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Der irdische Agent McGavin besitzt alle Eigenschaften, die einen Helden ausmachen: Kraft, Mut, meisterhafte Körperbe- herrschung, scharfe Intelligenz - und er hat eine »Spezial«- Ausbildung hinter sich. Aber er hat auch einen schwachen Punkt, eine Achillesferse: sein Gewissen ... Als man ihn in eine vom Computer simulierte Traumwelt ver- setzt, seine Reaktionen auf Gewalt registriert, erhält man »un- normale«, ungewöhnliche Ergebnisse: McGavin hat ein über- sensibles Gefühl für Gerechtigkeit, und er ist gläubig. Trotz- dem - oder gerade deshalb? - wird er vom TBII als Eliteagent auf anderen Pl...
Autor Anonym
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Der irdische Agent McGavin besitzt alle Eigenschaften, die einen Helden ausmachen: Kraft, Mut, meisterhafte Körperbe- herrschung, scharfe Intelligenz - und er hat eine »Spezial«- Ausbildung hinter sich. Aber er hat auch einen schwachen Punkt, eine Achillesferse: sein Gewissen ... Als man ihn in eine vom Computer simulierte Traumwelt ver- setzt, seine Reaktionen auf Gewalt registriert, erhält man »un- normale«, ungewöhnliche Ergebnisse: McGavin hat ein über- sensibles Gefühl für Gerechtigkeit, und er ist gläubig. Trotz- dem - oder gerade deshalb? - wird er vom TBII als Eliteagent auf anderen Planeten eingesetzt. Seine Arbeit fordert, daß er lügt, daß er stiehlt, daß er tötet - zum Wohle der Außerirdi- schen, im Namen der Menschlichkeit. McGavin kämpft einen einsamen Kampf, der ihn verändert, entstellt. Alles an ihm hat sich gewandelt. Und sein Gewissen ...? Wie ein Komet tauchte Joe Haldeman in den letzten Jahren unter den Spitzenautoren der amerikanischen Science Fiction auf. Sein Roman »The Forever War« (Der ewige Krieg) ge- wann 1976 die höchsten Trophäen: HUGO und NEBULA! Das vorliegende Buch ist ein neuer Höhepunkt in seinem Schaffen., Juni 1978 Deutsche Erstausgabe © der deutschen Ausgabe Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München/Zürich 1978 Scan by Brrazo 03/2006 Titel der Originalausgabe: »All My Sins Remembered« Copyright © 1977 by Joe Haldeman Aus dem Amerikanischen übertragen von Heinz F. Kliem Umschlaggestaltung Creativ Shop München, Adolf + Angelika Bachmann Satz Appl, Wemding Druck und Bindung Augsburger Druckhaus, Augsburg Printed in Germany ISBN 3-426-00702-9, Joe Haldeman Der befleckte Engel, Inhalt Interview: Alter 22 Prolog Wiederholungstest: Alter 32 Episode: Anpassung an das Verbrechen Wiederholungstest: Alter 39 Episode: Der einzige Krieg, den wir hatten Wiederholungstest: Alter 44 Episode: Das Register meiner Sünden Interview: Alter 45, Für Gordy Dickson: Bildhauer, Weber, fröhlicher Kesselflicker, Interview: Alter 22 Schließen Sie die Augen. In Ordnung. Fühlen Sie etwas? Nein. Gut. Öffnen Sie die Augen. Geben Sie Namen, Al- ter und Versicherungsnummer an. Otto McGavin, Alter 22. 8462-00954-3133. Weshalb wünschen Sie eine Stellung bei der Con- federaciõn? Ich möchte reisen und etwas unternehmen. Ich ha- be die Erde nie verlassen. Dies scheint mir die inter- essanteste Möglichkeit zu sein, etwas daran zu än- dern. Ich glaube an die Confederaciõn und möchte mich für die Rechte der Menschen und der Außerir- dischen einsetzen. Sagen Ihnen die Initialen TBII etwas? Nein. Wären Sie beim Einsatz für die Rechte der Men- schen und Außerirdischen bereit zu lügen, zu betrü- gen, zu stehlen und zu töten? Ich… ich bin Anglo-Buddhist. Würden Sie töten, wenn viel davon abhängt? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Entspannen Sie sich., McGavin geht in einer fremden Stadt eine Gasse hinunter. Er spürt einen harten Gegenstand an der rechten Hüfte und vergewissert sich: eine Strahlenpi- stole. Während er sie in der Hand hält, taucht eine Gestalt aus dem Schatten auf. »Geld her, Freundchen!« McGavin feuert instinktiv und tötet den Fremden. Würden Sie das tun? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ja. Ich würde es be- reuen und dabei wünschen, daß seine Seele… Entspannen Sie sich. Die gleiche Gasse in der Dunkelheit. Zwei Männer stehen unter einer trüben Laterne. Einer hält ein Mes- ser. »Her damit, dann wird dir nichts passieren.« Otto schießt dem Räuber in den Rücken und tötet ihn. Würden Sie das tun? Ich glaube nicht. Ich würde abwarten, ob er dem Opfer tatsächlich etwas antut… und ihm die Chance einräumen, sich zu ergeben. Entspannen Sie sich. Die gleiche Gasse. Otto späht mit der Waffe in der Hand durch ein Fenster. Ein Mann sitzt drinnen und liest bei einem Glas Tee. Ottos Auftrag lautet, ihn zu töten. Er zielt sorgfältig und schießt dem Mann in den Kopf. Würden Sie das tun? Nein. Sehr gut. Tintenfleck. Nagelfeile. Suppe. Fandango., Otto warf kopfschüttelnd einen Blick auf die Wanduhr des Büros. »Das hat nicht lange gedauert«, sagte er. »Es dauert selten lange«, erwiderte der Intervie- wer. Ein Angestellter löste die Elektroden von Ottos Kopf, den Armen und der Brust. Dann zog er sich zurück. Otto streifte das Hemd über. »Habe ich bestan- den?« »Nun, einen solchen Test ›besteht‹ man nicht.« Er schob Otto ein Formular zu. »Kreuzen Sie bitte die Rubrik Interview erledigt an. Zweifellos sind Sie für verschiedene Positionen geeignet. Ob jedoch zur Zeit etwas frei ist, kann ich nicht beurteilen.« Otto stand auf. »Wann werde ich Näheres erfah- ren?« »In zwei oder drei Tagen.« Sie tauschten einen Händedruck, und Otto verließ das Büro. Der Interviewer rieb sich das Ohr, schaltete die Sprechanlage ein und nannte ein paar Zahlen. »Hallo, Rafael? Ich hatte gerade diesen McGavin bei mir. Vielleicht kannst du ihn gebrauchen.« Er hielt inne und lauschte. »Nun, die akademische Ausbildung entspricht den Anforderungen: Politik, Ökologie und Xenosoziolo- gie. Ausgezeichnete physische Verfassung. Megath- lon-Sieger, Reflexe einer Katze. Einziges Problem, die Haltung. Er ist ein bißchen zu idealistisch und außerdem religiös.« Er lachte. »Das können wir sicher. Ich schicke die Tonbänder hinauf. Ende.« Es bestand Hoffnung für McGavin, dachte er. Zu der zweiten Situation hatte er geäußert, er würde dem Mann eine Chance einräumen, sich zu ergeben – aber nicht eine Chance zur Flucht., Prolog Zwei Jahre später: Otto schlenderte den Uferweg des East River hin- unter und atmete die frische Herbstluft tief ein. Als er sich dem UM-Gebäude näherte, versuchte er, seine Erregung zu unterdrücken. Sein erster Einsatz außer- halb des Planeten! Während seines intensiven und verwirrenden Trainings war er auf dem Mond gewesen, aber der war ja im Grunde genommen nur ein Vorort der Er- de. Diesmal stand ihm eine wirkliche Aufgabe bevor. George Ledoux’ Büro lag im Kellergeschoß des Gebäudes. Wer dorthin wollte, mußte den Fahrstuhl benutzen und zwei schwerbewaffnete Posten passie- ren. Otto wurde nicht aufgehalten. Eine kleine Karte an der dritten Tür besagte: G. Ledoux/Planung. Die Tür öffnete sich, bevor Otto anklopfen konnte. »Kommen Sie herein, Mr. McGavin.« Der Büroraum war gemütlich eingerichtet. Erinne- rungsstücke aus verschiedenen Welten beschwerten Aktenbündel. Ein abgenutzter Holztisch und weiche Stühle mit echten Lederbezügen standen in der Mitte. Ledoux, ein kahlköpfiger, schlanker Mann mit einem Gesicht, dessen Haut dem faltigen Leder der Stühle glich, lächelte und forderte ihn mit einer Geste auf,, Platz zu nehmen. »Wir kommen gleich zu Ihrem Einsatz. Zunächst möchte ich mich nach Ihrer Tätigkeit während der beiden vergangenen Jahre erkundigen. Wie Sie wis- sen, wurde ein großer Teil Ihres Trainings in tiefer Hypnose vorgenommen.« »Das war nicht schwer festzustellen.« »Richtig. Nun wird es Zeit, alles an die Oberfläche zu bringen.« Er blickte auf den Zettel in seiner Hand. »Schließen Sie die Augen… ›Atlas, Strandball, Man- tra, Pest.‹« … schwarze Mischung aus Jod und Ammonium- Hydroxit … die oberflächlich erscheinende Wunde ruft einen Schock hervor , … treten, nicht stoßen … auf die Augen zielen … Messer bis zum letzten Au- genblick verstecken … kurze Stöße, um Kraft zu spa- ren, den Kopf einsetzen, nicht das Herz , … mit stei- fen Fingern eine Stelle unter dem Rückgrat finden… sobald er unten ist, den Kopf treten … du mußt dein Leben teuer verkaufen – verschenke es nicht … »Mein Gott!« Otto schlug die Augen auf. Ledoux nahm ein Messer mit schwerer Klinge vom Schreibtisch und warf es genau auf Ottos Herz. Ohne zu denken, fing Otto es in der Luft ab. »Ich… ich werde also nicht als Diplomat einge- setzt?« »Nein, aber Sie verstehen es, in diese Maske zu schlüpfen. Das genügt.«, »Dann bin ich Agent Zweiter Klasse für das TBII?« »Stimmt, und nach Ablauf eines Jahres für den Aufstieg in die erste Kategorie vorgesehen.« Otto schüttelte verwirrt den Kopf, als wollte er damit seine Benommenheit abstreifen. »Ich weiß«, fügte Ledoux behutsam hinzu, »es ist nicht die Stellung, um die Sie sich beworben haben.« Otto spielte mit dem Messer. »Eigentlich ist das noch interessanter – und nützlicher.« »Das glauben wir auch. Dieser erste Einsatz erfordert keine Veränderung der Persönlichkeit…« Dieser Satz rief Erinnerungen an die Trainingszeit wach. »… dennoch gehört er zum Aufgabenbereich des TBII. Sie werden auf dem Planeten Depot eine Agentin namens Susan Avery unterstützen.« »Arkturus IV«, murmelte Otto nachdenklich. »Ja. Sie befindet sich als Olivia Parenago, Bot- schafterin der Erde, auf dem Planeten.« »Wo ist die echte Parenago?« »Tot, ermordet. Sagt Ihnen das Stichwort ›Schutz- vertrag‹ etwas?« Als Otto den Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Nun, das ist ein Deckname für eine besonde- re Art von Erpressung. Ich komme dabei zu Ihnen mit dem Angebot, Ihr Geschäft, mit Ihnen und allen anderen Menschen darin, nicht niederzubrennen, wenn Sie für diese Freundlichkeit regelmäßige Ge- bühren entrichten.«, »Hört sich an, als sei dies eine Angelegenheit für die örtlichen Dienststellen.« »Normalerweise ja. Parenago wurde in die Sache verwickelt, weil sie Auswirkungen auf den interstel- laren Handel befürchtete – wodurch sich unsere Kompetenz ergibt. Zumal die örtlichen Dienststellen offensichtlich korrupt sind. Durch den Mord an der Botschafterin fiel die Angelegenheit endgültig in die Zuständigkeit der Confederaciõn – und wurde ein Fall für das TBII.« McGavin nickte langsam. »Soll ich eine andere Person darstellen?« »Nur insoweit, daß Sie als Botschaftsassistent auf- treten. Sie müssen verschiedene Funktionen ausüben, Orden verleihen und dergleichen. Hauptsächlich werden Sie Averys Ermittlungen unterstützen – falls es zu Gewaltakten kommt.« »Ist damit zu rechnen?« Ledoux zuckte die Schultern. »Außer Ihnen und Avery können nur Parenagos Mörder auf dem Plane- ten Wind von der Sache bekommen. Sie haben sie brutal ermordet.« »Sind Sie sicher, daß es mehrere Täter waren?« »Mindestens drei. Zwei haben ihre Arme und Bei- ne festgehalten, während sie der dritte in aller Ruhe umbrachte.« Depot war ein hochentwickelter Planet in einem en-, gen Orbit um den unsichtbaren Arkturus-Satelliten Schläfer (richtige Bezeichnung: TN Bootes AA). Wegen seiner Erdnähe legten die meisten irdischen Raumschiffe hier an, um Treibstoff und Vorräte auf- zunehmen. Otto wurde in Jonestown untergebracht, der größ- ten Stadt des Planeten. Es gab hier eine Universität, einen Raumflughafen – und es war schmutziger und lauter als an jedem Ort, den er bislang besucht hatte. Er spazierte mit Susan Avery im Industriepark, wo sie nicht belauscht werden konnten. Sie war ein paar Jahre älter als er, intelligent, hartgesotten und wenig attraktiv. Ihr wahres Äußeres konnte er allerdings nicht beurteilen, denn sie hatte perfekt das Aussehen von Olivia Parenago angenommen. Seit fünf Jahren war sie Agentin Erster Klasse. »Vielleicht haben wir einen neuen Informanten«, sagte sie. »Wird er sich länger am Leben halten können als der vorhergehende?« »Hoffentlich.« Der erste Informant, ein Kaufmann, der die Zahlungen eingestellt hatte, war nach seinem Anruf bei Parenago einem Unfall zum Opfer gefal- len; übrigens hatte er zuvor die Polizei angerufen. »Sie ist Gerichtsschreiberin im dritten Distrikt. Ich habe sie beim Lunch getroffen, wo sie mir einen Zet- tel zuschob. In ihrer Stellung hat sie Zutritt zu den Geheimakten der Polizei.«, »Hat sie besondere Angaben gemacht?« »Sie glaubt, Beweise für einen Verstoß gegen die Handelsgesetze zu haben. Das würde bedeuten, daß Geld fremder Währungen in die Taschen der Polizei fließt. Wir wollen lieber zum Dock gehen und uns wie harmlose Zuschauer verhalten.« Sie näherten sich den Hafenanlagen zur Versorgung der Raum- schiffe. Sie setzten sich ans Ende des Docks und betrachte- ten die rötlichen Seepflanzen an den Pfeilern. Starker Chlorgeruch hing in der Luft. »Sie wollte die Beweise nicht nach Jonestown bringen und sie erst aus dem Büro holen, wenn sie sich vergewissert hat, daß der Tanz erst beginnt, nachdem sie längst über alle Berge ist.« »Vernünftig.« »Gewiß. Ich habe für sie unter falschem Namen einen zweiwöchigen Ausflug zur Besichtigung der Anlagen auf dem Schläfer gebucht. Heute nachmit- tag bringe ich ihr die Flugkarten nach Silica.« »Soll ich mitkommen?« »Nein, ich komme heute abend zurück. Gehen Sie ins Büro und studieren Sie die Unterlagen. Prägen Sie sich die Lage der einzelnen Dienststellen ein und überlegen Sie, wie viele Männer gebraucht werden, um die Polizei zu überrumpeln – nach Möglichkeit ohne Blutvergießen. Benachrichtigen Sie die Männer in meinem Namen mit dem Vermerk ›Weitere Erklä-, rungen folgen!‹ Die Anweisung gilt, sofern sie wäh- rend der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht von mir rückgängig gemacht wird. Dann gehen Sie in Ih- re Unterkunft und verriegeln die Tür, bis Sie von mir hören. Klar?« »Vermutlich… ein Kommando mit Muskelein- satz?« »Gewiß, aber zerstören Sie nicht gleich die ganze Stadt. Sind Sie bewaffnet?« »Äh, nein.« Er konnte Schulterhalfter nicht leiden. »Otto.« Sie legte die Hand auf sein Knie. »Ich weiß, daß Sie ziemlich zartbesaitet sind. Aber Sie haben ja gesehen, was diese Schweine der… der ech- ten Olivia angetan haben.« Er nickte. Das Bild hatte ihn während der ersten Tage in Averys Nähe unruhig gemacht. Jeder Blick in ihr Gesicht brachte das Bild der verstümmelten Leiche vor sein geistiges Auge zurück. »Achten Sie also auf gute Bewaffnung. Ich möchte Sie mit heiler Haut wiedersehen.« Sie stand auf. »Das andere Botschaftspersonal möchte ich nicht in diese Sache verwickeln. Brauchen Sie Hilfe bei den technischen Vorbereitungen?« »Nein, es sind die gleichen Geräte, die wir im Training eingesetzt haben.« Sie wandten sich dem Dock zu. »Sollen wir uns trennen?« »Nicht, wenn Sie unbewaffnet sind.« Ihre Hand berührte seinen muskulösen Oberarm, und sie, schmiegte sich beim Gehen enger an ihn. »Tun Sie, als wären wir ein Liebespärchen beim Spaziergang«, flüsterte sie ihm wie eine Verschwörerin zu. Er war keineswegs überrascht. »Wird Sie das nicht aufhalten?« »Die Raumfähre nach Silica geht erst in sechs Stunden; mir bleibt also genügend Zeit.« Genügend Zeit wofür? fragte sich Otto. Er fand es recht bald heraus. Avery erreichte die Verbindung gerade noch in letzter Minute. Für den Einsatz des Computers und die verschlüssel- ten Benachrichtigungen benötigte Otto bis nach Mit- ternacht. Er beherzigte Averys Rat, verließ die Bot- schaft durch einen Seitenausgang, ging zu Fuß auf ei- nem Umweg heim und betrat sein Apartment über das Dach und die Seitentreppe. Dabei hatte er lediglich die Befürchtung, als Einbrecher verhaftet zu werden. Er schlief angezogen und bewaffnet, so lächerlich ihm das auch vorkam. Dann fuhr er mit einem Ruck hoch. Das Telefon schrillte. Es war nicht Avery. Die Botschaft erkundigte sich nach ihrem Aufenthaltsort. Otto erwiderte, daß er ihn nicht kannte. Der Mann klagte, sie hätte den ganzen Tag über Besprechungen zu führen. Ob Otto nicht zur Botschaft kommen und sie bis zu ihrer Rückkehr vertreten könnte? Natürlich. Er begab sich auf einem Umweg zur Botschaft;, niemand versuchte ihn zu überfallen. Er verbrachte acht Stunden an Averys Schreibtisch und hörte sich geduldig die Beschwerden der Besucher an. Der schwere Westinghouse-Revolver an der rechten und der kleine Walther-Lähmstrahler an der linken Hüfte machten ihm zu schaffen. Mehrmals und mit wach- sender Besorgnis rief er in Averys Apartment an. Als der Tag endlich vorüber war, eilte er zu Ave- rys Unterkunft. Er klopfte, drückte auf den Klingel- knopf und versuchte schließlich, das Schloß zu öff- nen. TBII-Agenten kennen in dieser Beziehung eine Menge Tricks – und Avery kannte wahrscheinlich raffiniertere als Otto. Er überlegte, ob er das Schloß mit dem Westinghouse zerschießen sollte, entschloß sich jedoch, den Hausmeister zu zwingen, ihm die Tür aufzusperren. Es war niemand in der Wohnung, aber eine Fen- sterscheibe fehlte. Das Glas war herausgeschmolzen worden. Der Hausmeister fragte, wer für den Scha- den aufkommen würde. Jammernd folgte er Otto von einem Raum in den anderen. Als Otto die Tür zum Badezimmer öffnete, schlug ihm ein penetranter Geruch entgegen. Er schloß die Augen, murmelte ein aus drei Worten be- stehendes buddhistisches Gebet, trat ein und fand Su- san Avery. Sie war nackt und lag mit dem Gesicht nach unten in der Badewanne, eingetaucht in einen zwei Zentimeter tiefen See geronnenen Blutes., Wiederholungstest: Alter 32 Biographischer Test, bitte anfangen: Ich wurde als Otto Jules McGavin am 24. April AC 198 auf der Erde geboren, Bürger von… Erinnern Sie sich an die Zeit, als Sie 22 jähre alt waren. Fahren Sie bitte fort: Ich glaubte, für die Confederaciõn xenosoziolo- gisch oder als Diplomat ausgebildet zu werden, kam aber für zwei Jahre zum TBII. An die gesamte The- rapie kann ich mich nicht genau erinnern, es ging um Waffen und schmutzige Tricks. Ich wunderte mich, warum die anderen Studenten viel mehr zu erzählen hatten, doch mein Ausbilder sagte, das wäre normal. Meine hypnotischen Tests wären gut, und nach der Prüfung würde schon alles klarer werden. Es kam mir vor, als hätte ich während meines ganzen zwei- undzwanzigsten Lebensjahrs mehr als alle anderen gearbeitet, aber… Das haben Sie auch, Otto. Fahren Sie bitte mit dem Alter von 25 fahren fort: Bis Mitte 223 war ich Agent Zweiter Klasse, wur- de dann probeweise in die Erste Klasse übernommen und mußte die Rolle von Mercurio de Follette spie- len, einem Manager der Kreditunion von Mundo La- gardo, der unter dem Verdacht stand, gegen Artikel drei verstoßen zu haben. War er schuldig? Fahren Sie bitte fort:, Natürlich war er das, aber wir wollten die Mit- schuldigen herausfinden; es stellte sich heraus, daß seine ganze Familie… Kommen Sie zum Alter von 26 Jahren; fahren Sie bitte fort: In diesem Jahr habe ich den ersten Menschen getö- tet, bei meinem dritten Einsatz als Agent Erster Klas- se. Es war Notwehr; er wußte nicht, daß er mich in der Hand hatte. Wenn ich ihm nicht zuvorgekommen wäre, hätte er mich getötet – also war es Notwehr… Syzygy - Gewissermaßen… Aardvark, Teufelsanbeter. Notwehr… Gerund. Schlafen Sie jetzt., Episode: Anpassung an das Verbrechen In jeder Richtung schien es durch die künstliche Schwerkraft steil nach oben zu gehen. Dr. Isaac Crowell blieb schwer atmend stehen, schob ein paar schweißfeuchte Haarsträhnen aus der Stirn und klopfte an die Tür des Psychiaters. Sie glitt auf. »Ah, Dr. Crowell.« Der Mann hinter dem Schreib- tisch war ebenso dünn wie Crowell dick. »Kommen Sie bitte herein, setzen Sie sich.« »Danke.« Crowell setzte sich vorsichtig auf den robustesten Stuhl. »Sie… ähem… wollten…« »Ja.« Der Psychiater beugte sich vor und sagte deut- lich: »Syzygy. Aardvark. Teufelsanbeter. Gerund.« Crowell blinzelte. Dann blickte er auf seinen dik- ken Bauch hinunter und schüttelte entgeistert den Kopf. Mit Daumen und Zeigefinger kniff er in das schwammige Gewebe. »Autsch!« »Guter Job«, lobte der Psychiater. »Wundervoll. Hätte der Bursche nicht ein paar Pfund abnehmen können, bevor ich in seine Rolle schlüpfen mußte?« »Das hätte dem Image geschadet, Otto.« »Otto… ja. Langsam kommt alles zurück… ich bin…«, »Warten Sie!« Der Mann drückte auf einen Knopf an seinem Schreibtisch, und die Schiebetür schloß sich zischend. »Entschuldigung. Fahren Sie fort.« »Ich bin Otto McGavin, Agent Erster Klasse beim TBII. Und Sie sind ebensowenig ein Psychiater wie ich Dr. Isaac Crowell bin. Sie sind Sam… äh… Ni- mitz. Früherer Abteilungsleiter, als ich in Spring- world stationiert war.« »Stimmt, Otto – Sie haben ein gutes Gedächtnis. Ich glaube nicht, daß wir uns mehr als zweimal gese- hen haben.« »Dreimal. Zwei Cocktailpartys und eine Partie Bridge. Ihre Partnerin hatte ein schlechtes Blatt, und ich bin noch immer nicht darauf gekommen, wie sie betrogen hat.« Er zuckte die Schultern. »Sie war ebenfalls Agen- tin Erster Klasse.« »Ja, das war sie. Inzwischen ist sie tot.« »Ich glaube nicht, daß ich berechtigt bin…« »Schon gut. Weisen Sie mich diesmal ein?« »Stimmt.« Nimitz zog einen länglichen Umschlag hervor, öffnete ihn und reichte Otto das Schriftstück. »Fünf-Minuten-Farbband«, sagte er. Otto überflog die drei Seiten und las sie dann langsam durch. Die Schrift verschwand, als er das Schreiben zurückgab. »Irgendwelche Fragen?« »Nun… gut, ich bin also dieser dicke, alte Profes-, sor Crowell – oder ich werde es sein, wenn Sie diese Sitzung beenden. Beherrsche ich die Sprache so gut wie er?« »Wahrscheinlich nicht ganz so gut. Es gibt keine Lehrbänder für Bruuchian; Crowell ist der einzige Mensch, der je einen Dialekt der Sprache erlernte. Sie waren fünf Wochen lang gemeinsam in Hyp- nose, um die Sprache zu lernen. Rauher Hals?« Otto streckte die Hand nach seinem Adamsapfel aus und zuckte zusammen, als er Crowells Vierfach- kinn berührte. »Gott, dieser Bursche ist wirklich in miserabler Verfassung. Ja, mein Hals ist ein bißchen rauh.« »Die Sprache besteht größtenteils aus Knurrlauten. Ich habe mir einen einzigen Satz eingeprägt.« Er stieß ein paar Laute aus, die an ein krankes Rhinoze- ros denken ließen. »Was, zum Teufel, bedeutet das?« »Es ist die übliche Begrüßung in dem von Ihnen erlernten Dialekt: ›Wolken sind nichts für deine Fa- milie. / Mögest du in der Sonne sterben.‹ In Bruuchi- an reimt es sich natürlich. Da reimt sich alles, denn jedes Wort hat die gleiche Endsilbe. Hört sich nach einem Schluckauf an.« »Wunderbar. Nach einer halben Stunde beiläufiger Unterhaltung werde ich geschwollene Mandeln be- kommen.« »Nein. Sobald Sie wieder in Crowells Rolle stek-, ken, werden Sie sich an alles erinnern. In Ihrem Ge- päck befindet sich ein Mittel, das Ihrem Hals Linde- rung verschafft.« »Gut.« Otto seufzte aus tiefster Seele. »Hören Sie, hoffentlich verlangt dieser Einsatz keine körperli- chen Anstrengungen. Ich muß ja dieses ganze Ge- wicht an Plastikfleisch herumschleppen.« »Hoffen wir das Beste.« »Im Bericht heißt es, Crowell sei seit elf Jahren nicht mehr auf dem Planeten gewesen. Warum konn- te man nicht angeben, er hätte sich einer Diät unter- zogen?« »Nein, Sie könnten auf einen Bekannten aus jüng- ster Zeit stoßen. Außerdem erfordert dieser Einsatz, daß Sie so harmlos wie möglich aussehen.« »Ich habe nichts dagegen – aber ich soll bei einer Schwerkraft von 1,2 g harmlos aussehen! Ich habe schon hier draußen auf dem Korridor bei einfacher Erdanziehung geschwitzt. Wie…« »Wir setzen volles Vertrauen in Sie, Otto. Ihr Agenten Erster Klasse versteht es, jede Situation zu meistern.« »Oder bei dem Versuch zu sterben. Diese ver- dammte hypnotische Konditionierung!« »Das geschieht in Ihrem eigenen Interesse.« Ni- mitz begann seine Pfeife zu stopfen. »Syzygy. Aard- vark. Teufelsanbeter. Gerund.« Otto sackte auf seinem Stuhl zusammen und be-, gann zu schnarchen. »Wenn Sie aufwachen, Otto, werden Sie zu etwa zehn Prozent Otto McGavin und zu neunzig Prozent die angenommene Persönlichkeit von Dr. Isaac Cro- well sein. Sie werden sich an Ihren Auftrag und an Ihre Ausbildung als Agent Erster Klasse erinnern – aber Sie werden auf jede Situation mit Crowells Per- sönlichkeit und seinem Wissen reagieren. Nur in be- sonderen Situationen werden Sie als Agent Erster Klasse reagieren. Gerund. Teufelsanbeter. Aardvark. Syzygy.« Crowell/McGavin erwachte mitten im Schnarchen. Er rappelte sich auf und zwinkerte Nimitz zu. In Crowells sonorer Stimme sagte er: »Vielen Dank, Dr. Sanchez. Die Therapie hatte eine äußerst beruhi- gende Wirkung.« »Gern geschehen, Dr. Crowell. Dafür werde ich schließlich bezahlt.«, »Das ist eine Unverschämtheit! Junger Mann, wissen Sie eigentlich, wer ich bin?« Der Zollinspektor bemühte sich, gleichzeitig ge- langweilt und feindselig auszusehen. Er schob Cro- wells Ausweiskapsel erneut in das Vergrößerungsge- rät und betrachtete sie eine Weile. »Nach diesen An- gaben sind Sie Isaac Crowell von Macrobastia, gebo- ren auf Terra. Sie sind sechzig und sehen aus wie siebzig. Damit können Sie sich nicht vor der Leibes- visitation drücken.« »Ich verlange, Ihren Vorgesetzten zu sprechen.« »Nichts zu machen; ist heute nicht hier. Sie kön- nen dort in der kleinen Kammer auf ihn warten. Die Tür hat ein sicheres Schloß.« »Aber Sie…« »Ich werde meinen Chef nicht an seinem einzigen freien Tag herrufen; mich können Sie nicht bluffen. Warten Sie in der Kammer, bis Sie schwarz werden.« »Sagen Sie…« Ein kleiner, untersetzter Mann mit pomadigen Locken schob sich heran. »Was ist denn… Isaac! Isaac Crowell! Was bringt Sie denn zurück?« Mit seiner verschwitzten Hand drückte Crowell die Hand des Mannes und wartete einen Augenblick, bis sein künstliches Gedächtnis auf Gesicht und Na-, men reagierte. »Jonathon Lyndham. Freut mich, Sie zu sehen – besonders jetzt.« »Irgendwelche Schwierigkeiten?« »Ich weiß nicht, Jonathon. Dieser… Herr will mich nicht durch die Sperre lassen, wenn ich nicht eine Art Striptease für ihn aufführe.« Lyndham spitzte die Lippen und betrachtete den Inspektor. »Smythe, wissen Sie nicht, wer dieser Mann ist?« »Er ist… nein, Sir.« »Sind Sie zur Schule gegangen?« »Ja, Sir. Zwölf Jahre.« »Dr. Isaac Sebastian Crowell.« Lyndham schob die Hand über die Schranke und legte sie auf Cro- wells Schulter. »Der Autor von Ungereimte Erkennt- nisse – jenem Buch, das diesem Planeten die Einbe- ziehung in das Netz der Raumfluglinien bescherte.« Tatsächlich war das Buch zwar auf Brauch und auch auf Euphrates recht gut verkauft worden, weil die Kolonisten dort in bezug auf die Eingeborenen den gleichen Problemen gegenüberstanden – doch woanders erwies es sich als Fehlschlag. Andere An- thropologen bewunderten zwar Crowells Einsatz, warfen ihm jedoch vor, er hätte seine Objektivität durch Gefühle beeinflussen lassen. Bei dieser Arbeit gab es ein ungeschriebenes Prinzip: andere Wesen sind schwer zu analysieren, wenn man Zuneigung für sie empfindet., Und was das Netz der Raumfluglinien betraf, so landete in Brauch ein Frachtschiff pro Woche, mei- stens mit Verspätung. »Lassen Sie mal die Papiere sehen.« Der Inspektor übergab sie ihm bereitwillig. »Ich übernehme die volle Verantwortung.« Lyndham setzte seine Initia- len an verschiedene Stellen der Deklarationen und gab sie zurück. »Dies ist kein gewöhnlicher Tourist. Ohne den Einfluß seines Buches würden Sie in ei- nem Bergwerk arbeiten, statt einmal wöchentlich mit Deklarationen umzugehen.« Der Inspektor drückte auf einen Knopf, und die Sperre öffnete sich. »Kommen Sie, Isaac. Der Kon- zern spendiert Ihnen einen guten Schluck.« Crowell zwängte sich durch die schmale Öffnung und folgte Lyndham zur Bar des Raumflughafens. Der Raum war mit den Erzeugnissen der eingebore- nen Handwerker ausgestattet: Tische und Stühle aus dunklem Material, das an das Ebenholz von Terra er- innerte. Crowell hatte Mühe, den schweren Stuhl unter dem Tisch hervorzuziehen. Er sackte darauf nieder und wischte sich mit einem ungewöhnlich großen Taschentuch das Gesicht ab. »Jonathon… ich weiß nicht, ob ich mit dieser Schwerkraft zurechtkomme. Ich bin schließlich kein junger Mann mehr und… na ja, ich habe mich ein bißchen gehenlassen.« Zehn Prozent seines Ichs er-, mahnten ihn: Ich bin zweiunddreißig und in blenden- der Form. »Oh, Sie werden sich daran gewöhnen, Isaac. Tre- ten Sie unserem Gesundheitsklub bei – wir werden dafür sorgen, daß Sie im Handumdrehen das Über- gewicht verlieren.« »Das wäre schön«, erwiderte Crowell hastig (kein Training der Welt konnte Plastikfleisch reduzieren), »aber ich zweifle, ob ich die Zeit dafür aufbringe. Mein Verleger hat mich hergeschickt, um Material für eine neue Ausgabe zu sammeln… wahrscheinlich werde ich einen Monat bleiben.« »Oh – ein Jammer. Sie werden sehen, daß sich die Dinge hier recht günstig verändert haben und Sie ru- hig ein bißchen länger bleiben könnten.« Eine Frau kam an den Tisch und nahm ihre Bestel- lung entgegen: zwei Whisky. »Veränderungen? Auf Macrobastia, wo ich Vorle- sungen gehalten habe, hören wir nicht viel von Bruuch. Einige Veränderungen sind offensicht- lich…« Er deutete auf die Umgebung. »Als ich hier abflog, hat es keinen Raumflughafen, sondern ledig- lich eine Metallbude und eine Betonpiste gegeben. Ich interessiere mich naturgemäß mehr für die Bruu- chianer als für euch Kolonisten. Ist bei ihnen alles noch so wie früher?« »Hmmm… eigentlich nicht.« Der Whisky wurde gebracht. Crowell schnupperte, an seinem Glas und nahm begeistert einen kleinen Schluck. »In der ganzen Confederaciõn gibt es kei- nen solchen Whisky wie auf Bruuch. Ein Jammer, daß er nicht exportiert wird.« »Der Konzern bemüht sich darum, soviel ich weiß. Darum und um den Export der handwerklichen Pro- dukte unserer Eingeborenen.« Er zuckte die Schul- tern. »Unsere Leute und die Eingeborenen holen viel aus diesem Globus heraus. Aber schließlich stellt je- der Planet Getränke her, und die meisten haben auch Fachleute.« »Zurück zu den Bruuchianern… die Dinge haben sich verändert?« Jonathon nippte an seinem Glas und nickte. »Das betrifft neuere Entwicklungen, aber auch langfristige Veränderungen. Haben Sie gehört, daß sich die Le- benserwartung der Eingeborenen verringert hat?« Otto McGavin wußte es, aber Crowell schüttelte verneinend den Kopf. »In den vergangenen sechs Jahren um etwa fünf- undzwanzig Prozent. Ich glaube, die durchschnittli- che Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung ist auf etwa zwölf Jahre herabgesunken. Das sind Jahre auf Bruuch, die etwa sechzehn Standardjahren entsprechen. Es scheint ihnen allerdings nichts aus- zumachen.« »Natürlich nicht«, versetzte Crowell nachdenklich. »Sie halten es sogar für einen Segen.« Die Bruuchia-, ner bewahrten ihre Toten auf und brachten ihnen mehr Respekt entgegen als den Lebenden. Die älte- ren Familienmitglieder studierten die starren Ge- sichtszüge und leiteten Orakel davon ab. »Irgendwelche Theorien?« »Nun, die meisten Männer arbeiten in den Minen und stoßen dort auf Wismut, das ihren Körpern nicht bekommt. Die Mineralogen behaupten allerdings, das Wismut-Vorkommen in dem von ihnen eingeat- meten Staub sei viel zu gering, um den Gesundheits- zustand zu beeinflussen. Natürlich liefern die Kreatu- ren keinen Toten zur Obduktion ab. Eine verfahrene Situation.« »Ja, ich verstehe. Wenn ich mich recht erinnere, haben die Bruuchianer immer kleinere Mengen Wis- mut als Narkotikum eingenommen. Könnte es nicht sein, daß sie damit inzwischen wahre Orgien feiern?« »Das glaube ich nicht. Ich habe mich in letzter Zeit weiß Gott genau damit beschäftigen müssen, weil Deirdre es immer wieder aufs Tapet bringt. Es gibt auf dem Planeten keine hochkonzentrierten Vor- kommen an Wismut, und selbst wenn es solche gäbe, fehlt den Kreaturen die Technologie und ein grund- legendes Wissenschaftsverständnis, um damit etwas anfangen zu können.« Jedesmal, wenn Lyndham die Eingeborenen »Krea- turen« nannte, zuckte Crowell innerlich zusammen. »Der Konzern baut kein Wismut ab«, fuhr Lynd-, ham fort, »und es steht auf der Liste der verbotenen Importe. Nein, ich glaube nicht, daß Vergiftungen durch Wismut dahinterstecken.« Crowell trommelte mit zwei Fingern auf der Tischplatte und überlegte. »Von Besonderheiten des Stoffwechsels mal abgesehen, scheint es sich doch um ein widerstandsfähiges Volk zu handeln. Könnte es vielleicht an Überarbeitung liegen?« »Absolut keine Spur. Seit dem Erscheinen Ihres Buches hat ein Beobachter der Confederaciõn die Kreaturen scharf im Auge behalten. Jeder, der in der Mine arbeitet, trägt eine tätowierte Nummer am Fuß. Sie kommen und gehen, dürfen aber nur acht Stun- den täglich in der Mine verbringen: Natürlich wür- den sie gern länger bleiben. Seltsame Kreaturen.« »Das ist wahr.« Zu Hause waren die Bruuchianer recht faul; auf den zugewiesenen Arbeitsstellen schufteten sie jedoch bis zur Erschöpfung – nicht ge- rade ein Merkmal besonderer Lebenstüchtigkeit. »Es hat mich neun Jahre gekostet, den Grund herauszu- finden.« Die Verschwundenen, meldete sich McGa- vins Komponente. »Sie erwähnten neuere Entwick- lungen?« »Hmmm.« Jonathon machte eine fahrige Handbe- wegung und nippte erneut an seinem Whisky. »Es ist alles ziemlich deprimierend. Sehen Sie, wir haben noch immer nur etwa fünfhundert Leute als ständiges Personal auf dem Planeten.«, »Tatsächlich? Ich hätte inzwischen eigentlich mehr erwartet.« »Der Konzern fördert Einwanderungen nicht, weil es keine Arbeitsplätze gibt. Wir fühlen uns alle als große Familie und nicht als Menschen, die lediglich durch den gemeinsamen Arbeitgeber miteinander verbunden sind. Nun… während der vergangenen Monate sind Leute einfach verschwunden. Sie müssen tot sein, denn Menschen können von der Nahrung der Einge- borenen nicht existieren, und unsere Lebensmittel werden peinlich genau zugeteilt. Alle sind spurlos verschwunden. Drei Personen bislang, darunter ein Aufseher der Minen. Es wird ganz offen davon geredet, daß die Kreaturen sie aus irgendwelchen Gründen beseitigt haben könnten…« »Unglaublich!« »… und Sie können sich wohl vorstellen, daß es böses Blut gegeben hat. Na ja, ein paar von den Kreaturen sind getötet worden.« »Aber…« Crowells Herz hämmerte. Mühsam lehnte er sich zurück, atmete tief durch und sagte ru- hig: »Ein Bruuchianer kann keinen Menschen um- bringen. Diesen Wesen fehlt jeder Sinn für das Tö- ten, selbst wenn es um Nahrungsbeschaffung geht. Trotz ihrer Verehrung der Toten, die sie die ›Stillen‹ nennen, beschleunigen sie den Prozeß niemals… sie haben kein Verständnis für Begriffe wie Mord,, Selbstmord oder Euthanasie. Sie kennen kein einzi- ges Wort für diese Taten.« »Ich weiß, aber…« »Erinnern Sie sich noch an den Fall im Jahre – ich glaube, es war 218 –, als ein betrunkener Arbeiter ei- nen Bruuchianer in den Minen tötete? Mit seiner Schaufel – der Eingeborene war dem Mann mit einer Karre über den Fuß gefahren. Ich mußte den betreffenden Haushalt im Dorf aus- findig machen und die Sache zu erklären versuchen. Doch die Nachricht kam mir zuvor, und im Haus wurde ein großes Fest veranstaltet – einen so jungen Toten hatten sie noch niemals gehabt. Sie betrachteten es als eine besondere Gunst der Götter. Ihr einziges Bemühen galt der Erhaltung der Leiche; bei meinem Eintreffen waren zwei Männer damit beschäftigt. Als ich ihnen erzählte, ein Mann hätte das getan, glaubten sie, ich würde scherzen. Menschen seien der Göttlichkeit zwar recht nahe, erwiderten sie, aber sie seien nun mal keine Götter. Ich versuchte es ih- nen auf verschiedene Arten zu erklären – aber sie lachten nur. Dann holten sie die Nachbarn herbei und ließen mich die Geschichte zu ihrem Vergnügen wiederholen. Sie hielten es für einen wundervollen, gotteslästerlichen Spaß, den sie sich jahrelang wieder und wieder erzählten.« Crowell leerte sein Glas auf einen Zug. »Ich kann nicht behaupten, ich würde Ihre Mei-, nung nicht teilen – die Anklage ist absurd. Doch es sind mächtige Kreaturen, und die Leute fürchten sich mehr und mehr vor ihnen«, versetzte Lyndham. »Ei- ne andere Erklärung würde bedeuten, daß sich unter uns, mitten in unserer Familie, ein Mörder befindet.« »Das muß nicht sein«, erwiderte Crowell. »Viel- leicht gibt es in der Umgebung etwas, das wir bislang übersehen haben, irgendeine verborgene Gefahr. Sind die Ablagerungen nach Toten durchsucht worden?« »Zum Teil. Es war nichts zu entdecken.« Sie unterhielten sich eine halbe Stunde über diese und harmlosere Angelegenheiten, aber Cro- well/McGavin erfuhr lediglich Dinge, die er bereits während der Programmierung der vergangenen vier Wochen in sich aufgenommen hatte. Lyndham wur- de über den Lautsprecher gerufen. Er stand auf. »Kann ich Sie zu Ihrer Unterkunft bringen lassen, Isaac? Das Katalogisieren wird mich wahrscheinlich eine Weile aufhalten.« »Nein, ich finde den Weg allein. Sie arbeiten also immer noch im Import/Export?« »Ja, inzwischen habe ich eine leitende Stellung er- reicht.« Er lächelte. »Chef der Importabteilung. Ein- mal in der Woche habe ich alle Hände voll zu tun, um die Eingänge zu registrieren.« »Gratuliere«, sagte Crowell. McGavin ordnete den Mann eine Stufe höher auf seiner Liste der verdäch- tigen Personen ein., Der zweirädrige Wagen hielt an, und Crowell kletterte schweratmend hinaus. Er gab dem Eingeborenen, der ihn über einen Kilometer gezogen hatte, eine kleine Münze der Konzernwährung und sagte die Ritualfor- mel: »Für deine Arbeit / diese Winzigkeit sei gege- ben.« Der Eingeborene nahm die Münze in seine drei- eckig geformte Hand, schob sie in den Mund und drückte sie mit der Zunge in die Kinntasche. Mit einem gemurmelten Dank nahm er Crowells Gepäck und trug es durch die offene Tür mit der Aufschrift ERST- KLASSIGES QUARTIER FÜR DURCHREISENDE. Crowell schob seine korpulente Gestalt auf den Gehsteig und beneidete den Eingeborenen um seine behenden Bewegungen. Der Bruuchianer hatte ein bräunliches, kurzhaariges Fell, in dem jetzt ein paar Schweißtropfen glitzerten. Von hinten ähnelte er ei- nem Affen von Terra, allerdings ohne Schwanz. Sei- ne großen Füße entsprachen der Form seiner Hände und waren mit drei Zehen versehen. Im Verhältnis zum Körper wirkten seine Beine kurz, mit hohen Kniegelenken, die Drehungen in beide Richtungen gestatteten. Wenn er ging, erinnerte er an die Karika- tur eines Menschen, was durch die Tatsache verstärkt wurde, daß seine Arme von den Schultern fast bis zum Boden reichten., Von vorn betrachtet wirkte er allerdings weit we- niger lächerlich. Die beiden großen Augen blinzelten niemals (eine durchsichtige Membrane öffnete und schloß sich in Sekundenabständen), und die Wahr- nehmungsfähigkeit infraroter Strahlen ermöglichte ihm die Sicht auch noch bei fast totaler Dunkelheit. Der große Mund wurde nur durch eine Lippe ver- schlossen, die sich oft kräuselte und dabei ein un- glaublich kräftiges Gebiß entblößte. Seine Ohren äh- nelten denen eines Cockerspaniels, allerdings waren sie haarlos und von großen Adern durchzogen. Er trug auffällige Ohrringe und einen Lenden- schurz, der vor einem menschlichen Betrachter nichts von Interesse verbarg. Er sprach zwei mensch- liche Worte, »ja« und »nein«. Das entsprach dem Durchschnitt. Der Eingeborene flitzte wieder zur Tür heraus, ehe Crowell den halben Weg zurückgelegt hatte. Er eilte um Crowell herum, spannte sich vor seinen Wagen und trabte davon. Crowell betrat seine Unterkunft und setzte sich auf die spartanische Pritsche. Er hatte schon in elegante- ren Unterkünften gewohnt. Der Raum enthielt einen einfachen, von den Eingeborenen angefertigten Tisch, dazu einen Stuhl, das geschmacklose Bild ei- ner Winterlandschaft auf Terra, einen Kasernen- schrank und einen durchlöcherten Eimer in Kopfhö- he als Duschgelegenheit. Außerdem waren da noch, ein Wassereimer und ein Waschbecken mit einem beschlagenen Spiegel. Weitere sanitäre Anlagen fehl- ten. Vermutlich wohnten die Menschen hier noch in den gleichen Häusern, die Crowell schon vor zehn Jahren gehaßt hatte. Er spielte mit dem Gedanken, sich auf der Pritsche auszustrecken (es war fraglich, ob er später wieder hochkommen konnte), als jemand an der Tür klopfte. »Herein!« rief er müde. Ein drahtiger junger Mann mit einem knappen Bärtchen trat auf die Schwelle. Er trug eine kurze Khaki-Hose sowie ein Hemd und hielt zwei Bierfla- schen in der Hand. »Ich bin Waldo Struckheimer«, sagte er, als würde das etwas erklären. »Willkommen.« Crowell konnte den Blick nicht von dem Bier wenden. Die Fahrt war recht staubig gewesen. »Dachte mir, Sie würden ein Getränk nicht ver- schmähen.« Der junge Mann tat zwei Schritte in den Raum und öffnete eine Bierflasche. »Bitte…« Crowell deutete auf den Stuhl und nahm einen tiefen Schluck, während Waldo sich auf den Stuhl setzte. »Sind Sie auch auf der Durchreise?« »Ich? O nein.« Waldo öffnete die andere Flasche, schob die beiden Kronenkorken in die Hemdtasche und drückte sie mit dem Daumen zu. »Ich bin der Xenobiologe, zuständig für das Wohlergehen der Eingeborenen. Wie ich hörte, sind Sie Dr. Isaac, Crowell. Freut mich, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen.« Sie wechselten ein paar höfliche Floskeln. »Dr. Struckheimer, ich habe seit meiner Landung erst mit einem Menschen gesprochen… und was er sagte, hörte sich ziemlich alarmierend an.« »Betrifft es die Verschwundenen?« »Die auch – aber hauptsächlich meine ich das ra- pide Absinken der Lebenserwartungen der Bruuchia- ner.« »Sie haben das nicht gewußt?« »Nein, nichts davon.« Waldo schüttelte den Kopf. »Ich habe vor zwei Jahren für J. Ex. einen Artikel darüber geschrieben. Er ist noch nicht erschienen.« »Na, Sie wissen ja, wie das so geht. Wenn es sich nicht um Ember oder Chrisrys Welt handelt…« »Natürlich, unter den Stapel geschoben. Keine Nachrichten sind so gut wie neue Nachrichten. Wen haben Sie gesprochen?« »Jonathon Lyndham. Er erwähnte Wismut.« Waldo preßte die langen Hände zusammen und betrachtete sie. »Nun, daran habe ich auch zuerst ge- dacht. Die klinischen Anzeichen sind vorhanden – etwa Seekrankheit oder Atemnot bei Menschen. Es könnte alles mögliche sein, angefangen bei einem Kater bis hin zu Krebs. Ich würde noch immer an Wismut denken – oder, an etwas Ähnliches, zum Beispiel Antimon –, wenn sie sich das Zeug irgendwie beschaffen könnten. Seitdem wir wissen, wie abhängig es macht, darf es nicht mehr auf den Planeten gebracht werden. Nicht mal von mir – und dabei könnte ich ein paar Gramm davon gut gebrauchen.« »Könnten sie es sich aus den Minen beschaffen?« »Nein. Zehn Kubikmeter Erz enthalten nicht ge- nügend Wismut, um einen Bruuchianer schwindlig zu machen. Ich glaube, es ist eine falsche Spur. Ir- gend etwas anderes verursacht die Symptome.« »Irgendwelche kürzlichen Veränderungen in ihren, nun, sagen wir Eßgewohnheiten? Menschliche Nah- rungsmittel?« »Nein, sie halten sich strikt an ihre eigenen Vorrä- te und schauen menschliche Lebensmittel nicht mal an. Ich habe ihre Vorräte laufend analysiert. Nichts Ungewöhnliches. Jedenfalls kein Wismut.« Sie ver- harrten eine Weile in nachdenklichem Schweigen. »Sieht ganz so aus, als würde mich hier eine grö- ßere Aufgabe erwarten, als ich dachte. Mein Verle- ger hat mich hergeschickt, um eine neue Ausgabe des Buches vorzubereiten. Ich rechnete eigentlich damit, hier lediglich ein paar neue Statistiken zu sammeln und die alten Freundschaften zu erneuern.« Er rieb sich die Augen. »Die Aussicht auf lange Fußwege bedrückt mich, offen gestanden. Ich bin nicht mehr der Jüngste und wiege inzwischen zwan-, zig Kilo mehr als bei meinem letzten Besuch. Schon damals brauchte ich Gravitol, um mich in Schwung zu halten.« »Haben Sie es sich noch nicht beschafft?« »Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen. Ist Willy Norman noch als Konzernarzt tätig?« »Gewiß. Hier.« Er zog eine kleine Ampulle aus der Tasche. »Nehmen Sie das, ich bekomme es gra- tis.« »Vielen Dank.« Crowell legte sich zwei Tabletten auf die Zunge und spülte sie mit einem Schluck Bier hinunter. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihm aus. »Ah! Ziemlich stark.« Zum erstenmal, seit er Isaac Crowell geworden war, konnte er sich freier bewegen. »Könnten wir uns zusammen mal Ihr Labor ansehen? Es erscheint mir logisch, dort anzufangen.« »Gewiß, ich wollte Sie heute nachmittag ohnehin abholen.« Draußen rumpelte ein Jinrikisha vorüber. »Vielleicht können wir uns den schnappen.« Er trat an die Tür und stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Der Fahrer hörte ihn und hielt inmitten einer aufwir- belnden Staubwolke. Er riß den Wagen herum und kam zur Tür, als wäre der Teufel hinter ihm her. Als die beiden Männer einstiegen, fragte er: »Wohin?« »Bring uns bitte zur Mine A.« Der Bruuchianer nickte und zog den Wagen schwungvoll an. Mine A lag drei Kilometer entfernt. Die Fahrt ver-, lief glatt, wenn auch staubig. Das Labor lag unter einer großen Silberkuppel ne- ben dem Minenschacht. »Hübsch«, bemerkte Cro- well und schlug den Staub aus seiner Kleidung. »Staubablagerungen?« Neben der staubigen Straße lagen ein paar eingezäunte Flächen. »Schon, aber keine großen.« Die meisten Staubablagerungen waren knapp ei- nen Meter tief, aber wenn man in einem der großen Löcher versank, war man für immer verschwunden. Mit ihrer Fähigkeit, infrarot zu sehen, konnten die Eingeborenen die Gefahrenstellen bei Tag und Nacht deutlich erkennen. Das menschliche Auge jedoch sah alles nur braun in braun. Als sie sich dem Labor nä- herten, hörte Crowell das Rattern eines Kompressors. Die Kuppel bestand nicht aus Metall, sondern aus Aluminium-Plastik, die durch inneren Überdruck ih- re feste Form behielt. Sie gingen durch eine Seiten- öffnung hinein. Die Luft im Inneren war angenehm kühl. »Der Kompressor pumpt die Luft durch eine Reihe von Staubfiltern herein. Der Konzern hat sich diese Inve- stition durch einen Berg unbezahlter Überstunden verzuckern lassen.« Das Labor war eine interessante Kombination aus rustikalen und ultramodernen Elementen. Die einzel- nen Möbelstücke verrieten die bekannten Hand- werksqualitäten der Bruuchianer, aber Crowell er-, kannte einen grauen Allzweck-Computer, einen Hochleistungsofen, ein Elektronenmikroskop und ei- ne Vielzahl anderer Geräte, die sicherlich importiert worden waren. Die Funktion zahlreicher Einrich- tungsstücke konnte er nicht bestimmen. »Recht eindrucksvoll. Wie haben Sie den Konzern dazu gebracht, das alles zu finanzieren?« Struckheimer schüttelte den Kopf. »Man hat ledig- lich das Gebäude bezahlt – und das zu erreichen war schon schwer genug! Alles andere stammt von einer Stiftung der Gesundheitsbehörde der Confederaciõn. Ich arbeite sechs Stunden täglich für den Konzern und widme die andere Zeit den physiologischen Un- tersuchungen der Bruuchianer. Zumindest versuche ich das; ohne Leichensezierungen und ergänzende Operationen ist das natürlich recht schwierig.« »Sie können doch Röntgenaufnahmen machen, Neutronen-Abtastungen…« »Natürlich kann ich das.« Struckheimer zupfte an seinem Bärtchen und blickte auf Crowells Brust. »Was immer das auch eintragen mag. Kennen Sie die Anatomie der Bruuchianer?« »Nun…« Crowell setzte sich auf einen Stuhl, der unter seinem Gewicht ächzte. »Die ersten Studien brachten keinen Aufschluß, und ich habe nicht…« »Keinen Aufschluß! Mehr weiß ich selbst nicht. Sie haben innere Organe, die keinerlei Funktion aus- zuüben scheinen. Dabei sind bei ihnen die Anord-, nungen der Organe verschieden – und sie sitzen auch in verschiedenen Körperteilen. Die einzigen Resultate, die ich erzielen konnte, stammen von diesem Ding da.« Er deutete mit dem umgekehrten Daumen auf eine große Konstruktion, die an eine Taucherglocke aus dem neunzehnten Jahrhundert erinnerte. »Eine Kammer für quantitati- ve metabolische Analysen. Ich lasse sie da drinnen sitzen, essen und verdauen. Sie halten das alles für einen großen Spaß.« Er knallte eine Faust in die andere Handfläche. »Wenn ich mir nur einen Toten beschaffen könnte! Haben Sie von dem Unfall mit dem Laser im ver- gangenen Monat gehört?« »Nein, nichts.« »Sie sagen, es wäre ein Unfall gewesen – aber ich habe so meine Zweifel. Jedenfalls stürzte ein Einge- borener, falls er nicht gestoßen wurde, vor einen Mi- nen-Laser. Er wurde in zwei Stücke zerteilt.« »Mein Gott!« »Ich war in knapp zehn Minuten an der betreffen- den Stelle. Doch die Angehörigen hatten ihn bereits weggeschafft. Vermutlich sind sie mit einer Kabine des Aufzugs hochgefahren, während ich mit einer anderen nach unten fuhr. Ich schnappte mir einen Dolmetscher und fuhr auf dem schnellsten Wege ins Dorf. Ich fand seine Hütte. Ich… ich sagte ihnen, ich könnte ihn zusammen-, flicken und kurieren. Mein Gott, ich wollte mir un- bedingt den Körper ansehen!« Er strich sich mit zwei Fingern über das Kinn. »Sie glaubten mir und entschuldigten sich. Sie sag- ten, sie hätten geglaubt, er hätte sich bereits auf die Stille vorbereitet und hätten ihn ›geschickt‹. Ich frag- te, ob ich den Körper sehen könnte, und sie waren einverstanden und freuten sich, daß ich an der Feier teilnehmen wollte.« »Das Zugeständnis überrascht mich«, sagte Cro- well. »Sie haben in dieser Beziehung eingelenkt. Na ja, Sie kennen ja den Raum, wo sie die Mumien ihrer Vorfahren aufbewahren. Ich ging also hinein. Minde- stens fünfzig dieser guterhaltenen Mumien lehnten an den Wänden. Sie zeigten mir die soeben eingetroffene Leiche. Sie sah aus wie alle anderen, abgesehen von den run- den Verletzungen des Lasers. Sie ließen es zu, daß ich diese Stelle im Schein einer Taschenlampe be- trachtete; es waren keinerlei Spuren oder Narben zu erkennen! Ich überprüfte die Registriernummer am Fuß des Toten, und sie stimmte. Der Körper konnte höchstens zehn Minuten vor mir eingetroffen sein… es dauert Wochen, bis derar- tige Verletzungen verheilen, und bei einem Toten ist das natürlich ausgeschlossen. Man kann aus ihnen einfach nicht herausbringen,, wie sie das bewerkstelligen; es ist so, als würde man jemand fragen, wie er sein Herz dazu bringt, daß es schlägt. Ich glaube, diese Fragen verstehen sie über- haupt nicht.« Crowell nickte. »Als ich das Buch schrieb, mußte ich mich mit einer einfachen Erklärung des Phäno- mens zufriedengeben. Ich konnte lediglich heraus- finden, daß gewisse Riten von den jeweils ältesten und jüngsten Familienmitgliedern durchgeführt wer- den. Niemand bringt ihnen bei, was sie zu tun haben. Sie sagen, es sei offensichtlich – aber sie können es nicht erklären und lassen einen auch nicht zusehen.« Struckheimer trat an einen großen Kühlschrank und zog zwei weitere Flaschen Bier heraus. »Schaf- fen Sie noch eine?« Crowell nickte, und Struckheimer öffnete die Fla- schen. »Ich braue es selbst; einer der Eingeborenen hilft mir dabei. Allerdings werde ich ihn in ein paar Monaten verlieren, denn er hat das Alter für die Mi- nenarbeit erreicht.« Er reichte Crowell ein Bier und setzte sich auf ei- nen niedrigen Stuhl. »Vermutlich ist Ihnen bekannt, daß sie von der Heilkunst nichts verstehen. Wenn jemand krank wird, sitzen sie um ihn herum und be- glückwünschen ihn; wenn er wieder gesund wird, sprechen sie ihm ihr Beileid aus.« »Ich weiß«, erwiderte Crowell. »Wie schaffen Sie es eigentlich, daß sie zur Behandlung zu Ihnen, kommen… Und was das betrifft – was können Sie für sie tun, wenn sie überhaupt kommen?« »Nun, meine medizinischen Assistenten – ich habe vier – untersuchen sie, wenn sie zur Mine kommen und noch einmal nach Arbeitsschluß. Die Gesund- heitsbehörde hat vier Diagnose-Geräte zur Verfü- gung gestellt, wie man sie in der Praxis eines Arztes findet. Diese Geräte sind mit meinem Computer ver- bunden. Sie registrieren Atmung, Hauttemperatur, Puls und dergleichen. Sobald sich bei einem Mann Abweichungen ergeben, schicken sie ihn zu mir. Bei seinem Eintreffen liegen mir die Ergebnisse des Computers vor, und ich kann ihm Mittel verschrei- ben, die auf klinischen Erfahrungen und physiologi- schen Experimenten beruhen. Ich habe nie eine Ah- nung, ob das entsprechende Mittel auf die Symptome anspricht. Bei einem hilft das Mittel auf Anhieb, während es bei einem anderen die Symptome ver- schlimmert und schließlich zu seinem Tod führt. Sie wissen ja, wie sie darauf reagieren.« »Allerdings – ›er war bereit für die Stille‹.« »Genau. Sie lassen die Behandlung überhaupt nur zu, weil das zu ihren vertraglichen Verpflichtungen gehört. Von allein würden sie niemals kommen.« »Haben Ihnen die Diagnose-Geräte einen Anhalts- punkt gegeben, warum sie jetzt wesentlich früher sterben als vorher?« »Gewiß, es gibt Symptome, im statistischen Sinne., Zum Beispiel hat sich ihre durchschnittliche At- mungsgeschwindigkeit seit Beginn der Untersuchun- gen um zehn Prozent erhöht. Die durchschnittliche Körpertemperatur stieg um etwa ein Grad. Damit werden meine klinischen Daten bestätigt, und beides zusammen führt zu der Schlußfolgerung, daß es sich um Vergiftungserscheinungen handeln muß. Wismut würde genau zu diesen Daten passen, denn ich habe radioaktive Spurenelemente festgestellt, die sich in einem Organ sammeln und niemals ausgeschieden werden. Und es muß einen Zusammenhang mit den Minen geben. Sie wissen ja, daß die Eingeborenen demo- graphische Unterlagen sammeln; die Familien mit den höchsten Raten an ›Stillen‹ haben den größten ›politischen‹ Einfluß. Die Lebenserwartung all jener, die nicht in den Minen arbeiten, ist offenbar unver- ändert geblieben.« »Das wußte ich nicht!« »Der Konzern sieht es nicht gern, daß sich das he- rumspricht.« Sie unterhielten sich eine weitere Stunde lang. Während Crowell sich größtenteils aufs Zuhören be- schränkte, entwickelte Otto einen Plan., Es war beinahe dunkel, als Crowell zur Arztpraxis ging. Die Wirkung des Gravitol hatte nachgelassen, und er fühlte sich wieder ziemlich elend. In der Praxis sah er mit dem Chrom-Plastik- Schreibtisch das erste moderne Möbelstück auf die- sem Planeten und stieß gleichzeitig auf die erste at- traktive Frau seit seiner Ankunft. »Haben Sie eine Voranmeldung, Sir?« »Äh… nein. Aber ich bin ein alter Freund des Doktors…« »Isaac – Isaac Crowell! Kommen Sie herein und lassen Sie sich begrüßen!« Die Stimme kam aus der Gegensprechanlage auf dem Schreibtisch. »Die letzte Tür auf der rechten Seite des Korri- dors, Mr. Crowell.« Dr. Norman kam ihm auf dem Flur entgegen, schüttelte ihm die Hand und führte ihn in den Raum. »Es ist schon so lange her, Isaac… ich hörte von Ih- rer Rückkehr und war, offen gestanden, überrascht. Dieser Planet ist nichts für uns Alte.« Der Doktor hatte eine hünenhafte Gestalt, ein rötliches Gesicht und weißes Haar. Sie gingen in sein Zwei-Zimmer-Apartment; der Teppich war abgetreten, und an den Wänden hingen altmodische Bücherregale. Bei ihrem Eintritt schalte-, te sich automatisch Musik ein. Crowell konnte die Klänge nicht erkennen, aber Otto erkannte sie sofort. »Vivaldi«, sagte er, ohne nachzudenken. Der Doktor starrte ihn verdutzt an. »Legen Sie sich auf Ihre alten Tage noch eine Bildung zu, Isaac? Ich erinnere mich noch an die Zeit, als Sie Bach für eine Biersorte hielten.« »Ich finde jetzt Zeit für viele Dinge, Willy.« Cro- well ließ sich in einen Polstersessel fallen. »Lauter interessante Dinge.« Der Doktor ging lachend in die Kochnische. Er warf Eiswürfel in zwei Gläser, fügte Whisky hinzu und füllte das eine Glas mit Wasser, das andere mit Soda auf. Er reichte Crowell den Whisky mit Soda. »Ich er- innere mich stets an die Rezepte, die ich einem Pati- enten verschrieben habe.« »Das ist sozusagen ein Grund meines Kommens.« Crowell nippte an seinem Getränk. »Ich brauche eine Monatsration Gravitol.« Das Lächeln verschwand vom Gesicht des Dok- tors; er setzte sich auf die Couch und stellte sein Glas ab, ohne davon zu kosten. »Nein, Isaac. Eine Wo- chenration reicht völlig aus. Mehr könnte zu Ihrem Tod führen.« »Was?« »Ich verschreibe diese starke Zusammensetzung niemals einer Person über fünfzig. Ich selbst nehme, es auch nicht mehr. Es würde die alte Pumpe zu stark belasten.« Mein Herz ist zweiunddreißig Jahre alt, dachte McGavin, und es muß ein Übergewicht von fünfzig Kilo versorgen. Denk mal nach! »Gibt es ein weniger gefährliches Medikament, das mir bei dieser Schwerkraft helfen könnte? Mich erwartet hier eine Menge Arbeit.« »Hmmm… ja, Pandroxin ist nicht annähernd so gefährlich und dürfte für Sie richtig sein.« Er zog ei- nen Rezeptblock aus der Schublade und kritzelte auf dem obersten Blatt. »Hier. Lassen Sie die Finger vom Gravitol. Für Ihren Kreislauf würde es pures Gift sein.« »Danke. Ich werde mir das Mittel morgen holen.« »Heute abend noch, wenn Sie wollen. Die Kon- zern-Apotheke ist die ganze Nacht hindurch geöff- net. Nun… was bringt Sie eigentlich zurück auf diesen abgelegenen Planeten, Isaac? Untersuchungen der veränderten Sterblichkeitsquote der Bruuchianer?« »Nein, wenigstens nicht in erster Linie. Ich bin gekommen, um mein neues Buch vorzubereiten. Dennoch werde ich mich auch damit beschäftigen. Was halten Sie denn von der Wismut-Theorie?« Willy machte eine flüchtige Handbewegung. »Un- sinn. Ich halte es ganz einfach für Überarbeitung. Die kleinen Kerle schuften den ganzen Tag in den Mi-, nen; dann gehen sie heim und strapazieren sich mit dem harten Holz. Weiter braucht man gar nicht zu suchen.« »Sie haben schon immer wie verrückt geschuftet – zumindest die Männer. Doch diese Erklärung er- scheint mir zu einfach, denn jene, die nicht in den Minen arbeiten, schuften ebenfalls, sterben aber längst nicht so früh.« Der Doktor schnaubte verächtlich. »Gehen Sie morgen mal hinunter und sehen Sie sich die Arbeit in den Minen an, Isaac. Ein Wunder, daß sie es über- haupt eine Woche da unten aushalten. Im Vergleich zu den Minenarbeitern faulenzen die anderen.« »Das werde ich tun.« Wie sollte er das Thema auf die verschwundenen Personen lenken? »Wie steht’s denn mit den Menschen in der Kolonie? Hat sich seit meiner Abreise viel verändert?« »Eigentlich nicht. Die meisten von uns haben sich zu einem Zwölf- oder Zwanzigjahresvertrag überre- den lassen; es sind noch immer die gleichen Men- schen hier, nur zehn Jahre älter. Es kostet ein Jahres- gehalt, nach Terra zu fliegen, und bei einem Ver- tragsbruch verliert man alle Ansprüche. Die meisten von uns stehen es also durch. Vier Leute haben sich ausgelöst; ich glaube nicht, daß Sie einen von ihnen kennen. Wir haben jetzt einen neuen Botschafter der Con- federaciõn, der ebensowenig zu tun hat wie seine, drei Vorgänger. Das Gesetz schreibt nun mal vor, daß einer hier sein muß. Meines Wissens hält das Diplomatische Korps diesen Planeten für den schlimmsten unter allen denkbaren Möglichkeiten. Eine Versetzung hierher bedeutet entweder Unfähig- keit oder Bestrafung. Bei Stu Fitz-Jones ist es eine Bestrafung; sein Pech, daß er Botschafter auf Lamarr war, als dort der Bürgerkrieg ausbrach. Das war na- türlich nicht sein Fehler, sondern lag ganz einfach daran, daß niemand die internen Schwierigkeiten der Eingeborenen kannte. Jemand mußte den Kopf dafür herhalten, und deshalb ist er hier. Sie sollten ihn mal besuchen und sich ein wenig mit ihm unterhalten. Er ist ein ganz interessanter Bursche. Suchen Sie ihn aber am besten morgens auf, solange er noch nüch- tern ist. Wir hatten sechs Geburten, die Hälfte davon legi- tim, und achtzehn Todesfälle.« Willy runzelte die Stirn. »Besser gesagt fünfzehn Todesfälle und drei verschwundene Personen. Letztere verschwanden im vergangenen Jahr. Die Leute sind sorglos geworden. Außerhalb der Stadt ist es wie auf einem fremden Planeten. Einige verlassen die anderen und gehen einfach hinaus. Sie brechen sich ein Bein oder fallen in einen Schacht, und alles ist vorüber. Zwei der Verschwundenen waren neu hier, wahrscheinlich Agenten der Confederaciõn…« Otto zuckte zusammen – das stimmte., »Und der andere war Malatesta, der alte Minen- aufseher. Ich glaube, die beiden Agenten waren sei- netwegen gekommen. Sie gaben sich als Mineralo- gen aus, haben aber nicht für den Konzern gearbeitet. Wer sonst hätte sie bezahlen sollen? Niemand außer dem Konzern hat das Recht, auf diesem Planeten zu schürfen.« »Vielleicht wurden sie von einer Universität be- zahlt, um hier Forschungen durchzuführen – so war es bei meinem ersten Besuch.« Der Doktor nickte. »Genau das behaupteten sie – aber es waren keine Wissenschaftler. Das kann ich sagen, denn ich habe fast das ganze Leben unter Akademikern verbracht. Natürlich konnten sie sich ausweisen, und sie schienen sich auch auf ihrem Gebiet auszukennen, aber… Wissen Sie, wie die Confederaciõn ihre Agenten ausbildet?« »Nur ganz vage – benutzen sie nicht plastische Operationen und Lehrmethoden unter Hypnose?« »Ja, vermutlich. Jedenfalls glaube ich, daß diese beiden Männer Agenten waren, die sich als Geologen ausgaben. Doch sie gingen zu den falschen Stellen, so etwa zu den Minen. Die Erze sind bis zum letzten Molekül analysiert und die Resultate veröffentlicht worden. Außerdem blieben sie nie so lange an einem Ort, um ernsthaft arbeiten zu können.« »Wahrscheinlich haben Sie recht.«, »Meinen Sie? Nehmen Sie noch einen Whisky. Die Leute hier halten mich für einen alten Paranoi- ker.« »Vielleicht lassen wir beide nach.« Isaac lächelte. »Danke für das Angebot, aber ich werde mir lieber das Pandroxin holen und heimgehen, ehe ich zu- sammenbreche. Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir.« »Das kann ich mir vorstellen. Es war fein, Sie wiederzusehen, Isaac. Spielen Sie immer noch Schach?« »Besser als je.« Besonders mit Ottos Hilfe. »Kommen Sie doch mal einen Abend vorbei auf eine Partie – oder auch zwei.« »Gut, bis dann also.«, Isaac ging nicht auf direktem Weg zur Apotheke, sondern suchte zunächst seine Unterkunft auf, um ein Funkgespräch zu führen. »Biologisches Labor. Struckheimer am Gerät.« »Waldo, hier spricht Isaac Crowell. Dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten?« »Heraus damit.« »Ich gehe jetzt zu Dr. Normans Praxis, um mir Gravitol zu beschaffen. Die Tabletten, die Sie mir heute gaben, schienen genau richtig zu sein – könn- ten Sie mal nach der Dosierung sehen?« »Brauche ich gar nicht nachzusehen, es sind fünf Milligramm. Aber hören Sie, Isaac, er wird Ihnen wahrscheinlich eine kleinere Dosis verschreiben; je älter man ist, desto weniger bekommt man.« »Tatsächlich? Nun, ich werde ihn schon überre- den. Es sollte eigentlich andersherum sein!« »Sie werden Willy niemals überreden. Er hat den dicksten Schädel, der mir je begegnet ist.« »Ich weiß, aber wir waren gute Freunde. Vielleicht hat er Mitleid mit einem Altersgenossen, den die Schwerkraft fertigmacht.« »Na, viel Glück. Lassen Sie sich bald mal wieder sehen?« »Ich komme morgen auf dem Weg zu den Minen, vorbei.« »Ja, schauen Sie auf ein Bier herein.« »Ich freue mich darauf.« Er schaltete das Gerät ab. Aus dem Geheimfach seines Koffers zog er einen Kugelschreiber hervor, dessen oberes Ende mit ei- nem Ultraschall-Tintenentferner versehen war. Zum Glück hatte der Doktor das Rezept mit einem normalen, schwarzen Kugelschreiber geschrieben, so daß er die Unterschrift nicht zu fälschen brauchte. Er übte ein paarmal den Text »5 mg Gravitol, Mo- natsration«, entfernte das ursprüngliche Wort »Pan- droxin« und setzte die neuen Angaben über die Un- terschrift. In der dunklen Apotheke brannte lediglich eine Lampe über dem Tresen. Die Vordertür war ver- schlossen, und Crowell ging zum Seiteneingang. Als er die Fußmatte betrat, glitt die Tür zur Seite, und ei- ne Glocke schlug an. Ein Angestellter tauchte hinter dem hohen Regal auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Was kann ich für Sie tun?« »Ich habe hier ein Rezept.« »In Ordnung.« Der junge Mann nahm das Rezept und verschwand hinter dem Regal. »Sagen Sie«, rief er über die Schulter, »das ist doch wohl nicht für Sie, was?« Er war jetzt ganz und gar Otto. »Natürlich nicht. Ich nehme Pandroxin. Es ist für Dr. Struckheimer.«, Der Angestellte kehrte mit einem kleinen grünen Röhrchen zurück. »Ich könnte schwören, Waldo hat sein Gravitol erst in der vergangenen Woche abge- holt. Vielleicht sollte ich Dr. Norman anrufen.« »Ich glaube nicht, daß er die Tabletten für sich be- nötigt«, sagte Crowell langsam. »Er experimentiert mit den Eingeborenen herum.« »Schon gut, dann ziehe ich es einfach von seinem Konto ab.« »Komisch, er hat mir nämlich Bargeld mitgege- ben.« Der Angestellte sah ihn an. »Wieviel?« »Achtzehneinhalb Kredit.« Crowell zückte seine Brieftasche und nahm neun- zehn Kredit heraus. Dann legte er einen weiteren Fünfzigkreditschein daneben. Der Angestellte zögerte, nahm den Fünfzigkredit- schein zur Hand, faltete ihn und schob ihn in die Ta- sche. »Es ist schließlich Ihr Begräbnis, Alter«, sagte er und ließ die Kasse klingeln. »Diese Dosierung ist für einen jungen Mann bestimmt.« Crowell nahm das Wechselgeld von einem halben Kredit und ging stumm hinaus., Am nächsten Morgen fühlte sich Crowell wieder als ganzer Mensch. Kurz nach Sonnenaufgang machte er sich auf den Weg zu den Minen. Er schaute in die Kuppel, sah jedoch, daß Waldo nicht zugegen war und ging zur Mine A. Am Eingang stand eine lange Schlange von Bruu- chianern; sie tänzelten und schlugen mit den Armen, als wollten sie sich warm halten. Je näher er kam, de- sto lauter wurde ihre Unterhaltung. Ein Mann in einem weißen Kittel untersuchte den ersten Bruuchianer in der Reihe. Er sah Crowell erst, als dieser sich direkt vor ihm aufbaute. »Hallo!« rief Crowell ihm zu. Der Mann starrte ihn verdutzt an. »Wer, zum Teu- fel, sind Sie?« »Mein Name ist Crowell – Isaac Crowell.« »Ah, ja – bei Ihrem letzten Besuch war ich noch ein kleiner Junge. Passen Sie mal auf.« Er ergriff ein Megaphon und rief in der Sprache der Bruuchianer: »Eure Geister / lenken meinen Geist ab / verzögern die Arbeit. / Verhaltet euch leiser.« Die Unterhaltung erstarb zu einem leisen Gemurmel. »Sehen Sie, ich habe Ihr Buch gelesen.« Er fuchtelte mit einem Me- tallstab vor dem Körper des Bruuchianers herum. »Ist dies das Diagnose-Gerät?« Crowell deutete auf, einen kleinen schwarzen Kasten am Gürtel des Man- nes, der durch ein Kabel mit dem Metallstab verbun- den war. »Ja, es stellt eventuelle Unregelmäßigkeiten bei den Biestern fest und leitet die Daten an Dr. Struck- heimer weiter.« Er klopfte dem Bruuchianer auf die Schulter, und das »Biest« verschwand im Minen- schacht. Der nächste trat vor, zeigte seinen Fuß und drehte das Knie dabei auf eine unvorstellbare Weise. »Der Kasten enthält gleichzeitig ein Mikrophon«, fügte der Mann hinzu, las die Registriernummer vor und ließ den Metallstab über das braune Fell gleiten. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand, der diesen Planeten verlassen hat, jemals hierher zurück- kommt. Wieviel hat man Ihnen dafür gezahlt?« »Nun, ich muß die nächste Ausgabe meines Bu- ches vorbereiten. Der Verleger verlangt, daß es auf den neuesten Stand gebracht wird.« Der Mann zuckte mit den Schultern. »Solange Sie den Rückflugschein in der Tasche haben, ist es halb so schlimm. Sehen Sie sich die Sache da unten ruhig mal an, aber lassen Sie Vorsicht walten. Die sausen wie ver- rückt herum. Aber wenn Sie Abstand zu den Aufzü- gen halten, werden Sie wahrscheinlich nicht zer- trampelt werden.« »Danke.« Crowell ging den Korridor hinunter und, betrat eine offene Fahrstuhlkabine. Ein Bruuchianer tänzelte bereits ungeduldig in der schmalen Kabine herum. HÖCHSTLAST ZWEI PERSONEN besagte ein Schild über dem Schacht. Bruuchianer verstan- den keine Schriftzeichen, doch dieser hier kannte sich anscheinend aus. Sobald Crowell den Gurt um- gelegt hatte, drückte der Eingeborene auf einen gro- ßen roten Knopf, und die Kabine glitt abwärts. Cro- well stützte sich an der Wand ab, während Otto zähl- te. Zweiundzwanzig Sekunden verstrichen, bevor die Kabine anhielt. Sie mußten über einen Kilometer in der Tiefe sein. Es war sehr dunkel, aber die Bruuchianer benötig- ten nicht soviel Licht wie die Menschen. Als der Bruuchianer die Kabine verließ, hörte Crowell aller- lei Geräusche, konnte aber nichts sehen. »Ah, Isaac«, sagte eine menschliche Stimme in etwa drei oder vier Metern Entfernung. »Sie hätten mir Ihren Besuch ankündigen sollen.« Der Licht- strahl einer Taschenlampe richtete sich auf Crowell. »Hier, setzen Sie das auf.« Er reichte Crowell eine Brille mit Nachtgläsern. Die Umgebung wurde durch sie plötzlich in eine geisterhafte grüngraue Farbe ge- taucht. »Hier hat sich eine Menge verändert«, sagte Cro- well. »Warum ist es so dunkel?« »Die Eingeborenen baten darum. Sie sagten, das viele Licht würde sie bei der Arbeit stören.«, »Lieber Himmel!« Crowell blickte auf das verwir- rende Treiben. »Ich werde schon vom Zuschauen müde.« Der Minenschacht hatte die Größe einer rie- sigen Halle. An die fünfzig Bruuchianer arbeiteten paarweise mit Vibropicken und Schaufeln an drei Wänden gleichzeitig. Jedes Paar besaß eine Schub- karre; sobald diese voll war, wurde sie von einem Eingeborenen zur vierten Wand gefahren, wo Cro- well und Struckheimer standen, und der Inhalt auf ein nach oben führendes Laufband geladen. Dann ging es wieder von vorn los. Im Zentrum des Getümmels huschte ein kleiner Bruuchianer herum und verteilte eine Mischung aus Sand und Sägemehl auf dem Boden. Er mußte lau- fend vor den im rasenden Tempo herangeschobenen Karren ausweichen. Die ganze Szenerie wirkte, als würden besonders eifrige und selbstvergessene Kin- der ein hektisches Spiel im Sandkasten veranstalten. »Wissen Sie«, sagte Crowell, »Willy Norman schiebt den Rückgang der Lebenserwartung auf Überarbeitung. Wenn ich mir das so ansehe, möchte ich ihm beipflichten.« »Nun ja, sie arbeiten hier härter als ich es je bisher gesehen habe – besonders seit wir die Lichter ausge- schaltet haben. Das liegt wohl an der Kürzung ihrer Arbeitszeit. Wie lange arbeiteten sie, als Sie damals Ihre Untersuchungen anstellten?« »Elf bis zwölf Stunden, glaube ich.«, »Wir haben die Arbeitszeit auf sechseinhalb Stun- den gekürzt.« »Tatsächlich? Haben Sie so großen Einfluß im Konzern?« »Theoretisch, ja. Der Vertrag unterliegt den Be- stimmungen der Gesundheitsabteilung der Confede- raciõn, und ich bin der einzige Vertreter dieser Be- hörde. Natürlich muß ich mich vor Übertreibungen hüten, denn wir sind in vielen Punkten vom Konzern abhängig. Andererseits weiß der Konzern, daß ver- schiedene andere Firmen sprungbereit stehen und nur auf einen Fehler warten. Deshalb legt man großen Wert auf gute Behandlung der Eingeborenen. Abgesehen davon hat man keinen Produktionsver- lust zu befürchten. Es kann immer nur in einer Mine gearbeitet werden, und nach Einführung der Schicht- arbeit gibt es keine Unterbrechungen mehr. Die Er- träge sind besser als je zuvor.« »Interessant.« Willkommen auf der Liste der Ver- dächtigen, Waldo. »Sie arbeiten also tatsächlich we- niger als zu jener Zeit, wo ihre Lebenserwartung hö- her lag?« Waldo lachte. »Ich weiß, was Sie denken. Nein, es kann nicht an atrophischer Degeneration liegen – das würde sich sofort bei den Labortests zeigen. Außer- dem arbeiten sie jetzt zwar weniger in den Minen, dafür aber um so mehr im Dorf. Sie würden es kaum wiedererkennen. Wolkenkratzer und…«, »Wolkenkratzer?« »So nennen sie das wenigstens: Hütten mit zwei oder drei Stockwerken. Das ist ein weiteres Rätsel… sie haben genügend Platz, das Dorf seitlich auszu- breiten – aber irgendwie haben sie es sich in den Kopf gesetzt, in die Höhe statt in die Breite zu bauen. Dabei ist das mit dem ihnen zur Verfügung stehen- den Material gar nicht so einfach. Wenn sie jetzt ein Haus bauen, müssen sie es entsprechend mit Balken und Lehm verstärken … Aber vielleicht können Sie herausfinden, warum sie das machen. Bislang hat noch niemand eine Ant- wort aus ihnen herausholen können. Doch Sie be- herrschen ihren Dialekt ja weitaus besser als einer von uns. Außerdem sind Sie in ihren Augen ein Held – obwohl Ihre Bewunderer bei Ihrem letzten Besuch vermutlich noch gar nicht gelebt haben. Sie wissen, daß sie Ihnen manche Veränderung ihres Lebens zu verdanken haben und würdigen das entsprechend.« Crowell schüttelte sich in der feuchtkalten Atmo- sphäre. »Weil ich es ihnen ermöglichte, schneller die ersehnte Stille zu erlangen«, versetzte er trocken. Waldo schwieg. Es rumpelte im Fahrstuhlschacht, und die Kabine hielt hinter ihnen. »Hallo, Chef. Hallo, Dr. Crowell. Ich bringe das Essen für die Biester. Soll ich es ihnen geben?« Waldo blickte auf seine Uhr. »In Ordnung, fangen Sie an.«, Der Assistent betätigte einen Wandschalter neben dem Aufzugsschacht, und die Vibropicken hielten an. Die Eingeborenen versuchten, noch eine Weile weiterzuarbeiten. Dann formierten sie sich nach und nach zu einer Reihe vor dem Aufzugsschacht. Der Assistent gab jedem von ihnen eine Fleischfrucht, und sie kehrten damit an ihre Arbeitsplätze zurück. Sie hockten sich in einen Kreis und begannen zu kauen und zu schmatzen. »Im Augenblick werden wir hier nicht gebraucht«, sagte Waldo. »Möchten Sie sich mit mir das Dorf an- sehen?« »Ja, prima. Ich möchte nur mein Notizbuch und die Kamera aus meiner Unterkunft holen.« »Wir werden auch am Labor halten und ein paar Flaschen Bier mitnehmen. Es ist heiß da oben.«, Die Sonne brannte erbarmungslos auf der Haut, als sie am Dorfeingang anhielten und der Fahrwind aus- blieb. Crowell wischte sich den Schweiß aus dem Ge- sicht und trank den letzten Schluck Bier. »Was ma- chen wir mit den leeren Flaschen?« »Wir lassen sie einfach im Wagen liegen. Dieser Bursche hilft mir beim Bierbrauen; er bringt die Fla- schen ins Labor.« »Meine Güte, ist das heiß.« Crowell schwang sich ächzend aus dem Wagen. Waldo blinzelte in die Sonne. »In ein paar Stunden wird es erträglicher. Versuchen wir inzwischen, ein bißchen Schatten zu finden.« »Dagegen ist nichts zu sagen.« Sie gingen durch das Tor und dann den Weg hinunter. Sie sahen nur das mannshohe Gras, von dem das Dorf wie von ei- nem fünfhundert Meter breiten Gürtel von allen Sei- ten umgeben wurde. Wegen der scheuen Reptilsäu- ger durften Fahrzeuge nicht näher an das Dorf heran- fahren. Menschen zu Fuß hingegen schienen den Tieren nichts auszumachen. Sie knabberten Gras und blick- ten nur flüchtig auf, als Crowell und Struckheimer vorbeikamen. Die meisten von ihnen waren vom, Kopf bis zur Schwanzspitze etwa zehn Fuß lang. Auf ihrem Rücken wuchsen jene Fleischfrüchte, die den Bruuchianern als Grundnahrungsmittel dienten. Ein Weibchen produzierte nach jeder Brunstperiode etwa dreißig Kilogramm Fruchtfleisch. Die Männchen wurden außerhalb der Umzäunung sich selbst überlas- sen und durften nur während der Paarungszeit zu den Weibchen. Jede Bruuchianer-Familie besaß minde- stens drei oder vier dieser Tiere. Für Zucht und Pflege waren ausschließlich die Frauen verantwortlich. Die Reptilsäuger dienten nicht nur als Haustiere und Nahrungsquelle, sondern wurden auch als unter- geordnete Familienmitglieder angesehen. Sie waren »Bürger zweiter Klasse«, weil sie nicht sprechen und vor allem nicht die Stille erreichen konnten; sie star- ben ganz einfach. Die Bruuchianer aßen jedoch nie- mals das Fleisch toter Reptilsäuger. Die Körper wur- den im Verlauf einer feierlichen Trauerzeremonie der Erde übergeben. Ein Eingeborener kam ihnen auf dem Weg entge- gen; er bewegte sich wesentlich langsamer als seine Artgenossen in der Stadt. Er blieb vor ihnen stehen und sprach sie in seinem informellen Singsang an. »Du bist Crowell-der-scherzt / und du bist Struck- heimer-der-schleicht / ich bin der Junge namens Ba- luurn / ausgeschickt / euch zu begleiten.« Nach dieser Einleitung trat er an ihre Seite und versuchte mit ihnen Schritt zu halten., »Ich kenne diesen Burschen«, sagte Struckheimer. »Er hat unsere Sprache erlernt und mir schon wie- derholt als Dolmetscher gedient.« »Stimmt«, versicherte das Wesen in einer seltsa- men Nachahmung der menschlichen Sprache. »Ich höre mir immer die Tonbänder an, die du Crowell- der-scherzt zurückgelassen hast.« Crowell war verdutzt. »Die Bänder sollen euch lehren / die Riten des Lebens und der Stille. / Hast du die Lehren deiner Vorfahren benutzt / um die menschliche Sprache zu erlernen?« »Der Priester setzte sich für mich ein / zeigte mei- ner Seele einen besonderen Weg zur Stille / und übergab meine Rolle als Jüngster einem Bruder / damit ich meine Zeit ganz und gar / dem Lernen der menschlichen Sprache widmen kann.« »Worum geht es hier überhaupt?« »Nun, augenscheinlich benötigte er seine ganze Zeit, um unsere Sprache zu lernen. Er sagt, daß der Prie- ster ihm einen Dispens im Erlernen der üblichen Ri- ten erteilt hat. Normalerweise ist ein volles Jahr er- forderlich, um die Riten zu studieren.« »Was bedeutet Wort diss-pen-ss?« »Eine Art Erlaubnis, Baluurn – aber von einem Priester erteilt«, antwortete Struckheimer. »Das ist richtig. Der Priester gab mir diss-pen-ss, damit ich nicht bin wie die Brüder.«, »Deine Sprachkenntnisse sind sehr gut, Baluurn. Ich habe eure Sprache zehn Jahre lang studiert und kann sie nicht annähernd so gut sprechen wie du die meine.« Baluurn nickte heftig. »Struckheimer-der-schleicht sagt, Menschen sind nicht wie Bruuchianer. Sie ler- nen ihr ganzes Leben, doch nicht so viel in einem Jahr. Das wohl kommt, weil Bruuchianer früher in die Stille gehen als die Menschen.« Der Vorhang aus Gras wurde dünner, und sie sa- hen das vor ihnen liegende Dorf. Crowell überzeugte sich mit einem Blick, daß Struckheimer recht hatte: nur die Hälfte der Hütten zeigte noch die alte asym- metrische Bauweise. Die neueren waren annähernd rechteckig gebaut und ragten bis in eine Höhe von zehn Metern auf. »Warum hat dein Volk die alte Bauweise aufgege- ben, Baluurn?« Der Bruuchianer starrte zu Boden und schien sich darauf zu konzentrieren, die Men- schen nicht zu überholen. »Es gehört … zu einem neuen Lebensritual. Stille bleiben dem Boden näher, und oben Wohnende kommen oft an ihnen vorüber. Reden mit den Stillen, denn Stille wissen mehr, und das für Lebende nützlich.« »Hört sich vernünftig an«, bemerkte Waldo, ohne eine Miene zu verziehen. »Wenn sie in einem Hin- terzimmer eingesperrt sind, wissen sie natürlich nicht, was gespielt wird.«, »Oh, sie niemals eingesperrt. Schloß ist Wort der Menschen, nicht Wort der Bruuchianer. Aber natür- lich Stille so nützlicher.« Crowell fummelte an der am Gürtel befestigten Kamera herum. Das paßte alles recht gut zu seinen Vorstellungen. »Ich dachte, es sei verboten, einen Stillen zu transportieren – es sei denn, eine neue Fa- milie wird gegründet.« »Das richtig. Deshalb wird neues Haus um altes herumgebaut. Altes Dach erhält Öffnung, und an Strick aus Konzernlager man kann oft an Stillen vor- über nach oben oder unten klettern.« »Stimmt.« Crowell nahm die Kamera zur Hand und machte ein paar Aufnahmen von den Häusern. Dann schrieb er erklärende Worte in sein Notizbuch. »Aus irgendeinem Grund müssen sie es auf größe- re Familien abgesehen haben«, sagte Waldo. »Sie haben die Stillen stets von der Familie getrennt, wenn es zu eng wurde, und die neue Familie dann am Dorfrand angesiedelt.« Eine Eingeborenenfrau kam mit zwei gezähmten Reptilsäugern vorüber. Die frischen braunen Stellen auf ihrem Rücken zeigten, daß sie gerade abgeerntet worden waren. Crowell machte einen Schnappschuß. »Größere Familien, hm. Aber wenn sie in die Hö- he bauen, sparen sie Weideland; das könnte ein wichtiger Grund sein.« Baluurn hörte sich den Wort- wechsel schweigend an – er war es gewohnt, daß die, Menschen urplötzlich vom Thema abschweiften. Er wußte, warum sie in die Höhe bauten – und das hatte er ihnen gerade gesagt. Es gehörte zum neuen Le- bensritual. »Crowell-der-scherzt?« »Ja, Baluurn?« »Eine Familie bat um deinen Besuch. Sehr alte Frau erinnert sich an dich. Möchte dich bald spre- chen, ehe sie geht in Stille.« »Kommt mir seltsam vor … ich habe sie gefragt, ob sich jemand an Sie erinnert, und sie sagten, alle hätten inzwischen die Stille erlangt.« Crowell lächelte. »Sie haben die formelle Sprache benutzt, nicht wahr?« »Gewiß, wer kommt schon mit der anderen zu- recht?« »Nun, dann haben sie Sie wahrscheinlich falsch verstanden. Es ist schwierig, mit ihnen in der formel- len Sprache über Frauen zu reden – das erfordert eine Reihe von Umwegen. Sie nehmen an, Sie haben ge- fragt, ob sich noch Männer an mich erinnern.« »Crowell-der-scherzt hat recht. Struckheimer-der- schleicht hätte mich schicken sollen. Ganzes Dorf kennt alte Shuurna.« »Dann wollen wir sie mal besuchen. Könnte recht interessant werden.« Shuurna wohnte in einem der neuen, hohen Häuser. Die beiden Männer und der Bruuchianer zwängten sich durch den engen Eingang., Das neue Haus war um die alte Hütte herumgebaut worden; die alte und die neue Tür lagen dicht beiein- ander. Es war dunkel und roch muffig. Baluurn rief die rituelle Eintrittsformel, und von oben antwortete eine Stimme. Dutzende von Stillen lehnten an den Wänden, die starren Augen auf die Besucher gerichtet. Baluurn flüsterte ein paar schnel- le Worte, denen Crowell nicht zu folgen vermochte und sagte dann: »Ich gehe als erster nach oben und bereite Shuurna auf Besuch von Crowell-der-scherzt vor.« Geschmeidig kletterte er das Seil hinauf und wirk- te in diesen Augenblicken wie das genaue Abbild ei- nes Affen. »Hoffentlich hält das Seil meinem Gewicht stand«, murmelte Crowell und nahm eine Dosis Gra- vitol. Er steckte das Tablettenröhrchen zurück und zog etwas anderes aus der Tasche. Ohne die Decken- öffnung aus dem Auge zu lassen, trat er zu einem an der Wand lehnenden Stillen. »Was haben Sie vor, Isaac?« »Einen Augenblick«, flüsterte Crowell und schob die Hand hinter den Stillen. Als er zurückkam, gab er Waldo einen kleinen Plastikumschlag. Dann schob er das kleine Vibromesser wieder in die Tasche. »Eine Gewebeprobe von der Schulter«, raunte er. Waldo sperrte die Augen auf. »Wissen Sie…« Baluurn kam am Seil herab. Zwei weitere Bruu-, chianer folgten ihm. »Shuurna möchte Crowell-der- scherzt allein sprechen.« »Na, ich bin bereit«, brummte Crowell. »Falls ich das Seil hinaufkomme.« Er ergriff das Seil mit bei- den Händen, klammerte die Füße darum und kletterte hinauf. Das Gravitol erleichterte die Sache, aber er kam trotzdem nur langsam und stöhnend voran. Shuurna lag auf einer geflochtenen Matte. Sie war die älteste Eingeborene, die Crowell je gesehen hatte; gelbliches Haar hing in wirren Strähnen um ihr Ge- sicht, und die stumpfen Augen waren annähernd blind. Mit schwacher Stimme sprach sie in der in- formellen Sprache. »Crowell-der-scherzt / ich kannte dich in meinem Jahr des Lernens / deshalb erinnere ich mich an dich besser als an meine eigenen Kinder. / Du bewegst dich jetzt anders / deine Schritte scheinen die eines jungen Mannes zu sein.« »Die Jahre waren freundlicher zu mir / als zu dir / Shuurna-die-auf-die-Stille-wartet. / Meine scheinbare Jugend / stammt von einem Kraut / das der Doktor mir gegeben hat / um mir die Kraft eines jungen Mannes zu verleihen.« Diese Entwicklung hatte Crowell nicht vorausgesehen. »Meine Großen-Augen sind verdunkelt / aber mei- ne Vielen-Augen zeigen mir / daß du jetzt um zwei Kernels größer bist / Crowell-der-scherzt / als in mei- ner Jugend.«, »Das stimmt. / So etwas kann passieren / wenn ein Mensch älter wird.« Man kann mit Plastikfleisch ein paar Zentimeter größer werden, aber kleiner machen kann sich damit niemand. Das folgende Schweigen hätte unter Menschen peinlich gewirkt. »Shuurna / hast du mir etwas zu sagen / oder mich etwas zu fragen?« Wieder trat eine lange Pause ein. »Nein. / Du siehst aus wie Crowell-der-scherzt. / Ich habe auf dich gewartet / aber du bist jetzt nicht hier. / Ich kann nicht länger warten / ich bin bereit für die Stille. / Bitte rufe den Jüngsten und den jetzt Ältesten.« Crowell trat ans Seil. »Baluurn!« »Ja, Crowell-der-scherzt.« »Shuurna ist bereit … für die Stille. Kannst du den Jüngsten und den Ältesten finden?« Die beiden, die mit Baluurn hinuntergekommen waren, kletterten das Seil wieder herauf. Sie gingen an Crowell vorüber und stellten sich vor Shuurna auf. Crowell schickte sich an, hinabzuklettern. »Crowell-der-scherzt«, sagte der altere der beiden. »Möchtest du uns / bei unserer freudigen Arbeit hel- fen? / Ich bin zu alt / und dieser hier ist zu schwach / um Shuurna zu den anderen Stillen hinunterzutragen.« Zu den anderen Stillen? Crowell trat zu der Alten und berührte ihre Hand. Sie war steif und hart wie Holz., »Alter Mann in Shuurnas Familie / ich verstehe nicht / ich dachte/ Menschen dürften bei dem Ritual für Stille / nicht zugegen sein.« Der alte Mann nickte auf eine entwaffnend menschliche Art und Weise. »Das war so bis vor kurzem / als der Priester uns die Veränderung be- kanntgab. / Meines Wissens / bist du erst der zweite Mensch / dem diese Ehre zuteil wird.« Crowell schob die Hand unter Shuurnas steifen Körper. »Welchem anderen Menschen / ist diese Eh- re zuvor zuteil geworden?« Der Alte hatte Crowell bereits den Rücken zuge- wandt, um hinter dem Jungen das Seil hinunterzu- klettern. »Ich war nicht zugegen / habe aber gehört / es war Malatesta-der-Größte.« Porfiry Malatesta, der letzte Minenaufseher, der als erster verschwand! Das Seil lief durch einen Eisenring, der ebenfalls aus Lagerbeständen des Konzerns stammte, und das lose Ende baumelte schlaff herab. Crowell richtete Shuurnas Körper auf, und der Alte befestigte das Seil unter ihren Schulterhöhlen mit einem straffen Kno- ten. Sie ließen den Körper zu Baluurn hinunter, der den Knoten löste und das Seil in die ursprüngliche Lage zurückschob. Dann hangelten sich die beiden Bruuchianer hinunter, und Crowell folgte ihnen vor- sichtig. Während des ganzen Unternehmens stand Waldo, wie verloren am Rande des Geschehens. Der Alte wandte sich in der informellen Sprache an Crowell, und dessen Erwiderung klang in Waldos Ohren wie eine höfliche Ablehnung. »Äh, worum geht es eigentlich?« »Wir wurden eingeladen, an der Zeremonie teilzu- nehmen – die guten Taten im Leben der Alten aufzu- zählen und zu entscheiden, wo der Körper aufgestellt werden soll. Diese Zeremonien erstrecken sich über den ganzen Tag, und ich habe eine Verabredung. Außerdem hatte ich schon immer das Gefühl, die Anwesenheit von Menschen würde die ganze Feier stören, und deswegen habe ich abgelehnt. Wenn man von Anfang an dabei ist, muß man natürlich zur Teilnahme eingeladen werden.« »Und wir waren in der Tat dabei. Gut, daß Sie nicht angenommen haben. Die Sache geht mir ziem- lich an die Nerven.« »Nun, wir können jederzeit gehen. Baluurn bleibt natürlich hier.« »Dann wollen wir gehen.« Die Sonne brannte noch immer hoch am Himmel, als sie die Hütte verließen. Die ganze Episode konnte kaum länger als eine halbe Stunde gedauert haben. Nachdem sie ein paar Schritte über den staubigen Weg gegangen waren, meldete sich Waldo mit heise- rem Flüstern. »Die Probe, die Sie mir gegeben haben… woher, wollen Sie wissen, daß sie das nicht merken?« »Seien Sie doch nicht so verdammt überempfind- lich! Wir sind doch bloß Touristen, nicht wahr? Man braucht schon eine Lupe, um den von mir angebrach- ten Einschnitt zu finden. Außerdem habe ich die Probe dem Körper entnommen, der am dichtesten an der Wand lehnt. Da sie jeglichen Transport der Stil- len für tabu halten, sind wir sicher.« »Nun, ich muß einräumen, daß es ein guter An- haltspunkt sein könnte. Vielleicht können wir endlich feststellen, wie … Sagen Sie, Sie waren doch dabei, als die alte Frau starb! Haben Sie irgend etwas gese- hen?« Crowell blickte eine Weile zu Boden, ehe er ant- wortete. »Ich war sicher, daß sie mich nicht dabeiha- ben wollten und stand gerade im Begriff zu gehen. Sie gingen ganz einfach zu ihr, sahen sie an und sag- ten, es wäre geschafft. Wie immer sie ihre Toten ein- balsamieren, sie müssen es machen, während sie noch leben.« Crowell fröstelte trotz der Hitze. »Sie haben sie nicht einmal angerührt.«, Crowell hatte Dr. Normans Rat absichtlich in den Wind geschlagen und seinen Besuch bei dem Bot- schafter für den nächsten Abend angekündigt. Er rechnete damit, daß der Mann um diese Zeit bereits im Alkoholrausch war. Ein auffallend gutaussehen- der Mann – aristokratisches Gesicht und graues Haar in Schulterlange – kam an die Tür. »Botschafter Fitz-Jones?« »Ja… oh, Sie müssen Dr. Crowell sein. Treten Sie ein, treten Sie ein.« Er schien noch nicht viel getrun- ken zu haben. Crowell betrat ein elegant eingerichtetes Wohnzim- mer, das Ottos Komponente sogleich als amerikani- schen Provinzstil ausgangs des zwanzigsten Jahrhun- derts einstufte. Selbst wenn es sich um Imitationen handeln sollte, waren die Möbelstücke durch die ge- waltigen Frachtkosten zu Kostbarkeiten geworden. Fitz-Jones deutete auf einen Polstersessel, und Crowell ließ sich darin nieder. »Ich bringe Ihnen einen Drink. Sie können Whisky mit Wasser, Whisky mit Soda, Whisky mit Fruchtsaft, Whisky mit Eis, Whisky mit Whisky oder …« – er zwinkerte ihm wie ein Verschwörer zu – »… ein Glas Chateau de Rothschild Burgunder, Jahrgang ’23, ha- ben.«, »Großer Gott!« Selbst Crowell wußte, was es mit diesem Jahrgang auf sich hatte. »Irgendwie sind die Zolldeklarationen verwechselt worden, und statt Whisky habe ich irrtümlich ein kleines Faß Wein bekommen.« Er schüttelte den Kopf. »Solche Dinge pas … – ’tschuldigung! – pas- sieren nun mal in der interstellaren Bürokratie. Wir müssen uns daran gewöhnen.« Crowell revidierte sein ursprüngliches Urteil. Fitz- Jones schien sich den ganzen Tag über daran ge- wöhnt zu haben. »Klingt großartig.« Er beobachtete die vorsichtigen Bewegungen des angetrunkenen Mannes. Er kam mit zwei Cocktailgläsern, gefüllt mit dun- kelrotem Wein, zurück. »Leider keine passenden Gläser, aber vielleicht macht das nichts. Jahrgang ’23 darf nicht viel bewegt und muß schnell getrunken werden.« Crowell schmeckte der Wein recht gut, doch Otto merkte sofort, daß er gepantscht war. Eine barbari- sche Behandlung für den Wein des Jahrhunderts. Fitz-Jones nahm einen Schluck, der den Spiegel in seinem Glas um zwei Zentimeter sinken ließ. »Führt Sie ein besonderer Grund zu mir? Das soll nicht heißen, daß ich Ihren Besuch etwa nicht zu schätzen wüßte.« »Ach, ich wollte mich mal mit jemandem unter- halten, der nicht für den Konzern arbeitet. Ich brau-, che die Ansicht eines Außenstehenden über die Ereig- nisse der vergangenen zehn Jahre. Meines Wissens hat sich eine ganze Menge ereignet.« Fitz-Jones machte eine weitausholende Handbe- wegung – und hätte dabei um ein Haar sein Glas um- gestoßen. Otto konnte sich vorstellen, wieviel Mühe es den Mann gekostet haben mußte, diese Perfektion zu erreichen. »Eigentlich nicht, eigentlich nicht … bis vor etwa einem Jahr. Bis dahin war es ein recht langweiliges Leben, wenn ich mal so sagen darf. Nichts für mich zu tun, während die Tage der anderen voll ausgefüllt zu sein schienen. Zweimal im Jahr lieferte ich be- langlose Berichte ab. Dann setzte das Verschwinden ein. Aufseher Ma- latesta war sozusagen der Herrscher auf diesem Pla- neten, und Sie können sich vorstellen, wieviel Schreibtischarbeit auf mich wartete. Stundenlang am Tage hing ich am Funkgerät, bis der … können Sie ein Geheimnis bewahren, Dr. Crowell?« »So gut wie jeder andere, denke ich.« »Na ja, eigentlich ist es ja kein Geheimnis mehr, seit der Doktor – ich meine Dr. Norman – die Lö- sung gefunden zu haben glaubte. Inzwischen hat es sich wahrscheinlich überall im Konzern herumge- sprochen. Jedenfalls habe ich mit den Vertretern der Confederaciõn auf Terra gesprochen, und sie erklär- ten sich bereit, ein paar Untersuchungsbeamte zu, schicken. Nun, sie trafen ein, gaben sich in perfekter Tarnung als Forscher aus, und im Verlauf ihrer Er- mittlungen … verschwanden sie ebenfalls.« »Die beiden Geologen?« »Genau. Nun sollte man meinen, die Confedera- ciõn würde, nachdem sie zwei Männer verloren hat- te, eine ganze Armee von Beamten herschicken. Aber nein. Schließlich sprach ich mit irgendeinem Untersekretär, und dieser erklärte mir, sie könnten es sich nicht leisten, wegen zweitrangiger Ereignisse auf Bruuch weitere Männer herzuschicken.« »Merkwürdig.« In ihren Berichten hatten die bei- den Agenten vor der Unzuverlässigkeit des Botschaf- ters gewarnt. »In der Tat. Ich glaube nicht, daß die beiden Agenten auf die gleiche Weise verschwunden sind wie Malatesta – das heißt, tot sind wie er. Vermutlich hatten sie irgendwo einen leichten Raumkreuzer versteckt und sind, nachdem ihre Auf- gabe erfüllt war, einfach eingestiegen und gestartet. Verdammt frustrierend, wissen Sie. Wir haben noch immer nicht die geringste Ahnung, was Malatesta zugestoßen ist. Ich bin sicher, sie haben es herausge- funden.« Wahrscheinlich haben sie es herausgefunden, dachte Otto. »Hätte die Confederaciõn nicht weitere Agenten herschicken können, ohne daß Sie etwas davon wußten?«, »Nein, unmöglich. Das wäre ein Verstoß gegen die Gesetze der Confederaciõn. Ich bin der einzige offizielle Bundesbeamte auf diesem Planeten. Ich muß eingeweiht und unterrichtet werden. Außerdem sind seit dem Verschwinden der Agenten nur zwei Personen hergekommen. Einer war Dr. Struckhei- mers neuer Assistent, den ich scharf im Auge behal- ten habe. Er ist genau das, was er von sich selbst be- hauptet: ein langweiliger Typ. Der andere Besucher sind Sie.« Crowell lachte in sich hinein. »Es gefällt mir wirk- lich, für einen Spion gehalten zu werden. Werden Sie mich unter diesen Umständen noch häufiger zu einer Weinprobe einladen?« Fitz-Jones lächelte, aber seine Augen waren kalt. »Selbstverständlich. Wie ich schon sagte, ist der Wein nicht lange lagerfähig. Im Vertrauen gesagt, erwarte ich das Eintreffen eines weiteren Agenten, ob man mich nun davon un- terrichtet oder nicht. Es könnte jeder beliebige sein. Sie kennen doch die Technik, bei der andere Persön- lichkeiten angenommen werden…« »Die Zombie-Geschichte?« fragte Crowell. »Richtig. Sie können jeden genau kopieren. Sie brauchen nur jemanden zu kidnappen und etwa für einen Monat aufs Eis zu legen.« Er leerte sein Glas. »Eine so herausragende Persönlichkeit wie Sie ist na- türlich über jeden Verdacht erhaben. Ihre Abwesen-, heit würde zu vielen Menschen auffallen.« Seine Augen verrieten Otto, daß er Verdacht ge- schöpft hatte und log. Der Botschafter erhob sich aus seinem Polsterses- sel. »Lassen Sie mich für Nachschub sorgen.« Er kehrte mit zwei vollen Gläsern zurück. »Danke. Oh, es wird Zeit für mein Pandroxin.« Crowell zog das Röhrchen hervor und spülte zwei Tabletten hinunter, ein Gravitol und ein Mittel gegen Alkohol. »Ah, das Zeug ist ziemlich schwach. Das muß Ih- nen hier ja wie die Hölle vorkommen. Gibt man Ih- nen denn kein Gravitol?« »Nein. Ich habe natürlich darum gebeten, aber es hieß, ich wäre zu alt und zu dick.« Wie gefährlich ist dieser kleine Trunkenbold eigentlich? »Haben Sie irgendeine Theorie über Malatesta?« Fitz-Jones zuckte die Schultern und wiederholte die ausschweifende Handbewegung. »Keine Ahnung. Ich weiß nur, daß diese unsinnige Theorie, die Eingebo- renen wären dafür verantwortlich, der reinste Bl… Bl… Bl – ’tschuldigung – der reinste Blödsinn ist.« »Ich stimme Ihnen zu. Sie sind zu keiner Gewalt- tätigkeit fähig.« »Nicht nur das. Malatesta war bei ihnen sehr be- liebt. Er hat sogar gelernt, ihre Sprache zu sprechen. Sie haben ihn adoptiert und in einer Familie aufge- nommen – als Bruuchianer ehrenhalber.«, »Das wußte ich nicht.« »O ja, er hat viele ihrer Versammlungen besucht. Der Priesterrat hat ihn zu einer Art Berater ernannt.« »Ja«, murmelte Crowell nachdenklich. »Ich habe heute erfahren, daß er bei einer Zeremonie für die Stillen zugegen war.« »Wo die armen Kreaturen einbalsamiert werden? Nun, das habe ich nicht gewußt. Warum hat er das niemandem erzählt? Struckheimer wäre auf Lebens- zeit sein Freund geworden.« »Wie Sie schon sagten, können die Bruuchianer für Malatestas Verschwinden nicht verantwortlich sein. Nur Unfall oder Mord kommt in Frage. Ich nehme an, die Agenten haben sich mit beiden Mög- lichkeiten befaßt?« »Vermutlich. Die meiste Zeit wühlten sie in Staubablagerungen und Schächten herum. Angeblich beschafften sie sich Muster und Proben – aber ich denke, sie suchten in erster Linie nach einem Toten. Der Verdacht müßte eigentlich automatisch auf den neuen Aufseher Kindle fallen – doch der hat sich nie nach dieser Stellung gerissen, denn sie erfordert weitaus mehr Arbeit bei nur minimaler Gehaltserhö- hung. Nun muß er auch noch befürchten, das gleiche Schicksal wie Malatesta zu erleiden.« »Sie kennen ihn gut?« Paß doch auf, diese auffäl- ligen Fragen machen dich verdächtig. »O ja, recht gut. Als ich auf Lamarr war, steckte er, im Zivildienst. Er hatte sich Aktien des Konzerns zugelegt, und als die Stellung des Zweiten Aufsehers frei wurde, bewarb er sich darum, erhielt sie und kam her. Ich wurde etwa ein Jahr später hierher versetzt, und wir erneuerten unsere alte Bekanntschaft.« Zeit für einen Themenwechsel. »Lamarr! Ich habe natürlich von dieser Welt gehört, bin aber noch nie dort gewesen.« »Eine herrliche Welt.« Fitz-Jones setzte erneut zu seiner charakteristischen Handbewegung an, hielt je- doch inne. »Besonders im Vergleich zu dieser trost- losen Einöde.« Sie unterhielten sich noch eine Stunde lang über belanglose Dinge. Crowell unterdrückte ein Gähnen. »Jetzt muß ich aber gehen. Entschuldigen Sie, daß ich ein so schlechter Gast bin, aber bei dieser Schwerkraft ermüde ich sehr schnell.« »Oh, entschuldigen Sie mich als schlechten Gast- geber. Ich weiß, daß ich manchmal recht langweilig bin.« Fitz-Jones half Crowell aus dem Sessel. »Ich fürchte, zu dieser Stunde wird sich nur schwer ein Taxi finden lassen.« »Kein Problem. Die kurze Strecke kann ich leicht zu Fuß gehen.« Sie verabschiedeten sich, und Cro- well spielte eindrucksvoll den Angetrunkenen., Sein Zimmer war von einem Amateur durchsucht worden – vermutlich steckte der Assistent von Fitz- Jones dahinter. Er hatte die an der Schranktür und dem Kofferdeckel angeklebten Haare ebensowenig bemerkt wie den zwischen Tür und Angel einge- klemmten Bleistift. Crowell seufzte. Otto hatte ei- gentlich Besseres verdient. In seiner Unterkunft waren ohnehin keine bela- stenden Anhaltspunkte zu finden. Er ignorierte den Geruch, nahm sein Messer zur Hand und öffnete vor- sichtig den Verschluß. Am Bleistiftende zeigte sich ein ultravioletter, unsichtbarer Lichtstrahl. Crowell schüttelte die Kontaktlinse heraus und klemmte sie ins linke Auge. Das behinderte seine Sicht nicht und konnte andererseits nicht von infraroten Strahlen entdeckt werden. Die Haare auf der gelockerten Fußbodendiele wa- ren unberührt. Er hob das Brett an und nahm die Schatulle hervor, die ursprünglich im Geheimfach seines Koffers gelegen hatte. Er nahm ein paar Ge- genstände heraus, schob sie wieder unter die Diele und strich das Haar darüber glatt. Um Mitternacht ging die Straßenbeleuchtung aus. Crowell setzte seine Nachtbrille auf und marschierte den einen Kilometer zum Lagerhaus, ohne jemandem, zu begegnen. Da er wußte, daß etwaige Posten ebenfalls mit Nachtbrillen ausgestattet waren, ging er in die Ne- benstraße, setzte sich an der Ecke hin und beobachte- te eine halbe Stunde lang den Eingang. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß das Ge- bäude unbewacht war, ging er zum Eingang und stu- dierte das Schloß. Es war ein einfaches magnetisches Vorhängeschloß, das er innerhalb von zwei Minuten mit seinem Werkzeug öffnete. Als er die Tür hinter sich schloß, reichte das Rest- licht nicht mehr aus, um die Nachtgläser zu durch- dringen, und Crowell mußte seine ultraviolette Ta- schenlampe einsetzen. Sie war nur für kurze Entfer- nungen gedacht, doch er kam damit zurecht. Auf den Boden gerichtet, ergab sich ein Lichtkreis von etwa einem Meter Durchmesser. Das reichte gerade aus, um die aufgestapelten Kisten zu erkennen. Er suchte nichts Besonderes und war auch nicht mit großen Erwartungen gekommen. Dies gehörte ebenso zur Routine wie die Inspektion der Minen. Er wünschte, er könnte sie sich mal ansehen, wenn nie- mand sonst dort war. Crowell wanderte etwa eine Stunde herum und sah sich nutzlose Kleinigkeiten an. Am hinteren Ende des Lagerhauses gelangte er an eine offene Tür. Da sie nicht verschlossen ist, dachte er, kann dort drin- nen nichts von Bedeutung sein. Trotzdem ging er, hinein, um sich zu überzeugen. An einer Wand stand ein großes Becken mit einer Mischung aus Sand und Sägemehl, das wahrschein- lich von einheimischem Eisenholz stammte. An der gegenüberliegenden Wand lagen aufgestapelte Pla- stiksäcke mit der gleichen Substanz. Am Ende des Raumes war ein Abflußbecken mit zwei großen Ei- mern. Auf dem Regal über dem Becken standen ver- schiedene Halbliter-Büchsen. Augenscheinlich wur- de hier die Substanz aufbewahrt, die bewirkte, daß die Eingeborenen auf dem nassen Fußboden nicht ausrutschten. Das Abflußbecken war schmutzig. Die Büchsen auf dem Regal trugen die Aufschrift ANTISEP- TISCH. Er nahm eine in die Hand und schüttelte sie. Sie war zu etwa Dreiviertel mit irgendeinem Pulver gefüllt. Er richtete den Lichtstrahl der Taschenlampe auf den Büchsendeckel: WISMUT-KRISTALLE C.P. 1/2 KG. Vor Überraschung hätte Crowell die Büchse um ein Haar fallen lassen. Die Originalbeschriftung war zweifellos ausradiert worden – im ultravioletten Lichtstrahl konnte man jedoch noch eine Spur davon erkennen. Er stellte die Büchse zurück und lehnte sich gegen das Becken. Das war der Beweis für die verkürzte Lebenserwartung der Eingeborenen und für ihre fieberhafte Tätigkeit in den Minen: Wismut war ein starkes Stimulans und für sie gleichzeitig ein, euphorisches Mittel sowie ein wirksames Gift. Es drang bei der Arbeit durch die Füße in ihren Körper. Wer konnte dafür verantwortlich sein? Die Arbei- ter, die das Wismut-Nitrat in Sand und Sägemehl mischten, hatten wahrscheinlich keine Ahnung da- von; sonst hätte man die Originalbeschriftung nicht entfernt. Wurden die Büchsen vertauscht, ehe sie hierher verfrachtet wurden? Das erschien wahr- scheinlich, da hier jeder die Wismut-Theorie kannte. Darüber mußte er sich dringend einmal mit Jonathon Lyndham, dem Abteilungsleiter für Import, unterhal- ten. Draußen war es noch immer so dunkel wie bei Cro- wells Eintreffen am Lagerhaus. Er ließ das Vorhang- schloß einschnappen und streifte die Plastikhand- schuhe ab. Ein fast unhörbares Klicken ertönte links hinter Crowell. Crowell reagierte noch schneller als Otto: »Sicherungsbügel«, dachte er. Er warf sich seitlich in den Straßengraben. Dabei verlor er die Nachtbrille, sah jedoch den kleinen, grellroten Lichtstrahl einer Taschenlampe fächerförmig in Hüfthöhe durch die Luft fahren und dann erlöschen. Da hatte er bereits eine Miniatur-Luftpistole aus dem Halfter gezogen. Er zielte auf die Stelle, wo er den roten Lichtstrahl gesehen hatte und drückte vier lautlose Schüsse in rascher Reihenfolge ab. Drei Geschosse prallten als, Querschläger von der Wand des Lagerhauses ab, und er hörte einen Mann fliehen. Kostbare Sekunden verstrichen, bis er die Nacht- brille fand, und nach einer weiteren Sekunde ent- deckte er die fliehende Männergestalt etwa eine Querstraße entfernt. Crowell zielte hoch und feuerte. Beim dritten Schuß geriet der Mann ins Stolpern, rappelte sich aber wieder hoch und lief, den Arm haltend, weiter. Die Laser-Pistole lag noch in seiner Hand, doch er hatte anscheinend die Lust verloren, sie noch einmal einzusetzen. Gott sei Dank, dachte Otto. Wenn das ein Profi gewesen wäre, hätte er Crowells unzurei- chende Bewaffnung längst durchschaut gehabt und ihn mit dem Laser zur Strecke gebracht. Crowell beobachtete die sich rasch entfernende Gestalt. Er kannte den Mann nicht – er war weder dick noch dünn, weder groß noch klein. Vermutlich würde er ihn kaum wiedererkennen, wenn er ihm un- ter die Augen trat. Es sei denn, der Mann trug den Arm in Gips oder in einer Schlinge, was nicht auszu- schließen war. Als Crowell seine Unterkunft betrat, schlug das Funksprechgerät an. Er überlegte ein paar Sekunden lang und schaltete es dann achselzuckend ein. »Crowell hier.« »Isaac? Wo haben Sie denn um diese Zeit ge- steckt? Hier spricht Waldo – ich versuche Sie seit, drei Uhr zu erreichen.« »Oh, ich bin aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen … da bin ich spazierengegangen, um müde zu werden.« »Nun, ich… entschuldigen Sie den späten Anruf, aber … die Gewebeprobe, die Sie mir gaben – ein paar Zellen leben noch!« »Leben noch? Von einer zweihundert Jahre alten Mumie?« »Sie befinden sich in Mitose – wenn Sie wissen, was Mitose ist…« »Zellteilung, gewiß, Chromosome, die…« »Es war reiner Zufall – ich schob die Gewebepro- be unter das Mikroskop und stellte die Schärfe ein. Da entdeckte ich eine interessante Zelle, eine große Nervenzelle, die offensichtlich mitten in der Anapha- se, also im Prozeß der Mitose, abgestorben war… Ich betrachtete sie eine Minute, holte mir dann ein Bier und wurde durch die Einstellung des Spektrometers abgelenkt. Ein paar Stunden später blickte ich wieder in das Mikroskop, und die gleiche Nervenzelle be- fand sich in einem anderen Stadium der Anaphase! Diese Zellen wachsen und teilen sich, aber auf eine Art, die etliche hundert Male langsamer vor sich geht als bei normalen Zellen der Bruuchianer.« »Unglaublich!« »Mehr als unglaublich – es ist unmöglich! Ich weiß nicht recht, Isaac. Ich bin kein Spezialist und, weiß kaum mehr als ein normaler Tierarzt. Wir brau- chen ein paar richtige Biologen – und die werden dutzendweise heranschwirren, sobald ein Sterbens- wörtchen nach draußen dringt. Suspendierte Lebens- funktionen, darauf läuft es hinaus. Es würde mich keineswegs überraschen, wenn die Bruuchianer in etwa einem Jahr von hundert Spezialisten studiert werden.« »Wahrscheinlich haben Sie recht.« Zum ersten Mal fragte sich Crowell, ob es jemanden gab, der dieses Gespräch abgehört hatte., »Freut mich, daß Sie es geschafft haben, Isaac.« Dr. Normans Händedruck war ungewöhnlich fest. »Ich konnte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Sie nach all den Jahren wieder einmal zu be- siegen, Willy.« »Ha, bei Ihrer Abreise führte ich, soviel ich weiß, mit vier gewonnenen Partien. Ich biete Ihnen Weiß.« Willy räumte das Geschirrtablett vom Schachtisch. »Nein, Willy, Sie fangen an. In Anbetracht Ihrer Jugend und Unerfahrenheit.« Der Doktor lachte. »Königsbauer aufe4– und ich mixe Ihnen einen Drink.« Crowell setzte sich ans Schachbrett, stellte die Fi- guren auf und machte Willys ersten Zug. Er betrach- tete die Figuren und überlegte seine eigene Eröff- nung. »Haben Sie Waldo heute gesprochen?« »O ja, die Sache mit der Mumie. Ganz phanta- stisch. Er wollte mir allerdings nicht verraten, wie er zu der Gewebeprobe gekommen ist. Ich kann mir nicht recht vorstellen, daß Waldo sich mit seinen In- strumenten verstohlen in eine der Hütten geschlichen hat.« Dr. Norman schob Crowell den Drink zu und setz- te sich ihm gegenüber. »Sie haben dabei Ihre Hand wohl nicht zufällig im Spiel gehabt, Isaac?«, »Nun«, erwiderte Crowell vorsichtig, »ich weiß ziemlich genau, wie er die Probe in die Hand bekam. Aber das ist, wie Sie schon erwähnten, jetzt ein dunkles Geheimnis.« »Diese Welt steckt voller Geheimnisse.« Der Dok- tor machte seinen zweiten Zug. Crowell entgegnete instinktiv mit dem entspre- chenden Gegenzug. »Ruy Lopez, Isaac? Sie werden auf die alten Tage konservativ. Ihre Eröffnungen waren sonst unbere- chenbar.« »Und Sie waren mit vier gewonnenen Partien vor- aus.« Das Spiel hielt etwa eine Stunde an, ohne daß die beiden Männer viel redeten. Isaac hatte die weitaus bessere Position aufgebaut, als Dr. Norman plötzlich aufblickte. »Wer sind Sie?« »Was sagten Sie, Willy?« Der Doktor zog ein Stück Papier aus der Tasche, faltete es auseinander und warf es auf das Schach- brett. »Wenn Sie Isaac Crowell wären, hätte das Gravitol Sie längst umgebracht. Sagen Sie nicht, Sie würden das Zeug nicht nehmen – Pandroxin verleiht der Haut einen gelblichen Schimmer. Sie haben die- sen Schimmer nicht. Außerdem verrät Sie Ihr gutes Spiel. Isaac hat nie Wert auf eine gute Position ge- legt.«, Crowell leerte sein Getränk, das fast nur noch aus geschmolzenem Eis bestand, und lehnte sich in sei- nem, Sessel zurück. Er schob die rechte Hand in die Tasche und richtete die Pistole unter dem Tisch auf den Unterkörper des Doktors. »Mein Name ist Otto McGavin. Ich bin Agent der Confederaciõn. Nennen Sie mich aber bitte weiterhin Isaac – in dieser Er- scheinungsform bin ich mehr Crowell als McGavin.« Der Doktor nickte. »Sie haben gute Arbeit gelei- stet – wesentlich bessere als die beiden ersten Agen- ten. Sie sind doch wohl gekommen, um ihr Ver- schwinden aufzuklären?« »Um ihren Tod aufzuklären. Jeder Agent bekam einen Monitor in das Herz implantiert – und diese Verbindung riß ab.« »Na, ich muß wohl nicht betonen, daß Ihr Ge- heimnis bei mir gut aufbewahrt ist.« »Sie werden sich nicht lange damit belasten müs- sen, denn ich erwarte, daß der Fall in ein oder zwei Tagen abgeschlossen ist. Kommen wir aber wieder zur Sache …« Crowell bewegte seinen Springer und sagte: »Matt in drei Zügen.« »Ja, das habe ich kommen sehen.« Willy lächelte. »Ich hoffte, Sie ablenken zu können.« »Doktor, ich glaube, Sie haben Ihren Beruf ver- fehlt.« Otto entspannte sich ein wenig. »Ich wollte Sie unauffällig etwas fragen … Haben Sie kürzlich eine Schußwunde behandelt?«, »Was! Warum?« »Jemand versuchte mich gestern abend in einen Hinterhalt zu locken. Ich habe auf ihn geschossen.« »Mein Gott … etwa in den Arm?« Crowell hob die Pistole an, öffnete das Magazin und ließ eine kleine Kugel auf das Schachbrett rol- len. »Eine Wunde im rechten Arm, von einem Pro- jektil dieses Kalibers.« Dr. Norman rollte die kleine Kugel zwischen Daumen und Zeigefinger. »Ja, es war genau diese Größe. Verteufelt schwer zu entfernen. Die Wunde war im rechten Arm.« Er atmete tief durch. »Heute früh wurde ich von Botschafter Fitz-Jones und Auf- seher Kindle geweckt, um eine Kugel aus Kindles Arm zu holen. Sie sagten, sie hätten getrunken und dann hinten im Botschaftsgarten ein paar Zielübun- gen veranstaltet. Dabei hätte Fitz-Jones Kindle in den Arm getroffen. Er hat sich vielmals entschuldigt. Sie rochen beide nach Wein, wirkten jedoch recht nüch- tern. Kindle hatte starke Schmerzen; es sah aus, als hätten die beiden selbst versucht, die Kugel zu ent- fernen – aber sie steckte zu tief.« »Kindle – den habe ich noch nie gesehen!« »Gestern abend offensichtlich doch. Es ist kaum zu glauben. Er schien mir eher ein sanftmütiger Bur- sche zu sein.« »Sie sollen die ganze Geschichte hören. Und falls mir etwas zustoßen sollte, versuchen Sie die zustän-, digen Stellen der Confederaciõn zu benachrichtigen. Eine bestimmte Personengruppe, zu der natürlich auch der Botschafter und der Aufseher gehören, ver- sucht systematisch, die in den Minen arbeitenden Bruuchianer zu vergiften. Das einzig erkennbare Mo- tiv dafür, sie bei der Arbeit anzutreiben, dürfte der Wunsch sein, den Profit zu erhöhen. Sagen Sie – Kindle besitzt doch einen bedeuten- den Aktienanteil am Konzern, nicht wahr? Ich hätte gern gewußt, ob das auch auf Fitz-Jones zutrifft.« »Das weiß ich nicht«, erwiderte Dr.Norman. »Er behauptet, wohlhabend und unabhängig zu sein. Al- lerdings könnte ich mir vorstellen, daß er beim Kon- zern investiert hat. In den vergangenen Jahren haben sich die Profite vervierfacht. Ich habe selbst mit dem Gedanken gespielt zu investieren – um meine Pensi- on aufzubessern.« »Das sollten Sie lieber bleibenlassen. Die Profite werden recht bald zurückgehen.« »Vermutlich. Eine schreckliche Sache, auch wenn mir die kleinen Burschen nicht besonders am Herzen liegen. Wie kann ich Ihnen helfen?« »Ich benötige eine Hyperraum-Funkverbindung. Die beiden einzigen Geräte dafür stehen beim Bot- schafter und beim Aufseher. Wenn Sie einen der bei- den für etwa eine Stunde herbestellen könnten, wür- de ich per Funk einen Haftbefehl erwirken.« »Das dürfte ziemlich einfach sein. Fitz-Jones und, ich müssen einen Unfallbericht schreiben und vom Sekretär des Konzerns bezeugen lassen. Ich habe ihn für heute nachmittag, drei Uhr zu mir bestellt. Es dürfte über eine Stunde dauern.« »Könnten Sie Kindle veranlassen, ebenfalls herzu- kommen?« »Ich fürchte, nein. Ich habe ihm aufgetragen, die Unterkunft nicht zu verlassen und kann nicht gegen meine eigene Anordnung verstoßen … Aber Sie ha- ben nichts von ihm zu befürchten. Ich mußte einen tiefen Einschnitt in den rechten Armmuskel machen, und er wird mindestens eine Woche lang ziemliche Schmerzen haben, falls er nicht zu Betäubungsmit- teln greift.« »Ich kann nicht sagen, daß ich Mitleid für ihn empfinde. Also gut, dann werde ich der Residenz des Botschafters um drei Uhr einen Besuch abstatten. Hier, nehmen Sie das.« Crowell gab Dr. Norman die Pistole. »Ich fürchte, ich habe Sie durch die Bitte um Ihre Mitarbeit ebenfalls in Gefahr gebracht.« Dr. Norman drehte die kleine Waffe in der Hand herum. »Werden Sie dieses Ding nicht dringender benöti- gen als ich?« »Nein, ich beschaffe mir schwerere Geschütze. Kindle hatte gestern abend eine Laser-Pistole; wenn er sich damit auskennen würde, hätte er mich ohne weiteres rösten können.«, »Na, ich werde die Waffe natürlich behalten. Al- lerdings habe ich noch nie im Leben eine Schußwaf- fe abgefeuert.« »Seien Sie vorsichtig, denn die Pistole hat keine Sicherung. Sie brauchen nur zu zielen und abzudrük- ken – es sind noch über hundert Kugeln im Maga- zin.« Der Doktor ließ die Waffe in die große Tasche seines Laborkittels gleiten. »Ich hoffe, Sie haben die Festnahme vorgenommen, ehe ich dieses Ding be- nutzen muß.« »Sie dürften noch vor Einbruch der Dunkelheit in einer Zelle des Konzerngefängnisses sitzen.«, Durch das Fenster seiner Unterkunft konnte Crowell den Botschafter zur Arztpraxis abfahren sehen. Er öffnete die Laser-Pistole und vergewisserte sich, daß sie noch gut zur Hälfte geladen war – zwei Minuten Dauerfeuer, und das genügte, um einen ganzen In- fanteriezug außer Gefecht zu setzen. Er nahm die Pi- stole und seine Tasche mit dem Einbruchswerkzeug in die rechte Hand und legte eine leichte Jacke dar- über. Er schlug zunächst die der Botschaft entgegenge- setzte Richtung ein, ging um den Block herum und näherte sich der Residenz von hinten. Das Haus bot einen freien Ausblick auf die Wüste, die sich bis zum fernen Horizont erstreckte. Crowell zog ein Stück Kreide aus der Werkzeug- tasche und malte einen großen, schwarzen Kreis auf die Fensterscheibe. Die schwarze Farbe wurde grell- weiß, und der Plastikkreis fiel heraus. Vorsichtig kroch er durch die runde Öffnung. Er nahm ein Gra- vitol – die vorletzte Tablette – aus dem Röhrchen und dachte daran, welche Wohltat es sein mußte, endlich wieder die eigene Gestalt annehmen zu kön- nen. Nachdem er drei Räume durchsucht hatte, ent- deckte er das Funkgerät im Arbeitszimmer. Der Dek-, kel war verschlossen, und Crowell stieß einen safti- gen Fluch aus, als er die Daumenabdruck-Sicherung sah. Es würde Stunden dauern, das Ding zu öffnen. Er konnte nur auf Fitz-Jones’ Rückkehr warten und ihn zwingen, den Deckel zu öffnen. Mit einem für Crowell uncharakteristisch makabren Gedanken berührte er das Vibromesser in der Tasche. Schließ- lich brauchte er nur den Daumen des Mannes. Nachdem er eine halbe Stunde in Fitz-Jones’ Ar- beitszimmer auf und ab gegangen war ohne besonde- re Entdeckungen zu machen, fiel ihm der Chateau de Rothschild ein. Auf diese Weise würde er sich die Wartezeit ein wenig verkürzen können. Über den dicken Teppich ging er zur Küche. Er fand ein Glas, schob den Laser in den Gürtel und klopfte gegen das Weinfaß. »Keine falsche Bewegung, Isaac!« Otto wandte sich langsam um. Ein altmodischer Mark 11 Westinghouse-Laser wurde aus einer Ent- fernung von drei Metern genau auf ihn gerichtet. Keine Chance. »Hallo, Jonathon. Komischer Zufall, Sie hier zu treffen.« Die Hand zitterte, aber auf diese Entfernung konnte er das Ziel gar nicht verfehlen. Wahrscheinlich würde er gar nicht… »Sie überraschen mich mit Ihrer Ausdrucksweise, Isaac. Aber Sie sind ja gar nicht Isaac, nicht wahr? Ebensowenig wie die beiden anderen Agenten Geo- logen waren. Heute abend werden Sie Ihre Freunde, wiedersehen, Isaac. Dann können Sie sich mit ihnen in dem Staubloch über die alten Zeiten unterhalten.« »Seien Sie still!« Ein zweiter Mann tauchte auf; sein rechter Arm steckte in einem Gipsverband. »Geben Sie mir die Waffe.« Er nahm sie in die linke Hand. Otto sah, daß er noch stärker zitterte als Jo- nathon – vermutlich aber nicht aus Nervosität, son- dern vor Schmerz und wahrscheinlich vor Wut. »Entwaffnen Sie ihn.« Ottos Körper hätte ihn töten und dann als Deckung benutzen können, aber Crowells Körper war zu dick und schwerfällig… Jonathon nahm ihm die Waffe ab und wich zu- rück. »Sie sind nicht so gefährlich, wie Stuart mein- te.« »Er ist verdammt gefährlich – aber wir haben ihm den Zahn gezogen. Kehren Sie in Ihr Büro zurück, Lyndham. Fitz und ich werden diese Sache erledi- gen. Sie haben keinen Grund, sich hier noch länger aufzuhalten.« Jonathon ging zur Tür hinaus. »Nun, Mr. McGavin – Sie finden es wahrschein- lich peinlich, von einem schwachen Kerl wie mir in Schach gehalten zu werden. Ja, wir haben heute morgen Ihr Gespräch abge- hört. Dr. Normans Funkgerät funktioniert genauso wie das von Dr. Struckheimer – die Gespräche lan- den in dem Empfänger meines Büros.« Er machte ei-, ne Bewegung mit der Waffe. »Kommen Sie mit ins Wohnzimmer, Mr. McGavin, und nehmen Sie Ihren Wein ruhig mit. Ich würde gern mit Ihnen anstoßen, aber meine rechte Hand ist leider unbeweglich – die Erinnerung daran wird es mir erleichtern, Sie im ge- gebenen Augenblick zu töten.« Crowell setzte sich in den Polstersessel und fragte sich, wann der gegebene Augenblick wohl kommen würde. »Sie glauben doch nicht allen Ernstes, daß Sie damit durchkommen?« »Es ist ein großes Staubloch, das größte, das wir finden konnten. Ich fürchte, Dr. Norman und Dr. Struckheimer werden Ihnen folgen müssen. Wir können uns hier keine Schnüffler leisten.« Crowell schüttelte den Kopf. »Wenn ich mich nicht melde, werden Sie es nicht nur mit einer Hand- voll Spezialisten zu tun haben. Ein Schlachtkreuzer wird auf dem Landefeld Ihres Hafens aufsetzen. Al- les, was auf diesem verdammten Planeten wie ein Mensch aussieht, wird unter Anklage gestellt.« »Komisch, daß man das nicht gleich nach dem Verschwinden der beiden ersten Agenten unternom- men hat. Ein recht ungeschickter Bluff, McGavin.« »Diese beiden Männer waren Agenten, Mr. Kind- le, aber eben nur einfache Agenten. Ich gehöre zu den zwölf Agenten Erster Klasse. Wenn Fitz-Jones kommt, können Sie sich bei ihm erkundigen, was das bedeutet.«, »Vielleicht leben Sie bei seinem Kommen nicht mehr. Er wollte Sie hier nicht töten, weil wir Ihre Leiche dann fast einen Kilometer durch die Wüste schleifen müßten. Aber mir scheint sogar, daß wir diesen Weg mehrmals zurückzulegen haben.« »Gräßliche Aussichten. Aber meinen Sie wirklich, daß Sie einen Mann hier wie ein Stück Vieh schlach- ten können? Ein schmutziges Handwerk!« »Ich bin verzweifelt genug, um…« »Worüber redet ihr beide eigentlich?« Fitz-Jones kam zur Tür herein. »Ich habe Jonathon unterwegs gesehen. Hatten wir nicht abgemacht, daß er mit Ih- nen auf meine Rückkehr warten sollte?« »Ich hatte Angst, er könnte eine Dummheit ma- chen und habe ihn weggeschickt. Dem Mann habe ich nie so recht über den Weg getraut.« »Da mögen Sie recht haben. Aber ich wollte nicht, daß Sie mit diesem Mordexperten allein bleiben.« »Noch hat er mich nicht ermordet. Fitz, er behaup- tet, ein Agent Erster Klasse zu sein – sagt Ihnen das etwas?« Fitz-Jones zog die Augenbrauen ein wenig hoch und sah Crowell an. »Kaum möglich – für den Ein- satz eines Agenten Erster Klasse ist dieser Planet viel zu unbedeutend.« »Wir schicken immer einen Ersten, wenn ein Agent getötet wird«, versetzte Crowell. »Auch wenn es sich dabei um einen sonst unbedeutenden Fall handelt.«, »Schon möglich«, brummte Fitz-Jones, »in diesem Fall ist es mir eine große Ehre.« Er verbeugte sich spöttisch. »Aber auch der geschickteste Bridgespieler verliert, wenn er seine Karten nicht aufnehmen kann. Genau das ist Ihre Lage, Sir.« »Wissen Sie, was aus Ihnen wird, wenn Sie mich ermorden, Botschafter?« »Kein ›wenn‹ – nachdem wir Sie ermordet ha- ben … was denn, wird man etwa noch einen Spitzen- agenten schicken? Die werden ihnen bald ausgehen.« »Man wird diesen ganzen Planeten abriegeln und Sie herausholen. Sie haben keine Chance.« »Im Gegenteil, wir haben eine sehr gute Chance – nämlich die, daß Sie lügen. Unter den gegebenen Umständen durchaus verständlich, und ich nehme es Ihnen auch nicht übel, Mr. McGavin. In Ihrer Lage würde ich genauso handeln.« »Warum hören Sie nicht endlich auf zu faseln und besorgen einen Strick? Mein Arm wird lahm.« »Eine gute Idee.« Fitz-Jones verließ den Raum und kehrte mit einer langen Leine zurück. »Trinken Sie Ihren Wein aus, Isaac. Sie stellen sich neben ihn, Kindle. Wenn er irgend etwas ver- sucht, will ich nicht mit ihm zusammen geröstet werden.« Otto spannte den Brustkasten und die Muskeln an, als Fitz-Jones die Leine um ihn schlang. Ein uralter Trick, der Fitz-Jones jedoch nicht auffiel. Die Art,, wie er ihn fesselte, erinnerte Otto an das Vorgehen eines unerfahrenen Amateurs – aber er durfte nicht zu sorglos werden. Sie hatten ihn nicht einmal durch- sucht, obwohl er sich eingestehen mußte, daß er nichts als das kleine Messer in der Tasche hatte. Daneben blieben ihm nur noch die Hände und Füße. »Wir haben noch ein paar Stunden Zeit, Mr. Mc- Gavin, und ich schlage vor, Sie versuchen zu schla- fen.« Fitz-Jones ging in die Küche und kam mit Ot- tos Laser und einer Sodaflasche zurück. Er trat auf Otto zu und holte mit der Plastikflasche aus. Otto versuchte sich zu ducken, aber die Flasche traf ihn seitlich am Kopf, und alles verschwamm vor seinen Augen. Er war schon mindestens eine Stunde wach und hörte den beiden Männern zu, als Fitz-Jones mit einem Glas Wasser zu ihm kam und es ihm über den Kopf schüttete. »Aufwachen, Mr. McGavin. Es ist Mitternacht, die Straßenbeleuchtung ist ausgeschaltet, und wir ma- chen einen kleinen Ausflug.« Otto rappelte sich auf und spannte Brust und Mus- keln an, damit die Leine straff saß. »Mir ist gerade etwas eingefallen, Fitz. Haben Sie noch eine zweite Nachtbrille?« »Was? Haben Sie Ihre denn nicht mitgebracht?« »Gewöhnlich trage ich sie am hellen Tage nicht, mit mir herum.« »Na, dann werde ich mich eben allein um ihn kümmern. Wir werden kein Licht machen.« »O nein – nach allem, was er mir angetan hat, werde ich mir das Vergnügen nicht nehmen lassen, ihn zu braten … schön langsam.« »Natürlich – um dabei in ein Staubloch zu stol- pern. Ich gebe Ihnen die Brille nicht und lasse Sie auch nicht allein mit ihm ziehen. Mit Ihrer rechten Hand können Sie ohnehin nichts anfangen.« »Fitz, er ist unbewaffnet und gefesselt. Und in der Dunkelheit kann er nicht sehen.« »Unbewaffnet, gefesselt und blind ist er gefährli- cher als Sie auf dem Kommandostand eines Schlachtkreuzers. Damit ist die Diskussion beendet.« »Schon gut, schon gut. Lassen Sie mich wenig- stens mitkommen und ihn erledigen. Ich kann mich an Ihrem Gürtel festhalten.« Fitz-Jones blickte auf McGavin, der trotz seiner prekären Lage grinste. »Der ganzen Angelegenheit fehlt es an Würde. Ich sehe, daß sich unser Freund amüsiert. Also gut, Sie können mitkommen. Lassen Sie mich die Sache erledigen, falls er etwas anstellt.« »Gewiß, Fitz.« Kindle sicherte den Laser. »Selbst wenn er eine Handgranate werfen sollte, werde ich nicht feuern, bis wir da sind. Dann kann ich von ihm im Lichtschein meines Lasers Abschied nehmen.« »Dann nichts wie los. Sie haben die Ehre, uns zu, führen, Mr. McGavin. Ich zeige Ihnen die Richtung.« Sie gingen zur Küchentür hinaus in die absolute Finsternis der Wüste. Otto wußte, daß ihm ein halber Kilometer blieb, um etwas zu unternehmen. Vermutlich würde ihre Vorsicht auf halber Strecke nachlassen. Aufmerksam zählte er die Schritte; zwölfhundert mußten einen Ki- lometer ergeben. Fitz-Jones brach das Schweigen nur, um die Rich- tung anzugeben. Nachdem Otto dreihundert Schritte gezählt hatte, bewegte er sich etwas nach links. Da- bei hob er die linke Hand an die rechte Schulter und ließ den linken Arm aus der Leine gleiten. Sein Kör- per schirmte die Bewegung vor Fitz-Jones ab. Er wußte genau, wo der Mann hinter ihm war und wo er ihn treffen konnte. Er blieb stehen, und Fitz-Jones drückte den Laser gegen seinen Körper. Otto schlug mit der linken Hand zu, und der Laser sauste durch die Luft. Ehe er am Boden aufschlug, rammte Otto dem Mann das Knie in den Unterleib. Die Wucht warf Fitz-Jones und Kindle zu Boden. Er hörte den Laser aufschlagen und eilte darauf zu. Beim dritten Schritt stolperte er über einen Stein, verlor das Gleichgewicht und setzte zu einer Schul- terrolle an. Den Boden erreichte er jedoch nicht. Er geriet in eine Grube und versank in losem Staub. Verzweifelt hielt er den Atem an, während, ihm der Staub in die Nase drang. Seine Knie schlu- gen gegen den felsigen Untergrund der Grube. Mit seiner Panik kämpfend, richtete er sich auf und streckte den freien Arm nach oben. Er konnte nicht feststellen, ob seine Hand aus der Grube ragte. Mit brennenden Lungenflügeln versuchte er die Grube auf dem Weg zu verlassen, den er gekommen war, und mußte feststellen, daß er die Orientierung verlo- ren hatte. Er schlug irgendeine Richtung ein, denn die Grube konnte nur einen Durchmesser von weni- gen Metern haben, sonst hätten die beiden sie für ihr Verbrechen benutzt. Er brach in die Knie und kroch langsam weiter, bis sein Kopf gegen eine Felswand stieß. Vorsichtig richtete er Crowells schweren Kör- per auf, und seine Hand fand den Weg in die Freiheit. Otto hob das Kinn aus dem Staubloch, atmete die frische Nachtluft gierig ein und verdrängte das Nie- sen, indem er sich auf die Zunge biß. Kindle schrie unartikuliert. »Ich kann nichts sehen! Sie haben sie zerbrochen – verdammt nochmal!« Fitz-Jones stöhnte vor sich hin. Plötzlich wurde die Szene von den rötlichen Strahlen des Lasers erhellt. Kindle richtete ihn wie einen Scheinwerfer von einer Seite auf die andere. Dumm von ihm, denn das Licht war von der Siedlung aus zu sehen. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, daß jemand wach war und zur Hilfe eilen würde, nur ge- ring., Fitz-Jones, der eigentlich gar nicht mehr am Leben sein dürfte, stand gekrümmt und wankte hin und her. Die gebündelten Strahlen des Lasers streiften ihn und setzten sein Bein in Brand. Er wirbelte herum und verschwand in einer anderen Grube. Das Licht erlosch. »McGavin? Hoffentlich haben Sie das gesehen! Ich weiß, daß Sie sich hier irgend- wo verstecken. Aber ich kann warten, ja, ich kann warten. Und wenn es hell wird, sind Sie ein toter Mann!« McGavin kroch vorsichtig aus der Grube. Er schlüpfte aus der Leine, die noch immer seinen Kör- per umspannte. Nachdem er erfolglos den Boden in der Nähe abgetastet hatte, erkannte er, daß Fitz- Jones’ Laser in das Staubloch gefallen sein mußte. Er brach die Suche ab. In etwa dreißig Metern Entfernung hatte er im Lichtschein des Lasers einen Steinhaufen erkannt. Vorsichtig kroch er auf die Stelle zu und tastete den Boden mit den Handflächen ab. Ein paarmal berührte er eine mit Staub gefüllte Grube und schlich vorsich- tig herum. Endlich erreichte er den Steinhaufen und setzte sich dahinter. Er machte Bestandsaufnahme: ein Vibromesser, zwei Hände, zwei Füße und eine Menge Steine. Eine Leine. Damit stand er vor der Wahl, Kindle entweder zu strangulieren, ihn in Stücke zu zerlegen oder ihm jeden Knochen im Körper zu brechen. Alles wirksa-, me Methoden gegen einen unbewaffneten Mann – aber gegen einen Laser-Schützen der reinste Selbst- mord. Er fühlte sich so müde und zerschlagen wie noch nie in seinem an Entbehrungen reichen Leben. Vor- sichtig schüttelte er das Röhrchen. Das letzte Gravitol muß ich mir bis kurz vor Son- nenaufgang aufheben. Er schmiedete ein halbes Dutzend Pläne und ver- warf sie wieder. Hätte ebensogut gleich in der Grube ersticken können … Müde, so unendlich müde… Schritte … Kindle würde kaum so verrückt sein, in der Dunkelheit umherzutappen … Nein, es waren die sicheren Schritte eines Bruuchianers. Er kam im Ab- stand von nur einem Meter an Ottos Versteck vor- über. Otto hörte seine Atemzüge. »Kenne ich dich / Freund-der-in-der-Nacht- kommt?« fragte er im informellen Dialekt. »Crowell-der-scherzt / ich bin Pornuuran / von der Familie Tuurlg. / Du kennst mich nicht / aber ich kenne dich / du bist ein Freund meines Bruders / Kindle-der-führt«; flüsterte der Bruuchianer zurück. »Kindle-der-führt / gehört zu deiner Familie?« »Ja / die Priester gaben der Familie Tuurlg / die traditionelle Ehre / den höchsten Menschen zu adop- tieren / Kindle-der-führt / und vor ihm / Malatesta- der-Größte.« »Bruder-meines-Freundes Pornuuran / kannst du, mich von hier fortführen / ehe die Wüste hell wird?« Der Bruuchianer lachte; es hörte sich wie ein bei- nahe lautloser Schluckauf an. »Crowell-der-scherzt / du bist wirklich der lustigste Mensch. / Meine Brüder und ich sind gekommen / um das Ritual zu beobach- ten / wie Menschen in die Stille gehen. / Natürlich dürfen wir uns nicht einmischen. / Die Priester / sa- hen das rote Licht in der Wüste/ und schickten uns / um zu lernen / und vielleicht zu helfen / beim Trans- port des Stillen.« »Wo sind deine älteren Brüder?« »Crowell-der-scherzt / mein ältester und mein jüngster Bruder sind bei ihrem Bruder / Kindle-der- führt. / Auch er bat uns / ihn durch die Dunkelheit zu geleiten / aber wir müssen / den Anordnungen der Priester gehorchen.« Gott sei Dank! dachte Otto. Einen Moment lang überlegte er, ob er den Eingeborenen als Schild be- nutzen sollte – aber das wäre wirklich ziemlich ge- mein gewesen. Außerdem hätte es nicht viel ge- bracht, weil der Eingeborene viel zu klein war. Beim Aufblicken bemerkte Otto, daß er die Um- risse des Eingeborenen vor dem helleren Felsen vage erkennen konnte. Er nahm das Tablettenröhrchen und schluckte sein letztes Gravitol herunter. Seine Müdigkeit war mit einem Schlage verschwunden. Er peilte über den Rand des Felsens. Kindle konn- te er noch immer nicht erkennen, aber das würde sich, innerhalb weniger Minuten ändern. Die Morgen- dämmerung kam schnell auf dieser Welt. Dann wür- de sich Kindle seinem Versteck nähern. Plötzlich hatte McGavin einen Plan – einen extrem einfachen, aber dafür recht riskanten Plan. Aber es konnte klappen. Außerdem blieb ihm gar nichts an- deres übrig. Otto sammelte sich eine Armladung Steine zu- sammen und kroch hinaus in die Ebene. Er bewegte sich dabei so schnell, wie das möglich war, wenn man dabei die Sicherheit nicht ganz außer acht lassen wollte. Als seine Hand in ein Staubloch tauchte, gab es schon genügend Licht, um sie in dem Staub ver- schwinden zu sehen. Er tastete die Umgebung ab und registrierte den Verlauf der Kante. Dann legte er die Ladung Steine und sein Vibromesser auf den Rand des Loches und ließ sich in den warmen Staub hin- abgleiten, dabei den Impuls unterdrückend, sofort zu- rück ins Freie zu klettern. Er schichtete die Steine so auf, daß er dahinter in Deckung gehen konnte. Als er den Knopf des Vibromessers berührte, schnellte die Klinge nur zur Hälfte heraus. Mit der Fingerkuppe stellte er fest, daß sie nicht vibrierte. Vermutlich blockierte der Staub den Mechanismus. Na, jedenfalls war die Klinge spitz und mit einer scharfen Schneide versehen. Er hörte, wie Kindle sich bewegte und schätzte die Entfernung auf etwa, zwanzig Meter. Obwohl er ihn noch immer nicht se- hen konnte, schleuderte er einen Stein in seine Rich- tung. Der Laser antwortete sofort. Die vor Otto aufge- schichteten Steine wurden erhitzt; es stank nach Stickstoffdioxid. »Wird Ihnen warm dort drüben, McGavin? Ich weiß, wo Sie stecken – ich habe meinen kleinen Freund hingehen hören. Sparen Sie sich die unnütze Wartezeit und kommen Sie heraus!« Er richtete den Laser noch einmal auf die Steine. Jetzt konnte Otto seinen Gegner ausmachen. Drei Bruuchianer befanden sich bei ihm. Er bewegte sich sehr vorsichtig und hielt den Blick auf den Boden ge- richtet. Otto zog sich bis zur Nasenspitze hinauf. »Jetzt ist es soweit – Sie sind Sie ein toter Mann, McGavin!« Otto drückte sich noch höher und erblickte Kindle etwa fünf Meter vor sich. Wenn das Vibromesser in Ordnung gewesen wäre, hätte er es jetzt schleudern können – so aber mußte er Vorsicht walten lassen. Mit dem Messer in der Hand kroch er aus dem Staubloch. Lautlos huschte er auf Kindle zu, der noch immer die Steine anschrie und den Laser im Anschlag hielt. Es war fast zu einfach. Einer der Bruuchianer riß den Kopf herum und er- blickte Crowell. Kindle sah die Bewegung und dreh- te sich um. Otto sprang ihn an und zielte auf die, Knie. Der Laser streifte sein Gesicht und die Schul- ter. Im nächsten Augenblick schlugen beide Männer auf den Boden auf. Otto drückte die Hand seines Ge- gners mit dem Laser fest gegen das Gestein, und die Ladung traf einen Felsbrocken. Otto rammte das Messer mehrmals in den Körper des Mannes. Die Stöße reaktivierten das Messer. Die Klinge bohrte sich tief in das Fleisch und traf auf Knochen. Kindle bäumte sich ein letztes Mal auf und blieb dann reglos liegen. Otto stützte sich mit den Knien ab und sah, daß der Laser in Kindles Hand noch immer auf jenen Felsbrocken gerichtet war. Es gelang ihm nicht, die Waffe aus dem erstarrten Griff zu lösen. Schmerz durchflutete seinen Körper, und er erinnerte sich an sein Training. Über den toten Kindle gebeugt, schloß er die Au- gen und wiederholte die hypnotischen Formeln, die den Schmerz zusammendrängten und auf einen stetig kleiner werdenden Körperfleck konzentrierten. Als dieser winzige Fleck wie eine Sonne glühte, drängte er sie aus dem Körper und hielt sie ein paar Millime- ter von der Haut entfernt fest. Vorsichtig setzte er sich auf den Boden und entspannte jene Teile seines Geistes, die nicht zur Schmerzbekämpfung benötigt wurden. Er fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht und streifte dabei Fetzen von Plastikfleisch ab. Seine, andere Hand war mit Kindles Blut beschmiert, und er spürte nichts – weder Triumph noch Bedauern. Sein Hemd war zerfetzt und das Plastikfleisch der Schultern geschmolzen. Die echte Haut war rötlich- schwarz versengt worden. Ein schmaler Blutfaden sickerte von der Schulter herab. Otto sah, daß er die Wunde nicht zu verbinden brauchte. Die beiden jungen Bruuchianer traten hinter den Steinen hervor und beugten sich über Kindle. Der äl- tere kam ebenfalls hervor und redete so hastig auf sie ein, daß Otto nicht folgen konnte. Sie luden sich Kindles starren Körper auf die Schulter und trugen ihn wie einen Holzklotz davon. Plötzlich dämmerte es Otto, daß Kindle gar nicht tot war: der Älteste und der Jüngste hatten ihn in die Stille geführt, während das Messer noch an der Ar- beit gewesen war. Er warf einen Blick auf das schmerzverzerrte Gesicht des Mannes und erinnerte sich an Waldos Worte. Der Mann war nicht tot, aber er lag im Sterben. Und er würde ganz langsam sterben – hundert Jahre lang. Otto lächelte. Dr. Norman und zwei Bahrenträger suchten ihren Weg durch die Wüste und trafen gegen Mittag bei Crowell ein. Dreißig Jahre Berufserfahrung als Arzt waren nicht genug, um den Arzt auf diesen Anblick vorzubereiten. Ein schwerverwundeter Mann saß vor, einer ausgetrockneten Blutlache, die eine Gesichts- hälfte bis zur Unkenntlichkeit entstellt, die andere von einem seligen Lächeln überzogen., Wiederholungstest: Alter 39 Biographischer Test, bitte anfangen: Ich wurde als Otto Jules McGavin am 24. April AC 198 geboren… Kommen Sie zum Alter von 18 Jahren; fahren Sie bitte fort: Ich besuchte die Universität, um in den Weltraum zu gelangen. Da mein Talent weder auf wissenschaft- lichem noch auf mathematischem Gebiet liegt, quali- fizierte ich mich für den außerirdischen Dienst bei der Confederaciõn. Fahren Sie bitte mit dem Alter von 33 Jahren fort: Nach dem Einsatz auf Bruuch nahm ich die Identi- tät von Manson-ist-mein-Herz-geweiht, dem irdischen Generalbevollmächtigten von Charlies Welt, an, um eine Mörderbande von der Spitze her zu infiltrieren. Fahren Sie bitte mit dem Alter von 35 Jahren fort: Der neue Arm heilte nicht an, und ich mußte er- neut zwei Monate ins Hospital, um ihn amputieren und nachwachsen zu lassen; dann befaßte ich mich annähernd ein Jahr lang mit Schreibtischarbeiten und kam schließlich als Eduardo Muenchen nach Samm- ler, angeblich als Berufsspieler, doch im Einsatz ge- gen einen Spionagering von Jardin (Verstoß gegen Artikel sieben der Wirtschaftsverordnung). Bei die- sem Einsatz für das TBII mußte ich mir mit Waffen-, gewalt einen Fluchtweg bahnen … O Gott, neun To- te, darunter sechs Unschuldige … War der neue Arm in Ordnung? Fahren Sie bitte fort: Er funktionierte besser als der alte … Mein Gott, der Ausdruck auf dem Gesicht jenes kleinen Mäd- chens… Fahren Sie bitte mit dem Alter von 37 Jahren fort: Sie haben versucht, sich hinter ihm zu verschan- zen. Das Mädchen wandte nicht den Blick von mir, während es starb… Kommen Sie bitte zum Alter von 37 Jahren: Es hat nicht mal auf seine Wunde geblickt … mein Gott, das Blut schoß daraus hervor … Es sah mich nur an, während ich versuchte, die Tür zu errei- chen … Ich sagte, fahren Sie bitte mit dem Alter von 37 Jahren fort: Richtiges Handeln darf nichts zu tun haben mit Töten, Stehlen und … Nierenbaum, Batterie. … wer einen aufrechten Lebenswandel führt, ver- dient seinen Lebensunterhalt … Rot. … verdient seinen Lebensunterhalt, ohne anderen Lebewesen Schaden zuzufügen. Aufrichtiges Bemü- hen … Matsch., … muß sich das Ziel setzen, die schlechten Ge- danken zu meiden und zu überwinden. Schlafen Sie jetzt., Episode: Der einzige Krieg, den wir hatten Ein uniformierter Pfleger öffnete die Tür der TBII- Personalabteilung und trat zur Seite, als Otto McGa- vin sich herausschleppte. Mit schmerzhaft verzerrtem Gesicht stützte er sich auf einen alten Krückstock, und die lumpenartigen Kleidungsstücke flatterten um ihn herum. Seine Nase war frisch gebrochen, Gesicht und Arme waren mit blauen Flecken übersät. Ohne ihn zu berühren, führte ihn der Pfleger durch eine Tür mit der Aufschrift EINSATZLEITUNG – DR. J. ELLIS. Im Büroraum drückte der Pfleger ihn auf einen harten Stuhl vor dem Schreibtisch; dahinter saß ein junger, nervöser Mann. Der Pfleger vergewisserte sich, daß sein Schutzbefohlener nicht vom Stuhl fiel und ging mit raschen Schritten hinaus. »Nie-Nierenbaum«, stammelte der junge Mann. »Batterie. Rot. Matsch.« Ein Licht blitzte in Ottos triefenden Augen auf. Er beugte sich auf dem Stuhl vor und wäre fast auf den Boden gefallen. »Was …« Er berührte sein Gesicht, zuckte zusammen und blickte auf seine verschmier- ten Finger. Langsam lehnte er sich auf dem Stuhl zu- rück., »Diesmal, also diesmal ist man aber zu weit ge- gangen.« Er zupfte an den Lumpen und behielt einen Fetzen in der Hand. »Wen soll ich denn diesmal dar- stellen … den Klabautermann? Den Ewigen Juden? Oder einfach einen Zirkusartisten?« »Nun, Oberst McGavin, ich versichere Ihnen, äh …« »Versichern Sie’s und scheren Sie sich zum Teu- fel! Zum dritten Mal muß ich nun schon einen alten Krüppel spielen. Jemand in der Einsatzleitung muß mir wohl den Tod an den Hals wünschen!« »Nein, nein … es ist durchaus nicht so.« Ohne Ot- to anzusehen, blätterte der junge Mann in den Papie- ren auf seinem Schreibtisch. »Ihre Einsätze waren ungewöhnlich erfolgreich, selbst unter erschwerten Bedingungen …« »Dann solltet ihr mal daran denken, wieviel er- folgreicher ich noch sein könnte, wenn ich endlich wieder mal in einer vernünftigen Rolle auftreten würde!« Er legte die Hand an den mageren linken Oberarm, den er mit seiner knochigen Hand voll um- spannen konnte. »Erschwerte Bedingungen! Wenn ihr mich eine weitere Woche dieser Behandlung un- terzogen hättet, wäre gleich ein Grabstein fällig ge- wesen!« »Sie wissen doch, es ist nur … äh … vorüberge- hend …« »Vorübergehend! Junger Mann …«, »Dr. Ellis«, half der Mann sanft nach. »Junger Doktor – möglicherweise hat es lediglich zwei Wochen bei Schwerelosigkeit gekostet, um mich in diesen Zustand zu bringen – aber ich muß meine alte Körperkraft wiedergewinnen. Selbst mit Hypnose …« »Nein, Oberst, es ist nur vorübergehend … ich meine …« »Was meinen Sie?« »Nun, Sie sollen sich … während Ihres Einsatzes erholen. Nach den Unterlagen sind Sie ein, na ja, man könnte sagen, ein professioneller Athlet.« »Natürlich, Hindernislauf mit Krückstock …« »Aber nein … sehen Sie, er war …« Ellis kramte in den Papieren herum. »Wenn wir mit der Einwei- sung fortfahren könnten, werde ich …« »Schon gut, schon gut. Auf meine Beschwerden hört ja doch niemand. Soll ich diesmal vielleicht ein Hospital infiltrieren? Eine Gesundheitsbehörde?« »O nein, keines von beiden. Zunächst kommt eine Polizeidienststelle. Die von Ihnen dargestellte Person befindet sich im Gefängnis und erwartet die Verur- teilung …« »Wegen einer Gesetzesübertretung.« »Nein, wegen Mordes – genauer gesagt, wegen ei- nes Attentats.« »Oh, das ist fein. Mal eine ganz neue Erfahrung: Lobotomie!« »Äh, na ja, Sie werden nicht auf der Erde sein, se-, hen Sie, äh …« »Ich glaube, ich kann mir langsam ein Bild ma- chen.« »Auf Selva werden Mörder entweder durch Verbrennung am Pfahl hingerichtet oder öffentlich ver…« »Ich will nichts davon hören. Ich werde es nicht tun.« »Sie haben natürlich gar keine andere Wahl.« »O doch.« Otto spannte sich. »Ich brauche Sie nur umzubringen, bevor Sie …« »Matsch – Rot – Batterie – Nierenbaum!« schrie Dr. Ellis. Otto sank mit schlaffem Gesicht auf dem Stuhl zu- sammen. Dr. Ellis rieb sich seufzend die Stirn, stand auf und kramte in einem Aktenschrank herum, bis er einen gehalfterten Laser fand. Er blies den Staub fort, setzte sich wieder und richtete die Mündung auf Ot- tos Brust. »Nierenbaum. Batterie. Rot. Matsch.« Otto schüttelte verwirrt den Kopf und blickte in die Mündung. Ruhig sagte er: »Legen Sie das verdamm- te Ding weg, bevor Sie sich selbst damit umbringen. Der Energieanzeiger steht auf ›Laden‹.« Nicht mal ein zehnjähriger Junge wäre auf diesen Trick hereingefallen – aber Dr. Ellis hatte seine Ju- gend wohl ausschließlich dem Studium gewidmet. Er, drehte die Waffe vorsichtig herum und blickte auf den Energieanzeiger. Otto schlug ihm den Laser aus der Hand und hob ihn gemächlich vom Teppich auf. »Matsch, äh …« »Nein.« Otto hielt dem Mann die Waffe vor die Nase. »Beruhigen Sie sich.« Er setzte sich wieder auf den Stuhl, hielt Dr. Ellis in Schach und schüttelte den Kopf. »Ihr Bürokraten seid allesamt überspannt und könnt keinen Spaß vertragen.« Er warf die Waffe in Richtung Schreibtisch. Sie prallte an der Kante ab und fiel zu Boden. »Das ist Regierungseigentum«, sagte Ellis. »Ich auch, verdammt noch mal.« Otto lehnte sich in dem Stuhl zurück und zuckte zusammen, als eines seiner Gelenke krachte. »Ich auch.« Er sah den Dok- tor ein paar Sekunden lang schweigend an. »Fahren Sie fort. Ich bin also dieser Mörder …« »Ah, ja.« Ellis entspannte sich und legte die Hände zusammen. »Aber wir wollen nicht vorgreifen. Wir haben ein Problem auf Selva.« »Dachte ich mir schon.« »Hmmm, ja, es ist ein Problem und paßt in Ihre Arbeitsweise. Es geht also um Mord – richtiger, um ein systematisch geplantes Attentat.« »Ich bin also ein Attentäter.« »Ja … sozusagen. Das Problem umfaßt allerdings weitaus mehr.«, »Das will ich hoffen.« »Ja, nun, es geht um einen Krieg.« »Na und? Die Charta schreibt nicht vor, daß …« »Um einen interplanetarischen Krieg.« Otto beugte sich grinsend vor. »Ein interplanetari- scher Krieg? Sie wollen mich zum Narren halten. Niemand …« »Ich weiß.« Dr. Ellis seufzte. »Wir greifen schon wieder vor.« »Dann beginnen Sie mit dem Anfang.« »Ja, das wollte ich sagen. Ist Ihnen etwas über die Politik auf Selva bekannt?« »Hören Sie, ich kann mich doch nicht um jede Kleinigkeit …« »Schon gut, das dachte ich mir. Keine Sorge. Ihre neue Persona verfügt über genaue Informationen und …« »Natürlich. Fahren Sie fort.« »Nun, Selva könnte man als Erb-Oligarchie klassi- fizieren.« »Wie Sie bereits erwähnten, ist dies meiner neuen Persona alles längst bekannt.« .»Etwas Geduld, bitte. Es gibt zweiundvierzig Klans, die je einen Vertreter für den Rat abstellen, dem Senado Grande. Dieser Vertreter ist jeweils der älteste Sohn des Klanführers. Er tritt später das Erbe seines Vaters an und schickt seinerseits den Sohn in den Senado.«, »Vermutlich eine Marionette für den alten Herrn.« »Gewöhnlich ja. In der Praxis dient der Senado als eine Art Trainingslager, um die jungen Männer auf die schwierigen Aufgaben vorzubereiten, die sie nach dem Tode oder der Abdankung ihrer Väter er- wartet. Selva hat keine starke Zentralregierung – schon seit Jahrhunderten nicht mehr, und der Senado segnet per Gesetz die geheimen Absprachen der einzelnen Klans ab.« »Sehr fortschrittlich.« »Na ja, es klappt. Das Problem stellt sich folgen- dermaßen: Auf Selva werden ernste persönliche Dif- ferenzen zwischen erwachsenen Männern gewöhn- lich durch Duelle geregelt …« »Duelle!« »Ja, ein entzückender Planet. Normalerweise duel- lieren sie sich mit Schwertern, gelegentlich auch mit exotischeren Waffen. Gewöhnlich endet das Duell mit einer Verwundung – wer den Gegner zuerst ver- wundet, wird zum Sieger erklärt –, aber bei beson- ders erbitterten Gegnern wird das Duell mitunter bis zum Tode weitergeführt.« »Seit meiner Ausbildung habe ich kein Schwert mehr in der Hand gehabt. Annähernd zwanzig Jah- re …« »So lange schon? Na, machen Sie sich keine Sor- gen, Ihre Persona ist ein Experte. Der Junge, den er, ermordete, den brachte er mit einem …« »Junge? Der Junge, den er ermordete?« »Er hatte gerade seinen sechzehnten Geburtstag hinter sich. Das ist das Mindestalter, um duellfähig zu sein. Damit kommen wir zum Kern Ihres Einsatzes. Ich will es Ihnen erklären. Der Mann hinter diesem in- terplanetarischen Krieg ist ein Klanführer namens Alvarez. Er will Grünwelt angreifen …« »Oh, davon habe ich gehört …« »Ja, Grünwelt ist ein verhältnismäßig reicher Pla- net – im Gegensatz zu Selva hat er sich der Confede- raciõn fest angeschlossen. Beide Planeten sind prak- tisch Nachbarn. Sie liegen etwa sechzig Millionen Kilometer voneinander entfernt.« »Warum wollen sie dann einen Krieg anfangen? Haben sie noch nie davon gehört, was mit …« »Oktober geschah? Gewiß haben sie von Oktober gehört. In ihren Schulen wird gelehrt, die Confedera- ciõn sei einfach viel zu schwach, um jemals …« »Nochmals – warum ein interplanetarischer Krieg?« Ellis zuckte die Schultern. »Dieser Mann Alvarez … nun ja, seit Generationen beneiden die Selvaner Grünwelt, und das will Alvarez ausnützen. In knap- pen Worten gesagt – er will über den Planeten herfal- len und ihn ausplündern.« »Ist Grünwelt informiert …«, »Nur unsere dortigen Vertreter sind es. Die Grün- weltler unterhalten kein Spionagesystem auf Selva, weil dieser Planet für sie noch nie eine potentielle Gefahr war. Warum auch? Selva hat lediglich zwei interplanetarische Raumfrachter und noch nicht mal einen Raumflughafen II. Klasse.« »Wie will Selva dann…« »Das ist ja das Merkwürdige. Sie könnten es den- noch versuchen: Blitzattacke mit zwölf kleinen Schiffen, Bombenangriffe auf die Städte, Drohungen, Beute einsammeln und Heimflug. Dabei müssen sie nur ein paar Schiffe im Orbit zurücklassen, um alles zu kontrollieren.« »Das funktioniert niemals!« »Wir beide wissen, daß es nicht funktioniert, und Alvarez weiß es vermutlich ebenfalls. Wir können nur raten, was er eigentlich vorhat.« »Ich nehme an, es handelt sich um Machtbeses- senheit. Er benutzt den Plan, um sich zum führenden Mann von Selva aufzuschwingen …« »… um sich anschließend eine Machtposition auf Grünwelt zu erpressen. Wer weiß? Möglicherweise können Sie das herausfinden. Der Mann, den Sie darstellen, heißt Ramos Guaja- na. Sie sind einer von vier oder fünf geübten Duell- kämpfern, die systematisch die Söhne der gegen Al- varez opponierenden Klanführer herausgefordert ha- ben.«, »Sobald sie sechzehn Jahre alt wurden.« »Wenn es sich einrichten ließ.« Ellis zündete sich eine Zigarette an und schob McGavin die Schachtel zu. »Alles durchaus legal.« »Gewiß. Danke. Eine Frage: Wie konnte dieses Wrack Guajana jemals etwas Größeres als eine Kü- chenschabe außer Gefecht setzen?« »Oh, im Normalzustand ist Ihre Kondition natür- lich wesentlich besser. Guajana sitzt seit über zwei Monaten in seiner Zelle – bei Wasser und Brot und täglichen Mißhandlungen. Sobald Ihnen die Flucht gelungen ist, werden Sie bald wieder in den Vollbe- sitz Ihrer Kräfte gelangen.« »Aber erst muß ich noch so weit abmagern, daß ich durch das Gitter schlüpfen kann …« »O nein. Wir haben einen narrensicheren Plan.« Ellis blickte auf die Uhr. »Die weiteren Einzelheiten erfahren Sie an Bord des Raumkreuzers. Drücken Sie Ihre Zigarette aus, wir müssen gehen …« »So eilig ist es nun auch wieder nicht«, erwiderte Otto. Er rauchte schweigend ein paar Minuten lang. Dann drückte er die Zigarette aus, setzte sich wieder auf den Stuhl, und Ellis redete eine Zeitlang auf ihn ein. »Wenn Sie erwachen«, sagte er mit Nachdruck, »sind Sie zu etwa zehn Prozent Otto McGavin und zu neunzig Prozent Ramos Guajana. In normalen Si- tuationen bleiben Sie Guajanas Persönlichkeit. Nur, in extremen Notfällen setzen Sie Ihre Fähigkeiten als Agent Erster Klasse ein. Matsch. Rot. Batterie. Nie- renbaum.« Er drückte auf einen Knopf unter der Schreibtischplatte. Guajana/Otto schüttelte zweimal den Kopf und blickte mit schmerzenden Augen über den Schreib- tisch. Sein Gesicht hatte sich auf seltsame Weise verändert. »Ich werde mich an Sie erinnern, Doktor«, krächz- te er in einem schwerfälligen Dialekt., EINSATZ-PROFIL NAME: Guajana, Ramos Mario Juan Federico ALTER: 39; GESCHLECHT: männlich; FAM. STAND: geschieden GEBURTSORT: Paracho, Stvo. Or. Selva ADRESSE: Z. Z. unter Arrest im Cerros Verdes Cli- nico Psycho. Untersuchungshaft wegen Mordes AUSBILDUNG: 1-2 Jhr. College BERUF: Duellmeister KÖRPERL. ZUST.: Duellnarben am Körper und im Gesicht (Bericht beiliegend), zur Zeit Spuren schwe- rer Schläge, mangelnde medizinische Behandlung. AGENT: McGavin, Otto (S-12,1. Kl.) PHYSISCHER/KULTURELLER ABWEI-

CHUNGSINDEX

PERSONA AGENT INDEX Gr. 174 cm 175 cm – Gew. 62 kg 80 kg 0,98 Alt. 40 (T) 39 (T) 0,99 Stp. J 101M.024K.039 J 090M.036K.021 0,80 Spr. Selvan (V. D.) Engl. (LI. 98) 0,99 B. AG.95H.46L.05- AG.83H.79L. – PT. 88LA.68LY.90- PT.72LA.78LY.68- AN.32SH.11D.89 AN.41SH.75D.88 0,82 TOTAL ……. 0,86 PO SKALA: 0,99 ZEIT: 3d,4h PO ZEIT 24d,12h, Es folgten über hundert weitere Seiten. In der engen Kabine gab es keine andere Lektüre, und während des vierwöchigen Fluges nach Selva las Ot- to/Guajana den gesamten Bericht genau dreiund- sechzigmal. Alle Einzelheiten drehten sich um Ottos Einsatz. Aus Erfahrung wußte er, daß neunundneunzig Pro- zent der Planung bereits nach dem ersten oder zwei- ten Tag wertlos waren. Was die persönlichen Daten des von ihm dargestellten Mannes betraf, so stellten diese normalerweise ebenfalls keinen großen Wert dar. Wenn es hart auf hart kam, mußte er in jedem Fall auf seine eigenen Fähigkeiten zurückgreifen oder um sein Leben laufen. Das Aneignen der fremden Persönlichkeit erfolgte gewöhnlich durch hypnotischen Kontakt mit der dar- zustellenden Person. In diesem Fall war das unmög- lich gewesen, denn Guajana konnte nicht unauffällig entführt und einen ganzen Monat lang festgehalten werden. Otto war eine gute, aber akademische Kopie des Mannes. In seinem Erinnerungsvermögen klaff- ten größere Lücken, die nur durch Befragungen unter Hypnose überbrückbar gewesen wären – aber im- merhin konnte er zu der Ausrede greifen, unter Ein- fluß der Schläge an Gedächtnisschwund zu leiden. Otto prägte sich alle vorhandenen Informationen über Guajana fest ein – und diese Informationen wa- ren alles andere als erfreulich: Guajana war die ge-, meinste Person, die Otto je dargestellt hatte. Ein kaltblütiger, kaufbarer Kindermörder. Na ja, viel- leicht steckte doch etwas Gutes in ihm. Vielleicht liebte er Schlangen oder etwas Ähnliches. Es war eine dunkle Nacht ohne einen einzigen Stern am Himmel, als Otto auf Selva in einer kleinen Dschungellichtung bei Cerros Verdes landete. Die Umstände mußten als denkbar ungünstig bezeichnet werden. Die T-46 war ein Raumschiff, wie man es sich vollautomatisierter gar nicht vorstellen konnte. Auf ein Funksignal von TBII hin setzte für gewöhn- lich die vorprogrammierte Landung ein, d. h. das Schiff suchte nach einem dreißig Meter langen Strei- fen ebenen Bodens. Aber in diesem Fall kam das Si- gnal über der Spitze eines steilen Hügels inmitten ei- nes Regenwaldes, dessen Auf und Ab einen Karto- graphen in den Wahnsinn getrieben hätte. Das Raumschiff setzte im Gleitflug auf, und Otto zog einen einfachen Detektor aus der Tasche des zer- lumpten Gewandes. Er befand sich 12,8 Kilometer vom eigentlichen Zielpunkt entfernt. Eine minimale Abweichung für einen Raumflug über 145 Lichtjah- re, doch Otto/Ramos war verständlicherweise aufge- bracht. Die automatische Steuerung der T-46 hatte viele Vorteile, aber auch gewisse Nachteile. Es gehörte zur Funktion des Schiffes, den Agenten sicher abzuset-, zen und weiterzufliegen – die Tür öffnete sich, und der Agent hatte sechzig Sekunden Zeit zum Ausstei- gen, wenn er nicht hinauskatapultiert werden wollte. Otto war aufgebracht, weil er aus dem Hundert- Seiten-Bericht wußte, daß es nur einem Verrückten einfallen konnte, nachts in Selvas Dschungel einzu- dringen. Otto stieg aus und spürte das Raumschiff lautlos hinter sich aufsteigen. Die eine Hand umspannte den schußbereiten Laser; mit der anderen schob er sich die Nachtbrille zurecht und zog die Schulterriemen seiner Tragetasche fest. Obwohl er nichts sah, sträub- ten sich seine Nackenhaare ein wenig, und er wirbel- te herum. In etwa zehn Meter Entfernung schwirrte ein fle- dermausartiges Tier mit einer Flügelspannweite von drei Metern in Schulterhöhe durch die Luft, ein blut- dürstiges Grinsen an der Stelle, wo der Kopf zu ver- muten war. Es schien die Größe eines Menschenkin- des zu haben und schrie auch wie ein Menschenkind, als es vom Laserstrahl mitten im Flug getroffen wur- de. Es flatterte über Ottos Kopf hinweg, fiel in das hohe Gras und zuckte zweimal. Nach einem Augen- blick der Stille waren schmatzende Geräusche zu hö- ren, als würden kräftige Kiefer Knochen zermalmen. Im zuckenden Lichtschein des Lasers hatte Otto einen Augenblick lang Hunderte hungriger Augen entdeckt. Und es gab keine Möglichkeit, das Raum-, schiff zurückzurufen… In gewissem Sinn ist es besser, sich mit einer be- kannten Gefahr zu befassen, wie groß sie auch im- mer sein mag, als ins Unbekannte vorzudringen. Otto wußte, daß dieser Dschungel wahrscheinlich eine recht interessante Tierwelt beherbergte – aber im Augenblick würde er sich mit dem Rücken an einem dicken Baumstamm wesentlich sicherer fühlen. Er warf einen kurzen Blick auf seinen Detektor und schlug den Weg nach Nordnordwest ein. Während der nächsten zehn Schritte feuerte er, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Er verwünschte seine Nervosität und die unnütze Energievergeudung. Beim zwölften Schritt tauchte eine rötliche Schlange vor ihm auf, ein großer Kopf mit glühenden Augen. Nachdem ihr der Laserstrahl den Kopf abgetrennt hatte, streckte sich ein acht Meter langer Rumpf im hohen Gras aus. Trotz seiner jahrelangen und überaus gründlichen Ausbildung hatte Otto sich plötzlich nicht mehr voll in Gewalt. Seine Muskeln zuckten, und sein Inneres wurde von einer primitiven Panik ergriffen. Er stürz- te zu Boden, rollte herum, sprang wieder auf und feuerte. Der zuckende Lichtschein des Lasers erhellte die Szene, und er sah, daß er gerade den Gefährten des ersten Tieres getötet hatte. Er nahm den Finger vom Abzug und entdeckte ein aufzüngelndes Feuer. Am Rande der Lichtung erklang die Imitation eines, menschlichen Gelächters. Otto überwand seine Panik und wurde plötzlich eiskalt. McGavin, du wirst sterben. Ich weiß es, McGavin. Was wirst du vor dem Tod tun? So viele wie möglich töten. Eine unbewiesene Theorie besagt, daß es in der gesamten Galaxis kein gefährlicheres Lebewesen als den Menschen gibt. Dennoch können nur wenige Menschen so gefährlich sein wie jemand, der alle Hoffnung auf ein Überleben aufgegeben hat – zumal wenn er ein perfekt ausgebildeter Mörder ist. Nur ein solcher Mann kann drei nächtliche Stunden allein im Dschungel von Selva überleben. Selvas menschenfeindliche Umwelt trug entschei- dend zu der seltsamen politischen Entwicklung des Planeten bei. Die ursprüngliche Kolonie bestand aus fünfhundert idealistischen Freiwilligen des irdischen Staates Uruguay, Mitglieder der Gruppe Programa Politico de Mao, die den Planeten billig von einer Bergbaugesellschaft erstanden hatten, nachdem diese keine weiteren Arbeiter zur Bedienung ihrer Maschi- nen finden konnte. Die Vorstellungen von El Programa hätten sich in einer gastfreundlicheren Umgebung auch ohne wei- teres verwirklichen lassen. Die Bergbaugesellschaft hatte die auf Selva lau-, ernden Gefahren nicht völlig verschwiegen. Sie ka- men gut bewaffnet, mit elektrischen Zäunen und grimmiger Entschlossenheit; sie hatten keineswegs die Absicht, sich dem Dschungel bei Nacht zu nä- hern. Für die Tierwelt des Planeten bedeuteten sie jedoch einen willkommenen Nachschub an Protein – fünfundzwanzigtausend Kilogramm Fleisch. Sie verloren annähernd hundert Mitglieder am er- sten Tag und die gleiche Anzahl während der folgen- den Woche. In der nächsten Woche verschwanden vierzig, dann achtzehn und schließlich noch einmal acht. Es wäre naiv zu behaupten, die Natur hätte die üb- liche Auswahl getroffen und nur die Zähesten über- leben lassen. Dieses Moment war natürlich vorhan- den, doch simples Glück und Erfahrung spielen eine größere Rolle. Dem Beruf und dem Temperament nach waren sie allesamt Bauern gewesen, und nicht einmal der zäheste Bauer konnte sich gegen die Tierwelt von Selva durchsetzen – es sei denn durch Glück. Je länger er am Leben blieb, desto besser vermochte er sich anzupassen – und wurde dadurch allerdings auch zu einem unangenehmen Nachbarn. Innerhalb einer Generation entartete die Gemein- schaft jener, die ausgezogen waren, menschenfreund- liche Formen des Zusammenlebens auszuprobieren, zu einem bizarren System räuberischer, einander be- lauernder Klans – eine Gesellschaftsform, die eher, dem vierzehnten als dem dreiundzwanzigsten Jahr- hundert entsprach. Es begann mit der Stellung der Frauen. Laut El Programa waren die Frauen den Männern in jeder Beziehung gleichgestellt, wenn man von der biologi- schen Funktion bei der Geburt von Kindern absah. Um die Kolonie vor Inzucht zu bewahren, hatte man zehntausend verschiedene Proben mit männlichem Samen mitgeführt, während sich alle Männer der Ex- pedition sterilisieren ließen. Dank dem Fortschritt der Medizin konnte eine Frau schon vier bis fünf Monate nach der künstlichen Zeugung ein Kind zur Welt bringen. Nachdem sich die Bevölkerung bei der Zahl zwei- hundert eingependelt hatte, stellte sich heraus, daß jede Frau das ganze Leben hindurch schwanger sein mußte, um das Überleben der Rasse zu gewährlei- sten. Gleichzeitig mußte sie vor Selva geschützt wer- den – und das bedeutete lebenslange Gefangenschaft bis ins hohe Alter. Zunächst blieben die Frauen an Bord der fünf Raumschiffe, die jetzt nutzlos für Transportzwecke waren, immerhin aber Schutz gegen die Zähne und Krallen der Raubtiere boten. Die Männer verbrachten die Nächte bei ihnen, während sie am Tage Jagdzüge unternahmen oder sich mit Feldarbeiten beschäftigten, wobei sie stets auf der Hut sein mußten., Während der ersten zehn Jahre bauten sie hohe Befestigungsanlagen um jedes Raumschiff. Elektri- sche Zäune hatten sich als unwirksam erwiesen, weil die Körper der getöteten Raubtiere leicht eine Brücke für die nachfolgenden bildeten. Im Laufe der Jahre wurden die Festungswälle um die Raumschiffe zu eng für die wachsende Bevölke- rung. Die Festungen wurden zu Dörfern erweitert. Die fünf Dörfer wuchsen schließlich zusammen und bildeten die sich ausbreitende Stadt Castile Cervan- tes. Es gab Schulen, aber in ihnen wurde nur ein Mi- nimum an akademischen Kenntnissen, dafür aber die Kunst des Überlebens unterrichtet. Die meisten Angehörigen der ersten Generation betrachteten sich noch als Kommunisten. Die zweite Generation hielt Kommunismus für unsinnig. Die dritte Generation zeigte nostalgische Elemente, aber in der zehnten Generation wußten nur noch wenige Menschen, was Kommunismus eigentlich bedeutete. Da die Frauen wie köstliche Juwelen bewacht wurden und die Männer in ständigem Kampf gegen die feindliche Umwelt standen, entwickelte sich eine seltsame Gesellschaftsform. Nur Kraft und Rück- sichtslosigkeit gewährleisteten das Überleben; infol- gedessen setzten sich die Stärksten und Rücksichts- losesten an die Spitze ihrer Gruppe und machten ihre eigenen Gesetze., Sie eroberten ihren eigenen Planeten im Verlauf von drei Jahrhunderten. Als sie sich nach anderen Planeten umsahen, die sie erobern könnten, brachen sie eines der wenigen interplanetarischen Gesetze. Und die Confederaciõn schickte durch ihren heimli- chen Arm, das TBII, einen Mann zu Ermittlungen aus. Bei Tagesanbruch war Otto McGavin noch am Leben, und die Raubtiere zogen sich in ihre Löcher und Höhlen zurück. Er saß erschöpft inmitten eines großen Kreises von verkohltem, bizarr aussehendem Fleisch. Das hatte ihm das Leben gerettet. Seit einer Stunde war er ohne einen Schuß ausgekommen – Selvas nächtliche Raubtiere stürzten sich lieber auf frisch erlegtes Fleisch als auf unsichere Beute, die Feuer spuckte. Als die Sonne über dem Urwald aufstieg, konnte Otto keinerlei Leben auf der Lichtung oder im Dschungel entdecken. Er fühlte sich sicher und nahm wieder die Persönlichkeit von Ramos Guajana an. Er drohte den getöteten Raubtieren mit erhobener Faust und fluchte triumphierend. Mit dem Messer schnitt er sich ein Stück Fleisch aus einem der sechs Schenkel eines Raubtiers und grub die Zähne hinein, während er in den Dschungel eindrang. Mit Ramos’ normalen Schritten konnte er in an- derthalb Stunden 12,8 Kilometer zurücklegen. Auf den schmalen Dschungelpfaden kam er nur langsam, voran und atmete deshalb auf, als er am Fuß einer Anhöhe auf eine Lichtung stieß. Ein hübsches Stein- gebäude stand auf der Anhöhe. Davor lag auf halber Höhe ein Festungsgraben, der einen ansehnlichen Wall mit einem Netz aus Elektrodraht am höchsten Punkt schützte. Er folgte dem Weg bis zum Graben. Eine stählerne Zugbrücke senkte sich herab, und Ramos eilte hinüber, während hinter ihm die Tages- geräusche des Dschungels einsetzten. Eine Stahltür vor ihm führte in den Wall hinein. Hinter ihm wurde die Zugbrücke hochgezogen, und er war gefangen. »Ich bin nicht darauf programmiert, Sie einzulas- sen«, erklang eine metallische Stimme, »und die Be- sitzerin ist nicht im Hause. Sie können also nicht identifiziert werden.« Auf einem kleinen Balkon links von ihm flammte ein Licht auf. »Hier finden Sie immerhin Schutz vor der Nacht. Außerdem ste- hen Ihnen sanitäre Anlagen und Automaten mit Le- bensmitteln zur Verfügung.« Es waren Münzautomaten, und er hatte nur große Geldscheine bei sich – noch dazu gefälschte. »Kannst du einen Fünfziger wechseln?« fragte er die Maschine. »Wiederholung, bitte.« »Kannst du einen Fünfziger wechseln?« »Ich bin nicht darauf programmiert, Sie einzulas- sen…« »Ach, halt die Klappe!« Darauf war die Maschine, offensichtlich programmiert, denn sie war sofort still. Als Ramos die Toilettentür öffnete, ging das Licht aus. Er döste etwa eine Stunde auf der Bank hinter dem nutzlosen Automaten mit den Lebensmitteln. Ein verhaltenes Geräusch – das Öffnen der Tür – weckte ihn. Er kauerte hinter dem Automaten und richtete den Laser auf die Stelle, wo er die Tür vermutete. Die Nachtbrille steckte in seiner Ausrüstungstasche. »Guajana«, fragte eine Frauenstimme, »Ramos Guajana?« »Si. Aqui.« Seine Kontaktperson, R. Eshkol, war eine Frau? Auf diesem Planeten? »Ah, da sind Sie.« Sie kam auf ihn zu. »Stecken Sie die Waffe ein und nehmen Sie meine Hand. Ich führe Sie.« Sie folgten einem steil nach oben führenden Weg. »Ich war mit einem Flugzeug unterwegs und habe Sie gesucht«, sagte sie. »Dabei entdeckte ich die Stelle, wo Sie übernachteten. Recht eindrucksvoll, besonders ohne Nachtbrille.« Er schwieg. Wie viele Monate war es her, seit er die Nähe ei- ner Frau gespürt hatte? Im Griff ihrer warmen Hand begann seine Hand zu schwitzen. Die aufsteigende sexuelle Erregung war so heftig, daß sie sich mehr auf seinen Magen als auf die Lenden auswirkte. Aber, er konnte es sich nicht verkneifen, mit der freien Hand ihre wohlgerundete Hüfte und ihr straffes Hin- terteil zu berühren. »He, Freundchen, lassen Sie Ihre Hände aus dem Spiel.« »Mierde, no veo«, knurrte er und fügte krächzend hinzu: »Tut mir leid, ich kann nichts sehen.« »Aha … na, wir sind gleich da.« Ramos sah lediglich einen grauen Lichtschimmer. »Hier.« Sie blieb stehen und fummelte an einem schweren Eisenschloß herum. »Das Vista Hermosa Hotel – ›Hotel der Schönen Aussicht‹«, übersetzte sie zu allem Überfluß. »Der Hotelbetrieb wurde vor zwanzig Jahren eingestellt – achten Sie auf Ihre Schritte –, und die Confederaciõn hat das Haus durch Mittelsmänner aufkaufen lassen.« Sie gingen über einen muffig riechenden Teppich. »Für solche Gelegenheiten?« »Nein… es ist ganz einfach: Sie glaubten eine Weile, der Senado würde nach Paracho ziehen, und brauchten ein billiges Gebäude für das Konsulat. Da- bei ist es dann geblieben. Vorsicht, eine Treppe!« Ramos stolperte an der untersten Stufe und hielt sich an ihrem Bein fest. Er zog sich daran hoch, und sie zeigte ihm ihre Zuneigung mit einer schallenden Ohrfeige. Ramos umspannte ihr Handgelenk und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Er fiel über sie, drückte sie, mit den Knien auf den Boden, setzte die Lasermün- dung an ihre Kehle und stieß einen gutturalen Fluch aus. Er spielte mit dem Sicherungsflügel und stand langsam auf. »Entschuldigung. Denken Sie bitte immer daran, daß ich Ramos Guajana bin.« Sie stand auf und strich den Rock glatt. Ihre Stimme wurde unsicher. »Ich weiß – aber auch ich bin, wer ich bin. Auf Shalom … berührt man andere Leute nicht so!« Darauf gab es nichts zu erwidern; Ramos schob sich umständlich die Tasche auf dem Rücken zu- recht. Sie seufzte. »Geben Sie mir Ihre Hand. Es ist nicht mehr weit.« Sie gingen die Treppe hinauf und links einen Gang hinunter. Die Tür zu Ottos Zimmer öffnete sich laut- los und schnappte hinter ihnen zu. »Das Schloß reagiert auf Daumenabdrücke. Wir werden ihren Abdruck speichern.« Blendendes Licht wurde eingeschaltet. Der fensterlose Raum enthielt drei billige Möbel- stücke: in einer Ecke ein Luftbett und in der anderen einen Schreibtisch mit einem Stuhl. Ein kleiner Bild- schirm auf dem Tisch zeigte eine Zelle mit einem schlafenden Mann. Neben dem Tisch stand ein Ge- stell mit sieben Schwertern. Ramos trat hinzu und fuhr mit dem Finger über die Klinge., »In recht gutem Zustand«, sagte er, zog das Schwert heraus und drang damit auf einen unsichtba- ren Gegner ein. Dann sah er sich das Schwert genau- er an. »Ich brauche einen Wetzstein und einen Leder- streifen. Außerdem ein Band für den Griff – ein Iso- lierband, wie es die Elektriker benutzen.« Er blickte auf und betrachtete das Mädchen zum ersten Mal. »Hmm …« Am Standard von Shalom gemessen, war sie eine eher schlicht aussehende Frau. Was be- deutete, daß Figur und Gesicht vielleicht nicht ganz der Vollkommenheit der schönen Helena entspra- chen. Sie trug die übliche Kleidung aller jungen Frauen in diesem Gebiet von Selva: ein Samtmieder, das nur den Brustansatz freigab, dazu einen Glocken- rock. In Anbetracht der Tatsache, daß neun Zehntel von ihm dreimal wegen Vergewaltigung hinter Gittern gesessen und zehn Zehntel wochenlang in einer en- gen T-46 gesteckt hatten, benahm sich Ramos wie ein Gentleman. Er ließ das Schwert fallen und drang mit ausgestreckten Händen auf sie ein… Aus einem intimen Versteck ihrer Kleidung zauber- te sie eine kleine, schwarze Pistole hervor. »Bleiben Sie stehen!« In ihrer Stimme lag mehr Hysterie als Drohung. Zweifellos würde sie keinen Augenblick zögern, ihn niederzuschießen, und die drohende Ge- fahr gab Otto die volle Kontrolle über seinen Körper., Sein Laser lag auf der Tasche, die er in der Mitte des Raumes abgestellt hatte. Wenn sie sich im Um- gang mit ihrer Waffe auskannte, konnte sie ihn min- destens fünfmal niederstrecken, ehe er den Laser er- reichte. Er legte beide Hände auf den Kopf. »Na, na«, murmelte er. »Regen Sie sich doch nicht auf, es ist nur … na ja, Sie wissen doch …« »Es stimmt also, was man mir sagte«, erwiderte sie ruhiger und sogar etwas neugierig. »Sie sind in Wirklichkeit zwei Personen.« »Richtig.« Er ließ die Hände auf dem Kopf und verbeugte sich ein wenig aus der Hüfte heraus. »Otto McGavin steht Ihnen zu Diensten.« »Gut, bleiben Sie erst mal eine Weile ›Otto Mc- Gavin‹.« Sie senkte die Pistole. »Was für einen selt- samen Namen Sie haben …« Ramos ließ die Hände sinken, krallte sie ein wenig zusammen und schob sich Zentimeter um Zentimeter vor. Sie brachte die Pistole erneut in Anschlag, und er legte die Hände wieder auf den Kopf – diesmal je- doch entschieden langsamer. »Können Sie sich nicht wenigstens eine Sekunde beherrschen?« »Beruhigen Sie sich bitte … äh, nein … ich kann mich nicht beherrschen. Wenn ich nicht unmittelbar bedroht werde, schlüpfe ich automatisch in die Rolle von Guajana – und dann verhalte ich mich im Wider- spruch zu meinem wirklichen Charakter.«, Sie wich zur Tür zurück. »Na, mir gegenüber wer- den Sie sich jedenfalls keine Sekunde so verhalten.« Sie legte die Hand auf den Türknopf. »Ich denke, wir werden das Schloß lieber nicht neu einstellen – so- lange ich nicht weiß, was ich mit Ihnen anfangen soll.« Sie schaltete das Licht aus, schlüpfte zur Tür hinaus und knallte sie hinter sich ins Schloß. Sekundenbruchteile später prallte Ramos gegen die verschlossene Tür. »Cago en la lache de la madre de su madre!« raste er und trommelte minutenlang mit den Fäusten gegen die Türfüllung, wobei er immer wildere Flüche aus- stieß. Dann wankte er schwerfällig durch den dunk- len Raum und tastete sich zum Bett. »Aufwachen, McGavin, Guajana – wie immer Sie heißen mögen.« Ramos fuhr hoch und sah sich um, aber es war niemand im Raum. Dann entdeckte er ihr Gesicht auf dem kleinen Bildschirm. »Geiles Luder«, schnaubte er unlogisch. »Ich will dich nicht mehr haben. Laß mich gehen, damit ich mir eine Frau nach meinem Geschmack suchen kann.« Sie rümpfte verächtlich die Nase. »Früher oder später werden Sie wieder frei sein. Jetzt liegt noch eine Aufgabe vor uns.« Ihr Bild verschwand vom, Bildschirm und wurde durch den echten, in seiner Zelle sitzenden Ramos Guajana ersetzt. Die Ähn- lichkeit mit Otto/Ramos war verblüffend. »Beachten Sie die frische Beule auf seinem Kopf und die Verletzung an seiner Lippe«, sagte die Frau- enstimme. »Er hat sich vorgestern einem Wärter wi- dersetzt. Nach unseren Anweisungen müssen Sie ihm bei Antritt Ihrer Aufgabe bis auf das letzte I-Tüpfelchen gleichen. Kosmetische Mittel können wir aus Sicher- heitsgründen natürlich nicht einsetzen. Deshalb wer- den wir Ihnen die gleichen Verletzungen zufügen…« »Kommen Sie und versuchen Sie’s nur!« »Das ist nicht erforderlich. Ich persönlich jeden- falls muß nicht kommen.« Die Tür wurde aufgestoßen, und ein großer, häßli- cher Kerl mit einer Schußwaffe in der einen und ei- nem Knüppel in der anderen Hand stand auf der Schwelle. »Bedauere, Oberst McGavin«, sagte er und hob die Schußwaffe. »Betäubungsmittel.« Er drückte ab, als Otto zum Sprung ansetzte. Ramos erwachte mit stechenden Kopfschmerzen und einer geschwollenen Lippe. Vorsichtig fuhr er mit der Zungenspitze über die Zahnreihen; alle Zähne waren noch vorhanden, obwohl einige ziemlich lose saßen., »In der Schublade liegen Schmerztabletten, Oberst.« Der Mann, der ihn betäubt und dann ver- mutlich verprügelt hatte, hielt sich noch im Raum auf – oder war zurückgekehrt. Er trug jetzt keine Schuß- waffe und keinen Knüppel mehr. Er saß mit zwei Schwertern und zwei hellen Plastikhelmen an der Wand. »Nennen Sie mich Ramos«, erwiderte McGavin und trat an den Schreibtisch. Ihm war, als würde je- mand mit einem Eispickel gegen seine Schläfe häm- mern. Er schloß die Augen, legte die Hände vor das Gesicht und versuchte vergebens, den Schmerz zu verdrängen. Er schluckte die Tablette und tastete behutsam über seine Lippe. »Vermutlich muß ich mich bei Ih- nen auch noch bedanken? Leisten Sie häufiger derar- tige Dienste?« »Nicht für kosmetische Zwecke.« Der Mann stand auf. »Dachte, Sie wollten vielleicht ein paar Runden mit mir üben. Das sind Übungs-Schwerter, epées.« Er warf Ramos eines zu, das dieser geschickt am Griff auffing. »Fühlen Sie sich dazu in der Lage?« »Ich denke schon.« Im Grunde genommen fühlte sich Ramos/Otto um tausend Prozent besser als in der Praxis von Dr. Ellis auf der Erde – trotz der fri- schen Verletzungen. Die Leute auf der Erde hatten ihn übel zurichten müssen, denn die Verletzungen, heilten während der vierwöchigen Reise ja wieder ab. Zwar war er von der Normalform McGavins oder Guajanas noch ein ganzes Stück entfernt – aber er spürte, daß er bereits einiges an Kraft und Geschick- lichkeit zurückgewonnen hatte. »Offen gestanden«, sagte der große Mann, wäh- rend Ramos das Schwert überprüfte, »bin ich skep- tisch. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man Ihnen in wenigen Wochen all das beibringen konnte, wozu Guajana viele Jahre seines Lebens benötigte.« Ramos zuckte die Schultern. »Es ist nicht von Dauer.« Er schätzte den Gegner ab. Für einen Mann seiner Größe bewegte er sich erstaunlich behend. Er war etwa anderthalb Kopf größer als Ramos und hat- te lange Arme und Beine. Doch Ramos wußte, daß Männer mit dieser Reichweite einen kleineren Geg- ner für gewöhnlich unterschätzten. Es mußte Spaß machen, diesen Burschen zu besiegen. Ramos setzte den Helm auf und schob den plasti- schen Gesichtschirm zurecht. »Ich werde es erst mal leicht angehen lassen«, sag- te sein Gegner. »Nicht nötig.« Sie bauten sich in der Mitte des Raumes auf. Ramos sah, daß die Klinge des Gegners etwa zwei Zentimeter aus der Mitte nach rechts ragte und dadurch Schulter und Arm entblößte. Entweder war sein Gegner in schlechter Form, oder er wollte ihn in eine Falle locken – dann aber in eine nicht sehr, geschickte. Ohne weiter darüber nachzudenken, setz- te Ramos zum Angriff an. Er täuschte einen Stich auf den entblößten Oberarm vor, schlüpfte unter der Deckung hindurch, achtete auf seinen eigenen Schutz und stieß die stumpfe Schwertspitze genau zwischen die dritte und vierte Rippe des Gegners. »Tocar«, erkannte dieser an und rieb sich nach- denklich die Stelle, wo er getroffen worden war. »Ich glaube, ich muß ein bißchen vorsichtiger sein.« Er war danach tatsächlich vorsichtiger und erwies sich als ausgezeichneter Fechter – doch in fünf Run- den erzielte Ramos fünf Treffer. Keine Runde dauer- te länger als ein paar Sekunden, und die längste be- stand aus einem zweifachen Schlagabtausch. »Sehr merkwürdig.« Der Mann nahm die Ge- sichtsmaske ab. »Oberst, äh, ich meine Ramos… Sie sagen, man hätte Ihnen beigebracht, wie Guajana zu fechten?« »Stimmt.« »Aber ich habe viele hundert Male mit Guajana gefochten, und…« »Und Sie leben noch?« »Nein, nein, nicht im Duell. Er war vor fünf, sechs Jahren mein Ausbilder. Deshalb … na ja, Sie fechten keineswegs wie er … Ein normaler Gegner würde es vielleicht nicht bemerken, aber ich weiß genau, wo seine Schwächen liegen, und ich habe ihn ein paar- mal besiegt. Bei Ihnen sind diese schwachen Stellen, überhaupt nicht vorhanden.« »Aha.« Mit zusammengekniffenen Augenbrauen dachte Ramos an das Einsatz-Profil. »Nun, das ist verständlich. Ich mußte aus zweiter Hand lernen, denn der wirkliche Guajana war ja hier eingesperrt. Ich hatte die besten Fechtmeister, die man auftreiben konnte – aus Italien, Ungarn, Frankreich …« »Den weiten Weg von Frankreich!« »Nein, nicht von dem gleichnamigen Planeten; das sind Länder auf der Erde. Man holte diese Meister und zeigte ihnen Filmaufnahmen von Guajana beim Training. Dann brachten die Meister mir alles unter Hypnose bei. Auf diese Weise wurde mir Guajanas Stil vermittelt – oder zumindest jener Eindruck, den meine Fechtmeister davon gewonnen hatten.« »Kompliziert«, bemerkte der Mann. »Aber im- merhin einfacher, als von Grund auf zu lernen. Ich bin froh, daß dieses Können nicht von Dauer ist.« »Ich wünschte, es würde ein bißchen länger anhal- ten. Ich muß diesen Einsatz hinter mich bringen, ehe die eingeprägten Eindrücke verblassen. Und das sind allenfalls zwei Monate.« »Ich bin natürlich gern bereit, Ihnen zu helfen …« »Nein, reden Sie nicht davon. Sie dürfen eigent- lich von dieser ganzen Sache gar nichts wissen. Das gilt auch für die kleine Nutte …« »Rachel?« Er starrte Ramos betroffen an. »Aber… sie ist die Kontaktperson zum TBII.«, »Die es auf diesem rückständigen Planeten über- haupt nicht geben dürfte! Ich fühle mich nie sicher bei einem Einsatz, wenn jemand in der Nähe meine wahre Identität kennt. Es gibt recht wirksame Me- thoden, einen Menschen zum Reden zu bringen. Na gut, ihr beide wißt, wer ich bin. Wer eigentlich noch – das ganze Botschaftspersonal?« »Nein, nur wir beide.« »Dann wäre es das beste, ihr beide würdet von diesem Planeten verschwinden. Auf der Stelle.« »Mr. Guajana«, kam Rachels helle Stimme vom Bildschirm, »versuchen Sie sich bitte daran zu erin- nern, daß wir auf diesem Planeten die offiziellen Vertreter der Confederaciõn sind. Sie sind lediglich ein Werkzeug, ein Spezialist, der uns zu Hilfe ge- schickt wurde, um dieses Problem zu lösen. Es ist nach wie vor unsere Verantwor…« »Ich weiß, und ich pfeife darauf …« Ramos hielt inne und fuhr leiser fort: »Tief in meinem Innersten ist es mir gleichgültig, ob Selva tausend Schlacht- kreuzer baut und Grünwelt ins Steinzeitalter zurück- bombardiert. Den Namen Selva hätte ich nie im Le- ben auch nur gehört, wenn Ihr Alvarez nicht plötz- lich von diesem Attila-Komplex befallen worden wä- re.« Vage erinnerte er sich daran, daß Guajana Da- men gegenüber normalerweise überaus höflich war. »Dann glaube ich kaum, daß Sie für diese Aufgabe ausreichend motiviert sind«, versetzte sie verächt-, lich. »Empfinden Sie denn nicht mal ein bißchen Sympathie mit …« »Sympathie, Motivation, mierde.« Er atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. »Sympathien können sich wandeln, und Motivation ist ein Wort für etwas, das niemand so recht versteht. Ich gebe mein Bestes, weil ich mit allen Mitteln auf diesen Auftrag vorbereitet wurde. Ich bin völlig zuverlässig, weil nur das TBII über das Wissen und die Ausrü- stung verfügt, die meine Konditionierung brechen können.« »Sie sind eine durch und durch verachtungswürdi- ge Person.« »Weil ich Sie in den Hintern gekniffen habe, in Ih- ren fetten …« »Bitte!« Der große Kerl fuchtelte mit beiden Hän- den in der Luft herum. »Rachel, niemand bezweifelt Ihre Motivation, und Oberst, niemand bezweifelt Ihre Eignung. Warum lassen wir das nicht alles beiseite und befassen uns statt dessen mit dem eigentlichen Problem?« »Erst noch eine Kleinigkeit«, knurrte Ramos. »Ich weiß, wer Rachel Eshkol ist, denn sie wurde im Be- richt erwähnt – aber wer, zum Teufel, sind Sie?« »Octavio de Sanchez. Ich arbeite für die Bot- schaft.« »Na, ich bin froh, daß man Sie nicht einfach von der Straße aufgelesen hat. Was machen Sie eigentlich, in der Botschaft, wenn Sie sich gerade mal nicht mit Spionage beschäftigen?« »Nun, äh, ich befasse mich mit Datenanalysen in der bevölkerungsstatistischen Abteilung.« »Und was hat Sie dazu qualifiziert, an unserem kleinen Geheimnis teilzuhaben?« »Ich brauchte einen …« begann Rachel. »Sie hätten nicht mal sich selbst gebraucht!« »Ich brauchte einen durch und durch zuverlässigen Mann, der Guajana gut kannte. Um Ihre Verkleidung und Ihre schauspielerischen Qualitäten zu überprüfen.« »Wer ist verkleidet, wer schauspielert? Ich … bin … Ramos … Guajana.« »Er spricht genau wie er«, sagte Octavio. »Sehen Sie es ein?« Ramos gestikulierte mit den Händen. »Damit haben Sie das Risiko meiner Ent- deckung verdoppelt!« »Señor de Sanchez ist absolut vertrauenswürdig.« Sie beugte sich vor, und ihr Gesicht rötete sich auf dem Bildschirm. »Oh, Sie wollen also diesen Weg einschlagen … Octavio, alter Freund, wenn ich Ihnen eine Million P’s biete – würden Sie sich dann auf die Seite von Alvarez schlagen …?« »Nein. Er ist zu abgefeimt …« »Zwei Millionen? Fünf? Zehn? Ihr Leben? Um Ih- re Kinder vor einem qualvollen Tod zu bewahren? Ihre Mutter?«, »Ja, ich verstehe natürlich. Bei einem entspre- chend hohen Preis würde jeder Mann …« »Jeder Mann oder jede Frau auf diesem Planeten – außer mir.« Ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen. »Warum trennen Sie sich dann nicht von uns … ge- wöhnlichen Sterblichen?« fragte Rachel. »Ich habe daran gedacht«, knurrte Ramos. »Dann sagte ich mir, daß Sie mir später vielleicht nützlich sein könnten. Das ist aber nicht der Fall.« »Und warum bringen Sie uns also nicht einfach um?« »Oder versuchen es zumindest«, fügte Octavio hinzu und umspannte das Schwert. »Einmal, weil das unnötig die Aufmerksamkeit auf unser Unternehmen richten würde. Zum anderen, weil der richtige Ramos nicht völlig amoralisch ist – und bestimmt nicht unpraktisch veranlagt. Er tötet Menschen nicht einfach aus Spaß an der Sache oder weil ihm ihre Existenz im Wege steht.« »Er hat sechzehn Menschen getötet«, versetzte Octavio grimmig. »Siebzehn. Doch jedesmal, weil er meinte, einen guten Grund zu haben, oder weil er sich einen safti- gen Profit ausrechnete.« Ich habe mehr getötet als er, dachte Otto. Im Interesse der Confederaciõn. »Aber zugegeben, vielleicht benötigt er keine so stichhalti- gen Gründe wie Sie.«, Octavio nickte nachdenklich. »Damit kommen wir aber nicht weiter. Sollten wir nicht lieber einen Plan schmieden, um unsere Aktionen zu koordinieren …« »Der ursprüngliche Plan wird verworfen. Ramos zu entführen und mich in seine Zelle zu schmuggeln, um mir dann zur Flucht zu verhelfen … das ist genau eine dieser verdammten Operetten, die sich die Pla- nungsabteilung gerne ausdenkt.« »Aber wir haben unsere Anweisungen …«, sagte Rachel nachdrücklich. »Sehen Sie sich den Rang des Mannes an, der die- se Anweisungen unterschrieben hat, und dann beach- ten Sie meinen eigenen Rang. Das TBII ist vielleicht nicht besonders tüchtig, besteht aber auch nicht aus lauter Dummköpfen … Der militärische Rang wurde mir nur deshalb verliehen, damit ich mich bei Leuten wie Ihnen durchsetzen kann.« »Und wie lautet Ihr Plan?« fragte sie. »Inwiefern ist er besser?« »Je weniger Sie wissen, desto besser für uns alle. Sie können zwei Dinge für mich erledigen, und dann, Octavio, kehren Sie zu Ihren Statistiken zurück, und Señorita Eshkol kann wieder tun… was ihr Spaß macht.« »Ausgezeichnet«, versetzte sie hitzig. »Je früher Sie aus meinem Leben verschwinden, desto glückli- cher werde ich sein.« »Was sollen wir für Sie erledigen, Oberst?«, Ramos warf lächelnd einen Blick auf den Bild- schirm und wandte sich Octavio zu. »Erstens muß ich möglichst unauffällig zur Gruppe Alvarez gelan- gen – vermutlich am besten mit einem Pferd.« Sie planen einen interplanetarischen Krieg, aber ohne Pferd und Wagen würde ihr Transportsystem zu- sammenbrechen. »Sobald ich weg bin, müssen Sie den echten Ramos beseitigen.« »Töten?« »Das wäre am sichersten. Sie können das selbst entscheiden.« »Sie vergessen, daß Señor Sanchez und ich keine gedungenen Mörder sind. Wir werden ihn wie ge- plant entführen und in den Raum sperren, in dem Sie sich gerade aufhalten.« »Na schön. Ich würde Ihnen allerdings raten, zu- erst die Schwerter wegzuschaffen.« Als Octavio ging, warf sich Ramos aufs Bett und seufzte erleichtert. Es war schwierig, wie Otto zu denken und gleichzeitig wie Ramos zu handeln. Von morgen an würde er rasch handeln müssen. Ein Jammer, denn er hätte die Entführung gern überwacht. Vielleicht würde der Gefangene bei ei- nem Fluchtversuch getötet werden. Gut, jetzt dachte er schon mehr wie Ramos., Auf dem Weg zum Alvarez-Klan mußte Ramos über zweihundert Kilometer durch das Gebiet der Klans Tueme und Amarillo zurücklegen. Mit dem klappri- gen Gaul, den Octavio ihm beschafft hatte, benötigte er dazu zwei volle Tage. Er übernachtete in einem Gasthof an der Amarillo-Alvarez-Grenze, und es stellte sich heraus, daß die von ihm gemietete Prosti- tuierte Ramos seit Jahren kannte. Sie ließ eine ver- wunderte Bemerkung über seine ungewohnte Zärt- lichkeit fallen, schien jedoch eher erleichtert als arg- wöhnisch zu sein. Welche anderen wesentlichen Tatsachen über Guajana waren der Planungsabteilung unbekannt ge- blieben? Ramos konnte nur hoffen, mit seinem an- geblichen Gedächtnisschwund durchzukommen. Vor dem Überqueren der Tueme-Grenze hatte er sich noch einmal mit dem Vista Hermosa in Verbin- dung gesetzt und von Octavio erfahren, daß die Ent- führung planmäßig verlaufen war. Keine Gewaltan- wendung; lediglich ein paar Bestechungsgelder und ein paar Versetzungen. Guajana war im Hotel sicher eingesperrt. Für seine Ergreifung hatte man einen Preis ausgesetzt, doch die Beschreibung war ziem- lich ungenau. Ehe List würde ihm zwei Tage Zeit geben – bis neue Steckbriefe mit Fotos herausgege- ben wurden. Zu diesem Zeitpunkt würde er mit Si-, cherheit den Klan Alvarez erreicht haben. Es war eine mühselige Reise. Mit Ausnahme der gepflasterten Straßen in den Städten waren die Wege uneben. Wenn ihm ein Fahrzeug begegnete, wurde er von einem Regen kleiner Steinchen überschüttet, und es dauerte lange, bis sich der aufgewirbelte Staub wieder setzte. Die großen Lastzüge, die ihm in Ab- ständen von etwa einer halben Stunde entgegenka- men, waren besonders schlimm und machten ihn mehr als einmal mit dem Dschungel vertraut. Er machte die Erfahrung, daß es für Reiter und Pferd besser war, sich hinter den Büschen am Wegrand zu verschanzen, bis die Fahrzeuge vorüber waren; an- dernfalls wären sie schon am ersten Tag auf der Strecke geblieben. Als Ramos endlich Castile Alvarez erreichte, war er einen halben Zentimeter dick mit Staub bedeckt, hatte Kratzwunden von Dornen und wirbelnden Stei- nen und konnte sich vor lauter Sattelschwielen kaum bewegen. Er stellte das Pferd in einem Mietstall ab, badete eine Stunde in heißem Wasser, ließ die größe- ren Wunden behandeln und sich massieren, erstand neue Kleidung und ging mit weichen Knien zur Burg. Die Burg war eine ätherische Phantasie aus Glas und Chromstahl, offensichtlich erst kürzlich erbaut, aber im Stil mehr als hundert Jahre der Architektur weiterentwickelter Welten nachhinkend. Am Ein-, gangsportal standen mit gekreuzten Lanzen zwei Doppelposten in archaisch anmutenden Uniformen. Ihre Bewaffnung wirkte eher ornamental als funktio- nell, doch seitlich von ihnen standen auf Stahlbeton- Bunkern zwei Laser der Megawatt-Klasse. Ein Schild leitete Besucher zu einer kleinen Kuppel ne- ben einem der Bunker. Das riesige grüne Auge des Lasers richtete sich auf Otto, als er vorüberging. Der Raum in der Kuppel hatte rote Mauern und einen schwarzen Fußboden. Gegenüber vom Eingang saß eine zierliche Frau hinter einem Miniatur- Schreibtisch. In dem schwachen Licht waren Einzel- heiten nur schwer auszumachen, aber offensichtlich handelte es sich um eine holographische Projektion. Die Frau machte einen geschäftigen Eindruck. »Geben Sie mir bitte Ihren Namen und die Abteilung oder Person, die Sie aufzusuchen wünschen.« »Mein Name ist Ramos Mario Guajana. Ich denke, daß ich El Alvarez aufsuchen sollte.« »Oh … nein, Sir, das ist ganz unmöglich.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. Ramos erwiderte einfach ihren Blick. »Einen Augenblick, bitte.« Sie tippte auf die Ta- statur vor ihr. »Guajana mit einem ›a‹?« »Ja.« Sie tippte weiter und blickte auf einen kleinen, rechts von ihr angebrachten Bildschirm. »Oh … Mayor Guajana, Sie sollen sich direkt bei, Commandante Rubirez melden … Hat er ein festes Büro?« »Äh … ich weiß nicht.« Mayor Guajana? Noch ein Punkt, den die Planungsabteilung übersehen hatte – er hatte einen militärischen Rang. »Mal sehen, ob ich ihn aufspüren kann.« Sie spiel- te weiter auf der Tastatur und sprach ruhig ins Mi- krofon. »Commandante Rubirez ist in der Bibliothek, Ab- teilung Seltene Bücher«, sagte sie, als hätte sie damit ihre Aufgabe erfüllt. »Wo ist das?« »Bitte?« Sie legte den Kopf ein wenig auf die Sei- te und kniff die Augenbrauen zusammen. »Wissen Sie, ich bin ein Stratege auf dem Schlachtfeld, aber in Städten kenne ich mich nicht aus. Wo ist die Bibliothek?« Mit übertriebener Vereinfachung erklärte sie den Weg: sechster Stock, Südflügel. Ramos versuchte, seinen neuerworbenen Titel bei der Palastwache auszuspielen, als man sein Schwert verlangte. Der wachhabende Offizier erklärte ihm eiskalt, daß die Palastwache nicht der militärischen Befehlsgewalt unterliege, und wenn Ramos sich wei- ter weigere, das Schwert abzugeben, würde er auf der Stelle niedergebrannt werden. Er gab es ab. Ein Me- tall-Detektor summte, als er durch das Tor ging. Die Pistole nahmen sie ihm ebenfalls ab., Es war kühl im Palast, Auswirkungen der ersten Klimaanlage, die Ramos nach dem Verlassen der kleinen T-46 sah. Im ersten Stock lagen weiche Tep- piche, und an den Wänden hingen Gemälde. Manche Wände bestanden vom Fußboden bis zur Decke aus riesigen Spiegeln. Die meisten Räume waren leer; augenscheinlich legte man hier mehr Wert auf Ver- teidigungszwecke als auf Ästhetik. Hinter jedem die- ser Spiegel konnte sich ein Trupp bewaffneter Män- ner befinden. Als er allein auf dem riesigen Teppich stand, fühlte er sich von hundert Augenpaaren beo- bachtet. Der »Liftboy« trug die Uniform der Palastwache und war mit einem Laser und einem Dolch bewaff- net. Er sprach kein Wort mit Ramos; er wußte be- reits, wohin er ihn bringen sollte. In der Bibliothek saß ein Mann an einem Schreib- tisch und sortierte Tonbänder. Er war ebenfalls be- waffnet. Ramos gewann die Überzeugung, daß hier alle bewaffnet waren, TBII-Agenten ausgenommen. »Wo geht’s zur Abteilung Seltene Bücher, amigo?« Der Mann nahm die altmodische Brille ab und blinzelte Ramos an. »Die ist besetzt, da können Sie nicht hin.« »Ich weiß.« Ramos trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. »Ich habe eine Verabredung mit dem Commandante.« »Ah. Dort drüben.« Der Mann führte Ramos durch, ein Labyrinth von Regalen mit Tonbändern, Büchern und Zeitschriften. Sie kamen an eine Tür, die den Buchstaben »B« trug. »Einen Augenblick.« Er klopf- te an die Tür und öffnete sie einen Spalt. »Ich sagte, daß ich nicht gestört zu werden wün- sche«, kam eine kalte Stimme aus dem Inneren des Raumes. »Ein Herr behauptet, eine Verabredung mit Ihnen zu haben, Commandante.« »Ich bin mit niemandem verabredet.« Der Mann handelte blitzschnell. Noch während der Commandante sprach, richtete er die Pistole auf Ramos’ Brust. »Ich schaffe ihn weg, Sir.« »Warten Sie!« stieß Ramos aus. »Ich bin Ramos Guajana.« »Ramos?« Ein Buch wurde zugeklappt, Papier ra- schelte. Schwere Schritte kamen über den Teppich heran. Ein bärenhafter Kopf tauchte im Türspalt auf. »Ramos«, brummte die Stimme freudig. »Stecken Sie die Waffe ein, Sie Idiot! Alvarez sollte mehr Männer dieses Schlages haben.« Er war mit zwei Schritten bei Ramos und umarmte ihn, daß sein Brustkasten krachte. Dann drückte er ihn ein wenig bei den Schultern zurück, betrachtete ihn eingehend und schüttelte den Kopf. »Man hat dich schlecht behandelt, alter Freund.« »Es hätte noch schlimmer kommen können,, Commandante. Ich sollte gehenkt werden.« Ein Schauer huschte ihm über den Rücken. »Commandante?« Er packte Ramos am Arm und führte ihn in den Raum. »War ich denn nicht immer Julio für dich?« »Sir … Julio … das ist eine andere Sache … man hat mich laufend geschlagen und mißhandelt …« »Ja, man sieht es.« »… und ich habe anscheinend das Gedächtnis ver- loren – alle Erinnerungen an die vergangenen zehn Jahre.« Ramos ließ sich in einen Sessel fallen. »Nach meiner Flucht erschien es mir logisch, hierherzu- kommen – nach all den Verhören.« Er wagte einen Schuß ins Dunkle. »Irgendwie erinnere ich mich … an dich.« Ein Schatten des Zweifels huschte über das bärtige Gesicht des Commandante und verschwand wieder. »Das solltest du auch!« Er lachte in sich hinein, dreh- te sich um und ließ die Hand über die Buchrücken gleiten. Er ergriff einen dicken Band mit dem Titel Philosophische Abhandlungen, hielt ihn ans Ohr und schüttelte ihn. Dabei lachte er erfreut. »Philosophie ist die höchste Musik«, zitierte er auf spanisch, zog eine Flasche mit zwei Gläsern aus dem hohlen Band und schenkte zwei doppelte Weinbrand ein. Er reich- te Ramos ein Glas. »Grünweltler Weinbrand. Nun, dies ist …« Er blickte auf das Etikett. »… Eisenmacher ’36. Wird, allmählich Zeit, sich an das Zeug zu gewöhnen.« Ramos hob sein Glas an. »Wir werden unsere Swimmingpools damit auffüllen.« Sie lachten und tranken. »Du erinnerst dich also noch teilweise an den Plan?« Ramos zuckte die Schultern. »Nur ganz allgemein. Meine Fänger – ist das der richtige Ausdruck? – in Tueme sprachen davon, daß die Tötung des Jungen etwas damit zu tun habe. Ich gewann auch den Ein- druck, daß sie von dem Plan nicht übermäßig begei- stert sind.« »Noch nicht«, pflichtete der Commandante ihm bei, »aber wir werden sie schon noch dazu bringen. Oder ohne sie weitermachen. Wir werden jetzt von Diaz unterstützt, und das ist viel wichtiger. Schwer- industrie.« Er stand unvermittelt auf. »Doch das können wir später besprechen. Du wirst müde sein.« Eher neugierig als müde, dachte Ramos, behielt das aber wohlweislich für sich. Er nickte. »Es war eine anstrengende Reise.« »Wende dich an Teniente Salazar in der Offiziers- unterkunft. Ich rufe ihn an und sorge dafür, daß man dir ein anständiges Quartier zuweist.« »Ich bin dir sehr dankbar.« »Und … äh … legst du Wert auf … weibliche Ge- sellschaft?«, »Um mich ein wenig zu entspannen, ja. Die drin- gendsten Bedürfnisse habe ich unterwegs in Gasthö- fen gestillt.« Julio klopfte ihm behutsam auf den Rücken und lachte. »Manche Dinge kann man eben nicht än- dern.« Ramos stellte fest, daß ihm sein Rang – der neueren Datums war, wie ihm Teniente Salazar versicherte – die Wahl eines Quartiers ermöglichte. Allerdings gab es nur zwei leere Räume. Er nahm den zweiten, der sauberer aussah. Obwohl das Zimmer vermutlich mit Abhörgeräten versehen war, machte er es sich ge- mütlich und wartete auf die weibliche Gesellschaft. Ein Mädchen namens Ami Rivera, von dem Julio behauptete, es sei früher Ramos’ beste Freundin ge- wesen. Der Commandante wollte Ami auf seinen Gedächtnisschwund vorbereiten. Ein Angestellter brachte ihm eine Tasche mit den Sachen des echten Guajana. Sie enthielt Schwerter und Degen zu Übungszwecken und Duellwaffen. Drei Zivilanzüge, keine Uniformen. Ein geöffnetes Päckchen mit Zielscheiben für Pistolen. Drei Bücher aus der Palastbibliothek: ein Novellenband und zwei Fachbücher über Fechttheorien (das waren gebunde- ne Fachzeitschriften, in denen Ramos vergeblich sei-, nen Namen suchte). Das einzige Ding ohne prakti- schen Wert war eine alte, verbeulte Harmonika, de- ren oberste Oktave fehlte. In einem kleinen Beutel lagen Sachen, die anscheinend aus einer Schreib- tischschublade stammten: Schreibpapier, Bleistift- stummel, Radiergummis, zwei ausgetrocknete Schreibfedern, zusammengeklebte Briefmarken, eine halbvolle Schachtel Drogenstäbchen, aber keine Zündhölzer. Den Spezialisten vom TBII wäre es vielleicht möglich gewesen, aus dieser Sammlung Rückschlüs- se auf die Größe von Guajanas Ringfinger und seine Vorliebe für Frauen zu ziehen. Für Otto McGavin in der Gestalt von Ramos blieben es lediglich fünf Stichwaffen, drei Anzüge und ein Haufen Krims- krams. Davon konnte er nichts ableiten, was er nicht ohnehin schon wußte. Ami kam bei Sonnenuntergang und bereitete Ra- mos trimorlinos secos zu, eine regionale Fischspezia- lität. Sie war eine fröhliche, hübsche Frau, etwa in Ramos’ Alter. Er kostete es aus, sich mit ihr zu un- terhalten und sie zu lieben. Er konnte sich nicht ent- scheiden, ob sie als Spionin zu ihm geschickt worden war oder nicht. In der nächsten Nacht war es ein schlankes, junges Ding, das einen wesentlich exotischeren Geschmack als Ami hatte, aber nur wenig redete. In der dritten Nacht kam Private Martinez, untersetzt und außer-, dem ein Mann, mit dem Auftrag, Ramos in die Un- terkunft des Commandante zu bringen. Ramos hatte damit gerechnet, ein ähnliches Quar- tier wie das seine vorzufinden, doch Julio wohnte in einer langgestreckten stuckverzierten Villa, die wie ein kantiges U aussah und einen gepflegten Garten umschloß. Julio saß unter einem großen Baum an einem mit Papieren bedeckten Tisch. Die an einem Ast über ihm baumelnde Laterne zischte leise und verbreitete einen gelblichen Lichtschein. Der Geruch des verbrennenden Petroleums vermischte sich mit den Düften des Gartens. Julio schrieb auf einem Bogen Papier und horte Ramos und den Wachsoldaten nicht kommen. Der Posten räusperte sich vernehmlich. »Ah! Mayor Guajana. Setz dich! Setz dich!« Er deutete auf den Stuhl vor dem Tisch und schrieb wei- ter. »Nur noch einen Augenblick. Private, gehen Sie zur Küche und bringen Sie uns Käse und Wein.« Nach einigen Minuten warf er die Schreibfeder auf den Tisch und schob die Papiere zusammen. »Wenn man dir je die Beförderung zum Oberst anbieten soll- te, dann lehne ab, Ramos. Es bringt dir nur einen Schreibkrampf ein.« Er schob die Papiere in eine Ak- tentasche und legte sie auf den Boden. »Ich habe deinen nächsten …« Er brach ab, weil der Wachsol- dat verschiedene Käsesorten auftischte und Wein einschenkte., »Das ist alles, Private.« Er schnupperte an seinem Wein und kostete ihn. »Na ja, ein hoher Rang hat aber auch seine Vorzüge.« Ramos verglich die Gartenvilla in Gedanken mit Oberst McGavins Quartier auf der Erde. Er murmelte zustimmend, sagte sich jedoch, daß die Vorzüge ei- nes hohen Rangs bei jeder Armee verschieden waren. »Ich habe deinen nächsten Einsatz, Ramos. Kennst du das Gebiet des Cervantes-Klans?« »Nur auf der Landkarte.« Der Commandante schüttelte befremdet den Kopf. »Dabei waren wir vor knapp fünf Jahren dort auf ei- nem Jagdzug.« »Kann mich nicht daran erinnern.« »Hmmm. Na, jedenfalls haben wir ein Problem mit El Cervantes. Er schien anfangs mit dem Plan einverstanden zu sein, aber in letzter Zeit … nun, die Einzelheiten sind unerheblich.« »Sind ihm Zweifel gekommen?« »Mehr noch. El Alvarez argwöhnt Verrat.« »Hat El Cervantes einen Sohn im richtigen Alter?« »Leider nicht. Er ist ein alter Mann, und sein Sohn ist schon beinahe fünfzig. Die Situation ist dennoch günstig. Sein einziger Enkelsohn ist zwölf Jahre alt, und falls dem Sohn etwas zustößt, gibt es niemand in der Familie, der den Platz im Senado einnehmen könnte.« Er lächelte freundlich. »Sie sind mit Töch- tern überreichlich gesegnet.«, »Ich soll also diesen fünfzigjährigen Mann heraus- fordern und töten.« »Ja, so einfach wäre das – wenn es nicht einen kleinen Haken an der Sache gäbe.« Er lehnte sich gegen den Baumstamm zurück. »Auf deinen Kopf wurde ein Preis ausgesetzt, Ramos. Das gilt für jeden Klan bis auf Alvarez. El Tueme bietet zehntausend für deinen Kopf. Zuerst müssen wir also … dein Gesicht verän- dern.« »Plastische Chirurgie?« Sobald das Skalpell Pla- stikfleisch berührt … »Natürlich. Wir haben diese Möglichkeit jeden- falls diskutiert.« »Erscheint mir recht extrem. Können die Ärzte mein Gesicht später wieder in die alte Form brin- gen?« »Das weiß ich nicht, aber an deiner Stelle würde ich mir darauf keine Hoffnungen machen.« »Gefällt mir nicht.« Julio zuckte die Schultern. »Es ist dein Kopf, Ra- mos. Wäre mir gar nicht recht, wenn du ihn vor lau- ter Eitelkeit verlieren würdest.« »Laß mich mal nachdenken … hast du das Foto zur Hand, mit dem sie mich identifizieren wollen?« »Ja.« Der Commandante stand auf. »Komm mit.« Er führte ihn an zwei bewaffneten Doppelposten vor- bei in die opulente Villa. Mit einem Daumendruck, öffnete er die Tür zu einem großen Arbeitszimmer. Die Tür eines großen Aktenschrankes öffnete er ebenfalls durch einen Daumendruck. »Hier.« Ramos betrachtete das Foto, eine gute Aufnahme, die gegen Ende seiner Gefangenschaft gemacht wor- den war. »Kein Problem. Sieh mal.« Er hielt das Bild neben sein Gesicht. »Diese blasse Gefängnisfarbe habe ich nicht mehr, und außerdem war bei dieser Aufnahme mein Gesicht noch von den Schlägen ver- schwollen. Wenn ich den Bart abnehme und das Haar stutze, dürfte mich niemand erkennen.« Julio betrachtete das Bild und Ramos’ Gesicht. »Wahrscheinlich hast du recht. Allerdings wäre mir eine Operation lieber.« »Mich beunruhigt sie, Julio. Ich meine … ich habe ohnehin nur eine schwache Verbindung zur Vergan- genheit. Wenn nun auch noch mein Gesicht verän- dert wird …« »Na schön.« Julio legte das Bild in den Schrank zurück. »Ich mache dir einen Vorschlag. Ich lasse dir von Ami diese Lotion bringen, die Frauen benutzen, um eine dunklere Gesichtsfarbe zu bekommen.« Er schloß die Schublade und packte Ramos’ Arm. »Heute wird nicht mehr gearbeitet. Wir wollen die Flasche Wein austrinken.« Ami erwartete Ramos, als er in seine Unterkunft zu- rückkehrte. Sie rieb sein Gesicht gründlich mit Sol, Instante ein, und es klappte vorzüglich. Ramos dach- te an den Grundsatz, daß ein Soldat am Vorabend der Schlacht besser die Finger vom Sex lassen sollte – und schlug ihn in den Wind. Mit den Papieren eines Bürgers des Amarillo-Klans ausgestattet, bereitete es Ramos keine Schwierigkei- ten, nach Cervantes zu gelangen. Er begab sich je- doch nicht direkt nach Castile Cervantes, sondern fuhr mit der Einschienenbahn in einen kleinen Ort in sicherer Entfernung von der Grenze und von dort mit einer Kutsche in ein noch kleineres Dorf, das rück- ständig genug schien, um keine Videophongeräte zu haben, wohl aber an das Fernsprechnetz angeschlos- sen war. Lago Tuira war ein kleiner Urlaubsort, und er ver- brachte dort einen Tag und eine Nacht im Gasthof. Dann rief er anonym die Wache von Castile Cervan- tes an und warnte sie kurz vor einem gekauften At- tentäter, der es auf den jungen Cervantes abgesehen hatte. Der Teniente versuchte ihn in ein längeres Ge- spräch zu verwickeln, doch er trennte die Verbin- dung, schulterte seinen Rucksack und verließ den Gasthof. Der Cervantes-Klan war die älteste Siedlung von Selva, und die Einwohner hatten ihre Umgebung in-, zwischen weitgehend ihren Bedürfnissen angepaßt. Im Gegensatz zum üblichen Dschungel von Selva wirkte die Umwelt hier wie ein großer Garten. Es gab nur noch wenige Raubtiere, und die waren kaum gefährlicher als ein Bär oder eine große Wildkatze auf der Erde. Ramos konnte daher durch die Mor- gendämmerung wandern, ohne seine Anwesenheit durch Benutzung des Lasers zu verraten. Sobald ein Fahrzeug auftauchte, schlüpfte er in den dichten Dschungel. In Lago Tuira schien nie- mand in großer Eile zu sein, und er begegnete auch keinen Fahrzeugen von irgendwelchen Dienststellen. Entweder war das Gespräch zu kurz gewesen, um es zurückverfolgen zu können, oder sie hielten den An- rufer für einen Verrückten und kümmerten sich nicht weiter darum. Als es heller wurde, zog sich Ramos von der Stra- ße zurück und ließ zwanzig bis dreißig Meter Dschungel als Deckung dienen. Gegen Mittag fand er einen geeigneten Baum, kletterte hinauf und schlief im Schutz von Ästen und Zweigen bis Son- nenuntergang. Dann wanderte er in der frischen Nachtluft zur Endstation der Einschienenbahn. Au- ßerhalb des Ortes wartete er in einem Waldstück bis zwei Stunden nach Sonnenaufgang. Dann ging er in die kleine Ortschaft, stellte sich unter die Dusche, wechselte die Kleidung, aß eine kräftige Mahlzeit und nahm den Morgenzug nach Castile Cervantes., Natürlich hatte er keineswegs die Absicht, Ricardo Cervantes III. zu einem Duell zu fordern. Er mußte sich aber den Anschein geben, als wäre das sein Plan. Castile Cervantes war die größte Stadt, die Ot- to/Ramos auf Selva gesehen hatte. Sie beherbergte annähernd eine Viertelmillion Einwohner. Er ent- schloß sich, eine Stellung auf der Burg zu suchen. Beim Aussteigen mußten die Reisenden zwei be- waffneten Soldaten ihre Ausweise vorzeigen, die ge- nau überprüft wurden. Als Ramos an die Reihe kam, warf er einen Blick auf den Steckbrief. Es war das gleiche Bild, das er in Julios Arbeitszimmer gesehen hatte. »Wer ist das, amigo?« fragte er einen der beiden Soldaten. Der Mann musterte ihn kalt. »Seien Sie froh, daß Sie es nicht sind.« »Wie lange machen sie das schon?« fragte Ramos den Mann hinter ihm in der Reihe. »Keine Ahnung«, antwortete dieser. »Ich komme zwei- bis dreimal in der Woche her; so was habe ich noch nicht erlebt.« Vielleicht hatte der Anruf doch Wirkung gezeigt. Bei der Arbeitsvermittlung erfuhr Ramos, daß für die meisten Stellen auf der Burg eine Sicherheits- überprüfung erforderlich war. Die einzige Ausnahme bildeten Tellerwäscher der untersten Kategorie., Am nächsten Tag spülte er in der Burgküche Töp- fe und Pfannen und hielt die Ohren offen. Am Nachmittag erfuhr er, daß sich Ricardo III. nicht im Cervantes-Klan aufhielt. Am Tag nach dem Anruf hatte er den Rat seines Hausarztes beherzigt und ei- nen langen Urlaub angetreten. Er wollte den letzten Monat vor Eröffnung des Senado mit Jagen und An- geln verbringen. Damit erübrigte sich Ramos’ Anwesenheit im Cervantes-Klan. Er brach einen Streit mit dem Vor- arbeiter vom Zaun und verließ die Burg. Auf Umwe- gen kehrte er nach Castile Alvarez zurück und rief Julio an. Der Commandante rief ihn trotz der späten Stunde zu sich. Todmüde machte er sich auf den Weg zur Villa und traf Julio im Garten. Er gab ihm einen plausiblen Bericht über seinen Aufenthalt im Cervantes-Klan. »… sieht also ganz danach aus, daß wir bis zum nächsten Monat auf ihn warten müssen. Das dürfte kein Problem sein.« Julio hörte sich den Bericht schweigend an. Dann nickte er abrupt und sagte: »Also gut. Wir warten.« Er stand auf. »Komm mit, Ramos. Im Arbeitszimmer habe ich etwas, das dich interessieren dürfte.« Er öffnete die Tür des Arbeitszimmers und schob Ramos hinein. Im Hintergrund saß ein Mann auf ei- nem Drehsessel und las. Sein Rücken war ihnen zu- gewandt., »Er ist hier«, sagte Julio. Der Mann klappte das Buch zu und wandte sich lächelnd um. Es war Ramos Guajana. »Wer ist dieser … Schwindler?« fragte Ot- to/Ramos und zückte das Schwert. Der Commandan- te lachte kurz, mit einem einzigen Laut. »Eine andere Ausgabe von Ihnen«, sagte Guajana, »allerdings ohne vorgetäuschten Gedächtnis- schwund.« Er hob sein Übungsschwert an und brach- te es in Kampfposition. »Soll ich ihn töten, Julio?« »Nein. El Alvarez wird ihm ein paar Fragen stel- len wollen … Du kannst ihn aber verletzen. Bitte oh- ne viel herabtropfendes Blut, denn dieser Teppich ist verdammt schwer zu reinigen.« »Seltsam.« Guajana trat langsam vor. »Kommt mir vor, als würde ich vor einem Spiegel fechten. Aber mein Spiegelbild ist in erbärmlich schlechtem Zu- stand.« Mit der drohenden Gefahr wurde Otto sofort Mc- Gavin. Und der hatte seit fünfzehn Jahren nicht mehr gefochten – und war dazu noch völlig erschöpft. Guajana ergriff sofort die Initiative mit einem An- griff en cuatro. Otto schlug die Klinge zur Seite und versuchte ein paar kurze Stiche. Guajana parierte sie lachend, stieß über Ottos Deckung hinweg und ver- letzte ihn über dem rechten Knie. Guajana sprang zurück und hob sein Schwert zu, einem ironischen Salut. »Primera sangre.« »Ich denke, er kann noch ein bißchen mehr vertra- gen«, sagte Julio. »Versuch’s mal mit seinem Ge- sicht.« Ich muß unter seine Klinge hinwegtauchen und Hände und Füße einsetzen. Die Wunde störte Otto kaum, doch er merkte, daß sein Bein steif wurde. Blut sickerte zum Fußknöchel hinab. Guajana kam entspannt mit hoher Klinge, en seis. Otto schob sich geduckt vor, spürte, wie die Klinge seine Kopfhaut liebkoste, trat Guajana kräftig’ vor das Schienbein, hörte es brechen, ließ das Schwert fallen, umspannte die Kehle des Mannes, schlug sein Schwert zur Seite (entschloß sich, ihm noch nicht das Genick zu brechen) und schmetterte ihm die Faust direkt unter das Brustbein… Er fühlte Julios Arm an der Kehle, stieß Ramos zu Boden, verlagerte das Gewicht auf das andere Bein, trat ihm in die Wade – brach Julios Griff an seiner Kehle –, verlagerte abermals das Gewicht, schleuderte den kräftigen Mann über die Schulter auf den Boden, holte zum entscheidenden Tritt aus und… sah den La- ser in Julios Hand und erkannte, daß er ihn aus dieser Entfernung nicht mit einem Tritt fortschleudern konn- te, (wunderte sich, daß er überhaupt noch am Leben war) und trat mit erhobenen Händen vor: »Nicht schießen! Ich gebe auf.« Otto hörte schnelle Schritte auf dem Gang. Die, Wunde schmerzte so sehr, daß nur ein Muskel geris- sen sein konnte. Sein Haar war blutverkrustet, und er fühlte die ersten Vorläufer bombastischer Kopf- schmerzen. Julio fühlte Guajanas Puls mit der freien Hand. »Wenn du ihn getötet hast, werde ich dich eigenhän- dig mit einem stumpfen Messer kastrieren.« Er sagte das ganz ruhig und machte nicht den Eindruck zu übertreiben. »Pack dich zu deinen Freunden!« Die Wache stieß Otto in die Zelle. Sein verletztes Bein gab nach, und er rollte über den Boden. Es stank nach altem Urin und Moder. Ein Mann stand am Fenster und starrte durch die Gitter- stäbe auf den hellen Hof hinaus. Auf dem unteren Bett lag eine leise schluchzende Frau. »Mein Gott! Sind Sie das, Eshkol?« Als Antwort verstärkte sich ihr Schluchzen. »Sie ist es.« Octavio drehte sich um; selbst im schwachen Licht der Zelle waren die Spuren von Mißhandlungen in seinem Gesicht deutlich zu erken- nen. Die Augen wurden von Schwellungen beinahe verdeckt, und seine Jacke war mit dunklem Blut ver- krustet. »Was ist passiert? Und wie ist es passiert?« »Wie? Das wissen wir auch nicht. Kurz nach Mit- ternacht sind fünf oder sechs Männer in das Hotel eingedrungen…«, »Was haben Sie dort gemacht? Ich habe Ihnen doch gesagt…« »Ich fühlte, daß Rachel einen Beschützer benötig- te.« »Danke für den Versuch«, brummte Otto. »Wei- ter.« »Sie haben mich entwaffnet und Rachel gezwun- gen, Guajanas Tür zu öffnen. Er schien keineswegs überrascht, sie zu sehen.« »Kann ich mir vorstellen. Was dann?« »Sie haben Rachel und mich gefesselt und gekne- belt. Dann wurden wir mit einem Hubschrauber weg- gebracht. Bei Tagesanbruch waren wir hier.« »Und dann hat man den ganzen Tag versucht, Sie zum Reden zu bringen.« »Stimmt – aber ich habe nichts gesagt.« »Offensichtlich, denn Sie leben ja noch. Sie brau- chen Sie also noch. Hat man mit ihr das gleiche ge- macht?« »N-nein«, stammelte sie. »Morgen, sagten sie.« »Morgen bestimmt«, versetzte Otto. »Man wird Sie beide umbringen – und mich wahrscheinlich auch.« »Wie können Sie so sicher sein?« fragte sie mit harter Stimme, in der ein wenig Verachtung mit- schwang. Otto fühlte Wut in sich aufsteigen, unterdrückte sie jedoch, da es eine typische Ramos-Reaktion war., Nach einer kurzen Pause erwiderte er: »Denken Sie doch mal nach, gnädige Frau.« »Mir scheint«, sagte Octavio, »daß Alvarez die Confederaciõn möglichst wenig reizen will.« Otto zuckte die Schultern, wußte aber, daß diese Geste in der Dunkelheit der Zelle gar nicht bemerkt werden konnte. »Die Confederaciõn hat ihr Interesse bereits überdeutlich bekundet, indem sie mich her- schickte. Die beste Lösung für Alvarez besteht darin, Sie einfach loszuwerden, denn die Confederaciõn soll nicht erfahren, daß er ihre wertvollste Frau auf diesem Planeten entführt hat.« »Aber was ist mit Ihnen …« »Schweigen Sie. Hier steckt irgendwo eine Wan- ze, die jedes einzelne Wort aufnimmt. Sie sollen nichts erfahren, was sie nicht ohnehin schon wissen – zumindest nicht über mich.« Octavio setzte sich zu Rachel auf die Pritsche, und Otto nahm seinen Platz am Fenster ein. Er vergewis- serte sich, daß die Gitterstäbe fest in der Mauer ver- ankert waren. Die Zellentür wurde aufgestoßen, und Otto sah neben dem Wärter die Silhouette eines Mannes mit einem Laser-Gewehr. »Sie sind an der Reihe«, sagte er. »Oberst.«, Sie schlugen und mißhandelten ihn ein bißchen, pumpten ihn mit Drogen voll und folterten dann wei- ter, aber Otto war darauf vorbereitet und konnte es ertragen. Schließlich fügten sie ihm solche Schmer- zen zu, daß er den Zen-Trick anwenden mußte und danach überhaupt nichts mehr spürte. Sie drohten ihm einen qualvollen Tod an – aber er lächelte nur dazu. In seinem Zustand hörte er in unregelmäßigen Ab- ständen eine kleine Stimme sagen: Sie werden dich diesmal töten. Mit der richtigen Kombination aus Wahrheit und Schwindel könntest du dein Leben ret- ten. Eine andere Stimme, vielleicht die Stimme der Vernunft, sagte: Du hast nur die Chance, ihr Spiel mitzumachen. Und die Stimme des gefangenen Tieres in ihm sagte ohne Worte: Tue alles, um zu überleben. Doch das alles, Vernunft hin oder her, führte zu nichts. Wenn er beim nächsten Herzschlag die Con- federaciõn verraten sollte, würde das in jeder Zelle seines Körpers verankerte Gebot Du sollst nicht sein Herz einfach anhalten. Als er zum vierten Mal ohnmächtig wurde, unter- nahmen sie nichts, um ihn wieder zu Bewußtsein zu bringen., Otto erwachte im Bett eines weißen Raumes. Sei- ne Hände und Füße steckten in Handschellen. Der linke Arm, das rechte Bein und zwei Finger der rech- ten Hand lagen in orthopädischen Schienen. Er erin- nerte sich, wie man seine Finger und das Bein brach, aber alles andere mußten sie während seiner Ohn- macht angestellt haben. Seine tastende Zunge stellte fest, daß sieben Zähne fehlten. Vier waren mit einer Zange gezogen und die anderen ausgebrochen worden. Amateure. Er kannte mindestens sieben verschiedene Arten, Schmerzen zuzufügen, ohne Spuren zu hinterlassen. Er spielte mit dem Gedanken, seinen Peinigern eine Kostprobe seiner Kenntnisse zu vermitteln. Mit diesen phanta- stischen Vorstellungen schlief er wieder ein und ver- sank in einer uferlosen Dunkelheit. Als er das nächste Mal erwachte, zog ein Mann in einem weißen Kittel gerade eine Spritze aus seinem Arm, und im nächsten Augenblick kehrten die Schmerzen blitzartig zurück. Er kämpfte dagegen an und kam schließlich darüber hinweg. Der Schmerz war zwar noch vorhanden, zeigte ihm aber nur, daß er tatsächlich noch am Leben war. »Gun Mogn, Dogr«, sagte er und riß sich zusam- men. »Guten Morgen, Doktor.« Der Mann blickte über seinen Kopf hinweg und kritzelte etwas auf einen Block. Dann verließ er Ot- tos Blickfeld und sagte: »Fangt an.«, Julio Rubirez kam mit einem Stuhl und setzte sich ans Fußende des Bettes. »Commandante«, sagte Otto. Rubirez sah ihn eine Weile an. »Ich werde mir nicht klar darüber, ob Sie der beste Soldat sind, den ich je gesehen habe, oder ob Sie einfach kein Mensch sind.« »Ich blute.« »Vielleicht kann die Confederaciõn Roboter her- stellen, die bluten.« »Von mir werden Sie das nicht erfahren.« »Nicht durch die Folter, zugegeben.« Rubirez stand auf, stemmte die geballten Fäuste auf das Fu- ßende und beugte sich vor. »Sie stellen für uns ein ungewöhnliches Problem dar.« »Das hoffe ich.« »Ich habe mit El Alvarez konferiert. Er meint, Sie könnten vielleicht … vom Wert des Plans überzeugt werden. Vielleicht sagen Sie uns nicht nur alles, was wir wissen wollen, sondern stellen Ihre Talente zur Ausführung des Plans zur Verfügung.« »Sie sind nicht dieser Meinung.« »Natürlich nicht. El Alvarez ist intelligent und ehrgeizig – aber er ist nie ein Soldat gewesen. Er weiß nichts über Schmerzen. Er glaubt nicht, was ich ihm über die Art von Menschen Ihresgleichen erzäh- le. Er glaubt, er könnte Sie umstimmen.« »Vielleicht hat er recht.«, Julio lächelte verhalten. »Nennen Sie Ihren Preis.« Otto überlegte. »Ich bin … was ich bin, nennt man …« »Sagen Sie ruhig ›Spitzenagent‹. Ein paar Dinge wissen wir.« »… also gut, Spitzenagent, fast mein halbes Leben lang. Ich wurde angeschossen, mit Messern verletzt und verbrannt, bin alles in allem so oft mißhandelt worden, daß ich Ihnen in gewisser Weise zustimme. Ich habe keine Illusionen mehr und nur noch wenige Emotionen.« Er lächelte und wußte, wie häßlich er dabei ausse- hen mußte. »Ich war recht sentimental wegen meines linken oberen Backenzahns – meinem letzten richti- gen Zahn. Mein Vorschlag: Bringen Sie den Mann her, der ihn mir ausgebrochen hat und schneiden Sie ihm vor meinen Augen die Kehle durch. Danach können wir vielleicht über das Geschäftliche reden.« »Wissen Sie, wer es war?« »Nein.« »Na schön. Ordonnanz!« Ein junger Mann flitzte heran und baute sich in zackiger Haltung auf. »Bringen Sie die Tenientes Yerma und Casona her – und ein scharfes Messer…« Er überlegte. »Teilen Sie selbst einen Trupp ein und bringen Sie die beiden gefesselt her.« »Jawohl, Commandante!« Der Mann knallte die Hacken zusammen, machte kehrt und verschwand., »Sie meinen es ernst«, sagte Otto. »Mit ihrem Tod, ja. Allerdings zweifle ich daran, daß Sie das beeindrucken wird, doch … ich habe El Alvarez versprochen, den Versuch zu unternehmen. Übrigens ekeln mich die beiden an. Sie sind mari- posas, die lieben Jungen. Und sie kosten es ein biß- chen zu sehr aus, anderen Menschen Schmerzen zu- zufügen.« Du haßt es, dein eigenes Spiegelbild zu sehen, dachte Otto. »Wenn Sie wissen, daß ich ein Spitzen- agent bin, dann müssen Sie auch wissen, was ge- schieht, wenn Sie mich töten.« »Dieses Risiko haben wir einkalkuliert.« »Eine Kalkulation, die nicht schwerfällt … es ist, als würden Sie einen Botschafter töten. Das werden Sie übrigens wohl auch noch tun.« »Wahrscheinlich.« »Dafür wird El Alvarez und der gesamte Füh- rungsstab zur Rechenschaft gezogen. Und wenn Sie eine Bombe auf Grünwelt werfen, setzen Sie das Schicksal Ihres ganzen Planeten aufs Spiel. Sie ken- nen doch Oktober.« »Ein Mythos.« »Nein. Ich bin selbst dort gewesen.« »Wirklich?« Julio setzte sich und stützte das Kinn in die Hände. »War es amüsant? Lehrreich?« »Für Sie wäre es vielleicht lehrreich. Kröten sind die kompliziertesten Lebewesen, die überlebt haben., Die Kröten sind sehr groß und aggressiv geworden.« »Sie behaupten, die Confederaciõn würde sich über den Tod einiger Menschen so aufregen, daß sie dafür einen ganzen Planeten hinmordet.« Julio lachte gezwungen. »Die Confederaciõn begeht keinen Mord.« Wirk- lich nicht? »Sie hat einen Virus in der Atmosphäre von Oktober ausgesetzt, der jede weibliche Lebens- form sterilisiert; – vom kleinsten Fisch bis zum größ- ten Säugetier.« »Dann hat sie zumindest jene verhungern lassen, die als letzte starben.« »Sie hat als Geste Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt. Menschen können von Pflanzen und Käfern leben.« Julio gähnte. »Mir würde es nichts ausmachen, sterilisiert zu werden. Drei Kinder sind genug.« »Stellen Sie sich nicht so dumm an.« Julio lächelte. »Werden Sie nicht beleidigend.« Sie schwiegen eine Weile. »Wann werde ich El Alvarez sehen?« »Er ist sehr beschäftigt, vielleicht sehen Sie ihn, bevor Sie sterben.« »Sie haben einen recht primitiven Sinn für theatra- lische Effekte, Julio.« Die Ordonnanz kehrte mit sechs bewaffneten Männern und den beiden gefesselten Folterknechten zurück., Die beiden Tenientes führten die kleine Prozession an, aufrecht, aber mit leichenblassen Gesichtern. Die Ordonnanz reichte Julio ein breites Schläch- termesser. »Guten Morgen, Bernal. Guten Morgen, Romulo.« Julio schlug das Messer rhythmisch auf die Handflä- che. Einer antwortete schwach; der andere öffnete den Mund, und seine Zähne klapperten. »Wer von Ihnen hat diesem Herrn die Zähne ge- zogen? Er möchte Sie mit durchschnittener Kehle sehen.« »Es würde mir genügen«, sagte Otto, »dabei zuzu- sehen, wie sie sich gegenseitig ein paar Zähne lok- kern.« »Wir haben es beide gemeinsam getan, Comman- dante«, erklärte der Mann, der zuvor gesprochen hat- te. »Hmm.« Julio sah sie nachdenklich an. »Ordon- nanz, sehen Sie doch mal nach, ob da drüben in der Schublade eine Zange liegt.« Der Mann brachte ihm ein chromblitzendes In- strument. »Genügt das, Commandante?« »Wir können es nur ausprobieren. Romulo, wen- den Sie es bei Bernal an.« Er gab der Ordonnanz ein Zeichen. »Nehmen Sie ihm die Fesseln ab.« Der Teniente nahm das Instrument, wandte sich seinem Partner zu und redete auf ihn ein wie auf ein, kleines Kind. »Mach den Mund auf, Bernal.« Und flüsternd: »Sei tapfer.« Bernal stieß einen kleinen Schrei aus, als der erste Zahn gezogen wurde. Romulo warf Rubirez einen fragenden Blick zu und beugte sich wieder vor, als dieser nickte. »Nun?« fragte der Commandante Otto. »Ich habe Ihnen meinen guten Willen bewiesen. Sind Sie nun bereit, ein paar Fragen zu beantworten?« »Sie haben schon einiges bewiesen. Nein.« Julio nickte. »Ordonnanz, lassen Sie Señor de Sanchez und Señorita Eshkol aus dem Zellenblock herbeischaffen.« Bernal ertrug stumm, daß ihm der dritte Zahn ge- zogen wurde; Tränen sickerten über seine Wangen. Rubirez sagte: »Äh … Romulo …« Der Mann blick- te auf, fand aber nicht einmal mehr die Zeit, um zu blinzeln. Das Schlächtermesser traf ihn so wuchtig, daß es seinen Hals zur Hälfte durchtrennte. Die Sol- daten und Otto zuckten beim Anblick des Blutstroms zusammen. Rubirez verkrallte die Hand im Haar des Sterbenden, drückte ihn kräftig zu Boden und schlug mit dem Messer zu, bis er den Kopf vom Rumpf ge- trennt hatte. Den blutenden Kopf hielt er über Ottos Bett. »Noch einen?« Sein Gesicht war völlig ausdrucks- los, und seine Stimme verriet nicht die geringste Re- gung., Otto mußte mehrmals schlucken. »Nein, das war eine ausreichende Demonstration für …« »Meinen ›primitiven Sinn für theatralische Effek- te‹?« Einer der Soldaten eilte zur Tür. »Private Rive- ra. Kommen Sie zurück, oder Sie haben mit einer Bestrafung zu rechnen.« Der Soldat zögerte einen Augenblick und eilte dann weiter. Der Commandante wandte sich Otto zu und sah ihn schweigend an. Nur das Echo der Schrit- te des Wachsoldaten war vom Korridor her zu hören – und ein schleifendes Geräusch, als der Körper sich noch einmal bewegte. Bernal fiel in Ohnmacht. »Sie können alle gehen. Nehmen Sie diesen Abfall mit.« Ein toter Menschenkörper ist wesentlich schwerer als ein lebender. Ein Mann genügte, um den ohn- mächtigen Bernal hinauszutragen – der kopflose Körper dagegen mußte von vier Soldaten getragen werden. Die Ordonnanz trug den blutigen Kopf zur Tür und wies einen der Männer an, zurückzukommen und den Kopf abzuholen. »Na, Oberst, wollen wir nun endlich wieder zur Sache kommen?« »Wenn Sie meinen, Sie hätten damit Eindruck auf mich machen können, täuschen Sie sich. Ich habe schon viele brutale Männer kennengelernt.« Der Commandante trat an Ottos Bett und setzte ihm die Spitze des Messers an die Kehle. Blut tropfte, von der Klinge, und sein rechter Unterarm war bis zum Ellbogen mit der klebrigen Flüssigkeit ver- schmiert. Er leuchtete hellrot. »Ich habe Ihren machismo satt, Oberst.« Otto konnte seinen Kopf zur Seite drehen, wußte aber, daß dies sinnlos war. »Wirklich? Mir gefällt Ihrer immer mehr.« Julio zog das Messer zurück, und Otto wußte, daß der Mann es nicht wagte, gegen El Alvarez’ Befehle zu handeln. Die Ordonnanz führte Rachel Eshkol und Octavio de Sanchez herein und bezog Posten an der Tür. Ra- chels Gesicht war kalkweiß, doch sie hatte sich in der Gewalt. Otto vermutete, daß der Kopf inzwischen vom Korridor entfernt worden war. Beide Gefangene trugen graue Drillichanzüge, die Hände waren auf dem Rücken gefesselt. Octavio sah noch immer von den Schlägen sehr mitgenommen aus, doch Rachel war noch völlig unverletzt. Bei Ottos Anblick hielt sie hörbar den Atem an. »Ich wollte Ihnen beiden zeigen, was wir mit Ih- rem Spitzenagenten angefangen haben«, sagte der Commandante, »damit Sie sich keinen weiteren Illu- sionen über Ihre diplomatische Immunität hingeben.« »Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, daß Sie in der Lage sind, uns zu töten«, stieß Rachel Eshkol zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ihr seid alle so prall gefüllt mit Heroismus«, sag-, te Julio, während sein Finger die Schneide des bluti- gen Messers abtastete. Die Frau erblickte es zum er- sten Mal und unterdrückte einen Aufschrei. »So völ- lig unbeeindruckt von der Aussicht zu…« »Was hat er Ihnen angetan?« Sie starrte die Blut- flecke auf Ottos Bettwäsche an. »Ihm nichts, junge Dame«, gab der Commandante zurück. »Er hat das Leben eines Mannes gefordert, und ich habe es ihm gegeben.« »Ist das wahr?« fragte sie Otto. »Nein.« »Aber ja, doch«, versicherte Julio. »Sie beide passen gut zueinander«, versetzte sie bitter. »Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.« Julio lachte hämisch. »Frauen wissen Politik nicht zu schätzen.« Er wandte sich an Octavio. »Stimmt doch, nicht wahr, Teniente?« Octavio sah ihn unsi- cher an. »Heißt das, …« »Genau.« Er trat hinter den Mann mit dem zer- schlagenen Gesicht und schnitt seine Fesseln durch. »Die Maskerade ist vorbei.« »Te presente«, fügte er formell hinzu, »Teniente Octavio Madero. Er steht seit fünf Jahren als guter Soldat unter meinem Kommando.« »Octavio«, flüsterte Rachel mit versagender Stimme. »Offensichtlich«, sagte Otto. »Das klärt verschie- dene Punkte auf.«, »In der Tat«, bestätigte der Commandante. Er wandte sich an Rachel Eshkol. »Nun haben Sie nie- manden mehr. Ihr Oberst ist ein brutaler Sadist und Ihr Vertrauter ein Verräter. Sie können sich das ein paar Tage durch den Kopf gehen lassen, während wir über Ihr Schicksal befinden.« Er rief die Ordonnanz zu sich. »Ordonnanz, dieser Mann hat den gleichen Rang wie Sie.« Er deutete auf Octavio. »Aber ich wünsche, daß Sie ihm in den kommenden Wochen als Ordonnanz zur Verfügung stehen. Er hat sich für unseren Plan eingesetzt und soll sich jetzt gründlich erholen.« Der Commandante starrte Otto an. »Dank Ihrer freundlichen Unterstützung habe ich meinen alten Ordonnanzoffizier zurückgewonnen. Meinen Ver- trauten Ramos Guajana. Seine Genesung hat Sie vor einem grausamen Tod bewahrt.« Julio entließ Octavio und die Ordonnanz mit einer flüchtigen Handbewegung. Er legte Rachel Eshkol die Hand auf die Schulter und schob sie behutsam zur Tür. »Nach Ihnen, meine Liebe.« 8. Der Stand der medizinischen Erkenntnisse auf Selva lag nur etwa ein halbes Jahrhundert hinter dem der Confederaciõn zurück. Innerhalb von vier Tagen, konnte sich Otto wieder ohne Schwierigkeiten bewe- gen. Er kam ins Gefängnis zurück. Diesmal war es allerdings eine andere Zelle. Sie hatte kein Fenster, und die dicke Stahltür bewegte sich lautlos auf Rollen. Indirektes Licht und frisch verputzte Wände. Es roch nach Desinfektionsmitteln. In einer Ecke stand neben dem Waschbecken ein WC. Die Doppelkoje bestand aus geschmeidigem Kunststoff und war mit sauberen Leinentüchern be- zogen. Rachel Eshkol lag in der unteren Koje und be- trachtete die Unterseite der oberen Schlafgelegenheit. Sie blickte nicht auf, als die Tür hinter Otto ins Schloß glitt. »Unsere Unterkunft hat sich verbessert«, sagte er. »Wurden Sie gut behandelt?« sagte er. »Ich weiß, Sie lehnen mich ab«, sagte er. Sie nahm noch immer keine Notiz von ihm. Otto durchquerte den Raum und probierte die Wasserhähne aus. »Welcher von beiden sind Sie?« fragte sie. »Ganz und gar Otto McGavin. Seit Beginn der Folter bin ich nicht mehr Guajana gewesen. So schnell kann sich die andere Persönlichkeit nicht ver- flüchtigt haben, denn das war noch nie der Fall. Of- fensichtlich handelt es sich um eine Fluchtreaktion. Da die andere Persönlichkeit nicht mehr…« »Wenn Sie es wirklich sind«, sagte sie, ohne ihn anzusehen, »dann beschreiben Sie mir genau, was Sie getan haben, als ich in Ihrem Zimmer im Vista, Hermosa das Licht einschaltete.« Er überlegte. »Ich habe die Schwerter an der Wand überprüft.« »In Ordnung.« Sie richtete sich auf und blickte ihm in die Augen. »Ja, unsere Unterkunft hat sich verbessert. Nein, sie haben mich nicht gut behandelt. Und ich kann Sie nicht länger ablehnen, weil es hier so viele andere gibt. Mich selbst. Rubirez. Und noch andere.« Otto setzte sich auf das Toilettenbecken und such- te nach Worten für eine Erwiderung. »Ich hasse mich selbst für all das, was ich der Confederaciõn, diesem schönen Planeten und auch Ihnen angetan habe. In meiner Unwissenheit habe ich die Confederaciõn verraten und diesen Planeten dem Schicksal von Oktober ausgeliefert. Und es tut mir leid, daß ich Ihnen den Tod gebracht habe.« Das al- les klang ruhig und monoton. »Noch bin ich nicht tot.« Die Worte klangen falsch in seinen Ohren. »Ich auch nicht. Wir bewegen uns und reden – und dennoch sind wir tot und fangen an zu verwesen.« In ihrem Gesicht stand der hilflose Ausdruck eines waidwunden Tieres, doch es war keine Spur von Fol- terungen zu erkennen. »Was hat man Ihnen angetan?« fragte er behut- sam, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte. »Es ist nicht wichtig«, erwiderte sie, legte die, Hand an den Rand der oberen Koje und zog sich hoch, »wirklich nicht.« Sie öffnete den Verschluß ih- rer Hose und ließ sie langsam hinabgleiten. Mit über- raschend flinken Fingern löste sie die Verschlüsse ih- rer Hemdbluse, streifte sie ab und schlüpfte aus der Hose. Dabei musterte sie Otto mit einem trotzigen Blick. Die Beine leicht gespreizt, die Hände zu Fäu- sten geballt. Ihre Figur war so perfekt, wie Otto sie sich vorgestellt hatte – allerdings von den Knöcheln bis hinauf zu den Schultern mit einer Unzahl von violetten, blauen und braunen Flecken übersät. Kaum ein Quadratzentimeter ihrer Haut war unverletzt ge- blieben. Sie drehte sich langsam um und zeigte Otto, daß ihr Rücken auf die gleiche Weise mißhandelt worden war. Lediglich die Haut über den Nieren war verschont geblieben. Augenscheinlich hatte man sie nicht umbringen wollen. »Jeden Tag. Manchmal drei- oder viermal.« Ihre Stimme brach; sie faltete die Arme auf dem oberen Kojenrand und verbarg das Gesicht, ohne zu schluchzen. »Rubirez und dieser … Octavio oder Guajana. Manchmal auch der Wärter oder ein Frem- der.« Otto ging zu ihr, hob die Hemdbluse auf und ver- suchte sie über ihre Schultern zu hängen. Als sie rutschte, ergriff er ihre Hände und schob sie in die Ärmel. Sie setzte sich schwerfällig auf den Rand der unte-, ren Koje, faltete die Hände im Schoß und starrte vor- nübergebeugt auf den Boden. Sie fuhr fort: »Sie … sie haben mir die Hände gefesselt und die … die Fü- ße, und dann …« Sie holte krampfhaft Luft. »Bitte«, sagte Otto, »reden Sie nicht weiter dar- über.« Als er sich bückte, um ihre Hose aufzuheben, spürte er die von ihren Brüsten ausgehende Wärme. »Ziehen Sie das an.« Er wollte väterlich behutsam zu ihr sein, weil sie so klein und so gebrochen auf ihn wirkte, doch sein Körper streikte. »Nein«, erwiderte sie heftig, streckte sich auf der Koje aus und spreizte die Beine. Sie ließ den Finger über die Innenseiten ihrer Schenkel gleiten; es war keine erotische Geste, sondern sah aus, als wollte sie einen brennenden Schmerz dämpfen. »Nur zu, das bin ich dir schuldig. Und auf einen mehr oder weni- ger kommt es nicht mehr an.« »Ich kann nicht, Rachel.« Es war das erste Mal, daß er sie mit dem Vornamen anredete. Die Tür glitt auf, und Rachel versuchte, ihre Blöße mit den Händen zu bedecken. »So, so«, sagte der Wärter. »Du verlierst also kei- ne Zeit.« Otto war bereits auf halbem Weg zu ihm, als er die Pistole sah und stehenblieb. »Ich dachte, du hättest eigentlich genug davon gehabt.« Er warf Otto ein weißes Kleiderbündel zu. »Zieht das an, alle beide – auf der Stelle.« Otto reichte Rachel die kleineren Kleidungsstücke., Sie wandte dem Wärter den Rücken zu und zog sich an. Otto baute sich in der Nähe des Wärters auf und legte Jacke und Hose ab. Der Wärter machte ein paar höhnische Bemerkungen über Ottos Anatomie und ergriff die Drillichanzüge. »Ihr bekommt bald Besuch. Versucht euch bis da- hin anständig zu verhalten.« Sie setzten sich zusammen aufs Bett. Otto streckte die Hand nach ihr aus, zog sie aber wieder zurück. »Sie haben mir noch nie weiße Kleidung gege- ben«, sagte Rachel. »Vielleicht ist sie für die öffent- liche Hinrichtung bestimmt. In gewisser Beziehung hoffe ich sogar darauf.« Otto wußte, daß man ihr für eine öffentliche Hin- richtung nichts als die blauen Flecken auf der Haut lassen würde. Diese Hinrichtung dagegen – die Otto unvermeidlich erschien – würde man eher als eine Privatangelegenheit betrachten. Schweigend hingen sie eine Weile ihren Gedanken nach. Otto fragte sich unwillkürlich, nicht zum ersten Mal, wann er die Furcht und den Respekt vor dem Tode verloren haben mochte. Lag das an seiner Kon- ditionierung? Das konnte er sich nicht recht vorstel- len, denn Spitzenagenten waren zu wertvoll für das TBII, um ihnen den Lebenswillen auszutreiben. Viel- leicht hatte er sich durch lange Gewöhnung mit dem Gedanken abgefunden. Mit einer Willensanstrengung dachte er an seine, Kindheit und Jugend zurück und versuchte sich dar- an zu erinnern, was ihn bewogen hatte, dieser un- sichtbaren Armee beizutreten. Das führte zu diesem Dschungelplaneten und zu einem weißen Mausoleum mit – er versuchte, seine Zuneigung für Rachel Esh- kol zu analysieren und erkannte genau, welcher Teil davon auf sexueller Anziehungskraft beruhte und welcher Teil auf physische Sympathie eines verletz- ten Wesens gegenüber einem zweiten zurückzufüh- ren war. Das war ein Versuch, die schwierige Ra- mos-Persönlichkeit zu kompensieren und ein Reflex auf die Empfindungen gegenüber all jenen Frauen, die er früher einmal geliebt oder zu lieben geglaubt hatte. Zudem rührte sich in ihm der dunkle Instinkt eines gefangenen Tieres, der animalische Wunsch, noch die letzte Chance auszunutzen, ehe es zu spät war. Er erinnerte sich, wie er zum ersten Mal die Leiche eines verbrannten Mannes gesehen hatte – und dessen erstaunliche Erektion. War dafür ein sich aufbäumender Trieb oder einfach der Druck eines Gases im Zirkulationssystem verantwortlich? Er hat- te sich immer bei einem Fachmann danach erkundi- gen wollen, doch dazu würde er jetzt nicht mehr kommen. Er erinnerte sich an einen Jungen namens Otto McGavin, der in einem Tempel meditierte, wäh- rend ihn beißende Rauchwolken einhüllten, und er dachte daran, zu welch einem armseligen Anglo- Buddhisten er sich entwickelt hatte, einem Mann, der, sein Lebenswerk im Töten sah und kein Interesse mehr an der geistigen Vorbereitung auf den Tod ver- spürte. Oder tat er gerade das? Nein, was Otto tat, war die weitestgehende Annäherung an Panik, die er sich selbst – ohne eine unmittelbare körperliche Ge- fahr – noch zugestehen konnte. Im Alter von zwanzig Jahren hatte Otto sich an der Idee eines »leichten Todes« ergötzt. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie ihm das damals erschie- nen war. Die Zellentür wurde geöffnet, und neun Personen kamen der Reihe nach herein. Commandante Rubirez führte die Prozession an. Ihm folgte ein alter Mann, dann Ramos Guajana und ein Trupp von sechs Sol- daten. Bis auf den Alten waren alle bewaffnet, und in einem der Soldaten erkannte Otto den Gefreiten Ri- vera, der vor Rubirez’ scheußlicher Demonstration geflohen war. Unter einem durchsichtigen Verband an der rechten Seite seines Kopfes war an Stelle des Ohres nur ein blutiger Stummel zu sehen. Der Alte kam Otto irgendwie bekannt vor, und er erkannte ihn, noch bevor Rubirez die Vorstellung übernahm. Seltsam, daß ihm das entfallen war. »El Alvarez möchte Sie beide sprechen.« Er wand- te sich an den Alten. »Noch einmal, Sir. Dieser Mann ist der gefährlich- ste und verzwei… –« »Genug, Julio. Lassen Sie Ihre Pistole da.«, Der Commandante setzte zu einer Erwiderung an, überlegte es sich aber anders und reichte ihm die Waffe. »Ich möchte sie wenigstens fesseln lassen.« Als der Alte nickte, schloß Rubirez Ottos rechtes und Rachels linkes Handgelenk mit einer Handschelle zusammen. Dann gingen alle, bis auf Alvarez, hin- aus, und die Tür glitt ins Schloß. El Alvarez sah sich um, hielt es wohl für unter seiner Würde, sich auf das Toilettenbecken zu setzen und lehnte sich den beiden gegenüber mit dem Rük- ken an die Wand. Er hielt die Pistole in ihre Rich- tung. »Ich habe diese Zelle vor über zwanzig Jahren bauen lassen. Es ist die einzige im ganzen Block, die nicht mit versteckten Kameras und Abhörgeräten ausgestattet wurde.« »Zumindest nicht vor über zwanzig Jahren«, sagte Otto. El Alvarez schüttelte den Kopf. »Ich habe sie von einem zuverlässigen Mann in der vergangenen Wo- che genau absuchen lassen.« »Sie haben uns etwas zu sagen«, fragte Rachel, »das nicht mal Ihre eigenen Agenten erfahren sollen?« El Alvarez wich einer direkten Antwort aus. »Wie viele Menschen auf Selva kennen Ihrer Ansicht nach den Plan?« »Schwer zu sagen«, antwortete Rachel. »Es schwirren allerlei Gerüchte herum.«, El Alvarez nickte lächelnd. »Das gehört mit zu dem Plan. Ich glaube, nur einer von hundert Bewohnern Selvas weiß, daß es einen konkreten Plan gibt. Die meisten von ihnen gehören zum Alvarez-Klan oder sind einflußreiche Mitglieder anderer Klans. Wir ha- ben den Plan nicht veröffentlicht, weil wir keine öf- fentlichen Debatten gebrauchen können.« Er schwieg erwartungsvoll, bekam aber keine Erwiderung. »Ich glaube, Ihre Confederaciõn hält es nicht für möglich, daß der Plan durchzuführen ist.« »Das ist…« »Still!« knurrte Otto. »Ich habe Ihre Anweisungen gelesen, Oberst«, fuhr El Alvarez fort. »Sie lagen im Tresor der Bot- schaft. In dieser Beziehung brauchen Sie also keine Geheimnisse zu wahren. Jedenfalls hat die Confederaciõn vollkommen recht. Oh, wir könnten natürlich ein paar Bomben auf Grünwelt werfen, ein paar Städte und vielleicht ein paar Millionen Menschen vernichten. Doch ich weiß – und Sie wissen es ebenfalls –, daß Krieg mehr um- faßt als einen bloßen Piratenstreich, wie es dieser Plan im Grunde genommen ist. Wir haben bei wei- tem nicht die ökonomischen Möglichkeiten, mit Grünwelt einen Krieg zu führen – selbst wenn die Confederaciõn sich nicht einschalten sollte. Wir könnten einen Krieg beginnen – doch Grünwelt wür- de ihn nach eigenem Belieben beenden.«, »Ich verstehe nicht, warum Sie uns das alles er- zählen«, sagte Otto. »Es wird Ihnen klar werden.« »Eines ist bereits klar«, gab Otto mit einem ver- ächtlichen Unterton in der Stimme zurück, »nämlich, daß unsere Analyse richtig war. Sie wollten das Schicksal eines ganzen Planeten aufs Spiel setzen, um mehr Macht in die Hand zu bekommen.« »Nein. Wenn ich es auf mehr Macht abgesehen hätte, würde ich den Status quo aufrechterhalten. Auf diesem Planeten gibt es keinen Mächtigeren als mich. Vielleicht mit Ausnahme von Ihnen beiden. Aus diesem Grunde habe ich Sie natürlich herbrin- gen lassen.« »Sie haben sich nicht gerade Mühe gegeben, unse- re Sympathie zu erringen«, sagte Rachel, und Otto hörte den hysterischen Anflug in ihrer Stimme. El Alvarez ignorierte die Bemerkung. »Ich benöti- ge Ihre Hilfe«, erklärte er, »die Hilfe der Confedera- ciõn. Doch vor allem benötige ich Ihr Verständnis.« Er sah Rachel an. »Nicht Ihre Sympathie.« »Die Confederaciõn mischt sich nicht in die inne- ren Angelegenheiten ihrer Mitgliedswelten ein«, sag- te Otto. »Außer wenn diese Angelegenheiten…« »Ich weiß«, fiel El Alvarez ihm ins Wort. »Viel- leicht kenne ich die Confederaciõn besser als Sie. Kurz und gut – was wir den Plan nennen, ist ei- gentlich nur der Teil eines größeren Plans. Sie gehö-, ren mit dazu. Er ist vor über einem Jahrhundert in al- len Einzelheiten von meinem Großvater entwickelt worden. Von Juan Alvarez II. einem Politologen und … Propheten. Er war ein praktischer Mann, aber auch ein Träumer. Sie wissen ja, daß Selva von Träumern kolonisiert wurde. Politische Flüchtlinge von der Erde, die eine primitive Art von Kommunismus mitbrachten. Er konnte sich nur drei Generationen lang halten. Zwei Mißernten hintereinander und den Ehrgeiz der ersten neun Klanführer konnte er nicht überleben. Diese neun Führer regierten mit eiserner Faust und brutaler Unter- drückung. Ihre Erben hielten diese Methoden aufrecht, und auf diese Weise erhielten sie sich die Macht. Im Laufe der Zeit dehnte sich die brutale Unter- drückung auf alle Bereiche des täglichen Lebens aus. Regeln die Menschen auf anderen Planeten ihre Aus- einandersetzungen auch durch Duelle?« »Das glaube ich nicht«, antwortete Rachel. »Nein«, bestätigte Otto. »Das ist nur ein Beispiel von vielen. Alles in allem stehen wir ein gutes Jahrtausend hinter der Entwick- lung anderer Kulturen in der Confederaciõn zurück.« »Da stimme ich Ihnen zu«, sagte Otto bitter. »Und je erfolgreicher dieses System war, desto mehr stabilisierte es sich.« El Alvarez’ Tonfall wurde beschwörend. »Doch Juan Alvarez II. fand einen Weg, die Stabilität zu erschüttern.«, »Und dazu benötigen Sie die Hilfe der Confedera- ciõn.« »Stimmt. Wir…« »Waffen? Geld?« Als ob wir in unserer Lage Ver- sprechen abgeben könnten, dachte Otto. »Nein … nun, vielleicht ein wenig Geld. Lassen Sie mich das erklären. Juan Alvarez II. schlug vor, statt auffällige revolutionäre Veränderungen einzu- leiten, bestimmte Ausgangsbedingungen anders zu gestalten, um so die Klanführer allmählich zu ent- machten, bis sie schließlich nur noch repräsentativen Aufgaben dienen.« »Was haben Sie bei alledem zu gewinnen?« fragte Rachel. »Um das richtig verstehen zu können, müßten Sie in meiner Position sein, Señorita. Die meisten Selva- ner sind mit ihrem Leben zufrieden, weil sie es nicht anders kennen. Sie erhalten nur spärliche Informa- tionen über das Leben auf anderen Planeten. Als Teil des Plans von Juan Alvarez II. wurde ich nicht auf Selva erzogen und bin von jeher unzufrieden gewe- sen. Ich werde manipuliert und bin so hilflos wie meine Untertanen. Mit dem Unterschied, daß ich von fünfhundert toten Männern beherrscht werde …« »Sehr poetisch«, sagte Otto. »Und wie sehen die veränderten Bedingungen aus?« »Sie werden durch die Vorbereitungen für den hypothetischen Krieg getarnt. Der Diaz-Klan baut, eine Flotte von Foster-Frachtern. Wir nennen sie Bomber.« Otto erinnerte sich vage, daß der Foster-Antrieb auf Deuterium-Fusion beruhte. Eine Sache aus dem Geschichtsbuch. »Unglücklicherweise werden sie nicht fertigge- stellt sein, wenn Selva und Grünwelt zueinander in Opposition stehen – und wir können nur dann angrei- fen, weil sonst die Distanz zu groß ist. Und diese Konstellation tritt erst wieder in fünf Jahren ein. In diesen fünf Jahren werden wir also eine neue Flotte zur Verfügung haben – und es wäre nur ver- nünftig, Geld mit ihr zu verdienen. Der Handel zwi- schen beiden Planeten liegt ausschließlich in den Händen von Grünwelt-Unternehmen. Wir könnten ihre Preise unterbieten und immer noch genügend Profit machen.« »Ich beginne zu verstehen«, sagte Otto. »Was denn?« fragte Rachel. El Alvarez machte eine lebhafte Handbewegung und vergaß ganz die Pistole in seiner Hand. Otto duckte sich instinktiv. »Auf diese Weise wird sich eine neue soziale Klasse bilden, interplanetarische Händler, die Zutritt zum Reichtum außerhalb unseres Wirtschaftssystems erlangen! Jeder Klan wird die Möglichkeiten erken- nen, reich zu werden, und niemand kann es sich lei- sten …«, »Warten Sie, warten Sie«, versetzte Otto. »Ich se- he da noch einen anderen Punkt. Sie haben nur einen annähernd geeigneten Raumflughafen auf diesem Planeten, nämlich Barra de Alvarez.« »Stimmt«, bestätigte El Alvarez ungeduldig. »Dadurch werden Sie als erster die Hand auf das Geld legen können: Benutzungsgebühren, Ausfuhr- zölle, Frachtgelder …« »Nein, nein – auch das gehört zum Plan. Meine Position erlaubt es mir, den interplanetarischen Han- del zu ermutigen, indem ich die Gebühren so klein wie möglich ansetze …« »Klein genug, um keinen Verdacht zu erregen«, sagte Otto ihm auf den Kopf zu. »Stimmt«, bestätigte El Alvarez stolz. »Ich bin kein Soziologe«, gestand Otto, »aber als wir die interplanetarischen Wirtschaftssysteme stu- dierten … Na, ich muß jedenfalls sagen, so etwas Bi- zarres ist mir noch nie untergekommen. Es ist die verrückteste Sozialreform, von der ich je gehört ha- be.« »Ich kenne mein Volk.« »Und was erwarten Sie von der Confederaciõn?« »Vor allem Beratung. Und daß man nicht übereilt handelt, wenn Kriegsgerüchte kursieren. Wie Sie schon sagten, sind Sie kein Soziologe, Oberst, aber sicher hat die Confederaciõn Experten auf diesem Gebiet – und Wirtschaftswissenschaftler,, Propagandisten, Psychodynamiker und … was man sonst so benötigt, Leute, die Juan Alvarez’ Plan beur- teilen, modernisieren und in Schwung setzen könn- ten.« Otto schüttelte den Kopf. »Das paßt nicht recht in das Konzept einer Politik der Selbstbestimmung und Nichteinmischung.« »Ihre Anwesenheit hier beweist die Flexibilität dieser Politik, Oberst.« El Alvarez lächelte. »Außer- dem stammt der Plan von diesem Planeten. Wir be- nötigen, wie gesagt, nur die Unterstützung der Con- federaciõn, um ihn zu verwirklichen.« »El Alvarez«, schaltete Rachel sich ein. »Wollen Sie damit sagen, die Klanführer würden im Laufe der Zeit von den Händlern abhängig und schließlich von ihnen beherrscht? Auch wenn die Händler nur über wirtschaftliche Macht verfügen?« »Ja. Ich sagte ja schon: ich kenne mein Volk.« »Ihr Volk«, wiederholte sie mit zittriger Stimme. »Ich glaube nicht, daß es feinsinnig genug ist, um auf sanften Druck zu reagieren.« Sie öffnete die Bluse ein paar Zentimeter und entblößte die blauen Stellen. »Ihr Volk hat mich jeden Tag ein paarmal vergewal- tigt und rücksichtslos geschlagen – nicht etwa im In- teresse des Verhörs, sondern einfach, um sich zu be- lustigen. Ich glaube, Sie überschätzen Selva, wenn Sie meinen, diese Welt sei in den nächsten Jahrhun- derten bereit zur Zivilisation.«, »Es tut mir leid. Mehr noch, ich bin tief betroffen. Aber versuchen Sie doch bitte zu verstehen …« »Ich glaube, ich verstehe besser als Sie beide.« »Nein, ich meine … Ich kann Ihnen hier keinen Schutz bieten – und Ihnen auch nicht, Oberst. Ich bin von Männern umgeben, die …« Die Tür wurde geöffnet. Julio Rubirez marschierte mit den bewaffneten Soldaten herein. »Ich habe Sie nicht gerufen«, sagte El Alvarez. »O doch, Sir.« Julio betonte den Titel ironisch und kratzte mit dem Daumennagel an der Wand. Unter dem abbröckelnden Putz erschien ein blitzendes Mi- krophon. »Lassen Sie die Waffe fallen – wer immer Sie sein mögen.« El Alvarez ließ den Blick über die bewaffneten Männer schweifen und warf die Pistole auf den Bo- den. »Dieser Mann ist ein Betrüger«, sagte Julio zu den Soldaten. »Eine Kopie unseres geliebten El Alvarez, genau wie dieser Mann auf dem Bett eine Kopie von Teniente Guajana ist.« Guajana hob El Alvarez’ Pistole auf und gab sie einem Soldaten. »Ich verspreche, daß ich herausfin- den werde, was er mit unserem Führer angestellt hat.« Der Soldat, dem Guajana die Pistole gegeben hat- te, hielt bereits ein Gewehr in Händen. Ohne nachzu- denken, gab er die Pistole dem einzigen Mann des Trupps, der die Hände frei hatte: dem Private Rivera., »Und was diese beiden betrifft …« Julio starrte Otto und Rachel gehässig an und hob seine Waffe. Private Rivera entsicherte die Waffe, richtete die Mündung auf den Hinterkopf des Commandante und drückte ab. Der Kopf explodierte, und der Mann fiel, noch immer grinsend, nach vorn. Otto riß Rachel mit sich zu Boden und hob die Waffe des Commandante mit der linken Hand auf. Guajana hatte gerade die Waffe aus dem Halfter ge- zogen und stand im Begriff, Rivera niederzuschie- ßen, als Otto abdrückte und die Flanke seines Dop- pelgängers vom Ohr bis zur Hüfte aufriß. »Fallen lassen!« rief Otto, und bis auf Rivera ka- men alle Soldaten der Aufforderung nach. Alles hatte sich so schnell abgespielt, daß die Soldaten nicht mal Zeit fanden, ihre Waffen zu entsichern. »Sie auch, Private«, sagte Otto ruhig. Rivera hielt die Waffe auf den toten Rubirez ge- richtet und schien gar nicht zu hören. Otto zielte auf seine Hand mit der Waffe. »Fallen lassen.« Rivera ließ die Pistole aus den Fingern gleiten und hob die Hand an den Ohrstummel. »Ich bin ganz durcheinander«, sagte er. »Was ist passiert?« »Die ersten Schüsse eines Krieges«, erwiderte Ot- to und fügte halblaut hinzu: »Vielleicht auch die letz- ten.«, ERMITTLUNGSSTELLE TERRA

MEMORANDUM

Geheimklasse 5 AN: Planungsabteilung VON: Dr. J. Ellis BETR.: Agent McGavin (S-12, Agent Erster Klas- se) Einsatz SG-1746 Folgende Dokumente beiliegend: 1. Abschlußbericht. 2. Schriftlicher Bericht des Agenten. 3. »Der Plan von Juan Alvarez II«, von José Alva- rez III. (in den Dokumenten (1) und (2) erwähnt). 4. Verschiedene Dokumente zur Urlaubsfrage. Meiner Meinung nach erfordert Dokument (3) ei- nen Folge-Einsatz. Agent McGavin ist anderer Mei- nung; ich schlage vor, ihn nicht mit diesem Einsatz zu betrauen. Eine Kopie dieses Dokuments sollte dem zuständigen Komitee der Confederaciõn vorge- legt werden. Agent McGavin ist mit zwei Wochen Verspätung von seinem Einsatz zurückgekehrt. Er gibt an, seine TBII-Kontaktperson habe im Verlauf des Einsatzes einen Nervenzusammenbruch erlitten, so daß er sie zur entsprechenden Behandlung auf einen nahegele- genen Planeten begleiten mußte. Die erforderlichen Dokumente sind beigefügt. Er beantragt weiterhin,, diese Zeitspanne nicht von seinem Jahresurlaub ab- zuziehen, da er und die Kontaktperson in dieser Zeit- spanne geheiratet haben. Die zwei Wochen könnten als Genesungsurlaub gewertet werden. Ich bitte um Vorlage der Dokumente (4) bei seinem Abteilungs- leiter. gez. Dr. John Ellis, Wiederholungstest: Alter 44 Biographischer Test, fangen Sie bitte an: Ich wurde als Otto Jules McGavin am 24. April… Fahren Sie bitte im Alter von 12 Jahren fort: In diesem Mai flogen wir zum Angkor Wat, um Wesak zu feiern. Es war so exotisch und farben- prächtig, und die Menschen waren so fremd; ich wußte, ich konnte nicht mein ganzes Leben lang… Fahren Sie bitte im Alter von 27 Jahren fort: Zwei Einsätze in diesem Jahr. Einer war sehr an- genehm, Untersuchung einer Übertretung von Artikel drei auf Jaica. Hatte sich während meines Anflugs von selbst geregelt, und ich konnte drei Monate am Strand faulenzen. Doch dann mußte ich die Identität von Lin Su Po annehmen, Premierminister der Eura- sischen Hegemonie, auf den ein Attentat verübt wer- den sollte; niemand wußte, warum das TBII einge- schaltet wurde, und es schien… Fahren Sie bitte im Alter von 40 Jahren fort: Wollte dem Team beitreten, das sich mit dem Alva- rez-Plan befaßte; konnte nicht begreifen, wie die Sa- che so schiefgehen konnte, fast, als wäre es eine pla- netenweite … Fahren Sie bitte im Alter von 42 Jahren fort: Reichte eine formelle Beschwerde ein, weil mir nur läppische Einsätze zugeteilt wurden, meistens Schreibtischarbeiten für langgediente Agenten; hatte, dann einen Rückschlag, als sie versuchten, mich in die Persönlichkeit eines 22jährigen zu zwängen … Sie haben keinen Dauerschaden zurückbehalten, nicht wahr? Nur der junge Mann, mit dem ich im Tandem ar- beitete; ich spürte ihn sterben … rotglühende Funken in seinem Gehirn; glaube, die Überwachungstechni- kerin starb ebenfalls, denn ich habe sie nie mehr ge- sehen. Nach meiner Entlassung aus dem Kranken- haus machten sie einen Straßenbettler aus mir und schickten mich nach Corbus, wo ich ein Freudenhaus beschatten mußte, in dem fremde Agenten die Frauen mit biotechnischen Mitteln verwandelten. Ich mußte mir wieder einmal mit der Waffe in der Hand den Weg zum Ausgang bahnen, so müde von dem vielen Töten, die Frauen hätten gerettet und zurückverwan- delt werden können, so müde, immer wieder verletzt zu werden, so … Kiwi. Müde von all diesen Rollen… Elixier. Müde, all diese Leute sein zu müssen … Mantel-und-Degen. Frosch. So müde. Schlafen Sie., Episode: Das Register meiner Sünden Amber: ein roter, langsam sterbender Stern. Kohlenstoff, ein Produkt des nuklearen Feuerkerns, der Amber den schwachen Schein verleiht, steigt zur Oberfläche der Sonne auf und kühlt ab. Kohlenstoff- Dampfwolken wirbeln um die Sternkorona. Bei be- stimmten Bedingungen lösen sich die Staubwolken auf, und schwarzer Schnee fällt in die Photosphäre der Sonne und verharrt dort. Die Kohlenstoffwolken wachsen und formen sich zu dunklen Gebilden, von denen die letzten Licht- strahlen verschluckt werden. Die Planeten erstarren im Frost. Doch der Feuerkern der Sonne brennt noch, einge- hüllt und isoliert von den dunklen Wolken. Seine Ei- genhitze verdoppelt sich und flammt noch einmal auf – nicht mit dem grellen Licht einer Nova, aber doch heller als gewöhnlich. Genug, um den Kohlenstoff verdampfen zu lassen. Die schwarze Sonne leuchtet einen Augenblick lang, und die Korona zuckte auf unter den verdampf- ten Wolken. Doch die Farben verlieren rasch an Leuchtkraft: Gelb, Orange, Rot … bis hin zu einem schwachen Karminrot. Der Stern wartet auf den schwarzen Schnee., »Das werden Sie büßen.« Er war ein eindrucksvoll wirkender Mann mit scharfen Gesichtszügen, bu- schigen Augenbrauen und graumeliertem Haar. »Wir gehen das Risiko ein.« Die Frau hinter dem Schreibtisch hatte den Gesichtsausdruck, der typisch für alle Psychiater ist. Sie trug das graue Kostüm wie eine Uniform. »Eigentlich glaube ich nicht, daß Sie Anzeige erstatten werden.« Er sagte gar nichts. »Wünschen Sie einen Anwalt?« Er beugte sich auf seinem Stuhl vor. Der hinter ihm stehende Wachposten spannte sich. »Ich rede nicht von Bestrafung. Sie haben gegen Gottes Willen verstoßen, nicht gegen die Gesetze der Menschen.« »›Du sollst nicht einsperren‹?« fragte sie. »Das ist mir entgangen.« »Sie wissen genau, was ich meine. Sie haben et- was mit mir angestellt. Ich bin nicht sicher, was. Es war wie ein langer Traum.« Sie nickte. »Zwei Monate lang.« Jemand klopfte leicht gegen die Tür. »Wir werden es jetzt erklären.« Sie drückte auf ei- nen Knopf unter der Schreibtischplatte; die Tür öff- nete sich summend. Zwei Männer traten ein: ein weiterer Posten und ein hochgewachsener, ernster Mann in einem Prie-, stergewand, das genaue Duplikat des Gefangenen. Er sprang von seinem Stuhl auf. Der Posten legte ihm die großen Hände auf die Schultern und drückte ihn auf den Stuhl zurück. Der Doppelgänger war nicht weniger verdutzt. Sein Posten führte ihn am Arm in den Raum. »Frosch«, sagte die Psychiaterin. »Degen-und- Mantel. Elixier, Kiwi.« Das Gesicht des Mannes wurde schlaff. Er rieb sich die Augen. »Mein Gott, hat das lange gedauert.« »Was … was für ein Teufelswerk ist das?« Die Frau nickte dem Doppelgänger zu. »Wollen Sie es ihm erklären, Otto?« Er setzte sich auf die Tischkante und spielte mit dem silbernen Kruzifix vor seiner Brust. »Nun, Re- verend. Wo soll ich anfangen …« »Fangen Sie an, indem Sie mir sagen, wer Sie sind.« »Das ist einfach. Ich bin Sie – Bischof Joshua Immanuel. Früher bekannt als Theodore Lindsay Dover.« »Nein, das sind Sie nicht.« »Gewissermaßen bin ich es. Autsch!« Er legte den Finger an die Lippen und tastete den kleinen Schnitt ab. »Das hatte ich ganz vergessen.« Die Kante des Kruzifixes war scharf wie eine Rasierklinge. »Gleichzeitig bin ich Otto McGavin, Agent einer bestimmten Dienststelle der Confederaciõn. Den, Namen dieser Dienststelle brauchen Sie nicht zu wis- sen. Zu unseren Aufgaben gehört die Aufrechterhal- tung des dritten Artikels der Charta. Sie wissen, was das ist.« »Mit weltlichen Angelegenheiten befasse ich …« »Mich können Sie nicht anlügen, Pater Joshua. Ted. Ihr Gedächtnis, Ihre Persönlichkeit steckt in mir. Sie kennen den Artikel.« Otto starrte ihn an. »Er befaßt sich mit dem Schutz fremder Kulturen. Jedes menschliche Eingreifen ist untersagt.« »Aber nicht die Missionsarbeit!« »Nein – nicht, wenn sie legitim ist. Sie kennen ge- nau wie ich die ehrgeizigen Ziele Ihres Ordens.« Der Mann lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Dann stellen Sie uns doch vor Gericht.« »Wenn das möglich wäre, würden Sie bereits vor Gericht stehen.« »Beweise, die unter Hypnose erlangt wurden, sind…« »Wir haben andere Beweise. Wir haben Sie nicht zufällig ausgewählt. Allerdings könnte Ihr Orden alles um fünf bis zehn Jahre verzögern. Das wäre vielleicht zu spät für die S’kang.« »Heidnische Ungeheuer.« Otto lachte. »Wir kennen Dinge, die Sie gern wis- sen möchten. Wir behalten Cinder scharf im Auge. Viele Menschen möchten das Geheimnis lösen; die, Confederaciõn bemüht sich selbst um die Lösung. Aber durch Archäologie, nicht durch Unterdrük- kung.« »Deshalb haben Sie mich in Verwahrung genom- men. Sie befürchten, die S’kang könnten Jesus als ih- ren Herrn und Erlöser anerkennen – und uns aus Dankbarkeit und Mitgefühl das Geheimnis verraten. Das wäre kein Profit für die Confederaciõn.« »Nur sehr wenige Mitarbeiter der Confederaciõn wissen etwas von der Existenz unserer Dienststelle. Abgesehen von den Richtlinien der Charta arbeiten wir völlig unabhängig.« »Auch vom Gesetz?« »In gewisser Weise.« Pater Joshua ließ sich das durch den Kopf gehen. »Ich würde mich nicht fürchten, meinen Orden vor Gericht zu verteidigen. Was die S’kang betrifft, so tun sie alles aus freiem Willen. Wir können…« »Freier Wille ist ein dehnbarer Begriff«, schaltete sich die Psychiaterin ein. »Wache, geben Sie dem Reverend Ihre Pistole.« Joshuas Wache war die einzige bewaffnete Person im Raum. Der Mann öffnete die Halfter und reichte Joshua seine schwere Laser-Pistole. »Fliehen Sie«, sagte die Frau. Joshua hielt die Waffe scheu in der Hand und sah sich im Raum um. »Nur zu. Niemand wird einen Finger gegen Sie, rühren. Niemand wird Sie verfolgen.« »Ich… kann nicht.« »Natürlich können Sie nicht. Aus dem gleichen Grund werden Sie auch niemandem verraten, was Sie heute erfahren haben. Während der nächsten Monate werden Sie nicht in einer Zelle untergebracht, son- dern in einer komfortablen Zimmerflucht ohne ver- gitterte Fenster und verschlossene Türen. Sie sind darauf programmiert, nicht zu fliehen und nicht zu reden. Das gehört zu einem Teil Ihres Willens, der so wenig frei ist wie der anderer Sterblicher.« »Das ist Gehirnwäsche.« Große Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. »Das verstößt gegen die Charta.« »Wenn es Gehirnwäsche wäre, könnte ich Ihnen jetzt befehlen, den Finger ins Auge zu stechen, und Sie würden ihn in der ganzen Länge hineinrammen. Wollen Sie das bitte machen?« »Es ist nur eine Belehrung«, sagte Otto. »Eine wirksame Belehrung. Etwa so, wie Sie die S’kang über Tod und Auferstehung belehren.« »Wortspielereien. Ihr habt Maschinen, unheilige Maschinen.« »Und wenn ihr diese Maschinen hättet, dann wä- ren sie heilig, was? Dann wären Sie bereits zum Er- folg gekommen.« Die Frau nickte dem Wachposten zu. »Schaffen Sie ihn weg.« Joshua wollte die Pistole nicht übergeben. Der Po-, sten wand sie ihm aus der Hand und bugsierte ihn zur Tür hinaus. Der andere Posten folgte ihnen, und die Tür schloß sich summend. »Gut, wieder einmal mit Ihnen zusammenzuarbei- ten, Otto.« Er murmelte eine höfliche Erwiderung. »Sie erreichen langsam das Pensionsalter, nicht wahr?« »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.« Spitzenagenten wurden unter Beibehaltung aller Bezüge im Alter von fünfundvierzig Jahren pensio- niert. Es gab allerdings nur wenige, die dieses Alter erreichten. »Ich wünschte, ich hätte die gleichen Vorrechte.« Sie schob ihm einen großen Umschlag zu. »Es sind etwa zwanzigtausend Worte, und der Text löst sich nach vier Tagen auf. Irgendwelche Probleme?« »Ich glaube nicht.« Otto kannte die Einzelheiten seines Auftrags ebenso instinktiv, wie er die Persön- lichkeit von Pater Joshua angenommen hatte. Im Laufe der Zeit würde das natürlich nachlassen, und dann konnte er sich nur auf sein Erinnerungsvermö- gen verlassen. »Soll ich es noch vor dem Abflug le- sen?« »Nein, Sie haben an Bord der Ziolkowsky auf dem Flug nach Altair eine Privatkabine. Suchen Sie sich eine Beschäftigung – aber keine Frauen, kein Alko- hol.«, »Ja, ich weiß. Dieser Bursche ist … merkwürdig.« »Im Vergleich zu Ihrem letzten Einsatz ist dieser hier eher gemütlich.« Ottos letzter Auftrag wäre tatsächlich fast sein letzter geworden. Er hatte in einem Dschungel gele- gen, der linke Lungenflügel von einem scharfen Tierhorn durchbohrt. »Gewiß.« Sie beugte sich vor und musterte ihn mit berufs- mäßigem Interesse. »Was stört Sie, Otto? Wir dachten, wir würden Ih- nen mit diesem Einsatz einen Gefallen erweisen.« »Sie haben nicht in seinen Kopf geschaut.« »O doch, ich mußte Ihnen ja seine Persönlichkeit verschaffen.« »Das ist nicht dasselbe, Sara. Die Intensität fehlt.« Sie nickte flüchtig. »Er ist … Ich habe über dreißig Persönlichkeiten angenommen …« »Vierunddreißig.« »… aber es ist mir noch nie so stark aufgefallen. Er war weder ängstlich noch verwirrt oder passiv im Tank. Er versuchte mich aufzusaugen!« »Das kam schon häufiger vor, ist aber noch nie- mals gelungen. Man müßte die gesamte Maschine umpolen. Ein menschliches Gehirn bringt diese Energie nicht zustande.« »Wir beide wissen das – aber er konnte es nicht, wissen und war dementsprechend selbstbewußt. Selbst dann noch, als er schrittweise die Kontrolle verlor.« »Er ist eben ein Fanatiker.« »Das ist es nicht. Er ist natürlich ein Fanatiker, auf seine Weise. Aber ich hatte schon die Persönlichkei- ten von anderen Fanatikern. Wissen Sie, was mich stört?« »Sagen Sie es mir.« »Noch nie im Leben habe ich einen Mann so ver- achtet. Ich habe schon Verbrecher dargestellt, Mör- der, Attentäter – dieser Mann hat in seinem ganzen Leben nie ein Gesetz gebrochen. Und dennoch… ›amoralisch‹ wäre eine unvollkommene Beschrei- bung. Er ist ganz einfach durch und durch schlecht.« »Das ist ein bißchen übertrieben. Ich weiß, er ist scheinheilig …« »Er hat kein Molekül religiösen Empfindens in sich, auch keine ethischen Prinzipien – nichts als Ehrgeiz. Menschliche Wesen sind für ihn nichts als Spielzeuge. Er hat sogar mit dem Gedanken gespielt, die S’kang zu vernichten, damit andere nicht den Erfolg erzielen können, der ihm versagt blieb. So etwas hät- te für ihn nicht mehr moralisches Gewicht als die Be- tätigung eines Lichtschalters. In seinem Kopf zu stecken ist schlimmer, als Teil einer grausamen Ver- nichtungsmaschine zu sein.«, »Na, Sie müssen es jedenfalls für die nächsten acht Wochen ertragen.« Sie richtete sich auf. »Frosch. Mantel-und-Degen. Elixier. Kiwi.« Mit geschlossenen Augen versank Otto in ein Sta- dium kurz vor der Bewußtlosigkeit. »Beim Erwachen sind Sie zu etwa zehn Prozent Otto McGavin und zu neunzig Prozent Joshua Im- manuel. In normalen Situationen verhalten Sie sich entsprechend Joshuas Persönlichkeit und seinem Wissen. Nur in ungewöhnlichen Lagen können Sie auf Ihre Fähigkeiten als Spitzenagent zurückgreifen. Kiwi, Elixier, Degen-und-Mantel. Frosch.« Immanuel/Otto starrte Sara verwirrt an. Er ergriff den Briefumschlag und ging stumm hinaus. Die ersten Menschen entdeckten Cinder, als Amber kalt und ausgeglüht war. Sie fanden einen Planeten, dessen Flüsse und Seen bis zum Grund zugefroren waren; der Boden war mit trockenem Eis bedeckt, und es gab kaum eine Vegetation. Die einzigen grö- ßeren Tiere waren große Käfer, die an einem Tag kaum einen Meter zurücklegten. Sie saugten Wasser aus Buschgewächsen, deren gemeinsame Hauptwur- zel Tausende von Metern tief im Boden steckte und dort fossiles Wasser sammelte. Sie nagten ein Loch in einen Zweig und steckten einen Saugarm hinein. Sie ernährten sich von kleineren Insekten, die sie, langsam hinunterwürgten. Cinder war vor einem halben Jahrhundert ent- deckt, katalogisiert und dann vergessen worden. Da erwachte Amber zu neuem Leben, und eine neue Ex- pedition entdeckte Cinder. Die Ströme flossen, und die Meere sprachen auf die Gezeiten eines kleinen Mondes an. Der Planet war mit Blumen bedeckt, die sich im Sommerwind bewegten. Die Blumenbeete waren geometrisch angeordnet und wurden von Wesen ge- pflegt, die nicht mehr an die ursprünglichen Käfer er- innerten und in keine bekannte Kategorie paßten. Sie bewegten sich auf vier spinnenartigen Beinen und hatten drei Arme, einer davon als Greifarm aus- gebildet, während die beiden anderen mit Händen versehen waren. Ihre Rückenschilde (laut den ersten Entdeckern der Sitz einer Fülle von seltsamen Orga- nen) waren beinahe hohl und dienten als Resonanz- boden. Sie konnten eine erstaunliche Vielzahl von Lauten hervorbringen, indem sie an den hohlen Kör- perschalen kratzten oder die Luft durch eine ge- schlitzte Membrane bliesen. Sie vermochten die Menschenstimme zu imitieren und sich innerhalb weniger Monate verständlich zu machen. Sie behaupteten, über eine Million Jahre alt zu sein (ihr Jahr entsprach 231,47 irdischen Standardta- gen) – nicht als Rasse, sondern als individuelle Or- ganismen. Während des Winterschlafs, so sagten sie,, waren ihre Körper umgeformt und ihre Erinnerungen ausgelöscht worden. Sie waren ebenso neu geboren worden wie ihre Sonne. Sie konnten nur durch einen Unfall sterben und waren äußerst vorsichtig. Wie sich herausstellte, konnten sie auch durch Mord oder Vivisektion sterben. Ein Exobiologe ar- rangierte einen recht grausamen Unfall; keine der zu- schauenden Kreaturen hatte etwas dagegen einzu- wenden, daß er den Körper sezierte. Ihr Leben war voller Rituale, die sich jedoch nicht auf den Todes- fall erstreckten. Er fand nichts, das in irgendeiner Form als Fort- pflanzungsorgan dienen konnte. Als er sie danach fragte, mußte er ihnen erst erklä- ren, was Fortpflanzung bedeutete. Sie glaubten ihm nicht. Er zeigte ihnen Filmstreifen über Paarung, Schwangerschaft und Geburt. Sie hielten das für ei- nen großen Spaß: Die Menschen vergeudeten derart viel Zeit und Fleisch, nur um höchst unvollkommene Kopien von sich selbst zu erzeugen. Es war doch viel einfacher, etwa alle fünfzig Jahre den Lebensrhyth- mus zu verlangsamen, damit sich der Körper regene- rieren konnte. Was also war zuerst da, das Huhn oder Gott? Sie hatten einen Schöpfungsmythos, doch der war so kompliziert, daß Finnegans Wake dagegen wie ein Einkaufszettel wirkte. Ein Individuum, das die ver- erbte Rolle eines Philosophen spielte (es übersetzte, den Begriff mit »Bewahrer nützlicher Sarkasmen«) gestand, daß es den Mythos ebenfalls nicht begriff. Welcher Nutzen sollte denn darin liegen, wenn er ihn verstand? Sie fragten ihn, woher er etwas über den Mythos erfahren habe. Wo erfuhr man etwas über einen My- thos? Man befragte die Felsen. Es dauerte eine volle Dekade, bis das einen Sinn ergab. Das Erforschen der S’kang (der Name war ein harter Konsonant mit einer nachfolgenden Silbe) war wie das Öffnen einer Trickschatulle. Sie logen nie- mals bewußt, antworteten aber auch nie direkt. »Die Felsen befragen« war ihre Art zu lesen. Ihr Greifarm konnte Dinge festhalten, war jedoch in erster Linie ein elektrisches Organ. Äußerlich schien er dem Töten von Insekten und anderen Op- fern zu dienen. Doch er konnte gleichzeitig benutzt werden, um in der kristallinen Struktur von piezo- elektrischen Mineralien Informationen zu speichern. Ihr Planet war eine riesige Bibliothek. Sie konnten instinktiv lesen und schreiben, wahrscheinlich eine durch das Gedächtnis der gesamten Rasse vermittelte Fähigkeit. Jedenfalls vermochte sich niemand zu er- innern, einen Lehrer dafür benötigt zu haben. Das eigentliche Geheimnis von Cinder hatte je- doch weder mit Biologie, Philosophie noch mit der Bibliothek etwas zu tun – sondern mit Astrophysik. Der Planet befand sich nicht an der Stelle, wo er ei-, gentlich hätte sein sollen. Ein planetarisches System muß in eines von elf bekannten Schemen passen – charakterisiert durch Größe und Anordnung der Planeten des Systems, die von Größe und Rotation der Gaswolke abhängig wa- ren, aus der das System hervorging. Die sieben Pla- neten, die Amber umkreisten, paßten genau in eines dieser Schemen – mit Ausnahme von Cinder. Von Rechts wegen hätte sich Cinder in doppelter Entfer- nung von seiner Sonne befinden sollen. War hier etwa ein zwölftes Planetenschema im Spiel? Astrophysiker hielten das für möglich. Schließlich kam jemand auf den Gedanken, die S’kang zu befragen. Sie sagten, der Planet sei zu kalt geworden, und sie hatten ihn deshalb näher an die Sonne gerückt. Die erforderliche Energie, um einen Planeten von der Größe Cinders von der einen zur anderen Stelle zu bewegen, wurde auf 1034 Joule veranschlagt. Das würde einer Energiemenge entsprechen, die bei ver- lustloser Umwandlung von hundert Millionen Mega- tonnen Materie entsteht – genug, um sämtliche Pla- neten der Confederaciõn ein ganzes Jahrhundert lang mit Energie zu versorgen. Energie bedeutet Macht; Macht und Geld. Die meisten Menschen hätten viel darum gegeben zu er- fahren, wie die S’kang das bewerkstelligt hatten. Nur zwei Konzerne besaßen die Mittel, um dieser Frage, aktiv nachzugehen: die Confederaciõn und Energia General, jenes Kartell, das im Besitz sämtlicher grundlegender Patente der Tachyonen-Umwandlung war und auch sonst beinahe an jeder Kilowattstunde beteiligt war, die auf andere Art und Weise ver- braucht wurde. Unter Hinweis auf die Charta pochte die Confede- raciõn auf ihr Vorrecht bei der Erforschung von Cin- der. Die S’kang waren ernsthaft gefährdet, denn sie bestanden aus 1.037 Individuen ohne die Fähigkeit zur Fortpflanzung. Die Confederaciõn hatte die Auf- gabe, sie vor dem Aussterben zu bewahren. Während man die S’kang beschützte, fragte man beiläufig, wie sie es bewerkstelligt hätten, ihren Pla- neten zu bewegen. Die deutlichste Antwort, die man erhielt, lautete: »Sehr vorsichtig.« Die S’kang waren keine kosmischen Spaßmacher, die sich über die armen Erdenmenschen eins ins Fäustchen lachten. Sie waren im Gegenteil recht nai- ve Kreaturen, immer geradeheraus – auf ihre Weise. Natürlich konnte man ihnen auf ganz verschiedene Weise Fragen stellen und auch ganz verschiedene Antworten bekommen. Doch die Auffassung der S’kang von »Wahrheit« war indirekt, dehnbar und spitzfindig. Wenn man ihnen zu erklären versuchte, daß im Universum Gesetze und Logik herrschten, hörten sie höflich zu. Ursache und Wirkung waren für sie dehnbare Fiktionen. Die Dinge geschahen, ganz einfach; sie zu erklären war gleichermaßen in- teressant und vergeblich. Ihnen kam es einzig und al- lein darauf an, zum gegebenen Zeitpunkt zu verlang- samen, neu geboren zu werden und die Blumenfelder in Ordnung zu halten. Sehet die Lilien auf dem Felde… Der Begegnung mit Menschen gewannen sie ein Sortiment ulkiger und für gewöhnlich harmloser Ideen und Dinge ab. Sie trugen alten Plunder und Juwelen, haßten menschliche Musik, sammelten je- doch Schallplatten und Tonbänder mit Aufnahmen von Großstadtlärm. Sie liebten Hubert und haßten Euklid, hielten Hamster als Haustiere und schätzten Raupen als Vorspeise, lösten Kreuzworträtsel, ohne sich um die gefragten Begriffe zu kümmern. Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er tot wäre… Sie waren fasziniert vom Mythos der Auferste- hung … »Euer Exzellenz.« Ein dicker junger Priester half Ot- to/Bischof Immanuel die letzten Stufen herab, ließ sich auf ein Knie fallen und küßte seinen Ring. »Gott segne Sie, Sire.« Otto murmelte ebenfalls einen Segen und sah sich um. Das Flugzeug war auf einer Landebahn aus, Schotter gelandet. Es waren keine Gebäude zu sehen – farbenprächtige Blumen erstreckten sich von einem Horizont zum anderen. Er bedeutete dem Mann aufzustehen. »Keine Zollabfertigung, keine Deklarationen auszufüllen? Eine angenehme Abwechslung.« »Die Formulare warten im Kloster auf Sie, Exzel- lenz. Sie sind alle ausgefüllt und bedürfen nur noch der Unterschrift.« »Sehr gut.« Otto hörte nur mit halbem Ohr zu. Die Blumenbeete waren nicht so wahllos angelegt, wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Bei Wind- stille bildeten sie eine säuberlich geordnete Farbska- la, die in der Ferne einen bläulichen Schimmer an- nahm. Bei einem Windstoß bildeten sie ein für das Auge angenehmes Chaos, vielleicht eine fremdartige Ordnung. Er hatte die Filmaufnahmen gesehen, doch es war etwas ganz anderes, hier zu stehen, den schweren Duft zu spüren und das Flüstern der Blu- men zu hören … »Wie bitte?« Der Mann hatte etwas zu ihm gesagt. »Der erste Eindruck ist stets hypnotisch, Sire. Man gewöhnt sich an die Schönheit, die niemals verblaßt.« »In der Natur spiegelt sich Gottes Glorie«, erwi- derte Joshua automatisch. »Ja, Exzellenz. Wir … alle spüren den Segen, weil wir hier unserer Mission nachgehen dürfen.«, »In der Tat.« Joshua erinnerte sich – nicht alle ge- hörten dazu. Otto erinnerte sich – einige dieser Men- schen glaubten, in einem legitimen Orden zu sein; er mußte sie aussortieren. »Gut. Wollen wir jetzt den Monsignore aufsuchen?« »Diesen Weg, Sire.« Der Mann schob zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen, ganz und gar unpriesterlichen Pfiff aus. Die Blumen vor ihnen teilten sich, und drei S’kang erschienen. Sie bewegten sich seitwärts und unter- hielten sich mit knirschenden Lauten, während ihre Stielaugen dauernd in Bewegung waren. Zwei von ihnen trugen Sattel, der dritte eine Ladefläche mit elastischen Bändern. Ihre Panzer schimmerten bläu- lichschwarz, die Haut war gelb und braun gestreift. Es waren die häßlichsten Kreaturen, die Otto je gesehen hatte. »Ihr habt die Bittsteller zu Lasttieren ausgebil- det?« fragte Joshua. »Bei meinem letzten Aufenthalt hatten wir doch dagegen entschieden.« »Im Grunde genommen nein, Sire. Nur einer ist ein Bittsteller, der dort mit dem Rosenkranz. Hallo, Paul.« Die Kreatur gab einen knirschenden Laut von sich, der sich etwa wie »Hallo« anhörte. »Keiner von ihnen ist gegen seinen Willen hier, und keiner wird bezahlt. Sie sind selbst auf den Ge- danken gekommen und verstehen dies weder als Ge-, fallen noch als Pflicht. Sie machen es, um etwas zu tun zu haben.« Er und Paul luden Joshuas Gepäck auf das »Lasttier«. Joshua betrachtete die Kreatur, auf der er reiten sollte. »Du da … äh, kannst du sprechen?« »Ja, natürlich«, kam die Antwort. »Hast du einen Namen?« »Keinen, den du aussprechen kannst.« Es hörte sich an, als würde jemand gegen ein Trommelfell niesen. »Du kannst mich nennen, wie du willst.« Joshua überlegte. »Ich nenne dich Balaam. In Ordnung?« »Ja, gern. Das Lasttier, dem der Herr eine Stimme verliehen hat. Wirklich angemessen.« Joshua schüttelte den Kopf. »Du … du kennst das Alte Testament?« »Besser als ich«, sagte der Priester. »Im Sinne des Wortes ›kennen‹, ja. Nein-ja.« Tie- fe Laute drückten S’kang-Gelächter aus. »Auch das Neue Testament, das Q’ran, Zend-Avesta, Agama, Tao Te Ching, Rig-Veda, den Talmud, das Analekt, die Edda, Wissenschaft und Gesundheit mit dem Schlüssel zu den Schriften …« »Halt!« Zu dem jungen Priester: »Wer hat ihn die- se … Ketzereien gelehrt?« »Wir nicht, Sire, das versichere ich Ihnen.« »Das ist verdammt richtig«, sagte Balaam. »Es waren meine Freunde, die Archäologen.«, »Fluchen tut er auch«, murmelte der Priester. »Warum haben sie dir diese Dinge beigebracht?« fragte Joshua. »Sie haben sie mir nicht beigebracht. Sie erfuhren meine Funktion und gestatteten mir den Zutritt zur Bibliothek.« »Deine … Funktion?« »›Bewahrer nützlicher Sarkasmen.‹« Joshua nickte, die Lippen zusammengepreßt. Er überprüfte den Sattel. »Können wir uns auf den Weg machen?« »Ja, gern. Hinauf mit deinem Arsch.« Dum-dum- dum. Monsignore Applegate erwartete sie am Eingang des Klosters, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Er küßte den Ring, führte die Exzellenz ins Büro des Klosters und verriegelte die Tür. Er öffnete den Kragen. »Freue mich, Sie wieder- zusehen, Josh. Etwas zu trinken?« »Gern. Es war ein staubiger Ritt.« Er setzte sich auf den Sessel hinter dem Schreibtisch. Applegate füllte zwei Kupferbecher mit Wein aus einem kleinen Holzfaß. »Nun«, sagte er und reichte Joshua einen Becher, »was gibt es Neues?«, »Es hat sich viel verändert, Henry.« »Natürlich. Vier Jahre… wir haben manche Ver- besserung erzielt.« »Ich meine draußen, nicht hier. Seit wann reichen die Blumen eigentlich bis an unser Tor? Zu unserem Vergnügen, oder …?« »Nein, so ist es auf dem ganzen Planeten. In den beiden vergangenen Jahren haben sie wie verrückt gepflanzt.« »Weil Ambers Licht bald erlischt?« »Manchmal sagen sie das. Manchmal sagen sie andere Dinge.« »Wie immer also. Seit wann arbeiten die S’kang hier – und warum gibt es Ungläubige?« »Die Arbeit haben sie vor ein paar Monaten auf- genommen – das heißt die Ungläubigen. Die Bittstel- ler arbeiten schon seit Ihrer Abreise hier. Sie haben uns beim Bau des neuen Flügels und der … äh … wetterfesten Abteilung geholfen.« »Ein hübsches Wandgemälde.« Das ungewöhnli- che Gemälde reichte über die ganze Wand. Darstel- lungen der Leidensstationen am Kreuz; die einzelnen Bilder wurden vom ersten bis zum letzten immer besser. Augenscheinlich hatte der Künstler beim Ma- len hinzugelernt. »Das hat ein S’kang gemacht – übrigens ein Un- gläubiger …« »Haben Sie schon mal daran gedacht, daß die Un-, gläubigen Spione sein könnten?« Henry setzte sich vorsichtig auf einen Stuhl und stellte seinen Becher auf den Boden. »Spione? Für wen?« »Das weiß ich nicht. Vielleicht für sich selbst: Neugier. Wenn sie herausfinden …« »Keiner von ihnen darf den Ritualen beiwohnen oder an den Sakramenten teilhaben. Sie sind zu miß- trauisch, Josh. Sie halten sich auch bei den Archäo- logen auf und helfen ihnen. Sie sind von Natur aus neugierig und haben viel Zeit.« »Woher wissen Sie, ob sie unsere Rituale nicht beobachten? Wie können Sie sie voneinander unter- scheiden?« Henry lächelte. »Dafür haben sie selbst gesorgt. Haben Sie sich nicht den einen angesehen, mit dem Sie gekommen sind? Paul trägt seinen Namen auf der Stirn – oder auf dem, was man für seine Stirn hält.« »Nein, das habe ich nicht bemerkt. Machen sie das selbst?« »Ja – sie behaupten, es sei lediglich eine Sache der Konzentration.« Joshua schüttelte den Kopf. »Henry, woher wollen Sie wissen, ob sie es nicht nach Belieben verändern können? Sie könnten doch …« »O nein! Nein! Sie kennen sie nicht so gut wie ich, Josh. Sie haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Es ist leicht, sie auseinanderzuhalten.«, »Belassen wir es im Augenblick dabei, ich werde mich später damit beschäftigen. Irgendwelche Fort- schritte?« »Na ja. Wir speichern Daten, Würfel um Würfel. Beichten, Katechismusantworten …« »Also kein echter Fortschritt.« »Nein, in gewissem Sinne nicht … nicht, bis wir die Maschine bekommen.« Sie benötigten einen gro- ßen, selbständig arbeitenden Computer – und das be- deutete, daß sie eine Menge Geld auftreiben mußten. »Haben Sie irgendwelche Fortschritte erzielt?« »Den einen oder anderen.« Otto nahm einen lan- gen Schluck Wein. »Allerdings nicht beim Vatikan. Ich konnte nicht mal bis zu einem Kammerherrn vordringen.« »Wie erwartet.« »Schlimmer. Sie betrachten uns als exkommuni- ziert.« »Ex … wie ist es denn dazu gekommen?« »Eines Ihrer Abhörgeräte«, antwortete Otto ruhig, »hat den Wissenschaftlern der Confederaciõn zuviel verraten. Ein Wissenschaftler hat in einem archäolo- gischen Journal einen humorvollen Artikel darüber geschrieben. Flexibilität des Rituals unter den Prie- stern von Sol III. Sehr amüsant.« »Oh, großer Gott.« »Hoffentlich haben wir mehr Glück mit dem Nuo- vo Vaticano.«, »Mit denen?« »Wir Abtrünnigen müssen zusammenhalten.« Henry stand auf und trat an das Wandgemälde. »Ich weiß nicht recht, Josh.« »Stimmt. Deswegen tragen Sie ja auch keine Ver- antwortung.« »Sie brauchen nicht …« »Uns bleibt nicht viel Zeit, Henry. Ich würde sogar Hilfe vom Teufel annehmen.« Henry zuckte zusammen. »Bitte, Joshua.« »Ach, zum Teufel mit Ihrem Gewinsel. Spielen Sie die Rolle schon so lange, daß …« »Vergeben Sie mir.« Sein Gesicht wurde hart. »Ich war in meinem Unglauben nie so stark wie Sie – und auch kein so guter Schauspieler.« »Sie machen sich ganz gut. Jedenfalls hat uns der Nuovo Vaticano eine beträchtliche Summe geboten. Leider nicht ohne Bedingungen.« »Ich bin sicher, Sie haben das Beste herausgeholt. Wieviel?« »Eine Viertelmillion, aber …« Er unterbrach Hen- rys Ausruf. »… es kostet uns natürlich einiges. Äu- ßerlich ist es eine Zuweisung für unsere Missionsar- beit. Ich habe ein entsprechendes Dokument. Die Vereinbarung lautet: zehn Prozent vom Nettogewinn an allen Patenten, die sich aus unseren Untersuchun- gen ergeben. Ein Buchhalter von ihnen …« »Sie haben es ihnen gesagt?«, »Nur genug, um das Geld zu bekommen.« Es wurde leicht gegen die Tür geklopft. »Die Post, Sire.« Applegate nahm die Post entgegen und verriegelte die Tür erneut. »Keine Sorge«, sagte Joshua, »ich mußte es nur etwa einem halben Dutzend anvertrauen – und das sind größere Verbrecher als wir.« »Wir sind keine Verbrecher.« Er blätterte die ein- zelnen Schreiben durch. »Es gibt historische Beispie- le …« »Ersparen Sie mir das, Henry.« »Hier ist eine Nachricht von der Erde – mit der Aufschrift ›dringend‹.« Er öffnete den Umschlag und überflog den Inhalt. »Josh, was haben Sie im Hauptquartier der Confede- raciõn zu suchen gehabt?« »Was?« fragte Otto. »Bischof Salazar schreibt, einer seiner Priester hat Sie am 5. November beim Verlassen des Gebäudes der Vereinigten Menschheit gesehen. Das muß kurz vor Ihrem Abflug gewesen sein.« »Ja, darauf wollte ich gerade kommen.« Vorsicht! »Archäologische Journale werden nicht nur im Vati- kan gelesen. Ich war von einem Dr. Ellis zu einer Besprechung eingeladen worden. Er gehört zu einem Komitee von Wachhunden, das sich um die Einhal- tung von Artikel drei der Charta kümmert.«, »Sie stecken heute voller guter Nachrichten.« »Er war sehr freundlich und nahm Abstand von di- rekten Anschuldigungen. Aber natürlich argwöhnen sie etwas. Ist das eine Nachricht?« »Müssen wir Ärger erwarten?« »Ich weiß es nicht. Vielleicht Inspektoren oder Spione. Neuen Leuten gegenüber sollten wir uns äu- ßerst vorsichtig verhalten. Das betrifft sowohl Ar- chäologen als auch Novizen.« »Mit den Archäologen haben wir nicht viel zu schaffen gehabt.« »Ein Fehler. Sie lernen von uns und können uns damit Schaden zufügen. Als Gegenleistung sollten wir sie auch ein wenig rupfen, ihr Wissen anzapfen … Melden Sie mich doch mal zu einer Besprechung an – mit dem, der die Sache dort drüben leitet …« »Dr. Jones.« »Gut. Als Friedensangebot werde ich ein Fäßchen Wein mitnehmen. Damit hätten wir in vier Jahren wenigstens einen Punkt erreicht. Außerdem möchte ich mich mit jedem unterhalten, der über unsere … Unternehmungen unterrichtet ist. Jemand dabei, den ich nicht kenne?« »Nein, aber ich wollte weitere Personen ins Ver- trauen ziehen. Ohne Ihre Zustimmung habe ich je- doch nichts unternommen.« »Gut, sobald ich von meinem Besuch im feindli-, chen Lager zurück bin, reden wir über die Sache.« »In Ordnung.« Henry ergriff Joshuas Becher und füllte beide. »Die Viertelmillion ist ein Segen, den wir gut gebrauchen können.« »Nein, können wir nicht.« »Wie bitte?« »Es ist nicht genug. Ich habe sie investiert.« Henrys Ausdruck wechselte von plötzlicher Wut über Erstaunen zu Resignation. Vorsichtig setzte er den Becher auf den Tisch. »Die Hälfte davon würde zum Kauf der dringend benötigten Computerzeit rei- chen.« »Ja – auf dem Computer von Fremden!« »Josh, Sie sind keine Autorität in diesen Dingen. Wir müssen keinen eigenen Computer kaufen. Als Benutzer haben wir die absolute Sicherheit, daß …« »Ich bin keine Autorität in bezug auf Computer, wohl aber in bezug auf Macht, und die kann man ge- brauchen oder mißbrauchen. Wenn die Confedera- ciõn es auf etwas abgesehen hat, bekommt sie es auch. Wir müssen ihnen die Aufgabe nicht noch leichter machen.« »Sie sind genauso paranoid wie immer – falls Sie mir die Bemerkung gestatten.« »Wann hatte ich schon mal etwas gegen Ihre Be- merkungen einzuwenden?« Henry setzte sich seufzend. »Stimmt. Es war hof- fentlich eine gute Investition.«, »Eine sehr gute. Fünfzig Prozent an einem neuen Kurtisanenkartell auf Lamarr.« »Lamarr? Das ist doch am Ende der Welt.« »So war es mal. Man hat dort eine Tachionen- Verbindung entdeckt. Und der Deneb ist nur 20 oder 30 Lichtjahre entfernt! In Jahresfrist wird es dort nur so wimmeln von Leuten, die ihr Geld mit vollen Händen ausgeben, während die Raumschiffe aufge- tankt werden.« Henry nickte. »Sind die Mädchen gut?« »Vermutlich. Ich habe natürlich keine direkten Er- fahrungen.« Joshua war nicht immer Magdalenist gewesen; er behauptete, durch frühere Gelübde ans Zölibat gefesselt zu sein. In Wirklichkeit waren seine Erfahrungen mit dem Kurtisanenkartell sehr direkt, eindringlich und vielfältig gewesen, obwohl er nur einen Tag und eine Nacht auf dem Planeten ver- bracht hatte. »Mitreisende Männer und Frauen haben mir das Kartell wärmstens empfohlen.« »Dann wird es wohl gut sein.« Henry lächelte ein wenig. In der Öffentlichkeit nahm sein Bischof auch davon Abstand, Alkohol zu trinken. »Dieser Dr. Jones – was für ein Mann ist das?« »Eine Frau. Recht jung für ihre Stellung. Ich habe noch nicht direkt mit ihr gesprochen. Irgendwie habe ich den Eindruck, daß sie nicht viel von uns hält.« »Na, jedenfalls hat sie den Artikel nicht geschrie- ben. Das war ein gewisser John Avedon.«, »Was für ein Zufall. Ihr voller Name lautet Ave- don Jones.« »O Gott. Melden Sie mich trotzdem an.« »Das ist doch nicht etwa zu schwer für dich, wie?« Joshua befestigte das Fäßchen hinter dem Sattel des S’kang. »Negatron. Das Neue Testament sagt: ›Tragt die Last miteinander und erfüllet damit den Willen des Herrn.‹« Joshua murmelte etwas und schwang sich in den Sattel. »Drei Verse weiter heißt es: ›Jeder Mann soll sei- ne Last selbst tragen.‹ Die Geometrie dieser Situation ist ziemlich verwirrend.« »Du legst die Heilige Schrift zu buchstabengetreu aus. Fühlst du dich wohl, oder soll ich lieber abstei- gen und neben dir hergehen?« »Negatron. Wenn du zu Fuß gehst, muß ich mir den Kopf verrenken, um nach dir zu schauen.« Er richtete ein Stielauge auf Joshua und zwinkerte ihm zu. Gleichzeitig setzte er sich in Bewegung und trip- pelte den Weg hinunter. Im Vergleich zu dem soliden Kloster wirkte das La- ger der Archäologen irgendwie unfertig. Verstaubte, Zelte und Kuppeln standen in unregelmäßigen Ab- ständen auf einer festgestampften Fläche – eine steri- le Anti-Oase inmitten eines Blumenmeers. »Weißt du, in welchem Zelt Dr. Jones wohnt?« fragte Joshua Balaam. »Ja. Um diese Zeit dürfte sie jedoch entweder bei den Ausgrabungen oder im Büro sein.« »Ich bin mit ihr verabredet. Am besten versuche ich mein Glück im Büro.« Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß sie fünf Minuten zu früh kamen. »Nein, bring mich erst zu den Ausgrabungen. Ich möchte mir die Arbeiten ansehen.« Auf dem Weg zum Zentrum des Lagers nickte Jo- shua verschiedenen Leuten zu. Der Anblick eines Priesters, der im Meßgewand auf einem großen Kä- fer ritt, schien niemanden zu überraschen. Die Leute nickten ihm freundlich zu, trafen jedoch keine An- stalten, sich mit ihm zu unterhalten. Einige lächelten, als sie den Wein sahen. Die Ausgrabungen fanden in einem Loch von etwa zehn Metern Kantenlänge und drei Metern Tiefe statt. Am Rand stand ein summender automatischer Schürfer. Otto/Joshua kannte diese Maschinen. Der Schürfer schien bewegungslos zu verharren, analy- sierte jedoch in Wirklichkeit den Boden und folgte einer programmierten Spirale. Sobald er ein Kunst- werk entdeckte, markierte er es sorgfältig und gab dem Mann am Kontrollpult ein Zeichen. Auf dem, sonst glatten Boden der Grube waren ein paar Ein- drücke zu sehen, wo der Schürfer etwas ausgehoben hatte. »Faszinierend, nicht wahr?« Joshua zuckte zusammen; er hatte die von hinten kommende Frau nicht bemerkt. »Avedon Jones, Bischof.« Sie streckte ihm ihre für eine Frau ungewöhnlich große, kräftige Rechte ent- gegen (überraschend sauber für eine Archäologin, dachte Joshua) und umspannte seine Hand mit einem Griff, der ihn um die Knochen dieser Hand fürchten ließ. »Es ist mir ein Vergnügen«, sagte Joshua – und abgesehen von der schmerzenden Hand war es ihm tatsächlich ein Vergnügen. In Dr. Jones’ schmalem Gesicht spiegelten sich Konzentration und ein wenig Müdigkeit, doch Joshua und auch Otto richteten ihr Augenmerk auf die weibliche Figur unterhalb des Kinns. Diese Zonen verrieten die gleiche Eleganz wie der Ausdruck ihrer schimmernden Augen. Au- ßerdem trug sie nur ein Minimum an Kleidung. Der schmerzhafte Händedruck war ein Trick, den sie schon als Studentin gelernt hatte. Die Pupillen ei- nes Mannes ziehen sich bei dem plötzlichen, uner- warteten Schmerz zusammen und verraten dann den Grad seines sexuellen Interesses. In dieser Technik hatte sie eine Menge Praxis – schließlich war sie in einem Beruf tätig, der zu neunzig Prozent von Män-, nern ausgeübt wurde und lange Arbeitsperioden an abgelegenen Orten erforderte –, und sie beobachtete die dunklen Augen dieses angeblich im Zölibat le- benden Mannes, der gerade seine Zunge in Schwung zu bringen versuchte. Sie nahm sein Maß. Es war, als würde er ihr seine Hoden auf einem Tablett anbieten. Belustigt half sie ihm aus seiner augenblicklichen Verlegenheit. »Wir wollen zu meinem Zelt gehen; es hat eine Klimaanlage.« Sie wandte sich an Balaam. »Bist du es, Prescott?« »Ja.« »Dachte ich mir. Was ist die Quadratwurzel des Talmud?« »Schuld.« Dumpfes Dröhnen. Sie lachte. »Du bist verrückt. Willst du mitkom- men?« »Gehe lieber in die Bibliothek.« Er richtete das Stielauge auf Joshua. »Wo soll ich den Wein abstellen?« »Prescott?« fragte Joshua. »Gewiß, ich habe siebzehn Namen. Wirst du nicht ebenfalls von einigen Leuten anders angeredet als von den meisten?« »Nun …« »Der beste Name für jede beliebige Person. ›Ein guter Name ist besser als kostbare Salbe, Prediger Salo…‹«, »Hör auf! Bitte! Äh, Miss … Dr. Jones, der Wein ist ein Geschenk unseres Klosters. Wo sollen wir ihn hinbringen?« »Oh, wie nett! Trage ihn zum Speisezelt, Prescott – aber zuerst wollen wir ihn in meinem Zelt kosten.« »Er ist ein Immanuel, Dr. Avedon – kein Borgia.« Sie gab der Kreatur einen spielerischen Fußtritt. »Man kann nie vorsichtig genug sein, Prescott.« Auf dem Weg zu ihrem Zelt trippelte Balaam seit- lich neben Dr. Jones her. Sie holte einen Krug her- aus, zapfte einen Liter Wein ab und schickte den S’kang zum Speisezelt. In ihrem geräumigen, mit Feldmöbeln ausgestatte- ten Zelt war es kühl und schummrig. Avedon führte Joshua zu einem Sessel und stellte den Wein sowie zwei Gläser auf den Tisch. »Nur ei- ne Minute«, sagte sie und trat hinter einen durchsich- tigen Wandschirm. Zwei Kleidungsstücke schwirrten durch den Raum und landeten in einem Korb. »Staub und Schweiß«, sagte sie über das Summen einer Ultraschall- Duschanlage hinweg, »verschafft mir immer eine Gänsehaut.« Joshua betrachtete die Konturen ihrer Figur, die sich hinter dem durchsichtigen Schirm deutlich ab- zeichneten und fragte sich, ob sie sich ihrer Wirkung auf seine Drüsen wohl bewußt war. Sie stellte die Dusche ab und spähte um den, Wandschirm herum. »Sie unterliegen nicht zufällig einem Haut-Tabu?« »Nein, ich bin auf der Erde aufgewachsen. Außer- dem ist der Körper der Tempel der …« Sie huschte leichtfüßig durch den Raum zu einem Garderobenständer. »Mein Gott«, murmelte er – und es hörte sich keineswegs ehrfürchtig an. »Ist es Ihnen hier drinnen zu kühl?« Sie ergriff ein weißes Gewand und streifte es über den Kopf. »Nein, wirklich nicht.« Joshua fuhr sich mit dem Finger unter den Kragen. »Darf ich Ihnen ein Glas Wein einschenken?« »Gewiß.« Sie blickte in den Spiegel und kämmte sich das kurze Haar. Nach einigen Minuten gab sie es auf, zog einen Stuhl heran, setzte sich Joshua gegenüber und schlug die Beine übereinander. Sie hob ihr Glas. »Auf unsere verschiedenartigen Erfolge, Bischof.« Er nickte und nippte an seinem Glas. »Die hoffent- lich nicht unvereinbar miteinander sind, Doktor.« »Ach, nennen Sie mich doch Avedon. Jedes ande- re Lebewesen auf diesem Planeten nennt mich so.« »Danke, Avedon. Sie können mich Joshua nen- nen.« »Ein ehrgeiziger Name für einen Religionsführer, nicht wahr? Wurde er von ›Jesus‹ abgeleitet?« »In der Tat. Ich bin allerdings mit diesem Namen geboren worden. Wenn man mich Prescott getauft, hätte, wäre ich vielleicht Anthropologe geworden.« Sie lachte. »Kommen wir zur Sache. Sie sind ge- kommen, um meine Gedanken zu lesen.« »Nun, ich würde es nicht so …« »So deutlich? Keine Sorge, ich werde Ihre Gedan- ken ebenfalls lesen. Wir sind bisher so wenig mit Ih- rer Gruppe in Berührung gekommen, und ich bin neugierig.« Joshua betrachtete forschend ihr Gesicht. »Sie wußten genug über uns, um diesen ›John Avedon‹- Artikel schreiben zu können.« Sie lachte; es war ein herzhaftes Bellen. »Ich habe mich gefragt, ob das bis zu Ihnen vordringen würde.« »Aber ja.« Er sah keinen Sinn darin, ihr zu sagen, welchen Schaden der Artikel angerichtet hatte. »Wenn er sich mit einem anderen Orden beschäftigt hätte, wäre ich vielleicht eher in der Lage gewesen, die komischen Aspekte zu würdigen.« »Nun, Sie müssen einräumen …« Sie trank einen Schluck. »Bitte, es ist nicht persönlich gemeint, Bi- schof. Aber einem Außenstehenden kommt Ihr Or- den seltsam vor – und nicht besonders katholisch.« »Ich weiß.« Sie beugte sich vor und rieb sich den Fußknöchel – eine entblößende Geste. »Das Fleisch zu preisen – ich bin überrascht, daß der Heilige Stuhl seine Ge- nehmigung gab.« »Man ist nicht so engherzig.« Joshua vermied es, geflissentlich, in die gefährliche Richtung zu sehen. »Unsere Gründer allerdings waren konservativer, als sie die Genehmigung erhielten. Im Laufe der Jahre haben wir uns weiterentwickelt.« (Tatsächlich war die Maria-Magdalena-Gemeinde vor siebenundzwanzig Jahren von Joshua gegründet worden. Später hatten er und zwei Komplizen, alles zynische Hedonisten, die »langsame Abkehr« von Armut, Keuschheit und Gehorsam auf ihre Fahnen geschrieben. Bis das TBII Joshua entführt und seine Persönlichkeit imitiert hatte, war er der einzige Mensch gewesen, der die wahre Konzeption der Magdalenisten kannte. Die beiden anderen »Grün- dungsväter« lebten nicht mehr; einer war eines natür- lichen Todes gestorben, während der andere wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen auf einem fer- nen Planeten zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde – auf jenem Planeten gab es noch keine Ge- hirnwäsche.) »Mir wurde gesagt, daß Sie als Angehöriger eines anderen, strengeren Ordens ein Gelübde abgelegt ha- ben«, sagte sie. »Es überrascht mich, daß Sie sich so … so menschlich geben.« Sie deutete mit dem Kopf auf sein Weinglas. »Das stimmt nicht ganz.« Mit wem hatte sie ge- sprochen? »Ich habe im Seminar ein vorübergehen- des Gelübde abgelegt, an das ich mich nicht mehr gebunden fühle. Höchstens aus alter Gewohnheit.«, Sie lächelte, ging aber nicht weiter darauf ein. »Erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit«, bat Joshua. »Haben Sie viel über die S’kang in Erfahrung brin- gen können?« »Nicht besonders viel. Es fehlen wesentliche Da- ten.« Sie sah nachdenklich aus und schien plötzlich müde zu sein. »Vierzehn Stationen wie diese hier sind über den ganzen Planeten verteilt und graben Löcher. Sie benutzen keine Werkzeuge und haben nie wel- che gehabt. Deshalb gibt es keine aufschlußreichen Fundstellen.« »Bis auf die Steine, mit denen sie reden?« »Negatron.« Balaam mußte den scheußlichen Ausdruck bei ihr aufgeschnappt haben. »Wir haben solche Steine bisher nur auf der Oberfläche gefun- den. Prescott behauptet, daß sie niemals eingegraben werden.« »Das könnte weiterhelfen.« Joshua nippte an sei- nem Wein. »Keinerlei Kunstgegenstände? Es sah aus, als hätte der Schürfer ein paar Dinge gefunden.« »Sie wissen, wie ein Schürfer funktioniert?« fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ach, ich habe mal einen im Museum gesehen. Ein Modell.« Sie nickte. »Nun, das waren lediglich Steine. Wir werden sie einem Geologen vorlegen.« Sie stand un- vermittelt auf, trat an den Schrank und kramte in ei-, ner Schachtel. »Hier, das ist der beste.« Sie warf ihm einen faustgroßen, weißen Stein zu. Es gelang ihm, ihn aufzufangen, ohne seinen Wein zu verschütten. »Kommt mir leicht vor.« »Zu leicht.« Sie setzte sich wieder. »In chemischer Beziehung ist es Dolomit, in physischer ein Stein, über den wir keine Unterlagen besitzen. Zu porös. Das spezifische Gewicht liegt bei 2. Dolomit hat 2,85. In den vergangenen Monaten haben wir diese Steine bei allen Ausgrabungen auf dem Planeten ge- funden. In höheren Lagen kommen sie nicht vor.« »Interessant.« »Das können sie laut sagen. Allerdings sind wir nur eine Gruppe von Archäologen und Xeno- Anthropologen. Von Geologie und Planetologie ver- stehen wir nicht mehr als ein Anfänger.« »Ich dachte, Sie hätten mindestens einen im Team, der …« »Das wäre logisch gewesen.« Sie schnitt eine Gri- masse. »Die Forschungsfonds-Komitees sind nicht besonders … zumal zwanzig verschiedene Universi- täten daran mitarbeiten. Keine durfte mehr als zwei Personen schicken – und keine wollte einen der kost- baren Plätze für einen Planetologen zur Verfügung stellen.« »Ich dachte, eine Stiftung der Confederaciõn hätte Sie unterstützt.«, »Zum Teil. In Zusammenarbeit mit dem Sagan- Konsortium wurden die Transportkosten übernom- men.« »Ich nehme an, daß deren Interesse nicht in erster Linie der Archäologie gilt.« Sie lächelte. »Negatron.« Sie lachte perlend. »Manche Menschen glauben eben alles.« »Sie glauben nicht, daß die S’kang ihren Planeten tatsächlich näher an die Sonne gerückt haben?« »Was meinen Sie denn?« »Ich bin kein Wissenschaftler, und mein Interesse gilt mehr ihren Seelen als ihrer Welt.« Der Otto in ihm erschauderte. »Wurde nicht eine offizielle Ver- sion dazu veröffentlicht?« »Gewiß, sogar weltweit veröffentlicht. Und ich bin froh darüber, denn sonst hätten wir niemals die Mit- tel bekommen. Aber alles, was man daraus entneh- men konnte, war, daß die meisten S’kang meistens behaupteten, sie hätten den Planeten wegen des Wet- ters bewegt. Manchmal sagen sie, der Planet hätte es von sich aus getan; manchmal, sie hätten ihn nach außen be- wegt, weil es zu warm war – und manchmal verste- hen sie die Frage überhaupt nicht. Finden Sie sich damit ab. So liebenswert die Krea- turen auch sind, von physikalischen Gesetzen haben sie nicht die geringste Ahnung. Sie können zwei und zwei nicht zusammenzählen oder geben auf ver-, schiedene Fragen die gleiche Antwort. Wenn es ih- nen gefällt, halten sie einen Schraubenzieher am fal- schen Ende. Irgendwie sind sie verrückt. Nehmen Sie nur einmal Prescott; er hat jede Zeile von Roger Bacon in einer Woche verschlungen – fo- tografisch gespeichert. Er konnte Seite für Seite rezi- tieren. Fragen Sie ihn aber nach einer wissenschaftli- chen Methode, dann wirft er Ihnen einen unver- schämten Ausdruck an den Kopf – auf lateinisch.« »Können Sie sicher sein, daß es sich nicht um ei- nen großen Ulk handelt? Daß er es tatsächlich ver- steht und Ihnen diese Tatsache vorenthält?« »Warum sollte er das tun?« »Das weiß ich nicht; manchmal habe ich so ein Gefühl. Sie sollten mal ihre Antworten auf den Kate- chismus hören.« Sie beugte sich vor. »Das wäre interessant – ich meine, im anthropologischen Sinn.« »Nun, wir haben ein paar Würfel mit Aufzeich- nungen. Ich wüßte nicht, wem es schaden könnte, wenn Sie einige Kopien anfertigen. Auch liturgische Antworten können Sie studieren – eigentlich alles, bis auf die Beichte.« »Beichte? Welche Sünden könnten sie denn bege- hen?« »Theoretisch können sie acht der zehn Gebote über…«, Jemand kratzte am Zelteingang. »Avedon! Der Schürfer macht Geräusche.« »Verdammt.« Sie stand auf. »Kommen Sie herein, Theo.« Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper schlüpf- te in das Zelt. Vor seiner Brust baumelte ein silber- nes Kreuz an einer Halskette. »Theo Kutcher, Bischof Joshua Immanuel.« Kutcher zuckte zusammen. »Guten Tag, Bruder«, sagte Joshua. »Guten Tag, Sir.« »Ich bin in ein paar Minuten zurück«, sagte sie und wandte sich an Theo. »Keinen Streit bis zu mei- ner Rückkehr!« Joshua blickte ihr nach, lehnte sich zurück und fal- tete wohlwollend die Hände. »Was für eine Art von Streit sollte ich mit Ihnen bekommen, Theo?« Theo setzte sich auf ihren Stuhl und legte die Füße so kräftig auf den Tisch, daß die Gläser klapperten. »Oh, ich glaube kaum, daß wir in grundlegenden Dingen verschiedener Ansicht sind.« Er grinste sar- donisch. »Oberst.« »Wie bitte?« Otto drückte auf den kleinen Knopf, der sein schweres Kruzifix am Ende der Kette in eine messerscharfe Klinge verwandelte., Theo beruhigte ihn mit einer kurzen Handbewe- gung. »Machen Sie keinen Unsinn – ich bin einer von uns.« »Und wer sollte das sein?« Er saß genau in der richtigen Entfernung. Sollte er auf den Hals oder auf die Augen zielen? »Das TBII. Ich bin Agent Zweiter Klasse Meade Johannssen. Und Sie sind…« »Ich weiß, wer ich bin. Andere Persönlichkeit?« »Nein, nur eine Identitätsveränderung. Ich bin von Anfang an hier – zu lange für eine andere Persön- lichkeit.« »Von der Anwesenheit eines anderen Agenten auf diesem Planeten wurde ich nicht unterrichtet.« »Na, das ist typisch für die Bürokratie. Sie gehö- ren zur Charta-Abteilung und ich zur Routine- Überwachung.« »Sie wußten von meinem Kommen?« »Ja, es hieß …« »Sie sollen einen Bericht über meinen Einsatz schreiben.« »O nein.« Das kam zu schnell: ein Schwindler. »Ich soll Ihnen zur Verfügung stehen, wenn Sie Hilfe benötigen. Ferner zur Information, denn das TBII kann mich jederzeit direkt erreichen. Deshalb bin ich hier. Gut, daß Sie hergekommen sind, denn im Klo- ster hätte ich Sie heute abend nur schwer allein spre- chen können.«, »Sie wissen noch nicht einmal die Hälfte.« Heute abend sollte das Treffen aller »sich der Totalität be- wußten« Magdalenisten auf Cinder stattfinden. »Ich habe eine schlechte Nachricht. Der richtige Joshua Immanuel ist einen Tag nach Ihrem Abflug von der Erde geflohen.« »Was? Unmöglich.« »Das habe ich auch gedacht. Augenscheinlich hat er die Konditionierung abgeschüttelt und ist ver- schwunden. Man rechnet damit, daß er einen Vor- sprung von mindestens sechs Stunden hatte … sechs Stunden, ehe sein Verschwinden entdeckt wurde. Der Bischof hat fünfundsiebzig Kays vom Konto der Magdalenisten abgehoben.« Otto stieß einen Pfiff aus. »Sie werden ihn niemals finden. Für ein Zehntel dieser Summe kann er sich den besten Körperbildner der Erde leisten. Ist es si- cher, daß er die Erde verlassen hat?« »Sie haben den Bischof verhört. Joshua berichtete ihnen von der überlagerten Persönlichkeit und dem Austausch …« »Oha!« »… und sagte, er wolle herkommen und Sie um- bringen.« »Das ist doch absurd.« Otto/Joshua lächelte. »Glaubt er, er kann mich unbemerkt anschleichen?« »Nun, er muß ja nicht legal herkommen.« Ohne Paß der Confederaciõn konnte niemand auf dem Pla-, neten landen. »Er hat genügend Geld für eine Privat- jacht. Kann er fliegen?« »Ja, aber nur kleine Maschinen.« Otto trommelte nachdenklich mit den Fingerspitzen auf dem Knie. »Wenn Sie oder ich in seiner Lage wären, würden wir … wahrscheinlich mit einer kleinen Maschine von Epsilon Indii kommen und es so einrichten, daß wir hier landen, während dieser Teil des Planeten in Dunkelheit gehüllt ist. Tief anfliegen und vor der Dämmerung in einem abgelegenen Gebiet …« »So etwas gibt es nicht tausend Kilometer im Um- kreis.« »Hm … selbst wenn er auf diesen Gedanken kä- me, würde er vermutlich eine Bruchlandung machen. Wahrscheinlich wird er in irgendeiner Verklei- dung kommen. Erwarten Sie …« Schritte näherten sich dem Zelteingang. »Bei der Bruderschaft aller Gefolgsleute unseres Herrn! Sie müssen einsehen…« Avedon schlüpfte in das Zelt. »Weiß gar nicht, was mit der Maschine los ist. Sechsmal in vier Tagen … was, ihr seid euch noch nicht gegenseitig an die Kehle gefahren? Ich war der Meinung, ein Baptist und ein Katholik hätten nur wenige Berührungspunkte.« Theo stand auf. »Ich habe ihm seine Verblendung verziehen, und er hat mir meine Eltern vergeben. Was auf dasselbe hinausläuft.« »Nur Gott kann vergeben, Bruder – aber ich habe Verständnis.«, Theo wandte sich der Zeltklappe zu, doch Avedon legte ihm rasch die Hand auf die Schulter. »Einen Augenblick noch, Theo. Wir müssen die Maschine sofort auseinandernehmen. Tut mir leid, daß ich ge- hen muß, Joshua. Wir hätten uns die Würfel gern an- gesehen. Wenn Ihnen unsere Daten interessant vor- kommen, können Sie sie kopieren.« »Sehr liebenswürdig von Ihnen.« »Wollen Sie es morgen um die gleiche Zeit noch einmal versuchen?« »Gewiß … und Theo, Sie können jederzeit zum Kloster kommen. Ein Gedankenaustausch ist immer befruchtend.« »Mich werden Sie bestimmt nicht bekehren.« »Wir sind nicht hier, um Menschen zu bekehren.« Joshua begleitete sie hinaus. »Was bringt Sie auf den Gedanken, sie würden dabei nicht mehr profitieren als wir?« Applegate war wütend. »Nichts könnte sie daran hindern, einen Se- mantik-Computer zu mieten.« Joshua schüttelte den Kopf. »Muß ich denn immer für Sie denken? Die Daten, die wir ihnen geben, sind mehr als wertlos.« Er nahm einen der Würfel auf und drehte ihn in den Fingern. »Der Katechismus besteht aus dem Frage-und-Antwort-Spiel. Dabei geben die Antworten meistens keinen Sinn, stimmt’s?« Applegate nickte; seine Lippen waren fest zusam- mengekniffen., »Dennoch suchen wir eine gewisse Logik dahin- ter. Vielleicht ist sie so verschleiert oder kompliziert, daß der menschliche Verstand Hilfe benötigt, um sie zu begreifen.« »Das ist nicht gerade neu für mich.« »Wie immer diese Logik beschaffen sein mag – wir können sie vernichten. Eine einfache Frage der…« »Natürlich: die Antworten verdrehen. Wir behal- ten die echten Würfel und…« »Richtig. Wir legen ein paar Fragen ein, bei denen die Antworten vernünftig klingen … vielleicht jene dort.« Er deutete mit dem Kopf auf eine in der Ecke stehende graue Schachtel. »Ihre Maschine läßt sich doch darauf einstellen, nicht wahr? Bis morgen?« Applegate rieb sich das Kinn. »Vermutlich. Ich werde mir von Schwester Caarla helfen lassen.« Er blickte auf die Uhr. »Sie sollte jeden Augenblick ein- treffen.« »Gut.« Joshua stand auf und tat, als würde er das Wandgemälde betrachten. »Erwarten wir eigentlich in nächster Zeit Besucher?« »Nicht mit der bevorstehenden Kälteperiode vor Augen. Warum?« »Reine Neugier.« Der richtige Joshua würde also als Archäologe kommen. »Haben wir genügend Leu- te für die bevorstehenden Arbeiten?« »Zu viele – aber das dient natürlich zur Tarnung.«, Es wurde angeklopft. »Herein«, sagte Joshua. Vier Frauen und drei Männer traten ein, der Rest des Inneren Kreises. Der letzte schloß die Tür. »Fein. Wir wollen uns in den Winterraum zurück- ziehen.« Applegate öffnete die Stahltür. Der Raum war warm und hell, etwa zwanzig Qua- dratmeter groß und voller Blumen. Die Beleuchtung entsprach Ambers Helligkeit während der Sommer- zeit; Heizelemente würden den Raum während der winterlichen Hälfte des Jahrhunderts frostfrei halten. So lange wollten sie allerdings nicht warten. An der Wand stand eine Reihe bequemer Sessel. Bis auf Joshua setzten sich alle. »Caarla«, sagte er, »sind Sie noch in der Phase der Auswahl?« »Ja, wir haben uns auf fünf Kreaturen konzen- triert: Matthew, Peter, Heli, Joseph 2 und jenen, den die Archäologen Prescott nennen.« »Prescott? Er ist ein Ungläubiger.« »Ja, aber mit ihm kann man sich am besten ver- ständigen.« Die anderen mußten wahre Prachtexemplare sein, dachte Joshua/Otto. »Wie wollen Sie ihn anlocken?« »Vielleicht kommt er aus reiner Neugier. Andern- falls brauchen wir nur zu warten, bis er schläfrig wird, und ihn dann hereintragen.« »Ich stimme dagegen.« Bruder Judson fungierte als Exobiologe. »Wir haben keinen Anhaltspunkt da-, für, daß sich die Sache rückgängig machen läßt. Der Aufenthalt in dieser Umgebung könnte ihn töten.« »Sie können allesamt getötet werden«, versetzte Applegate. »Wir müssen ein wenig kaltblütig sein. Es geht um einen hohen Einsatz.« Niemand wußte, ob die Veränderung der S’kang auf dem Klima oder auf einer biologischen »Uhr« beruhte. Doch soviel stand fest: mit dem verlangsam- ten Metabolismus der Winterzeit konnte ein S’kang nicht lange in einer feuchtwarmen Umgebung über- leben. »Ja«, entschied Joshua. »Wir wollen uns an Caar- las Empfehlungen halten. Bruder Colin?« Das war der Semantiker der Gruppe. »Ich habe meine Liste abgeschlossen«, erklärte er. »Über dreitausend Fragen, von denen etwa tausend für ein nichtaristotelisches System transformiert wurden. Die früheren Fragen waren katechistisch oder sogar strikt liturgisch. Sie wurden in Fragen über die Auffassung der Kreaturen vom objektiven Universum umgewandelt.« »Nun …«. begann Joshua. Jemand klopfte. »Ich kümmere mich darum. Wartet auf meine Rückkehr.« Er schloß die Stahltür und öffnete einen Spalt der Holztür. »Ja?« Bruder Desmond. »Kommen Sie bitte zum Nach- richtenraum, Sire. Eine Bittstellerin hält sich in der Orbitstation auf und bittet um Landeerlaubnis.«, »Ohne Papiere?« »Nein, Sire, die Transferpapiere wurden auf Epsi- lon Indii ausgestellt. Angeblich handelt es sich um eine Frau, die vor religiöser Verfolgung auf Dakon geflüchtet ist.« Joshua schlüpfte durch die Tür. »Ich rede mit ihr.« Wenn das tatsächlich der richtige Joshua war, hat- te er gerade sein Todesurteil beantragt. Eine voll- kommene körperliche Veränderung, die auch das Knochengerüst umfaßte, dauerte Wochen. In diesen Dingen kannte sich Otto zu gut aus, um sich täuschen zu lassen. Der Nachrichtenraum war eine Zelle wie alle an- deren. An der hinteren Wand hing ein großer Bild- schirm über den elektronischen Geräten. Das Gesicht der alten Frau sah dem von Joshua ganz und gar nicht ähnlich – aber die breiten Schul- tern verrieten ihn. Otto/Joshua steckte in dem glei- chen Körper und wußte genau, wo sich die Knochen befanden. Als »sie« sprach, war Otto seiner Sache sicher. Man kann die Länge der Stimmbänder eines Men- schen verändern, um der Stimme einen anderen Klang zu verleihen, aber die Veränderung des Wort- schatzes bedarf eines Eingriffs in das Sprachzentrum des Gehirns – und der läßt sich nicht so schnell be- werkstelligen. »Bruder Desmond erklärte mir«, sagte sie, »daß, die Missionsarbeit für die kommenden fünfzig Jahre annähernd abgeschlossen ist. Das ist mir gleichgül- tig. Ich suche lediglich einen Ort, wo ich meine letz- ten Jahre in Frieden verbringen kann.« »Welche Schwierigkeiten hatten Sie auf Dakon?« fragte Joshua. »Man wollte mich einer Gehirnwäsche unterzie- hen und behauptete, ich würde den Kindern antiso- ziale Prinzipien beibringen. In einer privaten Sonn- tagsschule. In Wirklichkeit hatten sie es nur auf mein Geld abgesehen. Ich habe es mitgebracht.« Sie wies ein ausgefülltes Formular vor. »Fünfzig Kays in Pesos der Confederaciõn. Ich übergebe sie Ihrem Orden als Zeichen der Dankbarkeit für die Aufnahme.« Joshua verbiß sich ein Lächeln. Wie fühlt man sich, wenn man sich selbst besticht? »Das Geld ist natürlich willkommen, aber nicht erforderlich. Einer hilfesuchenden Seele verweigern wir nicht unsere Unterstützung. Haben Sie ein eigenes Fahrzeug?« »Nein, aber ich habe auf Epsilon Indii eines ge- mietet.« »Schicken Sie es zurück und kommen Sie mit der Morgenmaschine. Ich glaube, sie startet um sieben Uhr von der Orbitstation.« Sie wechselten noch ein paar höfliche Floskeln, dann wurde der Bildschirm dunkel. »Ich denke, ich werde sie bei Bruder Follett unter-, bringen«, sagte Desmond. »Sie scheinen etwa im gleichen Alter zu sein.« »Hört sich gut an. Und wecken Sie mich um sie- ben; ich möchte sie bei der Landung empfangen.« »Wie Sie wünschen, Sire.« Wahrscheinlich hatte er ganz unbrüderliche Gedanken. »Ich werde Paul und zwei weitere Kreaturen satteln lassen.« »Nein… das halte ich für keine gute Idee. Sicher- lich hat sie noch nie einen S’kang gesehen. Das kann ein ziemlicher Schock sein, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Wenn sie Gepäck hat, lassen wir es von einem S’kang abholen. Ich kann sie unterwegs an den Ge- danken gewöhnen.« Ein S’kang würde einen Mord vielleicht gar nicht erkennen, wenn er geschickt ver- übt wurde – aber es war besser, kein Risiko einzuge- hen. Er wußte bereits, wie er es machen würde. Alles war absurd einfach. Er kehrte in den Winterraum zurück und berichtete den anderen von der letzten Entwicklung. »Kommt mir verdächtig vor«, sagte Applegate und erklärte den anderen: »Bischof Immanuel wurde auf der Erde von einem Beamten der Confederaciõn ver- nommen. Er hält es für möglich, daß sie uns einer Übertretung der Charta verdächtigen und einen Spion auf den Hals schicken.« »Morgen«, sagte Joshua, »nehme ich Desmond zu, dem Besuch bei den Archäologen mit und sage ein- fach, daß ich Hilfe bei der Auswertung der Würfel benötige. In seiner Abwesenheit, Caarla, setzen Sie sich mit Epsilon Indii und Dakon in Verbindung und versuchen, etwas mehr über sie herauszubekom- men.« Nach dem tragischen Unfall würde sich das dann natürlich erübrigen … Im Bewußtsein der morgen bevorstehenden Aktionen fand Joshua es schwer, sich auf Sitzungsroutine zu konzentrieren. Sie befaßten sich mit der möglichen Aufnahme von zwei neuen Mitgliedern: Bruder Anzio und Schwester Krim. Anzio kannte sich mit der Repara- tur und Instandhaltung von Computern aus – an- scheinend war er mit falschen Angaben zum Orden gekommen. Applegate hatte herausgefunden, daß er bei einem Kreditunternehmen auf Macrobastia für die Unterschlagung eines kleinen Vermögens ver- antwortlich war. Vermutlich wollte er hier die Sperr- zeit für sein Verbrechen (zehn Jahre auf Macroba- stia) abwarten, um sich dann als freier Mann bewe- gen zu können. Schwester Krim schien ebenfalls nützlich zu sein, denn sie beherrschte ein Dutzend Sprachen. Sie war zwar keine Akademikerin, dafür aber eine begeisterte Amateur-Wissenschaftlerin, die keinen Hehl daraus, machte, daß sie dem Orden in erster Linie beigetre- ten war, um die S’kang zu studieren. Leider schien sie ein viel zu weiches Herz für die Kreaturen zu ha- ben. Sie beschlossen, Anzio mitmachen zu lassen und Schwester Krim auf die Finger zu schauen. Wenn die Kreaturen in dem künstlich erhaltenen Sommer gediehen, würden sie die beiden vielleicht beteiligen, um von ihren Erfahrungen zu profitieren. Bruder Judson führte Joshua durch den Winter- raum. Es war ein angenehm duftender Ort, und die umgebetteten Blumen standen in der von den S’kang bevorzugten Anordnung. Im lauen Wind schwirrten Insekten durch die Luft – wenn man nicht gerade nach oben blickte, kam man sich wie im Freien vor. Der »Himmel« allerdings konnte niemanden täu- schen: helle Punkte und Streifen mit einer künstli- chen Sonne. Nach der Besprechung vergewisserte sich Joshua, daß Caarla und Applegate das Frage-Antwort-Spiel begannen, und ging hinaus. Keine Sterne. Nur das Licht über dem Klosterein- gang leuchtete in der Dunkelheit. Es war kühl in der feuchten Atmosphäre. In wenigen Tagen würde Am- ber vollkommen erlöschen. Die Blumen würden sterben, Schnee würde fallen, und der Lebens- rythmus der Kreaturen würde sich stark verlangsa- men – von einigen Ausnahmen abgesehen., Deprimiert ging Otto wieder hinein und begab sich in die leere, ungeheizte Küche. Er trug eine Kerze in seine Zelle, setzte sich auf die Pritsche, überprüfte die Waffe für den morgigen Einsatz, verbarg sie unter der Kleidung, nahm eine Tablette und schlief ein. Joshua stand ruhelos auf dem Schotter der Lande- bahn und sah Amber im Morgendunst aufgehen. Die Sonne wirkte wie eine angefaulte Frucht mit rötli- chen, dunklen und orangefarbenen Flecken. Die Blumen hinter ihm bewegten sich im leichten Wind. Zum hundertsten Mal blickte er sich um und vergewisserte sich, daß niemand zu sehen war. In seinem weitgeschnittenen Ärmel steckte ein Ul- traviolett-Laser mit einem langen Lauf. Joshua machte den Eindruck, als würde er mit verschränkten Armen den Himmel betrachten. Er sah die Raumfähre, bevor er sie hörte. Die Posi- tionslichter an den Tragflächen blinkten grün und rot. (Die Fähre würde auf Skiern landen, etwa zwei Kilometer über die Schotterbahn gleiten und dann abbremsen. Die Achillesferse steckte in der Verbin- dung von Skiern und Rumpf; sie enthielt den kom- plizierten Computer zur Dämpfung der sonst uner- träglichen Schwingungen. Ein Feuerstoß von einem, Megawatt konnte ihn vernichten.) Der Flugschreiber würde zu einem Problem wer- den. Er mußte über »Theo« eine Nachricht an die Beamten der Confederaciõn auf Epsilon Indii schik- ken, um den Anschlag zu tarnen. Ein Defekt im Computer. Die Raumfähre glitt zwei Meter über der Schotterbahn an ihm vorüber und setzte mit ohrenbe- täubendem Lärm zur Landung an. Er hielt den Laser mit beiden Händen umklam- mert, atmete tief durch und richtete die Mündung auf das Ziel. Wenn Joshua auf der rechten Seite saß, würde er sehen, wie sein Doppelgänger im schwar- zen Talar ihn tötete. Feuer! Zielen und nochmals feuern. Das Bellen des Lasers ging im Lärm der landenden Maschine unter. Das Flugzeug wirbelte zweimal herum und über- schlug sich in der Luft. Die Pilotenkanzel schlug krachend am Boden auf, und der Rumpf zersplitterte über der Schotterbahn. Otto/Joshua schob den Laser in den Graben neben der Landebahn, drückte mit dem Fuß Schotter dar- über und eilte zu der Stelle des von ihm verursachten Unfalls. Der größte Teil von Joshuas Körper lag am Rande einer großen Blutlache. Otto drehte ihn mit der Fuß- spitze um und blickte erleichtert auf das geschmol- zene Plastikfleisch über dem eigentlichen Körper., Er schluckte eine Tablette, die sich auf den Kreis- lauf auswirkte. Sein Gesicht wurde aschfahl, die Hände begannen zu schwitzen. Eine normale menschliche Reaktion. Er sah sich um und entdeckte den bläulichschwar- zen Körper eines S’kang zwischen den Blumen. Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Ein Re- flex von Ambers seltsamem Lichtschein auf den we- henden Blumen? Kaum anzunehmen. Er trat an den Rand der Blumenfläche und fand nichts. Doch das wollte wenig heißen, denn die Krea- turen konnten sich wie Schlangen durch das Gras winden. Unwichtig. Es war nicht anzunehmen, daß der S’kang den ganzen Vorgang beobachtet hatte, und selbst dann würde er ihn nicht begreifen. Joshua machte sich mit schnellen Schritten auf den Rück- weg zum Kloster. »Es war schrecklich … einfach schrecklich.« Joshua ließ sich von Avedon eine Tasse Zichorienkaffee ge- ben und verschüttete mit zitternden Händen ein we- nig davon. Avedon legte ihm die Hand auf das Knie. »Solche Dinge passieren nun mal. Tut mir leid, daß Sie es mitansehen mußten.« Er nickte und starrte in die Tasse. »Wenigstens wird sie keine Schmerzen empfunden haben … die, Wege des Herrn sind unergründlich. Wir wissen le- diglich, daß sie ein Mensch war, der auf seiner Hei- matwelt Verfolgungen zu erleiden hatte. Vielleicht war es für diese Frau die beste Lösung.« »Das kann ich nicht akzeptieren. Jede Art zu leben ist besser als der Tod.« »Ich fürchte, da muß ich Ihnen beipflichten – ob- wohl es gegen meinen Glauben verstößt.« Er trank einen Schluck Zichorienkaffee und stellte die Tasse ab. Dann öffnete er die mitgebrachte Schachtel. »Das sind die Würfel, von denen wir gesprochen haben.« Sie nahm die Schachtel entgegen, bedankte sich und akzeptierte die schweigende Übereinkunft, das Thema zu wechseln. »Eine Beschäftigung für uns, wenn Amber erloschen ist.« »Bleiben Sie alle hier?« »Nein, nur vier von uns.« Ein schwerer Regen- tropfen klatschte auf das Zeltdach. Sie ging zum Eingang und warf einen Blick nach draußen. »Wenn der letzte S’kang in den Winterschlaf gefallen ist, reist der Großteil unserer Mannschaft ab. Während der nächsten Wochen werden wir die metabolischen Veränderungen der S’kang beobachten. Anschlie- ßend analysieren wir die vorhandenen Daten.« »Fünfzig Jahre lang?« Sie zuckte die Schultern. »Solange die Mittel aus der Stiftung der Sagan-Gruppe und der Confedera-, ciõn reichen. Ich werde mit Theo und zwei weiteren Mitarbeitern ein Jahr lang bleiben. Dann werden wir von einem anderen Team abgelöst. Wie steht’s denn bei Ihnen?« »Ich bleibe eine Weile. Es besteht kein Grund zur Abreise, und ich möchte hier den Winter erleben. Ei- ne willkommene Abwechslung vom täglichen Einer- lei auf der Erde – und ich kann mich auf meinen Stellvertreter verlassen.« »Eine gesunde Einstellung… ich gebe die Zügel nur ungern aus der Hand, ganz gleich, wer mein Stellvertreter ist.« Die Regentropfen trommelten auf das Zeltdach. »Sind Sie zu Fuß hier?« »Ja.« Joshua stand auf. »Ich werde jetzt lieber den Rückweg antreten.« »Ehe Sie schwimmen müssen. Warten Sie, ich ge- ben Ihnen einen Hut.« Sie fand eine Kopfbedeckung aus orangefarbenem Kunststoff. Er beäugte das Ding. »Nehmen Sie ihn. Besser als gar nichts.« »Da haben Sie recht.« Die Kopfbedeckung war ein paar Nummern zu groß und thronte wie eine Salat- schüssel auf seinem Kopf. Sie lachte. »Er hält Ihnen die Ohren trocken.« Sie begleitete ihn zur Zeltklappe und legte ihm die Hand auf den Arm. »Vielen Dank für die Würfel, Joshua. Sie können jederzeit kommen und unser Material kopieren.« »Nun, das gehört nicht zu meinem Arbeitsgebiet.«, Er blickte in den Regen hinaus. »Eigentlich wollte ich Bruder Desmond mitbringen, aber das … Be- gräbnis hat ihn ziemlich mitgenommen.« »Verständlich.« Sie tätschelte seinen Arm. »Bei Ihrem nächsten Besuch werden wir unser Winter- quartier bezogen haben. Ein häßliches, braunes Ge- bäude direkt bei den Ausgrabungen; Sie können es gar nicht verfehlen.« »In Ordnung.« Joshua schlug den Kragen hoch und ging in den Regen hinaus. Sobald er außer Sichtweite war, nahm er den lächerlichen Hut ab und klemmte ihn unter den Arm. Die Regentropfen fielen auf den staubigen Weg. Von Osten her zogen dunkle, schwere Wolken auf. Er beschleunigte die Schritte. Als er sich den Blumenbeeten näherte, kam ein S’kang seitlich auf ihn zu. »Ein schlechter Nachmit- tag, Pater Joshua.« »Ist er so schlecht, Balaam?« »Ja. Warst du bei Dr. Avedon?« »Ja.« »Allein?« »Ja.« »Liebst du sie? Willst du sie zur Frau nehmen?« Joshua verzog keine Miene. »Das glaube ich nicht. Warum fragst du?« »Ich weiß es nicht. Es ist ein Geheimnis.« Sie gingen schweigend weiter. Der Regen wurde, plötzlich stärker. Joshua setzte die Kopfbedeckung wieder auf und lauschte dem klatschenden Geräusch der Regentropfen. »Hast du ihr gesagt, daß die Neue von dir getötet wurde?« Otto: »Wie meinst du das?« »Ich habe dich das Ding auf das Flugzeug richten sehen, und dann explodierte es.« »Nein, äh, das war ein … eine Art Kruzifix für Reisende. Ich segnete die Landung.« »Hat aber nicht funktioniert?« Joshua seufzte. »Nein, manchmal wirkt der Segen nicht … und Gebete bleiben unerhört.« »Viele Dinge der Menschen funktionieren nicht. Ich weiß nicht, warum ihr das zulaßt.« Joshua brummte nur. »Wozu brauchtest du ein Kruzifix, das wie ein La- ser funktionierte?« Otto zuckte zusammen. »Das ist schwer zu erklä- ren.« Er mußte ihn loswerden. »Willst du mir einen Gefallen tun, Balaam?« »Wenn ich verstehe, was du willst, und wenn mir Zeit bleibt, ehe mich die Müdigkeit übermannt.« »Das ist es ja gerade. Für mich ist es wichtig, daß du irgendwo anders bist, wenn sich dein Metabolis- mus verlangsamt – nicht in der Nähe des Klosters. Am liebsten wäre es mir, du würdest gleich ver- schwinden.«, »Fürchtest du, ich könnte anderen von deiner Sün- de erzählen?« »Eigentlich nicht – doch, ja. Meine Sünden gehen nur mich und meinen Beichtvater etwas an.« »Und nicht den lieben Gott.« Das dröhnende S’kang-Lachen. »Ich wollte ohnehin bald verschwin- den. Wenn es kalt wird, gibt es nur noch wenig Nah- rung; jeder bekommt sein eigenes Gebiet zugeteilt. Ich könnte auf der Stelle verschwinden.« Er blieb stehen. »Wenn ich deine ungesprochenen Worte richtig verstehe, wirst du mich ebenfalls töten, falls ich bleibe.« Otto schwieg. »Ich weiß es zu schätzen, daß du mir die Wahl läßt. Ich weiß, wie wichtig das für einen Menschen wäre.« Er streckte ein Vorderbein aus. »Leb wohl, Joshua.« Otto sah ihn zwischen den Blumen verschwinden. Du wirst weich auf deine alten Tage, McGavin. Im Laufe einer Woche wurde der Regen kälter und verwandelte sich schließlich in Schnee. Der Wind steigerte sich zu heulender Sturmstärke und ließ un- vermittelt nach. Die Dämmerung setzte schon gegen Mittag ein, und die Temperatur sank unaufhörlich. Otto hatte Theo fünf verschlüsselte Nachrichten, geschickt. Die Beweise reichten aus; er wollte diesen Fall abschließen und einen wärmeren Planeten auf- suchen. Und sich vorzugsweise bis zu seiner Pensio- nierung mit Schreibtischarbeiten beschäftigen. In der Küche der Archäologen war es warm und hell. Avedon räumte das Geschirr ab und setzte sich. »Sieht aus, als müßten wir unsere Pläne ändern«, sagte sie. »Tatsächlich?« Joshua war voller Ungeduld. Vor dem Dinner hatte er Theo eine weitere Nachricht zu- geschoben und einen schmalen Papierstreifen erhal- ten. Er hatte einen kurzen Blick darauf geworfen und gesehen, daß er ein einziges Wort enthielt, das mit einem »n« schloß. Vielleicht »abschließen«? »Das Sagan-Konsortium hat uns die Genehmigung zu Experimenten mit einem schlafenden S’kang ge- geben. Wir sollen versuchen, die Kreatur zu aktivie- ren. Wir können mit unseren Forschungen fortfah- ren.« »Das scheint Sie nicht besonders glücklich zu ma- chen.« »Das bin ich auch nicht. Das Experiment wird für die Versuchsperson tödlich ausgehen. Selbst wenn der S’kang das Experiment zunächst überlebt und das halbe Jahrhundert seiner Regeneration verliert … wahrscheinlich würde er dann seine Unsterblichkeit verlieren und später sterben.« Sie fegte einen Krümel, vom Tisch. »Sie können eine neue Sünde in Ihre Re- ligion aufnehmen.« »Mord an einem Unsterblichen?« fragte Theo. »Das ist schon mal passiert.« »Wollten Sie damit sagen, daß es gegen das Ge- setz verstößt?« fragte Joshua. »Gegen die Charta?« »Die Confederaciõn will das Geheimnis der S’kang unbedingt ergründen. Ich glaube, sie machen nicht mal vor der Charta halt, um fünfzig Jahre ein- zusparen.« »Was können Sie dagegen unternehmen?« »Aufhören.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich denke, wir werden erst einmal abwarten.« »Ihre Haltung den Kreaturen gegenüber ist nicht gerade wissenschaftlich.« »Vielleicht nicht. Ich habe sie gern und werde Prescott vermissen. Charta hin, Charta her – die S’kang sind keine Versuchskaninchen für das Labor, sie …« Sie blickte von Theo zu Joshua und lächelte ein wenig. »Schreiben Sie das in Ihren Katechismus: Was ist nicht geboren und stirbt nicht, wessen Motive und Handlungen sind für Menschen unergründlich?« »Das ist Gotteslästerung«, ermahnte Joshua sie. »Nicht von mir. Ich habe nur eine Frage gestellt.« Sie erhob sich. »Wollen Sie mich jetzt bitte ent- schuldigen? Ich bin müde und habe morgen einen harten Tag vor mir.«, Der trockene Schnee knirschte unter seinen Schuhen. Im hellen Sternenschein war keine Taschenlampe nö- tig, um dem Pfad zu folgen. Durch die elektrisch be- heizte Maske atmete er heiße Luft ein, aber seine Augenbrauen und Ohren waren mit Reif bedeckt. Er war versucht, den Zettel aus der Tasche zu zie- hen und im Gehen zu lesen. Doch es war vierzig Grad unter Null, und er würde viel Körperwärme verlieren, wenn er den Schutzanzug öffnete. Was würde passieren, wenn die Confederaciõn es tatsächlich zuließ, daß einer dieser kleinen Kerle aufgetaut wurde? Es würde ihre Stellung gegen die Magdalenisten schwächen. Wenigstens hatte er Joshua Immanuel getötet. Ei- ner weniger. Er folgte dem Weg bis zum beleuchteten Kloster- eingang. Sie hatten aus Plastikteilen und einem Stahlrahmen eine primitive Luftschleuse installiert. Er zwängte sich hindurch und schloß die schwere Tür hinter sich. Er hatte gerade die Schuhe ausgezogen – der Fuß- boden war kalt –, als Bruder Desmond um die Ecke kam. »Sire, Monsignore Applegate möchte Sie sofort sprechen.« »Sagen Sie ihm, daß ich in etwa zehn Minuten komme.«, Er ging in seine Zelle und schob den Riegel vor. Die Nachricht lautete: 521 592023 6929298865. Es dauerte nur zwei Minuten, das Wort zu ent- schlüsseln: weitermachen. Er rollte den Papierstrei- fen zusammen und schleuderte ihn durch den Raum. Dann besann er sich auf sein vorsichtiges Verhalten, das ihm schon so oft das Leben gerettet hatte. Auf Händen und Knien rutschend, fand er den kleinen Papierball und spülte ihn in den Abfluß des WCs hinab. Weitermachen? Er vergeudete hier nur seine Zeit, und die angenommene Persönlichkeit würde schon in wenigen Wochen Auflösungserscheinungen zeigen. Bürokraten – zum Teufel mit ihnen! Resigniert schlüpfte er wieder voll in Joshuas Persönlichkeit und machte sich auf den Weg zu seinem Stellvertre- ter. Applegate saß vor dem Computerschirm. Er schal- tete ihn ab und begrüßte Joshua. »Haben Sie die undichte Stelle gefunden?« fragte Joshua. Der Winterraum hatte Wärme verloren. Die Ersatzsonne sollte Sommertemperaturen erhalten, schaffte es aber nicht. Sie mußten Warmluft aus der Heizung hereinpumpen, doch das bekam den Blumen nicht besonders gut. »Nein. Bruder Judson arbeitet noch daran. Er glaubt, daß wir die Leitungen oder die Stärke der Wände falsch ausgelegt haben.«, Joshua schüttelte den Kopf. »Nun, das ist nicht mein Bier. Weshalb wollten Sie mich sprechen?« »Bruder Colin hatte eine gute Idee.« Applegate lehnte sich in dem ächzenden Sessel zurück. »Er war enttäuscht über das Verschwinden des von Ihnen ad- optierten S’kang – Prescott, Balaam oder wie auch immer –, ehe wir ihn schnappen konnten. Mit ihm fiel die Verständigung leichter als mit den anderen. Colin befragte die anderen, wo er sich aufhalten könnte, und es stellte sich heraus, daß sein Territori- um neben der Landebahn liegt. Er und Schwester Caarla haben ihn zurückgeholt.« »Nachdem er … eingeschlafen war?« »Ja. Er scheint sich zu erholen. Er ist zwar noch ein bißchen verwirrt, spricht aber bereits.« »Interessant.« »Bruder Judson erlitt einen Anfall. Er ist zu weichherzig, wenn es um die Kreaturen geht, und wäre um ein Haar gestorben.« Applegate lehnte sich zurück und brachte die Tasten der Computerkonsole zum Klicken. »Josh, was hätten wir gemacht, wenn es dazu gekommen wäre? Wir können ihm gar nicht erlauben zu sterben …« »Ich weiß«, erwiderte Joshua nach einer kleinen Pause. »Mir wird schon etwas einfallen, wenn es so- weit ist.« »Gewiß.« Ohne ihn anzusehen, fügte Applegate hinzu: »Balaam sagte seltsame Dinge. Vermutlich, war er im Delirium. Er sagte, Sie …« »Ich hätte die Frau ermordet?« vollendete Otto die Frage. Applegate starrte ihn entgeistert an. »Ja.« »Mir hat er vergangene Woche dasselbe gesagt. Wer weiß, was er dort drüben bei den Archäologen alles gelesen hat.« Applegate lachte nervös. »Wahrscheinlich Krimi- nalromane.« »Oder die Bibel. Prall gefüllt mit blutigen Mord- geschichten.« »Joshua …« »Hat er gesagt, wie ich das Flugzeug zum Absturz brachte?« »Ja – mit einem Laser.« Otto lachte und schüttelte den Kopf. »Toll. Haben Sie meine Zelle durchsucht?« Applegate zögerte eine Sekunde zu lange. »Wo denken Sie hin, Josh!« Er hatte also nichts gefunden. »Vielleicht sollte ich mal mit dem Burschen re- den?« »Nur zu, er ist dort drinnen. Es ist zwar schon Nacht, aber das Mondlicht wird reichen.« Joshua passierte die Stahltür und wartete, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Der »Mond« war nichts anderes als die mit geringerer In- tensität strahlende Ersatzsonne., Es war etwa zehn Grad kälter als in einer norma- len Sommernacht. Er hörte das Fauchen der einströ- menden Heißluft aus der Heizungsanlage. »Balaam?« Rechts von ihm war ein verhaltenes Geräusch zu hören. Der S’kang versuchte sich hinter den Blumen zu verstecken. »Ich will nichts Böses von dir.« Er trat auf die Kreatur zu. Die anderen ruhten in der hinteren Ecke. Richtigen Schlaf kannten sie nicht. »Sie haben mich hergebracht.« Die knirschende Stimme verriet kein Gefühl. »Ich habe getan, was du wolltest.« »Ich weiß, Balaam. Du hast dich richtig verhal- ten.« Um einen S’kang zu töten, konstruiert man in Gedanken ein gleichschenkliges Dreieck, dessen ei- ner Schenkel zwischen den Augen liegt. Die Spitze zeigt dann auf einen Punkt, wo die Nase vermutet wird. Ein Schlag auf diese Stelle führt zur Bewußtlo- sigkeit. Er stirbt, wenn man einige Minuten lang fest dagegendrückt. »Es war nicht deine Schuld.« Er war nahe genug, um einen kräftigen Tritt ausführen zu können. Der S’kang hatte die Tentakel vor das Ge- sicht gehoben. Bat er um Gnade, oder wollte er sich schützen? Wie auch immer – ein Stromstoß von zehntausend Volt (bei niedriger Amperezahl) reichte aus, einen Käfer zu töten oder einen Stein anzuritzen, war aber für einen Menschen unschädlich., »›Balaam sprach zum Esel‹«, zitierte Balaam und wich zurück. »›Da du mich aber gereizt hast, würde ich, wenn ich ein Schwert in der Hand hätte, dich da- für töten. ‹« »Sei nicht albern.« Joshua folgte dem S’kang. »Dies hier ist nicht die Bibel. Wenn ich dich hätte tö- ten wollen, wäre ich dazu schon einige Dutzend Ma- le in der Lage gewesen.« »Menschliche Logik – Scheiße.« Joshua/Otto unterdrückte ein Lachen und setzte sich. »Balaam«, flüsterte er, »komm her. Ich verrate dir ein Geheimnis.« Die Kreatur blieb stehen. »Was?« »Ich bin nicht der, für den du mich hältst.« »Woher weißt du, für wen ich dich halte?« »Komm, dies ist nicht die Zeit für Rätsel. Weißt du, was die Magdalenisten versuchen?« Der S’kang trippelte nervös auf der Stelle, kam aber nicht näher. »Es ist seltsam. Du sagtest, du woll- test gute Katholiken aus meinen Freunden machen, aber du sprichst nicht mehr zu ihnen. Du stellst im- mer nur Fragen. Nun stellst du auch mir diese Fra- gen, obwohl du weißt, daß ich mit ihnen nichts an- fangen kann.« »Sie sind nicht hier, um euch zu bekehren.« »Sie, Joshua?« »Ich bin nicht Pater Joshua. Pater Joshua ist ein böser Mann. Ich bin an seiner Stelle hergeschickt, worden, damit die Magdalenisten euch nicht schaden – und um herauszufinden, wie ihr diesen Planeten bewegt habt.« »Das ist kein Geheimnis.« »Ich weiß. Es ist …« »Ihr könntet es auch tun.« Joshua seufzte. »Ich bin nicht daran interessiert. Ich möchte euch nur vor Schaden bewahren.« »Du kommst zu spät. Wie soll ich dich nennen, wenn du nicht Joshua bist?« »Du kannst mich weiterhin Joshua nennen. Was meinst du mit ›zu spät‹?« »Vielleicht nicht zu spät für meine Freunde, wohl aber für mich. Mein Körper versucht, in beide Rich- tungen zu gehen, und mein Verstand ebenfalls. Wenn ich hinausgehe, erfriere ich. Wenn ich wach bleibe, werde ich … es finden sich keine Worte dafür. Über- lastet, wahnsinnig, an Altersschwäche sterben. Kein menschliches Wort paßt dafür. Aber es wird mich tö- ten. Ich war das eine und dann das andere – jetzt bin ich nichts mehr von beidem.« »Es tut mir leid.« »Ich glaube dir. Wer wird durch dich vertreten?« »Was?« »Wer durch dich vertreten wird. Wer ist so inter- essiert an unserem Wohlergehen?« »Die Confederaciõn. Du weißt, was das ist.« »Natürlich.« Er kam näher. »Seltsam, es fällt mir, jetzt leichter, dich zu verstehen. Muß wohl etwas mit dem Sterben zu tun haben.« Er gab ein knirschendes Geräusch von sich. »Ich werde immer menschlicher – auf traurige Weise. Hast du schon immer gewußt, daß du sterben wirst?« »Schon als kleiner Junge.« »Und vorher – hast du dir da Sorgen über Sünde und Reue gemacht? Über Gott, Himmel und Hölle?« »Nein, ich glaube kaum. Weil ich nicht…« »Und deshalb behandelt ihr uns wie Kinder! Weil wir eure Ängste nicht teilen.« »Ich glaube, es steckt mehr dahinter.« »Bitte geh jetzt. Ich habe noch etwas zu tun.« »Balaam! Wieviel Zeit bleibt dir noch?« Keine Antwort. »Hör mir zu!« flüsterte Joshua eindringlich. »Wenn Bruder Colin dich ausfragen sollte, gib ihm keine direkten Antworten. Wenn er etwas erfährt, könnte er es dazu benutzen, deinen Freunden zu schaden.« Die Kreatur hüllte sich in Schweigen. Joshua ging zur Stahltür. Applegate blickte vom Computer auf. »Glaubt er immer noch, Sie hätten es getan?« »Schwer zu sagen; es ergibt keinen rechten Sinn. Zuerst lief er vor mir weg, doch dann redete er eine Weile.« Applegate nickte. »Sie sollten ein Tonbandgerät mitnehmen und alles aufnehmen. Jede Kleinigkeit, hilft uns weiter.« »Ich werde daran denken. Also, dann bis morgen.« Joshua kehrte in seine Zelle zurück und vergewis- serte sich, daß sie nur recht oberflächlich durchsucht worden war. Er hatte seinen Koffer unversperrt im Schrank stehen lassen. Sie hatten ihn durchsucht, oh- ne jedoch das Geheimfach zu entdecken. Nicht, daß er den Mini-Laser oder das Betäubungsgas und die kleinen Werkzeuge benötigte. Nicht bei diesen Leu- ten. Was er benötigte, war ein Wort von seinen Vor- gesetzten. Er stellte den Wecker in seinem Kopf auf 3 Uhr früh, meditierte ein paar Minuten und schlief ein. Sobald er sich im Büro befand, streifte er die Haus- schuhe ab und zog schwere Socken und Schuhe an. Man konnte schwer abschätzen, wie weit die Tempe- ratur inzwischen gefallen war. Er wußte, wo sich der Schalter für die Alarmanlage der Stahltür befand, zog eine Schublade auf und schaltete sie aus. Er öffnete die Stahltür und dachte an ein Wort, das er mal gelesen, aber niemals benutzt hatte: eisig. Es schien fast so kalt wie draußen zu sein. Er schob die Hände in die Taschen und atmete flach. Seine Zähne klapperten vor Kälte. Lautlos schloß er die Tür. »Balaam?« »Hier.« Der S’kang hockte zusammengekauert in einer Ecke., Joshua ging durch die verwelkten Blumen auf ihn zu. »Ich habe mit dir zu reden. Zu dieser Zeit sind wir ungestört.« »Dann rede.« »Nun … warum hast du dich zuvor so in Schwei- gen gehüllt?« »Ich habe versucht, meinen Freunden zu helfen. Es hat aber nicht geklappt. Verdammt, ich bin zu wach.« »Wie wolltest du ihnen helfen?« »Ich wollte diesen Raum erwärmen und den Pla- neten näher an die Sonne rücken.« »Warte – eines nach dem anderen.« »Es ist ein und dasselbe.« Der S’kang bemühte sich, ein menschliches Seufzen zu imitieren; es hörte sich grauenhaft an. Nach einer Weile brach Joshua das Schweigen »Balaam, ich halte diese Kälte nicht lange aus. Du meinst … du behauptest, du könntest diesen Planeten näher an Amber heranrücken? Und du machst dich nicht über mich lustig?« »Ich mache mich nicht über dich lustig. Ich sagte dir doch, daß es ganz einfach ist.« »Du meintest, wir könnten es ebenfalls.« »Und deine Antwort war, daß du daran kein Inter- esse hättest.« »Jetzt bin ich interessiert. Sag, Balaam – wie machst du es?«, »Ich bin mir nicht sicher.« »Du meinst, du willst es mir nicht sagen.« »Was ich meine, Dummkopf, ist, daß ihr es auf unsere Art schaffen könntet – aber das wollt ihr ja nicht. Ihr müßt immer alles komplizieren.« »Ich höre.« »Ich will es mal so ausdrücken: Du weißt, daß Ma- terie und Energie im Grunde genommen dasselbe sind?« »Richtig.« »Und es gibt Materie, die geradezu danach schreit, in Energie umgewandelt zu werden, etwa Uran.« »So weit, so gut.« »Wir nehmen einfach andere Arten von Materie und lassen sie nach der Umwandlung schreien. Wir lassen die gewonnene Energie in eine bestimmte Richtung fließen. Das beschleunigt den Planeten und rückt ihn näher an die Sonne.« »Das ist alles?« »Ja.« »Ihr benutzt eure Gehirne und …« »Meganegatron. Ihr werdet es nie begreifen. Ihr seid ausgesprochene Dummköpfe.« »Wenn wir es nie begreifen werden, warum sagst du dann, wir könnten es schaffen?« »Siehst du? Siehst du? Ich sage dir, wie es ge- macht wird, und du fragst mich, wie wir es machen.« »Na schön, dann bin ich eben ein Dummkopf. Er-, kläre dich bitte etwas näher.« »Ich meine, ihr würdet es nicht direkt tun, sondern eure Technologie einsetzen: große Reaktoren, in die ihr Materie hineinschaufelt. Ihr wandelt Materie in Energie um und erzielt dabei einen Wirkungsgrad von sieben Prozent. Ihr heizt dabei die Hälfte des Planeten auf und ruiniert die Atmosphäre. Das ist eu- er Weg. Dummköpfe.« »Euer Weg ist also effektiver? Hundert…« »Da haben wir es wieder. Wenn du zwei Zahlen zusammenzählst und dabei zu einer falschen Summe kommst, wieviel Prozent Effektivität ist das?« Er hatte sich in den vergangenen Minuten nervös be- wegt und verharrte plötzlich regungslos. »Hast du etwas gehört?« »Nein … was hat das Bewegen eines Planeten zu tun mit …« Der Mond strahlte schlagartig taghell und blendete ihn. Applegate stand in warmer Kleidung in der Tür und richtete einen Laser auf Otto. »Joshua, ich glaube, es ist an der Zeit, daß wir uns einmal unterhalten.« Otto schirmte die Augen ab. »Henry?« Die Entfer- nung betrug zehn oder elf Meter. Das Kruzifix war eine gute Schleuderwaffe, aber er würde viel Zeit benötigen, um auszuweichen. »Was geht hier vor?« »Das möchte ich von Ihnen wissen. Ihre Gesprä- che – jenes am Abend und dieses hier – sind aufge-, nommen worden. Sie haben eine Menge zu erklä- ren.« »Nun, Henry …« Otto versuchte, Zeit zu gewin- nen; er hoffte, der Mann würde näherkommen. Mit betonter Lässigkeit lehnte er sich gegen die Wand. Die Wand brach ein, als hätte man sie aus Sand geformt. Nur die stählernen Dachträger waren noch zu sehen. Während Otto das Gleichgewicht verlor, sah er, daß der Stahl vom Rost zerfressen war. Er stürzte von der Plattform, spürte die eisige Kälte an den Händen und im Gesicht und landete mit dem Kopf voran auf einem harten Gegenstand. Otto lag mit feuchtem Gesicht auf dem Rücken. Er wischte sich Wasser aus den Augen und sah ver- schwommen die Decke des Büroraums. Als er sich aufrichtete, verstärkte sich das Hämmern in seinem Kopf. Von irgendwoher kam Applegates Stimme. »Jetzt wollen wir …« »Gewiß, gewiß.« Otto wankte zum Trinkwasser- behälter. Er nahm ein Tablettenfläschchen aus der Schublade und schluckte eine doppelte Dosis. Dann zählte er mit geschlossenen Augen bis zehn, wandte sich Applegate zu, richtete den Blick auf ihn und versuchte, seiner Stimme einen autoritären Klang zu verleihen: »Ich würde das Ungehorsam nennen, Hen- ry – groben Ungehorsam.«, »Tatsächlich?« Applegate saß vorgebeugt hinter dem Schreibtisch und hielt den Laser auf Otto ge- richtet. Otto ergriff einen Stuhl und ging zum Schreib- tisch. Er setzte sich dem Mann gegenüber, nahe ge- nug, um die Waffe zu ergreifen. »Stecken Sie das Ding weg, Henry. Es könnte losgehen.« »Sie haben der Kreatur erklärt, für die Confedera- ciõn zu arbeiten. Wie haben Sie das gemeint?« »Was glauben Sie, wie ich das meinte?« »Ich weiß, daß es nicht stimmt.« »Ja, Sie haben recht. Ich bin ein Spion für den Heiligen Stuhl.« Otto stützte einen Ellbogen auf den Schreibtisch und beugte sich betont lässig vor – zu- mindest versuchte er, lässig zu erscheinen. »Woher wußten Sie, daß es nicht die Wahrheit war?« »Ich habe es überprüft. Sie müssen nämlich wis- sen, daß ich für die Confederaciõn arbeite.« »Mein Gott.« Otto verbarg das Gesicht in den Händen. Lauter Verbündete um ihn herum. »Welche Abteilung? TBII?« Applegate warf ihm einen sonderbaren Blick zu und lachte. »Die gibt es gar nicht; das TBII ist ledig- lich ein Trick, um das Diplomatische Korps einzu- schüchtern. Wo haben Sie etwas darüber gehört?« Otto brummte. »Ich komme viel herum.« Dieses Gerücht hatte schon während seiner Ausbildungszeit existiert. Niemand vom Diplomatischen Korps ließ, sich dadurch täuschen. »Stehen Sie im diplomati- schen Dienst?« »Nein, ich arbeite in der AFE, das ist die Abtei- lung für Forschung im Energiebereich.« »Sie sind ein Spion für den ›Affen‹?« »Nein, ich bin wissenschaftlicher Beobachter.« »Mit einer Waffe? Warum hat man Ihnen eine Waffe gegeben?« »Ich habe sie von mir aus mitgebracht.« »Äußerst gewissenhaft.« »Weil ich Sie nach dem Studium Ihrer Personalak- te für gefährlich hielt. Ich bin mir jahrelang recht dumm vorgekommen, doch jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Haben Sie die Frau umgebracht?« Otto starrte Applegate an. Große Schweißtropfen perlten auf der Stirn des Mannes. »Ich glaube, der Winter macht Ihnen zu schaffen, Henry. Warum le- gen Sie sich nicht irgendwo nieder?« »Haben Sie es getan?« »Ich will Ihnen mal etwas zeigen.« Er führte das Kruzifix an sein Gesicht und trennte ein Stück Pla- stikfleisch von der Wange ab. Es blutete nicht. Er schob es Applegate über den Schreibtisch zu. »Hören Sie genau zu, denn ich werde es nicht wiederholen. Ich bin nicht Joshua Immanuel – Jo- shua ist tot. Ich bin Agent einer Dienststelle, die nicht existiert, und wurde darauf vorbereitet, wie er auszusehen und zu handeln. Und wenn Sie nicht end-, lich die Waffe einstecken, sitzen Sie bald verdammt tief in der Scheiße!« Applegate schüttelte langsam den Kopf. Er be- trachtete das Plastikstück und Otto. Seine Hand mit der Waffe begann zu zittern. »Hören Sie weiter zu. Sie wissen jetzt etwas, was Sie eigentlich nicht wissen dürften. Die Erinnerung an diese Unterhaltung muß gelöscht werden. Das ist ein heikler und aufwendiger Prozeß. Gehirnwäsche und eine veränderte Persönlichkeit wäre einfacher. Wenn Sie die Waffe einstecken, werde ich mich da- für einsetzen, daß Ihnen das erspart bleibt.« »Joshua ist tot?« »Ach, zum Teufel.« Otto klatschte die rechte Hand auf die Schreibtischplatte. Als Applegate bei dem Geräusch den Kopf zurückriß, schlug er ihm mit der linken Hand die Waffe aus der Hand. Applegate ver- suchte aufzustehen, doch Otto drückte ihn auf seinen Platz zurück. Er hob die Waffe auf und schob sie in die Tasche. Applegate hielt sich die rechte Hand und schloß vor Schmerzen die Augen. »Sie haben mir den Dau- men gebrochen.« »Tut mir leid – hoffentlich ist es nicht so.« Otto durchquerte den Raum, nahm zwei Gläser und schenkte Wein ein. »Wenn Sie wirklich auf jeman- den schießen wollen, dann müssen Sie den Finger um den Abzug krümmen.« Er zog die Tabletten aus, der Schublade und legte sie auf den Schreibtisch. »Wenn ich Ihnen hätte Schmerzen zufügen wollen, dann hätte ich es getan. Nehmen Sie diese hier.« Applegate schluckte Tabletten. »Ich … sind Sie wirklich vom TBII?« »Ja. Werden Sie mir ein paar Fragen beantwor- ten?« Der Mann richtete sich auf. »Sie haben die Waffe.« »Bitte.« Otto seufzte. »Ich habe die Nase voll. Wir arbeiten für die gleichen Leute. Ich bin neugierig über Ihr Treiben. Können wir uns nicht wie zwei Kollegen unterhalten?« Applegate starrte seinen Daumen an. »Können Sie sich ausweisen?« »Nein, können Sie es denn? Ich glaube, der Dau- men ist nur verrenkt.« »Er wird blau. Nein, ich kann mich auch nicht ausweisen. Ich müßte erst Verbindung mit meinen Vorgesetzten aufnehmen, ehe ich Ihre Fragen beant- worte.« Er blickte auf die Uhr. »Ich frage mich, wel- che Uhrzeit es jetzt in New York sein mag.« »Rechnen Sie sechs Stunden und 32 Minuten hin- zu. Wollen Sie etwa Bruder Desmond wecken und ihn die Verbindung herstellen lassen?« »Das ließe sich machen. Er ist übrigens auch von der AFE.« »Lieber Himmel! Wer sonst noch?« »Meines Wissens nur noch Schwester Caarla.«, »Jemand von der Normabteilung? Landwirt- schaft?« »Nein … wozu denn?« »Schon gut. Hören Sie, wenn Sie Ihren Vorgesetz- ten hinzuziehen, werden notgedrungen andere Abtei- lungen in die Sache verwickelt. Machen Sie ihnen keine Schwierigkeiten.« »Ich glaube, da haben Sie recht.« Er berührte sei- nen Daumen und schnitt eine Grimasse. »Könnten wir ein bißchen Eis darauf tun?« »Gewiß – gehen wir in die Küche.« Otto nahm die beiden Gläser und ging zur Tür. Er bediente die Klinke mit dem kleinen Finger. Applegate folgte ihm und blickte mürrisch auf sei- nen Daumen. Dann sah er unvermittelt auf. »Warten Sie!« Otto wandte sich auf der Türschwelle um und sah aus den Augenwinkeln heraus, daß jemand im Korri- dor stand. Schwester Caarla hielt leichenblaß eine Pistole mit beiden Händen. Als Applegate einen Schrei ausstieß, feuerte sie blindlings. Ottos »Halt!« wurde von einem lauten Knall über- tönt. Er spürte einen stechenden Schmerz in der Brust und schleuderte die beiden Weingläser auf die Frau, schob in einem Reflex die Hand in die Tasche und drückte den Sicherungsflügel herum. Dann sah er, daß sie keinen weiteren Schuß abgab. Sie ließ die, Pistole fallen und preßte die Faust vor den Mund. Er blickte auf seine Brust und sah einen häßlichen Blutfleck. Bei jedem Atemzug gurgelte und schäum- te es. Zwei Brustwunden innerhalb eines Jahres wa- ren ein ganz schöner Rekord. Er lehnte sich gegen den Türpfosten. Applegate stützte ihn am Ellbogen und half ihm hoch. »Entschuldigung. In der Aufregung hatte ich Sie ganz vergessen.« »Schon gut.« Sein Kopf fühlte sich plötzlich so leicht an, als gehörte er nicht mehr zum Körper. »Ich will mich setzen.« Er hüstelte höflich in die Hand und wischte einen weiteren Blutfleck auf seinen Ta- lar. »Soll … soll ich Ihnen die letzten Sakramente ge- ben?« »Ich bin nicht katholisch.« Otto setzte zu einem Lachen an, brach aber hüstelnd wieder ab. »Besorgen Sie mir lieber einen Arzt oder sonst einen Menschen, der sich mit ärztlichen Instrumenten auskennt.« Applegate eilte den Gang hinunter. »Das habe ich nicht gewollt«, schluchzte Schwe- ster Caarla. »Sie überraschten mich, als Sie so plötz- lich die Tür öffneten. Er sagte, Sie könnten gefähr- lich sein …« »Christus und Buddha«, murmelte Otto. »Wollen Sie bitte endlich still sein?«, Schlafen, wachen … er erinnerte sich an ein paar Dinge: Versuche, Caarla zu erklären, ihn nicht niederle- gen zu lassen. Ersticken, Würgen, Sturz kopfüber nach vorn. Beim Erwachen eine Arztmaschine auf seiner Brust; Applegate und Desmond stritten sich über ir- gend etwas. Ein S’kang über seinem Gesicht. Eine Wand stürz- te ein, richtete sich wieder auf und stürzte erneut ein. Vage Erinnerungen an die Krankenzelle, harte Ge- räusche. »Sind Sie wach, Joshua?« fragte Applegate. Otto hustete und schüttelte den Kopf. Joshuas Per- sönlichkeit war verschwunden. Er war Otto McGavin in fremdem Plastikfleisch und fühlte einen dumpfen Schmerz in der Brust. »Scheint so.« »Wie fühlen Sie sich?« »Das weiß ich noch nicht. Na ja, es geht. Die schöne neue Lunge! Ein Glück, daß sie nicht das Herz getroffen hat.« Ein erneuter Hustenanfall. »Caarla war hysterisch. Wir mußten ihr eine Beruhi- gungsspritze geben.« Otto hörte auf zu husten und schwieg. »Wird sie Schwierigkeiten bekommen?« »Nein«, antwortete Otto nach einer Weile. »Eure Erinnerung muß gelöscht werden; die von Desmond, wahrscheinlich auch. Es wird jedoch keine Vorwürfe geben, denn Sie haben ja nur Ihre Pflicht getan – wenn auch ein bißchen übereifrig. Vielleicht be- kommen Sie sogar einen Orden und wissen nicht mal, wofür.« Otto tastete mit der Hand herum und fand einen Knopf, mit dem das Oberteil des Bettes in Sitzposition gebracht werden konnte. »Wie lange war ich ohne Bewußtsein?« »Etwa einen halben Tag.« Applegate blickte auf seine Uhr. »Vierzehn Stunden.« »Haben Sie sich mit Ihrer Dienststelle in Verbin- dung gesetzt?« »Ja … aber ich habe nichts von Ihnen erwähnt.« »Das war sehr klug.« Er strich über die Schläuche, die in Arm und Brust verschwanden. »Na, dann wol- len wir noch einmal von Anfang an beginnen. Sie sind den Magdalenisten vor elf Jahren beigetreten. Arbeiteten Sie damals schon für die AFE?« »Ja, als Forschungsassistent auf der Erde.« »Warum sind Sie ausgewählt worden?« »Ich war früher Jesuit. Die Unterlagen wurden so frisiert, daß es aussah, als würde ich dem Orden noch angehören.« »In Ordnung.« Otto rieb sich die Augen. »Das ver- stehe ich einfach nicht. Meine Dienststelle hat Zutritt zu allen Unterlagen der Confederaciõn. Von Ihnen, Caarla und Desmond wußten sie gar nichts. Wie ist das möglich?«, »Das sollte ich Ihnen lieber nicht sagen.« »Kommen Sie schon. Sie müssen mir alles sagen oder die von Caarla begonnene Arbeit beenden – oder sich auf die Gehirnwäsche vorbereiten.« Applegate blickte zur Tür und atmete laut aus. »Nun, es ist ganz einfach. Wir geben unserer Dienst- stelle nur mündliche Berichte. Unsere Gehälter wur- den für zehn Jahre im voraus bezahlt und für ein neues Haus festgelegt.« Otto verdaute das. »Weil Sie wußten, daß es um einen Verstoß gegen die Charta ging.« »Wir hatten diesen Verdacht.« »Und nun sind Sie zum Mitschuldigen geworden.« »Vermutlich.« Applegate blickte trotzig auf. »Es hat sich jedenfalls gelohnt – ganz gleich, was aus uns wird.« »Davon scheinen Sie überzeugt zu sein.« »Wir haben erreicht, was wir wollten«, versetzte Applegate. »Wir wissen jetzt, daß sie die Kreisbahn des Planeten tatsächlich verändern. Und wir wissen, daß sie es durch direkte Umwandlung von Materie in Energie schaffen. Das entspricht 1017 Joule.« »Ich bin kein Wissenschaftler. Was bedeutet das?« »Das sind etwa …« Applegate richtete den Blick auf die Decke. »Fünfzig Millionen Gigawatt. Fünfzig Milliarden Megawatt. Fünfzig Billionen Kilowatt. Die Zahlen sind schwindelerregend. Bruder Judson hat den Wänden des Winterraums Kernproben ent-, nommen, um sie auf Durchlässigkeit zu überprüfen. Es hat sich herausgestellt, daß sie mehr als zwei Ki- logramm Masse pro Stunde umsetzen können.« »Im Vergleich zum Bewegen eines ganzen Plane- ten scheint das nicht viel zu sein.« »Es reicht; wenn tausend daran arbeiten, benötigen sie während ihrer fünfzigjährigen Schlafpause nur ein paar Minuten am Tag dafür.« »Wenn sie es alle können. Balaam sagte, er könnte es nicht.« »Was sie erzählen, darf man nicht wörtlich neh- men. Wie Sie selbst herausfinden konnten, haben sie eine ganze Menge von der Wand umgewandelt.« »Was wurde wegen der Wand unternommen?« »Nichts von Dauer; wir haben das Dach abge- stützt, bis wir eine endgültige Entscheidung treffen. Wahrscheinlich lassen wir alles einstürzen, denn wir brauchen den Winterraum nicht mehr.« »Sie brechen die Experimente natürlich ab?« »Die Entscheidung liegt allein bei der Dienststelle. Auf jeden Fall ist die Verständigung mit Balaam ein- facher, wenn er zunächst eingefroren und dann wie- der aufgetaut wurde. Vielleicht trifft das auch bei den anderen zu. Wenn es keinen Verstoß gegen die Char- ta bedeutet, werden wir weitermachen – allerdings mit der entsprechenden Ausrüstung und einer weit- aus größeren Stiftung.« Otto legte den Kopf auf die Seite und sah Apple-, gate an. »Kein Verstoß gegen die Charta? Es ist töd- lich! Balaam sagte, daß er sterben muß.« »Ja, das sagte er. Aber wir haben die Diagnose- Maschine eingesetzt und festgestellt, daß alles in Ordnung ist … die Kreatur ist lediglich desorientiert und Selbsttäuschungen erlegen.« »Wann wird Ihre Dienststelle die Entscheidung treffen?« »Das konnte man mir nicht sagen. Man muß erst Verbindung mit der Erde aufnehmen.« »Ich will Ihnen mal einen Rat geben.« Otto spielte mit dem in seiner Brust steckenden Schlauchende. »Stellen Sie sich auf die Seite der Engel. Es geht um einen klaren Verstoß gegen Artikel drei. Sobald sich der aufgewirbelte Staub gesetzt hat, werden eine Menge Leute in Gummizellen stecken. Oder sie schwimmen im Tank und warten auf ihre Gehirnwä- sche. Sie sollten lieber aufgebracht reagieren – ob Sie es nun sind oder nicht.« »Sie verstehen nicht…« »Aber ich verstehe das Charta-Überwachungs- komitee. Nicht nur meine Aussage steht gegen Sie, sondern auch die von Dr. Jones und wahrscheinlich der meisten ihrer Kollegen – einschließlich eines weiteren TBII-Agenten – sowie der meisten Leute dieses Ordens. Um die S’kang zu erforschen, müssen Sie nicht nur demonstrieren, daß Sie ihnen nicht schaden wer-, den, sondern daß sich die Forschungsergebnisse vor- teilhaft für ihre Kultur auswirken. Keine leichte Auf- gabe.« »Vielleicht unterschätzen Sie meine Dienststelle.« »Dienststellen!« Otto lachte gemütlich. »Ich will Sie mal mit einer hypothetischen Situation konfron- tieren. Angenommen, Sie stoßen an einer bestimmten Stelle neben der Landebahn auf einen Ultraviolett- Laser der Regierung. Angenommen, Sie schließen daraus, daß ich diesen Laser im Auftrag des TBII be- nutzt und damit die Frau umgebracht habe.« »Was sind Sie …« »Ich rede von Dienststellen. Angenommen, Sie melden diesen Mord Ihrer Dienststelle. Wer von uns beiden würde diesen Planeten wohl lebend verlas- sen?« »Sie können mir nicht drohen.« »Ich glaube, das habe ich gerade getan.« Applegate starrte auf den Schlauch. »Ich könnte hinlangen und …« »Versuchen Sie es. Ich reiße Ihnen den Kopf ab.« Henry zuckte zusammen. »Im Ernst, Sie würden niemals …« Es klopfte, und Applegate öffnete die Tür. Es war Desmond. »Henry, wir haben eine ver- schlüsselte Nachricht von Epsilon Indii empfangen.« Er wandte sich an Otto. »Besuch für Sie, Sire.«, Applegate verließ den Raum, und Balaam schlürf- te herein. »Hallo, Nicht-Joshua. Hat man dich ver- letzt, weil du mir zu helfen versuchtest?« »Nein, das war ein Unfall. Außerdem sieht es nicht so aus, als hätte ich dir viel helfen können.« »Als du mir den Rat gabst, zu verschwinden, hätte ich mich weiter zurückziehen sollen. Doch der In- stinkt ist übermächtig. Es war der Platz, an dem ich immer überwintert habe.« »Tut mir leid für dich. Ich werde bald wieder auf dem Posten sein, und deinen Freunden dürfte nichts mehr geschehen. Wieviel Zeit hast du noch?« »Das weiß ich nicht, denn so etwas ist noch nie passiert. Jahre wahrscheinlich, zehn, zwanzig, fünf- zig … welche Rolle spielt das? Was kann man in fünfzig Jahren erreichen?« »Nun … vor allem könntest du den anderen S’kang helfen. Möchtest du mich zur Erde beglei- ten?« »Gibt es dort etwas zu essen? Ich glaube nicht, daß ich mich von irdischen Insekten ernähren könnte.« »Das wäre kein Problem; es läßt sich immer etwas arrangieren.« »Vielleicht wäre es ganz interessant. Hier kann ich ohnehin mit keinem sprechen. Es sei denn, sie wek- ken noch andere auf.« »Die S’kang stehen unter dem Schutz der Charta.« »Wie schon immer.«, Die Tür wurde lautlos geöffnet, und Theo schlüpf- te herein. »Prescott?« fragte er flüsternd. »Ja.« »Laß uns bitte ein paar Minuten allein.« Der S’kang verließ den Raum. Theo schloß die Tür hinter ihm, setzte sich zu Otto auf das Bett und seufzte. »Wir haben es fast geschafft, Oberst. Zwar wurde Ihre Identität nach draußen verraten, aber ich glaube nicht, daß dadurch Schaden entstanden ist.« »Applegate!« »Natürlich. Er hat seinen Vorgesetzten auf Indii angerufen. Ich habe das Gespräch überwacht und meinerseits Verbindung mit unseren Leuten dort auf- genommen. Es wird alles erledigt. Die einzigen Leu- te, die wissen, wer Sie wirklich sind, befinden sich in diesem Gebäude.« »Applegate hat gerade eine Nachricht von Epsilon Indii bekommen.« »Gut. Sie sind dort auf Draht.« »Haben Sie den Vorgesetzten töten lassen?« »Ich gab Anweisung zu töten oder zu verhaften. Die Einzelheiten habe ich dem Ermessen unserer Kollegen überlassen.« »›Dem Ermessen …‹« Irgend etwas störte Otto. »Warten Sie … Sie sind kein Agent Zweiter Klasse. Sie sind nicht Meade Johanssen.« Theo lachte. »Stimmt, Oberst … Otto. Ich bin, Ozwald Jakobbson.« »Ich habe von Ihnen gehört. Sie waren mal Spit- zenagent – liegt das nicht sieben oder acht Jahre zu- rück?« »Acht Jahre – die meisten davon habe ich hier verbracht.« »Ohne die Möglichkeit, die Karriereleiter hinauf- zuklettern.« »Ich weiß nicht recht – ich wurde als Oberst ein- gesetzt.« Otto schüttelte den Kopf. »Ich komme mir vor wie Alice im Wunderland. Wurden Sie als Oberst einge- setzt, um mir Befehle zu erteilen?« »Nun, ich habe Sondervollmachten …« »… die meine Kompetenzen übersteigen. Das ha- be ich mir gedacht.« Applegate kam mit einem Blatt Papier in der Hand herein. Er blickte unvermittelt auf. »Wer sind Sie?« Jakobbsons Hand verschwand in der Tasche. »Ein Freund von Pater Joshua. Ich wußte nicht, daß er krank ist.« Ohne das Stück zu kennen, kann ich den Darstel- lern keine Hilfestellung leisten, dachte Otto. »Theo Kutcher, Pater Applegate. Theo ist ein Baptist von den Archäologen. Wir haben schon manche amüsan- te Diskussion geführt.« Ein leises Klicken kam aus Jakobbsons Tasche. Applegate schien es nicht zu hören., »Hat er Ihnen berichtet, was passiert ist?« fragte Applegate langsam. »Ja, es war ein schrecklicher Unfall.« Jakobbson stellte sich an das Fußende des Bettes zwischen Applegate und McGavin. Er schob die Hand nach hinten, als wollte er sich den Rücken kratzen und ließ zwei kleine Nasenfilter auf Ottos Kopfkissen fallen. Ein verhaltener Geruch nach frisch gemähtem Heu und Gummi: Pyrazintetrachlorid. Otto preßte die beiden kleinen Filter in die Nasenlöcher. »Was war das?« Applegate beugte sich zur Seite und warf einen Blick an Jakobbson vorbei auf Otto. »Was treiben Sie, Joshua?« »Mir war, als müßte ich niesen.« »Hier geht doch etwas vor.« Applegate zog seinen Taschen-Laser und richtete ihn auf Jakobbson. »Wie sind Sie hereingekommen?« »Zu Fuß.« »Dieser … Geruch …« Otto konnte es nicht sehen, aber er hörte den Laser zu Boden fallen. Dann folgte Applegates Aufprall auf dem Boden. Jakobbson zog lächelnd den Ver- schluß einer Kapsel aus der Tasche. Otto achtete darauf, durch die Nase zu atmen. »Sie haben es in das Zentralheizungssystem eingespeist?« Jakobbson nickte. »In die Hauptleitung. Um die Archäologen habe ich mich bereits gekümmert. Auf, diesem Planeten sind alle mindestens einen Tag lang außer Gefecht gesetzt.« »Gelähmt.« »Gewiß, ich hatte nichts anderes als Pyrazin. Es genügt, daß sie bewußtlos und handlungsunfähig sind.« »Und wenn sie erwachen?« »Dann sind sie Lichtjahre entfernt – und wir eben- falls. Wir nehmen so viele S’kang mit, wie wir im Raumschiff unterbringen können.« »Ich komme nicht ganz mit. In welchem Raum- schiff?« »Ein Linienschiff mit zweihundert Plätzen.« Er blickte auf die Uhr. »Es landet in zwei Stunden.« »Ein Schiff der Handelsflotte?« »Ja, es kommt direkt aus der Reparaturwerft. Nachdem es uns auf einem unbewohnten Planeten abgesetzt hat, der dieser Welt ziemlich ähnlich ist, kehrt es nach Indii zurück.« »Moment mal …« Otto versuchte sich zu konzen- trieren. Seine Arme kribbelten; er mußte etwas von dem Gas eingeatmet haben. »Das können Sie doch nicht mit einem einzigen Funkspruch geschafft ha- ben. Es muß seit langer Zeit vorbereitet worden sein.« »Seit Jahren. Wir entführen jeden Menschen, der sich auf diesem Planeten aufhält, und dazu noch etwa hundert S’kang – ein Zehntel der Bevölkerung. Wir, bringen sie zu einem Planeten, der ebenso unwirtlich ist wie dieser hier.« »Warum?« »In erster Linie deshalb, um zu verhindern, daß Energia General mit einer Milliarde Credits antanzt und das Geheimnis vor der Confederaciõn löst. Durch eine Einstweilige Verfügung haben wir sie zur Untätigkeit verurteilt, aber das ist nur ein Sieg auf Zeit. Energia General will uns mit unserer eigenen Charta schlagen. Sie werden alle Hebel in Bewegung setzen, um …« »Sie werden also herkommen und feststellen, was wir …« »Nein, das werden sie nicht – nach der Seuche nicht mehr.« »Aha.« »Alle Menschen auf diesem Planeten starben am gleichen Tag – was durch von Robotern gesammelte Proben der Gesundheitsbehörde bestätigt wird. Die Folge: absolute Quarantäne, die nicht mal von Ener- gia General gebrochen werden kann. Das war die Aufgabe des TBII – ansonsten handelt es sich um ein AFE-Projekt.« »Haben Sie das gehört, Henry?« Applegate lag mit weit geöffneten Augen auf dem Rücken. »Ich sagte Ihnen doch, daß wir auf der gleichen Seite stehen.«, »Das TBII hat die Spezialisten sowie die Ausrü- stung für die Veränderung von Erinnerungen und Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt. Alle, die nicht länger gebraucht werden, müssen …« »… einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Das wollten Sie doch sagen?« »Ein häßliches Wort, Oberst. Wir werden eine feinsinnigere Methode anwenden.« »Gewiß.« Otto setzte zu einer Geste an, konnte aber kaum den Arm bewegen. »Zum Teufel – der Schlauch.« »Gelangt über dieses Ding Luft in Ihre Lunge?« »Das weiß ich nicht. Ich arbeite hier nur.« Seine Füße fühlten sich steif an. »Na, wir haben das Gegenmittel an Bord.« »Sieht so aus, als würde ich bald unseren Freun- den Gesellschaft leisten. Wozu haben Sie mich ei- gentlich gebraucht?« »Wir mußten Joshua ersetzen. Früher oder später hätte er sich mit Energia General in Verbindung ge- setzt.« Schlürfende Geräusche an der Tür: Balaam kam hereingekrochen. »Joshua? Was ist denn mit der Luft los? Ich kann nicht sehen.« Seine Stielaugen hingen blind herab. »Es hält nicht lange an, Prescott«, versicherte Ja- kobbson. Die Lähmung erreichte Ottos Kopf und Zunge., »Issas wahr?« flüsterte er kaum hörbar. »Keine Ahnung.« Jakobbson zuckte die Schultern. »Ich bin kein …« Balaam gab einen leisen Laut von sich, der an eine ferne Sirene erinnerte, und sank auf den Boden. »Na, ich muß die Sache jetzt in Ordnung bringen«, sagte Jakobbson nach einer Weile. »Vor allem muß ich die Aufzeichnungen mitnehmen. Wo steht denn ihr Computer?« Otto versuchte zu sprechen, brachte aber nur zi- schende Laute hervor. Jakobbson nickte. »Ich werde ihn schon finden.« Otto hörte ihn durch die einzelnen Räume gehen, Türen öffnen und Türen schließen. Die Geräusche erstarben. Die Zeit verstrich unendlich langsam. Er beobachtete eine sich langsam vergrößernde Pfütze aus dünner, blauer Flüssigkeit, die sich neben Ba- laams Panzer gebildet hatte. Nach einer Weile ver- siegte der Zufluß. Was ist Völkermord, McGavin? Du könntest zehn Milliarden Menschen töten, und in ein paar Genera- tionen würden es mehr als am Anfang sein. Töte ei- nen einzigen S’kang, und du wirst diese Lücke nie- mals wieder füllen können. Was würde passieren, wenn man die ersten hun- dert S’kang verschlissen hatte? Zurückkommen und weitere hundert holen. Dann nochmals hundert. Da sie unsterblich waren und sich nicht fortpflanzen, konnten, bedeutete es nicht den Tod einer Rasse, so- lange noch einer von ihnen am Leben war. Wenn man zwei Zahlen voneinander abzieht und dabei ei- nen Fehler begeht – welchen Prozentsatz von Völ- kermord bekommt man dann? Weißt du noch immer nicht, McGavin, daß es die Hauptaufgabe der Charta ist, die Confederaciõn zu schützen? Nicht die einzelnen Mitglieder der Confe- deraciõn, sondern die gesamte Organisation. Selbst- schutz hat für jede Organisation die höchste Priorität. Aber wann hast du aufgehört, an die Confederaciõn zu glauben? Praktisch gesehen, niemals. Du kannst argumen- tieren und nochmals argumentieren, aber wenn die Confederaciõn dir befiehlt, den Schlauch herauszu- ziehen und zu sterben, dann tust du es – vorausge- setzt, du kannst die Arme bewegen. Du brauchst ja nur durch den Mund zu atmen, Dummkopf, wenn du wirklich genug hast – vielleicht schläfst du dann für immer ein. Er erwachte, als sie ihn und die Arztmaschine an Bord brachten. Er erwachte im Raumschiff, zweimal, um zu es- sen. Er erwachte, als das Raumschiff ausgeladen wur- de. Dutzende großer isolierter Container mit schla- fenden S’kang wurden die Laderampe herunterge-, rollt. Menschen wurden auf Tragbahren transportiert. Doch ihn trugen sie nicht hinaus, und er konnte auch nicht wach bleiben. Er erwachte noch einmal, als er in ein kleineres Raumschiff umgeladen wurde. Er erwachte auf der Erde., Interview: Alter 45 Sie verstehen, warum Sie diese Fragen zu beantwor- ten haben, nicht wahr? Ja, ich verstehe das; es hängt mit meiner Pensio- nierung zusammen. Sehr gut. Nun sagen Sie: Wer war die vierzehnte Person, die Sie töteten? Stuart Fitz-Jones. Daß Sie den Personen Nummern gegeben haben, ist ungewöhnlich. Die einundzwanzigste Person – wer, wo und warum? Das war Ajuji D’ajuji, auf dem Planeten Ojubwa. Verstoß gegen Artikel sieben (Verbreitung von Falschgeld auf dem Schwesterplaneten Fulgor); er mag schuldig gewesen sein oder nicht – jedenfalls hat er mich mit einem Messer bedroht… Und wie haben Sie ihn getötet? Mit einem Gravier-Laser. Sehr sportlich. Wer kam nach ihm? Benoni Jakob, gleicher Einsatz, aber etwa einen Monat später. Er entging dem ersten Anschlag und verschanzte sich in einem Schloß. Ich beschaffte mir eine Stellung in seinem Stammrestaurant und präpa- rierte sein Essen mit einem asymptomatischen, ku- mulativen Nervengift. Er wußte nicht, wie ihm ge- schah, und sprang schließlich aus einer Höhe von hundert Metern auf einen gepflasterten Hof., Der fünfundzwanzigste? Ramos Guajana, auf dem Planeten Selva, schwerer Verstoß gegen Artikel … Nennen Sie die anderen in der richtigen Reihen- folge, bitte nur die Namen. Noel Duvic, D’an Foxx, Becker Conway, Beres- ford Sackville-West, Luanda Donner, zwei, deren Namen ich nicht kenne, Yonina Dav’stern, Radomil Czerny, Reed Hitchcock, Antonio Salazar, einer, dessen Namen ich nicht kenne, »Speed« Larsen, Bi- rendra Bir Bikram, Juan Navarro, Bari: Erster-Sohn- von-Marcuse, Hamani Ojukwu, zwei Eingeborene von Corbus (sie kennen keine Namen) und Joshua Immanuel in der falschen Identität von Elizene Ma- rietta. Das sind fünfundvierzig Personen in weniger als zwanzig Jahren, Otto – kein Rekord, aber eine stolze Zahl. Wir haben gestern festgestellt, daß Sie die Schuld an diesen Eliminierungen dem TBII und somit der Confederaciõn selbst aufbürden wollen. Sie sind erst zur Pensionierung bereit, wenn Sie die Dinge realistischer sehen. Sie haben diese Menschen getö- tet und müssen sich selbst vergeben, statt die Schuld auf andere abzuwälzen. Ich verstehe das gut, aber Sie verstehen nichts da- von. Welche meiner Persönlichkeiten meinen Sie überhaupt, wenn Sie mit mir reden? Biographische Überprüfung, fahren Sie bitte fort:, Ich wurde als Otto Jules McGavin am 24. April AC 198 auf der Erde geboren, ererbtes Bürgerrecht der Stadt Karuna … Ja, mit dieser Persönlichkeit rede ich. Dieses »Ich« starb AC 220, als es sich für den di- plomatischen Dienst meldete und von Ihnen zum TBII … Sie weichen der moralischen Verantwortung er- neut aus. Stimmt nicht. Otto McGavin starb und wurde durch das jetzige »Ich« ersetzt, soweit ich keine an- deren Persönlichkeiten annehmen mußte. Das bedeutet? Jemand, der wie Otto McGavin geht und spricht und auch wie er aussieht (was immer das wert sein mag), jedoch hauptsächlich ein Gebilde von Fähig- keiten und Verhaltensweisen ist, die ihm in einer langen Reihe hypnotischer Behandlungen in den Jah- ren AC 220 und 222 eingeprägt wurden… Unsinn! Es ist nicht mit einer Gehirnwäsche ver- gleichbar. Stimmt, aber Ähnlichkeiten sind nicht zu leugnen. Der richtige Otto McGavin ging jeden Abend in den Tempel und versuchte, dem Achtfachen Pfad zu fol- gen. Jenes Gebilde, das Sie Otto McGavin nennen, verdient seinen Lebensunterhalt mit Betrug, Dieb- stahl und Mord. Aber nicht für seinen eigenen Vorteil! Er hat seine, egoistischen Motive aufgegeben, um allen Wesen der Confederaciõn Frieden zu bringen. Daran habe ich einmal geglaubt, erkenne jetzt aber, wie dumm und blind ich war. Die Charta ist ein riesiger Schwindel, der von der Confederaciõn be- nutzt wird, um … Biographische Überprüfung, bitte fahren Sie fort: Ich wurde als … Bitte zum Alter von 35 Jahren: Verbindungsperson des TBII war ein Doppelagent, flüsterte mir mein Gedächtnis zu, als ich mich zu Pa- trice Becket und ihren Leibwächtern an den Tisch setzte; mußte meine Identität schützen, den Tisch umstoßen und schießen. Sie verschanzten sich hinter Frauen und Kindern und erwiderten das Feuer. Mir blieb keine Wahl, ich konnte nicht mal nachdenken. Neun Tote, Christus und Buddha, das Gesicht des kleinen Mädchens, so verwirrt, o mein Gott, das Blut floß, und ihre Eingeweide … Fahren Sie bitte mit dem Alter von 40 Jahren fort: Richtiges Handeln hat nichts zu tun mit Töten, Stehlen und sexuellen … Nochmals das Alter von 40 Jahren, bitte: Rechter Lebenswandel heißt, seinen Lebensunter- halt zu verdienen, ohne anderen Lebewesen Schaden zuzufügen. Nochmals das Alter von 40 Jahren, bitte: Rechtes Denken ist frei von Wollust, krankem, Verlangen, Grausamkeit und … Abermals das Alter von 40 Jahren, bitte: Ich wurde geboren; das richtige Bemühen besteht darin, alle üblen Gedanken zu überwinden … Biographische Überprüfung, bitte: Richtiges BEMÜHEN, um BÖSE GEDANKEN zu … Biographische Überprüfung, fahren Sie bitte fort: RICHTIGES HANDELN IST VERZICHT AUF TÖTEN! Scheiße. »Scheiße.« Der Therapeut nahm den Induktions- helm vom Kopf und knallte ihn auf den Tisch. Der Mechaniker an der Maschine blickte auf. »Dreht er wieder durch?« »Allerdings.« Der Therapeut beobachtete Otto McGavin, dessen nackter, haarloser Körper in einer blaßblauen Flüssigkeit schwamm; sein Kinn zuckte, als er lautlos schrie und mit blinden Augen hinter dem Gewirr der Kabel und Drähte herüberstarrte. »Armer Kerl.« Er wischte sich das Gesicht mit einem Handtuch ab und nahm seinen Kittel vom Türhaken. »Es sind jetzt volle sieben Tage.« »Wollen Sie nicht die Maximalzeit ausschöpfen?« »Nein. Es wird immer schlimmer mit ihm.« »Er ist ein Oberst, Sir.« »Stimmt. Aber ich übernehme die Verantwor- tung.« Er schickte sich an, den Raum zu verlassen., »Auslöschen oder zerstören, Sir?« »Nun … das macht eigentlich keinen großen Un- terschied. Ich denke, wir haben genug Zeit und Mühe aufgewendet. Lösen Sie die Verbindung. Ich hinter- lasse eine Notiz für die Leute von der Gebäudereini- gung.«]
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MICHAIL BAKUNIN PHILOSOPHIE DER TAT Herbert Marcuse Kult ur und Gesellschaft edition Suhrk amp SV Herbert Marcuse Kultur und Gesellschaft 1 Suhrkamp Verlag Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin, lehrt heute als Professor der Philosophie an der University of California (USA). Er hat in Berlin und F
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