812 von einem gewissen Herrn von Knese- beck geschickt haben?« St. Marsan: »Ja, Ew. Majestät.« Napoleon: »Glauben Sie, daß er im gegenwärtigen Kriege mitfechten wird?« St. Marsan: »Allerdings glaub ich das.« Napoleon: »Der Mensch hat richtig vorausgesehen, und man darf ihn nicht aus dem Auge verlieren.« Das war im Frühjahr 1813. Andere Zeiten kamen, der sechsundvierzigjährige Oberst von dem Knese- beck war ein Siebziger geworden, und statt der Karte von Rußland und vorausberechneter Schlachten und Märsche lagen jetzt die Memoiren derer auf dem Tisch, die damals mit ihm und gegen ihn die Schlachten jener Zeit geschlagen hatten. Nach einer Epoche reichen und tatkräftigen Lebens war auch für ihn die Zeit philosophischer Betrachtung gekommen. Die Lieutenantstage von Halberstadt wurden ihm wieder teuer, das Bild des alten Gleim trat wieder freundlich vor ihn hin, und der Mann, der zeitlebens wie ein Poet gedacht und gefühlt hatte, fing als Greis an, auch jenem letzten zuzustreben, das den Dichter macht – der Form. Ähnlich wie Wilhelm von Hum- boldt in Tegel, saß der alte Knesebeck auf seinem väterlichen Karwe und beschloß ein bedeutendes und ereignisreiches Leben mit dem Konzipieren und Nie- derschreiben von Sinn- und Lehrgedichten, von Epis- teln und Epigrammen.

Sprecht mir doch nur immer nicht:

»Für die Nachwelt mußt du schreiben«;, Nein, das laß ich weislich bleiben, Denn es lohnt der Mühe nicht! Was die alte Klatsche spricht, Die ihr tituliert Geschichte, Bleibt, besehn beim rechten Lichte, Doch nur Fabel und Gedicht, Höchstens ein Parteigericht. Das klingt hart, aber wenn irgendwer kompetent war, so war er es. Es nimmt der Wahrheit seines Ausspruches nichts, daß eine leise Bitterkeit seine Sentenzen gelegentlich färbte: Wie du gelebt so geh zu Grabe, Still, prunklos, wenig nur gekannt. Was du für Welt, für Vaterland, Für andere hier getan, sei stumme Gabe – Des Gebers Name werde nie genannt. So schrieb er am Abend seines Lebens. Bis tief in die Nacht hinein saß er an seinem Pult. Die Schwarze Frau kam und ging, aber das Knistern ihrer Seide störte ihn nicht; er, der dem großen Gespenst des Jahrhunderts mit siegreichem Gedanken entge- gengetreten war, war schußfest gegen die Geister. Ein Jahr vor seinem Tode ward er Feldmarschall. Drei Jahre früher war ihm ein erster Enkel geboren wor-, den, zu dessen Taufe der König versprochen hatte, nach Karwe zu kommen. Er kam nicht, aber statt seiner traf ein Entschuldigungsbrief ein, dessen Na- menszug mit Hülfe eines angehängten Schnörkels in ein Wickelkind auslief. Vor diesem Wickelkind, das natürlich den kleinen Knesebeck repräsentieren soll- te, stand der König selbst (ein wohlgelungenes Port- rait von königlicher Hand) und machte dem Täufling seine Verbeugung. Darunter die Worte: »Vivat et crescat gens Knesebeckiana in aeternum.« Wir verließen das Empfangszimmer und traten wie- der in den Park. An einer der schönsten Stellen des- selben hatte uns die Gärtnersfrau ein Nachmittags- mahl serviert: saure Milch mit einer überaus einla- denden, chamoisfarbenen Sahnenschicht. Um uns her standen einundzwanzig Edeltannen und neigten sich gravitätisch in dem Winde, der ging. Diese ein- undzwanzig Tannen pflanzte der alte Feldmarschall im Sommer 1821, als die Nachricht nach Karwe kam, daß Napoleon am 5. Mai auf St. Helena gestorben sei. Auch dies Datum schuf noch eine letzte Berüh- rung zwischen den alten Gegnern; der 5. Mai war der Geburtstag Knesebecks, wie er der Todestag Napole- ons war. Unter den Papieren des Feldmarschalls aber fanden sich bei seinem im Januar 1848 erfolgten Hinschei- den nachstehende Zeilen, die der Ausdruck seines Lebens und vielleicht ein treffendes Motto märki- schen Adels sind:, Mit dem Schwerte sei dem Feind gewehrt, Mit dem Pflug der Erde Frucht gemehrt; Frei im Walde grüne seine Lust, Schlichte Ehre wohn in treuer Brust. Das Geschwätz der Städte soll er fliehn, Ohne Not von seinem Herd nicht ziehn, So gedeiht sein wachsendes Geschlecht, Das ist Adels Sitt' und altes Recht.

Karwe II Eine Revue vom alten Fritz

Es war im Frühjahr 1783, so erzählt der Feldmar- schall von dem Knesebeck in seinen Memoiren, und die Truppen, die zur magdeburgischen Inspektion unter General von Saldern gehörten, hatten unweit der Dörfer Pietzpuhl und Körbelitz, auf der soge- nannten Pietzpuhler Heide, anderthalb Meilen von Magdeburg, ein Lager bezogen. Es war gegen Mittag, und der König konnte jeden Augenblick eintreffen, da er sehr früh am Morgen von Sanssouci aufzubrechen, pflegte. Bekanntlich fuhr er mit Bauerpferde-Relais. Die Reise ging trotz des greulichen Sandes fortwäh- rend in einer Carrière; was fiel, fiel und wurde nur mäßig vergütigt. Sein Quartier nahm er in einem kleinen Häuschen am Nordwestende des Dorfes Kör- belitz. Sobald er ankam, dies wiederholte sich alljährlich, stieg er zu Pferde und ritt gleich zur Abnahme der Spezialrevue zu den Truppen. Die Regimenter, nach der Anciennetät gelagert, standen dann jedes in fol- gender Ordnung aufmarschiert. Vor dem ersten Zuge des ersten Bataillons zuerst der Kommandeur des Regiments, zu Fuß mit Esponton (nur die Generale waren zu Pferde), hinter dem Kommandeur die Jun- ker des Regiments, die dem Könige noch nicht vor- gestellt waren, hinter den Junkern die Rekruten des Jahres nach der Größe in drei Gliedern aufmar- schiert. So erwarteten wir ihn jetzt. Der schönste Frühlingstag glänzte zu unsern Häup- ten, die weite Heide war mit Zuschauern zu Wagen und zu Pferde überdeckt, und der Kräuterduft des Thymian würzte die Luft. Da sah man eine dicke Staubwolke in der Ferne, die sich uns nahte, und stiller und stiller ward es – je näher sie kam. Es war Friedrichs Wagen; bei Körbelitz angelangt, hielt er. Der König stieg zu Pferde. Es war ein ungeheuer großer Schimmel, ein Englän- der, den er dies Jahr noch ritt. Im nächsten Jahre, oder vielleicht auch erst 1785, kam er auf einem kleinen Litauer-Schimmel, Langschwanz. Sowie er zu, Pferde war, setzte er es gleich in Galopp, so daß bei dem weit ausgreifenden großen Tiere das ganze Ge- folge hinter ihm Carrière ritt. So kam der siebzigjährige königliche Greis. Ungefähr dreißig Schritt vor der Linie parierte er zum Schritt, nahm das Augenglas, sah die Linie von weitem hin- unter, ob alles gut gerichtet war, und nun hielt er dicht vor uns Junkern, ein kleiner alter Mann mit ungeheuren großen Augen und durchdringendem Blicke. Er sah uns an, wandte sich zu Saldern, der unweit von ihm zu Pferde war, und sagte: »Saldern, was sollen die vielen Boucles da? eine Boucle ist genug!« – (Es waren ihm nämlich unsere vier mit Talg und Puder eingespritzten steifen Haarlocken aufgefallen, die wir an jeder Seite des Vorderkopfes trugen. Eine große Haarlocke zur Seite war damals gerade Mode, und jeder von uns dachte daher still bei sich: Das ist unser Mann! Von diesem Augenblick an verschwan- den denn auch diese vier Perücken-Plagelocken, und eine trat an deren Stelle.) Den Krückstock auf den rechten Fuß im Steigbügel gestemmt, fragte er nun die Fahnenjunker, und es kam zu folgendem Gespräch, mit jedem der Reihe nach. »Wie heißt Er?« – »Hilitan, Ew. Majestät.« – »Wie heißt Er?«, und ohne die Antwort abzuwarten, mit immer steigendem ungnädigen Ton ihm folgende Namen gebend: »Kilian, Pelikan, Er ist nicht von A-, del?«, hob er schon den Stock, um ihn auszustoßen, als dieser ihm zurief: »Ew. Majestät haben mich von den Cadets hergeschickt; ich bin ein Westpreuße.« – »So!« – Und sei es nun, daß er sich kein Dementi geben wollte, da er ihm dort gutgetan hatte, genug, der Stock ward wieder auf die Steigbügel gesetzt. Hilitan aber ward von uns jungen Leuten von jetzt an nie mehr anders als Pelikan oder Kilian gerufen und behielt diese Namen, womit ihn Friedrich getauft hatte. – Er nahm übrigens später ein schlechtes En- de und verscholl. Der zweite hieß Hauteville. Er war aus Sardinien; sein Vater hatte ihn, nachdem er seine Studien voll- endet, an Friedrich empfohlen und anvertraut, um in dessen Armee sein Glück zu machen. Als er in Pots- dam angekommen war, hatte der König ihn, um Deutsch zu lernen, zu den Cadets geschickt und spä- ter zu unserm Regiment. So war er bereits einige zwanzig Jahre alt geworden. Bei uns hieß er »der Papa«, und wir fragten ihn wohl zuweilen: wann sei- ne Frau und Kinder nachkommen würden. Er hatte Erlaubnis erhalten, den König zu bitten, ihn bald zu avancieren. Als Friedrich auf die Frage: »Wie heißt Er?« seinen Namen hörte, sprach er zu ihm ein paar Worte italienisch, dann französisch, und als Hautevil- le mit seiner Bitte herausrückte und immer dringen- der ward, fragte er ihn etwas unwillig in deutscher Sprache: »ob er denn auch Deutsch könne«, und als Hauteville deutsch replizierte: »Kann jetzt alles kommandiere, Ihro Majestät, und bitte untertä- nigst«, so fiel er ihm in die Rede: »Nun, Herr, beru- hige Er sich doch, ich werd Ihn ja nicht vergessen«,, und in sechs Wochen war Hauteville Lieutenant beim Grenadierbataillon Meusel. Später hat er ein Füsilier- bataillon in Schlesien gehabt. Der dritte hieß Brösicke. Als der König seinen Namen hörte, sagte er bloß: »Er ist aus der Mark«, und gleich zum Folgenden: »Wie heißt Er?« – »Suhm, Ew. Majestät.« – Der Kö- nig: »Sein Vater ist der Postmeister?« – »Ja, Ew. Majestät.« Der König: »Wenn Sein Vater nicht 4000 Taler hat, soll er an mich schreiben.« – Der Vater des Suhm war nämlich schwer blessiert (wenn ich nicht irre, hatte er beide Beine verloren) und hat- te die Stelle als Versorgung erhalten. Er war ein Bru- der des Suhm, mit dem Friedrich in Korrespondenz war, die gedruckt ist. Nun kam die Reihe an mich. »Wie heißt Er?« – »Kne- sebeck, Ew. Majestät.« – »Was ist Sein Vater gewe- sen?« – »Lieutenant bei Ew. Majestät Garde.« – Der König: »Ach, der Knesebeck!«, und mit ganz verän- derter, teilnehmender Stimme gleich zwei Fragen hintereinander an mich richtend, fuhr er fort: »Wie geht es denn Seinem Vater? Schmerzen ihn seine Blessuren noch?« Mein Vater war nämlich bei Kolin schwer blessiert und quer durch den Leib und Arm geschossen. »Grüß Er doch Seinen Vater von mir!« Und als er sich schon wenden wollte, noch einmal sich umsehend und den Zeigefinger der rechten Hand, an welcher der Stock baumelte, emporhebend und mich noch einmal ansehend, sagte er mit gnädi- ger Stimme: »Vergeß Er es mir auch nicht!«, Ach, seitdem sind fünfundsechzig Jahre verflossen (so schließt Knesebeck), und ich habe diesen Gruß, der gleich bestellt wurde, da ich Urlaub dazu erhielt, und noch weniger den Ton der Stimme vergessen, mit welchem er gesprochen wurde. Lob des Krieges1 Es leb der Krieg! Im wilden Kriegerleben, Da stählet sich der Mut! Frei kann die Kraft im Kriege nur sich heben; Der Krieg, der Krieg ist gut. Den falschen Freund, der listig Treue heuchelt, Krieg macht ihn offenbar. In offner Schlacht das blanke Schwert nicht schmeichelt, Und jeder Hieb spricht wahr. Der Krieg ist gut! Er weckt die Kraft der Jugend Und zieht in seinem Schoß So manchen Sinn für hohe, wahre Tugend Zu schönen Taten groß. Der Krieg ist gut! Er ruft aus feigem Schlummer Den trägen Weichling auf, Er lohnt Verdienst, und schafft er manchen Kummer, Löst er auch manchen auf!, Der Krieg ist gut! Im Reiben seiner Kräfte Ist für die Welt Gewinn. Der Krieg macht froh, im Wechsel der Geschäfte Nimmt er die Grillen hin. Er lehrt die Kunst, das Leben zu verachten, Wenn es die Pflicht gebeut, Und immer nur es als ein Gut betrachten, Das man der Tugend weiht. Er lehret uns entbehren und genießen, Er würzt auch schwarzes Brot – Und wenn durch ihn auch manche Tränen fließen. Er gibt den schönsten Tod. Es leb der Krieg! wo hohe Kraft nur sieget, Nicht Trägheit Lorbeern flicht, Es leb der Krieg! Unsterblichkeit erflieget, Wer durch ihn Palmen bricht. Es leb der Krieg! Nur dem geb er Verderben, Der frech den Frieden bricht. Zur Schlacht, zur Schlacht! wir alle lernten sterben Für Vaterland und Pflicht. 1. Der alte Feldmarschall von dem Knesebeck hat eine ziemliche Anzahl von Gedichten hin- terlassen. Eins der seinerzeit populärsten ist, das vorstehende. Es stammt aus den Lieute- nantstagen in Halberstadt (1792).

Radensleben

Es ist so still; die Heide liegt Im warmen Mittagssonnenstrahle. Th. Storm Erst hab ich weniger auf dich geachtet, Jetzt siehst du mich vor deiner Größe beben, Seit ich »Mariä Himmelfahrt« betrachtet. Platen

I

Nicht unmittelbar am Ruppiner See, vielmehr eine halbe Meile landeinwärts, liegt Radensleben, seit über zweihundert Jahren ein Quastsches Gut. Der ursprüngliche Besitz der Quaste oder »Quäste« lag und liegt noch im Westen des Ruppiner Sees, am fruchtbaren Rande des Rhinluches hin. Garz, Vichel,, Hohrlack sind alt-Quastsche Güter, von denen ich in einem spätern Abschnitt erzählen werde, aber über das am Ostufer des Sees gelegene Radensleben sei schon an dieser Stelle berichtet. Alexander Ludolf von Quast erstand es bald nach Schluß des Dreißig- jährigen Krieges und gründete neben der Garzer Li- nie die Linie Radensleben. Sie blüht bis diesen Tag. In einem Zimmer des Herrenhauses, auf dunkelro- tem Hintergrunde, hängt streng und ernst das Bildnis Alexander Ludolfs. Radensleben, das wir in wenig mehr als viertelstün- diger Fahrt von Karwe aus erreichen, gilt als eines der schönsten Güter der Grafschaft, und zu seinen weiten Acker- und Wiesenflächen gesellen sich große Forstbestände, die sich zum Teil bis in die Rheins- berger Gegend hin ausdehnen. Aber was unser Inte- resse weckt, das ist ein andres, ist die poetische, beinah absolute Stille, die ihren Zauberkreis um dies Stück Erde zieht. Das Ruppiner Land ist überhaupt eins von den stillen in unsrer Provinz, die Eisenbahn streift es kaum, und die großen Fahrstraßen laufen nur eben an seiner Grenze hin; aber die stillste Stelle dieses stillen Lan- des ist doch das Ostufer des schönen Sees, der den Mittelpunkt unserer Grafschaft bildet und von ihr den Namen trägt. Durchreisende gibt es hier nicht, und jeder, dem man begegnet, der ist hier zu Haus; kein anderer Verkehr als der der Dörfer untereinander, und es bleibt selbst fraglich, ob das Handwerksbur- schentum in andern als in verschlagenen Exemplaren an dieser Stelle betroffen wird., Noch einmal also, keine »Passanten«. Es legt hier nur an, wer landen will. Wir sind unter diesen, fahren eben in die breite, mit prächtigen Bäumen besetzte Dorfstraße ein und hal- ten vor dem alten Herrenhause, einem geräumigen, aber anspruchslosen Bau, dessen Fachwerkwände die schlichte Art des vorigen Jahrhunderts zeigen. Ein traulich-wohnlicher Zug ist um das Ganze her, und im selben Augenblick, wo wir eintreten, erken- nen wir auch, daß das Haus nach gut märkischer Art tüchtiger ist, als es von außen her erschien, und daß seine Fachwerkwände nur eine Hülle sind, hinter der sich ein massiver älterer Bau verbirgt. Zugleich be- merken wir eine doppelarmige Treppe, die, breit und mit niedrigen Stufen ansteigend, nach rechts und links hin auf die oberen Korridore mündet. Es ist warm, und so nehmen wir in der Vorhalle Platz, um die Wohltat von Luft und Licht und den vollen Blick in die Anlagen des Gartens zu haben. Eine künstlerische Hand hat hier unverkennbar die Linien gezogen, und die Frage tritt an uns heran: Wer war hier tätig? wer schuf diese Durchsichten? wer richtete diese Statuen auf? wer gab ihnen die malerischste Stelle? Und nun verlassen wir die Vorhalle wieder, um erst im Erdgeschoß und dann im oberen Stock eine lange Zimmerreihe zu passieren, und siehe da, im reichen Anblick aller hier angesammelten Schätze wird uns zugleich Antwort auf unsere Frage. Kunst, echte, Kunst überall. Das gut Märkische schwindet und der Zauber italischer Ferne steigt vor uns auf. Erst eine Landschaft Blechens, hell, prächtig, fremd- ländisch. Der heiße Sonnenschein liegt auf dem schattenlosen Marktplatz, und blau dehnt sich das eingebuchtete Meer, an dessen Horizont ein Kuppel- turm emporsteigt. Wie schön! Und indem wir weiterschreiten, tuen sich die goldenen Tore des Südens immer herrlicher vor uns auf. Alle Namen, die vor Perugino und Raffael geglänzt, die Schöpfer moderner Malerei, hier spre- chen sie zu uns. Giotto und Giottino, Fiesole und Or- cagna, Fra Bartolomeo und Pietro Spinello Aretino, die beiden Lippis, vor allem der mächtige Mantegna – alle, die groß waren, ehe die größeren kamen, sie sind hier um uns versammelt. Die Welt der Madon- nen erschließt sich uns, und aus ihren Rahmen auf uns niederblickend, tuen sie, was sie immer taten, und lächeln Freudigkeit und Hoffnung in unser Herz. Da ist eine »Muttergottes, anbetend vor dem Kinde«, ein Terrakotta-Relief von Luca della Robbia, und da ist eine zweite (mit einem Stieglitz auf dem Händ- chen des Christkinds) in der lieblich naiven Art Filip- pino Lippis. Hier fällt das faltenreiche, lang herabwal- lende Kopftuch über die ernsten, hoheitkündenden Züge der »Himmelskönigin«, wie Fra Bartolomeo die Jungfrau gemalt, und hier breitet eine Madonna Gio- vannis da Milano ihren schwarzen, mit Rot und Gold- brokat gefütterten Mantel um Päpste, Mönche und Heilige aus und erhebt sich mit ihnen, um ihre Schützlinge mit gen Himmel zu tragen. Selbst das, große Bild in der Kirche »Annunziata« zu Florenz, das alljährlich dem anbetenden Volke nur einmal gezeigt wird – künstlerische Begeistrung hat nach flüchtigem Schauen die schönsten Köpfe desselben festzuhalten gewußt, und die hinweggelauschten Bildnisse Marias und des verkündenden Engels, sie haben jetzt eine Stätte hier, in dem stillen Herren- hause der stillen Grafschaft. Manches Kunstwerk wohl, von dem die Welt nicht weiß, verbirgt sich in märkischen Dörfern. Grab- denkmälern von Rauch und Schadow, von Canova und Thorwaldsen bin ich begegnet, Bilder aller Län- der und Schulen seit Papst Julius' Tagen hab ich ge- sehen – aber Bilder aus den Tagen der Kindheit und Keuschheit aller modernen Kunst, solche Bilder hat nur das Herrenhaus zu Radensleben. Kein andres märkisches Dorf kennt Fiesole und Mantegna, am wenigsten hat es sie. Da sind wir wieder in der Halle. Kühle weht, und wir blicken noch einmal hinunter in den Park, hinter des- sen Bäumen die Abendröte verglüht. Seine fein ge- zogenen Linien überraschen uns nicht länger mehr. Wo Madonna weilt, da weilt auch die Schönheit.,

Radensleben II

Nachstehend geb ich eine Aufzählung dessen, was sich im Herrenhause zu Radensleben an Kunstschät- zen vorfindet. Ich verweile dabei nur bei dem Be- merkenswertesten. 1. Altitalienische Bilder 1. Madonna hält mit beiden Händen das auf ihrem Schoße sitzende Christuskind. Im Hintergrunde drei Cherubimköpfe. Gewand der Madonna mit reichem Muster modelliert und sodann vergoldet und bemalt. Flaches Relief aus gebrannter Erde (Terrakotta), in reich vergoldetem Rahmen. Dieser hat die Inschrift »Ave Maria gratia plena, Dominus tecum.« Wahr- scheinlich eine Arbeit von Mino da Fiesole. Ein Ex- emplar, nach derselben Form gegossen, befindet sich im Berliner Museum. 2. Madonna, halbe Figur, anbetend vor dem Kinde; zur Rechten drei Engel, links Johannes. Madonna und Christkind sehr schön. Terrakotta-Relief von etwa zweieinhalb Fuß Durchmesser. Von der Bemalung und Vergoldung sind nur noch schwache Reste vor- handen. Trotzdem ein Prachtstück der Sammlung. Nach der Ansicht Metzgers, eines Kunsthändlers in Rom, durch dessen Vermittlung Herr von Rumohr viele Sachen fürs Berliner Museum ankaufen ließ,, von Luca della Robbia. Der einzige Zweifel, den Metzger unterhielt, war der, daß ihm kein Werk des Luca von ähnlicher Schönheit vorgekommen sei. 3. Madonna mit dem Kinde, Johannes und Engeln. Von Fra Filippo Lippi. Wie fast alle folgenden Bilder auf Holz gemalt. 4. Vermählung der heiligen Katharina. Die sitzende Madonna hält auf dem Schoße das Christuskind und neigt sich mit demselben der vor ihr zur Linken knienden heiligen Katharina entgegen, welche vom Christuskinde den Ring empfängt. Eine vorzügliche Arbeit von Sandro Botticelli, einem Schüler des Fra Filippo Lippi. 5. Madonna mit dem Kinde, welches einen Stieglitz in den Händen hält. Ein weißer Schleier fällt unter der Krone der Madonna auf den dunkel schwarzblau- en Mantel herab, welcher, auf der Brust durch eine Agraffe gehalten, sich seitwärts öffnet und das rote Gewand sehen läßt. Höchstwahrscheinlich von Fra Filippo Lippi, doch in mancher Beziehung an seinen Sohn Filippino Lippi erinnernd. 6. Madonna mit dem Kinde. Wahrscheinlich von Fi- lippino Lippi. 7. Madonna; auf Goldgrund. Sie trägt einen schwar- zen Mantel, mit rotgoldnem Brokat gefüttert. Unter dem Mantel birgt sie Päpste, Mönche, Heilige. Sehr altes Bild von Giovanni da Milano., 8. Krönung Mariä. Ausgezeichnetes Bild; der Maria in Santa Croce zu Florenz (von Giotto) und ebenso der Heiligen Jungfrau in der Brera zu Mailand so nahe- stehend, daß es Kenner mehrfach für ein Originalbild von Giotto gehalten haben. Die später erfolgte Reini- gung ließ die Jahreszahl 1338 hervortreten, wonach es also zwei Jahre nach Giottos Tode gemalt wurde. Doch zählt es immer zu den ältesten und besten Schulbildern. (Dies Bild befindet sich zur Zeit in Ber- lin, in der Wohnung der Frau von Hengstenberg.) 9. Maria und der verkündende Engel. Zwei Köpfe, nach dem großen und berühmten Bilde in der Kirche Annunziata in Florenz gemalt. Das große Bild wird alljährlich nur einmal dem Volke gezeigt; der Maler hat diese beiden Köpfe, nach einmaligem Sehen, aus dem Gedächtnis auf die Leinwand gebracht. 10. Madonna. Von Fra Bartolomeo. Aus der Gipfelzeit der Malerei; an Schönheit vielleicht allen Bildern der Sammlung voranstehend. Ein großes dunkles Kopf- tuch, unter dessen Falten das rote Kleid nur wenig hervorsieht, wallt tief herab. Der Kopf selbst zeigt einen leidenden Ausdruck. Die Formen sind edel, das Ganze voll technischer Vollendung. 11. Christus auf Goldgrund, unter einem Baldachin. In sienesischer Kunstweise, mit grünuntermalten Fleischtönen und aufgesetztem Rot. 12. und 13. Zwei Sepiazeichnungen von Mantegna. Es ist ein Pergamentblatt, von ungefähr ein Fuß Höhe und sieben bis acht Zoll Breite, das auf beiden Seiten, bemalt ist. Auf der einen Seite erblickt man einen Märtyrer (wahrscheinlich Sankt Jakobus), der von den Seinen Abschied nimmt und sie segnet. Die Zeichnung auf der andern Seite ist von noch größe- rer Schönheit. Sie stellt dar: »Der tote Christus, von Engeln beklagt«. Das Bild zeigt eine gewisse Ver- wandtschaft des Ausdrucks und der Behandlung mit dem entsprechenden Mantegna-Bilde im Berliner Museum. Die erste Seite (Sankt Jakobus, der Ab- schied nimmt und segnet) ist wahrscheinlich eine Skizze zu dem bekannten Deckengemälde von Man- tegna: »Gang zum Richtplatz und Heilung des Gicht- brüchigen« in der Kirche degli Eremitani in Padua. – Beide Bilder zeigen eine reiche Renaissancearchitek- tur; was die Art des Vortrags angeht, so ist die eine mehr in gemalter, die andere mehr in gestrichelter Manier. Das Pergamentblatt selbst ist sehr wahr- scheinlich aus einem Mantegnaschen Studienbuch genommen. 14. und 15. Zwei Heilige (fast Lebensgröße), halbe Figur, unter Spitzbogeneinrahmung. Wahrscheinlich früher ganze Figur und später abgesägt. In giot- tesker Manier; vielleicht von Giottino. 16. Ein Apostel (dreiviertel Lebensgröße), halbe Fi- gur. Abgesägt wie das vorige. Nach Metzgers Ansicht mutmaßlich von Orcagna herrührend. Auf der untere Hälfte des Bildes, aber ebenfalls auf der Vorderseite, befindet sich eine mit Weiß konturierte Skizze zu einer Madonna. Diese Skizze ist wenig mehr als fünf- zig Jahr alt, und hat der Maler derselben das alte Bild lediglich als Untermalung benutzt., 17. Das Gastmahl des heiligen Dominikus. Dominikus setzt sich, mit seinen Mönchen, im Refektorium zu Tisch und erhebt die Hände bittend gen Himmel, während der Bruder Schaffner den leeren Korb um- stülpt. Engel erscheinen und bringen Brote. Das sehr beschädigte Bild enthält noch Spuren von großer Schönheit und zierlichster Malerei, namentlich in der Behandlung der Köpfe. Es ist ein Bild von Fiesole. Metzger hat es auf das bestimmteste dafür erklärt. 18. Ein kleiner Altar mit Vorgängen aus dem Leben des heiligen Laurentius. 19. Die Begegnung des Paulus und Petrus von Pietro Spinello Aretino. 20. Verschiedene Madonnen des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, teils aus gotischer, teils aus früher Renaissancezeit. 2. Anderweitige Bilder und Kunstschätze 1. Eine Handzeichnung von Dürer. Der dornenge- krönte Christus vor dem Tode, auf dem Kreuze sit- zend. Auf grauem Papier angetuscht und meisterlich mit Weiß aufgehöht. Mit Dürers Monogramm und der groß in Weiß aufgesetzten Jahreszahl 1519. Aus der ehemalig Crennerschen Sammlung erstanden (siehe, Waagens Reisen durch Deutschland). Soll früher in Besitz des letzten Fürstabts von St. Emmeran gewe- sen sein. 2. und 3. Zwei schöne kleine Landschaften von Huysmans; in Poussinscher Art komponiert. Dunkel, viel Braun und tiefes Blau des Himmels. In Saftigkeit und Frische an dunklere Bilder Claude Lorrains erin- nernd. 4. Friedrich II. Die inkorrekte Inschrift lautet: »L'au- riginal a été fait d'après le Roy, par Amadée van Loo. Anno 1766.« 5. Portrait Blüchers. Wahrscheinlich von Weitsch. 6. Marktplatz von Ravello bei Amalfi. Von Blechen. Links eine hohe Mauer mit einem rundbogigen Ein- gang in eine Kirche. Auf dem Markt eine schöne Fon- taine und in einiger Entfernung ein einzelner Baum, in dessen Schatten Lazzaronis lagern. Rechts der Blick auf das dunkelblaue Meer. Der Kontrast zwi- schen der glühenden Sonne und der kleinen Schat- tenpartie am Brunnen ist sehr schön. 7. Zwei Arbeiten von Bouterweck. a) Eine Sibylle. (Ölbild, sehr dunkel.) Ein Herd mit geheimnisvollen Zeichen und allerhand Zauberhöl- zern. Die Sibylle selbst liest in einem geheimnisvol- len Buch, während es auf dem Herde braut und kocht. Krieger kommen, um sie gefangenzunehmen., b) Die Furien tragen die Leiche der Klytämnestra zum Orkus. Orest, Pylades und Iphigenia blicken dem finstren Zuge nach. Sepiaskizze, aufgehöht mit Weiß; eine sehr ausgezeichnete Arbeit. 8. Der Daumen (von Marmor) einer übermenschlich großen Figur. Die letztere, auf Sizilien gefunden, ge- hörte dem südlichsten Teile der Ostreihe der Tempel in Selinus an, deren übrige, im Museum zu Palermo befindlichen Skulpturen der Blütezeit der griechi- schen Kunst (fünftes Jahrhundert) angehören. Da- mals wurden vielfach die unbedeckt bleibenden Teile des Körpers: Kopf, Hände, Füße, an die Figur ange- setzt, und zwar waren Kopf, Hände, Füße von Mar- mor, während die Figur selber von bloßem Kalkstein war. Es läßt sich annehmen – um so mehr, als man deutlich erkennt, daß dieser Daumen nicht etwa ab- gebrochen ist –, daß er ebenfalls einer solchen Figur angesetzt war. Ob diese Figur die Tempelstatue sel- ber oder eine der Statuen der Giebelfelder war, ist natürlich nicht mehr festzustellen. Rauch konnte die vollendete Schönheit und Natürlichkeit dieses Frag- ments nicht genug bewundern. 3. Schinkelsche Jugendarbeiten aus der Zeit von 1796 bis 1803 Diese von Schinkel aus der Zeit von seinem fünf- zehnten bis zu seinem zweiundzwanzigsten Jahre herrührenden Arbeiten waren früher in Berlin und, über die Grafschaft Ruppin hin zerstreut (einen Hauptteil besaß Herr von Rathenow in Berlin) und wurden durch den verstorbenen Geheimrat von Quast auf Radensleben allmählich gesammelt. Sie bilden eine Kollektion von relativ hervorragendem Wert. Ihre künstlerische Bedeutung, einige Blätter abgerechnet, ist nicht groß, desto größer aber ist ihre kunsthistorische. Den Entwickelungsgang Schin- kels von frühauf zeigend, ergänzen sie das, was das Schinkel-Museum an Arbeiten des Meisters bietet, in einer nicht leicht zu überschätzenden Weise. Es sind Federzeichnungen sowie Bilder und Skizzen in Tusche und Gouache. Federzeichnungen 1. Kopie nach Rembrandt. 1796. 2. Medaillonkopf Friedrichs des Großen. 3. Juno. Wahrscheinlich aus 1796 oder 1797. 4. Pallas Athene. Wahrscheinlich aus 1796 oder 1797. 5. Portrait. Wahrscheinlich aus 1796 oder 1797. 6. Zwei Köpfe. Wahrscheinlich aus 1796 oder 1797. 7. Säulenkapitäle, dorische, ionische, korinthische. 8. Rousseau-Grotte. 9. Die Kränzliner Kirche. 1804. (1804 war er noch in Italien. Die Jahreszahl ist also, entweder nicht richtig, oder das Blatt rührt von je- mand anderem her.) In Tusche 1. Kopie nach Hogarth. 2. Seelandschaft. 3. Seelandschaft. Berlin 1797. 4. Landschaft mit Pyramide. 20. August 1797. 5. bis 8. Vier kleine Landschaften, alle aus dem Jahre 1797. 9. Größere Landschaft. 10. Ruinen des alten Theben. 1798. 11. Felsenhöhle. In bunter Tusche. 12. Remter in Marienburg. In bunter Tusche. 13. Saal der Fünfhundert in Paris. In bunter Tusche. 14. bis 20. Landschaften in schwarzer Tusche. Aus den Jahren 1798 und 1799. 21. Landschaft in bunter Tusche. 22. und 23. Grabdenkmäler in schwarzer Tusche.1) 24. Landschaft in rotbrauner Sepia. In Gouache 1., 2. und 3. Kleine Landschaften. 1797. Sehr sauber ausgeführt., 4. Neapel. 1798. 5. Potsdam bei Sonnenaufgang von Babelsberg aus. 1798. 6. Landschaft. Albumblatt. 1799. 7. dito. 1799. 8. Entwurf einer Gartenpartie. 1800. Zu diesen Bildern gesellen sich schöne Sammlungen von Münzen und Gemmen, vor allem zahlreiche Wappen mit Handzeichnungen und Skizzen interes- santer Architekturen in Deutschland, Frankreich und Italien. In bezug auf Preußen ist diese Sammlung höchstwahrscheinlich die vollständigste, die existiert; sie umfaßt alle Provinzen, besonders Rheinland, Mark, Ost- und Westpreußen. 1. Ein solches von Schinkel herrührendes Grab- denkmals- oder Mausoleumsbildchen besitz ich ebenfalls. Vielleicht das einzige Blatt, was aus der Epoche von 1796 bis 1799 außer den Ra- denslebenschen Blättern noch existiert. Es stellt einen nach zwei Seiten hin von dunklen Baum- partien eingeschlossenen Bau dar. Nach links hin öffnet sich der Blick auf eine kleine Land- schaft, die dem Beschauer zugekehrte Langseite des Mausoleums aber trägt die Inschrift: »Tran- quillitati« und darunter ein sauber ausgeführtes, Basrelief, Pluto und Proserpina, zu deren Füßen ein Bittender kniet. Es ist rechts in der Ecke mit »Schinkel 99 fecit« bezeichnet. Dies Bildchen (neun Zoll breit, fünf Zoll hoch) befand sich in Händen des Küsters in Darritz, eine halbe Meile von Kränzlin, dem es wahrscheinlich als ein Er- innerungsstück aus der Kränzliner Pfarre zuge- fallen war. Er hat es mir später überlassen. Neuruppin 1. Ein Gang durch die Stadt. Die Klosterkirche Lieblich weht's vom SGeeo hregreü bHeers, ekiel Leise, langsam, wie verdrossen Ziehen still die Wolken drüber, Gleichen Schritts mit unsern Rossen... Drüben liegt im Sonnenscheine So ein alt und sauber Örtchen, Kirch und Turm von rotem Steine, In der Mauer Ausfallpförtchen., Wir kennen jetzt das Süd- und Ostufer des Ruppiner Sees, haben Wustrau und Karwe und Radensleben durchstreift und schicken uns nun an, der alten Hauptstadt dieses Landesteiles unseren Besuch zu machen, der Stadt Ruppin selbst, die dem See, wor- an sie liegt, wie der ganzen Grafschaft den Namen gegeben hat. In schräger Linie kreuzen wir, nachdem wir Karwe und seine Uferstation wieder erreicht ha- ben, die an dieser Stelle ziemlich breite Fläche, laben uns, die Julisonne zu unseren Häupten, an der feuch- ten Kühle des Wassers und traben endlich, nach glücklicher Landung, in offenem Wagen die kahle, staubige Chaussee entlang, unsere Regenschirme als Schutz- und Schattendächer über uns. Grau wie die Müllertiere erreichen wir die Stadt, sehen mit ge- blendeten Augen anfänglich wenig oder nichts und atmen erst auf, als wir vorm Gasthofe zum Deut- schen Hause halten und freundlich bewillkommt in die Kühle des Flures treten. Moselwein und Selter- wasser stellen hier unsere Lebensgeister wieder her und geben uns Mut und Kraft, eine erste Promenade zu machen und dem Pflaster der Stadt zu trotzen. In unseren dünnsohligen Stiefeln werden wir freilich mehr denn einmal an jenen mecklenburgischen Gutsbesitzer erinnert, den seine revoltierenden Hin- tersassen auf spitzen Steinen hatten tanzen lassen. Ruppin hat eine schöne Lage – See, Gärten und der sogenannte »Wall« schließen es ein. Nach dem gro- ßen Feuer, das nur zwei Stückchen am Ost- und Westrande übrigließ (als wären von einem runden, Brote die beiden Kanten übriggeblieben), wurde die Stadt in einer Art Residenzstil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchschneiden sie, nur unter- brochen durch stattliche Plätze, auf deren Areal un- sere Vorvordern selbst wieder kleine Städte gebaut haben würden. Für eine reiche Residenz voll hoher Häuser und Paläste, voll Leben und Verkehr mag solche raumverschwendende Anlage die empfeh- lenswerteste sein, für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich. Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock, in den sich der Betreffende, weil er von Natur klein ist, nie hinein- wachsen kann. Dadurch entsteht eine Öde und Lee- re, die zuletzt den Eindruck der Langenweile macht. Die Billigkeit erheischt hinzuzufügen, daß wir es un- glücklich trafen: das Gymnasium hatte Ferien und die Garnison Mobilmachung. So fehlten denn die ro- ten Kragen und Aufschläge, die, wie die zinnoberfar- benen Jacken auf den Bildern eines berühmten Nie- derländers (Cuyp), in unserm farblosen Norden dazu berufen scheinen, der monotonen Landschaft Leben und Frische zu geben. Alles war still und leer, auf dem Schulplatze wurden Betten gesonnt, und es sah aus, als sollte die ganze Stadt aufgefordert werden, sich schlafen zu legen. Aber nicht die Öde und Stille der Stadt haben uns zu beschäftigen, sondern ihre Sehenswürdigkeiten, klein und groß. Treten wir unsere Wanderung an. Vor dem malerisch im Schatten hoher Linden gelegenen Rat- haus, in dessen Erdgeschoß sich auch die Hauptwa- che befindet, ruht auf leichter Lafette eine 1849er, Kriegstrophäe, während in Front des stattlichen Gymnasialgebäudes (auf das wir weiterhin in einem eignen Kapitel zurückkommen) die Bronzestatue Kö- nig Friedrich Wilhelms II. aufragt, die die Stadt nach dem großen Feuer von 1787 ihrem Wiedererbauer errichtete. Das in etwas mehr denn Lebensgröße hergestellte Bildnis ist eine Arbeit Friedrich Tiecks, gedanklich wenig bedeutend, aber in Form und Hal- tung jenes künstlerische Maß bekundend, das, wo andere Vorzüge fehlen, selbst schon wieder als Vor- zug gelten kann. Mehr als dies Denkmal nimmt unsere Aufmerksam- keit die alte Klosterkirche in Anspruch, die sich an der Ostseite der Stadt in unmittelbarer Nähe des Sees erhebt und das einzige Gebäude von Bedeutung ist, das bei dem mehrerwähnten großen Brande ver- schont blieb. Diese Klosterkirche ist ein alter, in goti- schem Stile aufgeführter Backsteinbau aus dem Jah- re 1253 und gehörte dem unmittelbar daneben gele- genen Dominikanerkloster zu, von dem seit Restau- rierung der Kirche auch die letzten Spuren ver- schwunden sind. Über diese Restaurierung selbst gibt eine die halbe Wand des Kirchenschiffs bede- ckende Inschrift folgende Auskunft: »Dieses Gottes- haus wurde seit dem Jahre 1806 wiederholt durch feindliche Truppen entweiht und verfiel während des Krieges dergestalt, daß es über dreißig Jahre nicht für den öffentlichen Gottesdienst benutzt werden konnte. Durch königliche Gnadenwohltat wurde die- ses erhabene Denkmal echt deutscher Kunst und Frömmigkeit seiner eigentlichen Bestimmung zu- rückgegeben, indem es auf Befehl Seiner Majestät, Friedrich Wilhelms III. wiederhergestellt und in Ge- genwart seines Nachfolgers, Seiner Majestät Fried- rich Wilhelms IV., feierlich eingeweiht wurde am 16. Mai 1841.« Über dieser Inschrift befindet sich eine andere aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, worin die Überweisung dieser Kirche seitens des Kur- fürsten Joachims II. an die Stadt Ruppin ausgespro- chen wird. Ähnliche Notizen im Lapidarstil gesellen sich hinzu und mindern in etwas den Eindruck äu- ßerster Kahlheit und Öde, woran die sonst schöne Kirche bedenklich leidet. Dies Verfahren, durch In- schriften zu beleben und anzuregen, sollte überhaupt überall da nachgeahmt werden, wo man zur Restau- rierung alter Baudenkmäler schreitet. Selbst Leuten von Fach sind solche Notizen gemeinhin willkommen, dem Laien aber geht erst aus ihnen die ganze Be- deutung auf. Und zu diesen Laien gehört vor allem die Gemeinde selbst. Ohne solche Hinweise weiß sie selten, welche Schätze sie besitzt. Ja, das Maß der Unkenntnis und Indifferenz ist so groß, daß es denen zu denken geben sollte, die nicht müde werden, von dem Wissen und der Erleuchtetheit unserer Zeit zu sprechen. Auffallen muß namentlich, wie absolut nichts unser Volk von der vorlutherischen Periode seiner Geschichte weiß. Man kennt weder die Dinge noch die Worte dafür, und unter zwanzig Leuten auf dem Lande wird nicht einer wissen, was der »Krummstab« sei. In der Ruppiner Klosterkirche fragt ich die Küsterfrau, welche Mönche hier wohl gelebt hätten, worauf ich die Antwort erhielt: »Ich jlobe, et sind kattolsche gewesen.«, Die Ruppiner Klosterkirche wird in der oben zitierten Inschrift ein »erhabenes Denkmal echt deutscher Kunst« genannt, was richtig und nicht richtig ist, je nachdem. Die Mittelmark, im Gegensatze zur Alt- mark und dem Magdeburgischen, ist im ganzen ge- nommen so wenig hervorragend an Baudenkmälern aus der gotischen Zeit, daß keine besondere Schön- heit nötig war, um mit unter den schönsten zu sein. Das Innere der Kirche, trotz seiner Inschriften, ist immer noch gerade kahl genug geblieben, um sich der »Maus und Ratte« zu freun, die der den Decken- anstrich ausführende Maler in gewissenhaftem Anschluß an eine halb legendäre Tradition an das Gewölbe gemalt hat. Die Tradition selbst aber ist folgende. Wenige Tage nachdem die Kirche, 1564, dem lutherischen Gottesdienst übergeben worden war, schritten zwei befreundete Geistliche, von de- nen einer noch zum Kloster hielt, durch das Mittel- schiff und disputierten über die Frage des Tages. »Eher wird eine Maus eine Ratte hier über die Wöl- bung jagen«, rief der Dominikaner, »als daß diese Kirche lutherisch bleibt.« Dem Lutheraner wurde jede Antwort hierauf erspart; er zeigte nur an die Decke, wo sich das Wunder eben vollzog. Unser Sandboden hat nicht allzuviel von solchen Le- genden gezeitigt, und so müssen wir das Wenige werthalten, was überhaupt da ist. Die Klosterkirche ist eine Schöpfung Gebhards von Arnstein, Grafen zu Lindow und Ruppin. Dies mag, uns, im nächsten Kapitel, zu einer kurzen Bespre- chung dieses berühmten Geschlechtes führen. 2. Die Grafen von Ruppin Die Särge seiner Ahnen

Standen die Hall' entlang. Es stand an kühler Stätte Ein Sarg noch ungefüllt, Den nahm er zum Ruhebette, Zum Pfühle nahm er den Schild. Uhland

Friedrich Wilhelm III., wenn er im Auslande reiste, liebte es, unter dem Namen eines »Grafen von Rup- pin« sein Inkognito zu wahren. Auch andere königli- che Hohenzollern haben ein Gleiches getan, Friedrich der Große zum Beispiel, als er kurz nach seiner Thronbesteigung eine Reise nach Bayreuth und in die westfälischen Landesteile machte. Diese Tatsache mag es rechtfertigen, wenn wir uns auch heute noch, wo der Letzte jenes alten Grafengeschlechtes längst zu seinen Vätern versammelt wurde, die Frage vor- legen: Wer waren die Grafen von Ruppin?, Mit den erobernden Anhaltinern kamen auch die thü- ringisch-mansfeldischen Grafen von Arnstein in die Marken und wurden früher oder später mit Lindow1) und Ruppin belehnt. Bis ins dreizehnte Jahrhundert hinein nannten sich die so neubelehnten Grafen im- mer nur bei ihrem alten Geschlechtsnamen: Grafen von Arnstein, und nahmen später erst den Titel der »Grafen zu Lindow« an. Grafen zu Ruppin wurden sie jederzeit nur irrtümlich und ausnahmsweise genannt, da das Ruppiner Land eine Herrschaft und keine Grafschaft war. Wir aber, ohne historisch- genealogische Skrupel, folgen der später allgemein gewordenen Sitte und sprechen in nachstehendem von den »Grafen zu Ruppin«. Die Grafen zu Ruppin waren die mächtigsten Vasal- len der brandenburgischen Markgrafen und auch die treusten wohl. In einem Zeitraume von drei Jahr- hunderten schwankten sie nur einmal, und zwar in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, als die Verwirrungen der bayrisch-luxemburgischen Pe- riode durch das Auftreten des Falschen Waldemar ihren Gipfelpunkt erreicht hatten. Die Ruppiner Grafen waren anders wie andere im Lande. War es nun der Umstand, daß sie, als mäch- tigste Lehnsträger, ebensooft fast neben den Mark- grafen als unter ihnen standen, oder waren es in Kraft erhaltene Traditionen aus dem alten Kulturlan- de Thüringen her, gleichviel, ihr Auftreten hatte we- nig gemein mit der Haltung des halb rauflustigen, halb bäurischen Landadels um sie her, und die Küns- te des Friedens standen ihnen höher als jenes Waf-, fenhandwerk, das sich selber Zweck ist oder gar ei- nem fremden Interesse dient. »Streitbare Grafen«, comites bellicosissimi, werden sie zwar gelegentlich in alten Urkunden genannt, und die Geschichte, wie nicht verschwiegen werden soll, erzählt sogar von einzelnen, die südlich im Mailändi- schen und nördlich auf der Heide von Schleswig als Krieger geglänzt, aber das Glück war ihnen selten hold und schien sie durch Nichterfolge belehren zu wollen, daß ihr Schlachtfeld ein anderes sei. Sie wa- ren mit am Kremmer Damm (1331) und wurden ge- schlagen, sie zogen in ihren vielfachen Fehden mit den Pommerherzögen regelmäßig den kürzeren, und Graf Otto – der tapferste, der bei Falköping an der Seite des Schwedenkönigs Albrecht gegen die »schwarze Margarete« stritt – teilte das Schicksal seines königlichen Freundes und wurde mit ihm ge- schlagen und gefangen. Und wie die Schicksale des Hauses, so schien auch die Natur selber die Ruppiner Grafen auf ein anderes Feld als das des Krieges ver- weisen zu wollen, denn während es von den Grafen zu Pappenheim heißt, daß sich auf ihrer Stirn zwei blutrote Schwerter gekreuzt hätten, erzählt der Chronist von den Ruppiner Grafen nur, »daß sie mit einem Loch im Ohrläppchen geboren worden seien«. Welch entschiedener Hinweis auf das zartere Ge- schlecht! Sie waren nicht comites bellicosissimi, aber sie wa- ren sicherlich, wie sie in anderen Urkunden genannt, werden, viri nobiles et generosi. Feine Sitte und wahre Frömmigkeit zeichneten sie aus; sie standen fest zur Kirche, und »Mitleid und Guttätigkeit« waren erbliche Züge. Graf Ulrichs Sprüchwort hieß:

Hew ick Geld, so mütt ick gewen, Andre Stände mütten ock lewen;

und als vorher oder nachher ein anderer Graf Ulrich hinausgetragen wurde, sang man im ganzen Lande Ruppin:

Ulrich, det was en gode Herr; Schade, dat he lewt nich mehr.

Aber die Ruppiner Grafen begnügten sich nicht mit »Frömmigkeit und Guttätigkeit«, sondern verfügten auch über apartere Züge. Graf Waldemar war ein passionierter Tourist, wenn man ein so modernes Wort will gelten lassen, und Graf Burchard, ein Freund des dichterischen Markgrafen Otto mit dem Pfeil, dichtete selbst und turnierte mit Versen so gut wie mit Lanzen. Das war damals nicht Landesbrauch in den Marken, und nur die Grafen von Ruppin, in deren Adern noch thüringisches Blut floß, konnten derlei Dinge wagen. Spärliche Zeilen aus Burchards Dichtertum sind auf uns gekommen, Worte, die er an Elisabeth, sein »geliebt Gemahl«, gerichtet hat. Sie lauten:

Fulget Elisabeth et floret inter uxores,

,

Quas Rupina fovet clarissimas inter sorores, Haec mea lux, mea spes per omnes inter nitores.

Also etwa:

Es leuchtet Elisabeth unter den Frauen, Wie Ruppin unter seinen Schwestern zu schauen, Mein Trost, meine Hoffnung, um drauf zu bauen.

Die Ruppiner Grafen waren von ihrem ersten Auftre- ten an Männer von Welt, von Wissen, von Voraus- sicht und Klugheit, und da sich derartige Elemente, wie durchaus wiederholt werden muß, in damaliger Zeit hierlandes schwer betreffen ließen, so war ihre vorzüglichste Wirksamkeit in aller Bestimmtheit vor- gezeichnet: es waren ritterliche Herren, aber vor allem Hofleute, Diplomaten. Sie kannten und übten die schwere Kunst der Nachgiebigkeit und wußten zwischen Festigkeit und Eigensinn zu unterscheiden. Daher begegnen wir ihnen oft auf den Reichstagen in Kostnitz und Worms, als Begleiter und Berater ihrer markgräflichen Herren, und wo es einen Streit zu schlichten gab, da waren die Ruppiner Grafen die Vertrauensmänner beider Parteien, und das Schieds- richteramt lag, wie erblich, in ihren Händen. Sie waren ein bevorzugtes, hochvornehmes Ge- schlecht, ein Geschlecht vom feinsten Korn, aber eines mußten sie vermissen – die Liebe ihrer Unter- tanen. Hafftitius, der Chronist, erzählt uns: »Die Grafen waren fromm und demütig und guttätig, aber, waren doch wenig geliebt und geachtet trotz aller Gütigkeit. Denn obwohl die Herren Grafen oftmals den Rat und die fürnehmsten Bürger zu Neuen- Ruppin mit ihren Weibern und Kindern zu Gaste ge- laden und unter den Bäumen zwischen Alten- und Neuen-Ruppin haben Maienlauben machen und Tän- ze aufführen lassen, sie auch wohl traktieret und alles Liebste und Beste ihnen angetan, so sind doch Rat und Bürger den Herren Grafen immer entgegen gewesen.« Woran es lag, wer die Schuld trug – wer mag es sa- gen? Kaum Vermutungen lassen sich aussprechen. Einen ersten Grund zu Zerwürfnissen gaben vermut- lich die Geldverhältnisse des gräflichen Hauses, die, zumal im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer zerrütteter wurden. Rat und Bürgerschaft mußten aushelfen, die Ver- pfändungen begannen; so ging der Glanz des Hauses hin und mit dem Glanz endlich Ansehn und – Liebe. Alles sank hin, zuletzt das Geschlecht selber. Der letzte war Graf Wichmann, geboren 1503 auf dem alten Seeschloß zu »Alten-Ruppin«. Kaum vier Jahr alt, verlor er beide Eltern, und nur die Großmut- ter, Anna Jacobine, eine geborne Gräfin von Stol- berg-Wernigerode, stand neben dem verwaisten Kin- de. Sie war eine stolze, herrschlustige Frau, und während Johann von Schlabrendorf, Bischof zu Ha- velberg, nur dem Namen nach die Vormundschaft führte, führte sie Anna Jacobine in Wirklichkeit. Wäh- rend der Zeit dieser Vormundschaft, im Jahre 1512, fand zu Ruppin auch jenes große, mehrfach be-, schriebene Turnier statt, das damals im ganzen Lan- de von sich reden machte und mit einer Pracht be- gangen wurde, wie sie weder in Berlin noch zu Cöllen an der Spree bis dahin gesehen worden war. Kurfürst Joachim erschien mit einem reichen Gefolge von be- waffneten Rittern und 300 Speerreitern, und mit dem Kurfürsten kam sein Bruder, der Kurfürst Albrecht von Mainz. Die Kurfürstin kam in einer vergoldeten, mit Atlas bedeckten Kutsche (der ersten, deren in Norddeutschland Erwähnung geschieht) und wurde von zwölf anderen Wagen, die mit purpurfarbenen Decken behangen waren, in welchen »das Hof- Frauenzimmer« saß, begleitet. Ihnen folgten die Herzöge Heinrich und Albrecht von Mecklenburg, Johann und Heinrich von Sachsen, Philipp von Braunschweig, die Bischöfe von Havelberg und Bran- denburg und andere Fürsten mehr. Der Kurfürst und der Herzog Albrecht von Mecklenburg erwiesen sich als die Stärksten und Gewandtesten beim Turnier. Da die Bewirtung so vornehmer Gäste wohl nur klei- neren Teils durch die Stadt und vorwiegend aus dem gräflichen Säckel erfolgte, so ist es nicht unwahr- scheinlich, daß die gedachte Ehre den finanziellen Ruin beschleunigte. 1520 starb der Bischof von Havelberg, und der sieb- zehnjährige Wichmann wurde mündig erklärt. Der Druck großmütterlicher Autorität hatte die rasche Entwicklung seiner Gaben nicht zurückhalten kön- nen, und der Kurfürst selbst war es, der dem früh herangereiften Grafen, trotz seiner Minderjährigkeit, die Verwaltung des väterlichen Erbes anvertraute. War doch der Kurfürst selbst mit fünfzehn Jahren zur, Herrschaft über die Marken gelangt. Graf Wichmann nahm denn auch den Hans von Zieten zu Wildberg zu seinem Geschwornen Rat und ging 1521 im Gefolge des Kurfürsten auf den Reichstag zu Worms; aber der Stern des Hauses stand im Niedergang, und sein Erlöschen war nah. Zu dem Schwinden von Hab und Gut, zu jeder äußeren Zerrüttung gesellte sich, wie es scheint, auch eine zerrüttete Gesundheit. Wo- durch zerrüttet, steht dahin. Der Graf war ein Freund der Jagd und der Frauen, wenigstens erklärt sich nur so die erste Strophe des alten, weiterhin mitgeteilten Liedes. Auf der Jagd war es auch, wo ihn die tödliche Krank- heit befiel. Verschiedene seiner Hofleute rieten zu einem Arzt, aber in Neuen-Ruppin war keine ärztli- che Hülfe zu beschaffen (die Städte Ruppin, Wuster- hausen und Gransee hatten seit 1466 einen gemein- schaftlichen Bader), und einen Arzt von Berlin her- beizuholen, dazu war man bereits zu arm. Das Fieber wuchs, und um es zu bekämpfen, heizte man, similia similibus, das Zimmer des Kranken wie einen Back- ofen und gab ihm Met und Wein. Er starb schon nach wenigen Stunden. Die alte Gräfin, Anna Jacobine (gestorben 1526), die ihn, unbeschadet ihrer Herrschsucht, von Herzen geliebt hatte, war untröst- lich über den Tod des Enkels, und die Mönche in Ruppin beklagten den Verlust in folgendem Lied:

Der edle Herr Wichmann zog jagen aus, Eine falsche Frau ließ er zu Haus Mit ihren vergüldeten Ringen.

, »Ach Kersten, lieber Jäger mein, Mir ist von Herzen allzu weh, Ich kann nicht länger reiten.« Sie machten ihm die Stube heiß, Darinnen ein Bett war weich und weiß, Drin sollte der Herre ruhen. Sie schenkten ihm Met und schenkten ihm Wein. Das nahm dem Herrn das Leben sein, Dem edlen Herrn Wichmanne. »Großmutter und lieb Schwester mein, Steckt in meinen Mund ein Tüchelein Und kühlt doch meine Zunge. Daß ich nun von euch scheiden soll, Das machet all der bittre Tod; Wie gern noch möcht ich leben.« Ein schwarzer Wagen, drin legten sie ihn, Sie führten zu Nacht ihn nach Ruppin, Sie begruben ihn in das Kloster.2) Sie schossen ihm nach sein Helm und Schild, Sie hingen auf sein Wappenbild Am Pfeiler im hohen Chore.,

Die alte Gräfin murmelte still:

»O weh, o weh, Mein liebes Kind,

Daß ich hier steh – die Letzte.«

Wenige Tage nach dem Tode Graf Wichmanns er- schien Kurprinz Joachim (der spätere Joachim II.), um dem Leichenbegängnis beizuwohnen und die Un- tertanen in Eid und Pflicht zu nehmen. Das Lehn war erledigt, und die Herrschaft Ruppin ward als Kreis in die Kur- und Mittelmark eingereiht. Die Hohenzollern aber gesellten von jenem Tage an zu der stattlichen Reihe ihrer andern Namen und Titel auch noch den eines »Grafen von Ruppin«. 1. Dies Lindow ist nicht das märkische Städtchen gleichen Namens, zwei Meilen östlich von Ruppin, dessen Klosterruinen bis diesen Tag höchst malerisch zwischen dem Wutz- und dem Gudelack-See liegen, sondern die Graf- schaft Lindow in der Nähe von Zerbst. 2. Über der alten Gruft der Grafen zu Ruppin in der im vorigen Kapitel ausführlicher erwähn- ten Klosterkirche standen folgende, von der Hand der Mönche herrührende Reimzeilen:

Hierunner is der edlen Herrn van Lindow Grafft Van olders hefft se gewerket Godes Krafft, Dorch oren (ihren) Veddern Broder Wichman,

, Want hy altererst huff (hub) dat Kloster an. Greve Ghenerd, de uns de Steve hefft gegeven Van synet und alle synes Geslechte wegen, De is de erste, de syn Graff hie hefft ghekaren. Gott geve, dat erer aller Sylen nimmer werden verlaren. 3. Die Zeit unter den Grafen bis zum Dreißigjährigen Krieg Nun fahre wohl, Landfriede! nun, Lehndienst, gute Nacht! Es herrscht der freie Ritter, der alle Welt verlacht. All die Zeit über, namentlich während des vierzehn- ten und fünfzehnten Jahrhunderts, hatte Ruppin, wie die Mehrzahl der märkischen Städte, seine Fehden mit dem umwohnenden Adel, Fehden, zu denen sich von Zeit zu Zeit auch innere städtische Streitigkeiten und sogar Volksausbrüche gegen das Gebaren der niederen Geistlichkeit gesellten., In den Kämpfen zwischen der Stadt und dem Land- adel spielte die sogenannte »Kuhburg«1) eine Rolle. Sie stand auf den Kahlenbergen, eine Meile nördlich von der Stadt, auf dem Wege nach Rheinsberg, und diente zunächst als »Luginsland«. Rückten die Feinde an, so gab der Wächter sein Zeichen, und die Bür- ger, die gemeinhin als Besatzung in diesem Turme lagen, brachen nun mit ihren Knechten und Reisigen hervor, teils um das Vieh zu retten, teils um dem Angriff zu begegnen. Zu nachhaltigen Unternehmun- gen kam es selten, besonders nachdem beide Partei- en die Nutzlosigkeit einer ernsteren Kriegführung erprobt hatten. Die Adligen, nach vielfach gescheiter- ten Versuchen, waren ebenso abgeneigt, die wohl- verwahrte Stadt2) anzugreifen, als die Bürger eine Scheu hatten, sich an der Einnahme unzugänglicher »Sumpfburgen« zu versuchen. Die immer bedrohte Sicherheit hatte auf beiden Seiten zu einem ausge- bildeten Defensivsystem geführt, und während jetzt der Grundsatz gilt: »daß der Angriff stärker sei als die Verteidigung«, galt damals das Umgekehrte. So begnügte man sich mit Überfällen, bei denen die Bürger insoweit den kürzeren zogen, als ihr Handel und Wandel ein größeres und bequemeres Angriffs- objekt bot. 1365 und 1386 werden in einem Ruppi- ner Schloßregister die gefürchtetsten Feinde aus der Umgegend genannt. Es sind: Tacke de Wontz, Rein- ecke von Garz, Wedego von Walsleben, Lüdecke von Winterfeldt, Claus von Winterfeldt und Hans von Lü- deritz. Die drei erstgenannten Familien sind ausge- storben., Es kamen selbstverständlich auch »stillere Zeiten«. Aber wenn in diesen die Fehde ruhte, so ruhte doch selten der Groll im Herzen, und allerorten, wo Adel und Bürger bei Wein und Bier, bei Spiel und Festlich- keit zusammenkamen, war immer Gefahr vorhan- den, die alte Fehde neu ausbrechen zu sehen. Die bitterste der Art, die lange nachwirkte, fiel in die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts. Es ver- hielt sich damit wie folgt. In einem Wirtshause Ruppins saßen Adlige und Bür- ger beieinander; man trank, man schwatzte, aus dem Schwatzen wurde Streit, ein Adliger zog seine Waffe und stach einen der Bürger nieder. Die Tat wurde ruchbar auf der Stelle, und die Stadt, die da- mals noch ihre eigene Gerichtsbarkeit hatte, ließ den Übeltäter greifen, gefangensetzen und verurteilte ihn zum Tode durch das Schwert. Als das Urteil und die zur Vollziehung festgesetzte Zeit unter dem Adel der Umgegend bekannt wurde, versammelten sich die Edelleute dicht vor dem Tore in der Nähe der Richt- stätte, um ihren Standesgenossen zu befreien. Der Rat jedoch, der davon Kunde erhielt, traf seine Maß- regeln. Er hielt das Außentor verschlossen und ließ dem Verurteilten zwischen dem Außen- und Innento- re (»nahe bei dem ersteren, damit die Ritter es hö- ren könnten«) den Kopf abschlagen. Dann wurde das Außentor geöffnet, und die Edelleute durften den Leichnam ihres gerichteten Standesgenossen zur Bestattung mit sich nehmen. Der Adel klagte bei dem Markgrafen, wahrscheinlich bei Albrecht Achill, und der Stadt, der in diesem Falle trotz ihrer eigenen Gerichtsbarkeit die Pflicht obgelegen hätte, eine hö-, here Instanz anzurufen – wurde als Strafe auferlegt: hinfort keinen freien Adler mehr im Wappen zu füh- ren, sondern einen verkappten. Noch bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts deutete ein eisernes Kreuz zwischen Außen- und Innentor die Stelle an, wo die Stadt, über ihr Recht hinaus, einen ihrem Gericht nicht unterstellten Adligen vom Leben zum Tode ge- bracht hatte. Ob der »verkappte Adler« den Ruppinern ein beson- deres Herzeleid angetan, stehe dahin, jedenfalls aber sahen sie sich von härteren und fühlbareren Folgen betroffen, als sie, bei anderer Gelegenheit, ebenfalls ihren Rechtseifer nicht gezügelt und an einem Geist- lichen, an dem Diakonus Jakob Schildicke, eine »ra- sche Justiz« geübt hatten. Die Sache war die: In der Stadt Ruppin, wie in der Umgegend, waren seit einiger Zeit Diebstähle aller Art verübt worden; Geld, Tuch, goldene und silberne Geräte wurden so- wohl aus Privathäusern wie aus Kirchen entwendet. Verdacht entstand gegen diesen und jenen, ver- schiedene wurden eingezogen; alle jedoch mußten wieder entlassen werden, weil die Untersuchung nichts gegen sie ergab. Endlich setzte der Magistrat eine Haussuchung fest, von der auch die Geistlichen, deren Ruppin damals gegen fünfzig zählte, nicht ausgeschlossen blieben. Und wirklich, in der Woh- nung des Jakob Schildicke fand man das gestohlene Gut. In seinem geistlichen Ornate ward er ins Ge- fängnis geführt, und sein eigenes Geständnis, das am andern Tage erfolgte, überzeugte die Richter von seiner Schuld. Aber dies eigene Geständnis genügte, nicht, und durch Glockenläuten wurde das Volk zu- sammengerufen, um unter Gottes freiem Himmel ein ordentlich Gericht zu halten und die Strafe für diesen seltenen Verbrecher festzusetzen. So wollten es Richter und Magistrat. Das Volk indes war gegen jeden Aufschub und verlangte stürmisch und ohne gesetzliche Prozedur die augenblickliche Hinrichtung. Zwei Bürger, Koppe Königsberg und Heinrich Keller, wurden durchs Los zu Vollstreckern gewählt (man hatte damals, wenigstens in den kleineren Städten, noch keinen Nachrichter), und Jakob Schildicke hing am Galgen, ehe noch eine Stunde vergangen war. Dies Stück Volksjustiz – dem entgegenzutreten Rich- ter und Magistrat nicht die Macht hatten – rief inner- halb der gesamten Geistlichkeit einen Sturm des Unwillens hervor, die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg brachten es vor den Papst, und Ruppin ward in den Bann getan. Handel und Verkehr stock- ten, die Tore waren wie gesperrt, und jeder Ruppi- ner, der sich außerhalb der Stadt betreffen ließ, war vogelfrei. Es kostete viel demütiges Bitten, eh end- lich, nach sechs Jahren, die Absolution erwirkt wer- den konnte, der umwohnende Adel aber fand es be- quem, keine Notiz von der Freisprechungsbulle zu nehmen und seine Angriffe, unter dem Titel: »Im Dienst der Kirche«, fortzusetzen. Die Frage entsteht: Wie stellten sich die Grafen, die doch die nächstoberste Macht im Lande waren, zu all diesen Übergriffen? Waren sie nie zur Hand, um die Städte gegen den Adel, und nie zur Hand, um den Adel gegen die Städte zu schützen? Es scheint, daß ihnen früh der Zügel der Herrschaft entfiel; mühsam, sich selber bei Ansehen haltend, waren sie viel zu schwach, um in jedem gegebenen Falle, gleichviel nun, wie sich die Rollen tauschten, das Recht des Schwächeren gegen den Stärkeren wahrzunehmen. Schutz und Ordnung kamen erst in diesen Lan- desteil, als ein neues, lebendiges Regiment an die Stelle des alten, hinfälligen trat, mit andern Worten, als die Hohenzollern – nach dem Tode des letzten Grafen, Wichmann – das Ruppiner Land als Lehn einzogen und sich selber als die Herren desselben etablierten. Dies war 1524, wie wir gesehen. Es kam nun ein Jahrhundert rasch wachsender Pros- perität. Die Stadt wußte sich den Hohenzollern zu verpflichten und empfing dafür, neben der Bestäti- gung alter Privilegien, neue Freiheiten und Vorrech- te. Die Zünfte und Innungen waren stark besetzt, und Handel und Verkehr blühten unter den Joachims, wie es die Stadt nie vordem gekannt hatte. Der Dreißigjährige Krieg, der wenige Jahrzehnte später dem allem ein Ende machte, warf keine voraufzie- henden Schatten in die Ruppiner Gemüter, ahnungs- los lebte jeder dem Augenblick, und an die Stelle der kriegerischen Erregtheit, in die einst die nachbarli- chen Fehden die guten Bürger von Ruppin versetzt hatten, traten jetzt die friedlicheren Aufregungen, zu denen abwechselnd eine Predigt gegen die Pluderho- sen oder eine dem Kurfürsten zu leistende »Huldi- gung« einen immer erwünschten Anlaß gaben. Die erste Huldigung, die Stadt und Grafschaft nach dem Tode des letzten Grafen (1524) dem damaligen, Kurprinzen Joachim darbrachten, war entweder von besonderer Nüchternheit, oder die Aufzeichnung faß- te sich allzu kurz. Desto mehr erfahren wir über die Huldigung, die, gegen Ausgang desselben Jahrhun- derts, die Ruppiner dem Kurfürsten Joachim Friedrich leisteten. Kaspar Witte, einer der beiden Bürgermeis- ter, hat den Hergang selbst beschrieben. Es heißt darin: Am 23. Juni 1598 kamen der Kurfürst samt Gemah- lin zur Huldigung nach Neuruppin; mit ihnen waren die Kanzlei und der Hofstaat. Der ganze alte und neue Rat, dazu die Deputierten von Wusterhausen und Gransee, von Lindow, Zehdenick und Alten- Ruppin, als sie hörten, daß der kurfürstliche Zug die Grenze überschritten habe, fuhren auf dreien Wagen bis an den Egelpfuhl, um daselbst Seine Durchlaucht zu begrüßen. Nachdem sie zwei Stunden gewartet hatten, kam der Kurfürst. Der Rat und die Deputier- ten gingen ihm vierzehn bis sechzehn Schritte ent- gegen. Er gab jedem die Hand. Der Kanzler Johann von Löben (der Schwiegervater des später so be- rühmt gewordenen Konrad von Burgsdorf) stellte sich darauf neben den Wagen, und der regierende Bürgermeister, Andreas Berlin, hielt eine lange Rede und überreichte die Schlüssel der Stadt. Der Kanzler antwortete in einer kurzen Rede. Nun bewegte sich der Zug langsam in die Stadt. Der Magistrat und die Deputierten begleiteten den kurfürstlichen Wagen auf beiden Seiten zu Fuß, ungeachtet es stark regne- te, wofür sie aber durch die Unterhaltung mit Seiner Durchlaucht schadlos gehalten wurden. Vom Rosen- garten bis zum Rathause stand die Bürgerschaft in, zwei Reihen, unter ihnen 150 »Buntröcke« oder Sol- daten, welche Ehrenschüsse taten. Darauf speiste der Kurfürst samt seiner Gemahlin auf dem Rathau- se; ihnen zunächst saßen die beiden durchnäßten Bürgermeister, Andreas Berlin und Kaspar Witte. Es herrschte ein heiterer, ungezwungener Ton, und Graf Hunert von Zerbst, der dazumalen kurfürstlicher Hauptmann auf dem Seeschloß von Alt Ruppin war, »brachte viel Scherz und launige Rede an, von Jung- fern und Frauen, von Ehebrecherei und anderer Löf- felei«. (Unser Gewährsmann Bratring, dem wir diese Stelle entnehmen, bemerkt dazu vorwurfsvoll, daß angenehme Zweideutigkeiten also auch damals schon in gebildeter Gesellschaft betroffen worden seien.) Die Anwesenheit des kurfürstlichen Paares dauerte zwei Tage. »Der Magistrat hatte die sämtliche Die- nerschaft beschenkt, zugleich aber mit allen Köchen und Kammerknechten sich gezankt«, und war des- halb froh, als am dritten Tage die Huldigungsfeier- lichkeiten vorüber waren. Wenn Bürgermeister und Deputierte, wie wir aus dieser Kaspar Witteschen Relation ersehen, sich mit »Köchen und Kammerknechten zankten«, so stiegen sie, in besonderer Erwägung dessen, was es damals mit dem Ruppiner Magistrat auf sich hatte, eigentlich tief unter sich selbst herab, denn nach andern Be- richten, die uns vorliegen, hatte Ruppin, etwa um dieselbe Zeit, wo Joachim Friedrich zur Huldigung erschien, nicht mehr und nicht weniger als sein au- gusteisches Zeitalter. Die Stadt, so bemerkt der, Chronist, trat eben damals in eine Periode ein, die wir mit Recht die gelehrte nennen dürfen. Der Adel, in dessen Händen bis dahin sich die vorzüglichsten Magistratsstellen befunden hatten, ging auf seine nachbarlichen Güter zurück, und statt seiner nahmen »gelehrte und berühmte Männer« die erledigten Sit- ze ein. Ruppin entfaltete sich zu einem Beschützer der Musen und freien Künste, und die Kämmereire- gister aus dem Schluß des sechzehnten Jahrhunderts geben uns Auskunft darüber, in welcher Weise das Mäzenatentum der Stadt damals nachgesucht und betätigt wurde. Im Jahre 1573 überschickte Nikolaus Rensperger, Künstler und Mathematiker zu Halle, einen geschickt gearbeiteten Quadranten und emp- fing »dreiunddreißig Groschen« nebst einem Dankes- schreiben – die meisten Arbeiten aber, die eingingen, waren literarisch-theologischer Natur und wurden in artigster Form entgegengenommen. Petrus Sinapius aus Garz schickte sein gelehrtes Carmen »de Sanctis Angelis« (1580), Balthasar Leutinger überreichte 1585 sein Werk »de principio theologico«. Die Hono- rare, die zur »Ermunterung ferneren Fleißes« bewil- ligt wurden, waren nicht bedeutend, Petrus Sinapius erhielt zwei Gulden sieben Groschen, Balthasar Leu- tinger einen Golden und elf Groschen; wie beschei- den aber auch diese Ehrensolde sein mochten, sie hatten ihren Wert und ihre Bedeutung in der Verglei- chung untereinander. Die eigentlichen belles lettres, so scheint es, kamen schon damals zu kurz, und George Pondo, der, unter dem Titel »Der Knaben- spiegel«, eine Komödie zu überreichen wagte, erhielt seine Arbeit zurückgesandt unter einfacher Beifü- gung von sechs Groschen., Wie seltsam diese Dinge, besonders auch diese Summen, uns heutigen Tages erscheinen mögen, sie waren weder kleinlich noch komisch zu ihrer Zeit, und das gelehrte Ruppin von 1570, indem es auf ein halbes Jahrhundert in den Rang und Reigen deut- scher Universitätsstädte eintrat, genoß vorüberge- hend die Ehren eines literarischen Tribunals. Erst der Dreißigjährige Krieg machte dem allem ein Ende. Einzelnes aus jener Unglücksepoche geh ich später, namentlich in dem Kapitel »Gottberg«. 1. Diese »Kuhburg« existierte noch im Anfange des vorigen Jahrhunderts; später wurde sie abgetragen und ihr Mauerwerk bei Aufführung des Ruppiner Rathauses mit verwandt. Sol- cher »Kuhburgen« (das heißt Burgen oder Türme zum Schutz der Viehherden, besonders der Kühe) gab es damals viele in der Mark, und noch heute lassen sich einzelne derselben nachweisen. Sie sollten vor Gefahr schützen, aber vor allem sie rechtzeitig erkennen las- sen. Deshalb lagen diese Warten in der Regel so hoch wie möglich; am vorteilhaftesten war der »Luginsland« bei Gransee gelegen. (Die zwei oder drei einzeln stehenden Türme, de- nen man noch jetzt auf dem Wege nach Rheinsberg begegnet und die gelegentlich auch wohl als solche »Warten« angesehen worden sind, sind aus verhältnismäßig neuer Zeit und dienten als Fanaltürme, als nächtli- che Wegweiser, wenn Kronprinz Friedrich in, raschem Ritt von Ruppin nach Rheinsberg zu- rückkehrte.) 2. Alle Städte der Grafschaft: Ruppin, Gransee, Wusterhausen, Rheinsberg, waren außeror- dentlich fest. Was Ruppin angeht, so zogen sich dreifache Wälle – die an der Nordwestsei- te bis diese Stunde wohlerhalten sind und ei- ne besondere Zierde der Stadt bilden – um die hohe Mauer herum, die von fünfundzwan- zig Wachthäusern besetzt war. An Gewappne- ten war kein Mangel. Die Stadt hatte acht Hauptleute und neben einer Art Miliz auch noch eine Anzahl berittener Knechte, die mit Handbüchsen, Panzern, Kasketts und Seiten- gewehren bewaffnet waren. Die Bürger waren durchgängig zum Kriegsdienst verpflichtet und mit Armbrüsten, Spießen und Lanzen bewaffnet. Eigentliche Söldner oder Lanzknechte kommen vor 1520 in den Käm- mereiregistern nicht vor. Die Kriegsgerät- schaften wurden ohne Ausnahme in Ruppin verfertigt. Die Stadt hatte ihren Schwertfeger oder »Armbostyrer« (auch Harnswischer oder Harnsputzer genannt), ihren »Pulvermeker«, der das Büssen-Krut und Büssen-Lodt (Pulver und Blei) herzustellen hatte, endlich ihren Büchsenmeister, der die »groten und kleinen Büssen« (Kanonen und Gewehre) gießen und instand halten mußte. Zu jedem der fünfund- zwanzig Wachthäuser gehörte eine »Büsse« oder auch zwei. Die Stadt konnte, nach einer mäßigen Berechnung, 500 Gewappnete ins, Feld stellen. Aber dennoch hören wir, histo- risch verbürgt, von keiner einzigen einge- nommenen Burg. Nur die Tradition erzählt von einigen wenigen Fällen der Art (zum Bei- spiel Kränzlin). 3. Andreas Fromm Hispan'sche Mönche, öffnet mir die Tür!...

Laßt hier mich ruhn, bis Glockenton mich weckt. Platen

In der Epoche des »gelehrten Ruppin« war es, daß Andreas Fromm, nicht der gekannteste, aber höchstwahrscheinlich der gelehrteste Mann, den die Ruppiner Lande hervorgebracht haben, um 1615 geboren wurde, nach einigen in der Stadt Ruppin selbst, nach andern in dem benachbarten Dorfe Plä- nitz. Ich lasse gleich eingangs folgen, was ich über den Lebensgang dieses mit der Kirchengeschichte der Mark in engem Zusammenhange stehenden Mannes in Erfahrung bringen konnte. Dieser Lebens- gang, wie fast immer bei Künstlern und Gelehrten,, zeigt im großen und ganzen keine Verkettung äußer- lich interessanter Lebensschicksale. Fromms hervor- ragende Teilnahme jedoch an den theologischen Streitigkeiten der Paul-Gerhardt-Zeit, sein Übertritt zum Katholizismus, um diesen Streitigkeiten zu ent- gehen, endlich seine angebliche, wenn auch durch- aus nicht erwiesene Verfasserschaft der »Lehnin- schen Weissagung« machen sein Leben zu einem Gegenstande, der Anspruch darauf hat, an dieser Stelle beschrieben zu werden. Andreas Fromm, nachdem er die lateinische Schule in Ruppin und Perleberg, schließlich das »Graue Klos- ter« in Berlin besucht hatte, studierte Theologie in Frankfurt und Wittenberg, wurde Rektor in Alt- Damm, bald darauf Professor der Philosophie am Gymnasium zu Alt-Stettin und sah sich 1651 plötz- lich und ohne vorgängige Schritte seinerseits von Berlin aus als Propst an die Petri-Kirche berufen. Er nahm auch an. Mitglieder des Berlin-Cöllner Magist- rats hatten ihn wenige Monate früher, während eines Besuches in der Hauptstadt, im Hause seines Vet- ters, des Archidiakonus Johannes Fromm, kennenge- lernt, und der Eindruck, den er bei dieser verhält- nismäßig flüchtigen Begegnung gemacht hatte, war bedeutend genug gewesen, um bei eintretender Va- kanz sich seiner in erster Reihe zu erinnern. Unser Fromm trat, bewillkommt von Magistrat und Gemeinde, in sein neues Amt ein; drei Jahre später, 1654, ward er zum Mitgliede des geistlichen Konsis- toriums ernannt, das damals aus dem Ersten Konsi- storialrat Johann George Reinhardt (nicht zu ver-, wechseln mit dem starren Lutheraner, Archidiakonus Elias Sigismund Reinhart), aus dem Hofprediger Stosch, dem Kammergerichtsrat Seidel und Andreas Fromm bestand. Gottfried Schardius war Protonotar. Die ersten Jahre vergingen verhältnismäßig in Frie- den, die von ihm gehegten Erwartungen erfüllten sich, und alle gleichzeitigen Zeugnisse sprechen sich in hohem Maße günstig über seine Gaben und seine Wirksamkeit als Prediger und Seelsorger aus. Er ü- bernahm freiwillig den Religionsunterricht in den o- beren Klassen des Cöllnischen Gymnasiums, benutz- te die wöchentlichen Betstunden, die Bibel vorzule- gen und zu erklären, stellte mit seinen Geistlichen Disputationen an und erwies sich dabei, mehr als es den Eiferern hüben und drüben lieb war, als ein Mann des Friedens, der Versöhnung und des schönen Maßes, dem es am Herzen lag, das echt biblische Christentum an die Stelle des schroff-lutherischen und schroff-calvinistischen zu setzen.1) Als Luthera- ner geboren und erzogen, stand er freilich innerhalb der lutherischen Kirche, aber ohne von der Unan- tastbarkeit einzelner den Streit nährender und zum Teil erst in nach-lutherischer Zeit vereinbarten Glau- benssätze durchdrungen zu sein. Die »Formula Con- cordiae«, die von den wittenbergischen Ultras als Palladium der reinen Lehre verehrt und als ein rech- ter Prüfstein für das volle Maß der Rechtgläubigkeit angesehen ward, erschien ihm lediglich als eine un- selige Scheidewand zwischen Lutheranern und Calvi- nisten. Er glaubte, wenn nicht an eine Verschmel- zung, so doch an eine Versöhnung der beiden Kon- fessionen, an die Möglichkeit eines einträchtigen Ne-, beneinandergehens und beklagte deshalb die uner- bittliche Rechthaberei der Lutheraner, deren Starr- sinn (um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, wo der Streit neu aufzuleben begann) die Möglichkeit einer Ausgleichung oder auch nur eines gegenseiti- gem Sichgeltenlassens immer weiter hinausrückte. Widerstand nun schon dieser Starrsinn überhaupt seiner ganzen, zu Nachgiebigkeit und Kompromiß geneigten Natur, so widerstrebten ihm ganz beson- ders die Formen, in denen lutherischerseits der Streit geführt wurde. Die Wittenberger, die »Formula- Concordiae«-Männer, die damals noch keineswegs die Unterdrückten waren und eher Zwang übten als litten, die Wittenberger, sag ich, waren ihm einfach zu derb, und ihre Parteischriften erfüllten ihn mit Abneigung und Unbehagen. Titel wie: »Eine unzeiti- ge, abgeschmackige, falsche Prophetenfeige und synkretistische, dicke, fette Generallüge, welche sich neuerdings eingefunden hat etc.« waren damals in der polemischen Literatur der Wittenberger an der Tagesordnung, und Ausrufe wie: »Die Calixtiner sind verdammt« wurden allsonntäglich auf den Berliner Kanzeln gehört. Diakonus Heintzelmann an der Niko- laikirche, einer der größten Eiferer, predigte damals wörtlich: »So verdammen wir denn die Papisten, die Calvinisten und auch die Helmstädter. Mit einem Worte, wer nicht lutherisch ist, der ist verflucht.« Das war nicht ein Auftreten, das dem feineren Sinn unseres Fromm gefallen konnte; Gesinnung wie Sprache waren ihm ein Schmerz und ein Greuel, und er schrieb, als ihm jene Heintzelmannschen Worte hinterbracht worden waren, an den Hofprediger Ber-, gius: »Ach, lieber Gott, wo will doch solche Teufelei endlich hinaus.« Keineswegs geneigt, wegen einzelner offener Fragen rundab mit dem Luthertum zu brechen, aber verletzt durch die Art, in der sich das orthodoxe Luthertum tagtäglich äußerte, bildete sich bei ihm wie von selbst eine gewisse Hinneigung zu den Reformierten aus. Sie waren die feineren Leute und deshalb sei- nem Wesen näher verwandt. Man kann auch heute noch, innerhalb der politischen Welt, vielfach dassel- be beobachten. Konservative wie Liberale, die zufäl- lig in ihrem zunächst gelegenen Kreise nur gröblich gearteten Elementen ihrer eigenen Partei begegnen, ziehen es vor, in Leben und Gesellschaft mit ihren Gegnern zu verkehren, sobald sie wahrnehmen, daß diese Gegner ihnen in Form und Sitte näher ver- wandt sind. Die Verschiedenartigkeit der Ansichten kann zwischen feineren Naturen unter Umständen zu einem Bindemittel werden, aber grob und fein schließen einander aus. So ähnlich war es mit un- serm Fromm. Das Maßvollere, das dem Schmähen und Schimpfen Abgeneigtere, das die Calvinisten (was sonst auch ihre Mängel sein mochten) vor den zelotischen Wittenbergern auszeichnete, tat seiner Natur wohl, und aus dieser Empfindung heraus ges- taltete sich alsbald ein Freundschaftsverhältnis zu einigen der reformierten Geistlichen, ganz besonders zum Hofprediger Stosch. Leider sollte dasselbe nicht zu seinem Glücke führen. Die vertraulichen Briefe, die er durch Jahre hin an Stosch richtete und die alle darauf hinausliefen, den Eigensinn und die Untole- ranz der Wittenberger zu verurteilen, entschieden, später, als das Verhältnis zwischen den Freunden sich zu trüben begann, über sein Schicksal. Diese Trübung des Verhältnisses konnte aber schließlich kaum ausbleiben, ja der Entwickelungs- gang, den der Kirchenstreit in unserem Lande nahm, führte direkt darauf hin. Wir werden sehen wie. Die Lutheraner hatten, um ein schon oben gebrauch- tes Wort zu wiederholen, eine Reihe von Jahren hin- durch eher Zwang geübt als Zwang gelitten. Aber dies änderte sich. Auf die siegreichen Jahre der »Formula Concordiae« folgten die bittern Jahre des »Revers«, mit dem es in Kürze die nachstehende Bewandtnis hatte. Der Kurfürst, der Zänkereien mü- de, deren tiefere Bedeutung er nicht einsah, entschloß sich zu einem energischen Vorgehen ge- gen den immer lauter werdenden Unfrieden in der Kirche. Er erließ Edikte »gegen das unnötige Eifern, Gezänk und Disputieren der Geistlichen auf den Kan- zeln«, Edikte, zu deren Inhalt und sachlicher Berech- tigung die Geistlichen sich durch Unterzeichnung eines Reverses bekennen mußten.3) Der Schritt war vielleicht unvermeidlich und das Harte, was darin lag, zum guten Teile wohlverdient, dennoch war es ein Zwang, der auf einen Schlag die ganze Sachlage umgestaltete und aus denen, die bis dahin die Drü- ckenden gewesen waren, plötzlich die Gedrückten machte. Ein Notschrei ging durch das Land, Städte- und Ständeversammlungen protestierten gegen die kurfürstliche Forderung, aber ohne Erfolg. Der Kur- fürst bestand auf den Revers. Viele unterzeichneten; andere weigerten sich, legten ihr Amt nieder und, gingen außer Landes. Unter diesen letztem war bei- spielsweise Paul Gerhardt. 1. In einem Gutachten, das der Kurfürst einge- fordert hatte, schrieb er im wesentlichen wie folgt: »Ew. Kurfürstliche Durchlaucht fragen, welchergestalt die lang desiderierte christlich- brüderliche Verträglichkeit gestiftet werden könne. Ich hatte dafür, das würde helfen, daß beide Teile eine Zeitlang das Streiten ließen, legten beiderseits ihre Partikular- Konfessionen eine Weile an die Seite, nähmen die Bibel und gingen damit zurück in die ers- ten 500 Jahre der Christenheit, täten, als wenn sie zu derselben Zeit lebten, da diese Spaltung noch nicht war, setzten sich in De- mut zu den Füßen der bewährtesten heiligen Väter... und suchten aus der Väter Lehren, nach Anweisung des Vicentii Lirinensis, das zusammen, quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est, womit dann zum Beispiel fortfallen würde, was Augustinus über Gnadenwahl und Prädestination Hartes gesagt hat... Täte man so, man würde in kurzer Zeit von Luther und Calvin und ›Formula Concor- diae‹2) wenig mehr hören, und was die neuen Lehrer auseinandergepredigt haben, das wür- de Gott durch die alten Lehrer bald wieder zu- sammenbringen.«, 2. Die »Formula Concordiae« (Konkordienfor- mel) ist, wie es der Name anzeigt, ein Eini- gungsbuch, in dem sich die Lutheraner über gewisse Streitfragen einigten und feststellten, was hinfüro in betreff dieser Fragen das Rich- tige sein solle und was nicht. Dies Einigungs- buch, das aus einem kürzer abgefaßten und einem weiter ausgeführten Teile (die aber beide dieselben Fragen behandeln) besteht, wurde, auf Veranlassung des Kurfürsten Au- gust von Sachsen, von zwölf lutherischen Theologen ausgearbeitet und 1580 veröffent- licht. Zweck war: das Eindringen einzelner calvinistischer Lehren in das Luthertum zu verhindern. Es sind elf Streitfragen, worüber die »Formula Concordiae« Festsetzungen trifft. Die wichtigsten sind: die Lehre von der Erbsünde, vom freien Willen, von den guten Werken, vom heiligen Abendmahl und von der Vorherbestimmung und Gnadenwahl. Die Konkordienformel, in ihrer Bekämpfung des- sen, was sie calvinistische Irrlehre nennt, be- tont selbstverständlich die leibliche Gegen- wart Christi im heiligen Abendmahl und lehnt sich gegen die Prädestinationslehre auf. Wer sich zur »Formula Concordiae« bekannte, hat- te dadurch seine Gegnerschaft gegen den Calvinismus ausgesprochen. 3. Solche »Reverse« existieren in verschiedener Fassung. Eine Formel lautete wie folgt: »Daß Wir Endes benannte Prediger bei der Lutheri- schen Kirchen zu Berlin in Unserm Lehr-, Ambte bey den Glaubens- und Lebens- Lehren, und namentlich auch in denen zwi- schen Uns und den Reformirten schwebenden streittigen Puneten bey Dr. Lutheri Meinung und Erklärung, wie selbige in ›Augustana Confessione‹ und deren Apologia enthalten, und demnach auch in Gemeinschaft der All- gemeinen Lutherischen Kirchen beständig zu bleiben gemeint seien, jedoch aber bei Tracti- rung der gedachten Controversien Uns zugleich unverbrüchlich halten wollen, wie in den Churft. Brandenburgischen Edictis de an- no 1614, 1622 und 16644) Uns anbefohlen ist. Solches thun wir mit diesem eigenhändig un- terschriebenen Revers angeloben, urkunden und bekennen.« 4. Diese Edikte, die sich untereinander ergän- zen, verboten das Studieren in Wittenberg, ordneten Rückberufung der dort Studierenden innerhalb drei Monaten an und äußerten sich in betreff der Zänkereien wie folgt: »So mö- gen denn die Wittenberger sich des unseligen Verdammens und Verketzerns sowie der Ver- höhnung der Personen und aller höhnischen Vorstellung ihrer Lehren enthalten und sich also bezeigen, daß sie neben der Wahrheit auch den Frieden suchen und die brüderliche Liebe unter den Christen eher erwecken als dämpfen.« Ähnliche Ermahnungen, besonders aber die Aufforderung, gewisse Hypothesen nicht als die alleinige Wahrheit anzusehen, kehren in den Edikten vielfach wieder. Es war, unbedingt hart für die Lutheraner, darüber ei- nen »Revers« ausstellen zu sollen. So war der allgemeine Verlauf, und die Frage ent- steht: Wie stellte sich unser Andreas Fromm zu die- ser veränderten Sachlage? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Fromm, der dem Zelotismus der Wittenberger jahrelang voll Unwillen und Unbehagen den Rücken gekehrt und den Duldungsprinzipien der Reformierten sich zugewandt hatte, mußte das leis geknüpfte Band auch wieder lösen, als er erkannte, daß die Reformierten ihren Sieg nur erfochten hät- ten, um schließlich eine noch härtere Unduldsamkeit zu üben, als die der wittenbergischen Eiferer gewe- sen war. Er war, wie wir gesehen haben, eine auf Freiheit, Maß und Schönheit gestellte Natur und jede Art der Bedrückung ihm gleich verhaßt. Mehr denn einmal wurd er Zeuge der Gewissensangst, die ein- zelne Geistliche bei Unterschrift des Reverses emp- fanden, und der Entschluß reifte in ihm heran, sich gegen diese Bedrückung aufzulehnen. Die Gelegen- heit bot sich bald. Johann Müller, Prediger zu Rib- beck, der einer Streitsache wegen vor das Konsisto- rium geladen war, sollte bei dieser Gelegenheit un- terschreiben und weigerte sich dessen mit der Versi- cherung, »daß die Unterschrift wider sein Gewissen sei«. Als man immer heftiger in den erschrockenen Mann eindrang, konnte sich Fromm nicht länger hal- ten. Er erklärte es für Unrecht, einen Revers zu for- dern, wenn jemand sein Gewissen dadurch be- schwert fühle, und brach zuletzt in die Worte aus:, »Vim patitur ecclesia Lutherana«, die lutherische Kirche leidet Zwang. Dies Wort, von einem Mitgliede des Konsistoriums inmitten einer Sitzung derselben ausgesprochen, konnte nicht verfehlen, ein außerordentliches Aufse- hen zu machen. Es wurde dem Kurfürsten hinter- bracht. Dieser, der, wie es scheint, unserm Fromm wohlwollte, verlangte nur, »daß das Scandalum hin- weggenommen und die Äußerung von seiten des Propstes als eine Übereilung anerkannt werde«. Aber hierzu konnte sich Fromm nicht verstehen. Er schrieb an den Kurfürsten, er habe anfangs, da er noch auf Toleranz zwischen den beiden Parteien gehofft, das Unheil, das nun herauskomme, nicht vor Augen ge- sehen und habe zugegeben, soviel das Gewissen nur zugeben könne. Nunmehr aber sei er, re diu et accu- rate pensitata, der Ansicht, daß die begehrten Re- verse von den Lutherischen nicht mit gutem Gewis- sen ausgestellt werden könnten. »Ich bitte«, so schließt er, »um Gottes und so vieler geängstigten Gewissen Willen, Ew. Kurfürstliche Durchlaucht erbarme sich doch und überhebe sowohl die Prediger als die Ordinandos des Reverses und lasse uns doch in Gnaden widerfahren, was den Päpstlichen nicht versaget wird.« Nach dieser Erklärung wurde Fromm aus dem Kon- sistorium entlassen. Die Beziehungen zwischen ihm und den Reformierten waren abgebrochen, und was das Schlimmste war, auch das Luthertum zeigte sich abgeneigt, demjenigen, der so lange sein wenigstens scheinbarer Gegner gewesen war, jetzt goldene Brü-, cken zu bauen. Es gab nur ein Mittel, eine kirchliche Gemeinschaft wieder zu gewinnen, und dies Mittel hieß: Widerruf, Lossagung von aller Synkretisterei und Glaubensvermengung. Fromm, vergeblich nach einem andern Ausweg suchend, war endlich bereit, unter das Joch hinwegzugehen, aber er mochte das beschämende Wort des Widerrufs wenigstens nicht in Berlin, nicht innerhalb seiner alten Umgebung spre- chen. Auch stand der reformierte Stosch mit den Frommschen Briefen im Hintergrund und wartete auf einen Éclat. Diesen »Éclat« wollte Fromm unter allen Umständen vermeiden. So verließ er denn heimlich die Stadt, am 20. Juli 1666, in der er jahrelang, wie selbst seine Gegner nicht zu bestreiten wagten, se- gensreich gewirkt hatte. Er ging nach Wittenberg, wo er in die Hände des strengen Abraham Calov fiel. Dieser unterzog ihn einer Prüfung und nahm ihn endlich in die streng- lutherische Gemeinschaft wieder auf, nachdem der scheinbar Bekehrte den in Sachsen gebräuchlichen Religionseid geschworen und dieselbe »Formula Con- cordiae« unterschrieben hatte, gegen die er, wäh- rend der Jahre seiner besten Kraft, als gegen einen Druck und Zwang der Gewissen (wie später gegen die Reverse) geeifert hatte. Die Umkehr, hart wie sie war, hätte wenig zu bedeu- ten gehabt, wenn sie ehrlich gemeint gewesen wäre. Aber sie war nicht ehrlich gemeint und konnte es nicht sein. Alles, was unserm Fromm jemals als Be- drückung und Unfreiheit, gleichviel von welcher Seite her, erschienen war, erschien ihm jetzt nicht minder, so, und wenn er nichtsdestoweniger dem Ansinnen Abraham Calovs nachgab, so folgte er mehr einer stumpfen Verzweiflung als einer neuen, freudigen Überzeugung. Daß ihn Wittenberg wenig befriedigte, zeigte sich bald. Die Superintendentur in Eisenberg im Sächsi- schen war vakant geworden, und alles deutete dar- auf hin, daß ihm dieselbe zufallen werde; aber diese Aussicht, statt ihn zu erheben, drückte ihn vollends nieder. Abraham Calov und »Formula Concordiae«, Wittenberg und starres Luthertum, alles lag berge- schwer auf ihm, schwerer denn je zuvor, und seine Seele sehnte sich nach Freiheit oder wenigstens nach Ruhe. So beschloß er zu fliehen. Eine Reise vorschüt- zend, machte er sich von Abraham Calov fort und ging mit seiner Frau und fünf Kindern heimlich und in aller Stille nach Prag. Zu Anfang des Jahres 1668 legte er daselbst in einer Kirche der Jesuiten das katholische Glaubensbekenntnis ab. Nicht lange dar- auf wurd er in den gewöhnlichen Abstufungen zum Priester geweiht. Sein Übertritt machte Aufsehen, sowohl innerhalb der protestantischen wie katholi- schen Welt, und ein Jesuit, namens Tanner, entwarf einen ausführlichen Bericht über die Feierlichkeiten, die bei der Konversion stattgefunden hatten. Die Protestanten ihrerseits begnügten sich, Spottverse auf ihn zu machen, und einer stellte aus seinem Na- men Andreas Fromm das Anagramm zusammen: den fraß Roma. Fromm selbst lebte noch eine Reihe von Jahren und starb 1685 als Canonicus zu Leitmeritz in Böhmen. Während dieser seiner letzten Epoche, die, wenn nicht die glücklichste, so doch jedenfalls die, friedlichste Zeit seines Lebens war, soll er, nach An- sicht Otto Schulz's (des bekannten Berliner Schulrats und Herausgebers der Paul Gerhardtschen Lieder), die »Lehninschen Weissagungen« geschrieben und die Muße, die ihm der Katholizismus gewährte, zu einem Verurteilungsgedicht der protestantischen Ho- henzollern benutzt haben. Ich kann diese Ansicht nicht teilen.1) Ebensowenig kann ich mich denen anschließen, die den ehemaligen Propst von Sankt Petri zu einem zweideutigen, mindestens zu einem schwachen Cha- rakter haben stempeln wollen. Er war einfach ein Mann, der in einer kirchlichen Zeit, die durchaus ein »Entweder-Oder« verlangte, sich mit Wärme für ein »Weder-Noch« entschied. Er war ein feinfühliger Mann, dem alles Gröbliche und Rücksichtslose wider- strebte, er war ein freisinniger Mann, dem alles ty- rannische Wesen, gleichviel ob es Hof oder Geistlich- keit, Volk oder Regierung übte, widerstand. Als der lutherische Zelotismus drückte und peinigte, neigte er sich dem glatteren und mehr weltmännischen Cal- vinismus zu, als umgekehrt die Reformierten Gewis- senszwang zu üben begannen, stellte er sich wieder – nicht der Dogmen halber, sondern als freier Mann – auf die lutherische Seite. Es gebrach ihm an dog- matischer Strenge, das wird zuzugeben sein, aber er hatte die schönsten Seiten des Christentums: die Liebe und die Freiheit. Wäre er eine schwache oder gar eine zweideutige Natur gewesen, hätte er sein irdisches Wohl über sein ewiges gesetzt, so hätten wir die Wandlung, die ihn wieder zu den Lutherischen zurückführte, sich nie an ihm vollziehen sehen. Seine, Briefe an Stosch hatten ihn bereits halb in das Lager der Calvinisten hinübergeführt, und er brauchte auf dem betretenen Wege nur einfach weiterzuschreiten, um einer glänzenden Laufbahn sicher zu sein. Die Reformierten hätten ihn freudig begrüßt und die Lu- theraner ihn ohne Verwunderung scheiden sehen. Er tat es aber nicht und hatte den Mut, auf halbem We- ge stillzustehen und sich zwischen die Parteien zu stellen. Er wußte, daß sein Schicksal in Stoschs Hän- den lag, aber er sprach dennoch in voller Sitzung des Konsistoriums sein »Vim patitur ecclesia Lutherana«, weil, über die Klugheit und alle Berechnung hinaus, sein Herz immer bei den Unterdrückten war. Daß er sich dem Abraham Calov auf kurze Zeit überantwor- tete, statt gleich den Schritt in den Ruhehafen des Katholizismus zu tun, mag man tadeln, aber die Mut- ter dieser ängstlich nach dem Ziele tappenden Verir- rung war die – Verwirrung. Pastor Reinhart, einer von den hartköpfigsten Lutheranern jener Epoche, soll freilich, lange bevor die geschilderte Katastrophe kam, über unsern Fromm geäußert haben: »Der Kerl sieht aus wie ein Jesuit, und er wird auch noch einer werden«, aber aus diesem Kraftspruch, der ohne Not zu einer Art Prophezeiung gemacht worden ist, ist doch einfach nur der Schluß zu ziehen, daß unser Andreas Fromm von St. Petri ein Mann von glatteren Formen war als Elias Sigismund Reinhart von St. Nikolai. Übrigens existiert bekanntlich auch heute noch kein Geistlicher, und wenn er an der Grenze der Lichtfreundschaft stände, dem nicht irgendeinmal nachgesagt worden wäre: »er säh aus wie ein Jesuit und würd auch noch einer werden«., Andreas Fromm flüchtete in den Katholizismus. Die aus Gewissenhaftigkeit und Eigensinn, aus Überzeu- gungstreue und engherziger Philisterei geborenen Zänkereien jener Epoche trieben ihn an ein Ziel, an das er, in den glücklichen Jahren seines Wirkens, nicht einmal gedacht haben mochte. Konsistorialrat Martin Friedrich Seidel, Fromms besonderer Freund, schrieb über ihn: »Wollte Gott, es wäre dieser Fromm mit Glimpf und gütlichen Mitteln bei unserer lutherischen Kirche behalten und von solchen extre- men Schritten abgehalten worden. Ich muß ihm das Zeugnis geben, daß ihm Gott stattliche Gaben verlie- hen hatte.« Und selbst Otto Schulz, der sonst eher als Ankläger denn als Verteidiger unseres Fromm auftritt, schließt mit den Worten: »Seine innerste Gesinnung war christlich; nichts als das Gezänk im Innern der evangelischen Kirche und das Schwan- ken, sowohl in der Lehre als in der Verfassung, ha- ben ihn aus der Kirche herausgetrieben.« 1. Ausführlicher über die »Lehninsche Weissa- gung« spreche ich bei Gelegenheit von »Kloster Lehnin«, in einem spätren Bande dieser »Wanderungen«. Hier nur so viel, daß bekanntlich der Streit noch immer schwankt, ob die »Lehninsche Weissagung. wirklich von einem Lehniner Mönche ums Jahr 1300 oder aber, als Falsifikat, in einer spätern Epoche geschrieben wurde. Die meisten Stimmen vereinigen sich dahin, daß die sogenannte Prophezeiung am Schluß des siebzehnten, Jahrhunderts in den letzten Lebensjahren des Großen Kurfürsten oder doch nur wenig spä- ter entstanden ist, trennen sich aber in der Frage, wer der Verfasser gewesen sei. Jeder, der sich mit der »Weissagung« beschäftigt hat, hat auch seinen eigenen Kandidaten auf- gestellt. Der Kandidat unseres Otto Schulz heißt – Andreas Fromm. Drei Beweise bringt er für die Verfasserschaft des letzteren bei: 1. er hatte vor vielen andern die Fähigkeit und 2. vor vielen andern die Veranlassung (Groll, Bitterkeit) dazu; endlich 3. war er der spezielle Freund Martin Seidels, in dessen Bibliothek man (nach Seidels Tode) das Ma- nuskript der »Weissagung« vorfand. Diese drei Punkte sind sehr geschickt zusammenge- stellt, aber sie genügen keineswegs. Nach der ganzen Charakteranlage Fromms liegt kein Grund zu der Annahme vor, daß er seine Si- cherheit und seine Muße zu einem Angriff auf die Hohenzollern (die dem Unfrieden und den Zänkereien gerad ebenso abhold waren wie er selbst) hätte benutzen sollen. Das lag nicht in ihm. Außerdem sprechen Einzelheiten, beson- ders in den acht Zeilen, die sich auf George Wilhelm und den Großen Kurfürsten beziehen, gegen diese Annahme, teils durch das, was sie sagen, noch mehr durch das, was sie nicht sagen., 5. Kronprinz Friedrich in Ruppin Die Wetter waren verzogen,

Und die Sonne wieder schien – Es spannt sich ein Regenbogen Auf dem dunklen Grunde Küstrin. I

Das der Thronbesteigung des großen Königs vorher- gehende Jahrzehnt, also der Zeitraum von 1730 bis 1740, pflegt in zwei ungleiche Hälften geteilt zu wer- den, in die düstern Tage von Küstrin und in die la- chenden Tage von Rheinsberg. Diese Einteilung, die sich neben andrem auch durch den Reiz des Gegensatzes empfiehlt, mag der gan- zen Welt ein Genüge tun, nur die Stadt Ruppin hat ein Recht, dagegen zu protestieren und eine Dreitei- lung in Vorschlag zu bringen. Zwischen den Tagen von Küstrin und Rheinsberg liegen eben die Tage von Ruppin. Es ist wahr, die Ruppiner Episode ist unscheinbarer, undramatischer, kein Katte tritt auf das Blutgerüst, und kein Bayard-Orden wird gestiftet, aber auch die- se stilleren Tage haben ihre Bedeutung. Versuch ich, es, ihnen in nachstehendem ihre Existenz zurückzu- erobern. Am 26. Februar war Kronprinz Friedrich von Küstrin in Berlin wieder eingetroffen, und zwölf Tage später (am 10. März) erfolgte seine Verlobung. Aller Zwie- spalt schien vergessen. »Obristlieutenant Fritz«, über dessen Haupte vor nicht allzulanger Zeit das Schwert geschwebt hatte, war wieder ein »lieber Sohn« und Oberst und Chef eines Regiments. Dies Regiment, das bis dahin compagnieweis in den kleinen Städten der Prignitz und des Havellandes, in Perleberg, Pritz- walk, Lenzen, Wittstock, Kyritz und Nauen, in Garni- son gelegen und nach seinem frühern Chef den Na- men des von der Goltzschen Regiments geführt hat- te, wurde jetzt zu größerer Bequemlichkeit für den Kronprinzen in Ruppin und Nauen konzentriert. Das Regiment selbst aber erhielt den Namen »Regiment Kronprinz«. Bratring, in seiner Geschichte Ruppins, schreibt, daß im Jahre 1732 das zweite Bataillon des Prinz-von- Preußen-Infanterieregiments nach Ruppin verlegt worden sei. Dies ist in doppelter Beziehung nicht ganz richtig. Es gab damals noch gar kein Prinz-von- Preußen-Infanterieregiment, weil es noch keinen Prinzen von Preußen gab. Erst 1744 wurde Prinz Au- gust Wilhelm zum Prinzen von Preußen ernannt und seinem Regiment der entsprechende Name gegeben. Sein Regiment hieß bis dahin das Prinz Wilhelmsche Regiment. Dies stand allerdings zu Neuruppin in Garnison, es kam aber 1732 – und dieser Irrtum ist der gewichtigere – nicht nach Ruppin, sondern ward, umgekehrt von Neuruppin nach Spandow fortverlegt, um dem einrückenden Regiment Kronprinz (bis dahin von der Goltz) Platz zu machen. Wenn wir, wie im nachstehenden geschehen soll, die Erlasse des königlichen Vaters zusammenstellen, die jener Zeit der Wiederversöhnung angehören und sich damit beschäftigen, dem wieder angenommenen Sohne sein Entrée und sein Leben in Neuruppin mög- lichst angenehm zu machen, so wird man von der Vorsorglichkeit und einer gewissen Zärtlichkeit des Vaterherzens (eines Vaters, der achtzehn Monate früher mit dem Tode gedroht hatte) nicht wenig ü- berrascht. So scheint es ihm beispielsweise zu Ohren gekommen zu sein, daß Ruppin auf einem seiner Plätze, dem noch jetzt existierenden Neuen Markt, einen alten Militairgalgen für die Deserteure habe. Voll feinen Gefühls erkennt er, daß das an die Küstriner Novembertage von 1730 erinnern könne, und in folgenden Erlassen trifft er Vorsorge, daß dem Auge des Sohnes solch Anblick erspart werden mö- ge. »Der Galgen soll außer der Stadt herausge- schafft, auch die Palisaden an die Mauer gesetzt und alle Schlupflöcher zugemacht werden. Muß alles ge- gen den 20. Juni fertig sein. Auch soll das Haus dicht bei des Obristen von Wreech Quartier, so der Kron- prinz von Dero Quartier choisieret, gehörig aptieret werden.« (Potsdam, Reskript vom 24. Mai 1732.) Aber nicht nur der häßliche Schmuck des Neuen Marktes soll fort, die ganze Stadt soll sich dem Ein- ziehenden, dem neuen Mitbürger, in ihrem besten Kleide präsentieren, und, so heißt es in einer zweiten Ordre vom Tag darauf: »das Prinz Wilhelmische Re-, giment soll den 1. Juni aus Neuruppin ausmarschie- ren. Dann soll gleich der Kot aus der Stadt geschafft und die Häuser, die noch nicht abgeputzt sind, sollen abgeputzt werden.« Wir haben in vorstehendem festzustellen gesucht, welches Regirnent damals als »Regiment Kronprinz« nach Ruppin und Nauen hin verlegt wurde; schwerer ist es, sich zu vergewissern, welches Bataillon in Ruppin und welches in Nauen lag. Wir finden darüber Widersprechendes. Am 22. April (1732) erläßt der König folgendes Reskript an den Kriegsrat Lütkens: »Das erste Bataillon des kronprinzlichen Regiments soll in Nauen und das andre Bataillon in Neuruppin vom 1. Juli 1732 an einquartieret werden«, und im Einklang mit dieser Ordre schreibt derselbe Kriegsrat Lütkens noch am 20. Juni an den Ruppiner Magist- rat: »So wird denn also das zweite Bataillon des be- sagten Regiments am 26. Juni in Ruppin einmar- schieren.« Aber der König oder der Kronprinz müs- sen plötzlich ihre Ansicht hierüber geändert haben, denn schon Anfang Juli heißt es in einem Briefe aus Ruppin: »Unsere neue Garnison ist eingerückt, das erste Bataillon des Regiments ›Kronprinz‹ ist hier, auch der Kronprinz selbst, der Obristwachtmeister etc.« Diese letztere Angabe stimmt auch mit Preuß überein. Ingleichen bestätigen die Papiere, die mir zur Hand sind, die Angabe, daß von den fünf Com- pagnien des zu Nauen in Garnison liegenden Batail- lons eine weggenommen und der Ruppiner Garnison zugeteilt wurde. In einem Reskripte vom 30. November 1733 heißt es: »Von den fünf Com- pagnien des kronprinzlichen Regiments, die zu Nau-, en liegen, soll eine Compagnie, und zwar die des von Calebutz, nach Neuruppin hin verlegt werden.« Dies geschah, weil Nauen zu klein war für eine so große Garnison. Soviel von dem Regiment, dem der Kron- prinz als Chef und Oberster vorgesetzt war. Die nächste Frage ist: Wann traf der Kronprinz in Neuruppin ein? Preuß sagt: »bereits im April«. Dies scheint nur in gewissem Sinne richtig zu sein. Er war allerdings im April dort, aber, wie wir annehmen müssen, nur auf einen oder auf wenige Tage, nur ausreichend, um eine passende Wohnung zu suchen. Der König in dem oben zitierten Reskript (vom 24. Mai) schreibt: »Die Wohnung, die der Kronprinz zu seinem Quartier choisiert, soll aptieret werden«, woraus sich mit ziemlicher Gewißheit ergibt, daß er, der Kronprinz, vorher selber da war, um eben die Wahl zu treffen. Aber ebenso sicher scheint es, daß er erst Ende Juni zu wirklichem Aufenthalt in Ruppin eintraf, denn nicht nur, daß den Personen, die für die »Aptierung« der Oberst von Wreechschen Wohnung Sorge zu tragen hatten, ausdrücklich bis zum 20. Juni Zeit gelassen ward, es schreibt auch der Fähnrich von Buddenbrock am 22. Juni: »Die neue Garnison wird am 26. dieses erwartet, und der Kron- prinz wird im Wreechschen Hause logieren.« Also er war noch nicht da und traf erst, mutmaßlich am glei- chen Tage mit seinem Bataillon, gegen Ende des Juni am neuen Wohnort ein. Das Palais, das er bezog, lag in der Nähe der Stadt- mauer, nur durch einen Garten von ihr getrennt, und war durch die Verbindung zweier Nachbarhäuser, der, Wohnung des mehrgenannten Obristen von Wreech und des Obristlieutenants von Möllendorf, die bis dahin wahrscheinlich das Prinz Wilhelmsche Re- giment geführt hatten, in aller Eile hergestellt wor- den. An Komfort mochte Mangel sein, und dieser Umstand trug gewiß das Seine dazu bei, daß, zwei Jahre später, das Rheinsberger Schloß gekauft und, nachdem es hergerichtet war, zum entschieden be- vorzugten Aufenthaltsorte gewählt wurde. Suchen wir nun festzustellen, wie der Kronprinz sei- ne Ruppiner Tage zubrachte. Was ihn nachweisbar zumeist in Anspruch nahm, war die Ausbildung seines Regiments und die Verschöne- rung der Stadt. Die ernstliche Beschäftigung mit dem »Dienst« fing an, ihm den Soldatenstand lieb zu ma- chen. Er achtete auf Kleines und Großes, nichts er- schien seinem Interesse zu gering. Standen Revuen vor dem Könige bevor, so wurden beide Bataillone zusammengezogen, um dem Regimente durch ge- meinschaftliche Manövres eine Haltung wie aus ei- nem Guß zu geben. Der Kronprinz sah seine An- strengungen belohnt. Sein Regiment bewährte sich gleich bei der ersten Revue so glänzend, daß es durch Erscheinung und Exercitium allgemeine Be- wunderung erregte. Die neue Uniform, in der es er- schien, war der von des Königs Grenadierregiment ähnlich, aber mit silberner Stickerei und carmoisin- farbenen Aufschlägen.1) Der strenge Vater war be- friedigt., Kaum minder als der »Dienst« beschäftigte ihn die Verschönerung der Stadt. Daß Ruppin bis diesen Au- genblick sich seines »Walls«, eines prächtigen, mit schönen und zum Teil sehr alten Bäumen bepflanz- ten Promenadenweges erfreut, ist des Kronprinzen Verdienst. Hier erwies er sich, von einem richtigen Gefühl geleitet, ausnahmsweise als Konservator, während er ja im allgemeinen den Geschmack seiner Zeit teilte, die sich eitel darin gefiel, an die Stelle des poetisch Mittelalterlichen die Flachheit des Kasernen- baus oder die Schnörkelei des Rokoko zu setzen. Drei Wälle hatten in alter Zeit die Stadtmauer zu weiterem Schutz umgeben. Schon während der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war mit Abtragung dieser Wälle begonnen und das dadurch gewonnene Land als Gartenland parzelliert worden. Kaum aber war der Kronprinz in Ruppin erschienen, so erkannt er, welchen Schmuck man auf dem Punk- te stand der Stadt zu rauben. Dies erkennen und dagegen einschreiten war eins. Die »Miscellanea historica« unsres Gewährsmannes, des Dr. Bernhard Feldmann, geboren 1704 in Berlin, gestorben 1776 in Neuruppin, enthalten darüber fol- gendes: »Schon 1732 inhibierte Seine Königliche Hoheit die Abtragung und konservierte also die noch übrigen, land- oder nordwärts vom Rheinsbergischen bis zum Berliner Tore gelegenen Wälle, so noch ste- hen und mit alten Rüstern, Eichen, Buchen, Haseln etc. bewachsen sind; auch ließ sie der Kronprinz mit vielerlei Sorten Bäumen bepflanzen und an ihrem Ende (beim Berliner Tore) mit einem schönen Garten zieren, wodurch der ›Wall‹ zum angenehmsten, be-, schatteten Spaziergang voll Nachtigallen geworden ist.« Kronprinz Friedrich hatte vier volle Jahre, von 1732 bis 1736, seinen festen Wohnsitz in Ruppin, aber nur während des ersten Jahres gehörte er dem Ruppiner Stilleben mit einer Art Ausschließlichkeit an. Vom Juni 1733 an drängten sich die Ereignisse, die ihn oft monatelang und länger von »Haus und Garten, die ihm lieb geworden waren«, fernhielten. Seiner Ver- mählung im Juni 1733 folgte vier Monate später die Erwerbung Rheinsbergs, und ehe noch der Umbau des Rheinsberger Schlosses zur Hälfte beendet war, führte die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten zwi- schen Frankreich und dem Kaiser (im Sommer 1734) unsern Kronprinzen an den Rhein. Am 7. Juli war er in Wiesenthal, wo der Generallieutenant von Röder mit den preußischen Truppen im Lager stand. Aber »im kaiserlichen Heere war nur noch der Schatten des großen Eugen«, der einundsiebenzigjährige Held hatte sich überlebt. Philippsburg ging verloren; das tatenlose Hinundherziehen ward unerträglich, und ausgangs Oktober erblicken wir den Prinzen wieder daheim in seiner »geliebten Garnison«. Zweierlei hatte ihm der lorbeerarrne Kriegszug ein- getragen; zunächst und allgemein einen Einblick in die Schwächen der kaiserlichen Armee, daneben speziell und allerpersönlichst – einen Freund. Dieser Freund war Chazot. Wie das Jahr 1734 einen längeren Aufenthalt am Rhein gebracht hatte, so brachte das folgende Jahr, eine mehrmonatliche Reise nach Ostpreußen. Uns aber beschäftigen diese Ausflüge nicht, wir halten uns vielmehr innerhalb der Bannmeile von Ruppin und versuchen ein Bild dieser spätern Ruppiner Tage. 1. Gleich nach seinem Eintreffen in Ruppin fand zu Ehren der neuen Uniform (das Goltzsche Regiment hatte bis dahin Blau und Gold ge- tragen) folgende Szene statt. Der Kronprinz lud die Offiziere vor eins der Tore, wo sie ei- nen brennenden Holzstoß fanden. Erfrischun- gen wurden gereicht. Als alles guten Humores war, begann der Prinz: »Nun, meine Herren, da wir hier alle versammelt sind, dächt ich, wir erzeugten der Goltzischen Unifonn die letzte Ehre.« Dabei zog er Rock und Weste aus und warf sie ins Feuer. Die Offiziere taten desgleichen. Unter lautem Gelächter folgten schließlich auch die Beinkleider. In neuer Uni- form kehrte man in die Stadt zurück. Diese Szene ist charakteristisch für den Ton, der herrschte. Das Rheinsberger Schloß schmückt und erweitert sich mehr und mehr, der Tag der Übersiedelung je- doch ist noch fern, und die bescheidenen Ruppiner Räume müssen zunächst noch genügen. Die Stadt- wohnung läßt viel zu wünschen übrig, aber es be- drückt nicht, denn wenigstens die Sommermonate, gehören dem »Garten am Wall«. Hier lebt er heitere, mußevolle Stunden, die Vorläufer jener berühmt ge- wordenen Tage von Rheinsberg und Sanssouci. All- abendlich, nach der Schwere des Dienstes, zieht es ihn nach seinem »Amalthea«1) hinaus. Der Weg durch die häßlichen Straßen der alten Stadt ist ihm unbequem, so hat er denn für ein Mauerpförtchen Sorge getragen, das ihn unmittelbar aus dem Hofe seines »Palais« auf den Wall und nach kurzem Spa- ziergang unter den alten Eichen in die lachenden Anlagen seines Gartens führt. Da blüht es und duftet es; Levkojen und Melonen werden gezogen, und auf leis ansteigender Erhöhung erhebt sich der »Tem- pel«, der Vereinigungspunkt des Freundeskreises, den der Kronprinz hier allabendlich um sich versam- melt. Das Souterrain enthält eine Küche, der »Tem- pel« selbst aber ist einer jener oft abgebildeten Pa- villons, die auf sechs korinthischen Säulen ein flach- gewölbtes Dach tragen und sich in den Parks und Gärten jener Epoche einer besonderen Gunst als Eß- zimmer erfreuten. Der Mond steht am Himmel, in dem dichten Gebüsch des benachbarten Walls schla- gen die Nachtigallen, die Flamme der Ampel, die von der Decke herabhängt, brennt unbeweglich, denn kein Lüftchen regt sich, und keine frostig abwehren- de Prinzlichkeit stört die Heiterkeit der Freunde. Noch ist kein Voltaire da, der seine Piquanterien mit graziöser Handbewegung präsentiert, noch fehlen die Algarotti, d'Argens und Lamettrie, all die berühmten Namen einer späteren Zeit, und Offiziere seines Re- giments sind es zunächst noch, die hier der Kron- prinz um sich versarnmelt: von Kleist, von Rathe- now, von Knobelsdorff2), von Schenkendorff, von, Gröben, von Buddenbrock, von Wylich, vor allem – Chazot3). Das Leben, das er mit diesen Offizieren führte, war frei von allen Fesseln der Etiquette, ja ein Übermut griff Platz, der unsern heutigen Vorstellungen von Anstand und guter Sitte kaum noch entsprechen dürfte. Fenstereinwerfen, Liebeshändel und Schwär- mer abbrennen zur Ängstigung von Frauen und Landpastoren zählte zu den beliebtesten Unterhal- tungsmitteln. Man war noch so unphilosophisch wie möglich. So kam der August 1736, um welche Zeit der Umbau des Rheinsberger Schlosses beendet war. Von da an beginnen die glänzenden und vielgefeierten Rheins- berger Tage. Aber diese Rheinsberger Tage, die das Ruppiner Leben verdunkelt haben, waren doch nicht so völlig das Ende desselben, wie gewöhnlich ge- glaubt wird. Vielmehr fand jetzt ein Austausch, eine Art Rückzahlung statt, und wenn von 1733 an die Rheinsberger Ausflüge Ruppin um die andauernde Anwesenheit des Kronprinzen gebracht hatten, so war von jetzt an Ruppin der Gegenstand und das Ziel beständiger, wenn auch zum Teil durch den »Dienst« gebotener Besuche. Viele seiner Briefe geben Aus- kunft darüber, wie teuer ihm die Stadt, in der er vier glückliche Jahre verlebt hatte, geworden war. Ent- weder tragen jene Briefe das Datum Ruppin und füh- ren dadurch den Beweis längeren oder kürzeren Auf- enthalts daselbst, oder flüchtige, von Potsdam, Berlin und andern Punkten aus geschriebene Zeilen spre- chen eine Sehnsucht aus nach seiner »geliebten, Garnison«. So schreibt er im Juni 1737 an Suhm: »Den 25. geh ich wieder nach ›Amalthea‹, meinem Garten in Ruppin. Ich brenne vor Ungeduld, meinen Wein, meine Kirschen und meine Melonen wieder zu sehen«, und 1739 noch (am 16. Juni) heißt es in einem vom Ruppiner Garten aus datierten Briefe: »Ich werde morgen nach Rheinsberg gehn, um allda nach meiner kleinen Wirtschaft zu sehen; hier wollen keine Melonen reif werden, so gerne wie ich auch gewollt, daß ich meinem gnädigsten Vater die Erst- linge des Jahres hätte schicken können.« Diese beiden Briefe sind insoweit wichtig, als sie kei- nen Zweifel darüber lassen, daß Kronprinz Friedrich seinem »Amalthea« zu Ruppin keineswegs den Rü- cken kehrte, vielmehr vom August 1736 an eine Art Doppelwirtschaft führte und an die Gärten und Treibhäuser beider Plätze die gleichen Ansprüche erhob. Sonntags las er in Ruppin seine Predigt, wäh- rend Des Champs vor der Kronprinzessin und dem Hofe in Rheinsberg predigte. Selbst noch unmittelbar nach der Thronbesteigung (im Sommer 1740) sah die Stadt Ruppin den nun- mehrigen König Friedrich II. mehrfach in ihren Mau- ern, und bis zum Spätherbste desselben Jahres blieb es zweifelhaft, ob Ruppin oder Potsdam oder Rheins- berg der erklärte Lieblingsaufenthalt des neuen Kö- nigs werden wurde. Großartige Gartenanlagen, wie sie damals entworfen wurden, schienen für Ruppin zu sprechen, aber die weite Entfernung von der Hauptstadt führte schließlich zu andern Entschlüs- sen. Die Terrassen von Sanssouci wuchsen empor,, und – Ruppin war vergessen. Es ist zweifelhaft, ob der große König in seiner sechsundvierzigjährigen Regierung es jemals wiedergesehn hat. Die Frage bleibt uns zum Schlusse: Was wurd aus diesen Schöpfungen, großen und kleinen, die die Anwesenheit des Kronprinzen ins Dasein rief? Was haben 150 Jahre zerstört, was ist geblieben? Zunächst das Stadtpalais. 1744 schenkte es der Kö- nig an seinen jüngsten Bruder, den Prinzen Ferdi- nand, der zum Chef des in Ruppin garnisonierenden Regiments ernannt worden war. In dieser seiner Ei- genschaft als Chef des nunmehrigen Regiments Prinz Ferdinand scheint genannter Prinz bis 1787, wo das große Feuer die Stadt zerstörte, wenigstens zeitwei- lig in Ruppin residiert und das vormalig kronprinzli- che Palais bewohnt zu haben.4) Dies ergibt sich mit einiger Gewißheit aus der Existenz zweier etwa aus dem Jahre 1780 herstammender Bildnisse, die – bei Gelegenheit des Brandes von 87 gerettet – einem andern Gebäude wie dem Prinz Ferdinandschen Pa- lais nicht wohl angehört haben können. Es sind dies die Bildnisse der Kaiserin Katharina von Rußland und der Königin Maria Antoinette, Portraits, die hier schwerlich anzutreffen gewesen wären, wenn nicht der Prinz auch noch in der Zeit nach dem Siebenjäh- rigen Kriege wenigstens vorhergehend an dieser Stelle geweilt hätte. Was die Portraits selber angeht, so macht das der schönen Habsburgerin einen sehr gefälligen Eindruck, während das der Kaiserin Katha- rina mit dem Andreaskreuz auf der Brust nicht bloß durch Umwandlung aus einem ursprünglieben Knie-, stück in ein Bruststück, sondern weit mehr noch durch einen plump aufgetragenen Firnis an Wert und Ansehen verloren hat. Die Transponierung in ein Bruststück erfolgte, wie mir der gegenwärtige Besit- zer vertraulich mitteilte, lediglich unter Anwendung einer großen Zuschneideschere und war nötig, weil die ganze untere Partie der Kaiserin schwer gelitten hatte. Der Erzähler selbst ahnte dabei nichts von dem Bedeutungsvollen seiner Tat, am wenigsten aber von der historischen Gerechtigkeit, die die gro- ße Zuschneideschere geübt hatte. Das »Palais« selbst ist niedergebrannt, und ein apart aussehendes Haus (das sogenannte Molliussche Haus) ist auf dem Grund und Boden aufgeführt wor- den, auf dem 1732 die nachbarlichen Häuser des Obristen von Wreech und des Obristlieutenants von Möllendorf zu einer Art von prinzlichem Palais ver- bunden worden waren. Die Straße, die zu diesem Hause führt, führt wie billig den Namen der Prinzen- straße, und ein prächtiger alter Lindenbaum, der seine Zweige vor dem poetisch dreinschauenden grauweißen Hause ausbreitet, schafft ein Bild, wie's dieser Stelle paßt und kleidet. Zwischen dem Hause und der Stadtmauer liegt ein Gärtchen. Wir passieren es und stehen vor der auf den »Wall« hinaus führenden Mauerpforte, die der Kronprinz allabendlich benutzte, wenn er nach dem Dienst und der Arbeit des Tages sich erhob, um im »Tempel« den obenbenannten Freundes- und Offi- zierskreis um sich her zu versammeln., Die Tür existiert nicht mehr, und es bedarf eines Umwegs, um die Außenseite der Mauer und dadurch zugleich den »Wall« zu gewinnen. Seine schattigen Gänge führen uns jetzt nach »A- malthea«. Hier im Garten ist noch manches, wie's ehedem war. Allerhand Neubauten entstanden, aber die Einfas- sung blieb, und die hohen Platanen im Hintergrunde, die über die Mauer hinweg mit den draußen stehen- den Bäumen Zwiesprach halten, sind noch lebendige Zeugen aus den friderizianischen Tagen her.5) Vor allem existiert noch der »Tempel« selbst. Aber frei- lich, es sind keine Säulen mehr, die das Kuppeldach tragen, sondern ein solides Mauerwerk mit Tür und Fenstern ist an ihre Stelle getreten und bildet ein mäßig großes Rundzimmer, das eben ausreicht zu einem Souper zu sechs. Wir sind die glücklich Geladenen. Der Wein lacht in den Gläsern, die Girandolen brennen, und vom Gar- ten her durch die offenstehende Tür treffen Mond- licht und Abendkühle den froh versammelten Kreis. Es ist, als wäre die alte Zeit wieder da, und unge- sucht wird unser Beisammensein zu einer Darstel- lung aus: »Kronprinz Friedrich in Ruppin«. Unsre Kostüme freilich lassen viel vermissen (denn an was erinnerten unsere Reiseröcke weniger als an die sil- bergestickten Uniformen der Offiziere des kronprinz- lichen Regiments), aber was den Kostümen fehlt, wird aufgewogen durch die künstlerische Treue der Coulissen und Requisiten. Die Spiegel mit ihren, Rähmen in Barock, die Tische mit ihren ausge- schweiften Füßen, die Atlasgardinen, endlich das die »Geburt der Venus« darstellende Deckenbild – alles erinnert an jenes aus prosaischen und poetischen Elementen so reizvoll und so wunderlich gemischte Stück Zeit, das sein Kleid in den Schlössern der Lud- wige, seinen historischen Gehalt aber in den Schlös- sern der Friedriche empfing. Und dort ist er selbst, der seinem Jahrhundert den Namen gab. Aus der Nische hervor leuchtet sein Auge, um ihn her aber, an den Wandpfeilem entlang, schließt sich ein bunter Kreis von Zeitgenossen: Prinz Heinrich und Voltaire, Zieten und Lessing, Gluck und Kant. Unsere Gläser klingen zusammen. »Es lebe die alte Zeit.« Aber draußen schlugen die Nachtigallen, und ihr Schlagen klang wie ein Protest gegen die »alte Zeit« und wie ein Loblied auf Leben und Liebe. 1. Amalthea, die Nymphe, welche den Jupiter mit der Milch einer Ziege emährte, auch diese Ziege selbst. Also hier etwa Milchwirtschaft, Meierei. 2. Dieser von Knobelsdorff ist nicht Georg Wen- zeslaus von K., der berühmte Baumeister und Freund des Königs, sondern Karl Siegmund von K. aus dem Hause Bobersberg. Er blieb, bei Chotusitz (Czaslau). Georg kam allerdings 1735 auf Besuch nach Ruppin, legte den Gar- ten an und baute den »Tempel«, der auf einer Kuppel die Statue Apollos trug. Der Besuch wird aber nur wenige Wochen gedauert ha- ben. Andererseits wiederum, so kurz dieser Aufenthalt war, war er doch lang genug, um G. von K. 1736 von Rom aus schreiben zu lassen: »Die Instrumentalmusik hier hat mich noch nie in Verwunderung gesetzt, und ich wünschte wohl, denen Römern ein Ruppin- sches Konzert hören zu lassen.« 3. Chevalier Chazot, der während der Rhein- campagne (1734) im französischen Heere diente, hatte das Unglück, einen Anverwand- ten des Herzogs von Bouffiers im Duell zu tö- ten. Er floh deshalb in das Lager des Prinzen Eugen, zunächst nicht, um in Dienst zu tre- ten, sondern nur, um ein Asyl zu finden. Beim Prinzen Eugen lernte ihn der Kronprinz ken- nen, dem er später nach Ruppin hin folgte. 4. Bielefeld schreibt allerdings 1754: »Der Prinz Ferdinand hat in Ruppin, wo sein Regiment steht, kein passendes Palais gefunden, be- sonders für den Fall seiner Vermählung. Er kaufte daher einige Häuser und Gärten, die er vereinigte und bequem und schön einrichtete. Der Garten besonders ist freundlich, und alle Nachtigallen der Gegend scheinen darin zu- sammenzukommen.« Dies klingt so, als ob Prinz Ferdinand nicht das Palais bezogen hät-, te, das sein älterer Bruder als Kronprinz be- reits innegehabt und das seit 1740 leer stand.

Und in der Tat, möglich ist es, daß ein Prinz- Ferdinands-Palais eigens erst eingerichtet

wurde, wahrscheinlicher aber erscheint es mir, daß der Prinz das Palais bezog, das nun einmal da war. Auch stimmt die Beschreibung ganz zu der Lokalität, die der Kronprinz be- wohnt hatte. 5. In ebendiesem Garten hat der Besitzer einen zugespitzten, etwa sechs Fuß hohen Granit- stein errichtet, der die Inschrift trägt: »Hier überdachte Friedrich der Einzige als Kronprinz die Pläne, die er als König zur Ausführung brachte.«

II

Seitdem das vorstehende Kapitel geschrieben ward, ward auch von andrer Seite her der Versuch gemacht, der darin angeregten Frage näherzutreten. Hauptmann Becher vom Ruppiner Regiment Nr. 24 (zur Zeit Compagnieführer im 3. ostpreußischen Regiment Nr. 4 in Danzig) hat mit Hülfe der umfangreichen Korrespondenz aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts festzustellen gesucht, wie die Ruppiner Tage des Kronprinzen verliefen, und dieser reichen und den Gegenstand vielleicht erschöpfenden Be- cherschen Arbeit ist es, daß ich auszugsweise das Material zu nachstehendem entnommen habe.

Unterm 13. Juni 1734 wurde seitens des strengen Vaters eine Instruktion1) aufgesetzt, die bestimmt

, war, die Lebensweise des »Kronprinzen Liebden« zu regeln. Darin heißt es: »Wenn Er zu Hause speiset, so soll Seine Tafel nicht mehr als von acht Schüsseln sein, jedesmal vier und vier, des Abends aber soll weiter nichts als kalter Braten gegeben werden. Insonderheit befehlen Seine Königliche Majestät, daß an Seiner, des Kronprinzen, Tafel nichts gesprochen werde, so wider Gott und dessen Allmacht, Weisheit und Gerechtigkeit noch wider dessen heiliges Wort läuft; desgleichen denn keine groben Scherze noch schmutzige Zoten ge- sprochen werden müssen, falls aber sich jemand in des Kronprinzen Gegenwart so weit vergäße, so soll ihm gesagt werden, que ce ne sont point des dis- cours qu'on doit tenir en presence du Prince Royal, et qu'il voudrait mieux de parler d'autres affaires. Alle Sonntage soll der Kronprinz dem Gottesdienst beiwohnen, auch alle Woche zwei- bis dreimal in die Betstunde mitgehn. Und dieweilen nach dem göttlichen Wort Unzucht, Saufen und Spielen ernstlich verboten ist, wollen sich Seine Königliche Majestät von Dero Kronprinzen Liebden dergleichen weder versehen noch vermuten. Falls aber doch ein Exzeß stattfinden und des Kron- prinzen Liebden (was Gott verhüten wolle) in Sünde und Laster verfallen sollte, so befehlen Seine Königli- che Majestät denen beiden Generalmajors von Schu- lenburg und von Kleist, Ihm darüber sofort gehörige, Erinnerung zu tun und Ihn aufs höchste zu bitten und zu ermahnen, davon abzustehen, zugleich aber alles an Seine Königliche Majestät per Estafette zu melden. Auch sollen Kronprinzen Liebden nicht Kar- ten noch Würfel spielen, auch nicht Paar oder Unpaar oder wie die Spiele sonst noch heißen mögen.« So einige der wichtigsten Punkte der im ganzen fünf- undzwanzig Paragraphen umfassenden Instruktion. Worauf der König vorzugsweise Gewicht legte, das war Einfachheit und Sparsamkeit, anständiger Ton, Kirchlichkeit und Keuschheit. Daß der Kronprinz diesem Ideale während seiner Ruppiner Tage nachgekommen wäre, wird sich nicht behaupten lassen. Von der Keuschheit gar nicht zu reden, ward allwöchentlich mit Sehnsucht auf die Delikatessen bringende Hamburger Post gewartet, und wie's drittens und letztens mit dem »anständi- gen Tone« und der Kirchlichkeit aussah, dafür mag die nachstehende Geschichte zeugen, die Büsching erzählt. »Einige Male (und zwar immer zur Tafelzeit) war der Feldprediger beim Kronprinzen erschienen und hatte bei der Gelegenheit im Gespräche mit dem ihn emp- fangenden. Adjutanten darauf hingewiesen, ›daß er bei dem vorhergehenden Herrn Obersten regelmäßig zu Mittag gespeist habe‹. Der Kronprinz ließ ihn aber nichtsdestoweniger abweisen und sprach in Gegen- wart der Offiziere geringschätzend von ihm. Der Feldprediger nahm draus Veranlassung, in seinen Predigten auf den Kronprinzen zu sticheln. ›Herodes‹, (so hieß es in einer dieser Predigten) ›lasse die He- rodias vor sich tanzen und ihr hinterher des Johan- nes Kopf geben.‹ Herodes war der Kronprinz, Hero- dias das lustige Offiziercorps, der Johannes aber be- deutete natürlich den nicht zur Tafel geladenen Feld- prediger. Um ihn für diese Stichelreden zu strafen, begab sich der Kronprinz nächtlicherweile mit einigen jungen Offizieren des Regiments in des Feldpredigers Wohnung, auf deren Hof eine große Pfütze war. Und nun wurden ein paar Scheiben eingeschlagen, Schwärmer in die Schlafkammer geworfen und der Feldprediger aus dem Bett in den Hof oder mit an- dern Worten in die Pfütze gejagt.« Dies und Schlimmeres kam zur Kenntnis des Hofes, speziell der Königin, und als der Kronprinz erfuhr, »daß man davon wisse«, war er beflissen, durch Ver- sicherungen seiner Wohlanständigkeit den Effekt solcher Ausplaudereien abzuschwächen. Es lag ihm begreiflicherweise daran, den kaum besänftigten Vater nicht aufs neue gegen sich eingenommen zu sehen, und so schrieb er denn unterm 23. Oktober 1732 von Ruppin aus an General Grumbkow. »Ich lebe jetzt, weiß Gott, so zurückgezogen wie nur möglich; der Regimentsdienst, die Exerzitien, die ökonomischen Kommissionen, mit welchen mich der König bedacht, beschäftigen mich vollauf; darauf folgt das Essen, die Parole, und wenn ich dann nicht über Land reite, so zerstreue ich mich durch Lektüre und Musik. Gegen sieben Uhr bin ich mit den Offizie- ren, den Capitainen oder mit Bodenberg (wahr-, scheinlich Buddenbrock) oder anderen zusammen und spiele mit ihnen. Um acht Uhr soupiere ich, um neun Uhr ziehe ich mich zurück und lebe so einen Tag wie den anderen. Nur wenn die Post aus Ham- burg kommt, lade ich mir etwa drei bis vier Personen zu Gast und speise mit denselben in meinen Zim- mern, da ich die Ausgabe, zehn Personen solch teure Leckerbissen vorzusetzen, nicht machen kann. Meine einzige Zerstreuung besteht im Wasserfahren oder daß ich einige Schwärmer in meinem vor der Stadt liegenden Garten steigen lasse. Das sind meine Ver- gnügungen, und ich wüßte kaum, was man anders in einem so untergeordneten Orte anfangen könnte. Natürlich wünsch ich von ganzem Herzen, daß dem König über das alles die Augen geöffnet würden. Ich glaube kaum, daß es etwas Unschuldigeres gibt und daß man stiller leben kann. Man hat – unter uns ge- sagt – der Königin die Meinung beigebracht, ich sei über die Maßen ausschweifend, und sie scheint es zu glauben. Ich kann mir gar nicht erklären, wie man dazu kommt, denn wenn ich auch nicht leugnen will, daß auch mein Fleisch bisweilen schwach ist, so braucht man doch um einer kleinen Sünde willen nicht als der größte Wüstling verschrien zu werden. Ich kenne keinen, der es nicht ebenso machte, viele aber, die es schlimmer treiben, und doch spricht, ich weiß nicht, wie es kommt, niemand von ihnen. Ich gestehe, daß mir das sehr nahegeht, und wenn ich in der Lage wäre, würde ich den elenden Subjekten, welche solche Gerüchte unterderhand verbreiten, meinen Zorn fühlen lassen. – Sie sehen, lieber Freund, daß ich sehr aufrichtig bin und Ihnen ohne Hintergedanken alles sage; denn ich weiß, daß Sie, für meine Schwächen einige Nachsicht haben und wissen (oder doch wenigstens hoffen), daß die Zeit mich weise machen werde. Ich tue mein möglichs- tes, um es zu werden; doch glaube ich kaum, daß Cato in seiner Jugend Cato war.« Wird den in diesem Briefe gemachten »Zugeständ- nissen« noch einiges zugelegt, so gewinnen wir mutmaßlich ein richtiges Bild von dem privaten und gesellschaftlichen Leben des Kronprinzen in Ruppin. Neben diesem privaten und gesellschaftlichen Leben aber (oder richtiger wohl, ihm vorauf) existierte selbstverständlich noch ein andres: das soldatische Leben, der »Dienst«. Der Dienst war das Corrigens der Debauchen. Der Kronprinz hatte sich vorgenommen, »daß sein Regiment kein Sallat-Regiment (wie der König bei schlechten Regimentern sich auszudrücken beliebte) werden solle«, und machte sich daher, um ihn selber sprechen zu lassen, den Grundsatz zu eigen: »Ich exerziere, ich habe exerziert, und ich werde exerzie- ren!« Aber das Exerzieren allein tat es nicht. Ebenso wich- tig oder noch wichtiger war die Beschaffung von Re- kruten, besonders von Riesenrekruten. Und auch nach dieser Seite hin wünschte sich der Sohn dem Vater angenehm zu machen. Von Ruppin aus (15. September 1732) war es denn auch, daß er fol-, genden berühmt gewordenen Brief nach Potsdam hin richtete: »Allergnädigster König und Vater! Ich habe die Gna- de gehabt, jetztunt meines allergnädigsten Vaters Ordre mit dem neuen Werbe-Reglement in aller Un- tertänigkeit zu erhalten, und werde auch beim Re- giment in allen Stücken suchen zu conformieren. Bei die meisten Compagnien aber seind noch achtzöllige Leute, inclusive erstes Glied, und werden wir Mühe haben, solche dieses Jahr herauszukriegen. Auch habe aus dem Werbe-Reglement gesehen, daß, wenn Offiziers große Kerls wissen, so über sechs Fuß haben, sie solche angeben sollen, wenn sie nicht mit Gutem zu persuadieren wären. Hier unweit von Per- leberg ins Mecklenburgische hält sich ein Schäfer- knecht auf, welcher sechs Fuß vier Zoll gewiß haben soll. Mit Gutem ist nichts mit ihm auszurichten. Aber wenn er die Schafe hütet, so ist er alleine auf dem Felde, und könnte man ihn mit ein paar Offiziers und ein paar tüchtige Unteroffiziers schon kriegen. Er ist derselbe, da schon mal die Husaren nach seind ge- schickt gewesen. Ich habe Offiziers allhier, die sehr wohl dort bekannt seind; also wollte fragen, ob mein allergnädigster Vater befehlet, daß man ihn aufheben solle oder nicht, und wofern es mein allergnädigster Vater vor gut findet, so will ich schon praecautiones nehmen, daß die Sache gut gehen soll und ohne daß sonderlich Lärm daraus wird. Denn ich kenne den Amtmann, unter welchem der Kerl steht, und kann man dem schon das Maul stopfen.«, Aller Anstrengungen unerachtet, wie sie sich aus diesem Schriftstück ergeben, wurde der Kronprinz nichtsdestoweniger durch andere Regimentschefs übertroffen, was ihn, ebenfalls von Ruppin aus, zu folgendem Entschuldigungs- und Klagebrief an den Obersten und Hofjägermeister von Hacke, Günstling des Königs, veranlaßte. »Das ist keine Kunst, daß des Fürsten (Leopold von Dessau) und die magdeburgischen Regimenter schön sind, wenn sie Geld vollauf haben und kriegen dar- nach auch noch dreißig Mann umsonst! Ich armer Teufel aber habe nichts und werd auch mein Tage nichts kriegen. Bitte, lieber Hacke, bedenk Er doch das. Und wo ich kein Geld habe, so führe ich künfti- ges Jahr Asmus allein als Rekrut vor, und wird mein Regiment gewiß Kroop sein. Sonsten habe ich ein deutsches Sprichwort gelernt, das heißt: ›Verspre- chen und halten ziemt wohl Jungen und Alten.‹... Ich verlasse mich allein auf Ihn, mein lieber Hacke. Wo Er nicht hilft, so wird es schlecht aussehn. Heute habe wieder angeklopft (an den König um Geld ge- schrieben), und wo das nicht hilft, so ist es getan. Wenn ich noch könnte Geld geliehen kriegen, so wä- re es gut. Aber daran ist nicht zu denken. So helft mir doch, lieber Hacke! Ich versichere, daß ich allzeit danken werde. Der ich jederzeit meines lieben Herrn Hauptmanns ganz ergebener Diener und Freund bin, Friedrich.« In der Tat, er wußte nicht aus noch ein, und der her- vorstechendste Zug dieser »Ruppiner Tage« war vielleicht die Geldmisère., Schon als er nach Ruppin kam, war er, der Kron- prinz, wie aus den Berichten des östreichischen Ge- sandten Seckendorff an den Prinzen Eugen hervor- geht, allerorten Geld schuldig. Und der kaiserliche Hof ließ sich denn auch eine so schöne Gelegenheit nicht entgehen, sich durch kleine Dienstleistungen künftiger Gegendienste zu versichern. Anfang 1732 schon instruierte Prinz Eugen den Gesandten Se- ckendorff wie folgt: »Ew. Exzellenz Obsorge muß vornehmlich darauf gerichtet sein, dem Kronprinzen nach und nach in Ansehung Kaiserlicher Majestät diejenigen Prinzipien beizubringen, die zu unzer- trennlicher Befestigung der zwischen den beiden Hö- fen dermalen unterlaufenden engen Freundschaft nötig; zu welchem Ende man auch von hier aus so- wohl mit dem Gelde als mit anderem, so zu des Prin- zen Vergnügen gereichen mag, an die Hand gehen wird. Nur daß Ew. Exzellenz die nötige Obsorge tra- gen, daß weder der König noch sonst jemand anders wegen des dem Kronprinzen zu gebenden Geldes einigen Argwohn schöpfe.« Danach wurde denn auch verfahren, und Seckendorff machte den Anfang mit Übersendung von 500 Dukaten, welche er, zwischen Bücher verpackt, nach Ruppin hinschickte. Der richtige Empfang sollte durch die zerrissenen Stücke des Briefes bescheinigt werden. Der Kronprinz antwortete umgehend von Ruppin aus: »Das Buch, welches Sie mir geschickt haben, finde ich ganz charmant und schicke Ihnen in einem Couvert das ›Lied‹ (die zerrissenen Stücke des Briefes), welches Sie von mir zu haben wün- schen.«, Wenn Friedrich anfangs noch glauben konnte, daß er das Geld, welches ihm später beinah regelmäßig in heimlicher Weise gezahlt wurde, von Seckendorff persönlich erhalte, so wurde er durch diesen selbst bereits unterm 13. April 1733 über die wirkliche Sachlage aufgeklärt: »Sie können versichert sein, daß der Kaiser Seinerseits nichts versäumen wird, Ew. Königlichen Hoheit diejenige Achtung zu bezei- gen, welche Seine Majestät vor den persönlichen Verdiensten Ew. Königlichen Hoheit gefaßt hat. Die Summe, welche Ew. Königliche Hoheit mir schulden, ist schon bezahlt; Ew. Königliche Hoheit werden, glaub ich, leicht erraten, durch wen. Da Ew. Königliche Hoheit mir die gegenwärtige Not schildern (sie betraf die Hochzeitsreise nach Braun- schweig, zu welcher der König nichts extraordinär bewilligen wollte), werde ich Ihnen den Rest der Un- terstützung auszahlen.« Unzweifelhaft war es dem Kronprinzen ein peinliches Gefühl, durch den Gesandten eines fremden Hofes Gelder zu erhalten. »Weil dies jedoch«, wie er sich selber ausdrückte, »immerhin noch besser war, als Hungers zu sterben«, so nahm er auch noch 1735 unbedenklich eine kaiserliche Unterstützung von 3000 Dukaten an. Erst von 1737 ab wurden diese Verlegenheiten in etwas geringer. Um diese Zeit erhielt er, außer dem Gute Zernikow, auch noch eine königliche Zulage von 12 000 Talern und etwas später das etwa bis zu gleicher Höhe (12 000 Taler) sich erhebende Ein- kommen von dem Trakehner Gestüt. All dies half,, gewiß, aber es half nicht viel, und erst nach seiner Thronbesteigung sah er sich in der Lage, sich seiner zahlreichen, aus den Ruppiner und Rheinsberger Ta- gen herstammenden Verpflichtungen entledigen zu können. Ob auch gegen den östreichischen Hof? Er hätte wenigstens die dazu nötigen Summen aus Schlesien leicht bestreiten können. 1. Diese Instruktion hatte speziell die Regelung des kronprinzlichen Lebens im Feldlager der vorn Prinzen Eugen kommandierten Reichs- armee (zu der der Kronprinz im Som- mer 1734 abging) vor Augen. Es darf aber wohl angenommen werden, daß die Grund- sätze, die der König bei dieser Gelegenheit aussprach, ebensowohl für den unmittelbar voraufgehenden und unmittelbar folgenden Ruppiner Garnisondienst wie für den Kriegs- dienst am Rheine galten., 6. General von Günther Und ihm,

Von dem ich Ehre und irdisches Gut Zu Lehen trage und Leib und Blut, Ihm hab ich mich ganz ergeben.

Johann Heinrich Günther, ein ausgezeichneter Führer leichter Truppen, der glorreich fortsetzte, was unter Zieten und Belling begonnen worden war, ward im Sommer 1736, also in demselben Jahre, wo Kron- prinz Friedrich nach Rheinsberg hin übersiedelte, zu Neuruppin geboren. Er war aus bürgerlichem Stande. Sein Vater stand als Feldprediger beim Regiment Kronprinz und zeichnete sich durch Kanzelberedsam- keit aus. Der Sohn, unser General Günther, gehört unbestreit- bar zu den bedeutendsten unter den Neuruppiner Persönlichkeiten, und doch ist es mir zweifelhaft, ob unsere Darstellung vor ihm haltmachen und ihm die pflichtschuldigen Honneurs erweisen würde, wenn nicht im Laufe der Zeit geflüstert worden wäre, daß General Günther ein illegitimer Sohn des Kronprinzen Friedrich gewesen sei. Torheit! Günthers Adjutant und Biograph, der spätere Kriegsminister von Boyen, spricht von der Mutter als von einer »guten und frommen Frau«, was er vermieden haben würde, wenn zu jenem Gerücht auch nur die kleinste Veran- lassung vorgelegen hätte. Woraus dies Gerücht ü-, berhaupt entstand, ist nachträglich schwer zu sagen. Vielleicht einfach aus dem Aufsteigen eines Bürgerli- chen und Feldpredigersohns bis zum Freiherrn und Generallieutenant, wobei nur übersehen wurde, daß beides, Nobilitierung wie Hochavancement, erst ge- gen das Ende seiner Tage hin und nicht seitens des großen Königs, sondern von seiten König Friedrich Wilhelms III. erfolgte. Kurzum, alles Mythe, für de- ren Entstehung wir außer dem Umstande, »daß das Oberst von Wreechsche Haus (das der Kronprinz in Ruppin bezog) durch seinen bloßen Namen schon an die kurz vorhergegangenen intimen Beziehungen zur schönen Frau von Wreech in Tamsel bei Küstrin erin- nerte«, keine andere Erklärung finden können als die Sucht des Menschenherzens, hervorragende Persön- lichkeiten durch Ausstaffierung mit sogenannten »in- teressanten Verhältnissen« womöglich noch interes- santer zu machen. Johann Heinrichs Jugendjahre scheinen Jahre der Entbehrung gewesen zu sein. Nichtsdestoweniger setzte die Mutter alles daran, ihn für das geistliche Amt zu erziehen, in welchem der Vater des Knaben bereits Befriedigung und Auszeichnung gefunden hatte. Die Universität Halle bot dazu in mehr als ei- nem Sinne die Mittel, und bald nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, wahrscheinlich im Jah- re 1757, trat unser Günther seine theologischen Stu- dien an der gerade damals so berühmten Hochschule an. Aber diese Studien währten nicht lange. War es, daß die wachsende Not des Vaterlandes den festen Willen heranreifte, Gut und Blut dafür einzusetzen, oder war es andrerseits die Überzeugung, daß viel-, leicht morgen schon ein Zwang da eintreten würde, wo heute noch die Möglichkeit eines freien Ent- schlusses war, gleichviel, der Eintritt in die preußi- sche Armee erfolgte. Ernst Moritz Arndt in seinen »Wanderungen und Wandelungen mit dem Freiherrn vom Stein« erzählt den Hergang nach Mitteilungen, die er dem Gehei- men Kriegsrat Scheffner zu verdanken scheint, im wesentlichen wie folgt: »Bald nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges standen vier untereinander befreundete Jünglinge in den Listen der Hochschule Halle eingeschrieben. Sie hießen Scheffner, Neumann, L'Estocq und Günther. Alle vier haben sich später auf verwandtem Felde ausgezeichnet. Eines Abends beim Kommers führte das Gespräch darauf hin, daß sie binnen kürzester Frist für die Armee gepreßt und eingekleidet werden würden. Nach einigem Hin- und Hererwägen reifte der Entschluß in ihnen, lieber gleich als Freiwillige in ein Husarenregiment einzutreten. Scheffner, nach- dem er ehrenvoll gedient, lebte noch 1813 als Kriegs- und Domainenrat in Königsberg; Neumann wurde durch seine tapfere Verteidigung Cosels, L'Estocq durch seinen entscheidenden Angriff in der Schlacht bei Preußisch-Eylau berühmt; Günther aber glänzte während des polnischen Feldzuges von 1794 als organisatorisches Talent und verdient in gewis- sem Sinne, ein Vor-Scharnhorst genannt zu wer- den.«, Boyen stellt den Hergang minder poetisch dar. Da- nach war es kein »berühmtes Husarenregiment«, in das unser Günther eintrat, sondern das »Kommissa- riat«. Er gab aber freilich diese prosaisch unkriegeri- sche Stellung bald auf, focht zunächst in dem Freiba- taillon von Angelelly, dann im sogenannten Trüm- bachschen Corps und kam erst nach dem Schluß des Krieges als Stabsrittmeister zum Kürassierregiment Vasold. Während des Krieges war er mehrfach ver- wundet worden. Die Beförderungen gingen jetzt langsam, und zwanzig Jahre verflossen, bevor er vom Stabsrittmeister bis zum Oberstlieutenant avan- cierte. Als solcher erhielt er 1783 das Kommando über die Schwarzen Husaren. Zwei Jahre später wurd er Oberst, und 1788 ernannte ihn König Friedrich Wilhelm II. zum Chef des Bosniaken-Regiments. Diese fünfundzwanzig Friedensjahre – der Bayerische Erbfolgekrieg war kaum als ein Krieg zu rechnen – hatten unserm Günther wenig Gelegenheit gegeben, nach außen hin zu zeigen, von welchem Metall er sei. Nur in einem allerengsten Kreise wußte man schon damals, was man an ihm besaß. In kleinen Garnison- städten vergingen ihm die Jahre. 1789 ward er Ge- neralmajor. An dem Champagnefeldzug und der Rheincampagne nahmen die Truppen, bei denen Günther stand, nicht teil, und auch die letzten zehn Jahre seines Lebens würden mutmaßlich ohne krie- gerische Lorbeern für ihn geblieben sein, wenn nicht Kosciuszkos Auftreten und der unprovozierte Angriff Madalinskis auf eine kleine südpreußische Landstadt (am 15. März 1794) das Signal zu einem kurzen, aber erbitterten Kampfe an den Ufern der Weichsel, und Narew gegeben hätte. Die nun folgenden Som- mermonate waren es, die Günther in den Stand setz- ten, sich als einen Parteigänger und Avantgardenfüh- rer von ungewöhnlicher Begabung zu zeigen, als ei- nen raschen und kühnen Reitergeneral, wie er seit den Tagen Zietens nicht dagewesen war. Droysen, in seinem »Leben Yorcks« (Yorck war Offizier in Gün- thers Corps), schildert unsern General wie folgt: »An der Spitze seiner Bosniaken, in den hastigen Plötz- lichkeiten des Parteigängerkrieges, war er in seinem Element, er selbst immer voran. Seine Schlauheit und körperliche Gewandtheit gaben ihm die Lust der Gefahr; er verstand es, sie bei seinen Leuten bis zur Tollkühnheit zu steigern, aber indem er es rück- sichtslos mit jedem Gegner aufzunehmen schien, lag seiner Kühnheit die besonnenste Berechnung zugrunde. So verstand er es, den Leuten die Zuver- sicht des Erfolges zu geben. Eine kurze Anrede – dann ging es mit niederwerfendem Ungestüm auf den Feind. Kam es besonders hart, so hielt er wohl eine Ansprache wie die folgende: ›Alles ist reiflich und behutsam erwogen; auch hab ich getan, was zu allen Dingen den Segen bringt, habe Gott den Herrn um seinen allmächtigen Beistand angefleht; wenn wir aber doch nicht gewinnen, so hole euch verfluch- te Kerle alle der Teufel, denn dann tragt ihr allein die Schuld.‹« Nach Vorausschickung dieser allgemeinen Bemer- kungen, die den Mann und den Geist, der in seiner Truppe lebendig war, sehr anschaulich schildern, wenden wir uns den Ereignissen selber zu, die ihm Gelegenheit gaben, solche Ansprachen zu halten., Die polnischen Besitzungen Preußens (das sogenann- te Südpreußen) waren damals viel ausgedehnter als jetzt und nur schwach mit Truppen besetzt. Die Auf- gabe, die den Führern nach Ausbruch der Feindselig- keiten zufiel, war deshalb die, eine unendlich langge- zogene Grenze mit einer Armee zu decken, die kaum 10 000 Mann zählen mochte. Unser Günther erhielt den linken Flügel und hatte eine zwanzig Meilen lan- ge Linie, die sich am Narew und seinen Nebenflüssen entlang von Ostrolenka bis Grajewo erstreckte, mit zehn Eskadrons und einem Bataillon zu verteidigen. Es schien fast unmöglich, das Land lag offen da, und der an Zahl weit überlegene Feind hatte es sichtbar- lich in seiner Macht, überall durchzubrechen. Hier war es nun, wo das Prinzip sich glänzend bewährte, nach welchem Günther, während der voraufgegan- genen Jahre, die seinem Befehl unterstellten Reiter- regimenter im Dienste geübt und in mehr als dem gewöhnlichen Sinne für den Krieg vorbereitet hatte. Der Kern dieses seines Prinzips hatte darin bestan- den, die einzelnen Eskadrons, die von Stadt zu Stadt in den Grenzdistrikten Süd- und Ostpreußens in Gar- nison lagen, in einer beständigen Kriegführung mit- und untereinander zu erhalten. Es war immer Krieg. Wie eine Art Reisegeneral war er abwechselnd hier und da, stellte sich an die Spitze bald dieser, bald jener Schwadron und fiel, sei's Tag, sei's Nacht, über die Truppen eines andern Garnisonplatzes her. Da- durch hatte er, in vieljähriger Übung, ein Corps von seltener Schlagfertigkeit ausgebildet, eine Truppe genau der Art, wie sie jetzt erfordert wurde, wo es darauf ankam, eine Handvoll Leute heute vielleicht über weite Strecken hin auszustreuen und morgen, schon auf ein gegebenes Zeichen wieder zu konzent- rieren. Es war die Kunst, mittelst eines lebendigen und aus vielen Teilen zusammengesetzten Glieder- stabs eine dünne, zwanzig Meilen lange Grenzlinie zu ziehn und ebendiesen lang ausgezogenen Stab im Nu wieder zu einem kompakten und widerstandsfähigen Bündel zusammenzuklappen. In dieser Kunst erwies sich Günther als Meister. Späher und eingebrachte Gefangene erhielten ihn über alle Pläne des Feindes in bester Kenntnis, und wo immer dieser den Durch- bruch versuchen mochte (um dann im Rücken das Land zu insurgieren) – überall fand er entweder den Riegel fest vorgeschoben, oder aber Günther ergriff die Offensive, warf sich den Anrückenden entgegen und schlug sie. War dies unmöglich, so imponierte er ihnen doch genugsam, um sie schließlich zum Rück- zug zu bewegen. Die Gefechte bei Kolno und Demni- ki (am 9. und 18. Juli) werden nicht nur für die Le- bensgeschichte Günthers bedeutsam und ehrenvoll, sondern namentlich auch für die Geschichte des »Kleinen Kriegs« ein paar Musterbeispiele bleiben. Die Geschicklichkeit, mit der General Günther ope- rierte, konnte nicht ermangeln, an höchster Stelle die Aufmerksamkeit auf einen so ausgezeichneten und zu gleicher Zeit so vom Erfolge gekrönten Offi- zier hinzulenken, und wiewohl erst der dritte General beim Corps, übertrug ihm der König nichtsdestowe- niger das Oberkommando über alle am rechten Weichselufer (so schreibt Boyen; es muß aber unbe- denklich das linke heißen) stehenden Truppen, deren Bestimmung es war, mit den Russen unter Suworow gemeinschaftlich gegen Warschau vorzudringen und, durch Einnahme der Hauptstadt den Herd des Auf- standes zu ersticken. So sah sich denn Günther, der bis dahin über den Parteigängerkrieg nicht hinausge- kommen war, plötzlich an die Spitze einer »Armee« gestellt und der Bestimmung gegenüber, in Selb- ständigkeit und fast im großen Stile zu operieren. Freudig und mutvoll erfaßte er die ihm gewordene Aufgabe und sah im Geiste bereits eine zweite ruhm- reiche Schlacht bei Warschau geschlagen, unter des- sen Mauern die Brandenburger schon einmal ge- kämpft und den lange schwankenden Kampf zur Ent- scheidung gebracht hatten. Aber es war anders be- schlossen. Noch eh das Corps die Weichsel über- schreiten konnte, traf bereits die Nachricht von der Erstürmung Pragas ein. Warschau, zitternd vor der eisernen Hand Suworows, hatte seine Tore den Rus- sen geöffnet. Der Krieg war zu Ende, und nach einer interimistischen Verwaltung der Provinz (Südpreu- ßens) nahm der Friedensdienst und das Garnisonle- ben in den kleinen Städten aufs neue seinen Anfang. Günther und die Bosniaken, deren Chef er blieb, ka- men nach Tykoczyn. Von hier aus trat er in Brief- wechsel mit dem damaligen Kirchenrat, späteren Bischof Dr. Borowski, demselben, der nach 1806 dem unglücklichen jungen Königspaare (Friedrich Wilhelm III. und Luise) ein Trost und eine Stütze und überhaupt durch seine unwandelbare Treue und Zu- versicht in der Geschichte jener Prüfungsjahre eine hervorragende Erscheinung wurde. Der Briefwechsel zwischen Günther und Borowski beginnt 1799 und dauert fast bis zum Tode des ersteren fort. Einzelne dieser Briefe sind in den »Preußischen Provinzial- Blättern« (Königsberg 1836) veröffentlicht worden,, Briefe, die uns den frommen und demütigen Sinn des Generals in schönstem Lichte zeigen. Die Auszeichnungen drängten sich jetzt. 1795 wurde Günther Generallieutenant, zwei Jahre später erhob ihn Friedrich Wilhelm III. (gleich nach seiner Thron- besteigung) in den Freiherrnstand, und endlich 1802, nach der Revue, erhielt er den Schwarzen Adleror- den. Aber nur eine kurze Spanne Zeit noch war ihm vergönnt, sich dieser Ehren und Auszeichnungen zu freun. Ein halbes Jahr später, am 22. April 1803, starb er. Als der Adjutant bei ihm eintrat, fand er den General am Schreibtisch, den Kopf auf die Seite geneigt – tot. Der Tod war als ein Längsterwarteter an ihn herangetreten. Schon am Tage zuvor hatte er zu sterben geglaubt und bei einer Truppenvorstel- lung, die er selbst noch leitete, seinen Adjutanten gebeten, ihm zur Seite zu bleiben, um ihn auffangen zu können, wenn er vom Pferde stürze. Bis zuletzt war ihm das »Ich dien« ein Stolz und ein Bedürfnis gewesen. Günther war sechsundvierzig Jahre lang Soldat. Sein Ruhm wurzelt in den Kämpfen von 1794. Wenn trotz dieser Kämpfe sein Name nicht heller glänzt, so liegt das in einer Verkettung von Umständen, unter deren Ungunst manche hervorragende Kraft jener Zeit und speziell jener polnischen Kämpfe zu leiden gehabt hat. Der Krieg war unpopulär, und die Schroffheit Suworows, die des Guten in derselben Weise zuviel tat, wie die oberste Leitung preußischerseits (freilich ohne Verschulden unseres Günthers) zuwenig getan hatte, war nicht geeignet, dem Kampfe gegen Polen, eine ihm fehlende Teilnahme zu wecken. Man schäm- te sich fast des Krieges, und die Tat des einzelnen litt unter dem Mißkredit, in dem das Ganze stand. Dies würde vollauf genügen, um das Vergessensein ruhmvoller Aktionen aus dem Jahre 1794 erklärlich zu machen, aber was recht eigentlich in diesem Sin- ne wirkte, war doch ein anderes noch. Und kaum ist es nötig, dieses andre zu nennen. Der Untergang des alten und das Wiedererstehn eines neuen Preußens waren Weltereignisse, die, nach Art einer Flut, die Marksteine einer unmittelbar voraufgegangenen klei- nen Geschichtsepoche hinwegspülten. Es ist Aufgabe späterer Zeiten, solche in Triebsand begrabenen Denksteine wieder aufzurichten. Und dazu sollten diese Zeilen ein Versuch sein. Günthers eigentlichste Bedeutung scheint übrigens nach dem übereinstimmenden Urteile seiner Zeitge- nossen vor allem in seiner Persönlichkeit gelegen zu haben. Boyen preist ihn auf jeder Seite, und da jun- ge Adjutanten gewöhnlich diejenigen sind, die ihrem alten General (und oft mit nur zu gutem Grund) am wenigsten Bewunderung entgegentragen, so sind wir wohl zu dem Schlusse berechtigt, daß in diesem Fall eine siegende Gewalt vorlag, die alles Bekritteln tot- machte. Etwas Mysteriöses, das um und an ihm war, steigerte dabei sein Ansehen nicht wenig. Es hieß von ihm, daß er die drei Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams abgelegt habe. Und daß dies von jedem geglaubt wurde, zeigt am besten, wie sein Leben war. Es hieß, daß er nie ein Weib be- rührt habe, »drum sei er so gewaltig von Körper«.1) Das Gelübde der Armut hielt er nicht minder treu., Von seinem reichen Gehalt nahm er für seine Person nur 300 Taler; was von dem übrigen nicht für die Offizierstafel und für Lohn und Bedienung darauf- ging, wurde den Armen gegeben. Die Tafel war reichlich besetzt, aber er selbst aß regelmäßig nur eine Soldatensuppe und ein einfaches Stück Fleisch. Als er einen jungen Offizier zum Nachbar flüstern hörte, daß der Alte sich seine frugale Kost sehr gut schmecken lasse, ward auch noch das Fleisch aus der Suppe getan. Denn wie er an Umsicht, Raschheit und verschlagener Tapferkeit ein Geistesverwandter des alten »Husarenvaters« auf Wustrau war, so war er es auch in Schlichtheit, Rechtschaffenheit und Unbestechlichkeit. Die Worte des Prinzen Heinrich, die Zieten so schön charakterisieren (»er verachte alle diejenigen, die sich auf Kosten unterdrückter Völker bereicherten«), passen ebenso auf Günther. Seine kurze Verwaltung Südpreußens war deshalb in mehr als einer Beziehung ein Segen für jene Lan- desteile. Seine Uneigennützigkeit erwarb ihm die Achtung von Freund und Feind, und selbst die polni- sche Bevölkerung näherte sich ihm und unterwarf sich in streitigen Fällen seiner Entscheidung. Von Suworow, den er öfter sah, wurd er in ausgezeichne- ter Weise empfangen. »Ich freue mich, heute einen wahren General kennenzulernen«, waren die ersten Worte, womit der damals im Zenit seines Ruhmes stehende Praga-Erstürmer unsern General begrüßte, und als Günther mehrere Jahre später ein in Süd- preußen zurückgebliebenes, völlig vergessenes russi- sches Magazin unaufgefordert an Suworow zurücklie- fern wollte, rief dieser verwundert aus: »Solch einen, Glauben hab ich in Israel nicht funden.« Freilich, es war so unrussisch wie möglich. An Gehorsam, an Diensttreue war ihm keiner gleich. Seine stete Klage war, daß der König schlecht be- dient werde. Nach Natur und Überzeugung war er ein Mitglied jenes hohen Kriegerordens, der sich wäh- rend der Regierungszeit des großen Königs gebildet hatte und dessen erste und einzige Regel lautete, »im Dienste des Vaterlandes zu leben und zu ster- ben«. Das Opfer war Gebot, war Leidenschaft. Preu- ßen über alles. Noch wenige Wochen vor seinem Hin- scheiden, als ihm erzählt wurde, daß die Grenadier- bataillone die alten Grenadiermützen wieder erhalten hätten, rief er aus: »Gott gebe, daß mit den alten Mützen auch der alte Geist der Gleimschen Grenadie- re wieder dasein möge, dann werden sie und Preu- ßen unüberwindlich sein.« Der Tod ersparte ihm die bittre Erfahrung, daß der »alte Geist« unwiederbring- lich verloren war. Es war ihm in einem der Pflicht und dem Dienste gewidmeten Leben nicht vergönnt worden, die höchsten Aufgaben zu lösen, Aufgaben, zu denen er, der Aussage aller derer nach, die ihm nahestanden, wohl befähigt gewesen wäre. Wenn ihm aber das Höchste zu tun auch versagt blieb, das Beste lebte nicht nur in ihm, er betätigte sich auch darin. Mög es dem Vaterlande nie an Männern fehlen gleich ihm!, 1. Boyen hat auch in bezug hierauf eine etwas prosaischere Version. Er schreibt: »Günther zog sich früh aus dem Treiben der Welt und der Gesellschaft zurück. Was ihn zu dieser Zurückgezogenheit bestimmte, ob es schmerzlich zerrissene Lebensverbindungen waren (also unglückliche Liebe, aber nichts von einem Keuschheitsgelübde), mag dahin- gestellt bleiben.« Auch der »Gewaltigkeit sei- nes Körpers« erwähnt Boyen nicht; vielmehr spricht er viel von der Kränklichkeit des Gene- rals, die nur in dessen moralischer Kraft ihr Gegengewicht gefunden habe. Er war auch hierin ganz dem alten Zieten verwandt, der bekanntlich immer leidend und zuzeiten völlig hinfällig war. 7. Karl Friedrich Schinkel Ehrwürdig dünkt euch gotische Kunst mit Recht;...

Doch schätz ich mehr Einfaches, dem ersten Blick Nicht gleich enthüllbar. Platen

Unter allen bedeutenden Männern, die Ruppin, Stadt wie Grafschaft, hervorgebracht, ist Karl Friedrich Schinkel der bedeutendste. Der »alte Zieten« über-, trifft ihn freilich an Popularität, aber die Popularität eines Mannes ist nicht immer ein Kriterium für seine Bedeutung. Diese resultiert vielmehr aus seiner re- formatorischen Macht, aus dem Einfluß, den sein Leben für die Gesamtheit gewonnen hat, und diesen Maßstab angelegt, kann der »Vater unsrer Husaren« neben dem »Schöpfer unsrer Baukunst« nicht be- stehn. Wäre Zieten nie geboren, so besäßen wir (was freilich nicht unterschätzt werden soll) eine volks- tümliche Figur weniger, wäre Schinkel nie geboren, so gebräch es unsrer immerhin eigenartigen künstle- rischen Entwicklung an ihrem wesentlichsten Mo- ment. Ich komme weiterhin ausführlicher auf diesen Punkt zurück. Karl Friedrich Schinkel wurde am 13. März 1781 zu Neuruppin geboren. Wir wissen wenig von den ersten Jahren seiner Kindheit. Wenn Berühmtheiten in ihren alten Tagen sich entschließen, ihre Biographie zu schreiben, so geschieht es wohl, daß die ersten, also die sich mit ihrer Kindheit beschäftigenden Kapitel zugleich auch die interessantesten werden. Die Betreffenden, nachdem sie am Tische von Fürsten und Herren gesessen und sich genugsam von der Wahrheit des »alles ist eitel« überzeugt haben, keh- ren dann mit einer rührenden Vorliebe zu den Spie- len ihrer Kindheit zurück und verweilen lieber bei diesen als bei dem Ordens- und Ehrenempfang ihrer späteren Jahre. Anders, wenn Berühmtheiten es ver- schmähen oder vergessen, ihre Lebensschicksale niederzuschreiben, und nur das zu unsrer Kenntnis kommt, was andre von ihnen wissen. Diese »ande- ren« wissen in der Regel wenig oder nichts von den, Kinderjahren des berühmten Mannes, sie lebten da- mals kaum, und der Berühmte hat die vielleicht hüb- schesten Kapitel seines Lebens mit ins Grab genom- men. So oder ähnlich verhält es sich mit Schinkel. Er hat seine Biographie nicht geschrieben, und wiewohl seine mittlerweile herausgegebenen »Briefe und Ta- gebücher« ein Material von seltener Reichhaltigkeit für das spätere Leben Schinkels bieten, so schweigen sie doch über seine Kinderjahre. Ich habe an seinem Geburtsorte nachgeforscht. Es lebten noch Personen, die ihn als Kind gekannt hatten, und ich gebe in nachstehendem, was ich über ihn erfuhr. Sein Vater war Superintendent in Ruppin und starb infolge der Anstrengungen, die er während des großen Feuers, das im Jahre 1787 die ganze Stadt verzehrte, durch- zumachen hatte. Auch die Superintendentenwoh- nung ward in Asche gelegt, so daß von dem Hause, darin Schinkel geboren wurde, nichts mehr existiert. Es stand ungefähr an derselben Stelle, wo sich die jetzige Superintendentenwohnung befindet, aber etwas vorgelegen, auf dem jetzigen Kirchplatz, nicht an demselben. Die Mutter Schinkels (eine geborne Rose und der berühmten gleichnamigen Gelehrten- familie, der die Chemiker und Mineralogen Valentin, Heinrich und Gustav Rose zugehörten, nahe ver- wandt) zog nach dem Hinscheiden ihres Mannes in das sogenannte Predigerwitwenhaus, das, damals vom Feuer verschont geblieben, sich bis diesen Tag unversehrt erhalten hat. In diesem Hause, mit dem alten Birnbaum im Hof und einem dahinter gelege- nen altmodischen Garten, hat Schinkel seine Kna- benzeit vom sechsten bis vierzehnten Jahre zuge- bracht., Aus seiner frühesten Jugend ist nur folgender kleiner Zug aufbewahrt worden. Sein Vater zeichnete ihm öfter allerlei Dinge auf Papier, namentlich Vögel. Der kleine Schinkel saß dann dabei, war aber nie zufrie- den und meinte immer: »Ein Vogel sähe doch noch anders aus.« Sein Charakter nahm früh ein bestimm- tes Gepräge an; er zeigte sich bescheiden, zurück- haltend, gemütvoll, aber schnell aufbrausend und zum Zorn geneigt. Eine echte Künstlernatur. Auf der Schule war er nicht ausgezeichnet, vielleicht weil jede Art der Kunstübung ihn von frühauf fesselte und ein intimeres Verhältnis zu den Büchern nicht auf- kommen ließ. Seine musikalische Begabung war groß; nachdem er eine Oper gehört hatte, spielte er sie fast von Anfang bis zu Ende auf dem Klaviere nach. Theater war seine ganze Lust. Seine ältere Schwester schrieb die Stücke, er malte die Figuren und schnitt sie aus. Am Abend gab es dann Puppen- spiel. In seinem vierzehnten Jahre zog seine Mutter nach Berlin, und Schinkel kam nur noch besuchsweise nach Ruppin, besonders nach Kränzlin, einem nahe- bei gelegenen Dorfe, an dessen Pfarrherrn seine äl- tere Schwester verheiratet war. Nach Kränzlin hin, wie schon hier bemerkt werden mag, adressierte er auch seine Briefe aus Italien, wohin er im Jahre 1803 seine erste Reise antrat. Dies Dorf und sein Predi- gerhaus blieben ihm teuer bis in sein Mannesalter hinein. Unter seinen Jugendarbeiten im Radenslebe- ner Herrenhause (siehe Seite 48) befindet sich auch eine Zeichnung der Kränzliner Kirche., Das Berliner Leben unterschied sich zunächst wenig von den Tagen in Ruppin. Hier wie dort eine Woh- nung im Predigerwitwenhause, hier wie dort Besuch des Gymnasiums. Auch auf der Berliner Schule, dem Grauen Kloster, ging es nicht glänzend mit dem Ler- nen, die Kunst hatte ihn bereits in ihrem Bann. Er zeichnete mit Eifer, und wir sind so glücklich, einige dieser seiner ersten Versuche zu besitzen. Es sind Portraitköpfe (Rembrandt, Friedrich der Große und ein Unbekannter), alle drei aus dem Jahre 1796 und mit großer Sauberkeit von dem damals fünfzehnjäh- rigen Schinkel ausgeführt. Indessen, so wertvoll uns diese Blätter jetzt erscheinen müssen, so waren sie doch nichts andres als Zeichnungen nach Vorlege- blättern, wie sie, ohne daß sich später ein Schinkel daraus entwickelt, tagtäglich gemacht zu werden pflegen. Er entbehrte, trotz allen künstlerischen Dranges, noch jeder Klarheit, und der zündende Funke war noch nicht in seine Seele gefallen. Daß er der Kunst und nur ihr angehöre, dies Bewußtsein kam ihm erst später. Freilich bald. Es war im Jahre 1797 auf der damals stattfindenden Ausstellung, daß ein großartiger, vom jungen Gilly herrührender, phantastischer Entwurf eines Denk- mals für Friedrich den Großen den tiefsten Eindruck auf ihn machte und ihn empfinden ließ, wohin er sel- ber gehöre. Er verließ die Schule (1798), ward in das Haus und die Werkstatt beider Gillys, Vater und Sohn, eingeführt und begann seine Arbeiten unter der Leitung dieser beiden ausgezeichneten Architek- ten. Eine enthusiastische Verehrung für den Genius, des früh hingeschiedenen jüngeren Gilly blieb ihm bis an sein Lebensende. Es existieren Arbeiten aus dieser ersten Schinkel- schen Zeit, und alle zeigen den Gillyschen Einfluß. Kein Wunder. Auch das Genie schafft nicht lediglich aus sich selbst, und Schinkel entbehrte noch der le- bendigen Anschauungen, die ihm die Kraft oder auch nur die Möglichkeit zu freier Entfaltung hätten geben können. Jedenfalls war das Verhältnis Schinkels zu Gilly von kürzester Dauer; schon nach zwei Jahren, am 3. August 1800, starb dieser liebenswürdige und geistreiche Künstler. Er hinterließ ihm zweierlei: den ausgesprochenen Wunsch, seine Arbeiten durch ihn (Schinkel) vollendet zu sehn, dann aber die Sehn- sucht nach Italien. Im Durchblättern der Gillyschen Mappen hatte der jugendliche Schüler desselben vom ersten Augenblick an erkannt, wo das Richtige, das Nacheifernswerte zu finden sei. Arbeiten, übernommene und eigene, hielten unsern Schinkel noch fast drei Jahre lang in der Heimat fest; endlich, im Frühjahr 1803, kam die lang ersehnte Stunde, und seine Fahrt ins »schöne Land Italia« begann. Er machte diese Reise an der Seite seines Freundes, des Architekten Steinmeyer, und nach längeren und kürzeren Aufenthalten an den alten deutschen Kunststätten: Dresden, Augsburg, Nürn- berg, Wien, betrat er Italien zu Anfang August des- selben Jahres, um es bis nach Sizilien hin zu durch- wandern. Seine Briefe und Reisetagebücher geben Auskunft darüber, mit welch empfänglichem Sinn, zugleich auch mit welcher Gereiftheit des Urteils er, die Kunstschätze Italiens studierte und Land und Leute beobachtete. Vor allem sprach das Land zu ihm von seiner malerischen Seite, das Architektoni- sche trat zurück, und ein Blick auf die zahlreichen Landschaftszeichnungen, die dieser Reiseepoche an- gehören, bestätigt durchaus die Ansicht Waagens, daß Schinkel, wenn er statt der Bekanntschaft Gillys, des Architekten, die Bekanntschaft eines Malers von gleichem Talent gemacht hätte, sehr wahrscheinlich ein hervorragender Maler geworden wäre. Musik, Skulptur, Malerei, Baukunst – für alle hatte er eine ausgesprochene Begabung und für die Malerei in so hervorragender Weise, daß mit Recht von ihm gesagt worden ist, »er habe architektonisch gemalt und ma- lerisch gebaut«. Italien bot diesem malerischen Zuge die reichste Anregung, und die entsprechende Beschäftigung führte sehr bald zu einer Meisterschaft in der Be- handlungsweise, die alles Unselbständige von ihm abstreifte. Seine früheren Sachen (bis 1803) zeigten etwas Steifes, in Italien aber eignete er sich eine ganz eigentümliche Technik an, die ihn, durch eine erstaunliche Breite und Kraft im Vordergrunde (wo- bei ihm die meisterhaft geführte stumpfe Rohrfeder treffliche Dienste leistete), in den Stand setzte, die Wirkung vollständiger Bilder zu erreichen. Seine gro- ßen Ansichten von Messina, Palermo, der Ebene von Partinico etc., die alle dem Jahre 1804 angehören, wurden später von Goethe »groß und bewunderns- würdig« genannt.1) Schinkel pflegte die Hauptlinien solcher landschaftlichen Aufnahmen am Tage sehr flüchtig, aber in der Perspektive höchst sorgfältig auf, das Papier zu werfen und diese Umrisse dann am Abend mit der staunenswertesten Treue und von einem nie irrenden Gedächtnis unterstützt im einzel- nen auszuführen.2) Während der ganzen Reise prävalierte in ihm der Maler. Er war unzweifelhaft als Architekt nach Italien gezogen, aber nur wenige seiner Briefe aus jenen Reisejahren beschäftigen sich mit Architektur. Selbst die herrlichen Tempeltrümmer von Girgenti regten überwiegend die dichterische Phantasie des Land- schaftsmalers an; zu baukünstlerischen Betrachtun- gen über die hehren Überreste hellenischen Alter- tums gelangte er nirgends, und die Renaissancebau- ten Ober- und Mittelitaliens ließen ihn ebenfalls kalt. Am meisten Eindruck machte die sarazenische Bau- kunst auf ihn, und ihre phantastischen Reize um- strickten ihn überall von Venedig bis Sizilien – es sprach sich auch hierin seine Neigung zum Maleri- schen aus. 1. Goethe war überhaupt voller Anerkennung für Schinkel. 1820 war letzterer in Gesellschaft von Rauch und Friedrich Tieck in Weimar auf Besuch, und Goethe, dem vorzugsweise diese Reise gegolten hatte, schrieb über diese schönen Tage: »Von Jugend auf war meine Freude, mit bildenden Künstlern umzugehen. Herr Geheimrat Schinkel machte mich mit den Absichten seines Theaterbaues bekannt und wies zugleich unschätzbare landschaftliche, Federzeichnungen vor, die er auf einer Reise ins Tirol gewonnen hatte. Die Herren Tieck und Rauch modellierten meine Büste, ersterer zugleich ein Profil von Freund Knebel. Eine lebhafte, ja leidenschaftliche Kunstunterhal- tung ergab sich dabei, und ich durfte diese Tage unter die schönsten des Jahres rech- nen.« 2. Es scheint fast, daß alle hervorragenden Künstler die oft ans Wunderbare grenzende Gabe besitzen, das allerflüchtigst Wahrge- nommene auf viele Jahre hin, um nicht zu sa- gen für immer, in ihrer Vorstellung zu bewah- ren. Das Geschaute fällt wie ein Lichtbild in ihre Seele und fixiert sich daselbst. William Turner sollte zu einer bestimmten Gelegen- heit die »Landungsbrücke von Calais« malen, und man erwartete, er werde hinüberfahren. um das Bild nach der Natur anzufertigen. Er war aber ein oder zwei Jahre vorher nach Pa- ris gereist und hatte sich, auf dem Dampf- schiffe stehend, ohne die geringste Ahnung davon, daß ihm solche Aufgabe jemals zufal- len würde, die Szenerie von Calais (bloß da- durch, daß sein Auge einen Moment darauf ruhte) so vollständig eingeprägt, daß er das bestellte Bild in frappantester Naturwahrheit aus dem Kopfe malen konnte. – Ein andres Mal zeichnete er mit raschen Strichen einen Dreimaster aufs Papier, den er länger als zwanzig Jahre vorher auf der Reede von Spithead hatte tanzen sehn. Das Schiff exis-, tierte noch in Portsmouth oder Plymouth, und man verglich die Zeichnung damit. Zum Staunen aller ergab sich, daß Turner sogar die Zahl und Stellung der Stückpforten völlig richtig wiedergegeben hatte.3) 3. Auch aus dem Kreise Berliner Künstler wird ähnliches berichtet. Der polnische Graf Cz. verliert plötzlich sein einziges Kind, eine Toch- ter von zehn Jahren. Er ist untröstlich und will wenigstens eine Büste von der Hingeschiede- nen besitzen. Er wendet sich wenige Tage später an einen unsrer Bildhauer, dieser aber muß ablehnen, als er erfährt. daß nur eine schon vor etwa sechs Jahren angefertigte Kreidezeichnung von der jungen Komtesse vorhanden sei. Auf dem Heimwege begegnet der Bildhauer seinem Freunde, dem Maler M., und erzählt ihm das eben Erlebte. Der Maler, als er den Namen des Grafen hört, hält im Gehen inne und fragt: »War das nicht Graf Cz., dem wir vor kaum drei Wochen am ›Großen Stern‹ begegneten? Er fuhr mit einer Dame; rückwärts saß ein schönes Kind?« – »Das war er«, antwortete der Bildhauer. »Nun, dann läßt sich vielleicht helfen.« Und der Maler zeichnete alsbald einen Kopf, der vollständig ähnlich befunden und nach dem seitens des Bildhauers die Büste angefertigt wurde., Die italienische Reise, wie jede Reise, hatte freilich auch ihre Schattenseiten, ihre Plagen und ihre Sor- gen. Eine humoristischere Feder als die Schinkels würde uns davon ein anschauliches Bild entworfen haben, aber immer etwas auf dem Kothurn, steigen seine Schilderungen nur seiten ins Genrehafte hinab. Es widerstand seiner Natur, die kleinen Leiden des Daseins zu betonen, und nur mitunter klang es durch. Die Vetturinfahrt nach Rom und die ersten römischen Tage (im Spätherbst 1803) zwangen ihm einen Notschrei ab. »Bände könnt ich schreiben über das Thema« – so heißt es in einem der ersten Brie- fe –, »wie einem eine schöne Reise durch Gauner und Schurken verdorben werden kann. Der Ärger über die infamsten Betrügereien hat mich unfähig gemacht, das tausendfach Schöne mit voller Teil- nahme zu genießen. Die dicke, immer uns hindernde Maschine von einem Bedienten (den Sie aus Venedig kennen) war mit einem abscheulichen Kerl von Vet- turin verschworen, um uns zugrunde zu richten. Nun hab ich das Fieber und bin abgespannt und ermat- tet.« So schrieb Schinkel unmittelbar nach seiner Ankunft. Aber die Situation, anstatt sich an Ort und Stelle wenigstens zu bessern, wurde von Tag zu Tag nur schwieriger, das Geld blieb aus, und unser Fieber- kranker, dem kräftige Speisen verordnet waren, mußte von Semmel und Weintrauben leben. Wer weiß, was geworden wäre, wenn nicht der Hauswirt, voll jenes Zartsinns, von dem die Italiener trotz aller Vetturine doch auch ihre Proben geben, sich ins Mit- tel gelegt und von freien Stücken offeriert hätte, »bis, auf weiteres mit seiner Küche vorliebnehmen zu wol- len«. Dies geschah, und – endlich kam das Geld. Schinkel und sein Reisegefährte (Steinmeyer) be- stellten nun eine gebratene Ente, worauf der Italie- ner lachend erwiderte: »Capisco, i denari son' venu- ti.« Die Rückreise nach Deutschland ging über Paris, dessen jedoch in den betreffenden Briefen nur flüch- tig Erwähnung geschieht; die Sehnsucht, nach fast zweijähriger Abwesenheit, stand wieder nach der Heimat, und Ende Januar 1805 war er zurück. Hier bot sich für seine Wirksamkeit als praktischer Architekt vorläufig wenig, und durch die unglückliche Katastrophe, die das Jahr darauf hereinbrach, wurde vollends alle Aussicht gestört. Dies war ein Unglück. Waagen indes äußert sich dahin, daß das, was an- fänglich unbedingt als eine schwere Fügung des Schicksals erscheinen mußte, schließlich der mehr- seitigen Entwickelung Schinkels fördersam gewesen sei und auf seine reifere Ausbildung zum praktischen Architekten den wohltätigsten Einfluß ausgeübt habe. Wir lassen dies dahingestellt sein und verzeichnen unsrerseits nur die Tatsache, daß unser Ruppiner Superintendentensohn, den wir uns gewöhnt haben als Architekten und nur als solchen zu kennen und zu bewundern, daß unser Schinkel, sag ich, zum Teil der eigenen Neigung, aber mehr noch dem Zwange gebieterischer Umstände nachgebend, zehn Jahre lang (von 1805 bis 1815) vorwiegend ein Land- schaftsmaler war. Er malte große hochpoetische, Landschaften in Öl, vor allem jenen reichen Zyklus perspektivisch-optischer Bilder (meist für die Gropi- usschen Weihnachtsausstellungen), worin er fast aus allen Teilen der Welt das Schönste und Interessan- teste vor den staunenden Augen seiner Landsleute entrollte: Ansichten von Konstantinopel, Nilgegen- den, die Kapstadt, Palermo, Taormina mit dem Ätna, den Vesuv, die Peterskirche, die Engelsburg und das Capitol in Rom, den Mailänder Dom, das Chamonix- Tal, den Markusplatz, den Brand von Moskau, die Leipziger Schlacht, Elba, St. Helena etc. Vor allem verdienen hier die 1812 für das kleinere Gropiussche Theater gemalten »Sieben Wunder der alten Welt« einer besonderen Erwähnung. Sie gaben ihm eine erwünschte Gelegenheit, neben der vollen Entfaltung seines malerischen Geschicks sich auch als genialen Architekten aufs glänzendste zu bewähren. Franz Kugler nannte diese Arbeiten »die geistreichsten Restaurationen der Wunderbauten des Altertums«. Auch Staffeleibilder in großer Zahl entstanden um diese Zeit: Landschaften in Öl, Gouache, Aquarell und Sepia. Er entwickelte auf diesem Gebiet eine Vielseitigkeit, wie die Kunstgeschichte sonst kein Beispiel aufweist, so daß er nach der Meinung Waa- gens als der mutmaßlich größte Landschaftsmaler aller Zeiten dastehen würde, wenn er die Technik der alten Meister besessen und seine ganze Kraft diesem Fache hätte zuwenden können. Denn er vereinigte das lebhafte und innige Gefühl für die bescheidnen, anspruchslosen Reize einer nordischen Natur, welche uns die Bilder eines Ruysdael, eines Hobbema so anziehend machen, mit dem Liniengefühl und dem, Sinn für zauberhafte Beleuchtung eines Claude Lor- rain. Andere seiner Bilder erinnern durch eine gewis- se Klassizität und kühle, harmonische Farbenwirkung an die Landschaften Nicolaus Poussins. Was uns, die wir die Mark durchreisen und beschrei- ben, mit besonderer Genugtuung erfüllt, ist der Um- stand, daß die herrlichen Gegenden des Südens, in denen er so lange geschwelgt, ihn nicht unempfäng- lich für die Reize seiner märkischen Heimat gemacht hatten. Er verachtete unsere Landschaft keineswegs, wie so viele tun, die sich dadurch das Ansehn feine- ren Kunstverständnisses zu geben vermeinen. Neben Palermo oder Taormina malte er »die Oderufer bei Stettin«, und selbst »Stralau und die Spree« er- schienen seinem Künstlerauge nicht zu gering. Alle unsere großen Landschafter haben in diesem Punkte empfunden wie Schinkel. Ich nenne nur Blechen, anderer, jüngerer, wie Riefstahl und Bennewitz von Loefen, zu geschweigen. Vieles von den zahlreichen Arbeiten jener Epoche – namentlich alles bloß Dekorative, für eine bestimmte Gelegenheit Entworfene – ist verlorengegangen, an- deres ist in den Schlössern und Herrenhäusern der Mark zerstreut, in denen ich, wie zum Beispiel in Neu-Hardenberg, Steinhöfel, Radensleben und Fried- richsfelde, einer ganzen Anzahl von Gouache- und Ölbildern begegnet bin.1) Wie manches aber auch dem Auge entzogen oder verlorengegangen sein mag, das Wesentlichste, das er als Landschafter ge- leistet, ist unserer Hauptstadt erhalten geblieben, und die jetzt der Nationalgalerie zugehörige Wagner-, sche Sammlung bietet uns Gelegenheit, einen Ein- blick in die reiche schöpferische Kraft Schinkels auch als Maler zu tun. Die Technik ist seitdem eine andere geworden, und die Schinkelsche Farbe, wie nicht geleugnet werden soll, hat zum Teil etwas Kalkig- Nüchternes, das uns heutzutage, wo wir an die Far- benzauber der Achenbachs gewöhnt worden sind, befremdlich ansieht, aber als stilisierte Landschaften sind sie schwerlich seitdem ihrem inneren Gehalte nach übertroffen worden. Bis hierher haben wir uns fast ausschließlich mit Schinkel dem Maler beschäftigt; der Friedensschluß von 1815 aber schuf einen plötzlichen Wandel, und von nun ab tritt der Baumeister in den Vordergrund. Es fällt diese Wandlung der Verhältnisse (nachdem er übrigens schon 1810 in die Oberbaudeputation beru- fen war) mit seiner Ernennung zum Geheimen Ober- baurat zusammen. Man darf fast sagen, er wurde lediglich auf Vertrauen und Diskretion hin in diese Stellung eingeführt, denn noch war es ihm versagt geblieben, durch irgendeinen ausgeführten Bau von Bedeutung die Aufmerksamkeit oder gar die Bewun- derung der Fachleute auf sich zu ziehen. Fünfundzwanzig Jahre lang, in runder Zahl von 1815 bis 1840, war er nun als Baumeister im großen Stile tätig, und in ebendiesem Zeitraume gelang es ihm, »Berlin«, wie seine Verehrer sagen, »in eine Stadt der Schönheit umzugestalten«, jedenfalls aber uns- rer Residenz im wesentlichen den Stempel aufzude- cken, den sie bis diese Stunde trägt. Denn auch das, was nach ihm gebaut worden ist, ist zu gutem Teile, Geist von seinem Geist. Wenige Städte (wenn über- haupt) zeigen etwas Gleiches. In Hamburg, Mün- chen, Petersburg liegen die Dinge doch anders, und selbst die London-City, die in gewissem Sinne als eine Schöpfung Christopher Wrens betrachtet wer- den darf, bietet nur Ähnliches. Es verlohnt sich zu zeigen, worin der Unterschied liegt. Wenn man in London auf der Blackfriars-Brücke steht und neben der Kuppel von St. Paul die zwei- undfünfzig Türme überblickt, die, bis an den Tower hin und darüber hinaus, das Häusermeer der City überragen, so darf man sagen, dies in Nebel und Sonne zauberhaft daliegende Stück London ist das Werk Christopher Wrens – alles war niedergebrannt, und auf dem Trümmerschutt des alten London fiel ihm die Aufgabe zu, ein neues London aufzurichten. Aber dennoch, wie schon angedeutet, stellt sich auch hier eine sehr wesentliche Verschiedenheit heraus. Was Wren für die London-City tat, war unendlich mehr und unendlich weniger. Wren hat der City nach außen hin eine bestimmte Physiognomie gegeben, was sich von Schinkel in bezug auf Berlin nicht sagen läßt. Eingetreten in beide Städte jedoch, erkennen wir, daß Wren (den die großen Aufgaben des Kir- chenbaues beschäftigten) ohne jeden bemerkens- werten Einfluß auf die Straßen und Häuser, auf die Details der Stadt geblieben ist, während dasselbe Berlin, das nach außen hin kaum einen einzigen Schinkelschen Zug verrät, in seinem Innern den Stempel Schinkels trägt. Inwieweit dies der Fall ist,, das wird am ehesten erhellen, wenn ich einfach auf- zähle, welche Häuser und Paläste, welche Brücken und Plätze wir der fünfundzwanzigjährigen baukünst- lerischen Tätigkeit unseres Schinkels verdanken. Es sind: die Königswache, die Domkirche (Restaura- tion), das Kreuzberg-Monument, das Monument für den General von Scharnhorst auf dem Invaliden- kirchhof, das Schauspielhaus, das Potsdamer Tor und die Wachthäuser rechts und links neben demselben, das Alte Museum samt Lustgarten und Springbrun- nen, die Schloßbrücke samt ihren Statuen, die Fried- rich-Werdersche Kirche, die vier Kirchen einerseits in Wedding und Moabit, andrerseits vor dem Rosentha- ler Tor und auf dem Gesundbrunnen, die Palais der Prinzen Karl und Albrecht, die neuen Packhofsgebäu- de, das Graf Redernsche Palais, die Einfahrt in die Neue Wilhelmsstraße, die Sternwarte am Enckeplatz, die Bauschule. Bedeutsam, wie diese Bauten sind – vorzüglich für den, der die Geschichte derselben verfolgt und die Schwierigkeiten in Anschlag bringt, die sich der Aus- führung entgegenstellten –, so geben sie doch zum kleinsten Teile nur eine Vorstellung von der umfas- senden und geradezu Staunen erregenden Tätigkeit, die Schinkel zunächst innerhalb der Hauptstadt und ihrer Umgebung2) und im weiteren im Lande Preußen überhaupt entfaltete. Wenn wir uns annähernd ein richtiges Bild davon entwerfen wollen, welcher Art und welchen Umfan- ges sein Schaffen war, so müssen wir nicht allein das, im Auge haben, was er widerstrebenden Gewalten gegenüber aus Berlin wirklich machte, sondern vor allem auch das, was er daraus machen wollte, müs- sen wir in den Kreis seiner schöpferischen Tätigkeit alles das mit hineinziehen, was in hundert ausge- führten Blättern auf dem Papiere lebt, aber an der Ungunst der Zeiten scheiterte. An der Stelle, wo jetzt das Potsdamer Tor steht, sollte sich beispielsweise die große Friedenskathedrale zur Erinnerung an die Freiheitskriege erheben. Die Linden entlang gedachte er in Statuen und Denkmälern eine monumentale Siegesstraße zu ziehen, und anstelle des alten Do- mes sollte ein wirklicher Dom hoch in die Luft stei- gen, glänzend genug, um sich den anderen Pracht- bauten jenes Platzes würdig anzureihen. So waren die Pläne, aber nur die Mappen Schinkels geben Aus- kunft darüber, was damals alles gedacht, entworfen, erstrebt wurde. Das wenigste trat ins Leben. »Er diente einem sparsamen König in einer geldarmen Zeit.« Diese Mappen, die eigentlichste Hinterlassenschaft Schinkels, sind es, die uns ein Bild der Gesamttätig- keit des Meisters erschließen, einer Tätigkeit, die fast alle Gebiete des künstlerischen Lebens umfaßte. Gab es eine neue Spontinische Oper, wer anders als Schinkel konnte die Dekorationen, gab es ein fürstli- ches Begräbnis, wer anders als Schinkel konnte die Zeichnung zu Monument oder Grabstein entwerfen? Das ganze Kunsthandwerk – dieser wichtige Zweig modernen Lebens – ging unter seinem Einfluß einer Reform, einem mächtigen Aufschwung entgegen. Die Tischler und Holzschneider schnitzten nach Schinkel-, schen Mustern, Fayence und Porzellan wurden schin- kelsch geformt, Tücher und Teppiche wurden schin- kelsch gewebt. Das Kleinste und das Größte nahm edlere Formen an: der altvätrische Ofen, bis dahin ein Ungeheuer, wurde zu einem Ornament, die Ei- sengitter hörten auf, eine bloße Anzahl von Stangen und Stäben zu sein, man trank aus schinkelschen Gläsern und Pokalen, man ließ seine Bilder in schin- kelsche Rahme fassen, und die Grabkreuze der Toten waren Schinkelschen Mustern entlehnt. In dieser Welt Schinkelscher Formen leben wir noch3), die we- nigsten unter uns wissen es, aber dies Nichtwissen ändert nichts an der Tatsache. Seine Schule blüht und durchdringt unser Leben. 1. In den betreffenden Kapiteln des ersten, zweiten und vierten Bandes dieser »Wande- rungen« sind diese Bilder und Zeichnungen ausführlicher beschrieben. 2. In Potsdam führte Schinkel folgende Bauten aus: das Casino, Schloß Glienicke, die Niko- laikirche, das Kavalierhaus auf der Pfauenin- sel, die Brücke zu Glienicke, Charlottenhof, Schloß Babelsberg (teilweis). In Tegel: das Schlößchen; in Stralau: die Kirche. Dazu ver- schiedene Villen in der Umgegend von Berlin. 3. Es darf nicht vergessen werden, daß dieser Aufsatz vor mehr als zwanzig Jahren ge- schrieben wurde. Bis zum Jahre 60 und dann, immer mehr sich abschwächend bis zum Jah- re 70 hin hatte das vorstehend Gesagte Gül- tigkeit; seitdem aber hat die Welt der Renais- sance die Schinkelsche Welt abgelöst. Seiner Umfassendheit entsprach seine Rastlosigkeit. Selbst am Teetische, dem Gange der Unterhaltung folgend, zeichnete er mit Feder und Bleistift vor sich hin. Nur Reisen, immer ersehnt und immer willkom- men, unterbrachen von Zeit zu Zeit den Gang der Geschäfte, das Gleichmaß des Schaffens. Freilich auch diese Reisen waren wieder Arbeit, aber doch nebenher eine Erfrischung, wie nichts anderes sie gewährte. 1820 war er in Jena und Weimar, um Goe- the zu besuchen, »an dessen persönlichem Umgang er sich erquickte«; 1824 riß er sich abermals auf fünf Monate los, um in Gesellschaft des Professor Waagen Italien zum zweiten Male zu besuchen. Wir verweilen aber lieber bei einem in Begleitung seines Freundes Beuth im Frühjahr und Sommer 1826 nach Paris, England und Schottland hin unternommenen Ausflu- ge, weil wir in den speziell diese Reise schildernden, ziemlich reichhaltigen Briefen und Blättern am meis- ten Frische, Behagen und gute Laune und das reifste und zutreffendste Urteil über Dinge und Zustände zu finden glauben. Die Schilderungen sind von einer merkwürdigen Präzision. So schreibt er aus dem »Ossian-Lande«, von Staffa und Iona zurückkehrend, an seine Frau:, »Die Fahrt ging durch den Sound of Mull zwischen der Insel Mull und der Halbinsel Morven hindurch, die mit hohen Küsten ihre Gipfel fast in ewigem Nebel verstecken. Doch gab es hier und da herrliche Son- nenblicke, wo dann die Gebirge, die aus Fels und Sumpf bestehen, in ihrer ganzen Nacktheit bis zur Spitze gespensterhaft hervortreten. Viele einzelne Felseninseln und Vorgebirge erstrecken sich ins Meer und tragen hier und da einmal einen alten Turm oder ein Kastell; sonst gewahrt man an den schroffen und wilden Küsten entlang nur Hütten aus schwarzem Stein, schlecht zusammengepackt und mit Stroh ge- deckt, über welches ein mit Steinen beschwertes Netz von Stricken aus Heidekraut gelegt ist, um ge- gen Sturm zu schützen. Auffallend dabei ist es, wie modisch die armen Einwohner dieser Hütten in man- cher Beziehung sich kleiden. Namentlich der Kopf- putz. In Lumpen gehüllt und barfuß, stülpen die Weiber dennoch ein feines Häubchen oder einen Hut mit Krausen und Band über das ungekämmte Haar.« Dann die Beschreibung Staffas: »Um zwölf Uhr etwa hatten wir Staffa erreicht. Man sieht beim Anfahren die ganze Architektur des Basalts und landet bei der Fingals-Höhle. Nur die eine der beiden hübschen Töchter (auch Schinkel findet die Töchter Englands und Schottlands immer hübsch, und mit Recht) war mitgegangen, während die Mutter und Schwester wegen Seekrankheit in Tobermory hatten zurückblei- ben müssen. Das Meer ist in der Höhle, die wie eine Kirche erscheint, sehr tief und hebt sich im Hinter- grunde mit jeder einströmenden großen Welle über zwölf bis funfzehn Fuß in die Höhe, wobei dann das, donnernde Brausen nicht aufhört. Unsere deutschen Reisegenossen sangen im Hintergrunde eine Harmo- nie, die im Wogengeräusch wie Orgeltöne klang, zu- mal die ganze Höhle selbst einer großen Orgel gleicht und die funfzig Fuß hohen Basaltsäulen ganz regel- mäßig, wie Pfeifen, nebeneinander stehen. Die Decke wölbt sich spitzig aus nicht ganz formierten wilden Massen zusammen. Das Meer erscheint hinten in der Höhle sehr grün, und dadurch entsteht in dem gan- zen schwarzen Basaltgestein für das Auge die Emp- findung vom schönsten Purpur. Nachdem wir uns an diesem großartigen Naturspiele hinreichend ergötzt hatten, gingen wir die gefahrvollen Wege auf den abgebrochenen Säulen zurück; dann erstiegen wir, den Felsen hinauf, die mit dünner Erdschicht über- deckte obere Fläche der Insel. Einige wilde Pferde und ein paar Kühe, die einzigen Bewohner des Ei- lands, rissen beim Anblick der aus der Tiefe herauf- kletternden Gesellschaft mit wütender Schnelligkeit nach der entgegengesetzten Seite aus, wobei mir Walter Scotts Schilderungen im ›Piraten‹ einfielen. Man hat angefangen, ein kleines steinernes Hüttchen als eine Art von Wirtshaus oben zu bauen.« (Existiert nicht mehr.) Solchen Schilderungen pflegte Schinkel, mitten in die flüchtige Schreiberei des Briefes hinein, eine ebenso flüchtig entworfene Skizze des Gesehenen beizufü- gen, und es ist ein großes Verdienst Alfreds von Wol- zogen, bei Herausgabe der Schinkelschen Briefe dem Text diese Zeichnungen mit beigegeben zu haben. Wer das Glück hat, diese wilden, hochpoetischen Gegenden der schottischen Westküste zu kennen,, wird frappiert sein, in diesen wenigen, rasch mit Din- te hingekritzelten Skizzen das alte Ossian-Land wie- der vor sich aufsteigen zu sehen. Auch den Briefen aus England, wie gleich hier be- merkt werden mag, sind solche Federzeichnungen beigegeben, flüchtige Skizzen, die durch die überaus geniale Art der Behandlung an ähnliche Arbeiten des schon einmal zitierten William Turners erinnern, der, wie Schinkel, es verstand, mit zwölf Strichen und ebenso vielen Punkten ein ganzes Landschaftsbild zu geben. Die Schinkelsche Skizze von Manchester (sie- he »Aus Schinkels Nachlaß«. Band II, S. 144) ist mir nach dieser Seite hin immer wie ein kleines Wunder- ding erschienen. Ebenso scharf aber, wie er zu sehen verstand, so scharf und zutreffend wußte er auch zu urteilen, und die kurzen kritischen Bemerkungen, die sich durch diese England-Briefe hindurchziehen, sind von höchstem Interesse. »Mr. Connel, Mr. Kennedy und Mr. Morris«, so schreibt er, »haben Gebäude, sieben bis acht Etagen hoch und so lang und tief wie das Berliner Schloß. Man sieht Gebäude stehen, wo vor drei Jahren noch Wiesen waren, aber diese Ge- bäude sehen so schwarz aus, als wären sie hundert Jahre im Gebrauch. Die ungeheuren Baumassen, bloß von einem Werkmeistern ohne alle Architektur und nur für das nackteste Bedürfnis allein aus rotem Backstein aufgeführt, machen einen höchst unheimli- chen Eindruck.« In Liverpool ißt er vortrefflich zu Mittag und schläft gut, kehrt indessen doch mit dem Eindruck heim, »daß Liverpool zwar eine enorme, aber im ganzen doch eine unansehnliche Stadt sei«., Diese Ruhe und Sicherheit in der Betrachtung der Dinge ist es, was diesen Briefen einen solchen Reiz verleiht. Alles Große, Reiche, Schöne findet eine wil- lige, nirgends mäkelnde Anerkennung, zugleich aber steht dieser Anerkennung ein unerschütterliches Ur- teil zur Seite, das sich nicht beirren und weder durch Scheinkünste noch durch Massen oder Zahlen impo- nieren läßt. Schinkel selbst zählte später diese Reise zu seinen liebsten Erinnerungen. Die Art, wie Schinkel zu reisen pflegte, gewährte ihm (ich deutete dies schon an) eine große geistige Erho- lung, aber eine körperliche kaum. Denn er, dessen ganzes Wesen überhaupt derart auf das Geistige gerichtet war, daß er sich mit allen physischen Be- dürfnissen so kurz und mäßig wie nur immer möglich abfand, hatte gerade dann am allerwenigsten ein Ohr für die Forderungen des Körpers, wenn sein Geist (wie immer auf Reisen geschah) doppelte und dreifache Nahrung empfing. So kam es, daß seine ursprünglich robuste Natur vor der Zeit zu wanken begann, weshalb er sich auch von 1832 an fast all- jährlich genötigt sah, statt zu Reisen für Auge und Herz, zu Badekuren seine Zuflucht zu nehmen. Ma- rienbad, Karlsbad, Kissingen wurden abwechselnd gebraucht. Auch im Sommer 1839 war er wieder in Kissingen gewesen, hatte von dort aus München be- sucht, wo die eben damals entstandenen griechi- schen Landschaften Rottmanns noch einen überaus harmonischen Eindruck auf ihn gemacht hatten, und allen Briefen nach, die eintrafen, schien er ein Gene- sener und bei heiterster Stimmung zu sein. Aber schon bei seiner Rückkehr nach Berlin zeigte sich, eine große Erschöpfung. Er nahm noch teil an allem, indes die Mattigkeit wuchs. Auch ein Ausflug im nächsten Sommer versagte den Dienst, und schwer krank kehrte er am 7. September (1840) nach Berlin zurück. Eine allgemeine Apathie kam über ihn, der Puls zeigte kaum noch fünfzig Schläge in der Minute, und eine Verdunkelung des einen Auges gab zur Be- fürchtung des Schlimmsten Veranlassung. Ein Ader- laß wurde angeordnet, aber schon nach wenigen Mi- nuten sank er in eine tiefe Ohnmacht, um nie wieder zum vollen Bewußtsein zurückzukehren. Und doch lebte er noch länger als ein Jahr. »Ich habe ihn« – so erzählt sein Biograph Professor Waagen – »in diesem Zustande nur selten gesehen. Der Anblick war mir zu schmerzlich. Als ich aber bei Thorwaldsens Anwesenheit im Jahre 1841 diesem die Entwürfe für die Malereien in der Museumshalle zeig- te, wurd er, lange dabei verweilend, so von deren Schönheit ergriffen, daß er dem Verlangen, ihren hoffnungslos daniederliegenden Urheber einen Au- genblick zu sehen, nicht widerstehen konnte. Als ich mit ihm an das Bett trat, fixierte ihn Schinkel sehr aufmerksam und sagte, ihn erkennend, leise: ›Thor- waldsen!‹ Dann nach einer kleinen Pause: ›Sie ge- hen nach Rom?‹ Er versuchte, noch mehr zu spre- chen. Aber Thorwaldsen, überwältigt von dem Ge- fühl, den Freund, den er früher in Rom so frisch und lebenskräftig gesehen und von dessen geistiger Tä- tigkeit er noch eben so herrliche Beweise gehabt, in solchem Zustande zu erblicken, flüsterte mir zu: ›Ich kann es nicht mehr aushalten‹, und wandte Sich, indem die Tränen seinen Augen entstürzten, von ihm, ab. Der Vergleich des hülflos daliegenden Schinkel, dessen Alter ihm noch eine Reihe von Jahren zu le- ben erlaubt hätte, mit dem kräftigen, in aller Fülle der Gesundheit vor ihm stehenden, so viel älteren Thorwaldsen1) hatte etwas unbeschreiblich Erschüt- terndes.« Dies war im Sommer 1841. Das Leben zog sich noch bis in den Herbst desselben Jahres hin. Im Septem- ber erfolgte ein Blutsturz, der Vorbote des Todes. Ein Fieber stellte sich ein, das ihn nicht wieder verließ. Am 9. Oktober starb er. Am 12. Oktober wurd er auf dem Friedhofe der Doro- theenstädtischen oder Friedrich-Werderschen Ge- meinde (vor dem Oranienburger Tore) bestattet. Es ist derselbe Friedhof, auf dem auch Fichte, Hegel, Franz Horn, Schadow, Beuth und Borsig ihre Ruhe- stätte gefunden haben. Ein unabsehbares Gefolge hatte sich angeschlossen, da alle Gewerke, die in irgendeiner Beziehung zu der Ausführung architekto- nischer Werke stehen, mit erschienen waren. Profes- sor Stier hielt eine begeisterte Rede. Das Grabmal, das ihm das Jahr darauf auf dem Friedhofe errichtet wurde, war eine Nachbildung des Hermbstädtschen Monuments, das Schinkel selbst einige Jahre früher entworfen hatte. Man folgte dabei dem Rate Beuths, der sich wiederholentlich dahin äußerte: »man könne dem hingeschiedenen Freunde kein besseres Denkmal geben als seine eigenen Ar- beiten«. Das Monument ist etwa sechs Fuß hoch, aus, Granit und Bronze aufgeführt, und trägt neben Na- men und Daten die Inschrift:

Was vom Himmel stammt,

was uns zum Himmel erhebt,

Ist für den Tod zu groß, ist für die Erde zu rein.

Wir wenden uns jetzt der Frage nach der äußern Er- scheinung Schinkels, nach seinem Charakter und, soweit diese Frage nicht schon berührt wurde, nach seiner kunstreformatorischen Bedeutung zu. Zunächst seine äußere Erscheinung. Er war von mitt- lerer Größe und schlankem Körperbau; zu seiner gesunden Gesichtsfarbe paßte das früh schon silber- grau erglänzende, lockige Haupthaar vortrefflich. Meist trug er einen blauen Überrock und jederzeit weißeste Wäsche. Er war nicht schön, aber der ernst-milde Ausdruck seines unregelmäßig geform- ten Gesichts, dabei sein schöner, elastischer Gang, verrieten den Mann höherer Begabung. Am tref- fendsten hat ihn Franz Kugler geschildert: »Wenigen Menschen war so, wie ihm, das Gepräge des Geistes aufgedrückt. Was in seiner Erscheinung anzog und auf wunderbare Weise fesselte, darf man nicht eben als eine Mitgift der Natur bezeichnen. Schinkel war kein schöner Mann, aber der Geist der Schönheit, der in ihm lebte, war so mächtig und trat so lebendig nach außen, daß man diesen Widerspruch erst be- merkte, wenn man seine Erscheinung mit kalter Be- sonnenheit zergliederte. In seinen Bewegungen war ein Adel und ein Gleichmaß, um seinen Mund ein, Lächeln, auf seiner Stirn eine Klarheit, in seinem Auge eine Tiefe und ein Feuer, daß man sich schon durch seine bloße Erscheinung zu ihm hingezogen fühlte. Noch größer aber war die Gewalt seines Wor- tes, wenn das, was ihn innerlich beschäftigte, unwill- kürlich und unvorbereitet auf seine Lippen trat.« 1. Thorwaldsen starb drei Jahre später. Ihm war freilich ein schönerer Tod gegönnt. Er war mit Oehlenschläger im Kopenhagner Theater, und ein nationales Stück, dessen Titel ich verges- sen habe, wurde gegeben. An einer schönen, ergreifenden Stelle, als aller Augen auf die Bühne gerichtet waren, fühlte Oehlenschlä- ger, wie das weiße, mächtige Haupt Thor- waldsens langsam und beinahe leblos schon auf seine Schultern niederfiel, und sich erhe- bend, rief er mit mächtiger Stimme in die Bühne hinein: »Still! Thorwaldsen stirbt«... Und alles wurde still. Die Anzahl der Bildnisse, die wir von ihm besitzen, ist ziemlich zahlreich. Wolzogen zählt acht Skulptu- ren (Büsten, Reliefs, Statuetten) und zwanzig eigent- liche Bilder (Zeichnungen, Stiche, Ölportraits etc.) auf. Dazu kommt die große, von Drake gefertigte Bronzestatue, die seit einigen Jahren, neben den Statuen von Beuth und Thaer, auf dem Platz vor der Königlichen Bauschule steht. Ich leiste darauf Ver-, zicht, die einzelnen Portraits Schinkels hier namhaft zu machen, nur das sei hervorgehoben, daß dem Wolzogenschen Werke, und zwar in vorzüglicher photographischer Nachbildung, vier Bildnisse Schin- kels aus seinen verschiedenen Lebensepochen bei- gegeben sind. Es sind dies: 1. der zweiundzwanzig- jährige Schinkel nach einem Ölbilde von Johann Carl Rößler (Rom 1803); 2. der vierunddreißigjährige Schinkel nach einer Kreidezeichnung von ihm selbst; 3. der dreiundvierzigjährige Schinkel nach einem Ölbilde von Begas (Berlin 1824); 4. der zweiundfünf- zigjährige Schinkel nach einem Ölbilde von Carl Schmid aus Aachen. Hieran reiht sich ein fünftes Bild, Holzschnitt, das einer kleineren Arbeit Wolzo- gens, »Schinkel als Architekt, Maler und Kunstphilo- soph«, beigegeben ist und nach einem von Krüger gemalten, dem Grafen Raczynski zugehörigen Bilde angefertigt wurde. Auch das sei noch hinzugefügt, daß sich das Portrait Schinkels auf den Reliefbildern der Blücher-Statue von Rauch und des Beuth- Denkmals von Kiss befindet.1) Was den Charakter Schinkels angeht, so hat ihn niemand trefflicher geschildert als Waagen, der ihm, so viele Jahre hindurch, in Kunst und Leben nahe- stand. Er sagt von ihm: »An die Spitze der zahlrei- chen Vorzüge dieses reich begabten Naturells stelle ich seine hohe sittliche Würde, seine seltene morali- sche Kraft, seine noch seltenere Selbstverleugnung und außerordentliche Herzensgüte. Durch diese Eigenschaften erhielt er für alle Lebens- begegnisse eine sichere Haltung und für öfters be-, denklich erscheinende Lebensentschlüsse (zum Bei- spiel jung und mittellos die große Reise nach Italien anzutreten), überhaupt für alle schwierigsten, lang- wierigsten und oft unangenehmsten Arbeiten, eine eiserne Ausdauer. Nie habe ich eine so entschiedene, ja fast grausame Herrschaft des Geistes über den Körper beobachtet, als es bei ihm der Fall war. Nir- gends sprach sich seine Selbstverleugnung schöner aus, als wenn Lieblingspläne von ihm, welche er in allen Teilen mit voller Hingebung streng durchgebil- det hatte, entweder gar nicht zur Ausführung kamen oder doch mannigfach verändert und beschnitten wurden.2) Wie lebhaft auch der Schmerz war, den er bei solchen Gelegenheiten empfand, so erzeugte er doch nicht jene so leicht begreifliche Verdrossenheit, welche in ähnlichen Fällen meist das Interesse an einer Aufgabe aufhebt, er nahm vielmehr von neuem seine ganze Kraft zusammen, um alles zu retten, was unter den beschränkenden Umständen zu retten war. Ja, er entwickelte öfter daraus wieder eigen- tümliche Schönheiten. Er bildete an seinen Werken mit einer ungeschwäch- ten Liebe fort. Dessenungeachtet war er nichts weni- ger als blind für dieselben eingenommen. Mit echter Bescheidenheit betrachtete er sie immer nur als mehr oder minder gelungene Annäherungsversuche an eine in ihm lebendig gewordene Kunstidee. Ein unbedingtes und allgemeines Lob verletzte ihn da- her, dagegen spiegelte sich seine Zufriedenheit auf die liebenswürdigste Weise auf seinem Gesicht, wenn jemand von selbst den Sinn seiner feineren künstle- rischen Intentionen auffand und hervorhob. So kam, es, daß er auch in seinen spätesten Jahren mit der Kunst keineswegs abgeschlossen hatte, sondern sich immer im freisten und frischesten Vorwärtsstreben befand. In der regen Begierde, etwas Neues zu ler- nen, in der Biegsamkeit und Empfindlichkeit seines Geistes für Aufnahme neuer, künstlerischer Eindrü- cke ist er immer ein Jüngling geblieben. Wie streng er aber in jeder Beziehung sich selbst beurteilte, so mild, so liebevoll anerkennend war er gegen andere. Nur innere Unwahrheit, falsche Ostentation, hohles Aufblähen, leerer Dünkel, geistige Trägheit, Ober- flächlichkeit und Gemeinheit waren Eigenschaften, welche im Leben wie in der Kunst zu sehr mit seiner innersten Natur in Widerspruch standen, als daß sie nicht sein Mißfallen, bisweilen seinen lebhaften Tadel hervorgerufen hätten. Und in diesem Punkte, Wesen von Schein, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, besaß er eben vermöge seiner großen Reinheit einen sehr feinen, in unsren Tagen immer seltener wer- denden Sinn. Sein ganzes Wesen war so durchaus auf das Geistige gerichtet, daß man von ihm, im Ge- gensatze zu denen, die nur leben, um zu essen, ohne Übertreibung sagen konnte: er aß nur, um zu leben. Was man andern, gewöhnlicheren Menschen mit Recht zum hohen Verdienst anrechnet, die größte Uneigennützigkeit, die strengste Rechtlichkeit, verstand sich bei einem so hohen, durchaus edlen Charakter wie Schinkel von selbst, und nur selten ist mir im Leben eine Natur begegnet, auf welche Goe- thes schöne Worte über Schiller: ›Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, lag, was uns alle bändigt, das Gemeine‹, in so vollem Maße ihre Anwendung gefun- den hätten.«, Soviel über seinen Charakter. Wir wenden uns jetzt ausschließlich dem Künstler zu und legen uns zu- nächst die zwei Fragen vor: 1. Bestimmte die Antike, in deren Geist er zu bauen trachtete, von Anfang an seine Richtung?, und 2. inwieweit beherrschte ihn diese Richtung über- haupt? Gehorchte er ihr ausschließlich, oder erkann- te er Mängel und Grenzen innerhalb derselben an? Zunächst ad 1. Die Hellenik war nicht ein Patenge- schenk, das irgendeine griechische Fee unserem Schinkel gleich bei seiner Geburt mit in die Wiege gelegt hätte, sie war ein mühevoll Erobertes, das er erst nach langem Suchen fand. Es ist wahr, daß sich in all jenen Schinkelschen Bauwerken, die vorzugs- weise vor unsrer Seele stehn, wenn wir von Schinkel sprechen, kaum ein Schwanken, kaum eine prinzi- pielle Unsicherheit nachweisen läßt, aber wir müssen uns hüten, hieraus, wie aus dem zufälligen Umstan- de, daß einige seiner frühesten, aus der Gilly-Zeit herstammenden Jugendarbeiten einen gewissen an- tikisierenden Charakter tragen, den Schluß zu zie- hen: »er sei immer Hellene gewesen und habe schon mit achtzehn Jahren auf demselben Grund und Bo- den gestanden, auf dem er dreißig Jahre später, während der Blütezeit seines Schaffens, stand«. Diese Annahme wäre durchaus unrichtig. Seitdem wir eine völlige Schinkel-Literatur haben, seitdem uns zuletzt noch das mehrgenannte Wolzogensche Werk einen Einblick verschafft hat in den Entwick-, lungsgang des Meisters, haben wir auch Gewißheit darüber, daß Schinkel, als er im Jahre 1816 die Neue Wache zeichnete, nicht einfach wieder an seine Gilly- Zeit anknüpfte, sondern daß umgekehrt der Wieder- aufnahme dessen, was er dreizehn Jahre früher ohne volles künstlerisches Bewußtsein praktisch geübt hatte, ernste Kämpfe vorausgingen, Kämpfe, die nie ganz abschlossen und sich bis in die letzten Jahre seines Lebens hinzogen. Ohne bei den italienischen Briefen Schinkels verwei- len zu wollen, die genugsam zeigen, daß ihn damals die mittelalterlich-sarazenischen Bauten weit mehr interessierten als die griechischen Tempel, für die er doch in erster Reihe hätte schwärmen müssen, ver- weisen wir an dieser Stelle lediglich auf die Zeich- nungen und Pläne zu der großen, schon erwähnten Friedenskathedrale, die auf dem Leipziger Platz er- richtet werden sollte. Die Beschäftigung mit diesem Kathedralenbau fällt in das Jahr 1817 und 1818, und die Hellenik hatte zu dieser Zeit noch so wenig aus- schließlich Besitz von ihm genommen, daß er diesen Erinnerungsbau nicht als einen griechischen Tempel, sondern umgekehrt als einen großen gotischen Dom (mit Kuppel) auszuführen gedachte. Also 1818 noch Gotiker. Dieser Bau kam nicht zur Ausführung, und es scheint allerdings, als ob sich die Anschauungen Schinkels von jener Zeit an der Gotik immer mehr ab- und der Antike immer mehr zugewandt hätten. Aber – und hiermit gehen wir zu unsrer zweiten Frage über – auch in dieser seiner späteren Epoche ließ er sich, von der Vorliebe für das Griechentum niemals so beherrschen, daß er es in bestimmten Fällen nicht den einfach-natürlichsten Erwägungen unterzuord- nen gewußt hätte. Mit andern Worten, seine Begeis- terung wurde nie zu Prinzipienreiterei. Vielfach liegen die Beweise dafür vor. Ähnlicher Einseitigkeiten, wie sie beispielsweise der Professor Hirt äußerte, der, als es sich um die Errichtung eines Luther-Denkmals handelte, »das Denkmal in griechischem Stile wollte, weil das Gotische durchaus der Barbarei angehöre« – ähnlicher Einseitigkeiten war Schinkel durchaus un- fähig, ja er besaß umgekehrt ein feinstes Unter- scheidungsvermögen dafür, wieweit die griechische Kunst reichte und wieweit nicht. Als es ein Projekt zu einem Mausoleum für die Königin Luise zu entwerfen galt, entschied er sich höchst bemerkenswerterweise für Anwendung des gotischen Stils und schrieb ei- gens: »Die harte Schicksalsreligion des Heidentums hat hier das Höchste nicht schaffen können. Die Ar- chitektur des Heidentums ist in dieser Hinsicht be- deutungslos für uns. Wir können Griechisches und Römisches nicht unmittelbar anwenden, sondern müssen uns das für diesen Zweck Bedeutsame selbst erschaffen. Zu dieser neuzuschaffenden Richtung der Architektur gibt uns das Mittelalter einen Finger- zeig.« Auch in diesem Briefe wieder betont er mehr- fach die »überlegenen Schönheitsprinzipien des heidnischen Altertums«, aber er ist zugleich feinsin- nig genug, um zu fühlen, »daß diesen überlegenen Schönheitsprinzipien nicht die Gesamtheit unsres modernen Lebens, weder in seinen höchsten geisti- gen Forderungen (wie in der Kirche) noch in seinen hundertfach neugestalteten praktischen Bedürfnis-, sen, untergeordnet werden könne«. Er selbst hat sich darüber vielfach verbreitet und mustergültige Worte niedergeschrieben. Die Schönheit der Helle- nen, dahin ging seine Meinung, sollte uns im großen und ganzen beherrschen, aber sie sollte uns nicht in dem Kleinkram des Lebens, da, wo sie nicht aus- reichte oder nicht hingehörte, tyrannisieren. Die Frage ist aufgeworfen worden – und mit dieser Betrachtung schließen wir –, ob unsrer Stadt durch die Hellenik ein besonderer Dienst geleistet worden ist oder ob es nicht vielleicht ein Gewinn gewesen wäre, wenn Schinkel am Scheidewege (1818) sich schließlich anders entschieden und eine Kunstrefor- mation im gotischen statt im griechischen Geiste beschlossen hätte. Die Antwort auf die Frage wird notwendig verschieden lauten, wir unsrerseits aber glauben uns Glück wünschen zu dürfen, daß der Würfel so fiel, wie er fiel. Es ist unzweifelhaft, daß ein Mann von Schinkels eminenter Begabung auch die Gotik hätte wieder beleben können; aber selbst seine Begabung würde nur immer ein gotisches Inte- rim geschaffen haben. Der Eklektizismus – der heut- zutage in allen Künsten, am meisten aber in der Baukunst, vorherrscht und der, weil er beständig zu Prüfung und Vergleich auffordert, auch die kritische Begabung weit über alles andre hinaus ausbildet –, der Eklektizismus, sag ich, mußte schließlich not- wendig dabei ankommen, unter dem Verschiedenen, das sich ihm darbot, das Einfachere, das Stil- und Gesetzvollere, vor allem das Ausbildungsfähigere zu adoptieren. Wenn Schinkel nicht dabei anlangte, so würde doch die Wiederbelebung der Gotik, natürlich, vom Kirchenbau abgesehen, immer nur eine gotische Episode geschaffen haben. Schinkel hat uns vor die- ser Episode bewahrt. Auf dem Friedrich-Werderschen Kirchhof ragt sein Denkmal auf, und andre Denkmäler werden folgen. Am schönsten aber lebt sein Gedächtnis in der Schu- le fort, die er gegründet und deren alljährlich wie- derkehrendes Erinnerungsfest (das Schinkel-Fest) ein lebendiges Zeugnis ablegt von der Liebe zu dem geschiedenen Meister, zugleich auch von seiner Be- deutung.

Wenn beim Wein die Herzen klopfen Und das Fest zum Liede drängt, Ziemt sich's, daß die ersten Tropfen Man den großen Toten sprengt. Segnend waltet ihr Gedächtnis Über uns, Gestirnen gleich, Und in ihrer Kraft Vermächtnis Fühlen wir uns groß und reich.

1. Schinkels Portraitfigur an der Blücher-Statue befindet sich auf dem Seitenfelde rechts, dem Opernhause zu. Es ist ein Soldat, der sich, nach der Schlacht, an sein Pferd lehnt, wäh- rend Verwundete und Erschöpfte um einen großen, über dem Feuer hängenden Kessel herum sitzen. – Auf dem Beuth-Denkmal ist Schinkel derjenige, der sich (Seitenfeld, rechts) mit dem Entwurf des Musters zu ei- nem Gewebe beschäftigt. 2. In solchen Momenten war ihm der kunstsinni- ge Kronprinz ein Trost und eine Erhebung. »Kopf oben, Schinkel; wir wollen einst zu- sammen bauen«, das war die Zauberformel, vor der alle Trübsal schwand. Charlottenhof, »das in Rosen liegt«, war nur ein Anfang; ganz andere Dinge noch waren geplant und harrten ihrer Ausführung. Ob das Einverneh- men dasselbe geblieben wäre, wenn Schinkel die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. um mehr als wenige Monate überlebt hätte, steht freilich dahin. Fast möchten wir es be- zweifeln. Der König war eben König, und Schinkel, wenn auch in vielem nachgiebig, war doch sehr fest in seinen Kunstprinzipien. Die einzige Begegnung, die sie noch hatten, verlief nicht ermutigend. Schinkel, wenige Tage nach der Thronbesteigung bereits zum Könige berufen, war nicht da; er war ohne Ur- laub nach Ruppin gereist. Als er erschien, wurd er mit den Worten empfangen: »Sie ha- ben sich wohl vor dem Kanonendonner ge- fürchtet, der meinem Volke meine Thronbe- steigung verkündete.« Gewiß wär alles auf ei- ne Weile hin wieder eingeklungen; aber, wie immer auch, der König war eben – der Kron- prinz nicht mehr., 8. Michel Protzen

Deutsch und verständlich! Euer Exzellenz schalten und

walten im Lande! Das ist meine Stube! – Halten zu Gnaden.

Schiller

Aus meiner frühesten Jugend entsinn ich mich sei- ner. Er war damals erst ein Vierziger, hieß aber schon der »alte Protzen«. Aufrecht stand er in der großen Rundtür seines Gasthofes und sah die Straße hinunter wie König Polykrates:

Dies alles ist mir untertänig; Gestehe, daß ich glücklich bin.

Er trug einen Rock von altdeutschem Schnitt mit un- geheuren Knöpfen und einem Kamm auf dem Schei- tel. In den Nacken hinein fielen ihm die weißen Lo- cken, und sein mächtiger Kopf, der durch die Po- ckennarben eher gewann als verlor, erinnerte an das Kurfürstenbild auf der Langen Brücke. Michel hieß er und Michel war er, der deutsche Michel in optima forma. Wie jeder Landesteil in einer bestimmten und dann typisch werdenden Figur kulminiert, so die Grafschaft Ruppin in Michel Protzen. Denn er war ein, Antochthone dieser Grafschaft und stammte mit der- selben Wahrscheinlichkeit aus Dorf Protzen, wie die Zietens aus Dorf Zieten oder die Schadows aus Dorf Schadow stammen. Ein deutscher Bürger, wenn er diesen Namen verdie- nen soll, muß dreierlei haben: einen Besitz und ein Recht und ein Freiheitsgefühl, das aus Besitz und Recht ihm fließt. So war es im Mittelalter, in den Reichs- und Hansa- städten. Aber als das Königreich Preußen ins Dasein sprang, stand es in deutschen Landen überall ziemlich schlecht mit dieser Dreiheit. Hier fehlte Besitz, dort Recht, und das Gefühl der Freiheit konnte nicht auf- kommen. Nirgends aber lagen die Dinge kümmerli- cher als in der Mark, weil nirgends die Besitzverhält- nisse kümmerlicher lagen. Besitz schafft nicht not- wendig Freiheit (Despotien sind despotisch auch dem Reichtum gegenüber), aber der umgekehrte Satz ist richtig: keine Freiheit ohne Besitz. Und zehn Morgen Sandland sind kein Besitz. Der Ackerbürger des vori- gen Jahrhunderts war ein ärmlicher, in die Stadt ver- schlagener Bauersmann, der, unmittelbar unter den Druckapparat des absoluten, überallhin eingreifen- den Staates gestellt, sich nicht einmal der Täuschung einer Freiheit hingeben konnte, die für den zerstreut im Sande wohnenden und der Contrôle mehr ent- rückten Landbewohner gelegentlich noch vorhanden war., So war die Regel. Aber nach der Lehre vom Gegensatz hat nicht nur jede Regel ihre Ausnahme, sondern die Ausnahme gestaltet sich gelegentlich auch um so extremer, je extremer die Regel ist. Inmitten der häßlichsten Menschen findet man wunderbare Schönheiten, As- kese blüht in Zeiten sittlichen Verfalls, und in Epo- chen der Unfreiheit und bürgerlichen Verkommenheit sprießen die Beispiele höchster Bürgertugend auf. An der Entfaltung jedes Übermuts gehindert, gedeiht in solchen Ausnahmefällen der echteste Mut, die Selbstsucht wird gehindert, ins Kraut zu schießen, und so wächst sich denn ein die Keime des Idealen in sich tragendes Einzelindividuum, unter dem allge- meinen Walten der Unfreiheit und recht eigentlich infolge dieser Unfreiheit, in einen Idealzustand der Freiheit hinein. So glücklich lagen nun die Dinge bei Michel Protzen nicht. Er war nichts weniger als eine Idealgestalt, am wenigsten nach der Seite der Freiheit hin. Durchaus herrisch von Natur, wurzelte das Stück Bürgertum, das er vertrat, nicht in geklärten Anschauungen oder in dem Enthusiasmus eines frei fühlenden und nur das Große und Allgemeine im Auge habenden Her- zens, sondern in dem Eigensinn und Eigennutz eines festen und sich selbst zum Mittelpunkte setzenden Egoisten. Er erinnerte durchaus an jene deutsch- mittelalterlichen Tage, wo man die Freiheit nicht um der Freiheit, sondern um seiner selbst willen liebte. Alles in Selbstsucht getaucht, aber anziehend und fesselnd wie jedes, was aus Natur und Leidenschaft, emporwächst. Dieser Gruppe von Gestalten gehörte Michel Protzen zu. Nichts von Idee und Prinzip, desto mehr von Charakter. Und so war er von Jugend auf. Als 1806 ein französi- scher General im Gasthause seines Vaters wohnte, gab es Anstoß, daß unser damals erst halberwachse- ner Michel sich weigerte, die französischen Offiziere zu grüßen. Als Strafe ward ihm schließlich zudiktiert, bei Tische hinter dem Stuhle des Generals zu stehen und diesen zu bedienen. Er gehorchte und verharrte in seinem Trotz. Dreißig Jahre später führte derselbe Charakterzug, der darin bestand, keiner Regung sei- ner Seele, berechtigt oder nicht, je Zaum und Zügel anzulegen, zu einem ähnlichen Zerwürfnis mit dem Ruppiner Offiziercorps, an dessen Spitze gerade da- mals der durch Tapferkeit, Originalität und Anekdo- ten gleich berühmte Oberst von Petery stand. Michel Protzen ließ das Zerwürfnis fortbestehen, trotz des materiellen Schadens, der ihm daraus erwuchs. Er war ebenso populär, wie er derb war, und das will viel sagen. Die bloße Grobheit an sich leistet das nicht, und erst wenn sie sich, wie bei Protzen, ent- weder mit Humor und Originalität oder aber anderer- seits mit Mut und Gesinnung paart, erobert sie die Herzen. Mannigfach sind die Anekdoten, die darüber im Schwange gehen. Reilstab, damals auf der Höhe seines Ruhmes, kam nach Ruppin, um seine Schwes- ter zu besuchen. Er erschien zu Fuß und bat in Mi- chel Protzens Gasthaus um ein Zimmer. »Mein Gast- hof ist nicht für Leute mit Ränzel und Regenschirm.« Und bei anderer Gelegenheit vor Gericht zitiert und, in Gegenwart des Klägers zu zwei Taler Strafe verur- teilt, weil er sich an diesem, einem Klempnergesel- len, mit einer Ohrfeige vergriffen hatte, applizierte er demselben sofort eine zweite und zahlte vier Taler. Ein Mann von solchem Gefüge war selbstverständlich nicht nur in aller Mund, er gab auch den Ton an. Wenn über Nacht der erste Schnee gefallen war, stellte er sich am andern Morgen an die Ecke seines Gasthauses und weckte die Stadt durch das weithin schallende Knallen seiner Schlittenpeitsche. Dann dehnte sich der Ruppiner und sagte: »Jetzt ist Schlit- tenzeit.« Aber noch eh er den seinigen aus der Re- mise schaffen und die mageren Braunen einspannen konnte, fuhr schon Michel Protzen mit Schneedecken und Schellengeläute durch die breiten Straßen der Stadt an ihm vorüber. Ganz und gar eine deutsche Figur, in vielem ein Landsknechthauptmann vom Wirbel bis zur Zeh, be- saß er auch den tief im germanischen Wesen liegen- den Zug zum Hasard. Wie unsre Ururväter spielte er um all und jedes, und nur das Ganze setzte er nicht ein, nicht Freiheit und Leben. Piquet und Whist en deux zählten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, und wenn sein Gegner um den Einsatz verlegen war, ging es, je nach Laune und Zahlungsmöglichkeit, um Klafter Holz und Gänse. Er war populär, aber nicht eigentlich beliebt. Um be- liebt zu sein, dazu war er zu gefürchtet. Niemand war sicher vor ihm, denn sein Mund und seine Hand (wie schon an einem Beispiele gezeigt) waren gleich, schlagfertig. Dazu gebrach's ihm an Gebelust, an jener Generosität, auf die hin die Schlagfertigkeit unter Umständen schon etwas sündigen kann. Gele- gentlich war er nicht ohne Gutmütigkeit, aber sie glich bloßen Anfällen wie von Gicht oder Podagra. Wie alle Despoten war er launenhaft. Die letzten Jahre seines Lebens söhnten mit man- chem aus. Im März 1848 stand er fest zu König und Gesetz. Er hatte vom Spießbürgertum zu viel gese- hen, als daß er sich von der Herrschaft desselben eine »neue Ära« hätte versprechen können. Er lachte und – war gröber denn zuvor. So kam der Dezember 1855. Eines Morgens lief es durch die Stadt: Michel Protz ist tot. Das halbe Rup- pin folgte, und das ganze hat ihm in den Jahren, die seitdem vergangen sind, ein huldigendes Andenken bewahrt. Was verletzte, ist vergessen, was gefiel, ist in dankbarer Erinnerung geblieben. Er erinnert in manchem an Schadow, in anderem an Geist von Beeren; denn auch darin war er deutsch, speziell norddeutsch, daß sein ganzes Wesen mit Schaber- nack und Till-Eulenspiegelei durchsetzt war. Das Grabdenkmal, das ihm auf dem »alten Kirchhof« errichtet wurde, gibt die einfachen Daten seiner Ge- burt und seines Todes. Ein gutes Portrait von ihm befindet sich in Händen des Kaufmann Kunz., 8. Gustav Kühn 9. »Bei Gustav Kühn

In Neuruppin.«

In der Mitte der Stadt, gegenüber dem Häuservier- eck, darin Schinkel und Günther und auch der Held unseres letzten Kapitels: Michel Protzen, das Licht der Welt erblickten, erhebt sich ein kleines, nur drei Fenster breites Häuschen, dem ein neu aufgesetztes Stockwerk nur wenig zu gesteigertem Ansehen ver- hilft. Auf dem schmalen Hofe des Häuschens aber drängen sich die Hintergebäude, und jeder Zollbreit Erde ist benutzt. Hier erinnert die Beschränktheit und zu gleicher Zeit die sorgliche Ausnutzung des Raums an den Geschäftsbetrieb englischer Zeitungslokalitä- ten. Aber was sind die Londoner Blätter im Vergleich zu jenen kolorierten Blättern, die aus dieser kleinen Ruppiner Offizin hervorgehen? Was ist der Ruhm der »Times« gegen die zivilisatorische Aufgabe des Rup- piner Bilderbogens? Die »Times«, die sich mit Recht das »Weltblatt« nennt, gleicht immer nur dem angli- kanischen Geistlichen, dem hochkirchlichen Bischof, der, an schmalen Küstenstrichen entlang, in den großen, reichbevölkerten Städten der andern Hemi- sphäre seine Wohnung aufschlägt und seines Amtes waltet, der Gustav Kühnsche Bilderbogen aber ist der Herrnhutsche Missionar, der überallhin vordringt,, dessen Eifer mit der Gefahr wächst und der die eine Hälfte seines Lebens in den Rauchhütten der Grön- länder, die andre Hälfte in den Schlammhütten der Fellahs verbringt. Chamisso erzählt in seiner »Reise um die Welt«, daß er, nach selbst gemachter Erfah- rung, Kotzebue für den verbreitetsten Schriftsteller halten müsse, denn er sei demselben, und zwar ei- nem Bande seiner Komödien, 1818 auf der Insel Ta- hiti begegnet. Aber noch einmal, was will eine solche Verbreitung sagen neben der Verbreitung jener Drei- pfennigbogen, die mit der wohlbekannten Notiz: »bei Gustav Kühn in Neuruppin« über die Welt flattern. Gebiete, die Barth und Overweg, die Richardson und Livingstone erst aufgeschlossen – der Kühnsche Bil- derbogen war ihnen vorausgeeilt und hatte längst vor ihnen dem Innersten von Afrika von einer Welt da draußen erzählt. Er flieht die Gegenden, drin der Kupferstich und das Ölbild vorwalten, aber wo die Glaskoralle und der Zahlpfennig ein staunendes Ah und die Begierde nach Besitz wecken, in den engeren und weiteren Bezirken des Königs von Dahomey – da ist er zu Haus. Den Marañón und den Orinoco auf- wärts, wo die Kolibris wie Blüten und die Blüten wie Schmetterlinge sich schaukeln, dort, wo alles Glanz und Farbe ist, tritt er kühn und siegreich auf und stellt die Kolorierkunst seiner Schablone – die un- beeinflußt von den neuen Gesetzen der Farbenzu- sammenstellung ihre ehrwürdigen Traditionen wahrt – siegreich in die Zauber der Tropennatur hinein. Auf den Inseln der schottischen Westküste war es mir selbst vergönnt, diese Landsleute, diese Boten aus der engeren Heimat zu begrüßen. Die Fingalshöhle, die Gestalt König Fingals selbst, die wie ein Nebel-, phantom auf der öden Klippe von Morven stand, war nicht mächtig genug gewesen, diese Sendboten ab- zuhalten, sie waren eingezogen in die Hütten der Macleans und Macdonalds. Lange bevor die erste »Illustrierte Zeitung« in die Welt ging, illustrierte der Kühnsche Bilderbogen die Tagesgeschichte, und was die Hauptsache war, diese Illustration hinkte nicht langsam nach, sondern folgte den Ereignissen auf dem Fuße. Kaum daß die Tran- chéen vor Antwerpen eröffnet waren, so flogen in den Druck- und Kolorierstuben zu Neuruppin die Bomben und Granaten durch die Luft; kaum war Paskewitsch in Warschau eingezogen, so breitete sich das Schlachtfeld von Ostrolenka mit grünen Uni- formen und polnischen Pelzmützen vor dem erstaun- ten Blick der Menge aus, und tief sind meinem Ge- dächtnisse die Dänen eingeprägt, die in zinnoberro- ten Röcken vor dem Danewerk lagen, während die preußischen Garden in Blau auf Schleswig und Schloß Gottorp losrückten. Dinge, die keines Men- schen Auge gesehen, die Zeichner und Koloristen zu Neuruppin haben Einblick in sie gehabt, und der »Birkenhead«, der in Flammen unterging, der »Prä- sident«, der zwischen Eisbergen zertrümmerte, das Auge der Ruppiner Kunst hat darüber gewacht. An- dere, ähnliche Unternehmungen sind seitdem ins Dasein getreten, der Münchener Bilderbogen hat sei- ne Welttour gemacht, Winkelmann und Söhne haben durch Abbildungen von Stauffacher, Franz Moor und der Jungfrau von Orleans der dramatischen Kunst die Schleppe getragen, aber was immer ihre Erfolge ge- wesen sein mögen, sie haben sich schlechter auf den, Geschmack des großen Publikums verstanden und haben die rechte Stunde mehr als einmal versäumt. Da liegt es. In jedem Augenblicke zu wissen, was obenauf schwimmt, was das eigentlichste Tagesinte- resse bildet, das war unausgesetzt und durch viele Jahrzehnte hin Prinzip und Aufgabe der Ruppiner Offizin. Und diese Aufgabe ist glänzend gelöst wor- den, so glänzend, daß ich Personen mit sichtlichem Interesse vor diesen Bildern habe verweilen sehn, die vor der künstlerischen Leistung als solcher einen unaffektierten Schauder empfunden haben würden. Aber die Macht des Stoffs bewährte sich siegreich an ihnen, und sie zählten (wie ich selbst) mit leiser Be- friedigung die Leichen der gefallenen Dänen, ohne sich in ihrem künstlerischen Gewissen irgendwie be- drückt zu fühlen. Die Frage nach dem Recht dieser Bilder, »die den Geschmack mehr verwildern als bilden«, ist aufge- worfen und dabei hinzugesetzt worden, daß Leistun- gen der Art in künstlerisch gesegneteren Zeiten und bei feiner gearteten Völkern eine bare Unmöglichkeit sein würden. Vielleicht. Nach der künstlerischen Sei- te hin sind diese Dinge preiszugeben, aber sie haben eine andre, nicht minder wichtige Seite. Sie sind der dünne Faden, durch den weite Strecken unseres ei- genen Landes, litauische Dörfer und masurische Hüt- ten, mit der Welt draußen zusammenhängen. Die letzten Jahrzehnte mit ihrem rasch entwickelten Zei- tungswesen, mit ihrer ins Unglaubliche gesteigerten Kommunikation haben darin freilich viel geändert, aber noch immer gibt es abgelegene Sumpf- und Heideplätze, die von Delhi und Kanpur, von Magenta, und Solferino nichts wissen würden, wenn nicht der Kühnsche Bilderbogen die Vermittelung übernähme. Seine Uhr ist noch nicht abgelaufen, und das schma- le Haus in der Ruppiner Friedrich-Wilhelms-Straße hat noch immer seine Bedeutung. 10. Johann Christian Gentz Tor! wer die Augen nach dem Jenseit richtet,

Sich über Wolken seinesgleichen dichtet! Er stehe fest und sehe hier sich um, Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen, Was er erkennt, das will er auch ergreifen.

Fast unmittelbar neben dem Michel Protzschen Hau- se, dem Gustav Kühnschen schräg gegenüber, lag das Gentzsche Haus, so geheißen nach Johann Chris- tian Gentz, der hier, durch fast ein halbes Jahrhun- dert hin (und dann sein Sohn), ein für Ruppiner Ver- hältnisse großes kaufmännisches Geschäft hatte. Johann Christian war ein Original und zugleich ein Mann, der, innerhalb der gewerblichen und merkanti- len Welt, von der Pike an gedient hatte. Derartige Persönlichkeiten haben in ihren Lebensgängen immer etwas Verwandtes: sie finden eine Stecknadel, heben sie sorglich auf und heften schließlich mit dieser Stecknadel ein Adels- respektive Grafendiplom an ihre Gobelinwand, oder aber sie gehen, spekulativer angelegt, an der Stecknadel vorüber, beteiligen sich,, unter Einzahlung eines Minimalbeitrages, an irgend- einer wundertätigen Sparkassengründung und endi- gen mit Erbauung von Schulen und Kirchen und Christianisierung eines meistbietend erstandenen Südsee-Archipels. England und Amerika sind reich an solchen Erscheinungen. Mitunter lenken sie nebenher auch noch ins Politische über, zeigen einem verblen- deten oder auch nicht verblendeten Fürsten den »Abgrund, an dem er wandelt«, und werden schließ- lich auf einem Gruppenbilde (Hautrelief in Marmor) in irgendeiner Guildhall zur Bewunderung und Nach- eiferung kommender Geschlechter ausgestellt. In diese Gruppe gehörte nun unser Johann Christian Gentz sicherlich nicht. Der historische Stil war ihm fremd; er war ganz und gar Genre. Die Geschichts- bücher werden deshalb nichts von ihm zu vermelden haben; der »Kenner« aber, der aparten Erscheinun- gen liebevoll nachgeht und das Beachtens- respekti- ve Berichtenswerte nicht bloß da findet, wo Glocken- klang und Kanonendonner ein Leben begleiten, ein solcher wird sich an einer Gestalt wie die des »alten Gentz« immer herzlich erfreuen, weil sie, mit Ver- meidung alles alltäglich Wiederkehrenden und blas- sen Allgemeinen, so viel farbenfrische Lokaltöne zeigt. Eine Figur wie die seinige war nur in der Mark und innerhalb dieser vielleicht nur wieder im Ruppin- schen möglich, denn er hatte nicht bloß kleinbürger- liche Verhältnisse (wie sie dieser Grafschaft eigen- tümlich sind) zur Voraussetzung, sondern baute sei- nen Reichtum auch auf etwas spezifisch Ruppin- schem auf: auf dem Torf. Soll er in wenig Strichen charakterisiert werden, so darf man sagen, er war, eine merkwürdige Mischung von Schlauheit und Bon- hommie, von innerlicher Freiheit und äußerlichem Sich-Schicken, von Pfennigängstlichkeit und Unter- nehmungskühnheit, alles auf Grundlage tief einge- wurzelten und mit Vorliebe gepflegten Spießbürger- tums. Der äußere Gang seines Lebens ist bald erzählt. Von illustrierenden Zügen füg ich nur einzelnes hinzu. Johann Christian Gentz wurde den 26. Juli 1794 ge- boren. Sein Vater war ein kleiner Tuchmacher, und der Sohn trat mit dreizehn Jahren in das väterliche Handwerk ein. Dann kamen Wanderjahre. 1820, in- zwischen von seinen Kreuzundquerzügen zurückge- kehrt, verheiratete er sich mit Juliane Voigt und er- stand von ihrem Vermögen, 2000 Taler, ein kleines Eisen- und Kurzwarengeschäft, das sich schon da- mals in dem eingangs erwähnten Hause (dem Gus- tav Kühnschen schräg gegenüber) befand. Er fühlte was vom Handelsgeist in sich, und diesem Geiste folgend, ging er bald von dem Eisen- und Kurzwa- rengeschäft zum Bank- und Wechselgeschäft über; endlich wurde das Wustrauer Luch erstanden und Gentzrode gegründet, über welche Gründung ich, am Schluß dieses Bandes, in einem besonderen Ab- schnitt ausführlich berichte. Diese Gründung von Gentzrode war das letzte große Unternehmen. Aber ehe die Tausende dafür verausgabt werden konnten, mußten die Einer und Zehner erworben werden. Das forderte einen langen und mühevollen Weg., Wie er diesen Weg machte, welche Mittel er ersann, um zu seinem Ziele zu gelangen, ist bezeichnend für den Mann. Um drei Uhr war er auf und begann da- mit, den Laden selber auszufegen. Dies verriet Kraft und Energie und vor allem jenen Mut, der dem Gere- de der Leute Trotz bietet. Eine Art von Genie aber entwickelte er in seinem Verkehr mit dem Publikum. Von einer seiner Meßreisen hatte er eine acht Fuß hohe Spieluhr mitgebracht, die fünf Lieder spielte. Wollte nun eine wohlhabende Bauerfrau, die nach seiner Meinung noch nicht genug gekauft hatte, den Laden wieder verlassen, so zog er an der Uhr, die sofort »Schöne Minka, du willst scheiden« zu spielen begann. Die Frau blieb nun, um weiter zu hören, und fiel als Opfer ihrer Neugier oder ihres musikalischen Sinnes. Als die Uhr defekt geworden war, schaffte er statt ihrer eine Schwarzdrossel an, die in gleicher Lage pfeifen mußte:

Mein Schätzchen, mein Schätzchen, kommst immer her Und bringst mir gar nichts mit?

Der schon vorerwähnte Kauf der Wustrauer Wiesen erfolgte gegen 1840 und legte, wenigstens nach da- maligen Begriffen, das Fundament zu wirklichem Reichtum. Was bis dahin erworben war, bedeutete nicht viel mehr als eine mittlere Wohlhabenheit. Im Loch aber lag ein Schatz. Erst von jenem Zeitpunkt ab hob sich, mit der finanziellen Lage des Besitzers, auch der Torfbetrieb überhaupt. In unseren residenz- lichen Heizungsverhältnissen bildet übrigens der Torf, wie hier parenthetisch bemerkt werden darf,, nur eine »Episode«, die rapid ihrem Abschluß entge- gengeht. Anfang dieses Jahrhunderts begann sie zu blühen, und ehe hundert Jahre um sein werden, wird sie gewesen sein. Wie bei der Newcastler Steinkohle, so ist auch beim Linumer Torf sein Ende vorausbe- rechnet. Aber zurück zu unserm Christian Gentz. Etwa 1855 schied er aus den Geschäften, dieselben seinem jüngeren Sohne Alexander (siehe das Kapitel »Gentzrode«) überlassend. In einem am »Tempelto- re« gelegenen Garten, unter den Bäumen des Walls, verbracht er mit Vorliebe seine Tage, ländlichen Be- schäftigungen hingegeben, die nur, von 1857 ab, durch häufige Nachmittagsfahrten auf das in Grün- dung begriffene Gut und dann und wann auch durch weitere Reisen unterbrochen wurden. Die weiteste dieser Reisen ging nach Paris, wo sein älterer Sohn, der Maler Wilhelm Gentz, damals lebte. Völlig umge- wandelt, wenigstens in seiner äußeren Erscheinung, kam er von dieser Reise zurück. Er trug einen ele- ganten Anzug aus dem Schneiderkunst-Atelier von Dusantoy, dazu einen langen, weißen Bart und einen Fez. In diesem Aufzuge verblieb er auch bis an sein Lebensende, mit Ausnahme der Dusantoyschen Schöpfung, die, selbstverständlich, einige Jahre spä- ter durch bescheidnere Produkte heimischer »Ate- liers« ersetzt werden mußte. Seines weißen Bartes war er ganz besonders froh und widerstand allen Aufforderungen, ihn abzulegen. »Ich habe lange ge- nug einem hochlöblichen Publikum gedient und einen, Philisterbart getragen; nun will ich endlich frei sein und einen Demokratenbart tragen.« Dies führt uns auf seine Gesinnung, auf sein Glau- bensbekenntnis in politischen und kirchlichen Din- gen. Personen, die sich aus dem Nichts emporarbei- ten, haben immer eine Neigung, ins Extrem zu ver- fallen und entweder alles dem lieben Gott oder aber alles sich selber anzurechnen. Zählen sie zu den erstren, also zu den gläubig-kirchlichen Leuten, so sind sie meist auch loyal, Ordnungsmänner par ex- cellence, und werden, mit einem Ordenskissen vor- auf, schließlich als Geheime Kommerzienräte hinaus- getragen; gehören sie jedoch umgekehrt zu der zweiten oder der ungläubigen Gruppe, so stehen sie, wie zur Großautorität Gottes, gewöhnlich auch zu den Kleinautoritäten der diesseitigen Welt in einem sehr zweifellustigen Verhältnis und haben in ihrer ungrammatikalischen Weisheit eine tiefe Neigung, alles, was nicht ihren Gang geht, unsagbar töricht zu finden. Innerhalb der Politik sind sie dann jedesmal treue Anhänger des Satzes: »Alles für das Volk, alles durch das Volk.« Und so war auch der alte Gentz. Die Zeiten sind vorüber, wo man sich berechtigt glauben durfte, daraus einen moralischen Makel her- zuleiten. Das Recht einer freien Entwicklung der Geister, nach rechts oder links hin, ist zugestanden; nicht Ziel und Richtung gelten fürder als das sittlich Entscheidende, sondern der Weg. Wessen Weg über Treubruch, Verrat und Undankbarkeit führt, den kann kein hohes Prinzip, keine glänzende Fahnenin- schrift retten; wer umgekehrt lautere Wege wandelt,, dem gegenüber ist es gleichgültig, wenigstens vom ethischen Standpunkt aus, wohin diese Wege leiten. Welche Wege nun wandelte Christian Gentz? Wir lassen dabei die bisher berührten Punkte fallen und beziehen die Frage nicht mehr auf Politik und Kirche, sondern auf sein Leben überhaupt. Die Antwort wird verschieden ausfallen, je nachdem der Beantworten- de die Lust und Fähigkeit mitbringt, Menschen und Dinge mit dem Maßstabe zu messen, der in den Menschen und Dingen selber gelegen ist. Macaulay sagt, bei Beurteilung des Machiavellischen »Fürsten- spiegels«, etwa das folgende: »Die Anklagen, die dieser Fürstenspiegel erfahren hat, gehen zumeist daraus hervor, daß der germanische Norden Europas andere Ideale hegt als der romanische Süden. Dem Germanen bedeuten Tapferkeit und Treue das Höchste, der Italiener dagegen zollt der überlegenen Klugheit, der List, der feingesponnenen Intrigue die- selbe Bewunderung, die wir jedem Percy Heißsporn entgegentragen, der ein Dutzend Schotten zum Frühstück verzehrt.« Hieraus ist leicht die Nutzanwendung auf den vorlie- genden Fall gezogen. Im allgemeinen sind wir hier- landes und zumal in den Herzen unsrer Besten im- mer noch von jenem altpreußischen Gefühl durch- drungen, das in dem schönen »Ich dien« seinen selbstsuchtslos-hingebenden und zugleich stolzen Ausdruck gefunden hat. »Meine Seele Gott und mein Blut dem König!« – ja, diese Devise lebt noch in hunderttausend Herzen, und der Himmel woll es fü- gen, daß uns das entsprechende Gefühl bis in weite, Zukunftstage hinein erhalten bleibt. Aber so gewiß es gestattet sein muß, sich in schwärmerischem Eifer zu dieser Empfindung zu bekennen, so gewiß ist es doch auch, daß dies eine Feiertagsempfindung ist, neben der eine Durchschnitts- und Alltagsbetrach- tung ihre volle Berechtigung hat. Die Montmorencys haben ihr Gesetz, und die Torf-Exploitierungs- Gesellschaften haben es auch. Man kann nicht ver- langen, daß diese beiden Gesetze untereinander stimmen.1) Wer bis zwanzig Jahr ein Tuchmacher und dann weitere zehn Jahr ein kleiner Krämer war, kann nicht zugleich bei Roncesvalles gefochten oder König Roberts Herz in einer silbernen Kapsel gen Jerusalem getragen haben. Finanzielles und Romantisches, das »Goldene Kalb« und das »Goldene Vlies«, sie schlie- ßen einander aus, und im Schoße der merkantilen Welt, ein paar glänzende Ausnahmen zugegeben, ist es längst zum Axiom erhoben worden: was nicht verboten ist, ist erlaubt. Freiherrn und Grafen gehor- chen einem umgeschriebenen Kodex der Ehre, sollen es wenigstens; der Torfgraf seinerseits kennt kein anderes Gesetz der Ehre als – das Landrecht. An diesem Gesetze gemessen, wird unser alter Christian Gentz, und viele mit ihm, in Ehren beste- hen. Es ist ein Fehler, wie schon eingangs bemerkt, an Gestalten wie diese den sans-peur-et-sans- reproche-Maßstab legen zu wollen. Jeder werd in seinem Kreise treu und tüchtig befunden. Hier war der Kreis ein geschäftlicher und lag einerseits im Wustrauer Luch, andererseits auf den »Kahlenber- gen«. Ein unendlicher Gottessegen ersproß an bei- den Stellen aus der Urbarmachung von Sumpf und, Sand, und war auch zunächst dabei nur ein Egoisti- sches, nur das Ich gemeint, das Allgemeine durfte bald daran teilnehmen. Überall aber, wo Segen ge- boren wird, forsche man nicht allzu kritisch nach dem Motiv, das ihn ins Dasein rief. Ein Kaufmann sei ein Kaufmann und wolle gewinnen. Das ist nicht bloß sein Recht, sondern auch seine Pflicht. Aber freilich, der überflügelte Dilettantismus ist auch auf diesem Gebiete stets geneigt, den strengsten Kritiker abzugeben und nötigenfalls, so nichts andres verfangen will, die Böller einer »höheren Sittlichkeit« abzufeuern. Sie springen aber beim ersten Schuß. Johann Christian Gentz starb am 4. Oktober 1867 und fand seine Ruhestätte auf dem alten Ruppiner Kirchhof, innerhalb des Familienbegräbnisplatzes »am Wall«. Dort ruht auch sein jüngerer Sohn Ale- xander. 1. Es existiert ein natürlicher Gegensatz zwi- schen dem Chevaleresken und dem Merkanti- len, der natürliche Gegensatz von Geben und Nehmen. Schon der einfache Kalkül: »Ich kaufe zu 1 und verkaufe zu 2«, enthält ein Etwas, das dem noblesse oblige widerstreitet, dem überall, wo es echt ist, die Neigung in- newohnen muß, den vorstehenden Rech- nungssatz umzukehren. In den höchsten Handelssphären haben sich freilich diese Ge- gensätze von Geben und Nehmen gelegent-, lich versöhnt, und die Kaufhäuser erwiesen sich dann den Fürstenhäusern verwandt in denen sich die Gewinnfragen zu Kulturfragen gestalteten. Aber so gewiß es in Jahrhunder- ten, die nicht allzuweit zurückliegen, solche Handelshäuser gegeben hat, so gewiß ist es doch auch, daß unsere Sandmark – von Berlin selbst ist abzusehen – jederzeit der unglück- lichste Boden für sie gewesen ist. Hier war, als Regel, immer nur der Kleinhandel zu Hau- se, der, bis in die neueste Zeit hinein, seine Normen weder aus Venedig und Florenz noch aus Amsterdam und dem alten Hansa-Lübeck entnehmen konnte. 11. Wilhelm Gentz

I

In Ruppin. Kindheit. Jugend (Von 1822 bis 1843) Wilhelm Gentz, der ältere Sohn Christian Friedrich Gentz', wurde den 9. Dezember 1822 zu Neuruppin geboren. Er besuchte das Gymnasium seiner Vater- stadt, das damals unter Leitung Direktor Starkes, eines ausgezeichneten Griechen- und Aristoteles- Kenners, eine Glanzepoche hatte, wenigstens nach, der höheren wissenschaftlichen Seite hin. Die Ver- waltung freilich war schwach und wog die sonstigen Vorzüge fast wieder auf. W. Gentz absolvierte, trotz schon früh erwachter künstlerischer Neigung, sein Abiturientenexamen Ostern 1843. In autobiographi- schen Aufzeichnungen, die mir vorliegen, hat er, wie über anderes, so auch über seine Kinder- und Kna- benjahre, die Gymnasialzeit mit eingerechnet, in der ihm eigenen Weise berichtet. An diesen Aufzeich- nungen Änderungen vorzunehmen, habe ich mich wohl gehütet. W. Gentz gehört zu den Erzählern, denen beim Erzählen »immer noch was einfällt« und die diesen Einfällen dann auch Ausdruck geben. Da- durch entsteht eine Vortragsweise, die der her- kömmlichen Technik allerdings widerstreitet und den ruhig ebenmäßigen Gang der Erzählung mehr oder weniger behindert, was gelegentlich selbst den, der sich dieser Exkurse freut, auf Augenblicke stören kann. Alles in allem aber bedeutet diese Vortrags- weise doch einen Vorzug, weil etwas überaus Anre- gendes dadurch zum Ausdruck kommt, das nicht immer den Formensinn, aber desto mehr das Inte- resse befriedigt. Und nun gebe ich ihm selber das Wort. »... Mein Vater, ein Tuchmachergesell, heiratete meine Mutter, die damals schon einen kleinen Laden besaß. Ich soll mehr der Mutter als dem Vater ähn- lich gewesen sein, auch in den Charaktereigenschaf- ten. Von frühan war ich geschickt zu allerhand Hand- arbeiten und saß gern in den Zimmerecken umher, um Silhouetten aus schwarzem Papier auszuschnei-, den. Das Zeichnen und Austuschen spielte bei uns Geschwistern eine große Rolle. Nur mein ältester Bruder, der schon mit einigen zwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, hatte keine Begabung dafür, besaß statt dessen aber ein so glänzendes Gedächt- nis, daß er in seiner langen Krankheit, bloß mit Grammatik und Wörterbuch in der Hand, mehrere Sprachen für sich allein erlernte. Mein Schulunterricht begann in der Bürgerschule. Während ich diese noch besuchte, bat ich die Eltern, mich zum Gymnasialzeichenlehrer Masch in den Zei- chenunterricht zu schicken. Das wurde denn auch gewährt. Ich erhielt eine zufällig im Hause sich vor- findende Zeichenmappe, die so groß war, daß ich sie kaum umspannen konnte. Mit dieser unterm Arm schlich ich mich ängstlich ins Gymnasium, wohin ich noch nicht gehörte und deshalb fürchtete, von den anderen Lehrern gesehen und fortgewiesen zu wer- den. Diese Furcht dauerte denn auch an, bis ich die Bürgerschule verließ und auch in den anderen Lehr- gegenständen ins Gymnasium aufgenommen wurde. Vater und Mutter, auf den Erwerb bedachte Naturen, waren fortwährend in Laden und Küche beschäftigt, was zur Folge hatte, daß wir Kinder einigermaßen verwilderten. Wir streiften vor den Toren der Stadt umher, um Pflanzen, Käfer, Vogeleier und allerhand Naturgegenstände zu sammeln, so daß unser Zim- mer bald einem Naturaliencabinet glich. Die Schrän- ke waren gefüllt mit Herbarien, Insekten, Steinen und Muscheln. Auf Pappe aufgezogene Fische hingen an den Wänden, auf den Spinden standen selbster-, legte und ausgestopfte Vögel. Mein Vater hatte mir nämlich eine Flinte gekauft, so daß ich Sonnabend nachmittag auf die Jagd gehen konnte. Dadurch wurde der Sinn geweckt, die Natur zu beobachten. Aber das Lernen in der Schule ward vernachlässigt. Ein Hauslehrer mußte deshalb aushelfen und uns wieder ins Geleise bringen. Ein solcher Hauslehrer ward in der Person eines Kan- didaten der Theologie gefunden. Er hieß Dr. Paetsch, war Privatdozent an einer Universität gewesen und anfangs der dreißiger Jahre Hilfsgeistlicher des Rup- piner Superintendenten Bientz geworden, von dem er dann, bei B.' endlichem Hinscheiden, eine ganze Galerie langer Pfeifen geerbt hatte, die nun als Schmuck an den Wänden seines Zimmers hingen. Lange freilich paradierten sie da nicht, wurden viel- mehr auf unseren Rücken zerschlagen. Das dadurch erzielte Resultat war aber auch ein glänzendes, in- soweit es uns zu durchaus folgsamen Kindern mach- te. Wir liefen keinen Schritt mehr über den Rinnstein vor dem Hause, der die Grenze bezeichnete, bis wo- hin wir gehen durften. Dr. Paetsch war streng, wor- unter indes unsere Liebe zu ihm nicht litt. Ich brach- te ihm gern des Morgens den brennenden Fidibus ans Bett, da seine Gewohnheit war, vor dem Aufste- hen eine Pfeife Tabak zu schmauchen. Er fand, daß ich gut schreiben konnte, weshalb ich seine Briefe an die hohen Herrschaften, an den König und verschie- dene Prinzen und Prinzessinnen, abschreiben mußte, denen er seine in Ruppin gehaltenen und dann in Druck gegebenen Predigten schickte. Er empfing dafür einen Dukaten, und wenn es sehr hoch kam,, einen Doppel-Louisdor. Übrigens soll er in Ruppin die besten Predigten gehalten haben, was freilich nach dem damaligen Stande der Ruppiner Predigerkunst nicht viel sagen will. Während seiner Privatdozenten- jahre, weil er neben dem Tabak auch eine Passion für edle Getränke hatte, war sein ererbtes Vermögen von ihm aufgezehrt worden. Später ward er Pastor in Rudow, wo ich ihn mal von Ruppin aus in den Ferien zu Fuß besuchte. Wie er als Hirt seine Gemeinde ge- führt, weiß ich nicht. Den Pfarrgarten verwaltete er so, daß bald kein Obstbaum, kein Stachelbeerstrauch mehr übrigblieb, weil bei der Unausreichendheit sei- ner Kircheneinnahmen für Holz und Torf alles in den Ofen wandern mußte. Seiner Richtung nach war er, wie sonst im Leben, auch auf religiösem Gebiet ein Schöngeist und für Schleiermacher enthusiasmiert. Während der Predigtzeit durften wir nicht ins Freie gehn – sonst aber unterließ er es, auf unser religiö- ses Bewußtsein einzuwirken. Meine Hauptlektüre bestand damals in Reisebe- schreibungen. Ein besonderes Entzücken gewährten mir die afrikanischen Entdeckungsreisen ins Kapland von Levaillant und besonders die von Mungo Park am Niger, nach Timbuktu hin, ein Buch, darin ich noch vor kurzem mit Vergnügen geblättert habe. Als Quartaner las ich viel über Ägypten, infolgedessen ich meiner Mutter auf ihre Frage, ›was ich werden wollte‹, zuversichtlich erklärte, daß ich vorhätte, nach Kairo zu gehn und die Pyramiden zu erforschen. Ja, ich fing an, Geld zu sparen, um seinerzeit die Reise beginnen zu können., Schinkel besuchte um diese Zeit jährlich seine Schwester in Ruppin und kam auch mal ins Haus meines Vaters, was darin seinen Grund haben moch- te, daß eine Nichte von ihm mit einem Bruder meiner Mutter verheiratet war. Trotz meiner Jugend ist mir doch seine Erscheinung unvergeßlich im Gedächtnis geblieben. Einige Jahre später saß ich, eine Nacht hindurch, mit Christian Rauch im Postwagen zusammen (zwischen Halle und Potsdam), und auch seine Züge prägten sich mir ein, ja, ich erinnere mich noch einiger seiner Gespräche. Durch einen Ruppiner Landsmann, der in seinem Atelier Dienste tat, fand ich Gelegenheit, sei- ne Werkstatt zu besichtigen, und bekam sogar die Rauchsche Goethe-Statuette geschenkt, die ich nun, wie ein Kleinod, mit heimnahm und während der Nachtfahrt von Berlin nach Ruppin in dem unbeque- men Marterwagen keinen Augenblick aus den Hän- den ließ. Die Statuette, die ich noch besitze, habe ich oft, wenn ich aus der Schule nach Hause kam, mit Freude betrachtet. Als Sekundaner benutzte ich die Ferien, um, der Six- tinischen Madonna halber, zu Fuß nach Dresden zu wandern. Ich hatte gelesen, daß das Bild von Raffael das schönste der Welt wäre. Welch Genuß mußte es sein, dasselbe zu sehn! Bilder auch zu verstehn schien mir selbstverständlich. Ich war daher verwun- dert, daß mir andere Bilder der Galerie noch besser gefielen. Sie lagen wohl meinem Verständnis näher. Und als etwas Eigentümliches muß ich es auch an- sehn, daß mir die Elginschen Abgüsse der Parthenon-, Figuren des Phidias schon damals einen sehr großen Eindruck machten. Vielleicht trug die Liebe für klassi- sches Altertum, die der Direktor des Ruppiner Gym- nasiums, Professor Dr. Starke, uns einzuflößen ver- standen hatte, nicht unwesentlich dazu bei, desglei- chen die häufige Lektüre Lessings, Goethes und be- sonders Winckelmanns, dessen Geschichte der grie- chischen Kunst ich damals mit Vorliebe studierte. Etwas später, als Primaner, reiste ich in den Ferien nach Kopenhagen, um Thorwaldsens Werke kennen- zulernen. Bis Lübeck ging's zu Fuß. Dort empfing ich, angesichts der schönen Kirchen und Rathäuser, zu- erst eine Ahnung mittelalterlicher Kunst. Die heimatliche Mark, so großen poetischen Genuß sie auch durch ihre Seen, Wälder und Wiesen gewäh- ren kann, ist doch andererseits nicht geeignet, uns die Romantik des Mittelalters nahezubringen. Daher blieb mir denn auch bis ins reifere Mannesalter hin- ein die strenge Kunst (die recht eigentlich vaterländi- sche) der Dürer und Holbein fremd. Jetzt freilich glaube ich zu verstehn, daß die Holbein, Dürer und van Eyck auch ein Höchstes in der Kunst geleistet haben. Bessere Zeichnungen, das heißt charakteris- tischere, als die Portraits von Holbein in Basel kann ich mir in ihrer Art nicht vorstellen. Ehe ich das Abiturientenexamen nicht gemacht, durf- te ich auch Ruppin nicht verlassen. Nun aber war der Moment der Freiheit da. Ich erinnere mich noch des seligen Gefühls, als ich im Postwagen saß und mei- ner Vaterstadt Lebewohl gesagt hatte. Mit den übri-, gen Personen, die den Postwagen füllten, ein Wort zu sprechen war mir unmöglich, und ich mußte Bemer- kungen über mein schroffes und unliebenswürdiges Wesen mit anhören. Die Leute hatten ganz recht; aber ich war in meinen Gedanken zu glücklich, um an ihrem Geplauder Gefallen finden zu können.«

II

In Berlin im von Klöberschen Atelier. Reise nach Antwerpen und London (Von 1843 bis 1845) Ostern 1843 traf W. Gentz, zwanzig Jahre alt, in Ber- lin ein und begann, wie er's den Eltern zugesagt hat- te, mit Vorlesungenhören an der Universität. Bald indessen gab er es wieder auf und mühte sich, in ein Maleratelier einzutreten. Dies war aber in dem da- maligen Berlin nicht leicht, weil sich zu jener Zeit nur wenige Malerprofessoren mit privater Ausbildung von Schülern beschäftigten und diese wenigen sich meist nur dann dazu bereit zeigten, wenn der von ihnen Aufzunehmende schon vorher Schüler der Akademie gewesen war. Hierin lag die Hauptschwierigkeit für W. Gentz, weniger darin, daß es den damaligen Ma- lern Berlins an Lehrfähigkeit oder wohl gar an Fähig- keiten überhaupt gefehlt hätte. Dies war nicht ei- gentlich der Fall, eine Versicherung, die mir eine willkommene Gelegenheit gibt, einen Blick auf die Berliner Kunstzustände der ersten vierziger Jahre zu werfen., Augenblicklich herrscht eine starke Neigung vor, das damalige Berlin unter Friedrich Wilhelm IV. zu ver- kleinern, nicht bloß auf politischem, sondern auch auf literarischem und künstlerischem Gebiet. Es stand damit keineswegs so schlimm, wie die Verklei- nerer wahrhaben wollen, und was speziell die bilden- den Künste betrifft, so bedarf es nur eines Durch- blätterns alter Kataloge, um sich, ich will nicht sagen vom Gegenteil, aber doch von dem Übertriebenen in der gegenwärtig beliebten Geringschätzung damali- ger Kunstleistungen zu überzeugen. An der Spitze – wenn auch längst aus der Zeit seines eigentlichen Schaffens heraus – stand kein Geringerer als der alte Schadow selbst, immer noch durch Blick und, wo ihn dieser im Stich ließ, durch künstlerischen Instinkt ausgezeichnet. Neben ihm Rauch. Beide, wenn auch zumeist nur auf ihrem eigensten Gebiete groß, hat- ten doch immerhin künstlerischen Allgemeineinfluß genug, um auch auf dem Schwestergebiete der Ma- lerei Verirrungen zurückzudrängen und Nicht-Talente nicht überheblich werden zu lassen. Solche Nicht- Talente mochten viele dasein, aber neben ihnen auch Genies wie Franz Krüger (»der Paraden- oder Pferde- Krüger«) und Blechen, der große Landschafter, der Schöpfer des epochemachenden Bildes »Semnonen- lager auf den Müggelbergen« – zwei Namen, die nur genannt zu werden brauchen, um das Maler-Berlin der vierziger Jahre nicht verächtlich erscheinen zu lassen. Und welcher Kreis Mitstrebender um sie her! In voller Kraft stand der ältere Meyerheim und ent- zückte nicht bloß Berlin, sondern die gesamte deut- sche Kunstwelt durch Bilder, die Naturwahrheit und Anmut in sich vereinigten. Adolph Menzel, wenn auch, erst ein »Werdender«, begann bereits eine Gemein- de leidenschaftlicher Anhänger um sich zu sammeln; Eduard Hildebrandt, noch um zwei Jahre jünger als Menzel, gab demohnerachtet bereits die Proben sei- nes eminenten Talents, während Eduard Magnus, dessen Jenny-Lind-Portrait (in der Nationalgalerie) bis heute ein respektvolles Interesse weckt, ebenso durch sein Wissen wie durch seine Kunst anregend wirkte. Wach, der ältere Begas, Däge, von Klöber standen, und nicht unverdient, in Ehren und Anse- hen, und durch alle hin schritt, um ebendiese Zeit, eine angestaunte Erscheinung, ein »Geist« – der große Cornelius. So stand es damals – nicht ungünstig, wie mir schei- nen will –, und wenn trotzdem ein so Berufener wie W. Gentz mit nur wenig Anerkennung von unserem damaligen Kunstzustande, speziell der Malerei, spricht, so möchte ich den Grund dafür weniger in den schwachen Kunstleistungen als in einer schwa- chen Kunstverwaltung suchen, in Zuständen, unter deren Herrschaft niemand recht wußte, wer Koch und wer Kellner war. Solche Zustände, so nehme ich an, fand W. Gentz vor und gab nun seinem berech- tigten Unbehagen darüber in Urteilen Ausdruck, die wenigstens darin zu weit gingen, daß sie manches auf dem Gebiete künstlerischen Schaffens liegende Gute nicht genugsam würdigten. Indessen, zu hart oder nicht, unseres W. Gentz' Urteile liegen nun mal vor und haben schon einfach um der Tatsache willen, daß sie Selbsterfahrenes schildern (wie wenige sind noch da, die jene Tage miterlebt haben), Anspruch darauf, an dieser Stelle gehört zu werden., »... Ich war nun also«, so schreibt W. Gentz, »um Ostern 1843 in Berlin und hörte Kollegien über Äs- thetik. Aber der ganze Gelehrtenkram fördert einen ausübenden Künstler sehr wenig; das begriff ich bald. Das Handwerk der Kunst erfordert die ganze Kraft des Künstlers, und glücklich, wer mit der Erler- nung des Handwerksmäßigen frühzeitig beginnen kann. Die alten Künstler überragen die modernen einfach deshalb, weil sie auf den Schulbänken nicht ihre schönste Jugendzeit verbringen mußten, diese kostbare Jugendzeit, die am geeignetsten ist, die großen technischen Schwierigkeiten spielend über- winden zu lernen. Die Rubens, van Dycks waren mit achtzehn Jahren schon derartig Meister in ihrer Kunst, daß sie Schulen errichten konnten. Welch Vorsprung uns Modernen gegenüber. Kunst, wie so oft gesagt, ist einfach Können. Das Können war, zu Beginn dieses Jahrhunderts, bei uns Deutschen gro- ßenteils verlorengegangen. Die Franzosen hatten ihre Kunsttraditionen, mit Hilfe ihrer École des beaux-arts, nie ganz aufgegeben, weshalb sich ihre mit der Revolution und dem Empire beginnende Neuepoche glänzender als die Deutschlands gestal- ten konnte. Die Carstens, Overbeck, Cornelius etc. leiteten das Wiedererstehen deutscher Kunst mehr durch ihre geistigen Eigenschaften ein als durch ei- nen gesunden Realismus. Die Kunstzustände Berlins, speziell auf Malerei hin angesehen, waren in den dreißiger und vierziger Jah- ren ziemlich kläglich. Cornelius mit seinen großarti- gen Intentionen, Kaulbach mit seiner reichen Gestal- tungskraft, die beide nur vorübergehend hier wirk-, ten, fanden keinen rechten Boden. Der Berliner als Norddeutscher ist seiner Natur nach Realist. Und Gottfried Schadow war ein solcher. Wenngleich er die Akademie nicht mehr aus ihrer Gesunkenheit heraus- reißen konnte, so übte er doch auf die Bildhauer- kunst noch immer eine so bedeutende Wirkung aus, daß die Schule von Berlin die bedeutendste Deutsch- lands wurde. Christian Rauchs Tätigkeit zeigt das klar. Und auch heute noch steht Reinhold Begas an der Spitze der deutschen Plastik. Der gesunde Rea- lismus in den zeichnenden Künsten, der mit Chodo- wiecki anhub, kam durch A. Menzel zu weiterer Blü- te. Sein Genie ward bei seinem Auftreten nur von wenigen erkannt. Man hielt ihn wohl für einen talent- vollen und reichen, aber doch zugleich auch für einen bizarren Künstler. Der ältere Begas, Wach, von Klö- ber erkannten seine Größe nicht und ahnten noch weniger, daß er berufen sein würde, später gewaltig über ihnen zu thronen, und gerade diese waren es doch, die damals den Ton angaben. Karl Begas hatte bei Gros in Paris eine gute Schule genossen, Wach und Klöber nur eine mäßige in Italien. Vielleicht war von Klöber der begabteste von ihnen, aber durch sein fragmentarisches Können zum Lehrer wenig geeignet. Der ältere Begas hatte, als ich zu lernen anfangen wollte, sein Schüleratelier aufgegeben, Wach wollte mich nur aufnehmen, wenn ich die Akademie durch- gemacht hätte (worin er wohl recht haben mochte), von Klöber aber nahm jeden auf, also auch mich, weil die Ausbildung von Schülern für ihn vorwiegend eine finanzielle Frage war. Da ich sehr fleißig andert-, halb Jahre bei ihm arbeitete, so machte ich auch Fortschritte, konnte mir aber selber damit nicht ge- nügen und ging nach Antwerpen, um auf der dorti- gen Akademie meine Studien fortzusetzen. Dies ›nach Antwerpen gehn‹ war in den vierziger Jahren bei den deutschen Malern Mode geworden, eine Mode, die sich seit Ausstellung der Gallaitschen und de Bièfveschen Bilder in Berlin entwickelt hatte. ›Die Abdankung Karls V.‹ gilt auch heute noch als ein gutes Bild; sonst aber sind die de Bièfve, de Keyser und Wappers (welcher letztere zu meiner Zeit Direk- tor der Akademie von Antwerpen war) von ihrer Hö- he herabgestiegen. Ihre Kunst kam nicht von innen heraus, und alles Gute, was sie besaßen, hatten sie einfach in Paris gelernt. So dauerte denn auch der Ruf der Antwerpener Schule nicht lange. Immerhin war der neunmonatliche Aufenthalt in dem maleri- schen Antwerpen mit seiner großartigen Kathedrale belehrend und interessant für mich. Ich lernte dort erst die Größe eines Rubens kennen und verstehen. In der Ferienzeit reiste ich nach London hinüber, fand aber nur wenig Gelegenheit, die moderne Male- rei der Engländer näher kennenzulernen. Das Kolorit Turnerscher Bilder fesselte mich am meisten. Erst 1855, auf der Pariser Weltausstellung, bekam ich großen Respekt vor der naiven und charakteristi- schen Naturauffassung der Engländer. Die englische Abteilung wurde denn auch von den Franzosen als die originellste sämtlicher Völker angesehen.«,

III

ErsterAufenthalt in Paris. Reise nach Spanien und Marokko(1847). Reise nach Ägypten und Nubien (1850). Etablierung in Paris (Von 1845 bis 1857) Der Aufenthalt W. Gentz' in Antwerpen hatte neun Monate gewährt; von Antwerpen ging er nach Paris, wo er im Herbst 1845 eintraf, um daselbst, wenn auch mit manchen Unterbrechungen von nicht unbe- trächtlicher Dauer, bis 1857 zu verbleiben. Ich gebe, bevor ich ihn selbst wieder redend einfüh- re, zuvor eine diese Gesamtzeit von zwölf Jahren umfassende Skizze. W. Gentz trat, als er nach Paris kam, zunächst als Schüler in ein Meisteratelier ein, in dem er von 1845 bis zum Frühjahr 1847 verblieb. Zugleich war er im Louvre viel mit dem Kopieren alter Bilder, besonders aus der spanischen Schule, beschäftigt, was schließ- lich Veranlassung für ihn wurde, nach Spanien, und zwar über Bordeaux nach Madrid, zu gehen, um hier die Velázquez und Ribera an der Quelle zu studieren. Einmal in Madrid, mußten Sevilla, Cádiz, Gibraltar folgen, woran sich dann – die Sehnsucht, Afrika zu sehen, war groß – Tanger und Marokko wie selbst- verständlich anreihten. Ein an Abenteuern reicher Ausflug, über den er selbst (siehe den Verfolg dieses Kapitels) in höchst anziehender Weise berichtet hat; aber auch über die achtzehn Monate in Paris, die, voraufgingen. Und so geben wir ihm über ebendiesen Pariser Aufenthalt, wie dann später über die spa- nisch-marokkanische Reise, hier wieder das Wort. »... Als ich nach Paris kam, standen sich zwei Rich- tungen in der Malerei schroff gegenüber, die klassi- sche und die romantische; die der dessinateurs und die der coloristes, wie sie sich selbst nannten. Erst später bildete sich die Schule der Realisten unter Führung von Courbet. Ingres, der letzte große Schü- ler von David, wurde als ›grand homme‹ verehrt; er galt den französischen Künstlern als größter Maler seiner Zeit. In Deutschland fand er wenig Anerken- nung. Populär war er auch in Frankreich nicht. Seine Kunst ist die Kunst für die Kunst, nicht fürs Volk, ganz so wie bei Cornelius. Ingres ist aber doch bei uns unterschätzt worden; sein Können war bedeu- tend. Eugen Delacroix, der größte Kolorist der Fran- zosen (wie um vieles später bei uns Makart), war den Deutschen durch die große Vernachlässigung der Zeichnung auch nicht allzu sympathisch, jedoch im- mer noch mehr als Ingres, weil sie bei diesem den Mangel koloristischen Sinnes fühlten. Delacroix ist Geistesverwandter von Byron und Victor Hugo. Zwi- schen ihnen stand Horace Vernet und Paul Delaro- che, der eigentliche Gründer der modernen Ge- schichtsmalerei. Beide verdienten ihre Popularität auch bei uns. Namentlich hat Paul Delaroche einen großen Einfluß auf die deutschen Maler gehabt. Er stand der Ingresschen Richtung näher, Horace Ver- net mehr der des Delacroix., Die Franzosen sind sehr launisch mit ihren Gunstbe- zeigungen, und die Mode, wenn man das Wort auch auf die Kunst anwenden darf, wechselt bei ihnen sehr schnell. Vernet und Delaroche galten bei meiner Ankunft in Paris schon als abgetan. Da mir eigentlich der geschichtliche Sinn abgeht, so lag mir P. Delaroche ferner. An Horace Vernet interessierte mich das orientalische Element in seinen Bildern und die Anwendung desselben auf biblische Darstellun- gen. Am meisten war ich berauscht vorn Kolorit des Delacroix. Ich sage absichtlich ›berauscht‹, da ich mir selbst keine Rechenschaft darüber zu geben wußte. Delacroix hat sehr wenig Schüler gebildet und besaß auch kein Schüleratelier. Das bedeutendste und am zahlreichsten besuchte Atelier hatte Delaro- che, welches Atelier, als ich nach Paris kam, an Dela- roches Stelle, der es aufgegeben, Gleyre übernom- men hatte. Einige Jahre darauf besuchte ich auch das Couture-Atelier. Bei Gleyre glaubte ich mich in der Zeichnung befestigen zu können; Couture war mehr Kolorist. Durch seine ›Décadence des Romains‹ hatte dieser letztere großes Aufsehen gemacht und einen bedeutenden Zufluß von Schülern erhalten, besonders auch von Deutschen, Feuerbach und Hen- neberg unter ihnen. Gleyre, ein Schweizer aus Genf, war ein nobler Charakter, hoch und klassisch gebil- det, verkehrte viel mit Schriftstellern, war uneigen- nützig, ließ sich von den Schülern nur seine Auslagen an Miete, Heizung und Modellen bezahlen. Sein Hori- zont war ein weiterer wie der von Couture, der mit Vorliebe von der ›art parisien‹ sprach. Coutures Rö- mer waren Pariser. Jeder lernte bei ihm schnell. Aber seine Lehre war ein Rezept, ein Schema. Man mußte, sich später dessen wieder zu entledigen suchen; in der Tat, er war hauptsächlich Techniker, und Gleyre sagte von ihm, freilich zu weit gehend, ›daß er nur die cuisine de la peinture verstünde‹. Coutures Ideal in der Malerei war Paul Veronese. Im Exterieur hatte Couture große Ähnlichkeit mit Gussow. Wenn heute, nachdem die von Courbet geführten Realisten eine große Wandlung herbeigeführt haben, ganz andere Richtungen maßgebend geworden sind, wenn die Impressionisten und Pleinairisten einerseits und die Cabinetsmaler mit minutiösester Ausführung, von Meissonier ausgehend, andererseits den Tag beherr- schen, so haben doch die Hauptwerke Gleyres und Coutures eine Stelle im Louvre gefunden, eine große Ehre, die nur den Werken zuteil wird, die, früher fürs Luxemburg-Museum vom Staat angekauft, noch zehn Jahre nach dem Hinscheiden ihrer Autoren von einer Jury für würdig dazu erachtet werden. Die üb- rigen Werke nicht mehr lebender Künstler werden an die Privatmuseen verteilt. ... Während der Studienzeit bei Gleyre machte ich eine längere Reise, dreiviertel Jahr, nach Spanien und Marokko. Nach Spanien deshalb, um die im Louvre begonnenen Studien nach alten Meistern zu vervollständigen. Ich malte im Museum zu Madrid während dreier Monate eine Anzahl Skizzen nach Tizian, Velázquez, Ribera, Alonso Cano etc. Das Mad- rider Museum ist, in bezug auf Bilder, eins der bes- ten in Europa. Gegen fünfzig Bilder Tizians, des Lieb- lingsmalers von Karl V. und Philipp II., zieren dassel- be. Fünfzehn Raffaels sind da, und die spanischen Meister, für die ich eine Vorliebe hegte, sind selbst-, verständlich vollzählig, so daß sich allein vier große Säle mit Velázquez' Werken vorfinden. Velázquez ist vielleicht der Maler, der den Übergang zur modernen Auffassung der Malerei einleitete. Er war wenigstens der erste Geschichtsmaler im eigentlichen Sinne des Wortes, in seinem berühmten Gemälde, ›Las Lanzas‹ genannt, welches die Übergabe von Breda darstellt. Die Rubensschen Geschichtsbilder konnten sich des allegorischen Beiwerks nicht entledigen. Velázquez' Genrebilder mit lebensgroßen Figuren sind auch schon im modernen Sinne konzipiert, zum Beispiel der Besuch in einer Gobelinfabrik, ein Bild, das Gérôme für das bestgemalte Bild überhaupt erklärt hat. Die Spanier halten ihre großen Meister auch hoch in Ehren; Murillo gilt ihnen als der ›pintor del cielo‹, Velázquez als der der ›tierra‹. Merkwürdiger- weise hat auch Murillo höchst realistische Genrefigu- ren (München, Louvre) gemalt. Die Portraits des Ve- lázquez stehen in ihrer Art auf dem Gipfelpunkt des Erreichbaren. Der geistreiche Blick derselben er- hascht, nach dem Ästhetiker Vischer, ›den reinsten Phosphor der Persönlichkeit‹. Man hat in Spanien immer das Gefühl, daß es eine Weltmacht war; häufig begegnet man noch dem Flit- ter vergangener Größe. Interessant ist das Volksle- ben, die Tänze auf öffentlichen Plätzen, das Zigeu- nertreiben, das Aufregende der blutigen Stierkämpfe, die Hingabe der Frauen, die klangvolle Sprache, die äußerste Lebendigkeit in der Komödie und Posse, die Gastfreundschaft, dazu die Fülle der Abenteuer, de- ren man dort mehr erleben kann als in anderen Län- dern., Im Alcázar von Sevilla und in Granada lernte ich die Blüte arabischer Architektur kennen und befreundete mich mit dem Architekten Herrn von Diebitsch, der damals in der Alhambra seine Studien machte. Von Cádiz ging ich mit einem kleinen vollgepackten Marktboot nach Marokko hinüber; die Fahrt sollte acht Stunden dauern, ein Sturm trieb uns aber vier- undzwanzig Stunden umher. In Tanger sah ich zum erstenmal ein Stück fremden Erdteils, das sich mir tief einprägte und auf meine spätere Entwicklung einen großen Einfluß übte. Fast alles war anders wie in Europa, wo die nivellierende Kultur die sonst so verschiedenen Länder in der äußeren Erscheinung ziemlich gleich gemacht hat. Die Trümmer der Be- schießung von Tanger und Mogador durch die Fran- zosen waren, eine Folge der großen Indolenz der Bewohner, noch nicht fortgeräumt. Am Strande (ei- nen Hafen besaß Tanger noch nicht) und vor den Toren der Stadt lagen Hunderte von Arabern, Ber- bern und Kabylen, die von Algerien hierher verschla- gen waren, in Fetzen und Lumpen, unter ebenso zer- rissenen Zelten, halb nackt umher. Sie machten den Tag zur Nacht. Es war die Zeit des Fastenmonats Ramadân, wo von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Speise noch Trank genossen werden darf. Ein Unglücklicher, der seinen Durst nicht bezwingen konnte, glaubte heimlich trinken zu können, ohne dabei bemerkt zu werden. Aber das wilde, scharfe Auge des Hafenkapitäns hatte den Sünder erspäht, und sofort riß er, in seinem religiösen Fanatismus, eine Latte vom Zaun (ein Nagel war darin stecken- geblieben) und hieb auf den Armen ein, daß das Blut herumspritzte. Dazu war der Anzug dieses improvi-, sierten Henkers rot vom Turban bis zu den Maro- quinschuhen. Das war so ein Stück patriarchalischer Rechtsprechung. Ich mußte ein paar Stunden unter dem wilden Volk warten, ehe ich die Tore passieren durfte, da erst die Pässe revidiert werden mußten – der meinige durch den schwedischen Generalkonsul; denn wir hatten damals noch keinen Vertreter dort. Ein Russe, der Sohn des Gouverneurs von Sibirien, wurde überhaupt nicht eingelassen und mußte mit dem nächsten Schiff wieder abreisen. Zurück fuhr ich, viele Wochen später – wie hier vorgreifend gleich bemerkt werden mag –, auf einem französischen Kriegsschiff, auf dem sich der berühmte französische Kriegsmaler Raffet befand; ebendies Kriegsschiff sollte das hier lagernde algerische Gesindel nach Oran zurückschaffen. Dabei hatte ich denn Gelegen- heit, noch manche Seltsamkeiten dieses Gesindels kennenzulernen. Von Tanger aus besuchte ich die Höhlen der Riffpira- ten und die malerische Stadt Tetuan. Dem Pascha derselben hatte ich keinen Besuch gemacht, weil solche Besuche jedesmal mit großen Geldopfern, die ich damals nicht machen konnte, verbunden sind. Er rächte sich aber dafür; denn als ich von Tetuan nach Tanger zurück wollte, gab er mir vier Begleiter mit auf den Weg, für die ich pro Tag zwanzig Dollars be- zahlen mußte. Und dabei verlangte er vorweg eine schriftliche Erklärung, dahin gehend, ›daß ich ihn nicht verantwortlich machen wollte, wenn mir ein Überfall zustieße‹. Ich blieb nämlich eine Nacht un- terwegs, da mir ein Tagesritt von zwölf Stunden, den ich auf der Hinreise gemacht, zu anstrengend war., Meine Begleiter, wie vorauszusehen, schliefen gleich ein, statt abwechselnd die Wache zu halten, weshalb ich sie persönlich übernehmen mußte. Dies wurde mir dadurch leichter, daß wir an einem Orte lager- ten, wo kurz zuvor eine Karawane angekommen war, mit vielen im Atlasgebirge eingefangenen Affen, die nun von den scharenweis herbeikommenden wilden Hunden angebellt wurden, was einen Höllenlärm verursachte. Nach Spanien zurückgekehrt, glaubte ich mich in meine Heimat versetzt, so groß war der Unterschied zwischen europäischem und afrikanischem Leben. In Tanger und Tetuan mußte ich mich durch einen spa- nischen Dolmetscher mit den Arabern verständlich machen; in Madrid mietete ich mich jetzt in eine spanische Familie ein, um die Sprache schneller zu erlernen. Durch die Liebenswürdigkeit der Damen, besonders der Töchter des Hauses, gelang mir's auch einigermaßen. Auf der weiteren Rückreise durch Südfrankreich hat- te ich einen Unfall und ward im Gebirge oben vom höchsten Sitz der Messagerie durch Sturz des Wa- gens wohl zwanzig Fuß herabgeschleudert, derart, daß ich acht Tage meinen Kopf nicht bewegen konn- te.« So verlief die genau dreiviertel Jahr umfassende spanisch-marokkanische Reise W. Gentz', die, wie hier parenthetisch bemerkt werden mag, trotz der vorerwähnten kostspieligen Militäreskorte von Tetu- an nach Tanger, trotz etlicher »accidents« (darunter, der Postwagenunfall) und endlich trotz reichlich in Afrika gemachter Einkäufe, nur gerade 4000 Francs, also etwa 1000 Taler, gekostet hatte, was nicht er- mangeln wird, den Neid aller ungeschickt und teuer Reisenden, zu denen ich mich leider selber zu zählen habe, zu wecken. Ende 1847 oder Anfang 1848 war W. Gentz wieder in Paris zurück und unterzog sich hier eben der Ausfüh- rung seiner mitgebrachten Skizzen, als die Februar- revolution dazwischentrat und ihm Veranlassung gab, auf fast Jahresfrist in seine märkische Heimat (Ruppin) zurückzukehren. Hier entstanden zunächst verschiedene Portraits, darunter die Bildnisse seiner Eltern, worauf er dann, auf längere Zeit, nach Dres- den ging, um daselbst einige Kopien italienischer Meister, namentlich Tizians und Correggios, zu ferti- gen. Die Sehnsucht nach den seiner Kunst so förder- lichen Kreisen der französischen Hauptstadt zog ihn aber, im selben Jahre noch, wieder nach Paris zu- rück, woselbst er nun das Jahr darauf (1849) sein erstes großes Bild malte: »Der verlorene Sohn in der Wüste«. Dies Bild, »Der verlorene Sohn«, wurde im Herbst 1850 auch in Berlin ausgestellt und erfuhr daselbst sowohl seitens des Publikums wie der Kritik eine sehr günstige Aufnahme. Die Freude darüber wurde W. Gentz aber nicht unmittelbar zuteil; denn um ebendie Zeit, wo diese günstigen Beurteilungen in den Blättern erschienen, war er längst nicht mehr, in Berlin, auch nicht in Paris, sondern in Ägypten, wohin er schon im März genannten Jahres (1850) seine zweite große Afrikareise, die auch seine größte blieb, angetreten hatte. Begleiten wir ihn auf dieser seiner Fahrt. Am 10. März war er in Marseille, am 26. in Kairo. Hier blieb er, erfaßt von dem ganzen Zauber des Orients, volle sieben Monat. Am 2. November endlich bestieg er eine Dahabia, ein großes Nilboot, um auf ihm die bekannte Nilfahrt bis zum zweiten Katarakt und dem nahe gelegenen Wadi Halfa zu machen. Alle Vorbereitungen waren getroffen, und in der Abreise- stunde schrieb er seinen Eltern: »Das Mieten eines Schiffes macht so viele Schwierigkeiten, wie wenn man bei uns daheim ein Rittergut kauft. Zwei volle Tage habe ich zur Verfertigung des Kontraktes nötig gehabt. Mit den Schiffsleuten ist nicht mehr aufzu- stellen als mit dem brutalsten Vieh, und danach be- handelt man sie auch. Den kleinsten Punkt muß man im Kontrakt regeln, ist dieser aber gut abgefaßt, so kann man, ohne alle Sorge, dem Kapitän in Kontra- ventionsfällen bei jedem Scheik einer Stadt eine ge- hörige Tracht Hiebe auf die Fußsohlen aufzählen las- sen. Selbst wenn man einen solchen Kerl nieder- schösse, würde kein Hahn danach krähen. Mein Dra- goman ist ein ehrlicher, verständiger Mann. Außer- dem habe ich einen Reisebegleiter gefunden, einen Galizier, Herrn von Wrublewski, mit dem ich schon früher den Ausflug nach Sakkara gemacht habe. Zur Sicherheit sind alle Vorkehrungen getroffen. Ich habe mir eine Doppelflinte, einen Säbel, einen Yatagan, und einen Dolch außer meinen beiden Pistolen ge- kauft. Auch eine kleine Reiseapotheke. Übrigens bin ich akklimatisiert. Meine Provision habe ich für drei Monat eingerichtet: sechzig Pfund Schiffszwieback, zwanzig Flaschen Rum und Cognac, einen Sack Kar- toffeln, Reis, Makkaroni, Kaffee, Tee. Kurzum genug. Für den täglichen Bedarf findet man sehr viel Wild, und mein Begleiter ist ein guter Jäger. Die Wunder des grauen Altertums werden bald vor unseren Bli- cken sein.« Am 15. November war er in Karnak und Luxor, am 16. in Esneh, am 21. am ersten Katarakt (Assuan und Philae); vom 24. bis 26. zwischen Korosko, Deri und Ibrim, am 3. Dezember am zweiten Nil-Katarakt und am Tage darauf in Wadi Halfa. Hier befand er sich am vorgesteckten Ziel, von dem aus er die Rückfahrt antrat. Am 13., nach kurzem Verweilen in Ipsambul und Kelabscheh, war er wieder am ersten Katarakt, wo er besonders der im Nil gelegenen Fel- seninsel Philae seine Aufmerksamkeit schenkte. Am 18. in Edfu. Dann, während der ganzen Weihnachts- woche, abermals in Karnak und Luxor, die jetzt beide mit aller Gründlichkeit von ihm durchforscht wurden, bis er am 1. Januar in Dendare und am 8. in Kairo eintraf, das, trotz der Fülle des auf seiner Nilfahrt Gesehenen, den alten Zauber auf ihn ausübte. Noch etwa sechs Wochen blieb er daselbst; dann, Ende Februar, brach er auf und verbrachte den März auf einer Wanderung durch Palästina, Syrien, Kleinasien. In Smyrna lernte er den Prinzen Friedrich von Schleswig-Holstein1) kennen, mit dem er, von jener Zeit an, bis zum Tode desselben, in freundschaftli-, chem Verkehr blieb, nachdem er ihn noch im Jah- re 1874 auf seinem Schlosse Noer, in der Nähe von Eckernförde, besucht hatte. Anfang April war W. Gentz in Konstantinopel und Ende desselben Monats in Korfu. Von da ging er, über Pest und Wien, ins elterliche Haus zurück, an das er, all die Zeit über, zahlreiche Briefe gerichtet hatte. Daheim nahm er seine malerische Tätigkeit rasch wieder auf, und nachdem er, durch Jahr und Tag hin, nur gezeichnet und skizziert hatte, ging er jetzt mit doppelter Lust an ein großes Bild: »Der Sklavenmarkt in Kairo«, das das Jahr darauf in Berlin ausgestellt wurde. Zu gleicher Zeit beschäftigte ihn die Herausgabe sei- ner, von Ägypten her, an die Eltern gerichteten Brie- fe, und zu Weihnachten 1852 erschienen denn auch »Briefe aus Ägypten und Nubien« – Verlag von Carl Barthol in Berlin –, ein vorzügliches Buch, das durch all das, was seitdem an Reiseliteratur über Ägypten erschienen ist, von seiner Bedeutung wenig und von seinem Reize nichts verloren hat. Dieser Reiz besteht zum Teil in dem, was ich schon wiederholentlich als »Gentzsche Vortragsweise« bezeichnet habe, noch mehr aber in jener ein gutes Wissen und einen freien Blick zur Voraussetzung habenden Fähigkeit, die großen Erscheinungen der Kunst, der Geschichte, des Lebens überhaupt, in ihrem Zusammenhange zu begreifen. Zum Beweise dessen mag es mir gestattet sein, aus dem an Anschauungen und Betrachtungen gleich reichen Buche wenigstens eine Stelle hier zi- tieren zu dürfen. So heißt es aus Dendare am, 1. Januar 1851: »Wie Ägypten selbst als ein eigen- tümlicher, nur aus sich selbst verständlicher Orga- nismus anzusehen ist, so prägen auch die ägypti- schen Kunstwerke: ganze Ortschaften mit Tempeln, Obelisken, Grabdenkmälern, Sphinxalleen, eine in sich einige Totalität aus, welche der hierarchischen Gliederung und Ordnung des Lebens entspricht. Nur von diesem Gesichtspunkte aus wird die Kunst jener zurückliegenden Jahrtausende verständlich. Das ein- zelne, und wäre es der kolossalste Obelisk, kann für sich allein keine Vorstellung von der Großartigkeit altägyptischer Kunstintentionen geben – in dem Reichtum von Bauwerken, mit denen ein solcher Ein- zelobelisk zu einem Ganzen verbunden war, war er nichts als eine verschwindende Größe. Nur wer die verbliebenen Baureste im großen und ganzen über- sieht, vermag einigermaßen zu würdigen, welche Großartigkeit künstlerischer Unternehmungen in die- sem Lande heimisch war, hier, wo jetzt die Trägheit einer Sklavenbevölkerung nichts ahnt von jenem gewaltigen Geist, an dessen ewigen Monumenten sie gleichgiltig vorbeizieht. Unsere moderne Welt«, so fährt Gentz in demselben Briefe fort, »hat, nach dem Untergange des griechischen Lebens, die Künste voneinander separiert. Bei der weltfeindlichen Ten- denz der katholischen Kirche konnte, zunächst we- nigstens, im frühern Mittelalter kein großartiges Kunstleben erwachen; der gotische Kirchenbau ver- einigte später zwar mehrere Künste von neuem, aber doch immer nur in einer den höchsten Aufgaben der Kunst widerstreitenden Begrenzung, da der durch das Transzendentale bestimmte Charakter der Gotik sich nicht bemüßigt sehen konnte, die schöne Er-, scheinung festzuhalten. Nur das geistige und körper- liche Leiden kommt in den alten Heiligenbildern zur Darstellung. Als dann aber später (in Raffael und anderen) die Malerei sich anließ, mit ihren unerreich- ten geistig und sinnlich schönen Madonnenbildern die Basiliken Roms zu schmücken, war sie ebenso weit über das eigentliche christlich mittelalterliche Kir- chenwesen hinaus, wie die liberalen, in sinnlicher Üppigkeit dahinlebenden Päpste, Julius II. und Leo X., die Zeit der Askese hinter sich hatten.« Bald nach Erscheinen der ägyptischen Briefe kehrte W. Gentz von Ruppin beziehungsweise Berlin nach Paris zurück, Frühjahr 1853, wohin es ihn längst ge- zogen haben mochte. Seine Tätigkeit verdoppelte sich, und er begann, von 1853 bis 1858, nach dem Vorbilde Horace Vernets, biblische Motive in treuer Wiedergabe orientalischen Wesens, wozu seine zahl- reichen Studien ihn befähigten, zu komponieren. Und neben diesen Bildern biblischen Inhalts gab er Dar- stellungen aus dem Volksleben. Es entstanden um diese Zeit: 1. Sphinx bei Theben; Hirt mit Ziegen im Vordergrund. 2. Ägyptische Studenten. 3. Christus und Magdalena beim Pharisäer Simon. (Von Frau Hauptmann Steinberg in Ruppin gekauft und für die dortige Klosterkirche gestiftet.) 4. Fülle und Elend; früher bekannt unter dem Titel: »Wohl endet der Tod des Lebens Not, doch schauert Leben vor dem Tod«. 5. Christus bei den Sündern und Zöllnern, von den Pharisäern zurechtgewiesen. (Vom Kommerzienrat Zimmermann für die Kunsthalle in Chemnitz gestif- tet.) 6. Ägyptische Bettlerinnen. Alle diese Bilder wurden in Paris ausgestellt, die beiden letztgenann-, ten auch in Berlin, wohin er, aller Paris-Passion und alles internationalen Zuges unerachtet, im Herbst 1857 dennoch zurückzukehren für gut fand. Die vier Jahre von 1853 bis 1857, während welcher Zeit er – nunmehr auf eigenen Füßen stehend – frei und selbständig schuf, waren ihm in besonders an- genehmer Weise vergangen, wozu sehr wesentlich die freundlichen Beziehungen beitrugen, in denen er ebensowohl zu französischen wie zu deutschen Künstlern stand. Gérôme, Boulanger, Louis Hamon, Aubert, sämtlich, wie er selbst, aus der Gleyreschen Schule hervorgegangen, zählten zu seinem Umgang, während er sich mit Ferdinand Heilbuth (Hamburger, aber in Paris geblieben und dort naturalisiert; vor kurzem verstorben) befreundete. Desgleichen stand er auf freundlichem Fuße mit Feuerbach, Victor Mül- ler, Rudolf Henneberg, Lindenschmit, Gustav Span- genberg, alle Schüler von Couture, zu dem er sich, wie schon erzählt, nach Austritt aus dem Gleyre- schen Atelier, ebenfalls ein Jahr lang gehalten hatte. Alle diese waren gleichaltrig Mitstrebende; seine gu- ten Beziehungen aber beschränkten sich nicht auf diese, sondern erstreckten sich auch auf solche, die damals in der Pariser Malerwelt als anerkannte Meis- ter den Ton angaben: Paul Delaroche, Horace Ver- net, Robert-Fleury, Ary Scheffer, Courbet, Winterhal- ter. Und diesen hier Genannten darf auch Ludwig Knaus zugezählt werden, »der« (so schreibt G.) »schon als Meister dorthin kam, dort, wie überall, eine Ausnahmestellung einnahm und in Paris alles erreichte, was ein Maler erreichen kann«., 1. Prinz Friedrich von Schleswig-Holstein, Sohn des Prinzen von Noer, wurde 1830 geboren und starb 1881. Er erhielt 1870 vom König von Preußen für sich und seine Deszendenz den Titel Graf von Noer. Prinz Friedrich war ein begeisterter Orientalist, der, nachdem er jahrelang in Indien gelebt, über seine Reisen in Kleinasien geschrieben und zuletzt ein sehr beachtenswertes Werk: »Geschichte des Kai- sers Akbars des Großen«, hinterlassen hat.

IV

Rückkehr in die Heimat. Ruppin. Übersiedlung nach Berlin. Verheiratung (1861). Reisen. Briefe aus Stockholm (Von 1857 bis 1874) 1857, wie bereits kurz erwähnt, verließ W. Gentz Frankreich, um nun dauernd in die Heimat zurückzu- kehren. Aber er blieb, wie jeder Künstler das muß, in intimer Fühlung mit Paris, und so mag denn, eh ich in nachstehendem über die zweite Hälfte seines Le- bens und Schaffens berichte, zunächst das noch eine Stelle hier finden, was er – aus aller Chronologie herausgerissen und anknüpfend an die gelegentli- chen Begegnungen einer späteren Zeit – über die französischen Maler überhaupt insonderheit über, ihren naiven Chauvinismus, also mehr über die Men- schen als über die Künstler, und schließlich auch noch über die neueste Pariser Kunstrichtung ge- schrieben hat. »... Ich war allezeit«, so schreibt er, »sehr gern in Paris und stand, was ich immer wieder und wieder betonen muß, mit den französischen Künstlern auf dem besten Fuße, wennschon ihnen ihre ›Superiori- tät‹ über uns, und zwar nicht bloß für den Moment, sondern für alle Zeiten, unverbrüchlich feststand. Sie waren darin ganz naiv. Der Gedanke, daß sie von anderen überflügelt werden könnten, ist ihnen bis diese Stunde fremd geblieben. Und so ist es denn auch ein charakteristischer Zug jedes Franzosen, ohne weiteres anzunehmen, daß seine Nation von einer andern nicht besiegt werden könne. Davon ein Beispiel. Als ich Gleyre im Jahre 1868 das letztemal sprach, lud ich ihn ein, mich in Berlin zu besuchen, ich wolle bei der Gelegenheit sein Führer durch die Museen wie auch durch die Museen in Dresden usw. sein. ›Ich nehme es an‹, sagte er, ›doch zuvor müs- sen wir mit den Deutschen uns messen.‹ Die Wut gegen uns datierte schon vom österreichischen Krie- ge her. ›Aber‹, erwiderte ich ihm, ›Sie sind ja gar kein Franzose, Sie sind ja ein Schweizer; was geht Sie diese Rivalität an?‹ – ›Schweizer hin ich, aber durch meinen langen Aufenthalt in Paris mit den Franzosen identifiziert.‹ – ›Nun wohl, dann kann ich Ihnen nur erwidern, daß Sie einen Krieg mit uns nicht herbeiwünschen sollten; denn Sie werden, wie die Österreicher, zermalmt werden.‹ – ›Das glaube ich nun freilich nicht. Sollten wir aber geschlagen, werden, so würden wir‹ (setzte er lachend hinzu) ›unsern Napoleon wenigstens loswerden.‹ Und hier lasse ich«, so fährt Gentz in seinen Auf- zeichnungen fort, »gleich noch einen zweiten anek- dotischen Zug folgen, der angetan ist, den Chauvi- nismus der Franzosen und das Hochmaß ihrer ge- kränkten Eitelkeit in voller Beleuchtung zu zeigen. Ich hatte Léon Bonnat, der gegenwärtig als größter Portraitmaler der Franzosen gilt, schon 1846 in Mad- rid bei seinen Eltern kennengelernt. Er war damals erst vierzehnjährig, und ich zeichnete sein Portrait. Später, als er seine Studien in Italien vollendet und besonders, wie er mir sagte, die deutschen Künstler dort schätzengelernt hatte, traf ich ihn bei Robert- Fleury wieder. Ebenso (1878) auf der Pariser Welt- ausstellung, auf der ich Kommissar für Deutschland war. Ich führte ihn in unsere Abteilung, wo er sich besonders begeistert über Lenbachs Döllinger- Portrait aussprach. Auch Menzels und von Gebhardts Bilder wurden von ihm bewundert. Er riet mir aber ab, meinen Sohn nach Paris zum Studium zu schi- cken, weil er zwar väterlich für ihn sorgen wolle, lei- der aber nicht die Macht habe, ihn vor etwaigen In- sulten von seiten seiner Mitschüler zu schützen. Das war 1878. Ich bin auch später noch zum Besuch der Jahresausstellungen nach Paris gereist und war immer enthusiasmiert von dem, was ich sah. Heute haben sich ganz andere Richtungen geltend gemacht als zu meiner Zeit. Wie in der Literatur die Zolas, so haben auch die Maler das Bedürfnis gefühlt, ›qu'on, descende dans la rue‹, wie sie sich ausdrücken. Ich muß bekennen, daß viel Wahres darin liegt; man darf nur nicht behaupten, daß das alleinige Gebiet der Kunst ›auf der Straße zu finden sei‹.« Hiermit schließen W. Gentz' auf Paris und das Pariser Kunstleben Bezug habende Betrachtungen ab; was sich sonst noch in seinen Aufzeichnungen findet, be- rührt andere Punkte. Wilhelm Gentz war nun also wieder daheim und scheint, ehe er sich durch Hauskauf völlig seßhaft machte, seinen Aufenthalt zwischen Berlin und seiner Vaterstadt Ruppin geteilt zu haben. Das war von 1857 bis 1861. In Ruppin, an das ihn ein ausgespro- chener Familiensinn und im besondern die herzlichs- te Liebe zu dem klugen und eigenartigen Vater ket- tete, war er mannigfach mit Ausschmückung all der Bauten beschäftigt, die sein Bruder Alexander da- mals in Stadt und Umgegend entstehen ließ. Einiges davon (so zum Beispiel die Wandbilder in der Gentz- schen Stadtwohnung) hat mir immer besonders gut gefallen. In Berlin, das selbstverständlich sein Hauptquartier blieb, bewohnte er vorläufig mietswei- se das in der Feilnerstraße gelegene »Feilnersche Haus«. Von 1861 ab stabilisierte sich sein Leben immer mehr. In ebendiesem Jahre verheiratete er sich mit Fräulein Ida von Damitz, Tochter des Kreisbaumeis- ters von Damitz, aus welcher Ehe ihm in den zwei, folgenden Jahren, 1862 und 1863, ein Sohn Ismael und eine Tochter Mirjam geboren wurden. Ismael, auf den sich das malerische Talent des Vaters ver- erbt hatte, zeigte schon früh eine hervorragende Begabung für das Charakteristische in der Kunst, und mehrere gute Portraits, darunter eine Serie be- kannter Berliner Persönlichkeiten: Werner Siemens, Lothar Bucher, Minister Friedberg, Du Bois-Reymond, Frau von Großheim, Fanny Lewald, Paul Meyerheim, Max Klinger, Amberg, Max Klein, Saltzmann, Gehei- mer Rat von Bergmann, Geheimer Rat Dr. Tobold, Bleibtreu, Albert Hertel, Gussow, Rangabé, Reichstagsmitglied von Benda, Professor Vogel u. a. m., rühren von ihm her. Mirjam verheiratete sich 1883 oder 1884 mit dem Rittergutsbesitzer von Lambrecht-Benda auf Breitenfelde, Sohn des Reichstagsmitgliedes von Benda auf Rudow bei Ber- lin. Vom Bildhauer Klein existiert eine hervorragend gelungene Büste von ihr. Im Jahre seiner Verheiratung (1861) kaufte W. Gentz auch das bis dahin nur mietsweise von ihm bewohnte, noch aus der Schinkel-Zeit herrührende »Feilnersche Haus«, das damals noch vieles aus den Tagen seines alten Glanzes enthielt, darunter, um nur ein Beispiel zu geben, einen Konzert- oder Mu- siksaal, der, als Jenny Lind im Jahre 1842 darin zu singen versprochen hatte, der bessern Akustik halber mit kostbarem Ahornholz ausgelegt wurde. Diese Paneelierung ist später mit in die Hildebrandtstra- ße 5, wohin W. Gentz im Jahre 1869 von der Feil- nerstraße her übersiedelte, hinübergewandert, nach- dem das ganze Haus mehr oder weniger orientali-, siert oder ägyptisiert und mit Skizzen und Bildern, zu nicht geringem Teil von Freunden und Bekannten, geschmückt worden war. Auf dies Haus und seine Einrichtung komme ich weiterhin zurück. Fleiß und Schaffenslust, die W. Gentz von frühauf ausgezeichnet hatten, blieben dieselben in Berlin wie während der nun zurückliegenden Pariser Tage, und eine lange Reihe von Arbeiten, etwa sechzig an der Zahl, entstand in der Epoche von 1857 bis 1874. Ich beschränke mich darauf, die Hauptarbeiten hier auf- zuzählen, zugleich unter Angabe, wohin sie kamen, und ähnlicher kurzer Notizen. 1858. Eine Sakkieh (Schöpfradmühle) an den Ufern des Nil. – In Berlin und Wien ausgestellt. Befindet sich in einem Museum in Amerika. 1860. Sklaventransport durch die Wüste. – Schon in Paris begonnen; 1860 in Berlin vollendet. Befindet sich im Museum zu Stettin. Widder und Sphinx in der Thebaïde. – Noch im Besitz von W. Gentz; eine besondere Zierde seines Salons. Rast einer Karawane in der Wüste. – Befindet sich in Triest. 1861. Volk vor einer Moschee in Kairo. – In der gro- ßen deutschen Ausstellung zu Köln ausgestellt und vom Kunstverein in Wien angekauft., 1862. Lager der großen Mekka-Karawane in der Wüste. – Befindet sich in Bedford in England. 1863. Pelikane; Erinnerung aus Nubien. – Erhielt die goldene Medaille auf der großen internationalen Aus- stellung in Wien. Die Heilige Nacht. Transparentbild für die Weih- nachtsausstellung der Berliner Akademie. Zwei Araberscheiks im Gebet vor ihren Zelten. – In sechs Tagen gemalt. Im Besitz des Städtischen Mu- seums zu Stettin. 1864. Beduinenlager. – Vom russischen Gesandten in Paris angekauft. 1865. Ankunft einer Karawane in Kairo. – Vom Berli- ner Kunstverein gekauft; jetzt in Amerika. Promenade eines Harems. – In Amerika. Markt in Kairo. – In Amerika. 1866. Arabische Stammsagen nach Rückert. – Für Geheimrat Ravené in Moabit an die Wand gemalt. Lagerleben von Beduinen bei Suez. – Für Kommer- zienrat Hoffbauer in Potsdam gemalt. 1867. Mekka-Pilger; Gebet in der Wüste. – Befindet sich in Amerika. 1868. Ein Märchenerzähler bei Kairo. – Besitzer Herr Siemens in Berlin. Abend am Nil. – Derselbe Besitzer., 1869. Flamingojäger. Zelte; vorn ein Beduine auf einem Kamel. – Miniaturbild; nur anderthalb Zoll im Quadrat. Darbringung im Tempel. Transparentbild für die Weihnachtsausstellung der Berliner Akademie. 1870. Totenfest bei Kairo. – Befindet sich in der Dresdener Bildergalerie. 1871. Schlangenbeschwörer in Oberägypten. – Be- findet sich in Moskau. 1872. Begegnung zweier Karawanen. Früher in der Galerie Strousberg; jetzt bei A. von Hansemann. 1873. Vor dem Tempel von Ipsambul. Ägyptische Altertums- und Raritätenhändler. Zu den hier aufgezählten Arbeiten gesellen sich aus der Epoche von 1857 bis 1874 verhältnismäßig viele Portraits: Ch. Fr. Gentz (der Vater), Frau Wilh. Gentz (geborne von Damitz), Frau von Damitz (Schwie- germutter), Kämmerer Gustav Hagen, Frau Schu- mann, General von Tümpling und verschiedene Port- raits von Persönlichkeiten in Gentzrode. Bemerkens- wert ist, wie viele der Gentzschen Bilder, darunter mehrere, die vorstehend nicht genannt sind, nach Amerika gingen., Wie kaum erst hervorgehoben zu werden braucht, bedeutete für einen so hervorragend an Weltbewe- gung gewöhnten Mann wie W. Gentz ein »Sich- Stabilisieren« nicht zugleich auch ein »Stillsitzen« in Berlin; im Gegenteil, die Reisepassion blieb, und er gab ihr jederzeit willig nach. So war er denn, der früheren, im Jahre 1850 auf 1851 unternommenen ägyptischen Reise zu geschweigen, noch dreimal in Ägypten, und zwar 1864 auf 1865, 1868 auf 1869 und 1871. Desgleichen ging er 1871 auf 1872 nach Palästina, um Studien zu seinem großen Bilde »Ein- zug des Kronprinzen in Jerusalem« zu machen, und 1873 auf 1874 nach Italien. Im letztgenannten Jahre war er auch auf dem Naturforscher- und Anthropolo- genkongreß in Stockholm, wohin er sich Anfang Au- gust begab, und aus seinen damals an seine Frau gerichteten Briefen möchte ich hier um so lieber Mit- teilungen machen, als wir W. Gentz, den Menschen wie den Künstler, immer nur an den Orient geknöpft glauben. Diese Nordlandsbriefe zeigen so recht das Umfassende seiner Beziehungen und Interessen und sind ebenso durch reichen Inhalt wie ganz besonders auch durch eine knappeste Form der Darstellung ausgezeichnet. Der erste Brief ist noch von heimischem Boden, aus Noer bei Eckernförde, geschrieben. Noer, den 1. August 1874, Es regnet augenblicklich sehr stark. Das gibt mir Zeit zum Schreiben. Dienstag abend elfeinhalb trat ich meine Fahrt hierher an; Mittwoch neuneinhalb mor- gens war ich in Kiel. Ich ging gleich nach Düsternbrook, mein erstes Seebad zu nehmen. Dort traf ich Kosleck, der die Kieler durch seine Trompe- tenkonzerte in Aufregung gebracht hat, während er mit seinen Einnahmen weniger zufrieden ist. Für eine Seebadekur scheint sich mir Düsternbrook nicht zu eignen, keine Dünenbildung und das Wasser oft un- rein, zumal wenn der Wind das Schmutzwasser vom Hafen hertreibt. Ich selbst traf das Wasser zwar gut und klar, die Buchenwaldung auf der Promenade nach dem Bade prachtvoll, aber auf die Umgebung einer viel größeren Stadt wie Kiel deutend. Das üppi- ge Grün fiel mir auf, das Land war nicht so regenarm gewesen. Land Holstein ist von einer Üppigkeit, die bei uns nicht existiert. Um vier Uhr fuhr ich nach Noer, welches dicht am Eckernförder Busen liegt; man sieht in weiter Ferne Eckernförde liegen, sieht aber auch in weiter Ferne den weiten offenen Hori- zont des Meeres, was bei Kiel nicht stattfindet. Der Weg nach Noer führt durch die üppigsten Felder und Auen, eingefaßt durch buschige Hecken von Hasel- nüssen und Brombeeren; überall ragen aus blühen- den Gärten die hohen Dächer hervor, auf den Stra- ßen, im fetten Erdreich, weht kein Staub. Noer ist kein Dorf, nur eine Herrschaft von etwa 12 000 Morgen. Das Schloß, 1722 erbaut, ohne ar- chitektonischen Schmuck, steht in einem weiten Park. Ich bewohne ein großes Zimmer im ersten Stock, den Meerbusen hinter dichten Baumgruppen überblickend. Des Abends springen Rehe über die, Rasenflächen; vor der Veranda, auf welcher der Tee genommen wird, stolzieren ein paar Pfauen, weiße Tauben umschwirren, zur Freude der Kinder, den einfach idyllischen Ort. Die Gräfin ist große Tierlieb- haberin, hat zahme Rehe im Hühnerhof und anderes Getier. Auf Menschenumgang muß aber hier verzich- tet werden. (Moltke, der augenblicklich in Lübeck, wird in nächster Zeit zum Besuch erwartet.) Der Umgang des Grafen sind seine Bücher, seine Biblio- thek, in der er den größten Teil des Tages zubringt; er fühlte sich gestern, da er meinetwegen viel im Freien zugebracht, sehr erquickt; so lange dauernde Luftbäder hatte er lange nicht genommen, wie er mir sagte. In seinem Rock sind offene Hintertaschen für Bücher eingerichtet, die man immer aus denselben herausgucken sieht. Die Gräfin sehnt sich mehr nach Umgang, kultiviert, in Ermangelung desselben, außer der Tierwelt auch die Blumen. Die älteste Tochter, jetzt drei Jahr, ist sehr schwächlich; sie heißt nach der Mutter Carmelita. Die neunmonatliche Tochter Luise, nach der verstorbenen Schwester des Grafen genannt, ist ein pausbäckiges, frisches Kind. Die Ein- richtung im Schloß ist einfach, die Möbel teils mo- dern, teils aus dem Anfang des Jahrhunderts stam- mend. Die Stuckplafonds gehören der Jetztzeit an. An Bildern sind nur Familienportraits da, zwei von Rahl gemalt, den alten Prinzen von Noer, den Vater, darstellend; dann seine Großeltern, der Herzog von Augustenburg, der Anfang des Jahrhunderts Kultus- minister war, und die verwitwete Königin von Däne- mark, Tante des Grafen. Der Billardsaal grenzt an mein Zimmer; auf dem Billard wird übrigens nicht gespielt, es liegt voller illustrierter großer Werke,, meistens Indien betreffend. Das Studium des Grafen bezieht sich, wie Du weißt, hauptsächlich auf Indien und die Sanskritliteratur. Frau Feuerbach, Mutter von Anselm Feuerbach, war eingeladen, hierher zu kom- men, konnte aber, wegen Besuch ihres Sohnes aus Wien, diese Einladung nicht annehmen. Lothar Bu- cher war mal hier. Sonst besteht der Hauptumgang des Grafen aus Engländern, von denen von Zeit zu Zeit jemand herkommt. Der englische Maler Philipp hat ihn auch gemalt. Der Graf war in Karlsbad im Frühjahr; er leidet an Gallensteinen und ist, seit ich ihn zuletzt sah, sehr grau geworden. Auf einer Spa- zierfahrt durch die zur Herrschaft gehörigen Ort- schaften, Wiesen und Wälder sahen wir viel Wild; es ist ein Paradies für Jäger. Das Baden im Meer ist sehr bequem; ein Badekarren steht zu meiner Verfü- gung; übrigens hat die Sturmflut auch hier große Verwüstungen angerichtet. Gestern hat das Wetter sich aufgeklärt; am Nachmittag fuhren wir pirschen. Heute abend wird mich der Graf nach Kiel zurückfah- ren lassen, von wo ich um Mitternacht über Korsör nach Kopenhagen gehe. Du sollst, so läßt Dir der Graf sagen, vor allem frisches Brot und ungekochte Milch vermeiden. Was machen die Kinder? Zeichnet Ismael? Hier ist paradiesische Ruhe, die Dir wohl mehr zusagen würde wie mir. Ich will nun mein vier- tes Bad nehmen; das nächste hoffentlich in Klam- penborg. Wie immer Dein W. G., Nun folgen die von Stockholm datierten Briefe in rascher Reihenfolge, meist von Tag zu Tag. Stockholm, 5. August 1874 In Schweden! Und es sieht just so aus wie bei uns. Die Reise gemacht zu haben ist vor allem interessant darin, zu beobachten, wie wenig Unterschied zwi- schen hier und bei uns besteht. Als ich mein Zimmer im vierten Stock nach dem Hof, Hotel Rydberg (das erste Hotel hier), bezog, kam eine Krähe ans offene Fenster geflogen, und obgleich ich ihr nichts zu ge- ben hatte, blieb sie sitzen und schalt gewaltig; sie ließ sich fast anfassen. Als ich das Zimmer verließ, packte ich alles vom Tisch, damit nicht im »Spuklan- de« (Dr. Arnsteins Ausdruck) etwas spukhafterweise verschwinden könne. Schwärme von Raben waren die einzigen Vögel, die ich von Malmö bis Stockholm sah. Als ich, hier angekommen, den Omnibus zum Hotel bestieg, sah ich den Baron Wahlberg, den ich zuletzt in Damaskus getroffen hatte; er erzählte mir in der Eile, daß er, wenn er 20 000 Taler gehabt hät- te, den Preußen in Sidon einen schlechten Streich gespielt haben würde; Preußen hat nämlich für die- sen Preis die zerstörte Kathedrale in Sidon gekauft, die er hätte kaufen können, das heißt, wenn er ge- wußt, daß man Friedrich Barbarossa wirklich dort hätte finden können. Nach seiner Behauptung nun wäre er gefunden; und so kann denn Bismarck sein Barbarossa-Drama noch prächtiger und unter direk- ter Anlehnung in Szene setzen. Meinen Freund, Bocklund habe ich in der Akademie getroffen; er ist Direktor derselben geworden, ebenso Direktor des Museums, das übrigens genug des Interessanten bietet. – Es ist schauderhaftes Regenwetter. Da er- scheint Stockholm nicht wie Neapel; Du weißt, man nennt es das Neapel wie Kopenhagen das Venedig des Nordens. Der Graf Noer ließ mich Sonntag abend sehr schnell und bequem an den Kieler Landungsplatz fahren, läßt Dich grüßen und Dich einladen, dort zu baden. Es würde Dir zwar sehr gut, der Stille wegen, gefal- len, ich habe ihm aber doch geantwortet, er solle erst uns mit seiner Frau einmal besuchen. In seiner Bibliothek steckt ein kleines Vermögen; er möchte gern, daß ich auf der Rückreise wieder mit herankä- me und Virchow mitbrächte. Ich glaube nicht, daß dieser sich dazu bewegen lassen wird, obgleich Vir- chows Busenfreund, Professor Goldstücker, Sanskri- tist in London, dort war. Die Seereise habe ich vollständig verschlafen; ich kam um zehn Uhr an Bord, Ankunft in Malmö mor- gens zehneinhalb Uhr. In Kiel sah ich beim Soupieren Frau von Saldern mit ihren Kindern und einem frem- den Herrn. Die Fahrt von Malmö bis Stockholm dau- erte achtzehn Stunden. Gute Gesellschaft im Coupé. Ein belgischer Gesandter, ein Däne, dann Capellini, der Präsident des Kongresses in Bologna vor zwei Jahren, und noch ein anderer Italiener – alles Kon- gressisten. Der Name Virchow wirkt hier wie ein Zaubername, selbst bei den Franzosen, die zwar – nachdem sie mich an der Sprache nicht als einen, verhaßten Preußen erkannt hatten – in Schreck ge- rieten, als ich mich als einen solchen deklarierte, nach ihrem Schrecken jedoch mich gleich nach Vir- chow fragten. Die Hotels hier und in Kopenhagen sind überfüllt, auch alle Kommissionäre in Anspruch genommen, so daß ich wenig während meines bisherigen kurzen Aufenthaltes im Norden sehen konnte. Wie schön kam mir Kopenhagen vor soundso viel Jahren vor; der Mensch aber ändert sich mit den Zeiten. In der Nähe von Malmö sieht es aus wie bei Lichterfelde, denn viele Wiesen, Massen von Kühen und Pferden weiden auf ihnen; grau bleibt die Landschaft immer. Das ganze Land ist wie besäet mit erratischen Gra- nitblöcken, je größer, je mehr man sich der Haupt- stadt nähert. Die vielen Seen erscheinen blauer wie bei uns, Birken fast die durchgängige Vegetation, lila die Farbe der Wiesenblumen. Die Holzhäuser sind ganz rot angestrichen, die Leute sehr artig und ho- nett, die Verpflegung auf den Eisenbahnhöfen idea- lisch. Man bezahlt eine verhältnismäßig geringe Summe und ißt und trinkt dann kalt oder warm, so- viel man will und kann. Das Büffet ist so variiert wie in den feinsten Gesellschaften... Sollte das Wetter hier immer so schlecht bleiben, würde ich nicht bis Schluß des Kongresses aushalten, sondern spätes- tens am 14. abreisen. Geht die Kur gut vonstatten? Wie geht es den Kindern? Wie immer Dein W. G., Stockholm, 6. August 1874 In Schweden blühen die Linden spät und spärlich. Ich schicke Dir ein Spezimen, wie es eben hier vor- kommt, im Stockholmer Tiergarten gepflückt von wo ich soeben zurückkomme. Man fährt hier viel auf Dampfschiffen, die, omnibusartig, fortwährend her- über- und hinüberfahren, und zwar für einen sehr geringen Preis. Das Wetter ist heute weniger schlecht, obgleich ich den ganzen Spaziergang mit aufgespanntem Regenschirm gemacht habe. Da ich mit Hülfe eines von mir aufgetriebenen Kommissio- närs mehr habe sehen können, bin ich heute auch zufriedener gewesen als gestern. Ich war im Schloß, wo sich vorzügliche Gobelins befinden; eine bessere Dekoration als selbst Bilder, wenn sie von solcher Schönheit sind wie hier. Natürlich alle französisch. Danach die Synagoge gesehen; maurisch, sehr origi- nell. Alle hier befindliche Statuen, die Gustav Wasas, Gustav Adolfs, Karls XII. usw. (einige davon von Mo- lin und Byström), sind gut. Das Skandinavische Mu- seum genau betrachtet. Ein Konservator führte ver- schiedene Kongreßmitglieder, denen ich mich anschloß; das Waffenmuseum, die Kostüme der schwedischen Könige und Königinnen, das Antiken- cabinet – in allen sehr interessante Sachen. Im »Tiergarten« das Schloß Rosendal gesehen. Sehr alt ist hier nichts, jedoch finden sich immer Ein- zelheiten, an denen man lernen kann. Die Vergnü- gungslokale sind teilweise im Alhambrastil; dasselbe gilt vom Tivoli in Kopenhagen, in dem sich sogar ein sehr schönes chinesisches Theater befindet. Den, Vorhang desselben bildet ein chinesischer Pfau, mit ausgebreitetem Schweif. Das Thorwaldsen-Museum, außen bemalt, hat Anklänge ans Altägyptische; der gemalte Fries aber befindet sich unten, parterre, auf schwarzem Grunde. Drinnen auch viel schwarze Far- be. Drei Indianer fuhren auf dem Schiff von Kopen- hagen nach Malmö mit uns; sie wurden viel ange- staunt. Virchow und Kuhn getroffen. Virchow hatte für mich ein Zimmer im »Kung Karl« bestellt, was ich leider nicht wußte. Tut mir jetzt leid, ihn nicht vorher in Berlin aufgesucht zu haben. Zur feierlichen, auf morgen angesetzten Eröffnung des Kongresses weiße Krawatte gekauft die ich ohnehin nötig hatte, weil uns die Stadt Stockholm morgen abend ein Bankett gibt. Meine Einladung trägt die Nummer 889. Über- sicht über Stockholm heute morgen vom höchsten Punkt aus genossen. Zum Seebaden hier keine Gele- genheit. Die Bäder befinden sich im Mälarsee. Ich hoffe, es geht Euch wohl. Wie immer Dein W. G. Stockholm, 11. August 1874 Seit meinem letzten Briefe vieles erlebt, so daß ich nicht zum Schreiben kam, Lehr- und Genußreiches, auch manches Langweilige. Soeben komme ich von Upsala zurück. Eine Meile über Upsala hinaus, auf dem Odins-Hügel, werde ich wohl den nördlichsten Punkt auf meiner Erdenlaufbahn erreicht haben. Die Partie war wunderbar. Die Regierung stellte dem, Kongreß einen großen Extra-Eisenbahnzug zur un- entgeltlichen Verfügung; morgens sieben Uhr ging's fort, und um neuneinhalb Uhr hatten wir den Odins- Hügel erreicht, den man für uns hatte aufgraben lassen. Drei fast gleiche Hügel, pyramidenartig, lie- gen nebeneinander, von denen der größte dazu be- stimmt war, durchsucht zu werden. Eine wahre Völkerwanderung zeigte sich; meilenweit mußten die Leute herbeigekommen sein, um die Fremden zu sehen. Zur Erquickung reichten uns die Studenten, nach altnordischer Sitte, Met in großen Büffelhörnern. In Upsala selbst empfing uns das Mu- sikchor des Militairs auf der einen Seite, auf der an- deren Seite die Musikkapelle der 1600 Studenten umfassenden Studentenschaft; alles in großer Gala, mit rotseidenen Schärpen, weißen Mützen und vielen Fahnen. Ganz Upsala war in Festkleidern auf den Beinen und bildete eine unabsehbare Chaine. Dazwi- schen Gesangchöre. Die Fahnen voran, ging's, in langem Pilgerzuge, nach der Carolina rediviva, ein Zug, an dem Deutsche, Österreicher, Ungarn, Bel- gier, Brasilianer, Dänen, Finnen, Franzosen, Englän- der, Italiener, Norweger, Portugiesen, Niederländer, Russen, Schweizer und Nordamerikaner teilnahmen. Im Park des Botanischen Gartens wurde haltgemacht und uns, unter aufgepflanzten Fahnen, ein prachtvol- les Mahl von der Stadt geboten. Die mit den schöns- ten Speisen reich besetzten Tische standen, in fast unabsehbarer Reihe, mit den seltensten Blumen ge- ziert, die weiten Alleen des Parks hinauf. Doch ehe man sich zur Tafel niedersetzte, trat jeder zu der hier in der Nähe befindlichen Statue Linnés heran,, die für heute mit einem grünen Lorbeerkranze ge- schmückt war (der Kopf hat einen sehr einnehmen- den Ausdruck), um den Hut davor abzunehmen. Stu- denten bedienten die Tafeln. Der hungrigste und durstigste Magen konnte hier seine Rechnung finden. Dann wurden die Sammlungen und dann der Dom usw. besehen. Bei der Abfahrt wieder Gesang und Musik und nicht enden wollende Hurras. Auf der Hin- fahrt saß ich mit Virchow, von Quast, Professor Mas- senbach usw. zusammen, auf der Rückfahrt mit dem dänischen Kultusminister Worsaae, einem ausge- zeichneten Archäologen. Er erzählte mir, daß er dem Kronprinzen im vorigen Jahre die Kopenhagener Sammlungen gezeigt habe. Mit im Coupé befand sich auch Professor Hartmann mit seiner Braut und deren Mutter. Überhaupt, es waren wohl hundert Damen mit dabei; im Kongreß selbst sitzen ihrer dreißig, einige sehr gelehrte darunter. Das Fest, das uns die Stadt Stockholm in Hasselba- cken, einem schönen Ort im Tiergarten, gegeben, war auch sehr brillant und endete mit Feuerwerk und bengalischer Beleuchtung. Dort war ich mit Dr. Mannhardt, der die besten nordischen Mytholo- gien geschrieben hat, außerdem mit dem Grafen Sierakowsky, der eben aus Indien und Tibet kam, und vielen andern zusammen. Dieses Fest in Hassel- backen fand nach Schluß der Eröffnungssitzung des Kongresses statt, während welcher Sitzung es stürm- te und regnete. Bei Beginn des Festes aber zeigte der Himmel wieder eine heitere Miene., Gestern war eine interessante Kongreßsitzung, der der König beiwohnte. Der König – ein Gelehrter und Dichter; sein Vorgänger, Karl XV., war ein ganz tüch- tiger Maler – kam gerade zu einer heftigen Diskussi- on, in die sich Virchow und de Quatrefages, der größte französische Anthropologe, verwickelt hatten, eine Diskussion, aus der Virchow als Sieger hervor- ging, obgleich der andere (es darf im Kongresse nur französisch gesprochen werden) die Sprache für sich hatte. Ich saß übrigens ganz nahe beim König, ein Herr von großer, stattlicher Erscheinung. Auch die Rednertribüne hatte ich ganz in der Nähe, so daß ich alles verstehen konnte. Die Sitzungen finden im al- ten Rittersaale statt, der mit den Wappen der ganzen schwedischen Aristokratie geschmückt ist. In dem Kunstmuseum hat mich der Direktor Bocklund herumgeführt; die andern Museen habe ich mir von Fachgelehrten erklären lassen. Für die Kon- greßmitglieder sind alle Kustoden angewiesen, die Schränke zu öffnen, zu erklären usw. Geheimrat von Quast war sehr liebenswürdig. Er sagte mir, daß er meine Briefe aus Jerusalem mit großem Interesse gelesen hätte; sein Sohn (der spätere Abgeordnete und Landrat des Ruppiner Kreises) war vorigen Win- ter mit seiner Frau in Kairo der Kur wegen. Stockholm kenne ich nun schon fast auswendig. Ich habe auch Herrn Hammer, der eine der größten Pri- vatsammlungen in jeglicher Art besitzt, besucht; er hat mich selbst eine Stunde herumgeführt. Sein Haus hat dem berühmten schwedischen Bildhauer Byström gehört; es ist sehr originell gebaut; der Be-, sitzer führte mich in fast alle Winkel. Er scheint der reichste Mann hier zu sein... Ich würde abreisen, wenn nicht noch diverse Festeinladungen bevorstän- den. Zum Baden gibt es hier leider keine Gelegen- heit. Professor Petermann, früher Konsul in Jerusa- lem, will auch auf acht Tage nach Swinemünde ge- hen. Der Strand ist dort jedenfalls sehr gut, besser, als ich ihn bis jetzt irgendwo gesehen. Wie immer Dein W. G. Stockholm, 12. August 1874 Da ich kein Papier mehr zum Schreiben habe, so nimm mit der Rückseite dieses Programms fürlieb... Nachdem wir im Kongreß, durch die Steinzeit hin- durch, bei der Bronzezeit angelangt sind, will ich nun auch die Eisenzeit mit durchmachen. Eigentlich woll- te ich übermorgen abreisen. Morgen holt der König uns auf vielen kleinen Dampfschiffen ab, um mit uns erst nach der Insel Björkö und dann nach Schloß Gripsholm zu fahren. Am Sonnabend, so heißt es, würde er uns nach Schloß Kroningsholm, dem Ver- sailles von Stockholm, zum Abendtisch einladen. Geschieht das, so werde ich erst Sonntag abend ab- reisen können. Heute morgen waren der König und die Königin wieder in der Sitzung. Virchow führte gerade den Vorsitz und hatte sie zu begrüßen. Ich war wieder ganz vorn placiert. Die Königin hat einen klugen Ausdruck. Heute über Mittag habe ich noch- mals die Museen durchlaufen. Zu Abend habe ich von, Bocklund, Direktor der Akademie, eine Einladung erhalten. Konzerte hört man hier täglich wenigstens dreimal. Originelles zu kaufen aber gibt es hier nicht, mit Ausnahme norwegischer Schmucksachen, die zu teuer sind. Seine kulinarischen Kenntnisse kann man hier durch allerlei Fischarten, Rentierschinken usw. bereichern. Während der Eisenbahnfahrt setzte sich gestern auf den Waggon, in dem ich saß, eine Krähe, die sich gegen den Stock eines Herrn, der sie necken wollte, wehrte. Alle Fremden, zumal auch Deutsche, sind von Stockholm entzückt; sie kennen aber meis- tenteils den Süden nicht. In Florenz oder Rom findet man doch anderes und im ganzen genommen Erbau- licheres und Belehrenderes. Die Menschen scheinen hier freilich sehr brav zu sein; von Bettelei merkt man nichts. Geh nur immer nach Swinemünde. Der Unterschied von anderen Seebädern scheint mir wirklich gering zu sein. Lebe wohl. W. G. Stockholm, 14. August 1874 Gestern war ein anstrengender Tag. Kaltes Wetter, Regen, abends wieder heiterer Himmel. Um neun Uhr morgens holte der König in vier Dampfschiffen den Kongreß ab; drei Stunden dauerte die Fahrt auf dem Mälarsee bis nach Björkö, wo die Ausgrabungen der vor etwa 1 000 Jahren verschwundenen Stadt stattfanden. In den Laufgräben, die gezogen waren, um die Ausgrabungsschichten näher betrachten zu, können, sammelten die Fachleute unzählige Kno- chen; einige waren auch so glücklich, solche zu fin- den, in die Runen eingraviert waren. Der König amü- sierte sich, immer voran in die Gräben zu klettern und den ihm zunächst Stehenden »prähistorische Beefsteaks«, wie er sich ausdrückte, zu reichen. Das Frühstück wurde verabreicht auf dem höchsten Gra- nitplateau, wo ein Kreuz errichtet stand, zum Anden- ken an den heiligen Ansgar, der in Schweden hier zuerst das Christentum predigte. Unzählige Landleu- te waren von den anliegenden Inseln herbeigekom- men. Von allen Landsitzen, wo wir vorüberfuhren, Kanonenschüsse; abends bei der Rückkehr waren alle Fenster, selbst die kleiner Hütten, erleuchtet; Raketen stiegen in die Luft, manche Schlösser stan- den in rot und grünem bengalischen Feuer, dazu der weiße Rauch der Kanonenschüsse zwischen dem dunkelgrünen Laub der einsamen Wälder – alles er- höhte die Stimmung der in schwedischem Punsch schwelgenden Gesellschaft. Das Hurrarufen, das Tü- cherschwenken endete erst bei der Rückkehr abends zehn Uhr in Stockholm. Von Björkö bis Gripsholm war auch noch eine Tour von anderthalb Stunden. Im Park desselben ward wieder ein großartiges Diner eingenommen, während ein Regenschauer in aller Gemütlichkeit die Tische und Gäste überfiel. Das Schloß ward besehen: große historische Portraitgale- rie. Aus der Gesellschaft von Bocklund kam ich erst um ein Uhr nachts nach Hause. Von sieben Uhr an bis ein Uhr nur gegessen und getrunken in allen mögli- chen Formen. Bocklunds Frau eine sehr schöne Frau;, die sieben Kinder reizend. Der Junge, in Ismaels Al- ter, heißt Iwar, das Mirjam entsprechende Mädchen Isarja; sie ist sehr lebhaft und graziös. Die Kinder wurden alle in einer Reihe aufgestellt und mußten den Gästen ein schwedisches Hurra, schwedisch »rha, rha, rha«, bringen, was sehr reizend war. Isa- bella, Blenda, Harold usw. heißen die andern. Heute das Skandinavische Museum besucht; das wäre was für die Kinder. In Wachs nachgebildete Lappen auf Rentierschlitten, ausgestopfte Rentiere, die dazu gehörige Eis- und Schneelandschaft an die Wände gemalt; ganze Stuben mit Menschen und Ge- rätschaften hierher geschafft. Dalekarlierinnen in Nationaltracht zeigten uns diese Merkwürdigkeiten. Morgen sind wir zum König geladen; abends sieben Uhr. Heute will ich noch nach Ulriksdal. Leb wohl. W. G. Stockholm, 16. August 1874 Mein Koffer ist gepackt; in einer Stunde werde ich abreisen. Die Coupés werden sehr besetzt sein, doch reisen einige nach andern Richtungen, so Hartmann und Mannhardt nach Norwegen, Virchow nach Finn- land. Soeben besah ich noch die Hammersche Sammlung in der Stadt; sie ist größer als unser Ge- werbemuseum. In Ulriksdal waren prachtvoll ge-, schnitzte Möbel und Porzellansachen (die schönsten, die ich gesehen) und einige Bilder zu bewundern. Das Fest, das uns gestern abend der König auf Schloß Kroningsholm gab, war außerordentlich schön. Schlimm fing es freilich an: bei strömendem Regen war nur mit größter Mühe eine Droschke bis zum Dampfschiff zu bekommen. Vier Dampfer hatte der König geschickt; der meinige hieß »Garibaldi«. Mit Regenschirmen gingen wir ins Schloß, am Portal von schmetternder Musik empfangen. Bei prachtvol- ler Illumination war der Aufgang, die Treppen hinauf, sehr großartig. Durch alle Zimmer des oberen Stockwerks, mit Bildern, Gobelins und andern Kost- barkeiten geschmückt, ging's bis in den großen Emp- fangssaal, wo alle Monarchen Europas abgebildet hingen. Ich gehörte zu den zuerst Angekommenen, so daß ich mich in die Nähe der schönsten schwedi- schen Damenwelt placieren konnte. Der König (in Zivil) hielt dann mit der Königin und der Königinwit- we seinen Einzug. Letztere war mit Diamanten förm- lich überdeckt, eine alte Dame, die sich die größte Mühe gab, ganz besonders liebenswürdig zu erschei- nen. Sie kam, da ich so günstig placiert war, gerade auf mich zu und sprach französisch mit mir. Als sie aber erfahren, daß ich aus Berlin sei, sagte sie: »Da können wir ja deutsch sprechen.« Die Königin hatte die schönste Toilette und sah sehr gut aus: gelbe Robe mit blauen Aufschlägen (die schwedischen Far- ben). Sie trug einen enormen Diamant auf der Brust und Diamantsterne im Haar. Etwa eine Stunde dau- erte die Unterhaltung, bei der natürlich die mit Ster- nen Übersäten am meisten bedacht wurden. Mit Vir- chow unterhielt sich die Königin besonders lange., Dann wurden wir ins Erdgeschoß geführt, der König mit der Königinwitwe voran. Da waren alle Zimmer, eine unabsehbare Reihe, mit den schönsten Speisen und Getränken besetzt. Vor allein auch Eis, was not tat. Die höchsten Herrschaften blieben, auch wäh- rend des Essens, mit ihren Gästen zusammen, und die Unterhaltung setzte sich fort. Als wir aufbrachen, hatte sich das Wetter aufgeklärt, und es bot sich uns ein zauberhaftes Schauspiel. Die Brücken über den Mälar waren erleuchtet, und die langen Feuerlinien spiegelten sich in dem dunklen Wasser; der Dampf der Schornsteine unserer Schiffe wurde von den Flammen mit erhellt, schwedische Nationallieder er- klangen, und die Böller- und Kanonenschüsse ende- ten erst in Stockholm, wo wir um Mitternacht anka- men. Raketen, Feuerräder und Leuchtkugeln hatten uns derartig umzischt und umknattert, daß wir mehr als einmal fürchteten, auf unserem Schiffe könne ein Unglück geschehen. Jedenfalls sahen wir, wie Rake- ten in kleine Boote fielen, so daß die Leute Mühe hatten, ihre Kleider zu löschen. Unter grün- und rot- bengalischem Licht, in dem alle Villen erstrahlten, kehrten wir nach Stockholm zurück. Auf baldiges Wiedersehn. Dein W. G. So W. Gentz' Stockholmer Briefe, woran ich, eh ich in einem Schlußkapitel in seiner Biographie fortfahre, die Mitteilung knüpfen möchte, daß sich Briefe ver- wandter Art in großer Zahl im Gentzschen Hause, vorfinden. Der Gang seines Lebens bedingte dies. Alljährlich auf langen Reisen abwesend und immer in herzlichem Verkehr, erst mit dem elterlichen Hause, dann mit der eigenen Familie, mußten sich solche Briefschätze wie von selber zusammenfinden. Über den größeren oder geringeren Wert der einen oder anderen Gruppe habe ich kein Urteil, doch schienen mir diese aus weniger bereisten Gegenden stam- menden Nordlandsbriefe vor anderen den Vorzug zu verdienen.

V

»Des deutschen Kronprinzen Einzug in Jerusalem«. Hildebrandtstraße 5. W. Gentz als Mensch und Künstler (Von 1874 bis 1890) Sommer 1874 machte W. Gentz, wie wir in unserem vorigen Kapitel unter gleichzeitiger Mitteilung einer ganzen Anzahl an seine Frau gerichteter Briefe mit- teilen durften, seine Stockholmer Reise, der ein kur- zer Aufenthalt in Heringsdorf folgte. Zu Beginn des Herbstes war er in Berlin zurück und nahm hier die große Arbeit wieder auf, der er schon seit Jahr und Tag in erster Reihe seine Kräfte widmete: »Des deutschen Kronprinzen Einzug in Jerusalem«. Er be- endete dies Bild 1876, in welchem Jahre es auf der Berliner Ausstellung erschien und die große goldene Medaille erhielt. Es ist jetzt eine Zierde der National- galerie und sowohl um seines Stoffes wie um seiner, künstlerischen Vorzüge willen der Aufmerksamkeit jedes Besuchers sicher. Auch ich, wenn ich desselben ansichtig werde, werde von der poetischen Schönheit des zur Darstellung gebrachten Momentes: des Ein- ziehens unter Palmen, jedesmal ergriffen, kann dies Bild aber, sosehr ich es schätze, doch nicht zu W. Gentz' vorzüglichsten oder, vielleicht richtiger, nicht zu den mir sympathischen Arbeiten zählen. Mir persönlich ist er als afrikanischer Landschafter am liebsten, und diejenigen seiner Bilder, die sich damit begnügen, in wunderbarem Gegensatze die Sterilität und zugleich die schöpferische Fülle der Tropenge- gend wiederzugeben, also Wüsten- und Wasserflä- chen, übervölkert von Flamingos und anderem weiß- gefiederten Volk, entzücken mich mehr, ja fast möchte ich sagen, heimeln mich mehr an. Seine Knabenwanderungen im Wustrauer Luch und am Molchow-See, die von frühan sein Auge schärften, haben ihn durch sein ganzes Leben hin das am tiefs- ten und eigenartigsten erfassen lassen, was ihn schon als Kind am tiefsten in seiner Künstlerseele berührte: melancholische Flächen und schwermuts- volle Stille. Herbst 1876 also erschien das Einzugsbild. In der Zeit, die seitdem vergangen ist, schuf er unverändert weiter, und kein Jahr verging, ohne daß sein Talent und seine Schaffenslust sich nicht neu betätigt hät- ten. Aus dieser Fülle, die hinter der Epoche von 1857 bis 1874 nicht zurückbleibt, sei hier nur einiger we- niger Bilder erwähnt: ein Harem auf Reisen, Supra- porte für das Pringsheimsche Haus; eine Koran- Vorlesung; ein Sonnenstreifen (Straße in Algier);, Mirjam am Quell als Illustration zu Ebers' »Homo sum«; Marabustorch und Flamingos; Abend am Nil; Mameluckengräber bei Kairo; koptische Christen in den ersten Jahrhunderten; und eine große Zahl von Portraits, besonders Negerköpfe. Dazu gesellt sich eine lange Reihe von Illustrationen, unter denen die zu Georg Ebers' großem Werk: »Ägypten in Wort und Bild« in erster Reihe stehen. Es sind (fünfundvierzig an der Zahl) fertige Feder- und Tuschzeichnungen, die auf Holz photographiert und dann geschnitten wurden. Alle diese vorstehend aufgezählten Bilder entstanden in dem der Künstlerwelt wohlbekannten Hildebrandt- straßen-Hause, das, wie schon hervorgehoben, im Jahre 1869 von W. Gentz erworben und, um sein eigenes Wort noch einmal zu zitieren, »orientalisiert« wurde. Diesem Hause wenden wir uns jetzt zu. Es besteht aus einem Souterrain, einem Erdgeschoß und einem ersten Stock; im Souterrain befinden sich die Wirt- schaftsräume, im ersten Stock die Ateliers von Vater und Sohn, im Erdgeschoß die Familien- und Reprä- sentationszimmer, vier oder fünf an der Zahl, die völlig eigenartig wirken und in ihrer Mischung von Berliner Nähtisch und ägyptischem Fetisch, von Ramses und Christian Friedrich Gentz, kairensischen Teppichen und Ahornpaneelen aus der Berliner Glanzzeit der Jenny Lind nirgend ihresgleichen ha- ben, auch in den maurischen Häusern nicht, deren, wir vielleicht einige, jedenfalls aber eins in unserer Stadt besitzen: das Diebitschsche Haus am Hafen- platz. Denn all das bisher in wohlüberlegter Gegen- sätzlichkeit Aufgezählte gibt nur eine schwache Vor- stellung von dem, was sich an aparten und unterein- ander in einer Art Fehde stehenden Dingen hier alles zusammenfindet, Dinge, die berufen scheinen, ein Fünf-Weltteile-Rendezvous und dabei zugleich das bunte, reiche Leben zu veranschaulichen, das der Besitzer aller dieser Herrlichkeiten führen durfte. Was von dem Grund und Boden unserer Hauptstadt gesagt worden ist, »jeder Quadratmeter bedeute schon ein Vermögen«, das gilt fast auch von den Wänden dieser W. Gentzschen Wohnung, und »ge- keilt in drangvoll fürchterliche Enge« haben wir hier die bei den verschiedensten Gelegenheiten, als Erin- nerungsblätter, an W. Gentz überreichten Skizzen aller möglichen Malerberühmtheiten zusammen. Ich kenne, soweit Berlin in Frage kommt, keinen Privat- mann, dessen Wohnung angetan wäre, mit der hier vorhandenen Bilderfülle zu wetteifern, und wenn bei- spielsweise das an den Wänden der Menzelschen Wohnung Aufgespeicherte, schon weil sich viele »Menzels« darunter befinden, unendlich wertvoller ist, so verschwinden doch, namentlich solange wir der Zahl ihr Recht gönnen, selbst diese Menzelschen Schätze neben der bunten Mannigfaltigkeit des hier bei W. Gentz Gebotenen. Daß übrigens das Gentz- sche sich auch inhaltlich sehen lassen kann, das wird sich aus einer bloßen Aufzählung der Bilder und Skiz- zen genugsam ergeben, trotzdem ich gezwungen bin, an drei Vierteln des Vorhandenen vorüberzuge- hen., Es befinden sich hier: Friedrich Geselschap: Mädchen von Capri. Anselm von Feuerbach: Aretins Tod bei einem ihm von Tizian gegebenen Gastmahl. Otto Knille: Dolce far niente. Ein Tiroler Bursch. Rudolf Henneberg: 1. Szene vorm Forsthaus. 2. Rei- ter, ein Wasser durchschreitend. Gustav Spangenberg: Studienkopf zu Spangenbergs Luther-Bild in der Nationalgalerie. Albert Hertel: Dorf in Abendbeleuchtung. Georg Bleibtreu: Kaiser Wilhelm und Moltke am A- bend des 18. August 1870 (Gravelotte). von Meckel1): Arabische Wegelagerer. von Klever (Professor an der Petersburger Akade- mie): Russisches Dorf am Meer. Hugo von Blomberg: Benvenuto Cellini im Keller. Teutwart Schmitson: Bäuerliches Gespann. Ernst Ewald: Märchenerzähler., Dörr: Vier Interieurs einer Färberei in Fontainebleau. (Dörr war ein Mecklenburger aus Ludwigslust, bild- schöner Mensch und um seiner Schönheit willen früh gestorben.) Ludwig Knaus: Kinderszene aus der Feilnerstraße. Paul Meyerheim: Ziegen und ein im Grase liegender Junge. Geschenk Paul Meyerheims an sein Patenkind Ismael Gentz. Fritz Werner: 1. Französische Gefangene im Tempel- garten zu Ruppin. 2. Portrait von W. Gentz, in ägyp- tischem Kostüm. Anton von Werner: 1. Almosenverteilung auf einem Kirchhofe bei Kairo. 2. Gebet in der Wüste; Abdel Kader. Ferdinand Heilbuth: Doppelte Nelken in einer japane- sischen Vase. Jean-Louis Hamon: Im Ringelreihn tanzende Mäd- chen. (L. Hamon, gestorben 1874.) Diese zweiundzwanzig Bilder und Skizzen, unter de- nen mir F. Heilbuths »Doppelte Nelken« und J.- L. Hamons »Ringelreihn« als die bedeutendsten er- schienen sind, geben aber, wie schon angedeutet, nur eine geringe Vorstellung von dem, was sich hier alles auf engstem Raume zusammenfindet. Vieles von dem Verbleibenden (dreißig Bilder und Skizzen), rührt von niemand Geringerem her als von W. Gentz selbst, und wenn ich in vorstehendem speziell auf Aufzählung dieser Gentzschen Arbeiten, zu denen auch zahlreiche Kopien nach Veronese, Tizian, Ve- lázquez, Rubens, Jordaens, Giorgione, Correggio, Poussin etc. gehören, verzichtet habe, so geschah es, um diesem Aufsatze nicht über Gebühr einen katalogartigen Charakter zu geben. Abschließend aber möchte ich an eben dieser Stelle noch hervor- heben dürfen, daß der reiche Bilderschmuck nur ei- nen Teil der Gesamtausschmückung dieser Räume bietet, die mit ihren aus Afrika mitgebrachten Erin- nerungsstücken in erster Reihe den Eindruck eines ethnographischen Museums machen. Da finden sich wunderbar geformte Laternen, Leuchter und Kannen aus arabischen Moscheen, Rauchgefäße, Teller und Tassen, altägyptische Götterfiguren, perlmutterbe- legte Sessel, Kaffeemörser und Musikinstrumente: Darabukke und Tamburine. So das Gentzsche Haus. Und eigenartig wie das Haus, so das Leben in ihm, auch das gesellschaftli- che, das, in vielen Punkten mit dem Leben anderer Künstlerhäuser übereinstimmend, sich doch auch wieder durch einen eigentümlich internationalen Zug von ihnen unterscheidet. W. Gentz' zwölfjähriges Leben in Paris, seine bis auf diesen Tag alljährlich fortgesetzten Reisen in immer noch wenig befahrene Gegenden, sein ausgebildeter Sinn für Geographi- sches, Anthropologisches und Kulturhistorisches ü- berhaupt, sein Wissen, das es ihm ermöglicht, auch eigentlichsten Gelehrten auf ihren Wegen zu folgen – all das hat sich vereinigt, um seinem gastlichen Hau-, se nicht bloß einen künstlerischen, sondern auch einen wissenschaftlichen, halb diplomatischen, alle Gesellschafts- und Völkerklassen umfassenden Stempel zu leihen. Ich würde mich nicht wundern, Tippo Tip oder Mirambo, oder Bana Heri, oder, wenn er noch lebte, den König Mtesa von Uganda bei Gentz zum Frühstück anzutreffen, Stanleys oder Wissmanns oder Emin Paschas, als einfacher Selbst- verständlichkeiten, ganz zu geschweigen. Ich darf mich nicht rühmen, oft an den Reunions in der Hil- debrandtstraße teilgenommen zu haben, aber nie- mals war ich zugegen, ohne sachlich und persönlich Interessantes erlebt zu haben. W. Gentz liebt es zum Beispiel, seinen Gästen, auf gut afrikanisch, Bananen vorzusetzen, und er tut wohl daran; denn diese Ba- nanen, ob sie einem nun schmecken oder nicht, sind einfach ein Ausdruck davon, daß man sich, wenn man ihn besucht, nicht auf einer Alltagsheide, son- dern auf einem besonderen Boden befindet. Die letz- ten zwei Male, daß ich dort verkehrte, sind mir un- vergeßlich durch die Personen, deren Bekanntschaft ich damals machte respektive erneuerte. Der eine war Wereschtschagin, just auf der Höhe seines Ruhms, schweigsam und nur erheitert, wenn die pi- kante Mirjam (damals noch unverheiratet) ihm, ohne Rücksicht auf seine feierliche Miene, kleine Geschich- ten und Berliner Anekdoten erzählte. Man merkte daran das unter Namen und Autoritäten groß gewor- dene Kind, das nicht gelernt hatte, Berühmtheiten ängstlich zu nehmen. Der andere, den ich traf, war Hermann Maron, den ich seit länger als fünfundvier- zig Jahren (wo wir gemeinschaftlich einen Dichter- klub gegründet) nicht wiedergesehen hatte. Wir fan-, den uns – sehr verändert; sein Leben war wunderbar gegangen, und vier Wochen später schoß er erst seiner Frau, dann sich selber eine Kugel durchs Herz. Soviel über W. Gentz und sein Haus. Eine Biographie darf aber auch an dem Menschen und, wenn dieser ein Künstler, an seiner Kunst nicht vorübergehen. Ich kann ihm hier wieder selber das Wort geben; denn er hat sich mit jener Aufrichtigkeit und Ruhe, die sein ganzes Wesen ausmacht, über sich selbst als Mensch und Künstler ausgesprochen. »... Ich bin Darwinist«, so schreibt er. »Was ich von Vater und Mutter geerbt, weiß ich nicht sicher he- rauszubringen. Mein Vater erzählte mir einmal, daß er sich in der Jugend vorgenommen habe, 100 000 Taler erwerben zu wollen. Das war damals, von seinem Standpunkt aus, sehr viel. Mein Bestre- ben war immer darauf gerichtet, ›etwas zu werden‹. Kaufmännischen Sinn aber, Erwerbssinn, der äußer- lich vorwärts kommen und bescheidene Zustände verbessern will, hatte ich gar nicht, vielmehr einen konservativen Sinn, wie meine Mutter, die sehr spar- sam war. Meine Mutter war auch eine sehr versöhnli- che Natur und verzieh allen, sogar den größten Fein- den, wohin auch die Konkurrenten gehörten. Etwas davon glaube ich geerbt zu haben. Fleißig waren bei- de Eltern, und auch ich ging davon aus, daß ich durch Arbeit ersetzen müsse, was mir an Naturanla- ge fehlte. In der Jugend war ich exzentrisch und, schroff, wovon meine Lehrer damals erzählen konn- ten; beim ›Trommeln‹ immer der Führer im Streit. Ich zähle mich nicht zu den Herdenmenschen. In meiner Eltern Hause wurde nie gespielt, auch nicht Karten. Ich bin keine eigentlich gesellige Natur und machte meine Reisen meist allein, um von dem mir vorgesteckten Ziel, um anderer willen, nicht abwei- chen zu müssen. Ich halte es für selbstverständlich, daß jeder, der unter bestimmten Einflüssen seines Landes groß geworden ist, dies Land und seine Nati- on mehr liebt als andere Nationen. Ich hasse aber die Kirchturmspolitik. Da andere Völker die leuch- tendsten Vorbilder hervorgebracht haben: Homer, Äschylus und Phidias, Christus, Shakespeare, Michel- angelo und Tizian, so kann ich nicht einsehen, wa- rum man das Fremde geringer achten soll. In religiöser Beziehung stehe ich auf dem Schiller- schen Standpunkt:

Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die du mir nennst. – Und warum keine? Aus Religion.

Die Religionsphilosophie hat mich immer sehr inte- ressiert. Ich habe die Vedas, Konfuzius, die Bibel, den Koran, den heiligen Augustinus, Luther, Spinoza, Lamennais etc. gelesen. 1. Sohn des berühmten Hallenser Anatomen, ein Schüler Hans Gudes, lebt in Karlsruhe., In der Natur und dem Menschenleben scheint mir, und zwar durch den unerbittlichen Kampf ums Da- sein, der Pessimismus gerechtfertigt. Die persönliche Freiheit ist mir in der Politik das Ideal. Daher beken- ne ich mich nicht zur Sozialdemokratie, die ein Un- tergraben derselben bedeutet. In Paris früher habe ich mich mit sozialistischen Schriften von Fourier, Considérant, Proudhon etc. bekannt gemacht, möch- te dieselben aber nicht noch einmal lesen. Nach Lu- ther ist der Mensch ein übermütig und verzagtes Ding, und ich darf sagen, ich habe beide Seelen- stimmungen sattsam erlebt, jedoch mehr die letzte- re, überhaupt viel an moralischem und künstleri- schem Katzenjammer gelitten. Für das Schaffen an- derer habe ich mich immer interessiert, daher auch immer gesucht, mit denen verkehren zu können, die sich auf diesem oder jenem Gebiete schöpferisch auszeichneten. Eine Folge davon war, daß ich stets in einem nicht kleinen Kreise gelebt, am liebsten jedoch, außer mit Afrikareisenden wie Barth, Schweinfurth, Nachtigall etc., mit Künstlern verkehrt habe. Nur der Sinn für Musik ist immer ein sehr ge- ringer bei mir gewesen; am liebsten höre ich Volks- lieder und Kirchengesang, dem ich in katholischen Ländern immer gern beigewohnt habe. Mit fast allen Künstlern der letzten Dezennien habe ich verkehrt, darunter von Diebitsch, Henneberg, Gustav Richter, die Meyerheims, Menzel, Knaus, Karl Becker, Bleib- treu, Spangenberg, Geselschap, so verschieden und entgegengesetzt die hier Genannten auch sein moch- ten. Vielleicht ein Charakterfehler. Ich tröste mich, aber mit dem Spinozaschen Satze, daß die schlech- ten Seiten des Menschen auch zugleich seine Tugen- den seien. Viel Eindruck hat auf mich der indische Spruch gemacht: ›Tu, was du willst, und du wirst es bereuen.‹« Soweit Gentz über sich selber. Ich möchte nach ei- genen Wahrnehmungen und Erlebnissen ein paar Worte hinzufügen dürfen. W. Gentz ist in allem das Gegenteil von einem mo- dernen Radaumenschen, und in gänzlicher Abwesen- heit von lärmend anspruchsvoller Inszenierung sei- ner selbst liegt sein Wesen und sein Wert. Schon im Gespräche mit ihm zeigt sich dies; er kennt weder die »großen Worte« noch das nervös Prickelnde der Konversation. Wer das verlangt, wird nicht weit mit ihm kommen; wer indessen weiß, daß ein lange ge- lagerter und ruhig gewordener Rauenthaler, der's aber in sich hat, besser ist als ein moussierender Mosel, der wird Geschmack und Genuß an Gentz- scher Reserviertheit und an seiner das Langsam- Mecklenburgische streifenden Vortragsweise finden. Ich kann nicht einmal behaupten, überaus häufig mit ihm verkehrt zu haben, und bin ihm doch das Aner- kenntnis schuldig, unter den etwa »hundert besten Geschichten«, die mich als eiserner Bestand durchs Leben begleitet haben und noch begleiten, ein halbes Dutzend ihm dankbar anrechnen zu müssen. Und das ist sehr viel. Gleich das erste der Art, was ich schon vor beinahe zwanzig Jahren aus seinem Munde hörte, kann als ein Musterstück seiner Vortragsweise gelten, einer Weise, die mir darin zu gipfeln scheint,, daß er den andern oft eine halbe Stunde lang spre- chen läßt, bis er plötzlich, an einer ihm passend er- scheinenden Stelle, nun seinerseits das Wort nimmt, nicht um eine gleichgültige Bemerkung oder kurze philosophische Betrachtung (darin er übrigens Meis- ter ist), sondern um ein figurenreiches Bild einzu- schieben. Er ist dann holländischer Maler mit dem Wort und malt heitere Genreszenen, die mich, in ihrer farbenfrischen Anschaulichkeit, immer an hu- moristische Schilderungen aus Achim von Arnim er- innert haben. Aber ich wollte von unserem Erzähler erzählen. Wir schlenderten am Tiergartenrande hin, und ich klagte – wie das jedesmal geschieht, wenn man von einer Sommerreise heimkehrt – über die jämmerli- chen Essereien in den qualvoll langweiligen Hotels und wie mir immer noch das Leben in England als ein Ideal vorschwebe, wo man Ruhe habe vor Lachsma- yonnaisen und Aal in Aspik und sich seinem Genuß an Hammelrippen und Seezungen immer wieder freudig hingeben könne – nur die natürlichen Gerich- te hätten einen Wert. »Ja«, nahm jetzt Gentz das Wort, »das meine ich auch und habe das nie lebhafter empfunden als ein- mal in Bayern, in Tagen, wo mir das Hotelessen auch so recht zuwider war. Es traf sich, daß ich zu selber Zeit von einem reichen Patrizier, einem Enthusiasten für Bilder und Archäologisches, zum Frühstück gela- den wurde, nahm denn auch an und fand bei mei- nem Erscheinen schon ein paar andere Gäste vor,, mit denen ich mich auch bald danach in ein mit Bir- kenreisern dekoriertes Eßzimmer geführt sah. Die Fenster standen auf, und alles um uns her war Appe- titlichkeit und Frische. Und nun denken Sie sich, was gab es da? Auf einem langen eichenen Tisch lag ein am Spieß gebratenes junges Schwein, aufgebrochen und mit kleinen Thymiansträußen ausgesteckt, was ganz reizend aussah. Wichtiger aber waren lange schmale Spitztüten, die daneben steckten und in denen sich Pfeffer und Salz befand. Nun wurde je- dem von uns ein Messer gereicht, das eine ganz ei- gentümliche Form hatte, beinahe sichelförmig, und so bewaffnet, gingen wir in einem Gänsereihen um den Tisch herum, um, wie Jäger, das Revier abzusu- chen. Sie werden sich erinnern, daß, wenn man ein Gänsegerüst abknaupelt, es kleine Höhlen und Win- kel gibt, wo die eigentlichen Delikatessen liegen, und diese sich halb verbergenden Stellen auch an dem jungen Schweine ausfindig zu machen und dabei dem andern zuvorzukommen, das war nun die Auf- gabe. Natürlich wäre ich, als ein Neuling und Unein- geweihter, jämmerlich damit gescheitert, wenn nicht die Liebenswürdigkeit des Wirts sich meiner erbarmt hätte. Da ist mir denn erst klargeworden, was Schweinebraten heißt. Und dazu die Tüten und die Thymiansträuße und das Kulmbacher Bier (denn es war in der Kulmbacher Gegend), das immer frisch gereicht wurde – ja, hören Sie, da kann der ›Halbe Mond‹ in Eisenach oder das ›Zehnpfund-Hotel‹ in Thale nicht gegen an, und Sie haben schon ganz recht, wenn Sie sagen, ›nicht bloß das Gesunde, sondern recht eigentlich auch das Feine, das hat man bloß bei den Naturgerichten‹. Und wirklich, die was, davon verstehen, die haben auch immer so gedacht, obenan Friedrich Wilhelm I., der durchaus für Weiß- kohl und Hammelfleisch war. Kaiser Wilhelm soll auch den Tag gesegnet haben, wo er Brühkartoffeln kennenlernte, vom seligen Goethe gar nicht erst zu reden. Sie wissen, daß ich die Teltower Rüben mei- ne.« Das war so ein in Worten gemaltes Gentzsches Bild, und wenn ich auch für den Wortlaut der Geschichte nicht mehr einstehen kann, so weiß ich doch, die Hauptsache richtig wiedergegeben zu haben. Und so verliefen Gentzsche Geschichten überhaupt, nur daß die allerechtesten doch noch einen Beisatz von feinem Spott und sozusagen liebevoller Ausma- lung menschlicher Schwächen zu haben pflegten. Eine derartig eulenspiegelsch gefärbte Geschichte möchte ich, als zweite Gentziade, hier noch erzählen, und zwar, wie ich zur Beruhigung der Leser gleich hinzusetzen will, auch als letzte. »... Nun denn, der sogenannte Marine-Krause (rei- zender Lebemann und tüchtiger Künstler) war auch Lehrer an der Akademie. Kunsthändler Rudolf Lepke kaufte viel von ihm. Eines Tages hielt Krause wieder seine Klasse und ging eben von Platz zu Platz, als ein allen älteren Malern und natürlich auch allen Akade- mieschülern wohlbekannter Diener Lepkes eintrat, ein Bild unterm Arm. Krause sah sofort, daß es ein Bild von ihm selber war. ›Nun, Zühlke, was gibt es?‹, ›Ja, Herr Professor...‹ Und Zühlke sah verlegen auf die jungen Akademiker. ›Na, man raus.‹ ›Ja, Herr Professor, Herr Lepke schickt Ihnen das Bild wieder... Sie hätten alle wieder rote Jacken an... Und rote Jacken, die wollte keiner mehr, die hätten die Leute jetzt über... Er sagte, Sie müßten ihnen andere Jacken anziehen, Herr Professor; anders ging es nicht.‹ Krause verfärbte sich und rang anscheinend nach Luft. Endlich hatte er sich seine Rolle zurechtgelegt und fuhr nun los, indem er den Berserker ganz kunstgerecht spielte. ›Zühlke, raus. Was soll das heißen? Lepke ist verrückt geworden. Raus, sag ich.‹ Und während Zühlke ging, tobte Krause vor seinen Schülern immer noch weiter und stürzte schließlich dem armen Zühlke nach, vor sich hin brummend, daß er dem Kerl noch ein paar ordentliche Redensar- ten an den Kopf schmeißen müsse. Dabei warf er die Klassentür forsch zu und sah nun auch wirklich den Korridor hinunter. Da ging Zühlke noch, das Bild un- term Arm. ›Zühlke!‹ ›Herr Professor...‹ ›Zühlke, kommen Sie noch mal her. Wissen Sie was, stellen Sie das Bild da hinter die Tür, aber so, daß, die Jungens es nicht sehen, wenn sie rausstürzen, und sagen Sie Lepken, ich würde den Kerls andere Jacken anziehen. Und grüßen Sie Lepken. Er ist doch wohl?‹ ›Ganz wohl, Herr Professor.‹ ›Na, denn is es gut.‹ Und sofort die Wutmiene wieder aufsetzend, trat er in den Klassensaal zurück, um noch einiges über den unverschämten Kerl zu sagen.« So Gentz in seiner zweiten, echtesten Geschichte, die mir, neben anderem, auch dadurch unvergeßlich geblieben ist, daß er (wir sprachen gerade von einem durch »Schneidigkeit« sich auszeichnenden Künstler) schmunzelnd hinzusetzte: »Und sehen Sie, so ist der nu gerade auch.« Und wer wollte es bezweifeln, daß er zu solchem Ausspruch ein Recht hatte! Gibt es doch nur ganz wenig Menschen, die frei von solcher Komödianterei sind; andere, die sich wohl frei davon machen möchten, können's nicht, weil sie's von Ge- schäfts wegen nicht dürfen. Verbleibt uns, zum Schluß, noch ein Wort über W. Gentz den Maler. Auch hier wieder können wir seinen eigenen Aufzeichnungen folgen. »... Ich bin der Ansicht«, so schreibt er, »daß die Kunst modern, das heißt zeitgemäß, sein müsse. Ich verehre die alten Künstler im höchsten Grade, ja,, finde, daß sie in ihrem Kreise so Vollendetes geleis- tet, daß es nicht übertroffen werden kann. Ich nenne nur die Sixtinische Madonna und die Gestalten des Phidias. Die moderne Kunst muß also andere Wege einschlagen oder andere Gebiete kultivieren, um damit konkurrieren zu können. Naturalismus – Rea- lismus. Zum Beispiel ein Pferd wie das des ersten Napoleon auf dem winterlichen Rückzuge (von Meis- sonier) hat nie ein alter Maler so gut gemalt; gemüt- volle und humoristische Genreszenen wie Knaus e- bensowenig. Das Studium alter Kunst halte ich aber für gut, vielleicht für notwendig. Es gehört schon große Kraft dazu, die Alten so nachzuahmen, daß diese Nachahmungen daneben bestehen können. (Lenbach.) Meiner Neigung nach bin ich Idealist, und doch hat mich meine Naturbegabung nicht dazu be- fähigt, ideale, phantastische Gestalten und Seelen- schilderungen hervorzubringen. Ich habe mich des- halb auf die pittoreske Seite der Natur beschränken müssen. Ich bin mehr Kolorist. Der Farbenzauber übt den größten Reiz auf mich aus, besonders der Tizi- ans, der wohl auf diesem Gebiet das Vollendetste schuf. Den Stil halte ich in der Kunst für notwendig, Stil dahin aufgefaßt, daß er das Triviale, Gemeine, Alltägliche von der Kunst fernzuhalten, aus dem Dar- zustellenden auszuschließen habe. Stil besitzen demnach auch Rembrandt und Menzel.1) Die Kunst soll nach Vollendung streben, soll ehrliche, gründli- che Arbeit verrichten, und soweit dies die modernen ›Impressionisten‹ tun, schließe ich auch diese Rich- tung innerhalb der Kunst (Fr. von Uhde, Max Klinger) von der Kunst selbst nicht aus. Leider aber wenden sich auch viele junge Künstler dieser Richtung zu,, die, bei unleugbarem Talent, doch nicht Energie ge- nug haben, gründlich zu arbeiten, und zunächst nur auffallen wollen, was durch den Impressionismus und Intentionismus, dieser äußersten Linken, aller- dings möglich ist. Es ist natürlich, daß ein Künstler das Naheliegende, das Heimatliche, das Vaterländische vollendeter als das Fremde zu schildern vermag. Sollte aber nicht, wie die Wissenschaft, so auch die Kunst dazu be- rechtigt sein, den ganzen Erdball in ihr Gebiet zu ziehen? Würde jede Nation für sich nur ihr Nationales in Betracht ziehen, so würde zwar dadurch auch der Erdball zur Darstellung gelangen, es müßte dann aber, wenn man sich vor Erstarrung und Enge be- wahren wollte, doch immer wieder ein großartiger Kunstaustausch stattfinden, der, in der tatsächlichen Anerkennung einer Gleich- oder Mitberechtigung, dem Wesen des Nationalismus doch wieder wider- sprechen würde.« So W. Gentz über seine Kunstrichtung, Bemerkun- gen, denen ich, abschließend, ein paar Worte hinzu- fügen möchte. So gewiß Paris, seit Horace Vernets Tagen und vielleicht früher schon, reich an Orient- malern ist, so gewiß ist W. Gentz unter uns ein Uni- kum geblieben, derart, daß wir vielleicht keinen Künstler haben, selbst große Meister wie Menzel und Knaus nicht ausgeschlossen, mit denen wir eine so bestimmte Vorstellung verknüpfen wie mit W. Gentz. Er ist Kairo, Jerusalem, Konstantinopel, er ist Skla- venkarawane, Harem, Judenkirchhof und dazwischen Wüste mit Tempeltrümmern und Pyramiden und Fluß, und See mit Pelikanen und Flamingos. Die Bilder, die davon abweichen, liegen weit zurück. Der Orient ist seine Welt und der Turban nicht bloß das Kleid, das ihn kleidet, sondern auch das Zeichen, darin er siegt. Ernst, solide, gewissenhaft wie der ganze Mann ist auch das, was er schafft; ein feiner Humor, der sein Leben durchdringt, adelt auch seine Kunst und hei- melt uns daraus an. Er gehört zu den nicht vielen, an denen man sich ermutigen darf, und wenn ich im Streit mit den Verurteilern unserer Zeit aufgefordert werde, Namen zu nennen und den Beweis zu führen für meine günstigere Meinung, so nenne ich auch Wilhelm Gentz und freue mich der Landsmannschaft und daß ich Wand an Wand mit ihm geboren wurde. Diese biographische Skizze wurde 1889 auf 1890 geschrieben. W. Gentz war damals siebenundsechzig Jahr, und seine feste und erprobte Gesundheit schien ihm noch eine Reihe von Jahren zu versprechen. Es war aber anders beschlossen. Genau um die vorge- nannte Zeit (Winter 89 und 90) begab er sich mit Frau und Sohn nach Tunis und Tripolis, wo er sich, mit jugendlichem Feuereifer, rastloser und ange- strengtester Tätigkeit hingab. Diese rastlose Tätig- keit und mehr noch der plötzliche Wechsel von Son- nenglut und Kälte legten den Keim zu einem quälen- den Leiden. Mit rührender Geduld ertrug er die Be- schwerden der Heimfahrt, ohne mit einem Wort zu klagen. Als Sterbender traf er wieder in Berlin ein und entschlief am 23. August 1890., 1. W. Gentz scheint hiernach davon auszugehen, daß beiden berühmten Malern (Rembrandt und Menzel) der Stil abgesprochen worden sei, was möglich, mir aber ganz neu ist. 12. »Civibus aevi futuri« Es trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor. »Faust« Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand, Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen, Es ist, als habe hier, am Torfmoor hin, Natur die Trödelbude aufgeschlagen. Annette von Droste-Hülshoff Unter den wenigstens durch Ausdehnung hervorra- genden Gebäuden der Stadt nimmt das Gymnasium den ersten Rang ein. Es wurde nach dem Brande von 1787 auf einem Platzviereck errichtet, auf dem wenigstens drei Kölner Dome hätten stehen können, und empfing die Inschrift, die ich diesem Kapitel vorgesetzt habe: »Civibus aevi futuri«., Die Ruppiner lateinische Schule zählt zu den ältesten der Mark, und 1865 konnte bereits das fünfhundert- jährige Bestehen dieser Alma mater gefeiert werden. Festgedichte von erheblicher Strophenanzahl er- schienen, die das Wachsen der Schule von Jahrhun- dert zu Jahrhundert begleiteten und dem Ruppiner Bürger, insonderheit dem des Reformationszeitalters, das ehrende Zeugnis ausstellten, »daß er durch Bei- fall, Lob und reiche Spenden die herzudrängenden Jünger des Wissens tatenstark gemacht« und das Ansehen der Schule durch ganz Brandenburg hin begründet habe: »Der Schule Ruf hallt durch die ganze Mark.« So war es im sechzehnten Jahrhundert, und so war es auch im neunzehnten noch. Nur die Beschaffen- heit des Rufs, »der immer noch durch die Marken hallte«, war inzwischen ein anderer geworden. Wohl war das Gymnasium eine Wissensquelle geblieben, aber was wenigstens in den Tagen meiner eigenen Jugend ihren besonderen Ruf begründete, war doch vorwiegend der Umstand, daß diese Ruppiner Wis- sensquelle zugleich eine besondere Trostesquelle geworden war. Hier hatte der »Wilde« sein Refugi- um, hier fühlte der an der bekannten Klippe Geschei- terte wieder Hoffnung und sah das Rettungsboot vom Lande stoßen. Mancher schon dem Untergehen Nahe, hier ist er durch liebevoll zugeworfene Schwimmgürtel sich selbst und dem Staat erhalten geblieben. Und »Gott sei Dank!«, so füg ich in mei- ner Vorliebe für alle diese Anstalten »von der milde- ren Observanz« hinzu. Sie sind meines Erachtens ein, notwendiger Ausgleich für den andernorts geübten Rigorismus. Denn ich bekämpfe den Satz und werd ihn bis zum letzten Lebenshauche bekämpfen, daß der Normalabiturient oder der durch sieben Examina gegangene Patentpreuße die Blüte der Menschheit repräsentiere. Das Beste, was wir haben, ist ohne diese vorgängigen Proben geleistet worden. Und so seid mir denn gepriesen, ihr Schlupflöcher, wo der Nicht-Mustermensch noch Chancen hat, sich glück- lich durchwinden zu können! Die bei Gelegenheit der Jubelfeier von 1865 erschie- nenen »Annalen« ermöglichen uns einen historischen Überblick über die Schule, den wir aber nicht allzu- weit rückwärts ausdehnen. Vor etwa 100 Jahren er- langte sie während des Doppelrektorates von Lieber- kühn und Stuve eine Art europäische Berühmtheit. Beide, die zu den Anhängern Basedows zählten, leis- teten Bedeutendes in Erweckung eines frischen Geis- tes in der Jugend, und »die mit Vorliebe gepflegte Anthropologie erzeugte eine praktische Diätetik, die viele Schüler selbst in den Häusern ihrer anders den- kenden Eltern dazu bestimmte, freiwillig allem Luxus und aller Verwöhnung, so beispielsweise dem Kaffee, dem Bier und Wein, zu entsagen. Sie tranken Was- ser, schliefen und badeten kalt und gefielen sich in jeglicher Abhärtung des Körpers.« Aber dies alles war nur Episode. Die Lieberkühn- Stuvesche Herrschaft währte nur wenige Jahre, von 1777 bis 1786; ein Jahr darauf brannten Stadt und Schule nieder, und als 1791 unser jetziges »Civibus, aevi futuri« aus der Asche erstand, rückten neue Principes und neue Prinzipien in das Gymnasium ein. Während des ersten Drittels dieses Jahrhunderts re- gierte Thormeyer, der Schulmonarch, wie er im Bu- che steht. Ich habe selbst noch bei meinem Eintritt ins Gymnasium ein Cornelius-Nepos-Kapitel unter seinen Augen oder richtiger unter seinen Nüstern übersetzt, und was Thackeray in seinem »Vanity Fair« erzählt, »daß ihm von Zeit zu Zeit immer noch Mr. Birch in seinen Träumen erscheine«, das kann ich auch von meinen Beziehungen zum alten Thor- meyer sagen. Er war eine Kolossalfigur mit Löwen- kopf und Löwenstimme, lauter Schreckensattribute, die dadurch nicht an Macht verloren, daß man sich schaudernd erzählte, »er sei überhaupt nur von Stendal nach Ruppin versetzt worden, weil er sich an ersterem Ort an seinem Ephorus hart vergriffen ha- be«. Das Wort »vergriffen« hatte für meine zwölfjäh- rige Knabeneinbildungskraft etwas ganz besonders Schauerliches. Ich muß bei diesem Manne noch einen Augenblick verweilen, weil sich mir einige »kulturhistorische Bemerkungen« dabei aufdrängen und weil an einer Erscheinung wie die seinige der außerordentliche Unterschied zwischen jetzt und damals zutage tritt. Wird alles Gewicht auf das Autoritative gelegt, so haben wir seitdem offenbare Rückschritte gemacht, soll aber andrerseits von gesundem Sinn, von Schönheit und Freiheit die Rede sein, von jener ho- hen Freiheit, die doch bei allem Lernen und Wissen immer die Hauptsache bleibt und ohne die die ganze, Bekanntschaft mit Plato keine Viertelmetze Kirschen wert ist, so haben wir nicht nur Fortschritte gemacht, sondern existiert überhaupt gar keine Verbindung mehr zwischen damals und heut. Thormeyer galt als ein geistreicher Mann. Möglich, daß er es auf seine Weise war, aber diese Weise war der Art, daß uns alles, was er sprach oder schrieb, nur wie Bombast oder ein hochgestelzter Galimathias berührt. Ein paar Beispiele. »Was für positive und negative Be- schlüsse ein Schuldirektor zu fassen hat«, schreibt er, »hängt nicht von ihm und a priori ab – da weder das Dasein Friedrichs des Großen noch dessen Sie- benjähriger Krieg sich a priori beweisen läßt –, son- dern es hängt von dem Besondersten der Zeit und des Ortes ab.« Dieser Satz, der sich durch einen mindestens kühn gewählten Vergleich auszeichnet – denn zwischen der Vorweg-Beurteilung eines zwar erst kommenden, aber doch unter allen Umständen einem bereits existierenden Gesetz unterworfenen Falles und dem Vorweg-Beweis eines noch erst in der Zukunft ruhenden Menschendaseins ist ein gewalti- ger Unterschied –, bietet all seiner Kühnheit uner- achtet nur einen Vorgeschmack dessen, was Thor- meyer zu leisten imstande war. Voller, gründlicher haben wir ihn in seinen Büchern, beispielsweis in seinem »Erbauungsbuch für studierende Jünglinge«. Darin befindet sich folgende Betrachtung über die Hände. »Die Hände sind an demjenigen Ort befestigt wo sie alle ihre Geschäfte auf das geschickteste, bes- te und leichteste verrichten können. Denn hätten sie ihre Stellung hinten erhalten, so könnten ihnen, bei der übrigen jetzigen Beschaffenheit des Leibes, die Augen nicht zustatten kommen, befände sich aber, die eine Hand hinten und die andere vorn, so könn- ten sie einander nicht Hülfe leisten.« So Thormeyer. Welche »Erbauung« muß dem dürs- tenden Jüngling aus diesem Erbauungsbuche geflos- sen sein! Zu dem Behufe versenkte man sich in Anthropologie und Psychologie, das waren die Früch- te, die am Baume höherer Erkenntnis wuchsen. Ent- sprechend dem allen war der Grad sittlicher Freiheit und stolzer Unabhängigkeit im Leben des Mannes selbst. Ein Donnerer in den Klassen, erwies er sich als »devotest ersterbend« jeder vorgesetzten Behör- de gegenüber, diese mochte sein, was und wie sie wollte. Thormeyer schied 1834 aus. Mit diesem Ausscheiden begannen andere, bessere Zustände. Was am Ideal noch fehlen mochte, war zum Teil die Nachwirkung voraufgegangener Zeiten. Starke kam, von dem am Jubelfeste 1865 einer seiner Schüler, Geheimer Rat von Quast, sagen durfte: »Nie hat ein anderer Leh- rer, auch der berühmtesten keiner, ähnlich ergrei- fend und bestimmend auf mich eingewirkt.« Dann folgte W. Schwartz, ein Mann von seltener organisa- torischer Kraft, eine Autorität auf dem Gebiete mär- kischer Sage und Geschichte, dessen segensreichem Wirken die Anstalt unter anderm die Aufstellung und Zugänglichmachung eines ihrer größten Schätze ver- dankt. Dieser Schatz ist: das Zieten-Museum., Das Zieten-Museum entstand aus einer reichhaltigen Sammlung naturhistorischer, ethnographischer, na- mentlich aber vaterländischer Altertümer, die, vom verstorbenen Grafen Zieten auf Wustrau begonnen, schon Anfang der fünfziger Jahre, nach testamentli- cher Verfügung, an das Ruppiner Gymnasium über- gegangen war. Die Verhältnisse gestatteten nicht gleich eine paßliche Aufstellung. Erst bei Gelegenheit der fünfhundertjährigen Jubelfeier ermöglichte sich dies, und zwar in der Aula des Gymnasiums. Dem Stifter zu Ehren erhielt das Ganze den mehrerwähn- ten Namen: Zieten-Museum. Ebendieses, inzwischen durch mannigfache Schenkungen bereichert, gliedert sich jetzt in drei Abteilungen, in: 1. eine Bildergale- rie, 2. ein ethnographisches und Naturaliencabinet und 3. eine Kollektion vaterländischer Altertümer. Über die zweite Abteilung geh ich hinweg. Nur über 1 und 3 einige Worte. Die Portraitgalerie umfaßt die Bildnisse berühmter Männer aus Stadt und Land Ruppin, und zwar: des alten Zieten (Geschenk des Grafen von Zieten- Schwerin auf Wustrau), des Feldmarschalls von dem Knesebeck (Geschenk seines Sohnes, des Majors von dem Knesebeck auf Karwe), des Generallieutenants von Günther (Geschenk der Familie Ebel), des Gene- rals von Wahlen-Jürgaß (Geschenk seines Großnef- fen, des Herrn Adalbert von Rohr) und endlich des berühmtesten Sohnes der Stadt, Karl Friedrich Schinkels. Die drei ersten, Zieten, Knesebeck, Günther, sind Brustbilder in Öl, lebensgroß; Wahlen-Jürgaß eine, höchst vorzüglich in Blei und schwarzer Tusche aus- geführte Zeichnung; Schinkel ist Büste. Bei jeder Versammlung in der Aula sieht sich der Schüler von den Bildnissen derer umgeben, denen er nacheifern soll in Treue und Mut, in Wahrheit und Schönheit. Daß diese Vorbilder nicht bloß Vorbilder überhaupt, sondern zugleich auch speziellste Heimatsgenossen sind, steigert den Sporn, den sie geben, und dadurch ihren Wert und ihre Bedeutung.1) Die Sammlung vaterländischer Altertümer, in Schränken und Glaskästen aufbewahrt, umfaßt etwa 200 Nummern, wovon 100 auf das Stein- und 100 andere auf das Bronzezeitalter kommen. Was die erstere Hälfte, also die dem Steinzeitalter zugehörigen Gegenstände angeht, so scheint mir die Bedeutung derselben nur eine durchschnittliche zu sein. Eine Ausnahme machen wohl nur diejenigen Nummern – sechs an der Zahl –, die unfertig geblie- bene Waffen und Geräte, sämtlich aus Feuerstein, aufweisen. Irgendeine Störung hinderte den Werk- meister an der Vollendung dieser Dinge, die nun in- soweit zu den allerinteressantesten Funden zählen, als sie uns in die Technik einweihen, die vor andert- halb Jahrtausenden oder länger geübt wurde. Die 100 Nummern aus dem Bronzezeitalter enthal- ten, außer Dutzenden von Framen und Paalstäben, von Harpunen und Lanzenspitzen, einige Unika oder fast Unika, von denen zwei ein besonderes Interesse der Forscher in Anspruch genommen haben: 1. der, sogenannte »Kommandostab« und 2. der dreirädrige Thors- oder Odins- Wagen. Der »Kommandostab« – den ich übrigens immer noch nicht absolut abgeneigt bin für die Streitaxt eines Häuptlings zu halten, wennschon er sich zu der gleichnamigen Waffe des Mittelalters wie ein Galan- teriedegen zu einem Ritterschwerte verhält – ward 1848 auf der Feldmark von Trieplatz gefunden.2) Er hat etwa die Länge eines Arms, besteht aus purer Bronze und setzt sich aus Stiel, Beil und sechs kur- zen Stacheln zusammen, von denen je drei zu Seiten der Beilwandung stehen. Es ist eine Waffe von sol- cher Schönheit, dabei zugleich von solcher Intaktheit und Frische der Erscheinung, daß man sie für eine drei oder höchstens fünf Jahrzehnt alte, eben erst vom feinsten Rost überflogene Arbeit eines moder- nen Meisters halten könnte. Die Bedeutung dieses Stückes, das in verwandten Exemplaren vorkommen soll, liegt zumeist in seiner Schönheit. Anders aber verhält es sich mit dem zwei- ten Prachtstück der Sammlung, mit dem Odins- Wagen. Er galt jahrzehntelang für ein Unikum, und unter gewissen Einschränkungen, die ich in nachste- hendem hervorheben werde, ist er es auch geblie- ben. Dieser bronzene Wagen wurde 1848 beim Frankfurt- Drossener Chausseebau ausgegraben und kam durch Kauf an den damals noch lebenden Grafen Zieten in Wustrau. Der Wagen, neun Zoll lang und viereinhalb Zoll hoch, besteht aus drei auf einer und derselben, Achse gehenden Rädern und einer gabelförmigen Deichsel. Die Räder haben vier Speichen; die Deich- selgabel, nach innen gekehrt, ruht auf der Achse des Wagens, der, wie ein moderner Perambulator, ein Stoßwagen ist. Man könnt ihn auch, nur um die Gat- tung zu charakterisieren, mit einem dreirädrigen Schubkarren oder mit einem Pfluge vergleichen, der, statt von Pferden gezogen, lediglich durch die Kraft eines starken Pflügers geschoben wird. Form etwa so: Was nun diesem ohnehin interessanten Gegenstande noch eine besondere Bedeutung leiht, das sind die sechs Vögel, die auf Deichsel und Deichselgabel sit- zen, und zwar auf den von mir mit a bezeichneten Stellen. Verschiedene gelehrte Kenner auf dem Ge- biete germanischer Altertumskunde: Jacob Grimm, Lisch, W. Schwartz, Kirchner, Rosenberg, haben festzustellen gesucht, erst, welcher Art diese Vögel seien, dann, welche Bedeutung sie haben möchten – sind aber weder vor sich selbst zu einer Gewißheit noch untereinander zu einer Einigung gelangt. Jacob, Grimm, in einer Zuschrift an die »Mecklenburgischen Jahrbücher«, bezeichnet sie in erster Reihe als Gän- se, in zweiter als Schwäne; Lisch hebt hervor, daß es möglicherweise Raben oder aber Nachbildungen je- ner kleinen, in Dänemark und Island vorkommenden Wasservögel seien, die dort den Namen Odens fugl, Odins-Vögel, führen. Ich meine, es können nur Gän- se sein. Noch größer freilich ist die Ähnlichkeit mit jenen wilden Enten, die so oft in Scharen die nordi- schen Gewässer bedecken. Der Wagen selbst, darin ist den betreffenden Auslas- sungen zuzustimmen, kann unmöglich einem techni- schen Zwecke gedient haben. Kirchner vermutet in ihm einen Wagen Thors, der, bei dem Kultus dieses Gottes, in Priesterhand seine Verwendung fand; Lisch bezeichnet ihn als ein Symbol beziehungsweis als ein Attribut Wodans oder Odins. Er hebt dabei hervor: »Wir lesen nicht nur von den Wanderungen Odins, sondern auch von seinem Wagen, seinem Weg und Geleit.« Diese Mitteilungen mögen hier genügen. Was indes- sen auch die Meinung dieses Attributes gewesen sein möge, der Wagen selbst, der wenigstens in dieser Ausrüstung einzig dasteht3), ist nicht nur ein Schatz der Ruppiner Sammlung, sondern macht auch diese selbst wieder zu einem von der Wissenschaft zu be- achtenden Gegenstande. Das Hauptgewicht freilich ist auf die Bedeutung zu legen, die die Schule selbst, als geistiger Mittelpunkt einer ganz bestimmten Lokalität, aus dieser Samm-, lung gewinnt. Ebenso wie bei der oben geschilderten Portraitgalerie liegt auch hier, in dieser Kollektion von Altertümern, etwas Anregendes darin, daß alles Beste, was die Sammlung bietet, entweder in dem immerhin engen Kreise der heimatlichen Provinz o- der sogar in dem allerengsten der Grafschaft selbst gefunden ist. Eine Streitaxt wie die vorstehend ge- schilderte ist allerorten interessant, aber sie ist es doppelt und dreifach, wenn sie auf dem Acker mei- nes Gutsnachbarn ausgegraben wurde. Genau dies ist es, was die sonst tote Landschaft, den Elsengrund und das Torfmoor belebt und auch in den ödesten Heidestrich eine Welt voll Leben zaubert. Es braucht kaum versichert zu werden, daß sich Torf und Sand nicht darauf kapriziert haben, eine Aufbe- wahrungsstätte für Raritäten aus den Zeiten Odins zu sein. Auch Späteres ist in diesen Torfboden ver- senkt worden, und auch von diesem Späteren birgt die Ruppiner Sammlung einiges von Interesse. Nur zweier dieser Gegenstände sei hier erwähnt: eines Hakens (zum Ziehen der Ackerfurche) von Eichen- holz und einer eisernen sogenannten Götz-Hand. Der Haken von Eichenholz, vier Fuß fünf Zoll lang, wurde bei Entwässerung eines drei Morgen großen Pfuhls in der Nähe des Dorfes Dabergotz gefunden. Der Boden bestand oben aus einer drei bis fünf Fuß tiefen Torflage, dann Ton, dann Humus, dann Kalk, dann Kiesgrund. Zwischen der Kalk- und Kieslage, im ganzen etwa zehn Fuß tief unter der Oberfläche, ward im November 1822 der Haken gefunden, einige Wochen später auch das noch fehlende Stück, das, seinerzeit augenscheinlich die Stelle des Hakeneisens vertreten hatte, da es sich schaufelförmig und aus härtrem Holze gearbeitet erwies. Welcher Zeit dieses primitive Ackergerät angehört, dürfte schwer festzu- stellen sein.4) Die Götz-Hand ist wohl mindestens ein halbes Jahr- tausend jünger. Sie ward im Februar 1836 bei der Schiffbarmachung des Rhins innerhalb der Stadt Alt Ruppin, dicht neben der langen Brücke, gefun- den. Diese eiserne Hand ist zum Festschnallen am linken Arm eingerichtet und hat, der Maschinerie nach, wahrscheinlich zur Führung des Zügels mit der Linken gedient. Der Rost hat an einzelnen Stellen das Innere offengelegt, und man sieht mit Hilfe die- ser Öffnungen die kleinen Räder des Mechanismus, der sich in seiner Gesamtheit gut genug erhalten hat, um auch jetzt noch die gekrümmten und beweg- lichen Finger in jede beliebige Stellung bringen und in dieser fixieren zu können. Dies wird durch Schie- ben an einer Daumplatte und mittels zweier Knöpfe an der Handwurzel bewirkt. Der letzte Gegenstand, über den ich berichten möch- te, hängt verstaubt und verspinnwebt an einer Fens- terwand und hat ebensowenig gemein mit dem Bron- zewagen Odins wie mit der eisernen Hand irgendei- nes märkischen Götz. Es ist dies eine Rokokoschöp- fung, und zwar ein etwa acht zu vier Zoll großer Kupferstich, der folgende langatmige Unterschrift führt: »Berlins Menschenliebe kommt Ruppin, in der Asche liegend, zu Hilfe – die Hoffnung zeigt ihr den, der es wieder erheben wird, Engel des Himmels freu-, en sich dieser Wohltaten. Den abgebrannten Ruppi- nern gewidmet von D. Chodowiecki.« Eigentümlich wie diese Unterschrift ist das ganze Blatt. Die abgebrannte Ruppina liegt am Boden, der extravaganten Fülle ihrer Formen nach so unterstüt- zungsbedürftig wie nur möglich. Nichtsdestoweniger erscheint Berolina, angetan mit Lorbeer und Mauer- krone, um der wohlkonservierten, aber nackten Schwester ihr Gabenfüllhorn entgegenzutragen. Es scheint jedoch, daß jene (Berolina) beim Anblick der Schwester wieder schwankt und erst auf das Er- scheinen der Menschenliebe wartet, die denn auch schließlich, halb zuredend, halb tatsächlich drän- gend, die Zögernde weiter vorwärts schiebt. Diese drei Figuren bilden die eine Gruppe, neben welche sich, gut miteinander verbunden, eine zweite Gruppe stellt. Die zwischen Wolken ruhende Hoffnung (in Wahrheit eine Pompadour, die sich auf Polstern streckt) zeigt auf die Portraitbüste Friedrich Wil- helms II., Palmen wachsen rätselhaft dazwischen, und zu Häupten schweben Engel, die, jeder Askese los und ledig, in nächster verwandtschaftlicher Be- ziehung zu Amor und Amoretten stehen. Ein wunderliches Blatt: sinnreich, amüsant und von guter Technik, vor allem auch (was ich nicht gering anschlage) kühn und naiv zugleich. Im ganzen aber, trotz dieser und anderer Vorzüge, wenig erquicklich, mehr Karikatur als Kunst und interessant allein in seiner Verschmelzung von Genie und Philistrosität, von künstlerischer Freiheit und politischer Befangen- heit., Chodowiecki gilt als ein Meister ersten Ranges, und das Rokoko, das er vertritt, tritt eben jetzt wieder in die Mode. Gut; ich unterwerfe mich den Tatsachen, den Konsequenzen einer natürlichen Entwicklung. Und doch wär es hart, wenn es hundert Jahre nach Schinkel wieder dahin käme, daß die Berolina (die »Menschenliebe« wie eine Stoßlokomotive hinter sich) der nackt in Asche liegenden Ruppina das Füll- horn ihrer Gnaden in Gestalt einer Pfefferkuchentüte darbringen und dabei der künstlerischen Zustim- mung des Zeitalters sicher sein dürfte. 1. Gegenüber den Bildnissen der Generäle befin- den sich die Portraits der drei letzten Direkto- ren: Thormeyer, Starke, Schwartz. 2. Herr von Rohr auf Trieplatz, der herrschenden Ansicht sich anschließend, daß dieser »Kom- mandostab« keine Waffe gewesen sei, schreibt mir darüber, wie zugleich auch über die Art der Auffindung, das Folgende: »Die Talränder der Dosse treten an mehreren Stel- len bedeutend zurück, wodurch Niederungen, Brücher, gebildet werden. Diese, früher mit Espen, Elsen und Gestrüpp dicht bewachsen, dienten in Kriegszeiten als Schlupfwinkel. In den vierziger Jahren, nachdem ich zehn Jahre vorher das Gut übernommen hatte, begann ich damit, in dieser Niederung nach Torf gra- ben zu lassen. Bei dieser Gelegenheit fanden meine Arbeiter, sechs bis acht Fuß tief, im, schönsten Torf, zwei bronzene Streitäxte, zwei Armspangen von demselben Metall, zehn bis zwanzig Ellen Kupferdraht, vermoderte Baumstämme und Geweihe. Nach der Tiefe der Lage in dem vollkommen reinen Torf zu schließen, müssen diese Gegenstände viele Jahrhunderte lang an dieser Stelle gelegen haben. Es erscheint mir klar, daß die Streitäx- te oder ›Kommandostäbe‹, wie man sie jetzt nennt, keine Waffen waren; ihre relative Ge- brechlichkeit spricht dagegen. Sie wurden vielleicht von den Liktoren mit den Rutenbün- deln den Kohorten vorgetragen oder wie jetzt von den Führern als Feldmarschallsstab ge- braucht. Den römischen Ursprung halt ich für unzweifelhaft, und die Auffindung hier spricht nicht dagegen. Die Römer selbst haben sie hier freilich nicht hergebracht, aber die Deut- schen, entweder als Beute oder (zurückkeh- rend aus römischem Kriegsdienst) als Aus- zeichnung für das von ihnen Geleistete. Im Berliner Museum befinden sich noch einige solcher Kommandostäbe.« 3. Es existiert noch (siehe den sechzehnten Band der »Mecklenburgischen Jahrbücher«) ein ähnlicher, im Jahre 1843 zu Peckatel bei Schwerin, und zwar in einem Kegelgrabe, ge- fundener, ebenfalls aus Bronze gegossener Wagen. Dieser Wagen hat indessen zweimal zwei Räder und einen derartig geformten Langbaum zwischen den zwei Achsen der Vorder- und Hinterräder, daß man sieht, die, Bestimmung des Wagens ging dahin, irgend etwas, vielleicht eine Bronzevase, zu tragen. Man darf also den im Zieten-Museum befindli- chen Wagen insoweit als ein Unikum ansehen, als er sich von dem in Peckatel gefundenen nach Form und vielleicht auch nach seiner Be- stimmung unterscheidet. – Ein dritter, bei Warin in Mecklenburg ausgegrabener Bronze- wagen ist wieder verlorengegangen. 4. Ein Aufsatz in den »Märkischen Forschungen« bezeichnet diesen Haken als uralt. Die Tiefe, darin er gefunden wurde, sowie drei steinerne Streitäxte, die neben ihm lagen, scheinen ihn allerdings bis in eine früheste Zeit zurückzu- datieren, dennoch unterhalt ich Zweifel dage- gen und möcht ihn nicht früher setzen als die späte Wendenzeit. Ein neuerdings erschiene- nes Buch: Andree, »Wendische Wanderstu- dien«, Stuttgart 1874, bestärkt mich in dieser Annahme. Es heißt darin Seite 147: »Der Deutsche arbeitete mit einem schweren Pflu- ge, der Slawe mit einem leichten Haken.«, 13. Am Wall Hier ist all mein Erdenleid

Wie ein trüber Duft zerflossen; Süße Todesmüdigkeit Hält die Seele hier umschlossen. Lenau

Um die Stadt her, zwischen dem Rheinsberger und dem Tempeltor, zieht sich der mehrgenannte »Wall«, ein Überrest mittelalterlicher Befestigungen, jetzt eine mit alten Eichen und jungem Nachwuchs dicht bestandene Promenade der Ruppiner. Die Septembersonne tut ihr Bestes. Aber das Laub ist doch noch dicht genug, ihr den Zutritt zu wehren; ein Dämmer liegt auf den Steigen, und nur nach rechts hin, zwischen den Stämmen hindurch, blitzt es und flimmert es um einen ummauerten Park, des- sen eine Seite bis an die Böschung des Walles tritt. Es lockt uns aus dem Dunkel ins Helle, die Parkpforte steht weit auf, und an der sonnigsten Stelle Platz nehmend, saug ich das Licht ein, um das Frösteln loszuwerden, das mich auf der schattigen Wallpro- menade beschlichen. Entzückend Bild! Auf dem Rasengrunde vor mir wachsen allerlei Hagebuttensträucher auf, kahl und, windzerfahren. In diesem friedlichen Augenblick aber hängen die roten Früchte still am Gezweig, und zwi- schen den Ästen spannen sich Spinneweben aus und schillern in allen Farben des Regenbogens. Hinter dem Buschwerk eine Mauer und hinter der Mauer Gemüsegärten mit Dill und Dolden in langen Reihen, und dann Stoppelfelder, weit, weit und am Horizont ein duftiges Blau und in dem Blau der schwarze Schindelturm einer Dorfkirche. Der Blick schweift darüber hin, aber immer wieder kehrt er bis in die nächste Nähe zurück und weilt auf einem Rasenteppich, der sich in Falten legt, als wä- ren hier Beete gewesen, Beete, die neuerdings der gleichmachende Rasen unter seine Hand genommen. Hier und da eine Zypresse, halb verwildert, halb ein- gegangen, und daneben ein Stein, der aus dem Gra- se eine Handhoch aufragt. Und nicht der Zufall warf ihn hierher. Erst kaum erkennbar in dem Moose, das ihn umkleidet, erkenn ich jetzt seine scharf behaue- ne Kante. Die sagt, was es ist. Und wäre noch ein Zweifel, die seitab gelegene zwei- te Hälfte des Parkes würde mir Gewißheit geben. Unter den Bäumen hin und nur halb in ihrem Blätter- schatten geborgen, erheben sich die Wahrzeichen solcher Stätten: Urnen und Aschenkrüge, Gitter und Grüfte, zerbrochene Säulen und rostige Kreuze. Und an den Kreuzen nur zweierlei noch sichtbar: ein Schmetterling und die gesenkte Fackel. Halb erblin- det beides. Aber die sich neigende Sonne goldet es wieder auf., Ein Sonntag ist's, und über die Feldwege hin ziehen geputzte Menschen; die Kinder verlaufen sich in den Stoppelacker, um die letzten Blumen zu pflücken, und von rechts her, wo ein Gasthaus unter Linden steht, klingen heitere Klänge herüber. Musik! Und siehe da, die Kinder auf dem Acker hören mit Blu- menpflücken auf und beginnen sich im Ringelreihen zu drehn. Die Sonne glüht noch einmal auf, Som- merfäden ziehen, und ein gelbes Platanenblatt fällt leis und langsam vor mich nieder. Wie still, wie schön! Du »Park am Wall«, welche beneidenswerte Stätte, darauf zu ruhn!,

Die Ruppiner Garnison Regiment Prinz Ferdinand Nr. 34

1742 bis 1806 Unüberwundnes Heer, O Heer, bereit zum Siegen oder Sterben. Ewald von Kleist Bei Jena, da hatte der Preuße verspielt, Die Franzosen hatten wie Teufels gezielt, Und viel preußisch Blut war geflossen. George Hesekiel

Die Gründung des Regiments Uniformierung, Kanton und Garni-

son Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung ging Fried- rich II. an die Umgestaltung beziehungsweise Neu- bildung von Regimentern. Bei dieser Gelegenheit entstand aus dem 2. Bataillon des Ruppiner Re- giments »Kronprinz« Nr. 15 das Regiment Nr. 34. Der König verlieh es (1742) seinem jüngsten Bruder Ferdinand und gab ihm dementsprechend den Na- men: Regiment Prinz Ferdinand. Es führte denselben vierundsechzig Jahre lang, bis zur Auflösung der Ar-, mee. Die Offiziere, die ihm bei seiner Errichtung zu- gewiesen wurden, hatten bis dahin teils dem Re- gimente Nr. 15, teils dem Regimente Nr. 6 angehört. Regiment Nr. 6 waren die berühmten »großen Blau- en«, das Potsdamsche Riesenregiment Friedrich Wil- helms I. Wie das Regiment unmittelbar nach seiner Errichtung beschaffen war, darüber fehlen alle sicheren Notizen. Die Taten des Regiments Prinz Ferdinand sind aufge- zeichnet worden, aber weder über Zahl und Zusam- mensetzung noch über Uniformierung und Komman- do desselben existieren bis zum Jahre 1785 be- stimmte und spezielle Angaben. Erst in der Stammliste des eben genannten Jahres heißt es: »Regiment Prinz Ferdinand hat ponceaurote offene Aufschläge, Kragen und Klappen, zitronengel- be Unterkleider (Hose und Weste). Die Offiziere ha- ben Aufschläge, Kragen und Klappen von feinem Plüsch, eine breite gebogene Tresse um den Hut und Achselbänder. Die Grenadiermützen sind oben blau und haben unten weißes Blech.«1) Dementsprechend also war die Erscheinung des Re- giments in den letzten Lebensjahren Friedrichs des Großen. Unter seinem Nachfolger wurde die Uniform geändert; ob dies aber unmittelbar nach dem Thronwechsel oder erst nach der Rückkehr aus der Rheincampagne (1795) geschah, ist nicht mit Be- stimmtheit festzustellen gewesen. Im letzten Le- bensjahre Friedrich Wilhelms II. war laut Stammliste von 1797 die Uniform des Regiments die folgende:, ponceaurote Aufklappen, blaue Aufschläge und Kra- gen. Die Offiziere haben unter den Klappen drei, auf der Tasche drei und auf dem Aufschlage drei schma- le gestickte silberne Knopflöcher, hinten einen ge- stickten kleinen Triangel und um den Hut eine schmale silberne Tresse mit einer großen silbernen Agraffe und schwarzer Kokarde. In das »Triangel«- Abzeichen ließe sich allerhand hineingeheimnissen; aber ich verzichte darauf. Sechs Jahre später, unter Friedrich Wilhelm III., be- gegnen wir abermals einer Änderung. »Regiment Prinz Ferdinand« – so heißt es in der Stammliste von 1803 – »hat ponceaurote Kragen, Klappen und Aufschläge. Die Offizieruniform ist mit achtzehn ver- schlungenen silbernen Schleifen mit losen Puscheln (wie beim Regiment Nr. 10) besetzt; um den Hut eine schmale silberne Tresse. Die Gemeinen haben auf dem Rock sechs weiße wollene Bandschleifen, wovon zwei unter den Klappen und zwei hinten ste- hen.« Dies wird genügen, um zu zeigen, daß die sogenann- te »alte Armee« wie in ihrem Wert, so auch in ihrer Erscheinung keineswegs immer dieselbe war. Das, was 1740 entstand und 1806 begraben wurde, war inzwischen durch viele Phasen gegangen und stellte nicht ein Bild, sondern viele Bilder dar. Auch die Kanton- und Garnisonsverhältnisse des Re- giments blieben im Laufe der Zeit nicht genau die- selben., Was zunächst den Rekrutierungsbezirk (Kanton) an- geht, so heißt es in der Stammliste von 1785: »Das Regiment Prinz Ferdinand hat seinen Kanton im rup- pinschen Kreise und in einem Teile der Prignitz, dazu in den Städten Ruppin, Nauen, Lindow und Rheins- berg.« Achtzehn Jahre später haben sich diese Dinge geändert, der Bezirk hat sich erweitert, und wir fin- den in der Stammliste von 1803: »Regiment Prinz Ferdinand hat seinen Kanton in Teilen des ruppin- schen und uckermärkischen Kreises, dazu in einem Teile der Prignitz. Es gehören ihm zu: 366 Dörfer sowie die Städte Alt- und Neu-Ruppin, Lindow, Nau- en, Rheinsberg, Lychen, Neustadt a. D., Freienstein, Wilsnack und Templin.« Sein Hauptgarnisonsort war immer Ruppin, doch scheinen zeitweilig auch in andern Städten kleine Kommandos gelegen zu haben. 1803 standen die beiden Musketierbataillone in Ruppin, die beiden Grenadiercompagnien in Templin und das 3. Bataillon in Nauen. Wir gehen nun zur Aufzählung der Aktionen über, an denen das Regiment teilnahm. 1. Die Fahne des Regiments war blau mit dem weißen Johanniterkreuz, weißem Mittelschilde und blauem Legendenbande. Die Legende selbst, wie auf allen friderizianischen Fahnen: »Pro gloria et patria«. Das Johanniterkreuz in der Fahne des Regiments hatte darin seinen, Grund, daß Prinz Ferdinand seit 1762 Her- renmeister des Johanniterordens war. Bis da- hin führte das Regiment Markgraf Karl Nr. 19 das Johanniterkreuz in der Fahne.

Das Regiment Prinz Ferdinand

während des Siebenjährigen Krieges Die voraufgehenden beiden Schlesischen Kriege ga- ben dem Regimente nur zweimal Gelegenheit, sich zu bewähren; es focht bei Chotusitz (Caslau) am 17. Mai 1742 und bei Kesselsdorf am 15. Dezember 1745. Weitere Details werden nicht berichtet. Auch die Nachrichten über die Beteiligung des Re- giments an den Schlachten des Siebenjährigen Krie- ges fließen nicht reichlich. 1756 waren die Grenadiere mit bei Lobositz (1. Oktober); die Musketierbataillone befanden sich unter den Truppen, die zur Einschließung des Lagers bei Pirna zurückgeblieben waren. Hier blieben sie bis zur Kapitulation der Sachsen am 15. Oktober., 1757, im Mai und Juni, lag das Regiment vor Prag, an der Belagerung der Festung teilnehmend. Am 7. September fochten die Grenadiere bei Moys (wo Winterfeldt fiel), die Musketiere in der Schlacht bei Breslau am 22. November. Bei Leuthen, 5. Dezember, war das ganze Regiment. 1758 teilten sich die Bataillone; das eine war bei der Belagerung von Olmütz, das andere gehörte mit zur Bedeckung des großen Munitionstransportes für die Belagerer. Dieser Teil des Regiments wurde bei Domstadtl angegriffen, verteidigte sich aber mit so viel Bravour, daß ein Teil der Wagen gerettet wurde. 1759 wird das Regiment nicht genannt. Es scheint also ebensowenig wie bei Zorndorf und Roß- bach (1758), so auch bei Kunersdorf nicht mit enga- giert gewesen zu sein. 1760 ist das Glanzjahr des Regiments. Die Grenadie- re wurden bei Landeshut, 23. Juni, unter Fouqué nahezu aufgerieben, der Rest in Gefangenschaft ge- schleppt; die Musketiere fochten am 15. August in der Schlacht bei Liegnitz und scheinen, neben dem Regiment Anhalt-Bernburg, den Hauptanteil am Sie- ge gehabt zu haben. Der König verlieh allen Capitai- nen den Pour le mérite, dazu ein Geschenk von 100 Friedrichsdor. Namentlich dies letztere, bei den damaligen Kassenzuständen, deutet darauf hin, daß es dem Regiment an diesem Tage gelungen sein mußte, sich die Zufriedenheit des Kriegsherrn in ei- nem besonders hohen Grade zu erringen. Anderer- seits (auch das mag Erwähnung finden) werden nicht, viele in der Lage gewesen sein, von dieser besonde- ren Huld des Königs Nutzen zu ziehen, denn es heißt in aller Kürze: »Die Musketierbataillone waren beinah völlig ruiniert worden.« Die Schlacht bei Liegnitz war die einzige, die dem Regimente zu besonders ruhmreicher Betätigung Gelegenheit gab. Es mag deshalb gestattet sein, bei dieser überhaupt glänzenden und zugleich poetisch- eigentümlichen Aktion einen Augenblick zu verweilen und eine kurze Schilderung derselben zu geben. »Es war eine ungemein schöne Sommernacht. Der gestirnte Himmel hatte kein Wölkchen, und kein Lüftchen wehte. Niemand schlief. Die Soldaten hat- ten sich zwar mit ihrem Gewehr im Arm gelagert, allein sie waren munter, und da sie nicht singen durften, so unterhielten sie sich mit Erzählungen. Die Offiziere gingen spazieren, und die Generale ritten umher, um alles Nötige zu beobachten. Was den Kö- nig angeht, so hat Gleim die Situation gegeben:

Auf einer Trommel saß der Held Und dachte seiner Schlacht, Den Himmel über sich zum Zelt Und um sich her die Nacht.

Es fing eben an zu dämmern, als sich Laudon näher- te, der mit seiner 30 000 Mann starken Armee den linken Flügel der Preußen im Lager angreifen wollte. Bald aber wurd er mit Erstaunen gewahr, daß er die ganze Armee des Königs vor sich habe, dessen zwei-, tes Treffen auch sogleich auf ihn losfiel und ihn von einer in der Nacht aufgeführten Batterie her begrüß- te. Das erste Treffen hatte Friedrich zur Beobachtung Dauns bestimmt, der seinem rechten Flügel gegenü- berstand. Laudon, auf die Unterstützung seines O- berfeldherrn rechnend, wich dem Kampfe nicht aus, sondern bot den Preußen die Spitze und überließ den Ausgang der Tapferkeit seiner Truppen und dem ihn so oft begleitenden Glück. Er ließ seine Kavallerie vorbrechen, sah aber, daß diese zurückgeworfen und in die Moräste getrieben wurde. Nun erst ging unsere Infanterie vor und schlug nach einem hartnäckigen Kampfe (an dem die Regimenter Prinz Ferdinand und Anhalt-Bernburg in erster Reihe teilgenommen zu haben scheinen) die österreichische Infanterie aus dem Felde. Die letztere machte noch den Versuch, mit einer ganzen Kolonne durch das vor der preußi- schen Front gelegene Dorf Panthen zu rücken, allein die Unseren steckten es durch Haubitzgranaten in Brand und zwangen den Feind, das Gefecht auf den linken Flügel einzuschränken. Daun, auf dessen Erscheinen Laudon gerechnet hat- te, kam ohne sonderliches Verschulden zu spät, da der Wind so stand, daß der Kanonendonner nicht gleich anfangs gehört wurde, trotzdem die Entfer- nung nur eine gute halbe Meile betrug. Laudon, der alles getan und sich persönlich der größ- ten Gefahr ausgesetzt hatte, zog sich nun zurück und überließ dem Könige das Schlachtfeld. 6000 Österreicher waren gefangen, 4000 tot oder verwundet; dabei waren ihnen 23 Fahnen und, 82 Kanonen verlorengegangen. Bei Friedrichs Heere zählte man 1800 Tote und Verwundete, die zu er- heblichem Teil auf die beiden genannten Regimenter entfielen. Die Auszeichnungen, die dem Regimente Prinz Ferdi- nand zuteil wurden, hab ich bereits namhaft ge- macht. Anders, aber nicht geringer war der Lohn, der dem Regiment Anhalt-Bernburg zufiel. Dieses Re- giment hatte sich kurz vorher bei der Belagerung von Dresden (wo es bei einem Ausfall des Feindes zu- rückgeschlagen worden war) die Ungnade des Königs zugezogen, und die gemeinen Soldaten hatten zur Strafe die Seitengewehre, die Unteroffiziere und Offi- ziere die Huttressen verloren. Dies ward als ein sol- cher Schimpf empfunden, daß das ganze Regiment entschlossen war, bei nächster Gelegenheit die ver- lorene Ehre wieder zu erkämpfen oder zugrunde zu gehen. Diese nächste Gelegenheit war: Liegnitz. Der König, dem nichts entging, hatte gesehen, welche Opfer gebracht worden waren. Nach der Blutarbeit ritt er bei dem Regiment vorbei. Die Offiziere schwiegen, vier alte Soldaten aber fielen dem König in den Zügel, umfaßten seine Knie und flehten um die verlorne Gnade. ›Ja, Kinder, ihr sollt sie wieder haben, und alles soll vergessen sein!‹ Noch am sel- ben Tage erhielten die Soldaten ihr Seitengewehr und die Offiziere ihre Tressen zurück. Die Schlacht bei Liegnitz hatte nur zwei Stunden ge- dauert.1) Um fünf Uhr früh war alles vorüber. Um neun Uhr marschierte bereits die ganze Armee den, Russen unter Tschernyschew entgegen. Noch am selben Tage wurden drei Meilen zurückgelegt.« Archenholz, dem die vorstehende Schlachtschilde- rung im wesentlichen entlehnt ist, tut des Regimen- tes Prinz Ferdinand – dessen glänzende und aus- schlaggebende Beteiligung an der Liegnitzer Affaire historisch feststeht – nicht Erwähnung. Überhaupt gehört unser Ruppiner Regiment nicht zu denen, die seitens dieses trefflichen Geschichtsschreibers (des- sen Darstellung des Siebenjährigen Krieges ich bei dieser Gelegenheit erneut mit dem allergrößten Inte- resse gelesen habe) bevorzugt worden sind. Die Re- gimenter Itzenplitz und Manteuffel, Schwerin und Winterfeldt, Prinz Heinrich und Anhalt-Bernburg, vor allem das Regiment Forcade werden wiederholentlich genannt, auch andere noch, aber dem Regiment Prinz Ferdinand ist nicht eine Zeile gewidmet. Die Billigkeit erheischt, hinzuzusetzen, daß mit Ausnah- me der Liegnitzer Schlacht die Aktion des Regiments nirgends eine hervorragende gewesen zu sein scheint. 1761 war es noch in Polen und Pommern, namentlich vor Kolberg, tätig; 1762 nahm es an der Belagerung von Schweidnitz teil. Dann kam der Frie- den. Über das Garnisonleben, das nun eintrat, sprech ich erst weiterhin, davon ausgehend, daß die Formen dieses Lebens nach der Rheincampagne nicht we- sentlich anders waren als nach dem Siebenjährigen Kriege., 1. Am hundertjährigen Gedächtnistage der Schlacht bei Liegnitz ist auf einem Höhenzuge in der Nähe des Dorfes Panthen – wie es heißt, an ebender Stelle, wo sich der König während der Schlacht aufhielt – eine Erinne- rungssäule errichtet worden. Sie ist von Gra- nit, trägt zunächst einen Teller, auf diesem ein Kapitell in Form eines umgestülpten Top- fes und auf dem Kapitell einen Adler von ge- ringer Schönheit. Das Ganze mehr gut gewollt als gut getan. Die Inschrift lautet: »Zur Erin- nerung an den 15. August 1760.« Dorf Pan- then liegt links in der Tiefe; nach rechts hin ein Wäldchen, das schon in der Schlacht – wiewohl keiner der jetzt darin wachsenden Bäume bis 1760 zurückreicht – eine Rolle ge- spielt haben soll. – In Entfernung einer Meile nach Osten zu zieht sich ein gegenübergele- gener, die ganze Gegend beherrschender Hö- henzug, auf ihm Schloß und Kirche von Wahl- statt, letztere ein prächtiger Rokokobau, weithin sichtbar und wie der point de vue, so zugleich auch die Hauptzierde der Umgebung von Liegnitz.,

Das Regiment Prinz Ferdinand

während der Rheincampagne 1793 und 1794 1792 war das Regiment mit unter den Truppen, die am 19. August, 42 000 Mann stark, die französische Grenze überschritten und etwa drei Wochen später in die Champagne einrückten. An der Spitze des Re- giments stand damals Oberst von Koschitzky1), der wahrscheinlich schon aus der Zeit des Siebenjähri- gen Krieges her dem Regiment angehörte. Wenigs- tens find ich in der ältesten mir bekannt gewordenen Rangliste: »Zustand der preußischen Armee, 1778«, von Koschitzky als ältesten Capitain. Sehr wahrscheinlich war das Regiment mit bei Valmy (20. September 1792), doch fehlen in den Aufzeich- nungen, die mir darüber zugänglich waren, alle be- stimmteren Angaben. Erst 1793, während des ei- gentlichen Rheinfeldzuges, geschieht des Regimentes speziell Erwähnung. Es war bei der Kanonade von Ginsheim, später bei der Blockade und Belagerung von Mainz. Die Erstürmung der Zahlbacher Schanze und nach der Übergabe von Mainz die zweimalige Wegnahme des Kettricher Hofes geschah durch das Regiment, welches auch bei der Diversion in die Vo- gesen die Avantgarde machte. Das 2. Bataillon ver- trieb den Feind vom Igelberge bei Lembach. 1794 wurde die Leibcompagnie des Regiments »auf dem Sande« von einem weit überlegenen Feinde angegriffen, hielt aber das Feuer desselben mehrere, Stunden lang standhaft aus, ohne ihren Posten zu verlassen. Das ganze Regiment war bei dem Angriff auf Lautern und Trippstadt. Ferner war das erste Bataillon bei Johanniskreuz. Es warf den mit überle- gener Macht angreifenden Feind und hielt ihn so lan- ge, bis eine allgemeine Retraite erfolgte. So die spärlichen Aufzeichnungen aus jener Zeit, die wohl nur mit Hilfe von Kriegsministerialakten oder von Briefen und Tagebüchern erweitert werden kön- nen. Andere Truppenteile, trotzdem das Regiment Prinz Ferdinand keineswegs zu den »unliterarischen« gehörte, sind nach dieser Seite hin vom Glück be- günstigter gewesen. So beispielsweise das Regiment Herzog von Braunschweig in Halberstadt. Aus der Feder Karl Friedrichs von dem Knesebeck (des späte- ren Feldmarschalls), der, nachdem er anfänglich als Junker im Infanterieregiment von Kalckstein gestan- den hatte, dem vorgenannten Regimente Herzog von Braunschweig angehörte, existieren zahlreiche Brie- fe, die speziell über die Kriegsereignisse von 1792 bis 1794 die interessantesten Mitteilungen machen, aber Regiment Prinz Ferdinand, unter dessen jünge- ren Offizieren sich ein Bruder Karl Friedrichs von dem Knesebeck befand, mußte auf solche Auszeich- nungen verzichten. Die Taten, die unberichtet blei- ben, sind nicht viel anders wie nicht geschehen. 1. Die Kommandeure des Regiments seit 1778 waren die folgenden: 1778 Oberst von Kalck- reuth, 1779 Oberst von Lange, 1784 Oberst, von der Marwitz, 1788 Obristlieutenant von Hundt, 1789 Obristlieutenant von Koschitzky. Die beiden folgenden und zugleich letzten Kommandeure waren: von Tschammer und von Bömcken. Wir kommen im Text auf sie zurück. Von anderweiten Offiziersnamen aus dieser Epoche nennen wir: von Kospoth, von Thadden, Graf Schmettau, von Gloeden, von Cocceji, von Seydlitz, von Byern, du Rosey, du Trossel, von Clausewitz (der Mili- tairschriftsteller).

Das Regiment Prinz Ferdinand

während der Friedensjahre von 1795 bis 1806 1795 kehrte das Regiment vom Rhein in seine alte Garnison zurück. Oberstlieutenant von Tschammer, der es nach dem Rücktritte Koschitzkys während des größeren Teils der Campagne geführt hatte, avan- cierte zum Obersten, und von Gloeden, du Rosey, von Seydlitz und von Byern waren um diese Zeit die vier Majore des Regiments. Von Tschammer blieb Kommandeur bis 1800 oder 1801. In diesem Jahre ging das Kommando an Major von Böhmken oder Bömcken (beide Schreibweisen kommen vor) über, der auch, inzwischen zum Obersten avanciert, 1806 das Regiment bei Auerstedt führte. Die Friedensjahre, die zwischen 1795 und 1806 la- gen, scheinen glückliche Jahre gewesen zu sein. Die Stadt wuchs nach dem Brande von 1787 schöner, wieder auf, und die lichtvollen Straßen und Plätze, die damals im frischen Anstrich ihrer Häuser noch mehr heiter als monoton wirkten, gaben dem ganzen Leben ein freundliches Gepräge. Die glückliche Ei- genart der Personen, die an der Spitze der Bürger- schaft wie der Garnison standen, wirkte zu diesem günstigen Resultate mit. Oberst von Tschammer1) gehörte in die Reihe jener Offiziere der alten Armee, die Pflege des Schönen, Sinn für die Wissenschaften und Eifer für das allgemeine Wohl mit straffer Hal- tung im Dienst zu verbinden wußten. Er rief eine Garnisonschule ins Leben, gewährte der Stadt bei ihren Anlagen und Verschönerungen mannigfache Hilfe und war der erste, der in dem damals Tscham- merschen, jetzt Gentzschen Garten die frideriziani- schen Erinnerungen zu pflegen begann. Ein neuer Geist fing an sich unter dem Einflusse französischer Ideen und Siege zu regen, aber freilich ragte das Alte vielgestaltig in das Neue hinein, und während die Stichworte der »Freiheitsära« von Mund zu Mund gingen und Humanität und Toleranz den Inhalt jeder Ressourcenrede bildeten, regierte drau- ßen der Zopf und der Stock unverändert weiter, und an nicht wenig Tagen im Jahre tat sich die bekannte Gasse auf, und der Delinquent mußte sie durchlau- fen. Uns überkommt ein Schauder, wenn wir jetzt die Einzelheiten dieser Vorgänge beschrieben lesen, aber wie Pastor Heydemann in seiner »Geschichte Rup- pins« sehr richtig bemerkt: »Die Rücken waren da- mals härter.« Die Prügelstrafe war allgemein, die Eltern schlugen ihre Kinder, die Lehrer ihre Schüler, und wie es beim Nähr- und Lehrstande war, so durft, es ohne viel Aufhebens auch beim Wehrstande sein. Man war an solche Prozeduren gewöhnt und hielt die rauhe Behandlung der Soldaten für ganz in der Ord- nung. Ja, die davon Betroffenen sahen es selbst der- artig an und versagten ihren Vorgesetzten keines- wegs ein gewisses Maß von Zuneigung, wenn sich nur Gerechtigkeit mit der Strenge paarte. In der Tat, unsre nachträgliche Verurteilung all die- ser Dinge trifft nicht voll das Richtige, und um so weniger, wenn wir im Auge behalten, aus welchen Elementen sich die damalige Armee zwar nicht aus- schließlich, aber doch zu sehr erheblichem Teile zu- sammensetzte: rohe Gesellen, die nicht eins der Zehn Gebote hielten, verlorene Söhne, deren Moral so weit reichte wie ihre Furcht, und Ausländer, die zu allem andern auch noch das Gefühl gesellten: was uns umgibt, sind Fremde oder Feinde. Ein Vorkommnis, das Heydemann erzählt, ist höchst charakteristisch für die Naturwüchsigkeit damaliger Zustände. Man führte Schäferspiele auf und schrieb Idyllen2), aber man war weder nervös noch sentimen- tal. Die Geschichte selbst aber ist die folgende. Ein Soldat, ein heftiger, leicht aufbrausender Mensch, bewarb sich um die Gunst eines Mädchens, das in der Offizierküche diente. Sie lehnte seine An- träge, die ehrlich gemeint waren, ab. Eines Tages, als sie vom Bäcker gegenüber den für den Offizier- tisch bestimmten Braten holte, trat der Soldat mitten auf dem Damm an sie heran und fragte: ob sie noch nicht entschlossen sei, ihn zu heiraten. »Nein.« Im, selben Augenblick empfing sie einen Messerstich in den Hals. Sie ließ (auch charakteristisch) den Braten nicht fallen, schritt vielmehr weiter, setzte die Schüssel auf den Tisch und sank dann ohnmächtig zu Boden. Die Wunde war nicht tödlich, aber der Soldat, der sich inzwischen auf der Wache selbst gemeldet hatte, mußte auf Tod und Leben laufen. Er überwand die furchtbare Strafe und diente weiter, während das Mädchen nach Potsdam hin übersiedelte. Ebendahin kam auch der Soldat; ein Zufall fügte es so. Hier nun erneuerten beide ihre Bekanntschaft, Mordversuch und Gassenlaufen waren vergessen, und vor dem Altar der Garnisonkirche besiegelten sie den Bund ihrer Herzen. Die Hauptvorkommnisse des Ruppiner wie jedes da- maligen Garnisonlebens waren die Desertionen. Die ganze Bevölkerung, auch die der Nachbardörfer, wurde dabei in Mitleidenschaft gezogen. Ruppin er- wies sich für etwaige Fluchtversuche sehr günstig, da mehrere mecklenburgische Gebietsteile derartig ein- gesprenkelt im Preußischen lagen und noch liegen, daß der Weg bis beispielsweise zur Enklave Netze- band hin kaum zwei Meilen betrug. Netzeband war gleichbedeutend mit Freiheit. In vielen hundert, um nicht zu sagen tausend Herzen hat sich damals alles Denken und Wünschen um die Frage gedreht: Werd ich Netzeband erreichen oder nicht? Und alles, was sich nur ersinnen ließ, um das Desertieren unmöglich zu machen, ward infolge davon angewandt. Das Hauptmittel hieß Verheiratung. Der Arm der Frau hielt fester als der Arm des Gesetzes. Aber nicht je- der wollte heiraten. Da galt es denn andere Sicher-, heitsmaßregeln ausfindig zu machen. Nicht nur durchstreiften Patrouillen die Stadt während der Nacht, sondern auch Unteroffiziere gingen von Haus zu Haus und riefen die in Bürgerquartier liegenden Soldaten an, um sich zu überzeugen, daß sie noch da seien. Wurd aus diesem oder jenem Grunde dem Anruf nicht geantwortet, so blieb nichts anderes üb- rig, als den Wirt zu wecken und an die einzelnen Schlafstellen heranzutreten. Erwiesen sich aber all diese Mittel umsonst und war es dem einen oder an- dern nichtsdestoweniger gelungen zu entkommen, so ward eine Kanone, die draußen am Wall stand, meh- rere Male abgefeuert. Man konnte die Schüsse in Katerbow, einem dicht vor Netzeband gelegenen preußischen Dorfe, hören. Was Friedrich der Große von ganz Preußen gesagt hat, »es müsse immer en vedette sein«, das galt doppelt und dreifach von Ka- terbow. An Katerbow hing viel. Es war für den Flüchtling die »letzte Gefahr«, und erst wenn er die- se glücklich hinter sich hatte, war er frei. In Ruppin selbst aber ließ man es nicht bei den Alarmschüssen bewenden, die Deserteurglocke auf der Klosterkirche wurde geläutet, und entdeckte man die Stelle, wo der Entronnene über die Mauer gestiegen war, so verfielen die beiden zunächst stehenden Schildwa- chen ebenfalls der Strafe des Gassenlaufens. Ums Gassenlaufen – fast noch über das Desertieren hinaus – drehte sich ein gut Teil des allgemeinen Interesses. Es gehörte, wie die Hinrichtungen, zu den derberen Volkslustbarkeiten. Das Bedürfnis nach Sensation, das jetzt in »Armadale« oder in dem »Vermischten« unserer Zeitungen seine Nahrung, findet, fand damals in den Hergängen des Lebens selbst seine Befriedigung. Es liegen uns ganz minuti- öse Schilderungen vor, wie nun die Prozedur einge- leitet und seitens des Profoses die von ihm geschnit- tenen Ruten – um derentwillen er der »Regiments- Federschneider« hieß – an die in der Gasse stehen- den Soldaten verteilt wurden. Aber wir leisten auf Wiedergabe dieser häßlichen Dinge Verzicht und er- freuen uns lieber an humoristischen Zügen, die nicht minder aus den Zeiten jenes militärischen Terroris- mus berichtet werden. Aus allen geht hervor, daß man nicht sonderlich eingeschüchtert war und immer noch Muße fand zu Übermut und guter Laune. Selbst zu Wortspielen. Einer der Soldaten hieß Winter. Es war um die Zeit, wo das Tauwetter begann, und die Eiszapfen schmol- zen bereits an den Dächern. Winter, der sich schlüs- sig gemacht hatte, die nächste Nacht zu entspringen, sah seinen Hauptmann im Fenster liegen, der sich, rauchend, der Märzensonne freute. Winter grüßte hinauf und rief: »Herr Hauptmann, ich glaube, der Winter geht ab.« – »Das glaub ich auch.« Und am andern Morgen war Winter fort. Er war über den ge- frorenen See nach Wuthenow hin entkommen. Ein anderer verkleidete sich als Schornsteinfeger. In rußiger Kleidung, eine schwarze Leiter auf der Schul- ter, den Besen in der Hand, war er glücklich zum Tor hinausgekommen und schritt gradeswegs auf das Mecklenburgische zu. Da kam ihm, zu weiterem Glück, ein Netzebander Bauer nachgefahren und fragte: »Schornsteinfeger, wohin?« – »Nach Netze-, band, da brennt ein Schornstein, den ich löschen soll.« – »Das ist am Ende bei mir.« – »Kann wohl sein.« Und der Bauer ließ nun den vermeintlichen Schornsteinfeger aufsteigen und jagte auf Netzeband zu, wo sich der Gerettete für gute Fahrt freundlich bedankte. Sehr ansprechend ist die folgende kleine Geschichte, mit der wir diesen Teil des Kapitels schließen wollen. Ein Mann, der später als Lehrer und Oberküster eine bekannte Persönlichkeit in Neuruppin war, gehörte in seiner Jugend ebenfalls dem Regiment Prinz Ferdi- nand an. Er war verlobt und wünschte sich zu verhei- raten, da man aber (weil er zu den Bevorzugten zählte) seines Bleibens im Regiment ohnehin sicher zu sein glaubte, wurd ihm seitens des Obersten der unerläßliche Konsens verweigert. Die Folge davon war: Desertion. Und so schritt denn unser Freund auf Netzeband zu und hatte den halben Weg bereits glücklich zurückgelegt, als er das Prusten von Pfer- den hinter sich hörte und gleich darauf einen Wagen neben sich sah, in dem, in höchsteigener Person, der gestrenge Herr Oberst saß. »Wohin?« fragte dieser. »Nach Netzeband; ich will mir Tuch kaufen.« – »Da will ich auch hin; setz dich nur auf den Bock.« Und so fuhr denn der Oberst den Deserteur nach Netze- band hinein. Als sie vor dem Kruge hielten, sprang der Soldat vom Wagen, trat an den Kutschenschlag und sagte: »Herr Oberst, ich melde mich als Deser- teur.« Der Oberst wetterte nun durch alle Register durch, legte sich aber endlich aufs Kapitulieren. »Was hilft's! stell deine Bedingungen.« – »General- pardon, Herr Oberst, und den Konsens, zu heiraten.«, – »Beides sollst du haben; steig nur wieder auf.« Und so geschah es. Er kam mit seinem Obersten, als ob nichts vorgefallen wäre, nach Ruppin zurück und empfing, ohne vorgängige Strafe, die gewünschte Heiratserlaubnis. 1. Im Feldzuge von 1806, über den wir weiterhin ausführlicher sprechen, wird sein Name oft erwähnt. Er kommandierte eine Brigade im Rüchelschen Corps, nahm aber, laut Ordre in Weimar zurückbleibend, an der Schlacht bei Jena nicht teil. Am 21. Oktober, als unsre ge- schlagene Armee sich in und um Magdeburg gesammelt hatte, wurde General von Tschammer mit Führung einer Division be- traut. Diese Division marschierte in der Ho- henloheschen Hauptkolonne und bestand aus: Brigade Böhmken: Grenadierbataillone Bor- cke, Dohna, Losthin, Gaudi, Osten, und aus Brigade Elsner: Grenadierbataillon Hahn, 1. Bataillon Arnim, Regiment Hohenlohe, Re- giment Braunschweig und Reste des Re- giments Winning. Alle diese Truppen, neben andren (vergleiche weiterhin), kapitulierten eine Woche später bei Prenzlau. General von Tschammer hatte bis zuletzt sich Umsicht und Entschlossenheit gewahrt. 1800 oder 1801, bei seiner Ernennung zum General, wurde er Chef des altmärkischen Regiments Nr. 27, Garnison Stendal und Gardelegen, das nun Regiment von Tschammer hieß. Von, Tschammer selbst starb 1809 als Komman- dant des Berliner Invalidenbataillons. 2. Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörte das Re- giment Prinz Ferdinand um diese Zeit zu den Regimentern von »feinerem Ton und literari- schen Allüren«. Dazu wirkte mit, daß ein kö- niglicher Prinz der Chef und ein anderer der Nachbar des Regiments war. Prinz Ferdinand, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben, bewohnte wenigstens zeitweilig sein Ruppiner Palais, und Prinz Heinrich zog die Offiziere des Regiments mannigfach in seinen Rheinsberger Kreis. Namentlich das letztere hatte großen Einfluß, denn Prinz Heinrich, wenn's ihm paß- te, liberalisierte auch.

Das Regiment Prinz Ferdinand bei Auerstedt 14. Oktober 1806

Der Krieg gegen Frankreich war endlich beschlossene Sache. Am 9. August erging die Mobilmachung- sordre, und am 31. August verließ das Regiment Prinz Ferdinand Neuruppin, um es nicht wiederzuse- hen. Nur Individuen kehrten zurück, kein Regiment. Der Marsch ging zunächst auf Magdeburg, das samt Umgegend den Sammelplatz für die märkischen und magdeburgischen Truppen bildete. Der Herzog von Braunschweig, in seiner Eigenschaft als Oberkom-, mandierender, verlegte am 13. September sein Hauptquartier nach Halle und setzte die bei Magde- burg versammelten Truppen, und unter diesen auch unser Regiment Prinz Ferdinand, am 15. auf Naum- burg zu in Bewegung. Am 21. und 22. wurden bei letztgenanntem Orte die Kantonierungen bezogen. Die Hauptarmee, 57 000 Mann stark, bestand aus den Divisionen Schmettau, Wartensleben und Prinz von Oranien und aus einer abermals zwei Divisionen starken Reserve. Die Schlacht bei Auerstedt ward im wesentlichen mit den erstgenannten drei Divisionen, also mit etwa 30 000 Mann geschlagen. Den beiden Reservedivisionen – die zweifellos imstande gewesen wären, die Niederlage in einen Sieg zu verkehren – fiel nur die Aufgabe zu, den Rückzug zu decken. Sie hatten hierbei, einzelne Abteilungen abgerechnet, nur geringe Verluste. Dies vorausgeschickt, wenden wir uns jetzt der so verhängnisvoll gewordenen Bataille zu. Feindlicher- seits kommandierte Marschall Davout, unsererseits Herzog von Braunschweig. Hüben und drüben traten drei Divisionen, und zwar echelonartig, in den Kampf ein. Unsere Division Schmettau stieß bei Hassenhau- sen auf die französische Division Gudin; dieses Dorf, nach kurzer Besitzergreifung unsererseits, ging wie- der verloren, und nun wurde Hassenhausen der Punkt, um den sich ein mehrstündiges, mörderisches Gefecht drehte. Wer Hassenhausen hatte, hatte den Sieg. Der Division Schmettau folgend, griff diesseitig die Division Wartensleben ein, aber auch der Feind führte jetzt die Division Friant in den Kampf. Alle, unsere Versuche, das Dorf wieder in unseren Besitz zu bringen, scheiterten; die Regimenter Alvensleben und Kleist, jenes von der Schmettauschen, dieses von der Wartenslebenschen Division, litten schwer. So standen die Dinge, als auf unserer Seite die Divi- sion Prinz von Oranien mit den Brigaden Lützow und Prinz Heinrich auf dem Kampfplatze eintraf. Schon vor ihrem Erscheinen war der Herzog von Braun- schweig tödlich verwundet worden, und soweit noch in dem überhandnehmenden Wirrsal von Kommando die Rede sein konnte, war dasselbe auf den König in Person übergegangen. Im richtigen Erkennen des- sen, worauf es ankam, dirigierte dieser die Division Oranien ebenfalls gegen Hassenhausen, und zwar derart, daß die Brigade Lützow am rechten Hügel der daselbst fechtenden und durcheinandergekommenen Truppenteile, die Brigade Prinz Heinrich aber nach vorgängiger Wegnahme des Dorfes Poppel am linken Flügel eingreifen sollte. Bei der Brigade Prinz Heinrich befand sich neben dem Grenadierbataillon Rheinbaben und dem Re- giment Puttkamer auch unser Regiment Prinz Ferdi- nand. Wir folgen dem Vorgehen dieser Brigade. Die Brigade trat an; das Grenadierbataillon Rheinba- ben nahm die Tête. Unter persönlicher Führung des Obersten Prinz Heinrich1) ging es gegen das ihm als nächstes Angriffsobjekt bezeichnete Dorf Poppel vor. Die Grenadiere vertrieben den Feind mit dem Bajo- nett, wurden aber beim Heraustreten aus dem Dorfe durch ein so heftiges Gewehrfeuer empfangen, daß sie sich in Unordnung durch Poppel und das ihnen, zur Unterstützung nachgesandte zweite Bataillon Puttkamer hindurchzogen. Dieses letztre Bataillon wurde nunmehr von feindlichen Chasseurs angefal- len, schlug indessen den Angriff ab, und als jetzt der Rest der Brigade: das erste Bataillon Puttkamer und das erste und zweite Bataillon Prinz Ferdinand, in gleicher Höhe anlangte, zog sich der Feind – wahr- scheinlich das 108. französische Linienregiment – zurück. Das Grenadierbataillon Rheinbaben blieb jenseits Poppel, die übrigen vier Bataillone der Brigade Prinz Heinrich aber gingen in gerader Richtung auf das durch drei französische Regimenter (21., 85. und 12.) teils direkt besetzte, teils in der linken Flanke soutenierte Hassenhausen vor, wo sie bald in ein heftiges Artillerie- und Gewehrfeuer gerieten. Die Verluste mehrten sich rasch, und als in diesem kriti- schen Moment auch französischerseits eine dritte Division – die Division Morand – mit elf frischen Ba- taillonen in den Kampf eintrat, wichen die Unseren auf der ganzen Linie. Prinz Heinrich hielt mit seinen vier Bataillonen bis zuletzt. An ihn schlossen sich wieder einige vorgebrachte Bataillone der Division Schmettau und das Grenadierbataillon Hanstein an, mit denen er noch einmal zu avancieren versuchte. Bald aber sah er sich isoliert und gezwungen, durch das mittlerweile vom Feinde wieder eroberte Poppel zurückzugehen. An die Spitze seiner Bataillone sich stellend, bahnte er sich den Weg mit dem Bajonett. Die Grenadierbataillone Rheinbaben und Knebel un- ter Prinz August von Preußen nahmen an diesem, Angriffe teil. Das Pferd des Prinzen Heinrich ward erschossen, der Prinz selbst beim Sturze desselben bedeutend verletzt. Oberst Scharnhorst gab ihm sein eigenes Pferd und passierte das durch den Angriff beider preußischer Prinzen momentan wiedergewon- nene Poppel mit dem Gewehr in der Hand. Zwischen Poppel und Taugwitz drängte sich jetzt der ganze linke Flügel zusammen. Der Rückzug ging gegen Au- erstedt und seitwärts gegen Reisdorf, teils aufgelöst, teils wieder einigermaßen geordnet. Die Verluste waren groß. Von der gesamten Infante- rie, die gegen Hassenhausen gestanden hatte, war beinah die Hälfte tot oder verwundet. Auch das Re- giment Prinz Ferdinand hatte dementsprechend gelit- ten. Tot waren: Major von Selasinsky, Stabscapitain von der Hagen, Premierlieutenant von Goetze. 1. Der alte, berühmte Prinz Heinrich, der in Rheinsberg lebte, war bereits 1802 gestor- ben. Von den Brüdern des großen Königs leb- te nur noch der jüngste: Prinz Ferdinand, der Chef unseres Regiments. Oberst Prinz Hein- rich, von dem wir oben im Text berichten, war ein jüngerer Bruder Friedrich Wilhelms III. und verbrachte, nach Beendigung der Napo- leonischen Kriege, den größten Teil seines Le- bens in Italien. Er starb zu Rom 1846. – Der weiterhin genannte Prinz August war ein Sohn des Prinzen Ferdinand und Bruder des bei Saalfeld gebliebenen Prinzen Louis Ferdinand., Prinz August, der 1813 im Kleistschen Corps eine Brigade führte, wurde später der Reor- ganisator der preußischen Artillerie.

Das Regiment Prinz Ferdinand bis

zur Kapitulation von Pasewalk, 29. Oktober Wie Magdeburg Rendezvous vor Eröffnung der Feind- seligkeiten gewesen war, so war es jetzt Sammel- platz für die bei Jena und Auerstedt geschlagenen und nach dem Tode des Herzogs von Braunschweig beide dem Fürsten von Hohenlohe unterstellten Ar- meen. Auch unser Regiment Prinz Ferdinand nahm auf Magdeburg seinen Rückzug.1) Dem von Hoepfner- schen Werke »Der Krieg von 1806 und 1807«, das wie für die Schlacht bei Auerstedt, so auch für das unmittelbar Folgende meine Hauptquelle war, ent- nehm ich die nachstehenden, in der umfangreichen Gesamtdarstellung jener Vorgänge zerstreuten Noti- zen. In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober mar- schierten die Musketierbataillone des Regiments nach Sondershausen. Am 21. finden wir sie bei Par- chau in der Nähe von Burg, am 22. in Nielebock, Kreis Jerichow, am 23. in dem Bismarckschen Schönhausen, ebenfalls Kreis Jerichow, am 24. in, Schrepkow, Ostprignitz, am 25. in Wittstock, hart an der mecklenburgischen Grenze. Diesen ganzen Marsch vom 21. bis 25. hatte das Regiment im Brigadeverbande gemacht, und zwar innerhalb der Brigade Hagen, die aus folgenden Truppenteilen bestand: Regiment Treuenfels, Re- giment Prinz Ferdinand (in Stärke eines Bataillons), ein Bataillon Zenge, ein Bataillon Pirch. Diese Brigade Hagen war samt mehreren Kavallerie- regimentern dem General Schwerin unterstellt, der eine der vier Rückzugskolonnen der gesamten Ho- henloheschen Armee kommandierte. Diese vier Rückzugskolonnen waren die folgenden: 1. Hauptkolonne, drei Divisionen stark. Bei dieser Kolonne befand sich Fürst Hohenlohe in Person sowie Oberst von Massenbach. 2. Arrière-Garde, der Hauptkolonne folgend, unter General von Blücher. 3. Rechte Seitenkolonne unter General von Schim- melpfennig. 4. Linke Seitenkolonne unter General Graf Schwerin. Die Hauptkolonne, die zugleich die Zentrumskolonne war, marschierte über Ruppin, Gransee, Schöner- mark auf Prenzlau und kapitulierte hier., Die Arrière-Garde, General von Blücher, folgte bis Boitzenburg in der Uckermark. Hier erfuhr der ge- nannte General die am selben Tage (28.) erfolgte Kapitulation der Hohenloheschen Hauptkolonne und bog sofort links-rückwärts aus, um einem gleichen Schicksal zu entgehen. Er erreichte Lübeck und be- setzte es. Am 6. November stürmten die Franzosen die Stadt. Am 7. erfolgte die Kapitulation des Blü- cherschen Corps bei Ratkau. Die rechte Seitenkolonne, General von Schimmel- pfennig, hielt sich am Rhinluche hin, passierte Prot- zen, Walchow, Langen, Rüthnick und Gutengermen- dorf und hatte am 26. Oktober das Gefecht bei Zeh- denick. Nach diesem Gefecht hörte alle Führung auf. Aber dies gestaltete sich eher zum Guten als zum Schlimmen, und so traf es sich denn, daß von dieser schlecht oder gar nicht geführten Kolonne mehr Truppenteile über die Oder entkamen als von irgend- einer anderen. Die linke Seitenkolonne, General Graf Schwerin (die unsere), zog sich von Wittstock aus an der preu- ßisch-mecklenburgischen Grenze hin bis über Mirow, Alt-Strelitz-Wesenberg, Hasselförde und Rutenberg bis Pasewalk, wo sie nach unsagbaren Strapazen eintraf. Besonders hatte die Infanteriebrigade Hagen während dieser Märsche gelitten. Die Leute stürzten vor Hunger und Erschöpfung tot nieder. Der 26. o- der 27., an dem man sechs Meilen marschierte, kos- tete der Brigade ein Drittel ihres Bestandes., Um vier Uhr nachmittags am 28. Oktober – ich gebe nun Details, soweit solche zu finden waren – rückte die Infanteriebrigade Hagen in Pasewalk ein. Die Ka- vallerie bezog ein Bivouac in der Nähe der Stadt. Gegen Abend erfuhr man die am selben Tage erfolg- te Kapitulation Hohenlohes bei Prenzlau. Die Gemü- ter aller wurden dadurch nur noch bedrückter. O- berst von Hagen, der um diese Zeit anstelle des Ge- nerals Grafen von Schwerin das Kommando der gan- zen Kolonne, Kavallerie wie Infanterie, geführt zu haben scheint, berief alle Stabsoffiziere zu einer Kon- ferenz. Man kam überein, trotz äußerster Erschöp- fung der Mannschaften, am andern Morgen um vier Uhr aufbrechen zu wollen, um dann über Löcknitz Stettin zu erreichen. In der Nacht indes glaubte der Major Prinz Gustav von Mecklenburg-Schwerin vom Regiment Henckel- Kürassier, welcher die Postenkette kommandierte, Bewegungen auf der Prenzlauer und Stettiner Straße wahrgenommen zu haben. Er ritt deshalb nach Pa- sewalk hinein und meldete dem Obersten von Ha- gen: die Kavallerie werde immer mehr vom Feinde eingeschlossen. Der Oberst fragte, »was zu tun wä- re«, da die Pferde der Kavallerie zu ermattet seien, um ein Gefecht anzunehmen. Der Prinz antwortete, »daß er nur in der Kapitulation einen Ausweg sähe«. So kam diese zustande. Die Bedingungen, die fran- zösischerseits durch den Großherzog von Berg ge- währt wurden, gingen dahin, daß die Truppen das Gewehr strecken, die Offiziere auf ihr Ehrenwort ent- lassen und die Gemeinen in die Kriegsgefangenschaft abgeführt werden sollten. Es kapitulierten an dieser, Stelle im ganzen 185 Offiziere und 4043 Mann, wo- von 110 Offiziere und 2086 Mann auf die Kavallerie: Leibcarabiniers, Heising-, Holtzendorff-, Bünting- und Henckel-Kürassiere, entfielen. Der Rest, 75 Offiziere und 1957 Mann, war Infanterie von der Brigade Hagen, wie schon hervorgehoben: Regiment Treuenfels, je ein Bataillon Pirch und Zen- ge und Trümmer vom Regiment Prinz Ferdinand. Diese Trümmer unseres Ruppiner Regiments wurden nun, in Ausführung des betreffenden Kapitulations- paragraphen, in die Gefangenschaft abgeführt. Ruhmlos war das Ende. Das Schicksal des Ganzen bestimmte das Los des einzelnen. Ein Gericht vollzog sich, zu groß, zu gewaltig, als daß sich die Krittelei der Menschen, tadelnd oder besserwissend, daran versuchen sollte. Dennoch bleibt wahr, was General von der Marwitz in seinen Memoiren über Pasewalk und Prenzlau geschrieben hat: »Diese Kapitulationen gaben das Signal zu allem, was folgte; sie recht ei- gentlich überlieferten die Festungen. ›Der König hat keine Armee mehr, was helfen ihm noch einige Städ- te‹, so dachte jeder pflichtvergessene Kommandant. Die Kapitulationen pflanzten den Kleinmut in alle Herzen, streuten die Vorstellungen von Verrat unter das Volk und verbreiteten den jede Tatkraft lähmen- den Gedanken, ›daß doch alles verloren‹ sei. Wie eine große mannhafte Tat fortwirkend Größeres er- zeugt und aus Männern Helden macht, so sind auch umgekehrt mit der Vollbringung einer schmählichen Tat deren Folgen nicht abgeschlossen, sie bleibt ver- dammt, fortwährend Mattes und Schwaches zu er-, zeugen, wirkt wie ein schleichendes Gift und macht Männer zu Weibern.« 1. Die beiden Grenadiercompagnien des Re- giments nahmen ihre Richtung auf Erfurt. Dort haben sie wahrscheinlich am 16. Oktober schon mitkapituliert.

Nachspiel

Die Trümmer des Regiments Prinz Ferdinand hatten bei Pasewalk kapituliert und wurden in größeren und kleineren Trupps in die Gefangenschaft abgeführt. Viele befreiten sich unterwegs, und ihre Erzählungen bildeten, bis die Ereignisse des Jahres 1813 dazwi- schentraten, die Lieblingsunterhaltung auf der Bier- bank und am häuslichen Herd. Manches davon hat Prediger Heydemann in seinem schätzenswerten Bu- che »Neuere Geschichte der Stadt Ruppin« aufge- zeichnet. »Einer«, so erzählt Heydemann, »hatte darauf ge- rechnet, daß die Gefangenen von Pasewalk über Ber- lin geführt werden würden. Dort gedachte er zu ent- springen und bei seiner Schwester Zuflucht zu su- chen. Aber die Gefangenen, von französischen Chas- seurs transportiert, mußten über Templin, Oranien- burg und Potsdam marschieren. Kurz vor Potsdam, wurden sie von Nassau-Usingern und Hessen- Darmstädtern übernommen, die sehr streng mit ih- nen verfuhren. Man las ihnen vor, daß jeder Gefan- gene, der auf der Flucht ergriffen würde, ohne weite- res die Kugel vor den Kopf bekäme, und so geschah es auch bei Wittenberg, wo zwei wieder eingefange- ne Flüchtlinge vor der Front erschossen wurden. Meistens mußten die Gefangenen nachts unter frei- em Himmel liegen, ihr Schuhzeug war zerrissen. In Fulda (human genug) wurden 200 Paar Schuhe ver- teilt. An ebendiesem Ort erkrankte auch der Gefan- gene, über dessen Schicksal ich hier berichte. Er beschloß, trotz Krankheit, weiter mitzumarschieren und die nächste Gelegenheit wahrzunehmen. Und diese fand sich denn auch. In Steinau wurd er mit seinen Mitgefangenen in die Kirche gesperrt, in die bald danach ein alter Mann eintrat, um ihnen Essen zu bringen. Den bat er ohne weiteres, ihn zu befrei- en. ›Wes Glaubens bist du?‹ – ›Lutheraner.‹ – ›Gut dann will ich dir helfen. Ich habe sieben Kinder; wer weiß, wer ihnen einmal hilft.‹ Und er bracht ihm wirklich alte Kleidungsstücke, die der Gefangene bei Dunkelwerden anzog und in denen er gleich danach unter eine Bank kroch, um von den Aufpassern nicht erkannt zu werden. Da lag er denn in bitteren Ängs- ten die Nacht hindurch und nahm seine Zuflucht zum Gebet. ›Befiehl du deine Wege‹, sagte er zu allen seinen Versen zu vielen Malen vor sich her, bis er Trost und Ruhe darin fand. Und endlich brach der ersehnte Morgen an. Da kam, samt andern Leuten, auch der alte Mann wieder, mit zwei Töpfen in der Hand, als wenn er dem Gefangenen etwas zu essen bringen wolle. Die Töpfe waren aber leer. Er gab sie, nun dem umgekleideten Soldaten, und dieser ging unerkannt zur Kirche hinaus. Erst acht Tage nach Ostern traf der auf diese Weise glücklich Entkomme- ne wieder in Ruppin ein. Ein volles halbes Jahr war seit dem Kapitulationstage vergangen.« Der Rest der Gefangenen passierte den Rhein und wurde zum größten Teil in und um Nancy interniert. Andere sahen sich bis in die Pyrenäen geschleppt und da keine Nachrichten von ihnen eintrafen, schuf ihr Schicksal Sorge und Ungewißheit in vielen Her- zen. Auch äußere Not blieb nicht aus, namentlich im Kreise der Offiziersfrauen, für die man in jenen Un- glücksjahren weder Pensionen noch Unterstützungen hatte. Denn nicht einer jeden ward eine so wunder- bare Hilfe zuteil wie der Frau von der Recke, von der uns Heydemann erzählt. Der Gatte dieser, der sein Ehrenwort zu geben verweigert hatte, war gefangen auf eine der atlantischen Inseln abgeführt worden, und Frau von der Recke glaubte, daß er gefallen sei. Nur sein Handkoffer kam wie durch Zufall in ihre Hände; sie wagte jedoch nicht, ihn zu öffnen, weil sie nur Schmerz und Aufregung davon befürchtete. Ganz zuletzt erst, in immer wachsender Not, entschloß sie sich dazu, mutmaßlich, um den Inhalt des Koffers zu Gelde zu machen. Aber welch Erstaunen, als sie, sorglich zwischen die Wäsche gepackt fünfzig Friedrichsdor entdeckte, die Herr von der Recke von seinem Ersparten da hineingelegt hatte. Das half über die Not vieler Monate hinweg, und endlich traf auch ein Brief ein, der Auskunft über das Schicksal des schon tot Geglaubten gab., Anno 9 erst kehrten die Gefangenen in ihre heimi- sche Grafschaft zurück. Alle, die noch fähig waren, Waffen zu tragen, traten wieder ein; aber es geschah in neugebildete Regimenter. Das Regiment Prinz Ferdinand war hinüber, und endlich schien selbst die Erinnerung daran erloschen. Da noch einmal wurde diese wieder wach. Es war im Mai 66, die Glocken gingen, und alle die, die's noch nicht wußten, erfuhren auf ihre Frage, daß die alte Frau von Hagen heute begraben werde. Sie war dreiundachtzig. Am 31. August 1806 war der Hauptmann von Hagen (erst seit wenig Wochen vermählt) mit dem Regimente Prinz Ferdinand aus- gezogen und hatte, von seinem ersten Marschquar- tier Fehrbellin aus, eine noch verspätet im Superin- tendentengarten blühende Rose als letzten Liebes- gruß an seine Gattin geschickt. Seitdem kein Wort, kein Zeichen mehr, denn Hauptmann von Hagen war mit unter denen, die den Tag von Auerstedt nicht überlebten und am Abend, still für immer, am Dorf- rande von Hassenhausen lagen. Die Rose, sein einzig Vermächtnis, hatte ein treues Herz durchs Leben hin begleitet; jetzt war auch die- ses still, und über beiden wölbte sich das Grab. Das war die letzte Erinnerung an das Regiment Prinz Ferdinand.,

Regiment Mecklenburg-Schwerin Nr. 24

Sei ruhig, bin in Gottes Hut,

Er liebt ein treu Soldatenblut.

Das jetzige Ruppiner Regiment Nr. 24, das während der Befreiungskriege den Namen: »12. Reserve- Infanterieregiment« führte (erst im Mai 1815 erhielt es die Nummer 24), wurde während der Waffenstill- standswochen von 1813 aus drei Reservebataillonen errichtet, und zwar aus dem 4. Reservebataillon des Leib-Infanterieregiments, Major von Herrmann, 4. Reservebataillon des 2. westpreußischen Infante- rieregiments, Major von Laurens, 7. Reservebataillon, Major von Zepelin. In dieser Reihenfolge bildeten sie das 1., 2. und 3. Bataillon des neuerrichteten Regiments, zu dessen Kommandeur der Major von der Goltz ernannt wur- de. Das Regiment kam zum Yorckschen Corps, und zwar zur 8. Brigade Hünerbein, die sich aus dem brandenburgischen Infanterieregimente (jetzt Gre-, nadierregiment Nr. 12), aus dem 14. schlesischen Landwehrregiment und unserem 12. Reserve- Infanterieregiment zusammensetzte. Am 3. August, Königs Geburtstag, wurden alle drei Bataillone zum erstenmal vereinigt, und am 11. August fand am Zobtenberg eine große Parade vor König Friedrich Wilhelm III. und dem Kaiser von Rußland statt. Der spätere Oberstlieutenant von Gör- schen, der als eben ernannter junger Offizier mit in der Parade stand, gibt davon folgende Schilderung: »Voll höchster Erwartung marschierten wir am Mor- gen des 11. nach dem Paradeplatze, wo wir das Ant- litz unseres teuren Königs sehen und sein ermuti- gendes ›Guten Morgen‹ hören sollten. Die Truppen wurden aufgestellt, die Kavallerie im ersten, die In- fanterie im zweiten Treffen; unsere 8. Brigade am linken Flügel. Jetzt sah man links einen Wald von Federbüschen, und Offiziere, Unteroffiziere, Jäger und Soldaten, alles reckte sich auf den Zehen aus den Kolonnen empor. Der Wald nahte, das Komman- do zum Präsentieren wurde gegeben, und aus voller Brust stimmte jeder in das Hurra ein. Noch immer folgten Federbüsche. ›Hast du ihn gesehen?‹ riefen die Nebenleute einander zu, und andere antworteten über die Glieder und Züge hinweg mit Ja oder Nein. Der Vorbeimarsch wurde nunmehr befohlen. Mit ge- spanntester Neugier, aber freilich auch mit desto geringerer Haltung und Richtung kamen wir vorüber. Ich selbst kehrte mich, als wir in Nähe der beiden stattlichen Reiter waren, die einige Schritte vor der langen Reihe der zuschauenden russischen und, preußischen Offiziere hielten, kurz nach meinem Zu- ge um und rief den Jägern zu: ›Das ist er.‹ Und dann hörte ich, wie sie einander zuflüsterten: ›Das ist er, er, der den Degen gezogen hat. In eigener Person hat er uns dem Kaiser vorgeführt.‹ Auf dem Rück- marsch nach dem Lager aber erscholl es überall: ‹Das war er, er hat das Schwert selbst gezogen! Er führt uns selbst; wie sollten wir da nicht siegen!‹«

Das 12. Reserve- Infanterieregiment

Am 11. August Parade. Am 14. setzte sich die ganze schlesische Armee in Bewegung und rückte aus ih- rem Lager bei Strehlen gegen den Bober vor. Nach Ablauf einer Woche begannen für unser Regiment die Gefechte: am 21. August bei Seifersdorf, am 23. bei Goldberg, am 26. Schlacht an der Katzbach. Bei die- sem ersten größeren Engagement verweilen wir in der Kürze.

Die Schlacht an der Katzbach

Es kann uns nicht obliegen, eine Schilderung dieser Schlacht überhaupt zu geben, nur das Nötigste finde hier Erwähnung, wobei uns eine Lokalkenntnis zus-, tatten kommt, die wir uns neuerdings (1872) ver- schaffen konnten. Das Terrain, auf dem die Schlacht geschlagen wurde, liegt südlich von Liegnitz. Es ist ein nach Süden hin steil abfallendes Plateau, das an ebendieser Stelle von der Wütenden Neiße, nach Westen hin aber von der Katzbach begrenzt und umfaßt wird. An der Südwestecke, wo die von Ost nach West fließende Wütende Neiße in die von Süd nach Nord fließende Katzbach einmündet, biegt letztre kurz vor dem Ein- mündungspunkte jener (der Neiße) auf 2000 Schritt östlich aus und schafft dadurch auf der entsprechen- den Strecke einen Wasser-Doppellauf. Katzbach und Neiße, sonst in rechtwinkliger Stellung zueinander, laufen hier auf eine kurze Strecke hin parallel und haben nichts als einen schmalen Wiesen- und Wei- degrund zwischen sich. Dieser Umstand wurde für die Franzosen besonders verderblich; General Sa- cken warf das Neysche Corps in die Katzbach, Gene- ral Yorck das Macdonaldsche Corps in die Neiße, und zwar speziell da, wo beide Flüsse nebeneinander lau- fen, weshalb denn auch das Macdonaldsche Corps die größeren Verluste hatte. Im ganzen kann man das Terrain, auf dem die Schlacht unsererseits ange- nommen wurde, nur mit tiefem Mißtrauen betrachten und muß das Kopfschütteln Yorcks noch nachträglich gerechtfertigt finden. Nur wenn wir guten Grund hat- ten, uns überlegen zu fühlen, hatten wir auch guten Grund, dem Gegner auf so diffizilem Terrain eine Schlacht zu bieten. Aber an solchen »gutem Grunde« gebrach es durchaus. Man stand drei Corps gegen drei, und bei gleicher Zahl hatten die Franzosen da-, mals die Chancen für sich. In der Tat schwankte die Schlacht mehr als einmal, und bei besserer Führung des Feinds hätte uns sehr wohl das Los zufallen kön- nen, den Plateauabhang hinunter und in die Katz- bach und Neiße hineingeworfen zu werden. »Alles Glück, nichts als Glück«, raisonnierte der alte Yorck. Und er hatte recht. Die Schlacht verlief wie folgt. Sacken hatte den rech- ten, Langeron den linken Flügel; Yorck schob sich zwischen beide. Langeron, in der Tiefe haltend, führ- te beinah ein selbständiges, übrigens keineswegs allzu glückliches Gefecht. Die Entscheidung erfolgte auf dem Plateau, auf dem Yorck und Sacken stan- den, Yorck links, Sacken rechts, mit Front gegen Westen. In ebendieser Front floß die Katzbach, in der linken Flanke die Neiße. Die Aufstellung des Yorckschen Corps war die, daß die Brigaden Hünerbein und Horn das erste Treffen bildeten, Brigade Herzog Karl von Mecklenburg das zweite, Brigade Steinmetz in Reserve. Brigade Hünerbein hatte den linken Flügel und lehnte mithin an den Abhang, zu dessen Füßen die Neiße fließt. An der Tête der Brigade standen die Bataillone Laurens, Zepelin und Othegraven, jene von unsrem, dieses vom brandenburgischen (jetzigem 12.) Infan- terieregiment. An dieser Stelle begann der Kampf. Drei feindliche Bataillone mit vier Geschützen in der Front anvan- cierten. Das coupierte Terrain führte zu einer mo-, mentanen Teilung, und eins der Bataillone betrat bereits das Plateau, während die beiden anderen noch auf der Schrägung des Abhanges marschierten. Zwischen diesen beiden die vier Geschütze. Jetzt Halt! und Carré. Wir standen einander auf wenige hundert Schritt gegenüber. Hier (deployiert) Brigade Hünerbein, dort die drei ebenso viele Vierecke bil- denden französischen Bataillone. Das Bataillon O- thegraven warf sich mit Hurra auf das einzelne, schon auf dem Plateau haltende Bataillon und schlug es mit dem Kolben zusammen. In zehn Minuten lag alles tot am Boden. Unsere am äußersten linken Flü- gel aufgestellten Bataillone von Laurens und von Zepelin aber stürzten sich gleichzeitig1)auf die noch am Abhange marschierenden zwei französischen Carrés und trieben alles, was nicht dem Kolben und Bajonett erlag, die Schrägung hinunter, in die Wü- tende Neiße hinein. Auch die vier Geschütze wurden genommen. So wurde durch die Brigade Hünerbein, und zwar ganz speziell durch die Bataillone von Othegraven, von Laurens und von Zepelin, die Schlacht glänzend eröffnet. Was noch folgte: Kavallerieattacke des O- bersten von Jürgaß, dann Aufnahme der zurückge- henden Reiterei durch die Brigade Herzog Karl von Mecklenburg, schließlich das Vorrücken der ganzen Linie, rechts Sacken, links Yorck, gegen das verzet- telt auf dem Plateau stehende Macdonaldsche Corps, sind Momente, die jenseits unserer Aufgabe liegen. Die Brigade Hünerbein, und mit ihr unser Regiment, nahm an diesen Hergängen keinen Teil mehr und hatte nur noch Verluste durch eine von hüben und, drüben fortgesetzte Kanonade. Regimentskomman- deur Major von der Goltz fiel. Er hielt in Front unsres ersten Bataillons, als ihm sein Adjutant bemerkte, daß es wohl das Geratenste sein dürfte, den gefährli- chen Standpunkt aufzugeben. Von der Goltz aber erwiderte: »An meinem Beispiel hängt alles.« In demselben Augenblicke traf ihn das Sprengstück einer Granate und warf ihn tot vom Pferde. Der Gesamtverlust des Regiments an diesem Tage betrug 213 Mann. Im Vergleich zu den opferreichen Kämpfen, die noch bevorstanden, eine geringe Zahl. Major von Laurens übernahm das Kommando. Auch bei der Katzbach-Schlacht wiederum zeigte es sich, wie schwer es ist, über den Gang eines Ge- fechts etwas Sicheres in Erfahrung zu bringen. Es liegen mir vier Beschreibungen2) vor, die zum Teil in den wichtigsten Punkten abweichen! Wie die Briga- den untereinander und dann wieder wie die Bataillo- ne jeder einzelnen Brigade gestanden haben, dar- über herrscht Widerspruch. Einige lassen das Ney- sche Corps eine Rolle spielen, nach andern erschien es so gut wie gar nicht. Ein Bericht spricht von vier Geschützen beim ersten französischen Angriff, ein anderer von drei Batterien. Am meisten Überein- stimmung herrscht noch in betreff unserer Brigade Hünerbein, ganz speziell auch darüber, daß es das Bataillon Othegraven und »zwei andere Bataillone« (nach Zychlinski die unseren) waren, die die Schlacht glänzend einleiteten., Der Schlacht an der Katzbach folgte als nächstes wichtiges Ereignis der Elbübergang bei Wartenburg am 3. Oktober. Dazwischen lag eine Anzahl von Ge- fechten, die zum Teil blutiger verliefen als der Katz- bach-Tag. Es waren: am 4. September Gefecht bei Hochkirch, am 15. bei Langenwolmsdorf, am 20. bei Großharthau, am 21. bei Bischofswerda. Namentlich das erstgenannte (Hochkirch) legte dem 3. Bataillon, das hier seitens unseres Regiments allein in Aktion trat, große Opfer auf. Es verlor von 479 Mann 108. Unter den Gefallenen war der Kommandeur Major von Zepelin. Den Elbübergang machte unser Re- giment mit, ohne in das Gefecht selbst mit verwickelt zu werden. So schritt man auf Leipzig zu, dem bluti- gen Tage von Möckern entgegen.

Die Schlacht bei Möckern,

16. Oktober Napoleon, von dem Heranrücken der schlesischen Armee unterrichtet, stellte derselben das 6. Corps unter Marmont entgegen. Marmont lehnte seinen linken Flügel an Möckern und die Elster, den rechten an den Rietschke-Bach bei Eutritzsch. Der linke Flü- gel war der strategisch wichtigere, weil er die nächs- te Straße nach Leipzig deckte. Um Dorf Möckern und, die hart daneben gelegene Höhenposition drehte sich denn auch recht eigentlich der Kampf. Hier setzte das Yorcksche Corps seine beste Kraft ein, speziell auch unser Regiment. Das 2. Bataillon focht in der Avantgarde und war unter den Truppen, die Dorf Möckern nahmen und behaupteten. Das 1. und 3. Bataillon aber richteten, wie das Gros des Corps überhaupt, ihre Angriffe gegen die östlich vom Dorf gelegene Höhe von Möckern. Über beide Kämpfe ein kurzes Wort. Das 2. Bataillon im Dorfe Möckern Alle Häuser und Scheunen waren verrammelt und mit Schießscharten versehen; die Tirailleurs prallten ab. Jetzt wurden unsererseits vier Bataillone zum Angriff vorgezogen. Unser 2. Bataillon und ein Landwehrbataillon hatten die Tête. Der Feind, sechs Bataillone stark, stand hinter den Ziegelscheunen des Dorfes. Trotzdem a- vancierten die Unsern bis auf 150 Schritt und wech- selten Bataillonssalven mit dem Gegner. Nunmehr ging dieser zum Angriff über, und unser 2. Bataillon mußte zurück. Inzwischen aber waren die Bataillone der zweiten Linie nachgerückt, und mit diesen ver- eint gingen wir aufs neue gegen Möckern vor. Das Dorf wurde mit dem Bajonett genommen, verloren und wieder genommen. Ein Häuserkampf folgte. Chaotisches Getümmel. Alle Bataillone, die hier vor- gegangen waren, fochten aufgelöst durcheinander., Das 1. und 3. Bataillon gegen die Höhe von Möckern Gegen die östlich vom Dorf gelegene Höhe von Mö- ckern waren inzwischen die Brigaden Steinmetz und Karl von Mecklenburg avanciert. Die Bataillone fielen rottenweise. Jetzt erging Befehl auch an die Brigaden Horn und Hünerbein, sich von Lindenthal aus (das sie vorher besetzt hatten) rechts zu schieben und bei Wegnahme der Höhe von Möckern mit einzugreifen. Eine allgemeine Begeisterung ergriff die Gemüter; Generale, Offiziere, Soldaten, alle waren von dem Gedanken beseelt, daß hier nur zwischen Sieg und Tod zu wählen sei. Unser 1. Bataillon drängte mit andern aus der zweiten in die erste Linie vor, die feindliche Stellung wurde durchbrochen und Viereck auf Viereck niedergemacht. Lieutenant und Adjutant des 3. Bataillons von Johnston3) zeichnete sich hier- bei durch glänzende Bravour aus, und Lieutenant Goßlar vom 1. Bataillon folgte, wiewohl verwundet, mit seiner Schützenabteilung dem weichenden Fein- de. Diesem jungen Offizier – später Oberst und Kom- mandant von Schweidnitz – verdanken wir eine glän- zende Schilderung des Tages von Möckern, soweit unser Regiment in Betracht kommt. »Die Reveille am 16. Oktober bracht uns die Gewiß- heit, daß es heute zur Schlacht kommen werde. Es war ein feierlicher Morgen. Gewehr und Munition wurden nachgesehen und letztere kriegsmäßig er- gänzt. Jeder brachte sein Bindezeug in Ordnung, und, alles Überflüssige (namentlich Karten) wurde fortge- worfen. Es war schon voller Tag, als das Corps gegen Leipzig aufbrach; wir hatten vollständig abgekocht. Die Ge- wehre wurden beim Antreten geladen. Anfänglich bewegten wir uns in der gewöhnlichen Marschord- nung; als es aber das Terrain neben der großen Straße zu gestatten begann, formierten wir Angriffs- kolonne, was unser Vorgehen gegen die Höhen von Möckern beschleunigte. Bald gerieten wir in ein hef- tiges Granatfeuer, avancierten aber bis zu einer Ter- rainfalte, wo wir vor den feindlichen Wurfgeschossen einigen Schutz fanden und während eines kurzen Haltes Atem schöpfen und unsere schon etwas ge- lichteten Rotten wieder voll machen konnten. Eine Kanonenkugel schlug hier in unser 1. Bataillon und tötete den Secondelieutenant Knopki, mit dem ich mich kurz vorher wegen seines reglementswidrigen Platzes in der Kolonne gestritten hatte. Er usurpierte den Platz, der mir zukam, und wurde dafür statt meiner mit dem Tode bestraft. Ich habe mich dar- über lange nicht beruhigen können. Als für uns der Moment zum ersten Bajonettangriff gekommen war, stiegen unsere Stabsoffiziere vom Pferde, und nun hörte eigentlich alles Kommando auf. Wir hatten die junge französische Garde samt einem Marinebataillon unter Marmont gegen uns, und im weiteren Vordringen, unter unbarmherzigem Kleingewehr- und Kartätschfeuer, waren wir ihren Kolonnen häufig ganz nah auf den Leib gerückt. Sie wichen in größter Ordnung zurück, immer nur, um, wieder Front zu machen. So standen die Dinge, als plötzlich eines der diesseitigen, übrigens nicht un- serm Regimente zugehörigen Bataillone kehrtmach- te, wodurch die Nachbarbataillone mit zurückgeris- sen wurden. Die Intervallen gingen verloren, die Treffen vermischten sich, und war dies ein für die Offiziere aller Grade verzweiflungsvoller Augenblick. Da half kein Befehlen und Bitten, auch nicht, daß scharf druntergefuchtelt wurde. Ich meinerseits ließ mich in meiner jugendlichen Ekstase zu einem Fuß- fall verleiten. Erfolgloses Bemühen! Einem sechzehn- jährigen Tambour unsres 1. Bataillons war es endlich vorbehalten, die Ordnung wieder herzustellen. Er sprang aus dem verworrenen Knäul heraus und schlug, ganz allein vorgehend und aus Leibeskräften, mit einem Trommelstocke den Sturmmarsch. Das half! Unser Bataillon machte Front, und das verlore- ne Terrain ward um so leichter wiedergewonnen, als der Feind, in Befürchtung eines diesseitigen Kavalle- rieangriffs, überhaupt gar nicht gefolgt war. Major von Othegraven vom brandenburgischen Infanterie- regiment (jetzt Nr. 12) hat diese Handlung des Tam- bours, unmittelbar nach der Schlacht, als Zeuge zur Sprache gebracht. Der Lohn des Tapferen war das Eiserne Kreuz. Seinen Namen hab ich vergessen, aber er selbst lebt in meiner Erinnerung als ein Hauptheld des Tages fort. Mit dem Dunkelwerden war auf dieser Seite von Leipzig der Sieg erfochten, und General von Horn ließ das Leibregiment einen großen Kreis schließen und einige Hautboisten ›Nun danket alle Gott!‹ bla- sen. Da die Brigaden ganz nahe beieinander standen, und die Gewehre zusammengesetzt hatten, während es bei den Vortruppen immer noch knallte, so dräng- te sich alles zusammen, und ich werde den ungeheu- ren Eindruck nie vergessen, den es auf die Herzen aller Anwesenden hervorbrachte, als der General, nachdem das Lied verklungen war, sich mit uns allen auf die Knie warf und entblößten Hauptes ein lautlo- ses Gebet verrichtete. Das war ein freiwilliger Gottesdienst! Nachdem die Bivouacs für die Nacht bezogen waren, wurd Appell gehalten – ein trauriger Appell! Wir hat- ten wohl zwei Drittel unserer Leute eingebüßt. Unser vortrefflicher Regimentskommandeur, Major von Laurens, war, an der rechten Hand schwer verwun- det, zurückgebracht worden. Major von Pfindel, ein lustiger, mitten in der Schlacht singender Stabsoffi- zier, war zum Tode getroffen und starb bald nachher in Halle. Am Bivouacsfeuer wurde verzehrt, was jeder bei sich führte. Dann ruht ich ungestört bis zur Reveille, wo- bei mir und einem andern Kameraden der halbnackte Leichnam eines französischen Offiziers als Kopfkissen diente. Der Morgen des 17. Oktober war regnicht und kalt. Jeder Lebende und Gesunde freute sich aber dan- kend seines Daseins, und das Frühstück – schwarzer Kaffee mit Rum – mundete herrlich. Das halb ver- schimmelte Kommißbrot schmeckte wie Marzipan., Der alte Hünerbein ging mit uns auf dem nahe gele- genen Schlachtfeldterrain umher und wendete mit seinem Krückstock die schon ihrer Kleider beraubten Leichen von Freund und Feind um, wenn sie, wie gewöhnlich, auf dem Bauche lagen und mit ihren Zähnen ins Gras gebissen hatten. Und hier war es auch, wo wir die erschütternde Szene erlebten, daß unser Premierlieutenant von Kessel seinen getöteten Bruder vom brandenburgischen Regiment erkannte und ihn durch Soldaten unseres 1. Bataillons in ein Grab verscharren ließ.« So Oberst Goßlar über den »Tag von Möckern«, den er als junger Offizier mitgemacht hatte. Die Verluste waren enorm, selbst die von Vionville und St-Privat verschwinden daneben. Sie stellten sich wie folgt: 1. Bataillon, 415 Mann stark, ver- lor 235; 2. Bataillon, 513 Mann stark, verlor 387; 3. Bataillon, 389 Mann stark, verlor 136. Gesamtver- lust, einschließlich von 15 Freiwilligen Jägern, 773 Mann. Dazu 12 Offiziere. Major von Laurens (schwer verwundet) erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Nur 559 Mann stark zog unser Regiment dem Rheine zu. Es wuchs aber unterwegs. 1. Bei diesem Vorbrechen unserer beiden Batail- lone litten dieselben außerordentlich durch Gewehrfeuer, das sie von links her empfin- gen. Am Fuße des Abhangs, hart an der Wü- tenden Neiße und durch Buschwerk dem Bli-, cke nahezu entzogen, steckten feindliche Ti- railleurs. Gegen diese warf sich aus eignem Antriebe Lieutenant von Gaza mit dem 4. und 5. Zuge seines 3. Bataillons, vertrieb sie und setzte sich seinerseits in den Büschen fest. Hier befand er sich nunmehr auf ebendem Terrain, auf dem eine Stunde später die Rei- terschlacht hin und her wogte. Erst von preu- ßischer Kavallerie niedergeritten, sah er sich plötzlich mit seinen Leuten unter den Säbeln siegreich vordringender französischer Husa- ren. Er suchte die Hiebe zu parieren, bis end- lich ein derberer Hieb, der durch die Kette und den Adler des Czakos ging, ihm diesen vom Kopfe schlug. Drei Hiebe auf den Kopf und einer in den Arm folgten augenblicklich. Lieutenant von Gaza mußte sich gefangenge- ben und bald darauf sehen, wie die Franzo- sen, in deren Händen er war, mehrere Gefan- gene mit Pistolen, die sie des Regens wegen bisher unter dem Dolman verborgen gehalten hatten, niederschossen. Schon glaubte er, diesem Schicksale glücklich entgangen zu sein, als plötzlich ein einzelner zurückgeblie- bener Husar zu Fuß auf ihn zulief und, in ge- brochenem Deutsch fluchend, ihn mit der Pis- tole durch den Hals schoß. Lieutenant von Gaza fiel wie tot nieder, kam aber wieder zu sich, als beim allgemeinen Vorrücken preußi- sche Kameraden ihn an dieser Stelle fanden. Die Schußwunde durch den Hals war in fünf Wochen heil, die Hiebwunden dagegen waren noch offen, als Lieutenant von Gaza am, 1. Dezember mit Ersatzmannschaften, von Breslau aus, der Armee folgte. 2. Diese vier Beschreibungen sind: 1. der ziem- lich detaillierte Text zum Schlachtenatlas. 2. Eine Beschreibung, die auf dem Schlacht- felde verkauft wird (natürlich Abdruck irgend- einer offiziellen Relation). 3. Droysens Schil- derung im »Leben Yorcks« und 4. Zychlinskis Schilderung in »Geschichte des 24. Infanterieregiments«. 3. Die Johnstons sind Schotten. Es mag dabei die Bemerkung Platz finden, daß wir eine ver- hältnismäßig große Zahl berühmter schotti- scher Namen in unserem Offiziercorps hatten und haben. Obenan steht Feldmarschall Keith. Zur Zeit befinden sich acht Douglas, sechs Gordons, sechs Johnstons, vier Winsloes, drei Macleans und außerdem verschiedene Leslies und Hamiltons, auch Campbell, Bothwell und Butler in der Armee. Wahrscheinlich ist die Reihe der schottischen Namen hiermit nicht erschöpft.,

Das 12. Reserve- Infanterieregiment Der Rheinübergang in der Nacht

zum 1. Januar In der Silvesternacht, scharf auf der Scheide der bei- den verhängnisvollen Jahre, traf in den Cantonne- ments der Befehl ein, in aller Stille nach Kaub aufzu- brechen. Der Rheinübergang stand also nahe bevor. Die Brigade Hünerbein, der man zur Entschädigung für Wartenburg den Vortritt lassen wollte, sammelte sich und trat in geschlossenen Kolonnen zusammen. Mit und in ihr unser Regiment. Es war sternenklar und scharfer Frost; man hörte das Rollen der Dili- gence, die nach Koblenz hinabfuhr, das Plätschern von Rheinkähnen, die von Lorchhausen und Lorch herangerudert wurden, das Geräusch des beginnen- den Brückenbaues, das Auffahren einer zwölfpfündi- gen Batterie. Drüben blieb alles still und schien ent- weder ahnungslos oder aber auf Hinterlist zu sinnen. Endlich – die Spannung war aufs höchste gestiegen – begann von zweieinhalb Uhr ab die Einschiffung der Avantgarden-Infanterie auf den herbeigeschafften Kähnen. Den Übergang eröffneten 200 Füsiliere des brandenburgischen Infanterieregiments, demnächst folgte unser 2. Bataillon, diesem der Rest der Briga- de. Das Licht im Douanenhäuschen jenseits brannte., Die Überfahrt währte eine Viertelstunde. Alles blieb still, bis man das verbotswidrige Hurra hörte, mit welchem die brandenburgischen Füsiliere das linke Rheinufer begrüßten. Gleich darauf fielen die ersten Schüsse aus dem Douanenhäuschen. Während die Füsiliere ein unbedeutendes Tirailleurgefecht zu be- stehen hatten, landete auch unser 2. Bataillon, 271 Köpfe stark. Major Graf Brandenburg dirigierte die 6. und 7. Compagnie unter Führung des Haupt- manns Wiegand auf die große Straße nach Bacha- rach, die 5. und 8. Compagnie unter Kommando des Majors von Blücher aber seitwärts auf die Straße nach Oberwesel, von woher feindliche Détachements herbeigeeilt waren. Die Felsecke auf der Chaussee zwischen dem Douanenhäuschen und Bacharach war das Ziel, welches der Feind mehrere Male mit Nach- druck zu erreichen und zu halten suchte. Selbst Ge- schütze fuhren auf. Unser 2. Bataillon, dem eine Compagnie des 3. als Soutien nachgesandt wurde, verjagte den in der Verzweiflung kühnen Gegner, nahm Bacharach und setzte sich darin fest, bis es nach einigen Stunden Befehl erhielt, über Steeg nach dem Dorfe Rheinböllen zu marschieren. Als der Feind Bacharach geräumt hatte, erstiegen unser 1. und 3. sowie das 1. Bataillon des brandenburgischen Re- giments den Talrand und besetzten das Dorf Henschhausen, wo demnächst die ganze Brigade sich sammelte. Das Ersteigen der Höhen war um so be- schwerlicher, als der Morgen inzwischen Glatteis ge- bracht hatte. Dies veranlaßte ein häufiges Ausglei- ten, welches denn auch nicht ohne Folgen blieb: der interimistische Regimentskommandeur Major von Herrmann beschädigte sich durch einen unglückli-, chen Sturz vom Felsen so sehr, daß er zurückbleiben und später wegen Invalidität seine Verabschiedung nachsuchen mußte. Der Marsch der Brigade ging nun zunächst auf Saar- brücken, das am 7. Januar erreicht wurde, dann ins Lothringische hinein. Am 11. stand man bei St-Avold, am 18. aber überschritt man bei Pont-à-Mousson die Mosel und wurde den zur Einschließung von Metz bestimmten Truppen vorläufig zugeteilt. Das 1. Bataillon kam nach Moulins-les-Metz und Longevil- le, das 2. und 3. Bataillon in die Nähe von Plappevil- le, Namen, die seitdem wieder in unserem Ohr und Herzen lebendig geworden sind. Der Aufenthalt vor Metz dauerte nur kurze Zeit; schon am 26. trafen russische Truppen als Ablösung ein. »Die Unseren wurden dadurch von einem Dienst befreit, der, infolge naßkalter Witterung und von Bi- vouacs im halbgeschmolzenen Schnee, zahlreiche Verluste herbeigeführt hatte.« Aufgabe war gewe- sen, das formidable Metz womöglich einzunehmen, was beim Yorckschen Corps, das bekanntlich eine schonungslose Kritik gegen alle Anordnungen des Blücherschen Hauptquartiers übte, vielleicht nicht ohne Grund die »Champagner-Disposition« genannt wurde., Am 26. Januar brachen unsere Bataillone auf und marschierten auf St-Mihiel. Von dort aus auf Com- merey, Ligny, St-Dizier, Vitry, also hart an der jetzi- gen Straßburg-Pariser Eisenbahnlinie hin. Am 3. Februar standen die Brigaden des Yorckschen Corps vor Vitry. Am folgenden Tage wurde die Bewegung auf Châlons-sur-Marne fortgesetzt. Die 8. Brigade langte gegen Mittag vor der Festung an, und schon sollte zum Sturm geschritten werden, als General Yorck von jedem Vorgehen der Art Abstand nahm und die Stadt mit Granaten zu bewerfen begann. Bald sah man Feuer aufgehen. Einige Zeit später ließ sich eine von einem französischen Offizier begleitete Deputation der Bürgerschaft melden, welche der Ge- neral von Yorck auch empfing. Alles harrte neugierig des Ausgangs der Unterredung. Endlich kam es zur Kapitulation, und speziell unsere Brigade, die jetzt vom Prinzen Wilhelm geführt wur- de1), rückte tags darauf in die Reimser Vorstadt ein, wo man (wie am Abend vorher in der Vorstadt St- Mihiel) volle Champagnerkeller fand und die schäu- mende Flüssigkeit, die man für Weißbier hielt, gierig hinunterstürzte. Die Folgen blieben nicht aus, und unter einem wilden Gejauchze drang man endlich in die Stadt selber ein. Am 6. Februar sollte der Marsch in der Richtung auf Montmirail fortgesetzt werden. Die 8. Brigade blieb in Châlons. Mit ihr unser Regiment. Hier sollte nun-, mehr dem Champagnerrausch eine sehr unange- nehme Ernüchterung folgen. General von Yorck ließ nämlich um zehn Uhr vormittags Generalmarsch schlagen und die Truppen bis nach eingetretener Dunkelheit beim ärgsten Regen unter dem Gewehr stehen. Mitte Februars war die ganze Blüchersche Armee im »Lager von Châlons« vereinigt; sie zählte jetzt, nachdem auch General von Bülow eingetroffen war, vier Corps. Am 18. brach man auf. Es ging auf Paris. Unter Gefechten wurde Laon erreicht. Am 9. März früh nahmen die Corps der Blücherschen Armee die durch das Terrain gebotene Aufstellung, das Yorck- sche Corps in zwei Treffen. Man hörte die Schlacht auf dem rechten Flügel, dem Yorckschen Corps ge- genüber aber zeigte sich kein Feind. Endlich nach- mittags vier Uhr erschien Marschall Marmont auf der Straße von Reims. Die Batterien begannen ihr Spiel, und gegen Abend kam Befehl zum Angriff. Prinz Wil- helm, der jetzt eine Division führte, ging im Sturm- schritt gegen das brennende Dorf Athies vor, das Bataillon Borcke mit seinen Schützen in der Front. Es ward immer finsterer; nur das flammende Athies, die auflodernden Bivouacfeuer, die brennenden Lunten bei den in Position gebliebenen feindlichen Kanonen und die Sterne leuchteten. Unser Bataillon Blücher folgte links dem Bataillon Borcke; beide drangen in die nordwestliche Ecke des Dorfes ein, stießen erst auf Tirailleure, dann auf Massen. Kein Schuß fiel,, aber unter Trommelschall und Hurraruf stürzte man auf den Feind. Rechts weithin, immer ferner und fer- ner, antworteten andere Bataillone des Prinzen sowie der Division Horn und des Kleistschen Corps im wil- den Echo. Der überraschte Feind floh im wilden Durcheinander. Man fand neben den eingestürzten Balken der brennenden Häuser die kurz zuvor erst aufgesetzten Feldkessel. Einzelne Abteilungen such- ten sich hinter Hecken und Gartenmauern zu retten und schossen aus ihren Verstecken hervor. Aber zu ihrem Unheil. Sie wurden aufgespürt und über den Haufen gerannt. Der Mond ging auf und goß seine Streiflichter, gemischt mit denen des brennenden Dorfs, auf ein kurzes, aber wildes Handgemenge: der fliehende Feind, seines Weges unkundig, war ohne Wissen und Wollen in unsere Bataillone hineingera- ten. Eine Meile weit ging die Verfolgung. Nach diesem Tage (9. März) hatte man auf ein ra- sches Vorwärts gerechnet. Aber es unterblieb, und man ging bis in das Bivouac bei Athies zurück. Erst am 18. kam wieder Bewegung in den großen Heer- körper. Eine Woche später empfand jeder: nun geht es wirklich auf Paris, und am 19. standen die Spitzen unsrer Armeen angesichts der französischen Haupt- stadt. Das Yorcksche Corps hatte beim Vormarsch die Tête gehabt, die ihm zukam, denn bei ihm war der eigentliche Ernst des Krieges. So kam der 30.,

Schlacht vor Paris, 30. März

Schon um sechs Uhr hörte man Kanonendonner von Pantin und Romainville her, und um zehn Uhr stand die Avantgarde des Yorckschen Corps in Höhe von Pantin. Eine feindliche, hinter der Meierei Le Rouvray stehende Batterie beherrschte die Straße, darauf wir anrückten, und unser Musketierbataillon Blücher wurde zur Unterstützung der Avantgarde vorgezo- gen. Im Laufschritt, um dem Kartätschfeuer der bei Le Rouvray feuernden Batterie möglichst zu entge- hen, ward eine eiserne, über den Ourcq-Kanal füh- rende Brücke passiert und Le Rouvray selbst von unserem Bataillon Blücher besetzt, während andre Bataillone in Pantin einrückten. Die feindliche Batte- rie ging zurück. Mit ihr verschiedene Bataillone, die bis dahin die Position gehalten hatten. In diesem Augenblick erhielt Major Blücher Befehl, dem sich zurückziehenden Feinde zu folgen. Aber dieser war minder erschüttert, als man diesseits er- wartet hatte, kam zum Stehen und empfing die Nachstürmenden mit mehreren Salven. Gleichzeitig eröffnete eine jenseit des Kanals aufgefahrene Batte- rie ihr Feuer gegen die Unsern, und so in Front und Flanke zusammengeschossen, blieben im Nu 210 von 343 Mann. Fast zwei Drittel also waren tot oder ver- wundet. Der Rest, zurückeilend, suchte das schüt- zende Vorwerk (Meierei Le Rouvray) zu erreichen. Der Feind nach. Da rafften Hauptmann von Rathe- now und Lieutenant von Johnston ein paar Gruppen, Fliehender zusammen, warfen sich den Verfolgern entgegen und retteten dadurch die Meierei.2) Das andere Bataillon unseres Regiments, Major von Borcke, nahm nur mit einem Schützenzuge an den mehr nördlich sich hinziehenden Kämpfen teil und hatte geringe Verluste. Tags darauf, am 31. März, war »Einzug in Paris«. Linie und Landwehr blieben bekanntlich davon aus- geschlossen. Unsere Bataillone besetzten an diesem Tage die Barrièren de l'Étoile und du Bassin. Am 30. Mai Friedensschluß. Bald darauf Rückkehr der Truppen in die Heimat. 1. Um diese Zeit fanden innerhalb des Yorck- schen Corps überhaupt Neuformationen statt, die großenteils durch die voraufgegangenen schweren Verluste bedingt waren. Auch die 8. Brigade, und innerhalb derselben unser Regiment, wurde von diesem Wechsel der Dinge betroffen. Unser 1. Bataillon, mit dem Füsilierbataillon des brandenburgischen Infan- terieregiments kombiniert, kam unter den Be- fehl des Majors von Borcke, das 2. und 3. Bataillon (ebenfalls kombiniert) unter das Kommando des Majors von Blücher. Wir be- gegnen deshalb in der Folge, und zwar bis zur Einnahme von Paris am 30. März 1814, im- mer nur den Bezeichnungen: Bataillon von, Borcke und Bataillon von Blücher. [Von den vier Stabsoffizieren, die das Regiment bei sei- ner Gründung gehabt hatte, waren zwei tot, zwei schwer verwundet: Major von der Goltz an der Katzbach, Major von Zepelin bei Hoch- kirch (4. September) gefallen; Major von Lau- rens bei Möckern, Major von Herrmann beim Rheinübergang durch Sturz vom Pferde bles- siert.] 2. Bei dem Zurückgehen des Bataillons war Un- teroffizier Saame, ein ausgezeichneter Soldat, schwerverwundet liegengeblieben. Man mel- dete dem Hauptmann von Rathenow, der ihn ganz besonders schätzte, Saame habe nach seinem Capitain gerufen und hinzugesetzt: der werde schon sorgen, daß er nicht in Fein- deshand falle oder verblute. »Freiwillige vor!« rief Rathenow. Keiner meldete sich. Da eilte Rathenow selbst auf den Kampfplatz zurück, alsbald gefolgt vom Hauptmann von Bis- marck. Sie fanden den sterbenden Kamera- den und trugen ihn nach Le Rouvray zurück. Jetzt vermißte Bismarck seinen Säbel, den er zwischen den Toten hatte liegenlassen. Das ging nicht; also nochmals zurück. Mit einer leichten Schußwunde kam er davon; seinen Säbel hatte er wieder.,

Das 24. Infanterieregiment

Unser Regiment – damals noch unter seinem alten Namen: 12. Reserve-Infanterieregiment – war am 8. Juli 1814 in die ihm zugewiesene Garnison Lu- xemburg eingerückt. Major von Laurens, von seiner Verwundung hergestellt, übernahm wieder das Kommando. Nicht eben zum Vorteile des Regiments wurden viele Rheinländer eingestellt, was sich jetzt, nachdem sie aus »Muß-Preußen« längst zu loyalen Alt-Preußen geworden sind, ohne besonderen Anstoß sagen läßt. Sie wollten damals keine guten Preußen sein. Die Reorganisation war nur erst oberflächlich been- det, als eine kurze Meldung das Friedenswerk unter- brach: »Napoleon zurück von Elba!« Also wieder Krieg. Am 27. Mai 1815 verließ unser Regiment – das seit dem 1. Mai letztgenannten Jahres den Na- men 24. Infanterieregiment führte – Luxemburg und marschierte in die Niederlande hinein, um seine Stel- lung innerhalb der 1. Brigade des 1. Corps einzu- nehmen. Die Stärke des Regiments belief sich, alles in allem, auf etwa 2200 Mann, und zwar: 1. Bataillon 21 Offiziere und 717 Mann, 2. Bataillon 19 Offiziere und 727 Mann, Füsilierbataillon 20 Offiziere und 694 Mann, Summa 60 Offiziere und 2138 Mann. Die 1. Brigade, General von Steinmetz, bestand aus dem brandenburgischen Infanterieregiment (Nr. 12) und dem 24. Regiment und dem 1. westfälischen, Landwehrregiment. Dazu das 6. Ulanenregiment und eine Fußbatterie. Am 7. war Revue der Brigade, am 8. Vorlesung der Kriegsartikel, am 9. kündigte sich der Feind an, aber sein Erscheinen verzögerte sich. Am 14. Aufstellung auf der großen Straße nach Binche; am 15. fanden bereits einzelne Rencontres statt. So kam der Tag von Ligny, der auch unserm Regiment erhebliche Opfer auferlegte.

Ligny, 16. Juni

Napoleon stand bei Fleurus mit vier Corps: Grouchy, Gérard, Vandamme und den Garden, Blücher eine Meile weiter nördlich, hart links an der von Fleurus auf die Chaussee Brüssel-Namur führenden Straße. Er hatte nur drei Corps zur Hand; das vierte Corps (Bülow) war noch zurück. Im Vertrauen auf die Un- terstützung Wellingtons – die später, nach Lage der Sache, ausbleiben mußte – nahm er die Schlacht an. Diese hat man sich einigermaßen ähnlich vorzustel- len wie die Schlacht bei Vionville: drei an einer Chaussee liegende, stark besetzte Dörfer, gegen die sich von Süden her drei Angriffskolonnen richten. Was am 16. August 1870 die Dörfer Mars-la-Tour, Vionville und Rezonville waren, das waren am 16. Juni 1815 die Dörfer St-Amand, Ligny und Sombreffe. Gegen die rechten Hügeldörfer geschah an beiden Tagen nichts Erhebliches; wie sich der eine Tag bei Mars-la-Tour und Vionville entschied, so der andere bei St-Amand und Ligny., St-Amand, Ligny, Sombreffe – so folgten die Dörfer einander von West nach Ost. Da wir mit Front gegen Süden standen, von wo Napoleon angriff, so war St- Amand unser rechter, Sombreffe unser linker Flügel; Ligny Zentrum. St-Amand war durch das Zietensche, Ligny durch das 2., Sombreffe durch das Thielemannsche Corps besetzt. Um zwei Uhr ging Napoleon vor. Vandamme, franzö- sischer linker Flügel, gegen St-Amand, Gérard, Zent- rum, gegen Ligny, Grouchy, französischer rechter Flügel, gegen Sombreffe. Nach mehrstündigem Hin- und Herschwanken entschied sich der Kampf da- durch, daß Napoleon, die Garden zur Unterstützung Gérards vorziehend, mit diesen unser Zentrum bei Ligny durchbrach. Blücher, sich an die Spitze einiger Kavallerieregimenter setzend, suchte die Schlacht wieder herzustellen. Aber vergeblich. Geworfen, ent- ging er nur wie durch ein Wunder der Gefangennah- me. Soviel über den Gang der Schlacht überhaupt. Unser Regiment stand am diesseitigen rechten Hügel (Zietensches Corps) teils bei St-Amand, teils tausend Schritt weiter nördlich bei dem Dorfe St-Amand-la- Haye. Hier nahm es an den erbitterten Kämpfen die- ses Nachmittags teil. Wir geben nun einige Details. Um eineinhalb Uhr durchschritt der greise Feldmar- schall das Bivouac der 1. Brigade: 12. und, 24. Infanterieregiment, und ermunterte die Soldaten mit ein paar kräftigen Worten: »Seht, dort bei Fleu- rus, da zieht sich's zusammen. Nun gilt es, Kinder.« Um dieselbe Stunde erhielt unser Füsilierbataillon, Major von Blücher, Ordre, in St-Amand einzurücken. Bis dahin hatte das Bataillon in einem Garten in Front des Dorfes gelegen. In Gemäßheit dieser Ordre war man eben damit beschäftigt, die südwestliche Lisière von St-Amand mit Tirailleurs zu besetzen, als der Gegenbefehl eintraf, statt in das Dorf, in die Re- serve zu rücken. Das Bataillon verließ St-Amand und marschierte bis St-Amand-la-Haye, wo es östlich neben dem Dorfe Stellung nahm. Hier befand sich ein Backofen, von dessen Höhe aus, über St-Amand hinweg nach Fleurus zu, unsere Offiziere die Einlei- tungen zum Gefecht, wie sie auf französischer Seite stattfanden, deutlich verfolgen konnten. Inzwischen sahen unsere auf einem Höhenzuge un- mittelbar nördlich von St-Amand stehenden Muske- tierbataillone ebenfalls über dies Dorf hinweg und nahmen gleicherweise das Vorrücken der Vandam- meschen Kolonnen wahr, die sich von Fleurus aus gegen St-Amand dirigierten. Dieses war nach Abzug unseres Füsilierbataillons durch das 29. Regiment besetzt worden. Vandamme griff mit Übermacht an, bemächtigte sich des Dorfes und warf die Neunund- zwanziger hinaus. Als er indessen von der nordöstli- chen Lisière her in Kolonnen debouchieren wollte, ging ihm unsere 1. Brigade, rechts das 12., links das 24. Regiment, entgegen und drang mit einer glückli- chen Attacke in das Dorf ein. Kaum war dieser Erfolg, errungen, als frische feindliche Streitkräfte St-Amand wieder zu nehmen trachteten. Dies versagte jedoch. Unsere Musketiere gewannen sogar Terrain, nach- dem sie dem Feinde, der sich mit der größten Erbit- terung schlug, Gehöft nach Gehöft und Hecke nach Hecke hatten abringen müssen. Aber der Feind führte jetzt abermals neue Bataillone gegen St-Amand vor. Unser Regiment mußte die südwestliche Lisière wieder aufgeben, da es an Pat- ronen zu mangeln begann, und das Gefecht im Dorfe selbst erneuerte sich nunmehr. Endlich traf unserer- seits die 2. Brigade Pirch zur Ablösung ein. Schwierig war es, die in lauter Trupps zerstreuten Mannschaf- ten aus dem wütenden Kampfe herauszuziehen. End- lich gelang es. Laurens bestimmte als Sammelplatz einen tief gelegenen Punkt zwischen Ligny und St- Amand-la-Haye. Leider sicherte diese Vertiefung nicht ausreichend gegen das Einschlagen von Ge- schossen, und beide Musketierbataillone erlitten hier noch erhebliche Verluste. Dem Lieutenant von Wulf- fen riß eine Granate den Kopf weg, eine andere ra- sierte fünf Mann vom rechten Flügel der 5. Compagnie, eine dritte traf Laurens' Pferd und schleuderte diesen aus dem Sattel. Was nun noch folgte, war, soweit unser Regiment in Betracht kommt, ein Hin- und Hermarschieren. Es ging nach Sombreffe und wieder zurück. Auf diesem Rückmarsch indes war es unsern Vier- undzwanzigern noch beschieden, an dem in gewis- sem Sinne wichtigsten Moment des Tages teilzuneh-, men. Blücher selbst, um Ligny wiederzugewinnen, führte zum Schluß des Tages, wie schon erwähnt, ein paar Kavallerieattacken aus. Aber sie mißglückten, Blücher stürzte und lag unterm Pferde. Die französi- schen Reiterungewitter donnerten über das Feld hin. In diesem Augenblicke trafen wie durch glücklichen Zufall unsere Musketierbataillone an dem Wasserlauf ein, der hart an Mont Potriaux vorüberfließt. Laurens ließ Carré schließen und kommandierte: »Zweites Glied, Feuer!« Dies wechselte darauf mit dem dritten Glied die Gewehre, und eine zweite Salve folgte. Bei- de hatten ihre Wirkung, die Reitermasse stob seit- wärts und wurde von dem Punkt abgedrängt, wo Blücher unterm Pferde lag. Vielleicht wandten diese Salven eine Gefangennahme ab, die, nach allgemei- ner Annahme, verhängnisvoll gewesen wäre. Der Rückzug – Gneisenaus unsterbliches Verdienst – ging auf Wavre, das heißt den Engländern entgegen. Der Gesamtverlust, den unser Regiment an diesem Tage erlitt, belief sich auf 14 Offiziere und 340 Mann, die zur Hälfte auf das 2. Bataillon entfielen.

Belle-Alliance, 18. Juni

Wie bei Ligny an tapferer Verteidigung, so nahm un- ser Regiment bei Belle-Alliance an der siegreichen Offensive teil, die die letzten Stunden dieses Tages brachten. Es gehörte zu den Truppen, die recht ei- gentlich die Schlacht entschieden. Ihr bloßes Er- scheinen bedeutete den Sieg., Es war etwa sechs Uhr. als die 1. Brigade von Stein- metz auf dem Schlachtfelde eintraf. In diesem Mo- ment waren die Engländer im Zurückweichen und getrennt vom Bülowschen Corps. Die 1. Brigade (und in ihr unser 24. Regiment) stellte dadurch, daß sie zum Angriff vorging, den Feind warf und die Engländer zu neuem Vorrücken veranlaßte, die Verbindung wieder her und entschied auf diese Weise die Niederlage des französischen rechten Flü- gels. Auf einer von einem französischen General- stabsoffizier herrührenden Zeichenskizze finden wir an einer Stelle, wo zwei Bataillone an der Spitze des heranziehenden Zietenschen Corps in den Plan ein- gezeichnet sind, zugleich die Worte: »Arrivée du corps du général Zieten, qui decida la défaite de l'aile droite.« Diese »zwei Bataillone« sind die Musketiere unseres 24. Regiments. Der Feind wich, setzte sich aber noch einmal auf den dominierenden Höhen südwestlich von Smohain. Un- sere Musketierbataillone, unter Laurens' persönlicher Führung, folgten. Sie hatten die französische Garde gegenüber, die jetzt mit höchster Anstrengung unse- re so gut wie vollzogne Vereinigung mit den Englän- dern wieder zu lösen trachtete. Die diesseitige Tirail- leurkette wurde verstärkt und wieder verstärkt, bis zuletzt die halben Bataillone aufgelöst kämpften. Alles umsonst. Der heftige Widerstand der alten Gar- de brachte den Angriff ins Stocken; ein Wanken be- gann, das ein Weichen zu werden drohte. In diesem Augenblick trat Laurens, wie es in den Berichten heißt, »mit seiner kräftigen Gegenwart« ein, schob, das Füsilierbataillon nach links, um dadurch Verbin- dung mit dem rechten Flügel des 4. Corps zu gewin- nen, nahm gleichzeitig die Soutiens der Musketierba- taillone zusammen und führte sie, durch die Tirail- leurschwärme hindurch, zu neuem Angriff vor. Im Vorgehen wurde nach rechts hin Verbindung mit den Bergschotten gewonnen, die an dieser Stelle standen und kämpften. Vorwärts! Wohl erkannte man die Gefahr, als es so gerad im Sturmschritt auf die alte Garde losging (die noch dazu durch eine vorteilhafte Stellung begünstigt war), aber siehe da, es gelang. Der Feind wurde geworfen. Seit Beginn dieses An- griffs war kaum eine halbe Stunde vergangen. Von Position zu Position in den Kessel zurückgedrängt, zog sich die Garde von Frichermont auf la Belle- Alliance zu. Der Nebel hatte sich inzwischen gänzlich geteilt. Noch einmal sah man die feindliche Kavallerie anrü- cken, jedoch bald halt- und kehrtmachen. Endlich verschwanden die französischen Kolonnen hinter Planchenoit. Die prächtigste Sommernacht zog herauf, und ein glänzender Vollmond beleuchtete das Schlachtfeld, auf welchem die Engländer und Preußen nunmehr als Sieger vereint ruhen durften. Unser Regiment vereinigte sich bei La Haye-Sainte und bezog daselbst ein Bivouac, dicht neben ihm einige Bataillone Hochländer. Als man sich einiger- maßen eingerichtet hatte, ließ Laurens die Haut- boisten und Sänger vor die Mitte des Lagers treten, und zuerst »Nun danket alle Gott«, dann »Heil dir im Siegerkranz« anstimmen. Als die Hochländer diese Melodie hörten, die, wie bekannt, zugleich die der englischen Nationalhymne ist, fühlten sie sich freudig überrascht, fielen ein und sangen ihr »God save the King« mit, indem sie mit tränenvollen Augen ihren preußischen Waffengefährten in die Arme stürzten. Dann wurde noch lang in die Nacht hinein gejubelt und getanzt, obgleich der Boden von dem furchtba- ren Regen der vorigen Nacht sehr aufgeweicht und durch die Kavallerieattacken gräßlich durchknetet war. Vierundzwanziger und Bergschotten im frohsten Durcheinander. Die Verluste des Regiments waren mit Rücksicht auf das große Resultat gering zu nennen1): 137 Mann an Toten und Verwundeten, die, wie bei Ligny, so auch hier, größerenteils auf die beiden Musketierbataillone entfielen. 1. So verhältnismäßig gering die Verluste des Regiments an diesem Entscheidungstage wa- ren, so groß waren sie in den kleineren, jetzt halb vergessenen Kämpfen, die noch folgten. Am 29. Juni traf man in der Nähe von Paris ein; am 2. Juli hatten unsere Musketierbatail- lone die Gefechte bei Sèvres und Issy. Diesel- ben kosteten uns 9 Offiziere und 322 Mann, jedes dieser Gefechte mehr, als Waterloo ge- fordert hatte.,

Die Friedensjahre

(von 1815 bis 1848) Am 2. November 1815 trat das Regiment den Rück- marsch in die Heimat an; es marschierte über Brüs- sel, Köln, Braunschweig, Magdeburg nach Breslau und Neiße. In diesen Garnisonen wurde die Demobi- lisierung ausgeführt. 1817 trat das Regiment aus dem 6. (schlesischen) Armeecorps in das 3. (brandenburgische) über und wurde nach Frankfurt a. O. hin gelegt. In Frankfurt und Umgegend stand das Regiment drei Jahr und rückte erst im September 1820 in seine neuen Gar- nisonen Ruppin und Prenzlau ein. Die Regimentskommandeure der Vierundzwanziger waren von 1815 bis 1848 die folgenden: Oberstlieu- tenant von Laurens bis 1816, Oberst von Romberg bis 1821, Oberst von Petery bis 1834, Oberst von Wulffen bis 1838, Oberst Chlebus bis 1844, Oberst Ehrhardt bis 1848. – 1824 wurde der Erbgroßherzog Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin Chef des Regiments, 1842 der Sohn Paul Friedrichs, der jetzt regierende Großherzog Friedrich Franz.,

Das 24. Regiment im Jahre 1848

und 1849 Am 24. Februar 1848 erfolgte die »Februarrevoluti- on«, und in weniger als drei Wochen zog das revolu- tionäre Wetter über ganz Europa hin. Überall fand es reichlichen Zündstoff, und überall schlug es ein. Auch bei uns. Es war eben nicht alles so, wie's sein sollte. Die Zusagen von 1815 waren unerfüllt geblieben, ein Druck war da, eine Luft, die das freie Atmen hinder- te. Auch die Besten, wenn sie nicht Unzufriedene waren, waren wenigstens unbefriedigt. Aus dieser Stimmung heraus erwuchs unser »18. März«. Ohne den stillen Vorschub, den das ge- samte Volksgefühl den Krawallern von Fach leistete, wäre dieser Tag nicht möglich gewesen. Die junge Freiheit war geboren. Aber sie konnte ih- ren unmittelbaren Ursprung nicht verleugnen, und mit jedem Tage wurd es klarer, daß sie von der Gas- se stammte. Das vielzitierte »Schaumspritzen« eines freiheitlichen Geistes wurde mehr und mehr unbe- quem, und die hohe Libertas trug das Kleid des Reh- bergers. Unser Regiment war es, dem damals die Aufgabe zufiel, die Ausschreitungen der Hauptstadt im Zaume zu halten, weniger durch direktes Eingrei- fen als einfach durch seine Gegenwart. Die Übermü- tigsten wußten, daß wenigstens ein loyaler Faktor da war, mit dessen 3000 Bajonetten gerechnet sein wollte., Sehr bald nach dem »18. März« waren unsere Vier- undzwanziger in die Hauptstadt eingerückt und hat- ten in den Kasernen des 2. Garderegiments und der Gardeartillerie Quartiere bezogen. Speziell diese Ka- sernen waren wohl mit Rücksicht auf die nahe gele- gene »Oranienburger Vorstadt« gewählt worden. Der Sicherheitsdienst befand sich in den Händen der Bürgerwehr, und nur einige wichtigere Punkte wur- den unseren Vierundzwanzigern zugewiesen. Unter diesen das Zeughaus. Ebendieses war auch am 14. Juni wieder durch eine Füsiliercompagnie Vierundzwanziger besetzt worden, als sich am Nachmittage genannten Tages jene Er- eignisse vorbereiteten, die unter dem Namen der »Zeughaussturm« bekannt geworden sind. Ein sehr lehrreiches Kapitel in der Geschichte der Revolutio- nen, zugleich ein treffliches Beispiel dafür, daß Un- ternehmungen von einer nicht wegzudisputierenden historischen Bedeutung oft nicht bloß durch die zwei- felhaftesten, sondern auch geradezu durch die küm- merlichsten Mittel in Szene gesetzt werden. 100 oder 200 verwegene Bursche, Bursche, die, was auch kommen möge, nur zu gewinnen haben, rottieren sich zusammen, und in weniger als einer halben Stunde sind aus den 200 zwanzigtausend geworden. Aber diese zwanzigtausend sind au fond nichts als eine Täuschung. Jeder will sehen und hören und viel- leicht hinterher ein wenig renommieren, das ist alles; er denkt nicht daran, Hand anzulegen, wenn's Ernst wird, er will nicht kämpfen oder sich persönlich Ge- fahren aussetzen, er will nur mit schreien und mög- lichst mit unnütz sein, während die andern die Kas-, tanien aus dem Feuer holen. Diese »andern« aber sind immer nur wenige. Wer dies im Auge hat, der wird solcher Bewegungen in der Regel leicht Herr werden, und meistens ohne große Opfer hüben und drüben; aber an diesem freien Blicke gebricht es in revolutionären Zeiten fast immer. Jeder ist ange- kränkelt, jeder erkennt der Auflehnung ein beschei- denes Maß von Berechtigung zu oder setzt auch wohl Mißtrauen in die Mittel und Wege, mit denen er in den Kampf eintreten soll. So wird die Entschlußkraft gebrochen. Das Schlimmste tuen dann schließlich noch die »Berater«. Unter diesen sind immer einige, die mit der Angst des eigenen Herzens die Herzen derer, bei denen die Entscheidung liegt, anzustecken wissen. Mitunter sind es auch Mitverschworene. So war es am 14. Juni. Geschwätz, Zureden und, als alles nicht ausreichte, direkte Lüge brachen, ohne daß ein Schuß gefallen wäre, den Widerstand der Zeughausverteidiger, und die jubelnde Menge trat ein. Aber nicht lange sollte sie sich dieses Sieges erfreuen. Das mittlerweile gesammelte 1. Bataillon Vierundzwanziger erhielt Befehl, das Zeughaus wie- derzunehmen, und vom Kupfergraben wie zugleich vom Kastanienwäldchen aus rückten alle vier Com- pagnien gegen dasselbe vor. Die Menge wich, und durch sie hindurch drangen jetzt die Hauptleute von Brause und von Stülpnagel in das Zeughaus ein, säuberten den Hof, nahmen in der obersten Etage dem Gesindel die bereits geraubten Waffen wieder ab und jagten dasselbe die Treppe hinunter oder zu den Fenstern hinaus. In Zeit von zwei Stunden war, alles beendet und die Ordnung der Dinge wiederher- gestellt. So der Juni 1848. Ernster, bedeutsamer waren die Maiereignisse des folgenden Jahres, insonderheit der Straßenkampf in Dresden. Hier stand man einer wirklichen revolutionären Macht gegenüber. Auf diese Kerntruppe der Revolution paß- te nicht mehr das, was ich vorstehend von bloßen Krawallern und Tunichtguten gesagt habe, hier be- fehdeten sich zwei Prinzipien, von denen jedes seine Truppen ins Feld stellte. Die Ereignisse von damals sind halb vergessen, sie sollten es nicht sein. Sie gaben uns einen Vorgeschmack von dem, was kom- men wird. Am 3. Mai war der Aufstand in Dresden ausgebro- chen. An der Spitze standen Tzschirner, Todt, Heub- ner, Bakunin. Die Barrikaden (so wird erzählt) waren nach Anleitung Sempers errichtet, die revolutionäre Armee selbst aber bestand aus Turner-, Künstler- und Studentencorps, aus Teilen der Schützengilde, der Bürgerwehr, aus formierten Abteilungen militä- risch eingeübter Bergleute und aus Umsturzmännern von Fach, namentlich Polen. Es handelte sich also nicht um »Gesindel«, das bekämpft werden sollte, sondern, wie schon hervorgehoben, um eine Elite- truppe, die nach Intellekt, Wissen und bürgerlicher Stellung erheblich höher stand als die uckermärki- schen Füsiliere, die hier unsrerseits in den Kampf, eintraten. Je bestimmter ich auf seiten dieser letztren stehe, desto freier auch darf ich es ausspre- chen, daß nichts falscher und ungerechter ist, als auf die Scharen des Maiaufstandes verächtlich herabzu- blicken. Die Schuld lag bei den Führern. Und auch hier ist noch zu sichten. Neben Ehrgeizigen und Bös- willigen standen aufrichtig begeisterte Leute. Eine Republik herstellen wollen ist nicht notwendig eine Dummheit, am wenigsten eine Gemeinheit. Das sächsische Militär war nicht stark genug, den Aufstand zu unterdrücken. Am 5. oder 6. Mai gingen deshalb von Berlin aus das 1. und das Füsilierbatail- lon vom Alexander-Regiment nach Dresden ab, um die sächsischen Truppen in ihrem Kampfe zu unter- stützen. In der Nacht vom 7. zum 8. folgte unser vierundzwanziger Füsilierbataillon. Am 8. früh traf es in Neustadt-Dresden ein und rückte um ein Uhr mit- tags zur Ablösung der verschiedenen Détachements des Alexander-Regiments über die Elbbrücke. Die halbe Altstadt war um diese Zeit bereits zurückero- bert, aber in der im Besitz der Insurgenten verblie- benen Hälfte steigerte sich der Widerstand, beson- ders am Altmarkt und in dem zwischen der Wilsdruf- fer-, Scheffel- und Schloßgasse gelegenen Häuser- carré. Unsere Füsiliere begannen den Kampf sofort, aber der Hauptangriff wurde doch bis zum 9. morgens verschoben. Die 9. Compagnie (rechter Flügel) ging in der Frühe genannten Tages mit allen drei Zügen vor. Haupt-, mann von Malotki nahm das Postgebäude, Lieute- nant von Glasenapp das Engelsche Haus, Lieutenant von Horn eine starke Barrikade an der Scheffel- und Wallstraßen-Ecke. Die 10. Compagnie (linker Flügel) setzte sich vom Neuen Markt her in den Besitz des Café Français und avancierte von hier aus gegen die ebenfalls mit In- surgenten besetzte Kreuzkirche. Die 11. und 12. Compagnie (Zentrum) arbeiteten sich in den Häusern der Sporer- und Schössergasse gegen den Altmarkt vor, während andre Abteilungen, bei denen sich der Bataillonskommandeur Major Schrötter befand, die Hauptstraße hielten und die hier errichteten, mit der roten Fahne geschmückten Barrikaden wegnahmen. Die Hauptaktion hatte die 9. Compagnie. Noch ge- raume Zeit nachher bot das Postgebäude samt den angrenzenden Baulichkeiten ein deutliches Bild des Kampfes, der hier getobt hatte. Die Verluste der In- surgenten waren groß, der ganze Hergang aber, rein auf seinen militärischen Gehalt hin angesehen, hatte deutlich gezeigt, welches Widerstandes eine Stadt fähig ist, wenn sie den guten Willen hat, jeden Fuß- breit Erde zu verteidigen.,

Der Straßenkampf in Iserlohn

17. Mai 1849 Am 11. Mai verließ unser Füsilierbataillon Dresden und vereinigte sich mit den andern Bataillonen des Regiments, um den inzwischen an einigen Orten Westfalens ausgebrochenen Aufstand niederzuschla- gen. Das führte am 17. Mai zu dem Straßenkampfe von Iserlohn. Unsere Bataillone stürmten von drei Seiten her gegen die Stadt, nahmen die Barrikaden im ersten Anlauf und drangen in den Straßen, trotz lebhaften Feuers aus den angrenzenden Häusern, ohne Aufenthalt vor. Eine der Barrikaden, die von der 4. Compagnie erstürmt wurde, war aus Postwa- gen erbaut, andre waren mit Geschützen versehen. An die Spitze der 12. Compagnie hatte sich der Kommandeur des Füsilierbataillons, Oberstlieutenant Schrötter, gestellt; seiner Truppe weit vorauf, traf ihn eine Kugel, und tödlich getroffen sank er aus dem Sattel. Diesen Schuß hatten die Aufständischen teuer zu bezahlen. Das Haus ward erstürmt und von drei Seiten her der Marktplatz erreicht. Die Feder sträubt sich, die Zahl der Opfer anzugeben. Auf sei- ten des Regiments waren nur zwei Tote, darunter Oberstlieutenant Schrötter1).,

Der Feldzug in Pfalz und Baden

Inzwischen hatten sich die badenschen und zum Teil auch die bayerischen Truppen (soweit sie in der Rheinpfalz standen) dem Aufstande angeschlossen. An die Stelle ihrer Offiziere, die mit kaum nennens- werten Ausnahmen ihrem Eide treu blieben, traten vielfach Revolutionärs vom Fach. Mieroslawski über- nahm die Oberleitung. Drei Corps setzten sich zur Bekämpfung der Aufstän- dischen in Marsch. Das erste dieser Corps wurde vom General von Hirschfeld, das zweite vom General Graf Gröben, das dritte, aus deutschen Kontingenten gemischte, vom Generallieutenant von Peucker kommandiert. Den Oberbefehl über diese Armee ü- bernahm der damalige Prinz von Preußen. Unsere Vierundzwanziger kamen zum Hirschfeld- schen Corps. Es war mehr ein Marschieren als ein Bataillieren, und zuletzt, als die Murg-Linie seitens der Aufständischen erreicht war, setzten sie sich, um einen letzten entschlossenen Widerstand zu versu- chen. Dies führte am 29. und 30. Juni zu den ziem- lich blutigen Gefechten bei Kuppenheim, von denen das eine diesseits, das andre jenseits der Murg ge- schlagen wurde. An dem Gefechte diesseits der Murg (29.) nahmen unsere Musketierbataillone, an dem Gefechte jenseits der Murg (30.) unsere Füsilie- re teil. Besonders zeichnete sich am 29. das 2. Bataillon aus. »Das Erscheinen des 2. Bataillons, 24. Regiments war entscheidend. Die Freudigkeit, mit der es ins Gefecht ging, ist über alles Lob erha- ben, und bald war auch das verlorengegangene Ter- rain2) und noch mehr gewonnen. Der Feind zog eilig über die Murg nach Kuppenheim ab.« Die verschiedenen Gefechte, die am 30. Juni statt- fanden, entschieden über das Schicksal der Insur- gentenarmee. Ein Teil warf sich nach Rastatt hinein, das sich bis zum 23. Juli hielt. Der Rest zerstob in alle Winde. Damit war der Feldzug abgeschlossen, unsere Vier- undzwanziger aber wurden dem Okkupationscorps zugeteilt, das bis November 1850 in Baden verblieb. Die Verluste in allen Kämpfen des Jahres 49 (Dres- den, Iserlohn, Baden) stellten sich für unser Re- giment wie folgt:

Dresden: 6 Tote, 13 Verwundete. Iserlohn: 2 Tote, 4 Verwundete. Baden: 3 Tote, 18 Verwundete.

Damals hatten diese Zahlen ein Gewicht; jetzt bli- cken sie uns bescheiden an. Bei Vionville gab es Se- kunden, die mehr kosteten als alle diese Kämpfe zusammengenommen., 1. Oberstlieutenant Schrötter ward auf dem I- serlohner Kirchhof beigesetzt. In der Garni- sonkirche zu Prenzlau ist ihm seitens der Kreisstände der Uckermark eine marmorne Gedächtnistafel errichtet worden. Für sein brillantes Verhalten in Dresden war ihm ein Regiment zugedacht; die Ernennung, als sie in Iserlohn eintraf, fand ihn bereits tot. 2. Das Gefecht bei Kuppenheim stand eine Zeit- lang nicht allzu günstig für uns. Die baden- schen Truppen, auch einige Freischärlerabtei- lungen, schlugen sich gut, dazu war Mieros- lawskis Begabung unzweifelhaft. (Unsere neunundvierziger Kriegführung ist überhaupt mannigfach getadelt worden und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Aber die Schwierig- keiten waren groß, und über alles genialisch Feldherrliche hinaus wurden die Gemüter da- mals von der Frage beherrscht: »Wie nah sind wir den badisch-militärischen Zuständen oder wie weitab von ihnen?« Die Treue bedeutete alles, die Strategie wenig. Das will erwogen sein.),

Das 24. Regiment im Kriege gegen Dänemark

Eine Epoche der »Mobilmachungen« folgte den Kämpfen von 1848 und 1849. Wer diese Mobilma- chungen erlebt hat, weiß, daß es nichts Verstimmen- deres und Lähmenderes gibt. Wer mobilisiert, muß auch schlagen. So wenigstens die Regel. Eine so große Rat- und Freudlosigkeit war über unser Volk gekommen, daß, als der Tod Friedrichs VII. und die sofort ausgesprochene Inkorporation Schleswigs in Dänemark zu neuen Mobilisierungen führte, niemand an den Ernst der Situation glauben wollte. »Es wird wieder nichts«, hieß es. Nebenher ging die Befürch- tung, daß alles, was etwa doch geschähe, zu Nutz und Frommen Dänemarks geschehen würde. Es kam jedoch anders. Eine Epoche glänzender Kriege nahm ihren Anfang. Anno 64 kam unser Regiment zur Brigade Roeder. Am 2. Februar war es mit bei Missunde, rückte am 7. mit in Flensburg ein und stand am 11. im Vorterrain von Düppel, etwa eine Meile von den Schanzen ent- fernt. Am 22. Februar wurde die Büffelskoppel, am 14. März Wester-Düppel, am 17. März Kirch- und Oster-Düppel genommen. Endlich am »18. April« erfolgte der so berühmt gewordene Sturm auf die Düppler Schanzen., Unsere Vierundzwanziger standen der Schanze V gegenüber. Die Formation der Angriffskolonne war die folgende: eine Schützencompagnie: Hauptmann von Salpius vom 64.; eine Arbeitercompagnie: Hauptmann von Lobenthal vom 64.; eine halbe Pio- niercompagnie: Premierlieutenant Lommatzsch; zwei Sturmcompagnien Vierundzwanziger unter Haupt- mann von Hüllessem und Hauptmann von Sellin; zwei Reservecompagnien, Vierundzwanziger und Vierundsechziger, unter Hauptmann von Goerschen und Hauptmann Windell. Alle stiegen mit dem Glockenschlag zehn rasch hin- tereinander aus der dritten Parallele hervor und a- vancierten in drei Linien. Die Compagnien von Sellin und von Goerschen, und ihnen vorauf die halbe Pio- niercompagnie unter Premierlieutenant Lommatzsch, hatten nach drei Minuten schon den Graben in Front der Schanze erreicht. Hier aber geboten die Palisa- den Halt. Es galt, dieses Hindernisses Herr zu wer- den. Mancher überkletterte die Pfähle, die meisten aber stemmten sich dagegen und wuchteten sie her- aus, wodurch Lücken entstanden, die nun den Stür- menden den Weg auf die Brustwehr öffneten. Wie bei Schanze III, wo die Füsiliere vom Leibregiment den Lieutenant von Werdeck, eine reckenhafte Figur, mit Hülfe zusammengelegter Gewehre hineingeho- ben hatten, so trugen auch hier die Füsiliere vom 24. Regiment ihren Hauptmann von Sellin im Tri- umph in die Schanze. Mancher fiel. Premierlieutenant Lommatzsch, an der Spitze seiner Pioniere, erhielt einen tödlichen Schuß, Lieutenant von Falkenstein, vom 24., wurde schwer verwundet, aber schon sechs, Minuten nach zehn Uhr war Schanze V in der Front erobert. An dem erbitterten Kampfe, der der Erstürmung der Schanzen auf dem zwischen diesen und dem Son- derburger Brückenkopf gelegenen Terrain folgte, scheint die Brigade Roeder keinen Anteil genommen zu haben. Desto hervorragender war ihre Beteiligung an der Eroberung von Alsen. Die Eroberung von Alsen geschah am 29. Juni 1864. In der am Tage zuvor in Schloß Gravenstein ausge- gebenen Disposition hieß es: »Der Übergang ge- schieht mittels 160 Kähnen und durch den Pon- tontrain von vier näher zu bezeichnenden Punkten aus.« Unsere Vierundzwanziger hatten innerhalb der Brigade den rechten Flügel. Das 1. Bataillon ging in fünfzig Booten vom Südende des Satruper Holzes, das 2. Bataillon in zweiundvierzig Booten von der »Ziegelei« aus über den Alsensund. Ich gebe nach- stehend einen Bericht aus den Reihen des 2. Bataillons. »Solange man von Alsen sprechen wird, wird dieser Übergang als ein tollkühnes Unternehmen gelten. Vielleicht barg diese Kühnheit das Geheimnis des Erfolges. Ich, für mein Teil, bei aller Erkenntnis der Gefahren, denen wir entgegengingen, hatte das voll- ständigste Gelingen keinen Augenblick bezweifelt. Nun nehmt eine Karte zur Hand, um besser folgen zu können. Die Disposition für den 29. lautete etwa wie folgt:, ›Um zwölf Uhr nachts steht alles an den angewiese- nen Plätzen. Anzug wie am Sturmtage; der Mann achtzig Patronen. Schlag zwei Uhr setzt die Brigade Roeder, als Avantgarde, über den Alsensund. Das 1. Bataillon vom 24. Regiment nimmt den rechten Flügel in der Richtung auf Arnkiel, das 2. Bataillon vom 24. nimmt die Mitte, sechs Compagnien vom 64. Regiment nehmen den linken Hügel und steuern auf Arnkiel-Öre. Die ersten Compagnien, die das feindliche Ufer erreichen, stürmen die dortigen Schützengräben und Batterien. Wenn dies gesche- hen, wendet sich das 1. Bataillon vom 24. auf das abgebrannte Gehöft Arnkiel, das 2. Bataillon durch- streift die Fohlenkoppel bis zum südlichen Ausgang derselben; die Vierundsechziger säubern den äußers- ten linken Flügel an der Augustenburger Förde und dringen ebenfalls bis zur Südlisière der Fohlenkoppel vor. Hier warten Vierundzwanziger und Vierundsech- ziger weitere Befehle ab.‹« So das Allgemeine. Nun die Schicksale des 2. Bataillons. »Am 28. abends halb zehn Uhr marschierten wir, nach dreimaligem Hoch auf den König, aus der Büf- felkoppel. Um eineinhalb Uhr morgens machten wir halt dicht hinter einer am Strande gelegenen Ziege- lei. Von hier aus sollten wir übergehen. Die Pioniere und die zu ihrer Hilfeleistung kommandierten Schiffer waren eben damit beschäftigt, die Boote ins Wasser zu bringen. Eine mühevolle und nicht ganz geräusch- lose Arbeit. Dennoch blieb am jenseitigen Ufer, wel- ches man auf 800 Schritt im Dämmer erkennen, konnte, alles in geheimnisvoller Stille. Nun, macht euch fertig. Zwei Uhr. Es kam der Befehl zum Einsteigen. Die Leute mußten, da viele unserer Boote nicht hart ans Ufer heranzubringen waren, bis an den Leib ins Wasser. Ein angenehmes Morgenbad. Die Patronen wurden im Brotbeutel um den Hals gebun- den. Ungeachtet aller dieser Hindernisse ging das Einsteigen rasch vonstatten. Unserer 6. Compagnie war für diesen Tag ein kurhessischer Offizier, der Oberlieutenant von Loßberg, Neffe des General von Canstein, zur Dienstleistung zugeteilt. Drei Minuten nach zwei Uhr schwammen wir auf dem Alsensund. Die 5. Compagnie und ein Teil der 6. hat- ten die Tête. Unser Boot war unter den vordersten. Wenn wir nach links hin blickten, sah es im Morgen- dämmer aus, als schwämmen Züge wilder Enten ü- ber den Sund. Alles still. Peinlichste Erwartung. Die Ruderer griffen rascher ein. Da mit einem Male brach ein Donnerwetter über unsern Köpfen los. Granaten-, Kartätsch- und Gewehrfeuer begrüßte uns vom an- dern Ufer, Fanale brannten auf, und das 1. Bataillon des 60. Regiments, das aufgelöst an der Lisière des Satruper Holzes stand und von dem Augenblick an, wo wir entdeckt sein würden, durch Schnellfeuer unseren Übergang decken sollte, knatterte jetzt e- benfalls über den Sund hin. Man war von hinten kaum sicherer als von vorn. Trotz aller Gefahr das großartigste Feuerwerk, das ich mein Lebtag gese- hen habe. ›Hurra, vorwärts, vorwärts!‹ Es war zau- berhaft. Die Kartätschen plätscherten um einen her- um, daß das Wasser hoch aufspritzte. Eine Granate schlug einen Kahn unserer Compagnie in Stücke,, eine ganze Wand war weggerissen, und im Moment gingen Boot und Mannschaften in die Tiefe. Alles schrie auf, und die nächsten Boote wollten retten. Aber ›vorwärts!‹ donnerte eine Kommandostimme dazwischen. Es stand Größeres auf dem Spiel. Drei ertranken. Andere tüchtige Kerls schwammen glück- lich dem Ufer zu. Hut ab vor diesen braven Musketie- ren. Die 5. Compagnie war die erste am Ufer. Mit Hurra ging es die steile Uferwand hinauf, auf die Schützen- gräben zu. Was sich wehrte, wurde niedergemacht, andere gefangengenommen. Noch andere wichen auf die Fohlenkoppel und wir hintendrein. Es war das reine Kesseltreiben. Endlich an der Lisière hielten wir, um Atem zu schöpfen. Aber fast im selben Mo- ment kam General Roeder zu uns heran und rief uns, rückwärts deutend, zu, erst die Strandbatterie zu nehmen, an der wir in unserem Verfolgungseifer vorbeigestürmt waren, ohne ihrer zu achten. Nun also kehrt! Wahrhaftig, da krachte es von derselben Uferstelle aus, an der wir gelandet waren, oder doch keine 200 Schritt von ihr entfernt, immer noch über den Alsensund hin, als ob wir noch samt und sonders auf dem Wasser schwämmen. Aber es waren die letzten Schüsse. Nach zehn Minuten war die Schanze genommen, und drei schwere Geschütze samt einer Anzahl Espingolen, dazu zwei Offiziere und fünfzig Mann, fielen in unsere Hände. Die Gefangenen wur- den dem Ufer zu getrieben und dort von den rück- kehrenden Booten aufgenommen. Wir schwenkten dann wieder rechts, bis wir unter fortwährendem, leichtem Gefecht die Südlisière der Fohlenkoppel erreichten.« Dies war am 29. Juni. Drei Wochen später war der Krieg beendet.

Das 24. Regiment im Kriege gegen Österreich

Genau zwei Jahre nach der Eroberung von Alsen, am 29. Juni 1866, hatten brandenburgische Regimenter einen neuen Ruhmestag: die 5. Division unter Gene- ral von Tümpling stürmte die Brada-Höhe bei Git- schin. Die 6. Division, der unser 24. Regiment ange- hörte, kam nicht zur Aktion. Auch am 3. Juli, bei Königgrätz, stand die 6. Division unter General von Manstein in Reserve. Sie hielt in der Nähe des Königs, auf dem Höhenzuge diesseits der Bistritz, die Lipa-Höhe vor sich. Zwischen den Höhen hüben und drüben: Sadowa und der Hola- Wald. Um Mittag, als unsere Lage immer kritischer und das Festhalten des Sadowa-Wäldchens immer fraglicher geworden war, gab sich ein Verlangen kund, mit der noch völlig intakten 6. Division von Manstein über das Wäldchen hinaus gegen die Lipa-Höhe anzu-, stürmen. Aber mit Recht wurde diesem Verlangen gewehrt, und das um zwei Uhr stattfindende Eintref- fen der kronprinzlichen Armee bei Chlum und Rosbe- ritz entschied die Schlacht. Es wird erzählt, General von Manstein habe dem Könige liebevolle Vorwürfe gemacht, die Schlacht ohne ein rechtes Dazutun der 6. Division und speziell der »Düppel-Brigade«, Re- gimenter 24 und 64, gewonnen zu haben, worauf der König gut gelaunt geantwortet hätte: »Aber, lieber Manstein, ich kann doch Ihretwegen nicht noch mal anfangen.«

Das 24. Regiment im Kriege gegen Frankreich

1870 und 1871 Auch im siebziger Kriege gegen Frankreich gehörte das 24. Regiment zur 6. Division, die jetzt vom Ge- nerallieutenant von Buddenbrock kommandiert wur- de. Brigadekommandeur war Oberst von Bismarck, Regimentskommandeur Oberst Graf Dohna. Batail- lonskommandeure: 1. Bataillon Major von Lüderitz, 2. Bataillon Major Rechtern, Füsilierbataillon Major von Sellin, derselbe, der schon vor Düppel eine Sturmcompagnie gegen Schanze V geführt hatte. Die beiden hervorragenden Aktionen der 6. Division während des siebziger Krieges waren Vionville und Le Mans., Vionville. Zwischen neun und zehn Uhr traf die 6. Division Buddenbrock auf dem so berühmt gewor- denen Plateau südlich von Flavigny und Vionville ein; rechts rückwärts stand die 5. Division Stülpnagel im Feuer. Schwere Stunden kamen. Flavigny und Vion- ville wurden durch mehrere Bataillone der 6. Division genommen, während sich das Regiment 24 in langer Front von den Tronviller Büschen her, an der alten Römerstraße entlang, bis nach Vionville hin entwi- ckelte. Dem gegen eine feindliche Batterie (nördlich Vionville) vorgehenden Füsilierbataillon von Sellin gelang es bei dieser Gelegenheit unter furchtbaren Verlusten ein Geschütz zu nehmen, das einzige, wel- ches die Franzosen in dem Ringen am 14., 16. und 18. August verloren haben. Alle Offiziere des Batail- lons waren tot und verwundet, die Fahnenspitze weggeschossen und die Stange in zwei Stücke ge- spalten. Im verlustreichsten, passiven Feuergefecht kam die Mittagsstunde heran, und glühend strahlte die Sonne auf die ermattende Mannschaft nieder. Unsere Über- flügelung, erst durch das französische 6. und im wei- tem Bogen durch das 3. und 4. Corps, wurd immer sichtbarer und gefahrdrohender, und keine Reserven waren zur Hand. So, den letzten Schuß im Lauf, wich endlich drei Uhr nachmittags das zusammenge- schmolzene Regiment auf Dorf Tronville zu zurück. Ganze Compagnien waren führerlos. Wir hatten 54 Offiziere und 1200 Mann verloren.1) Le Mans. Nicht so blutig verlief Le Mans. Aber die Strapazen, die dem endlichen Siege voraufgingen,, zählen zu den größten, die dieser Krieg unsern Trup- pen auferlegte. »Wie der ganze Tag«, so heißt es in einem uns vorliegenden Briefe, »so wird uns auch der Abend des 10. Januar unvergeßlich bleiben. Es trat nämlich ein Schneefall ein, wie wir ihn in Frank- reich noch nicht erlebt hatten. Die Flocken fielen so groß und dicht, daß wir in wenigen Minuten Schnee- männern ähnlich waren. Und so saßen wir denn an demselben Wege, wo die erstarrenden Leichen vieler gefallenen Feinde den tapferen Widerstand derselben kundtaten, um mehrere Feuer geschart und gedach- ten mit dankerfülltem Herzen unserer Lieben da- heim, ein Gedanke, der in solcher Lage für den Sol- daten der süßeste, der liebste ist. Um ungefähr elf Uhr nachts brachte uns ein Marsch von einer guten halben Stunde hungrig, müde und am ganzen Körper fröstelnd in unsere Quartiere, die wir auf einigen er- bärmlichen Fermen, auf Böden oder in den Ställen bezogen, um am Morgen weiter gegen Le Mans vor- zugehen.« Dem Kriege folgten die »Tage der Okkupation«. Un- ser Regiment gehörte jener aus vier Divisionen kom- binierten Armee zu, die, bis zu völliger Zahlung der Kriegsschuld, in Frankreich zu verbleiben hatte. Spe- ziell die Standquartiere der Vierundzwanziger waren Reims, Vitry-le-François, Étain, Verdun, von welch letzterem Ort aus sie, nach Abmarsch aller andern Truppenteile, mit den Vierundsechzigern als letzte Staffel folgten. Am 19. September 1873 zogen sie unter einem Ju- bel, den selbst ein wolkenbruchartig herniederstür-, zender Regen nicht hindern konnte, in ihre alte Gar- nisonstadt Ruppin wieder ein. 1. Ausführlicheres über die Vierundzwanziger bei Vionville und Le Mans gibt 1. das General- stabswerk, 2. von der Goltz, »Kämpfe der 2. Armee vor Le Mans«, und 3. Woermann und Becher, »Fortsetzung der Geschichte des Infanterieregiments Nr. 24«.,

Rheinsberg Rheinsberg

1. Die Kahlenberge. Französische

Kolonistendörfer. Einfahrt in Rheinsberg. Der Rats-

keller.

Unter den Linden. Das Möskefest

Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht. Die Eisenbahn zieht sich auf sechs Meilen Ent- fernung daran vorüber, und nur eine geschickt zu benutzende Verbindung von Hauderer und Fahrpost führt schließlich an das ersehnte Ziel. Dies mag es erklären, warum ein Punkt ziemlich unbesucht bleibt, dessen Naturschönheiten nicht verächtlich und des- sen historische Erinnerungen ersten Ranges sind. Wir haben es besser, kommen von dem nur drei Mei- len entfernten Ruppin und lassen uns durch die Sandwüste nicht beirren, die, zunächst wenigstens, hügelig und dünenartig vor uns liegt. Fragt man nach dem Namen dieser Hügelzüge, so vernimmt man immer wieder »die Kahlenberge«. Nur dann und wann wird ein Dorf sichtbar, dessen ärmliche Stroh- dächer von einem spitzen Schindelturm überragt werden. Mitunter fehlt auch dieser. Einzelne dieser Ortschaften (zum Beispiel Braunsberg) sind von französischen Kolonisten bewohnt, die berufen wa-, ren, ihre Loire-Heimat an dieser Stelle zu vergessen. Harte Aufgabe. Als wir ebengenanntes Braunsberg passierten, lugten wir aus dem Wagen heraus, um »französische Köpfe zu studieren«, auf die wir ge- rechnet. »Wie heißt der Schulze hier?« fragten wir in halber Verlegenheit, weil wir nicht recht wußten, in welcher Sprache wir sprechen sollten. »Borchardt.« Und nun waren wir beruhigt. Auch die Südlichen- Race-Gesichter sahen nicht anders aus als die deutsch-wendische Mischung, die sonst hier heimisch ist. Übrigens kommen in diesen Dörfern wirklich noch französische Namen vor, und »unser Niquet« zum Beispiel ist ein Braunsberger. Die Wege, die man passiert, sind im großen und ganzen so gut, wie Sandwege sein können. Nur an manchen Stellen, wo die Feldsteine wie eine Aussaat über den Weg gestreut liegen, schüttelt man be- denklich den Kopf in Erinnerung an eine bekannte Cahinetsordre, darin Friedrich der Große mit Rück- sicht auf diesen Weg und im Ärger über 195 Taler, 22 Groschen, 8 Pfennig zu zahlende Reparaturkosten ablehnend schrieb: »Die Reparation war nicht nöthig. Ich kenne den Weg, und muß mir die Kriegs-Camer vohr ein großes Beest halten, um mir mit solches ungereimtes Zeug bei der Nahse kriegen zu wollen.« Der König hatte aber doch unrecht, »trotzdem er den Weg kannte«. Erst auf dem letzten Drittel wird es besser; im Trabe nähern wir uns einem hinter rei- chem Laubholz versteckten, immer noch rätselhaften Etwas und fahren endlich, zwischen Parkanlagen links und einer Sägemühle rechts, in die Stadt Rheinsberg hinein., Hier halten wir vor einem reizend gelegenen Gastho- fe, der noch dazu den Namen der »Ratskeller« führt, und da die Turmuhr eben erst zwölf schlägt und un- ser guter Appetit entschieden der Ansicht ist, daß das Rheinsberger Schloß all seines Zaubers unerach- tet doch am Ende kein Zauberschloß sein werde, das jeden Augenblick verschwinden könne, so beschlie- ßen wir, vor unserem Besuch ein solennes Frühstück einzunehmen und gewissenhaft zu proben, ob der Ratskeller seinem Namen Ehre mache oder nicht. Er tut es. Zwar ist er überhaupt kein Keller, sondern ein Fachwerkhaus, aber ebendeshalb, weil er sich jedem Vergleiche mit seinen Namensvettern in Lübeck und Bremen geschickt entzieht, zwingt er den Besucher, alte Reminiszenzen beiseite zu lassen und den »Rheinsberger Ratskeller« zu nehmen, wie er ist. Er bildet seine eigene Art, und eine Art, die nicht zu verachten ist. Wer nämlich um die Sommerszeit hier vorfährt, pflegt nicht unterm Dach des Hauses, son- dern unter dem Dache prächtiger Kastanien abzu- steigen, die den vor dem Hause gelegenen Platz, den sogenannten »Triangelplatz«, umstehen. Hier macht man sich's bequem und hat einen Kuppelbau zu Häupten, der alsbald die Gewölbe des besten Kellers vergessen macht. Wenigstens nach eigener Erfah- rung zu schließen. Ein Tisch ward uns gedeckt, zwei Rheinsberger, an deren Kenntnis und Wohlgeneigt- heit wir empfohlen waren, gesellten sich zu uns, und während die Vögel immer muntrer musizierten und wir immer lauter und heitrer auf das Wohl der Stadt Rheinsberg anstießen, machte sich die Unterhaltung., »Ja«, begann der eine, den wir den Morosen nennen wollen, »es tut not, daß man auf das Wohl Rheins- bergs anstößt. Aber es wird freilich nicht viel helfen, ebensowenig, wie irgend etwas geholfen hat, was bisher mit uns vorgenommen wurde. Wir liegen au- ßerhalb des großen Verkehrs, und der kleine Verkehr kann nichts bessern, denn was unmittelbar um uns her existiert, ist womöglich noch ärmer als wir selbst. Durch ein unglaubliches Versehen leben hier zwei Maler und ein Kupferstecher. Der Boden ist Sandland, Torflager gibt es nicht, und die Fischzucht kann nicht blühen an einem Ort, dessen sämtliche Seen für vier Taler preußisch verpachtet sind.« Wer weiß, wo diese Bekümmernisse schließlich ge- landet wären, wenn nicht eine große Festfahne, die von einigen Kindern an uns vorübergetragen wurde, den Klagestrom unterbrochen, uns selbst aber zu der Frage veranlaßt hätte: »Was ist das?« – »Das ist die Fahne vom Möskefest, die man hat reparieren las- sen«, erwiderte der andere, dessen gute Laune das Gegenstück zu der Morosität seines Nachbarn bilde- te. »Der sie trägt, ist Fähnrich Wilhelm Huth, und der ihm zur Rechten geht, heißt General Eduard Netze- band; sitzt seit Ostern in Quarta.« Diese Bemerkun- gen machten uns natürlich begierig, mehr zu hören, und so vernahmen wir denn, was es mit dem Möske- fest eigentlich sei. Da diese Feier der Stadt Rheins- berg eigentümlich ist, so darf ich wohl einen Augen- blick dabei verweilen. Das Möskefest ist ein Kinder- fest, das alljährlich am Sonntage vor Pfingsten gefei- ert wird. Möske bedeutet »Waldmeister« (asperula odorata), und in alten Zeiten lief die Festlichkeit ein-, fach darauf hinaus, daß die Stadtkinder frühmorgens in den Wald zogen, Waldmeister pflückten und damit heimkehrend den Altar und die Pfeiler der Kirche schmückten. Erst im Jahre 1757 nahm die Feier ei- nen andern Charakter an. Am 6. Mai war die Schlacht bei Prag geschlagen worden, und am 20. Mai traf die Nachricht davon in Rheinsberg ein. Es war Sonntag vor Pfingsten, also der Tag des Möskefestes. Die Siegesfreude, vielleicht auch der Umstand, daß der damals schon in Rheinsberg resi- dierende Prinz Heinrich zu dem glücklichen Ausgange der Bataille sehr wesentlich beigetragen hatte, schuf auf einen Schlag die bis dahin rein kirchliche Feier in eine militärisch-patriotische Feier um. Und was da- mals Impromptu war, blieb. Das Möskefest ist ein Soldatenspiel geworden, das die Rheinsberger Ju- gend aufführt. Früh am Morgen schon ziehen vier Trommler durch die Straßen und schlagen Reveille, die jungen Soldaten sammeln sich, und so geht's mit Musik vor das Haus des »Generals«. Hier dreimaliges Vivat, dem General und seinen Angehörigen ausge- bracht, dann zieht alles, militärisch in Sektionen aufmarschiert, in den schönen Boberow-Wald hinaus, wo nun das Waldmeisterpflücken beginnt. Nachmit- tags kommen die jungen Mädchen und besuchen mit ihren Angehörigen die mittlerweile zu Turnen und Wettlauf übergegangenen Soldaten in ihrem Waldbi- vouac, Preise werden verteilt, Pfänderspiele gespielt, und spät am Abend erst erfolgt unter Trommelschlag und Liedersingen der allgemeine Rückmarsch in die Stadt., Unser Frühstück war abgetan, und wir schickten uns nunmehr an, dem Schlosse, dessen gelbe Rückwän- de schon überall durch das Baum- und Strauchwerk hindurchschimmerten, unsern Besuch zu machen. Die vertrauliche Mitteilung beider Herren indes, »daß der alte Kastellan um diese Zeit seinen Mittagsschlaf zu halten pflege«, bewog uns, zuvor einen Umweg zu machen und erst noch in die alte Rheinsberger Kirche hineinzugehen. 2. Die Rheinsberger Kirche Wir hatten bald guten Grund, uns bei dem Mittags- schlafe des alten Kastellans zu bedanken, denn sehr wahrscheinlich, daß wir ohne denselben an der Rheinsberger Kirche vorübergegangen wären. Und doch ist es ein alter und in mehr als einer Beziehung interessanter Bau. Die erste Anlage desselben datiert weit zurück, und erst 1568 war es, daß er durch A- chim von Bredow um zwei Drittel vergrößert wurde. Man kann den Anbau noch jetzt von dem älteren Teile deutlich unterscheiden. Diese Kirche ist der einzige Punkt in Rheinsberg, wo man auf Schritt und Tritt den Bildern zweier völlig entgegengesetzter Epochen, der Bredow- und der Prinz-Heinrich-Zeit, begegnet und diesen Gegensatz als solchen empfindet. In Schloß und Park stören die französischen Inschriften nicht, wohl aber hier in der Kirche, darin deutsche Kunst und deutsche Sprache längst vorher Hausrecht geübt hatten., Wir treten durch einen Vorbau von der Seite her ein. Gleich dieser Vorbau, der sein spärliches Licht nur mittelst der offenstehenden Tür empfängt, zeichnet sich durch den angedeuteten Gegensatz aus. Zur Linken, fast ein Viertel des ganzen Raumes einneh- mend, erhebt sich hier ein grau getünchtes Monu- ment, das genau die Form eines aus Backstein auf- gemauerten Kachelofens hat. Es ist dies das Grab- mal, das Prinz Heinrich dem Andenken seines Violi- nisten Ludwig Christoph Pitschner, geboren 5. März 1743, gestorben 3. Dezember 1765, errich- ten ließ, und trägt folgende Inschrift: Un prince, ami des arts, secondant mon génie – Déjà l'école d'Italie A l'Allemagne mon berceau Promet un Amphion nouveau: Mais comme j'avançois dans ma carrière illustre J'ai vu de mes beaux jours s'éteindre le flambeau Sans passer le milieu de mon cinquième lustre; Muses! pleurez sur mon tombeau. Also etwa in freier Übersetzung: Gepflegt, getragen durch fürstliche Gunst, Versprach ich, ausübend italische Kunst, Meiner Heimat zwischen Rhin und Rhein Demnächst ein neuer Amphion zu sein. Doch während ich leuchtend wuchs und stieg, Stieg die Sonne meines Lebens herab.,

Dem Tode gehört der letzte Sieg, Und die Muse weint an meinem Grab.

So reimte man damals in Rheinsberg. Dem Pitschnerschen Monument gegenüber aber stehen an der Wand entlang sechs aufgerichtete Grabsteine der Bredowschen Familie, drei Männlein und drei Fräu- lein, die bis vor kurzem im Schiff der Kirche lagen, und blicken ernst verwundert zu dem Kachelofen hinüber, an dem sie mit Mühe den Namen Pitschner entziffern. Zum Glück verstehen sie nicht Franzö- sisch, sie würden sonst noch ernsthafter dreinschau- en. Wir treten nun in die freundliche, vor kurzem erst restaurierte Kirche. Die Hauptsehenswürdigkeit der- selben ist das große, kunstvoll gearbeitete Grabmo- nument Achims von Bredow, desselben Achim von Bredow, der im Jahre 1568 die Kirche erneute und erweiterte. Es ist ein Denkmal von ganz ungewöhnli- chen Dimensionen, das bei wenigstens zehn Fuß Breite gewiß die doppelte Höhe hat. Es beginnt über der Holzeinfassung des Chorstuhls, reicht bis fast an die Decke hinauf und besteht aus vier klar geglieder- ten Teilen. Oben das Bredowsche Wappen, zu beiden Seiten von allegorischen Figuren eingefaßt; darunter zwei Basreliefs, von denen das eine, nach links hin, die Auswerfung des Jonas aus dem Walfischbauche, das andere, nach rechts hin, die Auferstehung Christi darstellt; darunter in Lebensgröße die Figuren Achim von Bredows und seiner Gemahlin, einer gebornen, Anna von Arnim; und endlich viertens unter diesen beiden Bildnissen folgende Inschrift: O frommer Christ, urteile mild, Der du anschauest dieses Bild. Fragst du, wer ich sei im Grab? Gewesen bin ich und itzt ab; Verfolgung, Sorge, Kreuz ohn' Zahl, Die mir begegnet überall, Ich ritterlich obwunden hab Und ruhe nun in meinem Grab. Auch mit Geduld der Welt Bosheit Hab ich ertragen allezeit Nach Gottes Willen, welcher ist Der allerbest zu jeder Frist – Gelobet seist du, Jesu Christ. Welch einfach schöne Worte. Die ganze Kernigkeit jener großen Zeit tritt einem daraus entgegen. Wie klein und marklos daneben die französischen Verse, die, seitens eines der Hofpoeten des Prinzen Heinrich, zu Ehren eines Fräulein Elseners (einer Tochter des damaligen Rheinsberger Geistlichen) gedichtet und mit dünnen Buchstaben an den Fuß eines Aschenkrugs geschrieben wurden. La vertu, la douceur, les charmes, La firent aimer ici bas; Aussi voit-on que son trépas,

A chacun fait verser des larmes. Wir liebten sie, weil sie lieblich vereint Tugend, Sanftmut und Zauber der Wangen; Jetzt nun, wo sie hinübergegangen, Folgt ihr die Klage, und jeder weint.

Wir werden noch an andrer Stelle Versen der Art begegnen. Inmitten des Parks, der reich daran ist, erfreuen sie; hier aber, unter deutschen Liedern und Kernsprüchen, stören sie bloß und würden auch dann noch stören, wenn sie bedeutender wären, als sie sind. Es zeigt sich deutlich, daß die Kirche der ge- miedene Schauplatz der Voltairianer war, ein un- heimlicher, gotisch gewölbter Keller, für den es sich nicht verlohnte, wenn eine Elsener oder ein Pitschner starb, eine besonders poetische Kraftanstrengung zu machen. Die Rheinsberger Kirche weist noch eine Reihe klei- ner Sehenswürdigkeiten auf, die hier wenigstens in Kürze namhaft gemacht werden sollen. Unter diesen ist ein Kristallglas-Kronleuchter, den die Rheinsber- ger Jungfrauen hier aufhingen und zum ersten Male mit Lichtern schmückten, als im Sommer 1763, in Gegenwart des Prinzen Heinrich, das Friedensfest gefeiert wurde. Da begegnen wir weiterhin einem alten, aus gebranntem Tone gefertigten und mit Wappen und Malereien reich verzierten Taufsteine, den drei Geschwister Sparr (Franz, Anna und Sabina) der Kirche schenkten, und da fesselt uns drittens eine der Renaissancezeit angehörige Kanzel, die, »Jobst von Bredows getreue Witwe«, mit allerhand Wappen der Bredows, Hahns und Schulenburgs aus- gestattet, der Rheinsberger Kirche stiftete. Gegen- über dieser Kanzel, an der schweren alten Eichentür, die, von dem eingangs beschriebenen Vorbau her, in die Mitte der Kirche führt, stand am Pfingstsonnta- ge 1737 König Friedrich Wilhelm I., eben erst von Berlin her in Rheinsberg eingetroffen. Als ein from- mer Christ, der nicht leicht einer Predigt vorüber- ging, war er, eh er den kronprinzlichen Sohn im Schloß drüben überraschte, zuvor noch in die Kirche getreten. Und das war gut. Aber freilich, ein so frommer Herr er war, ein so strenger Herr war er auch, und der alte Geistliche Johann Rossow, der das Glück oder Unglück hatte, den König schon von frü- her her zu kennen, erschrak beim Anblick Seiner Majestät dermaßen, daß er nur noch fähig war, mit zitternder Stimme den Segen zu sprechen. Worauf der König mit dem Stock nach der Kanzel hinauf drohte, eine Form der Aufmunterung, die begreifli- cherweise völlig ihres Zwecks verfehlte. Johann Ros- sow starb bald nachher infolge des Schrecks. Im üb- rigen aber muß Rheinsberg und ganz besonders sein Pfarrhaus immer eine gesunde Luft gehabt haben. Von 1695 bis 1848, also in mehr als 150 Jahren, fin- den wir daselbst nur vier Prediger. Noch eines Kindergrabmals sei gedacht. Es stammt ebenfalls aus der alt-Bredowschen Zeit her und steht rechtwinklig auf das umfangreiche Monument des Achim von Bredowschen Ehepaars, das ich oben be- schrieben. Ich würde dieses kleineren Denkmals, das die mittelmäßigen Bildnisse zweier Kinder, eines, Mädchens und eines Knaben von drei bis vier Jahren, aufweist, an dieser Stelle gar nicht Erwähnung tun, wenn sich nicht, als an einem Musterbeispiele, daran zeigen ließe, wie und woraus Geschichten entstehn. Es wird einem nämlich erzählt, beide Kinder hätten am See gespielt und wären durch einen nicht aufge- klärten Zufall ertrunken. In der Hoffnung auf nähe- ren Aufschluß unterzog ich mich einer Entzifferung der Umschrift. Und was fand ich? Das Mädchen war am 25. Februar, der Knabe am 4. März 1586, also acht Tage später, gestorben. Die bloße Datenangabe genügte hier völlig, alles das, was erzählt wird, als ein Märchen erkennen zu lassen. Aber eine Prüfung der Bildnisse selbst ergab mir auch den Ursprung der Fabel. Das lang herabhängende blonde Haar des Mädchens sah täuschend aus wie halbkrauses Lo- ckenhaar, das im Wasser seine Krause verloren hat und nur noch leise gewellt, wie eine kompakte Mas- se, über den Nacken fällt. Einfach der Anblick dieses Haares, das nur deshalb wie vom Wasser zusam- mengehalten aussieht, weil es der Steinmetz nicht besser und natürlicher machen konnte, hat der klei- nen Erzählung von den im See ertrunkenen Ge- schwistern die Entstehung gegeben. Ihre größte Sehenswürdigkeit hat die Rheinsberger Kirche seit einem Menschenalter eingebüßt. Es war dies das alte Grabgewölbe, darin sich die Särge der Familien von Eichstädt und Sparr und besonders der Familie von Bredow befanden. Damals war die jetzt zugemauerte Gruft jedermann zugänglich, und nur am Schall des Tritts erkennt man auch heute noch, daß der Boden hohl ist, über den man hinschreitet., Ehe mit der Zumauerung begonnen wurde, schaffte man die drunten stehenden vierzig Särge noch ein- mal ans Tageslicht und öffnete die Deckel. Und so paradierten sie wochenlang im Schiff der Kirche. Vor demselben Altare, vor dem die Gesichter einiger Bredows in die großen Sandsteinplatten eingegraben waren, standen jetzt die Toten in ihren halbaufge- richteten Särgen und blickten geschlossenen Auges auf ihre eigenen Bildnisse herab. Endlich aber war die Zeit da, wo die Toten wieder in ihre mittlerweile gelüftete Gruft zurück mußten, und Achim von Bre- dow, dem man, als dem Vornehmsten, eine Flasche mit einem beschriebenen Zettel darin mit in den Sarg gegeben, eröffnete den Reigen. Auf dem Zettel aber stand, daß Träger dieses Herr Achim von Bre- dow sei, der in Genossenschaft vieler Bredows, Eichstädts und Sparrs hier 300 Jahre lang ge- schlummert dann behufs Lüftung der Gewölbe vier Wochen lang im Kirchenschiffe zu Rheinsberg ausge- standen und im Maimonat 1844 seine alte Wohnung wieder bezogen habe. Daran schloß sich eine Chronik und die Namensunterschrift von Bürgermeister und Rat. Und nun noch eins. Während der Zeit, daß die Särge geöffnet im Kir- chenschiffe standen, trug sich eine Geschichte zu, die, mit ihrem gespenstischem Anfluge, die Gemüter der Rheinsberger allerdings auf Wochen hin beschäf- tigen durfte. Unter den Toten befand sich nämlich auch eine Margarete von Eichstädt, eine schöne Frau, die bei jungen Jahren gestorben war. Ihre wei-, ßen Grabgewänder waren noch wohlerhalten, um den Hals trug sie reiches Geschmeide und endlich auch einen schmalen Trauring am Ringfinger der rechten Hand. Tag und Nacht hatten Wächter in der Kirche gestanden. Als nun die Zeit kam, wo die Sär- ge wieder geschlossen werden sollten, bemerkte man, daß der Ring am Ringfinger Margaretes von Eichstädt fort war. Ein gewöhnlicher Diebstahl konn- te nicht vorliegen, das reiche Halsgeschmeide war unberührt geblieben, und nur eben der Ring fehlte. Wer trug ihn jetzt?, 2. Das Schloß in Rheinsberg. An- blick vom See aus.

Die Reihenfolge der Besitzer. Die Zimmer des Kronprinzen. Die Zimmer des Prinzen Heinrich

Die alte Glocke zu Rheinsberg, die in mehr charakte- ristischen als poetischen Alexandrinern die Inschrift trägt: Des Feuers starke Wut riß mich in Stücken nieder, Mit Gott durch Meyers Hand ruf ich doch Menschen wieder – schlägt eben vier und läßt uns die Vermutung aus- sprechen, daß selbst der Nachmittagsschlaf eines vierundachtzigjährigen Kastellans nunmehr zu Ende sein könne. Unser heiterer Freund antwortet mit ei- nem ungläubigen »wer weiß«, ist aber nichtsdesto- weniger bereit, die Führung bis ins Schloß zu über- nehmen und uns seinem »Gevatter« vorzustellen. Unterwegs warnt er uns in humoristischer Weise vor den Bildererklärungen und Namensunterstellungen des Alten. »Sehen Sie, meine Herren, er hat eine Liste, auf der die Namen sämtlicher Portraits ver- zeichnet stehen, aber er nimmt es nicht genau mit der Verteilung dieser Namen. Einige Portraits sind fortgenommen und in die Berliner Galerien gebracht worden, was unsern Gevatter aber wenig kümmert;, er stellt ihnen, nach wie vor, Personen vor, die sich gar nicht mehr im Schlosse zu Rheinsberg befinden. Prinzeß Amalie namentlich, die schon bei Lebzeiten soviel Schweres tragen mußte, muß auch im Tode noch allerlei Unbill über sich ergehen lassen, und jedes Frauenportrait, das der Wissenschaft der Kunstkenner und Antiquare bisher gespottet hat, ist sicher, als ›Schwester Friedrichs des Großen‹ ge- nannt zu werden. Sie werden sie in Hofkostüm, in Phantasiekostüm und in Maskenkostüm kennenler- nen; besonders mach ich Sie auf ein Kniestück auf- merksam, wo sie in Federhut und schwarzem Muff erscheint. Die Kehrseite des Bildes wäre Wohltat ge- wesen.« Unter solchem Geplauder haben wir die der Stadt zu gelegene Rückseite des Schlosses erreicht, passieren den Schloßhof, steigen in ein bereitliegendes Boot und fahren bis mitten auf den See hinauf. Nun erst machen wir kehrt und haben ein Bild von nicht ge- wöhnlicher Schönheit vor uns. Erst der glatte Was- serspiegel, an seinem Ufer ein Kranz von Schilf und Nymphäen, dahinter ansteigend ein frischer Garten- rasen und endlich das Schloß selbst, die Fernsicht schließend. Nach links hin dehnt sich der See; wohin wir blicken, ein Reichtum von Wasser und Wald, die Bäume nur manchmal gelichtet, um uns irgendein Denkmal auf den stillen Grasplätzen des Parks oder eine Marmorfigur oder einen »Tempel« zu zeigen. Das Schloß war in alten Tagen ein gotischer Bau mit Turm und Giebeldach. Erst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts trat ein Schloßbau in französischem, Geschmack an die Stelle der alten Gotik und nahm dreißig Jahre später unter Knobelsdorffs Leitung im wesentlichen die Formen an, die er noch jetzt zeigt. Eine Beschreibung des Schlosses versuch ich nur in allgemeinsten Zügen. Es besteht aus einem Mittel- stück (corps de logis) und zwei durch eine Kolonnade verbundenen Seitenflügeln. In Front der See. Mehr eine Eigentümlichkeit als eine Schönheit bilden ein paar abgestumpfte Rundtürme, die sich an die Giebel der Seitenflügel anlehnen und deren einem es vor- behalten war, zu besonderer Berühmtheit zu gelan- gen. Langsam nähern wir uns wieder dem Ufer, befestigen den Kahn am Wassersteg und schreiten nun plau- dernd unsren Weg zurück. Unter der Kolonnade ma- chen wir halt und rekapitulieren die Geschichte des Orts. Es ist nötig, sie gegenwärtig zu haben. Die Herrschaft Rheinsberg war ein altes Besitztum der Bredows. Seit 1618 sind die Hauptdaten folgen- de: Jobst von Bredow verkauft Rheinsberg an Kuno von Lochow, Domherrn zu Magdeburg. 1618. Der Große Kurfürst nimmt, nach dem Erlöschen die- ser Familie von Lochow, Rheinsberg in Besitz und schenkt es dem General Duhamel. 1685. General Duhamel verkauft es sofort an den Hofrat de Beville., Die Bevilles besitzen es, Vater und Sohn, bis 1734. Vom Sohne, dem Oberstlieutenant Heinrich von Be- ville, kauft es König Friedrich Wilhelm I. und schenkt es an den Kronprinzen Friedrich 1734. Der Kronprinz (Friedrich der Große), obschon nur bis 1740 dort, behält es als Eigentum bis 1744. Im Jahre 1744 erhält es Prinz Heinrich von seinem Bruder als Geschenk, übersiedelt aber erst 1753 nach Rheinsberg.1) Prinz Heinrich von 1753 bis 1802 († 3. August). Prinz Ferdinand von 1802 bis 1813 († 2. Mai). Prinz August von 1813 bis 1843 († 19. Juli). Seit 1843 ist es wieder königlicher Besitz. – Wir nähern uns jetzt von der Kolonnade her dem linken Flügel des Schlosses, treten auf einen großen Flur und ziehen leise mit der Hand des Bittstellers an der Klingel des Kastellans. Er schläft wirklich noch, aber seine Frau nimmt unverdrossen das große Schlüsselbund von der Wand und schreitet treppauf vor uns her. Wollt ich dem Leser zumuten, uns auf diesem Gange zu folgen, so würd ich ihn nur verwirren; ich begnü- ge mich deshalb damit (ohne Rücksicht auf die Rei- henfolge, darin wir die Zimmer sahen), in nachste-, hendem erst von den Zimmern des Kronprinzen Friedrich und danach von denen des Prinzen Heinrich zu sprechen. Zunächst also die Zimmer des Kronprinzen, des nachmaligen »großen Königs«. Sie befinden sich in beiden Flügeln, wenn man, wie billig, den großen Konzertsaal mit hinzurechnet, den Konzertsaal, in welchem unter Leitung Grauns und unter Mitwirkung des Kronprinzen die klassischen Kompositionen jener Epoche zur Aufführung kamen. Dieser Konzertsaal befindet sich (immer von der Seefront aus) im linken Flügel des Schlosses, von dem aus seine hohen Fenster einerseits auf den Schloßhof, andrerseits auf das »Kavalierhaus« und einen vorgeschobenen Teil der Stadt herniederblicken. Er ist etwa vierzig Fuß lang, fast ebenso breit und vortrefflich erhalten. Die Wände sind von Stuck und die Fensterpfeiler mit Spiegeln und Goldrahmen reich verziert; eine Haupt- sehenswürdigkeit aber ist das große Deckengemälde von Pesne, das dieser, nach einem den Ovidschen »Metamorphosen« entlehnten Vorwurf, im Jah- re 1739 hier ausführte. Der Grundgedanke ist: »die aufgehende Sonne vertreibt die Schatten der Fins- ternis« oder, wie einige es ausgelegt haben, »der junge Leuchteprinz vertreibt den König Griesegram«. Die Technik ist vortrefflich, und wie immer man auch über pausbäckige Genien und halbbekleidete Göttin- nen denken mag, in dem Ganzen lebt und webt eine künstlerische Potenz, gegen die es nicht gut möglich ist sich zu verschließen. Schinkel soll unter dem, Einfluß dieses Deckengemäldes die große Kompositi- on entworfen haben, die sich jetzt al fresco in der Säulenhalle des Berliner Alten Museums befindet. Was übrigens den Konzertsaal selber angeht, so fand innerhalb desselben, im Sommer 1848, ein etwas in Rot getauchtes Ruppin-Rheinsbergisches Gesangfest statt, das eigentümlich gestört wurde. Man war eben auf der »Höhe der Situation«, als sich plötzlich eine halbe Stuckwand loslöste und mitten in den entsetz- ten Sängerkreis hineinfiel. Alles stob auseinander. Das Mauerwerk des alten Schlosses hatte sich aus seinen friderizianischen Erinnerungen heraus empört. Dieser linke Flügel enthält außer dem Konzertsaal noch zehn oder zwölf kleinere Räume, von denen einige die Zimmer der Prinzeß Amalie heißen, wäh- rend der Rest sich ohne jeden Namen begnügen muß. Diese »Namenlosen« sind die einzigen Räume des Schlosses, die noch eine praktische Verwendung finden. In ihnen logieren die Hausministerialbeam- ten, die hier gelegentlich eintreffen, um nach dem Rechten zu sehen. Es macht einen ganz eigentümli- chen Eindruck, wenn man nach Passierung einer lan- gen Reihe von Zimmern, die nur immer die Vorstel- lung in uns wachriefen, »hier muß der oder der ge- storben sein«, plötzlich in ein paar Räume tritt, die liebe Rückerinnerungen an die Tage eigenen Chambre-garnie-Lebens in uns wecken. Die kleinen Bettstellen von Birkenmaserholz, die roten Steppde- cken von allersimpelstem Kattun, die Waschtoiletten mit dem Klappdeckel und die beinah faltenlosen Zitzgardinen, als habe das Zeug nicht ganz gereicht, alles hat den schlichtbürgerlichsten Charakter von, der Welt, und das eitle Herz freut sich der Wahrneh- mung, daß man in Schlössern schläft wie anderswo. Doch vergessen wir über diesem stillen Behagen nicht unsere eigentliche Aufgabe, und wenden wir uns lieber jenem kleinen Arbeitszimmer zu, das, mit noch größerem Recht als der Konzertsaal, den Na- men des großen Königs führt. Dies Arbeitszimmer liegt im rechten Flügel des Schlosses, und zwar in dem kleinen Rundturm, der den Hügel nach vorn hin abschließt. Wir passieren abermals eine lange Zimmerreihe, bis wir endlich in ein kleines und halbdunkles Vorgemach treten, das sein Licht nur durch eine Glastür empfängt. Dies halbdunkle Vorgemach enthielt die kleine Bibliothek, die Friedrich der Große bald nach seiner Thronbe- steigung nach Potsdam schaffen ließ; das davorlie- gende Zimmer aber, von dem uns nur noch die Glas- tür trennt, ist das Arbeitszimmer selbst. Nur sehr klein (höchstens zwölf Fuß im Quadrat), hat es nach drei Seiten hin eine entzückende Aussicht über Wald und See. Vor 140 Jahren muß es auch in seiner Aus- stattung einen durchaus heiteren und angenehmen Eindruck gemacht haben. Es ist ein Achteck, das mit drei Seiten in der Mauer steckt, während fünf Seiten frei und losgelöst nach vorn hin liegen. Das Ganze setzt sich abwechselnd aus Wand- und Glasflächen zusammen: vier Paneelwände, drei Nischenfenster und eine Glastür. Die Fensternischen sind sehr tief und boten deshalb Raum zur Aufstellung von Pols- terbänken, die sich an beiden Seiten entlangziehen. An den Paneelwänden stehen altmodische Lehnstühle, mit versilberten Beinen und schlechten, dunklen Kat- tunüberzügen. Über den Lehnstühlen aber, in ziemli- cher Höhe, sind Konsolen mit den Büsten Ciceros, Voltaires, Diderots und Rousseaus angebracht. In die Holzbekleidung ist vielfach Spiegelglas eingelassen, während sich zu Häupten der Eingangstür allerlei Zeichen des Freimaurerordens befinden und aber- mals ein Pesnesches Deckengemälde den Plafond bedeckt. Dasselbe zeigt die Ruhe beim Studieren; ein Genius überreicht der sitzenden Minerva ein Buch, auf dessen Blättern man die Namen Horaz und Voltaire liest. Das Bild hat verhältnismäßig gelitten und kann überhaupt mit der glänzenden Schöpfung desselben Meisters im Konzertsaale nicht verglichen werden. In der Mitte des Zimmers steht auf vergol- deten Rokokofüßen und etwa von der Größe moder- ner Damenschreibtische der Arbeitstisch des Prinzen. Seine Schreibplatte liegt schräg und kann aufge- klappt werden. Sie war ehedem mit rotem Samt ü- berzogen, hat aber nicht nur die Farbe, sondern auch den ganzen Samtstoff längst verloren. Der Samt wird bekanntlich auf eine Unterschicht von festem Zeug aufgetragen. Diese Unterschicht war 1853, als ich Rheinsberg zum ersten Male besuchte, noch ziemlich intakt vorhanden. Seitdem aber haben sich die Dinge sehr zum Schlimmeren verändert. Nicht die Hälfte mehr existiert von diesem Unterzeug, und man kann deutlich sehen, wie die Federmesser, je nach der Charakteranlage der Besucher, mal größere, mal kleinere Karos herausgeschnitten haben. Ich liebe nicht die Kastellane, die einen durch ihren Dienstei- fer um die Möglichkeit eines ruhigen Genusses brin- gen, aber ebensowenig mag ich jenen das Wort re-, den, die voll mißverstandener Nachsicht ein Auge da zudrücken, wo sie's aufmachen sollten. Wir nehmen zögernd Abschied von diesem interes- santen Zimmer, um uns nun den Zimmern des Prin- zen Heinrich zuzuwenden. Sie liegen im ersten Stock des corps de logis und bilden eine ununterbrochene Reihenfolge. Den Anfang machen die sogenannten Prinz-Ferdinands-Zimmer, das heißt diejenigen, die Prinz Ferdinand zu bewohnen pflegte, wenn er bei seinem älteren Bruder, dem Prinzen Heinrich, zum Besuche war. Vielleicht auch residierte der erstge- nannte Prinz in der Zeit von 1802 bis 1813 wenigs- tens zeitweilig hier und bewohnte dann diese Räume. Hinter diesen sogenannten Prinz-Ferdinands- Zimmern folgt der Konzertsaal (nicht zu verwechseln mit dem kronprinzlichen im linken Hügel), alsdann der sehr gut erhaltene Muschelsaal und endlich das Bibliothekzimmer. Neben diesem befindet sich das Schlaf- und Sterbezimmer des Prinzen Heinrich. Es ist ein großes, ziemlich dunkles Gemach, durch ein Paar Säulen in zwei Hälften geteilt. In der dunkleren Hälfte, halb durch die Säulen verdeckt, steht das Sterbebett, ein stattlicher, mit schweren Seidenvor- hängen reich ausgestatteter Bau. Derartige Staats- betten, namentlich wenn alt geworden, machen in der Regel einen ängstlichen Eindruck und erfüllen uns mit Dank, nicht in ihnen schlafen zu müssen. Anders hier, weil sich nichts von Verschossenheit zeigt, vielmehr alles frisch und farbig und voll be-, weglich lebensvoller Falten. – Um dieses Schlaf- und Sterbezimmer her gruppieren sich einige kleinere, die nur durch ihre Schildereien interessieren, meist Bilder in chinesischer Tusche von der Hand des Prin- zen Heinrich selbst. Im großen und ganzen aber herrscht Mangel an guten Bildern, und nur einige wenige hat man dieser Stelle gelassen. Unter diesen sind zwei Bildnisse des jungen Grafen Bogislaw von Tauentzien und ein Portrait der ersten Königin, So- phie Charlotte, bei weitem die besten. Auch die Zimmer im Erdgeschoß sind nicht ohne In- teresse. Bilder, Büsten, Ausschmückungsgegenstän- de, die sich teils noch aus der Zeit des Prinzen Hein- rich her in diesen Zimmern befinden oder aber ver- schönerungshalber seitdem ihren Weg aus dem o- bern Stock ins untere genommen haben, fesseln hier den Beschauer. In einem dieser Räume befinden sich beispielsweise die Büsten des Marquis de la Roche- Aymon und seiner Gemahlin, daneben eine Büste des französischen Schauspielers Blainville. Der Marquis, auf den ich in einem späteren Kapitel zurückkomme, war nach Tauentziens Abgang Adjutant des Prinzen und nebenher eine Art Général en chef des prinzli- chen Heeres, das heißt jener im Solde des Prinzen stehenden Leibhusarenschwadron, die in Rheinsberg ihre Garnison und im Schlosse den Dienst hatte. Der Schauspieler Blainville, ein besonderer Liebling des Prinzen, gab sich selbst den Tod, als es der Kabale seiner Genossen gelungen war, ihm momentan die Gunst seines Herrn zu entziehen. Der Prinz soll die- sen Verlust nie verwunden haben., Ein größerer Saal neben jenem büstengeschmückten Zimmer macht den Eindruck einer gewissen Wohn- lichkeit, vielleicht weil er ein paar Spezialitäten ent- hält, die uns, wie ein Vogelbauer oder ein Tisch voll Nippsachen, die wohltuende Nähe von Menschen auch dann noch empfinden lassen, wenn diese lange vom Schauplatze abgetreten sind. Zu diesen Spezia- litäten zähl ich hier ein würfelförmiges Postament von dem Umfang eines großen Tabakskastens, das auf einem halb versteckten Ecktisch steht. Dieser Kasten muß bei bestimmter Gelegenheit als Unter- satz für eine kostbare Blume gedient haben und von dem einen oder andern seiner Verehrer dem Prinzen überreicht worden sein. Noch jetzt umschließt der Kasten einen Blumentopf, aber die Blumen selbst sind von Papier. Alle vier Wände des Kastens enthal- ten reizende Aquarellbildchen, zwei davon Schlach- tenbilder en miniature, von denen das eine die In- schrift trägt: »Condé aux lignes de Fribourg«, das andere: »Henri à la bataille de Prague«. Die Verbind- lichkeit ist sehr fein und die Parallele gut gezogen. »Condé aux lignes de Fribourg« ist vielleicht eine Kopie, wenigstens entsinn ich mich dunkel, im Louv- re oder in den Sälen von Versailles etwas Verwand- tes gesehen zu haben. Auf dem Frontbilde: »Henri á la bataille de Prague«, erhebt der Prinz2) eben den Degen, und den Kopf nach rechts hin zurückge- wandt, um durch Wort und Blick die Nachfolgenden anzufeuern, führt er eine Grenadiercompagnie zum Sturm., 1. Im Widerspruch hiermit steht allerdings, daß Prinz Heinrich im Jahre 1745 seine Mutter, die verwitwete Königin Sophie Dorothea, hier in Rheinsberg empfing. Pöllnitz gibt davon eine sehr eingehende Beschreibung. Vielleicht aber hatte sich der Prinz eigens und auf kurze Zeit nur nach Rheinsberg begeben, um seine Mut- ter daselbst empfangen zu können. 2. Der Kopf des Prinzen auf diesem Bildchen ist Portrait. Es existieren im Ruppinschen außer- dem noch vier Bildnisse des Prinzen Heinrich: 1. Im Besitz der Frau von Kaphengst in Rup- pin. Von Pesne gemalt. 2. Im Besitz des Grafen Zieten-Schwerin auf Wustrau. Von Frau Teerbusch. 3. Im Besitz des Herrn Gentz in Ruppin. Ein Pastellbild (befindet sich im »Tempel«). 4. Eine Büste; ebendaselbst. (Ein andres sehr gutes Bild des Prinzen – mit Tigerfellaufschlägen an der Uniform und einer Terrainkarte von Freiberg auf dem nebenste- henden Tisch – befindet sich im Schloß zu Tamsel.), 3. Prinz Heinrich.

Der Rheinsberger Park. Herr von Reitzenstein und der

verschluckte Diamant.

Der Freundschaftstempel. Das Theater im Grünen. Das Grabmal des Prinzen

Außer den im vorigen Kapitel beschriebenen Zim- mern des Kronprinzen und des Prinzen Heinrich ent- hält das Rheinsberger Schloß nichts, was der Erwäh- nung wert wäre. Wenn man wieder ins Freie tritt, um, über den Schloßhof hin, dem Park und dem See zuzuschreiten, so kann man die Frage nicht abweh- ren: Wie kommt es, daß dieser kluge, geistvolle Prinz Heinrich, dieser Feldherr sans peur et sans reproche, dies von den nobelsten Empfindungen inspirierte Menschenherz so wenig populär geworden ist? Man geh in eine Dorfschule und mache die Probe. Jedes Tagelöhnerkind wird den Zieten, den Seydlitz, den »Schwerin mit der Fahne« kennen, aber der Herr Lehrer selbst wird nur stotternd zu sagen wissen, wer denn eigentlich Prinz Heinrich gewesen sei. Selbst in Rheinsberg, das der Prinz ein halbes Jahr- hundert lang bewohnt hat, ist er verhältnismäßig ein Fremder. Natürlich, man kennt ihn, aber man weiß wenig von ihm. Einige von den Alten entsinnen sich seiner, erzählen dies und das, aber die lebende Ge-, neration lernt Geschichte wie wir, das heißt, liest lange Kapitel vom Kronprinzen Friedrich und seinem Rheinsberger Aufenthalt und hat sich daran gewöhnt, den Konzertsaal und das Studierzimmer als die allei- nigen Sehenswürdigkeiten des Schlosses anzusehen. Die Zimmer des Prinzen Heinrich, Prinz Heinrich selbst, alles ist bloße Zugabe, Material für die Rum- pelkammer. Das harte Los, das dem Prinzen bei Leb- zeiten fiel, das Geschick, »durch ein helleres Licht verdunkelt zu werden«, verfolgt ihn auch im Tode noch. An derselben Stelle, wo er durch fast zwei Menschenalter hin gelebt und geherrscht, geschaffen und gestiftet hat, ist er ein halb Vergessener, bloß weil der Stern seines Bruders vor ihm ebendaselbst geleuchtet. Und ein Teil dieses Mißgeschicks wird auch bleiben. Aber es ist andrerseits nicht unwahr- scheinlich, daß die nächsten fünfzig Jahre schon Ver- dienst und Klang des Namens mehr in Harmonie bringen werden. Um es mit einem Wort zu sagen: dem Prinzen hat der Dichter bis zu dieser Stunde gefehlt. Von dem Augenblick an, wo Lied, Erzählung, Schauspiel ihn unter ihre Gestalten aufnehmen wer- den, werden sich auch die Prinz-Heinrich-Zimmer im Rheinsberger Schlosse neu zu beleben anfangen, und die Kastellane der Zukunft werden zu berichten wis- sen, was in dieser und jener Fensternische geschah, wer den Blumenkasten übergab und unter welchem Kastanienbaum der Prinz seinen Tee trank und mit einem freudigen »Oh, soyez le bien venu« sich er- hob, wenn Prinz Louis am Schloßtor hielt und la- chend aus dem Sattel sprang., Historische Gestalten teilen nicht selten das Schick- sal alter Statuen. Einzelne stehen durch ein Jahrtau- send hin immer leuchtend und immer bewundert auf dem Postament ihres Ruhmes; andere werden ver- schüttet oder in den Fluß geworfen. Aber endlich kommt der Moment ihrer Wiedererstehung, und nun erst – neben den glücklicheren neu aufgerichtet – erwächst der Nachwelt die Möglichkeit des Ver- gleichs. Es muß zugegeben werden (und ich habe bereits in dem Kapitel »Die Kirche zu Rheinsberg« darauf hin- gewiesen), daß etwas prononciert Französisches in Sitte, Gewöhnung, Ausdruck sowie das geringe Maß jener kurbrandenburgischen Derbheit, die wir an Friedrich dem Großen, all seiner Voltaire- Schwärmerei zum Trotz, so deutlich erkennen und so sehr bewundern, der Volkstümlichkeit des Prinzen Heinrich immer hindernd im Wege stehen wird, es fehlt aber auch noch viel bis zu jenem bescheidene- ren Teile von Popularität, worauf er unbedingten An- spruch hat. Seine Repliken waren nicht im Stile des älteren Tauentzien, als dieser, unter Androhung, »daß man das Kind im Mutterleibe nicht schonen werde«, aufgefordert wurde, Breslau zu übergeben; aber wenn er in seinen Antworten auch nicht dem Richard Löwenherz glich, der mit seinem Schwert ein zolldickes Eisen zerhieb, so glich er doch dem Sal- adin, der mit seiner Halbmondklinge das in die Luft geworfene Seidentuch im Niederfallen durchschnitt. Nur selten war er derb, rauh nie., Wir sind nun in den Park getreten. Er umzieht in wei- tem Halbkreise die linke Hälfte des Sees und geht am jenseitigen Ufer unmittelbar in die schönen Laubholzpartien des Boberow-Waldes über. Der Park ist eine glückliche Mischung von französischem und englischem Geschmack, zum Teil planvoll und ab- sichtlich dadurch, daß man die Le Nôtreschen Anla- gen durch Partien im entgegengesetzten Geschmack erweiterte, zum Teil aber planlos und unabsichtlich dadurch, daß sich das zwang- und kunstvoll Ge- machte wieder in die Natur hineinwuchs. Die ur- sprüngliche Anlage soll das Werk eines Herrn von Reitzenstein gewesen sein, der schließlich (wie das zu geschehen pflegt) in verleumderischer Weise be- schuldigt wurde, die Kriegsabwesenheit des Prinzen zu seinem Vorteil benutzt und unredlich gewirtschaf- tet zu haben. Als er von dieser gegen ihn umgehen- den Verleumdung und beinahe gleichzeitig auch von der nahe bevorstehenden Rückkehr des Prinzen hör- te, gab er sich den Tod, »indem er einen Diamanten verschluckte«. So das Volk. Es liegt auf der Hand, daß hier der nach dem Abenteuerlichen haschende Sinn desselben eine komische Substituierung ge- schaffen hat. Ein verschluckter Diamant ist um nichts schädlicher als ein verschluckter Pflaumenkern, und so glaub ich denn bis auf weiteres annehmen zu dür- fen, daß sich von R. (wenn überhaupt) einfach durch Blausäure, durch essence d'amandes, getötet hat, aus welch letztrem Worte, lediglich nach dem Gleich- klang, ein Diamant geworden ist. Man passiert, abwechselnd dicht am See hin und mal wieder sich von ihm entfernend, die herkömmlichen, Schaustücke solcher Parkanlage: Säulentempel, künstliche Ruinen, bemooste Steinbänke, Statuen (darunter einige von großer Schönheit), und gelangt endlich bis an den sogenannten Freundschaftstem- pel, der bereits am jenseitigen Ufer des Sees, im Boberow-Walde, gelegen ist. In diesem Freund- schaftstempel pflegte der Prinz zu speisen, wenn das Wetter eine Fahrt über den See zuließ. Es war ein kleiner Kuppelbau, auf dessen Hauptkuppel noch ein Kuppelchen saß; über dem Eingang aber ein Fron- tispice. Frontispice und Kuppeln existieren nicht mehr; sie drohten mit Einsturz und wurden abgetra- gen. Aber das Innere des »Tempels« ist noch wohl- erhalten und besteht aus einem einzigen achteckigen Zimmer, um das sich, wie die Schale um die Mandel, ein etwas größerer achteckiger Außenbau legt. Ge- nauso, wie wenn man eine kleine Schachtel in eine größere stellt und beide mit einem gemeinschaftli- chen Deckel überdeckt. In dem achteckigen Einsatz befinden sich vier türbreite Einschnitte (die Türen selber fehlen), und mit Hülfe dieser Einschnitte wird es möglich, die sechzehn Inschriften zu lesen, die seinerzeit der Innenwand des achteckigen Außen- baues, und zwar sehr wahrscheinlich vom Prinzen selber, gegeben wurden. Sie sind abwechselnd zwei und vier Zeilen lang und beziehen sich auf das Glück der Freundschaft. Ich zitiere zwei derselben:

Qui vit sans amitié, ne sauroit être heureux, Quand il auroit pour lui la fortune et les Dieux.

oder,

Pourquoi l'amour est-il donc le poison Et l'amitié le charme de la vie? C'est que l'amour est le fils de la folie Et l'amitié fille de la raison.

So sind sie alle. Kleine Niedlichkeiten ohne tiefere Bedeutung, und doch an dieser Stelle ebenso an- sprechend, wie sie als Grab- und Kircheninschriften uns widerstrebend sind. Jetzt feiert die junge Welt ihr Möskefest hier, bei welcher Gelegenheit sicherlich alle philosophischen Betrachtungen über das Glück der Freundschaft un- terbleiben und die sich »anbahnenden Verhältnisse« durchaus zugunsten des ewig im Schwunge bleiben- den »fils de la folie« entschieden werden. Ein Möske- fest an dieser Stelle bedeutet eine nicht üble Kritik und Ironie. Vom Freundschaftstempel aus schreiten wir in den eigentlichen Park zurück, machen dem wohlerhalte- nen »Theater im Grünen«, das lebendige Hecken statt der Coulissen hat, unsern Besuch und gelangen danach in allerhand schmale Gänge, deren Windun- gen uns schließlich bis an das Grabmal des Prinzen Heinrich führen. Es besteht aus einer Pyramide von Backstein, um die sich ein schlichtes Eisengitter zieht. Der Prinz, in seinem Testamente, hatte die völlige Vermauerung dieser Pyramide angeordnet;, man ging aber von dieser Anordnung ab und ließ einen Eingang offen. Im Jahre 1853 sah ich noch deutlich den großen Zinksarg stehen, auf dem ein rostiger Helm lag. Seitdem ist ein brutaler Versuch gemacht worden, ebendiesen Sarg, in dem man Schätze vermutete, zu berauben, was nun, nachträg- lich noch, zur Erfüllung der Testamentsanordnung, will also sagen zur Vermauerung der Pyramide, ge- führt hat. Wo früher der Eingang war, befindet sich jetzt eine große Steintafel mit der von Prinz Heinrich selbst verfaßten Grabschrift Sie lautet: Jetté par sa naissance dans ce tourbillon de vaine fumée Que le vulgaire appelle Gloire et grandeur, Mais dont le sage connoit le néant; En proie à tous les maux de l'humanité; Tourmenté par les passions des autres, Agité par les siennes; Souvent exposé à la calomnie; En butte à l'injustice; Et accablé même par la perte De parens chéris, D'amis sûrs et fidèles; Mais aussi, souvent consolé par l'amitié; Heureux dans le recueillement de ses pensées, Plus heureux Quand ses services purent être utiles à la patrie Ou à l'humanité souffrante: Tel est l'abrégé de la vie de, Frédéric-Henri-Louis, Fils de Frédéric-Guillaume, roi de Prusse, Et de Sophie-Dorothtée, Fille de George Ier, roi de la Grande-Bretagne. Passant Souviens-toi que la perfection n'est point sur la ter- re. Si je n'ai pu être le meilleur des hommes, Je ne suis point au nombre des méchans; L'éloge ou le blâme Ne touchent plus celui Qui repose dans l'éternité; Mais la douce espérance Embellit les derniers moments De celui qui remplit ses devoirs; Elle m'accompagne en mourant. Né le 18. Janvier 1726. Décédé le 3. août 1802. So dachte, so schrieb man damals. Die »naissance« war ein Spiel des Zufalls, und man war es müd, »ü- ber Sklaven zu herrschen«. Aus dieser Welt der Freiheitsphrase sind wir heraus, aber, Gott sei Dank, dem Wesen der Freiheit sind wir nähergekommen., 5. Der große Obelisk in Rheinsberg und seine Inschriften Vielleicht die größte Sehenswürdigkeit Rheinsbergs ist der Obelisk, der sich, gegenüber dem Schlosse, am jenseitigen Seeufer auf einem zwischen dem Park und dem Boberow-Walde gelegenen Hügel erhebt. Er wurde zu Anfang der neunziger Jahre vom Prinzen Heinrich »dem Andenken seines Bruders August Wil- helm« errichtet und trägt an seiner Vorderfront das vortrefflich ausgeführte Reliefportrait ebendieses Prinzen und darunter die Worte: A l'éternelle mémoire d'Auguste Guillaume, Prince de Prusse, second fils du roi Frédéric Guillaume. Aber nicht dem Prinzen allein ist das Monument er- richtet, vielmehr den preußischen Helden des Sie- benjährigen Krieges überhaupt, allen jenen, die, wie eine zweite Inschrift ausspricht, »durch ihre Tapfer- keit und Einsicht verdient haben, daß man sich ihrer auf immer erinnere«. Da nun solcher preußischen Helden in jener Ruhmes- zeit unzweifelhaft sehr viele waren, so lag es dem Prinzen ob, unter den vielen eine Wahl zu treffen. Diese Wahl geschah, und achtundzwanzig wurden schließlich der Ehre teilhaftig, ihre Namen auf dem Rheinsberger Obelisken genannt zu sehen. Jeder Name steht in einem Medaillon und ist von einer kur- zen, in französischer Sprache abgefaßten Charakte-, ristik begleitet. Nachstehend geb ich dieselben in Übersetzung.

Vorderfront

Marschall von Keith. Mit der größten Biederkeit ver- einigte er die ausgebreitetsten und gründlichsten Kenntnisse. In Rußland, während des Krieges gegen die Türken, erwarb er sich einen wohlverdienten Ruhm, welchen er im preußischen Dienste bestätigte. Das Bedauern aller gefühlvollen Herzen, die Tränen aller Krieger verewigten auf immer sein Andenken. Er blieb bei dem Überfall zu Hochkirch, den 14. Oktober 1758. Marschall von Schwerin. Die Ehre seines Jahrhun- derts und der Schild des Vaterlandes. Er vereinigte alle bürgerlichen und kriegerischen Tugenden. Die Feinde, welche er bekämpfte, konnten ihm ihre Be- wunderung nicht versagen. Am 10. April 1741 ge- wann er die Schlacht bei Mollwitz. Im Jahr 1744 be- fehligte er die Armee, welche Prag belagerte, und nahm die Festung Ziškaberg. Im Jahre 1756 war er an der Spitze der preußischen Armee, welche durch Schlesien in Böhmen eindrang. Und obgleich das feindliche Heer ihm überlegen war, führte er dennoch einen Angriffskrieg gegen die von Piccolomini befeh- ligten Österreicher. Die Völker, gesichert durch seine Menschlichkeit, verehrten seinen Heldenmut. Die Fahne in der Hand, fiel er als Opfer seines Eifers bei Prag am 6. Mai 1757., Leopold, regierender Fürst von Anhalt-Dessau, einer der vollkommensten Feldherren; er zeichnete sich im Spanischen Erbfolgekriege aus. Turin war Zeuge sei- ner Kriegstaten. Er kämpfte dort an der Spitze der Preußen, welche er auch im Kriege 1742 in Ober- schlesien anführte. Im Jahre 1745 schlug er die Sachsen bei Kesselsdorf und bahnte sich den Weg nach Dresden. Sein militärisches Genie und sein Mut werden ihn auf immer unsterblich machen. August Ferdinand, vierter Sohn des Königs Friedrich Wilhelm, war 1757 bei der Einschließung von Prag und wurde bei einem Ausfall der Feinde verwundet. In der Schlacht bei Breslau, den 22. November des- selben Jahres, behauptete er bis zu Ende der Schlacht einen wichtigen Posten. In der Schlacht bei Leuthen erwarb er sich neue Lorbeern. Ebenso schätzbar durch seine Tugenden als durch seine Ta- ten. General von Seydlitz zeichnete sich aus von Jugend auf. Er war bei allen Feldzügen des Siebenjährigen Krieges zugegen, und stets mit Ehre und Ruhm. Durch Geschicklichkeit, Unerschrockenheit, vereinigt mit Schnelligkeit und Geistesgegenwart, wurden alle seine Kriegstaten den Feinden verderblich. Lobositz, Kolin, Hoßbach, Hochkirch, Zorndorf, Kunersdorf und Freiberg sind ihm Denkmäler des Sieges. Oft wurde er gefährlich verwundet. Die preußische Reiterei ver- dankt ihm den Grad der Vollkommenheit, welchen der Fremde bewundert. Dieser seltene Mann, alle Gefahren überlebend, verschied im Arme des Frie- dens., General von Zieten erreichte ein ebenso glückliches als ehrenvolles Alter. Er siegte in jedem Gefechte. Sein kriegerischer Scharfblick, vereinigt mit einer heroischen Tapferkeit, sicherten ihm den glücklichen Ausgang jeden Kampfes. Aber was ihn über alles erhob, waren seine Redlichkeit, seine Uneigennützig- keit und seine Verachtung aller derer, welche auf Kosten der unterdrückten Völker sich bereicherten. Der Herzog von Bevern. Er entschied 1756 den Sieg bei Lobositz. Im Jahre 1757 drang er aus Schlesien in Böhmen ein, und seine weisen Maßregeln ver- schafften ihm bei Reichenberg den Sieg über die Ös- terreicher. In demselben Jahre widerstand er mit 22 000 Mann der Daunschen Armee, welche 80 000 Mann stark war, und nur nach der mutigsten Gegenwehr unterlag er bei Breslau. 1762 mit einem Corps bei Reichenbach aufgestellt, wurde er in Front und Rücken durch überlegene Macht angegriffen. Er schlug sie zurück und behauptete das Schlachtfeld. General von Platen. Er diente mit Auszeichnung in allen Kriegen und war bei vielen Schlachten zugegen. Nach der Niederlage bei Kunersdorf sammelte er die zerstreuten Heereshaufen, deckte den Rückzug, blieb während der Nacht auf seinem Posten und ging erst am andern Morgen über die Oder zurück. Im Jahr 1762 wurde er mit einem Corps von dem König abgesendet; er schlug bei Posen 6000 Russen, machte viele Gefangene und vernichtete ihre Maga- zine. Er starb 1787.,

Rechtsfront

Oberstlieutenant von Wedell. Mit einem Bataillon Grenadiere, aus zwei Compagnien der Garde und zwei vom Regiment Kronprinz zusammengesetzt, verteidigte er bei Selmitz in Böhmen mehrere Stun- den lang, gegen die ganze österreichische Armee, den Übergang über die Elbe. So verschaffte er dem preußischen Heere die nötige Zeit, seine Quartiere zu erreichen. Nach fünf Stunden nötigten ihn die zahl- reichen Batterien der Feinde zum Rückzuge. Als Prinz Karl über den Fluß gegangen war, in der Meinung, ein zahlreiches Heer bekämpft zu haben, erfuhr er durch einen Gefangenen, daß ein einziges Bataillon, aber von einem Helden angeführt, diese schöne Ver- teidigung gemacht habe. Mit demselben Bataillon griff er in der Schlacht bei Soor, am 30. September 1745, den linken Flügel der Österrei- cher an und endigte hier sein Heldenleben. Generallieutenant von Hülsen. Sehr geschätzt durch seine militärischen Talente. Fast in allen Schlachten war er zugegen, oft verwundet und durch seine Un- erschrockenheit stets ausgezeichnet. Im Jahre 1760 in der Schlacht bei Torgau wurde der linke Flügel, bei welchem er sich befand, zurückgetrieben. Er sam- melte einige Flüchtlinge. Da aber seine Pferde getö- tet waren und sein Alter und seine Wunden ihm nicht erlaubten, zu Fuß sein Corps anzuführen, so setzte er sich auf eine Kanone und gelangte so, mitten im feindlichen Feuer, zum rechten Flügel., von Tauentzien, General der Infanterie. In allen Feldzügen zugegen; seine Wunden sind rühmliche Denkmäler seines Mutes. 1760 verteidigte er Breslau gegen Laudon. Er befehligte 1762 die Belagerung von Schweidnitz und erfreut sich gegenwärtig eines ehrenvollen Alters. von Möllendorf, General der Infanterie, war bei allen Feldzügen von 1740 bis 1778. Bei Torgau, 1760, bemächtigte er sich der Anhöhen von Siptitz und entriß dadurch dem Feinde den Sieg. Im Jahre 1762, als er auf gleiche Art die Anhöhen von Burkersdorf gewonnen hatte, nötigte dies den Marschall Daun, seine Stellung zu verändern, welches die Belagerung von Schweidnitz erleichterte. Im Winter von 1778 bis 1779 befehligte er bei der in Sachsen stehenden Armee ein besonderes Corps und schlug den Feind bei Brixen. Generallieutenant von Haucharmoi. Aus Frankreich herstammend. Er war während des Spanischen Erb- folgekrieges in Italien und Flandern bei dem preußi- schen Heere zugegen. Im Kriege 1740 zeigte er sich wie ein zweiter Bayard, ohne Furcht und ohne Tadel. In der Schlacht bei Prag, den 6. Mai 1757, starb er auf dem Bette der Ehren. General von Retzow, Intendant der Armee. 1758 befehligte er ein von der Armee des Königs getrenntes Corps. Er war bei Weißenberg gelagert, wo der rechte Flügel der Daunschen Armee ihm ge- genüberstand. Am Tage des unglücklichen Überfalls bei Hochkirch, den 14. Oktober 1758, besetzte er, eine Anhöhe hinter der Armee des Königs, und wur- de so durch seine Klugheit und Tapferkeit der Rück- zug gedeckt. Er starb einen Monat darauf, als er sei- nem Vaterlande einen so wichtigen Dienst geleistet hatte. Oberst von Wobersnow, Erster Adjutant des Königs. Er zeichnete sich aus durch lebhaftes Ehrgefühl und große militärische Kenntnisse. 1757 in der Schlacht bei Prag, als er den preußischen linken Flügel sam- melte, um solchen aufs neue gegen den Feind zu führen, wurde er verwundet. Er war bei allen Feldzü- gen gegen die Russen. Die Schlacht bei Kay wurde wider seinen Willen geliefert; die Preußen verloren sie, und er fiel als Held.

Linksfront

von Wunsch, General der Infanterie. Er trat in Dienst 1756 als Offizier bei einem Freicorps und erhob sich zu höheren Graden durch sein Genie und seine mili- tärischen Talente. Im Kleinen Krieg waren alle seine Unternehmungen glücklich und erwarben ihm allge- meine Achtung. 1759 schlug er mit einem kleinen Corps bei Torgau die weit überlegenen Feinde. Im nämlichen Jahre, nahe bei Düben, schlug er das Vor- dertreffen der Feinde. Ein gefangener General, Fah- nen und Kanonen waren die Denkmäler seines Sie- ges. Er starb 1788., von Saldern, Generallieutenant. In allen Feldzügen zugegen. In taktischen Kenntnissen hochberühmt. Gleichermaßen geschätzt wegen seiner Tapferkeit und seiner Biederkeit. Er zeichnete sich aus bei der Torgauer Schlacht. Starb im Jahre 1785. von Prittwitz, General der Kavallerie. Er diente so- wohl unter den Dragonern als Husaren und zeichnete sich aus durch seine Tapferkeit in mehreren Schlach- ten, wo er zugegen war. Dieses erwarb ihm die be- sondere Achtung des Königs, der ihm das Regiment Gensdarmes erteilte, das er noch jetzt befehligt und sich immer schätzbarer macht durch seinen Eifer und seine Tätigkeit. von Kleist, General der Husaren. Erwarb sich im Sie- benjährigen Kriege hohen Ruhm. Geschickt in allen Gewandtheiten des Kleinen Krieges, war er auch zu großen Unternehmungen sehr geeignet, deren Erfolg seine Talente dem Feinde furchtbar machten. Stets geliebt von den Truppen, die er befehligte, machte er durch seine Taten seinen Namen unsterblich. Im sechsunddreißigsten Jahre seines Alters, 1767, en- digte er seine Laufbahn. von Dieskau, Generallieutenant der Artillerie, diente von Jugend auf und erwarb sich die höchste Achtung seines Corps, welches er während des Siebenjähri- gen Krieges als Chef befehligte. Er war tätig, wach- sam, arbeitsam. Bei allen Belagerungen zugegen. Auch in den Schlachten, bei welchen er war, leistete er wichtige Dienste. Er starb in einem hohen Alter., von Ingersleben, Generalmajor. Von einer geprüften Tapferkeit hat er die stärksten Beweise gegeben. In der Schlacht bei Prag, 1757, wurde er mit Wunden bedeckt, deren indes keine tödlich war. In demsel- ben Jahre aber verlor er sein Leben in der Schlacht bei Breslau, am 22. November, wo er als Held focht. von Henckel, Generallieutenant. Graf von Henckel, Adjutant des Prinzen Heinrich von Preußen während der Feldzüge von 1757 und 1758, zeichnete sich aus in den Schlachten bei Prag und Roßbach. Im Win- ter 1757 und 1758 unterstützte er den General von Tauentzien beim Überfall von Horneburg. In der Schlacht bei Torgau, im Jahre 1760, an der Spitze des Regiments Prinz von Preußen, gab er neue Be- weise seiner Tapferkeit.

Rückfront

von Goltz, Adjutant des Königs. Er wurde 1756 nach Preußen gesendet, um den Marschall Lehwald, wel- cher die Armee gegen die Russen befehligte, mit seinem Rat zu unterstützen. Ein umfassender, tiefbli- ckender Geist, mit militärischen Kenntnissen vereint, würde seinen Namen verherrlicht haben, wenn sein alle Gefahren verachtender Mut in der Schlacht bei Jägerndorf ihn nicht dem Vaterland entrissen hätte. von Blumenthal, Major im Regiment Prinz Heinrich. Sein heller Geist, sein rechtliches Gemüt führten ihn Hand in Hand der Vollkommenheit entgegen, als er, bei Verteidigung eines Postens bei Ostritz in der Lau- sitz getötet wurde, am 31. September 1756. von Reder, Chef eines Kavallerieregiments. Als Kommandeur des Kürassierregiments Schmettau durchbrach er die österreichische Infanterie und nahm ein ganzes Regiment gefangen. Am 29. Oktober 1762, in der Schlacht bei Freiberg in Sachsen, erwarb er sich neuen Ruhm. von Marwitz, Quartiermeister bei der Armee des Kö- nigs. Erwarb sich große Verdienste in allen Kriegen, war bei allen Schlachten zugegen und zeichnete sich aus bei mehreren Vorfällen. Er starb 1759 im sechs- unddreißigsten Jahre seines Alters. Vielleicht wären sein Wert und seine Verdienste vergessen, wenn dieses Denkmal sein Andenken nicht aufbewahrte. Dequede, Adjutant beim Prinzen von Preußen, Bru- der des Königs, Major im Regiment Prinz Heinrich. Seine richtige Urteilskraft, sein fester Charakter, sei- ne Unerschrockenheit ließen wünschen, er möchte auf lange Zeit dem Staate nützlich werden. A- ber 1757, in der Schlacht bei Prag, wurden ihm durch eine Kanonenkugel beide Füße weggeschos- sen. Er lebte noch einige Stunden, und unter den heftigsten Schmerzen verleugnete sich sein Helden- mut nicht, bis zum letzten Hauch. von Platen, Adjutant des Marschalls von Schwerin. Er vereinigte alle Eigenschaften, welche Hoffnung ga- ben, er würde diesen großen Mann ersetzen. Er fiel ihm zur Seite am 6. Mai 1757., So die Namen der achtundzwanzig, die die Wahl des Prinzen traf, eine Wahl, hinsichtlich deren dieser selbst empfand, daß sie parteiisch getroffen sei. Weshalb er auch der schon vorzitierten, von den »preußischen Helden« sprechenden Widmung noch folgende Zeilen hinzufügte: Leurs noms gravés sur le marbre Par les mains de l'amitié, Sont le choix d'une estime particulière Qui ne porte aucun préjudice A tout ceux qui comme eux Ont bien merité de la patrie Et participent à l'estime publique. Kein Präjudiz also gegen alle diejenigen, die außer- dem noch an der »estime publique« teilgenommen haben. Diese Worte rücksichtsvoller Verwahrung sind ganz im Geiste des Prinzen Heinrich gesprochen. Er gibt seine Meinung und gibt sie zum Teil (diploma- tisch genug) ausschließlich dadurch, daß er schweigt, aber selbst dies Schweigen erscheint ihm noch wie- der zu verletzend, und er fügt ein milderndes »Ohne Präjudiz« hinzu. Dies bezieht sich auf das Fehlen besonders dreier Namen: von Winterfeldt, von Fou- qué und von Wedell. Auf der einen Seitenfront befin- det sich zwar ein »Wedell«, doch ist dies ein älterer General desselben Namens, der schon 1745 bei Soor fiel, nicht der Wedell, der als Liebling und Vertrau- ensmann des Königs abgeschickt wurde, um gegen die anrückenden Russen den Grafen Dohna im, Kommando zu ersetzen, und der tags darauf, trotz all seiner Tapferkeit, bei Kay geschlagen wurde. Die- ser fehlt, wie vor allem, um es zu wiederholen, Win- terfeldt1) fehlt, wogegen alle diejenigen, die bei der einen oder anderen Gelegenheit von der Ungnade des Königs betroffen wurden, ziemlich sicher sein dürfen, an diesem Obelisken ihr Konto in Balance gebracht zu sehen. So der Herzog von Bevern, von der Marwitz, Oberst von Wobersnow, Prinz August Wilhelm selbst. Eine jede dieser Medailloninschriften ist von Bedeutung und kann uns, solange der »kriti- sche Kommentar«, den der frondierende Prinz zu dem großen Geschichtsbuche seines Bruders ge- schrieben haben soll, ein Geheimnis bleibt, als Fin- gerzeig und kurzer Abriß dessen gelten, was in je- nem »Kommentar« an Ansichten niedergelegt wurde. Der Obelisk richtet sich in seiner Kritik in erster Rei- he gegen den König, aber an manchen Stellen, und zwar gleichzeitig ausgesprochener Anerkennung un- erachtet, doch auch gegen den einen oder andere der berühmtesten Generale. So scheint ihm bei- spielsweise der schon damals im Volke lebende Glaube, daß »Schwerin mit der Fahne« die Prager Schlacht entschieden habe, vielleicht im Gefühl des- sen, was er selbst geleistet hatte, nicht angenehm gewesen zu sein, weshalb er, nachdem er die frühe- ren Taten Schwerins mit großer Wärme des Aus- drucks aufgezählt hat, in ziemlich nüchterner Weise schließt: »Un drapeau à la main il fut la victime de son zèle devant Prague le 6 de mai 1757.« Er rühmt nur den »Eifer«, weiter nichts., Die schönsten Worte richten sich unzweifelhaft an Zieten, weshalb ich nicht umhin kann, sie hier noch einmal, und zwar in ihrer originalen Fassung, zu wie- derholen: Toutes les fois qu'il combattit, il triompha. Son coup d'œl militaire joint A sa valeur héroïque Decidoit su succès des combats; Mais ce qui le distinguait encore plus Ce furent son intégrité, son desintéressement Et son mépris pour tous ceux Qui s'enrichissaient aux dépens Des peuples opprimés. Innigkeit und wahre Verehrung spricht aus jeder Zei- le. Der alte Husar ist auch hier Sieger geblieben. 1. Die Geschichte Winterfeldts, speziell mit Rücksicht auf den hier in Rede stehenden Punkt, muß noch erst geschrieben werden. Soviel wird sich aber schon heute sagen las- sen dürfen, daß die tiefe Abneigung, die, ge- meinschaftlich mit einigen Generalen, die kö- niglichen Prinzen gegen von W. unterhielten, eine vollkommen berechtigte war. Aber die Schuld trifft den König, nicht Winterfeldt. Hät- te sich der König entschließen können, die- sem seinem Vertrauensmanne bei bestimm-, ten Gelegenheiten ein großes Kommando zu geben, so würde Winterfeldt in dieser seiner Kommandostelle das Recht gehabt haben, zu recherchieren und inspizieren, zu tadeln, zu strafen und zu verklagen. Aber ein solches höheres Kommando ward ihm nie gegeben, er kam immer nur, »um im höchsten Auftrage nachzusehen und zu berichtigen«, und das mußte notwendig zu bitterster Feindschaft al- ler davon Betroffenen führen.

Zwischen Boberow-Wald

und Huwenow-See oder

Der Rheinsberger Hof von 1786

bis 1802 Bis 1786 war der Aufenthalt des Prinzen Heinrich in Rheinsberg ein vielfach unterbrochener: Kriege, Rei- sen und diplomatische Missionen hielten ihn jahre- lang fern. Erst von 1786 ab gehörte er dem »stillen Schloß am Boberow-Walde« mit einer Art von Aus- schließlichkeit an. Das beinah völlige Sichfernhalten von der Welt, das nun eintrat, war nur zu kleinerem Teile des Prinzen freie Wahl. Den großen König, seinen Bruder, hatte er nie geliebt, aber doch respektiert, und erst nach, dem Tode desselben war ein Wesen oder auch Un- wesen in den Regierungskreisen eingerissen, das ihm eine Beteiligung daran (die wie Gutheißung ausgese- hen hätte) zur Unmöglichkeit machte. Hierzu kam, daß man auch andrerseits, will also sagen auf seiten des Hofes, ohne ihn fertig werden zu können glaub- te. Man erbat seinen Rat nicht mehr, und so gab er ihn auch nicht mehr. Mit höchster Mißbilligung sah er auf den Einfluß der Rietz und ihres Anhangs. »In dieser Spelunke ist alles infame«, sprach er laut vor sich hin, als er eines Tages an dem Palais der (späte- ren) Gräfin Lichtenau vorüberkam. Das entschied. Ein Prinz, der, bei sonst großer Zurückhaltung, über die Favoritin ein solches Wort äußern konnte, gehör- te nicht mehr an den Hof und sprach dadurch seine eigene Verbannung aus. Die Verstimmung des Prinzen war eine so tiefe, daß ihm Rheinsberg nicht mehr fern und abgelegen ge- nug erschien, weshalb denn auch der Wunsch immer lebendiger in ihm wurde, seiner Tage Rest in Frank- reich zu verbringen. Schon 1784 hatte er sich schwe- ren Herzens von Paris getrennt und dem Herzoge von Nivernois die Worte zugerufen: »Ich verlasse nun das Land, nach dem ich mich ein halbes Leben lang gesehnt habe und an das ich, während der zweiten Hälfte meines Lebens, mit so viel Liebe zu- rückdenken werde, daß ich fast wünschen möchte, ich hätt es nicht gesehn.« Nach diesem Lande seiner Sehnsucht zog es ihn jetzt mit verdoppelter Kraft, aber die Götter waren seinem Vorhaben nicht hold, und es schien, daß er dem engen Kreise verbleiben sollte, dem er seit fast vierzig Jahren, wenn auch mit, mancher Unterbrechung, angehört hatte. 1787 machten politische Konstellationen die Über- siedlung nicht möglich, 1788 im Juni ging er wirklich und trat auch wegen Ankaufs eines in der Nähe von Paris gelegenen Grundbesitzes in Unterhandlungen ein, aber ehe sie zum Abschluß gelangen konnten, zogen die Wetter der Revolution immer drohender herauf, und der Prinz, der sich nach Ruhe sehnte, kehrte schweren Herzens in seine Rheinsberger Ein- siedelei zurück. Von da ab gehörte er derselben ganz. Meine Aufgabe wird in folgendem darin bestehen, den Prinzen in diesem seinem Stilleben zu schildern und mit einiger Bestimmtheit festzustellen, in wel- cher Art und welcher Genossenschaft er das letzte Jahrzehnt seines Lebens verbrachte. Diese meine Aufgabe war insoweit schwierig, als ge- druckte Mitteilungen aus jener Epoche so gut wie gar nicht vorliegen, aber ich genoß dafür des Vorzuges, Personen zu begegnen, die jene letzten Prinz- Heinrich-Tage teils noch miterleben durften oder doch von ebendiesen Tagen wie von etwas Jüngstge- schehenem hatten sprechen hören. Es bezieht sich dies namentlich auf die Mitteilungen über den Major von Kaphengst und den Grafen und die Gräfin La Roche-Aymon. Die Rheinsberger Kirche hat zwei Glocken aus dem Jahre 1780. Die kleinere bedeutet wenig, desto mehr die größere, darauf wir folgende Namen verzeichnet, finden: Prince Frédéric Henri Louis de Prusse, frère du roi. Major de Kaphengst. Baron Frédéric de Wreich. Baron Louis de Wreich. Baron de Kniphausen. Baron de Knesebeck. de Tauentzien. Alle diese waren Kavaliere des Prinzen. Rechnen wir hierzu den Bibliothekar und Vorleser des Prinzen, erst Francheville, dann Toussaint, danach die Mit- glieder einer französischen Schauspielertruppe samt einer deutsch-italienischen Kapelle, schließlich aber eine Anzahl Kammerdiener, Lakaien und Leibhusa- ren, so haben wir alles beisammen, woraus sich 1780 der Rheinsberger Hof zusammensetzte. Die vorgenannten Kavaliere wohnten im Kavalierhause, die Lakaien und Kammerdiener im Schloß, endlich die Künstler aller Art in der Stadt zur Miete. Einen zweiten sicheren Anhaltepunkt, ebenso zuver- lässig wie die Glockeninschrift, geben uns die »Der- nières Dispositions« des Prinzen, aus denen wir er- sehen, daß um 1802 der Hofmarschall Graf Röder, der Adjutant Graf La Roche-Aymon, der Kammerrat Lebeauld und der Baurat, Herr Steinert, die Umge- bung des Prinzen bildeten. Major von Kaphengst, Baron Knesebeck und Tauentzien lebten noch; unter allen Umständen aber gewinnen wir, wenn wir die bestimmt verbürgten Namen von 1780 und 1802 zusammentun, einen Überblick über die Mehrzahl der Persönlichkeiten, die während der letzten zwanzig Jahre die Träger und Repräsentanten des Rheinsber- ger Hoflebens waren. Über jeden der Genannten werd ich einige Worte zu sagen, über Kaphengst und La Roche-Aymon aber, mich ausführlicher zu verbreiten haben. Eh wir indes zu diesen Personalien übergehen, versuch ich es zu- vor, in allgemeinen Zügen festzustellen, unter wel- cher Benutzung der Zeit die Rheinsberger Tage ver- flossen. Der Vormittag gehörte der Arbeit, während der Nachmittag der Gesellschaft, dem Diner, der Lektü- re1), dem Schauspiel und der Musik gewidmet war. Nur gelegentlich fanden Ausflüge statt, und noch seltener waren Feste, für die der Prinz, in früheren Jahren, eine entschiedene Vorliebe gehegt hatte. Wenden wir uns zunächst dem Vormittage zu, der Arbeitszeit des Prinzen. Da er (unähnlich seinem großen Bruder, mit dem er übrigens die Antipathie gegen die Jagd gemein hatte) von der Landwirtschaft eine niedrigste Meinung hegte, zugleich auch offen aussprach, daß das Säen und Ernten zwar sehr wich- tig, aber Sache jedes Bauern sei, so nahm ihm die Verwaltung seiner Besitzungen, die er seinen Päch- tern und Inspektoren überließ, nichts von seiner Zeit. Er konnte dieselbe vielmehr ungestört seinen Studien widmen. Unter diesen stand das Studium der Kriegswissenschaften und der schönen Literatur, so- weit sie Frankreich betraf, obenan. Er las mit nie sich abschwächender Vorliebe die Werke der französi- schen Philosophen, schwärmte für Voltaire und schrieb selber Verse, von denen mit satirischem An- fluge bemerkt worden ist, »daß sie lebhaft an die Verse seines Bruders erinnert hätten«. Übrigens wurden seine dichterischen Versuche von seinen französischen Vorlesern entfehlert, erst von Franche-, ville, dann von Toussaint. Neben diesen poetischen Versuchen war es eine sehr ausgedehnte Korrespon- denz, was seine Zeit in Anspruch nahm, und neben dieser Korrespondenz wiederum die Niederschrei- bung seiner Memoiren. Von diesen ist wenig zur Kenntnis der Welt gelangt. Seine Kritik des Sieben- jährigen Krieges oder, mit anderen Worten, des Kö- nigs selbst ruht, wenn sie nicht vernichtet ist, wie manche vermuten, uneröffnet und zunächst unzu- gänglich in unsern Archiven. Andre seiner Arbeiten haben es verschmäht, unter dem Namen ihres er- lauchten Verfassers in die Welt zu treten, und sollen sich (wenigstens teilweis) in den militärischen Schrif- ten wiederfinden, die zwischen 1802 und 1804 vom Grafen La Roche-Aymon, dem letzten Adjutanten des Prinzen, veröffentlicht wurden. Ein besonderes Inte- resse, das mag schon hier eine Stelle finden, nahm er an den Kriegs- und Siegeszügen Moreaus, wel- chen letztren er über Bonaparte stellte, wobei freilich nicht vergessen werden darf, daß der Prinz 1802 bereits starb, also früher, als die großen Napoleoni- schen Schlachten, die so viele Staaten zertrümmer- ten, geschlagen wurden. Er erlebte nur Marengo noch. Seine Gegner haben nichtsdestoweniger aus dieser Vorliebe für Moreau den Schluß ziehen wollen, daß der Prinz nur ein Pedant und trotz aller seiner Korrektheit oder vielleicht auch um dieser willen nicht imstande gewesen sei, das wirkliche Genie zu begreifen. Die Nachmittagsstunden gehörten zunächst dem Di- ner. Man aß zur Winterzeit im Schloß, während des Sommers aber, sooft es das Wetter erlaubte, im, Freundschaftstempel oder auf der Remus-Insel. Der Prinz war persönlich außerordentlich mäßig, und eine gebackene Speise, wie sie sein Bruder liebte: Makka- roni, Knoblauchsaft und Parmesankäse, hätt ihn ein- fach getötet. Wie er die Frauen nicht liebte, so auch nicht den Wein, aber er war billig denkend genug, seinen Privatgeschmack nicht zum allgemeinen Ge- setz zu machen, und seine Küche wie sein Keller lie- ßen niemanden darben. Die Unterhaltung, wenn- gleich innerhalb gewisser Formen verbleibend, wie sie die Gegenwart eines Prinzen und noch dazu eines solchen erheischte, war doch innerlich vollkommen frei. Von Krieg und Kriegführung wurde selten ge- sprochen; es schien als etwas zum Metier Gehöriges verpönt. Er war sehr eitel, und stilvolle Huldigungen, auch solche, die dem »siegreichen Feldherrn« galten, nahm er gern entgegen, aber er war andererseits viel zu vornehm, um das Gespräch auf seine Taten und Siege hinzulenken. Daß er Unterhaltungen der Art vermieden wünschte, sprach sich schon darin aus, daß niemand in Dienstkleidung (Uniform) er- scheinen durfte; Hof- oder Gesellschaftskleid war Vorschrift. Das Gespräch drehte sich um Fragen der Kunst und Wissenschaft, um philosophische Kontro- versen und Dinge der Politik. Über letztere sprach er mit großer Freimütigkeit, mißbilligte beispielsweise den endlich zu dem Frieden von Basel führenden Krieg Preußens gegen Frankreich und zeigte bis zu- letzt gewisse Sympathien mit der Französischen Re- volution. Ob diese Sympathien (so bemerkt Heinrich von Bülow) in wirklicher Vorliebe für freie Staatsver- fassungen wurzelten oder nur ein Resultat der An- schauung waren, »daß alles Französische gut sei,, auch eine französische Revolution«, mag dahinge- stellt bleiben. In ähnlich offner Weise nahm er Partei für die Polen, und dieselbe Teilung, zu deren Vollzie- hung er als gehorsamer Diener seines Königs am Hofe Katharinas mitgewirkt hatte, hielt er nichtsdes- toweniger weder für ein Meisterstück der Politik noch für eine Handlung der Gerechtigkeit. Mit besonderer Vorliebe wurden metaphysische Sätze beleuchtet und diskutiert, und alle jene wohlbekannten Fragen, auf deren Lösung die Welt seitdem verzichtet hat, wur- den unter Aufwand von Geist und Gelehrsamkeit und mit Zitaten pro und contra immer wieder und wieder durchgekämpft. Dem Diner folgte, wenn auch nicht täglich, so doch so oft wie möglich, Theater oder Konzert. Über die Stücke, die zur Aufführung kamen, hab ich nichts Bestimmtes erfahren können, aber es scheint fast, als ob Voltaire, wie den Kreis der Anschauungen und Unterhaltungen, so auch die Bühne beherrscht habe. Gleicherweise wie die Namen der Stücke sind auch die der Künstler, die darin mitwirkten, bis auf wenige verschollen; Blainville, der Liebling des Prinzen, De- moiselle Toussaint, eine Tochter oder Schwester des Vorlesers, Demoiselle Aurore, vor allem aber Suin de Boutemars sind die einzigen, die sich durch das eine oder andere Ereignis im Gedächtnis der Stadt Rheinsberg erhalten haben. Wir haben bis hierher den Durchschnittstag des Rheinsberger Hoflebens beschrieben; was ihn unter- brach, waren Besuche, die kamen, oder Ausflüge, die gemacht wurden. Noch seltener, wie schon hervor-, gehoben, waren Festlichkeiten. Aber auch dieser Ausnahme ist Erwähnung zu tun. Auf Besuch kamen Prinz Ferdinand, Prinzeß Amalie, vor allem Prinz Louis Ferdinand, der die besondre Freude seines Oheims und zugleich die Hoffnung desselben war. An diese fürstlichen Besuche schloß sich der Besuch derer, die früher in dienstlichen Be- ziehungen zum Prinzen gestanden hatten, Namen, auf die wir weiterhin zurückkommen werden. Die Ausflüge gingen näher und weiter. Der Winter- aufenthalt in Berlin (im Prinz Heinrichschen Palais, der jetzigen Universität) ward immer mehr abge- kürzt, aber die Tagesfahrten und kleinen Reisen blie- ben bis zuletzt. Der alte Zieten in Wustrau, Frau von Arnstedt in Hoppenrade, Prinz Ferdinand in seinem Ruppiner Palais (bis 1787, wo es niederbrannte) wurden besucht; besonders aber galten diese Aus- flüge dem Grafen Wreech auf Tamsel und dem Major von Kaphengst auf Meseberg. Die Festlichkeiten, um auch das zu wiederholen, verminderten sich im Laufe der Zeit; aber sie fanden doch wenigstens noch statt. Der Jahrestag der Frei- berger Schlacht ward alljährlich gefeiert, und am 6. Mai 1787 gab der Prinz zur Erinnerung an die Ba- taille bei Prag allen noch lebenden Offizieren und Gemeinen des an jenem Tage von ihm geführten Regiments Itzenplitz ein glänzendes Fest. Er war zu dieser Feier doppelt berechtigt, einmal durch die Tat selbst, andererseits und in gesteigertem Maße da- durch, daß sich die Neuzeit (der große König war seit, kaum Jahresfrist tot) das Ansehn gab, solche Taten vergessen zu dürfen. Der Prinz kommandierte vor Prag den rechten Flügel und stellte sich im entschei- denden Moment an die Spitze des vorgenannten be- rühmten Regiments. Plötzlich stutzten die Grenadiere vor einem allzu tief scheinenden Graben, Prinz Hein- rich aber warf sich ohne Zögern hinein; die Kleinheit seiner Person steigerte nur noch die Größe der Auf- opferung und natürlich auch die Wirkung. Alles folgte ihm nach und schlug den Feind. Offiziere und Ge- meine saßen nun dreißig Jahre später an der Festta- fel ihres Führers, und die begeisterten Lebehochs, die man ausbrachte, klangen laut genug, um bis ans Ohr des königlichen Neffen zu dringen. So war denn das Festmahl, neben einer pietätsvollen Huldigung gegen die Heimgegangenen, vor allem auch eine berechtigte Demonstration gegen Lebende. Gleichfalls eine Demonstration, aber ein sonnigeres, von den Strahlen der Poesie und Geschichte um- leuchtetes Fest, war die Einweihung (am 4. Juli 1791) des oft genannten Obelisken. Sie war militärische Feier und Volksfest zugleich. Aus allen Städten und Dörfern der Grafschaft war man zu Tau- senden herbeigekommen und umstand entweder das Ufer des Sees oder war, von zahllosen in seiner Mitte liegenden Böten aus, Augenzeuge des Schauspiels. Das schönste Sommerwetter begünstigte das Fest. Um das Denkmal her gruppierten sich Hunderte von Offizieren, alte und junge, solche, die »die große Zeit« noch miterlebt hatten, oder Anverwandte je- ner, derer die Medailloninschriften gedachten. An die Feier der Enthüllung schloß sich dann, in den Sälen, des Schlosses, ein glänzendes Bankett, bei dem der Prinz eine längere, wohlausgearbeitete Rede hielt. Auch bei dieser Gelegenheit in französischer Spra- che. Fast scheint es, als ob er der deutschen Rede nicht mächtig gewesen sei, was als wunderbares Resultat einer Erziehung gelten mag, die nur das Deutsche gewollt und alles Französische verpönt hat- te. Die mehrfach, unter andern auch in dem Buche »Vie privée du Prince Henri« zum Druck gekommene Rede scheint auf den ersten Blick wenig mehr zu bieten als wohlstilisierte ziemlich zopfige Phrasen, wie sie damals üblich waren, aber bei mehr kritischer Betrachtung erkennt man bald die politische Seite dieses auf den ersten Blick bloß oratorischen Ü- bungsstückes. Ich gebe hier nur eine Stelle: »Allen Bewohnern der Städte wie des Landes, die in diesem Kriege die Waffen trugen, gebührt ein glei- ches Recht an den Trophäen und Palmen des Sieges. Unter der Leitung ihrer Anführer weihten sie ihre Arme und ihr Blut ihrem Vaterlande. Sie haben es mit Mut und Kraft aufrechterhalten und verteidigt. Unsere Absicht ist, der preußischen Armee ein Zeug- nis unserer Dankbarkeit darzulegen. Den Eingebun- gen unseres Herzens folgend, wollen wir Beweise der Hochachtung insonderheit denjenigen geben, welche wir persönlich kannten. Aber warum vermißt man Friedrich unter der Zahl dieser berühmten Namen? Die von diesem Könige selbst aufgesetzte Geschichte seines Lebens, die Lobschriften auf ihn nach seinem Tode ließen mir nichts zu sagen übrig, wogegen gro- ße, mehr in der Dunkelheit geleistete Dienste seitens dieser Lobschriften nicht der Vergessenheit entzogen, wurden, vielleicht nicht entzogen werden konnten. Denn die Zeit löscht alle Eindrücke aus, und der fol- genden Generation fehlen die Zeugen der Taten der vorhergehenden. Das Andenken der Begebenheiten schwindet, die Namen gehen verloren, und die Ge- schichte bleibt nur ein unvollkommener Entwurf, oft zusammengefügt durch Trägheit und Schmeichelei.« Dies genüge. Man muß diese Rede mit demselben geschärften Auge lesen wie die Medailloninschriften des Monuments. Auch diese Feier, wie schon hervor- gehoben, war eine Demonstration. Ihr Held war Prinz August Wilhelm, der Vater des Fürsten, der, eben zum Throne gelangt, seines alten Oheims, des Rheinsberger Prinzen, entraten zu können glaubte, jenes »Sonderlings«, der wohl verstanden hatte, Schlachten zu schlagen, aber kein Herz hatte für Wein und Frauen. Große Festlichkeiten sind dieser Enthüllungsfeier nicht mehr gefolgt; die Schwere des Alters fing an zu drücken, und Einsamkeit und Stille wurden erstes, wenn auch nicht ausschließliches Gebot. 1. »Die Bibliothek des Prinzen«, schreibt Hein- rich von Bülow, »war sehr ansehnlich. Er be- saß auch ein Exemplar der Bibel, aber er las nur darin, wie man sich in einem Prozeß um die Akten der Gegenpartei kümmert.«, Bis hieher bin ich bemüht gewesen, das Rheinsber- ger Leben aus der Epoche von 1786 bis 1802 in sei- nen allgemeinen Zügen zu schildern. Ich gehe nun zu den einzelnen Persönlichkeiten über, die während dieser Zeit die Umgebung des Prinzen bildeten, und hoffe dabei Gelegenheit zu finden, ein bisher nur in seinen Umrissen gegebenes Bild durch allerlei Details vervollständigen zu können. Ich beginne mit nochmaliger Aufzählung der Namen. Es waren: Baron Knyphausen, Baron Knesebeck, zwei Barone Wreich (auch Wreech geschrieben), Ca- pitain von Tauentzien, Major von Kaphengst, Baurat Steinert, Kammerrat Lebeauld, Graf La Roche-Aymon und Graf Röder. Von letzterem bin ich außerstande gewesen, irgend etwas in Erfahrung zu bringen. Baron Knyphausen. »Unter den dem Prinzen Heinrich am aufrichtigsten ergebenen Personen«, so schreibt Thiébault in seinen »Souvenirs«, »befanden sich auch zwei Barone Knyphausen, von denen der eine, Baron Dodo von K., längere Zeit preußischer Ge- sandter in Paris und London gewesen war. Er führte den Beinamen der ›große Knyphausen‹ oder ›der alte‹, zur Unterscheidung von einem jüngern Träger desselben illustren Namens, der ›le beau Knyphau- sen‹ hieß. Dieser letztre gehörte dem Rheinsberger Kreise nur auf kurze Zeit als Hofkavalier an. Er ver- mählte sich 1783 mit Luise Charlotte Henriette von Kraut, geschiedenen von Elliot, und geriet durch Vorgänge, die dieser seiner Vermählung unmittelbar voraufgingen, in eine ziemlich kühle Stellung zum Prinzen, infolgedessen er sein Amt niederlegte. Bald, danach starb er, erst einige dreißig Jahre alt.« – Der auf der Rheinsberger Glocke genannte von Knyphau- sen ist offenbar der ältere, Baron Dodo, geboren am 5. August 1729, gestorben am 31. Mai 1789, Erbherr der Herrschaft Jennelt und Visquard in Ostfriesland. Er war eine Art Ehrenkammerherr und gehörte dem prinzlichen Kreise mehr als Volontair an wie als Trä- ger einer wirklichen Hofcharge. Neben der Unabhän- gigkeit seiner Stellung gab ihm sein scharfer Verstand und seine politische Bildung ein besondres Ansehen, eine politische Bildung, die bedeutend ge- nug war, um die Aufmerksamkeit Mirabeaus zu erre- gen, der der »Hoffnungen« erwähnt, »die das Land an den ostfriesischen Freiherrn knüpfe«. Was ihn an den Hof des Prinzen Heinrich führte, war wohl zu- nächst nur die Gleichgeartetheit politischer Anschau- ungen. Der Prinz und er waren eins in ihrer Mißstimmung über das, was in Berlin geschah, be- sonders auch in ihrer Abneigung gegen den Minister Hertzberg, ein Gefühl, das beim Prinzen lediglich politische, beim Baron Knyphausen aber, der ein Stiefbruder des Grafen Hertzberg war, auch noch Interessenmotive hatte. Andere geistige Berüh- rungspunkte zwischen dem Prinzen und dem Frei- herrn mochten fehlen. Knyphausen war ein passio- nierter Landwirt, ein Beruf, dem, wie schon erwähnt, Prinz Heinrich nur einen allerniedrigsten Rang ein- räumte. Diese verschiedenen Ansichten über den Wert der Landwirtschaft führten auch zu einer klei- nen Szene, die H. von Bülow in seinem mehrerwähn- ten Buche erzählt. »Knyphausen«, so schreibt er, »der viel von seinen ostfriesischen Rindern sprach und sich vielleicht auch von Rheinsberg aus zu ihnen, hinsehnen mochte, erhielt, zur Strafe für diese be- ständigen Agrikultur-Gespräche, eine Weste vom Prinzen geschenkt, die mit lauter Rindern bedruckt war. Knyphausen dankte verbindlichst und trug von nun an die Weste tagtäglich wie im Triumph, bis der Prinz eine ungnädige Bemerkung machte, weil er fühlte, daß sich der Stachel gegen ihn selbst gekehrt hatte.« Baron Dodos von K. politische Wirksamkeit als Gesandter Friedrichs in Paris und London lag vor seiner Rheinsberger Zeit. Er vermählte sich in späte- ren Jahren mit einer Schwester der Wreechs, wes- halb er auch (an der Seite seiner Gemahlin) in der Gruft zu Tamsel beigesetzt worden ist. Baron Knesebeck, geboren 1748, gestorben 1828, mit seinem vollen Namen Karl Franz Paridam Kraft von dem Knesebeck-Mylendonck, war der letzte männliche Sproß aus der Linie Tylsen bei Salzwedel. Seine Mutter war eine Grumbkow, Tochter des be- kannten Feldmarschalls unter Friedrich Wilhelm I., seine Großmutter aber eine Freiin von Mylendonck, durch welche, neben einem bedeutenden Grundbe- sitz im Geldernschen (die Herrschaft Frohnenburg), auch der Name Mylendonck in die Familie kam. Bis 1773 besaß unser Karl Franz Schloß Tylsen, das alte Stammgut der Knesebecks; als er in letztge- nanntem Jahre jedoch die Herrschaft Frohnenburg von einem älteren Bruder ererbte, trat er Schloß Tyl- sen an einen jüngeren ab. So ging es bis 1793, wo der Niederrhein unter französische Herrschaft kam. Durch die Einführung neuer Gesetze verlor Knese- beck alles, und zwar derart, daß ihm von Frohnen- burg nichts übrigblieb als ein altes Schloß mit Garten, und die auf dem ehemaligen Eigentume haftenden Schulden. So mehr als arm und besitzlos geworden, kehrte er zu seinem Bruder nach Tylsen zurück. Eine eben damals zur Hebung kommende Präbende des Domstifts Magdeburg gewährte ihm eine auskömmli- che Existenz. Er hieß gewöhnlich der »Domherr«. Um diese Zeit war es wohl, daß auch seine Beziehungen zum Rheinsberger Hofe wieder aufgenommen wur- den. Ganz unterbrochen waren sie nie. Nach der Schlacht bei Jena, als Magdeburg westfälisch wurde, verlor er auch seine Präbende. 1810 starb sein jün- gerer Bruder, der Besitzer von Tylsen, kinderlos, und das alte Stammgut der Familie, das er in jungen Jah- ren bereits besessen hatte, kam nun zum zweiten- mal in seine Hand. Er vermachte dasselbe, mit Über- gehung der hannöversch-wittingenschen Linie, dem Sohne seiner Schwester, die einen Karweschen Kne- sebeck, also einen Vetter, geheiratet hatte. Dieser Sohn war der spätere Feldmarschall von dem Knese- beck, von dem ich in dem Kapitel »Karwe« ausführ- lich gesprochen habe. Mit Karl Franz ist der Name Mylendonck erloschen. Er blieb Kammerherr am Rheinsberger Hofe bis zum Ableben des Prinzen und wird im Testamente desselben mit folgenden Worten erwähnt: »Dem Baron von Mylendonck-Knesebeck, der mir als Page und später als Offizier in meinem Regimente gedient, auch später noch, nachdem er den Abschied genommen, mit unwandelbarer Treue zu meiner Person gestanden hat, vermache ich eine Dose von Lapislazuli. Sie trägt einen Karneol in der Mitte und ist oben und unten mit Diamanten be- setzt.« Einzelheiten aus seinem Rheinsberger Leben hab ich nicht erfahren können., Die beiden Wreichs. Baron Friedrich von Wreich, der ältere Bruder, war Hofmarschall am Rheinsberger Hofe, Baron Ludwig war Kammerherr. Beide waren Söhne jener schönen Frau von Wreich (»un teint de lis et de rose«), die den Kronprinzen Friedrich, wäh- rend seines Küstriner Aufenthalts, mit einer leiden- schaftlichen Zuneigung erfüllt hatte. Baron Friedrich, wegen seiner Länge »der große Wreech« geheißen, starb 1785, und Tamsel ging an Baron Ludwig, den jüngeren Bruder, über. Dieser, seit 1786 in den Gra- fenstand erhoben, war einer der treusten Anhänger des Prinzen und lebte mehr in Rheinsberg und Berlin als auf seinem ererbten Gute. Der Sommer 1787 jedoch sah ihn monatelang im Tamsel, um Schloß und Park für den zugesagten Besuch des Prinzen Heinrich festlich herzurichten. Graf Ludwig hatte lan- ge genug in der Nähe des Prinzen gelebt, um dem Meister auf dem Gebiete der Festlichkeiten wenigs- tens einiges von seiner Inszenierungskunst abge- lauscht zu haben, und als der Prinz im Juli genannten Jahres wirklich in Tamsel erschien, begrüßten ihn Arrangements, wie er sie selber nicht schmeichelhaf- ter und stilvoller hätte herstellen können. Statuen und Inschriften überall, Erinnerungen an siegreiche Schlachten und Mahnungen an Personen, die seinem Herzen teuer gewesen. Halb verdeckt unterm Rasen- grün, schimmerte ein weißer Sandstein zum Anden- ken an die schöne Lisette Tauentzien (erste Gemah- lin Tauentziens von Wittenberg, eine geborene von Marschall), und die eingegrabenen Worte: »Rose, elle a vécu ce que vivent les roses – l'espace du ma- tin«, weckten im Herzen des Prinzen ein wehmütiges Gefühl an die früh aus dem Rheinsberger Kreise Ge-, schiedene. Nahe dabei waren die Büsten des Großen Kurfürsten und des Prinzen selbst nebeneinander gestellt, und französische Verse zogen Parallelen zwischen jenem, »der ein Vater flüchtiger Franzosen ward«, und diesem, »der die Herzen aller Franzosen unter das Gesetz seiner geistigen Macht und Schön- heit zu zwingen wußte«. Die Hauptüberraschung aber brachte der Abend. Im Rücken von Tamsel, unmittelbar hinter dem Park, liegt eine Wald- und Hügelpartie, durch die sich ein Hohlweg, die Straße nach dem benachbarten Zorn- dorf, hinzieht. Sei es nun, daß dieser Hohlweg dem Terrain, um dessen Reproduzierung es sich handelte, wirklich ähnlich sah, oder sei es, daß man einfach nahm, was man hatte, gleichviel, der Hohlweg war auf Anordnung des Grafen Ludwig überbrückt wor- den, um an dieser Stelle die Erstürmung des Passes von Gabel, eine der glänzendsten Waffentaten des Prinzen, noch einmal bildlich zur Darstellung zu brin- gen. Unten standen die Tamseler und Küstriner, Kopf an Kopf, um Zeuge des prächtigen Schauspiels zu sein, und Feuerwerk und Leuchtkugeln erhellten die Nacht, während Graf Ludwig, von einem der zur Sei- te liegenden Hügel aus, den Prinzen bis an den Brü- ckeneingang führte. Unter dem Jubel des Volks über- schritt dieser den »Paß«, an dessen Ausgang ihm drei Johanniterritter: Graf Dönhoff, von Schack und von Tauentzien, in rotem Kriegskleid und schwarzen Ordensmänteln entgegentreten und auf die transpa- renten Worte hinwiesen:, Henry parait! il fait se rendre! Vous frémissez fiers Autrichiens! Si vous pouviez le voir, si vous pouviez l'entendre, Vous béniriez le sort qui vous met dans ses mains. Also etwa: Heinrich erscheint, und vor seinem Begegnen Zittert Östreich und unterliegt; – Kenntet ihr ihn, ihr würdet es segnen, Stolze Feinde, daß er euch besiegt. Die Erinnerung an jenen glänzenden Abend lebt noch bis heute fort. 1795 starb Graf Ludwig Wreech, der letzte seines Geschlechts, und Tamsel ging durch Erbschaft an den Grafen von Dönhoff über. Ein hal- bes Jahrhundert lang hatten die Wreechs dem Rheinsberger Hofe treulich gedient und aus nicht völlig aufgeklärten Gründen ihre Lebensaufgabe dar- in gesetzt, den Prinzen Heinrich auf Kosten seines Bruders, des Königs – den sie geradezu haßten –, zu verherrlichen. Bogislaw von Tauentzien, der spätere Graf Tauent- zien von Wittenberg, Sohn des berühmten Verteidi- gers von Breslau, gehörte fünfzehn Jahre lang dem Rheinsberger Hofe an. Er war ein ganz besonderer Liebling des Prinzen, der schon 1776 den damals erst sechzehnjährigen Fähnrich von Tauentzien zu seinem Adjutanten ernannte. Bis ganz vor kurzem noch be- fand sich ein trefflicher alter Stich im Rheinsberger, Schloß, der die Szene darstellt, wie der Fähnrich von Tauentzien seine erste Meldung vor dem Prinzen macht. 1778, bei Ausbruch des Bayerischen Erbfol- gekrieges, folgte Tauentzien dem Prinzen nach Sach- sen und Böhmen und kehrte mit ihm in das Rheins- berger Stilleben zurück, das nur noch durch die zweimalige Reise des Prinzen nach Paris, 1784 und 1788, auf längere Zeit unterbrochen wurde. Auf bei- den Reisen begleitete Tauentzien den Prinzen, 1784 als Lieutenant, 1788 als Capitain, und gedachte noch in späteren Jahren ebendieses Aufenthalts in der französischen Hauptstadt mit besonderer Dank- barkeit und Vorliebe. Bis 1791, nachdem er kurz vorher zum Major befördert worden war, blieb er in Rheinsberg, dann aber trat er in die Suite des Königs und ward in den Grafenstand erhoben. Seine Stel- lung zum Prinzen wurde dadurch sehr schwieriger Natur, und nur Vermutungen lassen sich darüber äußern, in welcher Art er dieser Schwierigkeiten Herr wurde. Das Mißverhältnis zwischen dem König und seinem Onkel (Prinz Heinrich) war offenkundig, und Tauentzien stand zwischen zwei Gegnern, die beide Anspruch auf seine Treue und Dankbarkeit hatten. Wir müssen indes annehmen, daß er seiner Aufgabe gewachsen war, der Prinz würde sonst schwerlich eine ganze Reihe von Erinnerungen an Tauentzien um sich geduldet und wertgehalten haben, darunter ein treffliches Ölportrait, das bis diesen Tag den Zimmern des Schlosses verblieben ist.,

Major von Kaphengst

Die Rheinsberger Kirchenglocke trägt auch den Na- men »Major von Kaphengst« als Inschrift. Von ihm und dem Schauplatz seines späteren Lebens werden wir ausführlicher zu sprechen haben. Christian Ludwig von Kaphengst ward ohngefähr im Jahre 1740 auf seinem väterlichen Gute Gühlitz in der Prignitz geboren. Wann er an den Rheinsberger Hof kam, ist nicht genau festzustellen gewesen; sehr wahrscheinlich lernte der Prinz ihn während des Sie- benjährigen Krieges kennen (vielleicht als Offizier im Regimente Prinz Heinrich), fand Gefallen an seiner Jugend und Schönheit und nahm ihn nach erfolgtem Friedensschlusse mit nach Rheinsberg. Als Adjutant des Prinzen, eine Stellung, zu der ihn seine geistigen Gaben keineswegs befähigten, stieg er zum Capitain und bald danach zum Major auf und beherrschte nun den Hof und den Prinzen selbst, dessen Gunstbezeu- gungen ihn übermütig machten. Der König, der in seiner Sanssouci-Einsamkeit von allem unterrichtet war, mißbilligte, was in Rheinsberg vorging, und wollte dem »Verhältnis« à tout prix ein Ende ma- chen. 1774 überbrachte deshalb ein Page des Königs (von Wülknitz) dem Prinzen Heinrich ein königliches Geschenk von 10 000 Stück Friedrichsdor, freilich zugleich mit der Ordre, »daß er den Major von Kap- hengst entlassen möge«, eine Ordre, deren Wortlaut sich hier der Möglichkeit der Mitteilung entzieht. Der Prinz, aller Zuneigung zu seinem Günstling unerach- tet, unter dessen Ungebildetheit und Eitelkeit er ge- litten haben mochte, gehorchte dem Befehle sofort, und tat es um so lieber, als die Entfernung Kap- hengsts dem bestehenden Verhältnis nur die Last und Peinlichkeit eines unausgesetzten Verkehrs nahm, ohne das Verhältnis selbst absolut zu lösen. In der Tat, seitens des Prinzen wurde den 10 000 Stück Friedrichsdors seines Bruders aus eig- nen Mitteln noch ungefähr dieselbe Summe hinzuge- fügt und nunmehr unter Anzahlung von zirka 100 000 Talern ein drei Meilen von Rheinsberg gele- gener Graf Wartenslebenscher Güterkomplex, der die Rittergüter Meseberg, Baumgarten, Schönermark und Rauschendorf umfaßte, gekauft und deren Kauf- kontrakt einige Zeit darauf dem Major von Kap- hengst als Geschenk überreicht. Kaphengst übersiedelte nunmehr nach dem am Hu- wenow-See gelegenen Schloß Meseberg; aber diese Übersiedelung, wie schon angedeutet, war so wenig gleichbedeutend mit Entfremdung, daß vielmehr um- gekehrt das gute Einvernehmen zwischen Prinz und Günstling aus diesen zeitweiligen Trennungen nur neue Nahrung zog. Überhaupt, aller klar zutage lie- genden Schwächen und Schattenseiten Kaphengsts zum Trotz, muß dem Wesen desselben ein Etwas eigen gewesen sein, das den alternden Prinzen in erklärlicher und dadurch annähernd gerechtfertigter Weise höchst sympathisch berührte. Vielleicht war es nichts weiter als Zynismus, der so leicht einen Reiz auf diejenigen ausübt, deren Beruf und Neigung im allgemeinen auf das geistig Verfeinerte geht. Es ist der Zauber des Kontrastes, ein Sichschadloshalten für anderweit empfundenen Zwang., Nur so vermögen wir uns die Fortdauer des Verhält- nisses zwischen Prinz und Günstling zu erklären. Denn wenn von K.s Habsucht, Wüstheit und Eitelkeit schon in Rheinsberg ihre Proben abgelegt hatten, so verschwanden diese neben dem, was er jetzt in Schloß Meseberg in Szene setzte. Debauchen aller Art lösten sich untereinander ab, und die wahnsin- nigste Verschwendungssucht griff Platz. Schloß Meseberg war ein kostbarer Besitz, aber in den Augen des verblendeten Günstlings lange nicht kostbar genug. Graf Wartensleben, der durch seine Frau (eine Erb- tochter der dort früher angemessenen Gröbens) in Besitz Mesebergs und der andern obengenannten Güter gekommen war, hatte 1739 an der Südspitze des Huwenow-Sees ein Schloß aufgeführt. Wie ein Zauberschloß liegt es auch heute noch da. Der Rei- sende, der hier über das benachbarte Plateau hin- fährt, dessen öde Fläche nur dann und wann ein Kirchturm oder ein Birkengehölz unterbricht, ahnt nichts von der verschwiegenen Talschlucht an seiner Seite, von der steil abfallenden Tiefe mit Wald und Schloß und See. Dieser letztere, der Huwenow-See geheißen, ist eines jener vielen Wasserbecken, die sich zwischen dem Ruppinschen und dem Mecklen- burgischen hinziehen und diesem Landstriche seine Schönheit und seinen Charakter geben. Unbedingte Stille herrscht, die Bäume stehen windgeschützt und rauschen leiser als anderswo, das Geläute der oben weidenden Herde dringt nirgends bis in die Tiefe hin- ab, und nichts vernehmen wir als den Schnitt der, Sense, die neben uns das Gras mäht, oder den Ruck, womit der Angler die Schnur aus dem Wasser zieht. An so romantischer Stelle war es, daß Graf Wartens- leben sein Schloß aufführen ließ. Er tat es, wie die Sage geht, um in der Wilhelmsstraße zu Berlin nicht ein Gleiches tun zu müssen, denn ein königlicher Befehl war eben damals erschienen, der jedem E- delmanne von Hang und Vermögen vorschrieb, in der Wilhelmsstraße ein Palais zu hauen, falls er nicht nachweisen könne, auf seinen eigenen ländlichen Besitzungen mit Aufführung eines gleich stattlichen Baues beschäftigt zu sein. So entstand denn das »Schloß am Huwenow-See«, und die Pracht, mit der es emporwuchs, übertraf noch die des gleichzeitig im Umbau begriffenen Rheinsberger Schlosses. Die die Façade bildenden Sandsteinsäulen wurden aus den sächsischen Steinbrüchen, die Marmorkamine von Schlesien her herbeigeschafft; breite, mächtige Steintreppen stiegen bis in das obere Stockwerk, eichene Paneele umliefen die Zimmer, während an- dere bis an den Plafond hinauf boisiert waren. Kost- bare Blumenstücke, wahrscheinlich von der Hand Dubuissons und bis diesen Augenblick in voller Schönheit erhalten, füllten den Raum über den Tü- ren, und eine lateinische, in einem der Kellergewölbe angebrachte Inschrift erzählte von Müntherus, dem Baumeister, »auf dessen Anordnung hier Eichen und Buchen in zahlloser Menge gefällt und die terrassen- förmig zum See hinabsteigenden Parkanlagen ins Leben gerufen worden sein«. Der Bau überstieg den Reichtum des reichen Grafen, und er verbaute sich; Park und Schloß hatten ihm eine Tonne Goldes ge- kostet.1), So war Schloß Meseberg, das der Günstling im Jah- re 1774 bezog. Aber weit entfernt, wie schon ange- deutet, an dieser Pracht ein Genüge zu finden, be- gann jetzt ein Leben, das sich vorgesetzt zu haben schien, hinter dem Reichsgrafen nicht zurückzublei- ben und sich's abermals eine Tonne Goldes kosten zu lassen. Neubauten aller Art entstanden, aber nicht Bauten, die darauf ausgewesen wären, das Vorhan- dene durch Treibhäuser und Orangerien auszu- schmücken, sondern Bauten, wie sie dem minder verfeinerten Geschmack und Bedürfnis des Günst- lings entsprachen. Ein vollständiger Marstall ward eingerichtet, zwanzig Luxuspferde wurden gehalten, und auf den Atlaskissen der Sofas streckten sich die Windspiele, während eine Meute von Jagdhunden um die Mittagszeit ihr Geheul über den Hof schickte. Spiel, Streit und Aventüren füllten die Zeit, und mit untergelegten Pferden ging es in fünf Stunden nach Berlin, wohin ihn Theater und große Oper zogen, weniger die Oper als der Tanz, und weniger der Tanz als Demoiselle Meroni, die Tänzerin. Der Prinz hatte Kunde von dem allem, und wenn er nicht hundertfältig Ursache gehabt hätte, den Kopf zu schütteln, so hätt ihm doch das eine Grund vollauf gegeben: »daß an seinen Säckel und seine Großmut in nicht enden wollenden Geldverlegenheiten endlos appelliert wurde«. Schließlich mocht er hoffen, durch eine Verheiratung des ehemaligen Lieblings die Din- ge zum Bessern hin ändern zu können, und da von K. auf diesen Plan willfährig und ohne weiteres einging (schon um durch Nachgiebigkeit einen An- spruch auf neue Forderungen zu gewinnen), kam im, Jahre 1789 zu besonderer Freude des Prinzen eine Vermählung zwischen dem Major von Kaphengst und Demoiselle Toussaint zustande. Maria Louise Therese Toussaint war die Tochter des mehrgenannten Lec- teurs und Bibliothekars und hatte bei den Aufführun- gen auf der Rheinsberger Bühne, wie auch sonst wohl, sich die Gunst des Prinzen in hohem Grade zu erringen gewußt. Etwa um 1780 mit einem Herrn von Bilguer in erster Ehe vermählt, war durch den Tod des Herrn von B. ihre Hand wieder frei gewor- den, und als Frau von Kaphengst hielt sie nunmehr ihren Einzug in das schöne Schloß am Huwenow-See. Die seitens des Prinzen gehegten Erwartungen bes- serer Wirtschaft erwiesen sich bald als eitel und irrig, und nur die Hoffnungen erfüllten sich, die Kaphengst seinerseits an diese seine Vermählung mit der ehe- maligen Favoritschauspielerin geknüpft hatte. Denn eine neue Handhabe war gewonnen, sich der Gunst des Prinzen zu versichern. Der jagd- und spiellieben- de, der streit- und händelsüchtige, mit einem Worte, der alte Kaphengst war schließlich in Rheinsberg un- bequem geworden, der neue Kaphengst aber, der jetzt, wo die gefeierte Toussaint an der Spitze seines Haushalts stand, klug genug war, die Musen nach Schloß Meseberg hin zu Gast zu laden, erschien dem Prinzen in einem durchaus veränderten Lichte. Zu- nächst wenigstens. Die Zimmer und Säle rechts ne- ben der großen Halle wurden als Bühne hergerichtet, Kaphengst selbst mutmaßlich voll Hohn über die Rol- le, die ihm zufiel, fungierte als directeur du théâtre, und unter dem Vollklang französischer Alexandriner vergaß der Prinz gern, wie hohen Eintrittspreis er für, all diese Aufführungen zu zahlen hatte, für ein Spiel, das ein Spiel war in jedem Sinne. Noch jetzt markiert sich der ehemalige Bühnenraum, und die kleinen Garderobenzimmer, in denen damals die Schmink- töpfchen und die frivolen Bemerkungen zu Haus wa- ren, lassen sich bis diese Stunde noch, wenn auch freilich in ebenso viele Wandschränke verwandelt, in dem zuhinterst gelegenen Parterrezimmer deutlich erkennen. Auch für Abwechslung wußte der kluge Kaphengst zu sorgen, klug, seitdem die Französin die Honneurs des Hauses machte. Der Prinz, nach längerer Abwe- senheit im Berliner Palais (länger als seit Jahren), kehrte mit dem Mai nach Rheinsberg zurück und traf, andern Tages schon, als Gast in Schloß Meseberg ein. Er mochte daselbst eine neuinszenierte tragédie, die Einlage eines neuen Tanzes oder Musikstücks erwartet haben, aber eine sehr andre Huldigung war diesmal für ihn vorbereitet. Am Plafond der großen Speisehalle, die zum Empfange des hohen Gastes mit Blumen und Orangerie dekoriert war, hatte die raschfertige, aber immerhin geniale Hand Bernhard Rodes ein großes Deckengemälde ausgeführt, das, im Geschmack jener Zeit, die Apotheose des Prinzen Heinrich darstellte. Zur Rechten ein Ruhmestempel, dem Genien das Bild des Prinzen entgegentragen; daneben der bekannte Götterapparat: Minerva, zu deren Füßen das Schwert ruht und an einem der Op- feraltäre die Inschrift: »Vota grati animi«, »Nimm dies als die Darbringung eines dankbaren Herzens«. Der Prinz, dessen Eitelkeit leicht zu fangen war, so- bald die Schmeichelei nicht platt-prosaisch, sondern, wohlstilisiert und im Gewande der Kunst an ihn he- rantrat, war überrascht und gerührt und erwies sich wieder, auf Monate hin, als der Hilfebereite, von des- sen Gunst und Gnade Gewinn zu ziehn immer nur Zweck all dieser Huldigungen gewesen war. (Es ent- ging an jenem Tage dem Auge des Prinzen, wie's auch dem Kaphengsts entgangen war, daß Rode, sei es aus Zufall oder aus Malice, die Inschrift: »Vota grati animi« nicht geschrieben, sondern die letzte Silbe fortgelassen hatte. Kaphengst, später darauf aufmerksam gemacht, ließ auch noch das i überma- len, so daß die Inschrift jetzt lautet: »Vota grati an«. In der Umgegend lachte man herzlich und nannt ihn Gratian.) Die Gunst des Prinzen, oft erschüttert und immer wieder befestigt, dauerte bis 1798. Um diese Zeit aber scheint er sie dem Günstling ein für allemal entzogen zu haben. Wenigstens müssen wir es aus dem Umstande schließen, daß sich Kaphengst in ge- nanntem Jahre schuldenhalber genötigt sah, zwei seiner Güter: Schönermark und Rauschendorf, zu verkaufen. Das Volk erzählte sich und erzählt auch heute noch, »er habe beide in einer Nacht verspielt«. Die beiden andern Güter, Meseberg und Baumgar- ten, blieben ihm, wiewohl tief verschuldet, bis zu seinem Tode, der im Januar oder Februar 1800 auf Schloß Meseberg erfolgte. Seine Frau starb erst im zweiten Viertel dieses Jahr- hunderts., In der Kirche zu Meseberg, wo die Grabsteine der Gröbens vor dem Altar liegen und von der Wand herab, in Frommen und in Treue, die Bildnisse Lud- wigs von der Gröben und seiner siebzehn Kinder bli- cken, ist kein Stein, der an den Wilden Jäger erinner- te, der hier sechsundzwanzig Jahre lang das Land durchtobt. Seine Witwe mochte fühlen, daß das Marmorbild eines Mannes, dem alles Heilige nur Spott gewesen war, nicht in die Kirche gehöre. Sei- tab in einer Ecke, von einem Fetzen schwarzen Flors umwickelt (der verblaßt und staubig wie ein Stück Spinnweb aussieht), hängt der Galanteriedegen des Galans und Günstlings und daneben ein rostiges Sporenpaar. Die Kinder im Dorf aber, wenn an Novemberabenden der Wind das abgefallene Laub über die Gasse fegt, fahren zusammen und murmeln ängstlich: »Kap- hengst kommt.« 1. Die alte, äußerlich sehr unscheinbare Kirche zu Meseberg ist in ihrer Art nicht minder inte- ressant als das Schloß. Grabsteine der Grö- bens liegen im Kirchenschiff, und Denkmäler der verschiedensten Art, aber alle der eben genannten Familie zugehörig, zieren die Wän- de hinter und neben dem Altar. Rechts hängt ein großes, auch um seines künstlerischen Gehaltes willen sehr bemerkenswertes Famili- enbild aus dem Jahre 1588, von dem ich vermuten möchte, daß es von einem Schüler, des Lucas Cranach herrühre, wenigstens erin- nert vieles an diesen Meister. Das Bild ist sehr groß, etwa zwölf bis vierzehn Fuß lang und zehn Fuß hoch, und stellt Ludwig von der Gröben und seine Gemahlin (eine geborne Anna von Oppen) samt ihren siebzehn Kin- dern dar, dreizehn Knaben links und vier Mädchen rechts. Einige Köpfe sind höchst an- sprechend. Eltern und Kinder knien in einer Art Kirchenhalle, und über ihnen, wie Schilde- reien, die in dieser Halle aufgehängt wurden, befinden sich die Darstellungen des Sünden- falls und der Auferstehung.2) Ein Anbau der Kirche zu Meseberg enthält das Grabgewölbe des obengenannten Grafen Hermann von Wartensleben. Er, seine Frau und zwei Kinder sind darin beigesetzt. Graf von W. war Oberst über ein Regiment zu Pferde und starb 1764 oder 1765. Seine Erben besaßen das Gut bis 1774. 2. Ein ebensolches Bild, nur in Kleinigkeiten ab- weichend, befindet sich in der Kirche zu Kos- senblatt. Ich hielt dies Kossenblatter Bild an- fänglich für eine Kopie des Meseberger, schließe mich aber nachträglich der Ansicht des mit allen einschlägigen Verhältnissen sehr vertrauten Generals von Barfus an, der mir darüber schrieb: Ich muß meinerseits das Bild in der Kirche zu Kossenblatt nach wie vor für das Original halten. Es stellt vor: George von Oppen, kurbrandenburgischen Oberkämme- rer, und seine Gemahlin, eine geborne von, Maltitz, dazu die Kinder beider. Unter den Töchtern befand sich Katharine von Oppen, später die Gattin Dietlofs von Barfus auf Möglin und Reichenow, des berühmten Rei- terobersten und Großvaters des Feldmar- schalls Johann Albrecht von Barfus. Eine an- dere Tochter vermählte sich mit Herrn von der Gröben auf Meseberg, welcher letztre das Kossenblatter Familienbild, aus Pietät gegen seinen Schwiegervater, kopieren ließ.«

Graf und Gräfin La Roche-Aymon

Es ward immer stiller in Rheinsberg. Von 1796 ab scheint der Kreis nur noch aus vier Personen bestan- den zu haben: aus dem Hofmarschall oder Kammer- herrn Grafen Röder, aus dem Adjutanten Graf La Roche-Aymon, aus dem Kammerrat Lebeauld und aus dem Baurat Steinert. Die beiden Wreechs waren tot, Knesebeck lebte noch, tat aber keinen Dienst mehr. Kaphengst jagte, spielte, schwur und grollte, daß der Gunst des Prinzen der goldene Boden ausge- schlagen war. Kein Wunder, daß der alternde Prinz (er war siebzig geworden) von Alleinsein und Stille gelegentlich mehr besaß, als ihm lieb war, und unter dem Druck einer gewissen Vereinsamung eifrig dahin strebte, die wenigen ihm treu Verbliebenen für den Rest sei-, ner Tage festzuhalten. Er wollte nicht unter Fremden sterben. Baurat Steinert war ein Gegenstand seines beson- dern Vertrauens. Noch wenige Tage vor seinem (des Prinzen) Tode, als sie die Pyramide besuchten, in der er beigesetzt zu werden wünschte, sagte er lächelnd zu dem vielbewährten Diener: »Stellt mich so, Stei- nert, daß ich nach dem Schloß hinüberblicke, und sagt's auch den Leuten, daß ich so stehe. Das wird manchen in heilsamer Furcht halten.« Lebeauld – Le Beauldt de Nans, wie er in andern Bü- chern genannt und geschrieben wird – war eigentlich Secretair des Prinzen, erfreute sich aber des Titels eines Kammerrats oder conseiller des chambres. Zur Belohnung für langjährige Dienstleistungen, aber zugleich auch in dem Bestreben, ihn auf die Weise zu fesseln, empfing er seitens des Prinzen zwei der zum Amte Rheinsberg gehörigen Erbzinsgüter: Schlaborn und Warenthin, die noch geraume Zeit hindurch in Händen der Lebeauldschen Familie verblieben. Erst seit 1850 sind sie zurückgekauft und wieder königli- cher Besitz. Steinert und Lebeauld waren bewährte Diener des Prinzen, aber doch nichts weiter; der Freund seiner letzten Jahre war der Graf La Roche-Aymon. Bei der Geschichte dieses Mannes, »die den Roman auf seinem eignen Felde schlägt«, werden wir zum Schluß noch einige Zeit zu verweilen haben., Antoine-Charles-Étienne-Paul Graf La Roche-Aymon war 1775 geboren. 1792, siebzehn Jahr alt, verließ er mit andern Émigrés sein Vaterland und trat als Volontair in das Condésche Corps, nach einer andern Version, die sich auf Mitteilung von Personen stützt, die den Grafen noch persönlich gekannt haben, in die neapolitanische Armee. Gleichviel, 1794 erschien ein junger, sechs Fuß hoher Offizier von dunkelstem Ko- lorit und dürftigster Kleidung in Rheinsberg und gab bei »Demoiselle Aurore«, jener schon genannten Schauspielerin des prinzlichen Hoftheaters, einen Empfehlungsbrief ab. Der Brief enthielt die Bitte, den Überbringer, den jungen Grafen La Roche-Aymon, bei günstiger Gelegenheit in die Nähe des Prinzen zu bringen. Demoiselle Aurore war echte Französin, lebhaft und gutherzig, dabei Royalistin und zu Aben- teuern geneigt; sie bestritt also eine passende Equi- pierung aus eignen Mitteln, und vor Ablauf einer Wo- che war der Graf in des Prinzen Dienst. Er bezog Wohnung im Kavalierhaus und übernahm den Befehl über die vierzig Leibhusaren, die, wie mehr erwähnt, als eine spezielle Prinz Heinrichsche Truppe zu Rheinsberg in Garnison lagen. Kurze Zeit darauf wurde er Adjutant des Prinzen. Schön, gewandt, lie- benswürdig, ein Kavalier im besten Sinne des Worts, trat er alsbald in eine Vertrauensstellung, ja darüber hinaus in ein Herzensverhältnis zum Prinzen, wie's dieser, seit Tauentzien, nicht mehr gekannt hatte. Der Graf erschien ihm als ein Geschenk des Him- mels; der Abend seines Lebens war gekommen, aber siehe da, die Sonne, bevor sie schied, lieh ihm noch einmal einen Strahl ihres beglückenden Lichts. Graf, La Roche-Aymon war der letzte Adjutant des Prin- zen.1) Nach dem Basler Frieden, der eine halbe Versöhnung zwischen dem Prinzen Heinrich und seinem Neffen, dem Könige, herbeigeführt hatte, kam der Prinz auch wieder nach Berlin, aber freilich ohne rechte Lust und Freudigkeit und immer nur auf kürzere Zeit. Auf einer der bei dieser Gelegenheit statthabenden Fest- lichkeiten war es, daß der Graf La Roche-Aymon, der nunmehrige Adjutant des Prinzen, ein Fräulein von Zeuner sah und von ihrer blendenden Schönheit so- fort hingerissen ward. Er seinerseits war völlig dazu angetan, nicht bloß bezaubert zu werden, sondern auch selbst wieder zu bezaubern, und als der Prinz bei beginnendem Frühling nach Rheinsberg zurück- kehrte, folgten ihm Graf und Gräfin La Roche-Aymon als eben vermähltes Paar. Karoline Amalie von Zeuner war die Tochter eines seit 1786 als Hofmarschall und Kammerherr im Dienste der Königinmutter stehenden Herrn von Zeuner, aus seiner Ehe mit einer Gräfin von Neale. Fräulein von Zeuner selbst, als der Graf La Roche- Aymon sie kennenlernte, war Hofdame bei der Prin- zessin Wilhelmine. Sie war von mittlerer Figur, vom weißesten Teint und besaß, als besondere Schönheit, eine solche Fülle blonden Haares, daß es, wenn auf- gelöst, bis zu den Knien herabfiel und sie wie ein goldener Mantel umhüllte. Niemand kannte diese Schönheit besser als sie selbst und noch in späteren Jahren wußte sie's derart einzurichten, daß etwa ein-, treffender Besuch sie womöglich im Négligé überra- schen und das Haar bewundern mußte. Wenn die Gegenwart des Grafen schon vorher ein Lichtblick an dem vereinsamten Hofe des Prinzen gewesen war, so war es jetzt, wo »Prinzessin Gold- haar« mit ihm zurückkehrte, wie wenn die Tage frü- herer Rheinsberger Herrlichkeit noch einmal anbre- chen sollten. Anstelle halb pedantischer und halb équivoquer Junggesellenwirtschaft erschienen wieder die heiteren Grazien, die dauernd immer nur da zu Hause sind, wo schöne Frauen ihren wohltätigen und gern gelittenen Zwang üben. Seit den Tagen Lisette Tauentziens hatte der Rheinsberger Hof diesen Zwang nicht mehr gekannt. Der Freundschaftstempel mit seinen Inschriften, die die Liebe für eine Torheit erklärten, erschien nun selber als eine große Torheit, und man speiste wie- der gern auf der Remus-Insel im See, heitern Ange- denkens aus jenen Tagen her, wo Kronprinz Friedrich noch der »Constant« des Bayard-Ordens und nicht der Philosoph von Sanssouci gewesen war. Die Grä- fin machte die Honneurs des Hauses, war Gast und Wirtin zugleich, und der Prinz, enchantiert, hing nicht nur an jeder Bewegung der schönen Frau, sondern freute sich ihrer Gegenwart überhaupt, alles an ihr bewundernd, ihre Augen, ihren Witz und selbst – ihre Kochkunst. Ein Abenteuer trat endlich störend dazwischen und warf einen Schatten auf dies heitere Stilleben, das dem Prinzen teurer geworden war, als er sich selbst, gestehen mochte. Prinz Louis Ferdinand erschien eben damals von Zeit zu Zeit in Schloß Rheinsberg, um seinem Oheim, den er beerben sollte, seinen Respekt zu bezeugen. Im Sommer 1800 kam er häu- figer als zuvor, kam und ging, ohne daß Wünsche, wie sonst wohl, laut geworden wären. Ein Geplauder im Park, ein Gastmahl auf der Remus-Insel schien alles, worauf sein Sinn jetzt gerichtet war. Die Gräfin saß neben ihm bei Tisch und trug einen Kranz von Teichrosen im Haar, den ihr der jugendliche Prinz auf der Fahrt zur Insel hin geflochten hatte. Sie glich darin einer Wassernixe. So kam der Abend, und laut- los glitten die Kähne zurück; nur dann und wann unterbrach ein Flüstern und Lachen die tiefe Stille. Prinz und Gräfin fuhren im selben Kahn. Was heim- lich versprochen wurde, wir wissen es nicht und ver- suchen nur das Bild zu malen, das die nächste Stun- de brachte. Vor dem Fenster der Gräfin lag ein Wie- senstreifen im Vollmondschein, und aus dem Schat- ten heraus trat der Graf, die Hand am Degen. Ihm gegenüber, auf dem erhellten Rasen, stand der Prinz; typische Gestalten aus Nord und Süd. Am off- nen Fenster aber erschien die Gräfin, bittend und beschwörend, und die Degen der beiden Gegner fuh- ren zurück in die Scheide. Man trennte sich mit ei- nem kurzen »jusqu'àä demain«. Der alte Prinz legte sich ins Mittel, und der Zwei- kampf unterblieb. Ebenso schwieg man über den Vorfall. Aber man mühte sich umsonst, ihn zu ver- gessen. Die Gräfin war das Licht gewesen, dessen klarer Helle sich jeder gefreut hatte; nun hatte das Licht, wie jedes andere, seinen Dieb gehabt, und, eine leise Mißstimmung griff Platz. Der Rheinsberger Hof war niemals ein Tugendhof gewesen, war es auch jetzt nicht, und doch sah sich jeder ungern des einen Ideals beraubt, an das er geglaubt hatte. Die Gräfin blieb Mittelpunkt des Kreises bis zuletzt, aber doch mehr äußerlich, und die Blicke, die sich auf sie richteten, sahen sie mit verändertem Ausdruck an. Die letzten poetischen Momente des Prinz-Heinrich- Hofes waren hin. Nur in den Beziehungen zwischen dem Prinzen und seinem Adjutanten änderte sich nichts. Die kritisch- militärischen Arbeiten des Grafen weckten mehr noch als früher das Interesse seines väterlichen Freundes und Wohltäters, der sich vielfach und in eingehendster Weise daran beteiligte. Dies Freund- schaftsverhältnis dauerte denn auch bis zum Tode des Prinzen, welcher letztre noch wenige Monate vor seinem Hinscheiden in seinen »Dernières Dispositi- ons« die Worte niederschrieb: »Ich bezeuge dem Grafen La Roche-Aymon meinen lebhaften Dank für die zarte Anhänglichkeit, die er mir all die Zeit über erwiesen hat, wo ich so glücklich war, ihn in meiner Nähe zu haben«, sowie denn auch anderweitig aus beinah jedem Paragraphen dieser »Dernières Dispo- sitions« hervorgeht, daß der Graf die recht eigent- lichste Vertrauensperson des Prinzen war, derjenige, der seinem Herzen am nächsten stand. Der Prinz hatte darin richtig gewählt. Graf La Roche-Aymon vereinigte, nach dem Zeugnis aller derer, die ihn gekannt haben, drei ritterliche Tugenden in ganz ausgezeichnetem Maße: Mut, Diensttreue und kindli- che Gutherzigkeit., Am 3. August 1802 starb der Prinz, und im selben Jahre noch gelangten Graf und Gräfin La Roche- Aymon in den Besitz des Gutes Köpernitz, das eines der sechs Erbzinsgüter war, die zum Amte Rheins- berg gehörten. Ob der Prinz erst in seinem Testa- ment oder schon bei Lebzeiten diese Schenkung machte, hab ich nicht mit Bestimmtheit in Erfahrung bringen können. Wahrscheinlich fand ein Scheinkauf mit Hülfe dargeliehenen Geldes statt, das dann schließlich in die prinzliche Kasse zurückfloß. Köpernitz war nun gräfliches Besitztum. Es scheint aber nicht, daß das La Roche-Aymonsche Paar auch nur vorübergehend das Gut bezog, vielmehr eilten beide nach Berlin, um endlich wieder das zu genie- ßen, was sie, trotz aller Anhänglichkeit an den Prin- zen, so lange Zeit über entbehrt hatten – das Leben der großen Stadt. Das Gut ward also verpachtet, und die Pachterträge sollten nunmehr ausreichen zu ei- nem Leben in der Residenz. Aber das junge Paar erkannte bald, daß es die Rechnung ohne den Wirt gemacht habe, und der Graf mußte sich schließlich noch beglückwünschen, als er 1805 dem Göckingk- schen (ehemals Zietenschen) Husarenregiment als Major aggregiert wurde. Mit diesem Regiment war er bei Jena. 1807 ward er Kommandeur der Schwarzen Husaren und zeichnete sich, an der Spitze derselben, durch eine glänzende Attacke bei Preußisch-Eylau aus. Napoleon, als er nach dem Kommandeur fragte, geriet in heftigen Zorn, als er einen französischen Namen hörte. 1809 wurde Graf La Roche-Aymon Oberst und bearbeitete das Exerzierreglement der Reiterei, wie er denn überhaupt, allem anderen vor-, auf, ein glänzender Kavallerieführer war. Seine Bü- cher über diesen Gegenstand sollen wertvoll und bis zu dieser Stunde kaum übertroffen sein. 1810 zum Inspecteur der leichten Truppen ernannt, machte er die Feldzüge von 1813 und 1814 auf preußischer Seite mit, wurde Generalmajor und kehrte 1814 nach dem Sturze Napoleons wieder nach Frankreich zurück. 1815, während der Hundert Tage, ging er mit Ludwig XVIII. nach Gent, befehligte 1823 in der in Spanien einrückenden französischen Armee eine Kavalleriebrigade und wurde Generallieutenant. In den Besitz aller seiner früheren Güter wieder einge- setzt, ward er, zu nicht näher zu bestimmender Zeit, Marquis und Pair von Frankreich. Einige Jahre vor- her (1827) hatte er auf dem Punkt gestanden, als Kriegsminister in kaiserlich-mexikanische Dienste zu treten. Ein Bruder des Königs Ferdinands VII. von Spanien, der Infant Don Francisco de Paulo, sollte zum Kaiser von Mexiko erhoben werden, und das Cabinet dieses Kaisers war bereits in Paris ernannt. Es bestand aus Baron Alexander von Talleyrand, Herzog von Dino, Marinecapitain Gallois und Graf La Roche-Aymon. Man kann fast beklagen, daß sich's zerschlug; es wäre eine »Aventüre« mehr gewesen in dem an Aventüren so reichen Leben des Grafen. Er verblieb in Paris. Kurze Zeit vor der Februarrevo- lution sah ihn ein alter Bekannter aus den Rheins- berger Tagen her in der Pairskammer, als er eben im Begriff stand, das Wort zu nehmen; er hatte den Grafen in sechsundvierzig Jahren nicht gesehen, seit jenem Tage nicht, wo derselbe dem Sarge des Prin- zen zur letzten Ruhestätte gefolgt war. Im Jahre darauf (1849) starb der Graf., Wir wenden uns nun zum Schlusse der Gräfin zu. Sie war 1815, nach der völligen Niederwerfung Napole- ons, ihrem Gatten nach Paris hin gefolgt und hatte daselbst, am Hofe Ludwigs XVIII., Huldigungen ent- gegengenommen, die fast dazu angetan waren, die Triumphe ihrer Jugend in den Schatten zu stellen. In der Tat, sie war noch immer eine schöne Frau, hatte sie doch das Leben allezeit leichtgenommen und im Gefühl, für die Freude geboren zu sein, der anklop- fenden Sorge nie geöffnet. Aber wenn sie auch kein Naturell hatte für Gram und Sorge, so war sie doch empfindlich gegen Kränkungen, und diese blieben nicht aus. Sie war eitel und herrschsüchtig, und so leicht es ihr werden mochte, die leichte Moral der Hauptstadt und ihres eignen Hauses zu tragen, so schwer und unerträglich ward es ihr, die Herrschaft im Hause mit einer Rivalin zu teilen. Das Blatt hatte sich gewandt, und die Schuld der Rheinsberger Tage wurde spät gebüßt. Die Marquise beschloß, Paris aufzugeben; ein Vorwand wurde leicht gefunden (»der Pächter habe das Gut vernachlässigt«), und 1826 zog sie still in das stille Wohnhaus von Köper- nitz ein. Dort hat sie noch dreiunddreißig Jahre gelebt, und alt und jung daselbst weiß von ihr zu erzählen. Sie war eine resolute Frau, klug, umsichtig und tätig, aber auch rechthaberisch, die, weil sie beständig recht haben und herrschen wollte, zuletzt schlecht zu regieren verstand. Es lag ihr mehr daran, daß ihr Wille geschah, als daß das Richtige geschah, und die Schmeichler und Jasager hatten leichtes Spiel auf Kosten derer, die's wohlmeinten. Es eigneten ihr all, die Schwächen alter Leute, die die Triumphe ihrer Jugend nicht vergessen können; aber was ihr bis zuletzt die Herzen vieler zugetan machte, war das, daß sie, trotz aller Schwächen und Unleidlichkeiten, im Besitz einer wirklichen Vornehmheit war und verblieb. Sie glaubte an sich. Ihre Beziehungen zum Rheinsberger Hofe wie zum Prinzen Louis und kaum minder wohl die Huldigun- gen, die ihr, später noch, am französischen Hofe zu- teil geworden waren, gaben ihr vor der Welt ein An- sehen, und Friedrich Wilhelm IV. kam nie nach Rup- pin oder Rheinsberg, ohne der Marquise auf Köper- nitz seinen Besuch zu machen. Es traf sich, daß sie, bei einem dieser Besuche, ganz wie zu Zeiten der Remus-Insel-Diners, durch ihre Kochkunst glänzen und den König durch eine Trüffel- oder Zervelatwurst überraschen konnte. Friedrich Wilhelm IV. erbat sich denn auch etwas davon für seine Potsdamer Küche (natürlich nicht vergeblich), und zum Weihnachts- abend erschien das königliche Gegengeschenk: ein Kollier, aus goldenen Würstchen bestehend, die Speilerchen von Perlen, und begleitet von einem verbindlichen Schreiben mit dem Motto: »Wurst wi- der Wurst«. Geschenk und Gegengeschenk wieder- holten sich mehrere Male, so daß sich zu dem Kollier ein Armband und zu dem Armband ein Ohrgehänge gesellte; zuletzt erschien eine Tabatière in Form ei- ner kurzen, gedrungenen Blut- und Zungenwurst, äußerst wertvoll, oben und unten mit Rubinen be- setzt. Die Freude war groß, aber es war die letzte dieser Art. Aus den Zeitungen ersah die Marquise bald darauf, daß einer der Hofschlächtermeister zu, Potsdam, als Gegengeschenk für eine große Fest- oder Jubiläumswurst (und sogar unter Beifügung desselben Mottos: »Wurst wider Wurst«), in gleicher Weise durch eine Tabatière beglückt worden war, und die Sendungen in die königliche Küche hörten von diesem Augenblick an auf. Ihre letzten Lebensjahre brachten ihr noch einen andern interessanten Besuch. Ein Neffe des verstor- benen Marquis hatte diesen beerbt und nicht zufrie- den mit den ihm zugefallenen französischen Gütern, machte derselbe bei dem betreffenden Pariser Ge- richtshof auch noch ein Verfahren anhängig, um sich des ehemalig Prinz Heinrichschen Köpernitz', des Gutes seiner alten Tante, zu versichern. Anfänglich erklärten selbst die französischen Gerichte ihr »Nein«, in der zweiten und dritten Instanz aber wur- de das »Nein« in ein »Ja« verwandelt, einfach in Be- rücksichtigung der Tatsache, daß der Neffe des alten legitimistischen Marquis inzwischen ein besonderer Günstling Napoleons III. geworden war. Und wirk- lich, der Günstling schickte Bevollmächtigte, die Kö- pernitz für ihn in Besitz nehmen sollten, und als sich dies, aller Vollmachten unerachtet, nicht tun lassen wollte, kam er endlich selbst. Er nahm in Rheinsberg allerbescheidentlichst einen Einspänner, umkreiste das ganze Gut, dessen Ansehn und Ausdehnung ihm wohlgefiel, und fuhr dann schließlich vor dem Wohn- hause der alten Tante vor. Diese empfing ihn aufs artigste, mit dem ganzen Aufwande jenes Zeremo- niells, worin sie Meister war, als er aber schließlich den eigentlichen Zweck seines Kommens berührte, lachte sie ihn so herzlich aus, daß er sich, nicht ohne, Verlegenheit, von der alten »ma tante« verabschie- dete. Wurd auch nicht wieder gesehen. Dieser Neffe aber, der im Einspänner von Rheinsberg nach Köper- nitz gefahren war, war niemand anders als der frü- here Befehlshaber der französischen Armee in Rom – General Goyon. Die Marquise, und damit schließen wir, war eine stol- ze, selbstbewußte Frau. Sie repräsentierte die Vor- nehmheit einer nun zu Grabe getragenen Zeit, eine Vornehmheit, die von der Gesinnung unter Umstän- den abstrahieren und ihr Wesen in eine meisterhafte Behandlung der Formen setzen konnte. Diese For- men waren bei der Marquise von der gewinnendsten Art, und ihr Auftreten entsprach dem Urteile, das ich einst über sie fällen hörte: »frei, taktvoll und originell zugleich«. Herrschen und ein großes Haus machen waren ihre zwei Leidenschaften. Je mehr Kutschen im Hofe hielten, desto wohler wurd ihr ums Herz, und je mehr Lichter im Hause brannten, desto helle- re Funken sprühten ihr Geist und ihre gute Laune. Sparsam sonst und eine Frau, bei der die Rech- nungsbücher stimmen mußten, erschrak sie dann vor keinem Opfer, ja der Gedanke berührte sie kaum, daß es ein Opfer sei. Nach Sitte der Zeit, in der sie jung gewesen, sah es um sie her aus wie in einer Arche Noäh, und vom Kakadu an bis herunter zu Kanarienvogel und Eichhörnchen fand sich in ihren Zimmern so ziemlich alles beisammen. Katzen und Hunde waren natürlich ihre Lieblinge und durften sich alles erlauben, ja, eintreffender Besuch pflegte meist in nicht geringe Verlegenheit zu geraten, wo Platz zu nehmen sei, wenn überhaupt. Aber mit dem, Erscheinen der alten Marquise war sofort alles ver- gessen, man achtete der Unordnung nicht mehr, und was bis dahin lästig gewesen war, wurde jetzt cha- rakteristisches Ornament. Ihre Rede riß nicht ab, und wurde Rheinsberg oder gar »der Prinz« zum Gegens- tande der Unterhaltung, so vergingen die Stunden wie im Fluge, ihr selbst und andern. Ihr Tod war wie ihr Leben und hatte denselben Ro- kokocharakter wie das Sofa, auf dem sie starb, oder die Tabatière, die vor ihr stand. Ihre Lieblingskatze, so heißt es, habe sie in die Lippe gebissen. Daran starb sie (oder doch bald darauf) im neunundacht- zigsten Jahre, dem 18. Mai 1859. Mit ihr wurde die letzte Repräsentantin der Prinz- Heinrich-Zeit zu Grabe getragen. 1. Die Adjutanten des Prinzen Heinrich, soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, waren seit Beginn des Siebenjährigen Krieges die fol- genden: Graf Henkel (1757 und 1758); Graf Kalckreuth in der zweiten Hälfte des Krieges; nach dem Kriege: Kaphengst, Tauentzien, La Roche-Aymon.,

Köpernitz

Rote Dächer, die verschwiegen

Still an Wald und Wiese liegen.

Köpernitz, auf dem die Gräfin La Roche-Aymon, ge- borne von Zeuner, ihr reichbewegtes Leben beschloß, ist ein Platz von einer nicht gerade frap- panten, aber doch von einer poetischen und nachhal- tig wirkenden Schönheit. Man begreift eine stille Pas- sion dafür. Das Herrenhaus ist von großer Einfachheit: ein Erd- geschoß (neun Fenster Front) mit Dach und Erker. Dementsprechend ist die Einrichtung, aber durch Bilder und Erinnerungsstücke reichlich aufwiegend, was ihr an modernem Glanze fehlt. Das einladendste Zimmer des Hauses ist der Salon, der den Blick auf eine große Parkwiese hat. Hier, an einem milden Herbsttage, bei offenstehender Tür und Kaminfeuer, ist es gut sein. In ebendiesem Salon befindet sich auch die Mehrzahl der historischen Wertstücke. Dar- unter zunächst folgende Bilder: 1. Hofmarschall von Zeuner, Großvater des gegen- wärtigen Besitzers. 2. Hofmarschallin von Zeuner, geborne Gräfin Neale., 3. Graf Neale, Bruder der Hofmarschallin von Zeu- ner. 4. Oberst von Zeuner, Kommandeur des 4. (schlesi- schen) Husarenregiments; Vater des gegenwärtigen Besitzers. 5. Frau Oberst von Zeuner, geborne Baronesse Oet- tinger. Bild aus der Zeit vor ihrer Vermählung. 6. Baronin von Oettinger (Mutter der vorigen), von Tischbein gemalt. 7. Gräfin La Roche-Aymon, geborne von Zeuner, Tochter des Hofmarschalls, Schwester des Obersten von Zeuner, Vorbesitzerin von Köpernitz. 8. Graf La Roche-Aymon. 9. Kardinal La Roche-Aymon (gutes Bild); Oheim des Grafen La Roche-Aymon. 10. Prinz Louis Ferdinand (sehr gut). – Bis zum Tode der Gräfin La Roche-Aymon befand sich noch ein zweites Bild des Prinzen Louis in Köpernitz, das dem Sohne des letztren, dem General von Wildenbruch, gehörte und nur »leihweise auf Lebenszeit« der Grä- fin überlassen worden war. Nach dem Hinscheiden derselben erhielt es General von W. zurück. (Ein drit- tes treffliches Bild des Prinzen Louis Ferdinand befin- det sich in Wustrau.), Außer diesen Bildern interessiert zumeist eine Roko- kokommode mit vergoldeten Griffen und Marmorta- fel. In den Fächern dieser Kommode (damals in Rheinsberg) befand sich die vom Prinzen Heinrich niedergeschriebene Geschichte des Siebenjährigen Krieges. Unmittelbar nach dem Tode des Prinzen erschien eine »Kommission« in Rheinsberg und nahm das Manuskript, von dessen Existenz man in Berlin Kunde hatte, mit sich, um es im Staatsarchive zu deponieren. Diese Lesart ist die wahrscheinlichs- te. Nach einer andern Version aber wäre das Manu- skript verbrannt worden. Träfe dies zu, so würde der Welt eines der denkbar interessantesten Bücher ver- lorengegangen sein. Und doch mag es zweifelhaft erscheinen, ob ein solcher Verlust, wenn er über- haupt stattgefunden, zu beklagen wäre. Der Prinz – soviel war schon bei seinen Lebzeiten laut geworden – hatte strengste Kritik geübt, namentlich auch ge- gen seinen königlichen Bruder, und es würde die Kenntnis über diesen vielleicht mehr verwirren als aufklären, wenn wir plötzlich Urteilen begegneten, deren Gerechtigkeit, bei dem mit allen Vorzügen, aber auch mit allen Mängeln des vorigen Jahrhun- derts reich ausgestatteten Prinzen, zunächst bezwei- felt werden muß. Zu den Erinnerungsstücken von Köpernitz gehören auch die schon Seite 323 erwähnten Gegengeschen- ke, die Friedrich Wilhelm IV. der Gräfin machte, wenn, um die Weihnachtszeit, wieder eine Blut-, Trüffel- oder Zervelatwurstsendung von Köpernitz her in Sanssouci eingetroffen war. Der König war dabei höchst erfinderisch und schenkte (natürlich, immer in Wurstform) erst ein Schuppenarmband, dann ein Schuppenkollier, dann Ohrgehänge (kleine Saucischen aus Perlen und Diamanten), dann eine Tabatière (dicke Blutwurst aus Granaten). Diese vier hab ich gesehn. Ich weiß nicht, ob die Zahl damit erschöpft ist. Die Briefe, die diese Geschenke beglei- teten, laufen von 1849 bis 1854 und paraphrasieren das alte Wurstthema auf immer neue Weise. Zum Schlusse sei noch des Köpernitzer Friedhofes erwähnt, der, ähnlich wie der Berliner Matthäikirch- hof, an einem sanften Abhange liegt. Er hat manches Eigentümliche; beispielsweise das, daß das Terrain nach Familien parzelliert ist. So liegt denn zusam- men, was zusammengehört; die Angehörigen müs- sen ihre Toten nicht erst jahrgangweise suchen, son- dern finden alles an einer und derselben Stelle. Das Grab der Gräfin befindet sich in der Mitte des Friedhofs. Ein graues Marmorkreuz trägt die In- schrift: »Hier ruht Karoline Amalie Marie Marquise de la Roche-Aymon, geborne von Zeuner, geboren den 7. April 1771, gestorben den 18. Mai 1859. Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben.« Sie war so beliebt, daß sich immer noch Kränze vor- finden, die, von Zeit zu Zeit, besonders aber an den Gedächtnistagen, von alten Rheinsberger Bekannten auf ihrem Grabe niedergelegt werden.,

Zernikow

»So heute Mittag die Sonne scheint, werde ich ausreiten; kom doch am Fenster, ich wollte dihr gerne sehn.«

Friedrich an Fredersdorff

In der Nähe von Boberow-Wald und Huwenow-See liegt noch ein anderer Güterkomplex, der durch den Aufenthalt des Kronprinzen Friedrich in Rheinsberg zu historischem Ansehn gelangt ist – ich meine die sogenannten Fredersdorffschen Güter, die Friedrich der Große, beinahe unmittelbar nach seiner Thron- besteigung, seinem Kammerdiener Fredersdorff zum Geschenk machte. Ursprünglich bestand die Schen- kung nicht aus jenen vier Besitzungen, die man jetzt wohl als »Fredersdorffsche Güter« zu bezeichnen pflegt; es war vielmehr ein einziges Gut nur, Zerni- kow, das der Kronprinz, am 17. März 1737 von Lieu- tenant Claude-Benjamin le Chenevix de Beville käuf- lich an sich bringend, nach dreijährigem Besitz un- term 26. Juni 1740 seinem Kammerdiener urkundlich vermachte. Erst nach zehn Jahren begann Freders- dorff selber sein Besitztum durch Ankauf zu erwei- tern: 1750 erwarb er Kelkendorf, 1753 Dagow und 1755 Burow. Dagow ist seitdem wieder aus der Rei- he der Güter ausgeschieden, Schulzenhof aber dafür, angekauft worden, so daß der Besitzstand nach wie vor aus vier Gütern besteht. Das Wenige, was man über Fredersdorff weiß, ist oft gedruckt worden, außerdem hat Friedrich Burchardt in seinem Buche »Friedrichs II. eigenhändige Briefe an seinen Geheimen Kämmerer Fredersdorff« diesen Briefen auch noch eine Biographie Fredersdorffs bei- gegeben. Ich verweile deshalb nicht bei Aufzählung bekannter Tatsachen und Anekdoten, deren Ver- bürgtheit zum Teil sehr zweifelhaft ist, und be- schränke mich darauf, bei jenem einzig neuen Resul- tat einen Augenblick stehnzubleiben, welches die seitdem erfolgte Durchsicht der Gartzer Kirchenbü- cher hinsichtlich der Herstammung Fredersdorffs ergeben hat. Es galt bisher für zweifelhaft, ob Fredersdorff wirklich zu Gartz in Pommern (vier Meilen von Stettin) oder aber in Mitteldeutschland geboren sei, ja die meisten Stimmen neigten sich der letztern Ansicht zu und bezeichneten ihn als einen durch Werber aufgebrach- ten wohlhabenden Kaufmannssohn aus Franken. Diese Ansicht ist aber jetzt mit Bestimmtheit wider- legt. Im Gartzer Kirchenbuche findet sich eine Anga- be, daß ein dem Stadtmusikus (musicus instrumen- talis) Fredersdorff geborner Sohn am 3. Juni 1708 getauft worden sei und die Namen Michael Gabriel erhalten habe. Da nun der Kammerdiener Freders- dorff nach übereinstimmenden Nachrichten wirklich Michael Gabriel hieß, auch wirklich 1708 geboren wurde, so kann nicht gut ein längerer Zweifel an die- ser Streitfrage walten. Zwar findet sich auf Freders-, dorffs Bild in der Zernikower Kirche die Angabe: »geboren am 6. Juni 1708« (wonach er nicht am 3. Juni getauft sein kann), diese Angabe ist aber entweder einer jener Irrtümer, wie sie auf derartigen Bildern sehr häufig vorkommen, oder es hat sich umgekehrt bei Eintragung ins Kirchenbuch ein Fehler eingeschlichen. Vielleicht muß es heißen: am 13. Juni. Fredersdorff war achtzehn Jahre lang, von 1740 bis 1758, im Besitz von Zernikow, an welche Tatsache wir die Frage knüpfen, ob er dem Dorf und seinen Bewohnern ein Segen war oder nicht. Die Beantwor- tung der Frage fällt durchaus zu seinen Gunsten aus. Wie er, trotz Ehrgeiz und einem unverkennbaren Verlangen nach Ansehn und Reichtum, doch über- wiegend eine liebenswürdige und gutgeartete Natur gewesen zu sein scheint, so erwies er sich auch als Gutsherr mild, nachsichtig, hülfebereit. Seine Bauern und Tagelöhner hatten gute Zeit. Und wie den dama- ligen Bewohnern, so war er dem Dorfe selbst ein Glück. Die meisten Neuerungen, soweit sie nicht bloß der Verschönerung dienen, lassen sich auf ihn zu- rückführen. Er fand eine vernachlässigte Sandscholle vor und hinterließ ein wohlkultiviertes Gut, dem er teils durch Anlagen aller Art, teils durch Ankauf von Wiesen und Wald das gegeben hatte, dessen es zu- meist benötigt war. Die Tätigkeit, die er entwickelte, war groß. Kolonisten und Handwerker wurden he- rangezogen und Weberei und Strohflechterei von fleißigen Händen betrieben. Zu gleicher Zeit und mit Vorliebe nahm er sich des Seidenbaus an. Gärten und Wege wurden mit Maulbeerbäumen bepflanzt, (schon 1747 standen deren 8000), und das Jahr dar- auf hatte er zum ersten Male einen Reinertrag aus der gehaspelten Seide. Kaum daß er ein Stück guten Lehmboden auf seiner Feldmark gefunden, entstand auch schon eine Ziegelei, so daß er 1746, und zwar aus selbstgebrannten Steinen, das noch jetzt existie- rende Wohnhaus erbauen konnte. Noch im selben Jahre führte er, ebenso wie in Spandau und Köpe- nick, große Brauereigebäude auf, in denen das so beliebt gewordene und nach ihm genannte »Freders- dorffer Bier« gebraut wurde. In allem erwies er sich als der gelehrige Schüler seines königlichen Herrn, und an der ganzen Art und Weise, wie er die Dinge in Angriff nahm, ließ sich erkennen, daß er den organi- satorischen Plänen des Königs mit Verständnis zu folgen und sie als Vorbild zu verwerten verstand. Er mocht es dabei, besonders was die Mittel zur Ausfüh- rung anging, leichter haben als mancher andere, da ein König, der ihm schreiben konnte: »Wenn ein Mit- tel in der Welt wäre, Dir in zwei Minuten zu helfen, so wollte ich es kaufen, es möchte auch so teuer sein, wie es immer wolle«, sehr wahrscheinlich auch bereit war, durch Geschenke und Vorschüsse aller Art zu helfen. Es scheint indessen, daß diese Hülfen immer nur innerhalb beschränkter Grenzen blieben und daß die Meliorationen erst von 1750 ab einen größeren Maßstab annahmen, wo sich Fredersdorff mit Karoline Marie Elisabeth Daum, der reichen Erb- tochter des schon 1743 verstorbenen Banquier Daum, vermählt hatte. Wenigstens beginnen von da ab erst jene Güterkäufe, deren ich schon oben er- wähnt habe. Fredersdorff lebte mit seiner jungen Frau in einer sehr glücklichen, aber kinderlosen Ehe., Daß er andauernd in Zernikow gewesen sei, ist nicht anzunehmen, doch scheint es, daß er von 1750 ab (also nach seiner Vermählung) wenigstens sooft wie möglich auf seinem Gute war und namentlich die Sommermonate gern daselbst verbrachte. Ob er sei- ne alchimistischen Künste und Goldmacheversuche auch in ländlicher Zurückgezogenheit geübt habe, ist nicht zu ermitteln gewesen, übrigens nicht wahr- scheinlich. Er starb zu Potsdam in demselben Jah- re (1758), das seinem königlichen Herrn so viele schwere Verluste brachte, und seine Leiche wurde nach Zernikow übergeführt. Michael Gabriel Freders- dorff war am 12. Januar 1758 gestorben. 1760 vermählte sich seine Witwe zum zweiten Male, mit dem aus Pommern stammenden Geheimen Stiftsrat zu Quedlinburg, Hans Freiherrn von Labes, der, ursprünglich bürgerlich, erst später vom Kaiser in den Adelsstand erhoben worden war. Auch Freiherr von Labes tat viel zur Verschönerung des Guts; eine Lindenallee wurde gepflanzt, ein eng- lischer Park angelegt und der frühere Fasanengarten in einen Tiergarten mit Fischteichen, Wasserleitun- gen und Pavillons umgeschaffen. Er scheint andau- ernder als Fredersdorff in Zernikow gelebt zu haben und verschied daselbst am 27. Juli 1776. Frau von Labes aber, nachdem sie durch milde Stiftungen, besonders durch Erbauung eines Hospitals, segens- reich gewirkt hatte, starb erst am 10. März 1810, achtzig Jahre alt, mehr denn fünfzig Jahre nach dem Tode ihres ersten Gatten. Aus ihrer zweiten Ehe wa- ren ihr zwei Kinder geboren worden, ein Sohn und eine Tochter. Der Sohn, Geheimer Legationsrat von, Labes, vermählte sich mit einer Comtesse Görtz- Schlitz, wurde selbst in den Grafenstand erhoben und nahm, nach der Burg Schlitz, die er sich im Mecklenburgischen erbaut hatte, den Namen Graf Schlitz an. Dieser Graf Schlitz starb 1831. Er hinterließ nur eine Tochter, die sich 1822 dem Grafen Bassewitz ver- mählte, welcher letztre seitdem den Namen Graf Bassewitz-Schlitz führte. Das einzige Kind dieser Ehe, eine Tochter, wurde nur elf Jahr alt; von den Eltern starb die Mutter 1855, der Vater, Graf Basse- witz-Schlitz, im Juli 1861. Beide wurden auf Hohen Demzin, einem in der Nähe von Burg Schlitz gelege- nen Familiengute, beigesetzt. Schon 1855, also nach dem Tode der Gräfin, waren die Fredersdorffschen Güter, da keine direkte Nachkommenschaft da war, auf die weibliche Linie, das heißt also auf die Nach- kommenschaft der Tochter der Frau von Labes, ü- bergegangen. Diese Tochter war seit 1777 an den Freiherrn Joa- chim Erdmann von Arnim vermählt, starb aber schon 1781 infolge ihrer zweiten Entbindung, nach- dem sie dem später so berühmt gewordenen Achim von Arnim das Leben gegeben hatte. Sie hinterließ zwei Söhne: Karl Otto Ludwig von Arnim, geboren am 1. August 1779, und Karl Friedrich Joachim Lud- wig von Arnim (Achim von Arnim), geboren am 26. Januar 1781. Von diesen beiden Brüdern starb der jüngere schon am 21. Januar 1831, der ältere (gemeinhin Pitt-, Arnim geheißen) ererbte die Fredersdorffschen Gü- ter, nach dem, wie vorstehend schon hervorgeho- ben, im Jahre 1855 erfolgten Tode der Gräfin Basse- witz-Schlitz. Er ist sechs Jahre lang im Besitz der Güter geblieben, bis zu seinem am 9. Februar 1861 erfolgten Tode. Da er kinderlos verstarb, so waren seine Neffen und Nichten, die Kinder Achims von Arnim und der Bettina Brentano, die nächsten Erben. Diese Kinder, drei Söhne und drei Töchter, sind jetzt die Besitzer von Zernikow. Zernikow besitzt neben einer sehenswerten Kirche, in der sich, ebenso wie im Herrenhause, die Portraits von Fredersdorff, dem von Labesschen Ehepaar und von deren Tochter, der 1781 verstorbenen Frau von Arnim, befinden, auch ein mit Geschmack und Muni- fizenz hergestelltes Grabgewölbe, das Frau von La- bes bald nach dem Tode ihres zweiten Gemahls er- richten ließ. Es trägt an seiner Front die Inschrift: »Fredersdorffsches Erbbegräbnis, errichtet von des- sen hinterlassener Witwe, gebornen Caroline Marie Elisabeth Daum, nachmals verehelichten von Labes. Anno 1777.« Darunter in goldenen Buchstaben fol- gende verschlungene Namenszüge: MGF (Michael Gabriel Fredersdorff) und CMED (Caroline Marie Eli- sabeth Daum). Sofort nach der Vollendung dieses Grabgewölbes nahm Frau von Labes in dasselbe die sterblichen Überreste ihrer Ehegatten Fredersdorff und von Labes auf, welche sich bisher in einer Gruft unter der Kirche zu Zernikow befunden hatten., Der mit Leder überzogene und mit vergoldeten Fü- ßen und Handhaben versehene Sarg Fredersdorffs, auf dem sich noch die Patrontasche befindet, die derselbe während seines Militärdienstes im Schwe- rinschen Regiment getragen hat, steht an der rech- ten Seitenwand, der Sarg des Freiherrn von Labes unmittelbar dahinter. Vier Jahre später gesellte sich zu diesen beiden Sär- gen ein dritter. Noch nicht zwanzig Jahr alt, war die mehrgenannte Freifrau Amalie Karoline von Arnim, einzige Tochter der verwitweten Frau von Labes, im Januar oder Februar 1781 zu Berlin gestorben und wurde von dort nach Zernikow übergeführt. Ihr Sarg, in dessen Deckel ein kleines Fenster befindlich ist, steht an der Hinterwand des Gewölbes, und noch jetzt liegen auf demselben Kränze und Gedichte, welche letztren von der Hand der Mutter geschrieben sind. Am 10. März 1810 entschlief Frau von Labes selber und nahm, ihrem Letzten Willen gemäß, nach Freud und Leid dieser Welt, ihren letzten Ruheplatz an der Seite derer, die ihr das Teuerste gewesen waren. Auch auf dem Deckel ihres überaus pracht- vollen Sarges ist ein kleines Fenster angebracht, durch das man die entseelte Hülle der alten Freifrau erblickt. Auf allen vier Särgen befinden sich die Fa- milienwappen, auf drei derselben auch Name, Ge- burts- und Todestag. Über fünfzig Jahre vergingen, eh ein neuer Ankömm- ling vor der Kirche hielt und Raum in der Familien- gruft beanspruchte. Alles, was den Namen Graf Schlitz angenommen hatte, hatte sich auch im Tode, noch von Zernikow, dem ursprünglichen Familiengut, geschieden und dem Graf Schlitzschen Mausoleum auf Hohen Demzin den Vorzug gegeben. Nicht so der älteste Sohn der Tochter der Frau von Labes. Am 16. Februar 1861 öffneten sich die schweren Gitter- türen des Fredersdorffschen Erbbegräbnisses noch einmal, und der Sarg des Oberstschenk Karl Otto Ludwigs von Arnim wurde neben Mutter und Groß- mutter beigesetzt. Seine Inschrift lautet: Dubius non impius vixi, Incertus morior, non perturbatus; Humanum est nescire et errare. Ens entium miserere mei. In Zweifeln hab ich gelebt, nicht unfromm, In Ungewißheit sterb ich, nicht in Bangen; Nichtwissen und irren ist Menschenlos. Wesen der Wesen, erbarme dich mein. Sein jüngerer Bruder, Achim von Arnim, ist auf dem Familiengute Wiepersdorf bei Dahme begraben. Auch Bettina (gestorben 1859 zu Berlin) ruht daselbst.,

Die Ruppiner Schweiz Die Ruppiner Schweiz

Ist's norderwärts in Rheinsbergs Näh?

Ist's süderwärts am Molchow-See? Ist's Rottstiel tief im Grunde kühl? Ist's Kunsterspring, ist's Boltenmühl?

Die Schweize werden immer kleiner, und so gibt es nicht bloß mehr eine Märkische, sondern bereits auch eine Ruppiner Schweiz, der es übrigens, wenn man ein freundlich-aufmerksames Auge mitbringt, weder an Schönheit noch an unterscheidenden Zügen fehlt. Sie besitzt beides in ihrem Wasserreichtum. Wäh- rend Freienwalde dieses Schmuckes beinah völlig entbehrt und Buckow, den großen See zu seinen Fü- ßen abgerechnet, nur zwei kleine Edelsteine von al- lerdings reinstem Wasser aufweist, sind Fluß und See das eigentliche Lebenselement der Ruppiner Schweiz. Der Fluß ist der Rhin. Er kommt von Rheinsberg (Rhinsberg) her, bildet zunächst eine ganze Reihe von Wasserbecken und gibt erst an der Südspitze des Molchow-Sees seine Hügelheimat auf, um in das »Schwäbische Meer« dieser Gegenden, in den Ruppi- ner See, einzutreten. Hier streift er, wie sein be- rühmter hochdeutschen Namensvetter, der Rhein,, den Rest seiner schäumenden Jugend ab, und ruhig geworden bis zum Stillstand, windet er sich, von nun an, nur noch durch Lücher und Brücher hin, die den Namen Linum als Mittelpunkt haben. In Poesie gebo- ren, fällt ihm zu guter Letzt das Los zu, den Torfkahn auf seinem Rücken zu tragen. Aber wenn dieser, wie nicht bestritten werden soll, zum prosaischen Genossen seiner reiferen Jahre wird, so sind Förstereien und Wassermühlen die Ge- fährten seiner Jugend, und überall da, wo sein Was- ser noch über ein Wehr fällt oder hochaufgeschichte- te Bretterbohlen an seinen Ufern liegen, da sind auch die Stätten seiner Schönheit. Jede dieser Stätten, zwischen zwei Seen gelegen, dürfte die Hand nach dem stolzen Namen »Interlaken« ausstrecken, aber im Bewußtsein eignen Wertes verschmähen sie's, mit vornehmen Anklängen zu prunken, und geben sich lieber, ohne jegliche Prätension und nur auf sich sel- ber gestellt, als Rottstiel und Pfefferteich, als Bol- tenmühle und Kunsterspring. Und wie sie selber auf alles klug verzichten, was zur Quelle lästiger Verglei- che nach außen hin werden könnte, so verzichten wir darauf, ihren Preis und Wert untereinander festzu- stellen. Denn wie unter schönen Schwestern die Streitfrage nie gelöst wird, »wer eigentlich die schö- nere oder die schönste sei«, weil es heute diese ist und morgen jene, je nach der Kleidfarbe, die sie tra- gen, oder nach dem Bande, das zufällig an ihrem Hute flattert, so ist auch hier die Frage nach der grö- ßeren Schönheit eine bloße Frage der Beleuchtung, der Stimmung, des zufälligen Schmuckes. Wenn heute Boltenmühle in Malven siegt, so siegt morgen, Kunsterspring in roten Ebereschen, und ein helleres oder dunkleres Abendrot, ein schmaleres oder breite- res Band, das der Regenbogen über die Landschaft spannt, entscheidet darüber, ob Rottstiel über Pfef- ferteich oder Pfefferteich über Rottstiel triumphiert. Auch die »Historie« ist leisen Fußes durch diese Ge- genden hingeschritten und erzählt von Kronprinz Fritz und seiner Liebe zum schönen Försterkinde von Binenwalde. Von Rheinsberg aus herüberkommend, gab er im Abenddämmer das wohlbekannte Zeichen nach dem mitten im See gelegenen Forsthaus hin- über, und nicht lange, so glitt ein Kahn aus dem Schilfgürtel hervor und der Stelle zu, wo der Prinz, unter den Zweigen einer überhängenden Buche, die schöne Sabine, das »Insel- und Försterkind«, erwar- tete. Die schöne Sabine aber stand lächelnd aufrecht im Kahn, das Ruder mit raschem Schlage führend, bis im nächsten Moment das Ruder ans Land und sie selbst dem Harrenden in die Arme flog. Aber diese Tage sind hin, und wie tiefe Sonntagsruhe liegt es in den Lüften, wenn, wie zu dieser Mittags- stunde, die nachbarliche Mühle schweigt. Ausgestreckt am Hügelabhang, den Wald zu Häup- ten, den See zu Füßen, so träumst du hier, bis die wachsende Stille dich erschreckt. Mit angespannten Sinnen lauschest du, ob nicht doch vielleicht ein Laut zu dir herüberklinge, und endlich hörst du die Rät- selmusik der Einsamkeit. Der See liegt glatt und, sonnenbeschienen vor dir, aber es ruft aus ihm, die Bäume rühren sich nicht, aber es zieht durch sie hin, aus dem Walde klingt es, als würden Geigen gestri- chen, und nun schweigt es, und ein fernes, fernes Läuten beginnt. Ist es Täuschung, oder ist es mehr? Ein wachsendes Bangen kommt über dich, bis plötz- lich das Klappern der Mühle wieder anhebt und der schrille Ton der Säge den Mittagszauber zerreißt. Wer will sagen, wenn er die Ruppiner Schweiz durchwandert, wo ihr Zauber am mächtigsten wirkt. Und fragst du doch: »Den vollsten Reiz, Wo birgt ihn die Ruppiner Schweiz? Ist's norderwärts in Rheinsbergs Näh? Ist's süderwärts am Molchow-See? Ist's Rottstiel tief im Grunde kühl? Ist' Kunsterspring, ist's Boltenmühl? Ist's Boltenmühl, ist's Kunsterspring? Birgt Pfefferteich den Zauberring? Ist's Binenwalde?« – Nein, o nein, Wohin du kommst, da wird es sein, An jeder Stelle gleichen Reiz Erschließt dir die Ruppiner Schweiz.

Am Molchow- und Zermützel-See

, Abgeschieden, rings geschlossen,

Wenig kümmerliche Föhren, Trübe flüsternde Genossen, Die hier keinen Vogel hören. Lenau

»An jeder Stelle gleichen Reiz

Erschließt dir die Ruppiner Schweiz«,

aber doch mit der einen Einschränkung, daß wir uns in der Helvetia propria dieser Gegenden halten und es vermeiden, von dem westlichen Ufer des Rhin auf das östliche hinüberzutreten. Tuen wir diesen ver- hängnisvollen Schritt dennoch, so sind wir aus unse- rer eigentlichen Schweiz heraus und wandeln nur noch an ihrer Peripherie hin. Mit andern Worten: das östliche Rhinufer hat keinen andern Reiz mehr als den, welchen es seinem Gegenüber, dem westlichen Ufer, entnimmt. Aber Ausnahmen auch hier, und unter diesen Aus- nahmen in erster Reihe das alte Dorf Molchow, das wir, über eine Schmalung des gleichnamigen Sees hinweg, in diesem Augenblick erreichen. Eingespon- nen in Gärten und Laub liegt es da, die Studenten- blume blüht, der Kürbis hängt am Gezweig, und der Hahn begrüßt uns vom Zaun her und kräht in den lachenden Morgen hinein. Alles hell und licht, im rechten Gegensatze zu Molchow, das mit seinem, finster anklingenden Namen an alle Schrecken des Schillerschen »Tauchers« mahnt. Alles hell und licht, ausgenommen ein rondellartiger Grasplatz inmitten des Dorfs. Auf ihm wird begraben, mehr in Unkraut als in Blumen hinein, und aus der Mitte dieses Platzes wächst ein Turm auf, unheimlich und grotesk, als hab ihn ein Schilderhaus mit einer alten Windmühle gezeugt. Von beiden etwas. Und unheimlich wie der Turm, so auch die alte Glocke, die in ihm hängt. »Ave Maria, gratia plena« steht an dem obern Rande, die Glocke selbst aber ist gebors- ten, und ihre Inschrift war ihr kein Talisman. Zwei- hundert Jahre, da fanden sie die Molchower auf einer halb Heide gewordenen, halb waldbestandenen Feldmark zwischen zwei Bäumen aufgehängt. Es war die Glocke von Eggersdorf, eines Dorfes, das im Dreißigjährigen Kriege, wie hundert andere, wüst geworden war und es seitdem auch geblieben ist. Die Molchower aber erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm. Eine Leiter führt hinauf, die glücklicherweise von denen, die dort oben regelmäßig wohnen, entbehrt werden kann, denn es sind nur Dohlen an dieser Stelle zu Haus. Immer wenn die geborstene Glocke gezogen wird, fliegen sie scharenweis auf, und einzelne von ihnen – wenn es wahr ist, was man sich von Raben und Krähen erzählt – mögen die Glocke noch von ihren Eggers- dorfer Tagen her kennen und nun Betrachtungen anstellen zwischen damals und heut., Über Molchow hinaus (aber wie dieses am Ostufer des Rhins und seiner Seenkette) liegt auch Zermüt- zel. Ihm fahren wir jetzt zu. Bevor wir's indes erreichen, streifen wir erst noch die »Stendenitz«, ein altes Waldrevier, das noch unter Kurfürst George Wilhelm ohne menschliche Wohnungen und nur der Schau- platz großer Wildschweinsjagden war. Als aber unter dem großen Könige die Parole »nur Menschen« auf- kam und die Verwirklichung dieses Grundsatzes eine Masseneinwanderung schuf, die vielleicht selbst die Kolonisationszeit unter Albrecht dem Bären in den Schatten stellte, beschloß man maßgebenden Orts, auch auf ebendieser »Stendenitz« vier Büdner anzu- setzen oder, mit andern Worten, eines jener Kolonis- tenetablissements ins Leben zu rufen, wie sie damals zu Hunderten aus der Erde sprossen. Die Kärglichkeit unserer märkischen Scholle kann nicht leicht irgendwo besser studiert werden als an dieser Stelle. Hundert Jahr Arbeit sind gewesen wie ein Tag, und eine Ziege, ein Kirschbaum und ein Streifen Roggenland, über das der alte Beherrscher dieser Gegenden, der Strandhafer, immer wieder Lust zeigt, als Sieger herzufallen, diese drei sind nach wie vor der einzige Reichtum dieser Ansiedlung. Und wenn noch ein Zweifel daran wäre, so würd ihn die Begräbnisstätte lösen, die zu diesem Etablisse- ment Stendenitz gehört. Da, wo die Bäume hart an den See treten, ist ein quadratisches Eckstück aus dem Walde herausge-, schnitten und von vier tiefen Furchen umzogen wor- den. Auf diesem Eck- und Waldstück wird nun be- graben, und umherstehende Krüppelkiefern tuen ihren Zypressen- und Trauertannendienst. In hun- dert Jahren stirbt sich was zusammen, auch da, wo die Lebendigen nur vier Büdnerfamilien sind, und so drängen sich denn die Gräber hier, eingefallene Hü- gel, von denen die meisten schon wieder zu bloßen Moosplätzen mit ein paar verspätet blühenden Erd- beeren geworden sind. Nur zwei Grabtafeln ragen auf, schräg gedrückt vom Westwind, und nicht ohne Müh entziffern wir das Folgende: »Hier ruht in Gott der Schneidergesell Andreas Lau- don, Kanonier von der 3. Garde-Compani der Attole- rie-Bregarde, gestorben 3. April 1836.« Und ihm zur Seite der Namen eines siebzehnjährigen Mädchens, und darunter:

Vielgeliebte, weinet nicht, Seht mir nach und lebt in Segen, Gott ist euer Trost und Licht – Ich habe mich zur Ruh geleget.

Wohl auf manchem Begräbnisplatze hab ich gestan- den, aber auf keinem, der mich tiefer erschüttert hätte. Welche Mischung von groteskem Humor und erschütternder Poesie. Schneidergeselle Laudon, Ka- nonier, und daneben:

Gott ist euer Trost und Licht,

, Ich habe mich zur Ruh geleget. Zur Ruhe hier! Die Bahre, die diesem Begräbnisplatze dient, hing an dem abgebrochenen Ast einer alten Kiefer, und Baum und Bahre waren gleichmäßig mit Flechten überdeckt; dazu gurgelte das Wasser im Röhricht, und über uns in den Kronen ging der Wind. Alles Klage. Nur zwischen den Bäumen leuchtete das ewige Blau.

Zwischen Zermützel- und Tornow-See

Mein Bier und Wein ist frisch und klar, Mein Töchterlein liegt auf der Totenbahr. Uhland Bald hinter der »Stendenitz« liegt Dorf und See Zer- mützel., Der auf der Höhe laufende Weg schlängelt sich in einiger Entfernung am Ufer hin und berührt dabei mehrere Hügel und Vorsprünge, die die verschie- densten Bezeichnungen führen. Einer heißt der »To- tenberg« und macht seinem Namen Ehre, trotzdem er seine Gruselwirkung mit den einfachsten Mitteln erzielt. Ackerfurchen überall, und nur den »Toten- berg« umkreisen sie wie Parallelen eine gefürchtete Festung. Eine dieser Linien, vielleicht von einem dör- fischen Freigeist gezogen, rührt schon an den Zau- berkreis, aber auch nur, um plötzlich wieder abzu- brechen. Eine alte Kiefer hält Wacht, und so weit ihre Nadeln fallen, ist verbotener Grund. Schädel liegt da an Schädel, so heißt es. Natürlich aus der Schweden- zeit. Wo das Dunkel beginnt, fangen Torstenson und Wrangel an. Vom »Totenberg« sind nur noch wenig hundert Schritt bis zu Dorf Zermützel und seinem See. Wir fahren aber an beiden vorüber und halten uns nord- wärts auf eine dritte Wasserfläche zu, die den Na- men führt: der Tornow-See. Da wo der Weg den See trifft, trifft er auch ein von Birken und Obstbäumen überschattetes Haus, das jetzt still und glücklich daliegt, als streck ihm der segenspendende Herbst seine vollste Hand entge- gen. Aber ich entsinne mich eines anderen Tages hier. Im Januar war's. Alles, was einen Pelz und eine Büchse hatte, war auf den Beinen, und seit Tages-, grauen knallte es im Wald und an den drei Rhinseen hin: am Tornow-, Molchow- und Zermützel-See. Zu zehn Uhr war hier, unter diesem Dache, das Frühs- tück angesagt, und keiner fehlte. Da waren die Förs- ter und Oberförster: Berger von Alt Ruppin, Conrad von Rottstiel, Kuse von Pfefferteich, dazu der Graf- schaftsadel mitsamt den Offizieren der Garnison und nicht zum letzten die städtischen Nimrods, die nie genug haben an Billard und Kegelspiel und denen nur wohl ist wenn sie zu Füßen eines Sechzehnen- ders schlafen. Das Frühstück war kalte Küche; desto heißer aber war der Grog. Über dem Herdfeuer hing ein Kessel, brodelnd und dampfend, und die Büdnersleute gin- gen auf und ab, um überall, wo man's begehrte, mit ihrem kochenden Wasser auszuhelfen. Der Mischung besserer Teil aber floß aus den eigenen Flaschen. Und siehe da, Pelze, Grog und Tabak schufen alsbald eine wunderlich dicke Luft, eine Wolke, darauf die Göttin der Jagdanekdote saß und orakelte. Nein, nicht orakelte – ihren klassischen Aussprüchen fehlte jedes Dunkel. Aber sonderbar, die Büdnersleute waren heute so still und ernst und pflegten doch sonst bei jeder Derbheit, die laut wurde, mit einzustimmen. Endlich trat ich an die Alte heran und fragte leise: »Wo ist Hannah?« Erst schüttelte sie den Kopf, aber sich be- sinnend, nahm sie mich rasch bei der Hand und führ- te mich über den Flur weg in eine Kammer, die gera- de hinter dem Zimmer gelegen war, in dem die Jäger ihren Imbiß nahmen. Einen Augenblick sah ich, nichts, empfing doch die Kammer all ihr Licht von einer kaum zwei Hand breiten Öffnung her, durch die der Schnee, vom Winde getrieben, eben in kleinen Flocken hineinstiebte. Die Frau, während ich mich noch zurechtzufinden suchte, war inzwischen an ein Strohlager dicht unterm Fenster getreten und schlug ein Laken zurück, das über das Stroh hin ausgebrei- tet war. Da lag Hannah, die Augen geschlossen, in keinem andern Schmuck als dem ihres langen Haa- res. Dann deckte die Alte das Laken wieder über und schlich aus der Kammer und ließ mich allein. Und der Schnee trieb immer heftiger durch das Fenster und schüttete vor der Zeit einen Hügel über der Toten auf. In zehn Minuten war alles wie verändert. Einer hatte geplaudert. »Warum hielt er nicht den Mund?« – »Ich fahre nach Haus.« – »Ich auch.« So ging es hin und her. Die meisten aber nahmen's leicht oder ga- ben sich doch das Ansehn davon, und eine Stunde später knallten die Büchsen wieder an allen drei Seen hin. Aber das Bild Hannahs stand zwischen dem Schuß und seinem Ziel, und kein Hirsch wurde mehr getroffen. Oberförster Berger stieß mit dem Fuß an den Stecher, und die Kugel pfiff ihm am Ohr hin, während das Feuer seinen Bart versengte. Es war eine »wehvolle Jagd«, wie's in alten Balladen heißt.,

Die Menzer Forst und der Große Stechlin

Die Sonne war geneigt im Untergang.

Nur leise strich der Wind, kein Vogel sang, Da stieg ich ab, mein Roß am Quell zu tränken, Mich in den Blick der Wildnis zu versenken. Vermildernd schien das helle Abendrot Auf dieses Waldes sagenvolle Stätte.

In der Nordostecke der Grafschaft liegt die Menzer Forst, 24 000 Morgen groß (in ihr der sagenumwo- bene »Große Stechlin«), und in dieser verlorenen Grafschaftsecke lebt die Ruppiner Schweiz noch ein- mal wieder auf. Hier waltet ein ganz eigenartiges Leben: der Pflug ruht und ebenso der Spaten, der den Torf gräbt; nur das Fischernetz und die Angel sind an dieser Stelle zu Haus und die Büchse, die tagaus, tagein durch den Wald knallt. Hundert Jahre haben hier wenig oder nichts geändert, alles blieb, wie's die Tage des großen Königs sahn, und nur ei- nes wechselte: der Schmuggler fehlt, der hier sonst ins Mecklenburgische hinüber sein Wesen trieb und seinen Krieg führte. Denn die Menzer Forst setzt sich noch jenseits der Grenze fort, und ein von abgefalle- nem Laube halb überdeckter Graben ist alles, was die Territorien scheidet. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ward in der Kriegs- und Domainenkammer die Frage rege: Was, machen wir mit diesem Forst? Hochstämmig ragten die Kiefern auf; aber der Ertrag, den diese herrlichen Holz- und Wildbestände gaben, war so gering, daß er kaum die Kosten der Unterhaltung und Verwaltung deckte. Hirsch und Wildschwein in Fülle; doch auf Meilen in der Runde kein Haus und keine Küche, dem mit dem einen oder andern gedient gewesen wäre. »Was tun mit diesem Forst?« so hieß es wieder. Koh- lenmeiler und Teeröfen wurden angelegt, aber Teer und Kohle hatten keinen Preis. Die nächste, nachhal- tige Hülfe schien endlich die Herrichtung von Glas- hütten bieten zu sollen, und in der Tat, es entstan- den ihrer verschiedene zu Dagow, Globsow und Stechlin; ein Feuerschein lag bei Nacht und eine Rauchsäule bei Tag über dem Walde; vergeblich; auch der Glashüttenbetrieb vermochte nichts, und der Wald bracht es nur spärlich auf seine Kosten. Da zuletzt erging Anfrage von der Kammer her an die Menzer Oberförsterei: wie lange die Forst aushal- ten werde, wenn Berlin aus ihm zu brennen und zu heizen anfange, worauf die Oberförsterei mit Stolz antwortete: »Die Menzer Forst hält alles aus.« Das war ein schönes Wort, aber doch schöner, als sich mit der Wirklichkeit vertrug. Und das sollte bald er- kannt werden. Die betreffende Forstinspektion wurde beim Wort genommen, und siehe da, ehe dreißig Jahre um waren, war die ganze Menzer Forst durch die Berliner Schornsteine geflogen. Was Teeröfen und Glashütten in alle Ewigkeit hinein nicht vermocht hätten, das hatte die Konsumtionskraft einer großen Stadt in weniger als einem Menschenalter geleistet. Ja, Hülfe war gekommen, die Menzer Forst hatte, rentiert; aber freilich, die Hülfe war gekommen nach Art einer Sturzwelle, die, während sie das aufgefah- rene Schiff wieder flottmacht, es zugleich auch zer- schellt. Abermals mußte Wandel geschafft werden, diesmal nach der entgegengesetzten Seite hin, und das berühmte, wenn auch unverbürgte Wort, das König Friedrich einst in delikatester Situation an Schmettau richtete, dasselbe Wort richtete jetzt die königliche Verwaltung der Forsten und Domainen an den Oberförster von Groß-Menz: »Hör Er auf.« Und man hörte auf. Der Hauptstadt wurde durch dieses »Halt« übrigens nichts entzogen, denn die Linumer Torfperiode war inzwischen angebrochen, die Menzer Forst aber stieg auf der tabula rasa ihres alten Grund und Bodens neu empor: Eichen, Birken, Kienen in buntem Gemisch, und die Bestände, wie sie jetzt sich präsentieren, sind das Kind jener Schonzeit und Still- standsepoche, die dem dreißig Jahre lang geführten »guerre à outrance« auf dem Fuße folgte. Er zählt jetzt gerade hundert Jahr, dieser prächtige Wald, der ein Leben für sich führt, ein halbes Dut- zend Wasserbecken mit grünem Arm umschließt und über Altes und Neues, über Teeröfen und Forsthäu- ser, über Glashütten und Fabriken nach wie vor seine Herrschaft übt. In ihn hinein wolle mich jetzt der Leser begleiten. Es ist noch Platz auf dem Pürschwagen (vorne der Kutscher und der Herr), und ein Kissen und eine De- cke harren des neuen Gastes. Die Zeit für die Decke, wird kommen, die Zeit für das Kissen aber ist schon da, denn über Stubben und Wurzeln fort geht es be- reits weglos und holterdiepolter in den Wald hinein. Die jungen Zweige fegen uns die Augen aus; jetzt Moorgrund, jetzt raschelndes Laub; jetzt über den Graben und jetzt über niedergestürzte Bäume hin, deren schon angefaultes Holz unter dem Drucke der Räder zerbricht und in Moderstaub aufwirbelt. Entzü- ckendes Steeplechase; das Gefühl der Fährlichkeit geht in der Wonne des Hindernisnehmens unter. So still der Wald, und doch erzählt er auf Schritt und Tritt, freilich mehr Ernstes als Heiteres. Wo der Pa- scher ein Jahrhundert lang zu Hause war, wo Förster und Wildschütz ihre nicht endende Fehde führen, wo der Sturm die Bäume bricht und die tiefen Waldseen, die sich von uralter Zeit her einen Hang nach Men- schenopfern bewahrt haben, ihre Polypenarme phan- tastisch ausstrecken, da sind immer »Geschichten« zu Haus. Tabellen wären hier anzufertigen mit drei Rubriken nur: erschlagen, erschossen, ertrunken. Eben haben wir eine Stelle passiert, die solche »Ge- schichte« hat, und noch von neustem Datum dazu. Hier, wo das Unterholz sich durch die Waldrinne zieht, gleich links neben der Weißbuche, da lag er, da fanden sie ihn, den Kopf nach der Tiefe zu, den einen Fuß im Gestrüpp verwickelt und neben ihm die Büchse. Der grüne Aufschlag des einen Ärmels war rot, und man sah deutlich, er war mit der Rechten nach der Brust gefahren. Wessen Kugel hatte ihn getroffen? Einen Augenblick schien es, als sei man dem Geheimnis auf der Spur: in Herz oder Lunge des, Toten hatte man das Kugelpflaster gefunden und an ebendiesem Pflaster acht scharf markierte schwarze Strichelchen, die's dem Kundigen verrieten, daß die Kugel aus einer Büchse mit acht Rillen gekommen war. Und solcher Büchsen gab es am Rande der Menzer Forst hin nicht allzu viele. So wies man denn mit Fingern auf den und den. Aber die Sache kam zu früh in Kurs, und als an den verdächtigsten Stellen gesucht wurde, waren die achtrilligen Büchsen ver- schwunden. Ein groß Begräbnis gab es, groß wie die Teilnahme, aber das Geheimnis seines Todes hat der Tote mit ins Grab genommen. So ging das Geplauder, als plötzlich, zwischen den Stämmen hin, eine weite Wasserfläche sichtbar wur- de, darauf hell und blendend fast die späte Nachmit- tagssonne flimmerte. »Das ist der Stechlin«, hieß es. Und im nächsten Augenblicke sprangen wir ab und schritten auf ihn zu. Da lag er vor uns, der buchtenreiche See, geheim- nisvoll, einem Stummen gleich, den es zu sprechen drängt. Aber die ungelöste Zunge weigert ihm den Dienst, und was er sagen will, bleibt ungesagt. Und nun setzten wir uns an den Rand eines Vor- sprungs und horchten auf die Stille. Die blieb, wie sie war: kein Boot, kein Vogel; auch kein Gewölk. Nur Grün und Blau und Sonne., »Wie still er daliegt, der Stechlin«, hob unser Führer und Gastfreund an, »aber die Leute hier herum wis- sen von ihm zu erzählen. Er ist einer von den Vor- nehmen, die große Beziehungen unterhalten. Als das Lissabonner Erdbeben war, waren hier Strudel und Trichter, und staubende Wasserhosen tanzten zwi- schen den Ufern hin. Er geht 400 Fuß tief, und an mehr als einer Stelle findet das Senkblei keinen Grund. Und Launen hat er, und man muß ihn aus- studieren wie eine Frau. Dies kann er leiden und je- nes nicht und mitunter liegt das, was ihm schmei- chelt, und das, was ihn ärgert, keine Handbreit aus- einander. Die Fischer, selbstverständlich, kennen ihn am besten. Hier dürfen sie das Netz ziehen, und an seiner Oberfläche bleibt alles klar und heiter, aber zehn Schritte weiter will er's nicht haben, aus blo- ßem Eigensinn, und sein Antlitz runzelt und verdun- kelt sich, und ein Murren klingt herauf. Dann ist es Zeit, ihn zu meiden und das Ufer aufzusuchen. Ist aber ein Waghals im Boot, der's ertrotzen will, so gibt's ein Unglück, und der Hahn steigt herauf, rot und zornig, der Hahn, der unten auf dem Grunde des Stechlin sitzt, und schlägt den See mit seinen Flü- geln, bis er schäumt und wogt, und greift das Boot an und kreischt und kräht, daß es die ganze Menzer Forst durchhallt von Dagow bis Roofen und bis Altglobsow hin.« Die Sonne war mittlerweile tiefer hinabgestiegen und berührte schon die Wipfel des Waldes. Uns eine Mahnung zur Eile. Der Erdwall, auf dem wir gesessen und geplaudert hatten, lag nach Norden hin, aber ehe zehn Minuten um waren, hatten wir die große, Biegung gemacht und fuhren wieder an der entge- gengesetzten südlichen Seite. Das Revier, das uns hier aufnahm, war das Revier der Glashütten, die wie Squatter-Ansiedlungen am Waldsaume lagen. Hütte neben Hütte; sonst nichts sichtbar als der Rauch, der über die Dächer zog. Nur bei der Globsower Glashütte, die (hart an einer Buchtung des Großen Stechlin gelegen) einen weit- verzweigten Handel treibt mit Retorten und Glaskol- ben, nur hier herrschte Leben, am meisten in der schattigen Allee, die, von den Wohn- und Arbeitshüt- ten her, zur Ladestelle hinunterführte. Hier spielten Kinder Krieg und fochten ihre Fehde mit Kastanien aus, die zahlreich in halb aufgeplatzten Schalen un- ter den Bäumen lagen. Die einen retirierten eben auf den See zu und suchten Deckung hinter den großen Salzsäureballons, die hier dichtgereiht am Ufer des Stechlin hin standen, aber der Feind gab seinen An- griff nicht auf, und die Kastanien fielen hageldicht auf die gläserne Mauer nieder. Tausend Schritte weiter südwärts, da, wo sich ein paar Wege kreuzen und das ansteigende Terrain ei- nen Überblick über eine Lichtung und ein inmitten derselben gelegenes Wasserbecken gestattete, fiel uns eine parkartige, von alten Eichen überragte Ein- friedigung auf, an deren Front wir, als wir hielten und abgestiegen waren, die Worte »Metas Ruh« la- sen und leicht erkannten, daß wir uns hier auf dem Friedhofe der Glashüttenaristokratie dieser Gegen- den befinden müßten. Aber »Metas Ruh« (soviel leuchtete kaum weniger ein) konnte nicht wohl die, Bezeichnung für diesen Begräbnisplatz überhaupt, sondern nur der Name für jenen seltsamen Bau sein, der sich inmitten dieses Eichenkampes erhob. Hohl- wegartig, die Seitenwände gemauert lief in leiser Schrägung ein absteigender Gang auf eine Gittertüre zu, hinter der wir leidlich bequem in das Dunkel einer rundgewölbten Gruft blicken konnten. Drei, vier Sär- ge waren sichtbar. Über diesen Tatbestand hinaus aber schien unsere Neugier nicht befriedigt werden zu sollen. Wir hatten uns auch bereits darin ergeben, als ein Alter, den wir von Dagow her des Weges kommen sahen, unsere Hoffnung neu belebte. »Der wird es wissen.« Und jetzt war er dicht heran. »Guten Tag, Papa.« »Goden Dag ook.« »Was bedeutet dies ›Metas Ruh‹? Wer ist Meta?« »Meta wihr sien ihrste Fru.« Die Sache schien sich hiernach nicht allzu rasch ent- wickeln zu sollen, weshalb wir uns setzten und den Alten einluden, auch Platz zu nehmen. Er blieb aber stehen und erzählte. »Meta, as ick Se all seggt hebb, wihr sien ihrste Fru. Un as se nu starven deih, doa wihr he ganz van een und bugte ehr disse Gruft. Awers, as dat so geit, int, dritte Joar, doa hädd he wedder ne Fru, un noch da- to een, de he sien besten Frünn wegnoamen hädd. Na, he leevde joa sowiet janz goat mit ehr, man blot, dat he keen Roh nich hädd un nich sloapen künn, un de Lüd hier herümmer (he wihr dunn in Strelitz), de seggten: ›Dat wihr man bloot, wiel sien ihrste Fru nich richtig begroaben wihr. De Doden, de möten in de Ihrd‹, seggten se, ›un nich in so 'n Keller.‹« »Und wer war es denn? Wie hieß er?« »Da weet ick nich. Awers dat weet ick, dat he eens Dags hier ankoamen un to sien Verwann'n seggen deih: ›Kinnings, wi wülln dat Dings nu inriten und hunnert Fuhren Ihrd upschüdden.‹ Awers dat wullen joa nu siene Verwann'n nich. ›Dat kannste nich dohn‹, seggten se, ›wi hebben joa nu ook all en poar von uns mit in. Un denn, wat wühren de Lüd seggen, wenn du dien eegen »Metas Ruh« wedder inriten deist?‹« »Und was wurde?« »Nu, he seggte joa vörihrst wieder nix un woahr man bloot noch so veer or fiew Doag hier rümmer; awers as nu sülwigen Harwst wedder een in de Gruft rinn süll, doa wihr joa Meta nich mihr in. Un nu frögten se so lang, bis et rutkäm. Een von de Globsower Glas- hüttenlüd, de all Nacht um Klock een up Arbeit güng, de wiehr niglig west und hädd öwern Tuhn kuckt, und doa hädd he joa siehn, dat een een Sark uttre- cken un dat Sark inn Graff insetten deih, dat he all vörher moakt hädd. Und nu seggen s', dat is he, west. Ick weet et nich. Awers dat heww ick immer hührt, dat he von dunn an sloapen künn.« Wir dankten dem Alten, und weiter ging es in den bereits dunkelnden Forst hinein. Willkommen waren uns jetzt die lichten Stellen, wo gerodet war oder aber auf graugelben Sandstrecken nichts andres wuchs als niederes, aus dem Samen windverschla- gener Kienäpfel aufgeschossenes Buschwerk. Eine solche Heidestrecke lag eben wieder hinter uns, als wir in die namengebende Metropole dieser Ge- genden, in Groß-Menz, einfuhren. Es fielen Worte wie Burgwall, Ritter Menz, hohles Gemäuer, unterirdi- scher Gang, alles verlockendste Klänge also, die mich sechs Stunden früher in den Zirkel dieses Dorfs wie in einen Zauberkreis gebannt haben würden. Aber bei dem schon herrschenden Zwielicht siegten allerlei kritische Bedenken, und statt den Forderun- gen wissenschaftlicher Neugier nachzugeben, ging es in wachsender Hast, über den beinah städtisch ange- legten Dorfplatz hinweg und an einer lindenumstan- denen Oberförsterei vorüber, in die mit jedem Au- genblicke reizloser werdende Landschaft hinein. Nicht nur Groß-Menz lag hinter uns, auch die Groß- Menzer Forst. Immer kühler wurd es; wir wickelten uns in unsre Plaids, und niemand sprach mehr. Die prustenden Pferde warfen den Schaum nach hinten, und Acker, Sand und Schonung – immer schattenhafter kamen und schwanden sie. Jetzt ein Steindamm, jetzt lange, Pappelreihen, und nun auch jener wärmere Luft- strom, der uns die Nähe menschlicher Wohnungen bedeutete. Noch eine Biegung, zwischen den Bäu- men hindurch schimmerte Licht, und – unser Wagen hielt. Eine halbe Stunde später, und der hohe Kamin sah uns im Halbzirkel um seine Flamme versammelt. Die Scheite, echte Kinder der Menzer Forst, brannten hoch auf, auf uns hernieder aber sahen die Ahnen des weitverzweigten Hauses: die Neales, die Oettin- ger und La Roche-Aymon, und zwischen ihnen das leuchtende Bild des »Saalfelder Prinzen«. Die Rede ging von alter und neuer Zeit. Märchenhaft verschwamm uns Jüngsterlebtes mit Längstvergan- genem, und während wir eben noch über den Rheinsberger See hinglitten und das Gekicher schö- ner Frauen zu hören glaubten, weitete sich plötzlich das stille Wasserbecken und bildete Strudel und Trichter, und der Hahn, der unten auf dem Grunde des Großen Stechlin sitzt, stieg herauf und krähte, seinen roten Kamm schüttelnd, über den See hin. Mitternacht war heran, die Scheite verglimmten, und nur ein Flackerschein spielte noch um die Bilder. Es war, als lächelten sie.,

An Rhin und Dosse Das Wustrauer Luch

Es schien das Abendrot

Auf diese Sumpf gewordne Urwaldstätte, Wo ungestört das Leben mit dem Tod Jahrtausendlang gekämpfet um die Wette. Lenau

Der Rhin, dessen Bekanntschaft wir in einem vorauf- gehenden Kapitel machten, nimmt auf der ersten Hälfte seines Weges seine Richtung von Nord nach Süd, bis er, nach Passierung des großen Ruppiner Sees, beinah plötzlich seinen Lauf ändert und, rechtwinklig weiterfließend, ziemlich genau die Süd- grenze der Grafschaft zieht. Auf dieser zweiten Hälfte seines Laufs, Richtung von Ost nach West, gedenken wir ihn in diesem und den nächsten Kapiteln zu be- gleiten, dabei weniger ihm selbst als seinen Dörfern unsre Aufmerksamkeit schenkend. Das erste unter diesen Dörfern ist Wustrau, das wir bereits kennen. Nicht aber kennen wir das gleichna- mige Luch, das der Rhin hier, unmittelbar nach sei- nem Austritt aus dem See, auf Meilen hin bildet, und diesem »Wustrauer Luch« gilt nunmehr unsre heuti- ge Wandrung., Wir beginnen sie vom Zentrum des Fehrbelliner Schlachtfeldes, von dem hoch gelegenen Hakenber- ger Kirchhofe aus und steigen, nach einem vorgängi- gen Überblick über die Torf- und Wiesenlandschaft, an die Rhinufer nieder. Kahnfahrten werden uns aushelfen, wo Wasser und Sumpf jede Fußwande- rung zur Unmöglichkeit machen. Unser nächstes Ziel aber ist eine zwischen den Dörfern Wustrau und Langen gelegene »Faktorei«, deren rotes Dach hell in der Sonne blitzt. Es war ein heißer Tag, und der blaue Himmel begann bereits kleine grauweiße Wölkchen zu zeigen, die nur verschwanden, um an anderer Stelle wiederzukeh- ren. Auf einem schmalen Damme, der wenig mehr als die Breite einer Wagenspur haben mochte, schrit- ten wir hin. Alles mahnt hier an Torf. Ein feiner, schnupftabakfarbener Staub durchdrang die Luft und selbst die Sträucher, die zwischen den Gräben und Torfpyramiden standen, sahen braun aus, als hätten sie sich gehorsamst in die Farben ihrer Herrschaft gekleidet. Das Ganze machte den Eindruck eines plötzlich ans Licht geförderten Bergwerks, und ehe zehn Minuten um waren, sahen wir aus wie die Vete- ranen einer Knappschaft. Wir mochten eine halbe Stunde gewandert sein, als wir bei der vorgenannten »Faktorei« mit dem roten Dache ankamen. Ich weiß nicht, ob diese Etablisse- ments, deren wohl zehn oder zwölf im Wustrauer und Linumschen Luche sein mögen, wirklich den Namen »Faktorei« führen oder ob sie sich noch im- mer mit der alten Bezeichnung Torfhütte behelfen, müssen. Jedenfalls sind es Faktoreien und drückt dieses Wort am besten die Beschaffenheit einer sol- chen Luchkolonie aus. Die Faktorei, vor der wir uns jetzt befanden, lag wie auf einer Insel, die durch drei oder vier hier zusam- mentreffende Kanäle gebildet wurde. Sie bestand aus einem Wohnhaus, aus sich herumgruppierenden Stall- und Wirtschaftsgebäuden und endlich aus einer Reihe von Strohhütten, die sich, etwa zwanzig an der Zahl, an dem Hauptgraben entlangzogen. Nach flüchtiger Begrüßung des Obermanns schritten wir zunächst diesen Hütten zu. Sie bilden, nebst hundert ähnlichen Behausungen, die sich hier und überall im Luche vorfinden, die temporären Wohnplätze für jene Tausende von Ar- beitern, die zur Sommerzeit die Höhendörfer der Umgegend verlassen, um auf etwa vier Monate hin ins Luch hinabzusteigen und dort beim Torfstechen ein hohes Tagelohn zu verdienen. Die Dörfer, aus denen sie kommen, liegen viel zu weit vom Luch ent- fernt, als daß es den Arbeitern möglich wäre, nach der Müh und Hitze des Tages auch noch heimzuwan- dern, und so ist es denn Sitte geworden, zeitweilige Luchhäuser aufzubauen, eigentümliche Sommerwoh- nungen, in denen die Arbeiter die Torfsaison verbrin- gen. An diese Wohnungen, soviel deren dieser einen Ko- lonie zugehören, treten wir jetzt heran., Die Hütten stehen, behufs Lüftung, auf und gestat- ten uns einen Einblick. Es sind große, vielleicht drei- ßig Fuß lange Strohdächer von verhältnismäßiger Höhe. An der Giebelseite, wo die Dachluke hingehö- ren würde, befindet sich die Eingangstür, und ge- genüber, am andern Ende der Hütte, gewahren wir ein offenstehendes Fensterchen. Zwischen Tür und Fensterchen läuft ein schmaler, tennenartiger Gang, der etwa dem gemeinschaftlichen Flur eines Hauses entspricht. An diesen Flur grenzen von jeder Seite her vier Wohnungen, das heißt vier niedrige, kaum einen Fuß hohe Hürden oder Einfriedigungen, die mit Stroh bestreut sind und als Schlaf- und Wohnplätze für die Torfarbeiter dienen. Wie viele Personen in solcher Hürde Platz finden, vermag ich nicht be- stimmt zu sagen, jedenfalls aber genug, um auch bei Nachtzeit ein Offenstehen von Tür und Fenster als ein dringendes Gebot erscheinen zu lassen. Es war Mittag, und wir fanden fünf, sechs Leute vor, die sich ausruhten oder ihr Mittagsmahl verzehrten. Ein Ge- spräch ergab das Folgende. Die Arbeit ist schwer und ungesund, aber einträglich, besonders für geübte Wochenarbeiter, die mittels ihrer Geschicklichkeit das Akkordquantum überschreiten und ihre Arbeits- überschüsse bezahlt bekommen. Drei Arbeiter bilden immer eine Einheit, und als das täglich von ihnen zu liefernde Durchschnittsquantum gelten 13 000 Stück Torf. Leisten sie das, so haben sie einen mittleren Tagelohn verdient, der aber immer noch beträchtlich über das hinausgeht, was für Feldarbeit in den Dör- fern bezahlt zu werden pflegt. Gute Arbeiter indes (immer jene drei als Einheit gerechnet) bringen es bis zu 20 000 Stück, was bei zehn Arbeitsstunden, etwa zwei Sekunden für die Gewinnung eines Stü- ckes Torf ergibt. Über diese Produzierung sei noch ein Wort gesagt. Man hat es eine Zeitlang mit Ma- schinen versucht, ist aber längst zur Handarbeit, als zu dem Rascheren und Einträglicheren, zurückge- kommen. Das Verfahren ist außerordentlich einfach. Drei Personen und drei verschiedene Instrumente sind nötig: ein Schneideeisen, ein Grabscheit und eine Gabel. Das Schneideeisen ist die Hauptsache. Es gleicht einem Grabscheit, das aber zwei rechtwinklig stehende Flügel hat, so daß man beim Eindrücken desselben drei Schnitte a tempo macht. Die Arbeiter stehen nun an einem langen, glatt und steil abfallen- den Torfgraben, und zwar zwei in ihm, der dritte auf ihm. Dieser dritte drückt von oben her das Schneide- eisen oder Torfmesser in den Grabenrand ein und schneidet dadurch ein fix und fertiges Torfstück her- aus, das nur noch nach unten zu festhaftet. In dem- selben Augenblick, wo er das Eisen wieder hebt, um es dicht daneben in den Boden zu drücken, sticht einer der im Graben stehenden Leute mit dem Grab- scheit das Stück Torf los und präsentiert es, wie ein vom Teller gelöstes Stück Kuchen, dem dritten. Die- ser spießt es sofort mit einer großen Gabel auf und legt es beiseite, so daß sich binnen kurzem die be- kannte Torfpyramide aufbaut. Wir schritten nun zu dem eigentlichen Faktoreige- bäude zurück. Dasselbe teilt sich in zwei Hälften, in ein Bureau und eine Art Bauernwirtschaft. An der Spitze des Comtoirs steht ein Geschäftsführer, ein Vertrauensmann der »Torflords«, der die Wochen- löhne zu zahlen und das Kaufmännische des Betrie-, bes zu leiten hat. Er ist nur ein Sommergast hier, ebenso wie der Arbeiter, und kehrt, wenn der Herbst kommt, für die Wintermonate nach Linum oder Fehr- bellin zurück. Nicht so der Obermann, der Torfmeier, dem das Gehöft gehört. Er ist hier zu Haus, jahraus, jahrein, und nimmt seine Chancen, je nachdem sie fallen, gut oder schlecht. Der Novembersturm deckt ihm vielleicht das Dach ab, der Winter schneit ihn ein, der Frühling bringt ihm Wasser statt Blumen und macht die »Faktorei« zu einer Insel im See, aber was auch kommen mag, der Obermann trägt es in Ge- duld und freut sich auf den Sommer, wie sich die Kinder auf Weihnachten freuen. Dabei liebt er das Luch. Er spricht von Weizenfeldern, wie wir von Ita- lien sprechen, und bewundert sie pflichtschuldigst als etwas Hohes und Großes, aber sein Herz hängt nur am Luch und an der weiten, grünen Ebene, auf der, wie ein Lagerplatz, den die Unterirdischen verlassen haben, der Torf in schwarzen Kegeln steht. Der Obermann hieß uns zum zweiten Male willkom- men und rief jetzt seine Frau, die uns freundlich- verlegen die Hand schüttelte. Beide zeigten jene le- derfarbene Magerkeit, die mir schon früher in Sumpfgegenden, namentlich auch bei den Bewoh- nern des Spreewaldes, aufgefallen war. Die blanke, straffe Haut sah aus, als wäre sie über das Gesicht gespannt. Die Frau ging wieder, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen, und ließ uns Zeit, das Zimmer zu mustern, in dem wir uns befanden. Es war, wie märkische Bauernstuben zu sein pflegen: zwei Silhouetten von Mann und Frau unter gemein- schaftlichem Glas und Rahmen, zwei preußische, Prinzen daneben und ein roter Husar darunter. Die Katze, mit krummem Rücken, strich an allen vier Tischbeinen vorbei, der flachsköpfige Sohn verbarg seine Verlegenheit hinter dem Kachelofen, und die Wanduhr, auf deren großem Zifferblatt Amor und Psyche vertraulich nebeneinander lehnten, unter- brach einzig und allein die langen Pausen der Unter- haltung. Denn der Obermann war kein Sprecher. Endlich trat die Magd ein, um den Tisch zu decken. Sie öffnete die kleinen Fenster, und zugleich mit der Sonne drangen Hahnenschrei und Gegacker ins Zimmer: war doch der Hühnerhof draußen seit lange daran gewöhnt, ein dankbares Hoch auszubringen, sobald das rote Halstuch der Köchin an Tür oder Fenster sichtbar wurde. Nun kam auch der Flachs- kopf aus seinem Versteck hervor und stellte Stühle, während eine Flasche Wein aus unserem Reisesack die Vorbereitungen vollendete. Das Mahl selbst war ganz im Charakter des Luchs: erst Perlhuhneier, dann wilde Enten und schließlich ein Kuchen aus Heidemehl, dessen Buchweizen auf einer Sandstelle des Luches gewachsen war. Wir ließen den Ober- mann leben und wünschten ihm guten Torf und gute Kinder. Aber kein Glück ist vollkommen: als wir um ein Glas Wasser baten, brachte man uns ein Glas Milch; das Luch steckt zu tief im Wasser, um Trink- wasser haben zu können. Bald nach Tisch nahmen wir Abschied und stiegen in ein bereitliegendes Boot, um nunmehr unsere Was- serreise durch das Herz des Luches hin anzutreten. Der Himmel, der bis dahin zwischen Schwarz und, Blau gekämpft hatte, wie einer, der schwankt, ob er lachen oder weinen soll, hatte sich mittlerweile völlig umdunkelt und versprach, unserer Wasserfahrt einen allgemeineren und strikteren Charakter zu geben, als uns lieb sein konnte. Dennoch verbot sich ein Abwar- ten, und unter Hut- und Mützenschwenken ging es hinaus. Es war eine Vorspannreise, kein Ruderschlag fiel ins Wasser, keine Bootsmannskunst wurde ge- übt, Ruderer und Steuermann waren durch einen graukitteligen, hochstiefligen Torfarbeiter vertreten, der ein Riemenzeug um den Leib trug und mittels eines am Mast befestigten Strickes uns rasch und sicher die Wasserstraße hinaufzog. Gemeinhin war er links von uns und trabte den grasbewachsenen, niedrigen Damm entlang, immer aber, wenn wir in einen nach rechts hin abzweigenden Graben einbie- gen mußten, ließ er das Boot links auflaufen, sprang hinein, setzte sich als sein eigener Fährmann über und trat dann am andern Ufer die Weiterreise an. Eine andere Unterbrechung machten die Brücken. Dieselben sind sehr zahlreich im Loch, wie sich's bei einundsiebzig Meilen Kanalverbindung annehmen läßt, und dabei von einfachster, aber zweckentspre- chendster Konstruktion. Ein dicker, mächtiger Baum- stamm unterhält die Verbindung zwischen den Ufern und würde wirklich, ohne weitere Zutat, die ganze Überbrückung ausmachen, wenn nicht die vielen mit Mast und Segel herankommenden Torfkähne es nötig machten, den im Wege liegenden Brückenbalken unter Umständen auch ohne sonderliche Mühe besei- tigen zu können. Zu diesem Behufe ruhen die Balken auf einer Art Drehscheibe, und die Kraft zweier Hän-, de reicht völlig aus, den Brückenbaum nach rechts oder links hin aus dem Wege zu schaffen. Die zahllosen Wasserarme, die das Grün durch- schneiden, geben der Landschaft viel von dem Cha- rakter des Spreewalds und erinnern uns mehr denn einmal an das Kanalnetz, das die fruchtbaren Land- striche zwischen Lehde und Leipe durchzieht. Aber bei aller Ähnlichkeit unterscheiden sich beide Sumpf- gegenden doch auch wieder. Der Spreewald ist bun- ter, reicher, schöner. In seiner Grundanlage dem Luch allerdings nahe verwandt, hat das Leben doch überall Besitz von ihm genommen und heitere Bilder in seinen einfach grünen Teppich eingewoben. Dörfer tauchen auf, allerlei Blumen ranken sich um Haus und Hütte, hundert Kähne gleiten den Fluß entlang, und weidende Herden und singende Menschen un- terbrechen die Stille, die auf der Landschaft liegt. Nicht so im Luch. Der einfach grüne Grund des Tep- pichs ist noch ganz er selbst geblieben, das Leben geht nur zu Gast hier, und der Mensch, ein paar Torfhütten und ihre Bewohner abgerechnet, stieg in ebendiesen Moorgrund nur hinab, um ihn auszunut- zen, nicht um auf ihm zu leben. Einsamkeit ist der Charakter des Luchs. Nur vom Horizont her, fast wie Wolkengebilde, blicken die Höhendörfer in die grüne Öde hinein; Gräben, Gras und Torf dehnen sich end- los, und nichts Lebendes wird hörbar als die Pelotons der von rechts und links her ins Wasser springenden Frösche oder das Kreischen der wilden Gänse, die über das Loch hinziehen. Von Zeit zu Zeit sperrt ein Torfkahn den Weg und weicht endlich mürrisch zur Seite. Kein Schiffer wird dabei sichtbar, eine rätsel-, hafte Hand lenkt das Steuer, und wir fahren mit stil- lem Grauen an dem häßlichen alten Schuppentier vorüber, als wär es ein Ichthyosaurus, ein alter Be- herrscher dieses Luchs, der sich noch besönne, ob er der neuen Zeit und dem Menschen das Feld räumen solle oder nicht. So hatten wir etwa die Mitte dieser Torfterritorien erreicht, und die nach Süden zu gelegenen Kirchtür- me waren uns aus dem Gesicht entschwunden, wäh- rend die nördlichen noch auf sich warten ließen. Da brach das Gewitter los, das seit drei Stunden um das Luch herum seine Kreise gezogen und geschwankt hatte, ob es auf der Höhe bleiben oder in die Niede- rungen hinabsteigen sollte. Diese Luchgewitter er- freuen sich eines allerbesten Rufs; wenn sie kom- men, kommen sie gut, und ein solches Wetter entlud sich jetzt über uns. Kein Haus, kein Baum in Näh oder Ferne; so war es denn das beste, die Reise fort- zusetzen, als läge Sonnenschein rings um uns her. Der Regen fiel in Strömen, unser eingeschirrter Torf- arbeiter tat sein Bestes und trabte gegen Wind und Wetter an. Der Boden ward immer glitschiger, und mehr denn einmal sank er in die Knie; aber rasch war er wieder auf, und unverdrossen ging es weiter. Wir saßen derweilen schweigsam da, bemaßen das Wasser im Boot, das von Minute zu Minute stieg, und blickten nicht ohne Neid auf den vor uns her traben- den Graukittel, der, in der Lust des Kampfs, Gefahr und Not einigermaßen vergessen konnte, während wir in der Lage von Reservetruppen waren, die Ge- wehr bei Fuß stehen müssen, während die Kugeln von allen Seiten her einschlagen., Jeder hat solche Situationen durchgemacht und kennt die fast gemütliche Resignation, die schließlich über einen kommt. Mit dem Momente, wo man die letzte trockne Stelle naß werden fühlt, fühlt man auch, daß der Himmel seinen letzten Pfeil verschos- sen hat und daß es nur besser werden kann, nicht schlimmer. Lächelnd saßen wir jetzt da, nichts vor uns als den graugrünen, mit Regen und Horizont in eins verschwimmenden Luchstreifen, und sahen auf den Tropfentanz um uns her, als ständen wir am Fenster und freuten uns der Wasserblasen auf einem Teich oder Tümpel. Endlich aber hielten wir. Wir hatten den ersehnten Nordrand erreicht, und die Sonne, die, sich durch- kämpfend, eben ihren Friedensbogen über das Luch warf, vergoldete den Turm des Dorfes Langen vor uns und zeigte uns den Weg. In wenigen Minuten hatten wir das Wirtshaus erreicht, bestellten, in fast beschwörendem Ton, »einen allerbesten Kaffee« und baten um die Erlaubnis, am Feuer Platz nehmen und unsere Garderobe stückweise trocknen zu dürfen. Und wirklich traten wir gleich danach in die große Küche mit dem Herd und dem Hängekessel ein. Der Hauchfang war mit allerlei kupfernem Geschirr, die roten Wände mit Fliegen bedeckt, und die jetzt bren- nend über dem Hause stehende Sonne drückte von Zeit zu Zeit den Rauch in die Küche hinab. Eine braune, weitbäuchige Kanne paradierte bereits auf dem Herd, und eine behäbige Alte, die (eine große Kaffeemühle zwischen den Knien) bis dahin mit wun- derbarem Ernste die Kurbel gedreht hatte, stand jetzt von ihrem Schemel auf, um das braune Pulver, in den Trichter zu schütten. Ebenso war die Magd mit dem Hängekessel zur Hand, und im nächsten Augen- blicke zischte das Wasser und trieb die Schaumbla- sen hoch über den Rand. Wir aber standen umher und sogen begierig den aromatischen Duft ein. Alles Frösteln war vorüber, und die Tasse mitsamt dem Herdfeuer vor uns, auf einem alten Binsenstuhl uns wiegend, plauderten wir vom Luch, als wären wir über den Kansas River oder eine Prairie »far in the west« gefahren.

Walchow

Ach, ich kenne dich noch, als hätt ich dich gestern ver- lassen, Kenne das hangende Pfarrhaus noch, das Gärtchen, die Laube, Schräg mit Latten benagelt. Schmidt von Werneuchen Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt, Wie anders tragen uns die Geistesfreuden Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt. »Faust«, Von Langen, das wir nach einer Fahrt durchs Wust- rausche Luch am Schluß unsres vorigen Kapitels glücklich erreichten, ist nur noch eine Viertelmeile bis Walchow. Walchow ist Mittelpunkt des Rhinluches. In den Zei- ten, die der Reformation vorausgingen und ihr un- mittelbar folgten, war es ein adliges Gut, das den Wuthenows und Zietens gehörte. So bis 1638, wo die Kaiserlichen unter Gallas dieses Dorf, wie so viele andere des Ruppinschen Landes, in einen Aschen- haufen verwandelten. Nach dem Kriege verkauften die genannten beiden Familien ihre Anteile, die nun zunächst 1680 mit holländischen, 1699 mit pfälzi- schen Kolonisten besetzt wurden. Ein Jahrhundert später begann das Prosperieren. Jetzt ist Walchow reich oder doch wohlhabend. Einen Beweis für ländliche Wohlhabenheit bietet der Kirchhof, und zwar in der Regel mehr als die Er- scheinung der Dörfer selbst. Die neue Scheune kann gebaut worden sein, weil es nötig war oder die alte niederbrannte, das Kirchhofsdenkmal aber ist recht eigentlich ein Gegenstand des Luxus. Die Menschen müssen sehr pietätvoll, sehr eitel oder aber sehr wohlhabend sein, wenn sie mit dem geliebten Toten einen Teil ihres Besitzes teilen sollen. In Walchow hat der Dorfschulze seinem fünfzehnjährigen Sohne ein Monument errichtet, wie's dem Begräbnisplatz eines adeligen Hauses zur Zierde gereichen würde., In Front einer Tempelfaçade (der Giebel von dori- schen Säulen getragen) steht auf hohem Postament ein Engel des Friedens; Zypressen und Blumenbeete ringsum. An der Wand des Tempels aber erblicken wir eine Bronzetafel mit folgender Inschrift: Hier ruhet in Gott Erdmann Friedrich Hölsche, das letzte Kind seiner tiefgebeugten Eltern. Die Sorge für dich war die frohe Arbeit unserer Tage. Die Freude an dir unser gemeinsames Glück, und unsere Hoffnung sah in dir des nahenden Alters Stüt- ze. Du liebes Kind, nun gründen wir deiner Asche diese Wohnung. Mögest du sanft darinnen ruhn, mö- gen auch wir Trost empfangen an dieser Stätte und den Frieden auf Erden. Die eigentliche Sehenswürdigkeit Walchows ist aber doch seine Pfarre. Hier wohnt Superintendent Kirch- ner, ein Sechziger, rüstig im Leben, im Amt und in der Wissenschaft. Fest und freundlich, gekleidet in den langen Rock des lutherischen Geistlichen, das angegraute Haar gescheitelt und in zwei Wellen über die Schläfe fallend, erinnerte mich sein Auftreten an das jener dänischen Pfarrherren, deren mir, während des vierundsechziger Krieges, so viele, von der Kol- dinger Bucht an bis hinauf an den Limfjord, bekannt geworden waren. »Wie Grundtvig«, war der erste Eindruck, den ich empfing, und dieser Eindruck blieb auch. In der Tat, eine frappante Ähnlichkeit zwischen, dem nordischen und dem märkischen Manne: Strenggläubigkeit, nationale Begeisterung, Einkehr bei der Urzeit des eigenen Volkes, Hang, das Dunkel zu lichten, Vorliebe für Hypothesen und zuletzt Iden- tifizierung damit. Grundtvig dabei mehr die Sagen- überbleibsel einfangend, die wie Sommerfäden von Heide zu Heide ziehen, Kirchner die Heide selbst durchforschend, bis sie Gräber und Urnen und in beiden ihre Geheimnisse herausgibt; der eine Dich- ter, der andere Archäolog; jener im Studium alter Lieder aus der geistigen Welt eine sachliche, dieser im Studium alter Waffen, Münzen etc. aus der sachli- chen Welt eine geistige konstruierend. Und wirklich, Superintendent Kirchner ist nicht bloß ein Sammler nach Art so vieler seiner Amtsbrüder, die nur im Vorhofe der Wissenschaft, speziell der Altertumskun- de, wohnen; er gelangt vielmehr zu Schlüssen aus dem Gesammelten, und hier liegt der Unterschied zwischen Wissenschaftlichkeit und Liebhaberei. Die Mappen, die Schubfächer, die Glaskästen sind ihm nicht Zweck, sondern nur Mittel zum Zweck, und der historische Sinn (samt jenem Bedürfnis, zu Resulta- ten zu kommen) erwies sich siegreich in ihm über die bloße Kuriositätenkrämerei. Denn auch die schönste bronzene Streitaxt, die zierlichste Feuersteinlanzen- spitze, sie haben nur Anekdotenwert, wenn sie nicht den Wunsch anregen, den Charakter und das Wesen einer Epoche daraus kennenzulernen. Ob richtig, ist zunächst gleichgiltig. Der Weg zur Wahrheit ist mit Irrtümern gepflastert. Ein Studierzimmer von mäßiger Ausdehnung, in das wir jetzt eingetreten, ist, wie Bibliothek, so auch Na-, turaliencabinet und Museum für nordische Altertü- mer. Es wurde mir vergönnt, in den Schätzen dieser nicht zahlreichen, aber sehr ausgezeichneten Kollek- tion eine Stunde lang schwelgen zu können, wobei sich mir der alte Satz bewahrheitete, daß Anfänger und Laien in kleinen Sammlungen am meisten zu lernen imstande sind. Museumsmassenschätze staunt man an und geht mit dem trostlosen Gefühl daran vorüber, »dieser 10 000 Dinge doch niemals Herr werden zu können«; wo hingegen nur 100 Dinge zu uns sprechen, lächelt uns von Anfang an die Möglichkeit eines Sieges. Und dieser Sieg wird uns sicher, wenn ein Kundiger abermals auszuschei- den und den verbleibenden Rest durch begleitende kleine Vorträge mehr und mehr zu veranschaulichen versteht. Es heißt dann immer aufs neue: »Du wirst dabei in einer Stunde mehr gewinnen als in des Jah- res Einerlei.« Und still dankbar klangen in meinem Herzen diese Worte nach. Unter den Schätzen, die mir gezeigt wurden, waren folgende: 1. ein Tierkopf von Bronze (wahrscheinlich Ornament an dem Wagen eines Opferpriesters); 2. ein Sandalensporn von Bronze, gefunden bei Frankfurt a. O.; 3. ein goldener Fingerring, blank, gefunden in der Prignitz; 4. ein goldener Halsring, blank, fünf Zoll im Lichten, gefunden bei Walchow auf einer Torfwiese des vorgenannten Schulzen Höl- sche (seltenes Exemplar; Goldwert zweiundvierzig Taler; leider bald nach dem Funde von einem »Un- tersucher« zerbrochen); 5. ein römischer Dukaten aus dem fünften Jahrhundert mit dem Bilde des Kai- sers Zeno; im Sande der Uckermark gefunden;, 6. eine Spindel von Bein; sie lag neben einem sieben Fuß langen Gerippe zwischen drei Eichenbohlen. (Spinnwörtel findet man oft, Spindeln selbst aber sehr selten.) Neben diesen Prachtstücken interessier- te mich noch eine nicht geringe Zahl von Armringen, Broschen, Kelten, Paalstäben etc., die zwar in sich selbst keinen außergewöhnlichen Wert darstellten, diesen Mangel aber durch das Interesse, das der Fundort einflößte, mehr als ausglichen. Alle diese Gegenstände nämlich, einige vierzig, waren bei Templin in einem ausgetrockneten Wasserloche, elf Fuß tief, und zwar unter fünf horizontal liegenden Eichen, gefunden worden. Einerseits die verhältnis- mäßig große Zahl, andererseits der Umstand, daß sie bunt durcheinandergewürfelt an einer und derselben Stelle lagen, gibt ein Rätsel auf. Von einem Begräb- nisplatze kann keine Rede sein. Superintendent Kirchner nimmt an, es sei hier ein römischer Händler mit seinem Karren voll Bronzeschmuck verunglückt. Diese Hypothese führt mich auf die schriftstellerische Tätigkeit Kirchners. Sie geht in erster Reihe nach der märkischhistorischen Seite hin und hat in der Famili- engeschichte der Arnims sowie namentlich auch in dem großen vierbändigen Werke »Die Kurfürstinnen und Königinnen von Brandenburg und Preußen« all- gemein Anerkanntes geleistet. Was an dieser Stelle jedoch, und zwar weit über jene historischen Arbei- ten hinaus, Erwähnung verdient – Erwähnung des- halb, weil es vielleicht bestimmt ist, dermaleinst e- pochemachend aufzutreten –, das ist Kirchners vor etwa zwanzig Jahren erschienenes Buch »Thors Don- nerkeil und die steinernen Opfergeräte des nordger-, manischen Heidentums«. Der Titel fügt hinzu: »zur Rechtfertigung der Volksüberlieferung gegen neuere Ansichten«. Kirchner geht in diesem seinem Buche davon aus, daß die berühmte, zuerst von Nilsson in Stockholm aufgestellte, demnächst aber nicht bloß in Skandina- vien, sondern in der gesamten wissenschaftlichen Welt akzeptierte Drei-Zeitalter-Einteilung (Stein-, Bronze- und Eisenepoche), das mindeste zu sagen, sehr anfechtbar sei. Worin er mit Ledebur überein- stimmt, der ebenfalls ausgesprochen hat, »daß das häufige Vorkommen von Steingerätschaften in gleichzeitig auch mit bronzenen und eisernen Gerät- schaften ausgestatteten Gräbern unverkennbar auf die Mißlichkeit dieser Drei-Zeitalter-Einteilung hin- deute«. Kirchner sucht in weiterem nachzuweisen, daß der Gebrauch der Steinwerkzeuge, nachdem diese durch Bronze und Eisen längst abgelöst gewe- sen seien, im germanischen Kultus noch lange fort- bestanden habe, »etwa wie jetzt der Akt der Be- schneidung seitens der Juden immer noch mit einem Steinmesser vollzogen werde«. Dieser Vergleich ist geistvoll und dient seinem Zwecke vorzüglich. Wie- weit er zugleich das Richtige trifft, entzieht sich mei- nem Urteile, denn es würde gewagt sein, in dieser überaus schwierigen Frage vom Laienstandpunkt aus Partei nehmen zu wollen. Nur ein unbestimmtes Ge- fühl, das ich schon vor Jahren bei meinem ersten Besuche des Nordischen Museums in Kopenhagen hatte, mag auch heute wieder seinen Ausdruck fin- den. Es richtete sich ebenfalls gegen das vorerwähn- te Dreiteilungsprinzip. Ich sagte mir: Alle diese kost-, baren und kunstgerechten Bronzegegenstände kön- nen doch unmöglich als die Hervorbringungen eines barbarischen, in Künsten unerfahrenen Volkes ange- sehen werden, müssen vielmehr von den Küsten des Mittelmeeres oder von Gallien oder aber von den angrenzenden römischen Kolonien her in die germa- nischen Länder importiert worden sein. Ist dem aber so, sind es wirklich Importartikel, stehen sie mithin zu dem Kulturleben des sich ihrer bedienenden Vol- kes in keiner andern als einer rein äußerlichen und zufälligen Beziehung, so können sie kein eigentliches Einteilungsmotiv bilden und lassen es unstatthaft erscheinen, auf sie hin von einem Bronzezeitalter zu sprechen, dem ein Steinzeitalter vorausging und ein Eisenzeitalter folgte. Solche Rubrizierungen haben nur dann einen Sinn, wenn die Dinge, nach denen die Wissenschaft ihren Scheidungsprozeß veranstal- tet, auf dem betreffenden Boden auch wirklich ge- wachsen und Ausdruck eines bestimmten höheren oder niederen Kulturgrades sind. Und so wie damals steh ich auch heute noch zu die- ser Frage, weil ich nach wie vor (wie auch Kirchner) alle diese kunstvolleren Gold- und Bronzegegenstän- de als Importartikel ansehe.1) Hat aber umgekehrt die skandinavische Forschung recht, die diese Bron- zen als reguläre Schöpfungen der damaligen germa- nischen Kultur anzusehen scheint, so würde sich da- nach das Dreiteilungsprinzip als allerdings in größe- rem oder geringerem Maße gerechtfertigt herausstel- len, aber doch zugleich auch bewiesen sein, daß wir uns das Sueven- und Semnonentum des dritten bis fünften Jahrhunderts abweichend von den Schilde-, rungen des Tacitus und unseren darauf erwachsenen Anschauungen vorzustellen hätten. Die Germanen würden danach allermindestens ein Halbkulturvolk und in ihrer späteren Epoche mit einem künstleri- schen Können ausgerüstet gewesen sein, das auch heute noch von Durchschnittsleistungen unseres deutschen Kunsthandwerkes nicht überflügelt wird. Das letzte Schubfach war zugeschoben, die Braktea- ten und römischen Münzen hatten wieder Ruh, und das Familienzimmer nahm uns auf zu Mahl und Ge- plauder. Über nah und fern ging es hin, in immer munterer werdender Rede, denn ich befand mich in einem »gereisten Hause«, darin nun die gemein- schaftlichen Erinnerungen an Skandinavien und Schottland, an die Belte, den Sund und den Kaledo- nischen Kanal frisch aufblühten. Das Boot glitt weiter über den Loch Lomond hin, Abbotsford und Melrose Abbey stiegen wieder vor uns auf, und im Gleichtakt zitierten wir aus Scotts herrlicher Dichtung: »If thou wouldst view fair Melrose aright« etc. Meine von Jugend auf gehegte Vorliebe für diese stillen, geißblattumrankten Pfarrhäuser, deren Giebel auf den Kirchhof sieht – ich fühlte sie wieder leben- dig werden und empfand deutlicher als je zuvor die geistige Bedeutung dieser Stätten. In der Tat, das Pfarrhaus ist nach dieser Seite hin dem Herrenhause weit überlegen, dessen Ansehen hinschwindet, seit- dem der alten Familien immer weniger und der zu »Gutsbesitzern« emporsteigenden ländlichen und städtischen Parvenus immer mehr werden. Und noch ein anderes kommt hinzu. Der Adel, soweit er ums, Dasein ringt, vermag kein Beispiel mehr zu geben oder wenigstens kein gutes, soweit er aber im Voll- besitz seines alten Könnens verblieben ist, entzieht er sich zu sehr erheblichem Teile der Dorfschaft und tritt aus dem engeren Zirkel in den weiter gezogenen des staatlichen Lebens ein. Das Pfarrhaus aber bleibt daheim, wartet seines Gar- tens und okuliert den Kulturzweig auf den immer noch wilden Stamm. Daß ich hier ein Ideal schildere, weiß ich. Aber es verwirklicht sich jezuweilen, und an vielen hundert Stellen wird ihm wenigstens nachgestrebt. 1. Kirchner hebt auf Seite 30 seines obenge- nannten Buches hervor, daß ein Teil dieser Bronzen sehr wahrscheinlich von Künstlern und Handwerksmeistern herrühre, die, ur- sprünglich griechisch oder römisch, sich in Deutschland niedergelassen hatten. Dies hat viel für sich. Dergleichen geschah zu allen Zeiten, in alten und neuen. Anfang des vori- gen Jahrhunderts kam Antoine Pesne von Pa- ris nach Potsdam und begann, die Schlösser mit ausgezeichneten Bildern zu füllen. Nichts- destoweniger würd es grundfalsch sein, den Kunst- und Kulturgrad des damaligen Preu- ßens nach Pesne bemessen zu wollen. Alles, was er schuf, war, trotz der leiblichen Anwe- senheit des Meisters in unsrem Lande, doch, immer nur eine importierte Kunst. Unserer wirklichen Kunststufe entsprach damals Leygrebe, der Riesengrenadiere und Jagd- hunde malte.

Protzen

Im Westen schwimmt ein falber Strich, Der Abendstern entzündet sich, Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore; Schlaftrunkne Schwäne streifen sacht An Wasserbinsen und am Rohre. »So hab ich dieses Schloß erbaut, Ihm mein Erworbnes anvertraut, Zu der Geschlechter Nutz und Walten; Ein neuer Stamm sprießt aus dem alten, Gott segne ihn, Gott mach ihn groß.« Annette von Droste-Hülshoff Westlich, in unmittelbarer Nähe von Walchow, liegt Protzen, ein wohlhabendes Luch- und Torfdorf wie jenes. Es war immer, soweit die Nachrichten reichen, ein adliges Gut. Im vierzehnten und fünfzehnten und auch noch zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts saß hier eine Familie, die sich einfach nach ihrem, Wohnorte nannte, also eine Familie von Protzen. Eine der drei Kirchenglocken (die größte) geht bis in jene Zeit zurück. Sie rührt noch aus der Zeit Albrecht A- chills her und trägt die Inschrift: »Jhesu Criste rex gloriae veni eum pace«, samt der Jahreszahl 1476. Hat also schon zur katholischen Zeit die Gemeinde zur Kirche gerufen. Den Protzens folgten um etwa 1522 die Gadows, die das Dorf 130 Jahre lang, von den ersten Tagen der Reformation an bis zum Schluß des Dreißigjährigen Krieges, in ihrem Besitz hatten. Auch aus diesem Abschnitt existieren keine Überlieferungen. Aber wie von den Protzens her die älteste Glocke, so datiert von den Gadows her der älteste Abendmahlskelch der Kirche. Er ist vergoldet, von schöner Form und zeigt, außer den drei Fischen des Gadowschen Wap- pens, die Jahreszahl 1584. In der Mitte, um den Handgriff herum, stehen einzeln die Buchstaben J-E- S-U-S.

Die Familie Quast in Protzen

(1652–1752) Um 1652 waren die Gadows, wahrscheinlich infolge des Kriegselends, derart verschuldet, daß sie Protzen nicht mehr halten konnten. Sie verkauften es um die genannte Zeit an ihren Gutsnachbar Otto von Quast, der nach diesem Kaufe sein väterliches Gut Garz aufgab und nach Protzen hinüberzog., Der Grund zu diesem Gutsankaufe seitens der Quas- te lag in einem starken Familiengefühl. Albrecht Christoph von Quast, von dem das folgende Kapitel ausführlicher handeln wird, hatte, wie so viele von denen, die »lieber Hammer als Amboß« sein wollten, im Laufe des Dreißigjährigen Krieges ein Vermögen erworben und gedachte dasselbe zu Güterkäufen in Mähren zu verwenden. Seine von alter Zeit her im Ruppinschen ansässige Familie wünschte jedoch den einflußreichen Mann, der um 1652 der berühmteste Träger ihres Namens war, im Lande zu behalten, und so wurde Garz, das älteste Quastsche Familiengut, seitens seines Vetters Otto an den Generalfeld- wachtmeister und Eroberer der Insel Fünen, Albrecht Christoph von Q., abgetreten. Otto von Quast aber kaufte nunmehr, wie schon hervorgehoben, anstelle des alten Familiengutes das nahe gelegene Protzen und freute sich der Sonne, die von Garz aus her- überschien. Die Quaste verblieben von jener Zeit an durch vier Generationen im Besitze von Protzen. 1682 mußte der alte Turm abgetragen und ein neuer errichtet werden. Der damalige Besitzer von Protzen war Alexander Ludolf, ältester Sohn des vorerwähn- ten Otto von Quast. Er unterzog sich der Renovie- rung und ließ gleichzeitig ein Schriftstück anfertigen, das in dem Turmknopf aufbewahrt wurde. Dieser Turmknopf saß 111 Jahre lang unter Wind und Wet- ter fest, und was die Welt bis zu jenem Zeitpunkt über Protzen und die hundertjährige Herrschaft der Protzener Quaste wußte, war gleich Null. Da kam, 1793 ein Sturm, warf den Turmknopf in die Dorfstra- ße hinunter und brachte dadurch das urkundliche Schriftstück von 1682 ans Licht. Es umfaßte nur vier Seiten, gab aber über die früheren Besitzverhältnisse des Dorfes genügendes Material an die Hand. Auch anderweite Notizen waren mit eingeflochten. So hieß es beispielsweise über den Turmbau: »Weil die Mau- er an einer Ecke bis auf die Turmtür von Grund aus zerfallen war, ließen wir Michael Dietzel aus Schleiz im Vogtlande kommen; den Turmbau selbst aber übertrugen wir einem berühmten Zimmermann und Turmbauer, dem Meister Hans Kraatzen aus Seege- feld bei Spandau, einem Untertanen des Herrn von Ribbeck.« Dann an anderer Stelle: »Als die oberste Fahnschwelle aufgebracht werden sollte, wurde der sechzig Jahr alte Kirchenvorsteher Balzer Schleuß, ein frommer, ehrlicher Mann, aus einer ›unglückli- chen Unvorsichtigkeit‹ erschlagen, welcher indes, ›da er ein Unglück bei diesem Turmrichten befürch- tet und sich den Tag zuvor mit Gott versöhnet und das hochwürdige Abendmahl andächtig genossen hatte, ohne Zweifel wohlselig gestorben ist‹.« Alexander Ludolf, der auch Güter an der Ostseite des Ruppinschen Sees in seinen Besitz brachte, ist der Gründer der noch blühenden Radenslebener Linie. Sein schönes Portrait, gute niederländische Schule, befindet sich im Herrenhause zu Radensleben. Er war zweimal verheiratet, erst mit einer von Katte, dann mit einer von Grävenitz, und hatte zehn Kinder aus diesen beiden Ehen. Er scheint damals durch Besitz, Charakter und Familienverbindungen eine der ange- sehensten Persönlichkeiten der Grafschaft und der, Kurmark überhaupt gewesen zu sein. Das Ansehen, das der Generalfeldwachtmeister Albrecht Christoph von Quast unmittelbar vor ihm genoß, ging wenigs- tens partiell auf ihn über.

Die Familie Kleist in Protzen

(1752–1826) Im Jahre 1752 ging Protzen (das damals einem erst wenige Jahre zuvor in den Besitz des Guts gekom- menen Albrecht Friedrich von Quast gehörig war) in die Hände des Generallieutenants von Kleist über. Die Kleiste besaßen es dann vierundsiebzig Jahre, wovon ein erheblicher Teil, mindestens einundzwan- zig, auf zwei Witwenherrschaften fällt. Lassen wir diese Übergangszeiten außer Betracht oder, richti- ger, legen wir das jedesmalige Witweninterregnum dem voraufgegangenen eigentlichen Herrscher zu, so folgen sich nachstehende drei Kleiste im Besitze von Protzen: Generallieutenant Franz Ulrich von Kleist, einschließ- lich Witwenherrschaft, von 1752 bis 1770; Fähnrich Gustav von Kleist, einschließlich Witwenherrschaft, von 1770 bis 1803; Louis von Kleist, später General- lieutenant, von 1803 bis 1826.,

Protzen von 1752 bis 1770

Generallieutenant von Kleist, so scheint es, begann damit, Park und Herrenhaus standesgemäß herzu- richten. Letzteres zeigt über der Eingangstür noch das Doppelwappen der Kleist und Lepel, welcher letz- tern Familie die Gemahlin des Generallieutenants angehörte. Die Anwesenheit des Generals auf seinem Gute war aber immer nur eine kurze; der Dienst hielt ihn fern. Welche Truppen er kommandierte, ist aus den Aufzeichnungen, die ich benutzen konnte, nicht ersichtlich. 1756 rückte er mit in Sachsen und Böh- men ein und erlag am 13. Januar 1757 seinen in der Schlacht bei Lobositz erhaltenen Wunden. Das Prot- zener Kirchenbuch schreibt Logoschütz. Aber selbst- verständlich kann nur Lobositz gemeint sein. Nun begann die Herrschaft der verwitweten Frau Generalin. In die Zeit ihrer Regentschaft, also bevor der minorenne Sohn eintrat, fällt das große Ereignis Protzens während des vorigen Jahrhunderts: der Tod eines preußischen Prinzen im dortigen Herrenhause. Über diesen Tod berichtet der alte Pastor Schinkel im Protzener Kirchenbuche wie folgt: »Den 16. Mai 1767 traf Seine Königliche Hoheit Prinz Friedrich Heinrich Karl von Preußen auf dem Marsche von Kyritz nach Berlin mit seinem Regimente hier ein. Er nahm bei unserer Frau Generallieutenant von Kleist Quartier, in der Hoffnung, nach hier zugebrachter Nacht, am anderen Morgen weiterzurücken. Es zeigten sich je-, doch die Pocken, so daß Seine Königliche Hoheit sich genötigt sahen, hier zu bleiben. Geschickte Docto- rens1) wandten alle Mittel an, diesen teuren und lie- benswürdigen Prinzen zu retten, Gott verhängte es aber anders, so daß, nachdem die weißen Frieseln dazuschlugen, dieser allerliebste Prinz den 26. Mai, acht Uhr abends seinen Geist aufgeben mußte. Ein trauriges Andenken, so die späten Zeiten nicht ver- gessen werden. Den 28. Mai, elf Uhr abends wurde die hohe Leiche durch Offiziere unter Leuchtung vie- ler Lichter in das hiesige Gewölbe gesetzet und am 7. Juni, als am ersten Pfingsttage, von hier aus nach Berlin gebracht. Dieser hochselige Prinz war am 30. November 1747 geboren, also kaum neunzehn Jahre, fünf Monate alt geworden.« Ich lasse dieser schlichten Kirchenbuchaufzeichnung noch einige Notizen folgen. Prinz Heinrich, damals gemeinhin – zum Unterschie- de von seinem berühmten Oheim in Rheinsberg – der junge Prinz Heinrich genannt, war der Sohn des 1758 zu Oranienburg verstorbenen Prinzen August Wilhelm von Preußen. Er war also Neffe Friedrichs des Großen wie zugleich jüngerer Bruder des spätern Königs Friedrich Wilhelms II. Friedrich der Große bezeigte ihm von dem Augenblick an, wo die Krieg- saffairen hinter ihm lagen, ein ganz besonderes Wohlwollen. Dies war ebensosehr in den allgemeinen Verhältnissen wie in den Eigenschaften des jungen Prinzen begründet. Dieser erschien von ungewöhnli- cher Beanlagung, war klug, voll noblen Denkens und hohen Strebens, dabei gütig und von reinem Wan-, del; was indessen den König in all seinen Beziehun- gen zu diesem Prinzen eine ganz ungewöhnliche Herzlichkeit zeigen ließ, war wohl der Umstand, daß er sich dem verstorbenen Vater des Prinzen gegen- über, dem er viel Herzeleid gemacht hatte, bis zu einem gewissen Grade verschuldet fühlte, eine Schuld, die er abtragen wollte und an den ältern Bruder (den spätern König Friedrich Wilhelm II.), der ihm aus verschiedenen Gründen nicht recht zusagte, nicht abtragen konnte. Prinz Heinrich hatte 1762 den lebhaften Wunsch ge- äußert, dem Könige bei Wiederbeginn der Kriegsope- rationen sich anschließen zu dürfen. Friedrich lehnte jedoch ab, da der junge Prinz erst vierzehn Jahr alt war. Erst nach erfolgtem Friedensschluß wurd er von Magdeburg, wo er garnisonierte, nach Potsdam ge- zogen und trat als Hauptmann in das Bataillon Gar- de. Er gehörte nunmehr einige Jahre lang zu den regelmäßigen Mittagsgästen des Königs und beglei- tete diesen auf seinen Inspektionsreisen durch die Provinzen. 1767 im April übersiedelte der Prinz nach Kyritz, um nunmehr die Führung des hier stehenden Kürassierregiments oder auch nur eines Teils dessel- ben zu übernehmen. Dies Kürassierregiment waren die berühmten »gelben Reiter«, deren Chef der Prinz bereits seit 1758 war. Der Übernahme des Kommandos folgte, wenige Wo- chen später, jene Katastrophe, die ich, nach den Aufzeichnungen des Protzener Kirchenbuches, vor- stehend mitgeteilt habe., Rittmeister von Wödtke brachte die Trauerkunde dem Könige. Dieser war in seltenem Grade bewegt. Einer der höheren Offiziere sprach dem Könige Trost zu und bat ihn, sich zu beruhigen. »Er hat recht«, antwortete Friedrich, »aber Er fühlt nicht den Schmerz, der mir durch diesen Verlust verursacht wird.« – »Ja, Ew. Majestät, ich fühle ihn; er war ei- ner der hoffnungsvollsten Prinzen.« Der König schüt- telte den Kopf und sagte: »Er hat den Schmerz auf der Zunge, ich hab ihn hier.« Und dabei legte er die Hand aufs Herz. Eine ähnlich tiefe Teilnahme verra- ten seine Briefe. An seinen Bruder Heinrich in Rheinsberg schrieb er: »Ich liebte dieses Kind wie mein eigenes«, und an Tauentzien meldete er in der Nachschrift zu einer dienstlichen Ordre: »Mein lieber Hendrich ist tot.« Kehren wir, nach diesem biographischen Exkurs, nach Protzen zurück. Die Geschwister des Prinzen übersandten der verwitweten Generalin von Kleist wertvolle Zeichen der Dankbarkeit, und das Ereignis selbst wurde seitens dieser letztern durch zwei bildli- che Darstellungen im Sterbezimmer lokalisiert. Ein Loyalitätsakt, der mir, nach der Huldigungsseite hin, etwas zu weit zu gehen und die Schönheitslinie zu überschreiten scheint. Ob die Gemälde noch existie- ren, hab ich nicht erfahren können; aber das Giebel- zimmer, in dem der junge Prinz verstarb, heißt noch immer das »Prinzenzimmer«., 1. Die »Doctors«, die hier tätig waren, waren drei an der Zahl: zunächst Dr. Feldmann aus Ruppin, dann Cothenius, der Leibarzt des Kö- nigs, schließlich Geheimer Rat Dr. Mutzel aus Berlin.

Protzen von 1770 bis 1803

Um 1770 ging Protzen (aus der Hand der verwitwe- ten Generalin) an ihren Sohn Gustav von Kleist über. Da das Gut seit 1757 bereits auf einen neuen Herrn harrte, dessen Majorennität eben nur abzuwarten war, so hatte dieser letztere nicht Zeit, es auf der militärischen Rangleiter zu einer seinem Namen an- gemessenen Stufe zu bringen. Er schied als Fähnrich aus dem Regiment Prinz Ferdinand (in Ruppin), in dem er bis dahin gestanden hatte. Da er selber fühlen mochte, daß dies wenig sei, so war er bestrebt, einigermaßen nachzuhelfen, und erwarb sich ein Johanniterkreuz. Er hieß nun nicht länger Fähnrich von Kleist, sondern Johanniter von Kleist, und unter diesem Namen, der in dieser eigen- tümlichen Verwendung wohl nur einmal vorkommen dürfte, hat er vierundzwanzig Jahre lang seine Regie- rung von Protzen geführt. Unser »Johanniter-Kleist« war ein braver Mann, dem im Kirchenbuche die »Aufrechthaltung guter Ord- nung« eigens nachgerühmt wird. Er muß diesen, Ruhm, aufs allgemeine hin angesehen, um so mehr verdient haben, als er im besonderen mit seinem Geistlichen, dem Prediger Friedrich Arnold Dietrich Sachse, in einer beständigen Fehde lebte. Über die damaligen Beziehungen zwischen Patron und Pfarrer ein kurzes Wort. Friedrich Arnold Dietrich Sachse, aus Soest in West- falen gebürtig, war, wie es scheint, ein echter Westfälinger, groß, stark, ein tapferes Herz, aber auch rücksichtslos wie so oft die »tapferen Herzen«, besonders wenn sie von der roten Erde stammen. Vor allem war er ein Original. Die Bekanntschaft zwischen Kleist und Sachse mach- te sich bei Tisch im Herrenhause zu Lentzke, wo da- mals Baron de la Motte Fouqué lebte, der Sohn des berühmten Generals und der Vater des berühmten Dichters. In diesem Hause fungierte Sachse als Prä- zeptor. Als das Dessert aufgetragen wurde, fragte Fouqué seinen Gast (von Kleist), »wie es mit der Pfarre in Protzen stehe und ob er die Vakanz schon wieder besetzt habe«. – »Seit einer halben Stunde hab ich sie besetzt«, antwortete dieser. »Mit wem?« – »Mit dem hier sitzenden Kandidaten Sachse.« Es scheint danach, daß die bedeutende Persönlichkeit des letztern ihres Eindrucks auf von Kleist nicht ver- fehlt hatte. Sachse übersiedelte nun und mochte sich anfangs seinem Patron gegenüber, der ihn, in so schmeichel- hafter Weise, in die Protzener Pfarre eingesetzt hat-, te, zu Dankbarkeit verpflichtet fühlen. Aber Dank- barkeit dauert nicht lang, am wenigsten, wenn die Interessen in Krieg geraten. Sachse glaubte sich be- nachteiligt, und so entstand ein Prozeß, der im Her- renhause so böses Blut machte, daß Kleist, als um ebendiese Zeit ein Spritzenhaus errichtet werden mußte, dasselbe so aufführen ließ, daß der Bau wie ein Schirm zwischen ihm und der Pfarre stand. Er wollte die Pfarre nicht mehr sehen. Sachse überlebte seinen Patron um viele Jahre, stand im allgemeinen, wie fast immer imponierende Persönlichkeiten, auf gutem Fuß mit der Gemeinde, war ihr Orakel, ihr Rater und Helfer, und vereinigte, neben einzelnen Schwächen, alle Tugenden des alten Rationalisten in sich. Das Protzener Kirchensiegel bewahrt sein Andenken. Die Inschrift desselben rührt allerpersönlichst von ihm her und lautet: »Natur und Vernunft«. Damit ist alles gesagt.

Protzen von 1803 bis 1826

Der Johanniter-Kleist starb schon 1794. Wieder trat eine Witwenherrschaft ein, die wenigstens bis 1803, vielleicht auch noch um einige Jahre länger dauerte; dann ging das Gut, aber durch Kauf, an einen Neffen oder Vetter des Johanniter-Kleist über, und zwar an den damaligen Rittmeister oder Major Louis von Kleist, Sohn des sogenannten Magdeburg-Kleist, welcher letztere 1806 durch Übergabe dieser Festung an den Feind soviel Unheil für das Land und zugleich, soviel Bitteres und Schmerzliches für die Familie he- raufbeschwor. Ich verweile hierbei nicht, nur das mag gesagt sein, daß mir diejenigen nicht ganz un- recht zu haben scheinen, die der damaligen militäri- schen Oberleitung – seitens deren ein kranker, bei- nah achtzigjähriger Mann mit der Verteidigung der wichtigsten Festung des Landes betraut wurde – die größere Hälfte der Schuld zuzuschieben geneigt sind. Louis von Kleist litt in seinem Herzen schwer unter der Verschuldung des Vaters. Er selbst war eine her- vorragend entschlossene Persönlichkeit, groß, schön, ein brillanter Reiter, und zeichnete sich während der Befreiungskriege bei den verschiedensten Gelegen- heiten aus. Er blieb Soldat auch nach dem Feldzug und traf immer nur besuchsweis in Protzen ein. 1815 war er Oberst, 1831 stand er in Neiße, wahr- scheinlich als Kommandeur einer Division. Bei sei- nem Hinscheiden war er Generallieutenant. Als Beweis für seine Energie erzählen sich die Prot- zener, daß er sein seitens der Ärzte schlecht kurier- tes Bein (er hatte sich beim Sturz mit dem Pferde den Oberschenkel gebrochen) durch einen »Wunder- doktor« aus der Fehrbelliner Gegend neu brechen und dann wieder heilen ließ. Die Prozedur glückte vollkommen. Er hatte seitdem eine geringe Meinung von der Kunst der rite promovierten Doktoren, der er bei jeder Gelegenheit Ausdruck gab. Schon 1826, also fünf, sechs Jahre vor dem Tode von Kleists, war Protzen durch Kauf an den Freiherrn von Drieberg übergegangen.,

Kammerherr von Drieberg

in Protzen

Von 1826 bis 1852

Kammerherr von Drieberg, vielen meiner Leser aus den vierziger Jahren her als »Luftdrucks-Drieberg« bekannt, war um 1790 geboren. Sein Vater, seiner- zeit Rittmeister im Regiment Gardes du Corps, besaß das zwei Meilen von Protzen gelegene Gut Kantow. Der junge Drieberg wuchs wild auf. Die Gründe für diese Vernachlässigung seiner ersten Erziehung ge- hören nicht hierher. Erst von seinem vierzehnten Jahr an änderte sich's, und was bis dahin versäumt worden war, wurde nun nachgeholt. Hauslehrer und Sprachmeister mußten ihr Bestes tun. Besonders wurde die Musik gepflegt, für die von Drieberg eben- soviel Liebe wie Beanlagung zeigte. Diese Beanla- gung war so groß, daß eine Zeitlang die Absicht herrschte, ihn Musik studieren zu lassen. Er wurde zu diesem Behufe nach Frankreich geschickt und war Schüler des Konservatoriums, als 1814 die Verbün- deten in Paris einrückten. Bald darauf kehrte von D. nach Deutschland zurück, um in Berlin seine Studien fortzusetzen. Diese Stu- dien umfaßten die mannigfachsten Gebiete. Außer der Musik waren es die Naturwissenschaften, beson- ders physikalische Untersuchungen, die ihn schon, damals interessierten. In den zwanziger Jahren ver- heiratete er sich mit einem Fräulein von Normann und kaufte bald danach Protzen, dessen Hebung er sich nunmehr angelegen sein ließ. Ob er immer die rechten Mittel wählte, stehe dahin. Frau von Drie- berg, die ihn dabei unterstützte, stellte beispielswei- se den Satz auf, »daß knappe Fütterung das beste Mittel sei, von den Kühen einen starken Milchertrag zu erzielen«. Dies alles war übrigens aufrichtig gemeint und hatte keineswegs in einem Ökonomisierungshange seinen eigentlichen Grund. Es war einfach originelle Theorie, wie die vom »Luftdruck«, die der Herr Gemahl gleichzeitig mit soviel Eifer verfocht. Der landwirtschaftliche Betrieb war anfechtbar, desto mehr bewährte sich von Drieberg in seinen Parkan- lagen. Seine Talente lagen eben mehr nach der Seite des Ästhetischen als des Praktischen hin. Der Prot- zener Park war damals einer der schönsten im Krei- se, dreißig Morgen groß, mit den prachtvollsten Bäumen bestanden, dazwischen Blumenbeete, Was- ser- und Rasenflächen. Außer der Pflege des Parks widmete sich Drieberg nach wie vor der Musik und – der Gesellschaft. Das Protzener Herrenhaus galt als der gastlichsten eines. Mit fast allen Familien der Nachbarschaft wur- de Verkehr unterhalten, vorzugsweise mit dem Land- rat von Zieten in Wustrau, mit der Majorin von Zie- ten in Wildberg und mit der Familie von Winterfeldt, in Metzelthin. Auch aus Berlin kamen Freunde her- über, besonders wenn »Aufführungen« den Mittel- punkt der Festlichkeit bildeten. Das Künstlerische, namentlich das Musikalische, wurd indessen zu sehr betont, und zwar nicht bloß im gesellschaftlichen Kreise, sondern auch im Leben. Wie mir Häuser be- kannt geworden sind, in denen jeder, der nicht einen Band lyrischer Gedichte herausgegeben hatte, nicht eigentlich für voll angesehen wurde, so stand es auch im Driebergschen Hause hinsichtlich der Musik. Ein vom Klavierspiel rein gebliebener Pfarrbewerber wurde befragt: »ob er auch musikalisch sei«, worauf er, in richtiger Erkenntnis, daß er nun doch verspielt habe, piquiert antwortete, »er habe sich um die Pre- diger- und nicht um die Kantorstelle beworben«. Neben Park und Musik gehörte die Zeit den Wissen- schaften. Von Drieberg hatte ganz den Typus des Gelehrten, des Büchermenschen. Seine Kleidung war die schlichteste von der Welt; nicht auf Stoff und Schnitt kam es ihm an, sondern lediglich auf Be- quemlichkeit. Er konnte sich deshalb von alten Rö- cken nicht trennen. Als seine Tochter einen dersel- ben an einen Tagelöhner verschenkt hatte, bat er ihn sich wieder aus und zahlte dafür. Seine Studien, wie schon erwähnt, gingen meist nach der naturwissenschaftlichen Seite hin. Er war ein Düftelgenie aus der Klasse der Perpetuum- Mobile-Erfinder und konstruierte sich eine Flugma- schine, mit der zu fliegen er glücklicherweise nicht in Verlegenheit kam. Er begnügte sich damit, sie »be-, rechnet« und gezeichnet zu haben, und gab den Bau als zu kostspielig wieder auf. Seinen Hauptruhm zog er Anfang oder Mitte der vierziger Jahre aus seinem großen Zeitungskrieg in der »Luftdrucksfrage«. Die Leute von Fach zuckten die Achseln und mochten in der Tat aus jedem Satze Driebergs erkennen, daß es diesem an allem wissen- schaftlichem Anrecht gebräche, in die Diskussion einer solchen Frage einzutreten, die Laienwelt aber, die bekanntermaßen einen natürlichen Zug zur Win- keladvokatur und eine Vorliebe für die Franctireurs der Wissenschaft hat, stand günstiger zu ihm und freute sich offenbar, in der Partie »Drieberg gegen Newton« für unsern Protzner Kammerherrn, wenn auch nur ganz im stillen, eintreten zu können. Der Kern der Sache war, daß von D. den Luftdruck bestritt und seinerseits aufstellte, »das Quecksilber werde nicht durch eine Luftsäule von bestimmtem Gewicht emporgedrückt, sondern hänge vielmehr an dem luftleeren Raum der Barometerröhre, ziemlich genau so, wie ein Eisenstab an einem Magnete hän- ge«. Diese Aufstellung besaß etwas Blendendes, und zwar um so mehr, als jeder luftleere Raum in der Tat eine gewisse Zug- und Saugekraft ausübt. Aber nur der Laie konnte flüchtig dadurch bestochen werden. Nach mehrmonatlichem Streit erstarb die Fehde; niemand spricht mehr davon, und nur der Beiname »Luftdrucks-Drieberg« ist in der Erinnerung derer geblieben, die jene Zeit noch miterlebt haben. Was seine kirchlichen Anschauungen angeht, so hiel- ten sie die Höhe seiner Flugmaschine und entspra-, chen genau der Inschrift des vorerwähnten Protzener Kirchensiegels: »Natur und Vernunft«. 1852 vermählte von Drieberg seine einzige Tochter Valeska (vier andere waren vorher gestorben) an den Rittmeister von Oppen, der damals bei den Gar- des du Corps in Charlottenburg stand. Von Drieberg entschloß sich deshalb, Protzen zu verkaufen. Es wurde seinem Herzen nicht leicht, aber die Liebe zu seinem Kinde siegte schließlich über die Liebe zu seinem Park. Und so übersiedelte er denn. In den fünfziger Jahren starb er und ruht auf dem Charlot- tenburger Kirchhofe. Was den Drieberg-Tagen in Protzen folgt, ist von geringerem Interesse. Das nächste Kapitel mag uns deshalb nach Garz, dem alten Besitze der Quastschen Familie, führen.,

Garz

Und setzet ihr nicht das Leben ein,

Nie wird euch das Leben gewonnen sein. Schiller Und lachend goß er mit eigner Hand Voll Wein den Stiefel bis an den Rand. Pfarrius

Garz, Vichel, Rohrlack, wie schon an andrer Stelle hervorgehoben, sind zur Zeit Quastsche Güter im Westen des Ruppiner Sees. Schon seit 1419 (ur- kundlich nachweisbar, wahrscheinlich aber schon um vieles früher) saßen die Quaste oder Quäste auf Garz. Am Schluß des sechzehnten Jahrhunderts er- blicken wir sie, neben Garz, auch auf Küdow, Karwe, Berlitt und abermals hundert Jahre später auf Prot- zen. Der Dreißigjährige Krieg, der so vieles in unserm Lande niederwarf, hob die Quäste (vergleiche die Kapitel »Radensleben« und »Protzen«) auf eine Höhe des Ansehens, wie sie damals nur alle diejenigen Familien errangen, die, statt das Kriegsroß still- ergeben über sich hinwegschreiten zu lassen, lieber ebendies Kriegsroß bestiegen und mit dem Degen in der Hand ihr Glück versuchten. So legten die Sparrs, die Pfuels, die Barfus, die Görtzkes das Fundament zu ihrem, inzwischen freilich mehr oder weniger wie-, der verschwundenen Reichtume. Mit ihnen auch die Quäste. Derjenige dieses Namens, der seine Familie zuerst glänzend in die Geschichte des Landes ein- führte, war der schon Seite 373 erwähnte Albrecht Christoph von Quast. Einer Betrachtung seines Le- bens wenden wir uns jetzt zu.

Albrecht Christoph von Quast

Albrecht Christoph von Quast ward am 10. Mai 1613 auf dem Rohrschen Gute Leddin geboren. Seine Mut- ter war eine geborne von Rohr (gestorben 1667) aus Leddin. Über seine Jugend ist wenig bekannt geworden, doch existieren Aufzeichnungen, wahrscheinlich einer Lei- chenpredigt entnommen, die, trotz einzelner Unklar- heiten und Widersprüche, den Stempel der Echtheit tragen. Danach starb der Vater früh, und Albrecht Christoph wurde studierenshalber auf Schulen ge- schickt, höchstwahrscheinlich auf die benachbarte Ruppiner Schule. Der entsprechende Hang scheint indessen nichts weniger als groß in ihm gewesen zu sein, und der Anblick der schwedischen Regimenter, die gerade damals in Stadt und Land Ruppin Quartie- re bezogen, warf alle Studienpläne rasch über den Haufen. Albrecht Christoph trat, siebzehn Jahr alt, als Musketier in das Kingsche Infanterieregiment und tat seinen ersten Wachtdienst auf dem Fehrbelliner Damm, kaum eine Meile von Garz entfernt. Dies war im August 1630.1), 1631 war unser Albrecht Christoph bei den Truppen, die die Elbe passierten, zeichnete sich am 17. September bei Breitenfeld, am 6. November des folgenden Jahres bei Lützen und endlich am 26. Juni 1633 bei Hameln aus und trat nach dieser letzteren Affaire, darin das Kingsche Regiment fast völlig vernichtet worden war, von den Musketieren zu den Dragonern über. (Dragoner, wie bekannt, waren in jener Zeit ein Mittelding von Fußtruppe und Reiterei.) Das Kriegshandwerk sagte unserm Quast zu, nur nicht die Waffenart. Musketier und Dragoner – bei- des war nicht das Rechte, und als er um ebendiese Zeit vernahm, daß der später so berühmt gewordene Hans Christoph von Königsmarck, sein märkischer Landsmann, als Oberstwachtmeister in das Sperreu- tersche Reiterregiment eingetreten sei, hielt er sich zu diesem und empfing eine Korporalschaft. Das Kommando dieser Truppe kam alsbald an Königs- marck selbst. Sperreuter übte Verrat und gedachte das ganze Regiment zu den Kaiserlichen überzufüh- ren; in der Tat folgten ihm einzelne Abteilungen. Die vornehmsten Compagnien aber, und zwar unter Füh- rung Königsmarcks, weigerten sich, dem Befehle Sperreuters zu gehorchen, und blieben ihrer Fahne treu. Unter diesen war auch Quast. Feldmarschall Banér, um jene Zeit Generalissimus der Armee, glaubte diese Treue auszeichnen zu müssen; Kö- nigsmarck wurde Oberst und erhielt Befehl, aus den treu gebliebenen Compagnien ein neues Regiment zu bilden. In dieses neue, nunmehr Königsmarcksche, Regiment trat Albrecht Christoph als Quartiermeister ein. Binnen Jahresfrist war er Cornet und Lieutenant. Sein Mut und seine Gewandtheit fingen an, ihm in der Armee einen Namen zu machen. Als General Stahlhantsch, der in der glänzenden Schlacht bei Wittstock das schwedische Zentrum kommandierte, 1639 eine »fliegende Armee« nach Schlesien führen sollte, erbat er sich unsren Quast für diese Expediti- on, der nun als Rittmeister in das Stahlhantsche Corps eintrat. Mit diesem Corps, das inzwischen sei- nen Führer gewechselt hatte (General Goldstein er- hielt es), nahm unser Quast am 24. Februar 1645 an der siegreichen Schlacht bei Jankowitz teil. Eine Fol- ge dieser Schlacht, einer der glänzendsten Siege Torstensons, war die Umstellung von Brünn; die Kai- serlichen wurden eingeschlossen, und Quast war mit unter den Belagerungstruppen. Bei einem Ausfall, den insonderheit unser Albrecht Christoph mit großer Bravour zurückschlug, wurd er am Bein verwundet. Seine erste Verwundung nach vierzehnjähriger Kriegsfahrt, von der berichtet wird. Die Belagerung erwies sich als fruchtlos (General de Souches führte in glänzender Weise die Verteidi- gung), und Torstenson ging mit seiner Armee nach Böhmen zurück. Hier gab er Befehl, den wichtigen Punkt Kornneuburg zu befestigen und zu besetzen, und Oberst Copey mit 1000 Musketieren wurde dazu ausersehen. Da es indessen rätlich schien, auch Ka- vallerie in den Ort zu legen, außerdem aber dem Oberbefehlshaber die Beförderung unseres Quast am Herzen lag, so erhielt der letztere Ordre, eine kombi-, nierte Reitercompagnie zu bilden, und zwar durch Auswahl von je zwei Mann aus jeder Schwadron der Armee. Da die Armee 100 Reitercompagnien hatte, so ergab dies eine Stärke von 200 Mann. Die Wahl der Offiziere wurd in Quasts Hand gelegt. Mit diesem Reitercorps rückte derselbe nun, inzwischen zum Obristlieutenant ernannt, in Kornneuburg ein, um gemeinschaftlich mit Oberst Copey die Verteidigung zu leiten. Der Feind ließ auch nicht lang auf sich warten. Mit derselben Bravour, mit der Quast im Jahre zuvor die Ausfälle der Belagerten zurückgewiesen hatte, schlug er jetzt seinerseits die rasch sich wiederholenden Attacken der Belagerer ab. Freilich nicht auf die Dau- er. Die Besatzung war zu schwach, um dem über- mächtigen Gegner lange den Besitz des Ortes streitig machen zu können, und Kornneuburg fiel. Bei dem Sturme, der der Übergabe vorherging, wurde Quast zum zweiten Male, und diesmal in schmerzhafter und gefährlicher Weise, verwundet. Eine Kugel traf sei- nen Fuß und ging ihm durch Sohle, Blatt und Ferse. Die Heilung zog sich hin, und eine Lähmung des Fu- ßes blieb ihm bis zuletzt. Diese tapfre Verteidigung, für die Pfalzgraf Karl Gus- tav (der spätere König), der inzwischen das Kom- mando übernommen, unseren Quast zum Obersten aufsteigen ließ, war die letzte größere Aktion, an der dieser während des Dreißigjährigen Krieges teil- nahm. Achtzehn Jahr lang hatte er mitgestritten und unwandelbar (wie Königsmarck, der sein besonderes Vorbild gewesen zu sein scheint) auf schwedischer, Seite gestanden. Der siebzehnjährige Musketier im Regiment King war mit fünfunddreißig Jahren Reiter- oberst und Chef eines Regiments. Von 1648 an stand er mit demselben im Münsterschen, aber schon zwei Jahre später erfolgte die Auflösung der Armee. Quast nahm den Abschied. Er nahm den Abschied, aber keineswegs von der Absicht geleitet, ein für allemal aus dem schwedi- schen Dienste zu scheiden. Wir schließen dies dar- aus, daß er sich, bald nach Auflösung seines Re- giments, nach Schweden begab, um sich der Königin Christine vorzustellen. Von dieser mit Auszeichnung empfangen (sie ließ ihm ihr mit Diamanten besetz- tes, an einer güldenen Kette zu tragendes Bildnis überreichen), muß es auf den ersten Blick überra- schen, daß er die Anerbietungen, die ihm gleichzeitig gemacht wurden, ablehnte und nach verhältnismäßig kurzem Aufenthalt in Stockholm in die märkische Heimat zurückkehrte. Wir treffen aber wohl das Rich- tige, wenn wir annehmen, daß er sich bald überzeug- te, wie drüben am schwedischen Hof eine Gegenpar- tei mächtig zu werden begann, die das aus dem Kriege verbliebene deutsche Element nach Möglich- keit beseitigen und die einflußreichen Stellungen innerhalb der Armee wieder ausschließlich mit Natio- nalschweden besetzen wollte. Gleichviel indes, wel- che Motive maßgebend waren, unser Albrecht Chris- toph erschien wieder in seiner heimischen Grafschaft Ruppin, wo ihm sein Vetter Otto von Quast die Quastschen Güter Garz und Küdow käuflich abtrat, »damit er seinen in Kriegsläuften erworbenen Reich- tum nicht zum Ankauf im Auslande verwende«. Sein, Eintritt in die kurfürstliche Armee geschah nicht un- mittelbar. Dieser erfolgte nicht vor 1655. In diesem Jahre, kurz also vor Ausbruch des Krieges mit Polen, erhielt Quast ein Reiterregiment, dem er bis 1658, wie die biographischen Notizen mit großer Ruhe melden, »zur Zufriedenheit des Kurfürsten vorstand«. Diese nüchterne Bemerkung deutet am wenigsten darauf hin, daß Quast all die Zeit über im Felde war und mit seinem Regiment an der berühmten dreitägigen Schlacht von Warschau teilnahm.2) Daß er sich wäh- rend dieser Schlacht, oder während des polnischen Feldzuges überhaupt, vor andern Reiterführern aus- gezeichnet habe, wird freilich nirgends erwähnt. Die Gelegenheit zu solcher Auszeichnung bot erst der nächste Feldzug, der nicht demselben Gegner, den Polen, sondern umgekehrt dem bisherigen Verbünde- ten, den Schweden, galt. Zur Beleuchtung der Situa- tion nur wenige Worte. Brandenburg war durch den Vertrag von Labiau (1656) allerdings »für ewige Zeit« an Schweden gekettet, die Fortschritte dieses damals auf seiner Höhe stehenden Staates aber er- weckten ihm überall in Europa so viele Neider und so mächtige Feinde, daß es der Kurfürst als durch die »Staatsraison« geboten erachtete, Schweden auf- zugeben, um nicht mit ihm oder, was wahrscheinli- cher war, statt seiner zugrunde zu gehn. Die Staats- raison präponderierte damals in allen solchen Fra- gen. Eine große antischwedische Liga, ein Fünf- Mächte-Bund kam zustande, der darauf aus war, den ehrgeizigen Plänen des Schwedenkönigs Karl Gustav, (der die Gustav-Adolf-Idee eines großen »baltischen Reiches« verwirklichen wollte) ein Ziel zu setzen. Jeder einzelne Staat verfolgte dabei seine Sonderin- teressen. Die fünf verbündeten Mächte waren: Östreich, Polen, Dänemark, Holland, Brandenburg. Der Kriegsschauplatz war ein doppelter: ein östlicher (Preußen und Polen) und ein westlicher (Pommern und Holstein). Nur das holsteinsche Kriegstheater interessiert uns an dieser Stelle. Karl Gustav, im Vertrauen auf sein Geschick und sei- ne Armee, die damals als die kriegstüchtigste in Eu- ropa galt, wartete die Vereinigung so vieler Gegner nicht erst ab, sondern ging rasch zum Angriff über, vielleicht in der Hoffnung, sie einzeln zu schlagen. Der Anfang sprach auch dafür, daß es ihm glücken werde. Von der Unterelbe her in Holstein und Schleswig eindringend, besetzte er Alsen und Jütland und ging dann in dem bitterkalten Winter von 1657 auf 1658 über die gefrornen Belte. So bracht er Fü- nen und Seeland in seine Gewalt. Der Dänenkönig hatte nichts mehr als seine Hauptstadt. Auch diese (das sei vorweg bemerkt) hoffte Karl Gustav in fol- gendem Winter durch Überrumpelung in seine Ge- walt zu bringen. Er ließ einzelne seiner besten Re- gimenter weiße Hemden über die Uniformen ziehen, um auf der weißen Schneefläche weniger bemerkt zu werden, und ging nun zum Sturme gegen die Fes- tungswerke vor. Die Dänen aber waren wachsam, und, wie ein alter Geschichtsschreiber sagt, »die weißen Hemden wurden manchen zum Leichen- hemd«., Das war im Winter von 1658 auf 1659. Aber schon im Sommer vorher waren die Truppen des »Fünf- Mächte-Bundes« in die Kimbrische Halbinsel einge- rückt und hatten die Schweden, die nur 6000 Mann stark waren, vor sich her gejagt. An der Spitze der »Alliierten« stand der Kurfürst selbst.3) Rendsburg und Schloß Gottorp wurden besetzt, Alsen und Fre- dericia dem Feinde wieder entrissen. Die Schweden hatten nur noch Fünen und Seeland inne. So kam der Winter. Vielleicht hatte sich der Kurfürst der Hoffnung hinge- geben, die Belte würden wieder zufrieren wie im vo- rigen Jahr, wo der Winter, wie wir gesehen haben, dem siegreich vordringenden Karl Gustav die Brücke zu den Inseln hinüber baute. Aber die Belte blieben offen, und die Verbündeten sahen sich gezwungen, in Schleswig und Jütland Winterquartiere zu beziehn. Erst mit dem beginnenden Frühjahr (1659) wurde der Kampf wieder aufgenommen. Es galt nach wie vor die Eroberung der Inseln, zunächst Fünens, das inzwischen von seiten der Schweden in den besten Verteidigungszustand gesetzt worden war. Die hol- ländische Flotte, auf deren Dienst man bei Passie- rung des Kleinen Belts gerechnet hatte, erwies sich indessen als saumselig, so saumselig, daß dem Füh- rer der Flotte von seiten der Alliierten Schuld gege- ben ward, »er hab auf die schwedischen Fahrzeuge nur blinde Schüsse abfeuern lassen«. Politische Rücksichten, der alten Eifersucht gegen die dänische Seemacht zu geschweigen, schrieben der holländi- schen Flotte eine solche laue Haltung vor., Unter so schwierigen Verhältnissen mußte man nach und nach und gleichsam ratenweise zu gewinnen suchen, was sich auf einen Schlag nicht erreichen ließ. Man nahm also zunächst die kleine, zwischen Jütland und Fünen gelegene Insel Fanö und schickte sich nunmehr erst an, von diesem vorgeschobenen Posten aus, das eigentliche Streitobjekt (Fünen) zu erobern. Drei Angriffe wurden versucht, aber sie scheiterten alle drei. An der dritten Attacke, die die ernsthafteste war, nahmen einzelne Schiffe teil, die schwedische Flotte jedoch, inzwischen verstärkt, vernichtete die Fahrzeuge der Alliierten, welche letz- teren nicht nur unter schwerem Verluste nach Frede- ricia zurückkehrten, sondern auch Fanö wieder auf- geben mußten. Diese Niederlagen wurden endlich Ursach eines gro- ßen Erfolges. 1. Diese Jahreszahl ist wahrscheinlich die richti- ge. Zwar wird im allgemeinen das Erscheinen der Schweden (die am 15. Juli 1630 auf dem Ruden in Pommern gelandet waren) in der Kur- und Mittelmark erst in den Som- mer 1631, also ein Jahr später gesetzt, die Spezialgeschichte der Grafschaft Ruppin spricht aber mit aller Bestimmtheit von 2000 Mann schwedischer Kavallerie, die sich, nebst einem ansehnlichen Corps Infanterie, im August 1630 des Ruppiner Landes be- mächtigt hätten. In voller Übereinstimmung, damit fügen die handschriftlichen Notizen ü- ber unsern Albrecht Christoph hinzu, »daß sich die schwedischen Truppen während der Wintermonate wieder nach Pommern hin zu- rückzogen«. Das Widersprechende der Anga- ben erklärt sich vielleicht so, daß Ruppin und Uckermark damals noch eine Art Grenzland- charakter hatten und nicht voll und ganz zur eigentlichen Mark gehörig angesehen wurden. Namentlich Ruppin war noch mehr oder weni- ger ein Land für sich. 2. Die Reiterregimenter, die in dieser Schlacht brandenburgischerseits mitfochten, waren folgende: 1. Die Trabantengarde unter O- berstlieutenant Wilmersdorf, 2. Leibregiment unter dem Obersten von Canitz, 3. Regiment des Feldmarschalls Grafen Waldeck, 4. Fürst von Croys Regiment, 5. Regiment des Gene- rals Derfflinger, 6. Regiment des Oberst von Pfuel, 7. Regiment des Generals von Kannen- berg, 8. Regiment des Generalmajors von Görtzke, 9. Regiment des Oberst von Sparr, 10. Regiment des Oberst Goseff, 11. Oberst Wallenrodts Regiment und 12. Regiment des Oberst von Quast. Jedes Regiment war sechs Compagnien zu 110 Pferde stark. 3. Kurfürst Friedrich Wilhelm, damals achtund- dreißig Jahre alt, hatte 16 000 Mann Bran- denburger bei Wittstock zusammengezogen – von der Artillerie 38 Geschütze. Die einzelnen Abteilungen des Heeres wurden von Otto, Christoph von Sparr, Derfflinger, Hans Jürge von Anhalt-Dessau (Vater des alten Dessau- ers), Joachim Rüdiger von der Goltz, Georg Adam von Pfuel und Albrecht Christoph von Quast befehligt. Aus welchen Regimentern diese Truppen bestanden, läßt sich leider nicht mit Bestimmtheit sagen. Es gab über- haupt damals keine Regimenter in unserem Sinne. Es gab Festungsgarnisonen; aus die- sen Garnisonen wurden einzelne Compagnien genommen, andre Compagnien aus andren Garnisonen hinzugetan und auf diese Weise Regimenter gebildet, die nun den Namen ih- res jeweiligen Führers annahmen. So konnt es kommen, daß dieselben zwei Compagnien, die in einem Jahre im Regiment Quast oder Pfuel gefochten hatten, im nächsten Jahre zum Regiment Dessau oder Dohna gehörten. – Zu den 16 000 Brandenburgern stießen 11 000 Kaiserliche unter Montecuccoli und 5000 Polen unter General Zarnecki, die sich aber schließlich als bloße Plünderbande erwie- sen. Im ganzen 32 000 Mann. Dänische Ab- teilungen erschienen erst im Laufe des Krie- ges. Der Kurfürst hatte mißmutig den Kriegsschauplatz in Jütland verlassen, um nach Pommern zu eilen, von wo aus eine andere Abteilung des schwedischen Hee- res in die Mark einzufallen drohte. Nur vier Reiterre- gimenter und einige Compagnien Fußvolk waren, brandenburgischerseits in Jütland geblieben. Diese standen unter der Führung unsers Albrecht Christoph von Quast, während den Gesamtoberbefehl über die in Jütland stehenden Alliierten der dänische Feldmar- schall von Eberstein führte. Die Holländer, die sich, wie schon hervorgehoben, bis dahin abgeneigt ge- zeigt hatten, zu besondrem Nutz und Frommen Dä- nemarks die Kastanien aus dem Feuer zu holen, er- kannten endlich, daß etwas Entscheidendes gesche- hen müsse, wenn nicht der Zweck des ganzen Krie- ges: Brechung der Übermacht Schwedens, als ge- scheitert betrachtet werden solle. Nebenher mochte der Unmut des Kurfürsten das Seinige dazu beitra- gen, daß energischere Entschlüsse im Haag die O- berhand gewannen. So erschien denn Admiral de Ruyter in der Ostsee. Im Hafen zu Kiel wurd eine ziemlich bedeutende dänisch-holländische Streit- macht – die hier im Rücken des eigentlichen Kriegs- schauplatzes unter Feldmarschall von Schack zu- sammengezogen worden war – eingeschifft und durch den Großen Belt geführt, um im Norden Fü- nens gelandet zu werden. Gleichzeitig aber sollte das in Jütland stehengebliebene verbündete Heer einen vierten Versuch zur Überschreitung des Kleinen Bel- tes machen. Beide Unternehmungen glückten. Feld- marschall Schack landete in Kerteminde, Feldmar- schall Eberstein bei Middelfart. In Odense vereinigten sich beide Heerkörper, die nun, etwa 16 000 Mann stark, gegen den Pfalzgrafen von Sulzbach, der die Schweden führte, vorrückten. Dieser hatte zunächst gehofft, die heranrückenden Armeen der Alliierten einzeln angreifen zu können;, als sich dies aber als unmöglich erwies, nahm er fes- te Stellung vor der Festung Nyborg. Die vom Pfalzgrafen gewählte Position war geschickt genug: in Front ein Graben, der, durch ein mooriges Terrain gezogen, an einzelnen Stellen mit Wasser gefüllt, an andern, schmaleren aber derart verschüt- tet war, daß sich ein Übergang ermöglichte, selbst für Kavallerie. Diese leicht zu verteidigenden Über- gänge dienten dem schwedischen General als Aus- fallbrücken. Den rechten Flügel kommandierte der Pfalzgraf selbst, den linken Generallieutenant Horn; im Zentrum stand der erfahrene General Stenhock mit vierzehn Compagnien Fußvolk und fünf Geschüt- zen vor seiner Front. Reserven, weil es an Mann- schaften fehlte, hatte die schwedische Aufstellung beinahe gar nicht. Dies war die Position, gegen welche die Verbündeten am Morgen des 24. November anrückten. Das Zent- rum (holländische Infanterie unter den Obersten Kil- legray, Alowa und Meteren) führte Feldmarschall Schack, den linken Flügel Eberstein, den rechten unser Albrecht Christoph von Quast. Das zweite Tref- fen bestand ausschließlich aus den dänischen Re- gimentern Trampe, Rantzau, Ahlefeldt, Brockhausen, Güldenleu. Die alliierte Armee war zahlreicher als die schwedische, die schwedische aber, kriegsgewohn- ter, hatte zudem noch den Vorteil, ein Ganzes zu bilden, während die Alliierten aus ganz widerstre- benden Nationalitäten zusammengesetzt waren. Im Kommando scheint auf beiden Seiten keine rechte, Einigkeit geherrscht zu haben, jedenfalls handelten die Generale der Alliierten zumeist auf eigene Hand. Der linke Flügel der letztren eröffnete das Gefecht. Hier standen (wenn ein alter Schlachtenatlas1), den wir zu Rate ziehen, das Richtige angibt) unter Füh- rung des dänischen Feldmarschalls von Eberstein die brandenburgischen Reiterregimenter Quast, Kannen- berg, Gröben und ein Dragonerregiment. Ihr Angriff scheiterte an der Ungunst des Terrains. Sie wurden geworfen. Der rechte Flügel teilte das Schicksal des linken. Hier, wie wir wissen, kommandierte Quast in Person und führte zunächst die kaiserlichen Re- gimenter Matthias und Graf Caraffa, ferner das däni- sche Regiment von der Natt und die polnische Briga- de Przimsky ins Feuer. Aber auch sie konnten nichts ausrichten. In diesem kritischen Momente, wo die Reiterei, die zum Teil in das Moor einsank, ersichtlich den Dienst versagte, rückte von Quast mit einer Ab- teilung Infanterie (Pikenträger) gegen den Pfalzgra- fen vor, und dieser Angriff entschied. Quast erhielt zwei Kugeln in den Leib, ließ sich aber, als er infolge so schwerer Verwundung nicht mehr reiten noch ge- hen konnte, auf die Schultern seiner Pikeniere heben und durchbrach so den feindlichen linken Flügel. Dies gab gleichzeitig das Zeichen zum Vorrücken der hol- ländischen Brigaden im Zentrum, die bis dahin untä- tig dem Kampfe zugesehen hatten. Und jetzt griff auch die Reiterei wieder ein und warf den Feind über den Haufen. Der Rückzug der Schweden wurde bald eilige Flucht. Ihr Führer, der Pfalzgraf, entkam auf einem Fischerboote, mitten durch die holländische Flotte, nach Korsör auf Seeland, wo er dem harren-, den Schwedenkönige die Nachricht von der verlore- nen Schlacht brachte. Nyborg, das General von Horn zu halten versuchte, fiel schon am andern Tag; er und das ganze schwedische Corps wurden kriegsge- fangen. Unser Quast hatte den entscheidenden Schlag getan, darüber sind alle Berichte so ziemlich einig, und nur darin weichen sie voneinander ab, mit welchen Re- gimentern er den feindlichen linken Flügel durch- brach. Es scheinen unter allen Umständen keine Brandenburger gewesen zu sein, denn die Truppen, die brandenburgischerseits an der Affaire teilnah- men, waren zugestandenermaßen Reiterregimenter, die, gleichviel, an welchem Flügel sie gestanden ha- ben mögen, das Schicksal der kaiserlichen Reiterei teilten und nirgends die feindliche Schlachtreihe zu durchbrechen vermochten. Quast gab allerdings den Ausschlag, aber an der Spitze dänischer Pikeniere, die seinem Flügel zunächst in Reserve standen. (Nach einem andern Bericht hätten die holländischen Brigaden des Zentrums die schon halb verlorene Schlacht wieder zum Stehen gebracht. Dann erst hätte Quast mit dem wieder gesammelten rechten Flügel den letzten Schlag getan. Auch diese Lesart hat manches für sich.) Der Sieg von Nyborg war ent- scheidend. Die Nachricht von der totalen Niederlage seines Heeres soll den schwerkranken Schwedenkö- nig so erschüttert haben, daß er infolge davon starb, ein Todesfall, der bald danach zum 'Frieden von Oli- va und durch ebendiesen Frieden zur endgültigen Oberhoheit Brandenburgs über das Herzogtum Preu- ßen führte. Die Alliierten, nachdem sie zwei Jahre, lang die Kimbrische Halbinsel besetzt gehalten hat- ten, räumten nunmehr das Land. In Hamburg schon wurden die Regimenter entlassen, und auch Quast (übrigens im Dienste des Kurfürsten verbleibend) ging auf seine Güter. Über die letzten Lebensjahre des Generals wissen wir wenig. Er scheint dieselben, zunächst wenigstens, in ländlicher Zurückgezogenheit und im Kreise seiner Familie zugebracht zu haben. Die niedergebrannten Dörfer wurden aufgebaut, die wüsten Felder neu be- stellt, die geplünderten Kirchen erhielten Altarleuch- ter, Glocken und Kelche. 1661 verheiratete er sich zum zweiten Male, mit Elisabeth Dorothea von Goer- ne, und drei Jahre später (1664) zum dritten Male, mit Ilse Katharine von Rössing, einer verwitweten von Planitz. Diese dritte Gemahlin überlebte ihn. 1667 betraute ihn der Kurfürst aufs neue mit Errich- tung eines Regiments und ernannte ihn beinah gleichzeitig zum Gouverneur der Veste Spandau. Hier starb er, sechsundfünfzig Jahre alt, am 7. Mai 1669 und ward in der dortigen Sankt-Nikolai- Kirche beigesetzt. Erst in neuesten Zeit erfolgte die Überführung nach dem alten Stammgute Garz. In der Gruft der Kirche daselbst steht seitdem ein mächtiger, mit Basreliefornamenten und den Wap- pen der Ahnen reich ausgestatteter Zinnsarg, der die Inschrift trägt: »Der hochedelgeborne Herr, Herr Albrecht Christoph von Quast, kurfürstlich branden- burgischer Geheimer Kriegsrat, Generalfeldwacht- meister der Kavallerie, Oberster zu Roß und zu Fuß, Gouverneur und Oberhauptmann der Veste und Stadt Spandau, zu Garz, Damme, Vichel, Rohrlack, und Wutzetz Erbherr, geboren am 10. Mai 1613, ge- storben auf der Veste Spandau am 7. Mai 1669. Wartet der fröhlichen Auferstehung zum ewigen Le- ben.«3) Dies ist es, was wir imstande gewesen sind über das Leben Albrecht Christophs von Quast zusammenzu- tragen. Es ist alles ziemlich äußerlicher Natur, äußer- lich folgen die Taten aufeinander, äußerlich sehen wir ihn steigen von Stufe zu Stufe. Tradition und Sage, die von Derfflinger und Sparr so mannigfach erzäh- len, haben sich unsres »Siegers von Nyborg« nicht bemächtigt; es fehlen alle Züge, die uns eine tiefere Teilnahme an seinem Lebensgange einzuflößen ver- möchten. Und doch war dieser Sieg, den wir vorwie- gend ihm verdanken, von einer nach mehr als einer Seite hin entscheidenden Bedeutsamkeit. Durch den- selben erlangte Brandenburg, wie wir gesehen ha- ben, die volle Souverainetät über Preußen und somit die Basis für die Königskrone, während für Dänemark aus ebendiesem Kriege sein Königsgesetz hervor- ging. Zudem war unser Albrecht Christoph der erste, der die brandenburgischen Waffen, vor zweihundert Jahren schon, auf eine der dänischen Inseln hinüber- trug. Die Ehren der Düppelstürmer von heute sind freilich reicher ausgefallen als die der Nyborg-Sieger von damals, aber je heller die Gegenwart strahlt, je mehr geziemt es sich, in Dankbarkeit derer zu gedenken, die ruhmvoll voranschritten. Unter ihnen in vorders- ter Reihe – Albrecht Christoph von Quast., Aus der Gruft, darin wir eben die Inschrift am Zinnsarge Albrecht Christophs entziffert haben, tre- ten wir wieder ins Freie, atmen auf in Luft und Licht und schreiten dem Herrenhause zu. Der kühle, mit Marmorfliesen gedeckte Raum heimelt uns bei der drückenden Hitze doppelt an, und doch ist es nicht diese kühle, fliesengedeckte Halle, was uns hierher- führte, sondern umgekehrt der sonnenbeschienene Vorflur im ersten Stock, wo wir einem seltsamen Erinnerungsstücke begegnen, das eine sehr andre Zeit als die Zeit unseres Albrecht Christoph vor uns heraufbeschwört. Hier, an einem breiten Fensterpfei- ler, an demselben Platz etwa, wo sonst eine Flora oder Pomona oder irgendein andres Stück griechi- scher Mythologie zu stehen pflegt, erhebt sich statu- enhaft und auf niedrigem Postament ein Riesenstiefel mit einem neun Zoll langen Sporn daran und einer anderthalb Zoll dicken Sohle. Das Ganze ein Kunst- werk in seiner Art und trotz seines riesigen Umfan- ges von einer gewissen Eleganz der Erscheinung. Dieser Stiefel hat seine Geschichte. Wer kennt nicht das Regiment Gensdarmes? Und wer hätte nicht gehört von der Verschwendungslust und Tollkühnheit seiner Offiziere, von ihrem Mut und Ü- bermut! Unter den jungen Offizieren ebendieses Regimentes war denn auch Wolf Ludwig Friedrich von Quast, we- gen seiner tollkühnen Streiche kurzweg der »tolle Quast« genannt. Eines Tages (wahrscheinlich im Jah-, re 1794) ging er mit Lieutenant von Jürgaß, dem spätern ausgezeichneten Kavalleriegeneral unter Yorck, über die Weidendammer Brücke, als ihnen, einige Häuser weiter, ein riesiger Sporn auffiel, der im Schaufenster eines Eisenladens hing. Es ward ausgemacht, daß derjenige, der zuerst in Arrest kä- me, das wunderliche Ding kaufen solle. Jürgaß war der erste, der dieses Vorzugs genoß, und kaufte den Sporn, aber freilich nicht, ohne beim Kauf ein neues Abkommen getroffen zu haben: »Der nächste, der in Arrest kommt, läßt einen Stiefel dazu machen.« Die- ser nächste war nun selbstverständlich Quast, und schon eine Woche danach wurde der etwa sechs Fuß hohe Riesenstiefel unter allen möglichen Formalitä- ten in die Kaserne getragen. Da stand er nun, der Koloß, und der Sporn ward ihm angeschnallt. Aber der Übermut, einmal wach geworden, sehnte sich nach mehr, und so beschloß man denn einstimmig, dem Stiefel zu Ehren ein Fest zu geben, bei dem der Stiefel selbst als Bowle fungieren sollte. Gesagt ge- tan. Das Fest verlief unter dem Jubel aller Beteilig- ten, aber doch andrerseits auch so, daß folgenden Tages Ordre kam, auf den Stiefel zu fahnden. So leichten Kaufs indes gedachten die jungen Offiziere weder sich noch ihren Stiefel fangen zu lassen, und als die diesem letzteren geltende Stubenrevision ih- ren Anfang nahm, war der große Stiefel schon mit Extrapost auf dem Wege nach Garz. Aber auch hier war seines Bleibens nicht lange. Das Versteck war verraten worden, und eine Reiterpatrouille hatte striktesten Befehl erhalten, den »Stiefel der Gens- darmes«, es koste, was es wolle, zur Stelle zu schaf- fen. Was tun in dieser Lage?, Das erste war, ebendieser Patrouille, die schon drei Meilen Vorsprung hatte, diesen Vorsprung wieder abzugewinnen. Es sattelten also befreundete Kame- raden, überholten im Fluge das ziemlich ruhig seines Weges trottende Piquet und führten den gefährdeten Liebling von Garz nach Ganzer hinüber, wo derselbe nunmehr, in einem abgelegensten Scheunenwinkel, unter hochaufgeschichteten Strohmassen versteckt wurde. Daselbst stand er über ein Menschenalter. Das Re- giment Gensdarmes war längst tot und die Jürgasse längst ausgestorben, da erbat sich der jetzige Besit- zer von Garz, Rittmeister von Quast, den Stiefel von Ganzer her zurück, »da dieser, wenn irgendwohin, am ehesten nach dem ehemaligen Gute des ›tollen Quast‹ gehöre«. Gern wurd ihm gewillfahrt, und blank aufgeputzt steht er seitdem auf dem Flure des Garzer Herrenhauses, ein charakteristisches Über- bleibsel aus den Tagen des ›Regiments Gensdar- mes‹«. Wolf Quast, wie so viele Militärs jener mit Unrecht in Bausch und Bogen verurteilten Zeit, war übrigens keineswegs ein bloßer »Junker Übermut«, der nur mit Sporn und Degen über die Straße zu rasseln und gelegentlich in einem Riesenstiefel eine Bowle zu brauen verstand, er war vielmehr umgekehrt ein Mann von hervorragenden Gaben, der die Pflege »nobler Passionen« mit Bildung, Belesenheit und künstlerischem Sinn sehr wohl zu vereinigen wußte. Soldat mit Leib und Seele, war er darauf aus, dem Dienst eine ideale, fast eine wissenschaftliche Seite, abzugewinnen, und legte seine Reitererfahrungen in einem Buche nieder, das, wie Fachleute versichern, in allen erheblichen Punkten auch bis heute noch unübertroffen geblieben ist. Seine künstlerischen Neigungen führten ihn nach dem Süden, wo er 1804 erst in Rom und dann in Paris mit Schinkel zusam- mentraf. Dieser schrieb im Dezember genannten Jahres an den Geheimrat von Prittwitz: »Herr von Quast, mit dem ich schon in Rom schöne Genüsse teilte und den ich hier in Paris wiederfinde, verspricht mir die Ausrichtung meiner Empfehlungen« etc. Das alles deutet auf mehr als auf bloße Tollheiten und Fähnrichstreiche. Das Ende Wolf Quasts war beklagenswert. Der bril- lante Reiter starb infolge eines Sturzes mit dem Pferde. Freilich war Mangel an Geschicklichkeit nicht die Ursach. In der Wilhelmstraße, dicht am Platz, war das Pflaster behufs einer Röhrenlegung aufgenom- men und bei Einbruch der Dunkelheit für die vor- schriftsmäßige Einzäunung nicht Sorge getragen worden. Quasts Pferd stürzte an dieser Stelle. Er selbst fiel so unglücklich, daß er bald danach im Rad- ziwillschen Palais, wohin man ihn brachte, starb, am 2. Mai 1812. Sein Eichensarg, ohne besonderen Schmuck, steht in der Familiengruft zu Garz. Er war am 13. Februar 1769 geboren., 1. Dieser Schlachtenatlas (kein gedrucktes, son- dern ein mit Wasserfarben und Frakturschrift sauber ausgeführtes Werk) führt den Titel: »Ein Buch aller der fürnehmsten Bataillen und Campementen, so in diesem2) Säculo, und zwar von 1620 bis 1693, von Jahren zu Jah- ren seind gehalten worden«. Das neunund- dreißigste Blatt enthält die Aufstellung beider Armeen in der Schlacht bei Nyborg. Halte ich alles zusammen, was ich in Pufendorf, Orlich und in zwei Aufsätzen von Professor Dr. Stuhr (»Allgemeines Archiv für die Geschichtskunde des Preußischen Staats«. Berlin, Mittler 1831) und von Hofrat L. Schneider (»Soldaten- freund«. Septemberheft 1864) gelesen habe, so komm ich immer wieder zu der Ansicht, daß der alte Schlachtenatlas wahrscheinlich mehr recht hat als irgendeine andre Beschrei- bung. Unter den verschiedenen Punkten, wor- in derselbe von den Angaben der Historiker abweicht, ist der eine für uns von Belang, wonach Generalmajor von Quast – wie oben im Text des näheren angeführt werden wird – auf dem rechten Flügel keine brandenburgi- schen, sondern kaiserliche Reiterregimenter, Dänen und Polen unter seinem Kommando hatte. Der Atlas gibt die Namen der Regimen- ter genau an, und dies Vertrautsein mit den Details spricht dafür, daß der Verfasser über- haupt Bescheid wußte. 2. Das »so in diesem Säculo« scheint darauf hinzudeuten, daß der Atlas noch vor 1700 an-, gefertigt wurde. Dem entspricht auch das Ge- samtansehen. Das interessante Werk ist jetzt Eigentum des Geheimen Rat von Quast auf Radensleben. Er empfing es im März 1864 als ein Andenken von dem mittlerweile verstor- benen Obristlieutenant Kindt, einem Schles- wig-Holsteiner. Dieser hatte es auf einer Auk- tion erstanden und vermutete, daß es von ei- nem General Wolf (seinerzeit in dänischem Dienst) verfaßt beziehungsweise gezeichnet worden sei. 3. Neben dem mächtigen Zinnsarge des Gene- ralfeldwachtmeisters steht ein etwas kleine- rer, im übrigen mit ziemlich denselben Emb- lemen reich verzierter Kupfersarg, in dem Ot- to Gottfried von Quast, ein Neffe des Gene- rals, begraben liegt. Er fiel bei Fehrbellin. Die Inschrift des Sarges lautet: »Hier ruhet der hochedelgeborne Herr, Herr Otto Gottfried von Quast, kurfürstlich brandenburgischer, unter des Herrn General Lüdeckens Regiment bestallter Adjutant, auf Garz und Küdow Erb- herr, geboren Anno 1656 am 23. März; in dem mit der schwedischen Armee bei Fehr- bellin am 18. Juni 1675 gehaltenen Treffen tödlich verwundet und am 22. ejusd. allhier in Spandau selig verstorbene (Auch dieser Sarg ward ursprünglich in der Nikolaikirche zu Spandau beigesetzt. Daher das »allhier in Spandau«.),

Das Dosse-Bruch

»Ihr habt mir nichts zu danken,

Denn davor bin ich da.« H. von Blomberg

Eine halbe Meile westwärts von Garz treten wir in eine fruchtbare Niederung ein, die hier durch den Zusammenfluß des Rhins und der Dosse gebildet wird und seit Jahrhunderten den Namen des Dosse- Bruches führt. Die Dosse (in alten Urkunden Doxa oder Dossia) ent- springt an der Grenze von Prignitz und Mecklenburg und geht, an Wittstock, Wusterhausen und Neustadt vorüber, in fast ununterbrochen südlicher Richtung in Rhin und Havel. An ihrem Ufer hin, das trotz vor- herrschender Öde manchen schönen Punkt aufweist (so zum Beispiel Amt Fretzdorf, alte Dosse-Burg, seit lange Besitztum der Freiherrn von Karstedt), wohnte der vielgenannte Stamm der Dossaner, die das Grenzland zwischen den wilzischen und obotritischen Wenden innehatten. Auf den Feldmarken von Brunn und Trieplatz, Dörfer, auf die wir weiterhin zurück- kommen, finden sich noch Spuren alter, dreifacher Wälle, deren Ursprung sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf jene Zeit der Kämpfe zwischen den Sachsen und Slawen zurückführen läßt., Etwa bei Wusterhausen, wenn wir dem Lauf des Flusses folgen, beginnt das Dosse-Bruch. Es hatte vordem so ziemlich denselben Sumpfcharakter wie das Oder-Bruch; alles lag wüst und befand sich in einem Urzustande. Werftweiden, Elsen und anderes Gebüsch bedeckten den größten Teil der Niederung, und nur hier und da lagen Stellen über dem Wasser, die nun als Wiesen und Weide dienten. Dreetz und Sieversdorf, mitten im Bruch auf zwei Sandschollen erbaut, hatten ungeheure Feldmarken, ohne sie recht benutzen zu können, weil das Vieh im Sumpfe steckenblieb. Schon die Namen der einzelnen Ört- lichkeiten hatten schlimmen Klang: Dolenbusch, Brand und der Tarterwinkel. Kolonisationsversuche wurden ziemlich früh ge- macht. Bereits der Landgraf von Hessen-Homburg begann Abzugsgräben zu ziehen; später suchte Kö- nig Friedrich Wilhelm I. (und zwar nach Entwässe- rung des Havelländischen Luches) auch hier die Ka- nalisierung in ein System zu bringen. Aber erst unter dem großen Könige kamen die Dosse-Bruch-Arbeiten zu verhältnismäßigem Abschluß. An Widerstand hat- ten's die Nächstbeteiligten nicht fehlen lassen; ihrer Auflehnungen indes war man bald Herr geworden. Wo nicht freier Wille zu Hülfe kam, erfolgte Zwang. 1778 endigten die Vorarbeiten: 15 000 Morgen Land waren gewonnen, 25 neue Dörfer und Ortschaften gegründet, 1500 Ansiedler angesetzt. Der König wollte nunmehr mit eignen Augen sehen, was hier geschaffen worden sei., Den 23. Juli 1779 brach er zu diesem Behufe fünf Uhr morgens von Potsdam auf und ging zunächst über Fahrland, Dyrotz, Wustermark, Nauen und Kö- nigshorst bis Seelenhorst. Hier, in Seelenhorst, trat der König in den Fehrbelli- ner Amtsbezirk ein, und statt des Königshorster Amtsrats, der auf der Fahrt durchs Havelländische Luch den Führer gemacht hatte, erschien nunmehr der Oberamtmann Fromme neben dem Wagen des Königs, um Seine Majestät durch das Fehrbelliner Revier hin zu geleiten. Der König fand Wohlgefallen an ihm, stellte viele Fragen und behielt ihn mehrere Stunden lang an seiner Seite. Fromme hat in einem Schreiben an den alten Vater Gleim, der sein Onkel war, alles aufgezeichnet, was er in diesen denkwürdigen Stunden erlebt oder aus dem Munde des Königs vernommen hat, und es ist nunmehr Fromme, den ich in nachstehendem spre- chen lasse.

Friedrichs II. Besuch im Rhin- und Dosse-Bruch

Um acht Uhr morgens kamen Ihro Majestät auf Seelenhorst an und hatten den Herrn General Grafen von Görtz im Wagen bei sich. Ihro Majestät sprachen bei der Umspannung mit den Zietenschen Husarenof- fiziers, die auf den umliegenden Dörfern auf Grasung standen, und bemerkten mich nicht. Weil die Dämme zu schmal sind, konnt ich neben dem Wagen nicht, reiten. (Fromme ritt also vorauf oder hinterher.) In Dechtow bekamen Ihro Majestät den Herrn Rittmeis- ter von Zieten, dem Dechtow gehört, zu sehen und behielten ihn – der Weg war hier breiter – neben sich, bis dahin, wo die Dechtowsche Feldmark zu Ende geht. Hier wurde wieder umgespannt und Hauptmann von Rathenow auf Karwesee, ein alter Liebling des Königs, trat an den Wagen heran. Hauptmann von Rathenow: »Untertänigster Knecht, Ihro Majestät!« König: »Wer seid Ihr?« Hauptmann: »Ich bin der Hauptmann von Rathe- now1) aus Karwesee.« König: (die Hände faltend): »Mein Gott! lieber Ra- thenow, lebt Er noch? Ich dacht, Er wäre längst tot. Wie geht es Ihm? Ist Er gesund?« Hauptmann: »O ja, Ihro Majestät.« König: »Aber, mein Gott! wie dick ist Er geworden.« Hauptmann: »Ja, Ihro Majestät, Essen und Trinken schmeckt immer noch; nur die Füße wollen nicht fort.« König: »Ja! das geht mir auch so. Ist Er verheira- tet?«, Hauptmann: Ja, Ihro Majestät!« König: »Ist Seine Frau mit unter den Damen dort?« Hauptmann: »Ja, Ihro Majestät!« König: »Laß Er sie doch herkommen!« (Sogleich den Hut ab.) »Ich find an Ihrem Herrn Gemahl einen gu- ten alten Freund.« Frau von Rathenow: »Sehr viel Gnade für meinen Mann.« König: »Was sind Sie für eine geborene?« Frau von Rathenow. »Ein Fräulein von Kröcher!« König: »Haha! eine Tochter vom General von Krö- cher!« Frau von Rathenow: »Ja, Ihro Majestät.« König: »Oh, den hab ich recht gut gekannt. – Hat Er auch Kinder, Rathenow?« Hauptmann: »Ja, Ihro Majestät! Meine Söhne sind in Diensten, und dies sind meine Töchter!« König: »Na! das freut mich. Leb Er wohl, mein lieber Rathenow! Leb Er wohl!«, Nun ging der Weg nach Fehrbellin, und Förster Brand ritt als Forstbedienter mit. Als wir an einen Fleck von Sandschellen kamen, die vor Fehrbellin liegen, sagten Ihro Majestät: »Förster, warum sind die Sandschellen nicht besäet?« Förster: »Ihro Majestät sie gehören nicht zur könig- lichen Forst; sie gehören mit zum Acker. Zum Teil besäen die Leute sie mit allerlei Getreide. Hier, rech- ter Hand, haben sie Kienäpfel gesäet!« König: »Wer hat die gesäet?« Förster: »Hier der Oberamtmann!« König (zu mir): »Na! sagt es meinem Geheimden Rat Michaelis, daß die Sandschellen besäet werden sollen.« – (Zum Förster:) »Wißt Ihr aber auch, wie Kienäpfel gesäet werden müssen?« Förster: »O ja, Ihro Majestät!« König: »Na! wie werden sie gesäet? von Morgen gegen Abend oder von Abend gegen Morgen?« Förster: »Von Abend gegen Morgen.« König: »Das ist recht; aber warum?« Förster: »Weil aus dem Abend die meisten Winde kommen.«, König: »Das ist recht!« Nun kamen Ihro Majestät zu Fehrbellin an, spra- chen daselbst mit dem Lieutenant Probst vom Zie- tenschen Husarenregiment (schon sein Vater stand als Rittmeister bei den Zietenschen) und mit dem fehrbellinischen Postmeister, Hauptmann von Mosch. Als angespannt war, wurde die Reise fortgesetzt, und da Ihro Majestät gleich danach an meinen Gräben, die im Fehrbellinschen Luch auf königliche Kosten gemacht sind, vorbeifuhren, so ritt ich an den Wagen und sagte: »Ihro Majestät, das sind schon zwei neue Gräben, die wir durch Ihro Majestät Gnade hier er- halten haben und die das Luch uns trocken erhal- ten.« König: »Soso; das ist mir lieb! Wer seid Ihr?« Fromme: »Ihro Majestät, ich bin der Beamte hier von Fehrbellin.« König,: »Wie heißt Ihr?« Fromme: »Fromme.« König: »Haha! Ihr seid ein Sohn von dem Landrat Fromme.« Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden, mein Vater ist Amtsrat im Amte Lähme gewesen.«, König: »Amtsrat! Amtsrat! Das ist nicht wahr! Euer Vater ist Landrat gewesen. Ich habe ihn recht gut gekannt. Sagt mir einmal, hat Euch die Abgrabung des Luchs hier viel geholfen?« Fromme: »O ja, Ihro Majestät!« König: »Haltet Ihr mehr Vieh als Euer Vorfahr?« Fromme: »Ja, Ihro Majestät! Auf diesem Vorwerk halt ich vierzig, auf allen Vorwerken siebenzig Kühe mehr!« König,: »Das ist gut. Die Viehseuche ist doch nicht hier in der Gegend?« Fromme. »Nein, Ihro Majestät.« König: »Habt Ihr die Viehseuche hier gehabt?« Fromme: »Ja!« König: »Braucht nur fein fleißig Steinsalz, dann werdet Ihr die Viehseuche nicht wieder bekommen.« Fromme: »Ja, Ihro Majestät, das brauch ich auch; aber Küchensalz tut beinah ebendie Dienste.« König: »Nein, das glaubt nicht! Ihr müßt das Stein- salz nicht kleinstoßen, sondern es dem Vieh so hin- hängen, daß es dran lecken kann.«, Fromme: »Ja, es soll geschehen.« König: »Sind sonst hier noch Verbesserungen zu machen?« Fromme: »O ja, Ihro Majestät. Hier liegt die Krem- men-See. Wenn selbige abgegraben würde, so be- kämen Ihro Majestät an achtzehnhundert Morgen Wiesenwachs, wo Kolonisten könnten angesetzt wer- den, und würde dadurch die ganze Gegend hier schiffbar, welches dem Städtchen Fehrbellin und der Stadt Ruppin ungemein aufhelfen würde; auch könn- te vieles aus Mecklenburg zu Wasser nach Berlin kommen.« König: »Das glaub ich! Euch wird aber wohl bei der Sache sehr geholfen, viele dabei ruiniert, wenigstens die Gutsherren des Terrains; nicht wahr?« Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden: das Terrain gehört zum königlichen Forst, und stehen nur Birken darauf.« König: »Oh, wenn weiter nichts ist wie Birkenholz, so kann's geschehen! Allein, Ihr müßt auch nicht die Rechnung ohne den Wirt machen, daß nicht die Kos- ten den Nutzen übersteigen.« Fromme: »Die Kosten werden den Nutzen gewiß nicht übersteigen! Denn erstlich können Ihro Majes- tät sicher darauf rechnen, daß achtzehnhundert Mor- gen von dem See gewonnen werden; das wären, sechsunddreißig Kolonisten, jeder zu funfzig Morgen. Wird nun ein kleiner, leidlicher Zoll auf das Floßholz gelegt und auf die Schiffe, die den neuen Kanal pas- sieren, so wird das Kapital sich gut verzinsen.« König: »Na! sagt es meinem Geheimden Rat Mi- chaelis! Der Mann versteht's, und ich will Euch raten, daß Ihr Euch an den Mann wenden sollt in allen Stü- cken und wenn Ihr wißt, wo Kolonisten anzusetzen sind. Ich verlange nicht gleich ganze Kolonien; son- dern wenn's nur zwo oder drei Familien sind, so könnt Ihr's immer mit dem Mann abmachen!« Fromme: »Es soll geschehen, Ihro Majestät.« König: »Kann ich hier nicht Wustrau liegen sehen?« Fromme: »Ja, Ihro Majestät; hier rechts, das ist's.« König: »Ist der General zu Hause?« Fromme: »Ja!« König: »Woher wißt Ihr das?« Fromme: »Ihro Majestät, der Rittmeister von L'Estocq liegt in meinem Dorf auf Grasung, und da schickten der Herr General gestern einen Brief durch den Reitknecht an ihn. Da erfuhr ich's.« König: »Hat der General von Zieten auch bei der Abgrabung des Luchs gewonnen?«, Fromme: »O ja; die Meierei hier rechts hat er ge- baut und eine Kuhmolkerei angelegt, welches er nicht gekonnt hätte, wenn das Luch nicht abgegra- ben wäre.« König: »Das ist mir lieb! Wie heißt der Beamte zu Alten-Ruppin?« Fromme: »Honig!« König: »Wie lang ist er da?« Fromme: »Seit Trinitatis.« König: »Seit Trinitatis? Was ist er vorher gewesen?« Fromme: »Canonicus.« König: »Canonicus? Canonicus? Wie führt der Teufel zum Beamten den Canonicus?« Fromme: »Ihro Majestät, er ist ein junger Mensch, der Geld hat und gern die Ehre haben will, Beamter von Ihro Majestät zu sein.« König: »Warum ist aber der alte nicht geblieben?« Fromme: »Ist gestorben.« König: »So hätte doch die Witwe das Amt behalten können.«, Fromme: »Ist in Armut geraten!« König: »Durch Frauenwirtschaft?« Fromme: »Ihro Majestät verzeihen, sie wirtschaftete gut, allein die vielen Unglücksfälle haben sie zugrun- de gerichtet; die können den besten Wirt zurückset- zen. Ich selber habe vor zwei Jahren das Viehsterben gehabt und habe keine Remission erhalten; ich kann auch nicht wieder vorwärtskommen.« König: »Mein Sohn, heut hab ich Schaden am linken Ohr, ich kann nicht gut hören.« Fromme: »Das ist schon eben ein Unglück, daß der Geheimde Rat Michaelis den Schaden auch hat!« (Nun blieb ich ein wenig vom Wagen zurück: ich glaubte, Ihro Majestät würden die Antwort ungnädig nehmen.) König: »Na! Amtmann, vorwärts! Bleibt beim Wa- gen, aber nehmt Euch in acht, daß Ihr nicht unglück- lich seid. Sprecht nur laut, ich verstehe recht gut.« (Diese mit kursiven Lettern gedruckten Worte wie- derholten Ihro Majestät wenigstens zehnmal auf der Reise.) »Sagt mir mal: wie heißt das Dorf da? rechts.« Fromme: »Langen.« König: »Wem gehört's?«, Fromme: »Ein Drittel Ihro Majestät, unter dem Am- te Alten-Ruppin; ein Drittel dem Herrn von Hagen; und dann hat der Dom zu Berlin auch Untertanen darin.« König: »Ihr irrt Euch, der Dom zu Magdeburg!« Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin.« König,: »Es ist aber nicht wahr, der Dom zu Berlin hat keine Untertanen.« Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin hat in meinem Amtsdorfe Karwesee drei Untertanen.« König: »Ihr irrt Euch, das ist der Dom zu Magde- burg.« Fromme: »Ihro Majestät, ich müßte ein schlechter Beamter sein, wenn ich nicht wüßte, was in meinen Amtsdörfern für Obrigkeiten sind.« König: »Ja, dann habt Ihr recht! Sagt mir einmal: hier rechts muß ein Gut liegen, ich kann mich nicht auf den Namen besinnen; nennt mir die Güter, die hier rechts liegen.« Fromme: »Buskow, Radensleben, Sommerfeld, Beetz, Karwe.«, König: »Recht! Karwe. Wem gehört das Gut?« Fromme: »Dem Herrn von Knesebeck.« König: »Ist er in Diensten gewesen?« Fromme: »Ja! Lieutenant oder Fähnrich unter der Garde.« König: »Unter der Garde?« (An den Fingern zäh- lend.) »Ihr habt recht, er ist Lieutenant unter der Garde gewesen! Das freut mich sehr, daß das Gut noch in Knesebeckschen Händen ist. – Na! sagt mir einmal: der Weg, so hier den Berg hinaufgeht, geht nach Ruppin, und hier links ist die große Straße nach Hamburg?« Fromme: »Ja, Ihro Majestät!« König: »Wißt Ihr, wie lang es ist, daß ich nicht bin hier gewesen?« Fromme: »Nein!« König: »Das sind dreiundvierzig Jahr! Kann ich Rup- pin liegen sehen?« Fromme: »ja, Ihro Majestät, der Turm, so hier rechts über die Tannen herübersieht, ist Ruppin!«, König (mit dem Glase aus dem Wagen lehnend): »Ja, ja, das ist er, ich kenn ihn noch. – Kann ich Tramnitz liegen sehen?« Fromme: »Nein, Ihro Majestät, Tramnitz liegt zu weit links, dicht an Kyritz.« König: »Werden wir's nicht sehen, wenn wir besser hinkommen?« Fromme: »Es könnte sein, bei Neustadt, aber ich zweifle.« König: »Das ist schade! Kann ich Bechlin liegen sehn?« Fromme: »Jetzt nicht, Ihro Majestät; es liegt zu sehr im Grunde. Wer weiß, ob es Ihro Majestät gar werden sehen können?« König: »Na! gebt Achtung, und wenn Ihr's seht, so sagt's! – Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?« Fromme: »In Protzen beim Vorspann wird er sein!« König: »Können wir noch nicht Bechlin2) liegen sehn?« Fromme: »Nein!« König.: »Wem gehört's itzo?«, Fromme: »Einem gewissen Schönermark.« König: »Ist er von Adel?« Fromme: »Nein!« König: »Wer hat's vor ihm gehabt?« Fromme: »Der Feldjäger Ahrens; der hat's von sei- nem Vater ererbt. Das Gut ist immer in bürgerlicher Familie gewesen.« König: »Das weiß ich! Wie heißt das Dorf hier vor uns?« Fromme: »Walchow.« König: »Wem gehört's?« Fromme: »Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin.« König: »Wie heißt das Dorf hier vor uns?« Fromme: »Protzen.« König: »Wem gehört's?« Fromme: »Dem Herrn von Kleist.« König: »Was ist das für ein Kleist?«, Fromme: »Ein Sohn vom General Kleist.« König: »Von welchem General Kleist?« Fromme: »Der Bruder von ihm ist Flügeladjutant bei Ihro Majestät gewesen und steht itzt zu Magdeburg beim Kalcksteinschen Regiment, als Obristlieute- nant.« König: »Haha! von dem? Die Kleiste kenn ich recht gut. Ist dieser Kleist auch in Diensten gewesen?« Fromme: »ja, Ihro Majestät; er ist Fähnrich gewe- sen unter dem Prinz Ferdinandschen Regiment.« König: »Warum hat der Mann seinen Abschied ge- nommen?« Fromme: »Das weiß ich nicht!« König: »Ihr könnt's mir sagen; ich suche nichts dar- unter. Warum hat der Mann seinen Abschied ge- nommen?« Fromme: »Ihro Majestät, ich kann's wirklich nicht sagen.« Nun waren wir an Protzen heran. Ich wurde ge- wahr, daß der alte General von Zieten in Protzen vor dem Edelhofe stand. Ich ritt an den Wagen heran und sagte: »Ihro Majestät, der Herr General von Zie- ten sind auch hier.«, König: »Wo? wo? O reitet vor und sagt's den Leu- ten, sie sollen stillhalten; ich will aussteigen.« Nun stiegen Ihro Majestät hier aus und freuten sich außerordentlich über die Anwesenheit des Herrn Ge- nerals von Zieten, sprachen mit ihm und dem Herrn von Kleist über mancherlei Sachen, ob ihm die Ab- grabung des Luchs geholfen, ob er die Viehseuche gehabt, und empfahl das Steinsalz gegen die Vieh- seuche. Mit einemmal gingen Ihro Majestät beiseite, kamen wieder und riefen: »Amtmann!« (Dicht am Ohr:) »Wer ist der dicke Mann da mit dem weißen Rock?« (Ich ebenfalls dicht am Ohr:) »Ihro Majestät, es ist der Landrat von Quast auf Radensleben vom ruppinischen Kreise.« König: »Schon gut!« Nun gingen Ihro Majestät wieder zum General von Zieten und Herrn von Kleist und sprachen von ver- schiedenen Sachen. Herr von Kleist präsentierte Sei- ner Majestät sehr schöne Früchte. Sie bedankten sich; mit einemmal drehten Sie sich um und sagten: »Serviteur, Herr Landrat!« Als nun selbiger auf Ihro Majestät zugehen wollte, sagten Ihro Majestät: »Bleib Er nur da, ich kenn Ihn, Er ist der Landrat von Quast!« Nun war angespannt. Ihro Majestät nahmen recht zärtlichen Abschied von dem alten General von Zie- ten, empfahlen sich den übrigen und fuhren fort. Ob nun wohl Ihro Majestät in Protzen die Früchte nicht annahmen, so nahmen doch Dieselben, sowie wir, aus Protzen waren, ein Butterbrot für sich und für den Herrn General Grafen von Görtz aus der Wagen- tasche und aßen während des Fahrens immer Pfir- sich. Beim Wegfahren glaubten Ihro Majestät, ich würde zurückbleiben, und riefen aus dem Wagen: »Amtmann, kommt mit!« König: »Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?« Fromme: »Er wird vermutlich krank sein, sonst wär er in Protzen beim Vorspann gewesen.« König: »Na! sagt mir einmal: wißt Ihr wirklich nicht, warum der Kleist zu Protzen seinen Abschied ge- nommen?« Fromme: »Nein, Ihro Majestät, ich weiß es wahrhaf- tig nicht.« König: »Wie heißt das Dorf hier vor uns?« Fromme: »Manker.« König: »Wem gehört's?« Fromme: »Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amt Alten-Ruppin.« König: »Hört einmal, wie seid Ihr mit der Ernte zu- frieden?« Fromme: »Sehr gut, Ihro Majestät!«, König: »Sehr gut? Und mir haben sie gesagt, sehr schlecht!« Fromme: »Ihro Majestät, das Wintergetreide ist etwas erfroren; aber das Sommergetreide steht da- für so schön, daß es den Schaden beim Winterge- treide reichlich ersetzt.« (Nun sahen Ihro Majestät auf den Feldern Mandel an Mandel.) König: »Es ist eine gute Ernte, Ihr habt recht; es steht ja Mandel bei Mandel hier!« Fromme: »Ja, Ihro Majestät; und hier setzen die Leute noch dazu Stiege.« König: »Was ist das, Stiege?« Fromme: »Das sind zwanzig Garben zusammenge- setzt!« König: »Oh, es ist unstreitig eine gute Ernte. – Aber sagt mir doch, warum hat der Kleist aus Protzen sei- nen Abschied genommen?« Fromme: »Ihro Majestät, ich weiß es nicht! Mir deucht er hat vom Vater müssen die Güter anneh- men. Eine andre Ursach weiß ich nicht.« König: »Wie heißt das Dorf hier vor uns?«, Fromme: »Garz.« König: »Wem gehört's?« Fromme: »Dem Kriegsrat von Quast.« König: »Wem gehört's?« Fromme: »Dem Kriegsrat von Quast.« König: »Ei was! Ich will von keinem Kriegsrat was wissen! Wem gehört das Gut?« Fromme: »Dem Herrn von Quast.« König: »Na! das ist recht geantwortet!« 1. Von Rathenow stand 1732 und die folgenden Jahre als Lieutenant beim kronprinzlichen Re- giment in Neuruppin und war einer aus dem näheren Umgangskreise des Prinzen. Über- haupt werden wir im Verlauf des Aufsatzes sehen, daß der König überall alte Bekannt- schaften erneuert und die fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Ruppiner Tage wieder lebendig werden fühlt. 2. Bechlin liegt nur eine Viertelmeile von Ruppin und war oft der Schauplatz der ausgelassenen Späße, die zur »kronprinzlichen Zeit« beim, Regiment im Schwange waren. – Ein noch bevorzugterer Ort war das unmittelbar vorher genannte Tramnitz. Nun kamen Ihro Majestät in Garz an! Die Umspan- nung besorgte Herr von Lüderitz aus Nackel, als ers- ter Deputierter des ruppinschen Kreises. Dieser hatte einen Hut auf mit einer weißen Feder! Als nun die Anspannung geschehen war, ging die Reise gleich fort. König: »Wem gehört das Gut hier links?« Fromme: »Dem Herrn von Lüderitz; es heißt Na- ckel.« König: »Was ist das für ein Lüderitz?« Fromme: »Ihro Majestät, der in Garz beim Vorspann war.« König: »Haha! der Herr mit der weißen Feder. – Säet Ihr auch Weizen?« Fromme: »Ja, Ihro Majestät.« König: »Wieviel habt Ihr ausgesäet?« Fromme: »Drei Wispel, zwölf Scheffel.« König: »Wieviel hat Euer Vorfahr ausgesäet?«, Fromme: »Vier Scheffel.« König: »Wie geht das zu, daß Ihr soviel mehr säet als Euer Vorfahr?« Fromme: »Wie ich schon die Gnade gehabt, Ihro Majestät zu sagen, daß ich siebenzig Stück Kühe mehr halte als mein Vorfahr, mithin meinen Acker besser instand setzen und Weizen säen kann!« König: »Aber warum bauet Ihr keinen Hanf?« Fromme: »Er gerät hier nicht. In kaltem Klima gerät er besser. Unsere Seiler können den russischen Hanf in Lübeck wohlfeiler kaufen, und besser, als ich ihn bauen kann.« König: »Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr sonst Hanf hinsäet?« Fromme: »Weizen!« König: »Warum bauet Ihr aber kein Färbekraut, keinen Krapp?« Fromme: »Er will nicht fort; der Boden ist nicht gut genug.« König: »Das sagt Ihr nur so; Ihr hättet sollen die Probe machen.«, Fromme: »Das hab ich getan; allein, sie ist mir fehlgeschlagen, und als Beamter kann ich viel Proben nicht machen; denn wenn sie fehlschlagen, muß doch die Pacht bezahlt sein.« König: »Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr würdet Färbekraut hinbringen?« Fromme: »Weizen!« König: »Na! so bleibt beim Weizen! Eure Untertanen müssen recht gut im Stande sein?« Fromme: »Ja, Ihro Majestät! Ich kann aus dem Hy- pothekenbuche beweisen, daß sie an funfzigtausend Taler Kapital haben.« König: »Das ist gut!« Fromme: »Vor drei Jahren starb ein Bauer, der hat- te eilftausend Taler in der Bank.« König: »Wieviel?« Fromme: »Eilftausend Taler.« König: »So müßt Ihr sie auch immer erhalten!« Fromme: »Ja! es ist recht gut, Ihro Majestät, daß der Untertan Geld hat; aber er wird auch übermütig, wie die hiesigen Untertanen, welche mich schon sie-, benmal bei Ihro Majestät verklagt haben, um vom Hofedienst frei zu sein.« König: »Sie werden auch wohl Ursach dazu gehabt haben.« Fromme: »Sie werden gnädigst verzeihen: es ist eine Untersuchung gewesen und ist befunden, daß ich die Untertanen nicht gedrückt, sondern immer recht gehabt und sie nur zu ihrer Schuldigkeit an- gehalten habe! Dennoch bleibt die Sache, wie sie ist: die Bauern werden nicht bestraft; Ihro Majestät ge- ben den Untertanen immer recht, und der arme Be- amte muß unrecht haben!« König: »Ja! daß Ihr recht bekommt, mein Sohn, das glaub ich wohl: Ihr werdet Euerm Departementsrat brav viel Butter, Kapaunen und Puters schicken.« Fromme: »Nein, Ihro Majestät, das kann man nicht; das Getreide gilt nichts. Wenn man für andre Sachen nicht einen Groschen Geld einnähme, wovon sollte man die Pacht bezahlen?« König: »Wohin verkauft Ihr Eure Butter, Kapaunen und Puters?« Fromme: »Nach Berlin.« König: »Warum nicht nach Ruppin?«, Fromme: »Die mehrsten Bürger halten Kühe, soviel, als sie zu ihrem Aufwand brauchen! Der Soldat ißt alte Butter; der kann die frische nicht bezahlen!« König: »Was bekommt Ihr für die Butter in Berlin?« Fromme: »Vier Groschen für das Pfund. Der ruppi- nische Soldat aber kauft die alte Butter für zwei das Pfund.« König: »Aber Eure Kapaunen und Puter könnt Ihr doch nach Ruppin bringen?« Fromme: »Beim ganzen Regiment sind nur vier Stabsoffiziere, die gebrauchen nicht viel; und die Bürger leben nicht delikat; die danken Gott, wenn sie Schweinefleisch haben.« König: »Ja, da habt Ihr recht! Die Berliner essen gern was Delikates. – Na! macht mit den Unterta- nen, was Ihr wollt; nur drückt sie nicht!« Fromme: »Ihro Majestät, das wird mir nicht einfal- len und keinem rechtschaffnen Beamten.« König: »Sagt mir einmal: wo liegt hier Stölln?« Fromme: »Stölln können Ihro Majestät nicht sehen. Die großen Berge dort links sind die Berge bei Stölln, auf welchen Ihro Majestät alle Kolonien übersehen können!«, König: »So? das ist gut! Dann reitet mit bis dahin.« Nun kamen Ihro Majestät an eine Menge Bauern, die Roggen mäheten, zwei Glieder machten, die Sensen strichen und Ihro Majestät so durchfahren ließen! König: »Was Teufel wollen die Leute? Die wollen wohl gar Geld von mir haben?« Fromme: »O nein, Ihro Majestät! Sie sind voll Freu- den, daß Sie so gnädig sind und die hiesige Gegend bereisen.« König: »Ich werd ihnen auch nichts geben! Wie heißt das Dorf hier vorn?« Fromme: »Barsikow.« König: »Wem gehört's?« Fromme: »Dem Herrn von Mütschefall.« König: »Was ist das für ein Mütschefall?« Fromme: »Er ist Major gewesen unter dem Re- giment, das Ihro Majestät als Kronprinz gehabt ha- ben.« König: »Mein Gott! lebt er noch?«, Fromme: »Nein; er ist tot, die Tochter hat das Gut.« Nun kamen wir ins Dorf Barsikow, wo der Edelhof eingefallen ist. König: »Hört! Ist das der Edelhof?« Fromme: »Ja!« König: »Das sieht ja elend aus! – Hört einmal: den Leuten geht's hier wohl nicht gut?« Fromme: »Recht schlecht, Ihro Majestät! Es ist die größte Armut.« König: »Das ist mir leid! – Sagt mir doch: es wohnte hier vor diesem ein Landrat. Er hatte viel Kinder; könnt Ihr Euch nicht auf ihn besinnen?« Fromme: »Es wird der Landrat von Jürgaß zu Gan- zer gewesen sein.« König: »Ja, ja! der ist's gewesen. Ist er schon tot?« Fromme: »Ja, Ihro Majestät. Er ist 1771 gestorben, und es war was Besondres damit: in vierzehn Tagen starb er, seine Frau, die Fräulein und vier Söhne. Die andern vier Söhne mußten dieselbe Krankheit aus- stehen, die wie ein hitzig Fieber war, und obwohl die Söhne, weil sie in Diensten waren, in verschiedenen Garnisonen standen und kein Bruder zum andern, kam, so bekamen sie alle viere doch dieselbe Krank- heit und kamen nur so eben mit dem Leben davon.« König: »Das ist ein verzweifelter Umstand gewesen! Wo sind die noch lebenden vier Söhne?« Fromme: »Einer unter Zieten-Husaren, einer unter den Gensdarmes! Einer ist unter dem Prinz Ferdi- nandschen Regiment gewesen und wohnt auf dem Gute Dessow. Der vierte ist der Schwiegersohn vom Herrn General von Zieten. Er war Lieutenant beim Zietenschen Regiment; Ihro Majestät haben ihm a- ber in diesem letzten Kriege, wegen seiner Kränk- lichkeit, den Abschied gegeben; nun wohnt er in Ganzer.« König: »So?... Macht Ihr sonst noch Proben mit aus- ländischem Getreide?« Fromme: »O ja! Dieses Jahr habe ich spanische Gerste gesäet. Allein sie will nicht recht einschlagen; ich gehe wieder ab. Aber den holsteinischen Stau- denroggen find ich gut!« König: »Was ist das für Roggen?« Fromme: »Er wächst im Holsteinischen in der Nie- derung. Unterm zehnten Korn hab ich ihn noch nie gehabt!« König: »Nu, nu! nicht gleich das zehnte Korn!«, Fromme: »Das ist nicht viel! Belieben Ihro Majestät, den Herrn General von Görtz zu fragen, die werden Ihnen sagen, daß dies im Holsteinischen nicht viel ist.« Nun sprachen sie in dem Wagen eine Weile von dem Roggen. Mit einem Male riefen Ihro Majestät aus dem Wagen: »Na! so bleibt bei dem holsteini- schen Staudenroggen und gebt den Untertanen auch welchen.« Fromme: »Ja, Ihro Majestät!« König: »Aber macht mir einmal eine Idee: Wie hat das Luch ausgesehen, ehe es abgegraben war?« Fromme: »Es waren lauter hohe Hüllen, dazwischen setzte sich das Wasser. Bei den trockensten Jahren konnten wir das Heu nicht herausfahren, sondern wir mußten's in großen Mieten setzen. Im Winter nur, wenn's scharf gefroren hatte, konnten wir's heraus- fahren. Nun aber haben wir die Hüllen herausgehau- en, und die Gräben, die Ihro Majestät machen las- sen, ziehen das Wasser ab. Nun ist das Luch so tro- cken, wie Ihro Majestät sehen, und wir können unser Heu herausfahren, wann wir wollen.« König: »Das ist gut! Halten Eure Untertanen auch mehr Vieh wie sonst?« Fromme: »Ja!«, König: »Wieviel wohl mehr?« Fromme: »Mancher eine Kuh, mancher zwo, nach- dem es sein Vermögen verstattet.« König: »Aber wieviel halten sie wohl sämtlich mehr? Ohngefähr nur!« Fromme: »Bis einhundertundzwanzig Stück!« Nun mußten Ihro Majestät wohl den Herrn General von Görtz gefragt haben, woher ich ihn kennte, weil ich wegen des holsteinischen Roggens zu Ihro Majes- tät sagte: Sie möchten nur den General nach dem Roggen fragen; und hat der Herr General vermutlich, der Wahrheit gemäß, geantwortet: »daß er mich im Holsteinischen kennengelernt und daß ich daselbst Pferde gekauft hätte, auch in Potsdam mit Pferden gewesen wäre«. Mit einemmal sagten Ihro Majestät: »Hört! Ich weiß, Ihr seid ein Liebhaber von Pferden. Geht aber ab davon und zieht Euch Kühe dafür; Ihr werdet Eure Rechnung besser dabei finden.« Fromme: »Ihro Majestät ich handle nicht mehr mit Pferden. Ich ziehe mir nur etliche Füllen alle Jahr.« König,: »Zieht Euch Kälber dafür, das ist besser!« Fromme: »Oh, Ihro Majestät, wenn man sich Mühe gibt, ist kein Schade bei der Pferdezucht. Ich kenne, jemand, welcher vor zwei Jahren tausend Taler für einen Hengst von seinem Zuwachs bekam.« König: »Der ist ein Narr gewesen, der sie gegeben hat!« Fromme: »Ihro Majestät, es war ein mecklenburgi- scher Edelmann.« König: »Er ist aber doch ein Narr gewesen.« Nun kamen wir auf das Territorium des Amts Neu- stadt, wo der Amtsrat Klausius, der das Amt in Pacht hat, auf der Grenze hielt und Ihro Majestät vorbeirei- sen ließ. Weil mir aber das Sprechen schon sehr sau- er wurde, Ihro Majestät immer nach den Dörfern fragte, so hier in Menge sind, und ich immer den Gutsbesitzer mit nennen und sagen mußte, welche von ihnen Söhne im königlichen Dienst hätten, so holt ich den Herrn Amtsrat Klausius an den Wagen heran und sagte: »Ihro Majestät, das ist der Amtsrat Klausius vom Amt Neustadt, unter dessen Jurisdikti- on die Kolonien stehen.« König: »So, so! das ist mir lieb! Laßt ihn herkom- men!1) – Wie heißt Ihr?« Amtsrat: »Klausius!« König: »Klau-si-us. Na, habt Ihr viel Vieh hier auf den Kolonien?«, Amtsrat: »Achtzehnhundertsiebenundachtzig Stück Kühe, Ihro Majestät! Es würden weit über dreitau- send sein, wenn nicht die Viehseuche gewesen wä- re.« König: »Vermehren sich auch die Menschen gut? Gibt's brav Kinder?« Amtsrat: »O ja, Ihro Majestät; es sind itzt funf- zehnhundertsechsundsiebenzig Seelen auf den Kolo- nien!« König: »Seid Ihr auch verheiratet?« Amtsrat: »Ja, Ihro Majestät!« König: »Habt Ihr auch Kinder?« Amtsrat: »Stiefkinder, Ihro Majestät!« König: »Warum nicht eigene?« Amtsrat: »Das weiß ich nicht, Ihro Majestät, wie das zugeht.« König (zu mir): »Hört: ist die mecklenburgische Grenze noch weit von hier?« Fromme: »Nur eine kleine Meile. Es sind aber nur etliche Dörfer, die mitten im Brandenburgischen lie- gen. Sie heißen Netzeband und Rossow.«, König: »Ja, ja! sie sind mir bekannt. Das hätt ich aber doch nicht geglaubt, daß wir so nah am Meck- lenburgischen wären.« (Zum Herrn Amtsrat Klausi- us:) »Wo seid Ihr geboren?« Amtsrat: »Zu Neustadt an der Dosse.« König: »Was ist Euer Vater gewesen?« Amtsrat: »Prediger.« König: »Sind's gute Leute, die Kolonisten? Die erste Generation pflegt nicht viel zu taugen!« Amtsrat: »Es geht noch an.« König: »Wirtschaften sie gut?« Amtsrat: »O ja, Ihro Majestät! Ihro Exzellenz, der Minister von Derschau, haben mir auch eine Kolonie von fünfundsiebenzig Morgen gegeben, um den an- dern Kolonisten mit gutem Exempel vorzugehen.« König (lächelnd): »Haha! mit gutem Exempel! Aber sagt mir: ich sehe ja hier kein Holz; wo holen die Kolonisten ihr Holz her?« Amtsrat: »Aus dem Ruppinischen.« König: »Wie weit ist das?« Amtsrat: »Drei Meilen.«, König: »Das ist doch sehr weit! Da hätte müssen gesorgt werden, daß sie's näher hätten!« (Zu mir:) »Was ist das für ein Mensch, der da rechts?« Fromme: »Der Bauinspektor Menzelius, der hier die Bauten in Aufsicht gehabt hat.« König: »Bin ich denn hier in Rom? Es sind ja lauter lateinische Namen! Warum ist das hier so hoch ein- gezäunt?« Fromme: »Es ist das Maultiergestüte.« König: »Wie heißt die Kolonie?« Fromme: »Klausiushof.« Amtsrat: »Ihro Majestät sie kann auch Klaushof heißen.« König: »Sie heißt Klau-si-ushof. Wie heißt da die andere Kolonie?« Fromme: »Brenkenhof.« König: »So heißt sie nicht.« Fromme: »Ja, Ihro Majestät; ich weiß es nicht an- ders!« König: »Sie heißt Bren-ken-ho-fi-ushof! – Sind das die Stöllnschen Berge, die da vor uns liegen?«, Fromme: »Ja, Ihro Majestät!« König: »Muß ich durchs Dorf fahren?« Fromme: »Es ist eben nicht nötig; aber der Vor- spann steht drin. Wenn Ihro Majestät befehlen, so will ich vorreiten und den Vorspann aus dem Dorf herausnehmen und hinter die Berge legen.« König: »O ja, das tut! Nehmt Euch einen von mei- nen Pagen mit.« Nun besorgte ich den Vorspann, richtete mich aber doch so ein, daß, sobald als Ihro Majestät auf den Bergen waren, ich auch da war. Als Ihro Majestät ausstiegen aus dem Wagen, ließen Sie sich einen Tubum geben und besahen die ganze Gegend und sagten dann: »Das ist wahr, das ist wider meine Er- wartung! Das ist schön! Ich muß Euch das sagen, alle, die Ihr daran gearbeitet habt! Ihr seid ehrliche Leute gewesen!« (Zu mir:) »Sagt mir mal: Ist die Elbe weit von hier?« Fromme: »Ihro Majestät, sie ist zwo Meilen von hier! Da liegt Werben in der Altenmark, dicht an der Elbe.« König: »Das kann nicht sein! Gebt mir den Tubum noch einmal her. – Ja, ja; es ist doch wahr! Aber was ist das andre für ein Turm?« Fromme: »Ihro Majestät, es ist Havelberg.«, König: »Na! Kommt alle her!« (Es waren der Amts- rat Klausius, der Bauinspektor Menzelius und ich.) »Hört einmal: der Fleck Bruch, hier links, soll auch noch urbar gemacht werden und, was hier rechts liegt ebenfalls, so weit als der Bruch geht. Was steht für Holz drauf?« Fromme: »Elsen und Eichen, Ihro Majestät!« König: »Na! die Elsen können gerodet werden, und die Eichen, die können stehen bleiben; die können die Leute verkaufen oder sonst nutzen! Wenn's urbar ist, dann rechne ich so dreihundert Familien und fünfhundert Stück Kühe; nicht wahr?« Nun antwortete keiner; zuletzt fing ich an und sag- te: »Ja, Ihro Majestät; vielleicht!« König: »Hört mal, Ihr könnt mir sicher antworten: Es werden mehr oder weniger Familien! Das weiß ich wohl, daß man das so ganz genau sogleich nicht sa- gen kann. Ich bin nicht da gewesen, kenne das Ter- rain nicht; sonst versteh ich's so gut wie Ihr, wieviel Familien angesetzt werden können.« Bauinspektor: »Ihro Majestät, das Luch ist aber noch in großer Gemeinschaft.« König: »Das schadet nicht! Man muß eine Vertau- schung machen oder ein Äquivalent dafür geben, wie sich's tun läßt am besten. Umsonst verlang ich's nicht.« (Zum Amtsrat Klausius:) »Na! hört mal: Ihr, könnt's an meine Kammer schreiben, was ich urbar will gemacht haben; das Geld dazu geb ich!« (Zu mir:) »Und Ihr geht nach Berlin und sagt es meinem Geheimen Rat Michaelis mündlich, was ich noch will urbar gemacht haben.« Nun setzten Ihro Majestät sich in den Wagen und fuhren den Berg hinunter; es wurd umgespannt. Weil nun Ihro Majestät befohlen hatten, daß ich bis an die Stöllnschen Berge Sie begleiten sollte, so ging ich an den Wagen und fragte: »Befehlen Ihro Majestät, daß ich noch weiter mit soll?« König: »Nein, mein Sohn; reitet in Gottes Namen nach Hause!« Soweit die Unterredung, die Fromme großenteils direkt mit dem Könige geführt. Er fügt aber seinem Bericht noch einiges hinzu, was er nachträglich über den Verlauf der Reise erfahren hat. Dies lautet in Frommes Aufzeichnungen (an Gleim) wie folgt: Herr Amtsrat Klausius brachte sodann Ihro Majes- tät bis nach Rathenow, wo Sie im Posthause logiert haben. In Rathenow sind Ihro Majestät über Tafel ungemein vergnügt gewesen, haben mit dem Herrn Obristlieutenant von Backhoff von den Carabiniers gespeist, und haben der Herr Obristlieutenant von Backhoff selbst erzählt, daß Ihro Majestät gesagt hätten: »Mein lieber Backhoff! ist Er lange nicht in der Ge- gend von Fehrbellin gewesen, so reise Er hin! Die, Gegend hat sich ungemein verbessert. Ich hab in langer Zeit mit solch einem Vergnügen nicht gereist. Ich nahm die Reise mir vor, weil ich keine Revue hatte, und es hat mir so sehr gefallen, daß ich gewiß wieder künftig solch eine Reise vornehmen werde! – Hör Er mal: Wie ist es Ihm gegangen im letzten Kriege? Vermutlich schlecht! Ihr habt in Sachsen auch nichts ausgerichtet... Ich hätte können was ausrichten; allein ich hätte mehr als die Hälfte mei- ner Armee aufgeopfert und unschuldig Menschenblut vergossen. Aber dann wär ich wert gewesen, daß man mich vor die Fähndelwache gelegt und mir ei- nen öffentlichen Produkt gegeben hätte. Die Kriege werden fürchterlich zu führen.« Nachher haben Ihro Majestät gesagt: »Von der Schlacht bei Fehrbellin bin ich so orien- tiert, als wenn ich selbst dabeigewesen wäre! Als ich noch Kronprinz war und in Ruppin stand, da war ein alter Bürger – der Mann war schon sehr alt! –, der wußte die ganze Bataille zu beschreiben und kannte den Walplatz sehr gut! Einmal setzt ich mich in den Wagen, nahm meinen alten Bürger mit, welcher dann mir alles zeigte, so genau, daß ich sehr zufrie- den war mit ihm. Als ich nun wieder nach Hause reis- te, dacht ich, du mußt doch deinen Spaß mit dem Alten haben! Da fragte ich ihn: ›Vater, wißt Ihr denn nicht, warum die beiden Herren sich miteinander gestritten haben?‹ – ›O jo, Ihro Königliche Hoheiten, dat will ick Se wohl seggen. As unse Chorförst is jung west, hat he in Utrecht studeert, und doa is de König von Schweden as Prinz ok west. Doa hebben, nu de beede Herrn sich vertörnt un hebben sich bi de Hoar kricht. Un dat is nu de Pike davon!‹« Ihro Majestät haben wirklich so plattdeutsch ge- sprochen. Weiter kann ich von der Reise keine Beschreibung machen. Denn Ihro Majestät haben zwar noch viel gesagt und gefragt, es würd aber wohl schwer sein, es alles zu Papier zu bringen. 1. »Von hier an«, so bemerkt Fromme, »sprach der König meist mit dem Amtsrat Klausius, und ich (Fromme) schreibe nur, was ich selbst noch so nebenbei gehört habe.«

Neustadt a. D.

Auf der langen Bohlenbrücke, Drüber unsre Schritte dröhnen, Wandeln wir mit heitrem Blicke In die Stadt; kühl sind die Straßen, Blank die Steine, kannst du's fassen? Du betrittst sie ganz alleine., Wer kennte nicht Neustadt? Aber wenn es einerseits zu den Städten gehört, von denen die Welt nur den Bahnhof kennt, so gehört es andererseits zu denen, die beständig verwechselt werden. Uns gegenüber im Coupé sitzt eine blasse Dame von sechsunddreißig und mustert abwechselnd das Bahnhofstreiben und das Bahnhofsgebäude. »Neustadt an der Dosse... Hier ist ja wohl eine Forstakademie?« Der Angeredete, den ich meinen Lesern kurzweg als einen Onkel Bräsig der Neustädter Territorien vor- stellen möchte, verbeugt sich artig und antwortet: »Nein, meine Gnädigste, die Forstakademie ist in Neustadt-Eberswalde.« »Richtig. Ich meinte ein Irrenhaus.« »Bitte um Entschuldigung, das ist auch in Neustadt- Eberswalde.« »Aber ich dächte doch...« »Ganz richtig, hier ist ein Gestüt.« »Ein Gestüt?« »Ja. Sehen Sie dort.« »Aber mein Gott das ist ja eine Kirche.«, »Verzeihung, ich meine weiter links, dort, wo die Pappeln stehen.« »Ah, so; dort.« »Es gibt nämlich, wenn Sie sich dafür interessie- ren...« »Oh, bitte.« »... ein königliches und ein Landesgestüt, und durch Heranziehung arabischer...« »Ah, so... Wie weit haben wir noch bis Wittenber- ge?« Der Zug rasselt inzwischen weiter. Nur der Leser und ich sind ausgestiegen, um Neustadt, an dem wir zahllose Male vorübergefahren, endlich auch in der Nähe kennenzulernen. Ein anmutiger Spaziergang, bei sinkender Septembersonne, führt uns ihm entge- gen. Unterwegs, von einer Brückenwölbung aus, er- freut uns der Blick über einen weiten Wiesengrund und die kanalartig regulierte Dosse. Fünf Minuten später haben wir die Stadt erreicht, eine einzige Straße, darauf rechtwinklig eine andere mündet. Da, wo sich beide berühren, erweitern sie sich und bilden einen Marktplatz, an dem die »Amtsfreiheit« und die Kirche gelegen sind. Am äußersten Ende der Längs- straße das Gestüt. Auf einen Besuch dieser berühm-, ten Vorbereitungsstätte für unsere Kavalleriesiege verzichten wir und begnügen uns damit, unsere Aufmerksamkeit auf Stadt und Vorstadt und inson- derheit auf die Geschichte beider zu richten. Diese (wenigstens bis in die zweite Hälfte des sieb- zehnten Jahrhunderts) ist in wenig Zeilen erzählt. Burg oder Schloß Neustadt gehörte 1375, wie das Landbuch Kaiser Karls IV. ausweist, dem Lippold von Bredow. Später an die Ruppiner Grafen übergehend, war es zeitweilig den Quitzows, den Bredows, den Rohrs verpfändet, bis es, nach dem Erlöschen des gräflichen Hauses von Lindow-Ruppin (1524), dem Kurfürsten zufiel. Aber neue Pfandinhaber folgten, und erst 1584 kam es erb- und eigentümlich an Rei- mar von Winterfeldt. Die Winterfeldts besaßen es bis zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, an dessen Ende wir Neustadt plötzlich in eine Epoche berühm- ter historischer Namen eintreten sehen. Es waren dies: Feldmarschall Graf Königsmarck von 1644 bis 1662; Prinz Friedrich von Hessen-Homburg von 1662 bis 1694; Eberhard von Danckelmann (nicht als Besitzer, aber als kurfürstlicher Amtshauptmann) von 1694 bis 1697., Nach dieser Zeit hören die historischen Namen wie- der auf, und »Amt Neustadt« wird ein kurfürstliches respektive königliches Amt wie andere mehr. Aus der Graf Königsmarckschen Zeit ist wenig zu berichten. Der Graf hat mutmaßlich seine Neustädter Besitzungen nie gesehen, begnügte sich vielmehr damit, sie durch seinen Regimentsquartiermeister Liborius Eck in allerdings mustergiltiger Weise ver- walten zu lassen. 1662 ging das Gut, wie schon vor- stehend erwähnt, an den Hessen-Homburger Prinzen über, wodurch ein Zeitabschnitt eingeleitet wurde, bei dem wir eingehender zu verweilen haben werden.

Prinz Friedrich von Hessen- Homburg

Nehmt den besten Reiterhaufen,

Folgt dem Feind und macht ihn laufen, Aber laßt Euch nicht verleiten, Ernstlich Euch herumzustreiten.

Prinz Friedrich von Hessen-Homburg, dies sei voraus bemerkt, war vor allem nicht der, als der er uns in dem H. von Kleistschen Schauspiel entgegentritt. Der H. von Kleistsche und der historische Prinz von Hom- burg verhalten sich zueinander wie der Goethesche und der historische Egmont. Sie waren in der Zeit,, wo sie hervortraten, keine Liebhaber und keine Leichtfüße mehr, vielmehr ernste Leute von mittleren Jahren und reichem Kindersegen, überhaupt ebenso gute Ehemänner wie Patrioten. Unser Prinz Friedrich ward am 30. Mai 1633 geboren. Er war der zweite Sohn des Landgrafen Friedrich von Hessen, des Stifters der homburgischen Linie. Er trat jung in schwedischen Dienst, war 1658 mit vor Ko- penhagen und verlor bei dieser Belagerung ein Bein. Dasselbe wurde künstlich ersetzt, weshalb er seit- dem der »Prinz mit dem silbernen Bein« hieß. Neben Götz von Berlichingen wohl der einzige Fall einer derartigen Namensgebung. Die Belagerung von Ko- penhagen fiel in die glänzende Regierungszeit Karl Gustavs von Schweden, nach dessen plötzlichem Tode, 1660, unser Homburger Prinz sich zurückge- setzt fühlte, weshalb er denn auch den Abschied nahm. Wahrscheinlich 1661. Um ebendiese Zeit (1661) hatte er sich mit der Grä- fin Margarete Brahe, die übrigens bereits Witwe zweier Grafen Oxenstierna war, vermählt und über- siedelte nach Weferlingen, einem schönen Gute im Magdeburgischen, das ihm durch seine Gemahlin zugebracht worden war. Hier, von Weferlingen aus, kam er an den Berliner Hof, trat in die Armee des Kurfürsten, erhielt ein Regiment und wurde später, 1670, zum General der Kavallerie erhoben. Ziemlich gleichzeitig mit seinem Eintritt in unsere Armee hatte er sich auch im Brandenburgischen an- sässig gemacht und Amt Neustadt, das, wie wir wis-, sen, seit 1644 in Händen des Grafen Hans Christoph von Königsmarck war, von ebendiesem erstanden. Dies war 1662. Er nahm nun, wenigstens zeitweilig, seinen Aufenthalt an genanntem Ort, und alles, was Neustadt in diesem Augenblick ist, ist es im wesentli- chen durch Prinz Friedrich von Hessen-Homburg. Er besaß es zweiunddreißig Jahre lang, aber nur sech- zehn Jahre (bis 1678) konnt er ihm seine besondere Aufmerksamkeit widmen. Diese sechzehn Jahre ge- nügten jedoch. Ja, wenn dieser Zeitabschnitt auch noch wieder halbiert worden wäre, würde dadurch an dem Gesamtresultate seines Schaffens an ebendieser Stelle nichts Erhebliches geändert worden sein, denn er griff so rasch und energisch ein, daß bereits zwei, höchstens vier Jahre nach Übernahme des Besitzes all das begonnen war, was spätere Jahrzehnte nur glänzender hinausführten. Auf dies »erste Beginnen« kommt es allezeit an. Ob dasselbe, Mal auf Mal, bei ihm selber oder bei seiner Gemahlin, der Gräfin Bra- he, oder aber bei dem schon rühmlich erwähnten Amtsverwalter Liborius Eck lag, den er, als einen höchst fähigen Administrator aus der Königsmarck- schen Zeit her, mit übernommen hatte, gilt gleich; die oberste Herrschaft gibt den Namen, und die Hes- sen-Homburgische Zeit ist und bleibt die große Epo- che von Neustadt. Bei Übernahme des Gutes bestand es aus sieben Bauerhöfen, einer Schmiede und einer Mühle, war also kleiner als das kleinste Dorf. Die Bewohner zahl- ten keine Abgaben, hatten aber Dienste auf dem Amte zu leisten. Das war das Neustadt von 1662. Zwei Jahre später (1664) bestand es bereits aus sie-, benundvierzig Bürgerhäusern und einer Vorstadt, in welcher letzteren sich weitere fünfundzwanzig Fami- lien niedergelassen hatten; dem Orte selbst aber war auf Antrag des rastlosen und bei Hofe einflußreichen Prinzen Stadtgerechtigkeit und das Recht zwei Jahr- märkte abhalten zu dürfen, zugestanden worden. Das gleichzeitig empfangene Wappen setzte sich links aus einem Elentier, rechts aus einem springen- den Löwen zusammen, wovon sich der Löwe mut- maßlich auf den Prinzen, das Elentier auf die Stadt bezog. Aber bei dem bloßen Bauen und Stellenbesetzen ließ es der Prinz nicht bewenden, vielmehr ging durch seine ganze Tätigkeit ein organisatorischer Zug, dem es nicht genug war, überhaupt etwas zu tun, son- dern vor allem das praktisch Richtige zu tun. Das Nächste war eine Regulierung der Dosse, die damals, wie noch jetzt die Spree im Spreewald, in zahllosen Armen durch die Dosse-Niederung floß. Der herrliche Wiesenstand, der auf diese Weise gewonnen wurde, leitete zu sorgsamer und eifriger Pferdezucht und dadurch zu den Anfängen der späteren Gestüte hin- über. Der Raseneisenstein, der sich vorfand, ließ eine Eisenhütte, der reiche Holzbestand eine Glashütte entstehn, an der Dosse selbst hin aber erwuchsen einerseits Schleifereien für das gewonnene Glas, an- dererseits Papier- und Schneidemühlen. Wer Koloni- sierung studieren will, muß die Geschichte von Mark Brandenburg studieren. Aber wenn die ganze Provinz nach dieser Seite hin ein sehr lehrreiches Beispiel bietet, so bietet vielleicht unser Neustadt von 1662 bis 1666 ein Muster unter den Musterstücken., Das Jahr 1666 schien freilich ausersehen, alles wie- der in Frage zu stellen. Die siebenundvierzig Bürger- häuser brannten nieder, mit ihnen das Amt, das mutmaßlich dem Prinzen als Wohnung gedient hatte. Zugleich auch die reformierte Kapelle. Eine Stadtkir- che gab es noch nicht. Erhalten blieben (vorläufig) nur die vorstädtischen Fabrikbezirke, soweit von »Vorstadt« und »Fabrikbezirken« damals die Rede sein konnte. Prinz Friedrich indes, tapfrer Soldat, der er war, ließ sich diesen Unheilstag nicht allzu schwer anfechten, und die niedergebrannte Stadt wurde schöner und größer wieder aufgebaut. Von einem Rathausbau sah er vorläufig ab, und nur der Errichtung eines Gottes- hauses schenkte er seine volle Aufmerksamkeit. Schon 1673 konnte der Grundstein zur Kirche gelegt, 1686 dieselbe geweiht werden. Lange vorher jedoch hatten sich Ereignisse zugetragen, zu denen, wenn auch nicht die Stadt Neustadt als solche, so doch ihr Besitzer, der Prinz, in die nächsten Beziehungen ge- treten war. Diesen Ereignissen wenden wir uns jetzt zu. Der Dienst, selbstverständlich, hielt den Prinzen mo- natelang von seinem geliebten und mit Vorliebe ge- pflegten Neustadt fern. War dies schon in ruhigen Zeiten der Fall, so vollends in Kriegszeiten, wie sie seit 1674 wieder angebrochen waren. Der Prinz be- fand sich (1675) mit seinem kurfürstlichen Herrn im Elsaß, danach in Franken, allwo den 18. Mai, im La- ger vor Schweinfurt, die Nachricht vom Einfall der, Schweden in die Mark Brandenburg eintraf. Der Kur- fürst brach sofort auf, mit ihm der Prinz. Am 11. Juni war er in Magdeburg, am 14. vor Rathenow und nahm von hier aus, nach Erstürmung ebendieser Stadt durch Derfflinger, an jener berühmt geworde- nen Verfolgung teil, die der schwedischen Armee schon am 16. und 17. in verschiedenen Avantgar- den-Gefechten erhebliche Verluste beibrachte. Am 17. waren die verfolgenden Brandenburger bis Nauen gekommen. Von hier aus schrieb unser Prinz, dem für den nächsten Tag eine so bedeutende Rolle vorbehalten war, an seine Gemahlin folgenden Brief: »Meine Engelsdicke1), wir seint braff auf der jacht mit den Herren Schweden, sie seint hier beim passe Nauen diesen morgen übergegangen, musten aber bei 200 Todten zurückelassen von der arrier guarde; jenseits haben wir bei Fer-Berlin alle brücken ab- gebrant und alle übriche paesse so besetzet, das sie nun nicht aus dem Lande wieder können. Sobald unsere infanterie kombt, soll, ob Gott wolle, die gan- ze armada dran. Der schwedische Feldherr2) war mit 3000 Mann in Havelberg, wollte die Brücke über die Elbe machen lassen, aber nun ist er von der armada abgeschnitten und gehet über Hals und Kopf über Rupin nach pommern. Sein Bruder commandirt diese 12 000 mann hier vor uns. Wo keine sonderbare straff Gottes über uns kombt, soll keiner davon kommen, wir haben dem Feind schon über 600 todt- gemacht und über 600 Gefangene. Heute hat Hen- ning wohl 150 pferth geschlagen, und gehet alleweil Lüttique mit 1500 Mann dem Feindt in ricken. Mor- gen frihe werden sie ihnen den 1. morgensegen sin-, gen. Wir haben noch kein 60 mann verlohren, und unsere leite fechten als lewen. – In zwei Tagen ha- ben wir unsere infanterie und morgen den Fürsten von Anhalt mit 4000 mann, die Kayserlichen werden alle Tage erwartet mit 8000 mann. Dann gehen wir gerath in pommern, und wenn die battaglie vorbey, gehe ich nach Schwalbach, habe schont Urlaub. – Adieu, mein Engel, dein trewer Mann und diner sterb ich. Friedrich L. z. Hessen Ich kann wegen affaires unmöglich mehr schreiben.« Nichts kann uns eine bessere Vorstellung geben von der Stimmung, welche im brandenburgischen Heere herrschte, zumal auch von der des Prinzen selbst, der nunmehr auf vierundzwanzig Stunden in die vor- derste Linie tritt. Am folgenden Tage, am »Tage von Fehrbellin«, führte er die Avantgarde, hing sich mit dieser an die Schweden, brachte sie zum Stehen und wurde so die vorzüglichste Ursache zum Siege über dieselben. Verfuhr er anders, so entkam der Feind. Er selber hat über diese glänzende Aktion am Tage darauf (19.), von Fehrbellin aus, abermals in einem Briefe an seine »Engelsdicke« berichtet. Der Brief lautet: »Allerlibste Frawe! Ich sage nun E. L. hiermit, das ich gester morgen, mit einichen Tausent mann in die advanquart com- mandiret gewesen, auff des Feindtes contenance, achtung zu haben, da ich denn des Morgens gegen 6 Uhr des Feindtes gantzer armé ansichtig wurde, der ich dann so nahe ging, das er sich muste in ein Scharmützel einlassen, dadurch ich ihn so lange auf- fhielte, bis mir I. Dl. der Churfürst mit seiner gantzen Cavallerie zu Hülffe kam. Sobalten ich des Churfürs- ten ankunft versichert war, war mir bang, ich möchte wider andere ordre bekommen, und fing ein hartes treffen mit meinen Vortruppen an, da mir denn Dörffling soforth mit einichen Regimentern secontir- te. Da ging es recht lustig ein stundte 4 oder 5 zu, bis entlichen nach langem Gefechte die Feindte wei- chen musten, und verfolgten wir sie von Linum bis Fer-Berlin, und ist wohl nicht viel mehr gehört wor- den, daß eine formirte armee, mit einer starken in- fanterie und canonen so wohl versehen, von bloßer Cavallerie und tragonern ist geschlagen worden. Es hilte anfenglich sehr hart; wie denn meine Vortrup- pen zum zweidten mahl braff gehetzet wurden, wie noch das anhaltische und mehr andere regimenter. Wie wir denn entlichen so vigoureusement drauff gingen, das uns der Feind le champ de battaglie malgré hat lassen, und sich in den passe Fer-Berlin retiriren muste, mit Verlust von mehr als 2000 Todten ohne die plessirten. Ich habe, ohne die zweitausend im Vortrupp commandirten, mehr als 6 oder 8 escatronen angeführet. Zuweilen must ich lauffen, zuweilen machte ich laufen, bin aber die- sesmahl Gottlob ohn plessirt davongekommen. Auf schwedischer seiten ist gepliben der Obrist Adam Wachtmeister, Obr.-Liet. Malzan von General Dalwi- chens (Regiment) und wie sie sagen noch gar viele hohe oficirer; Dalwig ist durch die achsel geschosen,, und sehr viele hart plessirt. Auf unser seiten wurde mir der ehrliche Obrist Mörner an der Seiten knall und falle todt geschossen, der ehrliche Frobenius todt mit einem stücke, kein schrit vom Kurfürsten. Strauß mit 5 Schossen plessirt; Major Schlapperdorf blib diesen Morgen vor Ferberlin; – – es ging sehr hart zu, da wir gegen die biquen Compani fechten musten, ich bin etzliche mahl ganz umringet gewe- sen, Gott hat mir doch allemahl wider drauss gehol- fen, und wehren alle unsere stücke und der Feld- Marschalk selbsten Verlohren gewesen, wenn ich nicht en personne secundiret hette. Darüber denn der retliche Mörner blieb. Hetten wir unsere infante- rie bey uns gehabt, solte kein mann von der gantzen armée davon gekommen sein, es ist jetzo eine sol- che schreckliche terreur panique unter der schwedi- schen Armee, das sie auch nur braff lauffen können. – – Nachdeme alles nun vorbey gewesen, haben wir auff der Walstett, da mehr als 1000 Todten umb uns lagen, gessen und uns braff lustig gemacht; der Hertzog von Hannover wird nun schwerlich gedenken über die Elbe zu gehen, und ich halte davor, weilen die schweden nun so eine harte schlappe bekom- men, er werdte sich eines besseren bedencken. Wangelin, der durch Uebergab von Ratenau viel dar- an schultig ist, dörffte grose Verantwortung haben, wo er nicht gar den Kopfe lassen mus. Gegeben im Feldlager bei Fer-Berlin den 19. Juni 1675.« Dieser Brief (an einer Stelle vielleicht lückenhaft; es scheint ein Nachsatz zu fehlen) ist, wie der vorige, nicht nur bezeichnend für die Frische und Anspruchs- losigkeit des Schreibers, er ist auch historisch wich-, tig, weil er die älteren Berichte über diese Schlacht wie sie sich im »Theatrum Europaeum«, im Pufen- dorf etc. finden, bestätigt und die erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auftretende Sage von In- subordination, kurfürstlichem Zorn und Kriegsgericht aufs evidenteste widerlegt. »Wir haben uns nachher recht lustig auf der Walstatt gemacht.« Diese Worte des Briefes passen schlecht zu einem angedrohten Kriegsgericht. Nicht Angeklagter, wohl aber Kläger scheint er später gewesen zu sein. Wenigstens fin- den wir in einem Briefe, den seine Schwägerin am 19. Oktober 1675 an den Grafen von Schwerin schreibt, folgende Stelle: »Dem redlichen Landgrafen ist nicht eins gedankt von dem, das er bei Fehrbellin getan; also geht es in der Welt, die Pferde, die den Haber verdienen, bekommen am wenigsten.« Alle diese Verstimmungen können aber nicht ernster Art gewesen sein. 1676 sehen wir den Prinzen aufs neue mit seinem kurfürstlichen Herrn im Felde, und nachdem er sich bei der Eroberung von Pommern an der Seite desselben abermals ausgezeichnet hat, erhält er von ihm die erledigten Wachtmeisterschen und Rheinschildschen Lehne als ein Geschenk. Der Verwaltung dieser aber (ebenso wie der seines vielgeliebten »Amtes Neustadt«) konnt er sich von da ab nicht mehr unterziehen. Zwei Jahre später schon, 1678, fiel ihm, nach dem Ableben seines Bru- ders Wilhelm, die Grafschaft Hessen-Homburg zu. Größeres lag ihm nunmehr ob, und das Kleinere, das so viele Jahre lang der Gegenstand seiner liebevollen Sorge gewesen war, mußte daneben zurückstehen., Die Administration der märkischen Güter ward im- mer schwieriger, und so sprach er denn – nachdem er übrigens im Jahre 1679 noch Amt Neustadt durch Ankauf des Lüderitzschen Rittergutes Dreetz erwei- tert hatte – seine Bereitwilligkeit aus, besagtes Amt an den Kurfürsten Friedrich III. käuflich abzutreten. Dies war 1694. Was er aber bis dahin gegründet hatte, lebte fort und prosperiert (wenigstens teilweis) bis diese Stun- de noch. Überall hatte sein Blick das Richtige getrof- fen, das, was den gegebenen Bedingungen ent- sprach. Er starb 1708. 1. Die Dame, die hier in so gewinnender Weise angeredet wird, war seine zweite Gemahlin, eine geborene Prinzessin von Kurland, mit der er sich, nach dem 1669 erfolgten Tode der Gräfin Brahe, im Jahre 1672 vermählt hatte. Diese zweite Gemahlin starb 1690. Er ver- mählte sich dann 1692 zum drittenmal, und zwar mit Gräfin Sibylle von Leiningen. Diese überlebte ihn. 2. Der Feldherr, von dem der Brief hier spricht, war Karl Gustav Wrangel, der berühmte Wrangel aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges; sein weiterhin in diesem Schreiben erwähnter jüngerer Bruder, der bei Fehrbellin, kommandierte, war General Waldemar Wran- gel. (»Henning«, von dem der Brief spricht, ist natürlich Oberst Henning von Treffenfeld und »Lüttique« General Lüdicke.)

Eberhard von Danckelmann

Zu spät, zu spät, liebe Lady mein,

Es ist nicht mehr, wie sonst es war, Meine Feinde gelten bei Hofe jetzt. Alte Ballade

1694 war Neustadt wieder ein kurfürstliches Amt geworden, und Eberhard von Danckelmann wurde zum Amtshauptmann bestellt. Ein volles Lebensbild dieses hervorragenden Mannes zu geben kann an dieser Stelle nicht meine Aufgabe sein. Nur eine Skizze. Christoph Balthasar Eberhard von Danckelmann wurde den 23. November 1643 zu Lingen geboren. Er war der in der Mitte stehende (vierte) von sieben, Brüdern, die sich sämtlich im Staatsdienst auszeich- neten, weshalb einem etwa um 1690 angefertigten Bildnis des Vaters dieser sieben die lateinische Un- terschrift gegeben wurde: Integra miretur sapientes Graecia septem, Hie uni videas tot bona rara patri. Der bekannte Oberzeremonienmeister und Hofpoet von Besser beglückwünschte später (1694) in einem Lob- und Huldigungsgedicht1) auf Eberhard von Dan- ckelmann ebenfalls den Vater desselben und wußte bei dieser Gelegenheit den Inhalt obigen lateinischen Verses geschickt in seine Dichtung hineinzuverwe- ben. Dein Vater hatte mehr, als viel verlangen könnten, Er hatte sieben Söhn' und alle bei dem Staat, Drei sind Geheime Rät', und drei sind Präsidenten, Des allerjüngsten Amt ist Kanzler sein und Rat. Gewiß, wer dieses sieht, kann sicher von ihm preisen, Was jener von ihm schrieb in kräftigem Latein: »Das ganze Griechenland hat seine Sieben Weisen, In seinen Söhnen hat sie Danckelmann allein.« Soviel, vorgreifend, über das »Siebengestirn«. Wir kehren zu unsrem Eberhard von Danckelmann und unsrer biographischen Skizze zurück., Von frühauf war er ausgezeichnet. In seinem zwölf- ten Jahre doktorierte er in Utrecht und sprach über das schwierige Thema »De Jure Emphyteusis«, was ein solches Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt machte, daß Beglückwünschungsschreiben von an- dern gelehrten Schulen eintrafen. Später reiste er und machte sich die wichtigsten Sprachen, Franzö- sisch, Englisch, Spanisch und Italienisch, zu eigen. Von Besser drückt sich über diese Tatsache, der zu- nächst (1663) die Ernennung Danckelmanns zum Director studiorum oder Ephorus beim Markgrafen, späteren Kurprinzen Friedrich gefolgt war, in nach- stehenden Alexandrinern aus:

Du sahest und durchzogst die witzigsten Provinzen, Und so, daß dein Verstand das Beste mit sich nahm – Mit diesem Zubehör kamst du zu deinem Prinzen, Bevor er aus der Hand des Frauenzimmers kam.

Das »Frauenzimmer« war natürlich die Gouvernante. Danckelmann bewährte sich in seiner Stellung als Prinzenerzieher. Er zeigte nicht nur Wissen, sondern auch besondere Feinheit des Geistes, was von Besser zu der selbst feinen Bemerkung veranlaßte:

Wer Prinzen Lehren gibt, polieret zarte Spiegel, Drin, wer den Spiegel schleift, sein eigen Bildnis sieht.

1665 erfolgte seine Ernennung zum Titular-, 1669 zum halberstädtischen, 1676 zum kleveschen Ge- heimen Regierungsrat, Stellungen, die ihn wenigs-, tens zeitweilig vom Berliner Hofe entfernen mußten. Aber nicht auf lange. 1679, inzwischen zum Gehei- men Kammer- und Lehnsrat aufgestiegen, sehen wir ihn bereits wieder an der Seite des späteren Kurprin- zen, dem er, um ebendiese Zeit, einen Beweis be- sonderer Anhänglichkeit und Treue zu geben in der Lage war. Er rettete nämlich den Prinzen aus einer tödlichen Krankheit, welche den letzteren im Winter- feldzuge 1679 in Preußen befiel. In einem interes- santen Flugblatte, das den Titel führt: »Fall und Un- gnade zweier Ersten-Staatsminister des königlich preußischen Hofes (Danckelmann und Wartenberg), Köln, bei Peter Marteau, 1712«, finde ich darüber folgendes: »Als des Kurprinzen Leben, wegen eines schweren Stickflusses, in höchster Gefahr war und während die Leibmedici sich nicht vergleichen konn- ten über die Arzenei, die dem Patienten gegeben werden sollte, hat Danckelmann ihm dasselbe durch ein gewagtes Aderlassen erhalten, wie schon alle Sinne verloren waren, und hat sich also, aus Liebe für seinen Prinzen, in eine große Verantwortung ge- setzt.« So jenes Flugblatt. Danckelmann bewährte sich auch anderweitig: er opferte dem Kurprinzen sein Vermögen, und zwar »zu solcher Zeit, da sein Herr noch nicht auf dem kurfürstlichen Throne war, vielmehr, durch allerhand Intrigues von dem Hofe ferngehalten, eines solchen Vorschubes höchst benö- tigt war«. 1688, als der Kurprinz seinem Vater, dem Großen Kurfürsten, in der Regierung folgte, wurde Danckel- mann zum Geheimen Staats- und Kriegsrat ernannt und ihm fast unumschränkt das Steuer der Regie-, rung überlassen. Er schlug eine kluge, feste, von Erfolg gekrönte Politik ein, und wenigstens zu Leb- zeiten Friedrichs I. ist seine Stelle nicht wieder aus- gefüllt worden. Daß er dem Kurfürsten abgeraten habe, sich zum Könige zu erheben, ist längst wider- legt; er arbeitete vielmehr mit aller Kraft zu diesem Ziele hin. 1695 zum Premierminister und Oberpräsidenten er- nannt stand er auf seiner Höhe. Mehr und mehr je- doch begann sein Leben jener Schilderung zu glei- chen, die von Besser, in seinem mehrerwähnten Lobgedicht, schon das Jahr zuvor davon entworfen hatte:

Es liegt die ganze Last und aller Ämter Bürde Nach deinem Herrn auf dir, der dich damit beschwert; Man neide nicht zu sehr die dir vertraute Würde, Du bist, wer es bedenkt, mehr des Bedauerns wert.

Ihn selbst begleitete dies Gefühl beständig. Allezeit bemüht, durch Zurückweisung erneuter Ehren, sich dem Haß der Höflinge zu entziehen, geschah schließ- lich doch, was ihm eine Vorahnung von Anfang an gesagt hatte: Neid und Intrigue gewannen die Ober- hand. Dem drohenden Sturze wenigstens nach Mög- lichkeit auszuweichen, bat er selbst um seinen Ab- schied, der ihm auch unterm 22. November 1697 gegeben wurde. Er zog sich nach Neustadt a. D., zu dessen Amts- hauptmann er 1694 oder nach anderen Angaben, erst 1696 ernannt worden war, zurück, woselbst er nunmehr Tage der Ruhe zu finden hoffte. Die Bosheit seiner Feinde jedoch war nicht erschöpft. In Sorge, daß er aus seiner selbstgewählten Verbannung jeden Augenblick wieder in ihrer Mitte erscheinen könne, gab man ihm schuld, mit fremden Potentaten eine nicht zulässige Korrespondenz geführt zu haben, und auf diese Beschuldigung hin ward er am 10. Dezember 1697 in Neustadt festgenommen. Die später gegen ihn ausgearbeitete Prozeßschrift be- stand aus 109, nach anderer Angabe sogar aus 290 Anklagepunkten. Man führte den Beklagten von Neustadt nach Spandau, dann zwei Monate später nach Peitz. »Dabei« – so heißt es in unserem mehr- zitierten Flugblatte – »blieb es übrigens nicht, man nahm ihm auch alle seine Güter. Endlich, gegen Aus- gang des Jahres 1707, als dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm der erste Sohn geboren worden war, ward er in Freiheit gesetzet, mit der Ehre oder vielmehr mit der Schande, unter den Delinquenten, denen die Solennität dieser Geburt (eines Prinzen) die Gefäng- nisse geöffnet hatte, voranzustehen. Dabei war seine Freiheit so eingeschränket, daß er weniger einem freien Menschen als einem Gefangenen glich, der seine Ketten mit sich schleppet und nicht aus dem Gesicht gelassen wird. Nur in dem kleinen Bezirke von Cottbus durft er sich sehen lassen und spazie- rengehen.« So gingen die Dinge bis 1713. Unmittelbar nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. wurde Dan- ckelmann freigegeben und durch den König nach Berlin berufen. Dieser benutzte vielfach seinen Rat,, gab ihm aber sein Vermögen nicht zurück. Danckel- mann starb 1722 im achtzigsten Lebensjahre. Erscheinung und Charakter Danckelmanns finden wir in der bei Peter Marteau erschienenen Broschüre wie folgt beschrieben: »Danckelmann war von einer gro- ßen Taille, etwas korpulent, aber allezeit von gutem Ansehen. Sein Geist hatte den Stempel des Bedeu- tenden; er war gediegen, zuverlässig, scharfsinnig, mit einem guten Judicio begabt, dabei durch gute Studia sowie durch vieljährige Erfahrung bei Hofe, große Affairen und unermüdlichen Fleiß ausgebildet. Hervorragend wie seine Klugheit war seine Redlich- keit, die ihn jederzeit nur auf das allgemeine Beste und das Interesse seines Herrn bedacht machte. Er trennte das eine nicht von dem andern. Solche allzu aufrichtige Sitten, ein etwas allzu ernsthafter Hu- meur (er soll nie gelacht haben) und allzu strenge Formen waren nicht bequem, einen guten Hofmann zu machen. Er wollte lieber dem Fürsten Instruktion geben, indem er ihm die Wahrheit sagte, als ihm schmeicheln, indem er ihm die Wahrheit verhehlte; er wollte lieber den Kalumnien seiner Neider sich unterwerfen und dabei seine Schuldigkeit tun, als dem Fürsten gefallen und ihn danach verraten.« So die P. Marteausche Broschüre. Damit stimmen durchaus die von Besserschen Verse:

Was fordert man von dir? Verlanget man Geblüte?

, Du hast ein alt Geblüt; verlanget man Gestalt? Du hast sie, und noch mehr, du hast auch ein Gemüte, Das mehr zu schätzen ist als Ansehn und Gewalt. Verlangt man Wissenschaft? In dir sind alle Künste; Verlangt man Tugenden? Wer kennt nicht deine Treu, Wer nicht dein edles Herz, entfernet vom Gewinste, Wie groß, wie unverzagt, wie standhaft solches sei?2) Nach diesem Versuch einer kurzen Charakteristik erübrigt uns nur noch, unter Hinzufügung einiger Züge, zu rekapitulieren, inwieweit Danckelmann in Beziehung zu Neustadt trat. Es ergibt sich dabei das Folgende: 1694 wurde Neustadt wie weiter oben erzählt seitens des Kurfürsten erworben und Danckelmann zum Amtshauptmann bestellt. Es scheint daß der Ankauf überhaupt nur geschah, um eine neue, einträgliche Stellung für ihn zu kreieren. Wir finden nämlich in der dieser Skizze vorzugsweise zugrunde gelegten Schrift von 1712 die nachstehende Stelle: »Den An- kauf der Grafschaft Spiegelberg, womit der Kurfürst ihn begnadigen wollte, suchte D. zu hintertreiben.« Da es eine »Grafschaft« Spiegelberg nirgends gibt, so ist hier selbstverständlich jene Neustädter Fabrik- und Spiegelmanufaktur-Vorstadt gemeint, die bis diesen Tag den Namen »Spiegelberg« führt., Daß Danckelmann, solang ihn die Fülle seiner Ämter – er war auch Erbpostmeister geworden – in Berlin festhielt, oft und andauernd in Neustadt verweilt ha- be, läßt sich nicht annehmen; andererseits ist es unzweifelhaft, daß er mit der ihm eigenen Umsicht alle dortigen Unternehmungen, die seit dem Aus- scheiden des Prinzen von Hessen-Homburg (1678) ins Stocken geraten waren, wieder in Gang brachte. Die reichen Mittel, über die teils sein Vermögen, teils seine hohe Stellung ihm Verfügung gab, erleichterten ihm dies. Besonders scheint er sich auch an Vollen- dung und Ausschmückung der, wie wir wissen, 1673 begonnenen und 1686 eingeweihten Kirche beteiligt zu haben. So find ich unter andern im Brat- ring: »Erst 1696 wurde der innere Ausbau der Kirche durch den Amtshauptmann von Danckelmann been- digt.« Schon damals mochte der Wunsch in ihm lebendig sein, sich je eher, je lieber aus den Kabalen des Ho- fes heraus- und an diese stille Stelle zurückzuziehen, deren weiter Wiesengrund ihn auch landschaftlich an die Tage seiner Jugend, an Lingen und Kleve erin- nern durfte, und so werden wir kaum irregehen, wenn wir ihn, in jenem letzten kurzen Zeitabschnitte, der dem Einreichen beziehungsweise der Annahme seiner Demission unmittelbar vorausging, bereits innerhalb seiner Amtshauptmannschaft vermuten. Jedenfalls erfolgte, wie schon hervorgehoben, am 10. Dezember 1697 seine Verhaftung in Neustadt., Von jenem 10. Dezember an, wo man Danckelmann in Haft nahm und nach Spandau hin überführte, war es mit Neustadts historischer Zeit vorbei. Treffliche Kräfte waren auch noch weiterhin wirksam, aber kein Name wie Königsmarck, Prinz von Hessen-Homburg, Danckelmann war unter ihnen. Blicken wir zum Schluß noch auf das, was der Stadt aus ihrer historischen Zeit her geblieben ist. 1. Dies Gedicht, aus dem wir auch noch weiter- hin einige Strophen zitieren werden, ist bei al- lem Steifen und Prosaischen, das dem Ale- xandriner und speziell den Alexandrinern ei- nes Hofpoeten anhaftet, doch merkwürdig gut und hat Stellen – wenn auch nicht gerade die im Text zunächst folgende –, um die mancher moderne Poet den Herrn von Besser beneiden könnte. 2. An solchen Stellen ist das Bessersche Gedicht reich, indem es den biographisch-erzählenden Teil beständig mit Urteilen begleitet die, wenn auch panegyrisch und höfisch, nichtsdestowe- niger den Eindruck des Überzeugungsvollen machen. Einige dieser Sentenzen, wie ich nur wiederholen kann, sind nicht ohne Feinheit. So beispielsweise:, Du bist den Ketten gleich in wohlbestellten Uhren, Durch die, von innen her, die Feder alles treibt; Man sieht nicht ihren Gang, doch zeigen ihre Spuren, Daß jedes Rad durch sie in seiner Ordnung bleibt. 3. Und an anderer Stelle: Und hierzu sehn wir noch dein emsiges Bemühen, Den Mut und den Bestand, den keine Not bewegt; Dein Kranich ist ein Bild des, was du kannst vollziehen, Der stehend einen Stein in deinem Wappen trägt.

Die Amtsfreiheit,

an dem Knie gelegen, das die vom Bahnhofe kom- mende Straße durch Einmündung in die Hauptstraße bildet, ist dieselbe Lokalität, wo sich früher das Amt befand. Wie weit dies »früher« zurückreicht, ist frag- lich. Gewiß ist nur, daß sich das um 1787 von Neu- stadt nach dem benachbarten Dorfe Dreetz verlegte, Amt in obengenanntem Jahr (wie sehr wahrscheinlich auch mehrere Jahrzehnte früher schon) an dieser Amtsfreiheits-Stelle befand. Was sich bis diese Stun- de noch an Baulichkeiten daselbst vorfindet, reprä- sentiert einen leidlich modernen Privatbesitz, dem, mit Ausnahme zweier prächtiger alter Bäume, die die Auffahrt bewachen, jeder Hauch von Historischem fehlt.

Die Kirche,

die sich fast in Front der Amtsfreiheit auf dem trian- gelförmigen Marktplatze der Stadt erhebt, ist eine Kuppelkirche und stellt in ihrem Grundriß ein kurzes griechisches Kreuz dar. Sie gibt sich sauber von au- ßen und innen, womit so ziemlich erschöpft ist, was sich zu ihrem Lobe sagen läßt. In den vier abge- stumpften Ecken des Kreuzes erheben sich die vier Fenster, hoch und lichtvoll und langweilig, wie denn überhaupt alles von jener symmetrischen Anordnung ist, die mehr durch Nüchternheit stört, als durch Ü- bersichtlichkeit erbaut. Im östlichen Kreuzstück der Altar, im nördlichen die Kanzel und beiden gegen- über zwei Emporen, in die sich, wenn ich recht be- richtet bin, die Honoratioren der Stadt und die Be- amten des Gestüts gewissenhaft teilen. Das letztere tritt uns hier noch einmal in seiner ganzen Distingu- iertheit entgegen und trägt unterhalb seines Chors ein großes vielfeldriges Wappen, das mir, seitens, meines Führers, einfach als das »Gestütswappen« bezeichnet ward. Es ist aber nur das preußische. Ei- ne daneben oder darunter befindliche Inschrift ist von relativer Wichtigkeit, insoweit sie uns positive Anhaltspunkte für die Geschichte der Stadt und die- ser Kirche gibt. Sie lautet: »Anno 1666 hat das Feuer durch Gottes Schickung das Schloß, Kirche und Stadt allhier verzehrt, und unter der hochlöblichen Regie- rung des durchlauchtigen Kurfürsten und Herrn, Herrn Friedrich Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg, hat der durchlauchtige Fürst und Herr, Herr Fried- rich, Landgraf zu Hessen-Homburg, Anno 1673 diese neue Kirche zu bauen angefangen. Anno 1686 ist abermal der neuste Teil der Stadt in Feuer aufge- gangen; jedoch ist noch in demselben Jahre die Kir- che von Johannes Michael Helmich, Pfarrer allhier, eingeweiht worden. 1694 hat der durchlauchtige und großmächtigste Kurfürst und Herr, Herr Friedrich III., das ganze Ambt erhandelt und Seine Exzellenz, O- berpräsident Freiherr Eberhard von Danckelmann als Amtshauptmann darin bestellt, welcher Anno 1696 den ganzen Kirchenbau zu Ende bringen läßt.«

Der »Spiegelberg«,

dem wir uns zuletzt zuwenden, ist eine reizend gele- gene Vorstadt am andern Ufer der Dosse. Hier war es mutmaßlich, wo der Prinz von Hessen-Homburg jene eingangs erwähnten fünfundzwanzig Familien ansiedelte, die berufen waren, das bis dahin kaum über ein Dorfansehen hinausgewachsene Neustadt in, einen Fabrikort umzuwandeln. Der Prinz war der Mann der Initiative, gewiß, aber wir werden seinem Verdienste kaum zu nahe treten, wenn wir, auch an dieser Stelle wieder, die Vermutung aussprechen, daß erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts all das von ihm Gepflanzte wirklich reichliche Früchte trug. Die Neustädter Glasindustrie hatte zu dieser Zeit ein Ansehen gewonnen, und besonders seine Spiegel bildeten einen nicht unerheblichen Exportar- tikel. Was sich jetzt noch von Gebäuden auf dem »Spie- gelberge« vorfindet, gehört nicht der Epoche des »Landgrafen«, sondern sehr wahrscheinlich den letz- ten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms I. an, we- nigstens scheint die Bauweise, die man kurzweg als eine kümmerliche Nachahmung des Holländischen bezeichnen kann, darauf hinzuweisen. Die Glas- schmelze, vor allem aber das Langhaus, in dem ehe- dem die Spiegelplatten belegt wurden – sie wirken wie bloße Schuppen, denen man bemüht gewesen ist mittelst roten Anstrichs ein etwas höheres Ansehn zu geben (ein Ansehn von dem was sie nicht sind), und erinnern dadurch an die derselben Zeit angehörigen Soldatenwesten, die gar keine Westen waren, son- dern nur angenähte Tuchlappen. Am meisten tritt einem diese Dürftigkeit an dem hier errichteten re- formierten Betsaal entgegen, der dasselbe Fachwerk und dieselbe rote Tünche zeigt und seine Bestim- mung durch nichts anderes andeutet als durch einen Dachreiter in Form eines aus Schindeln zusammen- geklebten Schilderhauses. Zu Häupten desselben ein Glöckchen., Das Ganze fiel uns auf, wenn auch nur durch seine Wunderlichkeit. Wir traten deshalb dicht an die ho- hen, aus kleinen grünen Scheiben zusammengesetz- ten Fenster heran und sahen in den Betsaal hinein, der aus einem Katheder und sechs Bank- und Pult- reihen bestand. Auf den Pulten lagen viele Gesang- bücher aufgeschlagen, als habe eben erst eine Ge- meinde diesen Betsaal verlassen. Und doch waren es über drei Jahre, seit man sich hier zum letzten Male versammelt hatte. Das Ganze berührte mich unheim- lich, etwa wie ein angerichtetes Mahl, das von langer Zeit her seiner Gäste harrt, oder wie die leise Musik in Spukschlössern, drin Geigen unsichtbar zum Tanze spielen. Aber kein Tänzer kommt.

Wusterhausen a. D.

Kleine Städte aufzufinden,

Städte, die in wenig Jahren Werden ganz und gar verschwinden, Treibt's mich, über Land zu fahren;... Sind sie auch nicht schön geblieben, Schön ist immer, was wir lieben. G. Hesekiel

, Von Neustadt a. D. bis Wusterhausen a. D. ist nur ein Schritt. »Il n'y a qu'un pas.« Die mißliebigen An- klänge, die vielleicht für alles, was Wusterhausen heißt, in diesem Zitate liegen, sind nicht ernsthaft gemeint und können es nicht sein, da das gegensei- tige Verhältnis in einem anderen berühmten Dich- terworte längst seinen mustergiltigen Ausdruck ge- funden hat. »Rosenkranz und Güldenstern und Gül- denstern und Rosenkranz.« In der Tat, sie sind Zwil- linge, Dosse-Brüder und einander so ähnlich wie die Kiebitzeier, die sich, am Fluß hin, in dem Röhricht ihrer beiderseitigen Feldmarken vorfinden. Aber da kommt mir freilich eine neue Sorge. »Wie ähnlich Sie Ihrem Herrn Bruder sehn!« Wer zu solcher Versiche- rung greift, darf beinah immer überzeugt sein, sich auf einen Schlag zwei Feinde gemacht zu haben. Auch Wusterhausen besteht aus einer Haupt- und einer Nebenstraße, die hier aber keinen einfachen Haken ( ), sondern etwa eine Form wie diese bilden. Da, wo beide Straßen sich treffen, erweitern sie sich, ganz wie in Neustadt, zu einem platzartigen Mittelpunkte, der, neben einer Anzahl gleichgiltiger Häuser, auch die steinerne Historie Wusterhausens, die Kirche, trägt. Seine geschriebene Historie ging in verschiedenen Rathausbränden unter. Was trotzdem übriggeblieben ist, ist schnell erzählt. Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert gehörte Wusterhausen den Plothos, deren Burg vor dem Kyritzer Tore stand. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts waren die Ruinen derselben erkennbar; jetzt nur noch der »Burgwall«. Außer diesem Überbleibsel erinnert nichts weiter als das Stadtwappen an diese frühste, historische Zeit: die Plothosche Lilie, durch den mär- kischen Adler halbiert. Schon Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ging Wusterhausen an die Markgrafen über, ward also Immediatstadt und blieb es. Um 1360 trat es plötzlich in Beziehungen zur Hansa, und wie stark auch die Zweifel sein mögen, die sich speziell an diese Tradition knüpfen, so entzückt es doch meine Phantasie, mir Wusterhausen zu denken, wie es mit einem Sechzehntel Anteil am Bug eines Orlogschiffes steht und dem König Waldemar samt dem ganzen Norden Gesetze vorschreibt. Fünfzig Jahre später sehen wir unsere Dosse-Stadt abermals an der Grenze hoher Politik: »Die Wusterhäusener verbinden sich nächtlicherweile mit den Quitzows gegen die Bredows«, aber auch diese Großtat zer- rinnt in Nebel, wie der vorerwähnte Anteil am Hansa- sieg. »Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.« Und dieser Nebelstreif wird immer dichter und dunkler und ver- dunkelt sich endlich zu völliger Nacht, aus der es nur dann und wann aufleuchtet, wenn das mit Regelmä- ßigkeit wiederkehrende Feuer die Stadt in Asche legt. 1758 brannte »durch unvorsichtiges Tabakrauchen eines Bürgers« das Rathaus nieder. Aus der ganzen Reihe dieser Verheerungen blieben nur zwei bauliche Denkmäler übrig, die noch imstande sind, uns von dem alten Wusterhausen zu erzählen: die Peter- Pauls-Kirche inmitten der Stadt und das Heilige- Geist-Hospital am Wildberger Tore. Beiden wenden wir uns in nachstehendem zu.,

Die Peter-Pauls-Kirche

Die Kirche Sankt Petri und Pauli ist ein gotischer Bau aus dem Jahre 1474; so dürfen wir aus einer Zah- lenangabe schließen, die sich, links über dem Altar, an der Decke des hohen Chores befindet. Sehr wahr- scheinlich, daß lange vor 1474 ein romanischer oder frühgotischer Bau an ebendieser Stelle stand. Wie die Kirche gegenwärtig sich präsentiert, überrascht sie – nach Art aller ähnlichen Bauten, die wir in klei- nen märkischen Städten finden – durch ihre ver- gleichsweise Bedeutung. Es geziemt sich, der Phrase vom »finsteren Mittelalter« gegenüber, dies immer wieder hervorzuheben. Während wir jetzt beispiels- weise Berliner Gemeinden von 40 000 Seelen haben, die's nur mühevoll zu einer Kapelle bringen, schufen damals allerkleinste Städte Kirchen wie diese, Kir- chen, die uns auch heute noch, aller Verstümmelun- gen und Beraubungen unerachtet durch ein gewisses Maß von Schönheit und Reichtum imponieren. Kir- chen bauen und Kirchen schmücken lag eben in der Zeit, und auch unsre Peter-Pauls-Kirche zu Wuster- hausen durfte Nutzen aus der allgemeinen Stimmung ziehen. Freilich, wie schon angedeutet, sind nur Res- te früheren Glanzes auf uns gekommen. Statt an zwölf Altären (von denen noch die Namen existieren) wird nur noch an einem gebetet, die Holzskulpturen sind zerstört, die Grabsteine zu Türschwellen gewor- den; der hohe Turm ist niedergebrannt und eine ein- fache Ziegelkappe wächst nur wenig über das Kir- chendach hinaus. Aber wie kümmerlich diese Rudera sein mögen, sie sind ausreichend, uns erkennen oder ahnen zu lassen, was hier einstens war., Die Holzskulpturen. An jeder Seite des hohen Chors befinden sich acht eichenholzgeschnitzte Chorstühle, die früher, ganz ersichtlich, ebenso viele kleine Bal- dachine getragen haben müssen oder aber schmale, dicht aneinandergefügte Holzfelder, deren Gesamt- heit einen gotischen Schirm herstellte. Dieser goti- sche Schirm fehlt jetzt bis auf vier Seitenfelder, die hüben und drüben die Reihe der Chorstühle flankie- ren, und zwar derart, daß der jedesmal zuoberst und zuunterst Sitzende seinen Kopf seitwärts an ein sol- ches Holzfeld anlehnen kann. Alle vier Holzfelder sind gotisch umrahmt und zeigen in ihrer Mitte bemalte Relieffiguren: 1. eine Maria mit dem Christkinde, 2. einen Bischof, 3. einen Abt und 4. einen Mönch. Ob die Bezeichnung unter 2 und 3 richtig ist, stehe dahin. Der »Bischof«, oder der, den ich dafür halte, trägt ein purpurfarbenes, mit Edelsteinen besetztes Gewand; der »Abt« den Schlüssel. Die Figur des Letztern ist die weitaus beste und erscheint mir nicht ganz ohne Kunstwert. Abt und Mönch interessieren auch dadurch, daß beide große, mit Buchklammern versehene und in ein eigentümliches Futteral gesteckte Meßbücher tragen. Die Lederbekleidung dieses Futterals hört nämlich nach oben zu mit dem Bucheinbande nicht auf, sondern wächst noch einen Fuß hoch über die festen Deckel hinaus. Dadurch ist Gelegenheit gegeben, das schwere, ziemlich unhand- liche Meßbuch bequem zu tragen, indem man es rei- setaschenartig an diesem Lederüberschuß festhält. Ich habe geglaubt, dies so ausführlich beschreiben zu sollen, weil ich weder hierzulande noch sonstwo einer derartigen Einbandform, die Futteral und Trag- beutel zugleich ist, begegnet bin., Bilder. Die Wusterhausener Kirche weist auch viele Bilder auf. Einundzwanzig davon bedecken die quad- ratischen Felder der Empore, die sich an der Nordsei- te der Kirche hinzieht, und stellen, nach Art der »Stationen«, aber über diese hinausgehend, die Lei- densgeschichte Christi dar, vom Abendmahl und dem Gebet am Ölberge bis zur Himmelfahrt und dem Jüngsten Gericht. Diese einundzwanzig Bilder, wenn ich recht gesehen habe, rühren nicht von derselben Hand her, obschon sie derselben Zeit zu entstammen scheinen. Das Jahr 1575, wie aus verschiedenen In- schriften hervorgeht, ist ein großes Restaurationsjahr für die wusterhausensche Kirche gewesen, und in ebendiese Zeit möcht ich auch diese Bilder setzen. Lucas Cranachsche Schule, der wir ja überall in den Marken begegnen. Einige, namentlich die sechs oder acht Blätter, die die eigentliche Leidensgeschichte darstellen, sind außerordentlich gut konserviert, frisch im Kolorit und nicht ganz ohne Wert. – Dage- gen sind die dem siebzehnten Jahrhundert entstam- menden Pastorenportraits in der Taufkapelle völlig bedeutungslos.1) Zwei alte Kelche und eine noch viel ältere Patene befinden sich in der Sakristei. Die beiden Kelche sind aus der Renaissancezeit; der größere, minder schöne trägt die Jahreszahl 1609, der etwas kleinere gehört wahrscheinlich dem schon oben genannten Restaura- tionsjahre 1575 an. Dieser kleinere Kelch, in der da- mals üblichen Form, ist sehr schön und mit Medail- lonportraits reich geschmückt. Die Patene, noch aus der gotischen Zeit, geht mindestens bis auf das Er- bauungsjahr der Kirche, 1474, zurück. Christus, von, zwei Engeln umschwebt thront als Weltrichter; zur Rechten seines Hauptes ein Kreuz, links ein Schwert; vor dem Munde des Heilands aber berühren sie sich, und zwar so, daß die Spitze des Schwertes die Ver- längerung des Kreuzes trifft.

Das Heilige-Geist-Hospital am Wildberger Tore

Die kirchlichen Gebäude Wusterhausens, trotzdem es während der Mehrzahl seiner Jahrhunderte keine tausend Einwohner hatte, beschränkten sich nicht auf »Sankt Peter und Paul«. Da war noch die Kapelle von Sankt Stephan und außer dieser das Gertruden-, das Georgen- und das Heilige-Geist-Hospital, von denen jedes wieder ein Kirchlein hatte. Das Heilige- Geist-Hospital, hart am Wildberger Tor, existiert noch. Es bietet dadurch ein besonderes Interesse, daß es früher ein Beguinenhaus (deren es ziemlich viele hierzulande gab) gewesen sein soll. Die Beguinen, wahrscheinlich von Lambert de Bègues gestiftet und nach ihm benannt, übten eine Tätigkeit, die wir heut in den Diakonissenanstal- ten wiederfinden. Ihre Tätigkeit umfaßte neben Er- ziehung der Jugend (namentlich der Waisen) auch Armen- und Krankenpflege, später auch Seelsorge. Die große Liebestätigkeit der Beguinen stellte zuzei- ten die Klöster völlig in Schatten, weshalb sie von diesen mit Neid betrachtet und von seiten der Kirche nicht selten in ihrer Tätigkeit behindert wurden. Die, Päpste standen verschieden zu ihnen. Unter den Machthabern waren Karl V. und Louis XIV. sehr für sie eingenommen; Joseph II., bei Aufhebung der Klöster, ließ sie fortbestehen. Im allgemeinen ist ihre Tätigkeit dieselbe geblieben; andererseits sind viele Beguinenhöfe aus Liebesanstalten zu Nutz und Frommen anderer in bloße Versorgungsanstalten für ältere Frauen umgewandelt worden. Holland und Belgien waren immer der Hauptschauplatz ihrer Tä- tigkeit; berühmt bis diesen Tag ist der Beguinenhof in Gent. Einige finden sich in Nordfrankreich; bei uns in Bremen. Unser Wusterhauser Beguinenhaus, das bereits um 1307, wenn auch nicht unter dieser Bezeichnung, genannt wird, ist jedenfalls jenen vorerwähnten Be- guinenhöfen zuzurechnen, die zu nicht näher anzu- gebender Zeit aus Liebesanstalten zu bloßen Versor- gungsanstalten wurden. Mit anderen Worten: unser Beguinenhaus wurd ein Spittel. Das ist es noch. Es reizte mich, diese wenigstens ehedem halbklösterli- che Stiftung kennenzulernen. Das Gebäude (ein Eckhaus) präsentiert sich an sei- nen beiden Vorderfronten als ein kümmerlicher Bau aus dem vorigen Jahrhundert; nur etwas mehr nach der Vorstadt hin, auf den ersten Blick ohne rechten Zusammenhang mit den Eck- und Fronthäusern, steht noch ein gotischer Giebel, ziemlich malerisch, mit Glockennische und Storchennest. Erst nachdem man eins der Fronthäuser, gleichviel welches, durch- schritten hat, nimmt man wahr, daß man sich inner- halb einer klösterlichen Anlage befindet: ein Hof,, nach drei Seiten hin von Häusern umstellt; die vierte Seite, das Quadrat abschließend, eine Kapelle. Wie die drei Häuser, so ist auch die Kapelle bewohnt die längst aufgehört hat, kirchlichen Verrichtungen zu dienen. Aus Altären wurden Feuerstellen, und statt des Weihrauchs zieht Torfqualm durch die Luft; gespaltenes Holz liegt hoch aufgeschichtet in den Nischen, und wo sonst ein geschnitztes Christusbild zwischen zwei Pfeilern hing, ist jetzt ein Hängeboden gezogen, auf dem Kisten und Kasten, Urväter Haus- rat und die letzten Ausläufer alten Trödels stehn. Leitern führen hinauf, halsbrecherisch wie der Hän- geboden selbst. Der untere Raum der Kapelle wurde längst zu Wohnungen aufgeschlagen, und auf dem Mittelgange schlurren jetzt die Nachfolgerinnen der Beguinen auf und ab oder klappen mit ihren Pantinen über den Estrich hin. Eine von ihnen machte die Honneurs und zeigte mir draußen auf dem Kloster- hof, an einem breiten und weit vorspringenden Pfei- ler, sechs Höhlungen, in denen noch, bis vor wenig Jahrzehnten, ebenso viele fest eingemauerte Begui- nenschädel sichtbar gewesen seien. Ich bat, indem ich ihr dankte, noch einen Augenblick bleiben zu dür- fen, worauf sie sich zurückzog. Sie war unzweifelhaft der esprit fort und die historische Autorität des Spit- tels. Ich war nun allein und sah mich mußevoll um. Wun- derliches Bild. Der kaum zwanzig Schritt im Quadrat habende Hof war in zwei Teile geteilt, von denen der eine ein Blumengarten, der andre ein Dunghaufen war. An der Grenze zwischen beiden stand ein Apfel-, baum und streckte seine Zweige nach links und rechts hin über Gerechte und Ungerechte; von dem links gelegenen Blumengarten her zog Resedaduft nach rechts hinüber und tat, was er konnte; aber er konnte nicht viel. Oben im Nest, am Giebelfelde der Kapelle, begann der Storch zu klappern – ein son- derbarer Genosse hier. Ich zog mein Notizbuch, um das Bild in wenig Stri- chen festzuhalten, wobei mein Hauptaugenmerk o- ben auf das Storchennest und unten auf den Pfeiler mit den sechs Höhlungen gerichtet war. Und nun war ich fertig. Noch ein Blick auf meine Zeichnung, dann sah ich wieder um mich her. Aber himmlische Mächte, was war inzwischen geschehen?! Aus jedem Fenster sah ein »Beguinengesicht« und grinste mich an, alle von einer Spittel- Ausgesprochenheit, die's ihnen erlaubt hätte, ohne weitere Vorbereitungen in die sechs Höhlungen ein- zutreten. Und mit verlegener Herzlichkeit grüßend, wie man's tut, wenn man sich fürchtet, empfahl ich mich und floh die Straße hinab und vor das Wildberger Tor hinaus. 1. Das Altarblatt der Wusterhausener Kirche ist ein Bild aus verhältnismäßig neuerer Zeit (et- wa 1770) und rührt von Bernhard Rode her, den man in so vielen unserer märkischen Kir-, chen, namentlich in der Berliner Marien- und noch besser in der Garnisonkirche, studieren kann. Dies große Wusterhausener Blatt stellt die Begegnung Christi mit Thomas dar, der, nachdem er seine Finger in die Nägelmale ge- legt, in die Worte ausbricht: »Mein Herr und mein Gott.« – Bernhard Rode war ein soge- nannter Schnellmacher, und die Mängel aller seiner Arbeiten sind evident; in einem aber grenzt er an die wirklichen Meister: er besaß eine völlig selbständige Vortragsweise, so charakteristisch, daß es selbst dem Laien leicht wird, seine Bilder auf zwanzig Schritt als Rodesche Bilder zu erkennen.

Trieplatz Ein Kapitel von den Rohrs

Die Douglas waren immer treu.

Schottisches Lied

Trieplatz ist alter Besitz der Rohrs, wiewohl es nicht zu den Gütern zählt die, gleich nach ihrem Erschei- nen in den Marken, von ihnen erworben wurden., Die Rohrs kamen mutmaßlich aus Bayern und stam- men, einer Familiensage nach, von jenem Grafen von Abensberg ab, der mit zweiunddreißig Söhnen am Hoflager Kaiser Heinrichs IV. erschien.1) Einer dieser zweiunddreißig, Adalbert mit Namen, wurde mit dem in der Nähe von Abensberg gelege- nen Dorfe Rohr belehnt und nannte sich danach A- dalbert von Rohr. Er war ein tapferer Kriegsmann, gegen Ende seines Lebens aber verließ er Haus und Hof und Weib und Kind und baute das Kloster Rohr, in das er nun selber eintrat. Dies war 1133. Die Kir- che des damals gestifteten Klosters, zum Teil aus Salzburger Marmor aufgeführt ist noch sehr wohler- halten; über dem Altar befindet sich ein zweigeteiltes Gemälde, dessen eine Hälfte den Adalbert von Rohr darstellt, wie er im Ritterkleide das Gelübde ablegt, die andere Hälfte, wie er, im geistlichen Ornate be- reits, vom Bischofe die Weihen empfängt. Die Nachkommen dieses Adalbert von Rohr waren es, die zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts im Brandenburgischen erschienen, nach einigen im Ge- folge Markgraf Ludwigs von Bayern, der 1323 die Mark in Besitz nahm, nach anderen schon um beina- he zwanzig Jahre früher. Gleichviel, um die Mitte des Jahrhunderts sehen wir die Familie von Rohr in der Prignitz, und zwar in Freyenstein, Holzhausen und Meyenburg, angesessen und etwa zur Reformations- zeit auch im Ruppinschen. Sie besaßen hier ganz oder teilweis: Leddin, Brunn, Trieplatz, Tramnitz, Ganzer. Leddin war, soweit die ruppinschen Güter in, Betracht kommen, am frühesten erworben worden, etwa um 1400. Eine Geschichte der Rohrs schreiben wollen hieße, mittelbar eine Geschichte Brandenburg-Preußens schreiben.

Bei Leuthen, Lipa, Leipzig, An der Katzbach und an der Schlei, Von Fehrbellin bis Sedan – Ein Rohr war immer dabei.

Sie sind eiserner Bestand in den Ranglisten unserer Armee, zu allen Zeiten mit einem Dutzend Lieute- nants und Capitains vertreten. Aber auch darüber hinaus bewährt und treu befunden, finden wir sie als Generallieutenants und Generalmajors in nicht ge- ringer Zahl. Und wie im Heer, so in Staat und Kirche. Um 1400 Otto von Rohr, Bischof von Havelberg; seitdem, in langer Reihenfolge, Präsidenten und Pröpste, Amtshauptleute und Ritterschaftsräte, ver- schieden an Gaben und Verdienst, aber in drei Ei- genschaften einig: gütig, tapfer, loyal. Nicht von dem Ruhm der Familie will ich in nachste- hendem erzählen, nicht von denen, die bei Prag mit- stürmten und bei Hochkirch unter Tod und Flammen aushielten; es entspricht dem einfach-demütigen, alles Anspruchsvolle zurückweisenden Sinne der Fa- milie mehr und besser, wenn ich bei Genrebildern verweile, wie sie das Leben dreier aufeinanderfol- gender Generationen bot. Ich wähle diese drei Gene-, rationen aus den Trieplatzer Rohrs. Begleite mich der Leser zunächst nach Trieplatz selbst. Trieplatz liegt eine Meile nördlich von Wusterhausen an der Dosse. Der Weg geht über Brunn, das, wie schon angeführt, früher ebenfalls den Rohrs zuge- hörte, seit Ende vorigen Jahrhunderts aber in den Besitz der Rombergs übergegangen ist.2) Die ganze Gegend am Dosse-Ufer hin, von dem wir uns übrigens mehr und mehr entfernen, ist wie so viele Punkte der Mark, witwenhaft traurig und mit keinem andern Reize ausgestattet als dem einen, den ihr ebendies Witwenkleid leiht. Wohl ist dies Kleid unter den Händen der Kultur, die hier und dort, wie eine heitere Enkelin, ein buntes Band eingefloch- ten hat, um seinen vollen Trauergehalt gekommen, aber das, was vorherrscht und nach wie vor den Charakter gibt, ist doch immer noch das monotone Grau, das selbst der Ackerscholle nicht fehlt, die da- liegt, als ob Asche über ihr frisches Braun ausge- streut worden wäre. Kein See, kein Weiher, kein Fluß; von Zeit zu Zeit eine Gruppe graugrüner Bäu- me, meist Pappeln und Weiden, die die Stelle andeu- ten, wo hinter Wipfeln ein Dorf vergraben liegt. So hinter Wipfeln vergraben liegt auch Trieplatz. Im Näherkommen bemerken wir eine prächtige Linden- und Kastanienallee, deren Linien sich kreuzen und dann avenueartig auf den alten und neuen Hof des Gutes zuführen. Der alte Hof, jetzt eine bloße Meie-, rei, war der Rittersitz des vorigen Jahrhunderts. Dort stand das Herrenhaus, ein einfacher Fachwerkbau, den Georg Moritz von Rohr bewohnte. Von ihm er- zähl ich zuerst. 1. Die Stadt Abensberg, nach der sich die Grafen von Abensberg nannten, liegt in Niederbayern und zeigt auf ihrer efeuumrankten Ringmauer noch einige jener vierzig Türme, von denen, der Sage nach, acht viereckige Türme zur Er- innerung an die acht Töchter und zweiund- dreißig Rundtürme zur Erinnerung an die zweiunddreißig Söhne des Grafen erbaut wur- den. Soviel über die Ringmauer. In der Kirche zu Abensberg existiert noch das Bild, das das Erscheinen des alten Grafen mit seinen zwei- unddreißig Söhnen vor dem Kaiser darstellt. Von diesem interessanten Gemälde befinden sich zwei Kopien in der Mark, die eine im Schloß Meyenburg (Prignitz) bei dem Senior der Familie von Rohr, die andere in Wolletz (Uckermark) bei dem Landschaftsrat Theo- bald von Rohr. (Letzterer besitzt auch eine Kopie des Altarbildes im Kloster Rohr, von dem ich weiter oben im Text erzähle.) 2. Im Schloßpark zu Brunn, unter dunklen Tan- nen und fast am Rande eines stillen Weihers, erhebt sich ein schönes, von Drakes Hand herrührendes Monument das dem Obersten von Romberg und seinem sechzehnjährigen, Sohne errichtet wurde. Sandsteinstufen tra- gen einen Granitwürfel; auf diesem ruht ein halbkreisförmiger Marmor mit den Hautrelief- figuren der Hingeschiedenen. Der dargestellte Moment ist der des Wiedersehns; beide rei- chen sich die Hand, und eine hohe Freude verklärt ihre Züge. Die Inschrift am Granit- würfel lautet: Vater und Sohn und von Romberg Conrad geboren zu Hamm den Anton 25. April 1783. geboren zu Brunn Als preußischer Oberst den 23. Juni 1819. gestorben zu In seiner Blüte ge- Groß-Kamin den 20. storben zu Dresden April 1833. den 8. Mai 1835. 3. Getreu bis in den Tod und reinen Herzens sind sie eingegangen und heißen sich will- kommen, wo die Treue ihre Kronen empfängt und die Reinheit Gott von Angesicht schaut. – Dem Gedächtnis der Verklärten gewidmet von der Witwe und Mutter: Amalie von Romberg, geborne Gräfin von Dönhoff, 1844., »Der Hauptmann von Kapernaum« Georg Moritz von Rohr war 1713 geboren. Selbstver- ständlich trat er in die Armee – in welches Regiment, hab ich nicht erfahren können –, war bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges Hauptmann, wurd in ei- ner der ersten Schlachten schwer verwundet und zog sich, zu fernerm Kriegsdienste untauglich, auf sein väterliches Gut Trieplatz zurück. Er war ein echter Rohr, einfach von Sitten, ein frommer Christ, dabei von jenem verqueren Zuge, der auch aus den schlichtesten Naturen Originale schafft. Georg Moritz von Rohr war ein solches Origi- nal. Er gab es schon dadurch zu verstehen, daß er sich selber den »Hauptmann von Kapernaum« nann- te. Die Worte, die, der Schrift nach, der wirkliche Hauptmann von Kapernaum an Christum richtete: »Herr, ich bin nicht wert daß du unter mein Dach gehest«, entsprachen ganz seinem eignen demütigen Herzen, aber über all dies hinaus reizte ihn, seiner ganzen Natur nach, auch wohl das Scherzhafte, das in der selbstgewählten Bezeichnung eines »Haupt- manns von Kapernaum« lag. Kein Zweifel, seine Popularität zog Nahrung aus die- sem Namen, was ihn indes in der ganzen Gegend am populärsten machte, das waren doch seine vielen Brautwerbungen, die nicht abrissen und ihn befähig- ten, es bis auf vier Frauen zu bringen.1) Dies allein schon würde genügt haben, alle Zungen der Graf- schaft über ihn in Bewegung zu setzen, unser Hauptmann von Kapernaum aber wußte nebenher, noch dem immer wiederkehrenden Begräbnis- und Freiwerbungszeremoniell so viel eigentümlichen Bei- satz zu geben, daß auch die jedem Klatschbasentum abgeneigtesten Kreise notwendig Notiz davon neh- men mußten. An dem jedesmaligen Begräbnistage ließ er singen: »Lobe den Herrn, meine Seele«, hielt in Promptheit und Treue das Trauerjahr und sprach dann mit einem gewissen humoristischen Trotze: »Nimmt Gott, so nehm ich wieder.« War aber dies Wort erst mal gesprochen, so begannen auch, vom nächsten Tag an, seine Freiwerbungen aufs neue, bei denen er ebenso konsequent und systematisch ver- fuhr wie bei dem vorgeschilderten Funeralzeremo- niell. Und auch bei diesen Freiwerbungen ist näher zu verweilen. Georg Moritz von Rohr hatte nämlich drei nicht mehr junge Cousinen, die zu Tornow lebten und die Namen führten: Henriette, Jeannette und Babette von Bruhn. Im Trieplatzer Herrenhause, wo sie bloß als eine dreigegliederte Einheit galten, lief ihr Unterschied auf einen einzigen Buchstaben hin- aus: Jettchen, Nettchen und Bettchen. Namentlich die beiden letzteren von anheimelndem Klang. Es war jedoch nicht dieser anheimelnde Klang, son- dern lediglich eine donquixotisch-ritterliche Vorstel- lung von pflichtschuldiger Cousingalanterie, was un- sern Hauptmann immer wieder veranlaßte, nach Ab- solvierung seines Trauerjahrs, erst um die Hand sei- ner drei Cousinen anzuhalten. Läufer vorauf und ge- kleidet in den Uniformrock, den er bei Prag getragen, fuhr er dann in Gala nach Tornow hinüber, ließ sich, bei den Fräuleins melden und begann seine Werbung bei »Jettchen«, um sie bei »Bettchen« zu beschlie- ßen. Immer mit demselben Erfolge, denn die Fräu- leins waren längst gewillt, in dem stillen Hafen ihrer Jungfräulichkeit zu verharren und das sturmge- peitschte Meer der Ehe nicht zu befahren. So hatte denn diese regelmäßig wiederkehrende Szene nur noch eine symbolische Bedeutung und bezweckte nichts weiter, als den drei Fräuleins von Bruhn eine exzeptionelle Stellung vor allen anderen Jungfrauen des Landes zu geben. Es war die Konservierung ei- nes Muhmenkultes, zuletzt mehr als »Muhme«. Gleichviel, bei den Cousinen in Tornow lag, in Rück- sicht auf die Wandelbarkeit menschlicher Natur, im- mer wieder das entscheidende Wort, und erst der dreimal wiederholte, verbindlich ablehnende Knicks schuf unserm »Hauptmann von Kapernaum« jene Freiheit der Aktion, von der bis diesen Tag nicht ge- nau festzustellen gewesen ist, ob er sie segnete oder beklagte. Denn die Cousinen waren reich, und die Zeiten waren arm. Aber wenn ihm die Freiheit der Aktion kein überho- hes Glück schaffen mochte, so schuf ihm anderer- seits der »Refus« keinen allzu tiefen Schmerz, zu welcher Annahme die vorerwähnten vier Frauen wohl eine genügende Berechtigung geben dürften.2) Alle vier waren Nachbarstöchter aus dem Adel der Graf- schaft oder der angrenzenden Prignitz. Die erste Frau eine Platen, die zweite eine Jürgaß, die dritte eine Hagen, die vierte eine Putlitz. Durch die Platen und Jürgaß ergab sich denn auch eine nahe Ver- wandtschaft mit den Zietens, so daß unser Haupt-, mann mit dem gesamten Adel der Nachbarschaft verschwägert war. Georg Moritz von R. kam zu hohen Jahren, und wenn er bald nach seiner Geburt die Kanonen von Lan- dau (1713) gehört hatte, so kurz vor seinem Tode die Kanonen von Valmy. Achtzig Jahre lagen dazwi- schen und drei Kriege, die er selbst bestand. Mit dem Älterwerden wuchsen auch seine Schrullenhaftigkei- ten, und er mußte den Tribut entrichten, den das Alter ohnehin so leicht zu zahlen hat. Dem Ehrwürdi- gen gesellte sich das Komische. Jeden Morgen stieg er mittelst einer Leiter in eine Pappelweide hinein, um in den Zweigen derselben seine Morgenandacht abzuhalten, und sang, während sein weißes Haar im Winde flatterte, mit klarer Stimme: »Wie schön leucht't mir der Morgenstern«. Grotesk und rührend zugleich. Für die Dorfjugend aber herrschte das ers- tere vor, und ein paar Übermütige sägten den Ast an, mit dem der Alte denn auch zusammenbrach, als er anderntags seinen Platz in dem Gezweige wieder einnehmen wollte. Daß er gezürnt habe, wird nicht berichtet. Er stand bereits da, wo Leid und Lust nur noch traumhaft wir- ken und selbst Unbill nichts weiter als ein Lächeln weckt. Seine Zeit war um, und seine Seele flog dem Morgensterne zu, zu dem er so oft emporgesungen hatte. Den 14. Juni 1793 ward er in Trieplatz begra- ben. Die Dorfjungen aber waren ernsthaft geworden, folgten seinem Sarge und sangen diesmal ihm: »Lo- be den Herrn, meine Seele!«, 1. Dies »vier Frauen nehmen« war im vorigen Jahrhundert wenn es die Verhältnisse gestat- teten, an der Tagesordnung. Selbst die Unbe- quemlichkeit, daß – wenigstens seitens des Adels und Militärs – ein Konsens beim Könige eingeholt werden mußte, hielt nicht davon ab. Herr von Hagen auf Nackel bat sogar zum fünften Mal um die Erlaubnis und erhielt als Antwort weder Zustimmung noch Ablehnung, sondern die echt altenfritzige Replik: »Er braucht künftig nicht mehr einzukommen.« 2. Bei Gelegenheit seiner vierten Verlobung hat- te Georg Moritz von R. (ähnlich wie Herr von Hagen auf Nackel, über den ich in der vorste- henden Anmerkung berichtet) allerdings auch eine Kränkung zu bestehn, die nur den einen Vorzug aufwies, daß sie nicht von dem ge- fürchteten Könige ausging. Der Kränkende war der eigne Bruder auf Tramnitz, allwo sich das Erbbegräbnis befand, in dem auch die Trieplatzer Rohrs beigesetzt wurden. Als Ge- org Moritz von B. seinem Bruder anzeigte, daß er sich zum vierten Male verlobt habe, schrieb ihm der Tramnitzer zurück: »er wün- sche ihm Glück, müsse ihm aber von vorn- herein erklären, daß für diese vierte Frau kein Platz mehr im Erbbegräbnis sei«. Dies war denn doch zuviel, und Georg Moritz erschien schon am nächsten Tage mit drei Wagen in Tramnitz, um die Särge seiner drei Frauen, aus dem ungastlichen Erbbegräbnis abzuho- len. Er begrub sie nunmehr auf dem Trieplat- zer Kirchhof.

Der Akazienbaum

Dem Hauptmann von Kapernaum waren aus seiner zweiten Ehe mit dem Fräulein von Jürgaß zwei Söhne geboren worden, von denen der jüngere den Namen des Vaters, Georg Moritz, führte. Der ältere dagegen war Otto von Rohr. Sein Gedächtnis lebt in Trieplatz in einem schönen Akazienbaume fort, der vom Park aus in das Gartenzimmer blickt. Otto von Rohr war 1763 geboren. Er trat früh in ein Infanterieregiment und stand 1792, als der Krieg gegen Frankreich ausbrach, beim Grenadierbataillon von Kalckstein. Über die Charge, die er bekleidete, verlautet nichts Bestimmtes; wahrscheinlich war er Stabscapitain. 1793 nahm er teil an der Rheincam- pagne und gehörte jenem Heeresteile zu, der im Spätherbste genannten Jahres unter dem Herzoge von Braunschweig gegen den General Hoche kämpf- te. Hoche wurde den 17. November bei Blieskastel geworfen und am 28., 29. und 30. in der dreitägigen Schlacht bei Kaiserslautern geschlagen. Unter denen, die preußischerseits dieses schönen Sieges wenig froh werden konnten, befand sich auch Otto von Rohr, der gleich am ersten Tage, den 28., als er mit seinem Grenadierbataillon aus einer Waldecke vor-, brach, in Gefangenschaft geraten war. Diensteifer und Herzensgüte trugen die Schuld daran. Schon war ihm der Rückzug durch einen Hohlweg geglückt, als er noch sieben seiner Leute, die das Signal überhört haben mußten, jenseit des Défilés im eifrigsten Scharmützeln mit dem nachdrängenden Feinde sah. Er eilte zurück, um sie zu retten, wurd aber dabei von einem Haufen Volontairs gefangengenommen, die mittlerweile den Hohlweg besetzt hatten. Die »Volontairs« von damals waren den »Francti- reurs« von heute sehr ähnlich. Otto von Rohr hat seine Schicksale während der nächsten fünf Tage in ebenso vielen, mir zur Benutzung vorliegenden Brie- fen aufgezeichnet, Aufzeichnungen, aus denen ich ersehen konnte, wie wenig achtzig Jahre jenseits der Vogesen geändert haben. Alles liest sich wie Erleb- nisse von heut oder gestern. Im Guten und Schlech- ten, in Liebenswürdigkeit und Frivolität, in Artigkeit und Frechheit ist der nationale Charakter derselbe geblieben. »28. November 1793. Drei oder vier Volontairs nah- men mich gefangen, zwölf oder mehr aber waren es, die mich zurückführten. Ich mochte zwei Minuten zwischen meinen Begleitern gegangen sein, als diese plötzlich einige Schritte hinter mir zurückblieben und mich allein stehenließen. Die ganze Bande schwatz- te; zugleich mußt ich wahrnehmen, daß einer von ihnen das Gewehr anlegte und auf etwa sechs Schritt nach mir schoß. Der Schuß versagte. Mein Volontair begann nur zu poltern, schüttete neues Pulver auf die Pfanne, schärfte den Stein und legte wieder an., Mittlerweile war ich von meiner ersten Betäubung zurückgekommen und hatte die klare Vorstellung eines unvermeidlichen Todes. Mich wehren, dazu fehlte mir die Waffe (meinen Degen hatte man mir abgenommen), mich durch Flucht retten war ganz unmöglich; ich verteidigte mich also nicht, weil ich nicht konnte, und stand, weil ich mußte. Ich weiß nicht mehr, was ich tat, nur das hab ich noch in Er- innerung, daß die ganze Gesellschaft lachte. Auch der Volontair, der im Anschlage lag, lachte mit. In diesem Moment, der über mich entscheiden mußte, trat ein alter Soldat, Sergeant, wie sich später ergab, aus dem Dickicht, schlug dem Buben das Gewehr nieder und rettete mich dadurch. Die ganze Bande verlief sich nun, und ich war mit meinem Retter al- lein. Er hieß Malwing, war ein geborner Elsässer, hatte den Siebenjährigen und dann den amerikani- schen Krieg mitgemacht und vermaledeite seine ei- genen Leute, die er Meuchelmörder nannte. Er hieß mich guten Mutes sein, führte mich zum komman- dierenden General Hoche und übergab diesem meine Person und meine Habseligkeiten. Die letzteren stell- te mir ein Adjutant des Generals sofort wieder zu. Hoche selbst unterhielt sich ein wenig mit mir, war sehr artig und überließ mich dann wiederum der Ob- hut Malwings. Unter den Gegenständen, die mir zu- rückgegeben wurden, befand sich auch mein Degen, meine Schreibtafel und Schärpe. Ich bat Malwing, die letztere anzunehmen, was er indessen entschieden ablehnte. Er sagte nur, ›ich solle sie verbergen‹, ein Rat, dem ich leider nicht folgte. Meine Börse mit et- wa elf Dukaten nahm er. Ich besaß außerdem noch eine auf den General Möllendorf geprägte Medaille, und eine kleine Schaumünze, ein Geschenk meines seligen Onkels; ich erzählte ihm, was es mit beiden für eine Bewandtnis habe, worauf er sie mir ließ. Meine Uhr war bei der Bagage. Jetzt nahm mir der Alte Wort und Handschlag ab, daß ich mich als sein Gefangener benehmen wolle, führte mich dann nach einer nahe gelegenen Bauernhütte und sorgte für ein Abendbrot, wie es die Umstände gestatteten. Darauf legte er sich neben mich schlafen. Mit uns war eine Rotte von Volontairs, unsaubere, ekelhafte Kerle. Ich hoffte aber sicher am andern Tage ausgewechselt zu werden, und so stählte mich diese Hoffnung gegen die Widrigkeit alles dessen, was mich umgab. Ich schlief ein. Den 29. November 1793. Morgens mit dem Tage kam mein alter Malwing. Ich war froh, ihn wiederzu- sehen, stand auf und ging mit ihm, wohin er wollte. Er führte mich nach dem etwa eine halbe Stunde entfernten Hauptquartier, wobei wir an Truppenteilen vorüberkamen, die sich schon zu ihrem nahen Tage- werk versammelt hatten. Dieser Gang war eine Art Spießrutenlaufen, doch waren die Bemerkungen, die fielen, mehr beißender Spott und launiger Scherz als pöbelhafte Worte und grobe Beschimpfungen. Sie frugen mich, ob ich etwas an meine Geliebte zu bestellen hätte, sagten, ich hätte viel Republikani- sches, offerierten mir eine Prise Contenance und dergleichen mehr. Endlich langten wir im Hauptquar- tier an. Hier waren drei Generale, ebenso viele Rep- räsentanten und einige andere Offiziere in eine Stube einquartiert. Malwing stellte mich den Generälen vor und verließ das Zimmer. Generale und Packknechte,, Fleischer und Repräsentanten saßen (gewiß ihrer dreizehn an der Zahl) um einen großen Kumpen Reis mit Hühnern und frühstückten. Man war allgemein äußerst artig gegen mich und forderte mich auf, mit zu frühstücken. Eine kleine Weile hatte ich es mir gut schmecken lassen, als sich jemand neben mich hin- stellte, der dem Anscheine nach ebenso hungrig war als ich. Er hatte keinen Löffel, ich bot ihm also mei- nen an, in der Hoffnung, daß ich ihn zurückerhalten würde. Das war aber irrig. Die Gesellschaft hatte nicht Löffel genug, und gingen diese deshalb auf eine Art Pränumeration aus einer Hand in die andre. An mich kam kein Löffel wieder. Nach dem Frühstück ging alles auf seinen bestimmten Posten zur Schlacht; vorher indessen gaben mir die Generäle noch die Versicherung, sie wollten an diesem Nach- mittag noch dem Herzoge von Braunschweig meine Auswechselung vorschlagen. Sie würden zu diesem Behufe das Nähere mit mir in Kaiserslautern, allwo sie ihr Hauptquartier zu nehmen gedächten, verab- reden. Bis dahin möcht ich mir die Zeit nicht lang werden lassen. Diese ganze Unterhaltung und be- sonders der Punkt, ›in Kaiserslautern Hauptquartier nehmen zu wollen‹, war in so festem, zuversichtli- chen Tone gesprochen worden, daß ich jeden Glau- ben an das gute Glück der Preußen für diesen Tag aufgab. Ich blieb noch ein Weilchen allein, ward aber dann von einem Gensdarmen abgeholt und auf die Wache gebracht. Das Wachthaus lag so, daß ich einen großen Teil des Schlachtfeldes übersehen konnte. Nicht mit den an- genehmsten Empfindungen. Ich wußte, daß unsere, Armee, besonders durch Krankheiten geschwächt selbst unter Hinzurechnung der Sachsen kaum gegen 60 000 Mann ausmachte; wenn ich nun hörte, daß die Franzosen nach Vereinigung ihrer Rhein-, Maas- und Moselarmee 150 000 Mann stark seien, wenn ich sie, so unmittelbar vor mir, alle Felder und Wiesen weit umher bedecken sah, so stand meine Hoffnung niedrig, und ich vergaß bei diesem Anblick alle meine eigne Not. Nachmittag brachte man einige Gefange- ne ein, erst einen Junker von Schulz vom Dragoner- regiment Sachsen-Kurland, dann auch Capitain Wil- helmy von demselben Regiment. Auch einige Mann- schaften. Wilhelmy sollte später, wie mein Unglücks- gefährte, so auch mein Freund werden. Wir hatten bereits eine Weile miteinander gesprochen, ich mei- nerseits ihm schon diese und jene kleine Aufmerk- samkeit erwiesen, und er hielt mich immer noch – durch meinen blauen Surtout mit weißen Aufschlä- gen dazu veranlaßt – für einen Volontair. Als er nun aber von seinem Irrtum zurückkam und mich als einen preußischen Offizier erkannte, da war er froh, ganz wie ich es war, einen Schicksalsgefährten zu treffen. Herzlich und gefühlvoll waren seine Äuße- rungen; fest war der Bund, den die neuen Bekannten schlossen; mir dünkt es ein Freundschaftsbund für die ganze Zukunft, für Zeit und Ewigkeit. Auch er war durch übereilte Hitze seiner Befehlshaber ins Mißgeschick gekommen; im übrigen unverwundet wie ich. Er war der erste, der mir sagte, daß das Grenadierbataillon von Kalckstein den vorigen Abend nah an sechzig Mann verloren habe, daß ich zu den Toten gezählt worden und daß außerdem Lieutenant, von Reitzenstein gefallen und zwei Offiziere blessiert seien. Abends in der Dämmerung erschien abermals Freund Malwing. Er trat ein mit einem: ›À présent tout est au diable!‹ Dies hatte zum Teil Bezug auf die mir abgenommenen Habseligkeiten. Er hatte sie zusam- men in ein Papier gewickelt in seine Rocktasche ge- steckt und diese war ihm durch eine preußische Ka- nonenkugel weggerissen oder, wie er sich ausdrück- te, ›zum Teufel geschickt worden‹. Er hatte dabei eine Kontusion davongetragen, weshalb er zurück in ein Lazarett gehen mußte. Ich bot ihm, da mir sein Verlust leid tat, nochmals meine Schärpe an, aber er lehnte nochmals ab und verwies mir meine Unfolg- samkeit, sie nicht nach seinem Rate besser versteckt zu haben. Dann mahnte er mich zu Geduld und Vor- sicht, reichte mir seine Flasche und ging fröhlich und guter Dinge ab, mit dem Versprechen, mich wieder zu besuchen. Und so beschloß sich der zweite Tag meiner Gefan- genschaft. Durch tausend Bemerkungen belästigt, von Ahnungen und Besorgnissen gequält, dazu von der Hoffnung einer baldigen Änderung meines Ge- schickes nicht mehr geschmeichelt, setzte ich mich, meinem neuen Freunde Wilhelmy gegenüber, auf einen Schemel und wünschte mir Schlaf. Doch ihn zu finden, daran war nicht zu denken. Die Stube zum Ersticken heiß und mit Menschen derart gefüllt daß ich schlechterdings meine Füße nicht regen konnte, ohne jemanden zu treten. Meine Lage war äußerst lästig, und endlich durch die Bewegungslosigkeit, zu, der sich mein Körper gezwungen sah, dem Erstarren nahe, blieb mir kein anderes Mittel, als auf den Schemel zu steigen. Hier stand ich wie ein Säulen- heiliger. Alles schlief und schnarchte, nur Wilhelmy und ich nicht. Genug, es war nicht die schmerzhafteste, aber doch die peinlichste Nacht meines ganzen Lebens. Endlich kam der so lang ersehnte Morgen, und alles regte und reckte sich. Ach, wie war ich so froh. Den 30. November 1793. Der Morgen kam und mit ihm die Sterbestunde für so manchen, Freund wie Feind. Viele fanden ihren Tod gestern schon, viele ehegestern, noch mehr fanden ihn heute. Früh mit der ersten Morgendämmerung begann die Schlacht von neuem; das Feuer der Kanonen war dabei so heftig, wie ich es noch nie gehört hatte. Etwa um elf war die Bataille völlig zum Vorteil der Preußen ent- schieden. Die Franzosen machten indessen, wie be- kannt, einen meisterhaften Rückzug, so daß sie trotz des schlechten Terrains, auf dem sie sich bewegten, keine Kanone verloren. Es kam ihnen dabei freilich zustatten, daß unsere Kavallerie ganz entkräftet war. Von dem Gewimmel der Zurückkommenden sahen wir nur wenig, da auch wir, als die Retirade begann, zurück mußten. Wir bildeten nur ein kleines Häuflein: Wilhelmy, ich, der Junker und etwa acht Gemeine, das war die ganze gefangene Gesellschaft, schließlich noch durch sechs oder sieben Deserteure vermehrt. Letztere höchst widriges Gesindel. Mit genauer Not bekamen wir einige von den erbeuteten Pferden; dann, bei jedem Offizier ein Gensdarm, außerdem, noch zwei, drei zur Eskorte der übrigen, so ging un- ser Zug rückwärts auf der Straße nach Homburg zu. Ein wahrer Golgathas-Weg für uns arme Sünder. Gleich zu Anfang passierten wir einen großen Teil der französischen Armee, die auf einer weiten Ebene hielt. Hier fanden wir Truppen aller Art, auch das Proviantfuhrwesen. Wir kamen leidlich vorüber. Als wir aber eine andere Abteilung der geschlagenen Armee erreichten, bei der sich viele Hunderte von Schwerverwundeten befanden, war es mit unserer Ruhe vorbei. Ein großer Teil dieser Unglücklichen, als sie uns sa- hen, gebärdeten sich wie rasend, wetterten und fluchten und schienen durchaus willens, es bei den insultierenden Worten nicht bewenden zu lassen. Mehr als einmal schlug man die Gewehre auf uns an, und nur der Umstand, daß wir rechts und links Gensdarmen zur Seite hatten, die bei dieser Gele- genheit so gut wie wir getroffen werden konnten, rettete uns aus dieser Gefahr. Die Insulten dauerten fort, aber nach einer halben Stunde schienen auch die Lungen erschöpft, und man ward still. Nochmals eine halbe Stunde später, und wir wurden in einem Stall untergebracht, wo sich unser Häuflein alsbald um einen Unglücksgefährten vermehrte. Das Re- giment Göckingk-Husaren hatte verfolgt, und bei diesen Verfolgungsscharmützeln war Cornet Gottschling vom genannten Regiment erst verwundet und dann gefangengenommen worden. Er hatte ei- nen Hieb über den Kopf, einen andern über die Hand und war in sehr bedauernswerter Lage., Der Zug setzte sich endlich wieder in Bewegung. Neue feindliche Trupps waren zu passieren, da wir aber auf dem Marsche blieben, so hatten wir weniger zu leiden; nur der arme Gottschling erhielt einen Steinwurf. Gegen Abend rückten wir in ein Dorf ein, das nicht mehr ferne von Homburg war. Der Führer der Eskor- te wollte weiter, aber die Mannschaften, die sich an- geschlossen hatten, wollten bleiben oder wenigstens eine Rast machen. Der Führer mußte nun gehorchen. Ein Haus wurde ausgewählt, und wir Offiziere, der Junker, die Deserteurs und die Gensdarmen kamen in ein und dieselbe Stube. Die gutmütige Wirtin schaffte Milch, wir selbst hatten Kommißbrot, und so wurde denn eine Milchsuppe gekocht, die mir ganz besonders mundete, da ich, seit jenem Reisfrühstück in Gesellschaft der Generalität, nichts Warmes mehr gegessen hatte. Homburg indessen sollte noch erreicht werden, und um zehn Uhr abends rückten wir in seine Straßen ein. Quartiere erhielten wir im Ratskeller, in einem weitläufigen Gemach, das schon vorher mit vielen Verwundeten belegt worden war. Uns blieb nur, wie in der Nacht vorher, ein kleines Plätzchen zum Ste- hen übrig. Hart an uns vorüber trug oder führte man die Verstümmelten. Eine Hölle war uns dieser Auf- enthalt; das war ›gekerkert im Kerker‹. Unbegreiflich und wunderbar war es uns allen und ist es mir noch in dieser Stunde, daß nicht einer dieser Unglückli- chen, wütend, wie sie waren, uns niedermordete oder doch mißhandelte. Wir erwarteten es jeden Au-, genblick, aber es blieb bei Fluch und Verwünschung. Ein oder anderthalb Stunden mochten wir in diesem Zustande zugebracht haben, bittend, flehend, daß man uns aus dieser Hölle des Jammers fortführen möge. Alles umsonst. Endlich, aufs äußerste empört, begannen wir selbst zu toben und zu fluchen. Das half. Man brachte uns in ein Wirtshaus, in dem ein französischer Artilleriegeneral logierte. Dieser teilte seine Stube mit uns und behandelte uns mit vieler Artigkeit. Wir ließen uns ein gutes Nachtmahl schme- cken, legten uns auf Streu oder Stühle und vergaßen in festem Schlaf die bittern Erlebnisse des letzten Tages. Den 1. Dezember 1793. Morgens beim Erwachen war der General fort; wir haben auch später seinen Na- men nicht erfahren können. Unser Frühstück, Kaffee und Zubehör, stand bereit, wir ließen es uns schme- cken, und weiter ging es bis Zweibrücken. Hier führ- te man uns auf den Marktplatz, wo denn alsbald al- les, was nur Raum finden konnte, sich an uns heran- drängte. Wir fürchteten ein Dakapo des Spiels vom vorigen Tage, aber es unterblieb; teils waren hier keine Blessierten, teils war die erste Wut schon ver- raucht; zudem befanden wir uns hier zumeist unter Linientruppen. In ihrem Beisein waren wir in der Re- gel vor groben Beleidigungen sicher. Jeder von uns ward von einem ganzen Haufen umzingelt, alles schwatzte und frug auf uns ein, frug immer von neu- em und immer etwas anderes, ohne unsere Antwor- ten abzuwarten. Dabei reichten sie uns Cognac und Brot, sprachen uns Mut zu und hießen uns guter Dinge sein. Genug, das Ganze dieser Szene war, menschenfreundlich und gutartig, wenn ich einige Tölpel ausnehme, die grob wurden, weil wir ihnen kein Gegenprosit mehr zutrinken wollten. Einer, den ich bat, mich nicht weiter zu nötigen, erklärte laut: ›ich sei ein Emigrierter, er kenne mich‹. Dabei nahm er mein Pferd beim Zügel und wollte mich zum Rep- räsentanten abführen. Doch kam es nicht soweit; einige andere bedeuteten ihm seinen Unsinn und drängten ihn weg. Nach einer halben Stunde führte man uns auf die Hauptwache. Hier wiederholten sich die Szenen vom Marktplatz, aber schon nach kürzester Frist wurden wir weitergeschleppt, und zwar in das Gefängnis der Stadt; wir drei Offiziere kamen in die Armesünder- stube. Wohl allenthalben sind sich diese Lokalitäten so ziemlich ähnlich. Das erste, was mir ins Auge fiel, war eine mit Kohle an die Wand geschriebene Zeile: ›Der nächste Gang von hier geht zum Galgen.‹ Nun durften wir zwar annehmen, diesen Gang nicht tun zu dürfen, nichtsdestoweniger wirkte diese Zeile sehr unangenehm auf meine Empfindung und stand mir immer vor Augen. Sie war eine häßliche und bestän- dige Mahnung an das höchst Kritische unserer Lage. Der Gefangenwärter frug, ›ob wir Geld hätten, um uns durch seine Vermittelung Lebensmittel kaufen zu können‹, eine Frage, die wir leider verneinen muß- ten. Er schüttelte den Kopf, setzte einen Krug mit Wasser hin und wies auf einen andern, größern Kü- bel; zugleich versprach er, Brot und Streustroh zu bringen. Wir waren wie versteinert; doch kam ich mit Hülfe eines listigen Schurken von Gensdarmen, de- ren zwei bei uns geblieben waren, bald zu mir selbst., Freilich nicht auf angenehme Weise. Der Gensdarm redete mich an: ›Monsieur, ilyabien long temps que je désire à avoir un souvenir d'un officier prus- sien. Vous avez là quelque chose, dont vous ne pou- vez plus faire usage: votre escarpe; en faite moi présent.‹ Ich band meine Schärpe ab, erinnerte mich, leider zu spät, der guten Lehren des alten Malwing, schwieg und gab dem Buben, was er spot- tend von mir erbat. Zugleich mein Letztes. Mit ironi- scher Höflichkeit bedankte er sich und schritt unter vielen Kratzfüßen zur Tür hinaus. Sein Spießgesell hatte es mit Gottschling ebenso gemacht. Der Gefangenwärter erschien nun wieder, brachte Streustroh und Leuchtung, fragte nochmals, ›ob wir wirklich kein Geld hätten‹, und bedauerte uns herz- lich, als wir ihm unser Nein wiederholten. Der gute, christliche Deutsche beklagte uns sehr und schien in Mitleiden für uns aufzugehen; nichtsdestoweniger vergaß er, uns unser Deputat Brot für den Nachmit- tag und Abend zu geben. Nur ein Weilchen noch blieb er, um uns Trost und Mut einzusprechen, wünschte uns dann eine wohlzuruhende Nacht und – ging. Das letzte, was er uns hören ließ, war das Ras- seln und Klirren der Schlösser und Riegel. Nun waren wir mit uns und unserm Elend allein. Mein alter Wilhelmy erlag fast seinem Schicksal: er schwankte zur Streu und wünschte sich laut die ewi- ge Ruhe. Gottschling litt heftige Schmerzen, legte sich auch und hoffte Linderung vom Schlaf. Ich folgte seinem Beispiel. Ein paar Stunden mocht ich ge- schlafen haben, als Wilhelmy mich weckte; ihm, brannten Kopf und Körper, Gottschling erwachte e- benfalls im heftigsten Wundfieber. Beide lechzten nach Wasser und – Gott! der Krug war leer, ebenso der Kübel. Ich lief in der Stube umher, rief und schrie nach Hülfe; umsonst, unser Kerker war zu abgelegen, als daß irgendwer hören konnte. Ich stieß gegen die Tür, in der Hoffnung, sie zu sprengen, a- ber Schloß und Riegel waren zu fest. Hinweg, selbst von der bloßen Erinnerung an diese Unglücksnacht. Den 2. Dezember 1793. Morgens, vielleicht acht Uhr, saß ich an dem Lager meiner beiden Gefährten, ver- tieft und verloren in unser trübes Geschick. Wilhelmy und Gottschling, trotz Fieber und Durst, waren eben wieder eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufging und einige junge Frauenzimmer, deren Bekannt- schaft Gottschling vor acht oder zehn Tagen gemacht hatte, mit Kaffee und Semmel bei uns eintraten. Die- se gutmütigen Magdalenen, die vielleicht durch den Gefängniswärter von ihm gehört haben mochten, hatten sich mit Mühe und Schwierigkeiten einen Weg zu uns gebahnt und leisteten nun soviel Hülfe, wie in ihren Kräften stand. Auch einen Stadtwundarzt brachten sie mit, um Gottschlings Wunden zu ver- binden. Ich weckte nun meine beiden Kranken ju- belnd auf, und beide labten und erquickten sich an dem Frühstück, das ihnen geboten wurde. Unsere barmherzigen Samariterinnen standen uns gegen- über und freuten sich herzlich, daß uns ihre Gabe so vortrefflich mundete; ebenso herzlich war unser Dank. Während des Frühstücks fand sich allerlei Ge- sellschaft ein: der gute, christliche Kerkermeister, dessen Ehegespons, einige Gensdarmen, schließlich, auch einige Offiziere. Man kam und ging, alle waren voller Mitleid, aber dabei hatte es sein Bewenden. Im Laufe des Vormittags erschienen: ein Generalad- jutant namens Bertrand, mehrere junge Leute von der Adjutantur, endlich auch ein Secretair, um unse- re Charaktere und Namen aufzunehmen. Alle diese Herren, besonders sichtbar und auffallend aber der Erstgenannte (Bertrand), waren äußerst betreten, uns so gemißhandelt zu finden. Der Umstand, daß die Zweibrücker Mädchen uns ein Frühstück, und zwar als ein Almosen, gereicht, dazu auch einen Arzt uns zugeführt hatten, brachte die Herren vorzugs- weise in Verlegenheit. Sie waren Zeugen, daß wir unsere Wohltäterinnen mit einem einfachen ›Gott vergelt's euch‹ bezahlen mußten. Einige der jungen Offiziere versuchten auf mancherlei Art, die Sache zu entschuldigen, doch ging es ihnen damit nur schlecht vonstatten. Der Umstand, daß man uns in drei Tagen noch kein Zehrungsgeld, am Nachmittag und Abend kein Brot und auf die letzte Nacht auch nicht einmal Wasser, Heizung und Licht zur Genüge gegeben hat- te, war nicht wohl zu entschuldigen. Alles, was man für uns getan, war, daß man uns unsere Schärpen geraubt hatte. Bei Aufzählung aller Unbill, die wir erfahren, traten mir die Tränen in die Augen. Bert- rand, als er dessen gewahr wurde, trat zu mir heran und hatte freundliche Worte für mich. Es tat mir wohl, und ich vermochte mich wieder zu fassen. Nachdem man unsere Namen und Charakter aufge- schrieben, schenkte uns Bertrand unter dem groß- mütigen Vorwande, ›daß es die rückständige Gage sei‹, anderthalb Karolin; auch wurde ein Mittagbrot, für uns besorgt. Ein Bekannter Wilhelmys, ein verab- schiedeter Soldat, der jetzt in Zweibrücken lebte und vor einigen Wochen erst als Handelsmann Wein und andere Lebensmittel ins Lager geliefert hatte, er- schien ebenfalls. Dieser verschaffte einem jeden von uns ein Hemd. Infolge davon wurde nun zwar unsere Kasse so gut wie wieder gesprengt, aber dennoch erkauften wir die Glückseligkeit des Wäschewech- selns damit nicht zu teuer. Gegen Mittag brachen wir aus der Zweibrückener Armensünderstube auf und kamen um drei Uhr in Blieskastel an. Man war unschlüssig, wohin mit uns. Nachdem wir wieder drei viertel Stunden lang auf freier Straße zur Schau ausgestellt gewesen waren, brachte man uns endlich in den ›Turm‹. Sergeanten und Gemeine bekamen den Raum unterm Dach; wir Offiziere und der Junker aber wurden in die Stube des Stockmeisters einquartiert. Hier fanden wir be- reits zehn oder zwölf Geiseln vor, die die französi- sche Armee bei ihrer Retirade aus der umliegenden Gegend mitgenommen hatte.« Hier brechen die Briefe ab. Was ich noch zu erzählen haben werde, steht räumlich in keinem entsprechen- den Verhältnis zu dem bis hierher Mitgeteilten. Otto von Rohr samt seinen Leidensgenossen, die wir aus vorstehenden Briefen kennengelernt, wurde nach Frankreich abgeführt und in Nogent-sur-Seine, etwa siebzig Kilometer von Paris, interniert gehalten. Hier lebte er, ein Jahr lang und darüber, in ungetrübtem, Glück, soweit das Leben eines Gefangenen über- haupt ein glückliches sein kann. Die große Zeit störte nicht seine Kreise. In Paris die Schreckensherrschaft, in Nogent Friede. Auf dem Eintrachts-Platze (furcht- bare Ironie) fiel Dantons Haupt, und sein blutiger Schatten ging um, bis das Haupt dessen, der ihn stürzte, dem seinen nachgefallen war – in Nogent aber, als wäre die Welt so klar wie die Sommernacht die sich jetzt über ihm wölbte, saß Otto von Rohr unter dem Gezweig einer mächtigen Akazie, und ne- ben ihm saß Jacqueline, die Tochter des Hauses, halb Kind noch, und hörte ihm zu, wenn er von seiner Heimat erzählte, von den weiten Strecken Sand und der Sumpfniederung, in der ein Fluß laufe, »schilfbe- standen und tief und schwarz wie der Styx, der um das Reich des Todes schleicht«. Dann fragte Jacque- line, »ob dort auch Menschen wohnen«. »Kaum«, antwortete der Gefangene voll übermütiger Laune, »Halbwilde nur, die schwarzes Brot essen und einen bräunlichen, immer schäumenden Saft trinken, den sie Bier nennen. Und zur Winterzeit machen sie Löcher ins Eis und springen hinein oder jagen tage- lang durch den Wald, um Füchse zu fangen und mit dem wilden Eber zu kämpfen. Und wenn sie dann heimkehren, können sie oft ihr Dorf nicht finden, weil es in Schnee versunken ist.« Dann fragte Jacqueline: »Und wie sehen diese Menschen aus?«, worauf dann Otto von Rohr erwiderte: »Genau wie ich, Jacque- line.« Und dann lachten sie beide und hörten nicht, daß ein leises Rauschen, wie ein Klageton, durch den Wipfel der alten Akazie ging., Denn der alte Baum, der das Leben kannte, wußte, was bevorstand: Trennung. Sie kam; der Basler Frieden machte den Gefangenen frei. Wieviel Schwü- re wurden laut, wieviel Tränen fielen. Eines Tages aber lag alles zurück wie ein Traum, und nur zweier- lei war noch wahr und wirklich: das Leid im Herzen Jacquelines und eine kleine seidengestickte Henkel- börse, die sie dem Scheidenden zum Abschiede ge- reicht hatte. Darin befand sich eine Schaumünze mit ihrem Lieblingsheiligen darauf und – ein Samenkorn von dem Akazienbaum, unter dem sie so oft geses- sen. Dies Samenkorn ist in Trieplatz aufgegangen. Es ist derselbe Baum, der (womit wir diese Erzählung ein- leiteten) vom Park aus in das Gartenzimmer blickt.

Urania von Poincy

Die Tage von Nogent-sur-Seine lagen über ein Men- schenalter zurück. Da (dasselbe Jahr noch, in dem unser Otto von Rohr, inzwischen zum General und Präsidenten hoher Kommissionen emporgestiegen, aus dieser Zeitlichkeit schied) knüpften sich neue Beziehungen zwischen Frankreich und – Trieplatz. Noch einmal gewann ein Rohr ein französisches Frauenherz. Und diesmal keine Trennung, oder doch keine andere als durch den Tod!, Moritz von Rohr, ein Neffe Ottos, stand 1838 bei ei- nem rheinischen Regiment in Saarlouis. Er war zwei- undzwanzig Jahr alt groß und schlank. Der Winter brachte Maskenbälle wie gewöhnlich, und auf einem dieser Bälle war es, daß Moritz von Rohr die Be- kanntschaft Urania de Poincys machte, der schönen Tochter des Herrn und der Frau von Poincy, die sich damals, sei es erziehungs- oder zerstreuungs- oder gesundheitshalber, in Saarlouis aufhielten. Dieser Ball entschied über das Leben des jungen Paares; die leidenschaftliche Liebe, die beide füreinander hegten, überwand jedes Hindernis, Moritz von Rohr erbat und erhielt seinen Abschied, und in demselben Winter noch erfolgte die Trauung zu Notre-Dame in Paris. Der Hindernisse, deren ich eben erwähnte, waren nicht wenige: Die Familie de Poincy war nicht mehr jenseits des Rheines, sie war jenseits des Ozeans zu Hause, seitdem der Großvater der jungen Dame das vom Schrecken regierte Frankreich Anno 93 gemie- den und, nach Amerika flüchtend, erst in Kuba, dann in Neuorleans sich niedergelassen hatte. Dort lebten sie jetzt in hohem Ansehen: der Name de Poincy war der Name einer Handelsfirma geworden. Selbstver- ständlich lag nicht hierin die Schwierigkeit; die Rohrs dachten niemals gering von bürgerlicher Hantierung, am wenigsten vom Großhandel, der mit eigenen Schiffen die Meere befährt, aber der Weg von der Dosse bis an den Mississippi war doch weit, und ein Rohrsches Herz hält fest an Wusterhausen und Trieplatz., Dies waren die Schwierigkeiten. Die Liebe des jungen Paares indes, wie schon angedeutet, überwand sie. Moritz von Rohr trat in das Handelshaus seines Schwiegervaters ein, und nie wurde brieflich oder mündlich ein Wort laut, das darauf hingedeutet hät- te, er habe die Trennung von Vaterland und Familie bereut. Kein Klagewort, aber auch kein rechtes Wort des Glücks! Die nationalen und konfessionellen Un- terschiede ziehen eben eine tiefe Kluft, und der Bei- spiele sind wenige, wo die bloße Sympathie der Her- zen stark genug gewesen wäre, diese Kluft zu über- brücken. Je feiner und durchgeistigter die Naturen sind, desto mehr tritt dieses Trennungselement her- vor. Man liebt sich, aber man ist nicht eins, und jede Freude halbiert sich oder schwächt sich ab, weil sie nur einmal unter hundert Fällen auf neutralem Ge- biet erblüht. Die Herzen stimmen, aber der Gegen- satz der Geister klingt disharmonisch hinein. Auch das Glück Moritz von Rohrs und Urania von Poincys wurde getrübt oder trug wenigstens einen Schleier. Zehn Jahre nach der Vermählung war dieser Schleier für die junge Frau zum Witwenschleier geworden. Moritz von Rohr glaubte sich akklimatisiert und un- terließ es, im Sommer 1848 die Fieberluft Neuorle- ans' mit der gesunden Küstenluft am Mexikanischen Golf zu vertauschen. Er wurde vom gelben Fieber befallen und erlag ihm. Zwei Jahre später (das kaufmännische Geschäft war inzwischen an den Sohn des Herrn von Poincy über- gegangen) kehrte der ältere de Poincy mit seiner Familie: Frau, Tochter und Enkelin, nach Europa zu-, rück. Die Enkelin war das einzige Kind Moritz von Rohrs. Man kaufte sich in Frankreich an, und 1854 waren Frau von Poincy, die Schwiegermutter, und Urania von Rohr, geborne von Poincy, in Trieplatz auf Besuch; sie mochten Parallelen ziehen zwischen ihrer Hazienda daheim und dem alten Hofe des »Haupt- manns von Kapernaum«. Vieles fehlte; aber aller- dings auch die Sumpfluft, die so frühe schon die schöne Frau zur Witwe gemacht hatte. Denn die Dosse ist gesund. Die Tochter Moritz von Rohrs war nicht mit bei die- sem Besuche, war vielmehr in einer französischen Klosterschule zurückgeblieben. Erst sechzehn Jahre später lernte sie die Kompatrioten ihres Vaters ken- nen, als diese, während des siebziger Krieges, vor dem Kloster Abbaye-aux-Bois ihr Lager aufschlugen. In diesem Kloster stand das junge Fräulein von Rohr damals als Novize. Längst seitdem hat sie den Schleier genommen, die Großeltern sind tot, und nur die Mutter lebt noch in Paris. Ein Portrait, das inmitten der Familienbilder in Trieplatz hängt, mahnt an die nahen Beziehungen des Hauses Rohr zum Hause de Poincy. Der weiße Teint, das schwarze Haar, die leuchtenden Augen – sie geben das typische Bild der schönen Kreolin. An Sommertagen, wenn der Akazienbaum seine Zweige bis dicht vor das Fenster streckt, ist es, als spielten seine Blätterschatten mit Vorliebe um dieses Bild., Und es ist dann wie ein Nicken und Grüßen Jacque- linens an Urania von Poincy.

Tramnitz

Beneath those rugged elms,

Where heaves the turf in many a mouldring heap, The rude forefathers of the hamlet sleep. Thomas Gray

Eine halbe Meile nördlich von Trieplatz liegt Tram- nitz, ebenfalls ein alt-Rohrsches Gut. Der Weg dahin hat denselben Einsamkeitscharakter wie die zu Be- ginn des vorigen Kapitels von mir geschilderte Land- schaft. Die Dosse-Ufer sind eben von einer ganz be- sonderen Tristheit, wenigstens soweit der obere Lauf des Flusses in Betracht kommt. All diese Strecken veranschaulichen in der Tat jenes märkische Land- schaftsbild, das im allgemeinen weniger in der Wirk- lichkeit als in der Vorstellung der Mittel- und Süd- deutschen existiert. Dorf Tramnitz wirkt wie ein Kind des Bodens, auf dem es gewachsen. Es weckt ein Herbstgefühl. Und auch die Stelle, wo das Herrenhaus gelegen ist, än- dert nichts an diesem Eindruck. Vielleicht wär es an- ders, wenn nicht der weiße, ziemlich weitschichtige, Bau, vor dem ein paar mächtige Linden aufragen, eine wahre Mausoleumseinsamkeit um sich her hät- te. Hat sich doch, seit dem Tode des Vorbesitzers, aus dem jetzt leerstehenden Herrenhause das Leben in ein abseits gelegenes einfaches Fachwerkhaus zurückgezogen, an dessen Schwelle wir von einer freundlichen alten Dame begrüßt und an einen mit Meißner Tassen besetzten Kaffeetisch geführt wer- den. Die freundliche alte Dame ist »Tante Wilhelmine«. Sie verwaltet, neben andrem, auch den Anekdoten- schatz des Hauses, und der Kaffee, von dem wir e- ben wohlgefällig nippen, wohin könnt er den Gang der Unterhaltung natürlicher hinüberleiten als zur Geschichte von »Tante Fiekchen«. Ebendiese, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auf Tramnitz lebte, war um 1733, als Kronprinz Friedrich in Ruppin stand, eine hochbetagte Dame, die des Vorrechtes genoß, allen derb die Wahrheit sagen zu dürfen, am meisten den jungen Offizieren des Regiments Prinz Ferdinand, wenn diese zum Be- suche herüberkamen. Einstmals kam auch der Kron- prinz mit. Er ward inkognito eingeführt, und da ihm »Tante Fiekchens« Kaffee, der wenig Aroma, aber desto mehr Bodensatz hatte, nicht wohl schmecken wollte, so goß er ihn heimlich aus dem Fenster. Aber Tante Fiekchen wäre nicht sie selber gewesen, wenn sie's nicht auf der Stelle hätte merken sollen. Sie schalt denn auch heftig, und als sie schließlich hörte, wer eigentlich der Gescholtene sei, wurde sie nur noch empörter und rief: »Ah, so. Na, denn um so, schlimmer. Wer Land und Leute regieren will, darf keinen Kaffee aus dem Fenster gießen. Sein Herr Vater wird wohl recht gehabt haben!« Übrigens wur- den sie später die besten Freunde, schrieben sich, und wenn der König irgendeinen alten Bekannten aus dem Ruppinschen sah, unterließ er nie, sich nach Tante Fiekchen zu erkundigen. Das Tramnitzer Haus umschließt manche alte Erzäh- lung, manche anekdotische Überlieferung. Unter den Familienbildern, die dichtgedrängt an den Wänden hängen, ist eines, das aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt und der Tradition nach von Philipp Hackert herrührt. Es heißt: ausnahmsweise (was auch zutreffen würde) hab er hier ein Portrait gemalt. Das Bild stellt ein Fräulein von Rohr als junges, kaum erwachsenes Mädchen in dem Rokokokostüm jener Tage dar. Hackert soll sie geliebt haben. Wer will es heute noch feststellen! Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt übrigens eine Verwechselung der beiden Brüder Philipp und Wil- helm Hackert vor. Philipp, der weitaus berühmtere, war Landschafter, Wilhelm Portraitmaler. Woraus sich auch das Vorhandensein eines Hackertschen Portraits an diesem Ort, aber von dem unberühmte- ren Bruder herrührend, am einfachsten erklären würde. Der interessanteste Punkt, den Tramnitz aufzuweisen hat, ist der »alte Kirchhof«. Er liegt mitten im Dorfe, von der sich hier teilenden Straße rechts und links umfaßt und macht außen und innen den Eindruck, eines verwilderten Parks. Eichen, Linden, Akazien wachsen hoch auf, dazwischen Fliederbüsche, halb Strauchwerk, halb Unterholz, alles umschlungen und durchdrungen von Blumen und Unkraut, von Efeu und Hagebuttengestrüpp. Eine vollkommene Wildnis. Die Stelle, wo die alte Kirche stand, ist kaum noch wahrzunehmen, seitdem Moos und Farnkräuter über die Fundamente hinweggewachsen sind. Nur zwei Denkmäler, freilich auch sie halb versteckt, mahnen noch daran, daß hier einst begraben wurde. Das eine – ein Obelisk, der »dem teuren Andenken der besten Gattin und Tochter, Frau Margarete von Rohr, gebor- nen Freiin zu Putlitz«, errichtet wurde – trägt folgen- de Inschrift:

Sie ließ der Welt vergänglich Glück, Ließ Schmerz und Elend hier zurück, Drang, ewig frei von aller Not, Ins Freudenleben durch den Tod. Wann einst von uns, in Gott vereint, Der letzte auch hat ausgeweint, Dann wird ein frohes Wiedersehn Auf ewig unser Glück erhöhn.

Das andere Denkmal, um zehn Jahre älter, stellt den bekannten trauernden Knaben dar, der sich an eine Aschenurne lehnt. »Kindliche Ehrfurcht widmet dies Andenken.« Einer Inschrift am Sockel entnehmen wir, wem und wann es errichtet wurde: Hans Alb- recht Friedrich von Rohr, königlich preußischer O- berst, geboren den 3. August 1703, gestorben den 6. Dezember 1784., Dieser Hans Albrecht Friedrich von B. stand in Mag- deburg, machte sämtliche Campagnen unter Fried- rich II. mit und nahm 1760 den Abschied. Während seiner Garnisontage zu Magdeburg, unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, trat er – so- weit die Verhältnisse dies gestatteten – in Beziehun- gen zum Freiherrn von der Trenck, der ihm eine in seiner Gefangenschaft selbst gefertigte Tabaksdose von Kokosnuß und Perlmutter zum Geschenk mach- te. Die Seitenwände zeigen Cupido mit Pfeil und Kö- cher, der nach einem Herzen schießt, dazu die Um- schrift:

Du hast mich nicht getroffen, Was hat mein Herz von dir zu hoffen?

(Etwas dunkel.) Oben auf dem Deckel ein Adler, der mit der Klaue das Rohrsche Wappen hält. All dies hatte Trenck mit einem eisernen Nagel gearbeitet, da er kein Handwerkszeug besaß. – Die Dose exis- tiert noch im Herrenhause zu Tramnitz. Der »alte Kirchhof«, umspielt von Kindern, über- wachsen von Gesträuch, ist, wie schon angedeutet, das Poetischste, was Tramnitz aufzuweisen hat. Der neue Friedhof, draußen am Rande des Dorfes, reicht an diesen alten nicht heran, und auch die hart daneben gelegene »neue Kirche« kann poetisch nicht retten und helfen. Hat sie doch selber keinen Über- schuß davon. Sie stammt aus der »armen Zeit«, will sagen aus den zwischen 1806 und 1815 liegenden Jahren (auch die Jahre, die folgten, waren nicht viel, besser), und gleicht einer Fachwerkscheune, der man ein halbes Dutzend Fenster gegeben hat. Viel- leicht, daß ich gar nicht dazu gekommen wäre, sie zu sehn, wenn ich nicht in Erfahrung gebracht hätte, daß hier, hinterm Altar, eine Fahne aufbewahrt wür- de, die von irgendeinem Tramnitzer Rohr entweder den Schweden bei Fehrbellin oder den Österreichern bei Hohenfriedberg abgenommen worden sei. Und wirklich, da war sie, hinterm Altar, alles wie erzählt. Ich rollte denn auch das Fahnentuch auseinander, das mir, anderer verdächtiger Anzeichen zu geschweigen, sofort durch seinen gänzlichen Mangel an Spinnweb auffiel. Denn eine richtige alte Fahne ist immer so, daß man nicht recht weiß, wo das Seiden- zeug aufhört und das Spinnweb anfängt. Und als das Fahnentuch nun ausgebreitet vor mir lag, sah ich, daß es einfach das Rohrsche Wappen war, was darin prangte. So schwand die historische Glorie hin, die bis dahin dieses Banner umgeben hatte. Sehr wahr- scheinlich war es eine Fest- oder Einzugs- oder Wap- penfahne, die bei irgendeinem Carrouselreiten von irgendeinem jungen Rohr getragen worden war. Mir aber erwuchs daraus ein neuer Beweis für die hundertfältig beobachtete Tatsache, daß überall da, wo Dorfbevölkerungen einem Gegenstande begeg- nen, der Interesse weckt, ohne verstanden zu wer- den, die »mythenbildende Kraft« sofort in Aktion tritt. Ob die Dinge dabei lang oder kurz zurückliegen, ist gleichgültig. Die Sage verfährt in allen Stücken souverän; was sie aber am souveränsten behandelt, das ist die – Chronologie.,

Auf dem Plateau Ganzer

Wohl hab ich euer Grüßen,

Ihr Ahnen mein, gehört; Eure Reihe soll ich schließen, Wohl mir, ich bin es wert.

Mit Tramnitz haben wir unsre Wanderungen an »Rhin und Dosse« beendet und kehren nunmehr auf die große Straße zurück, um mit Hülfe derselben das Ruppiner Plateau von West nach Ost oder von der Prignitz bis zur Uckermark hin zu durchschneiden. Die Dörfer und Städte, denen wir auf dieser Querlinie begegnen werden, sind Ganzer, Gottberg, Kränzlin, Lindow und Gransee. Zunächst Ganzer, ehemaliger Besitz der Familie Wahlen-Jürgaß, etwa zwei Meilen westlich von dem Zietenschen Wustrau. Beide Familien, die Zieten und die Jürgaß, waren recht eigentlich ruppinsche Geschlechter, seßhafte Leute, die, durch die Jahrhunderte hin, schlicht ge-, lebt und treu gedient und den Boden ihrer Väter in Ehren gehalten hatten. Hans Zieten zu Wildberg, wie schon in unsrem Wustrau-Kapitel hervorgehoben, war Geschworner Rat des letzten Grafen zu Ruppin und begleitete diesen auf den Wormser Reichstag, um dieselbe Zeit aber saßen auch schon die Jürgaß auf Ganzer und werden 1525 urkundlich genannt. Von da ab gehen die Zieten auf Wustrau und die Jür- gaß zu Ganzer in Leid und Freud mit- und nebenein- ander, um schließlich auch, wie ein altes Paar, ge- meinschaftlich in den Tod zu gehen. Nur um anzu- deuten, wie vielfach beide Familien versippt und verschwägert waren, stehe hier das Folgende. Die Mutter des berühmten alten Zieten war Ilsabe Katha- rina von Jürgaß aus dem Hause Ganzer (gebo- ren 1666), und die erste Frau des alten Zieten war wiederum eine Jürgaß (Leopoldine Judith, gebo- ren 1703). Aus dieser Ehe, zwischen Hans von Zieten und Judith von Jürgaß, ward eine Tochter geboren, Fräulein Johanna von Zieten, die sich mit Karl von Jürgaß vermählte, der seinerseits wieder ein Sohn Joachims von Jürgaß aus seiner Ehe mit Luise von Zieten war. Man wird an diesem einen Beispiel erkennen, daß die Verwandtschaft oft fünf- und sechsfach und in ihren verschiedenen Graden gar nicht mehr zu verfolgen war. Es waren nur noch zwei Familien dem Namen nach, während längst dasselbe Blut in den Adern hüben und drüben floß. Ganzer selbst ist ein noch übriggebliebenes Muster- stück aus jener Zeit her, wo die Dörfer im Ruppin-, schen, oder doch viele von ihnen, nicht aus einem Rittergute, sondern aus zwei, vier und selbst sechs Edelhöfen bestanden, die dann freilich sehr viel mehr einem Bauernhof als einem Rittergute glichen. Auch Ganzer gehörte seinerzeit vier Familien, und zwar den von Jürgaß, von Rohr, von Kröcher und von Wuthenow, aus welcher Vierteilung später eine Zweiteilung ward, indem der ganze Grundbesitz, durch Kauf oder Tausch oder Erbschaft, an die Rohr und die Jürgaß überging. Das war ohngefähr zu An- fang des vorigen Jahrhunderts, und diesen Charakter eines zweigeteilten Besitzes hat sich das Dorf in ei- ner so markanten und zugleich so malerischen Weise gewahrt, wie mir kein zweites Beispiel in der Graf- schaft bekannt geworden ist. Wir halten vor dem Dorfeingang und schwanken, ob wir unser Fuhrwerk nach links oder rechts hin lenken sollen, denn scharf einander gegenüber erblicken wir zwei Krugwirtschaften, jede mit dem üblichen Vor- bau, jede mit einer Anzahl Stehkrippen und jede mit einem Wirt in der Tür. Wir entscheiden uns endlich für links und sind infolge dieser Wahl, ohne Wissen und Wollen, auf der Rohrschen Seite gelandet. Der Damm oder Fahrweg macht die Grenze: was links liegt, ist alt-Rohrscher, was rechts liegt, alt- Jürgaßscher Besitz. Jede Seite hat ihr Herrenhaus und ihren Park, und nur die Dorfgasse samt Kirchhof und Kirche bildet das beiden Hälften Gemeinschaftli- che., Wir haben im Krug ein Gespräch angeknüpft und über die beiden alten Herren von Jürgaß, zwei Brü- der, die nun seit dreißig Jahren und länger das Zeitli- che gesegnet haben, ein wenig zu plaudern gesucht, aber sei's nun, daß unser Wirt, als »Rohrscher«, sich um die Jürgasse drüben nie recht gekümmert hat, oder sei's andererseits, daß all die zwischenliegenden Aussaaten und Ernten ihre Bilder in seiner Erinne- rung etwas abgeblaßt haben, gleichviel, seine Mittei- lungen beschränken sich darauf, »dat de een en be- ten streng wör« und »dat de anner et ümmer wed- der goodmoaken un 'n Daler gewen deih«. »Awers« – so schloß er – »he gäw en ümmer so, dat de Bro- der nix merken künn.« Wir verabschieden uns nun und treten auf die male- rische Dorfgasse hinaus. Links vom Wege, von hohen Ulmen und Linden umstellt, schimmern die weißen Wände des alten Rohrschen Herrenhauses (eines weitschichtigen Fachwerkbaus mit schwerfälligen Flügeln und Doppeldach), das halb gemütlich, halb spukhaft dreinblickt, je nach der Stimmung, in der man sich ihm nähert, oder nach der Beleuchtung, die zufällig um die Kronen der alten Ulmen spielt. Dem Rohrschen Herrenhause folgt dann die Kirche samt Schulhaus und Predigerhaus, zwischen denen ein Garten in leiser Schrägung ansteigt. Es summen Bie- nen drüberhin, und träumerisch die Steige verfol- gend, stehen wir plötzlich, statt zwischen Beeten, zwischen Gräbern. Unwissentlich haben wir den Schritt aus Leben in Tod getan., Die frühgotische Kirche hat einen Schindelturm aus späterer Zeit. Ihr Inneres ist einfach und erhält nur durch die Zweiteilung, der wir sofort auch hier wie- der begegnen, einen bestimmten Charakter. Links die Rohrsche, rechts die Jürgaßsche Seite: hier ein paar Rohrsche Galanteriedegen aus der Zeit der Zöp- fe, dort ein Jürgaßscher Säbel und Federhut aus der Zeit der Freiheitskriege, hier eine Rohrsche Familien- gruft, dort eine Jürgaßsche. Die Jürgaßsche gleicht mehr einer in gleicher Höhe mit dem Kirchenschiffe befindlichen Grabkammer, durch deren Fensterchen man die dahinter aufgeschichteten Särge zählen kann. Anders die Rohrsche Gruft. Über ihrer Ein- gangstür erhebt sich eine vortreffliche Marmorbüste (vielleicht von Glume), die wohl eine andere Inschrift als die folgende verdient hätte: »Bedaure und vereh- re, billiger Wandersmann, hier noch die Asche eines Ruhmwürdigen, eines im Leben Gerechten, im Tode Unverzagten, dessen Rat Land und Leuten treulich geraten, aber wider des Todes allgemeinen Einbruch als eines Landrats (das heißt, trotzdem er ein Land- rat war) nichts vermochte. Seine Schwachheit und Stärke siegen zugleich. Seine Stärke durch weisen Rat wider die Unsterblichkeit. Darum stößt die Fama durch Posaunen noch seinen Ruhm aus, und die flüchtige Zeit kann seine ruhmwürdigen Taten nicht verbergen noch zernichten. Sein Lorbeerkranz grünt mitten unter Zypressen, und sein Palmbaum trägt Früchte in Apollens Garten, wo Mars ihm von ferne steht und den Zutritt scheuet wie ein Unbekannter. Die Schwachheit siegt durchs Alter und trägt die Krone des Lebens im Glauben davon am Ende.«1), Die Jürgaßsche Gruft ist ohne Schmuck und Bild, aber draußen auf dem Kirchhofe, zwischen Blumen und Gräbern, steht ein mächtiges Monument das nicht einem einzelnen Toten, sondern dem ganzen aus diesem Leben geschiedenen Geschlecht errichtet ist. Die beiden letzten Jürgasse, »de strenge un de gode Herr«, wiesen in ihrem Testament eine bedeu- tende Summe zur Aufführung desselben an, und mit Gewissenhaftigkeit sind die Vollstrecker des Testa- ments diesem Letzten Willen nachgekommen. Es ist kein eigentliches Grabmal, sondern, wie schon her- vorgehoben, ein mehr architektonisch gehaltenes Monument und stellt auf einem hohen Postamente von Sandstein, dem als nächstes ein Eisenwürfel folgt, eine baldachinartige, nach allen vier Seiten hin geöffnete Nische dar, in der, gesenkten Blickes, ein Engel des Friedens steht. Der Eisenwürfel ist mit In- schriften überdeckt. Was im Durchlesen dieser In- schriften am meisten überrascht, ist, daß die beiden letzten Jürgaß einer überaus zahlreichen Familie von acht Brüdern und einer Schwester angehörten, daß aber alle acht Brüder starben, ohne Kinder hinterlas- sen zu haben. Ein neuer Beweis, wie der Prozeß des Lebens nach frischem Blute verlangt. Von den Inschriften mögen hier nur die beiden ste- hen, die, für länger oder kürzer, die Namen der bei- den letzten Jürgasse der Nachwelt erhalten werden. Auf dem Seitenfelde zur Linken lesen wir wie folgt: »Herr Alexander Konstantin Maximilian von Wahlen- Jürgaß, königlich preußischer Generallieutenant von der Kavallerie, Drost zu Stückhausen, Ritter vieler, hoher Orden, Erbherr auf Triglitz, geboren den 15. Junius 1758 zu Ganzer, focht von 1778 bis 1816 in allen preußischen Kriegen, wohnte sechsundzwan- zig Schlachten und Hauptgefechten bei, ward bei Hainau durch den Schenkel und bei Ligny durch die Brust geschossen. Ein Muster der Tapferkeit und der Herzensgüte, geehrt und geliebt von seinem Könige und von jedermann, starb er zu Ganzer den 8. November 1833.«2) (Dies ist »de gode Herr«.) Auf dem Seitenfelde zur Rechten begegnen wir einer doppelten Grabschrift, und zwar der des letzten Jür- gaß und seiner Gemahlin, der letzten Zieten aus dem Hause Wustrau. Jene lautet: »Franz Karl Wilhelm Rudolf von Wahlen-Jürgaß, Erbherr auf Ganzer und Triglitz, ward geboren den 14. September 1752 zu Ganzer und verstarb daselbst, im zweiundachtzigsten Jahre, den 26. Juni 1834, als das letzte Glied seiner Familie. Er war der treuste Freund seiner Freunde, und alle, die ihn näher kannten, schätzten ihn hoch.« (Dies ist der ältere Bruder, »de en beten streng wör«.) Die andere Inschrift lautet: »Frau Johanna Christiana Sophie von Wahlen-Jürgaß, geborne von Zieten aus dem Hause Wustrau, ward geboren den 23. Januar 1747 und ehelich verbunden am 23. Oktober 1776 mit Karl von Wahlen-Jürgaß, Erb- herr auf Ganzer und Triglitz. Ein Muster weiblicher Tugenden und Größe, entschlief sie sanft den 7. Juni 1829.«, Diese Frau von Jürgaß, zugleich die letzte Zieten aus dem Hause Wustrau, hat uns vorzugsweise nach Ganzer geführt, und voll Erwartung, in dem Dorfe, darin sie so lange lebte, noch ihrem Andenken zu begegnen, treten wir jetzt von dem Kirchhof aus auf den Fahrdamm zurück und setzen unsere Wande- rung bis zum alten Jürgaßschen Herrenhause fort. Ein Heckenzaun trennt das Haus von der Gasse, von rechts her lehnen sich Wirtschaftsgebäude, von links her hohe Parkbäume bis dicht an den Giebel und geben ein freundliches Bild, aber doch zugleich auch ein Bild äußerster Schlichtheit, und wären nicht ein paar Edeltannen und die Malven, die, hoch am Stock gezogen, ein Stück englischen Rasen umstellen, man würd eine kleine Pachterswohnung, aber keinen E- delhof hinter diesem Heckenzaune vermuten. Und eine Pachterswohnung ist es auch seit des letzten Jürgaß Tode. Wir treten ein und werden freundlich empfangen. Eine junge Frau kommt unsrer Neugier entgegen, zeigt uns Küch und Keller, auch das Zim- mer, wo General Blücher geschlafen3), und führt uns endlich in den Park hinaus, auf dessen sonnigem Grün die Schatten der leise bewegten Zweige hin und her tanzen. Wir nehmen Platz unter einer breit- blättrigen Platane, wo Tisch und Bank zum Plaudern einladen, und während allerhand Erfrischungen, und darunter, als die willkommenste, Milch und Blaubee- ren, auf den Tisch gestellt werden, geselle sich uns eine Anverwandte des Hauses, eine schlanke, nicht mehr junge Dame mit dunklen Augen und feinge- formtem Mund. Die Pachtersfrau, die bis dahin die Kosten der Unterhaltung mühsam bestritten, ist au- genscheinlich froh über den eintreffenden Sukkurs,, und mit einem kurzen »Tante Helene weiß alles« ihren Rückzug antretend, eilt sie wieder ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Und nun sind wir allein, und »Tante Helene« legt ihren breiten Som- merhut beiseite, entweder weil wir im Schatten sit- zen oder vielleicht auch, um die Schönheit ihres schwarzen Haares zu zeigen, und während sie mit dem Band am Hute spielt, beginnen meine Fragen. Aber wir verirren uns immer wieder in unsrem Ge- spräche, sind bald in Wustrau bei den Zietens, bald in Trieplatz bei den Rohrs, bis sie mir die Hand über den Tisch reicht und mit gewinnender Freundlichkeit zuruft: »Es wird nichts; plaudern wir lieber, wie der Zufall es will. Ich erzähl Ihnen brieflich, was Sie wis- sen wollen. Und seien Sie sicher, ich halte Wort.« Und sie hielt Wort, und nach kurzer Zeit schon emp- fing ich folgenden Brief: »Ich habe sie gut gekannt die Frau von Jürgaß, besser vielleicht als irgendwer. Sie nahm mich zu sich, als ich eine Waise geworden war, und so kam ich aus dem Pfarrhaus ins Herren- haus hinüber. Meine Mutter hab ich nie gekannt, sie starb bei meiner Geburt; aber hätt ich sie auch ge- kannt, ich hätt ihre Liebe kaum vermissen können, so gut wie die gnädige Frau gegen mich war! Sie war sehr klein und sehr häßlich, und doch mußte man sich immer wieder fragen, ob sie denn wirklich so häßlich sei. Sie hatte kleine blaue Augen, eine wun- derbare Nase und gelbe Löckchen, auf denen eine Turmhaube saß. Es ist wahr, sie sah sehr altfränkisch und beinah komisch aus, und doch lachte niemand über sie, dazu war sie zu gut und zu gescheit. Sie besaß aber auch zwei Schönheiten: perlenweiße, Zähne, die sie bis zuletzt behielt, und kleine weiße Hände, die mit Ringen überdeckt waren. Ich fühlte mich immer geehrt, wenn ich eine dieser Hände küs- sen durfte. Sie litt es aber nur selten. Außer der hohen Haube trug sie Hackenschuhe mit hohen Absätzen. Mitunter, wenn ich die Turmhaube und die hohen Absätze sah, zwischen denen sich die kleine Frau bewegte, kam sie mir noch kleiner vor, als sie wirklich war. Sie liebte ihren Mann und ver- ehrte ihren Schwager, den alten General, und beide vergalten es ihr und trugen sie auf Händen. Es war ein Leben, wie ich es nie wieder gefunden habe, und ich habe doch viele Menschen und viele Häuser ge- sehen. In Winterzeit, wenn die Wege verschneit und die Freunde ausgeblieben waren, saßen wir oben im Ecksaal und spielten ›Gesellschaft‹. Frau von Jürgaß nahm dann Platz auf dem Sofa, die doppelarmigen Leuchter wurden angezündet und ich durfte nun ne- ben ihr sitzen auf einem großen, alten Fußkissen, darauf der Alte Fritz gestickt war. War alles vorberei- tet, so gab sie mir ein Zeichen oder klingelte; dann mußt ich aufspringen und den General von Jürgaß anmelden. Der alte General trat dann auch wirklich herein oder erhob sich von dem Stuhl, auf dem er bis dahin gesessen, und küßte der Gnädigen die Hand, fragte nach ihrem Befinden und nach ihres Bruders Befinden drüben in Wustrau, und eh zwei Minuten um waren, waren sie im lebhaftesten Gespräch über die alte Zeit. Alle Ereignisse, die sie seit fünfzig Jah- ren zusammen durchlebt hatten, wurden nun wieder durchgeplaudert wie etwas Neues, Fremdes, wovon man die Mitteilung wie eine Ehre anzusehen und, deshalb mit Dank und Teilnahme entgegenzunehmen hat. Dann brachen sie plötzlich ab, lachten herzlich, schüttelten sich die Hände und holten das Dambrett herbei, um Schlagdame oder Toccadille zu spielen. Ich muß Ihnen gestehen, es ängstigte mich damals mitunter, die beiden alten Leute so zeremoniell mit- einander verkehren zu sehn, und ich dachte dann wohl, sie wären tot und ihre Gespenster kämen zu- sammen, um an alter Stelle nach alter Weise zu sprechen. Aber ich habe später in andern Häusern oft denken müssen: ›Ach, wenn doch Mann und Frau hier, oder Schwager und Schwägerin, nur ähnliche Gesellschaftsspiele spielen wollten!‹ Und mir fiel dann immer das Wort ein, das Frau von Jürgaß ein- mal zu mir gesagt hatte: ›Gute Gewohnheiten wollen geübt sein; sie rosten sonst.‹ Dies zeremonielle We- sen schloß übrigens gesellschaftliche Freiheit nicht aus, ja, bedingte sie vielleicht und ich bewunderte Frau von J. jedesmal, wenn, sie, sobald Besuch von den Gütern oder gar aus der Hauptstadt eintraf, die Honneurs des Hauses machte. Den beiden alten Her- ren an Witz und Wissen sehr überlegen, hätte sie's leicht gehabt, auf ihre Kosten die geistreiche Wirtin zu machen, aber wenn abends beim Souper die alten Anekdoten von Hainau und Katzbach und Vater Blü- cher zum wer weiß wievielsten Mal erzählt wurden, hörte sie aufmerksam zu und suchte nur durch eine geschickte Wendung der alten Geschichte eine neue Pointe zu geben. Sie war ganz ihres Vaters Tochter: klein, unansehnlich und unschön, aber fromm und mutig und pflichttreu, und wie ihr Vater gestorben war, so starb auch sie, ruhig, hochbetagt und ohne die Bitterkeit des Todes zu fühlen. Sie schlief sanft, hinüber. Einen der Ringe, mit denen ich als Kind spielen durfte, wenn ich neben ihr auf dem gestick- ten Kissen saß, hat sie mir vermacht, aber es hätte dieses Zeichens nicht bedurft um ihrer immer in Dankbarkeit zu gedenken.« Am 7. Juni 1829 starb des alten Zieten Tochter, am 29. Juni 1854 starb des alten Zieten Sohn. Ein Feld- stein ohne Spruch und Inschrift deckt das Grab des letzten Zieten aus der Linie Wustrau, das Monument aber, das zu Ehren des letzten Jürgaß und seines mit ihm ausgestorbenen Geschlechtes errichtet ist zeigt auf dem schmalen Eisenstreifen, der die vier Pfeiler der Nische trägt den schönen Spruch: »Der Herr hat sie zu einem beßren Leben berufen, wo sie sich der Herrlichkeit unsres Erlösers erfreuen.« 1. Einzelne Stellen dieser Grabschrift sind völlig unverständlich. Am bemerkenswertesten ist wohl der Passus, wo Mars, in seines Nichts durchbohrendem Gefühle, Bedenken trägt, dem alten Rohr unter die Augen zu treten. (Alle diese Inschriften, in denen der Lebens- beruf des Hingeschiedenen zu allerhand Wort- spielen benutzt wird [hier also »Landrat«], haben ihr unerreichtes Vorbild in der berühm- ten Postmeister-Grabschrift zu Salzwedel. Sie lautet: »Eile nicht Wandersmann! als [wie] auf der Post; auch die geschwindeste Post er-, fordert Verzug im Posthause. Hier ruhen die Gebeine Herrn Matthias Schulzen, königlich preußischen, fünfundzwanzigjährigen, unter- tänigst treu gewesenen Postmeisters zu Salz- wedel. Er kam allhier 1655 als ein Fremdling an. Durch die heilige Taufe ward er in die Postcharte zum himmlischen Kanaan einge- schrieben. Darauf reisete er in der Lebens- Wallfahrt durch Schulen und Akademien mit löblichem Verzug. Hernach, bei angetretenem Postamte und anderen Berufssorgen, richtete er sich nach dem göttlichen Trostbriefe. End- lich, bei seiner Leibesschwachheit, dem gege- benen Zeichen der ankommenden Todespost, machte er sich fertig. Die Seele reisete den 2. Junius 1711 hinauf ins Paradies, der Leib hernachmalen in dieses Grab. Gedenke, Le- ser, bei deiner Wallfahrt beständig an die prophetische Todespost, Jesaja 38, 1.«) 2. Obiger Inschrift füg ich hier noch folgende biographische Notizen hinzu: Alexander Georg Ludwig Moritz Konstantin Maximilian von Wahlen-Jürgaß, am 5. Juni (auf dem Monu- mente steht »am 15.«) 1758 zu Ganzer gebo- ren, ward er auf der école militaire zum Krie- ge gebildet und trat im Jahre 1775 in das damalige Regiment Gensdarmes, darin er 1803 zum Major avancierte. Im unglücklichen Feldzuge von 1806 von einer Masse feindli- cher Reiterei umzingeln griff er den Feind, mit etwa 350 Mann, nichtsdestoweniger an und kämpfte auf einem sehr ungünstigen Terrain, gegen die französische Division Beaumont. Obgleich der Major von Jürgaß im nächtlichen Getümmel einen Hieb über den Kopf erhielt, so sammelte er dennoch brave Kameraden, schirmte die Standarte und schlug sich mutig durch. Er stieß später zu dem Corps des Prin- zen von Hohenlohe, welches eben im Begriff war, das Gewehr zu strecken. Von Jürgaß entzog sich dieser Schmach und entkam noch einmal glücklich, indem er zu dem Corps des Generals von Biela stieß, mit dem er dann lei- der doch bei Anklam gefangen wurde. Nach dem Tilsiter Frieden lebte er bei seinem Bru- der in Ganzer. Bei der neuen Formation er- hielt er 1809 wieder eine Anstellung im bran- denburgischen Kürassierregiment, zwei Mona- te darauf ward er Kommandeur des Branden- burger Dragonerregiments, 1812 aber Obristlieutenant, in welcher Eigenschaft er dem Corps des Generals von Grawert in Kur- land zugeteilt wurde. Er befehligte meisten- teils die Vorposten, wozu seine ungemeine Tätigkeit und Wachsamkeit ihn vorzüglich eigneten. Im Jahre 1813 kommandierte er als Oberst eine Brigade in dem Corps seines ver- trauten Freundes, des damaligen Generals von Blücher. Er focht tapfer bei Großgörschen und Bautzen und erhielt bei Hainau, als er in die feindlichen Vierecke einbrach, einen Schuß in den Schenkel. Später trug er in dem furchtbaren Kampfe bei Möckern zu dem glücklichen Erfolge dieses entscheidenden Ta- ges wesentlich mit bei und wurde dafür zum, Generalmajor erhoben. In Frankreich ward er mit der Reservereiterei an die Befehle des Prinzen Wilhelm gewiesen, der den Vortrab des Heeres führte. Bei Lachaussée traf er auf die französische Reiterei vorn Corps des Mar- schalls Macdonald, warf sie über den Haufen und eroberte eine Standarte, fünf Kanonen und die dazugehörigen Pulverwagen. In der Schlacht von Laon entriß er dem Feinde fünf- zehn Kanonen und fünfunddreißig Artillerie- wagen. Im Jahre 1815, in der Schlacht von Ligny, leitete der Generalmajor von Jürgaß die Angriffe auf das Dorf St-Amand-la-Haye. In der Nacht erhielt er in dem Getümmel ei- nen Schuß unter der linken Schulter, nahe am Herzen. Er empfing darauf im Jahre 1816 den ehrenvollsten Abschied als Generallieutenant. Von da an lebte er abwechselnd in Berlin und bei seinem Bruder zu Ganzer, woselbst er am 8. November 1833 nach langen, höchst bit- tern körperlichen Leiden starb. 3. In der Nacht vom 25. auf 26. Oktober war Blücher mit seinem Corps, das später, nach tapfrem Widerstand, in Lübeck kapitulieren mußte, hier in Ganzer. Noch einmal:,

Frau von Jürgaß, geborene von Zieten

Zehn Jahre nachdem das vorstehende Kapitel ge- schrieben und eine Charakterskizze der alten Frau von Jürgaß versucht wurde, ging mir durch Frau von Romberg, geborne Gräfin von Dönhoff († 1879) eine zweite, denselben Gegenstand behandelnde Schilde- rung zu, der ich nachstehendes entnehme. »Als ich im Jahre 1818, eben verheiratet, nach dem Rombergschen Gute Brunn, in der Grafschaft Ruppin, zog, lernte ich Frau von Jürgaß, die Tochter des be- rühmten ›alten Zieten‹, auf ihrem benachbarten Gu- te Ganzer kennen. Sie war schon hochbetagt, und ich kann also von dem, was zurücklag, wenig oder nichts berichten. Ich weiß weder das Jahr ihrer Ge- burt, noch wo und wie sie ihre Kindheit und Jugend- jahre verbrachte, nicht einmal, an welchem der Ber- liner Höfe sie als Hofdame fungierte, bevor sie sich (nicht mehr in der ersten Jugendblüte) mit ihrem fünf Jahre jüngeren Manne, dem damals sehr schö- nen und von ihr mit schwärmerischer Liebe geliebten Karl von Jürgaß, vermählte, mit dem sie dann auf sein nicht großes, aber hübsches und einträgliches Landgut Ganzer zog. Oft erzählte sie mir später von der Verlegenheit, mit der sie sich – ein verwöhntes und jeder häuslichen Sorge völlig überhobenes Hof- fräulein – plötzlich an der Spitze einer großen Land- wirtschaft befunden habe, deren ganzer Betrieb ihr fremd gewesen sei. Schnell aber war ihr Entschluß gefaßt, sich unbefangen in die Lehre einer tüchtigen, Haushälterin zu geben, um nun, gleichsam von der Pike an, bis zur Hausfrau hinaufzudienen. Keine Ar- beit war ihr dabei so niedrig oder so schwer, daß sie sie nicht mit eigenen Händen angegriffen hätte, je- dem Dienstboten lernte sie die Kunstgriffe seines besonderen Amtes ab und gelangte so sehr bald da- zu, sich sowohl den klaren Überblick über das Ganze wie die genaue Kenntnis aller Einzelnheiten zu ver- schaffen. Ich denke, es war nach Jahresfrist, daß sie sich selbst das Zeugnis ausstellen konnte, Herrin der Situation geworden zu sein. Und nun folgte der zwei- te energische Schritt: die gesamte Dienerschaft, von der obersten bis zur letzten Stufe, wurde mit einem Schlage entlassen und durch eine ganz neue und fremde Schicht ersetzt. Denn keiner im Hause sollte die Herrin als Schülerin gekannt haben, vielmehr sollte der alleinigen Autorität ebendieser durch Kenntnis des Voraufgegangenen kein Abbruch ge- schehen. Sofort ging es jetzt ans Befehlen und Selbstregieren, und kein Feldherr hat wohl je seinen Kommandostab sicherer geführt als diese echte Sol- datentochter. Bald war ihr Haushalt als der Muster- haushalt der Gegend bekannt, und alle jungen Frau- en auf den Rittergütern erholten sich Rat bei ihrer unbestrittenen Autorität. Dabei war ihr Haus bald das gastlichste in der durch ihre Gastlichkeit berühmten Gegend und hielt doch gleichzeitig den einfachen Charakter der Zeit sowohl in der Ausstattung der Zimmer als auch im Hinblick auf die zwar stets über- reichliche, aber nie künstlich verfeinerte Bewirtung fest. Zu Tisch ward man per carte auf eine ›freund- schaftliche Suppe‹ geladen, die sich dann freilich zu einer Masse von Gängen und Schüsseln erweiterte;, aber immer nur treffliche Hausmannskost. Ein einzi- ger alter Diener (Christoph) war das Faktotum des Hauses, und gebrach es an bedienenden Händen, so griffen die Hausmädchen zu. Mit patriarchalischer Naivetät benachrichtigte die treffliche Frau ihre Nachbarn und Nachbarinnen von den bevorstehen- den Wasch- und Schlachttagen, um in diesen ganz von ihr geleiteten ›großen Aktionen‹ durch keine Besuche gestört zu werden. Ja, dem Wurstmachen räumte sie sogar ihre sehr einfach ausgestatteten Wohnstuben ein. Als ich die treffliche Frau kennenlernte (die auch mir später eine mütterliche Ratgeberin wurde), muß sie schon hoch in den Siebzigern gewesen sein, aber sie zeigte sich noch in voller, rüstiger Lebenskraft, alle Jüngeren durch ihre Tätigkeit beschämend. Sie war immer die erste, die im Hause erwachte, ging um- her, um alle Dienstboten aus dem Schlafe zu we- cken, und erst wenn das tägliche Uhrwerk im Gange war, legte sie sich noch einmal auf ein Stündchen zur Ruh. Sie war von kleiner, kräftiger, untersetzter Gestalt, dem ›alten Zieten‹ auf dem Wilhelmsplatze wie aus den Augen geschnitten. Der Ausdruck von Klugheit und Energie, der ihr eignete, war durch den einer großen Freundlichkeit und Herzensgüte gemildert, wie ich denn auch nie gehört habe, daß sie ihre Au- torität im Hause durch Strenge oder gar Härte unter- stützt hätte. Sie regierte vielmehr ausschließlich durch Ernst und Konsequenz, vor allem aber durch ihr Beispiel, und war von ihren Untergebenen, wie, von allen Nachbarn und Freunden, ebenso geliebt als verehrt. Von ihrer Frömmigkeit, dem schönen Erbteil ihres gottseligen Vaters, machte sie keine Worte, und alle Liebeswerke wurden in der Stille geübt. Bei aller häuslichen Tätigkeit vernachlässigte sie nicht die Bildung ihres Geistes und ging stets mit der fortschreitenden Zeit, deren Erscheinungen sie mit dem lebendigsten Interesse verfolgte. Walter Scotts Romane zählten zu ihrer Lieblingsunterhaltung, und oft erinnerte sie mich selbst an einzelne poetische Gestalten darin, besonders wenn sie mit einem wah- ren Feuereifer von dem Besuche Friedrich Wil- helms III. und der reizenden Königin Luise in Ganzer erzählte, als wär es ein Vorgang von gestern gewe- sen. Eine lila Flachsstaude im Garten, die die Königin Luise für ihre Lieblingsblume erklärt hatte, wurde, fast ein halbes Jahrhundert hindurch und von einem eisernen Korbgeflecht umfangen, sorgsam gepflegt und jedem Besucher gezeigt. Ihre Unterhaltung war belebt und belehrend und oft vom originellsten Humore gewürzt, wie sie denn durch und durch ein naturwüchsiges Original war. Wenn man sich ihrer Kräfte bei allen Anstrengungen verwunderte, versicherte sie, das rühre von einem starken Beisatz von Schwefel in ihrem Blute her, und rieb sich, zum Beweise, die Hände, wobei ich indes von dem verheißenen Schwefelgeruche niemals et- was wahrgenommen habe. Die Frische und Jugendlichkeit aber, die sie sich bis ins hohe Alter bewahrte, gipfelte besonders in ihrer, fast anbetenden Liebe zu ihrem Manne, der dieselbe mit großer Treue und etwas kühler Verehrung erwi- derte. Bei Tische horchte sie nur auf seine Stimme, und wenn irgendein scherzhaftes Wort seines Mun- des zu ihr herüberklang, so rief sie, wie in unwillkür- lichem Entzücken und mit strahlender Miene: ›Himmlischer Jürgaß!‹, ›göttlicher Karl!‹ Nie werd ich den Zustand vergessen, in dem wir die Achtzigjähri- ge fanden, als sie die Nachricht erhalten hatte, daß ihr Karl, während eines Besuches bei seinem Bruder in Berlin, heftig erkrankt sei und sie nicht zu ihm dürfe! Mit Tränen überströmt, an allen Gliedern zit- ternd, ganz aus ihrer gewohnten festen und kräftigen Haltung hinausgeworfen, stand die alte Frau da wie das Bild der Leidenschaft jugendlichster Liebe. Einst gestand sie mir, daß sie, an jedem Jahrestag ihrer Vermählung, in aller Stille immer ihr Hochzeits- kleid unter ihrem einfachen Hausrock anlege und daß ihre große Halskrause dann den Schmuck und die Perlenschnur des Hochzeitsstaates vor aller Augen berge. Sogar der Beisatz der Eifersucht fehlte dieser leiden- schaftlichen Liebe nicht; doch richtete sie sich auf den unschuldigsten Gegenstand, auf den von sieben andern einzig übriggebliebenen Bruder ihres Mannes, den als Held aus den Freiheitskriegen berühmten, mit den schwersten Wunden und den ehrenvollsten Orden bedeckten Generallieutenant von Jürgaß (›die Exzellenz‹, wie sie ihn in tiefer Ehrfurcht stets nann- te), der fast jeden Sommer, zur Stärkung seiner er- schütterten Gesundheit einige Wochen oder Monat in, Ganzer zubrachte, wo dann die Brüder, wie ein Paar Inséparables, vom Morgen bis zum Abend unterein- ander verkehrten und sie sich, als die Dritte im Bun- de, etwas beiseite geschoben fühlte. Auch verhehlte sie, in ihrer großen Wahrheitsliebe, nicht eine jedes- malige, etwas wehmütige Scheu bei der Meldung dieses Besuches, und war es drum in der Nachbar- schaft eine gern erzählte Anekdote, daß sie sich, in ihren häuslichen Verpflichtungen, bei Bewirtung der Exzellenz noch absichtlich steigre, um vor sich selbst und vor anderen den kleinen eifersüchtelnden Verdruß an dem Besuche zu bemänteln. Diese Exzellenz selbst aber war der einfachste, an- spruchloseste Heldengreis, der mir je vorgekommen, bedeutender als sein Bruder, bescheiden im Bericht über seine Taten und mit der Schwägerin auf einem ziemlich förmlichen Fuß. Ich habe nie etwas Kindli- cheres und Naiveres gesehen als das zärtliche Ver- hältnis dieser beiden Brüder – besonders sind mir die harmlosen kleinen Whistpartien um allerniedrigste Points in Erinnerung geblieben, die jeden Abend in der Wohnstube stattfanden und noch jahrelang nach dem Tode der im neunzigsten Jahre sanft entschla- fenen Heldin dieser Erzählung fortgesetzt wurden, bald in Ganzer und bald in Brunn. Damals aber, wo die liebe Alte noch als stille Zuschauerin auf dem Sofa saß, entweder ihren Walter Scott lesend oder mit mir oder einem andern Besuche plaudernd, wur- de ›Pasterchen‹ als vierter zur Whistpartie herbeige- rufen, wenn nicht gar Charlotte, das Hausmädchen, als homme de bois fungieren mußte. So einfach wa-, ren die Zeiten und die Sitten des patriarchalischen Hauses! Kinder waren der Frau von Jürgaß nicht beschieden, aber teilnehmend war und blieb sie gegen jung und alt und ihr lebendiger Sinn für Schönheit machte (bei ihrem gänzlichen Mangel derselben) einen beinah rührenden Eindruck. So kann ich das ›Ah!‹ nicht ver- gessen, mit dem sie, statt aller Begrüßung, vor der reizenden Erscheinung der jungen Henriette von Rö- der, Gemahlin des späteren Generals Karl von Röder, stehenblieb, als wir ihr diese zum Besuche zuführten. Jahrelang erzählte sie noch ›von den langen, blonden Ringellocken, die die schönen Züge des durchsichtig- klaren Gesichtes umrahmt hätten‹, und ermahnte mich immer wieder, daß die schöne Frau ›für die Akademie‹, wie sie sagte, gemalt werden müsse. Während ihrer letzten Lebensjahre war ich leider aus der Gegend fern und weiß über ihren Tod nur das eine, daß es ein sanfter war. Wie ihr Charakter aus einem Stück, so war ihr Leben aus einem Guß, und ihre lautere Seele wird dort o- ben in der ewigen Einheit des Wahren und Guten ihre Heimstätte gefunden haben.«,

Gottberg

Weiter rückt die Horde,

Und ausgestorben, wie ein Kirchhof, bleibt Der Acker, das zerstampfte Saatfeld liegen, Und um des Jahres Ernte ist's getan. Schiller

Eine Meile östlich von Ganzer liegt Gottberg. Seit Beginn des vorigen Jahrhunderts wechselten die Be- sitzer mannigfach, bis dahin aber, namentlich wäh- rend der Zeit der Reformation und des Dreißigjähri- gen Krieges, war es ein Quitzowsches Gut. Nur die- ser Zeitabschnitt interessiert uns hier, denn ihm ge- hören die Gottberger Kirchenbücher an, die, durch die handschriftlichen Aufzeichnungen aus ebendieser Kriegsepoche, eine gewisse Zelebrität erlangt haben. Eh ich jedoch zu diesen Aufzeichnungen übergehe, schick ich ein Gesamtbild der damaligen Lage, soweit unsre Grafschaft in Betracht kommt, voraus. Es han- delt sich dabei lediglich um den Abschnitt von 1630 bis 1638. Bis zu diesem Zeitraume waren die Drang- sale verhältnismäßig gering, nach diesem Zeitraum aber scheint der Krieg unsere Gegenden verschont zu haben, weil alles ausgezogen war. Die Hälfte der, Dörfer existierte nur noch dem Namen nach. Ich ge- be nun die Daten in chronologischer Reihenfolge.

Die Grafschaft Ruppin von 1630 bis

Im August des Jahres 1630 trafen die Schweden mit 2000 Mann Kavallerie und einem ansehnlichen Corps Infanterie in der Grafschaft ein und besetzten Neu- ruppin. Im Dezember erschienen zwar die zum Kai- ser haltenden Brandenburger vor der Stadt, waren aber viel zu ohnmächtig, um den Schweden den Be- sitz derselben streitig machen zu können. Endlich rückten die letzteren freiwillig ab. Kaum hatten die Schweden sich entfernt, als Tilly im Februar 1631 mit einer Armee aus dem Magdeburgi- schen eintraf. In jeder Stadt unserer Grafschaft, wo Tilly lag, erhielt der Capitain monatlich 54 Taler, der Lieutenant 20, der Fahnenjunker 16 Taler, damals sehr große Summen. In demselben Jahre brach auch die Pest aus. In Neuruppin starben 1600, in Lindow 400 Menschen. Jeremias Ludwig, nachheriger Predi- ger zu Banzendorf, war damals auf der Ruppiner Schule und hat im genannten Jahre 800 an der Pest Gestorbene öffentlich zu Grabe gesungen. 1632 war das Land so unsicher, daß die Ruppiner, als sie ihren neuen Rektor von Pritzwalk abholen ließen, zuvor um eine Sauvegarde von kurfürstlichen Reutern baten., 1634 kam das kursächsische Kavallerieregiment des Obristlieutenants von Rochow, auf kurfürstlichen Befehl, nach Ruppin in Garnison; im Dezember 1635 aber rückte Feldmarschall Banér mit seinen Schwe- den in Stadt und Grafschaft ein, nachdem er die Sachsen und Kaiserlichen bei Dömitz geschlagen hatte. Zwei Generalstäbe, die hohen Offiziers der ganzen Armee, das Zabeltitzsche Infanterieregiment und vier Brigaden zu Fuß, jede Brigade zwei Com- pagnien stark, erhielten ihre Quartiere in Neuruppin. Die Not war bei dem zügellosen Verhalten der Solda- ten so groß, daß es zuletzt an allem fehlte. Sogar Abendmahlswein war nicht mehr in Ruppin zu haben. Man mußte einen Boten deshalb nach Wittstock schi- cken; aber geplündert kam er zurück. Im September folgenden Jahres (1636) erschien der kaiserliche Generalfeldzeugmeister Marazin im Rup- pinschen und behandelte die Stadt ziemlich milde. Nach ihm kamen die Sachsen unter Generalmajor von Wolframsdorf und »raubten und plünderten wie gewöhnlich«. Den Sachsen folgte der kaiserliche Ge- neral Graf Hans von Götz. Dann kam wieder ein Pestjahr. Im Juli und Au- gust 1638 griff sie am weitesten um sich. Ganze Fa- milien, ganze Straßen, ganze Dörfer starben weg. In dem bereits entvölkerten Ruppin, das vielleicht kein Drittel seiner Einwohner mehr hatte, wurden aber- mals 600 Menschen begraben. Sehr viele wanderten aus. Die Zurückgebliebenen rissen die ledig stehen- den Häuser ein, um Holz zu erhalten. Alles verwilder- te. In Gransee starben 551 Menschen, nach der An-, gabe des Totengräbers aber wenigstens 1000, da viele heimlich eingescharrt wurden. Die Adligen und die Prediger flüchteten nach den Städten und fanden auch dort ihren Tod. So war die Lage des Landes beschaffen, als der kai- serliche General Graf Gallas mit seiner 60 000 Mann starken Armee von Malchin, aus dem Mecklenburgi- schen, heranrückte, um die Schweden von der Elbe und Havel zu vertreiben. Plünderung, Brand und Mord bezeichneten jeden seiner Schritte. Nun wettei- ferten Pest und unmenschliche Barbarei, das Land Ruppin in eine der ödesten Wüsteneien umzuwan- deln.1) Alles floh nach Ruppin und Wusterhausen, wohin sich Gallas wegen der noch nicht ganz ge- dämpften Pest nicht getraute, und haufenweise star- ben die unglücklichen Schlachtopfer vor den Städten an der Mauer. Am 5. Oktober rückte er endlich in die Stadt Ruppin ein und erpreßte von den armen Be- wohnern, was die verödeten und rauchenden Hütten der Landleute nicht mehr leisten konnten. Arme Leu- te mußten Eichelbrot essen, und Kaspar von Zieten erzählt, daß man sich auf dem Markte in Neuruppin um eine tote Katze gezankt habe. Bei ihrem Abzuge setzten die Kaiserlichen unter Gallas ihren Schandta- ten die Krone auf: sie verließen Ruppin und steckten an einem Tage das Städtchen Wildberg und achtund- zwanzig Dörfer in Brand.,

Die Gottberger Kirchenbücher

Diese »Gallassche Zeit« nun oder, mit andern Wor- ten, diese durch vier Wochen hin systematisch be- triebene Verwüstung des ruppinschen Landes ist es, die von zeitgenössischer Hand in den Gottberger Kirchenbüchern ihre Schilderung gefunden hat. Der Aufzeichnende war Emanuel Collasius (Kohlha- se), Prediger in dem benachbarten Dorfe Protzen, das er, infolge der totalen Verödung dieses Ortes, verließ, um sich nach Gottberg (wo er geboren war) zu begeben. Erst nach etwa Jahresfrist wurde er, da an Rückkehr nach Protzen nicht zu denken war, Pre- diger in seinem Geburtsdorfe Gottberg und schrieb in die dortigen Kirchenbücher seine und des Ruppiner Landes Leidensgeschichte ein. Diese beiden Bücher sind: 1. ein Kirchen-Rechnungsbuch und 2. ein eigentliches Kirchenbuch. Das Kirchen-Rechnungsbuch, ein Folioband, ist aus dem Jahre 1587 und enthält auf der vordersten Sei- te, die zu diesem Behuf in Gebrauch blieb, die Na- men der gottbergschen Prediger von 1581 bis jetzt. Das Buch wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts neu gebunden. Sein Inhalt ist oft schwer zu entziffern. Das eigentliche »alte Kirchenbuch« ist um ein Jahr jünger, beginnt mit 1588 und schließt mit 1766. Es, ist ein Quartband in Pergament. Nur wenige Bogen sind lose; alles andere hat noch festen Zusammen- hang und eignet sich, bei sorgsamer Behandlung, in seinem gegenwärtigen Zustande immer noch besser zur An- und Durchsicht, als wenn es einen neuen Einband erhielte. Leider ist die Schrift auch dieses Buches oft schwer zu lesen. Historische Notizen fin- den sich nur hier und dort eingestreut, unter denen die wichtigsten (wie auch im Kirchen- Rechnungsbuche) die aus der Gallasschen Zeit sind. Zwischen den Aufzeichnungen in beiden Büchern ist nur der Unterschied, daß Prediger Collasius in dem Kirchenbuche mehr das Allgemeine, in dem Kirchen- Rechnungsbuche mehr das Persönliche gegeben hat. Wir beginnen mit dem letzteren.

Prediger Collasius' Aufzeichnun-

gen im Gottberger Kirchen-

Rechnungsbuche

Dies 1638ste Jahr ist wohl ein recht elend und trüb- selig Jahr gewesen, wie dergleichen wohl kein trüb- seligeres in unserem geliebten Vaterlande erlebt worden ist... Zumal auch wegen der Pest, darannen die Dörfer bald ausgestorben sind... So hat mein Antecessor zu Gottberg, Herr Joachimus Becker, in ebendiesem Jahr an der Pest erliegen müssen. Meine Pfarrkinder zu Protzen sind meist weggestorben und nur acht Personen übriggeblieben. Weil ich zu Prot-, zen weder Pfarrhaus noch Zubehör behalten, habe ich notwendig in dem großen Elend dem lieben Brot nachziehen müssen und habe mich zu Gottberg bei meiner inzwischen selig verstorbenen Mutter ein halb Jahr aufgehalten, anfangs nicht der Meinung, als wollte ich zu Gottberg als Pfarrer verbleiben, sondern um wieder nach Protzen zu ziehen. Weil aber im letz- teren Dorf sobald keine Besserung zu hoffen war und mir die Gemeinde zu Gottberg, auf Gutachten des Achatz Quitzowschen Verwalters allhier, das Schmie- dehaus im Dorfe zur Wohnung einräumte, blieb ich zunächst noch ein Jahr, bis ich endlich durch Gottes Vorsehung zu einem Prediger der Gottberger Ge- meinde, von den wohledlen Gebrüdern Dietrich und Achatz von Quitzow als Kirchenpatronen, legitime ernennet und von Kurfürstlicher Durchlaucht konfir- mieret worden bin. Habe also in dem Schmiedehause gewohnet neun Jahr und darin viel Not und Unge- mach leiden und ausstehen müssen, so daß ich auch willens gewesen bin, wo ich keine andere Wohnung hier würde haben können, wieder zu verlieren. Eben da aber ward mir von einem alten Wohnhaus gesa- get, das mir sollte verkauft werden, ein Haus, das der von Zernikow zu Werder gebauet habe, aber darüber weggestorben sei. Dieses Haus haben wir abbrechen lassen, und ist auf die alte Pfarrstelle zu Gottberg wieder hingesetzet worden, welches Haus ich dann Anno 1647 auf Trinitatis bezogen habe und worinnen ich nach Gottes Willen noch jetzo wohne.,

Prediger Collasius' Aufzeichnun-

gen im Gottberger Kirchenbuche ... Kurz nach der Roggenernte in diesem Jahre 1638 ist die kaiserliche Armee unter Graf Gallas von Mal- chin in Mecklenburg aufgebrochen und hat allhier, in der Nähe von Fehrbellin, ihr Feldlager aufgeschlagen. Sie hat vier ganze Wochen an dieser Stelle stillgele- gen. Bei ihrem Aufbruch sind folgende Pfarren und Rittersitze, soweit mir bewußt, abgebrannt gefunden worden. Pfarren: 1. die Pfarre zu Bechlin, abgebrannt; 2. die Pfarre zu Gottberg, abgebrannt; 3. die Pfarre zu Wildberg, abgebrannt, wie auch der ganze Flecken; 4. das ganze Dorf Rohrlack abgebrannt, sowohl die Kirche als andere Gebäude; 5. die Pfarre zu Segeletz und das halbe Dorf; 6. die Pfarre zu Protzen und das halbe Dorf; 7. die Pfarre zu Langen und das ganze Dorf; 8. das ganze Dorf Malchow; 9. die Pfarre zu Metzelthin; 10. die Pfarre zu Sieversdorf; 11. die Pfarre zu Kantow. Rittersitze: 1. das schöne Gebäude des von Klitzing zu Walsleben, wo doch der General Gallas selbst das Hauptquartier gehabt, abgebrannt; 2. der Rittersitz zu Dabergotz, des von der Gröben, abgebrannt; 3. der Rittersitz zu Kränzlin, des von Leesten, abge- brannt; 4. zu Werder, dessen von Fratz; 5. zu Buskow, dessen von Zieten; 6. zu Wustrau, dessen von Zieten; 7. zu Langen, dessen von Zieten; 8. zu, Walchow, dessen von Wuthenow; 9. zu Manker, des- sen von Schütten; 10. zu Viehel, dessen von Pfuel; 11. zu Nackel, dessen von Lüderitz; 12. zu Segeletz, dessen von Wuthenow; 13. zu Wildberg, dessen von Woldeck, und noch viele mehr in der Nachbarschaft; ja, man hat kein Dorf nennen können, da es nicht gebrannt, wo nicht ganz, so doch halb, und was noch nicht abgebrannt, das ist niedergerissen und doch verbrannt worden. Der Vorrat an Gersten ist alle vom Felde von den Soldaten weggerafft und ausgedreschet worden, so daß der Landmann nichts davon gekriegt. Der Roggen ist nicht wieder besäet worden, weshalb die Leute sich an das Kraut haben halten müssen, was Krankheit und Tod verursacht hat. Die Obstbäume sind ganz abgehauen worden, wel- ches die armen Leute sehr beklagt haben; ebenso auch die Weiden. Die Kirche ist sehr verwüstet wor- den. Da man fünf oder sechs Feuerstellen in ihr ge- habt hat, ist kein Stuhl fest geblieben und kein Fens- ter. Der Kirchboden ist ganz herausgerissen worden, und der Seiger (die Uhr) ist auch ganz zunichte ge- macht. Die Wellenwand um den Kirchhof ganz weg- gebrannt, die Scheune abgebrochen; Summa, es kann nicht beschrieben werden, wie kläglich es im Dorfe Gottberg ausgesehen hat in diesem 1638sten Jahr. Es stand auch ein klein Eichhölzchen vor diesem Dorf, das auch ganz abgehauen. Die großen Eichen-, bäume teils abgehauen, teils ganz abgekröpfet, so daß kein Zweig daran geblieben. In diesem Jahr ist das Volk armuthalber aus dem Lande gelaufen, nach Hamburg und Lübeck, allwo sie geblieben, sonderlich das junge Volk. Und weil die Pest in diesem Jahre sehr grassieret und die Leute wegen beständiger Kriegsgefahr in den Dörfern nicht haben bleiben können, so ist der eine hier- und der andre dorthin geflogen und ist der eine hier und der andre dort gestorben. Man kann ausrechnen, daß aus diesem Dorfe Gottberg, außer sechsundzwanzig Personen, die hier am Orte starben, fünf in Wuster- hausen und einunddreißig in Ruppin verstorben sind. So die Aufzeichnungen in den beiden Kirchenbü- chern, die, in ihrer ungeschmückten Wiedergabe von Fakten und Zahlen, eines Eindrucks nicht verfehlen. Es ist danach glaubhaft, daß, wie Bratring erzählt, »das Land Ruppin während des Dreißigjährigen Krie- ges mehr gelitten habe als irgendein anderer Teil der Mark«. 1. Prediger Schinkel zu Barsikow, der den »Drei- ßigjährigen Krieg«, soweit er die Grafschaft berührte, zum Gegenstand eingehender Stu- dien gemacht hat, schreibt über das Elend je- ner Tage sehr richtig: »Die Verwüstungen wa- ren nicht so sehr eine Folge der blutigen Schlachten, die geschlagen wurden, als viel- mehr das Resultat einerseits der Pest, andrer-, seits der Armeeverpflegungsweise, die Wal- lenstein eingeführt hatte. Von diesem rührte bekanntlich der Grundsatz her, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse. Wallenstein selbst war klug genug, um in Anwendung dieses Satzes nicht weiter zu gehn als nötig; er trug vielmehr Sorge, daß der Baum nicht ab- gehauen würde, von dessen Früchten seine Heere leben sollten; nur das Notwendige wur- de genommen. So wenigstens war sein Wille. War es aber schon ihm schwer, diesen Willen durchzusetzen, so scheiterten seine Nachfol- ger vollends damit, Personen, die zum Teil zuwenig einsichtig waren, um auch nur diesen Willen ernstlich hegen zu können. Wo ein Heer sich lagerte, fiel es nieder wie ein Heu- schreckenschwarm, und ob Freund oder Feind, war gleichgültig.«

Kränzlin

Darum still

Füg ich mich, wie Gott es will. Und soll ich den Tod erleiden, Stirbt ein braver Reitersmann.

, Altes, eine halbe Meile von Neuruppin gelegenes Rit- tergut, jetzt im Besitze der Familien Scherz und Zie- ten. Wie beinah alle Güter im Ruppinschen, bestand auch Kränzlin aus einer ganzen Anzahl von Rittersitzen, und in den Jahrzehnten, die dem Dreißigjährigen Kriege vorausgingen, waren hier vier Familien ansäs- sig: die von Leeste, von der Gröben, von Gühlen und von Fratz. Die letzteren kann man als die recht eigentliche Kränzliner Familie bezeichnen. Schon 1327 werden die von Fratz genannt, und sie sind es, an die die alte Sage vom »Räuberberg bei Kränzlin« anknüpft, die zunächst Feldmann in seinen schriftlichen Auf- zeichnungen und nach ihm W. Schwartz in seinen märkischen Sagen erzählt. Danach lag eine kurze Strecke vor dem Dorfe, rechts vom Ruppiner Weg, eine Burg, von der übrigens noch zu Anfang dieses Jahrhunderts Wall und Graben erkennbar waren. Hier hausten in der Quitzow-Zeit, und auch vorher und nachher, die von Fratz. Von der Burg aus ging eine Leitung nach der Brücke des na- hen Kränzliner Damms hinüber, und zwar ein Draht, der jedesmal, wenn ein Wagen über die Brücke fuhr, eine Alarmglocke innerhalb der Burg in Bewegung setzte. Sowie diese Glocke anschlug, warf sich alles zu Pferde und griff die Reisenden an. Auf die Klagen, die seitens der so Beraubten bei dem regierenden Grafen (der, wie wir wissen, in Alten-Ruppin residier- te) anhängig gemacht wurden, drohte dieser dem, Fratz, »er werd ihm die Burg anzünden, wenn er das Unwesen weiter treibe«. Der Kränzliner Burgherr schlug aber die Warnung in den Wind, mocht auch wohl glauben, ein »Steinchen im Brette« zu haben. Er irrte jedoch. Eines Tages, als der Fratz in Ruppin war, schickte der Graf seine Leute hinaus, die die Kränzliner Burg ersteigen und brechen mußten. Nach einer andern Lesart hätte der Graf, verräterischer- weise, den Fratz zu Gaste geladen und ihm schließ- lich, vom Turme des Alt-Ruppiner Schlosses aus, seine derweilen in Brand gesteckte Burg gezeigt. Diese zweite Lesart ist aber neueren Datums und wahrscheinlich erst entstanden, nachdem an der al- ten Burgstelle Holzkohlen und abgebrannte Balken entdeckt worden waren. Die Familie Fratz besaß Anteile von Kränzlin bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein. Um diese Zeit waren es fromme Leute, die zu ihrem Doktor Luther hielten und Patenen und Abendmahlskelche schenkten. Ein solcher ist der Kirche erhalten geblieben. Die In- schrift desselben lautet: »Diesen Kelch hat Wolf Fratz und seine Hausfrau Maria Riben zu Gottes Ehre geben.« Dazu ein aufgelötetes Kruzifix und die Jah- reszahl 1600. Vier Wappenbilder sind eingegraben: ein Pfau, dazu W. F. (Wolf Fratz); ein Fisch oder eine Otter, dazu M. R. (Maria Riben). Von den zwei an- dern Wappen scheint eins das Zietensche zu sein. An einigen Stellen des Kelches ist das Gold abgekratzt. Ich hörte dabei, daß die Dorfbewohner, wenn einer der Ihren schwer krank ist sich gern an den Prediger wenden und etwas Gold vom Abendmahlskelch für ihren Kranken erbitten. Sie mischen es dann in die, Medizin und glauben fest, wenn noch etwas helfen kann, so hilft das. Das idyllisch gelegene, hinter Gartenbäumen anmu- tig versteckte Predigerhaus zu Kränzlin war, von Ju- gend an, ein Lieblingsaufenthalt Schinkels. Seine ältere Schwester Sophie war daselbst an den Predi- ger Wagner verheiratet. In seinen Knabenjahren hat- te Schinkel ein Giebelzimmer des Hauses ganz mit Bildern ausgemalt. Aus dieser oder (nach Wolzogen) aus einer etwas späteren Zeit stammt auch ein Spie- gelportrait, das S. damals von sich selbst anfertigte. Es ist in großen Umrissen, skizzenhaft, mit dem Blei- stift entworfen; die schärferen Striche mit Tinte da- zwischengezogen. Das Bildnis befindet sich jetzt im Besitz Fräulein Rosa Wagners in Ruppin, einer Nichte Schinkels. Es ist zugleich eine Erinnerung an die Kränzliner Pfarre. Bis Anfang der zwanziger Jahre pflegte Schinkel das ihm teure Dorf alljährlich während der Sommermo- nate zu besuchen. Die Kirche, ein alter gotischer Bau mit hoher Schin- delspitze, hat in den letzten Jahren eine Renovation erfahren, die von den früheren Monumenten das meiste entfernte1), dagegen in die Lage kam, neue Gedenktafeln einfügen zu müssen., Beide Tafeln befinden sich in der Mitte der Kirche. Die eine, bronzen und in gotischen Formen ausge- führt, trägt folgende Inschrift: »Mit Gott für König und Vaterland. Ernst Hermann Scherz, geboren den 8. September 1848 zu Kränzlin, Einjährig-Freiwilliger im brandenburgischen Husarenregiment Nr. 3 (Zie- ten-Husaren), fiel am 26. Dezember 1870 bei Olivet, südlich Orléans.« Die Inschrift der schwarzen Marmortafel gegenüber lautet wie folgt: »Für König und Vaterland starb im Kriege gegen Frankreich am 26. August 1870 zu Vi- onville, infolge seiner in der Schlacht bei Mars-la- Tour erhaltenen Verwundung, Rudolph Hartmann. Einjährig-Freiwilliger im 4. brandenburgischen Infan- terieregiment Nr. 24, im Alter von einundzwanzig Jahren.« Die lapidare Kürze der Inschriften verrät nichts von dem Weh, das die Todesfälle dieser beiden Jünglinge schufen. Beide zu Kränzlin geboren, beide gleichen Alters, beide Einjährig-Freiwillige, standen sie im selben Armeecorps gegen denselben Feind. Mit ihnen waren dreiunddreißig andere Kränzliner in den Krieg gezogen, und alle kehrten zurück, wenn auch ver- wundet; die einzigen zwei, die die Heimat nicht wie- dersahen, waren die Söhne der Gutsherrschaft und des Gutsadministrators. Die Zietensche Hälfte von Kränzlin wird administriert. Von dem einen sei hier erzählt., Ernst Hermann Scherz stand in den Weihnachtstagen 1870 mit den Zieten-Husaren in Olivet. Am 25. Dezember war seitens einer Franctireurabteilung, die sich in einem zwischen Olivet und Chaumont ge- legenen Walde festgesetzt hatte, auf eine Patrouille geschossen worden. Daraufhin erfolgte der Befehl, den Maire von Chaumont zu verhaften. Ein Unteroffi- zier und vier Husaren, die sich sämtlich als Freiwillige gemeldet hatten, wurden mit Ausführung dieses Be- fehls beauftragt. Am 26. um zwei Uhr morgens brach dies Kommando auf. Zu früher Stunde war man in Chaumont, verhaf- tete den Maire und trat den Rückweg mit ihm an. Der Gefangene hatte in einem requirierten Wagen Platz gefunden; links neben ihm (zu Pferde) der Un- teroffizier, zwei Husaren vorauf, die beiden andern schlossen. Als der Zug das Wäldchen erreicht hatte, aus dem am Tage zuvor auf die Patrouille geschos- sen worden war, nahm Hermann Scherz, der die Tête hatte, eine an der Lisière hin aufgestellte, kaum noch nach Deckung suchende Franctireurabteilung wahr und rief dem Unteroffizier zu: »Wir werden gleich unter Feuer kommen!« Dies waren seine letz- ten Worte. Schüsse fielen, und H. Scherz stürzte leblos aus dem Sattel; ebenso wurde das Pferd sei- nes Nebenmannes tödlich getroffen, der, rasch er- kennend, daß in dieser Lage nichts mehr zu helfen sei, sich in den Sattel des stehengebliebenen Scherz- schen Pferdes warf und in Gemeinschaft mit dem Rest des kleinen Kommandos auf Olivet zusprengte., Hier wurde sofort Meldung gemacht. Der Rittmeister ließ 100 Husaren aufsitzen, requirierte 26 Jäger vom 3. Jägerbataillon, und fort ging es, wieder dem Wäld- chen zu. Als man den Punkt erreichte, wo der Über- fall stattgefunden hatte, lag die Leiche des Gefalle- nen, ausgeplündert und entkleidet, auf der Chaus- see. Die wütenden Kameraden wandten sich von der Leiche fort, umstellten das Gehölz und gingen wie zu einem Kesseltreiben vor. Der ganze Franctireurhau- fen steckte noch darin, einzelne fielen, bis man zu- letzt ein Dutzend auf engstem Raume zusammenge- trieben hatte. Widerstand wie Flucht waren gleich unmöglich, und so streckten sie die Waffen und er- gaben sich unsern Jägern und Husaren. Unter den Gefangenen war auch der Anführer. Man fand H. Scherz' Wertsachen in seinem Besitze, riß ihn an die Stelle, wo die durch ihn geplünderte Leiche lag, und erschoß ihn neben derselben. Ob die andern Gefangenen diesen Tag überlebten, hab ich nicht in Erfahrung gebracht. Der Heimtransport im Kampfe Gefallener war damals aufs äußerste erschwert, in diesem Falle jedoch er- möglichten es die Verhältnisse. In einen doppelten Sarg eingeschlossen, wie der Erlaß es heischte, traf am 13. Januar die Leiche auf dem Neustädter Bahn- hof ein und wurde von Anverwandten in Empfang genommen. Aber die Teilnahme beschränkte sich nicht auf einen engsten Kreis, und man darf sagen, die halbe Grafschaft geleitete diesen Toten auf sei- nem letzten Gange. Der Weg war weit und noch viele Ortschaften zu passieren; von Turm zu Turm, bei Näherkommen des Zuges, gingen die Glocken, und, Prediger und Schuljugend empfingen den Sarg und begleiteten ihn unter Gesang von Dorf zu Dorf. Er empfing die letzten Ehren für viele, die draußen in fremde Erde gebettet worden waren, und jeder be- weinte seinen Toten in diesem Toten. Aber über alles bloß Selbstsüchtige hinaus, das unser Erbteil ist, rührte sein Geschick aufs herzlichste, denn auch von ihm hieß es: »Und viele waren, die seiner Sitten Freundlichkeit erfahren.« Nun ruht er in der Familiengruft, nahe der Kirche. Wie viele Tafeln in den Dorfkirchen unseres Landes, die dem, der sie zu lesen versteht, eine gleiche Ge- schichte erzählen! 1. Von diesen alten Grabsteinen ist einer der Kirche erhalten geblieben. Er wurde seinerzeit dem »hochedlen und mannhaften Herrn Gott- fried Lehnmann, kurfürstlich brandenburgi- schem Capitainlieutenant zu Roß und Erb- herrn auf Kränzlin«, errichtet, der 1628 gebo- ren war und 1689 starb. Dieser Stein bietet nichts Besonderes, außer daß er, wie so vieles andre, darauf hinweist daß unter dem Großen Kurfürsten viele Bürgerliche in die Rittergüter und in die Armee einrückten. Diese Tatsache ist längst bekannt, aber sie ist, soviel ich weiß, auf ihre Ursache hin noch nicht befragt worden. War es lediglich eine Folge des Drei- ßigjährigen Krieges, der die Rittergüter ent-, völkert hatte, oder lagen dem allem auch An- schauungen und Prinzipien zugrunde? Wir standen, wie später unter dem Einfluß des Französischen, so damals entschieden unter dem Einfluß des republikanisch Holländischen. Vielleicht liegt hierin eine teilweise Erklärung.

Lindow

Wie seh ich, Klostersee, dich gern! Die alten Eichen stehn von fern Und flüstern, nickend, mit den Wellen. * Und Gräberreihen auf und ab; Des Sommerabends süße Ruh Umschwebt die halbzerfallnen Grüfte. Lindow ist so reizend wie sein Name. Zwischen drei Seen wächst es auf, und alte Linden nehmen es un- ter ihren Schatten. Seine Vorgeschichte versagt; alles Archivalische ward ein Raub der Flammen, und nur mit hoher, Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß das Kloster eher da war als die Stadt. Kloster Lindow wurde gegen Ende des zwölften oder Anfang des dreizehnten Jahrhunderts von dem Gra- fen Gebhard von Ruppin und Lindow als ein Prä- monstratenser-Nonnenkloster gegründet und emp- fing zu Ehren des Stammhauses der Familie (Lindow im Anhaltischen) seinen Namen. Die Stadt entstand aus Ansiedlungen; Handwerker und Ackersleute kamen, die den Schutz des Klosters suchten. Und diese Beziehungen blieben durch alle Jahrhunderte hin und überdauerten den Bestand des Klosters bis in unsere Tage hinein. 1574 wurde dem lutherischen Rektor sein Gehalt ansehnlich erhöhet, »weil er, zu seinen geringen Einkünften, nur einen freien Tisch auf dem Klosterhofe habe«, und noch 1748 schenkte die Konventualin Anna Juliane von der Kettenburg 100 Taler an die Stadt mit dem Bedingnis, »daß von den Zinsen dieser Summe das Schulgeld für arme Kinder bezahlt werde«. Welchen beiden Notizen wir, außer dem Fortbestande guter Beziehungen zwischen dem Kloster und dem städti- schen Gemeinwesen, auch gleichzeitig entnehmen können, daß man finanziell in Stadt Lindow nicht auf Rosen gebettet war. Auch im Kloster war man es, aller Guttaten unerach- tet, nicht mehr, seit im Jahre 1542 die Säkularisation und die Umwandlung der Klostergüter in kurfürstli- che Domainen begonnen hatten. Zwanzig Jahre vor- her, beim Erlöschen des gräflichen Hauses Ruppin,, hatte das Kloster auf seiner Höhe gestanden. Es war damals eines der reichsten Stifter in der Mark und besaß außer der Stadt Lindow achtzehn Dörfer, zwanzig wüst liegende Feldmarken, neun Wasser- mühlen und alle die Seen, die teils innerhalb des Großen Menzer Forstes, teils am Rande desselben gelegen sind, darunter auch den Großen Stechlin. Die Gesamtbodenfläche, die damals dem Jungfrau- enkloster zugehörte, darf man auf vier Quadratmei- len schätzen, reichte mithin, wie Bratring spöttisch schreibt, »vollkommen aus, um fünfunddreißig Non- nen, einer Äbtissin und einem Propst ein einigerma- ßen gemächliches Leben zu sichern«. Man kann dies zugeben, aber es den Bevorzugten auch neidlos gön- nen, und zwar um so lieber und leichter, als ihr Glück, von jenem Kulminationspunkt an gerechnet, nur noch von kürzester Dauer war. Es ging galoppie- rend zu Ende. Wohl war am Heiligendreikönigstage 1530 den lindowschen Nonnen ihr Besitz zu »ewigem Eigentum« aufs neu bestätigt worden, aber ehe noch die Mitte des Jahrhunderts heran war, war die Säku- larisation bereits ausgesprochen und das »ewige Ei- gentum« verflogen. Aus dem Kloster Lindow wurde nunmehr ein »Fräuleinstift zu Lindow«, und an die Stelle der Äbtissin und ihrer fünfunddreißig Nonnen trat eine Domina mit vier Fräuleins; das Gesamtein- kommen aber sank allmählich auf 1000 Taler und das Grundeigentum von vier Quadratmeilen auf – 100 Morgen. Unter den Dominas, soweit ihre Namen überhaupt noch auf uns gekommen sind, finden wir fast aus- schließlich Adelsnamen aus Ruppin und Havelland:, Elisabeth von Zieten 1557, Anna von Gühlen 1625, Katharina von Döberitz 1685, Anna Hedwig von Fratz 1709, Maria Elisabeth von Quast 1736, Ilse Margarete von Rochow und Anna Elisabeth von Bre- dow, letztere beide ohne Zahlenangabe. Unser Weg führt uns von Alt Ruppin auf Lindow zu. Die nur durch ihre Lage reizende Stadt kann uns durch ihre Straßen und Plätze nicht fesseln, aber jenseits derselben, wo sich die Schmalung zwischen dem Gudelack- und dem Wutz-See wieder zu weiten beginnt, werden wir, nach rechts hin, eines Konglo- merates von Häusern und Ruinen ansichtig, um wel- ches sich eine niedrige Steinumwallung: die Einfrie- digung von Kloster Lindow, zieht. Wir lassen halten, überklettern die gerad an dieser Stelle weder Tür noch Pforte zeigende Mauer und befinden uns auf einer von prächtigen alten Bäumen überragten Park- wiese, die, den verschiedensten Bestimmungen die- nend, all ihre Verschiedenheiten wieder in eine höhe- re Einheit zusammenfaßt. Die schönsten Teile dieser Parkwiese sind die, wo begraben wird. Von dem richtigen Gefühl ausgehend, daß Leben und Tod Geschwister sind, die sich nicht ängstlich meiden sollen, hat man hier die Spiel- und Begräbnisplätze dicht nebeneinander gelegt, und dieselben Blumen blühen über beide hin. Aber der Tod, so gemütlich er mit dem Leben zu leben weiß, hat doch innerhalb seiner eignen Gebiete nicht ganz auf Scheidungen und Standesunterschiede verzich-, tet, die nun, so scheint es, Zeugnis ablegen sollen, daß wir uns hier auf dem Grund und Boden eines adligen Fräuleinstiftes befinden. Im Leben »leben und leben lassen«, aber im Tode – Rangordnung! So begegnet man denn Steinen und Grabkreuzen an drei verschiedenen Punkten des Parkes, und wäh- rend die Dienstleute samt den Beamten an einer, die Gäste des Klosters an einer andern Stelle ruhn, ist den Stiftsdamen eine dritte Stelle vorbehalten geblieben. In zwei Reihen, zu beiden Seiten einer alten Rüsterallee, liegen sie hier in hoch aufgemau- erten Gräbern, von denen übrigens keines über den Anfang des vorigen Jahrhunderts zurückreicht. In deutlichen Buchstaben sprach nur noch das Grab der letztverstorbenen Domina zu mir, stattlicher aber war ein älterer Stein, unter dem (wenn ich das Wap- pen richtig erkannt) eine von Pannewitz ihren letzten Schlummer schlief. Auf dieses Epitaphium, das einen guten Überblick versprach, stieg ich hinauf und übersah nun, ein paar Zweige zurückbiegend, die ganze Klosteranla- ge: nach links hin der von Lindengängen eingefaßte See, zwischen uns und ihm ein buntes Durcheinan- der von Blumen- und Gemüsegärten und, mitten hineingestellt in diese, das villenartige Haus der Do- mina, dicht grenzend mit einem in Trümmern liegen- den Langbau, der sehr wahrscheinlich einst das Re- fektorium des alten Klosters ausmachte. Jetzt ist es Wirtschaftshof, Eis- und Vorratskeller der drei, vier Damen, die hier ihre Tage leben und beschließen, und jeder Zauber wäre dieser Verfallstätte längst abgestreift, wenn nicht die hohen, stehengebliebe-, nen Giebelwände wären, mit ihren gotischen Nischen und Fenstern und ihrem Storchennest darauf. Eine Viertelstunde lang hielt ich Umschau von dem Pannewitz-Grabstein aus; dann, auf einem Schlän- gelpfade den See gewinnend, schritt ich langsam einen Ufer- und Lindengang hinunter, bis ich mich unerwartet und plötzlich fast inmitten einer völlig veränderten Szenerie sah. Beete mit eingemusterten Blumen lagen wie Teppiche vor mir ausgebreitet, aus dem Mittelrondell stiegen Büsche von Ricinus und Canna indica auf, Wein und Pfirsich lachten am Spa- lier, und abwechselnd liefen Lauben von Geißblatt und Pfeifenkraut an der einen Seite des Gartens hin, während an der anderen ein Drahtzaun, leicht wie ein ausgespanntes Fischernetz, die Anlage schloß. War dies noch Klostergrund? Nein. Aus mittelalterli- chen Überbleibseln heraus war ich in eine modern- bürgerliche Welt eingetreten, und ein reicher, in An- lagen und Gartenkunst erprobter »Propriétaire« stickte hier mit eigner Hand diese Blumenmuster in den Rasenteppich und gefiel sich darin, in richtiger Benutzung des Erworbenen, auch dem, »was wohltut und gefällig ist«, zu dienen. Ein Reichtum, der zur Pflege des Schönen führt, er- freut immer wieder mein Herz und tat es auch hier. Aber beinah wohltuender noch berührte mich die Wahrnehmung, daß das Fehlen einer Grenz- und Scheidelinie zwischen Klostergrund und Gartenanlage wenigstens an dieser Stelle kein bloßer Zufall war. Diese Scheidelinie fehlte, weil der Trennungsstrich auch in den Herzen nicht vorhanden ist und der Be-, sitzer des Gartens Frieden und Freundschaft hält mit den Klosterfrauen von drüben.

Gransee

Steig auf die Warte dort, die nach dem Feld Hinblickt, und sag uns, was du siehst. Schiller Die Trauerglocke läutet Vom Dorfe her. Wir wissen, was es deutet: Sie ist nicht mehr. Fouqué Von Lindow kommend, fahren wir jetzt Gransee, der östlichsten Stadt der Grafschaft, zu. Von ihren frühe- ren Tagen erzählt uns ein Baudenkmal, das sich be- reits 1000 Schritte vor der Stadt erhebt:

Die »Warte« bei Gransee

Sie steht auf dem höchsten Punkte der Umgegend, dem »Warte-Berg«. Junge Fichten und dichtes Kus- selwerk, drin der Sandhase sein Lager hat, bedecken ihn an seinen Abhängen, und nur der abgeplattete, Gipfel ist kahl. Hier erhebt sich die »Warte«, von fernher einem modernen Fabrikschornsteine nicht unähnlich, bis man im Näherkommen den bedeuten- deren Durchmesser erkennt. Es ist ein etwa 100 Fuß hoher Rundturm, aus Feldstein und sieben senkrecht stehenden Backsteinrippen derartig aufgeführt, daß bei der Aufmauerung immer erst die Rippen um eini- ge Fuß erhöht wurden, ehe man wieder mit Feldstein zu füllen begann. Wie alt der Turm ist, stehe dahin. Ich möcht ihn frühstens in den Anfang des fünfzehn- ten Jahrhunderts setzen. Der gleichen Ansicht scheint nun freilich W. Alexis nicht gewesen zu sein, als er ebendiesen Warte- Turm in seinem berühmten Romane »Der falsche Waldemar« zum Schauplatz eines Hergangs aus dem Jahre 1348 machte. Diesen Hergang selbst erzählt er annähernd wie folgt. Gransee hatte selbstverständlich seine Fehden mit dem benachbarten Adel, und zur Waldemar-Zeit wa- ren es vorzugsweise die Winterfeldts und die Quaste, mit denen es sich bekriegte. Tile Quast wird eigens genannt, ebenso Tacke de Wons und Hans Lüddecke vom roten Haus. Im Jahre 1348 handelte sich's von seiten dieser drei um nicht mehr und nicht weniger als einen Überfall der Stadt; solcher war aber nur möglich, wenn es vorher glückte, den auf der Warte stationierten Stadtwächter, Mathis mit Namen, ein- zuschläfern. Dies zu bewerkstelligen, kam man über- ein, daß ein als Kärrner verkleideten Knecht, der ein Stückfaß Wein auf seinem Karren habe, die vorüber- führende Straße passieren und am Fuß der Warte, halten solle, wie wenn es sich um Ausbesserung ei- nes Schadens an Rad oder Achse handle. Und so geschah es auch. Der Karren hielt. Mathis, der sich langweilen mochte, wie noch heute die Schildwachen tun, ging ohne Besinnen in die Falle, stieg die Wen- deltreppe hinunter und bot sich an, bei dem anschei- nend verunglückten Wagen mit zu helfen. Dabei fan- den beide, daß der Wein für die Granseer viel zu stark sei. Sie spundeten also auf, tranken ein Erheb- liches und füllten mit Wasser nach. Dies geschah aber erst ganz zuletzt, und Mathis fiel gleich danach in tiefen Schlaf. Als er andren Tags bei schon hoch stehender Sonne wach ward und Umschau hielt, sah er den ganzen zwischen