Herunterladen: Taschenbücher von ROBERT A. HEINLEIN

Taschenbücher von ROBERT A. HEINLEIN im BASTEI-LÜBBE-Programm: 24001 Sternenkrieger 24118 Das neue Buch Hiob 24124 Die Katze, die durch Wände geht 24163 Die Sternenbestie 24176 Die Tür in den Sommer 21211 Die Marionettenspieler Robert A. Heinlein Farnhams Oase Science Fiction Roman Ins Deutsche übertragen von Birgit Bohusch und Marcel Bieger BASTEI-LÜBBE- Erste Auflage: TASCHENBUCH April 1994 Band 24183 Dieser Roman ist unter dem Titel ›Die Reise in die Zukunft‹ bereits in den sechziger Jahren im Heyne-Verlag erschienen. © Copyright 1964 by Robert A. Heinlein All rights reserved Deutsche Lizen...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

Taschenbücher von ROBERT A. HEINLEIN im BASTEI-LÜBBE-Programm: 24001 Sternenkrieger 24118 Das neue Buch Hiob 24124 Die Katze, die durch Wände geht 24163 Die Sternenbestie 24176 Die Tür in den Sommer 21211 Die Marionettenspieler, Robert A. Heinlein Farnhams Oase

Science Fiction Roman

Ins Deutsche übertragen von Birgit Bohusch und Marcel Bieger, BASTEI-LÜBBE- Erste Auflage: TASCHENBUCH April 1994 Band 24183 Dieser Roman ist unter dem Titel ›Die Reise in die Zukunft‹ bereits in den sechziger Jahren im Heyne-Verlag erschienen. © Copyright 1964 by Robert A. Heinlein All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1994 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co. Bergisch Gladbach Scan by Brrazo 07/2006 Originaltitel: Farnhams Freehold Titelillustration: Jim Burns Umschlaggestaltung: Quadro Grafik, Bensberg Satz: Fotosatz Schell, Bad Iburg Druck und Verarbeitung: Brodard & Taupin, La Flèche, Frankreich Printed in France ISBN 3-404-24183-5 Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer., »Es ist kein Hörapparat«, erklärte Hubert Farnham, »sondern ein Radiogerät, das auf die Warnfrequenz eingestellt ist.« Barbara Wells ließ die Gabel sinken. »Mister Farn- ham! Sie glauben doch nicht im Ernst an einen An- griff?« Ihr Gastgeber zuckte die Achseln. »Leider teilen mir die Leute im Kreml ihre Geheimpläne nicht mit.« »Hör doch auf, die Damen zu beunruhigen, Paps«, mischte sich sein Sohn ein. »Mrs. Wells …« »Nennen Sie mich Barbara. Ich will ohnehin beim Gericht beantragen, die ›Mrs.‹ streichen zu dürfen.« »Dazu brauchen Sie keine Sondergenehmigung.« »Paß gut auf, Barb«, meinte seine Schwester Karen. »Ein kostenloser Rat kommt am teuersten.« »Ach, sei still. Barbara, bei allem Respekt meinem teuren Vater gegenüber, glaube ich doch, daß er Ge- spenster sieht. Es wird keinen Krieg geben.« »Hoffentlich behalten Sie recht«, meinte Barbara Wells nüchtern. »Und was gibt Ihnen Ihre feste Über- zeugung?« »Die Kommunisten sind doch Realisten. Sie werden nie einen Krieg anzetteln, der ihnen schadet, auch wenn sie gewinnen. Wobei ziemlich fraglich ist, ob sie gewinnen.« »Dann sollen sie doch endlich einmal diese entsetz- lichen Krisen verhindern«, empörte sich seine Mutter., »Kuba und dieses Getue um Berlin – als ob das jeman- den interessierte! Und nun das! Es macht einen einfach nervös. Joseph!« »Ja, Ma’am?« »Bringen Sie mir Kaffee. Mit Schuß.« »Jawohl, Ma’am.« Der Hausboy, ein junger Neger, nahm ihr Gedeck mit. »Paps«, meinte der junge Farnham, »siehst du nicht, daß du Mutter mit deiner Ängstlichkeit ansteckst? Hör doch auf mit dem Unsinn.« »Nein.« »Du mußt aber! Mutter hat kaum einen Bissen he- runtergebracht – und all das wegen dieses komischen Knopfes in deinem Ohr. Du kannst doch nicht …« »Nun mal langsam, Duke.« »Vater?« »Als du in deine eigene Wohnung zogst, vereinbar- ten wir, gute Freunde zu bleiben. Die Meinung eines Freundes ist mir jederzeit willkommen. Aber mische dich nicht in Angelegenheiten, die nur Mutter und mich etwas angehen.« »Aber Hubert«, beschwichtigte seine Frau. »Verzeihung, Grace.« »Du bist zu hart zu dem Jungen. Es macht mich ner- vös.« »Duke ist kein Kind mehr. Und es tut mir leid, wenn ich dich nervös gemacht haben sollte.« »Mir auch, Mutter. Nun, wenn Paps es als Einmi- schung auffaßt …« Duke rang sich ein Grinsen ab. »Ich glaube, ich muß mir selbst eine Frau anschaffen, die ich, ärgern kann. Barbara, wollen Sie mich nicht heiraten?« »Nein, Duke.« »Ich sagte dir doch, daß sie nicht dumm ist, Duke«, meinte seine Schwester lachend. »Karen, du bist still. Und warum nicht, Barbara? Ich bin jung und gesund und bringe es vielleicht eines Ta- ges sogar zu Klienten. In der Zwischenzeit können Sie ja arbeiten, um unser Haushaltsgeld aufzubessern.« »Nein, danke. Übrigens muß ich Ihrem Vater recht geben.« »Wieso?« »Besser gesagt, mein Vater würde Ihrem Vater recht geben. Wissen Sie, daß jedes unserer Autos eine Not- ausrüstung besitzt? Und wenn Daddy auch kein sol- ches Dings im Ohr hat, so sitzt er doch bestimmt jede freie Minute vor dem Fernsehapparat.« »Im Ernst?« »In meinem Wagen draußen, der, mit dem Karen und ich von der Schule hergekommen sind, liegt im Kofferraum eine Notausrüstung, die mein Vater zu- sammengestellt hat, bevor ich wieder aufs College ging. Mein Vater nimmt diese Angelegenheit ernst, und ich halte es genauso.« Duke Farnham wollte etwas sagen, doch sein Vater kam ihm zuvor. »Barbara, woraus besteht Ihre Notrati- on?« »Zehn Gallonen Wasser. Nahrungsmittel. Ein Re- servekanister Benzin. Medikamente. Ein Schlafsack. Eine Pistole …« »Können Sie schießen?«, »Vater hat es mir beigebracht. Eine Schaufel. Eine Axt. Kleider. Ach ja, ein Radioapparat. Vater meint, daß die Ausrüstung im Wagen am sichersten bei der Hand ist. Er hat mir geraten, im Ernstfall sofort in die Berge zu fahren.« »Das müssen Sie nicht.« »Wie bitte?« »Paps meint, daß du herzlich eingeladen bist, unsere Panikhöhle zu teilen«, erklärte Karen lachend. Barbara sah sie fragend an. »Wir haben einen Bun- ker«, erklärte Farnham. »Mein Sohn hat ihn ›Farnhams Tick‹ getauft. Ich glaube, Sie wären hier sicherer un- tergebracht als in den Bergen – obwohl sich keine zehn Meilen von hier eine MAMMA-Basis befindet. Im Fal- le eines Alarms brauchen wir nur hineinzugehen. Nicht wahr, Joseph?« »Jawohl, Sir. Deshalb bleibe ich aber auch in Ihren Diensten.« »Blödsinn! In dem Augenblick, in dem die Sirenen losheulen, bist du fristlos entlassen. Ich werde Miete von dir verlangen.« »Muß ich auch Miete zahlen?« erkundigte sich Bar- bara. »Sie spülen ab. Jeder muß irgendeine Pflicht auf sich nehmen. Du auch, Duke.« »Mich kannst du abziehen, alter Herr.« Duke sah ihn finster an. »Na? So viel Geschirr haben wir doch gar nicht.« »Im Ernst, Paps. Chruschtschow hat versprochen, uns zu beerdigen, und du sorgst dafür, daß er recht be-, hält. Ich habe keine Lust, mich lebend in einer Höhle unter der Erde zu vergraben.« »Wie Sie wünschen, mein Herr.« »Liebling!« Seine Mutter stellte die Tasse hin. »Wenn wir angegriffen werden, kommst du selbstver- ständlich mit in den Bunker.« Sie hatte Tränen in den Augen. »Versprich es mir.« Der junge Farnham runzelte die Stirn und seufzte. »Schon gut – wenn wir angegriffen werden. Das heißt, wenn die Sirenen losheulen. Denn Krieg wird es ein- fach nicht geben. Aber denke daran, Paps, ich tue es nur, um Mutters Nerven zu schonen.« »Du bist trotzdem herzlich willkommen.« »Schon gut. Gehen wir ins Wohnzimmer und spie- len wir ein wenig Karten – vorausgesetzt, daß wir die- ses Thema fallenlassen. Einverstanden?« »Einverstanden!« Sein Vater stand auf und bot Gra- ce den Arm. »Kommst du, Liebling?« Grace Farnham wollte nicht Karten spielen. »Nein, Liebling, ich bin zu aufgeregt. Spiel mit den jungen Leuten und – Joseph! Joseph, bring mir bitte noch ein Täßchen Kaffee. Mit Schuß. Ach, sieh mich nicht so an, Hubert, du weißt, daß es hilft.« »Möchtest du ein Beruhigungsmittel, Liebling?« »Ich brauche keine Medizin. Nur einen Tropfen Kaffee.« Sie hoben ab und ermittelten die Partner. Duke schüttelte traurig den Kopf. »Arme Barbara! Sie wer- den mit Paps Ihr blaues Wunder erleben. Hast du sie nicht gewarnt, Schwesterherz?«, »Behalte deine Weisheiten für dich, Duke. Barbara, welches System?« Duke winkte ab. »Das ist egal, Barbara. Paps wird Ihnen nach jedem Spiel beweisen, wie Sie gewonnen hätten, wenn Sie statt Karo …« »Herr Rechtsanwalt«, unterbrach ihn sein Vater, »wollen Sie endlich Ihre Karten aufnehmen oder muß ich sie in Ihren losen Mund stopfen?« »Nur ruhig Blut. Welcher Einsatz? Ein Cent pro Punkt?« »Viel zu hoch«, widersprach Barbara. »Ihr Mädchen müßt selbstverständlich nicht zah- len«, meinte Duke. »Nur Paps und ich. Endlich eine Gelegenheit, das Geld für die nächste Monatsmiete ehrlich zu verdienen.« »Duke will sagen«, verbesserte ihn sein Vater, »daß er seine Schulden bei seinem alten Vater wieder einmal vermehrt. Er ist noch von der Hochschulzeit her bei mir in der Kreide.« Barbara schwieg und spielte konzentriert. Anfangs hatte sie Hemmungen, aber Hubert Farnham war of- fensichtlich zufrieden mit ihr. Mister Farnham gefiel ihr. Er spielte Bridge, wie er seine Familie behandelte – ruhig, nachdenklich und doch kühn und respektheischend. Barbara wußte, daß Karen sie und Duke zusammen- bringen wollte. Nun ja, warum auch nicht? Duke wäre ein guter Fang … so hübsch wie Karen, dazu ein auf- strebender junger Anwalt mit einer gesunden, entwaff- nenden Ellbogenmentalität., Ob er erwartete, daß sie sich ihm anschloß? Oder wartete Karen darauf und beobachtete sie deswegen mit heimlichem Amusement? Nun, sie würde beide enttäuschen müssen. Es machte ihr nichts aus, daß sie geschieden war, aber sie hatte etwas gegen die allgemein verbreitete Auffassung, daß eine geschiedene Frau für jeden zu haben sei. Verdammt, sie hatte seit jener schrecklichen Nacht, in der sie ihre Koffer packte, noch mit nieman- dem geschlafen … Duke sah sie an, sie wurde rot und sah weg, blickte statt dessen seinen Vater an. Mister Farnham war an die Fünfzig. Sein Haar wur- de bereits grau und schütter. Er selbst wirkte mager, wenn man von dem Bäuchlein absah. Um seine Augen zogen sich müde Linien. Er war nicht sehr hübsch, aber männlich. Und wenn Duke nur die Hälfte von dem Charme seines Vaters besessen hätte, würde nicht mal ein Keuschheitsgürtel sonderlichen Schutz bieten. Sie warf einen ärgerlichen Blick auf Grace Farnham. Was hatte diese Frau für ein Recht, heimlich zu trin- ken, fett zu werden und sich gehenzulassen, wenn sie so einen Mann besaß? Ob Karen später auch so wurde? Mutter und Tochter sahen sich sehr ähnlich, nur daß Karen noch nicht in die Breite gegangen war. Barbara schob den Gedanken hastig beiseite. Sie mochte Karen lieber als jedes ande- re Mädchen der Verbindung. Karen war nett, großzü- gig und fröhlich … Doch vielleicht war Grace Farnham auch einst so, gewesen. Müssen Frauen irgendwann nervtötend und nutzlos werden? Hubert Farnham sah sie an. »Nicht schlecht, Partne- rin. Drei Pik, Robber und gespielt.« Sie wurde rot. »Noch einmal gutgegangen. Ich hatte zuviel riskiert.« »Aber nein. Wer nicht wagt … Karen, ist Joseph schon zu Bett gegangen?« »Er sieht fern. Ein Quiz.« »Eigentlich müßte er mitspielen. Joseph ist der beste Spieler unserer Familie – kühn genau zur rechten Zeit. Und außerdem bereitet er sich heimlich als Buchhalter vor. Sie können sich vorstellen, daß er keine einzige Karte vergißt. Karen, könntest du uns etwas zu essen bringen, ohne Joseph zu stören?« »Jawohl, Massa. Wodka plus Leibstärkung?« »Hm, ja.« »Komm, Barbara. Ab in die Küche.« Hubert Farnham sah ihnen nach und überlegte, daß es eine Schande war, so ein hübsches Kind wie Mrs. Wells zu betrügen. Eine gute Bridge-Hand und auch sonst nicht ohne – na ja, etwas dünn vielleicht und ein bißchen pferdegesichtig –, aber einen eigenen Kopf und ein nettes Lächeln. Wenn Duke nur einen Funken Verstand im Hirn hätte … Aber das konnte man von Duke nicht verlangen. Hubert ging zu seiner Frau hinüber, die im Fernsehses- sel vor sich hinnickte, und sagte sanft: »Grace? Lieb- ling, möchtest du schlafen gehen?« Und er half ihr ins Schlafzimmer hinauf., Als er zurückkam, saß Duke allein im Wohnzimmer. Er setzte sich zu ihm. »Duke, die Meinungsverschie- denheit von vorhin tut mir leid.« »Schon vergessen.« »Deine Anerkennung wäre mir lieber als deine Tole- ranz. Ich weiß, daß du von meiner ›Panikhöhle‹ nicht viel hältst. Aber wir sprachen nie darüber, weshalb ich sie baute.« »Was gibt es da viel zu reden? Du glaubst, daß die Russen angreifen werden. Und daß dieses unterirdische Loch dir das Leben retten wird. Sowohl das erste wie das zweite sind Wahnsinnsideen. Und für Mutter schäd- lich. Du treibst sie ja geradezu zum Trinken. Das paßte mir nicht. Und noch weniger paßte mir, daß du mich – einen Anwalt – daran erinnerst, ich solle mich nicht zwi- schen Ehegatten drängen.« Duke erhob sich. »Ich gehe.« »Bitte, Junge! Erhält die Verteidigung keine Chan- ce?« »Hm – na meinetwegen.« Duke setzte sich wieder. »Ich respektiere deine Meinung, wenn ich sie auch nicht teile. Aber die meisten Leute sind ja deiner An- sicht, zumindest hat kaum jemand etwas unternommen, um sich selbst zu schützen. Aber in zwei Punkten hast du unrecht. Ich erwarte nicht, daß Rußland angreift – und ich bezweifle, daß unser Bunker stark genug ist.« »Warum steckst du dir dann dieses Ding ins Ohr, das Mutter so zur Verzweiflung bringt?« »Junge, ich hatte noch nie einen Autounfall. Und trotzdem zahle ich meine Versicherung. Der Bunker ist meine Lebensversicherung.«, »Aber sagtest du nicht eben, daß er uns nicht retten könnte?« »Er würde genügen, wenn wir uns hundert Meilen von Mountain Springs entfernt befänden. Aber du weißt, daß die Basis ein Hauptziel sein wird – und niemand kann gegen einen Direkttreffer einen Bunker bauen.« »Und warum hast du es trotzdem getan?« »Ich sagte es bereits. Die beste Versicherung, die ich mir leisten konnte. Einen Direkttreffer wird er nicht aushalten. Aber wenn die Rakete nur ein bißchen da- nebengeht, könnten wir durchkommen. Die Russen sind auch keine Übermenschen und machen ihre Feh- ler. Ich habe das Risiko so weit wie möglich verringert. Mehr kann ich nicht tun.« »Paps, ich bin kein guter Diplomat.« »Dann versuch es auch nicht.« »Also schön, ich werde offen sprechen. Mußt du Mutters Leben ruinieren, nur aufgrund einer winzigen Chance, ein paar Jährchen länger zu leben? Hat es überhaupt einen Sinn weiterzuleben, wenn das Land rings um uns verwüstet ist und alle unsere Freunde tot sind?« »Wahrscheinlich nicht.« »Weshalb dann?« »Duke, du bist nicht verheiratet.« »Ich weiß.« »Mein Junge, jetzt spreche ich einmal offen mit dir. Ich habe seit Jahren jede Lebenshoffnung aufgegeben. Du bist erwachsen und stehst auf eigenen Füßen, und Karen braucht mich auch nicht mehr. Ich selbst …« Er, zuckte die Achseln. »Das einzige, wofür ich mich noch begeistern kann, ist eine anständige Partie Bridge. Wie du vielleicht schon bemerkt haben wirst, gibt es in mei- ner Ehe nicht mehr viele Gemeinsamkeiten.« »Das ist deine Schuld. Du bringst Mutter noch zu einem Nervenzusammenbruch.« »Ich wollte, es wäre so einfach. Nur eines möchte ich klarstellen: Du warst an der Uni, als ich den Bun- ker baute. Deine Mutter trank während dieser Zeit höchstens einen Martini. Sie war von meinen Vorberei- tungen gefesselt. Duke, Grace braucht den Bunker.« »Nun ja – vielleicht. Aber es ist bestimmt nicht be- ruhigend für sie, wenn du mit diesem Stöpsel im Ohr herumläufst.« »Möglich. Aber ich hatte keine andere Wahl.« »Wie meinst du das?« »Grace ist meine Frau, Duke. Und ich muß für sie sorgen, so gut ich kann. Dieser Bunker kann ihr viel- leicht das Leben retten. Aber nur, wenn sie ihn recht- zeitig aufsucht. Wann kommen die Warnungen durch? Ein paar Minuten vor dem Angriff. Und wenn ich sie nicht höre, schaffe ich es nicht, Grace rechtzeitig hi- nunterzubringen. So muß ich eben immer bereit sein.« »Angenommen, es geschieht bei Nacht?« Sein Vater lächelte. »Bei sehr schlechten Nachrich- ten lasse ich den Sender auch über Nacht im Ohr. Und bei wirklichen Krisen – so wie heute abend zum Bei- spiel – schlafen Grace und ich im Bunker. Ich werde auch die Mädchen dazu zwingen. Duke, du bist herz- lich eingeladen, ebenfalls nach unten zu kommen.«, »Nein, danke.« »Es war nur eine Einladung.« »Paps, angenommen, der Angriff fände wirklich statt – was nützt dir dann der Bunker mitten in einem Direktziel-Gebiet? Warum hast du keinen Platz weit weg gesucht und Mutter dorthin gebracht?« Hubert Farnham seufzte. »Junge, sie würde ihr Haus nie verlassen.« »Du mußt sie zwingen.« »Duke, hast du je versucht, eine Frau zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollte? Außerdem ist ihre Schwäche für Alkohol gefährlicher, als du es dir viel- leicht vorstellst. Mutter ist krank. Ich muß damit fertig werden, so gut ich kann. Aber davon mal abgesehen, Duke, ich habe zwar eben gesagt, ich sähe nicht mehr viel Sinn darin, am Leben zu bleiben, aber einen Grund habe ich doch noch.« »Nämlich?« »Falls diese verlogenen, betrügerischen Mistkerle jemals ihre Mordwaffen auf die Vereinigten Staaten abschießen, dann will ich noch lange genug leben, um stilvoll zur Hölle zu fahren, und zwar mit acht Russen als Eskorte!« Farnham beugte sich vor. »Ich meine das ernst, Du- ke. Nach meiner Meinung ist Amerika das beste, was es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat, und wenn diese Schurken unser Land umbringen, dann will ich auch ein paar von ihnen töten. Acht Mann als Eskorte, und keinen weniger. Deshalb war ich auch ganz erleichtert, als Grace sich weigerte umzuziehen.«, »Warum das?« »Weil ich nicht zulassen will, daß dieser schweins- gesichtige Bauer, der auch noch die Manieren eines Schweins hat, mich aus meinem Haus vertreibt. Ich bin ein freier Mann und will das auch bleiben. Deshalb hätte es mir nicht geschmeckt, einfach wegzulaufen. Aber still jetzt. Die Mädchen kommen.« Karen kam mit den Drinks herein, gefolgt von Bar- bara. »Hallo. Barb hat sich unsere Vorräte angesehen und wurde von der fixen Idee gepackt, Crêpes Suzette zu machen. Na, warum seht ihr uns denn so grimmig an? Schlechte Nachrichten?« »Nein, aber wenn du den Fernsehapparat einstellst, sehen wir vielleicht noch einen Teil der Zehn-Uhr- Nachrichten. Barbara, diese Pfannkuchen mit dem un- aussprechlichen Namen duften herrlich. Soll ich Sie als Köchin einstellen?« »Und was wird aus Joseph?« »Haushofmeister.« »Einverstanden.« Duke pfiff durch die Zähne. »Sie weigert sich, in anständiger Ehegemeinschaft mit mir zu leben, nimmt aber die sündigen Anträge meines alten Herrn an.« »Ich habe kein Wort von Sünde gehört.« »Aber Barbara! Wissen Sie denn nicht, daß Papa ein notorischer Sittlichkeitsverbrecher ist?« »Stimmt das, Mister Farnham?« »Hm …« »Deshalb habe ich doch Rechte studiert, Barbara. Wir wären noch pleite gegangen, weil wir immer wie-, der die besten Anwälte von New York besorgen muß- ten.« »Das ist schon Jahre her, Barbara«, lachte Hugh Farnham. »Bridge ist im Augenblick die einzige Schwäche, die mir noch geblieben ist.« »Auf alle Fälle muß ich nach diesen erschütternden Neuigkeiten natürlich ein höheres Gehalt fordern.« »Ruhe, Kinder!« rief Karen dazwischen. Sie drehte den Fernsehapparat lauter. »… stimmten in den Grundfragen im wesentlichen überein und beschlossen, die noch strittigen Punkte zu vertagen. Man kann sagen, daß die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg nun als überwunden betrachtet werden kann. Nach einer Schaltpause bringen wir Nachrichten über eine aufsehenerregende Erfindung von General Motors …« Karen drehte den Apparat leiser. »Was habe ich ge- sagt, Paps?« meinte Duke. »Du kannst diesen Stöpsel aus deinem Ohr nehmen.« »Später. Jetzt sind mir die Crêpes Suzettes lieber. Barbara, das wird ab jetzt mein tägliches Frühstück.« »Paps, hör auf, sie zu verführen. Heb lieber ab. Ich möchte mich revanchieren.« »Na, da werden wir wohl die Nacht über hier sitzen bleiben.« Mister Farnham schob den Teller beiseite. Es klingelte. »Ich gehe schon.« Er ging zur Tür und kehrte gleich darauf wieder zu- rück. »Wer war es, Paps?« fragte Karen. »Ich habe für dich abgehoben. Wir gehören zusammen. Na, zeig dich wenigstens geschmeichelt.«, »Ich bin es, Liebling. Da hat sich offensichtlich ei- ner in der Klingel geirrt.« »Mein Freund. Du hast ihn verscheucht.« »Wahrscheinlich. Ein abgerissener alter Glatzkopf.« »Trotzdem mein Freund. Los, hol ihn zurück.« »Zu spät. Er warf mir einen Blick zu und floh. Wer fängt an?« Duke steigerte bei jedem Spiel und verlor regelmä- ßig. »Du willst wohl deine Sekretärin entlassen, was?« »Keine Angst. Bietest du mit?« »Vierhundert. Du kannst dein Auto verkaufen.« Barbara unterdrückte einen entsetzten Ausruf, Karen hingegen tat sich keinen Zwang an. »Paps, hast du Fie- ber?« »Biete.« »Ich passe.« Mister Farnham legte abrupt die Karten auf den Tisch. Er stellte seinen Sender lauter. »Voralarm!« rief er. »Ich muß Grace holen.« Er lief aus dem Zimmer. »Na hör mal, jetzt wo ich am Gewinnen bin«, prote- stierte Duke. »Halt den Mund«, fauchte Karen. Der Bildschirm flackerte. »… Sendungen abgebro- chen. Stellen Sie sofort die Notsender ein. Gott möge uns schützen.« Und als der Bildschirm nur noch eine graue, leere Fläche zeigte, hörten sie die Stimme des Rundfunk- sprechers: »… keine Übung. Ich wiederhole, dies ist keine Übung. Suchen Sie Ihre Bunker auf. Katastro-, phenpersonal an die Stationen. Gehen Sie nicht auf die Straße. Wenn Sie keinen Bunker besitzen, verbarrika- dieren Sie sich im bestgeschützten Raum Ihres Hauses. Dies ist keine Übung. Unbekannte Flugkörper sind auf den Radarschirmen sichtbar. Man muß annehmen, daß es sich um Raketengeschosse handelt. Schützen Sie sich. Katastrophenpersonal an …« »Er meint es ernst«, sagte Karen leise. »Duke, zeige Barbara den Weg. Ich wecke Joseph.« Sie lief aus dem Zimmer. »Ich glaube es nicht«, sagte Duke. »Duke, wie kommt man in den Bunker?« Er stand auf, steckte beide Hände in die Hosenta- schen und sah sie an. »Brauchen Sie Ihren Koffer?« »Nein, danke.« Duke führte sie durch die Küche die Kellertreppe hin- unter. Mister Farnham keuchte gerade nach unten. Er trug seine schlafende Frau. Dukes lässige Haltung än- derte sich plötzlich. »Warte, Paps. Ich nehme sie dir ab.« »Mach mir lieber die Tür auf.« Die Tür bestand aus einer in die Kellerwand einge- lassenen Stahlplatte. Sekunden gingen verloren, weil Duke keine Ahnung hatte, wie der Öffnungsmecha- nismus funktionierte. Schließlich übergab ihm Hubert Farnham Grace und öffnete selbst. Eine Treppe führte noch weiter in die Tiefe. Sie schafften es, indem sie, Grace an Armen und Beinen nahmen und sie wie eine steife Puppe durch die zweite Tür in einen Raum scho- ben. Barbara blieb zurück, während Mrs. Farnham her- eingetragen wurde. Farnham erschien im Eingang. »Barbara! Schauen Sie, daß Sie hereinkommen. Wo sind Karen und Jo- seph?« Die beiden kamen die Treppe herunterstürmt. Jo- seph trug nur sein Unterhemd und lange Hosen. Er war barfuß. »Mister Farnham! Ist es ein Ernstfall?« »Ich fürchte. Beeilt euch.« Der junge Neger drehte sich um und schrie: »Doktor Livingstone!« Und er raste die Treppen wieder nach oben. »Ach Gott!« stöhnte Mister Farnham und preßte die Hände gegen die Schläfen. »Hinein mit euch Mädchen. Karen, schieb den Riegel vor, aber mach wieder auf, wenn ich klopfe. Ich warte noch fünf Minuten.« Er sah auf seine Uhr. Die Mädchen betraten den Bunker. »Was ist denn mit Joseph?« flüsterte Barbara. »Übergeschnappt?« »Nicht ganz. Doktor Livingstone ist unsere Katze. Sie liebt Joseph heiß, während sie uns andere tole- riert.« Karen machte sich an den Riegeln zu schaffen, doch dann ließ sie die Hände sinken. »Fällt mir nicht ein, solange Paps noch draußen ist.« Barbara nickte. »Wer weiß, wo dieses Vieh herumstreunt.«, Barbara sah sich um. Sie waren in einem L-för- migen Raum. An der rechten Wand befanden sich zwei Kojen übereinander. Grace Farnham schnarchte in der unteren. An der linken Wand standen vollgepfropfte Regale. Nur ein etwa türbreiter Gang war zwischen den Wänden freigelassen. Die niedrige, gewölbte Dek- ke bestand aus gewelltem Stahl. Am Ende des Knicks im Gang konnte sie zwei weitere Kojen sehen. Duke erschien und richtete einen Klapptisch als Kartentisch her. Sie sah erstaunt, daß er nicht vergessen hatte, das Paket Karten mitzunehmen. Wie lange waren sie jetzt hier unten? Es kam ihr vor wie eine Stunde, aber wahr- scheinlich waren es nicht einmal fünf Minuten. Duke schaute zu ihr hin, grinste und stellte Klapp- stühle rings um den Tisch auf. An der Tür hörte man ein Pochen. Karen öffnete schnell, und Joseph taumelte herein, gefolgt von Mister Farnham. Eine große Perserkatze sprang von Josephs Arm und ging auf Entdeckungsreise. »Joseph, hilf mir kurbeln.« »Ja, Sir.« Duke kam herüber. »Alles zugeknöpft, Paps?« »Bis auf die Schiebetür. Sie muß mit der Handkur- bel bedient werden.« »Schön. Dann komm an den Tisch und hol dir deine Abreibung.« Duke deutete auf den provisorischen Spieltisch. Sein Vater starrte ihn an. »Duke, du willst im Ernst Karten spielen?« »Es geht um vierhundert Dollar. Und noch hundert, Dollar drauf, falls wir nicht angegriffen werden. Ein- verstanden? In einer halben Stunde wird der Alarm geblasen. Und die Morgenzeitungen schreiben dann, daß die Nordlichter den Radarbeobachtern diesen Streich spielten.« »Mmmm – meine Partnerin wird für mich spielen müssen. Ich bin beschäftigt.« »Du gibst ihr also freie Hand?« »Natürlich.« Barbara setzte sich wie im Traum an den Tisch. Sie sah ihre und die Karten ihres Partners an. »Karen, du fängst an.« Karen sagte: »Verfluchter Mist!« und spielte Eichel- Drei aus. Nach einer Weile seufzte Duke. »Paps, ich schreibe dir einen Scheck für vierhundert Dollar aus. Es wird mir eine Lehre sein.« »Du brauchst mir das Geld wirklich nicht …« In diesem Augenblick gingen die Lichter aus, und der Boden kam auf sie zu. Barbara fühlte einen beäng- stigenden Druck auf der Brust. Um sie war ein Lärm wie an einer U-Bahn-Endstation. Der Boden schaukel- te wie bei einem Schiff auf hoher See. »Paps!« »Ja, Duke? Bist du verletzt?« »Ich weiß nicht. Aber der Scheck wird sich auf fünf- hundert Dollar erhöhen.« Das Grollen um sie ließ nicht nach. Barbara hörte Hubert Farnham kichern. »Vergiß es. Der Dollar wur- de soeben abgewertet.«, Mrs. Farnham begann zu kreischen. »Hubert! Hu- bert! Wo bist du? Hubert? Das muß sofort aufhören, verstehst du?« »Ich komme schon, Liebling.« Ein dünner Lichtfin- ger bohrte sich durch die Dunkelheit und bewegte sich auf die Kojen neben der Tür zu. Hubert kroch auf Händen und Knien dahin und hielt die Taschenlampe zwischen den Zähnen fest. Er beruhigte Grace, bis sie zu schreien aufhörte. »Karen?« »Ja, Paps?« »Alles in Ordnung?« »Ja, bis auf ein paar blaue Flecken.« »Schön. Schalte die Notbeleuchtung in deinem Ab- teil ein. Nicht aufstehen. Dann suchst du die Spritze und bringst sie mir herüber – oh! Joseph?« »Ja, Sir.« »Lebst du noch?« »Alles okay, Boß.« »Dann überrede doch diesen pelzgesichtigen Fal- staff, er möge zu dir kommen. Er sprang mir soeben über den Rücken.« »Er meint es gut, Boß.« »Sicher, aber ich kann ihn nicht gebrauchen, wenn ich eine Spritze in der Hand habe. Klar?« »Klar. Komm her, Doc. Fleischi, Fleischi, Doc!« Ein paar Minuten später ließ das Grollen nach, der Boden wurde wieder ruhig, Mrs. Farnham hatte eine Spritze bekommen, zwei Notlampen brannten, und Mister Farnham untersuchte den Schaden. Trotz der Gitter waren Konserven von den Regalen, gefallen. Ein Viertel Rum lief mit einem leisen Gluck- sen aus. Das schlimmste war, daß sich das batteriebe- triebene Radiogerät aus seiner Verankerung gelöst hat- te und am Boden lag – aufgelöst in seine Einzelteile. Hubert Farnham versuchte die Einzelteile einzu- sammeln. Duke sah ihm zu. »Das hat doch keinen Sinn, Paps. Kehr den Mist zusammen und wirf ihn in den Abfall.« »Vielleicht können wir einige Teile ganz retten. Als Ersatzteile.« »Was verstehst du denn von Radios?« »Nichts. Aber ich habe Bücher.« »Was nützt dir ein Buch? Ein Reserveapparat wäre besser gewesen.« »Ich habe einen.« »Warum, um Himmels willen, holst du ihn nicht her? Ich möchte endlich wissen, was eigentlich los ist.« Hubert Farnham stand langsam auf und sah seinen Sohn an. »Ich möchte es auch gerne wissen. Mein Mi- niatursender läuft nur über Kurzwelle. Aber der Reser- veapparat wird nicht angetastet, bis wir genau wissen, daß der Angriff vorüber ist. Ich möchte nicht zum zweitenmal leichtsinnig sein.« »Bitte, wenn du unbedingt Schwierigkeiten machen willst. Aber wenn du mich fragst – es ist ein schäbiger Trick. Wir wollen alle wissen, was los ist.« »Ich habe dich nicht gefragt. Wenn du unbedingt wissen willst, was draußen los ist, kannst du ja hinaus- gehen. Ich öffne dir die Tür und kurble sie hinter dir wieder zu. Die obere Tür kannst du selbst aufmachen.«, »Wie? Das ist doch lächerlich.« »Aber vergiß nicht, sie hinter dir zu verschließen. Wegen der Radioaktivität.« »Ach ja. Das wollte ich vorhin schon fragen. Hast du Geräte zur Messung der Radioaktivität? Wir müß- ten …« »Du hältst den Mund.« »Paps! Jetzt kehr doch bitte nicht den strengen Vater heraus.« »Duke, ich bitte dich, mir eine Minute zuzuhören, ja?« »Bitte sehr. Aber ich verbitte mir, daß du mich in Gegenwart anderer anschnauzt.« »Dann sprich leiser.« Die anderen hatten sich in den zweiten Raum hinter dem Knick zurückgezogen, und Mrs. Farnham schnarchte friedlich in ihrer Koje. »Wirst du mir jetzt zuhören?« »Jawohl, Sir«, sagte Duke förmlich. »Duke, ich hatte nicht gescherzt. Entweder du gehst … oder du tust genau das, was ich sage. Damit meine ich auch, daß du den Mund hältst, wenn ich es dir be- fehle. Also, was willst du? Absoluten, freiwilligen Ge- horsam? Oder deine eigenen Wege gehen?« »Das klingt ein bißchen arrogant.« »Soll es auch. Der Bunker ist eine Art Rettungsboot, und ich bin der Bootskommandant. Ich fordere Diszi- plin aus Gründen der Sicherheit. Selbst wenn ich mich gezwungen sehen sollte, jemanden über Bord zu wer- fen.« »Das ist ein ziemlich weit hergeholtes Beispiel. Es, ist ein Jammer, daß du in der Navy warst, von daher kommen nämlich solche romantischen Vorstellungen.« »Für meinen Geschmack ist es eher ein Jammer, daß du nicht gedient hast. Vielleicht würdest du die Dinge dann realistischer sehen. Also, wie sieht’s jetzt aus? Willst du gehorchen oder lieber gehen?« »Du weißt genau, daß ich nicht gehen werde. Au- ßerdem meinst du das gar nicht ernst. Da draußen war- tet der Tod.« »Also wirst du meinen Befehlen Folge leisten?« »Ich werde dir nichts in den Weg legen. Aber diese absolute Diktatur … Paps, vorhin hast du ausführlich erklärt, daß du ein freier Mensch bist. Genau das bin ich auch. Ich werde mit dir zusammenarbeiten. Aber ich befolge keine unbegründeten Befehle. Und was das Mundhalten betrifft, werde ich mir da Mühe geben, doch wenn ich es für nötig halte, werde ich schon mei- ne Meinung äußern. Freiheit der Rede. Einverstan- den?« Sein Vater seufzte. »Nein, Duke. Geh zur Seite, da- mit ich die Kurbel ansetzen kann.« »Treib den Scherz nicht zu weit, Vater.« »Ich scherze nicht.« »Paps, ich sage so etwas nicht gerne – aber glaubst du nicht auch, daß ich im Notfall stärker als du wäre?« »Ich habe nicht die Absicht, gegen dich zu kämpfen.« »Na, dann lassen wir doch diese Diskussion.« »Duke, ich habe diesen Bunker gebaut. Noch vor einer Stunde hast du darüber gespöttelt. Du mußt das zugeben.«, »Gewiß.« »Und nun willst du mir sagen, daß ich alles machen soll. Ich hätte für ein Reserveradio sorgen sollen. Wo- für hast du gesorgt? Kannst du denn wirklich nicht wie ein Mann nachgeben? Schließlich bist du von meiner Gastfreundschaft abhängig.« »Ich habe doch gesagt, daß ich kooperieren werde.« »Das tust du aber nicht. Du machst unnütze Bemer- kungen, stehst mir im Weg, verschwendest meine Zeit mit Diskussionen, während ich mich mit lebenswichti- gen Dingen beschäftigen müßte. Duke, ich kann deine Kooperation, wie du das nennst, nicht brauchen, wenn sie davon abhängt, ob du etwas richtig findest oder nicht. Solange wir in diesem Bunker sind, verlange ich absoluten Gehorsam.« Duke schüttelte den Kopf. »Mach dir endlich mal klar, daß ich kein Kind mehr bin. Kooperation, ja. Aber mehr kann ich nicht versprechen.« Mister Farnham seufzte. »Vielleicht liefe es besser, wenn du kommandierst und ich gehorche. Aber ich habe mich auf diesen Ernstfall vorbereitet und du nicht. Mein Junge, ich war darauf vorbereitet, daß dei- ne Mutter hysterisch werden würde und hatte alles pa- rat, um damit fertig zu werden. Glaubst du nicht, ich wäre auch auf diese Situation vorbereitet.« »Wie denn das? Es ist doch purer Zufall, daß ich überhaupt hier bin.« »Ich sagte ›auf diese Situation^ Es hätte auch je- mand anderer sein können, Freunde zum Beispiel, die zu Besuch waren, oder auch ein Fremder wie dieser, alte Knabe, der vorhin an der Tür geschellt hat. Ich habe den Bunker von vornherein groß genug angelegt. Glaubst du wirklich, bei all dieser Planung wäre mir nie der Gedanke gekommen, es könnte auch irgend jemand mal aus der Reihe tanzen? Und daß ich keine Mittel hätte, die Angelegenheit zu klären?« »Wie denn?« »Wer wird denn im Ernstfall der Führer eines Ret- tungsbootes?« »Ist das ein Preisrätsel? Ich weiß nicht.« »Der mit der Waffe in der Hand.« »Ach so. Ich dachte mir schon, daß du ein paar Ge- wehre und Pistolen eingepackt hättest. Aber im Au- genblick hast du keine.« Duke grinste plötzlich. »Paps, ich könnte mir einfach nicht vorstellen, daß du auf mich schießt.« Sein Vater sah ihn an und seufzte. »Du hast recht. So etwas kann nur ein Fremder.« Er seufzte wieder. »Nun, hoffen wir, daß du wenigstens mit mir zusam- menarbeitest.« »Das kann ich dir versprechen.« »Danke. Und entschuldige mich jetzt. Ich muß ar- beiten.« Mister Farnham wandte sich ab. »Joe!« »Ja, Sir?« »Stufe Sieben.« »Sieben Sir?« »Ja, und es wird noch schlimmer. Sei vorsichtig mit den Instrumenten, aber verlier keine Zeit.« »Gut, Sir.« »Danke.« Hugh Farnham wandte sich wieder sei-, nem Sohn zu. »Duke, könntest du bitte die Teile des Radios zusammensuchen? Das Reservegerät ist genau das gleiche Modell. Willst du das tun?« »Aber ja. Ich sagte doch, daß du dich auf meine freie Mitarbeit verlassen kannst.« »Danke.« Sein Vater ging auf den Knick zu und ver- schwand in dem anderen Raum. »Mister Duke! Nehmen Sie die Hände hoch.« Duke sah über seine Schulter nach hinten auf Jo- seph, der mit einer Maschinenpistole auf ihn zielte. »Verdammt, was soll das?« »Bleiben Sie stehen, sonst muß ich schießen.« Dukes Vater war zurückgekommen. »Er wird schie- ßen«, sagte er warnend. »Denn er hat meine Skrupel nicht.« »Paps! Was geht hier vor?« Mister Farnham drehte sich um und sah seine Toch- ter an. »Verschwindet von hier.« »Aber Paps …« »Sei still. Legt euch beide auf die untere Koje.« Karen gehorchte sofort. Barbara blickte mit großen Augen auf die Pistole, die ihr Gastgeber plötzlich in der Hand hatte, und beeilte sich dann, ebenfalls in der Koje zu verschwinden. »Legt die Arme umeinander. Jede sorgt dafür, daß die andere sich nicht rührt.« Dann wandte er sich wieder seinem Sohn zu. »Duke!« »Ja?« »Senke ganz langsam die Hände, und löse den Ho- sengürtel. Laß die Hose nach unten rutschen. Dann geh, langsam zur Tür und öffne sie.« »Paps …« »Halt den Mund. Joseph, wenn er meine Anweisun- gen nicht genau befolgt, schießt du. Auf die Beine.« Mit kalkweißem Gesicht führte Duke die Befehle aus. Die Hose rutschte herunter, bis er sich nur noch ungeschickt bewegen konnte. Er stolperte auf die Tür zu und machte sich daran, die Riegel zurückzuschie- ben. Sein Vater sah ruhig zu, bis etwa die Hälfte der Sicherungen gelöst war. »Halt, Duke. Die nächsten Sekunden entscheiden, ob du nach draußen gehst oder bleibst. Du kennst die Bedingungen.« Duke zögerte kaum. »Akzeptiert.« »Ich muß noch genauer werden. Du gehorchst mir und Joseph.« »Joseph?« »Mein Stellvertreter. Ich muß einen Stellvertreter haben, Duke, weil ich nicht überall gleichzeitig sein kann. Du wolltest ja nichts mit der Panikhöhle zu tun haben. So habe ich Joseph ausgebildet. Er weiß, wo sich alles befindet, wie es funktioniert und wie et es reparieren kann. Also, wirst du ihm ebenso gehorchen wie mir?« »Gut, ich verspreche es«, sagte Duke langsam. »Gut. Aber ein unter Zwang gemachtes Versprechen ist nicht bindend. Es gibt jedoch eine andere Art von Vereinbarung, die stets unter Zwang getroffen wird und dennoch bindend ist, ein Umstand, der gerade dir als Anwalt willkommen sein sollte. Ich will von dir dein Ehrenwort als Gefangener. Gibst du mir dein Eh-, renwort, dich an diese Vereinbarung zu halten, bis wir den Bunker wieder verlassen? Das wäre ein ganz ein- deutiger Handel: Dein Ehrenwort im Tausch dafür, daß du nicht hinausgeworfen wirst.« »Du hast mein Ehrenwort.« »Danke. Schließ die Riegel wieder, und zieh deine Hose hoch. Joseph, bring die Maschinenpistole wieder weg.« »Okay, Boß.« Duke kümmerte sich um Schloß und Hose. Als er sich umwandte, hielt sein Vater ihm seine Pistole hin, den Griff nach vorn. »Was gibt das jetzt?« fragte Duke. »Das hegt bei dir. Wenn dein Ehrenwort nichts wert ist, finde ich das besser jetzt sofort heraus.« Duke nahm die Pistole, ließ das Magazin herausglei- ten, zog den Schlitten zurück, fing die ausgeworfene Patrone auf, schob sie ins Magazin und lud die Waffe wieder. Dann reichte er sie seinem Vater. »Mein Eh- renwort gilt. Hier, nimm.« »Behalte sie. Du warst zwar immer reichlich hals- starrig, aber nie ein Lügner.« »Danke … Boß.« Sein Sohn steckte die Pistole ein. »Heiß ist es hier.« »Und es wird noch heißer werden.« »Was? Wieviel Strahlung bekommen wir schät- zungsweise ab?« »Ich meine nicht die Strahlung. Feuerstürme.« Er ging zu dem Knick im Bunker, holte ein Thermometer und sah auf seine Uhr. »Siebenundzwanzig Grad und, erst dreiundzwanzig Minuten seit dem Einschlag ver- gangen. Es wird noch schlimmer kommen.« »Wieviel schlimmer?« »Woher soll ich das wissen, Duke? Ich habe keine Ahnung, wo die Bombe einschlug, wieviel Megaton- nen sie betrug und wie weit sich das Feuer ausgebreitet hat. Die Normaltemperatur im Bunker beträgt ungefähr zwölf Grad. Es sieht nicht gut aus. Aber wir können nichts tun. Das heißt – zieht euch bis auf die Shorts aus.« Er ging in den anderen Raum hinüber. Die Mädchen lagen noch immer in der unteren Koje, hatten die Arme umeinander geschlungen und verhielten sich ruhig. Joseph lehnte im Flur an der Wand, die Katze auf sei- nem Arm. Karen schaute mit großen Augen auf, als ihr Vater sich näherte, sagte aber nichts. »Ihr könnt jetzt aufstehen.« »Danke«, seufzte Karen. »Es war ziemlich warm in der Koje.« »Tja. Habt ihr gehört, was eben vorgefallen ist?« »Eine kleine Meinungsverschiedenheit«, meinte Ka- ren vorsichtig. »Ja – die letzte. Ich bin der Boß hier, und Joseph ist mein Stellvertreter. Verstanden?« »Ja, Paps.« »Mrs. Wels?« »Ich? Ja, natürlich. Es ist doch Ihr Bunker, und ich bin froh, daß Sie mich aufgenommen haben. Und – nennen Sie mich bitte Barbara.« »Schön. Alles herhören. Ab jetzt reden wir einander, nur mit Vornamen an. Weder Paps noch Boß – einfach Hugh. Das gefällt mir besser als Hubert. Joe, das gilt auch für dich. Kein Mister oder Miß mehr, verstan- den?« »Schön, Hugh, wenn du willst.« »Und ihr Mädchen zieht die unnötigen Kleider aus. Es wird noch heißer hier. Wir machen das Licht aus. Auch Grace könnt ihr ausziehen.« Mister Farnham be- gann damit, sein Hemd aufzuknöpfen. »Äh, mir ist nicht warm«, meinte Joseph. »Danach habe ich nicht gefragt.« »Boß – ich hatte keine Zeit mehr, Unterwäsche an- zuziehen.« »Das stimmt«, bestätigte Karen. »Ich wollte näm- lich, daß er sich beeilt.« Hugh grinste seinen Ex-Hausboy an. »Joe, du bist eine Suse. Hol dir ein Paar Shorts aus dem Vorrat. Du kannst dich meinetwegen in der Toilette umziehen. Zeige Duke, wo sie ist. Karen, du bringst Barbara hin. Anschließend treffen wir uns und halten Kriegsrat.« Fünf Minuten später saßen sie um den provisori- schen Tisch. »Hat jemand Lust zu einer Partie Bridge?« »Paps, du machst Witze.« »Ich heiße jetzt Hugh und mache keine Witze. Viel- leicht beruhigt es unsere Nerven. Duke, mach die Ziga- rette aus.« »Äh … Verzeihung.« »Morgen kannst du vermutlich schon wieder rau- chen. Heute abend haben wir ziemlich viel reinen Sau-, erstoff. Hast du die Flaschen in der Toilette gesehen?« Der Raum zwischen den beiden Abteilen war mit Druckflaschen, einem Wassertank, einer Camptoilette und Vorräten angefüllt. Dazwischen befand sich ein schmaler, etwa mannshoher Platz, an dem ein proviso- risches Waschbecken angebracht war. Versiegelte Luftöffnungen befanden sich dort und ein Ventilator, der automatisch oder mit Hand betrieben werden konn- te. »Sauerstoff? Ich dachte, du hättest Luft einfüllen lassen.« »Hätte zu viel Platz weggenommen. Also sei vor- sichtig mit Zigaretten, damit kein Feuer entsteht. Ich habe probeweise eine Luke geöffnet. Sehr heiß – und der Geigerzähler konnte sich gar nicht wieder beruhi- gen. Kinder, ich weiß nicht, wie lange wir ohne Frisch- luftzufuhr aushalten müssen. Ich rechnete mit sechs- unddreißig Stunden bei vier Personen, also sind es et- wa vierundzwanzig Stunden bei sechs Personen. Aber wir halten es schon ein bißchen länger aus. Wir schwitzen alle. Bis fünfundvierzig Grad können wir es im Notfall schaffen. Danach brauchen wir den Sauer- stoff zur Kühlung. Es könnte sein, daß wir am Ende die Wahl zwischen Braten und Ersticken haben.« »Paps … äh … Hugh, willst du damit andeuten, daß wir hier vielleicht langsam zu Tode schmoren kön- nen?« »Nein, Karen, dazu wird es nicht kommen.« »Nun … mir wäre jedenfalls eine Kugel lieber.« »Das wird auch nicht nötig sein. Ich habe genug, Schlaftabletten hier, um notfalls zwanzig Leute schmerzlos umzubringen. Aber wir werden nicht ster- ben. Bis jetzt ist doch alles gutgegangen.« »Wie steht es mit der Radioaktivität?« fragte Duke. »Wir sind noch nicht in Gefahr. Aber jetzt etwas anderes. Hier, wo Grace liegt, schlafen die Mädchen. Die Männerkojen sind drüben. Wir haben zwar nur vier Kojen, aber das geht schon in Ordnung. Einer muß immer wach sein und Luft und Temperatur regulieren, und der andere hilft ihm, damit er nicht einschläft. Heute abend kann ich allerdings allein Wache halten. Ich habe 20 Dexedrin genommen.« »Ich bleibe mit dir wach.« »Ich bin überhaupt nicht müde.« »Nein, ich halte Wache.« »Immer langsam«, meinte Hugh. »Joe, du mußt schlafen, weil du mich ablösen mußt. Wir beide wech- seln uns ab, solange die Krise anhält.« Joe zuckte die Achseln und sagte nichts mehr. »Dann bleibe eben ich wach«, erklärte Duke. »Kann denn keiner von euch rechnen? Zwei Kojen für die Frauen, zwei für die Männer. Wer bleibt übrig? Wir klappen den Tisch zusammen, und das Mädchen ohne Koje kann hier auf dem Boden schlafen. Joe, hol ein paar Decken aus dem Vorrat. Ich lege mich im Tankraum hin.« »Sofort, Hugh.« Die beiden Mädchen bestanden darauf, Wache zu halten. »Ruhe jetzt«, unterbrach Hugh sie. »Hebt ab., Wer das As erwischt, schläft in der Koje. Duke, brauchst du eine Schlaftablette?« »Nein. Wenigstens eine Gewohnheit, die ich nicht habe.« »Karen, eine Schlaftablette für Joe.« »Schön, und noch eine für mich dazu.« »Es tut mir leid, Barbara, aber dir kann ich keine anbieten. Vielleicht muß ich dich wecken, wenn ich müde werde. Aber du kannst eine Beruhigungstablette haben.« »Nein, danke.« »Wie du willst. Und jetzt alles in die Betten. Es ist Mitternacht. In acht Stunden kommt die nächste Grup- pe dran.« Ein paar Minuten später lagen alle in den Kojen bis auf Barbara, die es sich auf dem Boden bequem ge- macht hatte. Nur im Tankraum brannte noch Licht. Hugh spielte Solitär. Wieder schaukelte der Boden, und wieder ertönte das schreckliche Grollen und Rumpeln. Karen schrie. Hugh war sofort auf den Beinen. Der Stoß war nur leicht gewesen. Er lief in den Schlaf räum der Mäd- chen. »Wo bist du, Baby?« Er tastete nach dem Licht- schalter. »Hier oben. Ach, Paps, ich wäre beinahe runterge- fallen. Hilf mir heraus.« Sie klammerte sich schluchzend an ihn. »Na, na«, sagte er beruhigend und klopfte ihr auf die Schulter. »Du bist doch mein tapferes Mädchen.«, »Ich bin überhaupt nicht tapfer, Paps. Ich – ich habe schreckliche Angst.« »Na ja, ich auch. Aber das wollen wir doch den an- deren nicht zeigen, was, Kleines? Du nimmst noch eine Tablette und einen Drink. Dann wird alles gut.« »Gut. Aber da oben schlafe ich nicht mehr. Sonst falle ich das nächstemal heraus. Außerdem ist es schrecklich heiß.« »Schön, ich hole dir die Matratze herunter. Wo ist dein BH, Mädchen? Zieh ihn lieber an.« »Da oben, aber es ist mir egal. Na ja, gib schon, Joe wäre schockiert.« »Ich kann nichts finden.« »Ach was, Joe soll eben anderswo hinsehen. Ich muß etwas trinken.« »Joe ist ein Gentleman.« Duke und Barbara saßen beide auf der Decke am Boden und sahen sehr ernst aus. »Wo ist Joe?« fragte Hugh. »Ist er verletzt?« Duke lachte auf. »Wollt ihr die schlafende Unschuld sehen? Die untere Koje, bitte.« Joe lag auf dem Rücken und schnarchte. Doktor Li- vingstone hatte sich auf seine Brust zusammengerollt. Hugh kam zurück. »Ein Glück, daß der Einschlag wei- ter weg war.« »Mir war er nahe genug. Wann hört denn das Gebal- ler endlich auf?« »Hoffentlich bald. Kinder, Karen und ich habe so- eben einen Klub gegründet. Motto: ›Ich habe auch sol- che Angst!‹ Jemand interessiert?«, »Vollmitglied«, erklärte Duke. »Ich ebenfalls«, grinste Barbara. Hugh holte Papierbecher, Scotch und Tabletten. »Will jemand Wasser?« »Ich«, stöhnte Barbara. »Es ist so heiß.« »Wie heiß, Hugh?« fragte Duke. »Sieh nach. Das Thermometer hängt im Tankraum.« »Klar. Und darf ich auf dein freundliches Angebot von vorhin zurückkommen? Ich brauche eine Schlafta- blette.« »Jederzeit.« Er verteilte die Tabletten, zwang auch Barbara ein Beruhigungsmittel auf und nahm einen Schluck Wasser. Duke kam zurück. »Sechsunddreißig Grad«, ver- kündete er. »Ich habe das Ventil noch ein Stückchen geöffnet. Gut so?« »Ja, danke. Wir werden es bald noch weiter öffnen müssen.« Duke schluckte seine Pillen. »Ich schlafe auch auf dem Boden. Der kühlste Platz im ganzen Haus.« »Wie du willst.« Hugh brachte Karen ins Bett und blieb bei ihr sitzen, bis sie eingeschlafen war. Dann kehrte er in den Tank- raum zurück. Die Temperatur war um weitere zwei Grad angestiegen. Er drehte das Ventil weiter auf und lauschte kopfschüttelnd mit leisem Seufzen, mit dem der Rest Sauerstoff entwich. Mit Hilfe eines Schrau- benschlüssels montierte er das Auslaßventil an einen vollen Tank. Bevor er es öffnete, schloß er einen Schlauch an, der in den großen Hauptraum hinüber-, führte. Danach tat er wieder so, als würde er Solitär spielen. Nach ein paar Minuten stand plötzlich Barbara im Eingang. »Ich kann nicht schlafen«, sagte sie. »Darf ich dir Gesellschaft leisten?« »Du hast geweint.« »Sieht man es? Tut mir leid.« »Komm, setz dich. Spielen wir Karten?« »Meinetwegen. Ich will einfach nicht allein sein.« »Gut, trinken wir noch einen. Aber wir müssen auf- passen, daß wir nicht einschlafen.« Sie tranken gemeinsam eine Tasse Scotch, mit Was- ser verdünnt. Ein paar Minuten später hatten sie die Flüssigkeit wieder ausgeschwitzt. Hugh bemerkte, daß die Decke unangenehm heiß war. »Das Haus muß ab- gebrannt sein. Wir haben einen halben Meter Beton und einen Meter Erde über uns.« »Wie wird es draußen aussehen?« »Keine Ahnung. Wir müssen dem Einschlagzentrum ziemlich nahe gewesen sein.« Er berührte wieder die Decke. »Ich habe das Ding selbst konstruiert – Dach, Wände und Boden sind stahlverstärkt. Es war nicht zu viel. Vielleicht haben wir mit dem Türöffnen Schwie- rigkeiten. Die Hitze und die Explosion werden sie ver- zogen haben.« »Sitzen wir in der Falle?« fragte sie ruhig. »Nein, nein. Unter diesen Flaschen befindet sich ei- ne Klappe, die in einen Tunnel führt. Beim Gully im Garten ist Endstation. Dort können wir auf alle Fälle ausbrechen. Mich beunruhigt lediglich, wie lange wir, hier drinnen bleiben können. Und was uns blüht, wenn wir ins Freie gehen.« »Wie steht es mit der Radioaktivität?« Er zögerte. »Verstehst du etwas von Strahlung?« »Genug. Ich hatte Botanik als Hauptfach belegt und experimentierte mit Isotopen. Hugh, ich kann jede schlechte Nachricht ertragen – aber diese Ungewißheit macht mich verrückt. Daher die Tränen vorhin.« »Die Lage ist schlimmer, als ich Duke zu sagen wagte. Sieh dir den Strahlungsmesser selbst an.« Er deutete mit dem Daumen nach hinten. Sie ging hin und kam nach ein paar Minuten zurück. »Na?« fragte er. »Kann ich noch einen Drink haben?« Er stellte ihr den gefüllten Pappbecher hin. »Wenn die Kurve nicht abnimmt, haben wir morgen früh den roten Punkt erreicht. Aber es wird noch unge- fähr einen Tag dauern, bis wir uns übergeben müssen.« »Ich glaube sicher, daß die Kurve bald sinkt. Die Hitze macht mir größere Sorgen. Aber reden wir von angenehmeren Dingen. Von dir zum Beispiel.« »Wenig Interessantes, Hugh. Weiblich, weiße Haut- farbe, fünfundzwanzig Jahre alt, Wiederaufnahme des Studiums nach mißglücktem Eheversuch. Einen Bruder in der Air Force – also ist ihm vermutlich nichts pas- siert. Meine Eltern sind in Acapulco, also geht es ihnen vermutlich ebenfalls gut. Gott sei Dank keine Haustie- re … Ich war ja so froh, daß Joe seine Katze retten konnte. Kein Bedauern, Hugh, und eigentlich auch keine Angst. Nur – traurig.« Sie schluchzte. »Es war, doch eine hübsche Welt, wenn ich auch meine Ehe verpfuscht habe.« »Nicht weinen.« »Ich weine nicht. Das sind Schweißtropfen.« »Ja, natürlich.« »Bestimmt. Es ist so schrecklich heiß.« Plötzlich ne- stelte sie mit beiden Händen am Rücken herum. »Wür- de es dir etwas ausmachen? Er ist bei der Hitze so lä- stig.« »Mach nur, Kind, wenn du es bequemer haben kannst. Ich habe Karen ihr ganzes Leben lang so gese- hen, und Grace natürlich noch länger. Nackte Haut er- schreckt mich nicht.« Er stand auf, sah nach den Sau- erstoffflaschen und las den Strahlungsmesser. Als er zurückkam, und sich wieder setzte, meinte er: »Ich hätte statt reinem Sauerstoff auch Preßluft einla- gern können, dann könnten wir jetzt wenigstens rau- chen. Jedenfalls hätte ich nicht erwartet, daß ich die Luft zur Kühlung brauchen würde.« Er ignorierte den Umstand, daß sie seiner Einladung, es sich bequemer zu machen, gefolgt war. »Und ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie man den Bunker beheizen kann! Ich wollte einen Ofen bauen, der so konstruiert ist, daß er mit kontaminierter Luft arbeitet, ohne uns dabei zu schädigen. Möglich ist so etwas, wenn auch sehr schwierig.« »Weißt du, daß du der geborene Forscher bist?« »Ich? Um Himmels willen! Nein, Barbara, ich bin lediglich ungeheuer neugierig. Wie Doktor Livingsto- ne.«, »Wie kann man nur eine Katze so nennen?« »Stammt von Karen. Weil er ein großer Entdecker ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wo wir ihn schon herausgefischt haben. Magst du Katzen?« »Ich kenne mich nicht sehr gut mit ihnen aus. Aber Doktor Livingstone ist ein Prachtstück.« »Tja, das ist er wohl. Aber ich mag Katzen haupt- sächlich, weil sie so unabhängig sind. Eine Katze kann man nicht besitzen. Sie läßt sich nichts befehlen. Hun- de sind auch nette Tiere. Freundlich und treu. Aber Sklaven. Nicht ihre Schuld natürlich. Doch mich macht die geringste Andeutung von Sklaverei verrückt.« Er runzelte die Stirn. »Barbara, so traurig bin ich gar nicht über das, was geschehen ist. Es könnte sich ganz posi- tiv für uns auswirken. Ich meine damit nicht uns sechs, ich meine das ganze Land.« Sie sah ihn verblüfft an. »Wie meinst du das?« »Ich weiß, es ist schwer, weitsichtig zu denken, wenn man in einem engen Bunker kauert. Barbara, ich mache mir seit Jahren Sorgen um unser Land. Mir scheint, daß wir Sklaven heranzüchten – und ich liebe die Freiheit. Dieser Krieg wendet das Blatt vielleicht. Denn zum erstenmal in der Geschichte werden nicht die Tapfersten und Klügsten getötet.« »Wie meinst du das?« »Nun, bisher haben die Kriege immer am schreck- lichsten unter den jungen starken Männern aufgeräumt. Die Jungen, die diesmal beim Militär stecken, sind verhältnismäßig sicher. Und die Zivilisten, die Köpf- chen genug hatten, sich gegen den Krieg zu rüsten,, dürften eher durchkommen als die anderen. Im Durch- schnitt jedenfalls. Das wird die Spezies verbessern. Aber das ist noch nicht alles. Kannst du dir vorstellen, was für Kämpfe uns erwarten, sobald wir die Bunker verlassen können? Zerstörtes Land, Hungersnöte, ra- dioaktive Verseuchungen … Nur die Stärksten werden es schaffen.« Sie nickte nachdenklich. ›»Vom Überleben der Tüchtigsten‹«, zitierte sie lächelnd. »Trotzdem – mir kommt es grausam vor.« »Es ist grausam. Aber bisher hat es noch keine Re- gierung fertiggebracht, die Naturgesetze genau zu ko- pieren.« Sie fröstelte trotz der Hitze. »Ich glaube, daß du recht hast. Nein, ich weiß, daß du recht hast. Der Ge- danke wäre mir nur viel angenehmer, wenn ich sicher sein könnte, daß überhaupt jemand überlebt. Das schwächste Drittel auszumerzen ist genetisch vernünf- tig, aber es führt zu gar nichts, wenn alle sterben.« »Ja. Ich hasse diese Vorstellung, aber ich habe mir auch darüber Gedanken gemacht. Barbara, ich habe den Sauerstoff nicht nur wegen der Strahlung und der Hitze eingelagert, sondern wegen viel schlimmerer Möglichkeiten.« »Noch schlimmer?« »Immer, wenn über die Schrecken des Dritten Welt- krieges gesprochen wurde, war stets nur die Rede von Atomwaffen – radioaktiver Niederschlag, Hundert- Megatonnen-Bomben, Neutronenbomben. Die Abrü- stungsgespräche und die Demonstrationszüge der Pazi-, fisten drehten sich immer nur um die Bombe, als wären A-Waffen die einzigen, mit denen man Menschen töten kann. Das hier ist vermutlich nicht nur ein Atomkrieg, sondern sehr wahrscheinlich ein Krieg mit ABC- Waffen – atomar, biologisch und chemisch.« Er deute- te mit dem Daumen auf die Sauerstofftanks. »Deswe- gen habe ich für Luftvorräte gesorgt. Um uns vor Ner- vengas, Aerosolen, Viren und weiß der Himmel was noch zu schützen. Die Kommunisten werden dies Land nicht vernichten, wenn sie uns umbringen können, oh- ne zugleich unsere Reichtümer zu zerstören. Es sollte mich nicht wundern, wenn sich herausstellt, daß die Atombomben nur auf militärische Ziele wie die Rake- tenbasis hier in unserer Nähe niedergegangen sind, während New York, Detroit und andere Städte mit Nervengas angegriffen wurden. Oder mit einem 24- Stunden-Virus, der achtzig Prozent der Bevölkerung auslöscht. Es gibt da unzählige furchtbare Möglichkei- ten. Die Luft draußen mag den Tod bringen, einen Tod, den weder der Geigerzähler anzeigt noch ein Filter aufhält.« Er lächelte grimmig. »Tut mir leid. Du soll- test jetzt besser wieder schlafen.« »Ich fühle mich elend. Darf ich bei dir bleiben?« »Sicher. Nur laß dich nicht von meinen düsteren Gedanken anstecken.« Sie seufzte. »Mich macht nur diese Unsicherheit so verrückt. Ich wollte, wir hätten ein Periskop.« »Haben wir.« »Was? Wo?« »Oh, tut mir leid. Wir hatten eines. Dort – das Rohr., Ich sehe, daß es geknickt ist. Macht nichts, Barbie. Vielleicht können wir jetzt doch den Reserveapparat holen. Die Attacke dürfte vorbei sein.« »Ich weiß nicht.« »Du weißt genausoviel wie ich. Die erste Rakete sollte die MAMMA-Basis ausradieren, denn nur we- gen uns hätten sie sich die Mühe nicht gemacht. Falls sie den Erfolg durch Spionage-Satelliten überprüfen, dann war die zweite Rakete ein erneuter Versuch mit dem gleichen Ziel. Zeitlich gesehen kommt das hin. Eine Rakete braucht von Kamtschatka aus ungefähr eine halbe Stunde bis hierhin, und die zweite Bombe schlug fünfundvierzig Minuten nach der ersten ein. Die war dann vermutlich ein Volltreffer, und das wissen sie wohl auch, denn seither ist über eine Stunde vergan- gen, und trotzdem ist noch keine dritte Rakete nieder- gegangen. Das heißt, mit uns sind sie fertig. Logisch?« »Mir erscheint das schon logisch.« »Ja, aber es ist eine ziemlich wackelige Logik, mei- ne Liebe. Wir haben einfach nicht genug Informatio- nen. Vielleicht haben beide Raketen es nicht geschafft, die Basis zu vernichten, und sie schießen jetzt von dort aus alles ab, was in unsere Richtung fliegt. Vielleicht haben die Russen auch keine Raketen mehr. Vielleicht werfen sie die dritte Bombe aus einem Flugzeug ab. Das alles wissen wir nicht. Aber ich würde es ganz gern herausfinden.« »Und ich würde jetzt gerne Nachrichten hören.« »Wir können das mal probieren. Wenn es gute Nachrichten sind, wecken wir die anderen.«, Hugh Farnham ging zu den Wandregalen hinüber, wühlte aus dem untersten Abteil eine Kiste hervor und packte das Radiogerät aus. »Hat keinen Kratzer abbe- kommen. Versuchen wir es erst einmal ohne Antenne.« Er horchte gespannt. »Nur statisches Rauschen«, meinte er kurz. »Nichts zu machen. Wir müssen es mit der Außenantenne verbinden. Einen Augenblick.« Er ging in das andere Abteil hinüber, kam aber gleich darauf zurück. »Aus. Was den Schluß nahelegt, daß von der Außenantenne nicht viel übriggeblieben ist. Versuchen wir noch die Notantenne.« Hugh nahm einen Schraubenzieher und entfernte den Verschluß von einem dünnen Rohr, das von der Decke herunterragte. Er hielt den Geigerzähler an die Öffnung. »Klopft zwar ein bißchen, aber noch inner- halb der Toleranz.« Er fuhr mit einem dünnen Metall- stab in die Öffnung. »Schlecht. Geht nicht weit genug hinauf. Dabei befand sich die Ausgangsöffnung in gleicher Höhe mit dem Erdboden. Vermutlich Schutt.« Er schraubte einen zweiten Metallstab in den ersten. »Bleib da drüben stehen. Es könnten ein paar Erd- brocken herunterfallen. Strahlenverseucht, du ver- stehst.« »Sie werden auf dich fallen.« »Höchstens auf meine Hände. Und die wasche ich hinterher gründlich.« Er schlug leicht mit einem Ham- mer gegen das Ende der Stahlrute. »Hm, sieht so aus, als läge etwas Hartes vor dem Ausgangsloch.« Doch nach ein paar Minuten hatte er es geschafft. »Das letzte Stück ging leicht. Wahrscheinlich ist die, Antenne doch ins Freie durchgestoßen. Kannst du mal den Geigerzähler an meine Hände halten?« »Hugh, du sagst das so nebenher wie: ›Was ist von der gestrigen Milch noch übrig?‹« Er zuckte die Achseln. »Ich war bei der Navy, Kind. Was sagt der Zähler?« »Alles in Ordnung.« »Überprüf auch den Boden unter dem Rohr.« Es gab dort einige strahlende Stellen. Hugh wischte sie mit nassen Papiertüchern, die er anschließend in einer stählernen Kiste verstaute, gründlich auf. An- schließend überprüfte sie nochmals seine Hände und die Flecken auf dem Boden. »Tja, das hat uns jetzt ein paar Liter Wasser geko- stet. Ich hoffe, das war es auch wert.« Er verband das Radiogerät mit der provisorischen Antenne. Nach zehn Minuten gaben sie auf. Er seufzte. »Keine große Überraschung. Ich weiß ja nicht, ob Ra- diowellen von der Luftionisation angegriffen werden, aber ich kann es mir vorstellen. Trotzdem – ich hatte gehofft, Salt Lake City zu erreichen.« »Nicht Denver?« »Nein. Denver hatte eine ICBM-Basis. Lassen wir den Kasten laufen. Vielleicht meldet sich noch je- mand.« »Und die Batterie?« »Egal. Komm, setz dich zu mir. Vertreiben wir uns die Zeit mit Witzen.« Er warf noch einen Blick auf den Strahlungsmesser und das Thermometer und pfiff leise durch die Zähne. »Ich werde es unseren schlafenden, Engeln noch ein bißchen kühler machen. Spürst du die Hitze sehr, Barbie?« »Ehrlich gesagt, ich hatte sie ganz vergessen.« »Ich auch.« »Meinetwegen brauchst du deinen Sauerstoffvorrat nicht zu verschwenden. Wie viele Flaschen sind noch da?« »Weniger als die Hälfte. Aber nur keine Angst, Ba- by. Ich wette fünfhunderttausend Dollar – fünfzig Cents in der neuen Währung –, daß du keinen Witz kennst, den ich nicht auch kenne.« »Ach, Hugh, mir ist nicht nach Witzen zumute.« »Noch einen Drink?« »Ja. Mit Wasser, bitte. Ich bin völlig ausgetrocknet. Hugh?« »Ja, Barbie?« »Wir müssen doch sterben, nicht wahr?« »Wahrscheinlich.« »Dachte ich mir. Noch diese Nacht?« »Aber nein. Bis morgen mittag halten wir es schon noch durch. Wenn wir wollen.« »Hugh, darf ich ein bißchen näherrutschen? Und leg den Arm um mich. Oder ist es dir zu heiß?« »Na, ich müßte schon wirklich tot sein, wenn mir bei einem solchen Angebot zu heiß wäre.« »Danke.« »Platz genug?« »Genug.« »Du bist mein kleines Mädchen.« »Ich wiege Sechsundsechzig Kilo und bin fast eins-, achtzig groß. Das ist bestimmt zu groß für ein ›kleines Mädchen‹.« »Du bist mein kleines Mädchen. Stell mal den Be- cher weg, und schau mich an.« »Hmmm – noch einen, bitte.« »Ein gieriges kleines Mädchen.« »Mmmm – sehr gierig. Danke, Hugh.« »Die beiden sind ja hübsch.« »Die sind auch das Beste an mir. Mein Gesicht gibt nicht so viel her. Aber die von Karen sind hübscher.« »Das meinst auch nur du.« »Na gut, ich will mich nicht streiten. Rutsch ein biß- chen, Liebster.« »So gut?« »Ja, so ist gut. Und küß mich bitte.« »Barbara! Barbara!« »Oh Hugh, Liebster. Ich liebe dich.« »Ich liebe dich auch, Barbara.« »Ja. Ja! Oh, bitte! Jetzt!« »Genau jetzt!« »Glücklich, Barbie?« »Wie noch nie im Leben.« »Ich wollte, das wäre wahr.« »Es ist wahr, Hugh, Liebster. Ich bin jetzt absolut glücklich und überhaupt nicht mehr ängstlich. Ich fühle mich großartig. Mir ist nicht mal mehr zu warm.« »Ich betröpfle dich mit Schweiß.« »Das macht doch nichts. Du hast zwei Schweißtrop- fen am Kinn und einen an der Nasenspitze. Und ich bin, so verschwitzt, daß mein Haar klatschnaß ist. Aber das ist alles egal. Liebster Hugh, das war es, was ich woll- te. Dich. Jetzt ist es mir gleich, ob wir sterben.« »Mir nicht.« »Entschuldige.« »Versteh mich nicht falsch, Barbie. Mir war es vor- her egal. Aber jetzt hat das Leben plötzlich einen Sinn bekommen.« »Ja, du hast recht.« »So, und jetzt mache uns einen großen, kühlen Drink. Weißt du auch, daß ich dein Vater sein könn- te?« »Ja, Paps.« »Wenn du das noch einmal sagst, trinke ich alles al- lein.« »Jawohl, Hugh. Aber eigentlich ist das Alter egal. Sterben müssen wir am gleichen Tag.« »Bitte, sprich nicht davon. Es muß einfach einen Weg geben weiterzuleben.« »Hugh, ich – ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich bitte dich um einen Gefallen. Wenn du den anderen die … die Überdosis gibst, dann laß mich war- ten, bis du sie auch genommen hast.« »Barbie, ich wollte sie eigentlich nicht nehmen.« »Dann will ich es auch nicht.« »Das überlegen wir uns noch später. Jetzt halt den Mund und küß mich.« »Ja, Liebster.« »Du hast schöne lange Beine, Barbie. Und kräftig sind sie auch.«, »Ja, und reichlich große Füße.« »Hör auf, nach Komplimenten zu angeln. Ich mag deine Füße. Außerdem würdest du ohne sie ziemlich unvollständig aussehen.« »Sei nicht albern. Hugh, weißt du, was ich jetzt gern tun würde?« »Schon wieder?« »Nein, nein. Ja, doch. Aber ich meine jetzt sofort.« »Schlafen? Mach nur, Liebste, ich werde schon wach bleiben.« »Nein, nicht schlafen. Ich will nie wieder schlafen. Niemals. Ich will auf keine Sekunde verzichten, die uns noch bleibt. Ich dachte daran, daß ich gerne wieder spielen würde – als dein Partner.« »Tja, vielleicht kriegen wir Joe wach. Bei den ande- ren ist das aussichtslos, die haben zu viele Tabletten geschluckt.« »Nein, nein. Ich will keine Gesellschaft außer dei- ner. Es hat mir nur so gut mit dir gefallen.« »Du warst auch ein guter Partner. Der Beste, würde ich sagen.« »Nicht der ›Beste‹. Ich bin nicht annähernd so gut wie du. Aber ich wünschte, wir hätten noch viele Jahre vor uns, damit ich es werden könnte. Und ich wünschte mir, der Angriff wäre zehn Minuten später gekommen, dann hättest du dies letzte Spiel gewinnen können. Das wäre dann mal ein richtig großer Wurf gewesen.« »Das war gar nicht nötig, der Ausgang stand auch so schon fest.« Er zuckte die Schultern. »Drei große Wür- fe in einer Nacht.«, »Drei?« »Meinst du nicht, daß diese H-Bombe ein reichlich großer Wurf war?« »Oh, ja. Und Nummer drei war dann die zweite Bombe.« »Die habe ich nicht mitgezählt, die war zu weit ent- fernt. Muß ich dir erst eine Zeichnung machen, damit du kapierst, was ich meine?« »Oh! In dem Fall könnten wir auch noch einen vier- ten großen Wurf schaffen.« »Nun mal langsam. Drei große Würfe sind das Ma- ximum. Vielleicht noch einen kleinen, wenn ich vorher etwas Dexedrin nehme. Aber vier große? Unmöglich. Du weißt doch, wie alt ich bin.« »Mal sehen. Ich glaube, wir kriegen doch noch ei- nen vierten hin.« In diesem Augenblick traf sie der größte Wurf von allen. Das Licht erlosch, Grace Farnham kreischte, Doktor Livingstone kreischte, und Barbara fiel über eine Stahl- flasche. Sie ruderte hilflos in der Dunkelheit umher. Sie berührte ein Bein und bemerkte, daß es zu Hugh gehörte. Er war bewußtlos. Sie konnte sein Herz nicht schlagen hören. »Hallo?« rief sie angstvoll. »Hallo!« »Barbara?« kam Dukes Stimme aus dem Dunkel. »Ja, ich bin hier.«, »Unverletzt?« »Ja. Aber Hugh hat es erwischt. Ich habe Angst, daß er tot ist.« »Einen Augenblick. Wenn ich meine Hose finde, kann ich ein Streichholz anreiben. Aber dazu müßte ich erst auf die Beine kommen.« »Hubert! Hubert!« schrie Grace. »Himmel, Mutter, sei doch still.« Abwechselnd ver- teilte Duke Beruhigungsworte und Flüche in das Dun- kel. Barbara tastete sich umher, rutschte auf einer Sauer- stoffflasche aus, stieß sich das Schienbein an und fand endlich ein flaches Stück Boden. »Ich habe sie!« rief Duke triumphierend. Im näch- sten Augenblick flammte ein Streichholz auf. Es loder- te in der sauerstoffangereicherten Luft hell auf. »Mach das Ding lieber aus«, hörte man Joes Stim- me. »Feuergefahr.« Der Strahl einer Taschenlampe tastete sich durch das Dunkel. »Joe!« rief Barbara. »Hilf mir. Hugh ist verletzt.« »Muß mich zuerst um Licht kümmern.« »Er kann sterben!« »Ohne Licht kann ich ihm auch nicht helfen.« Barbara fühlte von neuem nach Hughs Herzschlag. Diesmal fand sie ihn. Sie legte die Arme um Hugh und schluchzte. Im Männerabteil flammte Licht auf. Barbara konnte jetzt ihre Umgebung betrachten. Der Boden hatte sich um etwa dreißig Grad gesenkt. Sie, Hugh, Stahlfla- schen, der Wassertank und allerhand loses Gerät waren, in die untere Ecke gerutscht. Der Tank hatte einen Riß und überschwemmte den Toilettenraum. Aber sie at- mete erleichtert auf. Hätte sich der Bunker nach der anderen Seite gesenkt, so wären sie und Hugh unter dem Metall begraben worden. Ein paar Minuten später kamen Joe und Duke zu ihr. Joe trug eine Art Laterne. »Wie sollen wir ihn da herausfischen?« meinte Du- ke. »Überhaupt nicht. Es könnte das Rückgrat sein. Bar- bara, hast du ihn bewegt?« »Ja. Ich habe seinen Kopf in meinen Schoß gelegt.« »Hm.« Joe berührte Hugh und tastete ihn vorsichtig ab. »Ich kann keine schweren Verletzungen feststellen. Barbara, wenn du bei ihm bleiben könntest, lassen wir ihn einfach hier liegen. Wenn er zu sich kommt, kann ich ihn näher untersuchen.« »Gut, ich halte mich still. Sonst jemand verletzt?« »Nicht der Rede wert«, versicherte ihr Duke. »Joe glaubt, daß er ein paar Rippen gebrochen hat, und ich habe mir die Schulter verrenkt. Karen beruhigt Mutter. Den beiden ist nichts passiert – bis auf eine prachtvolle Beule auf Karens Stirn. Und du?« »Ein paar Kratzer. Hugh und ich spielten gerade Karten und versuchten, es uns so kühl wie möglich zu machen, als es passierte.« Ob die anderen ihr glaubten? Duke hatte nicht mehr an als sie und schien sich nichts daraus zu machen. Joe lief in seiner Unterhose herum. »Was ist mit der Katze?« fügte sie hinzu. »Doktor Livingstone kam mit dem Schrecken da-, von«, erklärte Joe feierlich. »Aber er ist gekränkt, weil seine Sandkiste umfiel. Jetzt hockt er da, putzt sich und beschwert sich gleichzeitig.« »Na, dann ist ja alles gut.« »Ist euch an dem Schlag etwas aufgefallen?« »Was denn, Joe? Daß es der schlimmste war?« »Auch. Aber man hörte anschließend keinerlei Grol- len und Rumpeln. Einfach ein Einschlag – und sonst nichts.« »Und was bedeutet das?« »Ich weiß auch nicht. Barbara, kannst du noch ein bißchen aushalten, ohne dich zu bewegen? Ich brauche mehr Licht.« »Natürlich.« Hugh schien leichter zu atmen. In der Stille konnte sie seinen Herzschlag hören. Sie fühlte sich glücklich. Karen kam mit einer Taschenlampe zu ihr herüber. »Was macht Paps?« »Unverändert.« »Schätzungsweise nur bewußtlos. Du bist in Ord- nung?« Sie ließ den Strahl der Taschenlampe über Barbara gleiten. »Ich bin unverletzt.« »Schön. Freut mich, daß du auch deinen Sonntags- staat trägst. Joe übersieht es so gewissenhaft, daß ich mir schrecklich vorkomme. Gott, ist der Junge anstän- dig.« »Ich habe keine Ahnung, wo meine Kleider sind.« »Joe ist der einzige von uns, der Hosen anhat. Was war denn los? Hast du geschlafen?«, »Nein. Ich unterhielt mich mit Hugh.« »Hmmm – Zeuge verweigert weitere Aussagen. Nun, ich werde dein gräßliches Geheimnis mit ins Grab nehmen. Mutter habe ich noch eine Beruhigungs- spritze gegeben.« »Ziehst du deine Schlüsse nicht ein bißchen zu schnell?« »Ich hoffe, mein häßlicher Verdacht bestätigt sich. Ich wollte, ich hätte etwas Besseres zu tun gehabt. Schließlich wird es unsere letzte Nacht sein.« Sie beugte sich zu Barbara hinüber und legte ihr den Arm um die Schulter. »Ich mag dich.« »Danke, Karen. Gilt auch umgekehrt.« »Na, dann halten wir eine Begräbnisrede, und ver- gessen wir nicht hervorzuheben, wie nett wir sind. Du hast Paps glücklich gemacht, als du für ihn die Bridge- partie gewonnen hast. Wenn du ihn noch glücklicher gemacht hast, soll es mich freuen.« Sie stand auf. »So, ich werde den Laden ein bißchen aufräumen. Ruf mich, wenn Paps aufwacht.« Sie ging weg. »Barbara?« »Hugh!« »Leise. Ich habe gehört, was meine Tochter sagte.« »Wirklich?« »Sie ist ein feiner Kerl, nicht wahr? Barbara, ich lie- be dich. Vielleicht die letzte Gelegenheit, es dir zu sa- gen. So, und jetzt kannst du Joe rufen.« »Das eilt nicht.« »Doch. Wir haben allerhand zu tun.« Kurz danach hatte Mister Farnham wieder die Lei-, tung übernommen, Joe untersuchte ihn genau, konnte aber keinerlei Verletzungen feststellen. Hughs erste Tat war es, Joes Brustkasten mit elasti- schen Binden zu umwickeln. Joe keuchte, als der Ver- band enger gezogen wurde, aber danach schien er sich besser zu fühlen. Gegen die Beule auf Karens Stirn konnte man nichts machen. »Duke, könntest du das Thermometer holen?« »Ist kaputt.« »Unmöglich. Es ist stoßfest.« »Hat ihm nichts genützt. Es hauchte sein Leben zwi- schen zwei Tanks aus.« »Oh. Na ja, so groß ist der Verlust nicht. Außerdem scheint es jetzt kühler zu sein.« »Paps, könnten wir nicht jetzt das Reserveradio aus- probieren?« »Hm – tut mir leid, Duke, es wird wahrscheinlich auch zertrümmert sein. Wir haben es schon vorher ver- sucht. Ohne Erfolg übrigens.« Er sah auf seine Armband- uhr. »Zwei Uhr früh. Hat sonst noch jemand eine Uhr?« Dukes Uhr zeigte die gleiche Zeit an. »Wir haben die Sache recht gut überstanden«, mein- te Hugh, »bis auf das Wasser. Ein paar Plastikkannen sind zwar noch da, aber wir müssen das Tankwasser irgendwie retten. Joe, wir benötigen irgendwelche Schöpfinstrumente. Und du, Karen, schaffst uns ein Frühstück herbei. Wir müssen essen, auch wenn es unsere letzte Schlacht ist.« »Was befiehlst du als Frühstück, Boß Hubert? Crê- pes Suzettes?«, »Jawohl.« »Du bekommst aber nur Kekse mit Wasserbrühe.« »Auch gut. Wie steht es mit dem Schöpfen?« »Paps, dieses Wasser trinke ich nicht einmal zu- sammen mit den Tabletten. Du weißt, wo es durchge- flossen ist.« Sie schnitt eine Grimasse. »Vielleicht müssen wir es trinken.« » …wenn wir es mit Whisky mischen.« »Der Alkohol ist zum Teil ausgelaufen. Ich frage mich nur, ob wir den Rest zu gleichen Rationen auftei- len oder ganz für Grace reservieren sollen.« »Oh.« Karen schob das Kinn grimmig vor. »Sie kann meinen Anteil haben. Aber die anderen sollen nicht darunter leiden, daß sie säuft, verstanden?« »Karen, für Mutter ist der Alkohol eine Art Medi- zin.« »Na ja, sicher. Und für mich sind Brillantenarmbän- der und Zobelmäntel Medizin.« »Hör auf, Baby. Vielleicht hat sie keine Schuld. Du- ke glaubt sogar, daß ich dafür verantwortlich bin. Wenn du erst mal so alt bist wie ich, wirst du die Men- schen auch so nehmen, wie sie sind.« »Ich sag’ ja schon nichts mehr. Kann sein, daß ich gemein bin – aber mir reicht es allmählich. Wenn ich Freunde heimbringe, müssen wir Mutter spätestens nach dem Abendessen wegschaffen. Oder sie fällt mei- nen Freunden in der Küche um den Hals.« »Wirklich?« »Weißt du das nicht? Tut mir leid, daß ich es sagen mußte.«, »Nicht so schlimm. Wie ich schon sagte, wenn du in mein Alter kommst …« »Paps, du weißt, daß das nicht der Fall sein wird. Warum verteilst du nicht einfach den Whisky? Er reicht vielleicht aus, um uns sanft hinüberzuschaffen.« Die Linien schienen sich noch tiefer in sein Gesicht zu graben. »Karen, ich gebe nicht auf. Es ist merklich kühler geworden. Möglicherweise kommen wir durch.« »Das ist die richtige Einstellung. Übrigens, Paps, warum hast du nicht an ein Entziehungsmittel gedacht, als du den Bunker bautest?« »Entziehungsmittel heilen die Sucht nicht, sie sor- gen nur dafür, daß dem Patienten furchtbar übel wird, wenn er trotzdem trinkt. Wenn deine Einschätzung unserer Chancen richtig ist, kannst du mir dann sagen, warum ich Grace zwingen sollte, ihre letzten Stunden so elend zu verbringen? Ich bin ihr Mann und nicht ihr Richter.« Karen seufzte. »Paps, du hast die schlechte Ange- wohnheit, immer im Recht zu sein. Also gut, sie kann meinen Anteilhaben.« »Ich wollte lediglich deinen Rat. Du hast mir gehol- fen, eine Entscheidung zu treffen.« »Was für eine?« »Meine Sache, du halbe Portion. Ab in die Küche mit dir.« Man setzte sich zum Frühstücken auf den Boden, da die Stühle nicht stehen bleiben wollten. Nur Mrs. Farn- ham blieb liegen. Sie war von der Spritze noch ganz, benommen. Alle hatten sich notdürftig angezogen. Barbara trug einen Kittel von Karen. Sie hatte zwar ihre Wäsche gefunden, aber sie war vollkommen durchweicht und würde auch bei der feuchten Luft nicht so schnell trocknen. »Die Konferenz wird hiermit eröffnet«, meinte Hugh. »Hat jemand Vorschläge?« Joe sah auf. »Weißt du, wieviel Sauerstoff wir noch haben?« »Ja. Wir müssen bald zu Filter und Ventilator grei- fen. Und kein einziger Strahlungsmesser funktioniert mehr. Wir haben keine Ahnung, was wir hereinlassen.« Hugh blickte fragend um sich. »Hast du den Ventilator angesehen?« »Er ist doch in Ordnung?« »Eben nicht. Ich glaube nicht, daß ich ihn reparieren kann.« Mister Farnham seufzte. »Ich hatte noch einen be- stellt. Sechs Monate Lieferfrist. Gut, ich sehe mir das Ding an. Du kannst mitkommen, Duke. Vielleicht hat einer von uns beiden einen Geistesblitz.« »Okay.« »Angenommen, wir können ihn nicht reparieren. Dann müssen wir mit dem Sauerstoff so sparsam wie möglich umgehen. Aber macht euch darauf gefaßt, daß wir in Kürze die Tür öffnen müssen.« Niemand sprach. »Herrgott, sitzt nicht so stumm da. Noch sind wir nicht erledigt. Wir machen aus Papier Staubfilter für die Tür. Und den kleinen Hörapparat haben wir auch, noch. Ich gehe nach draußen und errichte eine Anten- ne. Dann können wir uns die Nachrichten hier unten anhören. Und von den Stäben einer Koje können wir einen Fahnenmast aufstellen. Ich habe sogar eine ame- rikanische Flagge. Wenn wir es nicht schaffen, können wir immerhin mit fliegenden Fahnen untergehen.« Karen begann zu klatschen. »Hör auf zu spotten, Karen.« »Ich spotte nicht, Paps, mir ist zum Heulen zumute. Und selbst im wilden Getümmel der Jagd hielt er die Flagge unverzagt …« Ihre Stimme versagte, und sie schlug die Hände vors Gesicht. Barbara legte ihr den Arm um die Schulter, und Hugh fuhr fort, als sei nichts geschehen. »Wir schaffen es schon. Sie werden das Gebiet nach Überlebenden absuchen und die Flagge sehen. Wir müssen nur bis dahin am Leben bleiben. Keine unnötigen Anstrengun- gen. Schlaftabletten für die ganze Gesellschaft. Je län- ger wir schlafen, desto länger reicht die Luft. Hm, noch eines: Das Wasser muß rationiert werden. Duke, du bist dafür verantwortlich. Sieh nach, wieviel reines Wasser noch vorhanden ist. Bei den Medikamenten muß sich ein Meßbecher befinden. Das wäre alles – wenig Anstrengung, viel Schlaf, Rationierung des Wassers, den Ventilator reparieren. Ach ja! Wir kön- nen es uns nicht leisten, mehr als nötig zu schwitzen. Barbara, zieh den heißen Kittel aus.« »Darf ich hinausgehen?« »Gewiß.« Sie ging in den Tankraum und kam nach einer Weile in ihrer nassen Wäsche zurück. »Schon, besser«, nickte er. »Jetzt …« »Hubert? Hubert! Wo bist du? Ich habe Durst.« »Duke, gib ihr einen Becher. Und streich ihn von ih- rer Ration ab. Übrigens – wir dürfen nicht vergessen, daß die Katze auch Wasser braucht.« »Sie ist Selbstversorger. Sie hat sich über das schmutzige Wasser hergemacht.« »Na, schön. Joe, du bist nicht einverstanden?« »Ja. Das heißt, nein.« »Und?« »Wenig Anstrengung und so wenig Sauerstoff wie möglich – das ist schon gut. Aber in welcher Verfas- sung werden wir sein, wenn wir die Tür öffnen müs- sen?« »Dieses Risiko müssen wir eingehen.« »Ich meine, werden wir die Türen öffnen können? Wir sollten uns vergewissern, daß auch ein Mädchen die Tür aufbringen kann.« »Ich verstehe.« »Ich würde alle drei Türen ausprobieren. Die Stahl- platte können wir ja offenlassen. Und mit der Hand- kurbel wird auch ein Mädchen fertig.« »Du hast recht, Joe. Ich bin allmählich zu müde, um einen klaren Gedanken zu fassen.« »Was geschieht, wenn die oberen Türen blockiert sind? Vom Schutt vielleicht …« »Wir haben noch die Winde.« »Wenn wir die Türen nicht aufbekommen, sollten wir es mit dem Fluchttunnel versuchen. Dukes Schulter sieht nicht gut aus. Meine Rippen schmerzen auch,, aber heute kann ich noch arbeiten. Morgen werden wir beide ziemlich steif sein. Du weißt, Boß, daß wir noch eine Menge Zeug in dem Tunnel gelagert haben. Ko- stet Arbeit, alles wegzuräumen.« »Ich ordne nicht gern schwere Arbeit an. Aber du hast mich überzeugt.« Hugh stand auf und unterdrückte ein Stöhnen. »Fangen wir an.« »Noch ein Vorschlag, Boß.« »Und der wäre?« »Daß du in die Falle gehst. Du hast noch nicht ge- schlafen. Außerdem hast du wahrscheinlich eine Ge- hirnerschütterung.« »Mir geht es glänzend. Aber ihr beide?« »Die schweren Flaschen räumen wir mit dem Fla- schenzug weg. Barbara kann mir helfen. Sie ist stark.« »Natürlich. Er hat vollkommen recht, Hugh. Du bist eine größere Hilfe für uns, wenn du ausgeruht bist. Und wir können dich ja wecken, wenn wir dich unbe- dingt brauchen. Einverstanden?« Hugh lachte. »Eine Verschwörung. Also schön.« Ein paar Minuten später lag er auf der unteren Koje der Männerabteilung und schlief. Duke und Joe fanden heraus, daß fünf der Bolzen an der inneren Tür verklemmt waren. »Lassen wir sie«, entschied Joe. »Wir können sie immer noch mit dem Vorschlaghammer abschlagen. Versuchen wir die Stahlplatte wegzukurbeln.« Die Stahlplatte befand sich jenseits der inneren Tür und konnte mit Hilfe einer langen Kurbel und einer, Zahnstange zur Seite geschoben werden. Joe konnte sie nicht vom Fleck bewegen. Auch Du- kes Versuch mißlang, obwohl er an die vierzig Pfund mehr wog als Joe. »Festgeklemmt.« »Mmmm.« »Joe, du hast vorhin etwas von einem Vorschlag- hammer gesagt.« Der junge Neger runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich weiß nicht, Duke. Wir könnten die Kurbel bre- chen. Oder die Zähne beschädigen.« »Was sollen wir sonst tun?« »Sehen wir uns den Tunnel an.« Sie befestigten einen Flaschenzug in dem dafür vor- gesehenen Haken in der Decke und zerrten die riesigen Sauerstoffbehälter aus dem Durcheinander. Barbara und Karen paßten auf, daß die Ladung nicht allzu stark pendelte. Als der Boden freigemacht war, konnten sie die massive Platte sehen, die den Eingang in den Tun- nel versperrte. Sie besaß eine Öse für den Flaschenzug. Der Flaschenzug quietschte, aber mit einem plötzli- chen Ruck löste er den Deckel aus seiner Verankerung. Duke fluchte, als ihn der Rand am Schienbein traf. Die Höhle war voll von Vorräten. Karen zwängte sich nach unten und reichte die Sachen zu Barbara hin- auf, die sie sorgfältig stapelte. Plötzlich streckte Karen den Kopf hinaus. »Hallo, Mundschenk! Ich habe ein paar Kanister Wasser ge- funden.« »Um so besser.«, »Die hatte ich ganz vergessen«, sagte Joe. »Dieser Tunnel ist nicht mehr geöffnet worden, seit wir die Vorräte dort verstaut haben.« »Brauchen wir schweres Gerät, um dort rauszu- kommen?« »Nein, Duke, der Gang ist nicht so verriegelt wie der Vordereingang. Zwischen diesem Vorratsraum und dem Tunneleingang bindet sich nur eine Blechplatte. Im Tunnel selbst sind alle drei Meter Sandsäcke aufge- schichtet, und das Tunnelende ist mit Erde abgedichtet. Dein Vater wollte auf diese Weise eine Druckwelle bremsen.« »Die Sandsäcke werden alle vor der Blechplatte ge- landet sein.« »Dann graben wir uns eben durch.« »Warum hat er den Gang nicht richtig abgedichtet?« »Er hielt es so für sicherer. Du hast ja gesehen, was mit den Türen passiert ist. Es würde mir auch gar nicht gefallen, wenn ich in dem Tunnel eine verklemmte Stahltür aufbrechen müßte.« »Das sehe ich ein, Joe. Es tut mir leid, daß ich das hier mal ›Ein Loch in der Erde‹ genannt habe.« »Das ist es auch nicht. Es ist eine Maschine – eine Überlebensmaschine.« »Ich bin durch«, verkündete Karen. »Könnte mir ei- ner der Herren hier heraushelfen?« Duke half seiner Schwester nach oben. Joe kletterte nach unten. Sein Gesicht war schmerz- verzerrt. Doktor Livingstone hatte die Vorbereitungen überwacht. Nun folgte er seinem Herrn in die Höhle,, indem er seine Schultern als Landefläche benutzte. »Duke, kannst du mir bitte den Hammer reichen? Doc, verschwinde, du bist mir nur im Weg.« »Soll ich ihn nehmen?« erbot sich Karen. »Nein. Er muß seine Nase immer in solche Dinge stecken. Kann mal jemand das Licht halten?« Er ent- fernte die Verstrebungen und schichtete sie auf, so daß die Mädchen sie nur wegzunehmen brauchten. »Duke, ich brauche den Flaschenzug. Ich will das Ding nur ein wenig anheben. Es ist schwer.« »Achtung, hier kommt er.« »Danke. Doc, verdammt noch mal! Geh von meinen Beinen weg. Noch ein bißchen, Duke. Ich möchte ein- mal hinaussehen.« »Und eine Ladung Isotopen erwischen, was?« »Muß ich in Kauf nehmen. Noch einen Ruck – so.« Dann sagte Joe nichts mehr. Schließlich wurde Du- ke ungeduldig. »Was siehst du denn?« »Ich weiß nicht. Laß die Tür langsam zufallen, und reich mir eine der Verstrebungen.« »Hier – über deinem Kopf. Was siehst du, Joe?« Der Neger ließ die Platte langsam zurückgleiten. Dann fluchte er plötzlich. »Doc, komm sofort zurück! Doc!« »Er kann nicht weit kommen.« »Na ja – Karen, kannst du bitte deinen Vater wek- ken?« »Verflucht, Joe, was siehst du eigentlich?« »Ich weiß es einfach nicht, Duke. Deswegen brau- che ich ja Hugh.«, »Ich komme herunter.« »Kein Platz. Vorsicht, ich komme nach oben, damit Hugh in die Höhle kann.« »Was ist denn los, Joe?« Hugh stolperte herbei. »Sieh es dir lieber selbst an.« »Puh, ich hätte eine Leiter bauen sollen. Hilf mir ein bißchen.« Hugh löste die Verstrebung und die Platte. Auch er sagte eine Zeitlang kein Wort. Schließlich rief er nach oben: »Duke, wir hieven die Platte her- auf.« »Was ist los, Paps?« »Heb die Tür an, dann kannst du nach unten kom- men.« Duke kam dem Befehl nach. Die beiden Männer tauschten die Plätze. Duke starrte in den Tunnel. »So, jetzt reicht es, Duke. Komm, ich helfe dir nach oben.« »Was sagst du dazu?« wollte Hugh wissen. »Ich kann es nicht glauben.« »Paps«, sagte Karen scharf, »wenn jetzt nicht bald jemand sagt, was eigentlich los ist, gehe ich mit dem Hammer auf euch los.« »Ruhe, Baby. Du kannst gemeinsam mit Barbara runtergehen.« Duke und Hugh halfen den beiden Mädchen. Sie quetschten sich in den Tunnel und sahen sich um. »Oh, verflucht«, preßte Karen schließlich hervor und kroch auf allen vieren weiter in den Tunnel. »Karen! Komm zurück!« rief Hugh scharf. Er wand- te sich an Barbara: »Was siehst du?« »Wundervoll bewaldete Hügel, grüne Bäume und Sträucher und einen prächtigen Sonnenhimmel.« Bar-, bara hatte ganz langsam gesprochen. »Ja, das haben wir auch gesehen.« »Aber es ist unmöglich.« »Ja.« »Karen ist draußen. Ah, sie hat Doktor Livingstone eingefangen und winkt uns.« »Karen, komm vom Eingang weg. Er ist vielleicht strahlenverseucht.« »Hugh, wie spät ist es?« »Sieben vorbei.« »Draußen sieht es aber aus, als wäre es Mittag.« »Ich kann nicht mehr denken.« »Hugh, ich will ins Freie.« »Paß auf, daß du nicht an den Eingang stößt.« Sie begann in den Tunnel zu kriechen. Hugh wandte sich an Joseph. »Ich gehe nach draußen. Gib mir bitte einen Gurt und eine 45er. Ich hätte die Mädchen nicht unbewaffnet hinausgehen lassen sol- len.« Er ließ sich hinuntergleiten. »Ihr beide bewacht den Bunker.« »Wogegen?« wollte sein Sohn wissen. »Ich weiß auch nicht. Einfach ein unheimliches Ge- fühl. Na, kommt mit. Aber bewaffnet euch. Joe!« »Ja?« »Du kommst mit uns bis zum Ausgang. Wenn wir nicht sofort zurückkommen, mußt du nach eigenem Gutdünken handeln. Das hatte ich nicht vorhergesehen., Es kann einfach nicht sein.« Hugh schnallte die Pistole um. In der runden Tun- nelöffnung sahen sie das saftige Grün. Sie hatten Schutt und Krater erwartet. Hugh kroch durch den Tunnel ins Freie und richtete sich auf. »Paps! Ist das nicht wunderschön?« Karen stand unter ihm an einem Hang, der zu einem kleinen Fluß hin abfiel. Am anderen Ufer stieg das Land wieder an. Die Hänge waren dicht mit Bäumen bestanden. Sie selbst befanden sich auf einer Lichtung. Der Himmel war blau und durchtränkt von Sonne und Wärme, und nirgends sah man ein Anzeichen des ver- heerenden Krieges. Aber auch keine Häuser und Stra- ßen, keine Kondensstreifen am Himmel – und keine Menschen. Unbekannte Wildnis. »Paps, ich gehe zum Fluß hinunter.« »Du bleibst hier. Wo ist Barbara?« »Hier oben, Hugh.« Er drehte sich um und sah sie am Hang oberhalb des Bunkers. »Ich versuche heraus- zufinden, was geschehen ist. Was glaubt ihr?« Der Bunker klebte am Hang wie ein riesiger Mono- lith. Schmutz hing an den Wänden. »Ich habe aufgehört zu denken«, gestand Hugh. Duke kam nach draußen, ein Gewehr in der Hand. Er richtete sich auf, sah um sich und sagte nichts. Barbara und Karen schlossen sich den Männern an. Doktor Livingstone schoß auf Hugh zu, rieb sein Fell an dessen Beinen und verschwand wieder in großen Sprüngen. Die Perserkatze hatte offensichtlich ihre Zustimmung zu diesem Platz gegeben., »Ich gebe auf«, erklärte Duke. »Wie kam das?« Hugh gab ihm keine Antwort. »Paps«, beschwerte sich Karen, »warum dürfen wir kein Bad im Fluß neh- men? Ich bin völlig verdreckt.« »Du wirst es überleben. Aber es fehlte mir noch zu meiner Verwirrung, daß eine von euch beiden ertrinkt oder von Bären gefressen wird oder in Treibsand gerät. Ihr Mädchen geht jetzt wieder nach drinnen, bewaffnet euch und schickt Joe heraus.« »Jawohl, Sir.« Die Mädchen gingen. »Was glaubst du, Duke?« »Ich weiß nicht.« »Ich auch nicht. Alles hatte ich eingeplant – aber so etwas nicht.« »Es … es sieht aus wie das Bergland in Mittelame- rika. Aber das ist natürlich unmöglich.« »Ob möglich oder unmöglich, das wollen wir da- hingestellt sein lassen. Angenommen, es handelt sich um Mittelamerika. Wonach würdest du suchen?« »Nach Pumas vielleicht. Schlangen, Taranteln und Skorpionen. Moskitos. Die Bären hast du schon er- wähnt.« »Das war nur symbolisch gemeint. Auf alle Fälle müssen wir immer auf der Hut sein, solange wir nicht wissen, was uns erwartet.« Joe kam mit einem Gewehr auf sie zu. Plötzlich blieb er stehen. Duke folgte seinem Blick. »Verhun- gern müssen wir jedenfalls nicht. Da – links unten, am Fluß.« Ein gesprenkeltes Rehkitz starrte sie an. Es schien, sie nicht zu fürchten. »Soll ich?« fragte Duke und hob das Gewehr. »Nein. Nur, wenn du es ohne Frischfleisch absolut nicht mehr aushalten kannst.« »Komisch, unsere nordamerikanischen Rehe sahen aber ein bißchen anders aus. Wo sind wir nur gelan- det?« »Keine Ahnung. Vielleicht haben die Russen eine Bombe entwickelt, die Halluzinationen hervorruft.« »Würden wir dann alle die gleichen Dinge sehen?« »Weiß ich nicht. Aber ich glaube, wenn ich das Reh geschossen hätte, dann könnten wir es auch essen.« »Ja, das scheint mir auch so. Was ist mit dir, Joe? Irgendwelche Ansichten oder Vorschläge?« Joe kratzte sich am Kopf. »Herrliches Land. Aber ich bin in der Stadt aufgewachsen. Hast du noch dein Kurzwellengerät?« »Gute Idee. Ich werde es ausprobieren.« Er schickte Karen, die gerade im Begriff war, wie- der ins Freie zu krabbeln, noch einmal zurück. Dabei überlegte er, wie er am besten eine Treppe zum Tunnel anlegen könnte. Nur statische Geräusche waren zu hören. Hugh schaltete das Gerät ab. »Versuchen wir es heute nacht noch einmal. Nachts bekam ich früher sogar Kanada und Mexiko damit.« »Wenn wir nun aber nicht mehr in Mountain Springs sind?« »Sind wir offensichtlich nicht«, mischte sich Karen ein., Hugh runzelte die Stirn. »Das sehe ich auch. Aber wo sind wir denn nur?« »Du liest keine Science-Fiction-Romane, Paps. Wir sind auf einem fremden Planeten. Unsere gute alte Er- de war ohnehin schon ein bißchen abgenutzt.« »Mach keine Witze, Baby. Ich bin wirklich in Sor- ge.« Joe schüttelte den Kopf. »So unmöglich ist es gar nicht«, meinte er, »wenn es auch verrückt klingt.« »Wie kommst du auf die Idee, Joe?« »Nun, irgendwo sind wir ja. Und was geschieht, wenn direkt über dir eine Wasserstoffbombe explo- diert?« »Du löst dich in deine Atome auf.« »Schön. Aber ich fühle mich noch ziemlich kom- pakt. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß wir Tausende von Meilen mit diesem schweren Bunker durch die Luft segeln und uns bei der Landung nur ein paar gebrochene Rippen holen. Karens Idee …« Er zuckte die Achseln. »Vielleicht die vierte Dimension. Der letzte große Einschlag schleuderte uns durch die vierte Dimension.« »Na also, Paps. Wir sind auf einem fremden Plane- ten.« »Immer langsam, Kleines. Das müssen wir noch ge- nauer untersuchen.« »Karen, es muß die Erde sein«, mischte sich Barba- ra ein. »Warum, du Spielverderberin?« »Hmm …« Barbara zielte mit einem Kieselstein auf, einen Baum. »Das ist ein Eukalyptusbaum, und weiter drüben steht eine Akazie. Zwar nicht Mountain Springs, aber doch ein ganz normaler tropischer und subtropischer Pflanzenwuchs.« »Spielverderberin«, wiederholte Karen. »Warum sollten sich auf einem anderen Planeten nicht die glei- chen Pflanzen entwickeln wie auf der Erde?« »Das wäre schon sehr bemerkenswert, weil …« »Hubert? Hubert? Wo bist du denn?« Grace Farn- hams Stimme kam aus dem Tunnel. Hugh lief auf den Eingang zu. »Ich komme schon.« Sie nahmen ihr Mittagessen unter einem Baum in der Nähe des Bunkers ein. Hugh kam zu der Ansicht, daß der Tunnel so tief gesteckt hatte, daß man die Radioak- tivität vernachlässigen konnte. Nur was das Dach des Bunkers betraf, war er sich nicht so sicher. So depo- nierte er ein Dosimeter (die einzigen Meßgeräte, die die Erschütterung überstanden hatten) oben auf dem Bunker und verglich die Werte später mit denen ande- rer Dosimeter im Inneren. Mit Erleichterung stellte er fest, daß die Teststreifen alle die gleichen Werte liefer- ten – die Strahlenbelastung war zwar relativ hoch, aber nicht lebensbedrohend. Die einzige Vorsichtsmaßnah- me, auf der er bestand, war, daß niemand – außer Gra- ce – unbewaffnet herumlief. Grace Farnham ›konnte Waffen nicht ausstehen‹ und behauptete, sie brächte keinen Bissen herunter, wenn sie eine Pistole sähe. Dennoch aß sie mit gutem Appetit. Duke hatte ein Feuer gemacht, und sie waren glücklich über den hei-, ßen Kaffee, das Dosenfleisch, die heißen Erbsen und den Konservenobstsalat. Sie waren auch glücklich, daß sie rauchen durften, ohne mit einer Explosion rechnen zu müssen. »Das war wundervoll«, gestand Grace zu. »Lieb- ling! Weißt du, was uns zu unserem ländlichen Fest noch fehlt? Du magst es zwar nicht, wenn man tags- über trinkt, aber das hier sind schließlich besondere Umstände. Meine Nerven sind immer noch ein wenig angegriffen. Joseph, könntest du einmal hineinlaufen und eine Flasche spanischen Brandy holen?« »Grace!« »Was denn, Liebling? Wir könnten alle auf unsere wunderbare Rettung trinken. Was wolltest du sagen?« »Ich glaube nicht, daß wir noch Brandy haben.« »Was? Aber wir haben doch zwei ganze Kisten mit- genommen.« »Das meiste ist zerbrochen. Übrigens, das bringt mich auf eine Idee. Duke, du brauchst dich jetzt nicht mehr um die Verteilung des Wassers zu kümmern, aber du könntest den Alkohol und die Zigaretten über- wachen und gleichmäßig aufteilen.« Mrs. Farnham sah ihn ungläubig an, und Duke schien sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. Hastig sagte Karen: »Du weißt, Paps, was ich gesagt habe.« »Ach ja, Duke, deine Schwester tritt ihren Anteil als medizinische Reserve ab.« »Ich will diesen Job nicht«, sagte Duke. »Wir müssen die Vorräte einteilen, Duke. Ach ja, das gleiche gilt auch für die Zigaretten. Wenn die auf-, gebraucht sind, haben wir eben keine mehr. Immerhin können wir aber später mal versuchen, Alkohol zu de- stilieren.« Er wandte sich an Grace. »Willst du keine Beruhigungstablette, Liebling?« »Pillen! Hubert Farnham, wagst du allen Ernstes zu behaupten, daß ich keinen Drink bekommen kann?« »Aber nein. Insgesamt haben wir noch zwei Fla- schen gerettet. Das heißt, daß dir ungefähr ein achtel Liter zusteht. Wenn du trinken möchtest, bitte sehr.« »Schön. Also, Joseph, mach schnell, und hol mir die Flasche.« »Nein«, erklärte Hugh. »Wenn du trinken willst, Grace, mußt du dich schon selbst bemühen.« »Hugh, mir macht es nichts aus«, widersprach Joe. »Aber mir. Grace, Joe hat ein paar gebrochene Rip- pen. Du bist die einzige, die völlig unverletzt geblieben ist. Du kannst die aufeinandergestellten Kisten als Treppe benutzen. Und jetzt zur Arbeitsverteilung. Gra- ce, du kochst. Karen hilft dir dabei, nicht wahr?« »Natürlich, Paps.« »Wir wollen zwar einen Grill und ein Röstblech ba- steln, aber zunächst heißt es, über dem offenen Feuer kochen und das Geschirr im Fluß waschen.« »So? Und was tut Joseph in der Zwischenzeit, lieber Mister Farnham? Er muß sich sein Geld schließlich irgendwie verdienen.« »Kannst du mir vielleicht sagen, wie du ihn bezah- len möchtest? Liebling – siehst du denn nicht, daß du dich ein bißchen umstellen mußt?« »Sei doch nicht kindisch! Joseph weiß, daß er jeden, Cent bekommen wird, sobald alles wieder seinen nor- malen Weg läuft. Schließlich haben wir ihm das Leben gerettet. Er wird schon warten, nicht wahr?« »Grace, sei endlich still! Joe ist nicht mehr unser Diener, er ist unser Partner. Wir werden ihm nie wie- der ein Gehalt zahlen. Und jetzt hör auf, dich wie eine Närrin zu benehmen. Du mußt die Tatsachen sehen. Wir haben kein Geld, unser Haus ist weg, und mein Geschäft ist weg. Es gibt keine Banken mehr. Das, was wir im Bunker haben, ist unser einziger Besitz. Aber wir können von Glück reden, daß wir am Leben ge- blieben sind. Verstehst du mich?« »Ich verstehe nur, daß du die Notlage ausnützt, um mich zu kränken.« »Aber du sollst doch nur kochen.« »Ein Küchentrampel! Das war ich fündundzwanzig Jahre lang. Ich werde mich nicht mehr von dir herum- kommandieren lassen.« »Erstens hattest du immer ein Mädchen, und zwei- tens hat Karen abgespült, seit sie nur über das Becken sehen konnte. Grace, du kannst wunderbar kochen, wenn du nur willst. Und ich kann nur eines sagen: Entweder du kochst – oder du bekommst nichts zu es- sen.« Sie brach in Tränen aus und floh in den Bunker. Duke stand auf und wollte ihr folgen. Sein Vater sah ihn an. »Duke!« »Ja.« »Einen Augenblick noch. Ich sehe mir die Gegend an und möchte, daß du mitkommst.«, Duke zögerte. »Gut.« »Wir brechen in Kürze auf. Du wirst für uns jagen, weil du eine sicherere Hand hast als ich. Einverstan- den?« »Hmm – ja.« »Schön, dann kannst du zu Mutter gehen und sie be- sänftigen. Sieh zu, daß sie die Tatsachen begreift.« »Hm, aber du mußt zugeben, daß du sie zu scharf angefaßt hast.« »Mit Absicht. Sonst hätte sie nur Karen und Joe her- umkommandiert. Und jetzt geh.« Duke wandte sich abrupt ab. »Himmel, Hugh, ich koche wirklich gern«, wider- sprach Joe. »Sie kann es besser als du. Laß dich nicht erwi- schen, daß du für sie Handlangerdienste machst.« Joe grinste. »Du würdest mich nicht erwischen.« »Und wenn, dann nagele ich dich an einen Baum. Barbara, was verstehst du von Landwirtschaft?« »Ziemlich wenig.« »Du bist Botaniker in.« »Nein, ich wäre nur vielleicht irgendwann eine ge- worden.« »Damit bist du schon erheblich qualifizierter als alle anderen. Ich kann kaum eine Rose von Löwenzahn unterscheiden, Duke weiß noch weniger, und Karen glaubt, Kartoffeln wachsen in der Bratensauce. Und du hast gehört, wie Joe sagte, er sei ein Stadtkind. Aber wir haben Samen und etwas Dünger, außerdem Gar- tengeräte und Handbücher über Ackerbau. Verschaff, dir einen Überblick darüber, und such einen geeigneten Platz für den Garten aus. Die Umgrabungsarbeiten werden Joe und ich übernehmen, aber die Entschei- dungen triffst du.« »In Ordnung. Haben wir auch Weizen?« »Woher wußtest du das?« »Ich hatte es gehofft.« »Wir haben beides, Sommer- und Wintersaat. Aber such heute nachmittag nicht mehr nach einem geeigne- ten Platz, ich möchte nicht, daß ihr Mädchen euch vom Bunker entfernt, solange wir nicht wissen, welche Ge- fahren hier drohen. Joe, heute sollten wir zwei Dinge fertigstellen, eine Leiter und zwei Abtritte. Barbara, wie sehen deine Fähigkeiten als Zimmermann aus?« »Mittelmäßig. Ich kann einen Nagel einschlagen.« »Laß Joe nichts machen, was du selbst übernehmen kannst, seine Rippen müssen erstmal verheilen. Karen, mein Engel, du hast die ehrenvolle Aufgabe, die Ab- tritte auszuheben.« »Toll! Danke!« »Buddel einfach zwei Gräben, einen für die Damen, den anderen für uns niedere Lebewesen. Joe und ich werden später richtige Toiletten bauen, entweder aus Holz oder sogar aus Stein.« »Ich hatte mich auch schon gefragt, ob du vorhast, selbst irgendeine Arbeit zu übernehmen.« »Geistige Arbeit, Schatz. Planung, Anleitung, Über- wachung – siehst du nicht, wie ich schwitze?« Er gähn- te. »Ich wünsche euch einen angenehmen Nachmittag. Ich gehe jetzt in den Club, nehme ein türkisches Bad, und genehmige mir anschließend einen großen Drink.« Hugh und sein Sohn brachen eine halbe Stunde spä- ter auf. »Joe«, warnte Hugh noch, »wenn wir vor Abend nicht zurückkommen können, lassen wir wäh- rend der Nacht ein Feuer brennen. Und falls ihr uns suchen müßt, nimm eines der Mädchen mit. Am besten Karen, denn Barbara hat nur ein Paar Stöckelsandalen. Herrgott, Mokassins werden wir auch machen müs- sen.« Sie nahmen Gewehre, Äxte, Messer, Streichhölzer, eine eiserne Ration, einen Kompaß und Feldstecher mit. Hugh hatte im Vorrat Overalls und Jagdstiefel ge- habt, die sie jetzt anzogen. Der Berg, den Hugh ausgesucht hatte, lag jenseits des Flusses. Sie untersuchten die Ufer und fanden eine Stelle, an der sie das Wasser durchwaten konnten. Überall störten sie Wild auf. Kleintiere waren in der Überzahl, und sie waren offensichtlich noch nie von Menschen gejagt worden. Duke sah einen Berglöwen und zwei Bären. Es schien Frühnachmittag zu sein, als sie den Gipfel erreichten. Der Anstieg war steil, Unterholz versperrte ihnen den Weg, und sie waren beide außer Übung. Als sie endlich das Gipfelplateau erreicht hatten, hätte sich Hugh am liebsten auf den Boden geworfen. Statt dessen blickte er umher. Nach Osten hin fiel das Land ab. Er sah Meilen um Meilen Prärie. Aber nicht das winzigste Anzeichen von menschli- chem Leben. Er verstellte den Feldstecher und begann die Gegend, systematisch abzusuchen. Einmal bewegten sich Tiere über das Gras. Antilopen – oder eine Rinderherde. Man würde sie im Auge behalten müssen. Später … »Hugh?« »Ja?« Er ließ den Feldstecher sinken. »Siehst du den Gipfel dort? Er ist vierzehntausend- einhundertzehn Fuß hoch.« »Möglich.« »Es ist der Mount James, Hugh. Wir sind daheim!« »Wie meinst du das?« »Sieh mal nach Südwesten. Die drei Felsspitzen. An der mittleren brach ich mir das Bein, als ich dreizehn war. Die Spitze zwischen Mount James und den drei Zacken – Hunters Horn. Siehst du denn nicht? Die Umrisse sind die gleichen geblieben. Wir sind in Mountain Springs.« Hugh starrte hinüber. Er kannte die Konturen. Von seinem Schlafzimmerfenster aus hatte er sie täglich gesehen. »Du hast recht.« »Und verdammt will ich sein, wenn ich weiß, wie das zugegangen ist. Dad, wir haben unseren Grund und Boden überhaupt nicht verlassen.« Hugh trug schweigend ein paar Zahlen in sein No- tizbuch ein. Dann fragte er: »Wieviel Zeit haben wir noch?« »Hm … drei Stunden ungefähr. Die Sonne wird in etwa zwei Stunden untergehen.« »Das reicht gerade noch für eine Zigarettenpause.« Er sah sich um. »Ziemlich offenes Gelände hier. Ich glaube nicht, daß sich ein Bär unbemerkt anschleichen, könnte.« Er nahm den Revolvergurt ab und legte das Gewehr ins Gras. Duke bot seinem Vater eine Zigarette an. »Du bist kalt wie ein Fisch, Vater. Dich bringt überhaupt nichts aus der Ruhe.« »Ich bin so leicht erregbar, daß ich mich zwingen muß, nie meinen Gefühlen nachzugeben.« »Das scheint uns anderen nicht so.« Sie rauchten schweigend weiter. Hugh war völlig erschöpft. Ihm graute vor dem Heimweg. Plötzlich fügte Duke hinzu: »Und außerdem gefällt es dir, uns herumzukommandieren.« »Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte.« »Du wirst pathetisch. Dir gefällt es, Mutter zu schi- kanieren. Weißt du noch, wie du mich als Kind immer versohlt hast … bis Mutter sich einmischte.« »Wir müssen jetzt gehen«, sagte sein Vater nur und griff nach seinem Revolvergurt. »Nur einen Augenblick. Ich bin gleich fertig.« Hugh war aufgestanden. »Was gibt es?« »Da! Deine Captain-Rolle ist ausgespielt.« Er schlug auf seinen Vater ein. »Das ist für Mutter.« Hugh sank in die Knie. »Und das, weil du einem Nig- ger befohlen hast, mit der Waffe auf mich loszuge- hen.« Hugh Farnham blieb liegen, wie er gefallen war. »Nicht ›Nigger‹, Duke – Neger.« »Neger nur, solange er sich anständig benimmt. Wenn er eine Pistole zieht, ist er in meinen Augen ein dreckiger Nigger. Du kannst wieder aufstehen. Ich, werde mich nicht mehr an dir vergreifen.« Hugh Farnham erhob sich. »Gehen wir. Sonst wird es zu spät.« »Ist das alles, was du zu sagen hast? Schlag ruhig zurück. Ich werde mich nicht wehren.« »Nein.« »Ich habe mein Wort nicht gebrochen. Ich wartete, bis wir den Bunker verlassen hatten.« »Zugegeben. Soll ich vorangehen? Das ist vielleicht besser.« »Glaubst du, ich habe Angst, daß du mir in den Rücken schießen könntest? Sieh mal, Paps, ich mußte es einfach tun.« »Wirklich?« »Ja, zum Henker. Um mich selbst wieder achten zu können.« »Na schön.« Hugh schnallte den Gurt um und ging voran. Sie legten ihren Weg schweigend zurück. Schließlich meinte Duke: »Paps?« »Ja, Duke?« »Es tut mir leid.« »Vergiß es.« Sie gingen weiter, kamen an die Stelle, wo sie den Fluß überquert hatten. Hugh beeilte sich, da es allmäh- lich dunkel wurde. Duke schloß auf. »Noch eines, Paps. Warum hast du Barbara nicht als Köchin er- nannt?« Hugh ließ sich mit der Antwort Zeit. »Mutter kann nur kochen. Oder willst du, daß sie nichts tut, während sich die anderen abrackern?«, »Nein – wir müssen alle unser Teil leisten. Aber Mutter wird nicht mehr in Gegenwart der anderen an- geschrien, verstanden?« »Duke?« »Jaa?« »Ich habe letztes Jahr an drei Nachmittagen in der Woche Karate geübt.« »So?« »Versuch es nie wieder. Sicherer ist es, wenn du mich von hinten niederschießt.« »Zur Kenntnis genommen.« »Ich erwarte die gleiche Disziplin wie im Bunker. Anders geht es auf die Dauer nicht. Schließlich habe ich wichtigere Dinge zu tun als alle paar Stunden eine Meuterei zu unterdrücken. Duke, wenn es zwischen uns beiden noch einmal zum Kampf kommt, werde ich dich töten. Außer du erschießt mich aus dem Hinter- halt.« Sie gingen schweigend weiter. Hugh Farnham sah sich nicht um, ob ihm sein Sohn folgte. Schließlich begann Duke wieder: »Um Himmels willen, Paps, kannst du denn die ganze Sache nicht ein bißchen de- mokratisch aufziehen?« »Was willst du eigentlich? Die Führung willst du nicht übernehmen, aber du bedingst dir ein Veto über meine Entscheidungen aus. Sollen wir vielleicht ab- stimmen, ob Grace wie die anderen arbeiten muß? Ob sie den ganzen Whisky für sich verbrauchen darf? Muß sie sich während der Abstimmung zurückziehen? Oder soll sie sich gegen die Anklage der Gehorsamsverwei-, gerung und Trunksucht verteidigen? Möchtest du dei- ner Mutter so etwas zumuten?« »Sei doch nicht albern.« »Ich versuche nur herauszufinden, was du mit ›de- mokratisch‹ meinst. Du bist jederzeit als Führer will- kommen. Mir hängt die Verantwortung für euch zum Halse heraus, und ich weiß, daß auch Joe wenig daran liegt, mein Stellvertreter zu sein.« »Das ist noch so eine Sache. Warum darf Joe eigent- lich mitreden?« »Ich dachte, ich hätte etwas von ›Demokratie‹ ge- hört?« »Gewiß, aber er ist …« »Was denn, Duke? Ein Nigger? Oder ein Diener?« »Du stellst die Dinge immer ins häßliche Licht.« »Nein, aber du kommst mir mit häßlichen Vorschlä- gen. Wir können jederzeit eine formale Demokratie ausprobieren, komplett mit Verfahrensregeln, Debat- ten, geheimer Abstimmung und allem anderen, falls du so einen Unfug wirklich einführen willst. Allerdings mußt du vorher ein Mißtrauensvotum durchbringen und selbst die Führerschaft übernehmen. Und ich bin gehässig genug, dir zu wünschen, daß du damit durch- kommst. Aber bis dahin werden wir hier in einer ech- ten Demokratie leben.« »Und wie stellst du dir das vor?« »Ich habe hier die Führung aufgrund eines Mehr- heitsbeschlusses. Vier gegen zwei Stimmen, wenn ich das richtig sehe. Aber das gefällt mir noch nicht. Ich will eine eindeutige Mehrheit, weil ich mich nicht, ständig mit der Minderheit auseinandersetzen kann. Dich und deine Mutter meine ich damit. Ich möchte, daß es fünf zu eins steht, wenn wir zurückkommen, und ich will deine Zusicherung, daß du dich nicht ein- mischst, wenn ich versuche, deine Mutter zu überzeu- gen oder herumzukommandieren, damit sie ihren Teil der Arbeit übernimmt – und zwar so lange, bis du ei- nen Mißtrauensantrag riskierst.« »Du bittest mich, dem zuzustimmen?« »Nein, ich verlange das von dir. Freiwilliger Gehor- sam, oder beim nächsten Zusammenstoß wird einer von uns sterben. Ich werde dir nicht die leiseste War- nung geben. Deshalb wäre es für dich am günstigsten, mir in den Rücken zu schießen.« »Rede keinen Unsinn! Du weißt, daß ich dir nicht in den Rücken schießen würde.« »So? Ich würde dir beim nächsten Anzeichen von Ärger in den Rücken oder wohin auch immer schießen. Duke, ich sehe nur eine einzige Alternative. Wenn es dir möglich ist, Gehorsam zu leisten, wenn du nicht glaubst, mich ersetzen zu können, wenn du mich nicht umbringen kannst und wenn du auch keinen Kampf riskieren willst, bei dem einer von uns getötet würde, dann gibt es immer noch eine friedliche Lösung.« »Und die wäre?« »Du kannst jederzeit gehen. Ich gebe dir ein Ge- wehr, Munition, Salz, Streichhölzer, ein Messer, kurz alles, was du brauchst. Du verdienst es nicht, aber ver- hungern lasse ich dich nicht.« Duke lachte bitter auf. »Ich soll wohl Robinson Cru-, soe spielen, was? Und du behältst die Frauen bei dir?« »Keineswegs. Ich werde niemanden zurückhalten. Meinetwegen kannst du auch alle drei Frauen mitneh- men. Wenn sie wollen.« »Ich werde über den Vorschlag nachdenken.« »Tu das. Und in der Zwischenzeit bin ich der Boß. Ich warne dich, Duke. Allmählich verliere ich die Ge- duld. Du hast mir einen Zahn locker geschlagen.« »Das wollte ich nicht.« »So hat es nicht ausgesehen. Da ist der Bunker. Du kannst deinen guten Willen dadurch beweisen, daß du so tust, als hätten wir einen herrlichen Nachmittag ver- bracht.« »Sieh mal, Paps …« »Ach, halt den Mund. Ich kann kein Wort von dir mehr hören.« Karen hatte sie schon von weitem erspäht und wink- te ihnen zu. »Seht mal her, was ich in der Zwischenzeit vollbracht habe.« Sie stützte sich auf einen Spaten. Sie hatte auf jeder Seite des Bunkers eine Art Toilet- te gegraben. Aus den Holzkisten des Bunkers hatte sie Sitze gebastelt. Sogar das Toilettenpapier fehlte nicht. »Na?« fragte sie stolz. »Sind sie nicht prachtvoll?« »Wirklich«, lobte Hugh. Er verschwieg, daß sie viel zuviel von dem kostbaren Holz verbraucht hatte. »Barbara hat mir geholfen. Ihr solltet sie mal flu- chen hören, wenn sie sich mit dem Hammer auf den Daumen klopft.« »Sieht der Daumen arg aus, Barbara?« »Schon wieder gut. Kommt, seht euch die Leiter an.«, »Wackelt nicht einmal.« Er wollte nach innen klet- tern. Joe hielt ihn zurück. »Hör mal, Hugh, könntest du dir noch etwas anse- hen, solange wir genügend Licht haben?« »Ja. Was gibt es denn?« »Der Bunker. Du wolltest doch eine Hütte bauen. Angenommen, wir täten es. Was hätten wir? Einen Lehmboden und ein undichtes Dach, außerdem kein Glas für die Fenster und keine Türen. Der Bunker wäre doch viel besser.« »Hmm – aber eine Neigung von dreißig Grad ist ein bißchen unbequem.« »Eben das meine ich. Hugh, der hydraulische Heber schafft dreißig Tonnen. Wieviel wiegt der Bunker?« »Da muß ich mal überlegen, wieviel Kubikmeter Zement und wieviel Stahl wir verbaut haben.« Hugh zog sein Notizbuch aus der Tasche und rech- nete nach. »Alles in allem zweihundertfünfzig Ton- nen.« »Es war nur eine Idee.« »Vielleicht gar keine so schlechte.« Hugh ging prü- fend um den Bunker herum. »Wir könnten es schaf- fen«, meinte er schließlich. »Wir untergraben die hüge- laufwärts gelegene Seite, und zwar so weit, daß die Neigung ausgeglichen wird. Pech, daß wir keine besse- ren Geräte haben.« »Wie lange wird es dauern?« »Zwei Männer könnten es in einer Woche schaffen, wenn sie nicht auf allzu viele Felsblöcke stoßen. Ohne Dynamit kann ein Felsblock zu einem Problem werden.«, »Unüberwindbar?« »Irgendein Weg wird sich schon finden. Wenn der Untergrund nur nicht aus einer durchgehenden Fels- schicht besteht. Den ausgegrabenen Teil müssen wir jeweils mit Holzpflöcken abstützen. Am Ende holen wir die Stützen mit dem Flaschenzug heraus. Den He- ber setzen wir an der hügelabwärts gelegenen Seite an. Sobald der Bunker sich in der richtigen Lage befindet, füllen wir das entstandene Loch mit dem Zeug an, das wir auf der anderen Seite freigeschaufelt haben. Wird noch allerhand Schweiß kosten.« »Ich fange gleich morgen früh an.« »Den Teufel wirst du. Erst müssen deine Rippen heilen. Ich fange morgen früh an, zusammen mit zwei starken Mädchen. Duke kann sich uns anschließen, wenn seine Schulter nicht allzusehr schmerzt. Aber zuerst muß er uns einen Braten schießen. Es ist mir lieber, wenn wir die Konserven für Notzeiten aufhe- ben. Dabei fällt mir ein, was hast du mit den leeren Dosen gemacht?« »Sie vergraben.« »Buddel sie wieder aus, und mach sie sauber. Blech- büchsen werden hier wertvoller sein als Gold, weil wir sie für alles mögliche verwenden können. Komm, ge- hen wir jetzt rein. Ich muß noch die Leiter bewun- dern.« Wieder hatte Hugh das Gefühl, daß zu viel Holz verschwendet worden war, und wieder sagte er nichts. Herrgott, es gab so vieles, was man nicht mehr durch ein einfaches Telefongespräch in Ordnung bringen, konnte. Das Toilettenpapier – man durfte es nachts nicht draußen lassen. Wenn es regnete? In ein paar Wochen würden sie sich ohnehin mit Gras oder Blät- tern behelfen müssen. So viele Dinge hatten sie einfach als gegeben ange- sehen. Monatsbinden zum Beispiel. Wie lange mochte ihr Vorrat reichen? Und was benutzten die Frauen pri- mitiver Eingeborenenstämme? Irgend etwas mit Si- cherheit, aber was? Er würde ihnen klarmachen müssen, daß sie nichts wegwerfen durften, kein Blatt Papier, keinen schmut- zigen Lappen, keinen Nagel. Und er würde ständig aufpassen, sie ermahnen und antreiben müssen. »Das ist eine sehr schöne Leiter, Barbara.« Sie war geschmeichelt. »Joe hat die schwierigen Teile gemacht.« »Habe ich nicht«, sagte Joe. »Ich habe nur ein paar Ratschläge gegeben und das obere Ende anmontiert.« »Na, wer auch immer die Leiter gemacht hat, sie sieht jedenfalls gut aus. Jetzt wollen wir mal sehen, ob sie auch mein Gewicht trägt.« »Ganz bestimmt«, erklärte Barbara stolz. Im Bunker brannten alle Lichter. Mit den Batterien mußten sie auch sparsamer umgehen. Er würde den Mädchen zeigen, wie man Kerzen herstellte. »Wo ist Grace, Karen?« »Mutter fühlt sich nicht wohl. Sie hat sich hinge- legt.« »So? Dann fang du mal schon mit dem Abendessen an.« Hugh ging in das Frauenabteil und sah, woran, seine Frau litt. Sie schnarchte mit offenem Mund. Die Kleider hatte sie gar nicht abgelegt. Er hob ihr Augen- lid. Sie rührte sich nicht. »Duke?« »Ja?« »Komm her. Die anderen gehen hinaus.« Duke kam zu ihm herüber. »Hast du Grace nach dem Mittagessen einen Drink gegeben?« »Wie? Hattest du es verboten?« »Ich wollte dich nicht kritisieren. Wieviel?« »Nur einen. Ein bißchen Scotch, mit Wasser ver- mischt.« »So sieht sie nicht aus. Versuch mal, sie aufzuwek- ken.« Duke schüttelte sie und richtete sie wieder auf. »Paps, ich weiß, daß du nicht sehr viel von mir hältst. Aber ich habe ihr wirklich nur einen Drink gegeben. Verdammt, ich hasse ihre Trunksucht noch mehr als du.« »Bleib ruhig, Duke. Vermutlich ging sie an die Fla- sche, als sie allein war.« »Vielleicht.« Duke runzelte die Stirn. »Ich gab Mut- ter einen Drink aus der ersten ganzen Flasche, die ich fand, und machte dann Inventur. Die Flaschen habe ich versteckt und markiert.« »Versteckt?« »Ja, sicher. In der oberen Koje des Männerabteils. Ich dachte, es würde ihr schwerfallen, nach oben zu klettern. Komm mit, sehen wir uns die Sache einmal an.« Zwischen den Federn und der Matratze befanden, sich dreizehn volle Flaschen. Die vierzehnte war fast voll. Duke hielt sie hoch. »Siehst du? Genau bis zum Strich. Aber warte – da war doch noch eine Flasche, die wir vor dem zweiten Einschlag angebrochen hatten. Was ist eigentlich mit der?« »Davon haben Barbara und ich noch getrunken. Im Tankraum. Ich weiß auch nicht, was aus ihr geworden ist.« »Ach die – zerbrochen. Ich geb’s auf. Wo hatte sie denn das Zeug nur her?« »Es war kein Alkohol, Duke.« Hugh ging auf die Medizinschublade zu und holte eine Flasche heraus. »Zähl mal die Seconal-Kapseln nach. Du hattest zwei.« »Ja.« »Karen bekam auch zwei und Joe eine. Barbara und ich blieben wach. Grace hatte eine Beruhigungsspritze. Es müßten also fünf Kapseln fehlen.« »Ich zähle, sei still.« Sie kamen auf einundneunzig. »Das heißt, daß Gra- ce vier Kapseln schluckte.« »Was sollen wir machen, Paps? Den Magen aus- pumpen?« »Nichts.« »Sei doch nicht so herzlos! Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen.« »Immer langsam, Duke. Vier Kapseln schaden ei- nem gesunden Menschen nicht – und Grace ist gesund und stark wie ein Pferd. Nein, sie holte die Pillen, um sich damit zu berauschen.« Hugh runzelte die Stirn. »Eine Alkoholikerin ist schon schlimm genug. Aber, mit diesen Schlaftabletten kann man sich töten, ohne es zu wollen.« »Paps, ich verstehe nicht. Tabletten – zum Berau- schen?« »Du kennst ihre Wirkung nicht?« »Ich habe letzte Nacht zum erstenmal im Leben eine Schlaftablette genommen.« »Und kannst du dich noch an das Gefühl erinnern? Wohlig und warm und ein bißchen schwindlig?« »Nein. Ich war einfach weg. Als ich wieder zu mir kam, wurde ich mit der Schulter gegen den Boden ge- preßt.« »Du bist sie noch nicht gewohnt. Grace weiß, was sie erzeugen können. Einen Rausch, einen glücklichen Rausch. Bisher nahm sie nie mehr als eine, soviel ich weiß, aber da hatte sie ja auch Alkohol im Überfluß. Wenn jemand Schlaftabletten nimmt, weil er nicht an Alkohol herankommt, ist das eine sehr üble Geschich- te.« »Oh, Paps, du hättest den Alkohol schon lange vor ihr verstecken sollen.« »Wie denn, Duke? Sollte ich ihr verbieten, noch ein Glas zu trinken? Sie von Parties fernhalten? In der Öf- fentlichkeit und vor Joseph mit ihr streiten? Ihr kein Taschengeld geben? Dann hätte sie ihre Pelzmäntel versetzt.« »So etwas hätte Mutter nie getan!« »Das wäre aber das typische Verhalten in solchen Fällen, Duke. Es ist unmöglich, Alkohol von einem erwachsenen Menschen fernzuhalten, der fest ent-, schlossen ist, sich welchen zu beschaffen. Selbst die Regierung der Vereinigten Staaten hatte nicht so viel Macht. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Nie- mand kann die Verantwortung für das Verhalten eines anderen Menschen übernehmen. Ich habe gesagt, ich wäre für unsere Gruppe verantwortlich, aber das ist nur eine Phrase. Alles, was ich tun kann oder du oder jeder andere Führer, besteht darin, jeden einzelnen darin zu bestärken, für sich selbst verantwortlich zu sein.« Hugh nagte an seiner Unterlippe. »Vielleicht hätte ich sie mehr beschäftigen sollen. Aber sie warf mir schon vor, daß ich ein Geizhals sei, weil ich nur einen Hausboy und eine Putzfrau hielt. Duke, was hätte ich tun sollen? Sie schlagen?« »Unmöglich. Was machen wir jetzt?« »Tja – was machen wir jetzt? Wir müssen auch die Pillen verstecken.« »Und ich habe gute Lust, den ganzen Alkohol weg- zukippen.« »Das würde ich nicht tun.« »So, würdest du nicht? Bin ich hier für den Alkohol verantwortlich, oder habe ich das mißverstanden?« »Die Entscheidung liegt ganz bei dir. Ich habe nur gesagt, daß ich das nicht tun würde, weil ich es für ei- nen Fehler halte.« »Na gut, ich tu’s nicht. Paps, ich will jetzt nicht groß darüber diskutieren, ob oder wie du Mutter vom Trin- ken hättest abbringen können, aber ich werde das jetzt unterbinden.« »Sehr gut, Duke. In ein paar Tagen wird ohnehin, kein Alkohol mehr da sein. Es dürfte besser sein, sie schrittweise zu entwöhnen. Von mir aus kannst du auch meinen Anteil nehmen. Ich trinke zwar hin und wieder genauso gern wie jeder andere, aber Grace braucht das Zeug.« »Das wird nicht nötig sein«, sagte sein Sohn heftig. »Ich werde ihr gar nichts mehr geben. Je eher sie da- von loskommt, desto eher wird es ihr wieder gut ge- hen.« »Das ist deine Entscheidung. Darf ich einen Vor- schlag machen?« »Was denn?« »Bring die Flaschen morgen früh, bevor sie auf- wacht, nach draußen, und vergrab sie an einer Stelle, die nur du kennst. Öffne immer nur eine Flasche, und verteil sie gleichzeitig an alle. Bitte die anderen, nur dann zu trinken, wenn sie es nicht sehen kann. Und versteck die angebrochene Flasche auch besser drau- ßen.« »Klingt vernünftig.« »Es wird dann allerdings um so wichtiger, die Schlaftabletten von ihr fernzuhalten.« »Nein, die brauchen wir hier drinnen. Außerdem geht es nicht nur um die Schlaftabletten. Es sind auch diverse Beruhigungsmittel darunter, die sie auch besser nicht in die Finger kriegt. Wir werden sie im Panzer- schrank unterbringen.« »Wo?« »Ich habe einen kleinen Safe in die Wand hinter dem Geschirrschrank eingebaut. Ist nichts besonderes, drin, nur Geburtsurkunden und solcher Kram, außer- dem etwas Reservemunition und zweitausend Silber- dollars. Bring das Geld beim Werkzeug unter, viel- leicht können wir es mal sinnvoll verwenden. Die Safe- kombination lautet ›July 4th, 1776‹, also ›74-17-76‹. Wir sollten sie ändern, weil Grace sie vermutlich kennt.« »Sofort.« »Laß dir Zeit. Grace schläft fest. Duke, ab jetzt bist du nicht nur für Alkohol und Pillen zuständig, sondern für alle Dinge, die unersetzbar sind: Tabak, Munition, Nägel, Toilettenpapier, Streichhölzer, Nadeln …« »Ein dankbarer Job.« »Von der Sorte habe ich noch mehr. Ich versuche, jeden nach seinen Fähigkeiten einzusetzen. Joe ist zu schüchtern, außerdem hat er heute keine Sekunde lang daran gedacht, mit unseren Vorräten hauszuhalten. Ka- ren kann überhaupt nicht planen. Barbara fühlt sich als Schmarotzer, was sie nicht ist, aber genau deshalb würde sie nicht energisch durchgreifen. Ich hingegen schon, aber ich habe zuviel um die Ohren. Du wärest genau richtig dafür, denn du zögerst nicht, dich selbst zu behaupten. Und du kannst vorausschauend planen, sofern du dir die Mühe machst.« »Meinen herzlichen Dank.« »Am schwersten wird es sein, den anderen einzu- bleuen, daß sie auch die rostigste Konservenbüchse nicht wegwerfen dürfen. Ach – Salz. Salz müssen wir auch einteilen. Wir brauchen es zum Gerben. Oh, ich gebe allmählich auf. Die Hälfte habe ich vergessen mitzunehmen.«, »Du hast ganze Arbeit geleistet, Paps«, gestand Du- ke zu. »Danke. Wir …« »Paaps!« »Ja?« Hugh ging in den Tankraum. Karen erschien am Eingang. »Können wir bitte hereinkommen, Paps? Es ist dun- kel, und wir fürchten uns. Doc hat sich schon hereinge- flüchtet. Irgend etwas muß ihn erschreckt haben.« »Komm nur. Wir verschließen den Eingang.« »Jawohl. Aber zuerst mußt du dir die Sterne anse- hen, Paps. Die Milchstraße. Und der Große Bär. Sieht man eigentlich von einem fremden Planeten aus auch den Großen Bären?« »Ich weiß nicht.« Er erinnerte sich, daß die anderen noch gar nichts von ihrer Entdeckung gesagt hatten. Karen hatte recht. Noch nie hatten die Sterne so klar über den Bergen gestanden. »Wundervoll!« sagte er leise. Karen legte ihre Hand in seine. »Ja«, nickte sie. »Und trotzdem hätte ich nichts gegen ein paar Straßen- laternen. Wir haben Kojoten gehört.« »Bären gibt es auch, und Duke sah sogar einen Berglöwen. Joe, die Katze muß nachts im Bunker blei- ben. Sieh zu, daß sie auch tagsüber nicht zu große Aus- flüge unternimmt.« »Sie ist ziemlich ängstlich. Und heute muß ihr schon etwas einen großen Schreck eingejagt haben.« »Bären!« Karen schüttelte sich. »Komm, Barbie, gehen wir hinein. Wenn der Mond jetzt aufgeht, sind, wir auf der guten alten Erde.« Dukes Entdeckung war das Hauptthema beim Abendessen. »Und du hast dich nicht geirrt?« wollte Karen wis- sen. Duke schüttelte den Kopf. »Wir sind den Reservoir- Hill hinaufgestiegen, um eine bessere Rundsicht zu haben.« »Den Reservoir-Hill? Aber dazu könnt ihr doch un- möglich so lange gebraucht haben?« »Paps, erkläre mal deiner Tochter den Unterschied zwischen einem Fußgänger und einem Automobili- sten.« »Ich glaube, es war die Bombe«, sagte Barbara plötzlich. »Sicher, Barbara. Aber es geht um das Wie?« »Ich meine die riesige Wasserstoffbombe, die die Russen angeblich besaßen. Die ›kosmische Bombe‹, wie sie sie immer nannten. Sie schlug genau über uns ein.« »Und weiter?« »Die ersten beiden Einschläge waren schrecklich. Sie ließen uns fast vor Hitze umkommen. Und dann der letzte Einschlag. Einfach wumm! und dann kein Laut mehr, keine Hitze, keine Radioaktivität. Habt ihr schon mal von parallelen Welten gehört? Millionen Welten, die sich bis auf winzige Details völlig gleich sind. Welten, in denen Elisabeth die Erste Essex heira- tete und Mark Antonius auf die Indianerjagd ging. Die kosmische Bombe schlägt ein, und sie stößt uns ein-, fach in die nächste Welt. Eine Welt genau wie die un- sere – nur daß es keine Menschen außer uns gibt.« »Ich weiß noch nicht, ob mir eine Welt ohne Men- schen gefallen wird. Lieber wäre mir ein fremder Pla- net mit Kriegern, die auf Riesenkröten reiten.« »Was haltet ihr von meiner Theorie?« Hugh zuckte die Achseln. »Ich will mich nicht fest- legen. Aber ich glaube auch, daß wir nicht damit rech- nen sollten, auf andere Menschen zu stoßen.« »Ich gebe Barbara recht«, meinte Duke. »Die Theo- rie kommt den Tatsachen sehr nahe. Wir wurden aus unserer Welt herausgequetscht wie die Kerne aus einer Melone. Ffft!« »Und wir landeten hier.« »Wir können das Ganze Barbara Wells Kosmopor- tationstheorie nennen. So, und jetzt bin ich müde. Hugh – wer schläft wo?« »Einen Augenblick noch. Meine Damen und Her- ren, hiermit stelle ich Ihnen unseren neuen Rationsvor- steher vor. Verbeugung, Duke.« Hugh erklärte das Sparprogramm. »Macht es Duke nicht zu schwer. Ihr müßt euch nur vorstellen, daß das, was ihr verschwen- det, den anderen fehlt. Und nun zu der nächsten Er- nennung. Baby, kannst du stenografieren?« »Das ist zuviel gesagt. Mister Gregg würde vernei- nen.« »Hugh, ich kann stenografieren. Worum geht es?« »Schön, Barbara. Dann wirst du zur Geschichts- schreiberin ernannt. Heute ist Tag Eins. Schreib die täglichen Ereignisse in Kurzschrift nieder und übertra-, ge sie später. Dein offizieller Titel: Erhalterin der Flamme. Und das wirst du demnächst auch. Wir müs- sen ein Feuer anzünden und dürfen es nachts nicht ausgehen lassen. So, Duke, jetzt kannst du Schlafenge- hen.« »Paps, dürfen Barbara und ich im Tankraum noch baden? Wir haben schrecklich geschwitzt.« »Es geht nicht um das Wasser«, meinte Hugh, »aber es wäre doch einfacher, wenn ihr morgen im Fluß ba- den würdet. Und noch eines: Wenn jemand badet, muß ein anderer Wache stehen. Das mit den Bären war kein Spaß.« Karen schüttelte sich. »Also, dann gehen wir ins Bett.« »Doch kein Bad mehr?« »Höchstens in unserem Schlafabteil. Ich möchte euch das Rotwerden ersparen.« »Ich werde nicht rot.« »Solltest du aber.« »Die Sache können wir auch gleich besprechen. Wir hocken hier dichter aufeinander als die Leute in einer Moskauer Wohnung. Wißt ihr, was die Japaner über Nacktheit sagen?« »Soweit ich weiß, baden sie gemeinsam«, sagte Ka- ren, »und ich wäre froh, wenn ich da mitmachen könn- te. Heißes Wasser! Das wäre toll!« »Sie sagen: Nacktheit darf man sehen, aber nicht bemerken. Schamgefühle gibt es nicht mehr. Ihr braucht nicht nackt herumzulaufen, aber prüde dürft ihr auch nicht sein., Denkt an das Baden. Niemals ohne Wache. Und wer weiß, ob im Notfall gerade ein gleichgeschlechtliches Wesen als Wachtposten zur Verfügung steht.« Er sah Joseph an. »Das gilt vor allem für dich.« Joe erwiderte trotzig den Blick. »Ich wurde so erzo- gen, Hugh.« »Ich bin auch kein Wilder, Joe, aber das nützt uns jetzt herzlich wenig. Wenn du den Tag über hart gear- beitet hast, kann es durchaus sein, daß nur Barbara zur Verfügung steht, um Wache zu schieben.« »Ich werde schon aufpassen. Außerdem habe ich noch keinen Bären gesehen.« »Joe, mach keinen Unsinn. Du bist schließlich mein Stellvertreter.« »Danach habe ich mich nie gedrängt.« »Du wirst das auch nicht länger bleiben, wenn du deine Haltung nicht änderst. Du wirst baden, wenn du es nötig hast und dabei jeden von uns als Wache ak- zeptieren.« »Nein, lieber nicht«, sagte Joe widerspenstig. Hugh Farnham seufzte. »Diesen Blödsinn hätte ich nicht von dir erwartet. Duke, gibst du mir Rückendek- kung? Stufe Sieben, du verstehst?« »Mit Vergnügen!« Duke machte sich daran, sein Gewehr zu laden. Joes Kinnlade klappte nach unten, doch er rührte sich nicht. »Hör auf, Duke, Waffen werden wir nicht brauchen. Das reicht jetzt, Joe. Du nimmst nur die Kleidung mit, die du letzte Nacht getragen hast. Die Sachen, die du jetzt anhast, behalte ich, weil ich sie bezahlt habe. An-, sonsten bekommst du nichts, nicht einmal Streichhöl- zer. Du kannst dich im hinteren Raum umziehen, da dir deine Schamhaftigkeit so wichtig ist. Also beweg dich.« »Ist das dein Ernst?« fragte Joe. »Waren in der Pistole, mit der du Duke bedroht hast, echte Kugeln? Du hast mir geholfen, ihn zu stutzen. Ich selbst mußte meine eigene Frau zur Vernunft brin- gen. Glaubst du, ich kann dich wie ein rohes Ei behan- deln? Lieber Himmel, als nächstes kommen dann die Mädchen mit Sonderwünschen, und schließlich fällt die ganze Gruppe auseinander, und alle werden ster- ben. Du hast zwei Minuten, um dich von Doktor Li- vingstone zu verabschieden, aber die Katze bleibt hier – ich will nicht, daß sie gefressen wird.« Die Katze lag auf dem Schoß des Negers. Joe stand vorsichtig auf und hielt sie dabei auf dem Arm. Er wirkte wie betäubt. »Es sei denn, du ziehst es vor, hierzubleiben«, setzte Hugh hinzu. »Darf ich?« »Zu den gleichen Bedingungen, die für alle gelten.« Zwei Tränen rannen über Joes Wangen hinab. Er blickte auf die Katze und streichelte sie. Dann sagte er mit leiser Stimme. »Ich würde gern bleiben. Und ich bin einverstanden.« »Gut, beweise es, indem du dich bei Barbara ent- schuldigst.« Barbara blickte erstaunt auf. Sie schien etwas sagen zu wollen, besann sich aber eines besseren., »Ahm … Barbara, es tut mir leid.« »Ist schon gut, Joe.« »Ich wäre … glücklich und stolz, wenn du mich bewachst. Beim Baden, meine ich. Wenn du willst.« »Jederzeit, Joe.« »Danke.« »So, das hätten wir. Hat jemand Lust zu einer Partie Bridge?« »Warum nicht?« fragte Karen. »Duke?« »Nein, danke. Ich gehe ins Bett. Wenn jemand aufs Töpfchen will, muß er über mich steigen.« »Schlaf lieber am Boden neben den Kojen, Duke, damit der Durchgangsverkehr nicht gestört wird. Nein, nimm lieber die obere Koje.« »Das ist deine.« »Ich gehe spät zu Bett, ich will vorher noch etwas überprüfen. Joe? Spielst du mit?« »Ich glaube nicht, Sir, daß ich Karten spielen möch- te.« »Willst du mich in meinem eigenen Haus beleidi- gen?« »Das war nicht meine Absicht, Sir.« »Ich glaube doch. Joe, das war ein Friedensangebot. Nur eine Runde. Wir haben alle einen schweren Tag gehabt.« »Danke, aber lieber nicht.« »Verdammt, Joe, wir können es uns nicht leisten, beleidigt zu sein. Letzte Nacht wurde Duke viel härter rangenommen. Er wäre fast in einer radioaktiven Hölle gelandet und nicht bei ein paar verspielten Bären. Ist er, jetzt eingeschnappt?« Joe senkte seinen Kopf und streichelte Doktor Li- vingstone. Dann grinste er plötzlich. »Ich werde dich schlagen wie noch nie.« »Barbie?« »Gern.« Sie hoben ab und ermittelten die Partner. Joe und Karen spielten zusammen. »Behalte ihn gut im Auge, Barbie«, warnte Hugh. »Soll ich extra einsetzen, Paps?« »Was hast du denn zu bieten?« »Mmm – meinen unschuldigen weißen Leib viel- leicht.« »Viel zu dick.« »Du bist unmöglich. Ich bin lediglich gut proportio- niert. Aber wie wäre es mit meinem Leben, meinem Glück und meiner geheiligten Ehre?« »Gegen?« »Ein Diamantenarmband natürlich.« Barbara sah überrascht, wie schlecht und unkonzen- triert Hugh heute spielte. Irgend jemand mußte auch ihn zur Vernunft bringen. Sonst würde er unter der Last noch zusammenbrechen. Eine halbe Stunde später schrieb Hugh einen Gut- schein für ein Diamantenarmband aus. Sie machten sich zum Schlafen zurecht. Hugh stellte erfreut fest, daß Joe sich nackt auszog, bevor er in die untere Koje schlüpfte. Duke lag nackt auf dem Fußboden. Der Raum war heiß, der Beton kühlte sich nur langsam ab, und da sie den Eingang verschlossen hatten, zirkulierte, auch die Luft nicht mehr. In Gedanken machte sich Hugh eine Notiz, daß er ein bärensicheres – und kat- zensicheres – Gitter anstelle der Abdeckung einbauen müßte. Später … Er nahm die Öllampe mit in den Vorratsraum. Jemand hatte die Bücher wieder ordentlich in die Regale gestellt, abgesehen von einigen, die aufgeklappt dort lagen, damit sie trocknen konnten. Die letzten Bücher der Erde … Zumindest schien es so. Er verspürte eine plötzliche Trauer, die das abstrakte Wissen um den Tod von Millionen nicht in ihm her- vorgerufen hatte. Irgendwie erschien ihm der Umstand, daß Millionen von Büchern vernichtet worden waren, viel schlimmer als der Tod vieler Menschen. Jeder Mensch mußte einmal sterben, das war der einzige Punkt, den alle gemein hatten. Ein Buch hingegen stirbt nie und dürfte auch nicht vernichtet werden. Bü- cher waren die unsterbliche Seele der Menschheit. Bü- cherverbrennungen … das hieß, wehrlose Schriften hinzuschlachten. Bücher waren immer seine besten Freunde gewesen. In Dutzenden von öffentlichen Bibliotheken hatte er von ihnen gelernt. Hunderte von Buchläden hatten ihm geholfen, seine Einsamkeit zu bekämpfen. Plötzlich wurde ihm klar, daß ihm sein Leben leer erscheinen würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, wenigstens einige Bücher zu retten. Der größte Teil seiner Sammlung war praktischer Natur, wie die Encyclopaedia Britannica. Grace hatte, vorgeschlagen, den Platz lieber für einen Fernseher zu reservieren, denn möglicherweise wird man sie danach nur schwer kaufen können‹. Er war auch nicht sehr begeistert darüber, wieviel Platz sie brauchte, aber es war nun einmal die größte und kompakteste Ansamm- lung von Wissen, die sich finden ließ. ›Che‹ Guevaras War of the Guerillas – Gott sei dank würde er dies Buch wohl kaum brauchen! Genausowenig wie die daneben: ›Yank‹ Leivys Handbuch über den Wider- standskampf, Griffith’ Übersetzung von Mao Tse- tungs On Guerilla Warfare oder Tom Wintringhams New Ways of War. Es würde keine Kriege mehr geben! Das Große Pfadfinderhandbuch, Eshbachs Einfache Maschinen, Jagen und Angeln, Eßbare Pilze und wie man sie erkennt, Das Leben vor zweihundert Jahren, Das Blockhaus, Kamine und Schornsteine, Das Tram- per-Kochbuch, Wie man mit fünf Hektar Land unab- hängig wird, Russisch für Anfänger, englisch-russische und russisch-englische Wörterbücher, Der Pflanzen- kundige, das Überlebenshandbuch der Navy, Überle- benstechniken der Air Force, Der Zimmermann – leicht gemacht – alles wichtige Bücher, alle nützlich und langweilig. Das Oxford Book of English Verse, die Schatztruhe amerikanischer Poesie, Hoyles Buch der Spiele, Bur- tons Anatomy of Melancholy, nochmal Burton, mit sei- ner Fassung der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, Puschs Hundert Wege, sich in das Herz einer Jungfrau zu schmeicheln, die gute alte Odyssee mit den Illustra- tionen von Wyeth, Kiplings Gesammelte Gedichte,, eine einbändige Shakespeare-Ausgabe, ein Gebetbuch, die Bibel, Also sprach Zarathustra, die Bibliothek von Xanth … Er wünschte sich, er hätte noch mehr Belletristik hier sammeln können, etwa das Gesamtwerk von Mark Twain, ganz gleich, wieviel Platz ihn das gekostet hät- te. Er wünschte … Doch es war zu spät. Das hier war alles. Alles, was von einer großen Kultur übriggeblieben war. Er schrak auf und stellte fest, daß er im Stehen ein- geschlafen war. Warum war er hierhergekommen? Ir- gend etwas Wichtiges. Ja, genau! Lederverarbeitung. Wie gerbt man Leder? Barbara lief mit nackten Füßen herum, sie brauchte Moccasins. Er sollte mal in der Britannica nachschauen. Oder im Leben vor zweihun- dert Jahren. Nein, glücklicherweise braucht man kein Salz, Ei- chenblätter würden ausreichen. Er mußte also Eichen suchen, oder nein, es wäre besser, wenn Barbara sie finden würde, sie würde sich dann nützlicher vorkom- men. Und ihm mußte noch etwas einfallen, das nur Joe tun konnte, damit der arme Kerl sich akzeptiert fühlen konnte. Und er mußte daran denken … Er wankte in den Hauptraum zurück, blickte zur oberen Koje hinauf und entschied, daß er das heute nicht mehr schaffen würde. Er legte sich auf die Dek- ke, die sie beim Kartenspielen als Unterlage benutzt hatten und schlief auf der Stelle ein., Grace stand zum Frühstück nicht auf. Die beiden Mäd- chen teilten sich schweigend die Arbeit und machten sich dann daran, im Bunker aufzuräumen. Duke ging mit einem Bogen und einer 45er auf die Jagd. Er hatte es selbst so gewollt. Pfeile konnten wiederverwendet oder erneuert werden. Duke spannte den Bogen zur Probe und fand, daß seine Schulter wieder in Ordnung war. Dann vereinbarte er noch mit den anderen, daß er ein Rauchfeuer anzünden würde, falls er vor drei Uhr nicht zurückkäme. Hugh befahl den Mädchen, die feuchten Bücher ins Freie zu tragen, und machte sich selbst daran, die Erde wegzuschaufeln, um den Bunker zu begradigen. Joe wollte ihm helfen, doch er verbot es ihm. »Sieh mal, Joe, es gibt tausend Dinge zu tun. Such dir was aus, nur mach im Moment keine schwere Ar- beit.« »Zum Beispiel?« »Überprüf das Inventar. Gib Duke Listen an die Hand, auf denen alles verzeichnet ist, was nicht ersetzt werden kann. Und während du das machst, kannst du dir schon wieder andere Sachen überlegen. Schlag nach, wie man Seife und Kerzen herstellt. Überprüf nochmals die Dosimeter. Schnapp dir ein Gewehr, und halte die Augen offen – und achte vor allem darauf, daß die Mädchen nicht unbewaffnet draußen herumlau- fen. Überleg dir vor allem mal, wie wir ohne Rohre und Zement an fließendes Wasser kommen.« »Wie in aller Welt wollen wir das anstellen?«, »Das ist deine Sache. Und sag bitte diesem ge- schweiften Schnüffler, daß ich keine Hilfe brauche.« »Schön. Komm, Doc, komm.« »Noch eines. Du könntest den Mädchen anbieten, sie beim Baden zu bewachen. Du mußt ja nicht hinse- hen.« »Gut, ich biete es ihnen an. Aber ich sage, daß die Idee von dir stammt. Sie sollen nicht glauben …« »Hör mal, Joe. Karen und Barbara sind zwei gesun- de, verdorbene amerikanische Mädchen. Du kannst sagen, was du willst, sie werden sich immer einbilden, daß du zu ihnen hinschielen wirst. Sie halten sich näm- lich für unwiderstehlich. Sei also nicht allzu überzeu- gend, sonst sind sie beleidigt.« »Verstanden.« Joe trollte sich, und Hugh begann zu graben. Es tat ihm leid, so grob mit Joe sein zu müssen, aber diese Sonntagsschulmanieren waren hier wirklich fehl am Platz. Zumal er selbst sich so eine Chance nie hätte entgehen lassen. Sehr schnell erkannte Hugh, was für ein wichtiges Gerät er vergessen hatte: einen Schubkarren. Es war Wahnsinn, jeden Eimer Erde wegtragen zu müssen. Er schleppte Eimer um Eimer und sinnierte dabei, wie er zu einem Rad kommen könnte – ohne Metall, ohne Schmiedewerkzeuge … Halt! Hatte er nicht die Stahlflaschen? Und Eisen vom Periskop? Holzkohle konnte er herstellen, ebenso einen Balg aus Tierhäuten. Wer es mit diesen Hilfsmit- teln nicht schaffte, ein Rad herzustellen, durfte sich zu Recht abschleppen., Der ganze Wald gehörte ihm. Zehntausend Bäume! So viele Bäume besaß ganz Finnland nicht. »Doc, ver- schwinde von meinen Beinen, verstanden?« Finnland – das war überhaupt eine Idee. Man könnte eine Sauna bauen. Ein kleiner Ausgleich für die Mäd- chen und Grace. Sie werden ihre Frisiersalons dann leichter verschmerzen. Ob er Grace wieder schlank bekam? Sie war früher eine Schönheit gewesen. Barbara tauchte auf, mit einem Spaten in der Hand. »Wo hast du den ergattert? Und was willst du damit anfangen?« »Er gehört Duke, und ich werde damit ein wenig buddeln.« »Barfuß? Du bist ja – Nanu, wo hast du denn die Schuhe her?« »Von Joe. Und die Blue jeans auch. Das Hemd ge- hört Karen. Und wo soll ich jetzt anfangen?« »Hier gegenüber. Bei Felsblöcken über fünf Zentner darfst du mich um Hilfe bitten. Wo ist Karen?« »Sie badet. Ich beschloß, noch ein wenig länger zu schwitzen.« »Versuch ja nicht, den ganzen Tag hier zu schuften. Das schaffst du niemals.« »Ich arbeite aber gern mit dir. Fast ebensogern wie …« Sie sprach nicht weiter. »Bridge?« »Ja, das auch.« Plötzlich machte ihm das Schaufeln Spaß. Die Ge- danken konnten sich ausruhen. Und den Muskeln tat die Arbeit gut., Barbara arbeitete schon eine Stunde, als Grace Farn- ham auftauchte. »Guten Morgen«, sagte Barbara, warf schwungvoll eine Schaufel Erde in den Eimer und ging weg. »Ah, ich habe mich schon gewundert, wo du dich versteckt hältst«, begann Grace. »Weißt du auch, daß du dich überhaupt nicht um mich kümmerst?« Sie trug noch die Kleider, in denen sie geschlafen hatte. Ihre Züge wirkten verquollen. »Du durftest schlafen, Liebling.« »Es ist nicht sehr angenehm, allein an einem fremden Ort aufzuwachen. Ich bin es jedenfalls nicht gewöhnt.« »Grace, was du schlechte Behandlung nennst, ist nichts anderes als ein Vorzug.« »Wenn du die Sache so auffaßt – sprechen wir nicht mehr davon.« Sie schien sich zu sammeln und sagte dann einfach: »Vielleicht könntest du mir wenigstens sagen, wo der Whisky ist. Mein Anteil. Deinen würde ich nicht einmal anrühren – nach der Behandlung. Vor Fremden und Dienern, wenn ich das hinzufügen darf.« »Grace, du mußt dich an Duke wenden.« »Wie?« »Duke ist für den Alkohol zuständig. Ich weiß nicht, wohin er ihn verstaut hat.« »Du lügst!« »Grace, ich habe in den siebenundzwanzig Jahren unserer Bekanntschaft kein einziges Mal gelogen. Und wenn du es noch einmal behauptest, könnte ich unan- genehm werden.«, »Wo ist Duke? Er würde es nicht zulassen, daß du so zu mir sprichst. Er hat es mir versprochen.« »Duke ist auf der Jagd. Er möchte gegen drei zurück sein.« Sie starrte ihn an und rauschte beleidigt ab. Barbara erschien und nahm wieder die Schaufel in die Hand. Sie arbeiteten schweigend. »Es tut mir leid, daß du das hören mußtest«, meinte Hugh schließlich. »Was?« »Wenn du nicht mindestens hundert Meter weg warst, weißt du, was ich meine.« »Hugh, es geht mich nichts an.« »Trotzdem wirst du dir deine Gedanken machen. Aber ich möchte dich um eines bitten. Stell sie dir vor fünfundzwanzig Jahren vor. Du brauchst nur an Karen zu denken.« »Sie hat wie Karen ausgesehen?« »Ja. Nur hatte es Karen nie so schwer wie Grace. Ich war eingezogen. Und ihre Leute waren das, was man eine ›gute Familie‹ nennt. Nicht besonders scharf darauf, ihre Tochter an einen mittellosen Soldaten zu verheiraten.« »Kann ich mir vorstellen.« »Trotzdem, sie setzte sich durch. Barbara, hast du eine Ahnung, was es damals hieß, mit einem jungen Soldaten verheiratet zu sein? Ohne einen Penny? Ihre Eltern wollten, daß sie zurückkäme – ohne mich natür- lich. Sie blieb bei mir.« »Ein Glück für sie.«, »Sie war nicht darauf vorbereitet, in einem Zimmer zu hausen und das Bad mit Fremden zu teilen. Allein zu bleiben, während ich auf dem Meer herumkreuzte. Jung und hübsch, wie sie war, hätte sie in Norfolk schnell Unterhaltung gefunden. Sie suchte sich statt dessen Arbeit – in einer Wäscherei. Sortierte schmut- zige Wäsche. Und immer, wenn ich heimkam, war sie fröhlich und beklagte sich nicht. Alexander kam im nächsten Jahr auf die Welt …« »Alexander?« »Duke. Wurde nach seinem Großpapa mütterlicher- seits genannt. Ich wurde gar nicht gefragt. Ihre Eltern wollten alles wiedergutmachen, als sie den Enkel sa- hen. Sie hätten sogar mich akzeptiert. Grace blieb kühl und nahm keinen Penny an. Sie arbeitete, während sich die Hauswirtin wochentags um das Kind kümmerte. Das waren die schlimmsten Jahre. Ich stieg rasch auf, und das Geld war nicht mehr unsere Hauptsorge. Doch dann kam der Krieg. 1946 hatte ich die Wahl, Oberstleutnant zu bleiben oder Schluß zu machen. Mit Unterstützung von Grace hörte ich auf. Da stand ich nun, mit einem Jungen in der Schule, einer dreijährigen Tochter und einem Wohnwagen, während die Preise immer höher anstiegen. Wir hatten ein paar Kriegsschuldverschreibungen. Das war die zweite böse Zeit. Grace trug es wie ein Soldat. Wir verhungerten nicht, aber oft aßen wir nur Brotsuppe. Schließlich versuchte ich mich als Makler. Ich spe- kulierte mir mit ein paar Groschen ein Haus zusammen, und verkaufte es, bevor es noch fertig war. Von dem Erlös baute ich zwei neue Häuser. Seitdem waren wir nie mehr pleite.« Hugh Farnham sah nachdenklich aus. »Und da fing es an. Als sie nicht mehr alles allein machen mußte. Als wir Alkohol im Haus hatten. Wir hatten nie Streit. Höchstens über eines – ich wollte Duke streng erzie- hen, und Grace duldete es nicht, daß man den Bengel auch nur anrührte. Tja, sie kann offensichtlich nicht im Reichtum le- ben. In Notzeiten hat sie sich immer bewährt. Ich hof- fe, daß sich das auch jetzt noch erweisen wird.« »Natürlich, Hugh.« »Vielleicht war es auch nicht allein ihr Fehler. Bar- bara, es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Als ich es mir leisten konnte, nicht mehr so viel zu arbeiten, hörte ich dennoch nicht auf. Immer das Geschäft. Grace war abends oft allein, und da gewöhnt man es sich schnell an, ein Gläschen gegen die Langeweile zu trinken. Und wenn ich daheim war, ging ich nie mit ihr aus, weil ich zu müde war.« »Warum nimmst du ihre Fehler auf dich? Die Anla- gen, die ein Mensch hat, kommen immer auf irgendei- ne Weise ans Tageslicht. Hör bitte auf, dir an die Brust zu schlagen und zu rufen: ›Mea culpa!‹ Für Grace’ Tugenden kannst du schließlich auch nichts.« Er grinste sie an. »Schon wieder getrumpft.« »So höre ich dich schon lieber.« »Ich liebe dich. Betrachte dich als geküßt.« »Kuß geht zurück. Aber Vorsicht, Feind hört mit.«, Es war Karen, vor Sauberkeit glänzend, mit gebür- stetem Haar und frischem Lippenstift. »Was für ein netter Anblick!« rief sie. »Darf man euch armen Skla- ven eine Brotrinde und einen Napf Wasser anbieten?« »Gleich«, nickte ihr Vater. »Mach die Eimer nicht zu voll. Sonst kannst du sie nicht tragen.« Karen trat einen Schritt zurück. »Ich hatte mich gar nicht freiwillig gemeldet.« »So formell geht es bei uns auch nicht zu.« »Aber, Paps, ich bin doch sauber!« »Seit wann ist denn der Fluß eingetrocknet?« »Paps, das Mittagessen ist fertig. Aber ich werde euch zwei Schmutzfinken nicht in mein sauberes Haus lassen.« »Schon gut, Baby. Komm, Barbara.« Er nahm die Eimer auf. Grace erschien auch nicht zum Mittagessen. Hugh ließ es hingehen, weil er wußte, daß es genug Krach geben würde, wenn Duke zurückkam. »Hugh?« meinte Joe. »Was das fließende Wasser betrifft …« »Ist dir etwas eingefallen? Ich verspreche dir, daß ich für Hähne und Ähnliches sorge, wenn ich nur erst fließendes Wasser habe.« »Wirklich, Paps? Weißt du, was ich mir wünsche? Kacheln. Lavendelfarben. Und einen Schminktisch mit …« »Sei still, du Kindskopf. Joe?« »Du kennst doch die römischen Aquädukte. Unser Fluß führt dort nach drüben – siehst du? Er liegt also, an irgendeiner Stelle höher als unser Bunker. Soviel ich weiß, benutzten die Römer auch keine geschlosse- nen Rohrleitungen.« »Hm.« Farnham überlegte. Hundert Meter flußauf- wärts befand sich ein Wasserfall. Vielleicht war es di- rekt darüber hoch genug. »Aber dann brauchen wir viel Mörtel und Ziegelsteine. Und jeder Bogen erfordert während des Baus einen Stützrahmen.« »Könnten wir nicht einfach Bäume spalten und aus- höhlen? Und sie auf andere Stämme stützen?« »Vielleicht. Aber warte – vielleicht können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Barbara, sagtest du nicht, daß wir uns in einem semitropischen Gebiet be- finden?« »Ja.« »Weißt du, in welcher Jahreszeit wir leben? Und ob sich das Klima im Lauf des Jahres noch ändern wird?« »Ich habe keine Ahnung, Hugh.« »Streng dich an. Ich muß wissen, ob wir nicht künst- liche Bewässerung brauchen.« »Hm …« Sie sah sich um. »Ich glaube nicht, daß die Temperatur je bis unter den Gefrierpunkt sinkt. Wenn das Wasser reicht, könnten wir das ganze Jahr über anbauen. Es handelt sich auch um keinen tropischen Regenwald. Das Unterholz wäre in diesem Fall viel dichter. Wahrscheinlich eine Regen- und eine Trok- kenperiode.« »Unser Fluß wird aber nicht austrocknen. Habt ihr die Fische gesehen? Barbara, hast du dir schon über- legt, wo du deinen Garten haben möchtest?«, »Wie wäre es mit einem Streifen flußabwärts? Da, im Süden. Allerdings müßten wir einige Bäume fäl- len.« »Das ist kein Problem. Joe, wir unternehmen jetzt einen kleinen Spaziergang. Vergiß nicht, die 45er um- zuschnallen. Und ihr Mädchen achtet darauf, nicht so tief zu graben, daß der Bunker auf euch fallen könnte. Wir würden euch nämlich vermissen.« »Ich dachte eigentlich daran, ein Nickerchen zu ma- chen, Paps.« »Gut, denk weiter daran, während du gräbst.« Hugh und Joe wanderten stromaufwärts. »Was hast du vor, Hugh?« »Einen Graben in Höhenlinie. Wir müssen das Was- ser zu einem Lufteinlaß am Bunkerdach dirigieren. Wenn wir das schaffen können, ist alles andere leicht. Fließendes Wasser zum Kochen und Waschen. Und eine ordentliche Toilette. Ein Bad. Das ist etwas, was unsere Frauen wirklich dringend brauchen. Außerdem muß das Wasser von so hoch hereinkommen, daß man es in jede Richtung lenken kann, in der es Barbara braucht.« »Hugh, das mit dem Graben sehe ich ein. Aber wie steht es mit Leitungen? Du kannst doch das Wasser nicht ganz einfach durch das Dach ins Bunkerinnere laufen lassen.« »Irgendwie schaffen wir das schon. Eine Spültoilette kann ich natürlich auch nicht bauen. Das wäre zu kom- pliziert. Aber eine Durchflußtoilette, wie sie auf unse- ren Kriegsschiffen üblich war. Hast du irgendwo Lehm gesehen?«, »Am Fluß, unterhalb des Bunkers. Karen hat sich schon beschwert, weil das Ufer so glitschig ist.« »Ich muß mir die Stelle einmal ansehen. Wenn wir das Zeug brennen könnten, hätten wir ausgesorgt. Wir könnten Schüsseln, Rohre und Fliesen herstellen. Bleib stehen, Joe. Ich glaube, wir sind jetzt hoch genug.« »Vielleicht doch noch ein bißchen höher. Es wäre entsetzlich, wenn wir einen hundert Meter langen Gra- ben ziehen würden und dann entdecken müßten, daß er zu niedrig war.« »Oh, wir vermessen die Stellen natürlich.« »Machst du dich lustig über mich? Wir haben nicht einmal eine Wasserwaage.« »Aber nein. Die Ägypter hatten auch keine Wasser- waagen und waren doch Vermessungsgenies. Joe, siehst du etwas?« »Was soll ich sehen?« »Wenn wir diese beiden Bäume fällen, bilden sie ei- nen Damm über den Fluß. Wir füllen die Zwischen- räume mit Schlamm, Zweigen und Felsbrocken, und unser Fluß ist der schönste Stausee. Ein Gatter müßten wir natürlich auch noch konstruieren. Oh, verflucht. Ein Problem führt zum nächsten.« »Hugh, du zählst schon die Küken, bevor die Eier gelegt sind.« »Ja, sieht ganz so aus. Na, schauen wir mal nach, was die Mädchen inzwischen geschafft haben.« Die Mädchen hatten nur wenig weitergegraben. Du- ke war mit einem Miniatur-Vierender heimgekommen, und Karen und Barbara versuchten sich nun als Metz-, ger. Man konnte das Opfer von den Schlächtern kaum unterscheiden. Sie hielten ein, als die Männer näher kamen. Barba- ra wischte sich über die Stirn und hinterließ einen roten Streifen. »Ich hätte nicht gedacht, daß der Kerl ein so kompliziertes Innenleben hat.« »So schafft ihr ihn nie.« »Ah, wir überlassen die Sache gern einem Experten. Ans Werk, Paps. Wir werden aufmerksame Zuschauer sein.« »Ich? Ich kann kein Blut sehen.« Hugh ließ sich von Joe eine kleine scharfe Axt ge- ben und begann das Tier auszuwaiden. Er war heilfroh, daß die Mädchen die Innereien ganz gelassen hatten. »Barbara, wenn du die Haut abschaben kannst, ma- che ich dir ein Paar neue Schuhe davon. Hast du ir- gendwo Eichen entdeckt?« »Zwergeichen. Du denkst ans Gerben?« »Ja.« »Ich weiß, wie man Gerbsäure gewinnt.« »Dann verstehst du mehr von der Sache als ich. Drinnen sind Bücher, in denen du den Rest findest.« »Ich habe schon nachgesehen. Doc, schnüffle hier nicht herum.« Während sie den Bock zerlegten, kamen Duke und seine Mutter heraus. Mrs. Farnham wirkte fröhlich, wenn sie auch keinen der anderen ansah. Sie bewun- derte nur Dukes Beute. »Ach, der arme kleine Kerl. Duke, hattest du wirklich das Herz, ihn umzubringen?« Hugh sah auf. »Ein herrliches Stück Wildbret, Duke.«, Grace warf ihm einen indignierten Blick zu. »Du kannst es vielleicht essen. Aber ich bringe keinen Bis- sen herunter.« »Nanu, Mutter, seit wann bist du Vegetarierin?« wollte Karen wissen. »Aber das ist doch etwas anderes. Ich gehe wieder hinein. Karen, du kommst mir nicht ins Haus, bis du dich gewaschen hast. Ich möchte keine Blutspuren sehen, nachdem ich den ganzen Tag geschuftet habe, um die Räume sauber zu bekommen.« Sie schritt auf den Bunker zu. »Komm, Duke.« »Sofort, Mutter.« Karen schnitt wütend weiter. »Kinder, ich habe auf- geräumt. Mutter brachte lediglich wieder alles durch- einander.« »Dachte ich mir.« »Und ich wette, sie kommt heraus, sobald sie die Steaks riecht.« Hugh winkte Duke beiseite. »Es freut mich, daß Grace getröstet aussieht. Wie hast du das geschafft?« Duke sah ihn verblüfft an. »Na ja – ich habe es so gemacht, wie du vorgeschlagen hast. Ganz abrupt kann man ihr das Trinken nicht abgewöhnen. So gab ich ihr einen Drink und versprach ihr, daß sie nach dem Essen noch einen haben könne.« »Gut so.« »Aber jetzt gehe ich besser. Die Flasche ist noch drinnen.« »Ja, das solltest du besser machen.« »Oh, das geht schon in Ordnung. Ich habe sie bei ih-, rer Ehre gepackt. Du weißt eben nicht, wie man sie behandeln muß, Paps.« »Ja, du hast wohl recht.« Aus dem Tagebuch von Barbara Wells: Ich habe mir den Knöchel verstaucht und finde da- her ein bißchen Zeit für meine Notizen. Es ist bisher wenig in Normalschrift übertragen. Den offiziellen Bericht schreibe ich auf die leeren Blätter der Britannica, das sind zehn Seiten pro Band. Zweihundertvierzig Seiten insgesamt. Ich werde eng schreiben müssen. Doch alles kann ich in die offizielle Version ohne- hin nicht schreiben. Manchmal muß ich mir Luft ma- chen. Diese Kurzschriftberichte sind eine Art Tage- buch, die niemand außer mir lesen kann. Joe vielleicht ausgenommen. Aber er ist ein Gentleman. Ich mag Joe. Er ist in einer ähnlichen Situation wie ich und muß manchen bösen Gedanken hinunter- schlucken. Grace hat es aufgegeben, ihn herumzu- kommandieren. Das heißt, eigentlich kommandiert sie uns alle herum. Hugh hingegen gibt nur die nötigsten Befehle. Wir haben uns eingearbeitet. Duke sorgt für Nahrung und hilft mir im Garten. Karen hat im Haus- halt freie Hand. Joe und Hugh müssen die Erfindungen der letzten zweihundert Jahre nacherfinden. Es ist einfacher, Grace ihren Willen zu lassen. Sie legt uns sonst nur Schwierigkeiten in den Weg. Mit, ihrem Alkoholanteil war sie in drei Tagen fertig. Dann kam Dukes Anteil dran. Sie entdeckte, wo Duke die Notration versteckt hatte, und grub sie aus. Als Duke heimkam, war Grace bewußtlos und die Flasche leer. Die nächsten Tage waren entsetzlich. Sie schrie. Sie weinte. Sie drohte mit Selbstmord. Hugh und Duke wachten abwechselnd an ihrer Seite. Hugh holte sich ein blaues Auge, und Dukes Gesicht wurde zerkratzt. Ich weiß nur, daß sie ihr mit Gewalt das Essen einflöß- ten. Am vierten Tag blieb sie allein in ihrem Bunker, und am nächsten Tag schien sie wieder normal zu sein. Aber beim Mittagessen erklärte sie, jedermann wüßte, daß die Russen nur angegriffen hätten, weil Hugh dar- auf bestanden hatte, einen Bunker zu bauen. Sie schien nicht wütend – eher versöhnlich. Sie gab sich dem glücklichen Gedanken hin, der Krieg werde bald aus sein und sie könne in ihr Haus zurückkehren. Niemand nahm ihr die Illusion. Wozu auch? Sie hat sich endlich dazu bequemt, die Rolle der Oberköchin zu spielen. Aber mir muß man erst beweisen, daß sie besser als Karen kochen kann. Karen schuftet schwerer als vorher und wird manchmal so wütend, daß sie zu mir kommt, um sich auszuweinen. Duke predigt Karen Geduld. Ich sollte Duke nicht kritisieren, denn vermutlich wird er mein Mann. Was bleibt mir anderes übrig? Nur der Gedanke, daß Grace dann meine Schwiegermutter wird, ist schrecklich. Duke ist hübsch und nimmt uns Mädchen viel Arbeit ab. Auch mit seinem Vater, scheint er jetzt einigermaßen auszukommen. In dieser Umgebung ist er wirklich ein guter Fang. Polygamie? Ich hätte wirklich nichts dagegen. Selbst wenn Grace die Hauptfrau wäre. Aber ich werde ja nicht gefragt. Und ich kann mir auch nicht vorstel- len, daß Grace es erlauben würde. Hugh und ich ver- meiden solche Themen. Wir vermeiden es auch, allein zu sein. Trotzdem verschiebe ich die Sache mit Duke solan- ge wie möglich. Sonst könnte es eines Tages soweit kommen, daß ich mich über seine Schlappheit Grace gegenüber so ärgere, daß ich ihm seinen Vater als Bei- spiel vorhalte. Nein, das dürfte ich niemals. Das verdient Duke nicht. Joe? Ich bewundere ihn – und eine Schwiegermutter hätte ich nicht zu erwarten. Aber es ist das gleiche wie bei Duke. Es will einfach kein Funke überspringen. Und er selbst ist so schüchtern, daß er mir bestimmt nicht den Hof macht. Aber ich mag ihn – wie einen jüngeren Bruder. Er bewacht uns Mädchen meistens, wenn wir baden. Und das ist nötig. Duke hat schon fünf Bären und Joe einen erlegt. Joe benahm sich tapfer, obwohl er kein guter Schütze ist. Ich glaube, am meisten brachte ihn aus der Fassung, daß wir Mädchen nackt aus dem Wasser liefen, um ihm beizustehen. Es gibt auch Schlangen. Zumindest eine Art ist gif- tig. Das bekam Joe am eigenen Leib zu spüren. Nur, gut, daß wir ein Klapperschlangenserum hatten und daß Hugh die Wunde sofort ausbrannte. Duke sagt, es sei eine Art Höhlenviper. Es dauerte drei Wochen, bis wir genügend Boden unter dem Bunker weggeschaufelt hatten. Felsbrocken! Wir befinden uns in einem flachen Tal, und es gibt nahe- zu keine Stelle, an der keine Felsbrocken auftauchen. Sobald eine Stelle tief genug ausgehöhlt war, stützte Hugh sie mit Pfosten ab. Er hatte Angst, daß der Bun- ker kippen und uns unter sich begraben könnte. So hat- ten wir schließlich einen ganzen Pfostenwald unter dem Bunker. Hugh brachte zwei besonders kräftige Pfosten in je- der Ecke an und machte sich daran, die restlichen Pflöcke mit dem Flaschenzug herauszuholen. Manch- mal mußten sie sogar unterhöhlt werden. Hugh war während dieser Arbeit sehr nervös und machte fast al- les allein. Schließlich stand der Bunker nur noch auf den Eck- pfosten. Sie gaben nicht nach. Das Gleichgewicht, das auf ihnen lastete, war so groß, daß sie unseren gemeinsa- men Anstrengungen trotzten. »Was machen wir jetzt?« fragte ich Hugh. »Abbrennen. Aber dazu brauchen wir ein riesiges Feuer und müßten zuerst Gras und Büsche in der nähe- ren Umgebung roden. Karen, du weißt, wo das Am- monium ist. Und das Jod. Ich brauche beides.« »Was hast du vor, Hugh?« fragte ich, als ich die Chemikalien sah., »Ersatzdynamit. Und verschwindet jetzt von hier. Das Zeug ist so empfindlich, daß es schon durch einen bösen Blick explodiert.« »Hugh, mir fällt gerade ein, daß es mir völlig egal ist, ob der Bunker gerade oder schief steht.« »Wenn es dich nervös macht, unternimm einen Spa- ziergang.« Es war ganz einfach. Er vermischte Jodtinktur mit ganz gewöhnlichem Haushaltsammonium. Ein Nieder- schlag zeigte sich, der mit Papiertüchern abgefiltert wurde. Das Ergebnis war eine Paste. Joe bohrte Löcher in die widerspenstigen Pfosten. Hugh wickelte das feuchte Zeug in Papier und steckte je einen Klumpen in einen Pfosten. »Jetzt warten wir, bis es trocknet.« Er nahm ein Bad, ohne die Kleider abzulegen, dann legte er sie naß unter Felsen. Das war alles an diesem Tag. Als die Paste trocken war, ließ Hugh alles Zerbrech- liche aus dem Bunker entfernen. Wir Frauen wurden weit weggeschickt, wobei Karen die Aufgabe hatte, sich um Doc zu kümmern, und ich für alle Fälle ein Gewehr in die Hand gedrückt bekam. Duke und Joe lagen flach auf dem Boden, etwa hundert Meter von den Pfosten entfernt. Hugh stand zwischen ihnen. »Fertig zum Countdown?« »Fertig, Hugh.« Ein Donnern, als würde eine riesenhafte Tür zugeschla- gen. Die Pfosten zersplitterten. Der Bunker hing über, kippte langsam, berührte den Boden und stand eben., Karen und ich brüllten vor Freude, Grace klatschte in die Hände. Doktor Livingstone machte sich selb- ständig, um die neuen Gegebenheiten zu untersuchen. Und der Bunker neigte sich dann in die entgegenge- setzte Richtung und begann den Hang herunterzuglei- ten. Immer schneller schlitterte er in die Tiefe. Ich hat- te schon Angst, daß er im Fluß landen würde. Aber der Hang wurde flacher, und der Bunker blieb stehen. Die Tunnelöffnung war voll von Erde und Schmutz. Hugh nahm die Schaufel, mit der er die Erdwälle zum Schutz vor der Explosion gegraben hatte, und be- gann wieder Erde auszuheben. Ich lief hinunter und heulte. Joe war als erster unten. Hugh sah nur auf und sagte: »Joe, sieh zu, ob du den Tunnel wieder sauber bekommst. Ich möchte wissen, ob etwas beschädigt wurde. Die Mädchen kochen.« »Boß …«, würgte Joe hervor. »Oh, verdammt.« »Warum regst du dich so auf?« fragte Hugh in ei- nem Ton, als wolle er kleine Kinder besänftigen. »Das hat uns doch nur Arbeit erspart.« Ich hatte den Eindruck, das Ganze war zu viel für ihn gewesen. Joe starrte ihn wortlos an. »Sicher«, fuhr Hugh fort. »Siehst du nicht, um wie- viel tiefer das Dach jetzt ist? Jeder halbe Meter, um den er heruntergerutscht ist, erspart uns fünfzig Meter Aquädukt. Und hier ist es einfach, ihn zu begradigen. Wenige Felsblöcke und weicher Boden. Eine Woche, wenn alle mithelfen. Und dann haben wir zwei Wo- chen früher als geplant Wasser im Haus.«, Er behielt recht. In einer Woche stand der Bunker gerade. Und das Schönste an der Sache war, daß sich jetzt die Stahltür ganz leicht zurückkurbeln ließ. Wir hatten Luft und Sonne im Innern – eine Wohltat. Noch am selben Tag begann Hugh mit dem Wasser- graben. Karen skizzierte voller Vorfreude einen Waschtisch, eine Badewanne und einen Nachttopf an die Wand. Wir haben es bequem, ganz ehrlich. Karen hat zwei Matratzenhüllen mit Heu gefüllt. Abends sitzen wir um den Tisch und spielen unsere Partie Bridge. Mein Korn geht wunderbar auf. Ich frage mich schon, wie ich es mahlen kann. Der Gedanke an Brot mit Schmalz macht mich ganz schwach. Vierundzwanzigster Dezember – Fröhliche Weihnach- ten! Wir glauben es wenigstens, und Hugh behauptet, daß die Berechnung höchstens um einen Tag abweicht. Kurz nach unserer Ankunft entdeckte Hugh einen kleinen Baum, hinter dem, genau im Norden, ein fla- cher Felsbrocken lag. Er sägte die Zweige so ab, daß der Stamm einen scharfen Schatten auf den Felsblock warf. Als Hüterin der Flamme war es meine Pflicht, gegen Mittag hierherzukommen und den kürzesten Schatten anzuzeichnen. Der Schatten wurde immer länger und die Tage im- mer kürzer. Vor einer Woche etwa konnte man von Tag zu Tag kaum einen Unterschied feststellen. Ich sagte es Hugh, und wir beobachteten gemeinsam, bis, der Wendepunkt kam – der zweiundzwanzigste De- zember. Wir hißten die Flagge am höchsten Baum un- serer Lichtung. Sonst war es meine Aufgabe, mich um die Flagge zu kümmern. Aber an diesem hohen Festtag knobelten wir, wer die Ehre haben sollte. Joe gewann. Wir sangen die Nationalhymnen, aber wir heulten da- bei so, daß der Gesang alles andere als schön klang. Hugh hielt einen Gottesdienst ab und las die Weih- nachtsgeschichte nach Lukas. Karen betete vor, und dann sangen wir Weihnachtslieder. Ich glaube, daß wir schön sangen. Nur bei »Weiße Weihnacht« begann Grace zu schluchzen, und das trübte die Stimmung ein bißchen. Hugh hält jeden Sonntag Predigten, und selbst Duke als überzeugter Atheist wohnt ihnen bei. Wir haben wieder das Stadium erreicht, in dem der Stammesälte- ste das Amt des Priesters übernimmt. Doch Hugh bezieht sich nie auf die Bibel, und seine Gebete sind so wenig christlich geprägt, daß er sie nicht einmal mit einem »Amen« beendet. Bei einer der seltenen Gelegenheiten, wo wir allein waren, fragte ich ihn nach seinem Glauben. (Für mich ist es wichtig zu wissen, was mein Mann glaubt, auch wenn er nicht mein Mann ist und es auch nicht werden kann.) »Man könnte mich als Existentialisten bezeichnen.« »Du bist kein Christ?« »Das habe ich nicht gesagt. Wenn ich versuchen wollte, meinen Standpunkt gegenüber anderen abzu- grenzen, würde das die Sache auch nicht unbedingt, erhellen. Du fragst dich, weshalb ich Predigten abhalte, obwohl ich keinem Glaubensbekenntnis anhänge?« »Ja, genau.« »Weil es meine Pflicht ist. Ich muß denen einen Gottesdienst anbieten, die dessen bedürfen. Wenn es keinen Gott gibt, schaden wir damit niemandem. Wenn es einen gibt, ist unser Ritual nur angemessen und schadet auch dann niemandem. Immerhin beuten wir niemanden aus, bringen keine blutigen Opfer dar und verbreiten auch keinen Unsinn im Namen der Religion. Jedenfalls sehe ich das so, Barbara.« Das war alles, was ich zu diesem Thema aus ihm herauskriegen konnte. In meinem früheren Leben war Religion eine nette, angenehme Sache, mit der man sich am Sonntag beschäftigte, sonderlich beeindruckt hat sie mich allerdings nie. Hughs gottlose Messen hingegen sind für mich wichtig geworden. An Sonntagen wird nicht gearbeitet. Wir spielen Schach oder Bridge und gehen unseren Hobbys nach. Diese freien Tage sind wichtig. Sie geben uns das Ge- fühl, Menschen zu sein, die sich über ihr Leben freuen können. Wir pflegen uns auch selbst. Ich habe meine Fähig- keiten im Haarschneiden entdeckt. Duke ließ sich an- fangs einen Bart wachsen, aber als er sah, daß sich Hugh täglich rasierte, tat er es schließlich auch. Ich weiß nicht, was sie machen werden, wenn die Rasier- klingen ausgehen. Es ist immer noch Weihnachten. Geschenke … Meine Strümpfe hatte ich seit jener Nacht im Bun-, ker nicht mehr getragen. Ich schenkte sie Karen, Grace bekam meinen Lippenstift. Für Joe hatte ich einen Gür- tel geflochten, und Duke erhielt ein herrliches Ta- schentuch, das ich in meiner Tasche entdeckt hatte. Erst heute morgen habe ich etwas für Hugh gefun- den. Ein kleines Notizbuch, das ich seit Jahren mit mir herumtrage. Mein Mädchenname steht in Goldschrift darauf. Die Hälfte der Blätter ist noch leer. Hugh kann es brauchen – aber ich schenkte es ihm hauptsächlich wegen des eingravierten Namens. Ich muß laufen. Grace und ich spielen gegen Joe und Hugh. Ich habe Weihnachten noch nie so glücklich ver- bracht. Karen und Barbara wuschen sich, das Geschirr des Ta- ges und die Wäsche der Woche. Joe hielt Wache. Man hatte am Badeplatz die Büsche und Bäume abgeschnit- ten, damit sich kein Tier ungesehen anschleichen konn- te. Joe verschwendete keinen Blick auf das paradiesi- sche Bild, das sich ihm bot. Karen seufzte. »Du, Barbie, dieses Tuch hält keine Wäsche mehr aus. Es ist ein Lumpen.« »Wir brauchen Lumpen.« »Und was sollen wir als Bettücher hernehmen? Es ist die Seife.« Karen ließ die graue, breiige Masse durch die Finger gleiten. »Das Zeug frißt Löcher in die Gewebe.«, »Die Bettücher sind nicht so wichtig. Aber ich fürchte mich vor dem Augenblick, an dem wir unser letztes Handtuch nehmen.« »Welches selbstverständlich Mutter gehören wird. Duke wird wie immer eine ausgezeichnete Ausrede bei der Hand haben.« »Sei nicht so boshaft. Duke hat ganze Arbeit gelei- stet.« »War nicht so gemeint. Duke kann nichts dafür. Sein Ödipus-Komplex ist zu ausgeprägt.« Barbara spülte ein Paar zerlumpte Blue jeans. »Jeder hat seine Fehler.« »Ja, sogar Hugh. Weißt du, was sein größter Fehler ist? Daß er keine Fehler macht.« »Hm. Karen, klettere nicht so nackt ans Ufer.« »Ich brauche aber Dornen, weil wir keine Wäsche- klammern haben. Mister Steingesicht wird nicht her- schauen. Demütigend ist so etwas. Soll ich ihn rufen?« »Laß das. Joe ist unter harten Umständen ein Gentleman. Mach es ihm nicht schwerer.« »Schon gut, schon gut. Ich frage mich nur, ob er überhaupt ein Mann ist.« »Das garantiere ich dir.« »Barbie – du willst doch nicht sagen, daß der heilige Joseph dir die Unschuld rauben wollte?« »Du liebe Güte – nein. Aber er wird rot, wenn wir ihm zu nahe kommen. Und du hättest ihn sehen sollen, als er mir die Sache mit Doc erklärte.« »Was ist mit Doc?« »Doc fängt allmählich an, mich zu akzeptieren. Ich, hatte ihn gestern auf dem Schoß und sagte zu Joe: ›Doc wird aber ziemlich fett!‹« Barbara lächelte. »Er wurde rot, sagte aber ganz ernst: ›Weißt du, Barbara, Doc bildet sich nur ein, ein Mann zu sein. Äh – er ist nicht fett, du verstehst. Er wird Babys bekommene Er stotterte richtiggehend. Hat wahrscheinlich geglaubt, ich wäre entsetzt.« »Barbara, sag bloß, daß du einen Kater nicht von ei- ner Katze unterscheiden kannst?« »Wie sollte ich? Jeder ruft ihn ›Doc‹, und außerdem hat er einen ziemlich dichten Pelz.« »Das sind mildernde Umstände. Aber ich bin auch überrascht. Katzenjunge!« »Joe sagt es.« »Und ich habe es nicht bemerkt! Deshalb konnte man in letzter Zeit keine Schublade aufmachen, ohne daß er hineinschlüpfte. Sucht natürlich einen Platz für die Jungen.« »Karen, sag doch nicht ›er‹.« »Joe hat es dir doch erklärt. Doc hält sich selbst für einen Kater, weil er der stärkste des ganzen Wurfs war. Wir können es ihm nicht austreiben. Mädchen, wie lange sind wir schon hier?« »Zweiundsechzig Tage.« »Dann wette ich um eine Rückenwäsche, daß er sei- ne Jungen noch heute nacht bekommt.« Sie wechselte abrupt das Thema. »Barbie, was fehlt dir am meisten? Zigaretten?« »An die denke ich gar nicht mehr. Eier vielleicht.« »Ja, die fehlen mir auch. Und Milch. Und Eiskrem.«, »Butter«, zählte Barbara auf. »Bananenspeise mit Schlagsahne.« »Oh, hör auf, Barbie. Ich verhungere sonst vor dei- nen Augen.« Barbara zwickte sie. »Du nimmst nicht ab. Im Ge- genteil.« »Vielleicht.« Karen schwieg und nahm sich das Ge- schirr vor. Plötzlich drehte sie sich um und sagte ganz leise: »Barbie, Doc ist nicht der einzige, der die Familie überraschen wird.« »Was ist denn, Kleines?« »Ich bin schwanger.« »Wie?« »Du hast richtig verstanden. Schwanger.« »Bist du sicher, Liebling?« »Natürlich. Im vierten Monat.« Karen warf sich in die Arme der älteren Freundin. »Und ich habe Angst.« Barbara hielt sie fest. »Na, na, Liebes. Es wird schon gut werden.« »Nichts wird es«, stieß Karen hervor. »Mutter schlägt Krach und … und es gibt keine Krankenhäuser und keine Ärzte. Warum hat nur Duke nicht Medizin studiert? Bar- bie, ich werde sterben. Ich weiß, ich werde sterben.« »Karen, sei doch vernünftig. Wie viele Babys kom- men ohne Doktor auf die Welt? Du hast keine Angst vor der Geburt, sondern Angst vor deinen Eltern.« »Das auch.« Karen schluchzte. »Barbie, sei mir nicht böse, aber deshalb habe ich dich an jenem Wo- chenende eingeladen.«, »So?« »Ich glaubte, Mutter würde vor einer Fremden nicht so toben. Die meisten Mädchen bei uns sind entweder häßlich oder Schlampen. Aber bei dir wußte ich, daß du mir helfen würdest.« »Danke, Kleines.« »Ach, Quatsch, danke. Ich habe dich ausgenützt.« Barbara wischte ihr die Tränen ab. »Ich bin froh, daß ich hier bin. Du hast deinen Eltern noch nichts ge- sagt?« »Ich wollte … aber dann kam der Angriff … und dann war Mutter immer so hysterisch … und Daddy hat genug Sorgen. Es war nie der richtige Augenblick da.« »Karen, du hast doch keine Angst vor deinem Va- ter?« »Nicht so sehr. Aber ich schäme mich. Er wird mich für dumm halten, weil ich so leichtsinnig war.« »Er wird zwar überrascht sein, aber ich bezweifle sehr, daß er dich verachten wird. Du bist nicht allein.« »Ich wußte, daß du mir helfen würdest.« »Du hast mich nicht richtig verstanden. Ich bin auch schwanger.« »Du liebe Güte, Barbara! Wie geschah denn das?« »Wie geschah es bei dir?« Karen grinste plötzlich. »Du meinst statt wie sicher wer?« »Ach wo. Das ist deine Angelegenheit. Was ist, Kleines? Sollen wir es ihnen sagen? Ich kann für dich sprechen.«, »Einen Augenblick. Du wolltest es doch niemandem sagen, oder?« »Eigentlich nicht. Ich wollte warten, bis man es sieht.« Karen ließ ihren Blick über Barbaras schlanke Figur gleiten. »Weißt du, was wir machen? Du sagst nichts. Nur wenn Mutter große Schwierigkeiten bereitet, un- terstützt du mich.« »Wie du willst. Warum sprichst du eigentlich nicht zuerst mit deinem Vater? Er wird es Grace schon bei- bringen.« Karen sah erleichtert aus. »Glaubst du?« »Na, geh schon, und sag ihm Bescheid. Ich hänge inzwischen die restlichen Tücher auf. Und – mach dir keine Sorgen. Die Babys werden uns erfreuen.« Karens Augen hellten sich auf. »Du bekommst ein Mädchen und ich einen Jungen, und die beiden verhei- raten wir dann. Dann werden wir gemeinsam Großmüt- ter.« »Das klingt schon eher nach Karen.« Barbara gab ihr einen Klaps. »Und jetzt lauf.« Karen bat Hugh um ein vertrauliches Gespräch. »Na schön«, sagte er, drückte ihr eine Schaufel in die Hand und nahm selbst ein Gewehr. »Ich muß oh- nehin den Graben inspizieren. Reden wir unterwegs.« »Paps? Vielleicht hast du auch schon bemerkt, daß hier Männerknappheit herrscht.« »Aber nein. Drei zu drei. Geht genau auf.« »Ich meinte, Männer, die für mich in Frage kom- men.«, »Dann sag, was du meinst.« »Schön. Ist hiermit geschehen. Ich brauche deinen Rat. Was ist schlimmer? Blutschande? Oder soll ich eine alte Jungfer bleiben?« »Das letztere fände ich ziemlich schlimm.« »Dann sind wir uns ja einig. Und das andere?« »Blutschande ist im allgemeinen kein guter Gedan- ke.« »Dann bleibt also nur eines …« »Warte. Ich sagte ›im allgemeinen‹« Er starrte auf die Schaufel. »Mit diesem Problem hatte ich nicht ge- rechnet, aber es muß gelöst werden. Es hat in der Ver- gangenheit oft genug Geschwisterehen gegeben.« Er runzelte die Stirn. »Aber da ist Barbara. Du müßtest dich mit dem Gedanken der Polygamie vertraut ma- chen.« »Immer langsam, Paps. Blutschande ist nicht nur Geschwisterehe.« Er starrte sie an. »Du hast es fertiggebracht, mich zu überraschen.« »Zu schockieren, nicht wahr?« »Nein. War dein Vorschlag im Ernst gemeint?« »Paps«, sagte sie ruhig, »wenn ich nur die Wahl zwischen dir und Duke hätte, würde ich dich nehmen.« »Danke für die Ehre.« Hugh wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wenn ich recht verstehe, ziehst du Joe nicht in Erwägung.« »Ö doch, das habe ich gründlich getan. Joe ist ein netter Junge. Aber eben ein Kind, obwohl er älter ist als ich. Wenn ich ›Buh‹ sage, fällt er um vor Schreck.«, »Mit seiner Hautfarbe hat deine Entscheidung nichts zu tun?« »Paps, sag so etwas nie wieder. Ich bin nicht Mut- ter.« »Ich wollte nur sichergehen. Du weißt, daß die Hautfarbe für mich keine Rolle spielt. Mich interessie- ren ganz andere Dinge. Gilt sein Wort etwas? Kommt er seinen Verpflichtungen nach? Hat er einen anständi- gen Beruf? Kann man sich auf ihn verlassen?« Er seufzte. »In Mountain Springs hätte ich Bedenken gegen ei- ne solche Heirat gehabt. Sie führt fast immer zu einer Tragödie, weil man die Gesetze der Gesellschaft nicht so ohne weiteres zerbrechen kann. Aber hier – Karen, ich möchte, daß du ernstlich über Joe nachdenkst.« »Ich weiß. Es kann durchaus sein, daß ich ihn heira- te. Du kämst ohnehin nicht in Frage. Du kennst Mut- ter.« Hugh sah plötzlich müde aus. »Wir können es nicht ändern. Karen, es tut mir so leid, daß du keine größere Auswahl hast.« »Ich bin deine Tochter. Das heißt, daß ich keine Träne über Dinge vergieße, die ich nicht ändern kann. So was macht Mutter – und Duke. Verstanden?« »Ja, Kind.« »Ich kam auch nicht zu dir, weil ich dich heiraten wollte. Aber ich wollte deine Meinung über diese Din- ge wissen, bevor ich weiterrede.« »Kann ich dir helfen?« »Kaum. Ich erwarte ein Kind.«, Er ließ die Schaufel fallen und nahm sie in die Ar- me. »Oh, das ist ja wunderbar!« Plötzlich sagte sie: »Paps, ich kann keinen Bären er- schießen, wenn du mich so umarmst.« Er riß sich los und packte das Gewehr: »Wo?« »Nirgends. Aber du warnst uns doch immer.« »Schon gut. Wer ist der Vater, Karen? Duke? Oder Joe?« »Keiner, Paps. Es war schon früher, an der Uni.« »Noch besser.« »Was? So geht das doch nicht, Paps. Ein Mädchen kommt heim, es ist auf die schiefe Bahn geraten und erwartet, daß der Vater tobt. Und du sagst: ›Wunder- bar!‹ Du machst mich nervös.« »Ja, siehst du denn nicht, daß du die Überlebens- chancen unserer kleinen Kolonie verdoppelt hast?« »Wirklich?« »Der Vater kommt nicht aus unserer Gruppe. Wie war er? Intelligent?« »Hätte ich mich sonst mit ihm eingelassen, Paps?« »Natürlich nicht. Entschuldige die dumme Frage.« Er lächelte. »Mir ist nicht mehr nach Arbeiten zumute. Komm, wir müssen die gute Nachricht den anderen beibringen.« »Ja, Paps – aber was sagen wir Mutter?« »Die Wahrheit. Und ich werde sie ihr sagen. Keine Angst, Kleines. Du bekommst dein Kind, und um alles weitere kümmere ich mich.« »Jawohl, Sir. Paps, jetzt ist mir aber wohler.« »Das freut mich.«, »In der Aufregung hätte ich beinahe etwas verges- sen. Wußtest du, daß Doktor Livingstone Junge be- kommt?« »Ja.« »Und warum hast du mir nichts davon gesagt?« »Du hast doch Augen im Kopf.« »Hm ja. Aber komisch, daß du es bei Doc gemerkt hast und bei mir nicht.« »Na, so besonders schlank warst du ja noch nie.« »Paps, zu manchen Zeiten mag ich dich lieber als zu anderen Zeiten. Aber im Augenblick bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dich zu mögen, oder?« Hugh beschloß, Grace die Neuigkeit erst nach dem Essen zu erzählen. Der Entschluß war gerechtfertigt. Für Grace war Karen eine undankbare Tochter, ein Schandfleck für die Familie und eine schamlose Schlampe, während Hugh ein widernatürlicher Vater war, eine Niete, der irgendwie für Karens Schwangerschaft verantwortlich sein mußte. Hugh ließ sie toben, bis ihr der Atem ausging. Dann sagte er: »Sei still, Grace.« »Was? Hubert Farnham, du wagst es, mir so etwas zu sagen? Wie kannst du ruhig dasitzen, wenn deine eigene Tochter …« »Sei still, oder ich bringe dich dazu.« »Ja, Mutter, beruhige dich endlich mal«, meinte auch Duke. »Du auch? Oh, ich sehne mich nach dem Tag, an dem …«, »Mutter, willst du Vater nicht endlich ausreden las- sen?« Grace kochte vor Wut. »Joseph! Geh hinaus.« »Joe, du bleibst«, befahl Hugh. »Ja, Joe, bleib hier«, meinte auch Karen. »Hat denn keiner von euch einen Funken Anstand …« »Grace, ich war in all den Jahren noch nie näher daran, dich zu schlagen, als in diesem Augenblick. Willst du mir jetzt endlich zuhören?« Sie sah ihren Sohn an. Duke wich ihrem Blick aus. »Gut, ich werde zuhören. Wenn ich mir auch nicht vor- stellen kann, was dabei herauskommen soll.« »Grace, es hat keinen Sinn, auf Karen einzuschimp- fen. Erstens ist es grausam und zweitens lächerlich. Ihre Schwangerschaft ist ein Geschenk für uns.« »Hubert Farnham, du bist verrückt.« »Meinetwegen. Aber du reagierst mit herkömmli- chen Moralgefühlen, und das ist unsinnig.« »So? Moral ist also Unsinn? Wer hält denn jeden Sonntag Predigten, du Heuchler?« »Ich sagte nicht, daß die Moral ein Unsinn sei. Im Gegenteil, wir brauchen sie. Aber es ist doch unerheb- lich, ob Karens Handel unmoralisch war oder nicht, wenn die Gesellschaft, die diese Moralgesetze schuf, nicht mehr existiert. Denk doch einmal nach. Wir sind sechs. Vier gehören zu einer Familie. Das ist zu wenig für eine gute Erbmischung. Und doch müssen wir uns irgendwie vermehren – sonst hätte unser Weiterleben keinen Sinn. Karen hat für fremde Erbmasse gesorgt., Ich hoffe nur, daß sie die Anlage für Zwillingsgeburten hat, die in meiner Familie sehr stark vorhanden ist.« »Du sprichst von deiner Tochter wie von einer Zuchtkuh.« »Sie ist meine Tochter, und ich liebe sie. Aber viel wichtiger ist im Augenblick, daß sie eine schwangere Frau ist. Ich wünschte nur, du und Barbara wärt auch schwanger – von Männern außerhalb unserer kleinen Gemeinschaft. Es wäre gut für die nächste Generati- on.« »Ich bleibe nicht hier, um mich von dir beleidigen zu lassen.« »Ich sagte nur, ich wünschte es. Grace, Karen muß während ihrer Schwangerschaft sehr vorsichtig behan- delt werden. Du mußt dich um sie kümmern.« »Willst du damit sagen, daß ich es bisher nicht getan habe? Du bist derjenige, der sich um nichts kümmert. Nicht einmal um seine eigene Tochter.« »Es ist jetzt gleichgültig, ob sie meine Tochter ist oder nicht. Wenn es sich um dich oder Barbara handel- te, würde ich das gleiche sagen. Ab heute rührt Karen keine schwere Arbeit mehr an. Du wirst die Wäsche waschen – du hast dich ohnehin lange genug ausruhen können. Du wirst sie nicht schelten, Grace. Sonst muß ich dich bestrafen.« »Wage es nur!« »Ich hoffe, du zwingst mich nicht dazu.« Hugh sah seinen Sohn an. »Duke, habe ich deine Unterstüt- zung?« »Was meinst du mit ›bestrafen‹, Vater?«, »Wie es die Umstände verlangen. Mit Worten, mit Zwangsmaßnahmen, mit Züchtigung, wenn es sein muß. Ja, sogar mit Ausschluß aus der Gruppe, wenn keine andere Wahl bleibt.« Dukes Finger trommelten nervös auf den Tisch. »Das ist hart, Vater.« »Ich möchte, daß du auch an die Extreme denkst.« Duke warf seiner Schwester einen Blick zu. »Ich werde dich unterstützen. Mutter, du mußt dich zusam- mennehmen.« Sie begann zu schluchzen. »Mein eigener Sohn wendet sich von mir ab. Oh, daß ich das erleben muß!« »Barbara?« »Meine Meinung? Du hast recht. Hugh! Karen darf nicht grob behandelt werden.« »Dich geht das alles überhaupt nichts an!« Barbara sah Grace ausdruckslos an. »Tut mir leid, aber Hugh fragte mich. Auch Karen bat mich, hierzu- bleiben. Meiner Meinung nach benimmst du dich ab- scheulich, Grace. Ein Baby ist doch kein Unglück.« »Das sagst du leicht.« »Möglich. Aber du hackst dauernd auf Karen her- um. Das darfst du nicht.« »Sag’s ihnen, Barbara«, mischte sich Karen plötz- lich ein. »Soll ich?« »Ist vielleicht besser. Sonst zieht sie noch über dich her.« »Schön.« Barbara biß sich auf die Lippen. »Ich sag- te, daß ein Baby kein Unglück wäre. Ich erwarte selbst, ein Kind – und ich freue mich darüber.« Das Schweigen zeigte deutlich, daß es ihr gelungen war, die Aufmerksamkeit von Karen abzulenken. Sie selbst war zum erstenmal ruhig. Als sie vermutet hatte, daß sie schwanger war, hatte sie beileibe keine Tränen vergossen. Aber das Gefühl der Nervenanspannung war jetzt verschwunden. »Die zweite Hure. Kein Wunder, daß meine Tochter auf die schiefe Bahn geriet, wenn sie solchen Einflüs- sen …« »Halt den Mund, Grace.« »Ja, Mutter«, mischte sich Duke ein. »Du bist jetzt besser still.« »Ich wollte nur sagen …« »Du wirst kein Wort mehr sagen, Grace. Es ist mir ernst.« Mrs. Farnham gab sich geschlagen. Hugh fuhr fort: »Barbara, ich hoffe, du sagst das nicht nur, um Karen zu unterstützen.« Barbara sah ihn an. Sie konnte in seinem Gesicht nichts lesen. »Nein, Hugh, ich bin zwischen dem zwei- ten und dritten Monat schwanger.« »Dann können wir uns ja doppelt freuen. Du wirst ab jetzt keine schwere Arbeit mehr verrichten. Duke, kannst du ein bißchen von der Pflanzenarbeit über- nehmen?« »Natürlich.« »Joe wird auch helfen. Mmmm – ich werde mich mit der Küche und dem Bad beeilen müssen. Ihr beide werdet so was nötig haben, wenn erst mal die Babys, auf der Welt sind. Joe, jetzt können wir keinen Vor- raum mehr zur Sicherung gegen die Bären abzweigen. Wir Männer müssen ausziehen …« »Hugh!« »Ja, Barbara?« »Zerbrich dir heute noch nicht den Kopf über diese Dinge. Ich kann noch lange für meinen Garten sorgen. Die Siedlerfrauen arbeiteten, bis die Wehen kamen.« »Und sie starben auch meist im Kindbett. Barbara, wir brauchen euch. Wir werden euch wie Juwelen be- handeln.« Er sah sich um: »In Ordnung?« »Jawohl, Paps.« »Sicher, Hugh.« Mrs. Farnham erhob sich. »Wirklich, dieses Gerede macht mich ganz krank.« »Gute Nacht, Grace. Also – keine Gartenarbeit für dich, Barbara.« »Aber ich liebe meine Anpflanzungen. Ich höre schon rechtzeitig auf.« »Du kannst sie beaufsichtigen. Aber laß dich nicht mit einem Spaten in der Hand erwischen. Unkrautjäten ist ebenfalls verboten.« »Steht in deinen Büchern, wieviel eine schwangere Frau arbeiten darf?« »Ich werde das nachlesen. Wir werden aber auf je- den Fall auf der sicheren Seite bleiben. Es gibt Ärzte, die ihre Patientinnen für Monate zur Bettruhe ver- pflichten, damit sie ihr Kind nicht verlieren.« »Paps, du kannst doch nicht von uns verlangen, daß wir uns für den Rest der Zeit ins Bett legen.«, »Nein, Karen. Aber wir gehen kein Risiko ein. Bar- bara hat recht«, fügte er hinzu. »Wir können nicht alle Fragen heute abend lösen. Bridge? Oder ist das zu auf- regend?« »Himmel, nein«, erwiderte Karen. »Ich habe noch nie gehört, daß jemand vom Bridgespielen eine Fehl- geburt erlitt.« Ihr Vater nickte. »Höchstens einen Herzkollaps, wenn der Partner so wie du bietet.« »Pah! Du spielst wie ein Computer. Gefährlich le- ben – das ist meine Devise.« »Du lebst danach.« Aber sie kamen nicht mehr zu ihrem Spiel. Doktor Livingstone, der im ›Bad‹ geschlafen hatte, kam steif in den Hauptraum. »Joe«, sagte sein klagender Blick, »ich werde diese Jungen im nächsten Augenblick be- kommen.« Das Wimmern des Tieres und der schleppende Gang unterstrichen den Blick noch. Joe war sofort aufge- sprungen. »Doc! Was ist denn los, Doc?« Er wollte die Katze heben. Das war nicht gerade das Ideale. Doc wimmerte nur um so lauter und wehrte sich. »Laß ihn, Joe«, rief Hugh. »Aber er hat doch Schmerzen.« »Wir werden ihm schon helfen. Duke, blas die Ker- zen aus. Wir brauchen elektrisches Licht. Karen, Dek- ken und ein frisches Bettuch auf den Tisch.« »Sofort.« Hugh beugte sich zu der Katze herunter. »Ruhig, Doc. Ich weiß, es tut weh. Aber es dauert nicht lange., Wir sind doch bei dir.« Er glättete ihm das Rückenfell und befühlte vorsichtig seinen Leib. »Beeil dich, Ka- ren, es wird gleich losgehen.« »Fertig, Paps.« »Komm, Joe, wir beide heben sie auf den Tisch.« »Was machen wir jetzt?« wollte Joe wissen. »Dir eine Beruhigungstablette geben.« »Aber Doc hat doch Schmerzen!« »Natürlich. Das können wir nicht ändern. Es ist sein erster Wurf, und er wird aufgeregt sein.« »Wir müssen doch etwas tun.« »Du kannst uns helfen, indem du dich beruhigst. Doc spürt deine Angst. Wir können praktisch nur ne- ben ihm stehen und ihm zeigen, daß er nicht allein ist. Willst du jetzt eine Tablette oder nicht?« »Ich glaube, ja.« »Hol sie, Duke. Joe muß hierbleiben, weil Doc ihm vertraut.« »Hubert, wenn du die ganze Nacht wegen dieser Katze aufbleiben möchtest, dann gib mir bitte auch eine Schlaftablette. Du kannst mir nicht zumuten, daß ich bei diesem Lärm schlafe.« »Eine Seconal für deine Mutter, Duke. Weiß je- mand, was wir als Nest herrichten könnten?« Hugh Farnham ging im Geiste alle Möglichkeiten durch. Je- der Holzspan und jedes Stückchen Karton hatte bereits seine Verwendung gefunden. »Wie wäre es mit der untersten Schrankschublade?« »Ausgezeichnet. Wirf den Inhalt auf eine Koje. Du kannst den Boden mit meinem Jagdhemd auspolstern., Sie wird ein kleines Nest ganz für sich allein wollen.« »Paps, hör doch auf, so nervös zu sein. Wir haben schon mehr Katzen ans Licht der Welt geholfen.« »Entschuldigung, Baby. Das erste Junge kommt. Da, Joe!« Docs Leib zuckte. Karen riß das Zeug aus der Schublade, stopfte das Jagdhemd hinein und rannte zurück. »Habe ich etwas versäumt?« »Nein«, versicherte Hugh. »Aber jetzt kommt es.« Doc unterbrach sein Keuchen und stieß einen schril- len Schmerzenslaut aus. Zweimal verkrampfte er sich, und dann hatte er das Junge entbunden. »Wie sieht denn das aus?« wunderte sich Barbara. »Hast du noch nie eine Katzengeburt erlebt?« fragte Karen. »Paps, es ist grau! Doc, wo hast du dich herum- getrieben? Das heißt, ich müßte eigentlich ganz still sein.« Weder Hugh noch Doktor Livingstone antworteten. Die Katze begann ihr Junges abzulecken. Mit einem dünnen, fast unhörbaren Schrei gab das Kleine seine Meinung von der Welt kund. Doc biß die Nabelschnur durch und schnurrte zufrieden. »Boß«, fragte Joe, »was ist denn mit dem Kleinen los? Es ist so dünn und faltig.« »Ein wunderschönes Baby, Doc.« Hugh kraulte die Katze beruhigend zwischen den Ohren. »Und die schrecklichste Mesalliance, die ich gesehen habe. Glatthaarig und grau getigert!« Doc sah vorwurfsvoll auf, zitterte und machte sich, daran, die Nachgeburt aufzufressen. Barbara schluckte und rannte zur Tür. Sie zerrte am Riegel. Karen half ihr beim Öffnen der Tür und stützte sie. »Duke!« rief Hugh, »Bärenwache!« Duke folgte ihnen und streckte den Kopf ins Freie. »Heller Mondschein«, rief Karen. »Wir sind vollkom- men sicher. Geh wieder hinein.« »Gut – aber laßt die Tür offen.« Er zog sich zurück. »Das ist das Baby«, meinte Karen. Barbara würgte und schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Aber was Doc da gemacht hat …« »Ach so. Das ist normal bei Katzen. Tut ihnen gut. Hormone, wenn mich nicht alles täuscht. Aber wir können ja Hugh fragen. Geht es wieder besser, Lie- bes?« »Karen? Wir – wir müssen das doch nicht, oder?« »Wie? Äh – ich glaube nicht. Sie hätten uns in Me- dizin sicher Bescheid gesagt.« »Sie sagen so manches nicht«, verkündete Barbara düster. »Wir zum Beispiel hatten eine vertrocknete alte Schachtel. Die konnte das ja gar nicht wissen. Nein, Karen, ich will das Baby nicht.« »Das hätten wir uns früher überlegen müssen, Ka- merad«, sagte Karen lächelnd. Doch dann würgte auch sie plötzlich. Wenig später gingen sie blaß, aber gefaßt, nach drinnen. Doktor Livingstone bekam noch drei Babys, und Barbara konnte zusehen, ohne ins Freie laufen zu müssen., Einmal, beim dritten Jungen, mußte Hugh nachhel- fen. Doc schrie auf und biß sich in seinem Daumen fest. Aber als Hugh dem winzigen Wollknäul ins Ge- sicht hauchte, quiekste es indigniert. Er legte es Doc vor die Nase. »Das war knapp«, meinte er mit zittriger Stimme. »Doc hat es nicht so gemeint«, verteidigte Joe sei- nen Freund. »Natürlich nicht. Wer von euch Mädchen kann wei- termachen?« Barbara versorgte seine Wunde und schwor sich, bei ihrer Entbindung auf keinen Fall zu beißen, und wenn es noch so weh tat. Die Jungen waren der Reihe nach glatt und grauge- tigert, schneeweiß mit Angorapelz, schwarz mit weißer Halskrause und weißen Pfötchen und scheckig. Nach heftigen Diskussionen zwischen Karen und Joe einigte man sich auf die Namen Happy, Maggie, Mustafa und Schecki. Gegen Mitternacht befanden sich Mutter und Kinder in der Schublade. In ihrer Nähe hatte man die Sandki- ste, Futter und Wasser aufgestellt. Alles ging schlafen. Joe legte sich so auf den Boden, daß sein Kopf neben dem Katzennest ruhte. Als alles ruhig war, knipste er noch einmal die Ta- schenlampe an und betrachtete das Idyll: Doc hatte ein Junges in den Pfoten, während die drei anderen fried- lich tranken. Doc hörte auf, an Maggie herumzuputzen und sah Joe fragend an. »Sie sind wunderschön, Doc«, versicherte er ihr., Sie sträubte ihren Backenbart und schnurrte zu- stimmend. Hugh stützte sich auf die Schaufel. »Das reicht, Joe.« »Ich räume noch um das Gatter auf.« Sie befanden sich am oberen Ende des Grabens, da, wo man mit ge- fällten Bäumen einen Damm gegen die Trockenheit errichtet hatte. Sie hatten Wochen daran gearbeitet. Der Wald knackte vor Trockenheit, und die Hitze war be- drückend. Sie gingen äußerst vorsichtig mit Feuer um. Wegen der Bären machten sie sich keine allzugro- ßen Sorgen mehr. Duke hatte so viel Raubtiere getötet, daß es in der näheren Umgebung kaum mehr welche gab. Das Wasser, das oberhalb des Damms in ihren Gra- ben einlief, war ein winziges Rinnsal, aber es genügte zur Bewässerung des Gartens und für den Haushalt. Ohne den Graben wäre der Garten verloren gewesen. Der Boden des Grabens war von seiner Abzweigung bis zur Mündung gekachelt. So ging nur ein Minimum des Wassers verloren. Ihr Brennofen hatte Tag und Nacht gearbeitet. Der Lehm vom Flußufer war fast verbraucht. Doch das beunruhigte Hugh nicht, denn sie hatten alles, was sie brauchten. Ihr Bad funktionierte. Wasser floß durch die Toilet- te, die mittels einer Tierhaut in zwei Abteile getrennt war., Den beschädigten Wassertank hatte er mühevoll mit Hammer und Meißel in die Hälfte geschnitten. Nun besaß man eine Badewanne im Innern des Hauses und einen Waschzuber draußen. In einer Ecke des als Kü- che und Bad dienenden Raumes befand sich ein Ofen. Aber die Tage waren so heiß, daß die Mädchen lieber im Freien kochten. Sie aßen draußen und schützten sich mit einer Plane aus Bärenhaut gegen die sengende Sonne. Ihr Bunker besaß jetzt zwei Stockwerke. Man hatte auf dem Dach eine Art Laubhütte errichtet. Um sich vor den Bären und anderen unerwünschten Besuchern zu schützen, hatte Hugh Seile gespannt, an denen die leeren Sauerstoffflaschen befestigt waren. Sie würden bei jeder Annäherung warnend klirren. Alles, was eini- germaßen wetterfest war, wurde nach oben gebracht, und der Hauptraum für die Mädchen hergerichtet. Er wirkte jetzt wie ein Mittelding zwischen Schlaf- und Krankenzimmer. Hugh starrte den Fluß hinunter. Nächstes Jahr würde alles schon viel besser aussehen. Vielleicht konnten sie sogar die weitere Umgebung ein bißchen durchfor- schen. Nicht einmal Duke hatte sich bisher weiter als zwanzig Meilen von hier entfernt. Aber sonst konnte er zufrieden sein. Selbst Grace hatte sich mit ihrem Los abgefunden. Er war sicher, daß sie eine gute Großmutter sein würde. Grace liebte kleine Kinder. Es konnte nicht mehr lange dauern. Karen war sich nicht so ganz sicher, aber alle Anzeichen deuteten dar-, aufhin, daß die Geburt in den nächsten vierzehn Tagen erfolgen würde. Je eher, desto besser. Hugh hatte in seinen Handbü- chern alles über Schwangerschaft und Geburten nach- gelesen. Er hatte die bestmöglichen Vorbereitungen getroffen. Seine Patienten schienen bei guter Gesund- heit zu sein. Barbara und Karen munterten sich gegen- seitig auf, und Grace gab ihnen manchen wertvollen Rat. Er freute sich auf die Babys. Sie würden Leben in das Haus bringen. Hugh Farnham wurde plötzlich klar, daß er in sei- nem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen war. »So, das genügt, Hugh.« »Gut. Nimm das Gewehr, ich trage das Werkzeug.« »Ich glaube«, meinte Joe, »wir sollten lieber …« Seine Worte wurden von einem Schuß unterbro- chen. Die beiden Männer blieben auf der Stelle stehen. Zwei weitere Schüsse krachten. Sie rannten los. Barbara stand in der Tür. Sie hielt eine Pistole hoch und winkte ihnen. Dann ging sie hinein. Kurz bevor die Männer das Haus erreicht hatten, kam sie ihnen mit schwerfälligen Bewegungen entgegen. Joe war schneller als Hugh angekommen. »Karen?« fragte er atemlos. »Ja. Die Wehen haben angefangen.« »Warum hast du nicht – ach, ist ja egal. Was gibt es sonst?« »Grace ist bei ihr. Aber sie verlangt nach Hugh.«, Joe war ins Haus gelaufen. Hugh wischte sich über das schweißbedeckte Gesicht und versuchte das Zittern seiner Hände zu verbergen. Barbara folgte ihm nach drinnen. Man hatte die Kojen in der Nähe der Tür abmon- tiert. Ein Bett ragte in den Gang hinaus, doch durch das Wegschaffen der Vorratsregale blieb Platz genug zum Vorbeigehen. Eine der Kojen diente jetzt als Sitzbank in der guten Stube. Das Bett war mit einem Strohsack und einem Bärenfell gepolstert. Schecki betrachtete es als ihr Privateigentum. Hugh ging an dem Bett vorbei und stolperte über ei- ne andere Katze. Er betrat das Schlafzimmer. Hier hat- te man die Kojen über Eck gestellt und in Betten zu- rückverwandelt. Grace saß an einem der Betten und fächelte Karen Kühlung zu. Joe stand daneben und sah Karen besorgt an. Hugh lächelte seine Tochter an. Er beugte sich zu ihr herunter und küßte sie. »Tut’s weh?« »Jetzt gerade nicht. Aber ich bin froh, daß du hier bist.« »Wir haben uns auch beeilt.« Eine Katze sprang aufs Bett und landete auf Karen. »Oooh, verdammt, Maggie!« »Joe«, befahl Hugh, »sammle die Katzen ein und verbanne sie für die nächsten Stunden.« Man hatte die Tunnelmündung mit Ziegeln ausgefüllt und nur Luft- spalte und einen verschließbaren Katzeneingang frei- gelassen. Die Katzen hatten keine sehr hohe Meinung von dem Gefängnis, aber nachdem Happy verschwun-, den und nicht mehr aufgetaucht war, hatten sich Hugh und Joe zu diesem Bau entschlossen. »Paps, Maggie soll bei mir bleiben«, sagte Karen. »Also, Joe, aber die anderen verschwinden. Und wenn es losgeht, muß auch Maggie hinaus.« »Schon gut, Hugh.« Joe ging hinaus, und Barbara kam herein. Hugh fühlte Karens Puls und sah seine Frau an. »Ist sie rasiert und gewaschen?« »Nein, wir hatten bisher keine Zeit.« »Laß dir von Barbara helfen.« Er sah Karen lä- chelnd an. »Du wirst noch Geduld haben müssen, Kleines. Nicht nur Katzenbabys haben die Eigenschaft, in der Nacht zu kommen.« »Schon gut. Wenn das kleine Balg nur schon da wä- re.« »Tja, Kinder haben schon vor der Geburt ihren Dickkopf. So – und jetzt waschen wir uns beide. Ich habe am Graben oben gearbeitet.« Er wollte hinausge- hen. »Einen Augenblick, Paps. Muß ich hier unten blei- ben? Es ist so heiß.« »Nein. An der Tür ist auch ein Bett. Und das Licht ist besser – falls Klein-Tarzan die Güte besitzt, doch noch untertags anzukommen. Barbara, hol das Bären- fell vom Bett. Es ist nicht mehr ganz sauber. Und brei- te ein Bettuch über den Strohsack.« »Das sterilisierte?« »Nein. Das rühren wir erst an, wenn die Sache los- geht.« Hugh tätschelte Karen den Arm. »Wehe, du, wartest nicht, bis ich gewaschen bin.« »Paps, du hättest Arzt werden müssen.« »Ich bin Arzt. Der beste Arzt der Welt.« Als er aus dem Haus trat, traf er auf Duke, der vom langen Laufen ganz schweißüberströmt war. »Ich habe die drei Schüsse gehört. Karen?« »Ja. Aber die Wehen haben gerade erst eingesetzt. Ich nehme ein Bad. Kommst du mit?« »Gleich. Zuerst möchte ich nach ihr sehen.« »Beeil dich. Sie wollen sie waschen. Und nimm Joe mit, wenn er die Katzen eingefangen hat. Er würde den Frauen nur im Wegsein.« »Sollten wir nicht Wasser kochen?« »Wenn du willst. Aber ich habe einen Vorrat – seit einem Monat. Geh schnell zu Karen, aber laß sie nicht merken, daß du beunruhigt bist.« »Paps, du bist einfach ein eiskalter Bursche.« »Junge, ich habe eine Wahnsinnsangst. Ich kann dir dreizehn Komplikationen aufzählen – und mit keiner einzigen könnte ich fertig werden. Nichts kann ich tun – außer ihr die Hand halten und sagen, daß alles in Ordnung ist. Ich untersuche sie und habe keine Ah- nung, worauf ich überhaupt achten muß. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir dabei helfen könntest.« »Jawohl, Sir«, sagte Duke nüchtern, »ich werde sie schon täuschen.« »Und wenn Joe zu nervös wird, wirf ihn hinaus. Er ist der Allerschlimmste. Grace dagegen hält sich vor- bildlich.« Später kletterte Hugh vor Joe und Duke aus dem, Fluß, nahm seine Kleider auf den Arm und ließ sich von der Luft trocknen. Er blieb vor dem Eingang ste- hen und zog saubere Shorts an. Er klopfte. »Bleib draußen«, rief Grace, »wir sind beschäftigt.« »Dann deck sie zu. Ich muß mich abschrubben.« »Aber Mutter, Paps kann ruhig hereinkommen.« Er drückte sich an Grace und Barbara vorbei und betrat das Bad. Hier schnitt er sich die Nägel ganz kurz, ließ heißes Wasser über die Hände laufen, dann kaltes und wieder heißes. Sorgfältig darauf bedacht, nichts zu berühren, ging er zurück ins Zimmer. Grace und Barbara saßen auf dem Bett, Duke stand in der Tür, und Joe saß mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Koje. Hugh grinste Karen an. »Schmerzen?« »Nein, überhaupt keine. Ich möchte den Kerl noch vor dem Mittagessen bekommen.« »Das verspreche ich dir – denn du bekommst kein Mittagessen.« »Gemeiner Mensch.« »Herr Doktor, wenn ich bitten darf. Und nun hinaus mit den Besuchern, ich muß meine Patientin untersu- chen. Grace, du kannst hierbleiben. Barbara, leg dich hin.« »Ich bin nicht müde.« »Du mußt vielleicht in der Nacht wachbleiben. Ich habe keine Lust, mich mit einer Frühgeburt herumzu- ärgern.« Er rollte das Bettuch zurück. »Spürst du ihn?« »Spüren! Ich bin überzeugt, daß er Schuhe anhat.« »Das würde mich nicht sehr überraschen. Hast du, die Schuhe damals dabei anbehalten?« »Was? Paps, du bist ein Ekel, wirklich.« »Pränatale Beeinflussung. Zieh beim nächstenmal die Schuhe vorher aus.« Er versuchte herauszufinden, in welcher Lage sich das Kind befand, aber es gelang ihm nicht. Auf alle Fälle grinste er Karen zuversichtlich an. »Seine Lage ist goldrichtig. Es wird eine leichte Geburt.« Er sah auf, weil er bemerkte, daß Grace ihn ansah. Sollte er sie fragen? Lieber doch nicht. Grace hatte zwar Kinder gehabt, wußte aber über den Vorgang der Geburt kaum mehr als er. Statt dessen nahm er sein »Stethoskop« (eine aus dicken Papierbögen herausgestellte Röhre) und ver- suchte den Herzschlag des Kindes abzuhören. In den vergangenen Tagen war ihm das problemlos gelungen, doch jetzt vernahm er nur undefinierbare Geräusche, die ihn bedenklich stimmten. »Tickt wie ein Uhrwerk«, verkündete er, legte die Röhre beiseite und deckte seine Tochter wieder zu. »Dein Baby ist bestens in Form, und das gilt auch für dich. Grace, hast du notiert, wann die Wehen angefan- gen haben,« »Barbara hat das gemacht.« »Dann übernimm du das jetzt. Aber sag vorher Du- ke Bescheid, er soll die Stricke vom anderen Bett ent- fernen und hier anbringen.« »Hubert, bist du sicher, daß sie sich an den Stricken festhalten soll? Meine Ärzte ließen mich das nicht ma- chen.«, »Es ist das Neueste«, versicherte er ihr. »In allen Krankenhäusern macht man es jetzt so.« Hugh hatte irgendwo gelesen, daß dies eine Taktik war, die He- bammen oft anwandten, wenn die Wehen sehr stark waren. Und sie kam ihm recht logisch vor. Grace sah ihn noch einmal zweifelnd an, ließ aber das Thema fallen. Sie ging nach draußen. Auch Hugh wollte sich erheben, aber Karen griff nach seiner Hand. »Geh nicht weg, Paps.« »Schmerzen?« »Nein. Ich muß dir etwas sagen. Ich habe Joe ge- fragt, ob er mich heiraten wolle. Und er hat ›ja‹ ge- sagt.« »Das freut mich, Kleines. Er ist wirklich ein Juwel.« »Das glaube ich auch. Oh, ich weiß, ich hatte keine andere Auswahl, aber ich mag ihn sehr gern. Wir wol- len den anderen erst Bescheid sagen, wenn ich wieder gesund bin. Im Augenblick könnte ich den Streit mit Mutter nicht ertragen.« »Ich werde ihr nichts sagen.« »Sag auch Duke nichts. Barbara weiß Bescheid. Sie findet es großartig.« Während Duke die Stricke befestigte, wurde Karen von neuen Wehen gequält. Sie schrie auf, biß auf die Lappen und griff nach den Stricken, die ihr Duke ha- stig hinhielt. Hugh sah, daß sich ihr Leib verhärtete. »Schrei, Kleines«, riet er ihr. »Es hilft.« Endlose Sekunden später entspannte sie sich, zwang sich zu einem Lächeln und meinte: »Vorbei. Entschul- digt bitte die lautmalerische Begleitung.«, »Schrei ruhig. Und jetzt versuch dich auszuruhen. Joe, du wirst als Koch eingesetzt. Grace muß bei Karen bleiben, und Barbara soll sich ausruhen. Eine kalte Mahlzeit reicht. Grace, habt ihr die Zeit beachtet?« »Ja«, erklärte Barbara an Stelle von Grace. »Vier- undvierzig Sekunden.« »Bist du verrückt, Barbie?« ächzte Karen. »Es hat mindestens eine Stunde gedauert.« Sieben Minuten später folgte die nächste Wehe. Ka- ren schrie nicht. Aber als es vorbei war, wandte sie einfach den Kopf ab. Obwohl ihm die Schmerzen sei- ner Tochter nahegingen, fühlte sich Hugh doch erleich- tert. Es schien sicher, daß alles bald vorbei sein würde. Er täuschte sich. Den ganzen Tag rang Karen. Es wurde immer schlimmer. Alle drei Minuten ka- men die Wehen, und jede schien länger zu dauern und schmerzhafter zu sein. Gegen neun Uhr abends setzten die Blutungen ein. Grace wurde nervös. Sie wußte, daß so etwas nicht normal war. Aber Hugh gelang es noch einmal, sie zu beruhigen. Nach kurzer Zeit hörten die Blutungen wirklich auf. Er war überzeugt, daß das Kind jeden Augenblick kommen mußte. Grace sah ärgerlich aus. Sie erhob sich. Barbara setzte sich in den freien Stuhl. Hugh hoffte nur, daß Grace ein bißchen schlafen würde. Die Frauen hatten sich laufend abgewechselt. Aber nach ein paar Minuten kehrte Grace zurück. »Hubert«, sagte sie mit schriller Stimme. »Hubert, ich rufe jetzt den Arzt an.«, »Tu das«, sagte er und heftete seine Augen auf Ka- ren. »Hör mir gut zu, Hubert Farnham. Du hättest sofort einen Arzt rufen sollen. Du bringst sie um, verstehst du mich? Ich hole jetzt den Arzt – und du wirst mich nicht daran hindern können.« »Ja, Grace. Das Telefon ist drinnen.« Sie sah ihn ei- nen Augenblick verblüfft an und ging dann. »Duke!« Sein Sohn kam hereingelaufen. »Ja, Paps?« Hugh sagte gepreßt: »Duke, deine Mutter hat sich entschlossen, einen Arzt anzurufen. Hilf ihr. Hast du mich verstanden?« Dukes Augen weiteten sich. »Wo sind die Nadeln?« »In dem kleineren Bündel auf dem Tisch. Gib acht, daß du nicht an das größere Bündel stößt. Es ist steril.« »Gut. Welche Dosis?« »Zwei Einheiten. Aber wenn sie die Nadel sieht, wird sie sich wehren. Oder – gib ihr lieber drei Einhei- ten. Sie verträgt es. Und schläft bis morgen früh durch.« Duke ging. Karen hatte halb bewußtlos auf ihrem Bett gelegen. Jetzt flüsterte sie: »Armer Paps. Deine Frauen machen dir viel Kummer, nicht wahr?« »Ruh dich aus, Liebling.« »Ich – oh, Himmel, da kommt es schon wieder.« Zwischen den Krämpfen begann sie zu schreien. »Es tut so weh! Mach, daß es aufhört! Oh, Paps, ich will einen Arzt haben! Bitte, Paps! Hol einen Arzt!« »Ruhig, Liebling, ruhig.«, Es ging immer weiter, bis tief in die Nacht. Und es wurde noch schlimmer. Die Wehen überlagerten sich jetzt fast. Gegen Morgen sagte Barbara drängend: »Hugh, sie kann einfach nicht mehr.« »Ich weiß«, sagte er. Er sah auf seine Tochter hinun- ter. Ihr Gesicht war grau und verzerrt, und zwischen den zusammengepreßten Lippen drängte sich ein schluchzendes Stöhnen hervor. »Was tun wir?« »Sie braucht einen Kaiserschnitt. Aber ich bin kein Arzt.« »Wirklich nicht?« »Du weißt mehr darüber als der Arzt, der ihn zum erstenmal anwendete. Wir haben Sulfonamide, um die Wunde steril zu behandeln.« Sie sprach laut. Sie wuß- te, daß Karen nicht mehr in der Lage war, etwas aufzu- nehmen. »Nein.« »Hugh, du mußt. Sie stirbt.« »Ich weiß.« Er seufzte. »Aber für einen Kaiser- schnitt ist es jetzt zu spät. Wir könnten höchstens das Baby, nicht aber Karen retten.« Er schwankte. »Und wer würde es ernähren? Du bist noch nicht so weit. Und Kühe haben wir keine.« Er holte tief Atem. »Es gibt nur eine Möglichkeit. Die Eskimos machen es so. Wir müssen sie aufrichten und die Schwerkraft mitwirken lassen. Ruf die Män- ner.« Fünf Minuten später waren sie bereit. Hugh ver-, suchte der halb bewußtlosen Karen zu erklären, worum es ging. Schließlich nickte sie erschöpft. »Es ist mir egal«, flüsterte sie. Hugh erteilte seine Anordnungen. »Wenn die Wehe kommt, müßt ihr sie aufrichten.« Sie mußten nur Sekunden warten. Karen schrie auf. »Laßt mich los. Rührt mich nicht an. Pops! Sie sollen mich nicht anrühren!« »Hebt sie hoch! Jetzt!« Sie brachten sie in eine hockende Position, ihre Schenkel waren gespreizt. Barbara stand hinter Karen, hatte die Arme um sie gelegt und drückte auf ihren malträtierten Bauch. Karen schrie und strampelte, doch sie hielten sie fest. Hugh legte sich auf den Boden und leuchtete mit der Taschenlampe nach oben. »Pressen, Karen, pressen!« »Aaaaah!« Plötzlich sah er ein Stück vom Kopf des Kindes. Er wollte schon das Messer beiseite legen, da zog sich der Kopf zurück. »Versuch es nochmal, Karen!« Während er abermals die Taschenlampe benutzte, überlegte er, wo er den Schnitt ansetzen sollte, vorn oder hinten? Oder an beiden Stellen? Wieder wurde der Kopf sichtbar, rutschte aber nicht weiter vor. Ohne darüber nachzudenken, langte er empor und machte einen kleinen Schnitt. Ihm blieb kaum Zeit, das Messer fallen zu lassen, da hielt er schon das glitschige, blutbeschmierte Kind in seinen Händen. Hugh wußte, daß er irgend etwas tun mußte, aber er hatte keine Ahnung, was., »Legt sie aufs Bett – aber vorsichtig. Die Nabel- schnur ist noch nicht getrennt.« Sie schafften es. Hugh hielt das zappelnde Etwas in der Hand, wusch es und wollte es Karen in die Arme legen. Doch dann bemerkte er, daß es keinen Sinn hät- te – Karens Augen waren zwar weit geöffnet, doch sie war nicht bei Bewußtsein. Hugh stand ebenfalls kurz vor dem Zusammen- bruch. Er schaute verwirrt umher und reichte dann Barbara das Baby. »Bleib hier«, sagte er überflüssi- gerweise. »Paps«, fragte Duke, »müßtest du jetzt nicht die Nabelschnur durchtrennen?« »Noch nicht.« Wo war das Messer. Er fand es und reinigte die Klinge schnell mit Alkohol. In der Hoff- nung, das Gerät so einigermaßen sterilisiert zu haben, legte er es zwischen zwei Streifen, des abgekochten Leinens. Dann betastete er die Nabelschnur, um zu prüfen, ob sie noch pulsierte. »Er ist hübsch«, sagte Joe sanft. »Sie«, korrigierte ihn Hugh. »Es ist ein Mädchen. Barbara, wenn du …« Er unterbrach sich. Plötzlich geschah alles viel zu schnell. Das Baby begann zu keuchen. Hugh schnappte es sich, drehte es um, griff in seinen Mund, holte einen Schleimklumpen daraus hervor, reichte es an Barbara zurück, wollte wieder die Nabelschnur überprüfen und bemerkte, daß es Karen schlechter ging. Mit einem alptraumhaften Gefühl, er allein könne gar nicht alles schaffen, nahm er einen Stoffstreifen, und band die Nabelschnur dicht vor dem Bauch des Kindes ab. Dabei bemühte er sich, seine zitternden Hände unter Kontrolle zu bekommen, damit er den Knoten nicht zu fest anzog. Als er einen zweiten Strei- fen aufnahm, erkannte er, daß er ihn nicht mehr brau- chen würde – Karen verlor die Nachgeburt und blutete heftig. Sie stöhnte. Mit einem einzigen raschen Schnitt durchtrennte er die Nabelschnur, wies Barbara an, das Ende zu verbin- den, und wandte sich wieder seiner Tochter zu. Das Blut rann in Strömen aus ihr heraus. Ihr Gesicht war grau und sie selbst immer noch ohne Bewußtsein. Es war zu spät, um den Schnitt noch zu vernähen. Au- ßerdem hätte das wenig genützt, denn das Blut drang offensichtlich aus ihrem Inneren und nicht aus der kleinen Wunde. Er versuchte, die Blutung zu stoppen, indem er ihr die letzte Rolle Zellstoff hineinstopfte und dabei Joe und Duke anwies, ihr einen Druckverband am Bauch anzulegen. Einige Minuten später war der Druckverband an Ort und Stelle, und einige Binden übernahmen die Funkti- on des Zellstoffes. Hugh hob den Blick und schaute in Karens Gesicht. Plötzlich in Panik, fühlte er nach ih- rem Pulsschlag. Katherine Josephine lebte genau einen Tag. Hugh hatte sie eine Stunde nach der Geburt mit einem Tropfen Wasser getauft. Es war klar, daß das Baby nicht lange, durchhalten würde. Es hatte Atembeschwerden. Einmal versuchte es Barbara mit Mund-zu-Mund- Beatmung. Dabei geriet ihr etwas in den Mund, das sie schleunigst ausspuckte. Daraufhin ging es Klein-Josie eine Zeitlang besser. Aber Hugh ließ sich nicht täuschen. Er hatte keine Ahnung, wie er das Kind zwei Monate lang ernähren sollte, bis Barbara soweit war, diese Aufgabe zu über- nehmen. Sie hatten nur zwei Büchsen Nährmilch in ihrem Vorrat. Trotzdem arbeiteten sie genau und unermüdlich. Grace mixte aus dem Gedächtnis eine breiartige Masse. Trockenmilch, heißes Wasser und etwas Ka- kao. Sie hatten keine Baby-Flaschen, nicht einmal ei- nen Sauger. Ein verwaistes Kleinkind war ein Notfall, den Hugh nicht vorhergesehen hatte. Im nachhinein schien es ihm allerdings der wahrscheinlichste aller möglichen Notfälle zu sein. Er bemühte sich, nicht über seinen Fehler nachzudenken, und widmete sich ganz der Aufgabe, Karens Tochter am Leben zu erhal- ten. Ein Tropfer aus Plastik mußte als Sauger dienen. Es ging nicht sehr gut. Das Baby weigerte sich, am harten Plastikmaterial zu lutschen. Sobald man ihr ein bißchen Nahrung eingeträufelt hatte, spuckte sie sie wieder aus. Zweimal gelang es Grace, ihr fast eine Un- ze einzugeben, aber beide Male erbrach sie sich. Bar- bara und Hugh hatten noch weniger Glück. Und dann wurde Hugh von Graces Schreien und Schluchzen geweckt. Das Kind war erstickt. Während Hugh, Barbara und Grace um das Leben, des Kindes kämpften, schaufelten Duke und Joe an einem sonnigen Platz am Hang ein Grab für Karen. Sie gruben tief und sammelten eine Anzahl von Felsblök- ken. Keiner sagte etwas, aber sie waren sich einig, daß keine Bären oder Kojoten das Grab aufbrechen dürften. »Wie sollen wir einen Sarg bauen?« fragte Joe mit müder Stimme. Duke seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Joe, das können wir nicht.« »Wir müssen.« »Es geht nicht, Joe. Karen kann nicht warten.« »Und wenn wir eines der Betten verarbeiten? Oder die Bücherregale?« »Joe. Die Mittel, die wir dazu brauchen, befinden sich alle im Haus. Paps würde uns umbringen, wenn wir das Baby aufregen. Nein, Joe, kein Sarg.« Sie einigten sich auf eine Grabkammer aus Ziegeln, die ihren ganzen Ziegelvorrat aufbrauchten. Sie ver- kleideten den Lehm mit der Bärenhaut, die sie bisher beim Mittagessen vor der Sonne geschützt hatte. Am nächsten Morgen empfing das Grab Mutter und Tochter. Joe und Duke betteten sie hinein. Duke hatte darauf bestanden, daß Hugh sich um Grace und Barbara küm- merte. Er hatte vorausgesehen, daß es schwierig sein würde, die beiden steifen Körper zu lagern. Er wollte nicht einmal, daß seine Mutter zum Grab hinaufkäme. Hugh schüttelte den Kopf. »Ich dachte schon daran. Aber sie läßt sich nicht abhalten.« Auch Duke konnte sie nicht überreden. Aber als er, Joe nach unten schickte, um die anderen zu holen, war keine Spur mehr von den vorangegangenen Schwierig- keiten zu sehen. Karen lag friedlich mit ihrer Tochter im Arm da. »Tut mir leid, Schwesterherz«, flüsterte Duke, über den Rand der Ziegelmauer gebeugt. »Leb wohl.« Er bedeckte ihr Gesicht. Eine kleine Prozession kam den Hang herauf. Hugh half seiner Frau, während Joe Bar- bara stützte. Die Flagge hinter dem Bunker wehte auf halbmast. Sie stellten sich vor dem Grab auf, Hugh vorn, ne- ben ihm seine Frau und Duke. Joe und Barbara placier- ten sich am Fußende der Kammer. Hugh holte ein schwarzes Büchlein aus der Tasche und öffnete es an einer eingemerkten Stelle. »Ich bin die Auferstehung und das Leben …« Grace schluchzte, und ihre Knie gaben nach. Hugh drückte das Büchlein Duke in die Hand und stützte seine Frau. »Bring sie nach unten, Paps«, riet Duke. »Nein, nein«, sagte Grace mit stockender Stimme. »Ich muß bleiben.« »Gott dem Allmächtigen empfehlen wir die Seele unserer Schwester – unserer Schwestern – Erde zu Er- de, Asche zu Asche, Staub zu Staub …« Duke hielt ein und warf ein paar winzige Erdbröck- chen in das Grab. Dann warf er einen Blick auf das Buch, schloß es und sagte plötzlich: »Beten wir.« Sie brachten Grace hinunter und legten sie ins Bett. Joe und Duke kehrten zurück, um das Grab zu ver-, schließen. Als Hugh sah, daß seine Frau am Einschla- fen war, blies er die Kerzen aus. Sie öffnete die Augen. »Hubert …« »Ja, Grace?« »Ich habe es dir gesagt. Ich warnte dich. Aber du hast ja nicht auf mich gehört.« »Was meinst du, Grace?« »Ich sagte dir, sie müßte einen Arzt haben. Aber du in deinem Stolz wolltest keinen holen. Du hast deine Tochter auf dem Altar deines Stolzes geopfert. Mein Baby. Du hast sie auf dem Gewissen.« »Grace, hier gibt es keine Ärzte. Du weiß es.« »Wenn du nur ein halber Mann wärst, würdest du jetzt keine Ausreden suchen.« »Bitte, Grace! Kann ich dir irgendwie helfen? Eine Pille? Oder eine Beruhigungsspritze?« »Nein«, sagte sie schrill. »Damit hast du mich schon einmal hinters Licht geführt, als ich einen Arzt holen wollte. Nie wieder kannst du mich mit Medikamenten beeinflussen. Und wehe, du rührst mich ab heute noch einmal an. Mörder!« »Gut, Grace.« Er drehte sich um und ging hinaus. Barbara saß auf der Schwelle. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben. »Barbara, die Flagge muß wieder aufgezogen werden. Soll ich es tun?« »So bald schon, Hugh?« »Ja. Das Leben geht weiter.«, Es ging weiter. Duke jagte, Hugh und Joe versorgten den Garten. Hugh arbeitete noch härter als früher. Auch Grace arbeitete – ihre Gerichte wurden besser. Aber sie aß auch mehr. Sie wurde dick. Nie wieder äußerte sie ihre Überzeugung, daß Hugh für den Tod ihrer Tochter verantwortlich sei. Sie sprach überhaupt nicht mit ihm. Wenn es ein Problem gab, wandte sie sich an Duke. Sie blieb den Gottesdiensten fern. Im letzten Monat vor Barbaras Schwangerschaft suchte Duke seinen Vater auf und bat ihn um eine Un- terredung. »Paps, du sagtest, ich oder jeder andere könnte sich selbständig machen, sobald er es wollte.« Hugh war bestürzt. »Ja.« »Er dürfte seinen Anteil mitnehmen, nicht wahr? Munition, Werkzeuge und so fort.« »Noch mehr als das. Auch einen Anteil von den Dingen, die wir inzwischen gewonnen haben. Duke, du willst fort?« »Ja – aber nicht nur ich. Mutter ist fest entschlossen. Ich habe auch meine Gründe, aber Mutter ist der ent- scheidende Faktor.« »Mmm – sprechen wir über deine Gründe. Bist du unzufrieden mit meiner Führung? Ich trete sie gern an dich ab. Ich bin sicher, daß ich Joe und Barbara dazu bewegen kann, wenn du willst.« Er seufzte. »Ich wäre, froh, wenn ich die Last abgeben könnte.« Duke schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht, Paps. Ich will nicht der Boß sein. Oh, das soll nicht heißen, daß ich mit dem strengen Regiment einverstanden bin, das du aufgezogen hast. Aber die Ergebnisse zählen, und du hast gute Ergebnisse erzielt. Ich spreche lieber nicht über meine Gründe. Nur eines – mit dir haben sie nichts zu tun. Und ich würde auch nicht weggehen, wenn Mutter nicht so entschlossen wäre. Ich kann sie nicht allein gehen lassen.« »Weißt du, warum Grace fort will?« Duke zögerte. »Paps, ich glaube nicht, daß es so wichtig ist. Sie ist einfach nicht davon abzubringen. Ich versuchte ihr klarzumachen, daß sie hier sicherer wäre als bei mir. Umsonst.« Hugh wägte ab. »Duke, ich möchte deine Mutter nicht überreden, wenn sie so fest entschlossen ist. Ich habe seit langem keinen Einfluß mehr auf sie. Aber ich habe zwei Ideen. Vielleicht bist du mit einer davon einverstanden.« »Hmm.« »Hör zu. Du weißt, daß wir Kupferrohre haben. Wir könnten einen Destillierapparat bauen. Ich habe alle notwendigen Geräte, weil ich wußte, wie wichtig Al- kohol ist. Nicht nur für uns. Aber in jeder primitiven Gesellschaft wird er teuer bezahlt. Ich rechnete mit einem Krieg. Du kannst dir denken, weshalb ich ihn bisher nicht gebaut habe. Duke, ich weiß, wie man Schnaps braut. Ich habe es gelernt, als ich auf dem Südpazifik herum-, gondelte. Vielleicht ist Mutter glücklich, wenn sie wieder Alkohol hat.« »Sie würde sich zu Tode trinken.« »Wenn sie glücklich dabei ist, haben wir nicht das Recht, sie davon abzuhalten. Was hat sie denn vom Leben? Sie liebte Parties, das Fernsehen, Kinos. Sie konnte einen ganzen Tag beim Friseur oder bei der Schneiderin verbringen. Das alles hat sie verloren. Al- kohol ist das einzige, was wir ihr als Ersatz anbieten können. Und wieso willst gerade du entscheiden, ob sie sich zu Tode trinken darf oder nicht?« »Paps, du verstehst die Lage nicht ganz. Wir könn- ten dir vielleicht einen Teil des Alkohols abkaufen, aber Mutter würde dich trotzdem verlassen.« »Dann kommt nur noch die andere Idee in Frage. Ich ziehe aus. Nur …« Hugh runzelte die Stirn. »Duke, sag ihr, daß ich ausziehe, sobald Barbara ihr Kind hat. Ich kann sie in diesem Zustand nicht sich selbst über- lassen.« »Paps, das geht nicht.« »Ich verstehe nicht.« »Oh, Himmel, dann muß ich es eben sagen. Es ist wegen Barbara. Mutter ist in der Hinsicht einfach wahnsinnig. Sie kann sie nicht ausstehen, seit Karen starb. Sie sagte zu mir: ›Duke, dieses Weib wird ihren Fratzen nicht in meinem Haus zur Welt bringen. Ich lasse es nicht zu. Geh und sag deinem Vater, daß er sie hinauswerfen soll.‹ Das waren ihre Worte, Paps.« »Du liebe Güte.« »Ich versuchte es mit Vernunft. Ich erklärte ihr, daß, Barbara jetzt nicht weg könne und daß du sie auch nicht allein lassen würdest. Ich sagte ihr, daß Joe und ich dich niederschlagen würden, wenn du so verrückt wärst, es zu tun. Obwohl du es natürlich nicht tätest.« »Danke.« »Das hat sie überzeugt. Aber sie beschloß, selbst fortzugehen. Ich kann sie nicht mehr länger hinhalten. Und jemand muß sich um sie kümmern.« Hugh rieb sich die Schläfen. »Es geht nicht, Duke. Wohin sollte sie denn gehen?« »Wir schaffen es – mit deiner Hilfe. Erinnerst du dich noch an die Höhle im Collins-Canon, die sie da- mals zur Touristenattraktion ausbauen wollten? Sie ist immer noch da. Ich kam letzte Woche vorbei und sah aus purer Neugier nach. Sie ist bewohnbar und kann verteidigt werden.« »Der Eingang?« »Kein Problem. Wenn du die Stahlplatte entbehren könntest, die den Tunnel abschloß.« »Natürlich.« »Die Höhle hat weiter oben einen Luftabzug. Also auch kein Rauchproblem. Und eine Quelle, die auch während der Trockenzeit nie ganz versiegt ist. Paps, die Höhle ist so bequem, wie der Bunker. Nur muß sie ausgestattet werden.« »Ich kapituliere. Du kannst dir praktisch alles mit- nehmen, was du brauchst. Betten, natürlich. Und einen Teil der Vorräte, Streichhölzer, Munition, Waffen. Mach einfach eine Liste, ich helfe dir dann, alles hinü- berzutragen.«, Duke errötete unter seiner sonnengebräunten Haut. »Paps, ein paar Sachen sind schon dort oben.« »So? Hast du gedacht, ich wäre knausrig?« »Äh … ich rede nicht von der letzten Zeit. Ich habe einige Dinge schon damals dorthin gebracht, als wir gerade erst hier gestrandet waren. Na ja, wir hatten diesen Streit … und dann hast du mir die Aufsicht über die Vorräte übertragen. So bin ich auf diesen Gedan- ken gekommen und habe ungefähr eine Woche lang immer irgendwelche Sachen mitgenommen, wenn ich unbeobachtet verschwinden konnte.« »Du hast gestohlen.« »So betrachte ich das nicht. Ich habe nie mehr als ein Sechstel von etwas mitgenommen, und auch nur Dinge, die in meinen Beutel paßten. Streichhölzer. Munition. Dies Gewehr, das du nicht finden konntest. Eine Decke. Ein Messer. Etwas Nahrung. Ein paar Kerzen. Na ja … betrachte es mal aus meiner Sicht. Es bestand jederzeit die Möglichkeit, daß wir uns wieder in die Wolle gerieten, und dann hätte ich entweder kämpfen und dich möglicherweise töten müssen, oder ich wäre weggelaufen und hätte dann gar nichts mit- nehmen können. Ich beschloß, auf keinen Fall zu kämpfen, und deshalb traf ich meine Vorbereitungen. Aber ich habe nichts gestohlen. Du hast erklärt, ich könnte meinen Teil haben. Und sag jetzt nur ein Wort, dann bringe ich alles zurück.« Hugh Farnham kratzte an einer Schwiele herum, dann blickte er auf. »Dem einen etwas zu stehlen, be- deutet für den anderen, zu überleben, denke ich. Nur, eine Sache: Bei den Nahrungsmitteln, die du genom- men hast – waren darunter auch Milchdosen?« »Nicht eine. Paps, glaubst du nicht, daß ich andern- falls jeden Weltrekord gebrochen hätte, um sie herbei- zuschaffen, als Karen starb.« »Doch, ja. Tut mir leid.« »Mir hat nur leid getan, daß ich mir nicht ein paar Dosen genommen hatte, dann wären wenigstens nicht alle vorher aufgebraucht worden.« »Das Baby hätte auch mit all der Milch, die wir ur- sprünglich hatten, nicht überleben können. Aber vergiß nicht, daß du jederzeit zurückkommen darfst. Duke, Frauen in Mutters Alter werden manchmal unvernünf- tig. Aber dann ist es plötzlich vorbei, und sie sind die nettesten alten Damen, die man sich vorstellen kann. Vielleicht kommen wir doch wieder zusammen. Ich hoffe, daß ich dich gelegentlich sehe. Du kannst Ge- müse mitnehmen.« »Ach ja – das wollte ich noch sagen. Ich kann dort oben nichts anbauen. Wenn ich für uns alle jage, könn- te ich für das Fleisch Grünzeug eintauschen.« Sein Vater lächelte. »Wir haben soeben den Handel wiedereingeführt. Ich schlage vor, daß du dir jetzt her- aussuchst, was du mitnehmen möchtest. Dann können wir die Sachen morgen mit Joe zusammen nach oben schaffen. Nimm, soviel du willst. Nur eines: Die Bü- cher gehören mir. Wenn du etwas nachlesen willst, mußt du herunterkommen. Eine Wanderbibliothek füh- ren wir nicht ein.« »Einverstanden.«, »Ich meine das ernst. Du kannst meinen Rasierer haben und meinetwegen auch mein bestes Messer, aber nimm nur ein Buch weg, dann ziehe ich dir bei leben- digem Leib die Haut ab und binde das Buch darin ein. Viel Glück. Ich trage Grace nichts nach. Aber ich kann nicht sagen, daß ich in letzter Zeit sehr glücklich mit ihr lebte.« »Eine höfliche Aufforderung, uns zum Teufel zu scheren?« »Vielleicht.« »Nun, das gleiche gilt für uns. Es ist kein Zufall, daß ich so bald wie möglich von zu Hause wegzog.« »Touché.« Sein Vater drehte sich um und ging weg. Joe gab keinen Kommentar ab. Er sagte lediglich, daß er nach dem Graben schauen wolle. Barbara sprach erst, als sie allein waren. Sie gingen den Hügel zum Grab hinauf und setzten sich im Schatten eines einzelnen Baumes nieder. Hugh bemerkte frische Blu- men auf dem Grab. Barbara konnte es nicht gewesen sein. Ihr fiel der Aufstieg schon schwer. Grace? Es schien unwahrscheinlich. Joe. Ja, es konnte nur Joe sein. »Nun?« fragte Hugh, als es sich Barbara im Schat- ten bequem gemacht hatte. Sie schwieg eine Zeitlang. »Hugh, es tut mir schrecklich leid«, meinte sie schließlich. »Es ist meine Schuld, nicht wahr?« »Deine Schuld? Weil eine Verrückte dich mit ihrem Haß verfolgt?« »Das meinte ich nicht. Aber Grace würde nicht ge-, hen, wenn Duke nicht mitkäme. Hat er über mich ge- sprochen?« »Nein, nur über Grace.« »Hugh, nach Karens Tod bat mich Duke, ihn zu hei- raten. Ich lehnte ab. Er war verletzt. Und überrascht. Verstehst du – wußtest du über Karen und Joe Be- scheid?« »Ja.« »Ich war nicht sicher, ob Karen es dir sagte. Als sie sich entschloß, Joe zu heiraten, kam ich zu der Ent- scheidung, daß ich Duke heiraten müsse. Karen war ohnehin sicher, daß es nicht anders sein könne. Viel- leicht hat sie Duke ermuntert. Er erwartete mein Ja. Es tut mir leid, Hugh. Wenn du willst, sage ich ihm, daß ich meine Meinung geändert habe.« »Immer langsam. Du hast vielleicht einen Fehler begangen. Aber du sollst ihn nicht wiedergutmachen, um mir einen Gefallen zu erweisen. Was willst du? Joe heiraten?« »Joe? An Joe habe ich nie gedacht. Obwohl er mir ebenso lieb wäre wie Duke. Hugh, ich möchte das tun, was du möchtest.« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Du weißt es. Wenn du willst, daß ich Joe heirate, dann werde ich es tun.« »Barbara!« »Es ist mir Ernst, Hugh.« »Rede doch keinen Unsinn.« »Ich sage die Wahrheit.« »Du sollst heiraten, wen du willst.« »Das kann ich leider nicht. Du bist schon verheiratet.«, »Oh!« »Überrascht? Doch nur, weil ich es endlich ausge- sprochen habe. Da ich dich nun einmal nicht heiraten kann, werde ich den heiraten, den du mir empfiehlst. Oder niemanden.« »Barbara, willst du mich heiraten?« »Was hast du gesagt?« »Willst du mich heiraten?« »Ja.« Er beugte sich zu ihr herüber und küßte sie. Dann richtete er sich auf. »Möchtest du ein Stück Maisbrot?« »Noch nicht.« »Irgend etwas brauchen wir doch zum Feiern. Lei- der haben wir keinen Champagner.« »Oh, dann esse ich natürlich ein Stückchen. Hugh, was willst du mit Grace machen?« »Nichts. Sie hat sich von mir getrennt. Schon an dem Tag,, als wir Karen begruben. Daß sie immer noch hier ist, ist lediglich auf die Wohnungsknappheit zu- rückzuführen. Hier brauchen wir weder einen Richter, der die Scheidung ausspricht noch eine Heiratsurkun- de.« Barbara strich sich über den schweren Leib. »Ich habe meine Heiratsurkunde – hier drinnen.« Ihre Stimme klang glücklich. »Das Kind ist von mir?« »Natürlich. Eine Tatsache, die eine Frau nie bewei- sen kann, über die sie sich aber dennoch immer sicher ist.«, Wieder küßte er sie. Als er sie losließ, strich sie ihm über die Wange. »Jetzt möchte ich Maisbrot. Eine gan- ze Menge. Ich bin hungrig – und der kleine Kerl in mir auch.« »Morgen fangen unsere Flitterwochen an.« »Heute. Sie haben schon angefangen. Ich werde es in mein Tagebuch eintragen. Liebling, darf ich heute im ersten Stock schlafen? Ich schaffe die Leiter noch.« »Du willst mit mir schlafen?« »So habe ich es nicht gemeint. Keine Leidenschaft, mein Lieber. Aber ich will bei dir sein. Ich kann nicht mehr mit Grace zusammen in einem Raum sein. Ich habe Angst vor ihr – Angst um das Kind. Das ist viel- leicht dumm …« »Nein, nein. Eine Vorsichtsmaßnahme, die viel- leicht nicht nötig, aber doch zu empfehlen ist. Barbara, was hältst du von Grace?« »Muß ich es sagen?« »Bitte.« »Ich mag sie nicht. Das hat nichts damit zu tun, daß ich sie fürchte. Ich mochte sie auch vorher nicht. Es ärgert mich, wie sie dich und Joe behandelt, und es ärgert mich, wie sie mit Karen umsprang. Immer muß- te ich so tun, als sähe ich nichts. Aber am allermeisten verachte ich sie für das, was sie Duke angetan hat.« »Ich mag sie auch nicht – schon seit Jahren nicht mehr. Ich bin froh, daß sie fortgeht. Das hat nichts mit dir zu tun, Barbara.« »Hugh, das erleichtert mich. Du weißt, daß ich ge- schieden bin. Als unsere Ehe auseinanderging, schwor, ich mir, nie eine andere Ehe zu zerstören. Ich habe mich seit der Angriffsnacht schuldig gefühlt.« Er schüttelte den Kopf. »Vergiß das. Unsere Ehe war seit langem tot. Nur Aufgaben und Verpflichtun- gen hielten sie noch aufrecht. Verpflichtungen meiner- seits, übrigens – denn ihr war alles egal. Liebling, wenn meine Ehe in Ordnung gewesen wäre, hätte ich dich damals nicht angerührt. Aber ich sehnte mich ein- fach nach Liebe – so wie du. Ich war ausgehungert.« »Das sollst du ab jetzt nie wieder sein.« Gegen neun Uhr morgen am nächsten Tag, stapelten sich vor dem Bunker die Gegenstände für den neuen Haushalt. Hugh warf einen spöttisch-amüsierten Blick auf die Sammlung, die Grace zusammengetragen hatte. Grace hatte die Aufforderung, sich frei zu bedienen, wörtlich genommen. Sie hatte die Unterkunft regelrecht ausge- schlachtet – die besten Decken, fast alle Küchengeräte einschließlich des Teekessels und der einzigen Brat- pfanne, drei der vier Spülbürsten, fast alle der noch vorhandenen Konserven, allen Zucker, den Löwenan- teil anderer unersetzbarer Dinge und das komplette Plastikgeschirr. Hugh machte nur einen Einwand: das Salz. Sie hatte sich das ganze Salz angeeignet, und er bestand auf ei- ner Teilung. Duke war einverstanden und fragte Hugh, ob er noch weitere Einwände habe. Hugh schüttelte den Kopf. Duke hatte nur die Dinge genommen, von denen er wußte, daß sie doppelt vorhanden waren. Aber er frag-, te, ob er sich ab und zu Geräte ausleihen dürfte. Hugh bot ihm seine Hilfe bei Arbeiten an, die ein einzelner nicht schaffen könnte. Beiden Männern war die Situa- tion peinlich, und sie versuchten sie durch ausgesuchte Höflichkeit zu überbrücken. Ein Aufschub entstand durch die Stahltür. Sie war nicht so schwer, daß ein Mann sie nicht hätte allein tragen können, aber sie war unhandlich. So mußten sie noch Tragstützen herstellen, damit Duke im Notfall auch ein Gewehr abfeuern konnte. Schließlich war alles bereit. »Mein Gott!« rief Duke plötzlich aus. »Was ist?« »Seht!« Ein Gebilde war am östlichen Horizont aufgetaucht. Es schwebte durch die Luft, auf einem Kurs, der ihren Bunker weit beiseite ließ, doch dann stoppte es plötz- lich und hielt auf sie zu. Es schwebte majestätisch über sie hinweg. Hugh konnte zunächst seine Größe nicht abschätzen, weil ihm ein Vergleichsmaßstab fehlte. Es wirkte wie ein dunkler Schatten, der die Form eines Domino-Steines hatte. Doch als es in etwa zweihundert Metern Entfer- nung an ihnen vorüberzog, hatte er den Eindruck, es sei etwa dreißig Meter breit und dreimal so lang. Ein- zelheiten ließen sich nicht ausmachen. Es bewegte sich rasch, aber völlig geräuschlos. Es schwebte vorbei, drehte um und kam in niedriger Höhe wieder auf sie zu. Hugh legte seinen Arm um Barbara. Als das Gebilde, erschien, war sie damit beschäftigt gewesen. Wäsche in den Waschzuber zu füllen. Jetzt klammerte sie sich an ihn und er spürte, wie sie zitterte. »Hugh, was ist das?« »Menschen.« Das Ding schwebte über ihrer Flagge. Jetzt konnten sie auch Menschen erkennen. Ein Viereck löste sich aus dem Würfel. Es sank nach unten, begutachtete die Flagge. Hugh sah, daß es sich um ein Luftfahrzeug mit einem einzelnen Passagier handelte. Nichts gab Auf- schluß darüber, womit das Gefährt angetrieben wurde. Man sah lediglich den Oberkörper des Mannes. Er nahm die Flagge ab. Der Flugkörper paßte sich wieder in den Verband ein. Der große Würfel zerplatzte. Hunderte von Flugkör- pern schwärmten aus. Aber nur etwa ein Dutzend lan- dete. Drei davon bildeten ein Dreieck um die Siedler. »Vorsicht!« grellte Duke und wollte nach seinem Ge- wehr greifen. Er erreichte es nicht. Er beugte sich in einem komi- schen Winkel nach vorn, griff in die Luft und wurde langsam wieder aufgerichtet. »Hugh, was ist das?« keuchte Barbara. »Ich weiß nicht.« In dem Augenblick, in dem Duke nach dem Gewehr gegriffen hatte, schienen sie bis zu den Hüften in unsichtbarem Treibsand zu versinken. »Kämpfe nicht dagegen an.« »Hubert«, rief Grace schrill. »Hubert! So tu doch etwas …« Ihre Schreie brachen ab. Sie schien ohn- mächtig zu sein, fiel aber nicht zu Boden., Vier der Flugkörper rasten in enger Formation über Barbaras Feld hinweg. Gemüse und Getreide wurden niedergewalzt. Barbara vergrub ihr Gesicht an Hughs Schulter. Auf der neuen Bahn landeten weitere der vierecki- gen Flugkörper. Hugh konnte nicht feststellen, was die Männer eigentlich taten, aber in Sekundenschnelle stand auf der freien Fläche ein riesiger Pavillon, schwarz mit roten und goldenen Verzierungen. »Um Himmels willen, Paps«, rief Duke, »kannst du denn nicht an deine Pistole heran?« Hugh hielt eine Fünf undvierziger in der Hand, die er bei Ankunft des seltsamen Gebildes in den Gürtel hatte schieben wollen. Seine Hände waren frei beweg- lich. »Ich möchte es lieber nicht versuchen …« »Willst du einfach stillhalten und zusehen …« »Ja. Duke, denk doch ein bißchen nach. Wenn wir stillhalten, leben wir vielleicht eine Weile länger.« Ein Mann trat aus dem Pavillon. Er schien an die zwei Meter groß zu sein, aber dieser Eindruck wurde wohl teilweise durch den hohen Helm mit dem Feder- busch hervorgerufen. Er trug ein rockähnliches Gebil- de, rotgolden bestickt, dessen einer Zipfel über die Schulter geschlagen war. Er steckte in schwarzen Stie- feln. Seine Begleiter trugen schwarze Overalls mit einem rotgoldenen Abzeichen auf der rechten Schulter. Hugh wurde den Eindruck nicht los, daß der Mann sich die Mühe genommen hatte, seine Galagewänder anzuzie- hen. Das ermutigte Hugh. Sie waren Gefangene – aber, wenn sich der Anführer ihretwegen so anstrengte, wa- ren sie wichtige Gefangene. Auch das Gesicht des Mannes beruhigte ihn. Gut- mütige Arroganz spiegelte sich darin, und die Augen waren klar und fröhlich. Seine Stirn wirkte hoch, der Schädel massig. Hugh konnte nicht sagen, welcher Rasse der Mann angehörte. Seine Haut war dunkel- braun, aber die Lippen wirkten nicht negroid. Die Na- se, obwohl kräftig und breit, war leicht gebogen und das Haar wellig. Er hatte eine kleine Peitsche in der Hand. Er kam auf sie zu und blieb abrupt stehen, als er Jo- seph erreicht hatte. Dann rief er einen kurzen Befehl zu dem nächststehenden Flugkörper hinüber. Joe streckte sich und machte ein paar Kniebeugen. »Danke.« Der Mann redete auf Joe ein. »Tut mir leid, ich ver- stehe nicht«, sagte Joe. Der Mann sprach wieder. Joe zuckte hilflos die Ach- seln. Der Mann grinste, klopfte ihm auf die Schulter, wandte sich ab und nahm Dukes Gewehr auf. Er ging so ungeschickt damit um, daß Duke wegsehen mußte. Dennoch – er schien den Mechanismus zu kennen. Er legte an, zielte stromaufwärts und feuerte. Ein ohrenbetäubender Knall. Die Kugel pfiff an Hughs Ohr vorbei. Der Fremde grinste breit, ging zu Hugh und Barbara hinüber und strich über Barbaras Leib. Hugh stieß seine Hand weg. Mit einer fast nachlässigen Gebärde schob der große Mann Hughs Hand mit der Peitsche beiseite., Hugh keuchte vor Schmerzen. Seine Hand brannte wie Feuer, und sein Arm war bis zur Achselhöhle taub. »O Gott.« »Laß, Hugh«, sagte Barbara drängend, »er tut mir nicht weh.« Sie hatte recht. Mit dem unpersönlichen Interesse eines Tierarztes, der eine trächtige Kuh untersuchte, fühlte der Fremde nach der Lage des Kindes. Dann hob er eine ihrer Brüste und untersuchte sie, während sich Hugh unter der Demütigung krümmte, seine Frau nicht beschützen zu können. Der Mann hatte seine Untersuchung beendet, er tät- schelte Barbaras Kopf. Hugh versuchte, den Schmerz in seiner Hand zu vergessen und kratzte die längst ver- gessenen Reste seiner Fremdsprachenkenntnisse zu- sammen. »Vooi goworiti’yeh po-Russki, Gospodin?« Der Mann sah ihn an und antwortete nicht. »Sprechen Sie Deutsch, mein Herr?« fragte Barbara. Das brachte ihr ein Lächeln ein. »Duke, versuch es mit Spanisch«, rief Hugh. »Schön. Habla usted espanol, senor?« Hugh seufzte. »Wir haben unser Pulver verschos- sen.« »M’sieur?« fragte Joe, »est-ce que vous parlez la langue française?« Der Mann drehte sich um. »Tiens?« »Parlez-vous français, monsieur?« »Non, non. Je suis américain. Nous sommes tous des américains.«, »Vraiment? Impossible!« Joe deutete auf den leeren Fahnenmast. »Les Etats- Unis, je vous en assure.« Die Unterhaltung wurde schwieriger, da sowohl Joe als auch der Fremde nur gebrochen Französisch spra- chen. Schließlich wandte sich Joe an Hugh. »Er befahl mir, in sein Zelt zu kommen. Ich fragte ihn, ob er euch zuerst loslassen würde. Er verneinte.« »Bitte ihn, die Frauen loszulassen.« »Ich werde es versuchen.« Joe unterhielt sich eine Zeitlang mit dem Fremden. »Er sagt, die enceinte femme – das ist Barbara – könne sich hinsetzen. Die Dicke – damit meint er Grace – soll mit ins Zelt kom- men.« »Gute Arbeit, Joe. Versuch mit ihm zu verhandeln.« »Sicher. Aber ich verstehe ihn sehr schlecht.« Die drei gingen in den Pavillon. Barbara konnte sich hinsetzen und ausstrecken. Aber um Hugh blieb das unsichtbare Kraftfeld. »Paps«, sagte Duke drängend, »das ist unsere letzte Gelegenheit, Englisch miteinander zu sprechen.« »Duke«, antwortete Hugh müde, »siehst du denn nicht, daß sie die Trümpfe in der Hand halten? Ich schätze, daß wir nur so lange am Leben bleiben, solan- ge wir sie nicht verärgern.« »Versuchst du nicht einmal zu kämpfen? Wo bleibt das Gerede von Freiheit?« Hugh rieb sich die schmerzende Hand. »Duke, ich ha- be keine Lust, mit dir zu streiten. Fange irgendeinen Un- sinn an, und du wirst uns töten. So sehe ich die Sache.«, »Also war es wirklich nur leeres Gerede«, sagte Du- ke verächtlich. »Ich kann dir nichts versprechen.« »Schon recht. Dann laß es eben.« »Nur eines, Paps! Wie fühlt man sich, wenn man herumkommandiert wird? Anstatt selbst zu komman- dieren?« »Es ist nicht besonders angenehm.« »Dann kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühlte. Ich habe es nicht vergessen. Und ich hoffe nur, daß du endlich einmal genug davon zu kosten bekommst.« »Duke, hör endlich mit diesem albernen Geschwätz auf«, fuhr ihn Barbara an. Duke sah sie an. »Gut, ich halte den Mund. Nur ei- nes – von wem hast du das Kind?« Barbara antwortete nicht. Hugh sagte ruhig: »Duke, wenn wir hier herauskommen, kannst du dich auf eine Tracht Prügel gefaßt machen.« »Ich stehe zur Verfügung, alter Herr.« Sie schwiegen. Hugh hörte plötzlich das Geräusch von Wasser. Eine braune Woge schoß in das ausge- trocknete Flußbett. Barbara hob den Kopf. »Was war das?« »Unser Damm ist weg.« Fünf Männer versammelten sich um den Haufen von Haushaltsgegenständen und untersuchten ihn. Ein wei- terer Mann näherte sich und gab den anderen einen Befehl, die sich daraufhin zurückzogen. Der Mann un- tersuchte nun seinerseits die Sachen, wandte sich dann dem Bunker zu und verschwand in dessen Innenraum. Nach langer Zeit kam Joe allein aus dem Pavillon. Er ging zu Hugh hinüber und sagte: »Erster Bericht,, soweit ich die Lage verstanden habe: Wir sind in Pri- vatgebiet eingedrungen. Er hält uns für entlaufene Ge- fangene. Ich glaube, daß ich ihn überzeugen konnte, daß wir schuldlos hier sitzen. Aber er spricht eine Art Patois, und ich kann ihn nur sehr schlecht verstehen. Er ist uns nicht böse, obwohl wir technisch gesehen Verbrecher sind, weil wir hier Gemüse und andere Dinge angebaut haben und vor allem auch, weil wir in diesem Gebiet einen Damm und ein Haus errichtet ha- ben. Er findet uns interessant – wollte wissen, wie wir hierherkamen und so weiter.« Joe sah Barbara an. »Kannst du dich noch an deine Theorie der Kosmoportation erinnern?« »Stimmt sie?« »Nein. Das ist ja das verwirrende. Barbara, Hugh, Duke – hört mal gut her. Wir leben in unserer eigenen Welt.« »Aber das gibt es doch gar nicht.« »Sag das dem Fremden. Er weiß, was die Vereinig- ten Staaten sind, er weiß, wo Frankreich liegt.« »Hm …« Duke dachte nach. »Schon möglich. Aber was soll das alles? Wo ist meine Mutter? Wie kannst du sie allein mit diesem Wilden lassen?« »Sie speist mit ihm. Und es macht ihr Spaß. Wir werden nicht schlecht fahren, Duke, wenn wir uns ge- dulden. Sobald sie mit dem Essen fertig sind, fliegen wir ab.« Etwas später half Hugh Barbara in eine der Flugma- schinen. Ihm fiel auf, daß kein einziger Weißer unter den Fremden war. Grace hatte einen Ehrenplatz hinter, dem Führer erhalten, gefolgt von Joe, der sich der Kat- zen angenommen hatte. Zwei der Luftautos waren zurückgeblieben. Das ei- ne nahm jetzt ihre Haushaltsgegenstände in ein un- sichtbares Schleppnetz, während das andere über ihrem Bunker schwebte. Der massige Block hob sich, ohne daß auch nur die Laubhütte auf dem Dach schwankte. Die kleine Ma- schine mit ihrer riesigen Last hielt sich rechts von ih- nen in etwa zwanzig Metern Abstand. Die Formation setzte sich in Bewegung und nahm rasch Fahrt auf, doch trotz der Geschwindigkeit spürte Hugh nicht den geringsten Luftzug. Das Gefährt mit dem Bunker im Schlepp schien nicht die geringsten Schwierigkeiten zu haben, mit ihrem Tempo mitzuhalten. Das letzte, was sie von ihrem Heim sahen, war ein Loch, wo der Bunker gestanden hatte, eine asphaltarti- ge Decke an Stelle von Barbaras Feld und eine dünne geschlängelte Linie, die den ehemaligen Bewässe- rungsgraben kennzeichnete. Er rieb sich die schmerzende Hand und dachte dar- über nach, wie sehr doch alles vom Spiel des Zufalls abhing. Und dann fiel ihm wieder Joes Bemerkung vor ihrer Abreise ein: »Wir hatten unwahrscheinliches Glück, daß wir mit einem belesenen Mann zusammen- trafen. Französisch ist eine tote Sprache – ›une langue perdue‹ wie er es nannte.« Hugh drehte sich um und sah Barbara an. Sie lächel- te ihm zu., Memtok, Oberster Palastdiener des Lordprotektors der Mittagszone, war beschäftigt und glücklich. Glücklich, weil er beschäftigt war, wenn er sich auch nicht im klaren darüber war, daß er sich glücklich fühlte. Im Gegenteil, er beklagte sich über die viele Arbeit, die er zu leisten hatte, denn obwohl er achtzehnhundert Die- ner befehligte, waren keine drei darunter, die ohne Aufsicht das Spülwasser ausleeren konnten. Sagte er. Er hatte gerade ein Zwiegespräch mit dem Obersten Küchenchef hinter sich, in dem er angedeutet hatte, daß der Oberste Küchenchef, so zäh und vertrocknet er war, einen besseren Braten abgeben würde als der Bra- ten, den er am Abend zuvor Seiner Hochherzigkeit ge- schickt hatte. Eine der Pflichten, denen Memtok per- sönlich nachging, bestand darin, daß er das Essen, das Seiner Hochherzigkeit vorgesetzt wurde, trotz Vergif- tungsgefahr und trotz eines völlig entgegengesetzten Geschmacks kostete. Auf diese und andere vielzählige Weisen kümmerte sich Memtok um den Haushalt – ein Talent, das ihm schon früh seine jetzige Stellung ein- gebracht hatte. Der Oberste Küchenchef hatte gemurrt, und Mem- tok hatte ihn mit der Peitsche daran erinnert, daß Kö- che nicht so schwer zu finden seien. Dann kehrte er glücklich zu seinem Papierkram zurück. Davon gab es ganze Berge, vor allem, da er gerade erst den Haushalt vom Hauptpalast zum Sommerpalast, verlagert hatte – achtunddreißig der Auserwählten, aber nur vierhundertdreiundsechzig Diener. Die Som- merresidenz wurde mit einem Minimum an Dienern geführt. Er dachte schon daran, den Chef zu bitten, daß er einen der jüngeren Sklaven taubstumm machte. Er brauchte dringend einen Gehilfen. Aber dann verwarf er die Idee wieder. Er traute Dienern nicht, die lesen und schreiben konnten. Sie kamen auf dumme Gedan- ken, auch wenn sie nicht zu sprechen vermochten. Um ehrlich zu sein, Memtok liebte den Schreibkram und wollte ihn mit niemandem teilen. Seine Hände ra- schelten in den Papieren, seine Augen überprüften Zahlen. Er setzte hier sein Zeichen der Zustimmung und verweigerte es dort. Er hielt seine Feder zwischen den ersten drei Fin- gern – weil er keine Daumen besaß. Sie fehlten ihm nicht, er konnte sich kaum noch an sie erinnern. Und er brauchte sie nicht. Eine Feder und eine Peitsche konnte er auch so handhaben, und das genügte. Er war sogar stolz auf ihre Abwesenheit. Sie bewies, daß er seinem Herrn in zwei Funktionen gedient hatte, zuerst als Bulle und dann die vielen Jahre als Diener. Dazu mußte man ihn natürlich operieren. Jeder männ- liche Diener über vierzehn (von wenigen besonderen Ausnahmen abgesehen) war auf diese oder jene Art verändert worden. Aber es gab nur ein paar hundert auf der ganzen Erde, die gleich zwei Veränderungsmerk- male aufweisen konnten. Diese wenigen sprachen als Gleichrangige miteinander. Sie bildeten die Elite der Diener., Jemand klopfte an die Tür. »Herein!« rief er, um gleich darauf fortzufahren: »Was gibt es denn schon wieder?« Der gequälte Ton kam automatisch, aber diesmal war er sogar echt. Dieser Diener unterstand ihm nicht, was natürlich ein Fehler war. Er gehörte zur Kaste der Jäger und Wildhüter und wurde von dem Obersten Hegemeister befehligt. Der Oberste Hege- meister fühlte sich Memtok gegenüber gleichrangig, und offiziell war er es auch. Aber er hatte Daumen. Memtoks größter Einwand gegen den Aufenthalt im Sommerpalast bestand darin, daß er es dort auch mit Dienern zu tun hatte, die unverzeihlicherweise nicht unter seiner Oberaufsicht standen. Zwar bedurfte es nur eines Wortes gegenüber Seiner Hochherzigkeit, um einen von ihnen ernsthaft züchtigen zu lassen, doch schätzte er es nicht, darum zu bitten. Und obgleich er selbst nicht ernsthaft fürchten mußte, bestraft zu wer- den, falls er einen jener Diener persönlich zur Ordnung rief, so würde dieser den Vorgang doch zweifellos sei- nem eigenen Herrn gegenüber zur Meldung bringen. Memtok hielt nichts von Spannungen zwischen den Obersten Dienern. Dergleichen war schlecht für die Moral. »Nachricht vom Chef. Ich wurde ausgesandt, um zu berichten, daß Seine Hochherzigkeit auf dem Rückweg ist. Er bringt vier Wilde mit, die in Obhut zu nehmen sind. Das ist alles.« »Verdammt, was heißt da ›alles‹? Warum vier Wil- de? Und wann, im Namen des Großen Onkels, kom- men sie an?«, »Die Nachricht kam vor zwanzig Minuten herein. Seitdem bin ich auf der Suche nach Euch.« »Hinaus!« Der wichtigste Teil der Botschaft war, daß Seine Hochherzigkeit heimkam, anstatt, wie vor- gesehen, außerhalb des Palastes zu übernachten. Schnell schickte er Befehle an die Abteilungschefs. Vier Wilde! Was gingen ihn schon vier Wilde an? Aber er begab sich aufs Dach und war bereit, sie in Empfang und Gewahrsam zu nehmen. Aufs Dach hätte er sich ohnehin begeben, wenn der Lordprotektor an- kam. Bei der Ankunft hatte Hugh keine Gelegenheit, Barba- ra zu sprechen. Man übergab ihn einem kleinen, glatz- köpfigen Weißen mit einem gereizten Gesichtsaus- druck, einer schroffen Art und einer Peitsche in der Hand. Man kleidete ihn in eine weiße Robe, die große Ähnlichkeit mit einem Nachthemd aufwies. Nur an der rechten Schulter befand sich das rotgoldene Abzei- chen, welches das Signum des Chefs zu sein schien. Das Signum zeigte sich auch auf einem Medaillon, das der kleine Weiße an einer schweren goldenen Kette um den Hals trug. Der Mann musterte ihn mit sichtlichem Abscheu, dann übergab er ihn und Duke einem anderen Weißen in einem Nachthemd. Dieser Mann trug kein Medaillon um den Hals, dafür aber eine kleine Peitsche. Hugh rieb sich die Hand und beschloß, lieber nicht zu versu- chen, ob sie ebenso stark wie die erste war. Duke konnte der Versuchung nicht widerstehen. Der, giftige kleine Mann gab seinem Untergebenen ein paar Befehle und ging hinaus. Der Untergebene winkte und setzte sich in Bewegung. Hugh folgte. Duke blieb ste- hen. Der Mann berührte ihn nur leicht an der Wade. Du- ke schrie gellend auf. Den restlichen Weg humpelte er – eine Rampe hinunter, in einen sehr schnellen Lift und schließlich in einen fensterlosen, hellen Raum, der nach Medikamenten roch. Diesmal verstand Duke den Befehl, sich auszuzie- hen, auf einmaligen Wink. Er fluchte, aber er gehorch- te. Hugh fluchte nicht einmal. Er begann das System zu durchschauen. Die Peitschen wurden als eine Art Sporen benützt. Man wollte damit antreiben, aber nicht verletzen. Von dem weißen Raum aus wurden sie in einen kleineren Raum getrieben, wo von allen Seiten Wasser auf sie herabströmte. Der Mann, der die Hähne bedien- te, befand sich auf einer Galerie über ihnen und wies sie mit ausdrucksvoller Mimik an, sich abzuseifen. Kurze Zeit später steckten sie bis zum Kinn in Seifen- schaum. Die Strahlen von der Decke spülten sie sau- ber, und dann begann der ganze Prozeß von neuem. Hugh kam sich wie in einem Geschirrspülautomaten vor, aber als die Prozedur endlich beendet war, fühlte er sich so sauber wie schon lange nicht mehr. Ein Gehilfe des Bademeisters legte ihnen Pflaster über die Augenbrauen, rieb eine milchige Flüssigkeit in ihre Haare, ihre Barte und sogar in ihr Schamhaar. Duke mußte eine zweite Lektion über sich ergehen las-, sen, als er aufbegehrte. Zähneknirschend ließ er sich anschließend einen Einlauf gefallen. Danach wurden sie wieder gebadet. Die Pflaster über den Augenbrauen lösten sich. Ihr Haar ebenfalls. Als sie aus dem Bad stiegen, waren nur noch ihre Augenbrauen behaart. Der Bademeister machte ihnen durch Zeichen klar, daß sie sich nun den Mund gründlich ausspülen sollten. Diese Prozedur wurde mit einer angenehm erfrischen- den Flüssigkeit dreimal durchgeführt, und anschlie- ßend hatte Hugh den Eindruck, seine Zähne seien in seinem ganzen Leben noch nie so sauber gewesen. Man brachte sie in einen Operationssaal und unter- suchte sie. Der Arzt erinnerte Hugh an seine früheren Militärärzte – nicht unfreundlich, aber völlig unpersön- lich. Er schien vor allem von Hughs Zahnbrücke über- rascht. Kopfschüttelnd übergab er sie einem seiner As- sistenten. Der Arzt befaßte sich mit jedem von ihnen eine Stunde lang oder mehr und benutzte dabei Instrumente, die Hugh fremd waren. Lediglich die Messungen von Gewicht, Größe und Blutdruck waren ihm vertraut. Was man mit ihnen anstellte, war nicht unbedingt an- genehm, aber auch nicht schmerzhaft, Spritzen oder Skalpelle kamen nicht zur Anwendung. Irgendwann brachte der Assistent Hughs Brücke zurück, und er durfte sie wieder einsetzen. Die Untersuchungen gingen weiter. Bei einer Gele- genheit, als Hugh sich auf einem Tisch ausstrecken, sollte, den Duke gerade verließ, fragte der jüngere Mann: »Wie findest du das alles hier, Paps?« »Erträglich.« Duke schnaubte. Der Umstand, daß beide Männer Blinddarmnarben hatten, schien den Arzt mindestens ebenso zu interes- sieren wie Hughs Brücke. Pantomimisch deutete er heftige Bauchschmerzen an und wies dann auf die Narbe. Hugh bemühte sich auf die gleiche Weise, dies zu bestätigen, was sich als nicht ganz einfach erwies, denn Nicken schien eine verneinende Bedeutung zu haben. Der Assistent kam zurück und händigte dem Arzt etwas aus, das sich als neue Brücke herausstellte. Man paßte sie Hugh ein. Er glaubte, es seien seine eigenen Zähne. Dann plombierte der Arzt ein paar Löcher. Hugh spürte nicht den geringsten Schmerz. Plötzlich legte man ihn auf den Operationstisch, und wieder umgab ihn das unsichtbare Feld. Man bereitete ihn zur Operation vor. Und dann erkannte er, weshalb er operiert werden sollte. »Duke«, schrie er entsetzt, »laß dich nicht erwischen! Nimm ihm die Peitsche ab!« Duke zögerte zu lange. Der Arzt hatte sie zuerst in der Hand. Sekunden spä- ter lag Duke auf dem Rücken. Man bereitete auch ihn zur Operation vor. Doch die beiden wehrten sich, so gut sie es vermochten. Der Arzt sah sie nachdenklich an. Man rief den Weißen herein, der sie gebracht hatte. Der holte den, kleinen Giftzwerg mit dem Medaillon um den Hals. Der Kleine überblickte die Lage und stürmte hinaus. Es entstand eine lange Wartepause. In der Zwi- schenzeit bereiteten die Operateure alles vor. Auch Duke hegte jetzt keinen Zweifel mehr, worum es ging. Er deutete an, daß es besser gewesen wäre, schon bei der Ankunft der fremden Flugkörper zu kämpfen – wenn Hugh nicht so feige gewesen wäre. Hugh sagte nichts. Innerlich stimmte er seinem Sohn zu. Er versuchte, sich damit zu trösten, daß er Angst um das Wohl der Frauen gehabt hatte. Ein schwacher Trost. Für ihn war die Operation nicht so schlimm – aber Duke war jung und stand erst am An- fang seines Lebens. Nach langer Zeit kehrte der Kleine zurück, giftiger und zorniger als zuvor. Er fauchte einen Befehl. Die beiden Männer wurden freigelassen. Das war alles. Man rieb sie noch mit einer wohlrie- chenden Salbe ein, steckte sie in die weißen Flatter- hemden und führte sie durch lange Gänge. Schließlich wurde Hugh in eine Zelle geschoben. Die Tür wurde nicht verschlossen, aber er konnte sie trotzdem nicht von innen öffnen. In einer Ecke befand sich ein Tablett mit verschie- denen Gerichten und einem Löffel. Das Essen war ausgezeichnet. Dann legte sich Hugh auf eine weiche Stelle im Fußboden und schlief ein. Ein Fuß weckte ihn auf. Man brachte ihn in einen anderen kahlen, fensterlo- sen Raum, der sich als Schulzimmer entpuppte. Zwei, Weiße in Nachthemden erwarteten ihn. Sie waren mit einer Tafel, Zeigestäben, Geduld – und einer Peitsche ausgerüstet. Beide konnten gut zeichnen und verstanden sich auch auf pantomimische Darstellungen. Sie sollten Hugh ihre Sprache beibringen. Hugh entdeckte, daß sein Gedächtnis durch die Peit- sche angeregt wurde. Er hatte wenig Lust, einen Fehler zu wiederholen. Anfangs wurde er nur dafür bestraft, wenn er eine Vokabel vergaß, aber mit fortschreiten- dem Unterricht konnte er auch Strafen für falsche De- klination, Konjugation und Akzentfehler erwarten. Diese Behandlung dauerte siebzehn Tage lang. Er sah keinen Menschen außer seinen Lehrern. Hugh ar- beitete während sechzehn Stunden pro Tag jede freie Minute. Er konnte nie ausschlafen, war aber während der Schulstunden auch nicht müde. Er konnte es sich nicht leisten. Einmal am Tag wurde er gebadet und in ein frisches Nachthemd gesteckt, zweimal am Tag er- hielt er eine reichliche Mahlzeit, und dreimal am Tag wurde er auf die Toilette geführt. Die ganze übrige Zeit wurde dazu verwendet, ihm die Sprache einzutrichtern. Und er wußte, daß er für den kleinsten Fehler bestraft wurde. Aber er lernte auch, wie man Strafen umgehen konnte. Eine schnell hingeworfene Frage genügte manchmal. »Lehrer, er versteht, daß es Etikette-Unterschiede für jeden hohen und niedrigen Rang gibt, aber ihm ist in seiner Unwissenheit nicht klar, was für Ränge es, gibt, da er noch zu unerfahren ist, die unergründlichen Wege des Großen Onkels zu durchschauen.« Die Peitsche wurde beiseite gelegt, und für die nächste Stunde nicht wieder aufgenommen. Das Pro- blem war komplizierter, als es Hughs Frage zeigte. Der niedrigste Status war der eines Bullen. Nein, es gab noch einen niedrigeren: Kinder von Dienern. Aber die zählten ja nicht, weil Kinder Fehler machen durften. Die nächsthöhere Stufe war die der Beischläferin, da- nach kam der kastrierte Diener. Die letztere Kategorie war in sich so kompliziert abgestuft, daß man die Spra- che von Gleichen benutzte, wenn der Rang nicht offen- sichtlich war. Hoch über allen Dienern standen die Auserwählten. Auch hier waren die Rangunterschiede verwirrend, zumal die Rangfolge sich unter bestimmten Umständen ändern konnte. Hinzu kamen ritualisierte Treffen, bei denen etwa die Dame den Vorrang gegenüber dem Herrn haben konnte. »Wenn zwei der Auserwählten zugleich sprechen, welchem muß er zuerst antworten?« »Dem Jüngeren«, erwiderte Hugh. »Warum?« »Da die Auserwählten keine Fehler begehen, müs- sen sich die Ohren des Demütigen getäuscht haben. Der Ältere sprach überhaupt nicht, sonst hätte ihn der Jüngere niemals unterbrochen.« »Richtig. Du bist ein operierter Gärtner und triffst mit einem Auserwählten vom Rang deines Herrscher- onkels zusammen. Er spricht: ›Was für eine Blume ist, das, Gärtner? ‹« »Wenn die Augen den Demütigen nicht täuschen, der nie die Weisheit Seiner Hochherzigkeit erlangen wird, ist diese Pflanze möglicherweise eine Hortensie.« »Gut. Aber senke den Blick, wenn du sprichst. Nun zu deinem Status …« Der Lehrer sah ihn gequält an. »Du hast keinen.« »Bitte, Lehrer?« »Beim Onkel! Ich habe versucht, es herauszube- kommen. Niemand außer unserem Herrscheronkel weiß es, und er hat noch keine Regel herausgegeben. Du bist kein Kind, kein Bulle, du bist nicht operiert und gehörst nirgendwo hin. Du bist ein Wilder und paßt nicht in unser System.« »Aber welche Anrede muß er benutzen?« »Immer die für Höherstehende. Nicht bei Kindern natürlich oder bei Beischläferinnen. Übertreibung wäre unangebracht.« Die Sprache selbst fand Hugh einfach und logisch. Sie hatte keine unregelmäßigen Verben und eine gut konstruierte Syntax. Aus gewissen Worten wie ›Bwa- na‹, ›Trek‹, ›Wesir‹ oder ›Etage‹ schloß er, daß die Sprache ihre Wurzeln in mehreren afrikanischen Dia- lekten hatte. Doch das war nicht weiter von Bedeutung. Für ihn gab es nur ›Die Sprache‹, und seinen Lehrern zufolge war dies ohnehin das einzige Idiom, das welt- weit gesprochen wurde. Die Aussprache bereitete ihm anfangs Schwierigkei- ten, aber gegen Ende der ersten Woche brachte er Lau- te hervor, wie er es nie im Leben für möglich gehalten, hätte. Am sechzehnten Tag konnte er sich frei aus- drücken, und die Peitsche wurde nur noch selten be- nutzt. Am Spätnachmittag des nächsten Tages schickte der Lordprotektor nach ihm. Obwohl man ihn an diesem Tag schon gebadet hatte, wurde Hugh noch einmal unter die Duschen gestellt, mit wohlriechenden Cremes eingerieben und mit einem neuen Nachthemd ausgestattet. Dann schleuste man ihn durch eine Reihe von Empfangsbeamten, bis er an Memtok persönlich ausgehändigt und in einen pompö- sen Raum geleitet wurde. Der Herr war nicht anwesend, dafür aber Joseph und Doktor Livingstone. »Hugh, wunderbar!« rief Joe aus und fügte, zu Memtok gewandt, hinzu: »Du kannst gehen.« Memtok zögerte einen Augenblick und ging dann rückwärts hinaus. Joe nahm Hugh am Arm und führte ihn zu einem Diwan. »Himmel, ist das eine Freude. Setz dich und erzähl mal, bis Ponse kommt. Du siehst gut aus.« Doc rieb sich an Hughs Bein und schnurrte. »Es geht mir auch gut. Wen meinst du mit Ponse?« Hugh streichelte die Katze zwischen den Ohren. »Den Lordprotektor natürlich. Wir benutzen diesen Namen nur en famille. Ist auch nicht so wichtig. Bist du gut behandelt worden?« »Ich glaube schon.«, »Das möchte ich den Kerlen auch raten. Ponse gab den Befehl, dich anständig zu behandeln. Und wenn du nicht zufrieden bist, brauchst du dich nur bei mir zu beschweren.« Hugh zögerte. »Joe, bist du schon einmal mit diesen komischen Peitschen berührt worden?« »Ich?« Joe schien erstaunt. »Natürlich nicht. Hugh, waren sie zu freigebig damit?« Hugh schüttelte den Kopf. »Narben habe ich keine davongetragen. Es hat mir nur nicht gefallen.« »Aber wenn man dich ohne Grund bestraft hat … das ist eine Sache, die Ponse absolut nicht toleriert. Er ist ein ziemlich human eingestellter Bursche. Alles, was er verlangt, ist Disziplin. Wenn irgend jemand, und sei es auch Memtok selbst, dich gequält hat, wird er dafür zur Verantwortung gezogen.« Hugh dachte nach. Eigentlich mochte er seine Leh- rer. Sie waren sehr geduldig mit ihm und ließen sich lieber auf ein Gespräch ein, als ihn zu strafen. »Nein. Ich wurde nicht verletzt. Nur hin und wieder ange- regt.« »Das freut mich. Ehrlich gesagt, hätte ich es mir auch nicht vorstellen können. Ponses Peitsche – ja, die kann einen Ochsen fällen. Aber die Peitschen der hö- heren Diener sind reines Spielzeug dagegen. Sie kit- zeln nur ein bißchen.« Hugh überhörte großzügig das ›Kitzeln‹. Er hatte wichtigere Dinge im Kopf. »Joe, wie geht es den ande- ren? Hast du sie gesehen?« »Alles in Ordnung. Du hast von Barbara gehört?«, »Kein Wort. Was ist mit ihr?« »Sachte, sachte. Sie hat ihre Babys.« »Was, sie hat ihr Baby?« »Zwei Jungen. Vor einer Woche.« »Joe, wie geht es ihr?« »Es könnte nicht besser gehen. Das ist ganz klar, denn man versteht hier einiges von Medizin.« Joe sah plötzlich traurig aus. »Es ist schade, daß sie nicht ein paar Monate früher auf uns stießen.« Doch dann hellte sich seine Miene wieder auf. »Barbara sagte mir, sie wollte das Kind, wenn es ein Mädchen würde, Karen nennen. Und nun hat sie den älteren der Jungen Hugh genannt und den jüngeren Joseph. Nett, nicht wahr?« »Ich fühle mich geehrt. Joe, ich muß sie sehen. So- fort. Wie kann ich das nur bewerkstelligen?« Joe sah ihn erstaunt an. »Aber das geht doch nicht, Hugh. Das weißt du sicherlich.« »Warum nicht?« »Weil du nicht kastriert bist, natürlich.« »Oh.« »Tut mir leid, aber so ist es.« Joe grinste plötzlich. »Soviel ich weiß, hättest du es durch Zufall beinahe geschafft. Ponse wollte sich über das Geschrei von dir und Duke fast totlachen.« »Auch eine Art von Humor.« »Ach, Hugh, er ist ein etwas grober Klotz. Als er mir die Geschichte lachend erzählte und ich nicht mit- lachte, kam er zu der Überzeugung, daß ich keinen Spaß verstünde. Ponse hätte dem Chirurgen die Hände abschneiden lassen, wenn er dich ohne Befehl operiert, hätte. Aber sein Vorgehen war durchaus konventionell. Ihr seid beide zu groß für Bullen.« »Schon gut, schon gut. Aber ich sehe nicht ein, war- um ich nicht Barbara und die Babys sehen kann. Du hast sie auch gesehen.« Joe blickte ihn an wie einer, der allmählich die Ge- duld verliert. »Hugh, das ist doch nicht das gleiche. Du mußt das wissen.« »Ich weiß nicht.« Joe seufzte. »Hugh, ich stellte die Regeln nicht auf. Aber ich bin ein Auserwählter und du nicht – das ist alles. Ich kann nichts dafür, daß du ein Weißer bist.« »Vergessen wir es.« »Wir können froh sein, daß wenigstens einer unter uns ist, der den anderen ab und zu einen kleinen Vor- teil verschaffen kann. Weißt du, daß ihr alle umge- bracht worden wäret, wenn ich nicht bei euch gewesen wäre?« »Ich habe darüber nachgedacht. Wenn du kein Fran- zösisch gesprochen hättest – oder wenn er es nicht ver- standen hätte …« Joe schüttelte den Kopf. »Das Französisch hat damit nichts zu tun. Es spart lediglich Zeit. Ich war bei euch – und deshalb trugt ihr keinerlei Verantwortung. Man kann sich bis jetzt nur nicht darüber einigen, inwiefern ich mich strafbar gemacht habe. Ponse ist selbstver- ständlich von meiner Unschuld überzeugt, aber die Sache muß dem Obersten Großgrundbesitzer vorgetra- gen werden, dem ja das ganze Land gehört. Ponse ist nur sein Beauftragter. Ich könnte hingerichtet werden.«, »Joe, was um Himmels willen ist so wichtig an der Sache, daß man dich dafür hinrichten könnte?« »Eine ganze Menge. Sieh mal, wärt ihr vier Weißen allein gewesen, hätte euch Ponse allein aufgrund des Augenscheins sofort verurteilt. Zwei Kapitalverbre- chen bei völlig eindeutiger Beweislage. Flüchtlinge, Diener, die ihrem Herrn weggelaufen sind. Unbefugte Benutzung des Privateigentums des Obersten Groß- grundbesitzers. Beides würde schon für sich ausrei- chen, um die Todesstrafe zu verhängen. Jetzt erzähl mir nicht, daß alles ganz anders war. Ich weiß das schließlich selbst, und ich habe auch lange genug ge- braucht, um das Ponse klarzumachen, zumal wir uns beide in einer Sprache ausdrücken mußten, die keiner von uns besonders gut beherrscht. Und trotz allem ist mein Hals noch immer in Gefahr.« Er grinste. »Ande- rerseits hat Ponse mir erzählt, der Oberste Großgrund- besitzer hinke der Bearbeitung der anhängigen Fälle um Jahre hinterher. Außerdem sei es noch viel länger her, seit er zum letzten Mal einen ‘ Fuß auf sein Pri- vatgrundstück gesetzt oder es auch nur überflogen hat. Lange bevor mein Fall zur Verhandlung kommt, wird man keine Spuren der Zerstörung mehr entdecken kön- nen. Sie pflanzen dort neue Bäume an, und der Bestand an Bären und Rotwild ist ohnehin nie ordentlich erfaßt worden. Jedenfalls meint er, ich solle mir keine Sorgen machen.« »Das ist gut.« »Jetzt denk aber nicht, ich hätte mir wegen dir keine Sorgen gemacht. Es würde dich schon den Kopf ko-, sten, wenn nur dein Schatten auf den Obersten Groß- grundbesitzer fallen würde, und noch viel schlimmer wäre es, solltest du in seiner Gegenwart niesen. Du kannst dir also selbst ausrechnen, was die Benutzung seines Landes für Folgen nach sich ziehen kann. Aber sorg dich erst darum, wenn Ponse das auch tut. Er hat mich als Gast behandelt, nicht als Gefangenen. Doch jetzt erzähl mir von dir. Ich höre, du hast die Sprache gelernt. Ich auch. In jeder freien Stunde steht mir ein Tutor zur Verfügung.« »Der Unwürdige hat seine Zeit, wie Sie sicher wis- sen, ausschließlich und allein diesem Zweck gewidmet, wenn es Ihnen gefällig ist.« »Du sprichst besser als ich.« »Ich wurde auch intensiver angefeuert. Joe, hast du Duke gesehen? Und Grace?« »Duke nicht. Ich habe es auch gar nicht versucht. Ponse war viel unterwegs und hat mich mitgenommen. Grace hingegen hält sich oft in diesen Räumen auf. Vielleicht triffst du sie einmal. Natürlich nur in Ge- genwart von Ponse. Er hält privat nicht so streng auf Form.« »Aber dann wäre es doch möglich, daß Barbara …« Joe blickte entnervt auf. »Kannst du nicht verstehen, daß ich hier nur als Gast bin? Ich bin nur geduldet. Ich habe nicht einen einzigen Diener, kein Geld, keinen Titel. Du kannst Grace möglicherweise sehen, habe ich gesagt, und wenn du sie siehst, dann nur, weil er aus eigenem Antrieb nach ihr geschickt hat, und nicht et- wa, um dir einen Gefallen zu tun. Und was Barbara, betrifft, so werde ich ihn nicht nach ihr fragen. Und dir würde ich auch davon abraten, denn andernfalls könn- test du feststellen, daß seine Peitsche nicht nur kitzelt.« »Ich meinte doch nur …« »Pst! Er kommt.« Joe erhob sich, um seinen Gastgeber zu begrüßen. Hugh stand mit gesenktem Kopf da und wartete, bis man Notiz von ihm nehmen würde. Ponse trug die gleiche Tracht wie damals, nur hatte er statt des Hel- mes ein rotes Käppchen auf. Er begrüßte Joe, ließ sich schwerfällig auf den Diwan plumpsen und streckte die Beine aus. Doc sprang ihm auf den Schoß und ließ sich streicheln. Zwei Dienerinnen erschienen, zogen ihm die Stiefel aus, trockneten ihm die Füße mit einem hei- ßen Handtuch, massierten sie und zogen ihm Pantof- feln an. Währenddessen besprach der Lordprotektor mit Joe Dinge, die jenseits von Hughs Verständnis lagen. Aber ihm fiel auf, daß er sich mit Joe in der Sprache der Gleichen unterhielt. Hugh wurde das Gefühl nicht los, daß Joe sich eine ähnliche Stellung wie Doc errungen hatte. Schließlich geruhte der große Mann, Hugh zu be- merken. »Setz dich, Junge.« Hugh setzte sich – auf den Boden. »Hast du die Sprache gelernt? Man sagt uns, es sei der Fall.« »Wenn es Seiner Hochherzigkeit gefällig ist – der Unwürdige hat seine Zeit ausschließlich diesem Zweck gewidmet, jedoch mit unzulänglichen Ergebnissen, wie Seiner Hochherzigkeit sicher nicht unbekannt ist.«, »Nicht schlecht. Der Akzent könnte besser sein. Wie bist du mit dem Wetter zufrieden?« »Das Wetter ist, wie es der Große Onkel befiehlt. Wenn es seinem Lieblingsneffen nicht mißfällt – es erfreut seinen minderwertigen Diener.« »Ganz gut. Akzent verwischt, aber verständlich. Üben. Sag deinen Lehrern, wir hätten es befohlen. Und jetzt vergiß den blumenreichen Unsinn, ich habe nicht Zeit genug, um ihn mir anzuhören. Die Sprache der Gleichen – immer. Wenn wir privat zusammentreffen, natürlich.« »Gut. Ich …« Hugh unterbrach sich. Eine Dienerin war eingetreten, kniete vor ihrem Herrn nieder und reichte ihm ein Getränk auf einem Tablett. Ponse sah Hugh scharf an und folgte seinem Blick. »Die da zählt nicht, sie ist taub. Was wolltest du sa- gen?« »Ich wollte gerade sagen, daß ich keine Ahnung ha- be, wie das Wetter ist, da ich seit meiner Ankunft nichts davon gesehen habe.« »Kann ich mir denken. Ich gab meinen Dienern den Befehl, dir so schnell wie möglich die Sprache einzu- pauken, und sie sind Gehorsam gewöhnt. Sie haben keine Eigeninitiative. Schön, du kannst ab heute eine Stunde täglich ins Freie. Sag das deinen Betreuern. Bekommst du genug zu essen? Wirst du gut behan- delt?« »Das Essen ist gut. ich bin es zwar gewöhnt, dreimal täglich zu essen, aber …« »Du kannst auch viermal essen, wenn du willst. Und, jetzt zu anderen Dingen. Hugh – so heißt du doch?« »Ja, Eure Hochherzigkeit.« »Kannst du nicht hören? Ich sagte: die Sprache der Gleichen! Mein Privatname ist Ponse. Hugh, wenn ich euch nicht selbst aufgelesen hätte und wenn ich kein Gelehrter wäre, der die künstlichen Anlagen, die bei eurem Wohnort gefunden wurden, abschätzen kann – beim Onkel, ich würde es nicht glauben. Der Große Onkel wirkt zwar in mancher geheimnisvollen Weise, aber Wunder vollbringt er auch keine. Das ist zwar eine ungewöhnliche Meinung, aber ich würde sie in jedem Tempel der Erde laut wiederholen. Aber – wie groß ist der Zeitunterschied, Joe?« »Zweitausendeinhundertdrei Jahre.« »Sagen wir zweitausend Jahre. Was ist los, Hugh?« »Nichts, nichts.« »Wenn dir übel wird, geh hinaus. Ich habe diese Teppiche eigenhändig ausgesucht. Was ich sagen woll- te – ihr habt meinen Wissenschaftlern eine harte Nuß zu knacken gegeben. Ist übrigens gar nicht schlecht. Sie haben in den letzten Jahren kaum eine Mausefalle erfunden. Faule Kerle. Wehe, wenn sie mir keine ver- nünftige Antwort bringen! Wie können fünf Menschen – oder sechs – und ein Gebäude von einer ziemlichen Masse durch zwanzig Jahrhunderte segeln, ohne daß auch nur ein Ei zerbricht? Na, ist wohl übertrieben. Joe erzählte mir, daß er ein paar Rippen gebrochen hatte. Übrigens mußten meine Wissenschaftler ein paar Kno- chen untersuchen. Strontiumprobe. Aber das kennt ihr wohl nicht. Klarer Beweis, daß der Körper vor der Pe-, riode der größten Radioaktivität erwachsen war. Hör mal, ich habe dich wegen der Teppiche gewarnt. So was tut man doch nicht!« Hugh würgte immer noch. (›Karen, armer Lieb- ling!‹) »Geht es wieder besser? Ich hätte dir vielleicht gleich sagen sollen, daß ein Priester mit dabei war und der Kleinen ein ehrenvolles Begräbnis zuteil werden ließ. Wie einer Auserwählten! Besonderes Zugeständ- nis auf meine Anordnung hin.« »Das stimmt, Hugh«, sagte Joe ernst. »Ich war mit dabei. Und ich habe frische Blumen aufs Grab gelegt. Sie werden immer frisch bleiben, hat man mir gesagt.« »Sicher«, bestätigte Ponse. »Ich weiß zwar nicht, was die Blumen sollen, aber wenn ihr sonst noch einen Wunsch hinsichtlich der Riten habt, braucht ihr es nur zu sagen. Ich bin aufgeklärt. Andere Zeiten, andere Sitten.« »Nein, danke.« »Wie du willst. Es ist eine wissenschaftliche Not- wendigkeit. Besser als wenn wir dir einen Finger am- putiert hätten. Aber auch aus anderen Indizien kamen meine Wissenschaftler zu dem gleichen Schluß. Ein- gemachtes Obst, zum Beispiel. Die Methoden waren so veraltet, daß meine Leute sie kaum nachahmen kön- nen. Und trotzdem blieb das Zeug eßbar. Ein paar Die- ner mußten es ausprobieren. Es geschah ihnen nichts. Dazu kommt ein erstaunlicher Unterschied in der Ra- dioaktivität der äußeren und der inneren Bunkerwände. Aufgrund der Informationen, die ich von Joe erhalten, hatte, wies ich sie an, nach Beweisen zu suchen, daß die Sache sich zu Beginn des Ost-West-Krieges zuge- tragen hat, der die nördliche Hemisphäre zerstörte. Meine Leute berechneten, daß ihr euch nahe dem Kern einer Atomexplosion befunden haben müßt. Und trotzdem blieb alles unverletzt. Sie kamen mir mit ei- ner so verrückten Theorie, daß ich euch gar nicht damit ermüden will. Aber das Beste von allem ist der geschichtliche Satz, Hugh. Ich bin ein Historiker. Richtig interpretier- te Geschichte ist über jeden Zweifel erhaben. Ich spre- che von den Büchern. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß sie meinen kostbarsten Besitz darstellen. Es gibt heutzutage auf der Welt nur noch zwei Exemplare der Encyclopaedia Britannica – und die sind so armse- lig, daß sie höchstens Sammlerwert, aber keineswegs Geschichtswert darstellen.« Ponse lehnte sich zurück und strahlte. »Aber meine Ausgabe ist in erstklassigem Zustand.« Genüßlich fügte er hinzu: »Nicht, daß ich die ande- ren Werke verachte. Besonders die ›Abenteuer des Odysseus‹ haben es mir angetan. Man kannte das Buch nur vom Hörensagen. Ich nehme an, daß die Bilder aus der Zeit des Odysseus stammen?« »Leider nicht. Der Künstler dürfte ein Zeitgenosse von uns gewesen sein.« »Schade. Aber sie sind trotzdem interessant. Primi- tive Kunst, viel stärker im Ausdruck als heutzutage. Aber ich übertrieb, wenn ich sagte, daß die Bücher mein größter Schatz seien.«, »Ja?« »Ihr seid es! Na, freut ihr euch nicht?« Hugh zögerte ein bißchen. »Ja. Wenn es stimmt.« (Wenn es stimmt, daß ich dein Eigentum bin, du arro- ganter Laffe, dann mache ich mich natürlich so kostbar wie möglich!) »Natürlich stimmt es. Wenn du der Etikette nach sprechen müßtest, könntest du jetzt keinen Zweifel ausdrücken. Ich lüge niemals, Hugh. Merk dir das. Du und der andere. Wie heißt er, Joe?« »Duke.« »Richtig. Joe hält zwar nicht allzu viel von seiner Intelligenz. Aber laß mich erklären. Es gibt Gelehrte, die sich mit Alt-Englisch befassen, obwohl es keine der bedeutenden Ursprungssprachen ist. Keiner von ihnen könnte jedoch allgemeinverständlich übersetzen. Ich hasse diese Fußnoten, in denen vier bis fünf mögli- che Interpretationen angegeben sind. Und das nur, weil diese Gelehrten keine Beziehung mehr zu den Verfas- sern haben. Ihr hingegen habt in jener Zeit gelebt und werdet sie richtig interpretieren.« »Du siehst, worauf ich hinaus will. Fang mit der En- cyclopaedia Britannica an. Gleich heute. Und schreib schnell. Um die Schönschriftversion kümmern sich andere.« Hugh schluckte. »Aber Ponse, ich kann eure Spra- che nicht schreiben.« »Was?« »Ich lernte sie nur sprechen. Lesen und schreiben kann ich nicht.«, Ponse blinzelte. »Memtok!« Der Oberste Palastdiener kam hereingeschossen – so schnell, daß man annehmen konnte, er habe gelauscht. Und er hatte es auch, mit Mitteln, die dem Lordprotek- tor vermutlich nicht bekannt waren. Denn Memtok lebte noch. Seine Methoden waren gewagt, aber er fand sie zur genauen Ausübung einer Pflichten uner- läßlich. Und auf jeden Fall war es so besser, als wenn er eine Beischläferin hineingeschickt hätte, die nicht wirklich taub war. »Memtok, wir befahlen, daß es sprechen, lesen und schreiben lernen solle!« Hugh hörte mit niedergeschlagenen Augen zu, wäh- rend Memtok klarzumachen versuchte, daß der Befehl nie gegeben worden war. Und das alles mußte Memtok so fassen, daß er dem Lordprotektor dabei nicht wider- sprach. »Quatsch«, bemerkte Ponse, »ich weiß nicht, warum ich dich nicht zur Adoption freigebe. Du würdest dich in einem Kohlenbergwerk ganz gut machen. Deine hel- le Haut würde von dem Kohlenstaub nur profitieren.« Er spielte mit seiner Peitsche, und Memtok sah noch blasser aus. »Nun, sieh zu, daß sich die Dinge ändern. Es soll den halben Tag damit zubringen, lesen und schreiben zu lernen, und den anderen halben Tag über- setzen. Oh, daß ich nicht gleich daran gedacht habe! Es soll das Zeug auf Band sprechen. Schreiben würde viel zu lange dauern. Trotzdem möchte ich, daß es lesen und schreiben kann.« Er wandte sich an Hugh. »Denk nach, ob du etwas brauchst.«, Ponse unterbrach ihn, als er der Etikette gemäß ant- worten wollte. »Sprich direkt, Hugh. Memtok, hör mal weg. Vor Memtok kannst du dich gehenlassen, er ge- hört zu meinem inneren Haushalt, er ist praktisch mein Neffe, auch wenn meine älteste Schwester da anders drüber denkt. Also, sag schon.« Memtok entspannte sich und setzte eine so glückli- che Miene auf, wie es sein Essiggesicht nur erlaubte. »Mmm, Ponse, ich brauche einen Arbeitsraum. Meine Zelle hat die Ausmaße deines Diwans.« »Und woran hast du gedacht?« »An ein Zimmer mit natürlichem Licht, mit Fenster, sagen wir etwa ein Drittel dieses Raumes hier. Schreib- tische, Bücherregale, Schreibmaterial, einen bequemen Stuhl – ja, und Zugang zu einer eigenen Toilette. Es verzögert die Arbeit, wenn ich warten muß.« »Gut.« »Und noch eines. Diese Peitschen machen mich ner- vös. Ich habe keine Ahnung, wer mir eigentlich Befeh- le geben darf. Offenbar jeder. Ich kenne meinen Status noch nicht.« »Mmm – Memtok, welchen Platz hat es in der Fa- milie?« Der oberste Diener umschrieb sorgsam, daß dieses Problem zu hoch für ihn gewesen war. »Nun, dann müssen wir es lösen. Es soll Abteilungs- chef werden. Abteilung für Alte Geschichte. Titel: Oberster Wissenschaftler. Nur eine Stufe unter dir. Sag das den anderen. Ich will damit deutlich zeigen, wie wertvoll mir dieser Diener ist – und jeder, der seine Ar-, beit verlangsamt, hat Aussicht, im Kochtopf zu enden. Es wird vermutlich eine Ein-Mann-Abteilung bleiben, aber sorge für äußerste Bequemlichkeit. Zwei Reiniger und ein Oberreiniger. Ein Bote. Und jetzt bring mir eine kleinere Peitsche und ein kleineres Abzeichen.« Sekunden später trug Hugh ein Medaillon, das nur um eine Spur kleiner als das von Memtok war. Ponse öffnete die Peitsche und entfernte eine Kapsel daraus. »Hugh, ich gebe dir keine geladene Peitsche, weil du nicht damit umzugehen weißt. Wenn einer deiner Die- ner einen kleinen Ansporn braucht, hilft dir Memtok gern aus. Nun – bist du zufrieden?« Hugh kam zu der Ansicht, daß es jetzt nicht der rechte Augenblick war, nach Barbara zu fragen. Nicht, solange Memtok anwesend war. Doch er schöpfte wie- der Hoffnung. Er und Memtok wurden zusammen entlassen. Mem- tok erhob keinen Einspruch, als Hugh sich auf gleicher Höhe mit ihm bewegte. Memtok begleitete Hugh schweigend zurück in die Dienerquartiere und dachte insgeheim darüber nach, wie er diese verblüffende Entwicklung zu seinem Vor- teil gestalten könne. Der Status dieses Wilden hatte den Obersten Palast- diener von Anfang an gequält. Er konnte ihn nirgends einordnen. Und in Memtoks Welt hatte alles seinen festen Platz. Nun hatte Seine Hochherzigkeit gespro-, chen. Doch die Lage hatte sich nicht gebessert. Der neue Status war so, daß das ganze System der Diener zum Gespött wurde. Aber Memtok war schlau und praktisch veranlagt. Seine Philosphie lautete: »Gegen den Boß kannst du nichts unternehmen«, woraus sich seine Strategie ab- leitete: »Wenn du ihn nicht unterdrücken kannst, mußt du dich ihm anschließen.« Beim Onkel! Dieser Wilde war nicht einmal ope- riert. Und würde auch nicht operiert werden. Jetzt zu- mindest nicht. Memtok war überrascht gewesen, als Seine Hochherzigkeit das einzig Logische aufgescho- ben hatte. Memtok erinnerte sich kaum noch an die Zeit vor seiner eigenen Operation. Er wußte nur noch, daß seine Gefühle und Triebe irgendwie anders gewe- sen waren. Warum nur der Wilde einen solchen Lärm geschlagen hatte? Er, Memtok, hatte noch ein halbes Jahrhundert aktiven Lebens vor sich, in dem er seine Macht voll entfalten konnte. Welcher Bulle konnte das von sich behaupten? Der Wilde war eine Kuriosität. Jeder große Herr- scher besaß so etwas. Manchmal, bei hohen Besuchen aus anderen Regionen, hatte er sich fast für seinen Herrn geschämt. Nicht eine komische Mißgeburt im ganzen Haushalt! Seine Hochherzigkeit – das mußte wirklich gesagt werden – hatte für seinen Rang einen zu gewöhnlichen Geschmack. Wirklich, manchmal schämte sich Memtok für ihn. Wie konnte er seine Zeit mit Büchern verschwenden, statt den Ruhm des Hauses zu mehren., Wenn er an den Herrscher von Abendreich dachte – Prinz oder so ähnlich nannte er sich –, packte ihn der Neid. Dieser große Käfig, in dem Bullen und Beischlä- ferinnen mit großen Affen zusammenlebten und sich miteinander unterhalten konnten. Ein schreckliches Gekreische übrigens. Und der Oberste Palastdiener von drüben hatte beim Großen Onkel geschworen, daß es Nachwuchs aus diesen Kreuzungen gegeben habe – gut versteckt natürlich, damit die Priester nichts merkten. Das könnte schon stimmen – denn es kam ja trotz offi- zieller Dementis immer wieder vor, daß Kreuzungen zwischen Auserwählten und Dienern entstanden, ob- gleich das eigentlich unmöglich war, weil die offiziel- len Bettwärmer grundsätzlich sterilisiert wurden. Selbstverständlich durften derartige ›Unfälle‹ niemals öffentlich zugegeben werden. Eine Kuriosität – das war gut. Ein Nichtoperierter, der trotzdem als Oberster Diener fungierte. Ein be- rühmter Gelehrter, der nicht einmal die Sprache richtig sprach, obwohl er fast so alt wie Memtok sein mußte. Ein Mann aus dem Nichts. Von den Sternen. Jeder Ge- bildete wußte, daß es irgendwo bei den Sternen Men- schen gab. Vielleicht sogar ein Wunder – dann wurde der Haushalt seines Herrn noch berühmt. Jawohl. Ein Wort hier, ein Flüstern dort, eine versteckte Andeutung … »Hugh«, sagte Memtok herzlich, »darf ich dich ›Hugh‹ nennen?« »Wie? Ja, natürlich.« »Du mußt mich ›Memtok‹ nennen. Sehen wir uns, mal ein bißchen um, wo sich eine geeignete Räumlich- keit für dich finden läßt. Soviel ich verstanden habe, möchtest du einen sonnigen Fleck. Vielleicht Räume mit Fenstern zum Garten hinaus? Und möchtest du, daß deine Arbeitsräume von deinen Privaträumen ge- trennt sind? Damit du mal ausspannen kannst?« Das letztere, beschloß Memtok. Dann konnte er den Ober- sten Gärtner und den Oberaufseher über die Beischlä- ferinnen hinauswerfen und dem Neuen ihre Räume geben. Das unterstrich die Wichtigkeit dieser Kuriosi- tät. Und die beiden würden eine Wut auf den Neuen haben. Der würde dann sehr schnell merken, wer auf seiner Seite stand. Memtok natürlich, und niemand sonst. Außerdem hatte der Gärtner vor kurzem einmal angedeutet, daß seine Arbeit nicht unter Memtoks Oberaufsicht stünde. »Ich brauche nichts Besonderes«, meinte Hugh. »Aber, aber. Du sollst jede Bequemlichkeit haben. Ich wollte, ich könnte mal ausspannen. Unmöglich – Probleme über Probleme in jeder freien Minute. Die meisten scheinen anzunehmen, daß das Denken unter ihrer Würde liegt. Es ist gut, daß wir endlich wieder einmal einen Mann von Geist unter uns haben. Wir su- chen also ein paar hübsche Zimmerchen, wo du mit dei- nen Dienern reichlich Platz hast. Getrennt natürlich.« Diener? Welcher gut erzogene, operierte junge Kerl würde ihm alles berichten und der Kuriosität gegen- über seinen Mund halten? Wenn er den ältesten Sohn seiner Schwester operieren ließ? Vielleicht konnte man ihn verwenden., Und würde seine Schwester die schlaue Berechnung erkennen? Er hatte große Hoffnungen für den Jungen. Memtok wußte selbstverständlich, daß er eines Tages gehen mußte, und es ließ ihn völlig kalt. Aber er war entschlossen, seinen Erben in das hohe Amt einzu- schleusen. Man konnte nie früh genug damit anfangen. Wenn seine Schwester … Memtok führte Hugh durch unzählige Gänge. Die- ner flitzten zur Seite, wenn sie vorübergingen – bis auf einen, der stolperte und für diese Ungeschicklichkeit mit der Peitsche bestraft wurde. »Du liebe Güte!« sagte Hugh. »Das ist ja ein riesi- ges Gebäude.« »Das da? Warte nur, bis du den Palast siehst. Ob- wohl ich fürchte, daß er unter meinem Stellvertreter inzwischen dem Ruin nahe ist. Hugh, ich arbeite hier nur mit einem Viertel der Dienerschaft. Es gibt keine offiziellen Empfänge, höchstens Gartenfeste. Und nur eine Handvoll Gäste. In der Stadt kommen und gehen die Auserwählten bis spät in die Nacht. Wie oft muß ich mitten in der Nacht für irgendeinen Lord mit seinen Damen eine Suite herrichten. Da ist Planung erstes Gebot. Noch bevor ich den Gästeflügel öffne, muß ich wissen, daß die Betten frisch parfümiert sind, daß Er- frischungen bereitstehen und sanfte Musik spielt.« »Na, das erfordert aber eine Menge Zusammenar- beit!« »Zusammenarbeit!« Memtok schnaufte verächtlich. »Ich wollte, du hättest recht. Egal, ob ich am Zusam- menbrechen bin – jeden Abend muß ich jedes Zimmer, inspizieren. Die Diener überwachen, damit sie meine Befehle auch wirklich ausführen. Es sind alles Lügner, Hugh. Seine Hochherzigkeit ist zu großzügig. Niemals beschneidet er die Ration.« »Ja, das habe ich auch schon gemerkt. Das Essen ist gut und reichlich.« »Ich sprach nicht vom Essen, sondern von ›Freude‹. Das Essen steht unter meiner Aufsicht, und ich würde niemanden verhungern lassen. Nicht einmal zur Strafe. Ein Peitschenhieb ist besser. Das verstehen sie. Merk dir eins, Hugh. Die meisten Diener haben kein Hirn. Sind gedankenlos wie die Auserwählten – Seine Hoch- herzigkeit natürlich ausgenommen. Es würde mir nicht einfallen, meinen Brotgeber zu kritisieren. Aber die Auserwählten im allgemeinen – du verstehst schon.« Er blinzelte Hugh zu und gab ihm einen vertraulichen Rippenstoß. »Ich kenne die Auserwählten kaum«, mußte Hugh zugeben. »Du wirst sie schon noch kennenlernen. Man braucht mehr als eine braune Haut, um Verstand zu besitzen, wenn es auch im Tempel anders gepredigt wird. Natürlich würde ich diese Äußerungen glatt ab- leugnen, wenn du mich verpfeifen wolltest. Aber – wer führt deiner Meinung nach den Haushalt?« »Ich bin noch nicht lange genug hier, um mir ein Urteil zu bilden.« »Sehr schlau. Du könntest es mit ein bißchen Ehr- geiz weit bringen. Drücken wir es so aus: Wenn Seine Hochherzigkeit fort ist, läuft der Haushalt wie am, Schnürchen weiter. Falls ich jedoch einmal krank wür- de – mir graut vor dem Gedanken.« Er fuchtelte mit der Peitsche herum. »Die da wissen es. Sonst würden sie nicht so schnell verschwinden, wenn ich vorbei- komme.« Hugh wechselte das Thema. »Was meintest du ei- gentlich Vorhin mit ›Freude‹?« »Hast du deine Ration nicht erhalten?« »Ich weiß nicht, was es ist.« »Oho! Die Sache werde ich mir einmal näher anse- hen. Aber ich zeige dir erst einmal, was ›Freude‹ ist.« Memtok führte ihn über eine Rampe zu einem Balkon. Darunter befand sich der Haupteßsaal der Diener, und die Leute standen in Dreierreihen an. »Es ist gerade Ausgabezeit. Für die Bullen natürlich zu einer anderen Stunde. Man kann es als Getränk, als Kaugummi und als Tabak bekommen. Einige sagen, daß man beim Rauchen die reinste Freude empfände.« »Ich verstehe nicht«, mußte Hugh bekennen. »Es regt den Appetit an, beruhigt die Nerven, för- dert die Gesundheit – und ruiniert den Ehrgeiz. Der Trick dabei ist, daß man sich nicht daran gewöhnen darf. Ich nahm es nicht einmal als Bulle regelmäßig. Man hat eben seine Ziele. Nur an Festtagen ein wenig – das genügt mir.« Memtok lächelte. »Du wirst ›Freu- de‹ heute abend kosten können.« »Wirklich?« »Sagte ich dir noch gar nichts? Ein Festbankett dir zu Ehren. Nach dem Abendgebet.« Hugh hörte kaum zu. Er suchte die lange Schlange, der Wartenden ab und versuchte, Barbara unter ihnen zu entdecken. Memtok schickte Hugh den Oberten Veterinär und den Haushaltsingenieur als Ehreneskorte. Hugh fühlte sich leicht verlegen, als er sich daran erinnerte, unter wel- chen Umständen er schon einmal mit dem Arzt Be- kanntschaft gemacht hatte. Aber der Mann zeigte sich äußerst herzlich. Memtok saß am Ende der langen Ta- fel, an der an die zwanzig Abteilungschefs Platz ge- nommen hatten. Hugh hatte den Ehrenplatz an seiner Rechten inne. Hinter jedem der Gäste stand ein Diener, und es war ein einziges Kommen und Gehen aus Kü- che und Speisekammer. Der Bankettsaal war prunkvoll und das Bankett selbst üppig und endlos. Hugh fragte sich, wie wohl ein Mahl der Auserwählten aussehen mußte, wenn schon die oberen Diener so verschwende- ten. Er fand es bald heraus. Teilweise wenigstens. Mem- tok erhielt immer zwei Platten auf einmal. Von man- chen Gerichten kostete er nur und gab sie dann wieder zurück. Er, bemerkte Hughs verwunderten Blick. »Das Abendessen des Lordprotektors. Versuch es. Dein ei- genes Risiko natürlich.« »Risiko?« »Gift natürlich. Wenn ein Mann über hundert Jahre alt ist, wird sein Erbe mit der Zeit ungeduldig. Ganz zu schweigen von Geschäftskonkurrenten, politischen Feinden und abgefallenen Freunden. Na, keine Angst., Ein Diener kostet das Abendessen eine halbe Stunde vor mir. Und wir haben dieses Jahr erst einen dieser Männer verloren.« Hugh merkte, daß man seine Nervenkraft erproben wollte. Er versuchte einen Löffel. »Gut?« »Kommt mir ein bißchen fett vor.« »Hörst du, Gnou? Unser neuer Vetter ist ein Mann von Geschmack. Fett. Ich fürchte, eines Tages wird man Gnou in seinem eigenen Fett schmoren. Aber im Ernst, Hugh, wir essen besser als Seine Hochherzig- keit. Ich bin ein Feinschmecker. Seine Hochherzigkeit würde eine lecker angerichtete Soße zurückschicken und statt dessen einen ordinären Braten verlangen. Ha- be ich recht, Gnou?« »Wie immer.« »Es ist frustrierend.« »In der Tat« stimmte der Chefkoch zu. »Wenn du mich jetzt einen Augenblick entschuldi- gen könntest, Vetter Hugh. Ich muß hinauf und Gnous Gerichte so anbieten, daß sie besser aussehen als sie sind. Glaub ihnen nicht, was sie in meiner Abwesen- heit über mich sagen – wenn es bedauerlicherweise auch wahr ist.« Er verzog seinen Mund zu einer An- deutung von einem Lächeln und verschwand. Nach einer langen Pause fragte schließlich der Oberste Diener für das Transportwesen: »Darf man fragen, Oberster Wissenschaftler, in welchem Haushalt du vor der Adoption warst?« »Man darf. Haus Farnham, außerordentlicher, Grundstücksbesitzer.« »So. Ich muß zugeben, daß mir der Titel deines Auserwählten unbekannt ist. Neu?« »Sehr, sehr alt«, erwiderte Hugh. »Stammt direkt vom Großen Onkel, gelobt sei sein Name. Der Rang ist ungefähr der eines Königs, nur wesentlich älter.« »Wirklich?« Hugh entschied, daß er hier ruhig dick auftragen konnte. Die vorangegangene Unterhaltung hatte deut- lich gemacht, daß Memtok über viele Dinge sehr gut informiert war, jedoch praktisch keine Ahnung hatte von solchen Trivialitäten wie Geschichte, Geographie oder dem Leben außerhalb des Haushaltes. Und durch seinen Unterricht wußte er, daß Diener, die lesen und schreiben konnten, sehr selten waren, sogar unter den höheren Chargen, sofern sie diese Fertigkeiten nicht für die Ausübung ihrer Pflichten benötigten. Memtok hatte ihm stolz erzählt, daß er bereits während seiner Zeit als Bulle darum gebeten hatte, die Kunst des Schreibens zu erlernen, auch wenn die anderen Bullen sich über ihn lustig gemacht haben. »Ich hatte meine Zukunft im Auge«, erklärte er Hugh. »Ich hätte noch fünf Jahre als Bulle leben können, vielleicht sogar zehn, doch sobald ich lesen konnte, bat ich darum, ka- striert zu werden. So habe ich schließlich zuletzt ge- lacht, denn wo sind die anderen jetzt?« Hugh beschloß, eine richtig dicke Lüge vom Stapel zu lassen. »Der Titel blieb über dreitausend Jahre hinweg in direkter Linie bei den Farnhams. Und ich war Haupt-, faktotum von Lord Farnham.« »Eine edle Familie. Und was ist ein Hauptfaktotum? Eine Art Diener?« »Ja und nein. Der Oberste Diener steht noch unter dem Befehl des Faktotums.« Der Mann keuchte beinahe. »Aber die Verantwor- tung ist schrecklich«, fuhr Hugh fort. »Das kann ich mir vorstellen.« »Als ich alt wurde und meine Gesundheit nachließ, suchte ich um Adoption nach. Eigentlich bin ich ein Gelehrter – und mein neuer Herr teilt meinen Ge- schmack. Eine passende Beschäftigung für meinen Le- bensabend.« »Darf man fragen, wie alt du bist?« warf der Arzt ein. Hugh dachte an Memtok und ahmte ihn beinahe feh- lerlos nach. »Man darf nicht. Aber«, fügte er besänfti- gend hinzu, »ich kann andeuten, daß ich um einige Jährchen früher als Seine Hochherzigkeit geboren wurde.« »Erstaunlich. Deiner Konstitution nach hätte ich dich kaum für sechzig gehalten.« »Um die Wahrheit zu sagen, ich bin nicht der einzi- ge aus meiner Blutlinie, der außerordentlich lange ge- lebt hat.« Memtok kehrte zurück. Alle erhoben sich, bis auf Hugh, der Memtok zu spät bemerkt hatte. Wenn es Memtok nicht gefiel, so ließ er es jedenfalls nicht mer- ken. Er klopfte Hugh auf die Schulter: »Na, haben sie dir erzählt, daß ich meine eigenen Kinder esse?«, »Aber nein. Ich hatte den Eindruck einer glückli- chen Familie, die zu ihrem geliebten Onkel aufschaut.« »Alles Lügner. So, für heute abend habe ich es ge- schafft – wenn nichts dazwischen kommt.« Der Ober- ste Palastdiener klopfte mit seinem Löffel an das Glas. »Vettern und Neffen, einen Toast auf unseren neuen Vetter. Ihr seht, daß er eine Peitsche trägt. Zwar nicht so stark geladen wie die meinige, aber immerhin.« Memtok lächelte schlau. »Trinken wir darauf, daß er sie nie benutzen möge.« Lauter Applaus begleitete die Tischrede. »Und nun laßt die ›Freude‹ fließen. Wer spricht den nächsten Toast?« Das Fest wurde laut. Hugh bemerkte, daß Memtok nur wenig trank. Er erinnerte sich an seine Warnung, aber als Ehrengast konnte er sich seinen Pflichten nicht entziehen. Irgendwann, sehr viel später, brachte ihn Memtok in seine neuen Prunkräume. Hugh fühlte sich betrunken, aber nicht wackelig. Nur der Boden schien so weit weg. In seinem Kopf war Klarheit, er besaß die Weis- heit ganzer Zeitalter, er schwebte auf Silberwolken dahin und war durchtränkt von Glück. Er hatte immer noch keine Ahnung, woraus ›Freude‹ bestand. Alko- hol? Schon möglich. Peyote oder bestimmte Pilze? Das war nicht ausgeschlossen. Marihuana? Sehr wahr- scheinlich. Das hätte Grace haben sollen! Aber sie hat- te es ja. Arme Grace – er hatte sie nie verstanden. Al- les, was sie brauchte, war ein bißchen Glück. Memtok brachte ihn in sein Schlafzimmer. Am Fu-, ßende seines hübschen neuen Bettes schlief ein weibli- ches Geschöpf, blond und warm. Hugh blinzelte, aus seinen erhabenen Gedanken auf- geschreckt. »Wer ist denn das?« »Dein Bettwärmer. Hatte ich nichts davon er- wähnt?« »Aber …« »Alles in Ordnung. Ich weiß natürlich, daß du tech- nisch gesehen ein Bulle bist. Aber es besteht keinerlei Gefahr.« Bevor sich Hugh eine Antwort zurechtgelegt hatte, war Memtok verschwunden. Hugh schaffte gerade noch den Weg bis zum Bett. »Rutsch ein bißchen, Muschi«, murmelte er und schlief ein. Er verschlief, aber die Kleine war immer noch da. Sie wartete mit dem Frühstück auf ihn. Er sah sie un- behaglich an. Nicht daß er verkatert war – anscheinend hatte ›Freude‹ keinerlei Nachwirkungen. Er fühlte sich physisch stark, geistig frisch und moralisch gewappnet – und ausgesprochen hungrig. Aber dieses kleine Mäd- chen machte ihn verlegen. »Wie heißt du denn, Muschi?« »Wenn es Ihnen nicht mißfällt, so ist sein Name von so geringer Bedeutung, daß jeder Name, den Sie ihm geben, es erfreuen wird.« »Hör auf. Die Sprache von Gleichen, wenn ich bit- ten darf.« »Ich habe eigentlich keinen Namen, Sir. Die meisten sagen einfach: ›He, du!‹ zu mir.«, »Schön, dann nenne ich dich Muschi. Weil du wie ein junges Kätzchen aussiehst.« In ihren Wangen zeichneten sich Grübchen, als sie lächelte. »Danke. Das ist viel hübscher als ›He, du!‹« »Gut, dann heißt du ab sofort nur noch ›Muschi‹. Sag das allen und höre gar nicht mehr auf ›He, du!‹. Sag ihnen, daß sei offiziell, weil der Oberste Forscher das angeordnet hat, und falls das jemand bezweifelt, soll er das mit dem Obersten Diener klären. Falls er das wagt.« »Ja, Sir. Danke, Sir.« »Schön. Ist das mein Frühstück?« »Ja, Sir.« Er aß im Bett, und sie bediente ihn. Als er aber sah, daß sie auch erwartete, ihn im Bad zu bedienen, berei- tete er der Sache ein Ende. Später, als er seinen Pflichten nachging, fragte er sie: »Und was tust du jetzt?« »Jetzt gehe ich wieder zurück in die Frauenabtei- lung. Am Abend komme ich wieder – wenn Sie es wünschen.« Er wollte ihr schon sagen, daß sie sehr hübsch sei, daß er sie aber nicht benötigte, als ihm etwas einfiel. »Hör mal, kennst du eine große Frau namens Barbara? Sie wurde vor ungefähr zwei Wochen adoptiert und bekam vor einer Woche Zwillinge.« »Ach ja, Sir. Die Wilde.« »Genau die. Weißt du, wo sie ist?« »Noch im Wochenbett, Sir. Ich gehe gern hin und sehe mir die Babys an.« Sie sah traurig aus. »Es muß hübsch sein.«, »Könntest du ihr eine Nachricht bringen?« Muschi sah ihn zweifelnd an. »Sie versteht mich wahrscheinlich nicht. Sie ist doch eine Wilde.« »Verdammt. Warte einen Augenblick. Vielleicht versteht sie das.« Er ging zu seinem Schreibtisch, holte eine jener seltsamen Federn und ein Stück Papier. Dann schrieb er hastig einen Brief und fügte als Nach- satz hinzu: »Die Überbringerin der Botschaft ist ›Mu- schi‹, wenn sie blond, mollig und nicht älter als vier- zehn ist. Sie ist mein Bettwärmer – wehe wenn Du jetzt Böses denkst! Ich muß sie behalten, weil sie die einzige Verbindung zu Dir ist. Ab heute erwarte ich täglich einen Brief von Dir. Anbei Feder und Papier. Ich liebe Dich. H.« Er übergab Muschi den Brief und Schreibpapier. »Kennst du den Obersten Palastdiener?« »Ja. Er überzeugt sich manchmal persönlich, ob wir unsere Pflicht tun. Er macht Stichproben.« »Hätte ich ihm gar nicht zugetraut.« »Warum, Sir? Weil er operiert ist? Oh, das macht uns gar nichts aus. Es ist einfacher, als wenn man nach oben geschickt wird. Man bekommt viel mehr Schlaf.« Sie sah Hugh mit unschuldiger Neugier an. »Stimmt es, was die Leute über Sie sagen? Wenn man fragen darf.« »Man darf nicht.« »Verzeihung, Sir.« Sie sah ängstlich auf die Peit- sche. »Muschi, sieh dir mal die Peitsche an. Ich verspre- che dir, daß ich dich niemals damit anrühren werde., Verstanden?« Ihr Gesicht hellte sich auf. »Danke, Sir.« »Und wenn dich jemand anderer schlagen will, sagst du einfach, der Oberste Wissenschaftler habe es verbo- ten.« »Danke, Sir.« »Natürlich mußt du dich auch anständig betragen. Und jetzt geh. Heute abend kannst du wiederkommen. Meinetwegen auch früher, wenn du ausschlafen möch- test.« Er durfte nicht vergessen, ein zweites Bett her- einstellen zu lassen. Muschi berührte ihre Stirn mit der Hand und ging. Hugh verbrachte einen glücklichen Tag, indem er das Alphabet lernte und drei Artikel der Britannica diktier- te. Die Übersetzung war nicht einfach, und er schickte nach seinem Lehrer, der ihm mit Vokabeln aushelfen mußte. Aber auch so konnte er schier endlose Erläute- rungen nicht vermeiden – der Kontext hatte sich grund- legend geändert. Muschi ging geradewegs zu Memtok, übergab ihm den Brief und die Schreibmaterialien. Memtok ärgerte sich, daß er einen Beweis in Händen hielt – und ihn nicht entziffern konnte. Sollte er den anderen – diesen Duke? – holen lassen? Lieber nicht. Es war fraglich, ob der Bursche überhaupt lesen konnte, und falls ja, gab es keine Möglichkeit zu prüfen, ob er auch korrekt übersetzte. Sich bei Joe zu erkundigen kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, ebensowenig, wie den neuen Bettwärmer Seiner Hochherzigkeit zu fragen. Doch diese ganze, Geschichte hatte einen beunruhigenden Aspekt. Sollte es tatsächlich möglich sein, daß die Wilde lesen konn- te? War sie vielleicht gar dazu in der Lage, eine Ant- wort zu schreiben? Er steckte den Brief in die Kopiermaschine und gab ihn dann Muschi zurück. »Schön, du heißt also jetzt Muschi. Erzähl ruhig den anderen, daß sie dich nicht schlagen dürfen. Aber paß auf …« Er stupste sie ganz leicht mit der Peitsche. »Diese Peitsche wartet auf dich, wenn du einen Fehler machst.« »Es hört und gehorcht.« Hugh kehrte ziemlich spät vom Abendessen zurück. Er hatte noch herumgesessen und sich mit den anderen unterhalten. Muschi schlief in seinem Bett, und ihm fiel ein, daß er vergessen hatte, ein eigenes Bett für sie besorgen zu lassen. Zusammengeknüllt in ihrer Hand war ein Papier. Er nahm es ihr vorsichtig ab. Liebling! Wie schön, Deine Handschrift zu lesen. Ich wußte von Joe, daß Du in Sicherheit warst, hatte aber keine Ahnung von Deinem hohen Rang. Und nun zu unseren Zwillingen. Sie sind ganz der Papa. Ich selbst werde umsorgt wie eine Preiskuh. Die Geburt erfolgte völlig schmerzlos. Man gab mir etwas zu trinken, als die We- hen einsetzten, und ich kann mich an nichts mehr erin- nern, bis die Babys da waren. Ich lerne die Sprache schnell, denn ich habe das Ge- fühl, als wärest Du in spätestens einem Monat auch, hier der Boß. Ich habe Vertrauen in meinen Mann. Mein Mann – ein schönes Wort. Was übrigens Muschi betrifft, so bilde Dir nicht ein, daß ich Deinen Pfadfinderschwüren glaube. Du hast schon einmal ein unschuldiges junges Mädchen ver- führt. Aber im Ernst – ich wäre Dir nicht böse. Wenn Du mich nicht dabei vergißt. Schließlich ist sie die ein- zige Vermittlerin zwischen uns beiden. Ich erwarte ab heute täglich einen Brief, und ich werde mich zu Tode grämen, wenn Du nichts von Dir hören läßt. Deine Dich liebende B. P. S. Das Geschmier ist Klein-Hughies Zehenabdruck. Hugh fiel es nicht schwer zu lernen, wie man die ›Sprache‹ las und schrieb. Die Schrift war phonetisch gehalten, ein Zeichen für jeden Laut. Es gab keine nicht zu sprechenden Buchstaben, und so tauchten auch keinerlei Fragen bezüglich der Schreibweise oder der Aussprache eines Wortes auf. Es gab bei diesem System ebensowenig Fallen wie im Esperanto. Sobald er die siebenundvierzig Buchstaben des Alphabetes gelernt hatte, konnte er jedes Wort aussprechen, das er las und mit etwas Nachdenken vermochte er auch jedes Wort zu buchstabieren, das er aussprechen konnte. Schreibschrift und Druckschrift waren identisch, und eine gedruckte Seite sah kaum anders aus als das,, was ein geübter Schreiber zu Papier brachte. Er war nicht sehr überrascht, daß die Schrift dem Arabischen ähnelte, und eine Suche in der Britannica bestätigte, daß dies Alphabet sich aus dem Arabisch seiner Tage entwickelt haben mußte. Ein halbes Dutzend Buchsta- ben hatte sich überhaupt nicht verändert, andere sahen dem Ursprung immerhin noch sehr ähnlich. Natürlich waren auch Schriftzeichen aus anderen Sprachen hin- zugekommen, genau wie auch die ›Sprache‹ selbst Ein- flüsse des Französischen und des Suaheli zeigte. Ande- re Wörter mochten aus anderen Sprachen kommen, doch das konnte er nicht nachprüfen, da offenbar keine Wörterbücher existierten, die die Wurzeln einzelner Begriffe aufgeführt hätten. Seine Lehrer waren ohne- hin davon überzeugt, die ›Sprache‹ sei schon immer so gewesen wie heute. Das Konzept der Sprachentwick- lung verblüffte sie. Das alles war für Hugh ohnehin nur von akademi- schem Interesse, denn er beherrschte weder Franzö- sisch, Arabisch oder Suaheli. Er hatte an der High School ein wenig Latein und noch weniger Deutsch gelernt, und später hatte er sich damit abgemüht, sich mit der russischen Sprache vertraut zu machen. Inso- fern war es reine Neugier, die ihn bewegte. Aber im Augenblick ging es ihm hauptsächlich dar- um, seine Hochherzigkeit so zufrieden wie möglich zu machen. Vielleicht durfte er dann Barbara wiederse- hen. Am zweiten Tag nach seiner Beförderung fragte Hugh nach Duke, und Memtok ließ ihn holen. Duke, sah erschöpft aus. In seinem Gesicht zeigten sich zum erstenmal Falten. Aber er konnte die Sprache. Er schien zwischen Hoffnungslosigkeit und Auflehnung zu schwanken. Offensichtlich hatte er auch des öfteren Zusammenstöße mit seinen Lehrern, denn er humpelte böse. Memtok hatte nichts dagegen, Duke der Abteilung für Alte Geschichte zuzuweisen. »Ich bin froh, daß ich ihn loswerde. Für einen Bullen ist er zu groß, und für etwas anderes scheint er nicht zu taugen. Bring ihn in Schwung. Ich kann es nicht leiden, wenn ein Diener faul herumsitzt.« Duke sah sich in Hughs Privatquartier um und mein- te schließlich: »Du lieber Himmel, ist das vornehm! Wie hast du das geschafft?« Hugh erklärte die Lage. »Ich möchte, daß du mir beim Übersetzen hilfst.« Duke ballte die Fäuste und sah finster vor sich hin. »Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen.« »Duke, laß diese Haltung. Es ist eine gute Gelegen- heit für uns.« »Für dich, vielleicht. Und was tust du wegen Mut- ter?« »Was kann ich tun? Weder ich noch du dürfen sie sehen. Das weißt du. Aber Joe versichert mir, daß sie nicht nur gut behandelt wird, sondern auch glücklich ist.« »Sagt er. Ich möchte mich selbst überzeugen. Ver- dammt, ich bestehe darauf.« »Bestehe ruhig darauf. Du kannst ja mit Memtok, sprechen. Ich warne dich, vor ihm kann ich dich nicht schützen.« »Blödsinn! Ich weiß, was der schmierige kleine Kerl sagen würde. Und was er tun würde.« Duke rieb sich das Bein. »Du mußt die Sache einfädeln. Du hast hier einen so großen Einfluß, daß du ihn einfach ausnützen mußt, um Mutter zu schützen.« »Duke, du irrst dich. Mein Einfluß ist verschwin- dend klein. Man päppelt mich nur, wie man ein Rasse- pferd päppeln würde. Und ich habe auch nicht mehr als ein Rassepferd zu sagen. Aber wenn du mit mir zu- sammenarbeiten möchtest, kannst du auch verwöhnt werden – ordentliches Quartier, keine Züchtigungen mehr, ein angenehmer Arbeitsplatz. Aber in das Frau- enquartier darf ich ebensowenig wie du. Du weißt, daß man hier Haremsregeln hat.« »Und es befriedigt dich, hier herumzusitzen und Mutter zu vernachlässigen?« »Duke, ich will nicht mit dir streiten. Ich weise dir einen Raum zu und schicke dir einen Band der Britan- nica. Der Rest liegt bei dir. Wenn du nicht arbeiten willst, werde ich versuchen, es vor Memtok geheimzu- halten. Aber er hat vermutlich im ganzen Palast seine Spione.« Dabei beließ es Hugh. Anfangs war ihm Duke keine Hilfe. Aber die Langeweile bewirkte schließlich, was der Vernunft nicht gelungen war. Duke hielt es nicht mehr aus, in einem Zimmer eingesperrt zu sein, ohne etwas zu tun. Er konnte sich zwar frei bewegen, wagte sich aber nicht allzu oft hinaus, da er fürchtete, Mem-, tok oder einem anderen peitschenschwingenden Diener in die Quere zu kommen. Hugh verschaffte ihm einen operierten Schreiber, der ihm bei der Arbeit half. Aber er selbst sah Duke selten – es schien die einzige Möglichkeit, friedlich nebeneinander leben zu können. Nach der ersten Wo- che kamen Dukes Übersetzungen zahlreicher. Aber sie waren auch schlechter geworden. Duke hatte die Macht der ›Freude‹ entdeckt. Hugh erwog, Duke vor der Droge zu warnen, ent- schied sich jedoch dagegen. Wenn es ihn befriedigte, warum sollte er ihm dann das Vergnügen mißgönnen? Die Qualität von Dukes Übersetzungen beunruhigte Duke nicht. Seine Hochherzigkeit konnte sie nicht be- urteilen, es sei denn, Joe würde dazu einen Kommentar abgeben, was eher unwahrscheinlich war. Davon abge- sehen bemühte er selbst sich auch nicht gerade um erstklassige Übersetzungen. Seine Devise war ›nicht gut, dafür aber schon am Mittwochs anders ausge- drückt: Liefere dem Boß regelmäßig einen großen Sta- pel Papier, und laß dafür die schwierigen Stellen weg. Zudem hatte Hugh herausgefunden, daß ein paar Schluck ›Freude‹ beim Abendessen einen angenehmen Abschluß des Tages darstellten. Und sie ermöglichten es ihm, Barbaras täglichen Brief im wärmsten Licht zu sehen und eine entsprechend euphorische Antwort zu verfassen, bevor er sich zufrieden zu Bett begab. Allerdings trank Hugh nie sehr viel, denn er miß- traute dem Stoff. Alkohol hatte seiner Ansicht nach den großen Vorzug, ein Gift zu sein. Wenn man zuviel, davon trank, erhielt man am nächsten Morgen eine deutliche Warnung. ›Freude‹ hingegen forderte keinen derartigen Preis. Es verwandelte ganz schlicht Ängste, Depressionen, Kummer, Langeweile und jede andere unangenehme Gefühlsregung in kritikloses Wohlbefin- den. Hugh fragte sich noch immer, woraus es bestehen mochte, doch er verstand kaum etwas von Chemie, und das Wenige war zudem noch seit zweitausend Jahren veraltet. Als Mitglied der Obersten Dienerschaft konnte er soviel ›Freude‹ bekommen, wie er nur wollte. Doch er bemerkte, daß Memtok nicht der einzige in den oberen Rängen war, der mit dem Stoff sehr sparsam umging. Niemand konnte sich einen hohen Platz innerhalb der Hierarchie der Dienerschaft erkämpfen, indem er sich mit Drogen abstumpfte. Doch es kam auch vor, daß ein Diener hoch aufstieg und dann sehr tief fiel, weil er unfähig war, den Verlockungen der Droge zu wider- stehen. Hugh fand nie heraus, was letztlich mit diesen Dienern geschah. Es war Hugh erlaubt, eine Flasche des Stoffs in sei- nen Räumen aufzubewahren, und auf diese Weise löste er sein Problem mit Muschi. Für Musch hatte Hugh nun doch kein Bett besorgt. Er machte ihr abends im Wohnzimmer den Diwan zu- recht. Hugh fürchtete, daß Memtok mißtrauisch würde, wenn er sah, daß der Bettwärmer gar nicht für seine ursprünglichen Zwecke gebraucht wurde. Muschi war sehr betrübt. Sie war sich sicher, daß Hugh die Fähigkeit besaß, einen Bettwärmer zu benut-, zen, und sie betrachtete seine Ablehnung als Beleidi- gung. Außerdem hatte sie Angst. Wenn ihr Herr sie nicht mochte, verlor sie vielleicht diese angenehme Stelle. (Sie wagte es nicht, Memtok zu berichten, daß Hugh keinen Gebrauch von ihr machte. Über alles in- formierte sie ihn, nur nicht über diesen Punkt.) Sie weinte. Hugh Farnham war der geborene Tröster. Er setzte sie auf sein Knie und erklärte ihr, daß er sie gern habe (die Wahrheit), daß er aber zu alt sei, um sein Bett mit einer Frau zu teilen (eine Lüge) und daß er so unruhig schlief, wenn noch jemand im Bett war (eine Halb- wahrheit). »Und jetzt putz dir die Nase und nimm ei- nen Schluck ›Freude‹.« Er wußte, daß sie das Zeug mochte. Sie kaute den ganzen langen Tag ihre Ration. Muschi ging glücklich schlafen, in der Gewißheit, daß ihr Herr nicht unzu- frieden mit ihr war. Nach dieser Unterredung gab ihr Hugh jeden Abend vor dem Schlafengehen ein kleines Gläschen. Anfangs hatte er den Pegelstand der Flasche im Au- ge behalten. Muschi hielt sich oft in seinen Räumen auf, wenn er abwesend war, er wußte, wie sehr sie das Zeug mochte, und überdies gab es in seiner Unterkunft keine abschließbaren Türen – sein Rang berechtigte ihn zwar dazu, doch Memtok hatte es sorgsam vermie- den, ihm das mitzuteilen. Er hörte auf, sich Gedanken um den Inhalt der Fla- sche zu machen, nachdem er sich davon überzeugt hat- te, daß Muschi nichts davon nahm. Tatsächlich wäre, Muschi schon vor dem Gedanken zurückgeschreckt, ihren Herrn zu bestehlen. Ihr Selbstbewußtsein hätte kaum für eine Maus ausgereicht. Sie galt weniger als nichts und war sich dessen auch bewußt, sie hatte nie etwas besessen, nicht einmal einen eigenen Namen, bevor Hugh ihr einen gab. Ganz allmählich entwickelte sich zwar in ihr eine eigenständige Person, doch die geringste Erschütterung hätte sie bereits wieder zu zer- stören vermocht. Sie hätte es ebensowenig gewagt, ihn zu bestehlen, wie sie es wagen würde, ihn zu töten. Mehr oder weniger intuitiv unterstützte Hugh ihr Selbstvertrauen. Sie war als Bademädchen ausgebildet, und er gab schließlich nach und gestattete ihr, ihm den Rücken zu schrubben, ihn anzukleiden und sich um seine Sachen zu kümmern. Darüber hinaus war sie auch als Masseuse geschult worden, und er empfand es als sehr angenehm, wenn sie ihm Hals und Schultern durchknetete, nachdem er einen ganzen Tag damit zu- gebracht hatte, über seine Bücher gebeugt zu diktieren. Sie wiederum war ängstlich darauf bedacht, sich als so nützlich wie möglich zu erweisen. »Muschi, was machst du tagsüber?« fragte er sie einmal. »Meistens nichts. Frauen meiner Klasse müssen tagsüber nicht arbeiten, wenn sie Nachdienst hatten. Ich darf bis mittags im Schlafsaal bleiben. Und das tue ich auch, denn der Aufseher hat es nicht gern, wenn wir herumstrolchen. Am Nachmittag versuche ich möglichst zu verschwinden. Das ist am sichersten.« »Ich verstehe. Wenn du willst, kannst du dich auch, hier verstecken.« Ihre Züge hellten sich auf. »Wenn Sie mir einen Paß geben …« »Gut. Du kannst fernsehen – nein, nachmittags ist noch kein Programm. Schade, daß du nicht lesen kannst.« Hugh wußte, wie schwer es war eine Bewilligung zum Lesenlernen zu bekommen. Sie wurde nur von Seiner Hochherzigkeit persönlich ausgestellt, und man mußte gewichtige Gründe anführen, um sie zu erhal- ten. Ach was, nur nicht ängstlich sein. »Hier sind Schriftrollen und ein Leseapparat«, sagte er zu Muschi. »Möchtest du lesen lernen?« »Der Onkel schütze uns!« »Fluch nicht. Wenn du willst, bringe ich es dir bei. Sieh mich doch nicht so verdammt ängstlich an. Du kannst dir die Antwort ruhig länger überlegen. Aber sprich mit niemandem darüber.« Muschi gehorchte. Sie wußte, daß ein Verrat ihr glückliches Leben hier zerstören würde. Für Hugh wurde Muschi eine Art Familienersatz. Tagsüber begrüßte sie ihn mit einem Lächeln und mun- terte ihn bei der Arbeit auf. Abends rollte sie sich vor dem Fernsehapparat zusammen. Hugh pflegte es für sich ›Fernsehen‹ zu nennen, auch wenn es mit einer Technik arbeitete, die ihm un- verständlich war, und die Bilder – in Farbe, dreidimen- sional und ohne Störstreifen – sich nicht mit jenen ver- gleichen ließen, die sein altgedientes TV-Gerät produ-, ziert hatte. Er hatte eine Reihe von Abenden damit zu- gebracht, das Programm zu verfolgen in der Hoffnung, auf diese Weise Einblick in die ihm fremde Gesell- schaftsform zu erhalten. Er kam jedoch zu dem Schluß, daß das dem Versuch gleichkam, die Vereinigten Staa- ten zu studieren, indem man sich Rauchende Colts an- schaute. Gezeigt wurden lärmende Melodramen, deren Schauspieler ähnlich stilisiert agierten wie die Darstel- ler des Chinesischen Theaters. Die Handlung be- schränkte sich zumeist darauf, aufrechte Diener zu zei- gen, die heldenhaft ihr Leben opferten, um ihren Herrn zu retten. Das Fernsehen diente eindeutig dazu, die Moral un- ter der Dienerschaft aufrechtzuerhalten, wenn ihm auch nicht die gleiche Bedeutung zukam wie der ›Freude‹. Muschi war jedenfalls davon begeistert. Sie pflegte gebannt zuzuschauen, dabei auf ihrem Gummi zu kauen und gelegentlich vor Entzücken zu quietschen, während Hugh las. War das Programm zu Ende, seufzte sie glücklich, nahm ihren Schlaftrunk dankbar entgegen und begab sich zur Ruhe. Hugh blieb mitunter noch sitzen und las weiter. Hugh las sehr viel, auch abends – wenn nicht gerade Memtok auf einen Sprung hereinschaute. Er bedauerte die Zeit, die er mit den Übersetzungen verschwendete, aber er hoffte dadurch eine Verbesserung seines Loses zu erreichen. Es war wichtig, die moderne Kultur zu studieren, um die alte Geschichte verständlich zu über- setzen. Aber nicht nur deshalb vergrub sich Hugh so tief in, seine Bücher. Er wollte erfahren, was mit seiner Welt geschehen war, daß daraus diese Welt entstehen konnte. So hatte er gewöhnlich einen Film in seinen Lese- apparat eingespannt. Es war bewundernswert, wie man die älteste Form des Buches, die Schriftrolle, mit der modernen Technik gekoppelt hatte. Ein Doppelzylin- der wurde in den Leseapparat gesteckt, das war alles. Die Buchstaben einer Zeile tanzten vorbei, dann wurde der Zylinder blitzschnell gedreht und die nächste Zeile, die umgekehrt aufgedruckt war, wurde lesbar. So spar- te sich das Auge das Hin und Her von einer Zeile zur nächsten. Mit einem leichten Druck der Hand konnte man den Leseapparat auf die gewünschte Geschwin- digkeit einstellen. Als sich Hugh an die fremde Spra- che gewöhnt hatte, fand er heraus, daß er sie bei wei- tem schneller lesen konnte als seine Muttersprache. Aber er fand nicht, wonach er suchte. Irgendwann in der Vergangenheit waren die Unter- schiede zwischen Tatsachen, Legenden, Geschichte und Religion verwischt worden. Selbst als er entdeck- te, daß der Ost-West-Krieg, der ihn in diese Situation gebracht hatte, im Jahre 703 ›vor dem großen Wech- sel‹ stattgefunden hatte, fiel es ihm noch schwer, das Gelesene mit den Tatsachen in Einklang zu bringen. An den Verlauf des Krieges, wie er hier dargestellt war, glaubte er zwar. Schließlich hatte er selbst nur die ersten paar Stunden aus der Bunkerperspektive miter- lebt. Ein Inferno von Raketen und Bomben, das die Städte von Peking bis Chicago, von Toronto bis Smo- lensk einfach ausgelöscht hatte. Feuerstürme hatten, zehnmal größeren Schaden angerichtet als die Bom- ben. Nervengas und andere Gifte besorgten den Rest. Epedemien begannen unter den Überlebenden zu wü- ten, gerade als sie wieder Hoffnung schöpften. Ja, das war glaubhaft. Die Schriftrollen sagten aus, daß von der nördlichen Hälfte niemand überlebt hätte. Aber die anderen? Hier stand, daß die Amerikaner zur Zeit des Großen Krieges die Neger als Sklaven hielten. Irgend jemand hatte wohl ein Jahrhundert übersprungen. Absichtlich? Oder war es eine Verdre- hung, die sich auf den langen Zeitraum zurückführen ließ? Er hatte etwas von einem großen Buch gelesen, das zur Zeit des Aufruhrs und auch noch später, wäh- rend des großen Wechsels, vernichtet wurde. Die Geschichte? Und seit wann wurden die Chinesen als ›weiß‹ und Hindus als ›schwarz‹ bezeichnet? Gewiß, in der Haut- farbe unterschied sich ein Chinese nur schwach von einem Weißen, aber es bestanden doch deutliche an- thropologische Unterschiede. Natürlich gab es nichts einzuwenden, wenn sie nur Farbunterschiede machten. Die Geschichte sagte, daß die Weißen in ihrer zerstörerischen Art einander zer- fleischt hätten und die Welt der unschuldigen, mitleid- vollen, dankbaren schwarzen Rasse überließen. Der Große Onkel hätte die Schwarzen mit der Führung sei- ner Erde betraut. Die wenigen weißen Überlebenden, die der Onkel in seiner Güte verschont hätte, seien von den Schwarzen wie Kinder umhegt worden und hätten sich unter der, gütigen Führung der Auserwählten jetzt wieder ver- mehrt. So stand es geschrieben. Hugh hatte damit gerechnet, daß der Krieg Nord- amerika und auch Asien zerstört hatte. Aber was war mit der weißen Minderheit Südafrikas geschehen, mit den Australiern und Neuseeländern? Soviel er auch nachforschte, er kam nicht dahinter. Es schien lediglich festzustehen, daß die Auserwählten schwarz waren, während die Diener weiße Hautfarbe besaßen und im allgemeinen sehr klein wirkten. Hugh und sein Sohn ragten über die anderen Diener weit hin- aus. Andererseits waren die wenigen Auserwählten, die er bislang zu Gesicht bekommen hatte, sehr groß ge- wesen. Wenn die heutigen Weißen in der Hauptsache von den Australiern abstammten? Nein, so winzig waren die Menschen dort auch nicht gewesen. Und diese ›Expeditionen des Mitleids‹ – bedeuteten sie eine Um- schreibung für Sklavenjagd? Oder, wie die Schriftrol- len sagten, Rettungsmissionen für die Überlebenden? Das Verbrennen der Bücher hatte wohl Schuld an diesen Unsicherheiten. Waren alle Bücher verbrannt worden? Oder hatte man naturwissenschaftliche und technische Werke verschont? Denn es stand fest, daß die Technik viel weiter fortgeschritten war als zu sei- ner Zeit. Es schien kaum glaublich, daß man aus dem Nichts angefangen hatte. Oder doch? Die Technik seines eigenen Zeitalters war in knapp fünfhundert Jahren entwickelt worden, der größere Teil davon in kaum hundert Jahren und die, wirklich erstaunlichen Dinge sogar binnen einer einzi- gen Generation. Wenn die Welt im Chaos dalag, konnte sie sich doch in zweitausend Jahren wieder aufrichten. Der Koran existierte noch. Es war das einzige Buch, das offiziell von der Verbrennung ausgeschlossen wor- den war. Hugh kannte eine Übersetzung des Korans, und er hatte sie mehrmals gelesen. Er war sich sicher, daß es sich bei Mohammed um einen feuerköpfigen Araber, nicht aber um einen Schwarzen gehandelt hat- te. Und er glaubt sich auch erinnern zu können, in sei- nem Koran nichts von Rassenpolitik gelesen zu haben, während die ›verbesserte‹ Auflage davon voll war. Darüber hinaus schloß sich an diesen Koran ein Neues Testament an. Der Messias war gehängt wor- den, und jede Schriftrolle wurde von einem Galgen geschmückt. Hugh hatte nichts gegen eine Bibelrevisi- on. Aber der Mann, der die neue Version ausgearbeitet hatte, betrog offensichtlich. Ebenso rätselhaft wie die Religion kam Hugh die gesellschaftliche Struktur vor. Kirche und Staat waren in der Hand des Obersten Großgrundbesitzers verei- nigt. Er vertrat den Großen Onkel auf Erden, und Leute wie der Lordprotektor Ponse waren seine Bischöfe, die nur Lehen empfingen. Dennoch gab es eine Menge freier Bürger (natürlich nur Auserwählte), die sich als Kaufleute, Akademiker oder kleine Grundbesitzer be- tätigten. Eine Art totalitärer Staat mit Ansätzen von Privatwirtschaft. Ja, wenn er das, was er las, richtig auslegte, mußte es sogar Aktiengesellschaften geben., Weiterhin staunte Hugh über das Erbsystem. Die Familie war alles, aber die Heirat galt überhaupt nichts. Es gab sie, doch sie war nicht wichtig. Die Vererbung erfolgte über die weibliche Linie, aber die Macht wur- de von den Männern ausgeübt. Das verwirrte Hugh, bis er endlich verstand. Ponse war Lordprotektor, weil er der älteste Sohn einer älte- sten Tochter war, deren ältester Bruder vor Ponse Lordprotektor gewesen war. Ponses Erbe würde also wiederum der älteste Sohn seiner ältesten Schwester sein. Es war egal, wer Ponses Vater war, und es war erst recht egal, ob er Söhne hatte. Hugh verstand, daß bei diesem System die Ehe völ- lig bedeutungslos sein mußte. Frauen konnten nie de- gradiert werden. Sie waren wichtiger als die Männer, obwohl sie nur durch ihre Brüder herrschten. Und die Religion hatte sich angepaßt. Der Eine Gott, der Große Onkel, hatte eine ältere Schwester, die Unsterbliche Mamaloi. Sie wurde so verehrt, daß man es nicht ein- mal wagte, ihren Namen auszusprechen. Sie war das ewige, weibliche Prinzip, die Schöpferin allen Lebens. Hugh hatte das Gefühl, schon einmal von dieser Erbfolge gehört zu haben, und er sah in der Britannica nach. Zu seiner Überraschung entdeckte er, daß das System immer wieder in den verschiedenen Zivilisa- tionen aufgetaucht war. Der Große Wechsel war gekommen, als es Mamaloi endlich gelang, all ihre Kinder unter einem Dach zu vereinen und ihnen einen Onkel zu geben. Erst dann konnte sie ruhen., »Gott helfe der Menschheit«, kommentierte Hugh. Hugh wartete darauf, daß Seine Hochherzigkeit wieder nach ihm schicken würde. Aber zwei Monate vergingen, und Hugh fürchtete schon, er würde Barba- ra nie wiedersehen. Offensichtlich hatte Ponse kein Interesse an ihm, solange er nur regelmäßig seine Übersetzungen ablieferte. Die Britannica zu übersetzen war ein Lebenswerk, und so beschloß er eines Tages, die Dinge ein wenig voranzutreiben. Er legte seiner Tagesarbeit einen Brief an Seine Hochherzigkeit bei. Eine Woche später ließ ihn der Lordprotektor rufen. Memtok kam zu ihm. Er bestand darauf, daß sich Hugh noch einmal wusch, ein Deodorant benützte und ein sauberes Gewand anzog. Dem Lordprotektor schien es egal zu sein, wie Hugh roch. Er ließ ihn warten und erledigte andere Dinge. Hugh stand schweigend da – obwohl Grace anwesend war. Sie rekelte sich auf einem Diwan, spielte mit den Katzen und kaute ihren Kaugummi. Sie warf Hugh nur einen Blick zu und ignorierte ihn dann. Aber sie setzte das Lächeln auf, das Hugh so gut an ihr kannte und das ihn noch jedesmal zum Frösteln gebracht hatte. Doktor Livingstone begrüßte ihn, indem er sich schnurrend an seine Beine schmiegte. Hugh wußte, daß er sich nicht rühren durfte, solange Seine Hochherzig- keit nicht geruhte, ihn zu bemerken. Aber die Katze wartete auf sein Streicheln. Er konnte sie nicht enttäu- schen. So bückte er sich und streichelte sie. Die Welt stürzte nicht ein. Seine Hochherzigkeit, übersah den Schnitzer. Plötzlich sagte der Lordprotektor: »Komm her, Jun- ge. Was soll dieses Zeug? Du kannst Geld aus diesen Übersetzungen machen? Wer sagt dir, daß ich Geld brauche?« Hugh hatte den Tip von Memtok erhalten. Der Oberste Palastdiener beschwerte sich dauernd, wie schwer es sei, einen so großen Haushalt zusammenzu- halten, wenn die oberen Stellen so knauserig seien. »Wenn es Seiner Hochherzigkeit nicht mißfällt, so glaubt der Vermessene …« »Verdammt, hör mit dem blumenreichen Geschwätz auf.« »Ponse, aus dem Land und aus der Zeit, aus der ich komme, war nie jemand so reich, daß er nicht trotzdem Geld gebraucht hätte. Je reicher jemand war, desto mehr Geld brauchte er im allgemeinen.« Ponse grinste. »›Plus ca change, plus çest la même chose‹. Hugh, du läßt dich nicht von der ›Freude‹ dumm machen. Die Sachlage hat sich nicht verändert. Und was schlägst du vor? Heraus damit.« »Mir scheint, daß in der Britannica Dinge stehen, die heute noch von Nutzen sein könnten.« »Schön, dann tu, was du denkst. Das Zeug, das du bisher heraufgeschickt hast, ist zufriedenstellend, so- weit ich es gelesen habe. Aber viel davon ist unwich- tig. ›Smith, John, geboren, gestorben, Politiken. Oben- drein noch ein schlechter. Verstehst du mich?« »Ich glaube schon, Ponse.«, »Gut, dann laß den Blödsinn aus und arbeite mir ein paar saftige Sächelchen aus, die sich in Bargeld ver- wandeln lassen.« Hugh zögerte. »Was ist?« fragte Ponse. »Hast du mich nicht verstanden?« »Ich werde Hilfe brauchen. Schließlich habe ich keine Ahnung, wie es im Staat eigentlich aussieht. Joe wäre vielleicht ganz nützlich.« »Inwiefern?« »Soviel ich weiß, ist er mit Euch im ganzen Land herumgereist. Er wird wissen, welche Probleme man eingehender behandeln sollte. Ich übersetze dann die entsprechenden Artikel, und Ihr könnt untersuchen, ob sie sich auswerten lassen.« »Keine schlechte Idee. Joe hilft dir sicher gern. Schick ihm die Britannica. Das ist alles für heute.« Hugh wurde so schnell entlassen, daß er wieder kei- ne Zeit hatte, Barbara zu erwähnen. Aber, so überlegte er sich, in Graces Gegenwart hätte er es ohnehin nicht wagen dürfen. Er überlegte, ob er Duke sagen sollte, daß seine Mutter dick und glücklich sei, aber er ließ den Gedan- ken fallen. Duke und er gingen einander aus dem We- ge, so gut sie es vermochten. Es war am besten so. Joe schickte viele Tage lang einen Band nach dem an- deren herunter, an dem er bestimmte Stellen zur Über- setzung markiert hatte. Hugh schuftete, um sein Pen-, sum zu schaffen und einigermaßen brauchbare Über- setzungen abzuliefern. Nach vierzehn Tagen schickte Ponse wieder nach ihm. Er erwartete eine Konferenz über irgendeine der Ideen, die er ausgearbeitet hatte. Doch er fand nur Pon- se, Joe und einen fremden Auserwählten vor. Schon bereitete er sich darauf vor, die formelle Sprache anzuwenden, als Ponse ihn herbeiwinkte. »Los, Hugh, heb ab. Und laß das steife Geschwätz, wir sind unter uns.« Hugh kam zögernd näher. Der andere Auserwählte, ein großer, dunkler Mann mit gerunzelter Stirn, schien nicht sehr erfreut zu sein. Er trug eine Peitsche, an der er fortwährend herumfingerte. Aber Joe sah auf und lächelte ihn an. »Ich habe ihnen Bridge beigebracht, Hugh, und unser vierter Mann mußte weg. So erzählte ich Ponse, daß du der beste Spieler weit und breit wärst. Blamier mich nicht, mein Lieber.« »Ich werde es versuchen.« Hugh erkannte, daß es seine eigenen Karten waren, die auf dem Tisch lagen. Daneben befand sich ein neues Paket. Es schien hand- gemalt und sah prachtvoll aus. Auch der Kartentisch war neu. Hugh wurde Partner des Fremden. Er zeigte nicht, wie nervös ihn die ablehnende Haltung des anderen machte. Der Fremde hatte an jedem Zug Hughs etwas auszu- setzen. Obwohl er selbst nicht fehlerfrei spielte, ärgerte er sich über seinen Partner. »Mrika!« sagte Ponse schließlich scharf. »Wir spie-, len Bridge. Nimm es als Spiel. Der Diener handelte korrekt.« »Nein. Und ich werde nicht mehr mit ihm zusam- menspielen. Er riecht nach Bulle. Ich habe das Gefühl, daß er sich nicht gewaschen hat.« Hugh fühlte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Er wich zurück. Aber Ponse sagte gleichgültig: »Gut, Wir entschuldigen dich. Du kannst gehen.« »Angenehm.« Der Auserwählte erhob sich. »Nur ei- nes, bevor ich gehe. Wenn Ihr Seine Gnade noch lange hinhaltet, wird der Herr des Nordsternprotektorats …« »Willst du das Geld zur Verfügung stellen?« fragte Seine Hochherzigkeit scharf. »Ich? Es ist eine Angelegenheit der Familie. Nicht daß ich mir die Möglichkeit entgehen ließe. Vierzig Millionen Hektar und nur auserlesene Hölzer. Aber ich habe kaum ein paar Kröten in der Tasche – Ihr wißt, weshalb.« »Sicher. Du spielst.« »Ach was. Ein Geschäftsmann muß seine Chancen wahrnehmen. Man kann so etwas nicht Spielen nen- nen.« »Wir nennen es so. Wir haben nichts gegen das Spielen, sondern etwas gegen das Verlieren. Und wenn du unbedingt verlieren willst, dann lieber deine eige- nen paar Kröten, wie du dich ausdrücktest.« »Aber es ist doch eine sichere Sache. Die Familie …« »Was für die Familie gut ist, entscheiden immer noch Wir. Du kommst noch rechtzeitig an die Regie-, rung. Und in der Zwischenzeit sind Wir bemüht, dem Obersten Großgrundbesitzer zu gefallen. Aber nicht mit Geld, das die Familie nicht hat.« »Ihr könntet es Euch leihen. Die Zinsen belaufen sich nur auf …« Ponse hatte die Karten aufgenommen und gemischt. »Du wolltest gehen, Mrika. Ich sehe, daß du Uns verlassen hast.« Der junge Mann ging wutschnaubend. Ponse legte eine Patience und wandte sich plötzlich an Joe: »Manchmal macht mich der Junge so wütend, daß ich mit Freuden mein Testament ändern würde.« Joe sah ihn verwirrt an. »Ich dachte, du könntest ihn nicht enterben.« »Aber nein.« Ponse sah ihn entgeistert an. »Das könnte nicht einmal ein Bauer. Wo kämen wir hin, wenn es auf der Erde keine Ordnung mehr gäbe! Selbst wenn das Gesetz es erlauben würde, dächte ich nicht im Traum daran. Er ist mein Erbe. Aber ich dachte an die Diener.« »Ich kann dir nicht folgen«, gestand Joe. »Oh, ich vergesse immer wieder, daß du nicht bei uns aufgewachsen bist. Mein Testament verfügt nur über meinen persönlichen Besitz. Schmuck, Schriftrol- len und ähnliches. Kaum eine Million wert. Kleinigkei- ten. Außer den Haushaltsdienern. Es ist üblich, in sei- nem Testament alle Diener aufzuführen. Sonst beglei- ten sie ihren Onkel.« Er grinste. »Es wäre ein Heiden- spaß, wenn Mrika fünfzehnhundert bis zweitausend Diener neu adoptieren müßte. Das kostet Geld. Der, Junge kann nicht pinkeln, wenn nicht mindestens vier Diener ihm dabei helfen.« Er wandte sich an Hugh, dem es peinlich war, einen Streit zwischen Onkel und Neffe anhören zu müssen. »Was würde dir besser gefallen, Hugh? Mich in den Himmel zu begleiten oder Mrika zu dienen? Sei nicht voreilig mit der Antwort. Bei Mrika mußt du vermut- lich in spätestens einem Jahr verhungern.« »Die Wahl ist nicht leicht.« »Na, du brauchst sie auch nicht zu treffen. Das ist meine Angelegenheit. Dieser Schuft von Memtok bet- telt mich an, er möchte mich in den Tod begleiten. Wenn ich ihm glauben könnte, hätte ich ihn wegen Unfähigkeit entlassen.« Ponse packte die Karten zu- sammen. »Verdammter Junge! Er ist ein armseliger Gesellschafter, aber ich hoffte, daß man mit ihm we- nigstens Bridge spielen könnte. Joe, wir müssen das Spiel noch ein paar Leuten beibringen.« Plötzlich kam Hugh eine Idee. »Ponse, würde es Euch etwas ausmachen, wenn noch ein Diener mit- spielte?« Joes Miene hellte sich auf. »Ja, natürlich. Er …« »Barbara!« fiel Hugh ein, bevor Joe Duke erwähnen konnte. Joe sah ihn starr an, doch dann hatte er verstanden. »Er – ich meine Hugh – war im Begriff, eine Dienerin namens Barbara zu erwähnen. Sie spielt gut.« »Barbara?« überlegte Ponse. »Ich kenne den Namen nicht.« »Aber natürlich«, half Joe ihm nach. »Sie war bei, uns, als du uns fandest. Die Große.« »Ach ja. Die Schwangere. Joe, seit wann können denn Weiber dieses Spiel?« »Sie ist ausgezeichnet«, versicherte Joe. »Spielt bes- ser als ich. Ponse, sie steckt dich glatt in die Tasche. Habe ich recht, Hugh?« »Ja. Barbara spielt gut.« »Das muß ich erst sehen.« Ein paar Minuten später wurde Barbara, frisch ge- waschen und ängstlich, hereingebracht. Sie warf einen verblüfften Blick auf Hugh und blieb stumm stehen. Ponse ging auf sie zu. »Das ist also die Frau, die Bridge spielen kann. Hör zu zittern auf, Kleine. Nie- mand wird dich fressen.« Mit ein paar rauhen Worten überzeugte er sie, daß sie wirklich nichts anderes als Bridge spielen sollte. Sie entspannte sich. »Benimm dich, als wärst du unter deinesgleichen. Verstanden?« »Ja, Sir.« »Noch eines.« Er tätschelte ihre Schulter. »Wenn du meine Partnerin bist, ärgere ich mich nicht, wenn du Fehler machst – schließlich bist du nur eine Frau, und ich bin überrascht, daß du ein solches Intelligenzspiel überhaupt verstehst. Aber wenn du gegen mich spielst und nicht jeden Trick anwendest, bekommst du die Peitsche zu spüren, verstanden?« Joe nickte ihr zu. »Seine Hochherzigkeit meint es ernst. Spiel, so gut du kannst.« »Fangen wir an«, meinte Ponse ungeduldig. Hugh hörte kaum zu. Er sog Barbaras Erscheinung, in sich ein. Sie sah gesund aus, obwohl es irgendwie ungewohnt war, sie wieder schlank zu sehen. Glückli- cherweise hatte man ihr die Haare nicht ganz abrasiert. Sie waren zwar kurzgeschnitten, aber das wuchs mit der Zeit nach. Ihm wurde auch klar, weshalb sie ihn so befremdet anstarrte. »Ich frisiere mich jetzt mit dem Waschlappen, Bar- bie«, grinste er. »Ist egal, viel ist ohnehin nicht verlo- ren. Und ich habe mich an meinen Anblick schon ge- wöhnt.« »Du siehst würdevoll aus.« »Er ist häßlich wie die Sünde«, warf Ponse ein. »Aber was reden wir denn? Hier wird Bridge gespielt. Barbara, du bietest.« Sie spielten stundenlang. Barbara schien sich zu ent- spannen. Sie lächelte oft, vor allem in Richtung Hughs. Ponse mußte anerkennen, daß sie genau nach den Re- geln spielte. Er selbst war ein guter Spieler, noch nicht perfekt, aber er hatte ein gutes Gedächtnis für einmal ausgespielte Karten. Es wurde ein spannendes Spiel. Hugh schwindelte nur einmal ganz unauffällig, so daß Barbara ihr Spiel als Ponses Partnerin machen konnte. Es brachte ihm einen schnellen Blick Barbaras und ein amüsiertes Blinzeln Joes ein, aber Joe hielt den Mund. Ponse merkte nichts. Er lachte dröhnend und tätschelte Barbaras Kopf. »Wunderbar, wunderbar! Kleines, du kannst wirklich Bridge spielen. Das hätte ich selbst nicht besser machen können.« Ponse beklagte sich auch nicht, als er beim nächsten, Spiel von Hugh und Barbara geschlagen wurde. Hugh kam zu der Ansicht, daß Ponse ein geborener Sports- mann war, der auch Niederlagen einstecken konnte. Einmal kam eine der kleinen Taubstummen herein und servierte Ponse und Joe je einen Becher eines kal- ten Getränks. Joe flüsterte Ponse etwas zu, und er nickte. So bekamen auch Hugh und Barbara etwas zu trin- ken. Hugh stellte zu seiner Freude fest, daß es Apfel- saft war. Während des nächsten Spiels merkte Hugh, daß Barbara ab und zu das Gesicht verzerrte. Sie konzen- trierte sich mühsam. »Was ist, Liebling?« fragte er nach dem Spiel. Sie warf Ponse einen Blick zu und flüsterte: »Die Kleinen müssen schon lange gefüttert werden.« »Du liebe Güte.« Hugh wandte sich an seinen Gast- geber. »Ponse, Barbara muß aufhören.« Ponse mischte gerade die Karten. Er sah auf. »Die Dienerin kann ihr zeigen, wohin sie gehen muß.« »Nein, das ist es nicht, Ponse. Ich meine, Barbara hat doch Zwillinge.« »Die meisten Weiber haben Zwillinge. Schließlich haben sie auch zwei Brüste.« »Genau. Aber sie müßte sie schon seit Stunden stil- len.« Ponse sah verärgert aus. Er zögerte und meinte dann: »Ach, Quatsch! So schnell wird Milch nicht sau- er. Hier, heb ab.« Hugh rührte sich nicht. »Hast du nicht gehört?« fragte Ponse., Hugh stand auf. Sein Herz klopfte vor Angst. »Pon- se, Barbara hat Schmerzen. Sie muß ihre Kinder jetzt stillen. Ich kann dich nicht dazu zwingen, ihr die Er- laubnis zu geben – aber wenn du glaubst, daß ich Kar- ten spiele, während sie Schmerzen hat, bist du wahnsinnig.« Eine lange Minute starrte ihn der große Mann aus- druckslos an. Dann grinste er plötzlich. »Hugh, du ge- fällst mir. Du hast schon einmal so etwas gemacht, nicht wahr? Vermutlich ist die Frau deine Schwester.« »Nein.« »Dann bist du verrückt. Weißt du, wie nahe du dar- an warst, als Abendessen serviert zu werden?« »Ich kann es mir vorstellen.« »Das bezweifle ich. Du scheinst nicht einmal Angst zu haben. Aber mir gefällt Mut, auch bei Dienern. Schön, holen wir die Fratzen. Sie können trinken, wäh- rend wir spielen.« Die Zwillinge wurden geholt, und Hugh sah sofort, daß es die reizendsten und hübschesten Babys waren, die je geboren wurden. Er sagte das auch Barbara. Ponse nahm eines in jeden Arm, grinste sie an, blies ihnen ins Gesicht und kitzelte sie. »Hübsche Jungen, Barbara«, dröhnte er. »Terrorisieren dich vermutlich. Paß auf, du kleines Luder, damit du Onkel nicht wieder in die Nase stößt. Wie nennst du sie, Barbara?« »Der da heißt Hugh …« »Wie? Was hat denn Hugh damit zu tun?« »Er ist ihr Vater.« »Donnerwetter! Hugh, du bist zwar häßlich, aber du, scheinst andere Qualitäten zu besitzen. Wenn Barbara nicht schwindelt. Und wie heißt der hier?« »Das ist Klein-Joe. Karl Joseph.« Ponse hob eine Augenbraue und sah Joe an. »Dann nennen also die Weiber ihre Fratzen nach dir, Joe? Ich muß dich im Auge behalten, du scheinst gerissen zu sein. Was hast du Barbara gegeben?« »Wie bitte?« »Als Taufgeschenk natürlich, du Esel. Da, gib ihr den Ring, den du trägst. Ich muß die Geschenke im Haus lastkorbweise verteilen, weil sich alle Mütter einbilden, ihr Kind müsse Ponselein heißen. Sie wissen genau, daß ich mich zu meinem Geschenk verpflichtet fühle. Hallo, Hughie hat ja Zähne.« Hugh mußte sie halten, während sie sich wieder um den Bridgetisch setzten. Barbara nahm eines nach dem anderen an die Brust und spielte mit der freien Hand Karten. Die kleinen Mägde kümmerten sich in der Zwischenzeit um das jeweils mutterlose Baby. Nach einiger Zeit brachten sie die Kinder weg. Barbara spielte trotz der Behinderung ausgezeichnet. Der lange Nachmittag endete mit Ponse als erstem und Barbara als zweitem Sieger. Hugh hatte nur ganz wenig ge- schwindelt. Die Karten standen wirklich für Ponse und Barbara günstiger. Ponse war in sehr jovialer Stimmung. »Komm her, Barbara«, rief er. »Sag dem Aufseher, er solle eine Amme für deine kleinen Tyrannen finden, damit du so bald wie möglich meine ständige Bridgepartnerin wer- den kannst. Oder meine Gegnerin – ich liebe einen har-, ten Kampf.« »Ja, Sir. Darf ich etwas sagen?« »Du darfst.« »Ich würde die Kleinen lieber selbst stillen. Sie sind mein alles.« »Hm …« Er zuckte die Achseln. »Heute habe ich anscheinend nur mit widerspenstigen Dienern zu tun. Ich furchte, ihr beide seid doch noch Wilde. Aber schön, du sollst deinen Willen haben. Nur mußt du eben ab und zu einhändig spielen.« Er lachte. »Außer- dem freue ich mich schon auf die kleinen Biester. Vor allem auf den, der beißen kann. Du darfst jetzt gehen.« Barbara wurde so schnell entlassen, daß Hugh kaum Zeit hatte, ein Lächeln mit ihr zu tauschen. Aber er war dennoch glücklich. Ponse ging mit Hugh die Artikel durch, die er in letzter Zeit übersetzt hatte. Keiner von ihnen eignete sich so recht zur finanziellen Ausnützung. »Aber mach nur weiter so, Hugh«, tröstete ihn Ponse, »wir stoßen schon noch auf eine Goldader.« Man begann von anderen Dingen zu sprechen, aber Hugh wurde immer noch nicht entlassen. Ponse war ein kluger Gesprächspartner, ein ebenso guter Redner wie Zuhörer. Er schien Hugh das typische Beispiel ei- nes dekadenten Gentleman – kosmopolitisch, illusions- los und zynisch, oberflächlich vertraut mit den Schö- nen Künsten und der Naturwissenschaft, weder mitlei- dig noch grausam, unbeeindruckt von seiner eigenen Stellung. Er behandelte Hugh wie einen intellektuell Gleichstehenden., Während der Unterhaltung servierten die kleinen Dienerinnen Ponse und Joe das Abendessen. Hugh ging leer aus, und er hatte es nicht anders erwartet. Aber es war ihm gleichgültig, denn er wußte, daß das Essen der Diener besser war als das der Auserwählten. Doch als Ponse satt war, schob er seine Schüsseln Hugh zu. »Iß.« Hugh zögerte eine Sekunde. Man brauchte ihm nicht zu sagen, daß er geehrt wurde. Es war noch mehr als genug da. Doch Hugh konnte sich nicht erinnern, je- mals die Überreste eines anderen gegessen zu haben, noch dazu mit einem bereits benutzten Besteck. Trotz- dem aß er. Wie gewöhnlich war die Mahlzeit nicht besonders gut – zu fett vor allem. Das Fleisch schmeckte süßlich, und Hugh mochte Schweinefleisch ohnehin nicht be- sonders gern. Er war überrascht gewesen, daß die Aus- erwählten so viel Schweinefleisch erhielten, denn auch der revidierte Koran enthielt noch die Regel von der Schweinefleischabstinenz. Mohammed wäre schockiert gewesen. Aber das Brot war gut, die Früchte waren saftig, und die Nachspeise war wirklich ein Gedicht. Man mußte ja nicht unbedingt Braten essen. Ponse wollte wissen, wie das Wetter zu Hughs Zei- ten gewesen war. »Joe erzählte mir, daß ihr manchmal Frost und sogar Schnee hattet.« »O ja, jeden Winter.« »Unglaublich. Und wie kalt wurde es?« Hugh überlegte. Er hatte noch keine Gelegenheit ge-, funden, das Klima des Landes zu studieren. »Wenn man eine Skala vom Gefrierpunkt des Wassers bis zu seinem Siedepunkt aufstellt, dann betrug der Stand im Winter bis zu einem Drittel unter dem Gefrierpunkt.« Ponse sah ihn überrascht an. »Bist du sicher? Wir teilen die Skala, die du erwähnt hast, in hundert Ein- heiten. Dann gab es also Temperaturen bis zu dreißig Einheiten unter dem Gefrierpunkt?« Hugh stellte fest, daß die Celsiuseinteilung zwei Jahrtausende überlebt hatte. Aber warum auch nicht? Auch im Geldwesen und in der Mathematik wandte man noch das Zehnersystem an. »Ja, es war beinahe kalt genug, um Quecksilber gefrieren zu lassen. In den Bergen sogar noch kälter.« Er deutete hinüber zu den bewaldeten Höhen. Joe nickte. »Der einzige Grund, warum ich mich ab und zu nach dem Mississippi zurücksehnte.« »Wo ist Mississippi?« wollte Ponse wissen. »Futsch«, erwiderte Joe. »Alles unter Wasser. Und ich weine ihm keine Träne nach.« Das führte zu einem Vergleich der alten und neuen Karten. Wo das Bett des Mississippi gewesen war, reichte jetzt der Golf weit nach Norden. Florida und Yukatan waren verschwunden, und von Kuba sah man nur noch ein paar Inseln. Kalifornien besaß ein Bin- nenmeer, und der größte Teil des nördlichen Kanada war versunken. Ähnlich die anderen Erdteile. Die Skandinavische Halbinsel hatte sich endgültig vom Festland getrennt, von den Britischen Inseln war nicht mehr viel übrig,, und ein Teil der Sahara stand unter Wasser. Holland, Belgien und die deutsche Tiefebene blieben unauffind- bar. Die Ostsee stellte eine Verlängerung des Atlantik dar. Hugh hatte noch nie stärkeres Heimweh empfunden als in diesem Augenblick. Aus seinen Büchern wußte er, daß die Welt so sein mußte. Aber das waren die ersten Karten, die er zu sehen bekam. »Ob das alles eine Folge des Ost-West-Krieges war?« sann Ponse nach. »Oder entsprach es dem natür- lichen Lauf der Geschichte? Egal, ich bin froh, daß der Große Onkel in seiner Güte nicht wollte, daß ich mir die Zehen erfriere. Eis liebe ich nur in Getränken.« Ponse ging ans Fenster und starrte auf die Konturen der Berge, die sich schwach in der Dämmerung abho- ben. »Aber die dort drüben könnten wir ein für allemal ausrotten, wenn es so kalt würde. Was, Joe?« »Mit eingezogenem Schwanz würden sie zurück- kommen«, bestätigte Joe. Hugh sah ihn verwirrt an. »Ponse meint die Flücht- linge, die sich in den Bergen verstecken«, erklärte Joe. »Man hat uns anfangs auch für Flüchtlinge gehalten.« »Flüchtlinge und ein paar Urbewohner«, ergänzte Ponse. »Wilde. Arme Geschöpfe, die nie gerettet wur- den. Es ist so schwer, ihnen zu helfen, Hugh. Sie blei- ben nicht einfach stehen und warten – so wie ihr es getan habt. Sie sind stark und gerissen wie Wölfe. Der kleinste Schatten am Himmel, und sie sind verschwun- den. Natürlich könnten wir sie ausräuchern. Aber dann ginge auch unser Jagdwild zugrunde. Hugh, du hast, doch da draußen Erfahrungen gesammelt. Wie würdest du diese Kerle einfangen? Ohne dem Wild zu schaden, natürlich.« Hugh Farnham sagte zögernd: »Seine Hochherzig- keit weiß, daß er ein Diener ist. Seine Ohren müssen sich getäuscht haben, als er hörte, daß er ein Problem mit den Augen der Auserwählten betrachten solle.« »Hör mit deinen Unverschämtheiten auf, Hugh. Ich möchte deine Meinung wissen.« »Ihr habt sie gehört, Ponse. Ich bin ein Diener. Mei- ne Sympathien gelten den Flüchtlingen. Und den Wil- den. Ich kam nicht freiwillig hierher.« »Du bist doch nicht nachtragend? Natürlich hat man dich gefangengenommen. Sogar Joe wurde das. Aber das waren doch nur Sprachschwierigkeiten. Jetzt er- kennst du sicherlich den Unterschied.« »O ja.« »Dann weißt du auch, daß sich deine Lage verbes- sert hat. Schläfst du jetzt nicht in einem anständigen Bett? Ißt du nicht besser? Beim Onkel! Als wir dich auflasen, warst du halb verhungert. Du hast schwerere Arbeit als die niedrigsten Sklaven geleistet, um dich am Leben zu erhalten. Habe ich nicht recht?« »Ja.« »Und?« »Ich ziehe die Freiheit vor.« »Freiheit!« Seine Hochherzigkeit schnaubte. »Ein leeres Wort! Hugh, du hättest Semantik studieren sol- len. Moderne Semantik. Ich bezweifle, daß es so etwas in eurer Zeit gab. Wir sind alle frei – in den Grenzen, unseres vorgezeichneten Pfades. In der abstrakten Be- deutung, die du dem Wort gibst, ist niemand frei. Glaubst du, ich wäre frei? Könnte ich mit dir den Platz tauschen? Glaub mir, ich würde es auf der Stelle tun! Du hast keine Ahnung von meinen Sorgen und von der Arbeit, mit der ich fertig werden muß. Manchmal liege ich die halbe Nacht wach und denke über die nächsten Schritte nach, die ich unternehmen muß. Das wirst du bei den Dienern nicht finden. Sie sind glücklich, sie haben keine Sorgen. Aber ich trage eben meine Last, so gut ich kann.« Hugh blieb hartnäckig. Ponse kam zu ihm herüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Komm, sprechen wir von Mann zu Mann. Ich gehöre nicht zu den hochmütigen Typen, die behaupten, ein Diener habe keinen Verstand, nur weil er weiß ist. Das dürfte dir klar sein. Habe ich nicht immer deine Klugheit re- spektiert?« »Ja – gewiß.« »So ist es schon besser. Ich muß dir einiges erklä- ren. Joe wird mich unterstützen. Joe – du hast die Aus- erwählten gesehen, die unser Freund Hugh zweifellos als ›frei‹ bezeichnen würde.« Joe rümpfte die Nase. »Hugh, du müßtest sie sehen. Du wärst froh, daß du in Ponses Haushalt leben kannst. Es gibt nur ein Wort dafür – Gesindel. Sie leben von der Hand in den Mund.« »Ich höre.« »Vortrefflich charakterisiert«, meinte Seine Hoch- herzigkeit. »Ich freue mich schon auf den Tag, an dem, jeder seine Diener haben wird. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Sie müssen sich erst hocharbei- ten. Aber ich prophezeie dir, daß der Tag kommt, an dem jeder Auserwählte seine Diener hat. Und diese Diener werden ebensogut behandelt werden wie in meinem Palast. Das ist mein Traum. Ich sorge für mei- ne Leute. Sie sind glücklich, sie überarbeiten sich nicht. Sieh mich dagegen an! Dieses Bridgespiel war das erste Vergnügen seit Monaten. Sie werden so gut wie nie bestraft oder höchstens gerade soviel, wie nötig ist, um sie zu ermahnen, wenn sie Fehler machen. Das läßt sich nicht vermeiden, du weißt ja, wie dumm die meisten von ihnen sind. Nicht daß ich damit andeuten wollte, du wärest auch so. Nein, ich sage dir ganz ehr- lich, ich halte dich für klug genug, um selbst für eigene Diener sorgen zu können, trotz deiner Hautfarbe. Hugh, glaubst du, daß sie für sich selbst so gut sorgen könnten?« »Vermutlich nicht.« Hugh hatte beinahe die glei- chen Worte vor ein paar Tagen schon einmal gehört – von Memtok. Mit dem Unterschied, daß Ponse sich ehrlich um seine Diener sorgte, während Memtok sie zu verachten schien. »Nein, die meisten könnten es nicht.« »Ah, du stimmst mir also zu?« »Nein.« Ponse sah ihn mit gequälter Miene an. »Hugh, wie können wir sachlich diskutieren, wenn du einmal ›ja‹ und einmal ›nein‹ sagst?« »Ich wollte damit sagen, daß du gut für deine Diener, sorgst, daß ich aber trotzdem die Freiheit vorziehe.« »Aber warum denn, Hugh? Nenne mir einen Grund. Wenn du nicht glücklich bist, dann sag es mir. Viel- leicht kann ich Abhilfe schaffen.« »Ein Grund ist, daß ich nicht mit meiner Frau und meinen Kindern zusammenleben darf.« »Wie?« »Barbara. Und die Zwillinge.« »Oh. Ist das so wichtig? Du hast einen Bettwärmer. Memtok hat mir davon erzählt, und ich habe ihn ge- lobt, weil er in einer ungewöhnlichen Situation Initiati- ve gezeigt hat. Dem verschlagenen alten Fuchs entgeht so schnell nichts. Du hast das Mädchen, und sie kennt sich in ihrem Fach garantiert besser aus als die Sorte, die nur zum Gebären taugt. Und die Fratzen kannst du doch sehen. Laß sie einfach holen, wenn du willst. Ich sehe meine Frau und meine Kinder in gewissen Zeitab- ständen. Aber wer will denn gleich mit ihnen leben?« »Ich.« »Nun – beim Onkel. Ich will, daß du glücklich bist. Es wird veranlaßt.« »Es geht?« »Gewiß. Wenn du nicht anfangs so einen Lärm we- gen der Operation gemacht hättest, ginge es jetzt einfa- cher. Willst du den Arzt kommen lassen?« »Äh – nein.« »Dann können wir deine Frau operieren lassen.« »Nein/« Ponse seufzte. »Es ist schwer, dir einen Gefallen zu erweisen. Denk doch logisch, Hugh. Ich kann nicht, eines einzigen Dieners wegen mein ganzes Zuchtsy- stem verwirren. Weißt du, wie viele Diener in meinem Haushalt sind? An die achtzehnhundert, schätze ich. Was würde geschehen, wenn ich sie tun ließe, was sie wollten? In zehn Jahren hätten sie sich verdoppelt. Und was käme dann? Sie würden verhungern. Ich kann es mir nicht leisten, daß sie sich ungehemmt vermehren. Ich würde sie ja lassen, wenn ich könnte, aber es geht nicht. Also was ist besser? Ihre Geburtenrate zu kon- trollieren? Oder sie verhungern zu lassen?« Seine Hochherzigkeit seufzte wieder. »Wenn du ein bißchen kleiner wärst, könnte ich schon einen Ausweg finden. Warst du schon in der Bullenabteilung?« »Ja – zusammen mit Memtok.« »Hast du die Tür gesehen? Du mußtest dich bücken, nicht wahr? Memtok kam ohne weiteres hindurch. Er war früher Bulle. Und auch die Frau ist zu groß. Ein weises Gesetz, Hugh. Es wurde vor langer Zeit von Seiner Gnade erlassen. Die Diener wären aufsässig, wenn sie zu groß wären. Nein, Hugh, du kannst nichts Unmögliches von mir verlangen.« Er rückte von Hugh weg und setzte sich wieder an den Kartentisch. »Komm, vergessen wir diese dummen Dinge.« Hugh schwieg. Ponse war kein Schuft. So wie er dachten alle Mitglieder der Herrscherklasse – egal in welcher Epoche sie lebten. Er war überzeugt von sei- ner Güte und wurde böse, wenn man sie bezweifelte. Hugh verlor, er hatte seine Gedanken nicht beim Spiel. Sie legten das nächste Spiel aus. »Ich muß noch mehr Karten malen lassen«, bemerkte Seine Hochher-, zigkeit. »Sie sind schon ganz abgegriffen.« »Könnte man das nicht mit einem Druckapparat schneller machen?« wollte Hugh wissen. »Ihr druckt doch auch Schriftrollen.« »Wie? Daran dachte ich noch gar nicht.« Der schwere Mann rieb eine der Karten aus dem zwanzig- sten Jahrhundert zwischen Daumen und Zeigefinger. »Die sehen aber nicht gedruckt aus.« »Sind sie aber. Tausende auf einmal. Der Absatz war groß.« »Wirklich? Ich kann mir nicht vorstellen, daß Bridge mit den hohen geistigen Anforderungen, die es an den Spieler stellt, so viele Liebhaber fand.« Hugh legte plötzlich die Karten hin. »Ponse? Hast du nicht nach einer Möglichkeit gesucht, Geld zu ver- dienen?« »Gewiß.« »Du hältst sie in den Händen. Joe, komm her. Wir müssen darüber sprechen. Wie viele Kartenspiele wur- den jährlich in den Vereinigten Staaten verkauft?« »Verdammt, Hugh, ich habe keine Ahnung. Millio- nen, denke ich.« »Ich auch. Und mit einem Gewinn von etwa neunzig Prozent. Mmm – Ponse, man kann mit diesen Karten nicht nur Bridge spielen und Patiencen legen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Ponse, bei uns gab es kaum eine Familie, die nicht ein paar Kartenspiele zu Hause hatte. Und Ihr habt den ganzen Markt für Euch. Man muß die Leute nur interessieren.« »Hugh hat recht«, erklärte Joe feierlich. »Die Mög-, lichkeiten sind unbegrenzt.« Ponse preßte die Lippen zusammen. »Ein Bullock pro Kartenspiel …« »Zu teuer«, wandte Joe ein. »Das würde den Markt sofort abwürgen.« »Wie steht es mit Patenten und Urheberrechten?« wollte Hugh wissen. »Ich habe bisher nichts darüber gelesen.« Joe blickte besorgt drein. »Die Auserwählten ken- nen so etwas nicht. Es gibt kaum neue Erfindungen.« »Schlecht. Dann ist der Markt innerhalb von vier- zehn Tagen mit Nachahmungen überschwemmt.« »Was schwatzt ihr beide da?« wollte Ponse wissen. »Unterhaltet euch gefälligst in meiner Sprache.« Joe erklärte ihm, worum es ging. »Oh, das ist einfach«, strahlte Ponse. »Wenn jemand vom Himmel eine Inspiration empfängt, verbietet der Oberste Großgrundbesitzer den anderen, sie ohne seine Einwilligung auszunützen. Geschieht nicht oft. Ich kann mich nur an zwei Fälle erinnern. Aber man weiß, daß der Große Onkel glücklich war.« Es schien kein Wunder, daß die Erfindungen so spärlich waren. Die Wissenschaft befand sich in Hän- den kastrierter Sklaven, die natürlich keinerlei Ehrgeiz besaßen. »Und Ihr würdet sagen, daß diese Erfindung eine himmlische Inspiration ist?« Ponse dachte nach. »Das entscheidet Seine Gnade.« Plötzlich grinste er. »Meiner Meinung nach ist alles Inspiration, was den Säckel Seiner Gnade mit Bullocks füllt. Sprecht weiter.«, »Hugh, wir sollten das Urheberrecht nicht nur für die Karten, sondern auch für die Spiele beanspruchen.« »Natürlich. Wenn sie nicht die Karten Seiner Hoch- herzigkeit kaufen, dann sollen sie auch nicht seine Spiele spielen.« »Genau«, stimmte Hugh zu. »Joe, wir hatten auch ein Scrabble im Bunker.« »Das ist noch da. Ponses Wissenschaftler haben al- les gerettet. Ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus willst, aber niemand hier könnte Scrabble erlernen. Man muß dafür Englisch können.« »Was hindert uns daran, Scrabble grundsätzlich neu zu erfinden, passend für die ›Sprache‹? Wir müssen nur ausrechnen, mit welcher Häufigkeit die einzelnen Buchstaben in einem durchschnittlichen Text der ›Sprache‹ auftauchen, und schon am nächsten Tag können wir ein passendes Scrabble basteln.« »Wovon, beim Onkel, sprecht ihr denn?« fragte Ponse ein wenig gekränkt. »Von anderen Spielen, für die wir sogar noch mehr verlangen können als für ein Kartenspiel. Oh, Hugh, denke an Domino und Monopoli, Zusammensetzspiele …« »Würfelspiele?« fiel Hugh ein. »Joe, glaubst du, daß es hier Spielkasinos gibt?« »Ja – eine Abart.« »Kennt man Roulett?« »Nicht daß ich wüßte.« »Oh, Ponse, Ihr werdet nächtelang aufbleiben müs- sen, um Eure Einnahmen zu zählen.«, »Dafür gibt es schließlich Diener. Wenn ich nur wüßte, wovon ihr beide sprecht. Darf man es auch er- fahren?« »Entschuldigung. Joe und ich sprachen über alte Spiele – und über alle möglichen Freizeitbeschäftigun- gen, die es jetzt nicht mehr gibt. Sicher, hier gibt es auch Spiele. Aber man wird das Neue begrüßen. Ping- pong, Kegelbahnen – Joe …« »Billard, Toto und Lotto. Ponse, zuallererst brauchen wir den Schutz seiner Gnade für all diese Dinge. Ich weiß schon, wie wir es anstellen. Es war ein Wunder.« »Ich glaube nicht an Wunder.« »Das ist nicht nötig. Schließlich wurden wir auf dem Grundbesitz Seiner Gnade gefunden. Sieht das nicht so aus, als sei das weise Voraussicht?« Ponse grinste. »So könnte es gehen. Kostet zwar al- lerhand. Aber wie meine selige Tante sagte: Man kann kein Wasser kochen, ohne das Feuer zu schüren.« Er erhob sich. »Hugh. Ich möchte Scrabble lernen. Mög- lichst bald. Joe, du mußt mir genau erklären, was ihr beide da den ganzen Nachmittag geredet habt. Für den Augenblick kann ich euch entbehren. Das war alles.« Muschi schlief, als Hugh zurückkehrte, aber sie hielt eine Notiz in der Hand. Darling, es war wundervoll, Dich zu sehen. Ich bin so aufgeregt, daß ich kaum schreiben kann. Die Zwillinge schicken Dir Küsse, ein wenig feucht zwar, aber gut gemeint. Bis bald B., Hugh las Barbaras Zeilen mit gemischten Gefühlen. Auch er hatte sich über ihr Zusammentreffen gefreut und wartete mit Sehnsucht auf Ponses nächstes Kartenspiel. Aber er mußte sie von hier herausholen, bevor er völlig versklavt war. Sicher, Ponse war großzügig und tolerant gegenüber seinen Untergebenen. Ein Gentleman. Aber er war auch ein ganz gemeiner, widerlicher Bursche. Das durfte Barbara nicht so leicht übersehen. Das heißt, übersehen mußte sie es schon – nur verges- sen durfte sie es nicht. Er mußte sie befreien. Aber wie? Er ging zu Bett. Eine Stunde später, gequält von dummen Gedanken, stand er auf und ging ans Fenster seines Wohnzimmers. Er konnte gegen den dunklen Himmel die noch dunklere Silhouette der Rocky Mountains ausmachen. Irgendwo da draußen lebten freie Menschen. Er konnte sein Fenster einschlagen und noch vor Anbruch des Tages in den Bergen verschwinden. Die Wachen schliefen zumeist. Denn ein Diener lief eben- sowenig fort wie ein Haushund. Doch da waren die Hunde! – Einer der Haremsauf- seher hatte auch die Aufsicht über den Hundezwinger. Im Notfall konnte er einen Hund mit seinen Fäusten töten. Aber mit zwei kleinen Kinder, die noch nicht laufen konnten, würde ihm das kaum gelingen. Er ging an den Schrank, schenkte sich ein tüchtiges Glas ›Freude‹ ein, kippte es hinunter und ging zu Bett., Während der nächsten Zeit beschäftigte sich Hugh mit allen Spielen, die er von seiner Kindheit her noch kannte. Er diktierte Regeln, entwarf die Spiele, be- schrieb Fußball und Golf und Tischtennis, hielt ernste Konferenzen mit Ponse und Joe ab – und spielte Bridge. Das letztere war bei weitem das angenehmste. Ponse war wie besessen davon. In jeder Minute seiner Frei- zeit saß er vor dem Bridgetisch. Und oft war Barbara dabei. Denn Ponse wollte gegen die besten Leute spie- len. Ponse hatte zu Barbara die gleiche Zuneigung gefaßt wie zu den Katzen. Manchmal ließ Ponse Hugh und Barbara sogar al- lein. Doch auch, als sie eines Nachmittags volle zwan- zig Minuten für sich hatten, wagten sie es nicht, etwas anderes zu tun, als sich schweigend an den Händen zu halten. Es war der schönste Augenblick seit ihrer Ge- fangennahme. Oft ließ Ponse die Zwillinge holen, um sich von ih- rem Wachsen zu überzeugen. Dann wurde das Spiel unterbrochen, während ›Onkel‹ Ponse am Boden kau- erte und die Kleinen durch Grimassen zu erfreuen suchte. Fünf Minuten später ließ er sie jedoch stets wieder wegbringen, diese Zeitspanne reichte ihm of- fenbar völlig. Zu Barbara sagte er: »Deine Kinder wachsen schnell. Ich hoffe, ich lebe lange genug, um, zu sehen, wie sie erwachsen werden.« »Du wirst noch lange leben, Onkel.« »Vielleicht. Ich habe ein Dutzend Vorkoster über- lebt, aber davon allein hängt es nicht ab. Deine Bälger werden mal erstklassige Leibwächter abgeben. Ich kann jetzt schon sehen, wie sie mir im großen Saal des Palastes dienen – in der Residenz, meine ich, nicht in diesem Landhaus.« Hugh sah auch Grace manchmal, aber nie länger als ein paar Minuten. Wenn er auftauchte, während sie gerade bei Ponse war, verließ sie sofort den Raum. Barbara sah Grace nie. Aber es war klar, daß Hughs Frau sich in Ponses Räumen aufhielt und daß sie Bar- bara immer noch haßte. Doch sie sagte nie ein Wort, und es schien, als habe sie gelernt, sich Ponses Willen auf keinen Fall zu widersetzen. Hugh wußte von Muschi, daß Grace als Bettwärmer für Seine Hochherzigkeit fungierte. Sie durfte nicht einmal von Memtoks Peitsche angerührt werden. Die kostbare Kleidung und die Juwelen, die sie sich umge- hängt hatte, sprachen überdies Bände. Grace war sehr fett geworden, so daß Hugh einmal der Gedanke kam, daß er auch unter normalen Um- ständen kaum noch sein Bett hätte mit ihr teilen kön- nen. Allerdings waren nach Hughs Maßstab alle Bett- wärmer ziemlich fett. Sogar Muschi war reichlich üp- pig, und wäre sie ein amerikanisches Mädchen des 20. Jahrhunderts gewesen, hätte sie zweifellos Diät gehal- ten. So aber sorgte sie sich, weil sie nicht mehr Ge- wicht ansetzte und erkundigte sich zaghaft, ob Hugh, sie trotzdem noch leiden könnte. Muschi war noch so jung, daß ihre Fülligkeit in ge- wisser Weise noch einigermaßen nett wirkte. Die Fett- leibigkeit, die Grace entwickelt hatte, stand allerdings auf einem anderen Blatt. Hugh erschien es so, als sei irgendwo in dieser schwabbelnden Masse das schöne Mädchen vergraben, das er einst geheiratet hatte. Er bemühte sich, nicht darüber nachzudenken, fragte sich allerdings, was Ponse an ihr fand. Falls er tatsächlich an ihr interessiert war. Letzten Endes wußte Hugh nicht, ob Grace nicht nur nominell Ponses Bettwärmer war. Der Mann war immerhin schon über ein Jahrhun- dert alt. Möglicherweise hatte er für eine Frau nicht mehr Verwendung als Memtok. Hugh wußte es nicht, und es war ihm auch egal. Ponse sah zwar aus wie fünfundsechzig und wirkte durchaus noch kräftig und viril, doch Hugh hegte den Verdacht, daß Grace ledig- lich eine symbolische Funktion zukam. Duke hingegen schien es nicht gleichgültig zu sein. Er stürmte eines Tages in Hughs Privaträume und bat um eine Unterredung. Hugh hatte seinen Sohn seit mehr als einem Monat nicht gesehen. Ab und zu ka- men Übersetzungen von ihm, aber es ergab sich keine Notwendigkeit, persönlich mit ihm zu sprechen. Hugh versuchte freundlich zu bleiben. »Setz dich, Duke. Ein Drink?« »Nein, danke. Was muß ich da wegen Mutter hö- ren?« »Was hörst du denn, Duke?« »Du weißt verdammt genau, was ich meine.«, »Ich fürchte nein.« Duke sprudelte es hervor. Hugh war überrascht, daß sein Sohn erst heute die Wahrheit erfahren hatte. Schließlich war es für mehr als vierhundert Diener kein Geheimnis, daß eine der vier Wilden als Bettwärmer Seiner Hochherzigkeit diente. Aber Duke hatte wenig Kontakt mit den anderen Dienern. Er war unbeliebt. Hugh bestätigte Dukes Erzählung nicht, er leugnete sie aber auch nicht ab. »Nun?« fragte Duke. »Was wirst du dagegen tun?« »Wogegen, Duke? Willst du, daß ich dem Klatsch der Diener ein Ende bereite?« »Nein. Aber willst du still dasitzen, während deine Frau geschändet wird?« »Du kommst mir mit einer Geschichte, die du vom zweiten Gehilfen des Geschirrspülers gehört hast und verlangst, daß ich etwas dagegen unternehme. Zuerst möchte ich wissen, weshalb du dieses Geschwätz für wahr hältst. Zweitens, was das Ganze mit Schändung zu tun hat. Drittens, was ich eigentlich dagegen tun soll. Viertens, was glaubst du, was ich dagegen ma- chen kann? – Beantworte mir diese Fragen der Reihe nach. Dann können wir weitersprechen.« »Du verdrehst die Tatsachen.« »Nein, Duke. Du hast eine nicht billige Ausbildung als Rechtsanwalt genossen. Nimm sie jetzt einmal zu Hilfe. Warum glaubst du an das Geschwätz?« »Äh – jeder weiß es doch.« »So? Jeder wußte im Mittelalter, daß die Erde eine Scheibe ist. Und was sagt man genau?«, »Daß Mutter bei diesem Bastard als Bettwärmer dient.« »Hast du den Haremsaufseher gefragt?« »Bin ich verrückt?« »Das werte ich als rhetorische Frage. Um es kurz zu machen: ›Jeden weiß also, daß Grace bei Seiner Hoch- herzigkeit dient. Das könnte man nachprüfen lassen. Aber welche Pflichten deine Mutter hat, kannst du nur beim Haremsaufseher erfahren. Soll ich ihn rufen las- sen, damit du ihn fragen kannst?« »Frag du ihn.« »Nein. Grace würde es als Spionieren auslegen. An- genommen, der Klatsch stimmte, und Grace wäre Bett- wärmer Seiner Hochherzigkeit – worin liegt die Schän- dung?« Duke sah ihn erstaunt an. »Das hätte ich nicht von dir gedacht. Du sagst mir einfach ins Gesicht, daß Mut- ter so etwas freiwillig tun würde?« »Ich habe schon seit langem aufgegeben zu ermit- teln, was Mutter täte und was nicht. Aber ich habe nie behauptet, sie würde etwas Derartiges machen. Das warst du. Ich weiß nichts darüber, daß sie ein Bett- wärmer sein soll, von dem Klatsch mal abgesehen, den du widergegeben hast, ohne die Sachlage vorher zu prüfen. Und selbst wenn es stimmen sollte, daß sie für diese Funktion ausgewählt wurde, besagt das noch kei- neswegs, daß sie auch tatsächlich in seinem Bett gele- gen hat, ob nun freiwillig oder nicht. Ich habe weder sein Bett gesehen noch irgendwelchen Tratsch darüber gehört, von deinen üblen Vermutungen mal abgesehen., Doch selbst wenn deine Vermutungen zutreffen soll- ten, wüßte ich immer noch nicht, ob sie mehr getan haben als nur im gleichen Bett zu schlafen. Ich habe auch schon das Bett mit einer Frau geteilt und nichts anderes getan als zu schlafen; sowas ist durchaus mög- lich. Doch selbst wenn sexuelle Alternativen stattge- funden haben sollten, was du ja vermutest, dann be- zwweifle ich doch, daß Seine Hochherzigkeit jemals irgendeine Frau vergewaltigt hat. In diesem speziellen Fall bezweifle ich das sogar ganz entschieden.« »Jeder Nigger würde eine Weiße nehmen, wenn er die Möglichkeit hätte.« »Duke! Das ist himmelschreiender Unsinn. Mir scheint, du bist verrückt.« »Ich …« »Halt den Mund! Du weißt, daß Joseph während neun Monaten unausgesetzt die Möglichkeit hatte, jede der Frauen zu nehmen. Du weißt auch, daß sein Be- nehmen ohne Tadel war.« »Er hatte keine Gelegenheit.« »Und ob. Du warst jeden Tag auf der Jagd. Er war mit jeder von ihnen unzählige Male allein. Ich schäme mich für dich.« »Und ich schäme mich für dich. Du willst deine Schmarotzerrolle bei dem Niggerkönig nicht aufge- ben.« »Wenn wir schon beim Schmarotzen sind – ich brauche dich nicht unbedingt. Du kannst ruhig Schüs- seln waschen, wenn dir dein Schmarotzerleben nicht gefällt.«, »Es wäre mir egal.« »Dann sage mir nur Bescheid, wenn du aufhören willst. Und ich sehe nur eine Möglichkeit, diese scheußlichen Gedanken zu verbannen: Frag den Lord- protektor selbst.« »Dann mach das. Wenigstens mal eine vernünftige Idee von dir.« »O nein, Duke, nicht ich. Ich verdächtige ihn nicht der Vergewaltigung, aber du kannst ihn fragen. Geh zum Obersten Diener. Er empfängt jeden Palastdiener, der ihn sehen will. Für den Diener besteht natürlich ein gewisses Risiko, aber ich glaube nicht, daß er ein Mit- glied meiner Abteilung ohne guten Grund züchtigen würde – das ist eines meiner Schmarotzerprivilegien. Sag ihm, daß du eine Audienz bei Seiner Hochherzig- keit haben willst. Falls er dein Gesuch ablehnen sollte, sag mir Bescheid, ich glaube, ich werde mich da mit ihm einigen können. Und wenn du dem Herrn dann gegenüber stehst, frag ihn einfach.« »Er würde doch nur lügen. Wenn ich je in die Nähe dieses schwarzen Affen komme, bringe ich ihn um.« Hugh Farnham seufzte. »Duke, wie kann man nur so engstirnig sein: Memtok wird mit einer Peitsche neben dir stehen. Und die Peitsche, die der Lordprotektor selbst trägt, ist kein Spielzeug. Der alte Mann ist nicht leicht umzubringen. Es haben schon zu viele ver- sucht.« »Ich kann es immerhin versuchen!« »Natürlich kannst du das. Wenn eine Heuschrecke versucht, einen Rasenmäher anzugreifen, kann man, vielleicht ihren Mut bewundern, aber nicht unbedingt ihren Verstand. Aber es ist genauso dumm von dir an- zunehmen, Seine Hochherzigkeit würde wegen so ei- ner Sache lügen. Falls er getan hätte, was du ihm un- terstellst, hätte er nicht die geringsten Bedenken, dir darüber die Wahrheit zu sagen. Duke, er würde dich ebenso wenig belügen, wie es ihm in den Sinn käme, beiseite zu gehen, wenn du ihm im Weg stündest. Aber würdest du deiner Mutter glauben?« »Natürlich.« »Dann bitte doch den Lordprotektor um eine Zu- sammenkunft mit ihr. In seiner Gegenwart natürlich und gemäß den Haremsregeln. Er wird sie dir nicht verweigern. Etwas anderes kann ich dir nicht vorschla- gen. Und jetzt geh.« »Warum, zum Teufel, fragst du ihn denn nicht?« sagte Duke erbost. »Wie ich hörte, siehst du ihn doch fast jeden Tag.« »Ich? Ja, ich sehe ihn ziemlich oft. Und ich soll ihn nach einer Vergewaltigung fragen? Meinst du das?« »Ja, falls du dich dazu entschließen kannst.« ›»Vergewaltigung‹ ist das, worüber du dir Gedanken machst. Ich hege keinen derartigen Verdacht. Und ich werde nicht das Sprachrohr für deine üblen Unterstel- lungen spielen. Wenn du meinst, es müßte geklärt wer- den, dann mach das gefälligst selbst.« Hugh erhob sich. »Wir haben schon den halben Vor- mittag verschwendet. Entweder du kehrst zu deinen Übersetzungen zurück, oder du begibst dich zu Mem- tok.«, »Ich bin noch nicht fertig.« »Doch. Das war kein Vorschlag, sondern ein Be- fehl.« »Wenn du glaubst, daß ich deine Peitsche fürchte …« »Duke, ich würde dich nicht selbst strafen. Aber Memtok soll Experte auf diesem Gebiet sein. Geh jetzt.« Duke ging. Hugh versuchte sich zu sammeln. Ein Streit mit Duke hatte ihn bisher immer noch aufgeregt, schon als der Junge zwölf Jahre alt gewesen war. Schändung! Duke kannte das älteste Gesetz der Be- siegten noch nicht … Ihre Frauen ergaben sich letzten Endes – freiwillig. Grace war mit ihrem Los offensichtlich zufrieden. Er sah keinen Anlaß, sich um sie zu sorgen. Sie selbst hatte sich von ihm zurückgezogen. Aber er wollte nicht, daß Barbara jemals die drückende Last der Hoffnungslosigkeit fühlen sollte, die eine treue Frau schließlich zerbricht. Hugh bemühte sich nicht zu erfahren, ob Duke Memtok aufgesucht hatte. Er arbeitete unentwegt an seinen neuen Ideen, mit deren Hilfe er die Kasse Seiner Hochherzigkeit aufzufüllen gedachte. Die Gunst des Lordprotektors verschaffte ihm wenigstens hin und wieder den Genuß, Barbara und die Zwillinge zu se- hen. Er gab sein Fluchtvorhaben niemals auf. Doch als der Sommer seinem Ende zuging, erkannte er, wie ge- ring in diesem Jahr die Chancen eines Entkommens, waren. Die zwei kleinen Kinder … Bald würde der Haushalt wieder in die Stadt über- siedeln, und soweit er wußte, konnte eine Flucht nur glücken, wenn sie sich in der Nähe der Berge befan- den. Egal. Ein Jahr, zwei Jahre, vielleicht sogar länger. Dann konnten die Zwillinge laufen. Auch dann war es noch schwer genug. Aber mit den Babys im Arm schien es unmöglich. Er mußte Barbara das nächstemal von seinem Vorhaben erzählen – damit sie nicht den Mut verlor. Zu schreiben wagte er nicht. Ponse konnte es von Gelehrten übersetzen lassen. Daß Joe ihn verriet, nahm Hugh nicht an. Grace? Er wußte es nicht. Vielleicht kannte Ponse bereits die kleinen Botschaften, die zwi- schen ihm und Barbara hin und her gingen. Vermutlich las er sie und grinste darüber. Wenn er einen Kode ausarbeitete? Erstes Wort erste Zeile, zweites Wort zweite Zeile und so fort? Es wäre einfach. Sie hatten einen Vorteil. Die anderen Flüchtlinge kamen meist nicht weit, weil man sie wegen ihrer klei- nen Statur sofort erkannte. Hugh und Barbara waren groß. Und eine weiße Haut ließ sich verbergen. Mit Make-up zum Beispiel. Eine Perücke würde er aller- dings stehlen müssen. Und Kleider und Waffen. Wenn der Weg nur nicht zu weit war. Wenn die Hunde sie nicht erwischten. Wenn sie nicht aus Unwis- senheit irgendeinen dummen Schnitzer machten. Je mehr Hugh darüber nachdachte, desto mehr schien es ihm, daß er bis zum nächsten Jahr warten müsse., Wenn sie dann unter den Dienern waren, die näch- stes Jahr in den Sommerpalast zogen. Wenn alle vier … Mein Gott, daran hatte er noch nicht gedacht. Ihre kleine Familie konnte auseinandergerissen werden. Nein, sie mußten ihr Glück jetzt versuchen, trotz der Hunde und Bären, trotz dieser scheußlichen Leopar- den. Hatte je ein Mensch weniger Chancen gehabt? Ja. Er selbst – als er den Bunker baute. Er konnte nur sein möglichstes tun – und beten. Er begann die haltbareren Eßwaren aufzuheben. Er hielt seine Augen offen, ob er nicht irgendwo ein Messer oder ein messerähnliches Instrument stehlen konnte. Muschi durfte von seinen Vorbereitungen nichts mer- ken. Früher als erwartet ergab sich eine Möglichkeit, zu Make-up zu gelangen. Ein Festtag bedeutete jedesmal eine Trinkorgie im Dienersaal. An einem dieser Feste wurde Laientheater gespielt. Hugh sollte den Lordpro- tektor karikieren. Er wurde der Erfolg des Abends. Ponse sah von ei- nem Balkon aus zu und lachte schallend. So improvi- sierte Hugh schnell: »Ruhe auf dem Balkon! Memtok! Peitsch den Kerl aus.« Seine Hochherzigkeit lachte Tränen, die Diener wa- ren einer Hysterie nahe, und am nächsten Tag klopfte ihm Ponse auf die Schulter und erklärte, er sei der be- ste Clown, den man je bei einem Festspiel gesehen habe. Ergebnis: ein gestohlenes Paket Pulver, das man nur mit der Deodorant-Creme mischen mußte, um braune, Hautfarbe zu erhalten. Eine dunkle Perücke, die er bei der Anprobe unter Memtoks Augen beiseite geschafft hatte. Aber immer noch suchte er nach einer Waffe. Duke hatte er seit der letzten Auseinandersetzung nicht mehr gesehen. Manchmal kamen Dukes Überset- zungen, dann blieben sie wieder ein paar Tage aus. Hugh ließ es hingehen. Doch als eine ganze Woche überhaupt nichts von Duke kam, beschloß Hugh nach- zusehen. Er klopfte an Dukes Privattür. Keine Antwort. Als er nach erneutem Klopfen immer noch keine Antwort bekam, öffnete er die Tür einen Spalt. Duke lag nackt auf seiner Koje. Er hatte sich offen- sichtlich völlig vollaufen lassen. Als sich die Tür öff- nete, sah er auf, kicherte, machte eine ausladende Ge- ste und sagte: »Hallo, alter Bastard! Was hast du wie- der für Dummheiten gemacht?« Hugh trat einen Schritt näher. Seine entsetzliche Vermutung bestätigte sich. »Junge, Junge!« Er war blaß geworden. »Na, Hughie, Trauerweide! Dummer alter Hugh, dumm wie Bohnenstroh.« Hugh schluckte und rannte zur Tür. Er stieß fast mit dem Arzt zusammen. Der lächelte ihn an und meinte: »Du willst meinen Patienten töten? Er hat es kaum nö- tig.« Er murmelte eine Entschuldigung, ging an Hugh vorbei und untersuchte Duke. Dann klopfte er ihm jo- vial auf die Schulter. »Wunderbar, Vetter. Noch eine kleine Behandlung, und dann schicke ich dir eine, Mahlzeit. Wie klingt das?« »Sehr schön, Doc. Fa-bel-haft! Du bist mein Freund. Mein be-ster Freund!« Der Arzt wandte sich Hugh zu. »Praktisch wieder- hergestellt. Er wird jetzt ein paar Stunden schlafen und anschließend nicht mehr wissen, was geschehen ist. Ein braver Patient.« »Wer hat das angeordnet?« Der Chirurg sah ihn überrascht an. »Der Oberste Pa- lastdiener natürlich. Weshalb?« »Warum sagte man mir nicht Bescheid?« »Ich weiß nicht, frag ihn lieber selbst. Ich bekam den Routineauftrag und führte ihn auch routinegemäß aus. Schlafpulver ins Abendessen. Und heute nacht die Operation. Die übliche große Dosis zur Beruhigung. Die meisten sind anfangs ein bißchen nervös. Übri- gens, wie geht es mit der Brücke, die ich dir eingesetzt habe?« »Was? Ach so, schön. Aber das ist doch jetzt nicht wichtig. Ich möchte wissen …« »Ich sagte dir schon, daß du dich an den Obersten Palastdiener wenden mußt. Entschuldige mich jetzt bitte.« Hugh ging in seine Räume und übergab sich. Dann machte er sich auf die Suche nach Memtok. Memtok empfing ihn sofort in seinem Büro und bat ihn, sich zu setzen. Hugh hatte Memtok als Freund schätzen gelernt. Memtok sah abends ab und zu bei ihm vorbei, und trotz seiner pessimistischen Lebens- auffassung und dem großen Unterschied in Herkunft, und Erziehung fand ihn Hugh anregend und klug. Memtok erinnerte an einen Schiffskapitän, der einsam bleiben muß, um seine Mannschaft in Zaum zu halten. Während die übrigen höherrangigen Diener sich Memtok gegenüber zwar höflich, aber doch eher kühl verhielten, hatte Hugh, der sich auch einsam fühlte, seine Gesellschaft gemocht und ihn als Freund betrach- tet. Jedenfalls bisher … Hugh erklärte Memtok ohne Umschweife, worum es ihm ging. »Warum hast du das angeordnet?« Memtok schien überrascht. »Das ist eine Frage! Weil es der Lordprotektor befahl.« »Was?« »Mein lieber Vetter! Eine Operation wird immer vom Lordprotektor angeordnet. Natürlich oft auf mei- nen Vorschlag hin. Aber in diesem Fall habe ich Duke nicht vorgeschlagen. Man gab mir den Befehl, und ich führte ihn aus. Ich weiß nicht, weshalb es dich interes- siert.« »Schließlich war er mein Untergebener.« »Oh! Aber er wurde doch schon dem Chef überge- ben, bevor die Operation erfolgte. Sonst hätte ich dir bestimmt Bescheid gesagt, Vetter.« »Ich hatte keine Ahnung, daß man mir ihn wegge- nommen hatte. Das ist nicht fair.« »Aber ich habe dich doch benachrichtigt.« Der Oberste Palastdiener wühlte in einem Papierstapel. Er zog einen Zettel hervor. »Hier.« Hugh las: EIN DIENER, MÄNNLICH (Wilder, ge- rettet und adoptiert), bekannt unter dem Namen Duke,, sofort aller Pflichten in der Abteilung für Alte Ge- schichte enthoben und zum Dienst bei Seiner Hochher- zigkeit befohlen … »Ich habe diesen Wisch nie gesehen.« »Es ist nur eine Abschrift. Du mußt das Original be- sitzen.« Memtok deutete auf die linke untere Ecke. »Das Zeichen deines Hilfsschreibers. Ich bin froh, wenn meine Angestellten lesen und schreiben können, es macht alles gleich viel ordentlicher. Bei einem Esel wie dem Obersten Parkverwalter hingegen kann man sich den Mund fusselig reden, bis er versteht, was man will.« Memtok seufzte. »Ich würde ihn absetzen lassen, wenn sein Stellvertreter nicht noch dümmer wäre.« »Memtok, ich habe diesen Zettel nie gelesen.« »Schon möglich. Aber abgeliefert wurde er. Dein Gehilfe hat unterzeichnet. Sieh dich nur in deinem Bü- ro um. Ich wette, du findest den Schrieb. Soll ich dei- nen Gehilfen bestrafen? Ich helfe dir gern aus.« »Nein, nein.« Memtok hatte sicherlich recht, und das Schreiben lag noch ungelesen auf seinem Tisch. Hughs Abteilung wurde von Tag zu Tag größer. Er beschäftigte zwei bis drei Dutzend Leute, die seine Zeit nur unnütz in Anspruch nahmen. Deshalb hatte er seinen Gehilfen gebeten, nur die wichtigsten Dinge auf seinen Schreibtisch zu legen. Jede Woche blätterte Hugh den Eingangsstapel einmal kurz durch, und gab ihn dann in die Ablage oder zu den Akten. Zu spät! Wieder einmal war er zu spät gekommen. Er vergrub das Gesicht in den Händen. Mein Junge! Es war meine Schuld., Memtok legte ihm beinahe sanft die Hand auf die Schulter. »Vetter, faß dich doch. Deine Vorrechte wur- den wirklich nicht eingeschränkt. Das siehst du doch selbst.« Hugh nickte nur stumm. »Weshalb bist du dann so erschüttert?« »Er ist mein Sohn.« »Na und? Du tust ja, als wäre er dein Neffe.« Mem- tok war ehrlich verwirrt. Du lieber Onkel! Memtok war sicher, daß seine Söhne im ganzen Haushalt verstreut waren. Er war zu seiner Zeit ein ganzer Kerl gewesen. Aber er hatte keine Ahnung, was sie taten, und wollte es auch gar nicht wissen. »Weil …«, begann Hugh, doch dann winkte er ab. »Vergiß es. Du hast deine Pflicht getan.« »Du scheinst aber immer noch erregt zu sein. Ich schicke dir eine Flasche ›Freude‹ und sehe am Abend nach dir.« »Nein, danke.« »Aber du brauchst sie wirklich. Sie ist nicht schäd- lich, wenn man sich nur nicht daran gewöhnt.« »Danke, Memtok, aber ich muß mich konzentrieren. Könntest du etwas für mich in die Wege leiten? Ich muß den Lordprotektor sprechen. Am besten sofort.« »Das geht nicht.« »Verdammt, ich weiß genau, daß es geht. Und er wird mich empfangen, wenn du ihn darum bittest.« »Vetter, ich würde dir ja gern helfen. Aber er ist nicht da.« »Oh.« Hugh bat dann um eine Unterredung mit Joe. Aber er mußte erfahren, daß der junge Auserwählte, zusammen mit dem Lordprotektor den Palast verlassen hatte. Memtok versprach, Hugh zu benachrichtigen, sobald Seine Hochherzigkeit zurückkehrte. Hugh ging in seine Räume und grübelte vor sich hin. Er rührte das Abendessen überhaupt nicht an. Ja, es war seine Schuld. Nicht der Zettel. Die Anordnung selbst hätte er nicht mehr rückgängig machen können. Aber weshalb hatte er wegen Grace nicht einfach gelo- gen? Duke wäre glücklicher und zufriedener gewesen. Vielleicht hatte sich Duke bei Ponse Eintritt ver- schafft. Möglicherweise hatte Memtok ein Treffen ar- rangiert, es mochte aber auch sein, daß Duke einfach versucht hatte, sich durchzuschlagen und Ponse davon gehört hatte. Es war mehr als wahrscheinlich, daß wur- de ihm jetzt klar, daß sein Ratschlag, Duke sollte den Mann an der Spitze befragen, zu Ereignissen geführt hatte, die Ponse geradezu zwangen, ihn kastrieren zu lassen. Er versuchte sich selbst einzureden, daß niemand jemals verantwortlich sein kann für die Handlungen eines anderen. Er glaubte daran und bemühte sich, da- nach zu leben. Doch Trost fand er darin nicht. Es hatte keinen Sinn zu grübeln. Hugh nahm Papier und Feder und begann einen Brief an Barbara aufzu- setzen. Er hatte ihr bisher noch nichts von seinen Fluchtplänen mitteilen können. Er verstümmelte den Text mit deutschen und russischen Sprachbrocken, die Barbara verstand, und gab den Zettel Muschi mit. Im Klartext besagte die Botschaft:, Mein Liebling, ich habe mich entschlossen, in abseh- barer Zeit die Flucht zu wagen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich die Sache durchführen kann, aber ich möchte, daß Du Tag und Nacht bereit bist, die Zwillin- ge zu nehmen und mir zu folgen. Versuche, Nahrung zu stehlen, festes Schuhwerk und möglichst auch ein Mes- ser. Wir werden versuchen, uns in die Berge durchzu- schlagen. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, bis zum nächsten Sommer zu warten, weil dann die Kinder schon etwas größer sind, doch inzwischen ist etwas geschehen, das meinen Entschluß umgeworfen hat: Duke wurde kastriert. Ich weiß nicht, aus welchem Grund das geschah, und ich fühle mich im Moment auch nicht in der Lage, mehr darüber zu sagen. Aber es könnte sein, daß ich der nächste bin. Und was noch schlimmer ist – erinnerst Du Dich daran, wie Ponse sagte, er wolle unsere Zwillinge als Leibwächter ha- ben? Liebling, kein Bulle darf die Große Halle betre- ten. Und eine Aufgabe in der normalen Dienerschaft werden sie nicht übernehmen können, denn es ist klar, daß beide einmal sehr groß werden. Wir müssen es wagen! Wir können auch nicht länger warten. Die Haupt- stadt des Protektorates liegt irgendwo dort, wo einmal St. Louis war. Wir können unmöglich den ganzen Weg bis in die Rocky Mountains mit den beiden Kindern schaffen. Und ob wir alle vier nächstes Jahr wieder hierher in den Sommerpalast kommen, ist auch mehr aisfraglich. Sei tapfer. Nimm von jetzt an keine Drogen mehr,, denn wir werden nur eine winzige Chance haben und es gibt keine Möglichkeit, Dich vorher zu warnen. Ich liebe Dich Hugh Diese Nacht konnte Hugh nicht schlafen. Dukes Ge- stammel und Gegröle verfolgten ihn noch im Traum. Schließlich stand er auf und ertränkte seinen Kummer und seine Furcht in einer Flasche ›Freude‹. Barbaras Antwort lautete: Liebling, wenn Du bietest, biete ich mit. Entweder wir gewinnen, öderes ist alles aus. Ich bin jederzeit zu ei- nem Spiel bereit, wenn Du nur vier Leute zusammen- bringst. Ich liebe Dich – B. Sonst verlief der Tag wie jeder andere. Auch der näch- ste und übernächste. Hugh diktierte verbissen Überset- zungen, obwohl er andere Dinge im Kopf hatte. Er achtete sorgsam auf das, was er aß und trank, denn nun kannte er die ›humane‹ Art des Chirurgen, mit seinen Opfern umzugehen. Er aß nur von den Speisen, die schon Memtok gekostet hatte, und verzichtete auf Obst, das allzu verlockend in seiner Nähe lag. Mit dem Trinken war er noch vorsichtiger. Nur Wasser, daß er sich selbst holte. Das Frühstück nahm er immer noch, in seinen Räumen ein, aber er ernährte sich hauptsäch- lich von ungeschältem Obst und gekochten Eiern. Er wußte, daß die Vorsichtsmaßnahmen zum großen Teil vergeblich waren, und man würde nicht zögern, ihn auch gegen seinen Willen zu operieren, wenn es Seine Hochherzigkeit befahl. Aber vielleicht hatte er vorher noch Zeit, beim Lordprotektor Einspruch zu erheben. Außerdem übte er sich wieder in Karate, wenn er al- lein war. Ein blitzschneller Karategriff würde auch ei- nen Peitschenträger außer Gefecht setzen. Nicht daß er viel Hoffnung hatte. Aber er war fest entschlossen, sich nicht kampflos zu ergeben. Duke hatte wohl recht – es war Unsinn gewesen, nichts gegen die Gefangennahme zu tun. Er machte keinen Versuch, Duke zu besuchen. Immer noch stapelte er Eßwaren – Zucker, Salz, hartes Brot. Er glaubte nicht, daß es Schlafmittel ent- hielt, denn Muschi aß davon, und es schadete ihr nicht. Er war bisher die meiste Zeit barfuß gegangen. Im Garten trug er lediglich leichte Fellhausschuhe. Jetzt beschwerte er sich bei Memtok, daß seine Füße von dem scharfen Kies schon ganz wund seien. Memtok verschaffte ihm schwere Ledersandalen. Er freundete sich mit dem Obersten Ingenieur an, indem er ihm erzählte, daß er in seiner Jugend für sei- nen früheren Herrn auch Konstruktionen ausgeführt habe. Der Ingenieur fühlte sich geschmeichelt, nicht nur, weil er einer der jüngsten Abteilungschefs war, sondern auch, weil er im allgemeinen eher Beschwer-, den als ein freundliches Wort zu hören bekam. Hugh setzte sich nach dem Abendessen mit ihm zusammen und war ein aufmerksamer Zuhörer. Schließlich lud ihn der Ingenieur ein, die techni- schen Einrichtungen des Palastes zu besichtigen. Hugh verbrachte einen ganzen Vormittag damit, über Rohre zu stolpern und sich Pläne anzusehen. Der Ingenieur konnte zwar nicht schreiben, aber er verstand die Kar- ten und war sogar in der Lage zu lesen. Es wäre eine interessante Führung gewesen, wenn Hugh nicht so viele Sorgen mit sich herumgeschleppt hätte. Er ver- suchte, jede Karte und jede Zeichnung im Gedächtnis zu behalten und mit den Räumen und Gängen, durch die er geführt wurde, in Verbindung zu bringen. Ob- wohl er einen ganzen Sommer im Palast zugebracht hatte, kannte er bisher nur wenige Räume und nur ein Stück des eingezäunten Gartens. Es war wichtig, daß er jeden Ausgang kennenlernte, daß er wußte, was sich hinter der bewachten Tür der Frauenabteilung befand und daß er insbesondere erfuhr, wo sich Barbara und die Zwillinge aufhielten. Er kam genau bis zu der Tür am Ende des gewunde- nen Ganges, die zur Frauenabteilung führte. Der Inge- nieur zögerte, als der Wachtposten ihn aufmerksam ansah. »Vetter Hugh«, meinte er, »ich bin überzeugt, daß du ohne Schwierigkeiten in diese Räumlichkeiten gehen darfst, aber es wäre doch sicherer, von Memtok einen Passierschein zu haben.« »Wie du meinst, Vetter.« »Nun, eigentlich ist es da drinnen auch nicht so in-, teressant. Nur die üblichen Licht- und Wasserleitun- gen, Bäder und solches Zeug. Die Klimaanlage und die Müllverbrennungsanlage sowie die Kraftstation befin- den sich nicht hier. Und du kennst den Boß. Er regt sich über jede Abweichung vom Protokoll auf. Wenn es dir nichts ausmacht, inspiziere ich diesen Teil spä- ter.« »Aber bitte«, erklärte Hugh mit einem Anflug ge- kränkter Würde. Der Ingenieur wirkte ein wenig verlegen. »Ich habe eine Lösung – du sagst mir einfach, was du alles sehen möchtest, und ich gehe zum Chef und hole dir die Er- laubnis. Beim Onkel, er weiß ebensogut wie wir, daß du bei Seiner Hochherzigkeit gut angeschrieben bist. Du verstehst mich doch, nicht wahr? Memtok schreibt den Passierschein aus, und alles geht in Ordnung. Du wartest hier auf mich. Ich beeile mich.« »Aber bemüh dich doch nicht. Was ist denn schon ein Bad? Sieht eines wie das andere aus.« Der Ingenieur lächelte erleichtert. »Da hast du völlig recht. So, jetzt gehen wir noch in die Schreinerwerk- statt und in die Schlosserei.« Hugh ging freundlich plaudernd mit ihm weiter, während er innerlich kochte. So nahe! Aber Memtok sollte nicht auf den Gedanken kommen, er würde sich für die Frauenabteilung interessieren. Dennoch war der Vormittag nicht verloren. Hugh erhielt nicht nur Einblick in die schwachen Punkte des Gebäudes, sondern er ergatterte obendrein noch zwei herrliche Beutestücke., Das erste war ein Stück Federstahl, etwa fünfzehn Zentimeter lang, das er in der Schlosserei gestohlen hatte, als der Meister einen Augenblick hinausging. Das zweite Stück war noch wertvoller: ein gedruck- ter Plan der Kellerräume, in den zwar in erster Linie die Installationseinrichtungen eingezeichnet waren, der aber dennoch jede Tür und jeden Gang einschließlich der Frauenabteilung enthielt. Hugh hatte den Plan bewundert. »Beim Onkel, ein prächtiges Stück. Selbst gemacht?« Der Ingenieur nickte schüchtern. Ja, er hatte ihn selbst gemacht – nach einem Architektenplan natür- lich. Aber die Änderungen hatte er ganz selbständig eingetragen. »Herrlich«, lobte ihn Hugh. »Es ist nur eine Schan- de, daß du nicht mehrere Exemplare davon hast.« »Aber ich habe eine Menge Kopien davon herum- liegen. Möchtest du eine?« »Na, und ob! Besonders, wenn du sie mir eigenhän- dig signierst.« Als der Mann zögerte, fuhr Hugh schnell fort: »Hier, ich schreibe dir etwas auf. Du kannst es kopieren.« Hugh trollte sich mit seiner Trophäe, nachdem der Ingenieur brav abgeschrieben hatte: »Meinem lieben Vetter Hugh – einem Kollegen, der gute Arbeit schätzt.« Am Abend zeigte er den Plan Muschi. Das Kind staunte ehrfürchtig. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß ihre Welt mit all den langen, verwirrenden Gängen sich auf ein Stück Papier bannen ließ. Hugh zeigte ihr,, wie man von seinen Räumen über die Rampe zum Eß- saal der Abteilungschefs kam, wo die Haupthalle der Diener war; wie man ins Freie gelangte. Sie runzelte die Augenbrauen vor Anstrengung. Aber langsam verstand sie, worum es ging. »Schau, Muschi, du mußt irgendwo hier unten woh- nen. Das ist die Frauenabteilung.« »Wirklich?« »Ja. Sieh mal zu, ob du den Weg findest.« »Oh. Onkel, hilf mir. Mal sehen. Zuerst geht es die- se Rampe hinunter …« Sie dachte nach, während Hughs Gesichtszüge ausdruckslos blieben. »Dann – hier ist die Tür.« »Richtig.« »Ich gehe am Büro des Haremsaufsehers vorbei, bis zum Ende des Ganges, dann nach rechts – hier. Hier muß ich wohnen.« Sie klatschte in die Hände und ki- cherte. »Du wohnst gegenüber der Eßräume?« »Ja.« »Dann hast du es auf Anhieb geschafft! Das ist ja großartig. Wollen mal sehen, ob du auch andere Auf- gaben lösen kannst.« Die nächste Viertelstunde führte sie ihn kreuz und quer durch die Frauenabteilung – durch die Gemein- schaftsräume, die Eßsäle, die Schlafzimmer der Jung- frauen, die Schlafräume der Bettwärmer, die Kranken- station, den Kindersaal, die Büros. Er erfuhr, daß Bar- bara nicht mehr auf der Entbindungsstation lag. Mu- schi sagte es, ohne daß er sie gefragt hatte., »Barbara – du weißt schon, die Wilde, der du immer schreibst – sie war zuerst hier, und jetzt ist sie hier.« »Woher weißt du das? Die Räume sehen doch alle gleich aus.« »Ich weiß es. Es ist das zweite der vier Zimmer für stillende Mütter. Gegenüber den Bädern.« Hugh bemerkte mit großem Interesse, daß unter den Bädern ein Tunnel für Reparaturen verlief, in den man auch von Barbaras Zimmer aus gelangen konnte. Was aber noch wichtiger war – der Gang lief quer durch das ganze Gebäude. War das eine Möglichkeit? Ein unbe- wachter Weg? Er konnte es sich kaum vorstellen. Jeder Bulle mit ein bißchen Köpfchen mußte erkennen, daß er nur fünfzig Meter zu kriechen brauchte, um in die Frauenabteilung zu gelangen. Und doch konnte es stimmen – denn woher sollten die Bullen wissen, wohin die Gänge führten? Und warum sollten sie es riskieren? Wo auf jeden Bullen ohnehin zwei Frauen trafen. Daumenlose Hän- de wurden mit Riegeln und Schlössern nicht so leicht fertig. Außerdem war es noch die Frage, ob sich diese Falltüren auch von unten öffnen ließen. »Du lernst schnell, Muschi. Jetzt versuch es mit ei- nem Gebäudeteil, den du nicht so gut kennst. Wie komme ich von meinen Privaträumen in mein Büro? Wenn du das schaffst, habe ich noch eine schwerere Aufgabe. Wie würdest du gehen, wenn ich dich mit einer Botschaft zum Obersten Palastdiener schicke?« Die erste Aufgabe löste sie nach einigem Zögern, die zweite hingegen sofort., Als Hugh am nächsten Tag neben Memtok beim Mittagstisch saß, rief er zum Ingenieur am Ende der Tafel hinunter: »Hör mal, alter Junge! Glaubst du, daß du mir für die hübsche Skizze von gestern einen Rah- men besorgen könntest? Ich möchte sie über meinen Schreibtisch hängen, damit man sie bewundern kann.« Der Ingenieur grinste breit. »Sicher, Vetter Hugh. Wie wäre es mit einem hübschen Mahagonirahmen?« »Prima.« Hugh wandte sich an seinen Nachbarn. »Vetter Memtok, unser junger Vetter ist zu schade für die Rohrleitungen und Wasserhähne. Er ist ein Künst- ler. Du mußt einmal bei mir vorbeischauen, damit ich dir seine Arbeit zeige.« »Gern, Vetter. Wenn ich einmal Zeit finde.« Mehr als eine Woche verging, ohne daß er etwas von Seiner Hochherzigkeit oder Joe hörte. Es war eine Woche ohne Bridge und ohne Barbara. Schließlich erklärte Memtok eines Abends beim Essen: »Übrigens, ich wollte dir sagen, daß der junge Auserwählte Joseph zurück ist. Möchtest du ihn immer noch sprechen?« »Ja. Ist Seine Hochherzigkeit auch wieder im Pa- last?« »Nein. Seine Liebenswürdige Schwester ist der Meinung, daß er möglicherweise vor dem Umzug über- haupt nicht mehr zurückkommt. Oh, du wirst bald den Palast sehen, Vetter. Keine so armselige Bude wie hier. Tag und Nacht große Feste. Und der bescheidene Die- ner wird froh sein, wenn er sein Essen in Ruhe genießen darf. Laufen, laufen, Sorgen und Probleme von allen Seiten.« In seinem Gesicht spiegelten sich Stolz und Befriedigung. »Sei froh, daß du ein Gelehrter bist.«, Ein paar Stunden später erhielt Hugh die Nachricht, daß Joe ihn erwartete. Er kannte den Weg und ging allein hinauf. Joe begrüßte ihn herzlich. »Komm her- ein, Hugh, und mach es dir bequem. Wir sind ganz un- ter uns. Junge, ich war fleißig. Ein Laden läuft schon probeweise, noch bevor Seine Hochherzigkeit die Schutzklausel hatte. Wir haben gute Bedingungen her- ausgeholt. Seine Gnade bekommt die Hälfte, Seine Hochherzigkeit die andere Hälfte. Ich führe die ganze Firma und bekomme dafür zehn Prozent von Seiner Hochherzigkeit. Wenn wir erst Zweigfirmen aufma- chen – wir nennen uns übrigens ›Vereinigte Spiele‹ –, brauche ich unbedingt Unterstützung. Ich fürchte nur, Seine Hochherzigkeit wird ein paar seiner dämlichen Verwandten in das warme Nest setzen wollen. Hoffent- lich nicht. Nepotismus kann man sich nicht leisten, wenn man die Preise niedrig halten will. Vielleicht können wir Diener dazu abrichten. Und du, Hugh? Glaubst du, du könntest eine Fabrik mit hundertund- sieben Leuten übernehmen? Eine Führungsstelle.« »Warum nicht? Ich habe zu meiner Zeit dreimal so viele Leute beschäftigt – und mir ging nie eine Lohnli- ste verloren. Aber ich kam wegen einer anderen Sache hierher, Joe.« »Sag schon. Und dann zeige ich dir die Pläne.« »Joe, weißt du, was mit Duke geschah?« »Mit Duke?« »Operiert. Hast du das gewußt?« »Ach das. Ja. Das war doch kurz vor meiner Abrei- se. Es hat doch keine Komplikationen gegeben?«, »Komplikationen? Joe, du tust, als hätte man ihm lediglich einen Zahn gezogen. Hast du denn nicht we- nigstens versucht, es zu verhindern?« »Nein.« »Um Himmels willen, warum denn nicht?« »Hast du es denn versucht?« »Ich hatte keine Möglichkeit. Ich wußte von nichts.« »Ich auch nicht. Das will ich dir ja die ganze Zeit über erklären. Ich erfuhr es erst, als es schon gesche- hen war.« »Entschuldige. Ich dachte schon, du hättest es ein- fach zugelassen.« »Ich bin nicht sicher, was ich getan hätte, wenn ich es gewußt hätte. Denn wenn Ponse sich etwas in den Kopf setzt, ist er nur schwer wieder davon abzubrin- gen. Ist vielleicht besser, daß wir uns nicht eingemischt haben. Und jetzt zu den Plänen. Wenn du dir die sche- matische Aufstellung ansiehst …« »Joe!« »Ja?« »Siehst du denn nicht, daß ich nicht in der Verfas- sung bin, mich mit dir über Spielkartenfabriken zu un- terhalten? Duke ist mein Sohn\« Joe faltete die Pläne zusammen. »Es tut mir leid, Hugh. Sprich weiter, wenn es dir hilft. Laß es einfach aus dir raus. Ich kann mir schon vorstellen, wie du dich deswegen“ fühlst.« Joe hörte Hugh aufmerksam zu. Doch als er schwieg, schüttelte er den Kopf. »Hugh, in einem Punkt kann ich dich beruhigen. Duke ging nie zum, Landprotektor. Dein Vorschlag kann also nicht zu der Operation geführt haben.« »Hoffentlich. Du kannst dir vorstellen, wie mir zu- mute war.« »Wirklich, du kannst dich beruhigen.« »Joe, was bewog Ponse, das zu veranlassen? Er wußte, wie sehr wir uns damals dagegen sträubten. Ich dachte, er sei mein Freund.« Joe sah ihn verlegen an. »Willst du es wirklich wis- sen?« »Ich muß es wissen.« »Du würdest es auch so herausfinden. Grace war es.« »Was? Joe, du mußt dich täuschen. Sicher, Grace hat ihre Fehler. Aber das hätte sie ihrem eigenen Sohn nicht angetan.« »Nicht so, wie du denkst. Ich glaube, sie wußte es vorher auch nicht. Aber jedenfalls veranlaßte sie es. Vom ersten Tag an scharwenzelte sie um Ponse herum und lag ihm in den Ohren, ihren Dukie hierher zu brin- gen. ›Ponsie, ich bin einsam. Ponsie, du bist gemein zu Gracie‹. Ponsie hin und her. Vermutlich hast du wenig davon gemerkt.« »Überhaupt nichts.« »Ich hätte ihr den Hals umdrehen können. Ponse ließ sie einfach reden, nur wenn sie ihn kitzelte, kugel- ten sie eine Weile am Boden herum, bis er ihr sagte, sie solle jetzt wieder den Mund halten. Er spielt mit ihr wie mit den Katzen. Hugh, ich glaube nicht, ich meine …«, »Es wäre mir auch gleichgültig, Joe. Hat denn nie- mand Grace gesagt, was es zur Folge haben würde, wenn Duke zu ihr käme?« »Ich glaube nicht, Hugh. Für Ponse war es so klar, daß er es gar nicht erwähnenswert fand. Und ich sprach nie mit ihr. Sie kann mich nicht leiden, weil ich zu viel Zeit mit ihrem Ponsie verbringe.« Joe rümpfte die Na- se. »Nein, sie wußte es vermutlich nicht. Aber wenn sie ein bißchen klüger wäre, hätte sie es sich denken können. Entschuldige, Hugh, sie ist deine Frau.« »Sie ist nicht mehr meine Frau. Barbara ist jetzt meine Frau.« »Rechtlich gesehen kann ein Diener keine Frau ha- ben.« »Ich sprach nicht vom rechtlichen, sondern vom menschlichen Standpunkt aus. Aber dennoch bin ich irgendwie erleichtert, daß Grace es nicht bewußt getan hat.« Joe sah ihn nachdenklich an. »Hugh, wenn sie es auch nicht wußte – ich glaube, es ist ihr jetzt gleichgül- tig. Und Duke scheint sich auch nicht viel daraus zu machen.« »Könntest du dich vielleicht genauer ausdrücken?« »Mir erscheint Grace glücklich. Und Duke ist gern bei ihr.« »Du hast die beiden gesehen? Wann?« »Gestern. Ich wurde von Seiner Hochherzigkeit zum Frühstück eingeladen. Die beiden saßen mit am Tisch.« »Ich dachte, Ponse sei nicht hier.«, »Er ist schon wieder fort. Duke war sein Geburts- tagsgeschenk an Grace. Ja, ich weiß, daß sie nicht Ge- burtstag hatte, aber sie erzählte es Ponse. Du weißt, wie großzügig er ist. Himmel, die beiden leben sogar in Ponses Privatwohnung.« »Das ist doch Nebensache. Was war mit Duke?« »Grace hatte ihm eine goldstrotzende Livree schnei- dern lassen und ihn mit Schmuck behängt. Ponse be- handelt sie so nachsichtig wie die Katzen. Und Duke gefällt es, Graces Spielzeug zu sein.« »Ich kann es mir nicht vorstellen.« »Es ist aber so. Denk dir, Duke behandelte sogar mich sehr nett. Schließlich hat er jetzt ausgesorgt. Und dann sah ich noch eines: Er hat sich dieses Zeug ange- wöhnt, das die Diener zur Beruhigung zu trinken pfle- gen.« Hugh schüttelte den Kopf. »Und das nennst du glücklich, Joe?« »Hugh, du mußt deine Vorurteile ablegen. Duke empfindet nicht das, was du annimmst. Du kannst mit ihm selbst reden, wenn du mir nicht glaubst.« »Nein, danke. Es ist eine Tragödie.« »Sei nicht komisch, Hugh. Einmal mußte Duke oh- nehin operiert werden. Er war zu groß für einen Bul- len. Ob ein paar Wochen früher oder später, dürfte un- erheblich sein. Und er lebt im Luxus, was er nie erwar- ten konnte. Immerhin hat er nichts Nützliches gelernt und hätte daher auch nicht besonders hoch aufsteigen können. Hoch für einen Diener, meine ich.« »Joe, weißt du, wie das klingt? Wie die durchsichtige, Entschuldigung eines Südstaatlers, der behauptet, seine Schwarzen seien glücklich, wenn sie am Abend vor ih- rer friedlichen Hütte sitzen und das Banjo zupfen.« Joe sah ihn ernst an. »Ich könnte dir das nämlich übelnehmen.« Hugh Farnham schoß in seinem Ärger über das Ziel hinaus. »Bitte sehr. Ich kann dich nicht abhalten. Du bist Auserwählter, ich bin Diener. Kann ich Ihnen den weißen Umhang bringen, Massa? Wann trifft sich der Klan?« »Halt den Mund.« Hugh Farnham schwieg. Joe fuhr ruhig fort: »Ich will nicht mit dir streiten. Von deiner Sicht wirkt es sicher ungewöhnlich. Soll ich deswegen jammern? Das Blatt hat sich gewendet – und es war höchste Zeit. Ich war Diener. Jetzt bin ich ein geachteter Geschäftsmann und habe Aussicht, durch Heirat der Neffe irgendeiner vornehmen Familie zu werden. Glaubst du, ich würde das alles zurückweisen? Selbst wenn ich könnte? Für Duke? Ich bin kein Heuchler, Hugh. Früher war ich ein Diener, jetzt bist du einer. Worüber regst du dich also auf?« »Joe, du warst ein anständig bezahlter Angestellter. Jetzt tust du, als hätte ich dich wie einen Sklaven gehalten.« Die Augen des jungen Mannes verdunkelten sich plötzlich, und seine Züge nahmen eine Härte an, wie Hugh sie noch nie gesehen hatte. »Hugh«, sagte er lei- se. »Hast du je eine Busfahrt durch Alabama gemacht? Als Nigger?«, »Nein.« »Dann halt den Mund. Du weißt nicht, wovon du sprichst.« Er atmete tief ein und fuhr fort: »Lassen wir das Thema. Ich möchte dir zeigen, was ich getan habe und was ich noch plane. Diese Idee mit den Spielkarten war die beste meines Lebens.« Hugh wollte nicht darüber streiten, wer die Idee ge- habt hatte. Er hörte zu, während der junge Mann eifrig erzählte. Schließlich legte Joe seine Feder weg und sagte: »Was hältst du davon? Hast du Vorschläge? Du hast schon damals bei Ponse einige gute Einfälle ge- bracht. Mach so weiter, dann finden wir eine gehobene Stellung für dich.« Hugh zögerte. Ihm schienen Joes Pläne zu ehrgeizig für einen Markt, der erst erschlossen werden mußte. Aber er sagte nur: »Es würde sich vielleicht lohnen, zu jedem Kartenspiel gratis ein Büchlein mit den Regeln beizulegen.« »O nein. Wir verkaufen sie extra. Ein zusätzlicher Gewinn.« »Ich meinte nicht das große Buch der Regeln, son- dern nur eine Beschreibung der einfacheren Spiele. Das bringt die Kunden gleich auf deine Seite.« »Hm – ich werde es mir überlegen.« Joe faltete die Papiere zusammen und legte sie weg. »Hugh, du warst vorhin so ekelhaft, daß ich dir gar nicht erzählte, was ich eigentlich vorhabe.« »Ja?« »Ponse ist ein großartiger alter Herr, aber er wird auch nicht ewig leben. Ich möchte mich von ihm unab-, hängig machen. Für einen Geschäftsmann steht hier die Welt noch offen. Ich bin nicht sehr scharf darauf, Mri- ka als Boß zu bekommen.« Er grinste. »Ich hoffe, daß ich mich aus dem Staub gemacht habe, wenn es soweit ist. Ich baue mir einen eigenen bescheidenen Haushalt auf. Hugh, dazu brauche ich Diener. Rate mal, wen ich adoptieren möchte?« »Ich weiß nicht.« »Dich nicht, obwohl du viel vom Geschäft verstehst und mir eine wertvolle Hilfe sein könntest. Nein, ich dachte an Grace und Duke.« »Wie?« »Überrascht? Mrika wird sie nicht haben wollen. Er haßt Grace, weil sie so großen Einfluß auf seinen On- kel hat. Und es ist sicher, daß er Duke auch nicht gera- de liebt. Die beiden haben nichts gelernt. Wenn ich nicht allzu eifrig erscheine, bekomme ich sie vermut- lich billig. Sie wären mir sehr nützlich. Erstens kann ich mich mit ihnen in Englisch unterhalten, einer Spra- che, die niemand sonst hier versteht. Und dann – das Essen hier ist zwar ganz gut, aber manchmal sehne ich mich nach einer amerikanischen Mahlzeit. Grace kann gut kochen, wenn sie will. Duke wird mein Hausboy. Was sagst du dazu?« Hugh sagte langsam: »Joe, du nimmst sie nicht des- halb, weil Grace gut kochen kann.« Joe grinste ihn an. »Nein, du hast recht. Sie werden sich zwar wirklich gut in meinem Haushalt ausnehmen, und ich werde sie auch anständig behandeln. Aber ich muß sie natürlich erst mit dem Gedanken des Dienens, vertraut machen.« Er tastete an seine Peitsche. »Hugh, sie sind mir einiges schuldig. Drei Jahre. Drei Jahre unablässige Befehle von seifen Grace und drei Jahre herablassende Behandlung von seifen Duke.« Hugh schwieg. »Nun, was hältst du von meinem Plan?« wollte Joe wissen. »Ich habe besser von dir gedacht, mein Junge. Das war wohl falsch.« »So?« Joe berührte die Peitsche. »Wir brauchen dich nicht mehr. Das wäre alles.« Hugh verließ Joes Räume mit einem Gefühl der Mutlo- sigkeit. Er wußte, daß er ein Narr gewesen war, Joes Zorn auf sich zu laden. Bis er Barbara und die Zwillin- ge sicher in den Bergen versteckt hatte, brauchte er jede Hilfe, Joe, Memtok, Ponse – ja, vor allem Joe. Joe war ein Auserwählter, er konnte überall hingehen, er konnte Hugh Dinge besorgen, die er nicht zu stehlen vermochte. Hugh hatte als letzten Ausweg sogar daran gedacht, Joe um Hilfe bei der Flucht zu bitten. Jetzt war das natürlich unmöglich! Das Leben Bar- baras und der Jungen aufs Spiel zu setzen, nur weil du dich nicht beherrschen kannst, warf Hugh sich vor. Ihm schien, daß die Dinge so schlimm standen wie nie zuvor. Und er selbst trug Schuld daran. Er mußte die Dinge zwingen. So ging er zu Mem- tok. Der Oberste Palastdiener war gerade im Begriff,, sein Büro zu verlassen. »Vetter Memtok, hast du einen Augenblick Zeit für mich?« Memtoks mürrische Miene hellte sich auf. »Gewiß, Vetter. Aber begleite mich doch ein Stückchen. Ich habe nichts als Ärger. Kein Mensch kann sich auch nur allein die Nase putzen. Der Kerl von der Gefrierkam- mer beschwert sich beim Obersten Metzger und der beim Küchenchef. Und was macht Gnou? Anstatt mit dem Ingenieur zu sprechen, läuft er zu mir. Du ver- stehst doch etwas von Maschinen, nicht wahr?« »Ja«, gab Hugh zu, »aber ich fürchte, ich bin nicht auf dem laufenden. Das Ganze liegt schon einige Zeit zurück.« (Ungefähr zweitausend Jahre, aber das muß ich ja jetzt nicht erwähnen.) »Maschinen sind Maschinen. Komm, ich brauche deinen Rat.« (Damit du siehst, daß ich dich angeschwindelt habe, alter Knabe. Aber ich werde mich schon aus der Affäre ziehen.) »Sicher. Wenn dir meine Meinung etwas wert ist.« »Verdammter Kühlraum. Er bereitet uns jeden Som- mer Schwierigkeiten. Ich bin froh, wenn wir wieder im Hauptpalast sind.« »Steht das Datum schon fest, wenn man fragen darf?« »Man darf. Morgen in einer Woche. Es wird Zeit, daß du deine Abteilung reisefertig machst.« Hugh versuchte ruhig zu bleiben. »So bald schon?« »Warum beunruhigt das dich? Ein paar Akten und der Büromaschinenkram. Kannst du dir vorstellen, was, ich alles erledigen muß? Und was alles gestohlen, ver- loren und zerbrechen wird, nur weil man sich auf diese Dummköpfe nicht verlassen kann! Beim Onkel.« »Es muß entsetzlich anstrengend sein«, pflichtete ihm Hugh bei. »Aber das bringt mich auf einen Ge- danken. Ich bat dich, mir Nachricht zukommen zu las- sen, wenn sich Seine Hochherzigkeit wieder im Palast befände. Ich erfuhr von dem jungen Auserwählten Jo- seph, daß Seine Hochherzigkeit einige Tage hier war und dann wieder abreiste.« »Beklagst du dich?« »Der Onkel behüte! Ich fragte nur.« »Es stimmt, daß Seine Hochherzigkeit für kurze Zeit hier war. Aber nicht offiziell. Auch schien er nicht sehr gesund zu sein – der Onkel beschütze ihn.« »Der Onkel beschütze ihn gut.« Hugh meinte es auf- richtig. »Unter diesen Umständen konntest du ihn na- türlich nicht um eine Audienz für mich bitten. Aber darf ich um die Gnade bitten, das nächstemal …« »Sprechen wir später darüber. Mal sehen, was die beiden hilflosen Tröpfe wieder angestellt haben.« Der Oberste Küchenchef und der Oberste Ingenieur emp- fingen sie am Eingang von Gnous Reich. Sie gingen durch die Küche, die Metzgerei und in den Kühlraum. Es gab einen Aufenthalt im Metzgerraum, weil der Küchenchef darauf bestand, daß sie anorakähnliche Gebilde zu ihrem Schutz anzogen. Der Metzgerraum war überfüllt. Gehilfen beschäf- tigten sich mit Vögeln, Rindern und sogar Fischen. Hugh überlegte, daß achtunddreißig Auserwählte und, mehr als vierhundert Diener eine Menge Fleisch brauchten. Aber obwohl er selbst schon Tiere ausge- nommen hatte, kam ihm der Ort ein wenig bedrückend vor. Doch dann hielt ihn nur seine strenge Selbstbeherr- schung davon ab, in Memtoks Gegenwart sein Entset- zen deutlich zu zeigen. Er sah am Boden eine kleine Frauenhand! In seinen Ohren rauschte das Blut. Er blinzelte. Sie lag immer noch da. Eine Hand wie Muschis Hand. Er atmete langsam und tief, bis er sich wieder eini- germaßen in der Gewalt hatte. Plötzlich war ihm die Wahrheit aufgegangen. Er hatte die vielen versteckten Anspielungen und Witzeleien über dieses Thema als harmlos abgetan. Gnou sprach nervös mit Memtok. Er bewegte sich dabei auf den Hackblock zu und stieß dabei absichtlich gegen die kleine Hand, die dadurch in einen Haufen von Gemüseabfällen rutschte. »Ein ausgezeichnetes Stück. Aber Ihr müßt ja nicht kosten, wenn Seine Hochherzigkeit nicht hier ist.« »Ich koste immer«, erwiderte Memtok kühl. »Seine Hochherzigkeit erwartet, daß das Essen tadellos ist, ganz gleich, ob er sich hier befindet oder nicht.« »O ja, natürlich«, stotterte Gnou. »Aber seht Euch diesen Braten an. Zeigt genau meine Probleme. Ein- fach zu fett. Das kommt davon, wenn man nur Mäd- chen hernimmt. Es gibt kein kräftigeres, herzhafteres Fleisch als das eines Bullen, der erst kürzlich operiert wurde.«, »Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt«, erwiderte Memtok. »Die Meinung Seiner Hochherzig- keit ist ausschlaggebend. Seine Hochherzigkeit hält das Fleisch der jungen Mädchen für zarter.« »Oh, natürlich, natürlich. Ich wollte niemanden be- leidigen.« »Ich bin nicht beleidigt. Ich pflichte dir sogar bei. Aber du mußt lernen, daß unsere Privatmeinungen nicht zählen. Na, sind die Kleider endlich da?« Sie begaben sich in den Kühlraum, und der Ingeni- eur, der bis jetzt noch keinen Ton gesagt hatte, erklärte, worum es bei seinem Problem ging. Es war eine ver- zwickte Kühlangelegenheit. Hugh konnte trotz seines Grauens nicht die Augen von den Lagerräumen ab- wenden. Der größte Teil des Vorrats bestand aus Rind- fleisch und Geflügel. Aber in einer langen Reihe hän- gend entdeckte er menschliche Körper. Er schluckte und dankte dem Himmel, daß ihn die kleine Hand schon vorher gewarnt hatte. Sonst wäre er jetzt wohl ohnmächtig geworden. »Vetter Hugh, was hältst du davon?« »Der Ingenieur hat recht.« »Daß das Problem nicht gelöst werden kann?« »Nein, nein.« Hugh hatte nicht zugehört. »Seine Problemstellung enthielt indirekt schon die Antwort. Man muß neue Geräte einsetzen.« Memtok verzog das Gesicht. »Teuer.« »Aber auf lange Sicht billiger. Gute technische Lei- stung ist nun mal nicht ganz billig. Habe ich recht, Pi- pes?«, Der Ingenieur nickte heftig. »Das sage ich doch immer, Vetter Hugh. Du hast völlig recht.« Memtok runzelte die Stirn. »Gut. Dann mache einen Kostenvoranschlag. Zeig ihn Vetter Hugh, bevor du ihn mir bringst.« »Jawohl, Sir.« Memtok trat beim Hinausgehen auf ein Stück Len- de, das zu einem ehemaligen Bullen gehörte. »Das würde ich ein saftiges Bratenstück nennen. Was, Hugh?« »Herrlich«, erklärte Hugh mit ausdruckslosem Ge- sicht. »Ein Neffe vielleicht? Oder nur ein Sohn?« Es entstand ein frostiges Schweigen. Niemand rühr- te sich. Nur Memtok schien sich aufzurichten. Er be- rührte ganz leicht den Griff seiner Peitsche. Dann schnitt er eine Grimasse und lachte trocken. »Vetter Hugh, dein Humor bringt mich noch ins Grab. Gnou, erinnere mich, daß ich den Witz heute abend beim Essen erzähle.« Der Küchenchef nickte und kicherte, der Ingenieur lachte dröhnend. Wieder kam Memtoks trockenes La- chen. »Ich fürchte, ich kann dir nicht dienen, Vetter Hugh. Alles Fleischaufzucht, kein Verwandter von uns dabei. Mein Lieber, ich weiß, wie es in manchen Haus- halten zugeht, aber Seine Hochherzigkeit empfindet es als ordinär, einen Hausdiener zu servieren – selbst im Falle eines Unfalltodes. Und außerdem macht es die Diener unruhig.« »Verständlich.« »Ja. Kommst du mit mir zurück, Hugh?«, Als die anderen zurückgeblieben waren, fragte Memtok: »Und nun zurück zu deiner Frage.« »Zu welcher Frage?« »Wo hast du heute deine Gedanken? Etwas mit Sei- ner Hochherzigkeit.« »Ach so. Memtok, könntest du mich bitte wissen lassen, wann genau Seine Hochherzigkeit zurück- kommt. Auch wenn er nicht offiziell hier ist. Ich bitte dich nicht, zu ihm zu gehen, sondern nur, daß du mir Bescheid sagst.« »Nein«, erwiderte Memtok, »nein, das kann ich nicht.« »Wie bitte? Habe ich dich beleidigt?« »Du meinst den Witz von vorhin? Himmel, nein. Er war vielleicht ein bißchen kräftig, und wenn du ihn im Frauenabteil erzählt hättest, wären ein paar der Gän- schen ohnmächtig geworden. Ich kann auch Witze über mich ertragen, Hugh. Nein, ich habe auch einen klei- nen Witz gemacht, mein Lieber. Ich sagte, ›ich kann nicht‹, weil Seine Hochherzigkeit mir mitteilte, er würde in der Stadt bleiben.« Der Oberste Palastdiener gab ihm einen Rippenstoß. »Hah, du hättest dein Ge- sicht sehen sollen. Dabei war mein Witz lange nicht so kräftig wie deiner. Haha, du siehst komisch aus.« Hugh entschuldigte sich, ging in seine Räume, nahm ein gründliches Bad und dachte nach bis zum Abend- essen. Er nahm einen Schluck ›Freude‹, um dem Abendessen gewachsen zu sein. Jetzt wußte er, wes- halb ›Schweinefleisch‹ so fettig schmeckte. Er hatte zwar das Gefühl, daß die Diener wirkliches Schweine-, fleisch erhielten, aber dennoch schwor er sich, nie wie- der auch nur eine Scheibe Schinken anzurühren. Doch beim Essen war er sogar in der Lage, Memtok anzugrinsen, als er das Essen für oben kostete. »Fett?« fragte er. »Schlimmer als sonst. Koste.« »Nein, danke. Ich dachte es mir. Da würde ich noch besser schmecken – obwohl ich ziemlich zäh bin. Aber Vetter Gnou hat vielleicht die Mittel, mich weich zu klopfen.« Memtok schien vor Lachen beinahe zu ersticken. »Oh, Hugh, mach nie wieder solche Witze, wenn ich gerade beim Essen bin. Du bringst mich noch um.« »Ich wäre untröstlich.« Hugh spielte mit dem Fleisch, schob es zur Seite und aß ein paar Nüsse. An diesem Abend schrieb er noch lange, nachdem Muschi zu Bett gegangen war. Er mußte unbedingt Barbara informieren, wenn auch nur über diese unsi- chere Verbindung mit Muschi. Ein Kode. Ein Kode, den Barbara als solchen erkennen würde, ohne daß er ihn erklären mußte. Und doch durften die anderen nichts durchschauen. So lautete seine endgültige Fassung: Liebling, wenn ich mich an die Diskussionen erinnere, die Du mit mir über Edgar Allan Poe hattest, finde ich das Leben hier langweilig. Diesen Dichter zu lesen, machte wirklich Spaß., Wenn Du Lust hast, kannst Du auf diesem Wege mit mir über ihn diskutieren. Antworte bald. Ich bin über jeden kleinen Brief ebenso erfreut wie du. Hugh Da Hugh gegenüber Barbara noch nie ein Sterbens- wörtchen über Edgar Poe verloren hatte, war er sicher, daß sie die Botschaft kritisch untersuchen würde. Hof- fentlich fand sie das Schema heraus: Wenn Du das lesen kannst antworte ebenso. Er legte den Brief zur Seite und machte sich an eine weitaus schwierigere Arbeit. Er hätte in diesem Au- genblick seine Seligkeit für eine Kerze gegeben. In seinen Räumen befanden sich glühende Kugeln, die ein mildes Licht verbreiteten. Hugh wußte nicht, woraus sie bestanden. Sie strahlten keine Wärme ab, schienen nicht von Strom gespeist zu sein und wurden mit Hilfe kleiner Kurbeln eingeschaltet. Ein ähnliches Licht, von der Größe eines Golfballes etwa, befand sich an seinem Leseapparat. Wenn man die Lampe drehte, leuchtete sie auf. Er versuchte die kleine Lampe abzuschrauben., Schließlich gelang es ihm, allerdings unter Verlust der oberen Fassung. Er hielt einen kleinen leuchtenden Ball in der Hand, dessen Licht man nicht ausschalten konnte – und das war ebenso unangenehm wie kein Licht. Aber wenn er es unter sein Gewand in die Achsel- höhle klemmte, mußte es gehen. Es schimmerte kaum durch. Noch einmal sah er nach, ob Muschi wirklich schlief, dann drehte er die Lichter aus, öffnete die Gangtür und sah hinaus. Der Gang war alle fünfzig Meter von einer Stehlampe erhellt. Leider mußte er diesen Weg gehen. Er hatte zu dieser Stunde keine Be- leuchtung mehr erwartet. Er fühlte nach dem ›Messer‹, das er sich an den lin- ken Arm gebunden hatte. Durch geduldiges Wetzen mit einem im Garten gefundenen Stein hatte er das Stahlstück mit einer leidlichen Schneide versehen. Es war die einzige Waffe und zugleich das einzige Werk- zeug, das er für den Notfall besaß. Er hatte einen Einstieg ausgewählt, der in der Nähe der Krankenstation lag. Wenn man ihn im Gang er- wischte, konnte er immer noch vortäuschen, er sei auf der Suche nach dem Arzt. Der Deckel zum Einstiegloch klappte mittels eines Scharniers leicht zurück. Aber als sich Hugh nach un- ten gleiten ließ, stieß er schon auf die erste Schwierig- keit. Die unterirdischen Reparaturtunnel waren für kleine Menschen angelegt. Dennoch gelang es ihm, sich hindurchzuzwängen., Er fragte sich, wie er es mit den Babys auf dem Arm schaffen sollte. Ach was, dachte er, es mußte einfach gehen. Im letzten Augenblick bemerkte er, daß sich der Deckel automatisch schließen wollte. Da war ein Fe- dermechanismus, den er zuvor nicht gesehen hatte. Hugh hatte beschlossen, die Chance zu nützen, wenn er am anderen Ende alles ruhig vorfand. Er woll- te Barbara aufwecken, sie mit den Kindern in den Tun- nel bringen und das Wachsystem überwinden, bevor der Tag anbrach und bevor man die Hunde auf sie hetzte. Immer weiter. Ohne Nahrung, mit einem provi- sorischen Messer, ohne Ausrüstung, mit einem ›Nacht- hemd‹ als Kleidung und ohne Hoffnung, etwas Besse- res ergattern zu können. Aber frei sein. Vielleicht konnten seine Zwillingssöhne einmal den Kampf gegen diese entsetzliche Staatsform aufnehmen. Sie würden stärker sein als die verweichlichten Palast- bewohner. Er änderte seinen Plan nicht grundlegend. Auch der Federmechanismus konnte ihn nicht aus dem Gleich- gewicht bringen. Das bedeutete lediglich, daß er sich mit Barbara in Verbindung setzen und eine Zeit mit ihr vereinbaren mußte, denn sie würde die Luke am anderen Ende öff- nen müssen. Heute konnte er nur den Weg auskund- schaften. Sein Instinkt warnte ihn, das Messer zwischen die Federn zu klemmen. Wenn es nun nicht stark genug war? Dann saß er hoffnungslos in der Falle., Eine halbe Stunde arbeitete er, die Lampe zwischen die Zähne geklemmt, an dem Mechanismus. Als es ihm schließlich gelang, die Feder zu zerbrechen, schwitzte er am ganzen Körper. Er schloß den Deckel, der von außen ganz normal aussehen mußte, von innen aber einfach angehoben werden konnte. Hugh kroch auf allen vieren vorwärts. Er fluchte. Das hemdartige Gewand wickelte sich um seine Beine und rutschte wieder herunter, wenn er es hochzurollen versuchte. Erst als er es auszog, kam er einigermaßen schnell vom Fleck. Aber oft genug war er gezwungen, flach auf dem Bauch unter Rohren und Ventilen hin- durchzukriechen. Er hatte keine Ahnung, wohin ihn letztlich der Weg führte. Aber alle dreißig Meter verliefen Quertunnels, die er zählte und mit der Zeichnung des Ingenieurs in Einklang zu bringen versuchte. Unter zwei Einstiegluken hindurch, scharfe Links- kurve an der nächsten Luke, fünfzig Meter flach da- hinkriechen, wieder ein Einstiegloch … Nach mehr als einer Stunde war er unter dem Ein- stiegloch angekommen, das Barbaras Zimmer am nächsten sein mußte. Wenn er sich nicht verlaufen hatte – wenn er sich genau an die komplizierte Zeichnung erinnerte – wenn die Zeichnung richtig war. Und wenn Muschi wirklich wußte, was sie gesagt hatte. Er zwängte sich in den engen Schacht und preßte sein Ohr gegen den Deckel. Er hörte ein kleines Kind weinen. Zehn Minuten später vernahm er unterdrückte, Frauenstimmen. Jemand trat auf den Deckel. Hugh schob sich rückwärts wieder in den Tunnel. Erst nach einiger Zeit verbreiterte sich der Gang so, daß er sich umdrehen konnte. Allmählich stieg in ihm der Gedanke hoch, er habe sich verirrt. War er nicht schon Stunden unterwegs? Aber er kroch verbissen weiter. Seine Hände fanden das Gewand, bevor er es sah. Fünf Minuten später hatte er es angezogen. Sieben Mi- nuten später befand er sich in seinen Räumen. Muschi war wach. Er merkte es erst, als sie ihm ins Bad folgte. »Du liebe Güte«, sagte sie mit schreckgeweiteten Augen. »Deine armen Knie! Und deine Ellbogen!« »Ich stolperte und fiel hin.« Sie sagte nichts darauf, sondern begann ihn zu ba- den und seine Wunden zu reinigen. Als sie auch sein Gewand aufnehmen wollte, befahl er ihr scharf, ins Bett zu gehen. Er hatte das Messer in den losen Falten versteckt und fürchtete, sie könnte es entdecken. Muschi ging schweigend hinaus. Hugh versteckte das Messer an seinem üblichen Platz, viel zu hoch für Muschi. Als er das Wohnzimmer betrat, sah er, daß die Kleine weinte. Er streichelte und tröstete sie und gab ihr eine Sonderration ›Freude‹. Erleichtert sah er, daß sie einschlief. Er versuchte gar nicht erst, ohne das gleiche Hilfs- mittel einzuschlafen. Muschis Hand war unter der Bettdecke hervorgerutscht, und sie erinnerte Hugh an jene kleine Hand, die er zwölf Stunden vorher auf dem, Boden des Schlachtraumes hatte liegen sehen. Er war erschöpft, und das Glas ›Freude‹ sorgte da- für, daß er schnell einschlief. Doch er fand keine Ruhe. Er träumte von einem Essen in vornehmer Gesell- schaft. Doch das Menu mißfiel ihm. Ungarischer Gu- lasch … chinesische Nudeln … Bauernsalat … Ham- burger … Wiener Würstchen … doch alles bestand aus Schweinefleisch. Sein Gastgeber bestand darauf, daß er jedes Gericht probierte. »Keine Scheu«, erklärte er mit hinterlistigem Lächeln. »Du weißt doch gar nicht, ob du es nicht magst. Und ich wette, es wird dir gefallen.« Hugh stöhnte, doch er konnte nicht aufwachen. Muschi war beim Frühstück schweigsam, was Hugh sehr gelegen kam. Zwei Stunden Schlaf, noch dazu voll von gräßlichen Träumen, war zu wenig. Dennoch mußte er in sein Büro gehen und so tun, als arbeite er. Als er sich gegen Mittag zu einem Schläfchen weg- stehlen wollte, klopfte der Ingenieur an seine Tür und bat ihn schüchtern, den Kostenvoranschlag durchzule- sen. Nachdem Hugh eine Zeitlang die Zahlen ange- starrt hatte, schrieb er seine Befürwortung darunter und komplimentierte den Mann hinaus. An diesem Abend kam ein Brief von Barbara, in dem sie die Idee eines literarischen Gedankenaustau- sches herrlich fand. Aber Hugh war nur an den Diago- nalzeilen interessiert. Habe ich, richtig gelesen? Liebling wir müssen in spätestens sechs Tagen fliehen sei berät Freiheit ist hart. Während der nächsten Tage gingen ausführliche Briefe hin und her, die sich eingehend mit Mark Twain und seinem Wert für die Weltliteratur beschäftigten. Barba- ra erfuhr, daß Hugh ein Messer hatte und daß sie die Luke öffnen müsse. Hugh erfuhr, daß Barbara keine Schuhe besaß und daß sie Angst hatte, die Zwillinge könnten durch ihr Gebrüll die Zimmerkolleginnen aufwecken. Aber Hugh sollte sich keine Sorgen ma- chen, sie würde es schon schaffen. Hugh machte den schrecklichen Weg noch einmal, um eine Flasche ›Freude‹ für Barbara bereitzustellen, die sie ihren Kolleginnen geben sollte. Vielleicht konn- ten auch den Zwillingen ein paar Tropfen nicht scha- den., Der Weg lohnte sich. Hugh wurde nicht nur siche- rer, er konstruierte auch zwei Schlingen, in die sie die Babys legen konnten, damit sie sie beim Vorwärtskrie- chen nicht behinderten. Es war schwer, aber nicht un- möglich. Diesmal wachte Muschi nicht auf. Er hatte ihre Ra- tion ›Freude‹ erhöht. In seinem letzten Brief fügte er ein Postscriptum über Hemingway bei, der in einem seiner Werke sagte: ›Freiheit ist das Los der Einsamen‹ und so fort. In dieser Nacht gab er Muschi die übliche Ration und fügte hinzu: »Nicht mehr viel in der Flasche. Du kannst sie leer machen. Dann hole ich morgen eine neue.« »Oh, ich würde mich schrecklich benehmen. Und dann schickst du mich vielleicht fort.« »Aber nein. Vergnüg dich. Das Leben ist kurz.« Eine halbe Stunde später half er ihr ins Bett. Er blieb bei ihr, bis sie fest schnarchte. Plötzlich kniete er nie- der und küßte sie zum Abschied. Ein paar Minuten später befand er sich im Tunnel. Er zog sein Gewand aus und legte es auf das kleine Häufchen, das seine Habseligkeiten enthielt: Essen, Sandalen, die Perücke und zwei Töpfe mit Make-up. Er erwartete nicht, daß sie sich schminken mußten, aber wenn sie bei Tageslicht die Berge noch nicht er- reicht hatten … Ohne Rücksicht auf seine Ellbogen und Knie zu nehmen, eilte er vorwärts. Als er den Platz unter Bar- baras Zimmer erreicht hatte, sah er, daß die Flasche, fort war. Er machte es sich so bequem wie möglich. Sein Herz klopfte, und sein Atem ging schnell. Er be- ruhigte sich nur langsam. Doch dann hob sich plötzlich der Deckel. Barbara verriet sich durch keinen Laut. Sie reichte ihm die schlafenden Babys hinunter und zwängte sich dann selbst durch den engen Spalt. Schluchzend klammerte sie sich an ihn. Er flüsterte ihr zu, ganz still zu sein und gab seine letzten Anord- nungen. Sie kamen schnell voran. Dennoch schien es eine Ewigkeit, bis sie bei Hughs Bündel angekommen wa- ren. Sie lösten die Babys aus den Schlingen und schöpften Atem. Er zeigte ihr, wie sie die Lampe zwi- schen den Zähnen halten mußte. »Ich ziehe nichts an«, flüsterte er. »Wenn jemand im Gang ist, wäre mir das Gewand beim Kampf hin- derlich. Ist oben alles klar, reichst du mir das Gepäck und die Kinder ganz schnell heraus und kommst nach. Du mußt alles tragen, weil ich die Hände für einen eventuellen Kampf brauche. Verstanden?« Sie nickte. »Viel Glück.« »Du folgst mir bis zum Lagerraum. Vermutlich be- gegnet uns niemand. Dort drinnen kannst du dann mei- ne Sandalen anprobieren.« »Meine Füße sind abgehärtet. Fühl mal.« »Gut. Dann tragen wir die Schuhe abwechselnd. Ich habe ein paar Eisenstangen entdeckt, mit denen wir die zweite Tür aufbrechen können. Es dürfte bis zum Früh- stück dauern, bevor sie entdecken, daß wir geflohen, sind. Das schaffen wir.« »Natürlich.« »Noch eines, Barbara. Ich muß den Deckel schlie- ßen. Es könnte lange dauern, bis ich wiederkomme. Glaubst du, du hältst es mit den Babys hier vierund- zwanzig Stunden aus?« »Wenn es sein muß, Hugh, tue ich alles.« Er küßte sie. »Und jetzt nimm das Licht. Ich sehe mich draußen um.« Er hob den Deckel und ließ ihn wieder zufallen. »Wir haben Glück«, flüsterte er. »Sogar das Ganglicht ist ausgeschaltet. Reich mir die Kinder nach oben.« Er stieß den Deckel ganz auf und kroch hinaus. Dann richtete er sich auf. Ein Lichtstrahl traf ihn. »Bleib stehen«, sagte Mem- tok. Hugh stieß seine Hand so schnell vor, daß die Peit- sche durch den Gang geschleudert wurde, bevor sie Unheil anrichten konnte. Hugh war sicher, daß er dem Mann das Genick gebrochen hatte. Sofort kniete er nieder. »Schnell. Alles heraus.« Barbara übergab ihm die Kinder und das Bündel. »Licht«, flüsterte er. »Seine Lampe ging aus. Ich muß ihn verstecken.« Hugh schob den leblosen Körper in die Einstiegslu- ke. Barbara hatte die Kinder und das Bündel wieder aufgenommen. »Wir machen weiter. Bleib dicht hinter mir.« Hugh tastete sich an der Mauer entlang. Er sah nicht die Peitsche, die ihn traf. Nur der Schmerz durchzuckte ihn., Lange Zeit kannte Hugh Farnham nichts als diesen Schmerz. Als er endlich nachließ, sah er, daß er sich in einer jener Arrestzellen befand, in denen er die ersten Tage seiner Gefangenschaft verbracht hatte. Er war seit drei Tagen hier. Er glaubte es wenig- stens, denn er war sechsmal gefüttert worden. Er wußte immer, wann sie da waren – denn dann pflegte ihn das unsichtbare Kraftfeld zu umgeben. Keiner der Diener, die er anzusprechen versuchte, antwortete ihm. Nach etwa drei Tagen fand er sich zu einer unerwar- teten Stunde von dem Kraftfeld eingehüllt, und sein früherer Kollege und ›Vetter‹, der Arzt, trat ein. Hugh hatte einen bestimmten Verdacht. Sein Gefühl wurde zur Überzeugung. Er bat, vor den Lordprotektor ge- führt zu werden. Er bettelte, er schrie. Der Chirurg sagte nichts. Er beschäftigte sich mit Hughs Hüfte und ging wieder hinaus. Zu seiner Erleichterung wurde Hugh nicht bewußt- los, aber er merkte, daß er sich nicht bewegen konnte, als das Kraftfeld ihn freigab. Kurz darauf kamen zwei Diener herein, nahmen ihn auf und legten ihn in eine sargähnliche Kiste. Hugh wurde auf ein Schiff gebracht. Man legte die Kiste irgendwohin, und es schien Minuten, Stunden, Tage zu dauern, bis sie sich wieder in Bewegung setz- te. Dann stieß man ihn wieder in eine Gefängniszelle. Er wußte, daß es nicht die gleiche wie früher war. Die, Wände waren hellgrün gestrichen. Als man ihm das Essen hinstellte, hatte er sich wieder erholt. So ging es hundertzweiundzwanzig Mahlzeiten lang. Hugh ritzte sich mit dem Fingernagel in den lin- ken Arm, um nicht den Zeitsinn zu verlieren. Das nahm täglich etwa fünf Minuten in Anspruch. Den Rest der Zeit verbrachte er in Sorgen und Beunruhi- gung. Der Schlaf war noch schlimmer als das Wachsein, denn oft wiederholte sich im Traum der Fluchtversuch. Und immer endete er so schrecklich wie in Wirklichkeit. Er wachte meist schluchzend auf und rief nach Barbara. Um Barbara machte er sich die größten Sorgen – und um die Zwillinge, obwohl sie ihm noch nicht so viel bedeuteten wie seiner Frau. Er hatte noch nie ge- hört, daß eine Frau eine strenge Strafe erlitt. Aber er hatte auch noch nie von einer Frau gehört, die einen Fluchtversuch unternommen hatte. Er wußte nicht, was Barbara erwartete. Doch er wußte, daß der Lordprotektor das Fleisch von jungen Frauen bevorzugte. Er versuchte sich einzureden, daß Ponse so etwas nicht tun würde, solange eine Frau noch stillte. Und das konnte noch lange dauern. Auch um Muschi hatte er Angst. Würde man das Kind für etwas bestrafen, wofür es nichts konnte? Eine unschuldige Zeugin? Wieder wußte er es nicht. Es gab hier eine Art ›Gerechtigkeit‹. Sie nahm einen großen Teil der Beschreibungen in den religiösen Werken ein. Aber sie hatte so wenig Ähnlichkeit mit der Rechtspre-, chung seiner Kultur, daß es ihm zu mühsam gewesen wäre, das Zeug zu lesen. Seine meiste Zeit brachte er damit zu, darüber nach- zudenken, was er getan hätte, wenn … Jetzt sah er ein, wie sträflich unvollkommen seine Vorbereitungen gewesen waren. Er hätte sich nie zu so einem hastigen Vorhaben drängen lassen sollen. Besser wäre es gewesen, wieder die Verbindung zu Joseph anzuknüpfen, für ihn zu arbeiten und zu bitten, Barbara und die Kinder zu adoptieren. Joe war liebenswürdig, und der alte Ponse zeigte sich gern als der großzügige Gönner. Möglicherweise hätte er ihm die drei nutzlo- sen Sklaven sogar geschenkt. Die Jungen wären wohl- behütet aufgewachsen, und Hugh hätte es in der Zwi- schenzeit zu einem angesehenen Diener gebracht. Schließlich besaß er Kenntnisse wie keiner der anderen Sklaven. Und wenn er das Land und seine Gewohnheiten besser kannte, war es immer noch möglich, auf Flucht zu sinnen. Ja, er war zu hastig vorgegangen. Es gab noch andere Möglichkeiten. Einen Sklaven- aufstand zum Beispiel. Wenn man die Tunnels als ge- heime Treffpunkte wählte und den armen Sklaven Le- sen und Schreiben beibrachte. Schwüre, die die Ver- bündeten zu Blutsbrüdern machte. Messer, die heim- lich aus Stahlresten hergestellt wurden. Diese Träume liebte er. Aber er glaubte nicht an sie. Würden diese folgsamen Schafe je rebellieren? Nur weil er zufällig wie sie aussah, war er zu ihnen gezählt worden. Aber er hatte andere Anlagen. Jahrhunderte-, lange Zuchtwahl hatte sie so klein werden lassen, daß sie wie Schoßhunde neben einem Wolf wirkten. Hugh erinnerte sich an ein Gebiet in Pernambuco, daß er während seiner Zeit bei der Navy besucht hatte. Dort waren die reichen Plantagenbesitzer, gutausgebil- dete, kultivierte Menschen schwarz gewesen, während ihre Feldarbeiter überwiegend weiß waren – Weiße, die ganz offensichtlich nicht in der Lage waren, eine anspruchsvollere Arbeit zu bewältigen. Nachdem er wieder in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, hatte er irgendwann aufgehört, von diesem Erlebnis zu erzählen. Niemand hatte ihm die Geschichte so recht geglaubt, in der Regel stieß er sogar auf vehemente Ablehnung – sogar bei den Weißen, die viel Wind dar- um machten, wie besorgt sie angeblich waren, dem amerikanischen Neger zu einem angemessenen Platz innerhalb der Gesellschaft zu verhelfen. Hugh hatte den Eindruck gewonnen, alle diese so fürsorglichen Menschen seien lediglich bestrebt, die Schwarzen so- lange zu fördern, bis sie sich beinahe auf ihrem Niveau befanden. Die Vorstellung, die Dinge könnten sich tat- sächlich einmal umkehren, war ihnen hingegen zuwi- der. Hugh hatte erlebt, daß sich die Dinge grundlegend geändert hatten, und was einmal geschehen war, moch- te sich eines Tages wiederholen. Doch Hugh wußte, daß die Situation insgesamt er- heblich komplexer war. Viele Bürger des alten Roms waren pechschwarz gewesen, und viele der römischen Sklaven so blond, wie Hitler es gerne selbst gewesen, wäre. Insofern konnte jeder ›weiße‹ Europäer sicher sein, auch einen Schuß schwarzen Blutes in seinen Adern zu haben. Und manchmal mehr als nur einen Schuß. Da hatte es doch diesen Senator aus den Süd- staaten gegeben – sein Name war ihm entfallen –, der seine ganze politische Karriere auf der These der ›wei- ßen Überlegenheit aufgebaut hatte. Der alte Knabe drohte an Krebs zu sterben und benötigte eine ganze Reihe Bluttransfusionen – und seine Blutgruppe sprach mit einer Wahrscheinlichkeit von zweihundert zu eins dafür, daß er nicht nur etwas Kohlenstaub abbekom- men hatte, sondern gleich ein ganzes Brikett. Ein Na- vy-Sanitäter hatte ihm die Sache ausführlich erklärt und auch anhand medizinischer Fachliteratur nachge- wiesen. Dennoch würde sich die Rassenfrage vermutlich niemals zufriedenstellend lösen lassen, denn kaum je- mand wollte die Wahrheit erfahren. Was hatte es beispielsweise mit dem Gesang auf sich? Hugh hatte immer den Eindruck gehabt, zu seiner Zeit seien die Schwarzen in der Regel die besseren Sänger gewesen. Die meisten Menschen teilten diese Ansicht. Sogar jene, schwarz oder weiß, die ansonsten lauthals die Gleichheit aller Rassen verkündeten, wa- ren sich einig, daß die Neger auf diesem speziellen Gebiet allen anderen überlegen waren. Hugh fühlte sich an George Orwells Farm der Tiere erinnert, wo alle Tiere gleich waren, einige jedoch gleicher als die anderen. Nun, er wußte, wer hier nicht gleich war, trotz sei-, nes statistischen Anteils an schwarzem Blut. Nämlich Hugh Farnham. In einem Punkt stimmte er mit Joe überein: Wenn es schon Ungleichheit gab, war es er- heblich angenehmer, zur Oberschicht zu gehören. Am einundsechzigsten Tag seiner Rechnung kamen sie, badeten ihn, schnitten ihm die Nägel, rieben ihn mit Cremes ein und brachten ihn vor den Lordprotek- tor. Hugh lernte, daß er immer noch gedemütigt werden konnte. Man gab ihm nicht einmal eines der nacht- hemdähnlichen Gewänder. Aber das war wohl eine Vorsichtsmaßnahme gegenüber einem Gefangenen, der mit bloßen Händen töten konnte. Seine Begleiter waren zwei junge Auserwählte, die offensichtlich dem Militär angehörten, und Hugh war sich nicht im Zweifel dar- über, daß die Peitschen, die sie trugen, zu den stärksten ihrer Art gehörten. Sie bewegten sich über endlose Gänge, bis sie in ei- nen Raum gebracht wurden, der sehr an Ponses Bridgezimmer erinnerte. Ein riesiges Fenster gewährte einen herrlichen Ausblick auf einen tropischen Fluß. Hugh nahm das Bild kaum in sich auf. Der Lordpro- tektor war anwesend. Und Barbara mit den Zwillingen. Die Babys krabbelten auf dem Boden herum. Aber Barbara steckte bis zur Brust in dem unsichtbaren Treibsand, der sich auch sofort um Hugh schloß. Sie lächelte ihn an, sagte jedoch nichts. Verletzt schien sie nicht zu sein, aber sie wirkte mager und hatte dunkle Ringe unter den Augen., Er wollte sprechen. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu und deutete mit dem Kopf in eine Ecke. Erst jetzt bemerkte Hugh, daß Joe neben dem Lordprotektor stand und daß Grace und Duke in einer Ecke kaugum- mikauend Karten spielten. Sie gaben sich Mühe, Hughs Anwesenheit zu übersehen. Hugh hatte das Gefühl, daß Ponse krank gewesen war. Ihm war warm, obwohl er nichts am Leibe trug, während Seine Hochherzigkeit einen Schal um sich gewickelt hatte und zum erstenmal so aussah, daß man ihm sein sagenhaftes Alter glaubte. Doch als er sprach, klang seine Stimme immer noch voll und kräftig. »Ihr könnt gehen. Wir brauchen Euch nicht mehr.« Die Eskorte zog sich zurück. Seine Hochherzigkeit sah Hugh nüchtern an. Schließlich meinte er: »Na, Junge, ein ziemlich dummes Ding gedreht, was?« Er schnappte mit der Hand nach einem kleinen Ding, das sich von seinem Schoß hatte wegstehlen wollen. Es war eine kleine weiße Maus. Plötzlich hatte Hugh Mit- gefühl mit der Maus. Es gefiel ihr offensichtlich nicht an ihrem Platz, aber sie mußte bleiben, weil Maggie ihr vom Boden aus mit wachem Interesse zusah. Hugh antwortete nicht. Was hätte er auch sagen wollen? Ponse nahm die Maus in die Hand und sah ihn an. »Warum bist du so still?« »Ihr sprecht ja Englisch!« »Sieh mich nicht so entgeistert an. Ich bin Gelehrter, Hugh. Glaubst du, ich würde Leute um mich dulden, die eine mir unverständliche Sprache sprechen? Ich, kann sie sogar lesen – trotz der verrückten Schreibwei- se. Die besten Gelehrten haben mich unterrichtet, und ich hatte ein lebendes Lexikon.« Er nickte zu Grace hinüber. »Konntest du dir nicht denken, daß ich diese Bücher selbst lesen wollte? Es ist unbequem, von Übersetzungen abhängig zu sein. Im Augenblick lese ich gerade die Odyssee.« Er sprach wieder seine eigene Sprache. »Aber es geht jetzt nicht um Literatur.« Seine Hochherzigkeit winkte. Vier Sklavinnen brachten einen Tisch herein, auf dem sich ein provisorisches Messer, eine Perücke, zwei Töpfe mit Schminke, eine leere Flasche, Sanda- len, ein langes und ein kürzeres Hemd und ein überra- schend hoher Stapel Papiere befanden. Ponse setzte die kleine Maus auf den Tisch, deutete auf die Gegenstände und meinte düster: »Ich bin kein Narr, Hugh. Schließlich gehe ich mein ganzes Leben lang mit Dienern um. Noch bevor du dir selbst darüber im klaren warst, wußte ich, was du vorhattest. Ich wollte dich ohnehin entkommen lassen, sobald ich dich nicht mehr brauchte. Du hättest dir also Zeit lassen können.« »Erwartet Ihr, daß ich das glaube?« »Das ist völlig unwichtig. Ich konnte es mir nicht leisten, einen faulen Apfel lange bei den anderen zu lassen. Noch schlimmer wäre es gewesen, dich zur Adoption freizugeben. Du hättest, meinem Kontrollbe- reich entzogen, eine Verschwörung gegen mich ange- zettelt. Nein, du mußtest entfliehen.« »Selbst wenn es so ist – ohne Barbara und die Zwil-, linge wäre ich nie geflohen.« »Ich sagte schon einmal, daß du mich nicht für dumm halten sollst. Natürlich nicht. Barbara und diese goldigen kleinen Fratzen hätte ich zur rechten Zeit ein- gesetzt, um dich zur Flucht zu zwingen. Du hast mei- nen Plan zerstört. Jetzt muß ich der anderen Diener wegen ein Exempel statuieren.« Er runzelte die Stirn und nahm das grobe Messer auf. »Hast du wirklich geglaubt, daß du es damit schaffst? Nicht mal Schuhe für dein Mädchen. Wenn du nur gewartet hättest. Alles hättest du stehlen können.« »Ponse, du spielst mit mir wie mit der Maus. Du wolltest uns nicht entkommen lassen. Ich bin sicher, daß ich eines Tages auf deinem Mittagstisch aufge- taucht wäre.« »Bitte!« Der Lordprotektor schüttelte sich. »Hugh, mir ist nicht gut. Irgend jemand – vermutlich mein Neffe – hatte mich wieder mal zu vergiften versucht. Diesmal ist es ihm beinahe geglückt. Sprich also kein dummes Zeug, es dreht mir den Magen um.« Er sah Hugh von oben bis unten an. »Zäh. Nicht zu genießen. Ein alter Bulle, der noch dazu wild aufgewachsen ist. Nichts als Sehnen. Außerdem ißt ein Gentleman nie ein Mitglied seiner eigenen Familie. Du brauchst dich nicht so aufzuplustern, ich bin nicht beleidigt. Aber du hast mich herausgefordert.« Er warf einen Blick auf die Zwillinge und rief: »Hughie, hör auf, Maggie am Schwanz zu ziehen.« Das Baby gehorchte sofort. »Zu- gegeben, die zwei Kleinen wären nette Appetithappen geworden, aber ich hatte anfangs größere Dinge mit, ihnen vor. Bis ich sah, daß es nötig war, dich entflie- hen zu lassen.« Ponse seufzte. »Du glaubst mir kein Wort. Hugh, du verstehst das System nicht. So ist das mit den Dienern immer. Hast du jemals Äpfel gezogen?« »Nein.« »Ein guter Eßapfel, fest und süß, ist nie ein Natur- produkt. Er stammt von einem sauren, schrumpeligen Ding ab, das nicht einmal als Tierfutter verwendet werden kann. Er muß mit Verstand veredelt werden. Aber das ist eine zweischneidige Sache. Bei zuviel Veredelung verliert er den kernigen Geschmack und den herben Duft. Das ist bei meinen Dienern ähnlich. Die Störenfriede muß man ausschalten, indem man sie nicht als Bullen verwendet. Andererseits sind gerade diese Leute für die Erbmischung von ungeheurer Be- deutung. So operieren wir die einen und lassen die an- deren – die Allerschlimmsten – entkommen. Manche schlagen sich lebend durch. Dann können wir sie oder ihre Nachfahren retten und mit einer Linie kreuzen, die schon zu gehorsam, dumm und fett geworden ist. Un- ser armer Freund Memtok war das Ergebnis einer sol- chen Mischung. Aber das wußte er natürlich nicht. Ein hervorragender Bulle. Jedoch eine viel zu gefährliche Kreuzung, als daß wir ihn lange als Bullen hätten be- schäftigen können. So legten wir ihm die Vorteile einer Operation nahe. Die meisten höheren Diener sind übri- gens zum Teil wild. Der Ingenieur zum Beispiel. Er ist einer von Memtoks Söhnen. Nein, Hugh, du würdest nicht im Kochtopf landen und nicht operiert werden., Du wärst ein guter Unterhalter – und Bridge spielen kannst du auch ganz ordentlich. Aber du hättest dich bald der Untergrundbewegung angeschlossen. Meine treuen Diener sind nicht so harmlos, wie sie aussehen.« Hugh sagte nichts. »Bist du überrascht? Eine Untergrundbewegung gibt es überall, wo es Herrschende und Dienende gibt. Man müßte künstlich eine schaffen, wenn es sie nicht gäbe. Nun, wir überwachen sie und nutzen sie oft genug für unsere Zwecke aus. Bei den oberen Dienern ist der Arzt der Kontaktmann. Wenn du dich ihm anvertraut hättest, wäre dir die Flucht vermutlich geglückt. Aber erst nachdem du bei einigen Frauen für Nachwuchs gesorgt hättest. Sieh mich nicht so verblüfft an, auch Seine Gnade braucht manchmal Bullen, die sich bük- ken müssen, wenn sie den Harem betreten.« Seine Hochherzigkeit nahm den Stapel Papiere auf, die Muschi dem Obersten Palastdiener zur Kopie über- geben hatte. »Diese Zettel – Memtok sollte dich nur davon abhalten, etwas Dummes zu machen. Er wollte sie mir erst gar nicht übergeben. Weißt du, wann ich zum erstenmal dachte, daß du dich mit Barbara in Ver- bindung setzen würdest? Als du bei unserem ersten Bridgespiel so für sie eintratest. Erinnerst du dich noch? Na, vermutlich nicht mehr. Jedenfalls schickte ich nach Memtok – und er mußte zögernd zugeben, daß die Sache schon angefangen hatte.« Hugh hörte kaum zu. Ihm war der Gedanke gekom- men, daß Ponse ihm Dinge anvertraute, die sonst kein Lebender wußte. Keiner von ihnen würde diesen Raum, verlassen. Nun, vielleicht die Zwillinge. Ponse brauch- te sie für seine Erbmischung. Aber für sein und Barba- ras Leben gab er nicht viel. Doch dann hörte er Ponse sagen: »Du hast immer noch die Chance, deine Fehler gutzumachen. Du warst viel zu unvorsichtig. Die eine Notiz, die ich nicht lesen konnte, übergab ich meinen Gelehrten, und sie bestä- tigten mir, daß es kein Englisch sei. So war mir natür- lich klar, daß du eine Geheimbotschaft abgeschickt hattest. Die nächsten Briefe wurden um so genauer unter die Lupe genommen, bis wir den Schlüssel fan- den. Schlau, aber doch zu naiv. Verdammt, Hugh, dein Abenteuer ist mich teuer zu stehen gekommen. Mem- tok wußte nicht, daß ein Wilder kämpft, wenn er sich in die Enge getrieben sieht.« Er runzelte ärgerlich die Stirn. »Nicht für zehntau- send Bullocks hätte ich Memtok zur Adoption freige- geben. Und dein Leben ist auch verfallen. Den Flucht- versuch könnten wir ja noch hingehen lassen. Ein paar Peitschenhiebe vor den Dienern brächten die Sache ins rechte Lot. Aber daß du das Eigentum deines Herrn zerstört hast, ist schlimm. Vor allem, weil es nicht heimlich geschah. Ist dir klar, daß dein Bettwärmer ziemlich gut wußte, was du vorhattest? Sie sah genug. Weiber schwatzen.« »Sie hat mich verraten?« »Nein, verdammt, wir mußten es aus ihr herausprü- geln. Aber als es gesagt war, wußten wir, daß sie unmög- lich bleiben konnte. Sie hatte zuviel erfahren.«, »Ihr habt sie töten lassen?« Hugh empfand Ekel vor dem alten Mann, und er sagte es ihm. »Was bedeutet sie dir? Sie hat ihren Herrn verraten. Aber ich bin nicht gehässig, das kleine Ding hatte kei- nen Sinn für Erlaubtes und Verbotenes. Du mußt sie hypnotisiert haben, Hugh. So ließ ich sie operieren – so weit weg von hier, daß sie kaum die Sprache verstehen wird.« Hugh seufzte. »Das erleichtert mich.« »War sie so gut?« »Sie war unschuldig. Es wäre schrecklich gewesen, wenn sie für mich hätte büßen müssen.« »Na, schön, Hugh, du kannst die Sache wiedergut- machen, und es soll gleichzeitig dein Schaden nicht sein.« »Wie?« »Ganz einfach. Du hast mich um meinen besten Diener gebracht. Ersetze ihn. Jeder Sklave, der auch nur eine Ahnung von den Vorgängen hatte, wird zur Adoption freigegeben. Und du kannst über Memtoks Tod irgendeine Geschichte erfinden. Barbara, wirst du schweigen?« »Wenn es für Hugh ist, selbstverständlich.« »Gutes Kind. Es wäre schlimm, wenn ich dich hätte stumm machen müssen. Das stört beim Bridgespiel. Hugh, klingt das nicht verlockend? Du wirst Oberster Palastdiener und kannst Barbara und die Zwillinge bei dir haben. Was du ja immer wolltest. Was sagst du da- zu?« Hugh war so verwirrt, daß er nicht sofort zustimmen, konnte. Seine Hochherzigkeit fügte hinzu: »Nur eines: Sofort kannst du sie nicht zu dir nehmen.« »Nein?« »Nein. Vor der Operation brauche ich dich noch zur Verbesserung der Erbmasse.« »Nein, das …«, sagte Barbara. Aber Hugh Farnham unterbrach sie. »Warte, Barba- ra. Ponse, was geschieht mit den Jungen? Läßt du sie kastrieren?« Ponse dachte nach. »Du machst es mir nicht leicht, Hugh. Angenommen, sie werden nicht operiert. Ich behalte sie als Bullen – ohne ihnen die Daumen abzu- schneiden. Ein schlechtes Geschäft, da sie viel zu groß für Bullen sind. Mit vierzehn oder fünfzehn müßte ich sie entfliehen lassen. Ist es dir so recht?« Der alte Mann wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. »Verdammt, du machst mich müde« Hugh wägte die Worte des Lordprotektors ab. »Pon- se, in vierzehn oder fünfzehn Jahren lebst du vielleicht nicht mehr.« »Das stimmt, aber es ist unhöflich, das zu sagen.« »Kannst du unsere Abmachung auch für deinen Er- ben bindend machen? Für Mrika?« Ponse rieb sich über das Haar und grinste. »Du bist eisern, Hugh. Ein herrlicher Palastdiener! Natürlich kann ich nicht, deshalb will ich ja, daß du aushilfst, solange die Jungen noch nicht erwachsen sind. Ich kann dich in meine Grabeskorte aufnehmen, wenn du willst, oder du verständigst dich mit Mrika. Das über-, lasse ich völlig dir.« Hugh dachte noch über die Möglichkeiten nach, als sich Barbara wieder zu Wort meldete. »Eure Hochher- zigkeit …« »Ja, Kind?« »Schneidet mir lieber gleich die Zunge heraus. Be- vor ich diesen Raum verlasse. Denn ich will mit die- sem verfluchten Plan nichts zu tun haben. Und ich werde nicht schweigen. Nein!« »Barbara, du bist doch kein braves Mädchen.« »Ich bin kein Mädchen. Ich bin eine Frau und Mut- ter. Nie wieder nenne ich dich Onkel – du bist ein ge- meiner Kerl. Was soll dein Angebot? Du willst, daß mein Mann diesem scheußlichen Vorhaben zustimmt und gibst ihm dafür großzügig ein paar Jahre Leben mehr. Solange Gott dich noch atmen läßt. Was dann? Du betrügst. Wir werden sterben. Oder wir sind dei- nem Neffen ausgeliefert, der noch schlimmer ist als du. Oh, ich weiß genau, wie die Bettwärmer weinen, wenn sie bei ihm dienen müssen. Selbst wenn du Hugh alle Reichtümer der Welt anbieten würdest, dürfte er nicht annehmen. Ich würde mich und die Zwillinge töten. Und ich weiß, daß er sich selbst auch töten würde.« Sie brach in Tränen aus. Seine Hochherzigkeit blieb ruhig. »Hughie, ich sag- te dir doch, du solltest die Katze nicht ärgern. Sie wird dich kratzen.« Langsam erhob er sich. »Sprich du mit ihnen, Joe.« Er verließ den Raum. Joe seufzte und kam näher. »Barbara«, sagte er, »be- ruhige dich doch. Du schadest Hugh nur damit. Rede, ihm zu. Schließlich verliert ein Mann in Hughs Alter nicht viel dadurch.« Barbara sah ihn an, als habe sie ihn noch nie zuvor gesehen. Dann spuckte sie ihm ins Gesicht. Er sprang auf und hob die Hand. Hugh sagte scharf: »Joe, wenn du sie anrührst, dann breche ich dir den Arm, sobald ich frei bin.« »Ich wollte sie nicht schlagen«, erwiderte Joe lang- sam. »Ich war nur im Begriff, mir das Gesicht abzuwi- schen. Ich bewundere Barbara. Nur glaube ich nicht, daß sie im Augenblick die nötige Ruhe zu einer richti- gen Entscheidung besitzt.« Er wischte sich mit einem Taschentuch über das Gesicht. »Aber es hat wohl kei- nen Sinn, mit euch zu diskutieren.« »Nein. Entschuldige, Joe, daß ich gespuckt habe.« »Schon gut, Barbara. Du bist aufgeregt – und du hast mich nie als ›Nigger‹ behandelt. Nun, Hugh?« »Barbara hat entschieden. Und ich gebe ihr recht. Es hat keinen Sinn, am Leben zu bleiben. Selbst wenn man mich nicht operiert.« »Es tut mir leid, daß du das sagst, Hugh. Ist das dein letztes Wort?« »Ja.« »Nun – lebt wohl, Hugh und Barbara.« Er ging hin- aus. Der Lordprotektor kam allein zurück. Er bewegte sich mühsam. »So habt ihr also entschieden«, sagte er und wickelte den Schal enger um sich. Er griff sich die Maus, die immer noch auf dem Tisch kauerte. »Ich kann nicht sagen, daß ich überrascht bin. Schließlich, habe ich mit euch beiden Bridge gespielt. Aber nun zurück zu eurem Schicksal. Hierbleiben könnt ihr nicht. Also werde ich euch zurückschicken.« »Wohin, Ponse?« »In eure Zeit. Wenn ihr es schafft.« Er streichelte die Maus. »Möglich ist es. Der kleine Kerl da schaffte es. Vor vierzehn Tagen. Und ihm geschah nichts da- bei.« Diener kamen herein und stapelten auf dem Tisch ein Paar abgetragene Bergstiefel, ein Jagdmesser, zwei Paar Blue jeans, von denen eines im Bund sehr weit war, einen Pistolengürtel mit zwei 45ern, Streichhölzer und ein kleines Notizbuch. Ponse warf einen Blick auf die Sammlung. »Fehlt noch etwas? Wenn nicht, dann zieht euch an.« Das unsichtbare Feld gab sie frei. »Warum seid ihr denn so überrascht?« wollte Ponse wissen. »Hugh, du weißt doch, daß meine Wissen- schaftler herausbringen sollten, wie ihr hierherkamt. So machten sie sich an die Arbeit. Es gelang ihnen, die kleine Maus in die Vergangenheit zu schicken. Heute kam sie zurück, und ich ließ euch holen. Mal sehen, ob die große Maschine ebenso gut arbeitet wie das Mo- dell. Soweit ich das verstanden habe, geht es dabei nicht so sehr um die Energiemenge – eine Atom- Bombe ist also nicht erforderlich – als vielmehr um die präzise Dosierung der Energie. Aber das werden wir ja, bald genau wissen.« »Wie kannst du das wissen?« erkundigte sich Hugh. »Sicher, wir erfahren es – aber du?« »Ach. Meine Wissenschaftler sind gar nicht so dumm, wenn man sie nur genügend anspornt. Einer von ihnen wird dir die Sache erklären.« Ponse rief die Wissenschaftler herein – zwei Auser- wählte und fünf Diener. Sie wurden Hugh nicht vorge- stellt. Er fand, daß man ihn ebenso unpersönlich be- handelte wie die kleine weiße Maus. Hugh mußte das Hemd ausziehen, und zwei der Diener schnallten ihm ein kleines Paket an die rechte Schulter. Es war überra- schend schwer. »Was ist das?« Die Diener antworteten nicht. Einer der Auserwähl- ten winkte Hugh herbei. »Komm her. Verstehst du, was das ist?« Es war eine Karte von James County. Hugh nickte. »Dann weißt du auch, daß du hier angekommen bist?« Der Finger des Mannes deutete auf die Stelle, wo früher Hughs Haus gestanden hatte. Wieder nickte Hugh. »Und was ist das?« Er zeigte auf ein kleines Kreuz, neben dem ein paar Zahlen standen. »Ein Landvermessungszeichen. Gibt die genaue La- ge an. Man kann die übrige Karte mit diesem Punkt vergleichen.« »Ausgezeichnet.« Der Auserwählte deutete auf ein ähnliches Zeichen am Gipfel des Mount James. »Und nun sag uns, wieviel Toleranz zwischen diesen beiden Vermessungszeichen besteht.«, Hugh dachte nach. Dann deutete er zwischen Dau- men und Zeigefinger eine Spanne von etwa einem Zoll an. Der Auserwählte starrte ihn an. »Unmöglich. In diesem primitiven Zeitalter? Du lügst, oder du weißt nicht, was du sagst.« »Ich würde eher annehmen, daß du nicht weißt, was du sagst. Ich habe großzügig geschätzt.« Der Auserwählte blickte von ihm zu Ponse. Der alte Mann hatte mit ausdrucksloser Miene zugehört. »Schön. Nehmen wir an, daß das Verhältnis der beiden Marken zueinander genau ist. Und nun denk genau nach, denn dein Leben kann davon abhängen. Wo gibt es in der Nähe des Markierungszeichens einen ebenen Platz?« Hugh konnte sich noch genau an das Zeichen erin- nern. Eine Messingplatte in einem Pflasterstein vor der Southport Savings Bank. Dicht daneben der große Kundenparkplatz … Hugh zeichnete die Fläche ein. »Das ist allerdings geschätzt.« »Gut. Wenn die Stelle nur eben ist. Und nun zu dem Paket, das du an der Schulter trägst: Du kannst es als eine Art Uhr betrachten. Den Mechanismus erkläre ich dir nicht, du würdest ihn nicht verstehen. Nur soviel – es handelt sich um einen in Blei gepackten radioakti- ven Stoff, dessen Halbwertszeit gemessen wird. Du wirst das Paket hierher bringen.« Der Auserwählte deutete auf einen Punkt der Karte. Die Staatsuniversi- tät, stellte Hugh fest. »Man entdeckte kürzlich die Ruinen dieses Gebäu-, des«, erläuterte der Wissenschaftler. »Und es gibt im Keller einen Safe, der noch intakt ist. Man hat ihn bis- her nicht geöffnet. An diesem Ort wirst du die Uhr ab- stellen. Verstanden?« »Ja.« »Wir werden anschließend den Safe öffnen und die Uhr ablesen. Verstehst du, wie wichtig das für uns ist?« Der Auserwählte sah ihn streng an. »Tu genau, was ich dir gesagt habe. Sonst wirst du bestraft.« Hugh sah Ponse an. Der alte Mann lachte nicht, aber seine Augen blinzelten verdächtig. »Tu, was er sagt, Hugh.« »Gut, ich verstehe.« »Wenn es Seiner Hochherzigkeit gefällt«, wandte sich der Wissenschaftler an Ponse, »man muß ihn jetzt wiegen.« Ponse winkte ab. »Ich habe es mir überlegt. Ich möchte zusehen. Sind die Nerven in Ordnung, Hugh?« »Gewiß.« »Ich habe den anderen auch die Möglichkeit gege- ben. Joe lehnte glatt ab.« Er rief über seine Schulter zurück: »Grace! Hast du deine Meinung geändert, Kleines?« Grace sah auf. »Ponsie!« meinte sie vorwurfsvoll. »Du weißt, daß ich bei dir bleibe.« »Duke?« Der junge Mann sah nicht einmal auf. Er schüttelte einfach den Kopf. Ponse wandte sich an den Wissenschaftler. »Beeil dich.«, Bevor die vier Menschen gewogen wurden, hielt Ponse Hugh die Patronen für die 45er hin. »Hugh, kannst du vernünftig sein? Oder soll ich sie vernich- ten?« »Gib doch die Patronen einfach Barbara, Ponse. Dann komme ich nicht auf dumme Gedanken.« »Keine schlechte Idee. Hier, Barbara.« Der Wissenschaftler schien unzufrieden. »Das Ge- wicht der beiden Erwachsenen hat seit der letzten Mes- sung abgenommen, Seine Hochherzigkeit.« »Und was kann ich dagegen tun?« »Oh, nichts, nichts. Nur ein kurzer Aufschub, wenn es Seiner Hochherzigkeit nicht mißfällt. Die Masse muß genau stimmen.« Eilig schichteten die Wissen- schaftler Metallscheiben auf die Wiegeplattform. Das brachte Hugh auf einen Gedanken. »Ponse, bist du sicher, daß der Apparat funktioniert?« »Wenn ich sicher wäre, brauchte ich ihn nicht zu probieren.« »Wenn er funktioniert, werden wir Geld brauchen.« »Verständlich. Ihr hattet Gold. Oder Silber?« Ponse winkte den Wissenschaftlern. »Wartet noch mit dem Wiegen.« »Ponse, in meinem Haus müssen sich eine Menge Silberdollarbefunden haben. Sind sie noch vorhan- den?« Sie waren vorhanden, und der alte Mann hatte nichts dagegen, sie als Ausgleichsgewicht mitzugeben. Der leitende Wissenschaftler ärgerte sich über den Auf- schub, da er, wie er Ponse verständlich zu machen ver-, suchte, alles für einen bestimmten Zeitpunkt festge- setzt hatte. Ponse winkte ab. Er unterbrach den Wissenschaftler abrupt. »Stellt eben neue Berechnungen an. Basta.« Es dauerte mehr als eine Stunde, bis man den Mann ermittelt hatte, der den Mann ermitteln konnte, der wußte, wo die Habseligkeiten der Wilden gestapelt waren. Ponse brütete vor sich hin und spielte mit der Maus. Barbara stillte die Zwillinge und wickelte sie mit Unterstützung einiger Sklavinnen. Hugh bat, noch einmal ins Bad gehen zu dürfen. Und das alles änderte wiederum ihr Körpergewicht, und man mußte wieder- um von neuem beginnen. Schließlich meinte der Chefwissenschaftler: »Wenn es dem Lordprotektor nicht mißfällt, sollte man die Versuchspersonen unverzüglich in den Kasten brin- gen.« »Dann tu es.« Man rollte das kastenähnliche Gerät herein. Hugh konnte kaum aufrecht darin stehen, und es war nur we- nig Platz für alle vier. Hugh half Barbara herein, man überreichte ihnen die Babys, und Hughie begann auch sofort zu heulen. Was seinen Bruder dazu veranlaßte, mitzumachen. Ponse sah verärgert aus. »Meine Weiber haben die Fratzen verzärtelt, Hugh. Ich sehe lieber doch nicht zu. Ich bin müde. Lebt wohl – ich bin froh, daß ich euch loswerde. Keiner von euch wäre ein treuer Diener ge- worden. Aber eure Bridgespiele werden mir fehlen. Barbara, sei strenger zu den Kleinen. Aber nimm ihnen, nicht das Temperament. Sind feine Kerle.« Er wandte sich ab und ging abrupt weg. Die Einstiegluke wurde geschlossen und befestigt. Sie waren allein. Hugh küßte seine Frau. »Jetzt ist mir egal, was geschieht«, meinte Barbara. »Danach habe ich mich schon lange gesehnt. Himmel, Joey ist schon wieder naß. Wie steht es mit Hughie?« »Sie sind doch Zwillinge. Aber ich dachte, dir sei jetzt alles egal.« »Ja, schon. Aber bring das einem Baby bei. Ich gäbe eine ganze Reihe Dollar für zehn neue Windeln.« »Liebling, die Menschheit ist zumindest eine Milli- on Jahre ohne Windeln ausgekommen. Während wir vielleicht in einer Stunde sterben müssen. Also spre- chen wir nicht mehr von Windeln.« »Ich meinte ja nur – hoppla, es geht los.« »Setz dich auf den Boden und stemme die Füße ge- gen die Wand. Sonst drücken wir noch die Kinder zu Brei. Was wolltest du sagen?« »Ich wollte sagen, daß mir die Windeln im Augen- blick wirklich egal sind. Aber falls wir durchkommen, muß ich sehr praktisch denken. Und weißt du etwas Praktischeres als Windeln?« »Ja. Küssen.« »Na ja. Aber das führt zu Windeln. Liebling, nimm mal Hughie in den anderen Arm und komm ein biß- chen näher. So, jetzt haben sie uns wieder bewegt. Hugh, glaubst du, daß das Ding funktioniert? Oder werden wir plötzlich tot sein? Irgendwie kann ich mir eine Zeitreise in die Vergangenheit nicht vorstellen., Ich meine, die Vergangenheit ist doch schon abgelau- fen. Oder nicht?« »Nun ja. Aber du hast die Sache nicht ganz richtig ausgedrückt. Wenn wir diesen Zeitsprung mitmachen sollen, dann ist er bereits erfolgt. Wenn er nicht erfolgt ist, wird er auch nicht erfolgen.« »Liebling, du verwirrst mich.« »Mach dir keine Sorgen. Wenn sie uns wirklich ins James County zurückschicken, dauert es sicher noch einige Zeit, bis wir ankommen.« Er legte seinen Arm enger um sie. »Seien wir wenigstens für diese Zeit glücklich.« Sie kuschelte sich in seinen Arm. »Ganz meine Mei- nung. Liebling, wir haben es schon so oft haarscharf geschafft, daß ich mir keine Sorgen mache. Wenn wir nur zusammenbleiben. Immer.« »Immer.« Sie seufzte glücklich, legte ein nasses, schlafendes Bündel auf die andere Seite, und murmelte: »Wie am ersten Tag – im Tankraum. Wir hatten ebensowenig Platz, und es war ebenso heiß. Ich war nie glücklicher. Und damals wußten wir auch nicht, ob wir in einer Stunde noch leben würden.« »Wir hatten es nicht geglaubt. Sonst wären jetzt die Zwillinge nicht da.« »Ich freue mich darüber. Hugh? Der Tankraum war mindestens ebenso eng.« »Mädchen, du bist unersättlich. Was werden deine Söhne sagen?« »Erstens war ich fast ein Jahr von dir getrennt, und, zweitens sind deine Söhne noch zu klein, um auf schlechte Gedanken zu kommen. Komm. Du hast selbst gesagt, daß wir in einer Stunde tot sein können.« »Theoretisch stimme ich dir zu, aber die Kinder stö- ren mich. Außerdem wüßte ich nicht, wie das hier in diesem engen Raum technisch durchführbar sein könn- te.« »Du hast recht. Aber es ist eine Schande, wenn wir doch so bald sterben müssen.« »Ich verbiete dir diese Behauptung. Wir machen weiter. Egal was kommt – wir machen weiter.« »Gut. Ich biete mit.« »Das klingt besser.« »Sobald die Kleinen auch nur dreizehn Karten in ih- ren dicken Fingern halten können, müssen sie Bridge lernen. Dann gründen wir einen Familienklub.« »Sicher. Und wenn sie es nicht lernen wollen, wer- den sie operiert.« »Ich möchte dieses Wort nie, nie wieder hören.« »Entschuldigung.« »Und unsere Jungen sollen anständiges Englisch ler- nen, verstanden?« »Jawohl. Du hast recht. Durch die viele Übersetzerei mache ich eben ab und zu einen Schnitzer. Das mußt du verstehen.« »Ich verstehe alles. Übrigens, wie war das mit Mu- schi?« »Alles in Ordnung.« »Es wäre mir wirklich egal gewesen. Ziemlich egal jedenfalls. Sie war nett und wollte immer auf die Kin-, der aufpassen. Ich glaube, sie hatte unsere Kinder lieb.« »Barbara, denken wir nicht an Muschi. Es macht mich traurig. Ich hoffe nur, daß ihr neuer Herr sie gut behandelt. Sie konnte sich nicht verteidigen – wirklich, sie war wie ein hilfloses kleines Kätzchen. Wenn ich sie ansah, haßte ich die Sklaverei doppelt.« Sie drückte ihm die Hand. »Ich glaube bestimmt, daß man sie gut behandeln wird. Liebling, quäl dich nicht. Du kannst ihr nicht helfen.« »Das weiß ich, und deshalb möchte ich nicht von ihr sprechen. Aber sie fehlt mir. Sie war wie eine Tochter für mich.« »Ich zweifelte nicht daran. Aber hör mal, Liebling, laß dir nicht einfallen, mich auch wie deine Tochter zu behandeln.« »Hm – darf ich dich erinnern, daß ich ein alter Mann bin?« »Alter Mann – wir sind gleich alt. Viertausend Jahre alt. So schnell entkommst du mir nicht.« »Du bist stur. Aber gut, ich werde mein möglichstes tun. Ich ruhe mich aus, und du arbeitest für mich. Hal- lo, ich glaube, wir sind angekommen.« Der Kasten schaukelte wild auf und ab. Den beiden wurde beinahe übel. »An die Testpersonen«, sagte eine Stimme aus dem Nichts. »Macht euch auf einen kurzen Fall gefaßt. Steht auf und nehmt die Kinder auf den Arm. Verstan- den?« »Ja«, erwiderte Hugh, während er Barbara auf die, Beine half. »Wie tief werden wir fallen?« Es kam keine Antwort. »Liebling, ich weiß nicht, was sie unter ›kurz‹ verstehen. Halte Joey ganz fest und beuge die Knie ein wenig. Wenn wir tief fallen, gehst du in die Hocke.« Sie fielen. Hugh wußte niemals, wie tief sie gefallen waren, aber er kam später zu dem Schluß, daß es kaum mehr als anderthalb Meter gewesen sein konnten. Einen Augen- blick standen sie in der hellerleuchteten Kiste. Im nächsten Augenblick fielen sie in die Nacht hinaus. Seine Stiefel trafen auf eine Dollarrolle, er stolperte und fiel hin, ohne das Kind in seinen Armen zu verlet- zen. Er setzte sich auf. Barbara lag am Boden. Sie rührte sich nicht. »Barbara! Bist du verletzt?« »Nein«, sagte sie atemlos. »Ich glaube nicht.« »Und Joey? Hughie ist nichts passiert, nur ist er jetzt mehr als naß.« »Joey ist auch in Ordnung.« Der Kleine bestätigte es mit gellendem Geschrei. Sein Bruder stimmte ein. »Halt den Mund, Joey. Mama hat keine Zeit. Wo sind wir denn, Hugh?« Er sah sich um. »Auf einem Parkplatz in der Nähe meines Hauses. Und in unserer Zeit. Zumindest wäre ich beinahe auf einem 61er Ford gelandet.« Nur dieses eine Auto war auf dem Parkplatz zu sehen. Was wäre, geschehen, wenn sie auf seinem Dach gelandet wären? Er ließ den Gedanken fallen. Hugh half Barbara auf. Sie zuckte zusammen. »Schmerzen?« fragte er. »Den Knöchel verstaucht.« »Kannst du gehen?« »Ja.« »Gib mir das Kind. Es ist nicht weit.« »Hugh, wohin gehen wir?« »Nach Hause natürlich.« Er sah durch das Fenster der Bank, konnte aber nicht lesen, was auf dem Kalen- der stand. »Wenn ich nur wüßte, den wievielten wir heute haben? Schrecklich, Barbara, ich habe Angst. Wenn ich mir selbst begegne?« »Wie?« »Wer würde den größeren Schock bekommen? Er oder ich? Kannst du wirklich gehen?« »Ja.« »Schön. Halte mal einen Augenblick die kleinen Ungeheuer.« Hugh hatte eine Uhr erspäht und richtete seine Armbanduhr danach. »So, ich nehme sie wieder. Sag mir Bescheid, wenn ich zu schnell gehe.« Barbara humpelte zwar, aber sie hielt mit. Er schwieg, weil seine Gedanken wild in seinem Hirn umherwirbelten. Seine Heimatstadt lag friedlich in der warmen Sommernacht vor ihm. Und das wühlte ihn am meisten auf. Er vermied jeden Gedanken an sein Heim. Nur der eine Gedanke hatte sich in ihm festgesetzt: Sollte es sich herausstellen, daß der Bunker noch nicht gebaut war, dann würde er ihn nie bauen, sondern ver-, suchen, die Welt zu bessern. Er war froh, daß auch Barbara schwieg. Und dann kamen sie an die Einfahrt zu seinem Haus. Barbara humpelte, und Hugh hatte einen Krampf in den Armen. Zwei Autos parkten hintereinander. Er blieb am ersten stehen, öffnete die Tür und sagte: »Setz dich und ruh dich aus. Ich lasse die Jungen bei dir und sehe mich ein bißchen um.« Das Haus war hell er- leuchtet. »Hugh, tu es nicht.« »Warum nicht?« »Es ist mein Auto. Es ist die gleiche Nacht.« Er starrte sie einen langen Augenblick an. Dann sag- te er ruhig: »Ich sehe mich trotzdem um. Bleib hier sitzen.« Er war in weniger als zwei Minuten zurück, riß die Autotür auf und ließ sich in den Sitz fallen. Er keuchte. »Liebling!« Barbara schüttelte ihn. »Oh, mein Gott.« Er rang nach Atem. »Sie ist drin- nen. Grace. Und ich\« Er legte das Gesicht auf das Steuerrad und schluchzte. »Hugh?« »Was? Oh, mein Gott.« »Hör auf, Hugh. Ich habe den Motor angelassen, als du fort warst. Die Schlüssel steckten noch. Kannst du fahren?« Er beruhigte sich. »Ja.« Innerhalb von ein paar Sekunden hatte er den Sitz verstellt, das Instrumentenbrett kontrolliert und den, Gang eingelegt. Vier Minuten später befand er sich auf der breiten Autostraße, die in die Berge führte. Er be- achtete die Verkehrszeichen peinlich genau. Jetzt woll- te er nicht aufgehalten werden. In der Ferne schlug eine Uhr halb. Er verglich mit seiner Armbanduhr und stellte eine Differenz von einer Minute fest. »Liebling, schalte das Radio ein.« »Tut mir leid, Hugh. Das Ding ging kaputt, und ich konnte mir die Reparatur nicht leisten.« »Ach, macht nichts. Die Nachrichten sind nicht so wichtig. Ich möchte nur die genaue Uhrzeit wissen. Wie weit kommen wir in einer Stunde und ein paar Minuten? Weißt du noch, wann das erste Geschoß ein- schlug?« »Du sagtest damals elf Uhr siebenundvierzig.« »So habe ich es auch im Gedächtnis. Wir aßen gera- de deine Crepes Suzettes – übrigens herrlich. Als die- ser zerlumpte komische Kerl an der Tür klingelte. Du – das war ich. Jetzt ist es zehn oder zwanzig Minuten später. Also haben wir noch etwa fünfundsiebzig Mi- nuten Zeit.« Barbara schwieg. Augenblicke später passierten sie die Stadtgrenze. Hugh erhöhte auf hundert. Zehn Minuten später fragte sie: »Liebling? War es schlimm? Ich meine – mit Karen. Das andere nicht.« »Nein. Sicher, als ich sie vorhin lachen hörte, wühl- te es mich auf. Aber jetzt bewahre ich es in mir. Barba- ra, zum erstenmal im Leben bin ich überzeugt, daß es die Unsterblichkeit gibt. Karen ist jetzt noch am Leben – in meinem Haus – und doch sahen wir sie sterben., Irgendwie, in einem zeitlosen Sinn, wird Karen immer sein. Ich kann es nicht erklären, aber es ist so.« »Ich wußte es, Hugh. Aber ich wagte es nie auszu- sprechen.« »Du sollst alles sagen, was du denkst. Das weißt du doch. Ich mache mir also keine Sorgen mehr um Ka- ren. Auch Grace tut mir nicht leid. Sie wollte ihre ei- genen Wege gehen – sie ist sie gegangen. An Duke denke ich nicht gern. Ich hatte große Hoffnungen in meinen Sohn gesetzt. Meinen ersten Sohn. Aber ich hatte wenig Einfluß auf seine Erziehung. Wie Joe schon sagte – Duke hat es nicht schlecht. Wohlstand, Sicherheit. Das genügt ihm.« Hugh zuckte die Achseln. »Ich werde ihn vergessen. Von diesem Augenblick an werde ich mir Mühe geben, nié mehr an ihn zu den- ken.« Sie fuhren schweigend dahin. Plötzlich meinte er: »Barbie, kannst du trotz der Babys das Paket von mei- ner Schulter schnallen?« »Sicher.« »Dann tu es und wirf es in den Graben. Noch lieber würde ich es genau in den Kernpunkt der Explosion werfen.« Er runzelte die Stirn. »Dieses Volk soll nie die Zeitreise zur Verfügung haben. Besonders nicht Ponse.« Sie nestelte mit einer Hand an den Riemen. Dann packte sie das Uhrwerk und warf es in hohem Bogen in die Dunkelheit hinaus. Erst dann sprach sie: »Hugh, ich glaube nicht, daß Ponse erwartete, wir würden sein Angebot annehmen. Er stellte die Bedingungen so, daß, wir ablehnen mußten.« »Natürlich. Er wählte uns als Versuchskaninchen aus – wie die kleine weiße Maus – und ließ das Ganze so aussehen, als hätten wir uns freiwillig gemeldet. Barbara, ich kann manchen Schurken vertragen. Aber Ponse war – für meine Begriffe – weitaus schlimmer als alle anderen. Er konnte immer beweisen, daß er nur das Wohl der anderen im Auge hatte. Ich verachte ihn.« Barbara schüttelte den Kopf. »Hugh, wie viele Männer könnte man heute mit der Macht betrauen, die Ponse besaß? Und wie viele würden sie mit dem glei- chen Fingerspitzengefühl anwenden?« »Wie? Niemand.« »Ich bin überzeugt, daß du es schaffen wirst. Aber sonst niemand.« »Auch nicht ich. Als ich die Macht hatte, handhabte ich sie ebenso schlecht wie Ponse. Ich denke an Duke. Als ich ihn mit dem Gewehr bedrohte. Besser, ich hätte ihn eigenhändig niedergeschlagen oder gar getötet. Anstatt ihn zu demütigen. Sieh mal, es tut mir ehrlich leid, daß ich Memtok tö- ten mußte. Er war ein Mann, der gegen seine Natur kämpfte. In ihm steckte Gemeinheit und Sadismus, aber er versuchte beides zu unterdrücken. Ponse dage- gen – Barbie, in diesem Punkt werden wir uns wohl nie verstehen. Du magst ihn, weil er immer nett zu dir und den Kleinen war. Gerade deshalb verachte ich ihn. Weil er immer hervorkehrte, wie grausam er eigentlich sein könnte, wenn er nicht so ein feiner Kerl wäre. Ich, haßte ihn. Schon bevor ich erfuhr, daß er sich junge Mädchen zum Essen servieren läßt.« »Was?« »Wußtest du das nicht? Aber natürlich hast du es gewußt, Ponse und ich sprachen bei unserer letzten Unterhaltung darüber. Hast du nicht zugehört?« »Ich hielt es für Sarkasmus.« »Nein, Ponse ist Kannibale. Vielleicht nicht in sei- nem Sinn, denn er hält uns nicht für Menschen. Aber er frißt uns – und die anderen tun es ihm gleich. Ponse bevorzugte junge Mädchen. Eines täglich für den Fa- milientisch, würde ich sagen. Mädchen in Muschis Al- ter und von Muschis Statur.« »Aber – aber – Hugh, ich aß doch manchmal mit ihm. Ich muß – das gleiche …« »Natürlich hast du. Ich auch. Bevor ich es erfuhr.« »Liebling, bleib stehen. Mir ist schlecht.« »Mach das Fenster auf. Das Auto hält nicht an.« Sie kurbelte mit zittrigen Fingern das Fenster herun- ter und schaffte es, das Wageninnere einigermaßen sauber zu halten. Nach eine Weile fragte Hugh sanft: »Geht es jetzt besser?« »Etwas.« »Liebling, in dieser Hinsicht darfst du Ponse keinen allzu großen Vorwurf machen. Er wußte einfach nicht, daß er etwas falsch machte. Aber bei anderen Dingen wußte er es. Sonst hätte er sich nicht verteidigt. Er ver- teidigte die Sklaverei, die Tyrannei, die Grausamkeit. Und seine Opfer sollten ihm noch zustimmen und ihm danken.«, »Sprechen wir nicht mehr von ihm, Liebling. Mein Inneres revoltiert.« »Entschuldigung. Beobachte die Straße hinter uns. Ich muß gleich nach links abbiegen.« Nachdem sie von der Staatsstraße auf eine kurven- reiche enge Straße abgebogen waren, wandte er sich ihr zu. »Ich weiß jetzt, wohin wir fahren. Zuerst war es nur wichtig, Abstand zu gewinnen. Jetzt können wir an unser Ziel denken. Vielleicht sind wir dort sicher.« »Wo, Hugh?« »Es ist ein geschlossenes Bergwerk. Ein Teil davon gehört mir. Ich verlor eine Menge Geld damit. Aber jetzt gleicht es sich vielleicht wieder aus. Große Tun- nels, und die Einfahrtsstraße ist von hier aus zu errei- chen. Wenn ich sie im Dunkeln finden kann. Und wenn wir es schaffen, bevor der Zauber losgeht.« Er konzentrierte sich auf die Straße, die sehr hügelig wur- de. Nach einer besonders scharfen Haarnadelkurve, in der Barbara von einer Wagenseite zur anderen gefegt wurde, sagte sie: »Sieh mal, Liebling, du willst uns doch retten. Aber wir können durch einen Autounfall ebenso gut sterben wie durch die Atombombe.« Er grinste, ohne das Tempo zu verringern. »Ich habe schon nachts Jeeps ohne Licht gefahren, Barbie. Wir schaffen es. Wenige Leute sind sich darüber im klaren, was sie alles von ihrem Wagen verlangen können. Ich bin froh, daß dein Wagen keine Schaltautomatik hat. Sie wäre uns hier in den Bergen nur hinderlich.« Sie schwieg und betete leise vor sich hin. Der Weg führte eine Bergwiese hinunter, wo er sich mit einem, anderen Weg kreuzte. Ein Licht tauchte auf. »Wie spät?« fragte Hugh. »Elf fünfundzwanzig.« »Gut. In fünf Minuten haben wir das Bergwerk er- reicht. Ich sehe, daß Schmidt noch offen hat. Wir brau- chen Benzin. Du holst inzwischen Gemüse und andere notwendige Kleinigkeiten.« Er bremste. Der Kies knirschte. »Lauf in den Laden und leg die Zwillinge inzwischen auf den Boden des Wagens.« Er steckte den Benzinschlauch in den Tank und begann die altmodische Pumpe zu bewegen. Barbara war im Nu draußen. »Es ist niemand hier.« »Dann hupe. Der Besitzer ist vielleicht im Haus.« Barbara hupte und hupte, und die Zwillinge brüllten. Hugh verschraubte den Tank. »Wir schulden ihm vier- zig Liter. Schnell in den Laden. Wir haben noch zehn Minuten Zeit.« Schmidt’s Corner war eine Tankstelle, eine kleine Imbißstube für Jäger und Fischer und ein Laden. Hugh verschwendete keine Zeit damit, den Besitzer aufzu- spüren. Der Ort sprach Bände. Alle Lichter brannten, die Kaffeemaschine summte, und das Radiogerät war eingestellt. Plötzlich hörte man die Stimme des Ansa- gers. »Bombenwarnung. Dritte Bombenwarnung. Dies ist keine Übung. Suchen Sie sofort Bunker auf. Oder ir- gendeinen sicheren Raum. Verdammt, in den nächsten paar Minuten werden wir mit Atombomben beschos- sen. Ich bin verflucht froh, wenn ich von diesem Mi- krophon wegkomme und mich selbst verkriechen kann., Hört nicht mehr auf dieses Geschwätz, ihr Idioten, verbarrikadiert euch. Sucht eure Bunker auf!« »Nimm die leeren Kartons und fülle sie. Einfach al- les hineinstopfen. Ich trage sie hinaus.« Hugh hatte einen Karton gefüllt, bevor Barbara anfing. Er rannte damit hinaus und kam wieder zurück. Barbara drückte ihm den nächsten in die Hand. »Da, sieh mal.« In ei- nem Karton lag eine dicke Katze, die sie träge anblin- zelte, während vier Junge friedlich saugten. Hugh schüttelte den Kopf. Doch dann schloß er plötzlich den Deckel über dem Karton. »Stell einen anderen Karton obendrauf, damit er beim Fahren nicht hin und her rutscht. Beeil dich.« Er rannte nach draußen, während sich die Katzenmutter in ihrem Gefängnis beschwerte. »Nimm die ganze Milch mit, die du finden kannst. Und Toilettenpapier. In drei Minuten fahren wir.« Sie fuhren fünf Minuten später, hatten aber noch ein paar Kartons aufgeladen. »Gästehandtücher«, erklärte Barbara strahlend. »Und sechs Pakete Chux.« »Was ist denn das?« »Windeln, Liebling, Windeln. Reichen vielleicht, bis unsere Kleinen stubenrein sind. Und zwei Pakete Spielkarten. Aber das hätte ich vielleicht nicht tun sol- len.« »Heuchle nicht, meine Liebe. Halte die Kleinen fest und sieh noch mal nach, ob die Tür geschlossen ist.« Der Weg wurde sehr schlecht. Hugh schob einen kleinen Gang ein. Er fuhr sehr vorsichtig. Eine schwarze Höhle wurde im Berg sichtbar. »Himmel, wir haben es geschafft. Wir fahren direkt, hinein.« Er fuhr ein paar Meter und blieb dann stehen. »Du liebe Güte! Eine Kuh.« »Und ein Kalb«, sagte Barbara, die sich weit aus dem Fenster gebeugt hatte. »Ich muß zurückfahren.« »Hugh, eine Kuh mit einem Kalb!« »Hmm – und wie sollen wir sie füttern?« »Vielleicht brennt es hier gar nicht. Aber eine rich- tige, lebendige Kuh!« »Schon gut, schon gut. Im Notfall müssen wir sie eben schlachten.« Etwa dreißig Meter innerhalb des Tunnels befand sich eine Bretterwand mit einer starken Tür. Hugh fuhr langsam vorwärts und drängte die widerstrebende Kuh vor dem Kühler her. Als er aussteigen wollte, versuch- te sie sofort einen Ausbruch in die Freiheit. Aber Bar- bara öffnete ihre Autotür so, daß sie nicht vorbeikam. Das Kalb blökte, die Zwillinge schrien. Hugh quetsch- te sich an Barbara und den Zwillingen vorbei und öff- nete die Tür. »Schalte die Fernlichter ein.« Barbara tat es und bestand darauf, daß Kuh und Kalb mitkämen. Die Tür war etwas kleiner als die Kuh, und Hugh mußte sie mit Gewalt durchschieben. Dabei murmelte er etwas von ›Arche Noah‹ vor sich hin. Das Kalb folgte seiner Mutter. Und dann erkannte Hugh, weshalb die Kuh sich im Tunnel aufgehalten hatte. Jemand hatte die unbenutzte Mine in einen Heuschober verwandelt. Und als die Kuh erst einmal die vorher unzugänglichen Reichtümer vor sich sah, hatte sie gar keine Lust mehr auszureißen., Sie trugen die Kartons ins Innere, kippten zwei da- von aus und legten die Zwillinge hinein. Während sie Barbaras Notration und Werkzeug aus dem Wagen holten, wurde es um sie plötzlich taghell. »Um Himmels willen. Wir haben es nicht ge- schafft«, rief Barbara. »Wir laden weiter ab«, erklärte Hugh ruhig. »Es dauert noch mindestens zehn Minuten, bis die Schall- welle kommt. Hier, nimm das Gewehr.« Sie hatten das Wasser und das Benzin hereingetra- gen, als plötzlich der Boden zu zittern begann, als ob unter ihnen gigantische U-Bahnen vorbeidonnerten. Hugh stellte die Kanister innen ab und schrie: »Bring sie nach drinnen.« »Hugh! Komm herein.« »Gleich.« Auf dem Weg lag verstreutes Heu, das er wegkehrte. Wenn sich das Benzin im Wagen entzünde- te … Einen Augenblick war er versucht, das Auto wegzu- fahren und den Hang hinabrollen zu lassen. Aber dann gab er den Plan auf. Wenn es zu einem Brand kam, mußten sie sich eben in einen Seitentunnel zurückzie- hen. »Hast du noch eine Lampe?« »Ja. Bitte, komm herein. Bitte!« Er verriegelte die Tür. »Jetzt schaffen wir die Heu- ballen weit ins Innere. Du trägst die Lampe, ich das Heu. Sei vorsichtig. Es wird vielleicht feucht sein. Wir mußten schließen, weil das Grundwasser zu hoch stieg.« Sie trugen ihre Schätze in einen Seitentunnel. Sie, mußten knöcheltief im Wasser waten, aber der Seiten- tunnel war trocken, da er ein Stückchen höher lag. Das Licht der zweiten Bombe drang durch die Rit- zen der Holztür. Hugh sah auf seine Uhr. »Die Zeit stimmt. Wir sehen den gleichen Film noch mal. Aber ich hoffe, daß es diesmal nicht so heiß wird.« »Glaubst du?« »Aber sicher. Selbst wenn es draußen brennt und der Rauch hier hereindringt, kann ich uns retten.« »Das habe ich nicht gemeint, Hugh.« »Was dann?« »Hugh, ich wollte dich nicht aufregen, aber mein Auto hatte eine Schaltautomatik.« »Ja – aber wem gehört dann das Auto draußen?« »Mir. Meine Schlüssel steckten darin, und das Not- paket gehörte auch mir. Aber Hugh, ich versichere dir, daß ich nur mit Schaltautomatik fuhr. Ich habe meinen Führerschein erst vor kurzem gemacht.« »Liebling, du bist vielleicht ein bißchen nervös.« »Ich dachte mir, daß das kommen würde. Denk mal nach, Hugh, was du sagtest, als du vom Haus zurück- kamst: ›Sie ist drinnen.‹ Hast du Grace gesehen?« »Ja. Sie saß vor dem Fernsehapparat und döste.« »Aber Liebling, du hattest sie zu Bett gebracht, als ich mich an die Crepes Suzettes machte. Erinnerst du dich noch? Beim Alarm trugen wir sie im Nachthemd nach unten.« Hugh Farnham stand ganz still. »Du hast recht. Aber jetzt holen wir erst einmal unsere Sachen hierher. In anderthalb Stunden kommt der große Einschlag.«, »Wirklich?« »Was willst du damit sagen?« »Hugh, ich weiß nicht, was geschehen wird. Viel- leicht sind wir auf einer anderen Welt. Oder auf der- gleichen. Aber ein bißchen hat sie sich verändert – schon durch unsere Anwesenheit.« »Ich weiß nicht – aber jetzt müssen wir das restliche Zeug holen.« Der große Einschlag kam. Er schüttelte sie und ebb- te ab. Nur die Tiere waren nervös – die Zwillinge hat- ten sich mittlerweile an solche Dinge gewöhnt. Hugh sah auf die Uhr. »So sehr verändert hat sich die Welt nicht. Und doch …« »Doch was, Liebling?« »Ich denke an dein Auto. Und ich weiß, daß ich Grace ins Bett brachte. Die Welt ist anders.« Plötzlich grinste er. »Vielleicht ist das sehr wichtig. Wenn die Zukunft die Vergangenheit beeinflussen kann, so kann auch die Vergangenheit die Zukunft beeinflussen. Vielleicht werden die Vereinigten Staaten nicht völlig zerstört. Vielleicht – zum Teufel, vielleicht kommt Ponse nie in die Lage, junge Mädchen zu verspeisen.« Er fügte grimmig hinzu: »Ich jedenfalls werde mein möglichstes tun.« »Wir werden es gemeinsam versuchen. Und unsere Jungs auch.« »Ja, aber das hat noch eine Weile Zeit. Ich glaube, für diese Nacht ist das Feuerwerk vorbei. Madame, glauben Sie, Sie könnten in einem Strohhaufen schla- fen?«, »Nur schlafen?« »Du bist zu gierig. Ich habe einen langen, schweren Tag hinter mir.« »Damals hattest du auch einen langen, schweren Tag hinter dir.« »Na ja, warten wir’s mal ab.« Sie überlebten die Bomben, sie überlebten das Feuer, sie überlebten die Epidemien –, die vielleicht wirklich nicht auf bakterielle Kampfmittel zurückzuführen wa- ren, denn beide Seiten sagten, sie hätten nichts damit zu tun. Sie überlebten auch die Zeit der politischen Wirren. Sie lebten weiter. Sie malten ein Schild mit der Aufschrift: FARNHAM’S OASE RESTAURANT UND LADEN

BAR

Amerikanischer Wodka Kornschnaps Reines Quellwasser 1A Milch Corned beef und Kartoffeln Steak mit Bratkartoffeln Butter, mittwochs auch Brot Bärenfleisch Crêpes Suzettes (auf Bestellung) BÜCHER werden in Zahlung genommen!,

KINDERHORT

JUNGE KATZEN ABZUGEBEN! Bei Mitbringen von Metall werden Schmiede- und Metallarbeiten erledigt BRIDGE-UNTERRICHT Stunden nach Vereinbarung Jeden Mittwoch geselliger Abend ACHTUNG! Klingeln. Eintreten nur mit erhobenen Händen. Auf dem Weg bleiben. Minengefahr! Wir haben letzte Wo- che drei Kunden verloren. Wir können es uns nicht leisten, auch noch Sie zu verlieren. Hugh und Barbara Farnham mit Söhnen Besitzer Und hoch oben über dem Schild flattert das Sternen- banner im Wind.

ENDE

]
15

Similar documents

ERNEST
ERNESTHEMINGWAYro ro roDIEHAUPTSTADTDERWELTSTORYSDrei der großartigsten und eindrucksvollsten Erzäh- lungen vom Meister der Kurzgeschichte – und mit «Schnee auf dem Kilimandscharo» eine Erzählung, die ihm selbst am liebsten war. ERNEST HEMING- WAY, 1899-1961, war Reporter in Kansas City, be- vor er
Clifford C. Russell – Kip nennen ihn seine Eltern und
Clifford C. Russell – Kip nennen ihn seine Eltern und Freunde – hat seinen Schulabschluß bestanden. Seine große Sehnsucht ist es, Ingenieurwissenschaften zu studieren, um eines Tages einen der begehrten Jobs auf der Mondstation zu bekommen. Bei einem Wettbewerb gewinnt er einen ausran- gierten Rauma
Isidor Heller DER GOLEM
IsidorHellerDER GOLEM eBOOK-Bibliothek Isidor Heller DER GOLEM Eine böhmisch-jüdische Sage (1842) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Isidor Heller (1816 – 1879) 1. Ausgabe, Juli 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe Textbearbeitung nach: „Sonntags-Blätter für heimat
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 23 214
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 23 214 Erste Auflage: Juli 1999 Sie finden uns im Internet unter http://www.luebbe.de © Copyright 1949 by Robert A. Heinlein renewed 1976 by Robert A. Heinlein All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1999 by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co. Bergisch Gladbach
Das Buch Michael Harner ist einer der renommiertesten Experten im Bereich der
Das Buch Michael Harner ist einer der renommiertesten Experten im Bereich der Schamanenforschung und gehört zu den großen schamanischen Praktikern. Vor allem ihm ist es zu verdanken, daß der westlichen Welt der praktische Nutzen dieses uralten Heilsystems nahegebracht wurde. In seinem Grund- lagenbu
Harry Harrison Sternwelt
Harry Harrison Sternwelt Zu den Sternen Band 3 Heyne STERNWELT erschien ursprünglich als HEYNE-BUCH Nr. 06/3912 Titel der amerikanischen Originalausgabe STARWORLD Deutsche Übersetzung: Thomas Schlück Copyright © 1980 by Harry Harrison; mit freundlicher Genehmigung des Autors und seiner Agentur E. J.
Ann Granger IN DUNKLER TIEFE SOLLST DU RUHN ROMAN Inhalt KAPITEL 1
Ann Granger IN DUNKLER TIEFE SOLLST DU RUHN ROMAN Inhalt Tammy Franklin ist erst zwölf Jahre alt, doch sie hat bereits viel zu viel Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Vor zwei Jahren starb ihre Mutter nach einer langen Krankheit, und nun wird die Leiche ihrer Stiefmutter in der Nähe eines Eisenbahngle
Der irdische Agent McGavin besitzt alle Eigenschaften, die
Der irdische Agent McGavin besitzt alle Eigenschaften, die einen Helden ausmachen: Kraft, Mut, meisterhafte Körperbe- herrschung, scharfe Intelligenz - und er hat eine »Spezial«- Ausbildung hinter sich. Aber er hat auch einen schwachen Punkt, eine Achillesferse: sein Gewissen ... Als man ihn in eine
MONOGRAPHIEN ZUR PHILOSOPHISCHEN FORSCHUNG Die Wiederholung Analysen zur Grundstruktur menschlicher Existenz im Verständnis Sören Kierkegaards Victor Guarda
MONOGRAPHIEN ZUR PHILOSOPHISCHEN FORSCHUNG Begründet von Georgi Schischkoff Band 194 Die Wiederholung Analysen zur Grundstruktur menschlicher Existenz im Verständnis Sören Kierkegaards Victor Guarda Forum Academicum in der Verlagsgruppe Athenäum • Hain • Scriptor • Hanstein MONOGRAPHIEN ZUR PHILOSOP
Sue Grafton Ausgespielt
Sue Grafton Ausgespielt s&p 06/2006 Kinsey Millhone soll auf eine junge Frau aufpassen, die zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat, und ihr dabei helfen, in die Normalität zurückzufinden. Keine allzu schwierige Aufgabe für eine erfahrene Privatdetektivin. Doch Reba Lafferty hat eine düstere Vergangenh
Axel Hacke & Michael Sowa DER WEISSE NEGER WUMBABA
Axel Hacke & Michael Sowa DER WEISSE NEGER WUMBABA Kleines Handbuch des Verhörens Verlag Antje Kunstmann Malcolm, You Sexy Thing: Wie dieses Buch entstand Jedes Buch braucht Leser, wenn es fertig ist. Aber dieses kleine Buch hier benötigte Leser schon, bevor es entstan- den war, ja: Es hätte ohne di
Buch Sergius Golowin verfolgt die Spuren der Katze mit großer
Buch Sergius Golowin verfolgt die Spuren der Katze mit großer Detailkenntnis und viel Humor durch die Kulturgeschichte. Er weiß sachkundig von ihrer Bedeutung im alten Ägypten, bei den Griechen oder in der nordischen Mythologie zu berichten; schildert uns ihren Einfluß auf das Brautwerben im Alpenra
MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOWSOPaHnIE dDEeRr uTAnT gen durch die Mark Brandenburg
MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOWSOPaHnIE dDEeRr uTAnT gen durch die Mark Brandenburg Theodor Fontane Wanderungen durch die Mark Brandenburg Inhalt: Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin Vorwort Am Ruppiner See Wustrau Karwe Radensleben Neuruppin Die Ruppiner Garnison Regiment Prinz Ferdinand Nr.
Eduard von Keyserling eB B Das Landhaus
Eduard von Keyserling eB B Das Landhaus Eduard von Keyserling Das Landhaus (1913) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Eduard von Keyserling (15.05.1855 – 28.09.1918) 1. Ausgabe, Juni 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe © Brad Harrison 2006 für das Titelbild Der Bal
Christian von Kamp LETZTSCHRIFTEN eBOOK-Bibliothek
Christian von Kamp LETZTSCHRIFTEN eBOOK-Bibliothek Christian von Kamp LETZTSCHRIFTEN Roman (2005) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Christian von Kamp http://www.christian-von-kamp.de Bitte beachten Sie: Der Text sowie das Titelbild dieses Romans unterliegen dem Copyright.
›Ein düsterer Thriller … Jablokov vermischt die Welt eines Ray-
›Ein düsterer Thriller … Jablokov vermischt die Welt eines Ray- mond Chandlers und Dashiell Hammetts mit dem CYBERPUNK von William Gibson und Bruce Sterling.‹ Starlog Manchmal hat die Erinnerung ein Eigenleben. Früher einmal war er Theo Bronkman, einer der sieben verlore- nen Seelen, die während des
DIE LETZTE GENERATION MÜNCHEN
BRUCE T. HOLMES DIE LETZTE GENERATION Science Fiction Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN p0t0si HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4469 Titel der amerikanischen Originalausgabe ANVIL OF THE HEART Deutsche Übersetzung von Andreas Brandhorst Das Umschlagbild schuf Ji
TILL EULENSPIEGEL
TILL EULENSPIEGEL Zwölf seiner Geschichten frei nacherzählt von ERICH KÄSTNER mit elf farbigen Bildern und vielen Zeichnungen von WALTER TRIER VERLAG KURT DESCH MÜNCHEN ALLE RECHTE VORBEHALTEN LIZENZAUSGABE EÜR DEUTSCHLAND: VERLAG KURT DESCH MÜNCHEN MIT GENEHMIGUNG DES ATRIUM VERLAGES ZÜRICH, 1950 S
DAS DOPPELTE LOTTCHEN
ERICH KÄSTNER DAS DOPPELTE LOTTCHEN EIN ROMAN FÜR KINDER ILLUSTRIERT VON WALTER TRIER »Das doppelte Lottchen« gehört wohl zu den schönsten Büchern, die je für Kinder geschrieben worden sind. Erich Kästners Lust zum Fabulieren, sein köstlicher Humor machen alles Schwere leicht und den Kindern verstän
Tami Hoag Sünden der Nacht
Tami Hoag Sünden der Nacht s&p 05/2006 Eiskaltes Entsetzen packt die Bürger einer idyllischen Kleinstadt in Minnesota: Ein unschuldiges Kind aus ihrer Mitte wurde Opfer einer brutalen Entführung. Für die unerfahrene, aber hochtalentierte FBI-Agentin Megan O’Malley beginnt damit ein verzweifelter Wet
DIE GEIER
JOEL HOUSSIN DIE GEIER Science Fiction Roman Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN p0t0si HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4462 Titel der französischen Originalausgabe LES VAUTOURS Deutsche Übersetzung von Georges Hausemer Das Umschlagbild schuf Klaus Holitzka Redaktion: Friedel W
Christian von Kamp
Christian von Kamp todsichere Tips für ein mißlingendes Leben eBOOK-Bibliothek Christian von Kamp todsichere Tips für ein mißlingendes Leben (2006) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Christian von Kamp http://www.christian-von-kamp.de Bitte beachten Sie: Der Text dieses Ratg
DAS WEISSEHÖRN
KLEINEJUGENDREIHEI. JEFREMOWDAS WEISSEHÖRNUNDAMSEEDERBERGGEISTERVERLAGKULTURUNDFORTSCHRITTBERLINDAS WEISSE HORN Deutsch von Karel Hemzal In dem bleichen, glühendheißen Himmel kreiste träge ein Lämmergeier. Ohne jede Anstrengung schwebte er regungs- los in großer Höhe. Ussolzew sah neidvoll, wie der
lichtung manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum! tanz nördl ich südl du östl ich westl du südl ich nördl du westl ich
lichtung manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum! tanz nördl ich südl du östl ich westl du südl ich nördl du westl ich östl du das fanatische orchester der dirigent hebt den stab das orchester schwingt die instrumente der dirigent öffnet die lippen das orchester s
Die Welt von morgen im Roman von heute
Die Welt von morgen im Roman von heute ROBERT A. HEINLEIN [ Robert Anson Heinlein (1907-1988) ] Weltraum-Piloten Das spannende Buch behandelt ein interessantes Zukunftsproblem: die Aufrechterhaltung der interstellarischen Ruhe und Ordnung durch einen Weltraum-Sicherheitsdienst, der in ständigem Eins
Zu diesem Buch Als Hemingway im Jahre 1956 mit seiner Frau Mary im Hotel Ritz in Paris abstieg, ließ er
Zu diesem Buch Als Hemingway im Jahre 1956 mit seiner Frau Mary im Hotel Ritz in Paris abstieg, ließ er sich aus dem Keller die alten Koffer holen, die dort seit mehr als zwanzig Jahren gelagert hatten. Sie enthielten seine Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als er
Gabriel García Márquez Von der Liebe und anderen Dämonen
Gabriel García Márquez Von der Liebe und anderen Dämonen Roman / Kiepenheuer & Witsch GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZ VON DER LIEBE UND ANDEREN DÄMONEN Gabriel García Márquez Von der Liebe und anderen Dämonen ROMAN AUS DEM SPANISCHEN VON DAGMAR PLOETZ KIEPENHEUER & WITSCH 1. Auflage 1994 Titel der Originalau
KARL MAY Die beiden NachtwächterMKeBHUMORESKE
KARL MAY Die beiden Nachtwächter ay arlMKeBHUMORESKE B Karl May Die beiden Nachtwächter Humoreske (877) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Karl May (25.02.1842 – 30.03.1912) 1. Ausgabe, September 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe I. Wer da etwa glaubt, daß blos
MICHAIL BAKUNIN PHILOSOPHIE DER TAT Herbert Marcuse Kult ur und Gesellschaft
MICHAIL BAKUNIN PHILOSOPHIE DER TAT Herbert Marcuse Kult ur und Gesellschaft edition Suhrk amp SV Herbert Marcuse Kultur und Gesellschaft 1 Suhrkamp Verlag Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin, lehrt heute als Professor der Philosophie an der University of California (USA). Er hat in Berlin und F
Ab das N.I.C.E., das National Institute of Coordinated Expe-
Ab das N.I.C.E., das National Institute of Coordinated Expe- riments, den Bragdon Wald bei Edgestow aufkauft, in dessen Nähe das uralte Bracton-College liegt, sind die Fachleute und Kenner der Geschichte dieser Gegend alarmiert – und nicht nur sie. Die Eingeweihten vermuten mit Recht, daß die Er- ri