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ERNESTHEMINGWAYro ro roDIEHAUPTSTADTDERWELTSTORYSDrei der großartigsten und eindrucksvollsten Erzäh- lungen vom Meister der Kurzgeschichte – und mit «Schnee auf dem Kilimandscharo» eine Erzählung, die ihm selbst am liebsten war. ERNEST HEMING- WAY, 1899-1961, war Reporter in Kansas City, be- vor er als Korrespondent an die italienische Front ging. Nach dem Krieg lebte der Schrift steller einige Zeit und berichtete weiterhin als Korrespondent aus dem Nahen Osten, aus China und vom Spanischen Bürgerkrieg. 1954 erhielt er den Nobelpreis für Lite- ratur. Ernest Hemingway DIE HAUPTSTADT DER WELT ST...
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ERNEST HEMINGWAY

ro ro roDIEHAUPTSTADTDERWELTSTORYS, Drei der großartigsten und eindrucksvollsten Erzäh- lungen vom Meister der Kurzgeschichte – und mit «Schnee auf dem Kilimandscharo» eine Erzählung, die ihm selbst am liebsten war. ERNEST HEMING- WAY, 1899-1961, war Reporter in Kansas City, be- vor er als Korrespondent an die italienische Front ging. Nach dem Krieg lebte der Schrift steller einige Zeit und berichtete weiterhin als Korrespondent aus dem Nahen Osten, aus China und vom Spanischen Bürgerkrieg. 1954 erhielt er den Nobelpreis für Lite- ratur., Ernest Hemingway

DIE HAUPTSTADT DER WELT STORYS

Rowohlt Taschenbuch Verlag,

Die amerikanischen Originaltitel der

vorliegenden Storys sind: «Th e Capital of the World», «Th e Snows of Kilimanjaro», «Up in Michigan» Einzig autorisierte Übertragung von Annemarie Horschitz-Horst Veröff entlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Januar 2001 Copyright © 1929, 1950, 1977 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg «Stories» Copyright © 1925 by Charles Scribner‘s Sons; renewal Copyright © 1953 Ernest Hemingway, 1961 Mary Hemingway, 2000 Hemingway Foreign Rights Trust Alle deutschen Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung Barbara Hanke / Cordula Schmidt (Foto: Tony Stone Images/Gary Irving) Satz Minion PostScript (PageOne) Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 3 499 22975 7,

INHALT

Die Hauptstadt der Welt Schnee auf dem Kilimandscharo Oben in Michigan,

DIE HAUPTSTADT DER WELT Madrid wimmelt von Jungen, die Paco hei-ßen: Das ist die Abkürzung des Namens

Francisco, und es gibt einen Madrider Witz von einem Vater, der nach Madrid kam und in den Kleinanzeigen im El Liberal folgendes Inserat auf- gab: «Paco, komm Dienstag mittag ins Hotel Mon- tana. Alles vergeben. Papa», und wie eine ganze Kompanie Guardia Civil aufgeboten werden muß- te, um die achthundert jungen Männer auseinan- derzutreiben, die auf die Anzeige hin gekommen waren. Aber dieser Paco, der in der Pension Luar- ca bei Tisch bediente, hatte weder einen Vater, der ihm vergeben konnte, noch etwas, was ein Vater ihm hätte vergeben können. Er hatte zwei älte- re Schwestern, die in der Luarca Zimmermädchen waren, die ihre Stellung dadurch bekommen hat- ten, daß sie aus demselben kleinen Dorf stammten wie ein früheres Luarca-Zimmermädchen, das sich als arbeitsam und ehrlich erwiesen und so ihrem Dorf und dessen Erzeugnissen einen guten Ruf ver- schafft hatte; und diese Schwestern hatten ihm die Fahrt im Omnibus nach Madrid bezahlt und ihm, die Anstellung als Kellnerlehrling besorgt. Er kam aus einem Dorf aus einer Gegend von Extremadu- ra, in dem die Lebensbedingungen unglaublich pri- mitiv waren, das Essen rar und jede Bequemlichkeit unbekannt, und er hatte, so lange er denken konnte, schwer gearbeitet. Er war ein gut gewachsener Bursche mit tief- schwarzem, ziemlich krausem Haar, gesunden Zähnen und einer Haut, um die ihn seine Schwes- tern beneideten, und er hatte stets ein kindlich- heiteres Lächeln bereit. Er war fl ink auf den Bei- nen, tat ordentlich seine Arbeit, und er liebte seine Schwestern, die ihm schön und weltstädtisch vor- kamen; er liebte Madrid, das für ihn immer noch etwas Phantastisches war, und er liebte seine Arbeit, die er im hellen Lampenlicht tat und die ihm – mit sauberer Tischwäsche, Abendanzug und ausreichendem Essen in der Küche – romantisch schön schien. Etwa acht bis zwölf andere Leute wohnten in der Luarca und aßen im Speisezimmer, aber für Paco, den jüngsten der drei Kellner, die bei Tisch bedien- ten, waren die einzigen, die wirklich existierten, die Stierkämpfer. Zweitklassige Matadore wohnten in dieser Pen- sion, weil die Adresse Calle San Jerónimo gut war;, das Essen war ausgezeichnet und Zimmer und Ver- pfl egung waren billig. Es ist wesentlich, daß sich ein Stierkämpfer, wenn auch nicht gerade den Anschein von Wohlhabenheit, doch zum mindesten von Wohlanständigkeit gibt, da in Spanien Würde und äußeres Auft reten mehr gelten als Mut und die am höchsten geschätzten Tugenden sind, und die Stier- kämpfer blieben in der Luarca so lange, bis ihre letzten Peseten ausgegeben waren. Man weiß von keinem Stierkämpfer, der die Luarca für ein besse- res oder teureres Hotel verlassen hätte; zweitklassige Stierkämpfer wurden niemals erstklassige; aber der Abstieg von der Luarca war rapide, da dort jeder wohnen konnte, der überhaupt etwas verdiente, und da keinem Gast je eine Rechnung ungebeten vorge- legt wurde, bis die Frau, die das Unternehmen leite- te, wußte, daß der Fall hoff nungslos war. Zu jener Zeit wohnten außer zwei sehr guten Picadores und einem ausgezeichneten Banderille- ro drei Matadores in der Luarca. Die Luarca war für die Picadores und Banderilleros, deren Famili- en in Sevilla lebten und die während der Frühjahrs- saison in Madrid eine Unterkunft benötigten, ein Luxus; aber sie wurden gut bezahlt, waren fest ange- stellt bei Stierkämpfern, die in der kommenden Sai- son eine Menge Kontrakte hatten, und die drei Sub-, alternen verdienten wahrscheinlich jeder einzelne viel mehr als einer der drei Matadore. Von den drei Matadoren war einer krank und suchte es zu ver- heimlichen, einer war nur kurze Zeit Mode gewe- sen, und der dritte war ein Feigling. Der Feigling war einstmals, bevor er eine beson- ders abscheuliche Hornwunde im Unterleib erhal- ten hatte, zu Beginn seiner ersten Saison als Mata- dor außergewöhnlich tapfer und bemerkenswert geschickt gewesen, und er hatte noch viele der bur- schikosen Manierismen aus seiner Glanzzeit beibe- halten. Er war übertrieben jovial und lachte dau- ernd, mit und ohne Anlaß. Er hatte, als er noch erfolgreich war, anderen gern einen Schabernack gespielt, aber er hatte das jetzt aufgegeben. Und damit schwand auch die Sicherheit, die er nicht fühlte. Dieser Matador hatte ein gescheites, freimü- tiges Gesicht und benahm sich mit viel Grandezza. Der Matador, der krank war, bemühte sich, es nie zu zeigen, und aß peinlich genau ein bißchen von allen Gerichten, die bei Tisch gereicht wur- den. Er hatte eine Unzahl Taschentücher, die er in seinem Zimmer selber auswusch, und kürzlich hat- te er seine Kampfk ostüme verkauft . Eines hatte er billig vor Weihnachten verkauft und ein anderes in der ersten Aprilwoche. Es waren sehr teure Anzü-, ge gewesen, die immer gut gehalten worden waren, und einen hatte er noch. Ehe er krank wurde, war er ein vielversprechender, ja sogar ein aufsehenerre- gender Stierkämpfer gewesen, und obwohl er selbst nicht lesen konnte, hatte er Zeitungsausschnitte, in denen stand, daß er bei seinem ersten Auft reten in Madrid besser als Belmonte gewesen sei. Er aß allein an einem kleinen Tisch und blickte sehr sel- ten auf. Der Matador, der einmal Mode gewesen war, war sehr klein, braun und voller Würde. Auch er aß allein an einem kleinen Tisch, und er lächelte sehr selten und lachte nie. Er kam aus Valladolid, wo die Menschen außergewöhnlich ernsthaft sind, und er war ein fähiger Matador; aber sein Stil war bereits veraltet, bevor es ihm gelungen war, sich durch sei- ne guten Eigenschaft en, nämlich Mut und Umsicht, beim Publikum beliebt zu machen, und sein Name auf einem Plakat lockte niemanden in die Are- na. Seine Eigenart hatte darin bestanden, daß er so klein war, daß er dem Stier kaum über den Wider- rist sehen konnte, aber es gab noch mehr kleine Kämpfer, und es war ihm niemals gelungen, sich in der Gunst des Publikums durchzusetzen. Einer der Picadores war ein magerer, grauhaa- riger Mann mit einem Habichtgesicht, von zierli-, chem Wuchs, aber mit Armen und Beinen wie aus Eisen, der immer unter seiner Hose hohe Viehtrei- berstiefel trug, jeden Abend zuviel trank und jede Frau in der Pension verliebt anstarrte. Der ande- re war riesengroß, dunkel, braungesichtig, gutaus- sehend, mit schwarzem Haar wie ein Indianer und gewaltigen Händen. Beide waren hervorragende Picadores, obschon es von dem einen hieß, daß er durch Trunksucht und Ausschweifung viel von sei- ner Gewandtheit eingebüßt habe, und vom zweiten, daß er zu dickköpfi g und streitsüchtig sei, um län- ger als eine einzige Saison bei irgendeinem Matador zu bleiben. Der Banderillero war in mittleren Jahren, grau, katzenhaft fl ink trotz seines Alters, und wenn er bei Tisch saß, sah er wie ein mäßig erfolgreicher Geschäft smann aus. Seine Beine taten es diese Sai- son noch, und sollten sie einmal versagen, war er gescheit und erfahren genug, um noch lange Zeit hindurch ständige Beschäft igung zu fi nden. Der Unterschied würde sein, daß, wenn es mit der Flink- heit seiner Füße vorbei war, er immer Angst haben würde, während er jetzt, innerhalb und außerhalb der Arena, sicher und ruhig war. An diesem Abend hatten alle das Speisezimmer verlassen bis auf den Picador mit dem Habichtsge-, sicht, der zuviel trank, einen Mann, dessen Gesicht mit einem Muttermal gezeichnet war, der auf den Jahrmärkten und Volksfesten Spaniens Uhren ver- steigerte, der auch zuviel trank, und zwei Priester aus Galicia, die an einem Ecktisch saßen und wenn auch nicht gerade zuviel, so doch bestimmt genug tranken. Damals war in der Luarca der Wein im Preis für Zimmer und Verpfl egung inbegriff en, und die Kellner hatten gerade dem Auktionator, dann dem Picador und schließlich den beiden Priestern frische Flaschen Valdepeñas an die Tische gebracht. Die drei Kellner standen am anderen Ende. Es war die Hausordnung, daß sie alle auf ihrem Posten blieben, bis die Gäste, für deren Tische sie verantwortlich waren, gegangen waren, aber der eine, der den Tisch der beiden Priester bediente, hatte sich verabredet, um zu einer Versammlung der Anarcho-Syndikalisten zu gehen, und Paco hatte sich bereit erklärt, seinen Tisch zu überneh- men. Oben lag der Matador, der krank war, allein auf seinem Bett, mit dem Gesicht in den Kis- sen. Der Matador, der keine Attraktion mehr war, saß da und blickte aus dem Fenster, bevor er sich anschickte, ins Café zu gehen. Der Matador, der ein Feigling war, hatte Pacos ältere Schwester bei sich, im Zimmer und versuchte, sie zu etwas zu brin- gen, was zu tun sie lachend ablehnte. Dieser Mata- dor sagte: «Los, komm, du kleine Wilde.» «Nein», sagte die Schwester. «Warum sollte ich denn?» «Aus Nettigkeit.» «Sie haben gegessen, und jetzt wollen Sie mich als Nachtisch.» «Bloß einmal. Was ist denn schon dabei.» «Lassen Sie mich zufrieden. Lassen Sie mich zufrieden, sag ich Ihnen.» «Es ist doch nur eine ganze Kleinigkeit.» «Lassen Sie mich zufrieden, sag ich Ihnen.» Unten im Speisezimmer sagte der größere Kell- ner, der längst auf der Versammlung hätte sein müs- sen: «Sieh mal, wie diese schwarzen Schweine sau- fen.» «Das ist keine Art, zu reden», sagte der zwei- te Kellner. «Es sind anständige Kunden. Sie trinken nicht zuviel.» «Das ist meine Art, zu reden», sagte der Große. «Die Stiere und die Priester, die sind Spaniens Fluch.» «Gewiß nicht der einzelne Stier und nicht der einzelne Priester», sagte der zweite Kellner. «Doch», sagte der lange Kellner. «Nur durch das Individuum kann man die Klasse angreifen. Es ist, notwendig, den einzelnen Stier und den einzelnen Priester zu töten. Jeden einzelnen von ihnen. Dann gibt‘s keine mehr.» «Heb dir das für die Versammlung auf», sagte der andere Kellner. «Sieh dir doch die Unmenschlichkeit in Madrid an», sagte der große Kellner. «Jetzt ist es halb zwölf, und die kneipen immer noch.» «Sie haben erst um zehn mit Essen angefangen», sagte der andere Kellner. «Du weißt ja, wie viel Gänge es gibt. Der Wein da ist billig, und sie haben dafür bezahlt. Es ist kein schwerer Wein.» «Wie kann es eine Solidarität der Arbeiter geben, solange es solche Dummköpfe wie dich gibt?» frag- te der lange Kellner. «Sieh mal», sagte der zweite Kellner, der ein Mann von fünfzig war. «Ich hab mein ganzes Leben lang gearbeitet. Den Rest meines Lebens werde ich arbeiten müssen. Ich habe nichts gegen Arbeit ein- zuwenden. Arbeiten ist normal.» «Ja, aber Arbeitslosigkeit tötet.» «Ich habe immer gearbeitet», sagte der ältere Kellner. «Geh zu deiner Versammlung. Es ist nicht nötig, daß du hier bleibst.» «Du bist ein guter Kamerad», sagte der große Kellner. «Aber dir fehlt jede Ideologie.», «Mejor si me falta eso que el otro», sagte der älte- re Kellner. «Besser, mir fehlt‘s daran als an Arbeit. Los, geh zu deiner Versammlung.» Paco hatte nichts gesagt. Er verstand noch nichts von Politik, aber es überlief ihn immer heiß und kalt, wenn er den großen Kellner von der Notwendigkeit sprechen hörte, die Priester und die Guardia Civil totzuschlagen. Der große Kellner verkörperte für ihn die Revolution, und Revolution war auch roman- tisch. Er selbst wollte gern ein guter Katholik sein und ein Revolutionär, eine feste Anstellung wie diese hier haben und gleichzeitig ein Stierkämpfer sein. «Geh zu deiner Versammlung, Ignacio», sagte er. «Ich übernehm deine Arbeit.» «Wir beide», sagte der ältere Kellner. «Ist nicht mal für einen genug», meinte Paco. «Geh zur Versammlung.» «Pues me voy», sagte der große Kellner. «Und vie- len Dank.» Inzwischen hatte sich Pacos Schwester oben geschickt wie ein Ringkämpfer, der sich aus einem Griff löst, der Umarmung des Matadors entzogen und sagte jetzt ärgerlich: «So sind die ausgehunger- ten Leute. Ein bankrotter Stierkämpfer. Mit Ihrer Tonnenladung von Angst. Wenn Sie so viel davon haben, verwenden Sie‘s doch in der Arena.», «Du redest wie eine Hure.» «Eine Hure ist auch eine Frau, aber ich bin kei- ne Hure.» «Du wirst schon eine werden.» «Nicht durch Sie.» «Laß mich zufrieden», sagte der Matador, der jetzt, da er abgelehnt und zurückgewiesen war, die nackte Feigheit wiederkehren fühlte. «Sie zufrieden lassen? Was hat Sie denn nicht zufrieden gelassen?» sagte die Schwester. «Wol- len Sie nicht, daß ich Ihr Bett zurechtmache? Dafür werde ich bezahlt.» «Laß mich zufrieden», sagte der Matador; sein breites, gutaussehendes Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, als wenn er weinen wollte. «Du Hure. Du dreckige kleine Hure.» «Matador», sagte sie und machte die Tür zu. «Mein Matador.» Drinnen saß der Matador auf dem Bett. Sein Gesicht zeigte immer noch die Grimasse, die in der Arena zu einem starren Lächeln wurde und den Leuten in den ersten Sitzreihen, die wußten, was los war, Angst machte. «Und das», sagte er laut. «Und das mir. Und das mir.» Er konnte sich daran erinnern, als er in Form gewesen war, und das war erst drei Jahre her. Er, konnte sich an das Gewicht der schweren, goldbro- katenen Kampfj acke auf seinen Schultern erinnern, an jenen heißen Mainachmittag, als seine Stim- me in der Arena noch die gleiche gewesen war wie im Café, und wie er die Klinge mit gesenkter Spit- ze entlangvisiert hatte auf die staubbedeckte Stelle oben zwischen den Schultern in dem kurzhaarigen schwarzen Muskelhöcker über den ausladenden, ins Holz stoßenden, zerspellten Hörnern, die sich senkten, als er zum Töten hineinstieß, und wie der Degen so leicht wie in einen Klumpen harter But- ter eindrang, und wie er mit der Handfl äche den Degenknauf weiterstieß, den linken Arm tief abge- winkelt, die linke Schulter vor, das Gewicht auf dem linken Bein, und dann war sein Gewicht nicht auf seinem Bein. Sein Gewicht war auf seinem Unter- leib, und als der Stier den Kopf hob, war das Horn in ihm nicht zu sehen, und er schwang zweimal auf dem Horn herum, bevor sie ihn herunterzerrten. Deshalb konnte er jetzt, wenn er zum Töten hinein- ging – und es war selten –, die Hörner nicht anse- hen, und was wußte so eine Hure schon, was er durchzumachen hatte, bevor er kämpft e? Und was hatten die schon durchgemacht, die über ihn lach- ten? Es waren alles Huren, und sie wußten, was sie damit rausschlagen konnten., Unten im Speisezimmer saß der Picador und sah die Priester an. Wenn Frauen im Zimmer waren, starrte er die an. Wenn keine Frauen da waren, pfl egte er mit Vergnügen einen Fremden, un ing- lés, anzustarren, aber in Ermangelung von Frauen oder Fremden starrte er mit Vergnügen und Unver- frorenheit die beiden Priester an. Während er hin- starrte, stand der Auktionator mit dem Muttermal auf, faltete seine Serviette zusammen, ging hinaus und ließ mehr als die Hälft e von dem Wein in der letzten Flasche, die er bestellt hatte. Wenn er seine Rechnungen in der Luarca bezahlt hätte, würde er die Flasche ausgetrunken haben. Die beiden Priester erwiderten den Blick des Picadors nicht. Einer von ihnen sagte gerade: «Es ist zehn Tage her, seit ich hier bin und darauf warte, mit ihm zu sprechen, und den ganzen Tag über sitze ich im Vorzimmer, und er will mich nicht empfangen.» «Was läßt sich da machen?» «Nichts. Was kann man tun? Man kann nicht gegen die Obrigkeit an.» «Jetzt bin ich zwei Wochen hier und – nichts. Ich warte, und man will mich nicht empfangen.» «Wir sind aus dem verlorengegebenen Land. Wenn das Geld zu Ende ist, können wir nach Hau- se fahren.», «In das verlorengegebene Land. Was kümmert sich Madrid um Galicia? Wir sind eine arme Pro- vinz.» «Man kann die Handlungsweise von unserem Bruder Basilio verstehen.» «Trotzdem hab ich kein rechtes Vertrauen zu der Redlichkeit von Basilio Alvarez.» «In Madrid lernt man vieles verstehen. Madrid tötet Spanien.» «Wenn sie einen wenigstens empfangen und es einem abschlagen würden.» «Nein, man soll vom Warten zermürbt und zer- brochen werden.» «Nun, wir werden sehen. Ich kann ebensogut warten wie ein anderer.» In diesem Augenblick erhob sich der Picador, ging zum Tisch der Priester hinüber und stand grauhaarig mit seinem Habichtsgesicht da und starrte sie an und lächelte. «Ein Torero», sagte der eine Priester zum an- dern. «Und ein guter», sagte der Picador und ging aus dem Speisezimmer in seiner grauen Jacke, schlank- taillig, krummbeinig, mit den engen Breeches über seinen hochhackigen Viehtreiberstiefeln, die auf dem Fußboden klapperten, wie er so ganz gelassen, hinausstolzierte und vor sich hin lächelte. Er lebte in einer kleinen, engen Berufswelt von persönlicher Leistungsfähigkeit, nächtlichen Alkoholsiegen und Unverschämtheit. Nun steckte er sich eine Zigarre an, setzte sich im Gang draußen den Hut verwegen auf und ging ins Café. Die Priester gingen eilig, gleich nach dem Pica- dor, als sie plötzlich merkten, daß sie die Letzten im Speisezimmer waren, und nun war niemand mehr im Zimmer außer Paco und dem ältlichen Kellner. Sie räumten die Tische ab und trugen die Flaschen in die Küche. In der Küche war der Junge, der das Geschirr wusch. Er war drei Jahre älter als Paco und war sehr zynisch und verbittert. «Hier, nimm», sagte der ältere Kellner und goß ein Glas Valdepeñas ein und reichte es ihm. «Warum nicht?» Der Junge nahm das Glas. «Tu, Paco?» fragte der ältliche Kellner. «Ja, danke», sagte Paco. Alle drei tranken. «Ich gehe jetzt», sagte der ältliche Kellner. «Gute Nacht», sagten sie zu ihm. Er ging hinaus, und sie waren allein. Paco nahm eine Serviette, die einer der Priester benutzt hatte; er stellte sich gerade hin, mit den Absät- zen fest am Boden, senkte die Serviette, folgte der, Bewegung mit dem Kopf und schwenkte die Arme wie für eine langsam vorbeifegende veronica. Er wandte sich um, setzte den rechten Fuß ein wenig vor, machte den zweiten Ausfall, gewann dem Stier seiner Phantasie ein wenig Boden ab und machte einen dritten Ausfall, langsam, tadellos abgepaßt und anmutig, dann rafft e er die Serviette zusam- men und drehte sich in den Hüft en in einer media- veronica vom Stier fort. Der Geschirrwäscher, der Enrique hieß, beob- achtete ihn kritisch und höhnisch. «Wie ist der Stier?» sagte er. «Sehr tapfer», sagte Paco. «Sieh mal.» Er stand schlank und aufrecht da und machte noch vier tadellose Ausfälle, geschmeidig, elegant und graziös. «Und der Stier?» fragte Enrique, der in seiner Schürze gegen den Ausguß lehnte und sein Wein- glas hielt. «Hat noch allerlei Reserven», sagte Paco. «Du machst mich kotzen», sagte Enrique. «Wieso?» «Sieh mal.» Enrique nahm die Schürze ab und forderte den Stier seiner Phantasie heraus, meißelte vier vollkom- mene, zigeunerhaft schmachtende veronicas und ende-, te mit einer revolera, bei der die Schürze in einem stei- fen Bogen an der Nase des Stiers vorbeischwang, als er sich von ihm löste. «Sieh dir das an», sagte er. «Und ich spül Ge- schirr.» «Warum?» «Angst», sagte Enrique. «Miedo. Dieselbe Angst, die du in einer Arena vor dem Stier haben wür- dest.» «Nein», sagte Paco. «Ich würde keine Angst ha- ben.» «Leche!» sagte Enrique. «Jeder hat Angst. Aber ein Torero kann seine Angst beherrschen, so daß er den Stier bearbeiten kann. Ich hab mal bei einem Amateurkampf mitgemacht, und ich hatte solche Angst, daß ich nichts wie gerannt bin. Alle fanden das sehr komisch. Solche Angst würdest du auch haben. Wenn‘s nicht wegen der Angst wäre, wür- de jeder Schuhputzer in Spanien Stierkämpfer sein. Du, ein Junge vom Land, würdest dich noch mehr fürchten als ich.» «Nein», sagte Paco. Er hatte es zu oft in seiner Phantasie gemacht. Zu oft hatte er die Hörner gesehen, das feuchte Maul des Stiers gesehen, das Ohr zucken und dann den Kopf sich senken und den Angriff , die Hufe, stampfen, und der hitzige Stier raste an ihm vor- bei, während er die capa schwang, während er wie- der die capa schwang, dann wieder und wieder, um zum Schluß mit seiner großen media-veronica den Stier um sich herumzuschrauben und schwingend davonzugehen, hängengebliebene Stierhaare in der Goldstickerei seiner Jacke von den nahen Ausfällen, und der Stier würde hypnotisiert dastehen und die Menge Beifall jubeln. Nein, er würde keine Angst haben. Andere ja. Er nicht. Er wußte, er würde kei- ne Angst haben. Selbst wenn er‘s je mit der Angst bekam, er wußte, daß er es auf jeden Fall schaff en konnte. Er traute sich‘s zu. «Ich würde keine Angst haben», sagte er. «Leche», sagte Enrique wieder. Dann sagte er: «Und wenn wir‘s versuchen?» «Wie?» «Sieh mal», sagte Enrique. «Du denkst an den Stier, aber du denkst nicht an die Hörner. Der Stier hat solche Kraft , daß die Hörner wie ein Messer schlitzen; sie stechen wie ein Bajonett, und sie töten wie eine Keule. Sieh mal!» Er zog eine Schublade auf und nahm zwei Tranchiermesser heraus. «Ich werde die an die Beine von einem Stuhl binden. Dann wer- de ich für dich den Stier spielen, indem ich mir den Stuhl vor den Kopf halte. Die Messer sind die Hör-, ner. Wenn du dann solche Ausfälle machst, dann bedeuten sie was.» «Borg mir deine Schürze», sagte Paco. «Wir wol- len es im Speisezimmer machen.» «Nein», sagte Enrique plötzlich gar nicht bitter. «Tu‘s nicht, Paco!» «Doch», sagte Paco. «Ich habe keine Angst.» «Du wirst sie schon noch kriegen, wenn du die Messer kommen siehst.» «Wir werden ja sehen», meinte Paco. «Gib mir die Schürze.» Zur selben Zeit, als Enrique die zwei groß- schneidigen, rasierklingenscharfen Tranchiermes- ser mit zwei schmuddeligen Servietten zur Hälft e stramm umwickelte und an den Stuhlbeinen fest- band und einen Knoten machte, waren die bei- den Zimmermädchen, Pacos Schwestern, auf dem Weg ins Kino, um Greta Garbo in Anna Christie zu sehen. Einer der beiden Priester saß in seinem Unterzeug da und las sein Brevier, und der ande- re hatte sein Nachthemd an und betete den Rosen- kranz. Alle Stierkämpfer waren bis auf den einen, der krank war, wie allabendlich im Café Fornos erschienen, wo der große, dunkelhaarige Pica- dor Billard spielte und der kleine, seriöse Matador mit dem älteren Banderillo und anderen seriösen, Handwerkern an einem vollbesetzten Tisch vor seinem Milchkaff ee saß. Der dem Trunk ergebene, grauköpfi ge Picador saß vor einem Glas Casalas-Brandy und starrte mit Ver- gnügen zu einem Tisch hinüber, an dem der Matador, dem der Mut vergangen war, mit zwei sehr abgetakelt aussehenden Prostituierten und mit einem anderen Matador saß, der dem Degen entsagt hatte, um wieder Banderillo zu werden. Der Auktionator stand an der Straßenecke und unterhielt sich mit Freunden. Der große Kellner war bei der Versammlung der Anarcho-Syndikalisten und wartete auf eine Gelegenheit, zu sprechen. Der ältli- che Kellner saß auf der Terrasse des Café Alvarez und trank ein kleines Bier. Die Frau, der die Luarca gehör- te, schlief bereits in ihrem Bett auf dem Rücken mit einem Polster zwischen den Beinen; dick, fett, ehr- bar, sauber, gemütlich und sehr fromm, und niemals hatte sie aufgehört, täglich ihren nun schon zwanzig Jahre toten Mann zu vermissen und für ihn zu beten. In seinem Zimmer lag der Matador, der krank war, allein auf dem Bett mit dem Gesicht nach unten, ein Taschentuch vor dem Mund. Jetzt zog Enrique in dem verlassenen Speisezim- mer den letzten Knoten in den Servietten fest, die die Messer an die Stuhlbeine banden, und hob den, Stuhl hoch. Er richtete die Beine mit den Messern vorwärts und hielt den Stuhl über seinen Kopf mit den beiden Messern direkt geradeaus weisend, eines zu jeder Seite des Kopfes. «Es ist schwer», sagte er. «Sieh mal, Paco. Es ist sehr gefährlich. Tu‘s nicht.» Er schwitzte. Paco stand ihm gegenüber, hielt die Schürze aus- gebreitet, hielt in jeder Hand eine Falte gerafft , Dau- men nach oben, Zeigefi nger nach unten, hielt sie aus- gebreitet, um den Blick des Stiers auf sich zu ziehen. «Greif geradezu an», sagte er. «Mach kehrt wie ein Stier. Greif so oft an, wie du willst.» «Woran willst du merken, wenn der Ausfall geschnitten werden muß?» fragte Enrique. «Es ist besser, du machst drei und dann eine media.» «Schön», sagte Paco. «Aber komm geradezu. Hu, Torito! Los, komm, kleiner Stier!» Mit gesenktem Kopf rannte Enrique auf ihn los, und Paco schwenkte die Schürze genau vor der Mes- serklinge, als sie dicht an seinem Bauch vorbeikam, und wie sie so vorbeikam, war sie für ihn das wirkli- che Horn, weißspitzig, schwarz, glatt, und als Enrique an ihm vorbeikam und kehrtmachte, um von neu- em auf ihn loszurasen, war es die heiße, blutfl ankige Masse des Stiers, der vorbeistampft e, dann wie eine Katze kehrtmachte und von neuem kam, als er die, capa langsam schwang. Dann drehte der Stier und kam von neuem, und während er die anrasende Spit- ze beobachtete, setzte er seinen linken Fuß fünf Zen- timeter zu weit vor, und das Messer ging nicht vorbei, sondern war so leicht wie in einen Weinschlauch ein- gedrungen, und es fl utete siedend heiß über und um die plötzliche innere Starre von Stahl, und Enrique schrie: «Ay! Ay! Laß es mich rausziehen! Laß es mich rausziehen!» Und Paco glitt vorwärts über den Stuhl, hielt die Schürzen-capa noch fest, während Enrique am Stuhl zerrte und sich das Messer in ihm umdreh- te, in ihm, in Paco. Das Messer war jetzt raus, und er saß am Boden, in der immer größer werdenden, warmen Lache. «Halt die Serviette drauf! Halt sie fest!» sagte En- rique. «Halt sie fest drauf. Ich lauf und hol den Dok- tor. Du mußt die Blutung anhalten.» «Man müßte einen Gummibecher haben», sag- te Paco. Er hatte gesehen, wie man einen in der Are- na benutzt hatte. «Ich bin ganz gerade auf dich zugekommen», sag- te Enrique weinend. «Ich wollte dir ja nur die Gefahr zeigen.» «Mach dir keine Gedanken», sagte Paco; seine Stimme klang wie von weit her. «Aber hol den Dok- tor.», In der Arena hoben sie einen auf und trugen einen weg und rannten mit einem zum Operations- zimmer. Wenn die Schenkelarterie ausblutete, bevor man dort ankam, wurde der Priester gerufen. «Sage einem der Priester Bescheid», sagte Pa- co und hielt die Serviette fest gegen den Unter- leib. Er konnte nicht fassen, daß ihm dies passiert war. Und Enrique rannte die Carrera San Jerónimo hinunter zur Unfallstation, die die ganze Nacht über off en war, und Paco war allein, saß zuerst aufrecht, dann sackte er vornüber, dann sank er auf dem Boden zusammen, bis es vorbei war, und er fühl- te, wie das Leben aus ihm entwich, wie schmutzi- ges Wasser aus einer Badewanne ausläuft , wenn der Stöpsel herausgezogen ist. Er hatte Angst, und er fühlte sich schwach, und er versuchte ein Reuege- bet herzusagen, und er erinnerte sich, wie es anfi ng, aber ehe er, so schnell er konnte, gesagt hatte, «O mein Gott, herzlich leid tut es mir, daß ich dich gekränkt habe, dich, der du all meiner Liebe wert bist, und ich bin fest entschlossen ...», fühlte er sich zu schwach, und er lag mit dem Gesicht auf dem Boden, und es war ganz rasch vorbei. Eine durch- schnittene Schenkelarterie blutet schneller aus, als man sich vorstellen kann., Als der Arzt von der Unfallstation, begleitet von einem Polizisten, der Enrique am Arm festhielt, die Treppe heraufk am, waren Pacos Schwestern noch im Kinopalast in der Gran Via und waren tief ent- täuscht von dem Garbo-Film, der den großen Star in jammervoll armseliger Umgebung zeigte, während sie doch gewohnt waren, sie von großem Luxus und Glanz umgeben zu sehen. Dem Publikum mißfi el der Film gründlich, und man protestierte mit Pfei- fen und Trampeln dagegen. Alle anderen Leute aus dem Hotel taten fast noch dasselbe, was sie getan hatten, als sich der Unglücksfall zutrug, bis auf die beiden Priester, die ihre Andacht verrichtet hatten und sich zum Schlafen anschickten, und den grau- haarigen Picador, der sein Glas an den Tisch der beiden abgetakelten Prostituierten hinübergenom- men hatte. Ein bißchen später verließ er mit einer von ihnen das Café; es war die, für die der Mata- dor, der die Courage verloren hatte, die Getränke bezahlt hatte. Paco, der Junge, hatte nie etwas von alldem gewußt, auch nichts von dem, was all diese Leute am nächsten und an allen kommenden Tagen tun würden. Er hatte keine Vorstellung, weder wie sie wirklich lebten, noch wie sie enden würden. Es war ihm noch nicht einmal bewußt geworden, daß sie, enden würden. Er starb, wie die spanische Rede- wendung lautet, voller Illusionen. Er hatte in sei- nem Leben keine Zeit gehabt, um auch nur eine von ihnen zu verlieren, noch um am Schluß ein Reuebe- kenntnis zu beenden. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, um über den Garbo-Film enttäuscht zu sein, der eine Woche lang ganz Madrid enttäuschte. * * *,

SCHNEE AUF DEM KILIMANDSCHARO Der Kilimandscharo ist ein schneebedeck-ter Berg von sechstausend Meter Höhe und

gilt als der höchste Berg Afrikas. Der westliche Gipfel heißt bei den Massai ‹Ngàja Ngài›, das Haus Gottes. Dicht unter dem westlichen Gipfel liegt das ausgedörr- te und gefrorene Gerippe eines Leoparden. Niemand weiß, was der Leopard in jener Höhe suchte. «Das Fabelhaft e daran ist, daß man keine Schmerzen hat», sagte er, «daran merkt man, daß es anfängt.» «Ist das wahr?» «Ganz bestimmt. Es tut mir schrecklich leid, daß es so riecht. Das stört dich sicher.» «Nicht! Bitte nicht.» «Sieh sie dir an», sagte er, «was führt sie eigent- lich her; wittern sie es, oder können sie es sehen?» Das Lager, auf dem der Mann ruhte, stand in dem breiten Schatten eines Mimosenbaumes, und als er über den Schatten weg hinaus in den Glast der Ebene blickte, hockten dort unfl ätig drei jener gro- ßen Vögel, während noch ein Dutzend am Himmel, segelten und im Vorbeifl iegen schnell sich bewegen- de Schatten warfen. «Die sind da, seit dem Tag, an dem das Lastauto zusammenbrach», sagte er. «Heute zum ersten Mal haben sich ein paar am Boden niedergelassen. Ich hab zuerst genau beobachtet, wie sie fl iegen, für den Fall, daß ich sie mal in einer Geschichte verwenden würde. Das kommt mir jetzt komisch vor.» «Bitte, hör damit auf», sagte sie. «Ich rede doch nur», sagte er. «Es ist nicht so schlimm, wenn ich rede. Aber ich will dich natürlich nicht belästigen.» «Du belästigst mich nicht», sagte sie, «du weißt das. Ich bin nur so schrecklich nervös geworden, weil ich gar nichts tun kann. Ich fi nde, wir sollten es uns so leicht wie möglich machen, bis das Flug- zeug kommt.» «Oder bis das Flugzeug nicht kommt.» «Bitte sag mir doch, was ich tun kann. Es muß doch irgend etwas geben, was ich tun kann.» «Du kannst das Bein amputieren; das würde es vielleicht aufh alten, obschon ich es bezweifl e. Oder du kannst mich erschießen. Du schießt ja jetzt gut. Ich hab dir‘s Schießen beigebracht, nicht wahr?» «Bitte red doch nicht so. Kann ich dir nicht etwas vorlesen?», «Was denn?» «Etwas aus dem Büchersack, das wir noch nicht gelesen haben.» «Ich kann nicht zuhören», sagte er. «Sprechen ist noch am leichtesten. Wir zanken uns, und damit vergeht die Zeit.» «Ich zanke mich doch nicht. Ich will mich nie zanken. Komm, wir wollen uns nicht mehr zanken. Einerlei, wie gereizt wir sind. Vielleicht werden sie heute mit einem neuen Lastauto zurückkommen. Vielleicht kommt das Flugzeug.» «Ich will mich nicht von hier fortrühren», sagte der Mann. «Es hat keinen Zweck, sich von hier fortzurüh- ren, außer wenn es dir die Sache leichter macht.» «Das ist feige.» «Kannst du einen Menschen wirklich nicht, so gut es geht, sterben lassen, ohne ihn zu beschimp- fen? Wozu auf mir herumhacken?» «Du wirst nicht sterben.» «Sei nicht töricht. Ich lieg doch im Sterben. Frag die Dreckskerle da.» Er sah dort hinüber, wo die riesenhaft en, widerlichen Vögel saßen, die nackten Köpfe in ihr gesträubtes Gefi eder versenkt. Ein vierter glitt nieder; zuerst lief er schnellfüßig, und dann watschelte er langsam auf die anderen zu., «Die sind um jedes Camp herum. Man beachtet sie sonst nur nicht. Du kannst nicht sterben, wenn du dich nicht selbst aufgibst.» «Wo hast du denn das gelesen? Du bist wirklich solch ein Idiot.» «Du könntest auch mal an andere denken.» «Herrgott noch mal», sagte er, «das war doch mein Beruf.» Dann lag er da und war eine Weile still und blickte durch das Hitzefl immern der Ebene dort- hin, wo der Busch begann. Ein paar Antilopen hoben sich winzig und weiß gegen das Gelb ab, und weit weg sah er eine Herde Zebras, weiß gegen das Grün des Busches. Dies war ein angenehmes Lager unter großen Bäumen, an einem Hügel gelegen, mit gutem Wasser, und dicht dabei war eine fast ausge- trocknete Wasserstelle, wo des Morgens Wildhüh- ner aufstiegen. «Soll ich dir nicht etwas vorlesen?» fragte sie. Sie saß auf einem Klappstuhl neben seinem Lager. «Es kommt ein Wind auf.» «Nein, danke.» «Vielleicht kommt das Lastauto.» «Ich pfeife auf das Lastauto.» «Ich aber nicht.» «Ich pfeife auf viele Sachen, die dir wichtig sind.», «Nicht so viele, Harry.» «Wollen wir etwas trinken?» «Es heißt doch, daß es schlecht für dich ist. Im Black steht, man soll allen Alkohol vermeiden. Du solltest nicht trinken.» «Molo!» rief er. «Jawohl, Bwana.» «Bring Whisky und Soda!» «Jawohl, Bwana.» «Du solltest nicht», sagte sie. «Gerade das meine ich doch mit ‹sich selbst aufgeben›. Es steht da, daß es schlecht für dich ist. Ich weiß, daß es schlecht für dich ist.» «Nein», sagte er, «es ist gut für mich.» Also jetzt war alles vorbei, dachte er. Also jetzt würde er keine Gelegenheit mehr haben, es zu beenden. Also so hörte es auf, mit einem Gezänk über Whisky. Seit der Brand in seinem rechten Bein begonnen hatte, war er ohne Schmerzen, und mit den Schmerzen war das Grauen vergangen, und jetzt fühlte er nichts weiter als eine große Müdigkeit und Zorn, daß dies das Ende war. Auf das, was nun kam, war er sehr wenig neugierig. Jahrelang war er davon besessen gewesen, aber jetzt bedeutete es ihm an sich nichts. Es war selt- sam, wie leicht es dies Müde-genug-Sein machte., Jetzt würde er niemals die Sachen schreiben, die er sich zum Schreiben aufgespart hatte, bis er wirklich genügend wußte, um sie gut zu schreiben. Dafür würde er aber auch nicht bei dem Versuch, sie zu schreiben, versagen. Vielleicht konnte man sie überhaupt nicht schreiben und schob es deshalb auf und vertagte das Anfangen. Ja, das würde er nun auch niemals wissen. «Ich wünschte, wir wären nie hierhergekom- men», sagte die Frau. Sie sah ihn an, während sie ihr Glas in der Hand hielt und sich auf die Lippen biß. «In Paris hättest du so etwas nie bekommen. Du hast immer gesagt, wie gern du in Paris bist. Wir hätten in Paris bleiben sollen oder sonstwo- hin gehen können. Ich wäre überall hingegangen. Ich hab dir gesagt, daß ich überall hingehen würde, wohin du wolltest. Wenn du auf Jagd gehen wolltest, hätten wir ja auch in Ungarn auf Jagd gehen und es bequem haben können.» «Dein verfl uchtes Geld!» sagte er. «Das ist nicht fair», sagte sie. «Es hat dir genauso gehört wie mir. Ich habe alles verlassen und bin mit dir überall hingefahren, wohin du wolltest, und ich habe immer das getan, was du tun wolltest. Aber ich wünschte, wir wären niemals hierhergekommen.» «Du hast gesagt, daß es dir hier gefällt.», «Tat es auch, als du gesund warst. Aber jetzt has- se ich es. Ich sehe nicht ein, warum das mit deinem Bein passieren mußte. Was haben wir denn getan, daß uns das passieren mußte?» «Getan? Ich vermute, ich vergaß, sofort Jod dar- auf zu tun, als ich mich verletzte. Dann kümmer- te ich mich nicht darum, weil ich mich nie infi ziere. Dann später, als es schlimmer wurde, hätte ich viel- leicht nicht, als die anderen antiseptischen Mittel zu Ende gingen, die schwache Karbollösung benutzen sollen; die hat die winzigen Blutgefäße lahmgelegt und den Brand verursacht.» Er blickte sie an. «Was sonst noch?» «Das meine ich nicht.» «Wenn wir einen guten Autoschlosser engagiert hätten, anstelle von einem ungelernten Kikuyu-Fah- rer, der würde den Ölstand nachkontrolliert haben, und dann wäre das Lager im Lastwagen nicht heiß gelaufen.» «Das meine ich nicht.» «Wenn du deine Leute zu Hause nicht verlassen hättest, deine verdammten Old-Westbury-, Sarato- ga-, Palm Beach-Leute, um mit mir loszuziehen ...» «Aber ich liebte dich doch. Das ist nicht fair. Und ich liebe dich jetzt, und ich werde dich immer liebhaben. Hast du mich denn nicht lieb?», «Nein», sagte der Mann. «Ich glaube nicht. Ich hab dich nie liebgehabt.» «Harry, was sagst du da? Du hast den Verstand verloren.» «Nein, ich habe keinen zu verlieren.» «Trink das nicht», sagte sie. «Liebling, bitte trink das nicht. Wir müssen alles tun, was wir tun können.» «Tu du‘s», sagte er. «Ich bin müde.» Jetzt im Geist sah er den Bahnhof von Karagatsch, und er stand da mit seinem Pack, und das war der Scheinwerfer des Simplon-Orient-Express, der jetzt das Dunkel zerschnitt, und er war im Begriff , Th razi- en nach dem Rückzug zu verlassen. Das war eine der Sachen, die er sich zum Schreiben aufgespart hatte, dies und wie er am Morgen beim Frühstück aus dem Fenster sah und den ersten Schnee auf den Bergen in Bulgarien erblickte, und wie Nansens Sekretärin den alten Mann fragte, oh dies Schnee wäre, und wie der alte Mann hinblickte und sagte: «Nein, das ist kein Schnee. Es ist zu früh für Schnee.» Und die Sekretärin wiederholte vor den anderen Mädchen: «Nein, seht doch hin, das ist kein Schnee», und wie sie alle sag- ten: «Es ist kein Schnee. Wir haben uns geirrt.» Aber es war schon Schnee, und als er mit dem Austausch von Bevölkerungsgruppen begann, schickte er sie hin-, aus, in den Schnee hinein. Und es war Schnee, durch den sie stapft en, bis sie in jenem Winter umkamen. Es war auch Schnee, der die ganze Weihnachtswo- che hindurch in jenem Jahr oben im Gauertal fi el, in jenem Jahr, in dem sie in der Holzfällerhütte wohn- ten mit dem großen, viereckigen Kachelofen, der die Hälft e des Zimmers einnahm, und wo sie auf Matrat- zen schliefen, die mit Buchenblättern gefüllt waren, damals, als der Deserteur mit blutigen Füßen durch den Schnee kam. Er sagte, die Polizei wäre dicht hin- ter ihm her, und sie gaben ihm wollene Socken und hielten die Gendarmen im Gespräch auf, bis die Spu- ren verweht waren. Am Weihnachtstag in Schruns war der Schnee so weiß, daß es den Augen weh tat, wenn man aus der Weinstube hinausblickte und die Leute aus der Kir- che nach Hause kommen sah. Es war dort, wo sie die von Schlitten geglättete, von Urin gegelbte Straße hin- aufgegangen waren, am Fluß entlang mit den steil abfallenden Tannenhängen, die Skier schwer auf der Schulter, und wo sie auf dem Gletscher oberhalb des Madlenerhauses die große Abfahrt machten, wo der Schnee so glatt aussah wie Zuckerguß und so trocken war wie Pulver, und er erinnerte sich an das lautlose Sausen, das die Geschwindigkeit machte, wenn man wie ein Vogel hinunterschoß., Sie waren eine Woche lang im Madlenerhaus ein- geschneit damals im Schneesturm, und sie spielten im Rauch beim Laternenlicht Karten, und die Einsätze wurden höher und höher, je mehr Herr Lent verlor. Schließlich verlor er das Ganze. Alles, das Geld der Skischule und den Verdienst der ganzen Saison und dann sein Vermögen. Er sah ihn noch vor sich mit seiner langen Nase, wie er die Karten aufnahm, und dann eröff nete Sans voir. Damals wurde dauernd gespielt. Wenn es keinen Schnee gab, wurde gespielt, und wenn es zuviel gab, wurde gespielt. Erdachte an all die Zeit in seinem Leben, die er mit Spielen ver- bracht hatte. Aber er hatte niemals eine Zeile hierüber geschrie- ben, auch nicht über den kalten, klaren Weihnachts- tag, als die Berge jenseits der Ebene sichtbar waren, an dem Barker die Linien überfl ogen hatte, um den Urlauberzug mit den österreichischen Offi zieren mit Bomben zu belegen und sie mit einem Maschinenge- wehr zu beschießen, als sie auseinanderrannten und davonliefen. Er erinnerte sich an Barker, wie er nach- her in die Messe kam und davon zu erzählen begann, und wie es still wurde, und wie dann jemand sagte: «Du verdammter Bluthund.» Es waren die gleichen Österreicher, die sie damals getötet hatten, mit denen er später Ski fuhr. Nein,, nicht die gleichen. Hans, mit dem er das ganze Jahr lang Ski gelaufen war, hatte bei den Kaiserjägern gestanden, und wenn sie zusammen auf die Hasen- jagd gingen, das kleine Tal hinauf, oberhalb der Sägemühle, so hatten sie über die Gefechte auf dem Pasubio und über den Angriff auf Pertica und Asalo- ne gesprochen, und er hatte niemals ein Wort davon geschrieben, auch nicht vom Monte Corno und nicht von Sette Comuni und nicht von Arsiero. Wie viele Winter hatte er in Vorarlberg und am Arlberg zugebracht? Es waren vier, und dann erin- nerte er sich an den Mann, der den Fuchs abzugeben hatte, als sie damals nach Bludenz gegangen waren, um Geschenke zu kaufen, und an den Kirschkernge- schmack von gutem Kirsch und das schnell gleiten- de Sausen des stäubenden Pulverschnees auf dem Harsch, und wie man «Juchhe» schrie, wenn man die letzte Strecke bis zum Steilhang hinunterlief, den man Schuß fuhr, und wie man mit drei Schwüngen durch den Ostgarten lief und dann über den Graben hin- aus und auf die vereiste Straße hinter dem Gasthaus. Dann machte man die Bindungen los, stieß die Skier ab und lehnte sie gegen die hölzerne Wand des Gast- hauses, während das Lampenlicht aus dem Fenster drang und sie drinnen in der rauchigen, nach jungem Wein riechenden Wärme Ziehharmonika spielten., «Wo haben wir in Paris gewohnt?» fragte er die Frau, die neben ihm auf einem Klappstuhl, jetzt, in Afrika, saß. «Im Crillon. Das weißt du doch.» «Warum weiß ich das?» «Da haben wir doch immer gewohnt.» «Nein, nicht immer.» «Dort und im Pavillon Henri Quatre in Saint- Germain. Du hast gesagt, wie gern du dort bist, daß du‘s liebst.» «Liebe ist ein Misthaufen», sagte Harry, «und ich bin der Hahn, der draufsteigt und kräht.» «Wenn du wirklich fort mußt», sagte sie, «ist es absolut nötig, alles, was du zurückläßt, kaputtzu- machen? Mußt du wirklich alles fortnehmen? Ich meine, mußt du dein Pferd und deine Frau töten und deinen Sattel und deinen Harnisch verbren- nen?» «Ja», sagte er. «Dein verdammtes Geld war mein Harnisch. Mein Wolf & Harnisch.» «Nicht.» «Schön», sagte er, «ich werde damit aufh ören. Ich will dir nicht weh tun.» «Es ist jetzt ein kleines bißchen spät dafür.» «Also schön. Dann werde ich dir weiter weh tun. Es ist auch amüsanter. Das einzige, was mir wirklich, je mit dir Vergnügen gemacht hat, kann ich ja jetzt nicht tun.» «Das ist nicht wahr. Du hast an vielen Sachen Vergnügen gehabt, und ich hab alles getan, was du wolltest.» «Gott nein! Hör schon auf mit dem Getue, ja?» Er blickte sie an und sah, daß sie weinte. «Hör mal», sagte er. «Denkst du, daß ich das zum Spaß tue? Ich weiß nicht, warum ich‘s tue. Wahrscheinlich versucht man zu töten, um sich selbst am Leben zu halten. Ich war ganz vernünf- tig, als wir zu reden anfi ngen. Ich wollte dies bestimmt nicht, und jetzt bin ich so verrückt wie ein toller Hund und so niederträchtig zu dir, wie nur möglich. Hör nicht auf das, was ich sage, Lieb- ling. Ich hab dich lieb, wirklich. Du weißt, daß ich dich liebhabe. Ich habe niemals irgend jemand so geliebt wie dich.» Er schlitterte in die gewohnte Lüge, von der er lebte. «Du bist geliebt zu mir.» «Hu-re du», sagte er, «reiche Hu-re, du. Das ist Poesie. Ich bin jetzt voller Poesie. Fäule und Poesie. Faule Poesie.» «Hör auf, Harry. Warum mußt du jetzt wieder so teufl isch sein?», «Ich will nichts zurücklassen», sagte der Mann. «Ich will nichts übriglassen.» Jetzt war es Abend, und er hatte geschlafen. Die Sonne war hinter dem Hügel verschwunden, und ein Schat- ten lag über der Ebene, und die kleinen Tiere ästen nahe beim Camp, schnell hinabtauchende Köpfe und hin- und herschwingende Schwänze; er beobachtete, wie sie sich jetzt ein gutes Stück vom Busch entfernt hielten. Die Vögel lauerten nicht mehr am Boden. Sie hockten alle plump in einem Baum. Es waren jetzt viel mehr. Sein Boy saß neben seinem Lager. «Memsahib ist weg, jagen», sagte der Boy. «Will Bwana was?» «Nein.» Sie war unterwegs, um etwas Fleisch zu schie- ßen, und da sie wußte, wie gern er das Wild beob- achtete, hatte sie sich weit entfernt, um den Frieden des kleinen Abschnitts der Ebene, den er überse- hen konnte, nicht zu stören. Sie tat nie etwas gedan- kenlos, dachte er. Nie, soweit sie etwas davon wußte oder gelesen oder jemals gehört hatte. Es war nicht ihre Schuld, daß es mit ihm bereits vorbei war, als er zu ihr kam. Woher sollte eine Frau wissen, daß man nichts von dem meinte, was man sagte, daß man nur aus Gewohnheit sprach und um, es bequem zu haben? Als er nicht mehr meinte, was er sagte, hatte er mit seinen Lügen bei Frauen mehr Erfolg als früher, wenn er ihnen die Wahrheit gesagt hatte. Es war gar nicht einmal so sehr, daß er log, als daß einfach keine Wahrheit da war, die man sagen konnte. Er hatte sein Leben hinter sich, und es war vorbei, und dann fuhr er fort, es mit anderen Men- schen und mehr Geld noch einmal zu leben, an den schönsten Plätzen von früher und einigen neuen. Wenn man nicht dachte, dann war alles fabel- haft . Man war innerlich abgebrüht, so daß man nicht auf die Art und Weise in die Brüche ging wie die meisten, und man tat so, als ob man sich nichts aus der Arbeit machte, die man früher getan hat- te, jetzt, wo man sie nicht mehr zuwege brachte. Aber zu sich selbst sagte man, daß man über diese Leute schreiben würde, über diese Schwerreichen, daß man nicht wirklich zu ihnen gehörte, daß man als Spion in ihrem Land war, daß man weggehen und dann darüber schreiben würde und daß es dann endlich von jemand beschrieben würde, der wußte, worüber er schrieb. Aber er würde es nie- mals tun, denn jeder Tag des Nichtschreibens, des Luxus, jeder Tag dieser Existenz, die er verachte- te, stumpft e seine Fähigkeit ab und schwächte sei-, nen Arbeitswillen, so daß er schließlich überhaupt nicht mehr arbeitete. Die Leute, die er jetzt kann- te, fühlten sich alle viel wohler, wenn er nicht arbei- tete. In Afrika war es, wo er in der guten Zeit sei- nes Lebens am glücklichsten gewesen war, deshalb war er hierhergekommen, um noch einmal anzu- fangen. Sie hatten diese Safari mit einem Mindest- maß an Komfort gemacht. Es gab keine Entbehrun- gen, aber auch keinen Luxus, und er hatte gedacht, daß er dadurch wieder ins Training kommen, daß er sich irgendwie das Fett von der Seele herunter- arbeiten könnte, so wie ein Boxer in die Berge geht, um zu arbeiten und zu trainieren, um es aus seinem Körper herauszuschwitzen. Ihr hatte es gefallen. Es gefi el ihr ausgezeich- net, sagte sie. Sie liebte alles, was aufregend war und einen Szenenwechsel mit sich brachte, wo es neue Menschen gab und alles angenehm war, und er hat- te die Illusion gehabt, daß sein Arbeitswille in alter Stärke wiederkehrte. Wenn dies nun aber das Ende war, und er wußte, es war das Ende, dann durft e er sich jetzt nicht winden und sich selbst den tödlichen Biß beibringen wie eine Schlange, deren Rückgrat gebrochen ist. Es war nicht die Schuld dieser Frau. Wenn sie es nicht gewesen wäre, wäre es eine ande- re gewesen. Wenn er von einer Lüge lebte, mußte, er versuchen, auch im Tod dazu zu stehen. Er hörte einen Schuß jenseits des Hügels. Sie schoß ausgezeichnet, diese gute, diese rei- che Hure, diese freundliche Hüterin und Zerstöre- rin seiner Begabung. Unsinn! Er hatte seine Bega- bung selbst zerstört. Warum sollte er dieser Frau, weil sie ihn so angenehm aushielt, die Schuld zuschieben? Er hatte seine Begabung damit zer- stört, daß er sie nicht benutzt, daß er sich selbst und das, woran er glaubte, verraten hatte, daß er soviel trank, bis die Schärfe seiner Wahrnehmun- gen litt, durch Faulheit, durch Trägheit, durch Sno- bismus, durch Hochmut und durch Vorurteil – auf Teufel komm raus! Was war das? Ein Verzeichnis alter Bücher? Was war seine Begabung denn schon groß? Eine Begabung war es sicher, aber anstatt sie zu benutzen, hatte er sie verschachert. Es war nie das, was er getan hatte, sondern das, was er tun könnte, und er hatte sich sein Brot lieber auf ande- re Weise als mit der Feder verdient. Es war auch seltsam, daß, wenn er sich in eine neue Frau ver- liebte, diese immer mehr Geld hatte als die letzte. Aber wenn er nicht mehr verliebt war, wenn er nur noch log wie bei dieser Frau jetzt, die mehr Geld hatte als alle übrigen, die alles Geld der Welt hatte, die Mann und Kinder gehabt hatte, die sich Lieb-, haber genommen hatte, die ihr nicht genügten, und die ihn, als Schrift steller, als Mann, als Kameraden und als kostbaren Besitz von Herzen liebte, war es nicht merkwürdig, daß er, als er sie gar nicht lieb- te und log, ihr mehr für ihr Geld geben konnte, als wenn er wirklich geliebt hatte? Wir sind wohl alle für das, was wir tun, geschaf- fen, dachte er. Wie wir unser Brot verdienen, darin liegt unsere Begabung. Er hatte in einer oder der anderen Form Vitalität verkauft sein ganzes Leben lang, und wenn die Gefühle nicht zu sehr mitspielen, kann man mehr fürs Geld geben. Das war ihm klar- geworden, aber auch darüber würde er jetzt niemals schreiben. Nein, er würde nicht hierüber schreiben, obwohl es sich schon lohnte, darüber zu schreiben. Jetzt kam sie in Sicht; sie ging quer über die Lichtung dem Lager zu. Sie hatte Jodhpurs an und trug ihre Büchse. Die beiden Boys kamen hinter ihr her und trugen eine Antilope am Riemen zwischen sich. Sie war immer noch eine gutaussehende Frau, dachte er, und sie hatte einen anziehenden Körper. Sie hatte eine ausgesprochene Bettbegabung, und es machte ihr Spaß; sie war nicht hübsch, aber er mochte ihr Gesicht. Sie las unendlich viel, ritt und jagte gern und trank bestimmt zuviel. Ihr Mann war gestorben, als sie noch eine verhältnismäßig junge, Frau war, und eine Zeitlang hatte sie sich ihren zwei eben erwachsenen Kindern, die sie nicht brauchten und die durch ihre Anwesenheit nur in Verlegen- heit gerieten, und ihrem Stall voller Pferde, ihren Büchern und Schnapsfl aschen gewidmet. Sie las gern abends vor dem Essen, und sie trank Whisky und Soda, während sie las. Zur Essenszeit war sie leicht betrunken, und nach einer Flasche Wein zum Abendbrot war sie gewöhnlich betrunken genug, um schlafen zu können. Das war vor den Liebhabern. Als sie Liebhaber hatte, trank sie nicht so viel, weil sie nicht betrun- ken zu sein brauchte, um zu schlafen. Aber die Lieb- haber langweilten sie. Sie war mit einem Mann ver- heiratet gewesen, der sie niemals gelangweilt hatte, und diese Leute langweilten sie sehr. Und dann kam eines ihrer Kinder bei einem Flugzeugunglück ums Leben, und nachdem das vorbei war, hatte sie keine Lust mehr auf Liebhaber, und da Trinken kein Betäubungsmittel war, mußte sie sich ein neues Leben aufb auen. Plötzlich hatte sie eine panische Angst vor dem Alleinsein bekommen. Aber sie wollte einen Menschen um sich haben, vor dem sie Achtung haben konnte. Es hatte sehr einfach angefangen. Ihr gefi el, was er schrieb, und sie hatte ihn immer um das Leben,, das er führte, beneidet. Sie glaubte, daß er genau das tat, was er wollte. Die Mittel, durch die sie ihn sich gewonnen, und die Art, wie sie sich schließlich in ihn verliebt hatte, gehörten alle einfach zu dem planmäßigen Vorgang, sich ein neues Leben auf- zubauen, und er hatte alles, was von seinem alten Leben übrig war, verschachert. Er hatte es verschachert für Sicherheit, auch für Luxus; das ließ sich nicht leugnen, und wofür noch? Er wußte es nicht. Sie hätte ihm alles, was er sich wünschte, gekauft . Das wußte er. Sie war außerdem eine verfl ucht nette Frau. Er würde mindestens so gern mit ihr wie mit irgendeiner anderen schlafen, sogar lieber noch mit ihr, weil sie reicher war, weil sie sehr nett war und ihn schätzte und weil sie niemals Szenen machte. Und jetzt fand dies Leben, das sie sich auf- gebaut hatte, sein Ende, weil er kein Jod benutzt hat- te, als er sich vor vierzehn Tagen das Knie an einem Dorn ritzte, als sie sich vorwärts bewegten, um zu versuchen, eine Herde von stehenden Wasserböcken zu fotografi eren, die mit erhobenen Köpfen Umschau hielten, während ihre Nüstern die Luft durchschnup- perten und ihre weit aufgeklappten Ohren auf das lei- seste Geräusch horchten, das sie in den Busch zurück- scheuchen würde. Und sie waren wirklich ausgerissen, noch bevor er eine Aufnahme gemacht hatte., Da kam sie. Er wandte den Kopf auf dem Lager, um ihr ent- gegenzusehen. «Hallo», sagte er. «Ich habe einen Antilopenbock geschossen», er- zählte sie ihm. «Das gibt eine gute Brühe für dich, und zum Klim laß ich sie Kartoff elbrei machen. Wie fühlst du dich?» «Viel besser.» «Ist das nicht großartig! Weißt du, eigentlich hab ich‘s mir fast gedacht. Du schliefst fest, als ich wegging.» «Ich habe gut geschlafen. Bist du weit gegangen?» «Nein. Gerade nur bis hinter den Hügel. Ich habe die Antilope mit einem guten Blattschuß gekriegt.» «Wahrhaft ig, du schießt ausgezeichnet.» «Macht mir Riesenspaß. Ich fi nde Afrika wun- derbar. Tatsächlich. Wenn‘s dir gutgeht, ist‘s über- haupt das Schönste, das ich je erlebt habe. Du weißt gar nicht, wie gern ich mit dir auf Jagd gegangen bin, und das Land liebe ich.» «Ich auch.» «Liebling, du weißt ja gar nicht, wie wunder- bar ich‘s fi nde, daß es dir besser geht. Ich konnte es vorhin nicht aushalten, als du dich so fühltest. Du wirst nie wieder mit mir so reden, nicht wahr? Ver- sprichst du mir das?», «Nein», sagte er. «Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.» «Du brauchst mich doch nicht kaputtzumachen, nicht wahr? Ich bin ja nur eine Frau in mittleren Jahren, die dich liebt und die tun möchte, was du tun möchtest. Man hat mich ja bereits zwei- oder dreimal kaputtgemacht. Du willst mich doch nicht noch einmal kaputtmachen, nicht wahr?» «Ich möchte dich ein paarmal im Bett kaputt- machen», sagte er. «Ja, das ist die richtige Art von Kaputtmachen. Unsere Natur will, daß wir einander so kaputtma- chen. Das Flugzeug wird morgen bestimmt hier sein.» «Woher weißt du das?» «Ich bin sicher. Es muß kommen. Die Boys haben das Holz und das Gras für die Signalfeuer schon bereit. Ich war heute wieder unten und habe es mir angesehen. Es ist reichlich Platz zum Landen da, und wir haben alles an beiden Enden fertig.» «Wieso glaubst du, daß es morgen kommt?» «Ich bin ganz sicher. Es ist ja überfällig. Und in der Stadt wird man dir dann dein Bein zusammen- fl icken, und dann werden wir einander auf unsere gute Weise kaputtmachen und nicht auf diese ent- setzliche Art mit Reden.», «Wollen wir etwas trinken? Die Sonne ist unter- gegangen.» «Meinst du, du solltest?» «Ich trinke einen.» «Also trinken wir einen zusammen. Molo, letti dui whisky-soda!» rief sie. «Du solltest deine Moskitostiefel anziehen», sag- te er zu ihr. «Ich tu‘s nach dem Baden ...» Während es dunkelte, tranken sie, und gerade bevor es ganz dunkel war, nicht mehr hell genug, um zu schießen, wechselte eine Hyäne über die Lichtung auf ihrem Weg um den Hügel. «Das Mistvieh streunt hier jeden Abend her- um», sagte der Mann. «Jeden Abend seit vierzehn Tagen.» «Die macht nachts immer den Lärm. Mich stört‘s nicht weiter, aber es ist ein widerliches Vieh- zeug.» Während sie so zusammen tranken, hatte er kei- ne Schmerzen, nur das Unbehagen, immer in der- selben Lage liegen zu müssen, und während die Boys das Feuer anzündeten, dessen Schatten auf die Zelte sprang, spürte er von neuem, wie er dies Leben einer wohligen Selbstaufgabe bejahte. Sie war sehr gut zu ihm. Er war nachmittags grausam und, ungerecht gewesen. Sie war eine ganz famose Frau, wirklich großartig. Und gerade da fi el ihm ein, daß er im Sterben lag. Es kam wie ein Sausen, nicht wie ein Sausen von Wasser oder von Wind, sondern von einer plötzli- chen, übelriechenden Leere, und das Seltsame dar- an war, daß die Hyäne leicht am Rand davon ent- langglitt. «Was ist, Harry?» fragte sie ihn. «Nichts», sagte er. «Du solltest dich lieber auf die andere Seite setzen, gegen den Wind.» «Hat Molo den Verband gewechselt?» «Ja, ich nehme jetzt nur noch Borwasser.» «Wie fühlst du dich?» «Ein bißchen taumelig.» «Ich geh hinein, baden», sagte sie. «Ich bin gleich wieder da, dann essen wir zusammen, und dann bringen wir dein Lager hinein.» Also war es gut, sagte er zu sich, daß wir mit dem Gezänk aufgehört haben. Mit dieser Frau hat- te er sich niemals viel gezankt, während er sich mit den Frauen, die er liebte, so viel gezankt hatte, daß am Ende alles, was sie gemeinsam hatten, durch die ätzende Wirkung ihrer Zänkereien zerstört wurde. Er hatte zuviel geliebt, zuviel verlangt, und alles war fadenscheinig geworden., Er dachte an sein Alleinsein in Konstantino- pel, damals, als sie sich in Paris vor seiner Abreise gezankt hatten. Er hatte die ganze Zeit über gehurt, und dann, als das vorbei war und es ihm nicht gelungen war, seine Einsamkeit zu töten, sondern sie nur immer schlimmer wurde, hatte er ihr, der ers- ten, der, die ihn verlassen hatte, einen Brief geschrie- ben, in dem er ihr sagte, daß er es nie hätte abtö- ten können ... Wie ihm, als er einmal glaubte, sie vor dem Régence zu sehen, inwendig ganz schwach und übel geworden sei, und daß er einer Frau, die ihr in irgendeiner Art ähnelte, den Boulevard ent- lang gefolgt sei, angsterfüllt, sie möge es nicht sein, voller Angst, das Gefühl, das es ihm gab, zu verlie- ren. Wie ihn jede, mit der er geschlafen hatte, sie nur noch mehr vermissen ließ. Wie das, was sie getan hatte, ja völlig bedeutungslos sei, da ihm klar wäre, daß er sich nicht von seiner Liebe zu ihr heilen kön- ne. Er schrieb diesen Brief im Club, völlig nüchtern, adressierte ihn nach New York und bat sie, ihm nach Paris ins Büro zu schreiben. Das schien ungefährlich. Und an dem Abend, als sie ihm so sehr fehlte, daß er sich inwendig jämmerlich leer fühlte, schlenderte er bei Maxim‘s vorbei, las ein Mädchen auf und ging mit ihr essen. Nachher war er mit ihr in ein Lokal gegangen, um zu tanzen. Sie tanzte schlecht, und er, ließ sie stehen für eine scharfe armenische Nutte, die ihren Bauch derart gegen ihn preßte, daß es ihn bei- nahe versengte. Er nahm sie einem englischen Kano- nier nach einer Schlägerei weg. Der Kanonier forder- te ihn auf, hinauszukommen, und sie prügelten sich draußen auf der Straße, auf den Pfl astersteinen, in der Dunkelheit. Er hatte ihm zwei ordentliche Kinn- haken versetzt, und als er nicht k. o. ging, war ihm klar, daß allerhand bevorstand. Der Kanonier boxte ihn in den Bauch und dann unters Auge. Dann hol- te er aus und landete einen linken Schwinger, und der Kanonier fi el über ihn her und packte seine Jacke und riß den Ärmel ab, und er hieb ihn zweimal hin- ters Ohr, und dann erledigte er ihn mit einem Rech- ten, als er ihn wegstieß. Als der Kanonier zu Boden ging, schlug er mit dem Kopf zuerst auf, und er rann- te mit dem Mädchen weg, weil man die Militärpoli- zei kommen hörte. Sie stiegen in ein Taxi und fuhren hinaus zu Rimmily Hissa, am Bosporus entlang und dann zurück in der kühlen Nacht, und sie gingen ins Bett, und sie fühlte sich so überreif an, wie sie aus- sah, jedoch glatt, rosenblättrig, sirupartig, glattbau- chig, vollbusig, und sie brauchte kein Kissen unter ihrem Hintern, und er verließ sie, bevor sie auf- wachte, und schwammig genug sah sie aus im ersten Tageslicht, und er tauchte mit einem blauen Auge im, Pera Palace auf und trug seine Jacke überm Arm, weil ein Ärmel fehlte. Am selben Abend ging es weiter nach Anatolien, und er erinnerte sich, wie er später einmal auf die- ser Expedition den ganzen Tag über durch Mohn- felder geritten war, aus denen man Opium gewann, und wie seltsam man sich schließlich fühlte, und alle Entfernungen schienen nicht zu stimmen, wo sie den Angriff mit den neu eingetroff enen Offi zieren aus Konstantinopel gemacht hatten, die von nichts die geringste Ahnung hatten, und die Artillerie hatte in die Truppen hineingefeuert, und der englische Beob- achter hatte wie ein Kind geheult. Das war jener Tag, an dem er zum ersten Mal tote Männer in weißen Ballettröckchen und Schna- belschuhen mit Pompons darauf gesehen hatte. Die Türken waren stetig und truppweise vorgedrungen, und er hatte gesehen, wie die berockten Männer weg- liefen und wie die Offi ziere in sie hineinfeuerten und dann selbst rannten, und dann waren auch er und der englische Beobachter gerannt, bis ihm die Lun- ge weh tat und er den Geschmack von Kupfermün- zen im Mund hatte, und sie hinter einigen Felsblö- cken anhielten, und da rückten die Türken heran, in Wellen wie vorher. Später hatte er jene Dinge gese- hen, an die er niemals denken konnte, und noch spä-, ter hatte er viel Schlimmeres gesehen. Er hatte, als er nach Paris zurückkam, nicht davon sprechen können und hielt es auch nicht aus, wenn jemand anders es erwähnte. Und als er damals an dem Café vorüber- ging, saß der amerikanische Dichter mit einem dum- men Ausdruck auf seinem Schafsgesicht vor einem Haufen Untertassen und sprach über die Dadaisten mit einem Rumänen, der angeblich Tristan Tzara hieß, der immer ein Monokel trug und Kopfweh hat- te – und oben in seiner Wohnung mit seiner Frau, die er jetzt wieder liebte, wo der Zank vollständig vor- bei war, wo die Verrücktheit vollständig vorbei war, wo er froh war, wieder zu Hause zu sein, da schick- te das Büro ihm seine Post hinauf in die Wohnung. Und eines Morgens kam dann der Antwortbrief auf den, den er geschrieben hatte, auf dem Tablett herein, und als er die Handschrift sah, überlief es ihn eiskalt, und er versuchte, den Brief unter einen andern zu schieben. Aber seine Frau sagte: «Von wem ist denn der Brief, mein Lieber?», und das war das Ende vom Anfang davon. Er erinnerte sich an die guten Tage mit ihnen allen und die Streitereien. Sie suchten sich immer die schönsten Plätze für die Streitereien aus. Und war- um hatten sie wohl immer Streit angefangen, wenn er sich gerade am wohlsten fühlte? Er hatte niemals etwas, davon geschrieben, zuerst wohl, weil er keinem weh tun wollte, und später fand er dann, daß es auch ohne dies genug zum Schreiben gab. Aber er hatte immer gedacht, daß er es doch schließlich einmal schreiben würde. Es gab so viel zu schreiben. Er hatte gesehen, wie die Welt sich wandelte, nicht nur die Ereignis- se, obschon er auch viele Ereignisse gesehen und Men- schen beobachtet hatte, aber er hatte die feineren Ver- änderungen gesehen, und er konnte sich erinnern, wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten gewesen waren. Er war dabei gewesen, und er hatte es beobachtet, und es war seine Aufgabe, darüber zu schreiben, aber nun würde er es niemals tun. «Wie fühlst du dich?» sagte sie. Sie war, nachdem sie gebadet hatte, aus dem Zelt gekommen. «Ganz gut.» «Magst du jetzt essen?» Er sah Molo hinter ihr mit einem Klapptisch und den anderen Boy mit den Schüsseln. «Ich möchte schreiben», sagte er. «Du solltest etwas Brühe trinken, um bei Kräf- ten zu bleiben.» «Ich sterbe heute nacht», sagte er. «Ich brauche nicht bei Kräft en zu bleiben.» «Bitte kein Melodram, Harry», sagte sie., «Gebrauch doch deine Nase. Ich bin bereits bis zur Hälft e des Oberschenkels hinauf verfault. Zum Teufel noch mal, wozu soll ich mich jetzt mit Brühe abgeben? Molo, bring Whisky-Soda!» «Bitte, trink die Brühe», sagte sie sanft . «Schön.» Die Brühe war zu heiß. Sie mußte in der Tas- se abkühlen, bis er sie trinken konnte, ohne sich den Mund zu verbrennen. «Du bist eine großartige Frau», sagte er. «Hör nicht auf das, was ich sage.» Sie sah ihn an mit dem so wohl bekannten, so beliebten Gesicht aus Spur und Town and Coun- try, nur ein wenig ramponiert vom Trinken, nur ein wenig ramponiert vom Bett, aber Town and Coun- try zeigte niemals jene gesunden Brüste und jene brauchbaren Schenkel und jene leicht die Kreuzge- gend streichelnden Hände, und als er aufb lickte und ihr so wohl bekanntes, angenehmes Lächeln sah, fühlte er wieder den Tod kommen. Diesmal war es kein Sausen. Es war ein Hauch wie von Wind, der eine Kerze auffl ackern und die Flamme hochschie- ßen läßt. «Man kann mein Netz später herausbringen und es am Baum aufh ängen und das Feuer auf- schichten. Ich gehe heute nacht nicht ins Zelt. Es, lohnt nicht den Umzug. Es ist eine klare Nacht. Es wird keinen Regen geben.» So starb man also, inmitten von Flüstern, das man nicht hörte. Nun, Zank würde es nicht mehr geben. Das konnte er versprechen. Dieses eine noch nie gehabte Erlebnis würde er sich nicht verderben. Wahrscheinlich würde er es doch tun. Man versaute sich ja alles. Aber vielleicht auch nicht. «Du kannst kein Diktat aufnehmen, nicht wahr?» «Ich hab‘s nie gelernt», erwiderte sie ihm. «Macht nichts.» Es war nicht genug Zeit, natürlich, obschon es sich anscheinend wie ein Fernrohr ineinander- schob, so daß man alles in einen Absatz hineinbe- kam, wenn man‘s richtig anfaßte. Da lag ein Blockhaus, weiß beworfen mit Mörtel, auf einem Hügel über dem See. Da gab es eine Glocke an einer Stange neben der Tür, um die Leute zum Essen zu rufen. Hinter dem Haus waren Felder, und hinter den Feldern waren Bäume. Eine Reihe italienischer Pappeln führte vom Haus zur Werft und von dort um die Landspitze herum. Ein Weg ging hinauf in die Hügel, direkt an den Bäumen vorbei, und auf die- sem Weg pfl ückte er Brombeeren. Dann brannte das Blockhaus herunter, und all die Gewehre, die in den, Ständern aus Hirschläufen über dem Kamin waren, verbrannten, und nachher lagen die Läufe, in deren Magazinen das Blei geschmolzen war, mit den weg- gebrannten Schäft en auf der Asche, die man benutz- te, um für die großen, eisernen Seifenkessel Lauge zu machen, und man fragte Großvater, ob man sie zum Spielen haben könnte, und er sagte «Nein». Weil es eben immer noch seine Gewehre waren, verstehen Sie? Und er kauft e auch niemals neue. Auf die Jagd ging er auch nicht mehr. Das Haus wurde an der- selben Stelle wieder aufgebaut; jetzt aus Balken und weiß gestrichen, und von der gedeckten Veranda aus konnte man die Pappeln und dahinter den See sehen, aber Gewehre gab es niemals wieder. Die Läufe der Gewehre, die an den Hirschläufen an der Wand des Blockhauses gehangen hatten, lagen draußen auf dem Aschenhaufen, und keiner rührte sie je an. Nach dem Krieg pachteten wir einen Forellenbach im Schwarzwald, und es gab zwei Wege, die dorthin führten. Einer ging durch das Triberger Tal hinab und schlängelte sich an der Talstraße entlang im Schatten der Bäume, die die weiße Straße einsäumten, und dann eine Seitenstraße hinan, die durch die Hügel hinauff ührte, an einer Menge kleiner Anwesen mit großen Schwarzwaldhäusern vorbei, bis jene Straße den Bach überquerte. Hier begann unser Fischwasser., Man konnte sonst auch steil bis zum Waldsaum hinaufk lettern und dann über die Hügelkuppen durch die Tannenwälder hinauf bis an den Rand einer Wiese gehen und über die Wiese hinunter bis zur Brücke. Es standen Birken am Bach, und er war nicht breit, son- dern schmal, klar und reißend mit kleinen Ausbuch- tungen dort, wo er die Wurzeln der Birken unterhöhlt hatte. Der Hotelbesitzer in Triberg hatte eine ausge- zeichnete Saison. Es war besonders nett, und wir waren alle sehr befreundet. Im nächsten Jahr kam die Infl ati- on, und das Geld, das er im Jahr zuvor verdient hatte, reichte nicht aus, um Lebensmittel für den Beginn der neuen Saison zu kaufen, und er erhängte sich. Das konnte man diktieren, aber man konnte nicht die Place Contrescarpe diktieren, wo die Blumenverkäu- fer ihre Blumen auf der Straße färbten, und der Farb- stoff dort, wo der Autobus abfuhr, über das Pfl aster lief, und die alten Männer und Frauen ewig von Wein und Fusel betrunken waren, und wo den Kindern bei der Kälte die Nasen liefen, und auch nicht den Geruch von schmutzigem Schweiß, von Armut und Betrunkenheit im Café des Amateurs und den Huren vom Bal Musette, über dem sie wohnten. Die Concierge, die in ihrer Loge den Sergeant der Garde Républicaine zu Besuch hatte, dessen Helm mit dem Roßhaarbusch auf dem Stuhl lag. Die Locataire überm Gang, deren Mann Radrennfahrer, war, und ihre Freude in der crémerie an jenem Morgen, als sie L‘Auto aufgemacht hatte und sah, wo er im Paris- Tours, seinem ersten großen Rennen, als Dritter gelegen hatte. Sie war rot geworden und hatte gelacht und war dann weinend mit der gelben Sportzeitung in der Hand die Treppe hinaufgegangen. Der Mann von der Frau, die den Bal Musette betrieb, fuhr ein Taxi, und wenn er, Harry, morgens in aller Frühe ein Flugzeug nehmen mußte, klopft e der Mann an die Tür, um ihn zu wecken, und dann tranken sie beide ein Glas Weißwein an der Messingtheke, bevor sie aufb rachen. Er kannte seine Nachbarn in jenem Viertel damals, weil sie alle arm waren. Um jene Place herum gab es zwei Sorten: die Säu- fer und die sportifs. Die Säufer suchten ihre Armut auf ihre Weise zu vergessen, und die sportifs, indem sie trainierten. Sie waren die Nachkommen der Commu- nards und brauchten sich nicht groß zu besinnen, wo sie politisch standen. Sie wußten, wer ihre Väter, ihre Verwandten, ihre Brüder und Freunde erschossen hat- te, als die Versailler Truppen einrückten und nach der Commune die Stadt besetzten und jeden hinrichteten, den sie greifen konnten, der Schwielen an den Händen hatte oder eine Mütze trug oder sonst wie ein Arbeiter aussah. Und in jener Armut und in jenem Viertel jen- seits der Straße, gegenüber einer boucherie chevaline, und einer Wein-Konsumgenossenschaft , hatte er den Anfang zu allem gemacht, was er je schreiben würde. Es gab niemals einen anderen Teil von Paris, den er so liebte, die wild wuchernden Bäume, die alten, weiß getünchten, unten braun gestrichenen Häuser, das lange Grün des Autobusses auf jenem runden Platz, das Lila von den gefärbten Blumen auf dem Pfl as- ter, das jähe Abfallen der Rue du Cardinal-Lemoine den Hügel hinab zur Seine und nach der anderen Sei- te die enge, wimmelnde Welt der Rue Mouff etard. Die Straße, die zum Pantheon hinauff ührte, und die ande- re, die er immer mit dem Rad entlangfuhr, die einzi- ge asphaltierte Straße im ganzen Viertel – glatt unter den Rädern – mit den hohen, schmalen Häusern und dem billigen, vielstöckigen Hotel, in dem Paul Ver- laine gestorben war. Die Wohnung, in der sie lebten, bestand nur aus zwei Zimmern, und er hatte ein Zim- mer in der obersten Etage jenes Hotels, das ihn im Monat 60 Francs kostete, und da schrieb er, und von dort konnte er die Dächer und Schornsteine und alle Hügel von Paris sehen. Von der Wohnung aus konnte man nur die Bude vom Holz- und Kohlenmann sehen. Er verkauft e auch Wein, schlechten Wein. Den goldenen Pferde- kopf der boucherie chevaline, wo die geschlachteten Tiere gelb, golden und rot in der off enen Auslage hin-, gen, und den grün gestrichenen Konsumverein, wo sie ihren Wein kauft en, guten Wein und billig. Sonst gab es nichts als getünchte Mauern und die Fenster der Nachbarn, die nachts, wenn jemand betrunken auf der Straft e lag, stöhnend und jammernd, in jener typisch französischen ivresse, deren Existenz man abzuleugnen suchte, die Fenster öff neten, und dann das Gemurmel der Gespräche. «Wo ist der Polizist? Wenn man ihn nicht braucht, ist der Scheißkerl immer da. Er schläft mit irgendei- ner Concierge. Hol den agent.» Bis irgend jemand einen Eimer voll Wasser aus dem Fenster schütte- te und das Gejammer aufh örte. «Was war das? Was- ser? Donnerwetter, das war ‘ne Idee.» Und die Fens- ter sich schlossen. Marie, seine femme de ménage, die gegen den Acht-Stunden-Tag protestierte und sagte: «Wenn ein Mann bis sechs arbeitet, trinkt er sich auf dem Heimweg nur einen Kleinen an und verschwen- det nicht zuviel. Wenn einer nur bis fünf arbeitet, ist er jeden Abend betrunken, und man hat überhaupt kein Geld mehr. Unter der Kürzung der Arbeitszeit hat bloß die Frau des Arbeiters zu leiden.» «Möchtest du nicht noch etwas Brühe haben?» frag- te ihn die Frau. «Nein, danke sehr; sie ist ausgezeichnet.», «Versuch doch noch ein bißchen.» «Ich möchte gern einen Whisky-Soda.» «Es ist nicht gut für dich.» «Nein, ‹es ist schlecht für mich, zu wissen, daß du verrückt nach mir bist!› Text und Musik von Cole Porter.» «Du weißt, ich hab‘s gern, wenn du trinkst.» «O ja, nur daß es schlecht für mich ist.» Wenn sie geht, dachte er, werde ich alles haben, was ich will. Nicht alles, was ich will, aber alles, was es gibt. Gott, war er müde. Zu müde. Er wollte ein bißchen schlafen. Er lag still, und der Tod war nicht da. Er war wohl in eine andere Straße eingebogen: Er fuhr paarweise auf Rädern und bewegte sich lautlos auf dem Pfl aster. Nein, er hatte niemals über Paris geschrieben, nicht über das Paris, an dem er hing. Aber was war mit allem übrigen, das er niemals geschrieben hatte? Was war mit der Ranch und dem silbrigen Grau des Salbeigebüschs, dem schnell strömenden, klaren Wasser in den Bewässerungsgräben und dem satten Grün der Luzerne? Der Pfad führte hinauf in die Ber- ge, und das Vieh war im Sommer so scheu wie Wild. Das Gebrüll und das gleichförmige Geräusch und die langsam sich bewegende Masse, die den Staub auf-, wirbelte, wenn man das Vieh im Herbst hinunter- trieb. Und hinter dem Gebirge die klare Schärfe der Bergspitze im Abendlicht, und als er hinunterritt beim Mondlicht, wie sich der Pfad hell durch die Ebe- ne zog. jetzt erinnerte er sich daran, wie er im Dun- keln durchs Gehölz hinuntergekommen war und sich am Schwanz des Pferdes festgehalten hatte, wenn er nichts sehen konnte, und an all die Geschichten, die er hatte schreiben wollen. Über den blöden Hüterjungen, den man damals auf der Ranch zurückließ, und dem eingeschärft war, keinen ans Heu zu lassen, und über jenen alten Dreckskerl von den Forks, der den Jungen, als er mal für ihn arbeitete, verprügelt hatte, und der vorbei- kam, um sich Futter zu holen. Wie der Junge «Nein» gesagt hatte, und der Alte sagte, er würde ihn wie- der verprügeln. Der Junge holte die Flinte aus der Küche und erschoß ihn, als er versuchte, in die Scheu- ne zu gehen, und als sie auf die Ranch zurückkamen, lag er bereits eine Woche tot und steif gefroren in der Vieheinzäunung, und die Hunde hatten ihn teilweise aufgefressen. Aber was übrig war, packte man, in eine Decke gewickelt, auf einen Schlitten und band es fest, und man ließ sich von dem Jungen beim Ziehen hel- fen, und zusammen nahm man es auf und beförderte es auf Skiern die Straße hinunter und sechzig Meilen, weiter hinab in die Stadt, um den Jungen der Poli- zei zu übergeben. Er hatte keine Ahnung davon, daß man ihn verhaft en würde. Er dachte, er habe seine Pfl icht getan, und man wäre sein Freund, und er wür- de belohnt werden. Er hatte geholfen, den alten Mann hinunterzuschaff en, damit jeder erfahren würde, wie schlecht der alte Mann gewesen war und daß er ver- sucht hatte, Futter zu stehlen, das ihm nicht gehör- te, und als der Sheriff dem Jungen die Handschellen anlegte, konnte er es gar nicht fassen. Dann fi ng er an zu weinen. Das war eine der Geschichten, die er sich zum Schreiben aufgespart hatte. Er kannte mindes- tens zwanzig gute Geschichten aus jener Gegend, und er hatte auch nicht eine geschrieben. Warum? «Erzähl du ihnen, warum», sagte er. «Warum was, Lieber?» «Warum nichts.» Sie trank nicht mehr soviel, seit sie ihn hat- te. Aber falls er am Leben blieb, würde er nie- mals über sie schreiben, das wußte er jetzt. Auch über keine der anderen. Die Reichen waren fade und tranken zuviel, oder sie spielten zuviel Trick- track. Sie waren fade, und alle einer wie der ande- re. Er erinnerte sich an den armen Julian und seine romantische Ehrfurcht vor ihnen, und wie er ein-, mal eine Geschichte begonnen hatte, die so anfi ng: «Die Steinreichen sind anders als du und ich.» Und wie jemand zu Julian gesagt hatte: «Jawohl, sie haben mehr Geld.» Aber das fand Julian gar nicht komisch. Er hielt sie für eine besonders glor- reiche Menschenart, und als ihm aufging, daß es gar nicht so war, warf ihn das genauso um wie jede andere Sache, die ihn umwarf. Er hatte Leute, die es umwarf, verachtet. Man brauchte es ja noch nicht zu mögen, weil man es verstand. Er konnte mit allem fertig werden, dach- te er, weil ihm nichts weh tun konnte, solange es ihn nichts anging. Gut, jetzt würde ihn der Tod nichts angehen. Etwas, wovor er sich immer gegraut hatte, waren Schmerzen. Er konnte Schmerzen so gut ertragen wie jeder andere, bis sie zu lange anhielten und ihn aushöhlten, aber hier hatte er etwas, das entsetzlich weh getan hatte, und gerade als er fühlte, daß es ihn zerbrach, hatte der Schmerz aufgehört. Er erinnerte sich an damals, als Williamson, der Artillerieoffi zier, von einer Handgranate getroff en wurde, die eine deutsche Patrouille warf als er in jener Nacht durch den Stacheldraht zurückkam, und wie er schrie und jeden gebeten hatte, ihn zu töten., Er war ein dicker Kerl, sehr tapfer und ein guter Offi - zier, wenn er auch zum Th eatralischen neigte. Aber in jener Nacht blieb er im Stacheldraht hängen, und eine Rakete beleuchtete ihn, und seine Eingeweide hingen im Stacheldraht verstrickt, so daß sie ihn losschnei- den mußten, nachdem sie ihn lebendig hereingebracht hatten. «Erschieß mich, Harry, um Christi willen, erschieß mich.» Sie hatten einmal darüber diskutiert, daß Gott keinem etwas schicke, was er nicht ertragen könne, und irgendeiner hatte die Th eorie aufgestellt, daß dies bedeute, daß eben an einem gewissen Punkt der Schmerz automatisch das Bewußtsein auslösche. Aber er hatte sich immer an Williamson in jener Nacht erinnert. Nichts ließ ihn das Bewußtsein verlie- ren, bis er ihm all seine Morphiumtabletten gab, die er immer aufgespart hatte, um sie selbst zu nehmen, und dann wirkten sie auch noch nicht gleich. Dies jedoch, was er hatte, war kinderleicht, und wenn es nicht mit der Zeit schlimmer wurde, brauchte man sich keine Sorgen zu machen. Nur daß er gern in besserer Gesellschaft gewesen wäre. Er dachte ein bißchen an die Gesellschaft , die er gern haben würde. Nein, dachte er, wenn man alles, was man tut, zu lange und zu spät tut, kann man nicht erwar-, ten, daß die Menschen noch da sind. Sie sind alle weg. Das Fest ist vorbei, und man ist mit seiner Gastgeberin allein. Mich langweilt das Sterben genauso wie alles übrige, dachte er. «Es ist langweilig», sagte er laut. «Was denn, Lieber?» «Alles, was man zu verdammt lange tut.» Er betrachtete ihr Gesicht zwischen sich und dem Feuer. Sie lag im Stuhl zurückgelehnt, und der Feuerschein fi el auf ihr von feinen Linien durchzo- genes Gesicht, und er konnte sehen, daß sie schläf- rig war. Er hörte die Hyäne außerhalb des Feuerbe- reichs lärmen. «Ich habe geschrieben», sagte er, «aber es hat mich müde gemacht.» «Glaubst du, du wirst schlafen können?» «Sicher. Warum gehst du nicht rein?» «Ich sitze gern hier bei dir.» «Spürst du irgend etwas Seltsames?» fragte er sie. «Nein, nur ein bißchen Müdigkeit.» «Aber ich», sagte er. Er hatte gerade gespürt, wie der Tod wieder vorbeikam. «Weißt du, das einzige, was ich nie verloren habe, ist meine Neugier», sag- te er zu ihr., «Du hast überhaupt nichts verloren. Du bist der kompletteste Mann, den ich je gekannt habe.» «Mein Gott», sagte er, «wie wenig so eine Frau weiß. Was ist das? Deine Intuition?» Weil gerade eben der Tod gekommen war und seinen Kopf auf das Fußende des Lagers lehnte, und er seinen Atem riechen konnte. «Glaub nichts von all dem Zeug mit Sichel und Schädel», sagte er zu ihr. «Es können genauso gut zwei Polizisten auf Rädern sein, oder ein Vogel. Oder er könnte eine breite Schnauze haben wie eine Hyäne.» Er war jetzt an ihm hochgekrochen, aber er hat- te keine Gestalt mehr. Er nahm einfach Raum ein. «Sag ihm, daß er weggehen soll.» Er ging nicht weg, sondern kam ein bißchen näher. «Du hast einen höllischen Atem», sagte er zu ihm. «Du stinkender Dreckskerl.» Er drängte sich noch näher an ihn heran, und jetzt konnte er nichts zu ihm sagen, und als er sah, daß er nicht sprechen konnte, kam er noch ein biß- chen näher, und jetzt versuchte er, ihn, ohne zu sprechen, wegzuscheuchen, aber er bewegte sich an ihm hoch, so daß sein Gewicht voll auf seine Brust drückte, und während er da hockte und er sich, weder bewegen noch sprechen konnte, hörte er die Frau sagen: «Bwana schläft jetzt. Nehmt das Lager sehr vorsichtig auf und tragt es ins Zelt.» Er konnte nicht sprechen, um ihr zu sagen, daß sie ihn wegscheuchen sollte, und er hockte jetzt schwerer auf ihm, so daß er nicht atmen konnte. Und dann, als sie sein Lager hochhoben, war plötzlich alles gut, und das Gewicht wich von seiner Brust. Es war Morgen, und es war bereits eine ganze Zeit lang Morgen, und er hörte das Flugzeug. Es sah sehr klein aus, und dann beschrieb es einen weiten Kreis, und die Boys liefen hinunter und zündeten die Feuer an und nahmen Paraffi n dazu und häuf- ten Gras auf, so daß es zwei große Rauchfahnen an beiden Enden des geebneten Platzes gab, und der Morgenwind blies sie dem Lager zu, und das Flug- zeug beschrieb noch zwei Kreise, zuletzt ganz nied- rig, und glitt dann hinab, richtete sich aus und lan- dete glatt, und der alte Compton in seiner weiten Hose, seiner Tweedjacke und einem braunen Filz- hut kam auf ihn zu. «Was ist denn los, alter Hengst?» sagte Comp- ton. «‘n schlimmes Bein», sagte er zu ihm. «Willst du was frühstücken?», «Danke, ich möchte nur eine Tasse Tee haben. Weißt du, es ist unser alter ‹Gabelschwanz›; die Mem- sahib werde ich nicht mitnehmen können. Es ist nur für einen Platz. Euer Lastauto ist unterwegs.» Helen hatte Compton beiseite genommen und sprach mit ihm. Compton kam aufgeräumter als je zurück. «Wir laden dich gleich ein», sagte er. «Ich kom- me dann zurück für die Mem. Ich fürchte, ich muß in Arusha Zwischenlandung machen, um zu tan- ken. Wollen uns mal in Bewegung setzen.» «Und dein Tee?» «Weißt du, ich mach mir wirklich nichts dar- aus.» Die Boys hatten das Lager aufgenommen und tru- gen es dem kleinen Flugzeug zu, um die grünen Zel- te herum und hinunter, am Felsen entlang, hinaus in die Ebene und an den Lichtsignalen vorbei, die jetzt, wo alles Gras aufgezehrt war, hell brannten, und der Wind blies die Flammen an. Es war schwierig, ihn hineinzubekommen, aber als er erst einmal drinnen war, lehnte er sich auf dem ledernen Sitz zurück, und das Bein lag steif ausgestreckt neben Comptons Sitz. Compton warf den Motor an und stieg ein. Er wink- te Helen und den Boys zu, und während das Geratter in das alte, wohlbekannte Brausen überging, wende-, ten sie, und Compton hatte ein wachsames Auge auf die Warzenschweinlöcher und brauste holpernd die Strecke zwischen den Feuern entlang und hob sich mit dem letzten Stoß in die Luft , und er sah sie alle unten stehen und winken und das Lager neben dem Hügel fl acher werden und die Ebene sich ausbreiten, Gruppen von Bäumen und den Busch fl ach werden, während die Wildspuren jetzt glatt zu den Wasser- stellen liefen, und dann sah er eine neue Wasserstelle, von der er gar nichts gewußt hatte. Die Zebras, jetzt kleine, gerundete Rücken, und die Gnus, großköpfi ge Punkte, die aufwärts zu steigen schienen, als sie wie in langen Fingern sich über die Ebene bewegten und dann auseinanderliefen, als der Schatten sich ihnen näherte. Sie waren jetzt winzig, und ihre Bewegun- gen hatten nichts Galoppierendes mehr, und die Ebe- ne war jetzt, so weit man sehen konnte, graugelb, und vor ihm war Compies Tweedrücken und sein brau- ner Filzhut. Dann waren sie über den ersten Hügeln, und die Gnus zogen hinauf, und dann waren sie über Bergen mit plötzlichen Tiefen von grün aufstreben- den Wäldern und dichten Bambushängen und dann wieder dunklem Wald wie in Spitzen und Mulden ausgehauen, bis sie darüber hinweg waren, und abfal- lende Hügel, und dann eine neue Ebene, heiß jetzt und lilabraun, uneben von der Hitze, und Compie,, der sich umdrehte, um zu sehen, wie es ihm bekam. Dann sah man neue Berge, dunkel vor sich. Und dann, anstatt nach Arusha weiterzufl ie- gen, drehten sie nach links – er mußte wohl ausge- rechnet haben, daß er genügend Brennstoff hatte –, und als er hinabsah, erblickte er eine treibende rosa Wolke, die sich über den Boden bewegte und in der Luft so wie der erste Schnee in einem Schneetrei- ben, der von nirgendwoher kommt, und er wuß- te, daß die Heuschrecken vom Süden heranzogen. Dann begannen sie zu steigen, und sie schienen nach Osten zu fl iegen, und dann wurde es dunkel, und sie waren in einem Gewitter, und der Regen war so dicht, daß es schien, als ob man durch einen Wasserfall fl og, und dann waren sie hindurch, und Compie wandte den Kopf und grinste und deute- te vorwärts, und dort vor ihnen, so weit er sehen konnte, so weit wie die ganze Welt, groß, hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne war der fl ache Gip- fel des Kilimandscharo. Und dann wußte er, dort- hin war es, wohin er ging. Gerade dann hörte die Hyäne auf, im Dunkel zu wimmern und begann einen seltsamen, mensch- lichen, fast weinenden Ton von sich zu geben. Die Frau hörte es und bewegte sich unruhig hin und her., Sie wachte nicht auf. Im Traum war sie im Haus in Long Island, und es war der Abend vor dem ersten Ball ihrer Tochter. Irgendwie war ihr Vater da, und er war sehr grob gewesen. Dann war das Geräusch, das die Hyäne machte, so laut, daß sie erwach- te, und einen Augenblick lang wußte sie nicht, wo sie war, und sie hatte große Angst. Dann nahm sie die Taschenlampe und beleuchtete damit das ande- re Lager, das sie hineingetragen hatten, nachdem Harry eingeschlafen war. Sie konnte seinen Körper unter dem Moskitonetz sehen, aber irgendwie hatte er sein Bein herausgezwängt, und es hing am Lager hinunter. Der Verband war vollständig abgegangen, und sie konnte nicht hinsehen. «Molo!» rief sie. «Molo, Molo.» Dann sagte sie: «Harry, Harry!», dann mit erho- bener Stimme: «Harry. Bitte, Harry, o Gott, Harry.» Es kam keine Antwort, und sie konnte ihn nicht atmen hören. Draußen vor dem Zelt machte die Hyäne immer noch das gleiche seltsame Geräusch, von dem sie erwacht war. Aber sie hörte es nicht, weil ihr Herz so klopft e. * * *,

OBEN IN MICHIGAN Jim Gilmore kam aus Kanada nach Hortons Bay. Er kauft e dem alten Horton die Schmiede und

die Eisenhandlung ab. Jim war stämmig und dunkel, mit einem großen Schnurrbart und großen Händen. Er war ein guter Hufschmied, aber sah selbst mit sei- nem Lederschurz nicht sehr wie ein Schmied aus. Er wohnte oben über der Eisenhandlung und nahm sei- ne Mahlzeiten bei D. J. Smith ein. Liz Coates arbeitete bei Smiths. Mrs. Smith, die eine sehr dicke, saubere Frau war, sagte, daß Liz Coates das ordentlichste Mädchen sei, das sie je gesehen hätte. Liz hatte hübsche Beine und trug immer saubere Kattunschürzen, und es fi el Jim auf, daß ihr Haar immer ordentlich war. Ihm gefi el ihr Gesicht, weil es so vergnügt war, aber er dachte nie- mals an sie. Liz mochte Jim sehr gern. Sie mochte die Art, wie er von der Schmiede herüberkam, und sie ging häufi g zur Küchentür, um darauf zu warten, daß er sich auf den Weg machte. Sie mochte seinen Schnurrbart. Sie mochte es, wie weiß seine Zähne waren, wenn er lächelte. Sie mochte es sehr, daß er, nicht wie ein Grobschmied aussah. Sie mochte es, daß D. J. Smith und Mrs. Smith Jim so gut leiden mochten. Eines Tages merkte sie, daß sie mochte, daß das Haar auf seinen Armen so schwarz war und daß die Arme so weiß über dem gebräunten Teil waren, wenn er sich in dem Waschbecken vor dem Haus wusch. Daß sie dies mochte, gab ihr ein komi- sches Gefühl. Die Stadt, Hortons Bay, bestand nur aus fünf Häusern auf der Hauptstraße zwischen Boyne City und Charlevoix. Da gab‘s den Kaufl aden und die Post mit einer großartigen Scheinfassade und viel- leicht einem abgekoppelten Anhänger davor, Smiths Haus, Strouds Haus, Dillworths Haus, Hortons Haus und Van Hoosens Haus. Die Häuser lagen in einem Ulmenwäldchen, und die Straße war sehr sandig. Die Straße lief in beiden Richtungen durch Acker- land und Waldungen. Ein Stückchen die Straße hin- auf war die Methodistenkirche und die Straße hin- unter in der anderen Richtung die Gemeindeschule. Die Eisenhandlung war rot gestrichen und lag der Schule gegenüber. Ein steiler, sandiger Weg lief durch die Wälder den Hügel hinab zur Bucht. Von Smiths Hinter- tür konnte man über die Wälder hinwegsehen, die sich bis zum See erstreckten, und über die Bucht., Im Frühling und im Sommer war es sehr schön, die Bucht blau und licht und meistens Schaumkämme auf dem See draußen jenseits der Landspitze von der Brise, die von Charlevoix und dem Michigansee herunterblies. Von Smiths Hintertür aus konnte Liz weit draußen auf dem See die Erzkähne sehen, die nach Boyne City fuhren. Wenn sie sie betrachtete, schienen sie sich überhaupt nicht zu bewegen, aber wenn sie hineinging und weiter Geschirr abtrock- nete und dann wieder herauskam, waren sie jenseits der Landspitze außer Sicht. Die ganze Zeit über dachte Liz jetzt an Jim Gil- more. Er schien nicht viel Notiz von ihr zu nehmen. Er sprach mit D. J. Smith über sein Geschäft und über die Republikanische Partei und über James G. Blaine. Abends las er bei der Lampe im Vorderzimmer Th e Toledo Blade und die Zeitung von Grand Rapids oder ging mit D. J. Smith zur Bucht hinunter, um bei Licht Fische zu stechen. Im Herbst nahmen er und Smith und Charley Wyman einen Wagen, ein Zelt, Fressa- lien, Äxte, ihre Flinten und zwei Hunde und mach- ten eine Tour in die Kiefernebene hinter Vanderbilts Jagdgelände. Liz und Mrs. Smith kochten vier Tage lang für sie, bevor sie aufb rachen, Liz wollte etwas Besonderes für Jim zum Mitnehmen machen, aber sie tat es schließlich nicht, weil sie Angst hatte, Mrs., Smith um Eier und Mehl zu bitten, und außerdem Angst hatte, daß Mrs. Smith sie, wenn sie sie kauft e, beim Backen ertappen würde. Mrs. Smith hätte gar nichts einzuwenden gehabt, aber Liz hatte Angst. Die ganze Zeit über, die Jim auf dem Jagdaus- fl ug war, dachte Liz an ihn. Es war schrecklich, während er weg war. Sie konnte nicht gut schla- fen, weil sie an ihn dachte, aber sie entdeckte, daß es auch Spaß machte, an ihn zu denken. Wenn sie sich gehenließ, war es besser. Die Nacht, bevor sie zurückkommen sollten, schlief sie überhaupt nicht; das heißt, sie dachte, daß sie nicht schlief, weil alles durcheinanderging in einem Traum von Nichtschlafen und wirklich Nichtschlafen. Als sie den Wagen die Straße entlangkommen sah, war ihr irgendwie fl au und übel zumute. Sie konn- te kaum abwarten, bis sie Jim sah, und sie mein- te, daß alles gut sein würde, sobald er da wäre. Der Wagen hielt draußen unter der großen Ulme, und Mrs. Smith und Liz gingen hinaus. Die Männer hatten alle Bärte, und am Boden des Wagens lagen drei Rehe, deren dünne Beine steif über den Rand des Kutschbocks hervorstakten. Mrs. Smith küßte D. J. Smith, und er umarm- te sie. Jim sagte: «Hallo, Liz», und grinste. Liz hatte nicht gewußt, was nun wirklich geschehen würde,, wenn Jim zurückkam, aber sie war überzeugt, daß etwas geschehen würde. Nichts geschah. Die Män- ner waren einfach wieder zu Hause; das war alles. Jim zog die Leinwandsäcke von den Rehen, und Liz sah sie sich an. Eines war ein großer Bock. Er war steif und schwer aus dem Wagen zu heben. «Hast du den geschossen, Jim?» fragte Liz. «Tja, ‘ne richtige Schönheit, was?» Jim nahm ihn auf den Rücken, um ihn in die Räucherkammer zu tragen. An jenem Abend blieb Charley Wyman zum Abendessen bei Smith. Es war zu spät, um nach Charlevoix zurückzugehen. Die Männer wuschen sich und warteten im Vorderzimmer aufs Abendes- sen. «Ist denn nicht noch was drin in der Kruke, Jim?» frug D. J. Smith. Jim ging hinaus zum Wagen in den Schuppen und holte den Krug mit dem Whis- key, den die Männer auf die Jagd mitgenommen hat- ten. Es war ein Vierzehn-Liter-Krug, und es schwapp- te noch ziemlich viel auf dem Grund hin und her. Jim tat einen tiefen Zug auf dem Weg zurück zum Haus. Es war schwierig, solch einen großen Krug hoch- zuheben, um daraus zu trinken. Ein bißchen Whis- key lief auf sein Vorhemd hinunter. Die beiden Män- ner lächelten, als Jim mit dem Krug hereinkam. D. J., Smith rief nach Gläsern, und Liz brachte welche. D. J. schenkte drei ganz gehörige ein. «Na, auf dein Spezielles, D. J.», sagte Charles Wy- man. «Auf den Riesenkerl von einem Bock, Jimmy», sagte D. J. «Auf alle, die wir verfehlt haben, D. J.», sagte Jim und goß die Flüssigkeit runter. «Das schmeckt ‘nem Kerl, was?» «In dieser Jahreszeit ist es die beste Medizin für alle Wehwehs.» «Wie ist es mit noch einem, Jungens?» «Na klar, D. J.» «Runter damit, Jungens.» «Auf nächstes Jahr.» Jim begann sich fabelhaft zu fühlen. Er liebte den Geschmack und das Gefühl von Whiskey. Er war froh, wieder zurück zu sein, in seinem Laden, sei- nem bequemen Bett und bei seinem warmen Essen. Er trank noch einen. Die Männer fühlten sich aus- gelassen und übermütig, als sie zum Abendessen hineingingen, aber sie benahmen sich sehr manier- lich. Liz saß mit bei Tisch, nachdem sie das Essen hingestellt hatte, und aß mit der Familie. Das Essen war gut. Die Männer aßen mit Andacht. Nach dem Abendessen gingen sie wieder ins Vorderzimmer,, und Liz räumte mit Mrs. Smith zusammen ab. Dann ging Mrs. Smith hinauf, und ziemlich bald darauf kam Smith heraus und ging auch hinauf. Jim und Charley waren noch im Vorderzimmer. Liz saß in der Küche neben dem Ofen und tat so, als ob sie ein Buch las, und dachte an Jim. Sie wollte noch nicht zu Bett gehen, weil sie wußte, daß Jim herauskom- men würde, und sie wollte ihn sehen, wie er hinaus- ging, so daß sie das Bild, wie er ausgesehen hatte, mit sich hinauf ins Bett nehmen konnte. Sie dachte intensiv an ihn, und dann kam Jim heraus. Seine Augen glänzten, und sein Haar war ein bißchen verstrubbelt. Liz blickte in ihr Buch. Jim ging hinüber hinter ihren Stuhl und stand da, und sie konnte seinen Atem spüren, und dann umschlang er sie mit beiden Armen. Ihre Brüste fühlten sich prall und fest an, und die Brustwarzen standen aufrecht unter seinen Händen. Liz bekam einen furchtbaren Schreck; niemand hatte sie je angefaßt, aber sie dachte: Endlich kommt er zu mir. Er ist wirklich gekommen. Sie hielt sich steif, weil sie solche Angst hatte, und wußte nicht, was sie sonst tun sollte, und dann preßte Jim sie fest gegen den Stuhl und küßte sie. Es war solch ein scharfes, wehes, schmerzendes Gefühl, daß sie dachte, sie könne es nicht ertragen. Sie fühl-, te Jim direkt durch die Stuhllehne hindurch, und sie konnte es kaum ertragen, und dann schnappte etwas in ihr, und das Gefühl war wärmer und lin- der. Jim hielt sie fest gegen den Stuhl gepreßt, und jetzt wollte sie es, und Jim fl üsterte: «Komm spazie- ren.» Liz nahm ihren Mantel vom Haken an der Küchenwand, und sie gingen zur Tür hinaus. Jim hatte den Arm um sie, und alle paar Schritte blie- ben sie stehen und preßten sich gegeneinander, und Jim küßte sie. Es war kein Mond, und sie gin- gen knöcheltief auf dem sandigen Weg zwischen den Bäumen hinunter zum Anlegeplatz und Spei- cher in der Bucht. Das Wasser klatschte gegen die Holzstapel, und die Landspitze war dunkel jenseits der Bucht. Es war kalt, aber Liz war heiß am ganzen Körper, weil sie mit Jim war. Sie setzten sich in den Schutz des Speichers, und Jim zog Liz dicht an sich. Sie hatte Angst. Eine von Jims Händen schlüpft e in ihr Kleid und streichelte über ihre Brust, und die andere Hand war in ihrem Schoß. Sie bekam einen großen Schreck und wußte nicht, was er weiter tun würde, aber sie kuschelte sich eng an ihn. Dann war die Hand, die sich in ihrem Schoß so groß angefühlt hatte, mit einemmal weg und auf ihrem Bein und fi ng an, sich hinaufzubewegen., «Nicht, Jim», sagte Liz. Jim ließ seine Hand wei- ter hinaufgleiten. «Du darfst nicht, Jim. Du darfst nicht.» Weder Jim noch Jims große Hand nahmen Notiz von ihr. Die Planken waren hart. Jim hatte ihr Kleid hochgezogen und versuchte, etwas mit ihr zu tun. Sie hatte Angst, aber sie wollte es. Sie mußte es geschehen lassen, aber sie hatte Angst davor. «Du darfst es nicht tun, Jim. Du darfst nicht.» «Ich muß. Ich will. Du weißt, daß wir müssen.» «Nein, wir müssen nicht, Jim. Wir müssen nicht. Ach, es ist nicht recht. Oh, es ist so groß und tut so weh. Du darfst nicht, o Jim, oh.» Die Fichtenplanken des Anlegeplatzes waren hart, splitterig und kalt, und Jim lag schwer auf ihr, und er hatte ihr weh getan. Liz schubste ihn; sie lag so unbequem und verkrampft da. Jim schlief. Er wollte sich nicht rühren. Sie arbeitete sich unter ihm hervor und setzte sich auf und zog ihren Rock und ihren Mantel zurecht und versuchte ihr Haar in Ordnung zu bringen. Jim schlief und hatte den Mund ein wenig geöff net. Liz neigte sich hinüber und küßte ihn auf die Backe. Er schlief immer noch. Sie hob seinen Kopf ein wenig und schüttelte ihn. Er drehte den Kopf zur Seite und schluckte. Liz begann zu weinen. Sie ging hinüber bis ans Ende des Anle-, geplatzes und sah ins Wasser hinab. Von der Bucht stieg Nebel auf. Ihr war kalt und unglücklich zumu- te, und alles war weg. Sie ging zurück zu der Stelle, wo Jim lag, und schüttelte ihn noch einmal, um sich zu vergewissern. Sie weinte. «Jim», sagte sie. «Jim. Bitte, Jim.» Jim rührte sich und kringelte sich noch ein wenig fester zusammen. Liz zog ihren Mantel aus und beugte sich hinab und deckte ihn damit zu. Sie steckte ihn sorgfältig und ordentlich um ihn herum fest. Dann ging sie quer über den Anlegeplatz und den steilen, sandigen Weg hinan, um zu Bett zu gehen. Ein kalter Nebel kam von der Bucht her durch die Wälder herauf. * * *, ro ro ro, ro ro ro]
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