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Der Autor Gunter Gerlach wurde 1941 in Leipzig geboren, studierte an der Hochschu- le für bildende Künste in Hamburg und wandte sich später dem Schreiben zu. Er verfaßte Hörspiele, Funkserien, Kurzprosa sowie Romane und ist Mitbegründer und Mitglied der Autorengruppe PENG. 1992 erhielt Gerlach den Hamburger Förderpreis für Literatur. Katzenhaar und Blütenstaub ist er zweite einer Reihe von Bartzsch-Krimis. Klappentext Ein hochgradiger Allergiker sollte Tierhaare und Pollen eigentlich meiden. Doch was tun, wenn man es ihm heimlich durch den Briefschlitz schiebt? Vielleicht hängt dieser hinterhä...
Autor Anonym
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Der Autor

Gunter Gerlach wurde 1941 in Leipzig geboren, studierte an der Hochschu- le für bildende Künste in Hamburg und wandte sich später dem Schreiben zu. Er verfaßte Hörspiele, Funkserien, Kurzprosa sowie Romane und ist Mitbegründer und Mitglied der Autorengruppe PENG. 1992 erhielt Gerlach den Hamburger Förderpreis für Literatur. Katzenhaar und Blütenstaub ist er zweite einer Reihe von Bartzsch-Krimis.

Klappentext

Ein hochgradiger Allergiker sollte Tierhaare und Pollen eigentlich meiden. Doch was tun, wenn man es ihm heimlich durch den Briefschlitz schiebt? Vielleicht hängt dieser hinterhältige Anschlag mit der Leiche in Nachbars Garten zusammen: Ein Einbrecher wurde tot aufgefunden, und Bartzsch war der erste am Tatort. Nun fehlt die Beute - eine halbe Million ist verschwun- den. Leider scheinen ein paar Leute zu glauben, daß Bartzsch dabei seine Finger im Spiel hatte..., Dieses eBook ist nicht zum Verkauf bestimmt.,

Gunter Gerlach Katzenhaar und Blütenstaub

Roman

GOLDMANN

Die Originalausgabe erschien 1995 im Rotbuch Verlag Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Berteismann Ungekürzte Taschenbuchausgabe 5/98 Copyright © der Originalausgabe 1995 by Rotbuch Verlag, Hamburg Um- schlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: G+J / Photonica Satz: DTP Service Apel, Hannover Druck: Eisnerdruck, Berlin Krimi 5875 AB • Herstellung: Heidrun Nawrot Made in Germany ISBN: 3-442-05.875-9, 1. Klick »Eine Leiche? Bartzsch, ich bitte dich! Das ist doch ein Trick! Was willst du wirklich?« Bartzsch hatte mich mit seinem Anruf geweckt. Seit ich ihm gehol- fen hatte, eine Serie von Hundemorden aufzuklären, fühlte er sich in meiner Schuld. Bartzsch hatte damals die Lösung des Falles für sich behalten, so daß ich keines meiner Fotos von Täter und Opfern ver- kaufen konnte. Worauf es mir übrigens auch gar nicht ankam; ich verdiene mein Geld mit ganz anderen Aufnahmen. Jetzt bot er mir als Gegenleistung für meine damaligen Dienste die Gelegenheit, ein Foto zu schießen, um das sich die Presse angeblich reißen würde: ein toter Einbrecher. Nur schnell müßte ich sein. Ich habe Bartzsch anfangs eine Mischung aus Bewunderung und Mitleid entgegengebracht. Seine diversen Allergien und sein schwe- res Asthma lassen ihn oft dem Tode näher sein als dem Leben. Frü- her hat er im Übermaß kortisonhaltige Mittel genommen und davon das typische Mondgesicht bekommen, das er seit kurzem mit einem Dreitagebart kaschiert. Seitdem seine Freundin Sylvia mit ihm zu- sammenlebt, hat sie seinen Medikamentenmißbrauch etwas in den Griff bekommen. Auch Depressionen lähmen ihn nicht mehr so häu- fig. »Was ist nun?« »Bartzsch, ich brauche morgens zwei Stunden, bis ich richtig wach bin. Wenn ich jetzt ohne Frühstück, ohne Zähneputzen, ohne Zei- tungslektüre, ohne Hantelübungen im Schlafanzug ins Auto springe und zu dir fahre, ist der ganze Tag gelaufen – egal, ob da eine Leiche in deinem Garten liegt oder nicht.« Bartzsch würde mich verstehen, mir etwas Zeit geben, denn auch er verließ das Haus nicht gern ohne Frühstück. Bartzschs Atem ging schwer, selbst durch mein altes Telefon mit seinem Knistern und Prasseln hörte man, daß er Asthmatiker ist. »Die Leiche liegt nicht in meinem Garten, dennoch habe ich sie wunderbar im Blick. Aber vielleicht hast du recht, hau dich wieder hin. Ich werde dich anrufen, wenn die nächste Leiche im Nachbar- garten liegt. Das kommt ja ziemlich häufig vor. Also schlaf gut.«, Natürlich hängte er nicht ein. Ich lauschte der Melodie seiner Bron- chien. »Also gut, ich komme. Wie weit ist die Leiche entfernt? Brau- che ich ein Teleobjektiv?« »Pack einfach alles ein.« Bartzsch ist aufgrund seiner Krankheit ein Krüppel. Aber es ging nicht darum, Behinderten jeden Gefallen zu tun und sie ihre Behin- derung damit erst recht spüren zu lassen, was mich dazu brachte, einen Keks und einen Schluck Mineralwasser als Frühstück zu ak- zeptieren. Bartzsch war mein Freund geworden. Wir sind einander in vielen Dingen ähnlich, haben sogar gleiche Gewohnheiten. Ich liebe seinen Humor, der aus seinem Überlebenswillen resultiert und des- halb ziemlich schwarz ist. Und inzwischen kann ich sogar mit seinen Depressionen umgehen. Ich wusch mich nicht, zog die Kleidung über den nachtschweißigen Körper und kontrollierte den Inhalt mei- ner Fototasche. Im Treppenhaus fuhr ich mir mit der Zunge über die belegten Schneidezähne, strich mit dem Zeigefinger die Zahnreihen entlang und roch daran. Ich befand mich im Raubtierhaus eines Zoos. Der Mensch ist ein schreckliches Tier, sagte schon Konrad Lorenz, oder war es Walther Birkmayer. Wahrscheinlich beide. Auf der Uhr in meinem alten Volvo war es noch nicht mal sieben. Der Wagen startete mit Mühe, er zeigte mir seinen Unwillen mit einer Fehlzündung, besann sich dann aber, erhob sich stöhnend, ver- söhnte sich mit mir und brachte mich schnurrend zu Bartzschs Woh- nung im Osten Hamburgs nach Wandsbek. Das kleine dreigeschossi- ge Mietshaus liegt mitten zwischen Einfamilienhäusern. Keine gute Gegend, wenn man von seiner Wohnung aus ein Detektivbüro betreiben will – aber Bartzsch war Amateur. Vor dem Nachbarhaus stand ein Polizeiwagen. Ein Beamter saß darin und telefonierte, ein anderer lehnte gelangweilt am Gartenzaun. Alle Fenster hatten Au- gen. Ich parkte brav, stieg aus und versuchte, meine Fototasche vor dem Polizisten zu verbergen. Er beachtete mich gar nicht. Kein großes Aufgebot für einen spektakulären Fall. »Du stinkst«, sagte Bartzsch. »Wolltest du mich küssen?«, Ich ließ meine Schuhe in Bartzschs »Allergieschleuse.« In diesem knapp anderthalb Meter langen Teil des Flurs zwischen Wohnungs- tür und einer weiteren Innentür mußten Schuhe, Jacken und Mäntel abgelegt werden. Bartzsch versuchte mit dieser selbstgebauten Schleuse, so viele Allergene wie möglich auszusperren. Dann führte er mich in sein Allerheiligstes, seine Isolierkammer, ein mit allen erdenklichen Tricks staub- und allergenfrei gehaltenes Schlafzim- mer, dessen Wände mit Aluminiumfolie beklebt sind. Sogar der Fußboden ist mit einem glatten Metallbelag abgedichtet. Normaler- weise läßt er außer Sylvia niemanden hinein, denn dieses Zimmer sorgt dafür, daß er morgens halbwegs gesund erwacht. »Meine Anwesenheit wird dich umbringen. Ich bin ungewaschen, voller Milben.« »Was tut man nicht alles, damit ein Freund ein paar Mark ver- dient.« Er stellte den Luftreiniger auf volle Touren. Er hatte nicht zuviel versprochen, der Blick aus dem Fenster bot ein seltenes Motiv. Allerdings hätte ich es besser inszenieren können. Es war kein Blut zu sehen. »Den ersten Preis bringt es nicht.« »Aber Geld. Beeil dich. Die Polizisten auf der Straße warten auf die Spurensicherung. Noch hast du es in voller Schönheit.« »Kann ich das Fenster öffnen, ohne daß dich der herumfliegende Blütenstaub zur zweiten Leiche macht?« Er öffnete es für mich. Ich ließ das Zoom an der Kamera ein- schnappen, beugte mich hinaus und stellte scharf. Der Tote lag in einem Rosenbeet. Klick. Einen Einbrecher hatte ich mir eigentlich dünner vorgestellt. Klick. Er lag direkt neben dem Fuß einer Alumi- niumleiter. Klick. Seine Arme waren unnatürlich verdreht. Klick. Sein Gesicht war ausdruckslos. Nicht verschlagen genug. Seine Au- gen starrten in den Himmel. Klick. Mein Blick folgte der Leiter. Klick. Bis hinauf zum geöffneten Fenster im ersten Stock. Klick. »Wirklich ein Einbrecher?« Bartzsch nieste eine Antwort. Auf der Straße fuhren zwei Wagen vor. Klick. Die Spurensicherung. Klick. Einer sah zu uns herauf. Klick. Ich sah auf meinem Foto schon den schwarzen Balken über, seinen Augen. Klick. Er winkte einen anderen heran. Klick. Er zeigte auf uns. Klick. »Hast du alles?« Bartzsch drückte die Nasenflügel zusammen, um nicht erneut niesen zu müssen. Klick. »Ja.« Klick. »Wir werden Besuch bekommen.« Klick. »Ja.« Klick., 2. Vor der Tür stand ein Polizist und lächelte Laut Statistik ist Hamburg eine der Städte in Deutschland mit der höchsten Einbruchsrate. Ich selbst bin schon zweimal Opfer gewor- den. Das alte Mietshaus, in dem ich im Stadtteil Winterhude wohne, ist selten abgeschlossen. Man müßte sich mit ganzer Kraft gegen die Haustür stemmen, damit sich der Schlüssel überhaupt drehen ließe. Hinzu kommt, daß die Bewohner einander kaum oder gar nicht ken- nen. Gute Voraussetzungen für Einbrecher. Als sie mich das erste Mal besuchten, nahmen sie nichts mit, wahrscheinlich waren sie durch irgend etwas gestört worden. Beim zweiten Mal fanden sie meine Barschecks, nahmen die hinteren drei heraus und reichten sie mit primitiv gefälschter Unterschrift bei meiner Bank ein. Zwei wa- ren eingelöst worden, bis ich es bemerkte. Ich einigte mich mit der Bank und bekam nur die Hälfte der Summe erstattet, weil ich den Verlust nicht schnell genug gemeldet hatte. Seitdem benutze ich keine Schecks mehr, habe mir eine Kreditkarte zugelegt und zwei Sicherheitsschlösser an der Wohnungstür. Einbrüche sind alltägliche Ereignisse. Ich bezweifelte stark, daß meine Fotos bei den Zeitungen allzu begehrt sein würden, es war schließlich nur ein Dieb, der sich hier zu Tode gestürzt hatte. Ich würde die Bilder heute noch an die Redaktion geben müssen. Davor war Zeit genug, um mit Bartzsch zu frühstücken. Bartzsch überließ sich im Bad einem ausführlichen Niesanfall, dann kam er schniefend in die Küche und kochte, schnüffelnd und mit roter Nase, an der ein Tropfen hing, Tee für mich. Allergien sind nicht ansteckend. »Was machen die Anfälle?« »Sylvia sorgt für mich.« Sylvia war Arzthelferin und hatte das Haus schon vor meinem Ein- treffen verlassen. Sie mußte quer durch die Stadt nach Altona zu ihrer Arbeit fahren. Sie hatte ein ausgeprägtes Umweltbewußtsein und bevorzugte öffentliche Verkehrsmittel. Ein weiter Weg. Ich betrachtete Bartzschs von Kortison gezeichnetes Gesicht. Das einzig wirksame Mittel gegen seine Hyperallergie würde ihn letztlich umbringen, trotz Sylvias Vorsorge, die Dosis niedrig zu halten. Er hatte zu lange zuviel davon genommen, und vermutlich beschaffte er, es sich heute noch heimlich, um sich gelegentlich höhere Dosen zu verabreichen. »Und was ist an diesem Einbruch Besonderes?« Er schenkte mir Tee ein, setzte sich und schob mir weiches Toast- brot hin. Ich hätte es gern in einen Toaster gesteckt, aber dieser war von Sylvia wegen der Rauchentwicklung und seines schädlichen Einflusses auf den Organismus von Bartzsch abgeschafft worden. »Die Leiche ist das Besondere.« »Berufsrisiko.« »Einbrecher arbeiten selten allein. Warum läßt also einer seinen to- ten Freund liegen. Der zeigt doch mit dem Leichenfinger direkt auf seinen Komplizen.« »Panik?« »Ich weiß nicht.« »Was soll er denn deiner Meinung nach machen? Den Toten mit- schleppen, im Wald verscharren? Das sähe ja wie Mord aus!« »Mord. Kein schlechter Gedanke.« »Wieso.« »Ich finde es komisch, daß ein Einbrecher von der Leiter stürzt und sich das Genick bricht. Von einer Leiter, seinem Standardarbeitsmit- tel!« »Vielleicht ein Amateur.« »Amateure haben keine Leitern.« »Du meinst, die haben die Leiter mitgebracht?« »Nein, die ist aus der Garage. Die müssen gewußt haben, daß da eine Leiter ist.« »Nicht unbedingt. Viele Leute bewahren in der Garage eine Leiter auf.« »Trotzdem. Bei diesem Fall ist irgend etwas anders… Mord?« Bartzsch wiegte den Kopf und rieb sich das Gesicht. Auch das Weiße in seinen Augen hatte durch den Niesanfall eine rosa Färbung ange- nommen. »Du siehst wohl nur noch Mörder.« »Klar. Das macht Spaß.« Bartzschs Detektivspiele waren immer eine Art Beschäftigungsthe- rapie gewesen, allerdings hatte er sie mit zunehmender Leidenschaft, betrieben. Das Asthma hatte ihn zu einem Frührentner mit viel Zeit und die Allergien hatten ihn einsam gemacht. Daß er im Laufe eines Kriminalfalles eine Frau gefunden hatte, die es fertigbrachte, mit ihm zusammenzuleben, war sein großes Glück. Ich fragte mich aller- dings, wie lang es eine gesunde Frau mit einem Mann aushielt, des- sen Leben weitgehend aus allergieabwehrenden Vorsichtsmaßnah- men bestand. Noch hielt das Glück. Seine Erfolge als Detektiv hatten dagegen wenig Glanz. Er hatte ein paar jugendliche Ausreißer aus- findig gemacht, sie mit Raffinesse zurückgebracht, doch wenig spä- ter waren sie wieder ausgerissen. Er hatte einen Mann aufgespürt und überredet, zu seiner Frau zurückzukehren, die ihn dummerweise nach zwei Wochen erneuten Zusammenlebens erwürgte. Aber er hatte auch einen Mord aufgeklärt. Der allerdings galt bei der Polizei bis heute als Unfall. Bartzsch ließ sie in dem Glauben. Auch bei der Mordserie an den Hunden war es Bartzsch nicht gelungen, seine Talente als Detektiv öffentlich zu machen. Er hatte den Täter gefun- den und ihn laufenlassen. Mir scheint es typisch für seine Arbeits- weise zu sein, ein tiefes Verständnis, fast könnte man sagen Mitleid, für die Täter zu entwickeln. Dabei weiß ich genau, daß Bartzschs Vorbilder die knallharten amerikanischen Detektive aus dem Kino sind. Zu Hause hat er eine stattliche Krimisammlung und schwärmt oft von dem einen oder anderen Buch. Doch deren Helden leiden nicht wie er an lebensgefährlichen Allergieausbrüchen. »Schenkst du mir einen Satz von den Fotos?« »Kann ich machen, aber was willst du damit?« »Einrahmen und aufhängen.« »Du kriegst die Fotos nur, wenn du mich einweihst.« »Ach, du weißt doch, der verwirrte Geist eines Kortisonsüchtigen.« Er grinste. Aber dann zog er unter einem Stapel Zeitungen einen Schnellhefter hervor. »Weißt du, was ich hier habe? Es ist die Hamburger Einbruchstati- stik. Und wenn du dir ansiehst, wie sich die Einbrüche über das Stadtgebiet verteilen, gibt es seltsame Zusammenballungen.« »Klar, da, wo es was zu holen gibt. Oder wo es leicht ist einzustei- gen.« »Mag sein.«, »Was meinst du?« »Ich glaube, daß diese Einbrüche meist nicht so unorganisiert und spontan ablaufen, wie die Polizei uns glauben machen will.« »Eine Organisation?« »Warum nicht? Weißt du, ein Einbrecher sucht vor allem Geld. Es ist die Beute, mit der er unkompliziert umgehen kann. Aber Bargeld findet er selten. Zweitens sucht er kleine, wertvolle Gegenstände, die er leicht mitnehmen kann. Kameras oder so etwas, doch dafür braucht er einen Abnehmer. Dieb und Hehler bilden ja die kleinste Organisationseinheit. Zusätzlich braucht man jemanden, der die loh- nenden Objekte risikolos ausspäht und selbst kein Einbrecher ist. Denn auf jemanden, der sich am Tatort herumgetrieben hat, würde zuerst der Verdacht fallen. Späher, Einbrecher, Hehler. Fertig ist die Organisation.« »So neu ist die Idee nicht.« »Mir geht es um Risikominimierung. Aufwand und Ertrag müssen in einem äußerst profitablen Verhältnis stehen.« »Ich würde mal sagen, neunzig Prozent der Fälle werden sowieso nicht aufgeklärt.« »Du verstehst das nicht. Angebot und Nachfrage regeln die Einbrü- che!« »Marktwirtschaft.« »Genau. Ein Unternehmen muß her.« »Aber geschehen die meisten Einbrüche nicht spontan? So von Drogensüchtigen oder so?« »Die interessieren mich nicht.« Es klingelte. »Und was willst du tun?« Es klingelte stürmischer. Bartzsch zog die Schultern hoch. Ich trank meinen Tee aus. Wir standen gemeinsam auf. Ich reichte ihm die Hand. »Es ist besser, ich gehe jetzt.« »Ich glaube nicht, daß du das kannst.« »Was soll das heißen?« »Du wirst jetzt einiges zu erklären haben.« »Was?« Es klingelte zum dritten Mal., »Vor der Tür steht jemand, der wissen will, warum du die Leiche so intensiv fotografiert hast.« Bartzsch öffnete. Vor der Tür stand ein Polizist und lächelte. Innere Stärke ist der Quell wahrhaftigen Lächelns, behauptete der chinesische Meister Tsün Wang., 3. Erfinder der Wirklichkeit Die Autorität meines von der Gewerkschaft ausgestellten Presseaus- weises wurde nicht auf die Probe gestellt. Ich durfte den Film behal- ten, mußte nur meinen Namen und meine Adresse preisgeben. Bartzsch war für den Polizisten wichtiger. Niemand in der näheren Umgebung hatte einen so guten Einblick in den Garten und damit auf den Schauplatz des Einbruchs. Die betroffenen Nachbarn waren ver- reist. Aber Bartzsch war ein schlechter Zeuge. Durch die ausgezeichnete Isolierung seines Zimmers drangen kaum Geräusche, und so hatte er vergangene Nacht nichts Auffälliges wahrgenommen. Allein beim morgendlichen Blick aus dem Fenster hatte er die Leiche entdeckt und sofort die Polizei gerufen. Das war gelogen. Mir hatte der erste Anruf gegolten. Ob Bartzsch runtergegangen sei – zu der Leiche? Nein, sagte Bartzsch. Ich wußte nicht, ob ich ihm glauben sollte. Der Polizist tat es. Ich wurde das Gefühl nicht los, daß Bartzsch von den Fotos mehr erwartete, als daß ich sie gut verkaufen könnte. Sicher, man konnte damit den Einbrecher identifizieren, vielleicht seinen Komplizen finden. Aber das war einfache Polizeiarbeit. Mein Fotolabor ist eines Profis nicht würdig. Ich verwandle dazu mein Badezimmer, verdunkle das Fenster, klappe ein Brett mit dem Vergrößerungsgerät über die Wanne und knie mich davor. Diese Doppelfunktion des nur vier Quadratmeter großen Raumes stellte mich vor eine schwierige Entscheidung: erst duschen oder erst den Film entwickeln und vergrößern. Ich roch an mir und entschied mich gegen das Badezimmer und für das Fotolabor. Wenn Bartzsch glaub- te, die Fotos würden etwas offenbaren, dann wollte ich es vor ihm entdecken. Ich entwickelte den Film und trocknete ihn mit dem Fön. Ich hatte nur zweiundzwanzig Bilder geschossen, also vergrößerte ich alle. Meinen ästhetischen Ansprüchen genügte keines. Hätte ich mir selbst die Aufgabe »Zu Tode gestürzter Einbrecher« gestellt, ich hätte ein, Bild komponiert, das es wert gewesen wäre, in ein Fotojahrbuch aufgenommen zu werden. Eine ganze Reihe meiner Bilder findet man in solchen Werken – allerdings nicht unter meinem richtigen Namen. Ich benutze vier verschiedene Pseudonyme. Ich will nicht, daß ein geschickter Journalist darauf kommt, daß alle meine Fotos perfekte Inszenierungen sind, daß ich nie da war, woher meine Bilder vorgeblich kommen. Ich erfinde Wirklichkeiten mit meinen Fotos. Ich bin Spezialist für das Grauen und das Elend in ästhetischer Vollendung. Das macht meine Bilder so erfolgreich. Sie sind besser als die Wirklichkeit. Bei ihrer perfekten formalen Gestaltung über- lasse ich nichts dem Zufall – wie es der Reporter vor Ort tun muß. Deshalb sind meine Bilder auch wirkungsvoller. Gewalt, Elend und Leid faszinieren die Menschen, aber es ist nicht nur Voyeurismus, der sie nach Bildern dieser Art verlangen läßt. Es werden zwei ge- gensätzliche Gefühle hervorgerufen. Man wird abgestoßen und zu- gleich angezogen. Ein unerträglicher Zustand, denn die Menschen sind harmoniesüchtig. Dieser Zustand fordert dazu heraus, sich zu engagieren, sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen. Das fotografisch dokumentierte Grauen löst einen kleinen seelischen Schock aus, den verstärke ich und schwäche ihn zugleich ab durch den Einsatz künstlerischer Mittel. Ich mache die Situationen erträgli- cher, aber auch grausamer. Ich denke, aufgrund dieser Methode brennen sich meine Bilder ins Gedächtnis ein. Da gibt es das Bild von einem in seinem Wagen erschossenen Ma- fiaopfer auf Sizilien. Es ist auf einem Schrottplatz am Rande Ham- burgs entstanden, und der Tote, dessen Kopf blutüberströmt aus dem Wagenfenster hängt, bin ich selbst. Die Einschußlöcher in der Wa- gentür habe ich mit einem Stemmeisen fabriziert. Das Foto hat mir so viel eingebracht, daß ich meinen jetzigen Wagen davon finanzie- ren konnte. Bekannt ist auch das Bild des erfrorenen Bettlers in New York, aus dessen Lumpen sich noch die erstarrte bettelnde Hand reckt. Man ahnt es schon: Ich bin der Bettler, und ich mußte nicht nach New York fahren, um ein solches Foto zu machen. Es gelang mir hier, wo ich alle Details organisieren und komponieren konnte, viel besser. Dieses Bild war der Ausgangspunkt meiner Karriere als Fotograf., Ich mache nur vier bis fünf Bilder dieser Art pro Jahr. Sie bringen mehr als genug Honorar zum Leben. Natürlich verkaufe ich nur an ausländische Agenturen. Von dort finden die Bilder meist ihren Weg zurück nach Deutschland. Diese Methode ist für mich die sicherste. Ich will nicht, daß jemand weiß, daß ich der Fotograf bin. Auf Ruhm lege ich keinen Wert. Diskussionen über meine Tätigkeit gehe ich aus dem Weg, indem ich sie selbst vor meinen Freunden verheimli- che. Bartzsch ist einer der wenigen, die wissen, wie ich mein Geld verdiene. »Ich weiß, daß es falsch ist, was du tust. Aber ich weiß nicht, was daran falsch ist. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen.« »Es ist Betrug – möglicherweise sogar in juristischem Sinn –, aber ich habe mir eine kleine Rückversicherung eingebaut.« »Darum geht es mir nicht. Nehmen wir einmal an, es käme heraus, niemand würde mehr einem Foto trauen. Die Fotografie hätte die Kraft der Dokumentation verloren. Das meine ich.« »Die Fotografie hat ihre Unschuld längst verloren und trotzdem nicht ihre Wirkung. Denk an die vielen Fälschungen diktatorischer Regimes. Und die elektronische Bildverarbeitung hat alles möglich gemacht und macht ständig davon Gebrauch. Vor allem natürlich in der Werbung. Fast jedes Bild ist hier genaugenommen eine Fäl- schung.« »Du magst gute Absichten haben, ein anderer Fotograf hat sie nicht. Wenn man mit dem Falschen das Richtige tut, wird das Rich- tige irgendwann falsch.« Ich hatte Bartzsch nicht überzeugen können. Aber er billigte meine Fotos, seit ich ihm das eines Unfallopfers gezeigt hatte. Ein Mann kommt verletzt und schreiend, ein totes Kind in seinen Armen hal- tend, auf den Fotografen zugelaufen. Im Hintergrund sieht man eine Massenkarambolage, wie sie häufig auf Autobahnen anzutreffen ist. Das Foto trug in Italien mit dazu bei, eine heftige Diskussion über Geschwindigkeitsbegrenzungen auszulösen. Natürlich war ich der Mann, und das tote Kind war eine lebensgroße Puppe. Die Szene hatte ich am Rande eines Schrottplatzes arrangiert. Die Realität hätte mir kein Motiv in solch künstlerischer Perfektion bieten können., Bartzschs Vorbehalte gegen meine Arbeit waren im Laufe der Zeit geringer geworden. Das lag wohl daran, daß er mich als Piraten an- zusehen begann, der die Medien mit seinen Fotos entert, um damit zu ihrem Untergang beizutragen. Vor ein paar Tagen hatte er sich mir sogar als Modell angeboten. Ich hatte ihm von meinem Plan erzählt, ein Foto mit einem hingerichteten bosnischen Milizionär zu inszenie- ren. Ich denke, Schreckensbilder aus diesem Krieg, die auch ästheti- schen Kriterien genügen, würden häufiger abgedruckt werden und damit vielleicht dazu beitragen, dieses Grauen zu beenden, so wie es der Bildberichterstattung in den sechziger Jahren mit dem Vietnam- krieg gelang. Ich gebe zu, diese Theorie ist umstritten. Die Fotos vom toten Einbrecher hatten keine dieser Qualitäten. Sie schwammen zum Wässern in meiner Badewanne. Vor kurzem hatte ich alle Bilder noch auf der Wäscheleine getrocknet. Es machte mir nichts aus, sie langsam zu trocknen. Ich hatte es ja nie besonders eilig. Meine Fotos besaßen einen anderen Wert als den der Aktuali- tät. Doch jetzt hatte ich eine Trockenpresse und zum ersten Mal ei- nen dringenden Grund, sie zu benutzen. Ich plazierte sie auf dem Klodeckel. Noch heiß betrachtete ich die Fotos unter der Lupe, um vielleicht zu entdecken, worauf Bartzsch aus war. Ich fand nichts von Bedeutung, außer daß der Tote anhand dieser Fotos wirklich gut zu identifizieren sein mußte. Vielleicht hatte Bartzsch doch nichts ande- res vor, als parallel zur Polizei Ermittlungen anzustellen. Ich gab meinem Badezimmer seine ursprüngliche Gestalt zurück und wusch mir endlich den längst getrockneten Schweiß nächtlicher Alp- träume von der Haut. Dann kündigte ich telefonisch meinen Besuch und meine Bilder bei einer Redaktion an. Ich verband keine großen Hoffnungen damit. Bartzsch würde warten können. Würde er? »Bartzsch? Ich bin es.« Das Gewitter im Telefonhörer verzog sich. »Wann leistest du dir mal einen neuen Apparat?« Wir waren Dinosaurier im Zeitalter der Telekommunikation. Wir verzichteten auf die bequemen elektronischen Wunderwerke und liebten unsere alten Apparate mit der Drehscheibe. »Was?« Ein Platzregen prasselte durch den Hörer. »Ich sagte: neues Telefon!« Der Regen wurde schwächer., »Ja, ja.« Es war vorbei, die Sonne ging wieder auf. Ein friedlicher Tag an der See. Nur in der Ferne rauschten kleine Wellen. »Ich bring’ dir deine Fotos morgen. Ich will zuerst die Redaktionen bedienen.« »Kein Problem.« »Gibt’s was Neues?« Urplötzlich setzte der Regen wieder ein. »Warte, ich kann dich nicht verstehen. Verstehst du mich? Scheiß- telefon!« Das Gewitter zog sich wieder zusammen. »Was? Hör zu, wenn du mich verstehen kannst. Ich leg jetzt auf und ruf gleich noch mal an. Vielleicht ist es dann ja besser.« Ich wartete ein paar Sekunden, nahm den Hörer ab und lauschte. Ein tadelloses weißes Freizeichen auf makellosem blauen Himmel ließ mich wählen. Die Impulse der Ziffern kletterten sauber durch den Hörer. Bartzsch hob ab. »Ich bin’s. Warte.« Ich lauschte der trügerischen Ruhe. »O.k. es scheint zu gehen.« »Ich schenk’ dir zum Geburtstag einen neuen Apparat.« »Es liegt an deinem.« »Dann schenken wir uns gegenseitig einen.« »Gut, abgemacht.« »Es gibt was Neues, und es könnte dir beim Verkauf der Fotos hel- fen. Es geht um vierhundertachtzigtausend Mark.« »Das zahlt mir keiner.« »Quatschkopf. Das war im Haus.« Es ging wieder los: Leichter Re- gen trübte unsere Verbindung. »Wie jetzt?« »Die Einbrecher haben rund eine halbe Million erbeutet.« »Ehrlich?« »Ehrlich sicher nicht.« »Blödmann.« »Der Wert deiner Fotos steigt doch mit der Höhe der Beute, stimmt’s?« »Hör mal, das klingt in meinen Ohren so, als hättest du das mit dem Geld schon vorher gewußt.« »Na und?«, »Und wie ist es mit Vertrauen und Ehrlichkeit unter Freunden?« »Ich bin Detektiv. Detektive sind so.«, 4. Schrecklich einfach Der Volvo versuchte, mir Schwierigkeiten zu machen. Wir verstan- den uns in letzter Zeit nicht mehr so gut. Ich klopfte ihm beruhigend aufs Armaturenbrett. »Komm schon, alter Schwede!« Er sprang trotzdem nicht an. Dabei hatte ich ihm vor vierzehn Ta- gen eine neue Batterie spendiert, worüber er sich anfangs zu freuen schien. Ich holte das Kontaktspray unter dem Sitz hervor und stieg aus. Stöhnend öffnete er mir die Kühlerhaube. Ich legte den Zünd- verteiler frei, gab ihm einen Schuß aus der Spraydose und verschloß ihn wieder. Der Motor sprang an, zeigte mir aber seinen Unwillen durch sehr unruhigen Lauf. Ich stellte die Zündung nicht ab und stieg in meine Wohnung hinauf, um mir meine verschmierten Hände zu waschen. Als ich zurückkam, war der Motor aus. Ich mußte die Pro- zedur mit dem Kontaktspray wiederholen. Der Volvo qualmte stark und schüttelte sich immer wieder. Ich spielte mit dem Gaspedal, kuppelte immer wieder aus, um die Drehzahl hochzujagen, und schlug vorsichtshalber die Richtung zur Werkstatt ein. Als er meine Absicht bemerkte, wurde er plötzlich ruhig und begann gleichmäßig zu schnurren, als sei nichts gewesen. Na bitte. Kein Wunder, die Neuigkeit war schneller gewesen als ich. Sie hatte die Redaktion vor mir erreicht und für offene Türen, aufgeschlossene Gesichter und Schulterklopfen gesorgt. Nicht der tote Einbrecher, sondern das gestohlene Geld hatte die Nachricht und mich wichtig gemacht. Mein Foto wurde sofort in das bereits erstellte Layout der Lokalredaktion eingepaßt. Der Artikel wurde noch recherchiert und geschrieben. Ich bekam bitteren Kaffee serviert und erfuhr, was Bartzsch anscheinend schon gewußt hatte. Sein Nachbar, Gold- schmied und Uhrenhändler, hatte in seinem Laden einen Lieferanten erwartet. Wegen günstiger Preise war Barzahlung vereinbart worden. Der Lieferant kam nicht. Der Goldschmied nahm das Geld mit nach Hause, wo er es im Schreibtisch deponierte. Da blieb es zunächst, weil er und seine Frau am nächsten Morgen für zwei Tage auf Ge- schäftsreise gingen. Woher wußten die Einbrecher davon? Sie wuß-, ten gar nichts. Zufall. Die Polizei ging davon aus, daß es mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Täter waren. Ende. Überschrift? Über- schrift: »Halbe Million gefunden. Tot!« Vorsichtig versuchte ich auf die irreführende Formulierung auf- merksam zu machen. Man betrachtete mich mit kalten Augen, bis ich mich wie ein Angehöriger einer aussterbenden Tapirart fühlte. Ir- gendwie niedlich, aber ganz und gar nicht zeitgemäß. Zusätzlich schnitt man mir das Wort ab, steckte es mir in die Tasche und schob mich aus der Redaktion, Honorar wird überwiesen, und wenn Sie mal wieder, Sie wissen ja, wir würden uns freuen, aber bitte per Post. Weder das Stück Butterkuchen noch der Kaffee vertrieben meinen Ärger. Ich stand in einer Bäckerei am Gänsemarkt, man stieß mich an, mein Kaffee schwappte in die Untertasse, und fremde Kuchen- krümel rieselten auf meine Schultern. Ich bin mit meinen ein Meter siebzig zu klein für ein Stehcafé. Mit angelegten Armen und einge- zogenem Kopf schlürfte ich den Kaffee und ärgerte mich über die Überschrift des Zeitungsartikels. Sie war typisch für eine bestimmte Art von Journalisten. Sie wollten für ihre Leser alles vereinfachen. Sie reduzierten jede Nachricht so lange, bis nichts mehr stimmte. Und damit hatten sie ein Heer von mich anrempelnden und bekrü- melnden Idioten herangezogen, die sich alle in der Stadtbäckerei versammelt hatten, um auf diese Überschrift zu warten. Bleib arm und ehrlich, dann lebst du länger. Arme Kaffeeschlucker. Mit jedem Schluck berauben wir die Dritte Welt. Ich bin als Reporter ungeeig- net. Aber das wußte ich doch schon vorher. Nichts wie weg hier! Sylvia war für Bartzsch da. Und Bartzsch war für mich da. Zum Abendessen gab es ein für Lebensmittelallergiker ausgeklügeltes kleines Menü. Sylvia stimmte mit Charles Darwin darin überein, daß sich nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen gegen das Gefressenwer- den zur Wehr setzen. Während Tiere flüchten, setzen Pflanzen che- mische Waffen ein. Zwar hat sich der menschliche Organismus dar- auf eingestellt und Resistenzen entwickelt, aber die Pflanzen haben zu einem Gegenschlag ausgeholt, indem sie uns als Allergieauslöser zusetzen. Bartzsch war ihr bevorzugtes Testobjekt. Doch Sylvia hatte für ihn den Kampf aufgenommen und servierte eine sogenannte Eli-, minationsdiät. Ein ausgeklügelter Speiseplan, der am Anfang nur ein Nahrungsmittel zuließ. Reagierte Bartzsch nicht allergisch darauf, wurde bei nachfolgenden Mahlzeiten jeweils ein weiteres Nah- rungsmittel hinzugefügt. Sylvia setzte sich neben Bartzsch und beo- bachtete ihn bei den ersten Bissen wie eine strenge Lehrerin. Ihre Gesichtszüge wirken sehr männlich, und sie unterstützt dies durch den kurzen Haarschnitt und die Kleidung. Sie bevorzugt Hosen, der- be Männerhemden und Jacketts. Bartzsch mag das. Vielleicht weil er es als Ausdruck von Lebenstüchtigkeit sieht, die er nicht besitzt. »Gut«, sagte er und lächelte sie an. Ich stimmte zu und wagte nicht, nach Salz zu fragen. Sylvia würde ihre Gründe haben, es aus dem Risotto herauszuhalten. Nachdem ich die Hälfte gegessen hatte, hielt ich es doch nicht mehr aus. »Salz?« Sie lächelte und erhöhte die Tonlage ihrer Stimme: »Soll ich dir was über Salz erzählen?« »Lieber nicht.« Sie langte hinter sich zum Herd und schob mir den Salzstreuer zu. »Du nicht!« Das galt Bartzsch. Er schüttelte gehorsam den Kopf. Ich nahm das Salz als Stichwort, um auf den Einbruch zurückzukom- men. »Die halbe Million ist das Salz in der Suppe, was?« »Vierhundertachtzigtausend, um genau zu sein.« »Woher wußtest du davon?« »Fenger kam natürlich sofort zurück. Ich sprach mit ihm.« »Fenger?« »Das ist der Nachbar.« »Hat er dich beauftragt?« Bartzsch schüttelte den Kopf, blickte Sylvia an, als erwarte er eine Zurechtweisung. Sie sagte nichts. »Wieso hat der soviel Geld in der Schublade, wenn er verreist? Hat er als Goldschmied keinen Tresor? Ich finde das komisch.« »Es stützt die Theorie, daß alles wie geplant verlaufen ist. Nehmen wir an, die Einbrecher wußten, wo das Geld war. Dann gibt es je- manden, der diese Information besaß, sie weitergegeben hat.« »Jemand aus Fengers Umkreis.«, »Möglich.« Sylvia begann die Teller zusammenzustellen. »Die Herren Detekti- ve wollen sich vielleicht in den Salon begeben.« Ich hielt meinen Teller fest. »Laß nur, ich wasche ab. Ich mache das gern.« »Dann setze ich mich vor die Glotze, weckt mich, wenn ihr den Fall gelöst habt.« Sylvia grinste, strich Bartzsch über den Kopf und verschwand mit einem Glas Mineralwasser im Wohnzimmer. »Ist sie nicht süß?« Bartzsch streckte die Beine aus und legte die Hände hinter den Kopf. Ich hatte das Gefühl, ein Idyll zu stören, das sich wahrscheinlich im Bett vervollständigt hätte. »Keine Sorge, ich gehe gleich nach dem Abwasch.« Ich ließ Was- ser in die Spüle laufen. »Was willst du eigentlich mit den Fotos?« »Weiß ich noch nicht genau.« Ich spürte, daß er mir nicht alles sagte, was er wußte. »Komm schon, erzähl’s mir.« »Ich weiß nicht, es ist alles schrecklich einfach, zu einfach. Irgend etwas stimmt nicht.« »Was?« »Der Lieferant von Fenger, ein Italiener, der hat natürlich gewußt, daß Fenger das Geld hat…« »Und hat es den Einbrechern gesteckt? Moment! Natürlich, der Ita- liener hat sie engagiert, das Geld zu klauen! Deshalb ist er auch nicht gekommen.« »Nein, der konnte in seinem Zustand wirklich nicht kommen.« »Ich wußte doch, daß du mir nicht alles gesagt hast. Los, jetzt mal raus damit.« »Der Italiener liegt im Krankenhaus. Er geriet in der Nacht vor dem Einbruch in eine Schlägerei auf St. Pauli. Schädelbasisbruch. Le- bensgefahr.« »Woher weißt du das?« »Der tägliche Polizeibericht. Du bist nicht der einzige, der einen Presseausweis besitzt.« »Schlägerei? Seltsame Zufälle. Die Schläger könnten Erpresser gewesen sein. Er hat das mit dem Geld bei dem Goldschmied verra-, ten, und die haben ihn dann aus dem Verkehr gezogen, um dort ein- zubrechen.« Bartzsch stand auf und nahm ein Küchenhandtuch, um die Teller abzutrocknen. »Ich sagte ja, es ist alles schrecklich einfach. Zu einfach.« »Ein Fall für die Polizei, nichts für dich.« Er schwieg, räumte die Teller in den Schrank, legte das nasse Tuch über die Heizung. Ich trocknete meine Hände, ging in den Flur, steckte den Kopf ins Wohnzimmer und verabschiedete mich von Sylvia. Im Fernsehen lief Columbo. Der wußte immer sofort, wer der Täter war. Bartzsch brachte mich zur Tür, legte mir die Hand auf die Schulter und zog mich noch einmal zurück. »Mal angenommen«, flüsterte er, »du findest eine halbe Million. Was würdest du damit machen?«, 5. Eine alte Geliebte Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Arzt Charles Harrison Blackley eines Tages sein Arbeitszimmer betrat, in dem eine Vase mit blühenden Gräsern stand, mußte er niesen. Dies war der Beginn der modernen Allergieforschung. Zu Bartzschs natürlichen Feinden gehören auch Blütenpollen. Sie lassen seine Schleimhäute anschwellen, verklebte Augen, eine trop- fende Nase und eine röchelnde Lunge sind die unausweichlichen Folgen. Im Sommer wagt er nur nach ausgiebigen Regenfällen, wenn die Luft gereinigt ist und der Blütenstaub am Boden klebt, einen Spaziergang. In der vergangenen Nacht hatte es geregnet. Ich beglei- tete ihn durch den Park, der links und rechts des Flüßchens Wandse fast bis zum Wandsbeker Markt führt. Wandsbek hat entgegen sei- nem Ruf auch schöne Seiten. Das alte Wandsbeker Gehölz, ein fast waldartiger Park, und der Verlauf der Wandse gehören dazu. Aber natürlich kennen die meisten Hamburger von diesem Stadtteil gerade mal die vierspurige Bundesstraße 75. Darauf durchqueren sie mit überhöhter Geschwindigkeit den Vorort und bedauern die Bewohner der meist häßlichen Randbebauung. Bartzsch erzählte mir von einer neuen Methode bei Raubüberfällen. Mehrere, meist jugendliche Gangster taten sich zusammen. Einer postierte sich in der Nähe eines Geldautomaten. Kam ein Kunde, stellte er sich hinter ihn, als wollte er ebenfalls Geld abheben. Dabei kennzeichnete er den Rücken seines Vordermanns mit einem Kreidestrich. Zwei andere verfolgten den Gekennzeichneten, bis sich eine Gelegenheit ergab, ihn unbeobachtet unter Vorzeigen eines gro- ßen Messers aufzufordern, das Geld herauszugeben. »Was ich sagen will«, beendete Bartzsch seine Geschichte, »es ist ziemlich intelligent ausgedacht.« »Bis auf das Messer.« Er reagierte nicht auf meinen Einwand. »Ich glaube, ich könnte ein erfolgreicher Gangster werden. Ich habe mir eine ganze Reihe per- fekter Verbrechen ausgedacht. Alles, was ich brauchte, um sie auszu- führen, wäre eine perfekte Organisation.« »Willst du mich anwerben?«, Er lachte. »Ich bin Detektiv und kein Gangster.« »Wo ist der Unterschied?« »Die Frage ist gar nicht so übel. Auch ein Detektiv muß sich den Ablauf des Verbrechens, das er aufklären will, erst ausdenken – und ihn gedanklich so oft drehen und wenden, bis er mit der Realität übereinstimmt. Dann hat er den Fall gelöst. Ein guter Detektiv wäre ein ebenso guter Gangster. Deshalb bin ich von meiner neuen Me- thode so überzeugt: Ich denke mir ein Verbrechen aus und versuche es dann in der Realität zu finden. Denn was ich mir ausdenke, kann sich ein Krimineller genausogut ausdenken und durchführen. Die Verbrechen, die ich nur für mich konstruiere, gibt es tatsächlich, oder es wird sie demnächst geben. Sie sind eben nur noch nicht bekannt oder noch nicht ausgeführt worden. Ich bin davon überzeugt. Und ist es nicht genau die Methode, mit der Detektive wie ich vorgehen müssen? Es ist unsere Aufgabe, denn die Polizei kann es sich nicht leisten, ebenso perspektivisch zu arbeiten, also zukünftige Verbre- chen im voraus zu klären. Die Polizei kommt immer zu spät. Sie muß zu spät kommen. Sie kann nicht anders. Das ist systemimmanent.« Bartzsch blieb stehen und beobachtete eine alte Frau, die Enten mit Brotbrocken aus einer Plastiktüte fütterte. »Gift«, sagte er. »Warum sollte das Brot nicht vergiftet sein. Komm weiter, und sieh dich nicht um, ich glaube, wir werden ver- folgt.« »Von wem?« »Ein Mann. Er folgt uns schon lange. Wir werden sehen. Laß uns bis zum Einkaufszentrum gehen.« Ich hielt es für ein Spiel. »Und welches Verbrechen konstruierst du daraus?« »Ich denke, daß meine Vermutung, die Einbrecher hätten sich or- ganisiert, stimmt. Ich habe mir diese Organisation ausgedacht, indem ich mich fragte, wie ich es machen würde. Als erstes die Kerntruppe zusammenstellen. Sagen wir Schlosser, Dachdecker, Glaser. Sie treten als Handwerker auf mit einem entsprechend gestalteten Auto. Eine ideale Tarnung. Sie führen tagsüber die Einbrüche durch, ver- stehst du, es fällt nicht auf. Das wichtigste aber ist zu wissen, wo sich ein Einbruch lohnt. Deshalb würde ich per Zeitungsanzeige in allen, Stadtvierteln Arbeitslose suchen – davon gibt es ja zur Zeit genug –, die ihre Nachbarschaft nach lohnenden Objekten ausspähen. Die Kundschafter tragen kein Risiko und sind am Umsatz beteiligt. Als möglicherweise Hauptverdächtige besorgen sie sich für den Zeit- punkt des Einbruchs ein Alibi. Ich glaube, genau so wird es schon gemacht. Hier, guck dir das an.« Bartzsch zog aus seiner Jacke einen Fetzen Papier. Es war ein Stel- lenangebot aus einer Zeitung. Junge, unabhängige Leute wurden für eine leichte Informationstätigkeit gesucht. Verdienstmöglichkeiten bis zu zehntausend Mark im Monat. Die Anzeige überzeugte mich nicht. »Da baut jemand ein Netz zur Verteilung von Prospekten oder Warenproben auf.« Bartzsch wischte meinen Einwand beiseite. »Genau die ideale Tar- nung für eine solche Organisation.« »Und wegen dieser Idee wirst du nun verfolgt? Es weiß doch gar niemand davon.« Bartzsch zuckte mit den Schultern. »Vielleicht doch. Ich habe mich auf diese Anzeige beworben.« »Was hast du?« »Na ja, irgendwo muß man anfangen.« Ich nahm Bartzsch nicht ernst, trotzdem sah ich mich unauffällig um. In großem Abstand folgte uns ein junger Mann in hellblauer Hose und schwarzer Lederjacke. »Es kann ein Spaziergänger wie wir sein.« »Er folgt uns, seit wir aus dem Haus gegangen sind.« »Der Einbruch bei deinem Nachbarn, ist er auch von einer solchen Organisation durchgeführt worden?« »Kann sein, aber er paßt nicht recht ins Schema.« »Eines interessiert mich. Mal angenommen, deine Theorie stimmt, was klauen diese Profis, Geld finden sie doch selten. Und, was im- mer es ist, wie setzen sie es ab? Wenn die permanent einbrechen, müssen sie ja einen schwunghaften Handel betreiben. Wer kauft so was?« »Fernseher, Videos, Kameras. Seit der Öffnung der östlichen Län- der gibt es einen neuen, riesigen Absatzmarkt.«, Wir hatten das Ende des Parks erreicht und hetzten unter Lebensge- fahr über eine vierspurige Straße. Bartzsch blieb stehen, hustete trok- ken. Der kurze Spurt hatte ihn so angestrengt, daß sich sein Gesicht rötete. Er holte eine kleine Spraydose hervor, schob sie sich fast ganz in die Mundöffnung und betätigte den Sprühknopf. »Wie wär’s mit einem Kaffee«, röchelte er. »Kaffee? Was wird Sylvia dazu sagen?« »Wird sie es erfahren?« Wir tranken Cappuccino in dem italienischen Café, das mit seinen Stühlen und Tischen einen Teil der Gänge des Einkaufszentrums erobert hatte. Zwischendurch betätigte Bartzsch erneut seine Spray- dose. Er atmete schwer, und jedes Luftholen wurde von seiner Lunge mit mehrstimmigem Pfeifen begleitet. Der Spaziergang war wohl doch nicht gut für ihn gewesen. Aber vielleicht lag es nicht am Blü- tenstaub. Es kamen mehr als ein Dutzend weitere Stoffe in Frage, die bei Bartzsch eine allergische Reaktion auslösten. Wie auch immer, ich mußte mich auf Vorwürfe von Sylvia gefaßt machen, da ich ihn nicht von dem Spaziergang abgehalten hatte. »Schade, daß du keine Kamera dabei hast, ich…« Der Rest des Satzes ging in einem trockenen Hustenanfall unter. »Was soll ich fotografieren?« »Da hinten. Da sitzt er. Unser Mann.« Ich entdeckte ihn in einem Wandspiegel. »Kein Problem. Kann ich dich allein lassen?« »Wenn du einen Treueid als Kindermädchen abgelegt hast, mußt du natürlich bei mir bleiben. Hau ab, du Arschloch!« Ich ging in das mittlere Gebäude des Einkaufszentrums zu einem Fotoladen, kaufte einen Film, handelte eine geringe Leihgebühr für die Kamera aus und hinterließ meine Kreditkarte als Pfand. Mit einer Nikon samt Teleobjektiv schlich ich mich zurück. Es gelang mir, den Verfolger unbemerkt zu fotografieren, allerdings durch eine Schau- fensterscheibe hindurch, was die Qualität des Fotos mindern würde. Ich brachte die Kamera zurück und den Film zu einem am anderen Ende des Zentrums eingerichteten Labor, das damit warb, innerhalb einer Stunde fertige Fotos zu liefern. Als ich zum Café zurückkam, war Bartzsch verschwunden. Der Verfolger auch., Der Kellner kam auf mich zu. »Die Rechnung ist noch offen. Zwei Cappuccino, macht…« »Wo ist mein Freund?« »Ich habe einen Arzt gerufen.« »Einen Arzt! Was ist passiert?« »Er bekam keine Luft mehr. Macht sieben Mark.« »Wie heißt der Arzt?« »Wittschneider. Im Vorderhaus. Zahlen Sie die Rechnung?« Ich zahlte. Bartzsch lag allein in einem kleinen Behandlungszimmer auf einer Liege, die gläserne Halbmaske eines Inhalators auf dem Gesicht. Er nahm sie herunter. »Alles schon wieder in Ordnung.« Er tippte auf eine Einstichstelle am Arm. »Kortison!« sagte er triumphierend. »Sylvia wird toben.«, 6. Tränen und schwache Füße Nichts war in Ordnung. Sylvia war außer sich. Ich wisse doch genau, wie es um Bartzsch stehe, und warum ich dann mit ihm spazieren- ginge? Sie opfere sich auf, führe Diäten durch, halte Allergene von ihm fern, und dann das! Was wir überhaupt in diesem Café gemacht hätten? Wohl auch noch Kaffee getrunken! Gift sei das für Bartzsch. Ich wüßte doch Bescheid. Und wenn Bartzsch schon nicht vernünftig sei, dann hätte ich doch wohl die Aufgabe, auf ihn aufzupassen. Recht hatte sie. Bartzsch mußte ihr alles noch einmal bis ins kleinste Detail erzäh- len. Er war ehrlich. Dann weinte sie. Auch noch Kortison, wo sie es doch geschafft hatte, seine Dosis so niedrig zu halten, daß kaum Nebenwirkungen zu erwarten waren. Und jetzt ein solcher Schuß. Bartzsch schwor, daß es nicht wieder vorkommen würde. Und ich schwor, in Zukunft auf ihn aufzupassen. Es beruhigte sie nicht. Schließlich begann sie mit dem Hinweis, das müsse jetzt sein, mit großer Energie die Küche zu putzen, so daß Bartzsch und ich uns ins Wohnzimmer zurückzogen. Wir lauschten schweigend dem Schep- pern aus der Küche. »Eine Übersprunghandlung«, sagte Bartzsch und zog sich die Fern- sehzeitschrift heran, stieß sie aber kurz darauf wieder von sich und sah mich nachdenklich an. »Sag mal, was meinst du, hätte unser Verfolger ein Polizist sein können?« Es war das einzige Detail, das Bartzsch in seinem Bericht für Sylvia ausgelassen hatte. »Ich mache mir Sorgen. Sylvia hat recht, ich hätte dich von dem Spaziergang abhalten sollen.« »Auch du, mein Sohn, Brutus.« Ich zog die Fotos hervor, die ich, während Bartzsch in der Obhut des Arztes gewesen war, abgeholt hatte. Sie waren gut, trotz der Spiegelungen in der Schaufensterscheibe. »Schnauzbart, Lederjacke, Jeans – eigentlich typisch –, aber das Gesicht? Warum sollte dich die Polizei beobachten?« Ich gab ihm die Bilder. »Weil sie glauben könnten, daß ich das Geld habe.«, »Aber das hat doch der Komplize des Einbrechers.« »Wenn es einen gab. Ich hätte ja als erster bei dem toten Einbrecher sein können, und wenn er das Geld noch gehabt hätte, dann könnte ich es jetzt haben. Ist doch klar.« »Ein Gedanke, der auch anderen Leuten als der Polizei kommen könnte?« Ich spielte sein Spiel mit, obwohl es mir abwegig schien. »Genau.« »Was willst du tun?« »Nichts. Abwarten. Eine wunderbare Situation.« »Wenn deine Idee stimmt, könnte das gefährlich sein, auf jeden Fall ungemütlich.« »Nicht für mich. Mir kann doch gar nichts Besseres passieren, als daß irgend jemand glaubt, ich sei in den Fall verwickelt, ich besäße das Geld. Indem er gegen mich vorgeht, liefert er mir Informationen, vielleicht sogar Beweise, um den Fall zu klären.« Ich verkniff mir die Bemerkung, daß man ein Genie immer an den Idioten erkennt, die sich gegen es verschwören. Ich glaube, es ist ein Gedanke von Jonathan Swift. »Und«, ergänzte Bartzsch, »auf diese Weise komme ich zu einem Klienten. Ich bin es selbst. Ich bin mein eigener Klient. Eigentlich optimal, was?« »Bleibt nur noch die Frage, wieviel du dir pro Tag zahlst.« Der Krach aus der Küche war unüberhörbar. Etwas war zu Bruch gegangen, auf dem Fußboden zersplittert. Bartzsch sprang auf, und ich folgte ihm. Sylvia hockte auf dem Boden und schob apathisch die Scherben eines Tellers zusammen. Sie schluchzte. Bartzsch hockte sich zu ihr, nahm sie in den Arm. »Sylvia…« »Ich halte das nicht mehr aus. Ich ertrage das einfach nicht mehr. Verstehst du das denn nicht? Ich tue alles, damit du keine Anfälle mehr kriegst, und du gehst damit um, als wäre alles nur Spaß.« Bartzsch richtete sie auf. Sie schluchzte und drückte ihren Kopf an seine Brust. »Ich kann nicht allein kämpfen. Du mußt es auch wol- len.« »Du bist nicht allein. Ich verstehe schon, daß es manchmal aus- sieht, als wäre alles Spaß für mich. Ich weiß, wie gefährdet ich bin,, wie schnell ein Anfall tödlich sein kann. Aber niemand kann mit einer solchen permanenten Bedrohung leben. Laß sie uns ab und zu ein bißchen verdrängen.« Sylvia sah mich mit roten Augen an und wechselte von Bartzschs Brust an meine. »Sag du ihm was.« Sie zog die Nase hoch, und Tränen oder Rotz drangen durch den Stoff meines Hemdes. »Er liebt dich.« Ich gab Sylvia an Bartzsch zurück. »Behandle sie anständig, sonst hole ich sie mir.« Dann verließ ich die beiden. Ein Symbol tragischer Liebe. Bartzsch hatte einmal gesagt, es sei unmöglich, mit einer Krankheit wie ihm auf Dauer zusammenzuleben. Mit der Armaturenbeleuchtung betrachtete der Volvo Sylvias Trä- nen auf meinem Hemd. Sie schienen ihn zu beflügeln. Er trocknete sie mit einem sanften Luftstrom. Doch plötzlich begann der Motor zu husten. Danach ging alles ganz schnell. Ich konnte den Wagen gera- de noch in eine Parkbucht lenken. Er löschte seine Lichter und sank stöhnend in sich zusammen. Ich fluchte nicht, sondern stieg aus und strich ihm liebevoll übers Dach. »Das wird schon wieder.« Ich versteckte den Zündschlüssel unter dem Teppich des Koffer- raums, ohne ihn abzuschließen. Das hatte ich schon öfter so gemacht, damit ihn jemand aus der Werkstatt abholen konnte. Er hatte mich weit genug gebracht und mir nur noch einen kurzen Spaziergang bis nach Hause zugemutet. Ich erklomm die drei Treppen zu meinem Appartement und betrach- tete erschrocken die angelehnte Wohnungstür. Ich stieß sie mit dem Fuß auf. Kein Licht brannte. Ohne die Wohnung zu betreten, ver- suchte ich, den Lichtschalter im Flur zu erreichen. »Ist da jemand?« Nichts ist unberechenbarer als ein überraschter Einbrecher. Und ich bin ein Angsthase. Alles blieb still. Ich betrachtete die beiden Sicherheitsschlösser. Sie schienen nicht aufgebrochen zu sein., Ich brauchte eine Waffe. Ich ergriff einen Schirm, der an der Gar- derobe gleich neben der Tür hing und tastete in jedem Zimmer, ohne es zu betreten, nach den Lichtschaltern. Es war niemand in der Wohnung. Schränke und Schubladen waren geöffnet worden. Meine Kameratasche fehlte. Ich griff zum Telefon. »Bartzsch, du wirst es nicht für möglich halten, aber ich komme eben…« »Ich weiß, bei dir ist eingebrochen worden.« »Was heißt, du weißt es schon. Woher?« »Ich habe es beim ersten Ton an deiner Stimme gehört.« »Und findest du das nicht merkwürdig?« »Nein, eher alltäglich. Fehlt was?« »Ja, meine Kameras. Sonst nichts. Das heißt, ich weiß es noch nicht so genau. Was soll ich jetzt tun?« »Ruf die Polizei.« »Scheiße.« »Na gut, engagiere einen Privatdetektiv. Mich zum Beispiel.« »Ha, ha.« »Dann nicht.« »Das ist das dritte Mal jetzt. Die Versicherung wird mich raus- schmeißen.« »Du hattest doch zwei Schlösser.« »Ja, einfach aufgeschlossen, nehme ich an.« »Also Profis. Dann tu mir einen Gefallen, versuche festzustellen, was sie durchwühlt haben. Ich bin sicher, die haben was Bestimmtes gesucht.« »Was meinst du damit?« »Die haben das Geld gesucht, das ich dir gegeben habe.« »Du… mir Geld gegeben?« »Ja, ich dir geben Geld von Einbruch bei Nachbar. Du nix verste- hen?« »Was ist das jetzt für eine Theorie?« »Ich gestehe, eine auf schwachen Füßen.« Ich rief die Polizei. Es dauerte zwei Stunden, bis sie eintraf. Die beiden Beamten sahen sich kurz um und teilten mir dann mit, daß, morgen früh ein Kollege käme, um alles aufzunehmen, von dem bekäme ich auch das Aktenzeichen, wegen der Versicherung. Ich wagte, etwas von Fingerabdrücken zu sagen. Ja, genau, ich sollte möglichst nichts anfassen. Dann waren sie wieder weg. Wie wohnt man in einer Wohnung, ohne etwas anzufassen?, 7. Eine reine Form von Wahrheit Am nächsten Tag wurde in den Morgennachrichten erstmals seit langem nicht über den Krieg in Bosnien berichtet, diese Mischung aus brutalem Landraub, Kreuzzug, Rache für lange zurückliegende willkürliche Teilung, Sicherung von Privilegien aus der Tito-Ära und Suche nach verlorenen Werten. Das Medieninteresse war schon seit einiger Zeit am Abklingen. Wenn ich mich mit meinem vermeintli- chen Sarajevo-Foto nicht beeilte, käme ich zu spät. Ich mußte drin- gend das Abbruchhaus am Stadtrand besichtigen, in dem ich das Bild inszenieren wollte. Aber nun hatte ich kein Auto mehr, meine Kame- ras waren gestohlen, und ich konnte die Wohnung nicht verlassen, bis die Polizei eintraf. Ich rief die Werkstatt an. Es ist ein sehr kleiner Betrieb, versteckt in einem Hinterhof, aber wer einen Volvo fährt, kennt ihn. Es gibt nur zwei Mechaniker und einen halbtags arbeitenden Rentner für die Büroarbeiten. Einer der Mechaniker ist eine Frau, und sie wird von allen »Volvo« gerufen. Sie hat das absolute Volvo-Gehör. Sie braucht eines dieser schwedischen Autos nur zu hören und weiß so- fort, was daran kaputt ist. Sie ist besser als jedes elektronische Dia- gnosegerät. Und sie ist sehr hübsch, allerdings ist das nicht auf den ersten Blick zu erkennen, da sie einen unförmigen Arbeitsanzug trägt und ihr blondes Haar unter einer Baseballkappe verbirgt. Leider ernte ich von ihr immer nur ein stummes Grinsen, wenn ich versuche, sie einzuladen. Wahrscheinlich versuchen alle Volvo-Fahrer, die in die Werkstatt kommen, sie einzuladen. Mit ihr auf dem Beifahrersitz könnte man selbst in einem alten Buckelvolvo reibungslos quer durch Europa fahren. Es meldete sich der Rentner im Büro. »Kann ich Volvo haben?« Er stellte mich in die Werkstatt durch. Sie wußte sofort, wer ich war. »Du bist der 240er GL in Weiß, Baujahr 85, stimmt’s?« Sie versprach, den Wagen abzuholen und mich abends anzurufen., Die Polizei kam erst gegen elf Uhr. Diesmal waren es zwei Beamte in Zivil. Sie machten nicht den Eindruck, als hielten sie ihre Arbeit für besonders sinnvoll, aber sie waren gründlich, nahmen tatsächlich Fingerabdrücke von allen möglichen Griffen und Klinken und natür- lich meine eigenen, wegen des Vergleichs. Sie untersuchten beide Sicherheitsschlösser und wollten wissen, wer alles Schlüssel besäße oder wem ich sie mal geliehen hätte. Ich hatte die Schlüssel nie aus der Hand gegeben. Sie befragten meine Nachbarn, um den Zeitpunkt des Einbruchs einzukreisen. Und sie lobten mich, weil ich ihnen die Gerätenummern der beiden gestohlenen Kameras angeben konnte, das würde ihnen helfen. Ich bezweifelte es und gab Bartzschs Theo- rie vom Hehlermarkt im Osten zum besten. Sie nickten, das sei wohl möglich und mache die Sache schwieriger. Ich kochte ihnen Kaffee und konfrontierte sie mit Bartzschs Theorie von der Einbrecherorga- nisation, die in allen Stadtteilen Agenten hätte. Sie lächelten von oben herab. Ja, ja, aber die meisten Einbrüche geschähen spontan, Beschaffungskriminalität und so, das müßte ich doch wissen. Orga- nisierte Profis würden sich größere Objekte suchen, wo mehr zu holen sei als in einer Etagenwohnung. »Und was halten Sie von dem Einbruch bei mir?« Sie zogen die Schultern in die Höhe, klappten ihre Mappen zusammen, verstauten ihre Utensilien in einem Pilotenkoffer, überreichten mir eine Visi- tenkarte und das Aktenzeichen. Man werde sehen. Mahlzeit. Ich rief die Versicherung wegen des Formulars für eine Einbruchs- und Diebstahlsanzeige an und mußte mir von der Sachbearbeiterin den Vorwurf gefallen lassen, dies sei, wie sie aus meinen Unterlagen ersehen könne, innerhalb von zwei Jahren schon der dritte Einbruch. »Ich weiß, ich verschicke Einladungen.« Bartzsch hätte genauso reagiert. Sie lachte nicht. Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte es. Bartzsch stand vor der Tür. »Du? Wie kommst du hierher?« Es war erst das zweite Mal, daß er mich besuchte. »Ich wollte mir den Tatort ansehen und ausprobieren, ob ich immer noch verfolgt werde.«, »Und wirst du es noch?« »Ich denke schon.« »Der selbe Mann?« »Möglich. Der Besuch bei dir gibt mir die Möglichkeit, gleich noch zu überprüfen, ob in meiner Abwesenheit auch bei mir eingebrochen wird.« »Erwartest du das?« »Wenn ich von der Polizei beobachtet werde, weil sie annimmt, ich hätte das Geld, dann nicht. Wenn ich von Einbrechern aus demselben Grund beobachtet werde und meine Hypothese stimmt, daß alle Ein- brecher glauben, alle Menschen würden wie Einbrecher denken, dann wird bei mir ebenfalls nicht eingebrochen.« »Kannst du mir das erklären.« Bartzsch schritt wie vor einer Stunde die beiden Polizisten durch meine Wohnung, jedes Zimmer genauestens inspizierend. Ich hatte die wenigen offensichtlichen Spuren der Einbrecher noch nicht be- seitigt. Bartzsch dozierte: »Ein Einbrecher würde seine Beute niemals in der eigenen Wohnung aufbewahren, das würde ihn bei einer Durch- suchung ja sofort überführen. Wenn also einer von ihnen glaubt, ich hätte das Geld, würde er nicht bei mir suchen, sondern zum Beispiel bei dir.« Bartzsch ging in meine Küche. »Ich habe das Gefühl, ich begreife nicht, wovon du redest.« Ich folgte ihm. »War der Kühlschrank geöffnet?« »Nein.« Er öffnete ihn. »War darin alles wie immer?« »Ich habe nicht darauf geachtet.« »Dann erklär mir mal, warum du deine tiefgekühlten Pommes in der Gemüseschale aufbewahrst?« »Was?« »Sie sind schon aufgetaut. Die kannst du wegwerfen.« Er öffnete das Tiefkühlfach. »Da. Sie haben es ausgeräumt. Das Gefrierfach ist ein beliebtes Versteck.« Er hatte recht. Ich fragte mich, wie groß ein Geldbündel von vier- hundertachtzigtausend Mark ist., Bartzsch betrachtete inzwischen das Bücherregal im Wohnzimmer. »Ist irgend etwas verändert?« »Nein… das heißt doch.« Ich hatte die Veränderung vorher nicht bemerkt. Meine Bücher stehen normalerweise alle am vorderen Rand der Regalbretter. »Sie haben die Bücher an die Wand gedrückt, um festzustellen, ob etwas dahinter ist!« »Genau. Die haben sich deine Wohnung angeguckt und nur dort gesucht, wo sie selbst etwas verstecken würden.« »Auf meine Kameras hatten sie es gar nicht abgesehen?« »Nein.« »Aber wer hat das Geld wirklich? Und wieso glauben die, daß du es bei mir versteckt hast?« »Es gibt zwei Möglichkeiten: Es waren zwei Einbrecher bei mei- nem Nachbarn. Einer schob Wache, der andere stieg ein. Dem Wachposten dauerte es zu lange, er wollte nach dem Rechten sehen, aber da sah er mich und haute ab.« »Er sah dich?« »Na ja, ich gestehe, ich war doch unten bei der Leiche.« »Also doch! Und dann las der geflohene Einbrecher in der Zeitung von dem Geld und denkt, du hast es?« »Genau.« »Aber dann müßtest du tatsächlich das Geld haben.« »Oder es war gar keines da.« »Keines da? Das verstehe ich nicht.« »Ich auch nicht. Deshalb die zweite Möglichkeit: Die haben im Auftrag gehandelt. Der eine bricht sich das Genick, der andere nimmt das Geld, versteckt es und behauptet seinem Auftraggeber gegenüber, ich hätte es genommen.« »Bartzsch, ich weiß nicht, warum ich dir glauben sollte, aber wenn das so war, was sollen wir dann tun?« »Überlegen, was sie tun werden.« Bartzsch grinste in mein besorg- tes Gesicht, klopfte auf das Polster des Sofas und schnüffelte. »Übri- gens, deine Wohnung ist eine böse Falle.«, Er setzte sich. »Jedenfalls für einen Allergiker wie mich. Hast du keinen Staubsauger? Dann solltest du ihn regelmäßig benutzen, wenn du mich nicht umbringen willst.« »Aber solltest du das alles nicht der Polizei erzählen?« »Was? Daß du mich mit Hausstaub und Milben umbringen willst?« »Quatsch.« »Sie würden mir nicht glauben wollen.« »Nicht wollen?« »So wie du auch.« »Na ja.« Natürlich glaubte ich ihm nicht, er machte die Sache komplizierter, als sie wahrscheinlich war. Er hatte immer Vergnügen daran, aus Indizien eine umständliche Geschichte zu konstruieren. Manchmal dachten wir uns anläßlich einer kurzen Verbrechensmeldung in der Zeitung gemeinsam eine endlose, verwickelte Geschichte aus, bis sie immer absurder wurde und wir in hysterisches Lachen ausbrachen. Einmal hatte Bartzsch dabei einen schweren Asthmaanfall bekom- men. Bartzsch stand auf, ging zum Bücherregal und zog gezielt ein Buch heraus. Es war Kata von Andrew Vachss. Er blätterte in dem Nach- wort, dann las er laut: »Je unglaublicher etwas erscheint, desto höher ist die Chance, daß es eine reine Form von Wahrheit ist und schon daher nicht geglaubt werden kann.«, 8. Ein schwarzer 740er Turbo Kombi Bartzsch war mit einem Taxi zu mir gekommen. Bei der Taxizentrale kannten sie ihn bereits, denn er forderte immer einen bestimmten Wagen an, einen vierzehn Jahre alten Mercedes 200. Eine Vor- sichtsmaßnahme, denn die Leim-, Lösungsmittel- und Kunststoff- ausdünstungen eines neuen Wagens konnten bei Bartzsch Asthmaan- fälle auslösen. Ich bestellte denselben Wagen, um Bartzsch nach Hause zu bringen und dem Abbruchhaus, meinem Sarajevo, einen Besuch abzustatten. Zuvor wollte ich die Polaroidkamera aus dem Handschuhfach meines Wagens holen. Mit ihr konnte ich ein paar Probeaufnahmen in dem Haus machen, um dann zu entscheiden, welche Requisiten ich noch brauchte oder welche Veränderungen ich im Haus selbst vornehmen mußte. Das Taxi kam, aber Bartzsch wollte nicht nach Hause. Er bestand darauf, mich zu begleiten. Er könne sich ja probehalber schon mal als Leiche betätigen. Wir kamen zu der Stelle, an der ich den Volvo abgestellt hatte, aber der Wagen war nicht mehr da. Ich gab dem Taxifahrer die Adresse der Werkstatt. Bartzsch zog die Brauen hoch. »Wie heißt der Inhaber?« »Es sind zwei. Ein Mann, ziemlich dick, etwa fünfzig, und eine Frau, so um die Dreißig. Beide Mechaniker. Die Frau nennen alle Volvo, weil…« »Nachnamen haben die nicht?« »Frag mich nicht so was.« Wir ließen das Taxi warten und gingen durch die Toreinfahrt zur Werkstatt. Mein Wagen stand im Hof. Der Mechaniker kam aus der Werkhalle, stutzte überrascht und grinste Bartzsch an. »Lange nicht gesehen.« »Ich hatte keinen Bedarf. Immer noch im Geschäft mit den schnel- len Wagen?« »Und wie! Unser Spezialangebot ist das sogenannte…« Der Me- chaniker sah mich an und dann wieder zu Bartzsch. Bartzsch nickte. »Er ist in Ordnung. Ein guter Freund.«, Ich fragte mich, wer eigentlich der gute Kunde dieser Werkstatt war, Bartzsch oder ich. »Wir nennen das Ding Rettungsboot«, fuhr der Mechaniker fort. »Ist in einer halben Stunde eingebaut. Molotows Wagen hat es übri- gens auch. Ich mache dir einen Sonderpreis, wenn du willst.« »Ich habe immer noch keinen eigenen Wagen. Aber was ist das, ein Rettungsboot?« »Ein Spezialvergaser mit einer Gasflasche dran. Wenn du die ein- mal einschaltest, fährst du allen davon. Aber spätestens nach zehn Kilometern ist der Motor im Arsch. Manchem fliegt er schon früher um die Ohren. Es funktioniert eben nur einmal. Komm mit, ich zeig’ dir das Ding mal.« Der Mechaniker legte einen Arm um Bartzsch, und beide gingen durch die Werkstatt in das kleine abgeteilte Büro. Ich war abgemel- det und machte mich auf die Suche nach Volvo. Ich entdeckte ihre Beine. Sie ragten unter einem Wagen hervor. »He, Volvo!« Sie lag auf einem flachen Rollwagen, stieß sich ab und kam unter dem Wagen hervor. »Oh, hallo.« Sie trug Kriegsbemalung in Form von Ölstreifen quer über der Stirn und erhob sich. »Ich hätte dich noch angerufen.« »Ich bin nur gekommen, um etwas aus dem Wagen zu holen.« »Der sieht nicht gut aus.« Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, um eine blonde Strähne, die unter der Baseballkappe hervorkam, zur Seite zu streichen, und hinterließ auf der Wange einen neuen Ölstrei- fen. Er machte sie für mich nicht weniger hübsch. »Es ist die Zylinderkopfdichtung, außerdem hat die Lichtmaschine einen Kurzschluß, und der Zündverteiler muß erneuert werden. Die Wasserpumpe muß auch raus, und wenn mich nicht alles täuscht, sind die Bremsbeläge am Ende, und über kurz oder lang brauchst du neue Radlager.« Sie steckte die Hände tief in die Taschen und grinste breit. Trotz der schlechten Nachrichten hätte ich sie am liebsten ge- küßt. »Das hört sich wahrhaftig nicht gut an.« »Wäre vielleicht der richtige Augenblick, sich nach einem anderen umzusehen.«, »Genau. Sollten wir das nicht bei einem gemütlichen Abendessen besprechen. Meine Einladung steht noch.« Sie ging nicht darauf ein. »Wolltest du nicht immer einen Kombi?« »Schon.« Sie führte mich über den Hof zu einer Garage und schob die Tür hoch. Es war ein schwarzer 740er Turbo Kombi. Sie wußte, wofür ich schwärmte. »Kann ich mir den leisten?« »Ist gut in Schuß. Steht mit fünfzehn in der Liste. Du kriegst ihn für dreizehn. Und für deinen geb’ ich dir noch drei. Bleiben zehn. Setz dich mal rein.« »Machst du mit mir eine Probefahrt?« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Zeit. Überleg es dir. Ich bin drü- ben.« Ich sah ihr nach und versuchte mir vorzustellen, wie sie in einem Kleid und ohne die Baseballkappe aussah. Genausogut konnte ich mir jedoch vorstellen, daß sie den schmutzigen Overall nach der Arbeit nur gegen einen sauberen austauschte, ihr Abendessen an einer Frittenbude einnahm und in einer Ecke der Werkstatt auf einer Matratze schlief, um immer in der Nähe ihrer Autos zu sein. Nach heutigen Maßstäben war sie keine Schönheit. Ihre Nase war zu groß, und ihre blauen Augen bewegten sich nicht ganz auf parallelen Ach- sen. Jedesmal, wenn ich ihr meinen Wagen zur Reparatur brachte, verliebte ich mich neu in sie. Vielleicht gelang es mir, ihr über den Autokauf näherzukommen. Ich setzte mich in den Volvo und träum- te, wie wir beide ein edles Restaurant betraten. Sie in ihrem öligen Anzug, rechts und links ragten ein paar Schraubenschlüssel aus den Taschen. Die entsetzten Augen des Kellners. »Tut mir leid, alle Ti- sche besetzt.« Das wollen wir doch mal sehen! Ob fünfzig Mark Bestechungsgeld reichen würden? Bartzschs trockener Husten scheuchte mich aus meinen Träumen. »Was ist? Können wir?« Ich holte meine Polaroidkamera aus dem Auto und ging noch mal zu Volvo in die Werkstatt. Ihre Beine ragten wieder unter einem Wagen hervor., »Wie wär’s mit vier für meinen? Und selbstverständlich ein gran- dioses Abendessen für dich.« Sie kam nicht hervor. »Mal sehen, was ich machen kann. Ich ruf dich heute abend an. Ich hab’ dann auch die Reparaturkosten für deinen alten zusammenge- stellt. O.k.?« »O.k.« Sie würde sich nicht mehr zeigen. Ich ging mit Bartzsch über den Hof. Der Mechaniker erwartete uns an der Durchfahrt zur Straße. »Ich habe mir den Mann angesehen. Du meinst doch den mit dem Schnauzbart?« »Ja.« »Na ja, ich kenne ihn. Man nennt ihn Aldi. Er erledigt kleine Auf- träge, mal für diesen, mal für jenen.« »Und für wen zuletzt?« Der Mechaniker zuckte die Schultern. »Aber sein Wagen hat ein Rettungsboot, das weiß ich genau.« Er grinste und rieb sich die Hän- de. Wir überquerten die Straße und stiegen in das wartende Taxi. »Ging es um unseren Verfolger?« Bartzsch nickte und blieb stumm. Ich versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, aber unsere Kultur hat auch mich auf dem Gebiet der physiognomischen Erkenntnis zu einem Legastheniker gemacht. Ein Gedanke aus Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft, wenn ich mich recht erinnere. Es könnte allerdings auch aus dem Standardwerk Antlitz analyse von W. H. D. Paldis sein., 9. Anführungsstriche zählen nicht Bartzsch schwieg während der Fahrt, und ich starrte auf den Nacken des Taxifahrers. Irgend etwas störte mich daran. Der Mann war un- gefähr sechzig, hatte dichtes blondes Haar und trug ein hochge- schlossenes kariertes Hemd. Sein Gesicht war, soweit ich es im Rückspiegel sehen konnte, unbewegt. Er schien sich für seine Fahr- gäste nicht zu interessieren und war erstaunlich schweigsam für sei- nen Beruf. Dann ging mir auf, was mich an ihm irritierte: Er trug eine Perücke. Plötzlich, wir hatten unser Ziel gerade erreicht, sagte Bartzsch: »Falsch an deiner Arbeit ist, daß du sie als Kunst inszenierst, aber alles tust, damit sie als Dokument gilt.« Ich bat den Taxifahrer zu warten. Die Rechnung würde am Ende alles bisher Dagewesene überbieten. Wir stiegen aus und näherten uns dem Gebäude. Ein schlichtes Einfamilienhaus aus den fünfziger Jahren. Es war vom Besitzer unbewohnbar gemacht worden. Türen und Fenster waren herausgerissen. Teile der Heizungsanlage lagen im Vorgarten. Wahrscheinlich hatte er Angst vor Hausbesetzern gehabt. »Hast du gemerkt, daß der Taxifahrer eine Perücke trägt?« Bartzsch nickte. »Das Haar ist künstlich, aber er tut alles, damit es als wirklich an- gesehen wird. Was sagst du dazu?« Bartzsch lachte. »Natürlich können wir über die Funktion des De- signs an alltäglichen Gegenständen wie Kleidung oder Perücken diskutieren. Vorausgesetzt, du stimmst der Definition zu, daß deine Fotos Gebrauchsgüter sind, die ebenso wie ein Bügeleisen, ein Gar- tengrill oder ein Klodeckel eines Designs bedürfen.« Am Gartentor hing ein Schild, das auf Einsturzgefahr hinwies: »Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.« Die Nachbarn nutzten das Grundstück, um ihre Gartenabfälle abzu- laden. Über den Zaun gekippte frische Heuberge. Wir stiegen über einen Haufen abgesägter Zweige und betraten das Haus. Die meisten Räume waren für mein Vorhaben zu klein. »Was denkst du, was Kunst ist?«, »Ich kenne mich damit nicht aus.« Bartzsch zog die Stirn in Falten. »Vielleicht etwas, das zweckfrei ist?« »L’art pour l’art?« Das ehemalige Wohnzimmer war der größte Raum; er hatte wenig Licht, die beiden Fensterhöhlen waren sehr klein, aber er schien mir geeignet. Ich würde allerdings eine Lichtanlage mitbringen müssen. Mit ihr konnte ich den Raum so ausleuchten, als käme das Licht durch ein von einer Granate aufgerissenes Dach. »Weißt du, Bartzsch, Kunst heißt für mich, eine ethische Pflicht zu erfüllen. Niemals darf das unverbindlich Dekorative im Vordergrund stehen, es muß eine Beziehung eingehen zur Politik. Nur so kann man den falschen Romantizismus des L’art pour l’art überwinden.« »Hört sich an, als hätte es ein Hochschulrevoluzzer von 1968 ge- sagt.« »Es ist von Broch oder von Hofmannsthal, nein, von dem nicht, das ist Quatsch. Wahrscheinlich ist es von Walter Jens, als er über Broch sprach. Oder es ist doch von Broch, als er über Hofmannsthal sprach oder… Scheißhalbbildung.« »Schon gut, schon gut. Es hat was für sich.« Ich machte einige Aufnahmen vom Wohnzimmer. Bartzsch bot sich als Leiche an, und ich ließ ihn probehalber seine Rolle spielen. Zuvor hatten wir alte Zeitungen gefunden und ausgebreitet, damit Bartzsch sich auf den Boden legen konnte. Ich hoffte, der Staub würde ihn nicht allzusehr angreifen. Die Fotos überzeugten mich von dem Raum. Ich würde ihn aller- dings noch mit Brandflecken und Einschußlöchern präparieren müs- sen. Vielleicht wäre es auch gut, einige Fußbodenbretter zu entfer- nen. Wichtig war auch die richtige Kleidung für Bartzsch. Und ich brauchte Blut, viel Blut. »Trotzdem sind deine Fotos keine Kunst.« Bartzsch gab nicht auf. »Ob etwas Kunst ist, bestimmt heute der, der sie produziert…« »Kenne ich, ist von Warhol… oder war es Beuys? Oder hat es Beuys über Warhol gesagt oder umgekehrt. Du hast recht, Scheiß- halbbildung.« Bartzsch klopfte sich den Staub ab., »…der Kritiker, das Publikum können das Kunstwerk nur noch in- terpretieren und natürlich subjektiv als schlechtes oder gutes Kunst- werk bewerten.« Wir verließen das Haus, und ich öffnete Bartzsch die Taxitür. Er stieg nicht ein, sondern tippte mir mit dem Zeigefinger hart auf die Brust. »Gut, nehmen wir an, deine Fotos sind Kunst. Wie wäre es dann mit folgendem Vergleich: Ein begabter Maler imitiert einen Picasso und gibt sein Werk als Original aus. Das Bild kann ohne Zweifel ein Kunstwerk sein, und trotzdem ist es eine Fälschung. Ist es nicht genau das, was du tust?« »Ich habe diese Fernsehsendung mit dem Kunstfälscher auch gese- hen. Der Vergleich hinkt. Aber wenn ich unter das Bild, das in die- sem Haus entstehen soll, Sarajevo schreibe, dann schreibe ich es in Anführungsstrichen.« »Jeder Richter der Welt würde danach urteilen, was der unbedarfte Mensch dabei denkt, nämlich, daß das Foto in Sarajevo entstanden ist. Deine Anführungsstriche zählen nicht.« »Immerhin habe ich eine positive Absicht, und zwar die, Wirklich- keit erfahrbarer, fühlbarer zu machen. Meine erfundenen Wirklich- keiten können nur so lange bestehen, wie sie von der tatsächlichen Wirklichkeit getragen werden.« »Erfundene Wirklichkeiten? Ha! Den Satz leih’ ich mir aus, wenn ich mal ein Detektivlehrbuch schreiben muß über die Rekonstruktion von Verbrechen.« Bartzsch stieg endlich ein, und wir fuhren zurück. Ich hatte weder ihn überzeugt noch mich selbst. Seit ich diese spektakulären Fotos mache, habe ich ein schlechtes Gewissen dabei. Als Bartzsch vor seinem Haus ausstieg, wandte er sich noch einmal um. »Meinst du, du hast deinen Wagen morgen wieder?« »Kaum.« »Schade, du hättest mich begleiten können. Ich habe einen neuen Klienten.« »Was? Du… du hast einen Klienten. Seit wann?«, »Ich gebe ja zu, daß es selten geschieht, aber seit heute morgen ha- be ich einen. In einem Einbruchsfall.« »Ist es dein Nachbar?« Bartzsch schüttelte den Kopf. »Ich will unbedingt mitkommen.« »Gut.« »Warte, Bartzsch. Wer ist es?« »Hast du jemals gesehen oder gehört, daß ein Privatdetektiv seinen Klienten preisgibt?« »Scheißkinodetektive.« Bartzsch hörte es nicht mehr. Er war schon auf dem Weg ins Haus. Der Taxifahrer grinste zum ersten Mal. Sein Taxameter übersprang jubelnd die Neunzig-Mark-Grenze., 10. Der Beginn eines neurotischen Zusammenspiels Ich war wütend auf Bartzsch. Er fuhr mit mir den ganzen Tag im Taxi herum, ließ sich über meine Arbeit aus, aber erzählte nichts davon, daß er einen Auftrag bekommen hatte – was schließlich nicht jeden Tag vorkam. Der Ärger über diese Geheimniskrämerei rumorte so sehr in mir, daß ich Bartzsch sofort anrief, als ich nach Hause kam. »Schrei nicht so. Kann ja jeder mithören.« »Ich bin sauer, Bartzsch. Und dies ist ein Telefon, da kann nicht jeder zuhören.« »Doch, du brüllst so laut, daß ich den Hörer einen halben Meter vom Ohr entfernt halten muß. Sämtliche Nachbarn haben ihre Ohren an die Wände gelegt.« »Sylvia weiß es auch noch nicht, was?« »So ist es.« »Sie würde dir verbieten, den Fall anzunehmen, nicht wahr?« »Das ist zu befürchten.« »Warum?« »Seit ich in dieser Werkstatt war, versucht eine Bataillon Quaddeln meine Unterarme zu erobern.« »Ach du Scheiße. Ich glaube, die haben da lackiert. Wahrscheinlich die Lösungsmittel.« »Wie auch immer, holst du mich morgen um neun Uhr ab?« »Vielleicht solltest du auf Sylvia hören.« Es klingelte an meiner Wohnungstür. »Ich muß Schluß machen, Bartzsch.« Ein verschmitzt lächelndes Mädchen stand vor meiner Tür. »Das ist ein Service, was?« sagte es. »Volvo?!« Sie war kaum wiederzuerkennen. Sie trug enge Jeans, ein weißes T-Shirt, und ihr Haar fiel glatt über die Schultern herab. Keine Spur von Wagenschmiere. »Hast du jemand anders erwartet?« »Komm rein, kneif mich, gib mir eine Ohrfeige, tritt mir gegen das Schienbein, damit ich weiß, daß ich nicht träume.«, »Dein Traum steht unten vor dem Haus. Ich habe ihn mitgebracht. Wenn du willst, kann die Probefahrt gleich losgehen.« »Komm erst mal rein. Entschuldige die Unordnung, aber bei mir ist gerade eingebrochen worden.« Sie warf den Kopf zurück, und ein ungläubiges Grinsen wurde sichtbar. Sie hielt es wohl für einen Trick, sie reinzulocken. »Wirklich!« Sie betrat die Wohnung; selbst ihr Gang hatte sich verändert, war nicht mehr so schlurfend wie in der Werkstatt. Statt schwerer Schnürstiefel trug sie leichte weiße Tennisschuhe. Ich überlegte blitzschnell, welchen Platz ich ihr anbieten konnte. Mit einem Mal kamen mir alle Zimmer verdreckt und ungemütlich vor. Sie setzte sich im Wohnzimmer in den Sessel. Und für einen Moment befürch- tete ich, der Staub würde auf ihrem T-Shirt dunkle Flecken hinterlas- sen, die abgestandene Luft würde ihr Haar zum Kräuseln bringen und die Unordnung das Lächeln in ihrem Gesicht auslöschen. Aber nichts davon geschah. Sie lächelte mich an, so daß ich mich fragte, ob vielleicht jemand anders hinter mir stand. Aber ich wagte nicht, mich umzudrehen. »Was ist nun?« Sie meinte mich! Ich mußte sie eine ganze Weile angestarrt haben. Verdammt, was tat ich? Mußte ich ihr nicht etwas anbieten? Was gab mein Kühlschrank her? Joghurt, Ketchup, Milch, tiefgefrorene Pommes frites? »Joghurt, ich meine, Kaffee… Möchtest du vielleicht… kann ich machen?« Sie lachte und schüttelte kleine glitzernde Sterne aus ihrem Haar. Ihr Lachen verwandelte mich in eine verwachsene, bucklige Gestalt mit sinnlos herabhängenden Gliedmaßen. Ich sank ihr gegenüber auf dem Sofa zusammen, meine Knochen lösten sich auf, Schweinebor- sten stachen mir durch die Haut, mein Gesicht verzerrte sich und legte mein Raubtiergebiß frei. Sie neigte sich vor, betrachtete mich mit wissenschaftlichem Inter- esse. »Entschuldige«, stieß ich grunzend und sabbernd hervor, »du bringst mich ganz durcheinander.«, Warum nur sah sie so schön aus. Hätte sie nicht in ihrem Overall kommen können mit all den Ölflecken im Gesicht? Jetzt hatte ich das typische Die-Schöne-und-das-Biest-Syndrom und mußte auf Erlö- sung warten. »Kaffee«, sagte sie, »wär’ ganz nett.« Es löste ein wenig den Bann. Es gelang mir, aufzustehen und in die Küche zu gehen. Einmal aus ihrem Gesichtskreis, war es mir sogar möglich, meine Bewegungen wieder zu koordinieren und normal mit ihr zu sprechen. »Weißt du«, rief ich, »was mich so irritiert, ist deine Verwandlung. Ich kenne dich doch nur in dem Monteuranzug und mit der Mütze.« Ich füllte die Kaffeemaschine mit Wasser und löffelte Kaffee in den Filter. »Ich weiß«, sagte sie, und ich spürte ihren Atem in meinem Nacken und fuhr herum. Sie war mir gefolgt. »Es geht allen so. Und glaube mir, es gibt viel schlimmere Fälle als dich. Es gibt Männer, die für den Rest ihres Lebens zu Stotterern und Bettnässern werden, wenn sie mich plötzlich in normaler Kleidung sehen.« »Du, du scheinst es darauf anzulegen.« Sie antwortete nicht, betrachtete mich belustigt und neigte ihren Kopf nach vorn. Sie war mir so nah, daß mein Atem aussetzte. »Luft holen!« sagte sie. »Ich kann nicht«, preßte ich hervor. »Du mußt mich beatmen.« »Das würde dir so passen.« Sie boxte mich in den Bauch, ich schnappte nach Luft, und sie schwebte wieder ins Wohnzimmer. Nachdem das Wasser schnorchelnd durch die Maschine gelaufen war, servierte ich zitternd den Kaffee. »Kommen wir zum Geschäft.« Sie wußte, daß ich zu allem ja sagen würde. »Ja.« »Was machst du eigentlich? Ich meine, wovon lebst du?« »Ich bin Fotograf.« »Und was fotografierst du?« Bloß nicht die Wahrheit sagen! »Ach, so Reportagen.« »Pornos?« »O Gott, nein. Aktuelle Sachen, Unfälle, Verbrechen.« »Bringt das viel ein?«, »Es geht so.« Sie sah sich um. »Reich bist du nicht, was? Also, ich biete dir drei- fünf für deinen Wagen. Was sagst du dazu?« Für einen Moment tauchten ihre Ohrspitzen aus dem Haar hervor, und sie erinnerte mich an eines dieser naiv-raffinierten Katzenmäd- chen aus Robert Crumbs Fritz the Cat. »Toll.« »Du könntest vier verlangen.« Sie hob den Kopf, legte das Kinn auf ihre Daumenspitze und war die Schlange aus Walt Disneys Film Dschungelbuch. »Ich kann dir nichts abschlagen«, sagte Mogli. »Gut dann vier für deinen, bleiben neun für den neuen. O.k.?« »Toll.« »Ist ein anständiger Preis.« Sie beugte sich vor und grinste breit. »Was ist mit dir los?« »Ich bin verliebt.« »Und zu keinem klaren Gedanken mehr fähig?« »Doch, doch. Ich weiß, daß, folgt man dem Schweizer Psychologen Jürg Willi, bereits bei der ersten Begegnung der Grundstein für ein neurotisches Zusammenspiel gelegt wird. Und folgt man Erich Fromm, ist fast jede Partnerbeziehung neurotisch, wenn die Men- schen im Kapitalismus sozialisiert wurden.« Sie lachte. »Wie schrecklich.« »Ja, es besteht die Gefahr, daß wir einander zerstören.« »Dann fahr mich schnell nach Hause. Ich werde mir unterwegs überlegen, ob du mir dann zum Abschied einen Kuß geben darfst, weil ich den Preis des Wagens für dich ausgehandelt habe und nicht einmal Provision bekomme.« Sie stand auf, und ich umarmte sie. »Vorsicht«, sagte sie, »diese Beziehung zerstört sich innerhalb acht Sekunden selbsttätig.« Sie zählte bis acht, nahm meine Hand und zog mich aus der Wohnung., 11. Sehr gut, Dr. Watson Wenn man mit der Hand das Brustbein abtastet, kann man an dessen unterem Ende das Zentrum aller Gefühle entdecken. Es ist nicht wie das Herz oder das Gehirn durch Knochen geschützt, sondern es liegt direkt unter der Haut. Selten ist es völlig ausgefüllt, meist ist noch Platz für alles mögliche darin. Gestern nachmittag war da bei mir noch die Wut auf Bartzsch. So oft, wie wir uns in letzter Zeit gese- hen, so intensiv, wie wir miteinander diskutiert hatten, hatte ich an- genommen, ihm so eine Art Assistent geworden zu sein. Aber er hatte es nicht für nötig gehalten, mir von seinem neuen Klienten zu berichten. Ich war enttäuscht gewesen. Jetzt aber war dafür in mei- nem Gefühlszentrum kein Platz mehr. Es war zum Bersten gefüllt mit meiner Liebe zu Volvo. Sie hatte mir einen Abschiedskuß ge- währt und meine Einladung zum Essen angenommen. Ich war so voller Liebe, daß ich Bartzsch am liebsten umarmt und geküßt hätte, als ich ihn abholte. Einen Augenblick schwankte ich, ob ich ihm von Volvos Besuch erzählen sollte. Es war seltsam: Seine Beziehung zu Sylvia hatte auf ähnliche Weise begonnen. Nachdem er ihr in einer Arztpraxis begegnet war, hatte sie plötzlich vor seiner Tür gestanden. Sylvia und Volvo waren einander auch im Wesen ähnlich, so wie zwischen mir und Bartzsch eine Seelenverwandtschaft bestand. Wenn uns beiden daraufhin das gleiche geschehen mußte, dann konnte ich nur hoffen, daß ich wenigstens von Allergien verschont blieb. Bartzsch stieg grimmigen Gesichts in meinen neuen Wagen. Ich schlug ihm auf die Schulter. »Mensch, Bartzsch, die Welt ist schön, und du machst ein solches Gesicht.« Er brummte nur. »Ich hoffe, der Wagen macht dir keine Probleme. Er ist nicht so alt wie der vorige, könnte also noch Ausdünstungen haben.« Er schnüffelte und schüttelte den Kopf. Dann gab er mir unsere Zieladresse an. Wir mußten dazu quer durch die Stadt. Bartzsch schwieg, und ich versuchte, ein Lied zu pfeifen. Ich kann nicht pfei- fen, und Bartzsch sah mich strafend an. »Was ist mit dir los?« fragte ich., »Ärger. Ärger mit Sylvia.« »Und?« »Nicht wichtig jetzt.« Er verschränkte die Arme und sank in sich zusammen. »Dann eben nicht.« Je näher wir unserem Ziel kamen, desto mehr richtete Bartzsch sich wieder auf, grinste mich plötzlich an und begutachtete das Auto. Er öffnete das Handschuhfach, probierte die Sitzverstellung und klopfte auf das Armaturenbrett. »Wieviel PS?« »Hundertdreizehn.« Er interessierte sich nicht wirklich dafür. Es war nur eine Art Wie- dergutmachung für seine schlechte Laune. Endlich berichtete er auch von seinem Klienten. Jemand aus der Werbebranche, schwul, aber verheiratet. Bartzsch hatte diesen Klienten auf Vermittlung seines Freundes Gerd bekommen, auch schwul und sterbenskrank. Ein Al- lergiker und Asthmatiker wie Bartzsch und gerade noch lebendes Beispiel für das, was Kortison im speziellen und Medikamentensucht im allgemeinen aus einem Menschen machen können. Wir stiegen aus. »Der Typ heißt Michael Steinbach. Der Einbruch bei ihm war schon vor vier Tagen. Die Polizei ist eingeschaltet. Entweder der Typ weiß etwas über die Einbrecher, was er der Polizei nicht sagen kann, oder ihm ist etwas so Wertvolles gestohlen worden, daß es ihm keine Versicherung ersetzen kann, sonst würde er mich nicht beauftragen. Wir werden sehen.« Steinbachs Wohnung lag im dritten Stock eines alten Mietshauses mit Jugendstilfassade. Wahrscheinlich beherbergte das Gebäude heute nur noch Eigentumswohnungen. Solche Mietshäuser sind bei der Umwandlung besonders gewinnbringend. Der gesamte Eppen- dorfer Stadtteil besteht vermutlich aus nichts anderem mehr. Denn hier wohnt man als erfolgreicher Werber. »Bartzsch, wie der Kindermörder, nur mit z.« Wenn Bartzsch sich so vorstellte, hatte er gute Laune. Er zeigte auf mich: »Und das ist Dr. Watson.« Michael Steinbach hatte uns erwartet. Er war Mitte Dreißig und mit dem Dreitagebart, dem schwarzen Seidenanzug und der feuerroten, Lederkrawatte ganz Werbemann. Er führte uns in die Wohnung, eine Designausstellung aus Glas und rohem Metall, und kam schnell zur Sache. »Sehen Sie, mir ist etwas gestohlen worden, was mir Sorgen bereitet. Ein Fotoalbum.« »Weiß die Polizei davon?« »Nein. Sehen Sie, es sind Bilder von mir und meinen Freunden dar- in… manche vielleicht… vielleicht etwas eindeutig.« »Befürchten Sie, daß man Sie erpressen will?« »Mich nicht, ich mache keinen Hehl aus meiner Neigung, aber viel- leicht einige meiner Freunde.« Die Einbrecher waren tagsüber gekommen und hatten kräftig ab- kassiert. Eine Sammlung silberner Miniaturen, Schmuck, Bargeld, Fotoapparate waren in ihrem Sack verschwunden. Das hatte zusam- men einen Wert von rund achtzigtausend Mark. Und alles war gut dokumentiert und versichert gewesen. Bartzsch war aufgestanden und beobachtete durch die Lamellen der schwarzen Jalousie die gegenüberliegende Häuserreihe. »Und könnte einer ihrer Freunde…« »Nein.« »Wieso sind Sie so sicher?« »Es war nie einer in dieser Wohnung. Hier wohne ich mit meiner Frau. Für mein Privatleben gibt es eine kleine Eigentumswohnung.« »Wie weit sind die polizeilichen Ermittlungen?« »Nichts. Keine verwertbaren Spuren. Man hofft, daß einige der Wertsachen wieder auftauchen, damit man die Spur zurückverfolgen kann.« »Und was, stellen Sie sich vor, soll ich tun?« »Finden Sie das Fotoalbum, bevor die Polizei es findet. Gerd sagte, Sie hätten Verbindungen. Versuchen Sie es zurückzukaufen.« »Vielleicht. Geben Sie mir die Anschriften Ihrer Freunde.« »Nein.« Die Honorarverhandlungen begannen. Steinbach wollte nur im Er- folgsfall zahlen. Bartzsch trieb das Honorar überraschend hoch, dann verlangte er die Hälfte vorab. Er bekam schließlich ein Drittel der Summe als Scheck., Jemand hantierte an der Wohnungstür, Michael Steinbachs Frau. Sie war wahrscheinlich zehn bis fünfzehn Jahre älter als er. Eine strenge schwarzhaarige Schönheit. Sehr schlank, mit einem Herren- haarschnitt. Wir lehnten alle Getränkeangebote ab und gingen. »Die Ehe der beiden«, sagte ich im Hauseingang, »ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, was?« Bartzsch legte den Finger auf den Mund und zeigte auf die Gegen- sprechanlage. Ich folgte ihm über die Straße. Er notierte sich die Namen der Bewohner des gegenüberliegenden Hauses ab dem dritten Stockwerk. »Die Theorie von den Informanten?« Bartzsch legte wieder den Finger auf den Mund. Auch hier gab es eine Gegensprechanlage. Im Auto wurde er redselig: »Es riecht förmlich nach einer Schwu- lengeschichte. Ein Einbrecher, der von Steinbachs Doppelleben nichts weiß, hätte das Fotoalbum nicht mitgenommen, nicht einmal hineingeschaut. Nur ein Eingeweihter konnte den Wert des Albums erkennen. Vielleicht wurden die Wertsachen nur gestohlen, um das Album nebensächlich erscheinen zu lassen. Andererseits: Ein wirk- lich cleverer Einbrecher hätte das Album mitgenommen, um genau diese Spur zu legen. Und daß ein Einbrecher die Möglichkeit der Erpressung erkennt, mag ja sein, aber es ist nicht sein Job. Sein Job ist es, jeden Kontakt mit seinen Opfern zu vermeiden. Ein Erpresser muß diesen Kontakt dringend suchen. Und dann gibt es noch eine Möglichkeit: seine Frau. Du hast recht, die beiden haben eine rein geschäftliche Beziehung. Aber auch dabei kann sich einer betrogen fühlen und Rache wollen.« Jetzt war Dr. Watson dran: »Eine Möglichkeit hast du übersehen.« Bartzsch hob die Augenbrauen in die Stirnmitte und zog sie dann über der Nasenwurzel zusammen. »Ein Einbrecher könnte die Möglichkeit der Erpressung erkennen und, weil das nicht sein Job ist, das Album an jemanden, dessen Job Erpressung ist, weiterverkaufen. Wir brauchen doch nur mal anzu- nehmen, da ist irgendein Prominenter abgelichtet, dem das Foto sehr schaden könnte.«, »Sehr gut. Wirklich, sehr gut, Dr. Watson!« Bartzsch drehte sich im Autositz um. »Und nun, Dr. Watson, versuchen Sie bitte, unseren alltäglichen Verfolger loszuwerden, ich möchte bei einem Hotel abgesetzt werden, in das er mir nicht folgen soll.« Ich sah in den Rückspiegel. Zwei Wagen weiter tauchte ein grüner Golf auf., 12. Alles geträumt Es gelang mir nicht, dem grünen Golf zu entkommen, aber ich konn- te immerhin so viele Wagen zwischen uns bringen, daß Bartzsch bei einem kleinen Stau, nicht weit vom Hotel entfernt, gebückt aus dem Auto huschen und zwischen geparkten Wagen verschwinden konnte. Wenn es unserem Verfolger dann auffiel, daß Bartzsch nicht mehr im Wagen saß, würde er ihn kaum wiederfinden. Bartzsch hatte sich auf die Anzeige beworben, in der Mitarbeiter für eine leichte Informationstätigkeit gesucht wurden. Die Bewer- bungsgespräche fanden in dem Hotel statt. Für Bartzsch war der anonyme Treffpunkt ein weiterer Beweis dafür, daß hier Informanten für eine Einbrecherorganisation rekrutiert werden sollten. Ich fuhr zu einem großen Secondhandshop und erstand eine russi- sche Soldatenjacke, ein gestreiftes Hemd, eine zerrissene Jeans und ein Paar alte Schnürstiefel, von denen ich nur hoffen konnte, daß sie Bartzsch paßten. Er sollte die Klamotten auf meinem Sarajevo-Foto tragen. Dann fuhr ich zum Abbruchhaus. Der grüne Golf folgte mir. Mit Hammer und Meißel produzierte ich an der Wohnzimmerwand Einschußlöcher, eine primitive Kreuzform bildend: Symbol des Kampfes von Christen gegen Moslems. Für das notwendige Blut besaß ich eine gute Verbindung zur Requisite der Fernsehstudios. Ich würde zwei Liter bestellen. Ich hatte den Wagenheber mitgenom- men, um damit die Fußbodendielen aufzustemmen. Ich brauchte ihn gar nicht. Sie saßen so locker, daß ich sie mit bloßen Händen anhe- ben und aushebeln konnte. Meinen Plan, ein Loch in den Fußboden zu schlagen, mußte ich jedoch aufgeben. Das Haus hatte keinen Kel- ler. Ich schaffte es auch nicht, die Tapete abzulösen, um sie anzu- brennen. Ich würde mir eine Lötlampe besorgen müssen. Aus dem Garten holte ich etwas Erde und beschmierte damit die Tapete. Ich verbrannte Zeitungspapier, dekorierte damit die untere Kante der Wand, an der Bartzsch liegen sollte. Dann machte ich erneut Pola- roidfotos von meinem Werk. Als ich das Haus verließ, war der grüne Golf nicht zu sehen. Auf der Rückfahrt entdeckte ich ihn jedoch bald hinter mir. Ich hielt an, einem Copy-Shop und vergrößerte die Aufnahmen in mehreren Stu- fen, bis sie die Größe eines DIN-A4-Bogens hatten. In Schwarzweiß und in der hart wirkenden Reproduktion der Fotokopie sahen die Aufnahmen des mißhandelten Wohnzimmers bereits so aus, als stammten sie aus einem Kriegsgebiet. Es war erst vierzehn Uhr. All meine Aktivitäten waren darauf ausge- richtet gewesen, die Zeit bis zum Wiedersehen mit Volvo herumzu- bringen. Sie hatte erst in zwei Stunden Feierabend. Ich wollte das Geld für den neuen Wagen in der Werkstatt vorbeibringen, durfte dort jedoch nicht vor sechzehn Uhr auftauchen, wenn ich Volvo gleich mitnehmen wollte. Ich setzte mich in einen Imbiß neben dem Copy-Shop, aß eine Currywurst und trank einen Kaffee. Die Zeit verging damit auch nicht schneller, und ich beschloß, zu den Fern- sehstudios zu fahren, obwohl es dann mit der Werkstatt knapp wer- den könnte. Ich hatte Wilhelm, der in der Requisite und im Fundus arbeitete, vor langer Zeit kennengelernt. Wir beide waren damals Komparsen am Theater. Ich, um mein Fotostudium an der Kunstakademie zu finan- zieren, und er, weil er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, als Schauspieler entdeckt zu werden. Er wurde es nicht. Er freute sich, mich zu sehen, und zeigte mir voller Stolz eine auf dem Tisch ausgebreitete Waffensammlung. »Haben wir ganz billig von der Roten Armee. Wir haben die Din- ger schon unbrauchbar gemacht. Weißt du, von denen kannst du jetzt alles haben. Panzer, Flugzeuge für einen Apfel und ein Ei. Die sind jetzt im Original billiger als unsere Nachbildungen aus Pappe.« Ich bestellte bei ihm zwei Liter Blut. Früher habe ich mit Schwei- neblut gearbeitet, das ich mir im Schlachthof besorgte. Aber ich bin davon abgekommen. Es wirkt auf Fotos nicht echt genug. Das Thea- terblut ist besser. Ich wollte gerade gehen, als mir eine Idee kam. »Sag mal, kann ich so eine Maschinenpistole ausleihen?« »Die Kalaschnikow?« »Ist es eine?« »Ja, dazu mußt du allerdings unterschreiben.«, »Dann reservier eine für mich. Ich hol’ sie zusammen mit dem Blut.« Je näher ich der Werkstatt kam, desto mehr packte mich die Angst, mir Volvos Zuneigung nur eingebildet zu haben: Volvo spielte nur mit mir, sie war an Autos interessiert, nicht an mir. Ich war ein Idiot. Natürlich, so war es gewesen: Sie hatte mir ein Auto verkaufen wol- len und war deshalb ein bißchen nett zu mir gewesen. Ich war nichts weiter als einer ihrer Kunden. Einer von denen, die man über den Tisch zog, denen man zuviel Geld abknöpfte, um sich hinterher darüber zu amüsieren. Was konnte ich als Beweis ihrer Zuneigung anführen? Sie hatte mich zum Abschied geküßt! Aber bevor der Kuß allzu in- tensiv geworden war, hatte sie sich mir entzogen. Also war es eher ein Gegenbeweis. Sie hatte meine Einladung zum Abendessen angenommen. Aber gehen Geschäftsleute, die einen Verkaufsabschluß getätigt haben, nicht oft anschließend essen? Es gab keinen Beweis. Ich, Fotograf der Illusionen, war einer Illusion erlegen! Nun gut, zum Glück war ich darauf gekommen, bevor ich sie wie- dersah. Ich hatte es in der Hand. Ich konnte es vermeiden, wie ein verliebter Gockel aufzutreten. Ich fuhr in den Hof der Werkstatt, schlug die Wagentür fester als sonst zu und ging mit eiserner Miene und festem Schritt über den Hof. »Son pas retentit; il marche sur son cœur«, sagt André Breton. Ohne mich umzusehen, betrat ich das kleine Büro. Der Mechaniker blickte von den Papieren auf. »Ah, du kommst, um zu bezahlen.« Er lächelte. Natürlich, er freute sich über die viel zu hohe Summe. »Was macht Bartzsch denn so? Arbeitet er an einem Fall?« »Der erzählt mir nichts.« Ich legte das Geld auf den Tisch und bat um eine Quittung. »Guter Wagen«, sagte er wenig später und schob mir die Quittung zu. »Und wenn mal was ist, wir sind die Spezialisten.« »Klar.« Ich faltete die Quittung und steckte sie ein. »Ist Volvo nicht da«, fragte ich beiläufig., »Ist heute früher weg. Hatte noch was vor.« Natürlich, Volvo war nicht da. Wozu auch? Zum ersten Mal hatte ich Schwierigkeiten, rückwärts durch die Toreinfahrt zu fahren. Ich fuhr zu Bartzsch, aber vor seinem Haus verließ mich der Mut zu klingeln. Ich würde ihm nur vorjammern, wie schlecht die Welt sei. Ich fuhr weiter stadtauswärts bis zu einer Autobahnauffahrt. Viel- leicht sollte ich für ein paar Tage verschwinden, um mich abzulen- ken. Ich könnte meine Schwester besuchen. Eine gute Idee. Ich wen- dete. Ich würde zurückfahren und meinen kleinen Koffer packen. Kaum war ich zu Hause, klingelte es. Wahrscheinlich Bartzsch, der mir von seinem Abenteuer im Hotel erzählen wollte. Ich öffnete die Tür. Er war es nicht. »Volvo?« Sie sah verändert aus. »Wo warst du? Ich habe tausendmal angerufen, und schließlich ha- be ich gedacht, ich fahr’ einfach zu dir.« »Was hast du…« »Gefällt es dir. Ich war beim Friseur. Wir gehen doch essen?« Ihr Haar war etwas kürzer geschnitten und leicht gewellt. Ich nickte stumm. Sie machte einen Schritt auf mich zu, umarmte und küßte mich. »Was ist mit dir?« »Oh, verdammt, Volvo, ich dachte, ich hätte alles geträumt.« »Dummkopf.« Sie küßte mich erneut und drängte mich dabei gegen die Wand des Wohnungsflurs. Am liebsten hätte ich geheult., 13. Aus Liebe »Hör zu, ich will nicht, daß Bartzsch das Haus verläßt. Ich weiß nicht, was ihr gestern gemacht habt, aber es geht ihm schlecht. Ich verlange, daß du als sein Freund auf ihn aufpaßt, und ich denke nicht daran, länger zuzusehen, wie ihr zunichte macht, was ich sorgsam aufbaue.« »Sylvia, bist du das?« Sie wetterte mit dem Gewitter in meinem Telefonhörer um die Wette. »Ich habe für euren Humor im Augenblick überhaupt keinen Draht. Ich messe regelmäßig seine Lungenfunktion, sie hat sich in den letz- ten Tagen weiter verschlechtert. Dabei habe ich die Dosierung seines Medikaments schon erhöht. Wenn jetzt noch Streß dazukommt, wird er einen Anfall bekommen. Also laß ihn in Ruhe.« »Kann ich ihn sprechen.« »Nein, er schläft. Ich will auch nicht, daß du ihn besuchst. Damit das klar ist. Ich will, daß er diese Detektivspiele aufgibt. Und wenn er damit nicht aufhört, dann gehe ich. Dann kann er sehen, wie er zurechtkommt.« »Sylvia…« »Ich bitte dich ja nur um Verständnis und Unterstützung. Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt – von einem Freund.« »Natürlich, Sylvia.« Es hatte keinen Sinn, mit ihr darüber zu disku- tieren, daß Bartzschs Detektivspiel genauso ein Überlebensmittel war wie das Kortison. Ich versprach wiederholt Wohlverhalten, dann hängte sie ein. Es war sieben Uhr morgens, und ich lag noch im Bett. Schwach erinnerte ich mich an einen Kuß im Dunkeln, ein geflü- stertes Abschiedswort. Mit der Hand prüfte ich, ob das Bett neben mir noch warm war. Es war kalt. Volvo war seit langem gegangen. Ich zog die Decke über den Kopf und wollte weiterschlafen, aber sobald ich die Augen schloß, sah ich Volvos Körper vor mir: die schön geschwungenen Schlüsselbeine, die niedliche Drosselgrube, die beiden hübschen Grübchen am Ende ihres Kreuzes, die glatte Haut ihrer Oberschenkel… Der letzte Satz aus Patrick Süskinds Par- füm fiel mir ein: »Sie hatten zum ersten Mal etwas aus Liebe getan.«, Er bezieht sich allerdings auf ein kannibalistisches Mahl. Ich sprang aus dem Bett, es war mir unmöglich, zu schlafen. Ich durchsuchte die Wohnung nach Spuren von Volvo. Sie hatte nichts hinterlassen… doch, auf dem Küchentisch lag ein Zettel: »Gu- ten Morgen, du Langschläfer.« Darunter ein gezeichnetes Herz mit zwei schrägen Streifen wie auf dem Kühler eines Volvos. Der Zettel ließ mich pfeifend unter die Dusche gehen. Danach frühstückte ich ausgiebig und überlegte, ob ich Bartzsch anrufen sollte. Sylvia dürfte inzwischen das Haus verlassen haben. Er kam mir zuvor. Das Telefon klingelte, und lange bevor Bartzsch zu sprechen be- gann, hörte ich, daß er es war. »Es geht mir nicht gut.« »Ich höre es. Was ist passiert?« »Im Hotel. Ich war dort. Wohl alles nichts.« »Was?« »Nur verteilen von Warenproben. Und Befragung.« »Also bist du nicht Mitglied einer Einbrecherorganisation gewor- den?« »Trotzdem. Gebe nicht auf. Habe nur noch nicht die richtigen Leu- te gefunden.« Bartzsch machte beim Sprechen lange Pausen und röchelte stark. »Heute solltest du aber zu Hause bleiben. Sylvia hat mich schon angerufen. Sie macht sich Sorgen.« »Natürlich. Kann heute alles… am Telefon machen.« »Bartzsch, leg dich hin.« Er würde es nicht tun. Ich wußte, wie Kortison, das zur Gruppe der Steroide gehört, auf ihn wirkte. Und er hatte mit Sicherheit eine hohe Dosis drin. Sie machten ihn euphorisch. Eine verteufelte Nebenwir- kung, wenn es einem schlechtging. »Hör zu, Bartzsch. Diese Geschichte in dem Hotel, das hätte ich für dich machen können. Da hast du dir ja wahrscheinlich was wegge- holt. Du kannst mich ruhig ein bißchen mehr einspannen. Ich kann im Augenblick sowieso nichts tun.«, »Du könntest was tun. Für mich.« Ein langer Hustenanfall unter- brach ihn. »Dieser Verfolger. Aldi soll er heißen. In dem grünen Golf.« »Er ist mir bis zum Abbruchhaus gefolgt.« »Ich muß wissen, für wen er arbeitet. Der Mechaniker weiß es. Sagt es mir nicht. Selbstschutz. Verstehst du? Aber du kennst doch Volvo. Vielleicht kann sie…« Für einen Moment dachte ich, mein Telefon hätte wieder eine der typischen Störungen, aber Bartzsch räusperte nur den Schleim aus seiner Lunge. »Sie könnte es auch wissen.« »O.k.« »Noch was. Zeitung von heute. Seite elf. Rechts unten. Ruf da mal an. Du weißt schon.« »O.k. Bartzsch. Pfleg dich. Ich melde mich wieder.« Seite elf. Stellenangebote. Rechts unten: »Arbeitslos? Geldverdienen im Spazierengehen! Handwerksbetrieb sucht Mitarbeiter ohne Vorkenntnisse. Sie spüren für uns renovierungsbedürftige Einzelhäuser auf. Zum Beispiel: Fenster-, Türen-, Dach- und Anstricherneuerungen, Gartenanlagen und Reparaturbedürftigkeit aller Art. Sie geben unser Angebot ab. Provisionen bis zu DM 15.000 monatlich leicht erreichbar.« Es folgte eine Telefonnummer. Ich rief an. Ein Mann meldete sich mit dem Firmennamen »Maxi- bau.« »Es ist wegen Ihrer Anzeige. Ich bin seit zwei Jahren arbeitslos. Und ich hätte da gleich ein paar Objekte für…« Er unterbrach mich, verlangte meinen Namen und meine Anschrift. Ich war vorbereitet, nannte den Namen, den ich auf der zertrümmer- ten Tür des Abbruchhauses gelesen hatte, und die Adresse des Hau- ses. Der Mann begann etwas umständlich davon zu sprechen, daß ich zuerst geschult werden müßte. Und ich bekam den Verdacht, an ei- nes jener Unternehmen geraten zu sein, die Arbeitslosen eine Anstel-, lung in Aussicht stellen, um ihnen damit die letzten Groschen aus der Tasche zu ziehen. »Sie meinen, ich muß einen Kursus machen? Und der kostet was, oder?« »Nein, nein. Es geht einfach darum, Reparaturbedürftigkeit von Einfamilienhäusern richtig einschätzen zu können. Sehen Sie, es genügt ja nicht, zu erkennen, daß irgendwo die Fenster ausgewech- selt werden müssen. Sie sollen auch einschätzen, ob die Besitzer eine solche Maßnahme überhaupt bezahlen können. Das kann man sehr schnell lernen. Ein paar Tips, ein paar Tricks. Die Schulung ist gra- tis. Wir rufen Sie in ein, zwei Tagen wieder an, wegen eines Ter- mins.« »Mein Telefon ist leider abgestellt.« »Dann melden Sie sich in zwei Tagen bitte wieder bei uns.« Wenn Bartzsch mit seiner Theorie recht hatte, konnte ich auch ver- suchen, einen größeren Köder auszuwerfen. »Da wäre noch etwas.« »Ja?« »Ich habe leider ein halbes Jahr im Gefängnis gesessen. Wissen Sie, eine Verwechslung. Ich war eigentlich nicht schuld.« »Ah… das Vorleben unserer Mitarbeiter interessiert uns eigentlich nicht, wenn sie tüchtig sind.« »Danke. Ich melde mich dann wieder.« »Warten Sie. Ich sehe gerade, daß ich Ihnen gleich morgen einen Termin anbieten kann. Wenn Ihnen zehn Uhr im Elysee-Hotel recht wäre.« Ich sagte zu, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, daß an Bartzschs Theorie etwas dran sein könnte. Der zweiten Aufgabe, die mir Bartzsch aufgetragen hatte, wandte ich mich mit großer Liebe zu., 14. Die Kraft der Waschpulver »Ich kann nicht lange Pause machen.« Volvo gab mir einen vorsich- tigen Kuß und zog sich sofort zurück. »Komm mir nicht zu nahe. Ich bin schmutzig und färbe ab.« Sie hatte ihre ölverschmierten Hände flach gegen mich erhoben und hielt mich so auf Distanz, küßte mich mit vorgestrecktem Kopf erneut und versuchte meine Lippen mit ihrer Zungenspitze ein wenig zu öffnen. Bevor ich darauf reagieren konnte, hatte sie sich aufs neue zurückgezogen. »Komm, ich habe Hunger.« Ich folgte ihr über den Hof zur Straße, wäre aber am liebsten mit ihr in einer der dunklen Garagen verschwunden. Wenn man der mo- dernen Waschmittelwerbung Glauben schenken durfte, hätte ich mich vor Volvos ölverschmierter Kleidung nicht in acht zu nehmen. Volvo zeigte auf eine Imbißbude an der nächsten Ecke. Ich mußte mich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten. »Ich muß dich was fragen«, erinnerte ich mich an Bartzschs Auf- trag. »Meine Antwort ist: Ja!« »Nein, etwas anderes.« »Gibt es noch etwas anderes?« Sie grinste. »Ich will Bartzsch ein bißchen helfen. Es geht ihm dreckig. Er glaubt, Helmut, dein Partner da in der Werkstatt…« »Ich will eigentlich mit dem, was Helmut macht, nichts zu tun ha- ben.« Ihr Lächeln war verschwunden. »Ich weigere mich auch, diese Rettungsboote einzubauen. Das ist allein sein Ding, sind seine Kun- den. Ich will gar nicht wissen, wer die sind. Ich habe meine eige- nen.« »Ich dachte, ihr seid Partner.« »Wir trennen strikt. Jeder rechnet für sich ab. Helmut bekommt fünfzehn Prozent von meinen Aufträgen für die Werkstattnutzung. Und dein Bartzsch ist ein Kunde von Helmut. Ach Scheiße, warum reden wir nicht über etwas anderes?« Sie war stehengeblieben und hatte die Stirn in Falten gelegt. Ich versuchte, sie mit der Hand zu glätten. Es gelang nicht. Dann küßte ich sie glatt., »Es hört sich an, als hättest du Probleme?« »Es stinkt mir, daß Helmut diese illegalen Dinger macht. Es ist immer mehr geworden. Und irgendwie hänge ich eben doch mit drin. Wenn ich mir eine eigene Werkstatt leisten könnte… Weißt du, ich kenne ein paar Frauen, die gut sind. Die würden mitmachen. Uns fehlt bloß das Geld. Eine reine Frauenwerkstatt, die würde brummen, was?« Wir hatten die Imbißbude erreicht, bestellten Currywurst und Pommes frites mit Ketchup und Mayonnaise. Volvo schlang alles in sich hinein. Zu den Ölstreifen in ihrem Gesicht kam Currysoße. Sie wischte sich mit einer Serviette um den Mund, grinste. »Manchmal fühl’ ich mich richtig süchtig nach diesem Fraß. Jetzt geht’s mir bes- ser. Nun frag schon, was willst du wissen.« »Liebst du mich?« »Das weißt du doch schon. Ich meine deine andere Frage.« »Erst diese beantworten.« »Ja.« »Kommst du heute abend zu mir?« »Ja. Du lenkst ab.« »Alle meine Fragen sind beantwortet. Jetzt frage ich mich nur noch, wie ich es so lange aushalten soll, bis du kommst.« »Wenn du jetzt nicht die andere Frage stellst, werde ich böse.« »Gut, aber ich hoffe, du kannst sie nicht beantworten.« Sie nickte. Ich beschrieb ihr den grünen Golf und den Mann darin. »Den kenne ich leider. Ich weiß nicht genau, wie er heißt, aber er wird Aldi genannt.« »Wir wollen wissen, für wen er arbeitet.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe seinen Wagen mal abge- schleppt, und dazu mußte ich den Schlüssel in einer Wohnung abho- len.« Sie wußte Namen und Adresse noch. Wir gingen schweigend zur Werkstatt zurück. Ich hatte das Gefühl, daß plötzlich etwas zwi- schen uns stand. Sie hatte die Schultern gebeugt und die Hände tief in den Taschen vergraben. Im Hof blieb sie stehen. Ihr Gesicht war traurig. Sie war weit weg. Zwischen uns ein breiter Fluß. Sie, umge- ben von einem magischen Kreis, eingeschlossen in einen Turm., »Ich liebe dich.« Eine zu harmlose Beschwörung. Ich konnte sie nicht erreichen. Nur sie kannte die Zauberworte. »He, ich bin der junge Königssohn. Laß dein Haar herunter, damit ich zu dir gelangen kann.« Ein Lächeln und müde Augen. »Es ist alles falsch, gelogen. Natürlich kenne ich alle diese Gang- ster, und natürlich bin ich Helmuts Partnerin, ich baue diese Ret- tungsboote ein und spritze Wagen über Nacht um, übertrage Steuer- stempel auf neue Nummernschilder und all dieser Scheiß und noch viel mehr. Was ich dir erzählt habe, war nur ein Wunschtraum.« Sie hatte den Kopf gesenkt. Ich nahm sie in die Arme, drückte sie an mich. »Liebe mich«, flüsterte sie. »Jetzt!« Sie löste sich von mir, zog mich in eine der Garagen, schloß das Tor und fiel auf einem ausgebauten Autositz über mich her. Heute noch würden die zu achtundneunzig Prozent abbaubaren Tenside in meinem phosphatfreien Waschpulver ihre Kraft ohne optische Aufheller und Bleichmittel beweisen müssen. Aber viel- leicht würde ich Volvos Spuren auf meinem Hemd in Ehren halten, das Hemd unter Glas legen, einrahmen und in meinem Wohnzimmer für alle Zeiten aufhängen., 15. Blütenstaub Die Liebe kostet Kraft. Ich war auf meinem Sofa eingenickt. Das Telefon schreckte mich hoch. Ich wußte, daß es Bartzsch war, bevor ich abhob. Er brachte kein Wort heraus. »Bartzsch?« Husten und Röcheln. »Bartzsch, hast du einen Anfall?« Die polyphone Melodie seines Versuchs, Luft zu holen, war alles, was durch die Leitung kam. Bei mir ging das Blaulicht an. »Ich komme!« Ich stürzte zum Auto, überschritt jede Geschwindigkeitsbeschrän- kung und jagte bei Spätgelb über die Kreuzungen. Unterwegs machte ich mir Vorwürfe: Warum hatte ich nicht zuerst einen Krankenwagen gerufen? Er hätte dann mit mir eintreffen kön- nen. Ich hetzte in Bartzschs Haus die Treppen hinauf, wollte gegen seine Tür hämmern, aber sie war offen. Bartzsch kniete im Badezimmer. Auf dem Boden eine leere Spritze. Sein Kopf war rot, seine Augen geweitet. Er konnte nicht sprechen, bekam kaum Luft. Ich griff ihm unter die Arme, schleppte ihn ins Schlafzimmer und legte ihn aufs Bett. »Soll ich den Krankenwagen rufen?« Er schüttelte energisch den Kopf, versuchte die wenige Luft, die er bekam, gleichmäßig durch die Kehle strömen zu lassen. Ein Husten- anfall warf seine Brust in die Höhe. Einen Augenblick lang dachte ich, er würde ersticken, aber dann kriegte er sich in den Griff. Er hatte reichlich Erfahrung mit asthmatischen Anfällen, und ich ver- traute darauf, daß er selbst am besten wußte, wann er die Sauer- stoffmaske des Notarztwagens brauchte. »Hast du… mal… durch einen… Strohhalm… geatmet?… Dann weißt du… wie’s mir geht.« »Brauchst du irgend etwas?« »Hab’s schon.« Das Röcheln blieb, der Atem wurde gleichmäßiger. »Koch Tee.«, Ich setzte in der Küche Teewasser auf und kam zurück. Bartzsch hatte sich halb aufgerichtet. »Staubsauger. Die Schleuse saugen. Machst du?« Ich suchte den Sauger, fand ihn und schloß ihn an. Auf dem Boden der Allergieschleuse lag gelbes Pulver. Ich tippte etwas davon mit dem Finger auf, betrachtete es genau, roch daran. Es war Blüten- staub. Die Spuren waren eindeutig: Jemand hatte es durch den Brief- kastenschlitz in die Wohnung rieseln lassen. Ich schaltete den Sauger ein und reinigte den kleinen Flur gründlich. Gerade war ich fertig, da pfiff der Wasserkessel. Ich ließ ihn pfeifen und steckte zuerst meinen Kopf durch die Schlafzimmertür. Bartzsch grinste bereits wieder. Dann goß ich das kochende Wasser über Sylvias getrocknete Kräutermischung, stellte Tassen und Kanne auf ein Tablett, verzichtete auf Zucker und brach- te Bartzsch alles ans Bett. Er hatte inzwischen zu inhalieren begon- nen. Ich schenkte ihm ein. »Kannst du sprechen? Was war los?« Er nahm die durchsichtige Maske des Inhalators nicht ab. »Ge- duld«, tönte es dumpf. Erst jetzt fielen mir seine Arme auf. Sie waren bis zu den hochgekrempelten Hemdsärmeln mit roten Quaddeln be- deckt. Die Pusteln zogen sich vermutlich über den gesamten Ober- körper, denn oben am Hemdkragen guckten die ersten wieder hervor. »Du mußt in Behandlung. Am besten rufe ich Sylvia an.« Er nahm die Maske herunter, um mir ein scharfes Nein mit etwas Husten entgegenzusetzen. »Es war ein Attentat.« Er griff zur Teetasse, nahm kleine Schlucke. »Jetzt ist mir auch klar, daß es nicht das erste Mal war. Wer weiß, womit sie es zuvor versucht haben? Die machen das schon seit Ta- gen. Einfach durch den Briefkastenschlitz. Die kennen mich genau. Die wissen alles über mich. Gestern hätte ich es schon merken müs- sen. Dieser Geruch! Wahrscheinlich Lösungsmittel. Heute Blüten- staub. Morgen Katzenhaar. Einfach durch die Tür.« Das Orchester in seinen Bronchien begleitete jedes Wort mit einer Kakophonie. »Wer macht so was?« »Jemand, der genau weiß, worauf ich reagiere. Das grenzt ein.« »Feindliche Nachbarn?«, »Möglich, aber in meinem Fall unwahrscheinlich. Dies ist eine Drohung: Wir bringen dich um, wenn du nicht…« »Wenn du nicht was?« »Genau. Ich warte auf die zweite Hälfte der Botschaft.« Bartzsch rutschte wieder in die liegende Position. »Und wenn die erste Hälfte bereits die ganze Botschaft ist?« »Pech. Ich muß mich so oder so verbarrikadieren. Andererseits denke ich, die beste Verteidigung ist, die Rolle, die einem zugedacht wird, nicht anzunehmen, sondern genau entgegengesetzt zu han- deln.« Die letzten Worte hatte er nur noch geflüstert. Er unterbrach sich mit einem langen Räuspern. »Wenn man verfolgt wird, darf man sich niemals der Logik der Verfolger unterwerfen.« »Pfadfinderhandbuch des Fähnleins Fieselschweif. Seite 66.« Bartzsch lachte kontrolliert, einen erneuten Hustenanfall vermei- dend. »Ich bin mit Micky Maus aufgewachsen. Tick, Trick und Track haben mich mehr beeinflußt als jedes Buch. Im Alter werde ich nostalgisch heulend über alten Micky-Maus-Heften sitzen.« »Vielleicht sollten wir erst einmal dafür sorgen, daß du dieses Alter erreichst.« »O Gott, Sylvia! Wir müssen ihr diese Attentate unbedingt ver- schweigen, versprichst du mir das?« »Sie kümmert sich um deine Gesundheit.« »Eben drum. Sie würde mich aus der Gefahrenzone schleppen, iso- lieren, einmauern. Auch eine Art von Tod.« »Oder Liebe.« »Bereiten wir uns lieber auf die nächsten Angriffe vor. Überlegen wir, mit welcher Handlung wir sie ausgelöst haben könnten, dann können wir herausfinden, wer dafür in Frage kommt.« »Gehen wir weiter nach dem Pfadfinderhandbuch vor?« »Wir sollten die Donaldisten fragen, ob es dieses Handbuch wirk- lich gibt. Es wäre eine ausgezeichnete Lebenshilfe. Vielleicht hat sich jemand die Mühe gemacht, es aufgrund der Zitate in den Do- nald-Duck-Geschichten zusammenzustellen.« Bartzsch begann sich zu kratzen, bemerkte, was er tat, verschränkte die Arme und klemmte seine Hände unter die Achselhöhlen., Daß Bartzsch beobachtet, verfolgt und angegriffen worden war, konnte ein und dieselbe Ursache haben: den Einbruch bei seinem Nachbarn und Bartzschs scheinbare Verstrickung in diesen Fall. Aber auch der Auftrag des Werbemannes mußte als Ursache in Be- tracht gezogen werden. Denn zumindest die Attentate hatten unmit- telbar danach begonnen. Schließlich bestand die Möglichkeit, daß der Einbrecher von Bartzschs Beauftragung wußte. Oder war es ein Racheakt für zurückliegende Taten? Wir gingen alles durch. Wir überlegten sogar, ob die Mieter in Bartzschs Haus in Frage kämen. Schließlich berichteten die Zeitun- gen oft von schwelenden Feindschaften unter Nachbarn. Aus nichti- gen Anlässen entwickelten sich Blutbäder. Mord, weil zum Beispiel ein Mieter beim Betreten seines Wohnblocks die Fußmatte nicht benutzt hatte. Doch keine der Überlegungen brachte uns weiter. Bartzsch war nicht beunruhigt. Er vertraute darauf, daß es einen zweiten Teil der Botschaft gab, der ihn bald erreichen würde. Ich berichtete ihm von meiner Bewerbung auf die Anzeige. Er schimpfte mit mir wegen des Tricks mit dem Gefängnisaufenthalt. Eine solche Rolle würde ich seiner Meinung nach nicht durchhalten. Dazu hätte ich zu wenig Ahnung von Gefängnissen und Menschen, die darin einige Zeit verbracht haben. Daß ich Aldis Adresse herausbekommen hatte, freute ihn. »Wir werden den Spieß umdrehen. Den Verfolger zum Verfolgten ma- chen.« Dann stutzte er. »Mist, wenn ich mir nicht großen Ärger mit Sylvia einhandeln will, werde ich es nicht machen können. Könntest du…« »Sicher.« »Du hast wenig Erfahrung.« »Ich krieg’s schon hin.« Bartzsch schwieg und schloß die Augen. Sein Brustkorb hob und senkte sich jetzt gleichmäßig. Er hatte den Mund leicht geöffnet, und die Melodie seiner Bronchien war leiser geworden. Ich dachte schon, er würde einschlafen, als er plötzlich die Augen öffnete. »Übrigens, meinen Glückwunsch. Du und Volvo, ihr beide paßt gut zusammen.« Er schloß die Augen wieder., »Woher weißt du…« »Ich bin Detektiv, mein Lieber. Vor mir kann man nichts verber- gen. Du wirst sie aus unserer Sache raushalten müssen, wenn du sie nicht verlieren willst.«, 16. Duell der Asthmatiker Ich spürte, daß Bartzsch mich loswerden wollte, aber da ein weiterer Anfall nicht auszuschließen war, schien es mir richtiger, zu bleiben, bis Sylvia von der Arbeit kam. Ich machte mich nützlich, indem ich die Spuren von Bartzschs Selbsthilfeaktion beseitigte. Einwegspritze und leere Kortisonampul- le mußte ich auf seine Anweisung hin zwischen Küchenabfällen im Mülleimer verstecken, damit Sylvia nichts entdeckte. »Meinst du nicht, es wäre besser, ihr von den Attentaten zu erzäh- len?« Bartzsch gab keine Antwort. Seine Beziehung zu Sylvia mußte sich geändert haben. Ich setzte nach: »Sie liebt dich doch.« »Liebe?« hustete er. »Ich bin der Tod. Sie ist das Leben.« »Na, dann räume ich lieber noch ein bißchen in der Küche auf.« Pfeifend begann ich die Teetassen zusammenzustellen. Er polterte los: »Immer diese frisch Verliebten! Was meinst du, was nach dem rosaroten Zustand kommt? Der Rest ist Schweigen.« Er richtete sich im Bett auf. »Jetzt kommt ein Tip für’s Leben: Wenn du eine Beziehung über die Phase der ersten Liebe hinaus retten willst, mußt du deinem Partner gegenüber beginnen, vieles von dir zu verschweigen.« »Ich dachte immer, Liebe sei Offenheit.« »Illustriertenquatsch. Liebe ist reduzierte Wahrnehmung. Liebe ist erfundene Realität – wie deine Fotos.« »Du bist ein frustrierter alter Sack! Du hast nur Angst, Sylvia zu verlieren. Und statt dich um sie zu bemühen, versuchst du, die Liebe als etwas zu definieren, auf das du keinen Einfluß hast.« Ich machte mich auf den Weg in die Küche. »Ich bin ein Krüppel, mein Lieber, wenn ich Liebe gebe, bekomme ich Mitleid.« »Klar, keiner hat dich richtig lieb.« Ich wusch die Teetassen ab und horchte, aber Bartzsch sagte nichts mehr. Alles deutete darauf hin, daß sich seine Schwierigkeiten mit Sylvia beziehungsweise mit sich selbst zu einer ernsthaften Krise, ausweiteten. Plötzlich hörte ich Bartzsch schimpfen, und wenig spä- ter stand er in der Küchentür. »Ich bin ein Hornochse, ein Dummkopf, ein blöder Hammel.« »Kannst du das nachher vor Sylvia wiederholen?« »Ich habe einen Fehler gemacht, der nicht einmal einem Anfänger passiert. Ich habe die Detektivregel Nummer eins vergessen: Ver- dächtige deine Auftraggeber!« »Wovon sprichst du? Von dem schwulen Werbemann?« »Michael Steinbach. Genau.« »Er soll sich selbst beklaut haben?« »Was weiß ich. Aber den Auftrag habe ich im Grunde durch Gerd. Kannst du mich fahren?« »Jetzt willst du zu ihm? Ruf ihn doch einfach an.« »Zwecklos. Komm mit.« Bartzsch führte mich zum Telefon, wählte und gab mir grinsend den Hörer. Ein Anrufbeantworter schaltete sich ein: »Leider kann ich Ihren Anruf nicht persönlich entgegennehmen. Ich liege im Sterben. Ich würde mich deshalb freuen, wenn Sie persönlich vorbeikommen, damit ich Sie noch einmal sehen kann.« Bartzsch nahm mir den Hörer aus der Hand. »Fahren wir?« »Und Sylvia?« »Komm, laß uns fahren.« »Aber in deinem Zustand…« Es war nicht weit. Bartzsch war wegen der Medikamente zwar in euphorischer Stimmung, aber die Treppen zu Gerds Wohnung hinauf machten ihm doch zu schaffen. Er mußte auf einem Treppenabsatz eine Pause einlegen. Gerds Wohnungstür stand weit offen. Ein hand- gemaltes Schild hing daran: Bitte Tür nicht schließen – eilige Arz- neimittellieferung! Ein Stimme dröhnte uns entgegen: »Herein, wenn’s ein Asthmati- ker ist!« Bartzschs geräuschvoller Atem hatte uns angekündigt. Gerd lag auf einem Sofa, den grindigen Kopf auf der Lehne. Über seinem mächtigen Oberkörper lag eine Wolldecke, an deren unterem Ende dünne Beinchen herausguckten. Der Tisch vor dem Sofa war, übersät mit Arzneimittelpackungen, zwischen denen Mineralwasser- flaschen herausragten. Gerd drehte uns stöhnend den Kopf zu. »Beim nächsten Besuch bricht mir das Genick. Aber darauf habe ich es ja angelegt.« Bartzsch ergriff Gerds schlaff herabhängende Hand. »Bleib lie- gen.« »Als wenn ich aufstehen könnte, du Witzbold. Ich hatte mich schon gefragt, wann du endlich kommst. Morgen hätte ich dich aus meinem Testament gestrichen.« Gerd sah zu mir. »Du machst mir Freude, Bartzsch, was für einen hübschen Jungen hast du da mitgebracht? Ist er ein Geschenk für mich? Oder haben dich meine missionarischen Ansprachen endlich von der schwulen Lebensweise überzeugt? Ich hoffe, es ist eins von beidem. Darf ich ihm in den Schritt fassen? Komm näher, mein Süßer, und frag mich, warum ich einen so großen Mund habe und warum ich…« Bartzsch ergriff das Wort und stellte mich vor. Die Unterbrechung bremste Gerds Redeschwall jedoch nur kurz. »Ein Hetero, pfui Dei- bel, aber noch ist nichts verloren, teilen wir ihn uns, Bartzsch, und zeigen ihm, was eine Frau ihm niemals bieten kann. Ach, hätten mich Ritter Kortison und die räuberische Pharmabande nicht nieder- geworfen, ich würde uns drei zu Musketieren machen, die ihre Schwerter kreuzen.« Gerd hielt inne, drehte den Kopf wieder zur Zimmerdecke und schloß die Augen. Sein Atem war fast so geräuschvoll wie der von Bartzsch. »Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas. Bartzsch, überset- zen!« »Keine Ahnung.« »Es ist von Ovid. Wenn auch die Kräfte fehlen, ist dennoch der Wille zu loben. Der Wahlspruch aller Impotenten. Setzen!« Wir setzten uns brav und schwiegen. Gerd griff sich eine Pillenschachtel, drückte mit einer Hand zwei Tabletten aus der Folie und warf sich die bläulichen Kugeln in den Mund. Es war eine langgeübte Bewegung. Bartzsch schenkte ihm dazu Mineralwasser ein., Gerds körperlicher Zustand war schlimmer, als Bartzsch ihn mir beschrieben hatte. Über seine Haut verteilten sich Wunden, die scheinbar nicht mehr heilten. Seine Augen waren trübe und von weißlichen Ausscheidungen gerahmt, sein Mund eine einzige Wun- de. Er stank. »Gerd, warum hast du mir diesen Auftrag bei Michael Steinbach vermittelt?« Bartzsch schob einige der Medikamentenpackungen mit dem Finger so auseinander, daß er ihre Aufschrift lesen konnte, und schüttelte den Kopf. »Weil du so spät gekommen bist, sollte ich dich bestrafen und kein Wort sagen. Ich bin enttäuscht, Bartzsch. Ich hätte in der Zwischen- zeit sterben können. Vor sechs Monaten gab mir der Arzt noch drei Monate. Vor einem Monat gab er mir allerdings noch einmal sechs Monate. Der Mann weiß nicht, was er will.« Gerds Stimme hatte ihre Kraft verloren. Er schien den größten Teil seiner Energie mit der Begrüßungsrede verbraucht zu haben. »Michael Steinbach ist – im Sinne des Wortes – ein stadtbekanntes Arschloch. Die schwule Szene wollte ihm einen Denkzettel verpas- sen. Er hat ein Appartement in dem Hochhaus am Ende der Reeperb- ahn. Dort sind die meisten der Fotos aus seinem Album ohne Wissen der Beteiligten aufgenommen worden. Deshalb beauftragte man je- manden, das Album zu vernichten.« Gerd versuchte seine Lage auf dem Sofa zu verändern. Er stemmte seine Ellbogen in die Polster, aber es gelang ihm kaum, den Ober- körper zu bewegen. Die kleine Anstrengung machte ihn atemlos und ließ sein Gesicht rot anlaufen. Er brauchte einige Minuten, bis er fortfahren konnte. »Und damit begann das Unglück: Dieser Jemand stahl nicht nur das Album, sondern auch einige Wertsachen und verschwand spurlos. Eigentlich wollte die Szene dich beauftragen, den inzwischen spurlos verschwundenen Dieb und das Album zu finden, da kam ich auf den Trick, Michael Steinbach selbst dafür zahlen zu lassen. Ich hoffe, du hast ein anständiges Honorar ausgehandelt.« »Warum hast du mir das alles nicht gleich gesagt.« Bartzschs Ge- sicht hatte sich während Gerds Bericht verwandelt. Seine Augen waren unter den Brauen kaum noch zu sehen, und seine Lippen hat-, ten sich in die Mundhöhle zurückgezogen. Es war Bartzschs typi- sches Gesicht kurz vor einem Wutausbruch. »Du hast mich nicht gefragt.« »Scheiße, Gerd, Scheiße.« Bartzsch sprang auf, warf eine der Ta- blettenschachteln auf den Tisch, so daß zwei andere herunterfielen. »Eine linke Sache, die ihr mit mir abzieht. Ich gehe ohne diese In- formation zu dieser Tunte Steinbach…« »Eine Tunte ist er nicht, wenn ich dir mal den Unterschied…« »Scheißegal. Ihr laßt mich zu ihm gehen wie der letzte Blödmann, dabei wißt ihr ganz genau, wer den Bruch gemacht hat. Und ich Idiot handel’ ein Honorar für den Fall aus, daß er das Album zurückkriegt, und euch Säcken kommt es nur darauf an, das Album zu vernichten. Macht doch euren Scheiß allein – ohne mich!« »Beruhige dich.« »Nein, ich will mich nicht beruhigen. Wenn ihr so was ausheckt, bringt es auch allein zu Ende. Ich bin doch nicht…« Ein Hustenanfall unterbrach ihn, warf ihn in den Sessel zurück. Er schnappte nach Luft, wühlte roten Gesichts in seiner Jackentasche, riß einen kleinen Inhalator heraus und pumpte sich hektisch das Spray in den Mund. Gerd schaffte es jetzt unter großer Anstrengung, seinen Oberkörper hochzuziehen, und für einige Minuten sahen die beiden einander mit roten Gesichtern an und rangen nach Luft. Die Orchester in ihren Bronchien wetteiferten um die schrillsten Töne. Ein Duell unter Asthmatikern. Doch plötzlich grinsten beide, lachten einander an, husteten, und ihre Atemnot begann von neuem., 17. Baulöwen Der Empfangschef des Hotels sah mißbilligend auf mich herab. In diesem Moment wurde mir bewußt, daß ich bei der Auswahl meiner Kleidung einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte so übertrieben, wie es für die Darstellung eines Arbeitslosen auf einem meiner Fotos not- wendig gewesen wäre. In der Realität brauchte es diese überdeutli- chen Zeichen nicht. Ich versuchte das alte Jackett etwas zu glätten und verdeckte mit der Hand die abgescheuerte Kante. »Maxibau? Ich will zu Maxibau. Bin bestellt.« Sein Gesicht wurde etwas freundlicher. Das Konferenzzimmer am Ende des Ganges war sehr klein. Ein Tisch in der Mitte mit Platz für acht Personen. Zwei Stühle waren besetzt. Zwei Männer um die Dreißig in dunkelgrauen Anzügen, Seidenhemden und schmalen Lederkrawatten. Der eine, rotblond, stand nicht auf, stellte sich nicht vor und sah mir nicht in die Augen. Er hielt den Kopf gesenkt, aber ich spürte, daß er mich intensiv beo- bachtete, wenn ich nicht in seine Richtung sah. Der andere, dunkel- haarig, mit langem Nackenhaar wie ein Fußballspieler oder Schla- gersänger, gab mir die Hand und stellte sich als Max Bauer vor. Ich lachte. »Das ist gut: Maxibau – Max Bauer. Gute Idee.« Ich war in meiner Rolle. Er nickte und grinste zurück. Ich durfte mich setzen, bekam einen Kaffee. Sie registrierten jeden Quadratzentimeter an mir, jede Bewegung. Das Verhör begann. Ich hielt mich strikt an Bartzschs Anweisung: Gab mich wortkarg, wenn es um meine Ver- gangenheit ging, und versuchte immer wieder durch die Betonung meines Arbeits- und Einsatzwillens von peinlichen Fragen abzulen- ken. Der Rotblonde machte sich ein paar Notizen. Dann kamen sie zum Thema. Sehr detailliert erklärten sie Repara- tur- und Renovierungsmaßnahmen an Einzelhäusern. Es gab für mich keinen Zweifel, sie waren wirklich vom Fach. Ich hatte nichts anderes zu tun, als entsprechende Objekte ausfindig zu machen. Der kritische Punkt dabei wurde von ihnen selbst angesprochen. Max Bauer erklärte: »Natürlich müssen Sie Hinweise finden, daß unsere Angebote auf fruchtbaren Boden fallen. Wir suchen Hausbe- sitzer, die die Maßnahmen auch bezahlen können. Also versuchen, Sie herauszufinden, was für ein Wagen in der Garage steht, wie die Wohnung eingerichtet ist. Gibt es große Fernseher, Stereoanlagen, teure Möbel, sind die Bewohner gut gekleidet? Und versuchen Sie das unauffällig zu machen. Machen Sie sich keine Notizen, denn wie Sie vielleicht wissen, ist die Weitergabe solcher persönlicher Daten nach dem Datenschutzgesetz verboten. Aber ich frage Sie, wie kann heutzutage ein Geschäftsmann noch ein Geschäft machen, wenn er nichts über seine Kunden weiß.« Ich nickte. Mit den Angeboten der Firma Maxibau hatte ich dann nichts mehr zu tun. Das würde ein anderer Mitarbeiter übernehmen. Ich bekäme zehn Prozent von den abgeschlossenen Aufträgen – bar auf die Hand. Max Bauer rechnete mir vor, daß dies sehr viel sein könnte. Einen Vertrag könne er mir natürlich nicht geben, schließlich sei die Aufgabe ja etwas heikel. Welche Sicherheiten ich denn hätte? »Machen Sie ein erstes Objekt ausfindig, und Sie wissen, daß es funktioniert – das ist die beste Sicherheit für Sie!« Bartzschs Verdacht schien mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht ge- rechtfertigt. Die beiden verstanden etwas vom Baugeschäft, sie kann- ten Fachausdrücke, konnten spezielle Reparaturen präzise beschrei- ben. Eine Einbrecherorganisation hätte sich damit nicht aufgehalten. Und ihre Methode, an Aufträge zu kommen, entsprach ganz der Mentalität von Baulöwen. Als aufmerksamer Zeitungsleser wußte ich, daß in dieser Branche viel getrickst, geschoben und bestochen wird. Erst am Ende bekam das Gespräch Ähnlichkeit mit einer Szene aus einem Agentenfilm: Ich bekam keine Adresse, denn das Bauge- schäft läge in der Nordheide. Die Hamburger Telefonnummer, unter der ich mich deshalb melden sollte, mußte ich mir selbst notieren. Einen Namen gab es dazu nicht. Ich war schon aufgestanden, als mich der Rotblonde noch einmal zurückhielt. »Übrigens, wenn Sie sich ungeschickt anstellen und Schwierigkeiten bekommen, werden wir leugnen, Sie zu kennen.« Er sah mir zum ersten Mal in die Augen. Er schielte, und ich konnte nicht erkennen, mit welchem Auge er mich wirklich ansah. Während des Gespräches hatte ich eine Abneigung gegen ihn entwickelt, jetzt erschien er mir plötzlich sympathisch., 18. Alte Bekannte Bartzsch stand hilflos inmitten seiner zertrümmerten Wohnungsein- richtung. Er erinnerte mich an ein Foto, auf dem ein Pinguin so ähn- lich verloren in einer Packeislandschaft stand. Schon der Zustand der Wohnungstür hatte mich in Schrecken ver- setzt. Sie war halb ausgehebelt, hing nur noch in einer Angel. Ich hatte sie ein wenig aufgeschoben, mich hindurchgezwängt, war über Schuh- und Kleiderhaufen im Flur hinweggestiegen und hatte Bartzsch im Wohnzimmer gefunden. Mit glasigen Augen betrachtete er das Chaos. Die Einbrecher waren mit Akribie ans Werk gegangen. Kein Möbelstück stand mehr an seinem Platz, Polster und Betten waren aufgeschlitzt, Bilder aus den Rahmen gedrückt, Schränke voll- ständig ausgeräumt, selbst die Rückwand des Fernsehers und der Verstärker der Stereoanlage waren aufgebrochen worden. Auch unter dem Bodenbelag hatten sie nachgesehen. Im Badezimmer rauschte das Wasser. Die Spülung der Toilette war bei der Durchsuchung zerstört worden. Bartzsch schien mich nicht zu bemerken. Er stieg über die Trüm- mer hinweg und murmelte vor sich hin: »Wie konnte ich das verges- sen? Natürlich mußten sie zu mir kommen. Wie soll ich das Sylvia erklären? Warum bin ich bloß aus dem Haus gegangen? Es geschieht mir recht. Ich bin ein Idiot. Sie mußten kommen. Ich hätte es wissen müssen.« »He, Bartzsch!« Ich rüttelte ihn an der Schulter. Er sah durch mich hindurch. »Wie konnte ich meine Wohnung auch nur einen Moment außer acht lassen? Es war sonnenklar, daß sie kommen mußten. Was für ein Stümper bin ich eigentlich, daß ich das vergessen konnte? Sylvia wird heulen. Wie krieg’ ich das bloß wieder hin? Ich bin sel- ber schuld. Selber schuld. Das hätte mir nicht passieren dürfen.« »He, Bartzsch!« Endlich nahm er mich wahr. »Und weißt du, was irre ist: Sie haben nichts gestohlen. Nichts. Es fehlt garantiert nichts.«, Er bückte sich, hob ein Buch auf, wollte es irgendwo hinstellen und ließ es wieder fallen. »Warum warst du nicht da, Bartzsch? Wer macht so was? Hast du die Polizei gerufen? Wo warst du denn?« »Ach, ich bin ein Idiot. An drei Fingern hätte ich es mir abzählen können, daß sie bei mir einbrechen werden.« »Wer denn?« »Zuerst haben Sie versucht, mich mit ihren Attentaten ins Kran- kenhaus zu schaffen, um die Wohnung sturmfrei zu kriegen, als das nicht gelang, gaben sie sich mit zwei Stunden zufrieden, um hier alles auf den Kopf zu stellen. Aber sie haben nichts gefunden. Es war umsonst. Nichts gefunden.« Bartzsch kicherte. »Alles umsonst. Für nichts.« Ich suchte das Telefon, fand es unter einer Schublade. Auch seine Rückseite war entfernt worden, aber es funktionierte noch. Bartzsch nahm es mir weg und ließ es achtlos auf einen Bücherhaufen fallen. »Ich habe die Polizei schon gerufen – von den Nachbarn aus. Die haben nichts gehört und nichts gesehen. Guck dir das Chaos an – und die haben nichts gehört und gesehen!« Er stellte den Couchtisch wieder auf und setzte sich müde darauf. »Du meinst, die haben das Geld gesucht, die halbe Million?« »Nachdem sie es bei dir nicht gefunden haben, mußten sie zu mir kommen. Wie konnte ich das bloß vergessen.« »Und wo warst du?« »Dafür weiß ich jetzt, wer mir das alles eingebrockt hat. Ein schwacher Trost.« Er hob eine Vase auf und versuchte das herausge- brochene Stück zu finden. »Ich war bei Molotow, einem alten Freund und Hehler, der die Branche kennt. Ich zeigte ihm dein Foto von dem toten Einbrecher, und er wußte sofort, mit wem der zusammengear- beitet hat.« »Der zweite Einbrecher. Der Mann, der während des Einbruchs bei Fenger Schmiere stand?« »Genau. Das ist derjenige, der glaubt, ich hätte das Geld. Und wäh- rend ich herausbekomme, wer er ist, bricht der bei mir ein. Ein Witz ist das.« »Dann kannst du ja der Polizei den Täter nennen.«, Bartzsch lachte. »Und wenn die mich fragen, woher ich das weiß?« Ich zuckte mit den Schultern und sah mich ebenfalls nach einer Sitzgelegenheit um. Ich richtete einen Sessel auf, aber das Polster war zerschnitten, und eine Sprungfeder guckte heraus. Ich setzte mich auf die schmale hölzerne Lehne. »Eines begreife ich nicht, wie kommst du darauf, daß der zweite Mann das Geld nicht hat. Wieso bist du so sicher?« »Ich habe ihn an dem Morgen verjagt.« »Er könnte es trotzdem haben.« »Mein Gefühl sagt mir, er hat es nicht, oder er behauptet seinen Auftraggebern gegenüber, es nicht zu haben. Nur dann paßt alles zusammen. Seit ich gemerkt habe, daß ich verfolgt werde, wurde mir das immer klarer. Warum habe ich das nicht ernst genommen. Ich weiß doch, daß meine Theorien die Wirklichkeit meist treffen.« »Und wer hat das Geld?« »Ich will dich ja nicht verwirren, aber es gibt drei Möglichkeiten. Entweder es ist noch da, wo es immer war, oder der Komplize des toten Einbrechers hat es oder aber der große Unbekannte.« »Der große Unbekannte?« »Ja, stell dir vor, du planst einen Einbruch. Und wenn du hin- kommst, ist dort schon eingebrochen worden.« »Das ist wohl eher eine Idee für einen Film. Könnte ich mir gut mit Stan Laurel und Oliver Hardy vorstellen. Glaubst du das wirklich?« Bartzsch antwortete mir nicht. Er betrachtete die Trümmer seiner Habe und schob mit dem Fuß den Bücherhaufen auseinander. Schließlich bückte er sich, hob ein Buch auf. Ich erkannte den Schutzumschlag. Es war Oliver Sacks’ Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Bartzsch vertiefte sich in den Klappentext. Ich überlegte, was Sylvia wohl sagen würde, wenn sie jetzt nach Hause käme. »Die Realität ist verrückter als jede Fiktion«, zitierte Bartzsch plötzlich. Dann ließ er das Buch fallen und sah mich an. Sein Gesicht war jetzt voller Energie. »Weißt du, jeder Einbrecher versucht, den Bruch seines Lebens zu machen, die Beute soll so groß sein, daß er davon in Ruhe leben kann. Ein Einbrecher, der im Auftrag von je-, mandem arbeitet und dabei zufällig auf vierhundertachtzigtausend Mark stößt, ist in großer Versuchung, das Geld zu behalten.« »Immer noch die Theorie von der Einbrecherorganisation?« Bartzsch nickte. »Unser Mann hat das Geld, aber tut so, als hätte er es nicht.« »Und was machen wir jetzt?« »Aufräumen. Wir fangen am besten in der Küche an. Vielleicht ge- lingt es uns, einigermaßen Ordnung zu schaffen, bevor Sylvia kommt.« »Müßten wir nicht alles so liegen lassen, bis die Polizei kommt.« »Die Polizei interessiert mich nicht.« Jemand räusperte sich. Zwei Polizisten standen im Flur. Ihre Sor- genfalten auf der Stirn waren reine Schauspielerei. Wenig später kamen die beiden Männer von der Spurensicherung. Wir begrüßten einander wie alte Bekannte. Wir wußten es, und sie wußten es auch: Sie würden nichts finden., 19. Sex und Video Volvo hatte eine Überraschung für mich. Ich schloß den Kühl- schrank, den ich gerade daraufhin untersucht hatte, ob er für uns beide an diesem Abend genug zu essen zu bieten hätte. Sie über- reichte mir ein Päckchen in der Größe eines Buches und versuchte ihre übermütige Freude über das Geschenk hinter vorgehaltenen Händen zu verbergen. Sie konnte die bewußte Langsamkeit, mit der ich das gestreifte Papier entfernte, kaum aushalten. »Mach schon auf. Mach auf!« Es war ein Videoband. Ein Film in reißerischer Aufmachung. Ich stutzte. »Das gibt es doch gar nicht. Ich wußte gar nicht, daß es das als Film… Woher hast du das?« Ich hatte Volvo von meinem Lieblings- krimi Billy-ze-Kick von Jean Vautrin mehrmals vorgeschwärmt. Die meisten Krimiautoren stellen die Welt des Verbrechens als eine von unserem Leben unabhängige dar. Vautrin beschreibt Täter und ihre Taten so surreal, daß alles umkippt und die Verbindung zur Realität wieder hergestellt wird. Ich hatte nicht geahnt, daß das Buch jemals verfilmt worden war. »Wo hast du das aufgetrieben?« Ich umarmte sie, küßte ihr Gesicht, das vor Freude heiß und rot war. Sie drängte sich an mich, spazierte mit ihrer Zunge zu meinem Ohr, fuhr mir in die Ohrmuschel, zuckte zurück, um grinsend »Bitter!« zu sagen und sich gleich darauf mit den Zähnen an mein Ohrläppchen zu hängen. »Au, laß mich.« Sie ließ nicht los, brummte und flüsterte dann mit dem Ohrläpp- chen zwischen ihren Zähnen: »Du kannst jetzt den Film nicht se- hen.« »Du bist gemein.« Es war nicht ernst gemeint, denn ihre Hände hatten bereits einen Weg unter mein Hemd gefunden und inszenier- ten einen wohligen Schauer auf meinem Rücken. »Ich ergebe mich. Halt ein.« Sie schüttelte den Kopf, zog den Gürtel meiner Hose auf und schob ihre Hände hinein. Dann kletterten ihre Hände wieder in die Höhe, knöpften mein Hemd auf. Sie rieb ihr Gesicht an meiner Brust, wäh-, rend meine Hose auf die Knie rutschte. Ich steckte meine Nase in ihr Haar und küßte mich an ihrem Scheitel entlang. Sie kicherte, ging in die Knie und entdeckte mit ihrer Zunge die Höhlung meines Bauch- nabels. »Hör auf, da bin ich kitzelig.« Sie kam hoch, und meine Hose rutschte hinunter auf die Knöchel. Sie zog ihr T-Shirt über den Kopf, und ihr Blick wanderte lächelnd zu meinen Füßen. »So einfach ist es, einen Mann zu fesseln.« Ich versuchte die Hose von den Füßen zu schütteln, aber sie würde sich nicht entfernen lassen, solange ich die Schuhe anbehielt. »Bleib einfach so«, sagte sie. Sie zog sich nackt auf den Küchen- tisch hinauf und strahlte mich an. »Komm!« Ich hüpfte wie ein Kaninchen zu ihr. Sie zog mich zwischen ihre Schenkel, strich mir übers Fell und formte meine Ohren zwischen Daumen und Zeigefinger nach. Still lobte ich Jean Vautrin. Wir hatten unsere erhitzten Körper unter Bademänteln versteckt, saßen einander am Küchentisch gegenüber und aßen Rührei mit Krabben. Das Haltbarkeitsdatum der tiefgefrorenen Schalentiere war vor einer Woche abgelaufen. Es war uns egal. Ich spießte eine Krab- be auf und ließ meine freie Hand über den Tisch wandern. Ich ver- suchte den Abdruck von Volvos Po auf der Tischplatte zu fühlen, aber es war nichts zu ertasten. Sie grinste mich übermütig an und griff nach meiner Hand. Sie wußte, was ich suchte. »Ich habe morgen frei.« »Was? Wieso?« »Ich habe mir freigenommen. Die Werkstatt stinkt mir.« Ihre Au- genbrauen zogen sich für einen Moment bedrohlich zusammen, kehr- ten jedoch wenig später an ihren alten Platz zurück und unterstützten einen strahlenden Blick. »Wir können den ganzen Tag im Bett blei- ben.« »Was war los?« »Helmut. Er läßt sich immer mehr auf die krummen Dinger ein. Am besten, du weißt nichts davon.« Sie stocherte mit der Gabel in ihrem Rührei. »Ich glaube, ich suche mir eine andere Werkstatt, be- vor ich zu sehr mit drinhänge.« »Wäre es nicht sehr einfach für dich, was anderes zu finden?«, »Nee. Weißt du, ich hab’ das nicht gelernt. Ich habe mir alles selbst beigebracht.« »Alles?« Sie stutzte, dann bemerkte sie den Doppelsinn. »Klar. Und ich kann noch viel mehr.« »Ich weiß.« Sie stand auf. »Komm in meine Werkstatt!« Ich stellte die Teller zusammen, spülte sie ab und folgte ihr ins Schlafzimmer. Sie hatte die Videokassette eingelegt und drückte mir die Fernbedienung in die Hand. »Film oder Realität?« »In dieser Reihenfolge.« Wir krochen ins Bett. Volvo schlang ihren Arm um meinen Bauch und legte den Kopf auf meine Brust. »Ich fürchte, ich kann morgen nicht den ganzen Tag im Bett blei- ben. Ich habe Bartzsch versprochen, eine kleine Verfolgung durchzu- führen.« »Dann nimm mich mit.« Ich drückte auf die Fernbedienung. Der Film Billy-ze-Kick nahm seinen Lauf. Volvo war nach zehn Minuten eingeschlafen. Ich hielt bis zum Ende durch. Es tröstete mich wenig, daß Jean Vautrin in einer Nebenrolle auftrat. Der Film war schlecht., 20. Befinden wir uns im Krieg? Bartzsch war schweigsam, sein Blick finster. Er stieg in den Fond des Volvos und brummte etwas, was »Guten Tag« heißen konnte. Er schien sich nicht einmal zu wundern, daß Volvo hinter dem Steuer saß. Er ließ sich in das Polster sinken und schien sich für uns nicht zu interessieren. Ich hatte ihn in seiner Wohnung abgeholt. Die Tür hatte wieder in den Angeln gehangen, und die Zimmer waren, soweit ich es mit ei- nem Blick hatte sehen können, einigermaßen in Ordnung gewesen. Wahrscheinlich hatte er die halbe Nacht lang gemeinsam mit Sylvia aufgeräumt. Volvo schien sich über Bartzsch zu amüsieren und wartete darauf, daß er ein Fahrziel angab. So saßen wir einige Minuten schweigend im Wagen, bis Bartzsch laut »Scheiße« sagte. Wir drehten uns beide um. Bartzsch sah nicht auf, sondern kratzte mit den Fingernägeln ein Muster in den Stoff seiner Hose. Dann sagte er: »Sie ist weg.« »Wer ist weg?« »Sylvia. Sie hat ihre Koffer gepackt. Braucht Abstand, sagt sie. Kann mich nicht mehr ertragen. Hau doch ab, hab’ ich gesagt. Hab’ doch nicht gedacht, daß sie Ernst macht. Weg ist sie. Scheiße.« Seine Stimme erstickte. »Alles geht schief.« Plötzlich sah er uns an und begann zu poltern: »Was glotzt ihr so? Fahrt endlich los. Wir haben Besseres zu tun, als gemeinsam zu heu- len. Los, zu Aldis Wohnung. Wir haben nicht viel Zeit. Um zehn Uhr haut er ab.« Tränen standen ihm in den Augen. Volvo sah mich fragend an. Ich hob die Schultern, und sie startete den Wagen. Bartzsch schimpfte vor sich hin: »Natürlich weiß ich, daß ich ein Arsch bin. Streckenweise unerträglich. Und meine de- pressiven Phasen. Die sind auch nicht gerade aufmunternd. Aber ich bin krank. Bin krank an der Welt. Und ich leide. Leide wie ein Hund. Wer weiß denn schon, wie das ist, wenn einen die Umwelt krank macht. Wenn man Schritt für Schritt in einen anderen Giftnapf tritt. So ist es doch. Soll ich euch aufzählen, auf was ich alles allergisch reagiere: Blütenstaub, Hunde- und Katzenhaare, Waschmittel, Erd- beeren, Tomaten, Hausstaub, Bratfett, Kaffee, Kunststoffe, Milben,, Konservierungsstoffe, Lösungsmittel, Formaldehyd, Chlor – hab’ ich noch was vergessen? Bestimmt habe ich was vergessen – und es wird mich dafür umbringen! Gut, ich habe alles getan, was Sylvia von mir verlangte. Die Rotationsdiät, die Isolierung, das Pulstestverfahren, die Desensibilisierungsversuche, was weiß ich, wie viele Eliminati- onsdiäten. Und so weiter und so weiter. Ich habe es sogar zeitweilig geschafft, mit dem Kortison unter die Cushing-Schwelle zu kommen. Ich wollte ein braver Junge sein. Ich habe nicht mehr gelebt vor lau- ter Vorsichtsmaßnahmen. Ich habe es getan, weil ich Sylvia liebe. Und doch habe ich sie manchmal betrogen, heimlich meine Korti- sondosis erhöht, bei Gerd ein paar Tranquilizer abgestaubt, mich Allergenen ausgesetzt und verbotene Lebensmittel genossen. Ja, genossen, denn was ist das für ein Leben, für das man auf das Leben verzichten muß? Für sie war jede Regelübertretung der Beweis dafür, daß ich sie nicht liebe. Ich konnte ihr nicht sagen, wodurch in den vergangenen Tagen die Anfälle ausgelöst wurden. Sie hätte mich noch mehr isoliert, mir den letzten Rest Freiheit und Spaß – oder soll ich sagen, Leben – genommen. Aus Liebe natürlich. Aus Liebe. Was für eine Beziehungskiste haben wir uns da gezimmert, eine Art Sarg, in dem wir beide eng aneinanderliegen und sich keiner mehr rühren kann, ohne dem anderen weh zu tun?« Er verstummte, und mir fiel ein anderes, vielleicht passenderes Bild ein. »Seid ihr nicht eher wie zwei Segler in einem Boot. Jeder von euch legt sich zur anderen Seite des Bootes hinaus, und keiner von euch beiden wagt sich zur Mitte des Bootes zurück, weil er Angst hat, es dann zum Kentern zu bringen. Dabei ist die Lösung ganz ein- fach: Einer von beiden muß das scheinbar Unsinnige tun und sich zur Mitte des Bootes begeben, der andere müßte ihm dann nämlich eben- falls entgegenkommen, denn auch er will ja nicht ins Wasser fallen.« »Watzlawick!« sagte Bartzsch verächtlich. »Ich hab’ dir das Buch Lösungen selber empfohlen.« »Du hast es mir damals als deine Bibel verkauft.« »Unsere Situation ist anders. Und woher will der verdammte Watz- lawick wissen, daß keiner von beiden daran interessiert ist, das Boot zum Kentern zu bringen?« »Klar ist ein Risiko dabei.«, »Nein, nein, unser Problem ist, sie will mich gesund machen, aber ich bin nicht zu heilen. Und jeder neue Hautausschlag, jeder Asth- maanfall ist für sie der Beweis, daß ich sie nicht liebe. Sie ist das Problem. Sie will die Wahrheit nicht sehen, die nämlich, daß alle ihre Bemühungen versagen müssen. Ich wußte von Anfang an, daß genau diese Situation irgendwann eintreten würde. Die Liebe einer Kran- kenschwester zu einem chronisch Kranken, das kann niemals gutge- hen. Ich wußte das alles. Und ich weiß, daß ich sie gehen lassen muß. Ich kann sie nicht zur Gefangenen meiner Krankheit machen. Es ist nur… daß… ich… sie… immer noch liebe.« Volvo fuhr in eine Parklücke. Wir waren in der Straße angelangt, in der Aldi wohnte. »Wo ist Sylvia jetzt?« fragte sie. »Sie ist zu einer Freundin gezogen.« Ich hielt nach dem grünen Golf Ausschau. »Da vorn, das könnte sein Wagen sein.« Niemand interessierte sich für meine Entdeckung. »Sie sagt, für ein paar Tage, um Abstand zu gewinnen.« Ich versuchte erneut, seine Aufmerksamkeit auf unsere Aufgabe zu lenken: »Bartzsch, woher weißt du, daß Aldi um zehn Uhr aus dem Haus geht?« Er hörte mir nicht zu. »Aber warum sollte sie zurückkommen?« Volvo: »Vielleicht tut es euch wirklich gut, und ihr könnt anschlie- ßend besser über eure Beziehung sprechen.« Bartzsch: »Wenn es ein Anschließend gibt. Ich glaube es nicht. Es ist vorbei.« Ich: »Verdammt, warum sind wir hier.« Volvo: »Es klingt so, als würdest du es selbst nicht wollen.« Bartzsch: »Ich liebe sie, aber ich weiß, daß diese Liebe nicht funk- tionieren kann. Ich habe kein Recht, jemanden an mich zu binden.« Ich: »Verdammt, ihr beiden, da kommt Aldi.« Volvo: »Ist das nicht zuviel Selbstmitleid?« Bartzsch: »Nein, nur die Anerkennung der Tatsache, daß ich mich immer in Lebensgefahr befinde.« Ich: »Hört endlich auf. Diese ganze Diskussion hatten wir doch schon, und wir können sie gern ein anderes Mal fortsetzen. Da vorn, steigt Aldi in seinen Wagen, und wenn wir nicht aufpassen, ist er weg.« Volvo: »Und deshalb hat niemand das Recht, dich zu lieben?« Bartzsch: »Es kommt mir vor, als wolltest du auf eine dieser Blitz- hochzeiten im Krieg hinaus. Der Soldat heiratet, fährt am nächsten Tag an die Front, und dann ist er tot. Nichts als eine schäbige Me- thode, in Zeiten des Massenmordes das Bild von der individuellen Leiche aufrechtzuerhalten, also Helden zu produzieren, um über die fehlende Moral hinwegzutäuschen.« Ich: »O.k. vergessen wir unser Vorhaben, und begeben wir uns in psychiatrische Behandlung.« Volvo: »Ist nicht eher der Soldat, der nicht heiratet, weil er weiß, daß er sterben muß, ein Held.« Ich: »Befinden wir uns im Krieg?« Bartzsch: »Ja, wir führen gegen die Natur einen Krieg mit chemi- schen Waffen. Und die Natur schlägt zurück.« Ich: »Ich dachte immer, wir seien Bestandteil der Natur.« Bartzsch: »Das war einmal.« Volvo: »He, er fährt weg.« Sie ließ den Motor an, wartete, bis sich Aldi weit genug entfernt hatte, und folgte ihm dann. Ich atmete auf. »Eines möchte ich noch wissen, Bartzsch. Woher wußtest du, daß Aldi nicht vor zehn Uhr das Haus verläßt?« »Ich habe ihn im Namen der Hausverwaltung angerufen und ge- fragt, ob er heute morgen zu Hause bleiben könnte, weil Handwerker das Wasserleitungsnetz wegen eines Rohrbruches überprüfen. Wenn sie bis zehn Uhr nicht gekommen seien, könne er gehen, dann hätten sie die Ursache bereits gefunden.« »Und er hat deine Stimme nicht erkannt?« »Das ist es ja. Ich habe Sylvia anrufen lassen. Damit begann unser Streit. Ich mußte ihr erzählen, was ich vorhatte.« Eine Ampel schaltete auf Rot. Volvo fluchte. »Ich hätte doch dich- ter dran bleiben sollen. Hoffentlich verlieren wir ihn nicht.« »Und natürlich wollte Sylvia, daß ich zu Hause bleibe.« Die Ampel gab den Weg wieder frei. »Da ist er. Er biegt rechts ab.«, Volvo strapazierte den Wagen, wechselte riskant die Fahrspuren und schnitt einem Mercedes den Weg ab. »Du hast Sylvia nicht alles erzählt?« »Nein.« »Das hättest du vielleicht tun sollen.« Wir holten Aldi ein und hielten an einer Ampel plötzlich unmittel- bar hinter ihm. Bartzsch und ich rutschten tief in die Polster, damit er uns nicht entdeckte. Volvo versuchte wieder einige Wagen dazwischen zu lassen. Aber als Aldi zum zweiten Mal um denselben Häuserblock fuhr, ahnte ich, daß er uns bemerkt hatte. »Hat er uns entdeckt?« Volvo machte uns hinter einem Kleinlaster unsichtbar. »Ach was, er sucht einen Parkplatz.« »Außerdem«, hustete Bartzsch, »ist es scheißegal, ob er weiß, daß wir ihm folgen.«, 21. Ein Streich Aldis Golf war in einem Parkhaus an der Rückfront des Wandsbeker Einkaufszentrums verschwunden. »Wenn ich einen Verfolger loswerden will, würde ich auch da hin- ein fahren.« Volvo zog einen Parkschein aus dem Automaten, aber Aldi war noch zwei Wagen vor uns gewesen. Er hatte genug Zeit gehabt, sich vor uns zu verbergen. Wir fuhren bis zum obersten Parkdeck hinauf. Der grüne Golf war nicht zu entdecken. »Mist. Entweder er ist bereits draußen oder im Keller.« Wir fuhren nach unten. Volvo entdeckte den Wagen im untersten Parkdeck. »Wo soll ich parken?« »Neben ihm«, sagte Bartzsch. »Neben ihm?« »Er soll ruhig wissen, daß wir ihm folgen.« »Und was soll das?« »Es wird der Bande zu denken geben. Du parkst am besten so dicht neben ihm, daß er nicht in sein Auto kommt. Er soll sich über uns ein bißchen ärgern.« Bartzsch und ich stiegen aus, und Volvo rangierte dicht an die Fah- rertür des Golfs. Dann kam sie lachend zu uns. »Ich könnte jetzt einfach seine Motorhaube öffnen und ihn lahmle- gen. Was meint ihr?« Bartzsch schüttelte den Kopf. »Das nächste Mal.« Wir gingen in das Einkaufszentrum. Selbst wenn Aldi uns nicht bemerkt hatte, würden wir ihn hier kaum finden. Das Wandsbeker Einkaufszentrum war durch die Verbindung mehrerer Gebäude ent- standen. Diverse Ebenen und Rundgänge sorgten für Unübersicht- lichkeit. Was mir Sorgen machte, war, daß Aldi Volvo vielleicht erkannt hatte. Dadurch, daß sie mit Bartzsch zusammen gesehen wurde, war sie gefährdet. Ich hätte gern mit Bartzsch darüber gesprochen, aber nicht in Volvos Anwesenheit. »Sollten wir nicht lieber nach Hause fahren. Wir werden hier nichts mehr ausrichten.« Bartzsch nickte. »Ich lade euch noch zu einem Kaffee ein.«, Ich legte die Stirn in Falten, und Volvo übernahm Sylvias Rolle. »Du trinkst doch wohl keinen Kaffee!« »Natürlich nicht.« Bartzsch suchte einen Tisch am Geländer des Rolltreppenschachtes aus. Es war eine strategisch gute Position. Wahrscheinlich hatte er es doch nicht aufgegeben, Aldi zu entdecken. Er bestellte sich Eis. Ich nahm an, Sylvia hätte ihm auch dies verboten, und sagte es ihm. Volvo zog die Brauen hoch, und Bartzsch machte einen Hundeblick. Für einen normalen Wochentag war recht viel Betrieb in dem Ein- kaufszentrum. Wahrscheinlich hatten die Kaufhäuser irgendwelche Aktionswochen. Im Café saßen mehrere Frauen, die reichlich mit Einkaufstüten eingedeckt waren. Kleine Kinder krochen unter den Tischen herum und versuchten, einen weißen Hund einzufangen. Ein etwa acht- oder neunjähriger Junge näherte sich uns. Er hielt eine kleine Wasserpistole in der Hand. Er betrachtete uns neugierig und stellte sich vor Bartzsch auf. Bartzsch sagte lächelnd: »Ich ergebe mich.« Der Junge zielte auf sein Gesicht, drückte ab und lief davon. Bartzsch schrie auf, schnappte nach Luft, versuchte hektisch, sich die Flüssigkeit aus dem Gesicht zu wischen. Ich sah ihn verständnislos an. Volvo sprang auf. »Das war kein Wasser!« Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff. Der Junge rannte auf einen der Ausgänge zu. Ich hetzte hinter ihm her. Er ließ seine Pisto- le fallen. Ich hob sie auf und folgte ihm die Rolltreppe hinunter. Er war schneller als ich, konnte sich an Personen vorbeischieben, die mir keinen Platz machten. Doch im Erdgeschoß bekam ich seine Jacke zwischen die Finger, bevor er den Hinterausgang des Ein- kaufszentrums erreichte. Der Junge stolperte und fiel. Ich stellte ihn auf die Füße und brüllte ihn an: »Warum hast du das gemacht.« Tränen schossen ihm in die Augen. Er konnte nicht sprechen. »Ist ja gut, nicht so schlimm.« Ich nahm ihn in die Arme, aber die Tränen versiegten nicht so schnell, und er schluckte so heftig, daß er kein Wort herausbekam. Ich brauchte lange, um ihn zu beruhigen. Doch dann erzählte er stockend, daß ihm ein Mann die Wasserpistole gegeben habe, um damit auf Bartzsch zu schießen. Es sollte nur ein, Spaß, ein Streich sein. Zehn Mark habe ihm der Mann dafür gege- ben. Draußen heulte die Sirene eines Krankenwagens. »Wie hat der Mann ausgesehen?« Er konnte es nicht sagen, nur daß er einen Schnurrbart gehabt hatte. Ich ließ den Jungen laufen. Als ich zurückkam, wurde Bartzsch bereits im Laufschritt auf einer Trage abtransportiert. Ein Notarzt drückte ihm eine Maske aufs Ge- sicht. Volvo und ich folgten. Während Bartzsch in den Rettungswagen gehoben wurde, roch ich an der Pistole. »Irgendein Lösungsmittel.« Ich reichte Volvo die Pistole. »Es ist besser, ich fahre mit und du bringst den Wagen zurück.« Sie nickte und wartete, bis ich in den Wagen gestiegen war und die Türen sich schlossen. Bartzschs Augen waren zugeschwollen. Der Notarzt wechselte die Maske gegen eine aus, die an einer Sauerstoffflasche hing. »Er ist Allergiker und Asthmatiker«, erklärte ich ihm. »Man hat ihm irgendwas ins Gesicht gespritzt. Wahrscheinlich ein Lösungs- mittel.« Der Arzt antwortete nicht. Er wußte es wohl schon. Der Wagen fuhr mit Blaulicht und Sirene an. Der Arzt zog eine Spritze auf und machte Bartzschs Arm frei. Dann beobachtete er ihn. Bartzschs Gesicht war rot und blau angelaufen. Es machte mir angst. Ich wußte nicht, ob er noch atmete., 22. Kein Vertrauen in die Medizin Ich wartete, gab einer Krankenschwester Auskunft über Bartzsch, betrachtete den blutigen Kittel eines Arztes, den Kopfverband eines Arbeiters, den in Gips gelegten Arm einer Hausfrau, die gebrochene Nase eines Betrunkenen, ein Kind mit einem Hundebiß am Bein und einen Rentner mit einer Kreislaufschwäche. Alles Eindrücke einer Stunde in der Notaufnahme. Dann durfte ich zu Bartzsch in den zweiten Stock. Zimmer zweihundertundzwölf. Zuvor steckte ich den Kopf ins Schwesternzimmer und fragte nach dem behandelnden Arzt. Ein Mann mit kurzem grauem Haar und hängenden Schultern. Er ging mit mir auf den Flur. Er wirkte müde. »Sind Sie verwandt?« Es war wie die Frage nach einer Krankheit. »Ja, sein Bruder.« Ich hoffte, daß die Lüge eine annähernd wahr- heitsgemäße Auskunft sichern würde. »War das ein Unfall?« Wahrscheinlich füllte er im Geist ein lästi- ges Formular aus. »Ja, ihm ist Lösungsmittel ins Gesicht gespritzt worden.« Bloß kei- ne Polizei. Er fragte nicht nach. »Sie wissen, daß er Asthmatiker ist.« Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als wollte er die Müdigkeit hinwegstreichen. »Nicht nur das.« »Wie meinen Sie das.« »Er ist hochgradiger Allergiker. Und… wie geht es ihm?« »Dann können Sie sich ja denken…« »Daß Sie solchen Menschen nicht helfen können?« Er lächelte, schloß fast die Augen. »Eine Frage der Perspektive.« »Wenn man noch eine hat.« Der Arzt strich sich über den Kittel, richtete sich auf, drehte den Kopf zur Wand, als würde er dort den Text ablesen: »Wir werden Ihren Bruder einige Tage hierbehalten. Es geht ihm gut, aber es ist besser, er bleibt noch unter Beobachtung.« »Sollte da irgend etwas sein, das Sie nicht heilen können?« »Sie haben kein großes Vertrauen in die Medizin?« Er richtete den Blick auf mich und führte eine Augendiagnose durch., »Haben Sie es?« fragte ich zurück. »Nein.« Er wandte sich zum Gehen. »Sie entschuldigen mich.« »Immer.« Beinahe hätte ich Bartzsch nicht erkannt. Seine Augen waren ge- schwollen, und auf seinem Gesicht zeichnete sich ein roter Fleck ab, dessen Umriß dem des afrikanischen Erdteils nicht unähnlich war. Er atmete ruhig. Er schlief. War vielleicht ein auf den Rücken gefallener Käfer, der nach langen hilflosen Versuchen, auf die Beine zu kom- men, nun den Tod erwartete. Neben seinem Bett befand sich die fahrbare Sauerstoffflasche, eine durchsichtige Halbmaske hing daran herunter. Ich beugte mich über ihn. Er schlief nicht. Ich konnte nicht erken- nen, ob er mich wahrnahm. »Scheiße«, flüsterte er gedehnt, in dem Tempo, das ein Beruhi- gungsmittel zuließ. Ich sah mich in dem Zimmer um. Es waren zwei weitere Betten darin, beide mit Männern belegt, die schweigend zur Decke starrten. Ich holte mir den Stuhl, der am Waschbecken stand, und setzte mich neben Bartzschs Bett. »Wenn du irgendwas brauchst? Du wirst ein paar Tage hierblei- ben.« Bartzsch drehte den Kopf nicht. Es schien in diesem Zimmer üblich zu sein, die Decke zu beobachten, vielleicht, um rechtzeitig aus dem Bett zu springen, sollte sie sich plötzlich senken. »Sag Sylvia nichts.« »Ist das dieses nette Mädchen, das sich immer um dich gekümmert hat?« »Arschloch.« Er drehte den Kopf in meine Richtung. In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen, eine dicke Schwester schleuder- te ein schrilles »Mahlzeit« in den Raum und schob einen Servierwa- gen herein. Sie half den beiden anderen Patienten, das obere Betteil hochzustellen, und stellte ihnen jeweils ein Tablett mit dem Mittag- essen auf den Bauch. Sie kam zu uns. »Geht’s denn schon?« Bartzsch nickte, ließ sich ebenfalls aufrichten., »Ich helfe ihm«, sagte ich und nahm ihr das Tablett ab. Sie war zu- frieden und verschwand mit einem gesungenen »Guten Appetit.« »Iß du«, sagte Bartzsch. Seine Augen hatten sich etwas geöffnet. Ich betrachtete den Kartoffelbrei, das zerkochte Gemüse und die Scheibe Fleisch in der schleimigen Soße und schüttelte den Kopf. »Du mußt. Es sieht dann aus, als hätte ich es gegessen. Komme dann schneller raus.« Ich schnupperte angewidert an dem Teller. »Irgendwo hört die Freundschaft auf.« »Ich muß hier schnell raus.« »Sicher, pack schon mal deine Sachen. Ich zahle inzwischen an der Rezeption die Rechnung.« Er lächelte. »Ich muß dir was sagen.« Er winkte mich näher zu sich heran. »Die zweite Hälfte der Botschaft. Ich habe sie.« Ein schwacher Hustenanfall unterbrach ihn. »Hab’s dir nicht ge- sagt. Ein Anruf. Gestern. Sie wollen das Geld.« Er flüsterte. Ich beugte mich zu ihm, und er senkte seine Stimme so sehr, daß sie fast mit der Melodie seiner Bronchien verschmolz. »Morgen schon. Ich soll es bei mir tragen. Morgen nachmittag in der Innen- stadt.« »Wer hat angerufen?« »Ein Mann.« Bartzsch grinste. »Er war nicht zu erkennen. Er trug eine Strumpfmaske. Selbst am Telefon!« »Es gibt zwei Gründe, nicht hinzugehen. Erstens, du hast das Geld nicht, und zweitens bist du buchstäblich ans Bett gefesselt.« Er schüttelte den Kopf. »Wir können nicht davon ausgehen, daß es dieselben sind. Die ei- nen sind hinter dem Geld her, die anderen hinter mir.« »Es müssen dieselben Leute sein, Bartzsch!« »Das gilt es herauszufinden. Also: Ich muß gehen.« »Nur über deine Leiche!« »So lange wendet sich der Glaube dem Leben zu, dem Zerbrech- lichsten im Leben, im realen Leben, versteht sich, bis dieser Glaube am Ende verlorengeht.« »Woher kenne ich das?« Bartzsch wandte sich ab. »Soviel zu meiner Leiche.«, 23. Keine Polizei Austausch schlechter Nachrichten in meiner Küche: Ich berichtete von Bartzsch. Volvo wartete mit der Nachricht von einer Beule in meinem Wagen auf. »Ich dachte erst, die sei von Aldis Wagentür, weil wir zu dicht ne- ben ihm geparkt haben, aber es sieht mehr nach einem Fußtritt aus. Ist es dir recht, wenn ich Spaghetti koche?« »Er muß sehr wütend gewesen sein, wenn er sein Auto herausfährt und eigens zurückgeht, um gegen die Wagentür zu treten. Ich bin nicht hungrig.« »Ich beule es dir aus.« »Mir macht etwas anderes Sorgen: Ich glaube, Bartzsch hat sich übernommen. Er kann nicht alles ohne Polizei machen.« »Er kann sie aber auch nicht einschalten. Wirklich keinen Hun- ger?« Sie stöberte in meinen Vorräten, räumte Dosen mit Gemüse und Fertiggerichten auf den Küchentisch und versuchte, das Ver- fallsdatum zu entdecken. »Bartzsch ist in ernster Gefahr. Und wir mit ihm. Es geht nicht mehr ohne Polizei. Diese Leute wollen das Geld, und sie schrecken vor nichts zurück, wie wir gesehen haben. Ich habe schon was geges- sen.« »Wie stellst du dir das vor: Bartzsch bei der Polizei. Er müßte zugeben, daß er als erster bei der Leiche in Goldschmieds Garten war. Und er müßte eine Erklärung haben, warum er das bisher nicht gesagt hat. Moment mal. Du hast schon gegessen? Wo? Ich denke, du warst im Krankenhaus?« »Natürlich hätte er einige peinliche Fragen zu beantworten. Ande- rerseits kann Bartzsch der Polizei einen Verdächtigen präsentieren: Aldi. Die wahrscheinlich direkte Verbindung zu dem Einbruch.« »Wo hast du gegessen? Ohne mich!« Sie hatte sich vor mir aufge- baut und eine Dose Ravioli zum Schlag erhoben. Ich hob abwehrend die Hände. »Gnade. Im Krankenhaus. Bartzschs Mittagessen.« »Das muß ja was Tolles gewesen sein!« Sie drehte sich um und setzte die Suche nach verwertbaren Lebensmitteln fort. »Übrigens, glaube ich nicht, daß Aldi zu den Einbrechern gehört. Und ich denke auch, daß es besser ist, die Polizei außen vor zu lassen.« Fast ihr ganzer Oberkörper verschwand im Speiseschrank. »Hast du keine Angst? Schließlich stecken wir irgendwie mit drin- nen. Wir brauchen die Polizei.« Volvo kam aus dem Schrank hervor, ein Glas Gewürzgurken in der Hand. Sie hockte sich auf den Boden, nahm das Glas zwischen die Knie und drehte an dem Deckel. »Ich glaube, ich muß dir was sagen. Es gibt noch einen Grund, die Polizei nicht zu informieren.« Sie hatte das Glas geöffnet und be- trachtete die Gurken, als könnte man daraus die Zukunft deuten. Dann tauchte sie langsam einen Finger ins Gurkenwasser, führte ihn an die Lippen und leckte daran. »Ich kenne Aldis Adresse nicht nur, weil ich sein Auto mal abgeschleppt hab’, sondern… er hat mich mal abgeschleppt. Ach, Scheiße.« Sie sank in sich zusammen, sah mich nicht an, führte den Zeigefinger nochmals ins Gurkenglas und an- schließend in den Mund. Ich brauchte etwas länger, bis ich verstand, was sie gesagt hatte. »Du… und Aldi? Wann war das?« Die Frage zischelte aus mir her- aus. Es war die reine Eifersucht. Sie loderte mir eiskalt und flam- mengelb die Kehle hinauf. Von oben versuchte die Vernunft mit Spucke zu löschen. Es war zuwenig. Ich schluckte trocken. Volvo umklammerte das Gurkenglas. »Ist das jetzt schon das polizeiliche Verhör? Es ist mir peinlich. Es war eine blöde Laune. Es war überhaupt blöd.« Sie stellte das Glas auf den Boden und hielt sich die Hände schützend vors Gesicht. Die Eifersucht leistete gründliche Arbeit, trocknete meinen Mund aus. Ich konnte nicht sprechen. Volvo nahm die Hände vom Gesicht, hob ihren Kopf und sah mich traurig an. »Ach, Scheiße.« Sie schob das Gurkenglas zur Seite und rutschte auf Knien zu mir heran, umarmte meine Beine und legte ihren Kopf auf meinen Schoß. »Ich…« Sie sprach nicht weiter. Es war mir unmöglich, sie zu berühren. »Du mußt mir alles erzählen.« Mein eiskalter Atem wirbelte drei ihrer blonden Haare in die Höhe. Vergebens kämpften Liebe und, Vernunft gemeinsam gegen die Lähmung in meinen Armen. Wenn ich noch länger so dasaß, würde die Eifersucht vollends siegen und eine Katastrophe auslösen. Schon erreichten die ersten züngelnden Flammen mein Gehirn und lösten eine schreckliche Bilderfolge aus: Aldi und Volvo als Gangsterpärchen. Eine Bettszene! Ich stöhnte, und der Horrorfilm riß. Langsam beugte ich mich herab und legte meinen Kopf auf ihren. »Ich will nichts wissen. Erzähl mir nichts. Ich liebe dich.« Enttäuscht zogen sich die eisigen Flammen aus meiner Kehle zu- rück, rutschten die Speiseröhre hinunter, und es blieb nichts als ein weiches, warmes Gefühl in meinem Magen. Volvo richtete sich auf, küßte mich, verwuschelte mein Haar, küßte mich noch mal, knabberte an meinem Ohr, leckte mir die Nase und schrieb »Ich liebe dich« mit dem Zeigefinger auf meine Stirn. Er war noch feucht von Gurkenwasser. Dann zog sie sich ein wenig zurück, erzählte, ohne mich anzusehen. »Ich war mit ihm zusammen an dem Tag… in der Nacht, als bei dem Goldschmied eingebrochen wurde. Er hatte mich eingeladen. Wir sind durch ein paar Kneipen auf St. Pauli gezogen. Lehmitz, La Paloma, Silbersack und so weiter. Ich war ziemlich betrunken. Ich glaube, so gegen fünf Uhr morgens sind wir zu ihm in die Wohnung. Ich, ich habe nicht mit ihm geschlafen. Wirklich nicht. Du glaubst mir doch?« Ich nickte stumm. Sie zupfte an meinem Hemd, als wäre es voller Fusseln. »Er… er war noch viel betrunkener als ich. Verstehst du? Er stank. Ich bin so gegen sieben aufgewacht, habe mich vor ihm geekelt und vor mir selbst und bin leise davongeschlichen. Verstehst du, ich bin sein Alibi.« Sie schwieg, kniete sich wieder auf den Boden und holte sich das Gurkenglas zum Spielen zurück. Und ich erinnerte mich daran, daß ich sie so schon vor vielen Jahren in der Sandkiste des Spielplatzes hatte sitzen sehen. Die anderen Kinder hielten sich von ihr fern. Niemand wollte mit ihr spielen. Sie verdarb immer alles. Was sollte ich ihr sagen? Was sollte ich machen? Konnte ich ihr überhaupt glauben? Vielleicht verwandelte sich ihre Geschichte mit, jedem weiteren gemeinsamen Schritt in immer neue, immer andere Geschichten. Nein, ich wollte Volvo bei mir behalten, selbst wenn sie eine Lü- gnerin war – eine schöne Lügnerin. Ich ließ mich auf die Knie herab, griff nach Volvos Handgelenk. »Also keine Polizei«, sagte ich lang- sam und las in ihren Augen eine wunderbare Botschaft: Alles wird gut! Kaum zu glauben., 24. Arm sind die nicht »Hallo?« Eine Frauenstimme hatte ich nicht erwartet. Wie war das zahlen- mäßige Verhältnis von Männern und Frauen unter Einbrechern? Ich wußte es nicht. Bisher waren Einbrecher in meiner Vorstellung aus- schließlich männlich gewesen. »Mit wem spreche ich?« »Wen wollen Sie denn sprechen?« »Ja, also, ich, ich rufe wegen Maxibau an.« »Ja, bitte?« »Bin ich da richtig?« »Ja.« »Sind Sie Frau Bauer?« »Nein. Sie wünschen?« Sie ließ sich nicht provozieren, ihren Na- men preiszugeben. Ich nannte meinen Namen und verlangte Max Bauer. Sie ließ sich nicht darauf ein, sagte, sie wüßte Bescheid. Ich sollte mit ihr sprechen. Meine Möglichkeiten, etwas herauszufinden, waren damit erschöpft, sonst würde ich auffallen. »Also, ich hab’ da was für Sie. Ein Haus. Es liegt im Stadtteil Ma- rienthal. Ich kenne mich ja nicht so aus, aber ich denke, es braucht ein neues Dach. Sieht ziemlich alt aus. Jedenfalls sind die Dachrin- nen kaputt, und der Putz hat Risse. Ich denke, da könnten Sie was machen. Genau weiß ich es aber nicht.« Sie fragte nach der Adresse und dem Namen der Besitzer und ob ich den Eindruck hätte, daß sie die Reparaturen bezahlen könnten. »Arme Leute sind das nicht. Es stehen immer zwei BMWs in der Einfahrt. Ich weiß ja nicht, ob Sie so was auch bauen, aber eine Ga- rage könnten die auch gebrauchen. Den kleinen BMW fährt die Frau, und da ist noch eine Tochter, die scheint zu reiten. Ich hab’ mal durch die Fenster geguckt, weil da am Wochenende, wissen Sie, da ist da meist keiner. Die haben wohl noch ein Landhaus oder so. Ich meine, das ist ja nicht mein Stil, aber die Wohnung, alles so Leder und Metall und Glas. Also ziemlich ungemütlich, aber sieht nach Geld aus. Arme Leute sind das wirklich nicht. Also, ich hab’ da so durch die Fenster gucken können, weil eine Alarmanlage oder so, etwas Ähnliches oder automatisches Licht, Sie wissen schon, das ist da alles nicht am Haus. Trotzdem, wenn ich mich nicht total täusche, die haben Geld.« Der Köder war ausgelegt. Ich hoffte, Bartzsch hatte unrecht und Ma- xibau war wirklich Maxibau und nicht Maxiklau. Denn das Haus, das ich beschrieben hatte, gehörte Freunden von mir. Ich wußte, daß sie Dach und Fassade bisher nicht hatten renovieren lassen, weil sie im Dachgeschoß eine kleine abgeschlossene Wohnung für ihre sech- zehnjährige Tochter einbauen wollten. Nur in einem Punkt hatte ich gelogen. Es gab eine Alarmanlage. In den Zimmern im Erdgeschoß waren Bewegungsmelder installiert. Trotzdem würde ich meinen Freunden in Marienthal wohl Bescheid sagen müssen. Mußte ich? Ich hätte sie wohl besser vorher fragen sollen. Und jetzt? Wie sagt man Freunden, daß man jemandem den Tip gegeben hat, bei ihnen einzubrechen? Man sagt es ihnen lieber nicht. Nein, lieber nicht. Es wird schon alles gutgehen., 25. Er weiß genau, wo es ist Einer mußte mit ihr reden, auch wenn Bartzsch es nicht wollte. Ich fuhr nach Altona zu der Praxis, in der Sylvia arbeitete. Sie war am Empfangstresen über Papiere gebeugt, und es dauerte eine Weile, bis sie bemerkte, daß ich es war. »Haben Sie einen Termin?… Du?« Sie lächelte nicht, ahnte wohl, daß mein Kommen dasselbe signalisieren sollte wie eine entrollte Parlamentärflagge, und blickte in den Terminkalender. »Ich habe jetzt keine Zeit.« »Ich dachte, du hättest jetzt Schluß.« »Es sind noch zwei Patienten da. Aber du kannst dich ja ins Warte- zimmer setzen. Ich schätze, es dauert noch zwanzig Minuten.« Im Wartezimmer saß ein alter Mann. Ich mußte über seine Beine hinwegsteigen. Er entschuldigte sich, er könne sie wegen der Schmerzen nicht anziehen. Ich nickte, setzte mich in eine Ecke, um- rankt von einer halbvertrockneten Schlingpflanze. »Wissen Sie«, sagte der Alte, »es sind die Schmerzen hier so in der Leistengegend. Haben Sie das auch manchmal?« »Vielleicht ist es der Blinddarm?« »Hä, habe ich doch gar nicht mehr.« »War nur so eine Idee.« »Sie haben das nicht?« »Nein, tut mir leid.« »Wissen Sie, es geht so von der Leiste nach oben.« Er drückte sei- nen Hosenbund etwas herunter. »Bis hierher ungefähr. Manchmal auch hier drüben.« Er zog das Hemd aus der Hose und tastete mit zwei Fingern seinen Bauch ab. »Komisch, so ein bißchen hart ist es auch. Zieht sich hier so lang. Wenn ich hier so drücke, spüre ich es ganz genau. Wollen Sie mal fühlen.« »Lieber nicht.« Er öffnete seine Hose und legte seinen Bauch frei. »Sieht doch sonst ganz normal aus, finden Sie nicht auch.« »Ja, ganz normal. Ziehen Sie sich lieber wieder an.« »Sie haben es ja noch gar nicht gesehen.«, »Ich bin kein Arzt.« »Ach, nicht?« Er rollte sich das Hemd unter die Achseln und zog die Hose bis zum Schamhaaransatz herunter. »Ich frage mich, was das ist. Manchmal ist es plötzlich weg. Aber jetzt kann man es deutlich spü- ren.« Er legte die Hände flach auf den Bauch. »Es bewegt sich! Doch, ich bin ganz sicher: Es bewegt sich. Ich kann mir gar nicht vorstel- len, daß andere Menschen das nicht auch haben. Es würde mich wirklich interessieren, ob Sie das auch spüren. Ich werde sonst noch ganz verrückt. Ich bilde mir das doch nicht ein.« »Sicher nicht. Sie sollten sich anziehen. Sie sind doch gleich dran.« Seine Hände strichen über den Bauch. »Wissen Sie, ich habe den Verdacht, da ist was drin. Da wächst was. So etwas wie ein Tier.« »An was denken Sie?« »An ein Eichhörnchen.« »Ein Eichhörnchen?« »Natürlich. Da, es bewegt sich wieder! Jetzt kommen Sie her. Sie müssen es fühlen. Ich bitte Sie, nur einmal. Kommen Sie! Legen Sie Ihre Hände auf meinen Bauch. Ich muß Gewißheit haben. Ich dreh’ sonst durch. Tun Sie mir nur einmal den Gefallen.« »Na gut.« Ich stand auf, beugte mich über ihn und legte vorsichtig meine Hände auf seinen Bauch. »Ich spüre nichts.« »Wirklich nicht?« »Nein, nichts.« Sylvia öffnete die Wartezimmertür und stutzte. Ich nahm schnell meine Hände von dem fremden Bauch. Ich glaube, ich wurde rot. »Sie sind dran, Herr Lange.« Er erhob sich, hielt sich die Hose fest und folgte Sylvia. An der Tür drehte er sich zu mir um. »Vielen Dank. Ich bin wirklich erleichtert. Ich dachte schon, es wäre ein Eichhörnchen.« Sylvia kam zurück. »Was hast du mit ihm gemacht?« »Ein Verrückter. Ich versuchte, ihn zu beruhigen.« Sie setzte sich, streckte die Beine von sich und stieß die Luft aus. »Ziemlich anstrengend heute. Ich bin kaputt.«, »Hast du jetzt Schluß? Ich muß mit dir über Bartzsch reden.« Sie nickte müde. »Muß nur warten, bis der letzte Patient gegangen ist.« »Ihr habt euch getrennt.« Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. »Sagt er das?« »So ungefähr.« Sie legte die Hände auf ihr Gesicht, als wollte sie es kühlen. »Ich weiß nicht, ich habe es nicht mehr ausgehalten mit Bartzsch. Ich brauche jetzt mal ein bißchen Zeit für mich.« Es klang nach einem verdammten Klischee. Sie kam wieder vor, zog die Beine heran, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte ih- ren Kopf in die Hände. »Bartzsch ist ziemlich anstrengend und…« Sie sprach nicht weiter. Ihre Augen waren mit einem Mal hellwach und leuchteten, als würden sie von einem Scheinwerfer angestrahlt. Es war ein Film. Mir fielen jede Menge Regisseure ein, aber kein Titel. »Ich will ihm helfen, aber je mehr ich mich um ihn sorge, um so mehr legt er die Verantwortung für sich selbst ab. Es ist wie eine Spirale, die sich immer höher schraubt.« Ich kannte meine Rolle nicht. Wenn dies kein Film war, half nur die Technik des aktiven Zuhörens, um einen spärlichen Dialog zu entwickeln. »Du fühlst dich ausgenutzt?« »Ja, je größer meine Ängste um seine Gesundheit werden, um so sorgloser geht er selbst damit um. Er weiß ja, ich bin da, um auf ihn aufzupassen, ihn wieder hochzupäppeln. Immer wenn ich glaube, einen Erfolg verbuchen zu können, macht er ihn rücksichtslos zu- nichte. Ich entwickele eine Diät, und er geht hinter meinem Rücken eine Currywurst essen. Was soll das? Ich bringe ihn von den Medi- kamenten runter und entdecke, daß er sich heimlich einen Vorrat kortisonhaltiger Präparate zulegt. Warum tut er das?« »Es klingt in meinen Ohren wie ein Betrug aus Liebe.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht weinen.« »Was ich meine, ist, daß er dir vielleicht nicht alles sagt, weil er dich liebt und dich nicht verletzen will.« »Was ist das für eine Liebe?«, »Die Liebe eines Menschen, der Angst hat, seine Geliebte zu ver- lieren.« »Hast du jemals seinen Zynismus erlebt. Er glaubt, er dürfe nie- manden an sich binden, weil er krank ist. Er kokettiert damit, eine lebende Leiche zu sein, wie sein Freund Gerd. Und wer ihn liebt, den verdächtigt er, es aus Mitleid zu tun. Bei Bartzsch erlebst du eine Art Inquisition. Er foltert dich so lange, bis du wider besseres Wissen gestehst, daß deine Liebe nur Mitleid ist. Erst dann gibt er Ruhe. Frag ihn mal, wie er eure Freundschaft sieht. Er wird sagen, daß du ihm aus Mitleid hilfst.« »Du meinst, er will gar keine Liebe?« »Die Frage ist, wie kann man jemanden lieben, für den es die Liebe nicht gibt?« »Kann man jemandem treu sein, für den es die Treue nicht gibt?« »Du verlangst sehr viel.« »Ich bin nicht hergekommen, um euch wieder zusammenzubringen. Ich wollte dir nur das sagen, was er dir verschwiegen hat. Seine Asthmaanfälle in letzter Zeit sind die Folge von Attentaten auf ihn. Er ist vollkommen schuldlos daran. Einige Gangster sind hinter ihm her. Und wir wissen nicht, wer die sind.« »Das ist es ja. Das Detektivspiel ist auch so eine Rücksichtslosig- keit. Warum läßt er sich immer wieder auf so etwas ein. Mitten in der Nacht trifft er sich mit diesem Molotow in einer Kneipe. Kennst du den? Das ist doch selbst ein Gangster.« Sie legte die Hände in den Schoß und betrachtete das Spiel ihrer Finger. Ich hätte gern mit einem Zitat von Robert Warshow geant- wortet: Der Gangster ist das, was wir sein möchten und was zu wer- den wir uns fürchten. Aber Filmtheorie gehörte nicht hierher. »Dann kommt er zurück, und seine Kleidung stinkt gegen den Wind nach Zigarrenqualm und Schnaps. Ein Auftrag! Ein Auftrag, seine Gesundheit zu ruinieren! Nein, das mache ich nicht mehr mit. Es ist eine Manie. Du solltest ihn sehen, wie er jeden Abend mit dem Fernglas an seinem Schlafzimmerfenster sitzt und in die Wohnung des Nachbarn glotzt.« »Die Wohnung des Goldschmieds?«, »Ja. Es geht ihn doch gar nichts an, was da geschehen ist. Aber er muß sich einmischen.« »Immerhin glauben die Gangster, er hätte die halbe Million.« »Er hat doch bewußt den Verdacht auf sich gelenkt. Du kannst Bartzsch sagen, wenn er damit nicht aufhört, komme ich nicht zu- rück.« »Er liegt im Krankenhaus.« »Was?« Sie zuckte erschrocken. »Jemand hat ihm Lösungsmittel ins Gesicht gespritzt.« »Wie geht es ihm?« »Ich weiß es nicht genau.« »Und wer hat das getan?« »Jemand, der weiß, wie man ihn außer Gefecht setzen kann. Sie wollen das Geld von ihm.« »Oh, mein Gott, dann soll er es ihnen geben.« »Er hat es doch nicht.« »Aber er weiß doch genau, wo es ist.« »Bist du sicher?« Sie nickte und stand auf. Ich wußte, sie würde so schnell wie möglich ins Krankenhaus fah- ren wollen., 26. Ewige Gegenwart Bartzschs Hand lag auf dem Buch und verdeckte so den Titel. Als ich mich an sein Bett setzte, nahm er das Buch wieder auf und las mir langsam vor: »Viele lieben sich erst, wenn es zu spät ist, wenn der andere schon in einem anderen Raum ist oder wenn der andere nicht mehr liebt und schon in anderen Zeiten lebt. So geht’s. Immer Probleme mit Zeit und Raum. Dieser Spruch ›Zwei Parallelen schneiden sich im Unendlichen‹ ist auch ein Liebesgedicht.« Er ließ das Buch auf die Bettdecke sinken und schob es in meine Richtung. Es trug den Titel Land mit lila Kühen. Ich sah in seine Augen, er stand unter legalem Drogeneinfluß. »Sylvia hat es mir mitgebracht.« »Sylvia war hier?« Ich erwartete Vorwürfe ob meiner Einmischung und betrachtete be- tont aufmerksam den Buchumschlag. Eine Zeichnung: Zwei Männer stehen einander gegenüber. Der linke fragt: Alles klar? Und der rech- te antwortet: Nee, wieso? »Es ist doch seltsam, daß wir so unterschiedliche Vorstellungen da- von haben, warum unsere Beziehung scheitern mußte.« »Muß sie das?« »Ich danke dir für deine Mühe.« Ich betrachtete Bartzschs Gesicht. Der rote Fleck war noch da. Und am Hals zeigte sich Neurodermitis. »Es hat wohl keinen Sinn.« »Was?« »Mit Sylvia und mir.« »Sagt sie das auch?« »Zwei Parallelen schneiden sich im Unendlichen, das gefällt mir. Ein Liebesgedicht. Überhaupt, die Geometrie.« »Als Wissenschaft der Illusion?« »Jede Wissenschaft dient der Realität und der Fiktion.« »Wann kommst du hier raus?« Er schüttelte den Kopf. »Ich bleibe einfach hier. Genaugenommen bin ich ein vorzügliches Forschungsobjekt. Jemand könnte mich zum, Gegenstand seiner Doktorarbeit machen. Einen wissenschaftlichen Wert haben, ist das nicht das Größte, was ein Mensch erreichen kann?« »Zwanzig Jahre sind vorbei, und nichts für die Ewigkeit getan?« »Eines Schattens Traum ist der Mensch.« »Welche Ironie, die Vergangenheit als Perfekt zu bezeichnen.« Bartzschs Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Hör auf. Mehr als drei Zitate halte ich nicht aus.« Ich notierte Überschwenglichkeit durch Einnahme von Steroiden und dazu verlangsamtes Sprechen aufgrund von Antidepressiva. »Bartzsch, warum hast du mir nicht gesagt, daß du weißt, wo das Geld ist?« »Erinnerst du dich an Robinson Crusoe. Er findet in einem Wrack Geld und lacht darüber, weil er nichts damit anfangen kann.« »Trotzdem nimmt er es mit, wenn ich mich recht erinnere, als er an die Zukunft zu denken beginnt.« »Was willst du?« »Dich hier rausholen.« »Es geht mir gut hier. Ich habe ein sauberes Bett. Eine Tablette zu jeder Gelegenheit. Man versorgt mich. In einem Krankenhaus herrscht ewige Gegenwart. Hierher gehöre ich. Menschen wie ich haben keine Zukunft.« »Die Vergangenheit erlegt Pflichten auf.« »Ich hab’ gesagt, du sollst aufhören. Von wem ist das?« »Von mir.« »Es könnte von Shakespeare sein. Ich bin ein miserabler Held. Laß mich träumen, schlafen.« »Ich komme wieder.« Ich verließ Bartzsch, tappte mit klebrigen Sohlen durch die frisch gebohnerten Krankenhausflure, überlegte, wie ich ihn motivieren könnte, und ahnte nicht, wie schnell ich wieder an seinem Bett sitzen sollte. Ich betrat den Fahrstuhl. Ein alter Mann in abgewetztem Ba- demantel begleitete mich schweigend fast bis zum Ausgang. Ich ging die Reihen geparkter Wagen vor dem Krankenhaus ent- lang, als mich ein grüner Blitz durchzuckte. Ich blieb stehen, drehte mich um. Er war es! Aldis grüner Golf. Niemand drin. Ich reckte, meinen Kopf, niemand zu sehen, ging näher heran, zur Seitentür, und trat mit aller Kraft eine wunderschöne Beule hinein. Dann hetzte ich zurück, die Treppen hinauf. Der Fahrstuhl war mir zu langsam. Bartzsch hob erstaunt den Kopf. »Was ist?« Ich war außer Atem. »Nichts. Schlaf. Ich passe ein bißchen auf dich auf.«, 27. Schlechtes Gewissen Es waren Menschen für weniger als vierhundertachtzigtausend Mark umgebracht worden. Aber man ließ mich nicht im Krankenhaus blei- ben. »Könnten Sie nicht eine Ausnahme machen.« Der Arzt schüttelte den Kopf. »Es besteht keine Notwendigkeit.« »Es stört doch nicht. Ich sitze nur neben seinem Bett.« »Wozu?« Wie sollte ich dem Arzt meine Ängste erklären. Auch Bartzsch hat- te keine Angst. Er lächelte, als ich ihm von Aldis Wagen erzählte. Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag zum Parkplatz kam, war der grüne Golf verschwunden. Ich fuhr meinen Wagen in eine Park- lücke, von der aus ich den Krankenhauseingang im Blick hatte. Ich hatte die Absicht, Bartzsch auf diese Weise die ganze Nacht zu be- wachen. Nach einer Stunde, Hunderte Menschen waren hinein- und hinausgegangen, wurde mir die Unsinnigkeit meines Vorhabens be- wußt. Es mußte ja nicht Aldi sein, jeder kam in Frage. Ich war mög- licherweise genau in dem Zustand, den die andere Seite provozieren wollte. Ich war in Panik geraten. Ich startete und fuhr langsam die Autoreihen des Parkplatzes ab. Dann beschloß ich, wenigstens eines meiner unguten Gefühle aufzu- lösen, und schlug den Weg zu meinen Freunden nach Marienthal ein. Es ist ein Teil von Wandsbek, und er gilt als etwas feiner. Sieht man sich die Immobilienanzeigen in den Hamburger Tageszeitungen an, so findet man das Wort »Marienthal« immer besonders hervorgeho- ben. Wobei es die Makler mit den Grenzen den Viertels nicht so genau nehmen. Schon im 19. Jahrhundert zogen reiche Hamburger hierher. Doch dafür gab es außer dem angrenzenden Wandsbeker Gehölz noch einen anderen Grund: Wandsbek war eine eigene Stadt, konkurrierte mit Hamburg und bot deshalb Kaufleuten Zuflucht vor ihren Gläubigern. Heute wohnt hier die obere Mittelschicht mit Kind. Meine Freunde gehören dazu. Sie waren zu Hause. Beide BMWs parkten in der Einfahrt, ein Jaguar stand dahinter und blockierte sie. Ich klingelte. Maria öffnete und sah mich irritiert an., »Oh, du?« Ich kam ungelegen. »Werner bespricht sich gerade mit seinem Chef. Er hat morgen früh eine Präsentation.« »Kann ich trotzdem kurz reinkommen.« Sie führte mich durch den blauen Flur direkt in die rosafarbene Kü- che. Jedes Zimmer hatte eine bestimmte Farbe, die nicht nur an den Wänden, sondern auch auf den Einrichtungsgegenständen wieder- kehrte. »Es geht schnell. Ich muß ihn nur ganz kurz sprechen.« Sie öffnete eine Weinflasche mit einem rosafarbenen Öffner, stellte sie zu zwei Gläsern auf ein silbernes Tablett. »Kannst du es nicht auch mit mir besprechen?« »Am besten mit euch beiden.« »Und morgen abend?« »Könnte es zu spät sein.« Sie nahm das Tablett und stieß die Tür zum schwarz-silbernen Wohnzimmer mit dem Fuß auf, bevor ich ihr helfen konnte. Ich sah ihr durch den Türspalt hinterher. Werner beugte sich über ausgebrei- tete Papiere auf dem gläsernen Couchtisch. Marias Rücken verdeckte den Gast. Jetzt stellte sie das Tablett ab und gab den Blick frei. Die Stimme von Werners Chef war mir gleich bekannt vorgekommen. Es war der Mann, dessen Fotoalbum abhanden gekommen war. Michael Steinbach. Maria kam mit einer leeren Flasche zurück. Ich schloß hinter ihr die Tür. »Das ist Werners Chef?« »Ja, wieso?« »Ach, es wäre besser, er sieht mich nicht.« »Was geht hier vor?« »Ich kenne ihn aus einer für ihn vielleicht peinlichen Situation. Wenn er mich hier sieht, könnte er an meiner Diskretion zweifeln.« »Er ist schwul, das wissen wir auch.« Sie grinste. »Gehörst du zu seinen Liebhabern?« »Gott bewahre, nicht mit dem. Und dein Mann?« »Er macht Karriere, da ist alles erlaubt.«, »Das klingt nicht gut.« Sie schwieg, wischte mit einem Lappen über die saubere Kante des Küchentischs, als hätte sich dort unsichtbarer Klebstoff festgesetzt. Dann sah sie mich an, und bis auf die kleine Falte, die sich zwischen ihren Augenbrauen zu bilden begann, war ihr Gesicht reglos. »Was willst du, ich mache auch Karriere.« Werner kam herein. Sein Blick zuckte von mir zu Maria. »Gehst du bitte rein und unterhältst ihn ein bißchen. Du kommst etwas ungele- gen. Ich habe keine Zeit.« Maria ging gehorsam. »Ich will nur kurz mein schlechtes Gewissen loswerden.« Er stellte sich an den Tisch und umklammerte die Tischkante. »Ich habe da eine Baufirma auf euch angesetzt. Du weißt schon, wegen des Umbaus.« »Das hat doch Zeit.« Er bückte sich und las einen Krümel vom Fußboden auf. »Nein. Ein Freund vermutet, daß diese Firma nur eine Tarnorgani- sation ist. Sie forschen die Objekte aus, um dort einzubrechen.« »Reizend. Und du hast uns dieser Firma empfohlen. Und was sol- len wir jetzt tun?« »Ich weiß es auch nicht. Ich wollte es euch vorsichtshalber sagen. Es ist ja nur eine Vermutung.« »Übrigens stehe ich schon in Verbindung mit einem Bauunterneh- men. Ich habe gerade heute morgen mit ihnen gesprochen. Die Firma heißt Maxibau.« »Ach du Scheiße.« »Wieso?« »Das ist die Firma.« »Dann ist doch alles gut. Das ist ein echtes Bauunternehmen. Wenn die einbrechen wollten, würden sie sich kaum vorstellen. Deine Sor- ge ist unbegründet. Ich muß wieder rein. Du verstehst? Komm doch an einem der nächsten Abende vorbei. Ruf aber vorher an, ja?« Er ging, und Maria kam zurück. Sie öffnete einen der rosa Schrän- ke, nahm eine Tüte mit Chips heraus und füllte sie in eine Schale. »Dieser Typ ist ekelhaft.« Sie sah mich nicht an. »Ich hasse es, wenn er hierherkommt.«, »Ich glaube, ich gehe wieder.« »Und was ist nun?« »Alles klar. Es war ein Irrtum.« Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich. Michael Steinbach steckte den Kopf in die Küche. »Ich wollte nicht gehen, ohne…« Er entdeckte mich, stutzte einen Augenblick, trat auf Maria zu, umarmte sie und küßte sie auf die Wange. »Danke für alles, Maria. Und daß du mir Werner nicht zu sehr strapazierst heute nacht. Wir brauchen morgen früh seine ge- samte Überzeugungskraft.« Er lachte künstlich und schlug Werner auf die Schulter. Dann kam er zu mir, sah mich schweigend an. Ein wenig zu lange, so daß Wer- ner sich räusperte und seine Frau die Schale mit den Chips unent- schlossen hin und her zu schieben begann, bis sie sie schließlich in den Schrank zurückstellte. Michael Steinbach genoß das Schweigen. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Tut mir leid, daß ich so reingeplatzt bin. Auf Wiedersehen, auch Ihnen.« Er verbeugte sich leicht vor mir. Er erinnerte sich genau an mich. Ich hatte keinen Zweifel. Und sicher fragte er sich, ob ich hier bei seinem Mitarbeiter nach dem Fotoalbum suchte. Was hatte ich da ausgelöst?, 28. O.k. Bartzsch, du bist raus Einen Augenblick lang glaubte ich, das falsche Zimmer erwischt zu haben. Ein Bett war über Nacht verschwunden. Das zweite war leer, schien aber nur kurzfristig verlassen worden zu sein. Doch Bartzsch lag noch neben dem Fenster. Er bemerkte meinen Blick. »Keine Sor- ge, dies ist kein Sterbezimmer. Der Mann ist noch nicht tot. Man hat ihn zum Sterben hinausgeschoben. Lungenkrebs.« Ich setzte mich auf den hölzernen Stuhl neben Bartzschs Bett. »Er hing schon den halben Tag am Sauerstoff. Er wußte, daß er sterben würde.« »Und wie geht es dir?« Bartzsch brummte nur. Er drehte den Kopf kurz zum Nachttisch. Ein kleiner Strauß frischer Blumen stand darauf. Bartzsch schloß die Augen. Er wollte mir keine Auskunft über seinen Zustand geben. »Heute ist der Tag, an dem du das Geld zurückgeben solltest.« »Geht wohl nicht.« Er zog das Bettuch stramm bis an den Hals. »Bin ja krank. Wissen die vermutlich inzwischen auch.« »Also doch dieselben Leute?« »Ja, ich gehe davon aus.« »Aber wir müssen die Sache irgendwie zu Ende bringen, Bartzsch.« »Ist zu Ende.« Er zog das Bettuch über den Kopf, es sah aus, als sei er gestorben. Erst jetzt verstand ich, was die roten Blumen zu bedeu- ten hatten. »Sylvia war hier?« Bartzsch rührte sich nicht. »Bartzsch, wenn du das Geld hast, dann muß es der Goldschmied zurückkriegen, irgendwie. Und dann ist Schluß. Das ist doch die einfachste Lösung. Dann gibt es keinen Grund mehr, dich zu verfol- gen.« Die Tür öffnete sich langsam. Der Bettnachbar kam gebückt und mit mühsamen Schritten herein. Er trug den durchsichtigen Beutel, in dem sich eine rote Flüssigkeit befand, wie eine Handtasche. Ein Pla- stikschlauch, der unter seinem Nachthemd hervorkam, war daran befestigt. Der Alte sah zu Bartzschs Bett und blieb erschrocken ste-, hen. »Mein Gott, da bin ich grade mal für fünf Minuten raus. Hier sterben sie ja wie die Fliegen. Tut mir leid, sind Sie ein Verwand- ter?« »Keine Sorge, er ist nicht tot.« »Nicht?« »Aber so gut wie.« Bartzsch nahm das Tuch von seinem Kopf. Der Bettnachbar kam näher, runzelte ärgerlich die Stirn und schüt- telte den Kopf. »Mit so etwas spielt man nicht. Nein, das tut man nicht.« Er schlurfte beleidigt zu seinem Bett, setzte sich auf die Kan- te und hielt die Bluthandtasche in die Höhe. Dann lehnte er den Oberkörper zurück und zog die Beine hinauf. Im Liegen befestigte er den Beutel an einem Haken und zog die Bettdecke unter die Achsel- höhlen. Er faltete die Hände und sah starr zur Decke. Ich hatte das Bedürfnis, ihm die Augen zu schließen. Bartzsch zog sich das Bettuch erneut über den Kopf und spielte Leiche. »Hör auf damit.« Er kam nicht hervor. Ich spürte, wie ich wütend wurde. »Bartzsch, es kann so nicht weitergehen.« Er rührte sich nicht. Ich stupste ihn in die Seite. Es nützte nichts. Ich schob den Stuhl im Aufstehen quietschend zurück und ging zur Tür. »Warte.« Er wickelte sich aus. »Komm schon her.« Er setzte sich im Bett auf und versuchte vergebens, dessen Kopfteil aufzurichten. Ich half ihm und setzte mich anschließend auf die Bettkante. Die rote Schwellung in seinem Gesicht war zurückgegangen, aber um seine Augen stand es schlimm. Reichlich geplatzte Adern. »Ich kann nicht mehr.« Er senkte den Blick. »Ich kann nicht wei- termachen. Die beiden haben recht.« »Wer?« »Sylvia war hier und deine Volvo auch.« »Gemeinsam?« Er nickte. »Ich höre auf. Ich mache mit allem Schluß. Nicht weil Sylvia und Volvo mich dazu überredet haben. Mir ist hier klarge- worden, wie ich leben sollte. Wenn du den Rhythmus, das Überleben und das Sterben in einem Krankenhaus beobachtest, dann erkennst, du schnell, was in deinem Leben falsch ist. Sylvia hat die Möglich- keit, in die Praxis eines Landarztes zu wechseln. Ich gehe aufs Land. Ich verschwinde aus dieser Stadt. Weg bin ich. Was interessieren mich noch die kleinen Verbrecher, ihre schmutzigen Geschäftchen. Ich weiß sehr wohl, gute Erde von Dreck zu unterscheiden, und wer- de lernen, mir mein Gemüse selbst anzubauen. Hast du jemals eine Möhre aus einem von dir bestellten Beet gezogen und hineingebis- sen?« »Bartzsch, du kannst nicht aufhören. Nicht jetzt.« Der alte Mann im Nachbarbett drehte sich auf die Seite und zog sich die Bettdecke über die Ohren. »Doch.« Zum ersten Mal sah Bartzsch mir direkt in die Augen. Es war ein verzweifelter Blick, den ich von ihm nicht kannte. Dann schlug er die Bettdecke zurück und schob langsam sein Nachthemd hoch. Sein magerer Körper war übersät mit roten Flecken. »Was ist das?« »Das alte Leiden. Gestern abend war es noch schlimmer. Ich be- komme viel Kortison. Mehr als genug.« »Du reagierst hier auf irgend etwas allergisch. Wahrscheinlich das Essen. Du mußt hier raus.« »Was du nicht sagst.« Er bedeckte sich wieder. »Ich bin krank und in einem Krankenhaus. Wo könnte ich besser aufgehoben sein?« »Du bist Allergiker. Jeder Ort ist für dich besser. Deine Wohnung zum Beispiel, dein isoliertes Schlafzimmer.« Bartzsch schnaufte verächtlich. »Sylvia organisiert eine Wohnung auf dem Land. Vielleicht auch ein Haus. Jetzt ist die beste Gelegen- heit, mit allem aufzuhören. Du bist ein Freund, es tut mir leid, wir werden uns selten sehen. Sylvia hat etwas in Aussicht, in einem Dorf nahe der holländischen Grenze. Am Meer. Im Sommer weitgehend pollenfrei. Keine Großstadt mehr. Schluß mit dem Detektivspiel.« »Bartzsch, sobald du das Krankenhaus verläßt, werden sie wieder hinter dir her sein. Die verfolgen dich. Die geben erst Ruhe, wenn sie das Geld haben. Du weißt doch, wo es ist. Du kannst nicht abhauen, ohne das irgendwie zu Ende gebracht zu haben.«, »Sieh mich doch an. Wo soll mich dieser Körper hinschleppen. Es ist aus, vorbei. Es tut mir leid. Ich bringe nichts zu Ende. Es ist mir nicht mehr möglich, irgend etwas zu Ende zu bringen. Nicht einmal einen anständigen Tod werde ich hinlegen können. Aber es ist wohl zuviel, um einen Gnadenschuß zu bitten, wenn meine vom Kortison ausgelaugten Knochen wie Glas zersplittern und die Wunden nicht mehr heilen werden. Tu mir einen Gefallen, fahr nach Paris und kauf mir die Todespille. Hier ist sie verboten, dort bekommst du sie in jeder Apotheke. Keine Sorge, ich nehme sie nicht jetzt, aber ich will sie in Reserve haben.« »Du meinst das alles ernst?« »Ich habe eine Nachricht von meinem Freund Gerd bekommen. Du hast ihn selbst gesehen. Er stirbt. Sie wagen es nicht einmal mehr, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Der Transport würde ihm alle Kno- chen brechen. Ich wünschte, ich könnte ihm die letzte Pille geben. Verdammt, es wäre der beste Dienst, den ich einem Freund erweisen kann.« Bartzsch wendete sich ab. Seine blutroten Augäpfel glänzten von den Tränen. »Auf Wiedersehen, mein Freund.« Er knüllte das Bettuch mit den Fäusten und drückte es sich vors Gesicht. Ich kannte Bartzschs depressive Phasen, die schwarzen Löcher, ge- füllt mit einer teerigen Suppe aus Selbstmitleid und Todessehnsucht. Diese war anders. Und mir wurde endlich klar, was schon länger in mir rumorte und was ich mir nicht einzugestehen vermocht hatte: Ich mußte seinen Fall übernehmen. Wie auch immer. Und ich mußte dabei um seinetwillen einen glänzenden Abgang hinlegen. O.k. Bartzsch, du bist raus. Ich legte die Hand auf seine Schulter, und mir fiel ein, daß ich ihn noch nie berührt hatte. Ich beugte mich über ihn. »O.k. Bartzsch, ich bin dein Freund. Ich weiß, was ich zu tun habe.«, 29. Es ist einfach besser, wenn Frauen so etwas machen Sylvia trug das Geschirr in mein Wohnzimmer, und ich folgte ihr mit dem Butterkuchen. Volvo hantierte noch in der Küche mit der Kaf- feemaschine. Sylvia verteilte im Sitzen Tassen und Teller über den Couchtisch. Dann kam Volvo mit der Kaffee- und der Milchkanne herein. Sie drückte die Tür mit dem Ellbogen auf und schob sie mit einer Bewegung ihres Hinterns zu. Es war das erste Mal, daß mir eine ihrer Bewegungen nicht gefiel. Sie wirkte ordinär, plump und erinnerte mich an eine schwitzende dicke Matrone. Seit der Begrüßung hatten wir kaum miteinander gesprochen. Schweigend tranken wir Kaffee. Der Butterkuchen blieb liegen. Auch Sylvia und Volvo war Bartzschs seelischer Zustand bedrohlich erschienen, und der Grund unseres Treffens war es, Bartzsch in ir- gendeiner Weise zu helfen. Sylvia hatte sich Vorwürfe gemacht, Bartzsch verlassen zu haben. Dies und die schlechten Nachrichten von Gerd hatten ihrer Meinung nach zu Bartzschs Zustand geführt. Sie durchbrach unser Schweigen. »Es ist mein Fehler. Ich hätte es wissen sollen, bei einem Allergiker verstärken sich die Symptome, wenn sich sein psychischer Zustand verschlechtert.« »Nein, es ist dieses Krankenhaus, das alles schlimmer macht«, wendete ich ein. »Je länger er da drinnen bleibt, um so mehr läßt er sich gehen. Er muß da raus, und zwar sofort.« »Ich denke, es ist besser, er bleibt dort, bis ich die neue Wohnung habe. Es kann nur noch wenige Tage dauern. Und dann könnten wir direkt dorthin fahren. Im Krankenhaus ist er wenigstens sicher.« »Mag sein, aber seine Allergien werden dort schlimmer. Das ist doch keine Lösung.« Volvo hielt sich raus, griff nun doch nach einem Stück Butterku- chen, knabberte den Rand ab und fing die herunterfallenden Krümel mit der flachen Hand auf. Jetzt stand sie auf, ging zum Fenster und sah hinaus, während sie sich das restliche Stück Kuchen in den Mund stopfte. Der Zucker rieselte hörbar auf das Fensterbrett herunter., »Außerdem werden die Kerle weiter hinter ihm her sein«, setzte ich nach. »Ich glaube, es ist nicht damit getan, ihn aufs Land zu schik- ken.« »Warum gehen wir nicht einfach zur Polizei?« Ich beobachtete Volvo. Es hätte ihr Stichwort sein müssen. Sie zog mißbilligend die Augenbrauen hoch, wischte sich über den Mund und streifte die Zuckerkrümel auf ihrer Handfläche an der Hose ab. Sie kam zum Tisch zurück, setzte schlürfend die Kaffeetasse an. Sie schien in unsere Diskussion nicht eingreifen zu wollen. Ich nahm mir jetzt auch ein Stück Kuchen. Es würde schwer wer- den, die beiden Frauen davon zu überzeugen, daß wir Bartzschs Fall fortführen mußten. Sylvia rührte nichts an. Sie trank nicht einmal Kaffee, und mir fiel ein, daß ich sie nicht gefragt hatte, ob sie ihn überhaupt mochte. Wahrscheinlich trank sie keinen, so wie sie ihn ja auch Bartzsch verbot. Himmel! Natürlich war auch der Butterkuchen, den ich ge- dankenlos besorgt hatte, nichts für sie. Ich hatte die denkbar ungün- stigste Voraussetzung geschaffen, Sylvia auf meine Seite zu ziehen. Ich blickte Volvo an, ob sie es auch bemerkt hatte. Volvo lächelte leicht. »Ich will mal folgendes sagen«, begann sie umständlich. »Nur mal angenommen, der Zustand von Bartzsch ist auf etwas ganz ande- res zurückzuführen.« Jetzt grinste sie. »Also, nur so eine Idee. Es tut mir übrigens leid, Sylvia, daß ich nicht daran gedacht habe, daß du gar keinen Kaffee trinkst.« Ich bekam einen raschen, liebevollen Seitenblick. Sylvia hob abwehrend die Hand. »Es macht nichts.« »Was für eine Idee?« Butterkuchenkrümel sprühten von meinen Lippen über den Tisch. »Entschuldigung.« Volvo drehte ihre Kaffeetasse im Kreis. »Na ja, ich glaube, Bartzsch geht es so schlecht, weil er den Fall längst gelöst hat.« »Was?« Ich verschluckte mich fast. Ein Kuchenkrümel balancierte auf der Kante zwischen Speise- und Luftröhre. Ich spülte ihn hastig mit Kaffee in die korrekte Richtung. »Er weiß, wer hinter ihm her ist. Und das deprimiert ihn. Denk doch mal nach. Es muß jemand sein, der ihn ganz genau kennt. Das hat er doch selbst gesagt. Also ein Freund.«, Sylvia richtete sich ruckartig auf. »Das ist alles Unsinn. Ihr redet schon wie Bartzsch. Er hat sich übernommen. Er ist ein Amateur, und die anderen sind Profis. Und das hat er jetzt eingesehen. Er will ja aufhören damit. Das hat er doch gesagt. Und jetzt fangt ihr wieder damit an.« »Nun warte doch mal. Ich finde Volvos Idee interessant.« »Aber was soll das?« Sylvia rutschte unruhig hin und her. »Es muß Schluß sein mit dem Detektivspiel. Bartzsch will es doch auch.« »Gut, aber dann laß uns so Schluß machen, daß Bartzsch und du, daß ihr beide in Sicherheit leben könnt, ohne die ständige Furcht, daß ihm jemand mit Blütenstaub, Katzenhaar oder Chemikalien an den Kragen gehen will. Alles, was wir tun müssen, ist doch nur, denen zu zeigen, daß Bartzsch das Geld, hinter dem sie her sind, nicht hat.« Volvo nickte mir zu. Sylvia runzelte die Stirn. »Aber er hat es ja auch gar nicht. Er hat mir mal gesagt, daß es noch beim Goldschmied sei.« »Das verstehe ich nicht. Hat er gesagt, warum?« »Nein. Und ich finde, wir sollten die Sache ruhen lassen. Es geht uns nichts an, und es geht auch Bartzsch nichts an.« Es würde mir nicht gelingen, Sylvias Haltung zu ändern. Von Vol- vo bekam ich keine Hilfe. Sie stopfte sich fröhlich das zweite Stück Butterkuchen in den Mund, ließ es halb heraushängen, um sich schwungvoll Kaffee nachzugießen. Die Tasse lief über, die Untertas- se ebenso, und schließlich bildete sich auf dem Tisch eine Pfütze, die sich einen Weg in meine Richtung bahnte. Volvo biß von dem Kuchen ab und legte das halbe Stück als Tal- sperre vor die Kaffeepfütze. Sie grinste übermütig über das angerich- tete Chaos. »Laß uns doch mal klar denken.« Sie beugte sich tief über die Tasse, um den Kaffee abzuschlürfen, und sah Sylvia von unten an. »Bartzsch ist ein miserabler Detektiv. Er kann seine Fälle nicht anständig aufklären, das wissen wir doch. Er ist vollkommen lebensunfähig. Er verwirrt alles so sehr, daß man nicht einmal die Polizei einschalten kann, ohne selbst als Trottel dazustehen. Das mußt du doch zugeben. Er ist überhaupt unfähig, irgend etwas richtig zu machen. Stimmt doch, oder?«, Ich erkannte Volvos Taktik und beobachtete die Wirkung: Sylvia zog mißbilligend die Augenbrauen zusammen. Am liebsten hätte ich Volvo für ihren Einfall geküßt und ihr die Zuckerkristalle von den Lippen geleckt, aber ich stand vorsichtig auf, um ihr Spinnennetz nicht zu zerstören, und schlich mich in die Küche. Ich hörte noch, wie Sylvia begann, Bartzsch zu verteidigen. Sie liebte ihn, und ob- wohl sie sein Hobby nicht mochte, würde sie nichts auf ihn kommen lassen. Alles, was ich zu tun hatte, war, in der Küche zu bleiben. Bei meiner Rückkehr würde ich Sylvias Unterstützung haben, den Fall endgültig aufzuklären. Ich begann Spüle und Wasserhahn mit Scheu- erpulver zu putzen, bis alles glänzte, dann nahm ich einen Lappen, um Volvos Kaffeepfütze im Wohnzimmer aufzuwischen. Volvo hatte den Platz gewechselt. Beide saßen jetzt zusammen auf der Couch. Sie sahen mir zu, wie ich den aufgeweichten Butterku- chendamm mit spitzen Fingern in meine Tasse stopfte und den Tisch zu säubern begann. »Es ist jetzt alles klar, wir wissen, was zu machen ist«, sagte Vol- vo. »Wir beide übernehmen den Fall.« »Wie? Ihr?« »Es ist einfach besser, wenn Frauen so etwas machen.« »Und ich?« »Du? Du kannst uns assistieren, wenn du willst.« »Und wie wollt ihr es anfangen.« »Zuerst lassen wir Bartzsch verschwinden. Du wirst ihn aufs Land fahren. Ich kümmere mich um Aldi, und Sylvia geht zu Fenger, die- sem Goldschmied. Ganz klar, daß Frauen da mehr erreichen.« Verblüfft und beleidigt wischte ich den Tisch. Ich hatte geahnt, daß Volvo mehr als eine Idee hatte. Sie hatte einen Plan und wahrschein- lich sogar Hinweise, aber daß ich dabei keine Rolle spielte, hatte ich mir nicht vorstellen können. Ich war draußen. Weg vom Fenster. So wie Bartzsch. Die beiden brachen auf und ließen mich mit dem Kaffeegeschirr zurück. An der Tür drehte sich Volvo noch einmal um, küßte mich und kam mit der Zunge an mein Ohr., »Wärme schon mal das Bett, Dr. Watson«, flüsterte sie. War Sherlock Holmes eigentlich schwul, ging es mir durch den Kopf., 30. Laß uns Krieg spielen Das Zimmer war wieder voll belegt. Bartzsch saß angezogen auf dem Bett. Die Frauen hatten ihn überredet, das Krankenhaus zu ver- lassen, obwohl der Umzug aufs Land verschoben worden war. Zwar hatte Sylvia bereits eine mögliche Anstellung gefunden, aber der Arzt, bei dem sie jetzt arbeitete, entließ sie nicht vorzeitig aus dem Vertrag. So würde der Umzug noch fast drei Monate auf sich warten lassen. Bartzsch machte keine Anstalten aufzustehen, also setzte ich mich noch einmal auf den hölzernen Stuhl neben dem Bett. »Alles klar, können wir gehen?« Bartzsch sah aus dem Fenster. »Weißt du, was mich an meinem Detektivspiel so reizte? Ich bekam ein paar Personen aus einer Ge- schichte vorgesetzt, aber man erzählte mir die Geschichte nicht. Ich mußte sie mir mit Hilfe einiger weniger Hinweise ausdenken, das heißt, der größte Teil war einfach Phantasie. Mit diesem Konstrukt überzog ich dann die Realität. Und im Laufe meiner Nachforschun- gen mußte ich die Geschichte so oft ändern, bis sie paßte. Aber was mir wirklich Vergnügen daran bereitet, ist das Ausdenken der Ge- schichten. Deshalb werde ich anfangen zu schreiben. Was hältst du davon?« »Ich dachte, die Zeiten der töpfernden Hausfrauen und schreiben- den Arbeitslosen seien vorbei.« »Was hast du gegen Schreiben als Therapie? Für viele berühmte Autoren ist es das gewesen.« »Was darf’s denn sein? Ein Krimi vielleicht?« »Ach, das wird sich finden. Ich will schreiben, und ich denke, es ist eine Arbeit, die einem Krüppel zusteht, die ihn meinetwegen auch therapiert, indem sie ihn in Welten führt, in denen er Abenteuer be- steht, die ihm die Wirklichkeit niemals gestatten würde. Ich glaube immer mehr, alle Autoren sind Lebenskrüppel.« Er rutschte vom Bett, ging zum Schrank, holte eine lange Sportta- sche heraus, schwenkte sie und wendete sich den beiden anderen Patienten zu., »Meine Herren, ich verabschiede mich. Entlassung auf eigenen Wunsch. Und machen Sie sich keine Sorgen, ich war nicht anstek- kend. Nur eine harmlose Allergie.« Er marschierte zur Tür hinaus, und ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Er steckte den Kopf ins Schwesternzimmer. Ich verstand nicht, was er sagte. Ein helles Lachen antwortete ihm. Der Arzt kam heraus. »Und denken Sie daran: Im Winter zwei Monate Davos. Das wird Ihnen guttun. Die Kasse zahlt.« Bartzsch nickte, verabschiedete sich mit einem Handschlag. »Was war das für ein Rat?« Ich hielt ihm die Fahrstuhltür auf. »Man schickt die Asthmatiker im Winter in die Berge, um wenig- stens einmal im Jahr ihr Keuchen nicht zu hören. Vielleicht keine schlechte Idee, ein Krimi im Schnee.« »Du fängst schon an zu reimen.« Die Fahrstuhltüren öffneten sich. »Das Gedicht ist der Menschen Licht.« Bartzsch grinste übermütig. »Das ist von Hermann Joseph Feldscher, einem Heimatdichter aus dem Lüneburgischen. Er starb 1929 nach dem Angriff einer tollwüti- gen Heidschnucke.« Bartzsch hatte die Depression überwunden und offenbar ein neues Ziel vor Augen. Ich war mir nur nicht sicher, ob es wirklich das Schreiben war. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es ihm genügen würde, am Schreibtisch zu sitzen. Die Eröffnung seiner therapeuti- schen Detektei hatte es ja gerade zum Ziel gehabt, ihn vor allzuviel Grübelei über sich selbst abzuhalten. Deutsche Schriftsteller erfor- schen dagegen seit eh und je ihr Innenleben. Er sollte sich amerikani- sche Vorbilder nehmen. Wir erreichten den Ausgang. Bartzsch hatte es eilig, ging mit langen Schritten voraus, fand zielstrebig meinen Wagen auf dem Parkplatz und trommelte mit den Fingern auf das Dach, bis ich endlich öffnete. »Apropos Volvo«, sagte er. »Tu mir einen Gefallen und paß in nächster Zeit gut auf sie auf.« »Warum?« »Du weißt doch, was die beiden Frauen vorhaben. Und ich werde so gut wie tot sein.«, Ich runzelte die Stirn, startete und fuhr langsam vom Parkplatz. Al- so doch, Bartzsch hatte noch etwas anderes vor. Er würde den beiden Mädchen nicht ohne weiteres den Chefsessel in seiner Detektei über- lassen. »Darf man erfahren, was das alles zu bedeuten hat?« »Nichts. Ich werde mich, wie versprochen, aus dem Verkehr zie- hen. Aber zuvor bin ich dir noch einen Gefallen schuldig: das Foto. Wie weit bist du mit den Vorbereitungen?« Ich fuhr an die Seite, um einem entgegenkommenden Krankenwa- gen mit eingeschaltetem Blaulicht Platz zu machen. »Es ist nicht wichtig. Ich muß dieses Foto nicht machen. Bosnier, Serben und Kroaten verhandeln gerade wieder einmal miteinander. Es könnte sowieso zu spät sein.« Bartzsch lachte. »Eine so aggressive Religion wie das Christentum eignet sich hervorragend zur Begründung von Landraub und Auswei- tung wirtschaftlicher Macht. Und jeder will dort seinen eigenen klei- nen Staat. Es gibt keine Ruhe auf dem Balkan. Also mach dein Foto. Ich will, daß du es machst. Mach es schnell.« Ich fuhr langsam an. Bartzsch schaute sich gewohnheitsmäßig um, ob uns jemand folgte. »Was ist? Hast du alles zusammen? Können wir es heute noch ma- chen. Ich fühl’ mich gut. Es würde mir passen.« Ich sah auf die Uhr. »Ich müßte nur noch einige Requisiten holen. Meine neuen Kameras habe ich im Kofferraum und die Kleidung, die du tragen sollst, auch. Aber geht es dir wirklich gut?« »Muß ich dir erst meine blanke Brust zeigen? Los, laß uns das Foto machen! Jetzt!« Ich verstand seine Eile nicht. Mir war die Aufnahme nicht mehr wichtig. »Mach das Handschuhfach auf. Darin liegen ein paar Fotos und Vergrößerungen. So stelle ich mir die Szene vor.« Er betrachtete sie eingehend. »Na bitte, das ist gut vorbereitet. Was fehlt noch?« »Blut.« »Meines bekommst du nicht.«, »Ich hab’ es im Fundus der Filmstudios bestellt. Aber ehrlich, es muß wirklich nicht sein. Außerdem will ich dich dem Dreck in dem Abbruchhaus nicht unbedingt aussetzen. So gut geht es dir doch noch nicht.« »Laß uns das Blut holen.« Bartzschs Wohnung lag auf dem Weg. Ich versuchte mehrfach, ihm die Idee, das Foto jetzt zu machen, auszureden. Es gelang mir nicht. Er wollte nur in seine Wohnung, um sich die Klamotten anzuziehen, die in meinem Kofferraum lagen. Sylvia hatte mit Volvos Hilfe die Wohnung hervorragend in Ord- nung gebracht. Es gab nichts mehr, was auf das Chaos hinwies, das die Einbrecher hinterlassen hatten. Bartzsch verwandelte sich im Wohnzimmer in einen bosnischen Milizionär. Das Hemd und die zerrissene Jeans paßten, nur die Schnürstiefel waren ein wenig eng. Die russische Soldatenjacke war zu groß, was aber durchaus der herrschenden Mode entsprach. Mit dieser Kleidung hätte man sich überall bewegen können, ohne besonders aufzufallen. Nicht nur in Bosnien. Wilhelm hatte mich schon erwartet. Er hatte alles bereitliegen, das Blut in einen Plastiksack abgefüllt und die Kalaschnikow in einen Karton gepackt, damit sie beim Transport nicht den Argwohn zufäl- liger Beobachter erregte. Ich stellte Wilhelm Bartzsch vor und fragte ihn, ob er einen bosnischen Kämpfer genau so ausstatten würde. Er schob nachdenklich die Lippen unter die Nase, verschwand im Lager und kam mit einer grauen Schirmmütze zurück. »Die werden bei Soldaten gern genommen«, sagte er. Er schenkte sie uns. »Die trage ich nicht«, sagte Bartzsch beim Rausgehen, nahm die Mütze ab und steckte sie sich unter die Jacke. »Also, laß uns Krieg spielen.«, 31. In einem Vorort von Sarajevo 1994 Obwohl es um die Mittagszeit war, herrschte dichter Verkehr fast wie zur Rush-hour, und wir brauchten eine dreiviertel Stunde, um von den Filmstudios im Stadtteil Tonndorf quer durch die Stadt zum Niendorfer Bezirk zu kommen. Die Disziplin und Logik der Ham- burger Autofahrer wundern mich immer wieder. Folgsam haben sie ihre Geschwindigkeit auf den vierspurigen Ringstraßen um den Stadtkern auf 60 km/h gesenkt, seit die Behörden die Schilder ent- fernten, die hier jahrelang eine Geschwindigkeit von sechzig erlaubt hatten. Früher fuhren sie siebzig. Bartzschs gute Laune hielt an. Er zeigte intensives Interesse für die Stadtteile, die wir durchquerten, und stellte Mutmaßungen über die städtische Verkehrs- und Bebauungsplanung an. Mehrmals horchte ich irritiert auf die Geräusche meines Volvos, aber es war nur Bartzsch, der sich zwischendurch im Pfeifen übte. Er würde es ge- nausowenig wie ich jemals lernen. Das Abbruchhaus war unverändert. Ich stellte den Wagen direkt davor ab und holte den Blutsack und den Karton mit der Maschinen- pistole aus dem Kofferraum. Bartzsch trug meinen Kamerakoffer. Ich sah mich vorsichtig um, ob uns jemand beobachtete. Ich hatte nicht gern Zeugen bei meinen Inszenierungen. Schließlich gehörte es zu meinem Erfolg, daß meine Aufnahmen als echt galten. Wir betraten unser Sarajevo, und ich stutzte. Jemand war hier ge- wesen, hatte Fußbodenbretter herausgehebelt und Löcher in die Dek- ken gestemmt, wahrscheinlich auf der Suche nach Verwertbarem. Bartzsch lachte über die neue Verwüstung und murmelte, das ginge ja alles nach Plan. Er hatte recht, denn nun wirkte das ehemalige Wohnzimmer noch mehr so, als wäre eine Granate eingeschlagen. Ich bezeichnete Bartzsch die Stelle, an der er als erschossener Moslem unter meinen kreuzförmig imitierten Einschußlöchern liegen sollte. Durch die Fen- sterhöhlen kam genug Licht, so daß mir ein indirekter Blitz gegen die Decke zur allgemeinen Aufhellung genügte und die durch den natür- lichen Lichteinfall geschaffene Atmosphäre erhalten blieb., Bartzsch störte es nicht, sich in den Staub zu legen, und wischte meine Sorge, sein Zustand könne sich dadurch verschlimmern, bei- seite. Er drapierte sich sofort richtig. Ich schlug zwei weitere Schuß- löcher in die Wand, um ihn mit etwas Mörtel zu bedecken, goß das Blut aus, so daß es ausgehend von Bartzschs Schulter in Richtung Kamera eine Lache bildete, und betrachtete mein Werk. Es war per- fekt. Nur mit der Kalaschnikow wußte ich nichts Rechtes anzufan- gen. Ich hielt sie in der Hand und überlegte, wo ich sie plazieren sollte. Vielleicht war sie überflüssig? Hätte man sie einem toten Sol- daten nicht abgenommen? Ich konnte unmöglich zwei unterschiedli- che Bilder – eines mit und eines ohne Maschinenpistole – verkaufen, die Authentizität der Fotos wäre dadurch in Frage gestellt. Unschlüssig stand ich mit der Kalaschnikow vor Bartzsch, der eine perfekte Leiche spielte. In diesem Moment nahm ich aus den Au- genwinkeln eine Bewegung wahr, und der Raum verdunkelte sich. Ich drehte den Kopf zum Fenster und blickte in zwei erstaunte Ge- sichter. Sie zuckten zurück, und ich hörte sie durch den Garten zur Straße laufen. Ein Motor heulte auf, und Reifen quietschten auf dem Asphalt. »Amateure«, sagte Bartzsch. Er hatte den Kopf gehoben und grin- ste mich an. »Ist es nicht wunderbar, wie alles funktioniert?« »Mein Gott, die denken jetzt… Wir müssen hier verschwinden… Die rufen doch die Polizei. Los, Bartzsch! Selbst wenn wir alles auf- klären können, bedeutet es eine Menge Ärger. Laß uns abhauen.« »Mach dein Foto«, brummte Bartzsch. »Die werden sich hüten, die Polizei zu rufen.« »Aber…« »Mach das Foto. Den Rest erkläre ich dir später.« »Bartzsch, was bedeutet das? Was weißt du, was ich nicht weiß?« »Denk nicht, mach dein Foto!« Er ließ den Kopf auf den Boden zu- rücksinken. Er hatte recht, dieses Bild sollte ich mir nicht entgehen lassen – und die Kalaschnikow war überflüssig. Ich legte sie zur Seite und verschoß einen ganzen Film aus unterschiedlichen Per- spektiven, obwohl ich sofort wußte, welche die beste war. Das alles ging schnell genug, um vor dem möglichen Eintreffen der Polizei zu verschwinden. Aber während ich fotografierte, erschloß sich mir eine, andere Bedeutung dessen, was wir eben erlebt hatten. Bartzsch hatte im voraus gewußt, daß dies geschehen würde, hatte es eingeplant. Das erklärte auch seine anhaltend gute Laune. »Ich bin fertig, du kannst aufstehen.« Ich packte die Kamera ein und legte die Maschinenpistole in den Karton zurück. Bartzsch klopfte sich den Staub von der Kleidung. Das Blut hatte auf der Jak- ke in Brusthöhe einen großen Fleck gebildet. Er grinste mich an. »Ich bin tot, richtig tot. Ist es nicht toll? Ist es nicht die beste Lösung für mich? Ach, ist das herrlich, tot zu sein.« Fröhlich stapfte er durch den Flur aus dem Haus. Ich stopfte den leeren Blutsack unter ein Fußbodenbrett, kehrte jedoch wenig später zurück, um ihn doch mitzunehmen. Ich wollte keine Spuren hinter- lassen. Dann folgte ich Bartzsch mit Karton und Koffer. Als ich aus dem Haus trat, zitterten mir die Knie, als hätte ich ein Verbrechen begangen., 32. Interview mit einem Toten Die Leiche auf dem Beifahrersitz war in bester Stimmung. »Hast du jemanden erkannt? Wie viele waren es?« »Du wußtest das vorher!« Ich kam mir ausgenutzt und reingelegt vor. Seine Eile, das Foto zu machen, hatte nur diesen einen Grund gehabt, daß man uns dabei erwischte. Bartzsch hob die Schultern. »Ich hatte es gehofft.« »Es waren zwei. Es ging ja sehr schnell. Aber ich denke, einer von ihnen war Aldi. Obwohl… ich bin mir nicht sicher. Ich war zu über- rascht. Warum hast du mir das vorher nicht gesagt, du Arschloch?« »Ich war mir nicht sicher.« »Die denken jetzt, ich hätte dich umgebracht. Erschossen! So ist es doch?« Bartzsch schwieg, kaute auf seiner Zunge, und ich wurde immer wütender. Er benutzte mich, ohne mir zu sagen, was auf mich zu- kam. Ich war enttäuscht von ihm. Natürlich wußte ich, daß er mir nicht alles mitteilte, aber ich hatte geglaubt, wir hätten ein so freund- schaftliches Verhältnis, daß er mich wenigstens in seine Pläne ein- weihte, besonders wenn ich eine Rolle darin spielte. Wenn die Gang- ster mich jetzt für seinen Mörder hielten, was würden die mit mir anfangen? Aus deren Sicht besaß ich jetzt mit Sicherheit das ganze Geld. Statt mit diesem Fall Schluß zu machen, hatte Bartzsch alles noch mehr verwirrt und mich zur Zielscheibe gemacht. Er brauchte sich nur noch zu verstecken. Er war fein raus als Leiche. Es würde mich nicht wundern, wenn er jetzt von mir verlangte, ihn am Bahn- hof oder am Flughafen abzusetzen, damit er auf Nimmerwiedersehen verschwinden konnte. Bartzsch schien meine Gedanken zu erraten. »Mach dir keine Sor- gen. Ich bin als Toter viel nützlicher. Dir wird nichts geschehen.« »Ach, und wärst du bitte so freundlich, mich in deine Pläne einzu- weihen, bevor ich dich wirklich umbringe.« »Sei nicht sauer. Es ist nur schade, daß du den zweiten nicht er- kannt hast.« »Hätte ich ihn kennen müssen.« »Ich hatte es gehofft.«, Vor mir bog ein Wagen ab, ohne es anzuzeigen. Ich mußte scharf bremsen. Ich fluchte, fuhr wieder an, bog in eine Parklücke und stell- te den Motor ab. »Ich fahre kein Stück weiter, bevor du mir nicht alles erzählt hast!« »Wäre es nicht besser, wir fahren zu mir, damit ich diese blutige Jacke loswerde? Ich bin ein ziemlich beunruhigender Anblick für Leute, die zufällig in dein Auto schauen.« »Ist mir egal.« Bartzsch löste den Sicherheitsgurt und drehte sich mir zu. »Weißt du, wenn das wirkliche Profis wären, dann wären sie ins Haus ge- kommen und hätten dich in dieser Situation unter Druck gesetzt. Aber mir ist schon lange klar, daß es Amateure sind. Sie müssen jetzt damit rechnen, daß du sie erkannt hast; damit sind alle ihre Pläne hinfällig. Wunderbar. Das wollte ich erreichen. Und mit den Attenta- ten auf mich ist auch Schluß.« »Und ich hatte geglaubt, du wolltest diesen Fall wirklich aus der Hand legen.« Er ging nicht darauf ein. »Ich werde dir jetzt erklären, was meines Erachtens seit dem Ein- bruch bei Fenger geschehen ist. Fenger selbst heuerte einen Einbre- cher an. Natürlich hat er dem nichts von dem Geld gesagt, aber alles sollte so aussehen, als wäre es ihm tatsächlich gestohlen worden.« »Es gibt das Geld gar nicht?« »Wart’s ab. Dieser Einbrecher holt sich einen Kumpel. Jetzt ge- schieht das Unglück: Einer kommt zu Tode, der andere haut in Panik ab, als ich den Schauplatz betrete. Ich nehme an, daß auch er erst aus der Zeitung erfährt, daß er angeblich eine Menge Geld hat mitgehen lassen. Nun muß es noch einen oder mehrere Mitwisser geben. Die denken, er hat das Geld, und setzen ihn unter Druck. Er berichtet, daß ich bei dem Einbruch dazwischengekommen bin, so daß er flüchten mußte. Also, was liegt näher, als zu vermuten, ich hätte das Geld. Folglich erpressen sie mich.« »Gibt es nun das Geld oder nicht?« »Fenger hat es noch. Das Treffen mit dem italienischen Lieferanten war für ihn nur ein Vorwand, es zu Hause zu lagern. Und der Ein- bruch war ein Vorwand, um es verschwinden zu lassen, vielleicht ins, Ausland zu bringen. Ich weiß nicht, welche steuerlichen Vorteile ein gestohlenes Vermögen bringt. Wir sollten einen Steuerberater fra- gen.« »Und wer ist nun der Mann, in dessen Auftrag Aldi dich malträtiert hat.« »Es ist jemand, der mich gut kennt. Du könntest es sein.« »Ich?« »Ja, du kennst mich gut.« »Und du meinst, der Unbekannte war das zweite Gesicht am Fen- ster?« »Ja. Denk mal an die Verwüstungen im Abbruchhaus. Die hatten es schon durchsucht. Die vermuteten, wir hätten das Geld dort ver- steckt. Und als wir jetzt dorthin fuhren – Aldi folgte uns –, alarmierte er seinen Auftraggeber. Alles sah so aus, als wollten wir die Beute holen und verschwinden. Daß du mich umbringst, um alles für dich zu behalten, damit hatten sie nicht gerechnet.« »Und jetzt?« »Jetzt bin ich tot. Und dich werden sie erpressen.« Er grinste ver- gnügt und schnallte sich an. »Fahr los!« Ich war noch nicht zufrieden. »Wer ist der zweite Mann?« »Es gibt mehrere Möglichkeiten. Du wirst es als erster erfahren.« »Wie?« »Na, die werden zu dir kommen.« »Reizende Aussichten.« »Keine Sorge. Ich bin in deiner Nähe.« Ich setzte den Volvo wieder in Bewegung und ordnete mich in den Verkehr ein. »Eine Frage noch. Das mit der Schriftstellerei hast du vermutlich nicht ernst gemeint? Es war ein Bluff, nicht wahr?« »Ich finde, es ist eine hübsche Idee. Sylvia ist begeistert.« Ich setzte Bartzsch zu Hause ab. Beim Aussteigen beruhigte er mich, es sei uns niemand gefolgt und ich hatte sicher noch eine Weile Ruhe vor der geldgierigen Bande. Er war schon am Hauseingang, als er sich umdrehte, zurückkam und mich das Fenster herunterkurbeln ließ., »Übrigens, wenn ich die Geschichte schreiben sollte, in der wir uns gerade befinden, ich hätte einen schönen Titel: Erfinder der Wirk- lichkeit. Was hältst du davon?« »Du meinst, keiner würde uns glauben?« »Oh, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht, bestimmt sowieso der Leser und nicht der Autor. Diese Weisheit habe ich schon als Kind gelernt, als ich Doctor Doolittle las. In meiner Ausgabe befand sich ein Nachwort von Hugh Lofting. Es war an die Eltern gerichtet. Ich habe es damals wieder und wieder gelesen, in der Hoffnung, ein Geheimnis zu finden, etwas, das nicht für mich bestimmt war. Viel- leicht der Beginn meiner detektivischen Neigung.« Bartzsch klopfte zum Abschied mit der flachen Hand auf das Dach des Volvos. Hoffentlich hatte er recht, daß uns niemand gefolgt war und die Gangster jetzt geschockt beisammensaßen und überlegten, wie sie mit einem Mann fertig werden sollten, der so skrupellos war, seinen Freund zu erschießen. Ich überlegte einen Augenblick, ob es klug war, die Maschinenpi- stole zurückzubringen. Sie könnte mir schließlich nützlich sein, die Verfolger abzuwehren, die jetzt auf meinen statt auf Bartzschs Spu- ren wandelten. Andererseits provoziert eine Waffe andere Waffen, wie die Weltgeschichte lehrt, und meine war nur eine Attrappe, und Attrappen sind leider ausgesprochen heimtückisch, denn sie wirken nur gegen den, der sie besitzt. Weg damit!, 33. Verspäteter Gedanke Meine Handlungen waren verräterisch. Ich hängte die Sicherheitsket- te an der Wohnungstür ein, prüfte ihre Festigkeit. Ich durchsuchte jeden einzelnen Raum nach Gegenständen, die ich zur Not als Waffe benutzen konnte. Angenommen, ich stand unter der Dusche, wenn sie hereinkamen? Was sollte ich dem Angreifer entgegenschleudern? Ein Stück Seife oder die Shampooflasche? Ein nasses Handtuch konnte ein gutes Verteidigungsmittel sein. Ich legte ein trockenes in die Dusche, mit der Absicht, es beim Duschen mit Wasser zu trän- ken. Ob ich es mir eingestand oder nicht: Ich hatte Angst. Es war allmählich Zeit, Volvo von der Werkstatt abzuholen. Wie brachte ich es ihr bei, daß sie bei mir nicht übernachten konnte. Ich mußte sie einweihen und verpflichten, Bartzschs Geheimnis zu wah- ren. Bartzsch war offiziell verschwunden. Niemand von uns wußte, wohin. Bartzsch hatte eine weitaus schwierigere Aufgabe. Er mußte Sylvia beibringen, daß seine Detektei noch geöffnet war. Das Telefon klingelte. Es war Volvo. »Kannst du mich abholen.« »Klar. Wann?« »Jetzt. Sofort.« »Gut. Ich gebe unterwegs noch einen Film ab.« »Komm lieber gleich.« Sie hatte es eilig und war wie so oft am Telefon unpersönlich. Wahrscheinlich war Helmut in der Nähe. Obwohl sie so selbstbe- wußt war, fiel es ihr manchmal schwer, in der Öffentlichkeit oder in Gegenwart anderer Zuneigung zu zeigen. Es hatte mich schon mehrmals verunsichert, wenn sie meine Liebesbezeugungen auf der Straße schroff abwehrte. Ich beeilte mich, aber den Film mit Bartzsch in Sarajevo wollte ich doch noch loswerden. Ich hatte einen Diafilm genommen, den ich nicht selbst entwickeln konnte. Ich brachte ihn in die Fotoabteilung eines Kaufhauses, Schnellservice mit Zuschlag ohne Rahmung. Niemand sollte einen Blick auf meine Fotos werfen. In den Profila-, boren sind mir die Mitarbeiter oft zu neugierig. Sie gucken sich die Filme an, damit sie wissen, woran die Fotografen arbeiten, oder um ihnen Tips zu geben, wie die Qualität der Bilder verbessert werden könnte. Ich parkte den Wagen kurz vor dem Torweg. In letzter Zeit hatte ich Schwierigkeiten gehabt, die enge Durchfahrt rückwärts zu durchfah- ren, und Volvo hatte mich ausgelacht. Im Grunde war sie mir in allen praktischen Dingen überlegen. Der Hof war leer, nur ein 740er Vol- vo stand aufgebockt und radlos vor der Werkstatt, deren Rolläden schon heruntergelassen waren. Helmut machte meist pünktlich Feier- abend, während Volvo oft noch länger an den Wagen schraubte, dafür begann sie morgens später und auch zu unterschiedlichen Zei- ten. Eine Arbeitsweise, die uns auch wochentags manches ausge- dehnte Frühstück im Bett ermöglichte und ausgelassene Albernheiten unter der Bettdecke, während das Sonnenlicht bereits durch die Fen- ster strich, uns blendend, wenn wir matt und mit feuchter Haut aus unserer Höhle hervorkrochen. Es war ein wunderbarer Sommer der Liebe mitten in der Stadt. Ein Lächeln zwang sich mir ins Gesicht. Beschwingt durchquerte ich den Hof. Ich öffnete die Tür zum Büro, bedauernd, daß Volvo wahrschein- lich schon umgezogen war, denn ich liebte ihren Anblick mit dem hochgeschlossenen blauen Overall, dem unter der Baseballmütze versteckten Haar. Es war jedesmal wie ein Weihnachtsgeschenk, ein Glücksgefühl, ihren blassen, leuchtenden Körper aus der unförmigen Verpackung zu befreien. Ich schloß die Tür hinter mir, und erst in diesem Moment ging mir auf, daß Volvos Anruf ungewöhnlich, daß es eine Warnung gewesen war, daß er vieles andere hatte bewirken sollen, nur das eine nicht, daß ich arglos kam, um sie abzuholen. Doch dieser Gedanke kam zu spät., 34. Ein alter Freund Die Arme wurden mir schmerzhaft herumgedreht. Ich bekam einen schmutzigen, nach Öl schmeckenden Lappen in den Mund gestopft und wurde stolpernd vom Büro in die Werkstatt gestoßen. »Runter auf den Fußboden!« Ein schneidender Befehl von Aldi, der mich losließ, nachdem er meine Hände stramm auf dem Rücken zusammengebunden hatte. Auf dem Fußboden sitzend, band er meine Füße mit einem Elek- trokabel zusammen. Ich entdeckte in dem wenigen Licht einer Ka- bellampe Volvo, die ebenfalls auf dem Fußboden saß, an einen Wa- gen gelehnt, wie ich mit einem Lappen im Mund und auf den Rücken gefesselten Händen. Sie sah zu Boden. Die Füße hatte man ihr nicht zusammengebunden. Es verunsicherte mich. Gehörte sie vielleicht dazu, hatte mich in diese Falle gelockt, spielte mir jetzt eine Rolle vor? War sie doch mit Aldi befreundet? Und ich Trottel war auf ihre Show hereingefallen, dabei war sie auch nur hinter dem Geld her. Na klar. Ich versuchte, ihr in die Augen zu sehen, bekam einen hilflosen Blick. Schauspielerei. Im hinteren Teil der Werkstatt wurde eine alte Drehbank einge- schaltet, und ich ahnte, daß dies nur geschah, um mögliche Hilfe- schreie zu übertönen. Aus der Dunkelheit kam Helmut. Natürlich: Helmut! Und Volvo war seine Partnerin. Bartzsch hatte recht gehabt, ein alter Freund. Warum war Bartzsch das nicht eingefallen? Alles war doch sonnenklar. »Wir wissen, was du getan hast, und wir wissen, daß du das Geld hast. Also versuch dich gar nicht erst rauszureden. Und wenn du glaubst, du kommst hier raus, ohne daß die Sache geregelt ist, dann hast du dich geschnitten.« Er hob die Stange eines Wagenhebers auf, schlug sich damit prü- fend auf die Handfläche und näherte sich mir vorsichtig. Er hatte mehr Angst als ich. Mit spitzen Fingern zog er meinen Knebel her- aus. Er hatte sogar Angst, daß ich ihn beißen würde. »Wo hast du das Geld?«, Ich rieb die Zunge am Gaumen, um den Geschmack des Putzlap- pens loszuwerden. Wenn sie glaubten, ich hätte das Geld, konnte Volvo kaum ihre Komplizin sein. Sie mußte ihnen doch erzählt ha- ben, daß niemand im Besitz der halben Million war. Andererseits hatten sie ihr bestimmt berichtet, daß ich Bartzsch deshalb getötet hatte. Warum sollte sie noch auf meiner Seite sein? Sie mußte sich von mir betrogen fühlen. Aber wie konnte sie glauben, ich hätte einen Menschen umge- bracht? Nur, wenn sie zur anderen Seite gehörte! Was immer ich sagen würde, daß ich das Geld nicht besaß, daß ich Bartzsch nicht umgebracht hatte, weder Volvo noch die beiden ande- ren würden mir glauben. Seltsam, von Volvo vielleicht niemals wirklich geliebt worden zu sein machte mich weder traurig noch wütend. Ich war ein Meister der Illusion, es geschah mir recht, hereingelegt worden zu sein. Doch wie rettete ich mich jetzt? Wie mußte die Geschichte beschaffen sein, die mit jenen Ereignissen zusammenpaßte, die sie alle drei für Realität hielten? Ich selbst mußte von Bartzsch reingelegt worden sein. Das entsprach der Logik von Verbrechern! Es verblüffte mich, wie klar ich in dieser Situation denken konnte. Meine Angst war wie fortgeblasen. Eiskalt und scharfsinnig kombi- nierte ich, sah mich als Sieger, als Held, der selbstverständlich am Schluß das hübsche Mädchen und dessen grenzenlose Bewunderung bekommt. Ja, auch Volvo würde ich verzeihen, wenn sie mich darum bat und allen Verbrechen abschwor. Ich betrachtete die beiden Amateurerpresser als Wachs in meinen Händen. Ich hatte ihnen etwas voraus, ich wußte, was wirklich ge- schehen war. Sie sollten es erst hinter Gittern erfahren. Ein Schlag riß mich aus dem Traum. Aldi hatte das Kabelende quer über mein Gesicht gezogen. Meine Nase begann sofort zu bluten. »Rede!« Ich war so überrascht, daß ich nicht einmal einen Schmerzensschrei ausstieß. Das Blut lief mir in den Mund, über das Kinn, tropfte aufs Hemd. »Ihr Arschlöcher, wißt ihr denn nicht, was wirklich passiert ist?« Aldi ließ sich auf die Knie sinken, lächelte mir ins Gesicht., »Das Geld, wir wollen nur das Geld. Dann kannst du mit deiner Nutte verschwinden. Und kein Haar wird dir gekrümmt. Was du mit Bartzsch gemacht hast, ist uns scheißegal. Na, ist das kein Ange- bot?« War es ein Trick, daß er so abschätzend von Volvo sprach? Nein, ich sah in Volvos entsetzten Augen meinen eigenen Schmerz. Sie liebte mich noch. Ich schluckte Blut. Vielleicht hatte sie nur am An- fang dazugehört, sich längst losgesagt. Bartzsch, verdammt noch mal, hilf mir hier raus, du mußt doch auch das vorausgesehen haben! Ich schrie Aldi an: »Ich habe das Geld nicht. Bartzsch hat mich reingelegt. Es war nicht da, wo er es versteckt hatte. Versteht ihr das denn nicht?« »Ach.« Aldi erhob sich. Der zweite Schlag ging über meinen Hin- terkopf, riß mir wahrscheinlich den Nacken auf. Ich biß die Zähne zusammen und sah zu Volvo. Sie hielt die Augen krampfhaft ge- schlossen. Aldi beugte sich zu mir herunter, bestand ganz und gar aus Freund- lichkeit, redete zu mir wie zu einem Kind. »Paß mal genau auf. Du sagst, wo das Geld ist. Ich gehe hin, hole es. Du wartest solange hier. Und wenn ich damit zurückkomme, ist alles erledigt. Hm? So machen wir das doch.« Ich versuchte meinen Kopf zu drehen, um ihm in die Augen zu se- hen. Ein reißender Schmerz legte mir eine stählerne Kette um den Hals. »Gut. Gut, ich mache es. Aber hört euch wenigstens meine Ge- schichte an, sonst werdet ihr eine böse Überraschung erleben.« »Laß ihn reden.« Helmut ersparte mir einen weiteren Schlag. »Ich bin mit Bartzsch zu dem Haus, wo ich das Geld mit ihm zu- sammen versteckt hatte. Wir wollten es holen und abhauen. Aber ich habe gedacht, es reicht nur für einen von uns und daß es eine gute Gelegenheit wäre, das klarzumachen. Aber das Geld war nicht da. Na ja… alles weitere wißt ihr. Aber Bartzsch hat mir noch gesagt, wo es ist. Du hast ihn doch immer verfolgt.« Es gelang mir unter stechenden Schmerzen, Aldi anzusehen. »Er hat es zu diesem… die- sem Raskolnikof oder Molotow gebracht. Er wollte, daß der es gegen, andere Scheine eintauscht. Er hat gedacht, die Nummern sind notiert. Verdammt, und da ist das Geld noch, bei diesem Koljakof.« Helmut kam näher. Die Sache mit den Nummern schien ihn zu irri- tieren. »Stimmt das?« fragte er Aldi. »Bist du ihm mal zu Molotow ge- folgt?« Aldi nickte. »Mit Molotow hat er sich zweimal getroffen. In einer Kneipe. Einmal hat er ihm Fotos gezeigt.« »Und das zweite Mal?« Aldi zog die Schultern hoch. Helmut strich sich übers Gesicht. »Dieser Molotow, der macht gute Arbeit. Er ist reell. Ich habe seine Nummer.« Helmut ging ins Büro. Damit hatte ich nicht gerechnet, daß man diesen Molotow einfach so anrufen konnte. Meine Geschichte war nichts wert. Ich versuchte zu verstehen, was Helmut am Telefon sprach. Mist, ich brauchte eine andere Geschichte, die meine jetzige Lüge als Tatsache einbezog. Aber mein Kopf war nur angefüllt mit Schmerzen, die von meinem Gesicht und meinem Nacken bis unter die Schädeldecke zuckten. Wenn ich nur wüßte, was Volvo den beiden erzählt hatte. Helmut kam zurück. Vielleicht würde es mir helfen, ohnmächtig zu werden. »Und?« sagte Aldis Stimme. »Ich weiß nicht. Er ging überhaupt nicht auf meine Fragen ein. Er hat mir was von seiner georgischen Großmutter und ihren Zwiebel- rezepten erzählt.« »Dann können wir ja weitermachen.« Aldi ließ das Kabel durch die Luft zischen. »Ich habe eine bessere Idee, wir probieren es mal mit dem Mädchen.« Er stellte sich breitbeinig vor Volvo auf und ließ das Kabel zwi- schen seinen Beinen schaukeln. »Wir haben sowieso noch eine Rechnung offen, nicht wahr, mein Kleines?« »Warte.« Helmut folgte ihm nachdenklich. »Ich kenne das; wenn Molotow so redet, bedeutet es, daß er am Telefon nicht darüber spre- chen will. Und wenn er über etwas nicht sprechen will, dann ist da was dran, sonst würde er es tun.«, Aldi war mit seinen Gedanken ganz woanders. »Dann fahr doch hin zu Molotow. Ich bleibe hier. Ich weiß schon, wie ich mir hier solange die Zeit vertreibe.« Er riß Volvo die Mütze vom Kopf, und das blonde Haar fiel über ihr entsetztes Gesicht. »Ich weiß nicht…« Helmut rieb sich das Kinn. Er drehte sich zu mir um. »Molotow wird mir das Geld nicht geben…« Aldi ging vor Volvo in die Knie und ließ das Kabelende über ihre Oberschenkel streichen. Sie warf den Kopf zurück und blickte ihn starr und böse an. Es gelang ihr, den Knebel auszuspucken. »Scheiß- kerl!« Wie hatte ich nur für einen Moment glauben können, sie gehöre dazu? Aldi lachte, griff ihr ins Haar und zog ihr den Kopf in den Nacken. »Was hat denn unser Blondchen?« Sie schrie auf und versuchte ihn zu treten. Er wich aus, ergriff ihren linken Fuß, drehte ihn herum, so daß sie die Balance verlor und seit- lich mit dem Kopf auf dem Betonboden aufschlug. »Komm schon, zier dich nicht. Du bist mir noch was schuldig!« Er drehte sie wieder herum, kniete sich auf ihre Oberschenkel, öffnete ihren Overall. »Das haben wir gleich!« Sie wand sich unter ihm mit zusammengebissenen Zähnen, versuchte seinen Händen auszuwei- chen. Ihre Schläfe blutete. Ich versuchte meine Beine heranzuziehen, um dann mit dem Kopf voran in Aldis Rücken zu springen. Helmut stand immer noch nachdenklich zwischen uns. Er gab mir einen Tritt, und ich fiel um. »Wir kommen nicht an das Geld!« sagte er. Aldi sprang auf. Er ging zu einer Werkbank, zog die Schublade auf und suchte etwas. »Laß uns erst prüfen, ob die Geschichte überhaupt stimmt.« Er hatte gefunden, was er suchte: ein großes Messer und breites schwarzes Isolierband. Er näherte sich Volvo seitlich, zog sie wieder an den Haaren und stopfte ihr einen Putzlappen in den Mund, erstickte ihren Schrei damit. Dann riß er ein langes Stück Isolierband ab und klebte es ihr über den Mund. Er kniete sich wieder auf ihre Oberschenkel, setzte das Messer unter der Knopfleiste des Overalls an und schnitt ein Hosenbein ab. Volvo versuchte sich unter Aldi, hervorzuwinden, aber er drückte sie hart auf den Boden, dann sah er sich nach mir um. »Erzähl uns doch noch einmal deine Geschichte. Vor allem, wo war das Geld in dem Haus versteckt?« Er widmete sich weiterhin Volvos Overall, schnitt das zweite Ho- senbein ein, erweiterte den Schnitt, in dem er das Messer zwischen die Zähne nahm und den Stoff mit beiden Händen aufriß. Ich versuchte ruhig zu bleiben. »Bis jetzt können wir die Sache noch einfach beenden. Jeder geht friedlich nach Hause. Ihr habt nicht allzuviel investiert und nichts gewonnen. Und ich eben auch nicht. Das Geld können wir alle abschreiben.« Aldi hatte Volvos Overall jetzt so weit aufgetrennt, daß er beide Hosenbeine ein Stück weit herunterziehen konnte. Triumphierend drehte er sich zu mir um. »Mit dem Unterschied, daß ich einen Mör- der und seine Komplizin gefangen habe. Die Bullen werden sich freuen, wenn ich euch abliefere. Und wenn du damit nicht einver- standen bist, solltest du dir schnell ausdenken, wie du uns das Geld bringen kannst.« Er lachte. »So sieht es aus, mein Lieber. Also denk schneller.« Er lachte wieder. »Du kannst dir natürlich auch so lange Zeit lassen, bis ich mit deiner Freundin hier fertig bin. Dieses kleine Vergnügen wirst du mir ja gönnen.« In diesem Moment öffnete sich die Bürotür. Helmut und Aldi fuh- ren herum. Ein Gespenst trat ein. Endlich., 35. Ein georgisches Sprichwort Aldi faßte sich als erster. Er sprang auf und krümmte sich gleich darauf mit einem Schmerzensschrei. Volvo hatte ihm mit ihren schweren Arbeitsstiefeln zwischen die Beine getreten. Wimmernd ließ er sich auf den Boden fallen, bedeckte sein Geschlecht mit bei- den Händen, schnappte nach Luft, jaulte wie ein Hund und rollte auf dem Rücken hin und her. Bartzsch kam gelassen näher, gefolgt von einem Fremden. Volvo richtete sich auf. Schweigend löste Bartzsch ihre Fesseln. Sie riß sich den Knebel heraus und spuckte auf den Boden. Dann kam Bartzsch zu mir, befreite mich traurigen Blicks von meinen Fußfesseln. Volvo knüpfte das Kabel an meinen Händen auf, massierte mir die abgeschnürten Handgelenke und flüsterte mir etwas ins Ohr, das ich nicht verstand. Das Wort Dummkopf war dabei. Helmut war zurückgewichen, hatte die Stange des Wagenhebers fallen lassen und versuchte rückwärts die Dunkelheit der Werkstatt zu erreichen. Bartzschs Blick traf ihn, machte ihn bewegungslos. Er fuhr Aldi an, und dessen Jaulen verebbte in einem Winseln. Mit ei- nem Wutausbruch und Worten, die ich ihm nicht zugetraut hatte, beschimpfte Bartzsch die beiden, machte ihnen klar, was für Idioten sie waren. Der Mann, den er mitgebracht hatte, war der Einbrecher, den Helmut an den Goldschmied vermittelt hatte. Er bestätigte Bartzschs Behauptung, daß bei Fenger nichts gestohlen worden war. Während Bartzsch die Geschichte, daß es kein Geld zu finden gab, noch einmal ruhiger wiederholte, fuhr draußen ein Wagen auf den Hof. Eine Tür klappte, und der Wagen entfernte sich wieder. Durch das Büro kam ein kleiner Mann in die Werkstatt. Er sagte nichts, sah sich um und schaltete die Leuchtstoffröhren ein. Er hatte eine dunkle Hautfarbe und wenige Haare und wirkte in Anzug und Krawatte wie ein seriöser Geschäftsmann. Ich ahnte, wer es war: Molotow. Er trat in die Mitte, betrachtete schweigend mit unbewegtem Gesicht einen nach dem anderen, dann blieb sein Blick auf Volvos zerrissenem Overall hängen. Er fragte sie leise, ob sie Kleidung zum Wechseln hätte. Volvo küßte mich aufs Ohr und ging, um sich umzuziehen., Niemand sagte ein Wort, auch Molotow verlangte keine Erklärung. Aldi saß immer noch am Boden, die Hände zwischen den Beinen, und stieß die Luft zwischen den Zähnen aus. Helmut betrachtete seine Fußspitzen. Als Volvo, in Jeans und Bluse, zurückkam, richtete Molotow die ersten Worte an Bartzsch: »Können wir?« Er schwenk- te seinen Kopf in Richtung Ausgang. Bartzsch nickte. Wir ließen Helmut und Aldi zurück, gingen schnell und schweigend über den Hof und durch die Toreinfahrt. Es dämmerte, und die ersten Lichter gingen an. Der Einbrecher folgte uns in einigem Abstand. Auf der Straße entfernte er sich ohne Ab- schied. Bartzsch sah ihm nach und lächelte Molotow an. »Dank deiner Hinweise habe ich den Kerl schnell gefunden, aber ich brauchte einige Zeit, ihn zu überzeugen hierherzukommen.« Volvo untersuchte meine Verletzungen am Nacken und tupfte mir mit einem Taschentuch das Blut aus dem Gesicht, dann zog sie mir nach einer vorsichtigen Umarmung die Autoschlüssel aus der Ta- sche. Molotow klopfte Bartzsch auf die Schulter. »Ich dachte mir, daß du in Schwierigkeiten bist, als mich Helmut nach Geld fragte, das ich für dich angeblich umtauschen sollte, und bin gleich selbst gekommen. Es gibt ein georgisches Sprichwort: Eine falsche Frage ist eine deutliche Warnung.« »Nein, nicht mich, meinen Freund hier habe ich in Schwierigkeiten gebracht. Und ich bedaure es, daß ich selbst so spät gekommen bin. Aber ich dachte mir, wenn ich den Einbrecher mitbringe, hat es mehr Gewicht.« Er betrachtete meine Verletzungen. Meine Nase hatte aufgehört zu bluten. Er legte eine Hand auf meine Schulter. »Es tut mir leid. Ich war nicht schnell genug. Ich hätte dir das alles gern erspart. Sollen wir dich zu einem Arzt bringen?« »Sylvia soll sich das ansehen«, entschied Volvo, öffnete meinen Wagen und ließ uns alle einsteigen. Sie fuhr uns zu Bartzschs Woh- nung. Unterwegs erklärte Bartzsch Molotow und Volvo, was sich abgespielt hatte und wie er seine Ermordung durch mich geplant hatte. Ich wurde das Gefühl nicht los, daß Bartzsch schon lange, schon sehr lange gewußt hatte, welcher alte Freund hinter allem, steckte, aber meine Kopfschmerzen hielten mich davon ab, darüber nachzudenken. Vor Bartzschs Haus sagte Molotow: »Um die Sache rund zu ma- chen, sollten wir wenigstens einen Blick auf das Geld werfen. Du weißt doch, wo es ist.« Was immer das zu bedeuten hatte, Bartzsch nickte., 36. Finderlohn Sylvia war zu Hause. Stirnrunzelnd betrachtete sie die Versammlung vor der Wohnungstür, aber ihr Interesse galt sofort Volvo und mir, als sie sah, daß wir verletzt waren. Volvo hatte eine Schramme an der Schläfe. Sie wollte kein Pflaster, und Sylvia begann meine Wun- den im Wohnzimmer zu verarzten. Noch einmal mußten die Erei- gnisse des Tages erklärt werden, wobei sich Sylvias Gesicht immer mehr verfinsterte, ihre Bewegungen bei der Versorgung meiner Wunden abrupter wurden, bis ich aufschrie. Sie war wütend auf Bartzsch, hatte er doch sein Versprechen gebrochen, mit allem auf- zuhören, wagte aber nicht, ihn vor Molotow zu beschimpfen. Wieder einmal mußte ich ausbaden, was eigentlich Bartzsch galt. Immerhin war kein Arzt nötig. Ich bewunderte Volvo, die trotz der Ereignisse ruhig und sachlich blieb. Wie sie jetzt erklärte, hatte sie Helmut bereits in Verdacht gehabt. Zu häufig war Aldi in der Werkstatt aufgetaucht. Ich verließ Sylvias Behandlungsstuhl, nachdem sie meinen Hals abschließend mit einer Mullbinde verziert hatte. Aber bevor ich mich zu Volvo auf das Sofa setzen konnte, ergriff Molotow die Initiative, entwickelte einen Plan, wie man sich Zutritt zum Haus des Gold- schmieds verschaffen könnte. Volvo sprang auf, war begeistert. »Wir klauen es ihm! Er kann die Polizei sowieso nicht rufen!« Doch die Überlegung, ihm das Geld wegzunehmen, falls es noch da war, wo Bartzsch es vermutete, wurde fallengelassen. Der Gold- schmied selbst sollte dazu gebracht werden, der Polizei zu melden, daß er es wiedergefunden habe. Ausgerechnet Bartzsch schlug diese Lösung vor, obwohl sie ihm nichts einbrachte, nicht einmal den Ruhm, einen Fall gelöst zu ha- ben. Mir gefiel daran nicht, daß Helmut und Aldi ohne Strafe ausgehen sollten. Aber mir hörte keiner zu. Alle waren bereits in Aufbruchs- stimmung, um dem Goldschmied einen Besuch abzustatten. Ich durf- te nicht mit, sollte bei Sylvia bleiben, auf deren Einwände, die Sache endlich ruhenzulassen, ebenfalls niemand hören wollte., Kaum waren sie zur Tür hinaus, bekam ich nochmals ab, was eigent- lich für Bartzsch bestimmt war. Sylvia beschimpfte, verfluchte Bartzsch, stellte das Ende ihrer Liebe in Aussicht. Ich ergab mich meinem Schicksal, schrumpfte schuldbewußt zusammen, wagte schließlich vorsichtig, um Tee zu bitten. Wir gingen in die Küche. Sie stellte Tassen auf den Tisch. »Was soll ich machen? Was soll ich bloß mit diesem Bartzsch ma- chen?« Ich glaubte nicht, daß sie eine Antwort wollte. Ich gab sie trotzdem: »Bartzsch braucht zwei Dinge zum Überleben: Kortison und eine Aufgabe. Ihn nur in einer relativen Gesundheit zu erhalten genügt nicht. Ich glaube, er meint es ernst mit dem Schreiben, aber ich be- fürchte, er wird mehr recherchieren als schreiben. Seine kriminalisti- sche Leidenschaft wird dir erhalten bleiben, und er wird dabei immer wieder auch seine Gesundheit aufs Spiel setzen. Das geht ja leicht bei ihm. Doch das eine ist für sein Überleben so wichtig wie das andere. Du mußt versuchen, damit auszukommen.« »Was?« Sie hatte mir gar nicht zugehört, goß jetzt das Wasser auf den Tee, setzte sich zu mir an den Tisch und stützte resigniert den Kopf in die Hände. »Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was ich tun soll.« »Bleib bei ihm. Er braucht dich. Er liebt dich.« »Ich weiß nicht…« Die Bande kam zurück. Ich hörte ihr Lachen schon im Treppenhaus. Volvo hatte rote Ohren, sie blitzten unter ihrem blonden Haar hervor. Ihre Augen glänzten. »Das hättest du sehen sollen. Wir haben Fenger einfach überrannt und sind ins Haus. Molotow hat ihm einen dreisten Sensationsrepor- ter vorgespielt. Seine Frau wollte die Polizei rufen, aber Fenger hat es ihr verboten. Dieser Feigling! Und das Geld war noch immer in der Falltür zum Dachboden. Dieser Dummkopf hatte es noch nicht weggebracht. Das muß man sich mal vorstellen, wie blöd der ist.« Bartzsch ergänzte Volvos aufgeregte Erzählung: »Ich hatte Fenger mehrmals von meinem Schlafzimmerfenster aus abends beobachtet. Zwar hatte er die Vorhänge zugezogen, aber aus den Schatten konnte ich rekonstruieren, daß er die Falltür in der Decke öffnete und die, daran befestigte Schiebeleiter auszog. Ich dachte, das Geld sei auf dem Dachboden versteckt, aber es war einfach in einem Umschlag mit Reißzwecken an der Falltür befestigt. Und…« Volvo fiel ihm ins Wort. »Wir haben es vor seinen Augen durchge- zählt. Er wurde abwechselnd blaß und rot und hat gemurmelt, die Einbrecher müßten es dort versteckt haben. Und habt ihr die Augen seiner Frau gesehen? Die wußte von allem nichts und hat ihm kein Wort geglaubt.« Sie kicherte und küßte mich. »Au, vorsichtig, mein Hals.« Sylvia hatte weitere Teetassen aufgetragen und noch einen Stuhl aus dem Wohnzimmer geholt. Es war eng in der Küche. Molotow saß eingezwängt unter der Dachschräge. Er räusperte sich und wand- te sich an Bartzsch: »Ich habe übrigens noch etwas für dich. Ich ha- be, wie du es wolltest, das Album des Schwulen zurückgekauft. Fünftausend.« Er lachte. »Solche Bilder kann man billiger haben. Aber vielleicht verdienst du ja wenigstens an diesem Fall ein paar Pfennige.« Sylvia runzelte die Stirn und sah Bartzsch mißmutig an. »Was ist das jetzt wieder?« Doch Bartzsch kam nicht dazu, etwas zu erklären. Volvo sprang auf. »Mensch, das hätte ich jetzt fast ganz vergessen.« Sie griff in die Hosentasche und zog ein zerknittertes Bündel Tausender heraus. Sie warf sie triumphierend auf den Tisch. »Ich dachte, ganz ungeschoren sollte der Goldschmied nicht davonkommen. Und dem war das alles so peinlich, daß es ihm nicht mal aufgefallen ist, während ihr ihm die Summe vorgezählt habt.« Bartzsch runzelte die Stirn. »Du hast es geklaut?« »Na klar.« Sie glättete die Scheine. Es waren genau zehn. »Teilen wir!« Molotow winkte ab. »Ich bin nicht dabei.« »Ich glaube, du hast zu wenig genommen«, sagte Bartzsch, »oder wie hoch ist eigentlich der Finderlohn?« Er grinste., 37. Bakterien Ich durfte wieder Dr. Watson sein und Bartzsch zu dem Werbemann kutschieren. Ich hatte Schwierigkeiten, mich beim Rechtsabbiegen umzudrehen. Mein Hals schmerzte, und, was schlimmer war, Teile meines Gesichts leuchteten in allen Farben, so daß ich mich kaum auf die Straße wagte. Aber ich wollte wenigstens beim Ende dieses Falles dabeisein. Das Album, eingeschlagen in graues Packpapier, hatte ich nicht einsehen dürfen. Uninteressant, hatte Bartzsch gesagt. Wir waren angemeldet. Michael Steinbach erwartete uns ungedul- dig. Als er mich sah, hob er die Augenbrauen. Meine Nase war ge- schwollen, leuchtete rot wie eine Erdbeere, das konnte ich sogar erkennen, ohne in den Spiegel zu sehen. »Haben Sie sich verletzt?« »Ja, ich bin auf den Kopf gefallen.« Steinbach lachte nicht. »Ich hoffe, es ist nicht auf der Jagd nach dem Album passiert.« »Doch«, sagte Bartzsch. Er wollte den Preis des Albums hochtrei- ben und möglichst nicht darüber verhandeln. Michael Steinbach führte uns in das modernistische Wohnzimmer. Wir setzten uns auf eiskalte Stahlstühle. Bartzsch reichte ihm das Paket und nannte die doppelte Summe. »Ich kenne den Dieb nicht. Ich mußte es über einen Mittelsmann zurückkaufen.« Steinbach nickte, ging zu einem Metallschrank und zog eine Schublade auf, aus der er das Geld und den Quittungsblock nahm. Er wollte weder verhandeln noch die Ware prüfen, sondern uns so schnell wie möglich loswerden. Als wir im Auto saßen, griff Bartzsch in seine Manteltasche. Er packte eine in ein Leinentuch eingewickelte Spritze aus. »Er wird nicht viel Freude an den Fotos haben. Es sind solche, wie du sie mit deiner Polaroidkamera machst, bei denen das Bild zwi- schen zwei Folien liegt. Ich habe jedes Bild geimpft.« »Womit?«, »Mit Bakterien. Wenn er das Album schön warm aufbewahrt, wird es keine vierundzwanzig Stunden dauern, bis sie die Fotoschicht aufgefressen haben.« Gegen das Licht betrachtete er die restliche gelbe Flüssigkeit im Glaskörper der Spritze. »Aber warum machst du das?« »Eine Menge Leute werden mir dankbar sein. Eigentlich sind die Bilder harmlos. Aber das liegt wohl daran, daß alle heimlich entstan- den sind. Er hat seine Freunde nicht posieren lassen. Sie liegen nackt, schlafend auf einem Bett, und er steht daneben. So was wie Jagdtro- phäen. Außerdem wird sich dein Freund aus Marienthal freuen.« »Willst du damit sagen…« »Ich denke, er war dabei.« Bartzsch hustete trocken und wickelte die Spritze wieder ein. »Vielleicht sollte ich die Spritze lieber weg- werfen. Aber mit einer Kortisonlösung darin ist sie eine wunderbare Freundin.« Er steckte sie in die Tasche zurück. Ich fuhr langsam an, damit ihm nicht versehentlich die Nadel ins Bein fuhr. »Und nun«, sagte Bartzsch, »möchte ich richtig gute Fotos sehen. Zeig mir dein Sarajevo!«, 38. Parallelrealität Meine Fotos waren gut. Sie waren sogar hervorragend. Trotzdem hatte ich diesmal Skrupel, sie an die französische Agentur zu schik- ken. Vielleicht lag es daran, daß mit diesem Bild des erschossenen bosnischen Kämpfers unter einem aus Einschlaglöchern bestehenden christlichen Kreuz eine ganz andere Geschichte verbunden war. Ich hatte Angst, man würde sie spüren können. Außerdem herrschte in Sarajevo zur Zeit Ruhe. Bartzsch wollte unbedingt, daß ich das Foto verkaufe. Er redete von der Parallelrealität der Medien, die sowieso keine Verbindung zur Wirklichkeit des Betrachters hätte. Es überzeugte mich nicht. »Wenn du dieses Bild nicht verkaufst, wirst du deinen Job aufge- ben und ein anständiger Fotograf werden müssen. Ein ziemlich harter Job.« Ich zuckte mit den Schultern. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Vielleicht warte ich einfach auf den nächsten Krieg.]
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