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Sue Grafton Ausgespielt s&p 06/2006 Kinsey Millhone soll auf eine junge Frau aufpassen, die zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat, und ihr dabei helfen, in die Normalität zurückzufinden. Keine allzu schwierige Aufgabe für eine erfahrene Privatdetektivin. Doch Reba Lafferty hat eine düstere Vergangenheit, und sie hat noch ein paar Rechnungen offen. Vor allem mit ihrem Ex-Chef und ehemaligen Liebhaber Alan Beckwith. Kinsey will Reba helfen – doch die fängt bald an, einen eigenen Rachefeldzug zu entwerfen … ISBN: 3 442 41663 9 Original: ›R‹ Is for Ricochet Aus dem Amerikanischen von Ariane Böckler...
Autor Anonym
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Sue Grafton Ausgespielt

s&p 06/2006 Kinsey Millhone soll auf eine junge Frau aufpassen, die zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat, und ihr dabei helfen, in die Normalität zurückzufinden. Keine allzu schwierige Aufgabe für eine erfahrene Privatdetektivin. Doch Reba Lafferty hat eine düstere Vergangenheit, und sie hat noch ein paar Rechnungen offen. Vor allem mit ihrem Ex-Chef und ehemaligen Liebhaber Alan Beckwith. Kinsey will Reba helfen – doch die fängt bald an, einen eigenen Rachefeldzug zu entwerfen … ISBN: 3 442 41663 9 Original: ›R‹ Is for Ricochet Aus dem Amerikanischen von Ariane Böckler Verlag: Goldmann Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2005 Umschlaggestaltung: Design Team München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

, Buch Reba Lafferty ist ein privilegiertes und verwöhntes Mädchen. Als einzige Tochter eines reichen, liebenden Vaters blieb ihr kein Wunsch unerfüllt, kein Anliegen verwehrt. Und doch gerät sie auf die schiefe Bahn: Reba verbringt ganze Nächte in Spielcasinos, macht ausgiebige Erfahrungen mit Alkohol und Drogen und lässt sich stets mit den falschen Männern ein. Doch ihr Vater verzeiht ihr alles, zahlt ihre Spielschulden und hofft insgeheim, dass sich Reba von selbst fangen wird. Erst als Reba wegen Veruntreuung einer großen Summe Geldes zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt wird, reißt ihm der Geduldsfaden. Nach Ablauf der Strafe jedoch will er sie nicht allein ihrem Schicksal überlassen: Er engagiert Kinsey Millhone, die Reba aus dem Gefängnis abholen, sicher nach Hause geleiten und dafür sorgen soll, dass sie nicht wieder mit den Leuten aus ihrem alten Leben in Berührung kommt. Eigentlich keine allzu schwierige Aufgabe für die erfahrene Privatdetektivin, und auch noch gut bezahlt. Zumal Reba wirklich etwas dazugelernt zu haben scheint. Sie will noch mal von vorn anfangen und mit ihrem alten Leben abschließen – bis sie ihrem Ex-Boss und Liebhaber Alan Beckwith wieder begegnet. Zwischen den beiden ist offenbar mehr passiert, als Reba Kinsey erzählt hat. Reba lässt sich wieder auf die alte Hassliebe ein – und dann geraten die Dinge langsam, aber sicher außer Kontrolle …, Autor Sue Grafton, geboren 1940 in Kentucky, schrieb Drehbücher, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. Inzwischen sind ihre Bücher um die witzige und eigenwillige Privatdetektivin Kinsey Millhone eine der erfolgreichsten amerikanischen Krimireihen überhaupt und werden in 26 Sprachen übersetzt. Sue Grafton ist Präsidentin des Verbandes der »Mystery Writers of America« und lebt abwechselnd in Montecito, Kalifornien, und Louisville, Kentucky. Weitere Informationen zur Autorin und ihren Romanen im Internet unter: www.suegrafton.com, Für meine Enkelin Taylor mit einem Herzen voller Liebe,

DANKSAGUNG

Die Autorin möchte sich bei den folgenden Personen für ihre unschätzbare Hilfe bedanken: Steven Humphrey; Boris Romanowski, Bewährungshelfer im Bundesstaat Kalifornien; Alice Sprague, stellvertretende Bezirksstaatsanwältin, Alameda County, Kalifornien; Pat Callahan, Beauftragte für Öffentlich- keitsarbeit der staatlichen Frauenhaftanstalt Valley; von der California Institution for Women: Wachmann John Dovey, Lieutenant Larry J. Aaron, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit, und Pam Clark, zuständig für kommunale Beziehungen und Bewährungshilfe; Bruce Correli, Chief Deputy (im Ruhestand) vom Santa Barbara Sheriff’s Department; Lorrinda Lepore, Investigator II von der Bezirksstaatsanwaltschaft Ventura County; Bill Kracht, Geschäftsführer, The Players Club; Joan Francis von Francis Pacific Investigations; Julianna Flynn und Kurt Albershardt sowie Gail und Harry Gelles. Für die großzügigen Hilfsangebote und die fachkundigen Informationen bezüglich der Nebenhandlung, die dann doch im Papierkorb gelandet ist, danke ich Detective (im Ruhestand) Bill Turner vom Santa Barbara County Sheriff’s Department; Dona Cohn von der Anwaltskanzlei Cohn; den Anwälten Joseph M. Devine, Lawrence Kern und Philip Segal von Kern Noda Devine & Segal; Daniel Trudell, Präsident von Accident Reconstruction Specialists; James F. Lafferty, P.E., Ph.D. in Biomechanik und Maschinenbau; Dr. Anthony Sances jr., Präsident des Instituts für Biomechanik; und Nancy Degger, Präsidentin von Rudy Degger & Associates. Vielleicht im nächsten Buch., Prinzipiell stellt sich doch die Frage, ob es der menschlichen Natur nach überhaupt möglich ist, dass sich jemand grundlegend ändert. Die Fehler, die andere Leute machen, liegen meist klar auf der Hand. Unsere eigenen zu erkennen ist schon schwieriger. Normalerweise lässt sich bei Betrachtung unseres Lebenswegs ablesen, wer wir heute sind und wer wir von Geburt an waren. Wir sind Optimisten oder Pessimisten, fröhlich oder depressiv, leichtgläubig oder zynisch, abenteuerlustig oder risikoscheu. Eine Therapie könnte unsere Vorzüge besser zur Geltung bringen oder unsere Mängel ausgleichen, aber meistens machen wir das, was wir machen, weil wir es schon immer so gemacht haben, selbst wenn es böse endet … ja, vielleicht gerade dann, wenn es böse endet. Dies ist eine Geschichte über verschiedene Arten der Liebe – Liebe, die glückt, Liebe, die missglückt, und manches andere dazwischen. An diesem Tag fuhr ich um Viertel nach eins in Santa Teresa los und machte mich auf den Weg in das nur zehn Meilen weiter südlich gelegene Montebello. Der Wetterbericht hatte Höchst- temperaturen bis vierundzwanzig Grad versprochen. Die morgendliche Bewölkung war von Sonnenschein abgelöst wor- den, eine willkommene Abwechslung zu dem ständig bedeckten Himmel, der uns meist den Juni und den Juli vergällt. Ich hatte an meinem Schreibtisch zu Mittag gegessen und mir ein in Viertel geschnittenes Sandwich mit Oliven-Paprika-Schmelz- käse auf Weizenbrot gegönnt, mein drittliebstes Sandwich auf der ganzen Welt. Wo lag das Problem? Ich hatte keines. Das Leben war schön. Jetzt, da ich die Angelegenheit zu Papier bringe, erkenne ich, was mir von Anfang an hätte ins Auge stechen sollen, doch die, Ereignisse schritten in so gleichförmigem Tempo voran, dass ich bildlich gesprochen am Steuer eingenickt bin. Ich bin Privatdetektivin, siebenunddreißig Jahre alt und übe meinen Beruf in der kleinen südkalifornischen Stadt Santa Teresa aus. Meine Aufträge sind unterschiedlich, nicht immer lukrativ, aber ausreichend, um Wohnung, Essen und sämtliche anfallenden Rechnungen zu bezahlen. Ich stelle Ermittlungen über Firmenmitarbeiter an. Ich suche nach Vermissten oder spüre Erben auf, denen im Zuge von Nachlassregelungen bestimmte Geldbeträge zugefallen sind. Gelegentlich untersuche ich Entschädigungsforderungen im Zusammenhang mit Brandstiftung, Betrug oder fahrlässiger Tötung. Ich war zweimal verheiratet und bin zweimal geschieden, und sämtliche nachfolgenden Beziehungen sind gescheitert. Je älter ich werde, desto weniger verstehe ich die Männer, und deshalb halte ich mich eher von ihnen fern. Infolgedessen habe ich kein nennenswertes Sexualleben, aber so werde ich wenigstens nicht von unerwünschten Schwangerschaften oder sexuell übertragbaren Krankheiten geplagt. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass Liebe und Arbeit eine zweifelhafte Mixtur ergeben. Ich fuhr auf einem Stück Landstraße dahin, das früher unter dem Namen Montebello Parkway bekannt war und 1927 infolge einer Kampagne zur Mittelbeschaffung entstanden ist, die es ermöglichte, parallel zu den Schnellstraßen weitere Straßen mit von Landschaftsarchitekten gestalteten Mittelstreifen zu bauen, die noch heute existieren. Da gleichzeitig Werbetafeln und Geschäftsbauten entlang der Straße verboten wurden, ist dieser Abschnitt des Highway 101 nach wie vor reizvoll, außer wenn er vom Stoßverkehr verstopft ist. Montebello selbst hat 1948 einen ähnlichen Wandel vollzogen, als der örtliche Schutz- und Verschönerungsverein erfolgreich darum stritt, Gehsteige, Betonschwellen, Reklameschilder und alles andere zu verbieten, was die ländliche Atmosphäre verschandeln könnte. Montebello ist bekannt für seine über, zweihundert Luxusanwesen, von denen viele von Männern erbaut wurden, die ihr Vermögen mit dem Verkauf gewöhnlicher Haushaltsartikel gemacht hatten, unter anderem Salz und Mehl. Ich war unterwegs zu Nord Lafferty, einem älteren Herrn, dessen Konterfei mit schöner Regelmäßigkeit in der Gesellschaftsspalte des Santa Teresa Dispatch abgebildet war. Anlass hierfür war meist, dass er wieder einmal eine beträchtliche Summe für irgendeinen wohltätigen Zweck gespendet hatte. Zwei Gebäude der UCST waren ebenso nach ihm benannt wie ein Flügel des Santa Teresa Hospital und eine Sammlung seltener Bücher, die er der Stadtbibliothek geschenkt hatte. Vor zwei Tagen hatte er mich angerufen und erklärt, er wolle »ein kleines Anliegen« mit mir besprechen. Ich war neugierig zu erfahren, wie er auf mich gekommen war, und noch neugieriger auf den Auftrag selbst. Ich arbeite schon seit zehn Jahren als Privatdetektivin in Santa Teresa, doch mein Büro ist klein, und so werde ich normalerweise von den Reichen übergangen, da sie ihre Angelegenheiten lieber über Anwälte in New York, Chicago und L.A. regeln. Ich nahm die Ausfahrt St. Isadore und bog nach Norden ab, auf die Gebirgsausläufer zu, die sich zwischen Montebello und dem Los Padres National Forest erheben. Früher gab es in dieser Gegend einmal imposante Grandhotels, Zitrusfrüchte- und Avocadoplantagen, Olivenhaine, einen großen Gemischtwaren- laden und den Bahnhof Montebello, der von der Southern Pacific Railroad bedient wurde. Ich lese immer wieder gern Bücher über Lokalgeschichte und versuche mir die Gegend so vorzustellen, wie sie vor 125 Jahren war. Damals wurde Land für 75 Cent pro Acre verkauft. Montebello ist immer noch ein ländliches Idyll, doch haben die Planierraupen eine Menge Charme weggeräumt. Was anschließend gebaut wurde – die Eigentumswohnungen, die neuen Wohngebiete und die großen, protzigen Pseudoschlösser der Neureichen –, ist ein jämmerlicher Ersatz für das, was, verschwunden ist oder zerstört wurde. Ich bog an der West Glen rechts ab und fuhr die kurvenreiche zweispurige Straße bis zum Bella Sera entlang. Der Bella Sera Place ist von Oliven- und Pfefferbäumen gesäumt, und von dort führt die schmale Straße langsam zu einem Plateau hinauf, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Küste hat. Der durchdringende Geruch des Ozeans wurde immer schwächer, je höher ich kam, bis ihn der Duft der Salbei- und Lorbeerbüsche schließlich ganz ablöste. Die Hügel waren dicht mit Schafgarbe, wildem Senf und kalifornischem Mohn bewachsen, und die Nachmittagssonne hatte die Felsen in goldenes Licht getaucht, während ein warmer, auffrischender Wind die trockenen Gräser rascheln ließ. Die Straße wand sich durch eine Allee aus immergrünen Eichen weiter bergauf und endete an der Einfahrt zum Anwesen der Laffertys. Das Grundstück war von einer zweieinhalb Meter hohen Steinmauer umgeben, an der Schilder mit der Aufschrift »Privat – kein Durchgang« hingen. Vor dem breiten Eisentor angelangt, schaltete ich in den Leerlauf. Ich beugte mich hinaus und drückte den Rufknopf an der dort eingebauten Sprechanlage. Erst da bemerkte ich, dass auf einem der beiden Steinpfosten eine Kamera montiert war, deren hohles Auge mich fixierte. Offenbar hatte ich die Inspektion bestanden, da nun die Tore in gemessenem Tempo aufschwangen. Ich legte den ersten Gang ein, fuhr langsam hindurch und folgte der gepflasterten Zufahrt weitere vierhundert Meter. Durch zaunartig aufgereihte Pinien hindurch konnte ich ein graues Steinhaus ausmachen. Als schließlich das gesamte Anwesen in Sicht kam, verschlug es mir den Atem. Es war also doch etwas aus der Vergangenheit übrig geblieben. Vier hoch aufragende Eukalyptusbäume breiteten eine durchbrochene Schattendecke über den Rasen, und eine leichte Brise schob mehrere Wolken über das rote Ziegeldach. Das zweistöckige Haus mit seinen im gleichen Stil erbauten einstöckigen, Seitenflügeln, die an jedem Ende mit steinernen Balustraden abschlossen, beherrschte mein Blickfeld. Eine Reihe von vier Bögen schirmte den Eingang ab und bildete eine überdachte Veranda, auf der Korbmöbel standen. Ich zählte zwölf Fenster im ersten Stock, getrennt durch dekorative, paarweise angeordnete Pilaster, die das Dach zu halten schienen. Ich bog auf den Parkplatz ein, der für zehn Fahrzeuge ausgereicht hätte, und stellte meinen hellblauen VW Käfer ab, der sich nun zwischen einem eleganten Lincoln Continental auf der einen und einem großen Mercedes auf der anderen Seite duckte und wie ein Comic-Auto aussah. Ich machte mir nicht die Mühe, ihn abzuschließen, da ich davon ausging, dass das elektronische Überwachungssystem sowohl mich als auch mein Fahrzeug im Auge behalten würde, und ging auf die Haustür zu. Die Rasenflächen waren groß und gepflegt, und durch die Stille drang das Zwitschern von Finken. Ich drückte auf die Klingel und lauschte dem Glockenspiel, das zwei Töne erklingen ließ, die sich anhörten, als ob ein Hammer auf Metall träfe. Die alte Frau, die mir aufmachte, trug eine altmodische schwarze Uniform mit einer weißen Schürze darüber. Ihre blickdichten Strümpfe hatten die Farbe von Puppenkörpern, und die Kreppsohlen ihrer Schuhe quietschten leise, als ich ihr durch den mit Marmor gefliesten Flur folgte. Sie hatte mich nicht nach meinem Namen gefragt, aber vielleicht war ich ja die einzige Besucherin, die an diesem Tag erwartet wurde. Die Wände im Flur waren mit einer Eichentäfelung versehen, und die weiße Stuckdecke war mit Ornamenten in Rauten- und Lilienform geschmückt. Sie führte mich in die Bibliothek, die ebenfalls mit Eichenholz getäfelt war. In Leder gebundene Bücher füllten die Regale, die vom Boden bis zur Decke reichten, wobei ein Messinggeländer mit einer Leiter auf Rollen den Zugang zu den oberen Bereichen ermöglichte. Der Raum roch nach trockenem Holz und modrigem Papier. Die Feuerstelle in dem gemauerten Kamin, war so hoch, dass man darin hätte aufrecht stehen können, und das letzte Feuer hatte ein teilweise angekohltes Eichenscheit sowie den schwachen Geruch von Holzrauch zurückgelassen. Mr. Lafferty saß in einem von zwei identischen Ohrensesseln. Ich schätzte ihn auf über achtzig, ein Alter, das ich früher einmal für hoch gehalten hatte. Doch seit geraumer Zeit ist mir klar geworden, wie unterschiedlich sich der Alterungsprozess gestalten kann. Mein Vermieter ist siebenundachtzig und damit das Küken in seiner Familie, da das Alter seiner Geschwister bis sechsundneunzig reicht. Alle fünf sind lebhaft, intelligent, abenteuerlustig, ehrgeizig und neigen zu gutmütigen Kabbeleien untereinander. Mr. Lafferty dagegen machte den Eindruck, als sei er schon seit gut zwanzig Jahren alt. Er war unglaublich dünn, und seine Knie wirkten so knochig wie zwei Ellbogen am falschen Platz. Wenigstens waren seine einst scharf geschnittenen Gesichtszüge durch die Jahre etwas weicher geworden. Zwei dünne, durchsichtige Plastikschläuche steckten unauffällig in seinen Nasenlöchern und verbanden ihn mit einem wuchtigen grünen Sauerstoffbehälter auf einem Wagen zu seiner Linken. Sein Kiefer war auf einer Seite eingefallen, und ein flammend roter Streifen, der quer über seinen Hals verlief, wies auf einen chirurgischen Eingriff der brutalen Art hin. Er musterte mich mit Augen, die so dunkel und glänzend waren wie zwei Tupfen brauner Siegellack. »Freut mich, dass Sie gekommen sind, Ms. Millhone. Ich bin Nord Lafferty«, sagte er und hielt mir eine von knotigen Venen gezeichnete Hand hin. Seine Stimme war heiser und kaum lauter als ein Flüstern. »Schön, Sie kennen zu lernen«, murmelte ich und trat vor, um ihm die Hand zu schütteln. Seine Hände waren bleich, die Finger zitterten sichtlich und waren eiskalt. Er gestikulierte. »Ziehen Sie sich doch den Stuhl da heran. Ich bin vor einem Monat an der Schilddrüse operiert worden, und kürzlich musste ich mir noch ein paar Polypen von den, Stimmbändern entfernen lassen. Seitdem verfüge ich nur noch über dieses Krächzen, das sich eine Stimme schimpft. Weh tut es nicht, aber es ist lästig. Tut mir Leid, wenn ich schwer zu verstehen bin.« »Bis jetzt habe ich kein Problem damit.« »Gut. Möchten Sie eine Tasse Tee? Ich kann meine Haushälterin eine Kanne voll machen lassen, aber einschenken müssen Sie ihn sich leider selbst. Mittlerweile sind ihre Hände nicht mehr ruhiger als meine.« »Danke, aber ich möchte nichts.« Ich zog den zweiten Ohrensessel näher heran und setzte mich. »Wann ist das Haus hier gebaut worden? Es ist wirklich schön.« »1893. Ein Mann namens Mueller hat dem Landkreis Santa Teresa ein Zweihundertsechzig-Hektar-Grundstück abgekauft. Davon sind noch achtundzwanzig Hektar übrig. Die Bauarbeiten an dem Haus haben sechs Jahre gedauert, und Gerüchten zufolge ist Mueller an dem Tag gestorben, als die Arbeiter das Werkzeug weggelegt haben. Seit damals ist es den Bewohnern nicht besonders gut ergangen … abgesehen von mir, toi, toi, toi. Ich habe das Anwesen 1929 gekauft, direkt nach dem Börsenkrach. Der Mann, dem es zuvor gehört hat, hatte alles verloren. Er ist in die Stadt gefahren, auf den Glockenturm gestiegen und hat sich runtergestürzt. Die Witwe brauchte das Geld, also habe ich zugegriffen. Natürlich hat man mich dafür kritisiert. Man hat behauptet, ich hätte meinen Vorteil daraus geschlagen, aber ich habe mich gleich auf den ersten Blick in das Haus verliebt. Irgendjemand hätte es auf jeden Fall gekauft. Dann schon lieber ich als ein anderer. Ich hatte das Geld für den Unterhalt, und das traf damals nicht auf viele Leute zu.« »Da haben Sie wirklich Glück gehabt.« »Allerdings. Ich habe mein Vermögen mit Papierwaren gemacht – nur für den Fall, dass Sie neugierig sind, aber zu höflich, um zu fragen.«, Ich lächelte. »Höflich, na ja, ich weiß nicht. Neugierig bin ich immer.« »Ein Glück, würde ich sagen, angesichts der Branche, in der Sie arbeiten. Ich gehe davon aus, dass Sie viel zu tun haben, also komme ich gleich zur Sache. Ihr Name wurde mir von einem Freund von Ihnen genannt – einem Mann, den ich bei meinem jüngsten Krankenhausaufenthalt kennen gelernt habe.« »Stacey Oliphant«, sagte ich, da mir sofort sein Name in den Sinn kam. Ich hatte mit Stacey, einem ehemaligen Detective der Mordkommission des Sheriff’s Department, und meinem alten Bekannten Lieutenant Dolan, der inzwischen auch vom Santa Teresa Police Department in den Ruhestand übergewechselt war, gemeinsam an einem Fall gearbeitet. Stacey rang mit einer Krebserkrankung, aber soweit ich zuletzt gehört hatte, war er fürs Erste aus dem Schneider. Mr. Lafferty nickte. »Er hat mich übrigens gebeten, Ihnen zu sagen, dass es ihm gut geht. Er war zu einer Unmenge Tests in der Klinik, aber sie waren alle negativ. Wir sind regelmäßig nachmittags gemeinsam die Flure auf- und abspaziert, und dabei bin ich auf meine Tochter Reba zu sprechen gekommen.« Ich überlegte bereits: Personensuche, verschwundene Erbin oder vielleicht Ermittlungen über einen Mann, falls Reba eine Liebesbeziehung hatte. Lafferty fuhr fort. »Ich habe nur das eine Kind, und ich fürchte, ich habe sie gnadenlos verwöhnt, obwohl das nicht meine Absicht war. Ihre Mutter ist davongelaufen, als Reba noch ein kleiner Wurm war, ein richtiger Dreikäsehoch. Ich war geschäftlich voll eingespannt und habe ihre Erziehung einer Reihe von Kindermädchen überlassen. Wenn sie ein Junge gewesen wäre, hätte ich sie in ein Internat schicken können, genau wie es meine Eltern mit mir gemacht haben, doch ich wollte sie zu Hause behalten. Rückblickend betrachtet wird mir klar, dass das womöglich eine Fehlentscheidung meinerseits, war, aber damals sah ich es eben anders.« Er hielt inne und gestikulierte ungeduldig in Richtung Fußboden, als wollte er einen Hund dafür ausschelten, dass er an ihm hochgesprungen war. »Egal. Für Reue ist es jetzt zu spät. Ist sowieso sinnlos. Was passiert ist, ist passiert.« Er musterte mich scharf unter seiner knochigen Stirn. »Sie fragen sich wahrscheinlich, worauf ich hinauswill.« Ich zuckte leicht mit den Achseln und wartete darauf, was er als Nächstes sagen würde. »Reba kommt am zwanzigsten Juli auf Bewährung frei. Das ist nächsten Montag. Ich brauche jemanden, der sie abholt und nach Hause bringt. Sie wohnt bei mir, bis sie wieder auf eigenen Beinen steht.« »Welche Strafanstalt?«, erkundigte ich mich, während ich hoffte, dass er mir meine Verblüffung nicht anhörte. »California Institution for Women. Kennen Sie die Einrichtung?« »Sie ist in Corona, etwa zweihundert Meilen weiter südlich. Ich bin nie dort gewesen, aber ich weiß, wo es ist.« »Gut. Ich hoffe, Sie können sich die Zeit für die Fahrt dorthin nehmen.« »Das hört sich nicht übermäßig schwierig an, aber warum ich? Ich verlange fünfhundert Dollar am Tag. Sie brauchen keine Privatdetektivin für eine solche Fahrt. Hat sie denn keine Freunde?« »Keine, die ich darum bitten würde. Und machen Sie sich über Geld keine Gedanken. Das ist das geringste Problem. Meine Tochter ist schwierig. Eigensinnig und aufsässig. Sie sollen dafür sorgen, dass sie ihren Termin bei der Bewährungshelferin wahrnimmt und alle sonstigen Auflagen einhält, die ihr nach der Entlassung abverlangt werden. Ich bezahle Ihnen den vollen Satz, auch wenn Sie nur einen Teil des Tages arbeiten.«, »Und wenn ihr die Überwachung nicht recht ist?« »Das hat nicht sie zu entscheiden. Ich habe ihr gesagt, dass ich jemanden engagiere, der ihr hilft, und sie hat eingewilligt. Wenn sie Sie mag, wird sie schon mitmachen, zumindest in gewissem Rahmen.« »Darf ich fragen, was sie getan hat?« »Da Sie einige Zeit mit ihr verbringen werden, ist das Ihr gutes Recht. Sie wurde verurteilt, weil sie bei der Firma, für die sie gearbeitet hat, Geld unterschlagen haben soll. Alan Beckwith und Co. Er macht in Vermögensverwaltung, Immobilien- investitionen und Grundstückserschließungen und dergleichen. Kennen Sie ihn?« »Ich habe seinen Namen in der Zeitung gelesen.« Nord Lafferty schüttelte den Kopf. »Ich mag ihn nicht. Ich kenne die Familie seiner Frau seit Jahren. Tracy ist ein nettes Mädchen. Mir ist unbegreiflich, wie sie an ihm hängen bleiben konnte. Alan Beckwith ist ein Emporkömmling. Er nennt sich selbst Unternehmer, aber ich habe nie so ganz durchschaut, was er eigentlich genau macht. Unsere Wege haben sich des Öfteren in der Öffentlichkeit gekreuzt, und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich beeindruckt gewesen wäre. Reba scheint allerdings restlos begeistert von ihm zu sein. Eines muss ich ihm lassen: Er hat zu ihren Gunsten ausgesagt, bevor sie verurteilt worden ist. Das war eine großzügige Geste von ihm, zu der er nicht unbedingt verpflichtet gewesen wäre.« »Wie lange war sie im Gefängnis?« »Sie hat zweiundzwanzig Monate einer vierjährigen Haftstrafe abgesessen. Es kam nie zur Verhandlung. Als sie zur Anklage vernommen wurde – wobei ich bedauerlicherweise nicht anwesend war –, hat sie sich für mittellos erklärt, also hat das Gericht einen Pflichtverteidiger ernannt, der mit ihrem Fall betraut wurde. Nachdem sie sich mit ihm beratschlagt hatte, hat sie auf ihr Recht auf eine Voruntersuchung verzichtet und sich, für schuldig erklärt.« »Einfach so?« »Leider ja.« »Und ihr Anwalt ist darauf eingegangen?« »Er hat massive Einwände dagegen vorgebracht, aber Reba wollte nichts davon wissen.« »Um wie viel Geld ging es denn?« »Dreihundertfünfzigtausend Dollar in einem Zeitraum von zwei Jahren.« »Wie wurde der Diebstahl bemerkt?« »Durch eine routinemäßige Buchprüfung. Reba war eine von einer Hand voll Angestellten mit Zugang zu den Konten. Natürlich fiel der Verdacht auf sie. Sie hat schon vorher Ärger gehabt, aber noch nie etwas in dieser Größenordnung.« In mir regte sich Protest, doch ich verkniff mir eine Entgegnung. Er beugte sich vor. »Wenn Sie etwas zu sagen haben, nur immer heraus mit der Sprache. Stacey hat mir erzählt, dass Sie kein Blatt vor den Mund nehmen, also bitte zögern Sie nicht aus Rücksicht auf mich. Womöglich erspart uns das Missverständnisse.« »Ich habe mich nur gerade gefragt, warum Sie nicht eingegriffen haben. Ein erstklassiger Anwalt hätte vielleicht ein ganz anderes Ergebnis erzielt.« Er ließ den Blick auf seine Hände sinken. »Ich hätte ihr helfen sollen … das weiß ich … aber ich bin ihr viele, viele Jahre immer wieder zu Hilfe gekommen … eigentlich ihr ganzes Leben lang, wenn Sie’s genau wissen wollen. Zumindest haben Freunde von mir das gesagt. Sie meinten, Reba müsse sich den Konsequenzen ihres Tuns stellen, sonst würde sie nie etwas lernen. Sie meinten, ich würde ihr Verhalten unterstützen, und ihr erneut aus der Patsche zu helfen wäre angesichts der, Umstände das Dümmste, was ich tun könnte.« »Wer sind diese ›Freunde‹, von denen Sie sprechen?« Zum ersten Mal war er um eine Antwort verlegen. »Ich hatte eine Freundin namens Lucinda. Wir kannten uns schon seit Jahren. Sie hat immer wieder miterlebt, wie ich zugunsten von Reba eingegriffen habe. Sie hat mich dazu überredet, hart zu bleiben, und das habe ich auch getan.« »Und jetzt?« »Offen gestanden war ich schockiert, als Reba zu vier Jahren im Staatsgefängnis verurteilt wurde. Ich hätte nie damit gerechnet, dass die Strafe so hart ausfallen könnte. Ich dachte, der Richter würde eine Bewährungsstrafe verhängen, so wie es der Pflichtverteidiger vorgeschlagen hatte. Jedenfalls haben Lucinda und ich uns gestritten, sogar ziemlich erbittert. Ich habe die Beziehung beendet und jeden Kontakt zu ihr abgebrochen. Sie war wesentlich jünger als ich. Rückblickend betrachtet, wird mir klar, dass sie für sich selbst etwas herausholen wollte und wohl auf eine Heirat gehofft hat. Reba konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Das wusste Lucinda natürlich.« »Was ist mit dem Geld passiert?« »Reba hat es verspielt. Sie hatte schon immer einen Hang zum Kartenspielen. Auch zu Roulette und Spielautomaten. Außer- dem liebt sie Pferdewetten, aber sie versteht nichts davon.« »Sie hat ein Problem mit Glücksspielen?« »Ihr Problem ist nicht das Spielen, sondern das Verlieren«, erwiderte er mit einem kaum angedeuteten Lächeln. »Wie steht’s mit Drogen und Alkohol?« »Da muss ich in beiden Punkten ja sagen. Sie hat einen Hang zum Leichtsinn, eine wilde Seite, genau wie ihre Mutter. Ich hoffe, das Leben im Gefängnis hat sie Selbstdisziplin gelehrt. Was Ihren Auftrag angeht, da improvisieren wir einfach. Es geht nur um zwei, drei Tage, höchstens eine Woche, bis sich Reba, wieder eingelebt hat. Da Ihre Aufgaben klar begrenzt sind, verlange ich keinen schriftlichen Bericht. Schicken Sie mir eine Rechnung, dann bezahle ich Ihnen Ihre Tagessätze und sämtliche angefallenen Spesen.« »Klingt recht einfach.« »Eines noch. Falls irgendetwas darauf hindeutet, dass sie erneut abrutscht, möchte ich darüber informiert werden. Vielleicht kann ich diesmal mit genügend Vorwarnzeit eine Katastrophe verhindern.« »Eine schwere Aufgabe.« »Das ist mir bewusst.« Ich dachte kurz über den Auftrag nach. Normalerweise spiele ich nicht gern Babysitter und potenzielle Klatschbase, doch in diesem Fall schien mir sein Anliegen berechtigt. »Um wie viel Uhr wird sie entlassen?«, Auf dem Rückweg in die Stadt holte ich meine Wäsche aus der Reinigung und drehte anschließend eine Runde durch den Supermarkt, um allerlei Zeug zu erstehen, das ich zu Hause abladen wollte, ehe ich wieder ins Büro fuhr. Ich wollte meinen Vermieter möglichst noch erwischen, bevor ein paar Stunden später sein Damenbesuch aufkreuzte. Die Einkäufe tätigte ich nur, um Requisiten bei mir zu haben, die mein unerwartetes Auftauchen mitten am Nachmittag rechtfertigen würden. Henry und ich schenken einander in vielen Dingen Vertrauen, aber sein Liebesleben gehört nicht dazu. Wenn ich darüber etwas erfahren wollte, müsste ich schon mit diskreter Raffinesse vorgehen. Meine kleine Wohnung war ursprünglich eine Einzelgarage, die durch einen mittlerweile glasverkleideten Durchgang mit Henrys Haus verbunden ist. 1980 hat er den Raum zu dem gemütlichen Studio umgebaut, das ich seither von ihm gemietet habe. Was früher einmal nichts als ein kahles Quadrat mit fünf Metern Seitenlänge gewesen ist, ist jetzt komplett möbliert und umfasst ein Wohnzimmer, eine direkt anschließende, kombüsenartige Küche, eine Ecke für die Waschmaschine und ein Badezimmer. Über eine Wendeltreppe erreicht man eine Schlafgalerie und ein zweites Badezimmer. Die Räumlichkeiten sind kompakt und so durchdacht gestaltet, dass jeder Quadratzentimeter optimal genutzt wird. Mit ihren Ecken und Winkeln, den Wänden aus blankem Teak- und Eichenholz und den vereinzelten Bullaugenfenstern besitzt die Wohnung Maße und Atmosphäre eines Schiffsbauchs. Ich fand zwei Häuser weiter einen Parkplatz und lud meine Wäsche und die beiden Tüten aus dem Supermarkt aus. Mein Zeitplan erwies sich als optimal. Gerade als ich durch das quietschende Metalltor getreten war und den Weg nach hinten, entlangging, fuhr Henry in seine Doppelgarage. Er hatte sein hellgelbes, fünffenstriges Chevy-Coupé gerade vom alljährlichen Kundendienst geholt. Der Lack war auf Hochglanz poliert. Innen war es vermutlich nicht nur pieksauber, sondern noch dazu mit Pinienduft parfümiert. Henry hat den Wagen 1932 neu gekauft und ihn so gut gepflegt, dass man hätte schwören mögen, dass noch Garantie darauf war – falls Autos damals überhaupt Garantie hatten. Er besitzt noch ein zweites Fahrzeug, einen Kombi, den er für alltägliche Besorgungen und gelegentliche Fahrten zum fünfundneunzig Meilen weiter südlich gelegenen Flughafen Los Angeles benutzt. Das Coupé hebt er sich für besondere Gelegenheiten auf. Heute war eine solche. Es fällt mir schwer, im Gedächtnis zu behalten, dass er siebenundachtzig Jahre alt ist. Ebenso schwer fällt es mir, ihn mit Worten zu beschreiben, die angesichts unseres Altersunterschieds von fünfzig Jahren nicht peinlich schwärmerisch klingen. Er ist intelligent, nett, sexy, durchtrainiert, attraktiv, kräftig und hilfsbereit. Als er noch berufstätig war, hat er als Bäcker gearbeitet, und obwohl er mittlerweile seit fünfundzwanzig Jahren im Ruhestand ist, bäckt er immer noch die besten Zimtschnecken, die ich je gegessen habe. Wäre ich gezwungen, ihm einen Charakterfehler zu attestieren, würde ich vermutlich seine Vorsicht in Herzensangelegenheiten nennen. Das einzige Mal, dass ich ihn wirklich verliebt gesehen habe, wurde er nicht nur betrogen, sondern fast um jeden Cent gebracht, den er besaß. Seitdem lässt er sich überhaupt nicht mehr in die Karten schauen. Entweder war ihm keine Frau mehr über den Weg gelaufen, die ihn interessierte, oder er hatte absichtlich weggesehen. Zumindest bis Mattie Halstead auftauchte. Mattie war Bordkünstlerin auf einer Kreuzfahrt gewesen, die er und seine Geschwister im April unternommen hatten. Kurz darauf war sie auf dem Weg nach Los Angeles bei ihm, vorbeigekommen, als sie dort Bilder zu einer Galerie bringen wollte. Einen Monat später war er ganz gegen seine Gewohnheit nach San Francisco gefahren und hatte einen Abend mit ihr verbracht. Über die Art ihrer Beziehung schwieg er sich aus, aber mir war aufgefallen, dass er seine Garderobe aufgepeppt und mit Krafttraining begonnen hatte. Die Familie Pitts ist (zumindest aufseiten von Henrys Mutter) sehr langlebig, und er und seine Geschwister erfreuen sich einer bemerkenswert guten Gesundheit. William hat zwar Ansätze zum Hypochonder, und Charlie ist fast taub, aber davon abgesehen machen sie den Eindruck, als würden sie noch ewig leben. Lewis, Charlie und Nell wohnen in Michigan, aber sie besuchen einander immer wieder, mal geplant und mal nicht. William und meine Freundin Rosie, der die Kneipe einen halben Block weiter gehört, würden am 28. November ihren zweiten Hochzeitstag feiern. Nun sah es ganz danach aus, als hätte Henry ähnliche Pläne … so hoffte ich zumindest. Die Liebesgeschichten anderer Leute sind ja so viel weniger gefährlich als die eigenen. Ich freute mich auf all die Genüsse der wahren Liebe, ohne die Leiden ertragen zu müssen. Henry blieb stehen, als er mich sah, und wartete, bis ich auf seiner Höhe war, so dass wir gemeinsam weiter aufs Haus zugehen konnten. Seine Haare waren frisch geschnitten, und über seinen scharf gebügelten Chinos trug er ein blaues Jeanshemd. Sogar seine gewohnten Gummilatschen hatte er gegen ein paar Segelschuhe mit dunklen Socken ausgetauscht. »Warte doch kurz, bis ich das Zeug hier abgeladen habe«, bat ich. Er blieb so lange stehen, bis ich die Tür aufgeschlossen und meine Einkäufe direkt dahinter auf den Fußboden gestellt hatte. Nichts davon würde in der nächsten halben Stunde schlecht werden. »Du hast dir die Haare schneiden lassen«, sagte ich. »Sieht super aus.« Verlegen fuhr er sich mit der Hand übers Haar. »Ich bin, gerade beim Friseur vorbeigekommen und habe gemerkt, dass ich schon lang überfällig bin. Findest du es zu kurz?« »Überhaupt nicht. Es macht dich um Jahre jünger«, erwiderte ich und dachte mir dabei, dass Mattie schön blöd sein müsste, wenn sie nicht erkannte, was für ein Schatz er war. Ich hielt ihm die Fliegentür auf, während er seine Schlüssel herauszog und die Hintertür aufschloss. Ich folgte ihm hinein und sah zu, wie er seine Lebensmittel auf die Arbeitsfläche in der Küche stellte. »Schön, dass Mattie vorbeikommt. Du freust dich sicher darauf, sie zu sehen.« »Es ist ja nur der eine Abend.« »Was ist denn der Anlass?« »Sie hat für eine Frau in La Jolla ein Bild gemalt und bringt ihr noch zwei weitere, für den Fall, dass der Kundin das erste nicht gefällt.« »Na, jedenfalls ist es schön, dass sie auf einen Sprung bei dir vorbeischaut. Wann kommt sie denn?« »Sie wollte gegen vier hier sein, je nachdem, wie der Verkehr ist. Sie hat gemeint, sie würde erst ihr Hotelzimmer beziehen und dann von dort aus anrufen, wenn sie sich ein bisschen frisch gemacht hat. Sie hat eingewilligt, zum Abendessen zu kommen, solange ich keinen großen Aufwand betreibe. Ich habe versprochen, etwas ganz Einfaches zu machen, aber du kennst mich ja.« Er fing an, seine Einkäufe auszupacken: ein in weißes Metzgerpapier eingewickeltes Päckchen, Kartoffeln, Weißkraut, Frühlingszwiebeln und ein großes Glas Mayonnaise. Dann zog er die Backofentür auf und sah nach dem Tontopf, in dem Bohnen zusammen mit Melasse, Senf und einem Stück Bauchspeck vor sich hin köchelten. Auf einem Gestell auf der Arbeitsfläche ruhten zwei Laibe frisch gebackenes Brot, und mitten auf dem Küchentisch thronte unter einem Glassturz ein Schokoladenkuchen mit mehreren Schichten. Daneben stand ein, Strauß Blumen aus seinem Garten – Rosen und Lavendel, die er kunstvoll in einer Teekanne aus Porzellan arrangiert hatte. »Der Kuchen sieht sagenhaft aus.« »Das ist eine Torte mit zwölf Schichten. Ich habe sie nach Nells Rezept gebacken, das ursprünglich von unserer Mutter stammt. Wir haben es jahrelang versucht, aber keiner von uns hat es genauso hingekriegt wie sie. Schließlich hat Nell es geschafft, aber sie sagt, es sei ein Riesenaufwand. Ich habe ein halbes Dutzend Böden weggeschmissen, ehe das Ding was geworden ist.« »Und was gibt’s sonst noch?« Henry nahm eine gusseiserne Kasserolle heraus und stellte sie auf den Herd. »Brathuhn, Kartoffelsalat, Krautsalat und gebackene Bohnen. Ich dachte, wir könnten eine Art kleines Picknick im Garten machen, falls es nicht kälter wird.« Er öffnete seinen Gewürzschrank, sah die Gläschen durch und nahm eines mit getrocknetem Dill heraus. »Möchtest du uns nicht Gesellschaft leisten? Sie freut sich bestimmt, dich zu sehen.« »Oh, bitte. Gesellschaft ist das Letzte, was sie braucht. Nach sechs Stunden Fahrt? Gib der Frau einen Drink und lass sie die Füße hochlegen.« »Ihretwegen brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen. Sie hat Energie im Überfluss. Und ich bin mir sicher, dass sie sich freuen würde.« »Lassen wir es einfach auf uns zukommen. Ich fahre jetzt wieder ins Büro, aber ich schaue noch mal bei dir rein, sobald ich wieder hier bin.« Ich war bereits fest entschlossen, seine Einladung auszuschlagen, wollte aber nicht unhöflich sein. Meiner Meinung nach brauchten sie Zeit für sich allein. Ich würde kurz den Kopf hineinstecken und hallo sagen, in erster Linie, um meine Neugier auf Mattie zu befriedigen. Sie war entweder, verwitwet oder geschieden, ich wusste nicht, was von beidem, doch bei ihrem letzten Besuch war mir aufgefallen, dass sie mehrmals von ihrem Mann gesprochen hatte. Als Henry Probleme mit einem kaputten Knie hatte, war sie allein wandern gegangen und hatte ihren Aquarellkasten mitgenommen, damit sie eine Stelle in den Bergen malen konnte, die ihr und ihrem Mann immer sehr gefallen hatte. War sie emotional noch gebunden? Ob ihr Göttergatte nun noch lebte oder schon gestorben war, mir behagte die Vorstellung nicht. Unterdessen gab sich Henry betont nonchalant, vielleicht um seine Gefühle zu verbergen oder als Reaktion auf unterschwellige Signale von ihr. Natürlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass ich mir das alles nur einbildete, doch das glaubte ich nicht. Jedenfalls hatte ich vor, bei Rosie zu Abend zu essen und mir bei ihr meine gewohnte allwöchentliche Dosis an Bevormundungen und Beschimpfungen abzuholen. Ich überließ Henry seinen Vorbereitungen und fuhr zurück ins Büro, von wo aus ich bei Priscilla Holloway anrief, Reba Laffertys Bewährungshelferin. Nord Lafferty hatte mir am Ende unseres Gesprächs ihren Namen und ihre Telefonnummer genannt. Ich war bereits wieder an meinem Auto gewesen und hatte gerade die Fahrertür aufgezogen, als mir die betagte Haushälterin von der Tür aus etwas zurief und dann mit einem Foto in der Hand den Weg entlanggehastet kam. »Mr. Lafferty hat vergessen, Ihnen das hier zu geben«, keuchte sie ganz außer Atem. »Es ist ein Foto von Reba.« »Danke. Das kann ich gut gebrauchen. Ich gebe es zurück, sobald wir wieder hier sind.« »Ach, nicht nötig. Er hat gesagt, Sie können es behalten, wenn Sie wollen.« Ich bedankte mich noch einmal und steckte das Bild ein. Während ich nun darauf wartete, dass Priscilla Holloway ans Telefon ging, zog ich es heraus und musterte es erneut. Etwas, Aktuelleres wäre mir lieber gewesen. Diese Aufnahme war gemacht worden, als die Frau Mitte oder Ende zwanzig war und eine beinahe koboldhafte Erscheinung abgab. Ihre großen dunklen Augen blickten aufmerksam in die Kamera, und ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet, als setze sie gerade zum Sprechen an. Ihre Haare waren schulterlang und blond gefärbt, aber eindeutig von einem teuren Friseur. Sie hatte einen hellen Teint und leicht gerötete Wangen. Nach zwei Jahren Gefängniskost hatte sie vielleicht ein paar Pfund zugelegt, aber ich war zuversichtlich, dass ich sie erkennen würde. »Holloway«, meldete sich eine Frau am anderen Ende. »Hi, Ms. Holloway. Mein Name ist Kinsey Millhone. Ich bin Privatdetektivin hier am Ort –« »Ich weiß, wer Sie sind. Nord Lafferty hat mich angerufen und mir erzählt, dass er Sie engagiert hat, damit Sie seine Tochter abholen.« »Ja, und ich rufe an, um mich mit Ihnen abzusprechen.« »Schön. Das erspart mir schon mal die Fahrt. Wenn Sie vor drei wieder in der Stadt sind, bringen Sie sie bei mir im Büro vorbei. Wissen Sie, wo ich arbeite?« Ich wusste es nicht, und so gab sie mir die Adresse. »Dann bis Montag«, sagte ich. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit Büroarbeiten, überwiegend Sortieren und Ablegen, im vergeblichen Versuch, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Außerdem machte ich mich anhand eines von der kalifornischen Strafvollzugsbehörde herausgegebenen Heftchens über Bewährungsbestimmungen schlau. Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag zu meiner Wohnung zurückkehrte, sah ich keinerlei Anzeichen für ein Picknick auf dem Gartentisch. Vielleicht war Henry ja zu dem Schluss gekommen, dass es günstiger war, das Essen drinnen zu, servieren. Ich tappte zu seiner Hintertür und spähte hinein. Meine Hoffnungen auf ein romantisches Abendessen für die beiden zerschlugen sich sofort, als ich William in der Küche sah. Mit mürrischer Miene saß Henry mit seinem üblichen Glas Jack Daniel’s in seinem Schaukelstuhl, während Mattie ein Glas Weißwein in der Hand hielt. William, der zwei Jahre älter ist als Henry, hat ihm schon immer so ähnlich gesehen, dass man ihn für seinen Zwillingsbruder hätte halten können. Zwar wurde Williams weißer Schopf bereits schütter, wo Henrys Haarwuchs noch üppig war, doch seine Augen waren vom gleichen leuchtenden Blau, und er befleißigte sich einer ebenso aufrechten militärischen Haltung. Er trug einen schicken dreiteiligen Anzug, über dessen Weste sich die Uhrkette zog. Ich klopfte an die Scheibe, woraufhin Henry mich hineinwinkte. William erhob sich, als er mich sah, und ich wusste, er würde stehen bleiben, wenn ich ihn nicht zum Sitzen aufforderte. Auch Mattie stand auf, um mich zu begrüßen, und obwohl wir uns nicht direkt umarmten, gaben wir uns zumindest die Hand und wechselten einen Luftkuss. Sie war Anfang siebzig, groß und schlank und hatte weiches, silberfarbenes Haar, das sie in einem Knoten oben auf dem Kopf trug. Ihre Ohrringe glitzerten im Licht – silbern, übergroß und handgefertigt. »Hallo, Mattie«, begrüßte ich sie. »Wie geht’s? Sie müssen ja ganz pünktlich angekommen sein.« »Schön, Sie zu sehen. Ja, genau.« Sie trug eine korallenrote Seidenbluse und einen langen bunten Rock zu flachen Wildlederschuhen. »Trinken Sie ein Glas Wein mit uns?« »Ich glaube nicht, aber trotzdem danke. Ich habe noch etwas zu erledigen und muss gleich wieder los.« »Trink ruhig ein Glas Wein«, sagte Henry mit düsterer Stimme. »Warum denn nicht? Und bleib doch gleich zum, Abendessen. William hat sich ja bereits eingeladen, also ist es sowieso schon egal. Rosie hat ihn nicht mehr um sich ertragen, deshalb hat sie ihn hierher geschickt.« »Sie hat vollkommen grundlos einen Wutanfall bekommen«, ergänzte William. »Ich war gerade vom Arzt zurück und wusste, dass sie hören wollte, wie meine Blutwerte ausgefallen waren, vor allem der HDL-Wert. Vielleicht möchtet ihr auch mal einen Blick darauf werfen.« Er hielt uns das Blatt hin und deutete mit gewichtiger Miene auf die lange Zahlenkolonne, die sich rechts die Seite hinabzog. Mein Blick wanderte an seinen Blutzucker-, Natrium-, Kalium-, und Chloridwerten entlang, ehe mir Henrys Gesichtsausdruck auffiel. Seine Augäpfel hatten sich so weit in Richtung Nasenrücken verdreht, dass ich schon fürchtete, sie würden die Seiten wechseln. William ließ nicht locker. »Ihr seht also, dass das Verhältnis zwischen LDL und HDL bei mir 1,3 beträgt.« »Oh, tut mir Leid. Ist das schlimm?« »Nein, nein. Der Arzt meinte, das sei hervorragend … angesichts meines Gesundheitszustands.« Williams Stimme enthielt einen Hauch von Hinfälligkeit, der auf einen geschwächten Zustand hindeutete. »Tja, schön für dich. Ist doch toll.« »Danke. Ich habe unseren Bruder Lewis angerufen und es ihm ebenfalls erzählt. Sein Cholesterinwert liegt bei 214, was in meinen Augen ein Alarmsignal ist. Er sagt zwar, er tut, was er kann, aber bis jetzt hat das nicht viel gebracht. Du kannst das Blatt Mattie weiterreichen, wenn du es durchgelesen hast.« »Würdest du dich bitte setzen, William?«, sagte Henry. »Ich kriege gleich Genickstarre.« Er verließ seinen Schaukelstuhl und nahm ein weiteres Weinglas aus dem Küchenschrank. Er schenkte es bis zum Rand voll und reichte es mir, wobei er mir ein wenig Wein auf die Hand goss. William weigerte sich, Platz zu nehmen, bevor ich mir einen, Stuhl genommen hatte. Ich setzte mich mit einem kaum hörbaren »Danke schön« und fuhr dann betont interessiert mit dem Finger die Spalten mit Untersuchungsgegenständen und Messwerten auf seinem Arztbericht entlang. »Du bist gut in Form«, sagte ich, als ich das Blatt an Mattie weiterreichte. »Na ja, ich habe immer noch Herzklopfen, aber der Arzt will meine Medikamentendosis neu einstellen. Er meint, ich sei ein Phänomen für einen Mann meines Alters.« »Wenn du dermaßen vor Gesundheit strotzt, warum musst du dann alle zwei Tage in die Notfallambulanz?«, fauchte Henry. William zwinkerte Mattie gelassen zu. »Mein Bruder geht leichtsinnig mit seiner Gesundheit um und will nicht anerkennen, dass manche von uns eben Vorsorge treffen.« Henry schnaubte nur. William räusperte sich. »Na gut. Wechseln wir eben das Thema, da Henry mit dem hier offenbar nicht zurechtkommt. Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu persönlich, aber Henry hat erzählt, dass Ihr Mann verstorben ist. Darf ich fragen, was ihn das Leben gekostet hat?« Henry fuhr fast aus der Haut. »Das nennst du ein anderes Thema? Es ist ein und dasselbe – Tod und Krankheit. Kannst du an nichts anderes denken?« »Ich habe nicht mit dir gesprochen«, erwiderte William, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder Mattie zuwandte. »Ich hoffe, das Thema ist nicht zu schmerzlich für Sie.« »Jetzt nicht mehr. Barry ist vor sechs Jahren an Herzversagen gestorben. Ich glaube, die Ärzte haben es Herz-Ischämie genannt. Er hat am San Francisco Art Institute Goldschmiedehandwerk unterrichtet. Er war sehr begabt, allerdings auch ein wenig exzentrisch.« William nickte. »Herz-Ischämie. Der Begriff ist mir vertraut. Vom Griechischen ischein, das heißt ›zurückhalten‹ oder, ›behindern‹, kombiniert mit haima oder ›Blut‹. Ein deutscher Pathologe hat Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den Begriff als Erster eingeführt. Rudolf Virchow. Ein bemerkenswerter Mann. Wie alt war denn Ihr Gatte?« »William«, jaulte Henry. Mattie lächelte. »Wirklich, Henry. Ich bin da nicht so empfindlich. Er ist zwei Tage vor seinem siebzigsten Geburtstag gestorben.« William zuckte zusammen. »Ein Jammer, wenn ein Mann in der Blüte seiner Jahre dahingerafft wird. Ich selbst habe bereits mehrere Anfälle von Angina Pectoris erlitten, die ich wundersamerweise überlebt habe. Erst vor zwei Tagen habe ich mit Lewis am Telefon über meine Herzbeschwerden gesprochen. Sie erinnern sich bestimmt an unseren Bruder.« »Aber sicher. Ich hoffe, er, Nell und Charles sind alle bei guter Gesundheit.« »Es geht ihnen blendend«, bestätigte William. Er verlagerte sein Gewicht und senkte die Stimme. »Wie war das bei Ihrem Mann? Gab es vor seinem tödlichen Infarkt eine Warnung?« »Er hatte Schmerzen in der Brust, aber er hat sich geweigert, zum Arzt zu gehen. Barry war Fatalist. Er war überzeugt davon, dass man abtritt, wenn die einem zugeteilte Lebenszeit abgelaufen ist, ganz egal, was für Vorkehrungen man auch trifft. Er hat die Langlebigkeit mit einem Wecker verglichen, den Gott bei der Geburt jedes Menschen einstellt. Niemand von uns weiß, wann das kleine Glöckchen klingelt, und Barry hat keinen Sinn darin gesehen, es vorhersehen zu wollen. Er hat das Leben in vollen Zügen genossen, das muss ich ihm lassen. Die meisten meiner Verwandten werden nicht einmal sechzig, und sie leiden jede Minute, weil sie sich vor dem Unvermeidlichen fürchten.« »Sechzig! Ist das denn die Möglichkeit? Höchst erstaunlich. Spielen da genetische Faktoren mit?« »Ich glaube nicht. Es ist ein bisschen von allem. Krebs,, Diabetes, Nierenversagen, chronische Lungenkrankheit.« William legte sich die Hände auf die Brust. Ich hatte ihn nicht mehr so glücklich gesehen, seit er die Grippe gehabt hatte. »Ah ja. Chronische obstruktive Atemwegserkrankung. Schon allein der Begriff ruft Erinnerungen in mir wach. Ich war in meiner Jugend selbst lungenleidend –« Henry klatschte in die Hände. »Okay, gut. Genug zu diesem Thema. Wie wär’s, wenn wir mal essen würden?« Er ging zum Kühlschrank und holte eine klare Glasschüssel heraus, die bis oben hin voll mit Krautsalat war, und knallte sie mit deutlich mehr Wucht auf den Tisch, als nötig gewesen wäre. Das bereits gebratene Hühnchen lag auf einer Platte auf der Arbeitsfläche, vermutlich noch warm. Er stellte es mitsamt einer Servierzange auf die Tischmitte. Der flache kleine Tontopf stand nun hinten auf dem Herd und verströmte den Duft von weich gekochten Bohnen und Lorbeer. Henry nahm Vorlegebesteck aus einem Keramikkrug und holte vier Teller heraus, die er William reichte. Vielleicht hoffte er ihn abzulenken, während er den Rest des Essens zum Tisch brachte. William stellte an jeden Platz einen Teller, hörte jedoch nicht auf, Mattie ausführlich nach dem Tod ihrer Mutter durch akute bakterielle Hirnhautentzündung zu befragen. Beim Essen lenkte Henry das Gespräch auf neutrales Terrain. Wir arbeiteten uns durch rituelle Fragen über Matties Fahrt von San Francisco nach Santa Teresa, den Verkehr, den Straßenzustand und dergleichen mehr, was mir umfassend Gelegenheit bot, sie zu studieren. Ihre Augen waren von einem klaren Grau, und sie trug nur sehr wenig Make-up. Sie hatte markante Gesichtszüge, und Nase, Wangenknochen und Kiefer waren so ausgeprägt und wohl proportioniert wie bei einem Model. Ihre Haut wies Anzeichen von Sonnenschäden auf, was ihrem Teint einen leicht rötlichen Schimmer verlieh. Ich stellte mir vor, wie sie stundenlang mit ihrem Aquarellkasten und einer, Staffelei im Freien saß. Ich sah William an, dass er immer noch über tödliche Krankheiten nachgrübelte, und überlegte, wie schnell ich mich wohl entschuldigen und verdrücken konnte. Dabei plante ich, William mitzuschleppen, damit Henry und Mattie etwas Zeit für sich hatten. Die Uhr stets im Blick, verdrückte ich Brathuhn, Kartoffelsalat, Krautsalat, gebackene Bohnen und Kuchen. Das Essen war köstlich, und ich aß wie immer schnell und voller Begeisterung. Um fünf nach halb neun, gerade als ich mir einen glaubwürdigen Vorwand zurechtlegen wollte, faltete Mattie ihre Serviette zusammen und legte sie neben ihren Teller auf den Tisch. »Also, ich breche dann auf. Ich muss noch ein paar Telefongespräche führen, sobald ich im Hotel bin.« »Sie gehen schon?«, fragte ich, während ich versuchte, meine Enttäuschung zu verbergen. »Sie hat einen langen Tag hinter sich«, erklärte Henry, ehe er sich erhob und ihren Teller wegnahm. Er trug ihn zur Spüle, hielt ihn kurz unters kalte Wasser und stellte ihn in die Spülmaschine. Dabei sprach er die ganze Zeit mit ihr. »Ich kann dir ein Stück Hühnchen einpacken, für den Fall, dass du später noch Appetit bekommst.« »Führ mich bloß nicht in Versuchung. Ich bin satt, aber nicht pappsatt, genau, wie ich es mag. Es war wunderbar, Henry. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich die Mühe zu schätzen weiß, die du dir mit diesem Essen gemacht hast.« »Freut mich, wenn es dir geschmeckt hat. Ich hole dir deinen Umhang.« Er trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer. William faltete seine Serviette und schob seinen Stuhl zurück. »Ich glaube, ich mache mich lieber auch auf den Weg. Der Arzt hat mir dringend empfohlen, mich an eine geregelte Lebensweise zu halten, und dazu gehören acht volle Stunden, Schlaf. Vielleicht mache ich noch ein paar leichte Gymnastikübungen, um meine Verdauung anzuregen. Aber natürlich nichts Anstrengendes.« Ich wandte mich an Mattie. »Haben Sie schon Pläne für morgen?« »Leider fahre ich schon in aller Herrgottsfrühe wieder zurück. Aber ich komme in ein paar Tagen wieder.« Henry kehrte mit einer weichen Stola mit Paisleymuster zurück und legte sie ihr um die Schultern. Sie tätschelte ihm liebevoll die Hand und griff nach ihrer großen Ledertasche, die sie neben dem Stuhl abgestellt hatte. »Hoffentlich sehen wir uns bald wieder«, sagte sie zu mir. »Das hoffe ich auch.« Henry berührte sie leicht am Ellbogen. »Ich bringe dich nach draußen.« William zog seine Weste zurecht. »Nicht nötig. Ich begleite sie gerne.« Er bot Mattie seinen Arm an, und sie hängte sich bei ihm ein. Sie warf Henry noch einen kurzen Blick über die Schulter zu, ehe sie mit William zur Tür hinausging., Am Samstagmorgen schlief ich bis acht Uhr aus, duschte, zog mich an, kochte mir eine Kanne Kaffee und setzte mich an den Küchentresen, wo ich wie gewohnt eine Schüssel Frühstücksflocken aß. Nachdem ich Schüssel und Löffel abgespült hatte, setzte ich mich wieder auf meinen Barhocker und sah mich in meiner Wohnung um. Ich bin über die Maßen ordentlich und hatte erst Anfang der Woche einen gründlichen Hausputz gemacht. Mein privater Terminkalender war jungfräulich rein, und ich wusste, ich würde Samstag und Sonntag allein verbringen, wie ich es an den meisten Wochenenden tat. Normalerweise macht mir das nichts aus, aber heute empfand ich eine seltsame Unruhe. Mir war langweilig. Ich sehnte mich dermaßen nach einer Beschäftigung, dass ich schon erwog, wieder ins Büro zu fahren, um eine Akte über einen anderen Fall anzulegen, den ich angenommen hatte. Unglücklicherweise ist der Bungalow, in dem sich mein Büro befindet, deprimierend, und ich war nicht motiviert, auch nur eine zusätzliche Minute an meinem Schreibtisch zu verbringen. Was blieb mir also übrig? Ich hatte keinen blassen Schimmer. In einem kurzen Moment der Panik fiel mir auch noch ein, dass ich nicht einmal ein Buch zum Lesen hatte. Ich war kurz davor, mich auf den Weg zur Buchhandlung zu machen, um mich mit Taschenbüchern einzudecken, als mein Telefon klingelte. »Hi, Kinsey. Hier ist Vera. Schön, dass ich dich erwische. Hast du kurz Zeit?« »Na klar. Ich wollte zwar gerade gehen, aber es ist nichts Dringendes«, erwiderte ich. Vera Lipton war bei der California Fidelity Insurance, wo ich sechs Jahre lang Brandstiftungen und Forderungen auf Schadenersatz wegen fahrlässiger Tötung untersucht hatte, eine Kollegin von mir gewesen. Sie war, Leiterin der Schadensabteilung, während ich als freie Mitarbeiterin tätig war. Mittlerweile hatte sie bei der Firma aufgehört, einen Arzt geheiratet und auf ein Leben als Vollzeitmutter umgeschwenkt. Im April hatte ich sie kurz mit ihrem Mann Neil Hess gesehen. Im Schlepptau hatten sie einen schlecht erzogenen Golden-Retriever-Welpen und ihren achtzehn Monate alten Sohn, dessen Namen ich zu erfragen vergessen hatte. Ihrem Bauch nach zu urteilen war sie hochschwanger und stand nur wenige Tage vor der zweiten Geburt. »Erzähl mir von deinem Baby«, sagte ich nun. »Als wir uns das letzte Mal am Strand begegnet sind, war es ja schon fast da.« »Allerdings. Ich hatte einen Wackelgang wie ein Maultier. Dazu kamen noch die Schmerzen in beiden Beinen und der Umstand, dass mir der Kopf des Babys auf die Blase gedrückt hat und ich ständig in mein Höschen getröpfelt habe. Noch in derselben Nacht haben die Wehen angefangen, und am nächsten Nachmittag ist Meg zur Welt gekommen. Aber der Grund meines Anrufs ist, dass wir dich gern einladen möchten. Wir sehen uns ja fast überhaupt nicht mehr.« »Klingt gut. Ruf mich kurz an, dann machen wir was aus.« Sie schwieg einen Moment lang. »Das tue ich ja gerade. Ich wollte dich einladen, auf einen Drink bei uns vorbeizukommen. Wir möchten ein paar Leute für ein Barbecue heute Nachmittag zusammentrommeln.« »Ehrlich? Um wie viel Uhr?« »Um vier. Ich weiß, das ist kurzfristig, aber ich hoffe, du hast Zeit.« »Habe ich tatsächlich. Was ist denn der Anlass?« Vera lachte. »Nichts Besonderes. Ich hatte einfach Lust dazu. Wir haben ein paar Nachbarn eingeladen. Ganz zwanglos und locker. Wenn du einen Stift bei der Hand hast, sage ich dir die Adresse. Komm doch ein bisschen früher, dann können wir noch, eine Weile plaudern.« Ich notierte mir die Adresse, war aber nach wie vor skeptisch. Warum rief sie mich aus heiterem Himmel an? »Vera, bist du sicher, dass du nicht irgendwas im Schilde führst? Ich möchte nicht unhöflich klingen, aber wir haben im April gerade mal fünf Minuten miteinander gesprochen. Davor war vier Jahre lang Funkstille. Versteh mich nicht falsch. Ich würde dich wirklich gern sehen, aber es kommt mir merkwürdig vor.« »Mmm.« »Was«, sagte ich, ohne mir die Mühe zu machen, es als Frage zu intonieren. »Okay, ich will offen zu dir sein, aber du musst mir versprechen, dass du keinen Schreikrampf kriegst.« »Ich bin ganz Ohr, aber langsam bekomme ich Bauchweh.« »Neils jüngerer Bruder Owen ist übers Wochenende hier. Wir fanden, du solltest ihn kennen lernen.« »Wozu?« »Kinsey, gelegentlich werden Männer und Frauen miteinander bekannt gemacht, oder hast du davon noch nichts gehört?« »Wie bei einem Blind Date?« »Es ist kein Blind Date. Wir stellen etwas zu trinken und ein paar Häppchen hin. Es werden jede Menge andere Leute da sein, also sitzt du auf keinen Fall allein mit ihm herum. Wir machen es uns auf der hinteren Veranda gemütlich. Es gibt Cheez Whiz und Cracker. Wenn er dir gefällt, super. Wenn nicht, ist es auch kein Problem.« »Als du mich das letzte Mal verkuppelt hast, ging es um Neil.« »Das meine ich ja. Schau nur, wie das geendet hat.« Ich schwieg einen Moment und fragte dann: »Wie ist er denn so?« »Also, abgesehen davon, dass er beim Gehen mit den, Fingerknöcheln über den Boden schleift, wirkt er ganz normal. Weißt du was? Ich lasse ihn ein Bewerbungsformular ausfüllen. Dann kannst du ihn detektivisch durchleuchten. Alles, was du willst, aber sei um halb vier hier. Ich ziehe die einzige Jeans an, die ich nicht am Po gesprengt habe.« Sie legte auf, als ich gerade einwenden wollte: »Aber …« Entnervt lauschte ich dem Freizeichen. Das war nun also die Strafe dafür, dass ich nicht meiner Arbeit nachgegangen war. Ich hätte ins Büro fahren sollen. Das Universum führt genau Buch über unsere Sünden und erlegt uns abartige und widerwärtige Strafen auf, wie zum Beispiel Verabredungen mit fremden Männern. Ich stieg die Wendeltreppe hoch und machte den Schrank auf, um meine Garderobe in Augenschein zu nehmen. Ich sah Folgendes vor mir: mein schwarzes Allzweckkleid – das einzige Kleid, das ich besitze, geeignet für Beerdigungen und andere triste Anlässe, jedenfalls nicht das Richtige für ein Rendezvous mit einem Mann, es sei denn mit einem Toten. Drei Jeans, eine Jeansweste, einen kurzen Rock und den neuen Tweedblazer, den ich gekauft hatte, als ich anderthalb Jahre zuvor mit meiner Cousine Tasha essen gegangen war. Dazu kam noch ein olivgrünes Cocktailkleid, das ich völlig vergessen hatte, ein Geschenk von einer Frau, die später bei einer Explosion in Stücke gerissen wurde. Dazu gesellten sich abgelegte Sachen von Vera, unter anderem eine schwarze Seidenhose, die so lang war, dass ich sie an der Taille mehrmals umkrempeln musste. Wenn ich die anzog, würde Vera sie zurückfordern, und ich müsste von der Taille abwärts quasi nackt nach Hause fahren. Nicht dass ich weite Haremshosen für ein Barbecue als passend empfunden hätte. So dämlich war ich nun auch wieder nicht. Achselzuckend schlüpfte ich in meine gewohnte Kluft aus Jeans und Rollkragenpullover. Pünktlich um halb vier klingelte ich an Veras Tür. Die Adresse, die sie mir genannt hatte, lag im nordöstlichen Teil der Stadt, in einem Viertel mit älterer Bebauung. Vera und Neil, bewohnten ein renovierungsbedürftiges viktorianisches Haus mit dunkelgrauem Verputz und weißen Zierleisten sowie einer L-förmigen Holzveranda mit schnörkeligen Verzierungen im Geländer. In der Haustür prangte eine Rose aus geätztem Glas, die Veras Gesicht hellrosa leuchten ließ, als sie zu mir herausschaute. Hinter ihr bellte aufgeregt der Hund, der es kaum erwarten konnte, an jemand Neuem hochzuspringen und ihn voll zu sabbern. Vera zog die Tür auf und hielt den Hund am Halsband, um ihn am Davonlaufen zu hindern. »Schau nicht so trübsinnig«, sagte sie. »Du hast eine Gnadenfrist bekommen. Ich habe die Männer Pampers und Bier kaufen geschickt, also sind wir die ersten zwanzig Minuten ganz unter uns. Komm erst mal rein.« Sie hatte kurz geschnittene Haare mit blonden Strähnchen und trug nach wie vor ihre Nickelbrille mit den riesigen hellblauen Gläsern. Vera ist der Typ Frau, der überall bewundernde Blicke auf sich zieht. Ihre Figur war kräftig, auch wenn sie den größten Teil der Pfunde schon wieder abgenommen hatte, die sie mit Meg zugelegt hatte. Sie war barfuß und steckte in einer engen Jeans und einer übergroßen Tunika mit kurzen Ärmeln und einem komplizierten Schnitt im oberen Bereich. Das ständige Herumtragen von Kleinkind und Baby hatte ihren Bizeps gestählt. Sie hielt mir die Tür auf und drehte ihren Körper so, dass der Hund nicht sofort auf mich losstürzen konnte. Er hatte seine Körpergröße verdoppelt, seit ich ihn seinerzeit am Strand gesehen hatte, und war kaum zu bremsen. Vera bückte sich zu ihm hinab, legte ihm eine Hand um die Schnauze und sagte in einem Tonfall, der keine besondere Wirkung entfaltete: »Nein!« Die Zuwendung schien ihm zu behagen, und er leckte sie am Mund, sowie er die Gelegenheit dazu bekam. »Das ist Chase. Ignorier ihn einfach. Er wird sich bald beruhigt haben.« Ich bemühte mich, den Hund zu ignorieren, während er fröhlich bellend herumtollte, ehe er mein Hosenbein erwischte, und daran zu zerren begann. Er gab ein welpenhaftes Knurren von sich und stemmte die Pfoten in den Teppich im Flur, damit er meine Jeans in Fetzen reißen konnte. Ich stand da wie angenagelt. »Mann, macht das Spaß, Vera«, sagte ich. »Ich bin ja so froh, dass ich gekommen bin.« Sie warf mir einen bezeichnenden Blick zu, ließ die sarkastische Bemerkung jedoch unkommentiert. Dann packte sie den Hund beim Halsband und zerrte ihn in Richtung Küche, während ich hinterhertappte. Die Diele war ein hoher Raum mit einer Treppe zur Rechten und dem Wohnzimmer zur Linken. Ein kurzer Gang führte direkt zur Küche, die sich über die Rückseite des Hauses erstreckte. Der Weg dorthin war das übliche verminte Gelände aus Holzklötzchen, Plastikspielzeug und herrenlosen Hundeknochen. Vera schubste Chase in einen Zwinger von den Ausmaßen eines Überseekoffers. Das schien den Hund zwar nicht zu verdrießen, aber ich fühlte mich trotzdem schuldig. Er warf einer der Belüftungsöffnungen im Zwinger einen bösen Blick zu und schmachtete mich hoffnungsvoll an. Die Küche war groß und führte durch eine Glastür auf eine große Veranda hinaus. Die Küchenschränke waren aus dunklem Kirschbaumholz, die Arbeitsflächen aus grünem Marmor, und in eine zentrale Kochinsel war ein Herd mit sechs Platten eingelassen. Sowohl das Baby als auch Veras Sohn, den sie mir als Peter vorstellte, waren bereits gebadet und bettfertig. Neben der Spüle füllte eine Frau in einer hellblauen Uniform Sterne aus einer gelben Masse in ein Dutzend hart gekochte Eierhälften. »Das ist Mavis«, sagte Vera. »Sie und Dirk helfen uns, damit nicht der ganze Stress an mir hängen bleibt. Der Babysitter ist auch schon unterwegs.« Ich murmelte eine Begrüßung, die Mavis mit einem Lächeln quittierte, ohne jedoch beim Verteilen der Füllung aus einer Spritztüte eine Pause zu machen. Die Platte war ringsherum mit Petersilie dekoriert. Auf der Arbeitsfläche daneben lagen zwei, Stück Backpapier mit Kanapees, die nur noch in den Ofen geschoben werden mussten, flankiert von zwei weiteren Platten, eine mit frisch geputztem und zerteiltem Gemüse und die andere mit einer Auswahl importierter Käsesorten, mit Trauben garniert. Also doch kein Cheez Whiz – worauf ich persönlich unheimlich stehe, da ich ein Mensch von vulgärem Geschmack bin. Diese Party war eindeutig wochenlang vorbereitet worden. So langsam keimte in mir der Verdacht, dass die für das Blind Date vorgesehene Frau mit Grippe im Bett lag und ich ausersehen war, an ihre Stelle zu treten … ein Lückenbüßer zweiter Wahl. Dirk, in Anzughose und einer kurzen weißen Jacke, arbeitete neben der begehbaren Speisekammer, wo er mit zahlreichen Gläsern, einem Eiskübel und einer imposanten Auswahl von Wein- und Schnapsflaschen eine provisorische Bar aufbaute. »Wie viele Leute erwartet ihr denn?« »Etwa fünfundzwanzig. Die Party ist ganz spontan, daher hatten viele Leute keine Zeit.« »Kann ich mir denken.« »Ich bin immer noch abstinent, wegen unserem kleinen Schätzchen hier.« Meg, das Baby, thronte in einen Babysitz geschnallt mitten auf dem Küchentisch und sah sich mit milder Selbstzufriedenheit um. Den einundzwanzig Monate alten Peter hatte man auf einem Hochsitz in Sicherheit gebracht. Die Ablagefläche vor ihm war voller Cheerios und Erbsen, die er sich grabschte und verspeiste, wenn er sie nicht gerade zerquetschte. »Das ist nicht sein Abendessen«, erklärte Vera. »Es dient nur dazu, ihn zu beschäftigen, bis der Babysitter da ist. Übrigens kann Dirk dir etwas zu trinken machen, während ich Peter hinaufbringe.« Sie entfernte die Ablagefläche vom Hochstuhl, hob den Jungen heraus und setzte ihn sich auf die Hüfte. »Ich bin gleich wieder da. Wenn Meg zu weinen anfängt, dann, wahrscheinlich, weil sie auf den Arm genommen werden will.« Vera verschwand mit Peter im Flur. »Was darf ich Ihnen anbieten?«, fragte Dirk. »Chardonnay wäre gut.« Er zog eine Flasche Chardonnay aus einem Eiskübel hinter sich, schenkte mir ein Glas ein und schob es mir mit einer Cocktailserviette als Unterlage über den provisorischen Bartresen zu. »Danke.« Vera hatte bereits Brie und dünn geschnittenes Baguette sowie Schüsseln mit Nüssen und grünen Oliven hingestellt. Ich aß eine, wobei ich darauf achtete, mir nicht am Kern einen Zahn abzubrechen. Nur zu gerne hätte ich einen Rundgang durch die restlichen Räume im Erdgeschoss gemacht, doch ich traute mich nicht, Meg allein zu lassen. Ich hatte keine Ahnung, wozu ein Säugling ihres Alters fähig war, während er in einen Kindersitz geschnallt war. Konnten sie in diesen Dingern hüpfen? Am einen Ende der Küche standen zwei Sofas mit Blumenmuster, zwei dazu passende Sessel, ein Couchtisch und ein Fernseher, der in eine Unterhaltungskonsole eingebaut war, die sich an der Wand entlangzog. Mit dem Weinglas in der Hand schlenderte ich umher und musterte beiläufig die silbergerahmten Fotos von Verwandten und Freunden. Zwangsläufig fragte ich mich, ob einer der abgebildeten Männer Neils Bruder Owen war. Ich nahm an, dass er wie Neil eher klein und vermutlich auch dunkelhaarig war. Hinter mir stieß Meg ein ungeduldiges Geräusch aus, das darauf schließen ließ, dass bald etwas von doppelter Lautstärke folgen würde. Ich beugte mich meinen Pflichten und stellte mein Weinglas ab, damit ich sie aus ihrem Sitz befreien konnte. Als ich sie hochhob, war ich dermaßen überrascht davon, wie leicht sie war, dass ich sie fast durch die Luft geschleudert hätte. Sie hatte dunkles, feines Haar und hellblaue Augen, umgeben von, Wimpern, die so zart waren wie Federn. Sie roch nach Babypuder und vielleicht etwas Frischem und Braunem in ihrer Hose. Nachdem sie mich kurz gemustert hatte, legte sie verblüffenderweise das Gesicht an meine Schulter und begann, an ihrer Faust zu kauen. Sie wand sich und gab kleine Grunzlaute von sich, die auf ein Bedürfnis nach baldiger Fütterung hinwiesen, das hoffentlich nicht voll ausbrechen würde, ehe ihre Mutter zurückkehrte. Ich schaukelte sie ein bisschen, was sie fürs Erste zu beruhigen schien. Damit war mein enormer Schatz an Kinderpflegetricks auch schon erschöpft. Draußen auf der hölzernen Veranda ertönte männliches Getrampel. Neil zog die Hintertür auf, im Arm eine Einkaufstüte, die von Einmalwindeln ausgebeult war. Der Mann, der hinter ihm hereinkam, hatte zwei Sixpacks mit Flaschenbier dabei. Neil und ich begrüßten uns, ehe er sich zu seinem Bruder umwandte und uns miteinander bekannt machte. »Kinsey Millhone. Das ist mein Bruder Owen.« »Hi«, sagte ich. Das Baby auf meinen Armen machte ein Händeschütteln von vornherein unmöglich. Owen reagierte mit Phrasen der Sorte »Hallo, wie geht’s«, die er über die Schulter sprach, während er das Bier Dirks tüchtigen Händen übergab. Neil stellte die Tüte auf einen Küchenhocker und nahm das Paket mit den Einmalwindeln heraus. »Ich bringe die schnell hoch. Soll ich sie mitnehmen?«, sagte er mit einem Nicken zu Meg. »Es geht schon«, sagte ich, und erstaunlicherweise stimmte das sogar. Nachdem Neil gegangen war, spähte ich zu ihr hinunter und stellte fest, dass sie eingeschlafen war. »Oh, wow«, sagte ich und wagte kaum zu atmen. Ich hätte nicht zu sagen vermocht, ob das Ticken, das ich hörte, von meiner biologischen Uhr stammte oder vom Zeitzünder einer Bombe., Dirk mixte gerade eine Margarita für Owen, und das Eis klapperte im Shaker. Da Owen davon abgelenkt war, hatte ich Gelegenheit, ihn zu studieren. Im Vergleich zu seinem Bruder war er groß, über eins achtzig, während Neil näher bei meinen eins achtundsechzig lag. Owens Haare waren sandfarben und leicht mit Grau gesprenkelt. Er war sehr schlank, regelrecht leptosom, während Neil stämmig gebaut war. Blaue Augen, weiße Wimpern und eine gut proportionierte Nase. Er sah zu mir herüber, und ich senkte den Blick diskret zu Meg. Er trug Chinos und ein marineblaues kurzärmliges Hemd, das die zarte, flaumige Behaarung seiner Unterarme zur Geltung brachte. Er hatte schöne Zähne, und sein Lächeln wirkte aufrichtig. Auf einer Skala von eins bis zehn – wobei zehn Harrison Ford entspräche – würde ich ihm eine Acht geben oder vielleicht sogar eine Acht plus plus. Er trat an die Arbeitsfläche, an der ich stand, und nahm sich ein Kanapee. Wir plauderten über Belanglosigkeiten und tauschten die Art uninspirierter Fragen und Antworten aus, die zwischen Fremden üblich sind. Er erzählte mir, dass er aus New York zu Besuch sei, wo er als Architekt arbeitete und sowohl Wohn- wie auch Geschäftshäuser entwarf. Ich erzählte ihm, was ich beruflich machte und wie lange schon. Er gab mehr Interesse vor, als er wahrscheinlich hatte. Er erzählte mir, dass er und Neil noch drei Brüder hatten, wobei er der zweitjüngste war. Der größte Teil der Familie, so sagte er, lebe über die Ostküste verstreut, und Neil sei der einzige Außenposten in Kalifornien. Ich erzählte ihm, dass ich ein Einzelkind war, und beließ es dabei. Schließlich kamen Neil und Vera herunter. Sie nahm das Baby und setzte sich auf die Couch. Vera fummelte an ihrer Bluse herum, ließ eine Brust heraushüpfen und begann Meg zu stillen, während Owen und ich demonstrativ in die andere Richtung sahen. Irgendwann trudelten mehrere andere Paare ein. Jedes Mal wurden alle einander vorgestellt und die Neuankömmlinge, integriert. Die Küche füllte sich nach und nach mit Gästen, die in kleinen Gruppen beieinander standen, einige auch im Flur und auf der Veranda. Als der Babysitter kam, brachte Vera Meg nach oben und kehrte in einer frischen Bluse zurück. Der Geräuschpegel stieg. Owen und ich wurden durch die Menge getrennt, was mir ganz recht war, da mir sowieso nichts mehr einfiel, was ich zu ihm hätte sagen können. Ich bemühte mich darum, freundlich zu sein, und plauderte mit jeder armen Seele, die Blickkontakt mit mir aufnahm. Alle machten einen recht netten Eindruck, aber Menschenansammlungen sind für jemanden meines introvertierten Wesens generell anstrengend. Ich hielt durch, so lange ich konnte, und bewegte mich dann allmählich in Richtung Diele, wo ich meine Umhängetasche hatte stehen lassen. Die guten Sitten schrieben vor, dass ich mich bei den Gastgebern bedankte und mich verabschiedete, doch weder Vera noch Neil waren zu sehen, und so hielt ich es für statthaft, mich auf Zehenspitzen zu entfernen, ohne die Aufmerksamkeit auf mein Verschwinden zu lenken. Als ich die Haustür hinter mir zugezogen hatte und gerade die hölzerne Verandatreppe hinabstieg, sah ich Cheney Phillips in einem dunkelroten Seidenhemd, einer schicken cremefarbenen Stoffhose und auf Hochglanz polierten italienischen Slippern den Weg heraufkommen. Cheney war Polizist und arbeitete, soweit ich zuletzt gehört hatte, im Drogendezernat. Ich begegnete ihm immer mal wieder in einem Schuppen namens Caliente Café – auch als CC’s bekannt –, das in einer Seitenstraße des Cabana Boulevard in der Nähe des Vogelreservats liegt. Gerüchteweise hatte ich gehört, dass Cheney im CC’s ein Mädchen kennen gelernt hatte und sechs Wochen später mit ihr nach Vegas geflogen war und sie geheiratet hatte. Außerdem erinnerte ich mich an den Stich der Enttäuschung, mit dem ich diese Nachricht aufgenommen hatte. Das war vor drei Monaten gewesen., »Willst du schon gehen?«, fragte er. »Hey, wie geht’s dir? Was machst du denn hier?« Er neigte den Kopf leicht zur Seite. »Ich wohne nebenan.« Ich folgte seinem Blick zum Nachbarhaus, das ebenfalls viktorianisch und zweistöckig war und wie ein Zwilling des Hauses wirkte, das ich soeben verlassen hatte. Nicht viele Cops können sich in Santa Teresa ein Haus von dieser Größe und aus dieser Epoche leisten. »Ich dachte, du wohnst in Perdido.« »Früher mal. Dort bin ich aufgewachsen. Mein Onkel ist gestorben und hat mir einen Haufen Geld hinterlassen, und da habe ich beschlossen, es in eine Immobilie zu investieren.« Er war schätzungsweise vierunddreißig, drei Jahre jünger als ich, hatte ein schmales Gesicht und einen dichten Schopf dunkler, lockiger Haare, war etwa eins dreiundsiebzig groß und schlank. Er hatte mir einmal erzählt, dass seine Mutter Luxusimmobilien verkaufte und sein Vater X. Phillips war, der Besitzer der Bank of X. Phillips in Perdido, einer Stadt dreißig Meilen weiter südlich. Er war eindeutig in einem privilegierten Umfeld aufgewachsen. »Schönes Haus«, sagte ich. »Danke. Ich bin noch am Einrichten, sonst hätte ich dir einen Rundgang angeboten.« »Vielleicht ein andermal«, erwiderte ich und fragte mich, wo seine Frau war. »Was machst du denn immer so zurzeit?« »Nicht viel. So dies und das.« »Willst du nicht wieder mit zurück auf die Party kommen und etwas mit mir trinken? Ich würde gern mit dir reden.« »Geht nicht. Ich habe einen Termin und bin eh schon spät dran.« »Aber dann demnächst mal, oder?« »Klar.«, Ich winkte und trat ein paar Schritte zurück, ehe ich mich umwandte und auf mein Auto zuging. Warum hatte ich denn jetzt so reagiert? Ich hätte ohne weiteres noch auf einen Drink bleiben können, aber ich hielt es keine Minute mehr in dieser Menschenmenge aus. Zu viele Leute und zu viel Geschwätz. Um Viertel nach sechs war ich wieder zu Hause, erleichtert darüber, dass ich allein war, aber trotzdem niedergeschlagen. Obwohl ich Veras Schwager ja überhaupt nicht hatte kennen lernen wollen, war ich enttäuscht. Das Blind Date hatte sich als blasses Date entpuppt. Ein netter Typ, aber es sprang kein Funke über, was vermutlich auch gut so war. Allerdings war durchaus denkbar, dass mein Bedauern mehr mit Cheney Phillips zu tun hatte als mit Owen Hess, aber damit wollte ich mich nicht auseinander setzen. Was hätte das schon gebracht?, Am Montagmorgen brach ich um sechs Uhr zum Gefängnis auf. Die Fahrt war langweilig und heiß, und mein Weg führte mich von Santa Teresa den 101 hinunter, bis zum Highway 126, der bei Perdido ins Landesinnere abbiegt. Die Straße verläuft zwischen dem Santa Clara River zur Rechten und einem Gewirr von Stromleitungen zur Linken und zieht sich an den südlichen Ausläufern des Los Padres National Forest entlang. Ich hatte Höhenlinienkarten der Gegend gesehen, in denen zahlreiche Wanderwege durch dieses kahle und bergige Gelände eingezeichnet waren. Dutzende von Bächen schlängeln sich durch die Canyons. Eine verblüffende Menge an öffentlichen Campingplätzen verteilt sich über die neunzigtausend Hektar unberührter Natur. Hätte ich keine natürliche Abneigung gegen Insekten, Schwarzbären, Klapperschlangen, Kojoten, Hitze, Brennnesseln und Schmutz, könnte ich an den berühmten Sandsteinwänden und den Kiefern, die in merkwürdigen Winkeln aus den von Felsbrocken übersäten Hügeln wachsen, vielleicht Gefallen finden. Noch vor wenigen Jahren sah ich manchmal vom sicheren Highway aus einen der letzten kalifornischen Kondore am Himmel seine Kreise ziehen, die Flügel mit einer Spannweite von drei Metern so elegant ausgebreitet wie ein in der Luft schwebender Drachen. Ich fuhr an unzähligen Avocadohainen und Zitrusplantagen vorbei, in denen reihenweise die Orangen reiften. Alle zwei oder drei Meilen kam ein Obstverkaufsstand. In jeder der drei kleinen Ortschaften aus neu gebauten Wohnsiedlungen und protzigen Einkaufszentren musste ich an einer roten Ampel stehen bleiben. Anderthalb Stunden später erreichte ich die Kreuzung von Highway 126 und Highway 5, dem ich in südlicher Richtung folgte. Ich brauchte noch eine weitere Stunde, bis ich Corona, erreicht hatte. Eine zu Gefängnisaufenthalten neigende Familie könnte keine bessere Wahl treffen, als ihre jeweiligen Haftstrafen in dieser Gegend abzusitzen, denn hier befinden sich die California Youth Authority, die California Institution for Men und die California Institution for Women, alle nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Die Landschaft war flach und staubig, lediglich unterbrochen von Stromleitungen und Wassertürmen, die einzelnen Parzellen durch niedrige Stacheldrahtzäune voneinander getrennt. Hin und wieder tauchte eine schmale Reihe Bäume auf, was jedoch sinnlos schien. Sie spendeten weder Schatten, noch boten sie eine nennenswerte Abschirmung vor den vorbeifahrenden Autos. Die Häuser hatten Flachdächer und wirkten mit ihren heruntergekommenen Nebengebäuden schäbig. Dazu gesellten sich dicke, knorrige Bäume, deren amputierte Äste keinerlei Laub trugen, wenn sie nicht ohnehin schon ganz abgestorben waren. Wie in den meisten neu erschlossenen Gebieten Kaliforniens schlugen auch hier die neuen Wohnsiedlungen Wurzeln wie wucherndes Unkraut. Um halb neun saß ich auf dem Parkplatz neben dem Verwaltungsgebäude der California Institution for Women in meinem Auto. Schon seit Jahren trägt die Haftanstalt den Beinamen »Frontera«, das spanische Wort für »Grenze«. Der knapp 500000 Quadratmeter große »Campus« (wie man früher noch sagte) war 1952 eröffnet worden und bis zu diesem Jahr, also 1987, das einzige kalifornische Gefängnis geblieben, das weibliche Häftlinge aufnahm. Ich war bereits im Gebäude gewesen, hatte dem zuständigen Beamten meinen Ausweis vorgelegt und ihm gesagt, dass ich Reba Lafferty abholen wollte, deren Häftlingsnummer witzigerweise die gleiche war wie mein Geburtsdatum. Der Beamte sah in seiner Liste nach, suchte ihren Namen heraus und rief dann bei Aufnahme und Entlassung an. Er hatte mir empfohlen, auf dem Parkplatz zu warten, also war, ich zu meinem Käfer zurückgetrabt. Auf den ersten Blick erschien mir die Ortschaft Corona etwas hässlich. Ein Streifen gelblichen Smogs hing am Horizont wie etwas, das ein Flugzeug im Zuge der Schädlingsbekämpfung hinterlassen haben könnte. Die Julihitze war so dick wie saure Milch und roch nach Mastviehbetrieben. Es wehte ein heftiger Wind, und überall waren Fliegen. Das T-Shirt klebte mir am Rücken, und ich hatte einen feuchten Schleier auf dem Gesicht – es war ein Gefühl, wie wenn man die Grippe hat und verschwitzt aus dem Tiefschlaf erwacht. Der Blick durch die drei Meter hohen Maschendrahtzäune war schon besser. Man sah grüne Rasenflächen, Gehwege und Hibiskussträucher mit auffälligen roten und gelben Blüten. Die meisten Gebäude waren graubraun und flach. Weibliche Häftlinge spazierten in Gruppen von zwei oder drei durch den Garten. Ich hatte mich über die Anstalt informiert und wusste, dass gerade erst eine Sonderwohneinheit mit 110 Betten fertig gestellt worden war. Die Beschäftigtenzahl lag bei insgesamt etwa 500, während die Zahl der Insassinnen zwischen 900 und 1200 schwankte. Weiße stellten die Mehrheit, und am häufigsten vertreten war die Altersgruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen. Das Gefängnis bot sowohl Studienmöglichkeiten als auch Berufsausbildungen an, unter anderem Computerprogrammieren. Die Gefängnisbetriebe, überwiegend Textilwerkstätten, stellten Hemden, Shorts, Arbeitskittel, Schürzen, Taschentücher, Halstücher und Kleidung für Feuerwehrleute her. Frontera diente außerdem als Zentrum für die Auswahl und Ausbildung von Feuerwehrleuten, die anschließend zum Einsatz auf die gut vierzig Naturschutzgebiete Kaliforniens verteilt wurden. Zum x-ten Mal betrachtete ich das Foto von Reba Lafferty, das vor ihrem Zusammenstoß mit dem Gesetz und ihrer Haftquarantäne gemacht worden war. Wenn sie Alkohol und Drogen im Übermaß zugesprochen hatte, so sah man es ihr, zumindest nicht an. Unruhig steckte ich das Bild wieder ein und drehte am Sendersuchknopf meines Autoradios. Die Morgennachrichten brachten die gewohnte niederschmetternde Mischung aus Mord, politischen Winkelzügen und düsteren Wirtschaftsprognosen. Als der Nachrichtensprecher das Mikrofon abgab, war ich kurz davor, den Löffel abzugeben. Um neun Uhr blickte ich auf und konnte feststellen, dass sich an der Gefängnisausfahrt etwas tat. Die Tore waren geöffnet, und ein hinausfahrender Kleinbus vom Sheriff’s Department stand im Leerlauf da, während der Fahrer dem Wachmann an der Ausfahrt seine Papiere zeigte und ein bisschen mit ihm scherzte. Ich stieg aus, der Kleinbus fuhr durchs Tor, beschrieb eine weite Rechtskurve und blieb dann stehen. Im Wagen saßen mehrere Frauen, die nun auf Bewährung in die reale Welt entlassen werden sollten. Sie hielten die Gesichter an die Fenster wie Pflanzen, die sich zum Licht drehen. Zischend glitten die Türen des Kleinbusses auf und zu, und dann fuhr er auch schon wieder davon. Reba Lafferty stand in von der Haftanstalt ausgegebenen Turnschuhen, Bluejeans und einem einfachen weißen T-Shirt ohne BH auf dem Asphalt. Alle Insassen müssen bei der Ankunft im Gefängnis ihre Privatkleidung abgeben, doch es wunderte mich, dass ihr Vater ihr nichts geschickt hatte, was sie auf dem Nachhauseweg hätte tragen können. Ich wusste, dass sie die Kluft, in der sie steckte, hatte käuflich erwerben müssen, da die Sachen als Staatseigentum galten. Offenbar hatte sie den Einheitsbüstenhalter der Haftanstalt abgelehnt, der vermutlich so schmeichelhaft war wie ein orthopädisches Bruchband. Zudem dürfen die Häftlinge beim Verlassen des Gefängnisses nichts dabeihaben außer ihren zweihundert Dollar in bar. Verblüfft stellte ich fest, dass sie genauso aussah wie auf dem Foto. Angesichts von Nord Laffertys fortgeschrittenem Alter hatte ich vermutet, dass Reba über fünfzig sein musste. Die junge Frau hier war kaum dreißig., Ihre Haare waren kurz geschnitten und wirkten feucht, als hätte sie soeben geduscht. Während ihrer Haftzeit war das Blond herausgewachsen, und die von Natur aus dunklen Strähnen waren stachelig, als hätte sie sie mit Schaumfestiger bearbeitet. Ich hatte erwartet, dass sie füllig wäre, doch sie war so schlank, dass sie schon fast zerbrechlich wirkte. Unter dem billigen Stoff ihres T-Shirts sah man die knochigen Kuhlen ihrer Schlüsselbeine. Ihr Teint war hell, aber leicht fahl, und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte etwas Sinnliches an sich – eine Art Trotz in ihrer Haltung, einen Hauch von Großspurigkeit im Gang. Ich hob grüßend die Hand, und sie überquerte die Straße und trat auf mich zu. »Kommen Sie mich abholen?« »Genau. Ich bin Kinsey Millhone.« »Super. Ich bin Reba Lafferty. Nichts wie weg hier«, sagte sie, als wir uns die Hand gaben. Wir gingen zum Auto, und für den Lauf der nächsten Stunde blieb das unsere ganze Konversation. Mir ist Schweigen lieber als Smalltalk, und so fand ich das fehlende Geplapper nicht unangenehm. Ich entschied mich für einen anderen Rückweg und folgte dem Highway 5 in südlicher Richtung, bis er auf den 101 traf. Ein paar Mal wollte ich ihr schon eine Frage stellen, doch dann sagte ich mir, dass die Dinge, die mich interessiert hätten, mich nichts angingen. Warum haben Sie das Geld unterschlagen? und Wie kam es, dass Sie es vermasselt haben und erwischt worden sind? standen dabei an erster Stelle. Schließlich brach Reba das Schweigen. »Hat Pop Ihnen erzählt, warum ich gesessen habe?« »Er hat gesagt, dass Sie Geld genommen haben, weiter nichts«, erwiderte ich. Mir fiel auf, dass ich das Wort »unterschlagen« umgangen hatte, als wäre es unhöflich, das, Verbrechen beim Namen zu nennen, das sie ins Gefängnis gebracht hatte. Sie lehnte den Kopf gegen den Rücksitz. »Er ist ein Schatz. Er hat etwas Besseres verdient als mich.« »Darf ich fragen, wie alt Sie sind?« »Zweiunddreißig.« »Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber Sie sehen aus wie zwölf. Wie alt war Ihr Vater bei Ihrer Geburt?« »Sechsundfünfzig. Meine Mutter war einundzwanzig. Ein himmlisches Paar. Völlig schleierhaft, was sie sich dabei gedacht hat. Sie hat mich wie einen Wurf Katzen sitzen lassen und ist abgehauen.« »Hält sie Kontakt zu Ihnen?« »Nö. Einmal habe ich sie gesehen, da war ich acht. Wir haben einen Tag zusammen verbracht – oder eher einen halben. Sie ist mit mir zum Ludlow Beach gefahren und hat mir beim Planschen in den Wellen zugesehen, bis meine Lippen blau angelaufen sind. Zu Mittag haben wir an einem Imbissstand gegessen, dem bei der High Ridge Road.« »Den kenne ich gut.« »Ich hatte einen Milkshake und dazu frittierte Muscheln. Die habe ich seitdem nie wieder gegessen. Ich muss total überdreht gewesen sein. Ich weiß noch, dass ich schon beim Aufwachen den Bauch voller Schmetterlinge hatte, weil ich wusste, dass sie kommt. Wir waren gerade auf dem Weg in den Zoo, als mir im Auto schlecht geworden ist. Da hat sie mich postwendend wieder nach Hause gebracht.« »Was wollte sie denn?« »Wer weiß? Was auch immer es war, sie hat es seitdem nicht wieder gewollt. Aber Pop war super. In der Hinsicht habe ich Glück gehabt.« »Er hat Schuldgefühle Ihretwegen.«, Sie drehte den Kopf und sah mich an. »Wieso das? Nichts von alledem ist seine Schuld.« »Er glaubt, er hat Sie vernachlässigt, als Sie noch jünger waren.« »Oh. Na ja, das schon, aber was hat das damit zu tun? Er hat seine Entscheidungen getroffen und ich meine.« »Schon, aber ganz allgemein gesprochen ist es besser, Entscheidungen zu vermeiden, die einen im Gefängnis landen lassen.« Sie lächelte. »Sie haben mich damals nicht gekannt. Ich war entweder betrunken oder bekifft und manchmal beides zugleich.« »Wie haben Sie dann Ihren Job durchgehalten?« »Ich habe mir die Trinkerei für Abende und Wochenenden aufgespart. Das Gras habe ich vor und nach der Arbeit geraucht. Harte Drogen habe ich nie genommen – Heroin, Crack oder Speed. Das Zeug kann einen echt übel zurichten.« »Hat denn nie jemand gemerkt, dass Sie bekifft waren?« »Doch, mein Chef.« »Und wie haben Sie es geschafft, das Geld zu nehmen? Dafür braucht man ja eigentlich einen klaren Kopf.« »Glauben Sie mir, in manchen Punkten war ich immer ganz klar. Waren Sie schon mal im Gefängnis?« »Einmal über Nacht«, gestand ich und ließ es klingen, als wäre es ein Ausflug mit meiner Pfadfinderinnengruppe gewesen. »Weswegen?« »Tätlicher Angriff gegen einen Polizisten und Widerstand gegen die Staatsgewalt.« Sie lachte. »Wow. Wer hätte das gedacht? Sie sehen eigentlich total brav aus. Ich wette, Sie gehen nur bei Grün über die Straße und frisieren nie die Zahlen in Ihrer Steuererklärung.«, »Stimmt. Ist das schlimm?« »Nein, schlimm ist es nicht. Es ist nur langweilig«, erwiderte sie. »Haben Sie nie Lust, mal die Sau rauszulassen? Ein Risiko einzugehen, auch wenn Sie sich dabei womöglich selbst reinreiten?« »Mir gefällt mein Leben so, wie es ist.« »Ist doch total öde. Ich würde wahnsinnig werden.« »Was mich wahnsinnig macht, ist, die Kontrolle zu verlieren.« »Was machen Sie dann, wenn Sie sich mal amüsieren wollen?« »Ich weiß nicht … ich lese viel und gehe joggen.« Sie sah mich an und wartete auf die Pointe. »Und das war’s? Sie lesen viel und gehen joggen?« Ich lachte. »Es klingt jämmerlich, wenn man es sich bewusst macht.« »Und wo machen Sie mal einen drauf?« »›Einen draufzumachen‹ liegt mir eigentlich weniger, aber wenn ich etwas essen oder ein Glas Wein trinken will, gehe ich meist in ein Lokal bei mir in der Nähe. Es heißt Rosie’s Tavern, und die Besitzerin ist eine Bärenmama, was bedeutet, dass ich essen kann, ohne von Männern, die auf der Jagd sind, belästigt zu werden.« »Haben Sie einen Freund?« »Nicht direkt«, erwiderte ich. In der Richtung wollte ich mich lieber nicht allzu genau von ihr ausfragen lassen. Ich blickte zu ihr hinüber. »Falls es Ihnen nichts ausmacht, wüsste ich gern, ob Sie vorher schon mal Ärger gehabt haben.« Sie sah aus dem Fenster auf ihrer Seite. »Kommt darauf an, wie Sie das sehen. Ich war zweimal auf Drogenentzug. Und ich habe wegen eines ungedeckten Schecks sechs Monate im Bezirksgefängnis gesessen. Als ich rauskam, war ich finanziell ruiniert, also habe ich einen Offenbarungseid geleistet. Und jetzt, kommt das Perverse: Kaum war das passiert, habe ich mit der Post jede Menge Angebote für Kreditkarten bekommen, und jede einzelne war bereits genehmigt. Wie hätte ich da widerstehen sollen? Die habe ich auch bis zum Anschlag ausgereizt. Dreißigtausend Mäuse, bis die Gitter runtergerasselt sind.« »Dreißigtausend wofür?« »Ach, Sie wissen schon. Das Übliche. Glücksspiele, Drogen. Einen Haufen habe ich auf der Rennbahn verspielt, und dann bin ich nach Reno gefahren und habe die Automaten gefüttert. Nebenher habe ich Poker mit hohen Einsätzen gespielt, aber die Karten waren gegen mich. Nicht, dass ich deswegen aufgehört hätte. Ich habe mir eingebildet, ich könnte nur eine bestimmte Zeit lang verlieren, und dann müsste sich das Blatt zwangsläufig wenden und der Geldregen auf mich runterprasseln. Dummerweise bin ich nie so weit gekommen. Im Handumdrehen war ich pleite und stand auf der Straße. Das war 1982. Pop hat mich in sein Haus geholt und meine Schulden beglichen. Und wie steht’s mit Ihren Lastern? Eines müssen Sie doch haben.« »Ich trinke Wein und gelegentlich einen Martini. Früher habe ich Zigaretten geraucht, aber damit habe ich aufgehört.« »Hey, ich auch. Ich hab’s vor einem Jahr gesteckt. War echt krass.« »Es ist hart«, bestätigte ich. »Was hat Sie dazu veranlasst?« »Ich wollte einfach beweisen, dass ich es kann«, antwortete sie. »Und was ist mit anderen Drogen? Haben Sie schon mal gekokst?« »Nein.« »Quaaludes, Vicodan, Percocet?« Ich wandte den Kopf und starrte sie an. »Ich hab ja nur gefragt.«, »Als Schülerin habe ich Gras geraucht, aber später habe ich mit dem Zeug aufgehört.« Sie ließ den Kopf zur Seite sinken. »Schnarch.« Ich lachte. »Warum schnarch?« »Sie leben wie eine Nonne. Wo bleibt der Spaß, verdammt noch mal?« »Ich habe Spaß. Ich habe jede Menge Spaß.« »Ach, Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Ich habe kein Urteil über Sie gefällt.« »Doch, haben Sie.« »Ja, gut, vielleicht ein klein wenig. Ich bin vor allem neugierig.« »Worauf?« »Wie man in dieser Welt zurechtkommt, wenn man nicht mehr ständig am Abgrund lebt.« »Vielleicht finden Sie’s raus.« »Darauf würde ich zwar nicht wetten, aber man soll ja die Hoffnung nie aufgeben.« Als wir uns Santa Teresa näherten, hatten sich bleiche Nebelschwaden über die Landschaft gelegt. Ich fuhr am Strand entlang, wo sich die Palmen dunkel von der sanften Helligkeit des Pazifiks abhoben. Reba hatte den Blick nicht vom Meer abgewandt, seit es südlich von Perdido in Sicht gekommen war. Als wir an der Ausfahrt Perdido Avenue vorbeifuhren, drehte sie den Kopf zur Seite, um es langsam im Nebel verschwinden zu sehen. »Haben Sie schon mal vom Double Down gehört?« »Was ist das?« »Der einzige Pokersalon in Perdido – der Schauplatz meines Untergangs. Hab mich oft tierisch amüsiert da drinnen, aber das ist ein für alle Mal vorbei. Hoffe ich zumindest.«, Der Highway wand sich von der Küste weg, und Reba betrachtete die hügeligen Zitrusplantagen rechts und links der Straße. Häuser und Geschäfte nahmen zu, bis schließlich die Stadt selbst auftauchte – zwei- und dreistöckige weiße Steinhäuser mit roten Ziegeldächern, Palmen und immergrünen Pflanzen, alles architektonisch vom spanischen Einfluss geprägt. »Was hat Ihnen eigentlich am meisten gefehlt?«, wollte ich wissen. »Mein Kater. Er ist langhaarig, orange gescheckt, und ich habe ihn, seit er sechs Wochen alt war. Zuerst hat er ausgesehen wie eine kleine Puderquaste. Jetzt ist er siebzehn und ein toller alter Knabe.« Ich verließ den Highway an der Ausfahrt Milagro und sah auf die Uhr. Es war 12 Uhr 36. »Haben Sie Hunger? Wir hätten noch Zeit für ein Mittagessen, falls Sie sich vor dem Termin bei Ihrer Bewährungshelferin ein bisschen stärken wollen.« »Das wäre super. Ich hatte schon Hunger, als wir losgefahren sind.« »Hätten Sie doch was gesagt. Möchten Sie irgendwas Bestimmtes?« »McDonald’s. Für einen doppelten Cheeseburger könnte ich einen Mord begehen.« »Ich auch.« »Zweiundzwanzig Monate«, sinnierte ich beim Essen. »Was haben Sie die ganze Zeit gemacht?« »Ich habe gelernt, Computer zu programmieren. Das ist kinderleicht. Außerdem habe ich Gefängnisstatistiken auswendig gelernt.« »Wie unterhaltsam.« Sie tauchte ihre Pommes eine nach der anderen in einen Ketchupsee und verschlang sie wie Würmer. »War es wirklich. Ich bin oft in der Bücherei gesessen und habe mich in Studien, über weibliche Häftlinge vertieft. Wenn ich früher auf einen Artikel zu dem Thema gestoßen bin, hat mich das Thema völlig kalt gelassen. Jetzt ist es auf einmal relevant. Zum Beispiel 1976: Da saßen elftausend Frauen in Staats- und Bundesgefängnissen. Bis letztes Jahr war die Zahl dann auf sechsundzwanzigtausend gestiegen, und wollen Sie wissen, warum? Wegen der Emanzipation. Früher hatten die Richter immer Mitleid mit Frauen, vor allem mit Müttern von kleinen Kindern. Jetzt werden alle gleichberechtigt verknackt. Herzlichen Dank, Gloria Steinern. Aber es müssen sowieso nur etwa drei Prozent aller verurteilten Straftäter eine Haftstrafe verbüßen. Und noch etwas: Vor fünf Jahren hatte die Hälfte der Mörder, die aus der Haft entlassen wurden, weniger als sechs Jahre abgesessen. Ist das zu fassen? Man bringt jemanden um, und nach sechs Jahren Knast läuft man wieder frei rum. Wenn man die Bewährungsauflagen verletzt, muss man meistens gleich ’ne ganze Runde absitzen, was echt brutal lang ist. Ich brauche nur einmal beim Drogentest durchzufallen, und schon sitze ich wieder im Bus nach Corona.« »Eine Runde?« »Ein Jahr. Ich sage Ihnen, das System ist echt pervers. Ich meine, was glauben Sie, wozu Bewährung gut sein soll? Dafür, dass man seine Strafe auf der Straße ableistet. Was soll das denn für eine Strafe sein? Sie haben ja keine Ahnung, wie viele üble Typen hier frei rumlaufen.« Sie lächelte. »Na, egal, gehen wir mal zu meiner Bewährungshelferin und bringen es hinter uns.«, Das Amt für Bewährungshilfe war in einem flachen Backsteingebäude untergebracht, das in einem in den Sechzigerjahren populären Stil erbaut war – jede Menge Glas, Aluminium und lange horizontale Linien. Dunkelgrüne Zedern wuchsen unter einem Überhang, der sich über die gesamte Fassade zog. Der Parkplatz war großzügig, und ich fand ohne weiteres eine Lücke. Ich machte den Motor aus. »Soll ich Sie begleiten?«, fragte ich. »Können Sie gern«, erwiderte sie. »Wer weiß, wie lange ich warten muss. Leisten Sie mir ruhig Gesellschaft.« Wir überquerten den Parkplatz und bogen nach rechts ab, in Richtung Eingang. Als wir durch die Glastür getreten waren, standen wir in einem langen, tristen Flur mit Büros auf beiden Seiten. Anscheinend gab es keinen Empfangstresen, allerdings standen am anderen Ende des Flurs ein paar Klappstühle, auf denen ein paar Männer saßen. Als wir hereinkamen, spähte eine stämmige Frau mit roten Haaren und einem dicken Aktenordner in der Hand zu einer Bürotür heraus und rief einen der Männer zu sich. Ein traurig aussehender Mann Mitte sechzig trat vor. Er trug ein schäbiges Sakko und eine nicht besonders saubere Hose. Typen wie ihn sah ich gelegentlich in Hauseingängen schlafen und halb gerauchte Zigaretten aus den sandgefüllten Aschenbechern in Hotelhallen klauben. Die Frau sah zu uns herüber und entdeckte Reba. »Sind Sie Reba?« »Ja.« »Ich bin Priscilla Holloway. Wir haben telefoniert. Ich habe gleich Zeit für Sie.« »Gut.« Reba sah den beiden nach. »Meine, Bewährungshelferin.« »Das habe ich mir schon gedacht.« Priscilla Holloway war Mitte vierzig, hatte markante Gesichtszüge und einen schweren Knochenbau und war braun gebrannt. Ihr kastanienrotes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr halb den Rücken hinunterhing. Ihre dunkle Hose war vom Sitzen zerknittert. Über der Hose trug sie eine weiße Bluse mit heraushängendem Saum und eine rote Strickjacke mit offenem Reißverschluss, die diskrete Tarnung für die Schusswaffe, die sie in einem Schulterhalfter trug. Sie war athletisch gebaut, und ich vermutete, dass sie schnelle, schweißtreibende Sportarten bevorzugte: Squash, Fußball, Basketball und Tennis. In der Schulzeit hätte mir ein Mädchen von ihrer massigen Statur Todesangst eingejagt, doch damals lernte ich, dass mir, wenn ich mich mit einem solchen Mädchen anfreundete, lebenslanger Schutz auf dem Spielplatz sicher war. Reba und ich steckten unseren Claim in einem winzigen Abschnitt des Flurs ab, wo wir uns abwechselnd anlehnten und hinhockten, während wir versuchten, eine bequeme Warteposition zu finden. An der Wand gegenüber hing ein Münztelefon, bei dessen Anblick Reba große Augen bekam. »Haben Sie Kleingeld? Ich muss jemanden anrufen. Ein Ortsgespräch.« Ich öffnete meine Tasche und fischte auf ihrem Grund nach einzelnen Münzen. Dann gab ich Reba eine Hand voll Kleingeld und sah zu, wie sie zum Telefon ging und den Hörer abnahm. Sie warf die Münzen ein, wählte eine Nummer und drehte ihren Körper so, dass ich nicht von ihren Lippen ablesen konnte. Das Gespräch dauerte etwa drei Minuten, und als sie schließlich auflegte, sah sie glücklicher und entspannter aus, als ich sie bisher erlebt hatte. »Alles in Ordnung?« »Sicher. Ich habe mich nur bei einem Freund gemeldet.« Sie, ließ sich an der Wand nach unten rutschen und setzte sich auf den Boden. Zehn Minuten später tauchte Priscilla Holloway wieder auf und begleitete ihren schmuddeligen Klienten zur Tür. Sie gab ihm noch eine Ermahnung mit auf den Weg und wandte sich dann an Reba. »Möchten Sie jetzt reinkommen?« Reba rappelte sich auf. »Was ist mit ihr?« »Sie kann in ein paar Minuten nachkommen. Zuerst müssen wir mal unter vier Augen ein paar Dinge klären. Ich hole Sie dann gleich«, sagte sie zu mir. Die beiden gingen den kahlen Flur entlang. Reba sah im Vergleich zu Holloway geradezu winzig aus. Mittlerweile ans Warten gewöhnt, lehnte ich mich wieder an die Wand und stellte meine Umhängetasche auf den Boden. Da ging die Glastür auf, Cheney Phillips kam herein und ging auf dem Weg den Flur entlang an mir vorbei. An Priscilla Holloways Tür klopfte er an und steckte den Kopf hinein. Er plauderte kurz mit ihr, ehe er sich umwandte und erneut auf mich zukam. Bis jetzt hatte er mich noch nicht entdeckt, was mir kurz Gelegenheit gab, ihn zu mustern. Ich kannte Cheney seit Jahren, aber wir hatten bis zu einem Mordfall vor zwei Jahren nie zusammengearbeitet. Im Laufe zahlreicher Gespräche hatte er mir anvertraut, dass er in einer Atmosphäre wohlwollender Vernachlässigung aufgewachsen war und sich schon früh für eine Laufbahn bei der Polizei entschieden hatte. Als sich unsere Wege das letzte Mal gekreuzt hatten, hatte er als Zivilfahnder fürs Drogendezernat gearbeitet, doch inzwischen war sein Gesicht vermutlich zu bekannt für verdeckte Ermittlungen. Wie üblich war er tadellos gekleidet: eine dunkle Hose zu einem Nadelstreifensakko, das in der Schulterpartie breit und in der Taille eng geschnitten war. Zu seinem mitternachtsblauen Hemd trug er eine mitternachtsblaue Krawatte mit einem Touch von hellerem Blau. Sein dunkles, Haar war lockig, und sein Blick verströmte eine seltsame Mischung aus Polizistenmentalität und Verführung. Als ich gehört hatte, dass er geheiratet hatte, hatte ich seinen Namen in meinem geistigen Adressbuch von einem der vordersten Plätze nach ganz hinten in eine Kategorie verlegt, die das Etikett »ohne Schaden gestrichen« trug. Sein Blick streifte kurz meinen, und als ihm klar wurde, dass ich es war, blieb er wie angewurzelt stehen. »Kinsey, so ein Zufall. Gerade habe ich an dich gedacht.« »Was machst du denn hier?« »Einem entlassenen Häftling auf den Zahn fühlen. Und du?« »Bei einer jungen Frau babysitten, bis sie auf eigenen Füßen steht.« »Missionarsarbeit.« »Das nun nicht gerade. Ich werde dafür bezahlt«, entgegnete ich. »Als wir uns am Samstag begegnet sind, wollte ich dich schon fragen, warum ich dich gar nicht mehr im CC’s sehe. Dolan hat mir erzählt, dass ihr zwei zusammen an einem Fall arbeitet. Da hätte ich eigentlich damit gerechnet, dass du mal reinschaust.« »In meinem Alter ziehe ich nicht mehr durch die Kneipen. Ich gehe höchstens zu Rosie«, erwiderte ich. »Und was ist mit dir? Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass du in Las Vegas geheiratet hast.« »Mann, das spricht sich ja rum. Was hast du denn noch gehört?« »Dass du sie im CC’s kennen gelernt hast und schon nach sechs Wochen mit ihr durchgebrannt bist.« Cheney lächelte gequält. »Klingt irgendwie krass, wenn du es so ausdrückst.« »Was ist denn aus deiner vorherigen Freundin geworden? Ich dachte, du seist jahrelang mit einer anderen liiert gewesen.«, »Das hat zu nichts geführt. Sie hat es früher gemerkt als ich und mich sang- und klanglos sitzen lassen.« »Und dann hast du aus Frust gleich geheiratet?« »So könnte man wohl sagen. Und wie läuft’s bei dir? Was macht dein Freund Dietz?« »Kinsey, möchten Sie jetzt reinkommen?« Als ich aufsah, kam Priscilla Holloway auf mich zu. Cheney wandte den Kopf, folgte meinem Blick und sah zwischen der Bewährungshelferin und mir hin und her. »Ich glaube, du musst los.« »War nett, dich mal wieder gesehen zu haben«, sagte ich. »Ich rufe Sie an, sobald ich dazu komme«, sagte Priscilla zu ihm, als er sich zum Gehen wandte. Ich sah ihm nach, wie er die Glastür aufstieß und auf den Parkplatz zuging. »Woher kennen Sie Cheney?«, wollte Priscilla wissen. »Von einem Fall, den ich bearbeitet habe. Netter Typ.« »Er ist in Ordnung. Ist die Fahrt ohne Probleme verlaufen?« »Ein Kinderspiel, nur dass es da unten unheimlich heiß war.« »Und es gibt viel zu viele Insekten«, ergänzte sie. »Man kann kaum den Mund aufmachen, ohne eines zu verschlucken.« Ihr Büro war klein und schlicht möbliert. Ein Fenster ging auf den Parkplatz hinaus, doch der Blick wurde durch eine staubige Jalousie in Streifen zerschnitten. Auf dem Fensterbrett sah ich eine Polaroidkamera und auf einem Stapel dicker Aktenordner zwei Polaroidfotos von Reba. Ich nahm an, dass Priscilla immer aktuelle Aufnahmen bei der Hand haben wollte, für den Fall, dass Reba sich klammheimlich aus dem Staub machte. Auf Priscillas Seite des Schreibtischs standen Aktenschränke und auf unserer zwei Metallstühle. Priscilla setzte sich auf ihren Drehstuhl und sah mich an. »Reba sagt, Sie würden sich um sie, kümmern.« »Nur ein paar Tage, bis sie sich wieder eingelebt hat.« Priscilla beugte sich vor. »Ich habe es schon mit ihr durchgesprochen, aber ich wiederhole es gern, damit Sie auch Bescheid wissen. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Schusswaffen, kein Messer mit einer Klinge, die länger als fünf Zentimeter ist, Messer in ihrer Wohnung oder Arbeitsstelle ausgenommen. Und keine Armbrust.« Sie hielt inne, schmunzelte und richtete den Rest ihrer Bemerkungen an Reba, als wollte sie ihnen besonderen Nachdruck verleihen. »Kein Kontakt zu Personen, die bekanntermaßen vorbestraft sind. Jeder Wechsel des Wohnorts muss innerhalb von zweiundsiebzig Stunden mitgeteilt werden. Keine Reisen über einen Umkreis von fünfzig Meilen hinaus ohne Genehmigung. Sie verlassen Santa Teresa County nicht länger als achtundvierzig Stunden und Kalifornien nicht ohne meine schriftliche Erlaubnis. Wenn die Polizei Sie schnappt und Sie das magische Papier nicht haben, wandern Sie wieder hinter Gitter.« »Alles klar«, sagte Reba. »Eines habe ich noch zu erwähnen vergessen. Bei der Arbeitssuche verbieten es Ihnen die Bewährungsauflagen, sich um eine Vertrauensposition zu bewerben: kein Umgang mit Löhnen und Gehältern oder Steuern, kein Zugang zu Schecks –« »Und wenn der Arbeitgeber über meine Verurteilung Bescheid weiß?« Holloway überlegte. »Dann vielleicht, aber sprechen Sie zuerst mit mir.« Sie wandte sich wieder mir zu. »Irgendwelche Fragen?« »Ich doch nicht. Ich bin nur die Begleitung.« »Ich habe Reba meine Nummer gegeben, falls sie mich braucht. Wenn ich nicht erreichbar bin, hinterlassen Sie eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. Ich höre ihn vier- bis, fünfmal am Tag ab.« »Alles klar.« »Fürs Erste habe ich zwei Hauptanliegen. Das erste ist die öffentliche Sicherheit. Das zweite ist ihre erfolgreiche Resozialisierung. Sehen wir zu, dass wir möglichst keines von beiden vermasseln, okay?« »Ich bin dabei«, sagte ich. Priscilla stand auf und beugte sich über ihren Schreibtisch, um zuerst Reba und dann mir die Hand zu schütteln. »Viel Glück. War nett, Sie kennen zu lernen, Ms. Millhone.« »Sagen Sie ruhig Kinsey.« »Wenden Sie sich an mich, wenn ich in irgendeiner Weise behilflich sein kann.« »Ich mag die Holloway«, sagte ich, als wir wieder im Wagen saßen. »Sie macht einen netten Eindruck.« »Ich mag sie auch. Sie hat gesagt, ich bin die einzige Frau, für die sie zuständig ist. Alle ihre anderen Bewährungskandidaten sind 288A oder 290.« »Und das wäre?« »Rechtskräftig überführte Sexualstraftäter. 288A steht für Kindesmissbrauch. Ein paar von ihnen gelten als gewalttätige Sexgangster. Reizende Gesellschaft. Aber man würde es den Kerlen nie ansehen, wenn man es nicht weiß.« Sie zog ein Faltblatt hervor, auf dessen Vorderseite »Strafvollzugsbehörde« stand. Eilig überflog sie die Seite von oben nach unten. »Wenigstens bin ich nicht in der höchsten Kontrollgruppe. Die, die darunter fallen, müssen regelrecht Männchen machen. Anfangs muss ich einmal die Woche zu ihr, aber sie meint, wenn ich mich benehme, stuft sie mich auf einmal im Monat zurück. Natürlich muss ich trotzdem zu AA-Treffen gehen und jede Woche einen Drogentest machen, aber da brauche ich bloß in einen Becher zu pinkeln, also ist es nur halb so wild.«, »Was ist mit Arbeit? Haben Sie vor, sich was zu suchen?« »Pop will nicht, dass ich arbeite. Er glaubt, das strengt mich zu sehr an. Außerdem zählt das nicht zu den Bewährungsauflagen, und der Holloway ist es egal, solange ich sauber bleibe.« »Dann bringe ich Sie jetzt mal nach Hause.« Um halb drei setzte ich Reba vor dem Anwesen ihres Vaters ab, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sie sowohl meine Privat- als auch meine Büronummer hatte. Ich empfahl ihr, sich ein paar Tage Zeit zum Eingewöhnen zu gönnen, aber sie entgegnete, sie sei jetzt zwei Jahre lang eingesperrt gewesen, hätte nichts zu tun gehabt und sich gelangweilt, und jetzt wolle sie raus. Ich sagte, sie solle mich am nächsten Vormittag anrufen, dann würden wir eine Uhrzeit ausmachen, zu der ich sie abholen käme. »Danke«, sagte sie und öffnete die Beifahrertür. Die betagte Haushälterin stand bereits auf der Veranda vor dem Haus und hielt nach Reba Ausschau. Neben ihr saß ein großer, langhaariger, orangefarbener Kater. Als Reba die Autotür zuschlug, tappte der Kater die Verandatreppe herunter und stolzierte gemessenen Schrittes auf sie zu. Reba bückte sich und nahm ihn auf die Arme. Sie wiegte ihn und vergrub das Gesicht in seinem Fell, eine Demonstration der Zuneigung, die der Kater als sein gutes Recht hinzunehmen schien. Reba trug ihn zur Veranda zurück. Ich wartete, bis sie die Haushälterin umarmt hatte und mit dem Kater unterm Arm drinnen verschwunden war, dann legte ich den ersten Gang ein und machte mich auf den Weg zurück in die Stadt. Ich fuhr zu meinem Büro und blieb so lange, bis ich sämtliche Anrufe erwidert und die Post geöffnet hatte. Um fünf Uhr hatte ich alles erledigt, was ich mir vorgenommen hatte, also schloss ich ab und setzte mich für die kurze Strecke nach Hause ins Auto. Dort angekommen, leerte ich den Briefkasten und zerrte, die übliche Mischung aus Werbesendungen und Rechnungen heraus. Vertieft in einen Prospekt von einem Schneider aus Hongkong, der mit mir ins Geschäft kommen wollte, trat ich durch das quietschende Tor. Ein Kreditbüro bot mir schnelles Bargeld an; Anruf genügte. War ich nicht ein Glückspilz? Henry stand im Garten und sprengte die Terrasse mit einem steten Wasserstrahl, der so dick war wie ein Besenstiel und Blätter und Steinchen von den flachen Platten in den Rasen dahinter fegte. Die Spätnachmittagssonne war durch die Wolkendecke gedrungen, und so kamen wir endlich in den Genuss von ein wenig Sommer. Henry trug ein T-Shirt und abgeschnittene Jeans und hatte seine langen, eleganten Füße nackt in ein Paar abgenutzte Flipflops gesteckt. Hinter ihm stand William, wie gewohnt in einem schicken dreiteiligen Anzug, und passte auf, dass ihn keine Spritzer aus dem Schlauch trafen. Er stützte sich auf einen schwarzen Spazierstock mit geschnitztem Elfenbeingriff. Die beiden waren am Streiten, hielten aber lange genug inne, um mich höflich zu begrüßen. »William, was hast du denn mit deinem Fuß gemacht? Ich habe dich noch nie mit einem Stock gesehen.« »Der Arzt hat gemeint, ein Stock würde mich stabilisieren.« »Es ist ein Accessoire«, sagte Henry. William ignorierte ihn. »Tut mir Leid, wenn ich euch unterbreche«, sagte ich. »Ich habe euch wohl mitten im Gespräch gestört.« »Henry ist entscheidungsschwach, was Mattie betrifft«, erklärte William. »Ich bin nicht entscheidungsschwach! Ich bin vernünftig. Ich bin siebenundachtzig Jahre alt. Wie viele gute Jahre bleiben mir denn noch?« »Sei nicht albern«, entgegnete William. »Auf unserer Seite der Familie ist schon immer jeder mindestens hundertdrei, geworden. Hast du gehört, was sie über ihre Familie erzählt hat? Ich dachte, sie zitiert aus dem ärztlichen Handbuch. Krebs, Diabetes und Herzkrankheit? Ihre Mutter ist an Gehirnhautentzündung gestorben. Ausgerechnet Gehirnhautentzündung! Glaub mir, Mattie Halstead wird lange vor dir das Zeitliche segnen.« »Warum soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Keiner von uns wird in absehbarer Zeit ›das Zeitliche segnen‹«, entgegnete Henry. »Du bist ein Narr. Sie kann sich glücklich schätzen, wenn sie dich kriegt.« »Warum denn das, um Himmels willen?« »Sie braucht jemanden, der ihr zur Seite steht. Niemand will krank und allein sein, schon gar nicht, wenn es aufs Ende zugeht.« »Ihr fehlt überhaupt nichts! Sie ist gesund wie ein Pferd. Sie wird mich um mindestens zwanzig Jahre überleben, was man von dir nicht gerade behaupten kann.« William wandte sich an mich. »Lewis wäre nicht so stur –« »Was hat Lewis denn damit zu tun?«, wollte Henry wissen. »Er mag sie. Wenn du dich erinnerst, war er auf der Kreuzfahrt höchst aufmerksam ihr gegenüber.« »Das ist Monate her.« »Sag du’s ihm, Kinsey. Vielleicht dringst du zu ihm durch.« Mir wurde leicht unbehaglich zumute. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, William. Ich bin die Allerletzte, die in Liebesdingen Ratschläge geben kann.« »Unsinn. Du warst zweimal verheiratet.« »Aber es ist beide Male schief gegangen.« »Zumindest hast du keine Angst davor gehabt, dich zu binden. Henry ist ein Feigling –«, »Bin ich nicht!« Henry wurde langsam wütend. Ich fürchtete schon, er würde den Schlauch auf seinen Bruder richten, doch er ging zum Wasserhahn und drehte ihn zu, was ein kreischendes Geräusch verursachte. »Allein die Vorstellung ist absurd. Zuerst einmal hat Mattie ihren Lebensmittelpunkt in San Francisco, und ich bin hier verwurzelt. Ich bin im Grunde meines Herzens ein häuslicher Mensch, und jetzt schaut euch nur an, wie sie lebt – andauernd macht sie Kreuzfahrten und geht von heute auf morgen auf Weltreise.« »Sie macht nur Kreuzfahrten in der Karibik; das dürfte also kein Problem sein«, wandte William ein. »Sie ist wochenlang weg. Völlig ausgeschlossen, dass sie das jemals aufgibt.« »Warum soll sie es auch aufgeben?«, seufzte William entnervt. »Lass sie doch machen, was sie will. Ihr könnt sechs Monate da oben leben und die anderen sechs Monate hier. Jedem von uns täte ein Tapetenwechsel gut – dir noch mehr als den meisten anderen. Und komm mir bloß nicht mit diesem Getue vom ›Verwurzeltsein‹. Sie kann ihr Haus behalten und du deines, und dann könnt ihr immer hin und her fahren.« »Ich will überhaupt nirgends hinfahren. Ich will hier bleiben.« »Weißt du, was dein Problem ist? Du willst überhaupt nichts tun, was mit irgendeinem Risiko verbunden ist«, sagte William. »Du auch nicht.« »Stimmt nicht! Von wegen. Da liegst du komplett daneben. Ich habe mit sechsundachtzig geheiratet, und wenn das in deinen Augen kein Risiko ist, dann frag sie«, sagte er und zeigte auf mich. »Es ist wirklich eines«, murmelte ich pflichtschuldig, eine Hand in die Luft gereckt, als müsste ich einen Eid ablegen. »Aber wisst ihr was? Nehmt es mir nicht übel, aber …« Alle beide wandten sich um und sahen mich an. »Findet ihr nicht,, dass auch Matties Gefühle eine Rolle spielen? Vielleicht ist sie nicht mehr an ihm interessiert als er an ihr.« »Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht an ihr interessiert wäre. Ich erörtere die Situation lediglich von ihrem Standpunkt aus.« »Sie ist an dir interessiert, du Trottel!«, fauchte William. »Denk doch mal nach. Sie kommt in einem Tag wieder hierher. Das hat sie selbst gesagt. Hast du nicht gehört, wie sie es gesagt hat?« »Weil es direkt auf ihrem Weg liegt. Sie fährt nicht hier vorbei, um mich zu besuchen.« »O doch – sonst würde sie ja einfach durchfahren, oder?« »Sie muss eben tanken und sich mal die Beine vertreten.« »William hat Recht. Ich bin ganz seiner Meinung«, warf ich ein. Henry rollte langsam den Schlauch zusammen und hob nebenbei Steinchen und abgemähte Grashalme auf. »Sie ist ein wunderbarer Mensch, und ich schätze unsere Freundschaft sehr. Und jetzt lassen wir das Thema. Ich habe genug davon.« William wandte sich zu mir um. »Damit hat es ja angefangen. Ich habe weiter nichts getan, als darauf hinzuweisen, dass sie ein wunderbarer Mensch ist und er lieber mal seinen Hintern hochkriegen und sie sich schnappen soll.« »Schwachsinn!«, zischte Henry und gestikulierte abwehrend in Williams Richtung, während er zum Haus zurückging. Er zog die Fliegentür auf und knallte sie hinter sich wieder zu. William schüttelte den Kopf und stützte sich auf seinen Spazierstock. »So war er schon immer. Unvernünftig. Stur. Und bei der leisesten Meinungsverschiedenheit kriegt er Wutanfälle.« »Ich weiß nicht, William. An deiner Stelle würde ich mich zurückhalten und die beiden die Sache unter sich ausmachen lassen.«, »Ich will ihnen ja nur helfen.« »Henry hasst es, sich helfen zu lassen.« »Weil er ein sturer Bock ist.« »Wir sind alle sture Böcke, wenn man’s genau nimmt.« »Also, jedenfalls muss etwas unternommen werden. Womöglich ist das seine letzte Chance auf Liebe. Ich kann nicht mit ansehen, wie er Hackfleisch daraus macht.« Ein leises Klingeln ertönte, und William fasste in seine Westentasche und sah auf die Uhr. »Zeit für meinen kleinen Imbiss.« Er zog ein Zellophantütchen mit Cashewnüssen heraus und biss es auf. Dann warf er sich zwei Nüsse in den Mund und kaute sie wie Tabletten. »Du weißt ja, dass ich zu Unterzucker neige. Der Arzt sagt, ich soll unbedingt alle zwei Stunden eine Kleinigkeit zu mir nehmen. Sonst riskiere ich Schwindel, Schwäche, Schweißausbrüche und Herzklopfen. Außerdem Gliederzittern, wie du ja sicher schon bemerkt hast.« »Tatsächlich? Ist mir nicht aufgefallen.« »Das ist es ja. Der Arzt hat mir geraten, Freunde und Verwandte darauf aufmerksam zu machen, damit sie die Symptome erkennen, weil es unerlässlich ist, sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ein Glas Fruchtsaft, ein paar Nüsse. Das kann ausschlaggebend sein. Er will zwar noch ein paar Untersuchungen vornehmen, aber bis dahin ist eine eiweißreiche Ernährung das Mittel der Wahl«, erklärte er. »Weißt du, bei mangelhafter Glukoseproduktion kann ein Anfall durch Alkohol oder Salizylsäure ausgelöst werden, in seltenen Fällen auch durch Verzehr von Aki-Früchten, die das hervorrufen können, was man gemeinhin die jamaikanische Brechkrankheit nennt …« Ich hielt mir eine Hand hinters Ohr. »Ich glaube, bei mir klingelt das Telefon. Ich muss gehen.« »Natürlich. Ich kann dir beim Abendessen Näheres erklären, da es dich offenbar interessiert.«, »Toll«, sagte ich und schob mich langsam auf meine Tür zu. William zeigte mit seinem Spazierstock auf mich. »Und was diese Geschichte mit Henry angeht – ist es nicht besser, intensive Gefühle zu haben, selbst wenn man dabei verletzt wird?« Ich zeigte meinerseits auf ihn. »Darüber müssen wir noch mal reden.«, Ich debattierte kurz mit mir selbst, ob ich noch meine drei Meilen Jogging einschieben sollte. Meine morgendliche Laufrunde hatte ich streichen müssen, um rechtzeitig bis neun am Gefängnis zu sein. Meistens laufe ich gegen sechs, wenn ich noch halb schlafe und mein Widerspruchsgeist schwach ist. Mir ist aufgefallen, dass mein Pflichtgefühl und meine Entschlusskraft im Lauf des Tages rapide abnehmen. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, habe ich meistens nicht die geringste Lust, mir die Joggingkluft überzuwerfen und mich hinauszuschleppen. Ich bin nicht so fanatisch in Sachen Sport, dass ich mich nicht gelegentlich selbst entschuldigen würde. Allerdings hatte ich in letzter Zeit die verstärkte Neigung bei mir festgestellt, auf meinen vier Buchstaben sitzen zu bleiben, statt mich zu sportlicher Betätigung aufzuraffen. Bevor ich allzu sehr darüber ins Nachdenken kam, stieg ich die Wendeltreppe hinauf, um mich umzuziehen. Ich streifte die Schuhe ab, zerrte die Jeans herunter und zog mir das T-Shirt über den Kopf. Dann schlüpfte ich in Jogginganzug und Laufschuhe. Unter Umständen wie diesen schließe ich gern ein kleines Abkommen mit mir selbst. Wenn ich zehn Minuten laufe und es mir wirklich zuwider ist, darf ich umdrehen und wieder nach Hause gehen. Ohne Schuldgefühle. Nach den ersten zehn Minuten habe ich allerdings normalerweise meinen Rhythmus gefunden und genieße es. Ich band mir den Hausschlüssel in die Schnürsenkel des einen Schuhs, schloss die Tür hinter mir ab und ging mit schnellen Schritten davon. Jetzt, wo die Sonne die vom Meer herangezogenen Nebelschichten aufgelöst hatte, tummelten sich die Nachbarn in, ihren Gärten, mähten den Rasen, gossen die Pflanzen und schnitten tote Triebe von den Rosensträuchern hinter den Zäunen. Die salzige Seeluft mischte sich mit dem Duft frisch gemähten Grases. Der Teil der Albanil Street, in dem ich wohne, ist schmal. Wenn beide Seiten voll geparkt sind, kommen kaum zwei Autos aneinander vorbei. Eukalyptusbäume und Steinkiefern sorgen für Schatten über den Holz- und Steinhäusern, von denen die meisten klein sind und aus den frühen Vierzigerjahren stammen. Als ich an meiner Laufstrecke angelangt war, war ich aufgewärmt genug, um in Joggingtempo zu verfallen. Danach musste ich nur noch mit meinen protestierenden Körperteilen zurande kommen, die sich aber nach und nach in den gleichmäßigen Rhythmus fügten. Vierzig Minuten später war ich wieder zu Hause, außer Atem und verschwitzt, doch im Hochgefühl der Pflichterfüllung. Ich betrat meine Wohnung, zog die Joggingklamotten aus und nahm eine kurze, heiße Dusche. Als ich bereits beim Abtrocknen war, klingelte das Telefon. Ich wickelte mir das Handtuch wie einen Sarong um den Körper und nahm den Hörer ab. »Kinsey? Reba hier. Störe ich gerade?« »Na ja, ich bin patschnass, aber eine Minute halte ich durch, bevor ich zu frösteln anfange. Was gibt’s denn?« »Nicht viel. Pop hat sich nicht wohl gefühlt und ist ins Bett gegangen. Die Haushälterin ist gerade gegangen, und die Pflegerin hat angerufen und gesagt, dass sie sich ein bisschen verspätet. Ich wollte nur fragen, ob Sie Lust hätten, mit mir essen zu gehen.« »Klar. Kann ich machen. Woran hatten Sie denn gedacht?« »Haben Sie nicht ein Lokal bei Ihnen in der Nähe erwähnt?« »Rosie’s Tavern. Da wollte ich sowieso hin. Ich würde es zwar nicht schick nennen, aber wenigstens ist es gleich um die Ecke.« »Ich muss einfach raus. Ich würde mich wirklich gern mit, Ihnen treffen, aber nur, wenn ich Ihre Pläne nicht störe.« »Was für Pläne denn? Sie stören mich überhaupt nicht. Haben Sie ein Auto?« »Kein Problem. Sobald die Pflegerin kommt, fahre ich los. Gegen sieben?« »Müsste klappen.« »Gut. Ich komme, sobald ich kann.« »Ich schnappe mir einen guten Tisch und warte auf Sie«, sagte ich und gab ihr die Adresse. Nachdem ich aufgelegt hatte, trocknete ich mich ab und zog eine frische Jeans, ein sauberes schwarzes T-Shirt und Turnschuhe an. Dann ging ich nach unten und verbrachte ein paar Minuten damit, meine bereits saubere Küche aufzuräumen. Anschließend machte ich Licht, setzte mich mit der Lokalzeitung ins Wohnzimmer und studierte Todesanzeigen und andere aktuelle Ereignisse. Um vier Minuten vor sieben ging ich noch bei Tageslicht die paar Schritte zu Rosie. Zwei Nachbarn gönnten sich einen Cocktail im Freien und plauderten über den Gartenzaun hinweg. Eine Katze überquerte die Straße und schob ihren schlanken Leib durch die Zwischenräume eines Lattenzauns. Es roch nach Jasmin. Rosie’s Tavern ist einer von sechs Kleinbetrieben in meinem Häuserblock, darunter ein Waschsalon, eine Reparaturwerkstatt für Elektrogeräte und ein Automechaniker, der immer ein paar alte Kisten in der Einfahrt stehen hat. Seit sieben Jahren esse ich drei- bis viermal die Woche bei Rosie zu Abend. Von außen sieht das Lokal schäbig aus. Es befindet sich in einem Gebäude, das früher einmal der Gemischtwarenladen des Viertels hätte gewesen sein können. Die Fenster sind zwar aus Glas, doch das Außenlicht wird von flackernden Neonschildern, Postern, Vorankündigungen und verblichenen Betriebsgenehmigungen des Gesundheitsamts abgehalten. Soweit ich mich erinnern, kann, hat Rosie nie eine bessere Einstufung als »C« bekommen. Innen ist das Lokal lang und schmal und hat eine hohe, dunkel gestrichene Decke, die aussieht, als bestünde sie aus gepresstem Blech. Grob gezimmerte Sperrholznischen bilden auf der rechten Seite ein L. Links steht ein langer Bartresen aus Mahagoni, während weiter hinten eine Schwingtür in die Küche und ein kurzer Flur zu den Toiletten führt. Der restliche Raum wird von mehreren Resopaltischen eingenommen. Die dazugehörenden Stühle haben verchromte Beine und Sitzflächen aus marmoriertem grauem Plastik, das zum Teil schon Risse hat, die anschließend mit Isolierband geflickt wurden. Die Luft riecht stets nach verschüttetem Bier, Popcorn, altem Zigarettenrauch und Pine-Sol-Putzmittel. Die Montagabende sind meistens ruhig, da sich die Nachmittagstrinker und die üblichen Sportrowdys von ihren ausschweifenden Wochenenden erholen. Meine Lieblingsnische war wie die meisten anderen frei. Ich setzte mich so, dass ich sehen konnte, wenn Reba zur Tür hereinkam. Dann las ich die Speisekarte, ein hektografiertes Blatt in einer Plastikhülle. Rosie vervielfältigt sie auf einer Maschine im Hinterzimmer, und die verschwommene Schrift ist kaum lesbar. Vor zwei Monaten hatte sie eine neuartige Form der Speisekarte aufgelegt, die einer ledergebundenen Dokumentenmappe ähnelte und in der eine handgeschriebene Liste der ungarischen Spezialitäten du Jour des Tages – wie sie sie zu nennen beliebte – aufgeführt waren. Einige dieser Speisekarten waren gestohlen und andere als gefährliche Wurfgeschosse missbraucht worden, als gegnerische Fußballmannschaften einen erhitzten Disput über das letzte große Match ausgetragen hatten. Nun hatte Rosie offenbar ihre Ambitionen in Richtung Haute Cuisine aufgegeben und verteilte wieder ihre alten hektografierten Blätter. Ich überflog die angebotenen Gerichte, wobei ich mich fragte, warum ich mir überhaupt die Mühe machte. Rosie trifft sämtliche Essensentscheidungen für mich und zwingt mich, alle, ungarischen Delikatessen zu verdrücken, die ihr in den Sinn kommen, wenn sie meine Bestellung entgegennimmt. William hatte inzwischen seine Arbeit hinter dem Tresen aufgenommen. Er machte gerade eine Pause, um seinen Puls zu messen, indem er sich zwei Finger der einen Hand auf die Halsschlagader presste und in der anderen seine verlässliche Taschenuhr hielt. Henry kam herein und warf einen Blick in seine Richtung. Er wählte einen Tisch im vorderen Teil des Lokals und setzte sich demonstrativ mit dem Rücken zur Bar. Nun kam Rosie hinter der Bar hervor, in der Hand ein Glas des stichigen Weißweins, den sie als Chardonnay verkauft. An ihrem Scheitel war ein zweieinhalb Zentimeter breiter grauer Ansatz zu erkennen. Bisher hat sie immer behauptet, Mitte sechzig zu sein, aber inzwischen schweigt sie sich dermaßen hartnäckig zu dem Thema aus, dass ich vermute, sie hat die Grenze zu den siebzig überschritten. Sie ist klein, hat eine Hühnerbrust, und der rote Anteil ihrer Haare ist in einem Farbton irgendwo zwischen Zinnoberrot und gebranntem Ocker gefärbt. Sie stellte den Wein vor mich hin. »Ist neu. Sehr gut. Erst probieren, dann mir sagen, wie dir schmeckt. Ich spare zwei Dollar pro Flasche im Vergleich mit andere Marke.« Ich nahm einen kleinen Schluck. »Sehr gut«, sagte ich, während mir der Wein den Zahnschmelz zerfraß. »Henry und William reden offenbar nicht mehr miteinander.« »Ich sage William, er soll sich um seine eigene Kram kümmern, aber er hört nicht auf mich. Ist Schock für mich, dass eine Frau kann spalten die zwei Brüdern.« »Sie werden’s überwinden«, sagte ich. »Was hältst du denn von der Situation? Glaubst du, Mattie hat ernste Absichten in Bezug auf Henry?« »Was weiß ich? Diese Henry ist eine gute Fang. Du hättest sollen sehen, wie die kleinen alten Damen mit ihm flirten auf, Kreuzfahrt. War witzig. Andererseits ihr Mann ist gestorben. Vielleicht sie will keine neue Bindung mit eine Mann. Vielleicht sie will ihre Freiheit und Henry als gute Freund.« »Genau das habe ich auch schon befürchtet, aber William ist überzeugt, dass mehr dahinter steckt.« »William ist überzeugt, dass sie nur noch zwei Jahre Leben hat. Er will, dass Henry sich beeilt, ehe sie tot umfällt demnächst.« »Das ist doch albern. Sie ist noch nicht einmal siebzig.« »Sehr jung«, murmelte Rosie. »Ich für meine Teil hoffe, dass ich sehe so gut aus, wenn ich in ihre Alter komme.« »Wirst du bestimmt«, beruhigte ich sie. Ich griff nach der Speisekarte und gab vor, sie zu studieren. »Ich warte noch auf jemanden, deshalb will ich noch nicht bestellen. Ehrlich gesagt klingt das hier alles ziemlich gut. Was empfiehlst du denn?« »Gut, dass du fragst. Für dich und deine Freund ich mache Krumpli Paprikas. Ist Eintopf aus gekochte Kartoffeln, Zwiebel und was bei euch heißt Wiener geschnitten in Stücke. Wird serviert mit Roggenbrot, und dazu gibt entweder Gurkensalat oder eingelegte Essiggemüse. Was du willst? Ich glaube Essiggemüse«, sagte sie und kritzelte auf ihren Block. »Essiggemüse, meine Leibspeise. Und so passend zum Wein.« »Ich bringe Essen, sobald er kommt.« »Es ist eine Freundin, kein Freund.« »Ein Jammer«, sagte sie kopfschüttelnd, ehe sie ein Ausrufezeichen auf ihren Block schrieb und hinter die Bar zurückkehrte. Um Viertel nach sieben erschien Reba. Sie blieb an der Tür stehen und sah sich im Lokal um. Als sie mich winken sah, ging sie auf meine Nische zu. Nun trug sie nicht mehr Jeans und T- Shirt, sondern eine Stoffhose, einen roten Baumwollpullover und Sandalen. Ihre Gesichtsfarbe war frischer, und ihre Augen, wirkten im perfekten Oval ihres Gesichts riesig. Die Stacheln waren aus ihrem Haar verschwunden, von dem sie sich einige Strähnen hinter die Ohren gesteckt hatte, wo sie nun wie bei einem Kobold hervorstanden. An meinem Tisch angelangt, rutschte sie auf ihrer Seite auf die Bank. »Tut mir Leid, dass ich zu spät komme«, sagte sie, »aber ich musste ein Taxi nehmen. Mein Führerschein ist nämlich abgelaufen, während ich im Knast war, und ich hatte Angst, ich könnte angehalten werden, wenn ich mich ohne auf den Weg mache. Ich hätte zwar vom Gefängnis aus eine Verlängerung beantragen können, habe mich aber nie dazu aufgerafft. Vielleicht können wir morgen mal zur Führerscheinstelle fahren.« »Sicher. Kein Problem. Soll ich Sie um neun abholen? Dann können wir uns um Ihren Führerschein kümmern und anschließend alle anderen Besorgungen erledigen, die Ihnen vorschweben.« »Vielleicht ein paar Klamotten. Ich könnte was Neues gebrauchen.« Reba reckte den Hals und suchte rasch den Raum hinter sich ab, wo nach und nach weitere Gäste eintrudelten. »Hätten Sie was dagegen, die Plätze zu tauschen? Ich mag es nicht, mit dem Rücken zum Lokal zu sitzen.« Ich rutschte auf meiner Seite aus der Nische und tauschte die Plätze mit ihr, obwohl ich in Wirklichkeit nicht lieber als sie mit dem Rücken zum Raum saß. »Wie sind Sie damit im Gefängnis klargekommen?« »Dort habe ich ja gelernt, meine Kehrseite im Auge zu behalten. Ich vertraue nur dem, was ich sehen kann. Alles andere ist für meinen Geschmack viel zu beängstigend.« Sie nahm sich eine Speisekarte und überflog sie. »Hatten Sie denn Angst?« Sie hob ihre riesigen dunklen Augen und sah mich mit schwindendem Lächeln an. »Zuerst schon. Nach einiger Zeit war ich weniger verängstigt als vielmehr vorsichtig. Die, Aufseherinnen waren dabei allerdings das geringste Problem. Ich habe etwa zwei Sekunden gebraucht, um rauszukriegen, wie ich mit denen am besten zurechtkomme.« »Und zwar wie?« »Durch Fügsamkeit. Ich war nett. Höflich. Ich habe getan, was man mir gesagt hat, und sämtliche Vorschriften eingehalten. Es war wirklich kein großer Aufwand und hat mir das Leben wesentlich erleichtert.« »Was war mit den anderen Gefangenen?« »Die meisten waren in Ordnung. Aber nicht alle. Manche Frauen waren fies, also durfte man ihnen gegenüber keine Schwäche zeigen. Wenn man an irgendeinem Punkt nachgab, sind sie über einen hergefallen wie die Fliegen. Ich habe Folgendes gelernt: Wenn mir irgendeine blöde Kuh ins Gesicht springt, mache ich genau das Gleiche mit ihr. Wenn sie nachlegt, mache ich das ebenfalls und steige immer höher ein, bis sie irgendwann begriffen hat, dass sie mich besser in Ruhe lässt. Das Problem dabei war nur, dass man ja nicht erwischt werden wollte, erst recht nicht bei irgendwas im Zusammenhang mit Gewalt – dafür hat man nämlich böse bluten müssen –, also musste man einen Weg finden, wie man sich behauptet, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.« »Wie haben Sie das geschafft?« Sie lächelte. »Ach, ich hatte so meine kleinen Tricks. Vor allem habe ich mich nie mit jemandem angelegt, der sich nicht zuerst mit mir angelegt hat. Mein Ziel war Ruhe und Frieden. Du gehst deinen Weg und ich meinen. Nur manchmal ist es eben nicht so gelaufen, und dann musste man zu anderen Mitteln greifen.« Sie starrte auf die Speisekarte. »Was ist denn das hier für Zeug?« »Das sind alles ungarische Gerichte, aber Sie brauchen sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Rosie hat bereits entschieden, was wir essen. Sie können mit ihr streiten, wenn Sie wollen,, aber Sie werden den Kürzeren ziehen.« »Hey, genau wie im Knast. Was für eine schöne Erinnerung.« Rosie kam mit einem zweiten Glas von ihrem minderwertigen Wein an unseren Tisch. Ehe sie es vor Reba abstellen konnte, griff ich danach. »Danke. Den nehme ich. Und Sie, Reba? Was möchten Sie trinken?« »Ich möchte Eistee.« Rosie notierte es gewissenhaft, wie eine Journalistin. »Mit oder ohne süß?« »Lieber ohne.« »Ich bringe Zitrone dazu in kleine Windel, dann können Sie in Ihre Tee quetschen, ohne dass Kerne rausfallen.« »Danke.« »Ich hätte sowieso abgelehnt«, sagte Reba, als Rosie gegangen war. »Es macht mir aber nichts aus, Ihnen beim Weintrinken zuzusehen.« »Ich war mir nicht sicher. Und ich will kein schlechter Einfluss sein.« »Sie? Ausgeschlossen. Keine Sorge.« Sie legte die Speisekarte beiseite und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. »Sie haben noch mehr Fragen. Ich sehe es Ihnen an.« »Stimmt. Weswegen haben die fiesen Frauen denn gesessen?« »Mord, Totschlag. Viele auch wegen Drogenhandel. Die Lebenslänglichen waren die schlimmsten, denn was hatten die schon zu verlieren? Hätte man ihnen etwa mit Verhaftung drohen sollen? Großes Drama. Wirklich schlimm.« »Ich könnte es nicht ertragen, all diese Leute um mich zu haben. Hat Sie das nicht tierisch genervt?« »Es war schrecklich, ja. Frauen, die in enger Gemeinschaft miteinander leben, kriegen irgendwann alle den gleichen Monatszyklus. Vermutlich hat es was mit primitiven, Überlebensvorteilen zu tun – wenn alle Frauen zur selben Zeit fruchtbar sind. Von PMS ganz zu schweigen. Wenn dann noch gleichzeitig Vollmond war, ist der Laden zum Irrenhaus geworden. Stimmungsumschwünge, Streitereien, Heulkrämpfe, Selbstmordversuche.« »Glauben Sie, dass es Sie korrumpiert hat, unter abgebrühten Kriminellen zu leben?« »Mich korrumpiert? Inwiefern?« »Haben Sie denn keine neuen und besseren Methoden gelernt, wie man die Gesetze brechen kann?« Sie lachte. »Soll das ein Witz sein? Wir haben alle gesessen, weil wir erwischt worden sind. Warum soll ich mir von einem Haufen Nieten etwas aneignen? Außerdem hocken Frauen nicht herum und versuchen anderen Frauen beizubringen, wie man Banken überfällt oder Diebesgut vertickt. Sie reden darüber, was für miserable Anwälte sie hatten und ob ihr Fall in Berufung geht. Sie reden über ihre Kinder und ihre Freunde und darüber, was sie vorhaben, wenn sie rauskommen, wozu meistens Essen und Sex gehören – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.« »Gab es auch etwas Positives?« »Na klar. Ich bin clean und trocken. Säufer und Drogis landen unweigerlich wieder im Knast. Sie kommen auf Bewährung raus, und im Handumdrehen sitzen sie wieder im Bus und stehen in der Aufnahme. Die Hälfte von ihnen kann sich nicht einmal daran erinnern, was sie gemacht haben, solange sie draußen waren.« »Wie haben Sie überlebt?« »Ich bin im Hof spazieren gegangen oder habe Bücher gelesen, manchmal bis zu fünf Stück die Woche. Ich habe Nachhilfe gegeben. Manche Mädels konnten kaum lesen. Sie waren nicht dumm; es hat ihnen bloß nie jemand beigebracht. Ich habe ihnen die Haare gemacht und mir Bilder von ihren Kindern angesehen. Es war hart, mit anzusehen, wie sie versucht, haben, den Kontakt zu halten. Die Telefone waren ständig umkämpft. Wenn man nachmittags jemanden anrufen wollte, musste man in aller Herrgottsfrühe seinen Namen auf eine Liste setzen. War man dann endlich an der Reihe, hatte man maximal zwanzig Minuten. Die großen, bulligen Lesben haben sich so viel Zeit gelassen, wie sie wollten, und wenn man was dagegen hatte, tja, Pech gehabt. Ich war ein Winzling im Vergleich zu den meisten. Eins siebenundfünfzig, siebenundvierzig Kilo. Deshalb musste ich lernen, mich auf Tricks und Schliche zu verlegen. Es gibt nichts Süßeres als Rache, aber man will ja nicht seine Fingerabdrücke quer über den Tatort verstreuen. Ich kann Ihnen nur raten: Tun Sie nie etwas, das auf Sie hinweist.« »Ich werd’s mir merken.« Rosie kam mit einem Tablett zurück, auf dem Rebas Eistee, die in Mull gewickelte Zitrone und eine Portion Krumpli Paprika für jede von uns standen. Sie stellte uns Roggenbrot, Butter und Essiggemüse hin und verschwand wieder. Reba beugte sich über ihr Essen. »Ach, das ist Kümmel. Einen Moment lang dachte ich, da würde sich was bewegen.« Der Kartoffeleintopf schmeckte gut. Rosie hatte ihn in großen Porzellanschüsseln serviert und mit Kümmel abgeschmeckt. Ich wischte gerade mit meinem letzten Stück gebutterten Roggenbrots die Soßenreste auf, als ich sah, wie Reba über meine linke Schulter hinweg zum Eingang des Lokals blickte und große Augen bekam. »O Mann! Schauen Sie nur, wer da kommt.« Ich drehte mich nach links und spähte um die Ecke unserer Nische, um Rebas Blick zu folgen. Die Tür hatte sich geöffnet, und ein Mann war hereingekommen. »Kennen Sie ihn?« »Das ist Beck«, sagte sie, als würde das alles erklären. Sie schob sich aus der Nische. »Ich bin gleich wieder da.«, Ich wartete einen angemessenen Zeitraum ab, ehe ich zu den beiden spähte, die immer noch neben der Tür standen. Der Mann war groß und schlank und gab in Jeans und einer weichen schwarzen Lederjacke eine lässige Figur ab. Er hatte die Hände in den Jackentaschen und den Kragen aufgestellt. Seine Haare waren eine lohfarbene Mischung aus Blond und Braun, und sein angedeutetes Lächeln erzeugte auf beiden Seiten seines Mundes eine tiefe Falte. Neben ihm wirkte Reba winzig. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als er, was ihn zwang, sich im Gespräch aufmerksam zu ihr herabzubeugen. Ich machte mich erneut daran, meine Schüssel auszuwischen – wieder einmal gewann Essen die Oberhand über müßige Spekulationen. Kurz darauf kamen sie an den Tisch, und Reba zeigte auf ihn. »Alan Beckwith. Ich habe früher für ihn gearbeitet. Das ist Kinsey Millhone.« Er streckte die Hand aus. Sein Handgelenk war schmal, die Finger lang und schlank. »Schön, Sie kennen zu lernen. Die meisten nennen mich Beck.« Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er hatte feine Linien im Gesicht, aber ansonsten straffe Haut. »Ganz meinerseits«, sagte ich und schüttelte ihm die Hand. »Wollen Sie sich zu uns setzen?« »Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich möchte nicht stören.« »Wir plaudern nur«, sagte ich. »Setzen Sie sich doch.« Reba rutschte auf ihrer Seite der Nische als Erste hinein und beeilte sich, ihm Platz zu machen. Er setzte sich etwas schief hin und streckte die langen Beine aus. Obwohl er ordentlich rasiert war, war ihm bereits wieder ein Bartansatz gewachsen. Seine Augen hatten das satte, dunkle Braun von Hershey’s Kisses. Der, Duft eines Eau de Cologne stieg mir in die Nase, etwas Würziges und Leichtes. Ich hatte ihn schon einmal gesehen … nicht hier, sondern irgendwo in der Stadt, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, warum sich unsere Wege gekreuzt haben sollten. Er tippte Reba auf den Handrücken. »Na? Wie geht’s denn so?« »Gut. Es ist herrlich, wieder zu Hause zu sein.« Ich taxierte die beiden und beobachtete sie, wie sie Höflichkeitsfloskeln austauschten. Für Leute, die einmal zusammengearbeitet hatten, wirkten sie beide ziemlich verlegen, aber das konnte auch daran liegen, dass er sie an die Cops verpfiffen hatte, was wohl den meisten Beziehungen einen Dämpfer versetzen würde. »Du siehst gut aus«, sagte er. »Danke. Ich könnte einen vernünftigen Haarschnitt vertragen. Letztes Mal habe ich es selbst geschnitten. Und wie geht’s dir? Was hast du so getrieben?« »Nicht viel. Massenhaft Geschäftsreisen. Erst letzte Woche bin ich aus Panama zurückgekommen, und vielleicht muss ich noch mal hin. Wir sind jetzt in einem neuen Gebäude, einem Teil des Einkaufszentrums, das letztes Frühjahr fertig geworden ist. Restaurants und Läden. Es ist richtig schick.« »Daran ist noch gebaut worden, als ich weg bin, und ich weiß noch gut, wie nervig das war. Herzlichen Glückwunsch.« »Hast du es schon gesehen?« »Noch nicht. Muss praktisch für dich sein, mitten in der Stadt zu arbeiten.« »Absolut«, bestätigte er. Sie lächelte. »Was macht die Büromeute? Ich hab gehört, Onni hat meine alte Stelle übernommen. Kommt sie zurecht?« »Sie macht sich gut. Sie hat zwar eine Weile gebraucht, bis sie, das System kapiert hat, aber jetzt beherrscht sie’s. Bei den anderen ist praktisch alles beim Alten.« Was spürte ich? Ich sondierte die Luft mit meinen kleinen Fühlern und versuchte, das Wesen der Spannung zwischen ihnen zu ergründen. Gelassen hörte ich zu, während Beck fortfuhr. »Ich habe ein neues Projekt. Ein Geschäftsgebäude in der Nähe von Merced. Kürzlich habe ich ein paar Leute getroffen, die Kapital zum Investieren haben, also ziehen wir vielleicht gemeinsam etwas auf. Ich wollte hier nur schnell auf gutes Gelingen einen trinken, bevor ich nach Hause fahre.« Er verlagerte seine Aufmerksamkeit, um mich ins Gespräch einzubeziehen. Ein geschickter Schachzug. Er schwenkte einen Finger zwischen Reba und mir hin und her wie einen Scheibenwischer. »Woher kennt ihr beiden euch eigentlich?« Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Reba kam mir zuvor. »Eigentlich kennen wir uns gar nicht richtig. Wie haben uns heute Morgen zum ersten Mal gesehen, als sie mich abgeholt und nach Hause gebracht hat. Daheim festzusitzen hat mich wahnsinnig gemacht. Pop ist früh schlafen gegangen, und ich war zu aufgedreht zum Nichtstun. Die Stille ist mir total auf den Geist gegangen, und da habe ich sie angerufen.« Er wandte mir seinen Blick zu. »Wohnen Sie hier in der Nähe?« »Einen halben Block von hier. Ich habe eine kleine Wohnung gemietet. Zufälligerweise sitzt mein Vermieter gleich da drüben«, erklärte ich und wies auf Henry an seinem Tisch im vorderen Teil des Lokals. »Der Barkeeper ist sein älterer Bruder William, der wiederum mit Rosie verheiratet ist, der Besitzerin dieses Lokals.« Beck lächelte. »Also bleibt alles in der Familie.« Er war einer der Männer, die genau wissen, wie einnehmend es wirkt, wenn man sich total auf die Person konzentriert, mit der man spricht., Keine schlecht kaschierten Blicke auf die Uhr, keine heimliche Blickverlagerung, um zu sehen, wer zur Tür hereinkam. Er wirkte so geduldig wie eine Katze, die auf einen Felsspalt starrt, in dem eine Eidechse verschwunden ist. »Wohnen Sie auch hier in der Gegend?«, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. »Ich wohne in Montebello, dort, wo sich East Glen und Cypress Lane kreuzen.« Ich stützte das Kinn in die Hand. »Irgendwo habe ich Sie aber schon mal gesehen.« »Ich bin von hier, in Santa Teresa geboren und aufgewachsen. Meine Eltern hatten ein Haus in Horton Ravine, aber sie sind jetzt schon seit Jahren tot. Meinem Dad hat das Clements gehört«, erklärte er. Das Clements war ein dreistöckiges Luxushotel, das Ende der Siebzigerjahre eingegangen war. Sämtliche nachfolgenden Besitzer waren ebenfalls gescheitert, woraufhin das Gebäude in ein Seniorenheim umgewandelt worden war. Wenn ich mich recht erinnerte, war sein Vater an vielen Unternehmen in der Stadt beteiligt gewesen. Großes Geld. Ich wandte den Kopf und sah Rosie mit leerem Tablett auf uns zustapfen, den Blick auf Beck gerichtet und so direkt und unaufhaltsam in ihrem Anmarsch wie eine Rakete mit Zielsuchsteuerung. Am Tisch angelangt, richtete sie ostentativ alle ihre Bemerkungen an mich, ein kleiner Tick von ihr. Sie sieht Fremden nur selten in die Augen. Ob Mann oder Frau macht dabei für sie keinen Unterschied. Jede neue Bekanntschaft wird wie ein seltsames Anhängsel von mir behandelt. Die Wirkung war in diesem Fall kokett, was ich für eine Frau ihres Alters unpassend fand. »Möchte dein Freund etwas trinken?« »Beck?«, sagte ich. »Haben Sie Single-Malt Scotch?« Sie wand sich geradezu vor Vergnügen und warf ihm aus den, Augenwinkeln einen anerkennenden Blick zu. »Speziell für ihn ich habe MaCallum’s. Ist vierundzwanzig Jahre alt. Sie wollen pur oder auf Eis?« »Eis. Einen doppelten und ein Glas Wasser zum Nachspülen. Danke.« »Aber gern.« Sie räumte den Tisch ab und lud Geschirr und Besteck auf ihr Tablett. »Er möchte essen vielleicht?« Er lächelte. »Nein danke. Es riecht herrlich, aber ich habe gerade gegessen. Vielleicht nächstes Mal. Sind Sie Rosie?« »Ja.« Er erhob sich und reichte ihr die Hand. »Eine Ehre, Sie kennen zu lernen. Alan Beckwith«, stellte er sich vor. »Ein tolles Lokal haben Sie hier.« Statt eines richtigen Handschlags gewährte ihm Rosie die kurze Inbesitznahme ihrer Fingerspitzen. »Nächste Mal ich koche was Besonderes für Sie. Was Ungarisches, was Sie noch nie haben gegessen, bis Sie bekommen bei mir.« »Abgemacht. Ich liebe die ungarische Küche.« »Waren Sie schon in Ungarn?« »Einmal in Budapest, vor ungefähr sechs Jahren …« Verstohlen verfolgte ich das Geplänkel zwischen den beiden. Rosie wurde immer mädchenhafter, je länger ihre Plauderei sich fortsetzte. Beck war für meinen Geschmack zu glatt, aber ich musste ihm zugute halten, dass er sich Mühe gab. Die meisten Menschen finden Rosie schwierig, was sie auch ist. Sobald Rosie weg war, um seinen Drink zu holen, wandte sich Beck wieder Reba zu. »Wie geht’s deinem Dad? Ich habe ihn vor zwei Monaten gesehen, und da sah er nicht besonders aus.« »Es geht ihm auch nicht gut. Und ich wusste gar nichts davon. Ich war schockiert, als ich gesehen habe, wie viel er abgenommen hat. Du weißt ja, dass er an einem Schilddrüsentumor operiert worden ist. Dann hat sich, herausgestellt, dass er Polypen an den Stimmbändern hat, also hat er sich die auch noch wegmachen lassen müssen. Er ist immer noch wacklig auf den Beinen.« »Das tut mir Leid. Er hat immer so vital gewirkt.« »Na ja, jetzt ist er eben siebenundachtzig. Irgendwann muss er ja einen Gang runterschalten.« Rosie kehrte zurück und brachte Beck ein gut eingeschenktes Glas Scotch auf Eis und eine kleine Karaffe Wasser. Sie stellte den Whisky auf einen Bierfilz und reichte Beck eine winzige Cocktailserviette. Mir fiel auf, dass sie ihr Tablett sogar mit einem Spitzendeckchen geschmückt hatte. Wäre der Mann meine Begleitung gewesen, hätte sie schon mal für den Hochzeitsanzug Maß genommen. Er hob sein Glas, nahm einen kleinen Schluck und warf ihr einen anerkennenden Blick zu. »Hervorragend. Vielen Dank.« Widerwillig zog Rosie ab, aber ihr fiel wohl keine weitere Dienstleistung ein, die sie hätte erbringen können. Beck wandte sich erneut an mich. »Sind Sie auch von hier?« »Ja.« »Auf welcher Highschool waren Sie denn?« »S.T.« »Ich auch. Vielleicht kennen wir uns daher. Wann haben Sie Ihren Abschluss gemacht?« »1967. Und Sie?« »Ein Jahr vor Ihnen – 1966. Komisch, dass ich mich nicht an Sie erinnern kann. Normalerweise habe ich für so was ein gutes Gedächtnis.« Ich korrigierte sein Alter auf achtunddreißig. »Ich war ein Mauerhocker«, erklärte ich und spielte damit auf meine Zugehörigkeit zu den verrufenen Jugendlichen an, die immer auf der niedrigen Mauer im hinteren Teil des Schulgeländes saßen, dort, wo die Anhöhe zu der dahinter gelegenen Straße abfiel., Wir rauchten Zigaretten und Joints und kippten gelegentlich Wodka in unsere Limoflaschen. Nach späteren Maßstäben war das harmlos, aber zu unserer Zeit galt es als ausgeflippt. »Na so was«, sagte er. Er warf mir einen kurzen, forschenden Blick zu und griff nach der Speisekarte. »Wie ist das Essen hier?« »Nicht schlecht. Mögen Sie die ungarische Küche wirklich, oder haben Sie sich das ausgedacht?« »Warum sollte ich in so einem Punkt lügen?« Er äußerte den Satz leichthin, doch er könnte alles Mögliche damit gemeint haben – zum Beispiel, dass er sich nie die Mühe machen würde, über Banalitäten oder Nebensächlichkeiten zu lügen. »Warum fragen Sie?« »Es wundert mich, dass Sie früher noch nie hier waren.« »Ich habe das Lokal beim Vorbeifahren gesehen, aber offen gestanden kam es mir immer wie eine derart finstere Spelunke vor, dass ich mich nie hineingewagt habe. Jetzt hatte ich gerade eine Besprechung mit ein paar Leuten und dachte mir, ich schaue mal rein, wo ich ohnehin in der Gegend bin. Jedenfalls ist es von innen schöner als von außen, das steht fest.« Mit einem leisen Fiepen stellten sich meine Antennen auf. Das war nun schon das zweite Mal, dass er erklärt hatte, wie es dazu gekommen war, dass er hier gelandet war. Ich hob mein Glas und trank einen Schluck schlechten Wein. Er schmeckte im Grunde wie ein Mittel, mit dem man sich nach einem Tag am Strand den Teer von den Füßen entfernt. Reba spielte mit dem Strohhalm in ihrem Eistee. Als ich zwischen den Gesichtern der beiden hin- und herschaute, begriff ich, wie dumm ich gewesen war. Reba hatte alles von langer Hand vorbereitet. Das Essen mit mir war lediglich ein Deckmantel für ihr Treffen mit ihm, aber wozu die Finte? Ich drehte mich so, dass ich mit dem Rücken zur Seitenwand saß, die Füße auf der Sitzbank. Ich gab mich, gelassen und sah zu, wie sich die Inszenierung weiter- entwickelte. »Sie machen in Immobilien?«, erkundigte ich mich. Er kippte die Hälfte des noch in seinem Glas befindlichen Whiskys und verdünnte den Rest mit Wasser. Dann schwenkte er das Glas und ließ die Eiswürfel klirren. »Genau. Ich habe eine Investmentfirma. Hauptsächlich Bauträgerschaften. Gelegentlich übernehme ich auch Vermögensverwaltungen, aber momentan eher weniger. Und Sie?« »Ich bin Privatdetektivin.« Er lächelte nachdenklich. »Nicht schlecht für eine Frau, die ihre Laufbahn mit Rumhängen hinter der Schule begonnen hat.« »Hey, das war ein gutes Training. Wenn man mit einem Haufen angehender Krimineller rumhängt, lernt man, wie sie denken.« Ich schaute demonstrativ auf die Uhr. »Ah. Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, Reba, aber ich muss mich auf die Socken machen. Mein Auto steht nur einen halben Block von hier. Ich hole es schnell, dann kann ich Sie nach Hause fahren.« Beck sah Reba mit gespieltem Erstaunen an. »Hast du denn kein Auto?« »Ein Auto schon, aber keinen Führerschein. Meiner ist abgelaufen.« »Soll ich dich nicht mitnehmen? Dann kann sie sich den Weg sparen.« »Es macht mir nichts aus«, sagte ich. »Ich habe meine Autoschlüssel dabei.« »Nein, nein. Ich fahre sie gern. Sie brauchen sich keine Umstände zu machen.« »Das stimmt«, ergänzte Reba. »Für ihn ist es weniger Aufwand als für Sie.« »Sind Sie sicher?« »Auf jeden Fall«, sagte Beck. »Es liegt auf meinem Weg.« »Na gut, mir soll’s recht sein. Sie können ja noch bleiben. Ich, gehe bezahlen. Sie sind eingeladen«, erklärte ich, während ich aus der Nische schlüpfte. »Danke. Ich übernehme das Trinkgeld.« »War nett, Sie kennen zu lernen.« Ich schüttelte Beck erneut die Hand und sah dann Reba an. »Dann bis morgen früh um neun. Soll ich vorher noch anrufen?« »Nicht nötig. Kommen Sie einfach, wann es Ihnen passt«, erwiderte sie. »Ehrlich gesagt würde ich jetzt auch gern nach Hause fahren. Es war ein langer Tag, und ich bin echt erledigt. Ist dir das recht?« »Was immer du willst.« Beck trank den verwässerten Whisky, der noch in seinem Glas war. Ich ging zur Bar und bezahlte. Als ich einen Blick nach hinten warf, bekam ich mit, dass Beck bereits aufgestanden war und seinen Geldclip in der Hand hielt. Ich sah, wie er zwei Scheine fürs Trinkgeld herauszog – wahrscheinlich Fünfer, da er ja so scharf darauf war, Eindruck zu schinden. Sie warteten auf mich, damit wir gemeinsam hinausgehen konnten. Henry war mittlerweile verschwunden, doch nach und nach trudelten massenhaft abendliche Schluckspechte ein. Draußen war es dunkel, da der Mond noch nicht aufgegangen war. Die Luft war klar und still, abgesehen vom Zirpen der Grillen. Selbst das Rauschen der Brandung wirkte gedämpft. Zu dritt schlenderten wir auf die Kreuzung zu und plauderten Belangloses. »Ich stehe da unten«, sagte Beck und zeigte auf die im Dunkeln gelegene Seitenstraße zu unserer Rechten. »Was für einen Wagen fahren Sie?«, fragte ich. »Einen 87er Mercedes. Die Limousine. Und Sie?« »Einen 74er Volkswagen. Den Käfer. Bis bald.« Ich winkte und ging weiter, während die beiden abbogen. Fünfzehn Sekunden später hörte ich den zweifachen Knall ihrer, zuschlagenden Autotüren. Ich blieb stehen und wartete auf das Geräusch eines anspringenden Motors. Nichts. Vielleicht hatten sie beschlossen, noch eine Weile zu plaudern. Ich ging bis zu meinem Gartentor, schob mich hindurch und lauschte dem vertrauten Quietschen der Scharniere, ehe ich den Weg nach hinten entlangging. Vor meiner Tür angelangt, zögerte ich und sann über Reba und Beck nach. Vielleicht hatte ich mich doch in ihnen getäuscht. Meine Neugier gewann die Oberhand. Ich ließ meine Tasche auf der Veranda stehen, tappte über den Rasen und überquerte Henrys geflieste Terrasse, bis ich schließlich vor dem Maschendrahtzaun stand, der entlang dem hinteren Ende des Grundstücks verläuft. Ich tastete mich von einem Pfosten zum nächsten voran, bis ich an Henrys Garage angekommen war. Dort blieb ich stehen, schob den Zaun zur Seite und schlüpfte durch die Lücke, die dort entstanden war, wo die Befestigung sich gelockert hatte. Mein Herz klopfte heftig, und vor lauter Erwartung begann es, in meinem Bauch zu rumoren. Ich liebe diese nächtlichen Abenteuer, bei denen ich lautlos durch finstere Gärten schleiche. Zum Glück nahm keiner der nachbarlichen Köter Witterung auf, und so konnte ich meinen Streifzug ohne einen Chor schrillen Warngekläffs fortsetzen. Am Ende der Gasse angelangt, wandte ich mich nach rechts in die Seitenstraße und musterte beim Weitergehen Formen und Formate der rechts und links geparkten Autos. Die einzelne Straßenlampe gab nur wenig Licht, doch nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich ohne weiteres Becks Mercedes ausmachen. Sämtliche anderen Fahrzeuge waren Kleinwagen, Minivans oder Pick-ups. Ich sah ihn im Profil, da er halb zur Seite gedreht im Fahrersitz lümmelte, Reba zugewandt. Ich blieb zehn Minuten stehen, und als sich nichts tat, verzog ich mich leise und schlich denselben Weg zurück. Ich betrat meine Wohnung und stellte meine Tasche auf einen Küchenhocker. Es war fünf nach acht. Ich machte den Fernseher, an und sah mir den ersten Teil eines Films an, der trotz der nervtötenden Werbeunterbrechungen sogar richtig lustig war. Dabei nahm ich mir fest vor, nicht versehentlich irgendeines der angepriesenen Produkte zu kaufen. Um neun schaltete ich den Ton aus und ging in die Küche, wo ich eine Flasche Chardonnay aufmachte und mir ein Glas davon einschenkte. Ganz spontan zog ich einen Topf mit Deckel und eine Flasche Maiskeimöl heraus. Ich schaltete die vordere Kochplatte an, stellte den Topf darauf und gab etwas Öl hinein. Dann durchsuchte ich meinen Küchenschrank nach der Tüte Popcorn, die ich vor Monaten gekauft hatte. Ich wusste, dass es nicht mehr frisch schmecken würde, aber dafür konnte man länger daran kauen. Ich maß einen Becher Maiskörner ab und warf sie in den Topf. Während die Geräusche des Popcorns sich beschleunigten wie das Finale eines Feuerwerks, behielt ich den Fernsehbildschirm im Auge. Zum Glück ist meine Wohnung so kompakt, dass ich kochen, fernsehen, eine Ladung Wäsche in die Maschine geben oder die Toilette benutzen kann, ohne mich mehr als drei oder vier Meter zu bewegen. Mit Wein und Popcorn kehrte ich zum Sofa zurück, legte die Füße auf den Couchtisch und sah mir den Film zu Ende an. Als um elf Uhr die Nachrichten anfingen, verließ ich die Wohnung und folgte demselben Schleichweg durch die Gasse, bis ich in der kaum beleuchteten Straße ankam, in der ich zuvor schon gewesen war. Becks Mercedes stand immer noch da, auf seinem Parkplatz am Straßenrand. Die Heckscheibe war mit Kondenswasser überzogen, das so blass wirkte wie ein Gazeschleier. Anstelle von Becks Profil sah ich Rebas Beine. Den Kopf hatte sie vermutlich unten in der Nähe des Lenkrads, während sie einen Fuß aufs Armaturenbrett und den anderen gegen die Beifahrertür stemmte, damit sie nicht umfiel, während Beck im beengten Raum des lederbezogenen Fahrersitzes sein Bestes gab. Ich schlich nach Hause zurück, und als ich um Mitternacht noch einmal nachsah, war der Wagen weg., Die Tore zum Anwesen der Laffertys standen offen, und als ich die Einfahrt hinauffuhr, saß Reba wartend auf der Verandatreppe, den Kater zu Füßen. Sie hatte eine Bürste in der Hand und striegelte ihm das Fell, während er hin und her stolzierte und gegen die Borsten die Haare sträubte. Als sie mich sah, gab sie ihm einen Kuss und legte die Bürste weg. Sie ging zur Haustür, zog die Fliegentür auf und rief ihrem Vater oder der Haushälterin zu, dass sie jetzt ginge. Ich musste grinsen, als sie den Weg entlanghüpfte. Sie war glücklich, in Hochstimmung, und ich dachte: Siehst du, so wirkt Sex, Schätzchen. Sie trug Desert-Boots, Jeans und einen grob gestrickten dunkelblauen Pullover mit weitem Kapuzenkragen und wirkte unbeschwert wie ein junges Mädchen. Ihr Vater hatte sie schwierig genannt – oder vielmehr »leichtsinnig« –, aber ich hatte beim Umgang mit ihr bis jetzt noch nichts dergleichen bemerkt. Sie besaß eine angeborene Ausgelassenheit, und es war schwer, sie sich betrunken oder bekifft vorzustellen. Sie zog die Beifahrertür auf und ließ sich lächelnd und außer Atem auf den Beifahrersitz fallen. »Wie heißt denn Ihr Kater?« »Rags. Er ist ein Schatz. Siebzehn Jahre alt und wiegt acht Kilo. Der Tierarzt will ihn auf Diät setzen, aber der kann mich mal.« Sie warf den Kopf in den Nacken. »Sie wissen gar nicht, was für ein gutes Gefühl es ist, draußen zu sein. Als wäre man von den Toten auferstanden.« Ich fuhr weg vom Haus und legte einen anderen Gang ein, als ich die Einfahrt hinunter und durchs Tor fuhr. »Haben Sie gut geschlafen?« »Ja. Es war ein Genuss. Die Gefängnismatratzen sind etwa so dick wie Gartenstuhlauflagen, und die Bettwäsche ist eklig. Das, Kissen war so flach, dass ich es zusammenrollen und mir wie ein Handtuch unter den Kopf klemmen musste. Wenn ich mich abends hingelegt habe, hat meine Körperwärme immer einen seltsamen Geruch im Bettzeug hervorgerufen.« Sie rümpfte die Nase. »Und wie war das Essen?« »Nicht vollkommen übel. Ich würde sagen, das Essen rangierte zwischen passabel und widerlich. Was uns gerettet hat, war, dass wir Tauchsieder in den Zellen haben durften. Sie kennen doch die Dinger, mit denen man eine Tasse Tee heiß machen kann? Wir sind auf alles Mögliche gekommen, was wir mit unseren fabrizieren konnten – japanische Nudeln, Suppen, geschmorte Tomaten in der Dose. Früher, bevor ich im Knast war, habe ich geschmorte Tomaten nicht einmal gemocht. Manchmal hat es in den Zellen gestunken: verbrannter Kaffee oder Bohnenpüree, das am Topfboden haften geblieben ist. Meistens habe ich abgeschaltet und alles ausgeblendet. Ich habe ein unsichtbares Kraftfeld zwischen mir und der Außenwelt aufgebaut. Sonst wäre ich durchgedreht.« »Hatten Sie Freundinnen?« »Ein paar, und die waren mir eine große Hilfe. Meine beste Freundin war Misty Raine, mit ›e‹ am Schluss. Sie ist Stripperin – was Wunder mit so einem Namen –, aber sie ist echt zum Brüllen. Bevor sie nach Kalifornien gekommen ist, hat sie in Vegas gewohnt, aber nachdem sie sie entlassen hatten und die Bewährungsfrist abgelaufen war, ist sie nach Reno gezogen. Sie meint, dort ist mehr los als in Vegas. Sie hat immer den Kontakt zu mir gehalten. Mann, sie fehlt mir wahnsinnig.« »Warum war sie im Gefängnis?« »Sie hatte einen Freund, der ihr gezeigt hat, wie man Kreditkarten klaut und Schecks fälscht – ›Tapeten‹ heißt das unter Eingeweihten. Dann haben sie das Geld mit beiden Händen ausgegeben, sind in Luxushotels abgestiegen und haben, sich auf Kreditkarte alles geleistet, worauf sie Lust hatten. Irgendwann haben sie die eine Karte weggeworfen, eine andere geklaut und sind weitergezogen. Später kamen falsche Identitäten dazu. Sie hat eine richtig künstlerische Ader, und da sind sie draufgekommen, dass sie phänomenal Pässe, Führerscheine und so was fälschen kann. Sie haben dermaßen dicke verdient, dass sie sich zwei neue Brüste hat leisten können. Bevor sie den Freund hatte, hat sie zum Mindestlohn bei einem dieser mobilen Putzdienste gearbeitet. Sie meinte, damit wäre sie nie auf einen grünen Zweig gekommen, selbst wenn sie ihr Leben lang geschuftet hätte. Meine andere Freundin, Vivian, hatte was mit einem Drogendealer. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich diese Story schon gehört habe. Er hat tausend Dollar am Tag kassiert, und sie haben gelebt wie die Könige, bis die Cops aufgetaucht sind. Es war ihre erste Straftat, und sie schwört, dass es auch ihre letzte war. Sie muss noch sechs Monate absitzen, und dann hoffe ich, dass sie hierher kommt. Ihr Freund ist schon fünfmal verknackt worden und muss noch jahrelang drinbleiben, aber das ist auch gut so. Sie ist immer noch verrückt nach dem Typen.« »So ist die wahre Liebe.« »Glauben Sie wirklich?« »Nein. Das war ironisch gemeint«, erwiderte ich. »Also haben Sie hier in der Stadt keine Freunde?« »Nur Onni, die Frau, mit der ich zusammengearbeitet habe. Ich habe sie vorhin angerufen, weil ich gehofft habe, wir könnten uns heute Nachmittag treffen, aber sie hat keine Zeit.« »Hat sie nicht Ihren alten Job übernommen?« »Genau. Sie hat ein schlechtes Gewissen deswegen, aber ich habe gesagt, sie soll nicht albern sein. Früher hat sie am Empfang gearbeitet, und das war eine Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen konnte. Warum soll ich ihr das übel, nehmen? Sie hat gesagt, sie hätte mich heute gern herumgefahren, wenn sie nicht ins Büro müsste.« Ich bog auf den Parkplatz der Führerscheinstelle ein. »Wenn Sie wollen, können Sie sich erst ein Info-Heftchen holen und es im Auto durchlesen, bevor Sie den Test machen.« »Nee. Ich bin jahrelang gefahren, also kann es nicht so schwer sein, oder?« »Ist Ihre Entscheidung. Ich bereite mich immer gern vor. Erspart einem den Angstschweiß.« »Ich liebe Angst. Die hält mich wach.« Ich wartete im Wagen. Reba blieb vierzig Minuten lang weg, eine Zeitspanne, die ich zum Teil damit verbrachte, mich über den Sitz zu hängen und das ganze Gerümpel aufzuräumen, das sich auf dem Rücksitz türmte. Meistens habe ich eine kleine Reisetasche mit Toilettenartikeln und sauberer Wäsche im Auto, für den Fall, dass ich unvermittelt in die Lage komme, ein Flugzeug besteigen zu müssen. Außerdem habe ich verschiedene Kleidungsstücke bei mir, die ich anziehen kann, wenn ich mich als Mitarbeiterin irgendwelcher offiziellen Stellen ausgebe. Ich kann ziemlich gut Postangestellte und Gas- oder Stromableser von den Stadtwerken nachmachen. Es zahlt sich aus, so zu tun, als sei ich in offizieller Mission unterwegs, wenn ich bei jemandem vor der Haustür stehe und beiläufig seine Post durchsehe. Auch habe ich mehrere Nachschlagewerke auf dem Rücksitz liegen – ein Handbuch über Spurensicherung, das kalifornische Strafgesetzbuch und ein Spanisch-Wörterbuch, das von einem Kurs übrig geblieben ist, den ich vor Jahren besucht habe. Dazu gesellten sich eine leere Sodadose, ein Flaschenöffner, ein Paar alte Joggingschuhe, eine total verfusselte Strumpfhose und eine leichte Jacke. Obwohl in meiner Wohnung Ordnung herrscht, bin ich ausgesprochen schlampig, was mein Auto betrifft. Ich blickte genau in dem Moment auf, als Reba aus der, Führerscheinstelle kam. Sie hüpfte fast über den Parkplatz und schwenkte einen Zettel, der sich als ihr vorläufiger Führerschein entpuppte. »Geschafft«, sagte sie beim Einsteigen. »Glückwunsch«, erwiderte ich. Ich drehte den Zündschlüssel um, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus dem Parkplatz. »Wohin jetzt?« »Es ist zwar erst Viertel vor elf, aber ich könnte mal wieder einen doppelten Cheeseburger vertragen.« Wir bestellten am Drive-in-Schalter, suchten uns eine Lücke auf dem Parkplatz daneben und aßen im Auto. Wir hatten uns zwei großes Cokes, zwei doppelte Cheeseburger pro Nase und eine große Portion Pommes geben lassen, die wir in Ketchup ersäuften und in Rekordtempo verputzten. »Ein Freund von mir ist wieder gesund geworden, indem er solchen Schrott gegessen hat«, sagte ich. »Wundert mich gar nicht. Ich mag es, wie flach die Gurken sind, so richtig eingematscht. Pop hat eine private Köchin, die echt super ist, aber das hier hat sie nie hingekriegt. Ich komme einfach nicht dahinter, wie sie das machen. Ganz egal, wo man ist, ein Cheeseburger schmeckt immer genau gleich, und alles andere auch – der Big Mäc, die Pommes.« »Schön, wenn man etwas hat, worauf man sich verlassen kann«, erwiderte ich. Nach dem Essen fuhren wir zum La-Cuesta-Einkaufszentrum, wo sich Reba von Laden zu Laden durcharbeitete, die Kreditkarte ihres Vaters schwenkte und Sachen anprobierte. Genau wie andere Frauen, die mir begegnet waren, schien sie ein angeborenes Gefühl dafür zu haben, was ihr stand. In den meisten Läden suchte ich mir als Erstes den nächstgelegenen Stuhl, von dem aus ich ihr wie eine liebevolle Mutter zusah, während sie die Kleiderständer durchforstete. Immer wieder nahm sie ein Kleidungsstück heraus, musterte es kritisch und hängte es wieder weg. Manchmal legte sie ein Teil auf die, anderen, die sie sich bereits über den Arm gehängt hatte. In regelmäßigen Abständen suchte sie die Umkleidekabine auf und kehrte zwanzig Minuten später zurück, nachdem sie sich entschieden hatte. Manche Teile ließ sie liegen, und den Rest häufte sie neben der Kasse auf, während sie weitersuchte. Innerhalb von zwei Stunden hatte sie Hosen, Röcke, Jacken, Unterwäsche, Oberteile, zwei Kleider und sechs Paar Schuhe erstanden. Wieder im Auto legte sie den Kopf gegen die Lehne und schloss die Augen. »Früher habe ich so vieles als selbstverständlich genommen, aber das ist ein für alle Mal vorbei. Wohin jetzt?« »Das überlasse ich Ihnen. Wohin wollen Sie denn?« »An den Strand. Ziehen wir die Schuhe aus und laufen durch den Sand.« Wir landeten am Ludlow Beach, nicht weit entfernt von meiner Wohnung. Über uns auf der Steilküste thronte das Santa Teresa City College. Der Himmel war grau bis zum Horizont, und der Wind peitschte die Wellen und wehte Gischt an den Strand. Wir schlossen unsere Schuhe zusammen mit meiner Umhängetasche und Rebas Einkäufen im Auto ein. Die Picknicktische auf der Grünfläche waren verlassen, bis auf ein paar Möwen, die sich um eine Brottüte kabbelten, die verschlossen am Rand einer Mülltonne liegen geblieben war. Reba nahm die Tüte, riss das Zellophan auf und warf die Krumen ins Gras. Die Möwen kamen kreischend aus allen Richtungen angeflogen. Wir trotteten durch einen etwa hundert Meter breiten Streifen weichen Sands zwischen dem Parkplatz und der Brandung. An der Wasserlinie schwappten die eiskalten Wellen gefährlich nahe an unsere nackten Füße. »Was ist denn da eigentlich mit Beck gelaufen?«, fragte ich. Sie warf mir ein kurzes Lächeln zu. »Es hat mich umgeworfen,, ihm so ganz zufällig über den Weg zu laufen.« »Tatsächlich? Das ist aber komisch. Ich hatte den Eindruck, Sie hätten alles von langer Hand vorbereitet.« Sie lachte. »Nein, wirklich nicht. Warum sollte ich?« »Reba.« Die großen braunen Augen richteten sich ganz auf mich. »Ehrlich. Er war der letzte Mensch, mit dem ich dort gerechnet hätte.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nicht wahr. Sie lügen mir frech ins Gesicht. Sie wollten unbedingt auf der anderen Seite der Nische sitzen, damit Sie nach ihm Ausschau halten konnten.« »Das ist nicht wahr. Ich hatte keine Ahnung, dass er dorthin kommen würde. Ich war völlig baff.« »Moment, Moment, Moment. Halten Sie mal kurz den Mund, dann sage ich Ihnen, was hier läuft. Ich lüge seit Jahren, und Sie können mir glauben, dass ich weiß, wann jemand die Wahrheit frisiert. Bei mir läuft rund um die Uhr ein Schwindelsensor. Ich habe Sie beide gestern Abend beobachtet, und es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Ich war lediglich schmückendes Beiwerk, die Person, die man früher als Anstandswauwau bezeichnet hat. Sie haben ihn vom Amt für Bewährungshilfe aus angerufen und ihm gesagt, wo Sie am Abend sein würden.« Sie schwieg einen Augenblick. »Kann sein. Aber ich war mir nicht sicher, ob er kommen würde.« »Oh, und wie er gekommen ist, falls sein Verhalten im Auto als Hinweis gelten darf.« Ihr Kopf fuhr herum, und sie starrte mich ungläubig an. »Sie haben uns nachspioniert?« »Dafür werde ich bezahlt. Wenn Sie nicht gesehen werden wollen, dann tun Sie es nicht in aller Öffentlichkeit.«, »Ist das fies!« »Reba, Ihr Vater macht sich Sorgen um Sie. Er will nicht, dass Sie wieder abstürzen.« Sie packte mich am Arm und sah mich mit ernster Miene an. »Sagen Sie es nicht Pop. Bitte. Was würde das schon bringen?« »Ich habe noch nicht entschieden, was ich tue. Es könnte allerdings hilfreich sein, wenn Sie mir verraten würden, was eigentlich abläuft.« »Darüber will ich nicht sprechen.« »Ach, probieren Sie’s doch einfach mal. Wenn Sie wollen, dass ich die Klappe halte, weihen Sie mich lieber ein.« Ich sah ihr an, wie sehr sie in Versuchung war. Welche Frau kann schon der Gelegenheit widerstehen, über einen Mann zu reden, auf den sie dermaßen steht? »Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich habe jahrelang für ihn gearbeitet, und er hat mich immer unterstützt …« »Nicht die lange Version, Darling, nur die wichtigsten Stichpunkte. Sie haben eine Affäre, stimmt’s?« »Es ist viel mehr als das. Ich bin verrückt nach ihm, und er ist verrückt nach mir.« »Das mit der Verrücktheit glaube ich gerne. Seit wann?« »Seit zwei Jahren. Na ja, vier, wenn man die zwei mitzählt, die ich weg war. Wir haben uns geschrieben und telefoniert. Wir wollten uns eigentlich heute Abend sehen, aber da ist ein AA- Treffen, zu dem ich gehen muss. Es ist besser, wenn ich dort auftauche, für den Fall, dass die Holloway es überprüft. Beck hat mich bei Pop angerufen und gesagt, dass er die Warterei nicht mehr aushält. Dann dachte ich an Rosie’s, weil ihre Kneipe so abgelegen ist, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dort irgendjemandem zu begegnen, den wir kennen. Wahrscheinlich hätte ich Ihnen alles von vornherein beichten, sollen, aber ich war mir nicht sicher, ob Sie es gutheißen würden, also habe ich es einfach gemacht.« »Und wofür haben Sie mich gebraucht? Sie sind alle beide erwachsen. Warum gehen Sie nicht in ein Motel und tun es da?« »Ich hatte Angst. Wir haben uns so lange nicht gesehen. Ich hatte Angst, die Chemie könnte weg sein.« »Ich verstehe das nicht ganz. Wie passt das zeitlich zusammen? Haben Sie den Typen gevögelt und ihn gleichzeitig beklaut?« »Wir ›vögeln‹ nicht. Wir lieben uns.« »Oh, sorry. Haben Sie ihn ›geliebt‹ und sich gleichzeitig mit all seinem schwer verdienten Geld aus dem Staub gemacht?« »So könnte man vermutlich sagen. Ich meine, ich habe gewusst, dass es falsch war, aber ich konnte nicht anders. Ich habe mich schrecklich gefühlt. Ich fühle mich jetzt noch schrecklich. Er weiß, dass ich nie etwas tun würde, was ihm wehtut.« »So viel Geld zu verlieren soll ihm nicht wehgetan haben? Ich wäre bis ins Mark erschüttert.« »Es war nichts Persönliches. Ich habe das Geld der Firma weggenommen –« »Die ihm gehört.« »Ich weiß, aber ich hab’s nicht so gesehen. Es war einfach da, und keinem Menschen schien es aufzufallen. Ich dachte die ganze Zeit, ich würde groß absahnen, und dann wollte ich alles wieder zurückzahlen. Ich hatte nie vor, es zu behalten, und auf keinen Fall wollte ich stehlen.« »Reba, genau das ist Stehlen. Sie schnappen sich das Geld von jemand anderem ohne dessen Wissen oder Einverständnis. Wenn Sie dabei eine Schusswaffe benutzen, nennt man es Raubüberfall. Weder das eine noch das andere ist ein Verhalten, mit dem man sich beliebt macht.«, Sie zuckte verlegen die Achseln. »Ich habe es als Kredit gesehen. Es war nur vorübergehend.« »Der Typ muss ein großes Herz haben.« »Hat er. Er hat versucht, mir zu helfen. Er hat getan, was er konnte. Ich weiß, dass er mir verziehen hat. Er hat es gestern Abend extra noch mal gesagt.« »Hey, das will ich Ihnen gerne glauben, aber merkwürdig ist es trotzdem. Ich meine, es ist eine Sache, zu verzeihen, aber dann auch noch die Affäre fortsetzen? Wie redet er sich das denn schön? Fühlt er sich nicht benutzt?« »Er versteht, dass ich eine selbstzerstörerische Ader habe. Das heißt nicht, dass er es akzeptiert, aber er macht es mir nicht zum Vorwurf.« »Ist es deshalb nie zum Prozess gegen Sie gekommen? Haben Sie das ihm zu verdanken?« »Zum Teil. Als ich verhaftet wurde, wusste ich, dass ich ganz unten angekommen war. Ich war schuldig wie nur was. Ich wollte einfach meine Strafe kassieren und es hinter mich bringen. Ein Prozess wäre Pop peinlich gewesen. Ich wollte ihm nicht noch eine öffentliche Blamage zumuten, nachdem ich ihm ohnehin schon so viel Ärger gemacht hatte.« »Ihr Vater hat mir gesagt, dass Beck verheiratet ist. Kommt seine Frau in der Gleichung nicht auch irgendwo vor?« »Das ist eine Vernunftehe. Sie sind schon seit Jahren nicht mehr intim miteinander.« »Ach, kommen Sie. Das sagt doch jeder verheiratete Mann.« »Ich weiß, aber bei ihm stimmt es.« »So ein Schwachsinn. Sie glauben, er verlässt sie Ihretwegen?« »Genau das wird er tun«, entgegnete sie. »Er hat schon alles eingefädelt.« »Tatsächlich?«, »Es ist alles Teil seiner Strategie, aber er muss den richtigen Moment abwarten. Wenn sie von mir erfährt, nimmt sie ihm alles weg.« »Das würde ich an ihrer Stelle allerdings auch tun.« »Gestern Abend hat er mir erzählt, dass er bald alles geregelt hat.« »Was geregelt?« Ich bekam die volle Breitseite ab – die großen, flehenden Augen und die Umklammerung am Arm, die ihre Ernsthaftigkeit beweisen sollte. »Versprechen Sie mir, dass Sie es für sich behalten.« »Das kann ich nicht! Was, wenn er einen Bankraub plant?« »Seien Sie nicht albern. Er bringt seine Finanzen auf Vordermann. Wenn er erst einmal sein ganzes Vermögen unter Dach und Fach hat, spricht er die Scheidung an. Bis dahin ist alles gelaufen, also was soll sie dann noch machen? Sie muss sich eben mit den Fakten abfinden und die Realität akzeptieren.« »Sie sollten sich mal reden hören. Sie erzählen mir hier, dass er einen Schlachtplan ausgeheckt hat, mit dem er seine Frau über den Tisch ziehen kann. Was ist er eigentlich für ein Mann? Zuerst betrügt er sie, und dann zockt er sie auch noch ab? Ach, Moment mal. Vergessen Sie’s. Gerade ist mir eingefallen, dass Sie ihn ja zuerst abgezockt haben, also sind Sie wahrscheinlich das ideale Paar.« »Sie haben keine Ahnung von Liebe. Ich wette, Sie waren in Ihrem ganzen Leben noch nie verliebt.« »Wechseln Sie nicht das Thema.« »Aber es stimmt doch, oder?« Ich rollte mit den Augen und schüttelte entnervt den Kopf. »Sie sind ein solcher Kindskopf.« »Na und? Das tut doch niemandem weh.«, »Ach ja? Und was ist mit seiner Frau?« »Sie wird sich schon wieder beruhigen, wenn erst einmal alles ausgesprochen ist.« »Haben die beiden Kinder?« »Sie wollte nie Kinder.« »Da kann man ja in diesem Fall von Glück sagen. Hören Sie, Darling. Ich weiß genau, wie Sie ticken. Ich war nämlich selbst mal mit einem verheirateten Mann liiert. Zu der Zeit hat er zwar von seiner Frau getrennt gelebt, aber verheiratet waren sie trotzdem. Und wissen Sie, was ich gelernt habe? Sie haben keine Ahnung, was sich zwischen Eheleuten abspielt. Es interessiert mich nicht die Bohne, wie er die Beziehung Ihnen gegenüber darstellt, aber Sie sollten nicht in fremden Revieren wildern. Es ist, wie wenn Sie über glühende Kohlen gehen. Ganz egal, wie groß auch Ihr Glauben ist, Sie verbrennen sich trotzdem die Füße.« »Pech. Es ist zu spät. Es ist wie beim Würfeln. Wenn einem die Würfel aus der Hand gefallen sind, kann man nur noch zusehen.« »Unterbrechen Sie es wenigstens, bis er frei ist«, sagte ich. »Ich kann nicht. Ich liebe ihn. Er ist alles für mich.« »Mein Gott, Reba. Gehen Sie zum Psychiater, und lassen Sie sich den Kopf zurechtrücken.« Ihr Gesicht verschloss sich. Sie wandte sich abrupt um und entfernte sich von mir, ehe sie ihre folgenden Äußerungen über die sich weitende Distanz zwischen uns über die Schulter nach hinten richtete. »Sie haben ja keine Ahnung, wovon Sie reden. Sie haben den Mann nur ein einziges Mal gesehen, also können Sie Ihre bescheuerten Ansichten für sich behalten. Es geht Sie nichts an und Pop auch nicht.« Sie ging weiter in Richtung Parkplatz. Mir blieb nichts anderes übrig, als hinter ihr herzutrotten., Auf der Fahrt zum Haus ihres Vaters sprachen wir kaum ein Wort. Als ich sie absetzte, nahm ich an, dass mein Auftrag damit erledigt war. Sie war aus dem Gefängnis entlassen worden. Sie war zu Hause. Sie hatte ihren Führerschein zurück, und sie besaß einen Schrank voller Klamotten. Nichts, was sie getan hatte – zum Beispiel mit einem Mann schlafen –, war eine Verletzung ihrer Bewährungsauflagen, also gingen mich ihre Handlungen und ihr Verhalten nichts an. Sie stieg aus und nahm ihre Tüten vom Rücksitz. »Mir ist durchaus klar, dass Sie es gut meinen, und ich weiß Ihre Besorgnis zu schätzen, aber ich habe für meine Sünden bezahlt, und jetzt gehört mein Leben mir. Wenn ich falsche Entscheidungen treffe, habe ich eben Pech gehabt. Es hat nichts mit Ihnen zu tun.« »Ist mir recht. Ein schönes Leben noch«, sagte ich. Sie machte die Autotür zu. Dann blieb sie stehen und lehnte sich kurz zum Fenster herein. Ich dachte schon, sie wolle mehr sagen, doch sie beließ es dabei. Ich sah ihr nach, bis sich die Haustür hinter ihr geschlossen hatte, und machte mich dann auf den Weg ins Büro. Dort angekommen, tippte ich eine Rechnung, mit der ich Nord Lafferty die fünfhundert Dollar pro Tag für die zwei Tage, die ich gearbeitet hatte, berechnete. Ich steckte die Rechnung in einen Umschlag, den ich zuklebte und adressierte. Auf dem Nachhauseweg fuhr ich kurz an der Post vorbei, hielt an und warf den Umschlag in den am Straßenrand bereitstehenden Briefkasten., Zum Abendessen machte ich mir ein Sandwich mit heißem, hart gekochtem Ei und massenhaft Mayo und Salz, während ich vage und unaufrichtig schwor, meine Ernährung zu ändern, in der ein betrüblicher Mangel an Obst, Gemüse, Ballaststoffen, Körnern und Nährstoffen aller Art herrscht. Eigentlich hatte ich früh ins Bett gehen wollen, aber gegen sieben fiel mir aus unerfindlichen Gründen die Decke auf den Kopf. Ich beschloss, auf einen Sprung zu Rosie zu gehen, weniger um des schlechten Weins als vielmehr um eines Tapetenwechsels willen. Zu meinem Erstaunen war der erste Mensch, den ich dort sah, Henrys älterer Bruder Lewis, der in Michigan lebt. Er stand hinter der Bar, hatte sein Jackett abgelegt, die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt und die Arme in schaumiges Wasser gesteckt, in dem er Gläser und Bierkrüge spülte. Ich trat an den Tresen. »Na, das ist ja eine Überraschung«, begrüßte ich ihn. »Wie kommst du denn hierher?« Lächelnd blickte er auf. »Ich bin heute Nachmittag mit dem Flugzeug gekommen. William hat mich am Flughafen abgeholt und postwendend zum Arbeiten abkommandiert.« »Und was führt dich hierher?« »Nichts Besonderes. Ich wollte einfach mal was anderes sehen. Es war ein ganz spontaner Entschluss. Charlie hatte zu tun, und Nell hatte keine Lust, also habe ich einen Platz gebucht und bin allein losgeflogen. Reisen erfrischt mich. Ich bin zu allen Schandtaten bereit«, erklärte er. »Freut mich für dich. Und wie lange willst du bleiben?« »Bis Sonntag. Ich schlafe bei William und Rosie. Deshalb hat mir William auch gezeigt, wie ich mich hinter der Bar nützlich machen und mir Kost und Logis verdienen kann.«, »Weiß Henry, dass du hier bist?« »Noch nicht, aber ich rufe ihn an, sobald mir William eine Pause genehmigt.« Er spülte den letzten Bierkrug und stellte ihn zum Trocknen auf ein Gestell, ehe er sich die Hände an dem weißen Handtuch abtrocknete, das er sich in den Hosenbund gesteckt hatte. Er legte eine Cocktailserviette vor mir auf den Tresen und schaltete auf Barkeeper um. »Was willst du trinken? Wenn ich mich recht erinnere, magst du am liebsten Chardonnay.« »Gib mir lieber ein Cola. Rosie hat den ›Weinhändler‹ gewechselt, obwohl diese Bezeichnung kaum zutrifft. Der Wein, den sie ausschenkt, ist so dezent wie Lösungsmittel.« Er schenkte mir ein Glas Cola ein und stellte es vor mich hin. Für einen Herrn von neunundachtzig Jahren war er die Tüchtigkeit in Person, und er hantierte schnell und lässig. Wenn man ihm zusah, hatte man den Eindruck, als stünde er schon sein Leben lang hinter der Bar. »Danke.« »Gern geschehen. Das geht auf meine Rechnung.« »Hey, das ist aber nett von dir. Vielen Dank.« Ich sah ihm zu, wie er ans andere Ende des Tresens schlenderte, um dort einen anderen Gast zu bedienen. Was war hier los? Lewis war noch nie unangekündigt hierher geflogen. Hatte William ihn dazu angeregt? Das war ja wohl keine gute Idee. Ich wandte mich um und musterte über die Schulter die wenigen Gäste. Meine Lieblingsnische war besetzt, doch es gab jede Menge andere freie Plätze. Ich nahm mein Cola und ging zu einem Tisch in der Nähe der Tür. Jedes Mal, wenn sie sich öffnete, kam frische Luft herein und verdünnte den angestauten Zigarettenrauch, der wie Nebel im Raum hing. Mir war klar, dass ich beim Nachhausekommen trotzdem wie ein Schornstein riechen würde und meine Kleider über Nacht an die Duschstange hängen müsste, um den Gestank aus ihnen, rauszukriegen. Meine Haare stanken mittlerweile garantiert auch, aber sie sind zu kurz, als dass ich mir eine Strähne unter die Nase halten könnte. Raucher hören sich diese kleinlichen Klagen an, als hätte unsereiner die Beschwerden nur erfunden, um sie zu ärgern und zu beleidigen. Kaum hatte ich Platz genommen, als ich erneut den willkommenen Luftzug verspürte, der mir signalisierte, dass jemand hereingekommen war. In der Tür stand Cheney Phillips. Mich durchzuckte ein Ruck, der ein ähnliches Gefühl auslöste, wie wenn man in einem Flugzeug sitzt und sich gerade fragt, ob dies der letzte Flug ist, den man je erleben wird. Cheney musterte die anderen Gäste und hielt offenbar Ausschau nach jemandem, der noch nicht da war. Seine Kleidung zeigte die gewohnte Verbindung aus teuren Stoffen und gutem Schneiderhandwerk. Am liebsten trug er frisch gebügelte weiße Hemden oder seidene Polohemden in Farbtönen wie Elfenbein oder Eierschale. Gelegentlich kleidete er sich auch Ton in Ton, meistens in dunklen Farben, die ihm ein leicht düsteres Aussehen verliehen. Heute Abend trug er ein zimtfarbenes Rohseidensakko über einem rostfarbenen Kaschmir-Rolli. Ich hob grüßend die Hand, während ich mir überlegte, ob der Pullover wohl so weich war, wie er aussah. Cheney kam an meinen Tisch geschlendert und zog sich einen Stuhl heraus. »Hallo, wie geht’s denn so? Darf ich mich setzen?« Ich machte eine zustimmende Geste. »Jetzt laufen wir uns schon wieder über den Weg. Erst habe ich dich monatelang nicht gesehen, und nun begegnest du mir schon zum dritten Mal in vier Tagen.« »Das ist kein reiner Zufall.« Er zeigte auf mein Glas. »Was soll das denn sein?« »Coke. Ein alkoholfreies Getränk. Gibt’s schon seit Jahren.« »Du brauchst was Stärkeres. Ich muss mit dir reden.« Ohne meine Antwort abzuwarten, suchte er Blickkontakt zu Lewis, und bedeutete ihm, dass er bedient werden wollte. Als ich mich umdrehte, kam Lewis gerade hinter dem Tresen hervorgeeilt und marschierte auf unseren Tisch zu. »Sie wünschen?« »Zwei Wodka-Martinis ohne Eis. Mit Stolichnaya, wenn Sie den haben, ansonsten Absolut. Und Oliven dazu.« Er sah mich an und fragte: »Willst du Eiswasser?« »Ach, warum nicht?«, erwiderte ich als alte Genießerin. »Das ist übrigens Lewis Pitt, der Bruder meines Vermieters. Henry kennst du ja, oder?« »Natürlich. Cheney Phillips«, sagte er, ehe er sich erhob und Lewis die Hand schüttelte. Lewis reagierte mit ein paar Sätzen à la »Erfreut, Sie kennen zu lernen«, garniert mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln. Ich ertappte mich dabei, wie ich die Textur von Cheneys Haar betrachtete, elastische dunkelbraune Locken, die so weich aussahen wie ein Pudelfell. Im Grunde meines Herzens bin ich keine Hundefreundin. Die Viecher bellen mir immer ihren schlechten Atem ins Gesicht und warten nur darauf, mich anzuspringen und mir ihre aufdringlichen Pfoten auf die Brust zu legen. Trotz zahlreicher scharfer Befehle führen sich die meisten Hunde auf, wie es ihnen gerade passt. Natürlich gibt es hin und wieder Ausnahmen. Eine Woche zuvor war ich in einem seltenen Moment guten Willens stehen geblieben, um mit einer Frau zu plaudern, die einen Hund einer mir völlig unbekannten Rasse ausführte. Sie stellte mir Chandler vor, einen portugiesischen Wasserhund, der sich auf Kommando hinsetzte und einem gravitätisch die Pfote reichte. Der Hund war ruhig und wohlerzogen und hatte ein so weiches und lockiges Fell, dass ich kaum die Hände bei mir behalten konnte. Warum musste ich ausgerechnet jetzt daran denken? Nachdem ich den größten Teil ihrer Unterhaltung überhört hatte, horchte ich erst wieder auf, als Lewis sagte: »Kommt sofort.« Es war, als wachte ich mitten in einem Fernsehfilm auf. Ich hatte nur eine vage Ahnung davon, was sich um mich herum abspielte., Sowie Lewis weg war, wandte ich mich an Cheney. »Du bist sicher hier, um dich mit jemandem zu treffen.« Er musterte Gesichter auf der anderen Seite des Raums und ließ den Blick in regelmäßigen Abständen umherschweifen wie eine in der Ecke montierte Kamera. Nachdem er jahrelang beim Drogen- und Sittendezernat gearbeitet hatte, war er ebenso auf Huren und Drogenhändler fixiert wie manche Männer auf Brüste. Er fing meinen Blick auf. »Offen gestanden bin ich hier, weil ich dich gesucht habe. Ich bin an deiner Wohnung vorbeigefahren, und als ich dich dort nicht angetroffen habe, habe ich vermutet, dass ich dich hier finden würde.« »Ich wusste gar nicht, dass ich so berechenbar bin.« »Deine beste Eigenschaft«, sagte er. Sein Blick traf erneut auf meinen, was mich etwas aus der Ruhe brachte. Ich spähte zur Bar, zur Tür und überallhin, bloß nicht zu ihm. Wo war Lewis, und warum brauchte er so lange? »Willst du gar nicht wissen, warum ich gekommen bin?«, fragte Cheney. »Doch, sicher.« »Wir haben ein gemeinsames Interesse.« »Ach, wirklich? Und das wäre?« »Reba Lafferty.« Die Antwort traf mich unvorbereitet, und vor Neugier reckte ich unwillkürlich den Kopf. »Was hast du denn mit der zu tun?« »Ich war ihretwegen bei Priscilla Holloway. Ich hatte gehört, dass jemand zum Frauengefängnis gefahren ist, um Reba abzuholen, aber ich wusste nicht, dass du es warst, bis ich dich dort im Flur gesehen habe.« Cheney hob den Blick zu Lewis, der mit unseren Martinis auf einem Tablett zurückgekehrt war. Er stellte sie mit großer Sorgfalt ab und sah zu, wie die Flüssigkeit erbebte. Die Stielgläser waren so kalt, dass Eisflocken an der Außenseite der, Gläser hinabglitten. Der Wodka aus dem Gefrierfach wirkte im Licht ölig. Ich hatte seit Urzeiten keinen Martini mehr getrunken und rief mir den scharfen, fast chemischen Geschmack ins Gedächtnis. Ich weiß nie zu sagen, was an Cheneys Gesicht so anziehend ist – der breite Mund, die dunklen Brauen oder seine Augen, die so braun sind wie alte Pennys. Seine Hände sind groß, und es hat den Anschein, als hätte er sich mal die Knöchel gebrochen, als er jemanden verdroschen hat. Ich studierte seine Gesichtszüge, riss mich aber schnell zusammen, da mir klar wurde, dass ich mir eigentlich selbst eine Ohrfeige verpassen müsste. Gerade erst hatte ich Reba wegen ihrer idiotischen Affäre mit einem verheirateten Mann die Hölle heiß gemacht, und nun saß ich da und spielte selbst mit genau dem gleichen Gedanken. »Danke, Lewis«, sagte Cheney. »Schreiben Sie alles zusammen auf meine Rechnung.« »Gerne. Sagen Sie einfach Bescheid, wenn Sie noch etwas möchten.« Als Lewis weg war, erhob Cheney sein Glas und stieß damit sacht gegen meines. »Cheers.« Ich trank einen Schluck. Der Wodka war weich und bildete eine Wärmesäule, die mir am Rückgrat entlang bis in die Schuhe sank. »Ich hoffe, du willst mir nicht erzählen, dass sie in Schwierigkeiten steckt.« »Ich würde sagen, sie steht haarscharf davor.« »O nein.« »Wie gut kennst du sie?« »Du kannst in der Vergangenheitsform sprechen. Ich habe den Auftrag erledigt, für den ich engagiert worden bin, und jetzt ist er abgeschlossen.« »Seit wann?«, »Wir haben uns heute Nachmittag voneinander verabschiedet. Was hat sie denn angestellt?« »Bis jetzt noch nichts, aber sie steht kurz davor.« »Das hast du bereits erwähnt. Und was soll das heißen?« »Sie war mit Alan Beckwith zusammen, dem Mann, den du am Montagabend hier kennen gelernt hast.« »Ich weiß, wann ich den Typen kennen gelernt habe, aber was interessiert dich das?« Ich merkte, wie sich angesichts der Folgerungen aus seinen Worten eine gewisse Feindseligkeit in meinen Tonfall schlich. Offenbar hatte an dem Abend, als ich Reba bei ihrem Techtelmechtel mit Beck beobachtet hatte, wiederum irgendjemand mich beobachtet. »Werd nicht giftig.« »Tut mir Leid. Ich wollte nicht, dass es so rüberkommt.« Ich holte tief Luft und zwang mich zu einer ruhigeren Gangart. »Ich begreife nicht, was du mit dem Ganzen zu tun hast«, sagte ich. »Und lass mich bitte nicht raten. Auf den Stress kann ich verzichten.« Cheney schmunzelte. »Ich stehe in Kontakt mit ein paar Leuten, die an ihm interessiert sind. Und damit auch an ihr. Du musst aber wissen, dass das alles höchst vertraulich ist.« »Ich schwöre Stillschweigen«, erwiderte ich und legte mir eine Hand aufs Herz. »Weißt du irgendetwas über Beck?« »Ich bin unschuldig. Halt, warte mal. Das stimmt nicht ganz. Ich weiß, dass seinem Vater das Clements gehört hat. Also gehe ich davon aus, dass der Mann zu seiner Zeit ganz oben mitgespielt hat.« »Er war die Nummer eins. Alan Beckwith senior hat mit einer Reihe von Konzessionsgeschäften einen Riesenhaufen Geld verdient, in erster Linie mit Immobilien. Der Junior war auch erfolgreich, aber er hat zeit seines Lebens im Schatten seines, Vaters gestanden. Beck hat es nie so weit gebracht wie Daddy. Soweit ich weiß, hat sein Vater zwar kein Urteil über ihn gefällt, doch Beck war sich des Leistungsunterschieds zwischen ihnen stets bewusst. Sein alter Herr hat in Harvard studiert und als Fünfter seines Jahrgangs abgeschlossen. Becks akademische Laufbahn war nichts Besonderes. Sein College war ordentlich, aber eindeutig zweitklassig. Er hat seinen MBA gemacht, doch was die Noten anging, kam er nicht einmal unter die besten fünfundzwanzig Prozent. Seine Leistungen waren im Vergleich zu denen seines Vaters bescheiden, und ich vermute, je älter er wurde, desto mehr hat ihm das zu schaffen gemacht. Er gehört zu der Art von Männern, die sich geschworen haben, bis zum Alter von vierzig Multimillionär zu sein. Mit dreißig sah er sich in einer Sackgasse festsitzen und wollte unbedingt einen großen Coup landen. Du kennst doch die Redensart: ›Geld ist nur eine Messlatte für den Punktestand.‹ Das hat sich Beck zu Herzen genommen. Vor fünf, sechs Jahren hat er sich als wichtigstes Ziel gesetzt, mehr zu verdienen als sein Vater. Weil er das mit legalen Mitteln nicht geschafft hat, hat er andere Wege eingeschlagen. Er hat begriffen, dass er wesentlich mehr Geld verdienen konnte, wenn er seine Dienste Leuten anbot, die ihres blütenweiß haben wollten.« »Also Geldwäsche?« »Genau. Beck hat nämlich sein Händchen für finanzielle Machenschaften entdeckt. Da er mit hochpreisigen Immobilien handelt, war die grundlegende Infrastruktur bereits vorhanden. Es gibt ein halbes Dutzend Methoden, mit Geld herumzujonglieren, wenn man Grundstücke kauft und verkauft, aber das Verfahren ist zeitaufwändig und mit zu viel Papierkram verbunden. Wer Geld wäscht, will die schriftlichen Unterlagen auf ein Minimum reduzieren und so viele Schutzmauern wie möglich zwischen sich selbst und der Herkunft des Geldes einbauen. Becks erste Versuche waren ungeschickt, aber er lernt permanent dazu. Jetzt hat er eine Firma außer Landes gegründet, – eine Briefkastenfirma in Panama namens Clements Unlimited. In Staaten wie Panama kann man eine Menge Geld verstecken, weil die Gesetze bezüglich des Bankgeheimnisses schon seit jeher streng waren. 1941 hat sich Panama an der Schweiz orientiert und Nummernkonten eingerichtet. Zum Pech der bösen Buben sind Nummernkonten allerdings auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die Schweizer Banken bieten nicht mehr dasselbe Maß an Geheimhaltung, weil man ihnen massiv angekreidet hat, dass sie Verbrechern Tarnung geliefert haben. Schließlich haben sie erkannt, dass sie sich in die internationale Bankengemeinschaft einfügen müssen, und das hat sie dazu bewogen, mit einer Reihe anderer Länder Verträge zu unterzeichnen. Sie haben praktisch eingewilligt zu kooperieren, wenn es Beweise für kriminelle Aktivitäten gibt. Panama legt nicht so viel Wert darauf, sich lieb Kind zu machen. Dort gibt es Anwälte, die Firmen en gros gründen und sie dann an Kunden veräußern, die die Steuerbehörden umgehen wollen.« »Du sprichst von Firmenmänteln, oder?« Er nickte. »Entweder man gründet eine Scheinfirma nach eigenen Vorgaben, oder man kauft eine bereits bestehende. Hat man den Firmenmantel eingerichtet, leitet man Geld aus den Staaten über diesen an jeden beliebigen Finanzplatz. Oder man baut eine Investmentgesellschaft im Ausland auf. Oder man macht das, was Beck getan hat: Man kauft sich eine vorgefertigte Bank und fängt an, Einlagen entgegenzunehmen.« »Von wem?« »Er erkundigt sich absichtlich nicht zu genau, aber sein wichtigster Klient ist ein großer Drogenhändler aus Los Angeles, der vorgeblich mit Altgold handelt. Beck wäscht auch Geld für einen weit verzweigten Pornoring und ein Syndikat, das in San Diego County ein Netz von Huren und Bordellen betreibt. Die Typen im Halbweltgewerbe häufen Millionen in Bargeld an, aber was können sie schon damit anfangen? Führen sie ein Luxusleben, fragen sich irgendwann die Nachbarn, wo, der ganze Reichtum herkommt. Genauso wie der Fiskus, die Drogenbehörde und ein halbes Dutzend anderer Regierungsstellen. Es herrscht nie ein Mangel an Leuten, die ihr schmutziges Geld durch die Schleuse laufen lassen und es hinterher pieksauber wieder einstecken wollen. Das Schöne aus Becks Perspektive ist, dass das, was er tut, bis vor kurzem an sich nicht illegal war.« »Das soll wohl ein Witz sein.« »Keineswegs. Letztes Jahr hat der Kongress das Geldwäschekontrollgesetz verabschiedet. Zuvor hätten die gleichen Vorgänge vielleicht zu Ermittlungen führen oder unter irgendeiner anderen Bestimmung strafrechtlich verfolgt werden können, aber das Waschen an sich war keine Straftat. Tut mir Leid, wenn ich so ausführlich werde. Hab noch ein bisschen Geduld mit mir.« »Keine Sorge. Das meiste davon ist mir sowieso neu.« »Mir auch. Soweit man mich informiert hat, wurde der Boden dafür 1970 bereitet, als das Gesetz über das Bankgeheimnis, das BSA, verabschiedet wurde. Im BSA wurden Meldebestimmungen für Finanzinstitutionen erlassen – Banken, Maklerbüros, Währungshändler und jede Stelle, die Reiseschecks, Zahlungsanweisungen und solches Zeug ausstellt. Sie alle müssen jede Transaktion über zehntausend Dollar innerhalb von fünfzehn Tagen auf einem Formular namens ›Currency Transaction Report‹, kurz CTR, dem Finanzministerium melden. Kannst du mir folgen?« »Mehr oder weniger. Woher weißt du denn das alles?« »Das meiste habe ich in den letzten zwei Monaten bei meinem Bekannten von der Steuerbehörde aufgeschnappt. Er sagt, neben dem CTR gibt es noch etwas namens ›Currency and Monetary Instrument Report‹ oder kurz CMIR. Das ist für die Leute gedacht, die Bargeld in die Hand bekommen oder transportieren – die es überbringen, per Post verschicken oder sonst irgendwie, versenden. Das betrifft wiederum jede Summe über zehntausend Dollar. Es gibt noch ein anderes Formular für Spielcasinos, aber das soll uns jetzt hier nicht kümmern. Soweit wir wissen, hat Beck keine Kontakte zu irgendeiner der großen Glücksspielorganisationen, obwohl das eine weitere hübsche Methode ist, einen Haufen Bargeld zu schrubben und es blitzsauber zu kriegen. Die Regierung verlässt sich darauf, dass Finanzinstitutionen den Fluss des Bargelds durch das System verfolgen. Im Prinzip ist nichts illegal daran, mit großen Summen zu hantieren, solange sämtliche erforderlichen Formulare eingereicht werden. Versucht man das zu umgehen, riskiert man allerdings empfindliche Strafen – falls man erwischt wird. Beck hat speziell zu diesem Zweck Freundschaften zu einer Reihe von Bankmitarbeitern gepflegt, und eine Zeit lang hat er einen von ihnen dafür bezahlt, dass er ein Auge zudrückt. Der Bankangestellte hat das CTR-Formular wie vorgeschrieben erstellt und eine Kopie davon zu den Akten gelegt, doch anstatt das Original der Steuerbehörde zu schicken, hat er es durch einen Aktenvernichter gejagt. Das Problem ist nur, dass Banken ihre Mitarbeiter oft von einer Filiale zur nächsten versetzen, und so hat Beck seinen Komplizen verloren. Dadurch ist er ins Visier der Steuerbehörde geraten. Ein neuer Bereichsleiter bei der Santa Teresa Savings and Loan hat ein System von Kleinanlagen bemerkt, von denen er sicher war, dass sie alle mit Beck oder Becks Firma zusammenhingen. Beck hat die großen Einzahlungen in eine Reihe kleinerer Summen aufgeteilt und gehofft, damit die Zehntausend-Dollar-Regelung für die Meldepflicht zu umgehen. Das ist das grundlegende Manöver für jede Geldwäscheoperation. Man nennt es strukturieren oder ›verschlumpfen‹. Beck hat eine regelrechte Kolonne von Schlümpfen eingesetzt, die hier in der Stadt von einer Bank zur anderen gezogen sind – manchmal auch von einer Stadt zur anderen – und Bankschecks oder Zahlungsanweisungen in, kleineren Dollarwerten gekauft haben – zweitausend, fünftausend, gelegentlich auch mal neun, aber nie über zehn. Das Kleinvieh wurde dann häppchenweise auf ein einziges Konto eingezahlt, ehe Beck das Ganze mithilfe telegrafischer Anweisungen auf mehrere ausländische Banken verteilt hat. Anschließend hat er es dann in respektablerer Form an seine Klienten zurückgeleitet. Jedenfalls hat die Drogenbehörde während all dieser Transaktionen das Geld die ganze Zeit von der anderen Seite her verfolgt und ist Geldern von einem Kartell nachgegangen, das Marihuana und Kokain nach Los Angeles geschleust hat. Irgendwann haben sich die beiden Wege gekreuzt, und die Alarmglocke hat geläutet. Ich habe den Ermittler der Steuerbehörde vor etwa vier Jahren auf einer Konferenz in Washington kennen gelernt. Kurz danach ist er nach L.A. versetzt worden, um dort das Sonderdezernat aufzubauen. Sowie Becks Name ins Spiel kam, hat sich die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert. Der Agent – er heißt Vince Turner – hat mich gebeten, als Vermittler vor Ort zu fungieren. Seine Männer halten sich im Hintergrund, weil die Bundespolizei genug Material für eine Anklage sammeln will, ohne dass Beck Wind davon kriegt.« »Na dann viel Glück. Bei uns in der Stadt?« »Ja, allerdings«, erwiderte Cheney. »Bis jetzt haben sie dafür gesorgt, dass seine Post überwacht, sein Müll untersucht und seine Auslandsreisen beobachtet werden. Jetzt brauchen sie nur noch einen Informanten, und da kommt Reba Lafferty ins Spiel.« Ich wedelte abwehrend mit der Hand. »Das soll wohl ein Witz sein? Sie ist in den Mann verliebt. Sie würde ihn nie verraten.« »Sei dir da nicht so sicher …« »Doch, da bin ich mir absolut sicher. Sie ist völlig hin und weg von ihm. Genau das hat ihr ja geholfen, die letzten zwei Jahre, durchzustehen. Sie haben sich geschrieben und zweimal die Woche telefoniert. Dadurch hat sie überlebt. Und das habe ich direkt von ihr.« »Lass mich einfach zu Ende erzählen«, bat er. »Die Vorgeschichte dazu kennst du ja.« »Sicher. Sie hat seiner Firma in einem Zeitraum von zwei Jahren eine Riesensumme geklaut –« »Während sie mit Beck eine Affäre hatte.« »Weiß ich. Und?« »Kommt es dir unter den Umständen nicht seltsam vor, dass er sofort wieder etwas mit ihr anfängt, sobald sie rauskommt?« »Doch, schon. Das habe ich sie übrigens auch selbst gefragt. Sie behauptet, er hätte ihr verziehen. Sie sagt, er wüsste, dass sie eine selbstzerstörerische Ader hat und nicht anders konnte. Oder so ähnlich.« Er schüttelte den Kopf. »Nee. Das glaube ich nicht. Das klingt abwegig.« »Ich behaupte ja nicht, dass es wirklich so ist, ich berichte dir nur, was sie gesagt hat. Ansonsten bin ich ganz deiner Meinung. Es ist schwer zu glauben, dass Beck das klaglos über sich ergehen lässt. Also, was hast du noch zu bieten? Du weißt doch irgendwas, was ich nicht weiß.« Cheney beugte sich vor und senkte die Stimme. Ich neigte den Kopf und spürte seinen Atem an meiner Wange, während er sprach. »Sie hat für ihn die Schuld auf sich genommen. Er hat sie Konten für zwei Scheinfirmen einrichten lassen. Sie hat Rechnungen für erfundene Waren und Dienstleistungen geschrieben und dann Schecks dafür ausgestellt, die er unterschrieben hat, ehe sie sie schließlich an ein Postfach geschickt hat. Später hat sie sie dort abgeholt und das Geld auf ein Scheinkonto eingezahlt. Manchmal hat er das Geld ins Ausland überwiesen, oder sie hat das Geld persönlich, abgehoben und an ihn weitergegeben.« »Das verstehe ich nicht. Warum bestiehlt er sich selbst?« »Er muss Leute auszahlen, und auf die Art verwischt er die Spuren. Er kann nicht einfach ohne Erklärung hohe Summen abzweigen. Wenn jemals die Steuerprüfung bei ihm auftaucht, wird der Fiskus wissen wollen, wo das Geld hingekommen ist. Er hat sich eingebildet, er könnte vertuschen, dass er die Kohle rauszieht, indem er es als legitime Betriebsausgabe kaschiert.« »Warum nimmt er dazu kein Geld von seinen Auslandskonten?« »Wer weiß schon, was er für Gründe hatte? Auf jeden Fall hatte er mittlerweile ein paar neue Pläne geschmiedet und wollte schleunigst andere Wege einschlagen. Er hat Reba dazu bequatscht, die Sache mit den dreihundertfünfzigtausend auf sich zu nehmen, damit er mit blütenweißer Weste aus der Sache rauskam. Da sie behauptet, sie habe alles verspielt, kann man ihr schlecht das Gegenteil beweisen. Sie ist tatsächlich schon immer anfällig für Glücksspiele gewesen und hat andauernd Ausflüge nach Vegas und Reno gemacht, was ihm natürlich bestens ins Konzept gepasst hat.« »Aber wie hat er sie dazu überredet?« »Genauso, wie Männer Frauen zu allem Möglichen überreden. Er hat ihr das Blaue vom Himmel herunter versprochen.« »Völliger Wahnsinn, dass sie für ihn in den Knast gewandert ist. So eine dumme Gans.« Cheney zuckte die Achseln. »Mein Kumpel von der Steuerbehörde sagt, man hat damals schon überlegt, ob man sie ansprechen und ihr einen Kuhhandel anbieten soll, aber damals war der Laden noch im Aufbau begriffen, und sie konnten sich kein solches Risiko leisten. Aber jetzt geht’s zur Sache. Sie brauchen Insider-Informationen, und der Schlüssel dazu ist sie.« »Beck hat garantiert einen Rechnungsprüfer und mehrere, Buchhalter. Warum nicht einer von denen?« »Das wollen sie als Plan B ausarbeiten.« »Tja, dann sag ihnen lieber gleich, dass sie sich da ganz schön anstrengen müssen. Wenn Reba für Beck zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat, warum soll sie dann jetzt gegen ihn aussagen?« »Du weißt doch, dass er verheiratet ist …« Meine Ungeduld wuchs. »Ja, sicher. Das weiß Reba auch. Er behauptet, es sei eine Vernunftehe. In meinen Augen ist das Schwachsinn, und das habe ich ihr auch gesagt, aber es hat sie nicht gekümmert.« »Sie macht sich massiv etwas vor. Wenn man Beck mit seiner Frau zusammen sieht – sie heißt übrigens Tracy –, dann weist alles darauf hin, dass er sie wirklich liebt. Es könnte zwar aufgesetzt sein, aber es hat nicht den Anschein.« »Männer sind eben so …« »Hey, Frauen sind genauso. Prozentual betrachtet gehen Frauen wahrscheinlich öfter fremd als Männer.« »Wir sollten uns mal hören. Das ist ja krank. Wie sind wir nur so zynisch geworden?« Cheney grinste. »Das bringt der Job so mit sich.« »Glaubst du, Tracy weiß von Reba?« »Schwer zu sagen. Beck hat massenhaft Geld und verwöhnt sie wie eine Königin. Aus ihrer Perspektive ist es vielleicht klüger, sich blind zu stellen. Oder vielleicht weiß sie es auch, und es ist ihr völlig schnuppe.« »Also, auf jeden Fall ist Reba überzeugt davon, dass er seiner Frau nichts verraten hat und dass Tracy ihn außerdem, wenn sie davon erfährt, nicht nur sofort per Scheidung in die Wüste schickt, sondern ihn auch noch bis auf den letzten Penny ausnimmt.« »Wie soll sie das denn anstellen? Er hat sein Geld in, Bankkonten auf der ganzen Welt verteilt. Und manche dieser Banken gehören ihm selbst. Sie würde letztlich vor demselben Albtraum stehen wie wir, nämlich der Frage, wie sie sein Vermögen überhaupt aufspüren soll. Reba dagegen schüttelt das aus dem Ärmel. Sie weiß, wo die Leichen vergraben sind, wenn wir sie nur zum Reden bringen können.« »Was lässt dich glauben, dass er das nicht alles geändert hat, solange sie weg war?« »Warum sollte er? Vielleicht verändert er die Verfahrensweise, aber die Konten sind schon seit Jahren an Ort und Stelle. Im Ausland eine Bank zu gründen ist ein teurer Spaß. Er rudert garantiert nicht zurück und fängt bei null noch mal von vorn an, wenn er nicht dazu gezwungen ist. Deshalb haben die Feds ja auch solche Angst, dass er Wind von der Sache bekommt. Sie wollen nicht, dass ihn die Panik packt, bevor sie einsatzbereit sind.« »Und was wollen sie von ihr?« »Fakten und Zahlen, Banken, Kontonummern – alles, was sie in die Finger kriegen kann. Einige Daten haben sie schon, aber sie brauchen eine Bestätigung und dazu noch alles, was Reba weiß und sie bis jetzt noch nicht selbst herausgefunden haben.« »Aber was soll sie dazu veranlassen? Ihr habt Reba nichts zu bieten. Sie ist ein freier Mensch. Wenn du sie um ihre Hilfe bittest, läuft sie schnurstracks zu ihm.« Cheney fasste in die Innentasche seines Sakkos, zog einen braunen Umschlag heraus und schob ihn über den Tisch. »Was ist das?« »Schau’s dir an.« Ich löste die Klammer. Drinnen fand ich mehrere grobkörnige Schwarzweißfotos von Beck, die vermutlich mit einem Teleobjektiv aufgenommen worden waren. Auf zweien war das Gesicht seiner Begleiterin nicht deutlich zu erkennen, doch, schien es auf allen Bildern dieselbe Frau zu sein. Die Fotos waren bei fünf verschiedenen Gelegenheiten gemacht worden, was man aus dem Datum und der Uhrzeit schließen konnte, die in der unteren rechten Ecke jedes Abzugs prangten. Alle waren innerhalb des vergangenen Monats entstanden. Das letzte war eine Aufnahme von den beiden, wie sie ein Motel in der State Street verließen, das ich kannte. Ich schob die Bilder wieder in den Umschlag. »Wer ist die Frau?« »Sie heißt Onni und ist Rebas beste Freundin. Er schläft mit ihr, seit Reba im Gefängnis gelandet ist.« »So ein Schwein«, sagte ich. »Und ich soll ihr die Fotos zeigen, in der Hoffnung, dass sie sich dann dazu überreden lässt, ihn zu hintergehen?« »Ja.« Ich warf den Umschlag auf den Tisch, so dass er zu Cheney hinüberschlitterte. »Du hast die Ressourcen sämtlicher Regierungsbehörden der Vereinigten Staaten zur Verfügung. Such dir jemand anders, der die Drecksarbeit für euch macht.« »Hör mal, ich kann deine Einstellung verstehen, aber es geht hier nicht um kleine Fische. Was Beck treibt, ist –« »Ich weiß, was er treibt. Komm mir nicht mit diesem Stuss von wegen ›Geldwäsche ist böse‹. Das habe ich schon begriffen. Ich begreife nur nicht, warum ich diejenige sein soll, die Reba dazu bequatschen soll, ihn zu verpfeifen.« »Wir sind Männer. Wir kennen sie nicht so gut wie du. Ruf sie an und plaudere mit ihr. Die Frau vertraut dir.« »Tut sie nicht. Sie mag mich nicht mal. Ich sage dir, sie ist stinksauer geworden, als ich versucht habe, Klartext mit ihr zu reden. Wie soll ich denn jetzt eine Kehrtwendung machen und sie anrufen? Sie würde sofort durchschauen, dass ich Hintergedanken habe. Sie mag ja durchgeknallt sein, aber sie ist nicht schwer von Begriff.«, »Überleg’s dir – bitte –, bevor du eine Entscheidung triffst.« Ich stand auf und schob meinen Stuhl zurück. »Na gut. Ich überleg’s mir. Aber jetzt muss ich erst mal nach Hause und in die Badewanne.«, Ich schlief nicht gut. Meine Begegnung mit Cheney Phillips hatte eine Schwermut ausgelöst, die bis in meine Träume drang. Immer wieder wachte ich auf und starrte durch das Oberlicht in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Immerhin hatte Cheneys Ansinnen dazu beigetragen, seine Anziehungskraft zu verringern. Reba war von Natur aus verletzlich und nur bedingt stabil; sie neigte als Reaktion auf ihr inneres Chaos zu Sprunghaftigkeit. Bis jetzt schien es ihr zwar einigermaßen gut zu gehen, aber ich wollte nicht, dass sie in einen Strudel geriet, der sie nach unten zog, nachdem sie gerade erst festen Boden erreicht hatte. Sie war jetzt seit zwei Tagen auf freiem Fuß. Was würde sie tun, wenn sie von der Sache erfuhr? Sie würde ausrasten. Andererseits hatte sie aber ihre Hoffnungen auf einen Windhund gesetzt, und dagegen konnte ich nichts tun. Früher oder später würde sie die Wahrheit erfahren. War es besser, sie ihr gleich zu sagen, solange sie noch die Chance hatte, aus der Sache rauszukommen? Um 5.59 Uhr stellte ich meinen Wecker aus und schlüpfte in meinen Jogginganzug, weil ich laufen gehen wollte. Zuerst widmete ich mich meinem gewohnten Ritual im Badezimmer – Zähne putzen, ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen und den Zustand meiner Haare beklagen, die in alle Richtungen abstanden. Ich band mir den Hausschlüssel in die Schnürsenkel, schloss von außen ab und ging in schnellem Schritt auf den Fahrradweg zu, der am Strand entlang verläuft. Langsam begann ich mein Lauftempo zu steigern, obwohl meine Muskeln protestierten. Meine Füße fühlten sich bleiern an, als hätte mir jemand Fünf-Kilo-Gewichte an die Schuhsohlen montiert. Die Sonne war bereits aufgegangen, und ausnahmsweise war einmal kein Nebel in Sicht. Der Tag, versprach schön zu werden, sonnig und klar. Über das Rauschen der Brandung hinweg hörte ich einen Seelöwen bellen, vermutlich ein in Ehren ergrauter alter Knabe, der sich einen Platz auf einer Markierungsboje gesichert hatte. In der Hoffnung, meine Trübsal abschütteln zu können, erhöhte ich das Tempo und richtete den Blick auf das Häuschen mit den Umkleidekabinen, wo ich immer umkehrte. Als ich den Rückweg antrat, war mir zwar nicht gerade leicht ums Herz, aber ich fühlte mich nicht mehr ganz so tot. Ich beendete meine Joggingrunde und ging die letzten zwei Blocks langsamer, um mich abzukühlen. Zu Hause angelangt, sah ich Matties Auto in Henrys Einfahrt stehen. Oh, prima. Ich betrat meine Wohnung, duschte, zog mich an und aß eine Schüssel Frühstücksflocken. Als ich mich auf den Weg ins Büro machte, wehte der verlockende Duft von Eiern mit Speck durch den Garten. Henrys Küchentür stand offen, und durch die Fliegentür hörte ich Lachen und Geplauder. Ich lächelte und stellte mir vor, wie die beiden zusammen beim Frühstück saßen. Undenkbar, dass sie die Nacht mit ihm verbracht hatte. Henry besitzt viel zu viel Anstand, um ihren Ruf zu kompromittieren, aber ein frühmorgendliches Stelldichein war durchaus im Rahmen der guten Sitten. Ich durchquerte den Garten und klopfte an den Türrahmen. Henry antwortete und forderte mich auf hereinzukommen, obwohl sein Ton nicht ganz so fröhlich war, wie ich gehofft hatte. Drinnen wurde mir sofort klar, warum. Henry war wieder zu seiner gewohnten Kluft zurückgekehrt: Flipflops, weißes T- Shirt und braune Shorts. Die Küche wies sämtliche Kennzeichen einer gerade beendeten Mahlzeit auf – schmutzige Pfannen und Schüsseln und eine Batterie Gewürze neben dem Herd. Teller und Besteck stapelten sich in der Spüle, und die Arbeitsfläche war übersät mit Toastkrumen. Henry stand an der Spüle und ließ Wasser für eine frische Kanne Kaffee einlaufen, während Mattie am Küchentisch saß, mit William und Lewis ins Gespräch, vertieft. Schlagartig begriff ich die Abläufe und zuckte innerlich zusammen. Das war Williams Werk. Er hatte sich ziemlich über Henrys Haltung in Bezug auf Mattie geärgert. Lewis dagegen hatte keinerlei Skrupel. Ich wusste zwar, dass William mit Lewis am Telefon über die Geschichte gesprochen hatte, hatte mir aber nicht viel dabei gedacht. Jetzt sah ich vor mir, wie er Lewis an den Ort der Handlung bugsiert und erwartet hatte, dass dadurch Henrys Konkurrenzgeist erwachen würde. Doch stattdessen reagierte Henry wie ein Schuljunge und saß angesichts seines großspurigen Bruders in sich gekehrt und verunsichert da. Vielleicht war es William ja egal, welcher von seinen Brüdern sich Mattie schnappte, Hauptsache, es tat überhaupt einer. Soweit ich die Familiengeschichte kannte, hatte Lewis, der zwei Jahre älter war als Henry, sich in Herzensangelegenheiten immer als der Überlegene betrachtet. Weder Henry noch Lewis hatten je geheiratet, doch obwohl ich sie nie zu dem Thema ausgefragt hatte, gab es einen Hinweis, an den ich mich erinnerte. 1926 hatte Henry Lewis die Freundin ausgespannt. Henry behauptete, Lewis hätte sich von der Kränkung nie ganz erholt. Und nun startete Lewis allem Anschein nach eine Vergeltungskampagne. Er hatte sich ausgesprochen schick angezogen – gestärktes weißes Hemd, Weste, Anzug, Sakko, polierte Schuhe und akkurat gebügelte Hose. Genau wie seine zwei jüngeren Brüder hatte Lewis noch volles Haar und die meisten seiner Zähne. Ich sah ihn, wie Mattie ihn sehen musste: attraktiv, aufmerksam und ohne Henrys Zurückhaltung. Die beiden Brüder hatten sie gemeinsam auf einer Karibik- Kreuzfahrt kennen gelernt, und Lewis hatte ihr unermüdlich den Hof gemacht. Er hatte sich zu Matties Aquarellkurs angemeldet, und obwohl seine Versuche ungelenk waren, hatte sie seine Begeisterung und seine Hartnäckigkeit bewundert. Henry behauptete, er würde nur flirten, doch Mattie sah das anders., Und nun war er wieder da und trat genau in dem Moment auf den Plan, als Henry Erfolg hatte. »Kaffee?«, fragte mich Henry. Selbst seine Stimme klang gekränkt, auch wenn er das nach Kräften zu kaschieren versuchte. »Klar, ich trinke eine Tasse. Vielen Dank.« »Mattie? Gleich kommt eine frische Kanne.« »Sehr gerne«, antwortete sie, abgelenkt von der Anekdote, die Lewis gerade zum Besten gab. Henry hörte nicht zu. Wahrscheinlich war es eine Geschichte, die er schon kannte, so dass er wusste, wie sie ausging. Ich war so auf Henry fixiert, dass ich selbst kaum etwas mitbekam. Lewis schloss mit der Pointe, und sowohl William wie auch Mattie prusteten vor Lachen. Ich setzte mich an den Tisch, und als die allgemeine Heiterkeit sich legte, sah ich Mattie an. »Und was steht heute auf dem Programm? Unternehmen Sie noch was mit Henry?« »Nein, ich kann nicht bleiben. Ich habe Verpflichtungen zu Hause.« Lewis schlug auf den Tisch. »Unsinn. Im Kunstmuseum ist eine Ausstellung. Ich habe in der Zeitung etwas darüber gelesen und bin sicher, dass sie Ihnen gefallen würde.« »Was für eine Ausstellung?« »Mundgeblasenes Glas. Ganz außergewöhnlich. Es ist eine Wanderausstellung, die der Rezensent als unbedingt sehenswert bezeichnet hat. Sehen Sie sich doch wenigstens die noch an. Hinterher könnten wir in dem mexikanischen Restaurant dort in der Passage noch einen Happen zu Mittag essen. Auf der anderen Seite des Innenhofs ist eine Kunstgalerie, die Sie einfach sehen müssen. Sie könnten mit der Besitzerin über Ihre Arbeiten sprechen. Vielleicht würde sie Sie sogar unter Vertrag nehmen.«, William blies ins gleiche Horn. »Sagenhafte Idee. Sausen Sie nicht gleich davon. Gönnen Sie sich ein wenig Zeit für sich selbst.« Mir schwirrte langsam der Kopf. William strahlte wie eine stolze Mutter bei einer Ballettvorführung. »Ähm, Henry?«, sagte ich. »Kann ich dich kurz sprechen? In meiner Wohnung gibt es ein Problem.« »Was für ein Problem?« »Nur etwas, was ich dir zeigen möchte. Es dauert nicht lang.« »Ich seh’s mir später an. Kann das nicht warten?« »Nein, wirklich nicht«, sagte ich in der Hoffnung, ihm mit meinem Tonfall ein Zeichen zu geben. Er wirkte resigniert oder verärgert, ich wusste nicht genau, was von beidem, und wandte sich an Mattie. »Macht es dir etwas aus, wenn ich mal kurz rübergehe?« »Überhaupt nicht. Ich kann die Küche aufräumen, solange du weg bist.« »Das ist nicht nötig«, entgegnete Henry. »Ich spüle das Geschirr, sobald ich wieder da bin.« »Lass dir ruhig Zeit«, säuselte Lewis leichthin. »Wir bringen hier alles auf Vordermann und machen dann einen Strandspaziergang. Mattie braucht ein bisschen frische Luft. Hier drin ist es ja wie in einem Backofen.« Henry sah Lewis ausdruckslos an. »Wenn es dir recht ist, würde ich die Küche lieber selbst sauber machen.« Lewis verzog das Gesicht. »Ach, entspann dich mal. Du bist wie eine schrullige alte Jungfer. Wir bringen deine wertvollen Sachen schon nicht durcheinander. Ich verspreche dir, dass wir sämtliche Gewürze wieder alphabetisch sortieren. Geh nur. Zieh Leine. Wir kommen schon klar.« Henrys Wangen liefen vor Verlegenheit rot an. Ich schob meinen Arm unter seinen und lenkte ihn auf die Tür zu. Ich sah, ihm an, dass er sich einerseits rechtfertigen und andererseits der Tortur entkommen wollte. Für mein Gefühl war Mattie nicht boshaft. Ihre Zuneigung zu beiden Brüdern war zweifellos echt. Sie war nur einfach nicht auf die Rivalität zwischen den beiden eingestellt. Die Fliegentür schlug hinter uns zu, und wir durchquerten den Garten. Sobald ich meine Wohnungstür aufgeschlossen hatte, begann Henry sich mit säuerlicher Miene umzusehen, auf der Suche nach dem Problem, das er beheben sollte. »Ich hoffe, es hat nichts mit den Installationen zu tun. Ich habe keine Lust, unters Haus zu kriechen.« »Es gibt überhaupt kein Problem. Ich wollte dich nur drüben loseisen. Du musst mal ein bisschen relaxen. Lass dich doch von Lewis nicht dermaßen provozieren.« Er sah mich mit versteinerter Miene an. »Ich weiß nicht, was du meinst.« Ich war mir nicht sicher, ob er wirklich dermaßen begriffsstutzig war oder ob er nur Unverständnis vortäuschte, um dem Thema auszuweichen. »O doch. Lewis flirtet, aber er flirtet mit jeder Frau, die ihm begegnet. Es bedeutet überhaupt nichts. Du hast doppelt so viel Charme wie er und siehst doppelt so gut aus. Außerdem ist sie bei dir zu Besuch. Du kannst nicht zulassen, dass er stört und sie mit seinen Flirtkünsten betört.« »Stört und betört?« »Ach, du weißt schon, was ich meine. Sie geht den Weg des geringsten Widerstands. Das heißt aber nicht, dass sie ihn lieber mag als dich.« »Da wäre ich mir nicht so sicher. Für mich konnte sich Mattie keine Zeit nehmen. Kaum schlägt er einen Ausflug vor, schon hat sie den ganzen Tag zur Verfügung.« »Aber du hättest selbst auch ohne weiteres einen Vorschlag machen können.«, »Hab ich ja. Ich habe das Frühstück vorgeschlagen.« »Und sie hat eingewilligt. Was ich nicht verstehe, ist, wie es kam, dass Lewis und William auch bei dir gelandet sind.« »Ein bemerkenswerter Zufall. Die beiden haben ihren Morgenspaziergang gemacht und kamen ›zufällig‹ vorbei, als Mattie gerade in die Einfahrt einbog. Sie kamen ins Plaudern, und dann hat sie sie natürlich mit eingeladen. Und jetzt hat sie vor, den Rest des Tages mit ihm zu verbringen.« »Das hat sie nie gesagt. Was ist nur los mit dir? Hat sich Lewis eben was einfallen lassen. Ganz toll. Lass dir was Besseres einfallen und setz dich durch.« »Es ist nicht meine Entscheidung, sondern die von Mattie. Lewis ist aufdringlich und beginnt einen Konkurrenzkampf, indem er um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Er führt sich auf wie ein Achtjähriger.« »Das stimmt«, sagte ich. »Er ficht einen Konkurrenzkampf mit dir aus.« »Genau. Und das ist widerlich – erwachsene Männer, die sich um Mattie balgen wie Hunde um einen Knochen. Kein Gentleman sollte sich aufdrängen, da es das Recht der Lady ist, die Wahl zu treffen.« »Mattie trifft keine Wahl. Sie will nur nett sein.« »Schön. Sie kann so nett sein, wie sie will. Das Letzte, was ich täte, wäre, mich einzumischen.« »Ach, komm, Henry. Sei doch nicht so.« »Ich bin aber so. Genau so bin ich.« »Stur und stolz.« »Ich kann meinen Charakter nicht ändern. Das lehne ich ab.« »Dann ändere deinen Charakter eben nicht. Ändere deine Einstellung.« »Nein. Wenn sie sich von seinen Flirtkünsten – wie du es so, treffend bezeichnet hast – derart leicht einfangen lässt, dann habe ich sie vielleicht falsch eingeschätzt. Ich hatte sie für eine integre und vernünftige Frau gehalten. Er ist eitel und oberflächlich, und wenn sie das anziehend findet, dann sei’s drum.« »Würdest du mal von deinem hohen Ross runtersteigen? Du beziehst diese Position doch nur, um einen Streit zu vermeiden. Du denkst, wenn du es auf eine Konfrontation mit ihm ankommen lässt, verlierst du, aber das stimmt einfach nicht.« »Du hast keine Ahnung, was ich denke.« »Okay. Da hast du Recht. Ich kann nicht für dich sprechen. Warum sagst du mir nicht, was du für ein Gefühl dabei hast?« »Ich habe überhaupt kein ›Gefühl‹ dabei. Das ist doch alles nebensächlich. Mattie hat ihre Vorlieben und ich meine.« »Vorlieben?« »Genau. Mir ist es lieber, wenn ich aufgrund meiner selbst akzeptiert werde. Weder schreibe ich gern anderen vor, wie sie sich verhalten sollen, noch lasse ich mir selbst gern Vorschriften machen.« »Und was hat das mit Lewis zu tun?« »Sie findet ihn unterhaltsam. Ich nicht. Außerdem finde ich sein plötzliches Auftauchen höchst verdächtig.« »Aha«, sagte ich. Ich wollte meinen eigenen Verdacht gegen William nicht aussprechen, ehe Henry seinen geäußert hatte. Henry fuhr fort. »Ich glaube, sie hat mit Lewis telefoniert, und er ist daraufhin hergeflogen.« »Wie kommst du denn auf die Idee?« »Er schien überhaupt nicht erstaunt darüber zu sein, sie hier anzutreffen, und das heißt, dass er es schon gewusst hat. Aber woher hätte er es wissen sollen, wenn sie es ihm nicht selbst gesagt hat?« »Er hätte es von jemand anders gehört haben können.«, »Von wem?« »Von Rosie.« »Rosie plaudert nicht mit Lewis. Warum soll sie überhaupt mit ihm reden? Sie redet ja kaum mit mir.« »Dann eben von William. Vielleicht hat er es beiläufig erwähnt.« »Du bist offenbar entschlossen, sie in Schutz zu nehmen.« »Das Einzige, was ich will, ist, einen Hauch Realität zu verbreiten. Niemand heckt hinter deinem Rücken etwas aus. Na ja, Lewis vielleicht, aber nicht Mattie. Und das weißt du auch.« »Du deutest an, dass ich paranoid bin, aber das sind keine Hirngespinste. Mattie hatte die Absicht, zum Frühstück zu kommen und dann sofort heimzufahren. Lewis hat ganz spontan etwas vorgeschlagen, und schon verschiebt sie ihre Rückfahrt. Ja oder nein?« »Nein.« »Ja.« »Lass uns nicht streiten. Im Gegensatz zu dir glaube ich nicht, dass irgendwas im Busch ist, deshalb würde ich lieber das Thema wechseln. Mein einziges Anliegen … ach, ich weiß nicht mal, was mein einziges Anliegen ist. Mein einziges Anliegen ist, dass du nicht kampflos aufgeben solltest. Mehr sage ich nicht.« »Gut. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst, ich muss wieder zurück in meine Küche und zu meinen altjüngferlichen Schrullen.« Ich fuhr ins Büro und schloss mich dort ein. Ehrlich, es war entspannender, über Verbrechen nachzudenken als über Verliebte. Da versuchte ich doch allen Ernstes, Henry genau zu dem zu überreden, was ich Reba ausreden wollte, und keiner von beiden wollte auf mich hören. Aber warum sollten sie auch? Ich habe jede Beziehung vermasselt, die ich je hatte, also kann, man nicht behaupten, dass mein Rat viel wert wäre. Ich öffnete das Fenster in der Hoffnung, ein wenig Durchzug zu schaffen. Das Thermometer draußen am Fensterrahmen stand auf dreiundzwanzig Grad, aber mir kam es heißer vor. Ich setzte mich, legte die Füße auf den Schreibtisch und wippte ein wenig auf meinem Drehstuhl. Missmutig musterte ich meine Umgebung. Die Fenster waren so schmutzig, dass ich kaum hinausschauen konnte. Ruß auf dem Fensterbrett. Staub auf meiner falschen Topfpflanze. Mein Schreibtisch war voller Kram, und der Abfalleimer quoll über. Nach wie vor hatte ich Kisten herumstehen, die ich seit meinem Einzug nicht ausgepackt hatte, und der war fünf Monate her. Was war ich nur für eine Schlampe. Ich stand auf, ging in meine winzige Küche und fischte unter der Spüle einen Eimer, einen Schwamm und eine Flasche mit einer bösartigen gelben Flüssigkeit heraus, die an Giftmüll denken ließ. Den Rest des Morgens schrubbte ich Flächen, saugte Staub, polierte, wienerte, packte aus und räumte auf. Um die Mittagszeit war ich müde, verschwitzt und durstig, aber meine Laune hatte sich gebessert. Allerdings nicht für lange. Es klopfte an der Tür. Ich machte auf, und draußen stand ein Kurier mit einem Umschlag in der Hand. Ich leistete die erforderliche Unterschrift, machte den Umschlag auf und entnahm ihm einen Scheck von Nord über 1250 Dollar für die Rechnung, die ich ihm am Tag zuvor geschickt hatte. Die beiliegende handschriftliche Notiz besagte, dass die 250 eine Prämie dafür sein sollten, dass ich meine Arbeit gut gemacht hatte. Ich war mir da nicht so sicher. Psychologisch betrachtet, verpflichtete mich die Prämie ihm gegenüber und löste erneut Warnsignale in meinem Gewissen aus, das ich mit meiner hektischen Putzerei zu besänftigen gehofft hatte. Schon wieder steckte ich mitten in meiner Debatte mit mir selbst. Sollte ich Reba sagen, was lief, oder nicht? Und, was noch wichtiger war,, sollte ich ihren Vater einweihen? Seine einzige Anweisung – der ich zugestimmt hatte – war gewesen, ihn über jeden Rückfall Rebas zu unterrichten. Bis jetzt war (meines Wissens) noch nichts dergleichen geschehen, aber was würde sie tun, wenn ich ihr von Beck und Onni erzählte? Sie würde zusammenbrechen und leiden. Aber wenn ich es ihr nicht sagte und sie es irgendwie anders erfuhr – was in einer Stadt dieser Größe nicht ausgeschlossen war –, würde sie ebenfalls zusammenbrechen und leiden. Sie hatte mich gebeten, ihrem Vater nichts von Beck zu erzählen, aber Reba war nicht diejenige, die meine Rechnungen bezahlte. Siehe den eben eingetroffenen Scheck. Ich versuchte, auf einen übergeordneten Grundsatz zu kommen, der gelten könnte – irgendeinen Moralkodex, der mich zu einer Entscheidung führen würde. Nur leider fiel mir kein einziger ein. Dann kam ich ins Nachgrübeln darüber, ob ich überhaupt über Moral oder Grundsätze in irgendeiner Form verfügte, und fühlte mich gleich noch schlechter. Das Telefon klingelte. Ich nahm ab. »Was?«, bellte ich wesentlich ungehaltener als beabsichtigt. Cheney lachte. »Du klingst gestresst.« »Ja, bin ich auch. Hast du eine Ahnung, in was für eine Klemme du mich gebracht hast?« »Tut mir Leid. Ich weiß, dass es hart ist. Könnte es etwas nützen, wenn wir noch mal miteinander reden würden?« »Was gibt’s da schon zu reden? Ob ich diese arme Frau verraten soll? Ob ich ihr sagen soll, dass er eine andere bumst?« »Ich habe dir gesagt, dass er ein übler Typ ist.« »Aber ist es nicht genauso übel, ihr derart zuzusetzen?« »Hast du einen anderen Vorschlag? Wir sind nämlich für fast alles offen. Wir wollen weiß Gott nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Die Frau ist schon schräg genug drauf.«, »Allerdings. Mir ist aufgefallen, dass du von ›wir‹ sprichst, also vermute ich, dass du dein Wissen mit der Steuerbehörde geteilt hast.« »Es geht hier um strafrechtliche Ermittlungen. Ich bin Polizist.« »Tja, ich nicht.« »Würdest du mit meinem Freund von der Steuerbehörde wenigstens mal reden?« »Damit er sein Gesülze auf deines draufsatteln kann? Ein herrlicher Vorschlag. Ich habe sowieso schon das Gefühl, dass ich untergebuttert werde.« »Pass auf, ich bin ganz in der Nähe. Hast du Lust auf Mittagessen? Er ist gerade auf dem Weg von L.A. hierher und würde dann zu uns stoßen. Ganz ohne Druck. Ich versprech’s. Hör dir einfach nur an, was er zu sagen hat.« »Zu welchem Zweck?« »Kennst du ein Lokal namens Jay’s? Heiße Pastrami- Sandwiches und die besten Martinis der Stadt.« »Ich will mittags nichts trinken.« »Ich auch nicht, aber wir können doch zusammen essen, oder?« »Moment bitte«, sagte ich. »Bei mir ist jemand an der Tür. Kannst du kurz dranbleiben? Ich melde mich gleich wieder.« »Okay, kein Problem.« Ich drückte die Wartetaste und legte den Hörer auf den Schreibtisch, ehe ich aufstand und zwischen Büro und Vorraum hin und her ging. Was hatte ich eigentlich? Ich wollte ihn ja sehen. Allerdings hatte das nichts mit Reba Lafferty zu tun. Diese Angelegenheit war lediglich ein Deckmantel für eine andere Art von Verwirrung, mit der ich rang. Ich ging ins Bad, betrachtete mich im Spiegel und stellte fest, dass ich grauenhaft aussah. Es war einfach lächerlich. Ich kehrte ans Telefon zurück, und stellte die Verbindung wieder her. »Treffen wir uns in zehn Minuten dort.« »Sei nicht albern. Ich komme bei dir vorbei. Ist doch Quatsch, zwei Autos zu nehmen, wenn man auch mit einem auskommt. Außerdem ist es besser für die Umwelt.« »O bitte.« Ich schloss mein Büro ab und wartete draußen auf ihn. Es brachte nichts, mir wegen meiner gammligen Jeans oder der ausgelatschten Turnschuhe den Kopf zu zerbrechen. Meine Hände rochen nach Bleichmittel, und mein Rollkragenpulli war total ausgeleiert. Ich hätte ein komplett neues Styling gebraucht, aber das war vermutlich innerhalb der nächsten drei oder vier Minuten nicht zu schaffen. Ach, zum Teufel damit. Der Termin war rein beruflich. Was spielte es schon für eine Rolle, ob ich frisch geduscht war und schicke Pumps mit Nylons trug? Das drängendere Problem war Cheneys Kontaktmann von der Steuerbehörde. Schon jetzt regte sich in mir leises Grauen bei der Vorstellung, ihm zu begegnen. Von wegen ganz ohne Druck. Der Kerl würde mich zermalmen. Cheney kam in einem sportlichen, kleinen roten Mercedes- Cabrio um die Ecke gebogen. Er hielt am Straßenrand, beugte sich herüber und öffnete mir die Beifahrertür. Ich stieg ein. »Ich dachte, du fährst einen Mazda«, sagte ich mit leicht vorwurfsvollem Unterton. »Der steht zu Hause. Ich habe auch noch einen sechs Jahre alten Ford Pick-up, den ich zum Beschatten nehme. Das Schätzchen hier habe ich erst letzte Woche in Los Angeles abgeholt.« »Schick.« Er bog rechts ab und fuhr quer durch die Stadt. Sein Fahrstil gefiel mir. Kein zu hohes Tempo, kein Protzgehabe und keine Rücksichtslosigkeiten. Aus dem Augenwinkel registrierte ich die matt glänzende Oberfläche seiner rotseidenen Windjacke –, die alles andere als vulgär war –, das weiße Hemd, die Chinos und die edlen italienischen Schuhe, die wahrscheinlich mehr gekostet hatten, als ich monatlich an Miete zahlte. Selbst im offenen Wagen duftete sein Rasierwasser nach Gewürzen und erinnerte an die winzigen Blüten eines nachts blühenden Strauchs. Das war ja erbärmlich. Am liebsten hätte ich mich hinübergebeugt und an seiner Wange geschnuppert. Er warf mir ein Lächeln zu, als wüsste er genau, was in meinem Kopf vorging. Kein gutes Zeichen., Santa Teresa ist noch nie für seine Clubszene oder sein wildes Nachtleben bekannt gewesen. Die meisten Restaurants schließen, nachdem die letzten Bestellungen auf die Teller drapiert und serviert worden sind. Die Bars sind bis zwei Uhr morgens geöffnet, aber die meisten können nicht mit Tanzflächen oder Live-Musik aufwarten. Jay’s Cocktail Lounge in der Innenstadt ist eines der wenigen Lokale, die beides bieten. Überdies gibt es von halb zwölf bis zwei Uhr Mittagessen für einen kleinen Kreis von Gästen, die bei informellen Geschäftsessen und diskreten Affären einen ruhigen und intimen Rahmen bevorzugen. Die Wände sind mit grauem Veloursleder bezogen, und auf dem Boden liegt ein dicker, grauer Teppich, der einem das Gefühl vermittelt, über eine Matratze zu gehen. Selbst tagsüber ist es drinnen so finster, dass man am Eingang kurz stehen bleiben muss, damit sich die Augen anpassen können. Die Nischen sind geräumig und mit schwarzem Leder gepolstert, und sämtliche Außengeräusche sind nur noch gedämpft zu vernehmen. Cheney nannte der Bedienung seinen Namen – Phillips, drei Personen. Er hatte also reserviert. »Mann, du bist aber von dir überzeugt«, sagte ich. »Wie hast du so sicher sein können, dass ich ja sagen würde?« »Ich habe noch nie erlebt, dass du was zu essen abgelehnt hättest, schon gar nicht, wenn du eingeladen wirst. Fühlst du dich nicht bemuttert?« »Doch, irgendwie schon.« »Übrigens hat Vince angerufen, um zu sagen, dass es bei ihm später wird. Er meinte, wir sollen ruhig schon bestellen.« Den ersten Teil des Tischgesprächs bestritten wir mit Themen,, die nichts mit Reba Lafferty zu tun hatten. Wir tranken Eistee und stocherten an unseren Sandwiches herum, was für mich ungewöhnlich ist. Ich bin es gewohnt, schnell zu essen, aber Cheney schien es zu genießen, sich Zeit zu lassen. Wir plauderten über seinen und meinen Beruf, die Etatkürzungen bei der Polizei und deren Auswirkungen. Wir hatten ein paar gemeinsame Bekannte bei der Polizei, unter anderem Jonah Robb, den verheirateten Mann, mit dem ich während einer der immer wiederkehrenden Trennungsphasen von seiner Frau Camilla »gegangen« war. »Wie geht’s Jonah denn so?«, erkundigte ich mich. »Sind die beiden gerade zusammen oder getrennt?« Ich ließ die letzten Eiswürfel in meinem leeren Glas klirren, und wie auf ein Stichwort erschien der Hilfskellner und schenkte mir nach. »Getrennt, soweit ich weiß«, antwortete Cheney. »Sie haben ein Kind bekommen. Oder vielmehr, Camilla hat es bekommen. Den Gerüchten zufolge ist der Kleine nicht von ihm.« »Ja, aber er ist trotzdem hin und weg von dem Jungen«, erwiderte ich. »Er ist mir vor ein paar Monaten begegnet und wäre vor Stolz über das Baby fast geplatzt.« »Und was ist mit den zwei Töchtern? Weiß der Henker, wie sich das auf die beiden Mädchen auswirkt.« »Das ist Camilla egal. Ich wünschte nur, sie würden sich wieder zusammentun und endlich Ruhe geben. Wie oft haben sie sich jetzt schon getrennt?« Cheney schüttelte nur den Kopf. Ich musterte ihn. »Und wie läuft’s bei dir? Was macht das Eheleben?« »Das ist vorbei.« »Vorbei?« »Du kennst doch das Wort ›vorbei‹? Heißt so viel wie ›beendet‹.«, »Tut mir Leid, das zu hören. Wann ist das denn passiert?« »Mitte Mai. Es ist mir ja peinlich, das zuzugeben, aber wir waren nur fünf Wochen verheiratet, also eine Woche weniger, als wir uns gekannt haben, ehe wir nach Vegas gedüst sind.« »Und wo ist sie jetzt?« »Sie ist wieder nach L.A. gezogen.« »Das ging aber schnell.« »Wie wenn man ein Heftpflaster abreißt. Besser, man bringt es schnell hinter sich.« »Hast du was daraus gelernt?« »Da habe ich meine Zweifel. Ich hatte es einfach satt, mich tot zu fühlen. Bei unserer Arbeit gehen wir zwar in der realen Welt Risiken ein, aber hier drinnen weniger«, sagte er und tippte sich dabei auf die Brust. »Was ist Liebe schon anderes als ein Risiko?« Ich musterte meinen Teller, der voller Kartoffelchipsbrösel war. Ich leckte an meinem Zeigefinger, erwischte ein Häufchen davon und legte es mir auf die Zunge. »Du überforderst mein Fassungsvermögen. Irgendwie bin ich zurzeit umgeben von Leuten, die auf dem falschen Dampfer sind. Reba Lafferty ist auch eine davon.« Er beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und hielt sein Glas am Stiel fest. »Dann lass uns mal über sie reden.« »Was gibt’s da zu reden? Sie ist zerbrechlich. Es kommt mir nicht richtig vor, ihr Daumenschrauben anzulegen.« Ein Anflug von Ärger zog über sein Gesicht. »Die und zerbrechlich. Sie ist doch diejenige, die sich aus freien Stücken mit ihm eingelassen hat. Jetzt stellt sich heraus, dass er in mehr als nur einer Hinsicht ein Schwein ist. Es wäre besser, wenn sie wüsste, was läuft.« »Du tust es aber nicht ihr zuliebe. Du tust es für dich.« »Was spielt das für eine Rolle? Sie muss es erfahren. Oder bist, du anderer Meinung?« »Und was, wenn die Erkenntnis zu viel für sie ist?« »Wenn sie ausrastet, kümmern wir uns darum.« Sein Blick wanderte zu einem Punkt über meiner Schulter. Ich drehte den Kopf und sah einen Mann, den ich für Vince Turner hielt, links von mir näher kommen. Cheney schlüpfte aus der Nische, und die beiden gaben sich die Hand. Vince Turner war ein kräftiger Mann Mitte vierzig. Er hatte ein rundes Gesicht, schütteres Haar und trug einen braunen Regenmantel. Das Metallgestell seiner randlosen Brille war verbogen. Er trug eine Schultasche aus braunem Leder mit sich herum, mit der er in der sechsten Klasse als hoffnungslos out gegolten hätte. Jetzt wiesen ihn der abgeschabte Griff und die Schnallen an den beiden Außentaschen als selbstsicher aus. Cheney machte uns miteinander bekannt. Turner schälte sich aus seinem Regenmantel und warf ihn über die Banklehne, ehe er Platz nahm. Sein Anzug war schlammbraun, die Jacke hinten verknittert. Seine Hose hatte vom langen Sitzen Akkordeonfalten, die sich vom Zwickel her ausbreiteten. Er lockerte die Krawatte und steckte ihre Enden in die Hemdtasche, vielleicht, damit sie nicht in sein Essen rutschten. »Haben Sie schon gegessen?«, fragte Cheney. »Ich habe mir unterwegs im Auto einen Burger gegönnt, aber ich könnte einen Drink vertragen.« Cheney winkte dem Kellner, der kurz darauf mit einer Speisekarte zurückkehrte. Turner winkte ab. »Maker’s auf Eis. Einen doppelten.« »Haben Sie sonst noch einen Wunsch?« »Nein danke. Und Sie, Cheney?« »Ich brauche nichts.« »Ich auch nicht«, sagte ich. Sowie der Kellner verschwunden war, griff Turner nach, seinem in die Serviette gewickelten Besteck, rollte es auf und legte sich ein Gedeck zurecht. An der rechten Hand trug er einen schweren Verbindungsring aus Gold und Granat, doch es war unmöglich, den Spruch zu entziffern, der sich um den Stein herumwand. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß, während seine blassen Augen kalt wirkten. Er richtete die Griffe seines Messers, des Löffels und der beiden Gabeln aus und sah dann auf die Uhr. »Ich weiß nicht, wie viel Ihnen Lieutenant Phillips über mich erzählt hat. Es ist jetzt Viertel nach eins. Um zehn vor drei sitze ich in einem Flieger von hier nach LAX und dann weiter nach Washington D.C., wo ich mich mit einer Gruppe von Steuerfahndern und Leuten von der Drogenbehörde treffe. Damit bleibt uns etwa eine Stunde, um unser Anliegen zu besprechen, also komme ich gleich zur Sache. Wenn Sie Fragen oder Anmerkungen haben, melden Sie sich bitte. Sonst spreche ich weiter, bis ich fertig bin. Ist das akzeptabel?« Er nahm eine weitere winzige Adjustierung an seinem Besteck vor. »Ist mir recht«, antwortete ich. Ich fand es leichter, seine Hände zu beobachten, als ihm in die Augen zu schauen. »Ich bin sechsundvierzig Jahre alt und arbeite seit 1972 bei der Ermittlungsabteilung der Steuerbehörde. Bei meinem ersten Auftrag war ich Assistent des Mannes, der die Ermittlungen gegen Braniff Airlines wegen Waschens illegaler Wahlkampfspenden von Firmen geleitet hat. Braniff hat damals genau wie American Airlines gelegentlich Hilfe vonseiten der Regierung gebraucht und begonnen, über Maurice Stans Gelder an den Ausschuss für die Wiederwahl Nixons zu leiten. Erinnern Sie sich an Stans?« Er blickte lang genug auf, um mich nicken zu sehen. »Nachdem ich mich bei Watergate ausgetobt hatte, habe ich Geschmack am Aufdecken finanzieller Manipulationen gefunden. Ich war nie mit einer Frau oder Kindern gesegnet., Meine Arbeit ist mein Leben.« Er sah an seiner Jacke hinunter und zupfte einen winzigen Fussel ab. »Vor einem Jahr, im Mai 1986, hat der Kongress in einem seltenen Moment der Vernunft Gesetz Nummer 99-570 erlassen, das Geldwäschekontrollgesetz, und uns damit den Hammer in die Hand gegeben, mit dem man auf Leute eindreschen kann, die gegen das Gesetz über das Bankgeheimnis verstoßen. Die Bankengemeinschaft bekommt die Auswirkungen bereits zu spüren. Über lange Zeit hinweg haben die Banken in diesem Land die Meldebestimmungen als Banalität abgetan, aber damit ist es vorbei. Viele Übertretungen, die früher als minder schweres Delikt galten, sind jetzt zu Verbrechen erhoben worden, auf die hohe Haftstrafen, Geldstrafen und Bußgelder stehen. Die Crocker National Bank musste 2250000 Dollar zahlen, die Bank of America 4750000 und Texas Commerce Bancshares 1900000 Dollar. Sie können sich gar nicht vorstellen, was es mir für eine Genugtuung verschafft hat, diese Leute in ihre Schranken zu verweisen. Und wir sind noch lange nicht fertig.« Er machte eine Pause und sah mit einem Lächeln auf, das sein Gesicht von innen heraus wärmte. Auf einmal bargen seine blauen Augen eine unwiderstehliche Fröhlichkeit. Ich glaube, in diesem Moment änderte sich mein Standpunkt. Ich würde mein Möglichstes für Reba tun, aber wenn sie es mit diesem Knaben aufnehmen musste, steckte sie massiver in der Klemme, als sie ahnte. Der Kellner kam mit dem Maker’s Mark, der die Farbe von starkem Eistee hatte. Turner trank ohne zu zögern das Glas halb leer und stellte es vorsichtig vor sich ab, ehe er die Hände faltete und den Blick auf mich richtete. »Womit wir bei Mr. Beckwith wären. Ich habe das letzte Jahr damit zugebracht, ein umfassendes Dossier über ihn zu erstellen. Wie Sie sicher wissen, wirkt sein Lebensstil tadellos, und seine persönlichen Referenzen sind solide, was er in erster Linie der gesellschaftlichen Position seines verstorbenen Vaters verdankt., Die meisten Leute halten ihn für einen ehrlichen, gesetzestreuen Bürger, der nicht einmal im Traum mit Drogen, Pornos oder Prostituierten handeln würde. Für uns gehört er zu den so genannten marktbasierten Straftätern. Er nimmt die Gewinne aus diesen illegalen Aktivitäten, verschleiert ihre Herkunft und leitet sie als legale Erträge ins System zurück. Die letzten fünf Jahre hat er für einen Mann namens Salustio Castillo, einen Schmuckgroßhändler aus Los Angeles, der auch mit Altsilber und Altgold handelt, Gelder ›rehabilitiert‹. Die Firma ist nur ein Deckmantel für das, was er wirklich tut, nämlich Kokain aus Südamerika importieren. Castillo hat sich über Mr. Beckwiths Immobilienfirma ein großes Anwesen in Montebello gekauft. Mr. Beckwith hat den Kauf abgewickelt, und dadurch haben sie sich kennen gelernt. Mr. Castillo brauchte jemanden von Mr. Beckwiths beruflicher Reputation. Seine Firma ist weit verzweigt, und seine Finanzgeschäfte sind umfangreich genug, dass er die Gelder tarnen kann, die Castillo so dringend unterbringen wollte. Mr. Beckwith hat die Möglichkeiten erkannt und sich bereit erklärt zu helfen. Zuerst hat er die Standardmethoden der Geldwäsche benutzt – Transaktionen strukturieren, die Einzahlungen zusammenziehen und das Geld mithilfe telegrafischer Zahlungsanweisungen außer Landes bringen. Bis das Geld durch seine Firmenbücher und wieder zurück zu Castillo gewandert war, schien es aus ganz legalen Quellen zu stammen. Nach sechs Monaten hatte Mr. Beckwith es satt, seine Schlümpfe zu bezahlen, oder vielleicht wurde es ihm auch zu viel, die unzähligen Konten im Auge zu behalten, die er quer über ganz Santa Teresa County eröffnet hatte. Also begann er große Einzahlungen vorzunehmen – zwei- oder dreihunderttausend Dollar auf einmal –, indem er behauptete, es seien Erträge aus Immobiliengeschäften. Diesmal war er ein Vorbild an Gesetzestreue und hat sämtliche erforderlichen CTR-Formulare eingereicht. In Wirklichkeit hat, er aber darauf gesetzt, dass bei den Abermillionen von CTRs, die die Steuerbehörde bekommt, wenig oder gar keine Gefahr besteht, dass seine entdeckt werden. Schon bald hat er jede Woche eine Million durch das System geschleust und ein Prozent davon als Provision eingestrichen. Irgendwann hatten die Einzahlungen eine Höhe erreicht, wo die Risiken die Vorteile überstiegen, so nah am Heimatort Geschäfte zu machen. Mr. Beckwith wurde nervös und beschloss, die lokalen Banken zu umgehen und keine Spuren in Form zurückverfolgbarer Papiere mehr zu hinterlassen. Er hat eine panamaische Bank und eine uneingeschränkte Bankenkonzession in Antigua gekauft und die erforderliche eine Million US-Dollar als eingezahltes Kapital hinterlegt. Dann hat er weitere fünfhunderttausend Dollar für eine zweite internationale Bankenkonzession auf den Niederländischen Antillen investiert, die übrigens derzeit kein Steuerabkommen mit den Vereinigten Staaten haben.« Ich hob die Hand. »Anderthalb Millionen? Hat das wirklich einen solchen Wert für ihn?« »Auf jeden Fall. Bei seinen ausländischen Banken kann er Einzahlungen vornehmen. Er kann sich selbst Empfehlungsschreiben und Akkreditive ausstellen, und das alles im Schutz völliger Ungestörtheit und mit nur sehr wenig Einmischung vonseiten der Gastländer. Er muss nicht einmal dort sein, um seine Geschäfte abzuwickeln. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass andere meistens ziemlich beeindruckt sind, wenn sie hören, dass jemand eine Bank besitzt.« »Das kann ich mir denken«, sagte ich. Cheney sah mir kurz in die Augen und dachte wahrscheinlich genau wie ich an die Banken, die seinem Vater gehört hatten. Vince Turner hielt inne und sah zwischen Cheney und mir hin und her. »Entschuldigung«, sagte ich. »Fahren Sie fort.«, Er zuckte die Achseln und sprach weiter, als hätte er seinen Vortrag zuvor aufgezeichnet. »Von Gesetzes wegen muss jeder amerikanische Staatsbürger in seiner alljährlichen Steuererklärung sämtliche Auslandskonten angeben, aber diese Typen haben in der Hinsicht nicht mehr Skrupel als bei allen anderen Aspekten ihres Geschäfts. Unter Verwendung der von ihm gekauften Banken hat Mr. Beckwith in Panama eine internationale Kapitalgesellschaft gegründet, deren Aktien von einer so genannten Private Interest Foundation in Panama gehalten werden, was es ihm erlaubt, einer Besteuerung sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Panama zu entgehen. War der Firmenmantel erst eingerichtet, hat er begonnen, Bargeld aus den Staaten in seine Steueroasen zu bringen. Wenn man Bargeld transportiert, verlangt der Zoll einen CMIR – einen Currency and Monetary Instrument Report –, aber Mr. Beckwith hält nicht viel davon, diese lästigen amtlichen Formulare auszufüllen. Keine Formulare heißt das Gleiche wie keine weiteren Gesetzesverstöße, zumindest in seiner abseitigen Denkweise. Sowie das Geld bei einer seiner Offshore-Banken eingezahlt war, wurde es in Form von Geschäftskrediten mit zwanzig Jahren Laufzeit an Mr. Castillo zurückgezahlt. Der Transport von Bargeld bringt allerdings Schwierigkeiten anderer Art mit sich. Geldscheine sind nicht nur sperrig, sie wiegen auch noch mehr, als man glaubt. Die ausländischen Märkte ziehen kleinere Nennwerte vor – Zwanziger und Fünfziger. Eine Million Dollar in Zwanzig-Dollar-Scheinen wiegt gut sechsundfünfzig Kilo. Schleppen Sie das mal durch einen Flughafen. Aber kein Problem für unseren Jungen. Der stets einfallsreiche Mr. Beckwith hat ein Privatflugzeug geleast, und jetzt fliegt er alle zwei Monate Koffer voller Bargeld nach Panama. Die panamaische Währung ist der US-Dollar, also braucht er sich nicht mal über den Wechselkurs den Kopf zerbrechen. Und zwischen den einzelnen Flügen geht er mit seiner Frau auf luxuriöse Kreuzfahrten, bei denen er das Geld in, einem Schrankkoffer mitnimmt, den er in seiner Kabine stehen hat.« Turner leerte seinen Bourbon und bedeutete dem Kellner, ihm den nächsten zu bringen. »Hat Ihnen schon mal jemand verraten, wie viel Geld alljährlich weltweit gewaschen wird?« Ich schüttelte den Kopf. »Anderthalb Billionen Dollar – das sind eine Eins, eine Fünf und elf Nullen, nur damit Sie im Bilde sind. In den Vereinigten Staaten allein liegt die Zahl irgendwo bei fünfzig Milliarden, aber es handelt sich um Einkünfte, die nie versteuert werden, also sehen Sie ja, wie gravierend es ist.« Cheney ergriff das Wort. »Wie viel können Sie ihr über den aktuellen Stand der Ermittlungen sagen?« »In groben Zügen? Vor vier Jahren haben die Steuerbehörde, die Drogenbehörde, das FBI, der Zoll und das Justiz- und das Finanzministerium eine gemeinsame Sondereinheit gegründet, die gegen Gold- und Edelmetallhändler in Los Angeles, Detroit und Miami ermitteln sollte, die allesamt verdächtigt wurden, für ein kolumbianisches Drogenkartell Geld zu waschen. Bis jetzt ist es ihnen gelungen, sechzehn Millionen Dollar einzuzahlen, zu schichten und zu integrieren, indem sie das Bargeld durch vier Firmen geschleust und mehrere Konten bei zehn verschiedenen Banken benutzt haben, von denen eine eine Filiale hier in der Stadt hat. Alan Beckwith ist verantwortlich für das Weiterleiten eines beträchtlichen Anteils dieser Summe. Wir arbeiten gewissenhaft. Momentan sind wir noch dabei, die Einzelheiten zu klären und so viel stichhaltige Beweise wie möglich zu finden. Die Hauptsache ist, dass wir ihn nicht aufstören, bevor wir alle Zielpersonen im Visier haben. Ein Richter von einem Bezirksgericht in Los Angeles und ein zweiter in Miami haben kürzlich die elektronische Überwachung ge- nehmigt. Dadurch konnten wir Mr. Beckwiths Telefongespräche mithören. Außerdem haben wir die richterliche Erlaubnis, den, Müll von seinem Wohnhaus und seinem Firmensitz an uns zu nehmen. Unser lustiger Agententrupp vergnügt sich gerade damit, seine Abfälle zu durchwühlen. Sie haben Rechnungen mit fiktiven Adressen nicht existenter Firmen gefunden, mehrere handgeschriebene Notizen, ungültig gemachte Schecks und voll geschriebene Farbbänder von Schreibmaschinen sowie Streifen aus Rechenmaschinen. Mr. Beckwith unterhält legale Geschäfts- verbindungen zu Finanzinstituten an verschiedenen Orten, und er hat ein Händchen dafür, die Profite aus illegalen Aktivitäten mit denen aus seinem Alltagsgeschäft zu vermischen. Was ihm allerdings nicht klar zu sein scheint, ist, dass Geldinstitute Unterschriftsproben, Kontoauszüge und Kopien von Schecks, die auf Beträge über hundert Dollar ausgestellt sind, aufbewahren müssen. Banken führen außerdem eine Transaktionsliste über telegrafische Zahlungsanweisungen, damit sie Rechenschaft über sämtliche Gelder ablegen können, die bei ihnen durchlaufen. Diese Angaben werden allesamt verschlüsselt, aber mithilfe der Seriennummern lassen sich Herkunfts- und Empfängerbank identifizieren sowie Datum und Uhrzeit, zu der das Geld losgeschickt worden ist. Noch haben wir zwar keinen Zugang zu diesen Dokumenten, aber wir stellen gerade die nötigen Papiere zusammen, um die Bankunterlagen beschlagnahmen zu können.« Der Kellner erschien und stellte Turner seinen zweiten Whiskey hin. Schweigen trat ein, bis er den Tisch verlassen hatte und außer Hörweite war. Turner griff nach seinem Bourbon-Glas. Sein Trinktempo hatte sich verlangsamt, und ich sah ihm an, wie er den Geschmack genoss. »Und was wollen Sie von Reba? Sie werden ja wohl nicht von ihr verlangen, dass sie dort reinspaziert und sämtliche relevanten Akten klaut?« »Nein, nein. Übrigens können wir sie gar nicht zu etwas auffordern, was gegen die Gesetze verstößt, weil wir das selbst nicht dürfen. Sogar wenn sie die Akten ohne unser Wissen oder unsere Einwilligung stehlen würde, dürften wir nicht mal einen, winzigen Blick hineinwerfen, ohne unsere Anklage zu gefährden. Was wir allerdings erbitten dürfen, ist eine ausführliche Beschreibung seiner Akten – was für Unterlagen er hat und wo sie sich befinden –, die es uns erlaubt, Durchsuchungsbefehle für Finanzunterlagen und andere Dokumente zu beantragen. Ich verstehe ja, dass Sie Ms. Lafferty schützen wollen, aber wir brauchen ihre Kooperation.« »Gibt es denn niemand anderen? Was ist mit seinem Rechnungsprüfer?« »Der Rechnungsprüfer in der Firma heißt Marty Blumberg. Wir haben schon an ihn gedacht. Dummerweise steckt er dermaßen tief in der Sache drin, dass er womöglich die Panik kriegt und sich absetzt, oder – was noch schlimmer wäre – die Panik kriegt und Mr. Beckwith warnt. Jetzt, wo sie nicht mehr für ihn arbeitet, steht Reba nicht länger in der Schusslinie und ist vielleicht eher bereit, uns zu helfen. Hat Ihnen Lieutenant Phillips die Fotos gezeigt?« »Ja, schon, aber ich weiß nicht, was Ihnen die helfen sollen. Wenn sie erfährt, dass er in der Klemme steckt, überschlägt sie sich doch, um ihm alles auf die Nase zu binden, was sie von Ihnen weiß.« »Das habe ich schon begriffen. Haben Sie vielleicht eine Idee, wie man ihre Reaktion dämpfen könnte?« »Nein. Es ist, als würde man einen Atomsprengsatz zünden. Sie riskieren selbst ebenso viel Zerstörung, wie Sie dem Gegner zufügen wollen.« Turner rückte eine winzige Unregelmäßigkeit an dem Gedeck zurecht, das er bereits zuvor akkurat ausgerichtet hatte. »Da ist was dran. Nur leider haben wir nicht viel Zeit. Mr. Beckwith besitzt einen unglaublichen Überlebensinstinkt. Wir waren zwar diskret, aber die Erkenntnisse, die wir gesammelt haben, lassen vermuten, dass er etwas von den Ermittlungen gegen ihn ahnt. Er zieht seine Geldanlagen zusammen und beschleunigt seine, Aktionen, und das beunruhigt uns.« »Das hat Reba auch erwähnt, aber sie ist davon überzeugt, dass er das für sie tut. Er sagt, sobald er sein Vermögen in Sicherheit hat, verlässt er seine Frau, und die beiden können sich absetzen. Zumindest hat sie es so verstehen wollen. Wer weiß schon, was wirklich stimmt?« »Es steht völlig außer Zweifel, dass er seine Flucht plant. Noch eine Woche, und er hat es womöglich geschafft, das Geld und sich selbst endgültig unserem Zugriff zu entziehen.« »Gehört das Geld ihm oder Salustio Castillo?« »Zum größten Teil ihm. Wenn er schlau ist, lässt er die Finger von Salustios Geld. Der Letzte, der Castillo gelinkt hat, hat als Betonlutscher in einer Fünfundsiebzig-Liter-Mülltonne geendet«, erklärte Vince. »So«, sagte Cheney einen Moment später. »Und wer redet jetzt mit Reba? Sie, ich oder Kinsey?« Es herrschte Schweigen, während wir alle drei auf die Tischplatte starrten. Schließlich hob ich die Hand. »Ich habe bessere Chancen als ihr.« »Gut. Lassen Sie uns ein paar Tage Zeit. Sobald ich aus Washington zurück bin, organisiere ich ein Treffen mit unserem FBI-Kontaktmann und dem Justizministerium. Der Zoll wird vermutlich auch mit von der Partie sein wollen. Wenn wir wissen, wie wir vorgehen, holen wir Sie zu einem Briefing, schätzungsweise Anfang nächster Woche. Danach würden wir gern mit ihr sprechen.« »Sehen Sie zu, dass Sie das Ganze wasserdicht kriegen. Ich freue mich nicht gerade darauf, ihr die Nachricht zu überbringen.« »Keine Sorge. Wir instruieren Sie rechtzeitig.« Cheney setzte mich um zwei an meinem Büro ab. Die Nachmittagstemperatur stieg weiter, ein kompletter, Widerspruch zum morgendlichen Wetterbericht, der gemäßigte dreiundzwanzig Grad versprochen hatte. Vince Turner hatte sich ein Taxi gerufen, das ihn zum Flughafen brachte, damit er seinen Flug erreichte. Ich hatte gehofft, Cheney würde mich absetzen, ohne noch einmal auf Reba Lafferty oder Beck zu sprechen zu kommen, doch als ich ausstieg, hielt er mir einen braunen Umschlag hin. »Ich habe Kopien für dich machen lassen.« »Und was soll ich mit denen anfangen?« »Was du willst. Ich fand nur, du solltest auch einen Satz haben.« »Herzlichen Dank«, sagte ich und nahm den Umschlag entgegen. »Ruf mich an, wenn du mich brauchst.« »Verlass dich drauf. Das tu ich.« Ich wartete, bis er um die Ecke gebogen und das Geräusch seines kleinen roten Mercedes in der schwülen Nachmittagsluft verklungen war. Erst dann betrat ich mein Büro, in dem es abgestanden und tot roch. Durch den Vorraum ging ich zu meinem Schreibtisch, wo ich die Tasche auf den Besucherstuhl warf und mich mit dem Umschlag hinsetzte. Nachdem ich mir mit ihm Luft zugefächelt hatte, öffnete ich die Klammer und nahm die Abzüge heraus. Die Bilder waren genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte – Beck und Onni, wie sie aus verschiedenen Hotels kamen, er mit dem Arm um ihre Schulter, die beiden Händchen haltend, Onni mit dem Kopf auf seiner Schulter und dem Arm um seine Taille, beide eng aneinander geschmiegt und im Gleichschritt. Die arme Reba. Ihr stand ein böses Erwachen bevor. Ich zog die Schreibtischschublade auf und warf den Umschlag hinein. Mir graute schon, wenn ich nur an die erbärmliche Aufgabe dachte, ihr die Nachricht zu überbringen. In der Hoffnung, mich abzulenken, tat ich etwas, was ich seit ewigen Zeiten nicht mehr gemacht hatte. Ich ging zu Fuß die, vier Blocks von meinem Büro ins Zentrum von Santa Teresa und sah mir nacheinander zwei Filme an, einen davon sogar zweimal. Immerhin entkam ich damit sowohl der Hitze als auch der Realität., Als ich bei mir zu Hause eintraf, war Matties Wagen verschwunden, und Henrys Küche lag im Dunkeln. Ich wusste nicht, was ich daraus schließen sollte. Die Temperatur lag ungefähr bei achtundzwanzig Grad, was zu dieser Tageszeit Seltenheitswert hatte. Es war noch hell, und die Gehsteige schimmerten von der aufgestauten Hitze. Die Luft war drückend und vollkommen reglos, dazu herrschte eine Luftfeuchtigkeit von schätzungsweise 95 Prozent. Eigentlich hätte es regnen müssen, aber es war Mitte Juli, und die Trockenheit würde uns vermutlich bis Ende November erhalten bleiben. In meiner Wohnung war es heiß und stickig. Ich setzte mich auf die Verandatreppe und fächelte mir mit der zusammengefalteten Zeitung Kühlung zu. Zwar haben die meisten südkalifornischen Häuser eingebaute Sprinkler, aber nur wenige verfügen über zentrale Klimaanlagen. Ich würde einen Ventilator aus dem Schrank kramen und auf meiner Schlafgalerie aufstellen müssen, ehe ich mich aufs Ohr legen konnte. In Nächten wie diesen strampeln sich kleine Kinder aus Nachthemden und Schlafanzügen heraus und schlafen in der Unterwäsche. Meine Tante Gin hat immer geschworen, dass mir kühler wäre, wenn ich mich im Bett um 180 Grad drehte, also die Füße aufs Kopfkissen und den Kopf auf die am Fußende verknäulten Decken legte. Sie war erstaunlich liberal, diese Frau, die mich aufgezogen hat, nachdem sie nie eigene Kinder geboren hatte. In diesen seltenen kalifornischen Nächten, in denen es zu heiß zum Schlafen war, erlaubte sie mir, die ganze Nacht aufzubleiben, selbst wenn ich am nächsten Tag Schule hatte. Dann lagen wir jede in unserem Schlafzimmer und lasen Bücher, während es im Trailer so still war, dass ich sie umblättern hörte. Was ich daran liebte, war das berauschende, Gefühl, dass wir gegen die Regeln verstießen. Ich wusste, dass »echte« Eltern eine derartige Freizügigkeit wohl kaum geduldet hätten, doch empfand ich es als kleine Entschädigung für mein verwaistes Dasein. Irgendwann schlief ich unweigerlich ein. Dann kam Tante Gin auf Zehenspitzen hereingeschlichen, nahm mir sacht das Buch aus den Händen und löschte das Licht. Wenn ich später aufwachte, war es um mich herum dunkel, und ich war zugedeckt. Seltsam, wie lange sich Erinnerungen halten, nachdem ein Leben erloschen ist. Gerade als die Straßenlampen angingen, hörte ich das Telefon klingeln. Ich stand schwerfällig auf, trottete in die Wohnung und griff nach dem Hörer. »’lo?« »Hier ist Cheney.« »Ah, hallo. Ich habe nicht mit dir gerechnet. Was gibt’s?« Im Hintergrund herrschte derartiger Lärm, dass ich mir die Hand aufs Ohr pressen musste, um ihn zu verstehen. »Was?« »Hast du schon zu Abend gegessen?« Ich hatte im Kino eine Tüte Popcorn verdrückt, doch ich fand, das zählte nicht. »Nicht direkt.« »Gut. Ich bin in zwei Minuten da, dann gehen wir was essen.« »Wo bist du denn?« »Bei Rosie. Ich dachte, du wärst hier, aber da habe ich mich schon wieder getäuscht.« »Vielleicht bin ich doch nicht so berechenbar, wie du geglaubt hast.« »Das bezweifle ich. Hast du ein Sommerkleid?« »Nein, das nicht, aber ich habe einen Rock.« »Zieh ihn an. Ich bin’s leid, dich in Jeans zu sehen.« Nachdem er aufgelegt hatte, stand ich da und starrte das Telefon an. Eine seltsame Entwicklung. Das Abendessen klang ganz nach einer privaten Verabredung, es sei denn, er hatte von, Vince Turner etwas über die Besprechung in der nächsten Woche gehört. Aber warum sollte ich einen Rock anziehen, um Informationen dieser Art entgegenzunehmen? Langsam stieg ich die Wendeltreppe hinauf und überlegte, was ich zu dem Rock anziehen sollte. Ich setzte mich aufs Bett, streifte die Turnschuhe ab und zog die verschwitzten Klamotten aus, ehe ich duschte und mich in ein Handtuch wickelte. Als ich den Schrank aufmachte, entdeckte ich meinen braunen Popelinerock. Ich nahm ihn vom Kleiderbügel und strich die Falten glatt. Dann zog ich frische Unterwäsche an und stieg in den Rock, wobei mir auffiel, dass der Saum kurz überm Knie endete. In der Kommode durchwühlte ich einen Stapel T-Shirts und wählte ein rotes mit Trägern aus, das ich mir über den Kopf zog und in den Rockbund stopfte. Nachdem ich noch ein Paar Sandalen angezogen hatte, ging ich ins Bad zurück und putzte mir die Zähne. Das alles war meine Art, Zeit zu schinden, bis ich wusste, was ich empfand. Vor dem Waschbecken stehend studierte ich mein Spiegelbild. Warum musste ich immer zwanghaft in den Spiegel starren, wenn Cheney anrief und sein Kommen ankündigte? Ich machte die Hände nass und fuhr mir durchs Haar, um es in Form zu bringen. Augen-Make-up? Nee. Lippenstift? Eher nicht. Das würde übertrieben wirken, wenn es wirklich um die Finanzgeschichte ging. Ich beugte mich näher zum Spiegel. Na gut, nur einen Hauch Farbe. Konnte nicht schaden. Ich entschied mich für Kompaktpuder, einen schnellen Tupfer Lidschatten, Wimperntusche und korallenroten Lippenstift, den ich auftrug und wieder abwischte, so dass meine Lippen leicht rosa blieben. Sehen Sie? Das ist der Nachteil von Beziehungen zu Männern – man wird narzisstisch und ist besessen von »Schönheitsfragen«, die einem normalerweise schnurzegal wären. Ich machte das Licht aus, trabte nach unten und schnappte mir meine Umhängetasche. Im Wohnzimmer ließ ich eine Lampe brennen, ehe ich die Tür hinter mir schloss und das Haus, verließ. Cheney wartete bereits in seinem kleinen roten Mercedes am Straßenrand. Er lehnte sich über den Sitz und öffnete mir die Tür. Der Mann war eine richtige Modepuppe. Er hatte sich schon wieder umgezogen. Nun trug er dunkle italienische Slipper, eine sandgewaschene Seidenhose in einem dunklen Graubraun und ein weißes Leinenhemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Rasch musterte er mich von Kopf bis Fuß. »Du siehst gut aus.« »Danke. Du auch.« Er lächelte verhalten. »Schön, dass wir das geklärt haben.« »Finde ich auch.« Er bog an der Ecke rechts ab und fuhr auf den Cabana Boulevard, dem er nach links folgte. Das Verdeck war offen, und meine Haare flogen in sämtliche Himmelsrichtungen, aber wenigstens war es kühl. Ich nahm an, wir würden zum Caliente Café fahren. Das Lokal ist ein Treffpunkt für Cops und eine richtige Spelunke – Zigarettenrauch, Bierdunst und das ständige Rattern und Pfeifen von Mixern, die Eiswürfel unter Margarita- Mix mischen, dazu schmackhafte pseudomexikanische Küche und kein erkennbares Dekor, es sei denn, man zählte die an die Wand genagelten sechs zerzausten mexikanischen Sombreros dazu. Am Vogelreservat angelangt, bogen wir nicht links ab, wie ich erwartet hatte, sondern fuhren unter dem Freeway hindurch und geradeaus weiter, womit wir uns im »Lower Village« von Montebello befanden. Die vierspurige Schnellstraße verengte sich auf zwei Spuren und war rechts und links gesäumt von eleganten Kleiderläden, Juwelieren, Immobilienmaklern und dem üblichen Sammelsurium von Geschäften, darunter ein Friseursalon, ein Sportgeschäft und eine exklusive Kunstgalerie. Inzwischen war es ganz dunkel geworden, und die meisten Läden waren zwar geschlossen, aber hell erleuchtet. Die Bäume waren mit winzigen weißen Glühbirnchen geschmückt, so dass, ihre Stämme und Zweige funkelten wie Eis. Wir folgten der Geschäftsstraße bis St. Isadore, wo Cheney links abbog. Zuerst kamen wir durch eine Gegend mit dem Spitznamen »Heckenviertel«, wo Klebsamensträucher und Surinamkirschen drei bis sechs Meter hoch wuchsen und die Anwesen gegen die Straße abschirmten. Auch wenn ich mich noch so anstrengte, war mir bis jetzt nichts zu sagen eingefallen, und so hielt ich den Mund. Cheney schien das nicht zu stören, was mich hoffen ließ, dass er Smalltalk ebenso hasste wie ich. Andererseits konnten wir auch nicht den ganzen Abend ohne zu sprechen verbringen. Das würde sich allzu merkwürdig ausnehmen. Wir fuhren durch dunkle Straßen, während der kleine Mercedes vor sich hin brummte. Vor dem St. Isadore Hotel schaltete Cheney herunter. Das St. Isadore war früher eine richtige Ranch und stammt aus dem späten neunzehnten Jahrhundert. Heute ist es ein schickes Hotel mit luxuriösen Einzelbungalows, die über fünfeinhalb Hektar mit Blumenbeeten, Sträuchern, immergrünen Eichen und Orangenbäumen bepflanztes Gelände verstreut sind. Haustiere waren erlaubt. Für lumpige fünfzig Dollar pro Wauwau bekamen Hunde eigene Betten, Perrier-Mineralwasser, handbemalte Wasserschüsseln mit ihrem Namen darauf und »Zimmerservice« auf Anfrage. Ich war gelegentlich zum Essen hier gewesen, hatte aber nie selbst bezahlen müssen. Cheney hielt vor dem Hauptgebäude und stieg aus. Ein Parkwächter trat heran, half mir, mich herauszuschälen, und zauberte dann den Wagen weg. Wir gingen an dem eleganten Restaurant im ersten Stock vorbei und betraten das Harrow and Seraph, eine Bar mit niedriger Decke im Erdgeschoss. Die Tür stand offen. Cheney trat beiseite und ließ mich als Erste hineingehen, ehe er folgte. Die Wände waren aus Stein, weiß getüncht und kühl. Von den knapp zwanzig Tischen waren zu dieser Stunde noch viele, unbesetzt. Eine kleine Bar verlief entlang der hinteren Wand. Zur Linken befand sich ein steinerner Kamin, in dem angesichts der sommerlichen Temperaturen kein Feuer brannte. Zur Rechten waren Banknischen angebracht, während die übrigen Tische sich den Raum dazwischen teilten. Die Beleuchtung war diskret, aber nicht so düster, dass man eine Taschenlampe gebraucht hätte, um die Karte zu lesen. Cheney steuerte mich zu einer gepolsterten Bank, an deren Rückenlehne Kissen standen, die so dick waren, dass ich sie beiseite schieben musste. Erst setzte er sich mir gegenüber, ehe er sich besann, herüberkam und neben mich rutschte. »Keine Polizeigespräche«, erklärte er. »Ich bin jetzt außer Dienst und du auch.« »Ich dachte, du wolltest über Reba reden.« »Nö. Ich will kein Wort davon hören.« Die Wärme seines Schenkels dicht an meinem lenkte mich nur geringfügig ab. Das ist der Vorteil, wenn man Popeline trägt – seine Leitfähigkeit in puncto Körperwärme. Als der Kellner erschien, bestellte Cheney zwei Wodka Martinis ohne Eis mit Oliven extra. Sowie der Kellner weg war, sagte Cheney: »Keine Sorge. Wir trinken nicht die ganze Zeit. Das soll nur dazu beitragen, unsere Zungen zu lösen.« Ich musste lachen. »Danke für die Beruhigung. Ich habe schon Schlimmes befürchtet.« Kurz ließ ich den Blick schweifen – Mund, Kinn, Schultern. Er hatte schöne Zähne, weiß und gerade – seit jeher eine Schwäche von mir. Dunkle Haare bedeckten die Wölbung seiner Unterarme. Er musterte mich mit aufgestütztem Ellbogen, das Kinn auf der Handfläche ruhend. »Du hast meine Frage nicht beantwortet.« »Welche?« »Beim Mittagessen. Ich habe dich nach Dietz gefragt.« »Ah. Hm, mal sehen, ob ich darüber objektiv sprechen kann. Er verschwindet immer wieder in der Versenkung. Das letzte, Mal, dass ich ihn gesehen habe, war im März letzten Jahres. Wo er sich seitdem rumgetrieben hat, weiß ich nicht. Erklärungen sind nicht sein Ding. Vermutlich könnte man es die Friss-oder- stirb-Beziehungsschule nennen. Ich habe ihm Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, aber er hat nicht zurückgerufen. Möglicherweise hat er mich verlassen, aber woher soll ich das wissen?« »Würde es eine Rolle spielen, wenn dem so wäre?« »Ich glaube nicht. Vielleicht wäre ich gekränkt, aber ich würde es überleben. Ich finde es zwar rüpelhaft, mich sitzen zu lassen, aber so ist das Leben.« »Ich dachte, du warst verrückt nach dem Kerl.« »War ich auch, aber ich wusste, was er ist.« »Und zwar?« »Ein emotionaler Herumtreiber. Aber der Punkt ist, dass ich ihn mir trotzdem ausgesucht habe, also muss es mir irgendwie entsprochen haben. Jetzt ist das anders. Ich kann nicht mehr in diese Phase zurückgehen. Es ist aus und vorbei.« So ähnlich, fiel mir gerade ein, hatte Cheney das Ende seiner Ehe beschrieben. Er sann über das nach, was ich gesagt hatte. »Du warst einmal verheiratet?« Ich hielt zwei Finger in die Höhe. »Beide Male hat es mit Scheidung geendet.« »Und was gibt’s über diese beiden Herren zu erzählen?« »Der erste war Polizist.« »Mickey Magruder. Ich habe von ihm gehört. Hast du ihn verlassen oder er dich?« »Ich ihn. Ich habe Mickey falsch eingeschätzt und ihn verlassen, weil ich ihn in einer Sache für schuldig gehalten habe. In Wirklichkeit war er aber unschuldig. Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen deswegen.« »Warum?«, »Ich bin nicht mehr dazu gekommen, mich bei ihm zu entschuldigen, bevor er gestorben ist. Ich hätte die Sache gerne geklärt. Ehemann Nummer zwei war Musiker, und zwar Pianist, sehr begabt. Außerdem chronisch untreu und ein pathologischer Lügner mit dem Gesicht eines Engels. Es war ein Schlag, als er mich verlassen hat. Ich war vierundzwanzig und hätte es wahrscheinlich kommen sehen müssen. Später habe ich mitgekriegt, dass er schon immer mehr an anderen Männern interessiert war als an mir.« »Und warum sehe ich dich nicht mit anderen Männern? Hast du dir Männer abgewöhnt?« Beinahe hätte ich eine schnippische Bemerkung gemacht, doch ich verkniff es mir gerade noch rechtzeitig. Stattdessen sagte ich etwas anderes. »Ich habe auf dich gewartet, Cheney. Ich dachte, das weißt du.« Er sah mich an und versuchte zu ergründen, ob ich mich über ihn lustig machte. Ich erwiderte seinen Blick und versuchte abzuschätzen, was er mit meiner Äußerung anfangen würde. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was als Nächstes geschehen würde. Es gab so viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen, so viel dummes Zeug, das aus seinem Mund kommen könnte. Ich flehte innerlich: Verdirb es nicht … bitte, bitte, ruinier nicht alles … was auch immer es ist … Es gibt zwei Dinge, die ich an Männern hasse: 1) Wenn sie mir sagen, dass ich schön sei, was ein bescheuerter Manipulationsversuch ist und nichts mit mir zu tun hat. 2) Wenn sie mir in die Augen sehen und anfangen, über meine »Widerstände« zu reden, weil sie wissen, dass ich »verletzt« worden bin. Cheney tat Folgendes: Er legte seinen Arm auf die Rückenlehne und fasste nach einer Haarsträhne oben auf meinem Kopf. Er musterte sie aufmerksam und mit ernster, Miene. In dem Sekundenbruchteil, ehe er zu sprechen begann, hörte ich einen gedämpften Laut, wie wenn sich Gasdüsen entzünden, nachdem man ein Streichholz drangehalten hat. Wärme zog mein Rückgrat hinauf und löste sämtliche Verspannungen in meinem Nacken. Er sagte: »Ich mache dir mal einen richtigen Haarschnitt. Hast du gewusst, dass ich Haare schneiden kann?« Ich ertappte mich dabei, wie ich auf seinen Mund starrte. »Nein. Das wusste ich nicht. Was machst du denn sonst noch alles?« Er lächelte. »Tanzen. Tanzt du?« »Nicht besonders gut.« »Macht nichts. Ich kann’s dir beibringen. Du lernst es schon.« »Würde ich gern. Und was noch?« »Ich treibe Sport. Ich boxe ein bisschen und mache Krafttraining.« »Kannst du kochen?« »Nein, du?« »Erdnussbutter-Gurken-Sandwiches.« »Sandwiches zählen nicht, außer solche, die mit Käse überbacken sind.« »Noch irgendwelche anderen Begabungen, über die ich Bescheid wissen muss?« Er fuhr mir mit dem Handrücken über die Wange. »Ich kann außerordentlich gut buchstabieren. In der fünften Klasse war ich Zweiter im Buchstabierwettbewerb meiner Schule.« In meiner Kehle begann sich ein Summen zu formen – der gleiche seltsame Mechanismus, der Katzen zum Schnurren bringt. »Und was hast du verpatzt?« »›Eleemosynary‹. Das bedeutet ›wohltätig, karitativ‹. Schreibt sich e-l-e-e-m-o-s-y-n-a-r-y. Ich habe das dritte e ausgelassen.«, »Aber seither hast du es nicht mehr verpatzt. Du hast also dazugelernt.« »Ja, allerdings. Und du? Irgendwelche besonderen Fähigkeiten, von denen du mir gleich berichten willst?« »Ich kann auf dem Kopf stehende Texte lesen. Wenn ich mit jemandem spreche und er irgendwelche Papiere auf dem Tisch liegen hat, kann ich jedes Wort lesen, während ich mit ihm plaudere.« »Sagenhaft. Und was noch?« »Kennst du dieses Partyspiel, das wir in der Grundschule immer gespielt haben? Die Mutter bringt ein Tablett, darauf sind fünfundzwanzig mit einem Handtuch abgedeckte Gegenstände. Sie hebt das Handtuch hoch, und die Kinder dürfen die Sachen eine halbe Minute lang anschauen, ehe sie sie wieder zudeckt. Ich kann alles vorwärts und rückwärts aufsagen, ohne eines zu vergessen, außer manchmal die Q-Tips. Bei denen patze ich manchmal.« »Ich bin nicht gut in Partyspielen.« »Ich auch nicht, außer bei dem einen. Ich habe schon alle möglichen Preise gewonnen. Seifenblasen und Schläger mit einem Ball an einer Schnur, der immer plop-plop-plop macht.« Der Kellner brachte unsere Drinks. Die Intensität unserer Verbindung ließ nach, doch sobald der Kellner gegangen war, spürte ich, wie sie wieder auflebte. Cheney legte mir eine Hand auf den Hals. Ich lehnte mich zu ihm und neigte den Kopf, bis meine Lippen an seinem Ohr waren. »Wir werden einen Haufen Ärger kriegen, was?« »Mehr, als du dir vorstellen kannst«, murmelte er. »Weißt du, warum ich mit dir hierher gefahren bin?« »Keine Ahnung.« »Wegen der Käse-Makkaroni.« »Willst du mich bemuttern?«, »Verführen.« »Bis jetzt schlägst du dich nicht schlecht.« »Das ist erst der Anfang«, erwiderte er schmunzelnd. Und dann küsste er mich, aber nur einmal und nicht lang. »Du bist ein Mann von enormer Zurückhaltung«, sagte ich, als ich wieder sprechen konnte. »Und Selbstdisziplin. Das hätte ich wahrscheinlich schon viel früher erwähnen sollen.« »Ich mag Überraschungen. Erfreuliche«, sagte ich. »Bei mir erlebst du nur solche.« Der Kellner kehrte mit seinem Bestellblock zurück. Wir lösten uns voneinander und lächelten beide höflich, als würde sich Cheneys Schenkel nicht unter der Tischdecke gegen meinen pressen. Ich hatte noch nicht einmal einen Schluck von meinem Drink genommen, aber mir war jetzt schon schwummrig, und ich fühlte mich matt von der Hitze, die meine Glieder durchdrang. Ich musterte die anderen Gäste, doch niemand sonst schien die aufgeladenen Teilchen wahrzunehmen, die zwischen uns hin und her schwangen. Cheney bestellte für jeden von uns einen Salat und erklärte dem Kellner, dass wir uns die Käse-Makkaroni teilen würden, die offenbar in einer Auflaufform von der Größe eines Brottellers serviert wurden. War mir auch recht. Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst aus der Reserve gelockt, weg von meinem, sonst so streitbaren und selbstherrlichen Ego. Schon jetzt war ich ihm erlegen. Ich merkte, wie sich meine Grenzen auflösten und Verlangen die Barrikaden schleifte, die ich errichtet hatte, um die mongolischen Horden fern zu halten. Doch wen kümmerte das noch? Sollten sie ruhig die Mauern stürmen. Sobald der Kellner gegangen war, legte Cheney eine Hand mit der Handfläche nach oben auf den Tisch, und ich schlang meine, Finger durch seine. Er sah sich im Lokal um, ließ den Blick von einem Gesicht zum nächsten wandern, während er die anderen Gäste musterte. Ich spürte, dass er sich distanziert hatte, wusste jedoch, dass er zurückkommen würde. Und so studierte ich sein Profil und den Schopf aus lockigem braunem Haar, das ich berühren durfte, wenn ich wollte. Ich sah den Puls an seinem Hals schlagen. Er wandte sich um und sah mich an. Sein Blick wanderte von meinen Augen zu den Umrissen meines Mundes. Er beugte sich zu mir, und wir küssten uns erneut. War der erste Kuss zart gewesen, war dieser nun ein Versprechen. Fast hätte ich laut gesummt. »Wir müssen etwas essen, oder?« »Essen als Vorspiel.« »Ich bin am Verhungern.« »Ich krieg dich satt.« »Ich weiß.« Mir ist schleierhaft, wie wir das Essen durchstanden. Wir aßen einen Salat, der kalt und knackig und mit einer säuerlichen Vinaigrette angemacht war. Cheney fütterte mich mit Käse- Makkaroni, die heiß und weich und mit italienischem Schinken garniert waren, und dann küsste er mir das Salz von den Lippen. Wie waren wir nur hier gelandet? Ich dachte an die vielen Male, die ich ihn gesehen hatte, die Gespräche, die wir geführt hatten. Nie hatte ich wirklich hinter die Fassade dieses Mannes geblickt, doch nun saß er hier. Er beglich die Rechnung. Während wir auf den Wagen warteten, zog er mich an sich und legte mir die Hände auf den Po. Am liebsten wäre ich auf ihn geklettert und an seinem Körper auf und ab gerutscht wie ein Affe auf einer Palme. Der Parkwächter wandte den Blick ab und gab sich desinteressiert, als er mich ins Auto bugsierte. Cheney gab ihm ein Trinkgeld, zog die Tür zu und legte den ersten Gang ein. Während wir durch die Dunkelheit glitten, fuhr ich mit der Hand seinen Schenkel auf und ab., Als wir in eine Einfahrt bogen, wusste ich erst gar nicht, wo wir waren. Wohl bei ihm zu Hause. Benommen sah ich zu, wie er auf seiner Seite ausstieg und zu meiner herüberkam. Er zog mich aus dem Sitz und drehte mich um, bis ich an ihm lehnte, meine Kehrseite an seiner Vorderseite, und ließ seine Lippen meinen Hals entlangwandern. Dann zog er den Träger meines Tops zur Seite und küsste mich auf die Schulter, wobei er mich ein ganz klein wenig von seinen Zähnen spüren ließ. »Gehen wir es langsam an, okay?«, schlug er vor. »Wir haben alle Zeit der Welt. Oder musst du irgendwohin?« »Nein.« »Gut. Dann lass uns nach oben gehen.« »Okay.« Ich fasste nach hinten, fuhr mit den Fingern durch sein Haar und griff fester zu, während ich ihm mein Gesicht zuwandte. »Bitte sag mir, dass du dir deiner Sache nicht dermaßen sicher warst, dass du die Bettwäsche gewechselt hast, bevor du heute Abend das Haus verlassen hast.« »Hab ich nicht. Das würde ich dir nicht antun. Ich habe neue gekauft.«, Cheney brachte mich um Viertel vor sechs im ersten Morgenlicht nach Hause. Er wollte zu seinem morgendlichen Training ins Fitnessstudio weiterfahren und dann rechtzeitig um sieben zu einer Besprechung im Polizeirevier sein. Ich hatte vor, auf schnellstem Weg wieder ins Bett zu kriechen. Im Morgengrauen hatten wir uns endlich voneinander gelöst, gerade als die Streifen am Himmel von Lachsfarben zu grellem Pink übergingen. Ich hatte weniger als eine Minute gebraucht, um mir meine Klamotten überzuwerfen, und danach ihm beim Anziehen zugesehen. Er war muskulöser, als ich gedacht hatte, und hatte einen geschmeidigen Körper mit ausgeprägten Konturen. Tolle Brustmuskeln, toller Bizeps, tolle Bauchmuskulatur. Als ich Mickey geheiratet hatte, war ich einundzwanzig und er siebenunddreißig gewesen, ein Altersunterschied von sechzehn Jahren. Daniel war näher an meinem Alter gewesen, aber er hatte einen weichen, knabenhaften Körper gehabt, schlank und mit schmalem Brustkorb. Dietz war genau wie Mickey sechzehn Jahre älter als ich, ein Zusammenhang, den ich zuvor noch nie hergestellt hatte. Etwas zum Nachdenken für später. Ich hatte mir nie viele Gedanken über die Körper von Männern gemacht, aber schließlich hatte ich auch noch nie Bekanntschaft mit einem Körper geschlossen, wie ihn Cheney besaß. Er war so herrlich gebaut – Haut so glatt wie feines Leder, eng anliegend über einem Gerüst aus Stein. Auf der Straße vor meinem Haus küssten wir uns ein letztes Mal, ehe ich ausstieg und ihn davonfahren sah. Bei jedem anderen Mann hätte ich womöglich schon begonnen, mir über all das dumme Zeug den Kopf zu zerbrechen, mit dem sich Frauen üblicherweise herumplagen: Würde er anrufen, würde, ich ihn wiedersehen, hatte er auch nur einen kleinen Teil von dem gemeint, was er gesagt hatte? Bei Cheney kümmerte mich nichts davon. Was auch immer das hier war und was auch immer als Nächstes käme, mir war alles recht. Falls die ganze Beziehung eine Essenz der Stunden blieb, die wir gerade gemeinsam verbracht hatten, konnte ich mich dann nicht trotzdem glücklich schätzen, nur weil ich das hatte erleben dürfen? Ich schlief bis zehn, ersparte mir das Joggen, trödelte im Haus herum und fuhr schließlich kurz vor zwölf ins Büro, genau rechtzeitig zur Mittagspause. Ich wollte gerade mein Käse- Gurken-Sandwich auspacken, als jemand die äußere Tür aufriss und donnernd wieder zuschlug. Schon stand Reba in der Tür, mit wutentbrannter Miene und einem braunen Umschlag in der Hand. »Haben Sie die gemacht?« Ein Anflug von Angst durchzuckte mich beim Anblick des Umschlags, dessen identisches Gegenstück in meiner Schublade lag. Sie beugte sich über den Schreibtisch, durchschnitt die Luft vor meinem Gesicht mit einer Ecke des Umschlags und schüttelte ihn so dicht vor meinen Augen, dass sie mir eines hätte ausstechen können. »Waren Sie das?« »War ich was? Ich weiß ja nicht mal, wovon Sie sprechen.« Das war Lügen auf Weltklasseniveau – in Höchstform stellte ich mich der Herausforderung und gab im Kampfgetümmel keinen Millimeter Boden preis. Sie löste die Klammer, zerrte die Abzüge heraus und knallte sie vor mir auf die Tischplatte. Dann lehnte sie sich erneut vor, stützte sich aber diesmal mit beiden Händen ab. »Da ist so ein widerlicher kleiner Drecksack zu mir nach Hause gekommen und hat nach mir gefragt. Ich dachte, es ist ein Mitarbeiter der Bewährungsbehörde, der einen Hausbesuch macht, also habe ich ihn ins Wohnzimmer geführt, ihm einen Platz angeboten und, einen auf freundlich gemacht, um zu demonstrieren, was für eine brave kleine Bürgerin ich bin. Und auf einmal drückt er mir die hier in die Hand und lässt dazu noch einen unglaublichen Scheiß ab. Das ist übrigens Beck, für den Fall, dass die Beleuchtung zu düster ist.« Ich nahm die Schwarzweißfotos zur Hand, blätterte sie betont aufmerksam durch und überlegte, wie ich die Sache anpacken sollte. Schließlich legte ich die Bilder auf den Tisch und blickte zu ihr auf. »Hat er sich also eine Hure geschnappt. Was haben Sie erwartet?« »Von wegen Hure.« Sie hob eines der Bilder am Rand hoch und zeigte derart hasserfüllt auf die Frau, dass sie den Abzug fast durchbohrt hätte. »Wissen Sie, wer das ist?« Ich schüttelte den Kopf, während mir das Herz bis zum Hals schlug. Natürlich wusste ich es. Ich wollte es nur ihr gegenüber nicht zugeben. »Das ist Onni. Meine beste Freundin.« »Ah.« Sie verzog das Gesicht. »Es ist mir scheißegal, ob er mit irgendwem im Bett war, aber mit ihr?« »Ja, eigentlich hätte er schon aus Höflichkeit eher seine Frau bumsen sollen statt Ihre beste Freundin«, erwiderte ich. »Genau. Ich habe nicht erwartet, dass er wie ein Mönch lebt. Hab ich ja auch nicht.« Ooh, was wollte sie denn damit sagen? Mit wem hatte sie wohl was getrieben? Im Gefängnis war die Auswahl doch sicher begrenzt. »Wissen Sie, was mich ankotzt? Ich bin mit Onni zum Essen verabredet. Und zwar heute Abend. Können Sie sich das vorstellen? Ich würde locker mit ihr plaudern und mich freuen, dass ich mit ihr zusammen sein kann, weil sie mir so gefehlt hat. Und die ganze Zeit würde sie dahocken und sich ins Fäustchen, lachen. Diese miese Ratte. Sie weiß doch, dass ich in ihn verliebt bin. Sie weiß es ganz genau!« Auf einmal nahm ihr Gesicht diesen gequälten Ausdruck an, der Tränen ankündigt. Abrupt setzte sie sich hin. »O Gott, was mache ich denn jetzt?« Ich wartete kurz und lauschte dem gepressten Geräusch ihres Weinens. Es zog sich eine Weile hin, bis sich das Schluchzen gelegt hatte. »Alles in Ordnung?«, fragte ich. »Nein, es ist nicht alles in Ordnung. Sehe ich aus, als ob alles in Ordnung wäre? Ich werde gleich wahnsinnig. Darauf hätte ich weiß Gott verzichten können.« Wie ein Psychiater zog ich die Kleenexbox auf meinem Schreibtisch heran und schob sie ihr hin. Sie nahm ein Tuch heraus und putzte sich die Nase. »Verfluchter Mist. Das wollte ich eigentlich überhaupt nicht, aber ich komme nicht dagegen an.« Sie kramte ein frisches Päckchen Zigaretten aus ihrer Tasche, zog an dem dünnen roten Bändchen und schälte den oberen Teil der Zellophanhülle ab. Dann entfernte sie auf der einen Seite die Folie und schlug die Unterseite der Packung gegen ihre Hand, um eine von den dicht aneinander gepressten Zigaretten hervorrutschen zu lassen. Sie griff nach ihrem goldenen Dunhill- Feuerzeug, drehte am Rädchen und beugte sich mit verzückter Miene der Flamme entgegen. Sie inhalierte, sog den Rauch wie Lachgas in die Lunge und ließ ihn in einem sanften Strom wieder entweichen. Dann lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen. Es war, als würde man jemandem beim Fixen zuschauen. Ich sah, wie die sedierende Wirkung eintrat, während sich das Nikotin in ihrem Blutkreislauf ausbreitete. Sie schlug die Augen wieder auf. »Schon besser. Das tut gut. Ich hoffe, Sie haben einen Aschenbecher.« »Schnippen Sie die Asche ruhig auf den Boden. Der Teppich ist sowieso hinüber.« Vermutlich war sie leicht high, aber wenigstens hatte ihre, Empörung einer künstlichen Gelassenheit Platz gemacht. Sie gestattete sich ein dünnes, spöttisches Lächeln. »Ich hätte gleich, als ich die Packung gekauft habe, wissen müssen, dass ich sie spätestens am nächsten Tag aufmachen würde.« »Hauptsache, Sie trinken nicht.« »Schon klar. Tu ich nicht. Ein Laster reicht.« Sie zog erneut an ihrer Zigarette, und die Anspannung schwand aus ihrem Gesicht. »Es ist jetzt ein Jahr her, dass ich zuletzt geraucht habe. Scheiße, dabei habe ich mich so gut gehalten.« »Sie haben sich super gehalten.« Nach wie vor tastete ich mich durch ein Terrain, das mir wie ein Minenfeld erschien, und fragte mich, ob ich ihr die Wahrheit sagen konnte, ohne mich selbst in die Schusslinie zu bringen. »Das Abartige ist, dass das verdammte Zeug so gut schmeckt«, sagte sie. Das Thema Beck war in den Hintergrund getreten, jetzt, da sie ihre Kippen hatte. »Und was nun?«, fragte ich. »Ich habe keinen blassen Schimmer.« »Vielleicht fällt uns gemeinsam etwas ein.« »Ja, bestimmt. Was soll uns denn einfallen? Ich bin reingelegt worden.« »Ich denke gerade über den Mann nach, der zu Ihnen nach Hause gekommen ist. Ich verstehe es nicht. Wer war das?« Sie zuckte die Achseln. »Er hat gesagt, er sei vom FBI.« »Tatsächlich? Vom FBI?« »Das hat er zumindest behauptet, überheblich und schmierig wie er war. Sobald ich das erste Foto gesehen hatte, habe ich ihm gesagt, dass er von unserem Grundstück verschwinden soll, aber er wollte unbedingt hocken bleiben und mir alles haarklein erklären, als wäre ich sonst zu blöd, um es zu kapieren. Ich bin dann ans Telefon gegangen und habe ihm gesagt, dass ich die Bullen rufe, wenn er nicht in fünf Sekunden draußen ist. Da hat, er endlich die Klappe gehalten.« »Hat er Ihnen seinen Ausweis gezeigt? Eine Dienstmarke, eine Visitenkarte? Irgendwas in der Art?« »Er hat mir eine Dienstmarke hingehalten, als ich ihm die Tür aufgemacht habe, aber ich habe nicht genau hingesehen. Bewährungshelfer haben auch Dienstmarken. Ich habe ihn für einen von denen gehalten, deshalb habe ich mir nicht die Mühe gemacht, mir seinen Namen zu merken. Mann, was juckt mich das schon? Ich dachte mir, ich habe sowieso keine Wahl, also hab ich ihn reingelassen. Als er den Umschlag herausgezogen hat, habe ich angenommen, er hätte Formulare zum Ausfüllen dabei, für irgendeinen Bericht, den er schreiben muss. Als ich begriffen habe, was er wirklich wollte, war ich so stinksauer, dass mir völlig schnuppe war, wer er war.« »Und was machen Sie jetzt?« »Auf jeden Fall meine Verabredung zum Abendessen absagen. Ich würde mich nicht mal mit vorgehaltener Pistole mit Onni an einen Tisch setzen.« »Finden Sie nicht, dass Sie eigentlich auf Beck wütend sein müssten? Sie sind für den Knaben ins Gefängnis gewandert, und er dankt es Ihnen auf diese Art?« »Ich bin nicht für ihn ins Gefängnis gewandert. Wer hat Sie denn auf die Idee gebracht?« »Was spielt das für eine Rolle? So hat es sich eben herumgesprochen.« »Tja, es stimmt aber nicht.« »Kommen Sie, Reba. Geben Sie’s ruhig zu. Ich bin die einzige Freundin, die Sie haben. Sie sind verliebt bis über beide Ohren und haben ihm zuliebe die Schuld auf sich genommen. Da wären Sie nicht die Erste. Vielleicht hat er Sie ja mit süßen Worten dazu bequatscht, dass Sie’s tun.« »Er hat mich zu überhaupt nichts bequatscht. Ich wusste, genau, was ich tue.« »Es fällt mir schwer, das zu glauben.« »Hey, was soll das? Von mir verlangen Sie, dass ich ehrlich bin, und dann sitzen Sie da und fällen Urteile? Das ist ja wohl das Letzte.« Ich hob die Hand. »Stimmt. Sie haben Recht. Es tut mir Leid. So habe ich es nicht gemeint.« Sie sah mich an und versuchte wohl abzuschätzen, wie aufrichtig ich war. Ich muss wie eine ehrliche Haut gewirkt haben, denn sie sagte: »Okay.« »Na, egal, was auch dahinter stecken mag, Sie behaupten also, Sie haben kein Geld von ihm unterschlagen?« »Natürlich nicht. Ich habe mein eigenes Geld, oder zumindest hatte ich damals welches.« »Wenn das stimmt, warum sind Sie dann im Gefängnis gelandet?« »Die Unstimmigkeiten sind bei einer Buchprüfung aufgeflogen, und er musste irgendeine Erklärung für das fehlende Geld finden. Er hat gedacht, sie würden mich nicht so hart rannehmen. Eine Bewährungsstrafe oder so, Sie wissen schon.« »Das erscheint mir aber weit hergeholt. Sie waren schon einmal wegen eines geplatzten Schecks in Haft. Aus der Sicht des Richters war das einfach noch mal dasselbe in Grün.« »Na ja, es könnte wohl so ausgesehen haben. Beck hat getan, was er konnte, um die Strafe milde ausfallen zu lassen. Er hat dem Staatsanwalt gesagt, dass er keine Anzeige erstatten will, aber ich glaube, es ist wie in Fällen häuslicher Gewalt – wenn einen das System erst mal in der Mangel hat, hat man praktisch keine Wahl mehr. Es klafft eine riesengroße Lücke, dreihundertfünfzigtausend Scheine fehlen, und er hat keine Erklärung dafür.«, »Was ist denn aus dem Geld geworden?« »Nichts. Er hat es auf die hohe Kante gelegt, es auf einem Konto im Ausland eingezahlt, damit seine Frau nicht rankommt. Woher hätte er denn wissen sollen, dass der Richter ein so harter Hund ist? Vier Jahre? Mein Gott. Er war geschockter als ich.« »Tatsächlich.« »Das ist mein Ernst. Er hat sich total mies gefühlt und einen Riesenstreit mit dem Staatsanwalt angefangen, aber das hat zu nichts geführt. Dann hat er an den Richter geschrieben und ihn um Milde gebeten, aber auch da war nichts zu wollen. Er hat mir versprochen, dass er seinen Anwalt Berufung einlegen lässt –« »Berufung? Was reden Sie denn da? Beck war überhaupt nicht berechtigt, Berufung einzulegen. So funktioniert das Justizsystem nicht.« »Oh. Na, dann habe ich vielleicht was falsch verstanden. Es war jedenfalls irgendwas in der Richtung. Er hat gesagt, dass er dafür verantwortlich ist und die Schuld auf sich nehmen will, aber da war es schon zu spät. Er hatte mehr zu verlieren als ich. Von welcher Seite ich die Sache auch betrachtet habe, solange er frei war, konnte er sich darum kümmern, das restliche Geld beiseite zu schaffen. Außerdem hat er sämtliche Risiken getragen. Wenn schon irgendjemand zahlen musste, dann lieber ich als er.« »Und so sind Sie auf die Idee gekommen«, sagte ich, wobei ich mich bemühte, mir die Skepsis nicht anhören zu lassen. »Genau. Ich meine, ich weiß nicht mehr genau, wer es als Erster erwähnt hat, aber ich war diejenige, die darauf bestanden hat.« »Reba – ich möchte nicht kritisch klingen, also fahren Sie nicht gleich aus der Haut – aber es sieht ganz danach aus, als hätte er Sie reingelegt. Kommt es Ihnen nicht auch so vor?« Das war eine harte Nuss für sie. »Glauben Sie wirklich, dass er, das tun würde?« »Er hat das hier getan«, erwiderte ich und zeigte auf die Fotos. »Sie sind diejenige, die es da unten aushalten musste, tagaus, tagein, die ganzen letzten zweiundzwanzig Monate lang. Unterdessen vögelt Beck hier rum. Stört Sie das nicht? Mich stört es.« »Natürlich stört es mich, aber es ist nicht gerade etwas Neues. Er ist ein Weiberheld. Das habe ich schon immer gewusst. Es bedeutet nichts. Er ist eben so. Aber auf Onni bin ich sauer, weil sie mehr Loyalität oder Anstand oder irgendwas in der Richtung hätte aufbringen müssen.« »Sie wissen doch nicht mal, wann es angefangen hat. Vielleicht hat er schon etwas mit ihr gehabt, als die angebliche Unterschlagung ans Licht gekommen ist.« »Danke. Ganz reizend. Wenn ich Onni erwürgt habe, lasse ich sie Tage und Uhrzeiten bestätigen.« »Ich hoffe, das ist jetzt eine Hyperbel.« »Was immer das heißen soll«, entgegnete sie. »Allerdings ist mir immer noch nicht klar, was das alles mit dem FBI zu tun hat. Warum rennt dieser Typ quer durch die Stadt und schießt Fotos von Beck? Und warum bringt er sie mir? Wenn er Ärger machen will, warum zeigt er sie dann nicht Tracy?« »Das kann ich Ihnen erklären«, sagte ich, während ich im Geiste den FBI-Agenten verfluchte, der uns mit seiner Voreiligkeit reingeritten hatte. Ich zögerte und überlegte, ob ich den nächsten Schritt tun sollte. Noch war Zeit, einen Rückzieher zu machen. Es war, als stünde ich auf einem Zehn-Meter-Brett und würde auf die Wasseroberfläche hinunterblicken. Wenn du springst, dann spring gleich. Es wird nicht leichter, wenn du länger wartest. Ein dünner Angstschweiß legte sich auf meine Haut. »Die Feds interessieren sich für Becks Beziehung zu Salustio Castillo.« Sie musterte mich. »Wo haben Sie das her?«, »Reba, Sie haben für den Mann gearbeitet. Sie müssen eingeweiht sein.« Sie schweifte vom Thema ab. »Hat Pop Sie dazu angestiftet?« »Seien Sie nicht albern. Ich habe ihn nicht mehr gesprochen, seit er mich engagiert hat. Außerdem ist er ein Ehrenmann. Er würde sich nie mit anrüchigen Fotos abgeben. Dazu hat er viel zu viel Klasse.« Sie nahm erneut einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und blies den Rauch steil nach oben. »Was haben Sie dann für eine Quelle?« »Ich habe Freunde bei der Polizei. Es war einer von ihnen.« »Und das FBI hat auch damit zu tun?« »Sogar der Fiskus interessiert sich dafür. Außerdem der Zoll, das Justizministerium und die Behörde für Alkohol, Tabak und Schusswaffen. Lieutenant Phillips ist der Kontaktmann hier vor Ort, falls Sie mit ihm sprechen wollen.« »Das begreife ich nicht. Warum ich? Was wollen die denn?« »Sie brauchen Hilfe. Sie wollen eine Anklage zusammenstellen und brauchen Insiderinformationen. Ich nehme an, die Bilder waren dazu gedacht, Sie in Stimmung zu bringen.« »Er hat mich hintergangen, also zahle ich es ihm heim und hintergehe jetzt ihn?« »Warum nicht?« »Was haben Sie sonst noch gehört?« »Über Beck? Nichts, was Sie nicht schon wüssten. Er nimmt die illegalen Profite und lässt das Geld durch seine Firma laufen, damit es sauber aussieht. Er nimmt sich einen Anteil davon und leitet das saubere Geld an die Ganoven zurück, für die er arbeitet. Stimmt’s?« Sie schwieg., »Sie mussten ja von Anfang an eingeweiht sein«, fuhr ich fort. »Schließlich haben Sie Bücher und Konten und dergleichen für ihn geführt, oder?« »Das meiste hatte der Rechnungsprüfer der Firma unter sich, aber gut, ein bisschen davon schon.« »Das FBI ist für jede Information dankbar, wenn Sie bereit sind mitzumachen.« Sie schwieg, und ihr Blick wanderte zu den Staubflocken, die wie Elfenstaub durch die Luft schwebten. »Ich werd’s mir überlegen.« »Wenn Sie schon dabei sind, überlegen Sie sich gleich noch Folgendes: Onni hat Ihren alten Job, was bedeutet, dass sie genauso viel über diese Machenschaften weiß wie Sie, nur dass ihre Informationen auf dem neuesten Stand sind. Falls Beck vorhat, sich abzusetzen, wen wird er dann wohl mitnehmen? Oder klarer ausgedrückt, wen wird er zurücklassen? Onni? Wohl kaum. Nicht, wenn sie die Mittel dazu hätte, ihn zu verpfeifen.« »Die hätte ich auch«, erwiderte sie trotzig. Sie hielt den letzten Zentimeter ihrer Zigarette in die Höhe. »Ich muss die ausdrücken.« »Geben Sie sie mir.« Ich fasste hinüber und nahm die Kippe mit ungefähr so viel Begeisterung entgegen, wie ich sie für eine frisch geschlachtete Nacktschnecke empfinden würde. Ich verließ das Büro und trug sie den Flur entlang zu meiner schmuddeligen Toilette mit den Rostflecken. Dort warf ich sie in die Kloschüssel und drückte die Spülung. Ich spürte die Verspannung zwischen meinen Schulterblättern. Das war richtige Arbeit, und ich hatte keine Ahnung, ob der Vorstoß von Erfolg gekrönt sein würde. Zumindest hoffte ich, Reba würde sich von ihren Illusionen in Bezug auf Beck lösen. Als ich ins Büro zurückkam, stand sie am Fenster. Ich setzte, mich an den Schreibtisch. Im Gegenlicht war fast nur ihre Silhouette zu erkennen. Ich nahm einen Bleistift und malte einen Krakel auf die Schreibtischauflage. »Wo haben Sie denn gerade Ihren Kopf?« Sie wandte sich um und lächelte mich kurz an. »Nicht so weit im Arsch, wie es schon mal der Fall war.« Und dabei beließen wir es. Ich riet ihr, sich Zeit zu lassen und über alles nachzudenken, ehe sie eine Entscheidung fällte. Auch wenn Vince Turner es eilig hatte, er verlangte eine Menge, und es war allemal besser, wenn sie aus Überzeugung handelte. Hatte sie erst einmal eingewilligt, konnte er es sich nicht leisten, dass sie es sich wieder anders überlegte. Ich sah ihr durchs Fenster nach. Sie stieg in ihr Auto und fuhr erst los, nachdem sie sich die nächste Zigarette angezündet hatte. Als sie weg war, rief ich Cheney an und schilderte ihm den Gang der Ereignisse, einschließlich des Auftritts des unseligen FBI-Agenten, der das ganze Vorhaben gefährdet hatte. »Verdammter Mist«, sagte Cheney. »Das fand ich auch.« »Verflucht. Und wir wissen nicht, wie dieser Sack heißt?« »Nein, und wir haben auch keine Beschreibung von ihm. Ich hätte sie ja gern nach Einzelheiten ausgefragt, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, so zu tun, als hätte ich nicht schon alles vorher gewusst.« »Hat sie’s dir abgekauft?« »Ich glaube ja. Weitgehend. Auf jeden Fall finde ich, du solltest vielleicht Vince anrufen und ihm vom Stand der Dinge berichten.« »Und der wäre?« »Weiß ich nicht genau. Reba braucht Zeit. Sie hat eine ganze Menge zu verdauen.«, »Klingt aber nicht, als wäre sie besonders erstaunt gewesen.« »Ich glaube, sie hat schon immer mehr gewusst, als sie durchblicken ließ. Jetzt, wo alles aufgeflogen ist, werden wir ja sehen, was sie damit anfängt.« »Mich macht das nervös.« »Mich auch. Sag mir Bescheid, was Vince meint.« »Versprochen. Bis später.« »Okey-doke«, sagte ich., Ich machte mein Büro um fünf Uhr zu, schloss hinter mir die Tür ab und holte mein Auto. Für den Heimweg wählte ich die längere Strecke, damit ich an meiner Lieblingstankstelle vorbeifahren und voll tanken konnte. Als ich auf der State Street durchs Stadtzentrum fuhr, bemerkte ich eine vertraute Gestalt. Es war William. Er trug einen dunklen Hut und einen dunklen dreiteiligen Anzug, ging mit raschem Schritt in Richtung Cabana Boulevard und schwenkte dabei seinen schwarzen Spazierstock. Ich bremste ab, hupte und fuhr an den Straßenrand. Dann beugte ich mich hinüber und drehte das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »Willst du mitfahren?« William tippte gegen den Hut. »Danke. Das ist nett.« Er zog die Tür auf und quetschte sich hinein, wobei seine langen Beine auf dem engen Beifahrersitz seltsam nach oben ragten. Den Stock hielt er zwischen den Knien. »Du kannst den Sitz zurückfahren, dann hast du mehr Platz. Der Hebel ist gleich da unten«, sagte ich und zeigte auf seine Füße. »Es geht schon. So weit ist es ja nicht.« Ich blickte über die linke Schulter und wartete auf eine Lücke, ehe ich mich wieder in den fließenden Verkehr einordnete. »Mit dir hätte ich hier gar nicht gerechnet, noch dazu so in Schale. Was war denn der Anlass?« »Ich war bei einer Aufbahrung bei Wynington-Blake. Danach habe ich mit dem einzigen lebenden Angehörigen noch eine Tasse Tee getrunken. Reizender Mann.« »Oh, das tut mir Leid. Ich wusste nicht, dass jemand gestorben ist. Sonst hätte ich keinen so fröhlichen Ton angeschlagen.«, »Ist schon gut. Er hieß Francis Bunch. Dreiundachtzig Jahre alt.« »Mann, das ist aber jung.« »Finde ich auch. Er hat am Montag seinen Rasen gemäht, und dabei ist ein Aneurysma in seinem Gehirn geplatzt. Norbert, sein Cousin zweiten Grades, ist als Einziger noch übrig. Früher gab es sechsundzwanzig Cousins ersten Grades, und jetzt sind alle tot.« »Das ist hart.« »Allerdings. Francis war ein ziemlich toller Bursche – ein Veteran der U.S. Army, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Er war Rohrleger im Ruhestand und Baptist. Vor ihm gestorben waren bereits seine Eltern, seine Frau, mit der er zweiundsechzig Jahre verheiratet war – Mae hat sie geheißen –, sieben Kinder und sein Bruder James. Norbert hat mir erzählt, dass Francis leidenschaftlich gern in seinem Garten gearbeitet hat, also ist er wohl so gestorben, wie er es sich gewünscht hätte, nur vielleicht ein bisschen zu früh.« Ich bog auf den Cabana Boulevard ein und fuhr die drei Blocks bis zur Castle Street, wo ich wieder rechts abbog. »Seit wann hast du ihn gekannt?« William zog eine verwunderte Miene. »Ich bin dem Mann nie begegnet. Ich habe nur in der Zeitung über ihn gelesen. Nachdem schon so viele seiner Angehörigen tot waren, dachte ich mir, dass wenigstens irgendjemand hingehen sollte, um ihm Respekt zu bezeugen. Norbert hat sich sehr darüber gefreut. Wir haben uns lange angeregt unterhalten.« »Ich dachte, du hättest Beerdigungen aufgegeben.« »Habe ich auch … prinzipiell … aber es schadet nichts, ab und zu einer Trauerfeier beizuwohnen.« Ich bog nach rechts in meine Straße ein, an Rosie’s Tavern vorbei. Auf halbem Weg zwischen meiner Wohnung und dem, Lokal fand ich eine Parklücke, in die ich den Käfer mit Müh und Not hineinmanövrierte. Ich stellte den Motor ab und wandte mich an William. »Bevor du gehst, wollte ich dich noch etwas fragen. Hast du zufällig Lewis in Michigan angerufen und ihn dazu überredet zu kommen?« »Ach, dazu hat es nicht viel Überredung gebraucht. Sowie ich Matties Namen erwähnt habe, hat er sich schon in Bewegung gesetzt. Ich habe es sogar so hingedreht, dass er es für seine eigene Idee gehalten hat. Wie ich zu Rosie gesagt habe: ›Das war das Ei des Kolumbus!‹« »William, ich kann nicht fassen, dass du das fertig gebracht hast!« »Ich auch nicht. Der Gedanke ist mir in einem lichten Moment ganz spontan in den Sinn gekommen. Ich fand Henry so selbstzufrieden. Er braucht einen Anreiz, und auf die Art könnte es klappen.« »Ich habe nicht gesagt, dass mir der Plan gefällt. Ich finde ihn hinterhältig.« Leicht bestürzt runzelte er die Stirn. »Warum sagst du das? Er und Lewis waren schon immer eifersüchtig aufeinander. Es wundert mich, dass du das nicht bemerkt hast.« »Natürlich habe ich es bemerkt. Man müsste schon hirntot sein, um das nicht mitzukriegen. Das Problem ist nur, dass Henrys Reaktion genau ins Gegenteil umgeschlagen ist. Er bemüht sich nicht etwa intensiver um Mattie. Er zieht sich zurück.« »Henry ist ein ganz Schlauer. Er hat immer noch einen Trumpf im Ärmel.« »Da habe ich aber etwas anderes gehört. Er hat gesagt, dass er es ablehnt, einen Konkurrenzkampf anzufangen. Er findet es geschmacklos, also räumt er das Feld.« »Lass dich von diesem Trick nicht einwickeln. Das habe ich, schon mehr als ein Dutzend Mal miterlebt. Er und Lewis haben es auf dieselbe hübsche Maid abgesehen, und das Turnier beginnt. Es lässt sich sogar noch besser an, als ich gehofft hatte. Du weißt ja, dass Lewis Mattie dazu überredet hat, noch einen Tag zu bleiben. Du hättest sehen sollen, wie Henry da das Gesicht verzogen hat. Es war zwar ein Schock für ihn, aber er erholt sich schon wieder. Auch wenn es vielleicht einen gewissen Aufwand erfordert, trägt er bestimmt am Ende den Sieg davon.« »Hast du mit ihm gesprochen?« »Seit gestern nicht mehr. Warum?« »Als ich gestern Abend nach Hause gekommen bin, war ihr Auto weg, und sein Haus lag im Dunkeln.« »Bei Rosie war er nicht. Das kann ich dir versichern. Du weißt ja, dass Lewis Mattie eingeladen hat, mit ihm ins Kunstmuseum und hinterher mittagessen zu gehen.« »William, ich habe direkt daneben gesessen.« »Dann musst du ja auch ihre Reaktion gesehen haben. Sie war Feuer und Flamme für die Idee, und das ist Henry nicht entgangen. Wahrscheinlich hat er sich für gestern Abend etwas ganz Besonderes für Mattie und sich einfallen lassen.« »Das glaube ich nicht. Als ich mit Henry gesprochen habe, war er zu nichts zu bewegen.« William winkte ab. »Am Ende gibt er bestimmt nach. Er lässt sich niemals von Lewis ausstechen.« »Hoffentlich hast du Recht«, erwiderte ich zweifelnd. Wir öffneten jeder unsere Tür, stiegen aus und verabschiedeten uns. Ich hätte gerne noch etwas gesagt, doch es kam mir klüger vor, das Thema fallen zu lassen. Er war sich seiner Sache ja sehr sicher. Vielleicht würde Henry doch wieder zu kämpfen beginnen, und Williams Einmischung würde sich als »das Ei des Kolumbus« erweisen, wie er es ausgedrückt, hatte. Ich sah ihm nach, wie er pfeifend und stockschwenkend auf Rosie’s Tavern zuging. Als ich durchs Tor trat, hob ich Henrys Nachmittagszeitung auf, die noch auf dem Weg lag. Henrys Hintertür stand offen. Ich rang kurz mit mir, dann ging ich hinüber und klopfte an die Fliegentür. »Bist du da?« »Ja. Komm rein.« Das Deckenlicht war aus, und obwohl es draußen eigentlich noch hell war, wirkte der Raum düster. Henry saß mit seinem gewohnten Glas Whiskey in der Hand im Schaukelstuhl. Die Küche war pieksauber, die Armaturen glänzten, und die Arbeitsflächen waren blitzblank. Der Backofen war aus, und auf dem Herd standen weder Töpfe noch Pfannen. Es roch nach nichts. Das war völlig untypisch für Henry. Keine Spur von seinem täglichen Backprojekt, keine Essensvorbereitungen im Gang. »Ich habe deine Zeitung mitgebracht.« »Danke.« Ich legte sie auf den Küchentisch. »Darf ich mich zu dir setzen?« »Von mir aus. Im Kühlschrank steht noch eine halbe Flasche Wein, falls du Interesse hast.« Ich nahm ein Weinglas aus dem Schrank und holte die wieder verkorkte Flasche Chardonnay aus der Kühlschranktür, Dann goss ich mir ein Glas ein und sah zu ihm hinüber. Er hatte sich nicht geregt. »Alles in Ordnung?« »Mir geht’s gut.« »Ah. Das ist schön. Die Küche sieht nämlich ein bisschen trist aus. Vielleicht mache ich mal Licht.« »Wie du willst.« Ich ging zur Wand und drückte auf den Schalter, was aber auch nichts brachte. Das Licht wirkte so trübe und matt wie Henrys Benehmen. Ich setzte mich und stellte mein Weinglas, auf den Tisch. »Was war denn gestern Abend los? Ich habe gesehen, dass Matties Wagen weg war und kein Licht brannte. Seid ihr zusammen irgendwo gewesen?« »Sie ist nach San Francisco gefahren, und ich habe einen Spaziergang gemacht.« »Wann ist sie gefahren?« »Ich habe nicht so darauf geachtet. Sechzehn Uhr zweiunddreißig«, erwiderte er. »Ziemlich spät für sechs Stunden Fahrt. Wenn sie noch zum Abendessen irgendwo angehalten hat, ist sie wahrscheinlich erst gegen Mitternacht zu Hause angekommen.« Henry schwieg. »Zum Mittagessen war sie aber noch da, oder? Bist du mit den beiden ins Kunstmuseum gegangen?« »Es ist nicht nötig, darüber zu diskutieren. Eigentlich gibt es nichts zu sagen. Ich würde das Thema lieber fallen lassen.« »Sicher. Kein Problem«, sagte ich. »Gehst du zum Abendessen zu Rosie? Ich habe es eigentlich vor.« »Damit ich Gefahr laufe, Lewis zu begegnen? Ich glaube nicht.« »Wir könnten woanders hingehen. Bei Emile’s-at-the-Beach ist es immer nett.« Er sah mich mit dermaßen waidwundem Blick an, dass es kaum auszuhalten war. »Sie hat Schluss gemacht.« »Ehrlich?« »Sie hat gesagt, ich sei unmöglich. Sie hat gesagt, sie kann mein schlechtes Benehmen nicht ertragen.« »Was war der Auslöser dafür?« »Nichts. Es kam aus heiterem Himmel.« »Vielleicht hatte sie einen schweren Tag hinter sich.« »Keinen so schweren wie ich.«, Ich saß da und starrte auf den Boden, während mich eine Woge der Enttäuschung überkam. Ich hatte mir so schöne Hoffnungen für die beiden gemacht. »Weißt du, was mir schwer fällt? Ich würde so gern daran glauben, dass uns erfreuliche Dinge passieren können. Vielleicht nicht jeden Tag, aber ab und zu.« »Ich auch«, sagte er. Dann stand er auf und verließ den Raum. Ich wartete eine Weile, und als klar war, dass er nicht zurückkommen würde, goss ich meinen Wein in die Spüle, wusch das Glas ab und ging. Am liebsten hätte ich William den Hals umgedreht und, wenn ich schon dabei war, Lewis gleich mit dazu. Mit meinem eigenen Schmerz hätte ich besser umgehen können als mit dem von Henry. Meine düstere Stimmung war wahrscheinlich zumindest teilweise auf Schlafmangel zurückzuführen, auch wenn ich es nicht so empfand. Ich empfand die Trostlosigkeit als tief und dauerhaft, eine Düsternis, die wie Schlick aus den tiefsten Tiefen aufgerührt wird. Henry war ein großartiger Mensch, und Mattie war mir ideal für ihn erschienen. Wahrscheinlich hatte er sich unmöglich benommen, aber sie auf ihre Art im Grunde genauso. Was hätte es sie denn gekostet, ein bisschen sensibler mit der Situation umzugehen? Es sei denn, sie hatte von Anfang an nicht besonders viel investiert, dachte ich. Und dann war sie eben sofort geflüchtet, als es schwierig wurde. Da ich selbst Fluchttendenzen hatte, konnte ich es ihr nachfühlen. Das Leben war schon schwer genug, ohne dass man die Gereiztheit anderer über sich ergehen lassen musste. Ich betrat meine Wohnung und sah nach dem Anruf- beantworter. Eigentlich hatte ich auf eine Nachricht von Cheney gehofft, doch das Lämpchen blinkte nicht, also konnte ich mir das abschminken. Trotz meiner vorherigen Selbstsicherheit war ich nicht besonders scharf darauf, herumzusitzen und auf seinen Anruf zu warten. Es war Zeit zum Abendessen, aber ich hatte genauso wenig Lust wie Henry, zu Rosie zu gehen. William würde herüberstolzieren, sich selbst den Puls messen und nach, den neuesten Entwicklungen bei den Verliebten fragen. Falls er noch nichts von der Trennung wusste, wollte ich nicht diejenige sein, die es ihm erzählte. Und falls er es von Lewis erfahren hatte, wollte ich mir nicht anhören, wie er seine eigene Beteiligung daran herunterspielte. Eine Joggingrunde hätte mich vermutlich aufgeheitert, doch angesichts meiner derzeitigen Stimmung hätte ich schon den ganzen Weg nach Cottonwood laufen müssen, hin und zurück gute zwanzig Meilen. Das war einer dieser Momente, in denen man eine Freundin braucht. Wenn man schlecht drauf ist, ruft man nämlich seine beste Freundin an – habe ich zumindest gehört. Man plaudert. Man lacht. Man erzählt ihr seine traurige Leidensgeschichte, sie bekundet ihr Mitleid, und dann zieht man los und macht einen Einkaufsbummel wie ganz normale Leute. Aber ich hatte keine Freundin, ein Mangel, der mir nicht aufgefallen war, ehe Cheney aufgetaucht war. Jetzt musste ich also nicht nur damit fertig werden, dass ich ihn nicht hatte, ich hatte auch sie nicht, wer auch immer sie war. Da meldete sich ein Stimmchen. Ah, aber du hast doch Reba. Ich überlegte. Hätte ich eine Liste mit wünschenswerten Eigenschaften an einer Freundin aufgestellt, hätte »vorbestraft« nicht dazu gehört. Andererseits wäre ich aber selbst vorbestraft gewesen, wenn ich auch nur bei der Hälfte der Sachen, die ich mir geleistet hatte, erwischt worden wäre. Ich ging ans Telefon und wählte die Nummer der Laffertys. »Reba, hier ist Kinsey«, sagte ich, als sich Reba meldete. »Sie könnten mir einen Gefallen tun. Haben Sie ein Talent für Modeberatung?« Reba holte mich mit ihrem Wagen ab, einem zwei Jahre alten schwarzen BMW, den sie erst kurz vor Antritt ihrer Haft bekommen hatte. »Der Staatsanwalt hat förmlich danach gelechzt, den Wagen zu beschlagnahmen, da ich ihn angeblich, mit unrechtmäßigen Einnahmen gekauft hätte. Da war er aber schief gewickelt. Mein Vater hat mir den Wagen zu meinem dreißigsten Geburtstag geschenkt. Der Staatsanwalt konnte seine Hoffnungen begraben.« »Mit welcher Begründung haben Sie denn Ihr Essen mit Onni abgesagt?« »Ich habe ihr erzählt, dass mir etwas dazwischengekommen ist und wir es auf einen anderen Abend verschieben müssen.« »Und das hat sie geschluckt?« »Aber sicher. Wahrscheinlich hat es ihr sowieso widerstrebt, mit mir essen zu gehen. Ich habe ihr in Bezug auf Beck immer mein Herz ausgeschüttet, weil ich ja mit niemand anders über ihn reden konnte. Beck hat dies gesagt, Beck hat das gesagt. Und in Sachen Sex, da habe ich ihr im wahrsten Sinne des Wortes alles brühwarm erzählt.« »Das war Ihr Fehler. Sie haben ihn zu verlockend dargestellt.« »Da haben Sie Recht. Onni war schon immer neidisch auf mich. Sowie ich ihr den Rücken zuwende, schnappt sie sich meinen Job, und dann spaziert sie auch noch mit der Liebe meines Lebens davon – oder zumindest habe ich es so empfunden. Ich hasse Frauen, die ständig diesen dämlichen Konkurrenzkampf betreiben.« »Wie ist sie denn?« »Das dürfen Sie gern selbst beurteilen, solange Sie zur gleichen Meinung kommen wie ich. Ich weiß, wo sie abends immer abhängt. Wenn Sie Lust haben, können wir nachher vorbeifahren, dann mache ich Sie mit ihr bekannt.« »Wo vorbeifahren?« »Beim Bubbles in Montebello.« »Das war zwei Jahre lang zu.« »Hmm. Der Laden hat den Besitzer gewechselt. Der Name ist geblieben, aber es hat seit einem Monat unter neuer Leitung, wieder offen.« »Und wo fahren wir jetzt hin?« »Zum Einkaufszentrum.« Passages, das neu eröffnete Einkaufszentrum im Herzen von Santa Teresa, war einer alten spanischen Stadt nachempfunden. Die Architektur bot eine pittoreske Auswahl von schmalen, direkt aneinander gebauten Gebäuden in unterschiedlicher Höhe mit Bögen, Laubengängen, Innenhöfen, Brunnen und Seitenstraßen, wobei der gesamte, aus drei Häuserblöcken bestehende Komplex von roten Ziegeldächern gekrönt war. Im Erdgeschoss gab es Restaurants, Kleiderläden, Galerien, Juweliere und andere Einzel- händler. Die breite zentrale Promenade wurde am einen Ende von Macy’s und am anderen von Nordstrom’s begrenzt, während an prominenter Stelle eine große Filiale einer Buchhandlungskette eingezogen war. Überall wuchsen Pfefferbäume und blühende Sträucher. In den höheren, drei bis vier Stockwerke umfassenden Gebäuden befanden sich Büroräume, die an Anwälte, Steuerberater, Ingenieure und unterschiedliche Firmen vermietet waren, die sich die astronomischen Mieten leisten konnten. Aufgrund Santa Teresas Widerspenstigkeit gegenüber Neu- bauten hatte es Jahre gedauert, das Projekt durchzusetzen. Die Stadtplanungskommission und der Prüfungsausschuss der Architektenkammer, der Stadtrat, das Aufsichtsamt des Landkreises sowie die Bau- und Sicherheitskommission, die sich allesamt untereinander uneins waren, mussten beruhigt, besänftigt und in Sicherheit gewiegt werden. Bürgerinitiativen protestierten gegen den Abriss mehrerer fünfzig oder sechzig Jahre alter Häuser, obwohl die meisten abgesehen von ihrem Alter unbedeutend waren. Viele waren bereits für den zwangsweisen Umbau zugunsten der Erdbebensicherheit vorgesehen, was die Besitzer mehr gekostet hätte, als die Häuser wert waren. Studien über die Auswirkungen auf die Umwelt mussten erstellt werden. Zahlreiche kleine Läden wurden geräumt und verlegt, nur eine Bastion blieb erhalten, eine muffige kleine Kneipe namens, Dale’s, die immer noch mitten auf der Plaza lag wie ein Schlepper in einem Hafen voller Jachten. Wir aßen in einem lauschigen italienischen Restaurant, das an einer der kleineren Straßen lag, die die zentrale Promenade mit der State Street auf der einen und der Chapel Street auf der anderen verband. Die Temperaturen waren immer noch hoch, und so saßen wir draußen auf der Terrasse. Als sich die Dunkelheit herabsenkte, tauchte das Licht der Umgebung Wände und Pflanzen nach und nach in Farben, die viel lebhafter waren als tagsüber. Details schmiedeeiserner Verzierungen hoben sich in der Dämmerung hervor, und der Stuckfries am Dach wurde zu einer schwarzen Silhouette. Wenn man die Augen zusammenkniff, konnte man fast glauben, in ein fremdes Land befördert worden zu sein. »Danke, dass Sie das machen – das mit den Kleidern«, sagte ich, während wir auf unseren Salat warteten. »Kein Problem. Es ist ja wohl offensichtlich, dass Sie Hilfe brauchen.« »Ich weiß nicht, ob das Wort ›offensichtlich‹ unbedingt erforderlich ist.« »Vertrauen Sie mir.« »Sie wissen, dass das Becks Projekt ist?«, fragte sie später, während sie gerade Spaghetti um ihre Gabel wickelte. »Was?« »Das Einkaufszentrum.« »Er hat das Passages gebaut?« »Sicher. Na ja, nicht ganz allein, sondern in Partnerschaft mit einem Typen aus Dallas, einem anderen Bauträger. Beck hat sein Büro ans andere Ende verlegt, unten bei Macy’s. Der dritte Stock zieht sich über den ganzen Block zwischen State und Chapel Street.« »Ich habe nicht gewusst, dass der Bau so viel Grund umfasst.«, »Weil Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, nach oben zu schauen. Sonst hätten Sie nämlich gesehen, dass da überdachte Gänge sind, die oberhalb der Promenade den zweiten und dritten Stock miteinander verbinden. Bei Regenwetter kann man von einem Gebäude ins andere gehen, ohne nass zu werden.« »Sie haben einen besseren Blick als ich. Mir war das entgangen.« »Ich habe eine Art Heimvorteil. Das Einkaufszentrum ist nämlich schon seit so vielen Jahren in Planung, dass ich die Unterlagen in fast jedem Entwicklungsstadium zu sehen bekommen habe. Beck ist zwei Monate, nachdem ich im Gefängnis gelandet war, in sein neues Büro gezogen, also habe ich es nie in fertigem Zustand erlebt. Aber es muss toll geworden sein, habe ich zumindest gehört.« Ich trank einen Schluck Wein, aß den letzten Bissen meiner mit Parmesan überbackenen Auberginen und sah zu, wie Reba ihre Tomatensoße mit Brot auftunkte. »Wo stecken Sie das nur alles hin?« Sie schob sich das Brot in den Mund und kaute schmunzelnd. »Sie sind doch die große Detektivin. Finden Sie’s selbst raus. Aber jetzt ziehen wir lieber mal los und kaufen ein paar Klamotten für Sie, und danach fahren wir nach Montebello.«, Wir kauften ein, bis die Geschäfte um neun Uhr schlossen. Reba gab ununterbrochen Kommentare ab, während ich Sachen anprobierte. Im Interesse der erzieherischen Wirkung ließ sie mich allerdings selbst aussuchen, ohne ihre Meinung kundzutun. Zuerst versuchte ich, noch während ich ein Kleidungsstück vom Ständer nahm, ihre Reaktion auszuloten, doch sie sah mir mit derselben ausdruckslosen Miene zu, die sie am Pokertisch zur Schau getragen haben musste. Ohne irgendwelche Entscheidungshilfen suchte ich zwei Kleider, einen Hosenanzug und drei Baumwollröcke aus. »Okay«, sagte ich. Ihre eine Augenbraue hob sich um etwa drei Millimeter. »Das ist alles?« »Reicht das nicht?« »Das grüne Teil gefällt Ihnen, der Hosenanzug da?« »Ja, schon. Wissen Sie, er ist dunkel, und da sieht man Flecken nicht so schnell.« »Na guuut«, sagte sie in einem Ton, der vermittelte, dass man Kinder eben Fehler machen lassen musste, wenn sie etwas lernen sollten. Sie ging mit mir zu der Reihe von Umkleidekabinen im hinteren Teil des Geschäfts. Gelassen sah sie zu, wie ich auf der Suche nach einer freien Kabine eine Tür nach der anderen öffnete. Als ich schließlich eine gefunden hatte, machte sie Anstalten, mir zu folgen. »Moment mal. Sie wollen mit reinkommen?« »Was ist, wenn etwas nicht passt? Sie können schlecht in der Unterwäsche hier draußen rumspazieren.« »Das hatte ich auch nicht vor. Ich wollte die Sachen hier drin anprobieren und mich dann entscheiden.«, »Entscheiden ist meine Aufgabe. Sie probieren die Sachen an, und ich sage Ihnen, wie sehr Sie auf dem Holzweg sind.« Sie setzte sich auf einen Stuhl in der Kabine, die etwa eins achtzig im Quadrat maß und auf drei Seiten Spiegel vom Boden bis zur Decke hatte. Neonlicht sorgte dafür, dass der Teint fahl wirkte und jeder winzige körperliche Makel wie ein Basrelief hervortrat. Ich streifte die Schuhe ab und begann mich mit derselben Begeisterung auszuziehen wie vor einer Unterleibsuntersuchung. »Offenbar habe ich ein höher entwickeltes Schamgefühl als Sie«, sagte ich. »Oh, bitte. Das haben sie mir im Gefängnis ausgetrieben. Die Duschkabinen nicht mal halb so groß wie das hier und hatten nur Segeltuchvorhänge, die Kopf und Füße sichtbar lassen mussten. Sinn der Sache war es, die Gefangenen daran zu hindern, ungestört Sex zu haben. Hatten die eine Ahnung. Abgesehen davon können Sie im Knast jegliche Intimsphäre total vergessen. Es war einfacher, nackt herumzuhüpfen wie alle anderen auch.« Während dieser Enthüllungen versuchte ich, anmutig aus meinen Bluejeans zu steigen, doch ich blieb mit dem Fuß hängen und wäre fast seitlich umgefallen. Reba tat, als hätte sie es nicht bemerkt. »Hat Ihnen das denn nichts ausgemacht?«, wollte ich wissen. »Zuerst schon, aber nach einiger Zeit habe ich mir gesagt, ach, pfeif drauf, was soll’s? Massenhaft nackte Frauen, da hat man bald jede mögliche Körperform gesehen – klein, groß, dünn, dick, kleiner Busen, großer Hintern oder großer Busen und gar kein Hintern. Narben, Leberflecken, Tätowierungen, Verwachsungen. Eine sieht aus wie die andere.« Ich zog mir das T-Shirt über den Kopf. »Oh, Schusswunden!«, rief sie und hätte fast in die Hände geklatscht, als sie meine sah., »Haben Sie was dagegen?« »Nein, ich finde sie süß. Sehen irgendwie aus wie Grübchen.« Ich nahm das erste der beiden Baumwollkleider vom Bügel, schob die Arme hinein und zu den vorgesehenen Öffnungen wieder hinaus, ehe ich mich zum Spiegel wandte. Ich sah ungefähr so aus wie immer – nicht schlecht, aber auch nicht besonders gut. »Was meinen Sie?« »Was meinen Sie?« »Kommen Sie, Reba. Sagen Sie mir einfach, was daran nicht in Ordnung ist.« »Alles. Zuerst einmal die Farbe. Sie sollten klare Farben tragen – Rot, vielleicht Marineblau, aber nicht dieses eklige Gelb. Da sieht Ihre Haut ja richtig orange aus.« »Ich dachte, das kommt von der Beleuchtung.« »Und schauen Sie mal, wie weit das geschnitten ist. Sie haben schöne Beine und tolle Brüste. Ich meine, sie sind zwar nicht riesig, aber keck, also warum wollen Sie sie mit etwas zudecken, das aussieht wie ein Kissenbezug?« »Ich trage nicht gern zu enge Sachen.« »Kleider sollen passen, meine Liebe. Das Kleid da ist eine Nummer zu groß und sieht – wenn ich so sagen darf – matronenhaft aus. Und jetzt probieren Sie ruhig den blau bedruckten Rock, aber ich kann Ihnen gleich sagen, dass der auch ein Fehlgriff ist. Sie sind nicht der Typ mit dem Riesenhintern, zu dem hawaiianische Palmen und Papageien passen.« »Wenn Sie ihn ohnehin schon grässlich finden, warum soll ich ihn dann anziehen?« »Weil Sie sonst nie begreifen, worauf es wirklich ankommt.« Und in dem Stil ging es weiter. Herrische Frauen und ich kommen blendend miteinander aus, da ich im Grunde meines Herzens Masochistin bin. Ich ließ den blau bedruckten Rock, hängen und probierte auch den grünen Hosenanzug gar nicht erst an, da ich wusste, dass sie in Bezug auf den genauso Recht hatte. Sie brachte die unbrauchbaren Kleidungsstücke nach draußen, wobei sie die Bügel auf Armeslänge von sich weg hielt, als wären es tote Ratten. Während ich in der Kabine wartete, zog sie durch die Verkaufsräume und durchkämmte die Regale. Sie kam mit sechs Teilen zurück, die sie mir eines nach dem anderen hinhielt und so die Illusion schuf, sie ließe mich selbst auswählen. Ich sträubte mich gegen ein Kleid und einen Rock, aber alles andere, was sie ausgewählt hatte, sah tatsächlich großartig an mir aus. »Ich begreife nicht, woher Sie das alles wissen«, sagte ich und zog mich wieder an. Es ist mein ewiges Leiden, dass andere Frauen irgendwie ein Gefühl für Dinge haben, bei denen ich mir vorkomme wie ein Trampel. Es war wie Textaufgaben in Mathe. Sobald ich in der Schule eine vor mir sah, bekam ich das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. »Sie kriegen es schon noch raus. Es ist eigentlich nicht besonders schwierig. Im Frauengefängnis war ich die Stylingexpertin des Hauses. Haare, Make-up, Klamotten, alles. Ich hätte Unterricht geben können.« Sie hielt inne und blickte auf die Uhr. »Sehen wir zu, dass wir weiterkommen, Zeit zum Feiern.« Wir fuhren in südlicher Richtung auf dem Highway 101 dahin. Reba saß am Steuer. »Ich weiß ja nicht, ob das so klug ist«, sagte ich. »Warum wollen Sie in ein Lokal gehen, wo alle Alkohol trinken?« »Ich gehe nicht zum Trinken hin. Ich habe seit dreiundzwanzig Monaten und vierzehneinhalb Tagen nichts mehr getrunken.« »Warum wollen Sie sich dann jetzt in Gefahr begeben?« »Das habe ich Ihnen schon gesagt. Weil Onni dort ist. Sie geht jeden Donnerstagabend aus, um Männer aufzureißen.« Ich öffnete den Mund zu einem Protest, doch sie warf mir einen schnellen, Blick zu. »Sie sind nicht meine Mutter, klar? Ich verspreche, dass ich meinen AA-Paten anrufe, sobald ich nach Hause komme. Zumindest würde ich ihn anrufen, wenn ich einen hätte.« Das Bubbles war ein Wein-und-Champagner-Bistro in Montebello, das früher einmal im Verein mit dem Edgewater Hotel und einer weiteren teuren Piano-Bar namens Spirits gute Geschäfte gemacht hatte. Die drei Lokale lagen mit dem Auto nicht weit entfernt voneinander und bildeten ein Dreieck, das von allen reichen und begehrten Singles besucht wurde, die sich damals auf dem freien Markt tummelten. Alle drei hatten sich in Sachen Atmosphäre schwer ins Zeug gelegt – Glanz und Glitter, Live-Musik, kleine Tanzflächen und gedämpfte Beleuchtung. Die Drinks waren kostspielig und wurden in überdimensionalen Gläsern serviert, während das Essen Nebensache und lediglich dazu gedacht war, dass man es, ohne einen tödlichen Unfall zu bauen, wieder nach Hause schaffte. Mitte der Siebzigerjahre wurde das Bubbles aus unerfindlichen Gründen zu einem Anziehungspunkt für Begleitagenturen mit Luxus-Callgirls und »Models« aus Los Angeles, die zu anspruchsvollen Liebesdiensten nach Montebello reisten. Irgendwann nahm der Kokainkonsum überhand, bis der Bezirkssheriff einschritt und den Laden dichtmachte. Ich war gelegentlich dort gewesen, da mein zweiter Mann Daniel Jazzpianist war und abwechselnd in allen drei Nachtclubs gespielt hatte. Schon zu Beginn unserer Beziehung hatte ich begriffen, dass ich ihn, wenn ich ihn nicht dorthin begleitete, vielleicht bis zum Frühstück am nächsten Morgen nicht mehr zu Gesicht bekäme. Er behauptete immer, er sei noch mit den Jungs »spielen« gewesen, was sich später sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne als wahr erwies. Wir hielten links vom Eingang. Reba gab dem Parkwächter ihre Autoschlüssel, und wir gingen hinein. Männer in Anzügen und Sakkos standen in fünf oder sechs Reihen an der Bar und taxierten unsere Brüste und Pos, als wir an ihnen vorbeikamen., Reba suchte rasch die Tische ab, während ich ihr folgte. Das Bubbles hatte sich nicht verändert. Die Beleuchtung stammte überwiegend von den wuchtigen Aquarien, die vor den Wänden standen und eine Sitzecke von der nächsten trennten. Im Hauptraum gab es eine Bar, um die sich in U-Form Nischen und vereinzelte Zweiertische gruppierten. Im zweiten Raum hatte sich eine Jazz-Combo – Klavier, Saxophon und Bass – auf einer breiten Bühne über einer Tanzfläche vom Format eines Trampolins postiert. Die Musik war entspannend – eingängige Melodien aus den Vierzigerjahren, die einem noch tagelang durch den Kopf gehen würden. Dies war kein Lokal, in dem sich laute Stimmen erhoben oder brüllendes Gelächter den Fluss gepflegter Gespräche durchbrach. Niemand betrank sich und fiel rückwärts auf andere Gäste. Frauen weinten weder, noch kippten sie ihren Begleitern Drinks ins Gesicht. Niemand kotzte in die eleganten Toiletten mit ihren Marmorböden und den Körbchen voller winziger Frotteehandtücher. Die Gäste rauchten zwar, doch das Belüftungssystem war auf dem neuesten Stand der Technik, und eine unermüdliche Schar von Hilfskellnern trug schmutzige Aschenbecher davon und ersetzte sie etwa alle fünf Minuten durch frische. Reba streckte einen Arm aus und bremste mich. Wachsam stand sie da und sah Onni durchdringend an, die allein an einem Tisch saß und mit einer Nonchalance, die ich für vorgetäuscht hielt, eine Zigarette rauchte. Die Anwesenheit zweier halb gefüllter Champagnerflöten und einer in einem Kühler daneben stehenden Flasche ließ auf einen Begleiter schließen, der den Tisch vermutlich kurz zuvor verlassen hatte. Die »echte« Onni besaß nur wenig Ähnlichkeit mit der Onni, die ich auf den grobkörnigen Schwarzweißfotos gesehen hatte. Sie war groß und schlank, hatte ein langes, schmales Gesicht, eine breite Nase, dünne Lippen und kleine, fast wimpernlose Augen. Ihr dunkles Haar war absolut glatt und fiel ihr bis auf die Schultern, wobei es in jenem seidigen Hochglanz erstrahlte, den man aus der Shampoowerbung kennt., Sie trug silberne Ohrringe, die weit herabhingen und bei jeder Kopfbewegung ihren Hals streiften. Die Jacke ihres schwarzen Business-Kostüms hatte sie abgelegt. Darunter trug sie ein weißseidenes Trägertop, das mehr wie ein Unterrock aussah als jedes andere Oberteil, das ich je gesehen hatte. Wenn man ihre Züge einzeln musterte, war sie eigentlich nicht hübsch, doch sie hatte es geschafft, ihre Vorzüge bestmöglich zur Geltung zu bringen. Ihr Make-up war gekonnt, und ihre Brüste wirkten so hart wie Golfbälle, die auf unerklärlichen Wegen unter das magere Fleisch auf ihrer Brust geraten waren. Trotzdem präsentierte sie sich, als wäre sie eine Schönheit, und das war der Eindruck, der vorherrschte. Reba ging mit vorgetäuschter Freude auf sie zu. »Onni! Ist ja traumhaft. Ich hatte gehofft, dass du hier bist.« »Hallo, Reba.« Onni zeigte sich kühl, doch Reba schien dies nicht zu bemerken und setzte sich auf einen Stuhl. Auch ich nahm Platz, während mir sonnenklar war, dass sich Onni überhaupt nicht freute, uns zu sehen. Neben ihr wirkte Reba kindlich, lebhaft und zierlich, mit ihren dunklen, zerzausten Haaren, den großen dunklen Augen, der perfekt geschnittenen Nase und dem zart gerundeten Kinn, während Onni ein leicht fliehendes Kinn hatte. Was Reba fehlte, war diese Pose der Selbstbeherrschung, die unter Heuchlern aus der Mittelschicht als gute Kinderstube gilt. »Das ist meine Freundin Kinsey«, erklärte sie. »Ich habe ihr von dir erzählt.« Ihr Blick fiel auf die zwei Champagnerflöten, als hätte sie sie gerade erst bemerkt. »Ich hoffe, wir stören dich nicht beim Tête-à-tête. Tolles Date?« »Es ist gar kein Date. Beck und ich mussten Überstunden machen, und da hat er vorgeschlagen, hier noch einen Schluck zu trinken. Ich glaube nicht, dass wir lange bleiben werden.« »Beck ist hier? Ist ja toll. Ich sehe ihn aber nirgends.« »Er spricht gerade mit einem Freund. Schade, dass du unser, Essen abgesagt hast. Als du erzählt hast, dass dir etwas dazwischengekommen ist, habe ich auf AA getippt.« »Ich war bereits bei einem Treffen. Ich muss nur einmal die Woche hin.« Reba nahm sich eine von Onnis Zigaretten und ließ sie zwischen den Zähnen auf und ab wackeln. »Hast du Feuer?« »Aber sicher.« Onni fasste in ein kleines Täschchen und zog ein Streichholzheft heraus. Reba nahm es, riss ein Streichholz an und wölbte die Hand um die Flamme. Sie inhalierte zufrieden und gab die Streichhölzer mit einem verschlagenen Lächeln zurück, das Onni offenbar entging. Mittlerweile kannte ich Reba gut genug, um zu erkennen, dass in ihren Augen eiskalte Wut blitzte. Sie zog den Aschenbecher näher heran, stellte einen Ellbogen auf den Tisch und stützte das Kinn in die Hand. »Also. Wie läuft’s denn so bei dir? Du hast gesagt, du schreibst, aber ich habe nie etwas von dir gehört.« »Ich habe geschrieben. Ich habe dir eine Karte geschickt. Hast du die nicht gekriegt?« Reba zog an ihrer Zigarette, ohne das Lächeln abzulegen. »Stimmt. Du hast geschrieben. Es waren Häschen auf der Karte, wenn ich mich recht entsinne. Eine mickrige Karte in zweiundzwanzig Monaten. Ja, ja, bloß überanstrengen.« »Tut mir Leid, wenn dich das stört, aber ich hatte zu tun. Du hast das Büro in schlechtem Zustand hinterlassen. Ich habe Monate gebraucht, um alles in Ordnung zu bringen.« »Tja nun, die Strafvollzugsbehörde hatte Vorrang. Die schlep- pen einen einfach ins Gefängnis, und man darf nicht mal vorher noch an seinem Arbeitsplatz vorbeifahren und den Schreibtisch aufräumen. Aber bestimmt hast du alles gut im Griff.« »Mittlerweile. Was ich nicht dir verdanke.« Onnis Blick schweifte leicht ab. Reba wandte den Kopf rechtzeitig, um Beck von der Bar her näher kommen zu sehen. Als er sie entdeckte, stoppte seine Vorwärtsbewegung für den Bruchteil einer Sekunde, wie wenn, in einem Film mehrere Einzelbilder fehlen. Rebas Gesicht leuchtete auf. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und ging auf Beck zu. Bei ihm angelangt, schlang sie die Arme um seinen Hals, als wollte sie ihn auf den Mund küssen. Er machte sich sanft von ihr los. »Hey, hey, hey, Schönste. Wir sind hier in der Öffentlichkeit. Schon vergessen?« »Ich weiß, aber du hast mir gefehlt.« »Tja, du hast mir auch gefehlt, aber stell dir mal vor, eine von Tracys Freundinnen wäre hier.« Er manövrierte sie zu ihrem Stuhl zurück und warf mir dabei ein Lächeln zu. »Schön, Sie wiederzusehen.« »Freut mich auch«, sagte ich, obwohl es mich ganz und gar nicht freute. Aus nahe liegenden Gründen hatte sich meine Meinung über ihn radikal gewandelt. Als ich ihn bei Rosie getroffen hatte, hatte ich ihn als gut aussehend empfunden – langgliedrig, schlaksig und mit diesem trägen, angedeuteten Lächeln. Seine Augen, deren Farbe ich seinerzeit für ein sattes Schokoladenbraun gehalten hatte, sahen nun so dunkel aus wie Vulkanstein. Jetzt, wo ich ihn mit Onni sah, spürte ich, welche Eigenschaft sie teilten – sie waren beide Opportunisten. Unter den dreien saß momentan Reba am längeren Hebel. Onni kannte zwar die intimen Details von Rebas Beziehung zu Beck, aber weder Beck noch Onni wussten, dass Reba über ihre Affäre informiert war. Was die Situation noch weiter komplizierte, war, dass Onni mit ziemlicher Sicherheit nichts davon ahnte, dass Beck und Reba ihre sexuelle Verbindung wieder hatten aufleben lassen. Vor Spannung lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, und ich war neugierig darauf, wie Reba das Blatt spielen würde, das sie in die Hand bekommen hatte. Beck setzte sich auf den freien Stuhl, lümmelte sich hinein und streckte die Beine aus, als hätte er Anspruch auf mehr Platz als wir. Er und Onni waren parallel zueinander platziert, während Reba ihnen gegenübersaß., Onni konzentrierte sich auf ihre Champagnerflöte. Beck trank einen Schluck Champagner und musterte Reba über den Rand seines Glases hinweg. Die blonden Strähnchen in seinem Haar hatte mit Sicherheit ein Profi hineingefärbt. Und mit ebensolcher Sicherheit war der wie zufällig wirkende Strubbel- effekt alles andere als zufällig. »Und, wie läuft’s?«, fragte er. »Nicht schlecht«, antwortete Reba. »Ehrlich gesagt habe ich mir überlegt, ob ich wieder bei dir zu arbeiten anfange.« Onni blickte fassungslos drein, als hätte Reba in Gegenwart von Königin Elisabeth einen fahren lassen. Reba ignorierte Onnis Miene und richtete ihre Worte ausschließlich an Beck. »Ja, ich habe es gegenüber meiner Bewährungshelferin erwähnt, und sie war absolut dafür, solange mein ›zukünftiger Arbeitgeber‹ über meine Vergangenheit Bescheid weiß«, sagte sie, wobei sie mit den Fingern Anführungszeichen markierte. »Da habe ich mir gedacht, wer würde sich dafür besser eignen als du?« »Reeb, ich würde dir ja gern helfen, aber es kommt mir unklug vor«, erwiderte er gelassen. »Das ist doch lächerlich«, fauchte Onni. »Du hast ihn um Hunderttausende erleichtert.« Reba wandte den Blick. »Onni, es tut mir Leid, aber du kapierst es nicht. Beck vertraut mir. Er weiß, dass ich alles für ihn tun würde.« Sie sah zu ihm hin. »Stimmt’s?« Beck stellte seine Beine anders hin und richtete sich auf. »Es ist keine Frage des Vertrauens«, erklärte er in sanftem Tonfall. »Ich habe keine Stelle frei. Das ist Fakt. Ich wünschte, wir hätten eine.« »Du könntest aber eine schaffen, oder? Für Abner hast du es ja auch getan.« »Das war eine andere Situation. Marty war überlastet und hat die Unterstützung gebraucht. In dem Fall hatte ich keine Wahl.« »Aber bei mir hast du eine, was? Du könntest dich dazu, entschließen, mir zu helfen, aber du willst nicht?« Er streckte die Hand aus, nahm einen ihrer Finger und schüttelte ihn. »Hey, Babe, mach mal halblang. Ich bin auf deiner Seite.« Reba musterte ihn aufmerksam, das magere, gut geschnittene Gesicht und die Hand, die ihre berührte. »Du hast gesagt, du kümmerst dich um mich. Du bist mir was schuldig.« »Hey, alles, was du willst.« »Außer Arbeit.« Onni schnaubte und verdrehte die Augen. »So eine Frechheit! Wie kannst du es wagen, hier zu sitzen und Forderungen zu stellen, nach allem, was du angerichtet hast?« »Ganz cool, Onni«, sagte Beck. »Das ist eine Sache zwischen ihr und mir.« »Na, dann entschuldige vielmals. Ich finde nur, dass jemand dieser Frau sagen muss, was Sache ist. Sie hat der Firma übel mitgespielt, und wofür? Damit sie weiter ein lockeres Leben führen und jeden Penny, den sie in die Finger gekriegt hat, am Pokertisch verspielen konnte? Mein Gott!« Fast hätte ich erwartet, dass Beck ihr eine kleben würde, doch er konzentrierte sich auf Rebas Gesicht. Er nahm ihre Hand und legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund. Es wirkte erotisch, als fände eine höchst intime Kommunikation zwischen ihnen statt. »Vergiss das mit der Arbeit. Nimm dir ein wenig Zeit für dich selbst. Unternimm was Schönes, fahr nach Floral Beach in dieses Wellness-Hotel. Ich kann Ed sagen, dass er es arrangieren soll. Du hast harte Zeiten hinter dir, das verstehe ich, aber über Arbeit zu reden ist voreilig.« »Ich muss doch etwas mit meinem Leben anfangen«, entgegnete sie, den Blick auf ihn fixiert. »Ich weiß, Babe. Völlig klar. Und ich sage ja nur, dass du es langsam angehen lassen sollst. Ich möchte nicht, dass du dich in etwas hineinstürzt, das du später vielleicht bereust.«, Reba lächelte. »Was zum Beispiel? Wieder bei dir anzufangen?« »Wie zum Beispiel, dich zu stressen und aufzuregen, wenn gar kein Grund dazu besteht. Du musst locker bleiben. Lehn dich zurück und entspann dich, solange es geht.« Onni murmelte etwas Unverständliches. Sie schob die Arme in die Jacke, wand sich hinein und strich das Revers gerade. Dann steckte sie ihre Zigaretten ein und stand auf. »Nacht, Leute. Ich bin weg.« Ihre Art hätte locker gewirkt, wenn man nicht gewusst hätte, was los war. »Gib mir fünf Minuten, dann fahre ich dich nach Hause«, erbot sich Beck. Onnis Lächeln war spröde. »Danke, aber nein. Ich gehe lieber zu Fuß.« »Mit den Absätzen kommst du keinen Block weit.« »Ist nicht dein Problem, Meister. Ich schaff’s schon.« »Hör auf mit dem Quatsch, Onni. Lass dir von Jack ein Taxi rufen. Ich rechne das Fahrgeld mit ihm ab, wenn ich gehe.« »Keine Sorge. Ich bin ein großes Mädchen. Ich glaube, ich kann mir selbst ein Taxi rufen. Übrigens wünsche ich dir viel Spaß in Panama. Und danke für den Schampus. Es war wirklich toll, du beschissener Idiot.« Reba wandte den Kopf und sah Onni nach. »Was ist denn mit der los?« »Vergiss es. Sie langweilt sich, sobald sich das Gespräch um etwas anderes dreht als um sie«, antwortete Beck. »Und was ist das mit Panama?«, erkundigte sich Reba. »Wann hat sich das ergeben?« »Es ist nur ein Kurztrip. Zwei Tage.« »Kannst du mich nicht mitnehmen? Als eine Art Kurzurlaub. Du könntest deine Geschäfte machen, und ich sitze solange am Pool und sonne mich. Wäre doch toll.«, »Baby, das läuft nur solo. Ich habe einen Termin am anderen. Du würdest dich zu Tode langweilen.« »Nein, bestimmt nicht. Ich kann mich allein amüsieren. Ach, komm schon, Beck. Wir haben kaum eine Minute zusammen gehabt. Wir könnten es total genießen. Bitte, bitte, bitte?« Er lächelte. »Du verrücktes Huhn. Ich würde es sofort machen, wenn wir auch nur die geringste Chance hätten, das bei deiner Bewährungshelferin durchzubringen. Glaub mir, wenn du nicht mal Kalifornien verlassen darfst, darfst du erst recht nicht die Staaten verlassen.« Reba verzog das Gesicht. »Ach du Schande. Da hast du Recht. Das hatte ich komplett vergessen. Ich habe ja nicht mal einen Pass. Der ist im Juni abgelaufen.« »Dann lass deinen Pass verlängern, und ich fahre mit dir nach Panama, sobald du nicht mehr alle möglichen Vorschriften befolgen musst.« Hastig sah er auf die Uhr. »Apropos, ich muss los. Der Wagen, der mich zum Flughafen bringt, holt mich in einer Stunde ab.« »Du fliegst schon heute Nacht? Warum hast du mir nichts davon gesagt?« Beck wehrte ab. »Ich bin so oft da unten, dass es nicht der Rede wert ist. Aber ich rufe dich an, wenn ich wieder da bin.« »Kann ich nicht im Wagen mit dir nach L.A. fahren und mit dem Fahrer zurückkommen, wenn er dich am Flughafen abgesetzt hat?« »Es ist ein Taxiunternehmen aus L.A. Der Fahrer kommt aus Santa Monica. Wenn er mich am Flughafen abgesetzt hat, fährt er nach Hause.« »Mist. Ich wollte unbedingt mal länger mit dir zusammen sein.« »Will ich auch. Wir verschieben es auf ein andermal. Aber jetzt müssen wir los. Es ist spät.«, Zu dritt gingen wir in die kühle Nachtluft hinaus, genau wie wenige Tage zuvor nach unserem Besuch bei Rosie. Ich hielt Abstand und heuchelte Interesse an dem beleuchteten Schaufenster im Geschäft nebenan. Beck und Reba unterhielten sich im Flüsterton und steckten die Köpfe zusammen wie Verschwörer. Reba sog ihn mit Blicken förmlich auf, wobei ihr Gesicht im Profil kindlich und vertrauensvoll wirkte. Dass sie seit neuestem von Becks Verhältnis mit Onni wusste, hatte seine Anziehungskraft auf sie offenbar nicht verringert. Es sah ganz danach aus, als müssten sich Cheney und Vince eine andere Quelle für ihre vertraulichen Informationen suchen. Ich hoffte nur, dass sie den Mund hielt und nicht alles verbockte. Ein Parkgehilfe brachte Rebas BMW. Beck steckte dem Mann an Rebas statt ein Trinkgeld zu, ehe er sich umwandte und ein zweiter Parkbediensteter seinen Wagen hinter ihrem abstellte. Als Reba eingestiegen war, nahm sie einen Lippenstift heraus, trug eine frische Schicht auf und überprüfte das Ergebnis im Rückspiegel. Sie entdeckte Beck hinter sich, winkte ihm und warf ihm eine Kusshand zu. Dann startete sie den Wagen und bog nach rechts auf die Coastal Road ab. Ich warf einen Blick nach hinten und sah Beck gerade noch hinter uns herausfahren. Er bog nach links ab, in Richtung der West Glen Road. Sowie er außer Sichtweite war, bremste Reba, wendete und raste ihm nach. »Was haben Sie denn vor?«, fragte ich. »Ich will Ihnen sein Haus zeigen.« »Und was interessiert mich das? Um diese Uhrzeit? Es ist dunkel.« »Es dauert nicht lang. Es liegt nur eine Meile die West Glen runter.«, »Es ist Ihr Wagen, also können Sie tun, was Sie wollen, aber machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.« Ich konnte ihre Stimmung nicht einschätzen. Zuerst hatte ich gedacht, sie hätte nur mit Beck geflirtet, um Onni auf die Palme zu bringen. Jetzt wartete ich darauf, dass wir beide unsere Beobachtungen in Bezug auf Onnis Reaktion austauschten, vor allem darüber, dass sie so sauer davongerauscht war. In dieser Phase des Abends hatte Beck wirklich seinen Charme sprudeln lassen, und Reba war seinem Zauber erlegen. Ich fand es beunruhigend, wie gewandt er sie wieder in seine Umlaufbahn gezogen hatte und die gleiche unsichtbare Anziehungskraft auf sie ausübte wie die Erde auf den Mond. Gerade als ich mir eingebildet hatte, wir hätten sie auf unsere Seite gezogen, hatte Beck sie zurückgeholt. Wir bogen rechts auf die West Glen ein. Beck war jetzt außer Sichtweite, da mehrere Kurven zwischen seinem und unserem Wagen lagen. Selbst wenn er unsere Scheinwerfer hinter sich bemerkte, würde er sich wahrscheinlich nichts Besonderes dabei denken. Wir erreichten ein gerades Straßenstück und sahen ihn etwa vierhundert Meter vor uns fahren. Seine Bremslichter leuchteten auf, als er das Tempo drosselte und nach rechts abbog. Sein Wagen verschwand außer Sicht. Reba beschleunigte, verkürzte unseren Abstand und bremste dann ebenfalls ab. Sie spähte über mich hinweg und zum Fenster auf der Beifahrerseite hinaus, als wir an einem ummauerten Anwesen vorbeifuhren. Ich erhaschte einen Blick auf ein massives Steinhaus in einem Märchenland voller Lichter. Etwa fünfzig Meter nach der Einfahrt zu seinem Haus hielt sie am Straßenrand. Sie löschte das Licht, stellte den Motor ab und stieg aus. »Kommen Sie mit oder nicht?«, fragte sie, ehe sie die Tür leise zudrückte. »Klar. Um elf Uhr abends bin ich immer für einen Spaziergang zu haben«, erwiderte ich und stieg auf meiner Seite aus. Sie hatte ihre Tür extra leise zugemacht, und so knallte ich, meine ebenfalls nicht ins Schloss. Falls das hier eine Art Einsatz mit Fahndung und Zugriff werden sollte, dann war es unsinnig, Beck auf unsere Anwesenheit aufmerksam zu machen. Ich schloss zu Reba auf, und gemeinsam marschierten wir auf der finsteren Straße zurück. Nachdem wir eine halbe Stunde in einer verrauchten Bar verbracht hatten, rochen wir garantiert wie zwei Zigarettenkippen auf der Suche nach Frischluft. In diesem Teil von Montebello war es finster – es gab weder Straßenlampen noch Gehsteige, noch vorbeifahrende Autos. Begleitet wurden wir vom Zirpen der Grillen und dem Duft der Eukalyptusbäume. Vor Becks Einfahrt blieb sie stehen. Durch die Eisentore bot sich mir der volle Panoramablick. Die efeubewachsene Steinfassade sah so würdevoll aus wie ein Kloster. Darüber erhob sich ein Mansardendach in Fachwerk- bauweise, während sich eine lange Reihe von erleuchteten Sprossenfenstern die Vorderfront entlangzog. Ich schätzte das ganze Anwesen auf ein bis zwei Hektar. Auf der einen Seite sah man einen Tennisplatz und auf der anderen einen Swimmingpool. Reba ging zur rechten Seite des Tors und drängte sich zwischen der Hecke und einem Steinpfosten hindurch, wo trotz der dichten Büsche eine Lücke das Durchkommen erlaubte. Ich folgte ihr und quetschte mich durch ein Drehkreuz aus Ästen, das mir fast das T-Shirt vom Leib riss. Reba schritt mit gelassener Vertrautheit weiter über den Rasen. Offenbar war sie sicher, dass es weder Bewegungsmelder mit Flutlicht noch auf Angriff trainierte Hunde gab. Ich hatte Angst, die automatische Rasensprenganlage (mit ihren fußgefährdenden Sprühköpfen) würde auf einmal losgehen und uns in einem künstlichen Wolkenbruch bis auf die Haut durchnässen. Neben dem Haus spannte sich ein Schutzdach über die Einfahrt und diente als überdachter Gehweg, auf dem Bewohner und Gäste trockenen Fußes zu ihren Autos und wieder zurück gehen konnten. Reba mied den Hauseingang und bezog Position zwischen zwei viereckig beschnittenen Büschen auf der anderen, Seite. Die Buchsbäume waren so geformt, dass sie eine Nische vom ungefähren Umfang einer Telefonzelle bildeten, also groß genug, dass wir uns beide hineinkauern konnten. Ein breiter Streifen Finsternis schirmte uns ab. Schweigend warteten wir. Ich liebe nächtliche Beschattungs- aktionen, solange nicht meine Blase nach Erleichterung schreit. Wer hat schon Lust, sich in die Büsche zu hocken, wo die hoch eingestellten Scheinwerfer jedes vorbeifahrenden Autos die Halbkugeln deines wie Perlmutt schimmernden Hinterteils anstrahlen können? Rechnet man noch die Wahrscheinlichkeit hinzu, sich auf die eigenen Schuhe zu pinkeln, ist der Begriff »Penisneid« nicht mehr allzu schwer zu verstehen. Ein Paar Scheinwerfer tauchte am unteren Ende der Einfahrt auf, und ein mechanisches Summen begleitete das langsame Aufgehen der schmiedeeisernen Tore. Eine schwarze Stretch- Limousine kam in Sichtweite, fuhr langsam die Einfahrt entlang und näherte sich dem Haus mit der Gesetztheit des ersten Wagens in einem Trauerzug. Der Fahrer hielt unter dem Vordach und löste die Verriegelung der Kofferraums, der wie von selbst aufzuspringen schien. Wie auf ein Stichwort ging das Verandalicht an, ehe sich die Haustür öffnete. Beck sprach über die Schulter mit jemandem, trug drei große Koffer heraus und stellte sie auf die Veranda. Bei laufendem Motor stieg der Chauffeur in Smoking und Mütze aus und ging nach hinten, wo Beck mit dem Gepäck wartete. Der Fahrer hob die Koffer einen nach dem anderen in den Kofferraum, schlug den Deckel zu und öffnete die hintere Tür der Limousine. Beck blieb stehen und blickte zum Haus, während seine Frau auf die Veranda heraustrat. Sie hielt kurz inne, wohl um das Schnappschloss zu überprüfen, ehe sie die Tür hinter sich zuzog. »Ist das alles?« »Ja, alles bestens. Die Koffer sind hinten drin.« Sie ging zum Wagen und schlüpfte auf den Rücksitz. Beck, folgte ihr. Der Fahrer schloss die hintere Tür, kehrte nach vorn zurück, nahm seinen Platz am Steuer wieder ein und schlug seine Tür ebenfalls zu. Ein leises Ploppen ertönte, als er die Handbremse löste, und schon glitt die Limousine die Einfahrt entlang und auf die Straße hinaus. Auf dem beleuchteten Nummernschild stand ST LIMO-1, was besagte, dass es sich um Wagen Nummer eins des Santa Teresa Limousine Service handelte. Die Tore schwangen auf, der Wagen verschwand, und die Tore schlossen sich hinter ihm wieder. Neben mir ließ Reba ihr Dunhill-Feuerzeug aufflackern, und die Flamme wärmte kurz ihr Gesicht, ehe sie den ersten langen Zug an einer frischen Zigarette nahm. Sie steckte Zigaretten- schachtel und Feuerzeug ein und stieß eine lange Rauchfahne aus. Ihre Augen waren erstaunlich groß und dunkel, und ihre Lippen zogen sich in einem zynischen Grinsen nach oben. »Dieser verlogene Drecksack. Wissen Sie, wann es mir klar war? Haben Sie bemerkt, wie er plötzlich ganz kurz stehen geblieben ist, als er mich gesehen hat? Das hat alles gesagt. Ich war die Letzte, die er sehen wollte.« »Zumindest haben Sie es geschafft, Onni in die Suppe zu spucken. Sie war wirklich stinksauer auf ihn.« »Das will ich hoffen. Aber jetzt sollten wir schleunigst von hier verschwinden, ehe irgendein Hilfssheriff vorbeifährt. Beck sagt ihnen nämlich immer Bescheid, wenn er verreist. Sie sind sehr aufmerksam ihm gegenüber.« »Ist mit Ihnen alles in Ordnung?« »Mir geht’s blendend. Wie lange wird es dauern, mit den Typen vom FBI einen Termin auszumachen?« Als ich um fünf vor halb zwölf meine Wohnung betrat, blinkte das Lämpchen am Anrufbeantworter, ein winziger roter Leuchtpunkt im Dunkeln. Ich machte das Deckenlicht an, stellte meine Tasche auf die Arbeitsfläche und die Einkaufstüten auf, den Fußboden. Dann trat ich an den Schreibtisch und sah auf das Blinklicht herab, als wäre es eine Nachricht im Morse-Code. Entweder war es Cheney oder nicht. Den Anruf hatte ich bereits als Tatsache wahrgenommen, also musste ich auch heraus- finden, von wem er kam. Falls Cheney nicht angerufen hatte, hatte das nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Das Problem am Anfang jeder Beziehung ist immer, dass man nicht weiß, wo man selbst steht und wie man das Verhalten des anderen interpretieren soll. Also gut. Ich brauchte nur den Knopf zu drücken, und schon wüsste ich Bescheid. Ich setzte mich. Wenn er nicht angerufen hatte, wollte ich mit Sicherheit nicht diejenige sein, die ihn anrief, obwohl ich ihm unbedingt erzählen wollte, was sich zwischen Beck und Reba abgespielt hatte. Zu diesem Zweck konnte ich mich bei ihm melden. Ja, ich musste ihn sogar bald anrufen, damit er das Treffen zwischen Reba und Vince vereinbaren konnte. Aber abgesehen vom geschäftlichen Teil – auf privater Ebene würde er den ersten Schritt tun müssen. Er sah wie ein Mann aus, den andauernd Frauen anriefen – viel zu attraktiv und sexy, um sich selbst groß anstrengen zu müssen. Ich wollte mich nicht in dieselbe Kategorie einordnen wie seine anderen Frauen, wer auch immer sie waren. Aber wie kam es nur, dass ich nach nur einem Tag schon unsicher wurde? Wehmütig dachte ich an meine Großspurigkeit vom Abend zuvor zurück. Ich drückte auf den Knopf und lauschte dem kurzen, hohen Pfeifton, den das Band beim Zurückspulen von sich gab. Piep. »Kinsey, hier ist Cheney. Es ist jetzt Viertel nach elf, und ich komme gerade aus der Arbeit. Ruf mich an, wenn du nach Hause kommst. Ich bin wach.« Er nannte noch seine Nummer und legte dann auf. Ich sah auf die Uhr. Es war über eine Stunde her. Ich notierte mir seine Privatnummer, ehe ich einen Anfall von, Entscheidungsschwäche bekam. Er hatte gesagt, ich solle ihn anrufen, also würde ich ihn anrufen. Daran war doch nichts Kompliziertes … es sei denn, er lag bereits im Bett und schlief. Ich hasse es, Leute aufzuwecken. Ehe ich noch konfuser wurde, wählte ich seine Nummer. Er nahm beim ersten Klingeln ab. »Wenn du schon geschlafen hast, schneide ich mir die Pulsadern mit einem Buttermesser auf.« Er lachte. »Von wegen, Babe. Ich bin eine Nachteule. Und du?« »Ich nicht. Ich bin ein Morgenmensch. Meistens stehe ich um sechs auf und gehe joggen. Warum hast du denn so lange gearbeitet? Ich dachte, du hast um fünf Schluss.« »Wir haben den ganzen Tag eingepfercht in einem Kleinbus in der Castle Street gehockt und Kunden auf Video aufgenommen, die ein heißes neues Bordell besucht haben. Da werden am Wochenende die Geschäfte blühen. Wir machen eine Razzia, sobald wir genug kleine Fische im Netz haben.« »Den ganzen Tag nur rumhocken macht einen völlig fertig.« »Ich bin total erledigt. Und du?« »Ich bin auch ziemlich k.o.«, antwortete ich. »Aber ich habe einen produktiven Abend hinter mir. Du wirst nicht glauben, wo ich gewesen bin.« »Dann jedenfalls nicht bei Rosie. Das wäre zu leicht.« »Ich war mit Reba unterwegs. Zuerst haben wir Klamotten gekauft, und dann sind wir ins Bubbles gegangen, wo uns Beck und Onni begegnet sind. Ich will dich nicht mit den Einzelheiten nerven –« »Hey, komm schon. Sei nicht so. Ich liebe Einzelheiten.« »Ich erzähle sie dir, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Im Moment bin ich zu erschöpft, um das alles Punkt für Punkt nachzubeten. Fakt ist jedenfalls, dass Reba bereit ist, bei uns mitzumachen.«, »Sie hat eingewilligt, mit Vince zu sprechen?« »Das hat sie jedenfalls vor einer halben Stunde gesagt.« »Wie kam’s denn dazu? Ich weiß, dass sie gern redet, aber das fällt doch in die Kategorie ›zu schön, um wahr zu sein‹, findest du nicht?« »Nein, da vertraue ich ihr. Vor allem weil ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie alles abgelaufen ist. Beck hat jede Menge Stuss erzählt, ihr eine Lüge nach der anderen aufgetischt, und Reba hat ihn in jedem Punkt widerlegt. Natürlich hat sie ihm das nicht ins Gesicht gesagt. Er hat sie ständig nur hingehalten. Das hätte sie ja vielleicht noch verkraftet – wahrscheinlich ist sie es gewohnt, dass er sie nach Strich und Faden belügt. Was das Fass allerdings zum Überlaufen gebracht hat, war, als sie kapiert hat, dass er Tracy mit nach Panama nimmt, obwohl er ihr weisgemacht hat, er würde allein fahren.« »Wie ist sie darauf gekommen?« Ich zögerte. »Wir haben ein paar private Nachforschungen angestellt.« »Davon will ich gar nichts hören.« »Das dachte ich mir. Der Punkt ist jedenfalls, dass sie sich mit den Leuten vom FBI treffen will, sobald du es arrangieren kannst.« »Mann, das ist ja großartig. Ich sage Vince Bescheid, sobald ich ihn erwische. Könnte ein paar Tage dauern. An den Wochenenden ist er schwer zu erreichen.« »Je früher, desto besser. Wir wollen ja nicht, dass sie es sich wieder anders überlegt.« »Wo wir gerade dabei sind: Vince hat sich nach diesem FBI- Typ umgehört, der mit den Fotos bei Reba aufgetaucht ist. Offenbar ist er aus einem anderen Büro versetzt worden und wollte zeigen, wie gut er ist, wenn’s darum geht, die Initiative zu ergreifen. Er hat ziemlich eins auf die Mütze gekriegt.«, »Freut mich zu hören.« »Und, was machst du gerade? Liegst du schon flach?« »Du meinst, ob ich schon im Bett bin? Nein, ich bin noch auf.« »Ich meine, dass ich dich nicht am Telefon festhalten will, wenn du dich jetzt gleich aufs Ohr legen willst.« »Absolut nicht. Ich bin gerade zur Tür reingekommen. Außerdem habe ich schon befürchtet, ich erwische dich nicht mehr, ehe du ins Bett gehst.« Einen Moment lang schwiegen wir beide. »Hallo?«, sagte ich schließlich. »Ich bin noch dran. Was würdest du von ein bisschen Gesellschaft halten?« »Jetzt gleich?« »Ja.« Ich dachte an die Erschöpfung, seine ebenso wie meine. »Viel. Ich würde viel davon halten – vorausgesetzt, es handelt sich um deine Gesellschaft und nicht um die von jemand anders.« »Lass mir zehn Minuten.« »Lieber fünfzehn. Dann kann ich mich noch umziehen.« Ich sauste die Wendeltreppe hinauf, indem ich zwei Stufen auf einmal nahm, riss mir die Kleider vom Leib, stopfte alles in den Wäschekorb, duschte, rasierte mir die Beine, wusch mir die Haare, säuberte mir die Zähne erst mit Zahnseide und putzte sie dann noch mit der Bürste – das alles innerhalb von acht Minuten, womit mir genug Zeit blieb, um in einen sauberen Jogginganzug (ohne Unterwäsche) zu schlüpfen und das Bett frisch zu beziehen. Wieder unten angelangt, legte ich gerade die Einzelteile der Zeitung zusammen, als er an die Tür klopfte. Ich warf den Dispatch in den Abfalleimer und ließ ihn herein. Seine Haare waren lockig und feucht, und er roch nach Seife. In der Hand hielt er einen Pizzakarton, aus dem es himmlisch, duftete. »Ich habe noch nicht zu Abend gegessen«, sagte er, während er die Tür hinter sich schloss. »Die ist gerade erst gebracht worden. Hast du Hunger?« »Immer. Sollen wir sie mit nach oben nehmen?« Er lächelte und schüttelte freundlich den Kopf. »Nicht so hastig. Wir haben Zeit.« Um ein Uhr morgens schnitt er mir wie versprochen die Haare, während ich mit einem Handtuch über den Schultern auf einem Hocker im oberen Badezimmer saß. Ein zweites Handtuch hatte sich Cheney um die Hüften geschlungen. »Meistens mache ich es mit einer Nagelschere selbst«, sagte ich. »Das sehe ich.« Er arbeitete gelassen und konzentriert und schnitt nur ganz wenig Haar ab, aber irgendwie schaffte er es, dass hinterher alles in akkuraten Stufen fiel. Ich musterte ihn im Spiegel. So ernst. »Wo hast du gelernt, wie man Haare schneidet?« »Ein Onkel von mir lebt vom Haareschneiden. Er hat einen Salon namens ›Hair Cutter to the Stars‹ auf der Melrose Avenue. Vierhundert Mäuse pro Sitzung. Manchmal habe ich mir gesagt, wenn ich aus der Polizeischule fliege, kann ich immer noch das machen. Ich weiß nicht, welche Alternative für meine Eltern die schlimmere Horrorvorstellung war – dass ich Cop werde oder ein Typ, der Frauen die Haare macht. Sonst sind sie aber anständige Leute, wenn man von ihrem angeborenen Snobismus absieht.« »Weißt du noch, wer mir den letzten guten Schnitt gemacht hat?« »Danielle Rivers. Ich kann mich erinnern.« Cheney hatte sich nun meinem Nacken zugewandt, wo er eifrig herumschnippelte, um die Spitzen auf eine Linie zu bringen. Danielle Rivers war eine siebzehnjährige Hure gewesen, mit, der er mich bekannt gemacht hatte. Er war erst kurz zuvor ins Drogendezernat versetzt worden, wie es nach dem System der regelmäßigen Rotation im Police Department üblich war, während ich engagiert worden war, um den Mörder von Lorna Kepler zu finden, einer schönen jungen Frau, die sich mit Pornofilmen und käuflichem Sex ihr Geld verdient hatte. Cheney hatte mich mit Danielle zusammengebracht, weil sie und die Tote Kolleginnen gewesen waren. »Danielle war entsetzt, als sie erfuhr, wie wenig ich verdiene – halb so viel wie sie«, sagte ich. »Du hättest hören sollen, wie sie mich über Anlagestrategien belehrt hat. Das wusste sie alles von Lorna. Hätte ich ihre Ratschläge nur befolgt. Dann wäre ich jetzt vielleicht reich.« »Wie gewonnen, so zerronnen.« »Erinnerst du dich an die Sandwiches, die du in der Nacht, als sie eingeliefert wurde, in der Krankenhaus-Cafeteria gekauft hast?« Er grinste. »Mann, waren die mies. Schinken und Käse aus einem Automaten.« »Aber du hast alles mögliche Zeug draufgetan und sie genießbar gemacht.« Er reichte mir einen Handspiegel und küsste mich oben auf den Kopf. »Fertig«, erklärte er. Ich wandte mich um und hielt den Spiegel so, dass ich den Haarschnitt am Hinterkopf betrachten konnte. »Oh, wow. Das sieht gut aus. Danke.« Ich senkte den Blick auf sein Handtuch, das vorn aufgegangen war. »Dein Freund gefällt mir. Anscheinend steht sein Auftritt kurz bevor, und er steckt schon mal den Kopf raus, um das Publikum zu begutachten.« Cheney sah nach unten. »Sollen wir rübergehen und schauen, ob wir seinen Auftritt noch mitbekommen?« Irgendwann schliefen wir ein, zusammengeringelt wie Katzen., Am Freitagmorgen quälten wir uns mit Mühe um zehn Uhr aus dem Bett. Wir duschten und zogen uns an, ehe wir zum Cabana Boulevard spazierten und dort in einem kleinen Café am Strand frühstückten. Cheney musste erst später zur Arbeit, da man ihn in eine andere Schicht im Überwachungsbus eingeteilt hatte. Nach dem Frühstück blieben wir am Straßenrand stehen und plauderten, bis uns nichts mehr einfiel. Um zwölf trennten wir uns. Cheney hatte einiges zu erledigen, und mir war danach, wieder allein zu sein. Ich sah seinem kleinen roten Mercedes nach, bis er außer Sichtweite war, und ging dann den Weg entlang in den Garten. Henry kniete in einem seiner Blumenbeete, in denen das Zypergras spross. Er war barfuß und trug abgeschnittene Jeans und ein ärmelloses T-Shirt, während seine Flipflops ein Stück weiter weg in der Wiese lagen. Zypergras zu jäten erfordert Geduld. Es vermehrt sich mithilfe fadenartiger Wurzeln und winziger schwarzer Rhizome, die sich unterirdisch ausbreiten, so dass es der Tiefenstruktur der Pflanze nichts ausmacht, wenn man einfach nur die Stiele ausreißt, und sie sich munter weiter vermehrt. Der kleine Haufen von Pflanzen, die Henry erfolgreich ausgerissen hatte, sah so ähnlich aus wie ein Hügel aus Spinnen mit dünnen Beinen und Körpern, die wirkten wie schwarze Streichholzköpfe. »Soll ich dir helfen?« »Nein, aber du kannst mir Gesellschaft leisten, wenn du möchtest. Es hat etwas Befriedigendes, diesen Dingern auf den Leib zu rücken. Hässliche kleine Widerlinge sind das, findest du nicht?« »Ekelhaft. Ich dachte, du hättest schon im Frühjahr das ganze Zypergras ausgemerzt.«, »Das ist eine endlose Angelegenheit. Man besiegt es nie ganz.« Er ließ sich kurz wieder auf die Fersen sinken, ehe er weiterrückte, um die nächste Sektion in Angriff zu nehmen. Ich streifte die Turnschuhe ab, setzte mich ins Gras und ließ mir die Sonne auf die Beine scheinen. Henrys düstere Stimmung hatte sich gelegt, und obwohl er nach wie vor reserviert wirkte, schien er wieder fast der Alte zu sein. »Du hattest gestern Abend Besuch«, sagte er, ohne mich anzusehen. Ich lachte, während mir die Röte in die Wangen stieg. »Das war Cheney Phillips. Ein Polizist. Er ist mit Lieutenant Dolan befreundet«, erklärte ich, als ob das von Belang wäre. »Nett?« »Sehr. Wir kennen uns seit Jahren.« »So was habe ich mir schon gedacht. Du warst ja noch nie impulsiv.« »Eigentlich doch. Ich brauche nur manchmal eine Weile, bis ich mich dazu durchringe.« Freundschaftliches Schweigen trat ein, lediglich unterbrochen von dem Geräusch, das Henrys Kelle verursachte, wenn sie aufs Erdreich stieß. »Ist Lewis noch da?«, fragte ich schließlich. »Er fliegt morgen nach Hause. Inzwischen bin ich etwas besser auf ihn zu sprechen, falls du dich das fragst. Ich will ihn zwar noch nicht sehen, aber mit der Zeit werden wir uns schon wieder vertragen.« »Und was ist mit Mattie?« »Ach, das ist wahrscheinlich besser so. Ich habe nie erwartet, dass aus der Beziehung etwas Ernstes wird.« »Hätte aber sein können.« »›Hätte sein können‹ bringt nicht viel. Ich finde es meistens, klüger, sich mit dem zu befassen, was ist, als damit, was hätte sein können. Nachdem ich es ohne eine längere Liebesbeziehung bis ins hohe Alter von siebenundachtzig Jahren geschafft habe, besteht schließlich kein Grund anzunehmen, dass ich zu so etwas überhaupt fähig wäre.« »Kannst du sie nicht wenigstens anrufen?« »Könnte ich, aber ich weiß nicht, was das nützen soll. Sie hat klar gesagt, was sie empfindet. Ich habe nichts anderes anzubieten und nicht viel hinzuzufügen.« »Und wenn sie dich anrufen würde?« »Das steht ihr frei«, sagte er. »Ich möchte nicht wie ein Jammerlappen klingen. Mir geht’s wirklich gut.« »Ja, natürlich geht’s dir gut, Henry. Du bist nicht am Boden zerstört, weil du eben nicht jahrelang mit ihr zusammen gewesen bist. Aber ich fand schon, dass ihr prima zusammengepasst habt, und bedaure es, dass nichts daraus geworden ist.« »Was hast du dir denn vorgestellt? Einen kleinen Abstecher zum Altar?« »William hat mit siebenundachtzig geheiratet, warum nicht du?« »Er ist von Natur aus stürmisch. Ich bin ein Langweiler.« Ich warf eine Hand voll Gras nach ihm. »Bist du nicht.« Um fünf Uhr rief Reba an und unterbrach mich bei einem Nickerchen, das ich rückblickend als rekordverdächtig bezeichnen würde. Ich hatte mich mit einem meiner geliebten Spionagethriller von John le Carré aufs Bett gelegt. Das Licht war gedämpft. Die Temperatur war mild, und das Laken, das ich über mich gezogen hatte, hatte genau das richtige Gewicht. Von draußen hörte ich das entfernte Brummen eines Rasenmähers, gefolgt vom Pft-pft-pft von Henrys automatischem Rain Bird, der Wasserfontänen über den frisch gemähten Rasen versprühte., Dank meines Schlafmangels aus den letzten zwei Nächten sank ich aus der Welt des Bewusstseins wie ein flacher Stein, der träge auf den Grund eines Sees trudelt. Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustand verharrt hätte, wenn das Telefon nicht geklingelt hätte. Ich hielt mir den Hörer ans Ohr und sagte: »Äh- häh.« »Hier ist Reba. Habe ich Sie geweckt?« »Ich fürchte schon. Wie viel Uhr ist es?« »Fünf Minuten nach fünf.« Ich sah zum Oberlicht hinauf und blinzelte, um eventuell erkennen zu können, ob die Sonne gerade auf- oder unterging. »Morgens oder abends?« »Es ist Freitagnachmittag. Ich wollte nur fragen, was Sie von Ihren Männern gehört haben.« »Bis jetzt noch nichts. Cheney ist momentan mit einer Überwachung beschäftigt, aber er versucht bestimmt, seinen Kontaktmann in Washington D.C. zu erreichen. Es kann ein paar Tage dauern, den Termin zu vereinbaren. Wenn so viele Polizeibehörden beteiligt sind, wird es schwierig, sich über das Protokoll zu einigen.« »Ich wäre froh, wenn sie sich beeilen würden. Beck kommt am Sonntagabend zurück. Ich will mich nicht mit ihm herumschlagen müssen, wenn ich das hier mitmache.« »Kann ich verstehen. Dummerweise muss Cheney auf andere Leute Rücksicht nehmen und kann nur begrenzt auf Eile dringen. Dass das Wochenende bevorsteht, ist auch nicht gerade hilfreich.« »Das glaube ich. Haben Sie Lust, nachher irgendwas zu unternehmen? Wir könnten essen gehen.« »Klingt gut. Wann?« »Bald oder gleich, auf jeden Fall möglichst schnell.« »Woran hatten Sie gedacht? Sollen wir uns irgendwo treffen?«, »Wie Sie wollen. Ich weiß nur, dass ich rausmuss, bevor ich den Verstand verliere.« Sie hielt inne, und ich hörte, wie sie sich eine Zigarette anzündete. »Warum sind Sie denn so nervös?«, fragte ich. »Keine Ahnung. Mir ist schon den ganzen Tag mulmig zumute. Als würde es nicht mehr lange dauern bis zum nächsten Drink oder einem Besuch im Spielsalon.« »Das lassen Sie mal lieber.« »Sie haben leicht reden. Ich rauche ja jetzt schon wieder ein Päckchen am Tag.« »Ich hätte Ihnen gleich sagen können, dass Sie gar nicht erst anfangen sollen.« »Ich konnte nicht anders.« »Das sagten Sie schon. Mich überzeugt das nicht. Entweder nehmen Sie Ihr Leben in die Hand, oder Sie können es gleich aufgeben.« »Ja, klar, aber ich habe mich so schlecht gefühlt. Natürlich ist Beck ein Schwein, aber ich liebe ihn wirklich –« »Sie lieben ihn?« »Na ja, jetzt nicht mehr, aber früher schon. Zählt das denn gar nicht?« »In meinen Augen nicht.« »Und außerdem – so seltsam es klingt, irgendwie fehlt mir das Eingesperrtsein.« »Das ist nicht Ihr Ernst.« »Doch«, erwiderte sie. »Im Gefängnis musste ich nicht ständig Entscheidungen fällen, und dadurch hatte ich weniger Gelegenheit, etwas zu vermasseln. Was habe ich hier draußen schon für einen Anreiz, mich gut zu benehmen?« Genervt zwickte ich mir in den Nasenrücken. »Und wo sind Sie jetzt? Bei Ihrem Vater?«, »Ja, und Sie kommen nie drauf, wer angetanzt ist, um ihn zu besuchen.« »Wer denn?« »Lucinda.« »Die Frau, die sich Hoffnungen auf eine Ehe mit ihm gemacht hat?« »Genau die«, bestätigte sie. »Sie würde jubeln, wenn ich die Bewährungsauflagen verletze. Wenn sie mich in den Knast stecken, kann sie sich wieder in Pops Leben drängen, ehe die Zellentür ins Schloss fällt.« »Dann nehmen Sie sich lieber mal zusammen.« »Das würde mir leichter fallen, wenn ich etwas trinken dürfte. Vielleicht könnte ich auch mal auf einen Sprung ins Double Down gehen und einfach nur zusehen. Das schadet doch nichts.« »Würden Sie bitte mit diesem Schwachsinn aufhören? Sie können tun, was Sie wollen, aber machen Sie sich bloß nichts vor. Sie suchen nur nach einer Ausrede, um sich selbst zu zerstören.« »Ja, das würde es sicher leichter machen.« »Wie wär’s, wenn ich mich jetzt ins Auto setze und Sie abhole?« »Ich weiß nicht. Vielleicht ist es ja gar keine so tolle Idee. Wenn ich Lucinda mit ihm allein lasse, fällt ihr garantiert etwas ein, womit sie Ärger machen kann.« »Ach, kommen Sie. Was kann sie schon tun? Ihr Vater hat mir gesagt, er sei fertig mit ihr.« »Irgendwie schafft sie es immer wieder. Ich hab’s ja schon miterlebt. Pop ist wie ich – willensschwach und unentschlossen, nur nicht so leichtsinnig. Außerdem, wenn er angeblich fertig mit ihr ist, warum sitzt sie dann im Zimmer nebenan?« »Hören Sie auf, sich an ihr festzubeißen. Sie ist die geringste Ihrer Sorgen. Jetzt lassen Sie mir ein paar Minuten Zeit, damit, ich mir etwas anziehen kann, und dann komme ich.« »Sind Sie sicher, dass Sie ausgehen wollen?« »Sicher bin ich sicher. Schlendern Sie schon mal langsam die Einfahrt hinunter, dann treffen wir uns am Tor.« Auf der Fahrt versuchte ich, mir über die Situation klar zu werden. Reba stand kurz davor, die Kontrolle über sich zu verlieren. Seit sie sich die erste Zigarette angesteckt hatte, wartete ich auf Anzeichen dafür, dass ihr emotionaler Druck nachließ. Nach zwei Jahren in Haft war sie nicht an Konflikte in der realen Welt und deren reale Konsequenzen gewöhnt. Selbst wenn es im Gefängnis schrecklich war, hatte man sie dort auf eine Art in Schach gehalten, die ihr ein Gefühl von Sicherheit vermittelte. Jetzt war sie mit zu vielen Dingen auf einmal konfrontiert, und sie wusste nicht, wie sie den Ansturm verkraften sollte. Schlimm genug, erfahren zu müssen, dass Beck sie dazu überlistet hatte, den Sündenbock für ihn zu machen, aber noch schlimmer war festzustellen, dass er eine Affäre mit einer Frau begonnen hatte, die sie für ihre beste Freundin gehalten hatte. Sie war robust genug, um seine Betrügerei zu schlucken, aber vielleicht nicht robust genug, um den Bruch zu vollziehen. Ich konnte ihre Unschlüssigkeit verstehen: Sie war seit Jahren abhängig von ihm. Was mir jedoch Sorgen machte, war ihre geringe Stresstoleranz. Wenn das Treffen mit Vince Turner sofort stattgefunden hätte, wäre sie vielleicht ohne weiteres darauf eingestiegen und hätte alles ausgeplaudert, was sie wusste. Schon angesichts der Verzögerung von nur drei Tagen bestand die Gefahr, dass sie die Selbstkontrolle verlor. Und auch wenn ich nicht für sie verantwortlich war, war ich doch an der Belastung beteiligt, die sie an den Rand des Abgrunds gebracht hatte. Bei meiner Ankunft am Haus der Laffertys hockte Reba auf einem großen Sandsteinfelsen rechts vom Tor. Sie trug eine marineblaue Windjacke, Jeans und Turnschuhe, hatte die Knie angezogen und rauchte eine Zigarette. Als sie mich sah, nahm, sie einen letzten Zug und kletterte herunter. Sowie sie in den Wagen gestiegen war, spürte ich die nervöse Energie, die sie abstrahlte wie Hitze. Ihre Bewegungen waren hektisch, und ihre Augen glänzten übertrieben. »Was haben Sie denn mit Ihren Haaren gemacht?«, wollte sie wissen. »Schneiden lassen.« »Sieht gut aus.« »Danke.« Ich legte den Rückwärtsgang ein und wendete. Sie reckte den Hals und wandte den Blick zum Tor. »Ich hoffe nur, sie ist weg, wenn ich zurückkomme. Es ist echt die Höhe, dass sie einfach unangekündigt hereinschneit.« »Woher wollen Sie wissen, dass sie ihn nicht vorher angerufen hat?« »Das wäre ja noch schlimmer. Wenn er in ihren Besuch eingewilligt hat, ist er verrückter als ich.« »Hey, atmen Sie mal tief durch, und reißen Sie sich zusammen. Sie sind ja ganz zappelig.« »Entschuldigung. Ich habe das Gefühl, als würde jemand in mir stecken, der durch meine Haut herauskrabbeln will. Wenn ich nur einen Mann hätte. Noch lieber wäre mir ja ein Drink, aber Sex wäre auch nicht schlecht.« »Rufen Sie Ihren AA-Paten an. Sind die nicht für so etwas zuständig?« »Ich habe noch keinen gefunden.« »Dann rufen Sie Priscilla Holloway an.« »Mir fehlt nichts. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe ja Sie«, erklärte sie lachend. »Ja, toll. Das wird mir aber zu viel.« »Tja, mir auch, wissen Sie? Ich versuche ja nur, mich durchzuschlagen, genau wie alle anderen.« Sie schwieg einen Moment lang und sah aus dem Fenster. »Mist. Vergessen Sie’s., Ich komme schon allein klar.« »Wie Sie ja in der Vergangenheit so umfassend bewiesen haben.« »Wenn Sie so schlau sind, was schlagen Sie dann vor?« »Suchen Sie sich einen AA-Treff.« »Wo?« »Woher soll ich das wissen? Wir fahren zu mir und schauen in die Gelben Seiten. Es muss ja einen Eintrag für AA geben.« Bei mir zu Hause angelangt, dauerte es kaum eine Minute, die Nummer nachzuschlagen und den entsprechenden Anruf zu tätigen. Das nächste Treffen sollte im städtischen Freizeit- zentrum stattfinden, das nur vier Straßen entfernt lag. Ich fuhr sie hin, da ich mich nicht darauf verlassen wollte, dass sie es allein schaffen würde. »Ich hole Sie in einer Stunde wieder ab«, sagte ich, als sie ausstieg. Ihre Antwort erschöpfte sich im Zuknallen der Beifahrertür. Ich wartete bewusst ab, bis ich sie im Haus verschwinden sah, und wartete dann noch eine Minute, für den Fall, dass sie sich wieder davonstehlen wollte. Langsam begriff ich, wie sich Angehörige von Alkoholikern in diese Spielchen verwickeln ließen. Schon jetzt musste ich gegen das Bedürfnis ankämpfen, sie auf Schritt und Tritt zu überwachen. Entweder das, oder ich wusch mir ein für alle Mal die Hände in Unschuld und machte mich davon. Wäre mir nicht daran gelegen gewesen, sie zu beschirmen, bis sie sich mit Vince getroffen hatte, hätte ich sie womöglich ziehen lassen. Um Zeit totzuschlagen, fuhr ich in mein Viertel zurück und parkte vor Rosie’s Tavern. Die Ironie, dass ich in einer Kneipe auf Reba wartete, während sie gegen das Verlangen nach Alkohol ankämpfte, blieb mir nicht verborgen. Lewis war da und stand mit einer Schürze um die Taille hinter dem Tresen. Zwei Nachmittagstrinker hatten es sich am anderen Ende des Lokals gemütlich gemacht. Der an die Wand montierte, Farbfernseher zeigte ein Golfturnier. Rosie musste in der Küche sein und das Abendessen vorbereiten, da es intensiv nach Röstzwiebeln roch. Außerdem machte sie irgendetwas mit gebratenen Nierchen, wovon ich lieber gar nichts wissen wollte. Ich setzte mich auf einen Barhocker und bestellte mir ein Cola. Ich schwöre, ich hätte mich um meinen eigenen Kram gekümmert, wenn Lewis nicht gar so fröhlich und unbelastet gewirkt hätte. Es war ihm nicht im Geringsten anzumerken, dass er bedauerte oder sich auch nur bewusst gemacht hatte, welchen Ärger er ausgelöst hatte. Er stellte mein Cola auf den Tresen und fragte: »Wo ist Henry? Ich habe ihn schon seit zwei Tagen nicht mehr gesehen.« Ich musterte ihn. »Du weißt es wirklich nicht.« »Was? Fehlt ihm etwas?« Ich überlegte kurz, ehe ich antwortete. »Es geht mich ja nichts an, aber ich glaube, William war nicht ganz bei Trost, als er dich dazu überredet hat, hierher zu kommen. Zwischen Henry und Mattie lief alles bestens, bevor du aufgetaucht bist.« Lewis sah mich blinzelnd an, als spräche ich in fremden Zungen. »Da kann ich dir nicht folgen.« »Du hättest ja nicht unbedingt mitten beim Frühstück reinplatzen und sie fragen müssen, ob sie mit dir ausgeht.« »Ich habe sie nicht gefragt, ob sie mit mir ausgeht. Ich habe einen Ausstellungsbesuch und einen kleinen Mittagsimbiss vorgeschlagen.« »Das nennt man landläufig miteinander ausgehen. Henry war beleidigt, und das zu Recht.« Lewis zog eine verblüffte Miene. »Er war beleidigt? Meinetwegen?« »Natürlich. Mattie hätte ihre Zeit eigentlich mit ihm verbringen sollen.«, »Warum hat er dann nicht protestiert?« »Wie denn? Du hast ihn allen Ernstes vor Mattie eine schrullige alte Jungfer genannt. Er hat sich in Grund und Boden geschämt. Er konnte sich nicht zur Wehr setzen, ohne noch lächerlicher zu wirken, als er sich ohnehin schon vorkam.« »Aber das war doch nur harmlose Spöttelei. Ein Scherz.« »Es ist kein Scherz, wenn du plötzlich auf der Bildfläche erscheinst und versuchst, ihm den Rang abzulaufen. Das Leben ist auch so schon kompliziert genug.« »Aber wir haben schon immer um die Ladys rivalisiert. Es ist alles nur Spaß. Keiner von uns beiden nimmt es ernst. Meine Güte, frag doch William, wenn du an meinen Worten zweifelst.« »Das gibt er nie zu. Schließlich hat er das Ganze eingefädelt. Er hätte sich niemals einmischen dürfen, aber was du getan hast, war noch schlimmer. Du hast gewusst, dass Henry sich für Mattie interessiert.« »Natürlich tut er das, und ich auch. Das war schon auf der Kreuzfahrt ganz offensichtlich. Ich habe meinen Vorstoß gemacht und er seinen. Wenn er der Herausforderung nicht gewachsen ist, warum beklagt er sich dann bei mir?« »Mattie hat Schluss gemacht. Sie hat gesagt, dass sie ihn nicht wiedersehen will.« »Oh«, sagte Lewis zerstreut. »Tut mir Leid, das zu hören, aber das hat nichts mit mir zu tun.« »Doch. Du bist nach Kalifornien geflogen und hast dich in etwas eingemischt, was dich überhaupt nichts anging. Daran ist nichts ›harmlos‹. Das war eine bösartige Attacke.« »Nein, nein. Ganz und gar nicht. Wie kommst du nur dazu, das zu behaupten? Ich würde mir eher den rechten Arm abhacken, als so etwas zu tun.« »Aber du hast es getan, Lewis.« »Du bist komplett auf dem Holzweg. Das war nicht meine, Absicht. Henry war schon immer mein Lieblingsbruder. Er weiß, dass ich ihn unheimlich gern habe.« »Dann solltest du dir schleunigst überlegen, wie du alles wieder einrenken kannst.« Um kurz vor acht kam Reba aus ihrem AA-Treffen und marschierte auf mein Auto zu. Es war nach wie vor hell. Eine massive Nebelbank hing am Horizont, und der vom Meer landeinwärts ziehende Wind brachte kühlere Luft mit. »Fühlen Sie sich besser?« »Nicht unbedingt, aber ich bin trotzdem froh, dass ich hingegangen bin.« »Wollen Sie jetzt noch essen gehen?« »Mist, wir müssen zurück zu mir fahren. Ich habe die Fotos vergessen.« »Wozu brauchen Sie die?« »Als Gedächtnisstütze«, erklärte sie. »Ich möchte Sie gern mit jemandem bekannt machen. Er isst jeden Freitagabend um neun im selben Lokal. Ich habe mich heute Morgen etwas umgehört, nur um eine Ahnung zu bestätigen, die ich hatte. Wir fahren schnell noch mal raus zu Pop, holen die Bilder, sprechen Klartext mit meinem Bekannten und stellen dann noch ein paar Nachforschungen an.« »Ist neun Uhr nicht ziemlich spät fürs Abendessen?« »Na, hoffentlich. Im Gefängnis isst man nachmittags um fünf. Das ist vielleicht deprimierend. Man kommt sich vor wie ein Kleinkind.« Sie wandte sich auf dem Sitz nach hinten. »Warum fahren Sie denn hier weiter? Sie hätten dort hinten rechts abbiegen müssen.« »Wir müssen nicht extra zu Ihnen zurückfahren. Ich habe einen Satz Bilder bei mir im Büro. Cheney hat sie mir gegeben.« Ich fragte mich, ob es sie stutzig machen würde, dass ich, ebenfalls Abzüge der Fotos hatte, doch sie war offenbar in Gedanken schon bei etwas anderem, da sie mir einen forschenden Blick zuwarf. »Was ist?«, fragte ich. »Mir fällt nur auf, dass Sie Cheneys Namen fallen lassen, sooft sich die Gelegenheit dazu bietet. Haben Sie den von ihm?«, fragte sie und zeigte mit dem Finger auf mich. »Was soll ich von ihm haben?« »Den Knutschfleck am Hals.« Verlegen fuhr ich mir mit der Hand an den Hals. Sie lachte. »War nur ein Scherz.« »Sehr witzig.« »Na ja, es würde mir eben gefallen, wenn Sie ein Liebesleben hätten.« »Und mir würde es gefallen, wenn mein Liebesleben meine Privatangelegenheit bliebe«, gab ich zurück. »Wer ist denn nun der Mann, mit dem Sie mich unbedingt bekannt machen wollen?« »Marty Blumberg. Der Rechnungsprüfer in Becks Firma.«, An meinem Büro angekommen, ließ ich Reba im Auto sitzen und den Käfer im Leerlauf vor sich hin tuckern, während ich hineinspurtete und den Umschlag aus der Schreibtischschublade holte. Ich setzte mich wieder hinters Steuer, reichte ihr den Umschlag und musterte sie aus dem Augenwinkel, ehe ich den Block umrundete und Richtung Passages fuhr. Reba nahm die Fotos aus dem Umschlag und beäugte sie, als würde sie unter einem Mikroskop Ungeziefer sezieren. Dann schob sie sie wortlos in den Umschlag zurück. Ihre Miene verriet nichts. Ich fand die vermutlich letzte Lücke in der Tiefgarage, die sich wie eine flache, graue Höhle unter dem Einkaufszentrum entlangzog. Wir trabten zum Aufzug und fuhren ins Erdgeschoss, wo sich sämtliche Geschäfte befanden. Reba ging mit dem Umschlag in der Hand zwei Schritte vor mir her und zwang mich zu einer schnelleren Gangart, wenn ich mit ihr Schritt halten wollte. Wenigstens kam sie mir nicht mehr so überdreht vor wie zuvor, und darüber war ich froh. »Wohin gehen wir?« »Zu Dale’s.« »Warum zu Dale’s? Das ist eine Spelunke«, wandte ich ein. »Stimmt nicht. Es ist ein Wahrzeichen von Santa Teresa.« »Das ist die Müllkippe auch.« Dale’s war eine völlig schmucklose Kneipe, deren Gäste ausschließlich zum Trinken kamen und zu weiter nichts. In mir regte sich der mittlerweile altbekannte Konflikt: Sollte ich Reba beschützen und vorschlagen, woandershin zu gehen, oder den Mund halten und sie die Verantwortung für ihre Entscheidungen selbst übernehmen lassen? Diesmal siegte der Eigennutz. Schließlich wollte ich Marty Blumberg kennen lernen., Wir gingen hinein und blieben in der offenen Tür stehen, um uns zu orientieren. Ich war seit Jahren nicht mehr im Dale’s gewesen, doch es hatte sich kaum verändert – ein schlauchartiger Raum mit einem Bartresen auf der linken Seite und einer Musikbox im hinteren Teil. Dicht vor der rechten Wand drängten sich sechs oder acht kleine Tische. Die Beleuchtung stammte überwiegend von Neon-Bierreklamen in Blau und Rot. Zahlreiche Gäste bevölkerten die Hälfte der Barhocker und die meisten Tische. Siebenundachtzig Prozent der Anwesenden rauchten, und die Luft war so grau wie Morgennebel. Die von oben kommende Beleuchtung spendete ein mattes Licht, das dem schwindenden Tageslicht draußen ähnelte. Ich erinnerte mich, dass die Musikbox mit alten Singles bestückt war. Momentan sangen die Hilltoppers schmachtend »P.S. I Love You«, während auf einer engen Fläche vor der einzigen Toilette ein Pärchen tanzte. Das auf dem Boden ausgestreute Sägemehl und die schallisolierenden Deckenfliesen dämpften den Geräuschpegel, so dass Musik und Gespräche aus einem anderen Raum zu kommen schienen. An den Wänden hingen Schwarzweißfotos, die in den Vierzigerjahren aufgenommen worden sein mussten, wenn man nach Frisuren und Kleidung der Frauen ging. Auf jedem Foto war dieselbe Person zu sehen, ein Mann mittleren Alters mit Halbglatze, womöglich der Namensgeber Dale. Er hatte den Arm um verschiedene zweitrangige Sportgrößen geschlungen – Baseballspieler, Profiringer und Rollschuhköniginnen –, deren Unterschriften am unteren Rand der Bilder prangten. Am anderen Ende des Lokals erzeugte eine Maschine am laufenden Band Popcorn, das der Barkeeper in Pappbecher schaufelte und zum allgemeinen Gratisgenuss verteilte. Auf dem Bartresen standen in regelmäßigen Abständen Sortimente ver- schiedener Popcorn-Gewürze: Knoblauchsalz, Zitronenpfeffer, Cajun-Mischung, Currypulver und Parmesan in einem grünen Pappbehälter. Das Popcorn reichte nicht aus, um die Gäste, nüchtern zu halten, doch zumindest hatten sie so etwas, womit sie sich zwischen ihren Drinks beschäftigen konnten. Als wir Platz nahmen, kam gerade ein gereizter Streit auf, bei dem es um Politik ging, ein Thema, von dem offenbar keiner der Anwesenden auch nur einen blassen Schimmer hatte. »Und, wo ist er nun?«, fragte ich und sah mich um. »Was haben Sie es denn so eilig? Er kommt sicher gleich.« »Ich dachte, wir gehen essen. Soweit ich weiß, gibt es hier nichts.« »O doch. Sieben-Arten-Chili.« Sie zählte die Wahlmöglich- keiten an den Fingern ab. »Makkaroni, gehackte Zwiebeln, Käse, Austerncracker, saure Sahne oder Koriander in sämtlichen Kombinationen.« »Das sind nur sechs.« »Sie können es auch ohne alles haben.« »Oh.« Die nächste Single senkte sich auf den Plattenteller, und Jerry Vale begann mit seiner Version von »It’s All in the Game«: »Many a tear has to fall …« Ich unterdrückte jeden Gedanken an Cheney, um die Beziehung nicht mit einem bösen Fluch zu belegen. Als die Bedienung kam, bestellte Reba einen Eistee und ich ein Bier. Ich hätte auch Eistee bestellen können, aber damit hätte ich nur eine Tugendhaftigkeit demonstriert, die ich gar nicht wirklich besaß. Angesichts von Rebas Abstinenz wurde mir jeder Schluck, den ich trank, überdeutlich bewusst. Außerdem fürchtete ich, dass sie, sobald ich mich abwandte, nach meinem Bier greifen und es auf einen Satz halb austrinken würde. Da es nichts anderes gab, bestellten wir Sieben-Arten-Chili, und zwar mit allen sechs Zutaten. Es war scharf, gut gewürzt und reichlich. Das Rezept war auf den papierenen Platzdeckchen abgedruckt. Es hätte mich gereizt, meines mitzunehmen, doch, ein Hinweis ganz unten klärte mich darüber auf, dass das Rezept für vierzig Personen berechnet war, und das erschien mir für eine Frau wie mich, die meistens allein neben der Spüle im Stehen isst, etwas übertrieben. »Sie haben mir die Geschichte über das Passages und Becks Beteiligung noch nicht zu Ende erzählt«, sagte ich. »Schön, dass Sie fragen. Ich dachte schon, es interessiert Sie nicht.« »Doch, natürlich«, erwiderte ich. »Erzählen Sie weiter.« Sie zündete sich zuerst eine Zigarette an. »Es ist ganz einfach. Ein Bauträger aus Dallas hat 1969 das Grundstück gekauft und sämtliche Pläne eingereicht. Er dachte, es wird ein Sonntagsspaziergang. Der Typ war so optimistisch, dass er schon Schilder aufgestellt hat: ›Passages-Einkaufszentrum. Eröffnung im Herbst 1973‹. Die Stadtplaner haben sich schwer ins Zeug gelegt und ihn mit den ganzen Bestimmungen und Vorschriften fertig gemacht. Er hat die Pläne sechzehnmal überarbeitet, doch irgendwie hat nie alles gepasst. Zwölf Jahre später, als der Bauträger noch immer keine Baugenehmigung hatte, hat er das Ganze publik gemacht, und irgendjemand hat ihn mit Beck zusammengebracht. Das war 1981. Das Projekt war 1985 fertig, also immerhin drei Jahre nach Baubeginn.« Ich wartete auf den Rest der Geschichte. »Ich sehe Ihnen an der Nasenspitze an, dass Sie es nicht kapieren«, sagte sie. »Erzählen Sie’s mir einfach, okay? Ratespiele halten nur auf und machen mich gereizt.« »Tja, überlegen Sie mal. Was glauben Sie, wie Beck die ganzen positiven Bescheide und Genehmigungen gekriegt hat? Durch sein nettes Wesen?« Ich sah sie an und kam mir dumm vor. Reba rieb den Daumen gegen die anderen Finger – die, allgemein bekannte Geste für Geld, das von einer Hand in die andere wandert. »Bestechung?« »Genau. Da ist das ganze Geld hingeflossen – die dreihundertfünfzig Riesen, deren Diebstahl man mir angehängt hat. Das meiste davon habe ich sogar selbst überbracht, obwohl ich das erst später begriffen habe. Ich wusste nur, dass er mich mit dicken braunen Umschlägen kreuz und quer durch die Gegend geschickt hat. Ein Teil davon war natürlich auch für die Jungs in Sacramento bestimmt – Beck schmiert schon seit Urzeiten Leute, die auf geplante Gesetzesänderungen Einfluss nehmen können –, aber das meiste davon war für Kommunalpolitiker, die die Macht hatten, nein zu sagen. Wenn sie das Geld erst mal eingesteckt hatten, waren sie nur allzu gern bereit, sich hilfreich zu zeigen.« »Aber das ist ja politische Geldwäsche.« »Wow, Sie sind aber schnell«, sagte sie und verdrehte die Augen. »Haben Sie nicht deshalb den Termin mit den FBI- Typen ausgemacht, damit Becks Machenschaften auffliegen?« »Ich wusste ja nicht, wie weit Sie gehen würden.« »Bis zum bitteren Ende.« »Aber als wir das erste Mal darüber gesprochen haben, haben Sie gesagt, er deponiert das Geld außer Landes, um es vor seiner Frau zu verbergen.« »Das ist der Bär, den er mir aufgebunden hat. Ich habe nicht kapiert, was er wirklich getrieben hat, bis die Buchprüfung gekommen ist. Ich wette, er schmuggelt immer noch im Eilverfahren Geld aus dem Land, aber wenigstens habe ich jetzt begriffen, dass seine Bemühungen nie den Zweck hatten, mir zugute zu kommen.« »Tut mir Leid. Das ist sicher hart für Sie.« »Hart, aber wahr«, sagte sie, und es klang ganz gelassen., Fast genau um Punkt neun Uhr erschien Marty Blumberg. Reba hatte schon nach ihm Ausschau gehalten, und als er das Lokal betrat, winkte sie ihn mit großer Geste an unseren Tisch. An der Bar blieb er stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Der Barkeeper schenkte ihm sofort sein gewohntes Getränk ein, einen Whiskey, der so dunkel war, dass er wie Cola aussah. Mit dem Glas in der Hand kam er zu uns herübergeschlendert. Er war schätzungsweise Anfang fünfzig und musste früher einmal gut ausgesehen haben. Jetzt hatte er mindestens vierzig Kilo Übergewicht, und seine Kleidung war eine Nummer zu klein. Seine Hosentaschen standen klaffend ab wie zwei Ohren, und die Knöpfe an seinem Hemd saßen stramm auf seinem Bauch. Er hatte ein rundes, rosiges Babygesicht mit melancholischen blauen Augen, eine Stupsnase und einen Wust dunkler, gekräuselter Haare. Er schien sich aufrichtig zu freuen, Reba zu sehen. Sie forderte ihn auf, sich zu uns zu setzen, und zeigte mit dem Daumen auf mich, um mich vorzustellen. »Das ist Kinsey Millhone. Marty Blumberg«, sagte sie. »Hi, Marty«, sagte ich. »Freut mich, Sie kennen zu lernen.« Wir gaben uns die Hand. Marty musterte Reba kurz von oben nach unten. »Du hast dich gut gehalten. Seit wann bist du wieder hier?« »Seit Montag. Kinsey hat mich abgeholt. Das Ganze war eine richtige Lektion … ich weiß nur nicht, in was.« »Kann ich mir denken.« »Ich habe gehört, ihr habt ein neues Büro. Schön, dass es gleich hier in der Nähe ist. Dale’s war doch schon immer dein Lieblingslokal.« Marty lächelte. »Ich bin seit vierzehn Jahren Stammgast. Wenn man zusammenzählt, wie viel Geld ich hier schon gelassen habe, könnte ich mittlerweile Teilhaber sein.« Reba nahm sich eine Zigarette. Sofort griff Marty nach ihrem Dunhill-Feuerzeug und gab ihr Feuer. Reba steckte sich eine, Haarsträhne hinters Ohr, als sie sich zu der Flamme herabbeugte, und ließ dabei ihre Hand wie beiläufig auf seiner ruhen. Als sie den Rauch einsog, schloss sie kurz die Augen. Rauchen war wie Beten, etwas, das man mit Ehrfurcht tat. »Beck sagt, das neue Büro ist fantastisch.« »Ziemlich schick«, bestätigte er. »Aus deinem Mund ist das ein hohes Lob. Wie wär’s mit einer Besichtigung? Beck meinte, er würde mir alles zeigen, aber er ist in Panama.« »Eine Besichtigung? Klar, warum nicht? Ruf mich an, und wir machen einen Termin aus.« »Wie wär’s mit heute Abend? Wo wir ohnehin schon hier sind, wäre es doch nur ein Katzensprung.« Er zögerte. »Könnten wir machen. Ich muss sowieso noch meine Aktentasche holen und meinen Schreibtisch aufräumen.« »Du räumst an einem Freitagabend deinen Schreibtisch auf? Das ist echte Hingabe.« »Becks neue Anweisung – keine Unterlagen oder Papiere über Nacht auf den Tischen. Das Büro sieht aus wie ein Vorführungs- raum. Ich bin in erster Linie mit Aufarbeiten beschäftigt, also Sachen erledigen, die ich ein wenig vernachlässigt habe. Wahrscheinlich muss ich morgen auch arbeiten.« »Der Mann ist ein Workaholic«, sagte sie zu mir, ehe sie sich wieder an ihn wandte. »Kinsey ist Pri-vat-de-tek-ti-vin«, erklärte sie, wobei sie jede Silbe einzeln betonte. »Haben Sie eine Visitenkarte dabei?«, fragte sie mich. »Lassen Sie mich nachsehen.« Ich kramte in meiner Umhängetasche, bis ich die Brieftasche gefunden hatte, in der ich einen Stapel Karten habe. Reba hielt die Hand ausgestreckt, und so reichte ich ihr eine, die sie an Marty weitergab. Er studierte sie und tat beeindruckt, während es ihn in Wirklichkeit nicht die Bohne interessierte., Er steckte sie in seine Hemdtasche. »Da bin ich wohl lieber auf der Hut.« Reba lächelte. »Wie wahr. Du machst dir keinen Begriff.« Er schüttelte eine Zigarette aus dem Päckchen und steckte sie sich zwischen die Lippen. Rauchen kam mir nicht so günstig vor, da er ohnehin schon keuchte. »Darf ich?«, fragte Reba, ehe sie nach ihrem Feuerzeug griff, es anmachte und ihm die Flamme hinhielt. »Wie zuvorkommend.« »Gehört sich doch. Eine Hand wäscht die andere.« Sie stützte das Kinn auf eine Hand. »Bist du gar nicht neugierig, was sie hier macht?« Marty blickte zwischen Reba und mir hin und her. »Eine Drogenrazzia?« »Sei nicht albern«, rügte sie und gab ihm einen Klaps auf den Arm. Dann lehnte sie sich kokett vor und murmelte: »Sie gehört zu einer Sondereinheit aus FBI-Männern und normalen Bullen, die Becks Finanzen unter die Lupe nehmen. Alles streng geheim. Versprich, dass du nichts ausplauderst.« Sie legte sich einen Finger auf die Lippen, und ich merkte, wie ich erblasste. Ich fand es unglaublich, dass sie einfach so damit herausplatzte, ohne sich vorher mit mir abzusprechen. Nicht dass ich zugestimmt hätte. Ich versuchte Martys Reaktion einzuschätzen. Er lächelte verhalten, während er auf die Pointe wartete. »Nein, mal im Ernst.« »Das ist mein Ernst«, bekräftigte sie. Ich sah ihr an, dass sie es genoss, ihm alles häppchenweise beizubringen. »Das verstehe ich nicht.« »Was gibt’s da zu verstehen? Ich sage dir die Wahrheit.« »Warum mir?« »Als offene Warnung. Ich mag dich. Und du stehst direkt in, der Schusslinie.« Offenbar zählte er zu jenen Männern, deren Körperthermostat immer im roten Bereich operiert, da sich mittlerweile ein feuchter Schleier über sein Gesicht gelegt hatte. Scheinbar ohne sich dessen bewusst zu sein, griff er nach dem breiten Ende seiner Krawatte und tupfte sich die Schweißperlen von der Wange. »Was meinst du damit, dass ich in der Schusslinie stehe? Wie kommst du darauf?« »Also, erstens: Du weißt, was er getrieben hat. Und zweitens: Beck lässt sich dafür genauso wenig verknacken wie für die fehlenden dreihundertfünfzigtausend.« »Ich dachte, du hast es freiwillig gemacht.« »Dämlich wie ich bin, habe ich es ihm leicht gemacht. Ich bilde mir eigentlich ein, dass du schlauer bist als ich, aber vielleicht bist du das ja gar nicht.« »Er kann mir überhaupt nichts anhaben. Ich habe mich abgesichert.« »Glaubst du das wirklich? Er braucht dich nur anzuschwärzen. Deine Fingerabdrücke sind überall. Du bist derjenige, der die Konten eingerichtet hat. Das Gleiche gilt für die Banken im Ausland und den IBC.« »Genau. Ich habe etwas gegen ihn in der Hand. Ich bin der Letzte, mit dem er sich anlegen darf.« »Ich weiß nicht«, meinte sie skeptisch. »Du arbeitest schon lange bei ihm …« »Zehn Jahre.« »Eben. Das heißt, du weißt wesentlich mehr als ich.« »Und?« »Wenn er mir etwas anhängen konnte, kann er dir auch etwas anhängen. Glaub mir, die Falle steht schon bereit. Du erkennst sie nur momentan genauso wenig, wie ich erkannt habe, was er mit mir macht – bis es zu spät war.«, »Ich habe keinen Ärger mit Beck. Er sorgt gut für mich. Weißt du, wie viel Geld ich in den zehn Jahren beiseite geschafft habe? Ich könnte jederzeit in den Ruhestand gehen, schon morgen alles stehen und liegen lassen und trotzdem wie ein König leben.« »Vielleicht wirkt es ganz gemütlich, aber eine Falle ist es trotzdem.« Marty schüttelte den Kopf. »Nein. Das kaufe ich dir nicht ab.« »Und wenn sie dir Druck machen?« »Wer, sie?« »Die Feds. Was glaubst du, was ich dir gerade erzählt habe? Das FBI, die Steuerbehörden, und was war noch das dritte?«, fragte sie mich und schnippte dabei ungeduldig mit den Fingern. »Das Justizministerium«, antwortete ich. Sie wandte sich mir zu und runzelte die Stirn. »Haben Sie nicht noch ein paar mehr erwähnt?« Ich räusperte mich. »Die Zoll- und Finanzbehörden. Und die Drogenbehörde.« »Siehst du?«, sagte sie zu ihm, als würde das irgendetwas erklären. »Warum sollen sie mir Druck machen? Auf welcher Grundlage?« »Auf Grundlage der ganzen Schweinereien, die sie bis jetzt schon ausgegraben haben.« »Bei wem?« »Glaubst du etwa, sie haben keine Agenten vor Ort?« Er lachte leicht beklommen. »Was denn für ›Agenten‹? Das ist doch Quatsch.« »Entschuldige. Da habe ich mich versprochen. Ich habe ›Agenten‹ in der Mehrzahl gesagt. Dabei ist es nur einer.« »Wer?«, »Mal sehen, ob du es errätst. Pass auf, ich gebe dir einen Tipp. Wer in der Firma ist Beck in den letzten Monaten näher gerückt? Hmmm.« Sie legte sich einen Finger an die Wange, als würde sie angestrengt nachdenken. »Fängt mit O an.« »Onni?« »Du hast’s erfasst. Glück muss der Mensch haben. Ich wandere ins Gefängnis, und schon hat sie die Chance, sich an meinen Platz zu schmuggeln.« »Sie arbeitet fürs FBI?« Reba nickte. »O ja, schon seit Jahren, und du kannst mir glauben, die kleine Onni will seinen Kopf rollen sehen.« »Das nehme ich dir nicht ab.« »Marty, das ist die Gelegenheit für sie. Du weißt ja, wie es Frauen in diesen beschissenen Behördenjobs geht. Klar werden sie eingestellt. Die Männer lassen sie die ganze Drecksarbeit machen, aber eine Beförderung kannst du vergessen. Es gibt keinen Weg nach oben ohne irgendeinen großen Coup. Wenn sie das jetzt nicht schafft, bleibt sie, wo sie ist.« »Klingt in meinen Ohren nicht überzeugend. Bist du dir sicher? Das passt doch alles nicht zusammen. Die Frau ist dumm wie ein Stück Holz.« »Das ist der Eindruck, den sie vermittelt, aber sie ist mit allen Wassern gewaschen. Ich sage dir, sie ist richtig gut. Du wirst sehen. Die Frau kann ihre eigenen Bedingungen stellen, vorausgesetzt, sie bringt zuerst Beck zur Strecke. Ich meine, betrachte es doch mal so. Hegt irgendjemand in der Firma einen Verdacht? Du ja bisher offensichtlich nicht, und Beck hat auch keinen Schimmer. Wenn er wüsste, was los ist, wäre er im Handumdrehen verschwunden. Oder nicht?« »Ja, schon.« »Glaub mir lieber«, sagte sie. »Sie hat die ganze Zeit ihre Finger im Spiel und freien Zugang zu allem. Das Ganze ist für, sie kinderleicht.« Marty schien langsam ungehalten zu werden, und ich bemerkte zwei Flecken auf seinem Hemd, wo der Schweiß inzwischen durchgesickert war. »Hör mal, Reb. Ich weiß, dass du stinksauer auf ihn bist, und das mache ich dir gar nicht zum Vorwurf–« »Natürlich bin ich stinksauer auf ihn, aber nicht auf dich, und deshalb bin ich hier. Ich verlasse mich darauf, dass du den Mund hältst. Ich habe jedenfalls niemand sonst ein Wort davon verraten. Sie will ihn fertig machen. Und darauf ist sie derart versessen, dass sie sogar freiwillig mit ihm ins Bett geht, nur um ihm immer einen Schritt voraus zu sein.« Marty schwieg. Er atmete, als wäre er gerade sechsmal um den Block gerannt. »Du kannst nicht einfach etwas behaupten –« »Ist mir klar. Du bist ein Mann mit gesundem Menschen- verstand, und du bist schwer zu überzeugen. Deshalb habe ich die hier mitgebracht.« Sie zog die Schwarzweißfotos aus dem Umschlag und reichte sie ihm. Marty blätterte sie durch. »O mein Gott.« »Hast du’s jetzt begriffen?« »Was denkt er sich nur dabei?« »Überhaupt nichts. Ihm ist der Verstand zwischen die Beine gerutscht. Hast du wirklich nicht geahnt, dass er sie bumst? Du hast ja auch gewusst, dass er was mit mir gehabt hat.« »Schon, aber du hast auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass du scharf auf ihn warst. Nur bei der Sache hier, ich weiß nicht … Müsste ihm nicht jemand sagen, was abläuft?« Reba zog die Brauen hoch und sah ihn mit großen Augen an. »Willst du das übernehmen? Ich tu’s nämlich garantiert nicht.« »Der arme Kerl.« »Von wegen armer Kerl. Soll das ein Witz sein? Wenn er bereit war, mich in die Pfanne zu hauen, warum dann nicht auch, dich? Der Punkt ist nur, dass diesmal noch mehr auf dem Spiel steht. Wenn du ihn über Onni aufklärst, verschafft ihm das nur mehr Zeit, um seine Spuren zu verwischen.« Marty hielt sein Glas in die Höhe und ließ die Eiswürfel klirren. Der Barkeeper bekam es mit und machte sich gleich daran, ihm einen neuen Drink einzuschenken. »Onni. Ist ja irre. Beck muss voll in die Falle getappt sein.« »Ja, klar. Und sobald sie sich ihn greift, schlägt er einen Haken und schiebt das Ganze auf dich. Er wird behaupten, du hättest im Alleingang gehandelt. Er hätte dich nie zu irgendetwas ermächtigt. Du hast es nur von dir aus getan.« »Aber es ist seine Unterschrift. Kreditanträge, Gründungs- papiere –« »Marty, wach endlich auf. Er wird sagen, dass er die finanzielle Seite nie durchschaut hat. Genau deshalb konnte ich mir ja das Geld unter den Nagel reißen. Eigentlich hätte er etwas daraus lernen sollen, aber manche Leute werden eben nie gescheiter. Du hast ihm gesagt, er soll unterschreiben, also hat er unterschrieben. Er hat dir vertraut, und das ist nun der Dank dafür. Schande über ihn. Und ehe du dich’s versiehst, stehst du schon unter Anklage vor einem Bundesgericht.« Marty schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Das haut mich total um.« Der Barkeeper brachte ihm seinen Drink. Marty zog die Brieftasche heraus und entnahm ihr zwei Zwanziger. »Stimmt so«, sagte er. Als der Barkeeper abzog, hatte Marty sein Glas schon beinahe wieder geleert. Während des kurzen Wortwechsels zwischen den beiden Männern warf mir Reba einen Blick zu. Es ist deine Show, dachte ich, ehe sie sich abwandte. Sie tätschelte Martys Arm und sprach in forschem Ton weiter. »Denk nur mal über die Konsequenzen nach. Weiter verlange ich ja gar nichts. Selbst wenn du zu dem Schluss kommst, dass, ich mir das alles aus den Fingern sauge, kann es nicht schaden, wenn du dich absicherst. Wenn nämlich erst einmal die Vorladungen ausgestellt und sämtliche Haftbefehle vollstreckt sind, hast du Pech gehabt. Aber falls du jetzt noch mal nach oben gehst, könnten wir zwei uns doch anschließen, oder?«, Ich war schon öfter am Eingang zu Becks Bürogebäude vorübergegangen, ohne es wirklich wahrzunehmen. Die Fassade war dicht mit Efeu bewachsen und fügte sich nahtlos in die architektonische Vorspiegelung einer alten spanischen Stadt ein. Vor dem Haus hatte man blühende Bäume gepflanzt. Links vom Eingang befanden sich direkt nebeneinander liegende Treppen und Rolltreppen, über die man das Parkhaus an der Ecke des Einkaufszentrums erreichte. Ein Geschäft für feudales Reisegepäck nahm einen Teil des Erdgeschosses ein und bezahlte Beck vermutlich einen Riesenbatzen an feudaler Miete. Wir stießen eine gläserne Doppeltür auf, die lautlos hinter uns zufiel. Fenster erstreckten sich über alle vier Etagen bis zu dem schrägen Glasdach. Das Atrium war rechteckig und mit gesprenkeltem, rosafarbenem Granit ausgekleidet. Böden und Wände bildeten eine harte Leinwand, auf der sich je nach Tageszeit natürliches oder künstliches Licht abzeichnete. Hoch oben an der Wand hing eine Uhr mit langen Messingzeigern und Messingscheiben von fünfzehn Zentimetern Durchmesser für die Stunden. Ein Vorhang aus dunkelgrünem Efeu und Philodendron hing aus einer Mini-Oase oberhalb der Uhr herab. An der Wand direkt gegenüber gab es zwei Aufzüge. In einer Nische rechts davon befanden sich zwei weitere, einander gegenüberliegende Aufzüge, von denen einer eine wesentlich breitere Tür besaß, vermutlich, um sperrige Güter zu befördern. Einer Digitalanzeige neben jedem Aufzug war zu entnehmen, dass sie alle hier im Erdgeschoss bereitstanden. In der Mitte der Eingangshalle hatte man einen perfekten Kreis aus Granit in den Boden eingelassen, dessen schräg abfallende Seiten von einem permanenten Wasserfall bespült wurden, gespeist von einer um den Rand verlaufenden, etwa fünfzehn Zentimeter, breiten Rinne. Das Geräusch war beruhigend, doch in ihrer optischen Wirkung ähnelte die Anlage in meinen Augen eher einer Toilette als dem stillen Becken, das sie darstellen sollte. Ein uniformierter Wachmann saß an einem hohen Tresen aus geschliffenem Onyx. Er war hager, etwas über sechzig, hatte graumelierte, dunkle Haare und ein ausdrucksloses, gut geschnittenes Gesicht. Ich fragte mich kurz, welche merkwürdigen Umstände ihn hier hatten landen lassen. Es gab ja bestimmt nur wenig zu bewachen und noch weniger zu sichern. Saß er seine gesamte Acht-Stunden-Schicht nur ab? Ich sah keinen Hinweis darauf, dass er diskret vor Blicken verborgen ein Buch im Schoß gehalten hätte. Es gab auch kein Radio oder Mini-Fernsehgerät. Kein Skizzenbuch oder Rätselheft. Seine Blicke folgten uns, und sein Gesicht drehte sich langsam mit, als wir die kalte Fläche aus poliertem Granit überquerten. Marty hob die Hand und erntete dafür einen unverwandten Blick. Reba lächelte den Wachmann an und gönnte ihm die volle Pracht ihrer großen, dunklen Augen. Dies wurde mit einem verhaltenen Lächeln belohnt. An der Aufzugtür holte sie Marty ein. »Wie heißt er denn? Der ist ja süß.« »Willard. Er arbeitet nachts und an den Wochenenden. Keine Ahnung, wer tagsüber dran ist.« Wir betraten den Aufzug, und Marty drückte den Knopf für die dritte Etage. »Du hast eine Eroberung gemacht. Das war das erste Mal, dass ich ihn habe lächeln sehen«, sagte er. »Mit Wachleuten auszukommen ist mittlerweile eine Spezialität von mir«, erklärte sie. »Obwohl in meinem Fall ›Gefängniswärter‹ das korrekte Wort wäre.« Da Becks Büro den gesamten dritten Stock einnahm, öffneten sich die Aufzugtüren direkt in den Empfangsbereich, wo ein dicker, hellgrüner Teppichboden sämtliche Geräusche dämpfte. Alles war strahlend hell erleuchtet, doch außer uns war ganz, offensichtlich niemand da. Moderne Möbel und zeitgenössische Kunst mischten sich mit Antiquitäten. Raumteiler aus geätztem Glas trennten den Empfang von einem lichten Konferenzraum. Von unserem Standort aus gesehen erstreckten sich in vier Richtungen Korridore wie die Speichen eines Rads. Die Flure schienen sich gemeinsam mit breiten Farbbändern in die Länge zu ziehen, die schwungvolle Kringel an die Wände zeichneten. »Oh, Marty. Das ist ja traumhaft. Beck hat zwar schon gesagt, dass es spektakulär geworden ist, aber das ist wirklich gigantisch. Dürfen wir uns umsehen?« »Aber macht nicht zu lang. Ich will nach Hause.« »Ich verspreche, dass wir uns beeilen. Sieh’s doch mal so: Wenn dieser Abstecher ins Gefängnis nicht gewesen wäre, würde ich selbst hier arbeiten. Gibt es auch einen Dachgarten?« »Die Treppe ist da hinten. Du kannst sie nicht verfehlen. Ich bin dann in meinem Büro den Flur hier entlang.« »Man könnte sich hier glatt verlaufen«, sagte Reba. »Das lass lieber. Beck wird ohnehin nicht begeistert sein, wenn er hört, dass du hier warst.« »Ich schweige wie ein Grab«, versprach sie und ließ ihn ihre Grübchen sehen. Reba drehte eine Runde um den Empfangsbereich, und ich folgte ihr. Solange Marty anwesend war, wirkte sie in ihrer unverhohlenen Begeisterung fast kindlich. Immer wieder steckte sie den Kopf in ein Büro und machte ooh und aah. Marty sah uns kurz zu, ehe er in entgegengesetzter Richtung davonging. Sobald er außer Sichtweite war, ließ Reba jegliche vorgetäuschte Besichtigungsmanier fallen und machte sich ans Werk. Ich blieb an ihrer Seite, während sie die Namen studierte, die vor jedem Büro an der Wand angebracht waren. An Onnis Zimmer angelangt, warf sie einen Blick den Flur entlang, um sich zu vergewissern, dass Marty nicht in der Nähe war. Sie trat, an Onnis Schreibtisch, holte ein Papiertaschentuch aus einer Schachtel und zog mit dessen Hilfe eine Schublade nach der anderen auf. »Halten Sie Wache, okay?« Ich spähte in den Flur hinter mir. Durchsuchungen sind meine absolute Lieblingsbeschäftigung (abgesehen von den Stunden mit Cheney Phillips in jüngster Zeit). Der aufregende Nerven- kitzel, in die Privatsphäre anderer Leute einzudringen, wird noch durch die Gefahr intensiviert, womöglich auf frischer Tat ertappt zu werden. Ich wusste nicht genau, wonach sie suchte, sonst hätte ich gerne mitgemacht. Allerdings musste ja ohnehin jemand Schmiere stehen. Reba machte nach wie vor Schubladen auf und zu. »Unglaublich, dass Marty dermaßen paranoid ist. Muss seine Medikamente abgesetzt haben. Ah.« Sie hielt einen dicken Schlüsselbund in die Höhe und schwenkte ihn klirrend hin und her. »Den können Sie nicht mitnehmen.« »Och. Onni kommt erst am Montag wieder. Bis dahin kann ich ihn zurückbringen.« »Reba, nicht. Sie vermasseln alles.« »Nein, tu ich nicht. Das hier ist wissenschaftliche Forschung. Ich überprüfe meine Hypothese.« »Was für eine Hypothese?« »Erzähl ich Ihnen später. Nur keine Sorge.« Sie verließ Onnis Büro und fuhr auf dem Rückweg zum Empfangsbereich mit der Hand die Wand entlang, indem sie die Linien der Decke nachzeichnete. Als sie an den Aufzügen anlangte, drehte sie eine Runde durch den zentralen Raum und maß ihre Umgebung mit Blicken ab. Große abstrakte Gemälde beherrschten die Wände, und die Beleuchtung war so gestaltet, dass man mit unwiderstehlicher Kraft von einem Bild zum, anderen gezogen wurde. »Ich fände es hilfreich, wenn ich wüsste, wonach Sie suchen«, bemerkte ich. »Ich weiß, wie er denkt. Irgendwo hier gibt es etwas, das wir nicht finden sollen. Versuchen wir’s mal in seinem Büro.« Ich wollte protestieren, doch sie hörte sowieso nicht hin. Becks Büro mit seiner Ecklage war vom Feinsten – es war geräumig, mit hellem Kirschbaumholz getäfelt und mit dem gleichen grünen Teppichboden ausgelegt, der auch im Empfangsbereich die Schritte dämpfte. Das Mobiliar bestand aus niedrigen Sesseln aus Chrom und Leder, aus denen man nur mithilfe eines Flaschenzugs wieder hochkommt, wenn man leichtsinnig genug gewesen ist, sich hineinzusetzen. Becks Schreibtisch war eine schwarze Schieferplatte – eine merk- würdige Wahl, es sei denn, er schrieb seine Divisionsaufgaben am liebsten mit Kreide quer über den ganzen Tisch. Reba hatte das Kleenex mitgebracht, um auch an Becks Schubladen keinerlei Fingerabdrücke zu hinterlassen. Ich blieb beklommen in der Tür stehen. Unzufrieden wirbelte sie herum. Sie studierte den Raum in allen Einzelheiten, ehe sie schließlich an die getäfelte Wand trat, daran entlangklopfte und auf Anzeichen für Hohlräume dahinter lauschte. Irgendwann berührte sie ein Schnappschloss, und eine Tür sprang auf. Doch der einzige Schatz, der sich dahinter verbarg, war Becks Alkoholvorrat mitsamt kristallenen Karaffen und verschiedenen Gläsern. »Mist«, schimpfte sie, knallte die Tür zu und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Sie setzte sich auf seinen Drehstuhl und nahm von dort aus eine zweite Inspektion vor. »Würden Sie sich bitte beeilen?«, zischte ich. »Marty kann jede Minute auftauchen und sich fragen, wo wir stecken.« Sie schob den Stuhl zurück und bückte sich, um die Unterseite seines Schreibtischs zu inspizieren. Dabei streckte sie die Hand, so weit aus, dass fast der ganze Arm verschwand. Ich wusste nicht, was sie entdeckt hatte, und ich wollte auch nicht unbedingt Zeugin werden. Also trat ich in den Flur hinaus und blickte in Richtung Empfang. Bis jetzt keine Spur von Marty. Beiläufig registrierte ich, dass die Bilder nach ihrem Format aufgereiht waren, wobei die größten neben den Aufzügen hingen und die kleineren nach abnehmenden Proportionen gestaffelt hier hinten. Aus der Perspektive eines Besuchers ergab sich so die Illusion, als wären die Korridore wesentlich länger, als sie es in Wirklichkeit waren – ein amüsanter Trompe-l’Œil-Effekt. Reba kam aus Becks Büro, packte mich am Ellbogen und steuerte mich auf die breite Treppe zu, die zum Dach führte. »Was ist dort oben außer dem Dachgarten?« »Deshalb gehen wir ja hinauf – weil wir es nicht wissen«, erwiderte sie. Sie nahm zwei Stufen auf einmal, und ich hielt mit. Eine Glastür am oberen Ende der Treppe führte in einen professionell angelegten Garten: Bäume, Sträucher und Blumenbeete, getrennt durch gewundene Kieswege, die sich im Hintergrund verloren. Eine Gartenbeleuchtung ließ das Ganze erstrahlen. Stühle und von Schirmen beschattete Tische standen in einzelnen, hübsch verstreuten Patios. Eine Mauer von etwa einem Meter zwanzig Höhe umgab alles und gewährte in sämtliche Richtungen eine faszinierende Aussicht auf die Stadt. In der Mitte des Gartens stand etwas, das aussah wie ein Gärtnerschuppen. Sein Äußeres war mit Spalieren verkleidet, an denen sich bunte Reben von Passionsblumen voller dicker, violetter Blüten kreuz und quer nach oben wanden. In dem üppigen Pflanzendickicht war ein halb verborgenes Schild zu erkennen. Neugierig schob ich das Blattwerk beiseite. »Was ist das?«, wollte Reba wissen. »›Hochspannung. Lebensgefahr.‹ Darunter steht die Telefonnummer des Hausmeisters, falls etwas repariert werden muss. Es muss ein Transformator sein oder vielleicht etwas, das, mit der Stromversorgung zusammenhängt. Wer weiß? Es könnte auch das Gehäuse für die Aufzüge sein oder das für die Zentralheizung und die Klimaanlage. Irgendwo muss man das alles ja unterbringen.« Das kleine Häuschen summte auf eine Weise, die vermuten ließ, dass man zu einem schwarzen Klumpen verschmoren würde, wenn man eine falsche Bewegung machte. Von der Treppe her rief Marty nach uns. »Hey, Reba?« »Hier oben.« »Ich will euch nicht hetzen, aber wir müssen langsam los. Beck mag es nicht, wenn sich Fremde im Büro aufhalten.« »Ich bin keine Fremde, Marty. Ich bin sein Lieblingsbetthase.« »Ja, schön, aber er wird trotzdem sauer sein und es an mir auslassen.« »Kein Problem. Wir sind fertig, wenn du auch fertig bist«, entgegnete sie, ehe sie sich an mich wandte. »Nehmen Sie Ihre Autoschlüssel und Ihre Geldbörse aus Ihrer Tasche, und lassen Sie sie dann hinter dem Ding da liegen.« »Meine Tasche? Ich lasse meine Umhängetasche nicht hier. Sind Sie verrückt?« »Tun Sie’s.« Da erschien Marty am oberen Ende der Treppe. Offenbar wollte er sich nicht darauf verlassen, dass wir von selbst herunterkommen würden. Er lehnte sich gegen das Treppengeländer und atmete keuchend infolge des Aufstiegs. Reba ging zu ihm hinüber, legte ihren Arm in seinen und wandte sich um, um die in der Ferne sichtbaren Berge zu bewundern. »Was für eine Aussicht! Die ideale Kulisse für eine Büroparty.« Marty zog ein Taschentuch heraus und wischte sich das schweißglänzende Gesicht. »Eine Party haben wir bis jetzt noch nicht gemacht. Aber bei schönem Wetter essen die Mädels hier ihren Mittagsimbiss und sonnen sich ein bisschen. Bei, schlechtem Wetter gehen sie in den Pausenraum wie früher im alten Büro, nur dass der hier schicker ist.« »Der Pausenraum? Den habe ich noch nicht gesehen.« »Ich kann ihn dir auf dem Weg nach draußen zeigen.« Reba wandte sich zu mir um. »Alles in Ordnung?« »Ich folge Ihnen auf dem Fuß«, sagte ich. Die beiden stiegen die Treppe hinab. Innerlich murrend tat ich, was sie mir aufgetragen hatte, indem ich Schlüssel und Geldbörse aus der Tasche nahm und diese dann hinter einen großen, eingetopften Ficus schob. Ich hoffte nur, sie wusste, was sie tat, denn zumindest ich hatte keinen blassen Schimmer. Mit einem wehmütigen Blick zurück ging ich auf die Treppe zu. In einem Raum, der wie eine mittelgroße Küche aussah, stieß ich wieder auf die beiden. Es gab ein Spülbecken, eine Spül- maschine, zwei Mikrowellen, eine Kühl-Gefrierkombination und zwei Automaten, einen mit alkoholfreien Getränken und einen zweiten mit Schokoriegeln, Kartoffelchips, Erdnussbutter- crackern, Keksen, Nüssen und anderen Dickmachern. Mitten im Raum stand ein großer, von Stühlen umgebener Tisch. »Ist das nicht toll?«, fragte Reba. »Super«, bestätigte ich. »Seid ihr fertig?«, fragte mich Marty. »Klar. Kein Problem. War nett hier.« »Gut. Ich hole rasch meine Aktentasche und sperre dann ab.« Zu dritt marschierten wir den Flur entlang in Richtung Aufzüge. An seinem Büro angelangt, verschwand Marty kurz darin und kehrte mit seiner Tasche zurück. Reba lehnte sich an den Türrahmen. »Hübsches Büro. Hast du das selbst gemacht?« »O Gott, nein. Beck hat eine Einrichtungsfirma engagiert, die alles hergerichtet hat, außer den Pflanzen. Dafür haben wir eine andere Firma.«, »Ziemlich protzig«, fand Reba. Wir sahen zu, wie Marty den Knopf für den Aufzug drückte und ihn damit von unten hochholte. Während wir warteten, zeigte Reba auf einen dritten Aufzug auf der anderen Seite des Empfangstresens. »Wofür ist der gut?« »Das ist der Lastenaufzug. Damit werden vor allem Kisten, Aktenschränke, Möbel und so was hoch- und runtergefahren. Wir haben fünfzehn oder zwanzig Firmen in den drei oberen Etagen. Die brauchen jede Menge Büroartikel und Kopierer. Außerdem benutzt ihn der Putztrupp.« »Arbeiten Bart und sein Bruder immer noch an den Wochenenden?« »Immer freitags, wie gehabt. Sie fangen um Mitternacht an.« »Schön, dass sich manches nie ändert. Aber alles andere ist eine enorme Verbesserung. Hätte ich mir ja denken können, dass Beck das macht, sobald ich weg bin.« Der Aufzug kam, und die Türen gingen auf. Marty fasste hinein und drückte den Knopf, der die Türen offen hielt, während er den Code für die Alarmanlage auf einem Tastenfeld auf der rechten Seite eingab. Reba zeigte nur beiläufiges Interesse. Nachdem wir eingestiegen waren, ließ Marty den Knopf los und drückte die 1 für Erdgeschoss. Auf der Fahrt nach unten wechselten wir kaum ein Wort, sondern sahen nur zu, wie die digitalen Etagen- nummern blinkend von einer zur anderen wechselten. Als wir unten anlangten, gingen die Türen eines der beiden Aufzüge in der Nische auf, und zwei Putzmänner kamen mit ihrem Karren heraus, ehe sie einen Staubsauger, mehrere Besen und Schrubber, große Flaschen mit Putzmitteln sowie Pakete mit Papierhandtüchern für die Toiletten einluden. Beide trugen Overalls, auf deren Rücken ein Firmenlogo aufgestickt war. Einer von ihnen nickte Willard zu, der mit einem Finger zurückgrüßte. Reba sah den beiden Männern dabei zu, wie sie die Nische durchquerten und den Lastenaufzug betraten., »Was haben die denn vor?« Marty zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich glaube, die arbeiten im ersten Stock.« Hinter ihnen schlossen sich die Türen, und wir gingen zu dritt weiter zum Eingang, während Willard mit dem gleichen ausdruckslosen Blick, den er uns zuvor gewidmet hatte, die Zeit eintrug, zu der wir das Haus verlassen hatten. Marty machte sich nicht einmal die Mühe, ihm zum Abschied zuzunicken, doch Reba winkte Willard fröhlich mit einem Finger. »Danke, Willie. Schönen Abend noch.« Er zögerte und hob dann die Hand. »Habt ihr das gesehen? Wahre Liebe«, erklärte sie. Wir gingen nach unten in die Tiefgarage. »Mein Auto steht da drüben«, sagte Marty am Fuß der Treppe. »Und wo parkt ihr?« »Da lang«, antwortete ich und wies in die andere Richtung. Reba schob die Hände in die Jackentaschen und sah ihm nach, während er auf sein Auto zuging. »Hey, Marty?« Er hielt inne und wandte sich um. »Denk mal über das nach, was ich gesagt habe. Wenn du nicht bald was unternimmst, haut dich Beck in die Pfanne.« Marty wollte schon etwas sagen, überlegte es sich dann jedoch anders. Mit abwesender Miene schüttelte er den Kopf und setzte seinen Weg fort. Reba sah ihm nach, bis er verschwunden war. Gemeinsam durchquerten wir die Tiefgarage. »Diese Putzmänner haben mir nicht gefallen«, sagte sie. »Können Sie jetzt langsam mal Ruhe geben?« »Ich bin mir aber ganz sicher. An denen war irgendwas faul.« »Danke für den Hinweis. Ich werd’s in den Akten vermerken.« An meinem Käfer angekommen, schloss ich die Fahrertür auf und setzte mich hinters Lenkrad, ehe ich hinüberfasste und ihr, die Beifahrertür aufmachte. Sie stieg ein und zog die Tür zu, doch als ich den Schlüssel ins Zündschloss stecken wollte, streckte sie die Hand aus. »Moment Warten Sie.« »Warum?« »Weil wir noch nicht fertig sind. Sobald Marty wegfährt, legen wir noch mal los.« »Sie können nicht noch mal raufgehen. Wie wollen Sie das denn bewerkstelligen?« »Wir sagen Willie, dass Sie Ihre Tasche oben vergessen haben und sie unbedingt wiederhaben müssen.« »Reba! Hören Sie auf damit. Sie vermasseln den Behörden noch ihre Anklage.« »Es sind doch die Behörden, die alles vermasseln. Sehen Sie sich nur um. In diesem Land herrscht das reine Chaos.« »Darum geht es nicht. Sie dürfen keine Gesetze übertreten.« »Hört, hört, Miss Zimperliese. Welche Gesetze denn?« »Sollen wir mit Einbruch und Diebstahl anfangen?« »Das war weder Einbruch noch Diebstahl. Wir sind mit Marty hochgefahren. Er hat uns aus freien Stücken reingelassen.« »Und dann haben Sie die Schlüssel gestohlen.« »Ich habe sie nicht gestohlen. Ich habe sie mir ausgeliehen. Ich will sie ja wieder zurückbringen.« »Das spielt keine Rolle. Ich sage Ihnen, mir reicht’s«, erklärte ich. Ich drehte den Zündschlüssel um, legte den ersten Gang ein und fuhr rückwärts aus der Parklücke. »Wollen Sie Ihre Tasche denn nicht wieder?« »Jetzt nicht. Jetzt bringe ich Sie nach Hause.« »Dann eben morgen früh, und ich schwöre Ihnen, dass die Sache damit erledigt ist, okay? Ich hole Sie um acht ab.« »Warum denn so früh? Morgen ist Samstag. Das Einkaufs- zentrum öffnet erst um zehn.«, »Da sind wir schon lang wieder weg.« »Nachdem wir was getan haben?« »Das sehen Sie dann schon.« »Ausgeschlossen. Ohne mich.« »Wenn Sie nicht mitkommen, mache ich es eben allein. Weiß Gott, was für Schwierigkeiten ich mir dabei einhandle.« Am liebsten hätte ich entnervt die Augen geschlossen, doch ich fuhr gerade die Rampe zur Ausfahrt hoch und wollte in meiner Eile, die Tiefgarage zu verlassen, nicht irgendetwas rammen. An der Chapel bog ich rechts ab. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Reba etwas aus der Jackentasche zog. »Mann, das ist ja cool«, sagte sie. »Was?« »Jetzt habe ich doch etwas gestohlen. Ich böses Mädchen.« »Haben Sie nicht.« »O doch. Die hier gehören Beck. Ich habe sie in seinem Schreibtisch in so einer albernen Geheimschublade gefunden. Anscheinend hat er vor, sich von hier zu verdrücken, der kleine Scheißer.« Sie hielt einen Pass, einen Führerschein und verschiedene andere Dokumente in die Höhe. Abrupt fuhr ich an den Straßenrand, was den Fahrer hinter mir so massiv verärgerte, dass er sich auf die Hupe lehnte und eine obszöne Handbewegung machte. »Geben Sie mir die«, verlangte ich und griff nach den Sachen. Sie hielt die Papiere so, dass ich sie nicht erreichen konnte. »Moment mal. Das hier ist wirklich erste Sahne. Ein Pass, eine Geburtsurkunde, ein Führerschein und Kreditkarten. ›Garrison Randell‹ mit einem Foto von Beck. Das muss eine Stange Geld gekostet haben.« »Reba, was glauben Sie, was passiert, wenn er merkt, dass das, Zeug weg ist?« »Wie soll er das erfahren?« »Vielleicht dadurch, dass er sofort, wenn er wieder im Büro ist, in der Schublade nachsieht? Das hier ist seine Flucht- versicherung. Wahrscheinlich kontrolliert er zweimal am Tag, ob die Papiere noch da sind.« »Da haben Sie Recht«, gab sie zu. »Aber warum soll er ausgerechnet mich verdächtigen?« »Er braucht Sie gar nicht zu verdächtigen. Er braucht lediglich dahinter zu kommen, wer im Büro gewesen ist. Wenn er erst einmal Marty im Visier hat, sind Sie dran. Marty hält für Sie nicht den Kopf hin. Sie wandern wieder in den Knast.« Sie überlegte. »Na gut. Ich lege alles wieder in seinen Schreibtisch, wenn ich Onnis Schlüssel zurückbringe.« »Danke«, sagte ich, aber ich wusste, dass ich sie nicht beim Wort nehmen konnte. Ich setzte sie zu Hause ab und betrat um Viertel nach elf meine Wohnung. Das rote Lämpchen an meinem Anrufbeantworter blinkte. Vermutlich Cheney. Allein der Gedanke hatte schon etwas Erotisches, und wie ein pawlowscher Hund hätte ich als Reaktion darauf beinahe gewinselt. Ich drückte die Taste und vernahm seine Stimme. Zehn Wörter. »Hey, Babe. Ruf mich an, wenn du nach Hause kommst.« Ich wählte seine Nummer. »Hey, du«, sagte ich, als er sich meldete. »Hab ich dich geweckt?« »Macht nichts. Wo warst du denn?« »Mit Reba unterwegs. Ich habe jede Menge zu berichten.« »Gut. Komm her und bleib über Nacht«, schlug er vor. »Ich mache dir arme Ritter zum Frühstück, wenn du brav bist.« »Ich kann nicht. Sie holt mich morgen früh um acht hier ab.«, »Wieso das?« »Ist ’ne lange Geschichte. Erzähl ich dir, wenn wir uns sehen.« »Und was hältst du davon, wenn ich dich abhole und dich morgen früh rechtzeitig wieder nach Hause bringe?« »Cheney, ich kann selbst fahren. Du wohnst nur zwei Meilen weit weg.« »Ich weiß, aber ich will nicht, dass du zu so später Stunde allein durch die Gegend kurvst. Die Welt ist gefährlich.« Ich lachte. »Läuft das jetzt so weiter? Du gibst den großen Beschützer, und ich bin fügsam wie ein Lämmchen?« »Hast du eine bessere Idee?« »Nein.« »Gut. Dann hole ich dich in zehn Minuten ab.«, Ich setzte mich draußen an den Randstein und wartete auf ihn, nachdem ich in ein schwarzes T-Shirt mit Rollkragen und einen meiner neuen Röcke geschlüpft war. Es war der dritte Abend in Folge, an dem ich ihn sehen würde. Wie bei einer Glückssträhne am Würfeltisch musste es zwangsläufig irgendwann damit vorbei sein. Schwer zu sagen, ob es zynisch oder vernünftig von mir war, das einzusehen. Ich wusste, wie der Abend verlaufen würde. Im ersten Moment, wenn ich ihn sah, wäre mein Gefühl neutral – ich wäre zwar froh, in seiner Nähe zu sein, würde mich aber nicht unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlen. Wir würden über Belanglosigkeiten plaudern, und nach und nach würde er in mein Bewusstsein dringen: der Geruch seiner Haut, sein Gesicht im Profil, die Form seiner ums Lenkrad gelegten Hände. Er würde spüren, dass ich ihn musterte, und sich zu mir umwenden. Sobald der Blickkontakt zwischen uns zustande gekommen war, würde erneut dieses leise, entfernte Summen einsetzen, das durch meinen Körper vibrierte wie die ersten Vorboten eines Erdbebens. Seltsamerweise fühlte ich mich bei ihm nicht in Gefahr. Nachdem ich in Beziehungen zu Männern so oft grobe Fehler begangen hatte, neigte ich dazu, vorsichtig und distanziert zu sein und mir alle Optionen offen zu halten, falls aus der Sache doch nichts werden sollte. Unweigerlich ging jede Beziehung in die Brüche, was wiederum nur dazu beitrug, meinen Argwohn zu schüren. Rückblickend erkannte ich, dass Dietz das Spiel genauso gespielt hatte wie ich, was bedeutete, dass ich bei ihm sicher war, jedoch aus den völlig falschen Gründen: sicher, weil er immer irgendwo anders steckte, sicher, weil er wahrscheinlich gar nicht dazu imstande war, zu mir zu stehen, und vor allem deshalb sicher, weil seine Distanziertheit ein, Spiegelbild meiner eigenen war. Ich hörte Cheneys Wagen lange, bevor er aus der Bay in die Albanil einbog. Seine Scheinwerfer leuchteten auf, und ich erhob mich, während ich im Stillen den Verlust meiner Umhängetasche verfluchte. Mir war nichts anderes übrig geblieben, als ein paar Sachen in eine Papiertüte zu packen wie ein Kind sein Pausenbrot: saubere Unterwäsche, eine Zahnbürste, meine Geldbörse und die Schlüssel. Cheney war wieder mit herabgelassenem Verdeck unterwegs, doch beim Einsteigen merkte ich, dass die Heizung auf vollen Touren lief, was bedeutete, dass zumindest die Hälfte meines Körpers es warm haben würde. Er bemerkte die Tüte. »Ist das dein Übernachtungsgepäck?« Ich hielt die Tüte hoch. »Sie gehört zu einem Set. Ich habe noch neunundvierzig weitere in meiner Küchenschublade.« »Schöner Rock.« »Den verdanke ich Reba. Ich wollte ihn eigentlich nicht kaufen, aber sie hat darauf bestanden.« »Gute Wahl.« Er wartete, bis ich mich angeschnallt hatte, ehe er losfuhr. »Ein Wahnsinn, was wir hier machen. Schläfst du eigentlich nie?« »Ich habe dir einen Rundgang durchs Haus versprochen. Letztes Mal hast du ja außer der Schlafzimmerdecke nichts gesehen.« Ich hielt einen Finger in die Höhe. »Ich habe eine Frage.« »Und zwar?« »Bist du auf die Art so schnell im Hafen der Ehe gelandet? Du lernst die gute alte Wie-heißt-sie-noch kennen und verbringst die ersten drei Wochen jede Nacht mit ihr. In der vierten Woche zieht sie bei dir ein. In der fünften seid ihr verlobt und in der sechsten verheiratet und auf Hochzeitsreise. Ist es so gelaufen?«, »Nicht ganz, aber beinahe. Warum, stört dich das?« »Nein, nein. Ich wollte nur wissen, wie viel Zeit mir bleibt, um die Einladungen zu verschicken.« Cheney begann seine Führung für mich mit den Räumen im Erdgeschoss. Das Haus war über hundert Jahre alt und spiegelte eine Lebensart wider, die schon lange nicht mehr existierte. Die alten Kamine, Türen, Fensterrahmen und Fußleisten aus Mahagoni waren zum größten Teil noch intakt. Überall waren hohe, schmale Fenster, hohe Decken und Oberlichter über den Türen, die die Luftzirkulation begünstigen sollten. Es gab fünf funktionierende offene Kamine im Erdgeschoss und vier weitere in den Schlafzimmern im ersten Stock. Der Salon (ein Begriff, der mittlerweile genauso ausgestorben ist wie die Dinosaurier) ging ins Damenzimmer über, an das sich wiederum eine hübsche, mit Fliegengittern geschützte Veranda anschloss. In der daneben liegenden Waschküche standen noch die alten Doppelbottiche mitsamt einem Holzofen, auf dem man Wasser erhitzen konnte. Cheney war gerade dabei, das Wohnzimmer zu renovieren, daher war der Hartholzboden mit Abdeckplanen ausgelegt. Die Tapeten hatte er mit Dampf von der Wand gelöst, so dass sie nun in ermattet aussehenden Klumpen auf dem Boden lagen. Der Verputz war bereits ausgebessert, und die Fensterscheiben waren in Vorbereitung auf die Malerarbeiten abgeklebt. Er hatte eine der Türen ausgehängt, sie über zwei Böcke gelegt und mit Segeltuch abgedeckt, um eine Ablagefläche für die Werkzeuge zu haben, die er gerade nicht brauchte. Die Beschläge – Türknäufe, Sicherungsbleche, Fensterriegel und -griffe – lagen durcheinander in Pappkartons, die in einer Ecke standen. »Seit wann hast du das Haus?« »Etwas über ein Jahr.« Weitere Abdeckplanen zogen sich durch eine Schiebetür mit, Glaseinsätzen bis ins Esszimmer, das nur in geringfügig besserem Zustand war. Leiter, Farbdosen, Bürsten, Walzen, Farbwannen und Mülltüten – ganz zu schweigen vom Geruch – bezeugten, dass er Vorarbeiten geleistet und gestrichen hatte, auch wenn er Beschläge und andere Eisenteile, die auf sämtlichen Fensterbrettern herumlagen, noch nicht wieder angebracht hatte. »Das ist das Esszimmer?« »Ja, aber das Paar, dem das Haus gehört hat, hat es als Schlafzimmer für die betagte Mutter der Frau benutzt. Sie haben die Spülküche zu einem behelfsmäßigen Badezimmer umgebaut, also habe ich als Erstes Toilette, Dusche und Waschbecken herausgerissen und die eingebauten Geschirrschränke und Besteckschubladen restauriert.« Auf einmal stand ich am Erker der Esszimmerfenster und ertappte ich mich dabei, wie ich in die Küche von Neil und Vera nebenan blickte. Cheneys Einfahrt verlief parallel zu ihrer, nur durch einen schmalen Streifen Gras getrennt. Ich sah Vera an der Spüle stehen, wo sie Teller unter den Wasserhahn hielt, ehe sie sie in die Spülmaschine stellte. Neil saß mit dem Rücken zu mir auf einem Hocker an der Arbeitsfläche und plauderte mit ihr, während sie ihren Verrichtungen nachging. Da die Kinder nirgends zu sehen waren, lagen sie vermutlich schon im Bett. Ich werde selten Zeugin auch nur der flüchtigsten Momente eines Ehelebens. Gelegentlich verblüfft mich der Anblick eines dieser Paare in Restaurants, die sich während der gesamten Mahlzeit keines Blickes würdigen und kein Wort miteinander wechseln. Es ist eine beängstigende Vorstellung: sämtliche alltäglichen Reibereien ohne jegliche Kameradschaft. Cheney nahm mich von hinten in die Arme, legte sein Gesicht an meine Haare und folgte meinem Blick. »Eines der wenigen glücklichen Paare, die ich kenne.« »So scheint es zumindest.«, Er küsste mich aufs Ohr. »Sei nicht so zynisch.« »Ich bin aber zynisch. Genau wie du.« »Ja, aber ganz tief drinnen haben wir auch eine optimistische Ader.« »Das glaubst auch nur du«, sagte ich. »Wo ist die Küche?« »Hier entlang.« Die Vorbesitzer hatten die Küche massiv umgebaut, so dass sie nun mit ihren Arbeitsflächen aus Granit, den Edelstahl- geräten und der High-Tech-Beleuchtung einen hochmodernen Anblick bot. Statt dem allgegenwärtigen viktorianischen Ambiente des Hauses Abbruch zu tun, strahlte alles eine wunderbare Aura von Hoffnung und gelebter Tüchtigkeit aus. Ich inspizierte gerade eine begehbare Speisekammer von der Größe meiner halben Wohnung, als das Telefon klingelte. Cheney meldete sich, sprach aber kaum etwas, bis er wieder auflegte. »Das war Jonah. In einem Parkhaus an der Floresta hat es eine Schießerei gegeben. Eine meiner Huren ist dabei verletzt worden. Ich habe ihm gesagt, ich würde dich nach Hause bringen und dann zum Tatort kommen.« »Ja, klar«, sagte ich, während ich dachte: Toll … jetzt, wo Jonah weiß, dass wir zusammen sind, weiß es bis morgen Mittag die ganze Polizei von Santa Teresa. Männer sind nämlich in Wirklichkeit noch schlimmere Klatschmäuler als Frauen. Um Mitternacht kroch ich ins Bett, wälzte mich jedoch unruhig hin und her, vermutlich wegen des ausgedehnten Nickerchens, das ich am Nachmittag gehalten hatte. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich in einen bleiernen Schlaf versank, jedenfalls nahm ich irgendwann vage wahr, wie gegen meine Tür gehämmert wurde. Ich schlug die Augen auf und sah auf den Wecker. 8 Uhr 02. Wer zum Teufel war das? Ach du liebe Zeit. Reba stand draußen., Ich schob die Decke beiseite, schwang die Beine aus dem Bett und brüllte: »Einen Moment bitte!«, als ob sie mich hören könnte. Ich wusch mir rasch das Gesicht und presste mir die Finger in die Augen, bis an der Innenseite meiner Lider Lichtblitze aufleuchteten. Dann ging ich nach unten und machte ihr auf. »Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung«, sagte ich. »Ich habe verschlafen. Bin gleich wieder da.« Zunächst überließ ich sie einfach sich selbst, während ich wieder nach oben ging. Eingedenk meiner guten Manieren beugte ich mich dann aber doch übers Treppengeländer zu ihr herab. »Sie können Kaffee aufsetzen, wenn Sie rauskriegen, wie«, rief ich ihr zu. »Nicht nötig. Wir fahren bei McDonald’s vorbei.« »Abgemacht.« Ich drehte eine verkürzte Runde durchs Badezimmer, ehe ich in Jeans, T-Shirt und Turnschuhe schlüpfte. Dann fischte ich Geldbörse und Autoschlüssel aus der braunen Papiertüte und war damit nach nur sechs Minuten bereit, das Haus zu verlassen. Wir bestellten uns am Drive-In-Schalter zwei Riesenbecher Kaffee und vier Egg McMuffins mit zusätzlichen Salztütchen und frühstückten auf dem Parkplatz. Genau wie ich aß Reba, als kämpfe sie um einen Geschwindigkeitsrekord. »Das Zeug schimpft sich ja nicht umsonst Fast Food«, erklärte sie mit vollem Mund. Einige wenige Minuten schwiegen wir, ganz in unser Essen vertieft. Als wir fertig waren, packten wir unseren Müll zusammen und stopften alles in die Tüte, die Reba anschließend in hohem Bogen in den Container auf dem Gehweg warf. »Zwei Punkte«, rief sie. »Einwandfrei.« Während ich meinen Kaffee trank, beugte sie sich zum, Rücksitz und holte drei zusammengerollte, von Gummibändern gehaltene Zylinder mit Architekturzeichnungen nach vorn. Sie streifte sich das Gummiband übers Handgelenk, um es nicht zu verlieren, ehe sie das erste überdimensionale Blatt aufrollte und es übers Armaturenbrett breitete. Das Papier an sich war von einem weißlichen Blau, während die Räumlichkeiten mit blauer Tinte eingezeichnet waren. Die Legende am unteren Rand lautete: BECKWITH-HAUS, 25.3.81. »Das sind die alten Bauzeichnungen. Ich hoffe, sie sagen uns, was Beck versteckt und wo er es versteckt hält.« »Wo haben Sie die her?« »Wir hatten mehrere Sätze im Büro – alles, angefangen von den Plänen für den Rohbau bis hin zu den Plänen für die Installationen, für Heizung und Klimaanlage, die technische Gebäudeausrüstung, was das Herz begehrt. Jedes Mal, wenn der Architekt Änderungen vorgenommen hat, hat er für alle aus der Firmenleitung neue Zeichnungen ausgedruckt. Beck hat gesagt, ich soll sie wegwerfen.« »Und Sie haben Sie in weiser Voraussicht behalten? Ich bin beeindruckt.« »Weise Voraussicht würde ich es nicht nennen. Ich bin einfach gern informiert. Es ist, wie wenn man Röntgenbilder betrachtet – überall Risse und Knochen, wo man sie am wenigsten erwartet. Da, sehen Sie sich die mal an, dann können wir unsere Eindrücke austauschen. Mir ist nämlich gestern Abend klar geworden, dass wir es völlig falsch angefangen haben.« Sie reichte mir den zweiten Packen Zeichnungen auf Blättern, die etwa 45 mal 60 Zentimeter maßen. Ich rang das erste Blatt in eine halbwegs flache Position nieder und studierte die Details. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte die Zeichnung etwas mit dem Wartungseingang und den Räumen für die Stromver- sorgung zu tun, da sie anzeigte, wo der Stromzähler, das Transformatorgewölbe, die Schaltzentrale, die Sicherungskästen, sowie einzelne Schaltkreise lagen. Die Bauschaltpläne be- standen aus Kreisen und Wellenlinien und zeigten die Abstände zwischen Steckdosen und Schaltern. Das nächste Blatt war interessanter. Es sah aus wie ein Ausschnitt einer Ecke des Gebäudes vom Dach nach unten betrachtet. Der Legende unten auf der Seite zufolge entsprach jeder Achtelzoll einem Fuß in der Realität. Der Architekt hatte jedes Detail der Zeichnung mit jenen handschriftlichen Block- buchstaben beschriftet, die offenbar jeder Architekturstudent gleich am ersten Tag seines Studiums lernen muss. Reba sah zu mir her. »Sie haben zur Stabilisierung einen festen Kern verwendet, der durch die Mitte des Gebäudes verläuft – eine Art Turm, in dem Toiletten, Treppen und Aufzüge untergebracht sind. Jedenfalls haben sie über Kreuzverspannungen und Querfüllungen geredet, was immer das sein mag.« Ich erkannte die Betonsäulen, die Position vorgegossener Gewölbeplatten aus Beton, das Fundament aus nicht unter- kellerten Fußbodenplatten und Betonpfeilern, das von einer Verbindung aus Trockenmauern und Stahlbolzen gestützt wurde. Ich versuchte den Zusammenhang zwischen den Linien auf dem Blatt und den Räumen, die ich gesehen hatte, herzustellen. Die detaillierte Zeichnung des Dachs zeigte zum Beispiel die Mechanik der Aufzuganlage an ungefähr der gleichen Stelle, wo der unecht aussehende Gärtnerschuppen stand. Reba legte einen Finger auf die Seite. »Das gefällt mir nicht. Auf der anderen Zeichnung sind die Aufzüge auf der gegenüberliegenden Seite eingezeichnet, nicht hier. Was stimmt denn nun?« »Vielleicht sollten wir noch mal genauer hinschauen«, schlug ich vor. »Ich begreife sowieso nicht, wie irgendjemand bei diesem ganzen Zeug durchblickt. Ich kann damit überhaupt nichts anfangen.« Reba faltete einen zweiten Grundriss auseinander, der vom, August ’81 datierte. Wir studierten zwei Zeichnungen nebeneinander. Nachdem ich die Büroräume in der Realität gesehen hatte, hatte ich eine recht klare Vorstellung davon, was ich hier vor mir hatte, gewisse Ausnahmen eingeschlossen. Wo sich in Wirklichkeit der Pausenraum für die Angestellten befand, war auf dem Grundrissplan ein Konferenzraum eingezeichnet, der näher an den Empfangsbereich herangerückt war. »Wie viele Sets haben Sie denn?« »Jede Menge, aber die hier erschienen mir am wichtigsten. Zwischen März und August ist gar kein so großer Unterschied. Es sind die Veränderungen, die im Oktober auftauchen, die mir am interessantesten vorkommen.« Sie rollte ein viertes Blatt auseinander und legte es auf das dritte. Unter lautem Papiergeraschel untersuchten wir zu zweit die Besonderheiten der Angestelltentoiletten, die Zugänge für Rollstuhlfahrer, die Metallplatten und die Schaumstoffisolierung – Becks gesamtes, fünfzehn Büros beherbergendes Gebäude auf einen Blick. »Suchen wir nach etwas Bestimmtem?«, erkundigte ich mich. Sie zeigte auf eine rechteckige Fläche auf meinem Blatt, die neben der Feuertreppe und den Aufzuggehäusen lag. »Sehen Sie das? Die Lage der Aufzüge hat sich von hier nach hier verschoben«, erklärte sie und fuhr mit dem Finger von meiner Zeichnung zu ihrer. »Der Pausenraum ist auch verlegt worden, aber was soll’s?« »Tja, sehen Sie sich’s an. Ich meine, natürlich haben sie Veränderungen vorgenommen, aber da ist Raum geblieben, der nicht definiert ist. Hier nennen sie es Lagerraum, aber auf dieser Zeichnung ist der Raum immer noch da, ohne dass er irgendwie bezeichnet wird.« »Ich begreife immer noch nicht, inwiefern das wichtig sein soll.« »Ich finde es einfach merkwürdig. Ich sage Ihnen, auf einem der früheren Grundrisspläne war hier ein Raum. Ich habe Beck, gefragt, was für ein Raum das sein soll, aber er hat mich abgewimmelt, als ginge mich das nichts an. Auf den ersten Bauzeichnungen hat ihn der Architekt als Waffentresor eingetragen, was völlig lächerlich ist. Beck hat eine Heidenangst vor Schusswaffen. Er besitzt nicht einmal eine einzige Pistole, geschweige denn eine ganze Sammlung davon. Damals dachte ich mir, vielleicht ist es so ein Panikraum oder wie die Dinger heißen …« »Ein sicherer Raum?« »So was in der Art. Etwas, das er vor anderen geheim halten wollte. Später habe ich mich gefragt, ob er den Raum als eine Art Liebesnest nutzen wollte, eine kleine Kuschelhöhle, wo er seine Freundinnen treffen konnte. Das wäre doch genial, oder? Im gleichen Haus, aber vor fremden Blicken verborgen. Stellen Sie sich nur vor, wie leicht es da wäre, sich nebenbei ein bisschen zu amüsieren.« »Vielleicht hat der Architekt sein Veto eingelegt.« »Niemand legt bei Beck ein Veto ein. Er weiß genau, was er will, und er bekommt es auch.« Sie legte einen Finger auf eine unbezeichnete Fläche direkt neben dem Empfang. »Könnte hinter dieser Wand nicht noch Raum sein?« Ich ging in Gedanken zurück und ließ die Gemäldegalerie und den Trompe-l’Œil-Effekt Revue passieren, der durch das abnehmende Format der Objekte erzielt wurde, wenn der Blick des Betrachters ihnen den Flur entlang folgte. Dann sah ich wieder auf den Grundriss. »Das glaube ich nicht. Wenn dort ein Raum wäre, wie käme man dann hinein? Soweit ich mich erinnere, sind in der Wand keinerlei Türen.« »So habe ich es auch in Erinnerung. Ich habe nämlich fünf Büros abgezählt, und Onnis war das in der Mitte. Nach Judes Büro – Sie wissen schon, das mit den vielen Schwarzweißfotos?« »Ja, ja.« »Gut, also die Gemäldegalerie beginnt dort, und die Wand, muss an die acht Meter lang sein.« »Was ist mit dem Raum, in dem sie die Büromaterialien lagern?« »Der ist genau hier. Ich bin zweimal um diesen Teil herumgegangen, aber da war auch keine einzige Tür. Also, falls dort ein Raum ist, ist er hermetisch verschlossen.« »Vielleicht hat es etwas mit der Infrastruktur des Gebäudes zu tun. Mit ganz grundlegenden Gegebenheiten. Haben Sie denn keine Pläne, die neuer sind als die hier?« Reba schüttelte den Kopf. »Da war ich schon im Gefängnis.« Wir schwiegen beide einen Augenblick. Dann sagte ich: »Jammerschade, dass wir keine Pläne für die Büros unter seinem haben. Sie nehmen nur an, dass es sich um einen Raum handelt, aber es könnte auch eine Mauerrinne oder irgendetwas sein, das bis ganz nach unten reicht.« Sie rollte die Pläne zusammen und machte wieder einen Zylinder aus ihnen, indem sie das Gummiband darüber streifte. Dann warf sie die Rolle auf den Rücksitz und drehte den Zünd- schlüssel um. »Wenn wir es wissen wollen, gibt’s nur eins.« Reba fuhr um den Block und umrundete langsam das Passages- Einkaufszentrum. Immer wieder spähte sie über mich hinweg durch das Fenster auf der Beifahrerseite und suchte die Umgebung ab. An der Südseite des Einkaufszentrums hielt sie am Straßenrand, offenbar angezogen von einem Eingang, über dem »Anlieferung« stand. Eine steile Rampe führte nach unten ins Dunkel und verschwand. »Moment mal. Das muss ich sehen«, erklärte sie. Sie stellte den Motor ab und stieg aus, während ich es ihr nachtat. Zu Fuß schritten wir die Rampe hinab, die zwei Ebenen weit nach unten führte, in eine Art Keller unter dem Keller. Am Fuß der Rampe befand sich ein Gitter, an dem ein großes, hochwertiges, Vorhängeschloss angebracht war. Durch die Gitterstäbe sah man zehn Parkplätze, eine unbeschriftete Doppeltür am Ende einer Sackgasse und eine einzelne Metalltür zur Rechten. »Glauben Sie, das ist der einzige Weg hinein?«, fragte ich. »Das kann nicht sein. Wenn Waren angeliefert werden, muss es doch Wege geben, auf denen die Sachen in die einzelnen Läden verteilt werden.« Wir gingen denselben Weg zurück und gerieten beim Aufstieg leicht außer Atem. Auf dem Gehweg angelangt, trat Reba ein paar Schritte zurück und ließ den Blick am Gebäude entlang schweifen. Auf Straßenebene gab es auf dieser Seite des festungsartigen Baus weder Schaufenster noch irgendeinen Zugang zu den Geschäften. »Ein Stück den Block runter befindet sich noch eine Rampe, genau wie die hier«, sagte sie. »Ach, warten Sie mal. Jetzt hab ich’s. Sehen wir nach, ob ich Recht habe.« Ich musterte sie. »Verraten Sie’s mir auch oder nicht?« »Wenn ich Recht habe, schon. Wenn nicht, braucht es Sie nicht zu interessieren.« »Sie sind ziemlich anstrengend.« Sie lächelte ungerührt. Wir kehrten zum Wagen zurück. Sie ließ ihn an und warf über die linke Schulter einen Blick nach hinten, um zu sehen, ob Autos kamen. Dann fuhr sie los und setzte ihre Umrundung des Einkaufszentrums fort, wobei wir das Gegenstück zu dem Eingang passierten, den wir soeben ergründet hatten. An der Ecke bog sie rechts ab und fuhr auf der Chapel in Richtung Norden. Im Passages war das Parken an den Wochenenden gratis, was einen vermutlich animieren sollte, mehr einzukaufen. Das Tor zur Tiefgarage stand offen. Reba fuhr hinein und die Rampe hinunter. Unten angekommen, bog sie nach rechts ab und durchquerte die ganze Garage, bis sie in einer Lücke in der Nähe, der verdunkelten Glastüren parkte, die den Eingang zum Tiefgeschoss von Macy’s markierten. Das Kaufhaus war um diese Zeit noch geschlossen und würde erst um zehn Uhr aufmachen. Reba zeigte mit einem Finger nach rechts. Zehn Wagenlängen in diese Richtung befand sich eine nichts sagende Tür mit der Aufschrift: »Wartungsdienst. Kein Zutritt.« Dahinter zog sich die Rampe zur zweiten, dritten und vierten Parkebene in Spiralen nach oben, bis sie außer Sichtweite war. »Ist da nicht abgeschlossen?«, fragte ich und verspürte dieses beklemmende Gefühl von Erregung darüber, dass wir uns zu einem Ort Zugang verschaffen würden, an dem wir nichts zu suchen hatten. »Doch, sicher. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich vorher schon ein bisschen rumgeschnüffelt habe, nur leider bin ich nicht reingekommen. Aber jetzt habe ich die hier.« Sie hielt den dicken Schlüsselbund in die Höhe, den sie aus Onnis Schreibtisch entwendet hatte. Sie ging die Schlüssel einen nach dem anderen durch und schmunzelte bei ihrem Anblick. »Sieh an, sieh an. Ich bereue jede Gemeinheit, die ich je über die Gute gesagt habe.« Onni, die kleine Miss Zwanghaft, hatte jeden Schlüssel mit einem Klebestreifen in ordentlichem Prägedruck beschriftet: BÜRO, BECK, KONF.RAUM, WART.FLUR, LAGER, ELEKTRIK, BANKSAFE MID-CITY, BANKSAFE, ST SPARK. Reba nahm die beiden Banksafe-Schlüssel zwischen zwei Finger und ließ die anderen klimpern. »Ich wette, da drin lagern massenhaft Daten. Beck bewahrt nämlich seinen zweiten Satz Bücher in einem Banksafe auf.« »Einen zweiten Satz? Das ist aber unklug.« »Es sind keine echten Bücher. Die Daten hat er allesamt auf Disketten. Er geht alle zwei Tage rüber und lagert die Updates ein. Was bleibt ihm schon übrig? Er ist Geschäftsmann. Selbst wenn, das, was er tut, illegal ist, muss er Bücher führen. Glauben Sie etwa, er muss Salustio nicht über alles Rechenschaft ablegen?« »Schon, aber es erscheint mir trotzdem riskant.« »Beck liebt das Risiko. Er ist süchtig nach dem Adrenalin- rausch.« »Kann ich verstehen.« Reba spielte weiter an den Safeschlüsseln herum. »Ob man wohl irgendwie an diese Schließfächer rankommt?« »Reba …« »Ich habe nicht gesagt, dass ich es tue. Er hat die Banken gewechselt, sobald ich ins Gefängnis gekommen bin, also bin ich sowieso nicht zeichnungsberechtigt. Das ist jetzt wahr- scheinlich Marty.« »Schwören Sie, dass Sie die Schlüssel zurückbringen.« »Hab ich doch versprochen. Sobald ich Duplikate habe machen lassen.« »Verdammt noch mal, Reba. Haben Sie völlig den Verstand verloren?« »Ziemlich.« Sie wandte sich um und musterte die große, leere Garage. »Wir sollten uns lieber in Bewegung setzen, ehe noch jemand auftaucht.« Wir stiegen aus und gingen hinüber zu der Tür für den Wartungsdienst. Unsere Schritte hallten von den nackten Betonwänden wider. Reba drehte am Knauf, der wie erwartet verschlossen blieb, und benutzte dann den Schlüssel, den Onni so vorsorglich beschriftet hatte. Die Tür öffnete sich in ein Treppenhaus. Wir stiegen eine Etage nach unten, wo wir auf zwei weitere, etwa drei Meter voneinander entfernt liegende Türen stießen. »Rechts oder links? Sie haben die Wahl«, sagte Reba. Ich zeigte auf die linke Tür. Reba zuckte die Achseln und reichte mir die Schlüssel. Ich musste ein wenig herum-, experimentieren, bis ich den richtigen gefunden hatte. Aufgrund ihrer mangelnden Fantasie hatte Onni einige der Schlüssel lediglich nummeriert. Ich probierte drei von ihnen aus, ehe ich auf den passenden stieß. Ich schloss auf und öffnete die Tür. Vor uns lag die Sackgasse mit den zehn Parkplätzen, die wir schon von der Straße aus gesehen hatten. »Aha!«, sagte Reba. Wir versperrten die erste Tür wieder und wandten uns der zweiten zu. »Sie sind dran«, sagte ich. »Ich würde es mal mit Schlüssel Nummer vier versuchen.« »Kein Problem. Ich weiß sowieso, was sich hinter dieser Tür verbirgt.« Sie schob den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn um und stieß die Tür auf. Vor uns erstreckte sich ein langer, fensterloser Flur. Flache Leuchtstoffröhren hingen an der Decke und ließen die Luft bläulich schimmern. In regelmäßigen Abständen folgten auf beiden Seiten des Flurs überdimensionale Metalltüren, die in die Lager- und Versandabteilungen der Geschäfte im Einkaufszentrum führten, von denen einige ihren Eingang in der Chapel Street hatten und andere an der innen gelegenen Promenade des Einkaufszentrums. Schilder über den Türen wiesen auf die jeweiligen Läden hin: das Geschäft für Reisegepäck, ein Laden für Kinderkleidung, eine Filiale für italienische Keramik, ein Juwelier und so weiter. Ich sah mich um. Die beiden Aufzüge, die ich oben in der Halle bemerkt hatte, waren nirgends zu entdecken, doch eine massive Betonmauer ließ darauf schließen, dass ich das untere Ende des Aufzugschachts vor mir hatte. Ein kleines Stück weiter weg hing in der oberen rechten Ecke ein Spiegel, der so gekippt war, dass er die Nische mitsamt einem Bild des Lastenaufzugs und des zweiten Aufzugs zeigte, die ich in der Eingangshalle gesehen hatte. Ich wollte schon darauf zugehen, als Reba einen Arm ausstreckte und mich stoppte wie eine Schranke an einem Bahnübergang. Sie legte einen Finger auf die Lippen und zeigte nach rechts oben., Ich erspähte eine in der Ecke montierte Überwachungskamera, deren Objektiv direkt auf das gegenüberliegende Ende des Flurs gerichtet war. An der Wand hing ein Telefon, vermutlich um die Kommunikation zwischen Empfang und Lieferanten zu erleichtern. Wir traten rückwärts wieder nach draußen und drückten leise die Tür zu. Trotzdem senkte sie die Stimme zu einem fast unverständlichen Murmeln. »Nachdem Sie mich gestern Abend abgesetzt hatten, bin ich noch mal mit meinem eigenen Wagen hergefahren, um ein bisschen mit Willie zu plaudern. Er ist nett, gar nicht so zugeknöpft, wie man meint. Ein großer Schachfreund. Er spielt Kontrakt-Bridge, und er kann sogar Sauerteigbrot backen. Er sagt, er hat seit neun Jahren dieselbe Starterkultur. Die ganze Zeit, während wir am Plaudern waren, habe ich die Monitore abgecheckt – alle zehn –, um rauszukriegen, was er sieht. Ich habe auch diesen Ausschnitt hier gesehen, wusste aber nicht, wo das war, bis wir die Tür hier unten aufgemacht haben. Willie hat in beide Richtungen Einblick in sämtliche Korridore, aber nicht in die Aufzüge und nicht aufs Dach.« »Und wie steht’s mit Becks Büroräumen?« »O bitte. Beck hat nichts mit diesem Big-Brother-Quatsch am Hut. Er hat nichts dagegen, dass Willie seine Mieter bespitzelt, aber doch nicht ihn selbst.« »Scheint mir für ein Haus dieser Größe ein enormer Sicherheitsaufwand zu sein.« »Aufschlussreich, was? Hab ich mir auch gedacht.« »Und wohin sind die Aufzüge verschwunden?« »Die öffentlich zugänglichen Aufzüge enden im Erdgeschoss. Offenbar will Beck nicht, dass irgendjemand von hier unten aus Zugang zu seinen Büroräumen hat«, erklärte sie. »Einer der Aufzüge pendelt nur zwischen der Tiefgarage und der Eingangshalle hin und her. Jeder, der in eines der oberen Stockwerke will, muss in der Halle aussteigen und zu einem der, öffentlichen Aufzüge hinübergehen. Auf die Art kann Willie jeden abfangen und ausfragen. Da muss man sich schon einen verdammt guten Grund für seine Anwesenheit einfallen lassen, sonst hat man Pech gehabt. Wenn man einen Aufzug bis hier unten benutzen will, braucht man einen Schlüssel. Es gibt keinen Knopf, den man einfach drücken könnte.« »Aber wenn der Lastenaufzug hier unten anfängt, kann sich dann nicht jemand einfach hier runterschleichen und so ganz um Willard herumkommen?«, wollte ich wissen. »Ich meine, selbst wenn die Kameras laufen, kann er nicht gleichzeitig alle zehn Monitore im Auge behalten.« »Theoretisch haben Sie Recht, aber es wäre schwierig. Zum einen sind alle diese Korridore grundsätzlich abgeschlossen –« »Was uns nicht am Eindringen gehindert hat.« »Und zum zweiten«, fuhr sie fort, »hat jede Etage ihren eigenen Sicherungscode. Man könnte es mit dem Lastenaufzug riskieren – vorausgesetzt, Willie hat einen nicht schon hier unten im Flur entdeckt –, aber man kommt oben nicht raus, es sei denn, man kennt den Code für die Alarmanlage im jeweiligen Stockwerk. Sobald man die Zahlen durcheinander bringt, ist der Teufel los.« »Und was genau bedeutet das für uns?« »Es bedeutet, dass wir jetzt lieber mal Willies Gutmütigkeit ausnützen und Ihre Tasche zurückholen, ehe seine Schicht zu Ende ist.«, Wir gingen den gleichen Weg zurück und traten neben Macy’s wieder aus dem Wartungskorridor in die Tiefgarage, wo wir den Aufzug bestiegen und eine Etage höher fuhren, zur Promenade. Am Vordereingang zum Beckwith-Haus angelangt, drückte Reba gegen die Tür, musste jedoch feststellen, dass sie abgeschlossen war. Sie wölbte die Hände vor der Glasscheibe. »Hey, Willie. Wir sind’s.« Sie klopfte an die Scheibe, um den Wachmann auf sich aufmerksam zu machen. Sowie er aufsah, winkte sie ihm überschwänglich zu und gab ihm pantomimisch zu verstehen, dass er die Tür aufschließen solle. Willard lehnte mit heftigem Schulterzucken ab. Reba winkte ihn mit übertriebenem Armschlenkern zu sich her. Er musterte sie ungerührt, während sie ernst die Hände faltete, als wollte sie beten. Widerwillig verließ er seinen Platz am Empfangstresen und kam zur Tür. »Das Haus ist geschlossen!«, rief er von innen. »Ach bitteee. Machen Sie auf«, flehte sie. Er überlegte. Seine Unentschiedenheit war klar erkennbar. Reba legte den Mund an die Scheibe und produzierte einen dicken, saugenden Kuss. Sie sah ihn aus großen Augen an und suchte, ihn mit ihren Grübchen für sich einzunehmen. »Bitte, bitte, bitte?« Gern tat er es nicht, doch er griff nach den Schlüsseln, die er mit einer Kette am Gürtel befestigt hatte. Dann schloss er die Tür auf und zog sie vorsichtig zehn Zentimeter weit auf. »Was wollen Sie denn? Ich kann Sie nicht reinlassen, wenn Sie keine Mieterin sind.« »Ich weiß, aber Kinsey hat ihre Tasche oben vergessen, und sie braucht ihre Autoschlüssel und ihr Geld.«, Unbeeindruckt warf mir Willard einen Blick zu. »Sie kann am Montag wiederkommen. Das Haus ist ab sieben Uhr geöffnet.« »Wie soll sie das denn überleben? Ohne Autoschlüssel kann sie nicht mal fahren. Ich musste sie selbst zu Hause abholen und hierher bringen. Es geht um ihre Handtasche, Will. Wissen Sie, wie es ist, wenn eine Frau von ihrer Handtasche getrennt wird? Sie dreht durch. Kinsey ist Privatdetektivin. Sie hat ihre Lizenz in der Tasche. Außerdem Adressbuch, Make-up, Kreditkarten und Scheckheft – also jeden Cent, den sie besitzt. Sogar ihre Anti-Baby-Pille. Wenn Sie schwanger wird, sind Sie schuld, also bereiten Sie sich schon mal darauf vor, ein Kind großzuziehen.« »Okay, okay. Sagen Sie mir, wo sie ist, und ich bringe sie ihr runter.« »Sie weiß nicht, wo sie ist. Das ist ja das Problem. Sie weiß nur, dass sie sie noch hatte, als wir gestern Abend mit Marty hochgefahren sind. Jetzt ist sie weg, und sie war nirgendwo anders als hier. Die Tasche muss irgendwo da oben sein. Kommen Sie. Seien Sie ein Schatz. Es dauert keine fünf Minuten, und Sie sind uns wieder los.« »Unmöglich. Die Alarmanlage ist an.« »Marty hat mir den Code gegeben. Ehrlich. Er hat gesagt, ihm ist es recht, solange wir es vorher mit Ihnen abklären.« Der langmütige Willard machte die Tür auf und ließ uns herein. Ich dachte schon, er würde darauf bestehen, mit uns nach oben zu kommen, doch er nahm seine Pflicht zur Überwachung der Monitore ernst und wollte seinen Posten nicht verlassen. Reba und ich bestiegen einen der öffentlichen Aufzüge, der in quälend langsamem Tempo die drei Etagen zurücklegte. »Sind Sie sicher, dass Sie den Code kennen?«, fragte ich. »Ich habe Marty genau auf die Finger gesehen. Es ist derselbe Code, den wir schon hatten, als ich noch für Beck gearbeitet habe.«, »Wie kommt es, dass er so penibel in seinen Sicherheits- vorkehrungen und so nachlässig bei seinen Codes ist? Das hört sich ja so an, als könnte jeder hier eindringen, der irgendwann mal bei ihm gearbeitet hat.« Reba winkte ab. »Wir haben die Codes regelmäßig geändert – einmal im Monat –, aber bei fünfundzwanzig Mitarbeitern hat immer irgendeiner Mist gebaut. Drei- oder viermal die Woche ist die Alarmanlage losgegangen. Die Bullen sind so oft gekommen, dass sie angefangen haben, fünfzig Dollar pro Einsatz zu verlangen.« Die Türen gingen auf, und Reba drückte den Halteknopf, ehe sie den Aufzug verließ. Ich beugte mich vor und sah zu, wie sie den siebenstelligen Code eingab: 4-19-1949. »Becks Geburtsdatum«, erklärte sie. »Eine Zeit lang hat er das von Tracy benutzt, aber das hat er selbst immer wieder vergessen, und da ist er wieder zu seinem eigenen übergegangen.« Die Leuchtanzeige auf dem Tastenfeld wechselte von Rot zu Grün. Reba ließ den Aufzug in Haltestellung auf unsere Rückkehr warten. Ich folgte ihr in den Empfangsbereich. In den Büroräumen herrschte Totenstille. Einige Lichter brannten, was seltsamerweise zu dem massiven Eindruck von Verlassenheit beitrug. »Bart und Bret, die Putzzwillinge, waren letzte Nacht hier. Man sieht es an den Staubsaugerspuren. Wir können nur hoffen, dass derjenige, der am Montagmorgen als Erster hier reinkommt, sich nicht über die Fußspuren in sämtlichen Fluren wundert.« »Woher wollen Sie wissen, dass es Bart und Bret waren, die hier gesaugt haben, und nicht die Typen mit dem Putzwagen?« »Schön, dass Sie das fragen. Ich kann Ihnen nämlich verraten, warum. Das waren keine echten Putzmänner. Darauf bin ich heute Nacht gekommen. Wissen Sie, was mich an denen gestört hat?« Sie machte eine Kunstpause. »Falsche Schuhe. Wer geht schon in auf Hochglanz polierten italienischen Vierhundert-, Dollar-Schuhen Fußböden schrubben?« »Sie sind ja ein richtiger Sherlock Holmes.« »Darauf können Sie Gift nehmen. Holen Sie Ihre Tasche, während ich meine Neugier befriedige. Es dauert bestimmt nicht lange.« Ich machte mich eilig auf den Weg zum Dach, indem ich den Flur entlangeilte, der der Treppe am nächsten lag. Getreu Becks Erlass bezüglich freier Flächen sah jeder Schreibtisch, den ich unterwegs passierte, so kahl und unberührt aus wie in einer Anzeige für Büromöbel. Ich nahm zwei Stufen auf einmal und stieß die große Glastür auf, die aufs Dach hinausführte. Der Morgenhimmel war unendlich weit und von einem makellosen Blau. Ich verlangsamte meinen Schritt und trat an die Brüstung, da ich mir die Innenstadt von Santa Teresa von diesem Aussichtspunkt aus ansehen wollte. Die Sonne hatte die Luft im Dachgarten erwärmt und den blühenden Sträuchern ihren Duft entlockt, während eine leichte Brise das Laub rascheln ließ. In der Ferne ergoss sich Licht wie Ahornsirup über die Berggipfel. Ich beugte mich vor und sah auf die Straße hinab, die zu dieser Stunde wie ausgestorben war. Ich hielt das Gesicht in die Sonne und holte tief Luft, ehe ich mich wieder den anstehenden Aufgaben widmete. Nachdem ich meine Tasche hinter dem Ficus hervorgeholt hatte, verließ ich den Dachgarten. Reba hatte mit ihrer Äußerung über meine Pille Recht gehabt. Ich zog das Päckchen heraus und schluckte zwei davon, als wären es Pfefferminzpastillen. Reba hatte unten mittlerweile ein Metermaß gezückt und war gerade dabei, Länge und Breite des Korridors abzumessen. Sie hatte einen Fuß auf das Metallband gestellt, während sie es am anderen Ende ganz herauszog. Sie ließ den Knopf los, und das Metallband schnappte sirrend wieder in ihre Hand zurück. Das scharfe Ende wischte gegen ihren Finger und schnitt in die Haut ein. »Verdammt. So ein Mist!« Sie saugte an ihrem Knöchel., »Soll ich die Sanitäter rufen?« »Sehen Sie sich das nur an. Ich verblute.« Die Schramme an ihrem Zeigefinger war einen halben Zentimeter lang. Sie studierte sie stirnrunzelnd. »Auf jeden Fall wette ich meinen Kopf, dass der verfluchte Raum genau hier ist. Legen Sie mal ein Ohr an die Wand und lauschen Sie. Vor einer Minute habe ich es noch brummen hören. Wie Maschinen.« »Reba, das ist der Aufzugschacht. Wahrscheinlich haben Sie den Lastenaufzug nach unten fahren hören.« »Nicht von dieser Etage aus. Außer uns ist niemand hier oben.« »Aber wir können nicht die einzigen Leute im ganzen Haus sein. Die Fahrstuhlmechanik ist direkt über uns. Natürlich hört man das.« »Glauben Sie?« »Sehen wir einfach nach«, schlug ich vor. Sie folgte mir um die Ecke zum Lastenaufzug. Anhand der digitalen Anzeige an der Wand konnten wir nachvollziehen, wie der Aufzug nach unten fuhr und die Anzeige von Erdgeschoss zu Tiefgarage wechselte. »Das war mir klar«, sagte ich und sah auf die Uhr. »Mist. Wir müssen zusehen, dass wir hier rauskommen, ehe Willard stutzig wird und sich auf die Suche nach uns macht. Unglaublich, was Sie ihm für einen Blödsinn erzählt haben. Manipulation ist gar kein Ausdruck dafür.« »Ich fand mich toll … außer dass dieses Betteln und Flehen nur begrenzte Wirkung hat. Wenn wir nächstes Mal reinwollen, muss ich garantiert mit dem Kerl ins Bett.« »Das soll wohl ein Witz sein, oder?« »Seien Sie doch nicht so prüde. Hat man einen gebumst, hat man alle gebumst. Jungfrau ist man nur einmal, und danach kann man guten Gewissens die Vorteile genießen. Außerdem hätte ich gar nichts dagegen. Ich finde ihn süß.« Erneut suchte, sie mit Blicken die Wand ab, und ich sah ihr an, dass sie nach wie vor über den fehlenden Raum nachgrübelte. »Vielleicht kommt man übers Dach rein«, mutmaßte sie. »Durch das kleine Häuschen, das wie ein Gärtnerschuppen aussieht.« »Vergessen Sie’s. Dazu ist keine Zeit. Lassen Sie uns abhauen.« »Sie sind eine solche Miesmacherin«, sagte sie und nahm Onnis Schlüsselbund heraus. »Lassen Sie mir noch einen Moment, um die zurückzubringen, okay? Ich möchte ja nur eine brave Bürgerin sein.« »Was ist mit Becks falschen Papieren?« »Ach ja. Die habe ich hier«, antwortete sie und klopfte auf ihre Jackentasche. Dann wischte sie mit einem Zipfel ihrer Bluse die Fingerabdrücke von den Schlüsseln. »Ich muss die Fingerabdrücke entfernen«, erklärte sie. »Falls sie je welche suchen.« »Machen Sie schnell.« Sie ging den Flur entlang bis zu Onnis Büro – für meinen Geschmack allerdings nicht schnell genug – und verschwand. Ich sah erneut auf die Uhr. Wir waren schon zwölf Minuten hier oben. Wie lange konnte es dauern, bis wir meine Tasche gefunden hatten? Inzwischen war Willard sicher schon hinter seinem Tresen hervorgekommen und auf dem Weg nach oben. Reba ließ sich Zeit, und als sie endlich mit den Händen in den Jackentaschen zurückkam, marschierte sie nicht etwa wie erwartet auf den Aufzug zu, sondern trat erneut in die Nische mit dem Lastenaufzug, blieb dort stehen und musterte ihn. »Was soll das?« »Jetzt hab ich’s begriffen. Wahnsinn.« Sie streckte die Hand aus und drückte den Knopf, womit sie den Lastenaufzug in den dritten Stock holte. Während wir auf die Digitalanzeige starrten, begann der Aufzug seinen langsamen, pflichtgemäßen Aufstieg. Schließlich öffneten sich die Türen. Reba fasste hinein und drückte den Halteknopf, ehe sie mit mir im Schlepptau die, Kabine betrat. Der Raum war zweieinhalbmal so breit wie eine normale Aufzugkabine und offenbar dazu gedacht, Umzugskisten, Aktenschränke und große Büromaschinen zu transportieren. Die Wände waren mit einem gesteppten grauen Stoff verkleidet, ähnlich den Decken, die Möbelpacker zum Schutz von Umzugsgut benutzen. Reba trat an die Wand gegenüber der Aufzugtür und zog den Stoff beiseite, wodurch eine zweite Aufzugtür zum Vorschein kam. Auf einer an der Wand montierten Tafel daneben befand sich ein neunstelliges Tastenfeld. Sie musterte es einen Moment, ehe sie zögerlich die Hand hob. »Wissen Sie den Code?« »Schon möglich. Ich sag’s Ihnen gleich.« »Wenn Sie falsch liegen, lösen Sie dann nicht die Alarmanlage aus?« »Ach, kommen Sie. Es ist wie im Märchen – man hat drei Versuche, bevor das Ding durchdreht. Wenn ich es vermassle, erzählen wir Willie, wir hätten einen kleinen Fehler gemacht.« »Lassen Sie’s lieber. Sie strapazieren Ihr Glück.« Natürlich überhörte sie das. »Sein Geburtsdatum kann es jedenfalls nicht sein – nicht einmal Beck ist so blöd, dass er dieselben Zahlen noch mal benutzt. Aber vielleicht ist es eine Variante davon. Er ist ein Narzisst. Alles, was er tut, bezieht sich auf ihn.« »Reba …« Sie funkelte mich an. »Wenn Sie mir vielleicht mal helfen könnten, statt die ganze Zeit zu jammern, kämen wir schneller voran und wären bald wieder weg. Ich darf mir diese Chance nicht entgehen lassen. Es könnte die einzige sein, die wir haben.« Ich verdrehte die Augen und versuchte, die Panik unter Kontrolle zu bringen, die immer massiver in mir aufwallte. Reba, würde nicht locker lassen, bis wir der Sache auf den Grund gegangen waren oder erwischt wurden. »Mist«, sagte ich. »Versuchen Sie’s mit dem gleichen Datum rückwärts.« »Nicht dumm. Das gefällt mir. Und wie lautet das?« »9-4-9-1-9-1-4.« Sie überlegte kurz, verzog dann aber das Gesicht. »Ich glaube nicht. Das ist zu kompliziert, als dass er die Nummer aus dem Gedächtnis herunterrasseln könnte. Probieren wir es mal damit …« Sie gab 1949-19-4 ein. Nichts. Sie gab 19-4-1949 ein. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. »Das macht zwei.« »Nerven Sie mich nicht. Ich weiß, dass das zwei waren. Schließlich tippe ich hier die Zahlen ein. Überlegen wir mal kurz. Was gibt es noch für Möglichkeiten?« »Was ist mit Onnis Geburtsdatum?« »Will ich nicht hoffen. Ich weiß, dass sie am elften November hat, aber nicht, in welchem Jahr. Außerdem bumst er sie noch nicht so lange, da hat er wahrscheinlich selbst keine Ahnung.« »Der elfte Elfte ist immer achtstellig, nicht siebenstellig.« Sie zeigte auf mich, offenbar beeindruckt von meiner Fähigkeit zu zählen. »Wann ist seine Frau geboren?« »3-17-1952. Aber das hat er schon so oft vermasselt, dass er dem Datum wahrscheinlich nicht mehr traut. Außerdem bevor- zugt er Zahlen mit inneren Zusammenhängen oder Abfolgen. Wissen Sie, was ich meine? Wiederholungen oder Muster.« »Haben Sie nicht gesagt, dass er auch schon mal Ihr Geburtsdatum benutzt hat?« »Stimmt. Das wäre 5-15-1955.«, »Hey, meines ist 5-5-1950«, jubilierte ich. Ich hörte mich an wie eine Irre. »Sagenhaft. Wir feiern gemeinsam, wenn es nächstes Jahr so weit ist. Und was soll ich jetzt ausprobieren? Sein Geburtsdatum rückwärts oder meines vorwärts?« »Also, sein Geburtsdatum rückwärts besitzt eine innere Logik, wenn man die Ziffern so gruppiert: 949-191-4. Würde er es so aufteilen?« »Möglich.« »Geben Sie einfach das eine oder das andere ein, ehe ich einen Herzinfarkt bekomme.« Sie tippte 5-15-1955. Nach einem Moment der Stille glitten die Türen auf. »Mein Geburtsdatum. Nett. Glauben Sie, ihm liegt noch etwas an mir?« Ich drückte den Halteknopf und sah Reba zu, wie sie die Fingerabdrücke vom Tastenfeld wischte, immer auf der Hut, nicht den Alarm auszulösen. »Es soll ja niemand erfahren, dass wir hier waren«, sagte sie fröhlich. Ich musterte unterdessen meine Umgebung. Der Raum war schätzungsweise zweieinhalb mal drei Meter groß, also nicht viel größer als ein Wandschrank. Der Putzwagen, den wir gesehen hatten, stand dicht vor der linken Wand. Ein U-förmiger Tresen nahm einen großen Teil der restlichen Bodenfläche ein. Ich blickte nach oben. Der Raum schien gut belüftet zu sein, und die Wände waren dick gepolstert. Ein Rauchmelder und ein Hitzedetektor waren in den dunkleren oberen Regionen der Decke installiert, wo auch Sprinklerdüsen zu erkennen waren. In die Wand eingelassene Sprossen bildeten eine Leiter, die gerade nach oben führte. An den Rändern der Decke sah ich Rechtecke aus Tageslicht, die ungefähr den Lüftungsschlitzen in dem falschen Gärtnerschuppen auf dem Dach entsprachen. Reba hatte Recht gehabt. Im Notfall konnte man sich wahrscheinlich vom Dach aus Zugang zu dem Raum hier verschaffen. Oder auf, diesem Weg flüchten. Auf dem einen Schenkel des Tresens standen drei Geldzählmaschinen und auf dem anderen vier Maschinen zum Geldbündeln. Auf dem dritten Abschnitt waren offene Koffer aufgereiht, voll gepackt mit Bündeln von Hundert-Dollar- Scheinen. Unter dem Tresen standen zehn Pappkartons mit offenen Deckeln, in denen weitere Bündel Hunderter, Fünfziger und Zwanziger in U.S.-Währung lagen. Jedes Bündel war in Schrumpffolie verpackt, und um jeweils fünf Bündel war immer ein Streifen Papier aus der Rechenmaschine geschlungen. Ich sah zwei Kaffeebecher aus Styropor und einen Stapel leerer Becher im Papierkorb, der außerdem Knäuel weggeworfener Plastikfolie enthielt. Mehrere Plastikscheiben im Format von Silberdollars, an denen kleine Klingen saßen, waren offenbar dazu benutzt worden, die Verpackungen aufzuschlitzen. »Mann«, sagte Reba. »Ich habe noch nie so viel Geld gesehen.« »Ich auch nicht. Es sieht ganz danach aus, als würden sie die Bündel aus den Kisten nehmen, die Verpackung entfernen, die Geldscheine durch die Zählmaschine laufen lassen und sie dann zum Weitertransport wieder einwickeln.« Sie trat ein Stück vor und las die Summe von einer der Geldzählmaschinen ab. »Sehen Sie sich mal dieses Schätzchen an. Da haben sie eine Million Dollar durchlaufen lassen.« Sie nahm ein Geldbündel und wog es in der Hand. »Wie viel das wohl ist? Möchten Sie das nicht auch gern wissen?« Sie schnupperte daran. »Eigentlich sollte man meinen, dass es gut riecht, aber es riecht nach überhaupt nichts.« »Würden Sie Ihre Hände bitte bei sich behalten?« »Ich sehe mich nur um. Ich tue nichts. Was schätzen Sie, wie viel ist in einem von denen da? Zwanzig Riesen? Fünfzig?« »Keine Ahnung. Nehmen Sie die Finger weg. Das ist mein Ernst.«, »Sind Sie denn nicht neugierig, wie es sich anfühlt? Es wiegt gar nicht so viel«, erklärte sie. Sie wischte ihre Fingerabdrücke von der Verpackung, legte das Bündel zurück und sah sich um. »Was glauben Sie, wie viele Leute hier arbeiten, abgesehen von den beiden, die wir gesehen haben?« »Der Platz reicht nicht für drei. Vermutlich kommen sie immer am Wochenende, wenn nicht so auffällt, was sie treiben«, sagte ich. Ich streckte den Arm aus, berührte einen der Styroporbecher und schnappte erschrocken nach Luft. »Der ist ja noch warm. Was ist, wenn sie zurückkommen?« »Hier kann niemand rein. Der Aufzug ist blockiert.« »Aber wenn sie merken, dass der Aufzug blockiert ist, wird ihnen garantiert klar, dass etwas nicht stimmt, oder? Wir müssen verschwinden. Bitte.« »Okay, okay. Aber ich wusste, dass ich mit dem Raum Recht hatte. Das ist doch unglaublich, finden Sie nicht?« »Und wie. Aber wen juckt’s? Gehen wir.« Ich verließ den Raum und betrat den Lastenaufzug. Die andere Tür stand noch offen, und ich steckte den Kopf in den Flur, um mich zu vergewissern, dass niemand hereingekommen war, während wir uns in dem Raum aufgehalten hatten. Reba konnte sich nur mit Mühe losreißen. »Reba, machen Sie schon!«, rief ich und klang dabei genauso verkrampft und ungeduldig, wie ich mich fühlte. Wie unter Hypnose betrat sie den Aufzug und gab den siebenstelligen Code ein. Die Türen auf dieser Seite des Aufzugs glitten zu. Reba brachte die Wandpolsterung wieder an und zog die gesteppte Verkleidung zurecht, um die zweite Tür zu verdecken. »Wozu haben Sie denn so lange gebraucht?« »Es ist alles so schön. Können Sie sich vorstellen, auch nur die Hälfte der Bündel da drin zu besitzen? Sie müssten nie wieder, einen Finger krumm machen.« »Logisch. Ich würde ja nicht mehr lange leben.« Wir gingen durch die Aufzugtür hinaus, die in Becks Büro führte, und Reba gab den Halteknopf frei. Nachdem sich die Türen des Lastenaufzugs geschlossen hatten, bogen wir um die Ecke und stiegen wieder in den öffentlichen Aufzug. Reba gab auch hier den Halteknopf frei, die Türen glitten zu, und wir begannen die langsame Fahrt nach unten. Mir war fast schlecht vor Angst, doch sie wirkte völlig ungerührt. Die Frau hatte Nerven wie Drahtseile. Als wir unten in der Halle aus dem Aufzug traten, blickte Willard lächelnd von seinem Tresen auf. »Gefunden?« Ich hielt die Tasche hoch, um zu demonstrieren, dass unsere Mission erfolgreich gewesen war. Meine Hände zitterten dermaßen, dass ich fürchtete, er würde es quer durch die ganze Halle bemerken. Ich tat mein Bestes, um einen Schein von Normalität zu wahren, bis wir an der Tür angelangt waren und uns entfernen konnten. Reba dagegen blieb sich auch diesmal treu. Sie marschierte absichtlich zu ihm hinüber, stellte sich auf die Zehenspitzen, legte die Arme auf den Tresen und hielt ihm ihren verletzten Finger unter die Nase. »Haben Sie einen Erste-Hilfe-Kasten? Sehen Sie sich das mal an. Ich bin schwer verletzt.« Willard beäugte ihren Finger und studierte die Wunde, die nicht größer war als ein Bindestrich. »Wie haben Sie das denn angestellt?« »Ich muss irgendwo hängen geblieben sein. Tut tierisch weh. Wenn Sie wollen, können Sie mir einen Kuss darauf geben, dann heilt es schneller.« Er schüttelte den Kopf, lächelte nachsichtig und zog mehrere Schubladen auf. Während er nach einem Heftpflaster kramte, suchte Reba mit hektischen Blicken die Monitore ab und, kontrollierte alle zehn Bildausschnitte. Willard hielt ein Pflaster in die Höhe. »Schaffen Sie das allein?« »Seien Sie nicht grausam. Nach allem, was ich für Sie getan habe?« Sie streckte ihm den Finger hin, und er zog an dem roten Bändchen, mit dem man die Hülle öffnete, ehe er das Pflaster herauszog und es über die Wunde klebte. »Danke«, sagte sie. »Sie sind ein Schatz. Ich werde für eine Gehaltserhöhung plädieren.« Sie warf ihm einen Luftkuss zu, während wir auf die Tür zugingen. Hinter uns verließ Willard seinen Posten und folgte uns. Er zog seinen Schlüssel heraus, um für uns aufzuschließen. »Kommen Sie bloß nicht wieder. Das war das letzte Mal.« »Tu ich nicht, aber Sie werden mich vermissen«, erwiderte sie, als wir durch die Tür schlüpften. »Da habe ich meine Zweifel«, erklärte er, und Reba warf ihm einen weiteren Kuss zu. Für meine Begriffe trug sie ein bisschen dick auf, aber das schien Willard nicht zu stören. Er drehte den Schlüssel im Schloss um, und wir waren gerettet., Reba bremste ihren BMW vor meiner Wohnung ab. Als ich ausstieg und die Wagentür hinter mir zuschlug, sah ich Cheneys kleinen roten Mercedes am Straßenrand stehen. Mir wurde ganz mulmig. Eigentlich hatte ich ihn ja über meine Abenteuer mit Reba in den letzten Tagen informieren wollen, doch dann war Jonahs Anruf dazwischengekommen, und Cheney war zum Tatort aufgebrochen, ohne dass ich ein Wort gesagt hatte. Die Unterlassung verursachte mir nun ein schlechtes Gewissen, als hätte ich ihm absichtlich etwas verschwiegen. Schon allein die Bezeichnung »Abenteuer« für unsere Unternehmungen klang wie ein Versuch, die Tatsache herunterzuspielen, dass wir damit womöglich die Ermittlungen sabotiert hatten. Dass wir in Becks Büro eingedrungen waren, war bereits riskant genug gewesen. Im Notfall konnten wir zwar einwenden, dass uns Marty zu einem Rundgang durch die Räumlichkeiten eingeladen hatte, doch sein Angebot hatte sich nicht darauf erstreckt, dass wir Schreib- tischschubladen durchwühlen und Onnis Schlüssel stehlen durften. Und mit Sicherheit hatte er uns nicht erlaubt, in seiner Abwesenheit wiederzukommen und nach Belieben über die Räume zu verfügen. Ich wollte Cheney von den Geldbündeln erzählen, die gezählt, umgepackt und in Koffer verfrachtet worden waren, wusste jedoch, dass unserer Entdeckung ein kleiner gesetzwidriger Hausfriedensbruch vorausgegangen war, der die neuen Erkenntnisse mit einem Schönheitsfehler befleckte. Trotzdem musste ich auspacken, bevor mein Schweigen sich zu einem eigenen Problem auswuchs. Während ich durchs Gartentor schritt und auf meine Wohnung zuging, hatte ich ein so schlechtes Gewissen, als hätte ich mit einem anderen Mann geschlafen. Auch wenn ich mein Verhalten erklären konnte, blieb ich dennoch dafür verantwortlich. Cheney, saß vor meiner Tür. Seine Kleider waren dieselben wie am Vorabend, und er lächelte, als er mich erblickte. Er sah erschöpft aus, aber gut. Mein Geständnis würde sich mit Sicherheit auf unsere Beziehung auswirken. Mir graute vor den Folgen, doch ich musste beichten. Ich setzte mich neben ihn auf die Stufe und schob meine Hand in seine. »Wie war’s? Du siehst erledigt aus.« »Ein Riesenblutbad. Zwei Gangster sind tot. Eine Hure ist in die Schusslinie geraten und ebenfalls umgekommen. Jonah hat mich nach Hause geschickt, damit ich duschen und mich umziehen kann. Um eins soll ich wieder dort sein. Und wie geht’s dir?« »Nicht so gut. Ich muss mit dir reden.« Er musterte mich mit fragendem Blick. »Kann das nicht warten?« »Ich glaube nicht. Es geht um Reba. Wir haben ein Problem.« »Soll heißen?« »Es wird dir nicht gefallen.« »Spuck’s einfach aus.« »Ich habe mich gestern Abend mit ihr zum Essen getroffen. Sie wollte mich mit Marty Blumberg bekannt machen, dem Rechnungsprüfer aus Becks Firma, und ich war einverstanden. Er isst jeden Freitagabend im Dale’s, also sind wir dorthin gegangen. Er ist reingekommen, und wir haben miteinander geplaudert. Und ehe ich mich’s versehe, erzählt sie ihm, dass das FBI an einer Anklage gegen Beck arbeitet und er – Marty – am Ende als Sündenbock dastehen wird, wenn er nicht schnell etwas unternimmt. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit bezweckt, aber es war nicht zu verhindern.« Cheney schloss die Augen und senkte den Kopf. »Mann. Nicht zu fassen. Was ist denn in die gefahren?« »Es kommt noch schlimmer. Sie hat ihm erzählt, Onni sei FBI-, Agentin und würde es nur mit Beck treiben, um Beweismittel gegen ihn in die Hand zu bekommen. Zuerst ist Marty nicht darauf eingestiegen. Er hat es einfach nicht glauben wollen, doch dann hat ihm Reba die Fotos gezeigt und ihn damit geködert. Schließlich hat sie es geschafft, dass er uns mit hinauf ins Büro genommen hat – angeblich zur Besichtigung –, aber sie hat die Gelegenheit genutzt, um sich dort so viel wie möglich unter den Nagel zu reißen, in diesem Fall Onnis Schlüssel.« Ich setzte meine Schilderung fort und berichtete ihm ungeschönt alles, was sich im Lauf der letzten zwei Tage ereignet hatte. Dass er sauer war, sah ich ihm schon an, bevor ich bei der Hälfte angelangt war. Er war müde. Er hatte eine lange Nacht hinter sich, und das hier hatte ihm gerade noch gefehlt. Zugleich fühlte ich mich aber verpflichtet, ihm die Wahrheit zu sagen. Wenn ich ihm nicht – aus freien Stücken – alles anvertraute, was sollte das Ganze dann? Ich langte bei den Ereignissen vom Morgen an, und als ich fertig war, explodierte Cheney. »Du hast ja wohl komplett den Verstand verloren, oder? Abgesehen davon, dass ihr widerrechtlich dort eingedrungen seid, weiß Beck garantiert sofort, dass etwas im Busch ist, wenn er Wind davon bekommt, und dann können wir einpacken.« »Wie soll er davon erfahren?« »Was ist, wenn Marty alles ausplaudert oder dem Wachmann doch nicht mehr ganz wohl dabei ist, dass er euch reingelassen hat? Er kennt euch beide mit Namen. Eine einzige unbedachte Bemerkung von einem der beiden würde schon genügen. In dem Fall spielt es überhaupt keine Rolle mehr, wie solide die Anklage der Behörden ist, weil euch dann der Anwalt der Verteidigung in den Zeugenstand holt und auseinander nimmt. Nicht, dass er je Gelegenheit dazu erhalten wird. Lange bevor es dazu kommt, macht euch das FBI anhand von Anklagepunkten wie Behinderung der Justiz, Fälschen von Beweismaterial und weiß Gott was noch fertig. Und dazu noch Meineid, sobald ihr, versucht, euch aus der Affäre zu ziehen. Reba ist absolut unglaubwürdig. Eine verurteilte Straftäterin und verschmähte Geliebte. Was sie aussagt, ist von vornherein zweifelhaft.« »Warum hast du sie dann mit hineingezogen? Wenn sie so nutzlos ist, hättest du ja von vornherein auf sie verzichten können.« »Wir haben eine geheime Informantin gebraucht, keine bescheuerte Ein-Personen-Gang. Du bist doch Profi. Du weißt es besser – zumindest dachte ich das bisher. Die FBI-Leute gehen aufs Ganze. Wenn du eine Operation wie die hier verpfuschst, zahlst du den Preis dafür selbst. Was kümmert es Reba schon? Sie hat nichts zu verlieren.« »Cheney, ich verstehe dich ja. Natürlich hätte ich sie stoppen müssen, aber ich wusste nicht, wie. Nachdem sie Marty erzählt hatte, was im Gange ist, ist auf einmal alles eskaliert –« »Blödsinn. Du hast bereitwillig mitgemacht. Was ihr getan habt, war illegal –« »Okay. Kapiert. Ist mir klar«, räumte ich ein. »Aber hätte ich vielleicht einfach gehen sollen? Sie hängt unseretwegen in der Sache drin – genauer gesagt meinetwegen. Ich fühle mich in gewissem Maße verantwortlich dafür, was mit ihr geschieht.« »Dann fang lieber mal an, dich auch für dein eigenes Verhalten verantwortlich zu fühlen. Wenn die Sache schief geht, hast du mehr Ärger am Hals, als du dir je hast träumen lassen.« »Moment mal. Moment. Ich will mich nicht reinwaschen, aber ich bin überrumpelt worden. Als zum ersten Mal die Sprache darauf kam, habe ich dir gesagt, dass ich nicht mitmachen will, aber du hast mich dazu überredet, die schmutzigen Fotos und all das eingeschlossen. Bildwechsel, neue Szene. Ich sitze mit ihr im Dale’s, und sie plappert, was das Zeug hält, und verpfeift den ganzen Plan. Was hätte ich denn tun sollen? Wäre ich aufgestanden und gegangen, hätte sie im nächsten Moment weiß Gott was angerichtet. Ob du’s glaubst oder nicht, ich habe mich, um Schadenbegrenzung bemüht. Ich gebe ja zu, dass die Sache aus dem Ruder gelaufen ist –« »Tu mir einen Gefallen und halt dich von ihr fern, okay? Wenn sie bei dir anruft, leg auf und überlass alles Weitere uns. Ich telefoniere mit Vince und berichte ihm von den neuesten Entwicklungen. Mal sehen, ob er noch etwas retten kann.« »Es tut mir Leid. Ich wollte nichts verpfuschen.« »Tja, jetzt kannst du nichts mehr daran ändern. Es ist bereits passiert. Aber halt dich von Reba fern. Versprich’s mir.« Ich hielt eine Hand in die Höhe, als würde ich einen Eid leisten. »Ich rufe dich später an«, sagte er schroff, ehe er aufstand und zu seinem um die Ecke geparkten Wagen ging. Ich hörte, wie er den Motor anließ und mit leicht quietschenden Reifen davonfuhr. Meine Wangen brannten noch eine Stunde später. Ich verbarrikadierte mich in meiner Wohnung und räumte meine Wäscheschublade auf, da ich das Bedürfnis hatte, etwas Kleines und Sinnvolles zu tun. Ich musste mein Leben auf einem risikofreien Schauplatz in den Griff bekommen, auf dem ich mich wieder kompetent fühlen würde. Vielleicht war das Falten von Unterhosen nichts Großartiges, aber mir fiel nichts Besseres ein. Ich machte mit der Kommode weiter und faltete meine T-Shirts neu. Dann machte ich mich an die Kramschublade im Erdgeschoss. Die Vorstellung, strafrechtlich verfolgt zu werden, quälte mich. Behinderung der Justiz war ein verdammt ernster Vorwurf. Ich sah mich schon selbst in Gefängniskluft, die Füße gefesselt und die Hände in Handschellen vor dem Körper, wie ich auf dem Weg in und aus dem Gerichtssaal schlurfend den traditionellen Häftlingstanz aufführte. Bald kam mir das aber doch ein bisschen zu melodramatisch vor, und ich sagte mir, dass es unsinnig war, mich in übertriebener Selbstgeißelung zu suhlen. Hatte ich eben Mist gebaut. Ganz schlimm. Schließlich hatte ich niemanden umgebracht., Eine Stunde später hörte ich Stimmen vor der Tür. Eine davon gehörte Henry. Ich spähte aus dem Küchenfenster, doch der Winkel war zu extrem, als dass ich hätte sehen können, wer noch dabei war. Ich ging zur Tür, entriegelte sie und zog sie einen Spalt weit auf. Henry, Lewis und William standen zusammen in der Einfahrt. Lewis und William hatten beide einen dreiteiligen Anzug an, während Henry wie gewohnt Shorts, T-Shirt und Flipflops trug. Er hatte den Kombi aus der Garage gefahren, und nun lud Lewis sein Gepäck hinten ein. Auf einmal ertönte ein leiser Piepton, woraufhin William seine Taschenuhr aus der Weste zog und nachsah, wie spät es war. Dann holte er ein kleines Päckchen Studentenfutter heraus, öffnete mit großem Getue das zugeschweißte Zellophan, das unüberhörbare Knistergeräusche von sich gab. Henry warf ihm einen verdrießlichen Blick zu, ohne jedoch sein Gespräch mit Lewis zu unterbrechen, das sich um nichts Besonderes zu drehen schien. Ich machte leise die Tür wieder zu, froh, dass wenigstens ein Konflikt friedlich gelöst worden war – so hoffte ich zumindest. Starke Gefühle sind in der Realität schwer aufrechtzuerhalten. Ganz egal, wie schlecht wir uns auch behandelt fühlen, es ist nicht leicht, sich seinen Groll zu bewahren, selbst wenn er gerechtfertigt ist. Die Wut auf jemanden dauerhaft warm zu halten verursacht (manchmal) mehr Aufwand, als die Sache wert ist. Um zwei rief Reba an. Da ich von Natur aus außerstande bin, einem klingelnden Telefon zu widerstehen, war ich kurz davor, zum Hörer zu greifen. Mit großer Willenskraft beherrschte ich mich und ließ den Anrufbeantworter übernehmen. »O Mann, ich hatte gehofft, Sie wären da. Ich hatte gerade einen Riesenkrach mit Lucinda und muss Ihnen unbedingt davon berichten. Ich habe sie praktisch in hohem Bogen rausgeworfen, natürlich nicht wirklich, sondern nur in übertragenem Sinne. Aber rufen Sie mich auf jeden Fall an, wenn Sie Zeit haben, dann erzähle ich Ihnen alles. Außerdem müssen wir noch über etwas anderes, sprechen. Bye.« Kurz nach halb vier rief sie erneut an. »Hey, Kinsey, ich bin’s noch mal. Hören Sie neuerdings Ihre Nachrichten nicht mehr ab? Ich drehe hier oben langsam durch. Ich muss unbedingt mit Ihnen reden, also melden Sie sich, sobald Sie nach Hause kommen, okay? Sonst übernehme ich keine Verantwortung mehr dafür, was ich tue. Hahaha. Das war ein Witz … mehr oder weniger.« Um halb sechs hinterließ sie nur noch ihren Namen und die Bitte um Rückruf. Am Montagmorgen ging ich ins Büro und vergrub mich in die Arbeit, die ich in der Vorwoche vernachlässigt hatte. In der Morgenzeitung hatte ich von der Schießerei im Parkhaus gelesen. Nun würden die Detectives von Drogendezernat und Mordkommission des STPD ihre Zusammenarbeit mit der Sonderabteilung für Bandenkriminalität aufnehmen, indem sie Zeugen befragten und Spuren verfolgten. Die Zahl der Bandenmitglieder in Santa Teresa ist weitgehend stabil, und ihre Aktivitäten stehen unter genauer Beobachtung. Allerdings ziehen immer mal wieder Bandenmitglieder aus Olvidado, Perdido und Los Angeles durch unsere Stadt, vor allem an verlängerten Wochenenden, wenn die Homeboys genau wie andere Leute ein bisschen Tapetenwechsel brauchen. Erfreulicherweise machen Polizisten aus diesen Städten ihrerseits Ausflüge nach Santa Teresa, so dass die Gangster, ohne es zu wissen, nach wie vor unter dem wachsamen Auge der Gesetzeshüter stehen. Ich hörte erst am späten Montagnachmittag wieder von Reba, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Zum Glück hatte sie sich nicht im Büro gemeldet, wo ich aus Gründen der Professionalität gezwungen bin, ans Telefon zu gehen. Zweimal hatte sie in meiner Wohnung angerufen und zuerst um die Mittagszeit und dann noch einmal um 14 Uhr eine Nachricht hinterlassen. Anfangs klang sie noch fröhlich, doch im Lauf des, Tages wurde ihr Ton immer kläglicher. »Kinsey? Ju-hu! Hatten Sie erwähnt, dass Sie verreisen wollen oder so? Ich glaube eigentlich nicht, aber genau weiß ich es nicht mehr. Tut mir ja Leid, dass ich so penetrant bin, aber Beck ist wieder hier, und ich werde langsam tierisch nervös. Ich weiß echt nicht, wie lange ich das noch aushalte. Ich fahre jetzt zur Holloway, um in ein Gläschen zu pinkeln und mit ihr zu palavern. Dann müsste ich eigentlich zu einem AA-Treffen, aber das lasse ich, glaube ich, ausfallen. Zu deprimierend, wissen Sie. Rufen Sie mich auf jeden Fall an, wenn Sie das hier hören. Ich hoffe, es ist alles in Ordnung. Bye.« Es war schwer, sie jetzt im Stich zu lassen, nachdem ich ihr in der Vorwoche so bereitwillig zur Verfügung gestanden hatte. Ich fühlte mich wie eine Mutterkuh, die von ihrem Kalb getrennt wird. Ich hörte Reba blöken, durfte aber nicht reagieren. Ich hatte es ernst gemeint, als ich Cheney versprochen hatte, die Distanz zu wahren, zumindest bis die Situation unter Kontrolle war. Wenn Reba erst einmal mit Vince und seinen Kumpanen gesprochen hatte, würde ich mich neu orientieren. Bis dahin könnte sie allerdings bereits jeden Kontakt zu mir abgebrochen haben. Zunächst hörte ich nichts mehr von Cheney, was mich vermuten ließ, dass er bis über beide Ohren in Arbeit steckte. Um dem Schweigen zu entrinnen, verließ ich meine Wohnung und ging zu Henry hinüber. Ich klopfte an den Türrahmen, und er winkte mich herein. Auf der Arbeitsfläche stand sein Profi- Mixer, daneben ein Zehn-Pfund-Sack Brotmehl, Hefepäckchen, Zucker, Salz und Wasser. »Kannst du Gesellschaft vertragen?« Er lächelte. »Wenn du den Krach verträgst, den mein Mixer macht. Ich mische schnell den Teig für ein paar Brote. Über Nacht lasse ich ihn gehen und backe morgen gleich in aller Frühe. Setz dich doch.«, Ich sah ihm zu, wie er die Zutaten abmaß und sie in die große Edelstahlschüssel des Mixers gab. Nachdem er das Gerät eingeschaltet hatte, mussten wir unser Gespräch unterbrechen, bis er fertig war. Wir plauderten, während er die klebrige Teigmasse herausnahm, sie knetete und weiteres Mehl dazugab, bis alles glatt und elastisch war. Er ölte eine große Waschschüssel, wendete den Teig darin, bis er rundum glänzte, und bedeckte ihn mit einem Tuch. Dann stellte er die Schüssel in den Ofen, wo die Zündflamme genug Wärme erzeugte, um den Brotteig aufgehen zu lassen. »Wie viel machst du denn?«, erkundigte ich mich mit einem Blick auf die Teigmenge. »Vier große Laibe und zwei Bleche Brötchen, alles für Rosie«, antwortete er. »Vielleicht backe ich noch ein paar Zimtschnecken, falls du Interesse hast.« »Immer. Lewis ist wohl nach Hause geflogen?« »Ich habe ihn am Samstag am Flughafen abgesetzt. Und apropos Lewis: Er hat sich dafür entschuldigt, dass er hier hereingeplatzt ist, was eine Art Premiere war. Ich glaube, es ist ihm nie in den Sinn gekommen, dass sein Kommen sich so auswirken würde. Ich habe gesagt, er solle sich keine Sorgen machen. Vorbei ist vorbei.« »Gestern hat unter anderen Umständen jemand etwas Ähnliches zu mir gesagt«, erklärte ich. »Auf jeden Fall bin ich froh, dass ihr beiden wieder eine gemeinsame Basis gefunden habt.« »Daran habe ich nie gezweifelt«, erwiderte er. »Und was ist mit dir? Ich habe dich dieses Wochenende kaum gesehen. Was macht dein neuer Freund?« »Gute Frage.« Ich erzählte Henry die traurige Geschichte meiner Verfehlungen, berichtete von riskanten Aktionen, übertretenen Gesetzen, Gewinnen, Verlusten und spannungsreichen Fluchten. Er hatte wesentlich mehr Spaß an, meiner Schilderung als Cheney, und dafür war ich ihm dankbar. Kurz nach sechs kehrte ich in meine Wohnung zurück und machte mir ein Sandwich mit heißem, hart gekochtem Ei und mehr Mayo und Salz, als ein Internist empfehlen würde. Ich knüllte gerade mein Stück Küchenkrepp zusammen, als das Telefon klingelte. Ich warf den Klumpen weg und wartete, bis der Anrufer zu sprechen begann. Als Marty Blumberg seinen Namen nannte, nahm ich ab. »Hallo, Marty. Ich bin dran. Bin nur gerade erst gekommen.« »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich Sie zu Hause anrufe. Es ist etwas Seltsames passiert, und ich wüsste gern, was Sie davon halten.« »Klar.« Ich vernahm Verkehrsgeräusche im Hintergrund und vermutete, dass er von einer Telefonzelle aus anrief. »Wollen Sie die lange Version hören oder die kurze?« »Lange Geschichten sind immer besser.« »Stimmt«, sagte er. »Also, es war folgendermaßen.« Einen Moment lang hörte ich nur, wie er inhalierte und anschließend einen Mund voll Rauch ausstieß. »Wie ich heute von der Arbeit nach Hause komme, empfängt mich meine Haushälterin völlig aufgelöst. Sie ist ganz aus dem Häuschen wegen irgendwas, rückt aber nicht raus mit der Sprache. Ich bedränge sie, weil ich ihr anmerke, dass sie es unbedingt loswerden will. Sie sagt, ich soll nicht wütend werden. Ich sage, okay. Sie erzählt mir, sie kommt wie immer um neun, und da sieht sie einen Wagen der Telefongesellschaft in der Einfahrt und zwei Männer auf der Veranda stehen. Sie geht weiter, betritt durch die Hintertür das Haus und macht dann vorn auf. Da sagt der eine Typ, die Telefongesellschaft hätte etliche Beschwerden bekommen, dass die Leitungen tot seien, und jetzt würden sie das ganze Viertel abklappern und die Leitungen überprüfen. Sie wollen wissen, ob mein Telefon funktioniert, also bittet sie sie zu warten, probiert es aus, und natürlich ist es tot. Sie ist paranoid – das kommt, daher, dass sie sich zu viele Fernsehkrimis ansieht –, deshalb verlangt sie, dass sie ihr irgendeinen Ausweis zeigen. Beide haben diese Plastikkarten mit Foto zum Anstecken, auf denen California Bell steht. Huerta schreibt sich ihre Namen und Mitarbeiternummern auf. Der zweite Typ hat ein Klemmbrett und zeigt ihr den Auftrag, alles so ordentlich getippt wie nur möglich. Also denkt sie, es hat alles seine Richtigkeit und lässt sie rein. Können Sie mir so weit folgen?« »Ja, aber die Sache gefällt mir nicht.« »Mir auch nicht«, sagte er. »Sie erzählt mir diesen ganzen Scheiß, und ich merke schon, wie es in meinem Bauch zu rumoren anfängt. Die Typen sind also fünfzehn, zwanzig Minuten in meinem Arbeitszimmer, und dann kommen sie wieder raus und erzählen ihr, dass alles in Butter ist. Sie fragt, was denn los war, und sie sagen, die Ratten auf dem Dach müssen die Kabel draußen angeknabbert haben, aber nun sei alles wieder gut. Hinterher sagt sie sich, dass das alles überhaupt nicht zusammenpasst, und sie hat Angst, sie könnte einen Fehler gemacht haben. Ich tue so, als sei alles halb so wild, und sage ihr, ich würde mich darum kümmern. Jedenfalls glaube ich, dass sie mir entweder das Haus verwanzt oder eine Wanze ins Telefon gepflanzt haben.« »Oder beides«, ergänzte ich. »Verdammt, ja. Warum soll ich Sie sonst von einem bescheuerten Supermarkt-Parkplatz aus anrufen? Ich komme mir vor wie ein Idiot, aber ich kann kein Risiko eingehen. Mein Telefon wird abgehört, aber ich will nicht, dass die Typen, die dahinter stecken, wissen, dass ich es rausgekriegt habe. Auf die Art kann ich ihnen nämlich so viel Unsinn unterjubeln, wie ich will. Glauben Sie, die waren vom FBI?« Er zog erneut an seiner Zigarette. »Keine Ahnung, aber auf jeden Fall sind Ihre Befürchtungen berechtigt.«, »Wie kommen die denn dazu? Ich meine, wenn sie mir tatsächlich eine Wanze oder eine Art Abhörgerät eingebaut haben … ist das denn nicht illegal?« »Ohne richterliche Anordnung schon.« »Das Problem ist nur, wenn es nicht die Feds waren, dann war es vielleicht jemand viel Schlimmeres.« »Wer zum Beispiel?« Ich dachte an Salustio Castillo, wollte den Namen aber von ihm hören. »Spielt keine Rolle. Jedenfalls schmeckt mir die Sache nicht. Als Reba am Freitagabend dieses ganze Zeug über Beck erzählt hat, habe ich gedacht, sie will mich bloß auf den Arm nehmen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto eher glaube ich, dass sie vielleicht doch die Wahrheit gesagt hat. Beck hat immer darauf geachtet, mich am Puls des Geschehens zu halten. Wie Reba gemeint hat – es könnte gut sein, dass er mich zum Sündenbock machen will.« »Wer steckt sonst noch mit drin?« »Wo drin?« »In der Geldwäsche.« »Wer sagt, dass da noch jemand ist? Das habe ich nie behauptet.« »Ach, kommen Sie, Marty. Sie können so viel Geld nicht ohne Hilfe waschen.« »Ich bin kein Verräter«, erklärte er pikiert. »Aber es haben andere Leute damit zu tun, oder?« »Keine Ahnung, schon möglich. Ein paar, aber Sie kriegen mich nie dazu, Namen zu nennen.« »Verständlich. Und was springt für Sie dabei raus?« »Das Gleiche wie für alle anderen. Wir werden dafür bezahlt, dass wir den Mund halten. Wir helfen Beck jetzt, und er kümmert sich darum, dass wir für den Rest unseres Lebens, versorgt sind.« »Ein Leben im Bundesgefängnis. Das wird ein Spaß.« Marty überhörte meine Bemerkung. »Ehrlich gesagt habe ich genug Kohle, und ich würde auf der Stelle die Mücke machen, wenn ich nur wüsste, wie. Falls der Zoll nämlich schon Wind von der Sache bekommen hat, kann ich das Land nicht verlassen, ohne erwischt zu werden. Wenn sie meinen Namen im Computer markiert haben, bin ich erledigt, sobald ich auf dem Flughafen einchecke.« »Ich rate Ihnen, schlagen Sie sich lieber auf die Seite der Leute, die das Sagen haben. Beck kümmert sich nicht um Sie. Er muss sich selbst schützen.« »Ja, schon kapiert. Ich meine, natürlich braucht er uns, aber wie weit wird er gehen? Beck geht es nur um Beck. Wenn’s hart auf hart kommt, wirft er uns den Wölfen zum Fraß vor.« »Wahrscheinlich.« Beinahe hätte ich ihm das Gerücht anvertraut, das ich gehört hatte – dass Beck auf dem Sprung war und vermutlich in den nächsten Tagen verschwinden würde. Doch die Vermutung war nie bestätigt worden, und ich hatte nicht das Recht, die Information weiterzugeben. »Natürlich ist immer noch denkbar, dass die Sache mit der Telefongesellschaft völlig korrekt war …« »Nee, nee. Das glaube ich nicht.« »Tja, tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann.« »Was ist mit Reba? Ich versuche schon den ganzen Tag, sie zu erreichen.« »Wahrscheinlich zu Hause. Sie hatte vorhin einen Termin bei ihrer Bewährungshelferin, aber jetzt könnten Sie es noch mal probieren.« »Wenn Sie sie sprechen, sagen Sie ihr, sie soll mich anrufen. Die Sache schlägt mir schon auf den Magen. Ich bin total durch den Wind.«, »Wissen Sie was? Ich spreche mal mit einem Freund von mir. Mal sehen, was ich rausfinde.« »Da wäre ich Ihnen dankbar. Aber passen Sie auf, was Sie sagen, wenn Sie bei mir anrufen. Und falls Sie inzwischen von Reba hören, richten Sie ihr aus, dass ich sie sprechen muss. Ich arbeite nicht gerne mit einer Schlinge um den Hals.« »Lassen Sie sich nicht hängen«, sagte ich und zuckte angesichts meiner Wortwahl zusammen. Nachdem er aufgelegt hatte, rief ich bei Cheney zu Hause und im Büro an und hinterließ jeweils eine Nachricht. Ich versuchte es auch auf seinem Pager, wo ich in der Hoffnung auf einen Rückruf meine Privatnummer eingab. Marty geriet langsam in Panik, was ihn ebenso unberechenbar machte wie Reba, nur noch verletzlicher. Den Abend verbrachte ich auf dem Sofa, wo ich vor mir ein Buch aufgestellt hatte und zu lesen vorgab, während ich auf Cheneys Anruf wartete. Ich fragte mich, wo er war, und ob er immer noch wütend auf mich war. Ich musste unbedingt mit ihm über Marty reden, aber noch mehr sehnte ich mich nach Körper- kontakt. Mein Körper erinnerte sich mit einem unterschwelligen Verlangen an seinen, das jegliche Konzentration unmöglich machte. Bevor er auf der Bildfläche erschienen war, hatte ich in einer Art Neutralmodus gelebt – ich sprühte nicht gerade vor Lebensfreude, war aber sicher nicht unglücklich. Jetzt fühlte ich mich wie eine junge Hündin, die zum ersten Mal läufig wird. Eines der Probleme mit der Enthaltsamkeit ist, dass einmal wieder erwachte sexuelle Gefühle fast unmöglich zu unterdrücken sind. Ich ertappte mich dabei, wie ich in Erinnerungen an das schwelgte, was zwischen uns geschehen war, und mir ausmalte, was als Nächstes passieren würde. Cheney hatte eine Trägheit am Leib, eine natürliche Geschwindigkeit, die etwa die Hälfte der meinen betrug., Langsam begann ich zu begreifen, dass das ständige Laufen auf Hochtouren ein Mittel war, um mich selbst zu schützen. In beschleunigtem Tempo zu leben erlaubte mir, nur die Hälfte von allem zu empfinden, da die Zeit nicht reichte, um mehr zu fühlen. Ich liebte genauso, wie ich aß – begierig, den unmittelbaren Hunger zu befriedigen, ohne dem tiefer gehenden Verlangen gerecht zu werden, nämlich mich von innen heraus verbunden zu fühlen. Der Wahrheit auszuweichen war leichter, wenn man immer in Eile war. Bei schnellem Sex gab es genau wie bei Fast Food kein Auskosten einzelner Momente. Es gab nur den ungestümen Drang, es hinter sich zu bringen und sich der nächsten Aufgabe zuzuwenden. Als um zehn das Telefon läutete, wusste ich, dass er es war. Ich wandte den Kopf und lauschte, bis der Anrufbeantworter seine Stimme aufzuzeichnen begann. Dann nahm ich den Hörer ab. »Hey«, sagte ich. »Selber hey. Du hast bei mir angerufen.« »Vor Stunden. Ich dachte schon, du gehst mir aus dem Weg. Bist du noch wütend?« »Weswegen?« »Gut.« »Und du? Bist du sauer?« »Ist nicht meine Art«, erwiderte ich. »Jedenfalls nicht auf dich. Hör mal, wir müssen über Marty sprechen. Wo bist du denn?« »Bei Rosie’s. Komm rüber.« »Du willst mich einen halben Block allein zu Fuß gehen lassen? Es ist stockfinster draußen.« »Ich wollte dir auf halbem Weg entgegengehen.« »Warum gehst du nicht den ganzen Weg und kommst zu mir?« »Das machen wir später. Fürs Erste finde ich, sollten wir uns hinsetzen und einander in die Augen schauen, während ich dir eine Hand unter den Rock schiebe.«, »Gib mir fünf Minuten. Ich ziehe solange die Unterwäsche aus.« »Drei müssen reichen. Du hast mir gefehlt.« »Du mir auch.« Als ich die Tür hinter mir abgeschlossen hatte und am Gartentor angelangt war, wartete er bereits auf der anderen Seite von Henrys schmiedeeisernem Zaun. Der Gehsteig auf seiner Seite lag eine Stufe tiefer als der Weg auf meiner, so dass ich mir groß vorkam. Die Nachtluft war kalt, und die Dunkelheit legte sich um uns wie ein Schleier. Ich schlang die Arme um seinen Hals. Er neigte den Kopf und fuhr mir mit den Lippen über Hals und Schlüsselbein. Die Zaunpfähle pressten sich wie kalte, stumpfe Speere gegen meine Rippen. Cheney rieb mir mit den Händen die Arme. »Du bist ganz kalt. Du hättest eine Jacke anziehen sollen.« »Ich brauche keine. Ich habe ja dich.« »Allerdings«, bestätigte er lächelnd. Er schob eine Hand durch die Zaunpfähle, fuhr mir mit den Fingern unter den Rock und zwischen die Beine. Er hielt den Atem an und stieß dann einen kehligen Laut aus. »Hab’s dir doch gesagt.« »Ich dachte, das war eine Metapher.« »Was wissen wir zwei schon von Metaphern?«, entgegnete ich und legte mein Gesicht an sein Haar. »Ich weiß das hier.« Nun stöhnte ich auf. »Wollten wir nicht zu Rosie?«, flüsterte ich. »Wollen wir nicht lieber reingehen und uns ins Bett legen, bevor wir uns noch an diesem Zaun aufspießen?« Um Mitternacht machten wir uns gegrillte Käsesandwiches – der einzige Moment im Leben, wo Schmelzkäse gar nicht so verkehrt ist. Ich ließ mich von der Kruste sogar ablenken. Sie, war knusprig und mit Butter getränkt. »Ich frage das nicht gern«, begann ich, während ich noch kaute, »aber was hat Vince denn gesagt, als du ihm das von Reba und mir erzählt hast?« »Er hat sich die Finger in die Ohren gesteckt und laut gesummt. Die Neuigkeiten über den Zählraum haben ihn richtig begeistert. Er hat gemeint, er vermerkt es in den Akten und schreibt den Hinweis einem anonymen Anruf zu. Das Treffen mit Reba hat er für Donnerstag angesetzt.« »Schafft er es denn nicht früher? Er ist doch derjenige, der uns gesagt hat, dass Beck sich demnächst aus dem Staub machen will. Reba hat Angst, dass sie ihm über den Weg laufen könnte.« »Ich kann Vince darauf ansprechen, aber große Hoffnungen würde ich mir da keine machen. Der Nachteil bei einem Einsatz wie dem hier ist eben, dass er verdammt unflexibel ist. Reba muss sich nur unauffällig im Hintergrund halten.« »Sag du ihr Bescheid. Ich darf ja nicht mit ihr sprechen.« »Genau. Weil ich auf dich aufpasse.« »Was ist mit Marty? Für ihn ist das alles noch viel riskanter. Langsam bekommt er den Druck massiv zu spüren. Er ist überzeugt davon, dass sein Telefon abgehört oder eine Wanze in sein Haus geschmuggelt worden ist.« »Kann gut sein. Sag ihm, er soll uns anrufen, dann handeln wir etwas aus.« »Dazu ist er noch nicht bereit. Er sucht noch immer nach einem Ausweg aus der Klemme, in der er steckt.« »Was bilden sich diese Typen eigentlich ein? Halten die sich für so schlau, dass sie nie gefasst werden?« »Bis jetzt sind sie ja auch nicht gefasst worden.«, Der Dienstagmorgen zog wie ein langer, langweiliger Nebelschwaden an mir vorüber. Egozentrisch, wie der Mensch ist, dachte ich, da mir nichts Besonderes passierte, würde auch niemand anderem etwas Besonderes passieren. Doch in Wirklichkeit spielten sich Dinge ab, von denen ich erst erfuhr, als es zu spät war, um etwas an Ursache oder Wirkung zu ändern. Mein Telefon klingelte um elf. Cheney bat mich, in der nächsten halben Stunde nicht wegzugehen, da ich mir etwas anhören sollte. »Hast du einen Kassettenrekorder?«, wollte er wissen. »Einen alten, aber er funktioniert mit normalen Kassetten.« »Der tut’s.« Eine Viertelstunde später kam er zur Tür herein. Während der Wartezeit hatte ich im Wandschrank nach dem Kassetten- rekorder gesucht und eine frische Packung AA-Batterien aufgemacht. Als Cheney eintraf, war das Gerät betriebsbereit. »Was gibt’s denn?« Er legte die Kassette ein. »Das hier hat das FBI heute Morgen aufgeschnappt. Teilweise ist es schwer verständlich, aber die Techniker haben ihr Bestes getan.« Er drückte auf »Play«, und als Erstes ertönte diffuses Rauschen, unterbrochen vom Klingeln eines Telefons. Ein Mann nahm den Hörer ab, ohne sich mit Namen zu melden. »Ja?« Der Anrufer sagte: »Problem.« Sowie ich die Stimme hörte, warf ich Cheney einen Blick zu. »Beck?« Er drückte die Pausetaste. »Der Kerl, mit dem er spricht, ist Salustio Castillo. Es war der erste Anruf, den er getätigt hat, als er ins Büro gekommen ist.« Er ließ das Band weiterlaufen., »Was?«, fragte Castillo nun. »Bei Lieferung der letzten Fuhre war die Bestandsliste falsch.« Schweigen. Rauschen. »Ausgeschlossen. Was soll ›falsch‹ heißen?« »Zu wenig.« »Um wie viel?« »Ein Päckchen.« »Groß oder klein?« »Groß. Es geht um fünfundzwanzig.« Salustio schwieg einen Moment. »Ich war selbst beim Zählen dabei. Was ist mit den Lieferscheinen?« »Stimmen nicht. Ich habe alles dreimal überprüft, und die Zahlen weichen ab.« »Ich habe Ihnen ja gesagt, dass es mir lieber wäre, wenn jemand Ihre Seite überwacht –«, erklärte Salustio. »Das war nicht auf meiner Seite.« »Behaupten Sie zumindest.« Beck schwieg einen Augenblick. »Sie wissen, dass ich so was nicht mache.« »Weiß ich das? Sie haben doch schon nach einem größeren Stück vom Kuchen verlangt, was ich nicht … von meiner Seite aus keinesfalls gutheißen kann. Und jetzt sagen Sie … fehlen, und ich habe nichts außer Ihrem Wort.« »Sie glauben, ich lüge?« »Nennen wir es einfach Inventarschrumpfung. Soll schon vorgekommen sein. Aus meiner Sicht werden Sie angemessen entschädigt … es nicht so sehen. Vielleicht schöpfen Sie ja einen gewissen Prozentsatz ab, und das befriedigt Ihr Bedürfnis nach einer Gehaltserhöhung. Gibt es eine bessere Tarnung als die Behauptung, ich hätte Sie betrogen?« »Das habe ich nie behauptet.«, »Was dann?« »Ich habe gesagt, die Gesamtsumme stimmt nicht. Könnte auch … Fehler sein …« »Ihrer. Nicht meiner.« »…« »Bringen Sie’s in Ordnung.« Schweigen. Auf dem Band folgte eine Weile nichts als Rauschen. Angespannt sprach Beck weiter. »Sagen Sie mir, was ich tun soll, und ich tu’s.« »Gleichen Sie den Fehlbetrag auf Ihrer Seite aus, denn da ist er auch aufgetreten. Meine Gesamtsumme ist korrekt, und ich erwarte die vollständige Einzahlung auf mein Konto. Dann ist alles wieder gut. Ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann. War mir ein Vergnügen«, sagte Salustio und legte auf. »Scheiße!«, schimpfte Beck und knallte den Hörer auf. Cheney schaltete den Rekorder aus. Ich fand das Gespräch zwar interessant, begriff aber nicht ganz, warum Cheney es mir vorgespielt hatte. Gerade wollte ich einen Kommentar abgeben, da kam Cheney mir zuvor. »Ein fest gepacktes Bündel Hundert-Dollar-Scheine ist zweieinhalb Zentimeter dick«, erklärte er. »Macht fünfundzwanzigtausend Dollar. Das weiß ich von den Jungs vom Fiskus. Beck ist seit einem Tag zurück. Wenn in seiner Abwesenheit eine Geldlieferung eingetroffen ist, ist es nahe liegend, dass er als Erstes überprüft, ob die Beträge stimmen.« »Okay«, sagte ich. Und dann klappte ich den Mund zu, weil der Groschen gefallen war. Er wusste, dass Reba und ich am Samstag in den Zählraum eingedrungen waren, als das Geld ausgepackt und durch die Zählmaschinen gejagt worden war. Eine von uns brauchte sich lediglich ein Päckchen Hunderter zu schnappen … wer würde je dahinterkommen? Beck wusste, nicht, dass wir dort gewesen waren, und Salustio interessierte nur, dass die richtige Summe auf seinem Konto einging. »Glaubst du, sie hat es genommen?« »Sicher. Vince hat einen Tobsuchtsanfall gekriegt. Ich dachte, gleich platzt ihm eine Ader. Beck weiß nicht, dass sie dort oben war, aber er nimmt garantiert alles auseinander, um die Scheinchen zu finden. Wenn er sich die Videos aus den Über- wachungskameras ansieht, hat er sie. Und dich übrigens auch.« »Sie muss völlig verrückt sein. Warum geht sie ein solches Risiko ein?« »Weil Beck den Verlust nicht anzeigen kann. Wenn er die Cops ruft, holt er sich selbst genau die neugierigen Blicke ins Haus, die er sich nicht leisten kann. Nicht, wenn er sich demnächst absetzen will.« Ich spürte, wie ich rot anlief und sich in mir der Drang zu leugnen mit heftigen Schuldgefühlen abwechselte. Auf einmal begriff ich, was sie in den wenigen Momenten, nachdem ich den Aufzug betreten hatte, im Zählraum gemacht hatte. Mir war mulmig zumute gewesen, und ich hatte schnellstens verschwinden wollen, während sie vom Anblick des vielen Geldes ganz hingerissen war. Unterdessen war ich damit beschäftigt gewesen, den Flur im Auge zu behalten, um sicherzugehen, dass die Luft rein war. Man braucht ja nicht lang, kaum mehr als zwei Sekunden, um sich ein Päckchen Geld unters T-Shirt oder in die Jackentasche zu schieben. Ich hatte bewundert, dass sie »Nerven wie Drahtseile« hatte, und über ihre Gelassenheit gestaunt, während ich mir fast in die Hosen machte. Und dann war da noch ihr Überschwang gegenüber Willard gewesen, als wir wieder unten waren. Sie hatte mit ihm geflirtet, und ich hatte ihre Überdrehtheit darauf zurückgeführt, dass wir Becks Zählraum entdeckt hatten. Tatsächlich muss es aber das Gefühl des vielen Geldes dicht an ihrer Haut gewesen sein. Verrückt. Reba, die ihre Fingerabdrücke wegwischte., Cheney, der mich verbal ohrfeigte, als ich unsere Verfehlung gestand. Und ich hatte sie sogar noch in Schutz genommen. Mann! Meine Hände waren feucht, und ich rieb sie an meiner Jeans. »Und was jetzt?« »Vince will sie so bald wie möglich sprechen. Das Treffen mit den Steuerbehörden und dem Zoll ist auf morgen Nachmittag, vier Uhr, im Büro des FBI, vorverlegt worden. Vince will sich vorher allein mit ihr unterhalten, so gegen ein Uhr, und versuchen, die Sache auszubügeln. Sonst ist wirklich die Kacke am Dampfen.« »Kann er ihr nicht helfen?« »Sicher, wenn sie bereit ist, sich ihm anzuvertrauen.« »Unwahrscheinlich. Sie kennt ihn ja überhaupt nicht.« »Warum sprichst du nicht mit ihr?« »Wenn du glaubst, dass es was nützt. Ich gehe ihr seit Tagen aus dem Weg, aber ich kann’s versuchen.« »Tu das. Im schlimmsten Fall bringt Vince sie in ein sicheres Haus, bis er die ganze Geschichte geklärt hat.« Cheney sah auf die Uhr, drückte die Auswurftaste und nahm die Kassette aus dem Rekorder. »Die muss ich mitnehmen. Hast du die Nummer von Vince?« »Gib sie mir lieber noch mal.« Er schrieb die Nummer auf einen Notizblock, riss das Blatt ab und reichte es mir. »Lass mich wissen, was sie sagt. Wenn du mich nicht erreichst, kannst du dich auch direkt an ihn wenden.« »Mach ich.« Als er weg war, setzte ich mich an den Schreibtisch und überlegte, was ich zu Reba sagen sollte. Vor allem war es sinnlos, um den heißen Brei herumzureden. Sie hatte sich selbst eine Grube gegraben, und je eher sie wieder herausstieg, desto besser war es für sie. Solange Beck das Geld zurückbekam, würde er vielleicht nicht allzu genau nachfragen, wie es, verschwunden war. Ich nahm den Hörer und wählte die Nummer der Laffertys. Ich machte ein bisschen Konversation mit Freddy, der Haushälterin, ehe sie mir sagte, dass Reba noch im Bett lag. »Soll ich sie wecken?« »Wäre besser.« »Einen Moment. Ich schalte Sie auf Warten und lasse Reba gleich in ihrem Zimmer abnehmen.« »Super. Danke.« Ich sah Freddy vor mir, wie sie in ihren Schuhen mit den Kreppsohlen den Flur entlang und die Treppe hinauftappte und sich dabei am Geländer festhielt. Die Stille dauerte eine Weile an, und ich malte mir aus, wie sie an Rebas Tür klopfte und diese aus dem Schlaf erwachte, bevor sie benommen den Hörer abnahm – denn benommen klang sie auf jeden Fall, als sie sich meldete. »’Lo?« »Hi, Reba. Hier ist Kinsey. Tut mir Leid, dass ich Sie geweckt habe.« »Schon in Ordnung. Ich müsste sowieso langsam aufstehen. Was wollen Sie denn?« »Ich muss Sie etwas fragen, aber Sie müssen mir schwören, dass Sie die Wahrheit sagen.« »Sicher.« Sie klang bereits munterer, und ich nahm an, dass sie sich denken konnte, was jetzt kam. »Können Sie sich noch an unsere kleine Entdeckungsreise vom Samstagvormittag erinnern?« Schweigen. »Haben Sie ein Päckchen Hundert-Dollar-Scheine mitgenommen?« Schweigen. »Es ist völlig egal, ob Sie es zugeben. Beck weiß es jedenfalls.«, »Na und? Geschieht ihm recht. Ich habe ihm schon im Bubbles gesagt, dass er mir etwas schuldet, und zwar nicht zu knapp.« »Die Sache hat nur einen winzigen Haken. Es war nicht sein Geld, sondern das von Salustio.« »Nein.« »Doch.« »Mist. Sind Sie sicher? Ich dachte, es gehört Beck, und er packt es ein, damit er es mitnehmen kann, wenn er verschwindet.« »Nein, er hat Salustios Gesamtsumme nachgerechnet, ehe er das Geld auf sein Konto einzahlen wollte. Und jetzt fehlen ihm fünfundzwanzigtausend.« Ich hörte, wie sie sich eine Zigarette ansteckte. »Wie sind Sie nur auf die Idee gekommen, dass Sie nicht erwischt werden?«, fragte ich. »Es war eine Laune, eine Art Impuls. Haben Sie so was noch nie gemacht? Ein spontaner Einfall. Ich hab’s einfach gemacht, weiter nichts.« »Bringen Sie’s lieber zurück, bevor Beck dahinterkommt.« »Und wie soll ich das machen?« »Was weiß ich. Stecken Sie’s in einen Umschlag und hinterlassen Sie es an Willards Tresen. Er kann es Marty geben oder selbst nach oben bringen –« »Warum soll ich überhaupt etwas tun? Beck kann nichts beweisen, oder? Ich meine, wie will er es beweisen, wenn ich keine Fingerabdrücke hinterlassen habe?« »Zuerst einmal hat er die Bänder aus den Überwachungskameras, auf denen zu sehen ist, wie Sie ins Haus hinein- und wieder herausgehen. Außerdem muss er überhaupt nichts beweisen. Er braucht es nur Salustio zu erzählen, und schon sind Sie geliefert.« »Das würde er mir doch nicht antun, oder? Ich meine, ich weiß, dass er ein Schwein ist, aber er würde mich nicht an Salustio verpfeifen, oder?«, »Natürlich würde er das! Salustio verlangt, dass er die fehlenden fünfundzwanzig Riesen ausspuckt.« »Scheiße. Scheiße, Scheiße, Scheiße.« »Reba, ich sag’s noch einmal. Vince Turner kann Ihnen wahr- scheinlich helfen, wenn Sie einsichtig sind und ihm helfen.« »Und was hilft mir das bei Salustio?« »Vielleicht kann Vince Sie an einen sicheren Ort bringen, bis alles geklärt ist.« »O Mann. Ist ja übel. Meinen Sie, ich soll Beck anrufen?« »Es wäre schlauer, wenn Sie sich von ihm fern halten und stattdessen mit Vince reden würden. Er will Sie ohnehin sprechen, bevor Sie sich mit den Feds treffen.« »Was für Feds? Ich habe keinen Termin mit den Feds. Der Typ hat versagt.« »Hat er nicht. Der Termin ist auf morgen Nachmittag um vier vorgezogen worden. Ich hole Sie um halb eins ab, dann können Sie sich vorher noch mit ihm unterhalten.« »Wird ja auch höchste Zeit.« »Ich habe Ihnen gleich gesagt, dass es dauert.« »Ja, nur ist es jetzt zu spät.« »Und das heißt?« »Das heißt, dass ich mir erst überlegen muss, wie ich die Sache anpacke. Ich rufe Sie wieder an.« Damit war das Gespräch beendet. Was war ich doch für eine großartige Überredungskünstlerin. An diesem Abend hatte Cheney Softball-Training, und so blieb ich allein. Ich aß bei Rosie’s und verbrachte den Rest des Abends mit einem Buch zu Hause. Am Mittwoch fuhr ich um Viertel nach zwölf in südlicher Richtung die 101 entlang, erleichtert, wieder etwas tun zu können. Hatte ich Reba erst einmal in Vince’ Büro abgeliefert,, konnte er sie unter seine Fittiche nehmen, und ich wäre aus dem Schneider. Die Fahrt nach Bella Sera war genauso wie die früheren Male, bis hin zum Duft des Lorbeers und dem Geruch trockenen Grases. Es war dreizehn Tage her, seit ich diese Strecke gefahren war, um mich mit Nord Lafferty zu treffen, wobei ich mich die ganze Zeit gefragt hatte, was er wohl von mir wollte. Seine Tochter vom Gefängnis nach Hause begleiten. Was konnte daran schon kompliziert sein? Doch seit wir von dort hierher gekommen waren, hatte sich ihr Leben langsam aufgelöst. Das Verrückte daran war, dass ich sie mochte. Trotz der Unterschiede zwischen uns sprachen die zügellosen Elemente in meinem eigenen Wesen auf sie an. Reba agieren zu sehen war, als hätte ich eine verzerrte Version meiner selbst vor mir, nur überlebensgroß und weitaus gefährlicher. Bei meinem Eintreffen am Haus der Laffertys standen die Tore offen. Als ich um die Kurve in der Auffahrt bog, präsentierten sich dieselben Fahrzeuge wie damals – ein Lincoln Continental und ein Mercedes –, nur dass jetzt ein dritter Wagen neben den beiden stand – ein Jaguar-Cabrio in einem schönen Grün mit karamellfarbener Innenausstattung. Ich stellte mein Auto unverschlossen ab und ging die letzten Schritte zum Haus zu Fuß. Rags, Rebas massiger orangefarbener Kater, kam herbeigeschlendert, um mich zu begrüßen, und sah mich mit verblüffend blauen Augen an. Ich streckte die Hand aus, damit er an meinen Fingern schnuppern konnte. Dann durfte ich ihm den Kopf kraulen, und er stupste mich immer wieder an, damit ich nicht aufhörte. Ich klingelte und wartete, während Rags um meine Beine strich und lange orangefarbene Haare an meinen Jeans hinterließ. Von drinnen vernahm ich das gedämpfte Klacken hoher Absätze auf hartem Marmor. Die Tür wurde von einer Frau geöffnet, die ich auf der Stelle als die legendäre Lucinda identifizierte. Dank der Arbeit eines erstklassigen Schönheitschirurgen wirkte sie wie eine Mittvierzigerin. Hals und Hände waren jedoch eindeutig fünfzehn, Jahre älter als ihr Gesicht. Sie trug ihr Haar kurz und durchzogen von Strähnchen in verschiedenen Blondschattierungen, die aussahen wie von der Sonne gebleicht. Sie war schlank und steckte in einem schicken Designer-Outfit, das ich schon mal irgendwo gesehen hatte, obwohl ich den Markennamen vergessen hatte. Das zweiteilige schwarze Jersey-Kostüm war weiß paspeliert, und die Jacke hatte Messingknöpfe. Der knielange Rock ließ zwei knotige Waden sehen. »Ja?« »Ich bin Kinsey Millhone. Könnten Sie Reba sagen, dass ich da bin?« Sie musterte mich aus teerschwarzen Augen. »Sie ist nicht da. Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?« »Äh, nein. Ich glaube nicht. Dann warte ich auf sie.« »Sie müssen die Privatdetektivin sein, von der Nord gesprochen hat. Ich bin Lucinda Cunningham. Eine Freundin der Familie«, erklärte sie und streckte die Hand aus. »Schön, Sie kennen zu lernen«, sagte ich und schüttelte ihr die Hand. »Hat Reba gesagt, wann sie wieder zu Hause sein wollte?« »Leider nein. Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn Sie mir sagen würden, worum es geht.« Aufdringliche Person, dachte ich. »Sie hat heute Nachmittag einen Termin. Ich habe ihr versprochen, sie hinzubringen.« Ihr Lächeln war nicht unbedingt warm, doch sie trat auf die Veranda heraus und zog die Tür hinter sich zu. »Ich möchte ja nicht neugierig sein, aber dieser … ähm … Termin, ist der wichtig?« »Sehr. Ich habe sie selbst darüber verständigt.« »Tja, das könnte schwierig werden. Wir haben Reba seit gestern am frühen Abend nicht mehr gesehen.« »Sie war die ganze Nacht weg?« »Und heute Morgen auch. Sie hat weder einen Brief hinterlassen noch angerufen. Ihr Vater hat zwar nichts gesagt,, aber ich weiß, dass er sich Sorgen macht. Als ich Sie gesehen habe, nahm ich an, Sie wüssten etwas über sie, auch wenn ich mich kaum zu fragen getraut habe.« »Seltsam. Wo sie wohl hingefahren ist?« »Wir haben keine Ahnung. Soweit ich weiß, war sie am Abend zuvor auch lange aus. Sie hat bis Mittag geschlafen und dann einen Anruf erhalten –« »Das dürfte ich gewesen sein.« »Oh. Nun, sie war hinterher etwas verstört. Ich glaube, sie hatte Besuch. Jedenfalls war sie den größten Teil des Nachmittags weg und ist erst wieder aufgetaucht, als ihr Vater gerade beim Abendessen war. Er isst meistens früh, an diesem Abend allerdings eher zu einer normalen Zeit – kurz nach sechs, würde ich sagen. Die Köchin hatte Hühnersuppe gemacht, und er schien bei gutem Appetit zu sein. Reba wollte mit ihm plaudern, also bin ich gegangen, damit die beiden unter sich sein konnten.« »Und sie hat ihm gegenüber nichts erwähnt?« »Er sagt nein.« »Ich würde lieber selbst mit ihm sprechen. Die Sache kommt mir bedenklich vor.« »Ich verstehe Ihre Besorgnis, aber er ruht sich gerade aus. Er hat vorhin mit seiner Atemtherapeutin gearbeitet und ist erschöpft. Es wäre mir lieber, wenn wir ihn nicht stören würden. Könnten Sie nicht später wiederkommen? Gegen vier müsste er auf sein.« »Unmöglich. Der Termin ist dringend, und wenn Reba es nicht schafft, muss ich das sofort wissen.« Sie wandte den Blick von mir ab, und ich sah ihr fast an, wie sie den Umfang ihrer Befugnisse taxierte. »Ich sehe nach, ob er wach und einverstanden ist. Sie müssten es aber kurz machen.« »Gut.« Sie griff nach hinten, drückte die Tür auf und winkte mich, hinein. Dabei stellte sie einen Fuß dazwischen, um den Kater draußen zu halten. Rags warf ihr einen beleidigten Blick zu. Ich trat in die Diele und wartete auf weitere Anweisungen. »Hier entlang.« Sie ging auf die Treppe zu, und ich folgte ihr. Als sie mit einer Hand auf dem Geländer hinaufstieg, warf sie mir über die Schulter eine Bemerkung zu. »Ich weiß nicht, was Reba Ihnen erzählt hat, aber wir zwei sind nie richtig miteinander ausgekommen.« »Das wusste ich nicht. Tut mir Leid.« »Es hat leider ein Missverständnis gegeben. Reba hatte den Eindruck, ich hätte es auf ihren Vater abgesehen, was völlig abwegig ist. Ich bestreite nicht, dass ich einen Beschützer- instinkt habe. Und ich nehme kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihr Benehmen geht. Nord ist anscheinend der Meinung, wenn er sie unterstützt und ihr alles gibt, was sie will, kommt sie irgendwann von selbst auf die rechte Bahn. Er hat nie begriffen, wie man Kinder richtig erzieht. Kinder müssen die Verantwortung für ihre Taten übernehmen. Aber das ist nur meine Meinung … nicht dass mich irgendjemand gefragt hätte.« Dazu sagte ich nichts. Ich wusste wenig von ihrer gemeinsamen Geschichte und hatte nicht das Gefühl, dass eine Entgegnung angebracht war. Wir überquerten den breiten Treppenabsatz und gingen einen mit Teppich ausgelegten Flur mit Zimmertüren auf beiden Seiten entlang. Die Tür zum Elternschlafzimmer war geschlossen. Lucinda klopfte leise, ehe sie die Tür aufzog und zu ihm hineinsah. »Kinsey ist hier, wegen Reba. Darf ich sie hereinführen?« Ich hörte seine Antwort nicht, doch sie wich zur Seite und ließ mich eintreten. »Fünf Minuten«, erklärte sie bestimmt., Nord Lafferty lag auf einen Stapel Kissen gestützt im Bett, flankiert von seinem Sauerstofftank. Seine hageren weißen Hände zitterten auf der gehäkelten Tagesdecke. Bestimmt waren seine Finger eiskalt, so als zögen sich all seine Energie und Wärme aus den Extremitäten ins Innere zurück. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der letzte Funken erlosch. Ich trat an sein Bett. Er wandte sich zu mir um, und ein Lächeln brachte ein wenig Farbe auf sein Gesicht. »Genau an Sie habe ich gerade gedacht.« »Und schon bin ich da. Fühlen Sie sich einigermaßen fit? Lucinda sagt, Sie hatten gerade eine Sitzung mit der Atemtherapeutin. Sie will nicht, dass ich Sie überanstrenge.« »Nein, nein. Ich habe mich ein wenig ausgeruht und fühle mich gut. Ich bedauere es, dass ich so viel Zeit im Bett vergeuden muss, aber an manchen Tagen bin ich einfach zu nichts anderem imstande. Ich hoffe, Sie haben meinen Scheck erhalten.« »Ja. Die Prämie wäre nicht nötig gewesen, aber danke für die Geste.« »Sie haben jeden Penny verdient. Reba ist gern mit Ihnen zusammen, und dafür bin ich Ihnen dankbar.« »Lucinda sagt, sie ist gestern am frühen Abend weggefahren. Wissen Sie vielleicht, wohin?« Er schüttelte den Kopf. »Sie hat mir beim Abendessen Gesellschaft geleistet und mir anschließend in die Bibliothek geholfen. Dann habe ich gehört, wie sie jemanden angerufen hat. Eine halbe Stunde später ist ein Taxi gekommen. Sie hat gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen, und mir einen Kuss gegeben, aber seither habe ich sie nicht mehr gesprochen.«, »Sie hat heute um ein Uhr einen Termin und einen zweiten um vier. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einfach nicht auftaucht. Sie weiß, wie wichtig es ist.« »Sie hat nichts davon erwähnt. Dann haben Sie wohl auch nichts mehr von ihr gehört?« »Wir haben gestern kurz telefoniert. Sie hat versprochen, sich wieder bei mir zu melden, aber sie hat nicht angerufen.« »Sie hatte Besuch. Ein früherer Arbeitskollege.« »Marty Blumberg?« »Genau der. Er ist ins Haus gekommen, und die beiden haben ziemlich ausgiebig die Köpfe zusammengesteckt. Danach ist sie aufgebrochen.« »Lucinda hat erwähnt, dass sie am Abend zuvor sehr lange aus war.« »Sie ist erst morgens um halb drei nach Hause gekommen. Ich war noch wach, als sie die Einfahrt hochgefahren ist. Erst als ich ihre Scheinwerfer an der Decke gesehen habe, wusste ich, dass sie in Sicherheit ist. Alte Gewohnheiten legt man nur schwer ab. Die Monate, die sie im Gefängnis verbracht hat – das waren die einzigen Nächte, in denen ich nicht wach gelegen und auf sie gewartet habe. Wahrscheinlich sterbe ich mit dem Blick auf der Uhr und voller Angst, dass etwas passiert sein könnte.« »Warum hat sie sich ein Taxi gerufen? Stimmt etwas nicht mit ihrem Wagen?« Er zögerte. »Ich vermute, dass sie die Stadt verlassen hat und nicht wollte, dass ihr Wagen irgendwo auf einem Parkplatz herumsteht.« »Aber wohin wollte sie?« Nord schüttelte hilflos den Kopf. »Hatte sie Gepäck?« »Das habe ich Freddy auch schon gefragt, und sie hat ja gesagt. Zum Glück war Lucinda da schon weg, sonst hätte sie, mir endlose Vorhaltungen gemacht. Sie weiß zwar, dass etwas passiert ist, aber bis jetzt habe ich ihr Näheres verschwiegen. Lucinda ist gnadenlos, also seien Sie auf der Hut, sonst zieht Sie Ihnen alles aus der Nase.« »Das habe ich schon gemerkt. Welches Taxiunternehmen war es?« »Vielleicht weiß Freddy das noch, wenn Sie sie fragen.« »Mach ich.« Es klopfte leise an der Tür, und Lucinda erschien. Sie hielt zwei Finger in die Höhe. »Noch zwei Minuten«, sagte sie mit einem Lächeln, das ihre guten Absichten bezeugen sollte. »Gut«, antwortete Nord, doch dabei zog ein Anflug von Ärger über sein Gesicht. Sobald sie die Tür geschlossen hatte, wandte er sich wieder an mich. »Sperren Sie ab. Und sperren Sie gleich auch noch die Verbindungstür zum Badezimmer ab, wenn Sie schon dabei sind.« Ich musterte ihn kurz, ehe ich zur Tür schritt und das Schnappschloss einrasten ließ. Zur Rechten ging ein weiß gefliestes Badezimmer ab, das sein Schlafzimmer mit dem nächsten verband. Ich verriegelte die gegenüberliegende Badezimmertür, ließ jedoch die vordere einen Spalt weit offen und kehrte zu meinem Platz zurück. Er richtete sich in den Kissen auf. »Danke. Wahrscheinlich meint sie es gut, aber manchmal reißt sie zu viel an sich. Schließlich habe ich sie noch nicht als meinen Vormund eingesetzt. Aber was würden Sie jetzt in Bezug auf Reba vorschlagen?« »Weiß ich nicht genau. Vor allem muss ich sie so schnell wie möglich finden.« »Steckt sie in der Klemme?« »Ich glaube schon. Soll ich Sie ins Bild setzen?« »Es ist besser, wenn ich es nicht weiß. Was immer es ist, ich, verlasse mich darauf, dass Sie sich darum kümmern und mir anschließend eine Rechnung schicken.« »Ich werde tun, was ich kann. Verschiedene Behörden würden sich gern mit ihr über Becks finanzielle Transaktionen unterhalten. Es könnte reichlich unangenehm werden, und meine Position ist ohnehin schon heikel. Dem FBI gegenüber möchte ich nicht im falschen Lager stehen. Übrigens resultiert aus der Tatsache, dass ich für Sie arbeite, keinerlei Recht auf Aussageverweigerung, deshalb schützt es keinen von uns, wenn Sie mich engagieren.« »Das verstehe ich vollkommen. Ich würde auch niemals von Ihnen verlangen, in irgendeiner Form gegen Gesetze zu ver- stoßen. Aber ansonsten wäre ich Ihnen für jede Unterstützung dankbar, die Sie Reba leisten können.« »Ist ihr Wagen noch hier?« Er nickte. »Er steht in der Garage. Soweit ich weiß, ist sie unverschlossen. Sie dürfen sich gern umsehen.« Es klopfte an der Tür, und der Knauf drehte sich. Ungeduldig zerrte Lucinda daran. Ihre Stimme drang dumpf durch das Holz. »Nord, was ist los? Bist du da drin?« Er wies zur Tür. Ich ging hin und entriegelte sie. Lucinda drehte abrupt am Knauf und stürmte herein, wobei sie mir fast die Tür ins Gesicht geschlagen hätte. Sie funkelte mich an. Offenbar vermutete sie, ich hätte die Tür aus eigenem Antrieb verriegelt. »Was geht hier vor?« Nord strengte sich an, lauter zu sprechen. »Ich habe sie gebeten zuzuschließen. Ich wollte keine weiteren Unterbrechungen.« Ihre Körpersprache wechselte von Argwohn zu Gekränktheit. »Das hättest du ja sagen können. Wenn du mit Miss Millhone persönliche Angelegenheiten zu besprechen hast, wäre ich nicht im Traum darauf gekommen, euch zu stören.«, »Danke, Lucinda. Das freut uns.« »Vielleicht habe ich ja meine Kompetenzen überschritten.« Ihr Ton war frostig, und der Inhalt zielte darauf ab, Entschuldigungen oder Versicherungen auszulösen. Nord gewährte ihr weder das eine noch das andere. Er hob nur die Hand, was beinahe einer Geste der Entlassung gleichkam. »Sie würde sich gern Rebas Zimmer ansehen.« »Wozu?« Nord wandte sich an mich. »Den Flur entlang auf der rechten –« Lucinda fiel ihm ins Wort. »Ich zeige es ihr gern. Wir wollen ja nicht, dass sie allein hier herumstreunt.« Ich sah Nord an. »Ich melde mich wieder bei Ihnen«, sagte ich. Ich folgte Lucinda den Flur entlang, ohne ihre steife Haltung und ihre Weigerung, mich anzusehen, weiter zu beachten. An Rebas Zimmer angelangt, öffnete sie die Tür und stellte sich mir dann in den Weg, so dass ich gezwungen war, mich an ihr vorbeizuquetschen. Ihr Blick folgte mir. »Hoffentlich sind Sie jetzt zufrieden. Sie halten sich für so nützlich, dabei bringen Sie ihn um.« Ich hielt ihrem Blick stand, doch sie hatte bei weitem mehr Übung im Verabreichen vernichtender Blicke. Ich wartete. Ihr Lächeln war verkniffen, und ich wusste, dass sie zu der Sorte Frau gehörte, die Mittel und Wege finden würde, sich zu rächen. Lucinda, der Inbegriff der Bosheit. Als sie in den Flur hinaustrat, schloss ich die Tür und verriegelte sie. Das war die Sprache, die sie verstand. Ich wandte mich um, lehnte mich gegen die Tür und sah mich um, um einen Gesamteindruck von Rebas Zimmer zu gewinnen, ehe ich mit der Suche begann. Das Bett war gemacht, und auf dem Nachttisch standen ordentlich aufgereiht ein paar persönliche Erinnerungsstücke: ein gerahmtes Foto ihres Vaters, ein Buch, ein Notizblock und ein Stift. Kein Durcheinander. Keine Kleidungs-, stücke auf dem Fußboden. Nichts unter dem Bett. Ein Telefon, aber kein privates Adressbuch. Ich ging die Schubladen durch und stieß auf Gegenstände, die schon seit Jahren hier lagern mussten: Schulunterlagen, Prüfungshefte, ungeöffnete Schachteln mit Briefpapier, die sie vermutlich geschenkt bekommen hatte und die gewiss nicht ihrem Geschmack entsprachen – es sei denn, sie schwärmte für Karten mit kleinen Kätzchen und putzigen Sprüchen darauf. Keine private Korrespondenz. Die Schubladen in der Kommode aufgeräumt. Ich inspizierte den Schrank, wo mehrere leere Bügel auf die Zahl verschwundener Kleidungsstücke hinwiesen – nach meiner Zählung sechs. Zu den Dingen, die sie dagelassen hatte, zählten ein marineblauer Blazer und eine Bomberjacke aus Leder, die schief auf dem Bügel hing. Ich konnte nicht wissen, was sie eingepackt hatte. Ich wusste ja nicht einmal, wie viele Koffer sie besaß und wie groß diese waren. Beiläufig ging ich die Sachen durch und dachte an Kleidungsstücke zurück, in denen ich sie gesehen hatte. Ich fand weder ihre Stiefel noch einen der Pullover, an die ich mich erinnerte – einen aus roter Baumwolle und einen dunkelblauen mit Kapuzenkragen. Beide hatte sie in den ersten Tagen nach ihrer Haftentlassung getragen, ein Hinweis darauf, dass es möglicherweise ihre Lieblingsstücke waren und sie sie unterwegs dabeihaben wollte. Ich ging ins Badezimmer, das fast kahl war: gelbbraune Mar- morfliesen und eine ebensolche Ablagefläche, makellos geputzte Spiegel und der Geruch nach Seife. Das Medizinschränkchen war leer. Kein Deo, kein Eau de Toilette, keine Zahnpasta. Keine rezeptpflichtigen Medikamente. Auf der Marmorfläche war an der Stelle, wo ihre Zahnbürste gelegen hatte, ein weißer Fleck. Im Wäschekorb fanden sich Bluejeans, T-Shirts, Unterwäsche und ein noch leicht feuchtes Badetuch, das ganz oben hineingestopft war. Die Duschwanne war trocken, der Abfalleimer leer. Ich kehrte zum Schrank zurück und studierte ihre Sachen. Dann nahm ich die Bomberjacke vom Bügel und durchsuchte die, Taschen. Darin fand ich ein paar Münzen und einen Abschnitt von einem anonymen Rechnungsblock, der bezeugte, dass sie für einen Cheeseburger, Chili-Pommes und ein Cola bezahlt hatte. Weder das Datum noch der Name des Lokals waren genannt. Ich steckte den Beleg ein und hängte die Jacke wieder auf den Bügel. Dann verließ ich das Zimmer und ging auf demselben Weg zurück. Als ich an Nords Schlafzimmer vorbeikam, blieb ich stehen und legte den Kopf an die Tür. Ich hörte dumpfe Stimmen, vor allem die von Lucinda, die beleidigt klang. Jedes weitere Gespräch mit Nord würde warten müssen. Ich ging nach unten und suchte den hinteren Teil des Hauses auf. Die Haushälterin saß am Küchentisch. Sie hatte Zeitungs- papier ausgebreitet und zwölf Besteckgarnituren aus massivem Silber, zwei silberne Wasserkrüge und etliche Silberbecher darauf verteilt. Einige der aufwändiger verzierten Stücke hatte sie mit einem Polierspray besprüht, das nun beim Trocknen eine seltsame Pinkschattierung annahm. Das Tuch, mit dem sie die Besteckteile polierte, war schwarz von dem entfernten Beschlag. Ihr dünnes, graues Haar trug sie in Locken gelegt und zu einer löwenzahnartigen Aureole zurückgekämmt, wobei an mehreren Stellen die Kopfhaut hindurchschimmerte. »Hi, Freddy«, begrüßte ich sie. »Ich habe gerade mit Mr. Lafferty geplaudert. Er sagt, Sie hätten Reba an dem Abend noch gesehen, ehe sie verschwunden ist.« »Beim Rausgehen«, sagte sie, an einen Löffel gerichtet. »Hatte sie Gepäck dabei?« »Ja – eine Reisetasche aus schwarzem Segeltuch und einen grauen Hartschalenkoffer auf Rollen. Sie trug Jeans und Stiefel und einen Lederhut, hatte aber keine Jacke an.« »Haben Sie sich unterhalten?« »Sie hat sich einen Finger an die Lippen gelegt, als wäre es unser kleines Geheimnis. Aber nicht mit mir. Ich arbeite seit sechsundvierzig Jahren für Mr. Lafferty. Wir haben keine Ge-, heimnisse voreinander. Ich bin schnurstracks in die Bibliothek gegangen und habe ihm Bescheid gesagt, aber bevor ich ihn auf die Beine gebracht hatte, war sie weg.« »Hat sie irgendetwas über ihre Pläne gesagt? Irgendetwas über eine Reise?« Freddy schüttelte den Kopf. »Es gab mehrere Anrufe, aber sie war immer als Erste am Apparat, daher habe ich nie gehört, wer dran war. Ich weiß nicht einmal, ob der Anrufer ein Mann oder eine Frau war.« »Sie wissen, dass sie gegen die Bewährungsauflagen verstößt, wenn sie Kalifornien verlässt«, erklärte ich. »Sie könnte wieder im Gefängnis landen.« »Miss Millhone, so gern ich Reba mag, ich würde nie Informationen zurückhalten oder sie in irgendeiner Form decken. Sie bricht ihrem Vater das Herz und sollte sich schämen.« »Tja, auf jeden Fall liebt sie ihn abgöttisch, aber das ändert ja nichts.« Ich zog eine Visitenkarte heraus, auf deren Rückseite ich handschriftlich meine Privatnummer notiert hatte. »Wenn Sie etwas von ihr hören, würden Sie mich dann bitte anrufen?« Sie nahm die Visitenkarte und steckte sie in die Schürzen- tasche. »Ich hoffe, Sie finden sie. Er hat nicht mehr viel Zeit.« »Ich weiß«, erwiderte ich. »Er hat gemeint, ihr Wagen steht noch in der Garage.« »Gehen Sie hier durch die Hintertür. Das ist näher als vorn herum. Am Haken hängen die Schlüssel«, erklärte sie und zeigte auf die hintere Veranda und den Windfang, der durch die offene Tür hinter ihr zu erkennen war. »Danke.« Ich nahm die Schlüssel und ging quer über einen breiten gepflasterten Vorplatz auf ein Gebäude zu, das früher einmal das Kutschenhaus gewesen sein musste, nun aber zu einer, Garage mit vier Stellplätzen umgebaut worden war. Rags kam um die Hausecke geschlichen. Offenbar war es seine Aufgabe, An- und Abreisen und jegliches sonstige Geschehen auf dem Anwesen zu überwachen. Über der Garage war eine Reihe Dachfenster mit zugezogenen Vorhängen zu sehen, ein Hinweis auf Dienstbotenunterkünfte oder eine Wohnung – vermutlich Freddys. Eine Garage war leer, und das schwenkbare Tor stand offen. Ich benutzte es als Eingang und erspähte sofort Rebas BMW, der an der Wand gegenüber stand. Irgendwie hatte ich das Gefühl, Rags eine Erklärung schuldig zu sein, der mir auf den Fersen folgte. Auf der Fahrerseite stieg ich in den Wagen und setzte mich hinters Steuer. Dann schob ich den Schlüssel ins Zündschloss und kontrollierte den Benzinstand. Der Pfeil sauste bis ganz nach oben, was auf einen vollen Tank schließen ließ. Ich beugte mich zum Handschuhfach hinüber, klappte es auf und wühlte mich ein paar Minuten lang durch Tankquittungen, abgelaufene Zulassungsformulare und ein Benutzerhandbuch. Im Seitenfach zu meiner Linken fand ich weitere Tank- quittungen. Die meisten stammten aus den drei bis vier Monaten, bevor Reba ins Gefängnis gewandert war. Die einzige Ausnahme war ein Beleg vom 27. Juli 1987, also letzten Montag. Sie hatte an einer Tankstelle an der Main Street in Perdido getankt, zwanzig Meilen südlich von hier. Ich schob die Quittung in die Hosentasche. Dann sah ich unter den Vordersitzen, dem Rücksitz, den Fußmatten und im Kofferraum nach, entdeckte aber weiter nichts Interessantes. Ich verließ die Garage, hängte die Schlüssel wieder an den Haken im Windfang und holte mein Auto. Ein letztes Mal bekam ich Rags noch zu sehen, der auf der Veranda saß und sich in aller Ruhe putzte. Ich kehrte auf den Highway 101 zurück und machte einen raschen Abstecher in meine Wohnung, wo ich mich nur so lange aufhielt, bis ich das Foto von Reba geholt hatte, das mir ihr Vater gegeben hatte. Ich faltete es, steckte es in meine Umhängetasche und machte mich auf den Weg nach Perdido., Der vierspurige Highway folgt den Konturen der Küste, die auf der einen Seite von Hügeln und auf der anderen vom Pazifik flankiert wird. An manchen Stellen ist die Kaimauer aus Beton praktisch verschwunden, und die Wellen donnern mit imposanter Wucht gegen die Felsen. Surfer parken ihre Wagen am Straßenrand und schleppen ihre Surfbretter an den Strand. In ihren hautengen schwarzen Neoprenanzügen wirken sie so geschmeidig wie Seehunde. Ich zählte acht von ihnen im Wasser, breitbeinig auf ihren Brettern stehend, die Gesichter den Wellen zugewandt, während sie darauf warteten, dass die Brandung ihren nächsten Angriff auf den Strand startete. Zu meiner Linken erhoben sich die steil ansteigenden baumlosen Hügel mit ihrem dichten Gestrüpp. Paddelförmige Kakteen hatten sich über große Flächen erodierenden Bodens ausgebreitet. Das vom winterlichen Regen begünstigte üppige Grün hatte wilden Frühlingsblumen Platz gemacht und war anschließend wieder zu einem Pulverfass der Vegetation geworden, bereit für die herbstlichen Feuersbrünste. Die Eisenbahnschienen verliefen zum Teil auf der den Bergen zugewandten Seite der Straße, unterquerten aber gelegentlich die Fahrbahn und zogen sich parallel zur Brandung entlang. Am Ortsrand von Perdido nahm ich die erste Ausfahrt und fuhr auf der Main Street ins Zentrum, den Blick stets auf die Umgebung gerichtet. Ich entdeckte die Chevron-Tankstelle auf einem schmalen Stückchen Land direkt an der Ausfahrt Perdido Avenue. Ich fuhr hinein und parkte seitlich neben den Toiletten. Ein Tankwart in Uniform stand am hinteren Ende eines Kombis, den er soeben voll tankte. Er sah mich kurz an und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Ich wartete, bis der Kunde den Kreditkartenbeleg unterzeichnet hatte und mit seinem Kombi davongefahren war, ehe ich mich auf den Weg zu den Zapfsäulen machte. Das Foto von Reba in der Hand, wollte ich den Tankwart schon fragen, ob er am Montag Dienst gehabt hatte und ob er sich an sie erinnerte. Doch während ich auf ihn, zuging, fiel mir etwas anderes ein. »Hi«, sagte ich. »Können Sie mir den Weg erklären? Ich suche einen Spielsalon namens Double Down.« Er wandte sich um und deutete mit der Hand. »Zwei Blocks runter auf der rechten Seite. Wenn Sie zur Ampel kommen, sind Sie schon zu weit gefahren.« Es war kurz vor zwei Uhr nachmittags, als ich in die letzte freie Lücke auf dem Parkplatz hinter einem in unansehnlichem Beige gestrichenen Flachbau aus Waschbeton fuhr. Das davor angebrachte Schild ließ nacheinander Pik, Herz, Karo und Kreuz in rotem Neon aufblinken. Der Name »Double Down« war in blauer Neonschrift direkt am Gebäude angebracht. Anstelle einer Treppe führte eine Rampe für Rollstuhlfahrer zu einem fensterlosen Eingang hinauf, der gut einen Meter über der Erde lag. Ich stieg die Rampe empor, bis ich an der schweren Holztür mit ihren rustikalen schmiedeeisernen Scharnieren anlangte. Ein Schild besagte, dass von zehn Uhr morgens bis zwei Uhr nachts geöffnet war. Ich ging hinein. Es gab vier große, mit grünem Filz bedeckte Tische, an denen jeweils acht bis zehn Pokerspieler in hölzernen Lehnstühlen saßen. Etliche wandten sich um und sahen mich an, aber niemand richtete das Wort an mich. An der hinteren Wand befand sich eine kombüsenartige Küche, über deren Durchreiche die Speisekarte angeschlagen war. Die Auswahl war in auswechselbaren schwarzen Buchstaben in weißen Spalten aufgelistet: Frühstück, Sandwiches und ein paar Hauptgerichte. Sofort bekam ich Lust auf das Frühstücksburrito mit Rührei und Würstchen. Ich musterte die Rechnung aus Rebas Jackentasche – Cheeseburger, Chili-Pommes und Coke. Die gleichen Sachen standen auf der Tafel, und die Preise stimmten überein. Die Wände waren mit Kiefernholz getäfelt. An den Seiten der mit Dämmplatten versehenen Decke verlief eine Bilderleiste, die mit falschem Efeu geschmückt war und an der gerahmte Zeichnungen von Sportszenen hingen, überwiegend Football. Die, Beleuchtung war matt. Sämtliche Spieler waren Männer, mit Ausnahme einer Frau weiter hinten, die schätzungsweise Mitte sechzig war. Auf einer an der Seitenwand angebrachten Tafel stand eine Namensliste, vermutlich von Leuten, die auf einen freien Platz warteten. Zu meinem Erstaunen konnte ich weder Zigarettenrauch noch Alkohol entdecken. Zwei Farbfernseher in einander gegenüberliegenden Ecken flackerten mit zwei unterschiedlichen Baseballspielen still vor sich hin. Es waren kaum Gespräche zu hören, sondern nur das Geräusch der Plastikchips, die leise aneinander klickten, wenn der Kartengeber die Gewinner auszahlte und die Einsätze der Verlierer einstrich. Gerade wechselten die Kartengeber die Tische, und drei Männer nutzten die Gelegenheit, um sich etwas zu essen zu bestellen. Rechts von mir war ein Schalter, und in dem Kabuff dahinter saß ein Mann auf einem Barhocker. »Ich suche den Geschäftsführer«, sagte ich. Eigentlich wusste ich gar nicht, ob Spielsalons Geschäftsführer hatten, aber es kam mir wie ein sicherer Tipp vor – sozusagen. »Jo«, sagte der Typ, ohne den Blick von seinem Buch zu heben. »Was lesen Sie da?« Er hielt es in die Höhe und drehte das Cover nach vorn, als frage er sich das selbst. »Das hier? Gedichte. Von Kenneth Rexroth. Kennen Sie sein Werk?« »Nein.« »Der Mann ist fantastisch. Ich würd’s Ihnen ja leihen, aber ich habe nur das eine.« Er legte den Finger zwischen die Seiten, um sich zu merken, wo er war. »Möchten Sie Jetons?« »Nein, ich bin leider nicht zum Spielen hier.« Ich zog das Foto von Reba heraus, faltete es auf und hielt es ihm hin. »Kennen Sie die?« »Reba Lafferty«, antwortete er, als wäre das überhaupt keine Frage., »Wissen Sie noch, wann Sie sie zuletzt gesehen haben?« »Klar. Am Montag. Vorgestern Abend. Sie hat an dem Tisch da gesessen. Ist gegen fünf gekommen und geblieben, bis wir um zwei zugemacht haben. Hat den größten Teil des Abends Hold ’Em gespielt, ehe sie zu Omaha übergegangen ist, wofür sie aber überhaupt kein Talent hat. Hatte so ’ne dicke Rolle Scheine dabei«, erklärte er und machte dabei einen Kreis aus Daumen und Zeigefinger. »Die Kleine ist gerade mal eine Woche aus dem Knast raus, heißt es zumindest gerüchteweise. Sind Sie ihre Bewährungshelferin?« Ich schüttelte den Kopf. »Eine Freundin. Ich bin letzte Woche nach Corona gefahren und habe sie dort abgeholt.« »Den Aufwand hätten Sie sich sparen können. Ehe Sie sich’s versehen, sitzt sie wieder im Polizeibus und ist unterwegs in die andere Richtung. Jammerschade. Sie ist süß. Ungefähr so süß wie ein Waschbär, bevor er Ihnen ein Stück Fleisch aus der Wade beißt.« »Tja, da treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Reba ist gestern Abend verschwunden, und wir versuchen sie zu finden. Sie wissen nicht vielleicht zufällig, wohin sie wollte?« »Auf gut Glück? Ich würde auf Vegas tippen. Sie hat zwar hier einen ganzen Batzen verloren, aber es war nicht zu übersehen, dass sie in einer Art Rausch war. Sie hatte diesen typischen Blick. Glück oder Pech, sie ist eine von denen, die weiterspielen, bis das ganze Geld weg ist.« »Ist mir unbegreiflich.« »Sie spielen nicht?« »Nie.« »Soll ich Ihnen meine Theorie verraten? Die Kleine ist innerlich total leer. Sie spielt nur dem Nervenkitzel zuliebe und bildet sich ein, sie kann sich damit ausfüllen. Nichts als Illusionen. Meiner Meinung nach braucht sie Hilfe.«, »Brauchen wir die nicht alle?«, entgegnete ich. »Übrigens, warum heißt der Laden Double Down? Ich dachte, das ist ein Begriff aus dem Black Jack.« »Wir hatten früher Black Jack, bis der Besitzer es abgeschafft hat. Die Einheimischen spielen lieber Poker – die setzen wohl mehr auf Können als auf Glück.« Sobald ich wieder im Büro war, schnappte ich mir Stift und Notizblock, zerrte das Telefonbuch hervor und suchte mir die Nummer eines beliebigen Reisebüros heraus. Ich wählte die Nummer, und als sich eine Mitarbeiterin meldete, erklärte ich ihr, dass ich mich über Flüge nach Las Vegas informieren wolle. »An welchem Tag?« »Das steht noch nicht fest. Ich arbeite bis fünf und weiß noch nicht, wann ich fliegen will. Was haben Sie denn werktags nach achtzehn Uhr für Verbindungen?« »Moment, ich sehe nach.« Ich hörte Tastaturgeklapper, ehe sie nach kurzer Pause weitersprach. »Da habe ich zwei. USAir um neunzehn Uhr fünfundfünfzig mit Umsteigen in San Francisco, Ankunft in Las Vegas um dreiundzwanzig Uhr sechzehn, oder United Airlines über Los Angeles um zwanzig Uhr dreißig, Ankunft in Las Vegas dreiundzwanzig Uhr siebzehn.« »Wo finde ich sonst noch Pokersalons?« »Wie bitte?« »Spielkasinos. Pokerhallen.« »Ich dachte, Sie wollten nach Las Vegas?« »Ich ziehe alle Alternativen in Betracht. Gibt’s irgendwas hier in der Nähe?« »Gardena oder Garden Grove. Da müssten Sie nach LAX fliegen und sich einen Mietwagen nehmen.« »Klingt machbar. Was haben Sie nach achtzehn Uhr für Flüge nach Los Angeles? United um zwanzig Uhr dreißig habe ich, bereits notiert. Gibt es noch mehr?« »Es gibt einen mit United um achtzehn Uhr siebenundfünfzig, Ankunft in Los Angeles neunzehn Uhr fünfundvierzig.« Ich notierte mir, was sie sagte. »Oh, wow, danke. Echt toll.« »Wollen Sie nun einen davon buchen?«, fragte die Frau etwas gereizt. »Ich bin noch unentschlossen. Versuchen wir’s mal anders. Sagen wir, mir brennen ein paar Scheinchen ein Loch in die Tasche. Wo könnte ich noch hinfahren?« »An einem Werktag nach achtzehn Uhr?«, fragte sie trocken. »Genau.« »Sie könnten es in Laughlin, Nevada, versuchen, aber es gibt keine Flüge nach Laughlin-Bullhead, es sei denn, Sie wollen einen Charterflug nehmen.« »Ich glaube nicht.« »Und dann gibt es natürlich noch Reno-Lake Tahoe. Derselbe Flughafen für beide Orte.« »Könnten Sie …« »Bin schon dabei«, erwiderte sie im Singsangton, und ich hörte sie erneut auf ihre Computertastatur einhacken. »United Airlines, ab Santa Teresa neunzehn Uhr fünfundfünfzig, Ankunft San Fran einundzwanzig Uhr sieben, weiter um zweiundzwanzig Uhr zwanzig, Ankunft in Reno um dreiundzwanzig Uhr sechzehn. Das ist alles, was es gibt.« »Ich rufe wieder an«, sagte ich und legte auf. Dann zog ich einen Kringel um den Namen »Reno« und dachte an Rebas frühere Zellengenossin Misty Raine, die angeblich dort wohnte. Falls Reba auf der Flucht war, lag es nahe, dass sie versuchen würde, Kontakt zu einer Freundin aufzunehmen. Natürlich war es ein Verstoß gegen ihre Bewährungsauflagen, sich mit einer Vorbestraften zu treffen, aber sie beging sowieso einen Verstoß nach dem anderen, also konnte ihr einer mehr auch egal sein., Ich rief bei der Auskunft in Reno an und erkundigte mich nach einem Eintrag mit der Vorwahl 702 unter dem Familiennamen Raine. Es gab einen: Vorname abgekürzt mit M., aber ohne Adresse. Ich bedankte mich und legte auf. Dann malte ich einen zweiten Kringel um den Namen »Raine« und sann darüber nach, ob Reba wohl seit ihrer Haftentlassung mit Misty gesprochen hatte. Erneut griff ich nach dem Telefon und wählte die Nummer, die ich für M. Raine erhalten hatte. Nach dem vierten Läuten sagte eine mechanische Männerstimme: »Es ist niemand zu Hause. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nummer.« So was von zugeknöpft. Ich hasse diesen Kerl. Um halb fünf fuhr ich noch einmal zum Haus der Laffertys. Beim Einbiegen auf den Parkplatz stellte ich erfreut fest, dass Lucindas Wagen weg war. Rags schlummerte auf einem Korbstuhl, erhob sich jedoch, um mich zu begrüßen, und blieb höflich zu meinen Füßen sitzen, während ich die Klingel drückte. Als mich Freddy hereinließ, nutzte Rags die Gelegenheit, ins Haus zu schlüpfen. Er folgte Freddy und mir auf dem Weg in die Bibliothek, wo Nord auf dem Sofa lag, auf einen Berg aus Kopfkissen gestützt und in eine Wolldecke gewickelt. »Ich habe mich von Freddy nach unten bringen lassen«, erklärte er. »Oben habe ich es keine Minute mehr ausgehalten.« Rags sprang aufs Sofa, stolzierte an Nords Körper entlang und schnupperte an seinem Atem. »Sie sehen besser aus«, sagte ich. »Und Ihre Wangen haben Farbe bekommen.« »Das ist nur vorübergehend, aber ich nehme, was ich kriegen kann. Sie haben sicher etwas herausgefunden, sonst wären Sie nicht so schnell wiedergekommen.« Ich erzählte ihm von der Benzinrechnung, meiner Fahrt nach Perdido und dem Besuch im Spielsalon. Weiter berichtete ich ihm, was ich über Rebas Verluste beim Pokern am Montagabend erfahren hatte. Es erschien mir sinnlos, ihn mit dem Verdacht zu quälen, dass sie fünfundzwanzigtausend Dollar, gestohlen hatte, und so ließ ich diesen Teil aus. »Reba hat eine Stripperin namens Misty Raine erwähnt, eine ehemalige Zellengenossin von ihr. Offenbar ist Misty nach Reno gezogen, nachdem ihre Bewährungsfrist abgelaufen war. Wenn Reba am Spielen ist, wäre es vielleicht klug von ihr, sich einen Ort zu suchen, an dem sie unauffällig agieren kann –« »Und dann versucht sie vielleicht, bei dieser Freundin unterzukommen«, ergänzte Nord, während er gedankenverloren den Kater streichelte. »Genau. Außerdem kann sie dann, statt Geld für ein Zimmer auszugeben, alles an den Spieltischen verpulvern und auf Gewinne hoffen. Laut Telefonauskunft gibt es in Reno jemanden namens ›M. Raine‹, allerdings ohne Adressangabe.« »Aber wäre eine Reise nach Reno nicht ein Verstoß gegen ihre Bewährungsauflagen?« »Das ist das Spielen auch«, entgegnete ich. »Es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass sie zurückkommt, ehe sie vermisst wird. Allerdings behagt es mir überhaupt nicht, dass sie dieses Risiko eingeht. Ist sie schon einmal in Reno gewesen?« »Oft«, antwortete Nord. »Aber woher wollen Sie wissen, dass sie dort ist? Ihre Freundin wird es wohl kaum zugeben.« »Das glaube ich auch. Und Reba hat Reno nicht erwähnt?« »Mit keinem Wort.« »Was ist mit Ihrem Telefonanbieter? Sie könnten nicht vielleicht nachfragen, was für Ferngespräche in den letzten sieben Tagen geführt worden sind? Wenn Mistys Nummer auftaucht, wäre das zumindest ein Hinweis darauf, dass die beiden Kontakt hatten.« »Ich kann es versuchen.« Ich holte das Telefonbuch, wählte an seiner statt die Nummer und fragte mich bis zur Rechnungsabteilung durch, ehe ich ihm den Hörer reichte. Er stellte sich mit Namen und, Telefonnummer vor und erklärte sein Anliegen. Auf höchst gekonnte und überzeugende Weise ersann er eine Geschichte über einen Besucher von außerhalb, der etliche Ferngespräche geführt, aber vergessen habe, sich nach Dauer und Kosten zu erkundigen. Nachdem er der Frau sein Anliegen plausibel gemacht hatte, notierte er sich eine Nummer mit der Vorwahl 702, an die drei Anrufe gegangen waren. Er bedankte sich, legte auf und reichte mir den Zettel. »Ich fürchte nur, dass Sie damit noch immer keine Adresse haben.« »Aber ich habe einen Freund bei der Polizei. Er kann mir bestimmt weiterhelfen.«, Als ich das Haus der Laffertys verließ, war es fast fünf Uhr. Es war sinnlos, noch einmal ins Büro zu fahren, und so machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich schloss die Tür auf und warf meine Tasche auf einen Stuhl. Cheney hatte zwei verdrossene Nachrichten hinterlassen und wollte wissen, wo zum Teufel Reba blieb, da sie ihre Verabredung mit Vince um ein Uhr und den Termin mit den FBI-Leuten um vier Uhr versäumt hatte. Ich wählte Cheneys Pager an, gab meine Nummer ein und wartete, dass das Telefon klingelte, was es zehn Minuten später tat. »Du hast angerufen?« »Du musst mir einen Gefallen tun. Kannst du eine Telefonnummer in Reno überprüfen und mir die Adresse dazu besorgen?« »Und wem gehört die?« »Der Freundin einer Freundin.« »Geht es um Reba?« »Um wen sonst?« Er überlegte kurz. »Sie hat mittlerweile mehr Ärger am Hals, als sie ahnt. Falls sie da oben ist, wäre es für alle Beteiligten das Beste, sie von der Polizei in Reno abholen zu lassen.« »Das ist eine Möglichkeit«, erwiderte ich. »Andererseits bist du aber auf ihre Mitarbeit angewiesen. Ich überlege, ob ich nicht nach Reno fahren und sie zum Zurückkommen überreden soll – vorausgesetzt, ich finde sie.« »Weiß Holloway, dass sie verschwunden ist?« »Wohl kaum, aber Reba hat erst am Montag wieder einen Termin bei ihr, womit uns fünf Tage bleiben, bis sie vermisst wird. Ich will nichts hinter Priscillas Rücken tun, also sag es ihr, ruhig, wenn du willst. Oder …« »Oder was?« »Du kannst es auch deinen Kumpels vom Fiskus erzählen und fragen, was sie dazu meinen. Vielleicht ist Rebas Bedeutung für sie vorrangig, und sie können sich mit ihrer Bewährungshelferin einigen. Es bleibt noch genug Zeit, Priscilla zu verständigen, wenn Reba erst einmal vernommen worden ist.« »Gib mir die Nummer in Reno. Ich sage dir dann Bescheid.« »Sprich erst mit Vince, und ich gebe dir anschließend die Nummer. Dann sehen wir weiter.« »Vertraust du mir nicht?« »Natürlich vertraue ich dir. Aber er ist mir nicht ganz geheuer.« »Wie steht’s mit heute Abend? Sollen wir uns bei Rosie treffen? Ich muss noch zwei Berichte schreiben, aber das dauert nicht lang.« »Klingt gut.« »Dann bis bald.« Ich ließ meine Tür angelehnt und ging durch den Innenhof zu Henry hinüber. Seine Küchentür stand offen, und ich klopfte an den Rahmen. »Henry? Ich bin’s.« »Komm rein. Ich bin gleich da«, rief er. Auf einer der hinteren Herdplatten köchelte ein Topf selbst gekochte Suppe, was ich als ein gutes Zeichen auffasste. Henry kocht oder bäckt nur selten, wenn er schlechter Stimmung ist. Sein Glas Black Jack mit Eis stand auf dem Küchentisch, und die Zeitung wartete ordentlich gefaltet auf seinem Schaukelstuhl auf ihn. Eine frisch entkorkte Flasche Chardonnay stand in einem Weinkühler auf der Arbeitsfläche. Henry kam mit einem Stapel sauberer Handtücher den Flur entlang. »Du hättest dir ein Glas Wein einschenken sollen. Den habe ich für dich, aufgemacht. Ich möchte nämlich etwas mit dir besprechen. Hast du einen Moment Zeit?« Er legte die Handtücher in eine Schublade, nahm ein Weinglas aus dem Küchenschrank und füllte es bis zur Hälfte. »Danke. Ich habe jede Menge Zeit. Außerdem bin ich sowieso nicht mehr auf dem Laufenden. Wie geht’s dir denn?« »Danke, gut. Und dir?« Er setzte sich wieder in den Schaukelstuhl und trank einen Schluck Whiskey. »Alles in Ordnung«, erwiderte ich. »So, nachdem wir nun die Grundlagen geklärt haben, könntest du mir ja sagen, was du auf dem Herzen hast, oder?« Er lächelte. »Ich habe mir Folgendes überlegt: Meine Beziehung zu Mattie ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Im Moment hat sie die Zügel in der Hand, und es bringt nichts, mich aufzudrängen, wenn sie kein Interesse hat. Das ist der Lauf der Welt. Wir kannten uns noch nicht lange, und es gibt alle möglichen Gründe dafür, warum es nicht funktioniert hat – Alter, geografische Entfernung –, aber die Einzelheiten sind nicht von Belang. Jedenfalls habe ich gemerkt, dass es mir gefällt, jemanden an meiner Seite zu haben. Es hat mir neuen Elan gegeben, selbst mit meinen siebenundachtzig Jahren. Und da habe ich mir gedacht, es wäre gar keine so schlechte Idee, ein oder zwei Anrufe zu tätigen. Es gab mehrere Frauen auf der Kreuzfahrt, die einen lebhaften und netten Eindruck gemacht haben. Mattie mag einzigartig sein, aber darum geht es nicht.« Er hielt inne. »Weiter bin ich noch nicht gekommen, aber mich würde deine Meinung zu der Angelegenheit interessieren.« »Ich finde, es klingt prima. Nachdem du von der Kreuzfahrt zurück warst, haben dir unzählige Frauen Nachrichten auf den Anrufbeantworter gesprochen.« »Das war mir peinlich.« »Warum?« »Ich bin altmodisch. Man hat mir beigebracht, dass die, Männer der aktive Part sein sollen, nicht die Frauen.« »Die Zeiten haben sich geändert.« »Zum Besseren?« »Gut möglich. Wenn dir jemand begegnet, der dir sympathisch ist, kannst du doch auf ihn zugehen, oder? Dagegen spricht überhaupt nichts. Wenn es klappt, klappt es, und wenn nicht, auch gut.« »Das habe ich mir auch gedacht. Es gibt eine Frau namens Isabelle, die hier in Santa Teresa wohnt. Sie ist achtzig, also altersmäßig näher bei mir. Sie tanzt gern, was ich schon seit Urzeiten nicht mehr gemacht habe. Und es gibt noch eine andere namens Charlotte. Sie ist achtundsiebzig und noch als Immobilienmaklerin aktiv. Sie lebt in Olvidado, das ist nicht so weit«, sagte er. »Meinst du, ich soll es erst bei der einen und dann bei der anderen versuchen?« »Melde dich ruhig bei beiden. Probier’s einfach aus. Je mehr, desto besser.« »Gut. Dann mache ich das.« Er stieß sein Glas gegen meines. »Wünsch mir Glück.« »Alles Glück der Welt.« Ich beugte mich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Ich setzte mich in meine Lieblingsnische in Rosie’s Tavern, das ist die ganz hinten, wo ich gleichzeitig ein Glas Wein trinken und das Lokal im Auge behalten kann. Seit sieben Jahren bin ich Stammgast bei Rosie und weiß weder, wie die Männer heißen, die schon tagsüber hier trinken, noch kenne ich die Namen der anderen Stammgäste. Rosie ist die einzige Verbindung zwischen uns, und ich glaube, wenn die anderen Gäste und ich unsere Eindrücke verglichen, würden wir alle die gleichen Kritikpunkte nennen. Wir würden darüber jammern, wie sie uns piesackt, uns aber insgeheim etwas darauf einbilden und ihre Misshandlungen, als Zeichen dafür nehmen, wie viel wir ihr bedeuten. William stand hinter der Bar. Sowie ich kam, hatte ich mir bei ihm den Wein geholt, den er immer gleich einschenkte, wenn er mich das Lokal betreten sah. Er hatte alle Hände voll zu tun, sonst hätte er mir garantiert von seinen jüngsten ärztlichen Untersuchungsergebnissen berichtet. In meiner Nische angelangt, trank ich einen Schluck von dem Weißwein, der so massiv an Essig erinnerte, dass er mich fast zur Abstinenzlerin gemacht hätte. Cheney hatte binnen weniger Minuten zurückgerufen und mir mitgeteilt, dass Vince sich für die persönliche Vorgehensweise ausgesprochen hatte. Seinen Segen gab er mir unter der Bedingung, dass auch er die besagte Telefonnummer erhielt, und so nannte ich Cheney die Nummer, die Nord für mich erfragt hatte. Zwar vertraute ich auf Vince Turners Verschwiegenheit, doch ich hatte Angst, dass das FBI Wind von der Sache bekommen und Ärger machen würde. Ich rief noch einmal bei Nord an, um ihm zu sagen, dass ich am nächsten Morgen losfahren würde. Er hatte sich erboten, die Reisekosten zu übernehmen, und ich hatte akzeptiert. Sämtliche wohltätigen Impulse traten rasch hinter der Notwendigkeit zurück, meine Rechnungen zu bezahlen. Ich hatte einen Taschenatlas dabei und blätterte nun zwischen Südkalifornien und der westlichen Grenze zu Nevada hin und her, um meine Route auszutüfteln. Am vernünftigsten wäre, den Highway 101 bis zum Highway 126 zu nehmen, dann nach Osten bis zum Highway 5 zu fahren und auf diesem in nördlicher Richtung bis Sacramento, wo ich auf den Highway 80 träfe, der mich direkt ins nordöstlich gelegene Reno brächte. Falls Cheney mir Mistys Adresse nicht besorgen konnte, würde ich auf die altmodische Methode zurückgreifen, nämlich in der Stadtbibliothek das umgekehrte Telefonbuch konsultieren, in dem die Nummern in numerischer Reihenfolge aufgeführt und mit der dazu gehörenden Adresse versehen sind. Ehe ich mich auf den Weg machte, wollte ich noch beim Auto-, mobilclub vorbeifahren und mir einen richtigen Straßenatlas holen. Eigentlich brauchte ich keinen, aber ich mag die weiße Spiralbindung und den orangefarbenen Pfeil, der die Seite hinaufwandert. Das gibt mir das Gefühl, dass ich für meinen jährlichen Mitgliedsbeitrag einen Gegenwert bekomme. Ich überlegte weiter und stellte in Gedanken eine Liste der Kleider und Toilettenartikel auf, die ich einpacken musste. Auf einmal legte sich eine Hand auf meine Schulter. Lächelnd blickte ich auf, voller Vorfreude auf Cheney. Beck setzte sich mir gegenüber auf die Bank. »Sie freuen sich ja richtig, mich zu sehen.« »Ich hatte jemand anders erwartet«, entgegnete ich und musterte ihn. Er trug Chinos, Freizeithemd und Windjacke. Er lachte und dachte wohl, ich hätte einen Witz gemacht. Beiläufig schlug ich den Atlas zu und legte ihn neben mir auf den Sitz, ehe ich mich nach rechts beugte, als würde ich zum Eingang spähen. »Haben Sie Reba nicht mitgebracht?« »Nein. Deswegen bin ich ja hier. Ich bin auf der Suche nach ihr.« Sein Blick wanderte zu meinem Atlas. »Wollen Sie verreisen?« »Nur in der Fantasie. Ich habe viel zu viel Arbeit, um wegzufahren.« »Ach so. Sie sind ja Privatdetektivin. Woran arbeiten Sie denn gerade?« Wie viele und was für Fälle ich bearbeitete, interessierte ihn nicht die Bohne, solange es nicht um ihn ging. Vermutlich wollte er mich aushorchen, um zu erfahren, ob ich Teil der offiziellen Verschwörung war, mit der man ihn zur Strecke bringen wollte. »Das Übliche«, antwortete ich. »Eine Personensuche, ein paar Ermittlungen über die Vorgeschichte von Bewerbern für die Bank of Santa Teresa. Solches Zeug eben.« Ich plapperte noch ein wenig weiter und dachte mir einfach irgendetwas aus. Mit der Zeit bekam er glasige Augen,, und ich hoffte inständig, dass ich ihn zu Tode langweilte. Ich blickte rechtzeitig auf, um Rosie durch die Schwingtür aus der Küche kommen zu sehen. Bei Becks Anblick leuchteten ihre Augen wie die eines Terriers, wenn er eine Ratte sieht. Schnurstracks eilte sie auf unsere Nische zu, kaum fähig, ihre Freude zu unterdrücken. Beck fasste sich und stand auf. Er streckte ihr die Hand entgegen, ehe er sich vorbeugte und ihr einen Kuss auf die Wange drückte. »Rosie, Sie sehen wunderbar aus. Sie haben sich die Haare machen lassen.« »Ist selbst gemacht. Heim-Dauerwelle.« Soweit ich es beurteilen konnte, sah ihr Haar genauso aus wie immer – schlecht gefärbt und schlecht geschnitten. Bescheiden senkte sie den Blick. »Ich weiß, was Sie wollen. Scotch. Doppelte mit Eis, Wasser extra. Und vierundzwanzig Jahr alte, nicht zwölf.« »Sehr gut. Kein Wunder, dass Ihnen Ihre Gäste treu bleiben.« Ich dachte, sie würde die Schmeichelei durchschauen, doch sie saugte alles auf und hätte fast einen kleinen Knicks gemacht, ehe sie davoneilte, um ihm seinen Drink zu holen. Er setzte sich wieder und sah ihr mit einem wohlwollenden Lächeln nach, als wäre es ihm nicht komplett schnuppe. Schließlich lenkte er seinen Blick erneut auf mich. Er war ein sehr, sehr kalter Mann. Die fehlenden fünfundzwanzigtausend hatten ihn in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Jetzt war er auf der Pirsch und wollte wissen, wer seine Feinde waren. Ich verschränkte die Arme und lehnte mich vor, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt. Es hatte etwas Beruhigendes, in Gesellschaft eines Menschen zu sein, den ich derart verabscheute. Ich brauchte keinen Gedanken daran zu verschwenden, wie ich ihn beeindrucken könnte, was mir gestattete, mich auf das anstehende Geplänkel zu konzentrieren. »Wie war’s in Panama City?« »Schön. Prima. Die Probleme sind erst aufgekommen, als ich, wieder hier war. Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass Sie und Reba sich Ärger eingehandelt haben, während ich weg war.« »Ich? Na so was. Was hab ich denn angestellt?« »Sie wissen nicht, was ich meine?« »Wir sind im Einkaufszentrum bummeln gewesen, wenn es das ist.« »Der große Kriegsrat mit Marty. Worum ging es da?« Ich blinzelte zweimal und gab vor, schwer von Begriff zu sein, ehe ich so tat, als würde es mir langsam dämmern. »Am Freitagabend? Da ist er uns im Einkaufszentrum über den Weg gelaufen. Als die Läden zugemacht haben, sind wir ins Dale’s gegangen und haben uns dieses Chili bestellt, von dem man garantiert Dünnpfiff kriegt. Oh, Mann. Haben Sie das Zeug schon mal gegessen? Der totale Hammer –« »Das reicht. Erzählen Sie weiter.« »Entschuldigung. Jedenfalls ist Marty hereingekommen. Er hat sich gefreut, Reba zu sehen. Sie hat uns miteinander bekannt gemacht, und wir haben ein bisschen geplaudert. Das war alles.« Er musterte mich distanziert. Zufrieden war er noch nicht. »Worüber haben Sie gesprochen?« »Über nichts Besonderes. Ich lerne den Typen kennen, ich bin freundlich. Weiter war nichts. Was kümmert es Sie?« »Sie haben nicht über mich gesprochen?« »Über Sie? Kein Wort. Ihr Name ist kein einziges Mal gefallen.« »Was dann?« »Was meinen Sie mit ›was dann‹?« »Wo sind Sie dann hingegangen?« Ich zuckte die Achseln. »Ins Büro. Marty hat von den neuen Räumen geschwärmt und gemeint, er würde uns alles zeigen, also haben wir einen schnellen Rundgang gemacht. Er hat gleich, gesagt, Sie wären bestimmt wütend, wenn Sie davon hören. Geht es darum?« »Ich glaube nicht, dass das schon alles war. War da nicht noch was?« »Hm, mal sehen. Ach. Ja, das war wirklich weltbewegend. Ich habe meine Tasche auf dem Dach stehen lassen, und dann mussten wir am nächsten Tag noch mal hin und sie suchen. Das war vielleicht nervig.« Rosie brachte Becks Scotch auf einem Tablett. Wir unterbrachen unser Gespräch und lächelten sie dümmlich an, während sie feierlich ein Deckchen hinlegte und das Glas darauf stellte. Beck brummte sein Dankeschön, ohne sie erneut in ein Gespräch zu verwickeln. Sie zögerte, wohl in der Hoffnung auf eine weitere Runde Liebedienerei und Komplimente, doch er konzentrierte sich ganz auf mich. Am liebsten wäre es mir gewesen, sie hätte sich zu uns gesetzt und uns den Rest des Abends voll gelabert. Stattdessen warf sie mir einen verschwörerischen Blick zu, der mir sagte, dass sie eine Liebesgeschichte zwischen uns aufkeimen sah. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ich mir verzweifelt den Kopf darüber zerbrach, wie viel Beck wusste und woher er seine Informationen hatte. Falls er sich die Bänder aus den Überwachungskameras angesehen hatte, musste ich jeden unserer Besuche im Haus erklären können. Mir war klar, dass mein neunmalkluges Gerede ihm gehörig auf die Nerven ging, doch es musste sein. Rosie sonderte noch ein bisschen Smalltalk ab, ehe sie verschwand. Ich sah Beck an und wartete auf seinen nächsten Schachzug. Er griff nach seinem Glas und trank einen Schluck, während er mich über den Rand hinweg musterte. »Clever. Sie erklären das alles so schön, aber irgendwie könnte ich schwören, dass Sie lügen wie gedruckt.« »Da eilt mir wohl mein Ruf voraus. Ich bin eine gute Lügnerin.«, Er stellte sein Glas neben dem Deckchen ab. Das Kondens- wasser am Boden zeichnete einen feuchten Kreis auf den Tisch. »Wo ist sie?« »Reba? Keine Ahnung. Wir sind keine siamesischen Zwillinge.« »Tatsächlich? Da sind Sie die ganze Zeit mit ihr zusammen gewesen, und jetzt haben Sie auf einmal keine Ahnung? Sie muss doch irgendwas erwähnt haben.« »Ich glaube, da haben Sie einen falschen Eindruck gewonnen. Wir sind nicht befreundet. Ihr Vater hat mich dafür bezahlt, dass ich sie abhole. So eine Art Freundin bin ich. Ich habe sie zu ihrer Bewährungshelferin und zur Zulassungsstelle gefahren. Sie war einsam. Wir sind zusammen essen gegangen –« »Vergessen Sie das Bubbles nicht.« »Na und? Ja, wir sind ins Bubbles gegangen. Sie hat mir eben Leid getan. Sie hat keinerlei Freundinnen, außer Onni, und die behandelt sie wie ein Stück Dreck.« Er dachte kurz nach und entschied sich für eine andere Taktik. »Was hat sie Ihnen über mich erzählt?« Ich versuchte, ebenso große Augen zu machen wie Reba, wenn sie die Naive gab. »Über Sie? Ach du liebe Zeit. Sie hat mir erzählt, dass Sie sie neulich abends im Auto fast um den Verstand gevögelt haben. Eigentlich wollte sie mir haarklein schildern, wie groß Ihr Schwanz ist, und ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten. Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber ich finde Sie nicht annähernd so faszinierend wie Reba. Abgesehen von unserem momentanen Gespräch. Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?« »Auf gar nichts. Aber vielleicht habe ich Sie falsch eingeschätzt.« »Das bezweifle ich, aber was soll’s? Anscheinend sind Sie derjenige, der Ärger hat, und das projizieren Sie jetzt auf uns.«, Vielleicht hatte ich es etwas übertrieben, denn der Blick, mit dem er mich nun ansah, behagte mir ganz und gar nicht. »Wie kommen Sie darauf?« »Na ja, Sie quasseln mir hier die Ohren voll, und ich habe keine Ahnung, was Sie eigentlich wollen. Seit Sie sich zu mir gesetzt haben, bombardieren Sie mich mit Fragen.« Er schwieg etwa fünfzehn Sekunden lang – ein langer Zeitraum in einem Gespräch dieser Art. Dann sagte er: »Ich glaube, sie hat mir Geld gestohlen, als sie neulich in meinem Büro war.« »Ah. Verstehe. Das ist eine massive Beschuldigung.« »Allerdings.« »Warum zeigen Sie die Sache nicht bei der Polizei an?« »Ich kann nicht beweisen, dass sie es war.« Ich schüttelte den Kopf. »Klingt in meinen Ohren seltsam. Ich war ja dabei, als wir den Rundgang durchs Büro gemacht haben, und sie hat nichts angefasst. Ich übrigens auch nicht. Ich hoffe, Sie glauben nicht, dass ich etwas damit zu tun habe. Ich kann meine Unschuld beschwören.« »Sie machen mir keine Sorgen. Nur Reba.« »Sie machen sich Sorgen?« »Ich glaube, sie steckt in der Klemme. Ich möchte auf keinen Fall, dass ihr etwas zustößt.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Sie haben Recht. Tut mir Leid. Ich habe es völlig falsch angefangen. Entschuldigen Sie. Frieden?« »Wir brauchen nicht extra Frieden zu schließen. Ich mache mir auch Sorgen um Reba. Sie raucht mittlerweile wieder eine ganze Schachtel am Tag, und nur Gott weiß, was sie sonst noch treibt. Heute Morgen hat sie von Alkohol und Pokerrunden geredet. Das hat mir wirklich Angst eingejagt.«, »Ich wusste nicht, dass Sie sie gesehen haben.« »Aber sicher. Habe ich das nicht erwähnt?« »Nein, aber das macht nichts. Ich habe kein Wort mehr von ihr gehört, seit ich zurück bin. Normalerweise ruft sie sofort an und zupft mich am Ärmel. Sie kennen sie ja. Sie neigt zum Klammern.« »Wie wahr. Hören Sie, sie hat mir vorgeschlagen, morgen mit ihr essen zu gehen. Ich kann ihr ja ausrichten, dass sie Sie anrufen soll.« Er lächelte reserviert und versuchte mir zu glauben. Zugleich spürte ich aber den Argwohn, mit dem er meine Äußerungen auf falsche Töne untersuchte. Da ich eine erstklassige Lügnerin bin, könnte ich auch einen Test mit dem Lügendetektor bestehen, bei dem ich einen Mord leugne, während mir das Blut noch von den Fingern tropft. Er fasste herüber und tippte mir auf die Hand, eine Geste, die ich ihn bereits bei Reba hatte machen sehen. Ich fragte mich, was es bedeuten sollte, eine Art Aufforderung vielleicht … du bist dran. »Ich hoffe, ich habe mich nicht danebenbenommen. Sie sind echt in Ordnung«, sagte er. »Danke. Sie auch«, erwiderte ich und tippte ihm meinerseits auf die Hand. Er schob sich aus der Nische. »Jetzt lasse ich Sie lieber in Ruhe. Ich habe Ihnen schon genug Zeit gestohlen. Tut mir Leid, wenn ich unhöflich war. Ich wollte Sie nicht in die Mangel nehmen.« »Hey, das verstehe ich. Bleiben Sie ruhig hier, und trinken Sie noch einen, wenn Sie wollen.« »Nein, ich muss los. Aber sagen Sie Reba, dass ich sie suche.« »Was haben Sie denn morgen für Pläne? Sind Sie den ganzen Tag im Büro?« »Allerdings. Ich warte auf Rebas Anruf.« Viel Glück, dachte ich, während ich ihn durchs Lokal gehen, sah, und versuchte, ihn so wahrzunehmen wie bei unserer ersten Begegnung. Da hatte ich ihn sexy und attraktiv gefunden, doch diese Vorzüge waren dahin. Jetzt sah ich ihn, wie er war – ein Mann, der es gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Die Welt drehte sich um ihn, und andere waren lediglich dazu da, seinen Launen zu entsprechen. Ob er wohl fähig war zu töten? Möglicherweise. Vielleicht nicht eigenhändig, aber er hätte es delegieren können. Verspätet lief mir ein warmer Tropfen Schweiß den Rücken hinab. Ich holte tief Luft, und als Cheney auftauchte, war ich wieder ruhig, aber auch ein wenig verwirrt. Er rutschte neben mir auf die Bank und schob mir ein gefaltetes Blatt Papier hin. »Sag bloß nicht, ich hätte dir nie einen Gefallen getan. Die Adresse ist ein gemietetes Haus. Misty wohnt seit dreizehn Monaten dort.« »Danke.« Ich warf einen Blick auf die Adresse und steckte das Blatt ein. »Was gibt’s zu schmunzeln? Du wirkst ziemlich selbstzufrieden.« »Wie lange kenne ich dich? Zwei Jahre, stimmt’s?« »Mehr oder weniger. Richtig kennst du mich erst seit letzter Woche.« »Weißt du, was mir aufgefallen ist? Ich habe dich nie angelogen.« »Das will ich hoffen.« »Ich meine es ernst. Ich bin eine geborene Lügnerin, aber dich habe ich bisher nie angelogen. Damit fällst du in eine ganz eigene Kategorie … na gut, abgesehen von Henry. Den habe ich, glaube ich, auch noch nie angelogen. Jedenfalls nicht bei etwas Wichtigem.« »Das hört man gern. Vor allem gefällt mir, dass du ›bisher‹ sagst. Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der so etwas sagt und sich auch noch einbildet, es sei ein Kompliment.«, Rosie kam wieder an den Tisch, und als sie Cheney entdeckte, warf sie mir einen fragenden Blick zu. Sie sah mich selten mit einem Mann, geschweige denn mit zweien an einem Abend. Cheney bestellte sich ein Bier. Als sie weg war, stützte ich das Kinn auf die Faust, um ihn anzusehen. Sein Gesicht war glatt, und nur an den Außenwinkeln seiner Augen war ein hauchdünnes Netz von Fältchen zu erkennen. Er trug ein dunkles Wildledersakko im Farbton von Kaffeesatz. Dazu ein beiges Hemd und eine braune Seidenkrawatte, die leicht schief hing. Ich fasste hinüber und rückte sie gerade. Er ergriff meine Hand und küsste mich auf den Zeigefinger. Ich lächelte. »Hattest du schon mal eine Affäre mit einer älteren Frau?« »Sprichst du von dir? Da muss ich dich aufklären, Kindchen. Ich bin älter als du.« »Bist du nicht.« »Ich bin neununddreißig. April 1948.« Er zückte seine Geldbörse, klappte sie auf, nahm seinen Führerschein heraus und hielt ihn mir hin. »Wahnsinn. Du bist Jahrgang 1948?« »Was hast du gedacht, wie alt ich bin?« »Jemand hat mir gesagt, du seist vierunddreißig.« »Lügen. Nichts als Lügen. Du darfst kein Wort von dem glauben, was du auf der Straße hörst.« Er steckte seinen Führerschein wieder in die Geldbörse, klappte sie zu und steckte sie in die Hosentasche. »Dann hast du dich ja noch besser gehalten, als ich dachte. Sag mir noch mal Tag und Monat. Ich habe nicht genau hingesehen.« »Am achtundzwanzigsten April. Ich bin Stier, genau wie du. Deshalb verstehen wir uns ja so gut.« »Stimmt das?«, »Klar. Schau uns doch an. Wir sind Erdzeichen. Wir sind die Pfadfinder des Tierkreises. Entschlossen, praktisch, zuverlässig, gerecht, stabil – anders ausgedrückt sterbenslangweilig. Auf der anderen Seite sind wir eifersüchtig, besitzergreifend, eigensinnig und selbstgerecht – also ganz sympathisch, oder? Wir hassen Veränderungen. Wir hassen Unterbrechungen. Wir hassen es, gehetzt zu werden.« »Glaubst du das wirklich alles?« »Nein, aber du musst zugeben, dass etwas dran ist.« Rosie brachte Cheneys Bier. Ich sah ihr an, dass sie gern ein bisschen geblieben wäre, um Bruchstücke unserer Unterhaltung aufzuschnappen. Doch wir hüllten uns beide in Schweigen, bis sie wieder weg war. »Beck war hier«, sagte ich schließlich. »Du wechselst das Thema. Ich würde lieber über uns sprechen.« »Voreilig.« »Dann könnten wir ja vielleicht über dich reden.« »Kommt nicht infrage.« »Zum Beispiel gefällt es mir, dass du dich nicht schminkst.« »Ich war zweimal geschminkt. Am ersten Tag beim Mittagessen und dann neulich abends.« »Ich weiß. Daran habe ich ja gemerkt, dass ich Chancen habe, dich ins Bett zu kriegen.« »Cheney, wir müssen über Reba sprechen. Ich fahre morgen in aller Herrgottsfrühe nach Reno. Wir müssen am selben Strang ziehen.« Sein Gesichtsausdruck wurde etwas sachlicher, und ich merkte, wie er auf Arbeitsmodus umschaltete. »Okay, aber zieh’s nicht zu sehr in die Länge. Wir haben auch noch was Besseres zu tun.«, »Zuerst die Arbeit.« »Ja, Ma’am.« Die nächsten zehn Minuten sprachen wir über Reba und Beck – was er gesagt hatte, was ich gesagt hatte und was es bedeutete, falls es überhaupt eine Bedeutung hatte. Cheney wollte am nächsten Morgen Priscilla Holloway anrufen und sie auf den neuesten Stand bringen. Er hielt den direkten Ansatz für günstiger, als das Risiko einzugehen, dass sie von selbst dahinter- kam. Er würde sie an Vince Turner verweisen, damit die beiden ihre Wünsche aufeinander abstimmen konnten. Wenn Holloway Reba festnehmen lassen wollte, umso besser für ihn. Vince wäre überglücklich, sie hinter Schloss und Riegel zu wissen. »Können wir jetzt gehen?«, fragte Cheney schließlich. »Dieses ganze Gerede über Kriminelle macht mich scharf.«, Die Fahrt von Santa Teresa nach Reno dauerte neun Stunden, eingeschlossen zwei Pinkelpausen und eine Viertelstunde zum Mittagessen. In den ersten sieben Stunden schaffte ich es bis Sacramento, wo der Highway 80 den Highway 5 kreuzt und den langsamen Anstieg zum Donner-Pass beginnt, der sich bis auf 2175 Meter erhebt. Der Rauch mehrerer Buschbrände im Tahoe National Forest hatte die Luft mit einem blassbraunen Schleier durchzogen, der mich bis über die Staatsgrenze nach Nevada begleitete. Ich erreichte Reno zur Abendessenszeit und drehte zuerst eine Runde durch die Straßen, um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen. Die meisten Häuser hatten zwei oder drei Stockwerke und wurden hin und wieder von einem Hotelklotz überragt. Abge- sehen von den Spielkasinos schienen die meisten Läden darauf spezialisiert, Bargeld flüssig zu machen. Das vorherrschende Thema waren billiges Essen und Leihhäuser, und das Wort »WAFFEN« stand groß auf zwei von sieben Schildern. Ich quartierte mich in einem wenig reizvollen Motel im Herzen der Stadt ein, dessen Hauptattraktion darin bestand, dass es direkt neben einem McDonald’s lag. Nach dem Einchecken suchte ich mir den Weg zu meinem Zimmer im ersten Stock und stellte meine Reisetasche aufs Bett. Bevor ich wieder ging, schnappte ich mir das örtliche Telefonbuch, das in der Nachttischschublade lag. Ich ging nach unten, legte das Telefonbuch ins Auto und marschierte zu McDonald’s, wo ich mir einen Fensterplatz suchte und mir zwei doppelte Cheeseburger gönnte. Dem Straßenatlas vom Automobilclub zufolge lag Carson City – der letzte bekannte Wohnsitz des verflossenen Robert Dietz – nur dreißig Meilen weit weg. Wegen Cheney dachte ich ohne, Bitterkeit an Dietz, aber auch ohne großes Interesse. Während ich in Ketchup getunkte Pommes aß, schlug ich die Seite mit dem Stadtplan von Reno auf und suchte die Straße, in der Misty Raine angeblich zurzeit wohnte. Es war nicht weit weg, und so beschloss ich, als Nächstes dort vorbeizufahren. Ich entsorgte meinen Müll und kehrte zum Wagen zurück. Den Stadtplan aufs Lenkrad gestützt, suchte ich mir den Weg. Er führte mich durch ärmliche Viertel mit Kiefern, Maschen- drahtzäunen und einstöckigen Häusern mit Gips- oder Backsteinfassade. Obwohl es schon sieben war, war das Licht noch ausreichend. Die Luft war heiß und trocken und roch nach Kiefernharz und den in den kalifornischen Waldbränden verkohlten Eichen. Die Temperaturen würden fallen, sobald die Sonne untergegangen war. Die Rasenflächen, an denen ich vorüberkam, waren vertrocknet und die Grashalme zu einem weichen Gelbbraun verdorrt. Dagegen waren die Bäume erstaunlich grün, und ihr dichtes, gesundes Laub wirkte im unbarmherzigen, verwaschenen Beige der umliegenden Land- schaft geradezu erfrischend. Vielleicht war all das darauf angelegt, die Spieler drinnen zu halten, wo einen grelle Farben blendeten, die Lufttemperatur stets konstant blieb und alles rund um die Uhr hell erleuchtet war. Ich fand das Haus, das ich gesucht hatte – ein einstöckiger gelber Bungalow in Holzbauweise mit drei mickrigen Fenstern an der Vorderseite. Er hatte braune Zierleisten, und die Tür zu der Einzelgarage war mit Dreiecken in drei vertikalen Reihen verziert, mit Gelb auf Braun gemalt. Zerzauste immergrüne Eichen markierten die Hausecken, während aus den Blumenbeeten entlang der Einfahrt vertrocknete Pflanzenstängel ragten. Ich parkte am anderen Ende der Straße, etwa vier Häuser weiter, von wo aus ich eine gute Sicht auf die Einfahrt hatte. Wenn man jemanden überwacht, besteht immer die Gefahr, dass ein Nachbar bei der Polizei anruft und sich über ein verdächtiges Fahrzeug beschwert, das vor seinem Haus parkt. Um von mir, abzulenken, holte ich zwei orangefarbene Baustellenkegel aus dem Fußraum, ging nach hinten und machte die Motorhaube auf. Dann stellte ich die Kegel daneben, was für den Fall, dass jemand neugierig wurde, Motorprobleme vortäuschen sollte. Neben dem Auto blieb ich stehen und musterte die anderen Häuser. Keine Menschenseele weit und breit. Ich überquerte die Straße und klingelte bei Misty. Nachdem drei Minuten lang nichts passiert war, klopfte ich. Keine Reaktion. Ich lehnte den Kopf an die Tür. Stille. Schließlich ging ich die Einfahrt entlang und inspizierte die mit einem Vorhängeschloss gesicherte Garage, die durch einen kurzen, überdachten Durchgang mit dem Haus verbunden war. Beide Garagenfenster waren geschlossen und die Scheiben mit Farbe zugepinselt. Ich kehrte zur Vorderseite des Hauses zurück. Ein hölzerner Zaun auf der anderen Seite führte in einen deprimierend kahlen Garten. Keinerlei Hinweise auf Haustiere, kein Kinderspielzeug, keine Gartenmöbel und kein Grill. Die Fenster zum Garten waren dunkel. Ich hielt die gewölbten Hände gegen die Scheibe und sah ein Arbeitszimmer vor mir, wie üblich ausgestattet mit Schreibtisch und Drehstuhl, Computer, Telefon und Kopiergerät. Keine Spur von Misty oder Reba. Das enttäuschte mich, nachdem ich mir so sicher gewesen war, dass Reba bei ihr wohnte. Was nun? Ich setzte mich wieder in meinen Käfer, richtete mich auf eine Wartezeit ein und vergnügte mich damit, die Gelben Seiten des geborgten Telefonbuchs durchzublättern. Als mich das langweilte, griff ich nach dem ersten der drei Taschenbücher, die ich zu diesem Zweck eingepackt hatte. Es war beruhigend, dass die meisten der umliegenden Häuser dunkel blieben, was vermuten ließ, dass ihre Bewohner noch in der Arbeit waren. Um zehn nach acht kam ein Ford Fairlane angefahren, der langsamer wurde und in Mistys Einfahrt bog. Im nachlassenden Tageslicht schimmerte der Lack auf der Fahrerseite, als leuchtete er von selbst. Eine Frau stieg aus. Sie trug ein weißes,, rückenfreies Top, enge Jeans und Stilettos ohne Strümpfe. Nachdem sie zwei sperrige Einkaufstüten aus Plastik vom Rücksitz gehievt hatte, marschierte sie zur Haustür, schloss auf und verschwand. Auf ihrem Weg durchs Haus machte sie in einem Zimmer nach dem anderen Licht. Das musste Misty Raine sein, die Frau, die ich suchte. Bis jetzt hatte noch niemand meine Anwesenheit in der Straße beanstandet. Ich stieg aus, holte die orangefarbenen Plastikkegel und stellte sie wieder ins Auto – schließlich wollte ich auf alles vorbereitet sein. Zunächst wandte ich mich jedoch mithilfe einer kleinen Taschenlampe, die ich aus meiner Tasche gekramt hatte, wieder meinem Lesestoff zu. Hin und wieder blickte ich auf, doch das Haus blieb ruhig, und weder kam noch ging jemand. Um zwanzig vor zehn leuchteten Außenscheinwerfer von der Intensität einer Gefängnishofbeleuchtung auf und tauchten die Einfahrt in hartes, weißes Licht. Misty kam heraus, ließ die Lichter im Haus an, stieg in ihren wuchtigen Ford und fuhr rückwärts aus der Einfahrt. Ich wartete fünfzehn Sekunden, ließ den Käfer an und folgte ihr. Ab der ersten Kreuzung herrschte genügend Verkehr, um mir Deckung zu bieten, obwohl Misty meiner Meinung nach keinen Grund zu der Annahme hatte, dass sie verfolgt wurde. Sie fuhr gelassen und vollführte keinerlei abrupte oder trickreiche Manöver, die irgendwelche Befürchtungen in Bezug auf den dreizehn Jahre alten hellblauen VW Käfer hätten vermuten lassen, der drei Wagen hinter ihr fuhr. Unser Weg führte uns in die Stadt. An der East 4th bog sie rechts ab und fuhr nach einem halben Block auf einen kleinen Parkplatz zwischen einem Asien-Restaurant und einem Mini- Supermarkt, auf dessen Markise stand: LEBENSMITTEL * BIER * SPIELAUTOMATEN. Ich drosselte das Tempo und hielt am Straßenrand. Dort breitete ich den Stadtplan von Reno aus und studierte die Straßen. Ich weiß nicht, warum ich mir solche Mühe gab, meine Absichten zu verschleiern. Misty, schien mich überhaupt nicht zu bemerken, und auch sonst kümmerte es keine Menschenseele in Reno, was ich trieb. Ich sah sie den Laden betreten und nutzte die Gelegenheit, um ebenfalls auf den Parkplatz zu fahren, wo ich so nah an der Einfahrt parkte wie möglich. Jede Parklücke war mit Farbe markiert, und eine an die Mauer neben dem Laden angeschlagene Tafel verkündete, dass die Gebührenzahlung auf Treu und Glauben erfolgte. Brav suchte ich nach dem entsprechenden Kästchen und schob die Anzahl von Dollarscheinen hinein, die für mein Gefühl die Parkzeit abdeckten. Ich war derart fasziniert von dieser Demonstration kommunaler Tugend, dass ich Misty erst bemerkte, als sie die Straße bereits halb überquert hatte. Sie futterte einen Schokoriegel und hatte eine Stange Zigaretten unter dem Arm. Ihr Ziel lag direkt vor ihr. Es war ein Striptease-Lokal namens Flesh Emporium. Unter der doppelten Reihe von Glühbirnen, die den Namen bildeten, blinkte ein Neonschild: GIRLS, GIRLS, GIRLS … NACKT, SCHARF UND WILD. Darunter stand in kleineren Lettern: TÄTOWIERUNGEN UND PIERCINGS SOFORT. Und dann noch kleiner: BÜCHER, VIDEOS, LIVE-ZEITSCHRIFTEN. Der Türsteher winkte sie hinein. Ich wartete einen Anstandsmoment ab, ehe ich die Straße überquerte. Sie verlangten zwanzig Dollar Gedeckpauschale, die ich nur sehr ungern entrichtete. Ich bezahlte, nahm mir jedoch vor, den Betrag auf meine Spesenabrechung zu setzen, allerdings so, dass nichts auf bezahlten Sex hinwies. Drinnen tat sich ein Spielsalon bescheidener Größe vor mir auf, in dem dick der Zigarettenrauch hing und alles im Schein der Lichter von hundert einarmigen Banditen schimmerte, die Rücken an Rücken dastanden. Im Vorübergehen vernahm ich die weichgespülte, geistlose Flöten- und Glöckchen-Musik, die beim Spielen aus den Automaten ertönte. An der mit schalldämmenden Platten verkleideten niedrigen Decke hingen zylindrische Spots, Kameras, Rauchmelder und Sprinklerköpfe., An den Spielautomaten war kaum Betrieb, aber weiter drinnen, hinter den Black-Jack-Tischen, gab es eine abgedunkelte Bar, an die sich auf einer Seite eine breite Bühne anschloss. Auf drei grell beleuchteten Plattformen präsentierten sich nackte Tänzerinnen, indem sie sich wanden, hin und her stolzierten und ihre körperlichen Vorzüge darboten. Nichts davon wirkte besonders scharf oder wild. Ich suchte mir einen Tisch ziemlich weit hinten, da ich mich unbehaglich fühlte. Die meisten Besucher waren Männer. Alle tranken, und die meisten beachteten die Brüste und Pos, die vor ihnen paradierten, wenig oder gar nicht. Misty war nirgends zu sehen, doch eine Bedienung namens Joy kam an meinen Tisch und legte eine Cocktailserviette vor mich hin. Paillettenbesetzte Plättchen im Format von Pfefferminztalern schützten ihre Brustwarzen vor unkeuschen Blicken, und über dem, was meine Tante Gin ihre »Scham« genannt hätte, trug sie ein glitzerndes Feigenblatt. Ich bestellte mir eine Flasche Bass Ale, in der Annahme, dass die Geschäftsleitung das nicht verwässern konnte. Als Joy mit meinem Bier und einem Körbchen voll gelb gefärbtem Popcorn zurückkam, bezahlte ich die fünfzehn Dollar, die auf der Rechnung standen, und gab ihr fünf Dollar Trinkgeld. »Ich suche Misty. Ist sie da?« »Sie zieht sich gerade um. Ihr Auftritt steht kurz bevor. Sind Sie eine Freundin von ihr?« »Nicht ganz, aber beinahe.« »Sagen Sie mir Ihren Namen, dann richte ich ihr aus, dass Sie da sind.« »Mein Name wird ihr nichts sagen. Eine Freundin einer Freundin hat gemeint, ich soll mich bei ihr melden, wenn ich in der Gegend bin.« »Wie heißt die Freundin?« »Reba Lafferty.«, »Lafferty. Ich sag’s ihr.« Ich nippte an meinem Bier und aß ein wenig von dem kalten, zähen Popcorn, froh über die Ablenkung, da ich mich nur minimal für den Anblick nackter Frauen erwärmen kann, die mir ihre Hintern entgegenschwenken, wenn auch nur aus der Ferne. Ich hatte mir üppige Körper in der Art von Showgirls vorgestellt, aber nur eine der drei besaß die erforderlichen fußballgroßen Möpse. Wahrscheinlich mussten die beiden anderen noch sparen. Misty hatte sich nicht direkt umgezogen, sondern lediglich die Kleider abgelegt, die sie auf dem Weg zur Arbeit getragen hatte. Ihre Beine waren nackt, und nur ein String und ihre Stilettos waren geblieben. Sie war groß und schlaksig, hatte pechschwarzes Haar, hervorstehende Schlüsselbeine und lange, dünne Arme. Im Gegensatz dazu besaß sie Brüste von geradezu sperrigen Ausmaßen – Brüste, die Rückenschmerzen verursachen und einen BH mit so festen Trägern erfordern, dass sie einem dauerhafte Striemen in die Schultern schneiden, die aussehen wie Felsspalten. Nicht dass ich mit einem solchen Schicksal geschlagen wäre, aber ich habe entsprechende Klagen von anderen Frauen gehört. Unvorstellbar, dass man solche Dinger freiwillig mit sich herumschleppte. Mistys Augen waren groß und grün, doch unter ihnen lagen dunkle Schatten, die nicht einmal das dicke Make-up verbergen konnte. Ich schätzte sie auf über vierzig, konnte aber nicht genau sagen, ob sie nun Anfang oder Ende vierzig war. »Joy sagt, Sie sind eine Freundin von Reba.« Mir war unklar, wie man sich unter Stripperinnen korrekt begrüßte, und so stand ich auf und schüttelte ihr die Hand. »Kinsey Millhone. Ich komme aus Santa Teresa.« »Genau wie Reba«, bemerkte sie. »Wie geht’s ihr denn immer so?« »Ich hatte gehofft, das könnten Sie mir sagen.«, »Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Ich habe Reba seit Jahren nicht gesehen. Sind Sie auf Urlaub in Reno, oder worum geht’s?« »Ich bin auf der Suche nach Reba.« Eine von Mistys Schultern wanderte in einem angedeuteten Zucken nach oben. »Soweit ich zuletzt gehört habe, ist sie im Gefängnis. California Institution for Women.« »Nicht mehr. Sie ist am zwanzigsten dieses Monats entlassen worden.« »Ehrlich? Mann, schön für sie! Ich muss ihr mal schreiben. Die reale Welt ist ein richtiger Schock, wenn man nicht mehr daran gewöhnt ist«, erklärte sie. »Ich hoffe, sie schafft es.« »Die Chancen stehen schlecht. Zuerst hat sie sich ganz gut gehalten, doch in letzter Zeit ist es nicht mehr so toll gelaufen.« »Tut mir Leid, das zu hören, aber warum kommen Sie zu mir?« »Nur so eine Idee.« »Seltsame Idee. Ich arbeite erst seit einer Woche hier. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie mich gefunden haben.« »Mit der Ausschlussmethode. Reba hat mir erzählt, dass Sie als Tänzerin arbeiten. Mit einem Namen wie Ihrem war es dann nicht weiter schwer.« »Ach, kommen Sie. Wissen Sie, wie viele Striplokale es in Reno gibt?« »Fünfunddreißig. Das ist das dreizehnte, in dem ich es versucht habe. Muss meine Glückszahl sein. Können wir ein bisschen plaudern?« »Worüber? Ich fange in zwei Minuten an zu arbeiten, und ich brauche noch Zeit, um meine Mitte zu finden. Solche Auftritte sind hart, wenn man nicht klar im Kopf ist.« »Ich halte Sie nicht lange auf.«, Vorsichtig nahm sie Platz, und ich fragte mich unwillkürlich, ob sich der hölzerne Sitz an ihrem nackten Hintern nicht kalt anfühlte. Besonders angenehm konnte das Gefühl nicht sein, aber sie schrie weder auf, noch äußerte sie sonst irgendwie Unbehagen. »Stochern Sie nur im Nebel, oder wollen Sie etwas Bestimmtes?« »Warum fragen Sie?« »Ich dachte nur, falls ich von ihr höre, kann ich ihr ja Bescheid sagen – vorausgesetzt, es ist nichts Unanständiges.« »Ich habe gehört, sie soll in Reno sein. Ich würde sie gern dazu überreden, nach Kalifornien zurückzukommen, ehe sie es sich mit ihren Bewährungsauflagen komplett verscherzt.« »Ist nicht mein Bier, was sie sich verscherzt. Oder bei wem.« »Ich habe gehört, Sie waren zusammen in einer Zelle.« »Sechs Monate ungefähr. Ich bin vor ihr rausgekommen – wie man sieht.« »Sie hat mir erzählt, dass Sie in Kontakt geblieben sind.« »Warum auch nicht? Sie ist nett, und es macht Spaß, mit ihr zusammen zu sein.« »Wann haben Sie zuletzt von ihr gehört?« Gespieltes Nachdenken. »Muss letztes Weihnachten gewesen sein. Ich habe ihr eine Karte geschickt und sie mir.« Sie sah sich um. »Tut mir Leid, wenn ich das hier abbrechen muss, aber diese Musik ist mein Stichwort.« »Falls sie sich bei Ihnen meldet, richten Sie ihr bitte aus, dass ich in Reno bin. Ich muss sie dringend sprechen.« Ich hatte bereits den Namen des Motels, die Telefonnummer und meine Zimmernummer auf einen Zettel geschrieben, den ich ihr nun reichte, während sie sich erhob. Sie nahm den Zettel, obwohl sie nichts hatte, wo sie ihn hätte unterbringen können, es sei denn, sie steckte ihn sich in den Hintern. »Und wer bezahlt Sie?«, »Rebas Vater.« »Schöner Job. So was Ähnliches wie eine Kautionsjägerin, was?« »Es ist mehr als ein Job. Ich bin mit ihr befreundet und mache mir Sorgen um sie.« »Da würde ich mir keine grauen Haare wachsen lassen. Wenn ich eines über Reba weiß, dann, dass sie selbst auf sich aufpassen kann.« Ich sah ihr nach, wie sie auf die Bar zuging. Die zwei identischen Monde ihres Hinterns wackelten kaum beim Gehen, und die Muskeln in ihren Schenkeln spannten sich bei jedem Schritt an, ehe sie sich wieder entspannten. Stripteasetanz wirkte offenbar besser als Jazz-Dance, außerdem brauchte sie keine Kursgebühren zu entrichten. Ich machte einen Abstecher zur Damentoilette, benutzte die sanitären Einrichtungen und kehrte zu meinem Auto zurück. Nachdem ich den Motor angelassen hatte, blieb ich mit heruntergedrehten Fenstern sitzen und hörte Radio, damit die Zeit schneller verging. Eine Stunde später begann ich allmählich zu befürchten, dass mir entweder bald der Sprit ausging oder ich mich mit meinen eigenen Auspuffgasen vergiftete. Ich stellte Radio und Motor aus und starrte auf die Ziegelmauer vor mir. Sie gab die ideale Leinwand dafür ab, meine jüngsten Erinnerungen an Cheney auf sie zu projizieren, was vermutlich keine so tolle Idee war, da er ja meilenweit entfernt war. Ohne es zu merken, döste ich ein. Als die Scheinwerfer eines vorüberfahrenden Wagens über meine Windschutzscheibe strichen, schreckte ich hoch. Ich sah im selben Moment nach rechts, als Mistys Wagen an meinem vorbeifuhr und langsamer wurde. Sie verließ den Parkplatz und bog nach rechts ab. Ich ließ den Käfer an, fuhr aus der Lücke und erreichte kurz nach ihr die Straße. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es vier Uhr morgens war. Offenbar dauerten ihre Schichten sechs statt der, üblichen acht Stunden, die der normale Arbeiter ableisten muss. Allerdings war auch schwer vorstellbar, dass jemand mehr als zwei Stunden am Stück auf so hohen Absätzen herumturnen konnte. Ich behielt den Ford Fairlane im Blick und ließ ihm so viel Vorsprung, wie ich mir erlauben konnte, ohne ihn ganz aus den Augen zu verlieren. Inzwischen hatte der Verkehr nachgelassen, und viele Läden lagen im Dunkeln. In den großen Kasinos herrschte nach wie vor Hochbetrieb. Misty hielt vor dem Eingang zum Silverado Hotel. Die breite Markise, die sich über die achtspurige Straße zog, war so dicht mit Glühbirnen besetzt, dass die Luft vor künstlicher Hitze zu vibrieren schien. Misty stieg aus und reichte einem Parkwächter ihren Autoschlüssel. Die große Glastür ging automatisch auf und zu, als sie darauf zuging und drinnen verschwand. Zwischen ihrem Wagen und meinem warteten zwei andere Fahrzeuge. Ich sprang heraus und warf meine Schlüssel einem verdrossen blickenden Parkwächter zu, der gerade mit einem Kollegen plauderte. »Könnten Sie den Wagen in der Nähe abstellen? Es sind zwanzig Dollar für Sie drin. Ich brauche nicht lang.« Ohne seine Antwort abzuwarten, trabte ich auf die Eingangstür zu, betrat die weitläufige Halle, die zu dieser Stunde fast menschenleer war, und blickte mich rasch um. Misty war nirgends zu sehen. Sie hätte in einem bereitstehenden Aufzug, in der Damentoilette zu meiner Rechten oder im Kasino direkt geradeaus verschwunden sein können. Für eines davon musste ich mich entscheiden. Als ich das Kasino betrat, legte sich Rauch um mich wie eine zarte Mantille. Die silberhellen Klingel- und Dudeltöne der Spielautomaten erinnerten an eine Reihe fallender Münzen, das Klimpern von Geld, das die Rinne hinabfließt. Die Gänge verliefen in Rastern zwischen den Spielautomaten, deren Fronten hellrot, grün, gelb und tiefblau leuchteten. Die Geduld der wenigen nächtlichen Spieler, verblüffte mich – sie kamen mir vor wie Ameisen, die in dichtem Laub Blattläuse hüteten. Angestrengt hielt ich in beide Richtungen nach Misty Ausschau, die mir mit ihrer Größe und dem schwarzen Haar bestimmt auffallen würde. Weiter hinten gab es mehrere Lokale, unter anderem einen Coffee-Shop, eine Sushi-Bar, eine Pizzeria und ein »authentisches« italienisches Bistro, das sechs Sorten Pasta und verschiedene Soßen, serviert mit einem Caesar Salad, für 2 Dollar 99 anbot. Ich entdeckte Misty in der Lounge, nachdem mein Blick zuerst an ihr vorbeigeglitten und an dem Mann hängen geblieben war, der ihr am Tisch gegenübersaß. Er war rothaarig und hager und hatte einen geröteten Teint voller Aknenarben. Weder er noch sie sahen mich. Unauffällig betrat ich die Lounge, die auf zwei Seiten offen war, setzte mich ein ganzes Stück entfernt an die Bar und beobachtete, wie die beiden sich berieten. Als der Barkeeper kam, bestellte ich mir ein Glas Chardonnay. Zu dieser späten Stunde waren nicht viele Gäste da, und ich musste befürchten aufzufallen, wenn ich so allein dasaß. Draußen im Kasino ertönte auf einmal lautes Johlen und Grölen, und kurz darauf kam eine Gruppe von fünf Frauen herein, allesamt betrunken und in Hochstimmung. Eine schwenkte einen Eimer voller Vierteldollars, den sie bei einem Fünfhundert-Dollar-Jackpot gewonnen hatte. Ihr lärmender Auftritt behinderte zwar meine Sicht, doch andererseits boten sie mir Deckung. Misty war in eine ausführliche Diskussion mit dem Mann vertieft, wobei sie sich konzentriert vorbeugte, während sie gemeinsam etwas auf dem Tisch zwischen ihnen begutachteten. Als sie schließlich zufrieden war, reichte sie ihm einen dicken weißen Umschlag, der garantiert ein Bündel Bares enthielt. Im Gegenzug schob er das inspizierte Objekt in eine gelbe Versandtasche und reichte sie ihr, woraufhin sie es in ihre überdimensionale Handtasche steckte. Ich warf einen Fünf- Dollar-Schein neben mein leeres Glas, stand auf und verließ die, Bar in der Erwartung, dass Misty nun aufbrechen würde. Neben den Aufzügen blieb ich stehen und warf einen Blick in ihre Richtung, als sie an mir vorbei- und auf die Tür zuging. Ich folgte ihr. Sie gab dem Parkwächter ihr Ticket, und während sie auf ihren Wagen wartete, huschte ich mit gesenktem Kopf und dem Rücken zu ihr links vorbei. Mein Käfer stand nahe an der Einfahrt. Zwei Minuten später kam ihr Ford angefahren, und der Parkwächter stieg aus. Sie reichte ihm ein Trinkgeld und setzte sich ans Steuer. Nachdem sie den Parkplatz verlassen hatte, folgte ich ihr, diesmal mit nur einem Wagen Abstand. Als ich mir sicher war, dass sie sich auf dem Nachhauseweg befand, bog ich rechts ab und nahm eine Parallelroute. Ich kam wenige Augenblicke vor ihr an, machte die Scheinwerfer aus und rutschte auf dem Sitz nach unten, bis ich gerade noch übers Lenkrad spähen konnte. Genau wie beim ersten Mal bog sie in ihre Einfahrt ein, stellte den Wagen ab, ging zur Haustür und verschwand im Haus. Das Außenlicht erlosch. Einen Moment lang war ich schwer in Versuchung, in mein Motel zu fahren und ins Bett zu kriechen. Bestimmt würde sich auch Misty für den spärlichen Rest der Nacht zur Ruhe begeben. Ich war müde, mir war langweilig, und ich hatte schon wieder Hunger. Ich träumte von einem Frühstück in einem 24-Stunden-Coffee-Shop: Orangensaft, Rührei mit Speck, gebutterter Roggentoast mit Erdbeermarmelade. Und dann schlafen. Es hatte ja nie eine Garantie dafür gegeben, dass Reba in Reno war. Ich war aufs Geratewohl hierher gefahren, weil es angesichts dessen, was ich von ihr wusste, nahe liegend erschien. Misty und Reba hatten auf jeden Fall Kontakt gehabt – warum hätte Mistys Nummer sonst auf Nord Laffertys Telefonrechnung auftauchen sollen? Doch das war keine Antwort auf die Frage, wo sich Reba momentan aufhielt. Ich setzte mich auf und starrte auf Mistys halb im Dunkeln liegendes Haus und den schmalen, Lichtstreifen, der unten am Garagentor verlief. Warum parkte sie in der Einfahrt, wenn sich direkt am Haus eine Garage befand? In einem dieser unerwarteten Geistesblitze begriff ich endlich das Offensichtliche. Wenn Misty allein lebte, brauchte sie wohl kaum zwei riesige Tüten Lebensmittel und eine Stange Zigaretten. Die Lebensmittel konnten vielleicht noch ihren gesamten wöchentlichen Bedarf umfassen, doch die Frau rauchte nicht. In der Zeit, die wir uns unterhalten hatten, hätten die meisten Raucher einen Grund gefunden, um sich eine anzustecken. Vor allem aber war es dieser schmale Lichtstreifen unten am Garagentor, der mich neugierig machte. Ich stieg aus und überquerte die Straße., Zuerst inspizierte ich die Garagenfenster. Risse in der braunen Farbe, die die Scheiben bedeckte, gaben den Blick auf ein provisorisches Gästezimmer frei: ein Stuhl, eine Kommode, ein Doppelbett und eine Lampe auf einem Beistelltisch, der aus einem umfunktionierten Pappkarton bestand. Das zerwühlte Bett ließ darauf schließen, dass es erst kürzlich benutzt worden war, genau wie der rote Baumwollpullover, der nachlässig am Fußende lag und in dem ich Rebas Eigentum erkannte. Ein grauer Hartschalenkoffer lag offen neben der Kommode auf dem Fußboden. Die Reisetasche, aus der Kleidungsstücke hingen, stand offen auf dem Stuhl. Wie schon zuvor drehte ich eine Runde um das Haus. Der Schnappriegel an dem hölzernen Tor ließ sich fast lautlos bewegen, als ich den Garten betrat und auf das erleuchtete Fenster zuging. Ich duckte mich und kam gebückt wieder etwas höher, so dass ich über das Fensterbrett linsen konnte. Reba und Misty saßen mit dem Rücken zu mir am Schreibtisch. Ich konnte nicht erkennen, was sie machten, und ihre Stimmen waren zu gedämpft, um das Gesprächsthema herauszuhören, doch fürs Erste genügte mir das Wissen, dass Reba in Reichweite war. Nun musste ich mich entscheiden: Wagte ich es, in mein Zimmer zurückzufahren, ohne die beiden zur Rede zu stellen? Ich sehnte mich nach Schlaf, fürchtete jedoch, dass eine von ihnen oder gleich alle beide verschwunden wären, wenn ich bis zum Morgen wartete. Freilich stünde ich jedes Mal, wenn ich Reba aus den Augen ließ, vor dem gleichen Dilemma, doch im Moment widerstrebte es mir, den einzigen Vorsprung aufzugeben, den ich hatte, nämlich, dass ich wusste, wo sie war, sie aber keine Ahnung hatte, dass ich es wusste. Zum Glück sammelte Misty nun die Sachen auf, die sie, gemeinsam inspiziert hatten, und schob sie in die Versandtasche, die ich schon zuvor gesehen hatte. Reba verließ den Raum, gefolgt von Misty, die beim Hinausgehen das Licht ausmachte. Ich schlich wieder zur Vorderseite des Hauses und verbarg mich im Schatten der immergrünen Eichen. Zehn Minuten später ging das Licht im Wohnzimmer aus. Leise tappte ich am Haus entlang zur Einfahrt. Nachdem weitere fünfzehn Minuten verstrichen waren, verschwand auch der Lichtstreifen unter dem Garagentor. Meine beiden Küken hatten sich zur Ruhe gelegt. Durch eine hellwache, aber stille Stadt fuhr ich zu meinem Motel zurück. Die Sonne würde erst in einer guten Stunde aufgehen, doch der Himmel hatte bereits eine perlgraue Färbung angenommen. Ich parkte, stieg in den ersten Stock und schloss die Zimmertür auf. Das Zimmer war trist, aber einigermaßen sauber, solange man kein Schwarzlicht einsetzte oder auf allen vieren mit einem Vergrößerungsglas herumkroch. Ich zog mich aus, gönnte mir eine schöne heiße Dusche und versuchte dann mein Möglichstes, um die Vorhänge ganz vors Fenster zu ziehen. Sie bestanden aus einem schweren Synthetikmaterial, waren dunkelrot und geschmackvoll mit Flocken besetzt. Neben der Vinyltapete mit ihren silbernen und schwarzen Blitzen ergab sich eine höchst erstaunliche dekorative Gesamtwirkung. Ich zog die pinkfarbene Chenille-Tagesdecke beiseite und legte mich ins Bett, ehe ich das Licht löschte, und schlief wie eine Tote. Irgendwann versetzte mir mein Unterbewusstsein einen Stups. Ich erinnerte mich, wie Reba mir erzählt hatte, was für ein Genie Misty beim Herstellen falscher Pässe und anderer Papiere war. Hatte sie sich deshalb mit diesem Mann im Silverado getroffen? Noch im Schlaf beschlich mich eine vage Angst. Vielleicht hatte Reba vor, sich abzusetzen. Am nächsten Morgen um zehn klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und legte ihn mir ans Ohr, ohne den Kopf zu, bewegen. »Was.« »Kinsey, hier ist Reba. Habe ich Sie geweckt?« Ich drehte mich auf den Rücken. »Keine Sorge. Ich bin froh, dass Sie anrufen. Wie geht’s Ihnen?« »Ganz gut, bis ich erfahren habe, dass Sie hier sind. Wie haben Sie mich gefunden?« »Ich habe nicht Sie gefunden, sondern Misty.« »Und wie haben Sie das gemacht? Würde mich echt interessieren.« »Detektivarbeit, meine Liebe. Das ist mein Beruf.« »Puh. Das wundert mich aber.« »Was?« »Ich dachte, Pop hat Sie nur engagieren können, weil Sie nicht gut sind. Sie hatten ja wohl nichts zu tun, sonst hätten Sie kaum einen solchen Idiotenjob angenommen, oder? Seine Tochter vom Gefängnis abholen? Sie können nicht seriös sein.« »Danke, Reba. Wirklich nett von Ihnen.« »Ich sage doch, dass ich mich geirrt habe. Ehrlich gesagt war ich total geschockt, als mir Misty erzählt hat, dass Sie aufgetaucht sind. Mir ist immer noch schleierhaft, wie Sie das geschafft haben.« »Ich habe da so meine Methoden. Ich hoffe, Sie rufen aus einem wichtigeren Grund an, als mich dazu zu beglückwünschen, dass ich nicht ganz so inkompetent bin, wie Sie dachten.« »Ich muss mit Ihnen reden.« »Sagen Sie mir, wann und wo, und ich komme sofort.« »Wir sind bis Mittag bei Misty.« »Toll. Geben Sie mir die Adresse, und ich bin im Handumdrehen da.« »Ich dachte, Sie hätten die Adresse schon.«, »So perfekt bin ich wohl doch nicht«, erwiderte ich, obwohl ich es selbstverständlich war. Sie rasselte die Adresse herunter, und ich gab vor, sie mir zu notieren. Nachdem wir aufgelegt hatten, stand ich auf und trat ans Fenster. Ich zog die Vorhänge auf und zuckte vor der stechenden Wüstensonne zurück. Mein Zimmer ging auf die Rückseite eines anderen schäbigen zweistöckigen Motels hinaus, und so gab es nicht viel zu sehen. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt, betrachtete ich das leuchtende Neonschild an dem Kasino ein Stück die Straße hinunter, das nach wie vor einladend blinkte. Wie konnte irgendjemand um diese Uhrzeit trinken oder spielen? Ich putzte mir die Zähne und duschte erneut, um schneller in die Gänge zu kommen. Als ich angezogen war, setzte ich mich auf die Bettkante und rief bei Rebas Vater an. Freddy sagte ihm, dass ich am Apparat war, und er nahm den Anruf in seinem Zimmer entgegen. Er klang angeschlagen. »Ja, Kinsey? Wo sind Sie?« »Im Paradise. Das ist ein Motel in Reno. Ich wollte Sie nur auf den neuesten Stand bringen. Reba hat vor ein paar Minuten angerufen. Ich fahre jetzt zu Misty, um mit ihr zu reden.« »Dann haben Sie sie also gefunden. Das freut mich. Und schnell ging es auch.« »Jemand hat mir Mistys Adresse gegeben, ehe ich aus Santa Teresa abgereist bin. Ich habe das Haus stundenlang beobachtet, aber zunächst nicht vermutet, dass Reba sich dort aufhält. Misty hat eine viel versprechende Stelle als Nackttänzerin in einem Striplokal namens Flesh Emporium. Ich bin ihr zu ihrem Arbeitsplatz gefolgt und habe vor ihrem Auftritt mit ihr geplaudert. Auf meine Frage nach Reba hat sie nicht mit der Wimper gezuckt, sondern einen heiligen Eid darauf geschworen, dass die beiden seit Weihnachten keinen Kontakt mehr gehabt hätten. Ich habe ihr die Nummer meines Motels gegeben, und, auf einmal hat Reba angerufen.« »Hoffentlich können Sie sie dazu überreden, wieder nach Hause zu kommen.« »Hoffe ich auch. Wünschen Sie mir Glück.« »Rufen Sie mich an, wann immer Sie wollen. Ich bin Ihnen für Ihre Bemühungen sehr dankbar.« »Freut mich, wenn ich helfen kann.« Wir wechselten noch ein paar Worte, und ich wollte schon auflegen, als ich ein leises Klicken vernahm. »Hallo?«, sagte ich. »Ich bin noch dran.« Ich zögerte. »Ist Lucinda da?« »Ja. Sie ist unten. Wollten Sie sie sprechen?« »Nein, nein. Reine Neugier. Ich rufe Sie an, wenn ich Ihnen etwas Neues berichten kann.« Ich blieb noch einen Moment sitzen und starrte auf das Telefon. Ich war mir fast sicher, dass Lucinda gelauscht hatte. Freddy würde sich so etwas niemals erlauben. Lucinda dagegen war jemand, der sich in alles einmischen musste, jemand, der alles wissen musste, um anschließend Kontrolle ausüben zu können. Ich musste daran denken, wie sie mich nach Informationen ausgehorcht hatte, wie sehr es ihr widerstrebt hatte, dass sie aus Nords Zimmer ausgesperrt blieb, als er sich mit mir besprach. Unter dem Deckmantel der Ach-so-Besorgten hatte sie Reba übel mitgespielt, und sie würde es wieder tun, wenn man sie ließ. Sie war der Typ Frau, der man nicht den Rücken zuwenden wollte, wenn man das Zimmer verließ. Ich überquerte den Motelparkplatz und betrat das McDonald’s, wo ich drei große Becher Kaffee, drei O-Saft, drei Portionen Bratkartoffeln und drei Egg McMuffins orderte. Nach meiner Berechnung würden Misty, Reba und ich – vorausgesetzt, wir aßen alles auf – jeweils 680 Kalorien, 85 Gramm Kohlehydrate, und 20 Gramm Fett zu sich nehmen. Um meine Bestellung abzurunden, nahm ich noch drei Zimtschnecken. Ich fuhr zu Misty zurück und parkte diesmal in der Einfahrt. Reba wartete schon, als ich an die Tür klopfte. Sie war barfuß, trug rote Shorts und ein weißes, ärmelloses T-Shirt ohne BH. Ich hielt ihr die Tüte hin. »Friedensangebot.« »Wofür?« »Dafür, dass ich in Ihr Territorium eingedrungen bin. Bestimmt bin ich der letzte Mensch, den Sie sehen wollten.« »Der vorletzte, knapp vor Beck. Aber kommen Sie ruhig rein.« Sie nahm mir die Tüte ab, ging den Flur zur Küche entlang und überließ es mir, die Tür zu schließen. Im Vorbeigehen spähte ich rasch ins Wohnzimmer. Es war spärlich möbliert: nackter Linoleumboden, ein Couchtisch mit Holzlaminat und eines dieser braunen Tweedsofas, die man zu einem Bett ausklappen kann. Ein brauner Tweedsessel, ein Beistelltischchen und eine Lampe mit volantbesetztem Schirm. Der nächste Raum auf der rechten Seite war das Arbeitszimmer, das ich bereits kannte. Gegenüber lag das nicht besonders geräumige Schlafzimmer. »Alles gesehen?«, erkundigte sich Misty. Sie saß in einem in der Taille gebundenen schwarzen Satinmorgenrock am Küchentisch. Ihre Brüste quollen beinahe aus dem Ausschnitt heraus. Es wunderte mich, dass sie durch die schwere Last nicht aus dem Gleichgewicht geriet und auf ihren Teller fiel. Reba hatte eine brennende Zigarette im Aschenbecher vor sich liegen und trank eine Bloody Mary. Na prima. »Wollen Sie auch eine?« »Warum nicht? Es ist ja schon zehn vorbei«, erwiderte ich. Ich nahm sämtliche Leckereien aus der McDonald’s-Tüte, während mir Reba einen Drink machte und ihn an meinen Platz stellte. Ich sah Misty an. »Trinken Sie nichts?«, »Ich habe Bourbon hier drin«, erklärte sie und wies mit einem rot lackierten Fingernagel auf ihre Kaffeetasse. Ich setzte mich und verteilte Bratkartoffeln und Egg McMuffins, ließ jedoch die Zimtschnecken, den Orangensaft und den Kaffee in der Tischmitte stehen. »Tut mir Leid, wenn ich unhöflich erscheine, aber ich bin am Verhungern.« Es störte keine von beiden, dass ich meinen Egg McMuffin auspackte. Ein paar selige Minuten lang herrschte gefräßiges Schweigen. Der offizielle Teil konnte warten. Außerdem hatte ich sowieso keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Reba war als Erste fertig. Sie wischte sich den Mund mit einer Papierserviette ab, die sie anschließend zusammengeknüllt in ihrer Faust behielt. »Wie geht’s Pop?« »Nicht besonders. Ich hoffe, ich kann Sie dazu überreden, wieder nach Hause zu kommen.« Sie zog an ihrer Zigarette. Im Haus war es kühl, und ich staunte über ihre nackten Arme und Beine. Ich probierte meine Bloody Mary – in erster Linie Wodka, auf dem eine dünne Schicht Bloody-Mary-Mix schwamm wie Blut in einer Toilettenschüssel. Mir traten fast die Augen aus den Höhlen, als der brennend scharfe Schnaps meine Kehle hinabrann. »Weiß es die Holloway?«, fragte Reba. »Was? Dass Sie Kalifornien verlassen haben? Vermutlich. Cheney meinte, er würde sich mit ihr in Verbindung setzen.« »Wenigstens amüsiere ich mich.« »Darf ich fragen, warum Sie verschwunden sind?« »Brav sein wurde mir zu langweilig.« »Muss ein Rekord sein. Sie haben zehn Tage durchgehalten.« Sie grinste. »Ehrlich gesagt war ich gar nicht so brav, aber mir wurde trotzdem langweilig.« »Ist Misty darüber im Bilde?« »Sie meinen, ob wir vor ihr offen sprechen können? Sie ist, meine beste Freundin. Sie können sagen, was Sie wollen.« »Sie haben das ganze Geld verjubelt, stimmt’s? Salustios fünfundzwanzigtausend.« »Nicht das Ganze«, erwiderte sie. »Wie viel?« Sie zuckte die Achseln. »Etwas über zwanzig. Vielleicht eher zweiundzwanzig. Zweitausend sind noch übrig. Es ist doch sowieso sinnlos, mit ihm zu reden, wenn ich den Rest nicht habe. Was soll ich denn machen, ihm kleine monatliche Raten anbieten, bis ich meine Schulden abgetragen habe?« »Irgendetwas müssen Sie tun. Was glauben Sie, wie lange Sie sich vor einem Mann wie ihm verstecken können?« »Lassen Sie sich nur keine grauen Haare wachsen. Ich arbeite dran. Mir fällt schon was ein. Außerdem sitze ich ja vielleicht schon wieder im Knast, bevor er mich erwischt.« »Was für ein schöner Gedanke«, bemerkte ich. »Mir ist unbegreiflich, warum Sie nicht nach Santa Teresa zurückfahren und mit Vince sprechen wollen. Es besteht immer noch die Chance, dass Ihnen die Feds einen Kuhhandel anbieten.« »Ich brauche keinen Kuhhandel mit den Feds. Ich habe schon was am Laufen.« Ich wandte mich zu Misty um. »Sie ist verrückt, oder? Ist sie jetzt wirklich komplett verrückt geworden?« »Lassen Sie sie doch in Ruhe. Man kann niemanden retten außer sich selbst.« »Da muss ich Ihnen leider Recht geben«, erklärte ich, ehe ich mich wieder an Reba wandte. »Ich will Sie nur wieder nach Santa Teresa zurückschaffen, bevor alles knüppeldick auf Sie herunterprasselt.« »Ist mir klar.« »Dann verbleiben wir einfach so: Sie wissen, wo ich wohne. Ich bin bis morgen früh um sieben da. Falls ich bis dahin nichts, von Ihnen höre, fahre ich allein zurück. Aber ich muss Sie warnen – dann verständige ich die Polizei in Reno und verrate ihnen, wo Sie sind. Ist das ein faires Angebot?« »Oh, besten Dank. Das halten Sie für fair? Die Cops in Reno zu verständigen?« »Fairer werden Sie’s nicht kriegen. Und ich kann Ihnen nur raten, Ihrem Vater etwas Zeit zu widmen, solange es noch möglich ist.« »Das ist auch der einzige Grund, warum ich zurückgehen würde, falls ich es tatsächlich tue.« »Warum Sie es tun, ist mir vollkommen gleichgültig – Hauptsache, Sie kommen mit.« Ich kehrte ins Motel zurück und gönnte mir dort einen der schamlosesten Faulenzertage seit langem. Ich las ein Taschenbuch zu Ende und fing mit dem nächsten an. Ich machte ein Nickerchen. Um halb drei schlug ich einen Haken um McDonald’s und aß in einem Fast-Food-Lokal der Konkurrenz. Hinterher hätte ich ja eventuell einen Spaziergang gemacht, aber offen gestanden interessierte mich meine Umgebung nicht im Geringsten. Reno ist bestimmt eine tolle Stadt, doch der Tag war heißer als ein Höllenschlund, und mein Zimmer war zwar trostlos, aber zumindest bewohnbar. Ich zog die Schuhe aus und las weiter. Am frühen Abend rief ich Cheney an und unterrichtete ihn über die neuesten Entwicklungen. Um zehn legte ich mich schlafen, und am nächsten Morgen um sechs stand ich wieder auf, duschte und packte meine Sachen. Als ich unten an meinem Auto anlangte, hockte Reba auf ihrem Koffer daneben, die Reisetasche zu ihren Füßen. Wieder trug sie die roten Shorts und das ärmellose Shirt vom Morgen zuvor. Nackte Beine. Flipflops. »Das ist aber eine Überraschung. Ich hätte gar nicht mit Ihnen gerechnet.« »Ja, ich war selbst ganz überrascht von mir. Ich fahre unter, einer Bedingung mit.« »Es gibt keine Bedingungen, Reba. Sie kommen mit oder nicht. Ich feilsche nicht mit Ihnen.« »Ach, bitte. Hören Sie mich an. Es ist nichts Großartiges.« »Okay, was?« »Ich muss noch auf einen Sprung nach Beverly Hills.« »Ich will aber keinen Umweg fahren. Warum nach Beverly Hills?« »Ich muss im Neptune Hotel etwas abgeben.« »Auf dem Sunset Boulevard?« »Genau. Ich schwöre, es dauert überhaupt nicht lange. Tun Sie mir doch diesen klitzekleinen Gefallen. Bitte, bitte, bitte?« Ich schluckte meinen Ärger hinunter, da ich froh darüber war, dass sie sich überhaupt zum Mitfahren bereit fand. Also machte ich die Tür auf der Beifahrerseite auf, klappte den Sitz vor und warf meine Reisetasche auf den Rücksitz. Als Reba ihre beiden Gepäckstücke einlud, fiel mir auf, dass an der Tasche neben einem Aufkleber von United Airlines ein kleines grünes Schildchen prangte, das belegte, dass die Tasche die Sicherheitskontrolle passiert hatte. Ich hatte also Recht damit gehabt, dass sie nach Reno geflogen war. »Wir könnten uns noch ein ordentliches Frühstück gönnen, ehe wir aufbrechen. Ich lade Sie ein«, sagte sie. Wir hatten das ganze McDonald’s für uns allein und stopften uns mit dem üblichen Zeug voll. Allerdings schwor ich mir noch beim Essen, bis ans Ende meiner Tage kein Junkfood mehr zu mir zu nehmen – oder zumindest bis Mittag. Kurz nach uns kamen zwei Männer herein, und das Lokal füllte sich nach und nach mit Leuten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Als wir unseren abschließenden Toilettenbesuch hinter uns gebracht hatten und ins Auto gestiegen waren, war es fünf nach sieben. Ich tankte an der nächsten Chevron-Tankstelle voll, und wir, verließen die Stadt. »Wenn Sie in meinem Auto rauchen, bringe ich Sie um«, erklärte ich. »Sie können mich mal.« Reba hielt die Landkarte in der Hand und dirigierte mich zum Highway 395, der direkt in Richtung Süden und damit nach Los Angeles führte. Eigentlich war mir klar, dass der Umweg sich als nervtötend erweisen würde, aber ich war so erleichtert, sie an meiner Seite zu haben, dass ich mir sämtliche Einwände verkniff. Vielleicht hatte sie ja ihre Meinung geändert und war nun bereit, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Angesichts dessen, wie unberechenbar sie war, hielt ich es für das Beste, meine Beobachtungen und Ansichten für mich zu behalten. Wir hatten nur wenig Gesprächsstoff. Das Problem im Umgang mit Leuten, die die Kontrolle über sich selbst verloren haben, ist, dass man so wenige Wahlmöglichkeiten hat – im Grunde nur zwei, wenn Sie’s genau wissen wollen: 1) Man kann den Berater spielen und sich einbilden, dass noch niemand (außer einem selbst) jemals jenes erlesene Häppchen Weisheit angebracht hat, das schließlich zur Erleuchtung führen wird. 2) Man kann den Ankläger spielen und sich einbilden, dass eine hohe Dosis Realität (wiederum von einem selbst verabreicht) die betreffende Person durch Beschämung oder gutes Zureden dazu bringen wird, ihr Leben zu ändern. In beiden Fällen ist man auf dem Holzweg, doch die Versuchung, die eine oder die andere Rolle einzunehmen, ist so groß, dass man sich die Zunge blutig beißt, um nicht sämtliche Gardinenpredigten mitsamt dem mahnend erhobenen Zeigefinger abzuspulen. Ich hielt den Mund, obwohl mir das einige Anstrengung abverlangte. Sie schwieg gnädigerweise, vielleicht weil sie spürte, wie ich darum ringen musste, meine Meinung für mich zu behalten., Reba drehte am Autoradio, bis sie einen Sender fand, der nicht klang, als käme er vom Mars. Wir hörten Country-Western- Musik, während ich mit den immer gleichen drei Fahrzeugen Fangen spielte, und zwar mit einem Pick-up mit Campingaufbau, einem Wohnmobil und zwei Studenten in einem Möbelwagen. Immer wieder überholte mich einer von ihnen, dann der nächste, bis wiederum ich einen von ihnen überholte. Es war eine Art Auto-Bockspringen, bei dem wir in unregelmäßigen Abständen übereinander hüpften. Im Hinterkopf grübelte ich andauernd darüber nach, ob wir verfolgt wurden, doch ich konnte mir nicht vorstellen, wie Beck oder Salustio es geschafft haben sollte, uns aufzuspüren. Als der Highway 395 auf den Highway 14 traf, fuhren die Jungs in dem Möbelwagen geradeaus weiter, während wir auf dem Highway 14 blieben, der weiter in südwestlicher Richtung verlief. Schließlich gelangten wir auf den San Diego Freeway und fuhren weiter nach Süden. Mittlerweile war das Wohnmobil verschwunden, und den Pick-up mit dem Aufbau sah ich auch nicht mehr. Trotzdem blieb ich nervös. Es war kurz vor drei, als ich am Sunset Boulevard den Freeway verließ, links abbog und der Straße in östlicher Richtung durch Bel Air und nach Beverly Hills folgte. Reba spielte den Steuermann und nannte mir die Straßennamen, obwohl das im Grunde gar nicht nötig war. Ein paar Blocks hinter der Doheny kam das Hotel Neptune in Sicht, ein Hochhaus im Art-déco-Stil, das mit seinen sich nach oben verjüngenden Stufen wie ein entfernter Abklatsch des Empire State Building wirkte. Im Los Angeles Magazine hatte ich einen Artikel über das Haus gelesen. Das Grundstück war kürzlich erweitert worden und umfasste nun auf beiden Seiten eine große Landparzelle, die den Bau eines, prunkvollen Eingangsbereichs und zusätzlicher Parkplätze für die Hotelgäste ermöglicht hatte. Ein Namenswechsel sowie die mit Millionen von Dollar umgesetzte Renovierung hatten das alte Hotel wieder interessant gemacht. Inzwischen galt es als angesagtes Quartier für Rockstars, Schauspieler und staunende Touristen, die hip wirken wollten. Ich bog in die großzügige halbrunde Zufahrt ein und reihte mich hinter zwei Stretch-Limousinen, einem Rolls-Royce, einem Mercedes und einem Bentley als Sechste in die Schlange ein. Es war Eincheckzeit. Ein Parkgehilfe und zwei oder drei livrierte Pagen wuselten um jeden Wagen herum, halfen den Gästen beim Aussteigen und luden unzählige Gepäckstücke aus Kofferräumen auf messingglänzende Gepäckwagen. Ein Portier in Livree und weißen Handschuhen pfiff ein Taxi herbei, das links um mich herum einen Haken schlug und vor dem Eingang hielt. Zwei wie Penner gekleidete Hotelgäste setzten sich eilig hinein, und der Wagen fuhr davon. »Das ist ja der Wahnsinn hier. Soll ich nicht einfach schnell reinspringen?«, meinte Reba. »Vergessen Sie’s. Ich lasse Sie nicht aus den Augen.« »Oh, Herrgott noch mal«, fauchte sie. »Was denken Sie denn – dass ich durch den Hinterausgang verschwinde und Sie hier sitzen lasse?« Da ich genau das dachte, sparte ich mir die Antwort. Als wir an der Reihe waren, reichte ich dem Parkmann die Autoschlüssel, während Reba ihm ein strahlendes Lächeln schenkte und ihm einen gefalteten Geldschein in die Hand drückte. »Hey, alles klar? Wir sind in ein paar Minuten wieder da.« »Ihr Wagen steht für Sie bereit.« »Danke.« Mit wackelnden Brüsten marschierte sie ins Hotel und schwenkte ihre schlanken Beine in den roten Shorts. Der Typ war so hin und weg von ihrem Anblick, dass er fast die Autoschlüssel fallen ließ., Innen erwies sich das Hotel als wilde Mischung aus dunkel- grünem Marmor und Spiegeln, Wandleuchtern, Kandelabern und eingetopften Palmen. Der Teppich wies verschiedene Grün- und Blautöne sowie stilisierte Wellen auf, was Teil des nautischen Mottos war. Wie zu erwarten, war der römische Gott Neptun in einer Reihe massiver Basrelief-Tafeln aus vergoldetem Stuck präsent, auf denen er seine Kalesche über die Wogen lenkte, seinen Dreizack schüttelte, um die Fluten herbeizurufen, und eine Jungfrau vor einem Satyr rettete. Künstliches Licht schien aus einer fünfstöckigen Glasfontäne. Die Stühle waren aus hellem Holz, und die vereinzelten Tische waren schwarz lackiert. Eine breite Marmortreppe schwang sich ins Zwischengeschoss hinauf, wo es grüne, kannelierte Nischen gab, in denen auf schwarzen Sockeln Vasen mit frischen Blumen standen. An den gekrümmten Wänden der Halle standen Bänke, die mit einem Stoff bezogen waren, der an wogendes Seegras erinnerte. Irgendwoher kam so leise Swing-Musik, dass man sie kaum hörte. Vor dem mit Marmor verkleideten Empfangstresen hatten sich zwei Schlangen gebildet – Gäste, die eincheckten, Nachrichten abholten und mit den Angestellten sprachen. Reba blieb kurz stehen, um sich zu orientieren. »Warten Sie hier«, bat sie. Ich setzte mich auf einen Stuhl mit geschwungener Lehne, einen von vieren an einem Couchtisch mit geätzter Glasplatte. In der Tischmitte stand eine Kristallschale, in der Gardenien schwammen. Reba ging auf den Empfangschef zu, einen Mann mittleren Alters in einem Smoking. Sein Tisch war sinusförmig geschwungen und hatte Intarsienarbeiten mit Chromeinfassung. Darauf erhob sich ein indirekt von unten beleuchtetes Pult aus grünem Glas. Reba zog einen dicken, gelben Umschlag aus ihrer Tasche, schrieb etwas darauf und reichte ihn dem Mann. Nach kurzem Wortwechsel legte er den Umschlag auf einen Schreibschrank an der Wand hinter seinem Tisch. Reba fragte ihn etwas, woraufhin er in seine Unterlagen sah und einen, weißen Umschlag herausnahm, den er ihr reichte. Sie steckte ihn in ihre Tasche, ehe sie an ein Haustelefon ging und den Hörer abnahm. Nachdem sie mit jemandem gesprochen hatte, kehrte sie zurück. »Wir treffen uns in der Cocktailbar.« »Na, so ein Glück. Darf ich mitkommen?« »Seien Sie nicht so albern. Natürlich.« Die Cocktailbar lag am anderen Ende der Hotelhalle, gegenüber den Aufzügen. Die Bar selbst war eine stromlinienförmige Kurve, abgeteilt durch Glaswände, in die Korallenriffe, Meereswesen und Göttinnen in verschiedenen Stadien der Nacktheit geätzt waren. Der Raum war groß und dunkel, und die indirekte Beleuchtung wurde durch Kerzen unterstützt, von denen auf jedem Tisch eine stand. Es war fast leer, allerdings nahm ich an, dass sich die Bar binnen einer Stunde mit Hotelgästen, Filmsternchen, Huren und lokalen Geschäftsleuten füllen würde. Reba entschied sich für einen Tisch in Türnähe. Es war erst zehn nach drei, doch wie ich Reba kannte, konnte sie schon einen Drink vertragen. Eine Bedienung in einer engen Weste aus goldenem Satin, dazu passenden Shorts und goldenen Netzstrümpfen servierte erst die Drinks am Nebentisch, ehe sie sich uns widmete. »Wir warten noch auf jemanden«, erklärte Reba. »Möchten Sie gleich bestellen oder noch warten?« »Lieber jetzt.« Die Bedienung sah mich an. »Ich möchte einen Kaffee«, erklärte ich, in Gedanken bereits bei der bevorstehenden Fahrt. Wir hatten Samstag, also würde ich mich wenigstens nicht mit dem Stoßverkehr herumschlagen müssen. Trotzdem würden es zwei anstrengende Stunden werden, angesichts der siebeneinhalb, die wir schon hinter uns, gebracht hatten. »Und für Sie?« »Einen Wodka-Martini mit drei Oliven und einen doppelten Whiskey für meinen Freund.« Die Bedienung bewegte sich in Richtung Bar. »Ich kapier’s nicht«, sagte ich. »Sie wissen doch, dass Trinken gegen Ihre Bewährungsauflagen verstößt. Wenn das die Holloway erfährt, macht sie Ihnen die Hölle heiß.« »Oh, bitte. Schließlich nehme ich ja keine Drogen.« »Aber sonst machen Sie alles. Hängen Sie denn nicht an Ihrer Freiheit?« »Hey, wissen Sie was? Frei war ich, als ich gesessen habe. Da habe ich weder getrunken noch geraucht, noch Drogen genommen, noch mit bescheuerten Typen gebumst. Wissen Sie, was ich gemacht habe? Ich habe gelernt, mit Computern umzugehen. Ich habe gelernt, wie man einen Stuhl polstert, was Sie garantiert nicht beherrschen. Ich habe Bücher gelesen und Freundschaften mit Menschen geschlossen, die ihr Leben für mich geben würden. Ich wusste nicht, wie glücklich ich war, bis ich wieder in diese Leck-mich-Welt zurückgekommen bin. Die Holloway ist mir scheißegal. Sie soll machen, was sie will.« »Mir soll’s recht sein. Es ist Ihre Zukunft.« Rebas mürrischer Blick klebte an der Reihe von Aufzügen direkt uns gegenüber. Über jedem Aufzug war ein altmodischer Halbmond aus Messing angebracht, auf dem ein beweglicher Messingpfeil anzeigte, wo sich der Aufzug auf seinem Weg nach oben oder unten gerade befand. Der letzte Aufzug in der Reihe hielt im achten Stock an, ehe er wieder nach unten fuhr. Als die Türen aufgingen, trat Marty Blumberg heraus. Reba winkte ihm, und er kam auf uns zu. Als er an unserem Tisch anlangte, legte sie den Kopf schief, damit er sie auf die Wange küssen konnte., »Du siehst gut aus«, sagte er. »Danke. Du auch.« Mit einem Seitenblick zu mir zog sich Marty einen Stuhl heran. »Nett, Sie wiederzusehen«, sagte er, bevor er sich Reba zuwandte. »Alles okay?« »Alles bestens. Ich habe an der Rezeption etwas für dich hinterlegt. Danke für das hier«, sagte sie und klopfte auf ihre Handtasche. Er fasste in die Tasche seines Sakkos, nahm einen Gepäckabholschein heraus und schob ihn ihr hin. »Wofür ist das?« »Überraschung. Ein kleines Extra«, sagte er. Reba musterte den Abholschein, ehe sie ihn einsteckte. »Hoffentlich ist es etwas Gutes.« »Ich glaube, es wird dir gefallen«, erwiderte er. »Was hast du für Pläne? Kannst du lange genug bleiben, um mit mir zu Abend zu essen?« Ich wollte schon zum Protest ansetzen, doch Reba überraschte mich, indem sie die Nase rümpfte. »Nee, lieber nicht«, erwiderte sie. »Kinsey will dringend nach Hause. Vielleicht ein andermal.« »Wenn Gott will und kein Hochwasser kommt.« Marty zog ein Päckchen Zigaretten heraus und legte es auf den Tisch. Ohne zu fragen, nahm sich Reba eine, steckte sie zwischen die Zähne und wedelte damit auf und ab, um Feuer zu erbitten. Marty griff nach einem Hotel-Streichholzbriefchen, riss ein Hölzchen an, hielt die Flamme an ihre Zigarette und zündete sich selbst auch noch eine an. Die Bedienung kehrte mit unseren Getränken zurück und legte die Rechnung neben Marty. Reba trank einen Schluck von ihrem Martini, schloss die Augen und genoss den Wodka mit solcher Hingabe, dass ich ihn beinahe selbst schmeckte. Die beiden, begannen ein Gespräch über Banalitäten. Sie schlossen mich am Rande mit ein, doch es war alles nur Blabla, eine Reihe wechselnder Themen, die, soweit ich es beurteilen konnte, im Grunde inhaltsleer waren. Ich trank zwei Tassen Kaffee, während sie ihre Drinks hinunterstürzten und eine zweite Runde orderten. Keiner von beiden zeigte auch nur das geringste Anzeichen von Betrunkenheit. Martys Teint war zwar geröteter als beim letzten Mal, doch er hatte sich unter Kontrolle. Irgendwann begann mir ihr Zigarettenrauch auf die Nerven zu gehen. Ich entschuldigte mich und verzog mich auf die Damentoilette, wo ich so lange wie möglich herumtrödelte, ehe ich an den Tisch zurückkehrte. Ich setzte mich wieder und sah auf die Uhr. Wir saßen nun seit fünfundvierzig Minuten in der Hotelbar, und ich wollte los. Reba lehnte sich vor und legte eine Hand auf Martys Arm. »Ich glaube, wir müssen aufbrechen. Ich gehe noch kurz aufs Klo, und dann treffen wir uns draußen.« Sie hob ihr Glas, kippte den Rest ihres Drinks und kaute noch an der Olive, als sie bereits auf dem Weg zur Damentoilette war. Marty rechnete ein Trinkgeld aus und ließ die Getränke auf Zimmer 817 buchen. »Wie lang sind Sie denn schon hier?«, fragte ich. »Zwei Tage.« »Dann fahren Sie wohl nicht mit uns zurück«, sagte ich. »Wohl kaum«, entgegnete er belustigt. Ich konnte den Witz daran nicht erkennen, doch was auch immer er zusammen mit Reba ausgeheckt hatte, schien den Effekt zu haben, dass er sich ins Fäustchen lachte. »Was ist aus Ihrem Telefon geworden? War die Leitung nun angezapft oder nicht?« »Keine Ahnung. Ich habe beschlossen, nicht so lange zu warten, bis ich es weiß.«, Er steckte seinen Durchschlag der Quittung ein, stand auf und hielt mir höflich den Stuhl. Dann gingen wir zu den Aufzügen hinüber, blieben schweigend vor ihnen stehen und warteten auf Reba, die gerade auf der anderen Seite der Halle aus der Damentoilette kam. Martys Blick folgte meinem, ehe er weiter nach links schwenkte. Zwei Männer in Freizeithosen und Sakko durchmaßen die Halle mit entschlossenen Schritten. Ich nahm an, dass sie in die Cocktailbar wollten. Um zu sehen, warum sie es so eilig hatten, wandte ich mich um. Marty trat einen Schritt zur Seite, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Einer der beiden schaffte es noch in den nächstgelegenen Aufzug, ehe die Türen zugingen. Er streckte die Hand aus, als wollte er die Türen für seinen Begleiter aufhalten. Der zweite Mann rempelte Marty an. »Hey, Vorsicht!«, rief Marty. Der Mann packte Martys Arm und zwang ihn durch den Schwung seiner Vorwärtsbewegung, im Gleichschritt mit ihm in den bereitstehenden Aufzug zu steigen. Marty wedelte mit den Armen und versuchte sich loszumachen. Es wäre ihm vielleicht sogar gelungen, wenn ihm nicht der andere Mann die Beine weggetreten hätte. Marty fiel auf den Rücken und konnte sich gerade noch die Arme vors Gesicht schlagen, um den brutalen Tritt abzuwehren, der auf ihn zukam. Der Schuh traf mit einem feuchten, satten Geräusch auf und hieb Marty einen klaffenden Riss in die Wange. Der andere Mann drückte auf den Knopf. In dem Moment, bevor die Türen zugingen, sah mir Marty in die Augen. »Marty?«, sagte ich. Die Türen schlossen sich, und die Stockwerksanzeige wanderte nach oben. Zwei andere Leute in der Halle drehten sich um, um zu sehen, was los war, doch da schien alles schon wieder ganz normal zu sein. Der gesamte Vorfall hatte kaum fünfzehn Sekunden gedauert., Reba langte mit aufgerissenen Augen bei mir an. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. »Wir müssen sofort von hier verschwinden.« Gebannt vom Anblick des Pfeils, der sich inzwischen bis zum achten Stock bewegt und dort angehalten hatte, schlug ich auf den Aufwärts-Knopf. Angst überschwemmte meine inneren Organe mit so viel Säure, dass es mir fast den Brustkorb zerfressen hätte. Zwei Aufzüge weiter gingen die Türen auf. Ich packte Rebas Arm und drehte sie zur Halle um. »Verständigen Sie den Wachdienst des Hotels, und sagen Sie ihnen, dass wir Hilfe brauchen.« Sie zerrte an meinen Fingern, ehe sie den Ellbogen hob und nach oben ausschlug, um meinen Griff abzuschütteln. »Schwachsinn. Lassen Sie mich los. Marty muss da allein durch.« Ich hatte keine Zeit für eine Auseinandersetzung. Ich schob sie, als könnte ich ihr für die ganze Strecke zur Rezeption Antrieb geben, ehe ich in den wartenden Aufzug stieg und die Acht drückte. Ich war alles andere als überzeugt davon, dass sie tun würde, was ich gesagt hatte. Mein Herz hämmerte, während das Adrenalin durch meinen Organismus strömte wie bei einem Drogenflash. Ich brauchte einen Schlachtplan, allerdings wusste ich nicht, worauf ich mich gefasst machen musste. Während der Aufzugfahrt durchwühlte ich meine Umhängetasche, obwohl ich im Grunde wusste, dass sich darin keine Waffen befanden. Keine Pistole, kein Taschenmesser und kein Pfefferspray. Die Aufzugtüren öffneten sich im achten Stock. Ich trat in den Flur und eilte zu dem t-förmigen Schnittpunkt, wo sich der lange und der kurze Korridor trafen. Dort hing ein Schild, dem ich entnahm, welche Zimmernummern sich zur Linken und welche sich zur Rechten befanden, doch wurde ich kaum schlau daraus. Ich redete mit mir selbst, eine Litanei aus Flüchen und Anweisungen. Irgendwo links von mir ertönte ein erstickter Schmerzensschrei, und jemand fiel polternd gegen eine Wand., Ich rannte in die entsprechende Richtung und überflog im Laufen die Zimmernummern. Der Flur wirkte klaustrophobisch auf mich. Er war nilgrün gestrichen und hatte eine niedrige Decke aus vier dicken ausgeschnittenen Schichten, die stufenförmig von einer in der Mitte angebrachten Beleuchtungsschiene weg verliefen, aus der trübes künstliches Licht strömte. Etwa alle sieben Meter kamen kannelierte Nischen, wie ich sie bereits von der Halle aus im Zwischengeschoss gesehen hatte. In jeder Nische umstanden zwei schwarz lackierte Holzstühle einen runden Glastisch, auf dem eine Vase mit frischen Blumen prangte. Ich nahm mir einen Stuhl und hielt ihn vor mich, während ich weiter in einem Tempo nach Zimmer 817 suchte, das mich an gewisse Träume erinnerte: Ich konnte mich nicht fortbewegen. Ich ging, kam aber irgendwie nicht voran. Die Tür zu Martys Zimmer stand einen Spaltbreit offen. Ich trat sie auf, doch die beiden Kerle waren bereits am Gehen und zerrten Marty zwischen ihnen mit sich. Unablässig sagte ich mir Schnapp-dir-einen-schnapp-dir-einen-schnapp-dir-einen, und so entschied ich mich für den Typen zu meiner Rechten und versetzte ihm einen brutalen Hieb, indem ich ihm die Stuhlbeine ins Gesicht rammte. Ich traf ihn mit voller Wucht. Er stieß einen animalischen Laut aus, doch der Schlag schien ihm nichts anhaben zu können. Er griff nach dem Stuhl und versuchte ihn mir aus den Händen zu winden. Ich sah seine Faust auf mich zukommen, tief und schnell, ehe sie mich mit einem lähmenden Schlag in den Solarplexus traf, der mich auf dem Hintern landen ließ. Der saure Geschmack von aufgestoßenem Kaffee stieg mir mit einem überwältigenden Übelkeitsgefühl in die Kehle. Mir blieb die Luft weg, und einen Moment lang fürchtete ich, an Ort und Stelle zu ersticken. Ich blickte gerade noch rechtzeitig auf, um den Stuhl auf mich heruntersausen zu sehen. Ich spürte den Schlag und merkte, wie ich zusammenzuckte, empfand aber keinen Schmerz. Dann wurde alles schwarz., Ich lag in einem Bett, umgeben von einem Gewirr verschiedener Gespräche, die sich um mich zu drehen schienen. Es erinnerte mich an Autofahrten in meiner Kindheit, bei denen ich auf das leise, träge Murmeln der Erwachsenen horchte, die sich auf den Vordersitzen unterhielten, während ich hinten döste. Wie damals empfand ich die süße Gewissheit, dass die anderen die Verantwortung für die Reise übernehmen würden, wenn ich nur einfach ruhig liegen blieb und mich schlafend stellte. Etwas Flaches und Eiskaltes wurde mir gegen die eine Kopfseite gepresst und löste dort einen so stechenden Schmerz aus, dass ich nach Luft schnappte. Dann drückte mir jemand den in ein Handtuch gewickelten Eisbeutel in die Hand und forderte mich auf, ihn selbst so fest wie möglich anzudrücken. Der Hotelarzt erschien und verbrachte unangemessen viel Zeit damit, meine Vitalfunktionen zu überprüfen, indem er sich vergewisserte, dass ich wusste, wie ich hieß, welchen Tag wir hatten und wie viele Finger er in die Höhe hielt – eine Anzahl, die er im Bemühen, zu tarnen und zu täuschen, ständig abänderte. Es war die Rede von Sanitätern, deren Hilfe ich ablehnte. Im nächsten Moment erschienen zwei weitere Männer im Raum. Wie ich erfuhr, war der eine der Chef des Hotel- Sicherheitsdienstes, ein stämmiger Typ in einem Anzug mit klaffendem Revers. Ich erhaschte einen kurzen Blick auf ein Stück Leder, von dem ich hoffte, dass es ein Schulterholster war und kein Stützkorsett. Die Gegenwart eines Mannes mit einer Schusswaffe beruhigte mich. Er war über sechzig, hatte schütteres Haar, ein breites Gesicht und einen dichten grauen Schnurrbart. Der Mann an seiner Seite gehörte wahrscheinlich zur Geschäftsführung des Hotels. Ich wandte den Kopf leicht zur Seite. Ein dritter Mann erschien in der Tür. Er hatte ein, Walkie-Talkie in der Hand, war schlank, etwa Mitte vierzig und trug eindeutig ein Toupet. Er kam herein und beriet sich mit den anderen beiden. Der mit dem breiten Gesicht und dem Schnurrbart stellte sich vor. »Ich bin Mr. Fitzgerald vom hauseigenen Sicherheitsdienst. Das sind mein Kollege Mr. Preston und der Geschäftsführer Mr. Shearson. Wie fühlen Sie sich?« »Gut«, antwortete ich, was ein Witz war, nachdem ich flach auf dem Rücken lag und eine schmerzende Beule am Kopf hatte. Jemand hatte mir die Schuhe ausgezogen und ein Leintuch über mich gelegt, das im Grunde nicht warm genug war. Der Geschäftsführer beugte sich vertraulich zu Fitzgerald und sprach mit ihm, als wäre ich gar nicht da. »Ich habe die Firmenleitung bereits informiert. Der Anwalt hat gemeint, wir sollen sie eine Verzichtserklärung unterschreiben lassen, mit dem sie uns von jeder Haftung befreit …« Er sah zu mir herüber und senkte die Stimme. Aus dem Walkie-Talkie ertönte ein Quaken. Mr. Preston verzog sich auf den Flur und führte sein Gespräch außerhalb meiner Hörweite. Als er kurz darauf zurückkehrte, unterhielt er sich mit Fitzgerald, dies jedoch in so gedämpftem Ton, dass ich nichts vom Inhalt mitbekam. Der Geschäftsführer entschuldigte sich, und nach kurzer Besprechung ging auch Mr. Preston. Ich versuchte mich zu orientieren. Offenbar hatten sie mich in ein freies Hotelzimmer verfrachtet, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, wie ich dorthin gekommen war. Womöglich hatten sie mich ja an den Hacken den Flur entlanggezogen. Es gab einen Schreibtisch, ein Sofa, zwei Sessel und einen Art- déco-Schrank, in dem auch Minibar und Fernseher untergebracht waren. Ich war noch nie in einem derart noblen Hotel abgestiegen, und so war alles eine Offenbarung für mich. Die Geschäftsführung im Paradise in Reno konnte sich in Sachen Inneneinrichtung eine Scheibe vom Neptune, abschneiden. Ich rückte meinen Eisbeutel zurecht, ehe ich mich nach Marty erkundigte. »Wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist«, antwortete Fitzgerald. »Sie haben es geschafft, ihn unbeobachtet aus dem Haus zu bringen. Ich habe den Parkwächter nach seinem Wagen suchen lassen, aber den hatte bereits jemand abgeholt. Niemand konnte sich an den Fahrer erinnern, deshalb wissen wir nicht, ob Mr. Blumberg allein oder in Gesellschaft der beiden Männer weggefahren ist, die ihn angegriffen haben.« »Der Ärmste.« »Die Polizei spricht gerade mit der Frau in Ihrer Begleitung. Sie würden Ihnen auch gern ein paar Fragen stellen, wenn Sie sich dazu imstande fühlen.« »Ich weiß nicht mehr viel, aber bitte«, erwiderte ich. In Wirklichkeit war mir nicht nach Konversation. Mich fror. Die Beule an meinem Kopf machte sich bei jedem Pulsschlag schmerzhaft bemerkbar. Meine Magengrube tat weh. Ich hatte keine Ahnung, was Reba ihnen erzählte, doch würde sie wohl kaum alles offen preisgeben. Die ganze Situation war viel zu kompliziert, um es zu erklären, erst recht, da ich nicht wusste, was das FBI als vertraulich betrachtete. Ich machte mir Sorgen um Marty. Als ich ihn zuletzt gesehen hatte – mit der aufgeplatzten Wange, aus der ihm Blut übers Gesicht rann –, schien er sich in sein Schicksal gefügt zu haben, wie ein Mensch, der in Begleitung eines Priesters in die Gaskammer geschickt wird. Es war die Angst in seinen Augen, die mir nachging, als hätte er gewusst, dass noch etwas weitaus Schlimmeres seiner harrte. Am liebsten hätte ich den Film zurückgespult, um die Ereignisse ein weiteres Mal ablaufen zu lassen, damit mir eine Idee kam, wie ich ihm helfen konnte. Fitzgerald sagte noch etwas, doch ich nahm es nicht wirklich wahr. Ich entfernte den Eisbeutel und musterte das durchweichte Frotteehandtuch, in dessen Schlingen Bluttröpfchen hingen. Ich, wickelte den Eisbeutel neu ein und legte die frische Kälte einer unbenutzten Stelle an meinen armen, malträtierten Kopf. Ich fröstelte, brachte es aber nicht über mich, um eine zweite Decke zu bitten. »Entschuldigung. Könnten Sie das bitte wiederholen?« »Haben Sie die Männer zuvor schon einmal gesehen?« »Meines Wissens nicht. Ich dachte, sie wollten jemand anders treffen. Sie sind zwar direkt auf uns zugegangen, aber es war, wie wenn ein Fremder in Ihre Richtung winkt. Man dreht sich um und sieht nach hinten, da man annimmt, dass jemand anders gemeint ist. Reba erinnert sich vielleicht noch an mehr als ich. Kann ich sie sprechen?« Er überlegte. Einerseits wollte er unbedingt so viel Informationen wie möglich aus mir herausholen, andererseits aber auch mitfühlend und besorgt wirken, wie es eben die Pflicht eines Hotelangestellten ist. »Sobald die Polizei mit ihr fertig ist, lasse ich sie holen.« »Danke.« Damit schloss ich erneut die Augen. Ich war müde und hatte das Gefühl, nie wieder aus diesem Bett aufstehen zu wollen. Auf einmal berührte mich jemand am Arm. Reba saß auf einem Stuhl, den sie ans Bett herangezogen hatte. Fitzgerald hatte das Zimmer verlassen. »Wohin ist denn Fitzgerald verschwunden?« »Keine Ahnung. Ich habe den Cops gesagt, sie sollen Cheney anrufen und sich von ihm alles erklären lassen. Schließlich wollte ich mich nicht verplappern und dem FBI ins Handwerk pfuschen. Was macht Ihr Kopf?« »Tut weh. Helfen Sie mir mal, damit ich sehe, ob ich mich aufsetzen kann, ohne ohnmächtig zu werden oder mich zu übergeben.« Sie hielt meine ausgestreckte Hand und half mir in eine aufrechte Position. Ich schob das Leintuch beiseite und stützte mich mit der anderen Hand auf dem Nachttisch ab. Es war gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte., »Sie wollen doch hoffentlich nicht irgendwohin, oder?« »Nicht, bevor ich weiß, wie ich in Form bin. Haben Sie diese Typen schon mal gesehen?« Sie zögerte. »Ich glaube schon. In dem Pick-up, der mit uns von Reno hier runtergefahren ist. Wahrscheinlich sind es Salustios Gorillas. Beck muss ihnen gesagt haben, dass ich ihm die fünfundzwanzig Riesen geklaut habe.« »Aber warum schnappen sie sich dann Marty? Er hatte überhaupt nichts damit zu tun.« »Ich habe keine Ahnung, was da abläuft. Scheiße, hätte ich Marty bloß nicht erzählt, dass die Feds schon auf dem Laufenden sind. Damit habe ich ihn nur zum Abhauen animiert. Im Gefängnis wäre er besser dran gewesen. Da wäre er wenigstens in Sicherheit.« »Was ist mit dem Gepäckabholschein, den er Ihnen gegeben hat? Worum handelt es sich dabei?« Sie blinzelte. »Keine Ahnung. Hab ich ganz vergessen.« Sie kramte in ihrer Tasche, zog den Zettel heraus und drehte ihn um. »Hotel-Gepäckaufbewahrung. Ich frage mal den Chefpagen und sehe nach, was es ist. Kann ich Sie so lange allein lassen? Es geht sicher schnell.« »Klar. Warten Sie unten auf mich. Sobald ich mit der Polizei gesprochen habe, komme ich in die Halle.« »Gut.« Ich wartete, bis sie weg war, ehe ich ins Badezimmer ging, mir das Gesicht wusch und den Kopf unter den Wasserhahn hielt, um das getrocknete Blut auszuwaschen, das in meinen Haaren klebte. Schließlich nahm ich ein Badetuch und tupfte sacht alles ab, bis die Strähnen trocken genug waren, um sie durchzukämmen. Ehrlich, ich fühlte mich besser als erwartet, jetzt, wo ich wieder auf den Beinen war. Als der Streifenpolizist erschien, saß ich bereits in einem, Sessel und fühlte mich einigermaßen wiederhergestellt. Er hatte klar geschnittene Gesichtszüge, war etwa Mitte zwanzig, ernst und lispelte ein bisschen, was entwaffnend wirkte. Ich gab wieder, was ich wusste, und sah ihm zu, wie er in sein Notizbuch kritzelte. Wir gingen den Ablauf der Ereignisse so lange durch, bis er der Meinung war, alles aus mir herausgekitzelt zu haben, woran ich mich erinnerte. Ich gab ihm meine Adresse in Santa Teresa und neben meiner Telefonnummer auch die von Cheney. Er reichte mir eine Visitenkarte und erklärte, dass ich eine Abschrift des Polizeiberichts anfordern könne, indem ich ans Archiv schrieb, die Bearbeitungsdauer jedoch zehn Tage betrage. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog ich die Schuhe an. Mich zum Binden der Schnürsenkel hinabzubeugen war nicht besonders angenehm, doch ich schaffte es. Ich nahm meine Tasche, trat in den Flur hinaus, suchte die Aufzüge und fuhr nach unten. In der Halle angekommen, sah ich zum Tresen des Chefpagen hinüber, da ich erwartete, Reba dort stehen zu sehen. Kein Chefpage und keine Reba. Ich hatte gut zehn Minuten mit dem Polizisten gesprochen, daher vermutete ich, dass sie das bereits abgeholt hatte, was Marty für sie hinterlegt hatte. Ich drehte eine Runde, spähte in die Cocktailbar, die Damentoilette und den Flur bei den öffentlichen Telefonen. Ich versuchte es im Geschenke-Shop und im Zeitungsladen daneben. Wo zum Teufel war sie geblieben? Ich rechnete zwar immer noch damit, sie zu finden, doch es ärgerte mich maßlos, dass sie einfach davonspaziert war, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen. Ich setzte mich für ein paar Minuten in die Halle, ehe ich nach draußen ging. Der Chefpage schob gerade einen mit Koffern beladenen Gepäckwagen herein. »Ich suche jemanden«, sagte ich, als er seine Last abgeladen hatte. »Eine Freundin von mir – zierlich und dunkelhaarig. Sie ist vor kurzem heruntergekommen und hatte einen Abholschein für –«, »Ja, sicher. Sie hat den Rollenkoffer abgeholt und ist gegangen.« »Wissen Sie, wohin?« Er schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid. Ich wünschte, ich könnte Ihnen weiterhelfen.« Er entschuldigte sich, um sich um einen ankommenden Gast zu kümmern, und ließ mich ratlos stehen. Was nun? Ein Wagen fuhr heran, den der Parkgehilfe einem wartenden Gast übergab. Als der Fahrer eingestiegen war und der Parkgehilfe die Wagentür geschlossen hatte, fing er meinen Blick auf. Es war derselbe junge Mann, den wir bei unserer Ankunft gesehen hatten. »Suchen Sie Ihre Freundin?«, fragte er. »Ja.« »Die haben Sie knapp verpasst.« »Was meinen Sie mit ›knapp verpasst‹?« »Der Portier hat ihr vor ein paar Minuten ein Taxi gerufen.« »Sie meinen, sie ist weggefahren? Wohin denn?« »Hab ich nicht gehört. Sie hat dem Fahrer ihre Anweisungen gegeben, und dann ist das Taxi davongefahren.« »War sie allein?« »Sah so aus. Sie hatte ihren Koffer dabei, also wollte sie vielleicht zum Flughafen.« »Danke.« Was nun? Mir war völlig schleierhaft, was sie im Schilde führte. Außerdem wollte ich unbedingt los, aber wie konnte ich das Hotel verlassen, wenn ich nicht die geringste Ahnung hatte, wo sie war oder ob sie zurückkommen würde? War sie einfach aus einem Impuls heraus abgereist, oder hatte sie schon geplant, mich abzuschütteln, seit wir Reno verlassen hatten? Was auch immer zutraf, ich hatte das Gefühl, noch eine Weile hier bleiben, zu müssen, zumindest so lange, bis ich mir sicher war, dass sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Doch bis dahin konnte ich nicht untätig herumsitzen. Ich kehrte in die Hotelhalle zurück und setzte mich in denselben Sessel wie bei unserer Ankunft. Mit geschlossenen Augen ließ ich die Ereignisse Revue passieren. Ich sah Reba vor mir, wie sie auf den Tresen zuging. Sie hatte eine Versandtasche herausgezogen, in Druckbuchstaben etwas darauf geschrieben und sie beim Empfangschef hinterlegt. Im Gegenzug hatte sie auf ihre Frage hin einen Umschlag erhalten. Was konnte ich daraus schließen? Ich stand auf und ging zum Tresen des Empfangschefs. Nur ein Mann, der laut seinem Namensschild Carl hieß, hatte Dienst und war gerade dabei, eine Tischreservierung für einen gut gekleideten älteren Herrn vorzunehmen. Ich wartete. Als der Herr weg war, sah mich Carl ausdruckslos an. Sein Blick wanderte zur Seite meines Kopfs, an dem ich plötzlich eine Beule von der Größe einer Kokosnuss vermutete. »Kann ich Ihnen helfen?« »Ist der Geschäftsführer zu sprechen?« »Ich kann mich erkundigen. Sind Sie Hotelgast?« »Leider nein, aber ich habe ein kleines Problem und könnte seine Hilfe gebrauchen.« »Aha. Und weiß er, worum es sich handelt?« »Wahrscheinlich nicht. Sie können ihm sagen, dass ich Millhone heiße.« Er nahm den Hörer seines Telefons ab und wählte eine Nummer, ohne den Blick von mir abzuwenden. Als sich am anderen Ende jemand meldete, wandte er sich ab und führte das Gespräch mit vorgehaltener Hand wie jemand, der höflich sein will, während er sich in der Öffentlichkeit die Zähne reinigt. »Er kommt gleich.«, »Danke.« Er lächelte, und sein Blick glitt von mir ab, als er sich wieder seiner Arbeit zuwandte. Eine Weile beschäftigte er sich mit einem dicken Ordner und dem Telefon. Ich setzte zum Sprechen an, doch er hielt einen Finger in die Höhe, was »Moment bitte« heißen sollte, und setzte seine Tätigkeit fort. Wollte man mich hinhalten? Mir fiel wieder ein, was der Geschäftsführer angesichts Martys (mutmaßlicher) Entführung und der Attacke auf mich in Bezug auf die Haftbarkeit des Hotels gesagt hatte. Vielleicht hatte er die Firmenleitung und seinen Chef verständigt oder den Chef seines Chefs und ihn davor gewarnt, weiteren Kontakt zu mir zu pflegen. Alles, was gesagt wurde, konnte vor Gericht gegen das Hotel verwendet werden. Ich hätte ebenso gut ein blinkendes Schild mit der Aufschrift PROZESS * PROZESS * PROZESS an der Stirn tragen können. »Entschuldigen Sie bitte, Sir.« »Möchten Sie einen Moment Platz nehmen? Der Geschäftsführer kommt gleich.« Sein Ton war freundlich, doch diesmal würdigte er mich keines Blickes. Er griff nach einem Stapel Papier, stieß ihn auf den Tresen, um die Kanten auszurichten, und verschwand im dahinter gelegenen Büro, als wäre er auf einer Mission zur Wahrung der inneren Sicherheit. Verdrossen stellte ich fest, dass auf einmal mein böser Geist auf meiner Schulter hockte und stumm einen Finger ausstreckte. Ich sah die gelbe Versandtasche, die Reba hinterlegt hatte. Sie lag nach wie vor auf dem Schreibschrank, kaum anderthalb Meter von mir entfernt. Von meinem Standort aus konnte ich Martys Namen entziffern, der mit dicker schwarzer Tinte auf dem Umschlag stand. Also los … Ich ging ein Stück am Tresen entlang und machte einen untätigen Mitarbeiter auf mich aufmerksam, einen jungen Mann von etwa zwanzig Jahren, der wahrscheinlich noch in der Ausbildung war. »Ja, Ma’am?«, sagte er. »Kann ich Ihnen helfen?« »Das hoffe ich. Mein Name ist Mrs. Blumberg. Ich wohne mit, meinem Mann hier im Hotel. Er hat gesagt, er hinterlässt ein Päckchen für mich, und ich glaube, das da könnte es sein.« Ich zeigte auf die Versandtasche. Der junge Mann hob sie auf. »Sie sind Marty?« »Ja.« Er reichte mir das Päckchen. Ich war auch froh. »Vielen Dank.« Ich ging zur Damentoilette, schloss mich in einer Kabine ein und setzte mich auf die Toilette. Ich stemmte die Füße gegen die Tür, damit nicht der junge Mann von der Rezeption hereingestürmt kam und wegen unrechtmäßiger Aneignung einen Riesenaufstand machte. Die Versandtasche hatte Umfang und Gewicht von zwei Taschenbüchern. Sie war mit einem selbstklebenden Verschluss versehen, doch ich zupfte so lange daran, bis sich die beiden Streifen Klebeband voneinander lösten. Dann spähte ich hinein. Vor mir lag ein Paradebeispiel dafür, warum es unmöglich ist, mich davon zu kurieren, immer wieder diese grässlichen Lügen zu erzählen. Schwindeleien und verwandte Formen der Täuschung bringen einem nämlich oft die erstaunlichsten Belohnungen ein. In der Versandtasche fand ich Folgendes: Einen Reisepass der Vereinigten Staaten, ausgestellt auf einen gewissen Garrisen Randolph, mit einem fünf mal fünf Zentimeter großen Foto von Martin Blumberg. Einen kalifornischen Führerschein, ausgestellt auf Garrisen Randolph, mit einer leicht verkleinerten Version des gleichen Fotos. Seine Wohnadresse war angegeben mit Los Angeles, Postleitzahl 900Z4, also Westwood. GESCHLECHT: m, HAARE: braun, KÖRPERGR.: 1,80; GEWICHT: 123 kg, GEBURTSDATUM: 25.08.1942, Letzteres in Rot. Über dem Foto stand ebenfalls in Rot das Ablaufdatum: 25.08.1990. Dazu kamen eine American-Express-Karte, eine Visa-, Kreditkarte und eine MasterCard, allesamt ausgestellt auf Garrisen Randolph, sowie eine Geburtsurkunde aus Inyo County, Kalifornien, der ich die Daten von Garrisen Randolphs Geburt entnehmen konnte. Natürlich handelte es sich um Umarbeitungen der gefälschten Papiere, die Reba aus der Geheimschublade in Alan Beckwiths Schreibtisch gestohlen hatte. Der Name auf diesen Dokumenten war eine Variante des Namens Garrison Randell, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass er bei einer Computersuche nicht gefunden wurde. Theoretisch konnte Marty das Land jederzeit verlassen, und niemand würde davon erfahren. Mir war sonnenklar, dass Misty Raine die Papiere verändert hatte. Ich hatte nicht vergessen, wie mir Reba erzählt hatte, dass Mistys neu entdecktes Fälschertalent ihr zu den Mitteln für ihre ausladende Oberweite verholfen hatte. Der Mann, den sie im Silverado getroffen hatte, lieferte ihr wahrscheinlich das Papier für die Fälschungen, die Siegel oder die Blanko-Kreditkarten. Doch was hieß das? Falsche Papiere dieser Machart kosteten eine Stange Geld. Reba war diejenige, die all das arrangiert hatte, aber für welche Gegenleistung? Sie und Marty mussten irgendeine Abmachung getroffen haben. Mir war klar, was er davon hatte, aber was sprang für sie dabei heraus? Ich dachte an den Umschlag, den sie an der Rezeption entgegengenommen hatte. Vielleicht hatte er ihr die fünfundzwanzigtausend Dollar gegeben, die sie für Salustio brauchte. Womit die Frage nach dem Koffer offen blieb, in dem Gott weiß was sein konnte. Ich sah auf die Uhr. Kurz vor sechs. Ich stopfte den dicken Umschlag in die Tasche und verließ die Toilette. Mit dem Aufzug fuhr ich in den achten Stock. Wie ich gehofft hatte, standen in unregelmäßigen Abständen Wäschekarren im Flur. Viele Gäste hatten bereits ihre Zimmer verlassen und sich auf den Weg zum Abendessen gemacht. Nun gingen die Zimmermädchen herum und leerten die Abfalleimer, brachten, frische Handtücher, ersetzten die kleinen Gratisartikel und deckten die Betten auf. Ich wartete, bis das Zimmermädchen in Martys Zimmer verschwunden war und huschte den Flur entlang. Neben ihrem Karren, auf dem ich eine Schachtel Einweg-Latexhandschuhe entdeckt hatte, blieb ich stehen, steckte ein Paar ein und klopfte an die Tür. Ob die Polizei wohl Martys Zimmer durchsucht hatte? Vielleicht nicht, da nirgends Absperrband zu sehen war. Das Zimmermädchen sah vom Bett auf, wo sie gerade die schwere, gesteppte Tagesdecke zu etwas zusammenfaltete, das in Form und Umfang einer riesigen Biskuitroulade ähnelte. »Entschuldigen Sie die Störung, aber könnten Sie vielleicht später weitermachen? Ich bin in zwanzig Minuten zum Essen verabredet und muss mich noch umziehen«, sagte ich. Sie brummte eine Entschuldigung, nahm ihren mit den typischen Utensilien bestückten Plastikkorb und ging. Ich hängte das »Bitte nicht stören« -Schild außen an die Tür, streifte die Handschuhe über und begann eine gründliche Durchsuchung. Marty musste seine Geldbörse, den Zimmerschlüssel und andere Gegenstände bei sich gehabt haben, als seine Angreifer ihn verschleppt hatten. Ich durchwühlte den Hartschalenkoffer, den er offen auf der Gepäckablage liegen lassen hatte. Unterwäsche, Hemden, Socken und ein paar Toilettenartikel, die er nicht im Badezimmer aufgestellt hatte. Ich zog die Schranktür auf und fuhr in die Taschen der dort hängenden Hose. Leer. Ich nahm eine systematische Durchsuchung des aufgehängten Kleidersacks vor, doch darin befand sich nichts Unerwartetes: Anzüge, Hosen, Gürtel, Schuhe. Abgesehen von dem Hotelbademantel und der Hose befanden sich keine weiteren Kleidungsstücke im Schrank, und auch den üblichen Hotelsafe mit seinem vierstelligen Zahlenschloss konnte ich nicht finden. Ich durchsuchte das Badezimmer, einschließlich der Unterseite, des Spülkastendeckels, fand aber nichts. Ich zog sämtliche Schubladen der Kommode auf und fuhr mit der Hand darin herum. Leer. Jede Schublade nahm ich ganz heraus, da ja womöglich etwas darunter oder dahinter verborgen war. Am Nachttisch tat ich das Gleiche noch einmal. Ich nahm die Bibel heraus. Darin lag ein Ticket von Delta Air Lines, erster Klasse nach Zürich, ausgestellt auf Garrisen Randolph. Gebucht war nur der Hinflug, der am nächsten Morgen um neun Uhr dreißig gehen sollte. Ich steckte den Flugschein wieder zwischen die Seiten, legte die Bibel in die Schublade zurück und machte sie zu. Ich glaubte zwar nicht, dass Marty zurückkommen würde, doch auf die leise Hoffnung hin, dass er es wider Erwarten schaffte, wartete hier das Ticket auf ihn. Ich zog die Handschuhe aus, nahm das »Bitte nicht stören« -Schild vom Türknauf und hängte es wieder nach innen, ehe ich mit dem Aufzug nach unten fuhr. Am Zeitungskiosk erstand ich Briefmarken im Wert von drei Dollar, die ich vorn auf die Versandtasche klebte. Ich schrieb meine Adresse unter Martys Namen und drückte die Klebebänder zusammen, um den Umschlag zu verschließen. In Sichtweite des Tresens des Empfangschefs setzte ich mich hin und versuchte zu erspähen, ob Carl noch im Dienst war. Zehn Minuten verstrichen, ohne dass er aufgetaucht wäre. Eine schick gekleidete Frau mit Namensschild am Revers hatte seinen Posten übernommen. Ich trat an den Tresen. Sie machte einen kompetenten Eindruck und trug ein angemessen cooles und professionelles Lächeln zur Schau. »Ja, Ma’am?« Ich legte die Versandtasche auf den Tresen. »Ich würde gern das hier für Mr. Blumberg in Zimmer 817 hinterlegen, möchte Sie aber bitten, eine Notiz beizufügen. Falls er den Umschlag bis morgen Nachmittag nicht abgeholt hat, wäre ich froh, wenn Sie ihn in die Post geben und ihm zuschicken würden.« »Aber sicher.«, Sie schrieb die entsprechende Notiz und befestigte sie mit einer Büroklammer an der Versandtasche. »Ach, und haben Sie vielleicht eine Heftmaschine?«, fragte ich. »Der Umschlag ist aufgegangen.« »Kein Problem.« Sie griff hinter den Tresen und nahm einen Hefter heraus, mit dem sie eine Reihe von Klammern in die Verschlusslasche schoss. Dann verstaute sie den Umschlag wieder an seinem alten Platz auf dem Schreibschrank. Ich dankte ihr und sandte ein stilles Stoßgebet für Martys Überleben zum Himmel. Um Viertel nach sieben warf ich dem Chefpagen fünfundzwanzig Dollar in den Rachen und holte meinen Käfer ab. Ich nahm den Sunset Boulevard nach Westen bis zur Auffahrt zum Highway 405 in Richtung Norden, fuhr die lange Steigung zum San Fernando Valley hoch und auf der anderen Seite wieder herunter. Als ich auf dem Highway 101 angelangt war, befand ich mich endlich auf dem Heimweg., Um neun Uhr abends traf ich in Santa Teresa ein. Die sommerlichen Temperaturen waren rapide gesunken, während die Sonne langsam am Horizont versank. Am Cabana Boulevard brannten bereits die Straßenlampen, und das breite Band des Ozeans hatte sich ganz in Silber und Weiß gehüllt. Ich fuhr kurz an meiner Wohnung vorbei, stellte das Gepäck ab und schrieb Henry einen Zettel, damit er wusste, dass ich wieder da war. Ich hinterließ Cheney eine Nachricht nämlichen Inhalts auf seinem Anrufbeantworter und versprach, ihm von den neuesten Entwicklungen zu berichten, sobald ich dazu käme. Um zwanzig nach neun saß ich wieder im Auto und fuhr in Richtung Süden – nach Montebello, zum Haus der Laffertys. Vorsichtig tastete ich nach der Beule an meinem Kopf – sie tat noch immer weh, und kleiner war sie auch nicht geworden. Wenigstens waren die Kopfschmerzen weg, also durfte ich mich der Hoffnung hingeben, dass ich auf dem Weg der Besserung war. Wahrscheinlich müsste ich ein oder zwei Tage aufs Joggen verzichten, aber wenigstens konnte ich klar denken. Die Fahrt von Los Angeles nach Hause hatte mir Zeit zum Nachdenken gegeben, doch war mir nach wie vor schleierhaft, wie die beiden Gorillas uns in Reno gefunden hatten. So widerlich Beck auch war, ich nahm nicht an, dass er Schläger auf seiner Gehaltsliste stehen hatte, was hieß, dass Salustio Castillo die beiden geschickt hatte. Warum sie sich allerdings Marty geschnappt hatten, blieb mir ein Rätsel. Reba hatte Salustio fünfundzwanzigtausend Dollar gestohlen, und damit war sie die logische Zielscheibe. Es sei denn, Marty hatte etwas noch Idiotischeres angestellt als sie. Aber was? Hatte er etwa den Rest von Salustios Geld in den Rollenkoffer gepackt? Doch zu welchem Zweck? Demzufolge, was er an jenem Abend im, Dale’s gesagt hatte, hatte er genug Geld beiseite geschafft, um davon leben zu können. Also warum sollte er noch mehr Geld stehlen und es an Reba weitergeben, wenn das lediglich dazu führte, dass sie in noch größerer Gefahr schwebte als ohnehin? Und wo steckte sie überhaupt? Ich hielt es durchaus für möglich, dass sie Misty beauftragt hatte, nicht nur für Marty, sondern auch für sich selbst einen falschen Pass und weitere Papiere zu fabrizieren. Falls das zutraf, war sie vielleicht bereits auf dem Sprung, das Land zu verlassen, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie verschwand, ohne ihrem Vater Lebewohl zu sagen. Vielleicht würde sie ihm ihr Ziel verschweigen, doch bestimmt würde sie einen Weg finden, ihm mitzuteilen, dass es ihr gut ging. Nicht zum ersten Mal sah ich meine Beziehung zu Reba als beendet an. Sie würde auf ihre Bewährung pfeifen und versuchen, sich durch Flucht zu entziehen. Als ich am Anwesen der Laffertys ankam, waren die Tore geschlossen. Ich fuhr an das Tastenfeld heran, drehte das Fenster herunter und drückte den Rufknopf. Ich hörte es innen läuten. Einmal. Zweimal. Freddy meldete sich. Ihre Stimme kam krächzend aus der Sprechanlage. Ich steckte den Kopf nach draußen und hob die Stimme. »Freddy? Hier ist Kinsey. Würden Sie mich bitte reinlassen?« Nach mehreren von einem leisen Brummen gefolgten Pieptönen schwangen die Tore auf. Ich machte die Scheinwerfer an und fuhr langsam die Einfahrt entlang. Licht aus dem Haus blinkte durch die Bäume. Als ich die letzte Kurve hinter mir hatte, sah ich, dass im ersten Stock Dunkelheit herrschte, jedoch in vielen nach vorn gelegenen Räumen im Erdgeschoss Licht brannte. Lucindas Wagen stand am selben Fleck, und ich ertappte mich dabei, wie ich beim Gedanken an eine Begegnung mit ihr die Augen verdrehte. Beim Aussteigen nahm ich rechts von mir eine Bewegung wahr. Rags kam in einem Tempo die, Einfahrt herabgeschlendert, das genau darauf abgestimmt war, mir den Weg abzuschneiden. Als er bei mir anlangte, bückte ich mich und kraulte ihn zwischen den Ohren. Sein langes, kürbisfarbenes Fell war seidig, und sein Schnurren wurde immer sonorer, während er seinen dicken Kopf reckte und gegen meine Hand drückte. »Hör mal, Rags. Ich würde dich ja liebend gern mit hineinnehmen, aber wenn Lucinda die Tür aufmacht, haben wir keine Chance.« Er stolzierte neben mir den Weg entlang, lief mir aber immer wieder vor die Füße, um weitere Streicheleinheiten und Schmeicheleien einzuheimsen. Allmählich begriff ich, wie der Besitz einer Katze einen erwachsenen Menschen mit der Zeit verblöden lassen kann. Ich hob den Arm zur Klingel, doch die Tür ging vorher auf. Im Licht der Veranda stand Lucinda. Sie trug ein flottes gelbes Mantelkleid, dazu helle Strümpfe und Pumps im gleichen gelben Farbton. Sie war braun gebrannt, und ihr gesträhntes blondes Haar war zu einer Frisur drapiert, die wirkte, als wehe ständig der Wind hindurch. »Oh!«, rief sie aus. »Freddy hat gesagt, dass jemand geklingelt hat, aber ich wusste nicht, dass Sie es sind. Ich dachte, Sie seien verreist.« »War ich auch. Ich bin gerade zurückgekommen und muss dringend Mr. Lafferty sprechen.« Sie ließ sich Zeit mit ihrer Reaktion. »Dann kommen Sie besser mal rein.« Sie trat beiseite, um mich eintreten zu lassen. Beim Anblick von Rags runzelte sie verärgert die Stirn. Sie blockierte ihn mit schnellem Fußeinsatz und schob ihn weg. So ein Mensch war sie also, eine Katzentreterin. Was für ein Miststück. In der Diele stand gleich neben der Tür eine kleine Reisetasche. Ihre Handtasche hatte sie auf das Garderobentischchen gestellt, und nun blieb sie stehen, um sich im Spiegel zu betrachten und einen Ohrring sowie eine abtrünnige Haarsträhne zu adjustieren. Sie machte die Handtasche auf und suchte offenbar nach ihren Schlüsseln. »Nord ist nicht hier. Er hatte heute Morgen einen Kollaps, und, ich musste einen Krankenwagen rufen. Er liegt im Saint Terry’s. Ich wollte gerade hinfahren, um ihm Waschsachen und Bademantel zu bringen.« »Was ist denn passiert?« »Nun ja, er ist unheilbar krank«, antwortete sie, als hätte ich eine selten dumme Frage gestellt. »Die ganze Aufregung wegen Reba hat ihm schwer zugesetzt.« »Ist sie hier?« »Natürlich nicht. Sie ist nie da, wenn er sie braucht. Das ist eine Aufgabe, die Freddy oder mir zufällt.« Ihr Lächeln war selbstzufrieden und spröde, ihr Auftreten energisch. »Nun gut. Was können wir für Sie tun?« »Darf er Besuch empfangen?« »Sie haben mich wohl nicht verstanden. Er ist krank. Er darf nicht belästigt werden.« »Danach habe ich nicht gefragt. Auf welcher Station liegt er?« »Auf der Herzstation. Wenn Sie darauf bestehen, können Sie ja mit seiner Privatpflegerin sprechen. Was wollen Sie eigentlich?« »Er hat mir einen Auftrag erteilt. Ich möchte ihm gern Bericht erstatten.« »Es wäre mir lieber, Sie würden es lassen.« »Ich arbeite aber nicht für Sie, sondern für ihn.« »Sie steckt schon wieder in Schwierigkeiten, stimmt’s?« »Kann man so sagen.« »Sie begreifen einfach nicht, wie sehr ihm das zu schaffen macht. Sein Leben lang hat er sie immer wieder retten müssen. Reba bringt ihn andauernd in dieselbe Lage. Sie manövriert sich in Situationen, in denen sie hoffnungslos verloren ist, wenn er nicht eingreift – oder zumindest möchte sie, dass er das glaubt. Bestimmt würde sie es abstreiten, aber im Grunde ist sie noch, ein Kind, das alles tut, um die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erregen. Wenn ihr irgendetwas zustieße, würde er sich auf ewig Vorwürfe machen.« »Er ist ihr Vater. Er kann ihr helfen, wenn er will.« »Tja, das habe ich möglicherweise verhindert.« »Wie das?« »Ich habe Priscilla Holloway angerufen, Rebas Bewährungshelferin. Meiner Meinung nach musste sie erfahren, was los ist. Bestimmt hat Reba getrunken und wahrscheinlich auch gespielt. Ich habe Ms. Holloway erzählt, dass Reba Kalifornien verlassen hat, und sie war empört.« »Damit schicken Sie sie ins Gefängnis zurück.« »Genau das hoffe ich. Dann wären wir alle besser dran, sie selbst eingeschlossen.« »Großartig. Wirklich toll. Bei wem haben Sie sonst noch gepetzt?« Ich hatte die Frage sarkastisch gemeint, doch das nun folgende Schweigen sagte mir, dass ich unerwartet ins Schwarze getroffen hatte. Ich starrte sie an. »Hat Beck dadurch erfahren, wo sie ist?« Sie senkte den Blick. »Wir haben über das Thema gesprochen.« »Sie haben es ihm gesagt?« »Allerdings. Und ich würde es wieder tun.« »Wann war das?« »Am Donnerstag. Er ist hierher gekommen. Nord hat geschlafen, und so habe ich selbst mit ihm gesprochen. Er war auf der Suche nach ihr und hat sich große Sorgen gemacht. Er hat gemeint, er wolle keinen großen Aufstand machen, aber er fürchte, sie hätte etwas mitgenommen. Es war ihm sichtlich unangenehm, und ich hatte meine liebe Not, ihn dazu zu überreden, sich mir anzuvertrauen. Schließlich hat er zugegeben, dass sie fünfundzwanzigtausend Dollar gestohlen hat. Er hat, erklärt, er will keinen Ärger machen, aber in meinen Augen war das Unsinn, und deshalb habe ich ihm gesagt, wo sie ist.« »Woher hatten Sie Mistys Adresse?« »Die hatte ich gar nicht, aber ich hatte Ihre. Nord hat sich an dem Abend, als Sie angerufen haben, einen Merkzettel geschrieben. Das Paradise Motel. Ich habe es auf dem Block gesehen, den er am Bett liegen hat.« »Lucinda, Beck hat Sie manipuliert. Begreifen Sie das nicht?« »Kaum. Er ist ein reizender Mann. Nach allem, was Reba ihm angetan hat, hätte ich es ihm auch verraten, wenn er gar nicht gefragt hätte.« »Ahnen Sie auch nur im Geringsten, was Sie angerichtet haben? Ihretwegen ist ein Mann gekidnappt worden.« Sie lachte und klemmte sich ihre Handtasche unter den Arm, während sie mit der anderen Hand die Reisetasche nahm. »Niemand ist gekidnappt worden«, erklärte sie, als wäre schon die Vorstellung absurd. »Wirklich, Sie sind genau wie Reba und machen ein Drama aus einer Lappalie. Alles ist gleich eine Krise. Alles ist gleich das Ende der Welt. Und es liegt nie an dem, was sie getan hat. Sie ist immer das Opfer und erwartet, dass andere hinter ihr aufräumen. Tja, diesmal muss sie selbst die Verantwortung übernehmen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen, ich möchte jetzt gern in die Klinik fahren und Nord die Sachen hier bringen.« Sie zog die Tür auf und ließ sie hinter sich wieder ins Schloss fallen. Da sie dermaßen von sich überzeugt war, hatte ich es nicht geschafft, ihre Ansichten infrage zu stellen oder auch nur den leisesten Hauch von Protest anzubringen. In ihren Aussagen hatte durchaus ein Körnchen Wahrheit gesteckt, doch es war nicht die ganze Wahrheit. »Miss Millhone?« Als ich mich umwandte, stand Freddy hinter mir im Flur., »Haben Sie das gehört? Die Frau ist ein Albtraum«, sagte ich. »Jetzt, wo sie weg ist, wollte ich Ihnen noch etwas sagen. Reba war hier. Und zwar kurz bevor Miss Cunningham gekommen ist, um Mr. Laffertys Sachen zu holen.« »Und wo ist sie dann hingefahren?« »Das weiß ich nicht. Sie ist mit dem Taxi gekommen und war gerade lange genug da, um ihren Wagen und Kleider zum Wechseln zu holen. Sie hat gesagt, sie würde ins Krankenhaus fahren und ihren Vater besuchen, wollte aber auf keinen Fall Miss Cunningham über den Weg laufen. Sie hatte vor, Mr. Laffertys Arzt anzurufen und zu veranlassen, dass ihn nur Angehörige besuchen dürfen, ich natürlich eingeschlossen.« Freddy erlaubte sich ein verschmitztes Grinsen. »Das war meine Idee.« »Geschieht Lucinda recht. Wie ernst ist sein Zustand?« »Der Arzt sagt, es wird ihm bald besser gehen. Er war dehydriert, und seine Elektrolyte waren nicht ausgeglichen. Außerdem hat er, glaube ich, Anämie. Der Arzt möchte ihn ein paar Tage in der Klinik behalten.« »Ist doch gut. Da haben wir schon eine Sorge weniger, vor allem, wenn das Personal Lucinda fern halten kann. Hat Reba denn irgendwie durchblicken lassen, wohin sie wollte?« »Zu einem Freund.« »Sie hat keinen Freund. Hier in Santa Teresa?« »Ich glaube schon. Es muss ein Mann sein, den sie erst kennen gelernt hat, als sie wieder nach Hause gekommen ist.« Ich überlegte kurz. »Vielleicht jemand von den AA … Obwohl mir das unwahrscheinlich vorkommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jetzt noch zu AA-Treffen geht. Kann man sie irgendwie erreichen? Hat sie eine Nummer hinterlassen?« Freddy schüttelte den Kopf. »Sie hat gesagt, sie würde gegen neun noch mal vorbeikommen, hatte aber Angst, dass, Mr. Beckwith sie finden könnte.« »Kann ich mir denken. Lucinda hat ja überall bereitwillig geplaudert«, sagte ich. »Wenn Sie von ihr hören, richten Sie ihr bitte aus, dass ich sie unbedingt sprechen muss. Hat sie vielleicht einen Koffer hier gelassen?« »Nein, aber sie hatte einen dabei. Sie hat ihn in den Kofferraum ihres Wagens gelegt, bevor sie gefahren ist.« »Tja, dann hoffen wir mal, dass sie sich meldet.« Ich sah auf die Uhr. »Ich bin die nächsten zwei Stunden in meinem Büro und danach zu Hause.« Nachts kommt mir mein Büro immer seltsam vor, da seine unschönen Seiten und seine Schäbigkeit vom künstlichen Licht noch verstärkt werden. Als ich dort an meinem Schreibtisch saß, sah ich durchs Fenster nichts als widergespiegelte Schmuddeligkeit, den Staub und die alten Regenstreifen, die mir jeglichen Blick auf die Straße verwehrten. An Wochenenden ist in diesem Teil von Santa Teresa nach achtzehn Uhr absolut nichts mehr los – die öffentlichen Gebäude haben geschlossen, und Gericht wie Stadtbibliothek liegen im Dunkeln. Der Bungalow, in dem ich residierte, war der mittlere von dreien; identische Steinhäuser, die irgendwann einmal als bescheidene Wohnhäuser fungiert hatten. Seit ich eingezogen war, standen die Häuser rechts und links von mir leer, was mir zwar einerseits die Ruhe schenkte, die ich brauchte, andererseits aber ein unangenehmes Gefühl von Isolation hervorrief. Ich sortierte den Berg Post, den mir der Briefträger durch den Türschlitz geworfen hatte. Jede Menge Werbung und ein paar Rechnungen, die ich brav beglich. Ich war unruhig und wollte nach Hause, hatte aber zugleich das Gefühl, bleiben zu müssen, da ich auf einen Anruf von Reba hoffte. Ich vertiefte mich ein bisschen in die Ablage und räumte die Schublade mit meinen Stiften auf. Es war Pseudoarbeit, doch es gab mir eine sinnvolle, Beschäftigung. Immer wieder musterte ich das Telefon, als könnte ich es dadurch zum Klingeln bringen, und so fuhr ich fast aus dem Stuhl, als jemand an mein Fenster klopfte. Draußen stand Reba, verborgen in der finsteren Ecke zwischen meinem Bungalow und seinem Zwilling daneben. Sie hatte ihre Shorts gegen Jeans eingetauscht, und das weiße T-Shirt, das sie trug, sah aus wie das, das sie beim Verlassen der Haftanstalt angehabt hatte. Ich entriegelte das Fenster und zog es ein Stück weit auf. »Was machen Sie hier?« »Haben Sie Zugang zu den Garagen da hinten?« »Sicher, jedenfalls zu der, die zu diesem Bungalow gehört. Ich habe sie nie benutzt, aber der Vermieter hat mir die Schlüssel gegeben.« »Holen Sie sie, und dann los. Mein Wagen muss von der Straße verschwinden. Ich habe diese Gorillas auf dem Hals, seit ich von zu Hause weggefahren bin.« »Die gleichen, die wir in L.A. gesehen haben?« »Ja, nur dass einer ihnen jetzt ein blaues Auge hat, als wäre er gegen eine Tür gelaufen.« »Ach du liebe Zeit. Ob das wohl ich mit meinem kleinen Stühlchen war?«, mutmaßte ich. »Wie haben Sie sie abgeschüttelt?« »Glücklicherweise kenne ich Santa Teresa wesentlich besser als die. Ich habe sie eine Weile herumfahren lassen, und dann habe ich die Scheinwerfer ausgemacht, bin in eine kleine Seitenstraße abgebogen und habe mich hinter einer Hecke versteckt. Sowie ich das Auto mit den beiden habe vorbeifahren sehen, bin ich umgekehrt und hierher gekommen.« »Und wo waren Sie davor die ganze Zeit?« Sie wirkte erregt. »Fragen Sie nicht. Ich hatte alle Hände voll zu tun. Aber jetzt Beeilung. Mich friert.« »Wir treffen uns draußen.«, Ich schloss das Fenster und verriegelte es wieder. Dann schob ich das Telefonbuch in der untersten Schreibtischschublade beiseite und fischte zwei silbrige Schlüssel heraus, die zusammen an einer Büroklammer hingen. Ich schnappte mir meine Tasche, suchte meine zuverlässige kleine Taschenlampe heraus und testete, ob die Batterien noch funktionierten, während ich den Flur entlang und zur Hintertür hinausging. Ein kleines Rasenstück trennte die Bungalows von der Reihe aus drei Garagen dahinter. Reba hatte ihren Wagen im Schutz eines Feuerdorns abgestellt, der ihr wahrscheinlich auf der rechten Seite den Lack zerkratzt hatte. Sie saß hinterm Lenkrad und rauchte eine Zigarette, während sie auf mich wartete. An dem hölzernen Balken über der mittleren Garage, die mir zugeteilt war, hing eine Lampe mit Vierzig-Watt-Birne. Wenn man gute Augen hatte, reichte das Licht gerade, um sich zu orientieren. Ich fummelte an dem Vorhängeschloss herum, bis es mit einem Ruck aufsprang. Dann nahm ich es von der Schiene und zog das nach oben aufgehende Tor hoch, begleitet vom Knarren von Holz und dem Quietschen der Scharniere. Mit der Taschenlampe leuchtete ich Wände und Fußboden ab. Es war alles leer, nur der Geruch von Motoröl und Ruß hing noch im Raum. Überall waren Spinnweben. Reba warf ihre Zigarette aus dem Fenster und ließ ihren Wagen an. Ich trat beiseite, als sie in die Garage fuhr. Sie stieg aus, schloss den Wagen ab und trat an den Kofferraum. Sie machte ihn auf und zerrte einen Koffer heraus, der ungefähr der Größe für Bordgepäck entsprach, obwohl man ihn nur mit Mühe in eine der Boxen über den Sitzen gebracht hätte. Er hatte einen Griff zum Ausziehen und Räder. Reba wirkte abwesend – sie war in einer Stimmung, die ich nicht ergründen konnte. »Alles in Ordnung?«, fragte ich. »Bestens.« »Nur mal ganz nebenbei – verraten Sie mir, was da drin ist?«, »Wollen Sie es sehen?« »Allerdings.« Sie fuhr den Griff ein, legte den Koffer hin, machte den Reißverschluss auf und klappte den Deckel auf. Vor mir lag eine Metallkiste, vielleicht vierzig Zentimeter hoch, fünfundvierzig Zentimeter lang und zwanzig Zentimeter breit. »Und was soll das sein?« »Machen Sie Witze? Das wissen Sie nicht?« »Wenn ich es wüsste, würde ich nicht fragen, Reba. Dann würde ich vor Freude und Erstaunen jubeln.« »Das ist ein Computer. Marty hat ihn mitgenommen, als er abgehauen ist. Außerdem ist er bei der Bank vorbeigefahren und hat sämtliche Disketten aus dem Banksafe genommen. Vor Ihnen liegen Becks Geschäftsunterlagen – der zweite Satz Bücher. Schließen Sie das Ganze an Tastatur und Monitor an, und schon haben Sie Zugriff auf alles: Bankkonten, Einzahlungen, Scheinfirmen, Schmiergelder und jeden Cent, den er für Salustio gewaschen hat.« »Das übergeben Sie alles dem FBI, oder?« »Wahrscheinlich. Sobald ich fertig bin … aber Sie wissen ja, wie ungehalten sie bei Diebesgut werden.« »Aber Sie können doch nicht im Ernst daran denken, es zu behalten. Deshalb waren diese Typen hinter Marty her – um es wiederzubekommen, oder?« »Genau. Also rufen wir jetzt mal Beck an und bieten ihm einen Handel an. Wir kriegen Marty, er kriegt das hier.« »Haben Sie nicht gerade gesagt, Sie würden es dem FBI übergeben?« »Sie haben nicht zugehört. Ich habe gesagt ›wahrscheinlich‹. Ich weiß nicht, ob deren bescheuerte Ermittlungen Martys Leben wert sind.« »Sie können das nicht allein durchziehen. Mit Beck, verhandeln? Haben Sie den Verstand verloren? Sie müssen es Vince sagen. Verständigen Sie die Cops oder das FBI.« »Kommt nicht infrage. Das ist meine einzige Chance, um mit diesem Schwein abzurechnen.« »Ah, jetzt begreife ich es. Es geht nicht um Marty. Es geht um Sie und Beck.« »Natürlich geht es um Marty, aber es geht auch darum, die Rechnung zu begleichen. Es ist wie ein Test. Mal sehen, aus welchem Holz Beck geschnitzt ist. Ich glaube, es ist gar kein so schlechtes Geschäft – Marty im Austausch gegen das hier. Und gerade dadurch, dass die Feds es haben wollen, wird es so wertvoll.« »Es gibt Wichtigeres im Leben als Rache.« »Das ist Quatsch. Was denn zum Beispiel?«, erwiderte sie. »Außerdem rede ich gar nicht von Rache. Ich rede von Abrechnen. Das ist etwas anderes.« »Ist es nicht.« »Doch. Rache ist, wenn Sie mir etwas antun, und ich Sie dann quäle, bis Sie Ihren eigenen Tod herbeiwünschen. Abrechnen stellt das Gleichgewicht im Universum wieder her. Sie töten ihn, ich töte Sie. Dann sind wir quitt. Worum sonst geht’s bei der Todesstrafe? Es ist nichts anderes als Abrechnen. Wie du mir, so ich dir. Du tust mir weh, also tu ich dir weh. Wir sind quitt, und die Welt ist wieder in Ordnung.« »Warum rechnen Sie nicht ab, indem Sie ihn beim Finanzamt verpfeifen?« »Das wäre geschäftlich. Es geht aber um etwas Persönliches zwischen ihm und mir.« »Ich verstehe nicht, was Sie wollen.« »Er soll sagen, dass ihm Leid tut, was er mir angetan hat. Ich habe für ihn zwei Jahre meines Lebens geopfert. Aber jetzt besitze ich etwas, was er haben will, also soll er darum bitten.«, »Das ist doch idiotisch. Dann setzt er eben eine zerknirschte Miene auf und entschuldigt sich. Was spielt das schon für eine Rolle? Sie wissen genau, wie er ist. Mit Typen wie ihm können Sie keine Geschäfte machen. Sie werden immer betrogen.« »Das wissen Sie nicht.« »Doch. Reba, würden Sie bitte auf mich hören? Bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bietet, macht er Sie fertig.« Ihre Miene war verschlossen. »Holen Sie jetzt vielleicht mal Ihren Wagen? Ich warte hier auf Sie.« Ich machte den Mund zu und schloss die Augen. Warum sollte ich mit ihr streiten, wenn sie sich bereits entschieden hatte? »Soll ich Ihnen mit dem Garagentor helfen?« »Es geht schon.« Ich kehrte ins Büro zurück. Nachdem ich die Hintertür von innen abgesperrt hatte, ging ich den Flur entlang und löschte alle Lichter. Ich nahm meine Tasche, ging vorn raus und sperrte auch dort ab. Einen Moment lang blieb ich stehen und musterte die dunkle Straße. Sämtliche Autos in Sichtweite gehörten Nachbarn – es waren Fahrzeuge, die ich schon öfter gesehen hatte und auf Anhieb identifizieren konnte. Ich stieg in meinen Käfer und ließ den Motor an, dann fuhr ich um die Ecke und in die kleine Gasse vor den Garagen. Reba hatte das Garagentor geschlossen und das Vorhängeschloss wieder angebracht. Nun zog sie die Beifahrertür auf, legte den Koffer auf den Rücksitz und stieg ein. Ich fasste nach hinten und holte meine Jeansjacke nach vorn. »Hier. Ziehen Sie die an, bevor Sie sich noch erkälten.« »Danke.« Sie schlüpfte in die Jacke und legte ihren Sicherheitsgurt an. »Wohin?« »Zur nächsten Telefonzelle.« »Warum rufen Sie nicht von meinem Büro aus an, wo wir, schon mal hier sind?« »Ich möchte Sie nicht in die Sache hineinziehen.« »In was hineinziehen?« »Fahren Sie einfach zu einer Telefonzelle.«, Reba wollte, dass ich den Anruf bei Beck übernahm. Wir hielten an einer Telefonzelle vor einem Supermarkt. Der Laden war eine leuchtende Insel, deren eiskaltes Neonlicht sich im glänzenden Lack der zehn oder zwölf Wagen spiegelte, die auf dem Parkplatz davor standen. Es war der Laden, in dem ich meine wöchentlichen Einkäufe tätigte, und ich sehnte mich aus vollem Herzen danach, Milch und Eier zu kaufen und nach Hause zu fahren. Reba legte eine Hand voll Münzen und einen Zettel mit Becks Privat- und Büronummer auf das Metallbord unter dem Telefon. »Versuchen Sie es erst bei ihm zu Hause. Wenn Tracy rangeht, glaubt sie vielleicht, er hat eine Freundin.« »Hat er ja. Sie heißt Onni.« »Wahrscheinlich weiß sie von Onni. Ich meine eine neue. Legen wir sie ruhig mal kräftig aufs Kreuz, wenn sich die Gelegenheit bietet.« »Das ist aber nicht nett. Ich dachte immer, Frauen sollen nett sein.« »Darauf würde ich an Ihrer Stelle nicht wetten.« Ich nahm den Hörer ab. »Und was soll ich jetzt zu ihm sagen?« »Sagen Sie ihm, er soll sich in einer Viertelstunde mit uns am East-Beach-Parkplatz treffen. Sowie er uns Marty gibt, kriegt er seinen Computer.« Ich drückte mir den Hörer an die Brust. »Bitte tun Sie das nicht. Ich flehe Sie an. Was soll ihn daran hindern, sich das verdammte Ding einfach zu schnappen? Sie haben ja nicht mal eine Waffe.«, »Natürlich habe ich keine Waffe. Ich bin vorbestraft. Ich darf keine Waffe tragen«, entgegnete sie, als empfände sie schon allein den Gedanken als kränkend. »Und was, wenn Beck eine hat?« »Er hat keine Knarre. Außerdem sind wir dort in der Öffentlichkeit. Jeder, der den Cabana Boulevard entlangfährt, sieht uns. Jetzt geben Sie mal her.« Sie packte den Hörer, drückte ihn mir ans Ohr und warf ein paar Münzen in den Schlitz. Ich hätte schwören können, dass ich neben dem Freizeichen den Strom durch meinen Körper surren hörte. Mein Herz schlug schneller, und mein Inneres fühlte sich an wie ein Sicherungskasten, in dem nach und nach alle Leitungen kurzgeschlossen werden. Reba wählte Becks Privatnummer, um die Sache zu beschleunigen. Beim ersten Läuten lehnte sie ihren Kopf gegen meinen und kippte den Hörer so, dass sie mithören konnte. »Das Ganze kommt mir vor wie ein Schülerstreich«, schimpfte ich. »Ich finde es bescheuert.« »Könnten Sie mal die Klappe halten?«, zischte sie. Nach dem dritten Klingeln nahm er ab. »Ja.« Mein Mund war trocken. »Beck, hier ist Kinsey.« »Verdammt noch mal! Wo ist Reba? Diese dumme Schlampe. Ich will mein Eigentum von ihr zurückhaben, und zwar ein bisschen plötzlich.« Reba riss mir den Hörer vom Ohr. Nun hatte sie Beck in der Hand und säuselte zuckersüß. »Hey, Baby. Wie läuft’s denn so bei dir? Ich bin schon zur Stelle.« Becks Antwort musste bissig gewesen sein, da sie amüsiert auflachte. »Ach Gott, jetzt aber. Du brauchst nicht gleich ausfallend zu werden. Ich dachte nur, wir sollten uns mal treffen und ein Schwätzchen halten.« Ich wartete und sah auf den Parkplatz hinaus, während sie, Beck erläuterte, was für ein Geschäft sie mit ihm machen wollte. Sie stritten sich über den Treffpunkt und rangen darum, wer sich letztlich durchsetzen würde. Das East-Beach-Badehaus an der Ecke Cabana und Milagro bezeichnete die Stelle, wo ich bei meinen morgendlichen Joggingrunden immer umkehrte. Das Areal ist auch nachts gut einsehbar und hell beleuchtet, und das Santa Teresa Inn liegt der Einfahrt zum Parkplatz genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. Es gibt einen kleinen separaten Parkplatz am anderen Ende des Gebäudes, doch Reba hatte sich für den öffentlicheren Teil entschieden. Damit hatte sie eine für sie ungewöhnlich große Portion gesunden Menschenverstand bewiesen. Sie bestand darauf, dass das Treffen in fünfzehn Minuten stattfinden müsse, während er schwor, dass er es nicht unter einer halben Stunde schaffen könne. Darauf ließ sie sich schließlich ein. Ein Punkt für ihn. Mir war mulmig zumute. Je mehr Zeit sie ihm ließ, desto wahrscheinlicher war es, dass er sich Beistand organisierte. Darauf war sie offenbar auch schon gekommen. »Und Beck, eines noch: Wenn du irgendjemanden mitbringst außer Marty, kriegst du tierischen Ärger. Ja, gut, danke gleichfalls, du blöder Arsch!« Sie knallte den Hörer auf die Gabel und rammte die Hände in die Jackentaschen. »Mann, ich hasse ihn. So ein Wichser.« Ich griff nach dem Hörer und nahm mir ein paar Münzen. »Ich rufe Cheney an.« Sie nahm mir den Hörer ab und legte ihn zurück. »Ich will Cheney nicht dabeihaben. Ich will niemanden dort sehen außer uns.« »Das mache ich nicht mit. Sie und Beck können von mir aus alle Spielchen spielen, die Ihnen einfallen, aber ich steige aus«, erklärte ich. »Okay. Schön. Verziehen Sie sich. Setzen Sie mich an meinem Auto ab, dann sind Sie mich los.« Damit drehte sie sich um und, ging davon. Ich hatte gehofft, sie davon überzeugen zu können, dass wir Unterstützung brauchten, doch sie wollte nichts davon hören. Ich blinzelte und sah aufs Straßenpflaster. Was hatte ich für eine Wahl? Mich ihr fügen oder das Risiko eingehen, dass … ja, was? Dass sie getötet oder verletzt wurde? Weil Marty den Computer gestohlen hatte, hatte sie angenommen, Beck sei derjenige gewesen, der die Entführung veranlasst hatte, aber was, wenn sie sich irrte? Es hätte auch Salustio Castillo gewesen sein können, der genauso viel zu verlieren hatte. Möglicherweise bluffte Beck. Vielleicht hatte er nicht die leiseste Ahnung, wo Marty festgehalten wurde, und was dann? Er brauchte sich nur den Koffer zu schnappen – was konnte sie ihm schon entgegensetzen? Ja, und was konnte ich tun, falls es hart auf hart kam? Gar nichts. Allerdings wusste sie genau, dass ich sie nicht im Stich lassen würde. Es stand zu viel auf dem Spiel. Widerwillig folgte ich ihr. Die Autotüren waren verschlossen, und sie wartete mit abgewandtem Blick, während ich einstieg und meine Tasche auf den Rücksitz warf. Ich setzte mich hinters Lenkrad, beugte mich hinüber und öffnete die Tür auf ihrer Seite. Sie stieg ein, und so saßen wir erst einmal da. Ich hatte die Hände aufs Lenkrad gelegt und versuchte Zeit zu schinden, während ich mir auf der Suche nach einer Alternative den Kopf zerbrach. »Es muss doch irgendeinen besseren Ausweg geben.« »Super. Spucken Sie’s aus. Ich bin dabei.« Ich wusste keine Antwort. Das Treffen war für elf Uhr abends vereinbart, also in etwa fünfundzwanzig Minuten. Theoretisch hätte die Zeit gereicht, um bei mir zu Hause vorbeizufahren und meine Pistole zu holen. Fast hätte ich den Kopf aufs Lenkrad geschlagen. Was dachte ich mir eigentlich dabei? Eine Schusswaffe kam nicht infrage. Ich wollte ja auf niemanden schießen. Noch dazu wegen eines Computers. Völlig absurd., Aber andererseits … verdammt … andererseits … wenn Martys Telefon angezapft war, hatte das FBI garantiert auch Becks Telefonanschlüsse verwanzt. Bestimmt hatte ein FBI- Mann das Geplänkel zwischen Beck und Reba mitgehört, also waren sie vielleicht bereits unterwegs zu unserem Treffpunkt. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie Reba auf ihre Uhr spähte. »Tick-tack. Tick-tack«, sagte sie. »Die Zeit läuft.« »Wo Marty wohl ist?« »Das hat Beck nicht gesagt. Schätzungsweise ganz in der Nähe.« Frustriert schüttelte ich den Kopf. »Völliger Irrsinn, dass ich da mitmache.« Ich drehte den Schlüssel im Zündschloss und fuhr rückwärts aus der Parklücke. »Sehen wir uns wenigstens vorher noch auf dem Gelände um – oder haben Sie das schon getan?« »Nicht direkt. Wozu die Mühe? Sie sind doch die Expertin.« Die Fahrt dauerte eine halbe Ewigkeit. Ich wechselte auf den Freeway, um schneller voranzukommen. Ein großer Fehler. Es herrschte dichter Verkehr, eine Stoßstange klebte an der nächsten, da sich zwei Spuren zu einer verengt hatten, nachdem auf einer der nach Norden verlaufenden Spuren ein Unfall geschehen war. An der Unfallstelle blinkten die Blaulichter der Highway Patrol und der Krankenwagen. Auf unserer Straßenseite gab es eigentlich gar keinen Engpass, wegen der vielen Schaulustigen standen wir aber trotzdem im Stau. Als wir an der Ausfahrt Cabana Boulevard anlangten, hatten wir kaum mehr eine Minute übrig. Ich gestehe, ich fuhr die letzten anderthalb Meilen zu schnell, dies in der Hoffnung, dass uns ein Polizist aufhalten würde. Doch ich hatte kein Glück. Das Meer lag zu unserer Rechten, durch den Strand, einen Fahrradweg und einen breiten, von Palmen bestandenen Grünstreifen von der Straße getrennt. Zur Linken passierten wir eine Reihe von Motels und Restaurants. Der Gehweg war voller, Touristen, was ich irgendwie seltsam beruhigend fand. An der Milagro Street bog ich in den vereinbarten Parkplatz ein. Es war kein einziges Auto da, was (vielleicht) hieß, dass die Schläger, die Beck eventuell mitbrachte, zumindest nicht vor uns eingetroffen waren. Reba wies mich an, am anderen Ende des Parkplatzes zu wenden und zum Eingang zurückzufahren. Ich tat wie geheißen, ehe ich rückwärts in eine Lücke manövrierte, die Schnauze zur Straße gerichtet, um im Falle eines Falles schnell den Rückzug antreten zu können. Wir stiegen aus. Reba klappte ihren Sitz vor und lud den Koffer aus. Sie zog den Griff heraus und rollte den Koffer zur Vorderseite des Käfers. »Er soll ruhig wissen, dass wir es ernst meinen«, erklärte sie. Hinter uns schlugen die Wellen auf den Sand. Sie gewannen an Wucht, bevor sie auf die Küste trafen, und wallten dann wieder zurück. Das Wasser war von einem intensiven Schwarz mit einem zarten weißen Rand an den Stellen, wo das Mondlicht auf die Wellengipfel traf. Eine feuchte Brise wehte mir das Haar in die Höhe und schlug gegen die Beine meiner Jeans. Ich wandte mich um und suchte den Strand hinter uns ab, während ich von einem Bein aufs andere hüpfte, um mich warm zu halten. Bis jetzt waren wir allem Anschein nach allein. Reba lehnte sich an den vorderen Kotflügel, steckte sich eine Zigarette an und rauchte. Zehn Minuten verstrichen. Sie sah auf die Uhr. »Was soll das? Will er das verfluchte Teil jetzt haben oder nicht?« Auf der anderen Straßenseite fuhren Hotelgäste auf den Parkplatz des Santa Teresa Inn. Zwei Parkwächter und vereinzelte Fußgänger liefen herum. Im Restaurant im ersten Stock waren die Tische zu dem großen, gewölbten Panoramafenster hin ausgerichtet. Man sah mehrere Gäste, obwohl ich angesichts der Dunkelheit bezweifelte, dass sie uns ebenfalls sahen. Ein schwarz-weißer Streifenwagen kam näher, bog rechts ab und fuhr in schnellem Tempo die Milagro Street, hinauf. In mir wallte Hoffnung und flaute ebenso schnell wieder ab. »Lassen Sie uns lieber verschwinden. Die Sache behagt mir nicht«, sagte ich. Erneut sah Reba auf die Uhr. »Noch nicht. Wenn er bis halb zwölf nicht da ist, hauen wir ab.« Um 23 Uhr 19 kamen langsam zwei Wagen herangefahren und bogen in den Parkplatz ein. Reba ließ ihre Zigarette fallen und trat sie aus. »Das vordere ist Martys Auto. Das zweite gehört Beck.« »Ist das Marty da am Steuer?« »Schwer zu sagen. Sieht so aus.« »Na prima. Dann ist ja alles bestens. Bringen Sie’s hinter sich«, sagte ich. Reba verschränkte die Arme, ob vor Kälte oder Anspannung, vermochte ich nicht zu sagen. Auf dem Parkplatz angelangt, schwenkte Martys Wagen nach links, wendete, genau wie wir es getan hatten, und fuhr langsam zurück. In etwa zehn Meter Entfernung stoppte der Fahrer, blieb aber bei laufendem Motor sitzen, während Beck fünf Meter näher bei uns anhielt. Die zwei Scheinwerferpaare bildeten eine Linie greller Spots. Zum Schutz hielt ich mir eine Hand vor die Augen. Ich sah Beck am Steuer seines Wagens sitzen, war mir aber alles andere als sicher, dass der zweite Fahrer Marty war. Eine Minute verstrich. Reba trat nervös von einem Bein aufs andere. »Was macht er denn?« »Reba, lassen Sie uns verschwinden. Hier ist irgendwas faul.« Beck stieg aus. An der offenen Tür blieb er stehen und fixierte den Rollenkoffer. Er trug einen dunklen Regenmantel, dessen offene Schöße im Wind flatterten. »Ist er das?« »Nein, Beck, das ist er nicht. Ich will verreisen.«, »Bring den Koffer hier rüber und lass mich reinsehen.« »Sag Marty, er soll aussteigen, damit wir sehen können, dass er es ist.« Beck wandte sich um. »Hey, Marty?«, rief er nach hinten. »Wink Reba doch mal zu. Sie glaubt, du bist jemand anders.« Der Fahrer in Martys Wagen winkte uns zu und betätigte die Lichthupe, ehe er den Motor aufheulen ließ wie ein Fahrer am Start eines Autorennens. Ich fasste Reba am Arm und zischte ihr ins Ohr: »Weg hier!« Ich lief los, indem ich einen Haken nach links schlug. Im selben Moment machte Martys Wagen einen Satz nach vorn. Die Reifen quietschten, und das Fahrzeug wurde immer schneller, während es auf uns zuhielt. Reba packte den Griff des Rollenkoffers und raste hinter mir her. Der Koffer kam auf der unebenen Fläche des Parkplatzes ins Schleudern und kippte schließlich auf eine Seite. Den Koffer nach wie vor im Schlepptau, lief sie auf die Straße zu. Ich hörte die Rollen übers Pflaster schleifen, bei ihrer Flucht so hinderlich wie ein Anker. »Lassen Sie das Ding los!«, schrie ich. Der Fahrer von Martys Wagen trat auf die Bremse und riss das Lenkrad herum, so dass das Heck ausbrach und nur um wenige Zentimeter an meinem Käfer vorbeischlitterte. Zwei Männer sprangen heraus, der Fahrer und ein zweiter, der auf einmal vom Rücksitz auftauchte, wo er sich verborgen gehalten hatte. Beck stand mit den Händen in den Manteltaschen da und sah gelassen zu, wie Reba den Koffer stehen ließ und davonrannte. Die beiden Männer waren schnell. Sie war noch nicht weit gekommen, als der eine sie von hinten zu fassen bekam und gemeinsam mit ihr zu Boden ging. Ich kehrte um und lief ohne jeden Plan in ihre Richtung. Der Koffer war mir völlig egal, doch ich wollte Reba nicht im Stich lassen. Sie wehrte sich und trat nach dem Typen, der sie angegriffen hatte. Er schlug ihr ins Gesicht. Ihr Kopf flog nach, hinten und knallte aufs Pflaster. Ich kam bei ihm an, als er gerade die Faust hob, um erneut auf sie einzuschlagen, doch ich klammerte mich mit beiden Armen an seinen rechten Arm und ließ nicht mehr los. Auf einmal packte mich der andere von hinten. Er drückte mir die Arme an den Körper, hob mich hoch und schwenkte mich weg von seinem Kumpel. Ich reckte den Hals, um nach Reba zu sehen, die sich auf die Seite gerollt hatte. Mühsam hievte sie sich auf alle viere. Sie wirkte benommen, und Blut rann ihr aus Mund und Nase. Der Typ, der sie niedergeschlagen hatte, wandte sich jetzt mir zu. Er packte mich an den Füßen, und die beiden schleppten mich zu Martys Wagen. Ich bog den Rücken durch und versuchte mich zu befreien, doch der Kerl griff einfach fester zu, so dass ich keine Chance hatte. Beck trat an Martys Wagen heran und machte eine der hinteren Türen auf. Der Typ, der mich umklammert hielt, ließ sich auf den Rücksitz fallen und zerrte mich mit hinein. Dann drehte er mich um, bis ich unter ihm lag, das Gesicht in die Polster gepresst. Sein Gewicht war derart erdrückend, dass ich keine Luft mehr bekam. Ich fürchtete, meine Rippen würden brechen und mir die Lunge zerquetschen. Ich versuchte zu stöhnen, doch das Einzige, was ich zustande brachte, war ein kaum vernehmbares Japsen. »Verdammt, geh von ihr runter«, fauchte jemand. Der Typ rammte mir seinen Ellbogen ins Kreuz, als er sich von mir erhob. Gleichzeitig packte er mein rechtes Handgelenk und drehte mir den Arm auf den Rücken, während er meinen Kopf zu Boden drückte. Ich blickte auf die Fußmatten, die nur fünfzehn Zentimeter unter meiner Nasenspitze lagen. Jemand knickte mir die Beine ein und schlug die Tür zu. Kaum eine Sekunde später fiel die Tür von Becks Wagen ins Schloss. Er ließ den Motor an, während der Fahrer von Martys Wagen sich wieder ans Lenkrad setzte, die Tür zumachte, den Motor anließ und gemächlich davonfuhr. An der Ausfahrt des Parkplatzes, wurden wir langsamer. Keine quietschenden Bremsen. Nichts, was in irgendeiner Weise die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt hätte. Womöglich lag Reba noch immer dort draußen auf dem Asphalt und versuchte, das Blut zu stillen, das ihr aus der Nase lief. Ich hatte einen kurzen Blick auf meinen Rückbankgenossen werfen können und gesehen, dass über seinem linken Auge ein weißer Verband klebte. Zwei dunkelrote und violette Blutergüsse zogen sich über seine Wangen wie Farbschlieren. Das Stuhlbein musste ihm fast das Auge ausgeschlagen haben, was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass er es so genossen hatte, mich zu malträtieren. Ich konzentrierte mich auf die Fahrt. Vermutlich würden wir eine Zwei-Wagen-Kolonne bilden. Ich dachte an die Entführungen, die ich im Kino gesehen hatte, wo die Heldin das Fahrtziel später anhand des Geräuschs identifizierte, das die Reifen auf Eisenbahnschienen machten, oder anhand des Trötens eines Nebelhorns in der Ferne. Was ich hörte, war in erster Linie das angestrengte Atmen meines Aufpassers. Offenbar war keiner der beiden Typen gut in Form. Oder vielleicht durften Reba und ich uns auch zugute halten, dass wir uns heftiger zur Wehr gesetzt hatten, als sie erwartet hatten. Wir bogen links in den Cabana Boulevard ein und fuhren nur eine knappe Minute weiter, ehe wir langsam anhielten. Ich vermutete, dass wir an der Ampelkreuzung State und Cabana standen. Der Fahrer stellte das Radio an, und Musik erklang. »I want your sex …«, tönte der Sänger. »Stell den Scheiß ab«, verlangte mein neuer bester Freund. »Ich mag George Michael«, entgegnete der Fahrer. Doch das Radio verstummte. »Dreh dein Fenster runter und schau, was Beck will.« Ich malte mir aus, wie Becks Wagen auf der Spur neben uns stand, wo er durch Gesten das Herunterkurbeln signalisierte und sich zur Verständigung über den Beifahrersitz beugte., »Okay, okay«, sagte unser Fahrer ärgerlich. »Schon kapiert. Ich mach’s ja!« Er wandte sich zu dem Kerl auf dem Rücksitz um. »Er hat die Schlüsselkarte, also müssen wir ihm nachfahren. Wie oft hat er uns das jetzt schon erzählt?« Aus der Ferne waren Sirenengeräusche zu vernehmen. Das Jaulen wurde immer lauter, bis es sich in zwei einzelne Sirenen aufteilte. Zwei Streifenwagen, o bitte! Ich versuchte den Kopf zu drehen, in der Hoffnung, durchs Fenster etwas zu erspähen, doch das brachte mir lediglich ein schmerzhaftes Reißen am Arm ein. Die Sirenen waren nun fast direkt neben uns. Ich sah das Blaulicht zweier Streifenwagen, die rasch hintereinander an uns vorbeifuhren. Die Sirenen dröhnten den Cabana Boulevard entlang und wurden immer leiser, bis man sie überhaupt nicht mehr hörte. Von nahender Hilfe konnte keine Rede sein. Wir bogen rechts ab, meiner Schätzung nach in die Castle Street. Als wir ein zweites Mal anhielten, tippte ich auf die Ampel an der Montebello Street. Mit etwa zwanzig Stundenkilometern fuhren wir weiter. Ich vernahm das hohle Geräusch, als die Straße unter dem Freeway hindurchführte. Auf der anderen Seite fuhren wir den Hügel hinauf, womit wir in der Granizo sein mussten. Dann links in die Chapel. Anscheinend waren wir auf dem Weg zu Becks Büro, das nun nur noch ein paar Straßen entfernt lag. Die Läden im Einkaufszentrum wären mittlerweile ebenso geschlossen wie die Bürogebäude. Die »Karte«, die der Fahrer erwähnt hatte, diente vermutlich dazu, die mechanische Sperre zur Tiefgarage zu öffnen. Und tatsächlich merkte ich, dass wir langsamer wurden, nach rechts abbogen und eine Rampe hinunterfuhren. Zu dieser Stunde war die Tiefgarage sicher leer. Wir fuhren durch den höhlenartigen Raum und in eine Parklücke. Beck musste direkt vor uns geparkt haben, da ich eine Tür ins Schloss fallen hörte, ehe unser Fahrer den Motor abgestellt hatte., Ohne große Umstände wurde ich von der Rückbank gezerrt und auf die Beine gestellt. Ich hatte gehofft, Blickkontakt zu Beck aufnehmen, eine Verbindung herstellen zu können, da ich mir bessere Chancen ausrechnete, ihn erweichen zu können, als die Gorillas rechts und links von mir. Mit ungerührter Miene wich er meinem Blick aus. Wir warteten, bis er seinen Kofferraum geöffnet und den Rollenkoffer herausgeholt hatte. Die Seiten waren grau verkratzt und voller Sand, der sich angesammelt hatte, als der Koffer am Strand übers Pflaster gezerrt worden war. Der Griff war abgerissen. Beck legte den Koffer hin und kniete sich neben ihn. Er zog den Reißverschluss auf und klappte den Deckel weg. Leer. Ich riss die Augen auf, als hoffte ich, dadurch die Machart eines Zaubertricks zu durchschauen. Reba hatte mir den Computer doch gezeigt. Vor weniger als einer Stunde war er noch im Koffer gewesen – wohin war er nun verschwunden? Die einzige Zeit, die wir getrennt gewesen waren, waren die paar Minuten gewesen, die ich sie vor den Garagen hatte warten lassen, während ich mein Auto holte. Sie musste meine Abwesenheit genutzt haben, um den Computer herauszunehmen und ihn im Kofferraum ihres Wagens einzuschließen. Das hieß, dass sie Becks Verrat geahnt hatte und ihm zuvorgekommen war. Ebenso musste er gewusst haben, dass sie ein Manöver plante, denn warum sonst hätte er sich mich schnappen sollen? Beck stand auf und trat mit der Schuhspitze gegen den Koffer. Ich hatte Wut erwartet, doch stattdessen wirkte er eher nachdenklich. Vielleicht gefiel es ihm, dass Reba ihren Zweikampf zu solchen Extremen aufbauschte, da er sich seinen Sieg am Schluss umso süßer ausmalte. Er wandte sich um und ging auf den Aufzug zu. Wir drei folgten ihm, wobei unsere Schritte in den weiten, leeren Räumen hallten wie das Getrampel einer Herde wilder Tiere. Der Typ mit dem verletzten Auge wahrte den ständigen, Druck auf meinen Arm, den er mir auf den Rücken gedreht hatte. Hätte ich mich bewegt, hätte ich mir den Arm ausgerissen wie einen gebratenen Hühnerflügel. Die Aufzugtüren gingen auf, und wir stiegen alle vier ein. Beck drückte den Knopf, die Türen schlossen sich, und der Aufzug begann seine Fahrt nach oben. »Warum hier?«, fragte ich. »Damit Reba weiß, wo sie mich erreichen kann. Wir fechten hier nämlich ein kleines Intelligenzduell aus, falls Sie es noch nicht gemerkt haben.« »Das war kaum zu übersehen.« Beck gönnte mir ein flüchtiges Lächeln. Die Türen öffneten sich auf der Ebene mit den Geschäften. Wir verließen den Aufzug im Beckwith-Haus und trotteten durch die marmorne Halle zu den öffentlichen Aufzügen hinüber, die uns in den dritten Stock bringen würden. Ich wandte mich zu Willard um, der an seinem Tresen saß. Er ließ uns kommentarlos passieren, seine Miene eine ewig gleiche, gut geschnittene, leere Fläche. Ich sandte ihm einen Blick, von dem ich hoffte, dass er flehentlich war, bekam aber nichts zurück. Wie konnte ein so attraktiver Mann nur so wenig Leben in den Augen haben? Sah er denn nicht, was los war? Beck war sein Chef. Vielleicht bekam er ja einen Batzen Geld dafür, dass er in die andere Richtung sah. Wir fuhren in den dritten Stock. Die Aufzugtüren öffneten sich in künstlich beleuchtete Bürofluchten, deren Farbgebung so grell war wie ein Disneyfilm. Lange, mit grünem Teppichboden ausgelegte Flächen, helle abstrakte Gemälde, die in einer Reihe in den Fluren hingen. Gesunde Pflanzen, moderne Möbel. Ich rechnete damit, in Becks Büro geführt zu werden, doch er schob mich um die Ecke zum Lastenaufzug. Dort drückte er den Rufknopf und wartete, bis die Türen aufgingen. Er trat an die Rückwand der Aufzugkabine und zog die graue, gesteppte, Polsterung beiseite. Dann gab er den Code in das Tastenfeld an der Kabinenwand ein. Die Tür zu seinem Zählraum glitt auf. Beck drückte den Halteknopf, trat beiseite und wandte sich zu mir um. Die Hände hatte er wieder in die Taschen seines Regenmantels gesteckt. Niemand sprach ein Wort. Nur am Rande nahm ich die Zähl- und Bündelmaschinen wahr. Gleichzeitig bemerkte ich, dass sämtliche losen Geldscheine aus den Schachteln entfernt worden waren und nun verpackt und gestapelt auf der Arbeitsfläche lagen. Was ich allerdings unmöglich übersehen konnte, war Marty. Man hatte ihn an einen Stuhl gefesselt und derart verprügelt, dass er kaum wieder zu erkennen war. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken. Selbst ohne sein Gesicht genau zu sehen, wusste ich, dass er tot war. Die Rundung seiner Wange war geschwollen und aufgeplatzt, und an seinem Haaransatz klebte getrocknetes Blut. Blut war ihm aus den Ohren gelaufen und an seinem Hemdkragen geronnen. Unwillkürlich stieß ich einen Laut aus und riss den Kopf herum, um den Anblick auszublenden. Schmerz durchzuckte mich, als hätte man mich mit einem Elektroschocker attackiert. Meine Handflächen wurden schlagartig feucht, und eine Hitzewelle stieg in mir auf. Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Kopf wich und meine Beine nachgaben. Der Typ mit der Augenbinde fing mich auf und hielt mich kurz fest. Beck drückte einen Knopf, und die Tür zum Zählraum glitt wieder zu. Meine Beine waren wie Gummi, als ich zu Becks Büro geführt wurde, wo ich auf die Couch sank und die Hände vors Gesicht schlug. Das Bild von Marty war wie ein Foto, das ich nun als Negativ sah, hell und dunkel vertauscht. Über meinem Kopf fand ein Gespräch statt – Beck instruierte die beiden Typen, die Leiche fortzuschaffen und zu entsorgen. Bestimmt würden sie Marty im Lastenaufzug ins Erdgeschoss transportieren und ihn von dort aus durch den Wartungskorridor in die Tiefgarage, bringen. Dann würden sie ihn in den Kofferraum seines eigenen Wagens stecken und seine Leiche irgendwo am Straßenrand abladen. Seltsam, so seltsam. Ich hatte dieses Ende, diesen Tod, in seinen Augen gesehen, doch ich war unfähig gewesen, etwas dagegen zu unternehmen. Mein Blickfeld schnurrte zusammen und drohte ganz auszufallen. Von den Rändern her wurde es dunkel, während ich so ein merkwürdiges Gefühl – eine Art Rauschen – in den Ohren hatte, das mir sagte, dass ich kurz davor war, in Ohnmacht zu fallen. Ich steckte den Kopf zwischen die Knie und atmete konzentriert. Binnen einer Minute wurde die Luft kühler, und die Dunkelheit wich zurück. Als ich aufblickte, waren die beiden Schläger verschwunden, und Beck saß an seinem Schreibtisch. »Tut mir wirklich Leid. Aber es ist nicht so, wie Sie denken. Er hatte einen Herzinfarkt.« »Auf jeden Fall ist er tot, und Sie sind daran schuld«, erwiderte ich. »Reba hatte auch ihren Anteil daran.« »Wie kommen Sie denn darauf?« »Sehen Sie sich doch an, was sie gemacht hat. Wir haben eine Abmachung getroffen, und sie erscheint mit einem leeren Koffer. Was bildet sie sich denn ein – dass sie mich einfach ungestraft übers Ohr hauen kann?« »Sie hat den Computer nicht gestohlen. Marty hat ihn mitgenommen, als er sich abgesetzt hat.« »Es ist mir scheißegal, wer ihn genommen hat. Sie hätte ihn nur zurückzugeben brauchen, dann könnte Marty noch am Leben sein. Es war der Stress, der ihn umgebracht hat. Ein paar harmlose Ohrfeigen, und schon war er weg.« Ich konnte mit dem Mann nicht streiten. Er war derart von sich überzeugt, und sein Denken war so bizarr. Wo sollte das alles, enden? Das Kräftemessen zwischen den beiden war völlig außer Kontrolle geraten, und die Sache konnte lediglich weiter eskalieren. Beck hatte die Oberhand. Daran gab es nichts zu rütteln. Er hatte mich. Er lächelte verhalten. »Sie hoffen, dass Reba die Polizei ruft, doch das tut sie nicht. Wissen Sie, warum? Weil das keinen Spaß machen würde. Sie ist eine Spielerin. Sie wettet gern gegen das Haus. Die arme Kleine ist nicht annähernd so schlau, wie sie gern wäre.« »Über diesen Quatsch will ich gar nicht reden. Das können Sie unter sich ausmachen.« »Machen wir bestimmt.« Wir saßen beide da und warteten darauf, dass das Telefon klingelte. Ich hatte meine Spekulationen darüber aufgegeben, was er oder sie wohl tun würde. Meine Aufgabe war es, für mich selbst zu sorgen. Dummerweise war ich müde und schrammte ständig am Rand einer Panikattacke entlang. Die Angst ließ meine Hände zittern, und es fiel mir schwer, meine Gedanken zu kontrollieren. Beck schaukelte auf seinem Drehstuhl nach hinten und spielte mit einem Briefbeschwerer, den er von einer Hand in die andere warf. An einer Wand standen mehrere Pappkartons, allesamt ordentlich zugeklebt und versandfertig. In Becks Büro herrschte Chaos – die Regale waren halb leer, und auf seinem Schreibtisch lagen mehrere voll gestopfte Aktenordner. Es sah aus, als habe er alles gepackt und sei bereit zur Abreise. Kein Wunder, dass er seinen Computer und seine Disketten unbedingt wiederhaben wollte. Die Disketten und seine Festplatte enthielten sein gesamtes Unternehmen, jeden Cent, den er besaß, alles Geld, das er aus dem Land geschleust hatte, sämtliche Scheinfirmen und panamaischen Bankkonten. Es war nicht seine Stärke, Zahlen oder Daten im Gedächtnis zu behalten. Er musste alles schriftlich vorliegen haben, sonst hatte er keinen Zugriff darauf., Genau wie ich wusste er, dass die Daten seinen Untergang bedeuteten, wenn sie in die falschen Hände fielen. »Ich muss auf die Toilette«, sagte ich. »Nein.« »Kommen Sie, Beck. Sie können ja mitgehen und an der Tür lauschen, während ich pinkle.« Er schüttelte den Kopf. »Kommt nicht infrage. Ich will am Telefon sein, wenn sie anruft.« »Und wenn es eine Stunde dauert?« »Pech für Sie.« Wir warteten schweigend. Ich sah auf die Uhr. Das Glas war zerbrochen, und die Zeiger waren bei 11 Uhr 22 stehen geblieben. Von meinem Platz aus konnte ich keine Wanduhr erspähen. Die Zeit zog sich endlos dahin. Wenn und falls Reba anrief, hatte ich noch eine Chance, den Agenten, die Becks Telefone abhörten, ein Zeichen zu geben. Ich wusste zwar noch nicht, wie ich das anstellen oder was ich sagen sollte, doch zumindest bestand die Möglichkeit. Das Schweigen hielt so lange an, dass ich zusammenzuckte, als das Telefon endlich klingelte. Beck nahm den Hörer ab und hielt ihn sich locker ans Ohr. Schmunzelnd lehnte er sich vor und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. »Hey, Reeb, braves Mädchen. Ich wusste ja, dass du dich bei mir meldest. Willst du mit mir ins Geschäft kommen? Oh, warte mal. Einen Moment. Ich habe eine Freundin von dir hier. Vielleicht möchtest du sie ja kurz sprechen?« Er drückte die Taste für den Raumlautsprecher, und auf einmal war das ganze Büro vom hohlen Klang von Rebas Stimme erfüllt. »Kinsey? O Mann … ist alles in Ordnung?« »Ich könnte ein bisschen Beistand gebrauchen. Würden Sie bitte Cheney anrufen und ihm sagen, was los ist?« »Vergessen Sie Cheney. Lassen Sie mich mit Beck sprechen«,, erwiderte sie ärgerlich. Jetzt, wo er die Hände frei hatte, zog Beck seine Schreibtischschublade auf und holte eine Pistole heraus. Er entsicherte sie und zielte auf mich. »Hey, Reba? Entschuldige, dass ich euch unterbreche, aber kommen wir lieber zum Thema zurück. Hör dir das mal an.« Er zielte auf die Wand über meinem Kopf und schoss. Aus meiner Kehle drang ein Schrei, der halb Jaulen und halb Stöhnen war. Tränen traten mir in die Augen. »Ups«, sagte er. »Daneben.« »Beck, lass das«, bat sie. »Ich komme mit diesem Ding nicht besonders gut klar. Willard hat zwar versucht, es mir beizubringen, aber irgendwie kriege ich es nicht richtig hin. Soll ich es noch mal versuchen?« »Um Gottes willen. Oh, bitte, Beck, tu ihr nichts.« »Ich habe noch keine Antwort von dir gehört. Willst du mit mir ins Geschäft kommen?« »Nicht noch mal schießen. Nicht schießen. Tu das nicht. Ich bringe dir das Teil. Ich habe es. Es liegt im Kofferraum. Ich hab’s in eine Reisetasche gesteckt.« »Das hast du schon mal gesagt. Da habe ich dir geglaubt, und jetzt erinnere dich nur mal daran, was du getan hast. Du hast einen Riesenschwindel abgezogen.« »Ich schwöre, dass ich es diesmal so mache wie vereinbart. Ich bin ganz in der Nähe. Gib mir zwei Minuten. Nur ein bisschen Geduld. Bitte.« Sein Tonfall war skeptisch. »Hm, ich weiß nicht, Reba. Ich habe dir vertraut. Ich dachte, du spielst mit offenen Karten. Was du getan hast, war böse. Ich würde sogar sagen, sehr böse.« »Diesmal bringe ich dir das Teil. Keine Tricks. Ich schwör’s.« Beck musterte mich. Er zwinkerte und grinste und amüsierte sich prächtig. »Woher soll ich wissen, dass du den gleichen, alten Trick nicht noch mal probierst? Du gibst mir eine Reisetasche, und es ist nichts drin.« Ich stand auf und zeigte auf die Tür. »Ich muss pinkeln«, formulierte ich mit lautlosen Lippenbewegungen. Er bedeutete mir, mich wieder zu setzen, während Reba in zunehmend verzweifeltem Tonfall weitersprach. »Ich weiß, wie wir es machen. Ich komme durch den Wartungskorridor. Du gehst an Willards Tresen und verfolgst alles auf dem Monitor. Ich mache die Tasche auf und zeige dir den Computer. Dann kannst du alles mit eigenen Augen sehen.« Ich fasste in den Schritt meiner Jeans und rang die Hände. Bitte … formte ich mit den Lippen und zeigte in den Flur. Abwesend wedelte er mit der Pistole in meine Richtung und bedeutete mir erneut, mich zu setzen. Ich schlich mich langsam hinaus, hielt einen Finger in die Höhe und flüsterte: »Bin gleich wieder da.« Ich verließ den Raum und eilte den Flur entlang. Auf dem Teppich waren meine Schritte nicht zu hören. Im Vorbeigehen knallte ich eine Zimmertür nach der anderen zu: peng, peng, peng. »Hey!«, brüllte Beck. Er klang weniger wütend als vielmehr von der Störung genervt. Ich marschierte doppelt so schnell weiter, bis ich im Vestibül anlangte. Zum Glück standen die Türen des Lastenaufzugs offen. Ich trat an die Rückwand und gab den Code für den Zählraum ein. 5-15-1955. Rebas Geburtsdatum. Die Türen glitten auf. Draußen im Korridor rief Beck meinen Namen und stürmte auf der Suche nach mir türenknallend in mehrere Räume. Er feuerte einen Schuss ab, der mich selbst in dieser Entfernung zusammenzucken ließ. Zwar war mir klar gewesen, dass ich nicht auf ihn schießen würde, doch war ich keineswegs davon überzeugt, dass er nicht auf mich schießen würde, möglicherweise aus Versehen. Ich riss mir einen Schuh vom, Fuß und legte ihn in die Schiene der offenen Aufzugtür. Die Türen glitt zu, traf auf den Schuh und ging wieder auf, ein Prozess, der sich wiederholte wie ein nervöser Tick. Ich wandte mich um, drückte auf dem Tastenfeld an der Wand gegenüber den Knopf für Tiefgarage und sandte den Lastenaufzug damit in den Keller. Die Türen reagierten nur langsam, wodurch mir Zeit blieb, zur zweiten Tür hinüberzugehen. Ich nahm meinen Schuh aus dem Türspalt und schlüpfte genau in dem Moment in den Zählraum, als sich die Tür zum Flur schloss. Die Tür zum Zählraum glitt kaum eine Sekunde später zu, und ich war in Sicherheit. Zumindest vorübergehend. Martys Leiche war immer noch da. Ich schaltete auf Verdrängen und blendete sämtliche emotionalen Reaktionen aus. Dafür war jetzt der falsche Zeitpunkt. Den Schuh warf ich beiseite, da ich es nicht wagte, mir die Zeit zu nehmen, ihn wieder anzuziehen. Ich musterte die an der Wand angebrachte Leiter und begann dann, sie hinaufzusteigen, mit einem beschuhten und einem unbeschuhten Fuß. Ich wusste, dass sich die Falltür am oberen Ende zum Dach hin öffnete. Dort angelangt, würde ich mich entweder verstecken oder mich über die Brüstung lehnen und so lange schreien, bis die Polizei kam. Vielleicht waren die Cops ja bereits im Anmarsch – normale Beamte der Polizei von Santa Teresa, ein Sondereinsatzkommando sowie Unterhändler für Geiselnahmen – allesamt in schusssicheren Westen. Ich riskierte einen Blick auf Marty, der nach wie vor gefesselt auf dem Stuhl hing. Warum hatten die Typen Becks Anweisung nicht befolgt? Statt Marty wegzuschaffen, hatten sie ihn hier sitzen lassen. Meine Hände waren schweißnass, trotzdem riskierte ich einen zweiten raschen Blick nach unten und bemerkte dabei etwas, was mir zuvor entgangen war. Die Zähl- und Bündelmaschinen standen nach wie vor auf der Arbeitsfläche, doch das Geld war weg. Anstatt die Leiche wegzubringen, hatten die Gorillas die Kohle zusammengepackt, und abtransportiert. Auf der obersten Sprosse angelangt, griff ich nach der Klapptür direkt über meinem Kopf. Ich fand weder ein Schloss noch einen Knopf, noch sonst irgendetwas, mit dem man sie hätte öffnen können. Mit der Hand fuhr ich über die gesamte Fläche, auf der Suche nach einem Haken oder einem Griff, nach irgendeinem Hebel, mit dem man sie aufbekam. Nichts. Ich klammerte mich an die oberste Sprosse, bemüht, nicht abzustürzen, während ich versuchte, die Finger in den Spalt zu schieben. Mit der flachen Hand schlug ich dagegen, ehe ich drückte, so fest ich konnte. Unter mir ging die Aufzugtür auf. Ich legte den Kopf gegen die Leiter und hielt den Atem an. »Die Tür ist verschlossen, also können Sie gleich wieder runterkommen«, sagte Beck im Plauderton. »Reba ist schon unterwegs. Sobald wir uns geeinigt haben, dürfen Sie gehen.« Ich sah zu ihm hinab. Er trug seinen Regenmantel und war offenbar bereit zur Abreise. Die Pistole hielt er in der Hand und zielte damit direkt auf mich. Vermutlich hatte er keine Ahnung, wie viel Druck genau erforderlich war, um den Abzug auszulösen. Falls er mir versehentlich den Kopf wegpustete, wäre ich aber trotzdem tot. Er bückte sich und hob meinen Schuh auf. »Kommen Sie«, lockte er, während er mit der Pistole wedelte. »Ich will Ihnen nichts tun. Es ist bald vorbei. Jetzt ist der falsche Moment zum Ausbüxen, wo wir so kurz vor dem Ziel stehen.« Langsam stieg ich hinunter, indem ich zuerst mit dem Fuß nach jeder Sprosse tastete, da ich auf einmal Höhenangst bekommen hatte. Ich überlegte, ob ich einfach loslassen und mich auf ihn fallen lassen sollte, doch dabei würde ich mich nur selbst verletzen, ohne eine Garantie dafür zu haben, dass er überhaupt in Mitleidenschaft gezogen wurde. Geduldig sah er, mir zu, bis ich unten angelangt war. Wahrscheinlich sah er lieber mich an als Marty. Allerdings schien es ihn nicht weiter zu stören, dass die Leiche nicht weggeschafft worden war. Er lächelte verhalten. »Guter Versuch. Fast hätten Sie mich drangekriegt. Ich dachte, Sie seien in die andere Richtung gelaufen …«, sagte er und reichte mir meinen Schuh. Ich verschnaufte, lehnte mich gegen die Wand und zog ihn an. Er nahm mich am Ellbogen und zog mich durch den Lastenaufzug in den Flur. Er hatte Recht. Es war fast vorbei, also hatte es keinen Sinn, meinen Hals zu riskieren. Schließlich hatte das alles nichts mit mir zu tun. Ich ging in die Hocke und ließ mir Zeit beim Binden meines Schuhs. Beck verlor zwar langsam die Geduld, aber ich wollte nicht mit offenen Schnürsenkeln losmarschieren. Erneut packte er mich am Ellbogen und führte mich um die Ecke zu den öffentlichen Aufzügen. Seine Aktentasche hatte er im Flur stehen lassen. Nun hob er sie auf und drückte mit dem Knöchel seines Zeigefingers den Rufknopf. Der Aufzug musste schon bereitgestanden haben, da die Türen sofort aufgingen. Wir stiegen ein, und Beck drückte auf Erdgeschoss. Wie zwei Fremde standen wir an der Rückwand, den Blick auf die digitale Anzeige gerichtet, während wir nach unten fuhren. Kurz erlaubte ich mir die Hoffnung, dass ich beim Aufgehen der Tür Polizisten mit schussbereiten Waffen vor mir sehen würde, die Beck verhaften und dem ganzen Spuk ein Ende machen würden. Abgesehen von Willard, der an seinem Tresen saß, war die Halle leer. Der Brunnen in der Mitte rauschte wie eine Toilette. Meine Blase war so voll, dass ich ein Diagramm von ihrer Form und ihrem Umfang hätte zeichnen können. Vor den hohen Fensterscheiben lag der Gehweg im Dunkeln, und es war kein Mensch zu sehen. Die Geschäfte auf der anderen Seite waren geschlossen. Willard stand da und überwachte seine zehn Monitore. Er streckte den Arm aus und schnippte hektisch mit den Fingern. Beck und ich durchquerten die Halle und gingen, um das Ende von Willards Tresen herum. Er deutete mit dem Finger auf etwas. Das Bild auf einem der Schwarzweißmonitore zeigte die Tiefgarage. Reba fuhr mit meinem Käfer die Rampe hinunter und bog rechts ab, ehe der Wagen aus unserem Blickfeld verschwand. Ein paar Minuten später sahen wir sie den Wartungskorridor eine Etage tiefer betreten. Sie brauchte beide Hände, um die Reisetasche herauszuhieven, die sichtlich schwer war. Sie stellte sie mühsam auf dem Boden ab und hob den Blick zu der in der Ecke montierten Überwachungskamera. »Hey, Beck?« Ihre Wange war geschwollen von dem Hieb, den sie verpasst bekommen hatte, ihre Lippen dick und das eine Auge blau. Ihre Nase wirkte, als sei sie am Rücken platt gedrückt worden. Wartend sah sie zu uns auf. Willard reichte Beck den Hörer des Telefons auf seinem Tresen. Nachdem er einen Knopf gedrückt hatte, hörten wir das Wandtelefon im Wartungskorridor läuten. Reba nahm ab, den Blick weiterhin auf die Kamera gerichtet. »Hey, Baby«, sagte Beck. »Wie läuft’s denn so bei dir?« Ein Nachäffen ihres früheren Grußes. »Spar dir die Witzchen, Beck. Willst du das Ding haben oder nicht?« »Zeig’s mir zuerst.« Sie ließ den Hörer so abrupt fallen, dass er gegen die Wand knallte und an seinem Spiralkabel auf und ab hüpfte. Beck riss den Kopf nach hinten und knurrte einen Fluch. Unten bückte sich Reba und zog die Reisetasche auf. Der Computer war deutlich zu sehen. »Und die Disketten?« Sie öffnete eine Seitentasche und nahm eine Hand voll Disketten heraus, schätzungsweise etwa zwanzig. Sie hielt sie mit der Vorderseite in die Kamera, damit er die Beschriftung, lesen konnte, die er vermutlich selbst angebracht hatte. »Okay. Sieht gut aus«, sagte er. Sie steckte die Disketten wieder in die Tasche und machte sie zu. »Bist du jetzt zufrieden, du Arschloch?« »Ja. Danke der Nachfrage. Komm rauf in die Halle und benimm dich. Kinsey steht hier direkt neben mir, falls du irgendwelche schlauen Mätzchen probieren willst.« Reba zeigte ihm den Vogel. Weiter so, Mädchen, dachte ich. Das würde ihm bestimmt imponieren. Ich sah zu Willard hinüber. »Wollen Sie einfach nur so dastehen?« Keine Reaktion. Vielleicht war Willard gestorben, und es hatte nur niemand daran gedacht, es zu erwähnen. Am liebsten hätte ich ihm mit der Hand vor den Augen herumgewedelt, um zu sehen, ob er blinzeln würde. Der Lastenaufzug langte in der Halle an, die Türen gingen auf, und Reba trat heraus. Sie hatte mit dem Gewicht der Reisetasche zu kämpfen. Mit der Waffe in der Hand musterte Beck sie und suchte nach einem Anzeichen für Rebellion oder Heimtücke. Sie stellte die Reisetasche vor ihm ab. »Aufmachen«, verlangte er und gab ihr einen Wink mit der Pistole. »Mein Gott. Glaubst du etwa, es ist eine Sprengladung drin?« »Zutrauen würde ich es dir.« Sie bückte sich, zog den Reißverschluss der Tasche auf und enthüllte den Computer ein zweites Mal. Ohne dass er danach fragen musste, nahm sie die Disketten heraus und reichte sie ihm. »Geh ein Stück weg.« Mit erhobenen Händen wich sie etwa drei Meter zurück. »So besorgt«, spöttelte sie. Beck reichte Willard die Waffe. »Behalten Sie beide im, Auge.« Er kniete sich hin und hob das Computergehäuse aus der Tasche. Dann fasste er in die Jackentasche, nahm einen kleinen Schraubenzieher mit Phillips-Kopf heraus, mit dem er die Schrauben entfernte, die das Gehäuse zusammenhielten. Er warf die Schrauben beiseite und nahm die Platte an der Rückseite ab. Mir war schleierhaft, was er vorhatte. Nun wurden die Innereien des Computers freigelegt. Ich besitze keinen Computer und hatte noch nie einen von innen gesehen. Es war eine komplexe Ansammlung von bunten Steckverbindungen, Drähten, Schaltkreisen und Transistoren oder wie die Dinger hießen – auf jeden Fall massenhaft kleinteiliges Zeug. Willard hielt die Pistole im Anschlag, indem er erst auf Reba und dann auf mich zielte, allerdings fast beiläufig, wie mir schien. Beck machte seine Aktentasche auf und entnahm ihr einen Glasbehälter mit ebenfalls gläsernem Stöpsel. Er zog den Stöpsel heraus und goss eine klare Flüssigkeit über das Computerinnere. Es musste Säure gewesen sein, da es zu zischen begann und der Geruch einer chemischen Verbrennungsreaktion aufstieg. Die isolierten Drähte lösten sich auf, die Kleinteile ringelten sich zusammen wie Lebewesen und schrumpften, sobald die ätzende Flüssigkeit auf sie traf. Beck nahm einen zweiten Glasbehälter heraus und goss Säure über die Disketten, nachdem er sie nebeneinander ausgebreitet hatte, um keine zu verfehlen. Auf der Stelle entstanden Löcher, und beißender Rauch stieg auf, während sich die Disketten auflösten. »Das hast du garantiert nicht alles im Kopf«, sagte Reba. »Keine Sorge. Ich habe Duplikate in Panama.« »Hey, toll für dich.« Ihre Stimme klang seltsam. Ich sah sie an. Ihr Mund hatte zu zittern begonnen, und in ihren Augen glitzerten Tränen. »Ich habe dich wirklich geliebt«, sagte sie mit rauer Stimme. »Ganz ehrlich. Du warst alles für mich.«, Ich musterte sie aufmerksam. Wie kam ich nur darauf, dass sie das vortäuschte? »Ach, Reeb, du kapierst es nie, was? Was muss denn noch passieren, damit es in deinen Dickschädel hineingeht? Du bist wie ein kleines Kind. Jemand erzählt dir, es gibt einen Weihnachtsmann, und du glaubst es.« »Aber du hast gesagt, dass ich dir vertrauen kann. Du hast gesagt, du liebst mich, und du würdest dich um mich kümmern. Das hast du doch gesagt.« »Ich weiß, aber das war gelogen.« »Alles?« »So ziemlich«, erwiderte er reumütig. Auf einem der Monitore nahm ich eine Bewegung wahr. Zwei Streifenwagen des STPD fuhren die Rampe hinab. Zwei Zivilfahrzeuge folgten. Unterdessen machte sich Beck wieder über sein Werk her. Er rammte den Schraubenzieher in die Eingeweide des Computers, verbog Metallteile und durchtrennte Drähte, stets darauf bedacht, jeglichen direkten Kontakt zwischen der Säure und seinen Händen zu vermeiden. Er hatte den hohen Fenstern den Rücken zugewandt, daher sah er nicht, wie Cheney mit gezogener Waffe aus dem Dunkeln trat. Hinter ihm erschien Vince Turner mit vier Beamten in FBI-Westen. Zu spät, um die Daten zu retten, aber dankbar war ich trotzdem. Reba bemerkte die Männer. Ihr Blick wanderte zum Fenster und dann wieder zu Beck. »Oh, armer Beck. Jetzt bist du geliefert«, sagte sie. Er stand auf und griff nach seiner Aktentasche. Mit freundlicher Miene sah er sie an. »Tatsächlich? Wie kommst du denn darauf?« Reba schwieg einen Moment, und ein langsam aufsteigendes, Lächeln erhellte ihr zerschundenes Gesicht. »Sowie ich wieder in der Stadt war, habe ich einen Mann angerufen, der bei der Steuerbehörde arbeitet. Ich habe ihm alles verraten, und zwar haarklein – Namen, Zahlen, Daten –, alles, was er brauchte, um sich Haftbefehle ausstellen zu lassen. Er musste den Richter zwar zu Hause anrufen, doch er hat gern mitgeholfen.« »Ach, du lieber Gott, Reba, jetzt mach mal halblang«, sagte Beck amüsiert. »Ich weiß seit Monaten, dass sie mir auf den Fersen sind. Das war das Einzige, was mir wirklich Sorgen gemacht hat, und das ist jetzt erledigt. Was glaubst du wohl, wie viele belastende Informationen sie aus diesem Verhau noch retten werden?« »Wahrscheinlich gar keine.« »Genau. Vielen herzlichen Dank.« Beck bemerkte, wie Reba sich von ihm abwandte. Er blickte nach hinten und sah Cheney und Vince Turner mit mehreren Polizisten und FBI-Agenten auf dem Gehsteig stehen. Vielleicht hörte er für einen Moment auf zu lächeln, doch besorgt wirkte er nicht. Er bedeutete Willard, sie hereinzulassen. Willard legte die Pistole auf den Boden, hob die Hände, um zu demonstrieren, dass er unbewaffnet war, und machte sich mit seinem Sammelsurium von Schlüsseln daran, die Tür aufzuschließen. Reba war noch nicht fertig. »Da wäre nur noch ein Problem.« Beck wandte sich wieder zu ihr um. »Und das wäre?« »Das hier ist nicht Martys Computer.« Beck lachte. »Schwachsinn.« Reba schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Den Feds hat es überhaupt nicht gefallen, dass der Computer gestohlen worden war, daher habe ich ihn zurückgebracht und gegen einen anderen ausgetauscht.« »Wie bist du hier reingekommen?« »Er hat mich reingelassen«, erwiderte sie und zeigte auf, Willard. »Gib’s auf, Baby. Der Mann arbeitet für mich.« »Mag sein, aber ich bin diejenige, die ihn um den Verstand gevögelt hat. Wir sind so dicke.« Sie hob die linke Hand und bildete einen Kreis aus Daumen und Zeigefinger. Dann steckte sie ihren rechten Zeigefinger in den Kreis und bewegte ihn rein und raus wie einen Kolben. Beck verzog angesichts ihrer Vulgarität gequält das Gesicht, doch Reba lachte nur. Ich warf einen raschen Blick zu Willard hinüber, der mit angemessenem Schamgefühl die Augen senkte. Cops und FBI- Agenten drängten in die Halle. Cheney hob Becks Waffe auf und sicherte sie, ehe er sie Vince reichte. »Nachdem Willie mich hereingelassen hatte«, fuhr Reba fort, »habe ich Martys Computer in dein Büro hinaufgebracht. Dann habe ich deinen Computer abmontiert, weggetragen und stattdessen den von Marty aufgestellt. Deinen Computer habe ich unter Martys Schreibtisch geschoben. Das hier ist der von Onni. Es war nicht viel drauf außer privater Korrespondenz und einem Haufen dämlicher Computerspiele. Ein Wahnsinn, dass du sie so gut bezahlt hast, obwohl sie nur die Zeit vertrödelt hat.« Beck kaufte es ihr immer noch nicht ab. Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Zunge über die Vorderzähne, während er ein Lächeln zu unterdrücken suchte. Sie hätte ihm ebenso gut erzählen können, dass sie von Außerirdischen entführt worden war, die sie als Versuchskaninchen für sexuelle Experimente benutzt hatten. »Willst du wissen, was ich sonst noch gemacht habe?«, fragte sie ihn. »Ich verrat’s dir, Beck. Ich war nämlich richtig fleißig. Nachdem ich die Computer ausgetauscht hatte, bin ich bei Salustio vorbeigefahren und habe ihm die fünfundzwanzigtausend zurückgebracht, die ich gestohlen habe. Marty hat mir das Geld als Gegenleistung für Papiere gegeben,, die er nicht mehr benutzen konnte. Salustio war es im Grunde völlig egal, wo das Geld herkam. Das Problem war nur, dass er immer noch sauer auf mich war, nachdem ich ihn bezahlt hatte. Also dachte ich, ich könnte ihn ja vor der Razzia warnen, um ihn für die Unannehmlichkeiten zu entschädigen. Damit blieb ihm gerade genug Zeit, um sein Geld außer Landes zu schaffen. Und jetzt ist alles vergeben und vergessen. Er und ich sind quitt. Und du bist derjenige, der im Regen steht.« Becks Gesichtsaudruck war unergründlich. Er würde ihr nie die Befriedigung gönnen, seine Niederlage einzugestehen, doch sie wusste, dass sie den Sieg davongetragen hatte.,

EPILOG

Das war natürlich noch nicht das Ende. Beck wurde wegen Mordes, Angriffs mit einer tödlichen Waffe, Entführung, Geldwäsche, Steuerhinterziehung, betrügerischer Verschwörung zum Nachteil der Regierung der Vereinigten Staaten, Verfälschung von Beweismitteln, Behinderung der Justiz, der unterbliebenen Meldung von Währungstransaktionen und der Bestechung von Staatsbeamten angeklagt. Zuerst blieb er unbeeindruckt. Schließlich hatte er genug Geld beiseite geschafft, um so lange wie nötig ein ganzes Heer von Anwälten zu bezahlen. Da war nur noch eine Kleinigkeit, die Reba zu erwähnen vergessen hatte. Es handelte sich um etwas, das ich bereits vermutet hatte, doch ich hatte sie nicht dazu überreden können, es mir zu bestätigen. Ehe sie die beiden Computer ausgetauscht hatte, hatte sie sich in Becks Konten eingehackt, alle seine Guthaben zusammengelegt und das Geld aus dem Land geschleust, vermutlich auf eines von Salustios Nummernkonten. Bestimmt hatte sie sich auch etwas einfallen lassen, womit sie ihn dafür entschädigen konnte, dass er das Geld für sie verwahrte, bis sie es an sich nehmen konnte. Auch die Feds hegten diesen Verdacht, denn die fiesen kleinen Giftzwerge weigerten sich nämlich, auf einen Kuhhandel mit ihr einzugehen. Reba wurde mit dem ersten Bus des Sheriffs postwendend in die Frauenhaftanstalt zurückgeschickt. Ich mache mir keine Sorgen um sie. Im Gefängnis hat sie gute Freundinnen, sie mag das Personal, und sie weiß, dass sie keine andere Wahl hat, als sich zu benehmen. Ihrem Vater geht es mittlerweile wieder besser. Er wird nicht sterben, solange Reba ihn braucht. Wie es zwischen Cheney und mir weiterläuft, steht noch in den Sternen, aber ich bin ein ganz klein wenig optimistisch., Dafür war es ja auch höchste Zeit, finden Sie nicht? Etwas habe ich allerdings gelernt: In der Szenenfolge meines Lebens bin ich zwar meist die Heldin, doch gelegentlich fungiere ich auch nur als Nebenfigur im Bühnenstück einer anderen Person. Hochachtungsvoll, Kinsey Millhone]
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